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authorRoger Frank <rfrank@pglaf.org>2025-10-14 20:10:29 -0700
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+The Project Gutenberg EBook of Hann Klüth, by Georg Engel
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Hann Klüth
+
+Author: Georg Engel
+
+Release Date: January 6, 2012 [EBook #38502]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-8859-1
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK HANN KLÜTH ***
+
+
+
+
+Produced by Norbert H. Langkau, Andrea Hofmann, Rory OConor
+and the Online Distributed Proofreading Team at
+https://www.pgdp.net
+
+
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+
+
+
+
+
+
+ Georg Engel
+
+
+
+
+ Hann Klüth
+
+
+ Roman
+
+ Mit 24 Zeichnungen von
+ O.H. Engel
+
+ Deutsche Buch-Gemeinschaft
+ G.m.b.H.
+ Berlin
+
+ Nachdruck verboten.
+
+ Alle Rechte, insbesondere das der Übersetzung, vorbehalten
+ Copyright 1910 by Grethlein & Co. G.m.b.H. in Leipzig
+
+
+Meiner Vaterstadt Greifswald
+
+
+ Du liebe Alte, hoch am Meer,
+ Mit blauen Augen, weißen Haaren,
+ Wann wird mir wohl die Wiederkehr
+ Nach all den langen Wanderjahren?
+
+ Wann wirst du mir den Schemel rücken
+ Und sprechen: »Jünging, ruh di ut«?
+ Wann werd' ich leis die Hand dir drücken
+ Und fragen: »Mudding, büst mi gut?«
+
+ Vielleicht bin ich schon siech und grau,
+ Bevor der Weg zu dir durchmessen.
+ Du liebe, gute, alte Frau,
+ Vergiß mich nicht, ich werd' dich nie vergessen.
+
+
+
+
+Erstes Buch
+
+Moorluke
+
+I
+
+
+»Mudding,« sagte der Kranke, »ich seh sie ganz deutlich. Es sind zwölf
+schwarze Käfer, die da auf dem Zifferblatt von der alten Uhr im Kreis
+laufen.«
+
+»Ne, ne,« entgegnete die kleine Frau, und in ihre Stimme kam ein Stocken
+und Zittern, während sie nichtsdestoweniger unablässig an dem großen,
+grauen Strumpf, der schon fast bis auf die Erde herabhing,
+weiterstrickte. »Das is man dein Fieber. Und wenn das Fieber
+wiederkommt, sagte heut der Doktor, dann steht es schlimm.«
+
+»Das kann sein,« meinte der Lotse Krischan Klüth, und das Reißen krümmte
+ihn in den rot und weiß gewürfelten Kissen noch etwas mehr zusammen.
+»Aber ich hab' die Käfers gezählt -- hör', und nu brummt einer.«
+
+An der schmalen Kastenuhr in der Ecke sank ein Gewicht. Es rollte dumpf.
+
+»Sechs,« zählte die kleine Frau Klüth. Dann seufzte sie tief auf. »Ich
+soll wohl nun Licht anmachen?«
+
+»Ja, ja, Mudding, es muß doch hell sein, wenn er kommt.«
+
+»Ja, wenn er es tut,« meinte Frau Klüth bedenklich. »Denn sobald man ihn
+nich höflich einladet, dann kommt er nich.«
+
+Von der roten Birkenkommode flackerte ein Talglicht auf. Der Kranke
+rückte sich in dem trüben Schein etwas höher im Bett zurecht und warf
+zuvörderst einen mißtrauischen Blick auf das Zifferblatt. Dann strich er
+beruhigter über die Decke. »Ja, ja -- nu kriechen die verfluchtigen
+Biester nich mehr. Es is doch gut, wenn es hell is. -- Mudding, halt mir
+das Licht dicht an die Finger. Mir is kalt. -- So -- sieh eins, wie dünn
+sie geworden sünd.«
+
+Er wurde wieder ungeduldig und schlug auf den Bettrand.
+
+»Siehst du das Boot noch immer nicht?«
+
+Die Frau trat an das kleine quadratförmige Fenster, das auf den Bodden
+hinausging, und schüttelte den Kopf.
+
+Da draußen war nichts als leere, graue Fläche. Hinter ihr schrie der
+Lotse plötzlich auf. Die tollen Schmerzen würgten ihn bereits im Halse.
+
+»Mudding,« gellte der Kranke.
+
+»Lieber Gott -- lieber Gott,« murmelte die hilflose Frau, ohne sich
+umzuwenden, und faltete die Hände. »Was soll man da tun?«
+
+Dann wurde es wieder still. Die Uhr knarrte laut und deutlich ihren
+Schlag.
+
+Inzwischen hatte der alte Klüth nach dem Stuhl gelangt, auf dem ein
+Stück gedrehten schwarzen Priems und ein Taschenmesser lagen. Rasch und
+heimlich schnitt er ein großes Stück ab und schob es in den Mund.
+
+Doch die Frau, obwohl sie noch immer abgekehrt über die See spähte,
+hatte es gemerkt, als wenn sie auch im Rücken Augen besäße. »Das darfst
+du nicht,« verwies sie matt.
+
+Doch ohne darauf zu achten, kaute der Lotse eine Zeitlang begierig
+weiter, dann spie er den Tabak wieder aus und schüttelte so mutlos das
+Haupt, daß die schweißnassen grauweißen Locken ihm struwlig über die
+Stirn fielen. -- »Ne, Mudding,« stöhnte er und sank zusammen -- »es wird
+nichts mehr. Fünfzig Jahre hab ich ihm nu gekaut. Und seit vier Tagen
+will's nich mehr -- kuck' -- das is ein Zeichen vom lieben Gott.«
+
+»Ja, ja, was wollt's nich?« nickte die kleine, ältliche Frau und faltete
+wieder zerknirscht die Hände. Darauf strickte sie, wie erschreckt, an
+dem grauen Strumpf weiter.
+
+ * * *
+
+Dicht unter den Fenstern des Lotsenhäuschens lag zur selben Zeit eine
+kleine Jacht am Bollwerk angeschlossen. Sie war von oben bis unten mit
+Kartoffeln beladen und gehörte Johann Christian Petersen. Wenigstens
+stand sein Name in goldenen Buchstaben vorne an der Schiffswand. Aber
+der eigentliche Kapitän des Fahrzeuges war Frau Dörthe Petersen, die
+eben in ihrer Küchenkajüte einen Eierkuchen gebacken hatte und nun von
+der Steuerbordseite aus der kleinen Line, die am Bollwerk stand, ein
+großes Stück heraufreichte.
+
+In der bloßen Hand. Aber das schadete nichts.
+
+»Nu iß, mein Döchting,« sagte die starkknochige Frau, die mit nackten
+Füßen und hochaufgeschürzt herumging, denn aus dem kleinen Schiff wurden
+von zwei halberwachsenen, strohblonden Söhnen der Frau Dörthe
+ununterbrochen Kartoffeln über das Landungsbrett gekarrt und draußen in
+Säcke gefüllt. Wenn es zu langsam ging, dann sprang Frau Dörthe selbst
+entschlossen hinzu, um ihren beiden Sprossen je einen
+freundlich-aufmunternden Puff unter die Rippen zu versetzen.
+
+»Au, Mudding, das tut jo weh!«
+
+»Das soll es ja auch. -- Man immer zu.«
+
+Und das Karren ging weiter.
+
+So hielt sie alles im Gang. Nur ihr Mann hockte in einem braunen,
+fellartigen Anzug auf dem Kajütendach und spielte, ohne sich um etwas zu
+kümmern, die Handharmonika.
+
+Eine andere Beschäftigung hatte nie einer bei ihm wahrgenommen, und man
+verlangte sie auch nicht. Denn bei der großen Flut war ihm bei einer
+Rettungsarbeit ein Balken auf den Kopf gestürzt und hatte ihm den klaren
+Verstand eingeschlagen. Frau Dörthe aber, obwohl sie ihn erst nach
+dieser Zeit geheiratet hatte, war dennoch felsenfest überzeugt, daß
+Malljohann, wie er in Moorluke genannt wurde, ein tiefsinniges und
+nachdenkliches Haupt und auf dem Gebiete der Handharmonika ganz
+einzigartig dastehe.
+
+Malljohann saß und spielte --
+
+ »Judemädel, wasch dich, kämm dich, putz dich schön,
+ Denn wir woll'n zum Tanze geh'n.«
+
+Der Walzer, von der Harmonika mit Glockenspiel vorgetragen, klang laut
+und scharf über den stillen Fluß und mußte auch in die Krankenstube
+hinaufdringen. Von oben antwortete auch sogleich ein schriller,
+ächzender Wehlaut.
+
+»Hörst du?« begann Frau Dörthe zu Line, während sie vielsagend die
+Achseln zuckte: »Da stirbt nu dein Vater. -- Ja, so is es in der Welt.
+-- Willst du noch'n Stück Eierkuchen, min Döchting?«
+
+Line empfand noch Appetit. Sie hatte sich auf das wurmstichige braune
+Bollwerk gesetzt und schaukelte mit den nackten, weißen Beinchen
+zwischen Schiff und Holzwand nachlässig hin und her.
+
+Für ein vierzehnjähriges Kind war sie auffällig zierlich und biegsam
+gewachsen.
+
+Plötzlich hob sie das schwarze Haupt mit den merkwürdig blitzenden Augen
+und sagte bestimmt, auf das kleine Fenster des Lotsenhauses deutend:
+»Das is nich mein Vater.«
+
+»Wer denn?« fragte Frau Dörthe gespannt, obwohl sie ganz gut wußte, daß
+die Kleine recht hatte.
+
+»Das is man bloß mein Pflegevater,« antwortete Line kauend, »mein
+richtiger ist der Klabautermann.«
+
+»Huch,« schrie die Schifferfrau entsetzt auf und schielte zu Malljohann
+empor, ob er das Kind auch ordentlich verstanden hätte. -- »Huching --
+Jochen, hast gehört? -- Lütting, oh, wer ist denn der Klabautermann?«
+
+Der tapfere weibliche Kapitän war ordentlich scheu zurückgewichen.
+
+»Der Klabautermann?«
+
+»Je.« -- Die Kleine schaukelte wieder ein bißchen mit den nackten
+Beinen, dann gab sie so fest zurück, wie sie etwa in der Schule eine
+Antwort deklamierte: »Je, der Klabautermann is ein Wasserzwerg.«
+
+»Und von so einem bist du die Tochter?«
+
+»Ja, so is es,« beharrte Line ernsthaft, und wischte sich die
+Kuchenhände an ihrer Schürze ab.
+
+»O jeh -- o jeh,« schrie Frau Dörthe und schlug entsetzt ihre Fäuste
+zusammen. Und die Söhne hielten mit ihren Karren still. Und Malljohann
+endete das »Judenmädel« mit einem schrillen Wehlaut -- und zog sein
+glattrasiertes Gesicht in hundert Falten -- und alle starrten sie auf
+Line hin.
+
+»Aber du liebe Güte, wer hat dir denn so was eingeredet?« stotterte
+endlich Frau Dörthe.
+
+Allein, Line befand sich zu sehr in ihrem Recht.
+
+»Das hat mich oll Kusemann erzählt,« brachte sie rasch hervor und stand
+beleidigt auf, »und Hann hat es auch gesagt.«
+
+»Oll Kusemann?« wiederholte Frau Dörthe nun ehrlich empört und dabei ein
+wenig triumphierend -- »Jochen, hast's woll gehört? -- Das is ja der oll
+Lügenlotse hier. -- Und Hann? Hann is weiter nichts als ein Dummkopf.«
+
+»Ja, dumm is er man,« pflichtete Line bei. Dann verzog sie das
+kirschrote Mündchen zu einem spitzbübischen Lächeln.
+
+Da wurde das Idyll häßlich unterbrochen.
+
+Im gleichen Moment vernahmen alle auf dem Schiff so namenloses, tobendes
+Geheul aus dem Krankenzimmer herabschrillen, daß alle zusammenschreckten
+und verlegen auf die Planken sahen.
+
+Als sie wieder aufblickten, lag Line lang auf dem harten Uferboden
+ausgestreckt, die Stirn auf kleinen Kieselsteinen, und wühlte mit den
+Fingern in Gras und Erde herum.
+
+»Was machst du da?«
+
+»Er soll nich sterben! -- soll nich sterben,« raste die Kleine in
+wütendem Trotz und schleuderte allerlei Steine von sich. -- »Wozu muß
+denn gerade er sterben? -- Kann es nich Hann sein?«
+
+Die Kapitänin sah wieder zu ihrem Gatten empor. Der aber hatte das Kinn
+auf die Harmonika gelehnt und schien nachzudenken.
+
+»Lütting, du mußt zu dem lieben Gott bitten,« entschied die Frau endlich
+überzeugt und nickte dreimal sehr stark mit dem Kopf. »Das ist das
+einzigste Mittel.«
+
+Aber bei Line verfing es nicht. Immer erregter schlug sie auf das
+Bollwerk und schluckte vor Wut und Tränen: »Das hab ich alles schon
+versucht. Aber es hat mir nichts genützt. Vielleicht weil ich gar nich
+sein richtiges Kind bin,« setzte sie hinzu, »wie die andern. Ich heiß ja
+auch nich Line. Ich heiß ja Aline. Und draußen auf dem Bodden, da haben
+sie mich gefunden.«
+
+Damit erhob sie sich auf den nackten Knien und zeigte auf die graue
+Wasserfläche der See hinaus, als ob sie dort draußen etwas Schreckliches
+und Merkwürdiges zugleich erspähe.
+
+Seltsam, wie sich dabei die Augen des Kindes veränderten. Etwas Wildes,
+Dunkelleuchtendes flackerte darin auf. Es war jetzt bereits klar, daß in
+diesem kleinen Wesen die Phantasie mächtig schaffe und wirke.
+
+Unvermittelt fuhr sie empor.
+
+»Malljohann,« schrie sie zu dem Fellbraunen hinauf: »Spiel wieder -- ich
+will eins tanzen.«
+
+»Was? Jochen, untersteh dich,« -- rief Frau Dörthe fassungslos dagegen,
+»pfui, was für ein Gör -- ihr Vater stirbt da oben, und dann will sie so
+was!«
+
+»Doch, doch, wenn der liebe Gott mir nicht hilft, dann tanz ich,« schrie
+Line noch einmal und wirbelte bereits, wie zum Hohn, auf einem Fuße
+herum.
+
+Und dann geschah etwas Unvorhergesehenes!
+
+Malljohann ließ plötzlich mit aller Macht den unterbrochenen Walzer
+ausklingen. Die Glöcklein klirrten, die Pfeifen brausten, und die Kleine
+begann sich graziös und sicher herumzudrehen, bis ihr rotes Röckchen um
+die nackten Beine flatterte und die beiden Schifferjungen begehrlich zu
+ihr hinüberglotzten. Und immer, wenn sie sich zur Kapitänin wandte,
+streckte sie drollig die Zunge heraus.
+
+»Jochen, willst du woll?« tobte diese noch einmal kirschbraun vor Zorn.
+
+Aber der Mann auf dem Kajütendach winkte mit dem Kopf zu Line herüber,
+und aus dem sonst so schweigsamen Munde brach ein merkwürdiges Knastern:
+»Gurr -- gurr -- Klabautermann.«
+
+Da erschrak Frau Dörthe und schwieg. Jetzt wußte sie es. Jochen hatte
+sich ebenfalls für den Seezwerg entschieden. Und Jochen war ein tiefer
+und gründlicher Geist.
+
+Und mit heimlichem Schauder sah sie mit an, wie Line sich röter und
+immer röter tanzte, gerade unter dem Fenster des gequälten,
+hinsterbenden Lotsen, der von Zeit zu Zeit dazwischenheulte.
+
+
+
+
+II
+
+
+Der Erwartete war gekommen.
+
+Hann hatte ihn mit der roten Jolle von der Landzunge herübergeholt.
+
+Es war der Schäfer von Ludwigsburg. Ein Heilkünstler, gegen den alle
+Professoren drin von der kleinen Universität zu lächerlichen Pfuschern
+herabsanken.
+
+Ein Mann im Besitz wunderbarer Naturkräfte und dabei von wirklich
+frommer Gesinnung.
+
+Menschen- und Tierarzt zugleich, der durch ein getragenes, feierliches
+Schweigen überall, wo er erschien, eine direkt priesterliche Stimmung
+erzeugte.
+
+Dieser war oben.
+
+Unten zu ebener Erde, dicht neben der Treppe, die zu dem Schlafzimmer
+hinaufführte, in einem kahlen Raum, der wie mit Waschblau gefärbt
+schien, warteten inzwischen die beiden ältesten Söhne des Lotsen,
+während Line auf der untersten Stufe der Treppe saß und gedankenvoll auf
+das leise Murmeln lauschte, das seit einiger Zeit aus der Krankenstube
+herunterquoll.
+
+Sie stützte den Kopf auf und schüttelte sich leicht wie im frostigen
+Winde.
+
+Dort oben trieb der Zauberer nun sein Wesen, denn hexen konnte er, daran
+zweifelte Line nicht einen Augenblick. Der Lügenlotse, oll Kusemann,
+hatte ihr ja auch erst neulich in seinem Wetterhäuschen an der See
+erzählt, wie Schäfer Sturm vor einiger Zeit kurz vor Mitternacht auf dem
+Moorluker Kirchhof aufgetaucht und dort zwischen allerlei Kreuzen
+suchend auf- und abgeschritten sei. Vor dem Grabe eines längst
+verstorbenen Fischers wäre er dann stehen geblieben und hätte einen
+Zettel auf dessen Hügel gelegt. -- Einen Zettel. -- »Denk' bloß, Lineken,
+einen Zettel mit wunderbaren Buchstaben beschrieben.« Der Tote aber sei
+der alte Glückspeter gewesen, der, solange er lebte, den unheimlichen
+Fischzug besessen und stets sein Netz mit Hunderten von Heringen ans
+Tageslicht gefördert habe. -- Und richtig -- Line zuckte in der
+Erinnerung förmlich in die Höhe und starrte mit weitgeöffneten Augen vor
+sich hin -- als die Kirchhofsuhr Mitternacht schlug, da habe sich das
+Grab mit einem Schlag geöffnet und --
+
+Oben ächzte die Tür und fiel schallend wieder ins Schloß.
+
+»Tu mir nichts,« rief Line halblaut in ihrem Traum und streckte die
+Hände aus.
+
+Aber es war kein Gespenst, das da die Treppe herunterwehte, sondern Hann
+polterte herab und stieß mit seinem schweren Stiefel gegen ihren Rücken.
+
+»Au -- dummer Junge -- nimm dich doch in acht!«
+
+»O Lining, ich wollt ja nich -- ich soll bloß -- --« damit fiel der
+fünfzehnjährige, gedrungene Bursche bereits in den lichtblauen Raum
+hinein und hob vor seinem ältesten Bruder ordentlich bittend die Hände
+in die Höhe.
+
+»Was willst du, Hann?«
+
+»O Paul -- Pauling -- nich wieder böse sein.«
+
+»Nein, aber ich soll doch nicht etwa hinaufkommen, solange der da oben
+ist?«
+
+»Das nich, aber du sollst -- --«
+
+»Was?« unterbrach der junge Theologe ungeduldig.
+
+»Du sollst mir das Buch geben.«
+
+»Welches Buch?«
+
+»Oh, die Bibel, Pauling.«
+
+»Die Bibel?«
+
+Für Schäfer Sturm!
+
+»Was will der mit ihr?«
+
+»Das darf ich dir nich sagen.«
+
+Der Student streckte die Hand aus. Wie er so dastand mit seiner mageren
+Gestalt und dem abgezehrten, verarbeiteten Kopf, hatte er etwas Hartes
+und Eckiges.
+
+»Hann --« Rasch und stoßend redete er, gleich einem, der die Sprache
+nicht recht meistert, und deshalb hatten seine Worte etwas Unbeholfenes,
+Stammelndes, das zum Herzen drang. »Hann -- ich hab' dir nie was getan.«
+
+»Ne -- ne,« schluckte der Junge.
+
+»Mir kannst du alles sagen.«
+
+In seiner Aufregung überfiel ihn wieder jenes verwünschte Stammeln. Und
+diesem hilflosen und doch fanatischen Klang gegenüber unterlag Hann
+widerstandslos.
+
+Der Junge zitterte: »Pauling, nich böse sein.«
+
+»Nein.«
+
+»Der Schäfer -- will einen Spruch aus der Bibel reißen, und den soll
+Vating verschlucken.«
+
+»Verschlucken?«
+
+»Ja, verschlucken,« sagte Hann ernsthaft.
+
+»Und dazu soll ich ihm das heilige Buch überliefern?« entgegnete der
+Student entrüstet. Schon war er auf einen kleinen Schrank zugeeilt, auf
+dem oben ein paar Bücher standen, und nun riß er das umfangreichste an
+sich. Etwas Eckiges, Bäuerisches, Überzeugtes steckte in all seinen
+Bewegungen.
+
+»Das Tiefste, das uns geschenkt ward, soll ich so mißbrauchen lassen? So
+-- so -- Zu solch abergläubischem Betrug?« stammelte er von neuem. Er
+drückte das Buch an sich, daß ihm die Arme bebten. Dann machte er einen
+hastigen Schritt nach der Treppe zu und redete voller Zorn und Eifer
+weiter.
+
+Er sei kein Frömmler, aber das dürften die Eltern eines Gottesgelehrten
+nicht begehen. Solche Sünde. Solch heidnisches Hexenwerk. Gleich --
+gleich wolle er selbst in die Krankenstube hinauf und Schäfer Sturm
+vertreiben. Mit Gewalt, wenn es sein müßte.
+
+Dabei betrat er schon die erste Stufe.
+
+Allein, unbeweglich, mit aufgestütztem Haupt, aus dem nur die Augen wie
+glimmende Punkte herausfunkelten, so saß Line zu seinen Füßen und
+sperrte ihm den Weg.
+
+Er hätte über sie forttreten müssen.
+
+»Line, so geh doch zur Seite,« herrschte er sie an.
+
+»Nein -- erst gib Hann das Buch.«
+
+»Was?« stotterte der Student.
+
+»Gib her,« flüsterte das Kind noch einmal mit seiner heißen Stimme und
+schlang trotzig die Arme um seine Beine, um ihn am Steigen zu hindern.
+»Du verstehst das nicht -- der Schäfer kann hexen.«
+
+»Oh, das kommt davon, das kommt davon, daß du so gar nichts lernst,« kam
+es heiser von den Lippen des Studenten. -- »Aber das muß anders werden.
+Und jetzt gleich laß los -- ich muß -- ich muß hinauf.«
+
+Er drängte sie mit seinem Fuß beiseite.
+
+Line fiel, im nächsten Moment wäre der Gereizte an ihr vorüber gestürmt.
+
+Da mischte sich eine neue Stimme in den Streit.
+
+Am Tisch in der kahlen blauen Stube saß der mittelste der drei Brüder,
+Bruno.
+
+Sekundaner war er drinnen auf dem Gymnasium in der Stadt. Ein hübscher,
+dunkelhaariger, siebzehnjähriger Bursche. Der Liebling der Eltern, der
+Liebling der Lehrer. Einer von denen, auf die alle Hoffnungen gesetzt
+werden, die dann die Zeit erfüllen soll!
+
+Die Zeit!
+
+»Paul,« sagte der Sekundaner mit seiner hellen, frischen Stimme, »gib
+doch das Buch. Wenn es nichts nützt, so schadet es doch auch nichts.«
+
+Der Theologe beugte sich über das Geländer, um Bruno besser sehen zu
+können.
+
+»Ja, ja, so bist du,« grollte er. »In jedem Wort sprichst du dich selbst
+aus. Immer nur auf den augenblicklichen Vorteil hin leben. Was man damit
+anrichtet und aufgibt, ganz gleich. Nein -- aber es soll doch
+wenigstens einer hier in dem Hause existieren, der einen Willen und eine
+Meinung besitzt. Der Vater wird zu Gott berufen, die Mutter hat in ihrer
+Sanftmut nie gewußt, was Selbstbestimmung heißt. Du und dieses kleine
+Ding, die Line, ihr lebt wie in einem heidnischen Traum befangen, und
+Hann -- Gott« -- er zuckte die Achseln -- »Hann ist es nicht so gegeben.
+Deshalb soll Vater noch beim Scheiden die Beruhigung empfinden, daß
+wenigstens eine Hand da ist, die alles zusammenhalten will.«
+
+In seinem Eifer hatte er auf das so fest an sich gepreßte Buch nicht
+mehr acht gegeben. Jetzt vermißte er es.
+
+Einen halblauten Ausruf der Überraschung stieß er aus.
+
+»Bruno -- Hann -- wo ist die Bibel? -- Wo?«
+
+Ja, wo war sie?
+
+Wie ein Schatten, katzenhaft, leichtfüßig, in all ihrem Schrecken vor
+dem Tode da oben leicht kichernd, flog Line die Treppe in die Höhe.
+
+In ihren Händen etwas Schwarzes, Umfangreiches.
+
+»Line -- Line,« rief der Student totenbleich hinter ihr her.
+
+Da zögerte sie an der Tür noch einen Moment. Als sie aber Schritte,
+Sprünge vernahm, duckte sie sich, und -- -- durch die entstehende
+Türspalte steckte sie etwas hindurch.
+
+»Da --«
+
+Ihr Atem pfiff.
+
+»Ich dank dich, mein Döchting,« tönte es von drinnen.
+
+Es war geschehen.
+
+Im gleichen Moment fühlte sie sich an den Schultern gepackt. Oh, wie
+heftig dieser große, schmale Mensch immer zugriff mit seinen Händen, die
+nichts als Sehnen und Knochen waren. Und doch empfand das wilde, kleine
+Wesen eine Art Ehrfurcht vor ihm.
+
+»Du -- du Geschöpf,« keuchte er, »du bist wie solch' kleine, böse Hexe
+-- aber warte, das muß anders werden. Und wenn ich mich dabei an dir
+vergreifen sollte. Diese schreckliche Unbildung muß aus dem Hause. Warte
+nur.«
+
+Wie wenn er gar nicht wüßte, was er tat, schüttelte er sie zornig hin
+und her.
+
+Das Kind gab keinen Laut von sich. Nur als Bruno, erschreckt über das
+dumpfe Geräusch dieses stummen Ringens, mit einem Lichtstümpfchen an die
+Treppe trat, da sah der Student, wie ihre Augen ununterbrochen und fest
+in die seinen blickten.
+
+Eine große, merkwürdige Ruhe wohnte in ihnen.
+
+Da ließ er von ihr ab, als habe er sich an einem Dorn gestochen.
+
+Tief seufzte er auf und wollte eben wieder hinuntersteigen, als die Tür
+des Krankenzimmers sich in ihren Angeln drehte. Und in dem breiten
+Lichtschein stand die kleine Frau Klüth und sagte mit ihrer ebenen
+Stimme: »Vating will euch alle noch eins sehen. Kommt!«
+
+Hierbei verlor ihre Stimme den ruhigen Klang. Aber den halbfertigen
+Strumpf hatte sie noch immer in den Händen.
+
+ * * *
+
+»Ja, nun seid ihr alle da,« flüsterte der Lotse und hob sich weit aus
+den Kissen heraus, um die Anwesenden zu überzählen.
+
+Seine Hand schwankte dabei hin und her -- --
+
+»Und Paul -- und Bruno -- und Line -- und Hann -- un Mudding -- un der
+oll Schäfer -- un mein Bootsmann Dietrich Siebenbrod -- ihr seid alle da
+-- ja, ja, das is mein Bootsmann. Mit dem zusammen hab' ich damals die
+kleine Line gerettet. Prösting Dietrich -- -- wann werden wir wieder
+eins von dem feinen Kognak trinken? -- von dem feinen Kognak. -- Ja, ja,
+Dietrich Siebenbrod -- das mußt du nich tun, ümmer so viel trinken,
+sonst bist du 'n guter Kerl -- und verstehst deine Sach! -- Komm Mudding
+-- komm her -- gib mich deine Hand. Und Dietrich Siebenbrod gib mich
+auch deine. -- Ich muß nu rauf -- das nützt allens nichts -- Schäfer
+Sturm, der doch sonst seine Sach versteht, nützt da auch nichts. --
+Hör', Dietrich Siebenbrod, da sollst du auf mein Haus aufpassen, denn du
+büst 'n anständiger Kerl und verstehst deine Sach'. Ja, Mudding, das is
+Dietrich Siebenbrod. -- Du, Mudding und Siebenbrod, ihr bleibt zusammen.
+-- Und wenn's mit der Lotsenanstellung nichts is, denn is es mit der
+Fischerei was. Ja, ja -- da hat man dann auch weniger Zeit, dann trinkt
+man auch nich soviel. -- Der verfluchtige Kognak, -- Mudding, nu spür
+ich's. -- Und du und Dietrich Siebenbrod, ihr bleibt zusammen. Und dann
+paßt ihr auf die Kinder auf, damit da was draus wird. -- Und -- und --
+Siebenbrod, klopf' mich auf den Rücken, mir ist's, wie wenn ich in der
+See läg. Weißt noch, wie wir das kleine Jöhr, die Line, von der
+schwedischen Bark gerettet haben, und keiner wußt, wie das Ding hieß? --
+-- Lining, komm her -- steh nich so in der Ecke -- sterben muß jeder
+mal. -- Du bist ümmer 'n drolliges Ding gewesen und hast mir viel Spaß
+gemacht. Ja, und Mudding, unser Ältester wird Paster -- Paster -- ja --
+denn er is 'n feiner Kopf. Und wenn's auch viel Geld gekostet hat -- ja,
+Siebenbrod, gar zuviel Geld --'s freut mich doch. 'n Paster, -- 'n
+wirklichen Herrn Paster, hab ich doch zustand' gebracht. Und was unser
+zweiter is, Bruno -- der is klug, der is sehr, sehr anschlägig -- hat
+auch was gelernt. -- Da hat mich Konsul Hollander versprochen, er kommt
+zu ihm ins Kontor -- Schiffsreeder -- Bruno wird eins 'n reicher Mann
+werden -- Hollander hat ja auch man so klein anfangen, na, man kann nie
+-- nie wissen. -- Und ja, paß auf -- ich sag weiter nichts.
+
+»Und was soll nu aus Line werden? Line? -- Line? Ja, das weiß ich nich,
+darauf versteh ich mich nich. Da wird schon einer kommen. -- Aber nu --
+nu mit Hann. -- Hann, wein' nich, du kannst da auch nichts für. Lernt
+nichts -- und hat nichts gelernt -- oh, Siebenbrod, den mußt du hier
+anbändigen. Is'n guter Jung, un 'n Boot regiert er auch ganz gut. Den
+müßt ihr hier so nebenher mit auffüttern. -- O je, Hann, wein' nich, du
+kannst da auch nich für. -- Siebenbrod, klopf' mich auf den Rücken. --
+Und nu, nu ruf mir die Lotsen mal her -- du sagst doch, sie stehen hier
+an der Tür, die Kollegen. Na, denn soll'n sie raufkommen. Ja, 's is
+gut, Siebenbrod, ruf 'runter!
+
+»Je, da seid ihr ja, ihr zwei, oll Kusemann un Friedrich Pagels. --? --
+Je, nu nehmt man an, vor vier Wochen nu noch Dienst getan -- und nu
+jetzt soll's losgehn. -- Na, oll Kusemann -- ich dank dir auch, daß du
+das mit Hann so gut meinst, dem armen Jung. Aber tu mich den Gefallen,
+mußt ihm auch nich mehr so viel dumm Zeug erzählen. Und du, Pagels --
+na, hast du auch wieder das verschnürte Bein? -- Ja, ja, auf die Art
+geht das mal mit uns allen zu Ende. -- Ich wollt dich fragen, ob du wohl
+mein zweites Boot kaufen willst. 's kann ein Zesner draus gemacht
+werden. Ganz bequem. Und du hast doch die Erbschaft getan und kannst
+gleich bezahlen. Und bei mir is das man -- mit dem Begräbnis --
+verstehst du -- es muß doch gleich Geld da sein. Und wir haben nu so
+viel eingebrockt durch die Krankheit und das alles. Und wenn du
+zweihundert Taler so geben würdest -- -- Weniger? -- Na,
+einhundertachtzig. Aber dafür is 's halb umsonst, nich war, Siebenbrod?
+Also, 's is zwischen uns abgemacht, Friedrich Pagels -- ihr habt's
+gehört. --
+
+»Und -- und -- Paul, komm her, du büst mein Paster, sing was
+Geistliches, ein schönes Gebet, du kannst ja -- -- Und, und Mudding, ich
+dank dich auch für alles -- und -- und der Kauf mit Friedrich Pagels ist
+abgemacht -- -- -- und Lining -- un -- un Hann -- un -- abgemacht -- is
+-- allens!«
+
+»Nu 's vorbei,« murmelte der aufgeschwemmte Lotse mit dem verschnürten
+Bein, dem die Wassersucht deutlich anzumerken war.
+
+»Das is es,« flüsterte oll Kusemann und schlich zu Hann. Und nach einer
+Weile sagte er ganz leise: »Mich war's, als wenn ich so was Graues an
+den Fenstern hätt' entlangflattern sehn.«
+
+»Wollen ihm die Augen zudrücken,« sagte der riesige Siebenbrod und
+näherte sich vorsichtig dem Bett. Und als er seine Pflicht erfüllt
+hatte, brachte er noch stockend heraus: »Schlaf woll, Herr Klüth.«
+
+
+
+
+III
+
+
+Es war am Abend nach dem Begräbnis.
+
+Da begab sich folgendes:
+
+Die leidtragenden Fischer und Lotsen, die so altertümlich in ihren weit
+abstehenden, schwarzen Gehröcken und den unförmigen, pudligen Zylindern
+aussahen, waren nach einem reichlichen Leichenschmaus abgezogen. In dem
+Stübchen, in dem der Kranke so lange gelegen, blieben nur seine beiden
+Ältesten zurück, um in einem alten Rollpult nach Papieren zu suchen, die
+der Verstorbene vielleicht hinterlassen. Es sollte eine Verschreibung
+des Magistrats auf eine Pension vorhanden sein.
+
+Wenigstens hatte sich oll Kusemann während des Leichenschmauses bei
+einem Glase Kirschlikör urplötzlich darauf besonnen.
+
+Wenn das wirklich ausnahmsweise kein Geflunker war! Wenn das Wahrheit
+wäre! --
+
+Fast ohne zu sprechen suchten die beiden.
+
+Das Fenster stand offen. Man wollte auslüften. Unterdes befanden sich
+die andern Trauernden auf dem Hofe hinter dem Häuschen.
+
+Es war ein kleiner, ungepflasterter Hof. Rings herum ein Bretterzaun, an
+dem rote Johannisbeersträucher in die Höhe rankten. In der Mitte ein
+niedriges, grünmoosiges Rohr, die Pumpe. Ganz in der Ecke, auffallend
+niedrig, mit Moos und Schindeln gedeckt, ein Stall für drei Kühe und
+daneben, nicht größer als eine Hundehütte, ein hölzerner Schweinekoben.
+
+Aus ihm drang Schnuppern und Schnaufen den ganzen Tag. Auf dem schrägen
+Dach jenes Kobens saßen an diesem Abend Hann und Line.
+
+Beide in ihren schwarzen Traueranzügen.
+
+Der Junge ungeschlacht, wie ein verzauberter kleiner Schornsteinfeger;
+das Mädchen vornehm, wie die Prinzessin, die den Schweinehirten
+heiratet.
+
+In dem Kuhstall aber weilte noch ein anderes Paar. Ein älteres. Hier saß
+die Witwe, die kleine Frau Klüth, mit ihrem vergrämten Gesicht auf einem
+Schemel und verrichtete langsam und trauervoll ihr abendliches Werk. Sie
+melkte ihre wohlgenährten, glänzenden Kühe.
+
+An der Schwelle, leicht an den Pfosten angelehnt, sah Dietrich
+Siebenbrod, gleichfalls im Trauerrock, diesen Geschäften nachdenklich
+zu.
+
+Er hatte eine kleine Pfeife in der Hand. Aber er rauchte nicht. Er hielt
+das in diesen Augenblicken für unschicklich.
+
+Ein wundervoller Herbstabendglanz lag auf dem Fischerdörfchen.
+
+Bäume und Dächer leuchteten einen unbestimmten matten Schimmer. Am
+Himmel zogen lichtrosige Wolken dahin. Rosig durchleuchtet ringelte sich
+Rauch aus den Schornsteinen. Überall tiefe Ruhe. Nur vom Bodden strich
+ab und zu ein leichter Windzug daher, und dann sah man fern durch die
+Bäume und Büsche, wie die See draußen ihre Farben änderte.
+
+Ein Jagen von Grün und Zitterblau!
+
+Dann wieder Stille.
+
+Da regte sich Line auf dem Koben.
+
+»Sprich was,« sagte sie zu Hann und stieß ihn leicht an den Arm. »Es ist
+so häßlich, das Stillsein.«
+
+Sie fürchtete sich heimlich. Denn ununterbrochen, klammerfest wurde sie
+von diesem einen Bilde gefangengenommen, wie die Lotsen den Sarg
+heruntergelassen, die Erdklumpen hohl daraufgekollert, und wie oll
+Kusemann hinter ihr, scheinbar absichtslos, die Worte geflüstert: »Sieh,
+wenn die letzte Handvoll drauf liegt, dann macht sich die Seele auf
+ihren Weg.«
+
+»Ja, dann macht sie sich auf den Weg,« ging es ebenfalls durch Hanns
+Gedanken, denn auch er hatte, ohne daß Line davon wußte, die Worte oll
+Kusemanns wohl vernommen.
+
+Und zum erstenmal -- an dem dunklen Grab -- regte sich bei dem blöden
+Jungen, dem das Lernen versagt war, eine nachdenkliche Frage.
+
+Jetzt sprach er sie aus. Langsam und stockend in den lichten Abend
+hinein, während unter ihm die Schweine schnüffelten und ganz nahe die
+Milch in den Eimer klatschte.
+
+»Lining,« begann er, »hast gehört, was oll Kusemann sagte? -- Weißt du,
+was 'ne Seel' is?«
+
+»Nein -- laß,« versetzte die Kleine ängstlich und zog an ihrem Kleid.
+»Aber oll Kusemann meinte ja vorgestern, sie säh' grau aus.«
+
+»Ja, grau sieht sie aus,« nickte der Junge schwerfällig, »denn irgend
+'ne Farb' muß sie haben. Schweine sehen gelb aus und Rosen rot, und
+Seelen werden dann woll grau sein.«
+
+»Vaters Seel' is nu im Himmel«, -- sagte Line geheimnisvoll. »Sieh, da
+oben, wo die rote Wolke geht, da oben sitzt er gewiß und sieht zu, wie
+hier das Vieh gefüttert wird. Das hat er sonst ja auch immer gemacht. --
+Meinst du nicht, daß er's da oben gut hat?«
+
+»Das hat er,« bestätigte Hann ernsthaft.
+
+»Woher weißt du das?« fragte Line rasch.
+
+Hann rückte eine Weile hin und her, als getraue er sich nicht recht.
+Dann beugte er sich vor, warf einen spähenden Blick in den Kuhstall
+hinein und schob sich endlich ganz dicht an Line heran, so daß die
+beiden Köpfe sich eng berührten.
+
+Sonst ließ ihn Line nie so nahe heranrücken, ohne die Hand gegen ihn zu
+erheben.
+
+»Ich weiß, daß er's gut hat,« brachte der Junge scheu hervor und
+seufzte, als wenn ihn ein Geheimnis drücke. »Aber sieh, du mußt es Paul
+nicht sagen.«
+
+»Was denn, Hann?«
+
+Wieder ein schwerer Atemzug, dann rasch: »Ich hab neulich in den Himmel
+reingekuckt.«
+
+»Du?«
+
+»Ja, ich.«
+
+»Womit?«
+
+»Oll Kusemann hat in seinem Wetterhaus ein Rohr. Damit kann er in den
+Himmel kucken. Und da hat er es mir auch gezeigt.«
+
+»Hann -- Hanning, und was hast du da gesehn?«
+
+»Lauter Glänzendes, das so hin und her zieht, und dann solche grauen
+Punkte, die fliegen überall herum. Das sind die Seelen. Oll Kusemann hat
+es mir ganz genau erklärt.«
+
+»Hann --«
+
+Line zögerte einen Moment. Dann schlang sie ihren Arm in den seinen. Die
+Frage war zu wichtig.
+
+»Hast du auch den lieben Gott gesehn?«
+
+Hann zögerte und seufzte wieder.
+
+Es fiel ihm zu schwer.
+
+»Hann, was tat der liebe Gott?«
+
+»Line -- ich darf nicht drüber sprechen. Oll Kusemann hat es mir direkt
+verboten. Aber« -- er wälzte sich seine Last ab -- »du sollst es wissen.
+Der liebe Gott sitzt an einem großen goldenen Tisch und um ihn herum
+lauter graue Seelen.«
+
+»Und was machen sie da?«
+
+»Da essen sie Mittag.«
+
+»Mittag? Jemine, essen die da oben auch?«
+
+»Jawoll -- -- die Schüsseln und Gläser hab' ich genau erkannt. Oll
+Kusemann sagt, die wären all' von Sonnenschein.«
+
+Line starrte ihn an.
+
+»So schön is es da oben?« fragte sie endlich. Begierig hob sie die Augen
+zu den großen roten Flecken empor, die sich allmählich silbern
+ränderten.
+
+Es wurde immer dunkler. -- Plötzlich schrie Line auf.
+
+»Line, was is?«
+
+»O da oben!« rief sie und legte schaudernd den Kopf auf das Dach des
+Kobens. Sie zitterte.
+
+Deutlich hatte sie den alten, toten Lotsen geschaut, wie er in seinem
+roten Schiff über sie hinfuhr. Dabei hatte er »Line« gerufen -- ganz
+deutlich »Line«. Jetzt hob auch der Junge das Haupt. Dann nahm er die
+Mütze ab und grüßte nach oben.
+
+»Ich hab' ihn auch gesehn,« flüsterte er dabei.
+
+Für eine Weile herrschte tiefe Stille zwischen den Kindern. Erst nach
+einiger Zeit nickte Hann ernsthaft vor sich hin und legte den
+Zeigefinger an seine plumpe Nase: »Ich hab's mir gleich gedacht,« sprach
+er, »daß er nun da oben als Schiffer angestellt is. Ich möcht' auch gern
+einmal in solch schönem roten Schiff fahren.«
+
+»Möchtest du denn auch schon dahin?« fragte Line frierend vor Furcht und
+schüttelte die schmalen Schultern.
+
+»Da kommen alle Menschen hin, die hier unten nicht gesessen haben.«
+
+»Und die gesessen haben?«
+
+»Die kommen zum Teufel. -- Oll Kusemann hat ihn erst neulich in
+Stralsund getroffen. Er trug einen Zylinder.«
+
+»Nein, nein,« zitterte Line und nahm rasch Hanns Hand in die ihre.
+
+Sie hielt ihn ganz fest.
+
+Aber nach ein paar Augenblicken sprach Hann nachdenklich weiter: »Das
+hat der liebe Gott schlecht gemacht.«
+
+»Was, Hann?«
+
+Immer näher drängte sie ihre zitternden Glieder an den Jungen heran.
+
+»Daß er nicht gleich lauter Seelen gemacht hat. Dann brauchte man nicht
+erst in solch engen, schwarzen Kasten, und die Begräbniskosten wären
+auch nicht da -- und man hätte gleich eine Anstellung in so einem
+feinen, roten Schiff.«
+
+In diesem Moment ging ein Windstoß durch die Bäume. Altes Laub flog den
+Kindern um die Ohren, und eine der Kühe nebenan stieß ein wehklagendes
+Brüllen aus.
+
+Da durchdrang das kleine Mädchen ein überwältigender Schrecken. Heftig,
+wie sie war, glaubte sie, Hann wäre an allem schuld. Und während sie ihn
+mit aller Kraft in den Arm kniff, so daß er einen heiseren Schmerzensruf
+ausstoßen mußte, schrie sie wild auf: »Du Dummerjahn -- bloß hier unten
+bleiben -- ich will nich solch ein Gespenst werden -- nein, nein, ich
+will nich grau sein.«
+
+Heftig sprang sie auf den zottigen Hofhund zu, den sie schutzsuchend
+umklammerte. Und Pluto, der Hann nicht leiden konnte, heulte wütend nach
+dem Dach des Schweinekobens hinauf und fletschte die Zähne nach dem
+Jungen.
+
+ * * *
+
+So hob über den Schweinen die Geburtsstunde eines Philosophen an. In dem
+Kuhstall daneben aber wurde zu derselben Spanne Zeit das Schicksal
+entschieden, das alle, die sich jetzt in dem Lotsenhäuschen befanden,
+aneinanderketten, verwirren und dann auf ewig trennen sollte.
+
+Im Abendglanz lachte dazu von fern die See, die sich doch einmal
+zwischen die Schuldigen legen sollte, unschuldig wie ein kleines Kind,
+das in azurner Wiege geschaukelt wird.
+
+Der Bootsmann Dietrich Siebenbrod lehnte am Pfosten des Kuhstalles und
+beobachtete, wie die Witwe seines Brotherrn die Kühe melkte.
+
+Der leichte Seewind spielte mit den Enden des ihm so ungewohnten
+Bratenrockes, und unter dem wolligen Zylinder, der noch immer sein Haupt
+bedeckte, fühlte sich Siebenbrod feierlich angeregt.
+
+Deshalb sprach er auch kein Wort, sondern horchte mit Ernst auf das
+Einströmen der Milch.
+
+»Strull -- strull,« ging es gleichmäßig fort.
+
+Da schlug vom nahen Kirchturm die Uhr, deren goldene Buchstaben in der
+Abendsonne gleißten und funkelten.
+
+Die entscheidende Unterhaltung begann. Erst harmlos und ungewollt, wie
+fast alle großen Ereignisse.
+
+»Acht,« sagte Dietrich Siebenbrod, und nachdem er seine sogenannte
+Warmbieruhr gezogen hatte, setzte er hinzu: »Nu is der Herr all sechs
+Stunden begraben.«
+
+»Ach, Gott!« --
+
+In das »Strull-strull« mischte sich ein Schlucken, man hörte das
+Rascheln des frischen Heus, das von den Kühen aus den Raufen gezogen
+wurde, und dann rann die Milch wieder stoßweise in den Holzeimer.
+
+Nach einer Pause der Sammlung fuhr Siebenbrod fort: »Der Lotsenkapitän
+aus Göhren war auch beim Begräbnis.«
+
+Und die melkende Witwe antwortete seufzend: »Ja, ja, sie haben meinem
+sel'gen Mann alle viel Ehr' angetan.«
+
+Darauf zog sie mit der Linken ihr Taschentuch hervor und führte es an
+ihre weinenden Augen, mit der Rechten melkte sie fürbaß.
+
+»Den Lotsenposten bekomm' ich nich,« sprach Siebenbrod ruhig weiter --
+»Der Kapitän hat gesagt, es is wegen ...«
+
+»Den Schnaps,« tönte es aus dem Stall -- »ja, ja Siebenbrod, das is nich
+recht von Ihnen.«
+
+»Jetzt gewöhn' ich mir ihn aber ab,« unterbrach der Bootsmann mit festem
+Entschluß.
+
+»Is das sicher?«
+
+»Ganz sicher.« -- --
+
+Die Witwe setzte den vollen Eimer beiseite, jedoch bevor sie den andern
+heranzog, wandte sie ihr ältliches, vergrämtes Gesicht der Stallöffnung
+zu. Dann betrachtete sie den Bootsmann aufmerksam, brach aber sofort,
+kopfschüttelnd, in ein leises Weinen aus: »Ne -- ne, -- es is zu slimm.«
+
+»Was? -- Frau Klüth.«
+
+»O nix nich -- Siebenbrod -- ich meinte man so.«
+
+Damit machte sie sich an die letzte Kuh.
+
+»Strull -- strull.«
+
+Siebenbrod rührte sich. Er hatte sich in der Nacht vorher alles
+überlegt. Es ging nicht anders. Er mußte es tun.
+
+»Frau,« begann er und nahm vor der Wichtigkeit des Moments den Hut in
+beide Hände: »Ich wollt' nun noch fragen, wie es mit mir wird?«
+
+»Mit Ihm?«
+
+»Ja, da ich ja nun den Lotsenposten nich bekomm, und da das mit der
+Pension wohl auch man dumm's Zeug von oll Kusemann is, so wollt ich man
+fragen, wie ich mich von nu an gehaben soll?«
+
+»Je, Siebenbrod, wie mein lieber Mann gesagt hat -- dann wollen wir es
+in Gott's Namen mit der Fischerei versuchen. Man muß doch leben. Und
+vier Kinder sind auch nich leicht durchzubringen.«
+
+»Je, das sag' ich man. Aber -- aber, Frau, nehmen's nich übel -- ich bin
+doch nu auch all siebenunddreißig Jahr alt.«
+
+»Je, was meint Er damit?«
+
+Die Witwe melkte hastiger, so daß die Kuh ein wehklagendes,
+mißbilligendes Brummen ausstieß.
+
+Siebenbrod überzählte noch einmal die Kühe, dann sagte er ruhig: »Je, es
+is man wegen den Zesnerfischern.«
+
+»Was wollen die, Siebenbrod?«
+
+»Strull -- strull.«
+
+»Je, Madamming, nehmen's nich übel -- aber sie nehmen keinen
+Unverheirateten auf.«
+
+»Huch,« rief die Witwe tief erschrocken.
+
+Was der Bootsmann da vorbrachte, bedeutete ja eine Gefahr für das
+verwaiste Häuschen. Ein Fremder würde sich ihrer sicher nicht annehmen,
+und die paar Groschen, die ihr armer seliger Mann erübrigt hatte, ja, du
+lieber Gott, die reichten gerade für ein halbes Jahr.
+
+»Strull -- strull.«
+
+Und dann das Studium von Paulen -- und Bruno mußte erst
+Kaufmannslehrling werden (Ladendiener nannte es Frau Klüth). Gott -- o
+Gott, die offenste Angst sprach sich in dem ältlichen, so merkwürdig
+glatten, ausdruckslosen Weiberantlitz aus. Und wenn nun Siebenbrod sie
+auch noch im Stich ließ? Vielleicht besaß er bereits eine Braut? Ja,
+dann saß sie ja ganz hilflos mit zwei alten Booten und vier unversorgten
+Menschen da!
+
+Was war hier zu tun? Sie wurde sehr nervös, und ihre Gedanken schwenkten
+immer rechnender von dem Toten zu dem Heute zurück.
+
+»Hat Er denn schon eine?« begann sie plötzlich überstürzt, und als
+Siebenbrod ein wenig verlegen vor sich hinnickte, setzte sie halb
+weinend hinzu, warum er das denn nicht schon früher geäußert hätte.
+
+An der Kuh wurde lebhaft gerissen. Schmerzlich brüllte das Tier auf. --
+
+»Muh!«
+
+»Je, Madamming,« sagte Siebenbrod schon etwas sicherer, »ich dacht mich
+auch, es hätt' bis nach dem Begräbnis Zeit.« Und während er den wolligen
+Zylinder etwas langsamer drehte, fügte er noch ehrbarer bei: »Denn
+vorher schickt sich das doch wohl nich gut?«
+
+»Ach, mein Gott!« murmelte die Witwe.
+
+Dann trat Stille ein.
+
+Eine lange, feierliche Schweigsamkeit, während welcher das Strull-strull
+immer langsamer auftönte, um endlich ganz zu verstummen. Auch Siebenbrod
+versank wieder in seine würdige Ruhe. Nur daß er jetzt den Zylinder
+aufsetzte, als hätte dieser seine Dienste verrichtet, und daß er
+aufmerksam in die Ecke des Kuhstalls hinüberlauschte, von wo einige
+schwere Seufzer laut wurden. Auf einmal sprach aus der Dunkelheit eine
+traurige Stimme: »Siebenbrod, will Er sich denn wirklich das Trinken
+abgewöhnen?«
+
+»Je, Madamming, seit drei Tagen all keinen Tropfen mehr. Nich rühr an.«
+
+»Das is gut,« lobte die Witwe und fiel wieder in ihr früheres Grübeln.
+
+»Ja,« fuhr Siebenbrod nun schon beruhigter fort, »und die beiden
+Ältesten gehen ja nun aus dem Haus, und Hann lern' ich an, und wenn dann
+die lütte Dirn auch erst in die Stadt kommt, je, dann werden wir ganz
+gut fertig werden, Madamming.« Und die Witwe nickte in ihrer festeren
+Ecke und murmelte in sich hinein: »Ja, ja, Siebenbrod, das is ja soweit
+ganz richtig.«
+
+»Je, Madamming, und dann freu' ich mich auch, daß alles so schön in
+Ordnung is. -- Denn ich bin nu auch all in die Jahren. Lassen Sie man,
+ich werd' Sie die Eimers raustragen helfen.«
+
+Von der Dorfuhr schlug es neun. Ein weiches Abenddunkel sank auf
+Moorluke. Auf den beiden schlanken Pappeln vor dem Häuschen hatte sich
+eine schwarze Wolke junger Stare niedergelassen und zwitscherte
+hundertstimmig Braut-, Wander- und Jugendlieder.
+
+Und der alte Klüth ruhte jetzt doch bereits die siebente Stunde.
+
+IV
+
+
+An einem der nächsten Tage -- noch wußten die Kinder nicht, was im
+Kuhstall beschlossen war -- wurde Hann ins bürgerliche Leben eingeführt.
+
+Er lag gerade mit Line auf einer der schönen grünen Wiesen, auf denen
+Moorluke gebaut ist, und die sich bis zum Meer hinunterziehen. Die
+letzten Gräser biegen und wiegen sich über den sanften Wassern und
+flüstern mit den Stichlingen. Manchmal schießt auch ein rotkäppiger
+Barsch heran, beißt vor Lebenswonne in die schwanken Halme und saust
+wieder in die schillernde Weite zurück. Hann wußte das alles.
+
+Er fühlte es, wenn er es auch nicht sah. Seine Umgebung war das einzige,
+was er gelernt hatte, und was ihm vertraut war.
+
+Da, wo das Gras am höchsten und üppigsten grünt, da liegen die beiden
+Kinder.
+
+Line ruht auf dem Rücken. Um sie herum wehen wunderbar feine,
+seidig-graue Gespinste. Es sind die zarten Heringsnetze, die aus
+meerblauer Seide geknüpft sind, damit sie mit der Seefarbe
+übereinstimmen und den scheuen Silberflößler nicht erschrecken. Jetzt
+sind sie zum Trocknen aufgehängt. Wenn der leichte Seewind zuweilen an
+sie rührt, dann zittern sie so seltsam um das Dirnchen, wie ungeheure,
+phantastische Spinnenwebe, in denen sich ein Nixenkind gefangen.
+
+Es ist Vormittag.
+
+Ringsherum Sonnenschein.
+
+Das Meer funkelt wie ein weißgedeckter Tisch, auf dem eine Million in
+Goldstücken aufgezählt liegt.
+
+»Line,« sagt Hann, der in seinem abgetragenen, blauen Drillichanzug in
+einiger Entfernung von ihr liegt und, den plumpen Kopf in beide Hände
+gestützt, aufmerksam einen wimmelnden Ameisenhaufen betrachtet: »Hast du
+wohl acht gegeben -- -- --«
+
+»Still,« unterbricht Line unwillig.
+
+»Ich mein', daß Dietrich Siebenbrod nun ümmer bei uns zu Tisch ißt?«
+
+Wieder eine heftige Bewegung der kleinen Hand: »Sei ruhig.«
+
+»Je, warum?«
+
+»Weil ich da oben raufkuck.«
+
+»Lining, siehst du was?«
+
+»Nein -- aber es is so häßlich, wenn du sprichst.«
+
+»Oh, Lining, warum is das so?«
+
+»Das weiß ich auch nich. Es is häßlich.«
+
+»Je, dann kann ich ja auch ruhig sein.«
+
+»Das tu. Dann kommt es wieder.«
+
+»Was kommt?«
+
+»Das Schöne.«
+
+»Welches Schöne?«
+
+»Dummer Jung. -- Als wenn mich einer streichelt.«
+
+»Oh, Lining -- --«
+
+»Sei still.«
+
+Und nun liegen sie beide wieder wie vorher. Die feinen blauen Maschen
+zittern und beben, und die fleißigen Ameisen rennen auf ihrem Hügel im
+Kreise.
+
+Allmählich vergißt Hann, wie die kleine Pflegeschwester ihn schlechter
+als Pluto, den Hofhund, behandelt. Aber das ist ja schließlich auch so
+natürlich. Sie ist so viel vornehmer als er. Auf einer untergehenden
+schwedischen Bark ist sie gefunden worden. Vielleicht stellt sie
+wirklich was sehr Hohes vor. Am Ende gar eine Prinzessin. Ja, ja, und
+solch eine, die muß wohl so kurz angebunden sein. Das hat er ja immer
+gehört.
+
+»Na, denn is es ja ganz in Richtigkeit,« meint Hann vor sich hin.
+
+Damit wendet er sich wieder seinem Ameisenhaufen zu und beugt sich
+tiefer und tiefer darüber.
+
+Wie die Tierchen alle beladen herumrennen. Ganze Züge in einer Richtung.
+Das ist sehr wunderbar. Der Junge denkt zum erstenmal darüber nach.
+
+Da fällt unvermutet ein langer Schatten über den grünen Plan. Er gleitet
+langsam näher.
+
+Line erhebt sich halb, blinzelt nach vorn und sagt wegwerfend: »Da kommt
+Dietrich Siebenbrod.«
+
+»Ja, Lining,« antwortet Hann, »leiden kann ich ihn auch nicht recht.«
+
+»Du auch nicht?«
+
+»Ne, er spuckt ümmer in die Stuben.«
+
+»Ja, ja -- wollen ihn heute mal recht ärgern,« regt Line an.
+
+Und Hann ist gänzlich damit einverstanden. Ganz selbstverständlich. Er
+ist immer nur der Gefolgsmann seiner Dame.
+
+Der Bootsmann steht nun in seinen großen Wasserstiefeln vor ihnen.
+
+Er hat ein gutmütiges, hageres, dunkelbraungebranntes Gesicht,
+glanzlose, schwarze Augen, eine große Menge schwarzer, schweißnasser
+Haare und eine glühende Adlernase.
+
+Als er so vor ihnen steht, sieht er mit Vergnügen auf die schlanken,
+nackten Beinchen von Line herab, die in der Sonne seidig glänzen.
+
+Die kleine Dirn findet er niedlich. Auch Hann mag er leiden. Nur hält er
+es an der Zeit, daß aus dem Jungen etwas wird. Überhaupt, seit aus dem
+Kuhstall die Zukunft ihn, wenn auch nur mit einem alten, unbeweglichen
+Weibsantlitz angelächelt, ist er von väterlichen Gefühlen beseelt.
+
+Verwundert blickt er auf die beiden Kinder hinab, die so stumm daliegen,
+als wäre er gar nicht vorhanden. Nur Line schlenkert ein wenig mit dem
+rechten Bein hin und her, als schlüge sie damit den Takt zu einem
+Liedchen. Hann dagegen starrt unbeweglich in seinen Ameisenhaufen.
+
+»Morgen,« beginnt Siebenbrod gemütlich, denn der Sonnenschein, die
+Kinder und das Gesumm der Käfer wecken Wohlgefallen in ihm.
+
+»Aber ja nicht antworten,« »Man jo nich« -- Auf keinen Fall; das ärgert
+den Säufer sicherlich.
+
+Die kleinen Boshaften verhalten sich mäuschenstill.
+
+Siebenbrod wundert sich, sperrt den Mund auf und faßt sich an die Nase.
+
+Die Stille, das Schweigen, das seltsame Benehmen verwirren ihn
+sichtlich.
+
+Wozu tun das die Jören?
+
+»Was gibt's denn?« räuspert er sich endlich, indem er sich
+zusammennimmt. »Was is hier?«
+
+Stille.
+
+Nur Line summt mit den Käfern um die Wette und dirigiert das Konzert
+immer geschickter mit dem Fuß.
+
+»Na, da soll doch,« bricht Siebenbrod, noch immer voller Erstaunen, los,
+denn an einen Kinderhaß, an eine Rebellion denkt er noch lange nicht. --
+Auch geht ihn die Dirn schließlich nichts an, ist zudem auch 'n netter
+Racker.
+
+»Jung, bist du dumm? -- Was kuckst du so in den Haufen? Steh gleich
+auf!«
+
+Line wendet das Köpfchen und schielt zu ihrem Begleiter hinüber. Aber
+der bleibt fest. Er ist stolz, sich vor seiner Dame einmal zeigen zu
+können.
+
+Er rührt sich nicht.
+
+»Hann!« brüllt Dietrich plötzlich kirschrot, denn er begreift, und die
+Nase beginnt so merkwürdig zu zittern und zu funkeln, daß beide Kinder
+in ein befriedigtes, höhnisches Gelächter ausbrechen.
+
+Siebenbrod reißt den Jungen in die Höhe: »Verfluchtiger Lümmel, willst
+du woll?«
+
+»Laß los,« schreit Hann wütend dagegen. Aber die Habichtkrallen des
+andern geben ihn nicht frei. Sie wirbeln ihn vielmehr im Kreise umher,
+wie ein altes Kleidungsstück, das von dem Trödler von allen Seiten
+betrachtet werden soll.
+
+Entsetzt springt jetzt auch Line in die Höhe.
+
+Das bedeutet keinen Spaß mehr. Dietrich ist gewiß wieder betrunken.
+
+»Laß ihn los,« will auch das kleine Kind rufen, aber der Laut bleibt ihr
+in der Kehle stecken.
+
+Starr, gebannt, mit weiten, erschreckten Augen muß sie das Begebnis mit
+ansehen.
+
+Das wickelt sich jedoch unheimlich schnell ab.
+
+Siebenbrod wirbelt den Haufen Kleider noch zwei-, dreimal mit wütender
+Kraft herum, dann wirft er ihn ins Gras.
+
+»Da lieg.«
+
+»Was? -- Was?« -- heult Hann, halb vor Wut, halb vor Schmerz. »Was hast
+du mir zu sagen? -- du oll Säufer? -- Nichts -- du büst ja man bloß unser
+Bootsmann, unser Knecht.«
+
+»So,« lacht Siebenbrod höhnisch, »dann komm noch eins her, mein
+Hühning.«
+
+Wieder streckt er die Klaue aus. Hann, rasend mit weißem Schaum vor dem
+Mund, entgeistert von der Scham, vor seiner Dame mißhandelt zu werden,
+hebt einen großen Feldstein in die Höhe -- und dann -- der arme Junge.
+-- Er ist kein David, der den Goliath zerschmettert.
+
+Mit wilden, funkelnden Blicken verfolgt Line nun das sich aufrollende
+Bild.
+
+Hinten auf den blauen Hosen hat Hann einen grauen Flicken eingenäht. Der
+glänzt jetzt in der Sonne, als er über dem Knie von Siebenbrod liegt,
+und gerade auf diesen Fleck prasseln die flachen Hiebe des Bootsmannes
+hageldicht nieder.
+
+Immer mehr -- immer mehr -- bis der Schall selbst das Schlucken und
+Schluchzen übertönt.
+
+»Wart, mein Hühning, wirst du das wieder tun?«
+
+»Nein -- nein,« wimmert es.
+
+»Na, dann verbitt' dich.«
+
+»Oh -- oh -- ich verbitt' -- mich.«
+
+»Na, denn 's gut -- Und nu gib mich die Hand, mein Söhning.«
+
+Hann schleicht heran und gibt tiefgesenkten Hauptes die Finger.
+
+»Na, dann 's gut -- Nu is alles in Ordnung.«
+
+»Oh -- und oh -- und oh -- Line -- Line -- hat es gesehen.«
+
+Da steht er im Sonnenschein, mitten auf dem zertretenen Ameisenhaufen,
+und schluckt und zittert am ganzen Leibe. Und ihm gegenüber verharrt
+noch immer das kleine Mädchen und sieht auf ihn hin.
+
+Aber merkwürdig.
+
+Ein seltsames, irrendes Lächeln schwebt dabei um die roten Lippen.
+
+Der graue Fleck und die hohe Rundung, wie das aussah!
+
+Wieder möchte sie lachen. Aber dort drüben weint der Gespiele so
+jammervoll, daß sie unbeweglich steht und zu ihm herübernickt.
+
+Was sie jedoch beide nicht wissen, das ist das Merkwürdige, daß dieser
+Eindruck unverwischlich in dem Gedächtnis des Mädchens fortleben wird,
+daß er andere Gefühle auszulösen berufen ist, die Hann eines Tages mehr
+schmerzen müssen, als die schwielige Hand des neuen Stiefvaters
+Siebenbrod, und daß diese Zeit nicht mehr gar so fern liegt.
+
+ * * *
+
+Er stand und weinte.
+
+Line lächelte.
+
+Und Siebenbrod meinte endlich befriedigt: »Nu komm.«
+
+Dann nahm er ihn mit.
+
+
+
+
+V
+
+
+Nachmittags kehrte Hann pudelnaß zurück.
+
+Der blaue Drillichanzug klebte an seinen ungelenken Gliedern,
+unaufhörlich leckte das Wasser von ihm herab; seine Mütze hatte er
+verloren.
+
+Das waren die nächsten Folgen seines ersten Unterrichts. Zuvörderst
+hatte ihn Siebenbrod hinten an dem Steuer des weißen Lotsenbootes Platz
+nehmen lassen. Er hatte ihm gezeigt, wann man rasch, wann man langsam
+drehen müsse; er hatte ihm die Stellung der Segel erklärt und ihn zum
+Schluß in das schwierige Geschäft des Windabfangens eingeführt. Sodann
+wurde von Siebenbrod ein förmliches Examen über das eben Erläuterte
+angestellt, und bei jeder vergessenen Position tat ein gelinder Puff,
+zuweilen auch eine Ohrfeige das übrige.
+
+Zuletzt aber kam der Höhepunkt des heutigen Tages. Ein Exerzitium, das
+Hann gewiß nicht so bald vergessen wird.
+
+Sie segelten gerade im offenen Bodden.
+
+Glatt, wie poliert, lag die glänzende Scheibe da. Nur fern und
+verschwommen, wie hinter zarten, blauen Nebeln, ragte das Dörfchen. Man
+vernahm von dort kaum das monotone Schlagen der Dorfuhr und zuweilen das
+Kläffen eines Hundes.
+
+Am lichterfüllten, tiefen Himmel zeigte sich bereits das bleiche Viertel
+des Mondes.
+
+Eben hatte Siebenbrod eine kleine Pause in seinem Unterricht eintreten
+lassen.
+
+Mit aufgestütztem Kopf hockte er auf der zweiten Ruderbank und glotzte
+während des Hingleitens melancholisch auf den Vorratskasten des Bootes,
+in dem eine wohlgefüllte Kirschschnapsflasche stehen mußte, ein Genuß,
+dem er nun ein für allemal abgeschworen.
+
+Wer würde jetzt wohl den feinen Tropfen trinken? Schade -- schade -- aber
+wenn man selbständig werden und in die vornehme Gilde der Zesnerfischer
+zugelassen werden wollte?
+
+Kein Spaß, wahrhaftig!
+
+Schwermütig nickte er mit dem Kopf, dann sah er zu Hann hinüber.
+
+Der Junge hatte längst den Wind aus den Segeln verloren und träumte
+bekümmert zu der blassen Silberscheibe empor.
+
+»Verfluchter Bengel!«
+
+»Jesus!«
+
+Der Knabe schrak krampfhaft zusammen. So weit war es schon gediehen.
+
+»Na, ich tu dich ja nichts. Hab dich nicht, Jünging.«
+
+Damit trat Siebenbrod auf ihn zu und pätschelte ihm auf dem Kopf herum.
+
+Eine Weile sann er dann nach.
+
+Ja, warum nicht? -- Je eher, desto besser. Lernen mußte er es ja. Es war
+gut, wenn er ihm gleich diese große Wohltat erwies.
+
+»Kannst du schwimmen, Hann?« fragte er deshalb mit plötzlichem
+Entschluß, wobei er seine Hakennase spürend in die Abendröte erhob.
+
+»Ne, Siebenbrod.«
+
+»Sag' Vater zu mich.«
+
+»Du bist ja aberst nicht mein Vater.«
+
+»Das schadet nichts. Sag' so.«
+
+»Ne, ich kann nicht schwimmen, Vater.«
+
+Der Junge begann wieder leise zu schaudern. Warum sollte er dem
+Bootsmann diesen Namen erteilen? Sein richtiger Vater schlief doch dort
+drüben unter den belaubten Ulmen, die man hinter der Kirche hervorlugen
+sah -- Und weshalb grinste Siebenbrod so komisch bei dem Worte
+»schwimmen«?
+
+»Siehst du,« bemerkte der Stiefvater, indem er noch näher an den
+sitzenden Jungen herantrat, wobei er mit gespreizten Beinen das
+Schwanken des Schiffleins zu verhindern suchte. »Das ist das Unglück bei
+uns Schiffern und Fischern. -- Keiner kann. -- Mein Vater is auf solche
+Weise vertrunken, und mein Großvater is auch vertrunken. Deshalb will
+ich dich jetzt die Kunst zeigen. Du willst ihr doch lernen?«
+
+»Woll,« stotterte Hann mit Beben.
+
+»Gut, dann komm zu mich -- aberst vorsichtig.«
+
+Hann kroch dicht neben den Stehenden hin. Der besah ihn sich
+schmunzelnd.
+
+Jetzt folgte ja eigentlich ein großer Spaß. Und dann war's ja auch eine
+Wohltat.
+
+»Fürchtest du dich?« fragte er noch einmal.
+
+Der Knabe schüttelte mit zugeschnürter Kehle den Kopf. Sprechen konnte
+er nicht mehr.
+
+»Na, dann pass' auf! -- So wird's gemacht.« Ein rascher Griff -- die
+Habichtskrallen hakten sich wieder, wie am Vormittag, in den Rockkragen
+des Jungen ein -- dann hob er ihn hoch in die Höhe und ließ ihn
+zuvörderst ein wenig herumwirbeln.
+
+»Du fürchtest dich doch nicht?« meinte er noch einmal ehrlich. --»Na,
+dann schwimm.«
+
+Er ließ ihn los.
+
+Plumps. Das Boot schwankte, als wollte es kentern. Hann versank sofort
+spurlos unter die Oberfläche.
+
+»Na, also,« sagte Siebenbrod neugierig.
+
+Nach ein paar Sekunden tauchte Hann wieder empor, kirschrot im Gesicht,
+mit Händen und Füßen wie besinnungslos um sich schlagend.
+
+»So 's recht,« lobte Siebenbrod, »so bleib man bei.«
+
+»Hilfe -- Hilfe -- laß mir ins Boot.«
+
+»I ne, mein Jünging, dann lernst du ja nichts.«
+
+»Ich -- ich -- kann nich mehr.«
+
+»I -- das glaubst du man. Siehst -- stoß tüchtig aus -- so 's schön.«
+Erst als Hann nach zehn Minuten wortlos das zweitemal versank, zog der
+Lehrmeister seinen Schüler auf die Planken zurück. Er war sehr zufrieden
+mit ihm. Aus Hann mußte etwas Erwähltes werden. Er hatte nach der
+Warmbieruhr eine volle Viertelstunde ausgehalten.
+
+»Schön -- schöning.«
+
+Und wie der Junge völlig betäubt und teilnahmlos, zitternd und fröstelnd
+auf dem Vorratskasten saß, da schoß Siebenbrod der Gedanke durch den
+Kopf, daß er diese große Leistung auch gebührend ehren müsse. Rasch
+schloß er deshalb den Kasten auf, nahm die Flasche heraus, und als Hann
+errötend voller Ekel abwehrte, setzte er dem Jungen mit sanfter Gewalt
+das Glas an den Mund und zwang ihm mehrere Schluck hinunter.
+
+»I, Jünging, das is dich ja gesund, der schöne Kirsch, so -- so -- siehst
+du -- na, ich sag bloß, aus dich wird was -- sollst mal sehn.«
+
+Hann drehte sich etwas im Haupt. Aber dadurch steigerte sich Siebenbrods
+Zufriedenheit nur.
+
+Wie schön roch nicht der geliebte Kirsch.
+
+Wehmütig verbarg der Bootsmann das rubinfunkelnde Naß wieder in den
+Schiffsschrank. -- »Ja, wenn man Zesnerfischer werden wollte.« Kein
+Spaß, wahrhaftig! Aber aus Hann wurde was! -- Das stand fest.
+
+ * * *
+
+Der arme Junge.
+
+Er getraute sich nicht in das Lotsenhäuschen zurück, als Siebenbrod nach
+der gemeinschaftlichen Seefahrt in dem rotgepflasterten Flur verschwand.
+Noch zitterte er vom Kopf bis zum Fuß. Dazu summte der ungewohnte
+Alkohol förmlich in seinem Kopf herum. Er sah alles, als ob es auf
+Wolken tanze.
+
+Und dann die Scham!
+
+Geprügelt, durchgehauen, wie ein boshafter Köter. Nun wußten es doch
+gewiß bereits alle.
+
+Ganz sicher, von Line mußten sie es längst gehört haben.
+
+Oh, wenn bloß Line nicht dabei gewesen wäre. Das tat so weh. Er konnte
+sich selbst gar nicht erklären, warum das Bild des erstaunten,
+lächelnden Kindes in seinem Innern wie mit Messern eingerahmt schien.
+
+Das riß und schnitt.
+
+Ne, ne, lieber nicht Abendbrot essen, obwohl er vor Müdigkeit am
+liebsten sich auf die offene Dorfstraße geworfen hätte. Nein, irgend
+jemand dasjenige anvertrauen, was er erlebt. Wenn er das nur könnte!
+
+Aber wem?
+
+Der Junge dachte nach.
+
+Seinen Brüdern?
+
+Nein, nein, die waren zu fein dazu.
+
+Sein Mudding?
+
+Auch nicht, die weinte und gab selten Antwort.
+
+Draußen klang im selben Moment eine Handharmonika durch die stille
+Abendluft herüber.
+
+ »Judemädel, wasch dich, kämm dich, putz dich schön,
+ Denn wir woll'n zum Tanze geh'n.«
+
+Malljohann spielte wieder auf dem Dach seiner Kajüte, während am
+Bollwerk einige Matrosen mit ein paar Dorfmädchen dazu lachten und
+sangen.
+
+Bewahre, was sollte Hann wohl unter solch Fröhlichen anfangen?
+
+Ne, ne, Malljohann war auch nicht der richtige.
+
+Aber plötzlich wußte er's.
+
+Es gab nur einen.
+
+Oll Kusemann.
+
+Ja, zu dem mußte er sich schleichen.
+
+Und es war so natürlich, daß der Knabe zu dem Lügenlotsen seine Zuflucht
+nehmen wollte. Denn dieser Phantast ohnegleichen, dem das Leben eine
+einzige bunte Unwahrheit, eine schillernde Seifenblase erschien, der
+sich an seinen eigenen, närrischen Geistessprüngen ergötzte wie ein
+Kind, das den Affenkäfig beschaut, -- er brauchte Hann als sein Publikum,
+als seinen Hörer -- und deshalb liebte er ihn. Und auch Hann verehrte
+den Alten leidenschaftlich als seinen einzigen Freund. Ja, in das
+Wetterhäuschen zu oll Kusemann mußte der Junge.
+
+Vorsichtig, nach allen Seiten ausspähend, schlich der Geprügelte die
+wenigen Schritte bis zur Hafenmündung, wo auf einer Steinmole eine
+ausrangierte Badehütte stand.
+
+Das war der Beobachtungsposten des Lügenlotsen.
+
+Und richtig, da lehnte der Gesuchte in der offenen Tür, strich über
+seine schmucke, blaue Uniform und fuhr sich wohlig über den spitz
+geschorenen, grauen Kinnbart, denn oll Kusemann hielt sich trotz seiner
+Sechzig für einen schönen Mann, für einen Eroberer, von dem Frauen,
+Dirns und noch Jüngere zu erzählen wußten.
+
+Als er den fröstelnden Jungen gewahrte, schielte er mit seinen
+fröhlichen, blauen Augen auf ihn hin, denn oll Kusemann schielte ein
+wenig, spuckte pfeilschnell und kunstgerecht seinen Priem dem Ankömmling
+vor die Füße und äußerte teilnehmend: »Na, Hann, bist ins Wasser
+geschmissen worden?« Denn der Lügenlotse hatte durch sein Lugfenster und
+mit seinem Fernrohr längst das Erlebnis seines Freundes festgestellt.
+
+Hann stutzte.
+
+Was war das wieder für ein neues Wunder?
+
+»Woher weißt du das, oll Kusemann?«
+
+Statt einer Antwort wies der Angeredete mit seinem Fuß ein wenig in die
+Höhe, und da sah denn Hann, wie oben auf dem Dach der Hütte der gezähmte
+Rabe oll Kusemanns, Niklas mit Namen, hin und her hüpfte, von dem der
+Lotse oft mit größtem Ernst behauptet hatte, daß dieser Vogel ihm alle
+möglichen Geheimnisse hinterbringe.
+
+»Ach so,« sagte der Junge und senkte demütig den Kopf.
+
+Dann heulte er auf.
+
+»Jung, rohr nich,« tröstete oll Kusemann gutmütig und zog den Knaben in
+das enge Bretterloch hinein, »hör' zu. Ebenso wie dich -- so is es --
+hm, ja -- so is es Kolumbussen auch gegangen.«
+
+Hann, der zu seinen Füßen saß, schluckte noch.
+
+»Wer is Kolumbus?«
+
+»Was? Du weißt das nicht? -- Jung, das kommt von deine verfluchtige
+Ungebildheit -- hm, ja.« --
+
+Oll Kusemann schob behaglich seinen Priem hin und her und schielte
+unternehmungslustig auf den ruhenden Bodden, über den die Dämmerung
+daherzog wie eine Schlachtreihe grauer Nebelgeister. --
+
+»Na also -- Kolumbus, je -- na, Kolumbus, was is er weiter gewesen, as
+so'n lütter spanischer Schiffsjung? -- Aberst sein Vater, der hatte sich
+das in den Kopf gesetzt, er sollt' was entdecken, womöglich einen ganzen
+Weltteil, und, um ihm das anzugewöhnen, hat er ihn auch immer im Wasser
+untergetümpelt als Siebenbrod heut mittag dir -- na, und sühst du, was
+hat der Jung getan? -- Ausgerissen is er, mit noch paar andere solche
+Ströper und hat Amerika entdeckt! Wat sagst nu?«
+
+Hann vergaß eine kurze Zeit sein Unglück.
+
+»Woher weißt du das alles?« fragte er rasch, »bist du denn dabei
+gewesen?«
+
+Diese Frage reizte den Lotsen zu einer kräftigeren Leistung.
+
+»Je, erzählt ich dich das noch nie? -- Ich bin es ja gewesen, der da so
+immer in dem Mastkorb schrie: »Land -- Land!«
+
+»Dann hast du ja Amerika entdeckt?« echote der Kleine.
+
+Hann versäumte vor Bewunderung, den Mund zuzumachen.
+
+»Das hab' ich,« bestätigte oll Kusemann behaglich. -- »Das kann mir
+keiner streitig machen. -- Und hier« -- dabei zog er eine ausländische
+Münze aus der Tasche -- »kannst du noch die spanische Medaille sehen,
+die ich dafür bekommen hab. Kuck -- hier.«
+
+Hann sah hin; dann begann er wieder zu heulen.
+
+»Was is?«
+
+»Prügel,« jammerte der Junge. Und nun teilte er dem neugierig
+aufhorchenden Lotsen das Begebnis auf der Wiese mit, und wie er in
+Gegenwart von Line so entwürdigend geschlagen worden sei.
+
+Der Lotse wurde ungeduldig. Der kleine Bursche amüsierte ihn heute
+nicht. Und oll Kusemann war mehr für einen Spaß zu haben. Am liebsten
+war es ihm, wenn man lauschend seinen Lügenphantasien folgte.
+
+»Hör eins« -- mißbilligte er -- »was is das mit der lütten Dirn? Den
+ganzen Tag steckst du mit ihr zusammen. Is sie deine Braut?«
+
+»Was, oll Kusemann?«
+
+»Ob sie deine Braut is?«
+
+Der Junge wurde dunkelrot. Er ahnte selbst nicht, warum. Am ehesten
+hielt er diese Frage für eine neue Entwürdigung.
+
+»Na, ich mein, -- na, wie soll ich dich das klarmachen? -- Küßt du ihr
+denn? -- Und faßt du ihr manchmal liebreich um? Und wenn sie eins 'n
+Schnupftuch verliert oder 'ne Schleife, steckst du das zu dich und hast
+dir damit?«
+
+Hann hörte furchtsam zu. All das, was der alte Lügenlotse jetzt
+anführte, flößte ihm eine ungeheure Furcht ein. Das Schnupftuch, die
+Schleife, das Umfassen, alles. Eine ängstliche Neugierde erfaßte ihn.
+
+Hastig schüttelte er seinen plumpen Kopf.
+
+»Na, dann will ich dir was sagen,« ermahnte der Alte, »wenn du das Ding
+so gern leiden magst, dann mußt du fix machen -- denn später« -- er
+schüttelte bedenklich das Haupt -- »sie is 'ne kleine Hex, wer weiß, was
+später mit ihr los is -- ob sie dich dann noch will? Verstehst du auch,
+du lütter Dämlak, was ich mein?«
+
+»Ne, oll Kusemann, ich versteh' dich nicht.«
+
+»Na, dann paß auf, der Umgang zwischen Männliche und Weibliche is
+nämlich sehr schnurrig -- hör zu, ich will dich das erklären: Siehst du,
+da gibt es nämlich Männers, die von allen, aberst ich sag' dir, auch von
+allen Weibers geliebt werden, und die dabei gegen Damens sehr stolz
+sind. -- So einer bin zum Beispiel ich. Ich weiß auch nicht, wie es
+kommt. Aber es is so!
+
+»Ein alter Professor drin aus der Stadt sagte mich mal, es liegt an dem
+Geruch. -- Wie gesagt, ich hab' da noch nich drauf geacht.
+
+»Und zum zweiten gibt es Männers, die nu wieder ihreseits gegen die
+Weiber 'ne große Liebe und Andacht haben und sehr demütig gegen ihr
+sind. -- Sieh, zu dieser zweiten Sorte wirst du woll gehören, wenn es
+mal so weit sein wird. Und deshalb müssen diese zweiten Schafsköpp' sich
+recht frühzeitig verloben und verfreien, damit ihnen die
+Herzallerliebsten noch in der Dummheit zulaufen. Denn später pfeifen die
+Frauenzimmers auf die Demütigkeit und halten das für Langweiligkeit und
+machen denn ganz verfluchte Chosen. -- Verstehst du mir?«
+
+Hann starrte ihn an und hielt sich krampfhaft an der auf- und
+niederknarrenden Brettertür fest. Zum Umsinken müde war er, und doch
+hätte er gern noch mehr gehört, denn das kleinste Wort kam ihm
+geheimnisvoll vor, weil Line damit irgendwie in Verbindung zu stehen
+schien. Es wurde ihm ganz kalt vor Furcht.
+
+»Was nu aber deine Brautschaft anbetrifft« -- wollte der Lotse seinen
+Spaß fortsetzen, -- da wurden auf der steinernen Mole kurze Tritte laut,
+wie wenn leichte Holzpantöffelchen darüber klapperten, und aus den
+Wassernebeln, die zerfasert und gespenstisch an der Steinwand in die
+Höhe quollen, tauchte eine kleine Gestalt auf.
+
+Line.
+
+»Oll Kusemann, is Hann bei dir?« rief sie atemlos und beugte sich mit
+halbem Leib in die Hütte hinein.
+
+»Ja, hier, Lining,« stammelte der Junge.
+
+Ihm fiel alles ein, was sein Freund eben vorgebracht hatte. Jetzt wäre
+er am liebsten davongelaufen.
+
+Ihr Atem stürzte nur so aus der kindlichen Brust hervor, aber die Augen
+blitzten vor Neugierde und Spannung.
+
+»O Hann, komm fix nach Haus. -- Abendessen. -- -- Wenn du bloß wüßtest,
+wie Siebenbrod wieder schimpft.«
+
+»Ißt der jetzt auch an eurem Tisch?« fragte oll Kusemann hastig.
+
+»Ja.«
+
+»Und er schimpft?«
+
+»Furchtbar.«
+
+Süh -- süh, dachte der Lotse für sich, und Hann soll Vater zu ihm sagen?
+»I, Kinnings,« sprach er laut, »hört ihr nicht, was Niklas eben ruft?«
+In der Tat begann der Rabe, den wohl frieren mochte, laut zu krächzen:
+»Scharp -- scharp.«
+
+»Hörst du's,« verkündigte oll Kusemann, während er schnell die Hütte
+verschloß, »Hochzeit,« sagte er. -- »Es gibt Hochzeit bei euch.
+Siebenbrod heiratet euer Mutting. Und horch --«
+
+Wieder schrie der Rabe sein »Scharp«.
+
+Der Lotse pfiff und tat einen Luftsprung. »Ne so was lebt nich,« schrie
+er beglückt. »>Verlobung< sagt er auch, hast du's gehört, Dirning? --
+Ganz deutlich >Verlobung<. Nu kommt fix.«
+
+Er zog die Kinder mit sich fort. Sorgsam, damit sie in dem dicken,
+milchigen Nebel nicht ins Wasser stürzten.
+
+Deshalb schritt er voran.
+
+Hinter sich hörte er, wie die Kinder ängstlich miteinander über
+Siebenbrod flüsterten.
+
+»So spät -- so spät,« hauchte Line erwartungsvoll. »Wird er dich jetzt
+nicht wieder schlagen?«
+
+»Ja, das wird er woll,« gab Hann zu, dem die Zähne klapperten.
+
+Die Kleine sah ihn an. Ihre Spannung stieg immer höher.
+
+Ganz finster war es unterdes geworden.
+
+Vom Fluß tönte ein scharfes Murmeln herauf, und auf den Wiesen tanzten
+kolossale, bleiche Gestalten.
+
+Da machte der Lügenlotse, der ihnen bis dahin schweigsam
+vorausgeschritten war, obwohl er ihre Unterhaltung Wort für Wort
+aufgefangen, plötzlich an einem gespenstisch aufragenden Querbaum halt.
+
+Ein vergessenes, grobes Netz flatterte im Abendwind von der Gabel herab
+und verbreitete einen ätzenden Fischgeruch. Es sah aus, als ob von einem
+Galgen eine Riesin in langem, schleppendem Gewande herabschlottere.
+
+Dieser Platz schien oll Kusemann für den närrischen Spaß, den er mit den
+Kindern treiben wollte, der rechte Ort. An dem Pfahl blieb er stehen.
+
+»Kommt her,« flüsterte er darauf, und als die Kinder in der Schwärze
+neben ihm standen, legte er jedem von ihnen den Arm um die Schulter und
+beugte sein bärtiges Haupt zwischen die jungen Köpfe.
+
+»Kommt her. -- Ihr müßt ein Bündnis machen gegen Dietrich Siebenbrod. --
+Das ist klar. Aber das beste Bündnis zwischen einen Männlichen und eine
+Weibliche is die Verlobung. Ihr müßt euch also verloben. -- Daß ihr noch
+'n bischen jung seid, das is woll wahr, aber es braucht ja auch erst
+später die richtige, die ganz richtige Verlobung zu folgen. -- Na also,
+was sagt ihr?«
+
+Prachtvolle, glitzernde Sterne brachen hier und da durch den stillen
+Nebelhimmel hindurch, und in seinem Halbtraum vernahm Hann, daß oll
+Kusemann von neuem vor sich hinlachte, während er die beiden Kinder eng
+aneinander schob.
+
+»Nu küßt euch,« befahl er.
+
+Voller Angst küßten sich die Kinder.
+
+Der Lotse pfiff durch die Zähne und sprang, wie er es bei freudigen
+Anlässen zu befolgen pflegte, hoch in die Luft.
+
+»So,« schmunzelte er seelenvergnügt. »Nu seid ihr so weit. -- Ich
+gratulier' euch. -- Kommt, Kinnings, fix, fixing, damit ihr zu Haus nich
+Schläg kriegt. -- Und wenn ihr Hochzeit macht, Lining, weißt was? --
+Dann schenk' ich dir ein goldenes Brokatkleid -- ja -- hm -- natürlich
+-- ein goldenes Brokatkleid und silberne Schuhe mit diamantne
+Schmetterlinge darauf. -- Da drüben im Kloster, da liegt so was
+vergraben. Ich kenn' die Stell'. Ja, und Hann -- na, du weißt doch,
+Jung, daß hier in unserem Bodden die alte Stadt Vineta untergesunken is.
+Pass' auf, für dich hol ich mal in 'ner besonderen Stund eine Molle voll
+alter Dukaten rauf. Ich hab neulich erst mit meinen Wasserfernrohr so
+was funkeln sehn. -- Und nu adjüssing, Kinnings -- hier is mein Haus und
+mein Alwining wartet all -- und nu macht, daß ihr weiterkommt.«
+
+Er verschwand.
+
+Die beiden Kinder aber liefen Hand in Hand heim.
+
+Eine Stunde später lag Hann in seinem Dachverschlag im Bett. Um das Haus
+wehte jetzt ein frischer Seewind. Der raschelte in dem Stroh des Daches,
+wisperte Märchen und fuhr auch durch die Ritzen, so daß der Knabe fror.
+
+Er schauderte zusammen und konnte nicht einschlafen, denn all dieses
+Merkwürdige, Zauberische schwirrte in dem Kämmerchen vor seinem Lager
+hin und her. Die grüne Wiese und Line, die Prügel und die Verlobung, der
+Kuß und die untergegangene Stadt voller Dukaten. -- Und plötzlich
+begannen noch die Ameisen aus dem Hügel an der Wand wirr durcheinander
+zu kreisen.
+
+Ihn nahm der Schlaf.
+
+Aber das glaubte er doch noch zu hören, daß Pantöffelchen an seiner Tür
+vorüberklapperten und eine Stimme hindurchrief: »Hann, bist du noch mein
+Bräut'gam?«
+
+Dann huschte es nebenan in die Kissen.
+
+Er konnte es aber auch geträumt haben, denn der Mond lachte bereits auf
+ihn herunter und freute sich über all die bunten Lügen und nannte ihn
+einen »dummen Jungen«.
+
+
+
+
+VI
+
+
+Ein weißgedeckter Tisch befand sich in der Mitte. Porzellanteller
+standen darauf, und wahrhaftig -- Messer und Gabeln sah man säuberlich
+auf gläserne Bänkchen gelegt.
+
+In der großen Parterrestube, die jahraus, jahrein ganz leer stand und
+nur zu großen Feierlichkeiten benutzt wurde -- zuletzt hatte der Sarg
+des alten Klüth darin gestanden -- war heute am Sonntag Sand in feinen
+Kringeln auf den Estrich gestreut. Grobe, weiße Gardinen bemerkte man
+vor die Fenster gesteckt, und mitten auf dem Tisch prangte ein Strauß
+bunter Georginen.
+
+Das hatte etwas zu bedeuten.
+
+Alle empfanden es, aber keiner erriet den Zweck dieser Vorbereitungen,
+oder man scheute sich doch, ihn ernstlich ins Auge zu fassen.
+
+Allerdings, eine Möglichkeit, eine denkbare Erklärung schien vorhanden.
+
+Bruno, der Sekundaner, hatte vor drei Tagen zu den Michaeliferien den
+Berechtigungsschein zum einjährigen Dienst aus der Stadt nach Hause
+gebracht und erwartete nun als freier Mann den Augenblick, daß irgend
+jemand mit ihm zum Konsul Hollander führe, damit dieser weitere
+Aufschlüsse über die Zukunft seines neuen Lehrlings erteilen könnte.
+
+Wer jedoch dieser begleitende Jemand sein sollte, darüber war keine
+Gewißheit zu erlangen. Paul, der Student, hatte sich bereits mehrfach
+dazu erboten, war indessen von der Mutter mit einem leisen, beinahe
+wehmütigen Kopfschütteln abgelehnt worden.
+
+Also ein anderer!
+
+Aber wer?
+
+Siebenbrod? -- der Sekundaner stampfte mit dem Fuß -- das war
+hoffentlich völlig ausgeschlossen. Der Bootsmann konnte sich doch
+unmöglich vermessen, mit dem feinen Bruno, dem sein Jackettanzug so
+elegant saß, und der sich seit drei Tagen bereits im heimlichen Besitz
+eines Zigarettenetuis befand, den Weg zum Konsul anzutreten?
+
+Also Siebenbrod nicht.
+
+Wer aber?
+
+ * * *
+
+Die vier Kinder warteten schon in dem großen Zimmer eine geraume Zeit.
+Noch war die Mutter nicht erschienen, was ganz gegen alle Gewohnheit
+verstieß. Und nur Line, die vor einer Weile verstohlen und mit ihren
+katzenhaften Tritten an der Bodenkammer der kleinen Frau vorbeigehuscht
+war, sie allein wußte, daß es in dem verschlossenen Raum merkwürdig
+geraschelt habe. Gerade wie wenn dort schwere alte Seide geglättet
+würde.
+
+Und Frau Klüth besaß in der Tat ein altes, schwarzes Seidenkleid, ein
+echtes, ehrwürdiges Lyoner Stück, das von oll Kusemann vor etwa dreißig
+Jahren, als er sich noch »Strom« nannte, direkt für die drei
+Lotsenfrauen nach Moorluke eingeschmuggelt war.
+
+Line kauerte in einer Ecke, biß mit ihren spitzen Zähnen in die Lippen
+und sann fieberhaft darüber nach, ob die Mutter dieses Heiligtum
+wirklich anlegen wolle.
+
+Ja, wenn jenes Prachtstück hervorgeholt wurde, dann stand Großes bevor.
+
+Auch Hann stand mitten in der Aufregung.
+
+In seinem zottigen, düffelblauen Sonntagsanzug hockte er am unteren Ende
+des Tisches und war starr vor Ehrfurcht über die ungewohnte Pracht
+dieser Zurüstungen.
+
+Das große Zimmer. Die feinen Ringelkreise des Sandes auf dem Fußboden.
+Am Fenster die beiden schwarzgekleideten Brüder, die leise miteinander
+verhandelten; in der Ecke Line mit dem wunderhübschen weißen Kleidchen
+und der rosa Schleife im Haar! -- Die Georginen, und draußen auf der
+Dorfstraße die vorüberwandelnden Fischer, die alle so seltsam nickten
+und lächelnd in die Fenster hineinsahen!
+
+Nein, das war alles so spannend -- so -- so --
+
+Dem Jungen saß etwas in der Kehle, das Herz schlug ihm stark vor
+Erwartung, und nicht ein einziges Mal wagte er es, zu Line
+hinüberzublicken.
+
+Seit sie seine Braut geworden, bedeutete sie für ihn direkt einen
+Gegenstand namenloser Furcht. Nach jenem Abend ging er ihr scheu aus dem
+Wege und erkühnte sich nicht mehr, das Dirnchen anzureden.
+
+ * * *
+
+Da fiel etwas Schwarzes in das sonnenbeschienene Fenster.
+
+Alle im Zimmer mußten wie auf Verabredung auf die helle Dorfstraße
+hinausblicken.
+
+Welch ein wunderliches Bild.
+
+Dort draußen auf dem weißen Sande ragte die lange Gestalt des
+Bootsmannes aus einem Menschenhaufen hervor, merkwürdig ungelenk
+anzusehen in seinem Bratenrock und dem wolligen Zylinder, aber heute
+noch steifer wie gewöhnlich, da er eine große Mappe mit aller Kraft an
+sich preßte, als wünsche er sich eines kostbaren Gutes beständig zu
+versichern.
+
+Da standen sie alle um ihn herum. Ein paar Zesnerfischer, ferner die
+beiden Lotsen, oll Kusemann in seinem schmucken, blauen Wams, und
+Friedrich Pagels mit dem verschnürten Bein, sodann Klaus Muchow, der
+stärkste Fischer von Moorluke mit einem blondlockigen Neptunshaupt, das
+stumm und taub zugleich war, ja selbst Malljohann, dessen Kartoffelkahn
+gerade wieder vor dem Lotsenhäuschen der Klüths ankerte, beteiligte sich
+von fern an dieser Ehrung. Tiefsinnig saß er auf seinem Kajütendach und
+spielte in Anbetracht der Feierlichkeit: »Deutschland, Deutschland über
+alles.«
+
+Und alle gratulierten dem Bootsmann.
+
+»Ich dank' euch auch,« sagte Siebenbrod stolz, »ich werd' nun mein
+Möglichstes tun.«
+
+»Ja,« stellte der wassersüchtige Lotse mit dem Schnürbein, der sich am
+besten auf Geschäfte verstand, fest, »das Haus is ja auch ganz nett. Das
+Dach muß ausgebessert werden.«
+
+»Ne, ne,« widersprach Siebenbrod mit einer gewissen
+Besitzerbehaglichkeit. »Vier Jören -- kein Spaß -- sparen, sparen.«
+
+»Ja,« mischte sich nun auch oll Kusemann listig ein und redete ganz
+laut, damit ihn sein Freund Hann in der Stube besser verstehen sollte,
+»Siebenbrod, kiek, da sind drei Kühe und zwei Schweine. Wenn man sich
+die ein paar Jahre vermehren läßt, sieh, dann kommt 'ne recht anständige
+lütte Viehzucht raus. Ich hatt' mal einen Vetter, der -- --«
+
+»Ne -- man ja nicht -- und der Rotlauf und die Klauenseuche,« wehrte der
+neue Besitzer ab und drückte das Zesnerfischerpatent in der Mappe
+zärtlicher an sich. »Sparen -- sparen.«
+
+»Na, dann auch so! -- Es is ja wirklich allens ganz nett,« fuhr der
+Lügenlotse, immer mit erhobener Stimme, bedächtig fort. »Und Mudding
+Klüth is ja auch noch ganz gut zu Weg. Man muß eben ein Auge zudrücken.
+Wenn sie sich mein schwarzes Seidenkleid aus Lyon anzieht, dann läßt sie
+sich noch ganz hübsch wonach.«
+
+»Ja, was sollt' sie nich,« murmelte Siebenbrod dagegen und blickte sich
+mißtrauisch im Kreise um, ob vielleicht einer Spaß mit ihm treiben
+wollte. »Frau Klüth is noch sehr bei Kraft.«
+
+»Deutsche Frauen -- deutsche Treue,« klang es von dem Kartoffelkahn.
+
+»Na, die Hauptsache bleibt aber doch das Haus und die Schweine,« schloß
+Friedrich Pagels bestimmt. »Dabei bleibt es.«
+
+»Ja -- ja, dagegen läßt sich nichts einwenden,« nickte Siebenbrod sehr
+vergnügt und drückte allen unter beifälligem Gemurmel die Hände.
+
+Dann trat er in das Klüthsche Familienhaus.
+
+ * * *
+
+Unter befangenem Schweigen hatte man an der festlichen Tafel gesessen.
+
+Alle scheuten sich, von ihren Tellern aufzusehen. Man hörte die
+herbstlich-matten Fliegen an der Decke summen und vernahm nur zuweilen
+das erzwungene »Hum -- Hum« des Bootsmannes, der sich bemerkbar machen
+wollte.
+
+Doch keiner redete.
+
+Es war, wie wenn sich die vier Kinder hinter dieses Schweigen wie hinter
+einen letzten Wall zurückzögen.
+
+Zuletzt konnte es Siebenbrod nicht mehr aushalten.
+
+»Hum -- Hum -- Frau Klüth,« begann er endlich, während er ratlos und
+eingeschüchtert neben der Frau in dem steifen seidenen Kleide hin und
+her rückte. »Ich glaub', nun wär' es Zeit mit dem Bier.«
+
+»Ja, dann können wir ja nun.«
+
+Rauschend erhob sie sich, rauschend kam sie zur Tür wieder herein und
+stellte einen großen, braunen Krug auf den Tisch.
+
+Dann ließ sie sich mit ihrem unbeweglichen Gesicht neben dem Bootsmann
+nieder, aufrecht wie ein Licht, das in den Leuchter gesteckt wird.
+
+»Frau Klüth -- ich werd' das selbst eingießen.«
+
+»Schön, Herr Siebenbrod.«
+
+Die Anreden steigerten sich in ihrer Feierlichkeit. Doch auch der
+Gerstensaft ließ keinen größeren Frohsinn aufkommen, immer wieder
+blickten acht Augen forschend und anklagend nach der Mitte der Tafel,
+als säße dort ein Paar, das einen ungeheuren Frevel verüben wollte. Bis
+endlich Siebenbrod dreimal energisch über seinen Kopf strich und sich
+halb verzweifelt zu der Witwe wandte: »Frau Klüth, nu muß ich es wohl
+tun?«
+
+Einen Augenblick Schweigen.
+
+Dann ein tiefes Aufatmen: »Ja, Herr Siebenbrod, nun bleibt wohl nichts
+mehr übrig.«
+
+»Na, denn --,« der Bootsmann gab sich einen gewaltigen Ruck, sperrte
+den Mund auf und blickte jedes der vier Kinder, Nachsicht heischend, an:
+»Na, denn also -- Paul, Bruno, Hann und Line -- ich hab' ihr nu.«
+
+»Was haben Sie?« fragte der Theologe langsam, während er seine finsteren
+Augen nicht von ihm wandte.
+
+»Das Zesnerpatent, Herr Paul.«
+
+Siebenbrod holte das Papier aus der Tasche und hielt es wie einen Schutz
+oder eine Erklärung vor sich in die Höhe.
+
+»Ja, aber was folgt daraus?« forschte der Student unbarmherzig weiter.
+
+Was daraus folgt? --
+
+Siebenbrod sah sich verwirrt im Kreise um, wischte sich die Nase und
+machte wieder den Mund auf. Ja, was sollte denn daraus anderes folgen,
+als was doch so klar war? -- Herr Gott -- Herr Gott -- solch ein
+studierter Mensch -- was für Umstände: »Je,« stotterte er, »daß ich hier
+nu alles übernehme.«
+
+»So? -- Das stand ja aber schon vorher fest. Dabei ist doch nichts
+Besonderes?«
+
+Als sich der Fischer derartig in die Enge getrieben sah, geriet er in
+Verzweiflung. Weit schob er die Füße von sich, legte eine Faust auf den
+Tisch und sagte in völliger Resignation: »Ja, das mag ja nun alles sein,
+wie es will -- aber wir sünd einig -- wir heiraten uns.«
+
+Und Frau Klüth blickte mit ihrem starren Gesicht jedes einzelne der
+Kinder an und setzte traurig hinzu: »Glaubt mir, es geht nicht anders.«
+
+Nach dieser Erklärung waltete neues, drückendes Schweigen. Als jedoch
+zwischen Mittagbrot und Kaffee der Bootsmann, froh, der schwülen Stille
+zu entfliehen, ein wenig an den Fluß und an Malljohanns Kahn
+geschlendert war, da sahen die andern Kinder, wie Paul mit der Mutter in
+einer Ecke saß, und hörten abgebrochene, geflüsterte Worte von dorther
+dringen: »Paul -- Pauling -- tu das nicht.«
+
+»Es ist besser so -- ich brauche dann von euch nichts mehr.«
+
+»Aber wie willst du das bloß anfangen?«
+
+»Privatstunden.« --
+
+»O Pauling -- ich geb's ja gern -- ich tu's doch bloß euretwegen.«
+
+»Ja -- ja, aber im Andenken an den Vater -- ich kann's nicht mit ansehn
+-- ich zieh -- morgen schon in die Stadt.«
+
+Dann umschlang die Mutter ihren Ältesten, und man konnte hören, wie der
+harte Junge von einem Schluchzen förmlich geschüttelt wurde. Bruno stand
+dabei abgewandt am Fenster und sah hinaus. Auch ihm war übel zumute.
+Aber er dachte mehr daran, was seine städtischen Bekannten, was vor
+allen Dingen wohl Konsul Hollander, der doch ein Gönner des alten Klüth
+gewesen, zu dieser plötzlichen Verlobung sagen würde. Die beiden
+Kleinen, Hann und Line, hingegen schlichen mit gesenkten Köpfen hinaus.
+
+ * * *
+
+In dem verwilderten, struppigen Garten, der wie alle Moorluker
+Anpflanzungen von dem häufigen Nordoststurm zerzaust und verwüstet
+aussah, machten die Kinder vor den traurigen, geknickten
+Sonnenblumenstauden halt.
+
+Das Gelb der Kelche hatte schon etwas Giftiges angenommen, und die
+mächtigen Blumenhäupter hingen so trostlos, so greisenhaft gebrechlich
+darnieder, als wüßten sie, daß der nächste Norder sie hohnlachend in den
+Fluß schleudern würde. Der ganze Fleck hatte etwas Unrastiges.
+
+Schräge, schlecht gezogene Beete, auf denen Rüben und Petersilie
+wuchsen, und hier und da ein verkrüppelter Apfelbaum, der im Kampf mit
+dem Winde bucklig geworden.
+
+In den Blättern raschelte ein unfreundlicher Zug, am Himmel fand ein
+höhnisches Spiel zwischen Sonne und grauen Wolken statt.
+
+ * * *
+
+Das Dirnchen hatte eine der Sonnenblumenstauden zu sich herniedergebeugt
+und zupfte nun ein Blatt der kranken Köpfe nach dem andern ab.
+
+Allmählich färbte sich ein gelber Teppich zu ihren Füßen, bis ihn der
+Wind wieder von dannen fegte.
+
+»Lining,« fing Hann an, der hinter ihr stand und in seiner Trauer seine
+Furcht vor ihr vergessen mochte, »siehst du, Niklas von oll Kusemann hat
+recht behalten. Nu is Vater abgesetzt -- und sie haben sich verlobt.«
+
+Nun hätte sie fragen müssen, welche Zweifel ihn eigentlich plagten.
+Indessen sie schwieg. Warum, wußte sie selbst nicht. Aus Eigensinn oder
+weil sie gewohnt war, mit ihrem treuen Begleiter, der überall hinter ihr
+hertrollte, nach Laune zu spielen.
+
+Sie schwieg und zupfte schneller.
+
+»Lining,« fuhr Hann eingeschüchtert fort und sah verlegen auf seine
+Stiefel hinunter: »Verloben? -- Das is doch eigentlich was sehr
+Feierliches.«
+
+Noch immer rührte sie sich nicht, und doch schielte sie ein wenig
+seitwärts nach ihm hin. Dem kecken, frühreifen Ding kam die Erinnerung,
+daß ihr treuer Gespiele sie neulich geküßt. -- Im Grunde war sie auch
+seine Braut. Sie spitzte die Lippen.
+
+Was er ihr wohl zu sagen hatte?
+
+»Lining,« stotterte der Junge, bei dem die ersten forschenden Gedanken
+durchaus nicht in dem groben Gehirn verharren wollten, die vielmehr aus
+ihrem Käfig ausbrachen wie eine Schar schreiender Gänse auf die
+Landstraße. »Lining, hinter dem Verloben muß doch noch was stecken, kuck
+-- wir« -- er wurde glühend rot -- »wir sind doch auch verlobt -- wie
+oll Kusemann sagte -- aber -- wir -- Lining, sei nicht bös -- wir mögen
+uns doch auch leiden --! Dietrich Siebenbrod aber und Mudding, die
+mögen sich doch nicht ausstehen und verloben sich doch. -- Daß so was
+erlaubt is?«
+
+Nachdenkend hielt er inne.
+
+Immer wandte sie ihm noch den Rücken. Langsam jedoch, mit einer unbewußt
+koketten Bewegung bog sie jetzt den Hals und blickte ihn mit ihren
+braunen Augen suchend und staunend an.
+
+Sie wartete. Er hatte gewiß noch etwas Wunderschönes zu sagen. Wie eine
+ganz feine, leise Musik begann es in dem herbstlichen Garten um sie
+herum aufzuklingen. Viel, viel später noch leuchtete diese Szene zu ihr
+herüber, wie ein farbenschimmernder, erwartungsvoller, verheißender
+Kindertraum.
+
+In dem frischen Winde flatterte die Schleife in ihren Haaren gleich
+einem rosigen Wimpel; die vollen roten Lippen bebten vor Frost und vor
+Neugierde.
+
+»Du magst mich gern leiden?« brachte sie hervor.
+
+»Ja,« entgegnete Hann erschreckt. »Das hab' ich gesagt.«
+
+»Ich mag dich auch gern leiden,« flüsterte Line und streckte ihm mit
+einer raschen Bewegung ihre runde, rosige Hand hin.
+
+Da verdarb ihm die Philosophie alles. Dieses verwünschte methodische
+Hinstarren auf die Gedankenkegelbahn, auf der er die ersten
+ungeschickten Würfe tat.
+
+»Der Amtsvorsteher nimmt Mutter und Siebenbrod am Ende gar nicht an,«
+gab er dem Gespräch eine andere Wendung, während er sich aus Furcht vor
+der ausgestreckten Hand beinahe zum Ausreißen wandte. »Wenn er erfährt,
+daß sie sich nicht gern haben, dann schickt er sie vielleicht nach
+Hause.«
+
+Noch immer wartete Line. -- Langsam sank das Händchen herunter, vor dem
+Hann bereits bis hinter den Apfelbaum zurückgewichen war.
+
+Ein plötzlicher Windstoß brauste durch die Zweige und warf harte Früchte
+herab.
+
+Da riß Line in aufflammendem Zorn eine riesige Sonnenblume, die hinter
+ihr herabhing, von ihrem Stengel und schleuderte sie dem Jungen mit
+aller Kraft ins Gesicht. Hart klatschte es gegen seine Haut.
+
+»Lining,« rief er bestürzt. »Was tust du?«
+
+In demselben Moment rollte eine Equipage die Dorfstraße entlang und
+hielt vor dem Klüthschen Hause.
+
+»Dummer Bengel,« rief das Mädchen.
+
+Dann lief sie mit flatternden Röcken auf das glänzende Gefährt zu.
+
+
+
+
+VII
+
+
+Der Konsul Hollander war ein griesgrämiger Herr.
+
+Wohl hatte er vier der schönsten Pferde im Stalle, doch pflegte er sie
+aus Trotz gegen sich und gegen seine Familienangehörigen selten zu
+benutzen. Jeder Luxus schien ihm etwas so Verabscheuungswürdiges, daß er
+sich von Zeit zu Zeit sogar seines schönen, lebenden Besitztums schämte.
+
+Mußte er notgedrungen, so wie heute, den Bitten seines Töchterchens
+Dina, die so gar nicht in das stille, vereinsamte Kaufmannshaus paßte,
+nachgeben, wurde die altväterliche und bequeme Equipage zu einer
+Spazierfahrt einmal angespannt, thronte der alte, steifleinene Johann in
+seiner verschossenen Livree wirklich einmal vorn auf dem Bock, dann
+konnte man sicher sein, daß der Konsul brummig auf seinem Hintersitz
+hockte, den Stock mit dem englischen Knopf fest gegen das Kinn gepreßt,
+um ununterbrochen leise Zeichen der Unzufriedenheit vor sich
+hinzumurmeln.
+
+Das klang ungefähr so: »Alle Krankheiten laufen sich die Tiere auf so
+einer verwünschten holprigen Chaussee. Diese ruckartige Bewegung ist dem
+Körper in hohem Grade unzuträglich. Überhaupt das ganze ein
+Frauenzimmervergnügen. Müssen sich zeigen -- und das alles in den
+wichtigsten Geschäftsstunden.«
+
+Und zu seiner Schwester, einer unverheirateten Dame, die wie ein
+gepudertes Bild aus der Rokokozeit breitröckig neben ihm thronte,
+pflegte er mit einer ironisch-höflichen Verbeugung und bittersüßem
+Lächeln hinzuzusetzen: »Habe ich dich getreten? Das tut mir leid, aber
+in diesem Kasten kann ich mir nicht anders helfen.«
+
+Derartige Reden waren aber so bekannt, daß die beiden Damen sich nicht
+sonderlich darum kümmerten. Die Tante erklärte vielmehr ihrer Nichte
+Dina, die erst kürzlich aus der Schweizer Pension zurückgekehrt war, mit
+gutmütiger Regelmäßigkeit alle irgendwie hervortretenden
+landschaftlichen Schönheiten, ohne sich dadurch irgendwie stören zu
+lassen, daß sie dies bei ihren Ausfahrten jedesmal zu befolgen pflegte.
+Und das elegante Fräulein, das so blond, modern und vornehm aussah,
+nickte stets dazu und erwiderte immer: »Danke, danke.«
+
+ * * *
+
+Als der Konsul in die Nähe des Klüthschen Familienhauses gelangt war,
+versetzte er plötzlich dem alten Johann mit dem Stock einen leichten
+Schlag auf den Rücken.
+
+»Anhalten!«
+
+Richtig -- hier hatte er ja etwas abzuwickeln.
+
+An den alten Klüth, der einmal Schiffszimmermann auf seiner Werft
+gewesen, hatte ihn noch etwas Persönliches gebunden.
+
+Nun sollte ja eine neue Generation, eine feinere, kultiviertere mit ihm
+in Verbindung treten.
+
+Diese mußte er sich erst einmal genau besehen.
+
+Wer weiß, was da wieder dahintersteckte. Er hielt es nicht sehr mit der
+neuen Zeit.
+
+ * * *
+
+Die beiden Damen saßen auf zwei Stühlen, welche die kleine Frau Klüth
+mit unheimlichem Eifer und ohne daß es notwendig gewesen wäre, gereinigt
+hatte. Der Konsul dagegen stand mitten in der Stube, den Stock wie immer
+gegen das glattrasierte Kinn gepreßt und sah mit seinen grauen Augen,
+die so groß unter den weißen Brauen hervorblickten, auf Bruno herab, der
+schweigend und doch unsicher vor seinem zukünftigen Chef verharrte.
+
+An den Wänden ringsherum befanden sich die übrigen Familienmitglieder.
+Alle hielten den Atem an, als könnten sie den mächtigen Handelsherrn
+irgendwie beleidigen, während Siebenbrod von Zeit zu Zeit langsam an
+seiner eigenen Hose herabfuhr, um jede Bemerkung des Konsuls dann mit
+einem beistimmenden: »Jawoll, jawoll -- so 's recht, Herr Konsul« zu
+begleiten.
+
+Eingehend erkundigte sich Hollander nach Brunos Vorbildung und
+Kenntnissen, und merkwürdig, bei jeder neuen Wissensposition, die sein
+künftiger Lehrling zu besitzen behauptete, entfuhr dem Kaufmann stets
+ein zweifelhaftes »Na, na!«
+
+»Englisch?«
+
+»In meinem Zeugnis steht gut!«
+
+»Na, na!« grunzte Hollander, und nachdem er sich noch die Handschrift
+seines Schülers betrachtet und ebenfalls verdächtig mit dem Kopf
+geschüttelt hatte, sagte er hart und abweisend, als wenn er dem
+Neuaufzunehmenden in der Tat nicht viel Vertrauen entgegenbrächte: »Das
+mag alles recht schön und gut sein. Aber die Hauptsache liegt ganz
+woanders. -- Wissen Sie, wo?«
+
+»Nein,« entgegnete Bruno nach einigem Besinnen offenherzig.
+
+»In der Treue und Ehrlichkeit liegt sie,« knurrte Hollander.
+
+»O Herr Konsul,« erlaubte sich bei dieser Stelle die kleine Frau Klüth
+anzufügen, »so was ist doch wohl selbstverständlich!«
+
+»Na, na -- wollen sehen, ich meine auch eine Ehrlichkeit, wie sie jetzt
+in Geschäften selten geworden, so eine Treue im großen. Und nun, lieber
+junger Mann, müssen Sie sich vor allen Dingen nicht überspannten Ideen
+darüber hingeben, was Geschäft heißt. Ich hab' da mal so ein Buch
+gelesen von einem Gustav Freytag -->Soll und Haben< --. Sehr schön.
+Wenn Sie so was erwarten, dann können Sie gleich zu Hause bleiben.
+Kaufmann ist der Stand der Demut, wer nicht bescheiden ist, bringt's da
+sicher zu nichts. Und nun sagen Sie mal, mein junger Freund, was glauben
+Sie denn nun, werden Sie zuerst bei mir zu besorgen haben?«
+
+Bruno kämpfte das niederdrückende Gefühl tapfer nieder und versicherte,
+er denke, man werde ihm vielleicht zu Anfang eines der untergeordneten
+Bücher zur Führung übergeben.
+
+»So, so?« lachte Hollander kurz und stieß sich mit dem Knopf gegen das
+Kinn. »Untergeordnete Bücher? Sehr hübsch! Untergeordnete Bücher, das
+ist ein guter Anfang. In einem anständigen Betrieb gibt es überhaupt
+keine untergeordneten Bücher. Aber damit Sie es gleich wissen, mein
+liebes Jünging, Sie fangen eben so an, wie ich auch begonnen habe. Also
+zuerst schließen Sie früh morgens sieben Uhr hübsch die Kontore auf,
+dann fegen Sie die Dielen auf. -- Sollte Ihnen das nicht passen, dann
+wollen wir gar nicht erst beginnen. Dann wischen Sie Staub ab. Den
+Papierschrank in Ordnung halten und kopieren lernen, das ist schon die
+nächste Stufe, und so geht es weiter. Immer in Bescheidenheit, so fängt
+der Deutsche an. Das Feine, so mit englischer Tischzeit und so weiter
+wollen wir den Herren in London überlassen. Haben Sie sich alles so
+vorgestellt?«
+
+Bruno machte eine Verbeugung und versicherte mit Herzklopfen, daß er
+sich große Mühe geben würde.
+
+»Schön,« meinte Hollander, »wollen sehen. Wohnen und essen werden Sie
+zunächst bei mir, und morgen früh schicke ich meinen Wagen heraus, damit
+er Sie und Ihre Sachen abholt! Gut -- abgemacht!«
+
+Er streckte ihm die Hand hin, drückte sie gewichtig und ging dann fest
+auf Frau Klüth zu.
+
+»Haben Unglück gehabt,« sagte er, »braver Mensch gewesen, Ihr Mann, hat
+mir lange Jahre, als ich selbst noch nichts war, treu gedient. -- Na,
+wollen sehen, kann dafür vielleicht aus Ihrem Jungen was machen. Komm,
+Dina!«
+
+Die beiden Damen verabschiedeten sich, indem sie jedem der Anwesenden
+die Hand reichten.
+
+Als Dina die Finger der kleinen Line in den ihren hielt, wandte sie sich
+erfreut zu der Rokokotante und flüsterte »Wie hübsch!«
+
+Dann verbeugten sie sich und bestiegen wiederum die Equipage, deren
+Schlag von Siebenbrod aufmerksam und ehrfurchtsvoll gehalten wurde.
+
+»Nach Hause,« befahl Hollander, nachdem er sich wieder auf seinem Platz
+befand. Und als er Brunos unter den Fenstern noch einmal ansichtig
+wurde, blickte er ihn nochmals prüfend an und murmelte: »Na also --
+wollen sehen!«
+
+
+
+
+VIII
+
+
+Mächtig verhaltene Aufregung war über die Familie gekommen. Kaum hatte
+der Konsul das Haus verlassen, da begab sich die Mutter auf die
+Bodenräume und begann klopfenden Herzens Brunos Sachen in einen Koffer
+zu verpacken.
+
+Siebenbrod half ihr dabei; er wollte auch etwas Väterliches leisten.
+
+Inzwischen hatte sich der Wind gelegt. Warme Abendsonne lag über dem
+Dörfchen, und überall waltete eine Frische, die alles Ferne nah und klar
+erscheinen ließ.
+
+Da litt es den aufgeregten Bruno nicht länger in der weiten, niedrigen
+Stube, eine Furcht war über ihn gekommen, die er sich selbst nicht
+erklären konnte. -- Wenn nur die Rede des Konsuls über seine neuen
+Pflichten nicht gewesen wäre!
+
+Eine merkwürdige Ahnung der Zukunft beschlich ihn. Er fühlte, etwas
+Unfertiges, Halbes war in ihm, er war zu wenig gerüstet, der Welt, die
+er nun bezwingen sollte, entgegenzutreten.
+
+Unbestimmte, ferne Dämmerungen taten sich vor ihm auf. Und immer wieder
+plagte ihn der phantastische Eindruck, als höre er drinnen aus der
+Stadt, von der er nur die Türme ragen sah, Tanzmusik, Goldklingen und
+Mädchenlachen. Das war gräßlich. Aber er vernahm es immerfort. Halb
+verzweifelt bedeckte er sich mit dem modischen Hut, der auch bereits in
+der Stadt gekauft war, und lief hinaus.
+
+Ah, hier war doch Bläue, Frische, Abendsonnenschein.
+
+Was kümmerte es ihn, daß auch die beiden Kleinen, Line und Hann, mit ihm
+zugleich aus der Tür traten? Als sie ihm nachriefen, rannte er nur umso
+schneller dahin.
+
+Nein, nein, er mußte erst mit diesen törichten und doch quälenden
+Dingen, die er nur aus unreifen Büchern aufgelesen haben konnte, fertig
+werden.
+
+»Bruno -- nimm uns mit!«
+
+Er hörte nicht.
+
+So schlichen denn die beiden dem Voraufgegangenen nach, immer nach ihm
+ausspähend, doch beide von dem einen Ehrgeiz besessen, mit dem
+erwachsenen Bruder diesen letzten Abend noch gemeinsam verbringen zu
+dürfen.
+
+Gegenüber von der gemütlichen Krugwirtschaft, aus der gerade Gesang von
+Studenten schallte, überschritt Bruno eine baufällige Brücke, die in das
+Nachbardorf hinüberleitete.
+
+Und immer auf die fernen Türme der alten Hansestadt starrend, die im
+Abendflimmer wuchsen und sich verbreiterten, schritt er weiter. So war
+er in den uralten Wald gelangt, in jenen dunklen Götterhain, der seit
+grauen Zeiten ein Wahrzeichen der Gegend bildet.
+
+Unter riesigen Eichen ragten hier Ruinen und zerstörte Kreuzgänge eines
+alten Zisterzienserklosters auf, und da hatte auch Bruno seinen
+Lieblingsplatz. Aus roter, zertrümmerter Mauer brach in halber
+Manneshöhe eine mächtige, verwitterte Grabplatte hervor. Gott allein
+wußte, welch weltfremder Abt hier bestattet liegen mochte. Die
+Schriftzüge der Tafel waren lange verwischt; nur unten sprang in groben
+Buchstaben ein Wort hervor: »Mors.«
+
+Dort ließ sich der Sekundaner nieder. Eine Weile blieb er allein, dann
+hallten Tritte durch den Wald.
+
+Verwundert merkte er, daß die beiden Kinder mit ihm waren.
+
+»Was wollt ihr?« fragte er gezwungen lächelnd, denn hart und verletzend
+wie sein älterer Bruder konnte Bruno sich niemals geben.
+
+Treuherzig antwortete Hann: »Bei dir bleiben!«
+
+Da ließ er sie beide neben sich auf den steinernen Sitz. Und stumm und
+ohne sich viel zu rühren saßen die drei nun nebeneinander.
+
+Durch die dunklen Bäume schimmerte das Blau der See, durchschnitten von
+ungeheuren, blutroten Brücken, die die scheidende Sonne über die Fläche
+gezogen hatte. Und über diese Stege sahen die Geschwister tausend und
+aber tausend bunter, perlender Kugeln auf sich zu rollen.
+
+Ein stiller -- klarer -- deutscher Abend!
+
+Über ihnen, in einem der zerstoßenen Fenster des Klosters nistete eine
+Meisenfamilie. Die schwirrten in scharfem unhörbarem Flug den langen
+Hauptgang herunter, verschwanden im Dunkel des Laubes und kehrten
+sausend zurück.
+
+Aus dem Binsensumpf kurz vor der See drang ein Surren und Summen. Sonst
+schwieg alles, wie die drei auf dem Stein.
+
+Auch der Wald regte sich nicht. Er sann und träumte wie sie.
+
+ * * *
+
+Aber einer war unter ihnen, der war bereits dazu bestimmt, einem Beruf
+anzugehören, der ihn immer wieder hart und rauh aus solch goldenen,
+undurchdringlichen Jugendträumen herausriß.
+
+Von der Seite, wo das zerstörte Bauwerk mit dem Dominium zusammenstößt,
+drängte sich durch die Eichengebüsche eine große, vierschrötige Gestalt.
+
+»Hann!« schimpfte Siebenbrod, der sich mühsam auf die Spur der Kinder
+gefunden hatte und nun entrüstet war, mindestens eine Stunde Zeit zu
+verlieren.
+
+»Jung! Was ist nun wieder? Was sitzst du hier und kuckst in die Luft?
+Weißt du nicht, daß wir raussegeln müssen? Bist ja ganz dumm, Bengel.
+Steh auf, hier ist es nicht hübsch.«
+
+Damit packte er ihn bei der Hand, und ohne daß er die beiden anderen
+eines Blickes gewürdigt oder zugelassen hätte, daß Hann sich auch nur
+verabschiede, zog er seinen Schutzbefohlenen mit sich fort.
+
+In dem dämmrigen Kreuzgang wurde es wieder ruhig. Dann bemerkten die
+beiden Zurückbleibenden, wie ein einzelnes Boot sich von der Mündung
+löste und mehr und mehr die See gewann.
+
+Die braunen Segel blähten sich, undeutlich gewahrten sie hinten am
+Steuer einen plumpen Kopf, der nach dem Hain und den roten Ruinen
+sehnsuchtsvoll zurückzuspähen schien.
+
+Dann wurde der braune Punkt winziger und verging.
+
+
+
+
+IX
+
+
+In dem Walde wurde es neblig. Line fröstelte. Sie saß noch immer in dem
+weißen Kleidchen, von dem die rosige Schleife in Hanns Augen so
+wundervoll abgestochen hatte.
+
+»Ob er nun nicht bald nach Hause geht?« dachte das Mädchen, für das der
+neue Lehrling mit seiner geschmeidigen Figur und den immer gut und
+städtisch sitzenden Anzügen von jeher einen vornehmen Herrn bedeutet
+hatte. Unwillkürlich legte sie dabei ihre Hand auf seine Finger.
+
+Die fröstelnde Haut brachte den Nachdenklichen zu sich.
+
+»Was willst du eigentlich hier, Kleine?« fragte er freundlich, während
+er ihr leicht über die Haare strich.
+
+Er sah sie an.
+
+Das Verhältnis zu der niedlichen Pflegeschwester war immer nur das eines
+erwachsenen Jungen gegen ein unbedeutendes spielendes Ding gewesen.
+
+»O nichts,« versetzte sie ein bißchen schnippisch, »kümmere dich nicht
+um mich.«
+
+Dabei führte sie den Finger an die Lippen und ließ sie leicht
+gegeneinanderschnellen.
+
+Das sah liebenswürdig und trotzig zugleich aus. Bruno gefiel das so
+sehr, daß er plötzlich hell auflachte und die Kleine bat, dieses Spiel
+noch einmal zu wiederholen.
+
+Sie jedoch schüttelte verwundert das Haupt. »Wozu?« versetzte sie
+gekränkt. »Ich bin kein Kind mehr. Das mußt du nicht glauben.«
+
+»So? -- Ach was? -- Sag mal, wie alt bist denn eigentlich?«
+
+»Das weißt du nicht?«
+
+Ihre Stimme nahm einen immer verletzteren Klang an, doch den Lehrling
+schien dies nur in seiner heiteren Laune zu bestärken.
+
+»Das weißt du nicht?« wiederholte sie heftig, während sie auf der
+Steinplatte herumkratzte.
+
+»Nein, nimm's nicht übel, Kleine, ich hab' nicht so genau aufgepaßt.«
+
+»Schön, dann will ich dir's sagen. -- Ich bin tausend Jahre alt,«
+platzte Line heraus und stieß ihn mit der kleinen Faust zornig vor die
+Brust. »So, nun weißt du's.«
+
+Ihr Körper krümmte sich dabei zusammen wie der einer geschmeidigen
+Katze, mit einem Satz war sie von der Platte herunter.
+
+»Ich geh nun nach Haus!«
+
+»Dummes Zeug!« rief Bruno verblüfft. »Wozu? -- Was soll das?«
+
+Dennoch mußte er hinter ihr herrennen.
+
+Sie wirbelte wie ein weißer Schatten durch den Klostergang.
+
+Die Blätter raschelten zu ihren Füßen.
+
+»Line -- Donnerwetter -- steh doch.«
+
+Da war sie verschwunden.
+
+Wohin?
+
+Eingesunken, von der Erde verschluckt. Eine Sage ging, daß oft
+Namenlose, von denen keine Pergamente melden, ehemals bei den Mönchen so
+verschollen seien. Verwirrt blickte Bruno nach allen Seiten.
+
+»Line,« lockte er nochmals.
+
+Kein Laut!
+
+Nur die Eichenkronen schüttelten sich und an dem bröckligen Mauerwerk
+lachte die Abendröte.
+
+Ein Eichhörnchen hockte in einer Fensternische und zog ihm eine Nase.
+
+Unvermittelt erhielt er im Rücken einen Stoß, so daß er vorwärts
+taumelte. Eine Baumwurzel krümmte sich vor seinen Füßen. Die ließ ihn
+stolpern.
+
+Er kniete jetzt.
+
+»So wird's gemacht,« klang hinter ihm Lines schadenfrohe Stimme, »du
+bist doch nicht klug genug.«
+
+»Teufel nochmal, Ding; woher kommst du?«
+
+»I, ich wollte dir bloß zeigen, daß ich auch manches kann, was du nicht
+weißt.«
+
+Sie weidete sich einen Moment an dem Knienden und zeigte ihre weißen
+Zähne.
+
+Plötzlich schrie sie auf.
+
+Der Sekundaner war auf die Füße geschnellt und preßte mit einem festen
+Griff ihre Hände in den seinen.
+
+»So,« forderte er atemholend, »nun bitt' ab.«
+
+»Nein,« widersprach Line.
+
+»Kleine, sei artig,« ermahnte der Lehrling. »Solche Wildheit muß dir
+abgewöhnt werden. Immer friedlich, Wurm.«
+
+Allein sie sträubte sich, und er gab sie nicht frei. Bei dem Winden und
+Drehen stieg ihr das Blut in die Wangen, der geschmeidige Körper bog
+sich wie eine schlanke Gerte. Eine kurze Zeit, dann verließ sie die
+Kraft, und allmählich drängten sich ihr ein paar große Tropfen in die
+Augen.
+
+»Tu ich dir weh?« forschte Bruno gespannt.
+
+Line verbiß den Schmerz.
+
+Er aber zog hastig seine Hände von ihr zurück und gab sie frei.
+
+Merkwürdig -- jetzt hätte sie entwischen können. Doch sie blieb und ging
+von jetzt an ruhig neben ihm her.
+
+So waren sie bis an die niedrige, verfallene Feldsteinmauer gelangt,
+welche die Ruinen der Landstraße abschließt.
+
+In der Abendsonne wand sich hier die Chaussee wie eine goldene Schlange
+vorbei, zur Seite schob der Wald seine dunklen Massen weiter ins Land
+hinein, und ganz hinten aus den nebligen Äckern, umquollen von den sich
+hebenden Abenddünsten, rollte unter undeutlichem Läuten die Sekundärbahn
+heran.
+
+Bruno blieb stehen. Ihm kam der Gedanke, daß er das alles heute für
+lange Zeit zum letztenmal sehen würde.
+
+Leise vor sich hinsummend, ließ er sich auf dem Mauerwerk nieder und
+starrte in die weite, nebeldampfende Ebene hinein. So merkte er erst
+nach einer Weile, wie das Mädchen unschlüssig neben ihm verharrte, weil
+sie sich scheuen mochte, in ihrem weißen Festkleid ebenfalls auf der
+schmutzigen Mauer Platz zu nehmen. Da zog er sie einfach an sich.
+
+»Komm!«
+
+Und ohne viel Umstände, kindlich und natürlich setzte sie sich ihm auf
+die Knie. Er schlug seinen Arm um sie, und sie rückte sich zurecht.
+
+Nach geraumer Zeit erst äußerte der Sekundaner: »Das ist hübsch.«
+
+Und Line nickte ernsthaft dazu und sagte: »Ja, das ist es.«
+
+Dazu lag still und warm und rot die scheidende Abendsonne auf ihnen und
+aus den herbstlichen Bäumen raschelten braune Blätter auf ihre Häupter.
+
+Da wandte sich Line nach ihm zurück. Als sie ihn ansah, bemerkte sie mit
+Erstaunen, daß in dem hübschen braunen Gesicht des Pflegebruders ein
+dunkles Schnurrbärtchen auf der Oberlippe zu sprossen begann. Das war
+ihr neu. Und aus ihren Augen und aus dem sich langsam öffnenden Munde
+sprach so viel Bewunderung, daß Bruno, der wohl fühlte, daß etwas
+Schmeichelhaftes für ihn darin lag, das kleine Ding plötzlich lachend
+und doch mit Hast an sich riß.
+
+Sie sträubte sich gar nicht.
+
+Ganz eng schmiegte sie sich an ihn, ja, sie verkroch sich geradezu an
+seiner Brust, so daß er deutlich empfand, wie weich und fest zugleich
+ihre Glieder sich fügten.
+
+Eine schülerhafte, scheue Begierde stieg in ihm auf, auch ihren Mund zu
+berühren. Die roten Lippen leuchteten ihm so dicht!
+
+Aber nein -- nein, das wagte er nicht.
+
+Es war überhaupt das erste Mal, daß er so kosend nah sich einem Mädchen
+fand. Und nun noch gerade diese! --
+
+Nein!
+
+Er schämte sich, fürchtete sich und lächelte doch ein wenig unwillig
+über sich selbst.
+
+Ein merkwürdiger, angenehmer Schauer begann ihn dabei zu überrieseln.
+Und sie wand sich immer wohliger in seinem Arm. Noch war ihr unklar,
+warum, doch immer tiefer nistete sie sich bei ihm ein, blinzelte
+verstohlen zu dem Schnurrbärtchen empor und spann vor Freude, wie eine
+kleine Katze vor dem Schlummern.
+
+Wieder wiegten sich beide einen fröhlichen Moment. -- Dann surrte die
+Sekundärbahn mit ihren drei schwarzen kreischenden Waggons heran, und
+ein schriller, durchdringender Pfiff weckte beide auf.
+
+Sie sahen sich an.
+
+Dann mußten sie lachen. Keiner wußte den Grund.
+
+Es war das Lachen zweier blutjunger Menschen, die sich entdeckt haben.
+
+Aber sie wußten es nicht.
+
+ * * *
+
+Langsam schlich der Abend über die Landstraße. Rechts und links fing er
+in seinem schwarzen Sack die letzten Sonnenstrahlen, die wie goldene
+Mäuschen über den Weg huschten.
+
+Überall stiegen Schatten an Mauern und Bäumen empor und griffen nach der
+Röte, die dort noch ruhte.
+
+Die Sekundärbahn, die am Fluß entlang auf die Stadt zustrebte, fuhr wie
+in einen dunklen Tunnel hinein. -- Nur ihre roten Augen, die sie auf dem
+Rücken besaß, glimmten noch eine Weile nach dem einsamen Paar zurück.
+
+Da wand sich Line von Brunos Knien herab und streckte den Arm nach den
+roten, blinzelnden Augen aus. »Morgen abend bist du auch da drin,«
+begann sie beinah anklagend.
+
+»Ja, morgen abend schlafe ich schon in der Stadt,« entgegnete er rasch.
+
+Hastig atmete er dabei auf.
+
+»Was wirst du in der Stadt anfangen?« fragte sie weiter.
+
+Er sah sich um, ob ihn auch niemand höre. Dann schlüpfte ganz heimlich
+das Unterste, Verborgenste aus ihm heraus.
+
+Der Traum, der tief in der Seele im verschlossenen Kämmerchen auf
+weichem Bette geschlummert, der stieg scheu und schämig auf die Erde.
+
+»Reich will ich werden, Line.«
+
+»Reich?«
+
+»Sehr reich. Unermeßlich reich.«
+
+»Wozu willst du das?«
+
+Mit einem Ruck hatte er sie wieder an sich gezogen. Doch sie setzte sich
+ihm nicht mehr aufs Knie. Stehend, von seinem zitternden Arm
+umschlungen, während ihr Ohr fast seinen Mund berührte, hörte sie alles
+mit an, sog es in sich ein, was er ihr nun mit fiebernder Hast, mit
+ausbrechender, üppiger Knabenphantasie vormalte.
+
+Ein eigentümliches Beben ging durch seine flüsternde Stimme.
+
+Ja, das mußte jahrelang in ihm geschafft und gewirkt haben. -- Was
+vernahm sie nicht alles? -- Das Gold, das sei der Schlüssel zu aller
+Macht und Herrlichkeit. Diese blitzenden Goldstücke hingen wie Sterne
+über jedem irdischen Menschenhimmel. Manchmal regne es von dort oben in
+weiten Strömen. Dann wüchsen aus dem getroffenen Acker Schlösser,
+Paläste, Gärten mit seltenen Blumen, Kleider, Livreen, schnelle Pferde
+und die seltensten Braten hervor. Freilich, nur ein paar Auserwählte
+seien es, die das Geheimnis ergründet hätten. Hollander gehöre dazu. Der
+hätte es. Und von dem alten Manne müßte er es auch erlernen. Sonst käme
+er nicht wieder, ganz gewiß nicht, sonst stürze er sich irgendwo in die
+See, wenn er das nicht erreiche. Denn sonst lohne es nicht, zu leben. --
+Aber er würde es erreichen, jede Nacht beinah hätte er ja davon
+geträumt, ja manchmal hätte er ganz deutlich gehört, wie es vor seinem
+Bette seltsam geklungen und geklappert hätte.
+
+Ganz deutlich.
+
+»Klipp -- klapp.«
+
+»Das ist fein,« flüsterte Line, der es wie Feuer durch die Adern
+brannte.
+
+Die schönen Kleider und die Schlösser hatten es ihr angetan.
+
+»Ja, aber es ist schwer,« murmelte er bekümmert.
+
+Nun tastete langsam der Mond über die Baumkronen herauf.
+
+»Und wenn du dann reich bist?« forschte sie mit verhaltenem Atem weiter,
+»dann --?«
+
+»Ja, dann -- --«
+
+Ganz berauscht, toll von dem Klang der eingebildeten Schätze preßte er
+die Stehende an sich, bis er die Schläge ihres erregten Herzens hämmern
+hörte. Seine Knabenaugen leuchteten in den ersten Mondesstrahlen gleich
+einem Paar prachtvoller Edelsteine.
+
+»Kann ich auch reich werden?« forschte sie plötzlich mit aufwachender
+Gier.
+
+»Du?«
+
+Er lächelte.
+
+»Warum lachst du? Warum schüttelst du den Kopf?«
+
+»Du nicht.«
+
+Da riß sie ihre Hand ungestüm von ihm zurück. Ihr Mund zuckte. »Warum
+nicht?« rief sie verzweiflungsvoll.
+
+»Weil du nicht genug gelernt hast,« erklärte er begütigend und erhob
+sich, um sie mit fortzuziehen. »Aber, das schadet ja auch nicht,
+Liebling. Wenn man so hübsch ist wie du. -- Komm.«
+
+Halb im Taumel ließ sie sich von ihm leiten. Alles summte in der
+aufwachenden Seele durcheinander, die Liebesworte und der Goldklang. Und
+immer wieder, fast bettelnd, suchte sie den Großen davon zu überzeugen,
+wie sie am Ende doch nicht so wenig gelernt hätte. Dabei ergab sich, daß
+sie die unregelmäßige Dorfschule monatelang überhaupt nicht gesehen, ja,
+wie dies dem alten verbummelten Lehrer Toll nicht einmal als etwas
+Besonderes aufgefallen wäre.
+
+Spitzbübisch wollte sie die Lippen bei dem losen Streiche spitzen. Doch
+ganz ohne Übergang fuhr sie zusammen und begann laut vor sich
+hinzuschluchzen.
+
+»Herrgott, Lining, was weinst du?«
+
+»O nichts!«
+
+Damit schüttelte sie sich die Tränen ab und warf ihr Köpfchen kräftig in
+den Nacken.
+
+»Ich kann nicht reich werden, ich hab' nicht genug gelernt,« ging es
+durch ihre Gedanken. Und dann blickte sie wieder mit heimlichem Neid auf
+ihren Gefährten, der nun bald in diesen goldenen Gärten spazierengehen
+würde.
+
+Plötzlich griff sie in der Dunkelheit heftig nach seiner Hand, und
+beinahe zornig stürzte es aus ihr heraus: »Sag' mal, kommst du nun bei
+Hollander auch mit lauter solchen Menschen zusammen, die was gelernt
+haben?«
+
+Das bejahte er. Lachend über ihre kindliche Wut, und geschmeichelt, daß
+sie ihn augenscheinlich gleich einem höheren Wesen verehre.
+
+Nun standen sie vor der Brücke. Unten gurgelte und sang der Fluß, vom
+jenseitigen Ufer blinkten die erleuchteten Fenster der Krugwirtschaft
+herüber. Und da! -- Was war das?
+
+Grobe Tanzmusik drang über das Wasser, hinter den angelaufenen
+Fensterscheiben huschten blasse Schatten vorbei!
+
+Kling -- kling -- plump -- plump -- trala!
+
+Line griff nach dem Geländer der Brücke und wurzelte an. Ihre Augen
+saugten sich an den kleinen, leuchtenden Fenstern, die so wunderliche
+Lichtstrahlen in die Finsternis hinaussandten, förmlich fest; ihre Zähne
+biß sie scharf zusammen.
+
+»Nicht doch! -- Was soll das? -- Komm, Kleine.«
+
+»Bruno?«
+
+»Ja.«
+
+»Sieh da, bei Gastwirt Krügern da tanzen jetzt die Studenten mit den
+Fischerfrauen und den Mädchen.«
+
+Auch er warf einen verlangenden Blick hinüber und streckte dann die Hand
+nach ihr aus.
+
+»Ja, ja -- aber was soll das? -- Du mußt nach Haus.«
+
+»Du, da drüben möcht' ich auch hin.«
+
+»Da drüben?« Er hielt sie fest. »Hör', -- da gehören keine Kinder hin.«
+
+»Ich bin kein Kind mehr. Das sollst du sehen.«
+
+Mit einer schlangenhaften Wendung wischte sie ihm unter der Hand fort.
+
+»Jetzt lauf ich rüber.«
+
+Er geriet in Angst.
+
+»Lining -- bedenk doch -- wir haben ja Trauer.«
+
+»Oh, bei so einer, die nichts gelernt hat, schadet das nichts. Nein,
+nein, da schadet das gar nichts. Ich will bloß zusehen.«
+
+»Um Gottes willen, bitte, tu das nicht -- mir zuliebe! Ja?«
+
+Seine Stimme zitterte so flehentlich, daß sie stehen blieb und zögerte.
+Über die hohen Schwebebalken der Brücke glitt der Mond, so daß sich
+beide genau betrachten konnten. Da öffnete sich drüben in der Schenke
+eine Tür. Ein Strom von Musik und Gelächter schoß heraus.
+
+Kling, kling, plump, plump, trala!
+
+Das entschied.
+
+Line zitterte vom Kopf bis zu den Füßen. »Bloß zusehen,« rief sie noch
+einmal mit geschnürter Stimme, »du kannst auf mich warten!«
+
+Im nächsten Moment flog sie über die Brücke, und wie von unsichtbarer
+Hand zurückgehalten starrte ihr Bruno nach. Seine scharfen Augen
+verfolgten die Fliehende, bis sie gleich einem weißen Pfeil durch den
+Wirtshausgarten schoß. Dann griff er sich an die Stirn und sah sich um.
+Rechts von ihm ruhte die unendliche, finstere Masse des Meeres, links
+glitzerte im Mondenlicht der silberne Fluß, und weiterhin zuckte am
+Himmel ein breiter leuchtender Schein. Unter diesem lag in der Ferne die
+Stadt, in der er morgen schon wohnen und wirken sollte.
+
+»Line!« rief er laut und ängstlich in unerklärlicher, aufsteigender
+Bangigkeit.
+
+Aber nichts antwortete ihm.
+
+Nur zwischen den nahen, glitzernden Fenstern glaubte er den weißen
+Schatten des Mädchens in das Innere des Hauses schlüpfen zu sehen.
+
+Da brach auch bei ihm unvermittelt alle Überlegung zusammen. Die Trauer
+und den finsteren Ernst des Lebens, der dahinten lag und auf ihn
+lauerte, alles vergaß er. Er wollte nur die Kleine holen -- nur sie
+überwachen, das unerfahrene Ding, das so hübsch auf seinen Knien
+gesessen. Noch fühlte er die heimliche Wärme. »Ja, nur sie holen.«
+
+Ein paar leichte Sprünge.
+
+Er war bereits jenseits der Brücke. Ganz nahe drang durch geschlossene
+Türen die Musik -- hinter ihm versank still und schweigend die Stadt, in
+der er morgen einziehen und leben sollte.
+
+Er sprang in den Saal.
+
+Und draußen tauchte alles wieder in nächtliche Versunkenheit; die Ufer
+und die Landstraße und die raschelnden Binsen am Moor. -- Nur unten, wo
+der Strom um die Brücke gurgelte, da sah Malljohann, der zur selben Zeit
+nachdenklich auf dem Dach seiner Kajüte hockte und zu dem Mond
+hinaufmurmelte, wie sich vorsichtig ein winziges Männchen aus dem Wasser
+hob, und wie es in die Hände klatschte und in ein scharfes Kichern
+ausbrach.
+
+Das war nichts Menschliches.
+
+Und Malljohann wußte recht gut, so lachte nur der Klabautermann, den ja
+Line für ihren Vater ausgab, und der sich nun über sein flinkes Dirnlein
+freute.
+
+
+
+
+X
+
+
+Der Mond tanzte auf den Wassern.
+
+Durch den schwarzen, glatten Spiegel streckte er überall sein feuchtes
+Gesicht hindurch, zwinkerte mit den Augen und spie goldene Funken nach
+Hann.
+
+Es war gerade um die Zeit, als Line mit feurigen Wangen das erste Mal
+durch den Saal schlich.
+
+Siebenbrod war eingeschlafen, er schnarchte. Kein Lüftchen regte sich;
+mitten auf der toten Fläche stand das Boot unverrückbar still.
+
+Die großen Stellnetze waren bereits eingezogen, ein paar andere hatten
+sie ausgelegt; mitten in dem Boot schillerte fast fußhoch ein dicker
+Haufe zappelnder Heringe.
+
+Die zuckten und sprangen und leuchteten einen fahlen, blauweißen Glanz.
+
+Von fernher hallte ein einsamer Glockenschlag. Dann kroch wieder dieses
+ungeheure tote Schweigen über den Spiegel. Der Junge, des Nachtdienstes
+ungewohnt, hockte vorn am Bugspriet und kämpfte gegen den Schlaf.
+Zuweilen neigte sich sein plumpes Haupt schwer gegen den Bordrand, doch
+ein letzter verlöschender Blick auf den Stiefvater, der, das Steuer im
+Arm, zu einer unförmigen Masse zusammengesunken schien, ließ ihn immer
+wieder zur Höhe taumeln.
+
+Der Bootsmann hatte ihm anbefohlen, wach zu bleiben. Und die Furcht
+wirkte stärker als die Müdigkeit.
+
+Allmählich aber begann er zu zittern. Ein eisiger Frost stieg aus der
+schwarzen Tiefe auf und legte sich wie ein enger Mantel um seine Brust.
+
+Voller Angst und in der Sucht, sich an etwas festzuhalten, an etwas
+Lebendigem, blickte er überall umher.
+
+Dort der Mond. -- Er kam und ging.
+
+Es war, als wenn er sich wasche und immer um das Boot herumschwimme!
+
+Was war eigentlich der Mond?
+
+Der Junge rieb sich den Kopf, aber das Richtige sprang nicht heraus. Er
+fuhr mit der Hand in die glitzernde Scheibe, aber das Wasser war so
+eisig, daß er zusammenschrak.
+
+Immer toller grinste das Gesicht aus den Fluten. Deutlich sah der
+Einsame, wie die großen Augen auf und zu klappten. Dazu verzog sich der
+Mund und wies blitzende Zähne.
+
+Herrgott -- Herrgott -- was war eigentlich der Mond?
+
+Das Gesicht wurde immer deutlicher und runder. Jetzt hob es sich aus dem
+Wasser, jetzt tauchte es unter, im nächsten Augenblick klappte das Maul
+auf und fing an zu reden.
+
+»Jesus!«
+
+Der kalte Schweiß lief Hann herunter. Er war der Nacht und dieses
+fürchterlichen Schweigens noch ungewohnt.
+
+»Siebenbrod -- Siebenbrod!« schrie er auf.
+
+Vom Steuer tönte ein Ächzen, dann rührte sich nichts mehr.
+
+Nein, er mußte wissen, was der Mond war. Die Unwissenheit bedrückte ihn,
+wie kurz vorher Line. In wildem Schrecken versuchte er fortzusehen, doch
+kaum gedacht, schwoll das Haupt riesengroß an, ein Zischen quirlte um es
+her, und dann grinste es wieder tückisch unter der zitternden Flut.
+
+Da kam Hann ein Gedanke.
+
+Er wollte sein Abendgebet hersagen, denn seine Furcht war groß. So
+faltete er die Hände:
+
+ »Ich bin klein,
+ Mein Herz ist rein,
+ Soll niemand drin wohnen
+ Als Gott allein.«
+
+Er betete es noch immer, obwohl er ein großer Junge geworden. Er hatte
+kein Gefühl für die Lächerlichkeit.
+
+Als er den Spruch gesagt, schielte er von neuem auf seinen Feind. Der
+hatte sein Antlitz in tausend goldne Runzeln gezogen und lag grämlich
+und zitternd da.
+
+Und immer wieder ging es durch den dummen Jungenschädel: »Was ist
+eigentlich der Mond?«
+
+In der Schule war er so weit nicht gekommen. Ob Line das wohl wußte? Ja,
+wenn er heute nacht nach Hause kam, dann wollte er doch an die Nebenwand
+klopfen, hinter der sie schlief, um einmal anzufragen. Ja, ja, Line
+hatte es gut. Die lag nun weich in ihrem Bett.
+
+Gutmütig nickte er.
+
+Das war auch ganz in Ordnung, daß sie nicht mit auf der schwarzen See
+weilte. Sie sollte nicht arbeiten. Dazu war sie zu fein.
+
+Und als er von neuem in das glitzernde Gebilde starrte, kam es ihm vor,
+als ob sich dort drin etwas verändere, als ob ein ganz kleines Püppchen
+darin herumtanze.
+
+Wahrhaftig, so warf Line die Beinchen.
+
+Freudig reckte er sich vor, so daß das Boot schwankte. Alle Bangigkeit
+war vergangen. Statt des gespenstischen Hauptes nahm er mit einmal eine
+goldene Stube wahr, in der Line herumhuschte.
+
+»Ja, ja,« wohlgefällig lachte er dazu, und ganz hinten am Steuer, wo die
+formlose Masse des Bootsmanns hockte, räusperte sich etwas, und
+Siebenbrods knastrige Stimme fragte gemütlich: »Wat is de Klock?«
+
+ * * *
+
+Um Mitternacht fuhr das Boot in Moorluke ein. Eine Viertelstunde später
+stießen die beiden Fischer auf Frau Klüth, die in der Dunkelheit vor dem
+Lotsenhäuschen stand und die Hände rang. Als Siebenbrod sich erkundigte,
+erfuhr er, daß Line und Bruno diese Nacht nicht nach Hause gekommen
+wären. Paul, der Student, sei bereits trotz Nacht und Nebel in die
+Klosterruinen gelaufen, wo man die beiden zuletzt gesehen.
+
+»Und dabei soll es da drüben spuken,« jammerte Frau Klüth.
+
+»Na, sie werden sich wohl wieder zufinden,« tröstete Siebenbrod in
+ziemlicher Ruhe und gähnte mächtig. »Die Hauptsache is nu, daß wir
+schlafen gehen. Puh -- ich schuddere man so durch den ganzen Leib. -- 's
+is niederträchtig kalt. --« Und während er die Witwe und Braut an die
+Hand nahm, murmelte er noch: »Leg dich man auch nieder, Frau Klüth. Es
+sind ja große Gören.«
+
+Die kleine Frau ließ sich nach einigem Sträuben ins Haus ziehen.
+
+Hann aber stand vor der Tür und zitterte vor Frost. Mit blödem Blick und
+schweren Augenlidern sah er in die Nacht hinein.
+
+Hatte er das geträumt? Spukte der Mond noch vor seinen Augen.
+
+Line war weg?
+
+Schwerfällig schüttelte er den Kopf, als wär' ihm das Merkwürdige noch
+immer nicht klar, dann schauerte er wieder zusammen, und alle seine
+Glieder zuckten vor Kälte.
+
+Line war weg?
+
+Plötzlich überkam ihn eine seltsame Wut; die Mattigkeit wich von dem
+jungen Körper, mit voller Wucht schlug er mit der Faust gegen die
+Hausmauer, immer fester, immer ärger, als hätten die Steine nicht
+genügend über die Kleine gewacht.
+
+Warum kam sie denn nicht wieder? -- Wo war sie? Wenn sie nun beide,
+Bruno und das Mädchen, im Rick lägen? Laut heulte er auf und hieb wieder
+auf die Steine ein.
+
+Aus der Hand sprang Blut.
+
+Da klappte etwas auf der Dorfstraße.
+
+Dicht am Rick entlang kam eine Fischersfrau in Holzpantoffeln daher. Es
+war die Frau des taubstummen Klaus Muchow, die ihren Mann aus dem Krug
+nach Hause holen wollte. Als der Junge in der Dunkelheit auf sie zufuhr,
+erschrak sie.
+
+»Huching.«
+
+»Line -- Line is weg,« stammelte er.
+
+Die Frau dachte nach. »Ne,« berichtete sie dann, »die hab' ich bei
+Gastwirt Krügern gesehn, mitten unter die Studenten.«
+
+»Bei Gastwirt Krügern?« echote Hann, der es nicht glauben konnte, und
+riß den Mund auf.
+
+Warum schlug ihm das Herz dabei so gewaltig an die Rippen? Noch war sein
+Verstand zu dumpf, um ihm das zu beantworten.
+
+»Na, ich sag man, die tanzt fein,« meinte die Frau und lachte. Dann
+machte sie den Vorschlag, daß Hann sie begleiten solle, sie würde ihn
+mit hineinnehmen.
+
+»Darf ich denn da hin?« stotterte Hann.
+
+Die Frau warf ihm einen zweifelnden Blick zu: »I ja, warum denn nicht?«
+entschied sie, »wenn ich mit dabei bin -- komm man, mein Jünging.«
+
+»Na, denn nehm' ich's an,« brachte der Junge halb betäubt hervor und
+schüttelte sich, um sich zu erwärmen. »Dann hol' ich Line.«
+
+»Ja, das tu man.«
+
+»Es is wegen der Trauer,« entschuldigte Hann voller Scham.
+
+»Ja, ja, das ist auch so.«
+
+Und dann verschwanden die beiden.
+
+ -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
+
+»Line, jetzt komm nach Haus,« drängte der Sekundaner wiederum.
+
+Er hatte sie einen kurzen Moment an der Hand, doch sie entzog sich ihm
+wieder.
+
+»Gleich -- gleich, Bruno.«
+
+»Nein, du gehst jetzt.«
+
+Sie lachte wild: »Ich tu ja nichts«
+
+Dabei schimmerten ihre Wangen in heller Röte, aus dem leicht geöffneten
+Munde stieß kurz und rasch der Atem, und in den schwarzen Augen
+züngelten hundert glänzende, kleine Feuer.
+
+Ihre Füßchen trippelten ungeduldig, und jetzt, jetzt wo die Musik wieder
+einsetzte, da wiegte und dehnte sich der Körper so leicht, so frank und
+frei, als wäre das weiße Kinderkleidchen längst von ihr abgeglitten, als
+stände sie nackt und aller Hüllen ledig und würde bald einen unerhörten
+Tanz beginnen.
+
+»Line -- Line.«
+
+»Laß mich doch, Bruno, ich tu ja nichts.«
+
+»Du hast mit dem großen Studenten da drüben getanzt.«
+
+»Das ist nicht wahr -- laß mich jetzt los -- bitte, bitte.«
+
+»Nein, du darfst nicht mehr.«
+
+»Oder tanz du selbst mit mir.«
+
+Er erschrak über ihr Verlangen und starrte sie an. In ihrer Stimme lebte
+soviel kindliche Leidenschaft. Hinter ihm paukten und schmetterten ein
+paar Musikanten, die aus der Stadt herausgekommen waren, scharrendes
+Geräusch schleifender Füße mischte sich drein.
+
+»Hopsa -- hopsa -- hopsasa,« sang plötzlich oll Kusemann neben ihnen,
+der in seiner Extralotsenuniform bei jedem Ball die Stellung eines
+Tanzkommandeurs bekleidete, »hopsasa,« sang er und hob das rechte Bein
+unternehmend in die Höhe: »Komm, Dirning, tanz mit mir! -- Ich hab'
+spanische Korken in die Stiefel -- siehst du so.« Er sprang hoch in die
+Luft. »So ein paar Dinger schenk, ich dir auch, wenn du hübsch artig
+bist und mir einen Kuß gibst -- fix, Marjelling.« Hoch nahm er sie in
+seine Arme und schwenkte sie weit in der Luft herum.
+
+Ihre Röckchen wirbelten, die schwarzen Zöpfe rasten um sie herum, von
+der einen Wade war der Strumpf heruntergestreift und entblößte die
+braune, seidige Haut.
+
+»Huch,« schrien die Fischerweiber schamhaft.
+
+Solchen Tanz hatten sie noch nicht gesehen. Der taubstumme Riese Klaus
+Muchow lachte dazu, daß die Wände dröhnten, während die Studenten ihre
+Seidel schwangen, um Line ein donnerndes Hoch auszubringen.
+
+»Line -- hurra,« schmetterten die jungen Stimmen.
+
+»Line hurra,« knatterte es aus allen Winkeln.
+
+»Line hurra,« greinte oll Kusemann und spitzte seiner Tänzerin, die noch
+nicht den Erdboden berührt hatte, die Lippen entgegen.
+
+»Ich will nicht mehr,« keuchte die Kleine, vor deren Blicken alles
+verschwamm, und begann mit dem Lotsen zu ringen. »Ich will runter.«
+
+Ihre Fußspitzen suchten den Estrich.
+
+Oh, und Bruno mußte oben von der Terrasse der Musiker, wo er krampfhaft
+einen Stuhl gepackt hielt, alles mit ansehen, mußte die entblößte Wade
+schauen und die tastenden Zehen, mußte auch knirschend beobachten, wie
+der taubstumme Riese sich erhob, um dem angetrunkenen Lehrer Toll
+pantomimisch vorzumachen, wie er das Ding auf seinen Arm setzen wolle
+und dann auf den Kopf.
+
+Dazu erhob er taktmäßig die mächtigen Beine, grinste schlau und drehte
+sich komisch im Kreise umher.
+
+»Solch ein Kerl,« murmelte Bruno in erstickter Wut. »Solch ein Kerl.«
+
+Wie kam es, daß die Gestalt des alten verstorbenen Lotsen plötzlich vor
+ihm auftauchte, seines Vaters, der erst wenige Wochen in seinem Grabe
+ruhte, und der doch Line wie sein eigenes Kind gehalten?
+
+»Wie ist das möglich?« -- schnitt es ihm durch den Sinn, »wie ist das
+bloß möglich? -- Hab' ich denn das Ding noch gar nicht gekannt?«
+
+Ein merkwürdiges Gefühl, von Grauen und Verlangen gemischt, wühlte in
+ihm herum, keinen Blick konnte er von der Kleinen abwenden, und jetzt,
+jetzt trug sie oll Kusemann schleifend und zierliche Winkel drehend
+wieder in seine Nähe.
+
+Wie er zitterte, wie er sich schämte, und er hatte sie doch erst vor
+wenigen Stunden weich auf seinem Schoß gehalten. --
+
+»Dirning,« hörte er den Lotsen schmunzeln, »leg' mich deinen Arm um den
+Hals, sonst fällst du.«
+
+Und was antwortete sie?
+
+»Du alter, häßlicher Kerl.«
+
+»I, Lining, das ist grade was Apartes. -- Au, Kind, wozu kratzt du denn?
+Ich wollt ja bloß sagen: Hann liegt jetzt auf der See.«
+
+Line schlug mit der Hand durch die Luft. »Wo Hann liegt, das ist mir
+ganz gleich.«
+
+»Na, du gehst gut, du Racker,« wollte der Lotse eben belobigen, da
+fühlte er unvermittelt, wie etwas an ihm herunterglitt; dadurch verlor
+er das Gleichgewicht und purzelte, sich überschlagend und unter dem
+dröhnenden Gelächter der Studenten, gerade auf den Schoß seiner Gattin
+Alwining.
+
+Die zog ein strenges Gesicht und kniff ihn heimlich in den Arm.
+
+»Alwining,« flüsterte oll Kusemann und griff seiner Frau unter das Kinn:
+»Sei ruhig, ich weiß, was du denkst. -- Aber die kleine Krabbe ließ mir
+gar nicht in Frieden. Du weißt ja, aus der wird nichts Gutes! -- Sollst
+sehen, Alwining. -- Ich kenn' meine Leute.«
+
+ * * *
+
+Sie forderte zu trinken, als sie nun atmend und glühend neben ihrem
+Pflegebruder auf der Terrasse stand.
+
+Aber er verweigerte ihr alles. Eine tiefe Verachtung gegen dies tolle
+Ding war in dem feinen gebildeten Jungen aufgestiegen. Fast mit Gewalt
+hatte er sie in eine Ecke hinter die Musiker gezogen, und nun schüttete
+er dort sein Herz vor ihr aus. Wie sie sich benommen, wie sie ihn
+blamiert hätte, und was die Mutter zu Hause dazu sagen würde. Den
+Abschluß bildete immer der eine Satz: »Du hast nichts gelernt, du
+gehörst eben unter die Fischer.«
+
+Doch sie antwortete nichts.
+
+Ihre schwarzen Augen, die so seltsam auf dem blauweißen Untergrund
+schwammen, lugten noch immer gierig nach allen Seiten. Die Musik und der
+Tanz hatten sie offenbar betäubt. Immer noch blinzelte sie nach den sich
+drehenden Paaren.
+
+»Line, verstehst du mich denn nicht? -- Ich trag dich mit Gewalt raus,
+wenn du nicht von selbst gehst,« flüsterte er mit neu aufbrausender Wut.
+
+Verständnislos -- kindlich und doch mit einem merkwürdigen, bewußten Zug
+um die Lippen lächelte sie ihn von unten herauf an. Dann streichelte sie
+ihm schmeichelnd über die Wange, um gleich darauf das Haupt zu neigen
+und mit ungeheucheltem Erstaunen auf ihre entblößte Wade herabzublicken.
+
+Jetzt bemerkte sie es erst.
+
+Auch der Sekundaner mußte diesem Blick folgen. Das Blut schoß ihm dabei
+ins Gesicht, er verachtete sich selbst, weil er sich nicht sofort
+abwenden konnte. Doch er verharrte und blinzelte hinunter. Und Line
+lachte über den Unfall, während sie tiefgebeugt über ihrem Strumpf
+nestelte. In diesem Augenblick nahte sich ein junger, schlanker Student,
+Jahn mit Namen, derselbe, der vorhin das Hurra auf diese jüngste
+Tänzerin kommandiert hatte, und streckte einfach die Arme nach ihr aus.
+
+Schon berührten seine Finger die Schulter der Gebückten, als Bruno sich
+nicht mehr mäßigen konnte. Er riß sie empor, daß sie förmlich in die
+Höhe zuckte, beide flogen von der heftigen Bewegung die wenigen Stufen
+hinunter, und dann -- hatte er begonnen oder Line?
+
+Keiner wußte es später.
+
+Aber die schlanken Arme, mit denen sie ihn unwillkürlich umschlungen,
+löste sie nicht, und dann war es Bruno, als ob alles um ihn
+herumwirbele. Die Wärme, die heiße Glut, dieser erste Lebenstaumel des
+jungen Wesens an seiner Brust hatten es ihm angetan --! Er tanzte! --
+Nein, er riß sie rasend mit sich fort. Er sah nichts als die
+aufblitzenden Augen und die weißen Zähne, die hinter den schmalen Lippen
+glänzten. Immer herum -- immer weiter, wenn es ihm auch war, als ob er
+über spitze Messer tanze, wenn ihm auch eine flüchtige Erscheinung kam,
+als stände sein Bruder Hann draußen an den Fensterscheiben und stiere
+blöden Sinnes herein. Schneller, wilder, dieses sich immer
+gleichbleibende, beglückte Lächeln der Tänzerin berauschte ihn und
+hetzte ihn weiter.
+
+»Oh,« murmelte Line, »noch länger -- noch länger.«
+
+»Ja -- ja.«
+
+»So gut wie du tanzt doch keiner, Bruno.«
+
+»Aber du auch -- du auch, Line.«
+
+»Ja, das hab' ich gelernt,« flüsterte sie stolz, während sie ihn leise
+in den Arm kniff.
+
+Doch ehe er noch antworten konnte, kam das, was ihn zur Besinnung
+brachte, vor dem er floh, als hätte er ein Verbrechen begangen.
+
+Wie eine Erscheinung, unvorhergesehen, stand es da.
+
+Leise, aber entsetzt schrie Line auf.
+
+Was war das für eine breite, nasse Hand, die sich auf ihren Arm legte?
+-- Weshalb stürzte plötzlich ihr Tänzer fort, als ob er sich verfolgt
+wähne?
+
+Wer war das eigentlich, der sie festhielt und mit ihr sprach?
+
+Erst mußte sie sich die Haare aus der Stirn streichen, eh sie ihn
+erkannte. Dann blickte sie sich wirr im Saale um. Ihr Herz begann
+krampfhaft zu pochen, eine schneidende, überwältigende Angst durchfuhr
+sie.
+
+Wie kam sie denn hierher? -- All die fremden Leute? Die Fischerweiber,
+die mit Fingern auf sie zeigten, und die Studenten, die so vertraut mit
+ihr taten?
+
+Zitternd und zerknirscht blieb sie vor dem Schifferjungen in dem nassen
+Rock stehen. Der sah sie mit seinen dumpfen blauen Augen bekümmert an
+und sagte mit kaum merklichem Vorwurf: »Ich such' dich, Lining.«
+
+»Hann,« stotterte sie.
+
+Da faßte er sie fester am Arm und meldete ernsthaft: »Ich soll dich nach
+Haus bringen.«
+
+»Ja -- ja,« stieß sie scheu hervor, während sie sich an ihn drängte: »O
+komm bloß, ich will mit dir.«
+
+Er ließ ihr keine Zeit zur Besinnung, bevor sie es selbst recht
+bemerkte, hatte er sie aus dem tabakdurchqualmten Saal geleitet und
+führte sie nun durch die stockfinstere Nacht.
+
+»O Lining,« murmelte er nur einmal mit tiefem Kummer, »was hast du
+gemacht?«
+
+Hastig atmete sie auf. »Ich weiß auch nicht,« brachte sie dumpf hervor,
+aber dann setzte sie halb voll Angst hinzu: »Aber ich glaub', es kommt
+davon, weil ich so wenig gelernt hab'.«
+
+»Ja, ja, das mit dem Lernen,« stimmte Hann beklommen bei.
+
+Er dachte immerfort daran, wie sein feiner Bruder, der doch morgen in
+die Welt sollte, und dies kleine Mädchen zusammen getanzt hatten,
+getanzt, während der alte Lotse in seiner Grube kaum kalt geworden.
+
+Das war greulich.
+
+Aber er sprach darüber kein Wort. Etwas Unbestimmtes, Ängstliches hielt
+ihn von der Schwester fern.
+
+Endlich waren sie an der Seite des murmelnden Flusses bis vor die Tür
+des Lotsenhäuschens geschlichen.
+
+»Hann,« begann Line hier, der das Schweigen Pein verursachte, »wacht
+Mutter noch?«
+
+Er schüttelte das Haupt.
+
+»Bist du allein auf?«
+
+Er nickte.
+
+»O Hann« -- sie drängte sich in ihrer schmeichelnden Art an ihn --
+»sprich doch mit mir -- ich will's ja nie wieder tun, hörst du? -- aber
+sprich mit mir.«
+
+Wieder schüttelte er das plumpe Haupt. Ihm war so trostlos zumut, daß
+ihm keine Worte einfielen. Da wurde die bohrende Verzweiflung in Lines
+Brust übermächtig, heftig sprang sie an dem Jungen in die Höhe und
+drückte ihm einen heißen, bittenden Kuß auf den breiten Mund. »Ich
+will's ja nie wieder tun,« hauchte sie dazu, »ganz gewiß, nie wieder --
+aber sag hier zu Haus nichts davon, hörst du? -- sag kein Wort.«
+
+Noch stand sie einen Augenblick vor ihm. Durch die tiefe Nacht glaubte
+er das Weiße ihrer Augen zu erkennen. Dann hörte er etwas über die
+Treppe huschen, und über die Stelle, wo sie gestanden, säuselte der
+Nachtwind.
+
+Es war stockfinster und Hann auf der Landstraße allein.
+
+Da senkte der dumme Junge langsam den Kopf in seine groben Hände und
+begann unhörbar vor sich hinzuschluchzen.
+
+
+
+
+XI
+
+
+Zur selben Zeit saß Line im Hemd auf ihrem Bette.
+
+Die nackten Füße ließ sie hinabhängen, die Hände hielt sie auf dem Schoß
+krampfhaft ineinandergefaltet, und so bohrte sie ihren Blick
+unverrückbar auf die nahe Bretterwand des Verschlages, als wäre dort in
+der Schwärze irgendeine helle Stelle und sie vermöchte auf ihr etwas
+Merkwürdiges zu erspähen. Sie fror nicht, sie zitterte nicht,
+aufgerichtet und mäuschenstill hockte sie, und alle ihre Gedanken
+schienen sich wie Pfeile in ein einziges Ziel einzuspießen.
+
+Endlich seufzte sie tief auf, griff nach dem Stuhl, auf dem ein
+Lichtstümpfchen stand, und entzündete es. Behutsam hielt sie die Hand
+vor das Flämmchen, so daß ihre Finger wie in Blut getaucht erschienen,
+und schlich dann verstohlen mit ihren nackten Füßen in die Ecke hinter
+dem Bett, in der eine ehemalige Zuckerkiste stand.
+
+In diesem Behälter wühlte Line heftig herum. Bald holte sie ein paar
+alte Bücher und einige vollgeschriebene Schreibhefte heraus, bald
+blätterte sie emsig in einem zerrissenen Volksschulatlas, immer erregt
+dazu murmelnd und buchstabierend. Zum Schluß band sie um alles einen
+Bindfaden und schlug leicht mit der Faust auf das Päckchen, als hätte
+sie einen festen Entschluß gefaßt.
+
+Den Atlas aber behielt sie bei sich, eng an den Leib gedrückt. Und als
+sie ins Bett huschte, legte sie die verstreuten Blätter erst sorgfältig
+unter ihr Kopfkissen.
+
+Licht aus.
+
+Still lag sie da, lang ausgestreckt, die großen Augen weit offen, nur
+ihre regelmäßigen Atemzüge verrieten, daß sie lebe.
+
+ * * *
+
+»Das ist ein ekliger Qualm,« hustete Siebenbrod und spie ein paarmal
+aus, »pfui Deibel.«
+
+»Ja, das is, wie wenn Satans Großmutter verbrannte Milch auf die Erde
+gießt,« brummte oll Kusemann, dessen Konturen ebenfalls zuweilen durch
+den weißen Brodem sichtbar wurden. Manchmal schien es auch, als tanzten
+die Köpfe von Malljohann und Frau Dörthe Petersen um ein paar
+Pferdeschnauzen herum, doch alles verschwand gleich wieder hinter dem
+feuchten, bleiernen Linnen.
+
+Da brummten Glockenschläge aus der Höhe, und durch die Nebel ging ein
+Zittern.
+
+Acht Uhr.
+
+Die Equipagenpferde des Konsuls wieherten laut und durchdringend.
+
+»Mudding -- nu mach fix,« mahnte Siebenbrod. »Nu mußt du die Hände von
+Bruno und Paulen loslassen.«
+
+Doch die kleine, stille Frau konnte sich noch nicht trennen. Immer
+wieder griff sie nach den Fingern ihrer beiden Ältesten, die
+nebeneinander auf dem leichten Korbwagen saßen, und nur die milchigen
+Gespinste verhinderten, daß nicht alle bemerkten, wie dicke, schwere
+Tränen über die Wangen der Witwe rollten.
+
+»Mudding,« drängte Siebenbrod, »die Pferde friert.«
+
+»Wo ist Hann?« fragte des Studenten harte Stimme.
+
+»Und wo Lining?« beeiferte sich oll Kusemann ironisch hinzuzusetzen.
+
+Zur Seite des Wagens, dicht unter dem Bollwerk knirschte etwas. Dort
+hatte Hann bis jetzt in seinem festgebundenen Boot gesessen und
+schwerfällig in sich hineingesonnen. Viel, viel lieber wäre er hinter
+der dicken Nebelwand versteckt geblieben, als jetzt seinem Bruder Bruno
+die Hand zu reichen, gegen den er seit gestern so Schweres auf dem
+Herzen trug. Doch auf den Ruf des Theologen trottete er folgsam heran.
+
+»Adieu, Hann,« sagte der Student, während er ihm rasch über das Haar
+fuhr, »achte auf das Grab von Vater -- versprich mir das.«
+
+»Ja, ja -- Pauling,« heulte Hann los.
+
+»Adieu, Hann,« verabschiedete sich jetzt auch der andere, »bleib gesund
+und besuch mich bald mal -- hörst du?« Er reichte ihm zögernd die Hände.
+
+Der Schifferjunge drückte sie aus Leibeskräften. In seiner Rührung hatte
+er längst den Groll vergessen. »Bleib immer gut zu Weg, Bruno -- immer
+gut zu Wege.«
+
+»Du auch.«
+
+»Aber wo ist Line?« schrie oll Kusemann dazwischen, der seine Tänzerin
+durchaus dabei haben wollte.
+
+Keiner wußte es.
+
+Nur Malljohann, der zuweilen etwas sah, was kein anderer bemerkte, stand
+unaufhörlich in seiner schlotternden Haltung da und glotzte schweigend
+und mit dem breiten Maul merkwürdige Kaubewegungen ausführend nach dem
+kleinen, kreisrunden Giebelfenster. Und je mehr die andern riefen, und
+je lauter sie sich wunderten, desto deutlicher erkannte Malljohann mit
+grinsendem Behagen, wie dort oben aus dem dunklen Kreise der Kinderkopf
+unbeweglich durch die Milchnebel hindurchsah.
+
+»Hüh!« rief der Kutscher.
+
+Die Peitsche knallte, die Pferde zogen an, laut knackten die Räder in
+dem feuchten Lehmboden.
+
+»Adschö, meine lieben Kinder,« rief die Mutter mit erhöhter Stimme.
+
+In einer Sekunde hatte das weiße Nichts das Gefährt verschlungen. Das
+Rollen allein tönte noch heraus und nach diesem sich verlierenden
+Geräusch bog Line weit, weit den schlanken Leib aus der Bodenluke, bis
+sie fast auf den qualmenden Kissen zu ruhen schien. Die Hand warf sich
+vor, ihre Finger bogen sich, als wollte sie nach etwas Verlorenem
+greifen.
+
+Alle gingen sie darauf ihren gewohnten Tagesbeschäftigungen nach.
+Malljohann spielte die Handharmonika, oll Kusemann verzog sich in die
+Wärterhütte, Siebenbrod flickte in der Küche an einem Segel, und Hann
+saß mit dumpfem Kopf und schweren Gedanken in seinem verankerten Boot,
+wo er ein Brettchen an eine der Schiffsrippen zu schlagen hatte.
+
+Über alle aber warf der Nebel seine dichten wallenden Decken. So kam es
+auch, daß niemand wahrnahm, wie Line mit dem Bündel, das sie in der
+Nacht verschnürt, vorsichtig aus dem Hause witschte.
+
+Geradeswegs ging sie in das Pfarrhaus, das neben dem Kirchhof lag. Und
+als der geschäftige winzige Pastor, der gerade mit seiner korpulenten
+Frau auf dem rot gepflasterten Flur damit beschäftigt war, ein Fäßchen
+Malaga abzuziehen, als der muntere, weinlustige Herr ihr vergnügt die
+Haare kraute und sich nach ihrem Begehren erkundigte, da streckte sie
+ihm wortlos, jedoch mit einer wilden Bewegung und klopfendem Herzen, das
+Bündel Bücher entgegen.
+
+»Ich will was lernen.«
+
+»Hm,« murmelte der Pastor und sah verdutzt von der Kleinen auf den Käse,
+den er gerade zum Abprobieren in der Hand hielt, »ach so -- ja, ja --
+hm, hm.«
+
+Und dann reichte er ihr auf jeden Fall ein Glas von dem goldbraunen,
+spiegelnden Malaga.
+
+ Ende des ersten Buches
+
+
+
+
+Zweites Buch
+
+»Frau Welt«
+
+
+
+
+I
+
+
+Ich zweifle, ob ihr wißt, daß es noch Götter auf der Welt gibt. Aber ihr
+könnt es glauben, es ist so.
+
+Mein Vetter Walter, der Student in Leipzig, hat dort eine Schenkmamsell
+entdeckt, die ihm vertraulich gestanden, daß sie in Wahrheit die alte
+Venus sei. Und als er ihr allerlei Bedenklichkeiten ausdrückte, da hat
+sie ihm einfach ihren Knaben gezeigt, einen kleinen, dreijährigen
+Strolch, der richtig mit einem Flitzbogen den Passanten des Salzgäßchens
+die Hüte vom Kopfe schoß.
+
+Daraufhin hat der Vetter Walter alles eingesehen und sich über die
+Bekanntschaft sehr gefreut.
+
+Dieses steht fest, das hat er mir eigenhändig geschrieben. Einen
+anderen, sehr interessanten Gott hab' ich selbst gekannt. Ich weiß
+nicht, ob er noch lebt. Aber als ich noch nicht seßhaft war, da habe ich
+ihn zwischen Greifswald und Moorluke getroffen, darauf will ich einen
+Eid leisten.
+
+Ein Jahr war gerade im Abtröpfeln, ein Jahr, das ich wieder damit
+hingebracht, gesunde Glieder und eine warme Brust an den Dornen und
+Hecken wund zu reißen, hinter denen im Schlosse Phantasia das deutsche
+Dornröschen schlummert. Aber als des Jahres letzte Henkerstündlein
+schlugen, da hatte ich genug, da machte ich den Berliner Herren und
+Damen meine Verbeugung, packte mich in einen Eilzug und stand ein paar
+Stunden später auf einem dick verschneiten, abenddämmerigen Felde, über
+das ein Weg nach Moorluke führen sollte. Doch der Pfad mußte eine
+Frühlingssage bilden. Jetzt war er längst versunken. Inzwischen brach
+die Nacht ein -- es war Silvester 1896 -- ringsherum wirbelte dicker
+Schnee, über die toten Felder heulte der Wind, und das Eis unter meinen
+Tritten stöhnte und ächzte, als ob die Erde in ihrem Winterschlaf schwer
+träume, -- da -- täuschte ich mich? Nein, es knarrte aus der Schwärze
+ein langer ungefüger Wagen heran, ein Pferd wieherte, ein merkwürdiges
+rotes Licht zuckte auf, und gleich darauf wollten zwei mächtige Schimmel
+ihr Fuhrwerk an mir vorüberziehen. Da rief ich sie an: »Heda!«
+
+Vorn auf dem hohen Bock regte sich etwas. Eine vermummte Gestalt im
+weißen Schafpelz, die eine Tüte mit einem Licht darin in der Hand hielt,
+leuchtete mir ins Gesicht.
+
+»Fährst du schon lange, Alter?« fragte ich hinauf.
+
+»Lange,« antwortete eine trockene, hüstelnde Stimme.
+
+»Wohin?«
+
+»Gradeaus.«
+
+Das klang merkwürdig, und halb ohne Überlegung fragte ich, ob ich mit
+nach Moorluke fahren könne?
+
+Der Schafpelz rückte wortlos zur Seite, und nachdem ich neben ihm Platz
+genommen, warf ich einen Blick hinter mich, um mich zu erkundigen, was
+der Alte für Ladung führe.
+
+»Dung.«
+
+Wieder beschlich mich ein seltsames Gefühl, aber wie ward mir erst, als
+jetzt beim Schein des Tütenlichtes der Mistkutscher mir sein Antlitz
+zukehrte. Aus tausend eingekerbten Furchen tränten zwei müde, schwarze
+Augen heraus, und bis unter die dürre ragende Hakennase über den
+zahnlosen Mund hinweg buschte sich ein verworrener, zottelweißer Bart,
+der sich erst unter dem Schnee, welcher den Schafpelz bedeckte, verlor.
+Der Mann war unbestimmbar alt. Und plötzlich überkam mich die
+schreckhafte Erinnerung, wie mein Freund, der Professor Asmus in
+Greifswald, welcher über seinem eigenen Werk »Die immanente Philosophie
+der Menschheit« verrückt geworden sein sollte, in einer geistreichen
+Spekulation nachgewiesen, daß sich zwischen Moorluke und der Stadt ein
+alter Mistkutscher herumtriebe, der jedoch in Wahrheit ein verschollener
+Gott wäre und eigentlich Chronos hieße.
+
+»Chronos!« rief ich unwillkürlich laut heraus.
+
+»Wat?« keuchte mein Gefährte und bewegte sein Licht.
+
+Es war kein Zweifel, »oll Chronos«, der wiedergefundene Gott meines
+armen Freundes Asmus, saß neben mir. Eine Zeitlang blieb es still
+zwischen uns beiden. Geräuschvoll knirschte der Wagen durch den tiefen
+Schnee; der Alte hockte vor sich hin und hielt nur zuweilen in dürrer
+Hand seine Tüte in die Höhe, als ob er den Weg beleuchten wolle. Dann
+faßte ich mir ein Herz und fragte, ob er meine Freunde in Moorluke
+kenne, Hann und Line, oll Kusemann und die andern.
+
+»Flocken,« murrte der Alte in sich hinein.
+
+»Wie, oll Chronos?« forschte ich immer verwirrter.
+
+»Was ist das für ein Nam'?« lachte der Mistkutscher so halb verächtlich
+und schlug mit der welken Hand in das Schneegewimmel, in das die
+leuchtende Tüte einen roten Lichtkreis warf. Und nachdem ihm ein neuer
+Hustenanfall beinah alle Glieder verkrümmt, keuchte er etwa folgendes
+hervor:
+
+
+
+
+II
+
+
+»Hör! Menschens! -- Menschens -- Wat sind Menschens? Auf die kommt es
+gar nicht an! Menschens sind dasselbe, was ich hier fahre. Dung. Sie
+blühen und sie verfaulen und werden Mist und machen wieder andere
+blühen! Ohne daß sie dat wissen, und ohne daß sie es wollen. In dem
+Dung, siehst du, liegt allein die Kraft dazu. Aberst wie sie dahinein
+kommt, das ist das Geheimnis. Aber eins bleibt merkwürdig. Die richtige
+Kraft steckt doch nur in dem Alleröbersten und in dem Alleruntersten.
+Der Mist treibt, und die Blüte oben, die zeugt, -- was dazwischen liegt,
+Jünging, das wird Grummet und Spreu. Aber laß man, eins macht mich doch
+vor allen Dingen stolz, kuck, in diesen meinen Wagen hier kehrt doch zur
+Zeit alles zurück, was jetzt wer weiß wie weit verstreut liegt. Ich fahr
+mal die ganze Welt spazieren. Verstehst du das?«
+
+»Hm,« murmelte ich.
+
+»Du bist doch ein rechter Dummerjahn,« brummte der Alte. »Ihr seid
+überhaupt alle recht dämlich und bildet euch zuviel ein. Wozu fragst du
+nun nach Line und Hann, und Bruno und oll Kusemann, nach Siebenbrod und
+die anderen? Das kommt, weil ihr immer glaubt, jeder lebe nach seinem
+eigenen Kopf. Prost Mahlzeit, das haben euch bloß eure Büchermacher
+eingeredet, in Wahrheit verhält es sich ganz anders. Ich will es dir
+sagen, die Hauptsache sind die Jahren, -- verstehst du das?«
+
+»O ja,« versetzte ich bekümmert, obwohl es mir merkwürdig im Kopf
+summte, denn das Schneetreiben wurde so arg, daß mir die Ohren schon
+halb verstopft lagen und ich nur noch undeutlich vernahm, wie der Alte
+müde die Peitsche schwang.
+
+»Also du verstehst mir, mein Jünging,« fuhr er fort, -- »hüh, denn man
+weiter. Ja, also die Jahren bleiben die Hauptsache. Die Jahren kommen
+einfach zu die Menschens heran und holen sie ab. Zu allerlei Taten. Ob
+das Menschenkind will oder nicht, das is ganz gleich. Die Jahren wollen.
+Die sind nun eingeteilt, wie beim Kommiß die Soldaten. Weißt du, welche
+zuerst kommen?«
+
+»Nein.«
+
+»Zuerst kommen die Traumjahren.«
+
+»Wie meinst du das, oll Chronos?«
+
+Der Alte schüttelte das Haupt, als ob er den Namen nicht gern höre, dann
+fuhr er fort: »Na, also, die Spiel- oder Einbildungsjahren. Die laufen
+dir wie die lütten Kinder die Musikusse voran und hantieren dir mit
+Sonne, Mond und Sternen, ja, sogar mit dem lieben Gott selbst, als ob
+das Puppen wären. Aber dafür sind die Jahre auch die glücklichsten, denn
+eine Einbildung macht immer glücklich. -- Begreifst du mir?«
+
+Ich nickte. Mein Atem dampfte in dem Schneegewimmel. Es war bitterlich
+kalt.
+
+Der Gott kroch tiefer in seinen Schafpelz.
+
+»Siehst du,« hustete er, »die Einbildungsjahren hatten Hann und Line
+grade abgeholt, als du sie kanntest. Nu is das auch schon sieben Jahre
+her. -- Nachher kommen dann die Lehrjahren. Die marschieren am besten,
+denn die werfen die Beine gewissermaßen noch so unter dem Kommando. Eins
+-- zwei -- eins -- zwei. Da klappt noch alles. Sieh, bei Line und Hann
+freilich, da ging das damit schnurrig zu. Was sie war, die Dirn, die
+hatte den richtigen Heißhunger und auch den Kopf dazu. So kam es denn,
+daß der spaßige Pastor Witt, den sie damals darum bat, und der das Ding
+auch gern leiden mochte, ihr eine ganze Menge beigebracht hat. Natürlich
+alles man so im Vorbeigehn, verstehst du, aber sie weiß doch nun überall
+Bescheid, von dem alten Fritz und Luthern, und lauter solche Leute; und
+daß die Erde sich im Kreis rum küseln soll, worüber ich aber lache. --«
+
+»Und Hann?«
+
+»Je, mit dem stand das anders. Als der arme Jung so mit ansehn mußte,
+wie die Dirn zu Pasters lief, und was sie da alles hörte, und wie sie
+immer feiner wurde und beinah ein Fräulein, da setzte er sich das in den
+Kopf, Pastor Witt müßt ihm auch helfen. Dadurch betrieb er die Fischerei
+leider man recht nachlässig, saß ganze Nächt' in dem Boot wie im Traum
+da und hat von Siebenbrod, der allmählich ein recht geiziger Filz
+geworden ist, und der immer nur das Wort im Mund führt »sparen, sparen«,
+manchmal erbärmliche Hiebe mit dem Tauende bekommen. Aber glaubst du
+wohl, daß das was nützte? Nicht einen Happen. Der Jung wurd' bloß immer
+stiller und in sich gekehrter, und eines Sonntags, als er in der Kirche
+die Predigt mit angehört hatte und sie zu Ende war und der muntere
+Pastor Witt in die Sakristei ging, wo Küster Bollentin immer mit einem
+Glas Wein auf ihn warten muß, da ging er ihm nach. Und da stand er nun
+vor ihm und drehte an seiner Mütze und sagte endlich: >Herr Paster,<
+fragte er, >is es wahr, was Line sagt, daß sich die Erde dreht?<
+
+»>Ja,< meinte Pastor Witt ein bißchen verwundert, >das hat sie so an sich.<
+
+»Da fragte Hann weiter: >Herr Paster, wie muß ich das anstellen, daß ich
+von dem Drehen auch was merken tu'?<
+
+»Da hat nun Pastor Witt recht laut und herzlich aufgelacht, was ich sehr
+unrecht von ihm find', und hat zu Küster Bollentin gesagt: >Kuck Er sich
+eins den Jungen an. Das ist ein Philosoph.< Und nachher hat er ihm so
+behaglich auf dem Kopf herumgetätschelt und hinzugefügt: >Hör eins, mein
+Jünging, ich will dir was sagen, das Drehen kannst du auf dreierlei
+Arten merken. Erstens, wenn du später auf einen Tanzboden gehst. Oder
+zweitens, wenn du mir mal helfen wolltest, wenn ich grad meinen
+Malagawein abzieh' -- was? Küster Bollentin, dann merkt man's. -- Und am
+allerbesten, sobald du dich mal in ein recht gelehrtes, unverständliches
+Buch vertiefst. Sieh, wenn du da nicht die Drähnung kriegst, dann hast
+du keine Anlage dazu. Aber laß man, ich mach bloß Spaß.<
+
+»>Herr Paster,< hat nun Hann gerufen, und die Tränen traten dem Lümmel
+in die Augen, und er hielt den geistlichen Herrn ordentlich an seinem
+Talar fest, >darf ich nicht auch mal mitkommen, wenn Sie Line solche
+Bücher zeigen?<
+
+»>Ja, warum nicht?< meinte Pastor Witt und kratzte sich ein bißchen
+verlegen im Haar. >Aber wozu willst du das?<
+
+»>Oh, Herr Paster,< schluchzte Hann, >damit Line nicht so stolz wird, und
+damit ich wieder mit ihr sprechen kann, so wie früher.< Und dabei
+schüttelte es ihn durch alle Glieder.
+
+»Sieh, da wurd' der dicke kleine Herr Pastor ganz stutzig und trat
+zurück und kuckte sich den heulenden Jungen aufmerksam von allen Seiten
+an und sagte endlich zu dem Küster, aber ganz leise: >Bollentin, weiß
+Er, was ein Roman is? -- Ja? -- Na also, hier steckt einer.< Und dann
+gab er Hann kurz die Erlaubnis und schob ihn sacht zur Sakristei
+hinaus.«
+
+Hier machte der Mistkutscher eine Pause und horchte über das knackende
+Feld, über das ein merkwürdig hallender Ton hinwegzog. »Hörst du?«
+keuchte er und schlug, lang ausholend, auf seine beiden Schimmel ein.
+»Dort drüben meldet sich all die Dorfuhr. Es ist dreiviertel auf zwölf,
+und Silvester muß ich an Ort und Stelle sein, -- hüh.«
+
+Mit einem Ruck zogen die beiden Gäule stärker an, und der Dampf, der aus
+ihren Nüstern quoll, umlagerte uns wie eine schwebende Wolke. Rechts und
+links tauchten jetzt große Schneemassen auf, aus denen Lichter blickten.
+Das waren aber nur versunkene Häuschen, die aus ihrem Daunenbett
+herauslugten.
+
+Oll Chronos wies mit seiner Peitsche auf sie: »Da drin brennen sie nun
+die Tannenbäume vom Weihnachtsabend ab. Ja, ja -- allens hat seine Zeit.
+Anzünden und Auslöschen.«
+
+Inzwischen erreichten wir den Fluß. Scharf fegte hier der Wind über die
+vereiste Bahn, und unten am Abhang heulte etwas, was wie der
+Folterschrei eines bösen Geistes klang.
+
+Der Alte lachte: »Das is ein Fuchs,« murmelte er, »graul' dir nicht --
+das Biest hat Hunger.«
+
+Erst als wir die große Biegung hinter uns hatten, wagte ich von neuem an
+meinen Gefährten die Frage, ob Hann bei Pastor Witt nun wirklich ein
+Philosoph geworden wäre.
+
+»Je.« Der Alte wiegte den Kopf und schüttelte sich ein wenig, um sich
+die Flocken abzustäuben: »I, was denkst du? Daraus wurd' ja nichts. Der
+Paster merkte ja gleich, daß mit richtige Bücher bei Hann nichts
+auszurichten wäre. Und darin geb' ich ihm auch Beifall. Denn sieh, als
+der Herr Paster das vortrug, was sie so Schöpfungsgeschichte nennen tun,
+da wollte Hann davon nichts wissen und kam so beiläufig damit heraus,
+die Schöpfungsgeschichte hätte einen Fehler. Nu nimm bloß mal an, einen
+Fehler, sagte der Bengel.«
+
+»Na, und was gab der Herr Pastor hierauf zur Antwort?«
+
+»I, der sah sich zuerst ganz düsig in der Stub' um und kuckte auf Line,
+die auch ganz rot vor Ärger dasaß, und fragte endlich bloß >wieso?< Na,
+und was glaubst du nu woll, womit der Lümmel zu Raum kam? -- Es hatte
+sogar ordentlich einen Sinn: >Herr Paster, sagen Sie mich mal,< fing er
+an, >die Pferde arbeiten den ganzen Tag, und die Kühe geben Milch, und
+von den Schafen schert man Wolle; und dafür, daß sie das all tun, da
+haben die armen Kreturen keine Seele bekommen und sind doch auch etwas
+Lebendiges; aber der Mensch, der sie totschlägt und auffrißt, der hat
+eine. Herr Paster, ist das auch Güte?< Sieh, da wußt nu Paster Witt
+nichts drauf zu antworten, und sah bloß in sein Buch und machte den
+Finger naß und schlug heftig eine Seite nach der andern um, bis er
+endlich verdrießlich vorbrachte, daß sich über so was ein richtiger
+Christenmensch keine Gedanken zu machen habe.«
+
+»Ein höllischer Jung,« warf ich dazwischen.
+
+»Ja, Menschenkind, das meinst du woll,« sagte der Gott, »aber als sie
+nun in der biblischen Religion so allmählich bis zu die Geschicht' von
+Adam und Eva'n und den Sündenfall vorgerückt waren, sieh, da wollte Hann
+wieder durchaus nicht mit, indem er verstockt den Kopf schüttelte, so
+daß sich der kleine Paster jetzt schon ganz ungeduldig danach
+erkundigte, was denn nu all wieder los wäre. -- Und daraufhin packte
+Hann seine dummen Gedanken in der Art aus, daß er sagte: >Herr Paster,
+nehmens nicht übel, die Geschichte mit der Rippe von Adamen, und daß
+daraus Eva geworden, das haben sich die Pastoren wohl bloß eingebildet,
+denn der Mann hat dabei nichts zu suchen, wir stammen alle von die
+Frauensleut ab.< Und weil der Bengel dabei nicht merkte, wie der Paster
+hier ganz erschrocken auf die kleine Line hinblickte, setzte er noch
+hinzu: >Und bei die Tiere ist das grad so! -- Ich war erst neulich
+dabei, wie Nachbar Piepern seine weiße Kuh ein lüttes Kalb geworfen
+hat.<
+
+»>Junge,< rief hier der geistliche Herr und stand heftig auf, indem er
+ihn derb zurechtweisen wollte, aber Hann war noch nicht fertig und fügte
+noch rasch bei: >Und, Herr Paster, wenn sie auch Adamen und Eva'n aus
+dem schönen Paradies rausgetrieben haben, wie kommt es, daß wir andern
+nicht wieder rein können? -- Wir haben ja doch keine Äpfel gegessen? Ich
+mag überhaupt keine Äpfeln, ich ess' Plummen viel lieber. Und denn, Herr
+Paster, wegen so'n einzigen Appel. -- Bei Schullehrer Tollen hängen
+lauter Äpfeln über den Zaun, und das sind noch dazu Rinetten; aber Herr
+Toll tut so, als ob er das Mausen von die Schulkinder gar nicht merke,
+und is doch man en Schullehrer und noch lange nich der liebe Gott.<«
+
+»Ein ganz niederträchtiger Kujohn,« warf ich darein.
+
+»Ja, das meinst du woll,« knurrte der Mistkutscher behaglich und
+wackelte mit dem Kopf.
+
+»Na, und was wurd' nu draus?«
+
+»Ja, das kannst du dir nicht denken. -- Das kam anders, als mit Petrus
+und Paulussen. Gib Achtung. Zuerst saß der kleine Herr Pastor da und
+war ganz rot im Gesicht, und man wußte nicht, ob er ärgerlich war, oder
+ob er lachen wollt. Dann stand er auf und ging mehrmals in der Stub auf
+und ab, und endlich gab er Hann die Hand und forderte ihn auf, er möchte
+eins mit ihm mitkommen. Da standen sie nu beide draußen vor dem
+Pastorhaus, und es war so ein recht stiller, frischer Vorfrühlingstag;
+an allen Bäumen lag noch fußhoch der Schnee, und die Birken an dem
+Kirchhof trieben doch bereits ihren ersten grünen Schuß in die Höhe. Da
+sagte der geistliche Herr und strich Hann dabei gütig über die Backens:
+>So, mein Jung, nun kann ich dich nicht mehr länger unterrichten. Du
+gehörst zu ganz andern Lehrern.< Und als Hann mit großen Augen fragte,
+was das für welche wären, da zeigte Pastor Witt so unbestimmt umher,
+bald auf die liebe Sonn' und bald auf den Fluß, ja wahrhaftig sogar auf
+Coeur, seinen schwarzen Pudel, und erklärte endlich: >Ja, die mein' ich.
+Die können dir viel mehr sagen als ich. Und die verstehst du auch
+besser. So, mein Jünging, und nun laß dir von meiner Frau noch eine
+Pflaumenmusstulle geben. Und damit Gott befohlen und Adschö.<«
+
+Als oll Chronos bis hierhin erzählt, krümmte er sich unter der Last des
+Schnees zusammen und schien in seine eigenen Gedanken versinken zu
+wollen. Wenigstens lallte er unverständliche Worte vor sich hin und hob
+öfter schief das Haupt gegen den eisigen Wind, wie wenn er lausche.
+
+Von vorn kam dem Wagen eine dunkle Gestalt entgegen; die rief uns durch
+Nacht und Schneetreiben etwas zu:
+
+»Prost Neujahr!«
+
+Allein der Rosselenker schüttelte mißmutig den Kopf: »Is noch nich
+soweit, das weiß ich besser.«
+
+Wir fuhren fürbaß. Die Tüte leuchtete matter und matter, das Licht
+zuckte im Verenden. Der Alte holte aus der Tasche ein neues hervor und
+besah es sich. »Wieder ein anderes,« murmelte er, »wird auch nicht
+besser brennen.« Mir aber war vor dem Mistkutscher jede Scheu so
+gewichen, daß er mir gar nicht mehr gespenstisch erschien. Und als die
+ersten Lichter von Moorluke vor uns aufblinkten, da hatte ich so
+ziemlich alles aus ihm herausgefragt.
+
+Hann ist in den sieben Jahren ein Träumer geblieben. Das, was er nicht
+gelernt hat, und worauf er nun überall selbst kommt, das steckt ihm
+schwer in den Knochen, das hat ihn ungelenk und ungenießbar gemacht.
+Siebenbrod verwendet ihn meistens dazu, die Fremden auf dem Bodden
+spazieren zu fahren. Zu etwas anderem ist er nicht recht zu gebrauchen.
+
+»Aber Line?«
+
+»Ja, die is nu all seit zwei Jahren bei einer Cousine von Hollander in
+der Stadt. Dewitz, glaub' ich, heißt das olle Fräulein. Bei die ist sie
+ja woll so ein Stück Gesellschafterin, und die Alte soll ihr ja noch
+immer weiter unterrichten und hellisch fein machen.«
+
+»Line muß doch bildschön geworden sein?«
+
+»Schön?« Der Alte begann zu kauen und grinste. »Je, darin seid ihr alle
+ja so furchtbar dumm. Sie ist in den Brunstjahren.«
+
+Hier unterbrach ich den Alten und fragte nach Bruno.
+
+Der arbeitete bereits seit drei Jahren in einer Filiale des Konsuls in
+Hamburg. Aber jetzt mit dem neuen Jahr sollte er zurückkommen. »Das is
+en pikfeiner Bengel geworden. Mit Prinz-Albert-Rock und weite Hosen und
+braune Glacés!«
+
+»Und Paul?«
+
+Chronos schüttelte sich. Die Art mochte er nicht leiden. Der Kandidat
+hatte sich richtig mit Privatstunden durchs Examen gehungert. Von keinem
+hatte er etwas angenommen. Jetzt harrte er der Anstellung. »Ein
+richtiger Schwarzrock,« knurrte der Mistkutscher.
+
+»Achtung!«
+
+Wir kamen über die Moorluker Brücke. Und plötzlich legte mir der alte
+Gott seinen Arm um den Hals, daß eine niegefühlte Kälte durch meine
+Brust schnitt, und flüsterte mir ins Ohr, als gälte es ein Geheimnis:
+»Jünging, die Brunstjahren, vor die hüt dir, das sind die stärksten, da
+hab' ich meinen meisten Spaß dran. -- Dann kommen die Schaffensjahren,
+und ganz zuletzt, zu allerletzt die Wartejahren. Weißt du, was die sind?
+Dann is es richtiger Winter, und ich komm' wieder angefahren und hol'
+dich ab, aber dahinten -- kuck, hier.«
+
+Er zeigte auf seine Ladung.
+
+Ein Windzug löschte das Licht aus. Bim -- bum hallte es verschlafen vom
+Moorluker Kirchturm.
+
+»Zwölf,« sprach der Alte aus der Dunkelheit.
+
+Wir hielten vor oll Kusemanns hell erleuchtetem Häuschen. Der Lügenlotse
+selbst stand im Hausflur, in der einen Hand hielt er seine Laterne hoch
+in die Nacht und schwang in der andern ein Bowlenglas: »Jünging,
+Jünging, Prost Neujahr -- Prost Neujahr -- komm rein, hier drin bei mir
+sitzen alle Professoren von der Universität. Und dich kann Alwining auf
+ihren Schoß nehmen, ich erlaub's.«
+
+»Steig ab,« forderte der alte Gott.
+
+»Und du?« fragte ich, nachdem ich herabgeklettert.
+
+»Na, ich fahr noch ein Stück.«
+
+Er trank ein Glas Bowle, das ihm oll Kusemann heraufreichte, entzündete
+an der Laterne des Lotsen sein neues Licht, und bald sah ich, wie der
+Wagen um die nächste Ecke bog.
+
+Der Alte knallte mit der Peitsche.
+
+
+
+
+III
+
+
+»Die Hyazinthen blühen,« rief Line, während sie an dem dick vereisten
+Fenster die Gläser mit den aufbrechenden Knollen zurechtrückte: »Sehn
+Sie bloß, Fräulein, die letzte ist auch rot geworden. Jetzt haben wir
+nur rote und weiße.«
+
+Es war Neujahrsmorgen.
+
+In dem gemütlichen Stübchen lag heller Wintersonnenschein. Alles prangte
+in dem Altjungferzimmer von Sauberkeit; der braunlackierte Fußboden, die
+gelblackierten Korblehnstühle, der Mahagonitisch, welcher ebenfalls
+Lackglanz ausstrahlte, ja selbst die Fensterbretter redeten in ihrem
+weißen Schimmer davon, daß das alte Fräulein Dewitz die Eigentümlichkeit
+besaß, nach jedem Besuch den etwa entweihten Glanz ihres
+Schmuckkästchens durch eine allgemeine Lackierung wieder aufzufrischen.
+
+Und nun erst die beiden Betten, die man nebenan aus dem Alkoven
+hervorschimmern sah. Es schien beinah unmöglich, daß sich an diesem
+schneeigen Weiß jemals Menschenhände vergriffen haben sollten.
+
+Die allergrößte Sauberkeit jedoch, nein, förmlich eine Art Leuchtkraft
+der Reinlichkeit strahlte die Besitzerin dieser lackierten Räume selbst
+aus.
+
+Da saß sie in ihrem Korblehnstuhl, in dessen gelbem Lack freundlich die
+Sonne widerglitzerte, trug eine blankgeputzte Brille auf dem
+Stumpfnäschen und las Neujahrsgratulationen, die auf ihrem Schoß
+unwillkürlich ein höheres Weiß angenommen hatten.
+
+Lange murmelte sie so halblaut vor sich hin. Dann wurde sie gestört.
+
+»Sehn Sie bloß, Fräulein,« rief Line noch einmal. »Diese schönen Farben
+und wie sie duften; das ganze Zimmer ist voll davon!«
+
+»Du sollst nicht Fräulein sagen,« verwies die grauhaarige Dame und
+schüttelte zwei große Locken, die einen glatten Scheitel flankierten.
+
+»Tante,« verbesserte sich Line.
+
+»Gut -- so klingt es liebevoller. -- Zwar, wenn wir allein sind, dann
+höre ich es auch gern, wenn du mich >du< nennst. Vor Fremden freilich
+bleibt das >Sie< mehr am Platz. Denn bei der heutigen Jugend, meine ich,
+muß man auf Respekt halten. Das ist nötig.«
+
+»Gewiß,« bestätigte Line, die gar nicht gehört hatte, jedoch der alten
+Dame nie widersprach. »Darin hast du ganz recht, Tante.«
+
+»Ja, ja,« fuhr das gute Fräulein fort und befeuchtete sich ihre
+Unterlippe, was sie wohl in ihren langen Dienstjahren als
+Handarbeitslehrerin angenommen, »du bist nun die letzte, die ich
+erziehe. Gott ja, wenn ich so zurückdenke, -- und am Neujahrsmorgen
+kommt einem das so unwillkürlich -- dreißig Jahre hab' ich all die
+kleinen Mädchen vor mir sitzen gesehn und habe sie nähen, stricken und
+sticken gelehrt -- jede hatte ihren eigenen Knäuel, den sie bei mir
+kaufen mußte -- und ich rechnete genau dasselbe dafür, was er mich
+selbst kostete. -- Lieber Gott, es ist wahr, manche stellte sich gar zu
+ungeschickt an; aber schließlich -- lernen mußten sie es eben, denn
+damals wurde das nicht allein von der Familie, sondern auch vom Staat
+verlangt. -- Ja, siehst du, mein Döchting, ich hab' oft darüber
+nachgedacht, damals legte man noch mehr Gewicht darauf, daß in den
+kleinen Dingern so allmählich eine rechte Stille und Ruhe groß würde,
+und dazu -- das weiß ich gewiß -- dazu war grade mein Fach so recht
+geeignet. Wenn sich die frischen Gesichter beim Häkeln herabbeugten und
+dabei zählen mußten: >Eins, zwei, drei -- feste Masche -- eins, zwei,
+drei -- Stäbchen --,< siehst du, dann kam ordentlich etwas
+Hausmütterliches in sie hinein. Es war rührend anzusehn. Jetzt ist das
+alles anders.«
+
+Das alte Fräulein seufzte ein wenig, befeuchtete die dicke Unterlippe
+mit der Zunge und vertiefte sich in einen neuen Brief, den sie eben
+entfaltet hatte.
+
+Eine Zeitlang hörte man nichts als das Murmeln von Fräulein Dewitz und
+das frische Knacken der Holzklötze, die in dem blankgescheuerten, weißen
+Ofen lustig brannten.
+
+Dann klang ein halbes Kichern durch den Raum, und Line, die noch immer
+abgewandt am Fenster lehnte, reckte ihre schlanke Gestalt.
+
+»Lachtest du?« fragte das alte Fräulein, erstaunt von ihrem Briefe
+aufsehend.
+
+»Bewahre,« beteuerte Line, während sie mit ihrem Finger ein kleines
+Guckloch in die Eisscheiben malte.
+
+»Aber es klang doch so.«
+
+»Ich habe nur gehustet,« versetzte das junge Mädchen ganz ruhig, indem
+sie jetzt bereits durch den kleinen Kreis auf die Straße
+hinausblinzelte.
+
+»Ja, ja, du mußt dich vor Zugluft in acht nehmen,« ermahnte die Tante.
+»Vom Zuge kommen alle Krankheiten. Viele meiner älteren Bekannten tragen
+dagegen auch stets ein paar Katzenhaare in der Tasche.«
+
+Wieder setzte sie das Murmeln fort, und so merkte die alte Dame nichts
+mehr davon, wie sich das Mädchen geschmeidig vorbeugte, wie durch die
+angespannten Glieder ein kurzes, unterdrücktes Lachen bebte, und daß
+sich über das Gesicht jener seltsame belebende Zug verbreitete, ein
+Aufstrahlen, das die Lehrerin nun schon seit Jahren als unbegreiflich
+bei dem sonst folgsamen Geschöpf zu unterdrücken bemüht war.
+
+Auf der anderen Seite der Straße wanderte zur selben Zeit eine
+untersetzte stämmige Gestalt auf und ab, ungelenk, in blauer
+Düffelschifferkleidung, einen ungeheuren grauen Schal um den Hals, und
+bis unter die blaue Mütze mit Sommersprossen bedeckt, die auch im Winter
+nicht abblaßten. Unter beiden Armen aber trug die Gestalt je einen
+mächtigen Korb, deren Deckel sie ab und zu lüftete, um dann, nach einem
+Seitenblick auf das wohlbekannte Blumenfenster, rasch wieder beschämt
+vorüberzutraben.
+
+Das war Hann Klüth, der gegen den Widerspruch des geizigen Siebenbrod
+alljährlich am Neujahrsmorgen eine hochgepackte Sendung Blut- und
+Leberwürste sowie zwei schneeweiße, lebende Gänse in diesen Körben zu
+Fräulein Dewitz beförderte. Allein jedesmal bedurfte es größerer
+Energie, um ihn das schmale Holztreppchen hinaufzubringen. Bei Fräulein
+Dewitz war alles so vornehm, und wenn das alte Fräulein ihn mit
+wohlwollender Herablassung in einen ihrer gelben Lehnstühle
+niedernötigte und Line ihn lachend fragte, ob er die Gänse auch selbst
+gestopft hätte, oder wann er wieder einen Hecht unter dem Eise stechen
+würde, dann empfand Hann stets eine Unbehaglichkeit, eine innere
+Erniedrigung, die er sich selbst nicht gern eingestehen wollte.
+
+Warum Line ihn wohl so fragte? -- Und weshalb sie stets die Lippen zu
+solch eigenartigem Lächeln verzog, so oft sie seiner ansichtig wurde?
+Ja, ja, es war richtig, sie war bei Fräulein Dewitz eine wirkliche junge
+Dame geworden, die auf dem Kapitänsball und bei dem Studentenball
+getanzt und sehr viel gelernt hatte, aber er -- Hann Klüth -- das wußten
+alle andern man nich -- und dabei lachte er während des Hintrabens
+wehmütig-stolz auf das schneebedeckte Trottoir hinab -- er war auch gar
+nicht so dumm geblieben. Ja, das ahnten sie man alle nich, wieviel er
+ebenfalls sich herausgeklüstert hatte, während der langen Boddenfahrten
+bei Tage und bei Nacht. Er hatte so seine eigene Ansicht über das
+meiste, was man sehen und denken konnte. Sie brauchte zwar nicht die
+richtige zu sein, das nicht; aber er hatte doch eine. Und das Denken, --
+das von eins auf zwei kommen, und von da in die großen Zahlen hinein,
+das war nun mal sein einziges Vergnügen. Das hatte er gegen all die
+Püffe von Siebenbrod und die Tränen von Mudding und mit alleiniger
+Unterstützung des Lügenlotsen oll Kusemann durchgesetzt.
+
+»O je -- nehmens nich übel,« stotterte Hann aus seinen Gedanken heraus
+und starrte erschrocken auf den schlanken Studenten mit der blauen
+Korpsmütze, mit dem er eben während seines Trotts zusammengestoßen war.
+
+»Donnerwetter -- Mensch -- nehmen Sie sich doch in acht,« schnauzte der
+junge Herr aufgebracht, denn es war ihm sofort klar, daß Line, welcher
+er gegenüber wohnte und der er um diese Zeit stets eine kleine
+Fensterpromenade schnitt, das lächerliche Zusammenprallen mit diesem
+Bauerntölpel bemerkt haben müsse.
+
+»Nehmens nich übel,« entschuldigte sich Hann noch einmal, »ich habe
+Ihnen nich gesehn.«
+
+Doch der Musensohn mußte den armen Fischer erst noch etwas gründlicher
+seine Überlegenheit fühlen lassen: »Was geht mich das an?« schimpfte er
+fort, während sein brauner Neufundländer wütend gegen Hann zu knurren
+begann, »soll ich Ihnen vielleicht zuerst ausweichen?«
+
+»Je, wenn Sie mich zuerst sehen?« meinte Hann ehrlich.
+
+»Dummkopf Sie,« schrie der Student, der es in der »natürlichen«
+Philosophie noch nicht so weit gebracht hatte, »wenn Sie nicht solch ein
+Schafskopf von einem Esel wären -- -- --«
+
+»Ich weiß woll, studiert hab' ich nich,« sprach Hann gelassen dagegen,
+und nachdenklich setzte er hinzu, »ich dacht' mich bloß, die offenbare
+Straße wäre für jedwereinen da, denn wozu wäre sie sonst so breit? Und
+wenn ein feiner Herr von einem gewöhnlichen Mann nicht gestoßen werden
+möcht', daß es dann besser wär', er ging' ihm aus dem Weg.«
+
+Das war nun eine Probe des gewundenen Denkens, das Hann sich angewöhnt
+hatte, für das aber ein Lehrstuhl an der kleinen Universität noch nicht
+existierte. Sein Gegner warf ihm deshalb auch nur einen einzigen
+wütenden Blick zu, und in dem Bewußtsein, die Gattung des Korbträgers
+jetzt erst felsenfest fixieren zu können, rief er noch verächtlich:
+»Kamel,« und stürzte triumphierend davon.
+
+»Je, wieso?« sprach Hann in sich hinein und sah dem blauen jungen Mann
+zweifelnd nach. »Ein Kamel, als wie sie es damals in der Menagerie hier
+zeigten, das is ja doch ein Vieh, wie sie es in den großen Wüsten zum
+Transport gebrauchen, und was ja auch, wie oll Kusemann sagt, einen
+natürlichen Wassersack haben soll. Warum sie nun aber wohl so einen
+nützlichen Tiernamen als Schimpfwort anwenden? Das möcht ich wissen. --
+Auch >Hund< und -- --« Aber weiter kam er nicht in seinem Hinsinnen.
+Denn oben an dem Blumenfenster öffnete sich ein Flügel und eine helle
+Stimme rief halblaut herunter: »Hann!«
+
+Der Schiffer zuckte zusammen.
+
+Diese Stimme hatte noch immer für ihn etwas Weckendes, Alarmierendes.
+Allerdings in den langen Jahren, in denen er nun schon von Line getrennt
+lebte, hatte er längst eingesehen, daß der Abstand zwischen ihnen beiden
+ein unermeßlicher geworden. Sie, eine Stadtdame, die bei Konsul
+Hollander zu Tisch aß -- und er, der Bootsmann von Siebenbrod, der für
+eine Mark die Studenten auf dem Bodden spazieren fuhr. -- Ne, ne, die
+Zeiten, wo sie seine Braut war, wo oll Kusemann sie beide im Abendnebel
+getraut, und wo sie Hann vor Angst zitternd geküßt hatte, die waren
+vorüber. Für immer. Bloß das Drandenken, das blieb schön. Und das tat er
+auch. Ohne daß einer es ahnte. An den langen Winterabenden, wenn
+Mudding, Siebenbrod und er neben dem Herde in der Küche saßen und Netze
+flickten und der scharfe Fischgeruch sich mit dem Torfbrodem mischte,
+dann sann er und sann. Und wenn dann eine Möwe an der Mauer mit scharfem
+Flügelschlag vorüberstrich, dann glaubte er, die flinke, kleine Line
+husche wieder durchs Haus; und wenn er die Reiher auf dem Eise tanzen
+sah, dann dachte er daran, wie Line tanzen konnte. Auch an den Tanz in
+der Schenke, ein paar Wochen nachdem der Vater gestorben, mußte er sich
+erinnern. Ja, ja, wie hübsch ihre Röcke damals wirbelten -- hm --
+
+»Hann,« rief die helle Stimme noch einmal. Hann fuhr zum zweiten Male
+empor und begann sich heftig zu schämen. Richtig, jetzt hatten ihn die
+»verfluchtigen Gedankens«, die so oft über ihn kamen, jetzt hatten sie
+ihn auf offener Straße in ihre Gewalt bekommen, so fest, daß er beinah
+vergessen hatte, weswegen eigentlich die Körbe an seinen Armen hingen.
+Nun half es nicht länger, jetzt mußte er hinauf. Ohne den Blick zu
+erheben, lüftete er die Mütze vor Line und stieg die schmale, gewundene
+Holztreppe in die Höhe.
+
+»Oh,« rief Fräulein Dewitz, nachdem er mit einem Kompliment die Körbe
+vor ihr niedergesetzt, »Lining, sieh her, ich glaube gar, das ist ein
+Geschenk für uns. Was das wohl sein mag?«
+
+Line antwortete nicht. Mit ihrem leisen verhaltenen Lächeln stand sie
+noch immer am Fenster und sah mit an, wie Hann ungeschickt in den Korb
+griff, um eine der Gänse am Halse in die Höhe zu bringen.
+
+»Ei der Tausend -- eine Gans,« verwunderte sich Fräulein Dewitz, obwohl
+dieser Transport in ihrem Haushalt schon lange vorher berechnet war.
+Aber die gute alte Dame glaubte den Spendern durch ihr jedesmaliges
+Erstaunen eine Freude bereiten zu müssen. »Und was mag wohl in dem
+andern Korb sein?« fuhr sie fort und leckte sich im Vorgeschmack die
+Lippen. »Das sind doch nicht etwa -- -- --?«
+
+»Ja, Madamming,« unterbrach Hann, »Würste.«
+
+»Nein, wie aufmerksam,« lobte die Handarbeitslehrerin, und dann machte
+sie mit ihrer gepflegten weißen Hand eine einladende Bewegung, damit
+sich Hann in den Korbstuhl ihr gegenüber niederlassen möchte.
+
+Allein das war der gefürchtete Moment. Hann blieb stehen, versuchte
+wieder eine Verbeugung und begann davon zu sprechen, daß heute Neujahr
+sei, und daß er herzlich gratuliere.
+
+»Ich danke Ihnen -- ich danke Ihnen aufrichtig, lieber Herr Klüth,«
+sprach die alte Dame wohlwollend und vollführte nochmals ihre
+Handbewegung, die Hann jedoch nur von neuem erröten ließ.
+
+Und bei alledem stand Line und lächelte. Mit der linken Hand hatte sie
+nach dem oberen Riegel des Fensters gegriffen und lehnte den dunklen
+Kopf an den Arm. So bot sie ein hübsches, anmutiges Bild. Ein paarmal
+hatte Hann nach ihr hinübergeblinzelt, jetzt erst wagte er die Augen
+aufzuschlagen. Er erstaunte. Nein, was sah sie doch schlank und vornehm
+aus in dem enganliegenden blauen Tuchkleid. -- Wie groß war sie
+geworden, wie hatte sie sich entwickelt.
+
+»Gratulierst du mir nicht auch?« fragte sie ein bißchen gönnerhaft.
+
+»Ja, Lining -- dir auch,« brachte er hervor. Das »du« wollte ihm gar
+nicht recht aus der Kehle.
+
+»Dann gib mir doch die Hand,« forderte sie, wobei das Lächeln nicht von
+ihrem Antlitz weichen wollte.
+
+Da machte Hann einen Schritt vor, und als sie nicht näher trat, noch
+einmal einen und streckte zögernd den Arm nach ihr aus: »Da, Lining.«
+
+Mit einem mutwilligen Ausruf griff sie zu, heftig seine Hand schüttelnd:
+»Wie geht es der Mutter?« forschte sie rasch.
+
+»Oh, bis auf die Füße is sie noch ganz gut zu Weg.«
+
+»Und Siebenbrod?«
+
+»I, der hat ja kurz vor Neujahr drei Schweine zu unseren dazu gekauft.
+Wir haben ordentlich den Koben ausbauen müssen.«
+
+Wieder tönte von den Lippen des Mädchens ein kurzer, spöttischer Ton.
+
+Aber die alte Dame wies sie zurecht. Dabei wäre nichts zu spotten.
+Siebenbrod sei nur zu achten, weil er so sparsam sei und die Wirtschaft
+vermehre.
+
+»Ja, gewiß Tante,« lenkte Line sofort ein, die die alte Dame einen
+Moment vergessen hatte, und dann fragte sie in ihrer Eilfertigkeit Hann
+weiter, wie es ihm selbst ginge.
+
+»Oh, so weit ja ganz gut, Lining, bloß --«
+
+Er stockte.
+
+»Nun, was denn?«
+
+»Ich muß mich nämlich nun zu den Soldaten stellen.«
+
+»Du?«
+
+Mit einer plötzlichen Bewegung steifte sie ihren Arm und drehte Hann
+dabei etwas herum, als wünsche sie den künftigen Krieger von allen
+Seiten zu betrachten.
+
+»Nun, darauf freuen Sie sich wohl schon sehr?« warf die Tante
+dazwischen. »Es ist doch eine Ehre, dem Vaterlande zu dienen -- wie?«
+
+Aber Hann schüttelte den Kopf und sah bekümmert auf den Fußboden: »Ne,
+Madamming, das tu' ich nich!«
+
+»Nicht?« riefen beide Frauen nun wie aus einem Munde.
+
+Hann erschrak und schlug seine hellen Augen nieder. Er merkte, daß hier
+etwas vorginge, was ganz gegen die Ansichten des alten Fräuleins
+verstoßen mochte. Anstatt jedoch nun seine Gedanken klarzulegen, wie er
+sie so oft bei sich selbst gehegt, etwa in der Art: »Soldaten? -- Ne --
+werden die nicht extra dazu angelernt, wie man andere Leute ihre Kinder
+totschießt? Und dann -- wenn ich in meinem Schifferrock einen umbring',
+dann werd' ich geköpft -- aber in solch blau und rotem Rock krieg' ich
+dafür noch einen Orden. Da stimmt doch etwas nicht?«
+
+Statt all dieser guten Gedanken brachte er nur scheu hervor: »Nein, ich
+möcht' lieber nich unter die Soldaten.«
+
+Das alte Fräulein erhob sich: »So?« versetzte sie kühl. »Das ist ja
+sonderbar -- hm --« Und mit den Worten: »Ich will nun doch mal nach der
+Küche sehn,« ging sie mit ihren langen, ehrbaren Schritten hinaus.
+
+Die beiden Kinder von Moorluke blieben allein. Langsam kauerte sich Line
+in den verlassenen Korblehnstuhl nieder, lehnte sich zurück und ließ
+ihre Stiefelspitzen leise gegeneinander klappen. Dann glitt wieder einer
+ihrer taxierenden Blicke über den ungelenken Besuch fort, und plötzlich
+lud sie ihn mit einer bestimmten Bewegung ein, ihr gegenüber Platz zu
+nehmen.
+
+Hann wagte es nicht. Er behielt seine Mütze in der Hand und blinzelte
+ehrerbietig zu ihr hinüber. Nein, wie überaus fein und zierlich er alles
+an ihr fand. Diese kleinen Halbschuhe, aus denen die schwarzen Strümpfe
+hervorlugten, und dann die schwarze Atlasschürze, die so glatt über den
+Hüften abschloß -- -- und wie sie sich jetzt kaum merklich hin und her
+wiegte, das schwarze Köpfchen seitlich an die Lehne gedrückt, während
+ihre dunklen Augen ab und zu zu ihm herüberblitzten, das erfüllte den
+großen Burschen schließlich mit solcher Freude, daß er immer
+wohlgefälliger mit dem plumpen Haupte nickte und mit der freien Hand
+wohlig am Knie auf und nieder fuhr.
+
+Mit einem Male beugte sich Line hastig vor, daß Hann beinah' einen
+Schrecken bekam, stützte die beiden Ellenbogen auf ihre Knie, wie sie es
+als Kind stets gepflegt, und über ihre Lippen kam es kurz und überlegen:
+»Sag', Hann, hast du schon eine Braut?«
+
+Hann hielt den Atem an und starrte ihr grenzenlos verdutzt, ja bekümmert
+in das feine Antlitz. O je, wie sollte er wohl zu einer Braut kommen?
+Wußte sie denn gar nicht, daß er nicht auf so was ausging, ja, daß er
+alle Frauen ängstlich vermied, weil -- ja weil -- --
+
+Er schüttelte mit einem wehen Zug um den groben Mund den Kopf und
+scheuerte wieder an seinem Knie auf und nieder.
+
+»Lining -- oh --«
+
+»Na, was wär' denn dabei?«
+
+Ihr schien die große Verlegenheit des armen Menschen Freude zu bereiten.
+Und dann -- immer mit dem angelehnten schmalen Gesichtchen plauderte sie
+weiter, leise, flüsternd, damit es das gute Fräulein Dewitz in der Küche
+nebenan nicht vernehmen könnte. Oh, es war doch ein so lang entbehrter
+Genuß, endlich wieder einmal unbeobachtet, jung und frisch und ungeniert
+necken und schwatzen zu dürfen.
+
+»Hann, da sind doch aber die beiden Töchter von Schullehrer Toll. Und
+die älteste, die hübsche, von der sie sagen, daß sie Krankenschwester
+werden will, die hat neulich hier erzählt, wie du mit ihr getanzt hast.«
+
+Hann rückte hin und her.
+
+»Lining -- das wohl -- ich konnt' mir auch nich anders helfen.«
+
+»Aber die wär' doch was für dich,« fuhr sie fort. »Denk mal, wenn die
+nun bloß deinetwegen Krankenschwester werden wollte?« Und plötzlich
+faßte sie seine beiden Hände und brach in ein langes, fröhliches Lachen
+aus. Die Idee, Hann als Bräutigam der hübschen Schulmeisterstochter zu
+sehen, schien sie mit ungemeinem Behagen zu erfüllen. Merkte sie nicht,
+wie der arme Bursche immer blöder den Boden suchte, fühlte sie gar
+nicht, wie ihre Worte sich ihm immer enger und drückender ums Herz
+legten?
+
+Endlich erhob er sich; er überwand sich und sagte mit gepreßter Stimme:
+»Lining, das alte Fräulein kommt wohl nicht wieder. Da wird es Zeit, daß
+ich geh'.«
+
+Und wieder wagte er nicht, sie anzublicken, sondern stand und knöpfte
+langsam sein blaues Schifferwams zu.
+
+Line erhob sich. Mit leichten Schritten ging sie um ihn herum, immer ihn
+messend, als wäre des Spaßes noch nicht genug. Plötzlich huschte sie
+dicht an seine Seite, hob ihm kräftig das Kinn auf und zwang ihn so, sie
+anzublicken. Seine blauen Augen sprachen förmlich von zurückgedrängtem
+Kummer.
+
+»Sag' mal Hann,« begann sie, »wenn es Klara Toll nicht ist, dann
+möchtest du wohl lieber mich? Wie? -- Weißt du noch, wie wir uns verlobt
+haben, und wie oll Kusemann uns eine Molle voll Goldstücke aus der
+untergegangenen Stadt zur Hochzeit schenken wollte?«
+
+Ihre Hand strich an seiner Backe hin und her, etwa wie man einen großen,
+treuen Hund streichelt, aber als sie seinem ehrlichen, betrübten Blick
+begegnete, hielt sie inne.
+
+»Na, laß gut sein, Hann,« brach sie schonend ab.
+
+»Ja, Lining,« brachte er mit Anstrengung hervor, »wir waren eben noch
+Kinder und sehr dumm.«
+
+»Ja, ja, Hann,« sagte sie stiller, und nach einer Weile setzte sie
+hinzu: »Aber die Molle voll Goldstücke, die wünsch' ich dir. Wenn du so
+die untergegangene Stadt finden könntest, dann --«
+
+Ihre Augen vergrößerten sich, sie zeigte ihre spitzen Zähnchen. Dabei
+sah sie aus, als ob sie den Besitzer der untergegangenen Stadt mit ihren
+unermeßlichen Schätzen wohl liebhaben könnte. Doch Hann zerstörte den
+Traum.
+
+»Kuck, Lining,« murmelte er achselzuckend, »das mit der Stadt, das is
+auch man so, wie alles andere. Sieh, als ich noch ganz klein war, und
+als du noch bei uns draußen wohntest, ja, da sah ich sie manchmal ganz
+deutlich unter dem Wasser. Zuweilen auch bei Nacht. Da zeigte mir oll
+Kusemann ordentlich erleuchtete Fenster und so was. Aber dann später, je
+älter man wird, desto weniger sieht man sie. Ich glaub', das is auch man
+so 'ne Kinderstadt --«
+
+Damit wollte er ihr die Hand zum Abschied bieten, doch Line starrte ihn
+noch verwundert über seine letzten Worte an. Und achtungsvoller als
+sonst drang es endlich über ihre Lippen: »Hann, was du da sagtest, das
+war gar nicht so dumm.«
+
+»O Lining,« wehrte er bescheiden ab, »ich dachte das bloß so -- Und nun
+adschö.«
+
+Er nickte, raffte die Körbe in die Höhe und wollte gehen.
+
+Da faßte sie ihn noch einmal rasch bei der Hand und nahm gewandt einen
+der Briefe vom Tisch, die das alte Fräulein Dewitz uneröffnet hatte
+liegen lassen. »Hann,« flüsterte sie, »sieh den -- weißt du, von wem der
+is?«
+
+Hann schüttelte den Kopf. Wie konnte er das erraten? Der Brief war ja
+noch zu.
+
+»Und die Schrift, kennst du die auch nicht?«
+
+Hann betrachtete nochmals die feinen Schriftzüge und las den
+Poststempel, der Brief kam aus Hamburg. I, woll, der konnte von seinem
+Bruder Bruno stammen.
+
+Eifrig nickte Line: »Ja, ja -- und weißt du, was drin steht? Heute
+morgen erwartet ihn der Konsul schon. Er ist vielleicht bereits hier.«
+
+»Bruno?«
+
+Sie nickte, strich sich über die Haare und warf einen Blick in den
+Mahagonispiegel in der Ecke.
+
+»Ja -- aber woher weißt du denn den Inhalt?« fragte Hann ganz betroffen.
+
+Line zuckte zusammen, blickte sich blitzschnell nach der Tür um und
+atmete endlich tief auf. Und während ihr das Blut die Wangen glühend
+färbte, bezwang sie sich und versuchte zu lachen: »Mußt es nicht
+weitersagen, Hann,« stotterte sie, -- »ich -- war so neugierig -- du
+weißt ja -- und da hab' ich den Brief in der Küche über dem Wasserdampf
+ein bißchen geöffnet -- bloß ein bißchen. Dabei is doch nichts? Was? --
+Aber nicht weitersagen! -- Hörst du?«
+
+Allein Hann stand ganz niedergedonnert vor der lieblichen Verbrecherin.
+Er schämte sich derartig, daß er zitterte, als hätte er selbst das
+Unerhörte begangen.
+
+»Aber Lining,« murmelte er, »wie konntest du das bloß -- -- wie --«
+
+»O, das war doch nur Spaß.«
+
+»Ja, aber wenn nu einer aus Spaß stehlen wollte?« sprach er in seiner
+philosophischen Methode weiter.
+
+Jedoch Line war bereits wieder ganz getröstet. Sie versetzte ihm mit
+ihrer kleinen Faust einen neckischen Puff in die Seite, und während sie
+ihn lachend zur Tür hinausschob, rief sie ihm in ihrer gedämpften, kaum
+hörbaren Art über die Treppe nach: »I, du bist nicht klug, du dummer
+Junge. -- Und nun grüß alle zu Haus. Auch Klara Toll. Und bring uns bald
+wieder was Gutes zu essen. Hörst du?«
+
+»Ja, gern, Lining,« sprach der Schiffer vor sich hin, während er noch
+halb befangen die Treppen hinuntertappte. »Und wenn du mir's erlaubst,
+dann komm' ich auch bald wieder; aber -- aber --«
+
+Damit blieb er vor dem Hause stehen und sah noch lange bekümmert zu dem
+Fenster hinauf, an dessen Scheiben sich so silberne Eisblumen rankten
+und hinter welchem die Hyazinthen so süß geduftet hatten.
+
+»Ja, ja,« seufzte er endlich aus seinem Traum tief auf: »Das is auch
+nichts anderes als so 'ne untergegangene Stadt aus den Kinderjahren. Ja,
+ja -- aber will man nach Haus gehn.«
+
+
+
+
+IV
+
+
+Es war ein sehr einfaches, beinahe ärmliches Stübchen, in dem der Konsul
+Hollander an diesem Neujahrsmorgen seinem Hamburger Vertreter auf einem
+derben Holzstuhl gegenübersaß. Er selbst steckte noch in seinem weiten
+orientalischen Schlafrock, unter dem sich die weißen Unterhosenbänder
+lustig über ausgetretene grüne Pantoffeln herabschlängelten; auf dem
+Haupte trug er eine schwarzseidene Mütze, und von Zeit zu Zeit fuhr er
+sich verdrießlich über seine unrasierten, stoppeligen Wangen, als ob er
+sich heute ganz besonders unbehaglich fühle. Und doch hatte er nicht den
+geringsten Grund zu dieser üblen Laune. Befanden sich doch die
+Abrechnungen des jungen Herrn mit dem hübschen braunen Schnurrbart und
+der streng englischen Toilette in bester Ordnung. Und wenn auch die
+Reisespesen des Vertreters ungewöhnlich hoch waren -- -- --
+»Schockschwerenot -- nobel, nobel,« murmelte der Konsul, während er
+heftiger seine Stoppeln rieb, so brachte er doch auf der anderen Seite
+Abschlüsse und Bestellungen für die Werft heim, wie sie der Chef schon
+so lange nicht mehr in Händen gehalten hatte.
+
+»Sieh mal an! -- Die asiatische Linie bestellt also doch den
+Sechstausend-Tonnen-Schraubendampfer? Hm -- und die Holländische
+Heringskompanie zehn Fischerkutter!? Puh -- schockschwerebrett.«
+
+Dem Konsul träufelte das Auge. Er wischte es mit der Hand und sah wieder
+auf das Blatt. Aber die Bestätigungen der Abschlüsse blieben stehen;
+aufrecht, in der schönen, lateinischen Schrift Brunos verzeichnet.
+
+»Merkwürdig.«
+
+Und wieder blinzelte der Werftbesitzer über das Blatt fort auf seinen
+jungen Untergebenen, der ihm so frisch und adrett gegenübersaß, und
+wieder faßte ihn die Unbehaglichkeit so stark, daß er sich fast die
+Backe wund rieb.
+
+»Akzeptable Preise,« murmelte er von neuem und spuckte aus. Dann warf er
+die Papiere auf den schmalen Klapptisch, der seinem Feldbett gegenüber
+an der Wand angebracht war, und fuhr seinen Angestellten mit voller
+Grobheit an.
+
+Länger konnte er sich nicht mehr bändigen.
+
+»Sagen Sie mal, wie machen Sie das eigentlich?«
+
+»Wie ich das mache, Herr Konsul? Ich verstehe nicht recht.«
+
+Um Brunos frische Lippen zuckte ein Lächeln. Hollander verzog die Stirn.
+
+»Mir ist ganz ernsthaft zumute. Ich meine, wie alt sind Sie denn nun
+eigentlich mit der Wurzel?«
+
+»Vierundzwanzig, Herr Konsul.«
+
+»Nicht zu glauben -- also ganze vierundzwanzig -- So!? -- Kuck mal an!
+Ja, hat sich denn im Ernst die Welt so verjüngt, oder sind Sie wirklich
+der Ausnahmemensch, für den Sie sich ja, wie ich Ihnen früher immer
+gesagt habe, heimlich halten?«
+
+Bruno blieb ruhig sitzen, während der Konsul mit flatternden
+Hosenbändchen in der Stube auf und nieder schlurfte. Und doch färbten
+sich die Wangen des jungen Mannes glühend rot, seine Augen erhielten
+förmlich einen fieberischen Glanz, denn jetzt äußerte endlich, endlich,
+der grobe, massive Mann dort offen und ehrlich, was während Brunos
+langer Lehrzeit stets wie eine kalte Wolke zwischen ihnen gelagert
+hatte. Dieses stille, heimliche, lauernde Mißtrauen, das sich
+vergrößerte, je schneller und überraschender sich die spielende
+Tüchtigkeit des Lehrlings entfaltete, je mehr ihn die anderen
+Angestellten bewunderten und anstaunten. Aber warum? Warum? Das konnte
+sich Bruno, den es stets mit Gier, mit Unabwendbarkeit vorwärts gezogen,
+auch heute nicht entschleiern.
+
+Glühend rot überzog es seine Wangen, mit zitternder Stimme und
+lächelndem Munde sagte er: »Herr Konsul, Sie sagen mir das in der ersten
+Stunde meiner Heimkehr von dem Posten, auf den Sie mich selbst gestellt.
+Ich muß also annehmen, daß ich niemals Ihre volle Zufriedenheit besessen
+habe und sie auch heute noch nicht besitze.«
+
+Der Konsul blieb stehen, zupfte abgewandt an seinem Bett herum, klappte
+mit den Pantoffeln und schlug endlich ungeduldig auf das Kopfkissen. --
+-- »I was, Zufriedenheit,« knurrte er barsch heraus. »Was brauchen Sie
+sich aus meiner Zufriedenheit zu machen? -- Sie leisten ja das Ihrige.
+-- Das ist es eben. -- Na, ich muß mir mal Luft machen, Sie nehmen mir
+das nicht übel, oder, wenn Sie's tun, dann kann ich mir auch nicht
+helfen. -- Also kurz und gut, Sie leisten genug, verstehen Sie, ich
+meine, was den Erfolg betrifft; diese beiden Abschlüsse zum Beispiel
+hier, besonders der aus Holland, an dem haben andere Angestellte von mir
+durchaus vergebens herumgedoktert; aber Sie? -- Sie kommen einfach und
+haben so eine Art, den Leuten Geschichten vorzuerzählen, die
+Vorsichtigsten so zu blenden, daß -- -- --«
+
+Bruno klopfte das Herz. Was er da von seinem Charakter vernahm,
+erschreckte ihn unwillkürlich: »Herr Konsul,« unterbrach er stockend,
+»Sie wollen mir doch nicht vorwerfen, daß ich Ihre Kunden durch
+lügenhafte Berichte täusche?« Seine Rechte schloß sich dabei krampfhaft
+um die Ledermappe.
+
+»I bewahre, fällt mir gar nicht ein,« fuhr der Werftbesitzer fort,
+während er wieder auf das Kissen schlug -- »Lügen!? -- I wo, so dumm
+werden Sie doch nicht sein. Nein, aber Sie besitzen so eine
+Einbildungsgabe, so eine -- na, wie drück' ich mich aus? -- solch eine
+Kraft in Ihren Schilderungen, daß Sie einen ordentlich zwingen, alles
+das zu sehen, was Sie sich selbst dabei vorgestellt haben.«
+
+»Und das wäre etwas so Schlimmes?« brachte Bruno staunend hervor.
+
+Er wollte die Achsel zucken. Aber er vermochte es nicht. Immer enger und
+drückender legte sich ihm die Unruhe ums Herz, ein leises Frösteln
+überlief ihn. Er konnte sich durchaus nicht mehr zwingen, alles das
+kindisch zu finden, was der verbitterte Mann dort vorbrachte.
+
+»Schlimmes?« wiederholte Hollander ärgerlich, wandte sich nach ihm um
+und ließ sich schwerfällig vor dem jungen Mann auf den Holzstuhl nieder.
+»Ja, das weiß ich auch nicht. -- Es ist vielleicht nur der Anfang. Ich
+will Ihnen, lieber Klüth, mal ganz reinen Wein einschenken. Während
+Ihrer ganzen Lehrzeit hab' ich Sie beobachtet. Das wissen Sie. Und da
+frage ich Sie: Haben Sie jemals ordentlich gearbeitet? -- Nein! War auch
+nicht nötig. Ihnen ist alles angeflogen. Warenkenntnisse, technische
+Erfahrung, Handelsrecht, Sprachen und so weiter! Alles so im
+Handumdrehen! Von einem Posten zum anderen sind Sie aufgerückt. So im
+Flug -- wenn auch heimlich gegen meinen Willen. -- Aber ich konnte nicht
+recht was Stichhaltiges dagegen einwenden. Und nun kommen Sie nach der
+Hamburger Vertretung, die auch gut ausgefallen ist -- sehr gut sogar, in
+mein Geschäft zurück, und wenn mich nicht alles trügt, dann haben Sie es
+jetzt auf die Prokura abgesehen. Sie möchten also jetzt mein Vertreter
+werden, dessen Unterschrift gilt wie die meinige. -- Nicht wahr, Sie
+wollen jetzt auch unterzeichnen: >Johann Christian Hollander<? Sagen Sie
+mal aufrichtig, Klüth -- ist es nicht so?«
+
+Bruno sprang auf. Er fühlte, daß er an sich halten müßte, daß nur kalte,
+geschäftliche Nüchternheit hier zum Ziele führen könnte, allein die
+verletzende Art des Mannes, sein unverhohlenes Mißtrauen, das den
+Jüngeren all die langen Jahre hindurch immer und immer wieder aus diesen
+grauen Augen umlauert hatte, das ließ ihn jetzt alle Mäßigung vergessen.
+Was hatte er auch zu fürchten? Was sich vorzuwerfen? Waren nicht alle
+seine Gedanken stets auf den Vorteil dieses alten Sonderlings und seines
+Geschäftes gerichtet gewesen?
+
+Mit vollem Feuer, mit blitzenden Augen sprang er auf, und lauter und
+kräftiger, als wohl je ein Angestellter dem alten Hollander eine Antwort
+zu erteilen gewagt, rief er mit heißer, zorniger Stimme: »Ja, Herr
+Konsul, da wir nun einmal so weit halten, so sind mir die möglichen
+Folgen auch gleichgültig. Jetzt sollen Sie es wenigstens erfahren. Ja,
+die besten Jahre meiner Entwicklung haben Sie mir verbittert. Sie
+allein. -- Nie ein Wort der Anerkennung, immer dieses Herumspähen, als
+hätte ich keinen anderen Gedanken, als gelegentlich einmal Ihre Kasse
+auszuplündern -- -- --«
+
+»Klüth,« rief der Alte dazwischen, doch der andere achtete nicht darauf.
+
+»Ich kann Ihnen nur sagen: daß ich darüber nicht wirklich schlecht,
+nachlässig und ein Duckmäuser geworden« -- hier erhob sich die Stimme
+des Heimgekehrten höher, und er trat heftig einen Schritt auf den
+Werftbesitzer zu, der unbeweglich, mit vorgebeugtem Haupt vor ihm
+verharrte, »daß ich darüber nicht wirklich ein Duckmäuser geworden,
+wahrhaftig, das habe ich einzig und allein meiner von Ihnen so
+geschmähten guten Laune zu verdanken. Sie aber, Sie haben alles getan,
+um diese Fröhlichkeit zu unterdrücken. Oder glauben Sie, es wäre mir
+leicht gefallen, wenn Sie mich die ganze Zeit über, die ich in Ihrem
+Hause lebte, wie einen lästigen Freiesser in meinem Stübchen im
+Hinterhaus sitzen ließen, während die meisten meiner Kollegen zu den
+großen und kleinen Festlichkeiten in Ihrer Familie hinzugezogen wurden?
+Wie oft hab' ich Tanzmusik gehört und hab' allein gesessen. Das hat mich
+heiße Tränen gekostet. Heute können Sie es erfahren. Das vergaß ich
+Ihnen nicht, Herr Konsul.«
+
+Die Stimme des Aufgeregten zitterte, seine Brust hob und senkte sich,
+und der Prinzipal konnte wahrnehmen, wie Tränen in seinen Augen
+aufstiegen.
+
+Der Alte knurrte etwas, das wie »Dummheiten« klang, doch man sah, daß er
+noch mehr hören wollte. Eine Weile herrschte Ruhe in dem kleinen Raum.
+Beide musterten sich. Endlich hob der Werftbesitzer schief das Ohr,
+plinkerte mit den Augen und fragte scharf und halb spöttisch: »Na, und
+was nun weiter?«
+
+»Was weiter? -- Oh, mir bleibt nur die Frage: ob Sie mir jetzt den Grund
+angeben wollen, warum Sie mir den Prokuristenposten, der mir gebührt,
+vorenthalten? Oder ob es nicht überhaupt besser wäre, wenn wir diesem
+unleidlichen Verhältnis lieber gleich ein Ende bereiteten?«
+
+Der Konsul zog die Augenbrauen in die Höhe: »Sie wollen gehn?«
+
+»Ja.«
+
+»Hm!«
+
+Er wandte sich, zog mit den schlängelnden Hosenbändchen zum Fenster und
+kehrte ihm dort den Rücken. Leise trommelte er an die Scheiben. Nicht
+lange, dann hörte er hinter sich ein seltsames Geräusch, ein tiefes
+Atmen, ein Schlucken, schließlich ein gewaltsam gebändigtes Schluchzen.
+Überrascht kehrte sich Hollander zu seinem Besuch zurück. Doch wenn er
+die aufflammende Natur seines Lehrlings, die ebenso leicht zu unmäßigen
+Ausbrüchen der Freude, wie zu wild hervorbrechenden Klagen neigte, nicht
+von früher gekannt hätte, so würde er nur an den bebenden Lippen Brunos
+erraten haben, was durch die Seele des jungen Mannes stürmte.
+
+Denn äußerlich stand die feine Gestalt unverändert da, nur die braunen
+Augen flammten noch, wie vorher, vor innerer Erregung.
+
+Wieder verzog der Alte die Stirn. Dann ging er langsam auf seinen Besuch
+zu, und wie in fernen Gedanken nahm er den Jüngeren an einem Rockknopf,
+an dem er ihn während des Folgenden energisch hin und her zupfte: »Na,
+nun wollen wir's gut sein lassen, Klüth, nun beruhigen Sie sich man
+vorläufig, Sie -- verstehen Sie?« -- Und während er ihn noch energischer
+bewegte, fuhr er brummig fort: »Daß Sie heute mal ausnahmsweise nicht
+lauter Zucker und Sirup von sich gegeben, daß Sie mir sogar ordentlich
+Grobheiten ins Gesicht geworfen haben, na, nehmens mir nicht übel,
+junger Herr, das hat mir bis jetzt am allerbesten von Ihnen gefallen! --
+Wahrhaftig! -- Vielleicht, na, hm -- bloß das Pistol auf die Brust setzen
+kann ich nun mal nicht leiden. Nun passen Sie auf. Ich sag' Ihnen die
+Prokura nicht ab -- nur Zeit zum Überlegen will ich haben. Verstanden?
+Das muß ich. Zwingen lasse ich mich nicht.«
+
+Ohne eine Antwort abzuwarten, schritt er wieder an das Fenster, um von
+neuem an die gefrorenen Scheiben zu pochen. Er schien mit sich zu
+kämpfen, dann fiel es noch so über seine Lippen, seine Tochter Dina
+würde heute abend ein paar Bekannte zum Tee bei sich sehen, und daß es
+ihn, den Konsul, freuen würde, wenn Bruno sich dazu einstellen möchte.
+Fräulein Dewitz und das kleine Ding, wie heißt sie noch? --
+
+»Line.«
+
+Jawohl, die wären auch da. Auch der ältere Bruder von Bruno, der
+Predigtamtskandidat.
+
+»Na, kommen Sie nun?« fuhr der Werftbesitzer plötzlich auf, als sein
+Angestellter noch immer schwieg.
+
+Da bewegte sich der Angeredete und fragte mit fester Stimme, wann er das
+Definitive über seine Stellung hören würde.
+
+Diese Zähigkeit, dieses kaufmännische Festhalten schienen dem Konsul zu
+imponieren. Mehrmals nickte er nachsinnend mit dem Kopf, dann schlurfte
+er auf Bruno zu und klopfte ihm eifrig auf den Arm: »Na gut -- sehr
+schön -- sich nicht durch Nebendinge aufhalten lassen -- ganz richtig.
+In vierzehn Tagen bescheide ich Sie. Aber nun machen Sie auch, daß Sie
+fortkommen, Klüth, ich will nun doch in meine Büxen hinein! -- Morjen,
+ja, ja, schon gut -- hol' Sie der Deuwel, Adieu!«
+
+
+
+
+V
+
+
+Am Vormittag desselben Tages brachte der Diener des Konsuls die
+Teeeinladung an Fräulein Dewitz. Hinten auf der englischen Karte stand
+in der schönen, klaren Schrift Dina Hollanders geschrieben: »Fräulein
+Line kommt natürlich mit.«
+
+»Hörst du, wie nett sie schreibt?« fragte Fräulein Dewitz wohlgefällig,
+als sie sich in der Küche die Brille abputzte. »Sie ist wirklich ein
+sehr wohlerzogenes Mädchen. Du mußt ein bißchen auf ihre Manieren
+aufpassen, denn in diesen Schweizer Pensionaten lernt man das auf das
+feinste. -- Und nun bind' dir die Schürze um, mein Kinding, damit das
+schöne, blaue Kleid nicht fleckig wird.«
+
+Und während sich die Handarbeitslehrerin in der halbdunklen Ritze umsah,
+die »Küche« benannt wurde, weil auf einem sehr weißgescheuerten Tische
+ein Petroleumofen stand, leckte sie sich wieder befriedigt die Lippen
+und äußerte endlich halb fragend: »Sollen wir nicht die schönen
+Schnitzel bis morgen aufheben? Bei Hollanders gibt es immer so viel zu
+essen. -- Und man sollte sich vorher den Magen nicht überladen. Was
+meinst du? -- Ja, und was ich noch fragen wollte, was ziehst du dir denn
+an?«
+
+»Oh,« entgegnete Line wegwerfend, »für wen sollte ich mich da wohl
+besonders fein machen?«
+
+Die Lehrerin wiegte zweifelnd das Haupt. Allein sie widersprach nicht.
+Auch ihr war es immer ein heimliches und behagliches Gefühl, die guten
+Kleider recht lange geschont im Schrank zu wissen.
+
+ * * *
+
+Zwischen drei und vier hielt das alte Fräulein im Alkoven ihr
+Mittagsschläfchen.
+
+Dann herrschte sabbatliche Stille in den blankgescheuerten Räumen. Das
+Rouleau mit den blauen Bildern war herabgelassen, und hindurch strömte
+beruhigende Dämmerung. In dieser Stunde schlich Line stets auf Zehen
+umher, und man hörte nichts, als höchstens einmal das feine Läuten eines
+Schlittens, der vom Lande durch die Straße klingelte, dazwischen das
+ruhige Atmen der alten Dame.
+
+Aber, weiß der Himmel, wieso ihr Schlummer heute immer wieder
+unterbrochen wurde. War es die Aussicht auf den Teeabend im vornehmen
+Hause des Konsuls, die sie erregte, oder raschelte und rauschte es
+wirklich so vernehmlich nebenan? Resigniert erhob sie sich nach einer
+Viertelstunde und öffnete die Tür zum Nebenzimmer.
+
+Verdutzt blieb sie an der Schwelle.
+
+Da bog sich Line vor dem alten Mahagonispiegel hin und her, neben dem
+sie ein Licht entzündet hatte, um ihre schlanke Gestalt in dem
+englischen, schwarzen Gewande, das knapp bis an den Hals schloß, besser
+betrachten zu können. Langsam strichen ihre Hände an der Taille
+herunter, dann ließ sie weich das Haupt nach hinten sinken. Ihre Brust
+dehnte sich, ihre Augen schlossen sich, es mußte ein wohliger Traum
+sein, der das junge Geschöpf entführte.
+
+Fräulein Dewitz tastete nach ihrer Brille, aber sie fand sie nicht. Mein
+Gott, betrog sie denn der flackernde Lichtschein, oder vollführte Line
+wirklich dort solch merkwürdige Bewegungen? Der Kopf der alten Dame
+begann vor Erstaunen leicht zu zittern. »Mein Gott, Lining,« brachte sie
+endlich hervor, »was machst du denn da?«
+
+Auf den Anruf ging ein unmerkliches Erschrecken durch die Glieder des
+Mädchens, dann wandte sie sich und um ihre Lippen spielte ihr
+kindliches, halb verlegenes Lächeln.
+
+»O Tanting, ich wollt' ja nur einmal nachsehn, ob mir das Kleid nicht zu
+eng geworden. Du meintest doch selbst, daß es bei Hollanders heute so
+fein zugehn würde.«
+
+»Ja, ja, das wohl.« Fräulein Dewitz schüttelte das Haupt und mußte
+wieder an die üppigen Bewegungen denken. »Ja, aber ein junges Mädchen
+sollte doch nicht so eitel sein, ich habe das nicht gern.«
+
+Jetzt flog Line auf sie zu und schlug den Arm um sie: »Tanting, ich
+wollte dir doch nur einen Gefallen erweisen. Weißt du das nicht?«
+
+»Mir?« Fräulein Dewitz sah ihrer Schutzbefohlenen in das schmale,
+lebhafte Gesichtchen und wurde versöhnt. Freilich, das war etwas
+anderes. »Na, denn geh hinaus, mein Kind,« entschied sie endlich, »und
+mach den Kaffee für uns beide. Nicht zu stark. Aber zuerst puste hier
+das Licht aus. Das wäre doch wirklich eine Verschwendung.«
+
+ * * *
+
+In einem kleinen Stübchen in der Rakowerstraße bei der
+Drechslermeisterswitwe Wilhelmi wurde gleichfalls über die Einladung zum
+Konsul Hollander nachgedacht. Da stand der älteste Sohn der Klüths, der
+Predigtamtskandidat Paul, an dem Fenster und blickte auf die enge,
+krumme Gasse hinaus.
+
+Draußen schwarzgraue Dämmerung, Schneegewimmel, kein Fußtritt hörbar,
+nur manchmal tickten härtere Flocken gegen die Scheiben, und vom Fluß
+stöhnte einmal ein Windzug herauf.
+
+Hinter dem hageren Manne mit den verarbeiteten Zügen saß bei einer
+einfachen Stehlampe ein elfjähriger Junge am Tisch und schrieb mit
+kritzelnder Feder emsig aus einem Buch etwas ab. Das war einer der
+vielen Schüler des Theologen, deren Beaufsichtigung ihm das kärgliche
+Brot für seine Existenz gewährt hatte.
+
+Jahraus, jahrein immer dasselbe. Es war kein Wunder, daß Paul nicht
+fröhlicher und umgänglicher bei dieser Lebensweise geworden.
+
+An der Wand raschelte etwas an der Kuckucksuhr. Der hölzerne Vogel
+sprang heraus und rief seinen fröhlichen Ruf: Sechs Uhr.
+
+Um neun war der junge Geistliche zum Konsul gebeten.
+
+Paul verzog die Stirn.
+
+War es nicht seltsam, daß er erst dort mit seinem zurückgekehrten Bruder
+zusammentreffen sollte? Daß es nicht Bruno, den einzigen, der ihm aus
+seiner Familie an Bildung nahestand, vorher allein, vertraulich und
+brüderlich zu ihm gezogen?
+
+Immer schwärzer sank die Dunkelheit in das enge Gäßchen. Und tiefer und
+bohrender grübelte Paul in sich hinein. Ja, ja, das war gerade das
+Merkwürdige in seiner eigenen Natur. Ganz deutlich empfand er, wie fremd
+seinem Innersten eigentlich all die Mitglieder seiner Familie geworden,
+dieser lebhafte, phantastische Bruno, diese zierliche, unberechenbare
+Line, aus der er nicht klug wurde; ja selbst Hann, mit dessen
+Unbeholfenheit er nur ein heißes Mitleid fühlte, und dennoch -- ja, das
+war es -- etwas Tiefes, Zwingendes, Angeborenes trieb, nein, geißelte ihn
+dazu, in jeder Stunde und mit allen seinen Gedanken unaufhörlich an
+dieser Familie zu haften, sie zu beobachten, zu warnen, zu fördern, und
+immer wieder zu erscheinen, um ihre Angelegenheiten zu den seinen zu
+machen.
+
+So hatte er in all den Jahren trotz seines Widerwillens gegen den
+grobkörnigen Siebenbrod jede Woche einen Abend in Moorluke bei der
+Mutter zugebracht, so war er während Brunos Lehrzeit fast täglich mit
+dem Jüngeren zusammengetroffen, und auch in der blanklackierten guten
+Stube von Fräulein Dewitz hatte er sich -- ein von der Lehrerin
+besonders geschätzter Gast -- häufig eingestellt.
+
+Seine Gedanken irrten weiter.
+
+Warum Bruno wohl nicht kam? -- Ob er in der reichen Handelsstadt sich
+nun völlig dem flotten, eleganten Leben hingegeben, das Paul stets mit
+Mißbehagen an dem Jüngeren bekämpft hatte? Vielleicht war es dem
+Heimgekehrten überhaupt peinlich, sich den ewigen Vorhaltungen seines
+ernsteren Bruders auszusetzen?
+
+Oh, wenn das möglich wäre? -- Paul biß sich auf die Lippen, während er
+immer finsterer in die graue, wirbelnde Dunkelheit starrte -- nein, es
+war vielleicht doch unrecht von ihm, daß er sich nicht gleich aufmachte,
+um zu ergründen, was aus dem Jüngeren geworden. Er wollte -- -- -- -- --
+
+Hinter ihm stockte das Kritzeln der Feder.
+
+Der kleine Quartaner, der bis dahin öfter sehnsüchtige Blicke auf die
+Wanduhr geworfen, stützte schwermütig den Kopf auf, dann bezeichnete er
+mit dem Finger eine Stelle in seinem Buche und fragte endlich: »Herr
+Klüth, ist Semiramis masculinum oder femininum?«
+
+Paul fuhr auf.
+
+»Was? -- Was? -- Ob die Königin Semiramis --?«
+
+»Ja, denn im Ostermann steht, Semiramis lebte völlig als ein Mann, und
+da dachte ich -- -- --«
+
+»Semiramis ist eine Frau,« schnitt der Lehrer, dem der Sinn für Humor
+abging, kurz ab und stellte sich wieder an das Fenster. Allein, die
+Kette der Gedanken war gerissen. Wilder stäubte der Schnee durch die
+Straße, deutlicher stöhnte der Wind um die Ecke, und mißtönend kreischte
+die Feder, die der Quartaner nun -- beruhigt über das Geschlecht der
+Semiramis -- wieder emsig über das Papier führte.
+
+Da wurde kurz an die Tür geklopft.
+
+»Herein!«
+
+Und auf der Schwelle stand ein junger Herr in elegantem Pelz und
+Zylinder.
+
+Paul erkannte ihn nicht. Er wollte auf den Fremden zugehen und nach
+dessen Begehr fragen, als eine wohlbekannte Stimme an sein Ohr schlug.
+
+»Na, Jünging, wie geht's?«
+
+»Bruno? Du?«
+
+»Ich, Herr Pastor.«
+
+Das klang so jugendlich, so frisch, daß in Pauls sorgendes Herz für
+einen Augenblick helle Freude einzog. Ohne seine schwere Eckigkeit,
+ja, mit einer Hast, die er sonst nicht kannte, stürmte er auf den
+Heimgekehrten zu, als wolle er ihn in die Arme schließen. Doch
+unmittelbar vor dem feinen Pelzwerk mußte ihn sein starrer Sinn anders
+belehren. Nur nach der Hand des Bruders griff er, aber hastig, ungestüm,
+beinahe sehnsüchtig, und es wurde ihm ordentlich warm, als der andere
+sie mit voller Lebhaftigkeit schüttelte.
+
+»Bruno,« brachte er stammelnd hervor, »lieber Bruder!«
+
+»Ja, ja, altes Haus,« lachte der andere, »jetzt freu' dich mal.«
+
+»Ja, ich freue mich, -- ich freue mich.«
+
+Er sah im Moment nicht mehr die elegante Hülle des Jüngeren, die ihn
+anfangs befremdet hatte, er erkannte nur die gesunden, ihm so lieben
+Züge des Bruders und zog ihn weiter ins Zimmer.
+
+Der Ankömmling blickte sich verwundert um. Die Kahlheit des Raumes, der
+Tabaksgeruch und die derben Möbel schienen ihm wenig zu gefallen.
+
+»Wohnst du noch immer so häßlich?« fragte er ein wenig mitleidig,
+während er dem Theologen gutmütig die Wange streichelte.
+
+Der andere entzog sich der Liebkosung. Dergleichen schien ihm vor seinem
+Schüler unpassend.
+
+»Häßlich?« fragte er. -- »Es ist doch hier alles recht bequem?«
+
+»Na ja, dagegen will ich nichts einwenden,« lenkte Bruno ein und setzte
+sich auf den Stuhl am Fenster. Ohne den Zylinder abzunehmen, zeichnete
+er mit seinem Ebenholzstock ungeduldig auf dem Estrich herum. Es sah
+ganz aus, als wolle er nur wenige Minuten bleiben.
+
+Paul blickte ihn bekümmert an: »Willst du denn nicht ablegen?«
+
+»Natürlich -- gewiß -- bloß ich dachte --« er deutete auf den
+Quartaner, der die Ohren spitzte.
+
+»Oh, ich kann ja auch gehen,« stimmte der Pennäler sehr vergnügt zu und
+begann seine Hefte zusammenzuraffen. Jedoch eine solche Versäumnis
+widersprach Pauls Pflichtgefühl. Mit ernster Miene bedeutete er seinen
+Bruder, daß der Schüler unmittelbar vor der Versetzung stehe und daß das
+tägliche Pensum nicht unterbrochen werden dürfte. Bruno möchte eine
+kurze Weile entschuldigen. Dann beugten sich Lehrer und Knabe gemeinsam
+über den Ostermann, und lächelnd vernahm der junge Kaufmann ihr erregtes
+Murmeln; längst entwöhnte lateinische Brocken schlugen an sein Ohr, und
+erst als die Thronstreitigkeiten der Semiramis gänzlich entschieden
+waren und der Kuckuck »sieben« schrie, da durfte Walter Müller nach
+Hause eilen.
+
+Er verbeugte sich feierlich vor Pauls Bruder, bevor er sich rückwärts
+aus der Tür zurückzog.
+
+»Gottlob!« atmete Bruno auf, der sich inzwischen seines Pelzes entledigt
+hatte und sich nun leicht in eine Ecke des Sofas warf. »Gottlob, daß wir
+diese Pennälerjahre hinter uns haben.«
+
+»Du bist also jetzt zufriedener?« forschte der Theologe, der sich dem
+Heimgekehrten gegenüber auf einem Stuhl niedergelassen und jetzt die
+Lampe beiseite schob, um den Anblick des lange Entbehrten voll zu
+genießen.
+
+»Zufriedener? Gewiß. Was waren das aber auch für magere Jahre, Paul.
+Denk' bloß mal nach -- wenn wir einen Braten zu Hause rochen, das war ja
+schon ein Festtag.«
+
+»Hm -- daran erinnere ich mich kaum.«
+
+»Ja du -- und dann bei dem alten Hollander das Gedrücktsein, diese
+schreckliche Abhängigkeit, nein, gottlob, etwas weiter haben wir es doch
+gebracht.« --
+
+Dabei streichelte er beinahe liebkosend das Fell des Pelzes, der neben
+ihm auf der Sofalehne ruhte. Dann strich er sich das Haar zurück und
+fuhr lebhaft fort: »Paß mal auf -- jetzt kommen wir auch einmal an die
+Reihe.«
+
+»Wieso? Was heißt das, Bruno?«
+
+»Menschenskind, mach' doch nicht solch erstauntes Gesicht -- rauchst du?«
+
+Dabei bot er ihm ein feines, schmales Silberetui.
+
+Aber der Kandidat verneinte. Er rauche nur Pfeife.
+
+»Fi!« Bruno verzog die Nase. -- »Sieh, das hier sind russische
+Zigaretten. Die haben das feinste Aroma. So! -- Riech' mal bloß,
+Kerlchen -- diese blauen Wolken! Fein! -- Was? Ja, und was ich sagen
+wollte -- -- weshalb sollen wir jetzt nicht mal in die Höhe kommen? Das
+ist doch ein bekannter Prozeß, die Oberen sterben ab, und die Unteren
+drängen sich an ihre Stelle.«
+
+Als er das sagte, breitete er die Arme aus, so daß sich seine Brust hob,
+und die ganze Gestalt reckte sich.
+
+Der Theologe stützte den Kopf in beide Hände und sah den Jüngeren immer
+forschender an. Noch konnte er sich durchaus nicht in das Wesen des
+andern hineindenken.
+
+»Erzähl' mir, wie du in Hamburg gelebt hast,« bat er.
+
+Das tat der junge Kaufmann.
+
+Und während er sich immer eine Zigarette nach der anderen entzündete,
+und während er große Wolken blies, die er dann mit der flachen Hand
+zerteilte, begann er sich an der eigenen Schilderung zu erwärmen.
+
+Da zog es an dem ängstlich aufhorchenden Bruder in bunten, schillernden
+Bildern vorüber, das Leben und Walten der großen Stadt, das Getriebe der
+Börse, die Schiffahrt, die nervenspannende Tätigkeit bei Spekulationen
+und überseeischen Geschäften, und alles, alles klang aus in den einen
+Jubelruf, daß der Erzähler jetzt selbst bereits ein Einkommen habe, daß
+es aber größer werden müßte, und immer größer, und wie er dann seine
+Familie heben wolle, alle, alle -- und daß Geld eine Macht sei, ein
+Zauberstab, der beleben und töten könne.
+
+»Oh, du sollst mal sehn -- du sollst mal sehn.«
+
+Da saß er wieder -- ja, es war derselbe, der mit dem fieberhaft erregten
+Kinde auf der Ruinenmauer gehockt und ihm all seine tollen Worte ins Ohr
+geflüstert, die wie klirrende Goldstücke geklungen.
+
+Und der Ältere blickte auf ihn hin, schweigend, erschrocken, seine Augen
+vergrößerten sich immer mehr, und er wußte selbst nicht, warum ihm das
+Herz so drohend und schmerzlich gegen die Brust zu hämmern begann.
+
+
+
+
+VI
+
+
+»Zum Tee geladen, und dann vier Gänge -- warm --. Und zum Schluß Eis,«
+flüsterte Fräulein Dewitz Line anerkennend zu, als sie sich endlich vom
+Tisch des Konsuls erhoben, um sich in das Musikzimmer zu begeben. »Und
+hast du auf die Selleriestauden geachtet? -- Dein Bruder Paul fragte
+mich, wozu man diese brauche? -- Mein Gott -- aber dein Bruder Bruno --
+wirklich, er hat recht ansprechende Manieren, es tut ordentlich wohl,
+wie gut er zu essen versteht. -- Ja, ja, daran erkennt man gleich die
+Lebensart. Und nun gib dem Konsul die Hand, Lining -- und sei nicht so
+still; das bist du doch sonst nicht.«
+
+ * * *
+
+Man hatte während des Mahls über den Text des Yankee doodle gestritten,
+von dem Bruno in drolliger Weise berichtet hatte, daß ihn die jungen
+Damen der ersten Hamburger Kreise seit kurzem auf eine merkwürdige Art
+zu tanzen pflegten. Der Konsul, der am unteren Ende der Tafel gesessen,
+neben Fräulein Dewitz, der er stets in überaus höflicher Weise die
+Honneurs erwies, war über diese neue Torheit der Zeit entrüstet gewesen.
+
+»Werden wohl demnächst Negertänze aufführen -- --« hatte er der
+Handarbeitslehrerin brummig zugeflüstert. Und das alte Fräulein mußte
+erwidern: »Ja, ja, zu unserer Zeit wurde Menuett getanzt, und höchstens
+mal ein Schottischer -- ach Gott, und es war doch auch schön.«
+
+»Recht -- ich besinne mich noch,« pflichtete Hollander bei. »Sie hatten
+damals einen lütten, zierlichen Fuß.«
+
+»Hm.«
+
+Fräulein Dewitz schluckte an ihrem süßen Wein und begann noch heute
+ehrlich zu erröten, und der Steuerrat Knabe, der als Schulfreund des
+Konsuls und alter Junggeselle der einzige Fremde an der Tafel gewesen
+und Line zu Tisch geführt hatte, räusperte sich und äußerte zum
+erstenmal ein Wort: »Ja, ich besinne mich auch noch ganz gut.« Und dann
+zupfte er an seiner altertümlichen schwarzen Halsbinde, zwinkerte in
+sein Glas hinein und lachte still in den spiegelnden Rheinwein hinunter.
+
+ * * *
+
+An einem großen amerikanischen Flügel fanden sich die Jüngeren zusammen.
+
+Der Konsul und sein Jugendfreund hatten sich in dem anstoßenden
+Herrenzimmer ihre Zigarren entzündet, Tante Mathilde, die Schwester des
+Konsuls, die seinem Hauswesen vorstand, trippelte hin und her, und Dina
+Hollander lehnte in der Beugung des Flügels und blätterte in einem Stoß
+Noten. »Nichts --« entschied sie endlich, »in diesem Heft nationaler
+Lieder fehlt der Yankee doodle.«
+
+In ihrer Stimme lebte etwas Ruhiges, Sicheres, Überlegtes. Wie sie so
+dastand in dem einfachen weißen Gewand mit ihrem leuchtenden, blonden
+Haar und der großen, schlanken Gestalt, gleichsam von einem Duft der
+Reinheit umweht, da erhöhte sich bei Bruno, der ihr Nachbar bei Tisch
+gewesen, von neuem der Eindruck, daß er vor der Klarheit dieses Mädchens
+eine Scheu empfinde, ja, daß in der gleichmäßigen Ruhe ihrer Augen eine
+Art Beleidigung für ihn läge. Es war ein toller Gedanke, aber er hielt
+ihn von ihr fern, um ihn dann ganz unvermittelt wieder anzutreiben,
+diese Gleichgültigkeit zu mildern, zu überwinden, oder wenigstens zu
+entdecken, ob etwa das Mißtrauen des Vaters von diesem auf die Tochter
+übertragen worden sei.
+
+Aber warum? -- Warum?
+
+Ohne daß er es wußte, war dadurch in sein Benehmen eine Art
+Zwiespältigkeit gedrungen; erst eine Scheu, ein ängstliches Achten auf
+sich selbst, und dann wieder eine aufspringende Lebhaftigkeit, der
+Wunsch, mit sich fortzureißen, zu gefallen. Und durch alles hindurch
+bohrte das Gefühl, daß er unausgesetzt und heimlich von den grauen,
+unbestechlichen Augen des Konsuls beobachtet würde.
+
+Nein, diese Familie war nicht zu gewinnen.
+
+Während des ganzen Abends empfand er nur eine einzige Unbehaglichkeit,
+die er gern bannen wollte, und die ihn doch immer wieder zu neuen
+Versuchen zwang.
+
+»Schade,« äußerte Tante Mathilde, die gerade wieder mit kleinen
+Mokkatassen hereintrippelte, »ich hätte den amerikanischen Gassenhauer
+ganz gern einmal gehört. Denn, nicht wahr, in der Familie schadet das
+doch nichts, liebes Fräulein Dewitz?«
+
+»Wenn Sie gestatten, dann möchte ich Ihnen gern die Melodie vorspielen,«
+erbot sich unerwartet Bruno, während er der Tante eine leichte
+Verbeugung machte, jedoch gleichzeitig halb ängstlich wieder auf die
+Tochter seines Chefs blicken mußte.
+
+Man war allgemein erstaunt. Der Theologe, der in einem unmodernen,
+schwarzen Rock unter der Gardine des Fensters lehnte, rückte besorgt hin
+und her. Von musikalischen Fähigkeiten seines Bruders hatte er bis dahin
+nichts gewußt.
+
+»Spielen Sie denn?« fragte Tante Mathilde nicht unfreundlich.
+
+»Ja -- ein wenig nach dem Gehör.«
+
+»Sieh -- sieh,« meinte der Konsul, der einen Augenblick durch die Tür
+lugte. »Das ist ja interessant.« Er winkte seiner Tochter jovial mit der
+Hand zu und ließ sich wieder bei seinem Jugendfreund nieder, von wo die
+beiden Alten trotz eifrigen Rauchens aufmerksam auf das Folgende zu
+lauschen schienen.
+
+Und Bruno löste seine Aufgabe meisterhaft.
+
+Ein frischer, fröhlicher Klang quoll unter seinen Fingern hervor, seine
+Hände flogen, voll und melodiös, mit rauschender Begleitung, tönte der
+pikante Gassenhauer durch das Zimmer.
+
+»Yankee doodle went to town.«
+
+Da teilte sich allen die innere Fröhlichkeit mit. Selbst Dina wandte
+sich langsam und blickte den Spielenden erstaunt an; und der kleine
+Funke, der ihr Auge vorüberhuschend durchblitzte, feuerte Bruno an, noch
+mehr zu wagen.
+
+Oh, er mußte diese schweigende Abneigung, die hier gegen ihn wirkte,
+endlich besiegen, er war doch ein Kind des Glücks, ihm flogen ja sonst
+die Herzen zu, und hier sollte -- -- -- er begann plötzlich mit seiner
+hellen Stimme den Text des Liedes zu singen.
+
+»Oh, wie nett,« flüsterte Tante Mathilde, wobei sie Fräulein Dewitz
+bezeichnend auf die Schulter tippte; auch der Konsul erschien wieder an
+der Tür, scheuerte sich ein wenig am Kinn und kehrte darauf von neuem zu
+dem Steuerrat zurück; Dina aber öffnete leise den Mund, und an ihrem
+flüchtigen Lächeln erkannte Bruno, daß er der Schweigsamen jetzt besser
+gefalle.
+
+Weiter -- weiter, er mußte sich hier Sympathien erringen. Das Gefühl
+verließ ihn nicht mehr, als ob er um sein ganzes ferneres Leben kämpfe.
+
+Line saß hinter dem Fauteuil der Handarbeitslehrerin und hatte ihr
+feines Köpfchen so vorgebeugt, daß ihr Kinn fast auf der Lehne des
+Sessels ruhte. Durch das enge, schwarze Kleid hindurch hätte Bruno, wenn
+er einen Blick für sie gehabt, das rasche Atmen der jungen Brust
+wahrnehmen, er hätte schauen können, wie feucht ihre Augen schimmerten,
+und wie dennoch die kleinen, schmalen Füße, unbewußt einem mächtigen
+Trieb folgend, nach seiner Melodie auf und nieder zuckten.
+
+Allein Bruno war von seiner eigenen Erregung bereits hingerissen, und
+nur der Theologe, der noch immer, halb von der Gardine verborgen,
+schweigend verharrte, beobachtete es allein, und er sah auch, welch ein
+schneller, dunkler Blick aus diesen Augen gegen die Tochter des Hauses
+züngelte, die immer ahnungsloser und erfreuter vor sich hin lächelte.
+
+ * * *
+
+Im Herrenzimmer beugte sich der Konsul zu seinem Jugendfreund heran und
+raunte ihm etwas ins Ohr.
+
+Daraufhin musterte der Steuerrat sehr ernsthaft die Gruppe am Flügel,
+dann zog er einen schwarzen Hornkneifer hervor, und nachdem er ihn
+sorgfältig geputzt, sah er eine Zeitlang angestrengt auf den hübschen,
+jungen Menschen, der die anderen dort drin augenscheinlich so angenehm
+unterhielt.
+
+»Na, Julius, was meinst du?« forschte Hollander, indem er sich, beinahe
+wie ratlos, hinter dem Ohr kraute.
+
+»Ja, Kindchen, was ist da viel zu meinen?« entgegnete der alte Herr
+leise. Über sein glattrasiertes, feingepudertes Junggesellenantlitz zog
+ein schlaues Schmunzeln. Das kannte der Konsul. In seinen langen
+Dienstjahren bei dem Hafenzollamt hatte sich sein Freund daran gewöhnt,
+den Dingen durch die Emballage zu blicken. Ein durchdringender
+Menschenkenner.
+
+»Na?«
+
+»Gott, scheinbar ein sehr talentvoller junger Herr.«
+
+»Schön, aber?«
+
+»Was, aber?«
+
+»Menschenskind, ich meinte -- gefällt er dir denn?«
+
+Der Steuerrat lachte leise in sich hinein. Die Frage schien ihn zu
+ergötzen. Dann legte er seinem Schulkameraden sacht die Hand auf das
+Knie, und mit gutmütigem Spott kam es heraus: »Will ich ihn denn
+heiraten? Aber sieh dir mal die beiden jungen Damen an. Kuck. Die eine
+lacht und die andere weint.«
+
+»I, das wäre ja -- --« Der Konsul sprang auf und warf seine Zigarre
+fort.
+
+»Mir gefällt er im übrigen sehr gut,« schloß der alte Junggeselle,
+ironisch blinzelnd.
+
+ * * *
+
+Der Konsul schritt in das Musikzimmer und stellte sich breitbeinig an
+das Instrument, an dem Bruno gerade unter großem Beifall geendet hatte.
+
+»Bravo -- Bravo!« klatschte der Werftbesitzer schallend in die Hände.
+
+Bruno stutzte. Die lärmende Anerkennung seines Chefs machte ihn
+betroffen. Man konnte aus diesem wunderlichen alten Manne nie so recht
+klug werden. Hatte Hollander seinen Gesang vielleicht unpassend
+gefunden? Blitzschnell blickte er sich um, um aus den Gesichtern der
+anderen möglicherweise die Wahrheit zu erspähen. Allein ringsum
+herrschte nichts als Zufriedenheit.
+
+»Wie frisch und wohllautend Ihre Stimme klingt,« unterbrach Dina die
+Stille. »Vielen Dank, Herr Klüth.« Sie wollte ihm die Hand reichen,
+allein ihr Vater schob sich wie unbeabsichtigt dazwischen.
+
+»Schön -- schön -- ausgezeichnet, lieber Klüth -- hätte nicht geglaubt,
+daß Sie das auch verstehen -- na also --« er klopfte ihm auf die
+Schulter -- »Nun wollen wir aber mal den jungen Damen das Feld räumen.
+Wie --?« Damit schlurfte er auf die kleine Line zu, mit der er stets
+seinen brummigen Spaß trieb, faßte ihre beiden Hände und zog sie empor.
+»Na, wie wär's, Sie kleiner Racker? Da über dem Klavier hängen noch die
+beiden Klappern -- Tarantella -- wissen Sie noch? Zu meinem Geburtstag
+-- he?«
+
+»Herr Konsul!« stotterte Line.
+
+»Na, weshalb weinen Sie denn, Sie kleine Balletteuse?«
+
+»Ich weine nicht.«
+
+Unmutig schleuderte sie den hellen Tropfen, der ihr noch an den Wimpern
+hing, fort. Dann eilte sie an das Instrument und nahm hastig das Paar
+Kastagnetten von der Wand, lehnte sich in die Beugung des Flügels, und
+ihre Augen suchten Bruno, als harre sie nur auf ein Zeichen von ihm, um
+den schnellen, schlangenhaften Tanz, den sie vor etwa Jahresfrist
+gelernt, zu beginnen.
+
+Sie sah keinen anderen mehr in dem Kreis, nur vor ihm, der so oft ihre
+Gedanken beschäftigt, wollte sie aus gekränkter Eitelkeit ihre Künste
+zeigen.
+
+»Sieh -- sieh,« schmunzelte der Steuerrat, der voller Erstaunen in das
+Zimmer getreten war, »das wird ja hübsch.«
+
+»Line,« rief Fräulein Dewitz nun strafend, die an den Ernst der
+Situation nicht glauben wollte, während sie sich langsam aus ihrem
+Fauteuil erhob. Inzwischen war auch Paul aus seiner Verborgenheit
+besorgt zu der Pflegeschwester getreten. Deutlich hatte er die
+merkwürdigen Blicke des Steuerrats und des Konsuls gesehen, sowie das
+verwunderte, ein wenig überlegene Lächeln Dinas, und wie von ferne hatte
+er das Gefühl, als ob diese reichen Leute aus seiner Familie eine Schar
+Gaukler zu machen gedächten.
+
+»Line,« sagte er herb, »der Herr Konsul treibt nur Scherz mit dir.«
+
+»Es ist überhaupt Zeit, daß wir jetzt gehen,« fügte die
+Handarbeitslehrerin bestimmt hinzu und stopfte ihr Taschentuch in das
+Gesellschaftstäschchen.
+
+»Schau? Schau?« bedauerte der Konsul und klopfte Bruno auf den Rücken.
+»Hätte Sie gern noch länger bei uns gesehen. Na, aber ein andermal,
+lieber Klüth --. Nicht wahr, ein andermal?«
+
+Allgemein brach man auf.
+
+Nur Line verharrte noch einen Moment an dem Flügel und legte langsam,
+wie im Traum, die Kastagnetten auf die Platte.
+
+»Line!« rief Fräulein Dewitz ungeduldig.
+
+Da schreckte sie auf, flog hinter den anderen her und half dem alten
+Fräulein, dienstbeflissen wie immer, in den altmodischen Pelzumhang
+hinein.
+
+Der Steuerrat, der einen vornehmen, grauen Zylinder trug, bot Fräulein
+Dewitz den Arm.
+
+Da drängte sich in der letzten Minute noch der Konsul in den Flur und
+händigte Line verstohlen ein kleines Paketchen ein.
+
+»Pst!« bemerkte er und klopfte ihr auf die Backen. »Zum Andenken --«
+und mit einer plumpen Verbeugung setzte er für alle laut hinzu: »Gut
+Nacht -- gut Nachting -- kommen Sie gut nach Hause.«
+
+ * * *
+
+Paul und Bruno hatten die beiden Damen bis an die Haustür geleitet.
+
+Jetzt schritten sie über den dicken, weichen Schnee ihren Weg wieder
+zurück. Langsam und schwer fielen die Flocken um sie her. In den engen
+Gäßchen hallte kein Laut, neblige Schwärze überall, und nur ganz
+vereinzelt brach gespensterhaft das trübe Licht einer Petroleumlampe
+durch die dunklen Schleier hindurch.
+
+»Du,« sagte Bruno endlich, der seinen Arm unter den des Älteren
+geschoben, »wollen wir nicht noch in die Weinstube zu Kroll gehen?«
+
+Jedoch der Kandidat schlug kurz ab. Das sei in der kleinen Stadt nicht
+Sitte. Er bat auch den Bruder, solche Vergnügungen künftig nicht auf
+eigene Faust zu unternehmen.
+
+Der andere atmete kurz und nickte dann. Ja, ja, jetzt hieß es ja wieder:
+»Strecken nach den Decken.«
+
+Zu dumm -- wirklich.
+
+Wieder wanderten sie fürbaß.
+
+Der Theologe mit schweren Gedanken darüber, ob sich Bruno bei dem ersten
+Besuch im Hause seines Chefs nicht zu ungeniert, zu aufdringlich
+benommen, und dann auch von der Erinnerung bedrückt, warum wohl der
+Konsul die kleine Line zu dem wilden Tanz animiert habe. Ob er seiner
+Tochter gegenüber ebenfalls auf diesen Einfall geraten wäre?
+
+Immer tiefer bohrte er sich in diese ihn verletzende Vorstellung hinein.
+
+Bei dem Heimgekehrten hingegen hatte sich der Mißmut über die
+aufgegebene Weinkneiperei längst wieder verloren. Immer heller wurden
+seine Mienen, immer freundlicher seine Gedanken, leise begann er den
+Yankee doodle vor sich hinzusummen.
+
+»Du,« sprach er plötzlich aus seinem Sinnen heraus, »doch eine schöne
+Erscheinung, diese Dina, was?«
+
+Der Theologe verzog die Stirn. »Ja,« entgegnete er langsam, »sie hat
+viel innere Vornehmheit.«
+
+Allein der junge Kaufmann überhörte diese Abwehr. Wohlig schüttelte er
+sich in seinem Pelze und stäubte den Schnee von seinen Füßen ab.
+Ȇberhaupt scheint der Konsul ganz in sie vernarrt zu sein. Meinst du
+nicht auch?«
+
+Ungeduldig bewegte der Theologe den Kopf und zog rasch seinen Arm von
+dem Bruder fort: »Hier bist du zu Hause,« versetzte er, ohne direkt zu
+antworten, »schließ leise auf, damit du nicht störst.«
+
+»Ach, richtig, solche Nachtexzesse liebt ja der Alte nicht.«
+
+Nachdem er den Schlüssel in dem alten Holztor umgedreht hatte, reichte
+er dem Bruder warm die Hand. Dabei fiel ihm im Zurücktreten ein Licht
+auf, das oben aus einem Seitenfenster rötlich durch den Vorhang
+dämmerte. Interessiert starrte Bruno hinauf, dann stieß er seinen
+Begleiter leicht in die Seite.
+
+»Da oben schläft sie.«
+
+Immer peinlicher wurde dem Kandidaten dieses Gespräch.
+
+»Geh du nun zu Bett, Bruno --« ermahnte er, »aber leise, hörst du?«
+
+»Ja -- ja -- auf Zehenspitzen -- War doch heute ein hübscher Abend. --
+Was? -- Na, gute Nacht.«
+
+ * * *
+
+Einsilbig war auch Fräulein Dewitz in ihr Bett gezogen. Auch ihr wollte
+die Aufforderung, welche Hollander an ihre Pflegebefohlene gerichtet
+hatte, nicht aus dem Sinn, und ohne daß sie es selbst wußte, grollte sie
+der kleinen Line dafür, weil so etwas überhaupt geschehen konnte.
+
+Sie mußte in Zukunft wohl doch besser auf das Mädchen acht geben. Ja,
+ja, die Kleine wurde jetzt älter, und die Welt war nach der Ansicht
+aller verständigen Leute seit den Jugendtagen des Fräulein Dewitz
+erheblich schlechter geworden.
+
+»Ja, ja, also besser Obacht geben!«
+
+Damit faltete sie die Hände, rückte ihr schneeweißes Häubchen zurecht,
+sprach ihr umständliches Nachtgebet und entschlief.
+
+Kaum hörte Line das leichte Näseln, so schlich sie in die Küche, um die
+Kleider der Lehrerin zum Reinigen hinzuhängen. Mit wenigen Bewegungen
+warf sie auch ihr eigenes Gewand ab, dann zog sie rasch das Päckchen aus
+der Tasche, das ihr Hollander so heimlich zugesteckt.
+
+Noch ein rasches Aufhorchen nach der Schlafstube hin, und dann --
+
+Ah --
+
+Die beiden Kastagnetten.
+
+Ein heißer Funke begann in Lines schwarzen Augen aufzuglimmen. Im ersten
+Moment fingen die hölzernen Dinger ihre Seele. Unbewußt fast nahm sie
+das Spielzeug kunstgerecht zwischen die Finger, und ihre rasche
+Einbildungskraft trug das Mädchen wieder an den feinen amerikanischen
+Flügel des Konsuls, an den Ort, an dem es sich so gern vor dem Einen
+hatte zeigen wollen.
+
+Sanft bog sie die Arme, in einem scharfen Schlag knackten die Hölzer
+gegeneinander.
+
+Line taumelte auf.
+
+Spurlos war der Traum zerstoben.
+
+Dann lauschte sie wieder.
+
+Nein, gottlob, noch drangen die näselnden Töne aus dem gemeinsamen
+Alkoven.
+
+Mit einem entschlossenen Griff packte sie das Geschenk zusammen, öffnete
+lautlos das Küchenfenster und warf die Hölzer mit einem kräftigen
+Schwung in den tiefen Schnee des Nachbargartens.
+
+Einen Augenblick weilte sie dann noch vor dem Fensterspalt. Ihr war es,
+als ob aus der Ferne eine frische, schmeichelnde Männerstimme
+herüberlocke. Über ihre junge Brust schnitt die draußen wehende Kälte,
+Schauer rieselten ihr über den Rücken. Vom Kopf bis zu den Füßen begann
+sie zu zittern.
+
+
+
+
+VII
+
+
+»N'abend auch,« wünschte oll Kusemann, als er mit einem höflichen
+Schwung seines rechten Beines an einem der folgenden kalten Winterabende
+in die ziegelsteingepflasterte Küche der Klüths trat.
+
+Draußen heulte der Schneesturm und drückte eine Wolke von Kienrauch
+herab.
+
+Um den Herd, auf dem unter einem Messingkessel ein kräftiges Holzfeuer
+fauchte, saß die Familie Klüth und flickte eifrig an blauseidenen
+Stellnetzen herum, die eine ganz besondere Aufmerksamkeit verlangten.
+
+Mudding war viel älter geworden. Ihre Haare hatten sich vermindert und
+silberweiß gefärbt. Unter ihren Füßen brauchte sie jetzt einen Hüker,
+denn Muddings Beine schwollen abendlich an und bereiteten ihr Schmerzen.
+
+Siebenbrod dagegen hatte seine Hagerkeit abgelegt. Als Hausbesitzer war
+er voll und rund geworden; nur seine Hakennase in ihrer roten Pracht
+erinnerte noch an die Vergangenheit.
+
+»N'abend auch,« wünschte oll Kusemann, während er etwas weiter in die
+düstere, halberleuchtete Küche hinkte, an deren Ziegelsteinwänden
+merkwürdig rote Schatten hinaufkletterten. »Ich soll hier auch einen
+schönen Gruß bestellen.«
+
+Der Lügenlotse zog dabei die Augenbrauen in die Höhe und pfiff, wie wenn
+er den hohen Rang seines Auftraggebers andeuten wolle. Dann schüttelte
+er von seinem Lotsenmantel eine dicke Lage Schnee ab und ließ sich
+prustend und ohne eine Einladung abzuwarten auf einen Schemel nieder.
+
+Eine Weile blieb es ruhig in dem roten Raum. Man hörte das Holz unter
+dem Kessel platzen und vernahm das Geklapper der Netznadeln.
+
+Oll Kusemann sah verwundert von einem zum andern. Da aber alle still bei
+ihrer Arbeit blieben, zog er einen Tonstummel aus dem Mantel, klopfte
+die Pfeife vorsichtig an dem Schemel aus, stopfte neuen Tabak, den er
+frei aus der Tasche zog, hinein und begann recht zufrieden zu
+schmauchen.
+
+»Jawolling,« äußerte er endlich behaglich, »einen Gruß.«
+
+»Von wem?« fragte Siebenbrod, der gerade nach einer neuen Spule griff.
+
+Als oll Kusemann sich nach so langer Zeit gefragt sah, stieß er ein
+befriedigtes Knurren aus und pfiff leise.
+
+»Von einem feinen, feinen Herrn,« gab er wichtig zurück und tat, als ob
+er ein großes Geheimnis auspacken könnte. »Ich traf ihn auf dem
+Werftbüro.«
+
+»Wohl unsern Bruno?« warf Mudding rasch dazwischen, ohne daß sich jedoch
+ihr unbewegliches Gesicht irgendwie verändert hätte.
+
+»Nein, beim Vornamen,« meinte der Lotse wichtig, »würd' ich ihn doch
+nich mehr so ohne weiteres nennen. Dazu is er mich nun doch zu fein. --
+Ja --« er hustete, blies ein paar künstliche Ringe und blinzelte durch
+die Kreise hindurch Siebenbrod verstohlen an. »Ja, was ich sagen wollt',
+in den verschiedentlichen Büros erzählen sie nämlich, daß er nun bald
+einer von Hollandern seine Stellvertreter werden wird. -- Ja, ja, so was
+kommt vor. Und dann -- -- --« Er schluckte und suchte mit seinen
+schiefgestellten Augen zu ergründen, ob die Klüths nicht doch einmal
+neugierig werden könnten. Aber die Familie flickte gleichmütig fort.
+
+»Und dann -- hm -- da is ja noch eine Tochter. Na, die Leute sagen woll
+bloß so -- aberst so was kommt doch auch vor. Nicht so?«
+
+Auch diese Nachricht fing nicht. Alle blieben lautlos bei ihrem Werk.
+Nur Siebenbrod rührte sich, rückte an dem Kessel und lauschte dann nach
+draußen, von wo durch den Sturm hindurch Schweinegrunzen laut wurde.
+
+Dann fragte er: »Mudding, haben sie all?« womit er das Futter meinte,
+und nachdem die kleine Frau bejahend genickt hatte, hörte man wieder
+nichts als das Klappern der Nadeln.
+
+»Na, wenn sie nicht wollen,« dachte der Lügenlotse gleichmütig, streckte
+die Beine von sich und fing an, unter mächtigem Dampfblasen für sich
+allein zu erzählen.
+
+»I, warum sollt' so was nicht passieren? -- Ich hab' da man in meine
+Jugend gelesen -- von die Kaiserin Katharina; die hat ja woll -- hm --
+na, ihren Kutscher geheiratet -- Und als sie den über hatte, dann alle
+paar Monat einen andern Kosaken. Weißt woll noch, Hann? -- Die so viel
+Flöh' haben?«
+
+In diesem Augenblick stieß ein mächtiger Windzug in den Schornstein, das
+Feuer flackerte nach allen Seiten auseinander, und eine ätzende
+Rauchwolke schlug durch den Raum.
+
+»Puh,« hustete oll Kusemann. »Nu müßt' man einen Grog für die Kehl'
+haben.«
+
+Auf diese Andeutung blickte Hann schnell zu seiner Mutter hinüber. Doch
+die kleine Frau schlug ängstlich die Augen nieder, und Siebenbrod hob
+sein Haupt und zählte.
+
+Nebenan knarrte die Uhr.
+
+Sieben -- acht -- neun.
+
+»'s wird Zeit ins Bett, Mudding.«
+
+»Ja -- ja --«
+
+»Aber der richtige Augenblick wär's für so einen kleinen
+Schlummerpunsch,« faßte der Lotse nach.
+
+Siebenbrod erhob sich. Dann gähnte er. Er hatte durchaus nicht die
+Absicht, diesen ewig durstigen Lügner, der ihn mit seiner Sparsamkeit
+aufzog, zu tränken.
+
+»Ja, oll Kusemann, ich gäb' ihn dir herzlich gern -- aber sieh, wir
+haben so was gar nicht. Was, Mudding?«
+
+Hann zuckte in seiner Ecke zusammen, sprach aber nichts.
+
+»Na, was steht denn aber in der Delikatessenkiste, die euer feiner Sohn
+aus der Stadt geschickt hat, wie er mir heute erzählte?« fragte oll
+Kusemann und lachte über das ganze Gesicht vor Freude darüber, daß seine
+Frechheit durch nichts zu verblüffen war.
+
+»Was darin steht?«
+
+Und Siebenbrod, der noch immer sehr jähzornig war, bekam wirklich seinen
+roten Kopf.
+
+»Die Kist' is noch zu,« knurrte er. -- »Was, Mudding?« Und als die
+kleine Frau nicht gleich auf ihn zu hören schien, sondern nur Hann ein
+Zeichen gab, ihr die Fußbank fortzunehmen, weil sie aufstehen wollte, da
+fuhr er sie heftig an: »Na, Mudding, nu sag' doch was! -- Nu tu doch
+eins den Mund auf -- damit er nicht glaubt, ich gäb's ihm bloß nicht
+gern --. Nu sag' doch, is die Kist' zu oder is sie nicht zu?«
+
+Da warf die kleine Frau auf den Lügenlotsen einen einzigen Blick. Der
+war so flehend, daß er selbst oll Kusemann betroffen machte und seine
+Phantasie veranlaßte, schnell auf ein anderes Gebiet zu springen: »Ja,
+und morgen kommt der feine Herr zu euch zu Besuch,« lenkte er
+unerschüttert ab. »Morgen -- zum Sonntag -- hat's mir selbst gesagt. --
+Na, da würd' ich morgen die Kist' aufmachen. -- Is'n Gedanke, wie? Is er
+denn schon mal bei euch gewesen?«
+
+»Ne,« knurrte Siebenbrod, während er einen schiefen Seitenblick auf
+seine Frau warf, die eben das Licht genommen hatte, um zu leuchten.
+
+»Also kommt zum erstenmal?«
+
+»Ja,« murrte der Fischer.
+
+»Da freut ihr euch woll sehr?«
+
+»Ja,« schrie Siebenbrod und riß den Leuchter an sich. »Komm, Mudding,
+wir müssen morgen früh wieder raus. Und du, Hann, paß auf, bis das Feuer
+aus is. Wir sind nich hoch in die Versicherung. -- Fix, Mudding, nicht
+so langsam.«
+
+»Gut' Nacht auch,« wünschte oll Kusemann, wobei er sich höflich
+verbeugte.
+
+»Nacht.«
+
+Die kleine Frau schlich auf ihren schmerzenden Füßen voran, ihr Mann
+klapperte auf seinen Holzpantoffeln hinterher. Dann hörte man die beiden
+die Treppe hinaufziehen.
+
+»Is eigentlich 'n netter Mann, dein Stiefvater,« meinte oll Kusemann im
+ernsten Ton. Er schlug die Knie übereinander und schaukelte sich auf
+seinem Schemel hin und her.
+
+Aber wie erstaunte er, als Hann sich erhob, um an ein kleines Eckspind
+zu treten, aus dem er eine Flasche hervorzog. In dem Glase schaukelte
+goldgelbe Flüssigkeit.
+
+»Rum?« forschte oll Kusemann, während er die Lippen zum Pfeifen spitzte.
+
+Wortlos goß Hann aus dem Kessel warmes Wasser in ein Bierglas, warf
+Zucker hinein und setzte dann das Ganze als steifen Grog vor seinen
+alten Freund nieder.
+
+»Gott's Blitz --« lobte der und stürzte das Paßglas auf einmal hinunter
+und hielt es wieder zum Füllen hin. »Das ist ein Nümmerchen, -- so --
+gut -- Hann, bist doch ein anschlägiger Kopf -- prost -- wirst immer
+klüger. Ja, was ich sagen wollt' -- weshalb, meinst woll, daß ich heut'
+hierherkomme?«
+
+»Wohl wegen meiner Gestellungsgeschichte? Übermorgen muß ich hin,«
+meinte Hann, der sich inzwischen auf den Stuhl am Herd niedergelassen
+hatte, wo er sich über den Flammen die Hände wärmte.
+
+»Jawoll,« versicherte oll Kusemann nachdenklich, »das is 'ne böse
+Geschicht', Jung. Paß auf -- dich nehmen sie. Und dann wirst du nach
+Kiel geschickt, als Matros', und wenn dir dann die wilden Völker im
+Ozean -- Karolinen heißen sie ja woll -- nich hinterrücks kaput
+geschossen haben, denn schneiden dir doch die Mohren in Kamerun ganz
+sicher den Kopf ab. Anders is das nich.«
+
+»Ja, denn laß das so.«
+
+»Je, Menschenkind -- -- aber gib mich erst noch so'n lütten Grog --
+danke -- ja, hast du denn das menschliche Leben gar nicht lieb?«
+
+»Oll Kusemann,« sagte Hann und sah mit seinem plumpen Kopf träumerisch
+in die Flammen, die kleiner und winziger wurden; »ich hab dich all
+längst eins fragen wollen -- aber nu sprich auch ernsthaft -- wozu lebt
+man eigentlich?«
+
+Der Lotse ließ langsam sein Glas sinken und kraute sich dann zweifelhaft
+hinter dem Ohr. Endlich spuckte er energisch aus, und als wenn ihm etwas
+einfiele, hob er langsam an: »Je -- kuck -- das weiß ich ganz genau. Der
+Mensch lebt, damit er kleine Kinder machen soll.«
+
+»Dazu also bloß?«
+
+»Ja, Hann, kannst mir's glauben, das is seine nobelste Bestimmung.«
+
+Der Angeredete nahm einen kleinen Blasebalg und blies damit in das
+ersterbende Feuer hinein. Düsterrot zuckte es in der Küche auf.
+
+Dann starrte er von neuem auf die aufspringenden Funken.
+
+»Ich glaub', du hast recht, oll Kusemann,« fing er geheimnisvoll an.
+»Menschen müssen sein, die dürfen nicht aussterben. Kuck, als ich
+neulich so in der Kirch' saß und wie ich all die vielen Beter da drinnen
+so gebückt sitzen sah, da fiel mir das mit einmal ein. -- Da dacht' ich,
+wenn die Menschens nich wären, dann wär' am Ende auch der liebe Gott
+nicht da. Und all das andere Schöne wär' auch nicht da.«
+
+Allein den Lotsen schien dies feierliche Gespräch ernstlich zu
+langweilen. Mit lautem Ruf forderte er Grog, und nachdem er mit Genuß
+genippt, bemerkte er schlürfend: »Hann, weißt was? -- Pastor Witt sagt,
+du bist ein -- Phi -- --«
+
+» -- losoph,« ergänzte Hann, »ja, ich weiß.«
+
+»Na, und wenn sich das so verhält, wie du sagst, denn müssen also ümmer
+mehr Menschens auf die Welt kommen, das is klar, damit der liebe Gott
+nicht ausstirbt, sondern recht lange bei uns bleibt -- und deshalb,
+mein' ich, Hann -- prost Hann -- sehr fein, dein Rum -- wie is das nu
+mit eine Braut? Wie? -- Na, wozu sitzt du als Trumpfas und duckst dich
+unter den Kessel? Eine muß doch hier sein, die en bißchen weinen tut,
+wenn du zu die Karolinen gehst -- oder zu die Mohren? Und auf die kleine
+Line rechnest du doch woll nicht mehr? Jung, das wäre ja genau so, wie
+ich vorhin sagte: Die Kaiserin Katharina und ein Kosak mit Flöh'. -- Und
+das willst du doch nicht sein? Na, prost Hann.«
+
+Da schlug draußen auf dem verschneiten Hof der Hund an.
+
+Erst ein wildes Bellen, dann ein kurzes Kläffen, wie wenn er einen
+bekannten Tritt spüre. Darauf hörte man deutlich das Rasseln der Kette,
+als das Tier beruhigt wieder in seine Hütte zurückkroch.
+
+»Da kommt wer,« meldete Hann.
+
+Oll Kusemann mußte lachen: »Ganz richtig, aber, um das zu merken, dazu
+braucht man nicht grad' ein Phi -- na, du weißt ja -- zu sein.«
+
+An die Tür wurde lebhaft geklopft. Und auf des Lotsen »Herein« lugten
+zwei Mädchenköpfe durch den Spalt -- ein brauner und ein roter. Über die
+Haare hatten sie dunkle Tücher gezogen, und ihre Röcke wirbelten vor dem
+nachbrausenden Sturm.
+
+»Huching,« rief der Lotse erfreut. »Hann -- sieh, Schulmeister Tollen
+seine beiden Damens. Na, man immer rein, Kindings -- ihr seid gewiß en
+bißchen hinter mir hergelaufen, weil ich so'n hübscher strammer Kerl bün
+-- komm, Dirning.«
+
+Damit zog er die Kleine, die mit den roten Haaren, kräftig neben sich
+auf den Schemel, wo das Ding auch ungeniert und die weißen Zähne zeigend
+sitzen blieb.
+
+Unterdessen hatte Hann die Größere, ein etwa zwanzigjähriges Mädchen,
+das ein wenig befangen am Eingang stehen geblieben war, ungelenk nach
+ihrem Begehr gefragt. Und mit Verlegenheit erhielt er die Antwort.
+
+Die beiden Schwestern hatten gehofft, noch Mudding Klüth zu treffen. Zu
+Hause sei in den Waschkessel ein Loch gebrannt, und da wollten sie
+bitten, ob vielleicht -- -- --
+
+»Selbstverständlich,« unterbrach oll Kusemann schmunzelnd. »Da steht ja
+so'n olles Geschütz. Und wie ich Hann kenne, wird er sich eine Ehre und
+eine Aufmerksamkeit daraus machen. -- Was, Jünging?«
+
+»Ja,« bestätigte Hann.
+
+Nun trat eine Pause ein, während welcher Hann rasch das kupferne Gerät
+von seinem Riegel hob, als dächte er, solch eine Angelegenheit müsse
+schleunigst erledigt werden. Doch wieder fuhr oll Kusemann dazwischen.
+Er führte die wirklich bildhübsche Klara Toll mit der vollen,
+geschmeidigen Gestalt und den sanften, dunkelbraunen Augen erst an Hanns
+verlassenem Herdsitz, und nachdem er sie mit einer Verneigung
+niedergenötigt hatte, erkundigte er sich lauernd, es sei doch
+Damenwäsche, die man morgen kochen wolle. So hübsche Frauenhemden ohne
+Ärmel, und mit Krausens oben, und Höschen und schwarze Strümpfe, recht
+lang, die sähen besonders gut aus.
+
+Da stand Hann mit rotem Kopf mitten in der Küche und sah voller Angst
+und Scham auf das Mädchen, das sein Antlitz dem Feuer zugewendet hielt,
+und um dessen rote Lippen soviel bezwungene Verlegenheit spielte.
+
+Was war das? -- Ein leichtes Zittern lief über den starken Nacken des
+Burschen.
+
+»Oh -- oll Kusemann,« bat er.
+
+Und wieder streckte er die Hand nach dem Kessel aus, während Klara Toll
+sich bereitwillig zur Empfangnahme erhob.
+
+»Aber ne,« wehrte oll Kusemann ganz energisch ab, wobei er Hann den
+Kessel mit Gewalt abnahm -- »her damit -- erst müssen die jungen Damens
+ein Glas Grog mit uns trinken. Erstens aus reiner Menschlichkeit, wegen
+der Kälte, und dann -- hört, Kinnings --« er kredenzte jedem der Mädchen
+ein Glas --»weil dies ein Abschiedstrunk für Hann is. Der wird nämlich
+übermorgen zu den Karolinen verschickt, wo man so leicht totgeschossen
+wird, oder zu die Mohren, na, ihr wißt schon, wo die Weibers so
+schnurrig umlaufen.«
+
+Bei dem Worte »Abschied« bemerkte Hann, wie Klara zusammenfuhr. Sie
+wandte den Kopf nach ihm. Ihre braunen Augen suchten offen die seinen.
+Und feucht und immer feuchter begannen sie zu schimmern, bis eine helle
+Träne hervorperlte. Die glänzte wie ein Leuchtkäferchen in dem
+Feuerschein. Ohne Scham ließ sie sie zur Erde fallen und griff dann
+lächelnd nach dem Grogglase.
+
+»Worüber weinst du denn, mein süßes Kinding?« fragte oll Kusemann
+lauernd. »Er geht ja erst zum April.«
+
+Da überzog wieder ein froher Schimmer das blühende Gesicht, sie trank
+und lächelte vor sich hin und meinte dann leichthin: »Was geht das mich
+auch an? -- Zum April werde ich Krankenschwester.«
+
+So plauderten und lachten die vier Menschen in der räucherigen Küche
+noch eine kleine Weile und tranken dazu. Der Lotse rückte enger an die
+kleine Rosa heran, legte den Arm um sie und sang:
+
+ »Gib ein Küßchen, rotes Röschen --
+ setz dich zu mir auf mein Schößchen.«
+
+Da lachte der Rotkopf und sagte sehr einfach: »Du Affe,« was oll
+Kusemann seinerseits wieder für Erlaubnis genug hielt, ihren roten Kopf
+in die Hand zu nehmen und seine wulstigen Lippen darauf zu drücken.
+
+»Ja, wenn mein Alwining mal selig werden würd', wer weiß, was denn alles
+passierte. Aber noch is sie sehr gesund.«
+
+Das Feuer auf dem Herd begann zu verlöschen. Da besannen sich die
+Schwestern darauf, daß sie heimkehren müßten. Zwar sträubten sie sich
+erst dagegen, daß Hann sowie der Lotse ihnen den umfangreichen Kessel
+tragen helfen wollten, aber als der Bursche, das schwere Metall unter
+dem Arm, wortlos in den Schneesturm hinaustrat, folgten ihm alle.
+
+Jedes laute Wort erstarb vor der Wucht der anstäubenden Schneemassen.
+Tief versanken die Wanderer in den weichen, weißen Teppich, und gegen
+ihre Köpfe schleuderte die Windsbraut spitze, feste Körner. Hann und
+Klara trugen jetzt den Kessel gemeinschaftlich. Von den beiden
+Vorauftappenden gewahrten sie nur die dunklen Umrisse. Und schon waren
+sie bis in das Inner-Dorf gelangt, als Hann in der schneidenden Stille
+ein Wort fand: »Klara, nimm mir's nicht übel. Warum wirst du
+Krankenschwester?«
+
+Nichts von ihren Zügen konnte er in der Dunkelheit erkennen, er hörte
+nur ihr flatterndes Kopftuch und die wirbelnden Röcke.
+
+Sie atmete auf. Wohl wegen der andringenden Luft.
+
+»Hann, ich weiß auch nicht. Aber man muß doch was haben, worum man sich
+kümmern kann.«
+
+Da nickte Hann.
+
+»Das is richtig, Klara, das liegt in manchem von uns tief drin. -- Na,
+gute Nacht.«
+
+Sie waren vor dem flachen Lehrerhäuschen angekommen.
+
+Durch die Schwärze fiel von fernher ein Strahl des roten, drehbaren
+Leuchtturmlichtes und ließ auf den vereisten Mauern tausend zuckende
+Rubinen aufblitzen.
+
+Auch Klaras Kopf trat einen Moment blendend und blutrot beleuchtet aus
+der Nacht hervor.
+
+Hann erschrak.
+
+Doch im nächsten Augenblick bot ihm seine Begleiterin, schon wieder in
+Finsternis gehüllt, die Hand.
+
+»Gute Nacht, Hann, und viel Glück für übermorgen bei der Gestellung!«
+tönte ihre ruhige Stimme.
+
+»Oh -- es kommt alles so -- als es soll, Klara,« gab er zurück.
+
+Eine kleine Weile standen beide Hand in Hand. Dann tauchten zwei
+Schatten auf.
+
+»Nu fixing, Kinnings,« trieb der hinzutretende Lotse und trennte sie.
+
+
+
+
+VIII
+
+
+Es war früh am Sonntag morgen, als Bruno mit der Bitte zu Fräulein
+Dewitz ins Zimmer trat, ob Line ihn nicht zu einem Besuch bei den Eltern
+in Moorluke begleiten dürfe. Sein Bruder Paul, an den er ebenfalls
+gedacht, wäre in der Kirche.
+
+»Ja, ja,« schob Fräulein Dewitz beifällig dazwischen, »den Gottesdienst
+versäumt Ihr Herr Bruder nie.«
+
+Und unten vor dem Hause, berichtete der junge Kaufmann weiter, warte
+bereits des Konsuls Schlitten, den ihm sein Chef, damit sich die Pferde
+einmal auslaufen könnten, zur Verfügung gestellt.
+
+Im selben Augenblick hörte man wie zur Bekräftigung lautes
+Schellengeläute.
+
+Line stand wie erstarrt.
+
+Die Hände preßte sie gegen ihre Brust, wie wenn sie sich selbst
+zurückhalten, bezähmen wolle, damit sie dem hübschen, frischen Menschen
+nicht um den Hals falle.
+
+In einem Schlitten -- aus der Stadt heraus -- entzogen der ewigen Obhut
+der Lehrerin, sich austummeln können, und zwar mit ihm, den sie so gern
+hatte!
+
+Oh, vergessen, wie weggeweht war die Vernachlässigung, die er ihr so
+lange hatte angedeihen lassen -- und wenn es auch nur ein Tag war -- ein
+einziger -- nur einmal fort aus dieser Unterordnung und Verstellung.
+
+Unter ihrem hübschen, blauen Kleide klopfte ihr das Herz vor Aufregung.
+Abwechselnd rot und blaß erwartete sie die Entscheidung ihrer Herrin.
+Wenn die nun »nein« sagte? --
+
+Fräulein Dewitz hatte inzwischen nachgerechnet. Aber sie vermochte trotz
+aller Regeln des kleinstädtischen Anstandes keinen Grund zur Weigerung
+zu finden. Es handelte sich ja am letzten Ende um Bruder und Schwester,
+und der Ausflug währte nur wenige Stunden, führte zudem in das
+Elternhaus, und vor allen Dingen: der Schlitten war extra von dem Konsul
+gestellt. Das entschied.
+
+Einen Moment schoß es ihr zwar noch durch den Kopf, warum der
+wohlerzogene junge Mann nicht auch sie selbst zu dieser Fahrt invitiere,
+aber dann kam ihr der schmeichelhafte Gedanke, daß er wohl nur nicht
+wage, sie, das Fräulein Dewitz, in sein Elternhaus zu führen.
+
+»Schön -- schön.«
+
+Mit gutmütigem Kopfnicken erteilte sie die Erlaubnis, reichte dem
+galanten jungen Herrn würdevoll die Finger zum Handkuß, freute sich an
+seiner tiefen Verbeugung, und nachdem sie ihn noch gebeten, ja nicht
+ihre Grüße an seine Mutter zu vergessen, schärfte sie ihm besonders ein,
+daß Line punkt neun Uhr zu Hause sein müßte.
+
+»Nicht später -- nicht wahr, Sie verstehen mich, mein lieber Herr
+Klüth?«
+
+»Gewiß, vollkommen, gnädiges Fräulein.«
+
+ * * *
+
+So saßen denn die Geschwister, dicht nebeneinander, wohlverpackt in dem
+leichten, eleganten Schlitten.
+
+Strahlender Sonnenschein, blauer, heller Frost war dem Unwetter von
+gestern gefolgt.
+
+Die beiden Rappen wieherten laut in die leuchtende Weiße hinein,
+pfeilschnell, schnurgerade schoß der Schlitten über die funkelnde Bahn
+der Chaussee, die auf einem Umweg über das Klosterdorf führte.
+
+Da fiel es Bruno, über dem gleichfalls die ganze Glückseligkeit dieses
+Wintertages lag, auf, daß seine Begleiterin so mäuschenstill neben ihm
+verharre.
+
+Verwundert blickte er auf sie hin.
+
+Das war doch seltsam. Da saß sie, als wenn sie ihn, den Kutscher, den
+Schlitten, die beiden schnaubenden Rosse, alles Leben überhaupt ganz
+vergessen hätte. Den Kopf hielt sie vorgebeugt, die Lippen waren leicht
+geöffnet, als schlürfe sie die pfeifende Luft wonnetrunken ein, die
+Augen blitzten immer geradeaus auf die glitzernde Strecke, starr,
+erwartungsvoll, ein unerhörtes Wunder heischend.
+
+Bruno wurde von dem Bild gefangen. Was konnte das bedeuten?
+
+Er wußte nicht, daß diese sieben Jahre der Knechtschaft plötzlich von
+ihr abfielen, daß hier auf den stillen, freien Feldern ein
+freigewordenes, sich auf sich selbst besinnendes Weib neben ihm sitze.
+
+»Line,« murmelte er erstaunt, da ihr Schweigen ihn immer mehr
+befremdete.
+
+Da lächelte sie beinah unwillig und schüttelte den Kopf, wie wenn der
+Traum noch weiter klingen solle.
+
+Seltsam.
+
+Er konnte den Blick nicht von ihr abwenden, und dabei fiel ihm ein, daß
+dieses schlanke, so ganz eigenartige Geschöpf viele Jahre aus seinen
+Gedanken entschwunden gewesen, verdrängt von den sich jagenden
+Eindrücken der großen Stadt.
+
+Was mochte wohl aus ihr geworden sein?
+
+Er hatte sich nicht einmal Mühe gegeben, sich danach bei seinem älteren
+Bruder zu erkundigen. Allerdings, so sagte er sich, wie konnte sie sich
+auch sonderlich entwickelt haben? In ihrer abhängigen, fast dienenden
+Stellung bei einer alten Handarbeitslehrerin? Nein!
+
+Aber elegant sah sie aus. Sehr vornehm. Und das schmeichelte seinem auf
+das Äußerliche stark gerichteten Sinn.
+
+Wie voll und dabei doch schlank sie dies graue, weiche Pelzjäckchen
+erscheinen ließ.
+
+Vorsichtig prüfend strichen seine behandschuhten Finger an dem
+Rauchwerke hinunter und fuhren zurück, als sie den runden, festen
+Frauenarm spürten.
+
+Seine Nachbarin sah ihn im selben Moment an. Ein rascher Blick streifte
+sein Gesicht, dann rückte sie näher zu ihm und schaute wieder zu ihm
+auf.
+
+Bruno stutzte.
+
+Ihre roten Lippen schienen ihn verspotten zu wollen. Im nächsten
+Augenblick aber brauste plötzlich der ganze glückselige Rausch der
+Jugend in ihm empor.
+
+Alle Bedenken, daß dies seine Pflegeschwester wäre, die sich ihm
+anvertraut, übersprang er.
+
+Zuversichtlich zwirbelte er sich den Schnurrbart und legte, wie
+zufällig, seinen Arm um ihre Schultern.
+
+»Nein,« sagte sie spöttisch und schob kräftig seine Hand zurück.
+
+Das brachte Bruno zur Besinnung. Siedendheiß stieg es ihm in die
+Schläfe. Zur rechten Zeit fiel ihm ein, was er eben beinahe gewagt, und
+wie seltsam sich die Kleine dabei benommen hätte. Abwehrend, und doch --
+
+Mein Gott, was mochte sich nur hinter dieser weißen, von schwarzen
+Haaren umringten Stirn abspielen?
+
+Da schreckte sie ihn von neuem auf.
+
+»Hast du Geld?«
+
+»Ja, wozu?«
+
+»Sieh -- den Leierkastenmann da auf dem Prellstein -- mit dem Stelzfuß
+-- gib was.«
+
+Er schüttelte sein Portemonnaie über ihrem Schoß aus.
+
+Es waren lauter Talerstücke darin.
+
+»Schenkst du mir was davon?« flüsterte sie in höchster Eile.
+
+Er vermochte nur noch ein »Ja« zu stammeln.
+
+Da hatte sie auch schon mit einem erstickten Jauchzen drei, vier der
+Münzen in den Händen, schüttelte sie, ließ sie klingen, und plötzlich
+hochaufgerichtet, schleuderte sie mit einer kräftigen Bewegung ein
+Silberstück nach dem Veteranen hin.
+
+Die Leier kreischte auf.
+
+»Danke,« scholl es herüber.
+
+Und noch eins -- und noch eins.
+
+Der Stelzfuß schwenkte seine Mütze. -- »Hurra,« verklang es.
+
+»Ah -- das war schön -- das war schön!« sank Line in ihren Sitz zurück.
+
+»Line,« stotterte Bruno. Aber seine Augen blitzten, die wilde Tollheit
+des Mädchens hatte ihn angesteckt. Krampfhaft drückte er ihr beide Hände
+unter der Decke.
+
+»Ah -- das war schön -- das war schön,« wiederholte sie wie berauscht
+und schloß die Augen. Gleich darauf entzog sie ihm hastig ihre Finger.
+»Laß das,« verbot sie ihm herb, und zwischen ihren Augenbrauen erschien
+eine Falte. »Wozu soll das?«
+
+Da hielt der Schlitten.
+
+Mehrere Gefährte, die auf der Landstraße vor einem schmucken Krug
+hielten, sperrten den Weg.
+
+»Wollen wir auch einen Augenblick da hinein, Kleine?« fragte Bruno, wie
+wenn er sich auf andere Gedanken bringen wollte, »denn Vater Siebenbrod
+wird uns doch gewiß vor dem Mittag nichts Warmes vorsetzen,« und als
+Line erfreut mit einem Ruck hochsprang, half er ihr aus dem Gefährt
+herab.
+
+Er nahm noch wahr, wie fein und schmal ihr Fuß sei, als sie die Röcke
+ein wenig schürzte.
+
+»Ein prachtvolles Mädel,« dachte er, »um einen toll zu machen. Aber
+sachte, sachte.«
+
+Bald saßen sie in dem Krugzimmer an einem Tisch am Fenster.
+
+Es war ein kahler, lichtblauer Raum. Nicht ein Bild hing an den Wänden,
+nur im Sonnenschein konnte man eine Herde Winterfliegen bemerken, die
+unbeweglich ihren langen Schlaf hielten.
+
+Aus der Ecke feuerte ein eiserner Ofen rotglühende Hitze. Aus dem
+Nebensaal drang das Gemurmel zechender Menschen.
+
+Erst schauten die beiden schweigend eine Weile auf die schneeweiße
+Landstraße hinaus, wo ihre Schlittenpferde unter den Decken dampften,
+dann brachte eine halbwüchsige Wirtstochter Glühwein, und die beiden
+jungen Leute stießen miteinander an. Sie blickten sich dabei in die
+Augen, der junge Mann herausfordernd, als ob er auf des jungen Mädchens
+Gesundheit tränke, was sie nur schnippisch und mit einem Achselzucken
+aufnahm. Wohlig strömte das heiße Getränk ihnen durch die Glieder. Line
+reckte sich, ihre Wangen, auf denen im Sonnenlicht ein feiner Flaum
+zitterte, färbten sich dunkler. Mit einer raschen Bewegung zog sie den
+Handschuh von der einen Hand und klatschte ihrem Begleiter damit leicht
+auf die Finger.
+
+»Du,« forderte sie, indem sie sich ein wenig über den Tisch bog, »eh' es
+langweilig wird, erzähl' was. Von dir.«
+
+»Von mir?«
+
+»Ja, weißt du noch, wie wir damals, bevor du zu Hollander gingst,
+zusammen auf der Mauer im Hain saßen, und was du mir da alles
+erzähltest? Sag' mal, ist davon schon etwas in Erfüllung gegangen? --
+Hast du Hoffnung, bald reich zu werden?«
+
+Bruno warf sich in die Brust und drehte überlegen an seinen goldenen
+Ringen.
+
+»Ich habe vorläufig viertausend Mark Gehalt,« warf er stolz hin, während
+er sich unternehmend durch sein Gelock fuhr.
+
+»Das ist nicht viel,« äußerte sie bestimmt.
+
+Er wurde eifrig.
+
+»Aber in wenig Wochen schon werd' ich Prokurist.«
+
+»Bekommst du dann mehr?«
+
+»Viel mehr.«
+
+»Gut -- das ist recht -- und dann --« sie lehnte sich hintenüber, hielt
+ihren Kopf mit beiden Händen und blinzelte ihn spöttisch an, »dann
+heiratest du Dina Hollander.«
+
+Bestürzt fuhr er zurück, glühend rot vor Ärger darüber, weil ihn dieses
+merkwürdige Wesen durchschauen wollte, und daneben schmeichelte es ihm
+doch nicht wenig, daß sein Name mit dem der Konsulstochter überhaupt in
+eine Verbindung gebracht werden konnte.
+
+»Woher willst du das wissen?« fragte er nichtsdestoweniger von oben
+herab »Das werde ich doch nicht jedem auf die Nase binden!«
+
+Sie maß ihn mit einem halb mitleidigen Lächeln.
+
+»Du glaubst doch wohl nicht, Bruno, daß man dir das damals bei
+Hollanders nicht anmerken konnte? Dann, laß dir sagen, ich habe es auf
+den ersten Blick gesehen!«
+
+»Du?«
+
+»Ich -- jawohl.«
+
+»Donnerwetter,« entfuhr es ihm unwillkürlich, und er starrte auf die
+schwarze, kleine Hexe ganz fassungslos, die sich bedächtig auf ihrem
+Stuhl schaukelte, heimlich sich an seiner Verblüffung weidend.
+
+Herrgott, Herrgott, was war nur aus ihr geworden.
+
+»Mädel, wie alt bist du denn eigentlich?« stammelte er zuletzt.
+
+»Einundzwanzig.«
+
+»Dein Wohlsein,« fuhr sie fort, indem sie, wie im Hohn, das Glas gegen
+ihn hob und ihn durch die scharfgeschliffenen Ränder mit einem
+zugekniffenen Auge anblinzelte. »Ah, das macht warm.«
+
+Damit dehnte sie ihre Glieder, erhob sich und schritt ein paarmal mit
+ihrem leicht wiegenden Gang im Zimmer umher.
+
+Immer gefolgt von seinen Blicken, die sich an ihren Bewegungen
+entzündeten.
+
+»Ein schönes -- schönes Mädel,« dachte er wieder. --
+
+Plötzlich klingelte Musik durch seine Gedanken. Klirrend und klimpernd
+begann der Musikautomat aus der Ecke eine Melodie abzuschnurren.
+
+Mit vorgebeugtem Leib, den Kopf nach ihrem Gefährten gewendet und den
+Finger leicht gegen die roten Lippen gelehnt, während die andere Hand
+noch an der Öffnung weilte, durch die sie eben die kleine Münze
+geschoben, so sah Bruno das zierliche Mädchen lauschen.
+
+»Line.«
+
+»Pst -- der Faustwalzer.«
+
+Mit einer raschen Gebärde schürzte sie den Rock und machte ein paar
+Tanzschritte. Er sah die reizenden kleinen Füße sich drehen, da hielt er
+sich nicht länger. Mit einem lauten Freudenruf eilte er auf sie zu,
+wollte ihr als Tänzer seinen Arm um ihre Hüfte schlingen, -- allein da
+stockte sie, wurzelte unbeweglich fest und schickte einen finsteren
+Blick zu ihm empor. »Du,« sprach sie scharf, »ich verbat mir das schon
+einmal.«
+
+Und da steckte auch schon Friedrich, der Kutscher, seinen Kopf in die
+Stube hinein.
+
+»Na?« fragte er wartend.
+
+»Jawohl, wir kommen,« versetzte Line, und ihrem Begleiter die Bezahlung
+überlassend, schritt sie aufgerichtet auf die Landstraße hinaus, ohne
+auch nur den Kopf nach dem Verlassenen zurückzuwenden.
+
+
+
+
+IX
+
+
+Das war ein langweiliges, hinschleichendes Mittagbrot, das da in der
+großen guten Stube des Lotsenhäuschens eingenommen wurde, und die beiden
+Kinder, Bruno und Line, atmeten heimlich auf, als Mudding endlich sagte:
+»So, Siebenbrod, jetzt sagst du wohl gesegnete Mahlzeit.«
+
+Das tat der Zesnerfischer auch mit merklicher Erleichterung, denn diese
+beiden feingekleideten Menschen waren ihm so unbehaglich, als irgend
+möglich. Vor allen Dingen, weil er sich genierte, vor ihnen zu essen, so
+daß er auch heute im stillen einen gewaltigen Hunger spürte.
+
+»Na, sie werden woll so bald nich wiederkommen,« dachte er.
+
+Auch Mudding, die sich doch im Herzen so sehr über ihren Heimgekehrten
+freute, sprach niemals viel, und heute wurde ihr Geist noch besonders
+oft durch die Frage abgelenkt, ob auch alles, was ihr Bruno von sich
+mitgeteilt, recht und billig wäre, und ob sich seine kühnen Hoffnungen
+wohl erfüllen könnten.
+
+»Ach lieber Gott -- laß mich das noch erleben,« dachte sie innerlich und
+faltete wie von ungefähr die Hände, obwohl sich in ihrem unbewegten
+Gesicht nichts regte. So hatte am Tisch eine steife Gezwungenheit
+geherrscht, denn Hann in seinem blauen Sonntagswams vermochte
+gleichfalls nur, seinen Geschwistern von Zeit zu Zeit die Schüssel zu
+reichen, oder die Bierflaschen zu entkorken, die Siebenbrod heute extra
+»spendiert« hatte. In ihre Gespräche jedoch, die sie ausschließlich für
+sich allein führten, wagte er sich nicht zu mischen. Da klang ihm ein zu
+fremder, zu hoher Ton hindurch, und so saß er nachdenklich da und
+überlegte, wie gut die beiden zueinander paßten.
+
+Ja, das waren frohe, lebendige Leute; die kamen in der feinen Welt
+zurecht, und über Bruno lachte auch Line nicht, wie stets über Hann.
+
+Das wenigstens hatte er gleich gemerkt.
+
+Ja, ja, so war das wohl auch alles recht gut.
+
+Nach Tisch machte Line den Vorschlag, ein bißchen im Dorf
+herumzuwandern. Und als Bruno, ganz erlöst, beigepflichtet hatte, schloß
+sich auch Hann an.
+
+Er hatte kaum bemerkt, daß gar keine Aufforderung dazu an ihn ergangen
+war.
+
+Draußen war es noch hell.
+
+Vom Kirchturm schlug es gerade drei, als sie sich nebeneinander auf den
+Weg machten.
+
+Nichts gleicht der Feiertagsruhe eines Ostseedorfes um die Winterzeit,
+wenn die Sonne im blauen Luftmeer bereits blasser wird, und der Wind auf
+den silberblitzenden, niedrigen Dächern eingeschlafen scheint. Eine
+wohlige Ruhe und Stille überall. -- Man hört die Schneeflocke fallen, die
+sich zuweilen von einer vorspringenden Schindel löst.
+
+Als die drei in die einzige Gasse einbogen, die auf beiden Seiten von
+kleinen Fischerkaten besetzt ist und, lang verlaufend, bis zum Kirchhof
+führt, berührte Hann den Arm seines Bruders.
+
+»Hör',« fragte er wichtig, »willst du vielleicht Vatings Grab sehen?«
+
+Dar war doch nun wieder ein ganz dummer Einfall des Tölpels. Verstimmt
+blieb Bruno stehen und blickte voll Verlegenheit zu Line hinüber, die
+Hann mit ganz erschrockenen Augen maß: -- Jetzt -- an diesem einzigen
+freien Nachmittag unter Grabkreuzen?
+
+Aber da fragte der junge Kaufmann bereits, ob der Kirchhof nicht doch zu
+dick verschneit sei, und Hann lenkte sofort schwerfällig nickend ein:
+»Ja, ja mit euren Stiefeln ist da wohl nicht durchzukommen -- wollen's
+lieber lassen.«
+
+Line atmete tief auf, sah aber doch noch öfter furchtsam auf den
+Friedhof hin. Weiter schritten sie, aber für die nächsten Minuten war
+doch die Stimmung gestört. Sie unterbrachen das Schweigen erst wieder,
+als unvermutet zweistimmiger Gesang auftönte, und jetzt erkannten die
+Spaziergänger auch, wie vor der Dorfschule zwei junge Mädchen auf und
+nieder wanderten, beide Arm in Arm, und eifrig, wenn auch mit halber
+Stimme, singend.
+
+»Das tun sie hier öfters Sonntags nachmittags,« erklärte Hann.
+
+Noch kehrten die beiden Frauengestalten den Ankömmlingen den Rücken,
+doch unterschied man bereits deutlich den Text des Liedes, der nicht
+gerade aufheiternd und munter klang:
+
+ »Morgenrot,
+ Leuchtest mir zum frühen Tod?
+ Bald wird die Trompete blasen,
+ Dann ich muß mein Leben lassen,
+ Ich und mancher Kamerad.«
+
+»Ja,« sagte Hann sehr befriedigt, nachdem er andächtig gelauscht hatte,
+»Klara und Rosa Toll haben hier die schönsten Stimmen. Wenn sie im
+Kirchenchor singen, dann geh' ich jedesmal hin.«
+
+Und in seinem inneren Vergnügen nickte er noch ein paarmal bekräftigend
+und übersah dabei, wie Line ihren Begleiter mit dem Ellbogen in die
+Seite stieß, und als der sie verwundert anblickte, wie sie mit den Augen
+heimlich nach dem größeren der beiden Mädchen hinüberzwinkerte.
+
+Da mußte Bruno auflachen.
+
+Nun begrüßte man sich gegenseitig, die Schulmeisterstöchter knicksten
+vor den feinen Städtern, und Line klopfte der schönen Klara Toll so
+mütterlich die Wange, daß die also Behandelte, die ein wenig größer als
+Line war, verlegen ihren Blick auf den Boden lenkte.
+
+Darauf erkundigte sich Bruno, warum die Mädchen ein so trauriges
+Soldatenlied gesungen, und während die Ältere nicht mit der Sprache
+herauswollte, und nur ein tiefes Rot langsam in ihre Wangen stieg,
+begann der Rotkopf ungeniert zu plaudern: Hann Klüth hätte ihnen gestern
+abend davon erzählt, daß er sich morgen in der Stadt zum Militär stellen
+müsse, und nun hätten die beiden Schwestern gerade davon gesprochen, und
+mit einmal hätte Klara angefangen, das Lied zu singen. Sie aber wäre nur
+so zur Begleitung eingefallen.
+
+»O -- nicht doch,« stammelte Hann und machte eine Bewegung, als wolle er
+nach der Hand der Größeren greifen, besann sich jedoch und steckte seine
+Rechte plump in die Tasche.
+
+Da schlug vom Kirchturm die Uhr, und die beiden Parteien trennten sich.
+
+Die Sperlinge, die auf der Dorfstraße und auf den Ästen der weißen
+Pappeln saßen, schrien matter, der Schnee begann sich blauviolett zu
+färben.
+
+»Sieh,« sagte Line zu Bruno, da sie auf die öden, knackenden Wiesen
+traten, die sich bis an die zugefrorene See hinabgezogen. »Da drüben.«
+
+Da glühte im roten Licht die Klosterruine, die für die beiden jungen
+Menschen so viele Erinnerungen barg, herüber, von ihren Schneemassen
+rann purpurnes Feuer herab, wie ein ungeheurer, weißer Korallenwald
+standen die kahlen Eichengerippe um das Mauerwerk herum.
+
+»Da,« sprach Line noch einmal und sah ihren Gefährten von damals mit
+einem flüchtigen Blicke an.
+
+Bruno stutzte.
+
+Plötzlich begann ihm das Herz wild zu klopfen, die Erinnerung stieg in
+ihm auf. Jetzt, ja jetzt hätte er die lockende Gestalt in dem grauen
+Pelzjackett wild an sein Herz gerissen, wenn -- ja, wenn nicht dieser
+störende Tölpel neben ihnen gestanden, der sie beide immer so
+nachdenklich betrachtete.
+
+Aus der eben verlassenen Dorfstraße trug dazu der Wind eine neue
+Liedstrophe herüber. Die beiden Lehrerstöchter fuhren wohl in ihrem
+stillen Sonntagsvergnügen fort:
+
+ »Kaum gedacht,
+ Ward der Lust ein End' gemacht.
+ Gestern noch auf stolzen Rossen,
+ Heute durch die Brust geschossen,
+ Morgen in das kühle Grab!«
+
+ -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
+
+»Pst! Für'n Sechser Ruhe!« rief eine heisere Stimme ärgerlich
+dazwischen.
+
+Aus seiner bretternen Wachthütte, die eigentlich eine Badezelle gewesen,
+streckte oll Kusemann seinen geölten und frisierten Kopf heraus und
+legte noch den Finger an die Lippen, um auch pantomimisch anzudeuten,
+daß er einer Beschäftigung obliege, bei der er keine Störung vertragen
+könne.
+
+»Oll Kusemann, was machst du hier am Sonntag? Und noch dazu, wo der
+Bodden zugefroren is und gar kein Schiff in Sicht kommen kann?« fragte
+Hann nähertretend und steckte seinen Kopf in den engen Spalt der Tür,
+die oll Kusemann ihm eben brummig vor der Nase zuschlagen wollte. »Und
+wozu hast du die beiden Flintens da in der Ecke?«
+
+»I, die beöl' ich mir 'n bischen,« brummte der Lotse ausweichend und
+beäugelte mit seinem schiefen Blick die beiden Städter. »Für die Dinger
+is Öl dasselbe, was für uns Lebendige Rotspohn is.«
+
+»Oll Kusemann,« fuhr Hann strafend fort, »auf Ludwigsburg drüben ist
+Jagd, und du lauerst hier bloß darauf, daß sich über das Eis fort wieder
+was zu dir verlaufen soll. Hast du nicht vorigen Monat erst deswegen vor
+Gericht gestanden?«
+
+»Ja, aber ich bin freigesprochen,« triumphierte oll Kusemann, indem er
+sich schmunzelnd seinen spitzen Kinnbart strich, »und der Präsident hat
+mir noch eine Zigarre dafür geschenkt, weil ich so'n oller nützlicher
+Mitbürger wär', der die fatalen Seehunde hier wegputzt.«
+
+Aber ehe sich noch ein anderer in das Gespräch mischen konnte, winkte
+der Lotse plötzlich lebhaft mit Händen und Beinen ab, sprang in die
+Ecke, ergriff eine der Flinten, pflanzte sich in die Türöffnung und
+starrte aufgeregt über das Eis des Boddens.
+
+Über die graue Fläche fuhr im rasenden Lauf ein schwarzer Punkt.
+
+»Das ist doch kein Seehund?« rief Hann zornig und wollte nach dem Lauf
+der Büchse greifen, aber der Lotse schüttelte verächtlich den Kopf: »Was
+sonst? -- Das is einer, wie er leibt und lebt!«
+
+Nun kam die Jagdlust über die kleine Schar. Immer gespannter verfolgten
+sie den sich nähernden Farbenfleck.
+
+»Jetzt,« murmelte der Lotse und hob das Gewehr.
+
+Da schwankte zu seiner Verwunderung ein zweiter Lauf neben dem seinen.
+
+Line war unvermutet in die Hütte gesprungen, riß jetzt die Waffe an ihre
+Wange und stammelte mit blitzenden Augen: »Ich auch, ich auch.«
+
+»Kannst du denn zielen?« stieß Bruno hervor.
+
+»Weiß nicht.«
+
+»Dann laß mich visieren, -- so.«
+
+Er beugte seinen Kopf dicht hinter ihren Nacken und stützte mit der
+linken Hand den Kolben. Ohne daß sie darauf zu achten schien, lehnte sie
+so voll in seinen Armen, daß sein Mund, wenn er es gewagt hätte, die
+Haut ihres Nackens hätte berühren können.
+
+Oll Kusemann schmunzelte: »Wer trifft, kriegt von dem schönen Fräulein
+ein Küssing. -- Ich treffe, bautz.«
+
+Der Schnee stäubte auf, der Farbenfleck fuhr seitwärts; »kuck«, brummte
+der Lotse verblüfft und schob sich die Mütze in den Nacken.
+
+Da krachte der zweite Schuß.
+
+»Liegt -- liegt,« schrien plötzlich Hann und oll Kusemann gleich zwei
+Besessenen, und im Wettlauf stürmten sie auf die beschneite Fläche, weil
+jeder den toten »Seehund« für seine Partei zu requirieren gedachte.
+
+In der Hütte blieben die beiden Sieger allein. Bruno faßte sich an die
+hämmernde Schläfe. Ob er sich jetzt seinen Schützenlohn holte? Sachte,
+indem er glaubte, Line bemerke es nicht, zog er die Tür hinter sich zu,
+so daß das Rotlicht der scheidenden Wintersonne nur noch durch das
+kleine Guckfenster fallen konnte. Dann zögerte er wieder -- einen
+Schritt kaum von ihm getrennt, stellte das Mädchen ihr Gewehr in die
+Ecke. Deutlich sah er die schöne Rundung ihrer Glieder, als sie sich
+bückte. Da kam seine kecke Wagelaune über ihn. Tausend Nerven prickelten
+ihm in den Armen, kaum wußte er noch, was er tat; tief aufatmend drängte
+er sich an ihre Seite.
+
+Doch dieser Atemzug verriet ihn. Kräftig raffte sie sich auf und sah ihn
+groß an. »Weshalb hast du die Tür geschlossen?« fragte sie rauh.
+
+Er schüttelte den Kopf und blieb wirr und unentschlossen vor ihr stehen.
+
+Mit dem Fuß stieß sie die Tür auf.
+
+»Ich hab's nicht gern im Dunkeln,« sagte sie mit einem feindseligen
+Blick, und wieder schoß ihr der Gedanke an Dina widerwärtig durch den
+Kopf; dann lachte sie kurz und trocken auf: »Da bringen sie den
+Seehund.«
+
+Sehr demütig und kleinlaut schlich oll Kusemann heran, obwohl er seinem
+ungelenken Gefährten bei der Ergreifung des Seeungeheuers zuvorgekommen
+war. Aus seinem Wams guckte ein langohriges Köpfchen heraus.
+
+»Verfluchtet Pech,« wimmerte er, »'s richtig wieder ein Hase. Da kann
+man nun die besten Absichten haben, die allerreellsten, aber gegen
+Mallöhr is nich aufzukommen. Na adjüssing.«
+
+So schlich er mit dem unwillkommenen Braten betrübt seinem Häuschen zu,
+ehrwürdig, als »oller nützlicher Mitbürger.«
+
+ * * *
+
+In tiefer Dunkelheit fuhren Line und Bruno in einem geschlossenen
+Schlittenkasten heim, den man sich erst vom Krugwirt hatte borgen
+müssen, da ihr eigenes Gefährt auf Wunsch des Konsuls noch bei
+Tageshelle den Heimweg angetreten.
+
+So hockte denn Hann, der sich willig dazu erboten, in seinem zottigen
+Schifferpelz auf dem Bock und schwang die Peitsche. Von drinnen hörte er
+undeutlich die Stimmen seiner Passagiere, doch er wendete sich nicht um:
+»Nich horchen,« dachte er, »das paßt sich nich.«
+
+Aber was er sich selbst nicht verbieten konnte, das waren seine
+Gedanken, die immer wieder zu seinen Mitfahrenden in den klappernden
+Schlitten hineinstiegen.
+
+»Passen gut zusammen,« dachte er. »Was kann er gut mit Reden fort und
+sie -- so hübsch, und gewachsen wie so'n schieres, glattes Füllen -- ja,
+ja, man möcht' ordentlich eins überstreichen.«
+
+Hier stockte er, erschrak und schämte sich.
+
+Ach, es war ja das Unglück dieses nachdenklichen Bauern, daß ein
+schlichter, tiefer Schönheitssinn in ihm lebte, und daß er dieses junge,
+blühende Mädchen da drinnen von seiner Jugend an als das Übermaß
+weiblicher Vollendung zu verehren gewohnt war.
+
+»Und wie sie sich in den Hüften dreht,« dachte er bewundernd weiter.
+
+»Hüh,« schrie er wütend dazwischen. Aber im nächsten Moment kehrten
+seine Gedanken in Wasserstiefeln schon wieder zurück. »Ob Bruno ihr aber
+auch gut is? Ja, ja, das ist 'ne verfluchte Geschichte, und ob er es
+auch ganz treu und ehrlich meint?«
+
+»Hüh,« schrie er wieder, und der Schlitten klingelte weiter durch
+Dunkelheit und Mondschein.
+
+ -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
+
+Drinnen sprach derweil die schwarzbraune Hexe ihren Zauberspruch.
+
+Es klapperten die Scheiben, es quietschten die Lederhüllen und ließen
+die kalte Luft fast ungehindert herein. Line hauchte ein paarmal vor
+sich hin, um im vorüberhuschenden Mondlicht ihren Atem dampfen zu sehen,
+dann fröstelte sie zusammen, bis sie sich endlich, Wärme suchend, in
+sich selbst einkauerte, ohne bemerken zu wollen, wie ihr Gefährte fast
+atemlos neben ihr saß, betört und bezaubert von dieser widerspenstigen
+Schönheit. Mit Gewalt suchte er sich von seinen schlechten Gedanken
+abzubringen.
+
+»Bist du müde?« fragte er.
+
+»Ja.«
+
+Er berührte zaghaft ihren Arm.
+
+Ärgerlich zuckte sie den Ellbogen zur Höhe: »Was willst du?«
+
+»Ich wollte dich nur einmal fragen, was du eigentlich in diesen sieben
+Jahren getrieben hast? -- Es interessiert mich so.«
+
+»Gott, gelernt und gelesen hab' ich, das merkst du doch wohl, und tu's
+auch heute noch.«
+
+»Und zu welchem Zweck?«
+
+»Wie du auch fragst?« lachte sie und warf die Lippen auf. »Damit ich in
+die Höhe kommen kann. Das ist doch selbstverständlich. Paß mal auf, so
+wie dir, wird's mir auch glücken. Ich bin ja nicht häßlich.«
+
+»Nein, bei Gott, das ist sie nicht,« schoß es Bruno durch die erregten
+Sinne, nur wild, widerspenstig und berechnend, wie es ihm scheinen
+wollte, und sich näher zu ihr vorbeugend, drängte er weiter: »Willst du
+denn irgendeinen Beruf ergreifen?« Da traf ihn schon wieder solch ein
+feindseliger Blick.
+
+»Wenn ich nicht durch eine Heirat mein Glück mache, dann gewiß. Bei
+Fräulein Dewitz bleibe ich nicht länger. Das kann mir keiner verdenken.
+Aber weißt du was?« -- Sie schmiegte sich plötzlich an ihn und senkte
+das Köpfchen auf die Brust, als gälte es ein Geheimnis. Und es bedeutete
+auch wirklich eines.
+
+»Da waren neulich die Hofschauspieler aus Schwerin im Voglerschen Saal
+-- du, und da war eine dabei, die war nicht älter wie ich, aber so
+ausgelassen, und wild, und gab lauter solche Rollen, wo man die Männer
+anführt. Weißt du, ich glaub', das könnt' ich auch. Und wie sie im
+letzten Akt auftrat, da flogen aus der Offiziersloge lauter Buketts auf
+sie zu, bis sie endlich eine Kußhand warf. Immerfort -- lauter Kußhände.
+Ah -- das hätt' ich auch tun mögen. Wahrhaftig.«
+
+Sie verzog den Mund und nickte wie zur Bekräftigung mehrmals vor sich
+hin.
+
+Da war es heraus, das Innerlichste von ihr, jenes Abenteuernde,
+Irrlichtierende, das Bruno nur dunkel geahnt hatte, das ihn jetzt aber
+mit solcher Macht fing, daß er, halb seiner selbst beraubt, die Hände
+gegen die Augen preßte, um sich zurückzuhalten, sich zu zähmen.
+
+»Hast du was?« fragte sie.
+
+Er verneinte. »Kopfschmerzen.«
+
+»Ja, ja, es ist auch kalt,« brach sie ab. »Wollen schlafen, ich bin
+müde.«
+
+Damit lehnte sie sich in das Leder zurück, und bald verkündeten ihre
+regelmäßigen Atemzüge, daß ihrem Willen auch der Schlummer dienstbar
+wäre.
+
+Bruno rieb sich die Stirn und sah neugierig auf sie hin.
+
+Ob sie wirklich schlief? -- Oder ob die raffinierte kleine Person ihm
+nur zeigen wollte, wie lieblich sie aussah, wenn das Mondlicht über sie
+huschte, und wie weiß die Zähne hinter den halbgeöffneten Lippen
+hervorblitzen konnten.
+
+Nein -- nein, er wandte sich ab, er blickte auf die Chaussee hinaus, auf
+deren Schneedecke die Pappeln schwarze Schatten warfen, wie lange
+Schlangen, die auf das Gefährt zukriechen wollten.
+
+Aber auch dieser Anblick zerstreute ihn nicht.
+
+Nein, nein.
+
+Die Schläferin rührte sich. Sie saß jetzt aufgerichtet, nur der Kopf war
+hintenübergesunken, während die Brust sich leise hob und senkte.
+
+Ob sie wirklich schlief?
+
+Schon nahten die ersten Häuser der Stadt.
+
+Da hatte Bruno ausgekämpft. Die kleine, schwarze Hexe neben ihm war
+stärker als er.
+
+Ziemlich unsanft, beinahe rüttelnd fuhr er über ihren Arm.
+
+Gegen sich selbst wollte er sie bewahren. »Wach auf, wach auf!« schrie
+es in ihm.
+
+Aber die Schläferin sank, der Bewegung folgend, in voller
+Schlaftrunkenheit gegen die Schultern des Mannes.
+
+Oh, wie weich rundeten sich ihre Lippen.
+
+Er hob ihr Kinn, ruhig atmete sie fort, selbst die Grübchen in ihren
+Wangen konnte er bei dem trüben Lampenlicht gewahren, und leise, leise,
+wie ein vorsichtiger Dieb, stahl er ihr von den kostbaren Früchten.
+
+Da gab es einen Stoß. Ruckartig hielten sie.
+
+Ob Hann zurückgeblickt hatte?
+
+Wie taumelnd sprang der grobkörnige Geselle von dem Schlitten herab,
+dann öffnete er den Schlag und grollte: »Wir sind da.«
+
+»Schon?« gab Bruno atmend zurück, und auf Line deutend, setzte er hinzu:
+»Fest eingeschlafen.«
+
+Hann starrte in dumpfem Staunen auf sie hin.
+
+Und erst nach geraumer Zeit gelang es den beiden, das Mädchen zu wecken.
+
+Verwundert blickte sie sich um, dehnte sich, und dann lachte sie und
+meinte gleichgültig: »Ah -- das war geschlafen. Aber seht da oben, da
+lauert schon die Alte auf mich. Sie brennt noch Licht. Na, kommt gut
+nach Hause.«
+
+Durch die klingelnde Haustür sprang sie die Stufen hinauf, nickte
+nocheinmal zurück und verschwand.
+
+Als Hann nach einer Weile im Schritt zurückkutschierte, da hielt er in
+seinem Fausthandschuh ein Zehnmarkstück. Das hatte ihm Bruno beim
+Abschied in die Hand gedrückt, halb als Geschenk, halb als Trinkgeld.
+Und der unbeholfene Bursche besah es sich beim Sternenlicht, kratzte
+sich hinter dem Ohr und seufzte tief auf.
+
+»Hüh, Schimmels!«
+
+
+
+
+X
+
+
+Zwei Tage später -- bei Sonnenaufgang -- da fand der einzige, goldige
+Strahl, der durch das hochangebrachte Traillengitter hindurchdringen
+konnte, den Moorluker Philosophen fröstelnd und mit blödem Haupt auf der
+Pritsche des Militärgefängnisses hingestreckt und mit dumpfem,
+verwundertem Ausdruck an den grauen Mauern hinaufstarren.
+
+»Nee,« stellte er fest, indem er erwartete, Siebenbrod müsse ihn ja
+zuletzt mit einem Fußtritt aus dem schweren Traum erwecken, hielt sich
+den Kopf und schloß die Augen. Aber der liebe, erlösende Tritt
+Siebenbrods blieb aus, und das einzige, was zu ihm drang, war vom Hof
+aus ein Kommandoruf, dem ein hartes, klirrendes Geräusch folgte, wie
+wenn Gewehre taktmäßig auf das Pflaster gestoßen werden.
+
+»Je -- je --«
+
+Hann riß abermals die Augen weit auf.
+
+Halb zerschlagen kroch er von dem harten Marterlager herunter, um von
+neuem kopfschüttelnd um sich herum zu stieren.
+
+Da in der Ecke die Pritsche mit der Wolldecke, an der anderen Seite ein
+Kasten, der häßlich roch und beinahe aussah, als ob man seine Notdurft
+darein verrichten sollte. Sonst nichts.
+
+Kein Stuhl -- kein Tisch. Auf vier Seiten lang und breit nur kahle,
+graue Mauern, und eine niedrige, braune Tür, die von innen keine Klinke
+bot.
+
+Hann strich sich die Haare aus der Stirn und schüttelte sich.
+
+Darauf schlich er zur Tür, um sie doch wenigstens einmal zu untersuchen,
+als an dem Holz in Manneshöhe eine Klappe herabsank, während ganz dicht
+etwas polterte.
+
+Nun, das war doch gewiß ein gutes Zeichen, hoffnungsfroh steckte Hann
+die Hand durch die Öffnung, da erhielt er mit einem harten Gegenstand
+einen Hieb auf die Finger, daß er schreiend zurückfuhr, und zu gleicher
+Zeit wurde die Klappe durch ein bärtiges Gesicht ausgefüllt.
+
+»Nicht so hitzig, Patron,« knasterte eine Stimme, die sehr
+geschäftsmäßig und keineswegs wohlmeinend klang. »'s kommt schon.«
+
+Ein irdener Wasserkrug wurde hereingereicht, ein halbes Kommißbrot, und
+der Verschluß hob sich wieder.
+
+»Halt,« schrie Hann in aufsteigender Verzweiflung. »Männing, weswegen --
+-- --«
+
+»Jawoll,« knasterte die barsche Stimme, und der Eingeschlossene hörte,
+wie die Klappe eilig wieder verriegelt wurde.
+
+Ja, da sollte doch Gott den Deuwel totschlagen? -- Was war denn nun?
+
+Erschöpft, mit ängstlich klopfendem Herzen, sank Hann von neuem auf die
+Pritsche und starrte auf den Krug und das Brot.
+
+Fi -- das war ja nicht einmal etwas Warmes, wie es ihm Mudding doch
+täglich gab, und dabei fröstelte ihn, daß ihm die kalten Schauer die
+Brust zusammenschnürten.
+
+»Präsentiert das -- Gewehrrr!« scholl es schrill von unten. Darauf ein
+klirrender Schlag.
+
+Je, ja, waren das nicht Soldaten? -- Hann erschrak so sehr, daß ihm
+beinahe der Krug entglitten wäre, -- Bilder, lauter fremde Bilder
+zuckten plötzlich durch seine langsame Vorstellung. -- Ein
+Gasthofszimmer, Uniformen, nackte Menschen! --
+
+Wo war er denn gestern gewesen?
+
+Mit Gewalt schob er sich plötzlich den Kasten zurecht, kletterte hinauf,
+und nun konnte er durch die Eisengitter hinuntersehen.
+
+Ein weiter, schneebedeckter Hof, eingeschlossen von einer roten
+Ziegelmauer, vor deren einzigem Tor ein Soldat im grauen Mantel mit
+geschultertem Gewehr ruhig auf und ab wanderte. An der Seite, beinahe
+unter ihm, zwei Reihen Infanteristen, die unter Leitung eines
+Unteroffiziers mit roten Händen und roten Gesichtern Griffe übten.
+Unbeweglich, nur die Arme lebendig, immer Schlag auf Schlag.
+
+»Das Gewehrrr über -- Gewehrrr ab. -- Das Gewehr über!«
+
+»Also doch!«
+
+Schwerfällig stieg Hann herab. Nun wußte er genug. Und nachdem er auf
+seiner Pritsche einen tiefen Zug aus der Kanne getan, schlug er sich mit
+der Faust auf die Stirn.
+
+Ja -- ja -- er hatte es also doch erlebt. -- Wie war's doch?
+
+ -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
+ -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
+
+Ein lärmender Zug junger Fischer- und Bauernsöhne vor dem Voglerschen
+Gasthof, und immer zehn werden zugleich hineingeführt.
+
+Unter der ersten Abteilung befindet sich -- Hann.
+
+Er hört noch die Stimme oll Kusemanns, der zur Feier des Tages mit in
+die Stadt gekommen.
+
+»Immer an den großen Zeh denken. Das hilft.«
+
+Ein kleines quadratisches Vorzimmer, weiß getüncht, mit einigen
+Kleiderrechen und Stühlen. Drinnen ein Unteroffizier -- richtig,
+Hoffmann hieß der Brave -- der sich unternehmend einen mächtigen,
+starrenden Schnauzbart dreht und, nachdem er mit einem überlegenen Blick
+die Schar gemustert, das Kommando erteilt: »Ausziehen!«
+
+Die Burschen entkleiden sich.
+
+»Den Rock auch?« fragt Hann Herrn Hoffmann, nachdem er sich seines
+Überziehers entledigt.
+
+»Selbstverständlich -- wie Gott euch geschaffen hat, Kerls,« befehlt der
+Unteroffizier, martialisch im Zimmer auf und nieder schreitend.
+
+Hann streicht sich über die nackte Brust. Sein Herz klopft, als er so
+auf die anderen schielt.
+
+»Die Büxen auch?« hält Hann nach einer Weile von neuem inne.
+
+»Donnerwetter -- Mensch -- was sind das für Reden?« wettert der
+Aufseher.
+
+»Aber es is ja man wegen der Schanierlichkeit.«
+
+»Aha, ich weiß schon, Sie sind wahrscheinlich auch so einer.«
+
+Ein verdächtiger Blick streift ihn, während Hoffmann rasch in seinem
+Notizbuch etwas revidiert.
+
+Aber Hanns methodischem Sinn ist diese Andeutung nicht verständlich
+genug. »Was für einer?« will er sich eben vorsichtig erkundigen, da
+erhält er einen Stoß gegen die Schulter, daß die streitigen Hosen ihm
+von selbst abfliegen, und eine wütende Stimme zischt dicht an seinem
+Ohr: »Maul halten -- vorwärts -- das weitere wird sich finden.«
+
+-- -- -- Die zehn nackten Menschen stehen plötzlich in einem niedrigen,
+weiten Gasthofszimmer, vor einem schmalen, langen Tisch, hinter dem
+mehrere Offiziere und einige Herren in Zivil sitzen. An einem
+Nebentische schreiben zwei Unteroffiziere.
+
+»Heinrich Kagelmacher,« ruft es nach einigem Murmeln und Vergleichen von
+da.
+
+»Hier,« meldet eine Stimme neben Hann.
+
+»Stand?«
+
+»Fischer!«
+
+»Woher?«
+
+»Aus Hermsmühl.«
+
+»Geboren -- Konfession?«
+
+»21. Oktober 1877. -- Evangelisch.«
+
+»Kagelmacher, Heinrich,« murmelt daneben der zweite kontrollierende
+Beamte. »Stimmt.«
+
+»Kagelmacher,« fordert der Unteroffizier Hoffmann und leitet den eben
+Aufgerufenen unter eine Art Galgen, wo die Länge und das Maß
+festgestellt werden.
+
+Der Querbalken senkt sich.
+
+»1,70,« meldet Hoffmann.
+
+»Kagelmacher, Heinrich -- 1,70,« murmeln beide Schreiber.
+
+»Gut, na, nu kommen Sie mal her,« tönt jetzt eine bierfette, gemütliche
+Stimme, und ein beleibter Mann mit rotem Gesicht, dicken, wulstigen
+Lippen und weißen, pudligen Haaren erhebt sich und steht nun auf etwas
+zu kurz geratenen Beinen und mit offenem Uniformrock da, während er mit
+seinem schwarzen Auskultationsrohr winkt.
+
+»Das muß woll so eine Art Doktor sein,« denkt sich Hann Klüth, während
+sein Nebenmann untersucht wird. Der ist jedoch ein großer, kräftiger
+Kerl, daher dauert das Beklopfen und Behorchen nur kurze Zeit. Der
+Oberstabsarzt, der von dem Bücken noch röter geworden, streicht
+Kagelmacher wohlwollend über die nackte Brust und blinzelt ihn schlau
+an: »Na, klagen Sie vielleicht über was?«
+
+Jetzt wird der Bursche blutrot: »Herzklopfen,« bringt er zögernd hervor.
+
+Kaum ist das Wort gefallen, da schickt der Untersuchende einen
+merkwürdig schlauen Blick zu dem stattlichen Oberst mit dem Habichtskopf
+hinüber, der in der Mitte der Tafel sitzt, und in demselben Moment
+erhebt sich dieser, schiebt seinen Stuhl wie empört zurück und wandert,
+leise Verwünschungen ausstoßend und säbelrasselnd, im Zimmer auf und ab,
+während er im vollen Zorn mehrmals auf ein Blatt Papier schlägt, das er
+in der Hand hält.
+
+Mit einem Male bleibt er »baff« vor einem eleganten, jungen Herrn
+stehen, der, ein Monokle im Auge, die Begebenheit, weit über den Tisch
+gebeugt, verfolgt.
+
+»Na, was sagen Sie zu der Bescherung, Herr Landrat?«
+
+Der Angeredete erhebt sich und flüstert dem Oberst etwas zu. Darauf
+zuckt der die Achseln, nickt aber, und beide lassen sich wieder auf ihre
+Plätze nieder.
+
+Unterdessen hat der Oberstabsarzt, immer mit seinem schlauen Lächeln,
+bei Kachelmacher tatsächlich starkes Herzklopfen konstatiert. »Na, da
+wird wohl nicht viel zu machen sein -- treten Sie mal vorläufig zurück,
+Mann.«
+
+Der Nächste.
+
+Er ist gleichfalls aus Hermsmühl und klagt über dieselbe Beschwerde.
+
+Der Oberstabsarzt bemerkt gegen den Landrat, daß dieses Hermsmühl in
+seinem Kreise doch ein höchst ungesundes Loch sein müsse.
+
+Als aber auch bei den nächsten drei Hermsmühlern, die zwar verschüchtert
+über nichts zu klagen haben, unter großer Zufriedenheit des
+Untersuchenden »starkes Herzklopfen« festgestellt wird, pfeift der
+Oberstabsarzt eine kleine Tonleiter, und von irgendwoher fällt ein
+unterdrückter Fluch: »Die Bande.«
+
+Inzwischen ist es sehr still im Zimmer geworden. Die Hermsmühler stehen
+in einer Ecke zusammengepfercht wie ein Häuflein nackter Sünder, das auf
+den Henker lauert.
+
+Hann perlt der Schweiß von der Stirn, obwohl sein entkleideter Körper
+vor Kälte zittert.
+
+Er merkt, daß hier »nicht alles richtig« ist.
+
+Da --
+
+»Johann Klüth,« ruft es von dem Unteroffizierstisch. Er stottert etwas,
+wird von seinem Freund Hoffmann unter den Galgen befördert, der Querbaum
+fällt ihm nicht gerade sanft auf den Kopf, und eine geringschätzige
+Stimme meldet: »1,65.«
+
+»Klüth -- Johann -- 1,65,« rapportieren die beiden monotonen Echos
+gleichgültig.
+
+Was nun kommt, gleitet wie ein Traum vorüber. Er befindet sich unter den
+Händen des dicken Herrn, es wird etwas von einem gesunden Herzen
+gesprochen.
+
+Hierauf allerlei unverständliche Bemerkungen, und dann das bedauernde
+Wort, daß es sehr schade wäre, aber der Mann hätte linksseitig einen
+kürzeren Fuß.
+
+»Ersatzreserve ohne Dienstpflicht.«
+
+»O je -- o je -- Hurra,« stößt er hervor.
+
+Was das bedeutet, das hat oll Kusemann Hann bereits vorher erklärt. Das
+wäre das Beste, das Allerbeste, Hanning, ja, wenn das dich so passieren
+könnte -- -- --
+
+Und über Hanns Gesicht verbreitet sich ein Leuchten, er lacht vor
+Vergnügen und will eben, nackt wie er ist, eine Art Dankverneigung
+machen, da bemerkt er mit Schrecken, wie sich der Oberst mit beiden
+Fäusten auf den Tisch stemmt und schreit, als ob der Kalk von den Wänden
+fallen sollte. Warum er sich so aufregt, das versteht Hann nicht. Er
+hört bloß verschwimmend: »Frechheit -- hier Freude Ausdruck geben --
+Drückeberger von Kaisers Diensten -- Exempel gegen solche
+Sozialdemokraten statuieren -- stehen zum Glück am heutigen Tage alle
+unter den Kriegsartikeln -- die Hermsmühler Bande noch besonders
+vornehmen --«
+
+Und als er sich halbwegs auf sich selbst besinnen kann, da sieht er mit
+dumpfem Erstaunen, wie ihn zwei Soldaten in die Mitte nehmen, um ihn
+nach einem Marsch durch die Stadt hinter der roten Mauer abzuliefern.
+
+Es ist Spätnachmittag, und noch immer hält er das Brot und den Krug in
+der Rechten und der Linken.
+
+Was is denn nu?
+
+Is das Kaisers Dienst??
+
+Und von unten schallt es herauf, es werden Monturstücke geklopft, und
+eine frische Stimme summt dazu:
+
+ »Wer will unter die Soldaten,
+ Der muß haben ein Gewehr,
+ Der muß haben ein Gewehr,
+ Das muß er mit Pulver laden
+ Und mit einer Kugel schwer.«
+
+
+
+
+XI
+
+
+Da ward aus Abend und Morgen der andere Tag.
+
+Der Mittelarrest hatte, wie alles Leid auf der Welt, auch sein Gutes.
+Hann fand, daß er noch niemals so ungestört hätte nachdenken können wie
+hier. Denn immer wurde er in Moorluke davon aufgescheucht, einmal von
+Siebenbrod, oder von Mudding, am meisten jedoch durch oll Kusemanns
+unzeitige Späße.
+
+Hier aber, ja hier hatte man solche Leute woll ordentlich lieb. Draußen
+auf dem Gange patrouillierte sogar direkt ein Aufseher auf und nieder,
+damit nur alles hübsch still bliebe, und nichts ihn störe.
+
+Ja, ja, für die Gedanken war das doch eigentlich ein wunderhübscher
+Raum. Man brauchte nichts zu arbeiten, und wie pünktlich dabei noch für
+einen gesorgt wurde.
+
+Da stand schon wieder der Krug mit frischem Wasser und daneben ein neues
+halbes Kommißbrot, und der Gefangene streifte sie mit einem dankbaren
+Blick.
+
+Nur etwas kalt war es ja, den Ofen hatte man wahrscheinlich vergessen,
+allein dafür blieb ihm schließlich die wollene Schlafdecke. Und er
+schlug sie um sich und hockte nun, bis zur Nasenspitze eingehüllt, auf
+der Pritsche und sah aufmerksam in die eine graue Ecke, wo sich eine
+Spinne ein dickes Gewebe gebaut hatte.
+
+Langsam, langsam, wie Wanderer, die mühsam über ungepflasterte
+Landstraße dahertappen, kamen und gingen die Gedanken.
+
+Was da allmählich für schnurrige Gestalten vorbeizogen. Der liebe Gott
+und oll Kusemann, der Kaiser und Line, Malljohann und die Spinne.
+
+Und Hann saß da und nickte nachdenklich hinter ihnen her, und während
+von unten wieder die Kommandorufe: »Das Gewehrrr über -- Gewehrrr ab --
+das Gewehrrr über!« herauftönten, da merkte der Einsame gar nicht, wie
+er im Grunde schwere Arbeit verrichtete, eine, die sehr selten geworden,
+nämlich das Hauptbuch des Lebens umblättern und addieren und
+subtrahieren und schließlich zu einem Resultate gelangen. Zu einem
+wirklichen Fazit, das dann wieder ins Leben umgesetzt wird.
+
+Freilich, das kann nicht jeder, es fehlen den meisten ein paar
+unumgängliche Posten dabei, nämlich Wahrheit und Bescheidenheit.
+
+Aber der eingesperrte »Sozialdemokrat« Hann Klüth, der hatte das Glück,
+diese friedensstille Zelle zu finden, die sein Vorhaben so sehr
+begünstigte.
+
+Und so vermochte er's.
+
+ -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
+
+Jetzt is man so alt geworden, und doch is meistens allens
+schiefgegangen, was man sich in die Kinderjahren und auch später noch
+vorgenommen und vorgeträumt hat.
+
+Erst hat man sich's im Elternhaus so recht mollig sein lassen wollen,
+ja, prost Mahlzeit, da is Dietrich Siebenbrod dazwischen gestiegen --
+nachher hat man doch für sich selbst so'n bißchen was ins Trockne
+bringen mögen -- aber, allens Dummheiten, wie kann ein abhängiger
+Bootsmann was aufs Trockne bringen? -- Zuletzt hat dann das dumme Herz
+noch was abkriegen sollen, da hat es sich aber zu hoch verstiegen und
+muß zusehen, wie ein anderer die »sie« im Schlitten abküßt, wenn auch
+man im Schlaf. -- Nee, das muß nun alles hinter einen liegen, einmal muß
+man doch Schluß machen und vernünftig werden, und jedes Ende hat auch
+was, so recht was Beruhigendes. Da kann einen nichts mehr irrig machen,
+denn das Ende is eben -- das Ende.
+
+Na ... aber was soll man dann hinterher?
+
+I, Jünging, das is doch ganz einfach -- der Mensch muß ebend nach seinem
+Glück aussehn.
+
+Ja, aber -- hum -- was is denn nu eigentlich das Glück?
+
+I, das muß doch rauszukriegen sein, was soll es denn groß vorstellen?
+
+Kuck -- ich hab's all, dagegen wird keiner was anreden: das Glück is ein
+großer Haufe Talerstücke.
+
+Jawoll, das is sicher, wer auf so'n mächtigen Haufen sitzt, der sitzt
+auf einem verdeuwelt hohen Berg, von dem aus er über die ganze Welt
+fortgucken kann, wenn's ihm Spaß macht. Und wer weiß, ob der Berg, auf
+den der Deuwel einst unsern lieben Heiland geführt hat, nich auch so ein
+Haufe Geld war, denn wer das hat, das is doch klar, der hat das Glück
+einfach so in Wispelsäcke stehen und --
+
+Halt, Jünging -- stopp, nich so fix -- alles kann man sich schließlich
+auch nich kaufen. Zum Beispiel die Gesundheit und dann einen
+anschlägigen Kopf und dann -- Liebe. Nein, das is wahr. Die
+sackermentsche Liebe besonders nich. Wenn ich auch auf einem Wispelsack
+mit Talerstücken säß, so hoch wie Hollandern sein Speicher, Line würd
+mich deswegen doch nich lieber haben. -- Und dann, was sagen woll die
+alten, weisen Sprichwörter dazu? »Reichtum macht nich glücklich.« --
+Kuck, da haben wir's ja. Ich werd' doch nich so dumm sein, gegen ein
+Sprichwort anlaufen zu wollen. Ne!
+
+Aber, was nu weiter?
+
+Das Glück muß also doch wo anders stecken. Na, wollen eins sehen. -- --
+
+Da fällt mich so ein, wo kommt überhaupt der Reichtum her? Sieh, das is
+doch 'ne schnurrige Frag'. Der Reichtum is doch nich von Anfang an
+dagewesen, bei den sechs Tagewerken kommt er nich vor. Er muß also doch
+erst so allmählich in die Welt gekommen sein, als der liebe Gott die
+Menschens zur Arbeit verflucht hat, was ja eigentlich gar nich väterlich
+von ihm war -- -- -- Holl eins an -- -- -- die Arbeit, stopp, Kinding,
+stopp, das is mir denn doch ganz einleuchtend, daß aus der Arbeit sich
+eigentlich erst all der Reichtum herschreibt. Und wenn Konsul Hollander
+so viel Säck' mit Talerstücken stehn hat, wie er hat, dann hat er
+eigentlich lauter Säcke mit Arbeit dastehen, mit unsre Arbeit, mit
+fremde Arbeit. Ja, überleg dich mal, darf denn das der Mensch? Darf
+einer, und wenn er dreist Konsul is, die Arbeit vom andern wegnehmen und
+auf seinen Speicher stellen? -- Pfui, ich würd's nich tun. Ne, mit dem
+Reichtum bleib mir einer vom Leibe.
+
+Aber nun vielleicht mit der Arbeit?
+
+Vielleicht steckt's darin.
+
+Denn, daß der liebe Gott mit ihr eine Strafe gegen das menschliche
+Geschlecht hat ausüben wollen, i, das mag ja auch woll bloß so ein
+Läuschen[1] vorstellen; ich frag man, wozu hätt' der liebe Gott sonst am
+Anfang von alle Geschicht selbst so hart geschuftet, daß er ja
+eigentlich richtig als der erste Wochenarbeiter gelten kann. Ne, die
+Sache muß ihm doch höllischen Spaß gemacht haben, und deshalb wollte er
+den Menschens vielleicht auch von der Art Spaß was zukommen lassen.
+
+Na, und is es nun nich möglich, daß in der Freud' an dem Spaß das Glück
+stecken tut? -- --
+
+Hier sah Hann, wie in der grauen Ecke das Spinngewebe erzitterte, und
+daß die Bewohnerin, einen langen Faden ziehend, hin und her lief. Er
+schüttelte das Haupt.
+
+Ne, Hanning, was redst und redst du auch heute. Kuck doch erst eins hin.
+Was arbeitet da das Biest? Eine Bettstell' baut es sich und frißt's dann
+wieder auf, wenn Not an'n Mann is. Und was arbeit't der Mensch? -- Nun,
+er baut ein Haus, damit er drin wohnt, und er zimmert einen Tisch, damit
+er dran ißt, und er haut Holz, damit er sein Essen daran kocht, und er
+fängt Fisch', wie ich, damit auch was zum Kochen da is. Also der Mensch
+arbeitet bloß um das gewöhnliche, gemeine Leben. Um weiter nichts. Aber
+daß den Maurer das Hausbauen und den Fischer das Fischfangen so
+besonders glücklich macht, das hätt' ich auch noch nich erlebt.
+Wenigstens bei uns in Moorluke is das nich so.
+
+Zwar die Pasters sagen, daß Arbeit besser machen soll. Spaß. -- Ich frag
+man: bünn ich denn so'n Musterspiegel, weil ich alle Tag' ein paar Wall
+von arme Heringen aus'm Wasser zieh' und sie um mich herum krepieren
+seh'? -- Und für wen is denn schließlich all die Rackerei? Doch bloß für
+den Schwamm und den Wurm. Denn was nich verfault, das zermürbt. Ne, das
+seh ich woll, das Glück von die Arbeit is auch bloß solch ein
+Trostmittel vor die Menschheit. Wollen uns doch lieber nach was anderem
+umkucken!
+
+Aber zuerst will ich nu schlafen! --
+
+ -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
+
+Da ward aus Abend und Morgen der dritte Tag.
+
+Als Hann seiner Spinne freundschaftlich »Guten Morgen« geboten und nun
+feierlich auf seiner Pritsche thronte, da wurde auf dem Hof ein helles
+Signal geblasen. Fröhlich schmetterte es ringsum, die starken
+Luftschwingungen stießen sich förmlich an den Mauern.
+
+»Was is?« fragte Hann unwillig über die Störung.
+
+»Rataplan -- Ratatata --«, wirbelten ein paar Trommeln zur Antwort.
+»Ratatata.«
+
+»Was nu? -- Nu kommt woll der Kaiser?«
+
+Aber bald hörte der Eingesperrte an den dröhnenden, klappernden Tritten,
+daß nur eine Truppenabteilung zum Tor hinausmarschieren müßte.
+
+»Man gut, daß sie fort sind,« dachte Hann, der dies Trommeln und Blasen
+für einen Eingriff in seine Rechte betrachtete. »Man gut.«
+
+Alles war wieder still, Hanns Gedanken jedoch waren ehrfürchtig neben
+dem Kaiser stehengeblieben. In seinem Geist nahm er den Hut ab.
+
+»Ja, das is noch was,« sagte er. »Das nenn' ich noch 'ne Stellung.«
+
+Er bedeckte sich wieder.
+
+Ne, bei uns Niederen, da steckt es nich, aber bei solch einem Herrn, der
+die Macht hat, da is woll's Glück zu Hause. -- Ich kann mir man denken,
+so einer pfeift -- hüh -- und dann gleich zehn Dieners schmieren ein
+Butterbrot, -- und pfeift wieder, und -- hast du nich gesehn -- zehn
+andere ziehen ihm die Stiebeln aus. Ja, das laß ich mir noch gefallen --
+Aber -- hm -- ne, wie is das denn mit den Attentaten? Ich besinn' mich
+doch, wie oll Kusemann einst vorlas, mit den russ'schen Kaiser? Da soll
+es so 'ne Sorte geben, die es für ehrenvoll halten, so 'nen hohen Herrn
+mit allerlei Mordwerkzeuge auf den Leib zu rücken? Ich trink 'ne Tasse
+Kaffee, und dann is da Gift drin, ich drück' jemandem freundschaftlich
+die Hand, und die Karnallge stößt mir zur Antwort ein Brotmesser ins
+Genick. Pfui Deibel, mir könnten sie ja solche Kaiserstellung umsonst
+anbieten. Und was so 'ne arme Kaiserfrau zu Hause woll vor Angst
+aushalten muß -- Ne, das wär ja rein zum Verzagen.
+
+Aberst, das merk ich schon, mit allens, was unsre menschlichen Augen
+rund um sich herum sehen können, da bin ich nu durch. Is aber überall
+das Glück nich dabei gewesen. Na aber -- daß mir das zuletzt noch
+einfallen muß -- vielleicht verhält sich das mit dem Glücke nich anders
+wie mit dem lieben Gott; -- es is unsichtbar. --
+
+Hier schlug er vor Freude über den Einfall schallend auf die Pritsche,
+daß das Spinngewebe in der Ecke erzitterte. Und da er grade beim »lieben
+Gott« angelangt war, so fuhr er fort: Ja, es mag wohl in den innerlichen
+Geschichten liegen, vor allen Dingen in der Frömmigkeit. Wer fromm is,
+dem sind ja alle Seligkeiten versprochen.
+
+>Selig ist -- -- --<, na, ich hab das auch nicht mehr so im Kopf, aber
+das is wahr, wer so recht fest an oben hängt, der kommt sich wohl zum
+Schluß vor, als ob ihm an Händen und Beinen ein langer Faden angebunden
+wär', wie bei die Hampelmänner auf dem Weihnachtsmarkt, und oben wird
+nun bei jedem Schritt gezogen, so daß man am Ende gar nich fehl gehen
+kann. Wahrhaftig, das wär doch recht sicher! -- Und is das nicht auch
+beinah' so, wie bei den neumodischen Feuerversicherungen? Da heißt's:
+>Laßt ruhig zu Haus brennen, die Feuerversicherung Phönix zahlt nachher
+doch.< Sieh, dies Stück könnt' mir eigentlich gefallen.
+
+Na ja, wenn bloß der lahme Krischan nicht hinterher hinkte.
+
+Wer nämlich so eine himmlische Versicherung hat, wird sich der nich fix
+auf die faule Seite legen? -- Und dann -- gegen die Bettelei haben sie
+Vereine gegründet; wird jeder gleich eingesperrt. Zu dem lieben Gott
+aber gehen dieselben Vereine hin und betteln da ganz ausverschämt. --
+Denn was is Beten anders als Betteln? Und um was für Dinge belästigen
+sie nun den lieben Gott? Der eine wegen sein krankes Schwein, der andere
+um eine Nacht bei einer hübschen Dirn', und Bauer Haberkorn auf
+Poggenpfuhl hat den liefen Gott ganz andächtig gebeten, ob er seine Frau
+nich an einem giftigen Pilz draufgehn lassen wollt'. Und wenn nun der
+erste am selbigten Tag um Regen und der zweite um Sonnenschein bittet,
+was soll der Herr da anfangen? -- Da is gar keine Menschenmöglichkeit.
+
+Ne, mich is das grad'zu entgegen, wenn ich so die vielen Menschen wie
+Spitzbuben in die Kirch' schleichen seh', um den lieben Gott was aus der
+Tasch' zu ziehen. Ich hab' mich immer gedacht, hinbringen müßten sie
+was, hinbringen, und wenn's die lumpigste gute Tat wär', zum Beispiel
+einen Betrunkenen nach Haus tragen, damit er kein Elend anricht't. Und
+nich immer bloß die off'nen Bettlerhänd' hinhalten. Denn was muß das auf
+den lieben Gott woll auf die Dauer für einen Eindruck machen? -- Ne, wenn
+ich Er wär', ich hätt' all längst das Schild >gegen Bettelei< an der
+Kirch' anschlagen lassen.
+
+Ja, aber nun überhaupt mit dem lieben Gott --
+
+Diesen Satz beendete Hann Klüth jedoch nicht, sondern erschrak und zog
+scheu die wollene Decke enger um sich, denn die Abenddämmerung war
+bereits niedergesunken.
+
+Er fröstelte zusammen.
+
+Oll Kusemann meint ja, man könne gar nich wissen, ob -- -- hm -- -- --
+ne, ne, oll Kusemann, den lieben Gott laß ich mir nich ausreden, man
+braucht ja bloß die Augen zuzumachen oder in eine recht wüste Gegend zu
+gehen, dann fühlt man ja ordentlich, wie nah er is.
+
+Aber -- aber ich sagte doch von Wissen.
+
+Ob das ganz genaue Wissen von allen Dingen, wie es hier die Professors
+in der Stadt haben, ob das die Leut' nu wohl sehr glücklich macht?
+
+Darüber muß ich nu direkt lachen. Denn die Studentens, die ich auf dem
+Bodden spazieren fahr', die sagen doch immer, was der eine von die
+Professors weiß, davon weiß der andere just immer das Gegenteil. Und
+wenn der eine rausklüstert, alles Leben käm' aus der Luft, dann find't
+der andere, es käm' aus dem Wasser -- und Professor Römer sagt, es käm'
+aus dem alten Testament. Und wie düsig muß wohl den Studentens zumute
+werden, wenn die drei ihnen das so hintereinander einremsen.
+
+Ne, vor so'n Elend bewahr' mich der liebe Himmel --
+
+»Maul halten!« schrie auf dem Gange der Wachthabende und klopfte an die
+Tür. Und Hann mußte sich auf seinem Lager ausstrecken, während sein Atem
+regelmäßig in der Kälte ausdampfte.
+
+ * * *
+
+Da ward aus Abend und Morgen der vierte Tag. -- -- »Nun wird mich das
+aber mit der Zeit recht ungemütlich,« sprach Hann Klüth. »Ich frier hier
+ja, wie ein Schneider, und all' meine Glieder werden mir lahm. Soll ich
+denn nu fürs Vaterland auf immer hier eingesperrt bleiben? Das halt' ich
+wohl gar nicht mehr lange aus. Und das Kommißbrot liegt mir auch schon
+wie Steine in'n Magen. Dazu das kalte Wasser, das schuddert mich durch
+den ganzen Leib.
+
+»Ich hab' ja eigentlich gar nichts getan? Weshalb ist man bloß so streng
+zu mir?«
+
+Er erhob sich schwerfällig und schlurfte mit steifen Beinen in die Ecke
+zu seiner Freundin im Spinnenhaus. Aber wie erschrak er, als er das
+Tierchen mit eingezogenen Füßen, erstarrt, eine Art Krümel, vorfand.
+
+»Herr im hohen Himmel,« stotterte er. »Die is also auch bereits so weit?
+Erfroren? Und bei mir kann's auch jeden Moment kommen, denn mir is all
+recht elend.« Ganz zerschlagen wankte er wieder auf seine Pritsche, dort
+sank ihm sein Kopf schwer auf die Brust, und die Kälte senkte immer
+größere Müdigkeit und Erstarrung auf ihn.
+
+»Merkwürdig, ganz merkwürdig,« murmelte er, »weshalb eigentlich die
+Menschen so schlecht zueinander sind? Und dabei gibt es doch nichts
+Besseres, als wenn man jemanden recht lieb haben kann.
+
+»Aber was geht mich das an? -- Ich werd' keine mehr lieb haben, und mich
+wird auch keiner mehr lieb haben, denn ich leg' mich nu hin, wie die
+Spinne, und steh nich wieder auf.«
+
+Damit bettete er die graue Decke über sich, richtete die blauen Augen
+nichtssagend auf das Traillengitter, durch das der frostige Tag
+gleichgültig hereinsah, und lag regungslos.
+
+Da erhob sich ein Gepolter an der Tür. Das bärtige Gesicht erschien
+wieder in der Klappenöffnung und schrie, Hann möchte ihm den Topf
+abnehmen, er sei sehr heiß. »Extraration,« setzte er erklärend hinzu,
+»vierter Tag. Um ein Uhr Ausgang.«
+
+Da saß nun Hann, lachte über das ganze Gesicht und atmete neubelebt den
+Dampf ein, der ihm aus dem heißen Napf entgegenquoll.
+
+I, das waren ja Bohnen und Schweinefleisch, na, nu sieh bloß mal, und
+wie warm, wie schön warm.
+
+Und nachdem er heißhungrig sein Mahl längst beendet, saß er noch immer
+und streichelte dankbar den Napf.
+
+»Kuck,« sprach er zu dem Topf, »zu Haus, bei Mudding, eß ich so was aus
+verschiedenen Gründen, die ich hier aus Anstand nich anführen will, gar
+nich gern. Aber hier? -- hm! Wenn ich mir überleg', wie leicht, wie
+kindsleicht hat es nich ein Mensch, gegen andere Menschen gut zu sein.
+Mitunter tut's sogar, wie hier, ein Topf mit heiße Bohnen.
+
+Pfui Deibel, -- aber gut war's doch.
+
+Ja, aber nun hab' ich solang über das menschliche Glück nachgedacht, und
+dieser Topp mit Bohnen belehrt mir nu, daß ein bißchen Liebe doch
+eigentlich das Hauptstück bleibt. Und wenn einem so'n Bohnentopp nun
+noch von eine liebe Hand gereicht wird und nich bloß von so'n
+Schweinigel, dessen Geschäft das is, ja, ich glaub', das hätt' solche
+Wirkung, daß man sich beinah einbilden könnt', es wär eigentlich
+Kartoffelsupp' mit Wurscht, was ich so sehr gern ess'.
+
+Ja aber, wen soll man nun lieb haben?
+
+Den lieben Gott?
+
+I, das wär ja so selbstverständlich, als wie die eignen Eltern, und wär
+woll trotz alledem nich das eigentliche. Denn zu einer richtigen Liebe,
+mit Aussprache und Umarmung kommt's da doch nich. Dazu ist zuviel
+Respekt.
+
+Und alle andern lieben, wie's unser Herr Jesus Christ von uns verlangt
+hat? sieh, das würd' ich nun für mein Leben gern tun, aber sie meinen ja
+jetzt, wie ich man neulich von oll Kusemann gehört hab', dann wär man
+ein verfluchter Sozialdemokrat, und man vernachlässigte auch sein Eigens
+zu sehr dabei, wenn man allen anderen in die Töpfe kucken wollt'. -- Ne!
+
+Was bleibt also übrig?
+
+Na, Hanning, du schämst dich ja bloß, nu sag's doch, es bleibt eben das
+übrig, wovon Line das Allerschönste is -- die Frauensleut.«
+
+Hier seufzte er tief auf.
+
+»Ja, ja, die müssen wohl zuletzt doch das Glück sein, denn man steht ja
+allerwegen, wie man zuletzt doch nach ihnen greifen tut. Und aus welchem
+andern Grund hätte sonst wohl Müller Pökel in Moorluke bereits die
+fünfte, als deshalb, weil man ohne so was nun mal nich leben kann. Nu is
+aber die Frage: besteht mit die Frauensleute das Glück einfach in dem
+Kinderkriegen, wie oll Kusemann meint? Oh, das wär' woll zu wenig. Oder
+in dem Immerzusammensein mit ihnen? Ne, dagegen sagt wieder das
+Sprichwort: >Allzuviel is ungesund<.
+
+Das kann es also auch nich sein.
+
+Ich glaub' man, es geht wohl den meisten damit so, wie es mir geht; es
+is die Sehnsucht, ja, die Sehnsucht nach einer; das is wohl das
+Schönste, das is wohl das Glück.«
+
+Hier seufzte er wieder zum Erbarmen tief und schwer in sich hinein. Denn
+wohin seine Sehnsucht bereits in der Kindheit gezogen, das wußte er
+wohl. Und ebenso fest stand es, daß dieses Gefühl überwunden werden
+müßte, wollte er nicht dulden, daß man ihn verspottete oder gar
+verlache.
+
+»Ne, ne,« ermannte er sich bekümmert, »Klara Toll -- Klara Toll, ich
+sag's noch mal, damit ich mich den Namen recht fest ins Herz schreib',
+Klara Toll, die is für mich, und ich bin für sie! Die is still und
+ruhig, und mit der wird meine Sehnsucht woll allmählich auch still und
+ruhig werden. Ja -- ja, und in der Meinung hab' ich schon ordentliche
+Sehnsucht nach Klara Toll.«
+
+Und er murmelte noch mehrmals wie einer, der etwas auswendig lernt:
+»Klara Toll -- Klara Toll.«
+
+Und damit glaubte er am Ende seiner Einsicht zu stehen.
+
+
+
+
+XII
+
+
+Es dämmerte sacht, als ein Unteroffizier in Hanns Zelle trat, um ihm
+mitzuteilen, daß sein Arrest abgelaufen sei. Hann wurde über den Hof
+geführt, der Posten am Tor wechselte mit seinem Begleiter ein paar
+heimliche Worte, dann ächzte das schwere Holz, und der Befreite befand
+sich auf der dunklen Straße. Ein tiefer Atemzug, dann faßte er sich an
+den Kopf. »Ja, ja, er hatte doch manches da drinnen erlebt. Was war noch
+das Letzte gewesen? -- Ach richtig, die Frauensleut', und besonders Klara
+Toll; ja, ja die besonders.«
+
+Da legte sich eine Hand auf seine Schulter.
+
+Als er sich überrascht umwandte, stand sein Bruder Paul vor ihm; und
+hinter jenem -- ja, wer war denn das schlanke Mädchen mit dem Tuch über
+den Haaren und dem Körbchen am Arm? Das war doch nicht etwa? -- Hann
+wollte das Herz klopfen, doch als die Gestalt näher trat, erkannte er,
+daß es die Schulmeisterstochter wäre.
+
+Er senkte das Haupt.
+
+Das waren also die beiden einzigen, die an seinem Schicksal Anteil
+genommen.
+
+Der Kandidat sah ernst aus. Nichtsdestoweniger klopfte er Hann leicht
+auf den Rücken, während er davon anfing, daß der Gefangene es hinter den
+Mauern wohl nicht besonders gut gehabt hätte.
+
+Es sollte ein Scherz sein, der dem Fischer über die Befangenheit
+forthelfen sollte, die der Theologe bei ihm voraussetzte; da Hann jedoch
+gutmütig lachend beistimmte, zog der Kandidat verletzt seine Hand
+zurück. So scherzhaft faßte er den Zwischenfall nicht auf: »Es ist für
+uns nicht besonders ehrenvoll,« sagte er, »daß die Sache mit dir so
+abgelaufen ist, aber, hm --« er sah seines Bruders unschuldiges,
+bekümmertes Antlitz und lenkte sofort wieder ein, »aber es ist eben
+jedem nicht so gegeben. Na, nun gib mir die Hand. Ich wollte mich nur
+davon überzeugen, daß du dir's nicht zu Herzen nimmst. Und nun adieu,
+Hann.«
+
+Damit nickte er ihm mit seinem hageren Gesicht aufmunternd zu und
+verschwand um die nächste Ecke.
+
+Hann befand sich mit dem Mädchen an der Kasernenmauer allein.
+
+Drinnen übte auf seiner Kammer ein Hornist Signale: »Zum Ausschwärmen.«
+
+Tarattata -- tarattata.
+
+Leise verschwommen klang es heraus, auf sie herab fielen wenige, müde
+Schneeflocken, die Luft war milder geworden, und es dunkelte stark.
+
+Hann kratzte sich hinter dem Ohr: »Ja, ja, Klara,« begann er endlich,
+»daran hab' ich noch gar nicht gedacht, es is nich ehrenvoll für mich.«
+
+Leichtfüßig trat sie ihm näher, ihre dunklen Augen standen voll Tränen.
+»Oh, Hann, laß das doch, bei uns draußen fragt da kein Mensch nach.«
+
+»Das is wohl wahr. Das tun hier bloß die Gebildeten, Bruno und -- Line.«
+
+»Na, laß sie.«
+
+»Ja.«
+
+Und nach einigem Nachsinnen fügte er hinzu: »Wollen wir fortgehen,
+Klara.«
+
+Langsam ausschreitend ließen sie das Gemäuer hinter sich. Es sank in die
+Dunkelheit zurück, und damit wich auch etwas von der Bedrückung, die den
+Burschen gefangen hielt.
+
+Die Schulmeisterstochter stieß ihn sanft mit dem Körbchen in die Seite.
+Sie hatte ihm mit Wurst belegte Semmeln mitgebracht, und ein kleines
+Fläschchen Kognak.
+
+»Weil ich meinte, du müßtest sehr hungrig sein, Hann.«
+
+»Oh, Klara, du bist doch gut.«
+
+»Na, da nimm.«
+
+Die Semmeln mundeten ausgezeichnet, und der Kognak machte ihn warm und
+mutig.
+
+Langsam streichelte er während des Hinschreitens an ihrem Arm herunter:
+»Klara, du bist doch sehr gut,« wiederholte er.
+
+Sie nickte ihm zu und sah zu Boden.
+
+»Also, du machst dir nichts draus, daß sie mich eingespunnt haben?« fing
+er wieder an.
+
+»Nicht das mindeste,« erwiderte sie, »besonders, seit ich von oll
+Kusemann weiß, daß du nun frei bist.«
+
+»Ja, das bin ich,« bestätigte Hann und warf sich in die Brust. »Ein Fuß
+von mir is kürzer.«
+
+»Und daß sie dich nicht nach Afrika schicken.«
+
+»Bewahre, ich bleib' nun hier.«
+
+»Ja, jetzt bleibst du,« sagte sie zufrieden.
+
+Sie versuchten, sich anzublicken, doch sie konnten in der Dunkelheit nur
+wenig voneinander entdecken.
+
+»Klara Toll!« murmelte er plötzlich.
+
+Es war, wie wenn er sich an etwas erinnere.
+
+»Was sagst du da?« forschte sie.
+
+»O nichts -- ich will hier bloß, eh' wir mit der Hafenbahn nach Haus
+fahren, was in Ordnung bringen. Gib mir deine Hand, Klara.«
+
+»Hier, Hann.«
+
+Sie standen vor dem kleinen, schmalen, trüb erleuchteten Schaufenster
+eines Goldarbeiters der Hafenstadt.
+
+Der Philosoph besah sich die Hand angelegentlich und nickte dann
+mehrfach bekräftigend: »'s is recht -- aber nun -- --«
+
+Er wühlte in seiner Tasche herum, schien nichts zu finden und wurde
+unsicher.
+
+»Zu dumm, aber darauf war ich nich vorbereitet; aber sag mal, Klara,
+könntest du mir vielleicht ein paar Taler leihen?«
+
+»I, gern,« bejahte sie mit Hast, »hier ist ein Goldstück, das ich immer
+bei mir trag. Ist's auch genug?«
+
+»Je, ich hab' keine Erfahrung in solche Sachen, aber der Mann wird ja
+nich unbescheiden sein. Und nun wart' hier eins einen Augenblick.«
+
+Damit trat er unsicher in den Laden, und als er nach einiger Zeit wieder
+zurückkehrte, glühte Aufregung in seinem Gesicht, und Klara bemerkte,
+wie er eine kleine Schachtel zwischen den Fingern drehte.
+
+»Du erhältst noch zwei Mark zurück,« stotterte er atemlos, »hier -- und
+nun komm.«
+
+»Ja, aber Hann, was -- -- --?«
+
+»Ne, ne, nich hier; wenn wir allein sind.«
+
+In Eile zog er sie fort; auch ihr begann das Herz zu hämmern, sie wußte
+nicht warum, bis sie an der offnen, vereisten Bahn des kleinen Flusses
+angelangt waren.
+
+Ein kalter Wind wehte ihnen hier entgegen, aber Hann achtete nicht
+darauf, sondern drängte seine Gefährtin über die Geleise der Hafenbahn
+fort, hin nach der einzigen Pfahllaterne, die von einem hohen
+Rinnsteinbord aus eine kümmerliche, zuckende Helle verbreitete.
+
+Hier mußte man warten.
+
+»Die Hafenbahn ist noch nicht da,« sagte Klara Toll, der allmählich
+ängstlich zumute wurde.
+
+»Ja, aber man hört sie schon läuten,« gab Hann verwirrt wieder, » --
+hörst sie?«
+
+»Ja.«
+
+»Nun is sie keine fünf Minuten mehr weit,« fuhr er fort.
+
+Sie nickte.
+
+Hann hielt sich an dem Laternenpfahl fest, seine Zähne klapperten
+gegeneinander, es war ihm, als ob er auf einem schaukelnden Boot stände.
+Mit einem Mal griff er nach Klaras Hand.
+
+»Herr Gott,« schreckte sie auf, »was is?«
+
+»Nichts -- nichts -- ich wollt' bloß sagen, jetzt sieht man schon die
+Lichter,« stammelte Hann.
+
+»Ja, das sind sie.«
+
+»Klara?«
+
+»Ja?«
+
+»Wer weiß, wie viel Menschen in dem Waggon sitzen? Und nachher -- willst
+-- willst dir nich mal ansehen, was hier in der Schachtel liegt?«
+
+Er streckte ihr mit schwankender Hand die Hülle hin, und sie warf einen
+halben Blick darauf. In dem zuckenden Licht sprühte ihr ein rotgoldener
+Funke entgegen.
+
+»Herr des Himmels!« rief sie und schlug die Hände zusammen.
+
+Er klammerte sich fester an die Laterne und murmelte: »Ich würd' sehr
+froh sein, wenn du ihn von mir annähmst -- und -- und es is auch gleich
+Zeit zum Einsteigen.«
+
+Jetzt griff auch das Mädchen nach dem Pfahl, und da standen sie nun, wie
+Kinder, die Ringelreihen spielen wollen.
+
+»Hann,« flüsterte sie mit ihrer wohllautenden Stimme, »sag' die
+Wahrheit, hast du mich lieb?«
+
+Der Bursche stockte, er setzte zweimal an, bevor er das Wort fand: »Ich
+bin dir sehr gut, sehr gut, Klara, weil, ja weil du selbst so gut und
+ruhig bist -- Und du?«
+
+»Ich?« --
+
+Nun errötete sie und zupfte an ihrem Korb. »Ich hab' dich auch sehr
+lieb, weil du's so treu und ehrlich meinst, Hann.«
+
+»Oh, -- Klara, das is schön von dir -- das -- das hätt' ich wirklich
+nich geglaubt, weil ich doch noch gar nichts bin, aber von jetzt an will
+ich mir Mühe geben, so, und nun nimm auch den Ring -- nein, nich umarmen,
+das is unpäßlich auf der Straße; und hier kommt auch schon der Zug.«
+
+Und als er sie unbeholfen mit einem ritterlichen Versuch in den Waggon
+gehoben, und als das Abteil ganz leer war, und der Zug polternd durch
+die Dunkelheit weiterrollte, da beugte er sich zu ihr und sagte
+feierlich und ernst: »Nu küss' ich dich als dein Bräut'jam, Klara.«
+
+Leise zitternd hob sie ihre Lippen zu ihm empor.
+
+Beide schwiegen.
+
+Und erst nach geraumer Zeit ermannte sich Hann zu dem Satz: »Und im
+ganzen bin ich dir nun achtzehn Mark schuldig.«
+
+Da suchte sie verstohlen nach seiner Hand, aber er sah nicht ihre roten,
+bebenden Lippen, noch das liebliche, erhobene Gesicht, nein, aus seinem
+philosophischen Gemüt sprach es nachdenklich heraus: »Es is mir doch
+heil komisch, daß du jetzt meine Braut bist, Klara.«
+
+»O Hann.«
+
+Er fuhr auf.
+
+»Ja -- ja -- willst du was von mir? Ich meinte nur so. Und da hält auch
+unser Zug. Komm, Klara, der Schnee ist hier zu tief, ich heb' dich
+runter.«
+
+
+
+
+XIII
+
+
+Rastlos knarrten die Räder.
+
+Oll Chronos hatte Schnee und Winter in seinem Wagen von dannen gefahren;
+und eines schönen Tages kam er wieder und hatte Maien an seinen Karren
+gebunden.
+
+»Nu is Frühling,« murmelte der alte Mistkutscher dabei in sich hinein;
+»kuck, was sich die Menschheit freut, grad, als wenn ich das erste Mal
+solch grünen Plunder zur Stadt brächt'; dummes Volk, die Hauptsache
+bleiben die Jahren.«
+
+Der Konsul Hollander merkte das Grünen und Blühen daran, daß sein neuer
+Prokurist Bruno in einem hellgrauen, eleganten Frühjahrsanzug in dem
+Bureau erschien.
+
+»Menschenskind,« rief Hollander süß-sauer, »was haben Sie da wieder für
+ein schönes Gebäude. Ist das nach Ihrer eigenen Zeichnung entworfen? --
+Die Adresse von dem Schneider müssen Sie mir geben.«
+
+Auch bei Fräulein Dewitz meldete sich die milde Jahreszeit freundlich
+an.
+
+Der Bursche des Weinhändlers Kroll stellte sich nämlich in der Küche der
+Lehrerin ein und übergab dem erstaunten Fräulein zehn Flaschen Maibowle,
+die Bruno aus spezieller Verehrung für die alte Dame gesandt hatte.
+
+Auf einer beigefügten Karte stand außerdem zu lesen: »Daß der Spender,
+wenn er nicht fürchten müsse, das hochverehrte Fräulein zu stören, sich
+gern erlauben würde, den Abend des ersten Mai in ihrer gemütlichen guten
+Stube zu verleben, als letzten Ausklang der von dem Fräulein während des
+Winters so umsichtig geleiteten Leseabende.«
+
+»Sieh -- sieh,« räusperte sich die Handarbeitslehrerin nach der Lektüre
+dankbar und wohlwollend und warf noch einen raschen Blick auf die in
+Reih' und Glied aufgestellten Flaschen, ob es auch wirklich zehn wären,
+»sieh -- sieh -- ja, es stimmt -- nein, dieser Herr Bruno ist wirklich
+-- Gott, wie sag' ich -- wie solch ein Kavalier aus dem ancien régime.
+Und, ja, ich kann mich gar nicht genug darüber verwundern, Lining, wie
+du darauf verfällst, gerade ihn so schlecht zu behandeln. Mir kam es
+manchmal vor, als legtest du es absichtlich darauf an, ihn zu kränken.
+Und dabei war er es doch, der dich darauf brachte, wie schön du zu lesen
+verstündest, und der, anstatt wie andere junge Leute sich leichteren
+Vergnügungen hinzugeben, diese anregenden und bildenden Leseabende mit
+uns abhielt. Ich wenigstens, ja ich muß mich noch immer an euch beide
+als Luise und Ferdinand erinnern, wie du vorlasest: >Der Himmel und
+Ferdinand reißen an meiner Seele< -- sieh, da hast du mich wirklich
+direkt gerührt.«
+
+Line hörte der guten Dame regungslos zu und nickte, aber um ihre Lippen
+spielte ein vieldeutiges Lächeln. -- --
+
+Oh, sie war klug, sie dachte selbst oft, eigentlich wäre sie wohl solch
+schwarze, kleine Hexe, die es den Männern mit einem gemurmelten Spruch
+antun könnte. Und wie ihr das wohltat, wie es ihr alle Glieder mit
+Wohlbehagen durchlief. Oh, sie wußte ja besser, was den hübschen Bruno
+so oft, so beharrlich die engen Treppen zu Fräulein Dewitz hinauftrieb.
+-- Der Kuß -- dieser eine brennende Kuß -- und sie lächelte hinterlistig
+-- den sie geleugnet hätte, würde man sie daran erinnert haben, denn er
+war ihr ja im Schlafe gestohlen, er, ja er allein war das flammende
+Zaubersiegel, das dem flatterhaften Menschen aufgedrückt war, und das
+sich nun weiterfressen mußte bis ins Hirn, bis ins Herz, bis alle seine
+Gedanken nichts mehr kannten als ihren Namen. Line, Line -- und niemals
+Dina. Ah, das war ihre Todfeindin. -- Nur sachte, sachte, sie wußte
+schon, wie Netze gelegt werden müßten, nicht umsonst war sie eine
+Fischertochter -- und die andre, was war sie weiter als eine kalte,
+dummstolze Geldprinzessin --? Nein, die konnte keinen Mann behexen, ihn
+nicht zu allerlei Tollheiten verführen und ihn quälen und wieder
+glücklich machen und wieder quälen, ganz wie es geschehen mußte, bis man
+seiner völlig sicher war. Und hatte sie ihn nicht bereits halb und halb
+im Besitz?
+
+Oh, wenn Dina, ja, wenn selbst Fräulein Dewitz geahnt hätte, zu welchen
+Tollheiten sie Bruno schon gebracht. Aber leise -- leise -- still, daß
+ja keiner hört! Da lagen in den Kästen ihrer Kommode, tief unten
+versteckt, allerlei Ringe und Armbänder und Halsketten von roten
+Granaten, die sie sogar schon einmal des Nachts vor dem Spiegel auf
+ihrer weißen Haut schimmern gesehen, und Gürtel mit bunten Steinen, und
+das allerschönste war ein winziges Glasdöschen voll mit Goldstücken, es
+konnten gewiß fünfzehn sein, die sie manchmal, wenn sie allein war,
+verstohlen durch die Hand laufen ließ.
+
+Das alles hatte er heimlich, Stück für Stück gebracht, grade wenn sie
+recht unartig gegen ihn gewesen, recht schnippisch, recht verständnislos
+gegen das, was ihn nicht mehr zur Ruhe kommen ließ, und dem sie auswich,
+glatt wie eine huschende Schlange.
+
+Ja, ihr Hexenmittel würde schon wirken -- bald -- bald. -- --
+
+ -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
+
+Auch in Moorluke wollte man trotz Frühlingsanfang in Liebesdingen
+sichergehen. Ein paar Monate nach Hanns Gestellung -- man fuhr bereits
+wieder fleißig zum Fischfang -- hatte Siebenbrod eines Sonntags
+vormittags, während er sich ein Paar neue Wasserstiefel aufmerksam
+eintrante, in der Küche folgendes Gespräch mit seiner Frau, die ihr
+Gesangbuch auf dem Schoß liegen hatte, weil sie ihrer geschwollenen Füße
+wegen die Kirche nicht mehr besuchen konnte: »Mudding, weißt was? -- Mit
+Hann stimmt was nich.«
+
+Die kleine Frau ließ ihr Buch sinken.
+
+»Wieso, Siebenbrod?«
+
+»Es is was mit Liebe,« fuhr Siebenbrod fort, wobei er eine große Portion
+Tran auf das Leder goß -- »er singt.«
+
+»Hann? -- Was singt er denn?«
+
+»Trauriges -- solche Lieder, wie: Ich weiß nich, was soll es bedeuten!
+und andere Dinger. Aber dann is es soweit. Das kenn' ich.«
+
+»Lieber Gott, aber wen glaubst du wohl?«
+
+»Je, 's muß eine von den Schulmeisterdirns sein. Welche, weiß ich nich.
+Is mir auch egal. Aber ich merke es daran, daß Lehrer Toll seit einiger
+Zeit mich beim Bier immer was spendiert, und daß er dich 'ne Kruke Honig
+geschickt hat; ganz umsonst -- und daß ich der einzigste bin, den er
+noch nich wegen seiner neuen Hagelversicherung rankriegen wollte. -- Na,
+Mudding, in die Sache hab' ich aber auch noch ein Wörtchen mitzureden.«
+
+»Du?«
+
+Mudding erschrak und blickte mit ihrem bewegungslosen Antlitz den
+Fischer starr an, der ungestört und ruhig an seinem Stiefel
+weiterbürstete.
+
+»Jawoll, Mudding,« brummte er endlich, wobei er behaglich an dem Leder
+roch; »kuck mich nich so verwundert an. Jetzt haben wir doch ein bißchen
+was, und da denkt sich Lehrer Toll, der so'n alter Siebenkluger is, da
+werd' ich eine von meine Dirns fein los! -- Aber Essig! -- Wenn er Hann
+nich ein paar Hundert Taler mitgibt, daß ich davon ein Motorboot bauen
+kann, dann tret' ich Hann keinen von meine Zesner ab, und von die Liebe
+allein kann er nich leben. Was, Mudding? Von die Liebe allein haben wir
+auch nich gelebt. Nich so?«
+
+Von diesen äußeren Anfechtungen ahnte das Moorluker Pärchen freilich
+kaum etwas, und dennoch vollzog sich die innerliche Annäherung der
+beiden auch ohne dies nur außerordentlich tastend und zagend. Denn Hann
+war ein gar zu schwerfälliger Liebhaber. Mochte er der ruhigen Schönheit
+des Mädchens und ihrem sichtbaren Verlangen gegenüber, sich ihm zärtlich
+anzuschließen, noch eine zu große Schüchternheit empfinden, oder
+drückte ihn sonst etwas Unausgesprochenes, er sah sie manchmal, wenn
+sie des Abends in der Dämmerung am Bollwerk zusammenstanden, mit solch
+erstauntem, suchenden Ausdruck an, als wundere er sich immer von neuem
+darüber, daß das Schicksal sie beide zusammengeführt. Selten wagte er,
+ihre Hand zu streicheln, von einer Liebkosung hatte er, seit jenem
+Verlobungsabend, überhaupt abgesehen, und doch umgab beide, wenn sie so
+nebeneinander auf dem Bollwerk hockten oder in der Dunkelheit an den
+nebeldünstenden Seewiesen wandelten, eine so stille, friedliche Ruhe,
+daß sich alle Wünsche und Hoffnungen wie in wohltätigen Schlummer
+eingesungen fanden.
+
+Manchmal standen sie in der Dämmerung, denn am Tage wagten sie noch
+nicht, sich miteinander zu zeigen, auf der äußersten Spitze der Mole und
+blickten auf die unter den Abendschleiern erzitternde Flut, in die der
+Mond Millionen zappelnder Goldfischchen geworfen hatte.
+
+Dann konnte Klara Toll mit ihren sinnenden Augen hinausstarren, weit,
+weit, bis dahin, wo sich Dunkelheit und Meer verschlangen, und halb im
+Traum vor sich hinsagen: »Sieh, Hann, da hinter dem Wasser sieht man
+nichts mehr. Und doch liegt da noch Land. So ist's wohl auch mit unserm
+Leben.«
+
+Das war nun so dunkel, daß es dem Philosophen mächtig behagen mußte.
+
+Leise drückte er ihre Hand, und während der Westwind anhob zu summen,
+lehnte Klara ihr Haupt ein wenig an seine Schulter.
+
+Es geschah das erste Mal und Hann stand regungslos.
+
+Aber dunkler nur und schützender sank die Nacht, Hanns alter Freund, der
+Mond, lachte dazu gerade auf beide herunter.
+
+Da holte der Fischer tief Atem und versuchte, mit seinen plumpen Fingern
+ganz zaghaft über die Haare des Mädchens zu streicheln.
+
+In dem unsicheren Mondlichte blickte sie zu ihm auf, ihr Mund verzog
+sich zu einem stillen Lächeln.
+
+»Klara,« begann Hann während des Streichelns und wälzte sich etwas von
+der Seele, was ihn schon lange mit Scham erfüllt hatte, »nun sag' ich
+endlich unsern Eltern, was mit uns is, denn dies Verschweigen is für
+dich nich gut.«
+
+Das Wort schien ihr wohlzutun, und doch schüttelte sie langsam das
+Haupt.
+
+»Nein, tu's nicht,« entschied sie endlich und streichelte ihm sacht die
+Wange. »Noch nicht.«
+
+»Aber warum nich?«
+
+Wieder zögerte sie und strich ein paarmal über seine Hand.
+
+»Weil -- weil es noch nicht gut ist -- nur noch eine kurze Zeit. Hörst
+du?«
+
+Diese Weigerung, die Klara schon öfter vorgebracht, vermochte er nicht
+zu begreifen: »Ja, aber,« stammelte er, »willst du mir denn nie
+erklären, warum -- --?«
+
+Er unterbrach sich, denn das Mädchen hatte wiederum ihren Kopf an seine
+Schulter gelehnt und hielt ihm die Hand vor den Mund, damit er nicht
+weiterforschen sollte.
+
+»Ich erklär's dir schon mal,« beschwichtigte sie ihn, »vielleicht bald
+-- -- vielleicht sehr bald.«
+
+Das war ihm nun unfaßlich und nicht im entferntesten ahnte er, welch
+feiner Regung der Entschluß seiner Verlobten entsprang. Sie war
+überhaupt ein nachdenkliches Wesen.
+
+Davon erhielt er manchmal sonderliche Proben.
+
+Inzwischen war Pfingsten herangekommen. Die Seewiesen funkelten von
+Tautropfen und gelben Marienblumen. Der Landwind führte Heideduft über
+das atmende Meer. Als Hann am ersten Feiertagsmorgen durch das wogende,
+tiefe Gras schritt, da entdeckte er an einer zum Bodden abfallenden
+Stelle zwischen Strandsteinen und Heideblumen einen braunen Kopf
+hervorlugen.
+
+Den kannte er. Er hielt inne.
+
+Sie saß ihm abgekehrt, plätscherte mit nackten Füßen in dem anspielenden
+Wasser, und während ihre Hände ruhig auf dem Schoß ruhten, summte sie,
+halb gedankenlos, ein paar Liedstrophen:
+
+ »In einem kühlen Grunde,
+ Da geht ein Mühlenrad;
+ Mein Liebchen ist verschwunden,
+ Das dort gewohnet hat.«
+
+Die Binsen hinter ihr neigten sich und sangen in ihrer Weise mit.
+
+»Merkwürdig,« dachte Hann. Dicht bei dieser Stelle hatte er auch oftmals
+mit Line gesessen; aber ein herabrollender Kiesel verriet ihn.
+
+Die Sängerin erhob sich und schritt langsam auf ihn zu. Sie schien gar
+nicht daran zu denken, daß sie auf nackten Füßen ginge.
+
+Beide streckten sich still die Hände entgegen.
+
+Als sie sich so grüßten, erhob sich vom Kirchturm ein Klingen. Die
+Pfingstglocken begannen zu läuten. Und so feierlich zog es durch die
+sonnige Morgenluft und über die stille See, daß jedes Wort eine Störung
+gewesen wäre.
+
+Das fühlten auch die beiden Naturkinder. Wortlos hielten sie sich an den
+Händen. Eine lange Zeit. Als aber die Glockentöne immer heller und
+klingender wurden, da geschah etwas Wunderbares.
+
+Mit einer schweren Bewegung schlang Klara ihre Arme um den Hals des
+Burschen, er sah ihre roten Lippen immer näher den seinen, und dann
+fühlte er einen langen, langen Kuß.
+
+Seltsam träumerisch war ihm zumute, so ganz anders als sonst. Das Glück,
+dem er so lange nachgesonnen, schien über ihm zu sein.
+
+So merkte er erst geraume Zeit später, wie ernst das Mädchen ihn dabei
+anblickte. So tief, so -- --
+
+»Klara,« sagte er rasch, »du siehst mich so an?«
+
+»Ja, Hann, ich möchte einmal was wissen.«
+
+Er nickte.
+
+»Hast du mit einem andern Mädchen auch schon so schön getan?«
+
+Der Gefragte duckte sich und mußte auf die Stelle sehen, wo er schon
+einmal mit Line gelegen.
+
+Er beugte nur kurz das Haupt.
+
+»Line?«
+
+Wieder nickte er plump.
+
+Sie sah ihn noch immer an, dann hob sie sich auf den Zehen und bot ihm
+von neuem den Mund.
+
+Das war alles so weich und sanft.
+
+»Klara,« stammelte er wie beschämt.
+
+»Nun muß ich in die Kirche,« verabschiedete sie sich, und sie nickte
+noch immer, während sie langsam von dannen schritt.
+
+Er sah ihr nach.
+
+Erst als die weißen, glänzenden Füße längst in dem Grase verschwunden
+waren, legte er sich an ihren verlassenen Platz, stützte nachdenklich
+den Kopf und horchte auf das Surren und Säuseln des Windes. Die
+Seeschwalben, die an ihm vorbeistrichen, zirpten laut; und er mußte
+unwillkürlich das Lied seiner Braut wieder aufnehmen: Wie war's doch?
+
+ »Hör' ich das Mühlrad gehen,
+ Ich weiß nicht, was ich will --
+ Ich möcht' am liebsten sterben,
+ Da wär's auf einmal still.«
+
+»Hör' ich das Mühlrad gehen -- -- --«
+
+Sonderbar. Er ließ den Kopf in beide Hände sinken.
+
+»Was is woll das Glück?«
+
+Und über ihm klangen die Pfingstglocken fort.
+
+
+
+
+XIV
+
+
+Es war dieselbe Gedankenreihe, an der Bruno an diesem Pfingstmorgen
+herumrechnete, nur erregter, mit glühenden Wangen und kühneren Plänen,
+während er in einem der heute leeren Bureaus des Konsuls saß, um die
+eingegangenen Briefe zu revidieren.
+
+Solch ein weites, verlassenes Zimmer hat für den Einsamen stets etwas
+Fremdes, Ablenkendes, und bei dem jungen Prokuristen bedurfte es nicht
+einmal solch starken Anlasses, um seine Phantasie zu verlocken.
+
+Da hatte er eben den Bericht eines amerikanischen Agenten des Hauses
+gelesen, eines Mannes, der nicht viel älter war, als er selber, der
+ebenfalls aus Hollanders Geschäft hervorgegangen, später in Neuyork
+reich geheiratet und jetzt auf seine Weise dort drüben selbständig
+arbeitete. Aber welch enorme Summen dieser Amerikaner nun für sich
+selbst berechnen konnte. Dem Prokuristen wirbelten die Zahlen wirr durch
+den Kopf, mit glänzenden Augen starrte er ins Weite, um plötzlich laut
+aufzuseufzen.
+
+Er erschrak, als er das Echo in dem verlassenen Raume hörte, aber seine
+Gedanken drangen vorwärts.
+
+Und er?
+
+Der Konsul hatte ihm, trotz seiner Rangerhöhung nicht viel zugelegt, und
+mit der Summe, über die er verfügte -- nein, nein, er mußte sich die
+Wahrheit, vor der er immer floh, in dieser einsamen Stunde eingestehen,
+-- er kam nicht aus, seine Ausgaben überschritten bereits seine
+Einkünfte. Das Bild des Lebens, das ihm vorschwebte, stimmte sicher
+nicht mit der Wirklichkeit überein. Wenn der Konsul das geahnt hätte!
+
+Oder wenn er den Grund je erfahren würde, diesen wahnsinnigen, tollen
+Grund, der seinen Vertrauensmann zu knabenhaften Streichen hinriß. Aber
+waren es denn nur Streiche, solche, die man verübt und wieder vergißt?
+
+Bruno sprang auf, stellte sich ans Fenster, sah auf die Vorübergehenden
+und versuchte, eine Coupletmelodie vor sich hinzuträllern, allein das
+Bild, das ihm vor die Seele getreten war, dieses schwarzbraune
+Hexenbild, das ihn mit dunklen, spöttischen Augen und kirschroten Lippen
+maß, es ließ sich nicht so leicht wieder verscheuchen.
+
+Sein Herz begann heftig zu hämmern, gerade so wild, wie stets, wenn er
+ihr gegenübertrat. Gerechter Gott, was wollte er denn von ihr? Er zuckte
+zusammen, wenn er daran dachte, es war ja wie Wahnsinn über ihn
+gekommen, ein einziger, schlimmer Wunsch beherrschte ihn, trieb ihn vor
+sich her und machte ihn elend.
+
+»Solche Schlechtigkeit -- solche Schlechtigkeit,« murmelte er vor sich
+hin und griff sich an die Schläfen. Oh, es war ja so namenloses Glück,
+daß ihm dieses Ding wie eine Schlange unter den Händen entwischte, daß
+sie klug war, und daß er niemals sein böses Ziel erreichen würde. Denn
+schlimm war es, er war ja trotz allem so fest, so felsenfest
+entschlossen, seine Zukunft nicht zu verspielen, vielmehr groß zu werden
+und immer größer, ein Industrieller, wie ihn diese nordische Provinz nur
+einmal in den glorreichen Gründerjahren gesehen. Und wenn erst einmal
+der goldne Boden da war, wer weiß, was ihm dann für blütenschwere
+Zauberbäume entsprießen könnten, vielleicht auch das Weib, jene
+schlanke, lockende Katze, deren Schnurren ihm die Gedanken erhitzte,
+deren bloßer Name ihn wie ein aufreizender Schlag durchfuhr, und für
+deren schwarze begehrliche Augen er all die heimlichen Aufwendungen
+gemacht, die seine Existenz jetzt schon ins Schwanken brachten.
+
+Nein, nein, er mußte sich diese aufreibende Leidenschaft aus dem Kopf
+schlagen, die zu nichts führte, die nur namenloses Unglück
+heraufbeschwören konnte, und mit der plötzlichen Energie phantastischer
+Naturen setzte er sich rasch in dem Armstuhl vor seinen Schreibtisch
+zurecht und war fest entschlossen, die engen Treppen und die lackierte
+gute Stube von Fräulein Dewitz vor Monaten nicht wiederzusehen.
+
+Wie kam er wohl am schnellsten aus den Verpflichtungen heraus, die er
+bereits bei einigen Juwelieren der Stadt eingegangen war, um Lines
+Freude an goldglänzendem Tand zu frönen?
+
+Welch kindlich-gieriges Lächeln dabei über ihr Gesicht ging, wenn sie
+dergleichen erhielt!
+
+Da schmeichelten seine Gedanken schon wieder um sie herum.
+
+In heller Verzweiflung entfaltete er ein großes Handelsblatt und begann
+mit Hast die Kurse zu überfliegen. Spekulationen?
+
+Er stutzte.
+
+Wie mancher war nicht in wenigen Tagen an der Hamburger Börse ein
+steinreicher Mann geworden, manchmal skrupellose Burschen, die am Tage
+vorher noch keinen Heller besessen.
+
+Wieder schlug ihm das Herz. Seine Einbildungskraft war gefangen. Aber
+leider -- leider, der Weg war für ihn nicht gangbar. Erstens seine
+eigene Mittellosigkeit und dann das ehrbare Haus Hollander. Freilich,
+nur die Kühnen gewannen, und hatten nicht seine scharfsinnigen Schlüsse
+bereits die Hamburger Freunde, die seine Einfälle befolgt hatten, in
+Erstaunen gesetzt?
+
+Aber nein, nein, die spießbürgerliche Ehrbarkeit des Hauses drückte auf
+ihn; von diesem Gedanken mußte er Abschied nehmen.
+
+Während er sich hoffnungslos an den Zahlenreihen festsaugte, hörte er
+unten einen Wagen vorfahren. Drin saß Dina, die seit einigen Tagen um
+diese Zeit ihre Spazierfahrt unternahm.
+
+Sie warf keinen Blick nach seinem Fenster.
+
+Ja, ja, es war töricht, daß er diesen ganzen Winter über die stolze
+Erbin so vernachlässigt hatte, rein behext von seinem ungestillten
+Verlangen. -- Aber das ließ sich nachholen. Wie gern hatte sich Dina mit
+ihm nicht über literarische Neuerscheinungen unterhalten? Ja, ja, er
+wollte sich Bücher besorgen, er wollte -- --
+
+Nebenan in dem Privatkontor des Konsuls tönten Schritte, der Einsame
+unterschied die Stimmen seines Chefs und diejenige von dessen
+Jugendfreund, des Steuerrats Knabe.
+
+Das war doch seltsam. Heute, am Feiertage? Und welch fröhliche
+Unterhaltung die beiden dort drinnen zu führen schienen? Bruno hörte
+deutlich das grobkörnige Lachen Hollanders und das feine Kichern des
+alten Junggesellen. Dann wurde geklingelt, ein Diener erschien, ging,
+kam wieder, und der näherrückende Prokurist hörte jetzt, wie die Freunde
+drinnen wisperten, dann -- ein Knall, wie er nur von einer entkorkten
+Champagnerflasche herrühren konnte; und nun entdeckte der Horcher, daß
+hinter dem Milchglase der Nebentür der dicke Kopf des Werftbesitzers
+sich abdunkelte, als wollte Hollander nach seinem Untergebenen
+ausspähen.
+
+Was sollte das?
+
+Eine heftig bohrende Unruhe befiel Bruno, er schalt sich töricht, aber
+ihm war es, als ob das Lachen dort drinnen und das Gläserklingen und das
+Wispern ganz allein ihm gelte, als ob es ihm direkt zum Hohn
+veranstaltet wäre.
+
+Fahrende Röte stieg ihm ins Gesicht, halb mechanisch beugte er sich über
+seinen Schreibtisch und warf allerlei wirre Zahlen auf ein Blatt Papier.
+
+»Klüthchen,« sagte der Konsul, der plötzlich mit seinem Champagnerkelche
+hinter ihm stand, »sind doch ein fleißiger Kerl, alle Achtung, -- aber
+hier -- nun nehmen Sie mal --« und damit reichte er ihm das volle Glas
+-- »sind doch ein Liebhaber von so was -- Röderer carte blanche -- sagt
+Ihnen zu? was? So, nu passen Sie aber auf, ich frage Sie hier
+ausdrücklich vor unserm Herrn Steuerrat: Was halten Sie von Harder u.
+Co. in Hamburg?«
+
+Bruno sah zu Boden und suchte seine Gedanken zu sammeln, aber er
+vermochte durchaus nicht zu begreifen, worauf der hinterhältige alte
+Mann lossteuerte. Er stammelte also nur etwas davon, daß dieses Haus
+gewiß eine der ersten Reederfirmen Deutschlands wäre und im Moment des
+Konsuls gefährlichster Konkurrent.
+
+»Siehst du, Julius,« wandte sich Hollander sehr befriedigt zu seinem
+Jugendfreund zurück, während er seinem Prokuristen wohlwollend auf die
+Achsel klopfte, »Klüth und ich, wir sind immer derselben Ansicht.« Und
+plötzlich stürzte er ein Glas Champagner hinunter, puffte seinen
+Untergebenen kordial in die Seite und flüsterte ihm augenzwinkernd zu:
+»Halten's noch geheim, Klüth. Seit acht Tagen befindet sich der junge
+Harder bereits in unsrer Stadt, im deutschen Haus, verstehen Sie, und
+gestern abend hat sich meine Tochter Dina mit ihm verlobt. Na, was sagen
+Sie, Herzenskinding? Gut geschoben, wie?«
+
+Und laut rief er zu dem Steuerrat hinein: »Nu kuck bloß unsern Klüth an.
+Is er nich ganz blaß geworden über diese Fusion? -- Ja, ja, is ein großer
+Bewunderer von mir. Nu trinken Sie aber, Klüthchen, nu trinken Sie
+auch!«
+
+ -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
+
+Wie und wann er die Bureaus verlassen, dessen entsann er sich nicht
+mehr. Erst, als ihm laute Militärmusik entgegenschallte, entdeckte er zu
+seiner Verwunderung, daß er in seinem Hingrübeln auf den großen Markt
+gelangt wäre, wo um die Mittagsstunde die Bataillonskapelle
+konzertierte. Und um ihn herum -- auf allen vier Seiten des Platzes,
+flanierten Scharen hellgekleideter, junger Mädchen, gefolgt von langen
+Zügen buntmütziger Korpsstudenten, Offizieren, junger Kaufleute; kurz,
+diese eine, flüchtige Sonntagsstunde war es, wo die ehrbare, alte
+Schwedenstadt eine leichtsinnige Laune zeigte. Aber dem hübschen, jungen
+Menschen, den mancher Mädchenblick streifte, schien der fröhliche
+Trompetenschall, schien all das bunte Fluten weh zu tun.
+
+Immer wieder stach es ihm durch den Sinn, der noch nicht ganz
+freigeworden von dörflichem Aberglauben, daß irgend eine feindliche
+Macht ihn augenscheinlich am Emporstreben hindern wolle, daß er zu dem
+goldnen Glück nicht bestimmt wäre.
+
+Was konnte das aber sein? Das durfte ja nicht wahr werden.
+
+Dicht neben sich vernahm er unwillkürlich ein sonderbares Raunen und
+Wispern.
+
+Als er aufmerksam wurde, bemerkte er, wie eine Gruppe junger Rotmützen
+wie bezaubert auf zwei vorübergehende Damen sahen, in denen Bruno sofort
+Fräulein Dewitz und Line erkannte.
+
+Einen vorüberhuschenden Moment fühlte er, wie Lines Augen aufblitzten,
+dann hatte er sich, einer starken Eingebung folgend, zum nächsten
+Schaufenster abgewandt, und schattenhaft, nur in den blanken Scheiben
+abgespiegelt, wandelte nun ihre Gestalt im Bilde vorüber, auch da noch
+allerliebst in dem einfachen, roten Kattunkleid, das sie wieder ganz
+fremdartig unter all diesen Bürgermädchen erscheinen ließ.
+
+Bruno blickte ihnen nach.
+
+Da wandte sie nochmals den Kopf nach ihm. Sie schien ihn zu verspotten
+und die Achsel zu zucken.
+
+War das sein Schicksal?
+
+Lauter und lauter schmetterte die Musik ihren Walzer, und jetzt erst
+entdeckte Bruno, daß er gerade vor den Auslagen desjenigen Juweliers
+halt gemacht hatte, dem er schon so sehr verpflichtet war. Er wollte
+rasch weiter eilen, da sprach ihn der Besitzer, der dem Konzert von der
+offenen Ladentür aus folgte, höflich an und forderte ihn auf, näher zu
+treten.
+
+»Ja -- aber -- --«
+
+Er solle ja auch nichts kaufen, aber es wären da ein paar russische
+Muster fertig geworden, und da Herr Klüth sich ja so sehr für
+dergleichen interessiere -- --
+
+Den jungen Kaufmann beschlich die häßliche Empfindung, der Ladenbesitzer
+sei vielleicht bereits mißtrauisch geworden, und in dem Wahn aller
+schwankenden Existenzen, sein Ansehen zu erhalten, trat er mit möglichst
+gleichgültiger, sicherer Miene in den Laden.
+
+Noch während ihm in seiner halben Betäubung allerlei goldene
+Schmucksachen durch die Hände glitten, beherrschte ihn der Entschluß,
+daß ihm all die funkelnden Spielereien nicht gefallen dürften, ja, daß
+jeder fernere Einkauf bereits einen halben Betrug bedeute.
+
+»Was ist das?«
+
+»Eine Fächerkette,« erklärte die Verkäuferin, »sie wird um die Hüfte
+geschlungen -- so.«
+
+Bruno lächelte: Wie auf Zauberschlag stand Line in seinem Geiste da, wie
+sie sich oft seltsam in den Hüften wiegte. Wie mochte erst dieses
+goldene Geriesel über ihre jungen Glieder fließen? Und wenn er ihr das
+nun selbst umlegen dürfte!? --
+
+Plötzlich war's, als wenn ein Sturmwind alle Angst, alle Bedenklicheren
+über den Haufen gefegt hätte.
+
+Er blickte sich um, mit klaren Augen, wie wenn er jetzt erst begriffe,
+wo er sei und was um ihn geschehe.
+
+Lächerlich -- ganz lächerlich; weil diese eine Brücke vor ihm
+zusammengebrochen war, die über den Strom leitete, hinter welchem seine
+Zukunft sich dehnte, deshalb die Betäubung, die Verzweiflung? --
+
+Lächerlich, war er nicht der Mann, drei neue Brücken zu bauen? Ja, jetzt
+wollte er erst wagen, jetzt sollten sein Chef und die andern schon
+sehen; und nicht das geringste Vergnügen wollte er sich rauben lassen,
+auch Line nicht. -- Man lebt nur einmal.
+
+Mit einer Hast, als ob er stehlen wolle, steckte er das feine Etui zu
+sich, und besann sich erst auf der Straße, daß er tatsächlich vergessen
+habe, nach dem Preis zu fragen.
+
+Ein andermal.
+
+Ins Weinhaus!
+
+Bis in den späten Nachmittag saß er nun im halbdunklen Gastzimmer bei
+Kroll, wo nur eine einzige Gasflamme auf die braunen Eichentische
+herableuchtete, blies den Rauch einer feinen Importe von sich und sah
+gespannt zu, wie mehrere Gutsbesitzer aus der Umgebung ein kleines
+Spielchen machten.
+
+Einer von ihnen, ein hochgewachsener, blonder Hüne, den die andern
+Rittmeister titulierten, dieser war sein Mann. Auf dessen Karte setzte
+er heimlich, und als der Rittmeister nach einigen Verlusten endlich ein
+paar blaue Scheine in die Westentasche stecken konnte, da begannen die
+Augen des Prokuristen zu glänzen, und er atmete tief und befreit auf.
+
+Ah, natürlich -- natürlich -- die Ängstlichen erjagen's eben nicht.
+
+Zwischen den Bildern der beiden Kaiser schlug die kleine Uhr sieben.
+
+Wenn er nun noch zu Fräulein Dewitz hinaufwollte, so war es die höchste
+Zeit. Um acht -- das wußte er -- speiste die alte Dame, und mit
+Einladungen ging sie sparsam um.
+
+Also eilen!
+
+Das ganze war ja doch nur ein Spaß, ein unschuldiger Zeitvertreib, und
+da Fräulein Dewitz ja stets anwesend blieb, eigentlich doch auch ein
+entsagungsvolles Vergnügen.
+
+Also ohne Bedenken.
+
+Nachdem er dem Kellner ein reichliches Trinkgeld geschenkt, wandte er
+sich in der Tür noch einmal zurück. Er sah, wie sein Rittmeister
+wiederum einen neuen Blauen zwischen den Fingern knitterte.
+
+»Gottlob,« dachte er und schlug auf der Straße mit seinem dünnen
+Spazierstock sausend durch die Luft, als hätte er einen Feind
+niedergestreckt.
+
+»Ich sagte es ja, das sind alles Bedenklichsten der kleinen Stadt.«
+
+ -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
+
+Die Klingel läutete.
+
+Hinter den roten Gardinen der Glastüre zuckte es, der Besucher sah, wie
+Lines dunkles Köpfchen herauslugte.
+
+Vorsichtig öffnete sie einen Spalt.
+
+»Wer ist da?« fragte sie, denn bei der schlechten Treppen-beleuchtung
+vermochte sie nichts zu erkennen. Sonst war sie nicht so zaghaft.
+
+»Ich,« antwortete Bruno.
+
+»Ach, du bloß,« meinte sie, trat zurück und nahm eine kleine Küchenlampe
+von der Wand, um ihm zu leuchten, »komm.«
+
+Als er dicht vor ihr stand in seinem modischen, dunklen Mantel und dem
+Zylinder auf dem Haupt, lachte sie hell auf.
+
+Bruno stutzte.
+
+In den lackierten Altjungferräumen der Handarbeitslehrerin, in denen
+Line sonst nur auf Zehen umherzuhuschen wagte, war solch heller Ton
+ungewohnt. Das mußte Fräulein Dewitz bald rügen. Und befremdet spähte
+Bruno in die halboffene gute Stube, ob die alte Dame noch nicht
+würdevoll herausschritte. Doch Line schien ihm den Gedanken von der
+Stirn zu lesen: »Nein,« sagte sie, »sie ist nicht da.«
+
+»Nicht da?«
+
+»Nein, beim Konsul eingeladen. Da sind nur die Nächsten. Zur Verlobung.«
+
+Bruno erschrak. Das Blut stieg ihm ins Gesicht.
+
+Er schämte sich, als ob das Wort absichtlich gegen ihn gerichtet wäre.
+
+Unterdessen war ihm Line in die Stube vorangetreten. Auf dem Tische
+brannte eine hohe Porzellanstehlampe, in deren Glanz Fußboden, Spiegel
+und die lackierten Stühle förmlich widerstrahlten.
+
+»Komm,« forderte Line den Zögernden auf. Er zauderte noch und fragte, ob
+er trotz der Abwesenheit des alten Fräuleins wirklich nähertreten dürfe,
+aber Line warf ihm nur einen verwunderten Blick zu: »Natürlich -- es ist
+doch hübsch, daß sie endlich mal weg ist -- ach, dieses
+Beobachtetwerden.«
+
+Dabei stand sie in ihrem roten Kleide vor dem Spiegel, wandte sich ein
+wenig hin und her und blickte sein Spiegelbild in dem Glase an.
+
+Ihre Art war bereits wieder so sonderlich, daß Bruno mit geheimem Bangen
+fühlte, wie heiß ihm das Blut durch alle Adern zu rinnen begann. Rasch
+legte er den Überzieher ab; der war vielleicht daran schuld. »Recht,«
+nickte Line immer in den Spiegel hinein und lächelte seinem Bilde zu.
+»Jetzt sollst du auch bald mit mir zusammen essen.«
+
+»Mit dir? --« er wagte weder sich zu setzen, noch sie weiter in dem
+matt schimmernden Glase zu betrachten, »wird nicht Fräulein Dewitz --
+--?« warf er ein.
+
+»Die erfährt natürlich nichts davon. Das wäre noch schöner. Ich wasche
+nachher die Teller wieder ab und stelle alles hin. Überhaupt, es ist so
+hübsch, solch eine Heimlichkeit zu haben. -- Nicht?«
+
+Damit sah sie ihn von der Seite an, lächelte verschmitzt und huschte an
+die Glasservante, unter der sie, wie aus einem Versteck, ein Buch
+hervorholte. Dann hielt sie es ihm verstohlen hin: »Da sieh -- da stehen
+auch lauter solche Geschichten drin. Andre Leute sind eben klüger.«
+
+Als Bruno in dem Hefte blätterte, da war es eine Übersetzung
+Maupassantscher Novellen.
+
+»Dergleichen liest du?« fragte er an sich haltend.
+
+»Warum nicht?«
+
+»Und Fräulein Dewitz erlaubt dir das?«
+
+Line zupfte an ihrem Kleide und strich es an den Hüften glatt: »Die,«
+sagte sie mit einer wegwerfenden Bewegung, »was wird die groß lesen?
+Lauter Forschungsreisen. Aber wenn ich für sie tauschen geh', dann
+bring' ich mir heimlich immer so was mit und versteck' es hier. Das Buch
+kostet nur zehn Pfennige, und ich hab' ja Geld. Du weißt ja auch, woher.
+-- Ach, es ist so schön, soviel Geld zu haben.«
+
+Und sie preßte die Fäuste zusammen und straffte die Arme aus, und Brunos
+starrer Blick verfing sich wieder in der Bewegung, wie ihre junge Brust
+stieg und fiel.
+
+»Gehen -- gehen!« flog es ihm durch den Kopf, und seine Hand strich über
+den Überzieher, der neben ihm auf der Lehne des Sofas lag.
+
+Line wandte sich zu ihm hin und pochte auf den Tisch.
+
+»Du bist so still,« wunderte sie sich.
+
+Er schwieg und verfolgte, wie sie mit dem Finger über die Platte strich.
+
+»Was ist dir denn? -- Sag doch was! -- Ach so -- ich weiß schon, wegen
+Dina.«
+
+Sie trat wieder mitten in das Zimmer zurück, spreizte die Finger aus,
+als ob sie kratzen wolle, und aus ihren dunklen Augen blitzte es auf,
+wie Siegesfeuer. Ihre ganze Gestalt schien einen wilden Triumph zu
+feiern.
+
+»Ja,« sagte sie und lächelte ihren Besuch trotzig an, »die hat es nicht
+dumm gemacht.«
+
+Er hob den Kopf, als wollte er fragen, was sie damit meine, aber über
+die fest zusammengepreßten Lippen wollte kein Wort dringen. Immer mehr
+fühlte er, daß wieder jener Betäubungszustand über ihn käme, in welchem
+er jede Gewalt über sich verlor.
+
+»Gehen -- gehen,« klang's von neuem in ihm auf. Line stand wieder vor
+dem Spiegel: »Kennst du ihn?« forschte sie nun, ihn halb über die Achsel
+messend.
+
+»Ich? -- wen?«
+
+»Den Bräutigam.«
+
+»Ja«
+
+»Reich?«
+
+»Ein Millionär.«
+
+»Ah« -- hier führte sie die flachen Hände vor die Augen, als könnte sie
+sich so besser, wohliger in die Pracht der Bilder versenken, die vor
+ihrem Geiste vorüberhuschten.
+
+»Hat er auch eine Equipage?« fragte sie rasch, ohne sich zu regen.
+
+»Ja.«
+
+»Und -- und Bediente?«
+
+»Gewiß.«
+
+»Und -- sag' mir -- auch ein Schloß?«
+
+»Allerdings -- eine Villa in Uhlenhorst, dicht neben der Alster.« Sie
+stockte; dann klang es beinahe, als ob sie leise stöhne: »Daß das alles
+für solch dumme Gans sein soll!« -- drang es über ihre Lippen. Und wild
+sich zu ihm wendend, fügte sie hinzu: »Führt von dem Haus auch eine
+Marmortreppe ins Wasser? -- Lach' nicht, ich will es wissen.«
+
+»Ich lache nicht,« herrschte er auffahrend, denn er ärgerte sich über
+ihre Gier nach jenem Reichtum, den er ihr nicht bieten konnte. »Aber
+wozu soll das?«
+
+Verlangend blickten ihre schwarzen Augen auf das matte Glas der
+Lampenglocke; und halb willenlos sprach sie vor sich hin: »Wenn sie da
+so des Nachts hinuntersteigt, ah -- --«
+
+»Line,« flüsterte er und stand langsam auf.
+
+Das Geräusch ließ sie emporfahren, verwundert, als müsse sie sich auf
+ihn besinnen, sah sie ihn an, und vor diesem fremden Blick entschwand
+ihm wieder aller Mut.
+
+»Was willst du?« fragte sie abweisend.
+
+»Ich?«
+
+In seiner Verwirrung fand er nichts Gleichgültiges, das er anführen
+konnte.
+
+»Du möchtest wohl auch all das haben,« brachte er endlich mit Mühe
+hervor. »Die Equipage und die Diener und das Schloß und -- und das
+alles? -- Wie?«
+
+Da brach aus ihren schwarzen Augen ein beinah feindlicher Strahl, als
+sie den Kopf in den Nacken warf und trotzig erwiderte, man könne ja
+nicht wissen, vielleicht bekäme sie das alles einmal. Es wären ja im
+Maupassant ebenfalls Mädchen geschildert, die nichts als ihre Schönheit
+besessen, und schließlich wären sie doch in eigenen Equipagen gefahren.
+»Du, nicht so, das ist doch möglich?«
+
+Sie drehte sich ein wenig vor dem Spiegel und legte erwartend den Finger
+an die Lippen.
+
+Ach, es war ja diese Abenteuerlust, die so stark in ihm widerhallte,
+dieses Vagantenblut, das in beiden jungen Menschen summte, das war es,
+was sie nicht auseinanderkommen ließ.
+
+Ihre Gier, ihre Sucht nach Gold und Wohlleben hatten ihn im Moment
+angesteckt, mit einem raschen Schritt trat er auf sie zu und preßte ihre
+Hand: »Du hast recht, Line, wenn man nur Mut hat, nur Mut, dann erreicht
+man das alles -- alles.«
+
+»Ja, ja, nicht wahr?« sagte sie erfreut und blickte ihn beinahe zärtlich
+an.
+
+Beide schwiegen nun eine Weile, beide spähten sich forschend in die
+Augen, als warteten sie, der andre solle zuerst das Wort sprechen, das
+diesen drückenden Bann zu lösen vermöge.
+
+Doch die Furcht war stärker, als der glimmende Brand. Langsam, mit einer
+feinen Falte des Unmuts zwischen den Brauen, wandte sich Line endlich
+ab, zuckte ein paarmal die Achseln nach ihm, schnippte mit den Fingern,
+summte etwas und lief endlich in die Küche.
+
+Der Zurückgebliebene fand sich allein.
+
+Als er sich umblickte, da drängte alles lähmend auf ihn ein.
+
+Diese spießbürgerliche Sauberkeit der Stube, das Bild der
+Handarbeitslehrerin, das verblaßt über dem Sofa hing, und plötzlich
+fühlte er in seiner Tasche das Etui mit der goldenen Kette. Eine
+überwältigende Scham befiel ihn, er mußte ganz unvermittelt an seinen
+Bruder Paul denken, wie der gewiß jetzt in seiner kahlen Stube säße, um
+zu studieren, und wie er sich heimlich um ihn und das Mädchen sorgen
+mochte.
+
+Wenn der wüßte!?
+
+Wenn der wüßte, wie der Jüngere auf die törichten Wünsche dieses
+unreifen Geschöpfes eingegangen, wie er ihr die Kommode mit allerlei
+Schmucksachen gefüllt, wie er jetzt wieder eine neue bereit hielte, über
+die er nachsann, wie er sie ihr in der einsamen Stube umlegen wolle.
+
+Nein, nein -- bei Gott.
+
+Der Schweiß brach ihm aus.
+
+»Gehen -- gehen.«
+
+Draußen in der Küche tönte Tellerklappern.
+
+Mit einem schnellen Griff wollte er seinen Überzieher aufraffen, da
+hörte er ihren leichten Tritt, und ehe er noch das Kleidungsstück in den
+Alkoven, aus dem, halb im Schatten liegend, die weiß eingedeckten Betten
+schimmerten, werfen konnte, stand sie vor ihm.
+
+»Was tust du da mit dem Mantel?« fragte sie scharf.
+
+Verlegen zuckte er die Achseln und starrte Line ungewiß an, wie sie, ein
+Präsentierbrett mit allerlei Tellern haltend, hinter ihm stand.
+
+Und doch nahm er wahr, wie scharf sich das schwarze Seidenschürzchen,
+das sie wohl inzwischen umgelegt, von dem roten Kleide abhob.
+
+Dann raffte er sich auf und erzwang ein Lächeln, die Leichtigkeit seiner
+Lebensauffassung kam plötzlich über ihn, er wollte ihr beim Decken
+helfen.
+
+»Nein,« lehnte sie herb ab und schob ihn mit dem Ellbogen zurück. »Erst
+das.«
+
+Und nachdem sie ihr Geschirr abgesetzt, schritt sie rasch zum Alkoven
+und warf heftig die Tür zu. Der Schlag dröhnte durch die Wohnung.
+
+»Was tust du?« schrak er zusammen. »Man hört es im ganzen Hause.«
+
+»Laß,« gab sie hochmütig zurück, »wir brauchen uns ja nicht zu
+fürchten.«
+
+Wieder mußte er die Augen niederschlagen und verbarg seine Verlegenheit,
+indem er mit einem Scherz die Teller zurecht rückte. Aber die Lust Lines
+an dieser heimlichen Gasterei verscheuchte ihre schlechte Laune bald
+wieder und machte sie ganz glücklich.
+
+»Oh, es ist doch zu reizend,« rief sie einmal über das andere, »wenn
+man so was Eigenes hat, so was Heimliches -- und das« -- sie streichelte
+plötzlich katzenhaft zärtlich seine Hand, »hab' ich von dir. Sieh eins.«
+
+Mit einem Sprung war sie an ihrer Kommode, kniete nieder, warf allerlei
+Wäschestücke um sich herum, und dann kamen sie zum Vorschein, all die
+verborgenen Kostbarkeiten.
+
+»Line,« rief er mit aufsteigender Scham, denn der Anblick dieser
+Geschenke war ihm unangenehm, »wollen wir uns jetzt nicht setzen? -- Es
+ist halb neun, und ich bleibe nur noch ganz kurze Zeit.«
+
+Aber sie war zu sehr in ihrem Element. Nein, erst wollte sie sich ihm zu
+Ehren mit all seinen Geschenken schmücken. »Kuck eins, diese
+Opalohrringe« -- sie rutschte auf Knien zu ihm hin, »die mußt du mir
+zuknipsen -- so -- und hier das Armband, und das Herz mit dem
+Brillanten, schade, dazu muß man ausgeschnitten gehen.«
+
+Alles hatte sie angelegt, schüttelte die Arme, bog den Hals und setzte
+sich dann rasch neben ihn auf dem Sofa nieder. In geschäftiger Eile
+begann sie ihm danach die Brötchen zu streichen, immer bemüht, die
+Finger so zu drehen, daß die Ringe im Lampenlicht funkeln könnten.
+
+»Gefällt's dir so?« fragte sie mit einem raschen Seitenblick.
+
+Er sah sie bewundernd an.
+
+Immer mehr verlor er die klare Beherrschung der Stunde.
+
+Nun tranken sie von dem heißen Tee und ergingen sich dann in ihrer
+beiderseitigen Lieblingsbeschäftigung, über die Zukunft zu phantasieren.
+
+Hier war er ihr überlegen, war er ihr Meister. Andächtig saß sie neben
+ihm, die Hände gefaltet, den Mund vor Bewunderung leicht geöffnet, und
+das Hervorblitzen der weißen Zähne riß ihn zu immer bunteren Träumen
+hin. Da sah sie all ihre Erwartungen sich formen; die Equipage wurde,
+und die Diener und das Schloß, und alles war seinem Willen untertänig --
+und bald wohl auch ihrem -- bald wohl auch -- -- --
+
+Plötzlich schrie sie auf. Er sprach nicht mehr von dem Schloß, wirre
+Worte fielen: »Du bist das Schönste -- du bist das Schönste.«
+
+Im ersten Schreck lief sie bis in die Mitte der Stube, doch vor dem
+Spiegel erreichte er sie. Sie kehrte ihm den Rücken, als grolle sie ihm,
+aber er sah, wie ihre Augen ihn in dem Glase halb erwartungsvoll, halb
+flehend beobachteten.
+
+Da fiel ihm plötzlich wieder die Kette ein. Mit einem unterdrückten Ruf
+riß er das Schmuckstück hervor, und immerfort stammelnd: »Du bist das
+Schönste,« faltete er es blitzschnell auseinander, und mit hocherhobenen
+Armen führte er die goldene Schnur über ihr Haupt fort.
+
+Mit großen erschrockenen Augen stand sie da. Das hatte er bis jetzt noch
+nie gewagt.
+
+Unter seinen Händen begann sie zu zittern, als ob ein Fieber sie
+schüttelte.
+
+Ein betäubender Sturmwind brauste über beiden.
+
+Erwartend, still, ohne Bewegung, hatte sie geduldet, daß er wilde,
+besinnungslose Küsse auf ihren Nacken gepreßt, und es war, als ob sie
+die Schläge zähle, die dort die kleine Uhr an der Wand tickte.
+
+Eins -- zwei -- drei -- vier.
+
+»Du bist das Schönste,« klang es vor ihr auf, verschüchtert vor ihrer
+Schönheit.
+
+Aber dieser erste Menschenlaut schlug alles in Trümmer. Mit wilder Kraft
+schleuderte sie die Kette plötzlich von sich, daß sie zerrissen auf die
+Erde klirrte, und wie erschrak er, als er das schneebleiche Antlitz
+gewahrte, in dem nur die Lippen von blutvollem Leben redeten.
+
+Ganz seltsam war es, wie sie jetzt langsam und voller Besinnung auf ihn
+zuschritt: »Hör',« sagte sie mit bebender Stimme, während ihre Augen in
+düsterer Glut seine Meinung zu durchdringen suchten, »ich bin nicht so
+eine, wie du vielleicht glaubst. Das mußt du nicht denken. Ich will es
+dir sagen, ich bin dir auch gut, schon seit langem, aber ich weiß, was
+ich will. Wenn du's nicht ganz ehrlich mit mir meinst, dann laß mich
+allein meiner Wege gehen. Ich komm' auch ohne dich in die Höhe -- hörst
+du?«
+
+Ihre Stimme nahm einen drohenden Klang an.
+
+Die Uhr schlug wieder ihren Schlag.
+
+Eins -- zwei -- drei -- vier --
+
+Und mit jedem Schlag wuchs die rechnende Besinnung in den beiden
+Menschen.
+
+»Nun sag,« drängte sie schroff. Aber er stand wie gelähmt. Der Gedanke,
+der ihn sein ganzes Leben hindurch beherrscht hatte, daß er seine
+Zukunft im Auge behalten müsse, daß er alle Hilfsmittel wahrnehmen, eine
+reiche Frau heiraten, und weder links noch rechts abirren dürfe, der war
+plötzlich riesengroß in ihm aufgeschossen und hielt ihn fest. -- Er wand
+sich, wie unter einem körperlichen Schmerz.
+
+Doch sie besaß wohl wirklich die Hexenkraft, alles von seiner Stirn
+lesen zu können.
+
+»Pfui!« schrie sie laut auf.
+
+Wie einen blühenden Rotdorn, den der Sturm peitscht, so faßte der Zorn
+all die feinen Glieder in dem roten Gewande an. Der Betroffene sah sie
+sich förmlich zusammenkrümmen, dann riß sie ihr Kleid enger um sich
+zusammen, und vor Scham und Wut aufschluchzend stürzte sie auf den
+Alkoven zu.
+
+Das war der Stoß, den der über den Abgrund Gebeugte noch erhalten mußte.
+
+Als er diese prachtvollen wilden Bewegungen sah, diesen ganzen
+hinrasenden Zorn, da hatte die Hexe ihr Werk vollbracht. Wie es kam,
+wußte er später auch nicht mehr, er hielt sie mit seinen Armen
+umklammert, und mit hervorbrechender Angst flehte er, sie solle nicht
+weinen, alles, was sie nur wolle, würde er tun. Alles und jedes.
+
+»Ja?« fragte sie unter ihren Tränen siegreich lächelnd und sich von ihm
+befreiend.
+
+»Ja.«
+
+»Dann gib mir den Ring, den du da trägst.«
+
+Rasch steckte er den Reif an ihren Finger.
+
+»Was noch?«
+
+»Schwöre mir, daß du mich nie verlassen wirst.«
+
+»Nein, niemals.«
+
+»So nicht, bei unsrer Mutter. Draußen in Moorluke sollst du's tun.«
+
+In schüttelnder Angst stammelte er ihre Worte nach.
+
+Als der letzte Laut verklungen war, trat sie nochmals, wie prüfend,
+einen Schritt zurück, plötzlich aber stieß sie ein helles Jauchzen aus,
+und ihre Arme hoch über seinen Hals hebend warf sie sich stürmisch an
+seine Brust.
+
+ -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
+
+Das verblaßte Bild der Handarbeitslehrerin über dem Sofa errötete und
+schüttelte den Kopf, aber oll Chronos, der unten durch die einsame
+Straße fuhr, brummte hinauf: »Dummheiten, alte Schachtel, laß sie; es
+sind die Jahre.«
+
+ Ende des zweiten Buches
+
+
+
+
+Drittes Buch
+
+Philosophie und Liebe
+
+
+
+
+I
+
+
+Der Bodden lag in fauler Ruhe, wie ein träger Junge, der hinter der
+Schule eingeschlafen. Wenn das Boot, das an der Hafenmauer angeschlossen
+lag, ein wenig knarrte, dann war es, als ob die See in der prallen
+Sonnenhitze schnarche.
+
+Der Lügenlotse und Hann saßen an der Molenspitze und angelten. Und alle
+Augenblicke zog oll Kusemann unter schlauem Augenblinzeln ein zappelndes
+Barschlein aus der Flut und barg es sorglich in einem Wassereimer, der
+hinter ihm stand.
+
+»Föfteihn,« schmunzelte er.
+
+Nun wußte Hann zwar ganz gut, daß es nur zehn wären, doch er ließ seinen
+alten Kumpan gewähren.
+
+»Wie machst du das?« fragte er nur nach einiger Zeit, während der er
+nachdenklich auf die funkelnde Scheibe gestarrt hatte.
+
+»Hörst nicht?« erwiderte oll Kusemann stolz, »ich pfeif'.«
+
+Er gab einen zischenden Laut durch die Zähne, so daß Hann lächeln mußte.
+
+»Und darauf beißen sie an?« fragte er langsam.
+
+»I woll, darauf sind sie dich ganz versessen. Aber 's gehört Kunst dazu.
+Pass' eins auf.«
+
+Er befestigte einen frischen Wurm an dem Haken, spuckte darauf, und
+nachdem er von neuem ausgeworfen, harrte er, bis der Kork ein wenig zu
+zittern begann.
+
+Jetzt pfiff er und zog im selben Augenblick einen stattlichen
+Dreipfünder aus der See.
+
+»Wat sagst nu, Flesch?« fragte er triumphierend und klopfte seinen
+Gefährten herablassend auf die Achsel.
+
+Und wieder mußte Hann über die harmlose Tücke des Alten den Mund
+verziehen.
+
+»Schön,« lobte er.
+
+»Na, siehst,« brummte oll Kusemann sehr befriedigt.
+
+Aber das Gespräch wollte nicht weitergehen.
+
+War es die Glut, die ordentlich summend über das Wasser schlich, oder
+hing Hann anderen Gedanken nach, jedenfalls gewahrte der Lügenlotse mit
+Mißbehagen, wie sein Freund allmählich die Angel unter das Knie schob,
+um dann seine Augen unverwandt auf eine volle weiße Wolke zu richten,
+die zackig und blendend an dem blauen Horizont emporstieg. Aber diese
+Gleichgültigkeit verletzte oll Kusemann im Innersten, denn Nichtangeln
+erschien ihm direkt als ein Charakterfehler. So hustete er denn ein
+paarmal, spuckte ins Wasser, rückte hin und her und brummte endlich, als
+alle Versuche mißlangen, in sich hinein: »'s is nichts mehr los mit
+Hann. So macht er es all öfter. Na wart eins, mein Jünging.« Plötzlich
+schwenkte er aus Leibeskräften seine Mütze: »Line,« schrie er, wie
+besessen.
+
+»Wer? -- ja -- wo?« fuhr der Träumer erschreckt herum.
+
+»Je, ich meinte man,« sagte der Lotse stillglücklich über die gelungene
+List, »sie wär' ein hübsch' Mäten.«
+
+Hann sah ihn an, wurde blutrot, senkte den Kopf und kehrte sich wieder
+seiner Wolke zu.
+
+»Da soll doch ein Donner reinschlagen,« dachte oll Kusemann, als das
+Schweigen wieder anhob, »aberst ich weiß ja, er is ein Phi -- und so
+weiter, ich muß ihm woll näher aufs Fell rücken.«
+
+»Hanning,« fing er bedächtig an, während er sich ein Stück Priemtabak
+schnitt, »ich kenn einen, den du auch kennst, der das Pfeifen noch viel
+feiner versteht, als ich. Weißt, wer das is?«
+
+»Nein,« warf der Gefragte achtlos hin.
+
+»Dein Bruder Bruno.«
+
+Und der Lotse, der unter seinen gesenkten Lidern nach dem Burschen
+hinschielte, hatte die Genugtuung, daß sein Genosse unmerklich
+zusammenzuckte.
+
+»Wieso?« fragte er plump.
+
+»Ja, mein Jünging, ich wundre mich, daß du das nich weißt,« fuhr der
+Alte mit großer Behaglichkeit fort, »ich dacht mich nämlich, du müßtest
+das wissen, wie fein der angeln kann, solche hübschen, schlanken
+zappligen Dinger. Na, aber, wenn du dich nich mehr erinnern kannst, dann
+will ich dich gern draufbringen. -- Hm, ja, siehst du, -- es mag ja jetzt
+wohl so ein Stückener acht Wochen her sein, so ein paar Tag' nach
+Pfingsten, da war ich gegen Abend in der Stadt bei meinem Swager
+Bönhase, der die Kneipe am Rick hat. Na, und du weißt, ich bin ein
+Gutmütiger und kann Zureden, noch dazu von Verwandte, man swach
+widerstehen. Da hab ich denn en paar Glas mehr getrunken, -- aus purer
+Gutmütigkeit -- und weil mich mein Alwining das später immer anriechen
+tut, so bin ich nachher ein bischen auf den Wall spazieren gegangen, um
+mich die Geschichte auszulaufen.«
+
+»Mach rasch,« murmelte Hann dazwischen, dessen Augen immer größer und
+ängstlicher auf dem andern ruhten.
+
+»Kommt allens,« beruhigte oll Kusemann und rückte erst sorglich an
+seiner Angel. »Ümmer eins nach dem andern, sagte der Voß, als er die
+Küken auffraß -- na also, als ich da so in der Dunkelheit unter den
+Bäumen geh, denn die Kastanien machen da hellisch duster, potztausend,
+da seh' ich auf einmal auf einer Bank -- --«
+
+»Bruno und Line,« stammelte Hann, dessen Gesicht kupferbraun geworden
+war.
+
+»Sieh, wie fein du das raten kannst,« gab der Lotse schmunzelnd zu,
+spitzte den Mund und schmatzte in der Luft umher, als ob er unsichtbare
+Küßchen austeile, »aber sie hatten es damit gar zu eilig, denn sonst
+müßten sie mir und noch jemanden andern bemerkt haben, der da in dem
+Gestrüpp an der alten Mauer stand und mit langem Hals nach den beiden
+rüberkuckte. -- Weißt, wer das war?«
+
+Die Angel von Hann fiel hinunter und oll Kusemann mußte zugreifen, um
+sie noch im letzten Augenblick zu fangen.
+
+»Das weißt du auch?« quoll es erschreckt aus dem Burschen heraus,
+während er die Mütze abnahm, um sich den Schweiß zu wischen.
+
+»Ja,« entgegnete der andere und zerriß umständlich einen allzulangen
+Wurm, »wenn du wieder eins an solche Stellen gehst, Hanning, dann mußt
+du dich nich die Mütze mit den goldnen Tressen aufsetzen. Ich hab'
+Erfahrungen, die Dingers sünd zu verräterisch.«
+
+Hann glotzte den Erzähler an, dann blickte er wieder verdüstert in die
+Flut hinunter, durch welche die feinen Furchen des gelben Sandes
+deutlich hinausschimmerten, und versuchte endlich vor dem Aufhorchenden
+eine Erklärung zu stottern.
+
+Er wäre an jenem Abend in der Räucherei in der Stadt gewesen, Heringe
+abzuliefern, und da habe er das Paar plötzlich in größerer Entfernung
+vor sich gesehen. Nur um sie einzuholen, wäre er ihnen nachgegangen, und
+als sie sich später auf dem Wall befunden, da wäre alles so gekommen,
+wie es oll Kusemann eben vorgebracht. Er selbst -- Hann -- sei dann
+unbemerkt wieder die Böschung des Walles hinuntergestiegen.
+
+»Je, dann sind sie woll verlobt?« fragte der Lotse lauernd.
+
+Aber Hann wagte nichts zu entgegnen, sondern starrte verlegen in das
+Wasser, in dem die kleinen Stichlinge in Scharen hin und her huschten.
+
+Jedoch oll Kusemann ließ nicht so leicht locker.
+
+»Jünging, ich mein', er hat doch deine Eltern von seine Absichten in
+Kenntnis gesetzt? Was?«
+
+»Ja,« murmelte Hann beinah unverständlich und wischte sich wieder
+Schweiß. Aber die Lüge stand ihm auf dem Gesicht geschrieben.
+
+»So -- so,« meinte oll Kusemann gedehnt, wobei er seine schiefgestellten
+Augen nachdenklich zukniff, um sich dann langsam den spitzen Kinnbart zu
+streichen. -- Und blinzelnd fuhr er fort: »Ja, ja, bei diesen ollen,
+lütten, nüdlichen Liebschaften hat jeder seine eignen Moden. Da hält der
+eine so'n Dings gern auf'n Schoß und der andere versteckt sich vor ihr
+hinter Fischnetze. -- Aber laß -- da beißt gerade wieder solch ein
+Biest.«
+
+Er wollte den zappelnden Barsch in den Eimer werfen, doch ohne Übergang
+fühlte er sich von Hanns starker Hand fest am Arm gepackt.
+
+»Oll Kusemann?«
+
+»Was?«
+
+»Das letzte.«
+
+»Hanning -- laß mich los.«
+
+»Nein -- erst sag'.«
+
+»Herr Gott, was is denn? -- Du drückst mich ja. -- Ich habe eben Augen,
+die sehen, wenn eine Mücke ins Wasser spuckt; und wenn ein paar Tag'
+nach der vorigen Geschicht' Klara Toll hier vorübergeht und du auf der
+Wiese sitzt, dich aber vor ihr hinter den Stellnetzen versteckst, so daß
+sie ruhig wieder nach Hause gehn muß, dann soll ich das nich sehen?«
+
+In der dicken, sengenden Glut fühlte Hann, wie ihm etwas Kaltes über den
+Rücken rann. Dann stöhnte er plötzlich qualvoll auf und nahm den Kopf in
+beide Hände: »Ja, ja, das hab' ich getan.«
+
+»Na, was denn?«
+
+»Daß ich ihr aus'm Wege geh'. Es is sehr unrecht -- aber ich muß in
+dieser Zeit in meinem Sinn immer an die beiden andern denken. Ich kann
+nicht dafür. Oll Kusemann, weißt du, woran das liegt?«
+
+»I, ja, Hanning, du büst eben ein Phi -- -- und so weiter.«
+
+Eine Weile blieb es still zwischen den beiden.
+
+Leise summend platzten die Wasserblasen in der glasigen Hitze, der
+Seetang strömte einen immer strengeren Geruch aus, und immer zackiger
+türmte sich hinten am Horizont das Wolkengebirge empor. Und da, begann
+nicht ganz fern und verschwommen schon etwas zu rollen?
+
+»Gewitter,« meinte der Lotse und roch nach dem Regenduft in der Luft
+aus. Jedoch in demselben Augenblick griff Hann krampfhaft von neuem mit
+beiden Händen nach dem Arm des Alten.
+
+»Mußt mich was versprechen.«
+
+»I, gern.«
+
+»Nich drüber reden, was wir heut hier erzählt haben.«
+
+»I, wo werd' ich? -- Aber sieh, Hann« -- und der Lügenlotse streichelte
+halb zärtlich, halb verschämt über das Knie des Burschen -- »da hat eure
+kleine Spitzhündin neulich geworfen, -- und sieh, wenn du mich so einen
+von die lütten Spitze geben würdest, ja, dann würd' ich noch einmal so
+gut dran denken, denn ich bin sehr vergeßlich.«
+
+Hinter den Wassern murrte es deutlicher.
+
+»Das wird tüchtig,« meinte oll Kusemann, als die beiden Angler sich
+erhoben, um die Schnuren aufzuwickeln. »Na, kann ich mich den lütten
+Spitz holen?« -- Und als Hann wortlos genickt hatte, da faßte der
+Lügenlotse den jüngeren zufrieden unter den Arm und knurrte: »Ich tu' es
+eigentlich bloß zu deinem Vorteil, Hann, denn sieh, es is gut, wenn der
+Mensch ein Erinnerungszeichen hat. Aber nu komm, es wird tüchtig.«
+
+ -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
+ -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
+
+Und es wurde tüchtig.
+
+Über der Stadt, ganz dicht auf den Dächern hatten sich die
+Wetterschlangen ihr schwarz-blaues Nest gebaut. Und nun fuhren die roten
+Nattern herab, lustig, tänzelnd, schlängelnd, und wenn sie an den
+Fenstern der Städter vorbeizuckten, dann wisperten sie ihnen mit
+tückisch-glühenden Augen etwas zu: »Kuck, Dirning,« zischelte eine,
+während sie vor dem Fenster tanzte, hinter dem Fräulein Dewitz und Line
+saßen, »da unten geht er, an den du denkst. -- Aber mußt es ihm sagen --
+sagen -- sagen --. Wissen werden es doch bald alle, wissen -- wissen.
+-- Mach schnell -- zisch!«
+
+Da schlug es ein.
+
+Ein lang anhaltendes Knattern lief durch die Straße, die Häuser bebten.
+
+Line wurde schneebleich, doch ihre Augen behielten den trotzigen Glanz,
+als sie jetzt ihr dunkles Köpfchen wandte, um dem jungen Manne
+unmerklich zuzuwinken, der auf der andern Seite der Straße trotz des
+prasselnden Regens im Vorbeieilen zweimal den Hut schwang. --
+Bedeutungsvoll fast, wie ein Zeichen.
+
+»Sieh,« sprach Fräulein Dewitz mit zitternder Stimme, wobei sie um alles
+in der Welt nicht die ängstlich gefalteten Hände gerührt hätte, »er ist
+und bleibt doch ein wohlerzogener junger Mann. Selbst in diesem Wetter
+hat er jede von uns besonders begrüßt. Das ist Anstand, Kind. Mein Gott,
+wenn es doch nur bald vorüber wäre.«
+
+Es war ein wildes, fast unmutiges Lächeln, das bei diesen Worten der
+Handarbeitslehrerin um Lines Lippen ging. Sie hätte sich ja über dieses
+verabredete Zeichen des Vorübereilenden freuen müssen, denn es
+bedeutete, daß irgend einer der Pläne Brunos zum glücklichen Ziele
+gelangt sei.
+
+Aber -- aber -- -- --
+
+Was er wohl treiben mochte?
+
+Sie konnte es nicht ergründen. So oft sie auch fragte. Aber er hielt
+fest an ihr. Er hatte es ihr ja damals geschworen, und sie fühlte auch
+selbst, wie groß ihre Macht über ihn war. Das blieb doch die Hauptsache.
+
+Zudem gab er sich auch sonst fast immer so froh und hoffnungsvoll, und
+so waren es wohl nur die vielen Pläne, welche die Zukunft von ihnen
+beiden sicherstellen sollten, die ihn manchmal zerstreut und unrastig
+erscheinen ließen.
+
+Aber gottlob, er hatte ihr ja geschworen, und bald, bald hatte sich wohl
+alles gefügt; und was sich jetzt mit solcher Schwere auf sie senkte, das
+war wohl nur diese dumpfe Schwüle, denn Fräulein Dewitz litt nicht, daß
+das Fenster geöffnet würde.
+
+Es prasselte und zischte um die Scheiben.
+
+Und da zuckte auch schon wieder solch rote Schlange und äugelte unter
+dem Regen nach ihr hin: »Mußt es ihm sagen -- sagen, eh' sie es alle
+wissen -- wissen! -- Zisch!«
+
+»Was ist dir, Lining?« erkundigte sich die alte Dame.
+
+»Mir? nichts -- Es ist nur die Schwüle.«
+
+»Ja, ja, wenn das Wetter nur erst vorüber wäre.«
+
+ -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
+ -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
+
+Aber das Wetter wollte nicht.
+
+Es war, als ob es wüßte, daß es heute etwas Entscheidendes zu erfüllen
+gäbe.
+
+Die Wetterhexe in ihrem Wolkenrock, mit Regenruten in der knochigen
+Faust, lief über den Bodden und peitschte auf die kleinen Hafenwellen
+ein, die herausgekommen waren, um auf dem Plan mit weißen Kränzen im
+Haar Ringelkranz -- Rosentanz zu spielen.
+
+»Töwt ji Marjellen, willt ji woll to Hus[2].«
+
+Da stürzten die Kleinen schreiend nach Hause, aber am Hafeneingang da
+stand der Donner-Alte, der schrie, daß es fürchterlich über das Land
+hallte: »Hier vörbie -- hier vörbie, ick fret juch up[3].«
+
+Da gab's kein Halten mehr.
+
+Schreiend, heulend, halb ohnmächtig vor Angst, drängten und stießen sich
+die kleinen Wellen vorbei, ballten sich zusammen, traten sich
+gegenseitig unter die Füße, rissen ihre weißen Kleidchen in Fetzen und
+kreischten in Todesfurcht: »Mudding, Mudding, to Hülp.«[4]
+
+»Töwt, ick ward juch helpen,«[5] dröhnte der Alte, und schleuderte mit
+voller Wucht einen Blitz gegen die Brücke, unter der sich die Kleinen
+gerade verbargen.
+
+»To Hülp -- to Hülp.«[6]
+
+»Krach,« ächzte das morsche Holz und stürzte bis auf ein paar Balken
+kopfüber in den gischtigen Strom.
+
+Die Wetterhexe kreischte laut auf vor Vergnügen.
+
+»Dat's recht -- dat's recht.«
+
+»Kiek,« sagte der Donner-Alte, »wat ick oll Mann noch bi Kräften bünn --
+aberst nu kumm, Ollsching, nu willen wie mal 'n recht schönen
+Schottischen danzen.«[7]
+
+Und damit hopsten die beiden Alten wieder auf dem Bodden herum.
+
+ -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
+
+Am Bollwerk standen die Moorluker und redeten darüber, daß es nach dem
+Einsturz der alten Brücke keine Verbindung mehr zwischen Moorluke und
+dem gegenüberliegenden Dorfe gäbe.
+
+In Strömen prasselte der Regen dabei hernieder, und über Fluß und Land
+leuchtete es an diesem Nachmittag blau und schwefelgelb.
+
+»Dat's slimm,« meinte der wassersüchtige Lotse Pagels mit dem
+verschnürten Bein.
+
+»Wieso?« fragte Siebenbrod und stellte in seinem Kopf bereits eine
+Rechnung an. »Da kann jetzt einer mit einer Fähre ein schönes Geschäft
+machen.«
+
+»Schön -- schön, das kommt alles davon her,« fuhr der spindeldürre,
+lange Lehrer Toll dazwischen, »daß das olle Ding nicht versichert war,
+denn bei Versicherten schlägt's nie ein. -- Noch kein Fall dagewesen,
+Herrschaften. -- Na, also.«
+
+Aber ehe diese Anspielung noch recht verstanden wurde, quiekten
+plötzlich durch den aufklatschenden Regen und das Heulen des Windes
+Harmonikamelodien hindurch. Es war, wie wenn die Weise aus dem Fluß
+dränge.
+
+Was war das?
+
+Alles schwieg.
+
+»Herr Gott, Kinder, es wird doch nicht etwa Malljohann sein?« fragte oll
+Kusemann. »Sein Schiff liegt hier.«
+
+Und durch den Haufen drängte sich ein großes, starkknochiges Weib. --
+Frau Dörthe Petersen, der weibliche Kapitän.
+
+»Herrgott, was wollt's nich -- was wollt's nich,« jammerte sie und rang
+die Hände. »Bei Gewitter schleicht er sich immer auf die Brücke und
+sagt, er müsse gegen den Donner aufspielen. -- Was kann da einer für?«
+
+»Malljohann -- Malljohann!« riefen drei, vier Stimmen, um ihn
+anzulocken.
+
+»Der Mann hatt' doch nu mal solche Gedanken in seinen Kopf,« klagte das
+Weib weiter und beugte sich über das Bollwerk verzweifelt gegen die
+zerrissene Brücke vor: »Huch,« kreischte sie plötzlich, »kiekt -- oh,
+kiekt da -- da sitzt was, wie sein Gespenst -- o Gott, o Gott, wie ich
+mich fürcht'.«
+
+Alle drängten sich um sie, alle starrten mit den seegeübten Augen durch
+Dünste, Gewitterwolken und den Regen hindurch, der wie ein graues
+Fischernetz alles umwob.
+
+Richtig, da -- mitten im Fluß -- auf den drei einzelnen,
+stehengebliebenen Balken, da regte sich etwas Braunes -- und jetzt, wo
+der Donner wieder über die vernebelten Wiesen knatterte, da
+unterschieden sie von neuem ein schwaches Getön.
+
+»O je -- o je,« heulte Frau Dörthe, »hört bloß -- hört bloß, jetzt
+spielt er: Wer nur den lieben Gott läßt walten -- Und wie spielt er.«
+
+Nun drängte und schrie alles durcheinander.
+
+Man müsse Bretter bis zu den Balken legen. Aber die würden nicht
+anhaften. Vielleicht einen Strick hinüberwerfen, allein der Verrückte
+rührte sich ja gar nicht. Oder ob man es trotz des weißen Strudels mit
+einem Boot versuchte? --
+
+»Ich würd's tun,« erbot sich oll Kusemann. »Ich hab' all vier Menschen
+gerettet.«
+
+»Ja woll, oll Kusemann -- oll Kusemann,« stimmte alles zu.
+
+»Aberst ich hab' heut grad meinen lahmen Tag,« kam der Lotse hinterher.
+
+»Den wird er wunderbar erhalten,« quiekte die Harmonika durch den Regen.
+
+»Hört bloß -- hört bloß,« heulte wieder die Frau.
+
+»Hanning?« rief der Lügenlotse durch den Lärm, »wo is Hann Klüth?«
+
+»Hier -- was soll er? -- da steht er neben der Frau,« antworteten
+einige.
+
+Oll Kusemann legte dem Burschen, der tiefsinnig auf das zertrümmerte
+Brückenwerk hinübersah, salbungsvoll die Hand auf die Schulter.
+
+»Hanning, der Mensch soll für seine Mitmenschen was tun. Nich so?«
+
+Aber der lange Lehrer Toll, der für seinen künftigen Eidam fürchtete,
+drängte sich aufgeregt und gestikulierend dazwischen: »Schön,
+Herrschaften, aber das ist ja der reine Unsinn. Es ist doch man einer,
+der seinen Verstand nicht voll hat.«
+
+»Seinen Verstand nich? Wieso?« sprach Hann Klüth, indem er immer noch
+nachdenklich zu Boden sah. »Ich frag man, hat er sich nich auf den
+einzigen Balken gesetzt, der noch steht? Und spielt er nich mitten in
+den Tod ein geistliches Lied? Wenn er das mit einem kranken Verstand
+tut, was würd' er erst mit einem gesunden tun? Ne, ich hab' mich all
+ümmer gedacht, wir verstehen ihn bloß nich. -- Um den wär's schad'.«
+
+Mit einer schnellen Bewegung ließ er sich über das Bollwerk gleiten, in
+ein Boot hinab, das bereits halb voll Regenwasser stand.
+
+Ihm nach kletterte noch eine zweite herkulische Gestalt, der taubstumme
+Riese Muchow, dem die Sache großen Spaß zu bereiten schien: »Hü -- hü,«
+schrie er erregt und zeigte auf das Pfahlwerk.
+
+Und kaum war das Boot losgebunden, so ward es von der Wucht des Stromes
+in einer Sekunde gegen den aufragenden Balken geworfen, so daß alle
+Rippen krachten. Im nächsten Augenblick jedoch umklammerte Hann bereits
+den Pfahl, zog den Musikanten, der gleichgültig alle Vorbereitungen
+mitangesehen, an den Beinen in das Fahrzeug und stieß darauf mit so
+gewaltiger Kraft von dem Balken wieder ab, daß der Nachen knirschend auf
+den Ufersand schoß.
+
+»Hurra!« schrien die Moorluker entzückt.
+
+Der Taubstumme umklammerte den Harmonikaspieler, hob ihn in die Höhe und
+warf seine Ladung gleichmütig wie einen Sack ans Land.
+
+Dann sprang er selbst unter allen Anzeichen der Freude heraus. »Hü --
+hü,« gurgelte er, »Eierkauken.«
+
+»Hurra,« schrien die Moorluker von neuem. »Nun Hann noch.«
+
+Aber was war das? Ein vielstimmiger Ausruf des Entsetzens.
+
+Eine einzige, wütende Woge war es, die das erleichterte Schifflein hoch
+in die Höhe hob, um es dann mit der Breitseite krachend gegen das Ufer
+zu schleudern. Hann flog kopfüber hinaus, hieb mit der Stirn gegen den
+Zacken eines eisernen Ankers, und in seinem letzten Augenblick war es
+ihm, als ob die Sonne glühend und blutrot vor ihm unterginge.
+
+»Line,« stöhnte er.
+
+»Hann -- Hanning -- Hann Klüth.«
+
+»Das kommt davon,« sagte Siebenbrod, »der Bengel is immer solch ein
+Dämlack gewesen. Nu muß ich auch noch die Doktorkosten bezahlen.«
+
+ -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
+ -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
+
+Es war gegen Abend.
+
+In seiner Bodenkammer hatten sie ihn auf den engen Wandschragen
+gebettet.
+
+Zwei Frauen saßen bei ihm.
+
+Mudding, die von Siebenbrod mit ihrem Stuhl hinaufgetragen war, und die
+nun hilflos zusehen mußte, wie Klara Toll neben dem Hingestreckten saß,
+um ihm unausgesetzt kühlende Umschläge auf den Kopf zu legen.
+
+Sie konnte so gar nichts helfen, das arme, alte Mudding mit ihren
+geschwollenen Füßen, aber stets wenn das schweigsame Mädchen dort in die
+Schüssel langte, dann streichelte die Alte langsam über ihre nasse Hand
+und murmelte: »Lieb's Döchting.«
+
+Es war beängstigend still in dem schmalen, dämmrigen Raum. Nur zuweilen
+hörte man das Plätschern des Wassers und Klaras tiefe, zurückgepreßte
+Atemzüge.
+
+Das Fenster stand offen.
+
+Draußen hatte das Gewitter ausgetobt, ein ganz feiner rieselnder Regen
+fiel noch, aber hinten über den dampfenden Wiesen sah man die Sonne
+glühendrot hinter blaugrauen Schleiern untergehen. Ein leichter Wind
+schüttelte die nassen Pappeln vor dem Häuschen, und von überall her
+erhoben sich die erquickenden See- und Heudüfte.
+
+So mochte wohl eine Stunde vergangen sein.
+
+Hann lag mit starren, offenen Augen, ohne sich zu bewegen, er rührte
+sich auch nicht, als Klara Toll sich leise über ihn beugte, um ohne
+Furcht und Scheu vor der alten Frau ihren Mund auf seine Stirn zu
+pressen.
+
+»Lieb's Döchting,« murmelte die Alte wieder und langte nach der Hand des
+Mädchens. »Lieb's Döchting.«
+
+Klara Toll wandte sich und sah Hanns Mutter an. Dann streichelte sie
+behutsam über das schlichte Haar der Matrone. Die Alte schlang ihren
+zitternden Arm um die Hüfte der vor ihr Stehenden und drückte sie an
+sich.
+
+»Du bist die Rechte,« sagte sie dann nach einiger Zeit.
+
+Dunkler und dunkler war es inzwischen geworden. In einem weiten
+Dunstkreis erschien der Mond am Himmel und leuchtete verschwommen durch
+die nassen Pappelzweige.
+
+Aus dem Garten rief stark und kräftig eine Schwarzdrossel.
+
+»Mudding?« flüsterte Klara.
+
+»Was?«
+
+»Sieh.«
+
+Hann hatte sich aufgerichtet, sah auf die flirrenden Mondlichter, die
+auf der Wand tanzten, und langte dann nach den beiden dunklen Gestalten.
+
+Hoffnungsvoll gab ihm Klara die Hand.
+
+Erstaunt und lange musterte der Kranke das Mädchen. Dann begann er:
+»Bist du nun da, Lining?«
+
+»Hann,« rief Mudding erschreckt.
+
+»Still,« verwies Klara, setzte sich zu dem Kranken auf den Bettrand und
+strich ihm die nassen Haare von der Stirn. Die Berührung schien dem
+Kranken wohl zu tun. Wenigstens hielt er die Finger des Mädchens fest
+umspannt.
+
+»So,« äußerte er endlich nach einiger Zeit, »so ist's gut.«
+
+Dann wurde er wieder unruhig.
+
+»Lining,« hob er von neuem an, »ich krieg das nich aus'm Kopf, ich muß
+immerzu daran denken. Immerzu. Das mit Bruno, Lining« -- seine Stimme
+nahm einen flehenden Klang an: »Es ist doch allens recht und in Ordnung
+mit ihm? -- Ich kann gar nicht mehr schlafen -- denk', ich geh Klara
+Toll immer aus'm Weg -- oll Kusemann weiß es auch all -- -- Ach Lining,
+wenn du doch immer hier im Haus geblieben wärst.«
+
+»Klara,« rief Mudding erschrocken und beschämt, »er is nich bei
+Verstand.«
+
+»Ja, er fiebert,« sprach das Mädchen, ohne sich zu rühren und ohne
+aufzuhören, die Finger auf des Leidenden Stirn zu legen.
+
+»Und wie du getanzt hast, Lining -- weißt noch?
+
+»Und die Molle voll Goldstücke aus der untergesunkenen Stadt -- Und im
+Gefängnis, da hab' ich auch immer an dich gedacht -- ich krieg dich
+nicht aus'm Kopf. -- Aber die Angst -- die Angst --«
+
+Die kleine Frau wand sich in der Dunkelheit in ihrem Stuhle hin und her
+und rief endlich nach Licht. Man solle Licht anstecken. Es müßte hell
+werden.
+
+Klara folgte. Nach kurzer Zeit brannte auf dem Stuhl neben dem Lager ein
+Talglicht. Dessen Flämmchen zuckte vor der einströmenden Luft hin und
+her. -- Wie die Seele des Kranken.
+
+Er sah sich in der unsicheren Helle ungewiß um.
+
+»Klara,« murmelte er endlich.
+
+»Ja, Hann -- kennst du mich?«
+
+»Ja, ja -- was wollt ich nicht? -- Aber -- aber war noch jemand hier?«
+
+»Nur Mudding.«
+
+»Mudding -- ich dacht' man,« flüsterte Hann und sank zurück, und noch
+einmal kam es ganz leise: »Ich dacht' man -- --«
+
+Dann ward es still.
+
+ -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
+
+Es war beinah gegen Mitternacht, da saß auf der Bank vor dem Lehrerhaus,
+vor dem die blühenden Fliederbäume ihre Düfte in die Nacht hauchten, ein
+Mädchen und hatte das Haupt in beiden Händen verborgen, als sollte es
+noch dunkler um sie werden, und dachte nach und sann und sann.
+
+Von fernher strich ein Windzug über das einsame Meer, der stieß an die
+Kirchturmglocke.
+
+Es war, als ob die Nacht über ihre Verlassenheit seufzte. Und das
+Mädchen stand auf und tastete umher, wie wenn sie etwas suche, was sie
+nicht finden könnte, und schüttelte den Kopf und sann und sann.
+
+
+
+
+II
+
+
+Inzwischen zog der Sommer ins Land.
+
+Der Konsul war mit seiner Tochter und ihrem Verlobten in das vornehme
+belgische Seebad gereist und die Geschäfte ruhten fast ausschließlich in
+den Händen mehrerer alter erprobter Prokuristen, sowie des
+unternehmenden Bruno. Und die Zeit forderte gerade in diesem Sommer die
+Unternehmungslust der Reedereien heraus.
+
+Jenseits des Ozeans, vor Kuba, waren eines Morgens die amerikanischen
+Kanonen von selbst losgegangen und hatten mit ihrem Donner auch die
+deutschen Philister aus den Betten gejagt, die kleinen Rentner, die
+einen Teil ihres Ersparten in spanischen Werten angelegt hatten.
+
+Aber noch lag ein spanisches Geschwader unversehrt in einem Küstenwinkel
+der Neuen Welt -- man wußte nur nicht genau, wo. -- Diese Flotte konnte
+hervorbrechen, konnte den Admiral Dewey überraschen, konnte -- -- -- --
+die Spekulanten fieberten, die Depeschen flogen. -- --
+
+Für Bruno war dies eine gute Zeit. So angespannt, erregt und voll froher
+Laune hatte er sich noch nie befunden.
+
+Ja, ja, Herzdame war für ihn eine gute Karte. Sie schlug.
+
+Sie schlug wirklich. Er hatte jetzt stets das Portemonnaie voller
+Goldstücke und die Brieftasche gefüllt mit Scheinen. Zu Mittag, in der
+vornehmen Weinhandlung von Kroll, trank er jetzt beständig eine halbe
+Flasche Champagner, und für Line ersann er die zierlichsten
+Überraschungen.
+
+Ach, was war doch Line für ein reizendes Liebchen. Wie wild, wie
+selbstvergessen hing sie an ihm, wie unberechenbar und wechselnd waren
+ihre Launen, die sie doch in seinen Augen nur begehrenswerter erscheinen
+ließen. Und dann -- er merkte es deutlich -- in der letzten Zeit war
+dieses kratzende Kätzchen bereits zahmer geworden, fügsamer; ihr Trotz
+verschwand. Denn nur so konnte er es sich auslegen, daß sie häufig in
+den knappen Augenblicken, wo sie sich beide unbelauscht zusammenfinden
+konnten, kaum die Augen erhob, so schweigsam war und zu dem meisten
+Beifall nickte.
+
+Nur, wenn er, was er so gerne tat, von der Zukunft sprach, dann konnte
+sie ihn mit dem feinen Gesicht, das jetzt manchmal so blaß aussah, so
+dringend, so fordernd ansehen, daß er oft ganz betreten wurde.
+
+Was konnte das bedeuten?
+
+Ja, ja -- sie wünschte wohl das Ende, ihre Gedanken hatten sich gewiß in
+dem langen, wehenden Brautschleier verfangen; und der sollte auch bald
+um ihr Haupt fließen -- aber ihre kleinen Füße mußten dann in goldenen
+Schuhen wandern, denn in solch kleine Beamtenexistenz würde sich ja
+dieses lebenshungrige Geschöpf nicht fügen; dazu hatte er ihr die
+Zukunft schon zu herrlich ausgemalt -- und auch er ertrug solche
+Beschränkung nicht, er sicher nicht; das durfte nicht das Ende sein.
+
+Schließlich gehörte ja nur ein einziger harter Entschluß dazu, den mußte
+er eben fassen. Alle kleinen Versuche waren ja bereits geglückt!
+
+Und doch!
+
+Wenn er so des Morgens durch die alten Bureaus ging und den leeren Platz
+des Konsuls mit dem durchgedrückten Lederkissen sah, die abgeschabten
+verbrauchten Pulte, den erblindeten alten Koloß von Geldschrank, dann
+befiel ihn Zaghaftigkeit, dann starrte er vor sich hin und seine
+Kollegen mußten mehrmals fragen, bevor er Antwort erteilte.
+
+Und eines Morgens erhielt er doch in diesem Schwanken eine Nachricht,
+die ihn hätte alarmieren müssen.
+
+Ein jüngerer Beamter trat vor ihn.
+
+»Wissen Sie schon?«
+
+Keine Antwort.
+
+»Die amerikanischen Schiffe sollen durch feindliche Minen total
+vernichtet sein --«
+
+»Was? -- was sagen Sie?«
+
+»Hier -- Depesche aus London.«
+
+Bruno taumelte auf.
+
+Da war es! -- Da war der Moment, der ergriffen werden mußte.
+
+Aber er stand und sah mit zitternden Händen auf die Gesichter der
+Beamten, sah auf die alte verräucherte Tapete, hörte auf das Knarren der
+Drehböcke und richtete seinen Blick verwundert auf den Verschlag, hinter
+dem der Kassierer, ein gebücktes, zitterndes Männchen mit blauer Brille,
+seit Jahrzehnten die Häufchen der Kassenscheine schichtete und den
+Abgang mit Kreide auf den Zähltisch schrieb.
+
+Langsam sanken ihm die erhobenen Hände, die Depesche flatterte zu Boden,
+ein leises Stöhnen entrang sich der gequälten Brust.
+
+Das um ihn herum, das Alte, Solide hatte noch einmal seine Macht geübt.
+Der Brauch, die Gewohnheit erwies sich noch einmal als der Stärkere.
+
+Er stand und lauschte ängstlich auf das Kritzeln der Federn, das
+Rauschen der Folioseiten und das Ächzen des alten Geldschrankes, als
+sollten ihm alle diese etwas Tröstliches sagen. Und von dem Platz des
+Konsuls schien eine spöttische Stimme zu dringen: »Na, Klüthchen, wieder
+mal so tief in Gedanken?«
+
+ -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
+ -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
+ -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
+
+»Lining,« sagte Fräulein Dewitz an demselben Nachmittag, »du gehst so
+viel hin und her, mein Kind, ohne recht eine Arbeit anzufassen; die
+Strümpfe zum Beispiel, die du für mich stricken sollst, liegen nun
+schon seit ein paar Tagen unberührt auf dem Nähtisch; was ist dir denn?
+-- Du siehst auch so bleich aus und lachst gar nicht mehr, wie früher.«
+-- Sie rückte sich ihre Brille zurecht und blickte das Mädchen forschend
+an: »Fehlt dir etwas?«
+
+Die Gefragte blieb stehen und verzog den Mund zu ihrem alten Lächeln:
+»Nichts,« erwiderte sie gleichgültig, und doch ballten sich ihre Hände
+fast krampfhaft und öffneten sich wieder, ohne daß sie es selbst fühlte.
+
+Die Handarbeitslehrerin, die auf dem Tritt am Fenster saß, um beim
+Kaffeetrinken durch den Fensterspiegel die Vorübergehenden zu
+beobachten, setzte ihre Tasse nieder und wollte ihre Pflegebefohlene auf
+andere Gedanken bringen.
+
+»Was ich dir noch sagen wollte, Lining,« sprach sie, »heute vormittag,
+als du auf dem Markt warst, da war dieser alte schnurrige Lotse aus
+Moorluke wieder hier, der sollte uns nämlich einen Gruß von deiner
+Mutter bestellen und erzählte, daß es deinem Bruder Hann schon seit
+langem wieder besser ginge. Darüber freute ich mich sehr, und da
+behauptete der Lotse, er werde Hann die Rettungsmedaille verschaffen,
+denn, wie er sagte, wäre er ein genauer Freund von unserem Landrat,
+worüber ich wieder herzlich lachen mußte. Aber --« die alte Dame schob
+sich die Brille auf die Stirn, »Lining, was ist denn das? du hörst ja
+gar nicht zu?«
+
+Line stand vor ihr und wurde bald blaß, bald rot.
+
+»Ich weiß auch nicht,« stieß sie plötzlich entschlossen hervor, »ich
+möchte ein bißchen an die Luft.«
+
+Die gute alte Dame wurde wirklich besorgt.
+
+»Ja, ja, Lining, tu das und bringe mir gleich etwas aus der Bibliothek
+mit. Am liebsten wieder einen historischen Roman. Etwas, was
+unterhaltend und belehrend zugleich ist. Weißt du, wie neulich diese
+Christenverfolgungen. Daran habe ich mich sehr erbaut. Nun sput dich
+aber, mein Kind, daß du zum Abendbrot wieder zurück bist.« -- --
+
+Kurz nach Bureauschluß stieg Bruno die engen Treppen des Hinterhauses
+hinauf, in dem er, sowie einige höhere Beamte Hollanders wohnten.
+
+In seiner Hand hielt er die Morgenausgabe der »Stralsundischen Zeitung«,
+in der ebenfalls die Gerüchte über den großen spanischen Seesieg genau
+verzeichnet standen.
+
+»Wenn man das sicher wüßte,« dachte er, während die Stufen unter ihm
+ächzten, »aber die Gefahr, diese fürchterliche Gefahr.«
+
+Und ihm fiel das kleine Lotsenhaus in Moorluke ein, und die Angst senkte
+sich wieder auf seinen Nacken, als hätte er eine überschwere Last die
+Treppen hinaufgetragen.
+
+»Wer da einen Weg wüßte?«
+
+Schwerfällig wie nie, zerrüttet von seinen eigenen Gedanken, betrat er
+sein kleines Zimmer, das noch in Dunkelheit lag.
+
+Er schritt an den Tisch und wollte nach Zündhölzern suchen; da knisterte
+etwas.
+
+Bruno hielt inne.
+
+Von dem Stuhl am Fenster erhob sich eine Gestalt, die rasch auf ihn
+zueilte, um ihm die Hand auf den Arm zu legen, als wolle sie ihn
+hindern, den Raum zu erleuchten.
+
+Die Hand zitterte.
+
+»Bruno.«
+
+»Herrgott, Line. Wie kannst du hierher kommen? Wenn dich jemand gesehen
+hätte?«
+
+»Darauf kann ich jetzt keine Rücksicht nehmen. Du mußt mich anhören.«
+
+»Lining; was hast du denn? -- Soll ich nicht Licht machen?«
+
+»Nein.«
+
+Und dann trat sie ihm noch näher, ihre Finger umspannten seinen Arm
+fester und fester, und mit heiserem Flüstern teilte sie ihm ihr
+Geheimnis mit.
+
+Allmählich erstarb das Raunen, Ruhe trat ein; es waren zwei
+schreckensbleiche Gesichter, die sich jetzt in der Dunkelheit ratlos
+anstarrten.
+
+Aber dann -- sie hatte sich nicht geirrt. Erschüttert, wie er war, fiel
+er vor ihr nieder, umklammerte sie in der Dunkelheit, und unter
+hervorbrechenden Tränen, zerschmettert in seiner nachgiebigen Natur,
+küßte er ihre Füße, ihre Hände, und zwischen tausend Schwüren und Bitten
+suchte er ihr ihre Angst auszureden, während sein eigenes Herz zitterte.
+
+Zukunftsbilder, rosig, leuchtend, bestrahlt von seiner augenblicklichen
+Erregung, kamen ihm wieder wie von selbst in den Mund; aber sie ließ
+sich nicht mehr irre machen: »Also acht Tage noch,« drängte sie »dann
+kommst du zu Fräulein Dewitz?«
+
+»Gewiß -- gewiß -- wie kannst du nur fragen?«
+
+»Und auch zu den Unseren nach Moorluke.«
+
+Auch das beteuerte er, und tief aufatmend, erleichtert, bot sie ihm den
+Mund.
+
+»Weißt du,« sagte sie, wie zu sich selbst, »ich glaube, wenn du schlecht
+gewesen wärst, ich hätt' mit einem Messer nach dir gestochen.«
+
+»Line,« stammelte er.
+
+»Nein, nein.«
+
+Und wieder reichte sie ihm die Lippen und war im nächsten Moment die
+Treppen hinuntergehuscht.
+
+Er blieb allein und blickte auf die Stelle, wo sie gestanden. Dabei
+wunderte er sich, daß vor dem Ereignis die Qual seiner Gedanken
+plötzlich von ihm genommen war, er konnte überhaupt nicht mehr
+nachsinnen, sondern stand und horchte halb teilnahmlos auf das Klopfen
+seines eigenen Herzens.
+
+Wie das hämmerte!
+
+Ob das Angst war?
+
+Angst? Wovor?
+
+Wovor?
+
+Und plötzlich war das jagende Entsetzen wieder da. Unheimlich sausende
+Bilder blitzten an seinem geistigen Auge vorbei, immer schneller und
+folgerichtiger, der Atem in seiner Brust schien stillzustehen.
+
+Was nun?
+
+Nun kam eben die Arbeit, die Arbeit für Weib und Kind, die ewig gleiche
+Mühe eines kleinen Beamten. Morgens -- mittags -- abends, immer würde
+der Drehbock vor seinem Pulte knarren, immer fühlbarer das
+Abhängigkeitsverhältnis werden, immer mehr die Freuden schwinden, nach
+denen er gehungert. Denn ein kleiner Beamter spart.
+
+Kein Vergnügen, kein Luxus, keine Reisen mehr. Sparen -- sparen.
+
+Zornig warf er die Hand vor, als wollte er nach dem Worte schlagen, das
+ihm in seiner Jugend bereits so viel Pein verursacht, aber die Bewegung
+brachte ihn nur noch mehr in die Gegenwart zurück.
+
+Lieber Gott im Himmel, es mußte ja sein, sofort, schnell, überstürzt,
+ehe die Katastrophe da war, -- denn ein Zögern, ein Entrinnen gab es
+nicht mehr.
+
+Oder doch? -- Oder doch?
+
+Mitten in der kleinen dunklen Stube wurzelte er plötzlich fest. Mit
+blendender Deutlichkeit, farbenprächtig, als ob er herrliche Lichtbilder
+sähe, flog es an ihm vorüber.
+
+Was war das?
+
+Wogende See, Schlachtflotten, Kanonendonner, und dann wieder das Drängen
+und Wogen erregter Menschen an der Hamburger Börse. An den schwarzen
+Kurstafeln erscheinen und schwinden die Zahlen -- -- Freudenrufe werden
+laut. -- Nein, nein, nicht daran denken.
+
+Nur diesem einen Gedanken nicht weiter folgen, der das Leben so leicht,
+so mühelos machen könnte, der -- --
+
+Rastlos auf dem Drehbock sitzen, schreiben, schreiben, bis die Finger
+krumm werden, einrosten und sich von Hollander höhnen und abkanzeln
+lassen -- -- und -- und --
+
+»Licht.«
+
+Wer hatte ihm die kleine grüne Lampe entzündet? Er weiß es nicht.
+
+Wer gab ihm die Worte, die er dort auf das Papier warf?
+
+Als der letzte Buchstabe stand, überfiel ihn eine lähmende Ermattung.
+
+Mit stumpfer Gleichgültigkeit steckte er das Papier zu sich, nahm seinen
+Hut und schritt in den Sommerabend hinab.
+
+So verfolgte er seinen Weg, ohne den Kopf zu erheben, matt und
+seelenlos, bis er die große, neuerbaute Postanstalt am Markt erreicht
+hatte.
+
+An einem Seiteneingang leuchtete hier ein rotes Transparent:
+»Telegraphenamt«.
+
+Das war sein Ziel.
+
+Er trat an den Schalter, der Beamte las und fragte: »Nach Hamburg?«
+
+»Ja, nach Hamburg,« antwortete er gleichgültig, »Bankier Solmsen.«
+
+Dann zahlte er und trat wieder in den Sommerabend hinaus.
+
+Merkwürdig, der Platz war wie ausgestorben, auch die anstoßenden Straßen
+schienen leer. Bruno hatte plötzlich das Gefühl, als ob er gar nicht
+hierher gehöre, sondern ausgestoßen, an einem unbekannten Orte weile.
+
+Dort die roten gotischen Häuser, um die die Abendschatten webten, er
+blickte zu ihnen hinüber, befremdet, als sähe er sie zum erstenmal.
+
+Wohin nun?
+
+Nach Haus -- natürlich, nur zurück in das kleine Zimmer, und dann
+schlafen und alles vergessen.
+
+Als er das Geschäftshaus wieder erreicht hatte, da stand ein Schreiber
+unter dem Torweg. Der trat dem Prokuristen ehrerbietig näher und teilte
+ihm mit, daß oben auf dem Zimmer des jungen Herrn ein Fremder auf Herrn
+Klüth warte.
+
+Bruno stutzte einen Moment, dann stieg er teilnahmlos und ohne Neugierde
+die Stufen hinauf.
+
+In dem Zimmer brannte noch die kleine grüne Lampe. Und als der junge
+Kaufmann öffnete, da sah er mitten in dem Stübchen einen
+schwarzgekleideten Mann, der ihm den Rücken kehrte und sich jetzt rasch
+wandte.
+
+Es war sein Bruder Paul.
+
+»Du?« fragte der Ankömmling enttäuscht und zugleich etwas erschreckt,
+denn das Erscheinen des Geistlichen versetzte ihn, seitdem er soviel vor
+dem Älteren zu verbergen hatte, stets in Angst und Unruhe.
+
+Heute sollte ihm jedoch beides erspart bleiben.
+
+In des Theologen eckigen Zügen arbeitete eine Verklärung, wie man sie
+sonst fast niemals an ihm wahrnehmen konnte, und als er jetzt auf den
+Jüngeren zuschritt, um dem Bruder, der sich vor Müdigkeit und
+Erschöpfung auf einen Stuhl niedergelassen, die Hand zu schütteln, da
+leuchtete soviel Freude aus seinen Augen, daß es dem Sitzenden trotz
+seiner Gebrochenheit auffiel.
+
+»Paul, was ist dir?«
+
+»Was Gutes.«
+
+»Aber was?«
+
+»Ich bin zum Pastor gewählt -- zum Strandpastor auf dem Walsin, Junge.«
+
+Die Stimme des Sprechenden zitterte vor Bewegung, und dann setzte er
+noch hinzu, jetzt wäre also das Ziel erreicht, das dem alten Lotsen
+Klüth während seines ganzen Lebens vorgeschwebt. Wenn der das noch
+gesehen hätte, »und dich, Bruno, der du doch auch auf dem Wege bist.«
+
+Der neue Pastor stockte, denn er gab sich nicht gern solch weichen
+Erinnerungen hin, aber noch immer hielt er die Hand des anderen, und so
+merkte er wohl kaum, daß sich das Haupt des Sitzenden tiefer und immer
+tiefer neigte, bis die Stirn fast die Finger des Geistlichen berührte.
+Aber ehe Paul noch ein Wort des Befremdens hervorbringen konnte, sprang
+der Jüngere unvermittelt auf und riß den Strandpastor stürmisch an seine
+Brust. Paul mußte über das aufbrausende Temperament des jungen Kaufmanns
+lächeln. Und doch tat dem Harten eine solche Liebkosung wohl.
+
+Dann folgten rasche, heftige Fragen.
+
+»Wissen's die Unsrigen schon?«
+
+»Ja, von Line komme ich eben.«
+
+Bruno schlug die Augen nieder.
+
+»Merkwürdig,« fuhr der Ältere fort, während er nachdenklich an der Lampe
+schraubte. »Als ich ihr's erzählte, tat sie etwas, was ich ihr gar nicht
+zugetraut hätte. Sie weinte und war gar nicht zu beruhigen. Ich glaube,
+die Stadt bekommt ihr nicht recht.«
+
+Bruno rückte seinen Stuhl.
+
+»Und unsre Mutter?« fragte er beklommen.
+
+»Zu der fahre ich eben mit der Hafenbahn. Du solltest mich begleiten,
+Bruno; denke doch, wie sich Mudding freuen würde.«
+
+Aber der Jüngere lehnte dies ab. Er hätte noch zu korrespondieren -- die
+aufgeregte Zeit -- und seine eigene Müdigkeit. -- Und so kam es, daß nach
+einiger Weile Paul allein die Stufen hinabstieg. --
+
+Als er über den Hof schritt, stand Bruno am Fenster und blickte auf die
+dunkle Gestalt hinab, die sich in ihrem schwarzen Rock kaum von der
+Nacht löste.
+
+Laut und fest tönten ihre Tritte auf dem Pflaster, und dem
+Zurückbleibenden war es, als müßte er sich an diese weichende schwarze
+Gestalt klammern und sie zurückhalten, um jeden Preis. -- Als er
+aufblickte, stieg der Mond gerade über das Gehöft. Alle Zacken und
+Spitzen ränderte er silbern, und langsam rollte sich ein Lichtteppich
+über den Hof. »Natürlich,« sprach Bruno zu sich selbst, »es muß ja
+wieder hell werden.« Und in dem Augenblick war er getröstet.
+
+ -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
+ -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
+
+Das war ein Sonntag, den die Klüths nie vergaßen. Solange sie lebten.
+
+Als längst alles zerschlagen war, kein Stück mehr auf dem anderen stand,
+Särge in den Gräbern schon morsch geworden, und nur der heulende Wind
+hinüber und herüber bangen, sehnsüchtigen Herzen Kunde trug, da
+dachten die einzelnen noch immer an diesen Tag und stückelten ihre
+Erinnerungen zusammen. -- --
+
+Die Sommersonne guckte so friedlich an jenem Morgen in das
+Altjungfernstübchen, als wollte sie selbst noch einmal jeden Lackstuhl
+besonders polieren.
+
+»Blank -- blank -- blank,« summten ihre Strahlen. Und Fräulein Dewitz
+selbst sah so sauber aus, wie kaum jemals zuvor und niemals wieder
+nachher.
+
+Sie las aus der Zeitung vor.
+
+Und Line stand vor dem Spiegel und steckte sich eine rote Schleife an.
+Froh wie selten in den letzten Tagen. Sie beobachtete sich selbst mit
+Erstaunen. Sie wurde immer hübscher. Sie drehte und wandte sich. --
+
+»Höre, Lining,« las die Handarbeitslehrerin kopfschüttelnd: »Ganz fett
+gedruckt steht es hier. Die Amerikaner haben dem spanischen Admiral
+Cervera alle Schiffe in den Grund gebohrt. Er selbst ist ins Wasser
+gesprungen, aber sein Sohn hat ihn gerettet. Das muß doch ein
+tugendhafter junger Mann sein. Aber wie gesagt, ich mag die Amerikaner
+einmal nicht leiden. Solche Republikaner halte ich für ein sehr wildes
+Volk.« Hier wurde sie unterbrochen, denn es klingelte.
+
+Bruno trat ein.
+
+Es war für die beiden Damen eine Freude, zu sehen, wie elegant und
+adrett der junge Mann sich wieder in seinem grauen Sommeranzug ausnahm.
+Er küßte dem alten Fräulein die Hand, sagte ihr allerlei Angenehmes über
+ihr Aussehen, erzählte, daß der Konsul gegen Mittag zurückerwartet
+werde, und schloß endlich mit der Bitte, ob ihn Line nicht nach Moorluke
+begleiten dürfe. Er möchte sich wieder einmal nach den Seinen umsehen.
+
+Diese Erlaubnis konnte nun leider nicht erteilt werden, wenn auch
+Fräulein Dewitz die Familienanhänglichkeit der beiden jungen Leute nicht
+genug rühmen zu können glaubte, indessen das alte Fräulein schickte sich
+eben an, den Konsul und Dina von der Bahn abzuholen, und Line müsse sie
+begleiten. Dinas wegen. Das sei so in der Ordnung. Aber in den nächsten
+Tagen. Gerne -- sehr gerne.
+
+Bruno schien durch diese Abweisung etwas betreten zu werden, er
+plauderte noch ein Weilchen und wurde dann von Line hinausbegleitet.
+
+Hinter der Glastür hielt sie ihn noch einen Augenblick fest.
+
+Später blieb es ihr unbegreiflich, wie leicht und unauffällig sich alles
+abgewickelt hatte. Aber die großen Momente des Lebens pfeifen vorüber
+wie die kleinen, wie dieses selber! -- Was bleibt?
+
+Sie legte ihm leicht die Hand auf die Schulter und schmiegte sich an
+ihn.
+
+»Bruno,« fragte sie, indem sie ihre schwarzen Augen drängend zu ihm
+erhob, »es bleibt doch bei unserer Verabredung?«
+
+»Bei unserer?« -- Er warf rasch ein »Ja -- ja« hin und schien es sehr
+eilig zu haben.
+
+»Übermorgen kommst du also zu Fräulein Dewitz -- nicht so?« fuhr sie
+fort.
+
+Er nickte, zeichnete mit dem Stock allerlei Figuren auf den Boden der
+Diele und griff dann fest nach ihrer Hand.
+
+»Line, du sollst doch mit mir kommen.«
+
+»Du hörst ja, ich darf wieder mal nicht. Außerdem bin ich auch noch
+nicht ordentlich angezogen.«
+
+»Wie du hier stehst.«
+
+»Wieso? -- es ist doch nicht etwa was Schlimmes geschehen?«
+
+Sie starrte ihn an.
+
+Er erschrak. »Nein, nein, was denkst du? Durchaus nicht.«
+
+Da lächelte sie wieder, und er war bereits die erste Stufe hinab, als
+sie die Lust anwandelte, mit dem Finger leicht nach seinem Nacken zu
+schnippen.
+
+Da sprang er plötzlich zurück, zog die Überraschte an sich, und ein
+rascher, verstohlener Kuß brannte auf ihren Lippen.
+
+Doch das Gescharr, das durch den feinen Streusand zu ihren Füßen erregt
+wurde, erschreckte Line.
+
+Sie bog sich zurück.
+
+»Du,« flüsterte sie warnend.
+
+Da streichelte er noch einmal ihre Wange und glitt mit wenigen Sätzen
+die Treppe hinunter. Line aber huschte zu Fräulein Dewitz zurück, und
+als sie wieder an dem Spiegel vorüber mußte, da schwellte sie das stolze
+Gefühl, wie unüberwindlich doch die Macht der Schönheit wäre, und sie
+huschte wieder hin und her und schnurrte vor sich hin, genau so, wie sie
+es als Kind getan hatte.
+
+ -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
+ -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
+
+Später erinnerten sich die in Moorluke ebenfalls ganz genau daran und
+wunderten sich, daß sie es erst so spät verstanden hätten.
+
+Und es war doch so einfach.
+
+An dem Sonntag Nachmittag, zu jener Tagesstunde, wo die Fischer in
+Gruppen am Bollwerk hocken, um sich etwas zu erzählen, und wo die
+Mädchen Arm in Arm vorüberwandern, da hatte auch Bruno nach seinem
+Besuch im Elternhause mit dem Philosophen Hann am Rick gestanden, hatte
+nachlässig ins Wasser gesehen und den Bruder so teilnehmend nach allem
+gefragt, wie noch nie.
+
+Woher er die rote Narbe über der Stirn empfangen, und ob es wahr sei,
+was oll Kusemann ihm im Vorübergehen zugeraunt, daß Hann jetzt heiraten
+wolle -- und wer denn die Erwählte wäre, und schließlich müsse sich Hann
+doch ein hübsches Sümmchen erspart haben, wenn er an einen eigenen Herd
+denke?
+
+Aber Hann hatte nur zu allem bedächtig den Kopf geschüttelt und dann war
+herausgekommen, daß er bis jetzt nur für Siebenbrod geschafft habe, und
+daß er auch ferner bei dem Stiefvater in Wochenlohn bleiben wolle. Denn
+sicher sei sicher.
+
+»Ja aber, Siebenbrod -- der,« raunte oll Kusemann wieder im
+Vorbeiflitschen. »Auf der Sparkass' nennen sie ihn all ümmer
+>Lütt-Rotschild<.«
+
+Später besann sich Siebenbrod, daß sich der feine Bruno, kurz bevor er
+die Rückfahrt in die Stadt angetreten, auch zu ihm gesellt hätte.
+
+Der ehemalige Bootsmann saß gerade auf der Bank vor dem Teil des
+Häuschens, der gegen den Fluß gelegen war.
+
+Siebenbrod hielt die Hände gefaltet und sonnte seine Hakennase.
+
+Da entspann sich zwischen den beiden folgendes Gespräch:
+
+»Wie hübsch bei Ihnen alles imstande ist, lieber Siebenbrod. Sie sind
+doch ein fleißiger Mann.«
+
+Der Zesnerfischer drehte weiter an seinen Fingern: »Je, man hat weiter
+nichts gelernt.«
+
+»Mir scheint, seit dem Tode meines Vaters müssen Sie unser Besitztum
+recht vermehrt haben.«
+
+»Je,« sagte der Bootsmann und besah sich seine wollenen Strümpfe, die
+aus den Holzpantoffeln hervorguckten, »die Leute sind hier all so
+schlecht, sie sagen einen lauter solch dumm' Zeug nach.«
+
+»Aber aus den zwei Kühen sind doch jetzt fünf geworden.«
+
+»Je, das sag' ich man,« nickte Siebenbrod Beifall, »sie fressen mich
+rein auf. Wenn Ihre Mutter nich so viel frische Milch haben müßt', ich
+hätt' die Küh' all längst wieder abgeschafft -- aber Krankheit --
+Krankheit. Ja, ja, wie sagt noch's Sprichwort? Hast du 'ne kranke Frau
+im Haus -- so trägt man bald den Tisch heraus -- na, ja, das konnt
+keiner wissen.«
+
+Damit erhob er sich und töffelte in den Flur.
+
+Bruno starrte ihm nach.
+
+Das war der letzte.
+
+Und wieder stand er und wunderte sich, daß ihm weder leicht noch schwer
+war. Nur so furchtbar hohl, dumpf und öde, als wandle sein Geist nicht
+mehr mit seinem Körper zusammen.
+
+Er verabschiedete sich kurz und fuhr mit dem nächsten Dampfer in die
+Stadt.
+
+ -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
+ -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
+
+»Kusch, Sultan!« sagte der alte Johann zu dem Pudel des Konsuls, mit dem
+er zur Abendstunde auf dem Hofe des Geschäftshauses saß. »Kusch!«
+
+Doch als sich der Lichtschein in einem der hinteren Kontore wieder
+zeigte, da knurrte der Pudel von neuem, und Johann stieg auf eine Kiste,
+um durch die Eisenstäbe in das Bureau zu sehen.
+
+Gleich darauf kletterte er wieder hinunter.
+
+»Kusching,« sagte er, »es is bloß Herr Klüth -- das tut nichts.«
+
+
+
+
+III
+
+
+Die erste, die es erfuhr, war Line.
+
+Fräulein Dewitz kehrte von einem Vormittagsbesuch aus dem Hause des
+Konsuls zurück, schloß die Tür hinter sich zu, zwei-, dreimal, als ob
+sie sich von einem Polizeibeamten verfolgt wähne, und sank im Hut und
+Mantel schreckensblaß auf dem Sofa zusammen.
+
+»Wer hätte das gedacht,« vermochte sie nur geistesabwesend vor sich
+hinzumurmeln; »wer hätte das gedacht?«
+
+Und so seltsam mutete das Bild in seiner bizarren Feierlichkeit an, daß
+Line in einer jener widerspruchsvollen Launen ein Lachen nicht
+unterdrücken konnte, während ihr doch bereits das Herz still stand.
+
+»Lach' nicht,« flüsterte die Handarbeitslehrerin, in Tränen ausbrechend,
+und winkte mit der Hand, »es ist zu schrecklich. Ich hätt' auf ihn
+geschworen.«
+
+Jetzt lachte das Mädchen nicht mehr.
+
+»Auf wen? -- sag' doch -- auf wen, Tante?« klang es plötzlich so
+schrill, so kreischend, daß das alte Fräulein entsetzt in die Höhe fuhr.
+Aber sie hatte sich wohl getäuscht, denn das Mädchen stand schon wieder
+ganz ruhig vor ihr, nur die Hände wanden sich in ewiger, unruhiger
+Drehung umeinander.
+
+»Wen meinst du denn, Tante? Du sagtest doch vorhin -- --«
+
+Und nun begann die alte Dame wie verzweifelt an ihren Handschuhen
+herumzuknöpfen und brachte zitternd und verwirrt hervor, was sie eben
+erfahren. Unzusammenhängend Bruchstücke. Der Konsul hätte einen Brief
+erhalten -- »denke dir, als er noch gar nicht rasiert war, ja, ja, noch
+nicht einmal rasiert,« aber das Zimmer Brunos sei bereits leer gewesen,
+auch der Koffer verschwunden. -- Und gerade als das alte Fräulein
+eingetreten, wären Siebenbrod und Paul gerufen worden. Der neue Herr
+Pastor -- ja, wohin sei er doch gewählt? Auf den Walsin oder auf den
+Swensin? Ach, es ist ja ganz gleich. -- Und der erste, der es merkte,
+wäre der alte Johann gewesen, als er am Abend einen Lichtschein in dem
+Kassenzimmer wahrgenommen. Freilich, wer hätte auch glauben sollen, daß
+dieser feine, gebildete junge Mann ein Betrüger werden könnte. -- Gott
+verzeih es einem, man möge das Wort ja gar nicht aussprechen! Und denke
+dir, Lining, fünfundzwanzigtausend Mark soll er auf den Namen des
+Konsuls an der Börse verspielt haben, und warum? Am Ganzen, sagen sie,
+seien die Amerikaner schuld. »Ja, ja, du kannst es mir glauben, es ist
+nicht gut, wenn Republiken so groß werden. -- Ich sagte es ja.«
+
+So sprach und hastete die alte Dame vor sich hin und knöpfte erregt ihre
+Handschuhe auf und wieder zu und merkte es gar nicht, wie ihr eine große
+Träne die Wange hinunterlief, denn im Herzen trauerte sie um ihren
+Liebling, der ihr stets so formvollendet die Fingerspitzen geküßt hatte.
+
+Wie war's doch? Ein cavalier d'ancien régime. Ach, du lieber Gott, und
+jetzt ein Betrüger; aber wer kann aus dieser jungen Welt klug werden?
+Damit raffte sie sich zusammen, schloß die Tür auf und, einem
+bezwingenden Triebe folgend, gedachte sie wieder in das Haus Hollanders
+zu eilen, um abermals zu hören, zu ratschlagen und wieder von dannen zu
+flattern, als ihr plötzlich auffiel, daß Line sich noch gar nicht
+geäußert hätte.
+
+Sie warf einen raschen Blick auf ihre Pflegebefohlene.
+
+Da saß sie auf dem Tritt, auf dem die Lehrerin sonst selbst immer
+rastete, und zupfte mit einem verstörten Lächeln an den Fransen des
+Fensterkissens herum. Fräulein Dewitz stutzte. Wie merkwürdig zuckten
+die Lippen in diesem blassen Gesicht, wie krampfhaft gespreizt hielt sie
+ihre Finger, und wie unnatürlich wogte die Brust, als ob sie nur mit
+großer Qual laute, wilde Rufe unterdrücke.
+
+»Lieber Gott!«
+
+Fräulein Dewitz erschrak so über diesen Anblick, daß ihr alles andere
+nebensächlich wurde und ihre Hand auf der Türklinke zitterte.
+
+»Herrgott, Lining,« stotterte sie.
+
+Doch die Angerufene zupfte weiter. In ihren Zügen fuhr es hin und
+wieder. Endlich schien sie ein Wort gefunden zu haben: »Weiß man nicht,«
+stieß sie atemlos hervor, »wohin er gegangen ist?«
+
+»Wohin?«
+
+Die alte Dame besann sich. Hatte sie das in der Eile etwa vergessen?
+»Nach Amerika natürlich, nach Amerika war er geflüchtet, jenseits des
+Wassers, wie es alle diese Leichtsinnigen tun, die ihre Ehre verloren
+haben, und -- --«
+
+Die Hast der Erzählerin hatte sie bereits wieder zu weit geführt. Von
+neuem mußte sie sich unterbrechen, denn Line stand langsam auf.
+
+»Mein Gott, mein Gott,« dachte das alte Fräulein, »wie wenn ihr die
+Glieder nicht mehr gehorchen wollen. Der Schreck muß sie wohl
+versteinert haben.«
+
+»Lining,« stammelte sie ängstlich. »Was ist dir?« Da stieß das Mädchen
+endlich, endlich einen Schrei aus. Kurz, rücksichtslos, durchdringend,
+und fortan fiel alles Erzwungene, Anerzogene von ihr ab, als wenn sie
+niemals auf Zehen durch diese Räume gehuscht wäre.
+
+Sie stürzte auf die alte Dame zu und rüttelte diese am Arm, als hätte
+das gute Fräulein ein Verbrechen gegen sie begangen.
+
+»Hat er nichts für mich hinterlassen?« schrie sie und ballte die Fäuste.
+»Ich will wissen, ob er für mich nichts hinterlassen hat?«
+
+»Für dich?« wiederholte Fräulein Dewitz vor Schreck starr und gänzlich
+verständnislos.
+
+»Hat er nichts für mich hinterlassen?« tobte die Verzweiflung noch
+einmal aus dem Mädchen. Und als die Handarbeitslehrerin gänzlich
+erschüttert hervorbrachte, warum der Entflohene denn gerade an sie, an
+Line -- über sein Vorhaben etwas berichtet haben sollte, da lachte die
+Entfesselte auf, jenes schrille, tolle Lachen, welches über die
+Beschränktheit höhnt, die das Natürliche nicht sehen will, und warf sich
+vor ihrer Kommode nieder und begann sie auszuräumen.
+
+Alles klirrte und rollte auf der Erde herum, der alten Dame, die ihren
+Augen nicht traute, gerade vor die Füße.
+
+»Da -- und da -- und da.«
+
+»Herrgott, was soll das?«
+
+Dem armen alten Fräulein begannen die Hände zu zittern, vor ihren Augen
+flimmerte es, sie mußte sich an der Klinke festhalten, sonst wäre sie
+gefallen.
+
+»Lining -- barmherziger Himmel -- woher dast du das alles?«
+
+»Das? -- das?«
+
+Das wußte die Rasende im Moment nicht, woher sollte sie das wissen?
+Darauf konnte sie sich nicht besinnen. Sie zerrte an den Ketten und
+Ringen herum und schlug mit den Fäusten darauf, und dann -- dann brachte
+sie eine Photographie Brunos hervor, um sie in Stücke zu reißen, und die
+Fetzen im nächsten Moment wieder an die Lippen zu pressen und sie wieder
+wie entsetzt von sich zu schleudern.
+
+Ach, und die gute, alte Dame!
+
+In ihrem Altjungferngemüt dämmerte durch all ihr Entsetzen die einzige
+Erklärung auf, die einzige Hoffnung, die der frommen Beschränktheit
+möglich erschien: »Lining,« stotterte sie vor Furcht und Überraschung
+beinahe gelähmt. »Du hast ihn wohl am Ende gar lieb gehabt?«
+
+»Ja -- nein -- ja.«
+
+»Lining, willst du mir denn nichts davon erzählen?«
+
+»Nein.« -- Das Mädchen erhob sich plötzlich von den Knien, sah sich wirr
+um und raffte ihren Schmuck zusammen: »Ich will hier fort.«
+
+»Fort? Fort? -- Doch nicht von mir? -- Warum denn?«
+
+»Weil ich hier nichts mehr zu suchen hab'. Weil ich nicht weggejagt
+werden will -- weil ich hier nichts mehr hören und sehen mag!« rief sie
+wie in heftigem Zorn, und ohne der alten Dame, die sie als Kind
+aufgenommen, die Hand gereicht zu haben, ja ohne ein Wort des Dankes,
+nur mit einem einzigen rollenden Blick, in dem die ganze Abneigung
+glühte, die diese fromme Engnis jahrelang in ihr aufgespeichert, so lief
+Line von dannen, barhäuptig, mit flatterndem Kleide, ähnlich, wie sie
+einstmals gekommen.
+
+Die Handarbeitslehrerin aber saß auf ihrem Sofa und knöpfte die
+Handschuhe auf und zu und faßte sich an die Stirn und wollte ihrer
+Pflegetochter nach und sank wieder zusammen und dachte Anfang und Ende
+zu verknüpfen und sann und sann und rang die Hände: Wie war denn das?
+Und die gute Erziehung nützte gegen die Sünde nichts mehr? Und
+Dankbarkeit gab es auch nicht mehr? -- Kein Wort des Dankes? Und all die
+guten Lehren waren umsonst? Und das enge, abgeschlossene Haus hütete
+nicht sicher? Und die kleinen Wirtschaftssorgen ließen noch etwas
+anderes zu? -- Mein Gott, und Dankbarkeit gab es in der Tat nicht mehr?
+Wie ist denn das? -- Junge Welt -- alte Welt -- wie ist denn das?
+
+ -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
+ -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
+ -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
+
+Unterdessen lief Line durch die Straßen, mit dem kleinen Bündel in der
+Hand und barhäuptig, denn dieser übergewaltige Stoß hatte sie die junge
+Dame vergessen lassen, sie war wieder die Lotsentochter, die
+Fischerdirne, die da meinte, daß die Welt sich an ihr versündigt habe,
+daß sie bitteres Unrecht leide, und zwischen Wut und Scham schoß es ihr
+zuweilen unklar durch den Sinn, sie müsse sich rächen.
+
+An wem?
+
+Das wußte sie nicht, aber sie fühlte doch diesen heißen, brennenden
+Zorn, diese jagende Wut, die sie vorwärts trieben und die ihr vorläufig
+noch das Gefühl ungebändigter Kraft liehen. Und während sie am Fluß
+entlang auf Moorluke zueilte, da entlud sie sich in tausend wilden
+Schwüren, unaufhörlich murmelte sie es vor sich hin: Oh, sie wollte sich
+schon forthelfen, wenn sie auch alle anderen verließen, sie würde schon
+triumphieren, sie würde -- -- -- Und stürmisch eilte sie weiter, dem
+pfeifenden Winde entgegen, der vom Meere hereinstieß. Sie sah nicht, wie
+grau und fahl sich der Himmel umzogen hatte, sie hörte nicht das
+Rauschen der Binsen an den Ufern, sie merkte nicht das Knistern der
+Staubwolken, die an ihr vorüberjagten, nur vorwärts rannte sie, ohne zu
+wissen, zu wem, denn sie wollte weder zu Mudding noch zu Hann, noch zu
+sonst jemand anderem, willenlos wurde sie vorwärts getrieben, bis sie
+plötzlich dunkle Bäume sich erheben sah, und darüber aufragend von ferne
+die Klosterruinen, ebenfalls in einem fahlen, wechselnden Licht.
+
+Als sie das rote, kalte Mauerwerk auftauchen sah, da stand sie still.
+
+Da duckte sie sich, wie geschlagen. Ein Blitz durchzuckte sie,
+schmerzhaft, stechend; zum erstenmal in all dieser Zeit überkam sie die
+Erinnerung an den Menschen, mit dem sie schon einmal unter den Ruinen
+gesessen, damals, als sie sich als kleines Mädchen auf seinem Schoß in
+den Schlaf einwiegte, als alles seinen Anfang nahm.
+
+Ja, ja, dort drüben war es gewesen.
+
+Sie hob den Arm und schüttelte die Faust nach den Ruinen, und der Wind
+zauste in ihren Haaren. Jämmerlicher Kerl! -- Erst sie in Schande
+gestürzt -- in Schande -- Schande, und dann fortgelaufen und sie unter
+den höhnischen Gesichtern im Stich gelassen, sie und -- --
+
+Ja, ja, das war es; der erhobene Arm sank ihr, wirr blickte sie um sich,
+und in diesem Augenblick achtete sie zuerst darauf, wie ihr der Wind
+durch das Jäckchen fuhr, und wie die Binsen sich rauschend bis zu dem
+schwarzen, unheimlichen Wasser neigten. Wie das gurgelte, und wie
+weltverlassen sie hier stand. Außer ein paar weidenden Kühen jenseits
+des Flusses nichts Lebendiges ringsum.
+
+Sie fröstelte und raufte eine der Binsen aus. Wenn doch ein Mensch
+gekommen wäre, aber nichts regte sich. Die Einsamkeit umschattete sie.
+Brennende Angst wuchs in ihr groß.
+
+So -- ja, so würde sie gemieden sein, denn die Leute hier fürchteten
+sich vor der Schande, oh, sie verkrochen sich davor; Line dachte daran,
+wie Fräulein Dewitz sich oft davor gesegnet und bekreuzigt hatte, und
+die Schande versperrte ihr ja auch anderwärts für die nächste Zeit Pfad
+und Unterkommen. Gewiß -- sicherlich, das hatte sie noch gar nicht ins
+Auge gefaßt. Sie kaute an dem Binsenhalm, und, nachdem sie ihn
+fortgeworfen, trat sie in ihrer Verwirrung laut weinend mit den Füßen
+darauf herum, um schließlich wieder die Faust gegen die Ruinen zu
+richten: »Jämmerlicher Mensch!«
+
+Aber was war das?
+
+Durch den pfeifenden Wind hindurch antwortete von jenseits des Wassers
+ein langgezogener, heulender Ton, der hatte etwas Wildes,
+Markerschütterndes. Line war zu aufgeregt, um sich zu sagen, daß der
+Laut von einem der weidenden Tiere herrühren müsse, nein, sie stand und
+starrte mit weit aufgerissenen Augen über das Wasser auf die fahle
+Ebene.
+
+Wie lautete doch ihr letztes Wort? -- Jämmerlicher Mensch? -- Nein, nein,
+das war ja nicht die Wahrheit. Sie -- sie allein trug ja alle Schuld.
+Sie hatte ja Hexenmittel angewandt, um ihn anzulocken.
+
+Ihre Sinne mußten sich wohl verwirren. Wie spielend schritt sie über das
+moorige Ufer, das unter ihr einsank, bis das schwarze Wasser über ihren
+Fuß kroch.
+
+Hu, das war eisig.
+
+Ruckartig zuckte sie zurück und stürzte wieder auf den Weg.
+
+Dort drüben, wenige Schritte von ihr, ragte der Moorluker Turm, ganz
+dicht ihr zur Seite starrten die Brückenreste aus dem Fluß, und da -- da
+bei den Stümpfen, da besorgten verschiedene Fischer einstweilen die
+Fähre, und unter ihnen glaubte sie jetzt auch die plumpe Gestalt von
+Hann zu erkennen.
+
+Und jetzt? -- Rief da nicht etwas »Lining«?
+
+Nein, nein, nur nicht zu dieser plumpen Ehrlichkeit, das war das
+Schlimmste von allem, gerade dagegen empfand sie solchen Widerwillen,
+davor solche Furcht. Und jetzt rief es wieder: »Lining!«
+
+Mehr hörte sie nicht. Mit wirbelnden Röcken lief sie den Landweg zurück,
+immer vor sich hinsagend: »Nicht Hann -- nicht Hann.«
+
+Vor ihr türmte sich im fahlen, blauen Schein die Stadt auf.
+
+In einer halben Stunde würde sie wieder dort einziehen, von wo sie vor
+einiger Zeit gekommen. Wie lange war das wohl her? Und wohin? Zu wem
+lief sie jetzt? In ihrer Ratlosigkeit begann sie wild und heftig zu
+schluchzen. Ob sie nicht doch zu Fräulein Dewitz gehen und alles
+bekennen sollte? -- Nein, nein, lieber zurück in das schwarze Wasser.
+Aber plötzlich war ihr das Ziel eingefallen. Paul.
+
+Der neue Pastor. Warum gerade der, darüber vermochte sie sich in ihrer
+Aufregung keine Rechenschaft abzulegen, sie fühlte nur, er sei der
+Rechte, auf seinem Namen läge Ruhe.
+
+Um die Mittagsstunde trat sie in sein Zimmer. Alles leer. Doch da die
+Wirtin meinte, Paul müsse bald zurückkehren, er sei nur von einem Diener
+des Konsuls abgerufen worden, so beschloß Line zu warten.
+
+Todmüde sank sie auf einem Stuhl zusammen, und das Bündel, das sie bis
+jetzt geistesabwesend getragen, klirrte neben ihr zur Erde.
+
+Sie wunderte sich zwar über den Klang, aber sie rührte sich nicht mehr.
+Regungslos, mit festgeschlossenen Augen hockte sie auf dem Sitz,
+traumhaft umflossen von dem Gedanken »wie ruhig -- wie ruhig.«
+
+Stunde auf Stunde verging, sie hatte kein Verlangen, sich zu erheben,
+nur wenn sie einmal den Kopf hob, dann fiel ihr Blick regelmäßig auf
+eine kleine, weiße Christusstatuette, die mit den gastlich geöffneten
+Armen auf der Birkenholzkommode stand und sie anzusehen schien.
+
+Wohl fielen ihr die Augen wieder zu, aber immer wieder erhob sich die
+weiße Gestalt vor ihrem Blick, und plötzlich mußte sie daran denken, daß
+dies die Stellung wäre, in der Er gesprochen: »Lasset die Kindlein zu
+mir kommen.«
+
+Wie merkwürdig das Wort: »Lasset die Kindlein zu mir kommen.«
+
+Und wie seltsam, daß sich ihr im gleichen Moment die Vorstellung
+aufdrängte, wie garstig es gewesen, als das schwarze Moor unter ihren
+Füßen nachgegeben. Und war es nicht wieder, als ob sie sinke, tiefer und
+tiefer in diese weiche, schwarze Masse? Alle Erdengeräusche
+verschwanden, und allmählich nahm die Ruhe des Zimmers die Erschöpfte
+völlig hinüber.
+
+ -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
+
+Durch ihren Traum schritt eine schwarze Gestalt, vor der sie Furcht
+empfand, weil der Fremde sie mit so starren Blicken maß, und als sie
+seine knochige Hand am Arm spürte, schrie sie laut auf.
+
+Sie taumelte in die Höhe. In der Stube war es beinahe finster geworden,
+vor ihr stand Paul.
+
+»Du?« stammelte sie, ohne sich recht besinnen zu können, und stieß mit
+ihrem Fuß an das Bündel, so daß es klirrte, »bist du endlich da?«
+
+Er sah verwundert auf sie herab, schien sich jedoch ihre Anwesenheit
+erklären zu können, denn er äußerte nur rasch, ob Fräulein Dewitz
+ebenfalls bereits von allem unterrichtet wäre, und als Line wortlos
+genickt hatte, setzte er sich an den Tisch und bedeckte beide Augen mit
+der Hand. Jedoch einen Augenblick nur, dann sprang er wieder in die Höhe
+und durchmaß mit langen, schweren Schritten das dunkle Stübchen, immer
+gefolgt von den Blicken des Mädchens, das in seiner Erschöpfung noch
+immer ohne klare Gedanken dasaß.
+
+Und wieder blieb der neue Pastor vor ihr stehen. Ihre Gegenwart und
+dieses gänzliche Zerschlagensein, als ob sie nun für immer auf seinem
+Stuhl hocken bleiben wolle, begannen ihm allmählich aufzufallen.
+
+»Line, sag' mir, weshalb bist du zu mir gekommen?« fragte er, und seine
+Stimme klang dabei so rauh und gepreßt, daß Line merkte, wie sehr er
+sich zusammennehmen müsse, um so zu sprechen, wie er jetzt redete.
+
+Allem ihre Gedanken flogen nicht mehr so rasch.
+
+»Zu dir,« entgegnete sie müde, »ja -- zu dir.«
+
+Sie nickte wieder und sank von neuem auf dem Stuhl zusammen.
+
+Paul verzog die Stirn, seine Augen suchten die Dunkelheit zu
+durchdringen, jedoch die Ermattete bewegte sich nicht weiter.
+
+Der Theologe wurde unsicher.
+
+Was bedeutete dieses schwächliche Gebaren, noch dazu von Line, deren
+Lebensmut nie zu unterdrücken gewesen? War dieses Gebrochensein allein
+durch das Unglück der Familie bedingt? Prüfend blickte er wieder auf die
+Erschöpfte. Und ohne daß er es selbst ahnte, begann sich bei ihm gegen
+das Mädchen dasselbe Mißtrauen zu regen, das seit dem ungeahnten
+Vertrauensbruch Brunos alle seine Empfindungen beschlich.
+
+»Weshalb bist du in einem solchen Moment nicht zu den Unseren nach
+Moorluke hinausgefahren?« drängte er von neuem.
+
+»Zu den Unseren?« wiederholte sie verwundert, und wie wenn die
+Dunkelheit sowie die Stille nur noch den einen Wunsch nach Ruhe in ihr
+übrig gelassen hätte, fügte sie schläfrig hinzu: »Laß mich.«
+
+»Laß mich?« Langsam stieg der Zorn in dem Geistlichen auf: »Weißt du
+denn nicht, was geschehen ist?« fragte er heftiger, allein seine Worte
+mußten wohl an ihr vorüberhallen, denn sie streckte sich aus, ihr Kopf
+sank hintenüber, und wenn ihr Fuß nicht wiederum das Bündel berührt
+hätte, so hätte der Schlaf die Todmüde von neuem entführt, so aber
+schreckte das klirrende Geräusch sie auf. Hastig zuckte sie zusammen,
+dieser Goldton brachte sie endlich zur Besinnung.
+
+Und nun flogen Rede und Gegenrede scharf zwischen den Geschwistern hin
+und her.
+
+»Was hast du da?« fragte Paul, der ebenfalls das Klingen gehört hatte.
+
+»Das? -- o -- -- nichts.«
+
+»Ich rate dir gut. Fahre zur Mutter hinaus. Du wirst unser Haus nicht
+mehr oft betreten!«
+
+»Ich?«
+
+Der Schreck lähmte sie beinahe, langsam erhob sie sich: »Warum gerade
+ich nicht?«
+
+»Weil es verkauft wird, ebenso wie unsere Boote und das Vieh und meine
+Bücher, kurz alles. Von unserer Heimat bleibt nichts übrig.«
+
+Er blieb mitten in der immer dunkler werdenden Stube stehen und legte
+sich die verschränkten Hände gegen das Haupt. Wieder klang ein leises
+Stöhnen durch den Raum. Aber Line achtete nicht mehr darauf.
+
+»Wird er verfolgt?« forschte sie heiser. Sie sah, wie den andern die
+Frage durchfuhr.
+
+»Das weiß ich nicht,« gab er widerwillig zurück, und dann ging er
+abermals im Zimmer umher, und eine lange Erzählung drang an ihr Ohr von
+Siebenbrod und dem Konsul, und wie er mit den beiden gerungen, und wie
+Mudding endlich draußen in Moorluke den Streit entschieden; aber Line
+hörte teilnahmlos zu, denn seit Paul während einer Pause die kleine
+Stehlampe entzündet hatte, seitdem traulicher Lichtschein die Stube
+durchdämmerte, da war die rasende, treibende Angst wieder in ihr
+aufgestiegen: Wohin? Wo ein Ruheplatz? -- Wo ein Kissen für die Nacht?
+Wo ein Versteck vor der Schande?
+
+»Weißt du, wo er sich aufhält?« stieß sie endlich hervor und fingerte in
+Hast mit den Nägeln auf der Tischplatte herum.
+
+Aber der Gefragte konnte sich nicht mehr beherrschen: »Der Dieb?« schrie
+er dunkelrot und voller Abscheu, »der Halunke, der seine Mutter aus dem
+Hause treibt, während er selbst allerlei schlechtes Frauengesindel mit
+Armbändern und goldenen Ketten behängt? Oh, wenn ich nur wüßte, wo er zu
+treffen wäre, wenn ich ihn nur einmal noch vor mir hätte!«
+
+Dabei nahm er einen Stuhl und stieß ihn in ohnmächtigem Zorn auf den
+Boden, daß die Füße zitterten. Line starrte ihn an.
+
+Ganz weiß war sie geworden, langsam bückte sie sich und hob ihr Bündel
+auf, denn jetzt wußte sie, hier war ihres Bleibens nicht länger, und als
+sie sich aufrichtete, fiel ihr Blick auf die kleine, weiße Statue.
+
+»Lasset die Kindlein zu mir kommen,« sprach sie, wie geistesverloren vor
+sich hin. Aber sie war so matt, daß sie keinen Schritt machte, sondern
+mit hängenden Armen stehen blieb.
+
+Gleich darauf fühlte sie sich hart am Arm ergriffen, umkrallt, so daß
+sie hätte schreien mögen; ganz nahe blitzten die finsteren,
+mißtrauischen Männeraugen in die ihren.
+
+»Wozu sagst du das?« hörte sie seine vor Aufregung heisere Stimme,
+ȟberhaupt du warst stets so viel mit ihm zusammen; ohne Umschweife, ich
+traue dir nicht. Und was trägst du da im Bündel? Ich will es jetzt
+wissen.«
+
+Er streckte die Hand danach aus, aber sie hob ihre Schätze hoch in die
+Höhe.
+
+Dann begann sie plötzlich aufzulachen, höhnisch und verzweiflungsvoll,
+und als sie sich zur Seite wandte, gewahrte sie, daß zum Fenster bereits
+schwarze Nacht hereinsah.
+
+Unterdessen drang der Strandpastor zum zweitenmal auf sie ein. Noch
+drohender als vorhin.
+
+Ja, sie merkte es, es war alles verloren, alles stürzte zusammen, hier
+war ihre Ruhestätte nicht.
+
+Aber draußen lugte die Nacht herein und rief und rief.
+
+Da streckte sie ihm mit einer wilden Bewegung ihr Tuch entgegen.
+
+»Was in dem Bündel steckt?« schrie sie und wühlte alles hastig auf, daß
+der Inhalt hervorquoll. »Hier, sieh, Ketten und Armbänder und Ringe --
+ganz teure, die sind was wert -- und alle für mich -- alle für mich --
+die verkauf -- hörst du -- hier -- hier.«
+
+Damit raffte die Rasende einzelne Stücke heraus, schleuderte sie ihrem
+Bedränger mit aller Kraft vor die Füße, warf das ganze Bündel hinterher,
+und nachdem sie ihn noch einmal verächtlich angelacht hatte, wie sich
+weidend an seiner Betäubung, lief sie, gleich einem Hunde, der Schläge
+fürchtet, zur Türe hinaus. Paul hörte sie die Treppe hinunterspringen,
+vernahm einen heulenden Ruf, er hörte die Haustür klingeln, aber er
+regte sich nicht, er stand und starrte mit kaltem Entsetzen auf die
+Schmucksachen, die sich wie Ringe einer goldenen Schlange zu seinen
+Füßen wanden; in großen gleißenden Ringeln -- die ewige Versucherin der
+Menschheit.
+
+
+
+
+IV
+
+
+Unterdessen saß Dietrich Siebenbrod gerade unter der breitschirmigen
+Petroleumhängelampe des Moorluker Kruges, den er seit seiner Hochzeit
+nicht mehr betreten hatte, und vor ihm stand ein großes Glas Branntwein,
+was ebenfalls ganz gegen seinen Pakt verstieß.
+
+Aber sein Pakt war aufgehoben, war »intzwei« gegangen, wie er schon
+mehrfach vor sich hingestöhnt hatte, »es war allens intzwei gegangen,
+die lange Arbeit, und de fiv Küh, und das Haus und die
+Sparkassenbüchers, ja, ja und die fiv Küh.«
+
+Aberst warum? -- Warum?
+
+Mit dumpfem Grollen schob der Fischer die langen Beine weit von sich
+unter den Tisch, und nachdem er seinen Branntwein hinuntergestürzt,
+strich er sich über das erhitzte Gesicht, denn er konnte die Spirituosen
+nicht mehr vertragen.
+
+»Smeckt nich mehr, der lütte Kirsch,« seufzte er und steckte beide
+Daumen in den Mund und biß darauf und schüttelte sich und fuhr sich
+durch die Haare und warf sich auf seinem Stuhl herum, als ob er die
+richtige Lage nicht finden könnte. Und so war es auch, denn wie er sich
+drehte, immer sah er durch die Tür, die der Schwüle wegen weit offen
+geblieben war und durch den Garten, in welchem die Blätter
+herumwirbelten, auf sein eigenes Haus, »up sin Hüsing«, das nun ein
+fremder Barbier kriegen sollte.
+
+Ja, ja, wie er sich um dies Haus Müh gegeben hatte, all damals, als der
+selige Herr Klüth noch lebte, denn, weiß der Deuwel, es war ihm immer so
+vorgekommen, als ob er der nächste Erbe des alten Lotsen sein würde.
+
+Und nu? Intzwei -- ganz intzwei.
+
+Ja, ja, das kommt davon, wenn man in 'ne vornehme Familie heiratet.
+
+Und dieser Pastor, der gar keine Ahnung von das praktische Leben hatte,
+der gar nicht wußte, was eigentlich ein Klüwer bedeutete oder gar
+Ballast und der keinen Hering von einer Rotauge unterscheiden konnte,
+wodurch doch erst all das schöne liebe Geld in die Sparkassenbücher
+reingekommen war; der konnte nu ganz einfach kommen und alles
+fortschenken, das Haus und die Sparkassenbücher und die Küh? -- I, das
+stritt doch gegen jede Menschlichkeit. Ne, ne, bloß nichts mehr hören
+und sehen, hol alles der Deuwel, bloß alles der Deuwel. Denn, wenn man
+da dran dachte -- »Möller noch ein Glas, sehr schön dein Kirsch -- kannst
+mir gleich die ganze Flasche bringen, ich bleib heut lange, aus
+Schabernack, aus purem Schabernack, prost.«
+
+Ja, das war heut morgen gewesen, in aller Früh, er hatte gerade nach der
+langen Nachtfahrt sich auf den Schemel hinter dem Herd gesetzt, um noch
+ein paar Augen voll zu nehmen, und Mudding, die neben ihm saß, hatte ihm
+eben den Kaffeetopf aus der Hand gewunden, damit der nicht auf die roten
+Ziegelsteine stürze, da war der Hafenmeister in die Küche getreten, mit
+der Meldung, der Herr Konsul Hollander hätte eben selbst
+heraustelefoniert, Siebenbrod möchte eiligst in das Kontor kommen. --
+
+»Möller, Möller, noch ein Glas -- --«
+
+Darauf das verwunderte Reden von Mudding.
+
+»Siebenbrod, sollst sehn, da stimmt was nicht.«
+
+»Ja, Mudding, das hab' ich mir all lang gedacht.«
+
+»Du auch? -- Du meinst doch nicht etwa gar wegen Bruno?«
+
+»Ja, kuck, Mudding, wenn man bunte Oberhemden trägt und enge Hosen, dann
+-- --«
+
+»Was? -- ach du lieber Gott -- was meinst du, Siebenbrod?«
+
+»Je, ich mein, dazu muß man geboren sein, Mudding. Und dann -- --«
+
+»So sag' doch --«
+
+»Hat mich auch gestern so viel über unsere paar Groschen ausgefragt, und
+über unsere Küh, sieh Mudding, dabei hab' ich immer ein ungemütliches
+Gefühl. Von so verschwiegenen Dingen spricht man doch nich.«
+
+»Geh rasch!« rief die kleine Frau und rang aus ihrem Stuhl die Hände.
+»Geh bloß.«
+
+»Ja, ja, Mudding, ich geh ja all -- aber das sag' ich man, was Gutes
+wird das nich.«
+
+In dem Kontor war er dann mit dem neuen Pastor zusammengetroffen. Es war
+das kleine Privatkabinett des Konsuls, und ehe Stiefvater und Sohn noch
+ihre Verwunderung über das Zusammentreffen hatten austauschen können, da
+war der Konsul bereits eingetreten, hatte sich auf das Ledersofa
+geworfen, um mit niedergeschlagenen Augen, und als wenn er von sich die
+größte Dummheit erzähle, seinen Besuchern das Vergehen und das
+Verschwinden Brunos auseinanderzusetzen. Dabei war es für den Fischer,
+den das Ereignis nicht gerade sonderlich umzuwerfen schien, obwohl er es
+dennoch für familiär und passend hielt, eine bedenkliche Miene
+aufzusetzen, dabei war es für ihn doch »heil komisch« gewesen, zu
+betrachten, wie sich Hollander bei seiner Erzählung zwar entrüstet das
+Knie rieb, anderseits aber schmerzlich-behaglich schmunzelte, wie
+jemand, der zuletzt doch recht behält.
+
+»Na ja, war 'ne riesige Dummheit von mir, hatte mich zum Schluß
+wahrhaftig ebenfalls sicher machen lassen, kostet mich viel Geld die
+Erfahrung -- aber schließlich, -- was habe ich gleich gesagt? Unsicherer
+Kantonist, das Kerlchen! -- Na also, Herr Pastor, nun möchte ich mit
+Ihnen noch eine Kleinigkeit besprechen, eine ganze Kleinigkeit. Kommen
+Sie.«
+
+Damit waren die beiden in das leere Kassenzimmer getreten und hatten den
+Fischer ruhig draußen sitzen lassen, als wenn er an der Angelegenheit
+nicht weiter beteiligt wäre.
+
+Als der Zechende bei diesem Teil seiner Erinnerungen angelangt war,
+schien ihn die Wut von neuem zu übermannen. Er stieß mit den Füßen gegen
+die Tischbeine, daß es krachte, und rief beinahe schmerzlich: »Einen
+Seidel und einen Schnaps zugleich, Möller -- und mach' die Tür zu, die
+verfluchte Tür, damit ich nich mehr mein Haus sehen kann, -- mein
+Hüsing. -- Mak de Dör tau, Kirl. Prächtig -- gut der Schnaps -- gut das
+Bier.«
+
+Da waren der Pastor und Hollander eine lange Weile in dem kleinen
+Verschlag geblieben, und als sie endlich heraustraten, da hatte Paul
+verweinte Augen gehabt, und dann war der Strandpastor schweigend mit dem
+Fischer an den Hafen geschritten, von wo sie mit einem der kleinen
+Flußdampfer nach Moorluke zurückfuhren.
+
+Aber diese Begleitung und das brütende Schweigen des stillen, wortkargen
+Menschen, dem noch jetzt von Zeit zu Zeit ein Tropfen über die Wange
+lief, waren Siebenbrod allmählich drückend geworden: »Willst du -- --
+wollen Sie denn zu meiner Frau?« hatte er gefragt, während sie beide
+neben dem Schornstein des Dampfers standen und in das aufwogende
+Hafenwasser sahen.
+
+»Ja.«
+
+»Was wollen Sie da?«
+
+»Da will ich uns wieder ehrlich machen.«
+
+»Was?«
+
+Der Fischer steckte beide Hände in die Taschen und schlug ein grobes
+Gelächter auf: »Was! -- Ich will Ihnen eins was sagen, Herr Pastor, ich
+hab' keinem was gestohlen, und deshalb bin ich auch keinem was schuldig,
+verstehen Sie mich, Herr Pastor?«
+
+Der Hagere sah ihn an, verständnislos, als habe er gar nicht auf die
+Worte des anderen geachtet, nickte und beugte sich wieder über Bord, um
+die ganze Fahrt in das schwarze, strudelnde Wasser zu starren.
+
+Den Fischer beachtete er nicht mehr, sprach kein Wort mit ihm, erkannte
+ihn wohl auch nicht einmal, wenn sein Auge zufällig auf ihn fiel.
+
+Ja, ja, wenn man bloß ein Fischer mit Transtiefeln an den Füßen war.
+
+»Möller -- Möller -- bring' mich noch mehr. -- Nun seh ich mein Hüsing
+nich mehr. -- Hurra, nun seh ich wenigstens nichts mehr -- das Haus nich
+und den Pastor nich, und die alte Frau nich -- hol alle der Deuwel.«
+
+Und dann zu Hause.
+
+Wie die alte Frau in Ohnmacht lag, und wie Hann ihre Hände in kaltes
+Wasser tauchen mußte, und wie sie immer nach dem Spitzbuben rief. Und
+dann wollte sie auch mit ihrem Ältesten allein bleiben, und ebenso, wie
+beim Konsul, saß der Mann auf der Bank am Fluß und hielt die Hände in
+den Taschen und besah sich seine Pantoffeln, und dachte gemütlich: »Wie
+das woll wird?«
+
+Aber dann kam's.
+
+Dann kam's.
+
+»Halunken, studierte Menschen, verrückte Weibsbilder, wollt ihr mich
+woll vom Leibe bleiben! Möller, Möller, zu trinken. -- Was? -- Nu sieh
+doch. Ihr wollt dem alten, lungrigen Fuchs, dem Hollander, sein
+Verlorenes wiedergeben? Hör ich auch noch richtig? -- Möller, Möller,
+hast's auch gehört? Sie wollen fünfundzwanzigtausend Mark bezahlen? Ha
+-- ha. Spaß, Spaß, das is ja bloß zum Lachen. Nein? Ihr habt keine
+ruhige Minute mehr? Und ihr meint das alles im Ernst? -- Da soll ja der
+Satan -- aber was schert mich das alles? Meinetwegen. Wenn ihr soviel
+Geld übrig habt. Immer zu. Mir ist allens recht. Mudding hat vielleicht
+soviel im Strumpf versteckt. Das nich? -- Sondern meine Spar -- kassen
+-- bücher? Und -- ah -- das Haus?«
+
+Die Luft blieb dem Manne aus, der mit kupferrotem Angesicht in dem
+einsamen Krugzimmer saß. In toller Wut schmetterte er ein Seidel auf das
+andere, daß die Scherben herumspritzten, und schleuderte das nächste
+gegen die Wand.
+
+»Was? -- was? -- Mein Haus, mein Hüsing, -- meine Bücher? Ihr seid woll
+mall? Ich hab' nichts -- und ich geb' nichts. -- Acht Jahr gearbeitet
+-- im Wasser gelegen -- und nu? -- Und nu? -- Bleibt mir vom Leibe, weg
+-- weg.«
+
+-- -- Wieder schrie er nach Bier.
+
+Aber was geschah nun?
+
+Er stierte vor sich hin. Er sah es noch einmal, ganz deutlich. Aus dem
+Stuhl, in dem sie so viele Jahre gesessen, richtete sich die gelähmte
+Frau auf, langsam, ganz langsam. Und sachte, ganz sachte, streckte sie
+die weiße Hand gegen ihn aus.
+
+»Siebenbrod, ich hab' dir das Haus und das Geld so lange gelassen, --
+aber nu will ich es wieder haben.«
+
+»Mudding -- du willst -- mich -- mein Geld nehmen?«
+
+»Siebenbrod, ich muß.«
+
+»Mudding, überleg dich, wem gehört das alles?«
+
+»Mir gehört es. Ich habe alles zugebracht, und das Haus und die
+Sparkassenbücher sind auf meinen Namen geschrieben.«
+
+»Das wohl -- das wohl, aber Mudding, das mit den Sparkassenbüchern hab'
+ich doch nur aus Vorsicht getan. Ich bitt' dich, um Gottes seiner
+Barmherzigkeit, du willst mir doch nich meine paar Groschen nehmen? Das
+einzige, was ich hab'?«
+
+Ihr stürzten die Tränen aus den Augen. Sie sah aus, als ob sie sterben
+wolle: »Ich muß!«
+
+»Nun dann -- dann hol' euch alle zusammen der Deuwel« -- heulte er auf,
+»dann weiß ich ja, mit wem ich's so lang zu tun gehabt hab' -- hier --
+hier --«
+
+Er war auf einen Schub zugewankt, und nun flogen ein paar Bücher auf die
+Erde, daß die Fetzen herumflattern -- »hier, Pastor, hier hast du's --
+is 'ne ganze Masse -- und das Haus auch, das wollte ja immer schon der
+Barbier haben. -- Und die Küh -- Herrgott, Herrgott, die Küh auch. Aber
+was geht mich das an? Ich sag' weiter nichts, als hol' euch alle
+zusammen der Deuwel, alle in einem Wagen. Ich hab' hier nichts mehr zu
+suchen.«
+
+Und jetzt saß er in dem einsamen Krugzimmer, und draußen wirbelten die
+Blätter, und es wurde dunkler und nächtiger.
+
+»Prost, Möller -- prost. Wie dunkel das draußen geworden is. Schmeckt
+wunderschön, dein Bier. Aber wer kommt da? Is das nich oll Kusemann, der
+da reinkommt? Richtig, setz' dich hierher, oll Kusemann. Hab' dich
+früher nich leiden mögen, aberst heut bezahl ich alles. Hm, was sagst
+du?«
+
+»Je, ich bin nich neugierig, Siebenbrod, aberst is es wahr, was mich
+Hann erzählt hat, daß du dein Haus -- --?«
+
+»Ja, ja, wird verkauft.«
+
+»Huch -- und das Vieh und die Boote auch?«
+
+»Allens.«
+
+»Herrje, man erschrickt sich ja förmlich, aber was machst du denn
+später?«
+
+»Ich? -- Ich? Oll Kusemann, warum hast du auf einmal vier Augen und zwei
+Nasen? Ich schlag dir eins ins Genick, wenn du das noch mal machst. Oder
+ich häng dich hier an den Türpfosten auf. Aber sag' eins, du bist ja ein
+kluger Kopf, wie is das eigentlich mit dem Aufhängen? --«
+
+»Das? -- das? Ne feine Sache soll das sein. Da hört man Musik, wie auf
+einem Tanzboden, aber du wirst doch nich --«
+
+»Schnack. Oh, das Leben is mal recht dämlich. Als ich klein war, da hab'
+ich mich immer ne Spieldos gewünscht, und nu -- aber wollen trinken. --
+Die Geschicht mit der Musik gefällt mir -- das lügst du doch auch nich?
+-- Wollen trinken -- immer mehr -- immer mehr. Pfui, das Leben riecht
+wie ein fauler Hering. -- Pfui, pfui!«
+
+ -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
+ -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
+ -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
+
+In das kleine Lotsenhaus war gegen Abend neue Verwirrung eingedrungen,
+als Paul zum zweitenmal erschienen war, um, wie er vorgab, sich nochmals
+nach der Mutter zu erkundigen, in Wahrheit aber, um Hann beiseite zu
+ziehen und ihm allerlei wirre Andeutungen über Line zu geben. Der junge
+Geistliche war ganz gebrochen. Und als die beiden Brüder in der
+Dunkelheit auf dem Flur standen, dort miteinander flüsternd, damit in
+der Stube die Mutter, die ohnehin leise vor sich hinweinte, nichts
+bemerke, da mußte der Pastor sich an dem Holz der Haustür festhalten.
+
+»Daß sie so sinken konnte,« murmelte er vor sich hin und rüttelte
+beinahe an der Klinke, »daß sie so schlecht werden konnte.«
+
+Hann stand neben ihm, in seinen blauen Drillichhosen und mit der offenen
+Schifferjacke, das plumpe Haupt, auf dem die strohblonden Haare bereits
+spärlicher herunterfielen, war ihm tief auf die Brust gesunken. Er mußte
+sich mehrfach räuspern, ehe er antworten konnte. Auch so klangen seine
+Worte noch gepreßt genug.
+
+»Ja,« entgegnete er mühsam, »sie wird ihn wohl sehr lieb gehabt haben.«
+
+Der Strandgeistliche atmete hörbar: »Aber sie hat ihn zu
+Schlechtigkeiten verführt, sie hat gehandelt wie eine -- -- --«
+
+Hier stöhnte er laut auf.
+
+»Ja,« sagte Hann vor sich hin, »mich dünkt, die eine Liebe is heiß und
+die andere kalt -- die eine will in Seide gehn und die andere in
+Pantoffeln. Es kommt allens so, als es kommt.«
+
+»Aber wir müssen unsere Natur bezwingen.«
+
+»Ja,« schüttelte Hann traurig das Haupt, »das sagt ihr so. Ich hab'
+immer gedacht, um viele Naturen wär' es dabei doch schad. Kuck, Line zum
+Beispiel war mich immer gerade so recht.«
+
+Der Pastor sah den Schiffer zweifelhaft an, dann lenkte er rasch ab, und
+indem er die Flurtür öffnete, durch die bereits die Dunkelheit
+hereinsah, klagte er: »Nacht. Wie sollen wir sie jetzt finden?«
+
+»Müssen sie eben suchen,« versetzte Hann halblaut, obwohl seine Stimme
+stark zitterte. Dabei bückte er sich und hob von der Diele eine große
+Stallaterne empor, die er ansteckte.
+
+Ein wunderliches, verschwommenes Licht fiel nun über den
+rotgepflasterten, langen Gang.
+
+»Wenn sie sich ein Leid angetan hätte,« fuhr der Pastor fort, und wieder
+zitterte die Tür, als ob er an ihr gerüttelt hätte.
+
+Hann fuhr zusammen. Die Laterne baumelte in seiner Hand hin und her.
+Dann dachte er nach.
+
+»Nein,« schloß er endlich und strich sich die Haare aus der Stirn. »Line
+hat das Leben lieb; daher kommt woll auch alles.«
+
+Wieder traf ihn ein verwunderter Blick des Bruders, dann aber trat Paul
+auf ihn zu und drückte krampfhaft die Hand des Fischers. Alle geistige
+Überlegenheit schien weggewischt.
+
+»Wie soll es hier nur werden?« fragte er und drängte sich immer mehr an
+die Seite des Bruders. »Sieh, ich -- ich trete am ersten Juli meine
+Stelle auf dem Walsin an, und die Hälfte von meinem Gehalt, die gehört
+euch natürlich. Aber die Pfründen eines Strandgeistlichen sind knapp,
+mehr würde ich bei allem guten Willen nicht erübrigen können. Aber du,
+Hann, du armer Junge, wie wirst du hier alles zusammenhalten können? Und
+noch dazu bei diesen Vorwürfen von Siebenbrod, wenn das Haus erst
+verkauft wird und das Vieh? Er ist ja auch tief zu bedauern, der arme
+Mann. Aber dann -- was wird dann?«
+
+»Oh,« sagte Hann und suchte in seinem Geiste nach etwas, was den schwer
+Bedrängten trösten könnte, wobei er schief in seine Laterne
+hinunterblinzelte: »Sieh, Paul, eins von den drei Booten bleibt uns ja,
+und wenn Siebenbrod auch nicht mehr mithalten will, mit dem Boot werd'
+ich schon wieder von vorn anfangen. Es wird schon gehen. Und dann, ich
+weiß hier eine Stube und eine Küche, wo auch ein Fenster auf die See
+zugeht, damit Mudding dran sitzen kann. Die mieten wir uns. Weißt du,
+bei Klaus Muchow, bei dem Taubstummen, du kennst ihn ja. Und da richten
+wir uns ein, so gut es eben gehn will.«
+
+Es klang soviel Gutherzigkeit aus den einfachen Worten, daß Paul sein
+Gefühl nicht länger unterdrücken konnte, sondern mit einer krampfhaften
+Bewegung die Wange des plumpen Burschen zu streicheln begann.
+
+»Aber hast du auch bedacht, lieber Bruder,« stammelte er, »daß du mit
+diesem Vorsatz dein ganzes Leben unserer Familie zum Opfer bringst? Hast
+du das auch bedacht?«
+
+»Ja, wenn es aber nun nich anders einzurichten geht?«
+
+»Lieber Junge --« und er legte ihm schwer die Hand auf die Schulter,
+»aber deine Braut? -- Denkst du auch daran? -- Klara Toll? Was wirst du
+der sagen?«
+
+Hier senkte Hann tiefer und tiefer sein Haupt und ließ die Laterne
+schaukeln, als wenn der Wind sie triebe. »Ja,« kam es endlich schwer aus
+ihm heraus, »das arme Mädchen -- hätt' ihr auch was Besseres gewünscht.
+Aber,« seufzte er hinterher, »sie verliert woll nich viel an mir.«
+
+Als sie so sprachen, fuhr durch die Tür ein Windzug, der heulte durch
+das Haus und ließ die Bodenklappen zittern und löschte Hanns Laterne
+aus.
+
+»Line,« rief der unwillkürlich, denn ihm fiel ein, daß die Unglückliche
+noch immer unterwegs sein könnte, und während er seine Leuchte mit
+tappender Hand von neuem entzündete, warf er hastig die Frage hin: »Und
+Lining? -- Was wird aus der?«
+
+Der Pastor murmelte etwas. Dann schlug er den Mantelkragen in die Höhe,
+und nachdem er auf die Straße hinausgetreten war, hörte Hann, der an
+seiner Seite geblieben war, wie der Geistliche in Aufregung hervorstieß:
+»Wenn ich sie doch nicht von mir gelassen hätte. Wenn ich sie doch
+gehalten hätte, wie es meine Pflicht war. Aber sobald wir sie wieder
+haben, und es kann mit Ehren geschehen, dann nehme ich sie mit mir -- --
+bei mir -- -- --«
+
+Das übrige verwehte der Wind.
+
+Dann gingen sie weiter, sie zu suchen.
+
+ * * *
+
+Durch die sternenlose Nacht heulte ununterbrochen der Wind. Der Fluß
+wälzte rastlos schwarze Wellen zur Mündung, rascher, immer rascher; aber
+draußen, dem großen Wasser, dem nimmersatten, konnte es nicht genug
+werden, und es erhob sich wie ein Geizhals, wie ein Gläubiger, der
+eintreiben will, und schrie: »Mehr -- mehr!«
+
+Hei, wie zauste und wühlte jetzt der Wind in den Binsengebüschen, wie
+trieb er den Fluß stoßend gegen sie an, und wie murmelte und gurgelte es
+dann zwischen den Gräsern.
+
+Nun wurde wieder ein Stück festen Landes mürbe, nun bullerten kleine
+Blasen in die Höhe, und der Fuß, der dort stand, sank ins Feuchte.
+
+Und dort stand wirklich jemand, ein junges Weib, dem die Haare um das
+Haupt wehten, dem die Röcke vor dem brausenden Sturm um den Leib
+wirbelten, es stand und hielt sich an den hochgewachsenen Stauden fest
+und lugte bald zu den kleinen Lichtern hinüber, die aus den Moorluker
+Häuschen herausdämmerten, bald kehrte es sich zu dem Kreuzweg zurück, wo
+die Fänge der alten Windmühle in rasender Eile im Kreise schwirrten.
+
+Es sah aus, als ob dort über dem Kreuzweg eine dicke, zerzauste
+Fledermaus in der Nacht hocke, die mit den Flügeln schlug, und wenn sie
+von Zeit zu Zeit ihr: »Rah-rah« schrie, dann ging ein halb wildes, halb
+irres Lächeln über das Gesicht des Weibes, und es wand sich hin und her,
+als wüßte es keinen Entschluß zu fassen.
+
+Ja, dort drüben hinter dem struppigen Garten, da schimmerte Licht aus
+dem Lotsenhäuschen. Da saß gewiß noch Mudding und strickte an dem ewigen
+Strumpf. Sie saß sicher ganz allein; denn Siebenbrod war wohl trotz des
+Sturmes auf See gefahren, und Hann hatte sie ja soeben mit einer Laterne
+den Landweg entlang wandern sehen. Oh, wie gespenstisch hatte es sich
+gemacht, als der rote Lichtstrahl langsam zwischen den Binsen
+durchgekrochen kam, um dann zuckend über das Wasser zu spiegeln. Aber
+als das Mädchen der oben vorübertappenden Gestalt mit den Blicken
+gefolgt war, da hatte die Einsame trotz aller Verlassenheit ein kurzes,
+hämisches Gelächter ausstoßen müssen.
+
+Freilich, leise -- leise, damit der oben es ja nicht höre, denn sie
+wollte sich nicht aufstöbern lassen.
+
+Ha, ha, wie plump der Bauer doch dort oben dahintappte, die Laterne in
+dem steifen Arm weit vorgereckt, damit er den Weg nicht fehle. Und -- da
+-- jetzt stolpert er. -- Sie lachte boshaft.
+
+Und dort drüben in das verräucherte Häuschen wollte sie wirklich wieder
+einkehren, wollte alles beichten und sich dann anstarren lassen von den
+vorwurfsvollen, dummen Augen dieses Hann? Und dann die anderen Dörfler?
+Oll Kusemann, wie der wohl ihre Schande erzählen würde von Tür zu Tür?
+-- Und die rohen Scherze von Siebenbrod --?
+
+»Rah-rah,« schrie die Fledermaus dazwischen.
+
+»Nein.«
+
+Das junge Weib schlug mit der Hand auf die Binsen und zog die Röcke
+enger um sich zusammen. Jetzt stand es bei ihr fest. Zu diesen dummen,
+beschränkten Tröpfen ließ sie sich nicht herab. Zu Fräulein Dewitz auch
+nicht. Alles kleinliche, spießbürgerliche Menschen. Und dann -- und dann
+-- sie bog die Binsen auseinander und lugte wieder forschend über die
+vorüberwallende Flut --, sie wollte überhaupt nichts abbitten, nichts
+beichten. Was sie getan hatte, was ging es die anderen an? -- Namentlich
+jetzt, wo sie es zu Ende bringen wollte? -- Ihr schien, sie hätte nichts
+zu bereuen, und sie wollte auch nicht bereuen. Nein, nein, immer
+trotziger leuchtete es durch ihren Sinn, daß es doch eine wilde,
+freudige Stunde gewesen, damals, als in dem engen Stübchen die Schuld
+über sie gekommen war, und im Grunde ihres Herzens konnte sie auch dem
+Fernen, den die anderen Verbrecher nannten, nicht zürnen; sie hatte ja
+alles so gewollt -- und jetzt, jetzt sollten die anderen, die Dummen,
+sie in Frieden lassen, sie war einmal so gewesen und wollte jetzt Ruhe
+haben, Ruhe und Stille. Sie machte einen raschen Schritt vorwärts, der
+moorige Boden gab nach, eiskalt schoß es an ihr vorüber.
+
+Noch einen Schritt; sie taumelte, über die Knie bereits stieg diese
+furchtbare, bezwingende Lähmung.
+
+»Rah -- rah,« schrie die Fledermaus auf dem Kreuzweg und schlug wie toll
+mit den Flügeln durch die Nacht.
+
+Aber warum klammerte sich Line in Todesangst an die schwanken Binsen,
+warum griff sie immer nach neuen hinter sich, sobald sie einen Büschel
+abgerissen hatte, warum arbeitete sie sich zurück und lief, wie gehetzt,
+fast bis unter die Windmühle zurück?
+
+Dort stand sie mit rasend klopfendem Herzen still. So war sie am
+Vormittag schon einmal geflohen, aber jetzt, warum jetzt wieder? In
+einen verzweifelten Schrei brach sie aus und preßte die Hände gegen die
+Schläfen. Noch suchte sie sich in ihrer Umnachtung zu überreden, es wäre
+nur der Ort, der ihrem Vorhaben nicht günstig wirke. Ja, ja, weiter
+oben, wo das Ufer schroffer, wo die Steinmauern sich dehnten -- -- --
+
+Wieder trieb sie es, nach der bezeichneten Stelle zu rennen, aber ihre
+Füße wurzelten gegen ihren Willen fest, und während sie wie ein
+furchtgeschüttelter, schwacher Mensch aufheulte, klammerte sie sich halb
+besinnungslos an die Unterbalken der Mühle an, als wollte sie sich
+selbst verhindern, noch einen einzigen Schritt weiter nach der Mündung
+hin zu richten.
+
+Nein, sie wollte nicht, sie wollte nicht, sie war noch so jung, es mußte
+noch einen Weg geben, sie war ja stark und trotzig, und sie hatte das
+Leben so lieb, so lieb -- -- --
+
+»Ich will nicht,« stammelte sie in ohnmächtiger Auflehnung, »ich will
+nicht.«
+
+Über den Landweg irrlichterierte schwankend hin und her -- ein großer,
+leuchtender Funke. Manchmal verglimmte er, dann sprang er wieder empor,
+wackelte langsam näher und begann eine Lichtbahn vor sich her zu werfen.
+
+Die traf auf das Fachwerk der Windmühlenflügel, dann kletterten die
+Strahlen über die Unterbalken, und nun huschten sie über das Haupt und
+die zerzausten Haare des jungen Weibes.
+
+Als sie das Licht merkte, richtete sie sich gierig auf, auch der
+Leuchtkäfer hielt inne, in beträchtlicher Entfernung, wie erschreckt.
+
+In der unwegsamen Nacht, bei dem heulenden Winde, der Stoß auf Stoß
+gegen die Mühle fegte, starrten die beiden Menschen zueinander herüber,
+beide das Licht segnend, das tröstliche, göttliche, ohne das sie sich
+nicht gefunden hätten. Aber es war nur der erste Augenblick, der in dem
+gejagten, jungen Geschöpf friedlichere Gefühle wecken konnte, dann
+stemmte sie sich mit beiden Armen über den Balken, auf dem sie lehnte,
+und ohne auf ihre triefenden Röcke zu achten, rief sie zu ihrem Retter
+hinüber, in einem Ton, der deutlich erkennen ließ, daß sie jedes
+Einmischen in ihr Leben mit Feindseligkeit zurückweisen würde: »Hann,
+was willst du hier?«
+
+»Lining, bist du's?«
+
+»Du siehst ja.«
+
+Ein Atemzug der Erleichterung kam von Hann.
+
+Der Leuchtkäfer kroch wieder einen Schritt näher, seine Strahlen trafen
+die Füße des jungen Weibes und ihre Röcke, von denen das Wasser
+herableckte.
+
+Hann zuckte zusammen, als ob ihm etwas wehe täte, und seinem natürlichen
+Sinn leuchtete sofort ein, was er hier etwa verhindert haben könnte.
+
+Schwerfällig hob er die Laterne und gedachte auch das Gesicht der
+früheren Hausgenossin, die er bewußt oder unbewußt so lange entbehrt
+hatte, zu erhellen, da rief sie wieder, nur schärfer, erbitterter und
+ganz in dem Gefühl, daß sie sich gegen das Mitleid dieses Bauern zu
+wehren hätte: »Hann, wie kommst du um diese Zeit auf die Landstraße? --
+Was machst du hier?«
+
+»Ich? -- O Lining -- --«
+
+Und der Fischer, der nie log, empfand sofort, daß er ihr jetzt um keinen
+Preis gestehen dürfe, wie sehr er nach ihr gespäht habe.
+
+»Oh -- Lining,« brachte er hervor, indem er trotz alledem die Wahrheit
+sagte, »ich hatt' hier was verloren.«
+
+»Du?« Sie bog sich weiter über ihren Balken vor, der sich wie zum Schutz
+zwischen ihnen reckte, und schüttelte wild das Haupt.
+
+»Das war wohl was sehr Kostbares?« höhnte sie rauh. Oh, und dabei tat es
+ihr heimlich doch wohl, mit einem Wesen von Fleisch und Bein reden zu
+können, wenn es auch nur Hann war.
+
+»War es etwas sehr Kostbares?« rief sie nochmals und stampfte mit dem
+Fuß, denn es quälte sie, daß man drüben in dem Häuschen ihre Schande
+wahrscheinlich schon kannte, und daß dieser Tölpel sie mit einer Laterne
+gesucht haben sollte.
+
+»Was Kostbares?« fragte Hann schwerfällig dagegen und starrte wieder
+durch die Nacht auf ihren wasserschweren Rock, von dem die Feuchtigkeit
+unaufhaltsam herabrieselte. »Lining, es will keiner gern was verlieren.
+-- Aber du -- --« in seiner Einfalt beschloß er, sie von ihrem Verdacht
+abzubringen, und das stellte er so an: »Aber es is gut, daß ich dich
+grad hier treff', denn du wolltest doch gewiß zu uns rüber.«
+
+Die ehrliche Haut vergaß, daß es eben vom Moorluker Kirchturm elf
+geschlagen hatte, und daß man in dieser Sturmnacht nicht die Hand vor
+Augen sehen konnte.
+
+Aber Line wurde durch die plumpe Gutmütigkeit, die sie so deutlich zu
+schonen suchte, nur noch mehr erbittert: »Was geht es dich an, wo ich
+hin will?« schrie sie heftig zu ihm hinüber, während sie in Wut auf den
+Balken schlug. Oh, sie wollte so gern diese Leute beschimpfen, die sich
+in ihre Selbstbestimmung drängten, und auf der anderen Seite wünschte
+sie so sehr, gerettet zu werden. -- Das ist das Leben.
+
+Und Hann hörte in seiner Angst um die Irrende die Beschimpfung gar nicht
+einmal heraus. Langsam, vorsichtig, als könnte sie durch jeden Schritt
+verletzt werden, tappte er näher, bis er endlich die Laterne zwischen
+sich und das Mädchen auf den Balken stellen konnte. Und sofort hielt die
+Frierende beide Hände über das Licht.
+
+Jedes Geschenk des Lebens nahm sie gierig an.
+
+Es war ein wunderliches Bild, das die beiden jetzt boten: das junge
+frierende Weib mit den zerzausten Haaren und dem wilden, unsteten Blick,
+und ihr gegenüber der ungelenke Mann in der flatternden Schifferjoppe
+und dem geduckten Haupt, beide unter der Mühle und bestrahlt von der
+Laterne.
+
+»Lining,« hob Hann wieder an, denn er fürchtete nichts so, als seinen
+kostbaren Fang aus dem Netz zu verlieren. »Is doch gut, daß ich dich
+hier treff', denn du wolltest gewiß zu uns herüber, und da die Brücke
+gebrochen ist, so muß ich dich in der Fähre rüberschaffen.«
+
+»So? Ist sie gebrochen?« wiederholte sie verächtlich. Aber Hann hielt
+fest, ganz dicht stand er jetzt vor dem Balken, so daß das zuckende
+Licht von unten sein Gesicht überhuschte.
+
+»Natürlich, Lining, is sie gebrochen. Hast du das vergessen? Aber du, --
+du hast gewiß von dem Unglück bei uns gehört. Und da wolltest du kommen,
+um Mudding zu trösten. Is nich so?«
+
+So hell war der Lichtkreis um die beiden geworden, daß die argwöhnische
+Line sofort an seinen scheu auf sie gerichteten Augen erkannte, wie sehr
+der Tölpel alles wußte.
+
+Oh, sie hätte ihn dafür mit der geballten Faust ins Gesicht schlagen
+mögen.
+
+»Wozu verstellst du dich?« fuhr sie ihn an und riß an seinem Arm. »Du
+weißt ganz gut, daß ich alles früher wußte, wie ihr. Wozu soll das?«
+
+Hann hielt still.
+
+»Lining, ich sagte man so. Aber dann weißt du gewiß auch, daß unser Vieh
+verkauft wird, und die Boote, und das Haus.«
+
+»Das Haus auch?« schreckte Line zusammen, während sie unwillkürlich nach
+der Richtung der leuchtenden Fensterchen herumfuhr.
+
+»Ja, das Haus auch, und wir mieten uns nun ein Stübing und 'ne Küche bei
+Klaus Muchow.«
+
+Als er von diesem Zusammenbruch sprach, da begann das Herz der
+Verstörten wieder zu hämmern, in rasendem Schlag, sie hob ihre Finger
+zum Munde und biß darauf herum. Wilde Verzweiflung durchstürmte sie
+wieder.
+
+Warum, warum war sie vorhin nicht unter den Binsen verschwunden? Nur
+einen Schritt galt es doch noch, und das Bett war so weich gewesen.
+Nein, nein, jetzt wollte sie nichts weiter hören. Mit einer Bewegung,
+unter der sich ihr ganzer Körper zusammenkrümmte, schnellte sie von dem
+Balken fort, und im nächsten Augenblicke wäre sie in der Nacht
+verschwunden gewesen, wenn nicht Hann in seiner Angst bereits den
+Querbaum übersprungen und sie nun an beiden Armen festgehalten hätte.
+
+Feste, klammernde Fischergriffe, unter denen sie sich in aufsteigender
+Wut hin und her wand.
+
+»Was heißt das? -- Laß los!«
+
+»Hier sind viel Maulwurfslöcher. Ich dachte, du könntest fallen.«
+
+»Das is nich wahr. Du weißt was. Du willst etwas anderes von mir!«
+
+»Lining, komm hier an die Laterne.«
+
+»Weg!«
+
+»Lining, ich kann dich nich so fortlassen. Sieh, es is Nacht. Ich -- ich
+glaub' auch, du hast dich mit Fräulein Dewitz erzürnt.«
+
+»So? Glaubst du?«
+
+Sie lachte, sie schrie auf.
+
+»Und da Mudding jetzt so im Unglück sitzt, so -- oder wenn du nich zu
+uns willst, so hat Paul davon gesprochen, daß er dich mitnehmen möchte
+auf den Walsin. -- Willst du das?«
+
+Da hatte sie sich losgeschüttelt und stieß ihn zurück.
+
+»Zu Paul? -- In das Pastorhaus?«
+
+Mit einem Sprunge war sie an der Laterne, und unter einem schrillen Ruf,
+aus dem die Verzweiflung alles Weibliche genommen hatte, hielt sie die
+Leuchte hoch vor Hanns Antlitz in die Höhe, ob er etwa in dieser
+grausigen Umgebung Spaß mit ihr zu treiben wage.
+
+Aber des Burschen blaue Augen blickten sie in dem Lichtschein so
+bekümmert an, daß ihr die Laterne plötzlich klirrend auf die Erde sank.
+
+Ihr schwindelte, die Mühle wankte einen Augenblick vor ihr auf und ab,
+die Nacht tanzte vor ihr, so daß sie sich auf den Balken setzen mußte.
+Zorn, Todesangst und Erschöpfung hatten ihr alle Sehnen durchschnitten,
+kraftlos sanken ihre Hände gefaltet in den Schoß und ihr Haupt neigte
+sich zur Seite, so daß Hann erschreckt es mit beiden Händen stützen
+mußte.
+
+»Zu Mudding?« murmelte sie traumverloren.
+
+»Ja, Lining, oder zu Paul.«
+
+»Komm her, Hann, ich will dir was sagen.«
+
+Und als er sich zu ihr hinabbeugte, näherte sie den Mund seinem Ohr, um
+ihm etwas zuzuflüstern. Doch unvermittelt hielt sie inne.
+
+»Stell' die Laterne erst hinter uns.«
+
+Still folgte er ihr.
+
+So hockten nun beide zitternd da, vor ihnen Nacht und hinter ihnen das
+Licht. Dann näherte sie ihre Lippen von neuem seinem Ohr und flüsterte
+etwas. Erst stockend, dann heftiger, zum Schluß zornig, wie eine
+Anklage. Es war der Grund, warum sie für immer von einem Pastorenhause
+getrennt war -- es war ihr Schicksal.
+
+Hann saß da, still und geduckt, und sank immer tiefer in sich zusammen.
+Er nickte und nickte, und so oft sie, ihn beobachtend, eine Pause
+machte, nickte er stärker, wie jemand, der etwas Freudiges oder
+Natürliches hört. Über dem armen Burschen war jetzt die Stunde, wo das
+menschliche Herz langsam anfängt zu bluten, um nie mehr ganz zu
+verharschen.
+
+Aber er nickte immer ernsthaft und beistimmend.
+
+»Kann ich zurück?« fragte sie am Schluß.
+
+»Lining,« erwiderte er mit halber Stimme, »über die Frage muß ich mich
+wundern. Wozu is ein Elternhaus da, als daß es Gutes und Schlechtes
+aufnimmt? Wär' es anders, könnt' es mich gestohlen werden. Komm,
+Lining.«
+
+Eine Viertelstunde später hörte man die Ruder auf dem Fluß klatschen.
+Hann führte seine Pflegeschwester heim. Als ihr Fuß die Schwelle
+berührte, zuckte sie zurück, und noch einmal schien ihr die Nacht
+lieblicher als die fischdurchduftete Engnis, aber Hann schob sie sanft
+auf den Flur.
+
+Rabenschwärze lagerte hier.
+
+Furchtsam drängte sich die Heimgekehrte an ihn. -- Und als er leise --
+leise die Tür schloß, damit Mudding nicht gestört würde, da fühlte er
+plötzlich unter Herzklopfen, wie eine weiche Hand über seine Wange fuhr,
+und wie neben ihm etwas leise aufschluchzte.
+
+»O Lining,« murmelte er zerschmettert.
+
+Allein ihre Zerknirschung dauerte nur einen Moment, dann vernahm der
+Fischer, wie das Mädchen, das er in der Finsternis nicht sehen konnte,
+rasch aufatmete und mit Bestimmtheit fragte: »Hann, was du mir
+versprochen hast, das bleibt so?«
+
+»Natürlich, Lining.«
+
+»Gut, dann gehe ich jetzt nach oben, in meine alte Kammer. Und morgen
+spreche ich mit Mudding. -- Gut' Nacht.«
+
+»Gute Nacht, Lining, schlaf wohl, es is die erste Nacht, die du wieder
+bei uns schläfst, hörst du?«
+
+»Ja, geh du jetzt auch zu Bett, Hann.«
+
+Dann huschten leichte Tritte die Stiege hinauf.
+
+Hann horchte hinter ihnen her, dann griff er sich nach dem Herzen, als
+ob dort etwas nicht in Ordnung wäre. Schwer, schwer seufzte er auf.
+
+Seine Laterne hatte er bereits vor dem Hause ausgelöscht, damit ihr
+Schein nicht zu Mudding dränge, die jetzt in der großen Stube neben dem
+Flur schlief.
+
+Die Kranke aber mußte dennoch das Geräusch des Eintretens bemerkt haben,
+denn durch die Tür drang eine feine, zitternde Stimme: »Hann -- bist
+du's?«
+
+»Ja, Mudding.«
+
+Ein Seufzer folgte in der Stube.
+
+»Mudding, fehlt dir was?«
+
+»Ach nein, mein Jung' -- aber Siebenbrod -- er is noch immer nich da.«
+
+»Laß gut sein, Mudding, ich schließ' die Tür nich zu. Ich werd' hier
+warten.«
+
+Drinnen die Kranke äußerte sich zu diesem Vorschlag nicht weiter -- sie
+warf sich noch ein paarmal hin und her, dann wurde es still.
+
+Draußen auf dem Flur stand ein ungefüger, blau angestrichener
+Holzkoffer, das einzige Gut, das Siebenbrod mit in die Ehe gebracht
+hatte. Auf diesen Schrein setzte sich Hann, stützte die Ellbogen auf die
+Knie und hielt seine Nachtwache.
+
+Draußen summte der Wind, pfiff manchmal und heulte. Die Dorfuhr schlug,
+Viertel auf Viertel, der Fluß rauschte, und die Pappeln ächzten und
+schüttelten sich, Hann spann an seinen Gedanken fort.
+
+Schwere Gedanken, die nur ungern ein Gewebe werden wollten.
+
+Da oben schlief sie nun.
+
+Und er, er war ein Bräutigam und hatte sich doch täglich danach gesehnt,
+daß die Kammer wieder von ihrer Bewohnerin besetzt werden möge.
+
+Hier war eine Lücke, ein Bruch in seinen Gedanken, an dessen spitzen
+Trümmern er sich die Stirn zerstieß, genau so wie damals, als er auf den
+Anker gestürzt war, und Klara Toll ihn gepflegt hatte.
+
+»O Klara!«
+
+Er hielt sich den Kopf, damit er nicht wirklich springe, dann lauschte
+er wieder nach der Stiege, ob da nicht ein leichter Schritt laut würde.
+Denn er mißtraute Line. Ihr konnte es einfallen, trotz aller seiner
+Versprechungen zu entwischen.
+
+Lange starrte er hinauf und lauschte.
+
+Aber nichts regte sich mehr, nur die Hauskatze hörte er auf samtnen
+Pfoten vorüberschleichen.
+
+Schmerzlich wandte der Beobachter das struppige Haupt zurück, und seine
+Gedanken verknüpften sich wieder.
+
+Mein Gott, wie war die Jugendfreundin, die er so lieb gelabt hatte, »so
+liebing,« wie war sie zurückgekehrt? In Schande, ins Elend gestoßen. Und
+von wem? -- Von seinem Bruder, der sie hätte hochhalten müssen.
+
+Er dachte weiter und fragte sich: »War sie nun wirklich schlecht? --
+Schlechter als früher?«
+
+Je, wer konnte das wissen? -- Ich weiß es nich. Denn ich hab' solch eine
+Stunde, nach der sich doch alle Menschen und selbst das Vieh heimlich
+sehnen, noch nich erlebt. Aber mich dünkt, wer ein Richter über was sein
+soll, der müßt' das auch alles erlebt haben.
+
+Und is das nich eigentlich komisch, daß das »schlecht« sein soll, woran
+die Menschen doch so viel denken, und was sie sich wünschen? Und
+schließlich, solch einen neuen Menschen in die Welt gesetzt zu haben, is
+doch auch ein kleines Verdienst. Und wenn ich mir so überleg', was
+herrscht nich für Freude, sogar bei Siebenbrod, wenn eine Kuh kalbt, und
+da wollen sich nun viele Leute wirklich so vergehen, daß sie ein
+neugeborenes Menschenkind, was doch viel mehr is, nich gern in die Welt
+reinlassen wollen? »Oh, pfui -- ne, dafür will ich woll sorgen.«
+
+Aber bei dem Wort »sorgen« fiel ihm schwer aufs Herz, was er ohnehin
+schon alles gegen Line auf sich genommen hätte. Ach, was war sie doch
+anders, als er sich es vorgestellt hatte. Wie wild, wie trotzig, wie gar
+nicht ein bißchen demütig war sie. Und was hatte sie sich alles
+ausbedungen, bevor sie sich, noch immer ungern und sich sträubend, von
+ihm hatte in den Kahn ziehen lassen.
+
+Er seufzte.
+
+Sie war doch ganz anders, als er immer gedacht hatte, eigentlich so, wie
+ein rechter Mensch nicht sein sollte, denn sie dachte stets an sich. --
+Und wie würden nun die nächsten Tage werden? -- Morgen schon, wenn
+Siebenbrod die neue Hausgenossin vorfinden würde.
+
+Er kratzte sich verlegen hinter dem Ohr; draußen schlug die Dorfuhr
+einen mächtigen Schlag.
+
+Eins.
+
+Schon so spät, und Siebenbrod immer noch nicht da? Der Wartende kroch
+von dem Koffer herunter, machte ein paar Schritte, um sich die Glieder
+auszurecken, und zog sich wieder auf den blauen Schrein zurück.
+
+Es hatte eben zwei geschlagen, als er von neuem auftaumelte: Herr Gott,
+es dämmerte schon. Ein neuer Sommermorgen guckte bereits durch das
+kleine Stückchen Glas, das oben an der Haustüre eingesetzt war. Draußen
+zirpten die Schwalben, und der Frühwind strich über den Fluß. Doch in
+dem Flur woben noch graue Schleier hin und her, aus denen sich
+undeutlich nur die roten Fliesen heraushoben.
+
+War Siebenbrod schon da?
+
+Ganz zerschlagen kletterte der Wächter von seinem Sitz herunter und
+wollte eben leise das Haupt an die Tür des großen Zimmers legen, als in
+der Ecke hinter der Haustüre etwas seinen Blick fesselte.
+
+Zögernd richtete er sich auf, sah sich um, rieb sich die Augen und
+starrte wieder in die Ecke, die die Spinnen ganz mit grauen Geweben
+angefüllt hatten.
+
+»Herr Gott!«
+
+Er rief leise: »Siebenbrod.«
+
+Nichts regte sich.
+
+Aber das war er doch? Dort stand er doch in der Ecke, den breiten Rücken
+dem Beobachter zugekehrt und so sonderbar groß?
+
+Noch einmal rief Hann mit halber, heiserer Stimme, die ihm nicht recht
+aus der Kehle wollte, jedoch der riesige Fischer regte sich nicht. Er
+stand, um zwei Haupteslängen höher als Hann, den struppigen Kopf mit den
+schwarzen Haaren, von denen die Mütze heruntergeglitten war, eng der
+Ecke zugekehrt, wie wenn er sich schäme.
+
+»Jesus -- Christus,« sprach Hann ganz langsam, und mit vorgestreckten
+Armen, als ob er sich gegen Spuk schützen wolle, schlich er näher, bis
+er mit dem Finger scheu den Rücken des Riesen berühren konnte.
+
+»Siebenbrod.«
+
+»Siebenbrod, warum bist du heut so groß?«
+
+»Gott erbarm sich, Siebenbrod, du stehst ja in der Luft?«
+
+Aber als keine Antwort kam, sondern die Gestalt unter dem Druck von
+Hanns Finger unmerklich hin und her schaukelte, da versuchte der Bursche
+in seinem Entsetzen das letzte Mittel, das, wie er sich erinnerte, oll
+Kusemann als untrüglich gepriesen hatte.
+
+Mit raschem Griff riß er dem Hängenden drei Haare aus und legte sie ihm
+in Kreuzform auf die Füße. Allein Siebenbrod hatte bereits die Klänge
+seiner Musikdose vernommen, nach denen er sich schon als Kind so
+leidenschaftlich gesehnt hatte, und schaukelte deshalb unempfindlich
+gegen Hanns Zauber weiter, ja, er begann sich jetzt sogar um sich selber
+zu drehen. Da schnitt ihn Hann kurz entschlossen herunter.
+
+Als der Morgen graute, da lag vor dem blauen Koffer, den der Bootsmann
+einst als einziges Gut in die Ehe mitgebracht hatte, ein braunes Stück
+Segeltuch, unter welchem sich undeutlich die Umrisse eines
+hingestreckten Körpers abhoben, und auf dem Koffer saß Hann und hielt
+lautlos die Leichenwacht. Und immer wieder guckte er hinunter und fragte
+sich: »Da liegt er nun so still, so mucksenstilling, und soll doch mal
+auferstehen? -- Und wenn Mudding man in den Himmel kommt, dann findet
+sie nun zwei Männer vor. -- Wie das wohl is? -- Und ob der liebe Gott
+wohl kleiner würd', wenn das Wiederfinden man solch ein Trostmärchen von
+die Pastoren wäre? -- Ich weiß es nich. -- Aber hör', da draußen kräht
+all der Hahn -- und da noch einer und wieder einer.
+
+O Siebenbrod, jetzt takeln die anderen Fischer ihre Boote ab und gehen
+zur Ruhe. Und du hast dich all so viel früher hingelegt. Darin liegt
+wohl das, was unrecht is, und was die Menschen nich verzeihen mögen.
+Denn ich denk mich man, durch das Leben kriegen wir doch erst all die
+anderen Gottesgeschenke. Und sieh, jetzt kommt es mich auch so vor, als
+ob das Leben selbst doch wohl mit das höchste Glück sei. Denn die Sonne
+und die Sterne und das Wasser nie gesehen und niemals eine menschliche
+Stimme gehört zu haben, wie zum Beispiel Line ihre, das is wohl das
+Aller -- -- Allerschlimmste. Kuck, Siebenbrod, und all das wegwerfen,
+nein, ich muß dich sagen, darin liegt mehr als Sünde, darin liegt
+Dummheit.«
+
+Und als er das sagte, da schmetterte laut und lebensvoll der Hahn, und
+immer heller fiel das Morgenlicht auf das braune Segeltuch.
+
+
+
+
+V
+
+
+Zwei Monate später.
+
+Die Herbst- und Reisemonate sind vorüber. Oll Chronos schmierte um diese
+Zeit seine Karre. Er will den Sommer abholen und nebenbei die fauligen
+Ähren von den Feldern lesen, denn in solch mürbegewordenen Sommertrieben
+liegt neuer Dung.
+
+In der Küche der kleinen Katenhütte, in der Hann und Line jetzt zur
+Miete wohnen, sitzt der Besitzer des Hauses, der riesige Fischer Klaus
+Muchow, auf seinem Schemel und hält sich mit weit ausgespannten Armen an
+zwei eisernen Haken der lichtblauen Mauer fest, weil ihm seine Frau
+sonst unmöglich die gewaltigen Transtiefel ausziehen könnte, die wie
+Pech an seinen Füßen kleben.
+
+»Ne,« atmet Frau Fiek[8] nach einigen vergeblichen Versuchen, und die
+starkknochige Frau, die ebenfalls eine blonde Riesin ist, wischt sich
+den Schweiß, »nein, wenn ich dich das nich seit dreißig Jahren angewöhnt
+hätt', und du mir nich bis jetzt jeden Stiefelzieher zerbrochen hättest,
+hör', Mann, ich würd's nich mehr tun. Da gehört ja ne Maschine dazu oder
+doch zwei Pferde.«
+
+Der Riese grinst wohlgefällig, verzieht das blondumbärtete Maul und
+versucht, sich fester an den Haken zu klammern, wobei er aber das
+fußlange Eisen ausreißt.
+
+Jetzt gerät er in Zorn, besieht sich das Eisen, schleudert es in den
+Holzkorb und brüllt, daß der kleine, kaum sieben Fuß hohe Raum
+erzittert: »Stäwelwichs -- Stäwelwichs!«[9]
+
+»Hast recht,« antwortet darauf Frau Fiek ruhig, »der Schmied hat sie
+nich ordentlich eingehauen.«
+
+Hier könnte man nun einsenden, daß Frau Fiek ihrem Klaus ganz unlogisch
+antwortete, denn der Riese hat doch augenscheinlich Stiefelwichse
+verlangt, von deren Anwendung er vielleicht eine Erlösung von seinen
+Transtiefeln erwartete. Aber wer das denkt, der zeigt eben, daß er das
+stärkste Moorluker Ehepaar gar nicht kennt, denn eben hat Frau Fieks
+eiserne Faust das Leder dennoch heruntergezogen, und der Gatte brüllt
+nun in allen Tönen der Freude: »Eierkauken -- Eierkauken.«[10]
+
+Damit ist Klaus Muchows Wortschatz beendet, denn das blonde Neptunshaupt
+ist taubstumm, und erst nach langen Mühen hat ihm Frau Fiek diese beiden
+Worte beigebracht, die er nun für jede Gemütsregung anwendet.
+
+Klaus Muchow ist seelensgut, er hat alles lieb, mit Ausnahme einer
+Büchse Stiefelwichse, die ihm einstmals in der Dunkelheit und in der
+Abwesenheit seiner Frau an den Mund geriet, um dann allerdings von ihm
+in höchstem Grimm in den Rick geschleudert zu werden. Dieser
+Gemütserschütterung verdankt er das Wort.
+
+»Stäwelwichs.«
+
+Stäwelwichs bedeutet seitdem alles, was ihm schlecht dünkt. Der Teufel
+-- ein zerrissenes Netz -- ein betrunkenes altes Weib -- Leibschmerzen --
+alles ist Stäwelwichs.
+
+Dagegen haben ihm sein Magen und seine Leckerzunge auch das Wort für
+alle Idealität und die Erscheinung des Guten geliefert.
+
+Eierkauken stellt nämlich Klaus Muchows Leibgericht dar, denn der Riese
+ist ein Leckertähn, und da dieser Kuchen nirgends so lieblich mit Butter
+und Eiern bereitet wird, als bei Frau Fiek, so drückt Eierkauken jedes
+gute Prinzip aus, zum Beispiel den Himmel -- einen scharfen Priem --
+einen Bummelschottschen mit Frau Fiek, denn sobald der Fußboden und die
+Decke fest sind, dann tanzt das Riesenpaar gern miteinander; Eierkauken
+ist ferner ein schattiger Platz in der Kirche -- die Sparbüchse, und ein
+Faustschlag, den oll Kusemann wegen seiner Lügen und Neckereien zu
+empfangen hat.
+
+Das Merkwürdigste aber in dieser Ehe bleibt, daß Klaus Muchow nur seiner
+Riesin auf die Lippen zu sehen oder ihren heftigen Gebärden zu folgen
+braucht, um tatsächlich jedes Wort zu verstehen.
+
+»Na, Männing,« fragt Frau Fiek, nachdem ihr Gatte mit den Füßen in ein
+Paar Holzpantoffel gefahren ist und nun den Kaffeetopf in der Hand hält:
+»Schön was gefangen heut?«
+
+Klaus Muchow schlürft laut den Kaffee und schüttelt mißmutig das
+struwlige Lockenhaupt.
+
+»Na,« tröstet die Riesin und schlägt ihm dabei schallend aufs Knie, was
+aber eine Liebkosung bedeuten soll, »schadet nich -- wir haben ja erst
+gestern aus der Räucherei Geld bekommen; man muß auch nich zuviel
+verlangen.«
+
+Jetzt grunzt der Fischer zum Zeichen der Zustimmung ein bißchen, während
+das Schlürfen erstirbt. Dann setzt er den Topf hin, zeigt auf die
+Seitenwand, schließt die Augen und beginnt einen Augenblick laut zu
+schnarchen, worauf Frau Fiek, die bereits am Herd hantiert, den Kopf
+schütteln und antworten muß: »Nein, sie is noch nich aufgestanden. Kann
+sich das Langschlafen aus ihre vornehme Zeit noch immer nich
+abgewöhnen.«
+
+»Eierkauken,« murmelt Klaus mitleidig und macht mit der Hand die Gebärde
+des Streichelns.
+
+»Ja, ja, ich weiß woll,« fährt Frau Fiek fort, »du magst sie gern
+leiden, und die beiden haben ja auch viel Unglück gehabt. Erst ihr
+bißchen Hab und Gut verloren, dann das Unglück mit dem Stiefvater, der
+sich aufgehangen hat. Zwei Tage später noch eine zweite Leiche im Haus.
+Die gelähmte alte Frau Klüth -- der ja der Tod von Siebenbrod den Rest
+gegeben haben soll, zum Schluß das mit dem jungen Ding selbst -- o je, o
+je -- was soll man dazu sagen? Aber ich mein, nun könnte sie sich doch
+auch ein bißchen in die Verhältnisse schicken und sich nich mehr so
+vornehm aufspielen. Nu hör' bloß! Schlägt all sieben. Und sie schläft
+noch immer. Nimmt doch von einem Fischer ihr Brot an, da müßt sie sich
+auch so haben, wie eine Fischerfrau.«
+
+Sie unterbricht sich, denn ihr Klaus grunzt laut und vollführt mit
+seinen Händen derartige Bewegungen, als wenn er zwei Stricknadeln in der
+Hand hielte.
+
+»Ja, ja,« versteht ihn die Riesin sofort, »ich weiß all, was du willst.
+Sie strickt seit ein paar Tagen neue Strümpfe für Hann. I, ja, das is
+aber auch man so ne Arbeit für vornehme Damens. Ihr Fräulein Dewitz war
+ja ne Handarbeitslehrerin. Weshalb soll sie denn so was nich verstehen?«
+
+»Huh -- huh,« brummte hier Klaus Muchow laut auf und fuhr mit dem
+rechten Arm eng im Kreise herum, dann fuscherte er unter den Kochtöpfen
+des Herdes.
+
+»Ach so,« sagte Frau Fiek und legte den Finger an die Nase, »du meinst,
+daß sie neulich für ihn gekocht hat. I, das war auch danach. Hat mir ja
+allein ein halbes Pfund Butter verbraucht. Und seitdem hat sie sich auch
+nich wieder daran gewagt. Und überhaupt« -- hier wandte sie sich und
+setzte beide Hände in die Seiten -- »ich muß dich man was sagen. Aber du
+bist mucksenstill und hast keine Widerwörter! Gestern war die Frau
+Hafenmeistern bei mich, hat mich wieder Klein-Kinderzeug zum Waschen
+gebracht. Und bei die kleinen Hemden, da kamen wir auch auf das -- nun
+auf das, was bei der da --« jetzt zeigte die Riesin ebenfalls auf die
+Seitenwand -- »erwartet wird. Und da fragten wir uns so, ob so was
+überhaupt für mich im Hause paßlich wäre? Und die Frau Hafenmeistern
+meinte, daß das für ne Frau wie mich un -- unmorastig wär'! Und nun frag
+ich man, bin ich nich immer ne reinliche Frau gewesen auch beim Waschen?
+Und nun soll ich mit einmal Morast im Hause haben? Ne, Klaus, entweder,
+oder -- mehr sag' ich nicht; ich sag' bloß -- entweder -- oder.«
+
+Aber Klaus Muchow, dem es das zarte, schmale Gesichtchen seiner
+Mieterin angetan hatte, erhob sich, so daß sein Haupt hart an die Decke
+stieß, streckte die Faust vor und brüllte: »Stäwelwichs!«
+
+»Ne,« schrie jetzt auch Frau Fiek, »diesmal geb' ich nich nach. Die Dirn
+soll mir aus dem Hause.«
+
+»Stäwelwichs!« schrie Klaus kirschbraun im Gesicht und schmetterte einen
+Kochtopf auf die Erde.
+
+»Is mir auch recht,« lachte die Riesin wütend, ergriff ebenfalls einen
+Topf, aber vorsichtigerweise einen kleineren, und schleuderte ihn
+ebenfalls auf den Boden.
+
+»Soll mir aus dem Hause,« tobte sie. »Und ich weiß es jetzt auch -- die
+hat der Teufel hier hereingeführt -- kein anderer as de Düwel.«[11]
+
+Das war die besondere Eigenart der guten Riesin, daß sie felsenfest an
+den Teufel glaubte, ja, daß sie ihn überall herumschleichen sah, in
+ihrem Schrank, auf der Straße, ja sogar in ihrem Bett.
+
+»De Düwel -- de Düwel.«
+
+»Stäwelwichs.«
+
+Der Streit der Riesen hätte diesmal ausarten können. Aber plötzlich
+begann auf der Dorfstraße eine Leier zu spielen. Und der Italiano sang
+dazu:
+
+ »Du, du liegst mir im Herzen,
+ Du, du liegst mir im Sinn« --
+
+Klaus Muchow sah ihn zuerst durch das Küchenfenster. -- Er riß die Augen
+weit auf.
+
+Musik hat etwas Versöhnendes, besonders aber bei dem Riesenpaar, dessen
+Herzensbedürfnis Lied und Tanz ausmachte.
+
+Zuerst zog ein seliges Lachen über des Mannes Züge. Obwohl er die
+Melodie nicht hörte, hob er das rechte Bein.
+
+Da konnte auch die Riesin nicht länger widerstehen; sie ließ den
+Kochlöffel fallen und lehnte sich an die Schulter des Fischers:
+
+ »Du, du machst mir viel Schmerzen,
+ Weißt nicht, wie gut ich dir bin.«
+
+Sie lachten, faßten sich an den Händen und drehten sich.
+
+Line und der Teufel waren vergessen.
+
+Sie tanzten.
+
+ -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
+ -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
+
+Eine Stunde später erhob sich Line von ihrem Lager. Sie sah sich
+mißmutig in dem engen Verschlage um, den Hann nach dem Beispiel von Frau
+Fiek ein »Stübing« nannte, schüttelte verächtlich die Betten des
+Wandschragens zurecht, der ihr als Lagerstatt diente, während Hann in
+einer Bodenkammer hauste, und setzte sich dann vor einem Stückchen
+zerbrochenen Spiegelglases nieder, das auf einer rohen Fichtenkommode
+stand, um sich die Haare aufzustecken.
+
+Sie beeilte sich sehr damit, denn der Tag schien bereits hell in ihre
+Kammer, und jeden Augenblick konnte Hann von der See heimkehren. Hastig
+fuhr sie in ihre Bluse und zog den Stoff seufzend stramm. Draußen auf
+der Dorfstraße hörte man aus der Ferne noch immer die Leier spielen.
+Rasch öffnete sie das niedrige Fenster und lehnte sich einen Augenblick
+hinaus.
+
+Aber das Katenhäuschen der Muchows lag weit ab vom Dorfe, und seine
+Fenster gingen direkt auf die Seewiesen und den Bodden hinaus.
+
+Line verzog die Stirn.
+
+Hier vernahm man die Leier nur ganz verschwommen.
+
+Blauschimmernd wiegte sich wohl die See, im grellen Sonnenschein
+glitzerten die feuchten Wiesengräser, und eine Wolke gelber und brauner
+Schmetterlinge gaukelte in der stillen Luft umher, aber Line bemerkte
+das alles nicht.
+
+Diese Einsamkeit!
+
+Sie verschränkte die Hände, drückte sie gegen die Stirn und wandte sich
+heftig ab, als hätte die Ruhe draußen sie verletzt.
+
+Aus dem Nebenraum war inzwischen ein scharfer Fischgeruch gedrungen.
+
+Das roch so schlecht.
+
+Schon als Kind hatte sie eine Abneigung gegen den Duft empfunden; und
+jetzt, wo sie ihn immerfort roch -- jetzt schien er ihr beinahe
+unleidlich.
+
+Sie setzte sich auf einen Schemel am Fenster und starrte auf die See
+hinaus.
+
+Oh, wie schön und vornehm hatte es doch bei Fräulein Dewitz geduftet.
+Jeden Sonnabend nach dem großen Säubern hatte sie Lavendelessenz
+sprengen müssen. Und hier? --
+
+Dieses verwünschte kleine Katenhaus! Und diese ungebildeten Riesenleute.
+Oh, sie wußte ganz gut, daß sie der Frau ein Dorn im Auge war, denn das
+Schicksal Lines hatte sich bereits herumgesprochen.
+
+Man munkelte, ohne zu wissen.
+
+Line biß sich auf die Lippen und ballte langsam die Faust.
+
+Warum? Warum krochen die Monate so? Wie lange mußte sie hier noch
+sitzen? Wann war sie endlich frei und erlöst? Sie rechnete an den
+Fingern. Denn hier -- hier blieb sie keinen Tag länger, als sie mußte.
+Hier war ja nur ein Versteck für sie, ein Unterschlupf. Hier band sie ja
+nichts! -- Oder Hann vielleicht?
+
+Sie zuckte die Achseln.
+
+Freilich, sie wußte sehr genau, daß es Hanns größte Freude im Leben
+ausmache, ihr ins Gesicht schauen zu dürfen. Es war lächerlich -- sie
+tat nichts dazu -- aber es war einmal die Angewohnheit des ihr so
+ungleichen Bauern.
+
+Und dann dachte sie sich auch, dabei könne man ihn lassen, das schadete
+ja keinem, und Hann müsse ihr schließlich noch dankbar sein, wenn sie
+diese elende Hütte mit ihm teile.
+
+»Tag, Fräulein,« klang es von draußen.
+
+Line fuhr auf.
+
+Über den Wiesenweg zur Mole schritt oll Kusemann vorüber, der
+übertrieben tief seine zierliche Lotsenmütze zog und mit den Augen
+zwinkernd, wohlwollend fragte: »Na, ümmer noch gut zu Wege, Mamselling?«
+
+Line sah ihn an, wurde blutrot und schlug klirrend die Scheiben zu.
+
+»Kuck, wie nett,« sprach der Lotse, unbekümmert um ihre Wut, und
+dienerte rückwärts, wie ein Krebs, an ihr vorüber. »Na, solche
+Zornigkeit verschwindet aber bald wieder. Das bringen manchmal die
+Umstände mit sich. Ich komm und kuck mich mal abends nach dem Mamselling
+um.«
+
+Damit ging er ehrbar seines Weges.
+
+»Solch ein Kerl!«
+
+Line kratzte mit den Nägeln an ihrer Schürze herum.
+
+Das war nun der einzige, der sich nach ihr erkundigte. Paul, der neue
+Pastor, der jetzt auf dem Walsin amtierte, hatte seinen Bruder wohl
+schon einigemal besucht, aber immer wenn er eintrat, war Line rasch in
+Hanns Bodenkammer hinaufgesprungen oder durch die Küche auf die
+Seewiesen hinausgelaufen, um nicht mit dem Geistlichen
+zusammenzutreffen. Auch zu Siebenbrods wie Muddings Leichenbegängnis war
+sie nicht mitgegangen, sondern hatte sich, wie erschreckt, auf dem Boden
+des alten Hauses, das nun auch bereits dem Barbier gehörte, verkrochen.
+Und niemand hatte nach ihr gefragt. Selbst Hann schien dies Verstecken
+natürlich gefunden zu haben, denn er war nie mehr darauf zurückgekommen.
+
+Die Einsame stieß ein zorniges Lachen aus.
+
+Warum wohl Fräulein Dewitz nicht einmal herauskam? -- Ach die! Die mochte
+bleiben, wo sie war! -- Aber nicht ein einziges Mal sich erkundigen
+lassen? Das alte Fräulein hätte doch die Verpflichtung gehabt! -- Und
+nun gar der Konsul Hollander oder Dina?
+
+Line bedeckte plötzlich die Augen mit der Hand, denn das Gefühl des
+Ausgestoßenseins war übermächtig über sie hereingebrochen, dann jedoch,
+als ob sie sich dieses kurzen Nachgebens schäme, griff sie ebenso
+schnell nach dem Scherben von Spiegelglas und schleuderte ihn heftig auf
+die Erde.
+
+An allem war nur Hann und dieses Katenhaus schuld.
+
+»Da lieg.«
+
+Die Splitter flogen herum.
+
+»Lining,« sprach der eintretende Hann vorwurfsvoll und blieb breit unter
+der niedrigen Tür stehen.
+
+Er trug noch ein feuchtes Netz in der Hand. Das Wasser lief an seinen
+großen Transtiefeln herunter.
+
+»Guten Tag, Lining,« fuhr er nach einiger Zeit des Wartens fort.
+
+»Guten Tag,« entgegnete sie gleichgültig, ohne sich nach den Trümmern
+umzublicken, und hob die Arme, um sich die gelockerten Flechten wieder
+zu festigen.
+
+»Du hast wohl Ärger gehabt?« fragte Hann von neuem, indem er
+unausgesetzt die Scherben betrachtete, und ohne das Netz hinzulegen.
+Line rückte auf ihrem Stuhl hin und her. Wollte er sie etwa
+ausschimpfen?
+
+»Nein,« erwiderte sie abgewandt, während sie zum Fenster hinaussah, »ich
+tat es nur aus Langerweile.«
+
+»Aus Langerweile, Lining?«
+
+Langsam ließ Hann das Netz zu Boden gleiten, fuhr sich schwerfällig
+durch die Haare und senkte dann in Gedanken das Haupt.
+
+So lange lebten sie nun schon beieinander, Tag und Nacht war es sein
+eifrigstes Bestreben gewesen, sie auf bessere Wege zu bringen, und immer
+hatte er es nicht gewagt, ihr ein Wort der Mahnung vorzuhalten. Sie war
+so kurz angebunden, und sie stand ja auch so hoch über ihm, wenn auch
+jetzt das Unglück über ihr war. Aber heut, wo er wieder nur ein paar
+Heringe gefangen -- kümmerlichen Pfennigerwerb -- heute, wo ihm das
+Drückende seiner Armut immer deutlicher wurde, da beschloß er, ihr
+seine Lage zu beschreiben.
+
+Vielleicht, daß das junge Weib, das er so gern ansah, einer Bitte
+zugänglich war.
+
+»Langeweile, Lining?« hob er nochmals mit Anstrengung an: »Sieh, Lining,
+wenn du dich nun beschäftigen wolltest. Zum Beispiel mit Kochen für uns
+beide. Das wäre recht gut. Sieh, ich fang nun mal so wenig, ich bin eben
+viel ungeschickter, als die anderen Fischers. Und den Muchow-Leuten muß
+ich für unseren Unterhalt auch bezahlen. Aber wenn du zum Beispiel
+kochen wolltest, dann wäre mir schon geholfen. Natürlich, es is bloß so
+eine Idee von mir,« setzte er sofort besorgt hinzu, als er bemerkte, wie
+Line die weiße Stirne kräuselte.
+
+»Nur eine Idee, Lining,« wiederholte er besänftigend. Aber sie warf
+bereits den Stuhl herum und rieb an ihren Händen.
+
+»Wozu soll das erst?« fragte sie ärgerlich dagegen. »Hann, sag' selbst,
+wozu soll ich mich erst hier in der Katenküche mit der Fischersfrau
+zusammenstellen und den Trangeruch riechen, der mir so widerlich ist, da
+ich ja doch nur kurze Zeit hier bleibe? -- Lieber verkaufe ich die
+Kleider und die paar Schmucksachen, die mir Fräulein Dewitz nachgesandt
+hat. -- Hörst du? Da -- in dem Schrank, nimm sie.«
+
+»Gott soll mich bewahren, Lining, wo werd' ich?«
+
+»So nimm dir den Plunder doch.«
+
+»Aber wo werd' ich mich denn an deinen Sachen vergreifen?« wehrte er mit
+beiden Händen ab. »Nein, Lining, wenn du nich willst, dann wird es ja
+auch so gehen. Ich meinte nur, Beschäftigung bringt den Menschen so
+schön auf andere Gedanken.«
+
+Sie sah ihn beinahe feindselig an. »Ich mach' mir aber gar keine
+Gedanken, Hann. -- Über nichts! Und nun nimm dir die Sachen und hör' mit
+solchen Ermahnungen auf. Mich machst du doch nicht anders, als ich mal
+bin.«
+
+Der Fischer senkte den Kopf auf die Brust. Dann seufzte er tief auf.
+»Nimm's nich übel, Lining,« brachte er endlich hervor, »ich hab' mich
+das bloß so gedacht.« Dann sah er sich schüchtern nach einem Stuhl um,
+der in der Ecke stand.
+
+»Darf ich mich hier ein bißchen bei dir niedersetzen, Lining?« fragte er
+nach einer Weile des Schweigens.
+
+Sie hatte bereits den Arm wieder auf das Fensterbrett gestützt und
+nickte kurz.
+
+Er ließ sich auf den knarrenden Stuhl nieder. Und eine Pause trat ein,
+in der er darüber nachdachte, warum er ein ganzes Leben daransetzen
+wollte, um ein Geschöpf willfähriger zu machen, das doch gewiß nicht
+mehr zu ändern war. Aber das war ja gerade das Verhängnis dieses
+unpraktischen, versonnenen Naturkindes, daß es zu dem Schluß gekommen
+war, das Glück ruhe in einem Weibe.
+
+Und dies -- gerade dies Weib mußte es sein. Zu ihr leitete ihn der
+dunkle, unerkannte Trieb.
+
+»Lining,« begann er endlich wieder leichthin, »hast du all Kaffee
+getrunken?«
+
+»Ja,« murmelte sie durch die Finger.
+
+»Is für mich auch welcher geblieben?«
+
+»Das weiß ich nicht. Aber,« setzte sie achselzuckend hinzu, »ich kann ja
+mal nachsehen.«
+
+»Ja, ja, tu das,« stimmte Hann heimlich erfreut bei.
+
+Nach einer Weile kehrte das Mädchen aus der anstoßenden Küche mit einer
+Tasse zurück, die ihr Hann sorglich abnahm.
+
+»Sieh, ordentlich eine Tasse,« lobte er geschmeichelt, und in seiner
+Dankbarkeit machte er eine unbeholfene Bewegung, als wollte er leise
+über ihre Hand streichen, aber Line zuckte hochmütig zurück.
+
+»Laß.«
+
+»Ich wollt auch nichts, Lining,« murmelte er erschrocken.
+
+Eine Zeitlang hörte man nichts als das Schlürfen von Hann und das Summen
+der Fliegen, die unter der Decke herumkrochen. Dann wandte sich Line
+ruckartig vom Fenster zurück und stieß heraus: »Bist du nicht gestern in
+der Stadt gewesen?«
+
+»Ja, warum, Lining?« fragte Hann, verwundert über diese neue Teilnahme.
+
+»Damit man einmal etwas anderes hört,« fuhr sie in halber Verzweiflung
+fort. Dabei sprang sie auf und reckte die Arme: »Damit man mal wieder
+etwas hört, für das man sich interessieren kann.«
+
+Hann sah sie betrübt an.
+
+»Hier kannst du dich wohl nich einleben, Lining?« brachte er bedrückt
+hervor.
+
+»Nein, Hann, das weißt du ja. Hier hab' ich schon als Kind nichts leiden
+mögen.«
+
+»Ja, ja, Lining, das weiß ich.«
+
+Seine Lippen bebten leise. Und als er jetzt seine Tasse unter den Stuhl
+stellte, wie das Fischerart ist, da blieb er in der gedrückten Stellung
+sitzen. Aber Line konnte ihre Wildheit nicht länger in sich
+verschließen, sie stampfte vor Leidenschaft mit den Füßen und fuhr noch
+heftiger fort: »Manchmal möcht ich mit den Fäusten an die Wand schlagen,
+daß ich das alles von dir annehmen muß. Ja, muß -- ja, muß,« wiederholte
+sie in vollem Zorn. »Und daß du so viel für mich aufgegeben hast, die
+ich das doch alles gar nicht will. Zum Beispiel deine Braut, Klara Toll.
+Ist das nicht so?«
+
+Hann rührte sich nicht in seiner Ecke.
+
+»Laß Klara,« bat er nur, »laß Klara Toll.«
+
+»Nein, warum? -- Du paßt doch so gut zu ihr. Warum kommt sie gar nicht
+mehr her?«
+
+»O Lining, das is doch so natürlich.«
+
+Das konnte sie nicht verstehen.
+
+»Wieso? -- Was hat sich deine Braut um mich zu kümmern? -- Was hast du
+ihr denn eigentlich gesagt?«
+
+Langsam hob Hann sein Haupt in die Höhe: »Ich hab' ihr gesagt -- Lining,
+nimm es nich übel -- ich hab' ihr gesagt, daß ich nun für dich sorgen
+müßt, und da würd' es zu lange mit Klara und mir dauern.«
+
+Line bekam ganz große Augen und sank halb unbewußt auf ihren Stuhl
+zurück.
+
+»Und sie?« fragte sie darauf und zupfte verstört an ihrer Schürze, »was
+hat sie gemeint?«
+
+»Sie hat alles eingesehen. Und morgen tritt sie in der Stadt ihre
+Stellung als Krankenschwester an.« Damit stand Hann auf, raffte sein
+Netz zusammen und schritt langsam zur Tür.
+
+Einen Augenblick war es, als wollte Line von ihrem Platz aus die Hand
+vorwerfen, um ihn zurückzuhalten, dann aber mußte sie sich wohl anders
+besinnen, denn sie wandte sich kurz ab, um wieder verstimmt zum Fenster
+hinauszusehen.
+
+Dort draußen gewahrte sie bald den Riesen Klaus Muchow, sowie dessen
+Frau, die mit Hann zu den Booten gingen und anfingen, die gefangenen
+Heringe in Kisten zu schütten.
+
+Wieder trug der Wind einen scharfen Geruch herüber.
+
+»Dabei soll ich vielleicht helfen?« dachte Line bitter. »Und was dies
+Weib wohl wieder alles auf mich zu klatschen hat? -- Nein, nein, wenn's
+nur erst vorüber wäre. Nur hier erst fort.«
+
+ -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
+ -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
+ -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
+
+Das Mittagbrot wurde in der Muchowschen Küche gegessen. Auf etwas
+anderes hatte sich Frau Fiek nicht eingelassen. »Ne,« hatte sie
+widersprochen, »ich will doch sehen, wie der vornehmen Dirn' mein Essent
+smeckt. Deshalb muß sie in die Küche raus.«
+
+Man saß um den Herd, hielt die Näpfe in der Hand, und Frau Fiek wie ihr
+Klaus versicherten stets umschichtig, daß alles prachtvoll geraten sei.
+
+»Eierkauken,« murmelte Klaus Muchow sehr befriedigt, während er einen
+ganzen gebratenen Hering verschlang. »Eierkauking.«
+
+Er fuhr mit seiner Riesenfaust in die Schüssel, fuscherte in ihr herum
+und hob endlich den größten Brathering heraus, den er zum Zeichen seines
+Wohlwollens Line direkt an den Mund hielt.
+
+»Eierkauken!« lobte er nochmals, klopfte sich auf den Leib und machte
+die Gebärde des Überbeißens.
+
+Allein Line erhob sich rasch, stellte ihren Napf hin, lief eilig und
+ohne Gruß hinaus und warf die Tür hinter sich zu.
+
+»Kuck,« sprach Frau Fiek gereizt, »ganz as ne Prinzeß. Hann, das is
+nichts für dich.«
+
+»Oh, Frau Muchow,« entschuldigte Hann, »sie ist ja krank.«
+
+»Ganz gleich.«
+
+»I nein, Frau Muchow, sie wird schon anders werden. Ich glaub's ganz
+bestimmt.«
+
+Damit erhob sich Hann gleichfalls, sagte Frau Fiek ein paar lobende
+Worte über ihre Küche und schritt hinter Line her.
+
+Klaus Muchow aber saß noch lange mit offenem Munde da und besah sich
+abwechselnd den Fisch in seiner Hand, sowie die Tür, hinter welcher Line
+verschwunden war. Endlich kam er zu sich, schüttelte sich, und nachdem
+er den Hering in seinen eigenen Schlund geworfen, sprang er auf und
+trippelte ein paarmal mit überzierlichen Bewegungen zur Tür, womit er
+Line nachahmen wollte. Dann zeigte er mit dem Finger an seine Stirn und
+brüllte verächtlich: »Stäwelwichs -- Stäwelwichs.«
+
+Und Frau Fiek nickte diesmal zustimmend und entschied: »Dor hest du nu
+wedder eins ganz recht, Klaus.«
+
+ -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
+ -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
+
+Nachmittags saß Hann unter dem Fenster auf der Bank, die er sich selbst
+aus rohen Pflöcken zusammengeschlagen hatte, und putzte mit einem
+stumpfen Messer seine Netze. Es war ihm trotz des Schweigens, das
+zwischen ihnen herrschte, ein angenehmes Gefühl, daß auch Line seit
+einiger Zeit ihren dunklen Kopf in beide Hände gestützt hatte und hinter
+dem offenen Fenster auf das Meer und die Wiesen hinausschaute.
+
+Ein schlaffer Tanggeruch kam vom Wasser. Auf der Oberfläche schossen
+Scharen von Möwen umher und spritzten zuweilen mit ihren Fängen
+glitzernde Tropfen in die Höhe. Aus den sonnenumdunsteten Binsen drang
+eifriges Gezirpe von Grillen und Heimchen.
+
+Hann nahm ein zweites Netz zur Hand. Dabei fiel ihm auf, wie
+unausgesetzt seine Gefährtin in den wolkigen Dunst hineinstarrte, als ob
+sie versuche, weit, weit über das verschleierte Meer zu spähen.
+
+»Ob sie nun wohl an ihn denkt?« fragte er sich beklommen, »an den Mann,
+der so schlecht gegen sie gehandelt hat?«
+
+Wie oft hatte er sich schon mit geheimem Bangen diese Frage vorgelegt!
+-- Aber das Verhalten Lines erteilte keine Antwort darauf. Gänzlich
+schien sie den Fernen vergessen zu haben. Sie sprach nie von ihm. Hann
+überkam wieder das Mitleid mit ihr.
+
+»Willst du nich rauskommen, Lining?« fragte er.
+
+Sie schüttelte das Haupt.
+
+»Es is doch recht schön hier draußen,« drängte er weiter. Allein sie
+lehnte ab. Sie wolle nicht draußen sitzen, wo sie alle Leute sehen
+könnten.
+
+Da war es wieder, dieses scheue Verstecken, das Hann so sehr rührte.
+
+Der Fischer beugte sich noch tiefer über seine Arbeit und faßte sich
+endlich ein Herz.
+
+»Lining,« begann er stockend, indem er eifrig weiterstocherte, um seine
+Befangenheit zu verbergen. »Du denkst wohl viel daran?«
+
+»Woran, Hann?«
+
+»An -- an --« Der Name, der ihr so weh tun mußte, wollte kaum über
+seine Zunge. »An Bruno, Lining.«
+
+Sie antwortete nicht, sondern stützte ihr Haupt noch schwerer auf die
+kleine Hand. Und ihre Blicke gingen wieder suchend durch das sonnige
+Gewölk hindurch. Nach einiger Zeit fragte er weiter: »Und an das, was
+kommen wird?«
+
+Über ihr Gesicht ging ein Schatten, und doch saß sie ohne Bewegung, als
+sie sich nun kurz erkundigte: »Habt ihr seitdem nichts mehr von ihm
+gehört?«
+
+»Nein, gar nichts, Lining, sonst hätt' ich dir's ja auch gesagt.«
+
+Sie verharrte noch immer mit weitgeöffneten Augen. Plötzlich jedoch
+verzog sie die Stirn und warf herb ein: »Er hat es gewiß inzwischen zu
+was gebracht und lebt wieder herrlich und in Freuden. Und ich -- -- --?«
+
+Hier brach sie ab und preßte die Lippen zusammen und wandte ihren Blick
+zornig auf Hann, als ob der an all dem Scheitern ihrer Pläne schuld
+wäre.
+
+Das verwirrte den braven Burschen vollends. »Aber ich dachte -- -- ich
+wollte fragen,« stotterte er, »ob du ihm noch gut bist? Lining, darf ich
+das fragen?«
+
+Da erhob sie sich rasch, warf den Kopf in den Nacken, und während sie
+rasch das Fenster schloß, lachte sie ärgerlich auf: »Du bist und bleibst
+ein Dummerjahn, Hann. Laß mich zufrieden.«
+
+ -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
+
+Auch in anderen Dingen stellte sich immer mehr heraus, daß Line für das
+innerste Sinnen und Trachten des ihr so ergebenen Fischers gar keinen
+Sinn besaß. Ja, daß sie es förmlich darauf anlegte, die Scheidewand
+zwischen sich und dem Dorfphilosophen immer höher aufzurichten.
+
+Bei zwei Ereignissen empfand dies der arme Hann, dessen harter Kopf es
+durchaus durchsetzen wollte, daß seine Märchenprinzessin sich bei ihm
+wohl fühle, besonders bitter.
+
+Der August neigte sich bereits seinem Ende.
+
+Eines Sonntags nachmittags -- Hann saß gerade in einem Winkel seines
+Bodenverschlages und las mit Behagen Fritz Reuter, den ihm der
+Hafenmeister geborgt hatte, da bemerkte er aus der Ferne, wie eine
+schöne Frauengestalt in blauer Krankenschwestertracht den Wiesenpfad
+einschlug, und an seinen eigenen mächtigen Herzschlägen fühlte er, daß
+es Klara Toll sein müßte. Rasch sprang er auf, lief mit hochrotem Kopf
+zu Line hinunter, die müßig, wie stets, auf ihrem Lager schlummerte, und
+so groß war seine Erregung, daß er seine Scheu vor der Hingestreckten
+vergaß und sie leise am Arm zupfte.
+
+Der Schlaf hatte ihre Wangen rosig gefärbt, es sah lieblich aus, als sie
+jetzt langsam die schwarzen Augen öffnete.
+
+Sie mußte gut geträumt haben, denn sie lächelte ihn an.
+
+»Was willst du, Hann?«
+
+»Lining, ich hab' eine Bitt'.«
+
+Sie richtete sich auf: »Jetzt?« fragte sie erstaunt.
+
+Doch er ließ sich nicht abbringen, sondern drängte weiter: »Lining,
+Klara Toll kommt zu uns. Sie hat mir nich adschö gesagt, als sie damals
+in die Stadt ging, und nun will sie es wohl nachholen. Du tätest mir
+einen großen Gefallen, wenn du nich wieder fortgingest, sondern sie mit
+mir zusammen aufnähmst. Ja?«
+
+Er bat so dringlich, daß Line von ihrem Lager herunterstieg.
+Achselzuckend strich sie sich die verwirrten Haare zurecht und mußte
+lächeln, als sie wahrnahm, wie Hann trotz seiner Bedrängnis, gebannt und
+mit offenem Munde, ihre Bewegungen verfolgte.
+
+Ach, ihr Zauber bestärkte ihn täglich mehr in seinem Irrwahn.
+
+»Nich wahr, Lining, du tust's doch?« brachte er sich endlich selbst auf
+andere Gedanken.
+
+Aber die Angeredete schüttelte den Kopf.
+
+»Wozu, Hann? -- Was hat es für einen Zweck, wenn ich euch beiden
+zuhöre?«
+
+In seiner Not griff er nach ihrer Hand und preßte sie, als wenn er sie
+zwingen wollte.
+
+»Oh,« schrie sie unmutig auf.
+
+»Lining, ich wollte dir nich wehtun. Aber du mußt dableiben!«
+
+»Aber welchen Zweck hätte das?«
+
+»Lining, kannst du dir das nich denken?«
+
+»Nein, wie sollte ich das?«
+
+»Nun denn -- ich -- ich -- ich hab' solche Furcht vor Klara. Toll.«
+
+»Du?«
+
+»Ja, Furcht,« murmelte er in sich hinein und schloß die Augen.
+
+Da sah sie ihn einen Moment starr an, dann trat sie zurück und lachte
+böse auf: »Du bist nicht recht klug, Hann,« gab sie zur Antwort. »Was
+geht mich deine Krankenschwester an? Ich sag's dir voraus. In ein paar
+Monaten, wenn ich hier fort bin, dann ist alles wieder zwischen euch,
+wie zuvor. Dann kann sie auch hierher ziehen, und pass' mal auf, Hann,
+wie schön sie dir dann die Netze flicken und mit Frau Fiek draußen Suppe
+kochen wird. Aber warum sagst du ihr das nicht gleich? Das wäre doch so
+einfach.«
+
+Sie machte eine schnippische Handbewegung und übersah es, wie er mit
+tiefgebeugtem Haupte vor ihr stehen blieb. Noch einmal streckten sich
+seine großen Finger nach ihrer Hand aus. Doch sie legte die ihren
+sogleich auf den Rücken.
+
+»Also in wenigen Monaten schon?« kam es stückweise von seinen Lippen.
+
+»Ja,« nickte sie nervös, »ich zähle jeden Tag.«
+
+»Ja, ja -- das tust du. Ich weiß es woll. Und wohin gehst du dann?«
+
+»Dummer Hann, wo es mich gerade hinweht, nur recht weit von hier. Aber
+sieh, da biegt Klara Toll um das Haus. Hu, wie feierlich sie aussieht.
+Ganz wie eine Nonne. Ich gehe an den Binsensteg. -- Und du vertrag dich
+wieder mit ihr. Das ist das beste, was du tun kannst.«
+
+Damit wand sie sich an ihm vorüber, und er starrte auf die weißen Dielen
+und schlug sich mit der Faust vor die Brust. Dann griff er sich an den
+Kopf und sah sich wirr um: »Dummer Hann,« quoll es von ungefähr aus ihm
+heraus. »Jawoll, dummer Hann. -- O Gott, weshalb hast du mich da
+reingebracht? -- Und weshalb muß das Weib grade das Glück sein? -- Und
+warum muß diese da, die doch so schlecht is, für mich die allerbeste
+sein? -- Ach, und warum hast du uns solch kleinen Kopf gemacht und
+solch große Rätsel da reingeschlossen? -- Wozu soll das alles gut sein?«
+
+ -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
+ -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
+
+Aber Line war nicht bis zur See hinabgeschritten, wie sie vorgegeben
+hatte.
+
+Hinter dem großen Holzzaun, von dessen Zacken allerlei bunte
+Wäschestücke der Katenleute herabflatterten, weiße, blaue und rote, war
+sie stehengeblieben und drückte sich jetzt eng gegen das Holz an, so
+lange, bis sie dachte, daß das junge Mädchen in der blauen Tracht den
+Vorderflur erreicht haben müsse.
+
+Jetzt läutete die Türglocke ihren rostigen Klang, und nun schlich Line
+auf den Zehen in die Küche zurück, die zu ihrer Freude leer stand, und
+legte ihr Ohr an die anstoßende Tür.
+
+Muß doch mal hören, dachte sie im Innern belustigt, was die beiden
+dummen Menschen eigentlich miteinander vorhaben.
+
+Und dann blinzelte sie durch den Türritz hindurch.
+
+Drinnen stand Hann in seinem Sonntagsstaat und machte in seiner
+Verlegenheit eine Art Verbeugung, als Klara zu ihm eintrat.
+
+»Guten Tag, Hann,« sagte die Besucherin freundlich.
+
+Line hörte, wie Hann keine Antwort fand, sondern wortlos auf die
+schmucke Tracht des Mädchens starrte, die ihr in seinen Augen wohl etwas
+Vornehmes und Heiliges verlieh.
+
+»Ja,« sagte Klara, die seine Bewunderung bemerkt haben mußte, »das ist
+unsere Sonntagskleidung -- in der Klinik gehen wir einfacher.«
+
+Auf eine Bewegung des Fischers ließ sich nun das Mädchen auf den Stuhl
+am Fenster nieder, auf dem Line sonst immer zu sitzen pflegte, während
+er vor ihr stehen blieb. Fast ohne Bewegung verharrte die plumpe Gestalt
+so, nur die Haare strich sie sich ein paarmal mühsam zurück.
+
+»Nun hat er wieder Furcht, der dumme Peter,« dachte die Lauscherin an
+der Tür. »Welch ein unbeholfener Mensch.«
+
+Schon wollte sie ihren Beobachtungsposten aufgeben, da nahm Klara
+endlich das Wort: »Ich wollt mich wieder einmal nach dir umsehen, Hann.«
+
+»Du, Klara?«
+
+Er sah sie groß an, sein Herz war voll Dankbarkeit, denn er war es nicht
+gewohnt, daß man sich viel um ihn kümmere.
+
+Wie zierlich kräuselten sich nicht ihre braunen Haare unter dem weißen
+Latz der Kappe hervor. Wie still und friedvoll sah sie aus.
+
+»Ich dachte, Klara,« hob er mit einem schweren Entschluß an, »du würdest
+-- gar nich mehr kommen,« wollte er sagen, aber es fiel ihm ein, daß es
+wohl besser wäre, alle Erinnerung an das Gewesene zu unterdrücken, und
+so gab er ihr denn ernsthaft die Hand und fragte nur: »Klara, ich wollt'
+fragen, wie geht es dir da bei all den Kranken? Is das nich zu schwer
+für dich?«
+
+Da ging ein Lächeln über das Gesicht, von dem er fand, daß es die
+schönen, roten Farben verloren hätte, und die blauen Augen leuchteten,
+als sie zur Antwort gab: »Hann, ich weiß gar nicht, wie andere das eine
+Arbeit nennen können. Mir nämlich ist es so, als wenn mir nun erlaubt
+wäre, beständig in der Kirche zu wohnen.«
+
+»In der Kirche, Klara? -- Wird denn dort gebetet?«
+
+»Das auch, Hann. Viele beten da, und ganz anders, als die Gesunden
+beten. Wenn du das einmal hören könntest. Aber das ist es nicht allein.
+Aber wenn man so neben den Schwerkranken sitzt, die von den Ärzten
+bereits aufgegeben wurden, und bei denen nun alles von der Hilfe des
+lieben Gottes abhängt, und wenn man nun sieht, wie bei dem einen alles
+Sträuben nichts nützt und alles Hoffen, und wie plötzlich eine höhere
+Macht an dem Bett steht und den Kopf schüttelt, o Hann, das ist, als
+sollte einem das Herz erfrieren vor Hilflosigkeit und Ehrfurcht. Aber
+dann wieder das andere, sobald das Unmögliche geschieht, und es kommt in
+die halb gebrochenen Augen, die schon in den Himmel sahen, wieder Licht,
+und man merkt ordentlich, daß da etwas sein müsse, was durch die
+vertrockneten Lippen Leben eingießt, Hann, ich kann dir nicht
+beschreiben, welche Freude dann in solch kleines Zimmer dringt. Man
+meint förmlich, aus der Ferne Engelsgesang zu hören und horcht darauf,
+ob man nicht den Tritt des lieben Gottes spüren könnt'.«
+
+Bei diesen Worten lächelte die Krankenschwester ganz glücklich, und ihre
+Augen strahlten, als ob sie in einen nahen, friedvollen,
+sonnenbeschienenen Garten sähen.
+
+Bewundernd, halb neidisch, blickte Hann auf sie hin. Dann sagte er
+einfach: »Wie fromm du bist.«
+
+»Das ist nicht fromm, Hann, das hab' ich doch alles erlebt.«
+
+»Ja, aus dem Leben so die Frömmigkeit zu ziehen, das is woll das Wahre.«
+
+Dabei nickte er versonnen in sich hinein.
+
+Eine Zeitlang hörte Line draußen kein weiteres Wort. Und wieder mußte
+sie spöttisch darüber die Lippen verziehen, weil die beiden über nichts
+weiter zu verhandeln hätten, als über Kranke und über Beten.
+
+»Pfui,« raunte sie vor sich hin, »es riecht ordentlich nach Klinik. Das
+ist mal eine langweilige Person.«
+
+Aber gleich darauf preßte sie von neuem das Ohr an das Schlüsselloch,
+denn sie vernahm, wie Klara nach einigem Zögern ihren ehemaligen
+Verlobten nach seinem Leben, seinen Plänen, seinem Dasein fragte.
+
+»Jetzt kommt's,« dachte Line, »sie ist gar nicht so dumm.«
+
+»O Klara,« erwiderte Hann, »wie gut das von dir is, daß du dich danach
+erkundigst.«
+
+»Wieso, Hann? -- Mir ist es, als wenn ich mich immerfort um dich kümmern
+müßte.«
+
+Er atmete auf, dann entgegnete er erfreut: »Ganz genau so geht es mir
+mit dir, Klara.«
+
+»Das weiß ich, Hann, und ich kann auch nicht aufhören, dir herzlich gut
+zu sein.«
+
+Er nahm ihre Hand und stammelte dabei: »Siehst du -- gut sein -- ja, das
+is es -- gut sein, das bin ich dir auch, Klara, wie ich es mit gar
+keinem anderen sein könnte. Aber sieh -- ich schäme mich so, wenn ich es
+aussprechen soll, is es nich schrecklich eingerichtet in den
+menschlichen Herzen, daß man der einen Frau so herzlich gut sein kann,
+und die andere hat den Zauber?«
+
+»Welchen Zauber, Hann?«
+
+Er fragte sie, ob sie sich der Geschichte oll Kusemanns nicht mehr
+erinnere, von der Liebeshexe. Die sollt' mal Venus geheißen haben oder
+auch Freiin. Genau wußte das der Lotse selber nicht. »Jedenfalls jetzt
+is sie ein altes Weib und sitzt irgendwo auf einem Kreidefelsen unter
+einer geborstenen Tanne. Und wenn sie ein rechtes Stück ausüben will,
+dann schneidet sie bei Vollmond aus dem Unterschuß des Triebholzes zwei
+saftige Stäbchen, schält sie ab und schreibt zwei Namen darauf. Immer
+solche, die gar nich zueinander passen. Wie Lines und meinen. Und dann
+bindet sie sie zusammen und schleudert sie ins Meer und murmelt etwas
+dabei in ihren Bart, damit ein Hecht kommt und die Stäbchen verschluckt.
+Und solange der Hecht nich gefangen und aufgeschnitten wird, auf daß das
+liebe Tageslicht wieder auf die Hölzer scheint, so lange, Klara, kommen
+die beiden Menschen nich auseinander und wollen auch nich.«
+
+Sie wandte ihren klaren Blick auf ihn.
+
+»Und das ist alles so bei dir?« forschte sie. Ein tiefes Mitleid
+zitterte aus ihrer Stimme.
+
+Er holte tief Atem und rang die Hände.
+
+»Ja, Klara,« gab er dumpf zurück. »Das is so bei mir. Das Tageslicht
+will nich auf mich fallen.«
+
+»Und die Hölzer passen nicht zusammen?«
+
+»Nein, Klara, sie passen nich.«
+
+»Und das weißt du?«
+
+»Das weiß ich ganz genau.«
+
+»Armer Hann.«
+
+Er wischte sich den Schweiß von der Stirn.
+
+»Ja, Klara, was hilft das? -- Da hilft kein Beten. Ich will dir was
+Geheimnisvolles sagen, hör' zu. Was sie mir auch antut, so viel
+Schlimmes und Herzwehes, es is, als ob ich ihr deswegen nur noch mehr
+dienen müßt. Und das hat kein Ende. -- Gar kein Ende.«
+
+»Kein Ende, Hann?«
+
+In dem Auge der Krankenschwester begann eine Träne aufzuperlen. Die sah
+aus wie ein Tautropfen, der auf einem dunklen Veilchen liegt. Dann nahm
+das Mädchen die Hand des Freundes und streichelte sie sanft.
+
+»Hann, ich will wünschen, daß es ein glückliches Ende wird.«
+
+Da schüttelte er düster das struwelige Haupt.
+
+»Klara, das siehst du ja selbst. Es kann gar kein rechtes Ende nehmen.
+Ich will auch nur, es bleibt alles so, wie es jetzt is.«
+
+Sie stand auf.
+
+Beide reichten sich die Hände zum Abschied.
+
+»Kommst du bald wieder?« forschte er scheu.
+
+Sie nickte verhalten.
+
+»Ja, Hann, wenn es dir recht ist. Ich fühle so, als wärst du auch einer
+von meinen Kranken.«
+
+Da legte er beide Fäuste auf ihre Schultern, daß es ihr weh tat, und
+gequält drang es endlich hervor: »Ich wollt', du säßest an meinem Bett.
+Und das Heilige, von dem du vorhin erzähltest, schüttelte den Kopf, und
+du drücktest mir mit deinen lieben Fingern die Augen zu. -- Adschö,
+Klara.«
+
+Damit schob er sie gewaltsam von sich.
+
+Als die Türglocke über ihrem Haupte läutete, schluchzte die Enteilende
+leise auf.
+
+An der Küchentür aber lehnte ein anderes Weib. Das streckte wie
+abwehrend ihre Hand gegen den anstoßenden Raum, aus dem etwas gegen sie
+anzog, wie eine zwingende Macht, und ein paar blutlose Lippen murmelten:
+»Nicht -- nicht --«
+
+Am Abend saß Line auf einem Strandstein. Der ragte massig und einsam
+über die Wiesen hinaus. Am Himmel zitterten die Sterne, zu ihren Füßen
+plätscherten kleine Wellen. Die liefen geschwätzig zu ihr hin, und wenn
+sie von ihrem Fuß zurückgestoßen wurden, dann drängten sie sich doch
+wieder heran, immer lispelnd, flüsternd, immer dasselbe eintönige Wort:
+»Armer Hann.«
+
+Das junge Weib seufzte und strich sich die Haare zurück, die der Seewind
+löste, und sah in die runde, matte Scheibe hinauf.
+
+Der Mond stand voll.
+
+Jetzt war's also die Zeit, wo die Hexe ihre Stäbchen zusammenband.
+
+Das junge Weib schüttelte sich und stieß wiederum einen lauten Seufzer
+aus.
+
+Eine Stimme rief aus der dunklen Katenhütte: »Lining -- Lining -- wo bist
+du? -- Die Abendluft tut dir nich wohl.«
+
+Da sprang die Versteckte auf, führte den Finger empor und schleuderte
+unmutig einen Tropfen von sich, der sachte durch die Wimpern geronnen
+war.
+
+Dann lief sie auf Umwegen, und zwar so, daß die herantappende dunkle
+Gestalt sie nicht halten konnte, in das Haus.
+
+ -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
+
+Von dem Strandstein rinnt langsam der Tropfen herab. Er glitzert im
+Mondlicht.
+
+»Eine Träne?« fragt irgendwas im Wind.
+
+»Eine Träne!« wispern die Wellen und nehmen sie mit sich ins Meer.
+
+
+
+
+VI
+
+
+Seitdem wird es etwas besser in dem Katenhaus. Line nimmt sich vor Hann
+zusammen, sie zwingt ihre zornige Laune nieder, so oft sie daran denkt.
+Sie streitet sich auch nicht mehr mit Frau Fiek, sondern sitzt bei den
+gemeinschaftlichen Mahlzeiten still auf ihrem Holzschemel, und nur, wenn
+die Muchows etwas zu dröhnend werden, wenn sie singen oder mit den Füßen
+aufstoßen, dann zuckt es in ihren Augen auf.
+
+Ein Feuerfunke, der hinausfliegen will.
+
+Aber die anderen merken nichts davon.
+
+Nur Hann fühlt mit Staunen, allmählich mit Herzklopfen, später mit Angst
+und vorzeitiger Freude, daß etwas anders wird.
+
+So merkt's die dumpfe Erdenscholle, daß der Schnee schmilzt und warme
+Frühlingswässer zu ihr dringen.
+
+Der Winter kam.
+
+Eines Morgens lag Moorluke im weißen Bann.
+
+Bis zum Schornstein steckte der Katen der Riesen im Schnee.
+
+Manchmal mußten die Männer einen Weg schaufeln, wenn sie ins Freie
+wollten. Auch das Meer zeigte Eroberungsgelüste. Mit einem einzigen
+Schlage drang es an und schleuderte geborstene Eisstücke gegen Tür und
+Mauern des vorgeschobenen Baues. Und eines Morgens, da hatte es den
+ganzen Katen gefangen und rings mit einer Eismauer umgeben.
+
+Kalt, stählern, tückisch lag der Feind im Morgenlichte da.
+
+»Stäwelwichs -- Stäwelwichs,« schrie Klaus Muchow erbost, und die Männer
+hieben mit Eisäxten dazwischen.
+
+Dadurch wurde es in dem eingeengten Katen wieder einsamer. Von aller
+Welt lag er in seinem Schneehaufen abgeschlossen. Die Wege, die über
+die Wiesen führten, hatten sich längst verkrochen. Man konnte sich
+darüber streiten, an welcher Stelle sie vordem ihr Schlangenspiel
+getrieben. Eben und weiß, unberührt und teilnahmlos lag jetzt die große,
+leuchtende Fläche, die sich ohne Abzeichen über den Bodden fortsetzte.
+Man wußte nicht, wo die Grenze war.
+
+Selbst die Kirchenglocke, die doch früher laut zu den Einsamen
+herübergerufen hatte, sie war eingefroren und krächzte zuweilen wie ein
+heiserer Riese, der ein dickes Halstuch trägt.
+
+Immer stiller wurd's.
+
+Das aber war Line gerade recht.
+
+Ihre Zeit rückte näher und näher, und damit die Sucht, sich zu
+verkriechen; jedes fremde Gesicht zu vermeiden, und den Kopf zu stützen
+und nachzusinnen.
+
+Das war ihr etwas ganz Neues.
+
+Früher war sie Genuß suchend durch die Welt gelaufen, und die Erde lag
+im Morgenrot -- nun war es finster geworden, Fledermäuse flogen. Das
+waren ihre Gedanken, die sich die Welt zu erklären suchten. Da wurde ihr
+allmählich Hann, der des dunklen Winters wegen fast immer daheim hockte
+--, kimmerischer Dämmerung wegen, die über dem Ostmeer braut, -- da
+wurde ihr die plumpe Gestalt, die verkrümmt auf dem Stuhl hing,
+riechende Netze in der Hand, da wurde ihr der Nachdenkliche allmählich
+ein Schatz.
+
+Dunkler und schneedämmeriger wurden die Tage, düsterer und drängender
+wurden die Stunden. Lines Trotz hielt nicht mehr vor; wenn sie so in
+einer Ecke kauerte, dann stieg es plötzlich vor ihr auf und griff nach
+ihr. -- Angst -- Angst -- Furcht, Grauen vor dem Lebenden, das in ihr
+war, und zu dem sie sich nicht gerüstet fühlte.
+
+Dann wirft sie plötzlich die Hand vor. Ihre Stimme schwankt vor
+Schrecken: »Hann, bist du noch da?«
+
+»Ja, Lining, ich bin hier.«
+
+»Dann steck' Licht an, Hann.«
+
+Hann erhebt sich, tastet herum, kurz darauf zuckt von dem schmalen Tisch
+die gelbe Flamme der Kerze auf. Schwankende Schatten huschen herum.
+
+Aus Lines Ecke dringt ein Atemzug, und Hann sieht bekümmert, wie
+flackernd die dunklen Augen aus dem blassen Gesicht hervorbrennen.
+
+Sie rückt sich zurecht: »Hann, hörst du, wie es an die Scheiben tickt?«
+
+»Es is Schnee, Lining.«
+
+»Er hat die Fenster schon ganz verklebt.«
+
+»Ja, Lining, ich seh' nur die lütte Stube und dich.«
+
+Sie rückt noch tiefer in die Ecke und starrt auf ihn hin. Dann stützt
+sie die Ellbogen auf beide Knie, und während sie zusammenschauert,
+vielleicht vor Frost, fragt sie rasch: »Hann, weißt du, woran ich jetzt
+denke?«
+
+»Nein, Lining, wie soll ich?«
+
+Jetzt deckt sie langsam die Augen zu: »Hann, ich meine, wenn ich früh
+gestorben wär', hätt' ich viel Schlimmes nicht erlebt. -- Du auch -- wir
+beide -- armer Hann.«
+
+Es ist das erstemal, daß sie das Wort sagt, das sie nicht mehr verläßt.
+Er zuckt zusammen und blickt scheu zu der Zusammengesunkenen hinüber.
+Ihre Worte, so seltsam, haben sein Herz mit einem Dorn zerrissen und
+doch gleichzeitig das Blut mit einem weichen Blumenblatt fortgenommen.
+
+Aber sie hat den ihr so Nahen längst wieder vergessen.
+
+»Es wär' so gut,« fährt sie stammelnd fort.
+
+»Was, Lining?«
+
+»Wenn man die Junggeborenen vor all dem bewahren dürfte.«
+
+Da hebt Hann sein Haupt. Es ist in der letzten Zeit faltiger geworden.
+Aber Line sowohl, wie er, haben es nicht bemerkt. Nur Klara Toll hat es
+gesehen.
+
+»Lining, wer soll bewahren?« Und seine Augen, sonst so mitleidig,
+blicken ernst.
+
+»Die Mütter, Hann, die Mütter müßten es tun. Oh, solch ein kleiner Sarg,
+denk ich mir, ist ebenfalls eine Wiege. Und was würde dann alles mit
+einschlafen, all die zukünftigen schlechten Gedanken und all die
+schlechten Taten. Denn wer erst denkt, der wünscht, und ein Wunsch ist
+schon meistens schlecht.«
+
+Aber da wird Hann zornig. Diese trostlose Ansicht nimmt ihm alles, was
+er sich bis jetzt zurechtgezimmert hat an seiner Lebenshütte. Deshalb
+wirft er das Netz über das Knie, schüttelt heftig den Kopf, und eilig
+geht es ihm über die Zunge: »Lining, das mußt du nich sagen -- sieh, das
+mußt du nich. Wirklich! Denn erstens, wenn der liebe Gott das wollte,
+wozu schickte er erst die kleinen Kinder!? Und, Lining, werden es etwa
+weniger auf der Welt? Mich dünkt nicht. Und dann, Lining, ich hab' mir
+schon immer gedacht, mit die Menschens hat das doch der liebe Gott ganz
+komisch eingerichtet, ganz furchtbar komisch. Denn sieh eins, Lining, es
+geht wohl so das gemeine Gered' umher, ein lüttes Kind, so ein ganz
+kleines Würming in den Windeln, das sei eigentlich der allerbeste
+Mensch, noch ganz unschuldig, sozusagen aus dem Paradiese. Ich aber sag'
+dir, Lining, dieses is gar nich wahr. So ein Neugeborenes is mehr
+schlecht als gut. Denn wieso? -- Na, daß es dumm is, wie Bohnenstroh,
+das weißt du ja selbst. Aber es is auch noch auf andere Weise schlecht,
+es kratzt, wie eine Katz, es nimmt, was ihm nich gehört, es is
+habsüchtig und hat keinen Menschen lieb, als sich. Is das wahr? -- Ich
+sag dir, es is wahr. Aber was nu weiter? -- Da kommt nun der liebe Gott
+und hat von Anfang an in die Menschens diese ganz merkwürdige Kraft zum
+Besserwerden reingelegt. Auch zum Schlechterwerden. Aber doch mehr zum
+Bessern. Die liegt in uns, Lining, man spürt sie manchmal leibhaftig.
+Und nun kuck dir bloß mal an, wie es nun durch diese Kraft mit so einem
+Neugeborenen vorwärtsgeht. Meistens vorwärts. Denn das Bessere muß wohl
+das Stärkere sein. Erst lernt das sprechen, und dann lernt das lieben,
+und dann lernt das denken, und so fort, bis es sich zuletzt ganz große
+Dinge aussinnt, die wieder anderen Menschen was nützen. -- Und, Lining,
+um dies >Vorwärts< wolltest du solche lütten Dinger bringen? -- So ganz
+schlecht und miserabelig, wie sie anfangs sind, wolltest du sie wieder
+in die Erde abliefern? Ich sag' dir, da müßte man sich ja rein vor den
+Regenwürmern genieren.«
+
+Da hockt Line in ihrer Ecke, in die sie sich immer scheuer zurückzieht,
+so daß die Lichtstrahlen sie kaum noch finden. Aber ihre Augen sind groß
+geworden, und sie richtet sie mit solch erstauntem Ausdruck auf den
+Fischer, wie früher, wenn der Knabe zuweilen etwas geäußert, was mit
+seinem blauen Kittel schlecht zusammenstimmen wollte.
+
+Unausgesetzt tickt der Schnee an die Scheiben, Möwen und Raben krächzen
+draußen, und an dem Netz wird weitergeflickt.
+
+Ganz still ist es zwischen den beiden geworden.
+
+ -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
+
+Ein paar Tage darauf herrschte Schneesturm.
+
+Da saßen die Einsamen nach dem Abendbrot noch beisammen, denn es war zu
+früh, als daß Hann auf seinen Bodenverschlag hinaufgeklettert wäre. Auch
+fürchtete Line in letzter Zeit das Alleinsein.
+
+»Soll ich Reuter lesen?« fragte Hann, »hier >Ut de Franzosentid<.«
+
+Sie saß auf ihrem Bett und hatte die Hände müde in ihrem Schoß gefaltet.
+Eine Flechte des schwarzen Haares ringelte sich bereits über ihre
+Schulter.
+
+Im Nachsinnen hatte sie damit gespielt.
+
+»Nein, Hann, ich bin heut nicht lustig.«
+
+In diesem Augenblick stäubte über das Dach etwas fort, im Schornstein
+heulte es auf, und die beiden hörten, wie nebenan Klaus Muchow im Schlaf
+laut aufbrummte.
+
+Nach einer Weile fragte Hann, der an dem Licht stocherte: »Wenn ich nich
+lesen soll, was soll ich?«
+
+Sie verzog ein wenig die Nasenflügel.
+
+»Steck dir deine Pfeife an, Hann, und bleib noch ein wenig hier.«
+
+»Hier rauchen?«
+
+Er glaubte zuerst, daß er nicht richtig verstanden hätte, denn bis jetzt
+hatte sich Line den Tabaksdunst stets verbeten, und auch, als sie
+nochmals beistimmend nickte, wagte er nicht gleich, die kurze
+Schifferpfeife hervorzuholen. Da stand das Mädchen auf und riß ihm
+selbst ein Streichholz an.
+
+»Hier,« sagte sie matt.
+
+»O Lining,« erwiderte er gerührt und streichelte leise ihre Hand.
+
+Dieser Tabak schmeckte köstlich. Ganz vorsichtig blies er die Wolken von
+sich und schlug mit der Hand danach, wenn sie ihm zu dick erschienen.
+
+»Heute is es hier schön,« wagte er nach einiger Zeit zu urteilen.
+
+Sie saß wieder auf dem Bettrand und nestelte an ihren Haaren, ohne
+sonderlich auf ihn zu achten.
+
+»Heute is es hier gemütlich,« sprach Hann schüchtern weiter.
+
+Da nickte sie abermals, aber zerstreut, während sie auf den Wirbelsturm
+lauschte, der an ihrem Katen vorüberzog, und plötzlich entgegnete sie
+rasch und mit Betonung: »In der Stube ist es still.«
+
+»In der Stube, Lining?«
+
+Oh, er hatte für sie ein so feines Ohr gewonnen.
+
+»In deinem Geist aber nich? Meinst du das so?«
+
+Jetzt fuhr sie wie ertappt zusammen und rückte auf dem Bettrand hin und
+her. »Du solltest dich nicht so viel um mich sorgen,« drängte sie
+verlegen, »nicht immerfort. Die Hauptsache ist, wenn du dich wohl
+fühlst.«
+
+»Wenn ich -- --?«
+
+War das Spuk? Hatte das eben eine menschliche Stimme geredet? -- Oder
+hatte es eine der kleinen weißen Mäuse gewispert, die ja in den
+Schifferstuben in den Ecken sitzen sollen, wenn es still und friedlich
+hergeht. Und es war friedlich. Wie fein duftete der Tabak, wie wiegten
+sich die blauen Wolken um das Licht!
+
+Und diese köstliche Stille.
+
+Und diese schöne schwarze Flechte, die da auf der Schulter ruhte.
+
+Betroffen schlug Hann die Augen nieder und rückte das Licht, als ob es
+ihn blende.
+
+Und da fragte seine Gefährtin schon wieder etwas, was sein Herz noch
+froher schlagen ließ, weil er es noch vor kurzem nicht für möglich
+gehalten hätte.
+
+»Hann, du sagtest neulich was vom Besserwerden.«
+
+Er kratzte sich voller Verwunderung hinter dem Ohr.
+
+»Hast du dir das behalten, Lining?« warf er mit halbem Stolz dazwischen.
+
+»Ja.«
+
+Sie sah ihn nicht an, sondern fuhr mit der kleinen Hand unstet am
+Bettrand auf und nieder. Da mußte er zu ihr hinüberblicken und
+betrachten, wie die Flechte sich leise bewegte.
+
+Das verwirrte ihn, machte ihn froh und unglücklich.
+
+Diese da war ja die erste, die er sah. Das erste Weib!
+
+So rot die Lippen.
+
+»Kirschen,« dachte Hann, »oder ne, noch besser, Korallen. Solche Brosche
+hatte Mudding gehabt.«
+
+»Hann, glaubst du,« fragte sie unsicher dazwischen, »daß sich auch
+schlechte Menschen bessern können?«
+
+Da war es!
+
+Er nahm die Pfeife aus dem Munde und faltete beinahe andächtig die
+Hände.
+
+Draußen der Wind klang ihm wie Orgelton.
+
+Line, diese schöne Line, mit den schwarzen Haaren, die doch so gut war,
+-- nicht ganz gut, verbesserte er sich --, sie wollte in sich gehen.
+
+Hurra -- Viktoria!
+
+Am liebsten hätte er aufgejubelt, aber er bezwang sich und erwiderte nur
+eilfertig: »Aber natürlich, Lining. Aber weshalb fragst du?«
+
+Da schlug sie bereits ungeduldig auf das Kissen. »Oh, nur so.«
+
+»Ganz leicht is es, Lining -- ganz leicht,« fiel er wieder ein, »aber
+freilich mit Strafen und Zuchthaus nich.«
+
+»Wodurch denn?«
+
+»Lining, ich muß immer an Mudding denken, wieso die so gut war. Beinah
+all bei lebendigem Leib ein Engel. Pastor Witt aber hat's am Grabe
+erklärt. Weil sie gar keine Gedanken an sich selbst hatte, sondern weil
+sie nur den ganzen Tag saß und an uns andere dachte. Siehst du, Lining,
+darin steckt's. Ein schlechter Mensch kann wohl einen neuen Menschen
+anziehen, i ja, aber dann muß er erst an sich selbst vergessen, über
+Bord mit allem, und muß irgend eine Liebe haben, zu 'ner Sache oder zu
+'nem andern Menschen. Und wenn er dann ganz voll davon is, dann is das
+Neue in ihm reingekommen, dann is er verwandelt. -- So hab' ich Pastor
+Witt verstanden.«
+
+Das Mädchen war aufgesprungen.
+
+»Eine Liebe?« sprach sie erschreckt nach. Eine düstere Röte lief über
+ihre Stirn.
+
+»Ja, Lining, so erklär' ich mich das,« schloß er glücklich, während er
+sich die Hände rieb.
+
+Da wandte sie sich mit einer ihrer raschen Bewegungen, die aber doch
+bereits schwerfälliger wurden, zum Fenster, und während sie in den
+stäubenden Schneesturm hinausstarrte, verschränkte sie beide Hände vor
+der Stirn, um darauf in ein so schmerzliches Stöhnen aufzubrechen, daß
+er sich entsetzte.
+
+»Eine Liebe,« stammelte sie vor sich hin, »o Gott.«
+
+»Lining -- Lining -- is dir was?«
+
+Nach seinem Anruf wandte sie sich und kehrte ihm ihr blasses Antlitz zu.
+Dabei war es, als ob sie ihn lange betrachte. Dann scheuchte sie wieder
+etwas von ihrer Stirn, schritt langsam auf ihn zu, zögerte abermals, und
+während ihre Lippen zuckten, streichelte sie ein paarmal sanft über
+seine struppige Wange.
+
+Er erstarrte. Breit und plump ragte er vor ihr auf. So etwas Holdes war
+ihm noch nie geschehen!
+
+»Du bist ein guter Mensch, Hann,« sagte sie einfach, aber ohne daß ihre
+Züge an Düsterkeit verloren.
+
+Da wurde er wieder ganz glücklich.
+
+ -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
+ -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
+
+Aber nicht immer war Line so sanft. Alte Wünsche schlichen um den Katen
+und jagten die Verstörte auf.
+
+Da war zuvörderst eine Kiste, mit deren Inhalt sie gleichsam ihr
+früheres Leben wieder auspackte. Als ihr die ersten bunten Schleifen in
+die Hände fielen und die ersten, dünnen Reclamhefte -- Schillers »Kabale
+und Liebe« -- schrie sie laut auf. Da warf sie sich vor der Truhe auf
+die Knie und umklammerte das Holz.
+
+Und woher kam diese Sendung?
+
+Von der ehrbarsten Seite, die nur das Moralische wollte und immer nur
+das Moralische.
+
+An einem Dezembermorgen, kurz vor Weihnachten, in den Straßen blitzte
+fußhoher Schnee, da hing sich Fräulein Dewitz ihre Pelzkappe um, die ein
+Erbstück von Hollanders verstorbener Gattin war, zog sich die perlgrauen
+Handschuhe auf, die sie allein für vornehm hielt, und ließ sich von
+ihrem kleinen Aufwartemädchen eine Mietsdroschke holen.
+
+»Nach Moorluke,« sagte sie beim Einsteigen zum Kutscher und sah ihn
+dabei ganz ängstlich an.
+
+Der Kutscher im Schafpelz kratzte sich hinter dem Ohr.
+
+»Je, Madamming,« warf er ein, »wenn wir man hinkommen. Das erste Mal
+sind wir grad bis zum Steinbeckertor gekommen, dann hieß es: umkehren!
+Das zweite Mal bis an den Rick, das dritte Mal bis an die Räucherhäuser.
+Soll mich wundern, wie weit 's heute geht?«
+
+»Nein, nein,« beharrte das alte Fräulein, »heute tu ich's. Und achten
+Sie mir ja auf die Kiste da vorn.«
+
+»Na, denn hü!« brummte der Kutscher.
+
+Aber als die weiße Bahn des Flusses vor ihr aufblitzte, da begann der
+Handarbeitslehrerin das Herz zu klopfen.
+
+Noch hielt sie sich. Sie preßte ihr Antlitz in den Muff, als ob sie
+nichts hören und sehen wollte.
+
+»Es ist sehr schwer,« flüsterte sie in sich hinein, »für eine, die sich
+ihr ganzes Leben vor so etwas gehütet hat, -- -- -- aber die Ärmste ist
+ja beinah eine Kranke, und man braucht ja auch nicht von dem
+Schrecklichen zu reden. Nein, das braucht man schließlich nicht. Man hat
+ja auch ein bißchen gesellschaftliche Kunst, Savoir vivre! -- Gott, wie
+ich sie bloß finden werde?«
+
+Draußen wieherten die Pferde.
+
+Fräulein Dewitz erschrak.
+
+Waren das nicht bereits die Räucherhäuser, die dort vorbeiflogen?
+
+Ja, ja, das waren sie wohl.
+
+Lieber Himmel, was wird man aber im Logengarten dazu sagen? Wird man
+nicht meinen, ich billige solche -- hm, das Wort flößt mir bereits Angst
+ein. Ich bin schon alt, aber darin doch ganz unerfahren. Und wenn Dinas
+Tante sich nun von mir zurückziehen würde? -- Draußen donnerten die
+Pferde über die Moorluker Notbrücke.
+
+»Herr Bals -- Herr Bals.«
+
+»Madamming?«
+
+»Ich fahre nicht weiter.«
+
+»Kuck, was sagte ich gleich?«
+
+»Nein, nein, es geht nicht, mir ist schlecht worden. -- Aber die Kiste,
+die bringen Sie gleich dahin. -- Sie wissen schon! Herrgott, da drüben
+wohnt sie. In diesem Katen. -- Nein, sagen Sie gar nicht, daß ich da
+bin.«
+
+ -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
+
+So kam die Kiste in Lines Besitz.
+
+Sie lag vor dem Holz, als Hann auf See weilte, auf den Knien und wühlte
+in den Andenken und Büchern herum, wie in einem anderen, reicheren
+Leben. Immer tiefer!
+
+Ja, Fräulein Dewitz hatte recht geurteilt. Diese Bücher kamen der
+Verlassenen jetzt wie vornehme Herren vor, die in die Fischerhütte
+traten, um mit der schönen Dirn Kurzweil zu treiben.
+
+Als Hann abends nach einem Sturmtag müde zu ihr ins Zimmer trat, wie ein
+borstiges, nasses Ungeheuer, tief in Pelze gehüllt, da fand er sie mit
+glühenden Wangen auf der Tischkante sitzen, ein Heftchen in der Hand.
+Das Licht stand neben ihr. Ihre Augen blitzten.
+
+Hann blickte sich um. Diesem Anblick gegenüber fühlte er sich hilflos.
+Was bedeutete das?
+
+»Hann,« stammelte sie, noch völlig verwirrt.
+
+In seiner Unsicherheit dachte er ihr etwas zu erzählen. Er fuhr an
+seinem triefenden Pelzwerk herunter, stotternd: »Unser Boot hat Wasser
+gezogen. Klaus Muchow und ich, wir haben beinah eine Stund' im Eis
+gelegen -- ich möcht' was Warmes.«
+
+Aber sie verstand die Seenot im ersten Augenblick gar nicht.
+
+Da regte sich bei dem Frierenden Unwillen über ihre Teilnahmlosigkeit.
+
+»Was hast du da zu lesen?«
+
+»Ein Theaterstück.«
+
+Er ballte die Faust.
+
+»Denkst du noch immer an solche Schauspielerstücke?« brach es rauh aus
+ihm heraus. »Ich meinte -- --« Aber er unterdrückte das übrige, wandte
+sich schwerfällig und verließ mit Geräusch die Kammer, um nebenan bei
+den Muchows eine warme Erquickung zu suchen.
+
+Line starrte hinter ihm her, dann ließ sie langsam, zögernd das Heft
+sinken und blinzelte träumerisch in das Flämmchen der Kerze.
+
+ -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
+
+Doch der Beruf, der sie anzog, der leichte Flittertand, sollte noch
+dichter an ihr vorbeistreifen.
+
+Oll Kusemann humpelte in die Küche.
+
+Nur wenige Tage fehlten noch zum Fest, es war ein Morgen, an dem ein
+Frost herrschte, daß die Fugen des Katens krachten, und an den Wänden
+der Muchowschen Küche ein feiner Eisüberzug flimmerte. Oll Kusemann aber
+greinte über das ganze Gesicht und hob einen kleinen gedruckten Zettel
+in die Höhe, den er in der Hand trug.
+
+»Kinnings,« schmunzelte er und lehnte sich an den Herd, denn das
+Riesenpaar trank gerade gemeinschaftlich mit seinen Mietern Kaffee. »Ich
+komm', euch einzuladen. Die Schauspielers sind angekommen. Mein Alwining
+hat die Bodenkammer wieder an den Direktor Türkow und seine Braut
+vermietet. Oder auch seine Frau. Genau weiß ich das nich. Aber es sind
+sehr anständige Leute. Haben nich mal einen Ofen verlangt. Und was sie
+is, sie is umgänglich. Und in dem Päplowschen Saal wird heute gespielt.
+Sie belernen sich schon, daß es bloß so raucht. Kuckt! Alpenkönig und
+Menschenfeind. Ich spiel auch mit. Einen Geist oder so was. Und mein
+Alwining macht eine Hex'. Alles ganz natürlich.«
+
+»Eierkauken,« sprach Klaus Muchow, der inzwischen den Zettel angestaunt
+hatte und jetzt zärtlich über das Papier strich: »Eierkauking.«
+
+»Ja, ja,« nickte Frau Fiek, »so was mag er gern. Und wenn es man halb so
+graulich is, als die Geschicht' von dem alten Räubervater im Hungerturm
+-- weißt noch, Klaus, wo wir unsere Latern dazu haben borgen müssen? --
+denn kann es mich auch gefallen. Dazu kommen wir.«
+
+Am Nachmittag begann sich Line zu putzen. Ganz verstohlen vor dem
+Spiegel, hier ein Schleifchen und dort eine Brosche. Währenddessen saß
+Hann hinter dem Ofen und krümmte sich vor Reißen. Die Stunde im Eise
+hatte es ihm angetan. Er sah auf seine Gefährtin hin und sprach kein
+Wort.
+
+Jetzt flimmerte draußen auf der Dorfstraße eine einsame Petroleumlaterne
+auf. Sie warf ihren Schein in die halbdunkle Kammer.
+
+Da hielt sich Line nicht länger.
+
+»Kommst du nicht mit?« begann sie abgewandt, wobei sie sich an der
+Kommode etwas zu schaffen machte. Hann rieb an der schmerzenden
+Schulter.
+
+»Wohin?« fragte er kurz.
+
+»Nun, du weißt doch. Ins Theater.«
+
+Er rieb weiter, geduckt, ohne eine Silbe zu entgegnen.
+
+»Hann,« mahnte sie scharf.
+
+Diese Art war ihr neu.
+
+Da murrte es aus der dunklen Ofenecke hervor: »Ich hab' Trauer um meine
+Mutter und auch um Siebenbrod. Und du -- --«
+
+Es schien ihr, als ob seine Augen sich halb verächtlich von ihr
+abwandten.
+
+»Nun, und ich?« forderte sie herb.
+
+»Ich meinte, du brauchtest dich nich so offen vor den Leuten zu zeigen,«
+quoll es ohne Rücksicht über seine Lippen.
+
+Dann stöhnte er wieder und rieb an seinem Knie.
+
+Da war es gesagt, das Wort, das die Ausgestoßene von den andern Menschen
+schied. Ihre körperliche Schönheit war angetastet, ihr letzter Trost,
+ihre letzte Zuflucht.
+
+Zuerst sah sich Line um.
+
+Wo befand sie sich eigentlich? -- Und war das Hann, der ewig
+freundliche, dienstwillige Hann, der dort so verkrümmt in der Ecke
+hockte und ihr eben so roh ihr Schicksal enthüllt hatte?
+
+Sie tastete mit den Händen umher. Ihre Brust stieß, ein leiser,
+unartikulierter Ruf wurde hörbar.
+
+»Lining -- is dir was?«
+
+Keine Antwort. Mit tiefgesenktem Haupte stand sie da und scharrte mit
+den Nägeln auf der Tischplatte herum.
+
+»Lining, ich hab' solche Schmerzen -- ich meinte das nich so.«
+
+Das Scharren erstarb. Sie stand regungslos, aber Hann, der sie besorgt
+beobachtete, nahm wahr, wie über das geneigte Antlitz große Tränen zu
+fließen begannen. Das hatte er bei seiner Schutzbefohlenen noch nie
+gesehen.
+
+Trotz seiner Pein hinkte er auf sie zu.
+
+»Lining -- Lining.«
+
+»Lining, ich will dich ja nur hüten.«
+
+»Lining, ich sagt es ja nur zum Guten. Der Mensch muß sich doch in jeder
+Lage zuerst ein richtiges Bildnis von sich selbst machen. Das ist doch
+das erste. -- Lining, wenn du mir nich bös wärst, würdest du mir dann
+woll die Hand geben?«
+
+Er wartete eine Zeitlang, dann bemerkte er, wie sich langsam ihre Finger
+ihm entgegenreckten, und plötzlich schoß Siedehitze in ihre Wangen, sie
+griff nach seinem Arm, um mit fiebriger Stimme zu fragen: »Bin ich schon
+lange so häßlich, Hann?«
+
+»Du, Lining? -- O Gott --« Er getraute sich nicht, von seinem vollen
+Herzen mehr zu verraten.
+
+»Sonst hab' ich dir immer gefallen,« fuhr sie nachdenklich fort und
+unter Tränen schmerzlich lächelnd.
+
+»Ja, ja, Lining, und das wirst du auch bis an mein Lebensende.«
+
+»Armer Hann -- dir glaub' ich's -- armer Hann.«
+
+Dann legte sie ihre Schleife ab und die Brosche. Die Schublade knarrte,
+als sie alles hineinlegte. Darauf suchten sie wieder ihre Plätze auf,
+sie an dem Tisch und er an seiner Ofenbank, und ein langes, banges
+Schweigen senkte sich herab.
+
+ -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
+
+Seitdem war Line wie gebrochen. Sie verließ ihre Kammer nicht mehr. Sie
+saß und dachte über sich und Hann nach. Lag vor ihrem Bett und weinte
+und konnte es dann gar nicht erwarten, daß Hann heimkehrte. Denn seine
+dummen, ehrbaren Vernunftsgründe waren das einzige, was ihr die Furcht
+vertrieb.
+
+Manchmal sprach sie ganz sonderbar zu ihm.
+
+»Warum sprichst du nicht zu mir, Hann?«
+
+»Lining, was soll ich?«
+
+»Deine Stimme vertreibt mir die Angst. Es ist, als ob das bißchen Gute
+aus mir spräche. Nicht wahr, Hann, es mag doch auch Gutes in mir sein?«
+
+»O Lining -- du -- du.«
+
+»Ich geb' mir auch Müh', an mich selbst zu vergessen, wie du mir geraten
+hast. Merkst du das, Hann?«
+
+»Ja, Lining, wie sollt' ich nich?«
+
+»Hann, nicht wahr, ich werd' nicht sterben? Es kann noch ein besserer
+Mensch aus mir werden?«
+
+Er lachte und weinte in einem Atem: »Lining, du bist gar nich mehr so
+klug, wie früher. Wie kannst du jetzt woll von uns gehen?«
+
+»O Hann, ich träum' jede Nacht davon. Denn ich steh' auf der Schwelle.
+Aber nicht wahr, wenn ich auch nicht so klug bin, wie früher, so bin ich
+doch auch nicht mehr so trotzig? Bist du jetzt mit mir zufrieden?«
+
+»Lining -- Lining -- du zerreißt mir rein das Herz.«
+
+»Still -- still.«
+
+Und dann saßen sie wieder zusammen, lautlos, als ob sie auf das Geschick
+warteten.
+
+
+
+
+VII
+
+
+Ein verzweifelter Mensch läuft über den Schnee. Er erreicht die Straße,
+zieht an der Klingel, sieht sich wirr in dem kahlen Vorraum um und
+stürzt dann auf die Krankenschwester zu, die mit verhaltener Erregung
+hereintritt.
+
+»Hann, du?«
+
+»Line stirbt.«
+
+»Da sei Gott vor.«
+
+»Klara, Klara, es darf nich -- das kleine Kind -- und ich -- und, und --
+warum soll ich es vor dir verschweigen? -- mir is, als ob du und ich und
+die ganze Welt mit ihr zusammen sterben müßten.«
+
+»Das weiß ich, Hann, das weiß ich.«
+
+Mit Hast wird nun allerlei durcheinander gefragt. Nach dem Doktor, nach
+Rezepten, und dann eilen der Mann und das Mädchen durch den Schnee von
+dannen, beide Hand in Hand, ohne daß sie es fühlen.
+
+»Klara, sie is gut -- du mußt mir glauben, sie is gut,« stammelt er im
+Laufen.
+
+»Und du auch, Hann -- du auch. -- Gott wird helfen.«
+
+»Ja, wenn er sie sieht, wie sie daliegt, dann hilft er ganz gewiß, es
+geht nich anders.«
+
+ -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
+
+Dicht bei Neuyork, am Strande von Long Island, sitzt an demselben Abend
+der Buchhalter der Bootsbaufirma Richards & Co. auf seinem Kontorsessel
+und sieht durch die grünen Sprossen eines Weingeländers auf den Ozean
+und die hinabtauchende Sonne.
+
+Blauer und blauer wird's, an dem Spalier rüttelt der Wind; und der
+junge Beamte klammert sich mit seinen Blicken an einen fernen, fernen
+Dampfer an, der winzig, wie eine Schwalbe, über das Meer enteilt. Dann
+ist er zwischen Schaum und Duft zerflossen.
+
+Versonnen schüttelt der Einsame das Haupt und will eben seine Papiere
+zusammenraffen, da tritt ein Schiffszimmermann in den Verschlag, der mit
+zufriedenem Stolz seine Löhnung fordert, um dann seine Tatze
+abschiednehmend durch das Geländer zu recken.
+
+»Na, adjüs ok, Herr.«
+
+»Adjüs?« -- Bei dem Klang horcht der andere hoch auf: »Sind Sie denn ein
+Plattdeutscher, Schmidt?«
+
+»I, jawoll, jung Herr,« sagt der rotblonde Bursche breit. »Ut de Gegend
+von Wolgast.«
+
+Das Wort muß den Buchhalter treffen, denn er tritt rasch aus seinem
+Gehege heraus.
+
+»Das wußt' ich nicht. Und trotz des hohen Lohns,« fragt er rasch,
+»wollen Sie wieder nach Deutschland zurück? Aus welchem Grunde? Haben
+Sie dort eine Braut?«
+
+»Ne, Brüdjam bünn ick dor nich grad. As ich fortführ, wir sei irst
+föfteihn.«[12]
+
+»Aber Sie haben vielleicht Geschwister?«
+
+»Ne, dei sünd all dot -- aberst Herr, ick -- ick --« und der Zimmermann
+reibt sich verlegen an seiner Hose. »Nach den ganzen Lann'n heww ick
+Sehnsucht. Nach de Felder und de Minschen und unsre Sprak.«
+
+Still wird es zwischen den beiden. Und da die Winterabendsonne rötlich
+den Raum überzittert, so kann der Scheidende nicht merken, wie sein
+Vorgesetzter erblaßt ist.
+
+Zögernd schreitet der Buchhalter endlich an sein Pult und öffnet es. Mit
+zitternder Hand nimmt er einen Brief hervor.
+
+»Schmidt,« beginnt er mit niedergeschlagenen Augen, »hier hab' ich seit
+vielen Monaten ein Schreiben liegen, das ich aus schwerwiegenden Gründen
+nicht abgesandt habe. Wollen Sie das an seine Adresse befördern? Der Ort
+liegt ganz in Ihrer Nähe. Wollen Sie den Weg machen?«
+
+»I, woll, Herr,« erklärte sich der Abreisende bereit, und dabei
+buchstabiert er die Adresse: »Hann Klüth. -- Oh, das is woll ein
+Verwandter? Na, den will ich grüßen, Herr.«
+
+»Und das Land auch,« sagt der andere an sich haltend und blickt auf die
+spielende See.
+
+»Versteht sich. Das Land auch. Adjüs!«
+
+ -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
+
+Das Meer war Lines Feind. Das Meer wollte nicht, daß die Kranke gesunde.
+Das Meer, welches das Mädchen schon als Kind gehaßt hatte.
+
+»Heut' abend knackt das Eis,« meinte oll Kusemann.
+
+»Und dann gibt es wieder einen Tanz,« setzte Frau Fiek hinzu, die mit
+Hann in der Küche weilte, um das Kind in einem Korbe zu wiegen. »Kuck,
+Hann, was er für schwarze Augen hat. Grad als Line. Und da -- jetzt
+sieht er direkt auf die See raus.«
+
+»Kinder können den Sturm sehen,« kaute oll Kusemann, während er an dem
+Türpfosten lehnte. »Hann, du solltest die jugendliche Mutter von hier
+fortbringen. Was tust du, wenn das Wasser hier nun hereinläuft.«
+
+Aber Frau Fiek schüttelte ihre Riesenfaust nach der See, über der sich
+noch die Eisdecke spannte. »Das wird sie wohl bleiben lassen,« schrie
+sie -- »wird sich hüten. Solche Waschschüssel voll Wasser. Werden uns
+hier gerade fürchten.«
+
+»Stäwelwichs,« polterte Klaus Muchow und schlug auf den Herd.
+
+Und das Kind begann laut zu schreien.
+
+»So,« murmelte der Lotse, »da habt ihr's, das Gör ahnt es.«
+
+Und Hann, der mit gesenktem Haupt an der Wiege stand, wo er geraume
+Zeit auf das rosige Gesichtchen geblickt hatte, fing ebenfalls an, sich
+zu fürchten vor dem Meer, das dort unter der Eisdecke schlief, und vor
+der großen Stille, die um den Katen lauerte, und vor dem Unbekannten,
+das täglich einen Fuß auf die Schwelle setzte und ihn wieder zurückzog.
+
+Ein Schauer lief dem plumpen Manne über den Rücken. Er zitterte einen
+Moment, daß es den anderen auffiel. Die vielen Nachtwachen hatten ihn
+bereits erschöpft.
+
+»Hann,« sagte Frau Fiek aufsehend, »du solltest dich mal hinlegen.«
+
+Er schüttelte das Haupt.
+
+»Nich eher, als bis Line geschlafen hat.«
+
+Damit ging er an die See und maß die Stärke des Eises.
+
+Zwei Zoll. »Noch hält's.«
+
+ -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
+
+Doch im fahlen Glanz der Februarsonne lag die See und schielte mit ihrem
+eisigen, glänzenden Auge durch das Fenster nach Lines Lager hin, so daß
+die Liegende keinen Blick von dem Schimmer wenden konnte.
+
+Sie hatte den Kopf auf beide Hände gebettet, und ihre glänzenden Augen
+ließen die Scheibe nicht.
+
+Unmerklich flüsterte sie.
+
+»Nun?«
+
+Und dann wieder.
+
+»Wann kommst du?«
+
+Dann winkte sie verstohlen.
+
+Da griff Klara Toll, die nun schon seit Wochen an dem Lager waltete,
+sacht nach Lines Hand. Die Kranke mußte aufsehen.
+
+Dabei verrieten ihre lebhafter glänzenden Augen, wie ihr die schlanke
+Gestalt in dem hellblauen Pflegerinnengewande, das ihr früher soviel
+Abscheu eingeflößt, jetzt gefiel. Neugierig fast spähte sie nach den
+braunen Haaren, die im Glanz der Sonne weich unter dem Haubenlatz
+hervorquollen.
+
+Unterdessen hatte die Schwester einen Arm um Lines Schulter geschlungen,
+und nun konnte sich die Liegende aufrichten.
+
+»Komm,« bat Klara, »sieh von da fort.«
+
+Doch Line schüttelte nur eifrig das Haupt und bog den Hals gespannt
+wieder nach dem Fenster. »Das verstehst du nicht,« erwiderte sie leise,
+»ich muß drauf warten.«
+
+»Worauf, Line?«
+
+Aber Line blieb stumm. Doch wenn sie auch schwieg und wie gezogen wieder
+auf das Wasser hinausträumte, Klara Toll wußte aus früheren Reden recht
+gut, was die Gedanken der Leidenden lenkte.
+
+Da lag sie nun schon seit Wochen, vom Fieber geschüttelt, sie, die so
+leidenschaftlich nach dem Leben verlangt hatte, nach einem besseren,
+tätigen Dasein, und siehe, das Leben verwarf sie, das Leben hatte sie
+auch fürder ausgespien. Nichts konnte sie dem Neugeborenen leisten, vor
+dem sie ursprünglich solche Angst gehegt, auf keine Weise Hann danken,
+der sie unausgesetzt, wie ein großer, treuer Haushund, bewachte. Und nun
+waren mitten in ihre Fieberträume die Reden der Hausgenossen
+hereingedrungen über das Vordringen des Wassers, und seitdem lag Line
+und lauerte.
+
+Unausgesetzt, wie auf etwas Wunderbares. Immer wieder wandte sie sich
+nach der eisigen Fläche. Und wenn sie es auch nicht wieder laut werden
+ließ, ihre verlangenden Augen redeten es deutlich: »Nun?«
+
+Und dann wieder.
+
+»Wann kommst du?«
+
+Am Mittag trat Hann zu der Erschöpften, und als sie ihn merkte,
+streichelte sie seine Hand, um sie jedoch gleich fahren zu lassen,
+sobald sie sich an Klaras Gegenwart erinnerte.
+
+Dann bannte sie ein flüchtiges Lächeln auf ihre Lippen, um endlich das
+zu fragen, was sie jetzt täglich beschäftigte, ob Paul, der Pastor,
+etwas von sich habe hören lassen? Und die in der Stadt? Beide nicht? --
+Beide nicht?
+
+Sie kannte schon Hanns mitleidiges Kopfschütteln und streckte sich starr
+in ihren Kissen aus. Ihre Augen suchten die niedrige Decke.
+
+Der Nachmittag dieses Tages, von dem die Moorluker noch heute sprechen,
+dämmerte herauf. Die beiden Frauen saßen wieder allein. Line auf ihrem
+Bette, Klara am Fußende, mit einer Strickerei in der Hand. Die sah
+winzig aus.
+
+Die gelbe Februarsonne glitzerte auf den Fensterscheiben. Da richtete
+sich Line auf. Ihre Augen irrten wieder auf der Eisfläche herum.
+
+»Klara.«
+
+Die Pflegerin ließ ihre Arbeit ruhen und sah auf. --
+
+»Klara, woran arbeitest du da?«
+
+»Es sind Strümpfchen für den Kleinen, Line.«
+
+Die Kranke besah sich die Arbeit und legte einen Augenblick ihre Wange
+darauf.
+
+»Ja, ja,« begann sie dann mit eilender Stimme. »Du wirst sie ihm auch
+später stricken.«
+
+»Wieso, Line, ich werde doch nun bald gehen.«
+
+Die Liegende lächelte eigentümlich und wandte sich dann wieder zur See,
+über deren Eisfläche der Wind graue Schneewolken jagte.
+
+»Hörst du,« sagte sie mit seltsamer Befriedigung, während sie mit dem
+Finger zeigte, »wie es heult?«
+
+Da legte Klara ihre Arbeit fort, und ihre stillen, offenen Züge kehrten
+sich ganz gegen ihre Gefährtin: »Line,« bat sie, »willst du mir nicht
+einmal erklären, weshalb du so stundenlang auf das Eis siehst?«
+
+»Weshalb willst du das wissen?«
+
+»Wir ängstigen uns alle deshalb.«
+
+»Oh,« lächelte Line, und es war so, als wollte sie wieder alles in sich
+verschließen, allein plötzlich führte sie ihre Lippen an Klaras Ohr und
+raunte: »Ich war so schlecht, Klara, so schlecht, wie du dir's gar
+nicht denken kannst. Du weißt's ja, du bist mir ja auch nicht gut
+gewesen. Ich hab' nur immer an mein Vergnügen gedacht, und wenn andere
+darüber hätten verbluten sollen. Das ging eine lange Zeit, und ich
+wollt' auch gar nicht anders werden. Sieh, da ist nun die Zeit mit Hann
+gekommen, und ich weiß auch nicht, wieso, aber das Ehrliche in ihm muß
+wohl eine Kraft haben, denn ganz allmählich, Stück für Stück ist mir der
+Wunsch aufgestiegen, ich möcht' auch so werden wie er, so ohne Lüge, und
+ganz zuletzt ist diese Sehnsucht rein übermächtig in mir geworden.
+-- Aber sieh, da ist so viel, was mich an das Frühere erinnert. Der
+Gedanke an das Kind und an seinen Vater -- das stößt mich immer wieder
+zurück. Und da weiß ich nicht, soll ich leben, oder soll ich sterben?
+Und deshalb lieg' ich und warte auf das Wasser. Es wird kommen, Klara,
+und wenn es mich dann nicht mitnimmt, pass' auf, dann gelingt's mir.«
+
+Klara schüttelte das Haupt. »Das sind Phantasien,« entgegnete die
+Pflegerin, an sich haltend. »Die See wird nicht kommen. Aber wenn du
+hier jemanden lieb hast, so darfst du ihm nie von dergleichen reden.
+Versprich mir das.« Sie rückte ihr sanft die Kissen zurecht. »Nicht
+wahr, du hast Hann doch lieb?«
+
+Line zuckte und sah starr auf die Decke.
+
+»Nicht so wie du,« gab sie endlich mühsam zurück.
+
+»Aber du bist ihm doch gut?« drängte die andere.
+
+Leise nickte die Gefragte und faltete die Hände.
+
+Die Pflegerin rückte noch näher. Jetzt wollte sie erkunden, was ihr
+schon lange des armen Hann wegen auf der Seele lag: »Und an Bruno,
+Lining, denkst du noch an den? Es ist nicht Neugierde, die mich treibt.«
+
+Da lag Line ausgestreckt und führte beide Hände an die Stirn, eine
+innere, heftige Unruhe ging durch ihre Glieder, und wieder flog ein
+langer irrender Blick auf die See hinaus.
+
+»Und das Kind,« mahnte die andere eindringlich, »das wird dich doch ans
+Leben fesseln?«
+
+»Du mußt mich nicht quälen,« stöhnte es aus den Kissen auf. »Das Wasser
+weiß allein, wie alles enden wird.«
+
+ -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
+ -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
+
+Um sechs Uhr nachmittags kam ein fremder Mann zu Hann, der einsam mit
+seinen schweren Wasserstiefeln an der Wiege des Kindes saß. Der Fremde
+blieb eine geraume Zeit. Als später Frau Fiek in ihre Küche trat, fiel
+es ihr auf, wie ihr Mieter noch immer gebückt neben dem kleinem Lager
+harrte, mechanisch mit dem Fuß den Gängel tretend, einen Bogen Papier in
+der Hand und verstört darauf niederschauend.
+
+Frau Fiek wurde neugierig.
+
+»Hann, was liest du da?«
+
+Wohl horchte der Mann nach dem Klang der Stimme, aber den Sinn schien er
+nicht zu fassen. Erst ganz spät tönte es zurück: »Einen Brief.«
+
+Das sah Frau Fiek selbst, deshalb zuckte sie über Hanns Dummheit ein
+wenig die Achseln, denn gar zu gern wollte sie mehr wissen.
+
+»Von wem is der woll?« examinierte sie freundlich lächelnd weiter und
+streckte zutraulich die Hand aus, als hoffe sie, eine Ecke des
+Schreibens zu erwischen.
+
+»Von weit her,« erwiderte Hann, noch tief in seinen Gedanken, und dabei
+faltete er still das Papier zusammen und steckte es zu sich.
+
+»Kuck, wie schlau,« platzte die Riesin heraus, als das Ersehnte in der
+weiten Tasche verschwand. Aber nach einiger Zeit grinste sie wieder und
+fragte recht herzlich, ob Hann etwa eine Erbschaft gemacht oder
+vielleicht etwas gewonnen hätte.
+
+»Wie würd' ich mich freuen,« setzte sie hinzu, wobei sie sich den Mund
+wischte. »Und es is nich etwa deswegen, weil du uns noch zehn Taler
+schuldig bist, Hanning. Ne, das mußt du nich glauben. Man ja nich.«
+
+Dabei nahm sie die Küchenlampe vom Herd und leuchtete ihrem Mieter ins
+Gesicht. Aber wie erschrak sie, als dieser seine Augen gegen sie erhob.
+Da sprach nichts von Freude, wohl aber erkannte die Erfahrene Gram,
+Verzweiflung und völlige Ratlosigkeit. -- Und wie faltig die Furchen
+sich in diesem frühgealterten Gesicht eingegraben hatten.
+
+Jetzt stand er auf, schwerfälliger als sonst, sah sich um und griff an
+seine blaue Schifferjacke, bis er das Papier knistern hörte. Dann nickte
+er. Plötzlich sagte er etwas. Mit einer Stimme, die nur dumpf aus der
+Brust schlich.
+
+»Frau Muchow?«
+
+»Jawolling?«
+
+»Wird es mit Line besser werden?«
+
+»Hann, wer kann das sagen? -- Aber mir will es bald so vorkommen.«
+
+»Ja -- ja.«
+
+Nochmals beugte er den schweren Kopf, dann blickte er lange vor sich
+nieder. »Ja, ja, nun wird sie gesund werden und wieder wie früher, und
+ich hab' -- -- --«
+
+»Was hast du?« drängte rasch die Frau, als er stockte. Aber geschah es,
+weil unvermutet vom Meere etwas heulte, oder war es, weil das Kind laut
+schrie, Hann schüttelte den Kopf und warf nur hin: »Sehen Sie hier ein
+bißchen nach dem Kind, Frau Muchow, ich will noch raus und mein Boot
+höher ziehen. Wer weiß, was heut nacht geschieht? Vielleicht kriegen wir
+noch was.«
+
+Damit stülpte er sich die Mütze auf und ging Schritt für Schritt in die
+Dunkelheit.
+
+ -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
+ -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
+
+Das war eine böse Stunde, die über Hann eingebrochen war.
+
+Der Teufel focht mit dem lieben Gott, alles was Gutes in ihm lebte, war
+von Nacht zugedeckt, von allen Seiten stürmten die bösen Geister heran,
+in den Krallen die roten flatternden Fähnchen der Sünde, als wollte
+jeder zuerst in diesem stillen, reinen Herzen das höllische Banner
+aufpflanzen.
+
+Er saß auf dem Kiel des Bootes, das er fast bis unter die Mauern des
+Katens geschoben hatte, und wie in ihm, so tobte auch draußen eine
+lärmende, unheimliche, nicht erkennbare Nacht.
+
+Was knallte dort?
+
+Schüsse?
+
+Da und dort, von überall her drang das dumpfe Platzen; mächtiger, immer
+länger, bis es ein Donner ward, wie wenn eine Schlachtflotte den Katen,
+in dem Line lag, und die Küste und die ganze Welt in Trümmer schießen
+wolle.
+
+Und über Hanns Lippen flog ein schweres, fast unheimliches Grinsen: Gut,
+gut, wenn das Eis so platzte, war dann nicht schon öfter die Flut
+hinterhergedrungen? Erst vor zwei Jahren war doch auf dem Darst eine
+kleine Halbinsel mit Menschen und Vieh zur Winterszeit verschlungen
+worden?! -- Gut, gut, was aber schadete das? -- Dann ging der Katen
+unter, mit allem, was drinnen hauste, dann war es morgen hier still,
+dann hatte er eben den Brief, dies verfluchte Papier, das drinnen in
+seiner Tasche bei jeder Bewegung knisterte, nicht mehr abgeben können,
+dann war er zusammen mit ihr untergegangen, und keiner hatte mehr etwas
+zu fordern. -- Ne, keiner!
+
+Bei dem Gedanken, daß dort hinten, weit hinter der Nacht, jemand lauere,
+der ihm das fortnehmen wollte, was er mit seinen plumpen, fiebernden
+Händen auch über den Abgrund festgehalten, da hob Hann plötzlich in
+Wildheit die Faust und schüttelte sie drohend gegen das schwarze,
+lärmende Meer!
+
+Es war eine rohe, gewaltsame Bewegung.
+
+»Du -- du Halunk. -- Was willst du? -- komm ran -- komm bloß ran -- dann
+wirst du mir ja nich mehr lang im Weg sein. Was? Hast sie nich schon
+einmal in Schande gebracht? Möchtst sie nun wohl ganz zugrund richten,
+wie?«
+
+Drüben auf der See riß etwas -- ein langer, weiter Spalt mußte es sein,
+der sich auftat. An der Molenmauer krachte es.
+
+»Immer näher kommt's,« murmelte Hann, »da -- da fliegen schon die
+Eisstücke; und nun -- das muß das Wasser sein, was da durchbricht. Da
+schäumt etwas, da an dem Steg; der wird nich lange halten -- ganz gut --
+ganz gut --«
+
+Auf ihrem Lager in der Kammer richtete sich Line in die Höhe,
+schneebleich war sie vor Erwartung und Furcht geworden, und doch rief
+und forderte sie immer wieder, Klara solle das Rouleau fortziehen,
+hinaus müsse sie spähen können, nach draußen, woher der Donner rollte.
+Nichts nützte es, daß die Pflegerin die Hände rang und anführte, daß
+draußen nichts als Dunkelheit herrsche.
+
+»Das schadet nichts, Klara, dann will ich hören --«
+
+»Mein Gott, Lining, fürchtest du dich denn nicht?«
+
+»Ja, ja, ich fürchte mich -- aber zieh fort -- ah jetzt.«
+
+Das Rouleau war in die Höhe gegangen.
+
+Sie erhob sich aus den Kissen und starrte mit aufgerissenen Augen
+hinaus. Draußen ritt Hann auf dem Kiel des Bootes, lehnte sich an die
+Mauer des Katens und hielt sich an einem Vorsprung fest.
+
+Leise, verstohlen begann der Wind zu ziehen -- allmählich wurde ein
+Winseln daraus. Ein heftiger Zug fuhr um die Hausecke und schüttelte
+Hanns Schifferjacke, so daß Brunos Schreiben drinnen knisterte und
+rauschte.
+
+Verfluchter Zettel -- willst du wohl still sein?
+
+Am besten wär's, er zerrisse ihn, dann wüßte keiner etwas davon. »Aber,«
+so tönte eine ganz ferne Stimme, »wenn der andere nun doch, wie er
+schrieb, von Reue erfüllt wäre und wieder hinauf wollte und Line ihm
+dazu nötig wäre, Line und das Kind -- von dem er nichts ahnte -- was
+dann?«
+
+Der Schiffer fuhr sich in die Haare.
+
+Hölle und Teufel, wem gehörte sie denn eigentlich -- ihm oder dem
+Fernen, der sie betrogen, der sie unglücklich gemacht -- --?
+
+»Ich find' da nich raus,« schrie er auf, »wenn Gott mir nich helfen
+will, dann soll der Teufel kommen, dann soll er kommen.«
+
+Und er kam.
+
+Leiblich, mitten in der donnernden Nacht.
+
+Was war das?
+
+Von dem Fenster, hinter dem Line lag, hob sich etwas, ein gelber
+Lichtschein fiel heraus, fort über den Bootskiel, fort über den trüben
+Schnee, fort über die nasse, kotige Wiese, bis hinab, wo etwas
+Unheimliches, Rauschendes plätscherte. Und der Teufel nahm Hann, so daß
+er auf dem Kiel fortkriechen mußte bis zum Fenster, und daß er sich
+duckte und hineinstarrte.
+
+Und der Teufel riß Line weiter aus dem Bett hervor und stieß ihr die
+Decke fort, so daß der Mann draußen sie sah, wie er den schönen weißen
+Leib noch nie geschaut. Noch niemals ein Weib.
+
+Da schlug die Flut des Bösen schallend in sein Herz, das bis dahin eine
+Kirche war, und Altar und Orgel versanken, und die Glocken klangen aus
+den schwarzen Wassern nicht mehr hervor. Ja, und morgen schon wollte er
+den Brief verbrennen, und dann wollte er bei dem Weib in der Kammer
+hausen, das ihm gebührte, ihm allein -- -- und --
+
+»Lining?«
+
+»Herr Gott!«
+
+Was schrillte dort drinnen für ein heiserer Schrei?
+
+Das Rouleau wurde herabgerissen, der Lichtschein schwand. Überall
+Dunkelheit. Aber nein, da und da -- überall auf der Mole feurige Punkte,
+Laternen. Auf dem Leuchtturm plötzlich weithin grellendes Notfeuer! In
+blutiger Helle blitzen, von dem Scheinwerfer getroffen, da und dort
+Küstenstriche auf. Aber nein, das ist ja keine Küste mehr, was schiebt
+sich dort vor? Was zischt so? --
+
+»Hann, Hann,« ruft Frau Fieks Stimme oben aus der Bodenluke. Verworrene
+Stimmen aus dem Dorf schreien dazwischen, sie dringen näher, sie eilen
+wieder fort. Und nun über die Dächer fort vom Kirchturm Glocken. -- Wie
+das dröhnt und wimmert. Und vom Meer stöhnt das Nebelhorn eines
+Schiffes, das dort in Not sein muß.
+
+»Gut -- ganz gut.«
+
+Hann rührt sich nicht. Lang ausgestreckt liegt er auf dem Kiel und hat
+die Bootsrippen umklammert und beißt die Zähne zusammen. Nein, er rettet
+nichts. Da er dieses schöne Weib, das er eben gesehen, von deren Anblick
+ihm das Blut summt, nicht behalten soll, dann mag das Wasser nun ruhig
+alles holen.
+
+Ganz ruhig.
+
+Was ist das? -- Sein Kahn beginnt sich zu heben. Es muß also schon da
+sein. Es schwankt, es stößt -- --
+
+»Hann -- Hann!«
+
+»Ja -- wer ruft da?«
+
+Das Fenster vor ihm wird aufgerissen -- Licht und dasselbe Bild wie
+vorhin. Auf den Knien in ihrem Bett hockt Line und starrt ihn an.
+
+Ja, sie hat ihn erkannt, sie sieht ihn, aber sie winkt nicht, daß er sie
+holen solle.
+
+Da saust und braust in Hann alles durcheinander.
+
+Wie darf sie sterben, die Freundin seiner Jugend? Mit einem
+verzweifelten Sprung, mit einem einzigen, schwingt sich der Fischer ins
+Fenster. -- Vergessen ist alles, der Zettel, sein Wunsch und ihre
+Nacktheit.
+
+Hinter ihm her schießt das Wasser.
+
+ -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
+
+Nun hocken sie alle in den Bodenkammern. Auf Hanns elendem Schragen
+liegt Line, ausgestreckt und starr, aber die Augen offen, und um die
+Lippen ein merkwürdiges Lächeln. So lauscht sie auf das Gurgeln, das
+leiser und leiser um das Haus tönt. Denn nach dem ersten Anprall ziehen
+die Wasser schon wieder von dannen.
+
+Das Kind in seiner Wiege hat Klaus Muchow heraufgetragen, und nun
+schleppt er es ungeschickt in seinen Riesenarmen herum und will es
+nicht wieder abgeben und küßt es und wiehert ihm ins Ohr: »Eierkauking,
+Eierkauking.«
+
+Sonst spricht keiner ein lautes Wort.
+
+Bis an den frühen Morgen steht Hann an der einzigen Bodenluke und
+betrachtet die ablaufenden Wasser -- da und dort, überall tauchen wieder
+die Wiesen auf, das Eis ist verschwunden, ringsherum spiegelt sich die
+Morgensonne in freier, unbehinderter See; schneeweiß rollt der erste
+Schaum ans Ufer.
+
+Hann atmet kaum die frische Luft, ihm klopft das Herz so bang, und wenn
+das Papier in seiner Brusttasche knistert, dann wird er fahl und
+erinnert sich seiner Nachtgedanken.
+
+Als er noch sinnt, weckt ihn Klara Tolls Stimme.
+
+»Hann!«
+
+»Ja, Klara.«
+
+»Line verlangt nach dir.«
+
+Hann schüttelt sich und rafft sich zusammen.
+
+»Wie geht's?«
+
+»Besser. Sie erzählt und lacht und hat ihr Kind gestreichelt -- und jetzt
+will sie dir etwas sagen.«
+
+»Komm, Klara.«
+
+An dem Bett steht Hann, steif und unbeweglich, wie immer, bis ihn Line
+sachte, sachte sich näher zieht. -- Mein Gott, wie leuchten und blitzen
+ihre Augen. Hann erkennt, das ist dieselbe Line, die zu Malljohanns
+Handharmonika so zierlich getanzt hat.
+
+»Beug dich tiefer,« sagt sie.
+
+Er neigt sich herab.
+
+Sie zaust in seinem struppigen Haar und lacht dazu: »Und in einer Decke
+hast du mich heraufgetragen, du großer Kerl? -- Willst wohl gern, daß ich
+lebe?«
+
+Da schlägt er die Augen nieder und ringt sich ab: »Ja, Lining, und wenn
+ich dir jeden einzelnen Tag von meinen eigenen dazulegen müßte.«
+
+Als er das sagt, mit einer Stimme, die schwankt und unsicher wird,
+blickt sich Line blitzschnell nach Klara Toll um. Die ist jedoch
+gegangen, und die beiden Jugendfreunde sind allein.
+
+Da legt sie sanft ihren Arm um seinen Hals, obwohl der Mann zittert
+unter der weichen Berührung. »Du,« flüstert sie, »du lieber, dummer
+Mensch, ich hab' dir noch niemals gedankt, aber heute will ich's tun,
+denn ich hab' das Leben wieder lieb, ach, so lieb.«
+
+Ihre Wange nähert sich der seinen, weich und sanft -- --
+
+»Ja, Line,« erwidert der Fischer, während er sich mühsam aufrichtet,
+»das Leben is auch wohl das Höchste. Jetzt seh ich es ein. Aber ich
+glaub', man muß es auch ohne Vorwürfe und in Stille leben können. -- Und
+deshalb, Line -- liebes Lining -- sieh, hier geb' ich dir was -- das
+lies aufmerksam -- das is unser aller Zukunft -- da drin liegt Recht und
+Unrecht, und Freude und Trauer. Aber, wie das Leben es will, so müssen
+wir es auf uns nehmen. Und ich am allerwenigsten darf da dazwischen
+reden.«
+
+Verwundert nimmt Line das Blatt, nun hält sie es, jetzt liest sie es,
+und langsam gleitet ihr Blick von dem Papier zu dem Mann, der lautlos
+auf das Meer blickt, und von dem Mann wieder zu dem Bogen.
+
+Und in der engen Kammer und in den beiden Seelen webt alles
+durcheinander, Recht und Unrecht, Abschiednehmen und Einsamkeit, Freude
+und Trauer.
+
+Es ist still geworden.
+
+Nur draußen auf dem wieder erwachten Meer sieht Hann ein schaukelndes
+Boot zwischen den Wellen.
+
+Schiff, wohin zielst du? Ist dein Steuer fest? -- Kannst du dich selbst
+regieren?
+
+
+
+
+Ausklang
+
+VIII
+
+
+Die Grillen sangen zwischen dem Gras des Landwegs, am Rick standen Kühe
+bis über die Schenkel im Wasser und schleckerten.
+
+Uff -- uff.
+
+Das ist soviel, als wenn wir sagen: »Gut oder delikat.«
+
+Die Junisonne spiegelte sich in ihren weiß- und braungescheckten Rücken,
+und auf der Wiese herrschte eine erbitterte Schlacht zwischen braunen
+und grünen Käfern. Ganz fern, bei einer grünmoosigen Pfütze, wandelte
+ein alter Storch, der bei jedem Schritt ernsthaft mit dem Kopf nickte,
+als wäre er sehr mit dem Gesumm und dem Dunst des Sommers und der ganzen
+schläfrigen Stille einverstanden.
+
+Aber schwer ist es, sehr schwer, zwischen den ausgefahrenen Geleisen des
+Feldwegs vorwärts zu wandern, zumal wenn ein alter, knarrender Wagen vor
+dir herfährt, den vier altersschwache Gäule kaum durch den Staub
+vorwärtszuziehen vermögen.
+
+So setzte ich denn die letzte müde Kraft ein, bis ich neben dem Gefährt
+herschritt.
+
+Der Kutscher, der auf seinem Bock herumschlotterte, hatte bereits einen
+schiefen Blick auf den Wandersmann geworfen.
+
+»Na?« knasterte er.
+
+Ich sah auf.
+
+»Potz -- Blitz.«
+
+Wir hatten uns erkannt, und zum Gruß stieß er ein bißchen an seine
+Mütze. Sonst konnte ich keine besondere Freude an ihm über unser
+Wiedersehen entdecken. Doch hielt er immerhin mit zitternden Händen
+seine Schimmel an: »Hüh -- -- purr.«
+
+»Hast noch ümmer kein Geld,« fragte er, sich über den Bock herabneigend,
+»für einen eigenen Wagen?«
+
+Darauf konnte ich nur betrübt den Kopf schütteln und erwidern, daß mein
+Geschäft noch immer nicht soviel abwerfe. Der Alte hob die Hand zu dem
+zahnlosen Munde und wackelte hin und her: »Je, dein Vater war doch ein
+Handelsherr und ein Schiffsreeder, was is nu mit dir?«
+
+»Leider Gottes, ich bin dämlich aus der Art geschlagen.«
+
+»Ja, ja,« murrte der Alte, »Schnurrerwaar,« und damit rückte er brummend
+zur Seite, was von jeher die Erlaubnis bedeutete, neben ihm Platz zu
+nehmen.
+
+Weiter ging's durch den summenden Sommertag.
+
+»Warum fährst du jetzt mit vier Pferden?« hob ich an. Aber diese Frage
+stimmte den Kutscher sichtlich verdrießlich.
+
+»Je,« kaute er und schlug auf die Tiere ein. »Warum? Es soll jetzt alles
+schnell gehen auf der Welt, aber es kommt nichts dabei raus, hü.«
+
+Die Schimmel trabten zu.
+
+Da gedachte ich dem Gespräch eine andere Wendung zu geben: »Schöner,
+kurzer, fetter Dung, den du da fährst,« lobte ich. »Für wen ist der?«
+
+»Für Hann Klüth.«
+
+Ich glaubte, ich hätte nicht recht verstanden und forschte zum
+zweitenmal: »Für wen?«
+
+Der Alte sah mich mit seinen eingesunkenen, triefenden Augen mißfällig
+an: »Ich sagt' dir ja, für einen ordentlichen Mann,« keuchte er, indem
+er wieder in sich zusammensank, »für Hann.«
+
+Aber ehe ich mich noch von meinem Erstaunen erholen und einwerfen
+konnte, ob Hann denn seit den vier Jahren, die ich ihn nicht gesehen,
+Landwirtschaft betriebe, streckte der Kutscher seine dürre Hand aus und
+zeigte auf die hohen Binsen am Fluß.
+
+»Kuck,« machte er mich aufmerksam.
+
+Hinter der grünen Wand, deren Silberfasern im Sonnenschein blitzten,
+hob sich ein Angelschacht, und nun knurrte und lachte der Alte wirklich
+in sich hinein und schüttelte sich und stieß mich in die Seite. »Maust
+all wieder Aale,« flüsterte er. »Aber sie kriegen ihn nich, weil er
+selbst ein Aal is. --« »Ho!« schrie er dazwischen und hieb nach den
+Stauden. »Soll mich doch wundern, was er diesmal für eine Ausred parat
+hat.«
+
+Und wirklich, bei dem Lärm hinkte aus dem Gestrüpp eine merkwürdige
+Gestalt heraus. Die trug einen leinenen Beutel in der Hand, an den Füßen
+steckten ihr kolossale Filzschuhe, und über die schmucke Lotsenuniform
+ringelten sich unter der Tressenmütze lange, weiße Haarsträhnen herab,
+die dem Antlitz gewiß etwas Ehrwürdiges verliehen hätten, wenn es nicht
+gar so trinkrot und listig gewesen wäre.
+
+Oll Kusemann war's, der mir sofort mit lautem Freudenruf die Hand
+heraufreichte, um dann wehmütig den Kopf zu schütteln.
+
+»Kuck, Jünging, was aus mir hübschen jungen Mann geworden is. Die
+Jahren, die Jahren. Und das Reißen. Sieh, und die Pension, die sie mir
+ausgesetzt haben, is auch nich zum Fettwerden.«
+
+»Aber Aale?« fragte lauernd der Kutscher, während er auf den Beutel
+zeigte, in dem es sich regte.
+
+Der Lotse jedoch sah wie ein gekränktes Kind aus: »Was, Aale? Da is
+nichts als Fleisch drin,« widersprach er ehrwürdig. »Damit geh ich die
+armen, hungrigen Biester füttern, weil ich's nich mit anhören kann, wenn
+sie zur Sommerzeit so schmatzen, ohne was zu finden. Ich hab' mal ein zu
+weiches Herz.«
+
+»Nu hör eins,« grinste der Kutscher, worauf er in solch gewaltiges
+Keuchen und Knastern ausbrach, daß ich ihn beruhigend auf den Rücken
+klopfen mußte. Inzwischen war oll Kusemann ebenfalls auf den Bock
+geklettert, und ich saß nun zwischen den beiden, wobei sie sich jedesmal
+wechselseitig zuzwinkerten, so oft ich wieder nach Hann zu fragen
+begann. »Ja, was meinst du woll?« reizte mich oll Kusemann
+geheimnisvoll, »was aus ihm geworden is?« Und der Mistkutscher starrte
+auf den Weg, nickte vor sich hin und murmelte befriedigt: »Hat die Zeit
+alles machen lassen. Was sagt' ich ümmer: Die Jahren tun's.«
+
+So reizten sie mich und machten mich neugierig, bis ich endlich ganz
+kopfscheu vor mich hinsprach: »Ja, was kann sich denn hier Großes mit
+Hann ereignet haben? Hat wahrscheinlich schlecht und recht und still,
+wie bisher, vor sich hingelebt und ist am Ende Klaus Muchows Bootsmann
+geworden. Ja, so denk ich mir's. Und nun fangen sie zusammen Fische.
+Recht viele. Und Klaus Muchow sagt dazu >Eierkauken<. Und Line wird
+gesundet sein, und nachdem sie sich wieder auf sich selbst besonnen,
+dürfte sie Hann und das kleine Fischernest, in das sie doch gar nicht
+paßte, wie ihr mir zugeben müßt, verlassen haben, vielleicht, um Bruno
+in Amerika aufzusuchen, oder um ihren alten Wunsch wahrzumachen, sich
+einer wandernden Schauspielertruppe anzuschließen. Denn dazu hatte sie
+doch nun einmal das heiße Blut.«
+
+»Hatte sie dat?« warf der Mistkutscher hämisch dazwischen, während er
+auf den Lotsen schielte -- »Hm, bist ein dummer Bengel.«
+
+»Wieso?«
+
+»Die Jahren -- die Jahren.«
+
+»Und fort is sie also nach Amerika?« schob oll Kusemann zweideutig ein.
+
+Ich begründete meine Ansicht damit, daß Hann und Line doch so schlecht
+zueinander gepaßt hätten, weil sie ihm in allen Dingen zu sehr überlegen
+gewesen.
+
+»Ach so,« nickte der Lotse mit den weißen Locken, und nachdem die beiden
+wieder einen verständnisinnigen Blick getauscht, streichelte mir der
+Kutscher ein bißchen herablassend übers Knie: »Na, schreibst du noch
+immer Schriften?« kam's aus seinem lallenden Munde.
+
+»Zuweilen.«
+
+»Und kommen da auch Menschens vor?«
+
+»Freilich.«
+
+»Kuck,« schloß der Alte, schüttelte den Kopf, als wenn er etwas nicht
+recht begriffe, und strich über den eisigen Zottelbart. -- »Na,
+meinetwegen; aber nu sieh da mal grad'aus.«
+
+Ja, das war in der Tat ein befremdender Anblick. Statt der hölzernen
+Notbrücke zwischen Moorluke und dem Nachbardorf dehnten sich jetzt ein
+paar stattliche Steinbogen, und in der Mitte erhob sich ein schlankes
+Balkengerüst, das einem Fallgatter derartig gestattete, auf und nieder
+zu gleiten, daß die Meerschiffe ungehindert durch die Brücke in den
+Hafen passieren konnten.
+
+Wir karrten hinüber.
+
+Vor dem Wärterhäuschen stand eine untersetzte Gestalt, um uns den
+Brückenzoll abzunehmen.
+
+Auch eine neue Einrichtung.
+
+Der Mann hob das Haupt. Und da -- -- --
+
+»Gott im Himmel!« rief ich verblüfft.
+
+»Bist du auch wieder einmal da?« sprach Hann mit schöner philosophischer
+Ruhe, denn das ist der oberste Grundsatz der Gilde, zu der Hann gehörte,
+sich durch nichts aus dem Text bringen zu lassen. »Wie geht's?«
+
+Aber ich konnte mich noch immer nicht von meiner Verwunderung erholen,
+und so rief ich denn einmal über das andere von meinem Bock hinab:
+»Menschenskind, nu sag' mal bloß, was machst du denn eigentlich hier?«
+
+»Ja,« sagte Hann in seiner erschöpfenden Weise, »ich nehm hier den
+Leuten für einen guten Gedanken, den nich ich, sondern eine andere
+gehabt hat, das Geld ab. Es macht für jeden von euch fünf Pfennig und
+für den Wagen dreißig.«
+
+»So is es,« schoß oll Kusemann wehmütig dazwischen, wobei er ausspuckte.
+»Und es is ein hübsches, ruhiges Geschäft, wobei er nich so mager wird,
+wie gewisse andere Leute, sieh mal da -- --«
+
+Damit zeigte er nach der Stelle am Ufer, wo früher das unscheinbare
+Häuschen der Klüths gestanden hatte, das in den Zeiten der Not an einen
+Bartscherer verkauft worden war.
+
+Wie war das jetzt hübsch herausgeputzt, mit einem Anbau versehen und
+hell angestrichen.
+
+»Das mußt du mir erzählen,« rief ich und sprang kurz entschlossen vom
+Wagen, von dem nun auch oll Kusemann unter Ach und Weh
+heruntergeklettert war. So blieb denn nur der alte Mistkutscher, den
+Professor Asmus Zeit seines Lebens für einen Gott gehalten, auf seinem
+Gefährt, und er nickte schlotternd vor sich hin, stierte geradeaus
+zwischen den Köpfen seiner vier Pferde hindurch und ließ endlich die
+Worte fallen: »Na, denn laß dir von Hann erzählen. 's is ein Mensch. Und
+das is nich wenig. Und vielleicht wirst dir aus seinen Reden einen Vers
+machen, wie es oft ganz anders kommt, als man so meint. Denn, Jünging,
+die menschlichen Meinungens kommen auch in die Jahren und verfaulen, und
+'s wär' gut, ich hätt' eine Menge von diese verfaulte Dinger all hier in
+meinen Wagen. Na, aber nu werd' endlich klug.«
+
+Dies hervorkeuchend, trieb er seine Gäule über die Brücke und richtete
+sich auf und schwang, weit ausholend, die Peitsche.
+
+ -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
+ -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
+
+»Hüh!«
+
+Da saßen wir nun in Hanns Wärterhäuschen, das so eng und winzig war, daß
+außer dem Brückenmann nur ich noch auf dem zweiten Holzstuhl Platz
+nehmen konnte.
+
+Hinten durch das Guckfensterchen leuchtete wie ein grünes Feld mit
+weißen Blumen die See, während unter unseren Füßen leise der Fluß
+plätscherte.
+
+Das klang so wohltuend, heimlich und gemütlich. Dazu noch die blauen
+Tabakswolken, die sich um oll Kusemann herumwiegten. Es war kein Wunder,
+daß ich mich heimisch fühlte.
+
+»Ja,« sagte Hann, »so is es gekommen. Da is vor allen Dingen die Brücke,
+über die du wohl hauptsächlich was in Erfahrung bringen willst. (Er
+glaubte das wirklich.) Ja, sieh, an dem einen Pfeiler steht mit
+Kupferbuchstaben geschrieben: >Erbaut vom Konsul Hollander 1897.< Und
+das verhält sich wirklich so. Line hat es sich ausgedacht, und der Herr
+Konsul hat es ausgeführt. Und das hing so zusammen. Du mußt nämlich
+wissen, daß sie mir lange Zeit keine Ruhe ließ, ich hätte nich die
+richtige Beschäftigung für mich, für den Fischfang wäre ich viel zu
+langsam, ich ließ mir alle anderen zuvorkommen und noch viel so was
+ähnliches Gutes. Und eines Tags, als wir beide hier grade über die alte
+Notbrücke spazierten, an der ein Schiff lag, das wieder viel zu hoch
+fürs Passieren war, sieh, da hatte sie mit einmal den Einfall mit der
+Klappbrücke. Und sie beschrieb mir das alles, als ob der Bau schon hier
+stände. Ganz deutlich. Ja, ja,« setzte er stolz hinzu, »wenn sie so
+erzählt! -- Und dann ging ein Drängen los, und ein Vorstellen, und ein
+Muteinreden, ich sollte gleich zu dem Konsul in die Stadt, um bei ihm
+wegen der Brücke vorstellig zu werden. Na, lange Zeit, kannst du dir
+wohl denken, hab' ich mich dagegen gewehrt; denn der Konsul war schon
+oft bei mir draußen gewesen, immer mit einem anderen Vorschlag; einmal
+wollt er mir einen kleinen Hochseekutter bauen, dann wieder eins ging es
+um vier neue Zesnerboote, aber immer kam es auf Unterstützung heraus,
+denn ihn mochte wohl das Geld drücken, das er damals von uns bekommen
+hatte. Aber diesmal setzte Line es durch. Sie hörte nämlich eines Tages
+auf zu lachen, und weil ich nun fürchtete, sie könnte am Ende wieder
+krank werden, ging ich richtig zu Hollander hin. Das war ein schwerer
+Gang,« fuhr Hann fort, während er sich den Schweiß abwischte, »aber
+kuck, der Konsul wurde ordentlich lustig über meinen Vorschlag, und vier
+Monate später, da saß ich schon als Pächter hier in dem Verschlag und
+nahm den Leuten das Geld ab.«
+
+»Kesch -- kesch,« warf oll Kusemann ein, wobei er mir bedeutsam
+zuzwinkerte und sich zugleich auf die Hosentaschen schlug, um mir das
+Einträgliche von Hanns Geschäft anzudeuten. »Wie sagt doch das schöne
+Sprichwort? >Ein kluges Weib, ein starkes Pferd -- ein treuer Hund sind
+Goldes wert<.« --
+
+»Ein kluges Weib?« wiederholte ich verblüfft. Mir wurde ganz wirr zu
+Sinn. »Ja, du sprichst immerfort von der Brücke, aber die Hauptsache
+erzählst du nicht, lebt denn Line noch in Moorluke?«
+
+Hann nickte.
+
+»Und -- und -- nimm mir's nicht übel, ihr seid doch nicht etwa -- --«
+
+»Nein, das nich,« wehrte Hann von sich ab und wurde blutrot.
+
+»Aber warum blieb sie dann hier? -- Weshalb ging sie nicht fort?«
+
+Hann starrte auf den Lotsen, dessen Gegenwart ihm bei diesem Gespräch
+offenbar peinlich wurde, und erhob sich: »Ja, siehst du, das is die
+Frag', die ich mir selbst jeden Tag vorleg. Aber komm,« fuhr er fort.
+»Du sollst sie sehen, sie hat dich ja immer gern leiden mögen. Und
+unterwegs erzähl' ich dir noch mehr.«
+
+Oll Kusemann wurde gebeten, in der Zwischenzeit Hanns Stelle
+einzunehmen, wozu er sich gern bereit erklärte, und als Hann und ich
+bereits über die Brücke schritten, rief der Lotse mir noch nach, daß ich
+am nächsten Tage natürlich einen Löffel Suppe bei ihm essen müßte.
+
+»'s gibt Aale!« schrie er in einem Augenblick der Selbstvergessenheit,
+während er triumphierend den regsamen leinenen Beutel schwang. »Alwining
+kocht sie in Bier und Zwiebeln. Wat meinst du woll?«
+
+ -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
+
+Hann erzählte.
+
+Aber darüber kam er nicht fort, der grübelnde Mensch. Dieses Eine konnte
+er sich nicht erklären.
+
+Den Brief.
+
+Sie hatte das Schreiben gelesen, damals, als sie so krank lag, und Hann
+an ihrem Lager den Teufel überwand, da hatte sie gelesen und den Zettel
+schweigend unter ihr Kissen geschoben.
+
+Hann wartete, aber sie entschied sich nicht. Sie sah ihn nur an, mit
+einem Blick, der sprach: »Ich bin viel klüger als du«, und lächelte.
+
+Sie wurde gesund, so schnell, wie es keiner geglaubt hatte, sie begann
+in dem Muchowschen Katen herumzugehen, zu singen, zu springen, ach, ganz
+ebenso, wie es die kleine Line getan hatte. Und Hanns Herz tanzte mit.
+Aber dann hämmerte dieses Herz wieder vor Angst, denn der Augenblick des
+Scheidens mußte ja näherrücken, umso schneller, je kräftiger sich Line
+fühlte.
+
+»Ach, wenn du wüßtest,« fuhr Hann fort, während wir an dem Fluß
+dahinschritten, über den bereits Abendröte sich senkte, »wenn du
+wüßtest, wie schwer mir damals war, wie ich jeden Tag zu mir sagte: Nun
+mußt du bereit sein, Hann. Wenn du heut von der See nach Hause kommst,
+dann wird sie nich mehr da sein, dann is sie dahin gegangen, wohin der
+Brief sie haben wollte. Aber nichts -- sie wurde immer nur munterer,
+allmählich begann sie auch bei den Muchows herumzuwirtschaften, sie nahm
+alles in die Hand, auch das Kleinste. Siehst du das kleine Räucherhaus
+da? Das wurde auch auf ihren Rat von Klaus Muchow und mir gebaut, damit
+wir darin räuchern sollten. Das brachte schon etwas. Und als nun die
+Sache mit der Brücke kam, da war Line ganz außer sich vor Freude. Sie
+sang und sprang, sag' ich dir, Jünging, daß selbst Frau Fiek über sie
+lachen mußte. Und nun hielt sie Pfennig bei Pfennig zusammen, und jeden
+Abend, wenn wir vor der Tür saßen, dann kuckte sie auf unser altes
+Häusing rüber, du weißt ja, das wir mal an Barbier Schultz verkauft
+hatten, und dann sagte sie immer so bestimmt: >Nun noch so und so viele
+Tage, denn kaufen wir's wieder.< Und siehst du, Jünging,« schloß Hann,
+während er auf den nahen Bau wies, an dem sich zarte rote Kletterblumen
+in die Höhe rankten, »auch darin hat sie recht behalten. Seit zwei
+Jahren sitzen wir wieder hier. Kuck, der Seitenflügel is neu. Und die
+Scheune. Denn du mußt wissen, Line will auch Landwirtschaft. Und der
+große Kartoffelacker da hinten is seit vorigem Jahr angelegt.«
+
+Ein kleiner, flachshaariger Bursche, der etwa drei Jahre zählen mochte,
+mit roten Pausbacken und schwarzen Augen, lief uns entgegen und
+klammerte sich an Hanns Beine an.
+
+»N'abend, Hann,« sagte der Große.
+
+»Hann heißt er?« fragte ich.
+
+»Ja,« versetzte mein Führer ein wenig verlegen, »Line wollt es so haben.
+Aber der wird was lernen,« setzte er stolz hinzu. »Er kann all das
+kleine Einmaleins.«
+
+»Nimm's mir nicht übel, und du wohnst hier mit Line ganz allein?«
+
+Hann blieb stehen und holte tief Atem: »Was denkst du,« gab er zurück,
+»die Muchows sind mit uns gezogen.«
+
+»Na, und was sagen die Moorluker dazu?«
+
+»Je,« versetzte Hann mit einer wegwerfenden Handdrehung, »woran sich die
+Leut' hier gewöhnen, das finden sie auch recht.«
+
+»Ganz schön -- aber du selbst, Hann, machst du dir keine Gedanken? Wir
+haben hier doch zusammen in derselben Dorfschule gesessen, Hann, deshalb
+frage ich dich.«
+
+Da hob Hann sein Haupt, und als sein Blick auf das freundliche Haus
+fiel, das in Abendröte wie eingebettet ruhte, da starrte er wieder zur
+Erde und murmelte: »Erklären kann ich's mir nich, aber mir is immer, als
+stellt' dies bloß einen lieben Traum vor, und es wäre noch nich Zeit zum
+Aufwachen.«
+
+Ich nahm ihn unter den Arm. »Hör', Hann, das Leben bringt noch
+Schöneres. Und du wirst bald aufwachen.«
+
+ -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
+
+Als der Mond jenseits des Flusses aufstieg und sein luftiges Hängenetz
+über das Wasser spannte, als die Nachtvögel schwärmten und die Meerluft
+um das Haus lispelte, da saßen wir drei schweigend auf der Bank neben
+der Mauer.
+
+»Ist's hier nicht still?« unterbrach Line, die mir lieblicher denn je
+erschien, die Ruhe.
+
+Wortlos mußte ich nicken.
+
+»Ja,« sagte sie, »das hab' ich nach Hanns Vorbild gelernt. Es ist nicht
+gut, wenn unsere Wünsche so wild in die Weite irren. Bescheidenheit,
+Friede und Tätigkeit, das weiß ich jetzt, mehr soll der Mensch nicht
+erstreben.«
+
+Aber Hann schüttelte das Haupt.
+
+»Ne, Lining, so is das nich. Ich hab' viel über das Glück nachgedacht,
+aber es is alles falsch gewesen.« Er wandte sich zu mir. »Erinnerst du
+dich noch, Jünging, wovon wir nachmittag sprachen? -- Jetzt weiß ich ganz
+genau, ohne was ein Mensch gar nich leben kann. Weißt du, was das is?
+Das is so ein schöner Traum -- und so 'ne schöne Hoffnung. Das is das
+Allerglücklichste und Allerhöchste!«
+
+»Das ist es,« wollte ich eben erwidern, da sah ich, wie Line lächelnd
+über Hanns Wange streichelte, dabei flüsternd: »Ist er nun ein lieber,
+dummer Mensch? Oder ist er am Ende gar ein Philosoph?«
+
+Da wußte ich, daß dicht über Hann selbst die Hoffnung schwebe.
+
+ -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
+
+Dies ist die Geschichte von Hann Klüth.
+
+Sie ist nicht kunstmäßig mit einem Ende versehen, denn sie ist wahr, und
+das Leben dichtet »ohne Ende«.
+
+
+FUSSNOTEN:
+
+[1] Märchen.
+
+[2] Wartet, ihr Mädel, wollt ihr wohl nach Hause?
+
+[3] Hier vorbei -- hier vorbei, ich fresse euch auf.
+
+[4] Mutter, Mutter, zu Hilfe.
+
+[5] Wartet, ich werde euch helfen.
+
+[6] Zu Hilfe -- zu Hilfe!
+
+[7] »Kuck,« sagte der Donner-Alte, »wie gut ich alter Mann noch bei
+Kräften bin. Aber nun komm, Alte, nun wollen wir einmal einen recht
+schönen Schottischen tanzen.«
+
+[8] Abkürzung von Sophie.
+
+[9] Stiefelwichse.
+
+[10] Eierkuchen.
+
+[11] Als der Teufel.
+
+[12] Nein, Bräutigam bin ich nicht gerade. Als ich fortfuhr, war sie
+erst fünfzehn.
+
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Hann Klüth, by Georg Engel
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK HANN KLÜTH ***
+
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+
+Produced by Norbert H. Langkau, Andrea Hofmann, Rory OConor
+and the Online Distributed Proofreading Team at
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+one owns a United States copyright in these works, so the Foundation
+(and you!) can copy and distribute it in the United States without
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+set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to
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+LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE
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+in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS' WITH NO OTHER
+WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO
+WARRANTIES OF MERCHANTIBILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.
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+If any disclaimer or limitation set forth in this agreement violates the
+law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be
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+the applicable state law. The invalidity or unenforceability of any
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+trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
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+with this agreement, and any volunteers associated with the production,
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+that arise directly or indirectly from any of the following which you do
+or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
+work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
+Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.
+
+
+Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at https://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+https://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
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+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at https://pglaf.org
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit https://pglaf.org
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+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including including checks, online payments and credit card
+donations. To donate, please visit: https://pglaf.org/donate
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+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
+
+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
+
+ https://www.gutenberg.org
+
+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
+subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
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+.footnote {margin-left: 10%; margin-right: 10%; font-size: 0.9em;}
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+.footnote .label {position: absolute; right: 84%; text-align: right;}
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+/* Poetry */
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+
+ </style>
+ </head>
+<body>
+
+
+<pre>
+
+The Project Gutenberg EBook of Hann Klüth, by Georg Engel
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Hann Klüth
+
+Author: Georg Engel
+
+Release Date: January 6, 2012 [EBook #38502]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-8859-1
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK HANN KLÜTH ***
+
+
+
+
+Produced by Norbert H. Langkau, Andrea Hofmann, Rory OConor
+and the Online Distributed Proofreading Team at
+https://www.pgdp.net
+
+
+
+
+
+
+</pre>
+
+
+<div class="figcenter" style="width: 400px;">
+<img src="images/cover.jpg" width="400" height="643" alt="Frontspiece" />
+</div>
+
+
+<h3>Georg Engel</h3>
+
+<h1>Hann Klüth</h1>
+
+<p class="center">Roman</p>
+
+<p class="center">Mit 24 Zeichnungen von<br />
+O.H. Engel</p>
+
+<p class="center">Deutsche Buch-Gemeinschaft<br />
+G.m.b.H.<br />
+Berlin</p>
+
+<p class="center p6">Nachdruck verboten.</p>
+
+<p class="center">Alle Rechte, insbesondere das der Übersetzung, vorbehalten<br />
+Copyright 1910 by Grethlein &amp; Co. G.m.b.H. in Leipzig
+</p>
+
+
+<h2 class="p4">Inhalt.</h2>
+<p class="center">
+<a href="#Erstes_Buch">Erstes Buch</a><br />
+<a href="#Zweites_Buch">Zweites Buch</a><br />
+<a href="#Drittes_Buch">Drittes Buch</a>
+</p>
+
+
+
+<h3><a name="Meiner_Vaterstadt_Greifswald" id="Meiner_Vaterstadt_Greifswald"></a>Meiner Vaterstadt Greifswald</h3>
+
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">Du liebe Alte, hoch am Meer,<br /></span>
+<span class="i0">Mit blauen Augen, weißen Haaren,<br /></span>
+<span class="i0">Wann wird mir wohl die Wiederkehr<br /></span>
+<span class="i0">Nach all den langen Wanderjahren?<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Wann wirst du mir den Schemel rücken<br /></span>
+<span class="i0">Und sprechen: »Jünging, ruh di ut«?<br /></span>
+<span class="i0">Wann werd' ich leis die Hand dir drücken<br /></span>
+<span class="i0">Und fragen: »Mudding, büst mi gut?«<br /></span>
+</div><div class="stanza">
+<span class="i0">Vielleicht bin ich schon siech und grau,<br /></span>
+<span class="i0">Bevor der Weg zu dir durchmessen.<br /></span>
+<span class="i0">Du liebe, gute, alte Frau,<br /></span>
+<span class="i0">Vergiß mich nicht, ich werd' dich nie vergessen.<br /></span>
+</div></div>
+
+<hr class="chap" />
+
+
+<h2 class="p6"><a name="Erstes_Buch" id="Erstes_Buch"></a>Erstes Buch<br />
+
+Moorluke</h2><p><span class="pagenum"><a name="Page_9" id="Page_9">9</a></span></p>
+
+<hr class="chap" />
+
+<h3>I</h3>
+
+
+<p>»Mudding,« sagte der Kranke, »ich seh sie ganz deutlich. Es sind zwölf
+schwarze Käfer, die da auf dem Zifferblatt von der alten Uhr im Kreis
+laufen.«</p>
+
+<p>»Ne, ne,« entgegnete die kleine Frau, und in ihre Stimme kam ein Stocken
+und Zittern, während sie nichtsdestoweniger unablässig an dem großen,
+grauen Strumpf, der schon fast bis auf die Erde herabhing,
+weiterstrickte. »Das is man dein Fieber. Und wenn das Fieber
+wiederkommt, sagte heut der Doktor, dann steht es schlimm.«</p>
+
+<p>»Das kann sein,« meinte der Lotse Krischan Klüth, und das Reißen krümmte
+ihn in den rot und weiß gewürfelten Kissen noch etwas mehr zusammen.
+»Aber ich hab' die Käfers gezählt &mdash; hör', und nu brummt einer.«</p>
+
+<p>An der schmalen Kastenuhr in der Ecke sank ein Gewicht. Es rollte dumpf.</p>
+
+<p>»Sechs,« zählte die kleine Frau Klüth. Dann seufzte sie tief auf. »Ich
+soll wohl nun Licht anmachen?«</p>
+
+<p>»Ja, ja, Mudding, es muß doch hell sein, wenn er kommt.«</p>
+
+<p>»Ja, wenn er es tut,« meinte Frau Klüth bedenklich. »Denn sobald man ihn
+nich höflich einladet, dann kommt er nich.«</p>
+
+<p>Von der roten Birkenkommode flackerte ein Talglicht auf. Der Kranke
+rückte sich in dem trüben Schein etwas höher im Bett zurecht und warf
+zuvörderst einen mißtrauischen Blick auf das Zifferblatt. Dann strich er
+beruhigter über die Decke. »Ja, ja &mdash; nu kriechen die verfluchtigen
+Biester nich mehr. Es is doch gut, wenn es hell is. &mdash; Mudding, halt mir
+das Licht dicht an die Finger. Mir is kalt. &mdash; So &mdash; sieh eins, wie dünn
+sie geworden sünd.«</p><p><span class="pagenum"><a name="Page_10" id="Page_10">10</a></span></p>
+
+<p>Er wurde wieder ungeduldig und schlug auf den Bettrand.</p>
+
+<p>»Siehst du das Boot noch immer nicht?«</p>
+
+<p>Die Frau trat an das kleine quadratförmige Fenster, das auf den Bodden
+hinausging, und schüttelte den Kopf.</p>
+
+<p>Da draußen war nichts als leere, graue Fläche. Hinter ihr schrie der
+Lotse plötzlich auf. Die tollen Schmerzen würgten ihn bereits im Halse.</p>
+
+<p>»Mudding,« gellte der Kranke.</p>
+
+<p>»Lieber Gott &mdash; lieber Gott,« murmelte die hilflose Frau, ohne sich
+umzuwenden, und faltete die Hände. »Was soll man da tun?«</p>
+
+<p>Dann wurde es wieder still. Die Uhr knarrte laut und deutlich ihren
+Schlag.</p>
+
+<p>Inzwischen hatte der alte Klüth nach dem Stuhl gelangt, auf dem ein
+Stück gedrehten schwarzen Priems und ein Taschenmesser lagen. Rasch und
+heimlich schnitt er ein großes Stück ab und schob es in den Mund.</p>
+
+<p>Doch die Frau, obwohl sie noch immer abgekehrt über die See spähte,
+hatte es gemerkt, als wenn sie auch im Rücken Augen besäße. »Das darfst
+du nicht,« verwies sie matt.</p>
+
+<p>Doch ohne darauf zu achten, kaute der Lotse eine Zeitlang begierig
+weiter, dann spie er den Tabak wieder aus und schüttelte so mutlos das
+Haupt, daß die schweißnassen grauweißen Locken ihm struwlig über die
+Stirn fielen. &mdash; »Ne, Mudding,« stöhnte er und sank zusammen &mdash; »es wird
+nichts mehr. Fünfzig Jahre hab ich ihm nu gekaut. Und seit vier Tagen
+will's nich mehr &mdash; kuck' &mdash; das is ein Zeichen vom lieben Gott.«</p>
+
+<p>»Ja, ja, was wollt's nich?« nickte die kleine, ältliche Frau und faltete
+wieder zerknirscht die Hände. Darauf strickte sie, wie erschreckt, an
+dem grauen Strumpf weiter.</p>
+
+<p class="center"><sup>*</sup>     <sub>*</sub>     <sup>*</sup></p>
+
+<p>Dicht unter den Fenstern des Lotsenhäuschens lag zur selben Zeit eine
+kleine Jacht am Bollwerk angeschlossen. Sie war von oben<span class="pagenum"><a name="Page_11" id="Page_11">11</a></span> bis unten mit
+Kartoffeln beladen und gehörte Johann Christian Petersen. Wenigstens
+stand sein Name in goldenen Buchstaben vorne an der Schiffswand. Aber
+der eigentliche Kapitän des Fahrzeuges war Frau Dörthe Petersen, die
+eben in ihrer Küchenkajüte einen Eierkuchen gebacken hatte und nun von
+der Steuerbordseite aus der kleinen Line, die am Bollwerk stand, ein
+großes Stück heraufreichte.</p>
+
+<p>In der bloßen Hand. Aber das schadete nichts.</p>
+
+<p>»Nu iß, mein Döchting,« sagte die starkknochige Frau, die mit nackten
+Füßen und hochaufgeschürzt herumging, denn aus dem kleinen Schiff wurden
+von zwei halberwachsenen, strohblonden Söhnen der Frau Dörthe
+ununterbrochen Kartoffeln über das Landungsbrett gekarrt und draußen in
+Säcke gefüllt. Wenn es zu langsam ging, dann sprang Frau Dörthe selbst
+entschlossen hinzu, um ihren beiden Sprossen je einen
+freundlich-aufmunternden Puff unter die Rippen zu versetzen.</p>
+
+<p>»Au, Mudding, das tut jo weh!«</p>
+
+<p>»Das soll es ja auch. &mdash; Man immer zu.«</p>
+
+<p>Und das Karren ging weiter.</p>
+
+<p>So hielt sie alles im Gang. Nur ihr Mann hockte in einem braunen,
+fellartigen Anzug auf dem Kajütendach und spielte, ohne sich um etwas zu
+kümmern, die Handharmonika.</p>
+
+<p>Eine andere Beschäftigung hatte nie einer bei ihm wahrgenommen, und man
+verlangte sie auch nicht. Denn bei der großen Flut war ihm bei einer
+Rettungsarbeit ein Balken auf den Kopf gestürzt und hatte ihm den klaren
+Verstand eingeschlagen. Frau Dörthe aber, obwohl sie ihn erst nach
+dieser Zeit geheiratet hatte, war dennoch felsenfest überzeugt, daß
+Malljohann, wie er in Moorluke genannt wurde, ein tiefsinniges und
+nachdenkliches Haupt und auf dem Gebiete der Handharmonika ganz
+einzigartig dastehe.</p>
+
+<p>Malljohann saß und spielte &mdash;</p>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">»Judemädel, wasch dich, kämm dich, putz dich schön,<br /></span>
+<span class="i0">Denn wir woll'n zum Tanze geh'n.«<br /></span>
+<span class="pagenum"><a name="Page_12" id="Page_12">12</a></span></div></div>
+
+<p>Der Walzer, von der Harmonika mit Glockenspiel vorgetragen, klang laut
+und scharf über den stillen Fluß und mußte auch in die Krankenstube
+hinaufdringen. Von oben antwortete auch sogleich ein schriller,
+ächzender Wehlaut.</p>
+
+<p>»Hörst du?« begann Frau Dörthe zu Line, während sie vielsagend die
+Achseln zuckte: »Da stirbt nu dein Vater. &mdash; Ja, so is es in der Welt.
+&mdash; Willst du noch'n Stück Eierkuchen, min Döchting?«</p>
+
+<p>Line empfand noch Appetit. Sie hatte sich auf das wurmstichige braune
+Bollwerk gesetzt und schaukelte mit den nackten, weißen Beinchen
+zwischen Schiff und Holzwand nachlässig hin und her.</p>
+
+<p>Für ein vierzehnjähriges Kind war sie auffällig zierlich und biegsam
+gewachsen.</p>
+
+<p>Plötzlich hob sie das schwarze Haupt mit den merkwürdig blitzenden Augen
+und sagte bestimmt, auf das kleine Fenster des Lotsenhauses deutend:
+»Das is nich mein Vater.«</p>
+
+<p>»Wer denn?« fragte Frau Dörthe gespannt, obwohl sie ganz gut wußte, daß
+die Kleine recht hatte.</p>
+
+<p>»Das is man bloß mein Pflegevater,« antwortete Line kauend, »mein
+richtiger ist der Klabautermann.«</p>
+
+<p>»Huch,« schrie die Schifferfrau entsetzt auf und schielte zu Malljohann
+empor, ob er das Kind auch ordentlich verstanden hätte. &mdash; »Huching &mdash;
+Jochen, hast gehört? &mdash; Lütting, oh, wer ist denn der Klabautermann?«</p>
+
+<p>Der tapfere weibliche Kapitän war ordentlich scheu zurückgewichen.</p>
+
+<p>»Der Klabautermann?«</p>
+
+<p>»Je.« &mdash; Die Kleine schaukelte wieder ein bißchen mit den nackten
+Beinen, dann gab sie so fest zurück, wie sie etwa in der Schule eine
+Antwort deklamierte: »Je, der Klabautermann is ein Wasserzwerg.«</p>
+
+<p>»Und von so einem bist du die Tochter?«</p>
+
+<p>»Ja, so is es,« beharrte Line ernsthaft, und wischte sich die
+Kuchenhände an ihrer Schürze ab.</p><p><span class="pagenum"><a name="Page_13" id="Page_13">13</a></span></p>
+
+<p>»O jeh &mdash; o jeh,« schrie Frau Dörthe und schlug entsetzt ihre Fäuste
+zusammen. Und die Söhne hielten mit ihren Karren still. Und Malljohann
+endete das »Judenmädel« mit einem schrillen Wehlaut &mdash; und zog sein
+glattrasiertes Gesicht in hundert Falten &mdash; und alle starrten sie auf
+Line hin.</p>
+
+<p>»Aber du liebe Güte, wer hat dir denn so was eingeredet?« stotterte
+endlich Frau Dörthe.</p>
+
+<p>Allein, Line befand sich zu sehr in ihrem Recht.</p>
+
+<p>»Das hat mich oll Kusemann erzählt,« brachte sie rasch hervor und stand
+beleidigt auf, »und Hann hat es auch gesagt.«</p>
+
+<p>»Oll Kusemann?« wiederholte Frau Dörthe nun ehrlich empört und dabei ein
+wenig triumphierend &mdash; »Jochen, hast's woll gehört? &mdash; Das is ja der oll
+Lügenlotse hier. &mdash; Und Hann? Hann is weiter nichts als ein Dummkopf.«</p>
+
+<p>»Ja, dumm is er man,« pflichtete Line bei. Dann verzog sie das
+kirschrote Mündchen zu einem spitzbübischen Lächeln.</p>
+
+<p>Da wurde das Idyll häßlich unterbrochen.</p>
+
+<p>Im gleichen Moment vernahmen alle auf dem Schiff so namenloses, tobendes
+Geheul aus dem Krankenzimmer herabschrillen, daß alle zusammenschreckten
+und verlegen auf die Planken sahen.</p>
+
+<p>Als sie wieder aufblickten, lag Line lang auf dem harten Uferboden
+ausgestreckt, die Stirn auf kleinen Kieselsteinen, und wühlte mit den
+Fingern in Gras und Erde herum.</p>
+
+<p>»Was machst du da?«</p>
+
+<p>»Er soll nich sterben! &mdash; soll nich sterben,« raste die Kleine in
+wütendem Trotz und schleuderte allerlei Steine von sich. &mdash; »Wozu muß
+denn gerade er sterben? &mdash; Kann es nich Hann sein?«</p>
+
+<p>Die Kapitänin sah wieder zu ihrem Gatten empor. Der aber hatte das Kinn
+auf die Harmonika gelehnt und schien nachzudenken.</p>
+
+<p>»Lütting, du mußt zu dem lieben Gott bitten,« entschied die Frau endlich
+überzeugt und nickte dreimal sehr stark mit dem Kopf. »Das ist das
+einzigste Mittel.«</p>
+
+<p>Aber bei Line verfing es nicht. Immer erregter schlug sie auf das<span class="pagenum"><a name="Page_14" id="Page_14">14</a></span>
+Bollwerk und schluckte vor Wut und Tränen: »Das hab ich alles schon
+versucht. Aber es hat mir nichts genützt. Vielleicht weil ich gar nich
+sein richtiges Kind bin,« setzte sie hinzu, »wie die andern. Ich heiß ja
+auch nich Line. Ich heiß ja Aline. Und draußen auf dem Bodden, da haben
+sie mich gefunden.«</p>
+
+<p>Damit erhob sie sich auf den nackten Knien und zeigte auf die graue
+Wasserfläche der See hinaus, als ob sie dort draußen etwas Schreckliches
+und Merkwürdiges zugleich erspähe.</p>
+
+<p>Seltsam, wie sich dabei die Augen des Kindes veränderten. Etwas Wildes,
+Dunkelleuchtendes flackerte darin auf. Es war jetzt bereits klar, daß in
+diesem kleinen Wesen die Phantasie mächtig schaffe und wirke.</p>
+
+<p>Unvermittelt fuhr sie empor.</p>
+
+<p>»Malljohann,« schrie sie zu dem Fellbraunen hinauf: »Spiel wieder &mdash; ich
+will eins tanzen.«</p>
+
+<p>»Was? Jochen, untersteh dich,« &mdash; rief Frau Dörthe fassungslos dagegen,
+»pfui, was für ein Gör &mdash; ihr Vater stirbt da oben, und dann will sie so
+was!«</p>
+
+<p>»Doch, doch, wenn der liebe Gott mir nicht hilft, dann tanz ich,« schrie
+Line noch einmal und wirbelte bereits, wie zum Hohn, auf einem Fuße
+herum.</p>
+
+<p>Und dann geschah etwas Unvorhergesehenes!</p>
+
+<p>Malljohann ließ plötzlich mit aller Macht den unterbrochenen Walzer
+ausklingen. Die Glöcklein klirrten, die Pfeifen brausten, und die Kleine
+begann sich graziös und sicher herumzudrehen, bis ihr rotes Röckchen um
+die nackten Beine flatterte und die beiden Schifferjungen begehrlich zu
+ihr hinüberglotzten. Und immer, wenn sie sich zur Kapitänin wandte,
+streckte sie drollig die Zunge heraus.</p>
+
+<p>»Jochen, willst du woll?« tobte diese noch einmal kirschbraun vor Zorn.</p>
+
+<p>Aber der Mann auf dem Kajütendach winkte mit dem Kopf zu Line herüber,
+und aus dem sonst so schweigsamen Munde brach ein merkwürdiges Knastern:
+»Gurr &mdash; gurr &mdash; Klabautermann.«</p><p><span class="pagenum"><a name="Page_15" id="Page_15">15</a></span></p>
+
+<p>Da erschrak Frau Dörthe und schwieg. Jetzt wußte sie es. Jochen hatte
+sich ebenfalls für den Seezwerg entschieden. Und Jochen war ein tiefer
+und gründlicher Geist.</p>
+
+<p>Und mit heimlichem Schauder sah sie mit an, wie Line sich röter und
+immer röter tanzte, gerade unter dem Fenster des gequälten,
+hinsterbenden Lotsen, der von Zeit zu Zeit dazwischenheulte.</p><hr class="chap" /><p><span class="pagenum"><a name="Page_16" id="Page_16">16</a></span></p>
+
+
+
+
+<h3>II</h3>
+
+
+<p>Der Erwartete war gekommen.</p>
+
+<p>Hann hatte ihn mit der roten Jolle von der Landzunge herübergeholt.</p>
+
+<p>Es war der Schäfer von Ludwigsburg. Ein Heilkünstler, gegen den alle
+Professoren drin von der kleinen Universität zu lächerlichen Pfuschern
+herabsanken.</p>
+
+<p>Ein Mann im Besitz wunderbarer Naturkräfte und dabei von wirklich
+frommer Gesinnung.</p>
+
+<p>Menschen- und Tierarzt zugleich, der durch ein getragenes, feierliches
+Schweigen überall, wo er erschien, eine direkt priesterliche Stimmung
+erzeugte.</p>
+
+<p>Dieser war oben.</p>
+
+<p>Unten zu ebener Erde, dicht neben der Treppe, die zu dem Schlafzimmer
+hinaufführte, in einem kahlen Raum, der wie mit Waschblau gefärbt
+schien, warteten inzwischen die beiden ältesten Söhne des Lotsen,
+während Line auf der untersten Stufe der Treppe saß und gedankenvoll auf
+das leise Murmeln lauschte, das seit einiger Zeit aus der Krankenstube
+herunterquoll.</p>
+
+<p>Sie stützte den Kopf auf und schüttelte sich leicht wie im frostigen
+Winde.</p>
+
+<div class="figcenter" style="width: 400px;">
+<img src="images/oppos_016.jpg" width="400" height="562" alt="Illustration" />
+</div>
+
+<p>Dort oben trieb der Zauberer nun sein Wesen, denn hexen konnte er, daran
+zweifelte Line nicht einen Augenblick. Der Lügenlotse, oll Kusemann,
+hatte ihr ja auch erst neulich in seinem Wetterhäuschen an der See
+erzählt, wie Schäfer Sturm vor einiger Zeit kurz vor Mitternacht auf dem
+Moorluker Kirchhof aufgetaucht und dort zwischen allerlei Kreuzen
+suchend auf- und abgeschritten sei. Vor dem Grabe eines längst
+verstorbenen Fischers wäre er dann <span class="pagenum"><a name="Page_17" id="Page_17">17</a></span>stehen geblieben und hätte einen
+Zettel auf dessen Hügel gelegt. &mdash; Einen Zettel. &mdash; »Denk' bloß, Lineken,
+einen Zettel mit wunderbaren Buchstaben beschrieben.« Der Tote aber sei
+der alte Glückspeter gewesen, der, solange er lebte, den unheimlichen
+Fischzug besessen und stets sein Netz mit Hunderten von Heringen ans
+Tageslicht gefördert habe. &mdash; Und richtig &mdash; Line zuckte in der
+Erinnerung förmlich in die Höhe und starrte mit weitgeöffneten Augen vor
+sich hin &mdash; als die Kirchhofsuhr Mitternacht schlug, da habe sich das
+Grab mit einem Schlag geöffnet und &mdash;</p>
+
+<p>Oben ächzte die Tür und fiel schallend wieder ins Schloß.</p>
+
+<p>»Tu mir nichts,« rief Line halblaut in ihrem Traum und streckte die
+Hände aus.</p>
+
+<p>Aber es war kein Gespenst, das da die Treppe herunterwehte, sondern Hann
+polterte herab und stieß mit seinem schweren Stiefel gegen ihren Rücken.</p>
+
+<p>»Au &mdash; dummer Junge &mdash; nimm dich doch in acht!«</p>
+
+<p>»O Lining, ich wollt ja nich &mdash; ich soll bloß &mdash; &mdash;« damit fiel der
+fünfzehnjährige, gedrungene Bursche bereits in den lichtblauen Raum
+hinein und hob vor seinem ältesten Bruder ordentlich bittend die Hände
+in die Höhe.</p>
+
+<p>»Was willst du, Hann?«</p>
+
+<p>»O Paul &mdash; Pauling &mdash; nich wieder böse sein.«</p>
+
+<p>»Nein, aber ich soll doch nicht etwa hinaufkommen, solange der da oben
+ist?«</p>
+
+<p>»Das nich, aber du sollst &mdash; &mdash;«</p>
+
+<p>»Was?« unterbrach der junge Theologe ungeduldig.</p>
+
+<p>»Du sollst mir das Buch geben.«</p>
+
+<p>»Welches Buch?«</p>
+
+<p>»Oh, die Bibel, Pauling.«</p>
+
+<p>»Die Bibel?«</p>
+
+<p>Für Schäfer Sturm!</p>
+
+<p>»Was will der mit ihr?«</p>
+
+<p>»Das darf ich dir nich sagen.«</p><p><span class="pagenum"><a name="Page_18" id="Page_18">18</a></span></p>
+
+<p>Der Student streckte die Hand aus. Wie er so dastand mit seiner mageren
+Gestalt und dem abgezehrten, verarbeiteten Kopf, hatte er etwas Hartes
+und Eckiges.</p>
+
+<p>»Hann &mdash;« Rasch und stoßend redete er, gleich einem, der die Sprache
+nicht recht meistert, und deshalb hatten seine Worte etwas Unbeholfenes,
+Stammelndes, das zum Herzen drang. »Hann &mdash; ich hab' dir nie was getan.«</p>
+
+<p>»Ne &mdash; ne,« schluckte der Junge.</p>
+
+<p>»Mir kannst du alles sagen.«</p>
+
+<p>In seiner Aufregung überfiel ihn wieder jenes verwünschte Stammeln. Und
+diesem hilflosen und doch fanatischen Klang gegenüber unterlag Hann
+widerstandslos.</p>
+
+<p>Der Junge zitterte: »Pauling, nich böse sein.«</p>
+
+<p>»Nein.«</p>
+
+<p>»Der Schäfer &mdash; will einen Spruch aus der Bibel reißen, und den soll
+Vating verschlucken.«</p>
+
+<p>»Verschlucken?«</p>
+
+<p>»Ja, verschlucken,« sagte Hann ernsthaft.</p>
+
+<p>»Und dazu soll ich ihm das heilige Buch überliefern?« entgegnete der
+Student entrüstet. Schon war er auf einen kleinen Schrank zugeeilt, auf
+dem oben ein paar Bücher standen, und nun riß er das umfangreichste an
+sich. Etwas Eckiges, Bäuerisches, Überzeugtes steckte in all seinen
+Bewegungen.</p>
+
+<p>»Das Tiefste, das uns geschenkt ward, soll ich so mißbrauchen lassen? So
+&mdash; so &mdash; Zu solch abergläubischem Betrug?« stammelte er von neuem. Er
+drückte das Buch an sich, daß ihm die Arme bebten. Dann machte er einen
+hastigen Schritt nach der Treppe zu und redete voller Zorn und Eifer
+weiter.</p>
+
+<p>Er sei kein Frömmler, aber das dürften die Eltern eines Gottesgelehrten
+nicht begehen. Solche Sünde. Solch heidnisches Hexenwerk. Gleich &mdash;
+gleich wolle er selbst in die Krankenstube hinauf und Schäfer Sturm
+vertreiben. Mit Gewalt, wenn es sein müßte.</p>
+
+<p>Dabei betrat er schon die erste Stufe.</p><p><span class="pagenum"><a name="Page_19" id="Page_19">19</a></span></p>
+
+<p>Allein, unbeweglich, mit aufgestütztem Haupt, aus dem nur die Augen wie
+glimmende Punkte herausfunkelten, so saß Line zu seinen Füßen und
+sperrte ihm den Weg.</p>
+
+<p>Er hätte über sie forttreten müssen.</p>
+
+<p>»Line, so geh doch zur Seite,« herrschte er sie an.</p>
+
+<p>»Nein &mdash; erst gib Hann das Buch.«</p>
+
+<p>»Was?« stotterte der Student.</p>
+
+<p>»Gib her,« flüsterte das Kind noch einmal mit seiner heißen Stimme und
+schlang trotzig die Arme um seine Beine, um ihn am Steigen zu hindern.
+»Du verstehst das nicht &mdash; der Schäfer kann hexen.«</p>
+
+<p>»Oh, das kommt davon, das kommt davon, daß du so gar nichts lernst,« kam
+es heiser von den Lippen des Studenten. &mdash; »Aber das muß anders werden.
+Und jetzt gleich laß los &mdash; ich muß &mdash; ich muß hinauf.«</p>
+
+<p>Er drängte sie mit seinem Fuß beiseite.</p>
+
+<p>Line fiel, im nächsten Moment wäre der Gereizte an ihr vorüber gestürmt.</p>
+
+<p>Da mischte sich eine neue Stimme in den Streit.</p>
+
+<p>Am Tisch in der kahlen blauen Stube saß der mittelste der drei Brüder,
+Bruno.</p>
+
+<p>Sekundaner war er drinnen auf dem Gymnasium in der Stadt. Ein hübscher,
+dunkelhaariger, siebzehnjähriger Bursche. Der Liebling der Eltern, der
+Liebling der Lehrer. Einer von denen, auf die alle Hoffnungen gesetzt
+werden, die dann die Zeit erfüllen soll!</p>
+
+<p>Die Zeit!</p>
+
+<p>»Paul,« sagte der Sekundaner mit seiner hellen, frischen Stimme, »gib
+doch das Buch. Wenn es nichts nützt, so schadet es doch auch nichts.«</p>
+
+<p>Der Theologe beugte sich über das Geländer, um Bruno besser sehen zu
+können.</p>
+
+<p>»Ja, ja, so bist du,« grollte er. »In jedem Wort sprichst du dich selbst
+aus. Immer nur auf den augenblicklichen Vorteil hin leben. Was man damit
+anrichtet und aufgibt, ganz gleich. Nein &mdash; aber<span class="pagenum"><a name="Page_20" id="Page_20">20</a></span> es soll doch
+wenigstens einer hier in dem Hause existieren, der einen Willen und eine
+Meinung besitzt. Der Vater wird zu Gott berufen, die Mutter hat in ihrer
+Sanftmut nie gewußt, was Selbstbestimmung heißt. Du und dieses kleine
+Ding, die Line, ihr lebt wie in einem heidnischen Traum befangen, und
+Hann &mdash; Gott« &mdash; er zuckte die Achseln &mdash; »Hann ist es nicht so gegeben.
+Deshalb soll Vater noch beim Scheiden die Beruhigung empfinden, daß
+wenigstens eine Hand da ist, die alles zusammenhalten will.«</p>
+
+<p>In seinem Eifer hatte er auf das so fest an sich gepreßte Buch nicht
+mehr acht gegeben. Jetzt vermißte er es.</p>
+
+<p>Einen halblauten Ausruf der Überraschung stieß er aus.</p>
+
+<p>»Bruno &mdash; Hann &mdash; wo ist die Bibel? &mdash; Wo?«</p>
+
+<p>Ja, wo war sie?</p>
+
+<p>Wie ein Schatten, katzenhaft, leichtfüßig, in all ihrem Schrecken vor
+dem Tode da oben leicht kichernd, flog Line die Treppe in die Höhe.</p>
+
+<p>In ihren Händen etwas Schwarzes, Umfangreiches.</p>
+
+<p>»Line &mdash; Line,« rief der Student totenbleich hinter ihr her.</p>
+
+<p>Da zögerte sie an der Tür noch einen Moment. Als sie aber Schritte,
+Sprünge vernahm, duckte sie sich, und &mdash; &mdash; durch die entstehende
+Türspalte steckte sie etwas hindurch.</p>
+
+<p>»Da &mdash;«</p>
+
+<p>Ihr Atem pfiff.</p>
+
+<p>»Ich dank dich, mein Döchting,« tönte es von drinnen.</p>
+
+<p>Es war geschehen.</p>
+
+<p>Im gleichen Moment fühlte sie sich an den Schultern gepackt. Oh, wie
+heftig dieser große, schmale Mensch immer zugriff mit seinen Händen, die
+nichts als Sehnen und Knochen waren. Und doch empfand das wilde, kleine
+Wesen eine Art Ehrfurcht vor ihm.</p>
+
+<p>»Du &mdash; du Geschöpf,« keuchte er, »du bist wie solch' kleine, böse Hexe
+&mdash; aber warte, das muß anders werden. Und wenn ich mich dabei an dir
+vergreifen sollte. Diese schreckliche Unbildung muß aus dem Hause. Warte
+nur.«</p><p><span class="pagenum"><a name="Page_21" id="Page_21">21</a></span></p>
+
+<p>Wie wenn er gar nicht wüßte, was er tat, schüttelte er sie zornig hin
+und her.</p>
+
+<p>Das Kind gab keinen Laut von sich. Nur als Bruno, erschreckt über das
+dumpfe Geräusch dieses stummen Ringens, mit einem Lichtstümpfchen an die
+Treppe trat, da sah der Student, wie ihre Augen ununterbrochen und fest
+in die seinen blickten.</p>
+
+<p>Eine große, merkwürdige Ruhe wohnte in ihnen.</p>
+
+<p>Da ließ er von ihr ab, als habe er sich an einem Dorn gestochen.</p>
+
+<p>Tief seufzte er auf und wollte eben wieder hinuntersteigen, als die Tür
+des Krankenzimmers sich in ihren Angeln drehte. Und in dem breiten
+Lichtschein stand die kleine Frau Klüth und sagte mit ihrer ebenen
+Stimme: »Vating will euch alle noch eins sehen. Kommt!«</p>
+
+<p>Hierbei verlor ihre Stimme den ruhigen Klang. Aber den halbfertigen
+Strumpf hatte sie noch immer in den Händen.</p>
+
+<p class="center"><sup>*</sup>     <sub>*</sub>     <sup>*</sup></p>
+
+<p>»Ja, nun seid ihr alle da,« flüsterte der Lotse und hob sich weit aus
+den Kissen heraus, um die Anwesenden zu überzählen.</p>
+
+<p>Seine Hand schwankte dabei hin und her &mdash; &mdash;</p>
+
+<p>»Und Paul &mdash; und Bruno &mdash; und Line &mdash; und Hann &mdash; un Mudding &mdash; un der
+oll Schäfer &mdash; un mein Bootsmann Dietrich Siebenbrod &mdash; ihr seid alle da
+&mdash; ja, ja, das is mein Bootsmann. Mit dem zusammen hab' ich damals die
+kleine Line gerettet. Prösting Dietrich &mdash; &mdash; wann werden wir wieder
+eins von dem feinen Kognak trinken? &mdash; von dem feinen Kognak. &mdash; Ja, ja,
+Dietrich Siebenbrod &mdash; das mußt du nich tun, ümmer so viel trinken,
+sonst bist du 'n guter Kerl &mdash; und verstehst deine Sach! &mdash; Komm Mudding
+&mdash; komm her &mdash; gib mich deine Hand. Und Dietrich Siebenbrod gib mich
+auch deine. &mdash; Ich muß nu rauf &mdash; das nützt allens nichts &mdash; Schäfer
+Sturm, der doch sonst seine Sach versteht, nützt da auch nichts. &mdash;
+Hör', Dietrich Siebenbrod, da sollst du auf mein Haus aufpassen, denn du
+büst 'n anständiger<span class="pagenum"><a name="Page_22" id="Page_22">22</a></span> Kerl und verstehst deine Sach'. Ja, Mudding, das is
+Dietrich Siebenbrod. &mdash; Du, Mudding und Siebenbrod, ihr bleibt zusammen.
+&mdash; Und wenn's mit der Lotsenanstellung nichts is, denn is es mit der
+Fischerei was. Ja, ja &mdash; da hat man dann auch weniger Zeit, dann trinkt
+man auch nich soviel. &mdash; Der verfluchtige Kognak, &mdash; Mudding, nu spür
+ich's. &mdash; Und du und Dietrich Siebenbrod, ihr bleibt zusammen. Und dann
+paßt ihr auf die Kinder auf, damit da was draus wird. &mdash; Und &mdash; und &mdash;
+Siebenbrod, klopf' mich auf den Rücken, mir ist's, wie wenn ich in der
+See läg. Weißt noch, wie wir das kleine Jöhr, die Line, von der
+schwedischen Bark gerettet haben, und keiner wußt, wie das Ding hieß? &mdash;
+&mdash; Lining, komm her &mdash; steh nich so in der Ecke &mdash; sterben muß jeder
+mal. &mdash; Du bist ümmer 'n drolliges Ding gewesen und hast mir viel Spaß
+gemacht. Ja, und Mudding, unser Ältester wird Paster &mdash; Paster &mdash; ja &mdash;
+denn er is 'n feiner Kopf. Und wenn's auch viel Geld gekostet hat &mdash; ja,
+Siebenbrod, gar zuviel Geld &mdash;'s freut mich doch. 'n Paster, &mdash; 'n
+wirklichen Herrn Paster, hab ich doch zustand' gebracht. Und was unser
+zweiter is, Bruno &mdash; der is klug, der is sehr, sehr anschlägig &mdash; hat
+auch was gelernt. &mdash; Da hat mich Konsul Hollander versprochen, er kommt
+zu ihm ins Kontor &mdash; Schiffsreeder &mdash; Bruno wird eins 'n reicher Mann
+werden &mdash; Hollander hat ja auch man so klein anfangen, na, man kann nie
+&mdash; nie wissen. &mdash; Und ja, paß auf &mdash; ich sag weiter nichts.</p>
+
+<p>»Und was soll nu aus Line werden? Line? &mdash; Line? Ja, das weiß ich nich,
+darauf versteh ich mich nich. Da wird schon einer kommen. &mdash; Aber nu &mdash;
+nu mit Hann. &mdash; Hann, wein' nich, du kannst da auch nichts für. Lernt
+nichts &mdash; und hat nichts gelernt &mdash; oh, Siebenbrod, den mußt du hier
+anbändigen. Is'n guter Jung, un 'n Boot regiert er auch ganz gut. Den
+müßt ihr hier so nebenher mit auffüttern. &mdash; O je, Hann, wein' nich, du
+kannst da auch nich für. &mdash; Siebenbrod, klopf' mich auf den Rücken. &mdash;
+Und nu, nu ruf mir die Lotsen mal her &mdash; du sagst doch, sie stehen hier
+an der Tür,<span class="pagenum"><a name="Page_23" id="Page_23">23</a></span> die Kollegen. Na, denn soll'n sie raufkommen. Ja, 's is
+gut, Siebenbrod, ruf 'runter!</p>
+
+<p>»Je, da seid ihr ja, ihr zwei, oll Kusemann un Friedrich Pagels. &mdash;? &mdash;
+Je, nu nehmt man an, vor vier Wochen nu noch Dienst getan &mdash; und nu
+jetzt soll's losgehn. &mdash; Na, oll Kusemann &mdash; ich dank dir auch, daß du
+das mit Hann so gut meinst, dem armen Jung. Aber tu mich den Gefallen,
+mußt ihm auch nich mehr so viel dumm Zeug erzählen. Und du, Pagels &mdash;
+na, hast du auch wieder das verschnürte Bein? &mdash; Ja, ja, auf die Art
+geht das mal mit uns allen zu Ende. &mdash; Ich wollt dich fragen, ob du wohl
+mein zweites Boot kaufen willst. 's kann ein Zesner draus gemacht
+werden. Ganz bequem. Und du hast doch die Erbschaft getan und kannst
+gleich bezahlen. Und bei mir is das man &mdash; mit dem Begräbnis &mdash;
+verstehst du &mdash; es muß doch gleich Geld da sein. Und wir haben nu so
+viel eingebrockt durch die Krankheit und das alles. Und wenn du
+zweihundert Taler so geben würdest &mdash; &mdash; Weniger? &mdash; Na,
+einhundertachtzig. Aber dafür is 's halb umsonst, nich war, Siebenbrod?
+Also, 's is zwischen uns abgemacht, Friedrich Pagels &mdash; ihr habt's
+gehört. &mdash;</p>
+
+<p>»Und &mdash; und &mdash; Paul, komm her, du büst mein Paster, sing was
+Geistliches, ein schönes Gebet, du kannst ja &mdash; &mdash; Und, und Mudding, ich
+dank dich auch für alles &mdash; und &mdash; und der Kauf mit Friedrich Pagels ist
+abgemacht &mdash; &mdash; &mdash; und Lining &mdash; un &mdash; un Hann &mdash; un &mdash; abgemacht &mdash; is
+&mdash; allens!«</p>
+
+<p>»Nu 's vorbei,« murmelte der aufgeschwemmte Lotse mit dem verschnürten
+Bein, dem die Wassersucht deutlich anzumerken war.</p>
+
+<p>»Das is es,« flüsterte oll Kusemann und schlich zu Hann. Und nach einer
+Weile sagte er ganz leise: »Mich war's, als wenn ich so was Graues an
+den Fenstern hätt' entlangflattern sehn.«</p>
+
+<p>»Wollen ihm die Augen zudrücken,« sagte der riesige Siebenbrod und
+näherte sich vorsichtig dem Bett. Und als er seine Pflicht erfüllt
+hatte, brachte er noch stockend heraus: »Schlaf woll, Herr Klüth.«</p><hr class="chap" /><p><span class="pagenum"><a name="Page_24" id="Page_24">24</a></span></p>
+
+
+
+
+<h3>III</h3>
+
+
+<p>Es war am Abend nach dem Begräbnis.</p>
+
+<p>Da begab sich folgendes:</p>
+
+<p>Die leidtragenden Fischer und Lotsen, die so altertümlich in ihren weit
+abstehenden, schwarzen Gehröcken und den unförmigen, pudligen Zylindern
+aussahen, waren nach einem reichlichen Leichenschmaus abgezogen. In dem
+Stübchen, in dem der Kranke so lange gelegen, blieben nur seine beiden
+Ältesten zurück, um in einem alten Rollpult nach Papieren zu suchen, die
+der Verstorbene vielleicht hinterlassen. Es sollte eine Verschreibung
+des Magistrats auf eine Pension vorhanden sein.</p>
+
+<p>Wenigstens hatte sich oll Kusemann während des Leichenschmauses bei
+einem Glase Kirschlikör urplötzlich darauf besonnen.</p>
+
+<p>Wenn das wirklich ausnahmsweise kein Geflunker war! Wenn das Wahrheit
+wäre! &mdash;</p>
+
+<p>Fast ohne zu sprechen suchten die beiden.</p>
+
+<p>Das Fenster stand offen. Man wollte auslüften. Unterdes befanden sich
+die andern Trauernden auf dem Hofe hinter dem Häuschen.</p>
+
+<p>Es war ein kleiner, ungepflasterter Hof. Rings herum ein Bretterzaun, an
+dem rote Johannisbeersträucher in die Höhe rankten. In der Mitte ein
+niedriges, grünmoosiges Rohr, die Pumpe. Ganz in der Ecke, auffallend
+niedrig, mit Moos und Schindeln gedeckt, ein Stall für drei Kühe und
+daneben, nicht größer als eine Hundehütte, ein hölzerner Schweinekoben.</p>
+
+<p>Aus ihm drang Schnuppern und Schnaufen den ganzen Tag. Auf dem schrägen
+Dach jenes Kobens saßen an diesem Abend Hann und Line.</p><p><span class="pagenum"><a name="Page_25" id="Page_25">25</a></span></p>
+
+<p>Beide in ihren schwarzen Traueranzügen.</p>
+
+<p>Der Junge ungeschlacht, wie ein verzauberter kleiner Schornsteinfeger;
+das Mädchen vornehm, wie die Prinzessin, die den Schweinehirten
+heiratet.</p>
+
+<p>In dem Kuhstall aber weilte noch ein anderes Paar. Ein älteres. Hier saß
+die Witwe, die kleine Frau Klüth, mit ihrem vergrämten Gesicht auf einem
+Schemel und verrichtete langsam und trauervoll ihr abendliches Werk. Sie
+melkte ihre wohlgenährten, glänzenden Kühe.</p>
+
+<p>An der Schwelle, leicht an den Pfosten angelehnt, sah Dietrich
+Siebenbrod, gleichfalls im Trauerrock, diesen Geschäften nachdenklich
+zu.</p>
+
+<p>Er hatte eine kleine Pfeife in der Hand. Aber er rauchte nicht. Er hielt
+das in diesen Augenblicken für unschicklich.</p>
+
+<p>Ein wundervoller Herbstabendglanz lag auf dem Fischerdörfchen.</p>
+
+<p>Bäume und Dächer leuchteten einen unbestimmten matten Schimmer. Am
+Himmel zogen lichtrosige Wolken dahin. Rosig durchleuchtet ringelte sich
+Rauch aus den Schornsteinen. Überall tiefe Ruhe. Nur vom Bodden strich
+ab und zu ein leichter Windzug daher, und dann sah man fern durch die
+Bäume und Büsche, wie die See draußen ihre Farben änderte.</p>
+
+<p>Ein Jagen von Grün und Zitterblau!</p>
+
+<p>Dann wieder Stille.</p>
+
+<p>Da regte sich Line auf dem Koben.</p>
+
+<p>»Sprich was,« sagte sie zu Hann und stieß ihn leicht an den Arm. »Es ist
+so häßlich, das Stillsein.«</p>
+
+<p>Sie fürchtete sich heimlich. Denn ununterbrochen, klammerfest wurde sie
+von diesem einen Bilde gefangengenommen, wie die Lotsen den Sarg
+heruntergelassen, die Erdklumpen hohl daraufgekollert, und wie oll
+Kusemann hinter ihr, scheinbar absichtslos, die Worte geflüstert: »Sieh,
+wenn die letzte Handvoll drauf liegt, dann macht sich die Seele auf
+ihren Weg.«</p>
+
+<p>»Ja, dann macht sie sich auf den Weg,« ging es ebenfalls durch<span class="pagenum"><a name="Page_26" id="Page_26">26</a></span> Hanns
+Gedanken, denn auch er hatte, ohne daß Line davon wußte, die Worte oll
+Kusemanns wohl vernommen.</p>
+
+<p>Und zum erstenmal &mdash; an dem dunklen Grab &mdash; regte sich bei dem blöden
+Jungen, dem das Lernen versagt war, eine nachdenkliche Frage.</p>
+
+<p>Jetzt sprach er sie aus. Langsam und stockend in den lichten Abend
+hinein, während unter ihm die Schweine schnüffelten und ganz nahe die
+Milch in den Eimer klatschte.</p>
+
+<p>»Lining,« begann er, »hast gehört, was oll Kusemann sagte? &mdash; Weißt du,
+was 'ne Seel' is?«</p>
+
+<p>»Nein &mdash; laß,« versetzte die Kleine ängstlich und zog an ihrem Kleid.
+»Aber oll Kusemann meinte ja vorgestern, sie säh' grau aus.«</p>
+
+<p>»Ja, grau sieht sie aus,« nickte der Junge schwerfällig, »denn irgend
+'ne Farb' muß sie haben. Schweine sehen gelb aus und Rosen rot, und
+Seelen werden dann woll grau sein.«</p>
+
+<p>»Vaters Seel' is nu im Himmel«, &mdash; sagte Line geheimnisvoll. »Sieh, da
+oben, wo die rote Wolke geht, da oben sitzt er gewiß und sieht zu, wie
+hier das Vieh gefüttert wird. Das hat er sonst ja auch immer gemacht. &mdash;
+Meinst du nicht, daß er's da oben gut hat?«</p>
+
+<p>»Das hat er,« bestätigte Hann ernsthaft.</p>
+
+<p>»Woher weißt du das?« fragte Line rasch.</p>
+
+<p>Hann rückte eine Weile hin und her, als getraue er sich nicht recht.
+Dann beugte er sich vor, warf einen spähenden Blick in den Kuhstall
+hinein und schob sich endlich ganz dicht an Line heran, so daß die
+beiden Köpfe sich eng berührten.</p>
+
+<p>Sonst ließ ihn Line nie so nahe heranrücken, ohne die Hand gegen ihn zu
+erheben.</p>
+
+<p>»Ich weiß, daß er's gut hat,« brachte der Junge scheu hervor und
+seufzte, als wenn ihn ein Geheimnis drücke. »Aber sieh, du mußt es Paul
+nicht sagen.«</p>
+
+<p>»Was denn, Hann?«</p>
+
+<p>Wieder ein schwerer Atemzug, dann rasch: »Ich hab neulich in den Himmel
+reingekuckt.«</p><p><span class="pagenum"><a name="Page_27" id="Page_27">27</a></span></p>
+
+<p>»Du?«</p>
+
+<p>»Ja, ich.«</p>
+
+<p>»Womit?«</p>
+
+<p>»Oll Kusemann hat in seinem Wetterhaus ein Rohr. Damit kann er in den
+Himmel kucken. Und da hat er es mir auch gezeigt.«</p>
+
+<p>»Hann &mdash; Hanning, und was hast du da gesehn?«</p>
+
+<p>»Lauter Glänzendes, das so hin und her zieht, und dann solche grauen
+Punkte, die fliegen überall herum. Das sind die Seelen. Oll Kusemann hat
+es mir ganz genau erklärt.«</p>
+
+<p>»Hann &mdash;«</p>
+
+<p>Line zögerte einen Moment. Dann schlang sie ihren Arm in den seinen. Die
+Frage war zu wichtig.</p>
+
+<p>»Hast du auch den lieben Gott gesehn?«</p>
+
+<p>Hann zögerte und seufzte wieder.</p>
+
+<p>Es fiel ihm zu schwer.</p>
+
+<p>»Hann, was tat der liebe Gott?«</p>
+
+<p>»Line &mdash; ich darf nicht drüber sprechen. Oll Kusemann hat es mir direkt
+verboten. Aber« &mdash; er wälzte sich seine Last ab &mdash; »du sollst es wissen.
+Der liebe Gott sitzt an einem großen goldenen Tisch und um ihn herum
+lauter graue Seelen.«</p>
+
+<p>»Und was machen sie da?«</p>
+
+<p>»Da essen sie Mittag.«</p>
+
+<p>»Mittag? Jemine, essen die da oben auch?«</p>
+
+<p>»Jawoll &mdash; &mdash; die Schüsseln und Gläser hab' ich genau erkannt. Oll
+Kusemann sagt, die wären all' von Sonnenschein.«</p>
+
+<p>Line starrte ihn an.</p>
+
+<p>»So schön is es da oben?« fragte sie endlich. Begierig hob sie die Augen
+zu den großen roten Flecken empor, die sich allmählich silbern
+ränderten.</p>
+
+<p>Es wurde immer dunkler. &mdash; Plötzlich schrie Line auf.</p>
+
+<p>»Line, was is?«</p>
+
+<p>»O da oben!« rief sie und legte schaudernd den Kopf auf das Dach des
+Kobens. Sie zitterte.</p><p><span class="pagenum"><a name="Page_28" id="Page_28">28</a></span></p>
+
+<p>Deutlich hatte sie den alten, toten Lotsen geschaut, wie er in seinem
+roten Schiff über sie hinfuhr. Dabei hatte er »Line« gerufen &mdash; ganz
+deutlich »Line«. Jetzt hob auch der Junge das Haupt. Dann nahm er die
+Mütze ab und grüßte nach oben.</p>
+
+<p>»Ich hab' ihn auch gesehn,« flüsterte er dabei.</p>
+
+<p>Für eine Weile herrschte tiefe Stille zwischen den Kindern. Erst nach
+einiger Zeit nickte Hann ernsthaft vor sich hin und legte den
+Zeigefinger an seine plumpe Nase: »Ich hab's mir gleich gedacht,« sprach
+er, »daß er nun da oben als Schiffer angestellt is. Ich möcht' auch gern
+einmal in solch schönem roten Schiff fahren.«</p>
+
+<p>»Möchtest du denn auch schon dahin?« fragte Line frierend vor Furcht und
+schüttelte die schmalen Schultern.</p>
+
+<p>»Da kommen alle Menschen hin, die hier unten nicht gesessen haben.«</p>
+
+<p>»Und die gesessen haben?«</p>
+
+<p>»Die kommen zum Teufel. &mdash; Oll Kusemann hat ihn erst neulich in
+Stralsund getroffen. Er trug einen Zylinder.«</p>
+
+<p>»Nein, nein,« zitterte Line und nahm rasch Hanns Hand in die ihre.</p>
+
+<p>Sie hielt ihn ganz fest.</p>
+
+<p>Aber nach ein paar Augenblicken sprach Hann nachdenklich weiter: »Das
+hat der liebe Gott schlecht gemacht.«</p>
+
+<p>»Was, Hann?«</p>
+
+<p>Immer näher drängte sie ihre zitternden Glieder an den Jungen heran.</p>
+
+<p>»Daß er nicht gleich lauter Seelen gemacht hat. Dann brauchte man nicht
+erst in solch engen, schwarzen Kasten, und die Begräbniskosten wären
+auch nicht da &mdash; und man hätte gleich eine Anstellung in so einem
+feinen, roten Schiff.«</p>
+
+<p>In diesem Moment ging ein Windstoß durch die Bäume. Altes Laub flog den
+Kindern um die Ohren, und eine der Kühe nebenan stieß ein wehklagendes
+Brüllen aus.</p>
+
+<p>Da durchdrang das kleine Mädchen ein überwältigender<span class="pagenum"><a name="Page_29" id="Page_29">29</a></span> Schrecken. Heftig,
+wie sie war, glaubte sie, Hann wäre an allem schuld. Und während sie ihn
+mit aller Kraft in den Arm kniff, so daß er einen heiseren Schmerzensruf
+ausstoßen mußte, schrie sie wild auf: »Du Dummerjahn &mdash; bloß hier unten
+bleiben &mdash; ich will nich solch ein Gespenst werden &mdash; nein, nein, ich
+will nich grau sein.«</p>
+
+<p>Heftig sprang sie auf den zottigen Hofhund zu, den sie schutzsuchend
+umklammerte. Und Pluto, der Hann nicht leiden konnte, heulte wütend nach
+dem Dach des Schweinekobens hinauf und fletschte die Zähne nach dem
+Jungen.</p>
+
+<p class="center"><sup>*</sup>     <sub>*</sub>     <sup>*</sup></p>
+
+<p>So hob über den Schweinen die Geburtsstunde eines Philosophen an. In dem
+Kuhstall daneben aber wurde zu derselben Spanne Zeit das Schicksal
+entschieden, das alle, die sich jetzt in dem Lotsenhäuschen befanden,
+aneinanderketten, verwirren und dann auf ewig trennen sollte.</p>
+
+<p>Im Abendglanz lachte dazu von fern die See, die sich doch einmal
+zwischen die Schuldigen legen sollte, unschuldig wie ein kleines Kind,
+das in azurner Wiege geschaukelt wird.</p>
+
+<p>Der Bootsmann Dietrich Siebenbrod lehnte am Pfosten des Kuhstalles und
+beobachtete, wie die Witwe seines Brotherrn die Kühe melkte.</p>
+
+<p>Der leichte Seewind spielte mit den Enden des ihm so ungewohnten
+Bratenrockes, und unter dem wolligen Zylinder, der noch immer sein Haupt
+bedeckte, fühlte sich Siebenbrod feierlich angeregt.</p>
+
+<p>Deshalb sprach er auch kein Wort, sondern horchte mit Ernst auf das
+Einströmen der Milch.</p>
+
+<p>»Strull &mdash; strull,« ging es gleichmäßig fort.</p>
+
+<p>Da schlug vom nahen Kirchturm die Uhr, deren goldene Buchstaben in der
+Abendsonne gleißten und funkelten.</p>
+
+<p>Die entscheidende Unterhaltung begann. Erst harmlos und ungewollt, wie
+fast alle großen Ereignisse.</p><p><span class="pagenum"><a name="Page_30" id="Page_30">30</a></span></p>
+
+<p>»Acht,« sagte Dietrich Siebenbrod, und nachdem er seine sogenannte
+Warmbieruhr gezogen hatte, setzte er hinzu: »Nu is der Herr all sechs
+Stunden begraben.«</p>
+
+<p>»Ach, Gott!« &mdash;</p>
+
+<p>In das »Strull-strull« mischte sich ein Schlucken, man hörte das
+Rascheln des frischen Heus, das von den Kühen aus den Raufen gezogen
+wurde, und dann rann die Milch wieder stoßweise in den Holzeimer.</p>
+
+<p>Nach einer Pause der Sammlung fuhr Siebenbrod fort: »Der Lotsenkapitän
+aus Göhren war auch beim Begräbnis.«</p>
+
+<p>Und die melkende Witwe antwortete seufzend: »Ja, ja, sie haben meinem
+sel'gen Mann alle viel Ehr' angetan.«</p>
+
+<p>Darauf zog sie mit der Linken ihr Taschentuch hervor und führte es an
+ihre weinenden Augen, mit der Rechten melkte sie fürbaß.</p>
+
+<p>»Den Lotsenposten bekomm' ich nich,« sprach Siebenbrod ruhig weiter &mdash;
+»Der Kapitän hat gesagt, es is wegen ...«</p>
+
+<p>»Den Schnaps,« tönte es aus dem Stall &mdash; »ja, ja Siebenbrod, das is nich
+recht von Ihnen.«</p>
+
+<p>»Jetzt gewöhn' ich mir ihn aber ab,« unterbrach der Bootsmann mit festem
+Entschluß.</p>
+
+<p>»Is das sicher?«</p>
+
+<p>»Ganz sicher.« &mdash; &mdash;</p>
+
+<p>Die Witwe setzte den vollen Eimer beiseite, jedoch bevor sie den andern
+heranzog, wandte sie ihr ältliches, vergrämtes Gesicht der Stallöffnung
+zu. Dann betrachtete sie den Bootsmann aufmerksam, brach aber sofort,
+kopfschüttelnd, in ein leises Weinen aus: »Ne &mdash; ne, &mdash; es is zu slimm.«</p>
+
+<p>»Was? &mdash; Frau Klüth.«</p>
+
+<p>»O nix nich &mdash; Siebenbrod &mdash; ich meinte man so.«</p>
+
+<p>Damit machte sie sich an die letzte Kuh.</p>
+
+<p>»Strull &mdash; strull.«</p>
+
+<p>Siebenbrod rührte sich. Er hatte sich in der Nacht vorher alles
+überlegt. Es ging nicht anders. Er mußte es tun.</p><p><span class="pagenum"><a name="Page_31" id="Page_31">31</a></span></p>
+
+<p>»Frau,« begann er und nahm vor der Wichtigkeit des Moments den Hut in
+beide Hände: »Ich wollt' nun noch fragen, wie es mit mir wird?«</p>
+
+<p>»Mit Ihm?«</p>
+
+<p>»Ja, da ich ja nun den Lotsenposten nich bekomm, und da das mit der
+Pension wohl auch man dumm's Zeug von oll Kusemann is, so wollt ich man
+fragen, wie ich mich von nu an gehaben soll?«</p>
+
+<p>»Je, Siebenbrod, wie mein lieber Mann gesagt hat &mdash; dann wollen wir es
+in Gott's Namen mit der Fischerei versuchen. Man muß doch leben. Und
+vier Kinder sind auch nich leicht durchzubringen.«</p>
+
+<p>»Je, das sag' ich man. Aber &mdash; aber, Frau, nehmen's nich übel &mdash; ich bin
+doch nu auch all siebenunddreißig Jahr alt.«</p>
+
+<p>»Je, was meint Er damit?«</p>
+
+<p>Die Witwe melkte hastiger, so daß die Kuh ein wehklagendes,
+mißbilligendes Brummen ausstieß.</p>
+
+<p>Siebenbrod überzählte noch einmal die Kühe, dann sagte er ruhig: »Je, es
+is man wegen den Zesnerfischern.«</p>
+
+<p>»Was wollen die, Siebenbrod?«</p>
+
+<p>»Strull &mdash; strull.«</p>
+
+<p>»Je, Madamming, nehmen's nich übel &mdash; aber sie nehmen keinen
+Unverheirateten auf.«</p>
+
+<p>»Huch,« rief die Witwe tief erschrocken.</p>
+
+<p>Was der Bootsmann da vorbrachte, bedeutete ja eine Gefahr für das
+verwaiste Häuschen. Ein Fremder würde sich ihrer sicher nicht annehmen,
+und die paar Groschen, die ihr armer seliger Mann erübrigt hatte, ja, du
+lieber Gott, die reichten gerade für ein halbes Jahr.</p>
+
+<p>»Strull &mdash; strull.«</p>
+
+<p>Und dann das Studium von Paulen &mdash; und Bruno mußte erst
+Kaufmannslehrling werden (Ladendiener nannte es Frau Klüth). Gott &mdash; o
+Gott, die offenste Angst sprach sich in dem ältlichen, so merkwürdig
+glatten, ausdruckslosen Weiberantlitz aus. Und wenn<span class="pagenum"><a name="Page_32" id="Page_32">32</a></span> nun Siebenbrod sie
+auch noch im Stich ließ? Vielleicht besaß er bereits eine Braut? Ja,
+dann saß sie ja ganz hilflos mit zwei alten Booten und vier unversorgten
+Menschen da!</p>
+
+<p>Was war hier zu tun? Sie wurde sehr nervös, und ihre Gedanken schwenkten
+immer rechnender von dem Toten zu dem Heute zurück.</p>
+
+<p>»Hat Er denn schon eine?« begann sie plötzlich überstürzt, und als
+Siebenbrod ein wenig verlegen vor sich hinnickte, setzte sie halb
+weinend hinzu, warum er das denn nicht schon früher geäußert hätte.</p>
+
+<p>An der Kuh wurde lebhaft gerissen. Schmerzlich brüllte das Tier auf. &mdash;</p>
+
+<p>»Muh!«</p>
+
+<p>»Je, Madamming,« sagte Siebenbrod schon etwas sicherer, »ich dacht mich
+auch, es hätt' bis nach dem Begräbnis Zeit.« Und während er den wolligen
+Zylinder etwas langsamer drehte, fügte er noch ehrbarer bei: »Denn
+vorher schickt sich das doch wohl nich gut?«</p>
+
+<p>»Ach, mein Gott!« murmelte die Witwe.</p>
+
+<p>Dann trat Stille ein.</p>
+
+<p>Eine lange, feierliche Schweigsamkeit, während welcher das Strull-strull
+immer langsamer auftönte, um endlich ganz zu verstummen. Auch Siebenbrod
+versank wieder in seine würdige Ruhe. Nur daß er jetzt den Zylinder
+aufsetzte, als hätte dieser seine Dienste verrichtet, und daß er
+aufmerksam in die Ecke des Kuhstalls hinüberlauschte, von wo einige
+schwere Seufzer laut wurden. Auf einmal sprach aus der Dunkelheit eine
+traurige Stimme: »Siebenbrod, will Er sich denn wirklich das Trinken
+abgewöhnen?«</p>
+
+<p>»Je, Madamming, seit drei Tagen all keinen Tropfen mehr. Nich rühr an.«</p>
+
+<p>»Das is gut,« lobte die Witwe und fiel wieder in ihr früheres Grübeln.</p>
+
+<div class="figcenter" style="width: 400px;">
+<img src="images/oppos_032.jpg" width="400" height="622" alt="Illustration" />
+</div>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_33" id="Page_33">33</a></span></p>
+
+<p>»Ja,« fuhr Siebenbrod nun schon beruhigter fort, »und die beiden
+Ältesten gehen ja nun aus dem Haus, und Hann lern' ich an, und wenn dann
+die lütte Dirn auch erst in die Stadt kommt, je, dann werden wir ganz
+gut fertig werden, Madamming.« Und die Witwe nickte in ihrer festeren
+Ecke und murmelte in sich hinein: »Ja, ja, Siebenbrod, das is ja soweit
+ganz richtig.«</p>
+
+<p>»Je, Madamming, und dann freu' ich mich auch, daß alles so schön in
+Ordnung is. &mdash; Denn ich bin nu auch all in die Jahren. Lassen Sie man,
+ich werd' Sie die Eimers raustragen helfen.«</p>
+
+<p>Von der Dorfuhr schlug es neun. Ein weiches Abenddunkel sank auf
+Moorluke. Auf den beiden schlanken Pappeln vor dem Häuschen hatte sich
+eine schwarze Wolke junger Stare niedergelassen und zwitscherte
+hundertstimmig Braut-, Wander- und Jugendlieder.</p>
+
+<p>Und der alte Klüth ruhte jetzt doch bereits die siebente Stunde.</p><hr class="chap" /><p><span class="pagenum"><a name="Page_34" id="Page_34">34</a></span></p>
+
+<h3>IV</h3>
+
+
+<p>An einem der nächsten Tage &mdash; noch wußten die Kinder nicht, was im
+Kuhstall beschlossen war &mdash; wurde Hann ins bürgerliche Leben eingeführt.</p>
+
+<p>Er lag gerade mit Line auf einer der schönen grünen Wiesen, auf denen
+Moorluke gebaut ist, und die sich bis zum Meer hinunterziehen. Die
+letzten Gräser biegen und wiegen sich über den sanften Wassern und
+flüstern mit den Stichlingen. Manchmal schießt auch ein rotkäppiger
+Barsch heran, beißt vor Lebenswonne in die schwanken Halme und saust
+wieder in die schillernde Weite zurück. Hann wußte das alles.</p>
+
+<p>Er fühlte es, wenn er es auch nicht sah. Seine Umgebung war das einzige,
+was er gelernt hatte, und was ihm vertraut war.</p>
+
+<p>Da, wo das Gras am höchsten und üppigsten grünt, da liegen die beiden
+Kinder.</p>
+
+<p>Line ruht auf dem Rücken. Um sie herum wehen wunderbar feine,
+seidig-graue Gespinste. Es sind die zarten Heringsnetze, die aus
+meerblauer Seide geknüpft sind, damit sie mit der Seefarbe
+übereinstimmen und den scheuen Silberflößler nicht erschrecken. Jetzt
+sind sie zum Trocknen aufgehängt. Wenn der leichte Seewind zuweilen an
+sie rührt, dann zittern sie so seltsam um das Dirnchen, wie ungeheure,
+phantastische Spinnenwebe, in denen sich ein Nixenkind gefangen.</p>
+
+<p>Es ist Vormittag.</p>
+
+<p>Ringsherum Sonnenschein.</p>
+
+<p>Das Meer funkelt wie ein weißgedeckter Tisch, auf dem eine Million in
+Goldstücken aufgezählt liegt.</p><p><span class="pagenum"><a name="Page_35" id="Page_35">35</a></span></p>
+
+<p>»Line,« sagt Hann, der in seinem abgetragenen, blauen Drillichanzug in
+einiger Entfernung von ihr liegt und, den plumpen Kopf in beide Hände
+gestützt, aufmerksam einen wimmelnden Ameisenhaufen betrachtet: »Hast du
+wohl acht gegeben &mdash; &mdash; &mdash;«</p>
+
+<p>»Still,« unterbricht Line unwillig.</p>
+
+<p>»Ich mein', daß Dietrich Siebenbrod nun ümmer bei uns zu Tisch ißt?«</p>
+
+<p>Wieder eine heftige Bewegung der kleinen Hand: »Sei ruhig.«</p>
+
+<p>»Je, warum?«</p>
+
+<p>»Weil ich da oben raufkuck.«</p>
+
+<p>»Lining, siehst du was?«</p>
+
+<p>»Nein &mdash; aber es is so häßlich, wenn du sprichst.«</p>
+
+<p>»Oh, Lining, warum is das so?«</p>
+
+<p>»Das weiß ich auch nich. Es is häßlich.«</p>
+
+<p>»Je, dann kann ich ja auch ruhig sein.«</p>
+
+<p>»Das tu. Dann kommt es wieder.«</p>
+
+<p>»Was kommt?«</p>
+
+<p>»Das Schöne.«</p>
+
+<p>»Welches Schöne?«</p>
+
+<p>»Dummer Jung. &mdash; Als wenn mich einer streichelt.«</p>
+
+<p>»Oh, Lining &mdash; &mdash;«</p>
+
+<p>»Sei still.«</p>
+
+<p>Und nun liegen sie beide wieder wie vorher. Die feinen blauen Maschen
+zittern und beben, und die fleißigen Ameisen rennen auf ihrem Hügel im
+Kreise.</p>
+
+<p>Allmählich vergißt Hann, wie die kleine Pflegeschwester ihn schlechter
+als Pluto, den Hofhund, behandelt. Aber das ist ja schließlich auch so
+natürlich. Sie ist so viel vornehmer als er. Auf einer untergehenden
+schwedischen Bark ist sie gefunden worden. Vielleicht stellt sie
+wirklich was sehr Hohes vor. Am Ende gar eine Prinzessin. Ja, ja, und
+solch eine, die muß wohl so kurz angebunden sein. Das hat er ja immer
+gehört.</p>
+
+<p>»Na, denn is es ja ganz in Richtigkeit,« meint Hann vor sich hin.</p><p><span class="pagenum"><a name="Page_36" id="Page_36">36</a></span></p>
+
+<p>Damit wendet er sich wieder seinem Ameisenhaufen zu und beugt sich
+tiefer und tiefer darüber.</p>
+
+<p>Wie die Tierchen alle beladen herumrennen. Ganze Züge in einer Richtung.
+Das ist sehr wunderbar. Der Junge denkt zum erstenmal darüber nach.</p>
+
+<p>Da fällt unvermutet ein langer Schatten über den grünen Plan. Er gleitet
+langsam näher.</p>
+
+<p>Line erhebt sich halb, blinzelt nach vorn und sagt wegwerfend: »Da kommt
+Dietrich Siebenbrod.«</p>
+
+<p>»Ja, Lining,« antwortet Hann, »leiden kann ich ihn auch nicht recht.«</p>
+
+<p>»Du auch nicht?«</p>
+
+<p>»Ne, er spuckt ümmer in die Stuben.«</p>
+
+<p>»Ja, ja &mdash; wollen ihn heute mal recht ärgern,« regt Line an.</p>
+
+<p>Und Hann ist gänzlich damit einverstanden. Ganz selbstverständlich. Er
+ist immer nur der Gefolgsmann seiner Dame.</p>
+
+<p>Der Bootsmann steht nun in seinen großen Wasserstiefeln vor ihnen.</p>
+
+<p>Er hat ein gutmütiges, hageres, dunkelbraungebranntes Gesicht,
+glanzlose, schwarze Augen, eine große Menge schwarzer, schweißnasser
+Haare und eine glühende Adlernase.</p>
+
+<p>Als er so vor ihnen steht, sieht er mit Vergnügen auf die schlanken,
+nackten Beinchen von Line herab, die in der Sonne seidig glänzen.</p>
+
+<p>Die kleine Dirn findet er niedlich. Auch Hann mag er leiden. Nur hält er
+es an der Zeit, daß aus dem Jungen etwas wird. Überhaupt, seit aus dem
+Kuhstall die Zukunft ihn, wenn auch nur mit einem alten, unbeweglichen
+Weibsantlitz angelächelt, ist er von väterlichen Gefühlen beseelt.</p>
+
+<p>Verwundert blickt er auf die beiden Kinder hinab, die so stumm daliegen,
+als wäre er gar nicht vorhanden. Nur Line schlenkert ein wenig mit dem
+rechten Bein hin und her, als schlüge sie damit den Takt zu einem
+Liedchen. Hann dagegen starrt unbeweglich in seinen Ameisenhaufen.</p><p><span class="pagenum"><a name="Page_37" id="Page_37">37</a></span></p>
+
+<p>»Morgen,« beginnt Siebenbrod gemütlich, denn der Sonnenschein, die
+Kinder und das Gesumm der Käfer wecken Wohlgefallen in ihm.</p>
+
+<p>»Aber ja nicht antworten,« »Man jo nich« &mdash; Auf keinen Fall; das ärgert
+den Säufer sicherlich.</p>
+
+<p>Die kleinen Boshaften verhalten sich mäuschenstill.</p>
+
+<p>Siebenbrod wundert sich, sperrt den Mund auf und faßt sich an die Nase.</p>
+
+<p>Die Stille, das Schweigen, das seltsame Benehmen verwirren ihn
+sichtlich.</p>
+
+<p>Wozu tun das die Jören?</p>
+
+<p>»Was gibt's denn?« räuspert er sich endlich, indem er sich
+zusammennimmt. »Was is hier?«</p>
+
+<p>Stille.</p>
+
+<p>Nur Line summt mit den Käfern um die Wette und dirigiert das Konzert
+immer geschickter mit dem Fuß.</p>
+
+<p>»Na, da soll doch,« bricht Siebenbrod, noch immer voller Erstaunen, los,
+denn an einen Kinderhaß, an eine Rebellion denkt er noch lange nicht. &mdash;
+Auch geht ihn die Dirn schließlich nichts an, ist zudem auch 'n netter
+Racker.</p>
+
+<p>»Jung, bist du dumm? &mdash; Was kuckst du so in den Haufen? Steh gleich
+auf!«</p>
+
+<p>Line wendet das Köpfchen und schielt zu ihrem Begleiter hinüber. Aber
+der bleibt fest. Er ist stolz, sich vor seiner Dame einmal zeigen zu
+können.</p>
+
+<p>Er rührt sich nicht.</p>
+
+<p>»Hann!« brüllt Dietrich plötzlich kirschrot, denn er begreift, und die
+Nase beginnt so merkwürdig zu zittern und zu funkeln, daß beide Kinder
+in ein befriedigtes, höhnisches Gelächter ausbrechen.</p>
+
+<p>Siebenbrod reißt den Jungen in die Höhe: »Verfluchtiger Lümmel, willst
+du woll?«</p>
+
+<p>»Laß los,« schreit Hann wütend dagegen. Aber die Habichtkrallen des
+andern geben ihn nicht frei. Sie wirbeln ihn vielmehr<span class="pagenum"><a name="Page_38" id="Page_38">38</a></span> im Kreise umher,
+wie ein altes Kleidungsstück, das von dem Trödler von allen Seiten
+betrachtet werden soll.</p>
+
+<p>Entsetzt springt jetzt auch Line in die Höhe.</p>
+
+<p>Das bedeutet keinen Spaß mehr. Dietrich ist gewiß wieder betrunken.</p>
+
+<p>»Laß ihn los,« will auch das kleine Kind rufen, aber der Laut bleibt ihr
+in der Kehle stecken.</p>
+
+<p>Starr, gebannt, mit weiten, erschreckten Augen muß sie das Begebnis mit
+ansehen.</p>
+
+<p>Das wickelt sich jedoch unheimlich schnell ab.</p>
+
+<p>Siebenbrod wirbelt den Haufen Kleider noch zwei-, dreimal mit wütender
+Kraft herum, dann wirft er ihn ins Gras.</p>
+
+<p>»Da lieg.«</p>
+
+<p>»Was? &mdash; Was?« &mdash; heult Hann, halb vor Wut, halb vor Schmerz. »Was hast
+du mir zu sagen? &mdash; du oll Säufer? &mdash; Nichts &mdash; du büst ja man bloß unser
+Bootsmann, unser Knecht.«</p>
+
+<p>»So,« lacht Siebenbrod höhnisch, »dann komm noch eins her, mein
+Hühning.«</p>
+
+<p>Wieder streckt er die Klaue aus. Hann, rasend mit weißem Schaum vor dem
+Mund, entgeistert von der Scham, vor seiner Dame mißhandelt zu werden,
+hebt einen großen Feldstein in die Höhe &mdash; und dann &mdash; der arme Junge.
+&mdash; Er ist kein David, der den Goliath zerschmettert.</p>
+
+<p>Mit wilden, funkelnden Blicken verfolgt Line nun das sich aufrollende
+Bild.</p>
+
+<p>Hinten auf den blauen Hosen hat Hann einen grauen Flicken eingenäht. Der
+glänzt jetzt in der Sonne, als er über dem Knie von Siebenbrod liegt,
+und gerade auf diesen Fleck prasseln die flachen Hiebe des Bootsmannes
+hageldicht nieder.</p>
+
+<p>Immer mehr &mdash; immer mehr &mdash; bis der Schall selbst das Schlucken und
+Schluchzen übertönt.</p>
+
+<p>»Wart, mein Hühning, wirst du das wieder tun?«</p>
+
+<p>»Nein &mdash; nein,« wimmert es.</p><p><span class="pagenum"><a name="Page_39" id="Page_39">39</a></span></p>
+
+<p>»Na, dann verbitt' dich.«</p>
+
+<p>»Oh &mdash; oh &mdash; ich verbitt' &mdash; mich.«</p>
+
+<p>»Na, denn 's gut &mdash; Und nu gib mich die Hand, mein Söhning.«</p>
+
+<p>Hann schleicht heran und gibt tiefgesenkten Hauptes die Finger.</p>
+
+<p>»Na, dann 's gut &mdash; Nu is alles in Ordnung.«</p>
+
+<p>»Oh &mdash; und oh &mdash; und oh &mdash; Line &mdash; Line &mdash; hat es gesehen.«</p>
+
+<p>Da steht er im Sonnenschein, mitten auf dem zertretenen Ameisenhaufen,
+und schluckt und zittert am ganzen Leibe. Und ihm gegenüber verharrt
+noch immer das kleine Mädchen und sieht auf ihn hin.</p>
+
+<p>Aber merkwürdig.</p>
+
+<p>Ein seltsames, irrendes Lächeln schwebt dabei um die roten Lippen.</p>
+
+<p>Der graue Fleck und die hohe Rundung, wie das aussah!</p>
+
+<p>Wieder möchte sie lachen. Aber dort drüben weint der Gespiele so
+jammervoll, daß sie unbeweglich steht und zu ihm herübernickt.</p>
+
+<p>Was sie jedoch beide nicht wissen, das ist das Merkwürdige, daß dieser
+Eindruck unverwischlich in dem Gedächtnis des Mädchens fortleben wird,
+daß er andere Gefühle auszulösen berufen ist, die Hann eines Tages mehr
+schmerzen müssen, als die schwielige Hand des neuen Stiefvaters
+Siebenbrod, und daß diese Zeit nicht mehr gar so fern liegt.</p>
+
+<p class="center"><sup>*</sup>     <sub>*</sub>     <sup>*</sup></p>
+
+<p>Er stand und weinte.</p>
+
+<p>Line lächelte.</p>
+
+<p>Und Siebenbrod meinte endlich befriedigt: »Nu komm.«</p>
+
+<p>Dann nahm er ihn mit.</p><hr class="chap" /><p><span class="pagenum"><a name="Page_40" id="Page_40">40</a></span></p>
+
+
+
+
+<h3>V</h3>
+
+
+<p>Nachmittags kehrte Hann pudelnaß zurück.</p>
+
+<p>Der blaue Drillichanzug klebte an seinen ungelenken Gliedern,
+unaufhörlich leckte das Wasser von ihm herab; seine Mütze hatte er
+verloren.</p>
+
+<p>Das waren die nächsten Folgen seines ersten Unterrichts. Zuvörderst
+hatte ihn Siebenbrod hinten an dem Steuer des weißen Lotsenbootes Platz
+nehmen lassen. Er hatte ihm gezeigt, wann man rasch, wann man langsam
+drehen müsse; er hatte ihm die Stellung der Segel erklärt und ihn zum
+Schluß in das schwierige Geschäft des Windabfangens eingeführt. Sodann
+wurde von Siebenbrod ein förmliches Examen über das eben Erläuterte
+angestellt, und bei jeder vergessenen Position tat ein gelinder Puff,
+zuweilen auch eine Ohrfeige das übrige.</p>
+
+<p>Zuletzt aber kam der Höhepunkt des heutigen Tages. Ein Exerzitium, das
+Hann gewiß nicht so bald vergessen wird.</p>
+
+<p>Sie segelten gerade im offenen Bodden.</p>
+
+<p>Glatt, wie poliert, lag die glänzende Scheibe da. Nur fern und
+verschwommen, wie hinter zarten, blauen Nebeln, ragte das Dörfchen. Man
+vernahm von dort kaum das monotone Schlagen der Dorfuhr und zuweilen das
+Kläffen eines Hundes.</p>
+
+<p>Am lichterfüllten, tiefen Himmel zeigte sich bereits das bleiche Viertel
+des Mondes.</p>
+
+<p>Eben hatte Siebenbrod eine kleine Pause in seinem Unterricht eintreten
+lassen.</p>
+
+<p>Mit aufgestütztem Kopf hockte er auf der zweiten Ruderbank und glotzte
+während des Hingleitens melancholisch auf den Vorratskasten des Bootes,
+in dem eine wohlgefüllte Kirschschnapsflasche<span class="pagenum"><a name="Page_41" id="Page_41">41</a></span> stehen mußte, ein Genuß,
+dem er nun ein für allemal abgeschworen.</p>
+
+<p>Wer würde jetzt wohl den feinen Tropfen trinken? Schade &mdash; schade &mdash; aber
+wenn man selbständig werden und in die vornehme Gilde der Zesnerfischer
+zugelassen werden wollte?</p>
+
+<p>Kein Spaß, wahrhaftig!</p>
+
+<p>Schwermütig nickte er mit dem Kopf, dann sah er zu Hann hinüber.</p>
+
+<p>Der Junge hatte längst den Wind aus den Segeln verloren und träumte
+bekümmert zu der blassen Silberscheibe empor.</p>
+
+<p>»Verfluchter Bengel!«</p>
+
+<p>»Jesus!«</p>
+
+<p>Der Knabe schrak krampfhaft zusammen. So weit war es schon gediehen.</p>
+
+<p>»Na, ich tu dich ja nichts. Hab dich nicht, Jünging.«</p>
+
+<p>Damit trat Siebenbrod auf ihn zu und pätschelte ihm auf dem Kopf herum.</p>
+
+<p>Eine Weile sann er dann nach.</p>
+
+<p>Ja, warum nicht? &mdash; Je eher, desto besser. Lernen mußte er es ja. Es war
+gut, wenn er ihm gleich diese große Wohltat erwies.</p>
+
+<p>»Kannst du schwimmen, Hann?« fragte er deshalb mit plötzlichem
+Entschluß, wobei er seine Hakennase spürend in die Abendröte erhob.</p>
+
+<p>»Ne, Siebenbrod.«</p>
+
+<p>»Sag' Vater zu mich.«</p>
+
+<p>»Du bist ja aberst nicht mein Vater.«</p>
+
+<p>»Das schadet nichts. Sag' so.«</p>
+
+<p>»Ne, ich kann nicht schwimmen, Vater.«</p>
+
+<p>Der Junge begann wieder leise zu schaudern. Warum sollte er dem
+Bootsmann diesen Namen erteilen? Sein richtiger Vater schlief doch dort
+drüben unter den belaubten Ulmen, die man hinter der Kirche hervorlugen
+sah &mdash; Und weshalb grinste Siebenbrod so komisch bei dem Worte
+»schwimmen«?</p><p><span class="pagenum"><a name="Page_42" id="Page_42">42</a></span></p>
+
+<p>»Siehst du,« bemerkte der Stiefvater, indem er noch näher an den
+sitzenden Jungen herantrat, wobei er mit gespreizten Beinen das
+Schwanken des Schiffleins zu verhindern suchte. »Das ist das Unglück bei
+uns Schiffern und Fischern. &mdash; Keiner kann. &mdash; Mein Vater is auf solche
+Weise vertrunken, und mein Großvater is auch vertrunken. Deshalb will
+ich dich jetzt die Kunst zeigen. Du willst ihr doch lernen?«</p>
+
+<p>»Woll,« stotterte Hann mit Beben.</p>
+
+<p>»Gut, dann komm zu mich &mdash; aberst vorsichtig.«</p>
+
+<p>Hann kroch dicht neben den Stehenden hin. Der besah ihn sich
+schmunzelnd.</p>
+
+<p>Jetzt folgte ja eigentlich ein großer Spaß. Und dann war's ja auch eine
+Wohltat.</p>
+
+<p>»Fürchtest du dich?« fragte er noch einmal.</p>
+
+<p>Der Knabe schüttelte mit zugeschnürter Kehle den Kopf. Sprechen konnte
+er nicht mehr.</p>
+
+<p>»Na, dann pass' auf! &mdash; So wird's gemacht.« Ein rascher Griff &mdash; die
+Habichtskrallen hakten sich wieder, wie am Vormittag, in den Rockkragen
+des Jungen ein &mdash; dann hob er ihn hoch in die Höhe und ließ ihn
+zuvörderst ein wenig herumwirbeln.</p>
+
+<p>»Du fürchtest dich doch nicht?« meinte er noch einmal ehrlich. &mdash;»Na,
+dann schwimm.«</p>
+
+<p>Er ließ ihn los.</p>
+
+<p>Plumps. Das Boot schwankte, als wollte es kentern. Hann versank sofort
+spurlos unter die Oberfläche.</p>
+
+<p>»Na, also,« sagte Siebenbrod neugierig.</p>
+
+<p>Nach ein paar Sekunden tauchte Hann wieder empor, kirschrot im Gesicht,
+mit Händen und Füßen wie besinnungslos um sich schlagend.</p>
+
+<p>»So 's recht,« lobte Siebenbrod, »so bleib man bei.«</p>
+
+<p>»Hilfe &mdash; Hilfe &mdash; laß mir ins Boot.«</p>
+
+<p>»I ne, mein Jünging, dann lernst du ja nichts.«</p>
+
+<p>»Ich &mdash; ich &mdash; kann nich mehr.«</p><p><span class="pagenum"><a name="Page_43" id="Page_43">43</a></span></p>
+
+<p>»I &mdash; das glaubst du man. Siehst &mdash; stoß tüchtig aus &mdash; so 's schön.«
+Erst als Hann nach zehn Minuten wortlos das zweitemal versank, zog der
+Lehrmeister seinen Schüler auf die Planken zurück. Er war sehr zufrieden
+mit ihm. Aus Hann mußte etwas Erwähltes werden. Er hatte nach der
+Warmbieruhr eine volle Viertelstunde ausgehalten.</p>
+
+<p>»Schön &mdash; schöning.«</p>
+
+<p>Und wie der Junge völlig betäubt und teilnahmlos, zitternd und fröstelnd
+auf dem Vorratskasten saß, da schoß Siebenbrod der Gedanke durch den
+Kopf, daß er diese große Leistung auch gebührend ehren müsse. Rasch
+schloß er deshalb den Kasten auf, nahm die Flasche heraus, und als Hann
+errötend voller Ekel abwehrte, setzte er dem Jungen mit sanfter Gewalt
+das Glas an den Mund und zwang ihm mehrere Schluck hinunter.</p>
+
+<p>»I, Jünging, das is dich ja gesund, der schöne Kirsch, so &mdash; so &mdash; siehst
+du &mdash; na, ich sag bloß, aus dich wird was &mdash; sollst mal sehn.«</p>
+
+<p>Hann drehte sich etwas im Haupt. Aber dadurch steigerte sich Siebenbrods
+Zufriedenheit nur.</p>
+
+<p>Wie schön roch nicht der geliebte Kirsch.</p>
+
+<p>Wehmütig verbarg der Bootsmann das rubinfunkelnde Naß wieder in den
+Schiffsschrank. &mdash; »Ja, wenn man Zesnerfischer werden wollte.« Kein
+Spaß, wahrhaftig! Aber aus Hann wurde was! &mdash; Das stand fest.</p>
+
+<p class="center"><sup>*</sup>     <sub>*</sub>     <sup>*</sup></p>
+
+<p>Der arme Junge.</p>
+
+<p>Er getraute sich nicht in das Lotsenhäuschen zurück, als Siebenbrod nach
+der gemeinschaftlichen Seefahrt in dem rotgepflasterten Flur verschwand.
+Noch zitterte er vom Kopf bis zum Fuß. Dazu summte der ungewohnte
+Alkohol förmlich in seinem Kopf herum. Er sah alles, als ob es auf
+Wolken tanze.</p>
+
+<p>Und dann die Scham!</p>
+
+<p>Geprügelt, durchgehauen, wie ein boshafter Köter. Nun wußten es doch
+gewiß bereits alle.</p><p><span class="pagenum"><a name="Page_44" id="Page_44">44</a></span></p>
+
+<p>Ganz sicher, von Line mußten sie es längst gehört haben.</p>
+
+<p>Oh, wenn bloß Line nicht dabei gewesen wäre. Das tat so weh. Er konnte
+sich selbst gar nicht erklären, warum das Bild des erstaunten,
+lächelnden Kindes in seinem Innern wie mit Messern eingerahmt schien.</p>
+
+<p>Das riß und schnitt.</p>
+
+<p>Ne, ne, lieber nicht Abendbrot essen, obwohl er vor Müdigkeit am
+liebsten sich auf die offene Dorfstraße geworfen hätte. Nein, irgend
+jemand dasjenige anvertrauen, was er erlebt. Wenn er das nur könnte!</p>
+
+<p>Aber wem?</p>
+
+<p>Der Junge dachte nach.</p>
+
+<p>Seinen Brüdern?</p>
+
+<p>Nein, nein, die waren zu fein dazu.</p>
+
+<p>Sein Mudding?</p>
+
+<p>Auch nicht, die weinte und gab selten Antwort.</p>
+
+<p>Draußen klang im selben Moment eine Handharmonika durch die stille
+Abendluft herüber.</p>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">»Judemädel, wasch dich, kämm dich, putz dich schön,<br /></span>
+<span class="i0">Denn wir woll'n zum Tanze geh'n.«<br /></span>
+</div></div>
+
+<p>Malljohann spielte wieder auf dem Dach seiner Kajüte, während am
+Bollwerk einige Matrosen mit ein paar Dorfmädchen dazu lachten und
+sangen.</p>
+
+<p>Bewahre, was sollte Hann wohl unter solch Fröhlichen anfangen?</p>
+
+<p>Ne, ne, Malljohann war auch nicht der richtige.</p>
+
+<p>Aber plötzlich wußte er's.</p>
+
+<p>Es gab nur einen.</p>
+
+<p>Oll Kusemann.</p>
+
+<p>Ja, zu dem mußte er sich schleichen.</p>
+
+<p>Und es war so natürlich, daß der Knabe zu dem Lügenlotsen seine Zuflucht
+nehmen wollte. Denn dieser Phantast ohnegleichen,<span class="pagenum"><a name="Page_45" id="Page_45">45</a></span> dem das Leben eine
+einzige bunte Unwahrheit, eine schillernde Seifenblase erschien, der
+sich an seinen eigenen, närrischen Geistessprüngen ergötzte wie ein
+Kind, das den Affenkäfig beschaut, &mdash; er brauchte Hann als sein Publikum,
+als seinen Hörer &mdash; und deshalb liebte er ihn. Und auch Hann verehrte
+den Alten leidenschaftlich als seinen einzigen Freund. Ja, in das
+Wetterhäuschen zu oll Kusemann mußte der Junge.</p>
+
+<p>Vorsichtig, nach allen Seiten ausspähend, schlich der Geprügelte die
+wenigen Schritte bis zur Hafenmündung, wo auf einer Steinmole eine
+ausrangierte Badehütte stand.</p>
+
+<p>Das war der Beobachtungsposten des Lügenlotsen.</p>
+
+<p>Und richtig, da lehnte der Gesuchte in der offenen Tür, strich über
+seine schmucke, blaue Uniform und fuhr sich wohlig über den spitz
+geschorenen, grauen Kinnbart, denn oll Kusemann hielt sich trotz seiner
+Sechzig für einen schönen Mann, für einen Eroberer, von dem Frauen,
+Dirns und noch Jüngere zu erzählen wußten.</p>
+
+<p>Als er den fröstelnden Jungen gewahrte, schielte er mit seinen
+fröhlichen, blauen Augen auf ihn hin, denn oll Kusemann schielte ein
+wenig, spuckte pfeilschnell und kunstgerecht seinen Priem dem Ankömmling
+vor die Füße und äußerte teilnehmend: »Na, Hann, bist ins Wasser
+geschmissen worden?« Denn der Lügenlotse hatte durch sein Lugfenster und
+mit seinem Fernrohr längst das Erlebnis seines Freundes festgestellt.</p>
+
+<p>Hann stutzte.</p>
+
+<p>Was war das wieder für ein neues Wunder?</p>
+
+<p>»Woher weißt du das, oll Kusemann?«</p>
+
+<p>Statt einer Antwort wies der Angeredete mit seinem Fuß ein wenig in die
+Höhe, und da sah denn Hann, wie oben auf dem Dach der Hütte der gezähmte
+Rabe oll Kusemanns, Niklas mit Namen, hin und her hüpfte, von dem der
+Lotse oft mit größtem Ernst behauptet hatte, daß dieser Vogel ihm alle
+möglichen Geheimnisse hinterbringe.</p>
+
+<p>»Ach so,« sagte der Junge und senkte demütig den Kopf.</p><p><span class="pagenum"><a name="Page_46" id="Page_46">46</a></span></p>
+
+<p>Dann heulte er auf.</p>
+
+<p>»Jung, rohr nich,« tröstete oll Kusemann gutmütig und zog den Knaben in
+das enge Bretterloch hinein, »hör' zu. Ebenso wie dich &mdash; so is es &mdash;
+hm, ja &mdash; so is es Kolumbussen auch gegangen.«</p>
+
+<p>Hann, der zu seinen Füßen saß, schluckte noch.</p>
+
+<p>»Wer is Kolumbus?«</p>
+
+<p>»Was? Du weißt das nicht? &mdash; Jung, das kommt von deine verfluchtige
+Ungebildheit &mdash; hm, ja.« &mdash;</p>
+
+<p>Oll Kusemann schob behaglich seinen Priem hin und her und schielte
+unternehmungslustig auf den ruhenden Bodden, über den die Dämmerung
+daherzog wie eine Schlachtreihe grauer Nebelgeister. &mdash;</p>
+
+<p>»Na also &mdash; Kolumbus, je &mdash; na, Kolumbus, was is er weiter gewesen, as
+so'n lütter spanischer Schiffsjung? &mdash; Aberst sein Vater, der hatte sich
+das in den Kopf gesetzt, er sollt' was entdecken, womöglich einen ganzen
+Weltteil, und, um ihm das anzugewöhnen, hat er ihn auch immer im Wasser
+untergetümpelt als Siebenbrod heut mittag dir &mdash; na, und sühst du, was
+hat der Jung getan? &mdash; Ausgerissen is er, mit noch paar andere solche
+Ströper und hat Amerika entdeckt! Wat sagst nu?«</p>
+
+<p>Hann vergaß eine kurze Zeit sein Unglück.</p>
+
+<p>»Woher weißt du das alles?« fragte er rasch, »bist du denn dabei
+gewesen?«</p>
+
+<p>Diese Frage reizte den Lotsen zu einer kräftigeren Leistung.</p>
+
+<p>»Je, erzählt ich dich das noch nie? &mdash; Ich bin es ja gewesen, der da so
+immer in dem Mastkorb schrie: »Land &mdash; Land!«</p>
+
+<p>»Dann hast du ja Amerika entdeckt?« echote der Kleine.</p>
+
+<p>Hann versäumte vor Bewunderung, den Mund zuzumachen.</p>
+
+<p>»Das hab' ich,« bestätigte oll Kusemann behaglich. &mdash; »Das kann mir
+keiner streitig machen. &mdash; Und hier« &mdash; dabei zog er eine ausländische
+Münze aus der Tasche &mdash; »kannst du noch die spanische Medaille sehen,
+die ich dafür bekommen hab. Kuck &mdash; hier.«</p><p><span class="pagenum"><a name="Page_47" id="Page_47">47</a></span></p>
+
+<p>Hann sah hin; dann begann er wieder zu heulen.</p>
+
+<p>»Was is?«</p>
+
+<p>»Prügel,« jammerte der Junge. Und nun teilte er dem neugierig
+aufhorchenden Lotsen das Begebnis auf der Wiese mit, und wie er in
+Gegenwart von Line so entwürdigend geschlagen worden sei.</p>
+
+<p>Der Lotse wurde ungeduldig. Der kleine Bursche amüsierte ihn heute
+nicht. Und oll Kusemann war mehr für einen Spaß zu haben. Am liebsten
+war es ihm, wenn man lauschend seinen Lügenphantasien folgte.</p>
+
+<p>»Hör eins« &mdash; mißbilligte er &mdash; »was is das mit der lütten Dirn? Den
+ganzen Tag steckst du mit ihr zusammen. Is sie deine Braut?«</p>
+
+<p>»Was, oll Kusemann?«</p>
+
+<p>»Ob sie deine Braut is?«</p>
+
+<p>Der Junge wurde dunkelrot. Er ahnte selbst nicht, warum. Am ehesten
+hielt er diese Frage für eine neue Entwürdigung.</p>
+
+<p>»Na, ich mein, &mdash; na, wie soll ich dich das klarmachen? &mdash; Küßt du ihr
+denn? &mdash; Und faßt du ihr manchmal liebreich um? Und wenn sie eins 'n
+Schnupftuch verliert oder 'ne Schleife, steckst du das zu dich und hast
+dir damit?«</p>
+
+<p>Hann hörte furchtsam zu. All das, was der alte Lügenlotse jetzt
+anführte, flößte ihm eine ungeheure Furcht ein. Das Schnupftuch, die
+Schleife, das Umfassen, alles. Eine ängstliche Neugierde erfaßte ihn.</p>
+
+<p>Hastig schüttelte er seinen plumpen Kopf.</p>
+
+<p>»Na, dann will ich dir was sagen,« ermahnte der Alte, »wenn du das Ding
+so gern leiden magst, dann mußt du fix machen &mdash; denn später« &mdash; er
+schüttelte bedenklich das Haupt &mdash; »sie is 'ne kleine Hex, wer weiß, was
+später mit ihr los is &mdash; ob sie dich dann noch will? Verstehst du auch,
+du lütter Dämlak, was ich mein?«</p>
+
+<p>»Ne, oll Kusemann, ich versteh' dich nicht.«</p>
+
+<p>»Na, dann paß auf, der Umgang zwischen Männliche und Weibliche<span class="pagenum"><a name="Page_48" id="Page_48">48</a></span> is
+nämlich sehr schnurrig &mdash; hör zu, ich will dich das erklären: Siehst du,
+da gibt es nämlich Männers, die von allen, aberst ich sag' dir, auch von
+allen Weibers geliebt werden, und die dabei gegen Damens sehr stolz
+sind. &mdash; So einer bin zum Beispiel ich. Ich weiß auch nicht, wie es
+kommt. Aber es is so!</p>
+
+<p>»Ein alter Professor drin aus der Stadt sagte mich mal, es liegt an dem
+Geruch. &mdash; Wie gesagt, ich hab' da noch nich drauf geacht.</p>
+
+<p>»Und zum zweiten gibt es Männers, die nu wieder ihreseits gegen die
+Weiber 'ne große Liebe und Andacht haben und sehr demütig gegen ihr
+sind. &mdash; Sieh, zu dieser zweiten Sorte wirst du woll gehören, wenn es
+mal so weit sein wird. Und deshalb müssen diese zweiten Schafsköpp' sich
+recht frühzeitig verloben und verfreien, damit ihnen die
+Herzallerliebsten noch in der Dummheit zulaufen. Denn später pfeifen die
+Frauenzimmers auf die Demütigkeit und halten das für Langweiligkeit und
+machen denn ganz verfluchte Chosen. &mdash; Verstehst du mir?«</p>
+
+<p>Hann starrte ihn an und hielt sich krampfhaft an der auf- und
+niederknarrenden Brettertür fest. Zum Umsinken müde war er, und doch
+hätte er gern noch mehr gehört, denn das kleinste Wort kam ihm
+geheimnisvoll vor, weil Line damit irgendwie in Verbindung zu stehen
+schien. Es wurde ihm ganz kalt vor Furcht.</p>
+
+<p>»Was nu aber deine Brautschaft anbetrifft« &mdash; wollte der Lotse seinen
+Spaß fortsetzen, &mdash; da wurden auf der steinernen Mole kurze Tritte laut,
+wie wenn leichte Holzpantöffelchen darüber klapperten, und aus den
+Wassernebeln, die zerfasert und gespenstisch an der Steinwand in die
+Höhe quollen, tauchte eine kleine Gestalt auf.</p>
+
+<p>Line.</p>
+
+<p>»Oll Kusemann, is Hann bei dir?« rief sie atemlos und beugte sich mit
+halbem Leib in die Hütte hinein.</p>
+
+<p>»Ja, hier, Lining,« stammelte der Junge.</p>
+
+<p>Ihm fiel alles ein, was sein Freund eben vorgebracht hatte. Jetzt wäre
+er am liebsten davongelaufen.</p>
+
+<div class="figcenter" style="width: 400px;">
+<img src="images/oppos_048.jpg" width="400" height="621" alt="Illustration" />
+</div>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_49" id="Page_49">49</a></span></p>
+
+<p>Ihr Atem stürzte nur so aus der kindlichen Brust hervor, aber die Augen
+blitzten vor Neugierde und Spannung.</p>
+
+<p>»O Hann, komm fix nach Haus. &mdash; Abendessen. &mdash; &mdash; Wenn du bloß wüßtest,
+wie Siebenbrod wieder schimpft.«</p>
+
+<p>»Ißt der jetzt auch an eurem Tisch?« fragte oll Kusemann hastig.</p>
+
+<p>»Ja.«</p>
+
+<p>»Und er schimpft?«</p>
+
+<p>»Furchtbar.«</p>
+
+<p>Süh &mdash; süh, dachte der Lotse für sich, und Hann soll Vater zu ihm sagen?
+»I, Kinnings,« sprach er laut, »hört ihr nicht, was Niklas eben ruft?«
+In der Tat begann der Rabe, den wohl frieren mochte, laut zu krächzen:
+»Scharp &mdash; scharp.«</p>
+
+<p>»Hörst du's,« verkündigte oll Kusemann, während er schnell die Hütte
+verschloß, »Hochzeit,« sagte er. &mdash; »Es gibt Hochzeit bei euch.
+Siebenbrod heiratet euer Mutting. Und horch &mdash;«</p>
+
+<p>Wieder schrie der Rabe sein »Scharp«.</p>
+
+<p>Der Lotse pfiff und tat einen Luftsprung. »Ne so was lebt nich,« schrie
+er beglückt. »&gt;Verlobung&lt; sagt er auch, hast du's gehört, Dirning? &mdash;
+Ganz deutlich &gt;Verlobung&lt;. Nu kommt fix.«</p>
+
+<p>Er zog die Kinder mit sich fort. Sorgsam, damit sie in dem dicken,
+milchigen Nebel nicht ins Wasser stürzten.</p>
+
+<p>Deshalb schritt er voran.</p>
+
+<p>Hinter sich hörte er, wie die Kinder ängstlich miteinander über
+Siebenbrod flüsterten.</p>
+
+<p>»So spät &mdash; so spät,« hauchte Line erwartungsvoll. »Wird er dich jetzt
+nicht wieder schlagen?«</p>
+
+<p>»Ja, das wird er woll,« gab Hann zu, dem die Zähne klapperten.</p>
+
+<p>Die Kleine sah ihn an. Ihre Spannung stieg immer höher.</p>
+
+<p>Ganz finster war es unterdes geworden.</p>
+
+<p>Vom Fluß tönte ein scharfes Murmeln herauf, und auf den Wiesen tanzten
+kolossale, bleiche Gestalten.</p>
+
+<p>Da machte der Lügenlotse, der ihnen bis dahin schweigsam
+vorausgeschritten war, obwohl er ihre Unterhaltung Wort für<span class="pagenum"><a name="Page_50" id="Page_50">50</a></span> Wort
+aufgefangen, plötzlich an einem gespenstisch aufragenden Querbaum halt.</p>
+
+<p>Ein vergessenes, grobes Netz flatterte im Abendwind von der Gabel herab
+und verbreitete einen ätzenden Fischgeruch. Es sah aus, als ob von einem
+Galgen eine Riesin in langem, schleppendem Gewande herabschlottere.</p>
+
+<p>Dieser Platz schien oll Kusemann für den närrischen Spaß, den er mit den
+Kindern treiben wollte, der rechte Ort. An dem Pfahl blieb er stehen.</p>
+
+<p>»Kommt her,« flüsterte er darauf, und als die Kinder in der Schwärze
+neben ihm standen, legte er jedem von ihnen den Arm um die Schulter und
+beugte sein bärtiges Haupt zwischen die jungen Köpfe.</p>
+
+<p>»Kommt her. &mdash; Ihr müßt ein Bündnis machen gegen Dietrich Siebenbrod. &mdash;
+Das ist klar. Aber das beste Bündnis zwischen einen Männlichen und eine
+Weibliche is die Verlobung. Ihr müßt euch also verloben. &mdash; Daß ihr noch
+'n bischen jung seid, das is woll wahr, aber es braucht ja auch erst
+später die richtige, die ganz richtige Verlobung zu folgen. &mdash; Na also,
+was sagt ihr?«</p>
+
+<p>Prachtvolle, glitzernde Sterne brachen hier und da durch den stillen
+Nebelhimmel hindurch, und in seinem Halbtraum vernahm Hann, daß oll
+Kusemann von neuem vor sich hinlachte, während er die beiden Kinder eng
+aneinander schob.</p>
+
+<p>»Nu küßt euch,« befahl er.</p>
+
+<p>Voller Angst küßten sich die Kinder.</p>
+
+<p>Der Lotse pfiff durch die Zähne und sprang, wie er es bei freudigen
+Anlässen zu befolgen pflegte, hoch in die Luft.</p>
+
+<p>»So,« schmunzelte er seelenvergnügt. »Nu seid ihr so weit. &mdash; Ich
+gratulier' euch. &mdash; Kommt, Kinnings, fix, fixing, damit ihr zu Haus nich
+Schläg kriegt. &mdash; Und wenn ihr Hochzeit macht, Lining, weißt was? &mdash;
+Dann schenk' ich dir ein goldenes Brokatkleid &mdash; ja &mdash; hm &mdash; natürlich
+&mdash; ein goldenes Brokatkleid und silberne Schuhe mit diamantne
+Schmetterlinge darauf. &mdash; Da<span class="pagenum"><a name="Page_51" id="Page_51">51</a></span> drüben im Kloster, da liegt so was
+vergraben. Ich kenn' die Stell'. Ja, und Hann &mdash; na, du weißt doch,
+Jung, daß hier in unserem Bodden die alte Stadt Vineta untergesunken is.
+Pass' auf, für dich hol ich mal in 'ner besonderen Stund eine Molle voll
+alter Dukaten rauf. Ich hab neulich erst mit meinen Wasserfernrohr so
+was funkeln sehn. &mdash; Und nu adjüssing, Kinnings &mdash; hier is mein Haus und
+mein Alwining wartet all &mdash; und nu macht, daß ihr weiterkommt.«</p>
+
+<p>Er verschwand.</p>
+
+<p>Die beiden Kinder aber liefen Hand in Hand heim.</p>
+
+<p>Eine Stunde später lag Hann in seinem Dachverschlag im Bett. Um das Haus
+wehte jetzt ein frischer Seewind. Der raschelte in dem Stroh des Daches,
+wisperte Märchen und fuhr auch durch die Ritzen, so daß der Knabe fror.</p>
+
+<p>Er schauderte zusammen und konnte nicht einschlafen, denn all dieses
+Merkwürdige, Zauberische schwirrte in dem Kämmerchen vor seinem Lager
+hin und her. Die grüne Wiese und Line, die Prügel und die Verlobung, der
+Kuß und die untergegangene Stadt voller Dukaten. &mdash; Und plötzlich
+begannen noch die Ameisen aus dem Hügel an der Wand wirr durcheinander
+zu kreisen.</p>
+
+<p>Ihn nahm der Schlaf.</p>
+
+<p>Aber das glaubte er doch noch zu hören, daß Pantöffelchen an seiner Tür
+vorüberklapperten und eine Stimme hindurchrief: »Hann, bist du noch mein
+Bräut'gam?«</p>
+
+<p>Dann huschte es nebenan in die Kissen.</p>
+
+<p>Er konnte es aber auch geträumt haben, denn der Mond lachte bereits auf
+ihn herunter und freute sich über all die bunten Lügen und nannte ihn
+einen »dummen Jungen«.</p><hr class="chap" /><p><span class="pagenum"><a name="Page_52" id="Page_52">52</a></span></p>
+
+
+
+
+<h3>VI</h3>
+
+
+<p>Ein weißgedeckter Tisch befand sich in der Mitte. Porzellanteller
+standen darauf, und wahrhaftig &mdash; Messer und Gabeln sah man säuberlich
+auf gläserne Bänkchen gelegt.</p>
+
+<p>In der großen Parterrestube, die jahraus, jahrein ganz leer stand und
+nur zu großen Feierlichkeiten benutzt wurde &mdash; zuletzt hatte der Sarg
+des alten Klüth darin gestanden &mdash; war heute am Sonntag Sand in feinen
+Kringeln auf den Estrich gestreut. Grobe, weiße Gardinen bemerkte man
+vor die Fenster gesteckt, und mitten auf dem Tisch prangte ein Strauß
+bunter Georginen.</p>
+
+<p>Das hatte etwas zu bedeuten.</p>
+
+<p>Alle empfanden es, aber keiner erriet den Zweck dieser Vorbereitungen,
+oder man scheute sich doch, ihn ernstlich ins Auge zu fassen.</p>
+
+<p>Allerdings, eine Möglichkeit, eine denkbare Erklärung schien vorhanden.</p>
+
+<p>Bruno, der Sekundaner, hatte vor drei Tagen zu den Michaeliferien den
+Berechtigungsschein zum einjährigen Dienst aus der Stadt nach Hause
+gebracht und erwartete nun als freier Mann den Augenblick, daß irgend
+jemand mit ihm zum Konsul Hollander führe, damit dieser weitere
+Aufschlüsse über die Zukunft seines neuen Lehrlings erteilen könnte.</p>
+
+<p>Wer jedoch dieser begleitende Jemand sein sollte, darüber war keine
+Gewißheit zu erlangen. Paul, der Student, hatte sich bereits mehrfach
+dazu erboten, war indessen von der Mutter mit einem leisen, beinahe
+wehmütigen Kopfschütteln abgelehnt worden.</p>
+
+<p>Also ein anderer!</p>
+
+<p>Aber wer?</p><p><span class="pagenum"><a name="Page_53" id="Page_53">53</a></span></p>
+
+<p>Siebenbrod? &mdash; der Sekundaner stampfte mit dem Fuß &mdash; das war
+hoffentlich völlig ausgeschlossen. Der Bootsmann konnte sich doch
+unmöglich vermessen, mit dem feinen Bruno, dem sein Jackettanzug so
+elegant saß, und der sich seit drei Tagen bereits im heimlichen Besitz
+eines Zigarettenetuis befand, den Weg zum Konsul anzutreten?</p>
+
+<p>Also Siebenbrod nicht.</p>
+
+<p>Wer aber?</p>
+
+<p class="center"><sup>*</sup>     <sub>*</sub>     <sup>*</sup></p>
+
+<p>Die vier Kinder warteten schon in dem großen Zimmer eine geraume Zeit.
+Noch war die Mutter nicht erschienen, was ganz gegen alle Gewohnheit
+verstieß. Und nur Line, die vor einer Weile verstohlen und mit ihren
+katzenhaften Tritten an der Bodenkammer der kleinen Frau vorbeigehuscht
+war, sie allein wußte, daß es in dem verschlossenen Raum merkwürdig
+geraschelt habe. Gerade wie wenn dort schwere alte Seide geglättet
+würde.</p>
+
+<p>Und Frau Klüth besaß in der Tat ein altes, schwarzes Seidenkleid, ein
+echtes, ehrwürdiges Lyoner Stück, das von oll Kusemann vor etwa dreißig
+Jahren, als er sich noch »Strom« nannte, direkt für die drei
+Lotsenfrauen nach Moorluke eingeschmuggelt war.</p>
+
+<p>Line kauerte in einer Ecke, biß mit ihren spitzen Zähnen in die Lippen
+und sann fieberhaft darüber nach, ob die Mutter dieses Heiligtum
+wirklich anlegen wolle.</p>
+
+<p>Ja, wenn jenes Prachtstück hervorgeholt wurde, dann stand Großes bevor.</p>
+
+<p>Auch Hann stand mitten in der Aufregung.</p>
+
+<p>In seinem zottigen, düffelblauen Sonntagsanzug hockte er am unteren Ende
+des Tisches und war starr vor Ehrfurcht über die ungewohnte Pracht
+dieser Zurüstungen.</p>
+
+<p>Das große Zimmer. Die feinen Ringelkreise des Sandes auf dem Fußboden.
+Am Fenster die beiden schwarzgekleideten Brüder, die leise miteinander
+verhandelten; in der Ecke Line mit dem wunderhübschen weißen Kleidchen
+und der rosa Schleife im Haar!<span class="pagenum"><a name="Page_54" id="Page_54">54</a></span> &mdash; Die Georginen, und draußen auf der
+Dorfstraße die vorüberwandelnden Fischer, die alle so seltsam nickten
+und lächelnd in die Fenster hineinsahen!</p>
+
+<p>Nein, das war alles so spannend &mdash; so &mdash; so &mdash;</p>
+
+<p>Dem Jungen saß etwas in der Kehle, das Herz schlug ihm stark vor
+Erwartung, und nicht ein einziges Mal wagte er es, zu Line
+hinüberzublicken.</p>
+
+<p>Seit sie seine Braut geworden, bedeutete sie für ihn direkt einen
+Gegenstand namenloser Furcht. Nach jenem Abend ging er ihr scheu aus dem
+Wege und erkühnte sich nicht mehr, das Dirnchen anzureden.</p>
+
+<p class="center"><sup>*</sup>     <sub>*</sub>     <sup>*</sup></p>
+
+<p>Da fiel etwas Schwarzes in das sonnenbeschienene Fenster.</p>
+
+<p>Alle im Zimmer mußten wie auf Verabredung auf die helle Dorfstraße
+hinausblicken.</p>
+
+<p>Welch ein wunderliches Bild.</p>
+
+<p>Dort draußen auf dem weißen Sande ragte die lange Gestalt des
+Bootsmannes aus einem Menschenhaufen hervor, merkwürdig ungelenk
+anzusehen in seinem Bratenrock und dem wolligen Zylinder, aber heute
+noch steifer wie gewöhnlich, da er eine große Mappe mit aller Kraft an
+sich preßte, als wünsche er sich eines kostbaren Gutes beständig zu
+versichern.</p>
+
+<p>Da standen sie alle um ihn herum. Ein paar Zesnerfischer, ferner die
+beiden Lotsen, oll Kusemann in seinem schmucken, blauen Wams, und
+Friedrich Pagels mit dem verschnürten Bein, sodann Klaus Muchow, der
+stärkste Fischer von Moorluke mit einem blondlockigen Neptunshaupt, das
+stumm und taub zugleich war, ja selbst Malljohann, dessen Kartoffelkahn
+gerade wieder vor dem Lotsenhäuschen der Klüths ankerte, beteiligte sich
+von fern an dieser Ehrung. Tiefsinnig saß er auf seinem Kajütendach und
+spielte in Anbetracht der Feierlichkeit: »Deutschland, Deutschland über
+alles.«</p>
+
+<p>Und alle gratulierten dem Bootsmann.</p><p><span class="pagenum"><a name="Page_55" id="Page_55">55</a></span></p>
+
+<p>»Ich dank' euch auch,« sagte Siebenbrod stolz, »ich werd' nun mein
+Möglichstes tun.«</p>
+
+<p>»Ja,« stellte der wassersüchtige Lotse mit dem Schnürbein, der sich am
+besten auf Geschäfte verstand, fest, »das Haus is ja auch ganz nett. Das
+Dach muß ausgebessert werden.«</p>
+
+<p>»Ne, ne,« widersprach Siebenbrod mit einer gewissen
+Besitzerbehaglichkeit. »Vier Jören &mdash; kein Spaß &mdash; sparen, sparen.«</p>
+
+<p>»Ja,« mischte sich nun auch oll Kusemann listig ein und redete ganz
+laut, damit ihn sein Freund Hann in der Stube besser verstehen sollte,
+»Siebenbrod, kiek, da sind drei Kühe und zwei Schweine. Wenn man sich
+die ein paar Jahre vermehren läßt, sieh, dann kommt 'ne recht anständige
+lütte Viehzucht raus. Ich hatt' mal einen Vetter, der &mdash; &mdash;«</p>
+
+<p>»Ne &mdash; man ja nicht &mdash; und der Rotlauf und die Klauenseuche,« wehrte der
+neue Besitzer ab und drückte das Zesnerfischerpatent in der Mappe
+zärtlicher an sich. »Sparen &mdash; sparen.«</p>
+
+<p>»Na, dann auch so! &mdash; Es is ja wirklich allens ganz nett,« fuhr der
+Lügenlotse, immer mit erhobener Stimme, bedächtig fort. »Und Mudding
+Klüth is ja auch noch ganz gut zu Weg. Man muß eben ein Auge zudrücken.
+Wenn sie sich mein schwarzes Seidenkleid aus Lyon anzieht, dann läßt sie
+sich noch ganz hübsch wonach.«</p>
+
+<p>»Ja, was sollt' sie nich,« murmelte Siebenbrod dagegen und blickte sich
+mißtrauisch im Kreise um, ob vielleicht einer Spaß mit ihm treiben
+wollte. »Frau Klüth is noch sehr bei Kraft.«</p>
+
+<p>»Deutsche Frauen &mdash; deutsche Treue,« klang es von dem Kartoffelkahn.</p>
+
+<p>»Na, die Hauptsache bleibt aber doch das Haus und die Schweine,« schloß
+Friedrich Pagels bestimmt. »Dabei bleibt es.«</p>
+
+<p>»Ja &mdash; ja, dagegen läßt sich nichts einwenden,« nickte Siebenbrod sehr
+vergnügt und drückte allen unter beifälligem Gemurmel die Hände.</p>
+
+<p>Dann trat er in das Klüthsche Familienhaus.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_56" id="Page_56">56</a></span></p>
+
+<p class="center"><sup>*</sup>     <sub>*</sub>     <sup>*</sup></p>
+
+<p>Unter befangenem Schweigen hatte man an der festlichen Tafel gesessen.</p>
+
+<p>Alle scheuten sich, von ihren Tellern aufzusehen. Man hörte die
+herbstlich-matten Fliegen an der Decke summen und vernahm nur zuweilen
+das erzwungene »Hum &mdash; Hum« des Bootsmannes, der sich bemerkbar machen
+wollte.</p>
+
+<p>Doch keiner redete.</p>
+
+<p>Es war, wie wenn sich die vier Kinder hinter dieses Schweigen wie hinter
+einen letzten Wall zurückzögen.</p>
+
+<p>Zuletzt konnte es Siebenbrod nicht mehr aushalten.</p>
+
+<p>»Hum &mdash; Hum &mdash; Frau Klüth,« begann er endlich, während er ratlos und
+eingeschüchtert neben der Frau in dem steifen seidenen Kleide hin und
+her rückte. »Ich glaub', nun wär' es Zeit mit dem Bier.«</p>
+
+<p>»Ja, dann können wir ja nun.«</p>
+
+<p>Rauschend erhob sie sich, rauschend kam sie zur Tür wieder herein und
+stellte einen großen, braunen Krug auf den Tisch.</p>
+
+<p>Dann ließ sie sich mit ihrem unbeweglichen Gesicht neben dem Bootsmann
+nieder, aufrecht wie ein Licht, das in den Leuchter gesteckt wird.</p>
+
+<p>»Frau Klüth &mdash; ich werd' das selbst eingießen.«</p>
+
+<p>»Schön, Herr Siebenbrod.«</p>
+
+<p>Die Anreden steigerten sich in ihrer Feierlichkeit. Doch auch der
+Gerstensaft ließ keinen größeren Frohsinn aufkommen, immer wieder
+blickten acht Augen forschend und anklagend nach der Mitte der Tafel,
+als säße dort ein Paar, das einen ungeheuren Frevel verüben wollte. Bis
+endlich Siebenbrod dreimal energisch über seinen Kopf strich und sich
+halb verzweifelt zu der Witwe wandte: »Frau Klüth, nu muß ich es wohl
+tun?«</p>
+
+<p>Einen Augenblick Schweigen.</p>
+
+<p>Dann ein tiefes Aufatmen: »Ja, Herr Siebenbrod, nun bleibt wohl nichts
+mehr übrig.«</p>
+
+<p>»Na, denn &mdash;,« der Bootsmann gab sich einen gewaltigen Ruck,<span class="pagenum"><a name="Page_57" id="Page_57">57</a></span> sperrte
+den Mund auf und blickte jedes der vier Kinder, Nachsicht heischend, an:
+»Na, denn also &mdash; Paul, Bruno, Hann und Line &mdash; ich hab' ihr nu.«</p>
+
+<p>»Was haben Sie?« fragte der Theologe langsam, während er seine finsteren
+Augen nicht von ihm wandte.</p>
+
+<p>»Das Zesnerpatent, Herr Paul.«</p>
+
+<p>Siebenbrod holte das Papier aus der Tasche und hielt es wie einen Schutz
+oder eine Erklärung vor sich in die Höhe.</p>
+
+<p>»Ja, aber was folgt daraus?« forschte der Student unbarmherzig weiter.</p>
+
+<p>Was daraus folgt? &mdash;</p>
+
+<p>Siebenbrod sah sich verwirrt im Kreise um, wischte sich die Nase und
+machte wieder den Mund auf. Ja, was sollte denn daraus anderes folgen,
+als was doch so klar war? &mdash; Herr Gott &mdash; Herr Gott &mdash; solch ein
+studierter Mensch &mdash; was für Umstände: »Je,« stotterte er, »daß ich hier
+nu alles übernehme.«</p>
+
+<p>»So? &mdash; Das stand ja aber schon vorher fest. Dabei ist doch nichts
+Besonderes?«</p>
+
+<p>Als sich der Fischer derartig in die Enge getrieben sah, geriet er in
+Verzweiflung. Weit schob er die Füße von sich, legte eine Faust auf den
+Tisch und sagte in völliger Resignation: »Ja, das mag ja nun alles sein,
+wie es will &mdash; aber wir sünd einig &mdash; wir heiraten uns.«</p>
+
+<p>Und Frau Klüth blickte mit ihrem starren Gesicht jedes einzelne der
+Kinder an und setzte traurig hinzu: »Glaubt mir, es geht nicht anders.«</p>
+
+<p>Nach dieser Erklärung waltete neues, drückendes Schweigen. Als jedoch
+zwischen Mittagbrot und Kaffee der Bootsmann, froh, der schwülen Stille
+zu entfliehen, ein wenig an den Fluß und an Malljohanns Kahn
+geschlendert war, da sahen die andern Kinder, wie Paul mit der Mutter in
+einer Ecke saß, und hörten abgebrochene, geflüsterte Worte von dorther
+dringen: »Paul &mdash; Pauling &mdash; tu das nicht.«</p><p><span class="pagenum"><a name="Page_58" id="Page_58">58</a></span></p>
+
+<p>»Es ist besser so &mdash; ich brauche dann von euch nichts mehr.«</p>
+
+<p>»Aber wie willst du das bloß anfangen?«</p>
+
+<p>»Privatstunden.« &mdash;</p>
+
+<p>»O Pauling &mdash; ich geb's ja gern &mdash; ich tu's doch bloß euretwegen.«</p>
+
+<p>»Ja &mdash; ja, aber im Andenken an den Vater &mdash; ich kann's nicht mit ansehn
+&mdash; ich zieh &mdash; morgen schon in die Stadt.«</p>
+
+<p>Dann umschlang die Mutter ihren Ältesten, und man konnte hören, wie der
+harte Junge von einem Schluchzen förmlich geschüttelt wurde. Bruno stand
+dabei abgewandt am Fenster und sah hinaus. Auch ihm war übel zumute.
+Aber er dachte mehr daran, was seine städtischen Bekannten, was vor
+allen Dingen wohl Konsul Hollander, der doch ein Gönner des alten Klüth
+gewesen, zu dieser plötzlichen Verlobung sagen würde. Die beiden
+Kleinen, Hann und Line, hingegen schlichen mit gesenkten Köpfen hinaus.</p>
+
+<p class="center"><sup>*</sup>     <sub>*</sub>     <sup>*</sup></p>
+
+<p>In dem verwilderten, struppigen Garten, der wie alle Moorluker
+Anpflanzungen von dem häufigen Nordoststurm zerzaust und verwüstet
+aussah, machten die Kinder vor den traurigen, geknickten
+Sonnenblumenstauden halt.</p>
+
+<p>Das Gelb der Kelche hatte schon etwas Giftiges angenommen, und die
+mächtigen Blumenhäupter hingen so trostlos, so greisenhaft gebrechlich
+darnieder, als wüßten sie, daß der nächste Norder sie hohnlachend in den
+Fluß schleudern würde. Der ganze Fleck hatte etwas Unrastiges.</p>
+
+<p>Schräge, schlecht gezogene Beete, auf denen Rüben und Petersilie
+wuchsen, und hier und da ein verkrüppelter Apfelbaum, der im Kampf mit
+dem Winde bucklig geworden.</p>
+
+<p>In den Blättern raschelte ein unfreundlicher Zug, am Himmel fand ein
+höhnisches Spiel zwischen Sonne und grauen Wolken statt.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_59" id="Page_59">59</a></span></p>
+
+<p class="center"><sup>*</sup>     <sub>*</sub>     <sup>*</sup></p>
+
+<p>Das Dirnchen hatte eine der Sonnenblumenstauden zu sich herniedergebeugt
+und zupfte nun ein Blatt der kranken Köpfe nach dem andern ab.</p>
+
+<p>Allmählich färbte sich ein gelber Teppich zu ihren Füßen, bis ihn der
+Wind wieder von dannen fegte.</p>
+
+<p>»Lining,« fing Hann an, der hinter ihr stand und in seiner Trauer seine
+Furcht vor ihr vergessen mochte, »siehst du, Niklas von oll Kusemann hat
+recht behalten. Nu is Vater abgesetzt &mdash; und sie haben sich verlobt.«</p>
+
+<p>Nun hätte sie fragen müssen, welche Zweifel ihn eigentlich plagten.
+Indessen sie schwieg. Warum, wußte sie selbst nicht. Aus Eigensinn oder
+weil sie gewohnt war, mit ihrem treuen Begleiter, der überall hinter ihr
+hertrollte, nach Laune zu spielen.</p>
+
+<p>Sie schwieg und zupfte schneller.</p>
+
+<p>»Lining,« fuhr Hann eingeschüchtert fort und sah verlegen auf seine
+Stiefel hinunter: »Verloben? &mdash; Das is doch eigentlich was sehr
+Feierliches.«</p>
+
+<p>Noch immer rührte sie sich nicht, und doch schielte sie ein wenig
+seitwärts nach ihm hin. Dem kecken, frühreifen Ding kam die Erinnerung,
+daß ihr treuer Gespiele sie neulich geküßt. &mdash; Im Grunde war sie auch
+seine Braut. Sie spitzte die Lippen.</p>
+
+<p>Was er ihr wohl zu sagen hatte?</p>
+
+<p>»Lining,« stotterte der Junge, bei dem die ersten forschenden Gedanken
+durchaus nicht in dem groben Gehirn verharren wollten, die vielmehr aus
+ihrem Käfig ausbrachen wie eine Schar schreiender Gänse auf die
+Landstraße. »Lining, hinter dem Verloben muß doch noch was stecken, kuck
+&mdash; wir« &mdash; er wurde glühend rot &mdash; »wir sind doch auch verlobt &mdash; wie
+oll Kusemann sagte &mdash; aber &mdash; wir &mdash; Lining, sei nicht bös &mdash; wir mögen
+uns doch auch leiden &mdash;! Dietrich Siebenbrod aber und Mudding, die mögen
+sich doch nicht ausstehen und verloben sich doch. &mdash; Daß so was erlaubt
+is?«</p>
+
+<p>Nachdenkend hielt er inne.</p><p><span class="pagenum"><a name="Page_60" id="Page_60">60</a></span></p>
+
+<p>Immer wandte sie ihm noch den Rücken. Langsam jedoch, mit einer unbewußt
+koketten Bewegung bog sie jetzt den Hals und blickte ihn mit ihren
+braunen Augen suchend und staunend an.</p>
+
+<p>Sie wartete. Er hatte gewiß noch etwas Wunderschönes zu sagen. Wie eine
+ganz feine, leise Musik begann es in dem herbstlichen Garten um sie
+herum aufzuklingen. Viel, viel später noch leuchtete diese Szene zu ihr
+herüber, wie ein farbenschimmernder, erwartungsvoller, verheißender
+Kindertraum.</p>
+
+<p>In dem frischen Winde flatterte die Schleife in ihren Haaren gleich
+einem rosigen Wimpel; die vollen roten Lippen bebten vor Frost und vor
+Neugierde.</p>
+
+<p>»Du magst mich gern leiden?« brachte sie hervor.</p>
+
+<p>»Ja,« entgegnete Hann erschreckt. »Das hab' ich gesagt.«</p>
+
+<p>»Ich mag dich auch gern leiden,« flüsterte Line und streckte ihm mit
+einer raschen Bewegung ihre runde, rosige Hand hin.</p>
+
+<p>Da verdarb ihm die Philosophie alles. Dieses verwünschte methodische
+Hinstarren auf die Gedankenkegelbahn, auf der er die ersten
+ungeschickten Würfe tat.</p>
+
+<p>»Der Amtsvorsteher nimmt Mutter und Siebenbrod am Ende gar nicht an,«
+gab er dem Gespräch eine andere Wendung, während er sich aus Furcht vor
+der ausgestreckten Hand beinahe zum Ausreißen wandte. »Wenn er erfährt,
+daß sie sich nicht gern haben, dann schickt er sie vielleicht nach
+Hause.«</p>
+
+<p>Noch immer wartete Line. &mdash; Langsam sank das Händchen herunter, vor dem
+Hann bereits bis hinter den Apfelbaum zurückgewichen war.</p>
+
+<p>Ein plötzlicher Windstoß brauste durch die Zweige und warf harte Früchte
+herab.</p>
+
+<p>Da riß Line in aufflammendem Zorn eine riesige Sonnenblume, die hinter
+ihr herabhing, von ihrem Stengel und schleuderte sie dem Jungen mit
+aller Kraft ins Gesicht. Hart klatschte es gegen seine Haut.</p>
+
+<p>»Lining,« rief er bestürzt. »Was tust du?«</p><p><span class="pagenum"><a name="Page_61" id="Page_61">61</a></span></p>
+
+<p>In demselben Moment rollte eine Equipage die Dorfstraße entlang und
+hielt vor dem Klüthschen Hause.</p>
+
+<p>»Dummer Bengel,« rief das Mädchen.</p>
+
+<p>Dann lief sie mit flatternden Röcken auf das glänzende Gefährt zu.</p><hr class="chap" /><p><span class="pagenum"><a name="Page_62" id="Page_62">62</a></span></p>
+
+
+
+
+<h3>VII</h3>
+
+
+<p>Der Konsul Hollander war ein griesgrämiger Herr.</p>
+
+<p>Wohl hatte er vier der schönsten Pferde im Stalle, doch pflegte er sie
+aus Trotz gegen sich und gegen seine Familienangehörigen selten zu
+benutzen. Jeder Luxus schien ihm etwas so Verabscheuungswürdiges, daß er
+sich von Zeit zu Zeit sogar seines schönen, lebenden Besitztums schämte.</p>
+
+<p>Mußte er notgedrungen, so wie heute, den Bitten seines Töchterchens
+Dina, die so gar nicht in das stille, vereinsamte Kaufmannshaus paßte,
+nachgeben, wurde die altväterliche und bequeme Equipage zu einer
+Spazierfahrt einmal angespannt, thronte der alte, steifleinene Johann in
+seiner verschossenen Livree wirklich einmal vorn auf dem Bock, dann
+konnte man sicher sein, daß der Konsul brummig auf seinem Hintersitz
+hockte, den Stock mit dem englischen Knopf fest gegen das Kinn gepreßt,
+um ununterbrochen leise Zeichen der Unzufriedenheit vor sich
+hinzumurmeln.</p>
+
+<p>Das klang ungefähr so: »Alle Krankheiten laufen sich die Tiere auf so
+einer verwünschten holprigen Chaussee. Diese ruckartige Bewegung ist dem
+Körper in hohem Grade unzuträglich. Überhaupt das ganze ein
+Frauenzimmervergnügen. Müssen sich zeigen &mdash; und das alles in den
+wichtigsten Geschäftsstunden.«</p>
+
+<p>Und zu seiner Schwester, einer unverheirateten Dame, die wie ein
+gepudertes Bild aus der Rokokozeit breitröckig neben ihm thronte,
+pflegte er mit einer ironisch-höflichen Verbeugung und bittersüßem
+Lächeln hinzuzusetzen: »Habe ich dich getreten? Das tut mir leid, aber
+in diesem Kasten kann ich mir nicht anders helfen.«</p>
+
+<p>Derartige Reden waren aber so bekannt, daß die beiden Damen<span class="pagenum"><a name="Page_63" id="Page_63">63</a></span> sich nicht
+sonderlich darum kümmerten. Die Tante erklärte vielmehr ihrer Nichte
+Dina, die erst kürzlich aus der Schweizer Pension zurückgekehrt war, mit
+gutmütiger Regelmäßigkeit alle irgendwie hervortretenden
+landschaftlichen Schönheiten, ohne sich dadurch irgendwie stören zu
+lassen, daß sie dies bei ihren Ausfahrten jedesmal zu befolgen pflegte.
+Und das elegante Fräulein, das so blond, modern und vornehm aussah,
+nickte stets dazu und erwiderte immer: »Danke, danke.«</p>
+
+<p class="center"><sup>*</sup>     <sub>*</sub>     <sup>*</sup></p>
+
+<p>Als der Konsul in die Nähe des Klüthschen Familienhauses gelangt war,
+versetzte er plötzlich dem alten Johann mit dem Stock einen leichten
+Schlag auf den Rücken.</p>
+
+<p>»Anhalten!«</p>
+
+<p>Richtig &mdash; hier hatte er ja etwas abzuwickeln.</p>
+
+<p>An den alten Klüth, der einmal Schiffszimmermann auf seiner Werft
+gewesen, hatte ihn noch etwas Persönliches gebunden.</p>
+
+<p>Nun sollte ja eine neue Generation, eine feinere, kultiviertere mit ihm
+in Verbindung treten.</p>
+
+<p>Diese mußte er sich erst einmal genau besehen.</p>
+
+<p>Wer weiß, was da wieder dahintersteckte. Er hielt es nicht sehr mit der
+neuen Zeit.</p>
+
+<p class="center"><sup>*</sup>     <sub>*</sub>     <sup>*</sup></p>
+
+<p>Die beiden Damen saßen auf zwei Stühlen, welche die kleine Frau Klüth
+mit unheimlichem Eifer und ohne daß es notwendig gewesen wäre, gereinigt
+hatte. Der Konsul dagegen stand mitten in der Stube, den Stock wie immer
+gegen das glattrasierte Kinn gepreßt und sah mit seinen grauen Augen,
+die so groß unter den weißen Brauen hervorblickten, auf Bruno herab, der
+schweigend und doch unsicher vor seinem zukünftigen Chef verharrte.</p>
+
+<p>An den Wänden ringsherum befanden sich die übrigen Familienmitglieder.
+Alle hielten den Atem an, als könnten sie den mächtigen Handelsherrn
+irgendwie beleidigen, während Siebenbrod<span class="pagenum"><a name="Page_64" id="Page_64">64</a></span> von Zeit zu Zeit langsam an
+seiner eigenen Hose herabfuhr, um jede Bemerkung des Konsuls dann mit
+einem beistimmenden: »Jawoll, jawoll &mdash; so 's recht, Herr Konsul« zu
+begleiten.</p>
+
+<p>Eingehend erkundigte sich Hollander nach Brunos Vorbildung und
+Kenntnissen, und merkwürdig, bei jeder neuen Wissensposition, die sein
+künftiger Lehrling zu besitzen behauptete, entfuhr dem Kaufmann stets
+ein zweifelhaftes »Na, na!«</p>
+
+<p>»Englisch?«</p>
+
+<p>»In meinem Zeugnis steht gut!«</p>
+
+<p>»Na, na!« grunzte Hollander, und nachdem er sich noch die Handschrift
+seines Schülers betrachtet und ebenfalls verdächtig mit dem Kopf
+geschüttelt hatte, sagte er hart und abweisend, als wenn er dem
+Neuaufzunehmenden in der Tat nicht viel Vertrauen entgegenbrächte: »Das
+mag alles recht schön und gut sein. Aber die Hauptsache liegt ganz
+woanders. &mdash; Wissen Sie, wo?«</p>
+
+<p>»Nein,« entgegnete Bruno nach einigem Besinnen offenherzig.</p>
+
+<p>»In der Treue und Ehrlichkeit liegt sie,« knurrte Hollander.</p>
+
+<p>»O Herr Konsul,« erlaubte sich bei dieser Stelle die kleine Frau Klüth
+anzufügen, »so was ist doch wohl selbstverständlich!«</p>
+
+<p>»Na, na &mdash; wollen sehen, ich meine auch eine Ehrlichkeit, wie sie jetzt
+in Geschäften selten geworden, so eine Treue im großen. Und nun, lieber
+junger Mann, müssen Sie sich vor allen Dingen nicht überspannten Ideen
+darüber hingeben, was Geschäft heißt. Ich hab' da mal so ein Buch
+gelesen von einem Gustav Freytag &mdash; &gt;Soll und Haben&lt; &mdash;. Sehr schön. Wenn
+Sie so was erwarten, dann können Sie gleich zu Hause bleiben. Kaufmann
+ist der Stand der Demut, wer nicht bescheiden ist, bringt's da sicher zu
+nichts. Und nun sagen Sie mal, mein junger Freund, was glauben Sie denn
+nun, werden Sie zuerst bei mir zu besorgen haben?«</p>
+
+<p>Bruno kämpfte das niederdrückende Gefühl tapfer nieder und versicherte,
+er denke, man werde ihm vielleicht zu Anfang eines der untergeordneten
+Bücher zur Führung übergeben.</p>
+
+<div class="figcenter" style="width: 400px;">
+<img src="images/oppos_064.jpg" width="400" height="569" alt="Illustration" />
+</div>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_65" id="Page_65">65</a></span></p>
+
+<p>»So, so?« lachte Hollander kurz und stieß sich mit dem Knopf gegen das
+Kinn. »Untergeordnete Bücher? Sehr hübsch! Untergeordnete Bücher, das
+ist ein guter Anfang. In einem anständigen Betrieb gibt es überhaupt
+keine untergeordneten Bücher. Aber damit Sie es gleich wissen, mein
+liebes Jünging, Sie fangen eben so an, wie ich auch begonnen habe. Also
+zuerst schließen Sie früh morgens sieben Uhr hübsch die Kontore auf,
+dann fegen Sie die Dielen auf. &mdash; Sollte Ihnen das nicht passen, dann
+wollen wir gar nicht erst beginnen. Dann wischen Sie Staub ab. Den
+Papierschrank in Ordnung halten und kopieren lernen, das ist schon die
+nächste Stufe, und so geht es weiter. Immer in Bescheidenheit, so fängt
+der Deutsche an. Das Feine, so mit englischer Tischzeit und so weiter
+wollen wir den Herren in London überlassen. Haben Sie sich alles so
+vorgestellt?«</p>
+
+<p>Bruno machte eine Verbeugung und versicherte mit Herzklopfen, daß er
+sich große Mühe geben würde.</p>
+
+<p>»Schön,« meinte Hollander, »wollen sehen. Wohnen und essen werden Sie
+zunächst bei mir, und morgen früh schicke ich meinen Wagen heraus, damit
+er Sie und Ihre Sachen abholt! Gut &mdash; abgemacht!«</p>
+
+<p>Er streckte ihm die Hand hin, drückte sie gewichtig und ging dann fest
+auf Frau Klüth zu.</p>
+
+<p>»Haben Unglück gehabt,« sagte er, »braver Mensch gewesen, Ihr Mann, hat
+mir lange Jahre, als ich selbst noch nichts war, treu gedient. &mdash; Na,
+wollen sehen, kann dafür vielleicht aus Ihrem Jungen was machen. Komm,
+Dina!«</p>
+
+<p>Die beiden Damen verabschiedeten sich, indem sie jedem der Anwesenden
+die Hand reichten.</p>
+
+<p>Als Dina die Finger der kleinen Line in den ihren hielt, wandte sie sich
+erfreut zu der Rokokotante und flüsterte »Wie hübsch!«</p>
+
+<p>Dann verbeugten sie sich und bestiegen wiederum die Equipage, deren
+Schlag von Siebenbrod aufmerksam und ehrfurchtsvoll gehalten wurde.</p><p><span class="pagenum"><a name="Page_66" id="Page_66">66</a></span></p>
+
+<p>»Nach Hause,« befahl Hollander, nachdem er sich wieder auf seinem Platz
+befand. Und als er Brunos unter den Fenstern noch einmal ansichtig
+wurde, blickte er ihn nochmals prüfend an und murmelte: »Na also &mdash;
+wollen sehen!«</p><hr class="chap" /><p><span class="pagenum"><a name="Page_67" id="Page_67">67</a></span></p>
+
+
+
+
+<h3>VIII</h3>
+
+
+<p>Mächtig verhaltene Aufregung war über die Familie gekommen. Kaum hatte
+der Konsul das Haus verlassen, da begab sich die Mutter auf die
+Bodenräume und begann klopfenden Herzens Brunos Sachen in einen Koffer
+zu verpacken.</p>
+
+<p>Siebenbrod half ihr dabei; er wollte auch etwas Väterliches leisten.</p>
+
+<p>Inzwischen hatte sich der Wind gelegt. Warme Abendsonne lag über dem
+Dörfchen, und überall waltete eine Frische, die alles Ferne nah und klar
+erscheinen ließ.</p>
+
+<p>Da litt es den aufgeregten Bruno nicht länger in der weiten, niedrigen
+Stube, eine Furcht war über ihn gekommen, die er sich selbst nicht
+erklären konnte. &mdash; Wenn nur die Rede des Konsuls über seine neuen
+Pflichten nicht gewesen wäre!</p>
+
+<p>Eine merkwürdige Ahnung der Zukunft beschlich ihn. Er fühlte, etwas
+Unfertiges, Halbes war in ihm, er war zu wenig gerüstet, der Welt, die
+er nun bezwingen sollte, entgegenzutreten.</p>
+
+<p>Unbestimmte, ferne Dämmerungen taten sich vor ihm auf. Und immer wieder
+plagte ihn der phantastische Eindruck, als höre er drinnen aus der
+Stadt, von der er nur die Türme ragen sah, Tanzmusik, Goldklingen und
+Mädchenlachen. Das war gräßlich. Aber er vernahm es immerfort. Halb
+verzweifelt bedeckte er sich mit dem modischen Hut, der auch bereits in
+der Stadt gekauft war, und lief hinaus.</p>
+
+<p>Ah, hier war doch Bläue, Frische, Abendsonnenschein.</p>
+
+<p>Was kümmerte es ihn, daß auch die beiden Kleinen, Line und Hann, mit ihm
+zugleich aus der Tür traten? Als sie ihm nachriefen, rannte er nur umso
+schneller dahin.</p><p><span class="pagenum"><a name="Page_68" id="Page_68">68</a></span></p>
+
+<p>Nein, nein, er mußte erst mit diesen törichten und doch quälenden
+Dingen, die er nur aus unreifen Büchern aufgelesen haben konnte, fertig
+werden.</p>
+
+<p>»Bruno &mdash; nimm uns mit!«</p>
+
+<p>Er hörte nicht.</p>
+
+<p>So schlichen denn die beiden dem Voraufgegangenen nach, immer nach ihm
+ausspähend, doch beide von dem einen Ehrgeiz besessen, mit dem
+erwachsenen Bruder diesen letzten Abend noch gemeinsam verbringen zu
+dürfen.</p>
+
+<p>Gegenüber von der gemütlichen Krugwirtschaft, aus der gerade Gesang von
+Studenten schallte, überschritt Bruno eine baufällige Brücke, die in das
+Nachbardorf hinüberleitete.</p>
+
+<p>Und immer auf die fernen Türme der alten Hansestadt starrend, die im
+Abendflimmer wuchsen und sich verbreiterten, schritt er weiter. So war
+er in den uralten Wald gelangt, in jenen dunklen Götterhain, der seit
+grauen Zeiten ein Wahrzeichen der Gegend bildet.</p>
+
+<p>Unter riesigen Eichen ragten hier Ruinen und zerstörte Kreuzgänge eines
+alten Zisterzienserklosters auf, und da hatte auch Bruno seinen
+Lieblingsplatz. Aus roter, zertrümmerter Mauer brach in halber
+Manneshöhe eine mächtige, verwitterte Grabplatte hervor. Gott allein
+wußte, welch weltfremder Abt hier bestattet liegen mochte. Die
+Schriftzüge der Tafel waren lange verwischt; nur unten sprang in groben
+Buchstaben ein Wort hervor: »Mors.«</p>
+
+<p>Dort ließ sich der Sekundaner nieder. Eine Weile blieb er allein, dann
+hallten Tritte durch den Wald.</p>
+
+<p>Verwundert merkte er, daß die beiden Kinder mit ihm waren.</p>
+
+<p>»Was wollt ihr?« fragte er gezwungen lächelnd, denn hart und verletzend
+wie sein älterer Bruder konnte Bruno sich niemals geben.</p>
+
+<p>Treuherzig antwortete Hann: »Bei dir bleiben!«</p>
+
+<p>Da ließ er sie beide neben sich auf den steinernen Sitz. Und stumm und
+ohne sich viel zu rühren saßen die drei nun nebeneinander.</p><p><span class="pagenum"><a name="Page_69" id="Page_69">69</a></span></p>
+
+<p>Durch die dunklen Bäume schimmerte das Blau der See, durchschnitten von
+ungeheuren, blutroten Brücken, die die scheidende Sonne über die Fläche
+gezogen hatte. Und über diese Stege sahen die Geschwister tausend und
+aber tausend bunter, perlender Kugeln auf sich zu rollen.</p>
+
+<p>Ein stiller &mdash; klarer &mdash; deutscher Abend!</p>
+
+<p>Über ihnen, in einem der zerstoßenen Fenster des Klosters nistete eine
+Meisenfamilie. Die schwirrten in scharfem unhörbarem Flug den langen
+Hauptgang herunter, verschwanden im Dunkel des Laubes und kehrten
+sausend zurück.</p>
+
+<p>Aus dem Binsensumpf kurz vor der See drang ein Surren und Summen. Sonst
+schwieg alles, wie die drei auf dem Stein.</p>
+
+<p>Auch der Wald regte sich nicht. Er sann und träumte wie sie.</p>
+
+<p class="center"><sup>*</sup>     <sub>*</sub>     <sup>*</sup></p>
+
+<p>Aber einer war unter ihnen, der war bereits dazu bestimmt, einem Beruf
+anzugehören, der ihn immer wieder hart und rauh aus solch goldenen,
+undurchdringlichen Jugendträumen herausriß.</p>
+
+<p>Von der Seite, wo das zerstörte Bauwerk mit dem Dominium zusammenstößt,
+drängte sich durch die Eichengebüsche eine große, vierschrötige Gestalt.</p>
+
+<p>»Hann!« schimpfte Siebenbrod, der sich mühsam auf die Spur der Kinder
+gefunden hatte und nun entrüstet war, mindestens eine Stunde Zeit zu
+verlieren.</p>
+
+<p>»Jung! Was ist nun wieder? Was sitzst du hier und kuckst in die Luft?
+Weißt du nicht, daß wir raussegeln müssen? Bist ja ganz dumm, Bengel.
+Steh auf, hier ist es nicht hübsch.«</p>
+
+<p>Damit packte er ihn bei der Hand, und ohne daß er die beiden anderen
+eines Blickes gewürdigt oder zugelassen hätte, daß Hann sich auch nur
+verabschiede, zog er seinen Schutzbefohlenen mit sich fort.</p><p><span class="pagenum"><a name="Page_70" id="Page_70">70</a></span></p>
+
+<p>In dem dämmrigen Kreuzgang wurde es wieder ruhig. Dann bemerkten die
+beiden Zurückbleibenden, wie ein einzelnes Boot sich von der Mündung
+löste und mehr und mehr die See gewann.</p>
+
+<p>Die braunen Segel blähten sich, undeutlich gewahrten sie hinten am
+Steuer einen plumpen Kopf, der nach dem Hain und den roten Ruinen
+sehnsuchtsvoll zurückzuspähen schien.</p>
+
+<p>Dann wurde der braune Punkt winziger und verging.</p><hr class="chap" /><p><span class="pagenum"><a name="Page_71" id="Page_71">71</a></span></p>
+
+
+
+
+<h3>IX</h3>
+
+
+<p>In dem Walde wurde es neblig. Line fröstelte. Sie saß noch immer in dem
+weißen Kleidchen, von dem die rosige Schleife in Hanns Augen so
+wundervoll abgestochen hatte.</p>
+
+<p>»Ob er nun nicht bald nach Hause geht?« dachte das Mädchen, für das der
+neue Lehrling mit seiner geschmeidigen Figur und den immer gut und
+städtisch sitzenden Anzügen von jeher einen vornehmen Herrn bedeutet
+hatte. Unwillkürlich legte sie dabei ihre Hand auf seine Finger.</p>
+
+<p>Die fröstelnde Haut brachte den Nachdenklichen zu sich.</p>
+
+<p>»Was willst du eigentlich hier, Kleine?« fragte er freundlich, während
+er ihr leicht über die Haare strich.</p>
+
+<p>Er sah sie an.</p>
+
+<p>Das Verhältnis zu der niedlichen Pflegeschwester war immer nur das eines
+erwachsenen Jungen gegen ein unbedeutendes spielendes Ding gewesen.</p>
+
+<p>»O nichts,« versetzte sie ein bißchen schnippisch, »kümmere dich nicht
+um mich.«</p>
+
+<p>Dabei führte sie den Finger an die Lippen und ließ sie leicht
+gegeneinanderschnellen.</p>
+
+<p>Das sah liebenswürdig und trotzig zugleich aus. Bruno gefiel das so
+sehr, daß er plötzlich hell auflachte und die Kleine bat, dieses Spiel
+noch einmal zu wiederholen.</p>
+
+<p>Sie jedoch schüttelte verwundert das Haupt. »Wozu?« versetzte sie
+gekränkt. »Ich bin kein Kind mehr. Das mußt du nicht glauben.«</p>
+
+<p>»So? &mdash; Ach was? &mdash; Sag mal, wie alt bist denn eigentlich?«</p>
+
+<p>»Das weißt du nicht?«</p><p><span class="pagenum"><a name="Page_72" id="Page_72">72</a></span></p>
+
+<p>Ihre Stimme nahm einen immer verletzteren Klang an, doch den Lehrling
+schien dies nur in seiner heiteren Laune zu bestärken.</p>
+
+<p>»Das weißt du nicht?« wiederholte sie heftig, während sie auf der
+Steinplatte herumkratzte.</p>
+
+<p>»Nein, nimm's nicht übel, Kleine, ich hab' nicht so genau aufgepaßt.«</p>
+
+<p>»Schön, dann will ich dir's sagen. &mdash; Ich bin tausend Jahre alt,«
+platzte Line heraus und stieß ihn mit der kleinen Faust zornig vor die
+Brust. »So, nun weißt du's.«</p>
+
+<p>Ihr Körper krümmte sich dabei zusammen wie der einer geschmeidigen
+Katze, mit einem Satz war sie von der Platte herunter.</p>
+
+<p>»Ich geh nun nach Haus!«</p>
+
+<p>»Dummes Zeug!« rief Bruno verblüfft. »Wozu? &mdash; Was soll das?«</p>
+
+<p>Dennoch mußte er hinter ihr herrennen.</p>
+
+<p>Sie wirbelte wie ein weißer Schatten durch den Klostergang.</p>
+
+<p>Die Blätter raschelten zu ihren Füßen.</p>
+
+<p>»Line &mdash; Donnerwetter &mdash; steh doch.«</p>
+
+<p>Da war sie verschwunden.</p>
+
+<p>Wohin?</p>
+
+<p>Eingesunken, von der Erde verschluckt. Eine Sage ging, daß oft
+Namenlose, von denen keine Pergamente melden, ehemals bei den Mönchen so
+verschollen seien. Verwirrt blickte Bruno nach allen Seiten.</p>
+
+<p>»Line,« lockte er nochmals.</p>
+
+<p>Kein Laut!</p>
+
+<p>Nur die Eichenkronen schüttelten sich und an dem bröckligen Mauerwerk
+lachte die Abendröte.</p>
+
+<p>Ein Eichhörnchen hockte in einer Fensternische und zog ihm eine Nase.</p>
+
+<p>Unvermittelt erhielt er im Rücken einen Stoß, so daß er vorwärts
+taumelte. Eine Baumwurzel krümmte sich vor seinen Füßen. Die ließ ihn
+stolpern.</p><p><span class="pagenum"><a name="Page_73" id="Page_73">73</a></span></p>
+
+<p>Er kniete jetzt.</p>
+
+<p>»So wird's gemacht,« klang hinter ihm Lines schadenfrohe Stimme, »du
+bist doch nicht klug genug.«</p>
+
+<p>»Teufel nochmal, Ding; woher kommst du?«</p>
+
+<p>»I, ich wollte dir bloß zeigen, daß ich auch manches kann, was du nicht
+weißt.«</p>
+
+<p>Sie weidete sich einen Moment an dem Knienden und zeigte ihre weißen
+Zähne.</p>
+
+<p>Plötzlich schrie sie auf.</p>
+
+<p>Der Sekundaner war auf die Füße geschnellt und preßte mit einem festen
+Griff ihre Hände in den seinen.</p>
+
+<p>»So,« forderte er atemholend, »nun bitt' ab.«</p>
+
+<p>»Nein,« widersprach Line.</p>
+
+<p>»Kleine, sei artig,« ermahnte der Lehrling. »Solche Wildheit muß dir
+abgewöhnt werden. Immer friedlich, Wurm.«</p>
+
+<p>Allein sie sträubte sich, und er gab sie nicht frei. Bei dem Winden und
+Drehen stieg ihr das Blut in die Wangen, der geschmeidige Körper bog
+sich wie eine schlanke Gerte. Eine kurze Zeit, dann verließ sie die
+Kraft, und allmählich drängten sich ihr ein paar große Tropfen in die
+Augen.</p>
+
+<p>»Tu ich dir weh?« forschte Bruno gespannt.</p>
+
+<p>Line verbiß den Schmerz.</p>
+
+<p>Er aber zog hastig seine Hände von ihr zurück und gab sie frei.</p>
+
+<p>Merkwürdig &mdash; jetzt hätte sie entwischen können. Doch sie blieb und ging
+von jetzt an ruhig neben ihm her.</p>
+
+<p>So waren sie bis an die niedrige, verfallene Feldsteinmauer gelangt,
+welche die Ruinen der Landstraße abschließt.</p>
+
+<p>In der Abendsonne wand sich hier die Chaussee wie eine goldene Schlange
+vorbei, zur Seite schob der Wald seine dunklen Massen weiter ins Land
+hinein, und ganz hinten aus den nebligen Äckern, umquollen von den sich
+hebenden Abenddünsten, rollte unter undeutlichem Läuten die Sekundärbahn
+heran.</p><p><span class="pagenum"><a name="Page_74" id="Page_74">74</a></span></p>
+
+<p>Bruno blieb stehen. Ihm kam der Gedanke, daß er das alles heute für
+lange Zeit zum letztenmal sehen würde.</p>
+
+<p>Leise vor sich hinsummend, ließ er sich auf dem Mauerwerk nieder und
+starrte in die weite, nebeldampfende Ebene hinein. So merkte er erst
+nach einer Weile, wie das Mädchen unschlüssig neben ihm verharrte, weil
+sie sich scheuen mochte, in ihrem weißen Festkleid ebenfalls auf der
+schmutzigen Mauer Platz zu nehmen. Da zog er sie einfach an sich.</p>
+
+<p>»Komm!«</p>
+
+<p>Und ohne viel Umstände, kindlich und natürlich setzte sie sich ihm auf
+die Knie. Er schlug seinen Arm um sie, und sie rückte sich zurecht.</p>
+
+<p>Nach geraumer Zeit erst äußerte der Sekundaner: »Das ist hübsch.«</p>
+
+<p>Und Line nickte ernsthaft dazu und sagte: »Ja, das ist es.«</p>
+
+<p>Dazu lag still und warm und rot die scheidende Abendsonne auf ihnen und
+aus den herbstlichen Bäumen raschelten braune Blätter auf ihre Häupter.</p>
+
+<p>Da wandte sich Line nach ihm zurück. Als sie ihn ansah, bemerkte sie mit
+Erstaunen, daß in dem hübschen braunen Gesicht des Pflegebruders ein
+dunkles Schnurrbärtchen auf der Oberlippe zu sprossen begann. Das war
+ihr neu. Und aus ihren Augen und aus dem sich langsam öffnenden Munde
+sprach so viel Bewunderung, daß Bruno, der wohl fühlte, daß etwas
+Schmeichelhaftes für ihn darin lag, das kleine Ding plötzlich lachend
+und doch mit Hast an sich riß.</p>
+
+<p>Sie sträubte sich gar nicht.</p>
+
+<p>Ganz eng schmiegte sie sich an ihn, ja, sie verkroch sich geradezu an
+seiner Brust, so daß er deutlich empfand, wie weich und fest zugleich
+ihre Glieder sich fügten.</p>
+
+<p>Eine schülerhafte, scheue Begierde stieg in ihm auf, auch ihren Mund zu
+berühren. Die roten Lippen leuchteten ihm so dicht!</p>
+
+<p>Aber nein &mdash; nein, das wagte er nicht.</p><p><span class="pagenum"><a name="Page_75" id="Page_75">75</a></span></p>
+
+<p>Es war überhaupt das erste Mal, daß er so kosend nah sich einem Mädchen
+fand. Und nun noch gerade diese! &mdash;</p>
+
+<p>Nein!</p>
+
+<p>Er schämte sich, fürchtete sich und lächelte doch ein wenig unwillig
+über sich selbst.</p>
+
+<p>Ein merkwürdiger, angenehmer Schauer begann ihn dabei zu überrieseln.
+Und sie wand sich immer wohliger in seinem Arm. Noch war ihr unklar,
+warum, doch immer tiefer nistete sie sich bei ihm ein, blinzelte
+verstohlen zu dem Schnurrbärtchen empor und spann vor Freude, wie eine
+kleine Katze vor dem Schlummern.</p>
+
+<p>Wieder wiegten sich beide einen fröhlichen Moment. &mdash; Dann surrte die
+Sekundärbahn mit ihren drei schwarzen kreischenden Waggons heran, und
+ein schriller, durchdringender Pfiff weckte beide auf.</p>
+
+<p>Sie sahen sich an.</p>
+
+<p>Dann mußten sie lachen. Keiner wußte den Grund.</p>
+
+<p>Es war das Lachen zweier blutjunger Menschen, die sich entdeckt haben.</p>
+
+<p>Aber sie wußten es nicht.</p>
+
+<p class="center"><sup>*</sup>     <sub>*</sub>     <sup>*</sup></p>
+
+<p>Langsam schlich der Abend über die Landstraße. Rechts und links fing er
+in seinem schwarzen Sack die letzten Sonnenstrahlen, die wie goldene
+Mäuschen über den Weg huschten.</p>
+
+<p>Überall stiegen Schatten an Mauern und Bäumen empor und griffen nach der
+Röte, die dort noch ruhte.</p>
+
+<p>Die Sekundärbahn, die am Fluß entlang auf die Stadt zustrebte, fuhr wie
+in einen dunklen Tunnel hinein. &mdash; Nur ihre roten Augen, die sie auf dem
+Rücken besaß, glimmten noch eine Weile nach dem einsamen Paar zurück.</p>
+
+<p>Da wand sich Line von Brunos Knien herab und streckte den Arm nach den
+roten, blinzelnden Augen aus. »Morgen abend bist du auch da drin,«
+begann sie beinah anklagend.</p><p><span class="pagenum"><a name="Page_76" id="Page_76">76</a></span></p>
+
+<p>»Ja, morgen abend schlafe ich schon in der Stadt,« entgegnete er rasch.</p>
+
+<p>Hastig atmete er dabei auf.</p>
+
+<p>»Was wirst du in der Stadt anfangen?« fragte sie weiter.</p>
+
+<p>Er sah sich um, ob ihn auch niemand höre. Dann schlüpfte ganz heimlich
+das Unterste, Verborgenste aus ihm heraus.</p>
+
+<p>Der Traum, der tief in der Seele im verschlossenen Kämmerchen auf
+weichem Bette geschlummert, der stieg scheu und schämig auf die Erde.</p>
+
+<p>»Reich will ich werden, Line.«</p>
+
+<p>»Reich?«</p>
+
+<p>»Sehr reich. Unermeßlich reich.«</p>
+
+<p>»Wozu willst du das?«</p>
+
+<p>Mit einem Ruck hatte er sie wieder an sich gezogen. Doch sie setzte sich
+ihm nicht mehr aufs Knie. Stehend, von seinem zitternden Arm
+umschlungen, während ihr Ohr fast seinen Mund berührte, hörte sie alles
+mit an, sog es in sich ein, was er ihr nun mit fiebernder Hast, mit
+ausbrechender, üppiger Knabenphantasie vormalte.</p>
+
+<p>Ein eigentümliches Beben ging durch seine flüsternde Stimme.</p>
+
+<p>Ja, das mußte jahrelang in ihm geschafft und gewirkt haben. &mdash; Was
+vernahm sie nicht alles? &mdash; Das Gold, das sei der Schlüssel zu aller
+Macht und Herrlichkeit. Diese blitzenden Goldstücke hingen wie Sterne
+über jedem irdischen Menschenhimmel. Manchmal regne es von dort oben in
+weiten Strömen. Dann wüchsen aus dem getroffenen Acker Schlösser,
+Paläste, Gärten mit seltenen Blumen, Kleider, Livreen, schnelle Pferde
+und die seltensten Braten hervor. Freilich, nur ein paar Auserwählte
+seien es, die das Geheimnis ergründet hätten. Hollander gehöre dazu. Der
+hätte es. Und von dem alten Manne müßte er es auch erlernen. Sonst käme
+er nicht wieder, ganz gewiß nicht, sonst stürze er sich irgendwo in die
+See, wenn er das nicht erreiche. Denn sonst lohne es nicht, zu leben. &mdash;
+Aber er würde es erreichen, jede Nacht beinah hätte er ja davon
+geträumt, ja manchmal hätte er ganz deutlich<span class="pagenum"><a name="Page_77" id="Page_77">77</a></span> gehört, wie es vor seinem
+Bette seltsam geklungen und geklappert hätte.</p>
+
+<p>Ganz deutlich.</p>
+
+<p>»Klipp &mdash; klapp.«</p>
+
+<p>»Das ist fein,« flüsterte Line, der es wie Feuer durch die Adern
+brannte.</p>
+
+<p>Die schönen Kleider und die Schlösser hatten es ihr angetan.</p>
+
+<p>»Ja, aber es ist schwer,« murmelte er bekümmert.</p>
+
+<p>Nun tastete langsam der Mond über die Baumkronen herauf.</p>
+
+<p>»Und wenn du dann reich bist?« forschte sie mit verhaltenem Atem weiter,
+»dann &mdash;?«</p>
+
+<p>»Ja, dann &mdash; &mdash;«</p>
+
+<p>Ganz berauscht, toll von dem Klang der eingebildeten Schätze preßte er
+die Stehende an sich, bis er die Schläge ihres erregten Herzens hämmern
+hörte. Seine Knabenaugen leuchteten in den ersten Mondesstrahlen gleich
+einem Paar prachtvoller Edelsteine.</p>
+
+<p>»Kann ich auch reich werden?« forschte sie plötzlich mit aufwachender
+Gier.</p>
+
+<p>»Du?«</p>
+
+<p>Er lächelte.</p>
+
+<p>»Warum lachst du? Warum schüttelst du den Kopf?«</p>
+
+<p>»Du nicht.«</p>
+
+<p>Da riß sie ihre Hand ungestüm von ihm zurück. Ihr Mund zuckte. »Warum
+nicht?« rief sie verzweiflungsvoll.</p>
+
+<p>»Weil du nicht genug gelernt hast,« erklärte er begütigend und erhob
+sich, um sie mit fortzuziehen. »Aber, das schadet ja auch nicht,
+Liebling. Wenn man so hübsch ist wie du. &mdash; Komm.«</p>
+
+<p>Halb im Taumel ließ sie sich von ihm leiten. Alles summte in der
+aufwachenden Seele durcheinander, die Liebesworte und der Goldklang. Und
+immer wieder, fast bettelnd, suchte sie den Großen davon zu überzeugen,
+wie sie am Ende doch nicht so wenig gelernt hätte. Dabei ergab sich, daß
+sie die unregelmäßige Dorfschule monatelang überhaupt nicht gesehen, ja,
+wie dies dem alten verbummelten<span class="pagenum"><a name="Page_78" id="Page_78">78</a></span> Lehrer Toll nicht einmal als etwas
+Besonderes aufgefallen wäre.</p>
+
+<p>Spitzbübisch wollte sie die Lippen bei dem losen Streiche spitzen. Doch
+ganz ohne Übergang fuhr sie zusammen und begann laut vor sich
+hinzuschluchzen.</p>
+
+<p>»Herrgott, Lining, was weinst du?«</p>
+
+<p>»O nichts!«</p>
+
+<p>Damit schüttelte sie sich die Tränen ab und warf ihr Köpfchen kräftig in
+den Nacken.</p>
+
+<p>»Ich kann nicht reich werden, ich hab' nicht genug gelernt,« ging es
+durch ihre Gedanken. Und dann blickte sie wieder mit heimlichem Neid auf
+ihren Gefährten, der nun bald in diesen goldenen Gärten spazierengehen
+würde.</p>
+
+<p>Plötzlich griff sie in der Dunkelheit heftig nach seiner Hand, und
+beinahe zornig stürzte es aus ihr heraus: »Sag' mal, kommst du nun bei
+Hollander auch mit lauter solchen Menschen zusammen, die was gelernt
+haben?«</p>
+
+<p>Das bejahte er. Lachend über ihre kindliche Wut, und geschmeichelt, daß
+sie ihn augenscheinlich gleich einem höheren Wesen verehre.</p>
+
+<p>Nun standen sie vor der Brücke. Unten gurgelte und sang der Fluß, vom
+jenseitigen Ufer blinkten die erleuchteten Fenster der Krugwirtschaft
+herüber. Und da! &mdash; Was war das?</p>
+
+<p>Grobe Tanzmusik drang über das Wasser, hinter den angelaufenen
+Fensterscheiben huschten blasse Schatten vorbei!</p>
+
+<p>Kling &mdash; kling &mdash; plump &mdash; plump &mdash; trala!</p>
+
+<p>Line griff nach dem Geländer der Brücke und wurzelte an. Ihre Augen
+saugten sich an den kleinen, leuchtenden Fenstern, die so wunderliche
+Lichtstrahlen in die Finsternis hinaussandten, förmlich fest; ihre Zähne
+biß sie scharf zusammen.</p>
+
+<p>»Nicht doch! &mdash; Was soll das? &mdash; Komm, Kleine.«</p>
+
+<p>»Bruno?«</p>
+
+<p>»Ja.«</p><p><span class="pagenum"><a name="Page_79" id="Page_79">79</a></span></p>
+
+<p>»Sieh da, bei Gastwirt Krügern da tanzen jetzt die Studenten mit den
+Fischerfrauen und den Mädchen.«</p>
+
+<p>Auch er warf einen verlangenden Blick hinüber und streckte dann die Hand
+nach ihr aus.</p>
+
+<p>»Ja, ja &mdash; aber was soll das? &mdash; Du mußt nach Haus.«</p>
+
+<p>»Du, da drüben möcht' ich auch hin.«</p>
+
+<p>»Da drüben?« Er hielt sie fest. »Hör', &mdash; da gehören keine Kinder hin.«</p>
+
+<p>»Ich bin kein Kind mehr. Das sollst du sehen.«</p>
+
+<p>Mit einer schlangenhaften Wendung wischte sie ihm unter der Hand fort.</p>
+
+<p>»Jetzt lauf ich rüber.«</p>
+
+<p>Er geriet in Angst.</p>
+
+<p>»Lining &mdash; bedenk doch &mdash; wir haben ja Trauer.«</p>
+
+<p>»Oh, bei so einer, die nichts gelernt hat, schadet das nichts. Nein,
+nein, da schadet das gar nichts. Ich will bloß zusehen.«</p>
+
+<p>»Um Gottes willen, bitte, tu das nicht &mdash; mir zuliebe! Ja?«</p>
+
+<p>Seine Stimme zitterte so flehentlich, daß sie stehen blieb und zögerte.
+Über die hohen Schwebebalken der Brücke glitt der Mond, so daß sich
+beide genau betrachten konnten. Da öffnete sich drüben in der Schenke
+eine Tür. Ein Strom von Musik und Gelächter schoß heraus.</p>
+
+<p>Kling, kling, plump, plump, trala!</p>
+
+<p>Das entschied.</p>
+
+<p>Line zitterte vom Kopf bis zu den Füßen. »Bloß zusehen,« rief sie noch
+einmal mit geschnürter Stimme, »du kannst auf mich warten!«</p>
+
+<p>Im nächsten Moment flog sie über die Brücke, und wie von unsichtbarer
+Hand zurückgehalten starrte ihr Bruno nach. Seine scharfen Augen
+verfolgten die Fliehende, bis sie gleich einem weißen Pfeil durch den
+Wirtshausgarten schoß. Dann griff er sich an die Stirn und sah sich um.
+Rechts von ihm ruhte die unendliche, finstere Masse des Meeres, links
+glitzerte im Mondenlicht<span class="pagenum"><a name="Page_80" id="Page_80">80</a></span> der silberne Fluß, und weiterhin zuckte am
+Himmel ein breiter leuchtender Schein. Unter diesem lag in der Ferne die
+Stadt, in der er morgen schon wohnen und wirken sollte.</p>
+
+<p>»Line!« rief er laut und ängstlich in unerklärlicher, aufsteigender
+Bangigkeit.</p>
+
+<p>Aber nichts antwortete ihm.</p>
+
+<p>Nur zwischen den nahen, glitzernden Fenstern glaubte er den weißen
+Schatten des Mädchens in das Innere des Hauses schlüpfen zu sehen.</p>
+
+<p>Da brach auch bei ihm unvermittelt alle Überlegung zusammen. Die Trauer
+und den finsteren Ernst des Lebens, der dahinten lag und auf ihn
+lauerte, alles vergaß er. Er wollte nur die Kleine holen &mdash; nur sie
+überwachen, das unerfahrene Ding, das so hübsch auf seinen Knien
+gesessen. Noch fühlte er die heimliche Wärme. »Ja, nur sie holen.«</p>
+
+<p>Ein paar leichte Sprünge.</p>
+
+<p>Er war bereits jenseits der Brücke. Ganz nahe drang durch geschlossene
+Türen die Musik &mdash; hinter ihm versank still und schweigend die Stadt, in
+der er morgen einziehen und leben sollte.</p>
+
+<p>Er sprang in den Saal.</p>
+
+<p>Und draußen tauchte alles wieder in nächtliche Versunkenheit; die Ufer
+und die Landstraße und die raschelnden Binsen am Moor. &mdash; Nur unten, wo
+der Strom um die Brücke gurgelte, da sah Malljohann, der zur selben Zeit
+nachdenklich auf dem Dach seiner Kajüte hockte und zu dem Mond
+hinaufmurmelte, wie sich vorsichtig ein winziges Männchen aus dem Wasser
+hob, und wie es in die Hände klatschte und in ein scharfes Kichern
+ausbrach.</p>
+
+<p>Das war nichts Menschliches.</p>
+
+<p>Und Malljohann wußte recht gut, so lachte nur der Klabautermann, den ja
+Line für ihren Vater ausgab, und der sich nun über sein flinkes Dirnlein
+freute.</p>
+
+<div class="figcenter" style="width: 400px;">
+<img src="images/oppos_080.jpg" width="400" height="622" alt="Illustration" />
+</div>
+
+<hr class="chap" /><p><span class="pagenum"><a name="Page_81" id="Page_81">81</a></span></p>
+
+
+
+
+<h3>X</h3>
+
+
+<p>Der Mond tanzte auf den Wassern.</p>
+
+<p>Durch den schwarzen, glatten Spiegel streckte er überall sein feuchtes
+Gesicht hindurch, zwinkerte mit den Augen und spie goldene Funken nach
+Hann.</p>
+
+<p>Es war gerade um die Zeit, als Line mit feurigen Wangen das erste Mal
+durch den Saal schlich.</p>
+
+<p>Siebenbrod war eingeschlafen, er schnarchte. Kein Lüftchen regte sich;
+mitten auf der toten Fläche stand das Boot unverrückbar still.</p>
+
+<p>Die großen Stellnetze waren bereits eingezogen, ein paar andere hatten
+sie ausgelegt; mitten in dem Boot schillerte fast fußhoch ein dicker
+Haufe zappelnder Heringe.</p>
+
+<p>Die zuckten und sprangen und leuchteten einen fahlen, blauweißen Glanz.</p>
+
+<p>Von fernher hallte ein einsamer Glockenschlag. Dann kroch wieder dieses
+ungeheure tote Schweigen über den Spiegel. Der Junge, des Nachtdienstes
+ungewohnt, hockte vorn am Bugspriet und kämpfte gegen den Schlaf.
+Zuweilen neigte sich sein plumpes Haupt schwer gegen den Bordrand, doch
+ein letzter verlöschender Blick auf den Stiefvater, der, das Steuer im
+Arm, zu einer unförmigen Masse zusammengesunken schien, ließ ihn immer
+wieder zur Höhe taumeln.</p>
+
+<p>Der Bootsmann hatte ihm anbefohlen, wach zu bleiben. Und die Furcht
+wirkte stärker als die Müdigkeit.</p>
+
+<p>Allmählich aber begann er zu zittern. Ein eisiger Frost stieg aus der
+schwarzen Tiefe auf und legte sich wie ein enger Mantel um seine Brust.</p><p><span class="pagenum"><a name="Page_82" id="Page_82">82</a></span></p>
+
+<p>Voller Angst und in der Sucht, sich an etwas festzuhalten, an etwas
+Lebendigem, blickte er überall umher.</p>
+
+<p>Dort der Mond. &mdash; Er kam und ging.</p>
+
+<p>Es war, als wenn er sich wasche und immer um das Boot herumschwimme!</p>
+
+<p>Was war eigentlich der Mond?</p>
+
+<p>Der Junge rieb sich den Kopf, aber das Richtige sprang nicht heraus. Er
+fuhr mit der Hand in die glitzernde Scheibe, aber das Wasser war so
+eisig, daß er zusammenschrak.</p>
+
+<p>Immer toller grinste das Gesicht aus den Fluten. Deutlich sah der
+Einsame, wie die großen Augen auf und zu klappten. Dazu verzog sich der
+Mund und wies blitzende Zähne.</p>
+
+<p>Herrgott &mdash; Herrgott &mdash; was war eigentlich der Mond?</p>
+
+<p>Das Gesicht wurde immer deutlicher und runder. Jetzt hob es sich aus dem
+Wasser, jetzt tauchte es unter, im nächsten Augenblick klappte das Maul
+auf und fing an zu reden.</p>
+
+<p>»Jesus!«</p>
+
+<p>Der kalte Schweiß lief Hann herunter. Er war der Nacht und dieses
+fürchterlichen Schweigens noch ungewohnt.</p>
+
+<p>»Siebenbrod &mdash; Siebenbrod!« schrie er auf.</p>
+
+<p>Vom Steuer tönte ein Ächzen, dann rührte sich nichts mehr.</p>
+
+<p>Nein, er mußte wissen, was der Mond war. Die Unwissenheit bedrückte ihn,
+wie kurz vorher Line. In wildem Schrecken versuchte er fortzusehen, doch
+kaum gedacht, schwoll das Haupt riesengroß an, ein Zischen quirlte um es
+her, und dann grinste es wieder tückisch unter der zitternden Flut.</p>
+
+<p>Da kam Hann ein Gedanke.</p>
+
+<p>Er wollte sein Abendgebet hersagen, denn seine Furcht war groß. So
+faltete er die Hände:</p>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">»Ich bin klein,<br /></span>
+<span class="i0">Mein Herz ist rein,<br /></span>
+<span class="i0">Soll niemand drin wohnen<br /></span>
+<span class="i0">Als Gott allein.«<br /></span>
+<span class="pagenum"><a name="Page_83" id="Page_83">83</a></span></div></div>
+
+<p>Er betete es noch immer, obwohl er ein großer Junge geworden. Er hatte
+kein Gefühl für die Lächerlichkeit.</p>
+
+<p>Als er den Spruch gesagt, schielte er von neuem auf seinen Feind. Der
+hatte sein Antlitz in tausend goldne Runzeln gezogen und lag grämlich
+und zitternd da.</p>
+
+<p>Und immer wieder ging es durch den dummen Jungenschädel: »Was ist
+eigentlich der Mond?«</p>
+
+<p>In der Schule war er so weit nicht gekommen. Ob Line das wohl wußte? Ja,
+wenn er heute nacht nach Hause kam, dann wollte er doch an die Nebenwand
+klopfen, hinter der sie schlief, um einmal anzufragen. Ja, ja, Line
+hatte es gut. Die lag nun weich in ihrem Bett.</p>
+
+<p>Gutmütig nickte er.</p>
+
+<p>Das war auch ganz in Ordnung, daß sie nicht mit auf der schwarzen See
+weilte. Sie sollte nicht arbeiten. Dazu war sie zu fein.</p>
+
+<p>Und als er von neuem in das glitzernde Gebilde starrte, kam es ihm vor,
+als ob sich dort drin etwas verändere, als ob ein ganz kleines Püppchen
+darin herumtanze.</p>
+
+<p>Wahrhaftig, so warf Line die Beinchen.</p>
+
+<p>Freudig reckte er sich vor, so daß das Boot schwankte. Alle Bangigkeit
+war vergangen. Statt des gespenstischen Hauptes nahm er mit einmal eine
+goldene Stube wahr, in der Line herumhuschte.</p>
+
+<p>»Ja, ja,« wohlgefällig lachte er dazu, und ganz hinten am Steuer, wo die
+formlose Masse des Bootsmanns hockte, räusperte sich etwas, und
+Siebenbrods knastrige Stimme fragte gemütlich: »Wat is de Klock?«</p>
+
+<p class="center"><sup>*</sup>     <sub>*</sub>     <sup>*</sup></p>
+
+<p>Um Mitternacht fuhr das Boot in Moorluke ein. Eine Viertelstunde später
+stießen die beiden Fischer auf Frau Klüth, die in der Dunkelheit vor dem
+Lotsenhäuschen stand und die Hände rang. Als Siebenbrod sich erkundigte,
+erfuhr er, daß Line und Bruno<span class="pagenum"><a name="Page_84" id="Page_84">84</a></span> diese Nacht nicht nach Hause gekommen
+wären. Paul, der Student, sei bereits trotz Nacht und Nebel in die
+Klosterruinen gelaufen, wo man die beiden zuletzt gesehen.</p>
+
+<p>»Und dabei soll es da drüben spuken,« jammerte Frau Klüth.</p>
+
+<p>»Na, sie werden sich wohl wieder zufinden,« tröstete Siebenbrod in
+ziemlicher Ruhe und gähnte mächtig. »Die Hauptsache is nu, daß wir
+schlafen gehen. Puh &mdash; ich schuddere man so durch den ganzen Leib. &mdash; 's
+is niederträchtig kalt. &mdash;« Und während er die Witwe und Braut an die
+Hand nahm, murmelte er noch: »Leg dich man auch nieder, Frau Klüth. Es
+sind ja große Gören.«</p>
+
+<p>Die kleine Frau ließ sich nach einigem Sträuben ins Haus ziehen.</p>
+
+<p>Hann aber stand vor der Tür und zitterte vor Frost. Mit blödem Blick und
+schweren Augenlidern sah er in die Nacht hinein.</p>
+
+<p>Hatte er das geträumt? Spukte der Mond noch vor seinen Augen.</p>
+
+<p>Line war weg?</p>
+
+<p>Schwerfällig schüttelte er den Kopf, als wär' ihm das Merkwürdige noch
+immer nicht klar, dann schauerte er wieder zusammen, und alle seine
+Glieder zuckten vor Kälte.</p>
+
+<p>Line war weg?</p>
+
+<p>Plötzlich überkam ihn eine seltsame Wut; die Mattigkeit wich von dem
+jungen Körper, mit voller Wucht schlug er mit der Faust gegen die
+Hausmauer, immer fester, immer ärger, als hätten die Steine nicht
+genügend über die Kleine gewacht.</p>
+
+<p>Warum kam sie denn nicht wieder? &mdash; Wo war sie? Wenn sie nun beide,
+Bruno und das Mädchen, im Rick lägen? Laut heulte er auf und hieb wieder
+auf die Steine ein.</p>
+
+<p>Aus der Hand sprang Blut.</p>
+
+<p>Da klappte etwas auf der Dorfstraße.</p>
+
+<p>Dicht am Rick entlang kam eine Fischersfrau in Holzpantoffeln daher. Es
+war die Frau des taubstummen Klaus Muchow, die ihren Mann aus dem Krug
+nach Hause holen wollte. Als der Junge in der Dunkelheit auf sie zufuhr,
+erschrak sie.</p><p><span class="pagenum"><a name="Page_85" id="Page_85">85</a></span></p>
+
+<p>»Huching.«</p>
+
+<p>»Line &mdash; Line is weg,« stammelte er.</p>
+
+<p>Die Frau dachte nach. »Ne,« berichtete sie dann, »die hab' ich bei
+Gastwirt Krügern gesehn, mitten unter die Studenten.«</p>
+
+<p>»Bei Gastwirt Krügern?« echote Hann, der es nicht glauben konnte, und
+riß den Mund auf.</p>
+
+<p>Warum schlug ihm das Herz dabei so gewaltig an die Rippen? Noch war sein
+Verstand zu dumpf, um ihm das zu beantworten.</p>
+
+<p>»Na, ich sag man, die tanzt fein,« meinte die Frau und lachte. Dann
+machte sie den Vorschlag, daß Hann sie begleiten solle, sie würde ihn
+mit hineinnehmen.</p>
+
+<p>»Darf ich denn da hin?« stotterte Hann.</p>
+
+<p>Die Frau warf ihm einen zweifelnden Blick zu: »I ja, warum denn nicht?«
+entschied sie, »wenn ich mit dabei bin &mdash; komm man, mein Jünging.«</p>
+
+<p>»Na, denn nehm' ich's an,« brachte der Junge halb betäubt hervor und
+schüttelte sich, um sich zu erwärmen. »Dann hol' ich Line.«</p>
+
+<p>»Ja, das tu man.«</p>
+
+<p>»Es is wegen der Trauer,« entschuldigte Hann voller Scham.</p>
+
+<p>»Ja, ja, das ist auch so.«</p>
+
+<p>Und dann verschwanden die beiden.</p>
+
+<p class="center">&mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; </p>
+
+<p>»Line, jetzt komm nach Haus,« drängte der Sekundaner wiederum.</p>
+
+<p>Er hatte sie einen kurzen Moment an der Hand, doch sie entzog sich ihm
+wieder.</p>
+
+<p>»Gleich &mdash; gleich, Bruno.«</p>
+
+<p>»Nein, du gehst jetzt.«</p>
+
+<p>Sie lachte wild: »Ich tu ja nichts«</p>
+
+<p>Dabei schimmerten ihre Wangen in heller Röte, aus dem leicht geöffneten
+Munde stieß kurz und rasch der Atem, und in den schwarzen Augen
+züngelten hundert glänzende, kleine Feuer.</p><p><span class="pagenum"><a name="Page_86" id="Page_86">86</a></span></p>
+
+<p>Ihre Füßchen trippelten ungeduldig, und jetzt, jetzt wo die Musik wieder
+einsetzte, da wiegte und dehnte sich der Körper so leicht, so frank und
+frei, als wäre das weiße Kinderkleidchen längst von ihr abgeglitten, als
+stände sie nackt und aller Hüllen ledig und würde bald einen unerhörten
+Tanz beginnen.</p>
+
+<p>»Line &mdash; Line.«</p>
+
+<p>»Laß mich doch, Bruno, ich tu ja nichts.«</p>
+
+<p>»Du hast mit dem großen Studenten da drüben getanzt.«</p>
+
+<p>»Das ist nicht wahr &mdash; laß mich jetzt los &mdash; bitte, bitte.«</p>
+
+<p>»Nein, du darfst nicht mehr.«</p>
+
+<p>»Oder tanz du selbst mit mir.«</p>
+
+<p>Er erschrak über ihr Verlangen und starrte sie an. In ihrer Stimme lebte
+soviel kindliche Leidenschaft. Hinter ihm paukten und schmetterten ein
+paar Musikanten, die aus der Stadt herausgekommen waren, scharrendes
+Geräusch schleifender Füße mischte sich drein.</p>
+
+<p>»Hopsa &mdash; hopsa &mdash; hopsasa,« sang plötzlich oll Kusemann neben ihnen,
+der in seiner Extralotsenuniform bei jedem Ball die Stellung eines
+Tanzkommandeurs bekleidete, »hopsasa,« sang er und hob das rechte Bein
+unternehmend in die Höhe: »Komm, Dirning, tanz mit mir! &mdash; Ich hab'
+spanische Korken in die Stiefel &mdash; siehst du so.« Er sprang hoch in die
+Luft. »So ein paar Dinger schenk, ich dir auch, wenn du hübsch artig
+bist und mir einen Kuß gibst &mdash; fix, Marjelling.« Hoch nahm er sie in
+seine Arme und schwenkte sie weit in der Luft herum.</p>
+
+<p>Ihre Röckchen wirbelten, die schwarzen Zöpfe rasten um sie herum, von
+der einen Wade war der Strumpf heruntergestreift und entblößte die
+braune, seidige Haut.</p>
+
+<p>»Huch,« schrien die Fischerweiber schamhaft.</p>
+
+<p>Solchen Tanz hatten sie noch nicht gesehen. Der taubstumme Riese Klaus
+Muchow lachte dazu, daß die Wände dröhnten, während die Studenten ihre
+Seidel schwangen, um Line ein donnerndes Hoch auszubringen.</p><p><span class="pagenum"><a name="Page_87" id="Page_87">87</a></span></p>
+
+<p>»Line &mdash; hurra,« schmetterten die jungen Stimmen.</p>
+
+<p>»Line hurra,« knatterte es aus allen Winkeln.</p>
+
+<p>»Line hurra,« greinte oll Kusemann und spitzte seiner Tänzerin, die noch
+nicht den Erdboden berührt hatte, die Lippen entgegen.</p>
+
+<p>»Ich will nicht mehr,« keuchte die Kleine, vor deren Blicken alles
+verschwamm, und begann mit dem Lotsen zu ringen. »Ich will runter.«</p>
+
+<p>Ihre Fußspitzen suchten den Estrich.</p>
+
+<p>Oh, und Bruno mußte oben von der Terrasse der Musiker, wo er krampfhaft
+einen Stuhl gepackt hielt, alles mit ansehen, mußte die entblößte Wade
+schauen und die tastenden Zehen, mußte auch knirschend beobachten, wie
+der taubstumme Riese sich erhob, um dem angetrunkenen Lehrer Toll
+pantomimisch vorzumachen, wie er das Ding auf seinen Arm setzen wolle
+und dann auf den Kopf.</p>
+
+<p>Dazu erhob er taktmäßig die mächtigen Beine, grinste schlau und drehte
+sich komisch im Kreise umher.</p>
+
+<p>»Solch ein Kerl,« murmelte Bruno in erstickter Wut. »Solch ein Kerl.«</p>
+
+<p>Wie kam es, daß die Gestalt des alten verstorbenen Lotsen plötzlich vor
+ihm auftauchte, seines Vaters, der erst wenige Wochen in seinem Grabe
+ruhte, und der doch Line wie sein eigenes Kind gehalten?</p>
+
+<p>»Wie ist das möglich?« &mdash; schnitt es ihm durch den Sinn, »wie ist das
+bloß möglich? &mdash; Hab' ich denn das Ding noch gar nicht gekannt?«</p>
+
+<p>Ein merkwürdiges Gefühl, von Grauen und Verlangen gemischt, wühlte in
+ihm herum, keinen Blick konnte er von der Kleinen abwenden, und jetzt,
+jetzt trug sie oll Kusemann schleifend und zierliche Winkel drehend
+wieder in seine Nähe.</p>
+
+<p>Wie er zitterte, wie er sich schämte, und er hatte sie doch erst vor
+wenigen Stunden weich auf seinem Schoß gehalten. &mdash;</p>
+
+<p>»Dirning,« hörte er den Lotsen schmunzeln, »leg' mich deinen Arm um den
+Hals, sonst fällst du.«</p><p><span class="pagenum"><a name="Page_88" id="Page_88">88</a></span></p>
+
+<p>Und was antwortete sie?</p>
+
+<p>»Du alter, häßlicher Kerl.«</p>
+
+<p>»I, Lining, das ist grade was Apartes. &mdash; Au, Kind, wozu kratzt du denn?
+Ich wollt ja bloß sagen: Hann liegt jetzt auf der See.«</p>
+
+<p>Line schlug mit der Hand durch die Luft. »Wo Hann liegt, das ist mir
+ganz gleich.«</p>
+
+<p>»Na, du gehst gut, du Racker,« wollte der Lotse eben belobigen, da
+fühlte er unvermittelt, wie etwas an ihm herunterglitt; dadurch verlor
+er das Gleichgewicht und purzelte, sich überschlagend und unter dem
+dröhnenden Gelächter der Studenten, gerade auf den Schoß seiner Gattin
+Alwining.</p>
+
+<p>Die zog ein strenges Gesicht und kniff ihn heimlich in den Arm.</p>
+
+<p>»Alwining,« flüsterte oll Kusemann und griff seiner Frau unter das Kinn:
+»Sei ruhig, ich weiß, was du denkst. &mdash; Aber die kleine Krabbe ließ mir
+gar nicht in Frieden. Du weißt ja, aus der wird nichts Gutes! &mdash; Sollst
+sehen, Alwining. &mdash; Ich kenn' meine Leute.«</p>
+
+<p class="center"><sup>*</sup>     <sub>*</sub>     <sup>*</sup></p>
+
+<p>Sie forderte zu trinken, als sie nun atmend und glühend neben ihrem
+Pflegebruder auf der Terrasse stand.</p>
+
+<p>Aber er verweigerte ihr alles. Eine tiefe Verachtung gegen dies tolle
+Ding war in dem feinen gebildeten Jungen aufgestiegen. Fast mit Gewalt
+hatte er sie in eine Ecke hinter die Musiker gezogen, und nun schüttete
+er dort sein Herz vor ihr aus. Wie sie sich benommen, wie sie ihn
+blamiert hätte, und was die Mutter zu Hause dazu sagen würde. Den
+Abschluß bildete immer der eine Satz: »Du hast nichts gelernt, du
+gehörst eben unter die Fischer.«</p>
+
+<p>Doch sie antwortete nichts.</p>
+
+<p>Ihre schwarzen Augen, die so seltsam auf dem blauweißen Untergrund
+schwammen, lugten noch immer gierig nach allen Seiten. Die Musik und der
+Tanz hatten sie offenbar betäubt. Immer noch blinzelte sie nach den sich
+drehenden Paaren.</p><p><span class="pagenum"><a name="Page_89" id="Page_89">89</a></span></p>
+
+<p>»Line, verstehst du mich denn nicht? &mdash; Ich trag dich mit Gewalt raus,
+wenn du nicht von selbst gehst,« flüsterte er mit neu aufbrausender Wut.</p>
+
+<p>Verständnislos &mdash; kindlich und doch mit einem merkwürdigen, bewußten Zug
+um die Lippen lächelte sie ihn von unten herauf an. Dann streichelte sie
+ihm schmeichelnd über die Wange, um gleich darauf das Haupt zu neigen
+und mit ungeheucheltem Erstaunen auf ihre entblößte Wade herabzublicken.</p>
+
+<p>Jetzt bemerkte sie es erst.</p>
+
+<p>Auch der Sekundaner mußte diesem Blick folgen. Das Blut schoß ihm dabei
+ins Gesicht, er verachtete sich selbst, weil er sich nicht sofort
+abwenden konnte. Doch er verharrte und blinzelte hinunter. Und Line
+lachte über den Unfall, während sie tiefgebeugt über ihrem Strumpf
+nestelte. In diesem Augenblick nahte sich ein junger, schlanker Student,
+Jahn mit Namen, derselbe, der vorhin das Hurra auf diese jüngste
+Tänzerin kommandiert hatte, und streckte einfach die Arme nach ihr aus.</p>
+
+<p>Schon berührten seine Finger die Schulter der Gebückten, als Bruno sich
+nicht mehr mäßigen konnte. Er riß sie empor, daß sie förmlich in die
+Höhe zuckte, beide flogen von der heftigen Bewegung die wenigen Stufen
+hinunter, und dann &mdash; hatte er begonnen oder Line?</p>
+
+<p>Keiner wußte es später.</p>
+
+<p>Aber die schlanken Arme, mit denen sie ihn unwillkürlich umschlungen,
+löste sie nicht, und dann war es Bruno, als ob alles um ihn
+herumwirbele. Die Wärme, die heiße Glut, dieser erste Lebenstaumel des
+jungen Wesens an seiner Brust hatten es ihm angetan &mdash;! Er tanzte! &mdash;
+Nein, er riß sie rasend mit sich fort. Er sah nichts als die
+aufblitzenden Augen und die weißen Zähne, die hinter den schmalen Lippen
+glänzten. Immer herum &mdash; immer weiter, wenn es ihm auch war, als ob er
+über spitze Messer tanze, wenn ihm auch eine flüchtige Erscheinung kam,
+als stände sein Bruder Hann draußen an den Fensterscheiben und stiere
+blöden<span class="pagenum"><a name="Page_90" id="Page_90">90</a></span> Sinnes herein. Schneller, wilder, dieses sich immer
+gleichbleibende, beglückte Lächeln der Tänzerin berauschte ihn und
+hetzte ihn weiter.</p>
+
+<p>»Oh,« murmelte Line, »noch länger &mdash; noch länger.«</p>
+
+<p>»Ja &mdash; ja.«</p>
+
+<p>»So gut wie du tanzt doch keiner, Bruno.«</p>
+
+<p>»Aber du auch &mdash; du auch, Line.«</p>
+
+<p>»Ja, das hab' ich gelernt,« flüsterte sie stolz, während sie ihn leise
+in den Arm kniff.</p>
+
+<p>Doch ehe er noch antworten konnte, kam das, was ihn zur Besinnung
+brachte, vor dem er floh, als hätte er ein Verbrechen begangen.</p>
+
+<p>Wie eine Erscheinung, unvorhergesehen, stand es da.</p>
+
+<p>Leise, aber entsetzt schrie Line auf.</p>
+
+<p>Was war das für eine breite, nasse Hand, die sich auf ihren Arm legte?
+&mdash; Weshalb stürzte plötzlich ihr Tänzer fort, als ob er sich verfolgt
+wähne?</p>
+
+<p>Wer war das eigentlich, der sie festhielt und mit ihr sprach?</p>
+
+<p>Erst mußte sie sich die Haare aus der Stirn streichen, eh sie ihn
+erkannte. Dann blickte sie sich wirr im Saale um. Ihr Herz begann
+krampfhaft zu pochen, eine schneidende, überwältigende Angst durchfuhr
+sie.</p>
+
+<p>Wie kam sie denn hierher? &mdash; All die fremden Leute? Die Fischerweiber,
+die mit Fingern auf sie zeigten, und die Studenten, die so vertraut mit
+ihr taten?</p>
+
+<p>Zitternd und zerknirscht blieb sie vor dem Schifferjungen in dem nassen
+Rock stehen. Der sah sie mit seinen dumpfen blauen Augen bekümmert an
+und sagte mit kaum merklichem Vorwurf: »Ich such' dich, Lining.«</p>
+
+<p>»Hann,« stotterte sie.</p>
+
+<p>Da faßte er sie fester am Arm und meldete ernsthaft: »Ich soll dich nach
+Haus bringen.«</p>
+
+<p>»Ja &mdash; ja,« stieß sie scheu hervor, während sie sich an ihn drängte: »O
+komm bloß, ich will mit dir.«</p><p><span class="pagenum"><a name="Page_91" id="Page_91">91</a></span></p>
+
+<p>Er ließ ihr keine Zeit zur Besinnung, bevor sie es selbst recht
+bemerkte, hatte er sie aus dem tabakdurchqualmten Saal geleitet und
+führte sie nun durch die stockfinstere Nacht.</p>
+
+<p>»O Lining,« murmelte er nur einmal mit tiefem Kummer, »was hast du
+gemacht?«</p>
+
+<p>Hastig atmete sie auf. »Ich weiß auch nicht,« brachte sie dumpf hervor,
+aber dann setzte sie halb voll Angst hinzu: »Aber ich glaub', es kommt
+davon, weil ich so wenig gelernt hab'.«</p>
+
+<p>»Ja, ja, das mit dem Lernen,« stimmte Hann beklommen bei.</p>
+
+<p>Er dachte immerfort daran, wie sein feiner Bruder, der doch morgen in
+die Welt sollte, und dies kleine Mädchen zusammen getanzt hatten,
+getanzt, während der alte Lotse in seiner Grube kaum kalt geworden.</p>
+
+<p>Das war greulich.</p>
+
+<p>Aber er sprach darüber kein Wort. Etwas Unbestimmtes, Ängstliches hielt
+ihn von der Schwester fern.</p>
+
+<p>Endlich waren sie an der Seite des murmelnden Flusses bis vor die Tür
+des Lotsenhäuschens geschlichen.</p>
+
+<p>»Hann,« begann Line hier, der das Schweigen Pein verursachte, »wacht
+Mutter noch?«</p>
+
+<p>Er schüttelte das Haupt.</p>
+
+<p>»Bist du allein auf?«</p>
+
+<p>Er nickte.</p>
+
+<p>»O Hann« &mdash; sie drängte sich in ihrer schmeichelnden Art an ihn &mdash;
+»sprich doch mit mir &mdash; ich will's ja nie wieder tun, hörst du? &mdash; aber
+sprich mit mir.«</p>
+
+<p>Wieder schüttelte er das plumpe Haupt. Ihm war so trostlos zumut, daß
+ihm keine Worte einfielen. Da wurde die bohrende Verzweiflung in Lines
+Brust übermächtig, heftig sprang sie an dem Jungen in die Höhe und
+drückte ihm einen heißen, bittenden Kuß auf den breiten Mund. »Ich
+will's ja nie wieder tun,« hauchte sie dazu, »ganz gewiß, nie wieder &mdash;
+aber sag hier zu Haus nichts davon, hörst du? &mdash; sag kein Wort.«</p><p><span class="pagenum"><a name="Page_92" id="Page_92">92</a></span></p>
+
+<p>Noch stand sie einen Augenblick vor ihm. Durch die tiefe Nacht glaubte
+er das Weiße ihrer Augen zu erkennen. Dann hörte er etwas über die
+Treppe huschen, und über die Stelle, wo sie gestanden, säuselte der
+Nachtwind.</p>
+
+<p>Es war stockfinster und Hann auf der Landstraße allein.</p>
+
+<p>Da senkte der dumme Junge langsam den Kopf in seine groben Hände und
+begann unhörbar vor sich hinzuschluchzen.</p><hr class="chap" /><p><span class="pagenum"><a name="Page_93" id="Page_93">93</a></span></p>
+
+
+
+
+<h3>XI</h3>
+
+
+<p>Zur selben Zeit saß Line im Hemd auf ihrem Bette.</p>
+
+<p>Die nackten Füße ließ sie hinabhängen, die Hände hielt sie auf dem Schoß
+krampfhaft ineinandergefaltet, und so bohrte sie ihren Blick
+unverrückbar auf die nahe Bretterwand des Verschlages, als wäre dort in
+der Schwärze irgendeine helle Stelle und sie vermöchte auf ihr etwas
+Merkwürdiges zu erspähen. Sie fror nicht, sie zitterte nicht,
+aufgerichtet und mäuschenstill hockte sie, und alle ihre Gedanken
+schienen sich wie Pfeile in ein einziges Ziel einzuspießen.</p>
+
+<p>Endlich seufzte sie tief auf, griff nach dem Stuhl, auf dem ein
+Lichtstümpfchen stand, und entzündete es. Behutsam hielt sie die Hand
+vor das Flämmchen, so daß ihre Finger wie in Blut getaucht erschienen,
+und schlich dann verstohlen mit ihren nackten Füßen in die Ecke hinter
+dem Bett, in der eine ehemalige Zuckerkiste stand.</p>
+
+<p>In diesem Behälter wühlte Line heftig herum. Bald holte sie ein paar
+alte Bücher und einige vollgeschriebene Schreibhefte heraus, bald
+blätterte sie emsig in einem zerrissenen Volksschulatlas, immer erregt
+dazu murmelnd und buchstabierend. Zum Schluß band sie um alles einen
+Bindfaden und schlug leicht mit der Faust auf das Päckchen, als hätte
+sie einen festen Entschluß gefaßt.</p>
+
+<p>Den Atlas aber behielt sie bei sich, eng an den Leib gedrückt. Und als
+sie ins Bett huschte, legte sie die verstreuten Blätter erst sorgfältig
+unter ihr Kopfkissen.</p>
+
+<p>Licht aus.</p>
+
+<p>Still lag sie da, lang ausgestreckt, die großen Augen weit offen, nur
+ihre regelmäßigen Atemzüge verrieten, daß sie lebe.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_94" id="Page_94">94</a></span></p>
+
+<p class="center"><sup>*</sup>     <sub>*</sub>     <sup>*</sup></p>
+
+<p>»Das ist ein ekliger Qualm,« hustete Siebenbrod und spie ein paarmal
+aus, »pfui Deibel.«</p>
+
+<p>»Ja, das is, wie wenn Satans Großmutter verbrannte Milch auf die Erde
+gießt,« brummte oll Kusemann, dessen Konturen ebenfalls zuweilen durch
+den weißen Brodem sichtbar wurden. Manchmal schien es auch, als tanzten
+die Köpfe von Malljohann und Frau Dörthe Petersen um ein paar
+Pferdeschnauzen herum, doch alles verschwand gleich wieder hinter dem
+feuchten, bleiernen Linnen.</p>
+
+<p>Da brummten Glockenschläge aus der Höhe, und durch die Nebel ging ein
+Zittern.</p>
+
+<p>Acht Uhr.</p>
+
+<p>Die Equipagenpferde des Konsuls wieherten laut und durchdringend.</p>
+
+<p>»Mudding &mdash; nu mach fix,« mahnte Siebenbrod. »Nu mußt du die Hände von
+Bruno und Paulen loslassen.«</p>
+
+<p>Doch die kleine, stille Frau konnte sich noch nicht trennen. Immer
+wieder griff sie nach den Fingern ihrer beiden Ältesten, die
+nebeneinander auf dem leichten Korbwagen saßen, und nur die milchigen
+Gespinste verhinderten, daß nicht alle bemerkten, wie dicke, schwere
+Tränen über die Wangen der Witwe rollten.</p>
+
+<p>»Mudding,« drängte Siebenbrod, »die Pferde friert.«</p>
+
+<p>»Wo ist Hann?« fragte des Studenten harte Stimme.</p>
+
+<p>»Und wo Lining?« beeiferte sich oll Kusemann ironisch hinzuzusetzen.</p>
+
+<p>Zur Seite des Wagens, dicht unter dem Bollwerk knirschte etwas. Dort
+hatte Hann bis jetzt in seinem festgebundenen Boot gesessen und
+schwerfällig in sich hineingesonnen. Viel, viel lieber wäre er hinter
+der dicken Nebelwand versteckt geblieben, als jetzt seinem Bruder Bruno
+die Hand zu reichen, gegen den er seit gestern so Schweres auf dem
+Herzen trug. Doch auf den Ruf des Theologen trottete er folgsam heran.</p>
+
+<p>»Adieu, Hann,« sagte der Student, während er ihm rasch über<span class="pagenum"><a name="Page_95" id="Page_95">95</a></span> das Haar
+fuhr, »achte auf das Grab von Vater &mdash; versprich mir das.«</p>
+
+<p>»Ja, ja &mdash; Pauling,« heulte Hann los.</p>
+
+<p>»Adieu, Hann,« verabschiedete sich jetzt auch der andere, »bleib gesund
+und besuch mich bald mal &mdash; hörst du?« Er reichte ihm zögernd die Hände.</p>
+
+<p>Der Schifferjunge drückte sie aus Leibeskräften. In seiner Rührung hatte
+er längst den Groll vergessen. »Bleib immer gut zu Weg, Bruno &mdash; immer
+gut zu Wege.«</p>
+
+<p>»Du auch.«</p>
+
+<p>»Aber wo ist Line?« schrie oll Kusemann dazwischen, der seine Tänzerin
+durchaus dabei haben wollte.</p>
+
+<p>Keiner wußte es.</p>
+
+<p>Nur Malljohann, der zuweilen etwas sah, was kein anderer bemerkte, stand
+unaufhörlich in seiner schlotternden Haltung da und glotzte schweigend
+und mit dem breiten Maul merkwürdige Kaubewegungen ausführend nach dem
+kleinen, kreisrunden Giebelfenster. Und je mehr die andern riefen, und
+je lauter sie sich wunderten, desto deutlicher erkannte Malljohann mit
+grinsendem Behagen, wie dort oben aus dem dunklen Kreise der Kinderkopf
+unbeweglich durch die Milchnebel hindurchsah.</p>
+
+<p>»Hüh!« rief der Kutscher.</p>
+
+<p>Die Peitsche knallte, die Pferde zogen an, laut knackten die Räder in
+dem feuchten Lehmboden.</p>
+
+<p>»Adschö, meine lieben Kinder,« rief die Mutter mit erhöhter Stimme.</p>
+
+<p>In einer Sekunde hatte das weiße Nichts das Gefährt verschlungen. Das
+Rollen allein tönte noch heraus und nach diesem sich verlierenden
+Geräusch bog Line weit, weit den schlanken Leib aus der Bodenluke, bis
+sie fast auf den qualmenden Kissen zu ruhen schien. Die Hand warf sich
+vor, ihre Finger bogen sich, als wollte sie nach etwas Verlorenem
+greifen.</p>
+
+<p>Alle gingen sie darauf ihren gewohnten Tagesbeschäftigungen<span class="pagenum"><a name="Page_96" id="Page_96">96</a></span> nach.
+Malljohann spielte die Handharmonika, oll Kusemann verzog sich in die
+Wärterhütte, Siebenbrod flickte in der Küche an einem Segel, und Hann
+saß mit dumpfem Kopf und schweren Gedanken in seinem verankerten Boot,
+wo er ein Brettchen an eine der Schiffsrippen zu schlagen hatte.</p>
+
+<p>Über alle aber warf der Nebel seine dichten wallenden Decken. So kam es
+auch, daß niemand wahrnahm, wie Line mit dem Bündel, das sie in der
+Nacht verschnürt, vorsichtig aus dem Hause witschte.</p>
+
+<p>Geradeswegs ging sie in das Pfarrhaus, das neben dem Kirchhof lag. Und
+als der geschäftige winzige Pastor, der gerade mit seiner korpulenten
+Frau auf dem rot gepflasterten Flur damit beschäftigt war, ein Fäßchen
+Malaga abzuziehen, als der muntere, weinlustige Herr ihr vergnügt die
+Haare kraute und sich nach ihrem Begehren erkundigte, da streckte sie
+ihm wortlos, jedoch mit einer wilden Bewegung und klopfendem Herzen, das
+Bündel Bücher entgegen.</p>
+
+<p>»Ich will was lernen.«</p>
+
+<p>»Hm,« murmelte der Pastor und sah verdutzt von der Kleinen auf den Käse,
+den er gerade zum Abprobieren in der Hand hielt, »ach so &mdash; ja, ja &mdash;
+hm, hm.«</p>
+
+<p>Und dann reichte er ihr auf jeden Fall ein Glas von dem goldbraunen,
+spiegelnden Malaga.</p>
+
+<p>
+<span style="margin-left: 1em;">Ende des ersten Buches</span><br />
+</p>
+
+<div class="figcenter" style="width: 400px;">
+<img src="images/oppos_096.jpg" width="400" height="575" alt="Illustration" />
+</div>
+
+<hr class="chap" /><p><span class="pagenum"><a name="Page_97" id="Page_97">97</a></span></p>
+
+
+
+
+<h2 class="p6"><a name="Zweites_Buch" id="Zweites_Buch"></a>Zweites Buch<br />
+
+»Frau Welt«</h2><hr class="chap" /><p><span class="pagenum"><a name="Page_98" id="Page_98"></a><a name="Page_99" id="Page_99">99</a></span></p>
+
+
+
+
+<h3>I</h3>
+
+
+<p>Ich zweifle, ob ihr wißt, daß es noch Götter auf der Welt gibt. Aber ihr
+könnt es glauben, es ist so.</p>
+
+<p>Mein Vetter Walter, der Student in Leipzig, hat dort eine Schenkmamsell
+entdeckt, die ihm vertraulich gestanden, daß sie in Wahrheit die alte
+Venus sei. Und als er ihr allerlei Bedenklichkeiten ausdrückte, da hat
+sie ihm einfach ihren Knaben gezeigt, einen kleinen, dreijährigen
+Strolch, der richtig mit einem Flitzbogen den Passanten des Salzgäßchens
+die Hüte vom Kopfe schoß.</p>
+
+<p>Daraufhin hat der Vetter Walter alles eingesehen und sich über die
+Bekanntschaft sehr gefreut.</p>
+
+<p>Dieses steht fest, das hat er mir eigenhändig geschrieben. Einen
+anderen, sehr interessanten Gott hab' ich selbst gekannt. Ich weiß
+nicht, ob er noch lebt. Aber als ich noch nicht seßhaft war, da habe ich
+ihn zwischen Greifswald und Moorluke getroffen, darauf will ich einen
+Eid leisten.</p>
+
+<p>Ein Jahr war gerade im Abtröpfeln, ein Jahr, das ich wieder damit
+hingebracht, gesunde Glieder und eine warme Brust an den Dornen und
+Hecken wund zu reißen, hinter denen im Schlosse Phantasia das deutsche
+Dornröschen schlummert. Aber als des Jahres letzte Henkerstündlein
+schlugen, da hatte ich genug, da machte ich den Berliner Herren und
+Damen meine Verbeugung, packte mich in einen Eilzug und stand ein paar
+Stunden später auf einem dick verschneiten, abenddämmerigen Felde, über
+das ein Weg nach Moorluke führen sollte. Doch der Pfad mußte eine
+Frühlingssage bilden. Jetzt war er längst versunken. Inzwischen brach
+die Nacht ein &mdash; es war Silvester 1896 &mdash; ringsherum wirbelte dicker
+Schnee, über die toten Felder heulte der Wind, und<span class="pagenum"><a name="Page_100" id="Page_100">100</a></span> das Eis unter meinen
+Tritten stöhnte und ächzte, als ob die Erde in ihrem Winterschlaf schwer
+träume, &mdash; da &mdash; täuschte ich mich? Nein, es knarrte aus der Schwärze
+ein langer ungefüger Wagen heran, ein Pferd wieherte, ein merkwürdiges
+rotes Licht zuckte auf, und gleich darauf wollten zwei mächtige Schimmel
+ihr Fuhrwerk an mir vorüberziehen. Da rief ich sie an: »Heda!«</p>
+
+<p>Vorn auf dem hohen Bock regte sich etwas. Eine vermummte Gestalt im
+weißen Schafpelz, die eine Tüte mit einem Licht darin in der Hand hielt,
+leuchtete mir ins Gesicht.</p>
+
+<p>»Fährst du schon lange, Alter?« fragte ich hinauf.</p>
+
+<p>»Lange,« antwortete eine trockene, hüstelnde Stimme.</p>
+
+<p>»Wohin?«</p>
+
+<p>»Gradeaus.«</p>
+
+<p>Das klang merkwürdig, und halb ohne Überlegung fragte ich, ob ich mit
+nach Moorluke fahren könne?</p>
+
+<p>Der Schafpelz rückte wortlos zur Seite, und nachdem ich neben ihm Platz
+genommen, warf ich einen Blick hinter mich, um mich zu erkundigen, was
+der Alte für Ladung führe.</p>
+
+<p>»Dung.«</p>
+
+<p>Wieder beschlich mich ein seltsames Gefühl, aber wie ward mir erst, als
+jetzt beim Schein des Tütenlichtes der Mistkutscher mir sein Antlitz
+zukehrte. Aus tausend eingekerbten Furchen tränten zwei müde, schwarze
+Augen heraus, und bis unter die dürre ragende Hakennase über den
+zahnlosen Mund hinweg buschte sich ein verworrener, zottelweißer Bart,
+der sich erst unter dem Schnee, welcher den Schafpelz bedeckte, verlor.
+Der Mann war unbestimmbar alt. Und plötzlich überkam mich die
+schreckhafte Erinnerung, wie mein Freund, der Professor Asmus in
+Greifswald, welcher über seinem eigenen Werk »Die immanente Philosophie
+der Menschheit« verrückt geworden sein sollte, in einer geistreichen
+Spekulation nachgewiesen, daß sich zwischen Moorluke und der Stadt ein
+alter Mistkutscher herumtriebe, der jedoch in Wahrheit ein verschollener
+Gott wäre und eigentlich Chronos hieße.</p><p><span class="pagenum"><a name="Page_101" id="Page_101">101</a></span></p>
+
+<p>»Chronos!« rief ich unwillkürlich laut heraus.</p>
+
+<p>»Wat?« keuchte mein Gefährte und bewegte sein Licht.</p>
+
+<p>Es war kein Zweifel, »oll Chronos«, der wiedergefundene Gott meines
+armen Freundes Asmus, saß neben mir. Eine Zeitlang blieb es still
+zwischen uns beiden. Geräuschvoll knirschte der Wagen durch den tiefen
+Schnee; der Alte hockte vor sich hin und hielt nur zuweilen in dürrer
+Hand seine Tüte in die Höhe, als ob er den Weg beleuchten wolle. Dann
+faßte ich mir ein Herz und fragte, ob er meine Freunde in Moorluke
+kenne, Hann und Line, oll Kusemann und die andern.</p>
+
+<p>»Flocken,« murrte der Alte in sich hinein.</p>
+
+<p>»Wie, oll Chronos?« forschte ich immer verwirrter.</p>
+
+<p>»Was ist das für ein Nam'?« lachte der Mistkutscher so halb verächtlich
+und schlug mit der welken Hand in das Schneegewimmel, in das die
+leuchtende Tüte einen roten Lichtkreis warf. Und nachdem ihm ein neuer
+Hustenanfall beinah alle Glieder verkrümmt, keuchte er etwa folgendes
+hervor:</p><hr class="chap" /><p><span class="pagenum"><a name="Page_102" id="Page_102">102</a></span></p>
+
+
+
+
+<h3>II</h3>
+
+
+<p>»Hör! Menschens! &mdash; Menschens &mdash; Wat sind Menschens? Auf die kommt es
+gar nicht an! Menschens sind dasselbe, was ich hier fahre. Dung. Sie
+blühen und sie verfaulen und werden Mist und machen wieder andere
+blühen! Ohne daß sie dat wissen, und ohne daß sie es wollen. In dem
+Dung, siehst du, liegt allein die Kraft dazu. Aberst wie sie dahinein
+kommt, das ist das Geheimnis. Aber eins bleibt merkwürdig. Die richtige
+Kraft steckt doch nur in dem Alleröbersten und in dem Alleruntersten.
+Der Mist treibt, und die Blüte oben, die zeugt, &mdash; was dazwischen liegt,
+Jünging, das wird Grummet und Spreu. Aber laß man, eins macht mich doch
+vor allen Dingen stolz, kuck, in diesen meinen Wagen hier kehrt doch zur
+Zeit alles zurück, was jetzt wer weiß wie weit verstreut liegt. Ich fahr
+mal die ganze Welt spazieren. Verstehst du das?«</p>
+
+<p>»Hm,« murmelte ich.</p>
+
+<p>»Du bist doch ein rechter Dummerjahn,« brummte der Alte. »Ihr seid
+überhaupt alle recht dämlich und bildet euch zuviel ein. Wozu fragst du
+nun nach Line und Hann, und Bruno und oll Kusemann, nach Siebenbrod und
+die anderen? Das kommt, weil ihr immer glaubt, jeder lebe nach seinem
+eigenen Kopf. Prost Mahlzeit, das haben euch bloß eure Büchermacher
+eingeredet, in Wahrheit verhält es sich ganz anders. Ich will es dir
+sagen, die Hauptsache sind die Jahren, &mdash; verstehst du das?«</p>
+
+<p>»O ja,« versetzte ich bekümmert, obwohl es mir merkwürdig im Kopf
+summte, denn das Schneetreiben wurde so arg, daß mir die Ohren schon
+halb verstopft lagen und ich nur noch undeutlich vernahm, wie der Alte
+müde die Peitsche schwang.</p><p><span class="pagenum"><a name="Page_103" id="Page_103">103</a></span></p>
+
+<p>»Also du verstehst mir, mein Jünging,« fuhr er fort, &mdash; »hüh, denn man
+weiter. Ja, also die Jahren bleiben die Hauptsache. Die Jahren kommen
+einfach zu die Menschens heran und holen sie ab. Zu allerlei Taten. Ob
+das Menschenkind will oder nicht, das is ganz gleich. Die Jahren wollen.
+Die sind nun eingeteilt, wie beim Kommiß die Soldaten. Weißt du, welche
+zuerst kommen?«</p>
+
+<p>»Nein.«</p>
+
+<p>»Zuerst kommen die Traumjahren.«</p>
+
+<p>»Wie meinst du das, oll Chronos?«</p>
+
+<p>Der Alte schüttelte das Haupt, als ob er den Namen nicht gern höre, dann
+fuhr er fort: »Na, also, die Spiel- oder Einbildungsjahren. Die laufen
+dir wie die lütten Kinder die Musikusse voran und hantieren dir mit
+Sonne, Mond und Sternen, ja, sogar mit dem lieben Gott selbst, als ob
+das Puppen wären. Aber dafür sind die Jahre auch die glücklichsten, denn
+eine Einbildung macht immer glücklich. &mdash; Begreifst du mir?«</p>
+
+<p>Ich nickte. Mein Atem dampfte in dem Schneegewimmel. Es war bitterlich
+kalt.</p>
+
+<p>Der Gott kroch tiefer in seinen Schafpelz.</p>
+
+<p>»Siehst du,« hustete er, »die Einbildungsjahren hatten Hann und Line
+grade abgeholt, als du sie kanntest. Nu is das auch schon sieben Jahre
+her. &mdash; Nachher kommen dann die Lehrjahren. Die marschieren am besten,
+denn die werfen die Beine gewissermaßen noch so unter dem Kommando. Eins
+&mdash; zwei &mdash; eins &mdash; zwei. Da klappt noch alles. Sieh, bei Line und Hann
+freilich, da ging das damit schnurrig zu. Was sie war, die Dirn, die
+hatte den richtigen Heißhunger und auch den Kopf dazu. So kam es denn,
+daß der spaßige Pastor Witt, den sie damals darum bat, und der das Ding
+auch gern leiden mochte, ihr eine ganze Menge beigebracht hat. Natürlich
+alles man so im Vorbeigehn, verstehst du, aber sie weiß doch nun überall
+Bescheid, von dem alten Fritz und Luthern, und lauter solche Leute; und
+daß die Erde sich im Kreis rum küseln soll, worüber ich aber lache<span class="pagenum"><a name="Page_104" id="Page_104">104</a></span>. &mdash;«</p>
+
+<p>»Und Hann?«</p>
+
+<p>»Je, mit dem stand das anders. Als der arme Jung so mit ansehn mußte,
+wie die Dirn zu Pasters lief, und was sie da alles hörte, und wie sie
+immer feiner wurde und beinah ein Fräulein, da setzte er sich das in den
+Kopf, Pastor Witt müßt ihm auch helfen. Dadurch betrieb er die Fischerei
+leider man recht nachlässig, saß ganze Nächt' in dem Boot wie im Traum
+da und hat von Siebenbrod, der allmählich ein recht geiziger Filz
+geworden ist, und der immer nur das Wort im Mund führt »sparen, sparen«,
+manchmal erbärmliche Hiebe mit dem Tauende bekommen. Aber glaubst du
+wohl, daß das was nützte? Nicht einen Happen. Der Jung wurd' bloß immer
+stiller und in sich gekehrter, und eines Sonntags, als er in der Kirche
+die Predigt mit angehört hatte und sie zu Ende war und der muntere
+Pastor Witt in die Sakristei ging, wo Küster Bollentin immer mit einem
+Glas Wein auf ihn warten muß, da ging er ihm nach. Und da stand er nun
+vor ihm und drehte an seiner Mütze und sagte endlich: &gt;Herr Paster,&lt;
+fragte er, &gt;is es wahr, was Line sagt, daß sich die Erde dreht?&lt;</p>
+
+<p>»&gt;Ja,&lt; meinte Pastor Witt ein bißchen verwundert, &gt;das hat sie so an sich.&lt;</p>
+
+<p>»Da fragte Hann weiter: &gt;Herr Paster, wie muß ich das anstellen, daß ich
+von dem Drehen auch was merken tu'?&lt;</p>
+
+<p>»Da hat nun Pastor Witt recht laut und herzlich aufgelacht, was ich sehr
+unrecht von ihm find', und hat zu Küster Bollentin gesagt: &gt;Kuck Er sich
+eins den Jungen an. Das ist ein Philosoph.&lt; Und nachher hat er ihm so
+behaglich auf dem Kopf herumgetätschelt und hinzugefügt: &gt;Hör eins, mein
+Jünging, ich will dir was sagen, das Drehen kannst du auf dreierlei
+Arten merken. Erstens, wenn du später auf einen Tanzboden gehst. Oder
+zweitens, wenn du mir mal helfen wolltest, wenn ich grad meinen
+Malagawein abzieh' &mdash; was? Küster Bollentin, dann merkt man's. &mdash; Und am
+allerbesten, sobald du dich mal in ein recht gelehrtes, unverständliches
+Buch vertiefst. Sieh, wenn du da nicht die Drähnung<span class="pagenum"><a name="Page_105" id="Page_105">105</a></span> kriegst, dann hast
+du keine Anlage dazu. Aber laß man, ich mach bloß Spaß.&lt;</p>
+
+<p>»&gt;Herr Paster,&lt; hat nun Hann gerufen, und die Tränen traten dem Lümmel
+in die Augen, und er hielt den geistlichen Herrn ordentlich an seinem
+Talar fest, &gt;darf ich nicht auch mal mitkommen, wenn Sie Line solche
+Bücher zeigen?&lt;</p>
+
+<p>»&gt;Ja, warum nicht?&lt; meinte Pastor Witt und kratzte sich ein bißchen
+verlegen im Haar. &gt;Aber wozu willst du das?&lt;</p>
+
+<p>»&gt;Oh, Herr Paster,&lt; schluchzte Hann, &gt;damit Line nicht so stolz wird, und damit ich wieder
+mit ihr sprechen kann, so wie früher.&lt; Und dabei schüttelte es ihn durch
+alle Glieder.</p>
+
+<p>»Sieh, da wurd' der dicke kleine Herr Pastor ganz stutzig und trat
+zurück und kuckte sich den heulenden Jungen aufmerksam von allen Seiten
+an und sagte endlich zu dem Küster, aber ganz leise: &gt;Bollentin, weiß
+Er, was ein Roman is? &mdash; Ja? &mdash; Na also, hier steckt einer.&lt; Und dann
+gab er Hann kurz die Erlaubnis und schob ihn sacht zur Sakristei
+hinaus.«</p>
+
+<p>Hier machte der Mistkutscher eine Pause und horchte über das knackende
+Feld, über das ein merkwürdig hallender Ton hinwegzog. »Hörst du?«
+keuchte er und schlug, lang ausholend, auf seine beiden Schimmel ein.
+»Dort drüben meldet sich all die Dorfuhr. Es ist dreiviertel auf zwölf,
+und Silvester muß ich an Ort und Stelle sein, &mdash; hüh.«</p>
+
+<p>Mit einem Ruck zogen die beiden Gäule stärker an, und der Dampf, der aus
+ihren Nüstern quoll, umlagerte uns wie eine schwebende Wolke. Rechts und
+links tauchten jetzt große Schneemassen auf, aus denen Lichter blickten.
+Das waren aber nur versunkene Häuschen, die aus ihrem Daunenbett
+herauslugten.</p>
+
+<p>Oll Chronos wies mit seiner Peitsche auf sie: »Da drin brennen sie nun
+die Tannenbäume vom Weihnachtsabend ab. Ja, ja &mdash; allens hat seine Zeit.
+Anzünden und Auslöschen.«</p>
+
+<p>Inzwischen erreichten wir den Fluß. Scharf fegte hier der Wind<span class="pagenum"><a name="Page_106" id="Page_106">106</a></span> über die
+vereiste Bahn, und unten am Abhang heulte etwas, was wie der
+Folterschrei eines bösen Geistes klang.</p>
+
+<p>Der Alte lachte: »Das is ein Fuchs,« murmelte er, »graul' dir nicht &mdash;
+das Biest hat Hunger.«</p>
+
+<p>Erst als wir die große Biegung hinter uns hatten, wagte ich von neuem an
+meinen Gefährten die Frage, ob Hann bei Pastor Witt nun wirklich ein
+Philosoph geworden wäre.</p>
+
+<p>»Je.« Der Alte wiegte den Kopf und schüttelte sich ein wenig, um sich
+die Flocken abzustäuben: »I, was denkst du? Daraus wurd' ja nichts. Der
+Paster merkte ja gleich, daß mit richtige Bücher bei Hann nichts
+auszurichten wäre. Und darin geb' ich ihm auch Beifall. Denn sieh, als
+der Herr Paster das vortrug, was sie so Schöpfungsgeschichte nennen tun,
+da wollte Hann davon nichts wissen und kam so beiläufig damit heraus,
+die Schöpfungsgeschichte hätte einen Fehler. Nu nimm bloß mal an, einen
+Fehler, sagte der Bengel.«</p>
+
+<p>»Na, und was gab der Herr Pastor hierauf zur Antwort?«</p>
+
+<p>»I, der sah sich zuerst ganz düsig in der Stub' um und kuckte auf Line,
+die auch ganz rot vor Ärger dasaß, und fragte endlich bloß &gt;wieso?&lt; Na,
+und was glaubst du nu woll, womit der Lümmel zu Raum kam? &mdash; Es hatte
+sogar ordentlich einen Sinn: &gt;Herr Paster, sagen Sie mich mal,&lt; fing er
+an, &gt;die Pferde arbeiten den ganzen Tag, und die Kühe geben Milch, und
+von den Schafen schert man Wolle; und dafür, daß sie das all tun, da
+haben die armen Kreturen keine Seele bekommen und sind doch auch etwas
+Lebendiges; aber der Mensch, der sie totschlägt und auffrißt, der hat
+eine. Herr Paster, ist das auch Güte?&lt; Sieh, da wußt nu Paster Witt
+nichts drauf zu antworten, und sah bloß in sein Buch und machte den
+Finger naß und schlug heftig eine Seite nach der andern um, bis er
+endlich verdrießlich vorbrachte, daß sich über so was ein richtiger
+Christenmensch keine Gedanken zu machen habe.«</p>
+
+<p>»Ein höllischer Jung,« warf ich dazwischen.</p>
+
+<p>»Ja, Menschenkind, das meinst du woll,« sagte der Gott, »aber<span class="pagenum"><a name="Page_107" id="Page_107">107</a></span> als sie
+nun in der biblischen Religion so allmählich bis zu die Geschicht' von
+Adam und Eva'n und den Sündenfall vorgerückt waren, sieh, da wollte Hann
+wieder durchaus nicht mit, indem er verstockt den Kopf schüttelte, so
+daß sich der kleine Paster jetzt schon ganz ungeduldig danach
+erkundigte, was denn nu all wieder los wäre. &mdash; Und daraufhin packte
+Hann seine dummen Gedanken in der Art aus, daß er sagte: &gt;Herr Paster,
+nehmens nicht übel, die Geschichte mit der Rippe von Adamen, und daß
+daraus Eva geworden, das haben sich die Pastoren wohl bloß eingebildet,
+denn der Mann hat dabei nichts zu suchen, wir stammen alle von die
+Frauensleut ab.&lt; Und weil der Bengel dabei nicht merkte, wie der Paster
+hier ganz erschrocken auf die kleine Line hinblickte, setzte er noch
+hinzu: &gt;Und bei die Tiere ist das grad so! &mdash; Ich war erst neulich
+dabei, wie Nachbar Piepern seine weiße Kuh ein lüttes Kalb geworfen
+hat.&lt;</p>
+
+<p>»&gt;Junge,&lt; rief hier der geistliche Herr und stand heftig auf, indem er
+ihn derb zurechtweisen wollte, aber Hann war noch nicht fertig und fügte
+noch rasch bei: &gt;Und, Herr Paster, wenn sie auch Adamen und Eva'n aus
+dem schönen Paradies rausgetrieben haben, wie kommt es, daß wir andern
+nicht wieder rein können? &mdash; Wir haben ja doch keine Äpfel gegessen? Ich
+mag überhaupt keine Äpfeln, ich ess' Plummen viel lieber. Und denn, Herr
+Paster, wegen so'n einzigen Appel. &mdash; Bei Schullehrer Tollen hängen
+lauter Äpfeln über den Zaun, und das sind noch dazu Rinetten; aber Herr
+Toll tut so, als ob er das Mausen von die Schulkinder gar nicht merke,
+und is doch man en Schullehrer und noch lange nich der liebe Gott.&lt;«</p>
+
+<p>»Ein ganz niederträchtiger Kujohn,« warf ich darein.</p>
+
+<p>»Ja, das meinst du woll,« knurrte der Mistkutscher behaglich und
+wackelte mit dem Kopf.</p>
+
+<p>»Na, und was wurd' nu draus?«</p>
+
+<p>»Ja, das kannst du dir nicht denken. &mdash; Das kam anders, als mit Petrus
+und Paulussen. Gib Achtung. Zuerst saß der kleine<span class="pagenum"><a name="Page_108" id="Page_108">108</a></span> Herr Pastor da und
+war ganz rot im Gesicht, und man wußte nicht, ob er ärgerlich war, oder
+ob er lachen wollt. Dann stand er auf und ging mehrmals in der Stub auf
+und ab, und endlich gab er Hann die Hand und forderte ihn auf, er möchte
+eins mit ihm mitkommen. Da standen sie nu beide draußen vor dem
+Pastorhaus, und es war so ein recht stiller, frischer Vorfrühlingstag;
+an allen Bäumen lag noch fußhoch der Schnee, und die Birken an dem
+Kirchhof trieben doch bereits ihren ersten grünen Schuß in die Höhe. Da
+sagte der geistliche Herr und strich Hann dabei gütig über die Backens:
+&gt;So, mein Jung, nun kann ich dich nicht mehr länger unterrichten. Du
+gehörst zu ganz andern Lehrern.&lt; Und als Hann mit großen Augen fragte,
+was das für welche wären, da zeigte Pastor Witt so unbestimmt umher,
+bald auf die liebe Sonn' und bald auf den Fluß, ja wahrhaftig sogar auf
+Coeur, seinen schwarzen Pudel, und erklärte endlich: &gt;Ja, die mein' ich.
+Die können dir viel mehr sagen als ich. Und die verstehst du auch
+besser. So, mein Jünging, und nun laß dir von meiner Frau noch eine
+Pflaumenmusstulle geben. Und damit Gott befohlen und Adschö.&lt;«</p>
+
+<p>Als oll Chronos bis hierhin erzählt, krümmte er sich unter der Last des
+Schnees zusammen und schien in seine eigenen Gedanken versinken zu
+wollen. Wenigstens lallte er unverständliche Worte vor sich hin und hob
+öfter schief das Haupt gegen den eisigen Wind, wie wenn er lausche.</p>
+
+<p>Von vorn kam dem Wagen eine dunkle Gestalt entgegen; die rief uns durch
+Nacht und Schneetreiben etwas zu:</p>
+
+<p>»Prost Neujahr!«</p>
+
+<p>Allein der Rosselenker schüttelte mißmutig den Kopf: »Is noch nich
+soweit, das weiß ich besser.«</p>
+
+<p>Wir fuhren fürbaß. Die Tüte leuchtete matter und matter, das Licht
+zuckte im Verenden. Der Alte holte aus der Tasche ein neues hervor und
+besah es sich. »Wieder ein anderes,« murmelte er, »wird auch nicht
+besser brennen.« Mir aber war vor dem Mistkutscher jede Scheu so
+gewichen, daß er mir gar nicht mehr gespenstisch<span class="pagenum"><a name="Page_109" id="Page_109">109</a></span> erschien. Und als die
+ersten Lichter von Moorluke vor uns aufblinkten, da hatte ich so
+ziemlich alles aus ihm herausgefragt.</p>
+
+<p>Hann ist in den sieben Jahren ein Träumer geblieben. Das, was er nicht
+gelernt hat, und worauf er nun überall selbst kommt, das steckt ihm
+schwer in den Knochen, das hat ihn ungelenk und ungenießbar gemacht.
+Siebenbrod verwendet ihn meistens dazu, die Fremden auf dem Bodden
+spazieren zu fahren. Zu etwas anderem ist er nicht recht zu gebrauchen.</p>
+
+<p>»Aber Line?«</p>
+
+<p>»Ja, die is nu all seit zwei Jahren bei einer Cousine von Hollander in
+der Stadt. Dewitz, glaub' ich, heißt das olle Fräulein. Bei die ist sie
+ja woll so ein Stück Gesellschafterin, und die Alte soll ihr ja noch
+immer weiter unterrichten und hellisch fein machen.«</p>
+
+<p>»Line muß doch bildschön geworden sein?«</p>
+
+<p>»Schön?« Der Alte begann zu kauen und grinste. »Je, darin seid ihr alle
+ja so furchtbar dumm. Sie ist in den Brunstjahren.«</p>
+
+<p>Hier unterbrach ich den Alten und fragte nach Bruno.</p>
+
+<p>Der arbeitete bereits seit drei Jahren in einer Filiale des Konsuls in
+Hamburg. Aber jetzt mit dem neuen Jahr sollte er zurückkommen. »Das is
+en pikfeiner Bengel geworden. Mit Prinz-Albert-Rock und weite Hosen und
+braune Glacés!«</p>
+
+<p>»Und Paul?«</p>
+
+<p>Chronos schüttelte sich. Die Art mochte er nicht leiden. Der Kandidat
+hatte sich richtig mit Privatstunden durchs Examen gehungert. Von keinem
+hatte er etwas angenommen. Jetzt harrte er der Anstellung. »Ein
+richtiger Schwarzrock,« knurrte der Mistkutscher.</p>
+
+<p>»Achtung!«</p>
+
+<p>Wir kamen über die Moorluker Brücke. Und plötzlich legte mir der alte
+Gott seinen Arm um den Hals, daß eine niegefühlte Kälte durch meine
+Brust schnitt, und flüsterte mir ins Ohr, als gälte es ein Geheimnis:
+»Jünging, die Brunstjahren, vor die hüt dir, das<span class="pagenum"><a name="Page_110" id="Page_110">110</a></span> sind die stärksten, da
+hab' ich meinen meisten Spaß dran. &mdash; Dann kommen die Schaffensjahren,
+und ganz zuletzt, zu allerletzt die Wartejahren. Weißt du, was die sind?
+Dann is es richtiger Winter, und ich komm' wieder angefahren und hol'
+dich ab, aber dahinten &mdash; kuck, hier.«</p>
+
+<p>Er zeigte auf seine Ladung.</p>
+
+<p>Ein Windzug löschte das Licht aus. Bim &mdash; bum hallte es verschlafen vom
+Moorluker Kirchturm.</p>
+
+<p>»Zwölf,« sprach der Alte aus der Dunkelheit.</p>
+
+<p>Wir hielten vor oll Kusemanns hell erleuchtetem Häuschen. Der Lügenlotse
+selbst stand im Hausflur, in der einen Hand hielt er seine Laterne hoch
+in die Nacht und schwang in der andern ein Bowlenglas: »Jünging,
+Jünging, Prost Neujahr &mdash; Prost Neujahr &mdash; komm rein, hier drin bei mir
+sitzen alle Professoren von der Universität. Und dich kann Alwining auf
+ihren Schoß nehmen, ich erlaub's.«</p>
+
+<p>»Steig ab,« forderte der alte Gott.</p>
+
+<p>»Und du?« fragte ich, nachdem ich herabgeklettert.</p>
+
+<p>»Na, ich fahr noch ein Stück.«</p>
+
+<p>Er trank ein Glas Bowle, das ihm oll Kusemann heraufreichte, entzündete
+an der Laterne des Lotsen sein neues Licht, und bald sah ich, wie der
+Wagen um die nächste Ecke bog.</p>
+
+<p>Der Alte knallte mit der Peitsche.</p><hr class="chap" /><p><span class="pagenum"><a name="Page_111" id="Page_111">111</a></span></p>
+
+
+
+
+<h3>III</h3>
+
+
+<p>»Die Hyazinthen blühen,« rief Line, während sie an dem dick vereisten
+Fenster die Gläser mit den aufbrechenden Knollen zurechtrückte: »Sehn
+Sie bloß, Fräulein, die letzte ist auch rot geworden. Jetzt haben wir
+nur rote und weiße.«</p>
+
+<p>Es war Neujahrsmorgen.</p>
+
+<p>In dem gemütlichen Stübchen lag heller Wintersonnenschein. Alles prangte
+in dem Altjungferzimmer von Sauberkeit; der braunlackierte Fußboden, die
+gelblackierten Korblehnstühle, der Mahagonitisch, welcher ebenfalls
+Lackglanz ausstrahlte, ja selbst die Fensterbretter redeten in ihrem
+weißen Schimmer davon, daß das alte Fräulein Dewitz die Eigentümlichkeit
+besaß, nach jedem Besuch den etwa entweihten Glanz ihres
+Schmuckkästchens durch eine allgemeine Lackierung wieder aufzufrischen.</p>
+
+<p>Und nun erst die beiden Betten, die man nebenan aus dem Alkoven
+hervorschimmern sah. Es schien beinah unmöglich, daß sich an diesem
+schneeigen Weiß jemals Menschenhände vergriffen haben sollten.</p>
+
+<p>Die allergrößte Sauberkeit jedoch, nein, förmlich eine Art Leuchtkraft
+der Reinlichkeit strahlte die Besitzerin dieser lackierten Räume selbst
+aus.</p>
+
+<p>Da saß sie in ihrem Korblehnstuhl, in dessen gelbem Lack freundlich die
+Sonne widerglitzerte, trug eine blankgeputzte Brille auf dem
+Stumpfnäschen und las Neujahrsgratulationen, die auf ihrem Schoß
+unwillkürlich ein höheres Weiß angenommen hatten.</p>
+
+<p>Lange murmelte sie so halblaut vor sich hin. Dann wurde sie gestört.</p>
+
+<p>»Sehn Sie bloß, Fräulein,« rief Line noch einmal. »Diese<span class="pagenum"><a name="Page_112" id="Page_112">112</a></span> schönen Farben
+und wie sie duften; das ganze Zimmer ist voll davon!«</p>
+
+<p>»Du sollst nicht Fräulein sagen,« verwies die grauhaarige Dame und
+schüttelte zwei große Locken, die einen glatten Scheitel flankierten.</p>
+
+<p>»Tante,« verbesserte sich Line.</p>
+
+<p>»Gut &mdash; so klingt es liebevoller. &mdash; Zwar, wenn wir allein sind, dann
+höre ich es auch gern, wenn du mich &gt;du&lt; nennst. Vor Fremden freilich
+bleibt das &gt;Sie&lt; mehr am Platz. Denn bei der heutigen Jugend, meine ich,
+muß man auf Respekt halten. Das ist nötig.«</p>
+
+<p>»Gewiß,« bestätigte Line, die gar nicht gehört hatte, jedoch der alten
+Dame nie widersprach. »Darin hast du ganz recht, Tante.«</p>
+
+<p>»Ja, ja,« fuhr das gute Fräulein fort und befeuchtete sich ihre
+Unterlippe, was sie wohl in ihren langen Dienstjahren als
+Handarbeitslehrerin angenommen, »du bist nun die letzte, die ich
+erziehe. Gott ja, wenn ich so zurückdenke, &mdash; und am Neujahrsmorgen
+kommt einem das so unwillkürlich &mdash; dreißig Jahre hab' ich all die
+kleinen Mädchen vor mir sitzen gesehn und habe sie nähen, stricken und
+sticken gelehrt &mdash; jede hatte ihren eigenen Knäuel, den sie bei mir
+kaufen mußte &mdash; und ich rechnete genau dasselbe dafür, was er mich
+selbst kostete. &mdash; Lieber Gott, es ist wahr, manche stellte sich gar zu
+ungeschickt an; aber schließlich &mdash; lernen mußten sie es eben, denn
+damals wurde das nicht allein von der Familie, sondern auch vom Staat
+verlangt. &mdash; Ja, siehst du, mein Döchting, ich hab' oft darüber
+nachgedacht, damals legte man noch mehr Gewicht darauf, daß in den
+kleinen Dingern so allmählich eine rechte Stille und Ruhe groß würde,
+und dazu &mdash; das weiß ich gewiß &mdash; dazu war grade mein Fach so recht
+geeignet. Wenn sich die frischen Gesichter beim Häkeln herabbeugten und
+dabei zählen mußten: &gt;Eins, zwei, drei &mdash; feste Masche &mdash; eins, zwei,
+drei &mdash; Stäbchen &mdash;,&lt; siehst du, dann kam ordentlich etwas
+Hausmütterliches in sie hinein. Es war rührend anzusehn. Jetzt ist das
+alles anders.«</p>
+
+<div class="figcenter" style="width: 400px;">
+<img src="images/oppos_112.jpg" width="400" height="625" alt="Illustration" />
+</div>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_113" id="Page_113">113</a></span></p>
+
+<p>Das alte Fräulein seufzte ein wenig, befeuchtete die dicke Unterlippe
+mit der Zunge und vertiefte sich in einen neuen Brief, den sie eben
+entfaltet hatte.</p>
+
+<p>Eine Zeitlang hörte man nichts als das Murmeln von Fräulein Dewitz und
+das frische Knacken der Holzklötze, die in dem blankgescheuerten, weißen
+Ofen lustig brannten.</p>
+
+<p>Dann klang ein halbes Kichern durch den Raum, und Line, die noch immer
+abgewandt am Fenster lehnte, reckte ihre schlanke Gestalt.</p>
+
+<p>»Lachtest du?« fragte das alte Fräulein, erstaunt von ihrem Briefe
+aufsehend.</p>
+
+<p>»Bewahre,« beteuerte Line, während sie mit ihrem Finger ein kleines
+Guckloch in die Eisscheiben malte.</p>
+
+<p>»Aber es klang doch so.«</p>
+
+<p>»Ich habe nur gehustet,« versetzte das junge Mädchen ganz ruhig, indem
+sie jetzt bereits durch den kleinen Kreis auf die Straße
+hinausblinzelte.</p>
+
+<p>»Ja, ja, du mußt dich vor Zugluft in acht nehmen,« ermahnte die Tante.
+»Vom Zuge kommen alle Krankheiten. Viele meiner älteren Bekannten tragen
+dagegen auch stets ein paar Katzenhaare in der Tasche.«</p>
+
+<p>Wieder setzte sie das Murmeln fort, und so merkte die alte Dame nichts
+mehr davon, wie sich das Mädchen geschmeidig vorbeugte, wie durch die
+angespannten Glieder ein kurzes, unterdrücktes Lachen bebte, und daß
+sich über das Gesicht jener seltsame belebende Zug verbreitete, ein
+Aufstrahlen, das die Lehrerin nun schon seit Jahren als unbegreiflich
+bei dem sonst folgsamen Geschöpf zu unterdrücken bemüht war.</p>
+
+<p>Auf der anderen Seite der Straße wanderte zur selben Zeit eine
+untersetzte stämmige Gestalt auf und ab, ungelenk, in blauer
+Düffelschifferkleidung, einen ungeheuren grauen Schal um den Hals, und
+bis unter die blaue Mütze mit Sommersprossen bedeckt, die auch im Winter
+nicht abblaßten. Unter beiden Armen aber<span class="pagenum"><a name="Page_114" id="Page_114">114</a></span> trug die Gestalt je einen
+mächtigen Korb, deren Deckel sie ab und zu lüftete, um dann, nach einem
+Seitenblick auf das wohlbekannte Blumenfenster, rasch wieder beschämt
+vorüberzutraben.</p>
+
+<p>Das war Hann Klüth, der gegen den Widerspruch des geizigen Siebenbrod
+alljährlich am Neujahrsmorgen eine hochgepackte Sendung Blut- und
+Leberwürste sowie zwei schneeweiße, lebende Gänse in diesen Körben zu
+Fräulein Dewitz beförderte. Allein jedesmal bedurfte es größerer
+Energie, um ihn das schmale Holztreppchen hinaufzubringen. Bei Fräulein
+Dewitz war alles so vornehm, und wenn das alte Fräulein ihn mit
+wohlwollender Herablassung in einen ihrer gelben Lehnstühle
+niedernötigte und Line ihn lachend fragte, ob er die Gänse auch selbst
+gestopft hätte, oder wann er wieder einen Hecht unter dem Eise stechen
+würde, dann empfand Hann stets eine Unbehaglichkeit, eine innere
+Erniedrigung, die er sich selbst nicht gern eingestehen wollte.</p>
+
+<p>Warum Line ihn wohl so fragte? &mdash; Und weshalb sie stets die Lippen zu
+solch eigenartigem Lächeln verzog, so oft sie seiner ansichtig wurde?
+Ja, ja, es war richtig, sie war bei Fräulein Dewitz eine wirkliche junge
+Dame geworden, die auf dem Kapitänsball und bei dem Studentenball
+getanzt und sehr viel gelernt hatte, aber er &mdash; Hann Klüth &mdash; das wußten
+alle andern man nich &mdash; und dabei lachte er während des Hintrabens
+wehmütig-stolz auf das schneebedeckte Trottoir hinab &mdash; er war auch gar
+nicht so dumm geblieben. Ja, das ahnten sie man alle nich, wieviel er
+ebenfalls sich herausgeklüstert hatte, während der langen Boddenfahrten
+bei Tage und bei Nacht. Er hatte so seine eigene Ansicht über das
+meiste, was man sehen und denken konnte. Sie brauchte zwar nicht die
+richtige zu sein, das nicht; aber er hatte doch eine. Und das Denken, &mdash;
+das von eins auf zwei kommen, und von da in die großen Zahlen hinein,
+das war nun mal sein einziges Vergnügen. Das hatte er gegen all die
+Püffe von Siebenbrod und die Tränen von Mudding und mit alleiniger
+Unterstützung des Lügenlotsen oll Kusemann durchgesetzt.</p><p><span class="pagenum"><a name="Page_115" id="Page_115">115</a></span></p>
+
+<p>»O je &mdash; nehmens nich übel,« stotterte Hann aus seinen Gedanken heraus
+und starrte erschrocken auf den schlanken Studenten mit der blauen
+Korpsmütze, mit dem er eben während seines Trotts zusammengestoßen war.</p>
+
+<p>»Donnerwetter &mdash; Mensch &mdash; nehmen Sie sich doch in acht,« schnauzte der
+junge Herr aufgebracht, denn es war ihm sofort klar, daß Line, welcher
+er gegenüber wohnte und der er um diese Zeit stets eine kleine
+Fensterpromenade schnitt, das lächerliche Zusammenprallen mit diesem
+Bauerntölpel bemerkt haben müsse.</p>
+
+<p>»Nehmens nich übel,« entschuldigte sich Hann noch einmal, »ich habe
+Ihnen nich gesehn.«</p>
+
+<p>Doch der Musensohn mußte den armen Fischer erst noch etwas gründlicher
+seine Überlegenheit fühlen lassen: »Was geht mich das an?« schimpfte er
+fort, während sein brauner Neufundländer wütend gegen Hann zu knurren
+begann, »soll ich Ihnen vielleicht zuerst ausweichen?«</p>
+
+<p>»Je, wenn Sie mich zuerst sehen?« meinte Hann ehrlich.</p>
+
+<p>»Dummkopf Sie,« schrie der Student, der es in der »natürlichen«
+Philosophie noch nicht so weit gebracht hatte, »wenn Sie nicht solch ein
+Schafskopf von einem Esel wären &mdash; &mdash; &mdash;«</p>
+
+<p>»Ich weiß woll, studiert hab' ich nich,« sprach Hann gelassen dagegen,
+und nachdenklich setzte er hinzu, »ich dacht' mich bloß, die offenbare
+Straße wäre für jedwereinen da, denn wozu wäre sie sonst so breit? Und
+wenn ein feiner Herr von einem gewöhnlichen Mann nicht gestoßen werden
+möcht', daß es dann besser wär', er ging' ihm aus dem Weg.«</p>
+
+<p>Das war nun eine Probe des gewundenen Denkens, das Hann sich angewöhnt
+hatte, für das aber ein Lehrstuhl an der kleinen Universität noch nicht
+existierte. Sein Gegner warf ihm deshalb auch nur einen einzigen
+wütenden Blick zu, und in dem Bewußtsein, die Gattung des Korbträgers
+jetzt erst felsenfest fixieren zu können, rief er noch verächtlich:
+»Kamel,« und stürzte triumphierend davon.</p><p><span class="pagenum"><a name="Page_116" id="Page_116">116</a></span></p>
+
+<p>»Je, wieso?« sprach Hann in sich hinein und sah dem blauen jungen Mann
+zweifelnd nach. »Ein Kamel, als wie sie es damals in der Menagerie hier
+zeigten, das is ja doch ein Vieh, wie sie es in den großen Wüsten zum
+Transport gebrauchen, und was ja auch, wie oll Kusemann sagt, einen
+natürlichen Wassersack haben soll. Warum sie nun aber wohl so einen
+nützlichen Tiernamen als Schimpfwort anwenden? Das möcht ich wissen. &mdash;
+Auch &gt;Hund&lt; und &mdash; &mdash;« Aber weiter kam er nicht in seinem Hinsinnen.
+Denn oben an dem Blumenfenster öffnete sich ein Flügel und eine helle
+Stimme rief halblaut herunter: »Hann!«</p>
+
+<p>Der Schiffer zuckte zusammen.</p>
+
+<p>Diese Stimme hatte noch immer für ihn etwas Weckendes, Alarmierendes.
+Allerdings in den langen Jahren, in denen er nun schon von Line getrennt
+lebte, hatte er längst eingesehen, daß der Abstand zwischen ihnen beiden
+ein unermeßlicher geworden. Sie, eine Stadtdame, die bei Konsul
+Hollander zu Tisch aß &mdash; und er, der Bootsmann von Siebenbrod, der für
+eine Mark die Studenten auf dem Bodden spazieren fuhr. &mdash; Ne, ne, die
+Zeiten, wo sie seine Braut war, wo oll Kusemann sie beide im Abendnebel
+getraut, und wo sie Hann vor Angst zitternd geküßt hatte, die waren
+vorüber. Für immer. Bloß das Drandenken, das blieb schön. Und das tat er
+auch. Ohne daß einer es ahnte. An den langen Winterabenden, wenn
+Mudding, Siebenbrod und er neben dem Herde in der Küche saßen und Netze
+flickten und der scharfe Fischgeruch sich mit dem Torfbrodem mischte,
+dann sann er und sann. Und wenn dann eine Möwe an der Mauer mit scharfem
+Flügelschlag vorüberstrich, dann glaubte er, die flinke, kleine Line
+husche wieder durchs Haus; und wenn er die Reiher auf dem Eise tanzen
+sah, dann dachte er daran, wie Line tanzen konnte. Auch an den Tanz in
+der Schenke, ein paar Wochen nachdem der Vater gestorben, mußte er sich
+erinnern. Ja, ja, wie hübsch ihre Röcke damals wirbelten &mdash; hm &mdash;</p>
+
+<p>»Hann,« rief die helle Stimme noch einmal. Hann fuhr zum<span class="pagenum"><a name="Page_117" id="Page_117">117</a></span> zweiten Male
+empor und begann sich heftig zu schämen. Richtig, jetzt hatten ihn die
+»verfluchtigen Gedankens«, die so oft über ihn kamen, jetzt hatten sie
+ihn auf offener Straße in ihre Gewalt bekommen, so fest, daß er beinah
+vergessen hatte, weswegen eigentlich die Körbe an seinen Armen hingen.
+Nun half es nicht länger, jetzt mußte er hinauf. Ohne den Blick zu
+erheben, lüftete er die Mütze vor Line und stieg die schmale, gewundene
+Holztreppe in die Höhe.</p>
+
+<p>»Oh,« rief Fräulein Dewitz, nachdem er mit einem Kompliment die Körbe
+vor ihr niedergesetzt, »Lining, sieh her, ich glaube gar, das ist ein
+Geschenk für uns. Was das wohl sein mag?«</p>
+
+<p>Line antwortete nicht. Mit ihrem leisen verhaltenen Lächeln stand sie
+noch immer am Fenster und sah mit an, wie Hann ungeschickt in den Korb
+griff, um eine der Gänse am Halse in die Höhe zu bringen.</p>
+
+<p>»Ei der Tausend &mdash; eine Gans,« verwunderte sich Fräulein Dewitz, obwohl
+dieser Transport in ihrem Haushalt schon lange vorher berechnet war.
+Aber die gute alte Dame glaubte den Spendern durch ihr jedesmaliges
+Erstaunen eine Freude bereiten zu müssen. »Und was mag wohl in dem
+andern Korb sein?« fuhr sie fort und leckte sich im Vorgeschmack die
+Lippen. »Das sind doch nicht etwa &mdash; &mdash; &mdash;?«</p>
+
+<p>»Ja, Madamming,« unterbrach Hann, »Würste.«</p>
+
+<p>»Nein, wie aufmerksam,« lobte die Handarbeitslehrerin, und dann machte
+sie mit ihrer gepflegten weißen Hand eine einladende Bewegung, damit
+sich Hann in den Korbstuhl ihr gegenüber niederlassen möchte.</p>
+
+<p>Allein das war der gefürchtete Moment. Hann blieb stehen, versuchte
+wieder eine Verbeugung und begann davon zu sprechen, daß heute Neujahr
+sei, und daß er herzlich gratuliere.</p>
+
+<p>»Ich danke Ihnen &mdash; ich danke Ihnen aufrichtig, lieber Herr Klüth,«
+sprach die alte Dame wohlwollend und vollführte nochmals ihre
+Handbewegung, die Hann jedoch nur von neuem erröten ließ.</p><p><span class="pagenum"><a name="Page_118" id="Page_118">118</a></span></p>
+
+<p>Und bei alledem stand Line und lächelte. Mit der linken Hand hatte sie
+nach dem oberen Riegel des Fensters gegriffen und lehnte den dunklen
+Kopf an den Arm. So bot sie ein hübsches, anmutiges Bild. Ein paarmal
+hatte Hann nach ihr hinübergeblinzelt, jetzt erst wagte er die Augen
+aufzuschlagen. Er erstaunte. Nein, was sah sie doch schlank und vornehm
+aus in dem enganliegenden blauen Tuchkleid. &mdash; Wie groß war sie
+geworden, wie hatte sie sich entwickelt.</p>
+
+<p>»Gratulierst du mir nicht auch?« fragte sie ein bißchen gönnerhaft.</p>
+
+<p>»Ja, Lining &mdash; dir auch,« brachte er hervor. Das »du« wollte ihm gar
+nicht recht aus der Kehle.</p>
+
+<p>»Dann gib mir doch die Hand,« forderte sie, wobei das Lächeln nicht von
+ihrem Antlitz weichen wollte.</p>
+
+<p>Da machte Hann einen Schritt vor, und als sie nicht näher trat, noch
+einmal einen und streckte zögernd den Arm nach ihr aus: »Da, Lining.«</p>
+
+<p>Mit einem mutwilligen Ausruf griff sie zu, heftig seine Hand schüttelnd:
+»Wie geht es der Mutter?« forschte sie rasch.</p>
+
+<p>»Oh, bis auf die Füße is sie noch ganz gut zu Weg.«</p>
+
+<p>»Und Siebenbrod?«</p>
+
+<p>»I, der hat ja kurz vor Neujahr drei Schweine zu unseren dazu gekauft.
+Wir haben ordentlich den Koben ausbauen müssen.«</p>
+
+<p>Wieder tönte von den Lippen des Mädchens ein kurzer, spöttischer Ton.</p>
+
+<p>Aber die alte Dame wies sie zurecht. Dabei wäre nichts zu spotten.
+Siebenbrod sei nur zu achten, weil er so sparsam sei und die Wirtschaft
+vermehre.</p>
+
+<p>»Ja, gewiß Tante,« lenkte Line sofort ein, die die alte Dame einen
+Moment vergessen hatte, und dann fragte sie in ihrer Eilfertigkeit Hann
+weiter, wie es ihm selbst ginge.</p>
+
+<p>»Oh, so weit ja ganz gut, Lining, bloß &mdash;«</p>
+
+<p>Er stockte.</p><p><span class="pagenum"><a name="Page_119" id="Page_119">119</a></span></p>
+
+<p>»Nun, was denn?«</p>
+
+<p>»Ich muß mich nämlich nun zu den Soldaten stellen.«</p>
+
+<p>»Du?«</p>
+
+<p>Mit einer plötzlichen Bewegung steifte sie ihren Arm und drehte Hann
+dabei etwas herum, als wünsche sie den künftigen Krieger von allen
+Seiten zu betrachten.</p>
+
+<p>»Nun, darauf freuen Sie sich wohl schon sehr?« warf die Tante
+dazwischen. »Es ist doch eine Ehre, dem Vaterlande zu dienen &mdash; wie?«</p>
+
+<p>Aber Hann schüttelte den Kopf und sah bekümmert auf den Fußboden: »Ne,
+Madamming, das tu' ich nich!«</p>
+
+<p>»Nicht?« riefen beide Frauen nun wie aus einem Munde.</p>
+
+<p>Hann erschrak und schlug seine hellen Augen nieder. Er merkte, daß hier
+etwas vorginge, was ganz gegen die Ansichten des alten Fräuleins
+verstoßen mochte. Anstatt jedoch nun seine Gedanken klarzulegen, wie er
+sie so oft bei sich selbst gehegt, etwa in der Art: »Soldaten? &mdash; Ne &mdash;
+werden die nicht extra dazu angelernt, wie man andere Leute ihre Kinder
+totschießt? Und dann &mdash; wenn ich in meinem Schifferrock einen umbring',
+dann werd' ich geköpft &mdash; aber in solch blau und rotem Rock krieg' ich
+dafür noch einen Orden. Da stimmt doch etwas nicht?«</p>
+
+<p>Statt all dieser guten Gedanken brachte er nur scheu hervor: »Nein, ich
+möcht' lieber nich unter die Soldaten.«</p>
+
+<p>Das alte Fräulein erhob sich: »So?« versetzte sie kühl. »Das ist ja
+sonderbar &mdash; hm &mdash;« Und mit den Worten: »Ich will nun doch mal nach der
+Küche sehn,« ging sie mit ihren langen, ehrbaren Schritten hinaus.</p>
+
+<p>Die beiden Kinder von Moorluke blieben allein. Langsam kauerte sich Line
+in den verlassenen Korblehnstuhl nieder, lehnte sich zurück und ließ
+ihre Stiefelspitzen leise gegeneinander klappen. Dann glitt wieder einer
+ihrer taxierenden Blicke über den ungelenken Besuch fort, und plötzlich
+lud sie ihn mit einer bestimmten Bewegung ein, ihr gegenüber Platz zu
+nehmen.</p><p><span class="pagenum"><a name="Page_120" id="Page_120">120</a></span></p>
+
+<p>Hann wagte es nicht. Er behielt seine Mütze in der Hand und blinzelte
+ehrerbietig zu ihr hinüber. Nein, wie überaus fein und zierlich er alles
+an ihr fand. Diese kleinen Halbschuhe, aus denen die schwarzen Strümpfe
+hervorlugten, und dann die schwarze Atlasschürze, die so glatt über den
+Hüften abschloß &mdash; &mdash; und wie sie sich jetzt kaum merklich hin und her
+wiegte, das schwarze Köpfchen seitlich an die Lehne gedrückt, während
+ihre dunklen Augen ab und zu zu ihm herüberblitzten, das erfüllte den
+großen Burschen schließlich mit solcher Freude, daß er immer
+wohlgefälliger mit dem plumpen Haupte nickte und mit der freien Hand
+wohlig am Knie auf und nieder fuhr.</p>
+
+<p>Mit einem Male beugte sich Line hastig vor, daß Hann beinah' einen
+Schrecken bekam, stützte die beiden Ellenbogen auf ihre Knie, wie sie es
+als Kind stets gepflegt, und über ihre Lippen kam es kurz und überlegen:
+»Sag', Hann, hast du schon eine Braut?«</p>
+
+<p>Hann hielt den Atem an und starrte ihr grenzenlos verdutzt, ja bekümmert
+in das feine Antlitz. O je, wie sollte er wohl zu einer Braut kommen?
+Wußte sie denn gar nicht, daß er nicht auf so was ausging, ja, daß er
+alle Frauen ängstlich vermied, weil &mdash; ja weil &mdash; &mdash;</p>
+
+<p>Er schüttelte mit einem wehen Zug um den groben Mund den Kopf und
+scheuerte wieder an seinem Knie auf und nieder.</p>
+
+<p>»Lining &mdash; oh &mdash;«</p>
+
+<p>»Na, was wär' denn dabei?«</p>
+
+<p>Ihr schien die große Verlegenheit des armen Menschen Freude zu bereiten.
+Und dann &mdash; immer mit dem angelehnten schmalen Gesichtchen plauderte sie
+weiter, leise, flüsternd, damit es das gute Fräulein Dewitz in der Küche
+nebenan nicht vernehmen könnte. Oh, es war doch ein so lang entbehrter
+Genuß, endlich wieder einmal unbeobachtet, jung und frisch und ungeniert
+necken und schwatzen zu dürfen.</p>
+
+<p>»Hann, da sind doch aber die beiden Töchter von Schullehrer Toll. Und
+die älteste, die hübsche, von der sie sagen, daß sie Krankenschwester<span class="pagenum"><a name="Page_121" id="Page_121">121</a></span>
+werden will, die hat neulich hier erzählt, wie du mit ihr getanzt hast.«</p>
+
+<p>Hann rückte hin und her.</p>
+
+<p>»Lining &mdash; das wohl &mdash; ich konnt' mir auch nich anders helfen.«</p>
+
+<p>»Aber die wär' doch was für dich,« fuhr sie fort. »Denk mal, wenn die
+nun bloß deinetwegen Krankenschwester werden wollte?« Und plötzlich
+faßte sie seine beiden Hände und brach in ein langes, fröhliches Lachen
+aus. Die Idee, Hann als Bräutigam der hübschen Schulmeisterstochter zu
+sehen, schien sie mit ungemeinem Behagen zu erfüllen. Merkte sie nicht,
+wie der arme Bursche immer blöder den Boden suchte, fühlte sie gar
+nicht, wie ihre Worte sich ihm immer enger und drückender ums Herz
+legten?</p>
+
+<p>Endlich erhob er sich; er überwand sich und sagte mit gepreßter Stimme:
+»Lining, das alte Fräulein kommt wohl nicht wieder. Da wird es Zeit, daß
+ich geh'.«</p>
+
+<p>Und wieder wagte er nicht, sie anzublicken, sondern stand und knöpfte
+langsam sein blaues Schifferwams zu.</p>
+
+<p>Line erhob sich. Mit leichten Schritten ging sie um ihn herum, immer ihn
+messend, als wäre des Spaßes noch nicht genug. Plötzlich huschte sie
+dicht an seine Seite, hob ihm kräftig das Kinn auf und zwang ihn so, sie
+anzublicken. Seine blauen Augen sprachen förmlich von zurückgedrängtem
+Kummer.</p>
+
+<p>»Sag' mal Hann,« begann sie, »wenn es Klara Toll nicht ist, dann
+möchtest du wohl lieber mich? Wie? &mdash; Weißt du noch, wie wir uns verlobt
+haben, und wie oll Kusemann uns eine Molle voll Goldstücke aus der
+untergegangenen Stadt zur Hochzeit schenken wollte?«</p>
+
+<p>Ihre Hand strich an seiner Backe hin und her, etwa wie man einen großen,
+treuen Hund streichelt, aber als sie seinem ehrlichen, betrübten Blick
+begegnete, hielt sie inne.</p>
+
+<p>»Na, laß gut sein, Hann,« brach sie schonend ab.</p>
+
+<p>»Ja, Lining,« brachte er mit Anstrengung hervor, »wir waren eben noch
+Kinder und sehr dumm.«</p><p><span class="pagenum"><a name="Page_122" id="Page_122">122</a></span></p>
+
+<p>»Ja, ja, Hann,« sagte sie stiller, und nach einer Weile setzte sie
+hinzu: »Aber die Molle voll Goldstücke, die wünsch' ich dir. Wenn du so
+die untergegangene Stadt finden könntest, dann &mdash;«</p>
+
+<p>Ihre Augen vergrößerten sich, sie zeigte ihre spitzen Zähnchen. Dabei
+sah sie aus, als ob sie den Besitzer der untergegangenen Stadt mit ihren
+unermeßlichen Schätzen wohl liebhaben könnte. Doch Hann zerstörte den
+Traum.</p>
+
+<p>»Kuck, Lining,« murmelte er achselzuckend, »das mit der Stadt, das is
+auch man so, wie alles andere. Sieh, als ich noch ganz klein war, und
+als du noch bei uns draußen wohntest, ja, da sah ich sie manchmal ganz
+deutlich unter dem Wasser. Zuweilen auch bei Nacht. Da zeigte mir oll
+Kusemann ordentlich erleuchtete Fenster und so was. Aber dann später, je
+älter man wird, desto weniger sieht man sie. Ich glaub', das is auch man
+so 'ne Kinderstadt &mdash;«</p>
+
+<p>Damit wollte er ihr die Hand zum Abschied bieten, doch Line starrte ihn
+noch verwundert über seine letzten Worte an. Und achtungsvoller als
+sonst drang es endlich über ihre Lippen: »Hann, was du da sagtest, das
+war gar nicht so dumm.«</p>
+
+<p>»O Lining,« wehrte er bescheiden ab, »ich dachte das bloß so &mdash; Und nun
+adschö.«</p>
+
+<p>Er nickte, raffte die Körbe in die Höhe und wollte gehen.</p>
+
+<p>Da faßte sie ihn noch einmal rasch bei der Hand und nahm gewandt einen
+der Briefe vom Tisch, die das alte Fräulein Dewitz uneröffnet hatte
+liegen lassen. »Hann,« flüsterte sie, »sieh den &mdash; weißt du, von wem der
+is?«</p>
+
+<p>Hann schüttelte den Kopf. Wie konnte er das erraten? Der Brief war ja
+noch zu.</p>
+
+<p>»Und die Schrift, kennst du die auch nicht?«</p>
+
+<p>Hann betrachtete nochmals die feinen Schriftzüge und las den
+Poststempel, der Brief kam aus Hamburg. I, woll, der konnte von seinem
+Bruder Bruno stammen.</p>
+
+<p>Eifrig nickte Line: »Ja, ja &mdash; und weißt du, was drin steht?<span class="pagenum"><a name="Page_123" id="Page_123">123</a></span> Heute
+morgen erwartet ihn der Konsul schon. Er ist vielleicht bereits hier.«</p>
+
+<p>»Bruno?«</p>
+
+<p>Sie nickte, strich sich über die Haare und warf einen Blick in den
+Mahagonispiegel in der Ecke.</p>
+
+<p>»Ja &mdash; aber woher weißt du denn den Inhalt?« fragte Hann ganz betroffen.</p>
+
+<p>Line zuckte zusammen, blickte sich blitzschnell nach der Tür um und
+atmete endlich tief auf. Und während ihr das Blut die Wangen glühend
+färbte, bezwang sie sich und versuchte zu lachen: »Mußt es nicht
+weitersagen, Hann,« stotterte sie, &mdash; »ich &mdash; war so neugierig &mdash; du
+weißt ja &mdash; und da hab' ich den Brief in der Küche über dem Wasserdampf
+ein bißchen geöffnet &mdash; bloß ein bißchen. Dabei is doch nichts? Was? &mdash;
+Aber nicht weitersagen! &mdash; Hörst du?«</p>
+
+<p>Allein Hann stand ganz niedergedonnert vor der lieblichen Verbrecherin.
+Er schämte sich derartig, daß er zitterte, als hätte er selbst das
+Unerhörte begangen.</p>
+
+<p>»Aber Lining,« murmelte er, »wie konntest du das bloß &mdash; &mdash; wie &mdash;«</p>
+
+<p>»O, das war doch nur Spaß.«</p>
+
+<p>»Ja, aber wenn nu einer aus Spaß stehlen wollte?« sprach er in seiner
+philosophischen Methode weiter.</p>
+
+<p>Jedoch Line war bereits wieder ganz getröstet. Sie versetzte ihm mit
+ihrer kleinen Faust einen neckischen Puff in die Seite, und während sie
+ihn lachend zur Tür hinausschob, rief sie ihm in ihrer gedämpften, kaum
+hörbaren Art über die Treppe nach: »I, du bist nicht klug, du dummer
+Junge. &mdash; Und nun grüß alle zu Haus. Auch Klara Toll. Und bring uns bald
+wieder was Gutes zu essen. Hörst du?«</p>
+
+<p>»Ja, gern, Lining,« sprach der Schiffer vor sich hin, während er noch
+halb befangen die Treppen hinuntertappte. »Und wenn du mir's erlaubst,
+dann komm' ich auch bald wieder; aber &mdash; aber &mdash;«<span class="pagenum"><a name="Page_124" id="Page_124">124</a></span></p>
+
+<p>Damit blieb er vor dem Hause stehen und sah noch lange bekümmert zu dem
+Fenster hinauf, an dessen Scheiben sich so silberne Eisblumen rankten
+und hinter welchem die Hyazinthen so süß geduftet hatten.</p>
+
+<p>»Ja, ja,« seufzte er endlich aus seinem Traum tief auf: »Das is auch
+nichts anderes als so 'ne untergegangene Stadt aus den Kinderjahren. Ja,
+ja &mdash; aber will man nach Haus gehn.«</p><hr class="chap" /><p><span class="pagenum"><a name="Page_125" id="Page_125">125</a></span></p>
+
+
+
+
+<h3>IV</h3>
+
+
+<p>Es war ein sehr einfaches, beinahe ärmliches Stübchen, in dem der Konsul
+Hollander an diesem Neujahrsmorgen seinem Hamburger Vertreter auf einem
+derben Holzstuhl gegenübersaß. Er selbst steckte noch in seinem weiten
+orientalischen Schlafrock, unter dem sich die weißen Unterhosenbänder
+lustig über ausgetretene grüne Pantoffeln herabschlängelten; auf dem
+Haupte trug er eine schwarzseidene Mütze, und von Zeit zu Zeit fuhr er
+sich verdrießlich über seine unrasierten, stoppeligen Wangen, als ob er
+sich heute ganz besonders unbehaglich fühle. Und doch hatte er nicht den
+geringsten Grund zu dieser üblen Laune. Befanden sich doch die
+Abrechnungen des jungen Herrn mit dem hübschen braunen Schnurrbart und
+der streng englischen Toilette in bester Ordnung. Und wenn auch die
+Reisespesen des Vertreters ungewöhnlich hoch waren &mdash; &mdash; &mdash;
+»Schockschwerenot &mdash; nobel, nobel,« murmelte der Konsul, während er
+heftiger seine Stoppeln rieb, so brachte er doch auf der anderen Seite
+Abschlüsse und Bestellungen für die Werft heim, wie sie der Chef schon
+so lange nicht mehr in Händen gehalten hatte.</p>
+
+<p>»Sieh mal an! &mdash; Die asiatische Linie bestellt also doch den
+Sechstausend-Tonnen-Schraubendampfer? Hm &mdash; und die Holländische
+Heringskompanie zehn Fischerkutter!? Puh &mdash; schockschwerebrett.«</p>
+
+<p>Dem Konsul träufelte das Auge. Er wischte es mit der Hand und sah wieder
+auf das Blatt. Aber die Bestätigungen der Abschlüsse blieben stehen;
+aufrecht, in der schönen, lateinischen Schrift Brunos verzeichnet.</p>
+
+<p>»Merkwürdig.«</p><p><span class="pagenum"><a name="Page_126" id="Page_126">126</a></span></p>
+
+<p>Und wieder blinzelte der Werftbesitzer über das Blatt fort auf seinen
+jungen Untergebenen, der ihm so frisch und adrett gegenübersaß, und
+wieder faßte ihn die Unbehaglichkeit so stark, daß er sich fast die
+Backe wund rieb.</p>
+
+<p>»Akzeptable Preise,« murmelte er von neuem und spuckte aus. Dann warf er
+die Papiere auf den schmalen Klapptisch, der seinem Feldbett gegenüber
+an der Wand angebracht war, und fuhr seinen Angestellten mit voller
+Grobheit an.</p>
+
+<p>Länger konnte er sich nicht mehr bändigen.</p>
+
+<p>»Sagen Sie mal, wie machen Sie das eigentlich?«</p>
+
+<p>»Wie ich das mache, Herr Konsul? Ich verstehe nicht recht.«</p>
+
+<p>Um Brunos frische Lippen zuckte ein Lächeln. Hollander verzog die Stirn.</p>
+
+<p>»Mir ist ganz ernsthaft zumute. Ich meine, wie alt sind Sie denn nun
+eigentlich mit der Wurzel?«</p>
+
+<p>»Vierundzwanzig, Herr Konsul.«</p>
+
+<p>»Nicht zu glauben &mdash; also ganze vierundzwanzig &mdash; So!? &mdash; Kuck mal an!
+Ja, hat sich denn im Ernst die Welt so verjüngt, oder sind Sie wirklich
+der Ausnahmemensch, für den Sie sich ja, wie ich Ihnen früher immer
+gesagt habe, heimlich halten?«</p>
+
+<p>Bruno blieb ruhig sitzen, während der Konsul mit flatternden
+Hosenbändchen in der Stube auf und nieder schlurfte. Und doch färbten
+sich die Wangen des jungen Mannes glühend rot, seine Augen erhielten
+förmlich einen fieberischen Glanz, denn jetzt äußerte endlich, endlich,
+der grobe, massive Mann dort offen und ehrlich, was während Brunos
+langer Lehrzeit stets wie eine kalte Wolke zwischen ihnen gelagert
+hatte. Dieses stille, heimliche, lauernde Mißtrauen, das sich
+vergrößerte, je schneller und überraschender sich die spielende
+Tüchtigkeit des Lehrlings entfaltete, je mehr ihn die anderen
+Angestellten bewunderten und anstaunten. Aber warum? Warum? Das konnte
+sich Bruno, den es stets mit Gier, mit Unabwendbarkeit vorwärts gezogen,
+auch heute nicht entschleiern.</p><p><span class="pagenum"><a name="Page_127" id="Page_127">127</a></span></p>
+
+<p>Glühend rot überzog es seine Wangen, mit zitternder Stimme und
+lächelndem Munde sagte er: »Herr Konsul, Sie sagen mir das in der ersten
+Stunde meiner Heimkehr von dem Posten, auf den Sie mich selbst gestellt.
+Ich muß also annehmen, daß ich niemals Ihre volle Zufriedenheit besessen
+habe und sie auch heute noch nicht besitze.«</p>
+
+<p>Der Konsul blieb stehen, zupfte abgewandt an seinem Bett herum, klappte
+mit den Pantoffeln und schlug endlich ungeduldig auf das Kopfkissen. &mdash;
+&mdash; »I was, Zufriedenheit,« knurrte er barsch heraus. »Was brauchen Sie
+sich aus meiner Zufriedenheit zu machen? &mdash; Sie leisten ja das Ihrige.
+&mdash; Das ist es eben. &mdash; Na, ich muß mir mal Luft machen, Sie nehmen mir
+das nicht übel, oder, wenn Sie's tun, dann kann ich mir auch nicht
+helfen. &mdash; Also kurz und gut, Sie leisten genug, verstehen Sie, ich
+meine, was den Erfolg betrifft; diese beiden Abschlüsse zum Beispiel
+hier, besonders der aus Holland, an dem haben andere Angestellte von mir
+durchaus vergebens herumgedoktert; aber Sie? &mdash; Sie kommen einfach und
+haben so eine Art, den Leuten Geschichten vorzuerzählen, die
+Vorsichtigsten so zu blenden, daß &mdash; &mdash; &mdash;«</p>
+
+<p>Bruno klopfte das Herz. Was er da von seinem Charakter vernahm,
+erschreckte ihn unwillkürlich: »Herr Konsul,« unterbrach er stockend,
+»Sie wollen mir doch nicht vorwerfen, daß ich Ihre Kunden durch
+lügenhafte Berichte täusche?« Seine Rechte schloß sich dabei krampfhaft
+um die Ledermappe.</p>
+
+<p>»I bewahre, fällt mir gar nicht ein,« fuhr der Werftbesitzer fort,
+während er wieder auf das Kissen schlug &mdash; »Lügen!? &mdash; I wo, so dumm
+werden Sie doch nicht sein. Nein, aber Sie besitzen so eine
+Einbildungsgabe, so eine &mdash; na, wie drück' ich mich aus? &mdash; solch eine
+Kraft in Ihren Schilderungen, daß Sie einen ordentlich zwingen, alles
+das zu sehen, was Sie sich selbst dabei vorgestellt haben.«</p>
+
+<p>»Und das wäre etwas so Schlimmes?« brachte Bruno staunend hervor.</p><p><span class="pagenum"><a name="Page_128" id="Page_128">128</a></span></p>
+
+<p>Er wollte die Achsel zucken. Aber er vermochte es nicht. Immer enger und
+drückender legte sich ihm die Unruhe ums Herz, ein leises Frösteln
+überlief ihn. Er konnte sich durchaus nicht mehr zwingen, alles das
+kindisch zu finden, was der verbitterte Mann dort vorbrachte.</p>
+
+<p>»Schlimmes?« wiederholte Hollander ärgerlich, wandte sich nach ihm um
+und ließ sich schwerfällig vor dem jungen Mann auf den Holzstuhl nieder.
+»Ja, das weiß ich auch nicht. &mdash; Es ist vielleicht nur der Anfang. Ich
+will Ihnen, lieber Klüth, mal ganz reinen Wein einschenken. Während
+Ihrer ganzen Lehrzeit hab' ich Sie beobachtet. Das wissen Sie. Und da
+frage ich Sie: Haben Sie jemals ordentlich gearbeitet? &mdash; Nein! War auch
+nicht nötig. Ihnen ist alles angeflogen. Warenkenntnisse, technische
+Erfahrung, Handelsrecht, Sprachen und so weiter! Alles so im
+Handumdrehen! Von einem Posten zum anderen sind Sie aufgerückt. So im
+Flug &mdash; wenn auch heimlich gegen meinen Willen. &mdash; Aber ich konnte nicht
+recht was Stichhaltiges dagegen einwenden. Und nun kommen Sie nach der
+Hamburger Vertretung, die auch gut ausgefallen ist &mdash; sehr gut sogar, in
+mein Geschäft zurück, und wenn mich nicht alles trügt, dann haben Sie es
+jetzt auf die Prokura abgesehen. Sie möchten also jetzt mein Vertreter
+werden, dessen Unterschrift gilt wie die meinige. &mdash; Nicht wahr, Sie
+wollen jetzt auch unterzeichnen: &gt;Johann Christian Hollander&lt;? Sagen Sie
+mal aufrichtig, Klüth &mdash; ist es nicht so?«</p>
+
+<p>Bruno sprang auf. Er fühlte, daß er an sich halten müßte, daß nur kalte,
+geschäftliche Nüchternheit hier zum Ziele führen könnte, allein die
+verletzende Art des Mannes, sein unverhohlenes Mißtrauen, das den
+Jüngeren all die langen Jahre hindurch immer und immer wieder aus diesen
+grauen Augen umlauert hatte, das ließ ihn jetzt alle Mäßigung vergessen.
+Was hatte er auch zu fürchten? Was sich vorzuwerfen? Waren nicht alle
+seine Gedanken stets auf den Vorteil dieses alten Sonderlings und seines
+Geschäftes gerichtet gewesen?</p>
+
+<div class="figcenter" style="width: 400px;">
+<img src="images/oppos_128.jpg" width="400" height="626" alt="Illustration" />
+</div>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_129" id="Page_129">129</a></span></p>
+
+<p>Mit vollem Feuer, mit blitzenden Augen sprang er auf, und lauter und
+kräftiger, als wohl je ein Angestellter dem alten Hollander eine Antwort
+zu erteilen gewagt, rief er mit heißer, zorniger Stimme: »Ja, Herr
+Konsul, da wir nun einmal so weit halten, so sind mir die möglichen
+Folgen auch gleichgültig. Jetzt sollen Sie es wenigstens erfahren. Ja,
+die besten Jahre meiner Entwicklung haben Sie mir verbittert. Sie
+allein. &mdash; Nie ein Wort der Anerkennung, immer dieses Herumspähen, als
+hätte ich keinen anderen Gedanken, als gelegentlich einmal Ihre Kasse
+auszuplündern &mdash; &mdash; &mdash;«</p>
+
+<p>»Klüth,« rief der Alte dazwischen, doch der andere achtete nicht darauf.</p>
+
+<p>»Ich kann Ihnen nur sagen: daß ich darüber nicht wirklich schlecht,
+nachlässig und ein Duckmäuser geworden« &mdash; hier erhob sich die Stimme
+des Heimgekehrten höher, und er trat heftig einen Schritt auf den
+Werftbesitzer zu, der unbeweglich, mit vorgebeugtem Haupt vor ihm
+verharrte, »daß ich darüber nicht wirklich ein Duckmäuser geworden,
+wahrhaftig, das habe ich einzig und allein meiner von Ihnen so
+geschmähten guten Laune zu verdanken. Sie aber, Sie haben alles getan,
+um diese Fröhlichkeit zu unterdrücken. Oder glauben Sie, es wäre mir
+leicht gefallen, wenn Sie mich die ganze Zeit über, die ich in Ihrem
+Hause lebte, wie einen lästigen Freiesser in meinem Stübchen im
+Hinterhaus sitzen ließen, während die meisten meiner Kollegen zu den
+großen und kleinen Festlichkeiten in Ihrer Familie hinzugezogen wurden?
+Wie oft hab' ich Tanzmusik gehört und hab' allein gesessen. Das hat mich
+heiße Tränen gekostet. Heute können Sie es erfahren. Das vergaß ich
+Ihnen nicht, Herr Konsul.«</p>
+
+<p>Die Stimme des Aufgeregten zitterte, seine Brust hob und senkte sich,
+und der Prinzipal konnte wahrnehmen, wie Tränen in seinen Augen
+aufstiegen.</p>
+
+<p>Der Alte knurrte etwas, das wie »Dummheiten« klang, doch man sah, daß er
+noch mehr hören wollte. Eine Weile herrschte<span class="pagenum"><a name="Page_130" id="Page_130">130</a></span> Ruhe in dem kleinen Raum.
+Beide musterten sich. Endlich hob der Werftbesitzer schief das Ohr,
+plinkerte mit den Augen und fragte scharf und halb spöttisch: »Na, und
+was nun weiter?«</p>
+
+<p>»Was weiter? &mdash; Oh, mir bleibt nur die Frage: ob Sie mir jetzt den Grund
+angeben wollen, warum Sie mir den Prokuristenposten, der mir gebührt,
+vorenthalten? Oder ob es nicht überhaupt besser wäre, wenn wir diesem
+unleidlichen Verhältnis lieber gleich ein Ende bereiteten?«</p>
+
+<p>Der Konsul zog die Augenbrauen in die Höhe: »Sie wollen gehn?«</p>
+
+<p>»Ja.«</p>
+
+<p>»Hm!«</p>
+
+<p>Er wandte sich, zog mit den schlängelnden Hosenbändchen zum Fenster und
+kehrte ihm dort den Rücken. Leise trommelte er an die Scheiben. Nicht
+lange, dann hörte er hinter sich ein seltsames Geräusch, ein tiefes
+Atmen, ein Schlucken, schließlich ein gewaltsam gebändigtes Schluchzen.
+Überrascht kehrte sich Hollander zu seinem Besuch zurück. Doch wenn er
+die aufflammende Natur seines Lehrlings, die ebenso leicht zu unmäßigen
+Ausbrüchen der Freude, wie zu wild hervorbrechenden Klagen neigte, nicht
+von früher gekannt hätte, so würde er nur an den bebenden Lippen Brunos
+erraten haben, was durch die Seele des jungen Mannes stürmte.</p>
+
+<p>Denn äußerlich stand die feine Gestalt unverändert da, nur die braunen
+Augen flammten noch, wie vorher, vor innerer Erregung.</p>
+
+<p>Wieder verzog der Alte die Stirn. Dann ging er langsam auf seinen Besuch
+zu, und wie in fernen Gedanken nahm er den Jüngeren an einem Rockknopf,
+an dem er ihn während des Folgenden energisch hin und her zupfte: »Na,
+nun wollen wir's gut sein lassen, Klüth, nun beruhigen Sie sich man
+vorläufig, Sie &mdash; verstehen Sie?« &mdash; Und während er ihn noch energischer
+bewegte, fuhr er brummig fort: »Daß Sie heute mal ausnahmsweise nicht
+lauter Zucker und Sirup von sich gegeben, daß Sie mir sogar<span class="pagenum"><a name="Page_131" id="Page_131">131</a></span> ordentlich
+Grobheiten ins Gesicht geworfen haben, na, nehmens mir nicht übel,
+junger Herr, das hat mir bis jetzt am allerbesten von Ihnen gefallen! &mdash;
+Wahrhaftig! &mdash; Vielleicht, na, hm &mdash; bloß das Pistol auf die Brust setzen
+kann ich nun mal nicht leiden. Nun passen Sie auf. Ich sag' Ihnen die
+Prokura nicht ab &mdash; nur Zeit zum Überlegen will ich haben. Verstanden?
+Das muß ich. Zwingen lasse ich mich nicht.«</p>
+
+<p>Ohne eine Antwort abzuwarten, schritt er wieder an das Fenster, um von
+neuem an die gefrorenen Scheiben zu pochen. Er schien mit sich zu
+kämpfen, dann fiel es noch so über seine Lippen, seine Tochter Dina
+würde heute abend ein paar Bekannte zum Tee bei sich sehen, und daß es
+ihn, den Konsul, freuen würde, wenn Bruno sich dazu einstellen möchte.
+Fräulein Dewitz und das kleine Ding, wie heißt sie noch? &mdash;</p>
+
+<p>»Line.«</p>
+
+<p>Jawohl, die wären auch da. Auch der ältere Bruder von Bruno, der
+Predigtamtskandidat.</p>
+
+<p>»Na, kommen Sie nun?« fuhr der Werftbesitzer plötzlich auf, als sein
+Angestellter noch immer schwieg.</p>
+
+<p>Da bewegte sich der Angeredete und fragte mit fester Stimme, wann er das
+Definitive über seine Stellung hören würde.</p>
+
+<p>Diese Zähigkeit, dieses kaufmännische Festhalten schienen dem Konsul zu
+imponieren. Mehrmals nickte er nachsinnend mit dem Kopf, dann schlurfte
+er auf Bruno zu und klopfte ihm eifrig auf den Arm: »Na gut &mdash; sehr
+schön &mdash; sich nicht durch Nebendinge aufhalten lassen &mdash; ganz richtig.
+In vierzehn Tagen bescheide ich Sie. Aber nun machen Sie auch, daß Sie
+fortkommen, Klüth, ich will nun doch in meine Büxen hinein! &mdash; Morjen,
+ja, ja, schon gut &mdash; hol' Sie der Deuwel, Adieu!«</p><hr class="chap" /><p><span class="pagenum"><a name="Page_132" id="Page_132">132</a></span></p>
+
+
+
+
+<h3>V</h3>
+
+
+<p>Am Vormittag desselben Tages brachte der Diener des Konsuls die
+Teeeinladung an Fräulein Dewitz. Hinten auf der englischen Karte stand
+in der schönen, klaren Schrift Dina Hollanders geschrieben: »Fräulein
+Line kommt natürlich mit.«</p>
+
+<p>»Hörst du, wie nett sie schreibt?« fragte Fräulein Dewitz wohlgefällig,
+als sie sich in der Küche die Brille abputzte. »Sie ist wirklich ein
+sehr wohlerzogenes Mädchen. Du mußt ein bißchen auf ihre Manieren
+aufpassen, denn in diesen Schweizer Pensionaten lernt man das auf das
+feinste. &mdash; Und nun bind' dir die Schürze um, mein Kinding, damit das
+schöne, blaue Kleid nicht fleckig wird.«</p>
+
+<p>Und während sich die Handarbeitslehrerin in der halbdunklen Ritze umsah,
+die »Küche« benannt wurde, weil auf einem sehr weißgescheuerten Tische
+ein Petroleumofen stand, leckte sie sich wieder befriedigt die Lippen
+und äußerte endlich halb fragend: »Sollen wir nicht die schönen
+Schnitzel bis morgen aufheben? Bei Hollanders gibt es immer so viel zu
+essen. &mdash; Und man sollte sich vorher den Magen nicht überladen. Was
+meinst du? &mdash; Ja, und was ich noch fragen wollte, was ziehst du dir denn
+an?«</p>
+
+<p>»Oh,« entgegnete Line wegwerfend, »für wen sollte ich mich da wohl
+besonders fein machen?«</p>
+
+<p>Die Lehrerin wiegte zweifelnd das Haupt. Allein sie widersprach nicht.
+Auch ihr war es immer ein heimliches und behagliches Gefühl, die guten
+Kleider recht lange geschont im Schrank zu wissen.</p>
+
+<p class="center"><sup>*</sup>     <sub>*</sub>     <sup>*</sup></p>
+
+<p>Zwischen drei und vier hielt das alte Fräulein im Alkoven ihr
+Mittagsschläfchen.</p><p><span class="pagenum"><a name="Page_133" id="Page_133">133</a></span></p>
+
+<p>Dann herrschte sabbatliche Stille in den blankgescheuerten Räumen. Das
+Rouleau mit den blauen Bildern war herabgelassen, und hindurch strömte
+beruhigende Dämmerung. In dieser Stunde schlich Line stets auf Zehen
+umher, und man hörte nichts, als höchstens einmal das feine Läuten eines
+Schlittens, der vom Lande durch die Straße klingelte, dazwischen das
+ruhige Atmen der alten Dame.</p>
+
+<p>Aber, weiß der Himmel, wieso ihr Schlummer heute immer wieder
+unterbrochen wurde. War es die Aussicht auf den Teeabend im vornehmen
+Hause des Konsuls, die sie erregte, oder raschelte und rauschte es
+wirklich so vernehmlich nebenan? Resigniert erhob sie sich nach einer
+Viertelstunde und öffnete die Tür zum Nebenzimmer.</p>
+
+<p>Verdutzt blieb sie an der Schwelle.</p>
+
+<p>Da bog sich Line vor dem alten Mahagonispiegel hin und her, neben dem
+sie ein Licht entzündet hatte, um ihre schlanke Gestalt in dem
+englischen, schwarzen Gewande, das knapp bis an den Hals schloß, besser
+betrachten zu können. Langsam strichen ihre Hände an der Taille
+herunter, dann ließ sie weich das Haupt nach hinten sinken. Ihre Brust
+dehnte sich, ihre Augen schlossen sich, es mußte ein wohliger Traum
+sein, der das junge Geschöpf entführte.</p>
+
+<p>Fräulein Dewitz tastete nach ihrer Brille, aber sie fand sie nicht. Mein
+Gott, betrog sie denn der flackernde Lichtschein, oder vollführte Line
+wirklich dort solch merkwürdige Bewegungen? Der Kopf der alten Dame
+begann vor Erstaunen leicht zu zittern. »Mein Gott, Lining,« brachte sie
+endlich hervor, »was machst du denn da?«</p>
+
+<p>Auf den Anruf ging ein unmerkliches Erschrecken durch die Glieder des
+Mädchens, dann wandte sie sich und um ihre Lippen spielte ihr
+kindliches, halb verlegenes Lächeln.</p>
+
+<p>»O Tanting, ich wollt' ja nur einmal nachsehn, ob mir das Kleid nicht zu
+eng geworden. Du meintest doch selbst, daß es bei Hollanders heute so
+fein zugehn würde.«</p><p><span class="pagenum"><a name="Page_134" id="Page_134">134</a></span></p>
+
+<p>»Ja, ja, das wohl.« Fräulein Dewitz schüttelte das Haupt und mußte
+wieder an die üppigen Bewegungen denken. »Ja, aber ein junges Mädchen
+sollte doch nicht so eitel sein, ich habe das nicht gern.«</p>
+
+<p>Jetzt flog Line auf sie zu und schlug den Arm um sie: »Tanting, ich
+wollte dir doch nur einen Gefallen erweisen. Weißt du das nicht?«</p>
+
+<p>»Mir?« Fräulein Dewitz sah ihrer Schutzbefohlenen in das schmale,
+lebhafte Gesichtchen und wurde versöhnt. Freilich, das war etwas
+anderes. »Na, denn geh hinaus, mein Kind,« entschied sie endlich, »und
+mach den Kaffee für uns beide. Nicht zu stark. Aber zuerst puste hier
+das Licht aus. Das wäre doch wirklich eine Verschwendung.«</p>
+
+<p class="center"><sup>*</sup>     <sub>*</sub>     <sup>*</sup></p>
+
+<p>In einem kleinen Stübchen in der Rakowerstraße bei der
+Drechslermeisterswitwe Wilhelmi wurde gleichfalls über die Einladung zum
+Konsul Hollander nachgedacht. Da stand der älteste Sohn der Klüths, der
+Predigtamtskandidat Paul, an dem Fenster und blickte auf die enge,
+krumme Gasse hinaus.</p>
+
+<p>Draußen schwarzgraue Dämmerung, Schneegewimmel, kein Fußtritt hörbar,
+nur manchmal tickten härtere Flocken gegen die Scheiben, und vom Fluß
+stöhnte einmal ein Windzug herauf.</p>
+
+<p>Hinter dem hageren Manne mit den verarbeiteten Zügen saß bei einer
+einfachen Stehlampe ein elfjähriger Junge am Tisch und schrieb mit
+kritzelnder Feder emsig aus einem Buch etwas ab. Das war einer der
+vielen Schüler des Theologen, deren Beaufsichtigung ihm das kärgliche
+Brot für seine Existenz gewährt hatte.</p>
+
+<p>Jahraus, jahrein immer dasselbe. Es war kein Wunder, daß Paul nicht
+fröhlicher und umgänglicher bei dieser Lebensweise geworden.</p>
+
+<p>An der Wand raschelte etwas an der Kuckucksuhr. Der hölzerne Vogel
+sprang heraus und rief seinen fröhlichen Ruf: Sechs Uhr.</p>
+
+<p>Um neun war der junge Geistliche zum Konsul gebeten.</p><p><span class="pagenum"><a name="Page_135" id="Page_135">135</a></span></p>
+
+<p>Paul verzog die Stirn.</p>
+
+<p>War es nicht seltsam, daß er erst dort mit seinem zurückgekehrten Bruder
+zusammentreffen sollte? Daß es nicht Bruno, den einzigen, der ihm aus
+seiner Familie an Bildung nahestand, vorher allein, vertraulich und
+brüderlich zu ihm gezogen?</p>
+
+<p>Immer schwärzer sank die Dunkelheit in das enge Gäßchen. Und tiefer und
+bohrender grübelte Paul in sich hinein. Ja, ja, das war gerade das
+Merkwürdige in seiner eigenen Natur. Ganz deutlich empfand er, wie fremd
+seinem Innersten eigentlich all die Mitglieder seiner Familie geworden,
+dieser lebhafte, phantastische Bruno, diese zierliche, unberechenbare
+Line, aus der er nicht klug wurde; ja selbst Hann, mit dessen
+Unbeholfenheit er nur ein heißes Mitleid fühlte, und dennoch &mdash; ja, das
+war es &mdash; etwas Tiefes, Zwingendes, Angeborenes trieb, nein, geißelte ihn
+dazu, in jeder Stunde und mit allen seinen Gedanken unaufhörlich an
+dieser Familie zu haften, sie zu beobachten, zu warnen, zu fördern, und
+immer wieder zu erscheinen, um ihre Angelegenheiten zu den seinen zu
+machen.</p>
+
+<p>So hatte er in all den Jahren trotz seines Widerwillens gegen den
+grobkörnigen Siebenbrod jede Woche einen Abend in Moorluke bei der
+Mutter zugebracht, so war er während Brunos Lehrzeit fast täglich mit
+dem Jüngeren zusammengetroffen, und auch in der blanklackierten guten
+Stube von Fräulein Dewitz hatte er sich &mdash; ein von der Lehrerin
+besonders geschätzter Gast &mdash; häufig eingestellt.</p>
+
+<p>Seine Gedanken irrten weiter.</p>
+
+<p>Warum Bruno wohl nicht kam? &mdash; Ob er in der reichen Handelsstadt sich
+nun völlig dem flotten, eleganten Leben hingegeben, das Paul stets mit
+Mißbehagen an dem Jüngeren bekämpft hatte? Vielleicht war es dem
+Heimgekehrten überhaupt peinlich, sich den ewigen Vorhaltungen seines
+ernsteren Bruders auszusetzen?</p>
+
+<p>Oh, wenn das möglich wäre? &mdash; Paul biß sich auf die Lippen,<span class="pagenum"><a name="Page_136" id="Page_136">136</a></span> während er
+immer finsterer in die graue, wirbelnde Dunkelheit starrte &mdash; nein, es
+war vielleicht doch unrecht von ihm, daß er sich nicht gleich aufmachte,
+um zu ergründen, was aus dem Jüngeren geworden. Er wollte &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash;
+&mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash;</p>
+
+<p>Hinter ihm stockte das Kritzeln der Feder.</p>
+
+<p>Der kleine Quartaner, der bis dahin öfter sehnsüchtige Blicke auf die
+Wanduhr geworfen, stützte schwermütig den Kopf auf, dann bezeichnete er
+mit dem Finger eine Stelle in seinem Buche und fragte endlich: »Herr
+Klüth, ist Semiramis <span lang="la" xml:lang="la">masculinum</span> oder <span lang="la" xml:lang="la">femininum</span>?«</p>
+
+<p>Paul fuhr auf.</p>
+
+<p>»Was? &mdash; Was? &mdash; Ob die Königin Semiramis &mdash;?«</p>
+
+<p>»Ja, denn im Ostermann steht, Semiramis lebte völlig als ein Mann, und
+da dachte ich &mdash; &mdash; &mdash;«</p>
+
+<p>»Semiramis ist eine Frau,« schnitt der Lehrer, dem der Sinn für Humor
+abging, kurz ab und stellte sich wieder an das Fenster. Allein, die
+Kette der Gedanken war gerissen. Wilder stäubte der Schnee durch die
+Straße, deutlicher stöhnte der Wind um die Ecke, und mißtönend kreischte
+die Feder, die der Quartaner nun &mdash; beruhigt über das Geschlecht der
+Semiramis &mdash; wieder emsig über das Papier führte.</p>
+
+<p>Da wurde kurz an die Tür geklopft.</p>
+
+<p>»Herein!«</p>
+
+<p>Und auf der Schwelle stand ein junger Herr in elegantem Pelz und
+Zylinder.</p>
+
+<p>Paul erkannte ihn nicht. Er wollte auf den Fremden zugehen und nach
+dessen Begehr fragen, als eine wohlbekannte Stimme an sein Ohr schlug.</p>
+
+<p>»Na, Jünging, wie geht's?«</p>
+
+<p>»Bruno? Du?«</p>
+
+<p>»Ich, Herr Pastor.«</p>
+
+<p>Das klang so jugendlich, so frisch, daß in Pauls sorgendes Herz für
+einen Augenblick helle Freude einzog. Ohne seine schwere Eckigkeit,<span class="pagenum"><a name="Page_137" id="Page_137">137</a></span>
+ja, mit einer Hast, die er sonst nicht kannte, stürmte er auf den
+Heimgekehrten zu, als wolle er ihn in die Arme schließen. Doch
+unmittelbar vor dem feinen Pelzwerk mußte ihn sein starrer Sinn anders
+belehren. Nur nach der Hand des Bruders griff er, aber hastig, ungestüm,
+beinahe sehnsüchtig, und es wurde ihm ordentlich warm, als der andere
+sie mit voller Lebhaftigkeit schüttelte.</p>
+
+<p>»Bruno,« brachte er stammelnd hervor, »lieber Bruder!«</p>
+
+<p>»Ja, ja, altes Haus,« lachte der andere, »jetzt freu' dich mal.«</p>
+
+<p>»Ja, ich freue mich, &mdash; ich freue mich.«</p>
+
+<p>Er sah im Moment nicht mehr die elegante Hülle des Jüngeren, die ihn
+anfangs befremdet hatte, er erkannte nur die gesunden, ihm so lieben
+Züge des Bruders und zog ihn weiter ins Zimmer.</p>
+
+<p>Der Ankömmling blickte sich verwundert um. Die Kahlheit des Raumes, der
+Tabaksgeruch und die derben Möbel schienen ihm wenig zu gefallen.</p>
+
+<p>»Wohnst du noch immer so häßlich?« fragte er ein wenig mitleidig,
+während er dem Theologen gutmütig die Wange streichelte.</p>
+
+<p>Der andere entzog sich der Liebkosung. Dergleichen schien ihm vor seinem
+Schüler unpassend.</p>
+
+<p>»Häßlich?« fragte er. &mdash; »Es ist doch hier alles recht bequem?«</p>
+
+<p>»Na ja, dagegen will ich nichts einwenden,« lenkte Bruno ein und setzte
+sich auf den Stuhl am Fenster. Ohne den Zylinder abzunehmen, zeichnete
+er mit seinem Ebenholzstock ungeduldig auf dem Estrich herum. Es sah
+ganz aus, als wolle er nur wenige Minuten bleiben.</p>
+
+<p>Paul blickte ihn bekümmert an: »Willst du denn nicht ablegen?«</p>
+
+<p>»Natürlich &mdash; gewiß &mdash; bloß ich dachte &mdash;« er deutete auf den Quartaner,
+der die Ohren spitzte.</p>
+
+<p>»Oh, ich kann ja auch gehen,« stimmte der Pennäler sehr vergnügt zu und
+begann seine Hefte zusammenzuraffen. Jedoch eine solche Versäumnis
+widersprach Pauls Pflichtgefühl. Mit ernster Miene bedeutete er seinen
+Bruder, daß der Schüler unmittelbar vor der Versetzung stehe und daß das
+tägliche Pensum nicht unterbrochen<span class="pagenum"><a name="Page_138" id="Page_138">138</a></span> werden dürfte. Bruno möchte eine
+kurze Weile entschuldigen. Dann beugten sich Lehrer und Knabe gemeinsam
+über den Ostermann, und lächelnd vernahm der junge Kaufmann ihr erregtes
+Murmeln; längst entwöhnte lateinische Brocken schlugen an sein Ohr, und
+erst als die Thronstreitigkeiten der Semiramis gänzlich entschieden
+waren und der Kuckuck »sieben« schrie, da durfte Walter Müller nach
+Hause eilen.</p>
+
+<p>Er verbeugte sich feierlich vor Pauls Bruder, bevor er sich rückwärts
+aus der Tür zurückzog.</p>
+
+<p>»Gottlob!« atmete Bruno auf, der sich inzwischen seines Pelzes entledigt
+hatte und sich nun leicht in eine Ecke des Sofas warf. »Gottlob, daß wir
+diese Pennälerjahre hinter uns haben.«</p>
+
+<p>»Du bist also jetzt zufriedener?« forschte der Theologe, der sich dem
+Heimgekehrten gegenüber auf einem Stuhl niedergelassen und jetzt die
+Lampe beiseite schob, um den Anblick des lange Entbehrten voll zu
+genießen.</p>
+
+<p>»Zufriedener? Gewiß. Was waren das aber auch für magere Jahre, Paul.
+Denk' bloß mal nach &mdash; wenn wir einen Braten zu Hause rochen, das war ja
+schon ein Festtag.«</p>
+
+<p>»Hm &mdash; daran erinnere ich mich kaum.«</p>
+
+<p>»Ja du &mdash; und dann bei dem alten Hollander das Gedrücktsein, diese
+schreckliche Abhängigkeit, nein, gottlob, etwas weiter haben wir es doch
+gebracht.« &mdash;</p>
+
+<p>Dabei streichelte er beinahe liebkosend das Fell des Pelzes, der neben
+ihm auf der Sofalehne ruhte. Dann strich er sich das Haar zurück und
+fuhr lebhaft fort: »Paß mal auf &mdash; jetzt kommen wir auch einmal an die
+Reihe.«</p>
+
+<p>»Wieso? Was heißt das, Bruno?«</p>
+
+<p>»Menschenskind, mach' doch nicht solch erstauntes Gesicht &mdash; rauchst du?«</p>
+
+<p>Dabei bot er ihm ein feines, schmales Silberetui.</p>
+
+<p>Aber der Kandidat verneinte. Er rauche nur Pfeife.</p>
+
+<p>»Fi!« Bruno verzog die Nase. &mdash; »Sieh, das hier sind russische<span class="pagenum"><a name="Page_139" id="Page_139">139</a></span>
+Zigaretten. Die haben das feinste Aroma. So! &mdash; Riech' mal bloß,
+Kerlchen &mdash; diese blauen Wolken! Fein! &mdash; Was? Ja, und was ich sagen
+wollte &mdash; &mdash; weshalb sollen wir jetzt nicht mal in die Höhe kommen? Das
+ist doch ein bekannter Prozeß, die Oberen sterben ab, und die Unteren
+drängen sich an ihre Stelle.«</p>
+
+<p>Als er das sagte, breitete er die Arme aus, so daß sich seine Brust hob,
+und die ganze Gestalt reckte sich.</p>
+
+<p>Der Theologe stützte den Kopf in beide Hände und sah den Jüngeren immer
+forschender an. Noch konnte er sich durchaus nicht in das Wesen des
+andern hineindenken.</p>
+
+<p>»Erzähl' mir, wie du in Hamburg gelebt hast,« bat er.</p>
+
+<p>Das tat der junge Kaufmann.</p>
+
+<p>Und während er sich immer eine Zigarette nach der anderen entzündete,
+und während er große Wolken blies, die er dann mit der flachen Hand
+zerteilte, begann er sich an der eigenen Schilderung zu erwärmen.</p>
+
+<p>Da zog es an dem ängstlich aufhorchenden Bruder in bunten, schillernden
+Bildern vorüber, das Leben und Walten der großen Stadt, das Getriebe der
+Börse, die Schiffahrt, die nervenspannende Tätigkeit bei Spekulationen
+und überseeischen Geschäften, und alles, alles klang aus in den einen
+Jubelruf, daß der Erzähler jetzt selbst bereits ein Einkommen habe, daß
+es aber größer werden müßte, und immer größer, und wie er dann seine
+Familie heben wolle, alle, alle &mdash; und daß Geld eine Macht sei, ein
+Zauberstab, der beleben und töten könne.</p>
+
+<p>»Oh, du sollst mal sehn &mdash; du sollst mal sehn.«</p>
+
+<p>Da saß er wieder &mdash; ja, es war derselbe, der mit dem fieberhaft erregten
+Kinde auf der Ruinenmauer gehockt und ihm all seine tollen Worte ins Ohr
+geflüstert, die wie klirrende Goldstücke geklungen.</p>
+
+<p>Und der Ältere blickte auf ihn hin, schweigend, erschrocken, seine Augen
+vergrößerten sich immer mehr, und er wußte selbst nicht, warum ihm das
+Herz so drohend und schmerzlich gegen die Brust zu hämmern begann.</p><hr class="chap" /><p><span class="pagenum"><a name="Page_140" id="Page_140">140</a></span></p>
+
+
+
+
+<h3>VI</h3>
+
+
+<p>»Zum Tee geladen, und dann vier Gänge &mdash; warm &mdash;. Und zum Schluß Eis,«
+flüsterte Fräulein Dewitz Line anerkennend zu, als sie sich endlich vom
+Tisch des Konsuls erhoben, um sich in das Musikzimmer zu begeben. »Und
+hast du auf die Selleriestauden geachtet? &mdash; Dein Bruder Paul fragte
+mich, wozu man diese brauche? &mdash; Mein Gott &mdash; aber dein Bruder Bruno &mdash;
+wirklich, er hat recht ansprechende Manieren, es tut ordentlich wohl,
+wie gut er zu essen versteht. &mdash; Ja, ja, daran erkennt man gleich die
+Lebensart. Und nun gib dem Konsul die Hand, Lining &mdash; und sei nicht so
+still; das bist du doch sonst nicht.«</p>
+
+<p class="center"><sup>*</sup>     <sub>*</sub>     <sup>*</sup></p>
+
+<p>Man hatte während des Mahls über den Text des Yankee doodle gestritten,
+von dem Bruno in drolliger Weise berichtet hatte, daß ihn die jungen
+Damen der ersten Hamburger Kreise seit kurzem auf eine merkwürdige Art
+zu tanzen pflegten. Der Konsul, der am unteren Ende der Tafel gesessen,
+neben Fräulein Dewitz, der er stets in überaus höflicher Weise die
+Honneurs erwies, war über diese neue Torheit der Zeit entrüstet gewesen.</p>
+
+<p>»Werden wohl demnächst Negertänze aufführen &mdash; &mdash;« hatte er der
+Handarbeitslehrerin brummig zugeflüstert. Und das alte Fräulein mußte
+erwidern: »Ja, ja, zu unserer Zeit wurde Menuett getanzt, und höchstens
+mal ein Schottischer &mdash; ach Gott, und es war doch auch schön.«</p>
+
+<p>»Recht &mdash; ich besinne mich noch,« pflichtete Hollander bei. »Sie hatten
+damals einen lütten, zierlichen Fuß.«</p>
+
+<p>»Hm.«</p><p><span class="pagenum"><a name="Page_141" id="Page_141">141</a></span></p>
+
+<p>Fräulein Dewitz schluckte an ihrem süßen Wein und begann noch heute
+ehrlich zu erröten, und der Steuerrat Knabe, der als Schulfreund des
+Konsuls und alter Junggeselle der einzige Fremde an der Tafel gewesen
+und Line zu Tisch geführt hatte, räusperte sich und äußerte zum
+erstenmal ein Wort: »Ja, ich besinne mich auch noch ganz gut.« Und dann
+zupfte er an seiner altertümlichen schwarzen Halsbinde, zwinkerte in
+sein Glas hinein und lachte still in den spiegelnden Rheinwein hinunter.</p>
+
+<p class="center"><sup>*</sup>     <sub>*</sub>     <sup>*</sup></p>
+
+<p>An einem großen amerikanischen Flügel fanden sich die Jüngeren zusammen.</p>
+
+<p>Der Konsul und sein Jugendfreund hatten sich in dem anstoßenden
+Herrenzimmer ihre Zigarren entzündet, Tante Mathilde, die Schwester des
+Konsuls, die seinem Hauswesen vorstand, trippelte hin und her, und Dina
+Hollander lehnte in der Beugung des Flügels und blätterte in einem Stoß
+Noten. »Nichts &mdash;« entschied sie endlich, »in diesem Heft nationaler
+Lieder fehlt der Yankee doodle.«</p>
+
+<p>In ihrer Stimme lebte etwas Ruhiges, Sicheres, Überlegtes. Wie sie so
+dastand in dem einfachen weißen Gewand mit ihrem leuchtenden, blonden
+Haar und der großen, schlanken Gestalt, gleichsam von einem Duft der
+Reinheit umweht, da erhöhte sich bei Bruno, der ihr Nachbar bei Tisch
+gewesen, von neuem der Eindruck, daß er vor der Klarheit dieses Mädchens
+eine Scheu empfinde, ja, daß in der gleichmäßigen Ruhe ihrer Augen eine
+Art Beleidigung für ihn läge. Es war ein toller Gedanke, aber er hielt
+ihn von ihr fern, um ihn dann ganz unvermittelt wieder anzutreiben,
+diese Gleichgültigkeit zu mildern, zu überwinden, oder wenigstens zu
+entdecken, ob etwa das Mißtrauen des Vaters von diesem auf die Tochter
+übertragen worden sei.</p>
+
+<p>Aber warum? &mdash; Warum?</p>
+
+<p>Ohne daß er es wußte, war dadurch in sein Benehmen eine Art<span class="pagenum"><a name="Page_142" id="Page_142">142</a></span>
+Zwiespältigkeit gedrungen; erst eine Scheu, ein ängstliches Achten auf
+sich selbst, und dann wieder eine aufspringende Lebhaftigkeit, der
+Wunsch, mit sich fortzureißen, zu gefallen. Und durch alles hindurch
+bohrte das Gefühl, daß er unausgesetzt und heimlich von den grauen,
+unbestechlichen Augen des Konsuls beobachtet würde.</p>
+
+<p>Nein, diese Familie war nicht zu gewinnen.</p>
+
+<p>Während des ganzen Abends empfand er nur eine einzige Unbehaglichkeit,
+die er gern bannen wollte, und die ihn doch immer wieder zu neuen
+Versuchen zwang.</p>
+
+<p>»Schade,« äußerte Tante Mathilde, die gerade wieder mit kleinen
+Mokkatassen hereintrippelte, »ich hätte den amerikanischen Gassenhauer
+ganz gern einmal gehört. Denn, nicht wahr, in der Familie schadet das
+doch nichts, liebes Fräulein Dewitz?«</p>
+
+<p>»Wenn Sie gestatten, dann möchte ich Ihnen gern die Melodie vorspielen,«
+erbot sich unerwartet Bruno, während er der Tante eine leichte
+Verbeugung machte, jedoch gleichzeitig halb ängstlich wieder auf die
+Tochter seines Chefs blicken mußte.</p>
+
+<p>Man war allgemein erstaunt. Der Theologe, der in einem unmodernen,
+schwarzen Rock unter der Gardine des Fensters lehnte, rückte besorgt hin
+und her. Von musikalischen Fähigkeiten seines Bruders hatte er bis dahin
+nichts gewußt.</p>
+
+<p>»Spielen Sie denn?« fragte Tante Mathilde nicht unfreundlich.</p>
+
+<p>»Ja &mdash; ein wenig nach dem Gehör.«</p>
+
+<p>»Sieh &mdash; sieh,« meinte der Konsul, der einen Augenblick durch die Tür
+lugte. »Das ist ja interessant.« Er winkte seiner Tochter jovial mit der
+Hand zu und ließ sich wieder bei seinem Jugendfreund nieder, von wo die
+beiden Alten trotz eifrigen Rauchens aufmerksam auf das Folgende zu
+lauschen schienen.</p>
+
+<p>Und Bruno löste seine Aufgabe meisterhaft.</p>
+
+<p>Ein frischer, fröhlicher Klang quoll unter seinen Fingern hervor, seine
+Hände flogen, voll und melodiös, mit rauschender Begleitung, tönte der
+pikante Gassenhauer durch das Zimmer.</p>
+
+<p><span lang="en" xml:lang="en">»Yankee doodle went to town.«</span></p><p><span class="pagenum"><a name="Page_143" id="Page_143">143</a></span></p>
+
+<p>Da teilte sich allen die innere Fröhlichkeit mit. Selbst Dina wandte
+sich langsam und blickte den Spielenden erstaunt an; und der kleine
+Funke, der ihr Auge vorüberhuschend durchblitzte, feuerte Bruno an, noch
+mehr zu wagen.</p>
+
+<p>Oh, er mußte diese schweigende Abneigung, die hier gegen ihn wirkte,
+endlich besiegen, er war doch ein Kind des Glücks, ihm flogen ja sonst
+die Herzen zu, und hier sollte &mdash; &mdash; &mdash; er begann plötzlich mit seiner
+hellen Stimme den Text des Liedes zu singen.</p>
+
+<p>»Oh, wie nett,« flüsterte Tante Mathilde, wobei sie Fräulein Dewitz
+bezeichnend auf die Schulter tippte; auch der Konsul erschien wieder an
+der Tür, scheuerte sich ein wenig am Kinn und kehrte darauf von neuem zu
+dem Steuerrat zurück; Dina aber öffnete leise den Mund, und an ihrem
+flüchtigen Lächeln erkannte Bruno, daß er der Schweigsamen jetzt besser
+gefalle.</p>
+
+<p>Weiter &mdash; weiter, er mußte sich hier Sympathien erringen. Das Gefühl
+verließ ihn nicht mehr, als ob er um sein ganzes ferneres Leben kämpfe.</p>
+
+<p>Line saß hinter dem Fauteuil der Handarbeitslehrerin und hatte ihr
+feines Köpfchen so vorgebeugt, daß ihr Kinn fast auf der Lehne des
+Sessels ruhte. Durch das enge, schwarze Kleid hindurch hätte Bruno, wenn
+er einen Blick für sie gehabt, das rasche Atmen der jungen Brust
+wahrnehmen, er hätte schauen können, wie feucht ihre Augen schimmerten,
+und wie dennoch die kleinen, schmalen Füße, unbewußt einem mächtigen
+Trieb folgend, nach seiner Melodie auf und nieder zuckten.</p>
+
+<p>Allein Bruno war von seiner eigenen Erregung bereits hingerissen, und
+nur der Theologe, der noch immer, halb von der Gardine verborgen,
+schweigend verharrte, beobachtete es allein, und er sah auch, welch ein
+schneller, dunkler Blick aus diesen Augen gegen die Tochter des Hauses
+züngelte, die immer ahnungsloser und erfreuter vor sich hin lächelte.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_144" id="Page_144">144</a></span></p>
+
+<p class="center"><sup>*</sup>     <sub>*</sub>     <sup>*</sup></p>
+
+<p>Im Herrenzimmer beugte sich der Konsul zu seinem Jugendfreund heran und
+raunte ihm etwas ins Ohr.</p>
+
+<p>Daraufhin musterte der Steuerrat sehr ernsthaft die Gruppe am Flügel,
+dann zog er einen schwarzen Hornkneifer hervor, und nachdem er ihn
+sorgfältig geputzt, sah er eine Zeitlang angestrengt auf den hübschen,
+jungen Menschen, der die anderen dort drin augenscheinlich so angenehm
+unterhielt.</p>
+
+<p>»Na, Julius, was meinst du?« forschte Hollander, indem er sich, beinahe
+wie ratlos, hinter dem Ohr kraute.</p>
+
+<p>»Ja, Kindchen, was ist da viel zu meinen?« entgegnete der alte Herr
+leise. Über sein glattrasiertes, feingepudertes Junggesellenantlitz zog
+ein schlaues Schmunzeln. Das kannte der Konsul. In seinen langen
+Dienstjahren bei dem Hafenzollamt hatte sich sein Freund daran gewöhnt,
+den Dingen durch die Emballage zu blicken. Ein durchdringender
+Menschenkenner.</p>
+
+<p>»Na?«</p>
+
+<p>»Gott, scheinbar ein sehr talentvoller junger Herr.«</p>
+
+<p>»Schön, aber?«</p>
+
+<p>»Was, aber?«</p>
+
+<p>»Menschenskind, ich meinte &mdash; gefällt er dir denn?«</p>
+
+<p>Der Steuerrat lachte leise in sich hinein. Die Frage schien ihn zu
+ergötzen. Dann legte er seinem Schulkameraden sacht die Hand auf das
+Knie, und mit gutmütigem Spott kam es heraus: »Will ich ihn denn
+heiraten? Aber sieh dir mal die beiden jungen Damen an. Kuck. Die eine
+lacht und die andere weint.«</p>
+
+<p>»I, das wäre ja &mdash; &mdash;« Der Konsul sprang auf und warf seine Zigarre
+fort.</p>
+
+<p>»Mir gefällt er im übrigen sehr gut,« schloß der alte Junggeselle,
+ironisch blinzelnd.</p>
+
+<p class="center"><sup>*</sup>     <sub>*</sub>     <sup>*</sup></p>
+
+<p>Der Konsul schritt in das Musikzimmer und stellte sich breitbeinig an
+das Instrument, an dem Bruno gerade unter großem Beifall geendet hatte.</p>
+
+<div class="figcenter" style="width: 400px;">
+<img src="images/oppos_144.jpg" width="400" height="622" alt="Illustration" />
+</div>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_145" id="Page_145">145</a></span></p>
+
+<p>»Bravo &mdash; Bravo!« klatschte der Werftbesitzer schallend in die Hände.</p>
+
+<p>Bruno stutzte. Die lärmende Anerkennung seines Chefs machte ihn
+betroffen. Man konnte aus diesem wunderlichen alten Manne nie so recht
+klug werden. Hatte Hollander seinen Gesang vielleicht unpassend
+gefunden? Blitzschnell blickte er sich um, um aus den Gesichtern der
+anderen möglicherweise die Wahrheit zu erspähen. Allein ringsum
+herrschte nichts als Zufriedenheit.</p>
+
+<p>»Wie frisch und wohllautend Ihre Stimme klingt,« unterbrach Dina die
+Stille. »Vielen Dank, Herr Klüth.« Sie wollte ihm die Hand reichen,
+allein ihr Vater schob sich wie unbeabsichtigt dazwischen.</p>
+
+<p>»Schön &mdash; schön &mdash; ausgezeichnet, lieber Klüth &mdash; hätte nicht geglaubt,
+daß Sie das auch verstehen &mdash; na also &mdash;« er klopfte ihm auf die
+Schulter &mdash; »Nun wollen wir aber mal den jungen Damen das Feld räumen.
+Wie &mdash;?« Damit schlurfte er auf die kleine Line zu, mit der er stets
+seinen brummigen Spaß trieb, faßte ihre beiden Hände und zog sie empor.
+»Na, wie wär's, Sie kleiner Racker? Da über dem Klavier hängen noch die
+beiden Klappern &mdash; Tarantella &mdash; wissen Sie noch? Zu meinem Geburtstag
+&mdash; he?«</p>
+
+<p>»Herr Konsul!« stotterte Line.</p>
+
+<p>»Na, weshalb weinen Sie denn, Sie kleine Balletteuse?«</p>
+
+<p>»Ich weine nicht.«</p>
+
+<p>Unmutig schleuderte sie den hellen Tropfen, der ihr noch an den Wimpern
+hing, fort. Dann eilte sie an das Instrument und nahm hastig das Paar
+Kastagnetten von der Wand, lehnte sich in die Beugung des Flügels, und
+ihre Augen suchten Bruno, als harre sie nur auf ein Zeichen von ihm, um
+den schnellen, schlangenhaften Tanz, den sie vor etwa Jahresfrist
+gelernt, zu beginnen.</p>
+
+<p>Sie sah keinen anderen mehr in dem Kreis, nur vor ihm, der so oft ihre
+Gedanken beschäftigt, wollte sie aus gekränkter Eitelkeit ihre Künste
+zeigen.</p><p><span class="pagenum"><a name="Page_146" id="Page_146">146</a></span></p>
+
+<p>»Sieh &mdash; sieh,« schmunzelte der Steuerrat, der voller Erstaunen in das
+Zimmer getreten war, »das wird ja hübsch.«</p>
+
+<p>»Line,« rief Fräulein Dewitz nun strafend, die an den Ernst der
+Situation nicht glauben wollte, während sie sich langsam aus ihrem
+Fauteuil erhob. Inzwischen war auch Paul aus seiner Verborgenheit
+besorgt zu der Pflegeschwester getreten. Deutlich hatte er die
+merkwürdigen Blicke des Steuerrats und des Konsuls gesehen, sowie das
+verwunderte, ein wenig überlegene Lächeln Dinas, und wie von ferne hatte
+er das Gefühl, als ob diese reichen Leute aus seiner Familie eine Schar
+Gaukler zu machen gedächten.</p>
+
+<p>»Line,« sagte er herb, »der Herr Konsul treibt nur Scherz mit dir.«</p>
+
+<p>»Es ist überhaupt Zeit, daß wir jetzt gehen,« fügte die
+Handarbeitslehrerin bestimmt hinzu und stopfte ihr Taschentuch in das
+Gesellschaftstäschchen.</p>
+
+<p>»Schau? Schau?« bedauerte der Konsul und klopfte Bruno auf den Rücken.
+»Hätte Sie gern noch länger bei uns gesehen. Na, aber ein andermal,
+lieber Klüth &mdash;. Nicht wahr, ein andermal?«</p>
+
+<p>Allgemein brach man auf.</p>
+
+<p>Nur Line verharrte noch einen Moment an dem Flügel und legte langsam,
+wie im Traum, die Kastagnetten auf die Platte.</p>
+
+<p>»Line!« rief Fräulein Dewitz ungeduldig.</p>
+
+<p>Da schreckte sie auf, flog hinter den anderen her und half dem alten
+Fräulein, dienstbeflissen wie immer, in den altmodischen Pelzumhang
+hinein.</p>
+
+<p>Der Steuerrat, der einen vornehmen, grauen Zylinder trug, bot Fräulein
+Dewitz den Arm.</p>
+
+<p>Da drängte sich in der letzten Minute noch der Konsul in den Flur und
+händigte Line verstohlen ein kleines Paketchen ein.</p>
+
+<p>»Pst!« bemerkte er und klopfte ihr auf die Backen. »Zum Andenken &mdash;« und
+mit einer plumpen Verbeugung setzte er für alle laut hinzu: »Gut Nacht
+&mdash; gut Nachting &mdash; kommen Sie gut nach Hause.«</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_147" id="Page_147">147</a></span></p>
+
+<p class="center"><sup>*</sup>     <sub>*</sub>     <sup>*</sup></p>
+
+<p>Paul und Bruno hatten die beiden Damen bis an die Haustür geleitet.</p>
+
+<p>Jetzt schritten sie über den dicken, weichen Schnee ihren Weg wieder
+zurück. Langsam und schwer fielen die Flocken um sie her. In den engen
+Gäßchen hallte kein Laut, neblige Schwärze überall, und nur ganz
+vereinzelt brach gespensterhaft das trübe Licht einer Petroleumlampe
+durch die dunklen Schleier hindurch.</p>
+
+<p>»Du,« sagte Bruno endlich, der seinen Arm unter den des Älteren
+geschoben, »wollen wir nicht noch in die Weinstube zu Kroll gehen?«</p>
+
+<p>Jedoch der Kandidat schlug kurz ab. Das sei in der kleinen Stadt nicht
+Sitte. Er bat auch den Bruder, solche Vergnügungen künftig nicht auf
+eigene Faust zu unternehmen.</p>
+
+<p>Der andere atmete kurz und nickte dann. Ja, ja, jetzt hieß es ja wieder:
+»Strecken nach den Decken.«</p>
+
+<p>Zu dumm &mdash; wirklich.</p>
+
+<p>Wieder wanderten sie fürbaß.</p>
+
+<p>Der Theologe mit schweren Gedanken darüber, ob sich Bruno bei dem ersten
+Besuch im Hause seines Chefs nicht zu ungeniert, zu aufdringlich
+benommen, und dann auch von der Erinnerung bedrückt, warum wohl der
+Konsul die kleine Line zu dem wilden Tanz animiert habe. Ob er seiner
+Tochter gegenüber ebenfalls auf diesen Einfall geraten wäre?</p>
+
+<p>Immer tiefer bohrte er sich in diese ihn verletzende Vorstellung hinein.</p>
+
+<p>Bei dem Heimgekehrten hingegen hatte sich der Mißmut über die
+aufgegebene Weinkneiperei längst wieder verloren. Immer heller wurden
+seine Mienen, immer freundlicher seine Gedanken, leise begann er den
+<span lang="en" xml:lang="en">Yankee doodle</span> vor sich hinzusummen.</p>
+
+<p>»Du,« sprach er plötzlich aus seinem Sinnen heraus, »doch eine schöne
+Erscheinung, diese Dina, was?«</p>
+
+<p>Der Theologe verzog die Stirn. »Ja,« entgegnete er langsam, »sie hat
+viel innere Vornehmheit.«</p><p><span class="pagenum"><a name="Page_148" id="Page_148">148</a></span></p>
+
+<p>Allein der junge Kaufmann überhörte diese Abwehr. Wohlig schüttelte er
+sich in seinem Pelze und stäubte den Schnee von seinen Füßen ab.
+Ȇberhaupt scheint der Konsul ganz in sie vernarrt zu sein. Meinst du
+nicht auch?«</p>
+
+<p>Ungeduldig bewegte der Theologe den Kopf und zog rasch seinen Arm von
+dem Bruder fort: »Hier bist du zu Hause,« versetzte er, ohne direkt zu
+antworten, »schließ leise auf, damit du nicht störst.«</p>
+
+<p>»Ach, richtig, solche Nachtexzesse liebt ja der Alte nicht.«</p>
+
+<p>Nachdem er den Schlüssel in dem alten Holztor umgedreht hatte, reichte
+er dem Bruder warm die Hand. Dabei fiel ihm im Zurücktreten ein Licht
+auf, das oben aus einem Seitenfenster rötlich durch den Vorhang
+dämmerte. Interessiert starrte Bruno hinauf, dann stieß er seinen
+Begleiter leicht in die Seite.</p>
+
+<p>»Da oben schläft sie.«</p>
+
+<p>Immer peinlicher wurde dem Kandidaten dieses Gespräch.</p>
+
+<p>»Geh du nun zu Bett, Bruno &mdash;« ermahnte er, »aber leise, hörst du?«</p>
+
+<p>»Ja &mdash; ja &mdash; auf Zehenspitzen &mdash; War doch heute ein hübscher Abend. &mdash;
+Was? &mdash; Na, gute Nacht.«</p>
+
+<p class="center"><sup>*</sup>     <sub>*</sub>     <sup>*</sup></p>
+
+<p>Einsilbig war auch Fräulein Dewitz in ihr Bett gezogen. Auch ihr wollte
+die Aufforderung, welche Hollander an ihre Pflegebefohlene gerichtet
+hatte, nicht aus dem Sinn, und ohne daß sie es selbst wußte, grollte sie
+der kleinen Line dafür, weil so etwas überhaupt geschehen konnte.</p>
+
+<p>Sie mußte in Zukunft wohl doch besser auf das Mädchen acht geben. Ja,
+ja, die Kleine wurde jetzt älter, und die Welt war nach der Ansicht
+aller verständigen Leute seit den Jugendtagen des Fräulein Dewitz
+erheblich schlechter geworden.</p>
+
+<p>»Ja, ja, also besser Obacht geben!«</p>
+
+<p>Damit faltete sie die Hände, rückte ihr schneeweißes Häubchen zurecht,
+sprach ihr umständliches Nachtgebet und entschlief.</p><p><span class="pagenum"><a name="Page_149" id="Page_149">149</a></span></p>
+
+<p>Kaum hörte Line das leichte Näseln, so schlich sie in die Küche, um die
+Kleider der Lehrerin zum Reinigen hinzuhängen. Mit wenigen Bewegungen
+warf sie auch ihr eigenes Gewand ab, dann zog sie rasch das Päckchen aus
+der Tasche, das ihr Hollander so heimlich zugesteckt.</p>
+
+<p>Noch ein rasches Aufhorchen nach der Schlafstube hin, und dann &mdash;</p>
+
+<p>Ah &mdash;</p>
+
+<p>Die beiden Kastagnetten.</p>
+
+<p>Ein heißer Funke begann in Lines schwarzen Augen aufzuglimmen. Im ersten
+Moment fingen die hölzernen Dinger ihre Seele. Unbewußt fast nahm sie
+das Spielzeug kunstgerecht zwischen die Finger, und ihre rasche
+Einbildungskraft trug das Mädchen wieder an den feinen amerikanischen
+Flügel des Konsuls, an den Ort, an dem es sich so gern vor dem Einen
+hatte zeigen wollen.</p>
+
+<p>Sanft bog sie die Arme, in einem scharfen Schlag knackten die Hölzer
+gegeneinander.</p>
+
+<p>Line taumelte auf.</p>
+
+<p>Spurlos war der Traum zerstoben.</p>
+
+<p>Dann lauschte sie wieder.</p>
+
+<p>Nein, gottlob, noch drangen die näselnden Töne aus dem gemeinsamen
+Alkoven.</p>
+
+<p>Mit einem entschlossenen Griff packte sie das Geschenk zusammen, öffnete
+lautlos das Küchenfenster und warf die Hölzer mit einem kräftigen
+Schwung in den tiefen Schnee des Nachbargartens.</p>
+
+<p>Einen Augenblick weilte sie dann noch vor dem Fensterspalt. Ihr war es,
+als ob aus der Ferne eine frische, schmeichelnde Männerstimme
+herüberlocke. Über ihre junge Brust schnitt die draußen wehende Kälte,
+Schauer rieselten ihr über den Rücken. Vom Kopf bis zu den Füßen begann
+sie zu zittern.</p><hr class="chap" /><p><span class="pagenum"><a name="Page_150" id="Page_150">150</a></span></p>
+
+
+
+
+<h3>VII</h3>
+
+
+<p>»N'abend auch,« wünschte oll Kusemann, als er mit einem höflichen
+Schwung seines rechten Beines an einem der folgenden kalten Winterabende
+in die ziegelsteingepflasterte Küche der Klüths trat.</p>
+
+<p>Draußen heulte der Schneesturm und drückte eine Wolke von Kienrauch
+herab.</p>
+
+<p>Um den Herd, auf dem unter einem Messingkessel ein kräftiges Holzfeuer
+fauchte, saß die Familie Klüth und flickte eifrig an blauseidenen
+Stellnetzen herum, die eine ganz besondere Aufmerksamkeit verlangten.</p>
+
+<p>Mudding war viel älter geworden. Ihre Haare hatten sich vermindert und
+silberweiß gefärbt. Unter ihren Füßen brauchte sie jetzt einen Hüker,
+denn Muddings Beine schwollen abendlich an und bereiteten ihr Schmerzen.</p>
+
+<p>Siebenbrod dagegen hatte seine Hagerkeit abgelegt. Als Hausbesitzer war
+er voll und rund geworden; nur seine Hakennase in ihrer roten Pracht
+erinnerte noch an die Vergangenheit.</p>
+
+<p>»N'abend auch,« wünschte oll Kusemann, während er etwas weiter in die
+düstere, halberleuchtete Küche hinkte, an deren Ziegelsteinwänden
+merkwürdig rote Schatten hinaufkletterten. »Ich soll hier auch einen
+schönen Gruß bestellen.«</p>
+
+<p>Der Lügenlotse zog dabei die Augenbrauen in die Höhe und pfiff, wie wenn
+er den hohen Rang seines Auftraggebers andeuten wolle. Dann schüttelte
+er von seinem Lotsenmantel eine dicke Lage Schnee ab und ließ sich
+prustend und ohne eine Einladung abzuwarten auf einen Schemel nieder.</p>
+
+<p>Eine Weile blieb es ruhig in dem roten Raum. Man hörte das<span class="pagenum"><a name="Page_151" id="Page_151">151</a></span> Holz unter
+dem Kessel platzen und vernahm das Geklapper der Netznadeln.</p>
+
+<p>Oll Kusemann sah verwundert von einem zum andern. Da aber alle still bei
+ihrer Arbeit blieben, zog er einen Tonstummel aus dem Mantel, klopfte
+die Pfeife vorsichtig an dem Schemel aus, stopfte neuen Tabak, den er
+frei aus der Tasche zog, hinein und begann recht zufrieden zu
+schmauchen.</p>
+
+<p>»Jawolling,« äußerte er endlich behaglich, »einen Gruß.«</p>
+
+<p>»Von wem?« fragte Siebenbrod, der gerade nach einer neuen Spule griff.</p>
+
+<p>Als oll Kusemann sich nach so langer Zeit gefragt sah, stieß er ein
+befriedigtes Knurren aus und pfiff leise.</p>
+
+<p>»Von einem feinen, feinen Herrn,« gab er wichtig zurück und tat, als ob
+er ein großes Geheimnis auspacken könnte. »Ich traf ihn auf dem
+Werftbüro.«</p>
+
+<p>»Wohl unsern Bruno?« warf Mudding rasch dazwischen, ohne daß sich jedoch
+ihr unbewegliches Gesicht irgendwie verändert hätte.</p>
+
+<p>»Nein, beim Vornamen,« meinte der Lotse wichtig, »würd' ich ihn doch
+nich mehr so ohne weiteres nennen. Dazu is er mich nun doch zu fein. &mdash;
+Ja &mdash;« er hustete, blies ein paar künstliche Ringe und blinzelte durch
+die Kreise hindurch Siebenbrod verstohlen an. »Ja, was ich sagen wollt',
+in den verschiedentlichen Büros erzählen sie nämlich, daß er nun bald
+einer von Hollandern seine Stellvertreter werden wird. &mdash; Ja, ja, so was
+kommt vor. Und dann &mdash; &mdash; &mdash;« Er schluckte und suchte mit seinen
+schiefgestellten Augen zu ergründen, ob die Klüths nicht doch einmal
+neugierig werden könnten. Aber die Familie flickte gleichmütig fort.</p>
+
+<p>»Und dann &mdash; hm &mdash; da is ja noch eine Tochter. Na, die Leute sagen woll
+bloß so &mdash; aberst so was kommt doch auch vor. Nicht so?«</p>
+
+<p>Auch diese Nachricht fing nicht. Alle blieben lautlos bei ihrem Werk.
+Nur Siebenbrod rührte sich, rückte an dem Kessel und<span class="pagenum"><a name="Page_152" id="Page_152">152</a></span> lauschte dann nach
+draußen, von wo durch den Sturm hindurch Schweinegrunzen laut wurde.</p>
+
+<p>Dann fragte er: »Mudding, haben sie all?« womit er das Futter meinte,
+und nachdem die kleine Frau bejahend genickt hatte, hörte man wieder
+nichts als das Klappern der Nadeln.</p>
+
+<p>»Na, wenn sie nicht wollen,« dachte der Lügenlotse gleichmütig, streckte
+die Beine von sich und fing an, unter mächtigem Dampfblasen für sich
+allein zu erzählen.</p>
+
+<p>»I, warum sollt' so was nicht passieren? &mdash; Ich hab' da man in meine
+Jugend gelesen &mdash; von die Kaiserin Katharina; die hat ja woll &mdash; hm &mdash;
+na, ihren Kutscher geheiratet &mdash; Und als sie den über hatte, dann alle
+paar Monat einen andern Kosaken. Weißt woll noch, Hann? &mdash; Die so viel
+Flöh' haben?«</p>
+
+<p>In diesem Augenblick stieß ein mächtiger Windzug in den Schornstein, das
+Feuer flackerte nach allen Seiten auseinander, und eine ätzende
+Rauchwolke schlug durch den Raum.</p>
+
+<p>»Puh,« hustete oll Kusemann. »Nu müßt' man einen Grog für die Kehl'
+haben.«</p>
+
+<p>Auf diese Andeutung blickte Hann schnell zu seiner Mutter hinüber. Doch
+die kleine Frau schlug ängstlich die Augen nieder, und Siebenbrod hob
+sein Haupt und zählte.</p>
+
+<p>Nebenan knarrte die Uhr.</p>
+
+<p>Sieben &mdash; acht &mdash; neun.</p>
+
+<p>»'s wird Zeit ins Bett, Mudding.«</p>
+
+<p>»Ja &mdash; ja &mdash;«</p>
+
+<p>»Aber der richtige Augenblick wär's für so einen kleinen
+Schlummerpunsch,« faßte der Lotse nach.</p>
+
+<p>Siebenbrod erhob sich. Dann gähnte er. Er hatte durchaus nicht die
+Absicht, diesen ewig durstigen Lügner, der ihn mit seiner Sparsamkeit
+aufzog, zu tränken.</p>
+
+<p>»Ja, oll Kusemann, ich gäb' ihn dir herzlich gern &mdash; aber sieh, wir
+haben so was gar nicht. Was, Mudding?«</p>
+
+<p>Hann zuckte in seiner Ecke zusammen, sprach aber nichts.</p><p><span class="pagenum"><a name="Page_153" id="Page_153">153</a></span></p>
+
+<p>»Na, was steht denn aber in der Delikatessenkiste, die euer feiner Sohn
+aus der Stadt geschickt hat, wie er mir heute erzählte?« fragte oll
+Kusemann und lachte über das ganze Gesicht vor Freude darüber, daß seine
+Frechheit durch nichts zu verblüffen war.</p>
+
+<p>»Was darin steht?«</p>
+
+<p>Und Siebenbrod, der noch immer sehr jähzornig war, bekam wirklich seinen
+roten Kopf.</p>
+
+<p>»Die Kist' is noch zu,« knurrte er. &mdash; »Was, Mudding?« Und als die
+kleine Frau nicht gleich auf ihn zu hören schien, sondern nur Hann ein
+Zeichen gab, ihr die Fußbank fortzunehmen, weil sie aufstehen wollte, da
+fuhr er sie heftig an: »Na, Mudding, nu sag' doch was! &mdash; Nu tu doch
+eins den Mund auf &mdash; damit er nicht glaubt, ich gäb's ihm bloß nicht
+gern &mdash;. Nu sag' doch, is die Kist' zu oder is sie nicht zu?«</p>
+
+<p>Da warf die kleine Frau auf den Lügenlotsen einen einzigen Blick. Der
+war so flehend, daß er selbst oll Kusemann betroffen machte und seine
+Phantasie veranlaßte, schnell auf ein anderes Gebiet zu springen: »Ja,
+und morgen kommt der feine Herr zu euch zu Besuch,« lenkte er
+unerschüttert ab. »Morgen &mdash; zum Sonntag &mdash; hat's mir selbst gesagt. &mdash;
+Na, da würd' ich morgen die Kist' aufmachen. &mdash; Is'n Gedanke, wie? Is er
+denn schon mal bei euch gewesen?«</p>
+
+<p>»Ne,« knurrte Siebenbrod, während er einen schiefen Seitenblick auf
+seine Frau warf, die eben das Licht genommen hatte, um zu leuchten.</p>
+
+<p>»Also kommt zum erstenmal?«</p>
+
+<p>»Ja,« murrte der Fischer.</p>
+
+<p>»Da freut ihr euch woll sehr?«</p>
+
+<p>»Ja,« schrie Siebenbrod und riß den Leuchter an sich. »Komm, Mudding,
+wir müssen morgen früh wieder raus. Und du, Hann, paß auf, bis das Feuer
+aus is. Wir sind nich hoch in die Versicherung. &mdash; Fix, Mudding, nicht
+so langsam.«</p><p><span class="pagenum"><a name="Page_154" id="Page_154">154</a></span></p>
+
+<p>»Gut' Nacht auch,« wünschte oll Kusemann, wobei er sich höflich
+verbeugte.</p>
+
+<p>»Nacht.«</p>
+
+<p>Die kleine Frau schlich auf ihren schmerzenden Füßen voran, ihr Mann
+klapperte auf seinen Holzpantoffeln hinterher. Dann hörte man die beiden
+die Treppe hinaufziehen.</p>
+
+<p>»Is eigentlich 'n netter Mann, dein Stiefvater,« meinte oll Kusemann im
+ernsten Ton. Er schlug die Knie übereinander und schaukelte sich auf
+seinem Schemel hin und her.</p>
+
+<p>Aber wie erstaunte er, als Hann sich erhob, um an ein kleines Eckspind
+zu treten, aus dem er eine Flasche hervorzog. In dem Glase schaukelte
+goldgelbe Flüssigkeit.</p>
+
+<p>»Rum?« forschte oll Kusemann, während er die Lippen zum Pfeifen spitzte.</p>
+
+<p>Wortlos goß Hann aus dem Kessel warmes Wasser in ein Bierglas, warf
+Zucker hinein und setzte dann das Ganze als steifen Grog vor seinen
+alten Freund nieder.</p>
+
+<p>»Gott's Blitz &mdash;« lobte der und stürzte das Paßglas auf einmal hinunter
+und hielt es wieder zum Füllen hin. »Das ist ein Nümmerchen, &mdash; so &mdash;
+gut &mdash; Hann, bist doch ein anschlägiger Kopf &mdash; prost &mdash; wirst immer
+klüger. Ja, was ich sagen wollt' &mdash; weshalb, meinst woll, daß ich heut'
+hierherkomme?«</p>
+
+<p>»Wohl wegen meiner Gestellungsgeschichte? Übermorgen muß ich hin,«
+meinte Hann, der sich inzwischen auf den Stuhl am Herd niedergelassen
+hatte, wo er sich über den Flammen die Hände wärmte.</p>
+
+<p>»Jawoll,« versicherte oll Kusemann nachdenklich, »das is 'ne böse
+Geschicht', Jung. Paß auf &mdash; dich nehmen sie. Und dann wirst du nach
+Kiel geschickt, als Matros', und wenn dir dann die wilden Völker im
+Ozean &mdash; Karolinen heißen sie ja woll &mdash; nich hinterrücks kaput
+geschossen haben, denn schneiden dir doch die Mohren in Kamerun ganz
+sicher den Kopf ab. Anders is das nich.«</p>
+
+<p>»Ja, denn laß das so.«</p><p><span class="pagenum"><a name="Page_155" id="Page_155">155</a></span></p>
+
+<p>»Je, Menschenkind &mdash; &mdash; aber gib mich erst noch so'n lütten Grog &mdash;
+danke &mdash; ja, hast du denn das menschliche Leben gar nicht lieb?«</p>
+
+<p>»Oll Kusemann,« sagte Hann und sah mit seinem plumpen Kopf träumerisch
+in die Flammen, die kleiner und winziger wurden; »ich hab dich all
+längst eins fragen wollen &mdash; aber nu sprich auch ernsthaft &mdash; wozu lebt
+man eigentlich?«</p>
+
+<p>Der Lotse ließ langsam sein Glas sinken und kraute sich dann zweifelhaft
+hinter dem Ohr. Endlich spuckte er energisch aus, und als wenn ihm etwas
+einfiele, hob er langsam an: »Je &mdash; kuck &mdash; das weiß ich ganz genau. Der
+Mensch lebt, damit er kleine Kinder machen soll.«</p>
+
+<p>»Dazu also bloß?«</p>
+
+<p>»Ja, Hann, kannst mir's glauben, das is seine nobelste Bestimmung.«</p>
+
+<p>Der Angeredete nahm einen kleinen Blasebalg und blies damit in das
+ersterbende Feuer hinein. Düsterrot zuckte es in der Küche auf.</p>
+
+<p>Dann starrte er von neuem auf die aufspringenden Funken.</p>
+
+<p>»Ich glaub', du hast recht, oll Kusemann,« fing er geheimnisvoll an.
+»Menschen müssen sein, die dürfen nicht aussterben. Kuck, als ich
+neulich so in der Kirch' saß und wie ich all die vielen Beter da drinnen
+so gebückt sitzen sah, da fiel mir das mit einmal ein. &mdash; Da dacht' ich,
+wenn die Menschens nich wären, dann wär' am Ende auch der liebe Gott
+nicht da. Und all das andere Schöne wär' auch nicht da.«</p>
+
+<p>Allein den Lotsen schien dies feierliche Gespräch ernstlich zu
+langweilen. Mit lautem Ruf forderte er Grog, und nachdem er mit Genuß
+genippt, bemerkte er schlürfend: »Hann, weißt was? &mdash; Pastor Witt sagt,
+du bist ein &mdash; Phi &mdash; &mdash;«</p>
+
+<p>» &mdash; losoph,« ergänzte Hann, »ja, ich weiß.«</p>
+
+<p>»Na, und wenn sich das so verhält, wie du sagst, denn müssen also ümmer
+mehr Menschens auf die Welt kommen, das is klar,<span class="pagenum"><a name="Page_156" id="Page_156">156</a></span> damit der liebe Gott
+nicht ausstirbt, sondern recht lange bei uns bleibt &mdash; und deshalb,
+mein' ich, Hann &mdash; prost Hann &mdash; sehr fein, dein Rum &mdash; wie is das nu
+mit eine Braut? Wie? &mdash; Na, wozu sitzt du als Trumpfas und duckst dich
+unter den Kessel? Eine muß doch hier sein, die en bißchen weinen tut,
+wenn du zu die Karolinen gehst &mdash; oder zu die Mohren? Und auf die kleine
+Line rechnest du doch woll nicht mehr? Jung, das wäre ja genau so, wie
+ich vorhin sagte: Die Kaiserin Katharina und ein Kosak mit Flöh'. &mdash; Und
+das willst du doch nicht sein? Na, prost Hann.«</p>
+
+<p>Da schlug draußen auf dem verschneiten Hof der Hund an.</p>
+
+<p>Erst ein wildes Bellen, dann ein kurzes Kläffen, wie wenn er einen
+bekannten Tritt spüre. Darauf hörte man deutlich das Rasseln der Kette,
+als das Tier beruhigt wieder in seine Hütte zurückkroch.</p>
+
+<p>»Da kommt wer,« meldete Hann.</p>
+
+<p>Oll Kusemann mußte lachen: »Ganz richtig, aber, um das zu merken, dazu
+braucht man nicht grad' ein Phi &mdash; na, du weißt ja &mdash; zu sein.«</p>
+
+<p>An die Tür wurde lebhaft geklopft. Und auf des Lotsen »Herein« lugten
+zwei Mädchenköpfe durch den Spalt &mdash; ein brauner und ein roter. Über die
+Haare hatten sie dunkle Tücher gezogen, und ihre Röcke wirbelten vor dem
+nachbrausenden Sturm.</p>
+
+<p>»Huching,« rief der Lotse erfreut. »Hann &mdash; sieh, Schulmeister Tollen
+seine beiden Damens. Na, man immer rein, Kindings &mdash; ihr seid gewiß en
+bißchen hinter mir hergelaufen, weil ich so'n hübscher strammer Kerl bün
+&mdash; komm, Dirning.«</p>
+
+<p>Damit zog er die Kleine, die mit den roten Haaren, kräftig neben sich
+auf den Schemel, wo das Ding auch ungeniert und die weißen Zähne zeigend
+sitzen blieb.</p>
+
+<p>Unterdessen hatte Hann die Größere, ein etwa zwanzigjähriges Mädchen,
+das ein wenig befangen am Eingang stehen geblieben war, ungelenk nach
+ihrem Begehr gefragt. Und mit Verlegenheit erhielt er die Antwort.</p><p><span class="pagenum"><a name="Page_157" id="Page_157">157</a></span></p>
+
+<p>Die beiden Schwestern hatten gehofft, noch Mudding Klüth zu treffen. Zu
+Hause sei in den Waschkessel ein Loch gebrannt, und da wollten sie
+bitten, ob vielleicht &mdash; &mdash; &mdash;</p>
+
+<p>»Selbstverständlich,« unterbrach oll Kusemann schmunzelnd. »Da steht ja
+so'n olles Geschütz. Und wie ich Hann kenne, wird er sich eine Ehre und
+eine Aufmerksamkeit daraus machen. &mdash; Was, Jünging?«</p>
+
+<p>»Ja,« bestätigte Hann.</p>
+
+<p>Nun trat eine Pause ein, während welcher Hann rasch das kupferne Gerät
+von seinem Riegel hob, als dächte er, solch eine Angelegenheit müsse
+schleunigst erledigt werden. Doch wieder fuhr oll Kusemann dazwischen.
+Er führte die wirklich bildhübsche Klara Toll mit der vollen,
+geschmeidigen Gestalt und den sanften, dunkelbraunen Augen erst an Hanns
+verlassenem Herdsitz, und nachdem er sie mit einer Verneigung
+niedergenötigt hatte, erkundigte er sich lauernd, es sei doch
+Damenwäsche, die man morgen kochen wolle. So hübsche Frauenhemden ohne
+Ärmel, und mit Krausens oben, und Höschen und schwarze Strümpfe, recht
+lang, die sähen besonders gut aus.</p>
+
+<p>Da stand Hann mit rotem Kopf mitten in der Küche und sah voller Angst
+und Scham auf das Mädchen, das sein Antlitz dem Feuer zugewendet hielt,
+und um dessen rote Lippen soviel bezwungene Verlegenheit spielte.</p>
+
+<p>Was war das? &mdash; Ein leichtes Zittern lief über den starken Nacken des
+Burschen.</p>
+
+<p>»Oh &mdash; oll Kusemann,« bat er.</p>
+
+<p>Und wieder streckte er die Hand nach dem Kessel aus, während Klara Toll
+sich bereitwillig zur Empfangnahme erhob.</p>
+
+<p>»Aber ne,« wehrte oll Kusemann ganz energisch ab, wobei er Hann den
+Kessel mit Gewalt abnahm &mdash; »her damit &mdash; erst müssen die jungen Damens
+ein Glas Grog mit uns trinken. Erstens aus reiner Menschlichkeit, wegen
+der Kälte, und dann &mdash; hört, Kinnings &mdash;« er kredenzte jedem der Mädchen
+ein Gla<span class="pagenum"><a name="Page_158" id="Page_158">158</a></span>s &mdash;»weil dies ein Abschiedstrunk für Hann is. Der wird nämlich
+übermorgen zu den Karolinen verschickt, wo man so leicht totgeschossen
+wird, oder zu die Mohren, na, ihr wißt schon, wo die Weibers so
+schnurrig umlaufen.«</p>
+
+<p>Bei dem Worte »Abschied« bemerkte Hann, wie Klara zusammenfuhr. Sie
+wandte den Kopf nach ihm. Ihre braunen Augen suchten offen die seinen.
+Und feucht und immer feuchter begannen sie zu schimmern, bis eine helle
+Träne hervorperlte. Die glänzte wie ein Leuchtkäferchen in dem
+Feuerschein. Ohne Scham ließ sie sie zur Erde fallen und griff dann
+lächelnd nach dem Grogglase.</p>
+
+<p>»Worüber weinst du denn, mein süßes Kinding?« fragte oll Kusemann
+lauernd. »Er geht ja erst zum April.«</p>
+
+<p>Da überzog wieder ein froher Schimmer das blühende Gesicht, sie trank
+und lächelte vor sich hin und meinte dann leichthin: »Was geht das mich
+auch an? &mdash; Zum April werde ich Krankenschwester.«</p>
+
+<p>So plauderten und lachten die vier Menschen in der räucherigen Küche
+noch eine kleine Weile und tranken dazu. Der Lotse rückte enger an die
+kleine Rosa heran, legte den Arm um sie und sang:</p>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">»Gib ein Küßchen, rotes Röschen &mdash;<br /></span>
+<span class="i0">setz dich zu mir auf mein Schößchen.«<br /></span>
+</div></div>
+
+<p>Da lachte der Rotkopf und sagte sehr einfach: »Du Affe,« was oll
+Kusemann seinerseits wieder für Erlaubnis genug hielt, ihren roten Kopf
+in die Hand zu nehmen und seine wulstigen Lippen darauf zu drücken.</p>
+
+<p>»Ja, wenn mein Alwining mal selig werden würd', wer weiß, was denn alles
+passierte. Aber noch is sie sehr gesund.«</p>
+
+<p>Das Feuer auf dem Herd begann zu verlöschen. Da besannen sich die
+Schwestern darauf, daß sie heimkehren müßten. Zwar sträubten sie sich
+erst dagegen, daß Hann sowie der Lotse ihnen den umfangreichen Kessel
+tragen helfen wollten, aber als der Bursche, das schwere Metall unter
+dem Arm, wortlos in den Schneesturm hinaustrat, folgten ihm alle.</p><p><span class="pagenum"><a name="Page_159" id="Page_159">159</a></span></p>
+
+<p>Jedes laute Wort erstarb vor der Wucht der anstäubenden Schneemassen.
+Tief versanken die Wanderer in den weichen, weißen Teppich, und gegen
+ihre Köpfe schleuderte die Windsbraut spitze, feste Körner. Hann und
+Klara trugen jetzt den Kessel gemeinschaftlich. Von den beiden
+Vorauftappenden gewahrten sie nur die dunklen Umrisse. Und schon waren
+sie bis in das Inner-Dorf gelangt, als Hann in der schneidenden Stille
+ein Wort fand: »Klara, nimm mir's nicht übel. Warum wirst du
+Krankenschwester?«</p>
+
+<p>Nichts von ihren Zügen konnte er in der Dunkelheit erkennen, er hörte
+nur ihr flatterndes Kopftuch und die wirbelnden Röcke.</p>
+
+<p>Sie atmete auf. Wohl wegen der andringenden Luft.</p>
+
+<p>»Hann, ich weiß auch nicht. Aber man muß doch was haben, worum man sich
+kümmern kann.«</p>
+
+<p>Da nickte Hann.</p>
+
+<p>»Das is richtig, Klara, das liegt in manchem von uns tief drin. &mdash; Na,
+gute Nacht.«</p>
+
+<p>Sie waren vor dem flachen Lehrerhäuschen angekommen.</p>
+
+<p>Durch die Schwärze fiel von fernher ein Strahl des roten, drehbaren
+Leuchtturmlichtes und ließ auf den vereisten Mauern tausend zuckende
+Rubinen aufblitzen.</p>
+
+<p>Auch Klaras Kopf trat einen Moment blendend und blutrot beleuchtet aus
+der Nacht hervor.</p>
+
+<p>Hann erschrak.</p>
+
+<p>Doch im nächsten Augenblick bot ihm seine Begleiterin, schon wieder in
+Finsternis gehüllt, die Hand.</p>
+
+<p>»Gute Nacht, Hann, und viel Glück für übermorgen bei der Gestellung!«
+tönte ihre ruhige Stimme.</p>
+
+<p>»Oh &mdash; es kommt alles so &mdash; als es soll, Klara,« gab er zurück.</p>
+
+<p>Eine kleine Weile standen beide Hand in Hand. Dann tauchten zwei
+Schatten auf.</p>
+
+<p>»Nu fixing, Kinnings,« trieb der hinzutretende Lotse und trennte sie.</p><hr class="chap" /><p><span class="pagenum"><a name="Page_160" id="Page_160">160</a></span></p>
+
+
+
+
+<h3>VIII</h3>
+
+
+<p>Es war früh am Sonntag morgen, als Bruno mit der Bitte zu Fräulein
+Dewitz ins Zimmer trat, ob Line ihn nicht zu einem Besuch bei den Eltern
+in Moorluke begleiten dürfe. Sein Bruder Paul, an den er ebenfalls
+gedacht, wäre in der Kirche.</p>
+
+<p>»Ja, ja,« schob Fräulein Dewitz beifällig dazwischen, »den Gottesdienst
+versäumt Ihr Herr Bruder nie.«</p>
+
+<p>Und unten vor dem Hause, berichtete der junge Kaufmann weiter, warte
+bereits des Konsuls Schlitten, den ihm sein Chef, damit sich die Pferde
+einmal auslaufen könnten, zur Verfügung gestellt.</p>
+
+<p>Im selben Augenblick hörte man wie zur Bekräftigung lautes
+Schellengeläute.</p>
+
+<p>Line stand wie erstarrt.</p>
+
+<p>Die Hände preßte sie gegen ihre Brust, wie wenn sie sich selbst
+zurückhalten, bezähmen wolle, damit sie dem hübschen, frischen Menschen
+nicht um den Hals falle.</p>
+
+<p>In einem Schlitten &mdash; aus der Stadt heraus &mdash; entzogen der ewigen Obhut
+der Lehrerin, sich austummeln können, und zwar mit ihm, den sie so gern
+hatte!</p>
+
+<p>Oh, vergessen, wie weggeweht war die Vernachlässigung, die er ihr so
+lange hatte angedeihen lassen &mdash; und wenn es auch nur ein Tag war &mdash; ein
+einziger &mdash; nur einmal fort aus dieser Unterordnung und Verstellung.</p>
+
+<p>Unter ihrem hübschen, blauen Kleide klopfte ihr das Herz vor Aufregung.
+Abwechselnd rot und blaß erwartete sie die Entscheidung ihrer Herrin.
+Wenn die nun »nein« sagte? &mdash;</p>
+
+<div class="figcenter" style="width: 400px;">
+<img src="images/oppos_160.jpg" width="400" height="622" alt="Illustration" />
+</div>
+
+<p>Fräulein Dewitz hatte inzwischen nachgerechnet. Aber sie vermochte trotz
+aller Regeln des kleinstädtischen Anstandes keinen <span class="pagenum"><a name="Page_161" id="Page_161">161</a></span>Grund zur Weigerung
+zu finden. Es handelte sich ja am letzten Ende um Bruder und Schwester,
+und der Ausflug währte nur wenige Stunden, führte zudem in das
+Elternhaus, und vor allen Dingen: der Schlitten war extra von dem Konsul
+gestellt. Das entschied.</p>
+
+<p>Einen Moment schoß es ihr zwar noch durch den Kopf, warum der
+wohlerzogene junge Mann nicht auch sie selbst zu dieser Fahrt invitiere,
+aber dann kam ihr der schmeichelhafte Gedanke, daß er wohl nur nicht
+wage, sie, das Fräulein Dewitz, in sein Elternhaus zu führen.</p>
+
+<p>»Schön &mdash; schön.«</p>
+
+<p>Mit gutmütigem Kopfnicken erteilte sie die Erlaubnis, reichte dem
+galanten jungen Herrn würdevoll die Finger zum Handkuß, freute sich an
+seiner tiefen Verbeugung, und nachdem sie ihn noch gebeten, ja nicht
+ihre Grüße an seine Mutter zu vergessen, schärfte sie ihm besonders ein,
+daß Line punkt neun Uhr zu Hause sein müßte.</p>
+
+<p>»Nicht später &mdash; nicht wahr, Sie verstehen mich, mein lieber Herr
+Klüth?«</p>
+
+<p>»Gewiß, vollkommen, gnädiges Fräulein.«</p>
+
+<p class="center"><sup>*</sup>     <sub>*</sub>     <sup>*</sup></p>
+
+<p>So saßen denn die Geschwister, dicht nebeneinander, wohlverpackt in dem
+leichten, eleganten Schlitten.</p>
+
+<p>Strahlender Sonnenschein, blauer, heller Frost war dem Unwetter von
+gestern gefolgt.</p>
+
+<p>Die beiden Rappen wieherten laut in die leuchtende Weiße hinein,
+pfeilschnell, schnurgerade schoß der Schlitten über die funkelnde Bahn
+der Chaussee, die auf einem Umweg über das Klosterdorf führte.</p>
+
+<p>Da fiel es Bruno, über dem gleichfalls die ganze Glückseligkeit dieses
+Wintertages lag, auf, daß seine Begleiterin so mäuschenstill neben ihm
+verharre.</p><p><span class="pagenum"><a name="Page_162" id="Page_162">162</a></span></p>
+
+<p>Verwundert blickte er auf sie hin.</p>
+
+<p>Das war doch seltsam. Da saß sie, als wenn sie ihn, den Kutscher, den
+Schlitten, die beiden schnaubenden Rosse, alles Leben überhaupt ganz
+vergessen hätte. Den Kopf hielt sie vorgebeugt, die Lippen waren leicht
+geöffnet, als schlürfe sie die pfeifende Luft wonnetrunken ein, die
+Augen blitzten immer geradeaus auf die glitzernde Strecke, starr,
+erwartungsvoll, ein unerhörtes Wunder heischend.</p>
+
+<p>Bruno wurde von dem Bild gefangen. Was konnte das bedeuten?</p>
+
+<p>Er wußte nicht, daß diese sieben Jahre der Knechtschaft plötzlich von
+ihr abfielen, daß hier auf den stillen, freien Feldern ein
+freigewordenes, sich auf sich selbst besinnendes Weib neben ihm sitze.</p>
+
+<p>»Line,« murmelte er erstaunt, da ihr Schweigen ihn immer mehr
+befremdete.</p>
+
+<p>Da lächelte sie beinah unwillig und schüttelte den Kopf, wie wenn der
+Traum noch weiter klingen solle.</p>
+
+<p>Seltsam.</p>
+
+<p>Er konnte den Blick nicht von ihr abwenden, und dabei fiel ihm ein, daß
+dieses schlanke, so ganz eigenartige Geschöpf viele Jahre aus seinen
+Gedanken entschwunden gewesen, verdrängt von den sich jagenden
+Eindrücken der großen Stadt.</p>
+
+<p>Was mochte wohl aus ihr geworden sein?</p>
+
+<p>Er hatte sich nicht einmal Mühe gegeben, sich danach bei seinem älteren
+Bruder zu erkundigen. Allerdings, so sagte er sich, wie konnte sie sich
+auch sonderlich entwickelt haben? In ihrer abhängigen, fast dienenden
+Stellung bei einer alten Handarbeitslehrerin? Nein!</p>
+
+<p>Aber elegant sah sie aus. Sehr vornehm. Und das schmeichelte seinem auf
+das Äußerliche stark gerichteten Sinn.</p>
+
+<p>Wie voll und dabei doch schlank sie dies graue, weiche Pelzjäckchen
+erscheinen ließ.</p>
+
+<p>Vorsichtig prüfend strichen seine behandschuhten Finger an dem<span class="pagenum"><a name="Page_163" id="Page_163">163</a></span>
+Rauchwerke hinunter und fuhren zurück, als sie den runden, festen
+Frauenarm spürten.</p>
+
+<p>Seine Nachbarin sah ihn im selben Moment an. Ein rascher Blick streifte
+sein Gesicht, dann rückte sie näher zu ihm und schaute wieder zu ihm
+auf.</p>
+
+<p>Bruno stutzte.</p>
+
+<p>Ihre roten Lippen schienen ihn verspotten zu wollen. Im nächsten
+Augenblick aber brauste plötzlich der ganze glückselige Rausch der
+Jugend in ihm empor.</p>
+
+<p>Alle Bedenken, daß dies seine Pflegeschwester wäre, die sich ihm
+anvertraut, übersprang er.</p>
+
+<p>Zuversichtlich zwirbelte er sich den Schnurrbart und legte, wie
+zufällig, seinen Arm um ihre Schultern.</p>
+
+<p>»Nein,« sagte sie spöttisch und schob kräftig seine Hand zurück.</p>
+
+<p>Das brachte Bruno zur Besinnung. Siedendheiß stieg es ihm in die
+Schläfe. Zur rechten Zeit fiel ihm ein, was er eben beinahe gewagt, und
+wie seltsam sich die Kleine dabei benommen hätte. Abwehrend, und doch &mdash;
+&mdash; &mdash;</p>
+
+<p>Mein Gott, was mochte sich nur hinter dieser weißen, von schwarzen
+Haaren umringten Stirn abspielen?</p>
+
+<p>Da schreckte sie ihn von neuem auf.</p>
+
+<p>»Hast du Geld?«</p>
+
+<p>»Ja, wozu?«</p>
+
+<p>»Sieh &mdash; den Leierkastenmann da auf dem Prellstein &mdash; mit dem Stelzfuß
+&mdash; gib was.«</p>
+
+<p>Er schüttelte sein Portemonnaie über ihrem Schoß aus.</p>
+
+<p>Es waren lauter Talerstücke darin.</p>
+
+<p>»Schenkst du mir was davon?« flüsterte sie in höchster Eile.</p>
+
+<p>Er vermochte nur noch ein »Ja« zu stammeln.</p>
+
+<p>Da hatte sie auch schon mit einem erstickten Jauchzen drei, vier der
+Münzen in den Händen, schüttelte sie, ließ sie klingen, und plötzlich
+hochaufgerichtet, schleuderte sie mit einer kräftigen Bewegung ein
+Silberstück nach dem Veteranen hin.</p><p><span class="pagenum"><a name="Page_164" id="Page_164">164</a></span></p>
+
+<p>Die Leier kreischte auf.</p>
+
+<p>»Danke,« scholl es herüber.</p>
+
+<p>Und noch eins &mdash; und noch eins.</p>
+
+<p>Der Stelzfuß schwenkte seine Mütze. &mdash; »Hurra,« verklang es.</p>
+
+<p>»Ah &mdash; das war schön &mdash; das war schön!« sank Line in ihren Sitz zurück.</p>
+
+<p>»Line,« stotterte Bruno. Aber seine Augen blitzten, die wilde Tollheit
+des Mädchens hatte ihn angesteckt. Krampfhaft drückte er ihr beide Hände
+unter der Decke.</p>
+
+<p>»Ah &mdash; das war schön &mdash; das war schön,« wiederholte sie wie berauscht
+und schloß die Augen. Gleich darauf entzog sie ihm hastig ihre Finger.
+»Laß das,« verbot sie ihm herb, und zwischen ihren Augenbrauen erschien
+eine Falte. »Wozu soll das?«</p>
+
+<p>Da hielt der Schlitten.</p>
+
+<p>Mehrere Gefährte, die auf der Landstraße vor einem schmucken Krug
+hielten, sperrten den Weg.</p>
+
+<p>»Wollen wir auch einen Augenblick da hinein, Kleine?« fragte Bruno, wie
+wenn er sich auf andere Gedanken bringen wollte, »denn Vater Siebenbrod
+wird uns doch gewiß vor dem Mittag nichts Warmes vorsetzen,« und als
+Line erfreut mit einem Ruck hochsprang, half er ihr aus dem Gefährt
+herab.</p>
+
+<p>Er nahm noch wahr, wie fein und schmal ihr Fuß sei, als sie die Röcke
+ein wenig schürzte.</p>
+
+<p>»Ein prachtvolles Mädel,« dachte er, »um einen toll zu machen. Aber
+sachte, sachte.«</p>
+
+<p>Bald saßen sie in dem Krugzimmer an einem Tisch am Fenster.</p>
+
+<p>Es war ein kahler, lichtblauer Raum. Nicht ein Bild hing an den Wänden,
+nur im Sonnenschein konnte man eine Herde Winterfliegen bemerken, die
+unbeweglich ihren langen Schlaf hielten.</p>
+
+<p>Aus der Ecke feuerte ein eiserner Ofen rotglühende Hitze. Aus dem
+Nebensaal drang das Gemurmel zechender Menschen.</p>
+
+<p>Erst schauten die beiden schweigend eine Weile auf die schneeweiße
+Landstraße hinaus, wo ihre Schlittenpferde unter den Decken<span class="pagenum"><a name="Page_165" id="Page_165">165</a></span> dampften,
+dann brachte eine halbwüchsige Wirtstochter Glühwein, und die beiden
+jungen Leute stießen miteinander an. Sie blickten sich dabei in die
+Augen, der junge Mann herausfordernd, als ob er auf des jungen Mädchens
+Gesundheit tränke, was sie nur schnippisch und mit einem Achselzucken
+aufnahm. Wohlig strömte das heiße Getränk ihnen durch die Glieder. Line
+reckte sich, ihre Wangen, auf denen im Sonnenlicht ein feiner Flaum
+zitterte, färbten sich dunkler. Mit einer raschen Bewegung zog sie den
+Handschuh von der einen Hand und klatschte ihrem Begleiter damit leicht
+auf die Finger.</p>
+
+<p>»Du,« forderte sie, indem sie sich ein wenig über den Tisch bog, »eh' es
+langweilig wird, erzähl' was. Von dir.«</p>
+
+<p>»Von mir?«</p>
+
+<p>»Ja, weißt du noch, wie wir damals, bevor du zu Hollander gingst,
+zusammen auf der Mauer im Hain saßen, und was du mir da alles
+erzähltest? Sag' mal, ist davon schon etwas in Erfüllung gegangen? &mdash;
+Hast du Hoffnung, bald reich zu werden?«</p>
+
+<p>Bruno warf sich in die Brust und drehte überlegen an seinen goldenen
+Ringen.</p>
+
+<p>»Ich habe vorläufig viertausend Mark Gehalt,« warf er stolz hin, während
+er sich unternehmend durch sein Gelock fuhr.</p>
+
+<p>»Das ist nicht viel,« äußerte sie bestimmt.</p>
+
+<p>Er wurde eifrig.</p>
+
+<p>»Aber in wenig Wochen schon werd' ich Prokurist.«</p>
+
+<p>»Bekommst du dann mehr?«</p>
+
+<p>»Viel mehr.«</p>
+
+<p>»Gut &mdash; das ist recht &mdash; und dann &mdash;« sie lehnte sich hintenüber, hielt
+ihren Kopf mit beiden Händen und blinzelte ihn spöttisch an, »dann
+heiratest du Dina Hollander.«</p>
+
+<p>Bestürzt fuhr er zurück, glühend rot vor Ärger darüber, weil ihn dieses
+merkwürdige Wesen durchschauen wollte, und daneben schmeichelte es ihm
+doch nicht wenig, daß sein Name mit dem der Konsulstochter überhaupt in
+eine Verbindung gebracht werden konnte.</p><p><span class="pagenum"><a name="Page_166" id="Page_166">166</a></span></p>
+
+<p>»Woher willst du das wissen?« fragte er nichtsdestoweniger von oben
+herab »Das werde ich doch nicht jedem auf die Nase binden!«</p>
+
+<p>Sie maß ihn mit einem halb mitleidigen Lächeln.</p>
+
+<p>»Du glaubst doch wohl nicht, Bruno, daß man dir das damals bei
+Hollanders nicht anmerken konnte? Dann, laß dir sagen, ich habe es auf
+den ersten Blick gesehen!«</p>
+
+<p>»Du?«</p>
+
+<p>»Ich &mdash; jawohl.«</p>
+
+<p>»Donnerwetter,« entfuhr es ihm unwillkürlich, und er starrte auf die
+schwarze, kleine Hexe ganz fassungslos, die sich bedächtig auf ihrem
+Stuhl schaukelte, heimlich sich an seiner Verblüffung weidend.</p>
+
+<p>Herrgott, Herrgott, was war nur aus ihr geworden.</p>
+
+<p>»Mädel, wie alt bist du denn eigentlich?« stammelte er zuletzt.</p>
+
+<p>»Einundzwanzig.«</p>
+
+<p>»Dein Wohlsein,« fuhr sie fort, indem sie, wie im Hohn, das Glas gegen
+ihn hob und ihn durch die scharfgeschliffenen Ränder mit einem
+zugekniffenen Auge anblinzelte. »Ah, das macht warm.«</p>
+
+<p>Damit dehnte sie ihre Glieder, erhob sich und schritt ein paarmal mit
+ihrem leicht wiegenden Gang im Zimmer umher.</p>
+
+<p>Immer gefolgt von seinen Blicken, die sich an ihren Bewegungen
+entzündeten.</p>
+
+<p>»Ein schönes &mdash; schönes Mädel,« dachte er wieder. &mdash;</p>
+
+<p>Plötzlich klingelte Musik durch seine Gedanken. Klirrend und klimpernd
+begann der Musikautomat aus der Ecke eine Melodie abzuschnurren.</p>
+
+<p>Mit vorgebeugtem Leib, den Kopf nach ihrem Gefährten gewendet und den
+Finger leicht gegen die roten Lippen gelehnt, während die andere Hand
+noch an der Öffnung weilte, durch die sie eben die kleine Münze
+geschoben, so sah Bruno das zierliche Mädchen lauschen.</p>
+
+<p>»Line.«</p><p><span class="pagenum"><a name="Page_167" id="Page_167">167</a></span></p>
+
+<p>»Pst &mdash; der Faustwalzer.«</p>
+
+<p>Mit einer raschen Gebärde schürzte sie den Rock und machte ein paar
+Tanzschritte. Er sah die reizenden kleinen Füße sich drehen, da hielt er
+sich nicht länger. Mit einem lauten Freudenruf eilte er auf sie zu,
+wollte ihr als Tänzer seinen Arm um ihre Hüfte schlingen, &mdash; allein da
+stockte sie, wurzelte unbeweglich fest und schickte einen finsteren
+Blick zu ihm empor. »Du,« sprach sie scharf, »ich verbat mir das schon
+einmal.«</p>
+
+<p>Und da steckte auch schon Friedrich, der Kutscher, seinen Kopf in die
+Stube hinein.</p>
+
+<p>»Na?« fragte er wartend.</p>
+
+<p>»Jawohl, wir kommen,« versetzte Line, und ihrem Begleiter die Bezahlung
+überlassend, schritt sie aufgerichtet auf die Landstraße hinaus, ohne
+auch nur den Kopf nach dem Verlassenen zurückzuwenden.</p><hr class="chap" /><p><span class="pagenum"><a name="Page_168" id="Page_168">168</a></span></p>
+
+
+
+
+<h3>IX</h3>
+
+
+<p>Das war ein langweiliges, hinschleichendes Mittagbrot, das da in der
+großen guten Stube des Lotsenhäuschens eingenommen wurde, und die beiden
+Kinder, Bruno und Line, atmeten heimlich auf, als Mudding endlich sagte:
+»So, Siebenbrod, jetzt sagst du wohl gesegnete Mahlzeit.«</p>
+
+<p>Das tat der Zesnerfischer auch mit merklicher Erleichterung, denn diese
+beiden feingekleideten Menschen waren ihm so unbehaglich, als irgend
+möglich. Vor allen Dingen, weil er sich genierte, vor ihnen zu essen, so
+daß er auch heute im stillen einen gewaltigen Hunger spürte.</p>
+
+<p>»Na, sie werden woll so bald nich wiederkommen,« dachte er.</p>
+
+<p>Auch Mudding, die sich doch im Herzen so sehr über ihren Heimgekehrten
+freute, sprach niemals viel, und heute wurde ihr Geist noch besonders
+oft durch die Frage abgelenkt, ob auch alles, was ihr Bruno von sich
+mitgeteilt, recht und billig wäre, und ob sich seine kühnen Hoffnungen
+wohl erfüllen könnten.</p>
+
+<p>»Ach lieber Gott &mdash; laß mich das noch erleben,« dachte sie innerlich und
+faltete wie von ungefähr die Hände, obwohl sich in ihrem unbewegten
+Gesicht nichts regte. So hatte am Tisch eine steife Gezwungenheit
+geherrscht, denn Hann in seinem blauen Sonntagswams vermochte
+gleichfalls nur, seinen Geschwistern von Zeit zu Zeit die Schüssel zu
+reichen, oder die Bierflaschen zu entkorken, die Siebenbrod heute extra
+»spendiert« hatte. In ihre Gespräche jedoch, die sie ausschließlich für
+sich allein führten, wagte er sich nicht zu mischen. Da klang ihm ein zu
+fremder, zu hoher Ton hindurch, und so saß er nachdenklich da und
+überlegte, wie gut die beiden zueinander paßten.</p><p><span class="pagenum"><a name="Page_169" id="Page_169">169</a></span></p>
+
+<p>Ja, das waren frohe, lebendige Leute; die kamen in der feinen Welt
+zurecht, und über Bruno lachte auch Line nicht, wie stets über Hann.</p>
+
+<p>Das wenigstens hatte er gleich gemerkt.</p>
+
+<p>Ja, ja, so war das wohl auch alles recht gut.</p>
+
+<p>Nach Tisch machte Line den Vorschlag, ein bißchen im Dorf
+herumzuwandern. Und als Bruno, ganz erlöst, beigepflichtet hatte, schloß
+sich auch Hann an.</p>
+
+<p>Er hatte kaum bemerkt, daß gar keine Aufforderung dazu an ihn ergangen
+war.</p>
+
+<p>Draußen war es noch hell.</p>
+
+<p>Vom Kirchturm schlug es gerade drei, als sie sich nebeneinander auf den
+Weg machten.</p>
+
+<p>Nichts gleicht der Feiertagsruhe eines Ostseedorfes um die Winterzeit,
+wenn die Sonne im blauen Luftmeer bereits blasser wird, und der Wind auf
+den silberblitzenden, niedrigen Dächern eingeschlafen scheint. Eine
+wohlige Ruhe und Stille überall. &mdash; Man hört die Schneeflocke fallen, die
+sich zuweilen von einer vorspringenden Schindel löst.</p>
+
+<p>Als die drei in die einzige Gasse einbogen, die auf beiden Seiten von
+kleinen Fischerkaten besetzt ist und, lang verlaufend, bis zum Kirchhof
+führt, berührte Hann den Arm seines Bruders.</p>
+
+<p>»Hör',« fragte er wichtig, »willst du vielleicht Vatings Grab sehen?«</p>
+
+<p>Dar war doch nun wieder ein ganz dummer Einfall des Tölpels. Verstimmt
+blieb Bruno stehen und blickte voll Verlegenheit zu Line hinüber, die
+Hann mit ganz erschrockenen Augen maß: &mdash; Jetzt &mdash; an diesem einzigen
+freien Nachmittag unter Grabkreuzen?</p>
+
+<p>Aber da fragte der junge Kaufmann bereits, ob der Kirchhof nicht doch zu
+dick verschneit sei, und Hann lenkte sofort schwerfällig nickend ein:
+»Ja, ja mit euren Stiefeln ist da wohl nicht durchzukommen &mdash; wollen's
+lieber lassen.«</p>
+
+<p>Line atmete tief auf, sah aber doch noch öfter furchtsam auf den<span class="pagenum"><a name="Page_170" id="Page_170">170</a></span>
+Friedhof hin. Weiter schritten sie, aber für die nächsten Minuten war
+doch die Stimmung gestört. Sie unterbrachen das Schweigen erst wieder,
+als unvermutet zweistimmiger Gesang auftönte, und jetzt erkannten die
+Spaziergänger auch, wie vor der Dorfschule zwei junge Mädchen auf und
+nieder wanderten, beide Arm in Arm, und eifrig, wenn auch mit halber
+Stimme, singend.</p>
+
+<p>»Das tun sie hier öfters Sonntags nachmittags,« erklärte Hann.</p>
+
+<p>Noch kehrten die beiden Frauengestalten den Ankömmlingen den Rücken,
+doch unterschied man bereits deutlich den Text des Liedes, der nicht
+gerade aufheiternd und munter klang:</p>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">»Morgenrot,<br /></span>
+<span class="i0">Leuchtest mir zum frühen Tod?<br /></span>
+<span class="i0">Bald wird die Trompete blasen,<br /></span>
+<span class="i0">Dann ich muß mein Leben lassen,<br /></span>
+<span class="i0">Ich und mancher Kamerad.«<br /></span>
+</div></div>
+
+<p>»Ja,« sagte Hann sehr befriedigt, nachdem er andächtig gelauscht hatte,
+»Klara und Rosa Toll haben hier die schönsten Stimmen. Wenn sie im
+Kirchenchor singen, dann geh' ich jedesmal hin.«</p>
+
+<p>Und in seinem inneren Vergnügen nickte er noch ein paarmal bekräftigend
+und übersah dabei, wie Line ihren Begleiter mit dem Ellbogen in die
+Seite stieß, und als der sie verwundert anblickte, wie sie mit den Augen
+heimlich nach dem größeren der beiden Mädchen hinüberzwinkerte.</p>
+
+<p>Da mußte Bruno auflachen.</p>
+
+<p>Nun begrüßte man sich gegenseitig, die Schulmeisterstöchter knicksten
+vor den feinen Städtern, und Line klopfte der schönen Klara Toll so
+mütterlich die Wange, daß die also Behandelte, die ein wenig größer als
+Line war, verlegen ihren Blick auf den Boden lenkte.</p><p><span class="pagenum"><a name="Page_171" id="Page_171">171</a></span></p>
+
+<p>Darauf erkundigte sich Bruno, warum die Mädchen ein so trauriges
+Soldatenlied gesungen, und während die Ältere nicht mit der Sprache
+herauswollte, und nur ein tiefes Rot langsam in ihre Wangen stieg,
+begann der Rotkopf ungeniert zu plaudern: Hann Klüth hätte ihnen gestern
+abend davon erzählt, daß er sich morgen in der Stadt zum Militär stellen
+müsse, und nun hätten die beiden Schwestern gerade davon gesprochen, und
+mit einmal hätte Klara angefangen, das Lied zu singen. Sie aber wäre nur
+so zur Begleitung eingefallen.</p>
+
+<p>»O &mdash; nicht doch,« stammelte Hann und machte eine Bewegung, als wolle er
+nach der Hand der Größeren greifen, besann sich jedoch und steckte seine
+Rechte plump in die Tasche.</p>
+
+<p>Da schlug vom Kirchturm die Uhr, und die beiden Parteien trennten sich.</p>
+
+<p>Die Sperlinge, die auf der Dorfstraße und auf den Ästen der weißen
+Pappeln saßen, schrien matter, der Schnee begann sich blauviolett zu
+färben.</p>
+
+<p>»Sieh,« sagte Line zu Bruno, da sie auf die öden, knackenden Wiesen
+traten, die sich bis an die zugefrorene See hinabgezogen. »Da drüben.«</p>
+
+<p>Da glühte im roten Licht die Klosterruine, die für die beiden jungen
+Menschen so viele Erinnerungen barg, herüber, von ihren Schneemassen
+rann purpurnes Feuer herab, wie ein ungeheurer, weißer Korallenwald
+standen die kahlen Eichengerippe um das Mauerwerk herum.</p>
+
+<p>»Da,« sprach Line noch einmal und sah ihren Gefährten von damals mit
+einem flüchtigen Blicke an.</p>
+
+<p>Bruno stutzte.</p>
+
+<p>Plötzlich begann ihm das Herz wild zu klopfen, die Erinnerung stieg in
+ihm auf. Jetzt, ja jetzt hätte er die lockende Gestalt in dem grauen
+Pelzjackett wild an sein Herz gerissen, wenn &mdash; ja, wenn nicht dieser
+störende Tölpel neben ihnen gestanden, der sie beide immer so
+nachdenklich betrachtete.</p><p><span class="pagenum"><a name="Page_172" id="Page_172">172</a></span></p>
+
+<p>Aus der eben verlassenen Dorfstraße trug dazu der Wind eine neue
+Liedstrophe herüber. Die beiden Lehrerstöchter fuhren wohl in ihrem
+stillen Sonntagsvergnügen fort:</p>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">»Kaum gedacht,<br /></span>
+<span class="i0">Ward der Lust ein End' gemacht.<br /></span>
+<span class="i0">Gestern noch auf stolzen Rossen,<br /></span>
+<span class="i0">Heute durch die Brust geschossen,<br /></span>
+<span class="i0">Morgen in das kühle Grab!«<br /></span>
+</div></div>
+
+<p class="center">&mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; </p>
+
+<p>»Pst! Für'n Sechser Ruhe!« rief eine heisere Stimme ärgerlich
+dazwischen.</p>
+
+<p>Aus seiner bretternen Wachthütte, die eigentlich eine Badezelle gewesen,
+streckte oll Kusemann seinen geölten und frisierten Kopf heraus und
+legte noch den Finger an die Lippen, um auch pantomimisch anzudeuten,
+daß er einer Beschäftigung obliege, bei der er keine Störung vertragen
+könne.</p>
+
+<p>»Oll Kusemann, was machst du hier am Sonntag? Und noch dazu, wo der
+Bodden zugefroren is und gar kein Schiff in Sicht kommen kann?« fragte
+Hann nähertretend und steckte seinen Kopf in den engen Spalt der Tür,
+die oll Kusemann ihm eben brummig vor der Nase zuschlagen wollte. »Und
+wozu hast du die beiden Flintens da in der Ecke?«</p>
+
+<p>»I, die beöl' ich mir 'n bischen,« brummte der Lotse ausweichend und
+beäugelte mit seinem schiefen Blick die beiden Städter. »Für die Dinger
+is Öl dasselbe, was für uns Lebendige Rotspohn is.«</p>
+
+<p>»Oll Kusemann,« fuhr Hann strafend fort, »auf Ludwigsburg drüben ist
+Jagd, und du lauerst hier bloß darauf, daß sich über das Eis fort wieder
+was zu dir verlaufen soll. Hast du nicht vorigen Monat erst deswegen vor
+Gericht gestanden?«</p>
+
+<p>»Ja, aber ich bin freigesprochen,« triumphierte oll Kusemann, indem er
+sich schmunzelnd seinen spitzen Kinnbart strich, »und der<span class="pagenum"><a name="Page_173" id="Page_173">173</a></span> Präsident hat
+mir noch eine Zigarre dafür geschenkt, weil ich so'n oller nützlicher
+Mitbürger wär', der die fatalen Seehunde hier wegputzt.«</p>
+
+<p>Aber ehe sich noch ein anderer in das Gespräch mischen konnte, winkte
+der Lotse plötzlich lebhaft mit Händen und Beinen ab, sprang in die
+Ecke, ergriff eine der Flinten, pflanzte sich in die Türöffnung und
+starrte aufgeregt über das Eis des Boddens.</p>
+
+<p>Über die graue Fläche fuhr im rasenden Lauf ein schwarzer Punkt.</p>
+
+<p>»Das ist doch kein Seehund?« rief Hann zornig und wollte nach dem Lauf
+der Büchse greifen, aber der Lotse schüttelte verächtlich den Kopf: »Was
+sonst? &mdash; Das is einer, wie er leibt und lebt!«</p>
+
+<p>Nun kam die Jagdlust über die kleine Schar. Immer gespannter verfolgten
+sie den sich nähernden Farbenfleck.</p>
+
+<p>»Jetzt,« murmelte der Lotse und hob das Gewehr.</p>
+
+<p>Da schwankte zu seiner Verwunderung ein zweiter Lauf neben dem seinen.</p>
+
+<p>Line war unvermutet in die Hütte gesprungen, riß jetzt die Waffe an ihre
+Wange und stammelte mit blitzenden Augen: »Ich auch, ich auch.«</p>
+
+<p>»Kannst du denn zielen?« stieß Bruno hervor.</p>
+
+<p>»Weiß nicht.«</p>
+
+<p>»Dann laß mich visieren, &mdash; so.«</p>
+
+<p>Er beugte seinen Kopf dicht hinter ihren Nacken und stützte mit der
+linken Hand den Kolben. Ohne daß sie darauf zu achten schien, lehnte sie
+so voll in seinen Armen, daß sein Mund, wenn er es gewagt hätte, die
+Haut ihres Nackens hätte berühren können.</p>
+
+<p>Oll Kusemann schmunzelte: »Wer trifft, kriegt von dem schönen Fräulein
+ein Küssing. &mdash; Ich treffe, bautz.«</p>
+
+<p>Der Schnee stäubte auf, der Farbenfleck fuhr seitwärts; »kuck«, brummte
+der Lotse verblüfft und schob sich die Mütze in den Nacken.</p><p><span class="pagenum"><a name="Page_174" id="Page_174">174</a></span></p>
+
+<p>Da krachte der zweite Schuß.</p>
+
+<p>»Liegt &mdash; liegt,« schrien plötzlich Hann und oll Kusemann gleich zwei
+Besessenen, und im Wettlauf stürmten sie auf die beschneite Fläche, weil
+jeder den toten »Seehund« für seine Partei zu requirieren gedachte.</p>
+
+<p>In der Hütte blieben die beiden Sieger allein. Bruno faßte sich an die
+hämmernde Schläfe. Ob er sich jetzt seinen Schützenlohn holte? Sachte,
+indem er glaubte, Line bemerke es nicht, zog er die Tür hinter sich zu,
+so daß das Rotlicht der scheidenden Wintersonne nur noch durch das
+kleine Guckfenster fallen konnte. Dann zögerte er wieder &mdash; einen
+Schritt kaum von ihm getrennt, stellte das Mädchen ihr Gewehr in die
+Ecke. Deutlich sah er die schöne Rundung ihrer Glieder, als sie sich
+bückte. Da kam seine kecke Wagelaune über ihn. Tausend Nerven prickelten
+ihm in den Armen, kaum wußte er noch, was er tat; tief aufatmend drängte
+er sich an ihre Seite.</p>
+
+<p>Doch dieser Atemzug verriet ihn. Kräftig raffte sie sich auf und sah ihn
+groß an. »Weshalb hast du die Tür geschlossen?« fragte sie rauh.</p>
+
+<p>Er schüttelte den Kopf und blieb wirr und unentschlossen vor ihr stehen.</p>
+
+<p>Mit dem Fuß stieß sie die Tür auf.</p>
+
+<p>»Ich hab's nicht gern im Dunkeln,« sagte sie mit einem feindseligen
+Blick, und wieder schoß ihr der Gedanke an Dina widerwärtig durch den
+Kopf; dann lachte sie kurz und trocken auf: »Da bringen sie den
+Seehund.«</p>
+
+<p>Sehr demütig und kleinlaut schlich oll Kusemann heran, obwohl er seinem
+ungelenken Gefährten bei der Ergreifung des Seeungeheuers zuvorgekommen
+war. Aus seinem Wams guckte ein langohriges Köpfchen heraus.</p>
+
+<p>»Verfluchtet Pech,« wimmerte er, »'s richtig wieder ein Hase. Da kann
+man nun die besten Absichten haben, die allerreellsten, aber gegen
+Mallöhr is nich aufzukommen. Na adjüssing.«</p><p><span class="pagenum"><a name="Page_175" id="Page_175">175</a></span></p>
+
+<p>So schlich er mit dem unwillkommenen Braten betrübt seinem Häuschen zu,
+ehrwürdig, als »oller nützlicher Mitbürger.«</p>
+
+<p class="center"><sup>*</sup>     <sub>*</sub>     <sup>*</sup></p>
+
+<p>In tiefer Dunkelheit fuhren Line und Bruno in einem geschlossenen
+Schlittenkasten heim, den man sich erst vom Krugwirt hatte borgen
+müssen, da ihr eigenes Gefährt auf Wunsch des Konsuls noch bei
+Tageshelle den Heimweg angetreten.</p>
+
+<p>So hockte denn Hann, der sich willig dazu erboten, in seinem zottigen
+Schifferpelz auf dem Bock und schwang die Peitsche. Von drinnen hörte er
+undeutlich die Stimmen seiner Passagiere, doch er wendete sich nicht um:
+»Nich horchen,« dachte er, »das paßt sich nich.«</p>
+
+<p>Aber was er sich selbst nicht verbieten konnte, das waren seine
+Gedanken, die immer wieder zu seinen Mitfahrenden in den klappernden
+Schlitten hineinstiegen.</p>
+
+<p>»Passen gut zusammen,« dachte er. »Was kann er gut mit Reden fort und
+sie &mdash; so hübsch, und gewachsen wie so'n schieres, glattes Füllen &mdash; ja,
+ja, man möcht' ordentlich eins überstreichen.«</p>
+
+<p>Hier stockte er, erschrak und schämte sich.</p>
+
+<p>Ach, es war ja das Unglück dieses nachdenklichen Bauern, daß ein
+schlichter, tiefer Schönheitssinn in ihm lebte, und daß er dieses junge,
+blühende Mädchen da drinnen von seiner Jugend an als das Übermaß
+weiblicher Vollendung zu verehren gewohnt war.</p>
+
+<p>»Und wie sie sich in den Hüften dreht,« dachte er bewundernd weiter.</p>
+
+<p>»Hüh,« schrie er wütend dazwischen. Aber im nächsten Moment kehrten
+seine Gedanken in Wasserstiefeln schon wieder zurück. »Ob Bruno ihr aber
+auch gut is? Ja, ja, das ist 'ne verfluchte Geschichte, und ob er es
+auch ganz treu und ehrlich meint?«</p>
+
+<p>»Hüh,« schrie er wieder, und der Schlitten klingelte weiter durch
+Dunkelheit und Mondschein.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_176" id="Page_176">176</a></span></p>
+
+<p class="center">&mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; </p>
+
+<p>Drinnen sprach derweil die schwarzbraune Hexe ihren Zauberspruch.</p>
+
+<p>Es klapperten die Scheiben, es quietschten die Lederhüllen und ließen
+die kalte Luft fast ungehindert herein. Line hauchte ein paarmal vor
+sich hin, um im vorüberhuschenden Mondlicht ihren Atem dampfen zu sehen,
+dann fröstelte sie zusammen, bis sie sich endlich, Wärme suchend, in
+sich selbst einkauerte, ohne bemerken zu wollen, wie ihr Gefährte fast
+atemlos neben ihr saß, betört und bezaubert von dieser widerspenstigen
+Schönheit. Mit Gewalt suchte er sich von seinen schlechten Gedanken
+abzubringen.</p>
+
+<p>»Bist du müde?« fragte er.</p>
+
+<p>»Ja.«</p>
+
+<p>Er berührte zaghaft ihren Arm.</p>
+
+<p>Ärgerlich zuckte sie den Ellbogen zur Höhe: »Was willst du?«</p>
+
+<p>»Ich wollte dich nur einmal fragen, was du eigentlich in diesen sieben
+Jahren getrieben hast? &mdash; Es interessiert mich so.«</p>
+
+<p>»Gott, gelernt und gelesen hab' ich, das merkst du doch wohl, und tu's
+auch heute noch.«</p>
+
+<p>»Und zu welchem Zweck?«</p>
+
+<p>»Wie du auch fragst?« lachte sie und warf die Lippen auf. »Damit ich in
+die Höhe kommen kann. Das ist doch selbstverständlich. Paß mal auf, so
+wie dir, wird's mir auch glücken. Ich bin ja nicht häßlich.«</p>
+
+<p>»Nein, bei Gott, das ist sie nicht,« schoß es Bruno durch die erregten
+Sinne, nur wild, widerspenstig und berechnend, wie es ihm scheinen
+wollte, und sich näher zu ihr vorbeugend, drängte er weiter: »Willst du
+denn irgendeinen Beruf ergreifen?« Da traf ihn schon wieder solch ein
+feindseliger Blick.</p>
+
+<p>»Wenn ich nicht durch eine Heirat mein Glück mache, dann gewiß. Bei
+Fräulein Dewitz bleibe ich nicht länger. Das kann mir keiner verdenken.
+Aber weißt du was?« &mdash; Sie schmiegte sich plötzlich an ihn und senkte
+das Köpfchen auf die Brust, als gälte es ein Geheimnis. Und es bedeutete
+auch wirklich eines.</p>
+
+<div class="figcenter" style="width: 400px;">
+<img src="images/oppos_176.jpg" width="400" height="620" alt="Illustration" />
+</div>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_177" id="Page_177">177</a></span></p>
+
+<p>»Da waren neulich die Hofschauspieler aus Schwerin im Voglerschen Saal
+&mdash; du, und da war eine dabei, die war nicht älter wie ich, aber so
+ausgelassen, und wild, und gab lauter solche Rollen, wo man die Männer
+anführt. Weißt du, ich glaub', das könnt' ich auch. Und wie sie im
+letzten Akt auftrat, da flogen aus der Offiziersloge lauter Buketts auf
+sie zu, bis sie endlich eine Kußhand warf. Immerfort &mdash; lauter Kußhände.
+Ah &mdash; das hätt' ich auch tun mögen. Wahrhaftig.«</p>
+
+<p>Sie verzog den Mund und nickte wie zur Bekräftigung mehrmals vor sich
+hin.</p>
+
+<p>Da war es heraus, das Innerlichste von ihr, jenes Abenteuernde,
+Irrlichtierende, das Bruno nur dunkel geahnt hatte, das ihn jetzt aber
+mit solcher Macht fing, daß er, halb seiner selbst beraubt, die Hände
+gegen die Augen preßte, um sich zurückzuhalten, sich zu zähmen.</p>
+
+<p>»Hast du was?« fragte sie.</p>
+
+<p>Er verneinte. »Kopfschmerzen.«</p>
+
+<p>»Ja, ja, es ist auch kalt,« brach sie ab. »Wollen schlafen, ich bin
+müde.«</p>
+
+<p>Damit lehnte sie sich in das Leder zurück, und bald verkündeten ihre
+regelmäßigen Atemzüge, daß ihrem Willen auch der Schlummer dienstbar
+wäre.</p>
+
+<p>Bruno rieb sich die Stirn und sah neugierig auf sie hin.</p>
+
+<p>Ob sie wirklich schlief? &mdash; Oder ob die raffinierte kleine Person ihm
+nur zeigen wollte, wie lieblich sie aussah, wenn das Mondlicht über sie
+huschte, und wie weiß die Zähne hinter den halbgeöffneten Lippen
+hervorblitzen konnten.</p>
+
+<p>Nein &mdash; nein, er wandte sich ab, er blickte auf die Chaussee hinaus, auf
+deren Schneedecke die Pappeln schwarze Schatten warfen, wie lange
+Schlangen, die auf das Gefährt zukriechen wollten.</p>
+
+<p>Aber auch dieser Anblick zerstreute ihn nicht.</p>
+
+<p>Nein, nein.</p><p><span class="pagenum"><a name="Page_178" id="Page_178">178</a></span></p>
+
+<p>Die Schläferin rührte sich. Sie saß jetzt aufgerichtet, nur der Kopf war
+hintenübergesunken, während die Brust sich leise hob und senkte.</p>
+
+<p>Ob sie wirklich schlief?</p>
+
+<p>Schon nahten die ersten Häuser der Stadt.</p>
+
+<p>Da hatte Bruno ausgekämpft. Die kleine, schwarze Hexe neben ihm war
+stärker als er.</p>
+
+<p>Ziemlich unsanft, beinahe rüttelnd fuhr er über ihren Arm.</p>
+
+<p>Gegen sich selbst wollte er sie bewahren. »Wach auf, wach auf!« schrie
+es in ihm.</p>
+
+<p>Aber die Schläferin sank, der Bewegung folgend, in voller
+Schlaftrunkenheit gegen die Schultern des Mannes.</p>
+
+<p>Oh, wie weich rundeten sich ihre Lippen.</p>
+
+<p>Er hob ihr Kinn, ruhig atmete sie fort, selbst die Grübchen in ihren
+Wangen konnte er bei dem trüben Lampenlicht gewahren, und leise, leise,
+wie ein vorsichtiger Dieb, stahl er ihr von den kostbaren Früchten.</p>
+
+<p>Da gab es einen Stoß. Ruckartig hielten sie.</p>
+
+<p>Ob Hann zurückgeblickt hatte?</p>
+
+<p>Wie taumelnd sprang der grobkörnige Geselle von dem Schlitten herab,
+dann öffnete er den Schlag und grollte: »Wir sind da.«</p>
+
+<p>»Schon?« gab Bruno atmend zurück, und auf Line deutend, setzte er hinzu:
+»Fest eingeschlafen.«</p>
+
+<p>Hann starrte in dumpfem Staunen auf sie hin.</p>
+
+<p>Und erst nach geraumer Zeit gelang es den beiden, das Mädchen zu wecken.</p>
+
+<p>Verwundert blickte sie sich um, dehnte sich, und dann lachte sie und
+meinte gleichgültig: »Ah &mdash; das war geschlafen. Aber seht da oben, da
+lauert schon die Alte auf mich. Sie brennt noch Licht. Na, kommt gut
+nach Hause.«</p>
+
+<p>Durch die klingelnde Haustür sprang sie die Stufen hinauf, nickte
+nocheinmal zurück und verschwand.</p>
+
+<p>Als Hann nach einer Weile im Schritt zurückkutschierte, da<span class="pagenum"><a name="Page_179" id="Page_179">179</a></span> hielt er in
+seinem Fausthandschuh ein Zehnmarkstück. Das hatte ihm Bruno beim
+Abschied in die Hand gedrückt, halb als Geschenk, halb als Trinkgeld.
+Und der unbeholfene Bursche besah es sich beim Sternenlicht, kratzte
+sich hinter dem Ohr und seufzte tief auf.</p>
+
+<p>»Hüh, Schimmels!«</p><hr class="chap" /><p><span class="pagenum"><a name="Page_180" id="Page_180">180</a></span></p>
+
+
+
+
+<h3>X</h3>
+
+
+<p>Zwei Tage später &mdash; bei Sonnenaufgang &mdash; da fand der einzige, goldige
+Strahl, der durch das hochangebrachte Traillengitter hindurchdringen
+konnte, den Moorluker Philosophen fröstelnd und mit blödem Haupt auf der
+Pritsche des Militärgefängnisses hingestreckt und mit dumpfem,
+verwundertem Ausdruck an den grauen Mauern hinaufstarren.</p>
+
+<p>»Nee,« stellte er fest, indem er erwartete, Siebenbrod müsse ihn ja
+zuletzt mit einem Fußtritt aus dem schweren Traum erwecken, hielt sich
+den Kopf und schloß die Augen. Aber der liebe, erlösende Tritt
+Siebenbrods blieb aus, und das einzige, was zu ihm drang, war vom Hof
+aus ein Kommandoruf, dem ein hartes, klirrendes Geräusch folgte, wie
+wenn Gewehre taktmäßig auf das Pflaster gestoßen werden.</p>
+
+<p>»Je &mdash; je &mdash;«</p>
+
+<p>Hann riß abermals die Augen weit auf.</p>
+
+<p>Halb zerschlagen kroch er von dem harten Marterlager herunter, um von
+neuem kopfschüttelnd um sich herum zu stieren.</p>
+
+<p>Da in der Ecke die Pritsche mit der Wolldecke, an der anderen Seite ein
+Kasten, der häßlich roch und beinahe aussah, als ob man seine Notdurft
+darein verrichten sollte. Sonst nichts.</p>
+
+<p>Kein Stuhl &mdash; kein Tisch. Auf vier Seiten lang und breit nur kahle,
+graue Mauern, und eine niedrige, braune Tür, die von innen keine Klinke
+bot.</p>
+
+<p>Hann strich sich die Haare aus der Stirn und schüttelte sich.</p>
+
+<p>Darauf schlich er zur Tür, um sie doch wenigstens einmal zu untersuchen,
+als an dem Holz in Manneshöhe eine Klappe herabsank, während ganz dicht
+etwas polterte.</p><p><span class="pagenum"><a name="Page_181" id="Page_181">181</a></span></p>
+
+<p>Nun, das war doch gewiß ein gutes Zeichen, hoffnungsfroh steckte Hann
+die Hand durch die Öffnung, da erhielt er mit einem harten Gegenstand
+einen Hieb auf die Finger, daß er schreiend zurückfuhr, und zu gleicher
+Zeit wurde die Klappe durch ein bärtiges Gesicht ausgefüllt.</p>
+
+<p>»Nicht so hitzig, Patron,« knasterte eine Stimme, die sehr
+geschäftsmäßig und keineswegs wohlmeinend klang. »'s kommt schon.«</p>
+
+<p>Ein irdener Wasserkrug wurde hereingereicht, ein halbes Kommißbrot, und
+der Verschluß hob sich wieder.</p>
+
+<p>»Halt,« schrie Hann in aufsteigender Verzweiflung. »Männing, weswegen &mdash;
+&mdash; &mdash;«</p>
+
+<p>»Jawoll,« knasterte die barsche Stimme, und der Eingeschlossene hörte,
+wie die Klappe eilig wieder verriegelt wurde.</p>
+
+<p>Ja, da sollte doch Gott den Deuwel totschlagen? &mdash; Was war denn nun?</p>
+
+<p>Erschöpft, mit ängstlich klopfendem Herzen, sank Hann von neuem auf die
+Pritsche und starrte auf den Krug und das Brot.</p>
+
+<p>Fi &mdash; das war ja nicht einmal etwas Warmes, wie es ihm Mudding doch
+täglich gab, und dabei fröstelte ihn, daß ihm die kalten Schauer die
+Brust zusammenschnürten.</p>
+
+<p>»Präsentiert das &mdash; Gewehrrr!« scholl es schrill von unten. Darauf ein
+klirrender Schlag.</p>
+
+<p>Je, ja, waren das nicht Soldaten? &mdash; Hann erschrak so sehr, daß ihm
+beinahe der Krug entglitten wäre, &mdash; Bilder, lauter fremde Bilder
+zuckten plötzlich durch seine langsame Vorstellung. &mdash; Ein
+Gasthofszimmer, Uniformen, nackte Menschen! &mdash;</p>
+
+<p>Wo war er denn gestern gewesen?</p>
+
+<p>Mit Gewalt schob er sich plötzlich den Kasten zurecht, kletterte hinauf,
+und nun konnte er durch die Eisengitter hinuntersehen.</p>
+
+<p>Ein weiter, schneebedeckter Hof, eingeschlossen von einer roten
+Ziegelmauer, vor deren einzigem Tor ein Soldat im grauen Mantel mit
+geschultertem Gewehr ruhig auf und ab wanderte.<span class="pagenum"><a name="Page_182" id="Page_182">182</a></span> An der Seite, beinahe
+unter ihm, zwei Reihen Infanteristen, die unter Leitung eines
+Unteroffiziers mit roten Händen und roten Gesichtern Griffe übten.
+Unbeweglich, nur die Arme lebendig, immer Schlag auf Schlag.</p>
+
+<p>»Das Gewehrrr über &mdash; Gewehrrr ab. &mdash; Das Gewehr über!«</p>
+
+<p>»Also doch!«</p>
+
+<p>Schwerfällig stieg Hann herab. Nun wußte er genug. Und nachdem er auf
+seiner Pritsche einen tiefen Zug aus der Kanne getan, schlug er sich mit
+der Faust auf die Stirn.</p>
+
+<p>Ja &mdash; ja &mdash; er hatte es also doch erlebt. &mdash; Wie war's doch?</p>
+
+<p class="center">&mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; <br />
+&mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; </p>
+
+<p>Ein lärmender Zug junger Fischer- und Bauernsöhne vor dem Voglerschen
+Gasthof, und immer zehn werden zugleich hineingeführt.</p>
+
+<p>Unter der ersten Abteilung befindet sich &mdash; Hann.</p>
+
+<p>Er hört noch die Stimme oll Kusemanns, der zur Feier des Tages mit in
+die Stadt gekommen.</p>
+
+<p>»Immer an den großen Zeh denken. Das hilft.«</p>
+
+<p>Ein kleines quadratisches Vorzimmer, weiß getüncht, mit einigen
+Kleiderrechen und Stühlen. Drinnen ein Unteroffizier &mdash; richtig,
+Hoffmann hieß der Brave &mdash; der sich unternehmend einen mächtigen,
+starrenden Schnauzbart dreht und, nachdem er mit einem überlegenen Blick
+die Schar gemustert, das Kommando erteilt: »Ausziehen!«</p>
+
+<p>Die Burschen entkleiden sich.</p>
+
+<p>»Den Rock auch?« fragt Hann Herrn Hoffmann, nachdem er sich seines
+Überziehers entledigt.</p>
+
+<p>»Selbstverständlich &mdash; wie Gott euch geschaffen hat, Kerls,« befehlt der
+Unteroffizier, martialisch im Zimmer auf und nieder schreitend.</p>
+
+<p>Hann streicht sich über die nackte Brust. Sein Herz klopft, als er so
+auf die anderen schielt.</p><p><span class="pagenum"><a name="Page_183" id="Page_183">183</a></span></p>
+
+<p>»Die Büxen auch?« hält Hann nach einer Weile von neuem inne.</p>
+
+<p>»Donnerwetter &mdash; Mensch &mdash; was sind das für Reden?« wettert der
+Aufseher.</p>
+
+<p>»Aber es is ja man wegen der Schanierlichkeit.«</p>
+
+<p>»Aha, ich weiß schon, Sie sind wahrscheinlich auch so einer.«</p>
+
+<p>Ein verdächtiger Blick streift ihn, während Hoffmann rasch in seinem
+Notizbuch etwas revidiert.</p>
+
+<p>Aber Hanns methodischem Sinn ist diese Andeutung nicht verständlich
+genug. »Was für einer?« will er sich eben vorsichtig erkundigen, da
+erhält er einen Stoß gegen die Schulter, daß die streitigen Hosen ihm
+von selbst abfliegen, und eine wütende Stimme zischt dicht an seinem
+Ohr: »Maul halten &mdash; vorwärts &mdash; das weitere wird sich finden.«</p>
+
+<p>&mdash; &mdash; &mdash; Die zehn nackten Menschen stehen plötzlich in einem niedrigen,
+weiten Gasthofszimmer, vor einem schmalen, langen Tisch, hinter dem
+mehrere Offiziere und einige Herren in Zivil sitzen. An einem
+Nebentische schreiben zwei Unteroffiziere.</p>
+
+<p>»Heinrich Kagelmacher,« ruft es nach einigem Murmeln und Vergleichen von
+da.</p>
+
+<p>»Hier,« meldet eine Stimme neben Hann.</p>
+
+<p>»Stand?«</p>
+
+<p>»Fischer!«</p>
+
+<p>»Woher?«</p>
+
+<p>»Aus Hermsmühl.«</p>
+
+<p>»Geboren &mdash; Konfession?«</p>
+
+<p>»21. Oktober 1877. &mdash; Evangelisch.«</p>
+
+<p>»Kagelmacher, Heinrich,« murmelt daneben der zweite kontrollierende
+Beamte. »Stimmt.«</p>
+
+<p>»Kagelmacher,« fordert der Unteroffizier Hoffmann und leitet den eben
+Aufgerufenen unter eine Art Galgen, wo die Länge und das Maß
+festgestellt werden.</p>
+
+<p>Der Querbalken senkt sich.</p><p><span class="pagenum"><a name="Page_184" id="Page_184">184</a></span></p>
+
+<p>»1,70,« meldet Hoffmann.</p>
+
+<p>»Kagelmacher, Heinrich &mdash; 1,70,« murmeln beide Schreiber.</p>
+
+<p>»Gut, na, nu kommen Sie mal her,« tönt jetzt eine bierfette, gemütliche
+Stimme, und ein beleibter Mann mit rotem Gesicht, dicken, wulstigen
+Lippen und weißen, pudligen Haaren erhebt sich und steht nun auf etwas
+zu kurz geratenen Beinen und mit offenem Uniformrock da, während er mit
+seinem schwarzen Auskultationsrohr winkt.</p>
+
+<p>»Das muß woll so eine Art Doktor sein,« denkt sich Hann Klüth, während
+sein Nebenmann untersucht wird. Der ist jedoch ein großer, kräftiger
+Kerl, daher dauert das Beklopfen und Behorchen nur kurze Zeit. Der
+Oberstabsarzt, der von dem Bücken noch röter geworden, streicht
+Kagelmacher wohlwollend über die nackte Brust und blinzelt ihn schlau
+an: »Na, klagen Sie vielleicht über was?«</p>
+
+<p>Jetzt wird der Bursche blutrot: »Herzklopfen,« bringt er zögernd hervor.</p>
+
+<p>Kaum ist das Wort gefallen, da schickt der Untersuchende einen
+merkwürdig schlauen Blick zu dem stattlichen Oberst mit dem Habichtskopf
+hinüber, der in der Mitte der Tafel sitzt, und in demselben Moment
+erhebt sich dieser, schiebt seinen Stuhl wie empört zurück und wandert,
+leise Verwünschungen ausstoßend und säbelrasselnd, im Zimmer auf und ab,
+während er im vollen Zorn mehrmals auf ein Blatt Papier schlägt, das er
+in der Hand hält.</p>
+
+<p>Mit einem Male bleibt er »baff« vor einem eleganten, jungen Herrn
+stehen, der, ein Monokle im Auge, die Begebenheit, weit über den Tisch
+gebeugt, verfolgt.</p>
+
+<p>»Na, was sagen Sie zu der Bescherung, Herr Landrat?«</p>
+
+<p>Der Angeredete erhebt sich und flüstert dem Oberst etwas zu. Darauf
+zuckt der die Achseln, nickt aber, und beide lassen sich wieder auf ihre
+Plätze nieder.</p>
+
+<p>Unterdessen hat der Oberstabsarzt, immer mit seinem schlauen Lächeln,
+bei Kachelmacher tatsächlich starkes Herzklopfen konstatiert.<span class="pagenum"><a name="Page_185" id="Page_185">185</a></span> »Na, da
+wird wohl nicht viel zu machen sein &mdash; treten Sie mal vorläufig zurück,
+Mann.«</p>
+
+<p>Der Nächste.</p>
+
+<p>Er ist gleichfalls aus Hermsmühl und klagt über dieselbe Beschwerde.</p>
+
+<p>Der Oberstabsarzt bemerkt gegen den Landrat, daß dieses Hermsmühl in
+seinem Kreise doch ein höchst ungesundes Loch sein müsse.</p>
+
+<p>Als aber auch bei den nächsten drei Hermsmühlern, die zwar verschüchtert
+über nichts zu klagen haben, unter großer Zufriedenheit des
+Untersuchenden »starkes Herzklopfen« festgestellt wird, pfeift der
+Oberstabsarzt eine kleine Tonleiter, und von irgendwoher fällt ein
+unterdrückter Fluch: »Die Bande.«</p>
+
+<p>Inzwischen ist es sehr still im Zimmer geworden. Die Hermsmühler stehen
+in einer Ecke zusammengepfercht wie ein Häuflein nackter Sünder, das auf
+den Henker lauert.</p>
+
+<p>Hann perlt der Schweiß von der Stirn, obwohl sein entkleideter Körper
+vor Kälte zittert.</p>
+
+<p>Er merkt, daß hier »nicht alles richtig« ist.</p>
+
+<p>Da &mdash;</p>
+
+<p>»Johann Klüth,« ruft es von dem Unteroffizierstisch. Er stottert etwas,
+wird von seinem Freund Hoffmann unter den Galgen befördert, der Querbaum
+fällt ihm nicht gerade sanft auf den Kopf, und eine geringschätzige
+Stimme meldet: »1,65.«</p>
+
+<p>»Klüth &mdash; Johann &mdash; 1,65,« rapportieren die beiden monotonen Echos
+gleichgültig.</p>
+
+<p>Was nun kommt, gleitet wie ein Traum vorüber. Er befindet sich unter den
+Händen des dicken Herrn, es wird etwas von einem gesunden Herzen
+gesprochen.</p>
+
+<p>Hierauf allerlei unverständliche Bemerkungen, und dann das bedauernde
+Wort, daß es sehr schade wäre, aber der Mann hätte linksseitig einen
+kürzeren Fuß.</p>
+
+<p>»Ersatzreserve ohne Dienstpflicht.«</p><p><span class="pagenum"><a name="Page_186" id="Page_186">186</a></span></p>
+
+<p>»O je &mdash; o je &mdash; Hurra,« stößt er hervor.</p>
+
+<p>Was das bedeutet, das hat oll Kusemann Hann bereits vorher erklärt. Das
+wäre das Beste, das Allerbeste, Hanning, ja, wenn das dich so passieren
+könnte &mdash; &mdash; &mdash; &mdash;</p>
+
+<p>Und über Hanns Gesicht verbreitet sich ein Leuchten, er lacht vor
+Vergnügen und will eben, nackt wie er ist, eine Art Dankverneigung
+machen, da bemerkt er mit Schrecken, wie sich der Oberst mit beiden
+Fäusten auf den Tisch stemmt und schreit, als ob der Kalk von den Wänden
+fallen sollte. Warum er sich so aufregt, das versteht Hann nicht. Er
+hört bloß verschwimmend: »Frechheit &mdash; hier Freude Ausdruck geben &mdash;
+Drückeberger von Kaisers Diensten &mdash; Exempel gegen solche
+Sozialdemokraten statuieren &mdash; stehen zum Glück am heutigen Tage alle
+unter den Kriegsartikeln &mdash; die Hermsmühler Bande noch besonders
+vornehmen &mdash;«</p>
+
+<p>Und als er sich halbwegs auf sich selbst besinnen kann, da sieht er mit
+dumpfem Erstaunen, wie ihn zwei Soldaten in die Mitte nehmen, um ihn
+nach einem Marsch durch die Stadt hinter der roten Mauer abzuliefern.</p>
+
+<p>Es ist Spätnachmittag, und noch immer hält er das Brot und den Krug in
+der Rechten und der Linken.</p>
+
+<p>Was is denn nu?</p>
+
+<p>Is das Kaisers Dienst??</p>
+
+<p>Und von unten schallt es herauf, es werden Monturstücke geklopft, und
+eine frische Stimme summt dazu:</p>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">»Wer will unter die Soldaten,<br /></span>
+<span class="i0">Der muß haben ein Gewehr,<br /></span>
+<span class="i0">Der muß haben ein Gewehr,<br /></span>
+<span class="i0">Das muß er mit Pulver laden<br /></span>
+<span class="i0">Und mit einer Kugel schwer.«<br /></span>
+<span class="pagenum"><a name="Page_187" id="Page_187">187</a></span></div></div>
+
+
+<hr class="chap" />
+
+<h3>XI</h3>
+
+
+<p>Da ward aus Abend und Morgen der andere Tag.</p>
+
+<p>Der Mittelarrest hatte, wie alles Leid auf der Welt, auch sein Gutes.
+Hann fand, daß er noch niemals so ungestört hätte nachdenken können wie
+hier. Denn immer wurde er in Moorluke davon aufgescheucht, einmal von
+Siebenbrod, oder von Mudding, am meisten jedoch durch oll Kusemanns
+unzeitige Späße.</p>
+
+<p>Hier aber, ja hier hatte man solche Leute woll ordentlich lieb. Draußen
+auf dem Gange patrouillierte sogar direkt ein Aufseher auf und nieder,
+damit nur alles hübsch still bliebe, und nichts ihn störe.</p>
+
+<p>Ja, ja, für die Gedanken war das doch eigentlich ein wunderhübscher
+Raum. Man brauchte nichts zu arbeiten, und wie pünktlich dabei noch für
+einen gesorgt wurde.</p>
+
+<p>Da stand schon wieder der Krug mit frischem Wasser und daneben ein neues
+halbes Kommißbrot, und der Gefangene streifte sie mit einem dankbaren
+Blick.</p>
+
+<p>Nur etwas kalt war es ja, den Ofen hatte man wahrscheinlich vergessen,
+allein dafür blieb ihm schließlich die wollene Schlafdecke. Und er
+schlug sie um sich und hockte nun, bis zur Nasenspitze eingehüllt, auf
+der Pritsche und sah aufmerksam in die eine graue Ecke, wo sich eine
+Spinne ein dickes Gewebe gebaut hatte.</p>
+
+<p>Langsam, langsam, wie Wanderer, die mühsam über ungepflasterte
+Landstraße dahertappen, kamen und gingen die Gedanken.</p>
+
+<p>Was da allmählich für schnurrige Gestalten vorbeizogen. Der liebe Gott
+und oll Kusemann, der Kaiser und Line, Malljohann und die Spinne.</p><p><span class="pagenum"><a name="Page_188" id="Page_188">188</a></span></p>
+
+<p>Und Hann saß da und nickte nachdenklich hinter ihnen her, und während
+von unten wieder die Kommandorufe: »Das Gewehrrr über &mdash; Gewehrrr ab &mdash;
+das Gewehrrr über!« herauftönten, da merkte der Einsame gar nicht, wie
+er im Grunde schwere Arbeit verrichtete, eine, die sehr selten geworden,
+nämlich das Hauptbuch des Lebens umblättern und addieren und
+subtrahieren und schließlich zu einem Resultate gelangen. Zu einem
+wirklichen Fazit, das dann wieder ins Leben umgesetzt wird.</p>
+
+<p>Freilich, das kann nicht jeder, es fehlen den meisten ein paar
+unumgängliche Posten dabei, nämlich Wahrheit und Bescheidenheit.</p>
+
+<p>Aber der eingesperrte »Sozialdemokrat« Hann Klüth, der hatte das Glück,
+diese friedensstille Zelle zu finden, die sein Vorhaben so sehr
+begünstigte.</p>
+
+<p>Und so vermochte er's.</p>
+
+<p class="center">&mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; </p>
+
+<p>Jetzt is man so alt geworden, und doch is meistens allens
+schiefgegangen, was man sich in die Kinderjahren und auch später noch
+vorgenommen und vorgeträumt hat.</p>
+
+<p>Erst hat man sich's im Elternhaus so recht mollig sein lassen wollen,
+ja, prost Mahlzeit, da is Dietrich Siebenbrod dazwischen gestiegen &mdash;
+nachher hat man doch für sich selbst so'n bißchen was ins Trockne
+bringen mögen &mdash; aber, allens Dummheiten, wie kann ein abhängiger
+Bootsmann was aufs Trockne bringen? &mdash; Zuletzt hat dann das dumme Herz
+noch was abkriegen sollen, da hat es sich aber zu hoch verstiegen und
+muß zusehen, wie ein anderer die »sie« im Schlitten abküßt, wenn auch
+man im Schlaf. &mdash; Nee, das muß nun alles hinter einen liegen, einmal muß
+man doch Schluß machen und vernünftig werden, und jedes Ende hat auch
+was, so recht was Beruhigendes. Da kann einen nichts mehr irrig machen,
+denn das Ende is eben &mdash; das Ende.</p>
+
+<p>Na ... aber was soll man dann hinterher?</p>
+
+<p>I, Jünging, das is doch ganz einfach &mdash; der Mensch muß ebend nach seinem
+Glück aussehn.</p><p><span class="pagenum"><a name="Page_189" id="Page_189">189</a></span></p>
+
+<p>Ja, aber &mdash; hum &mdash; was is denn nu eigentlich das Glück?</p>
+
+<p>I, das muß doch rauszukriegen sein, was soll es denn groß vorstellen?</p>
+
+<p>Kuck &mdash; ich hab's all, dagegen wird keiner was anreden: das Glück is ein
+großer Haufe Talerstücke.</p>
+
+<p>Jawoll, das is sicher, wer auf so'n mächtigen Haufen sitzt, der sitzt
+auf einem verdeuwelt hohen Berg, von dem aus er über die ganze Welt
+fortgucken kann, wenn's ihm Spaß macht. Und wer weiß, ob der Berg, auf
+den der Deuwel einst unsern lieben Heiland geführt hat, nich auch so ein
+Haufe Geld war, denn wer das hat, das is doch klar, der hat das Glück
+einfach so in Wispelsäcke stehen und &mdash;</p>
+
+<p>Halt, Jünging &mdash; stopp, nich so fix &mdash; alles kann man sich schließlich
+auch nich kaufen. Zum Beispiel die Gesundheit und dann einen
+anschlägigen Kopf und dann &mdash; Liebe. Nein, das is wahr. Die
+sackermentsche Liebe besonders nich. Wenn ich auch auf einem Wispelsack
+mit Talerstücken säß, so hoch wie Hollandern sein Speicher, Line würd
+mich deswegen doch nich lieber haben. &mdash; Und dann, was sagen woll die
+alten, weisen Sprichwörter dazu? »Reichtum macht nich glücklich.« &mdash;
+Kuck, da haben wir's ja. Ich werd' doch nich so dumm sein, gegen ein
+Sprichwort anlaufen zu wollen. Ne!</p>
+
+<p>Aber, was nu weiter?</p>
+
+<p>Das Glück muß also doch wo anders stecken. Na, wollen eins sehen. &mdash; &mdash;
+&mdash;</p>
+
+<p>Da fällt mich so ein, wo kommt überhaupt der Reichtum her? Sieh, das is
+doch 'ne schnurrige Frag'. Der Reichtum is doch nich von Anfang an
+dagewesen, bei den sechs Tagewerken kommt er nich vor. Er muß also doch
+erst so allmählich in die Welt gekommen sein, als der liebe Gott die
+Menschens zur Arbeit verflucht hat, was ja eigentlich gar nich väterlich
+von ihm war &mdash; &mdash; &mdash; Holl eins an &mdash; &mdash; &mdash; die Arbeit, stopp, Kinding,
+stopp, das is mir denn doch ganz einleuchtend, daß aus der Arbeit sich<span class="pagenum"><a name="Page_190" id="Page_190">190</a></span>
+eigentlich erst all der Reichtum herschreibt. Und wenn Konsul Hollander
+so viel Säck' mit Talerstücken stehn hat, wie er hat, dann hat er
+eigentlich lauter Säcke mit Arbeit dastehen, mit unsre Arbeit, mit
+fremde Arbeit. Ja, überleg dich mal, darf denn das der Mensch? Darf
+einer, und wenn er dreist Konsul is, die Arbeit vom andern wegnehmen und
+auf seinen Speicher stellen? &mdash; Pfui, ich würd's nich tun. Ne, mit dem
+Reichtum bleib mir einer vom Leibe.</p>
+
+<p>Aber nun vielleicht mit der Arbeit?</p>
+
+<p>Vielleicht steckt's darin.</p>
+
+<p>Denn, daß der liebe Gott mit ihr eine Strafe gegen das menschliche
+Geschlecht hat ausüben wollen, i, das mag ja auch woll bloß so ein
+Läuschen<a name="FNanchor_1_1" id="FNanchor_1_1"></a><a href="#Footnote_1_1" class="fnanchor">[1]</a> vorstellen; ich frag man, wozu hätt' der liebe Gott sonst am
+Anfang von alle Geschicht selbst so hart geschuftet, daß er ja
+eigentlich richtig als der erste Wochenarbeiter gelten kann. Ne, die
+Sache muß ihm doch höllischen Spaß gemacht haben, und deshalb wollte er
+den Menschens vielleicht auch von der Art Spaß was zukommen lassen.</p>
+
+<p>Na, und is es nun nich möglich, daß in der Freud' an dem Spaß das Glück
+stecken tut? &mdash; &mdash;</p>
+
+<p>Hier sah Hann, wie in der grauen Ecke das Spinngewebe erzitterte, und
+daß die Bewohnerin, einen langen Faden ziehend, hin und her lief. Er
+schüttelte das Haupt.</p>
+
+<p>Ne, Hanning, was redst und redst du auch heute. Kuck doch erst eins hin.
+Was arbeitet da das Biest? Eine Bettstell' baut es sich und frißt's dann
+wieder auf, wenn Not an'n Mann is. Und was arbeit't der Mensch? &mdash; Nun,
+er baut ein Haus, damit er drin wohnt, und er zimmert einen Tisch, damit
+er dran ißt, und er haut Holz, damit er sein Essen daran kocht, und er
+fängt Fisch', wie ich, damit auch was zum Kochen da is. Also der Mensch
+arbeitet bloß um das gewöhnliche, gemeine Leben. Um weiter nichts. Aber
+daß<span class="pagenum"><a name="Page_191" id="Page_191">191</a></span> den Maurer das Hausbauen und den Fischer das Fischfangen so
+besonders glücklich macht, das hätt' ich auch noch nich erlebt.
+Wenigstens bei uns in Moorluke is das nich so.</p>
+
+<p>Zwar die Pasters sagen, daß Arbeit besser machen soll. Spaß. &mdash; Ich frag
+man: bünn ich denn so'n Musterspiegel, weil ich alle Tag' ein paar Wall
+von arme Heringen aus'm Wasser zieh' und sie um mich herum krepieren
+seh'? &mdash; Und für wen is denn schließlich all die Rackerei? Doch bloß für
+den Schwamm und den Wurm. Denn was nich verfault, das zermürbt. Ne, das
+seh ich woll, das Glück von die Arbeit is auch bloß solch ein
+Trostmittel vor die Menschheit. Wollen uns doch lieber nach was anderem
+umkucken!</p>
+
+<p>Aber zuerst will ich nu schlafen! &mdash;</p>
+
+<p class="center">&mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; </p>
+
+<p>Da ward aus Abend und Morgen der dritte Tag.</p>
+
+<p>Als Hann seiner Spinne freundschaftlich »Guten Morgen« geboten und nun
+feierlich auf seiner Pritsche thronte, da wurde auf dem Hof ein helles
+Signal geblasen. Fröhlich schmetterte es ringsum, die starken
+Luftschwingungen stießen sich förmlich an den Mauern.</p>
+
+<p>»Was is?« fragte Hann unwillig über die Störung.</p>
+
+<p>»Rataplan &mdash; Ratatata &mdash;«, wirbelten ein paar Trommeln zur Antwort.
+»Ratatata.«</p>
+
+<p>»Was nu? &mdash; Nu kommt woll der Kaiser?«</p>
+
+<p>Aber bald hörte der Eingesperrte an den dröhnenden, klappernden Tritten,
+daß nur eine Truppenabteilung zum Tor hinausmarschieren müßte.</p>
+
+<p>»Man gut, daß sie fort sind,« dachte Hann, der dies Trommeln und Blasen
+für einen Eingriff in seine Rechte betrachtete. »Man gut.«</p>
+
+<p>Alles war wieder still, Hanns Gedanken jedoch waren ehrfürchtig neben
+dem Kaiser stehengeblieben. In seinem Geist nahm er den Hut ab.</p>
+
+<p>»Ja, das is noch was,« sagte er. »Das nenn' ich noch 'ne Stellung.«</p><p><span class="pagenum"><a name="Page_192" id="Page_192">192</a></span></p>
+
+<p>Er bedeckte sich wieder.</p>
+
+<p>Ne, bei uns Niederen, da steckt es nich, aber bei solch einem Herrn, der
+die Macht hat, da is woll's Glück zu Hause. &mdash; Ich kann mir man denken,
+so einer pfeift &mdash; hüh &mdash; und dann gleich zehn Dieners schmieren ein
+Butterbrot, &mdash; und pfeift wieder, und &mdash; hast du nich gesehn &mdash; zehn
+andere ziehen ihm die Stiebeln aus. Ja, das laß ich mir noch gefallen &mdash;
+Aber &mdash; hm &mdash; ne, wie is das denn mit den Attentaten? Ich besinn' mich
+doch, wie oll Kusemann einst vorlas, mit den russ'schen Kaiser? Da soll
+es so 'ne Sorte geben, die es für ehrenvoll halten, so 'nen hohen Herrn
+mit allerlei Mordwerkzeuge auf den Leib zu rücken? Ich trink 'ne Tasse
+Kaffee, und dann is da Gift drin, ich drück' jemandem freundschaftlich
+die Hand, und die Karnallge stößt mir zur Antwort ein Brotmesser ins
+Genick. Pfui Deibel, mir könnten sie ja solche Kaiserstellung umsonst
+anbieten. Und was so 'ne arme Kaiserfrau zu Hause woll vor Angst
+aushalten muß &mdash; Ne, das wär ja rein zum Verzagen.</p>
+
+<p>Aberst, das merk ich schon, mit allens, was unsre menschlichen Augen
+rund um sich herum sehen können, da bin ich nu durch. Is aber überall
+das Glück nich dabei gewesen. Na aber &mdash; daß mir das zuletzt noch
+einfallen muß &mdash; vielleicht verhält sich das mit dem Glücke nich anders
+wie mit dem lieben Gott; &mdash; es is unsichtbar. &mdash;</p>
+
+<p>Hier schlug er vor Freude über den Einfall schallend auf die Pritsche,
+daß das Spinngewebe in der Ecke erzitterte. Und da er grade beim »lieben
+Gott« angelangt war, so fuhr er fort: Ja, es mag wohl in den innerlichen
+Geschichten liegen, vor allen Dingen in der Frömmigkeit. Wer fromm is,
+dem sind ja alle Seligkeiten versprochen.</p>
+
+<div class="figcenter" style="width: 400px;">
+<img src="images/oppos_192.jpg" width="400" height="620" alt="Illustration" />
+</div>
+
+<p>&gt;Selig ist &mdash; &mdash; &mdash;&lt;, na, ich hab das auch nicht mehr so im Kopf, aber
+das is wahr, wer so recht fest an oben hängt, der kommt sich wohl zum
+Schluß vor, als ob ihm an Händen und Beinen ein langer Faden angebunden
+wär', wie bei die Hampelmänner <span class="pagenum"><a name="Page_193" id="Page_193">193</a></span>auf dem Weihnachtsmarkt, und oben wird
+nun bei jedem Schritt gezogen, so daß man am Ende gar nich fehl gehen
+kann. Wahrhaftig, das wär doch recht sicher! &mdash; Und is das nicht auch
+beinah' so, wie bei den neumodischen Feuerversicherungen? Da heißt's:
+&gt;Laßt ruhig zu Haus brennen, die Feuerversicherung Phönix zahlt nachher
+doch.&lt; Sieh, dies Stück könnt' mir eigentlich gefallen.</p>
+
+<p>Na ja, wenn bloß der lahme Krischan nicht hinterher hinkte.</p>
+
+<p>Wer nämlich so eine himmlische Versicherung hat, wird sich der nich fix
+auf die faule Seite legen? &mdash; Und dann &mdash; gegen die Bettelei haben sie
+Vereine gegründet; wird jeder gleich eingesperrt. Zu dem lieben Gott
+aber gehen dieselben Vereine hin und betteln da ganz ausverschämt. &mdash;
+Denn was is Beten anders als Betteln? Und um was für Dinge belästigen
+sie nun den lieben Gott? Der eine wegen sein krankes Schwein, der andere
+um eine Nacht bei einer hübschen Dirn', und Bauer Haberkorn auf
+Poggenpfuhl hat den liefen Gott ganz andächtig gebeten, ob er seine Frau
+nich an einem giftigen Pilz draufgehn lassen wollt'. Und wenn nun der
+erste am selbigten Tag um Regen und der zweite um Sonnenschein bittet,
+was soll der Herr da anfangen? &mdash; Da is gar keine Menschenmöglichkeit.</p>
+
+<p>Ne, mich is das grad'zu entgegen, wenn ich so die vielen Menschen wie
+Spitzbuben in die Kirch' schleichen seh', um den lieben Gott was aus der
+Tasch' zu ziehen. Ich hab' mich immer gedacht, hinbringen müßten sie
+was, hinbringen, und wenn's die lumpigste gute Tat wär', zum Beispiel
+einen Betrunkenen nach Haus tragen, damit er kein Elend anricht't. Und
+nich immer bloß die off'nen Bettlerhänd' hinhalten. Denn was muß das auf
+den lieben Gott woll auf die Dauer für einen Eindruck machen? &mdash; Ne, wenn
+ich Er wär', ich hätt' all längst das Schild &gt;gegen Bettelei&lt; an der
+Kirch' anschlagen lassen.</p>
+
+<p>Ja, aber nun überhaupt mit dem lieben Gott &mdash;</p>
+
+<p>Diesen Satz beendete Hann Klüth jedoch nicht, sondern erschrak<span class="pagenum"><a name="Page_194" id="Page_194">194</a></span> und zog
+scheu die wollene Decke enger um sich, denn die Abenddämmerung war
+bereits niedergesunken.</p>
+
+<p>Er fröstelte zusammen.</p>
+
+<p>Oll Kusemann meint ja, man könne gar nich wissen, ob &mdash; &mdash; hm &mdash; &mdash; &mdash;
+ne, ne, oll Kusemann, den lieben Gott laß ich mir nich ausreden, man
+braucht ja bloß die Augen zuzumachen oder in eine recht wüste Gegend zu
+gehen, dann fühlt man ja ordentlich, wie nah er is.</p>
+
+<p>Aber &mdash; aber ich sagte doch von Wissen.</p>
+
+<p>Ob das ganz genaue Wissen von allen Dingen, wie es hier die Professors
+in der Stadt haben, ob das die Leut' nu wohl sehr glücklich macht?</p>
+
+<p>Darüber muß ich nu direkt lachen. Denn die Studentens, die ich auf dem
+Bodden spazieren fahr', die sagen doch immer, was der eine von die
+Professors weiß, davon weiß der andere just immer das Gegenteil. Und
+wenn der eine rausklüstert, alles Leben käm' aus der Luft, dann find't
+der andere, es käm' aus dem Wasser &mdash; und Professor Römer sagt, es käm'
+aus dem alten Testament. Und wie düsig muß wohl den Studentens zumute
+werden, wenn die drei ihnen das so hintereinander einremsen.</p>
+
+<p>Ne, vor so'n Elend bewahr' mich der liebe Himmel &mdash;</p>
+
+<p>»Maul halten!« schrie auf dem Gange der Wachthabende und klopfte an die
+Tür. Und Hann mußte sich auf seinem Lager ausstrecken, während sein Atem
+regelmäßig in der Kälte ausdampfte.</p>
+
+<p class="center"><sup>*</sup>     <sub>*</sub>     <sup>*</sup></p>
+
+<p>Da ward aus Abend und Morgen der vierte Tag. &mdash; &mdash; »Nun wird mich das
+aber mit der Zeit recht ungemütlich,« sprach Hann Klüth. »Ich frier hier
+ja, wie ein Schneider, und all' meine Glieder werden mir lahm. Soll ich
+denn nu fürs Vaterland auf immer hier eingesperrt bleiben? Das halt' ich
+wohl gar nicht mehr lange aus. Und das Kommißbrot liegt mir auch schon
+wie Steine in'n<span class="pagenum"><a name="Page_195" id="Page_195">195</a></span> Magen. Dazu das kalte Wasser, das schuddert mich durch
+den ganzen Leib.</p>
+
+<p>»Ich hab' ja eigentlich gar nichts getan? Weshalb ist man bloß so streng
+zu mir?«</p>
+
+<p>Er erhob sich schwerfällig und schlurfte mit steifen Beinen in die Ecke
+zu seiner Freundin im Spinnenhaus. Aber wie erschrak er, als er das
+Tierchen mit eingezogenen Füßen, erstarrt, eine Art Krümel, vorfand.</p>
+
+<p>»Herr im hohen Himmel,« stotterte er. »Die is also auch bereits so weit?
+Erfroren? Und bei mir kann's auch jeden Moment kommen, denn mir is all
+recht elend.« Ganz zerschlagen wankte er wieder auf seine Pritsche, dort
+sank ihm sein Kopf schwer auf die Brust, und die Kälte senkte immer
+größere Müdigkeit und Erstarrung auf ihn.</p>
+
+<p>»Merkwürdig, ganz merkwürdig,« murmelte er, »weshalb eigentlich die
+Menschen so schlecht zueinander sind? Und dabei gibt es doch nichts
+Besseres, als wenn man jemanden recht lieb haben kann.</p>
+
+<p>»Aber was geht mich das an? &mdash; Ich werd' keine mehr lieb haben, und mich
+wird auch keiner mehr lieb haben, denn ich leg' mich nu hin, wie die
+Spinne, und steh nich wieder auf.«</p>
+
+<p>Damit bettete er die graue Decke über sich, richtete die blauen Augen
+nichtssagend auf das Traillengitter, durch das der frostige Tag
+gleichgültig hereinsah, und lag regungslos.</p>
+
+<p>Da erhob sich ein Gepolter an der Tür. Das bärtige Gesicht erschien
+wieder in der Klappenöffnung und schrie, Hann möchte ihm den Topf
+abnehmen, er sei sehr heiß. »Extraration,« setzte er erklärend hinzu,
+»vierter Tag. Um ein Uhr Ausgang.«</p>
+
+<p>Da saß nun Hann, lachte über das ganze Gesicht und atmete neubelebt den
+Dampf ein, der ihm aus dem heißen Napf entgegenquoll.</p>
+
+<p>I, das waren ja Bohnen und Schweinefleisch, na, nu sieh bloß mal, und
+wie warm, wie schön warm.</p><p><span class="pagenum"><a name="Page_196" id="Page_196">196</a></span></p>
+
+<p>Und nachdem er heißhungrig sein Mahl längst beendet, saß er noch immer
+und streichelte dankbar den Napf.</p>
+
+<p>»Kuck,« sprach er zu dem Topf, »zu Haus, bei Mudding, eß ich so was aus
+verschiedenen Gründen, die ich hier aus Anstand nich anführen will, gar
+nich gern. Aber hier? &mdash; hm! Wenn ich mir überleg', wie leicht, wie
+kindsleicht hat es nich ein Mensch, gegen andere Menschen gut zu sein.
+Mitunter tut's sogar, wie hier, ein Topf mit heiße Bohnen.</p>
+
+<p>Pfui Deibel, &mdash; aber gut war's doch.</p>
+
+<p>Ja, aber nun hab' ich solang über das menschliche Glück nachgedacht, und
+dieser Topp mit Bohnen belehrt mir nu, daß ein bißchen Liebe doch
+eigentlich das Hauptstück bleibt. Und wenn einem so'n Bohnentopp nun
+noch von eine liebe Hand gereicht wird und nich bloß von so'n
+Schweinigel, dessen Geschäft das is, ja, ich glaub', das hätt' solche
+Wirkung, daß man sich beinah einbilden könnt', es wär eigentlich
+Kartoffelsupp' mit Wurscht, was ich so sehr gern ess'.</p>
+
+<p>Ja aber, wen soll man nun lieb haben?</p>
+
+<p>Den lieben Gott?</p>
+
+<p>I, das wär ja so selbstverständlich, als wie die eignen Eltern, und wär
+woll trotz alledem nich das eigentliche. Denn zu einer richtigen Liebe,
+mit Aussprache und Umarmung kommt's da doch nich. Dazu ist zuviel
+Respekt.</p>
+
+<p>Und alle andern lieben, wie's unser Herr Jesus Christ von uns verlangt
+hat? sieh, das würd' ich nun für mein Leben gern tun, aber sie meinen ja
+jetzt, wie ich man neulich von oll Kusemann gehört hab', dann wär man
+ein verfluchter Sozialdemokrat, und man vernachlässigte auch sein Eigens
+zu sehr dabei, wenn man allen anderen in die Töpfe kucken wollt'. &mdash; Ne!</p>
+
+<p>Was bleibt also übrig?</p>
+
+<p>Na, Hanning, du schämst dich ja bloß, nu sag's doch, es bleibt eben das
+übrig, wovon Line das Allerschönste is &mdash; die Frauensleut.«</p><p><span class="pagenum"><a name="Page_197" id="Page_197">197</a></span></p>
+
+<p>Hier seufzte er tief auf.</p>
+
+<p>»Ja, ja, die müssen wohl zuletzt doch das Glück sein, denn man steht ja
+allerwegen, wie man zuletzt doch nach ihnen greifen tut. Und aus welchem
+andern Grund hätte sonst wohl Müller Pökel in Moorluke bereits die
+fünfte, als deshalb, weil man ohne so was nun mal nich leben kann. Nu is
+aber die Frage: besteht mit die Frauensleute das Glück einfach in dem
+Kinderkriegen, wie oll Kusemann meint? Oh, das wär' woll zu wenig. Oder
+in dem Immerzusammensein mit ihnen? Ne, dagegen sagt wieder das
+Sprichwort: &gt;Allzuviel is ungesund&lt;.</p>
+
+<p>Das kann es also auch nich sein.</p>
+
+<p>Ich glaub' man, es geht wohl den meisten damit so, wie es mir geht; es
+is die Sehnsucht, ja, die Sehnsucht nach einer; das is wohl das
+Schönste, das is wohl das Glück.«</p>
+
+<p>Hier seufzte er wieder zum Erbarmen tief und schwer in sich hinein. Denn
+wohin seine Sehnsucht bereits in der Kindheit gezogen, das wußte er
+wohl. Und ebenso fest stand es, daß dieses Gefühl überwunden werden
+müßte, wollte er nicht dulden, daß man ihn verspottete oder gar
+verlache.</p>
+
+<p>»Ne, ne,« ermannte er sich bekümmert, »Klara Toll &mdash; Klara Toll, ich
+sag's noch mal, damit ich mich den Namen recht fest ins Herz schreib',
+Klara Toll, die is für mich, und ich bin für sie! Die is still und
+ruhig, und mit der wird meine Sehnsucht woll allmählich auch still und
+ruhig werden. Ja &mdash; ja, und in der Meinung hab' ich schon ordentliche
+Sehnsucht nach Klara Toll.«</p>
+
+<p>Und er murmelte noch mehrmals wie einer, der etwas auswendig lernt:
+»Klara Toll &mdash; Klara Toll.«</p>
+
+<p>Und damit glaubte er am Ende seiner Einsicht zu stehen.</p><hr class="chap" /><p><span class="pagenum"><a name="Page_198" id="Page_198">198</a></span></p>
+
+
+
+
+<h3>XII</h3>
+
+
+<p>Es dämmerte sacht, als ein Unteroffizier in Hanns Zelle trat, um ihm
+mitzuteilen, daß sein Arrest abgelaufen sei. Hann wurde über den Hof
+geführt, der Posten am Tor wechselte mit seinem Begleiter ein paar
+heimliche Worte, dann ächzte das schwere Holz, und der Befreite befand
+sich auf der dunklen Straße. Ein tiefer Atemzug, dann faßte er sich an
+den Kopf. »Ja, ja, er hatte doch manches da drinnen erlebt. Was war noch
+das Letzte gewesen? &mdash; Ach richtig, die Frauensleut', und besonders Klara
+Toll; ja, ja die besonders.«</p>
+
+<p>Da legte sich eine Hand auf seine Schulter.</p>
+
+<p>Als er sich überrascht umwandte, stand sein Bruder Paul vor ihm; und
+hinter jenem &mdash; ja, wer war denn das schlanke Mädchen mit dem Tuch über
+den Haaren und dem Körbchen am Arm? Das war doch nicht etwa? &mdash; Hann
+wollte das Herz klopfen, doch als die Gestalt näher trat, erkannte er,
+daß es die Schulmeisterstochter wäre.</p>
+
+<p>Er senkte das Haupt.</p>
+
+<p>Das waren also die beiden einzigen, die an seinem Schicksal Anteil
+genommen.</p>
+
+<p>Der Kandidat sah ernst aus. Nichtsdestoweniger klopfte er Hann leicht
+auf den Rücken, während er davon anfing, daß der Gefangene es hinter den
+Mauern wohl nicht besonders gut gehabt hätte.</p>
+
+<p>Es sollte ein Scherz sein, der dem Fischer über die Befangenheit
+forthelfen sollte, die der Theologe bei ihm voraussetzte; da Hann jedoch
+gutmütig lachend beistimmte, zog der Kandidat verletzt seine Hand
+zurück. So scherzhaft faßte er den Zwischenfall nicht auf:<span class="pagenum"><a name="Page_199" id="Page_199">199</a></span> »Es ist für
+uns nicht besonders ehrenvoll,« sagte er, »daß die Sache mit dir so
+abgelaufen ist, aber, hm &mdash;« er sah seines Bruders unschuldiges,
+bekümmertes Antlitz und lenkte sofort wieder ein, »aber es ist eben
+jedem nicht so gegeben. Na, nun gib mir die Hand. Ich wollte mich nur
+davon überzeugen, daß du dir's nicht zu Herzen nimmst. Und nun adieu,
+Hann.«</p>
+
+<p>Damit nickte er ihm mit seinem hageren Gesicht aufmunternd zu und
+verschwand um die nächste Ecke.</p>
+
+<p>Hann befand sich mit dem Mädchen an der Kasernenmauer allein.</p>
+
+<p>Drinnen übte auf seiner Kammer ein Hornist Signale: »Zum Ausschwärmen.«</p>
+
+<p>Tarattata &mdash; tarattata.</p>
+
+<p>Leise verschwommen klang es heraus, auf sie herab fielen wenige, müde
+Schneeflocken, die Luft war milder geworden, und es dunkelte stark.</p>
+
+<p>Hann kratzte sich hinter dem Ohr: »Ja, ja, Klara,« begann er endlich,
+»daran hab' ich noch gar nicht gedacht, es is nich ehrenvoll für mich.«</p>
+
+<p>Leichtfüßig trat sie ihm näher, ihre dunklen Augen standen voll Tränen.
+»Oh, Hann, laß das doch, bei uns draußen fragt da kein Mensch nach.«</p>
+
+<p>»Das is wohl wahr. Das tun hier bloß die Gebildeten, Bruno und &mdash; Line.«</p>
+
+<p>»Na, laß sie.«</p>
+
+<p>»Ja.«</p>
+
+<p>Und nach einigem Nachsinnen fügte er hinzu: »Wollen wir fortgehen,
+Klara.«</p>
+
+<p>Langsam ausschreitend ließen sie das Gemäuer hinter sich. Es sank in die
+Dunkelheit zurück, und damit wich auch etwas von der Bedrückung, die den
+Burschen gefangen hielt.</p>
+
+<p>Die Schulmeisterstochter stieß ihn sanft mit dem Körbchen in die Seite.
+Sie hatte ihm mit Wurst belegte Semmeln mitgebracht, und ein kleines
+Fläschchen Kognak.</p><p><span class="pagenum"><a name="Page_200" id="Page_200">200</a></span></p>
+
+<p>»Weil ich meinte, du müßtest sehr hungrig sein, Hann.«</p>
+
+<p>»Oh, Klara, du bist doch gut.«</p>
+
+<p>»Na, da nimm.«</p>
+
+<p>Die Semmeln mundeten ausgezeichnet, und der Kognak machte ihn warm und
+mutig.</p>
+
+<p>Langsam streichelte er während des Hinschreitens an ihrem Arm herunter:
+»Klara, du bist doch sehr gut,« wiederholte er.</p>
+
+<p>Sie nickte ihm zu und sah zu Boden.</p>
+
+<p>»Also, du machst dir nichts draus, daß sie mich eingespunnt haben?« fing
+er wieder an.</p>
+
+<p>»Nicht das mindeste,« erwiderte sie, »besonders, seit ich von oll
+Kusemann weiß, daß du nun frei bist.«</p>
+
+<p>»Ja, das bin ich,« bestätigte Hann und warf sich in die Brust. »Ein Fuß
+von mir is kürzer.«</p>
+
+<p>»Und daß sie dich nicht nach Afrika schicken.«</p>
+
+<p>»Bewahre, ich bleib' nun hier.«</p>
+
+<p>»Ja, jetzt bleibst du,« sagte sie zufrieden.</p>
+
+<p>Sie versuchten, sich anzublicken, doch sie konnten in der Dunkelheit nur
+wenig voneinander entdecken.</p>
+
+<p>»Klara Toll!« murmelte er plötzlich.</p>
+
+<p>Es war, wie wenn er sich an etwas erinnere.</p>
+
+<p>»Was sagst du da?« forschte sie.</p>
+
+<p>»O nichts &mdash; ich will hier bloß, eh' wir mit der Hafenbahn nach Haus
+fahren, was in Ordnung bringen. Gib mir deine Hand, Klara.«</p>
+
+<p>»Hier, Hann.«</p>
+
+<p>Sie standen vor dem kleinen, schmalen, trüb erleuchteten Schaufenster
+eines Goldarbeiters der Hafenstadt.</p>
+
+<p>Der Philosoph besah sich die Hand angelegentlich und nickte dann
+mehrfach bekräftigend: »'s is recht &mdash; aber nun &mdash; &mdash;«</p>
+
+<p>Er wühlte in seiner Tasche herum, schien nichts zu finden und wurde
+unsicher.</p>
+
+<p>»Zu dumm, aber darauf war ich nich vorbereitet; aber sag mal, Klara,
+könntest du mir vielleicht ein paar Taler leihen?«</p><p><span class="pagenum"><a name="Page_201" id="Page_201">201</a></span></p>
+
+<p>»I, gern,« bejahte sie mit Hast, »hier ist ein Goldstück, das ich immer
+bei mir trag. Ist's auch genug?«</p>
+
+<p>»Je, ich hab' keine Erfahrung in solche Sachen, aber der Mann wird ja
+nich unbescheiden sein. Und nun wart' hier eins einen Augenblick.«</p>
+
+<p>Damit trat er unsicher in den Laden, und als er nach einiger Zeit wieder
+zurückkehrte, glühte Aufregung in seinem Gesicht, und Klara bemerkte,
+wie er eine kleine Schachtel zwischen den Fingern drehte.</p>
+
+<p>»Du erhältst noch zwei Mark zurück,« stotterte er atemlos, »hier &mdash; und
+nun komm.«</p>
+
+<p>»Ja, aber Hann, was &mdash; &mdash; &mdash;?«</p>
+
+<p>»Ne, ne, nich hier; wenn wir allein sind.«</p>
+
+<p>In Eile zog er sie fort; auch ihr begann das Herz zu hämmern, sie wußte
+nicht warum, bis sie an der offnen, vereisten Bahn des kleinen Flusses
+angelangt waren.</p>
+
+<p>Ein kalter Wind wehte ihnen hier entgegen, aber Hann achtete nicht
+darauf, sondern drängte seine Gefährtin über die Geleise der Hafenbahn
+fort, hin nach der einzigen Pfahllaterne, die von einem hohen
+Rinnsteinbord aus eine kümmerliche, zuckende Helle verbreitete.</p>
+
+<p>Hier mußte man warten.</p>
+
+<p>»Die Hafenbahn ist noch nicht da,« sagte Klara Toll, der allmählich
+ängstlich zumute wurde.</p>
+
+<p>»Ja, aber man hört sie schon läuten,« gab Hann verwirrt wieder, » &mdash;
+hörst sie?«</p>
+
+<p>»Ja.«</p>
+
+<p>»Nun is sie keine fünf Minuten mehr weit,« fuhr er fort.</p>
+
+<p>Sie nickte.</p>
+
+<p>Hann hielt sich an dem Laternenpfahl fest, seine Zähne klapperten
+gegeneinander, es war ihm, als ob er auf einem schaukelnden Boot stände.
+Mit einem Mal griff er nach Klaras Hand.</p>
+
+<p>»Herr Gott,« schreckte sie auf, »was is?«</p><p><span class="pagenum"><a name="Page_202" id="Page_202">202</a></span></p>
+
+<p>»Nichts &mdash; nichts &mdash; ich wollt' bloß sagen, jetzt sieht man schon die
+Lichter,« stammelte Hann.</p>
+
+<p>»Ja, das sind sie.«</p>
+
+<p>»Klara?«</p>
+
+<p>»Ja?«</p>
+
+<p>»Wer weiß, wie viel Menschen in dem Waggon sitzen? Und nachher &mdash; willst
+&mdash; willst dir nich mal ansehen, was hier in der Schachtel liegt?«</p>
+
+<p>Er streckte ihr mit schwankender Hand die Hülle hin, und sie warf einen
+halben Blick darauf. In dem zuckenden Licht sprühte ihr ein rotgoldener
+Funke entgegen.</p>
+
+<p>»Herr des Himmels!« rief sie und schlug die Hände zusammen.</p>
+
+<p>Er klammerte sich fester an die Laterne und murmelte: »Ich würd' sehr
+froh sein, wenn du ihn von mir annähmst &mdash; und &mdash; und es is auch gleich
+Zeit zum Einsteigen.«</p>
+
+<p>Jetzt griff auch das Mädchen nach dem Pfahl, und da standen sie nun, wie
+Kinder, die Ringelreihen spielen wollen.</p>
+
+<p>»Hann,« flüsterte sie mit ihrer wohllautenden Stimme, »sag' die
+Wahrheit, hast du mich lieb?«</p>
+
+<p>Der Bursche stockte, er setzte zweimal an, bevor er das Wort fand: »Ich
+bin dir sehr gut, sehr gut, Klara, weil, ja weil du selbst so gut und
+ruhig bist &mdash; Und du?«</p>
+
+<p>»Ich?« &mdash;</p>
+
+<p>Nun errötete sie und zupfte an ihrem Korb. »Ich hab' dich auch sehr
+lieb, weil du's so treu und ehrlich meinst, Hann.«</p>
+
+<p>»Oh, &mdash; Klara, das is schön von dir &mdash; das &mdash; das hätt' ich wirklich
+nich geglaubt, weil ich doch noch gar nichts bin, aber von jetzt an will
+ich mir Mühe geben, so, und nun nimm auch den Ring &mdash; nein, nich umarmen,
+das is unpäßlich auf der Straße; und hier kommt auch schon der Zug.«</p>
+
+<p>Und als er sie unbeholfen mit einem ritterlichen Versuch in den Waggon
+gehoben, und als das Abteil ganz leer war, und der Zug polternd durch
+die Dunkelheit weiterrollte, da beugte er sich zu<span class="pagenum"><a name="Page_203" id="Page_203">203</a></span> ihr und sagte
+feierlich und ernst: »Nu küss' ich dich als dein Bräut'jam, Klara.«</p>
+
+<p>Leise zitternd hob sie ihre Lippen zu ihm empor.</p>
+
+<p>Beide schwiegen.</p>
+
+<p>Und erst nach geraumer Zeit ermannte sich Hann zu dem Satz: »Und im
+ganzen bin ich dir nun achtzehn Mark schuldig.«</p>
+
+<p>Da suchte sie verstohlen nach seiner Hand, aber er sah nicht ihre roten,
+bebenden Lippen, noch das liebliche, erhobene Gesicht, nein, aus seinem
+philosophischen Gemüt sprach es nachdenklich heraus: »Es is mir doch
+heil komisch, daß du jetzt meine Braut bist, Klara.«</p>
+
+<p>»O Hann.«</p>
+
+<p>Er fuhr auf.</p>
+
+<p>»Ja &mdash; ja &mdash; willst du was von mir? Ich meinte nur so. Und da hält auch
+unser Zug. Komm, Klara, der Schnee ist hier zu tief, ich heb' dich
+runter.«</p><hr class="chap" /><p><span class="pagenum"><a name="Page_204" id="Page_204">204</a></span></p>
+
+
+
+
+<h3>XIII</h3>
+
+
+<p>Rastlos knarrten die Räder.</p>
+
+<p>Oll Chronos hatte Schnee und Winter in seinem Wagen von dannen gefahren;
+und eines schönen Tages kam er wieder und hatte Maien an seinen Karren
+gebunden.</p>
+
+<p>»Nu is Frühling,« murmelte der alte Mistkutscher dabei in sich hinein;
+»kuck, was sich die Menschheit freut, grad, als wenn ich das erste Mal
+solch grünen Plunder zur Stadt brächt'; dummes Volk, die Hauptsache
+bleiben die Jahren.«</p>
+
+<p>Der Konsul Hollander merkte das Grünen und Blühen daran, daß sein neuer
+Prokurist Bruno in einem hellgrauen, eleganten Frühjahrsanzug in dem
+Bureau erschien.</p>
+
+<p>»Menschenskind,« rief Hollander süß-sauer, »was haben Sie da wieder für
+ein schönes Gebäude. Ist das nach Ihrer eigenen Zeichnung entworfen? &mdash;
+Die Adresse von dem Schneider müssen Sie mir geben.«</p>
+
+<p>Auch bei Fräulein Dewitz meldete sich die milde Jahreszeit freundlich
+an.</p>
+
+<p>Der Bursche des Weinhändlers Kroll stellte sich nämlich in der Küche der
+Lehrerin ein und übergab dem erstaunten Fräulein zehn Flaschen Maibowle,
+die Bruno aus spezieller Verehrung für die alte Dame gesandt hatte.</p>
+
+<p>Auf einer beigefügten Karte stand außerdem zu lesen: »Daß der Spender,
+wenn er nicht fürchten müsse, das hochverehrte Fräulein zu stören, sich
+gern erlauben würde, den Abend des ersten Mai in ihrer gemütlichen guten
+Stube zu verleben, als letzten Ausklang der von dem Fräulein während des
+Winters so umsichtig geleiteten Leseabende.«</p><p><span class="pagenum"><a name="Page_205" id="Page_205">205</a></span></p>
+
+<p>»Sieh &mdash; sieh,« räusperte sich die Handarbeitslehrerin nach der Lektüre
+dankbar und wohlwollend und warf noch einen raschen Blick auf die in
+Reih' und Glied aufgestellten Flaschen, ob es auch wirklich zehn wären,
+»sieh &mdash; sieh &mdash; ja, es stimmt &mdash; nein, dieser Herr Bruno ist wirklich
+&mdash; Gott, wie sag' ich &mdash; wie solch ein Kavalier aus dem <span lang="fr" xml:lang="fr">ancien régime</span>.
+Und, ja, ich kann mich gar nicht genug darüber verwundern, Lining, wie
+du darauf verfällst, gerade ihn so schlecht zu behandeln. Mir kam es
+manchmal vor, als legtest du es absichtlich darauf an, ihn zu kränken.
+Und dabei war er es doch, der dich darauf brachte, wie schön du zu lesen
+verstündest, und der, anstatt wie andere junge Leute sich leichteren
+Vergnügungen hinzugeben, diese anregenden und bildenden Leseabende mit
+uns abhielt. Ich wenigstens, ja ich muß mich noch immer an euch beide
+als Luise und Ferdinand erinnern, wie du vorlasest: &gt;Der Himmel und
+Ferdinand reißen an meiner Seele&lt; &mdash; sieh, da hast du mich wirklich
+direkt gerührt.«</p>
+
+<p>Line hörte der guten Dame regungslos zu und nickte, aber um ihre Lippen
+spielte ein vieldeutiges Lächeln. &mdash; &mdash;</p>
+
+<p>Oh, sie war klug, sie dachte selbst oft, eigentlich wäre sie wohl solch
+schwarze, kleine Hexe, die es den Männern mit einem gemurmelten Spruch
+antun könnte. Und wie ihr das wohltat, wie es ihr alle Glieder mit
+Wohlbehagen durchlief. Oh, sie wußte ja besser, was den hübschen Bruno
+so oft, so beharrlich die engen Treppen zu Fräulein Dewitz hinauftrieb.
+&mdash; Der Kuß &mdash; dieser eine brennende Kuß &mdash; und sie lächelte hinterlistig
+&mdash; den sie geleugnet hätte, würde man sie daran erinnert haben, denn er
+war ihr ja im Schlafe gestohlen, er, ja er allein war das flammende
+Zaubersiegel, das dem flatterhaften Menschen aufgedrückt war, und das
+sich nun weiterfressen mußte bis ins Hirn, bis ins Herz, bis alle seine
+Gedanken nichts mehr kannten als ihren Namen. Line, Line &mdash; und niemals
+Dina. Ah, das war ihre Todfeindin. &mdash; Nur sachte, sachte, sie wußte
+schon, wie Netze gelegt werden müßten, nicht umsonst war sie eine
+Fischertochter &mdash; und die andre, was war<span class="pagenum"><a name="Page_206" id="Page_206">206</a></span> sie weiter als eine kalte,
+dummstolze Geldprinzessin &mdash;? Nein, die konnte keinen Mann behexen, ihn
+nicht zu allerlei Tollheiten verführen und ihn quälen und wieder
+glücklich machen und wieder quälen, ganz wie es geschehen mußte, bis man
+seiner völlig sicher war. Und hatte sie ihn nicht bereits halb und halb
+im Besitz?</p>
+
+<p>Oh, wenn Dina, ja, wenn selbst Fräulein Dewitz geahnt hätte, zu welchen
+Tollheiten sie Bruno schon gebracht. Aber leise &mdash; leise &mdash; still, daß
+ja keiner hört! Da lagen in den Kästen ihrer Kommode, tief unten
+versteckt, allerlei Ringe und Armbänder und Halsketten von roten
+Granaten, die sie sogar schon einmal des Nachts vor dem Spiegel auf
+ihrer weißen Haut schimmern gesehen, und Gürtel mit bunten Steinen, und
+das allerschönste war ein winziges Glasdöschen voll mit Goldstücken, es
+konnten gewiß fünfzehn sein, die sie manchmal, wenn sie allein war,
+verstohlen durch die Hand laufen ließ.</p>
+
+<p>Das alles hatte er heimlich, Stück für Stück gebracht, grade wenn sie
+recht unartig gegen ihn gewesen, recht schnippisch, recht verständnislos
+gegen das, was ihn nicht mehr zur Ruhe kommen ließ, und dem sie auswich,
+glatt wie eine huschende Schlange.</p>
+
+<p>Ja, ihr Hexenmittel würde schon wirken &mdash; bald &mdash; bald. &mdash; &mdash;</p>
+
+<p class="center">&mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; </p>
+
+<p>Auch in Moorluke wollte man trotz Frühlingsanfang in Liebesdingen
+sichergehen. Ein paar Monate nach Hanns Gestellung &mdash; man fuhr bereits
+wieder fleißig zum Fischfang &mdash; hatte Siebenbrod eines Sonntags
+vormittags, während er sich ein Paar neue Wasserstiefel aufmerksam
+eintrante, in der Küche folgendes Gespräch mit seiner Frau, die ihr
+Gesangbuch auf dem Schoß liegen hatte, weil sie ihrer geschwollenen Füße
+wegen die Kirche nicht mehr besuchen konnte: »Mudding, weißt was? &mdash; Mit
+Hann stimmt was nich.«</p>
+
+<p>Die kleine Frau ließ ihr Buch sinken.</p>
+
+<p>»Wieso, Siebenbrod?«</p><p><span class="pagenum"><a name="Page_207" id="Page_207">207</a></span></p>
+
+<p>»Es is was mit Liebe,« fuhr Siebenbrod fort, wobei er eine große Portion
+Tran auf das Leder goß &mdash; »er singt.«</p>
+
+<p>»Hann? &mdash; Was singt er denn?«</p>
+
+<p>»Trauriges &mdash; solche Lieder, wie: Ich weiß nich, was soll es bedeuten!
+und andere Dinger. Aber dann is es soweit. Das kenn' ich.«</p>
+
+<p>»Lieber Gott, aber wen glaubst du wohl?«</p>
+
+<p>»Je, 's muß eine von den Schulmeisterdirns sein. Welche, weiß ich nich.
+Is mir auch egal. Aber ich merke es daran, daß Lehrer Toll seit einiger
+Zeit mich beim Bier immer was spendiert, und daß er dich 'ne Kruke Honig
+geschickt hat; ganz umsonst &mdash; und daß ich der einzigste bin, den er
+noch nich wegen seiner neuen Hagelversicherung rankriegen wollte. &mdash; Na,
+Mudding, in die Sache hab' ich aber auch noch ein Wörtchen mitzureden.«</p>
+
+<p>»Du?«</p>
+
+<p>Mudding erschrak und blickte mit ihrem bewegungslosen Antlitz den
+Fischer starr an, der ungestört und ruhig an seinem Stiefel
+weiterbürstete.</p>
+
+<p>»Jawoll, Mudding,« brummte er endlich, wobei er behaglich an dem Leder
+roch; »kuck mich nich so verwundert an. Jetzt haben wir doch ein bißchen
+was, und da denkt sich Lehrer Toll, der so'n alter Siebenkluger is, da
+werd' ich eine von meine Dirns fein los! &mdash; Aber Essig! &mdash; Wenn er Hann
+nich ein paar Hundert Taler mitgibt, daß ich davon ein Motorboot bauen
+kann, dann tret' ich Hann keinen von meine Zesner ab, und von die Liebe
+allein kann er nich leben. Was, Mudding? Von die Liebe allein haben wir
+auch nich gelebt. Nich so?«</p>
+
+<p>Von diesen äußeren Anfechtungen ahnte das Moorluker Pärchen freilich
+kaum etwas, und dennoch vollzog sich die innerliche Annäherung der
+beiden auch ohne dies nur außerordentlich tastend und zagend. Denn Hann
+war ein gar zu schwerfälliger Liebhaber. Mochte er der ruhigen Schönheit
+des Mädchens und ihrem sichtbaren Verlangen gegenüber, sich ihm zärtlich
+anzuschließen, noch eine zu große Schüchternheit empfinden, oder
+drückte<span class="pagenum"><a name="Page_208" id="Page_208">208</a></span> ihn sonst etwas Unausgesprochenes, er sah sie manchmal, wenn
+sie des Abends in der Dämmerung am Bollwerk zusammenstanden, mit solch
+erstauntem, suchenden Ausdruck an, als wundere er sich immer von neuem
+darüber, daß das Schicksal sie beide zusammengeführt. Selten wagte er,
+ihre Hand zu streicheln, von einer Liebkosung hatte er, seit jenem
+Verlobungsabend, überhaupt abgesehen, und doch umgab beide, wenn sie so
+nebeneinander auf dem Bollwerk hockten oder in der Dunkelheit an den
+nebeldünstenden Seewiesen wandelten, eine so stille, friedliche Ruhe,
+daß sich alle Wünsche und Hoffnungen wie in wohltätigen Schlummer
+eingesungen fanden.</p>
+
+<p>Manchmal standen sie in der Dämmerung, denn am Tage wagten sie noch
+nicht, sich miteinander zu zeigen, auf der äußersten Spitze der Mole und
+blickten auf die unter den Abendschleiern erzitternde Flut, in die der
+Mond Millionen zappelnder Goldfischchen geworfen hatte.</p>
+
+<p>Dann konnte Klara Toll mit ihren sinnenden Augen hinausstarren, weit,
+weit, bis dahin, wo sich Dunkelheit und Meer verschlangen, und halb im
+Traum vor sich hinsagen: »Sieh, Hann, da hinter dem Wasser sieht man
+nichts mehr. Und doch liegt da noch Land. So ist's wohl auch mit unserm
+Leben.«</p>
+
+<p>Das war nun so dunkel, daß es dem Philosophen mächtig behagen mußte.</p>
+
+<p>Leise drückte er ihre Hand, und während der Westwind anhob zu summen,
+lehnte Klara ihr Haupt ein wenig an seine Schulter.</p>
+
+<p>Es geschah das erste Mal und Hann stand regungslos.</p>
+
+<p>Aber dunkler nur und schützender sank die Nacht, Hanns alter Freund, der
+Mond, lachte dazu gerade auf beide herunter.</p>
+
+<p>Da holte der Fischer tief Atem und versuchte, mit seinen plumpen Fingern
+ganz zaghaft über die Haare des Mädchens zu streicheln.</p>
+
+<p>In dem unsicheren Mondlichte blickte sie zu ihm auf, ihr Mund verzog
+sich zu einem stillen Lächeln.</p>
+
+<div class="figcenter" style="width: 400px;">
+<img src="images/oppos_208.jpg" width="400" height="617" alt="Illustration" />
+</div>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_209" id="Page_209">209</a></span></p>
+
+<p>»Klara,« begann Hann während des Streichelns und wälzte sich etwas von
+der Seele, was ihn schon lange mit Scham erfüllt hatte, »nun sag' ich
+endlich unsern Eltern, was mit uns is, denn dies Verschweigen is für
+dich nich gut.«</p>
+
+<p>Das Wort schien ihr wohlzutun, und doch schüttelte sie langsam das
+Haupt.</p>
+
+<p>»Nein, tu's nicht,« entschied sie endlich und streichelte ihm sacht die
+Wange. »Noch nicht.«</p>
+
+<p>»Aber warum nich?«</p>
+
+<p>Wieder zögerte sie und strich ein paarmal über seine Hand.</p>
+
+<p>»Weil &mdash; weil es noch nicht gut ist &mdash; nur noch eine kurze Zeit. Hörst
+du?«</p>
+
+<p>Diese Weigerung, die Klara schon öfter vorgebracht, vermochte er nicht
+zu begreifen: »Ja, aber,« stammelte er, »willst du mir denn nie
+erklären, warum &mdash; &mdash;?«</p>
+
+<p>Er unterbrach sich, denn das Mädchen hatte wiederum ihren Kopf an seine
+Schulter gelehnt und hielt ihm die Hand vor den Mund, damit er nicht
+weiterforschen sollte.</p>
+
+<p>»Ich erklär's dir schon mal,« beschwichtigte sie ihn, »vielleicht bald
+&mdash; &mdash; vielleicht sehr bald.«</p>
+
+<p>Das war ihm nun unfaßlich und nicht im entferntesten ahnte er, welch
+feiner Regung der Entschluß seiner Verlobten entsprang. Sie war
+überhaupt ein nachdenkliches Wesen.</p>
+
+<p>Davon erhielt er manchmal sonderliche Proben.</p>
+
+<p>Inzwischen war Pfingsten herangekommen. Die Seewiesen funkelten von
+Tautropfen und gelben Marienblumen. Der Landwind führte Heideduft über
+das atmende Meer. Als Hann am ersten Feiertagsmorgen durch das wogende,
+tiefe Gras schritt, da entdeckte er an einer zum Bodden abfallenden
+Stelle zwischen Strandsteinen und Heideblumen einen braunen Kopf
+hervorlugen.</p>
+
+<p>Den kannte er. Er hielt inne.</p>
+
+<p>Sie saß ihm abgekehrt, plätscherte mit nackten Füßen in dem anspielenden
+Wasser, und während ihre Hände ruhig auf dem<span class="pagenum"><a name="Page_210" id="Page_210">210</a></span> Schoß ruhten, summte sie,
+halb gedankenlos, ein paar Liedstrophen:</p>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">»In einem kühlen Grunde,<br /></span>
+<span class="i0">Da geht ein Mühlenrad;<br /></span>
+<span class="i0">Mein Liebchen ist verschwunden,<br /></span>
+<span class="i0">Das dort gewohnet hat.«<br /></span>
+</div></div>
+
+<p>Die Binsen hinter ihr neigten sich und sangen in ihrer Weise mit.</p>
+
+<p>»Merkwürdig,« dachte Hann. Dicht bei dieser Stelle hatte er auch oftmals
+mit Line gesessen; aber ein herabrollender Kiesel verriet ihn.</p>
+
+<p>Die Sängerin erhob sich und schritt langsam auf ihn zu. Sie schien gar
+nicht daran zu denken, daß sie auf nackten Füßen ginge.</p>
+
+<p>Beide streckten sich still die Hände entgegen.</p>
+
+<p>Als sie sich so grüßten, erhob sich vom Kirchturm ein Klingen. Die
+Pfingstglocken begannen zu läuten. Und so feierlich zog es durch die
+sonnige Morgenluft und über die stille See, daß jedes Wort eine Störung
+gewesen wäre.</p>
+
+<p>Das fühlten auch die beiden Naturkinder. Wortlos hielten sie sich an den
+Händen. Eine lange Zeit. Als aber die Glockentöne immer heller und
+klingender wurden, da geschah etwas Wunderbares.</p>
+
+<p>Mit einer schweren Bewegung schlang Klara ihre Arme um den Hals des
+Burschen, er sah ihre roten Lippen immer näher den seinen, und dann
+fühlte er einen langen, langen Kuß.</p>
+
+<p>Seltsam träumerisch war ihm zumute, so ganz anders als sonst. Das Glück,
+dem er so lange nachgesonnen, schien über ihm zu sein.</p>
+
+<p>So merkte er erst geraume Zeit später, wie ernst das Mädchen ihn dabei
+anblickte. So tief, so &mdash; &mdash;</p>
+
+<p>»Klara,« sagte er rasch, »du siehst mich so an?«</p>
+
+<p>»Ja, Hann, ich möchte einmal was wissen.«</p>
+
+<p>Er nickte.</p>
+
+<p>»Hast du mit einem andern Mädchen auch schon so schön getan?«</p><p><span class="pagenum"><a name="Page_211" id="Page_211">211</a></span></p>
+
+<p>Der Gefragte duckte sich und mußte auf die Stelle sehen, wo er schon
+einmal mit Line gelegen.</p>
+
+<p>Er beugte nur kurz das Haupt.</p>
+
+<p>»Line?«</p>
+
+<p>Wieder nickte er plump.</p>
+
+<p>Sie sah ihn noch immer an, dann hob sie sich auf den Zehen und bot ihm
+von neuem den Mund.</p>
+
+<p>Das war alles so weich und sanft.</p>
+
+<p>»Klara,« stammelte er wie beschämt.</p>
+
+<p>»Nun muß ich in die Kirche,« verabschiedete sie sich, und sie nickte
+noch immer, während sie langsam von dannen schritt.</p>
+
+<p>Er sah ihr nach.</p>
+
+<p>Erst als die weißen, glänzenden Füße längst in dem Grase verschwunden
+waren, legte er sich an ihren verlassenen Platz, stützte nachdenklich
+den Kopf und horchte auf das Surren und Säuseln des Windes. Die
+Seeschwalben, die an ihm vorbeistrichen, zirpten laut; und er mußte
+unwillkürlich das Lied seiner Braut wieder aufnehmen: Wie war's doch?</p>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">»Hör' ich das Mühlrad gehen,<br /></span>
+<span class="i0">Ich weiß nicht, was ich will &mdash;<br /></span>
+<span class="i0">Ich möcht' am liebsten sterben,<br /></span>
+<span class="i0">Da wär's auf einmal still.«<br /></span>
+</div></div>
+
+<p>»Hör' ich das Mühlrad gehen &mdash; &mdash; &mdash;«</p>
+
+<p>Sonderbar. Er ließ den Kopf in beide Hände sinken.</p>
+
+<p>»Was is woll das Glück?«</p>
+
+<p>Und über ihm klangen die Pfingstglocken fort.</p><hr class="chap" /><p><span class="pagenum"><a name="Page_212" id="Page_212">212</a></span></p>
+
+
+
+
+<h3>XIV</h3>
+
+
+<p>Es war dieselbe Gedankenreihe, an der Bruno an diesem Pfingstmorgen
+herumrechnete, nur erregter, mit glühenden Wangen und kühneren Plänen,
+während er in einem der heute leeren Bureaus des Konsuls saß, um die
+eingegangenen Briefe zu revidieren.</p>
+
+<p>Solch ein weites, verlassenes Zimmer hat für den Einsamen stets etwas
+Fremdes, Ablenkendes, und bei dem jungen Prokuristen bedurfte es nicht
+einmal solch starken Anlasses, um seine Phantasie zu verlocken.</p>
+
+<p>Da hatte er eben den Bericht eines amerikanischen Agenten des Hauses
+gelesen, eines Mannes, der nicht viel älter war, als er selber, der
+ebenfalls aus Hollanders Geschäft hervorgegangen, später in Neuyork
+reich geheiratet und jetzt auf seine Weise dort drüben selbständig
+arbeitete. Aber welch enorme Summen dieser Amerikaner nun für sich
+selbst berechnen konnte. Dem Prokuristen wirbelten die Zahlen wirr durch
+den Kopf, mit glänzenden Augen starrte er ins Weite, um plötzlich laut
+aufzuseufzen.</p>
+
+<p>Er erschrak, als er das Echo in dem verlassenen Raume hörte, aber seine
+Gedanken drangen vorwärts.</p>
+
+<p>Und er?</p>
+
+<p>Der Konsul hatte ihm, trotz seiner Rangerhöhung nicht viel zugelegt, und
+mit der Summe, über die er verfügte &mdash; nein, nein, er mußte sich die
+Wahrheit, vor der er immer floh, in dieser einsamen Stunde eingestehen,
+&mdash; er kam nicht aus, seine Ausgaben überschritten bereits seine
+Einkünfte. Das Bild des Lebens, das ihm vorschwebte, stimmte sicher
+nicht mit der Wirklichkeit überein. Wenn der Konsul das geahnt hätte!</p>
+
+<p>Oder wenn er den Grund je erfahren würde, diesen wahnsinnigen,<span class="pagenum"><a name="Page_213" id="Page_213">213</a></span> tollen
+Grund, der seinen Vertrauensmann zu knabenhaften Streichen hinriß. Aber
+waren es denn nur Streiche, solche, die man verübt und wieder vergißt?</p>
+
+<p>Bruno sprang auf, stellte sich ans Fenster, sah auf die Vorübergehenden
+und versuchte, eine Coupletmelodie vor sich hinzuträllern, allein das
+Bild, das ihm vor die Seele getreten war, dieses schwarzbraune
+Hexenbild, das ihn mit dunklen, spöttischen Augen und kirschroten Lippen
+maß, es ließ sich nicht so leicht wieder verscheuchen.</p>
+
+<p>Sein Herz begann heftig zu hämmern, gerade so wild, wie stets, wenn er
+ihr gegenübertrat. Gerechter Gott, was wollte er denn von ihr? Er zuckte
+zusammen, wenn er daran dachte, es war ja wie Wahnsinn über ihn
+gekommen, ein einziger, schlimmer Wunsch beherrschte ihn, trieb ihn vor
+sich her und machte ihn elend.</p>
+
+<p>»Solche Schlechtigkeit &mdash; solche Schlechtigkeit,« murmelte er vor sich
+hin und griff sich an die Schläfen. Oh, es war ja so namenloses Glück,
+daß ihm dieses Ding wie eine Schlange unter den Händen entwischte, daß
+sie klug war, und daß er niemals sein böses Ziel erreichen würde. Denn
+schlimm war es, er war ja trotz allem so fest, so felsenfest
+entschlossen, seine Zukunft nicht zu verspielen, vielmehr groß zu werden
+und immer größer, ein Industrieller, wie ihn diese nordische Provinz nur
+einmal in den glorreichen Gründerjahren gesehen. Und wenn erst einmal
+der goldne Boden da war, wer weiß, was ihm dann für blütenschwere
+Zauberbäume entsprießen könnten, vielleicht auch das Weib, jene
+schlanke, lockende Katze, deren Schnurren ihm die Gedanken erhitzte,
+deren bloßer Name ihn wie ein aufreizender Schlag durchfuhr, und für
+deren schwarze begehrliche Augen er all die heimlichen Aufwendungen
+gemacht, die seine Existenz jetzt schon ins Schwanken brachten.</p>
+
+<p>Nein, nein, er mußte sich diese aufreibende Leidenschaft aus dem Kopf
+schlagen, die zu nichts führte, die nur namenloses Unglück
+heraufbeschwören konnte, und mit der plötzlichen Energie phantastischer<span class="pagenum"><a name="Page_214" id="Page_214">214</a></span>
+Naturen setzte er sich rasch in dem Armstuhl vor seinen Schreibtisch
+zurecht und war fest entschlossen, die engen Treppen und die lackierte
+gute Stube von Fräulein Dewitz vor Monaten nicht wiederzusehen.</p>
+
+<p>Wie kam er wohl am schnellsten aus den Verpflichtungen heraus, die er
+bereits bei einigen Juwelieren der Stadt eingegangen war, um Lines
+Freude an goldglänzendem Tand zu frönen?</p>
+
+<p>Welch kindlich-gieriges Lächeln dabei über ihr Gesicht ging, wenn sie
+dergleichen erhielt!</p>
+
+<p>Da schmeichelten seine Gedanken schon wieder um sie herum.</p>
+
+<p>In heller Verzweiflung entfaltete er ein großes Handelsblatt und begann
+mit Hast die Kurse zu überfliegen. Spekulationen?</p>
+
+<p>Er stutzte.</p>
+
+<p>Wie mancher war nicht in wenigen Tagen an der Hamburger Börse ein
+steinreicher Mann geworden, manchmal skrupellose Burschen, die am Tage
+vorher noch keinen Heller besessen.</p>
+
+<p>Wieder schlug ihm das Herz. Seine Einbildungskraft war gefangen. Aber
+leider &mdash; leider, der Weg war für ihn nicht gangbar. Erstens seine
+eigene Mittellosigkeit und dann das ehrbare Haus Hollander. Freilich,
+nur die Kühnen gewannen, und hatten nicht seine scharfsinnigen Schlüsse
+bereits die Hamburger Freunde, die seine Einfälle befolgt hatten, in
+Erstaunen gesetzt?</p>
+
+<p>Aber nein, nein, die spießbürgerliche Ehrbarkeit des Hauses drückte auf
+ihn; von diesem Gedanken mußte er Abschied nehmen.</p>
+
+<p>Während er sich hoffnungslos an den Zahlenreihen festsaugte, hörte er
+unten einen Wagen vorfahren. Drin saß Dina, die seit einigen Tagen um
+diese Zeit ihre Spazierfahrt unternahm.</p>
+
+<p>Sie warf keinen Blick nach seinem Fenster.</p>
+
+<p>Ja, ja, es war töricht, daß er diesen ganzen Winter über die stolze
+Erbin so vernachlässigt hatte, rein behext von seinem ungestillten
+Verlangen. &mdash; Aber das ließ sich nachholen. Wie gern hatte sich Dina mit
+ihm nicht über literarische Neuerscheinungen unterhalten? Ja, ja, er
+wollte sich Bücher besorgen, er wollte &mdash; <span class="pagenum"><a name="Page_215" id="Page_215">215</a></span>&mdash;</p>
+
+<p>Nebenan in dem Privatkontor des Konsuls tönten Schritte, der Einsame
+unterschied die Stimmen seines Chefs und diejenige von dessen
+Jugendfreund, des Steuerrats Knabe.</p>
+
+<p>Das war doch seltsam. Heute, am Feiertage? Und welch fröhliche
+Unterhaltung die beiden dort drinnen zu führen schienen? Bruno hörte
+deutlich das grobkörnige Lachen Hollanders und das feine Kichern des
+alten Junggesellen. Dann wurde geklingelt, ein Diener erschien, ging,
+kam wieder, und der näherrückende Prokurist hörte jetzt, wie die Freunde
+drinnen wisperten, dann &mdash; ein Knall, wie er nur von einer entkorkten
+Champagnerflasche herrühren konnte; und nun entdeckte der Horcher, daß
+hinter dem Milchglase der Nebentür der dicke Kopf des Werftbesitzers
+sich abdunkelte, als wollte Hollander nach seinem Untergebenen
+ausspähen.</p>
+
+<p>Was sollte das?</p>
+
+<p>Eine heftig bohrende Unruhe befiel Bruno, er schalt sich töricht, aber
+ihm war es, als ob das Lachen dort drinnen und das Gläserklingen und das
+Wispern ganz allein ihm gelte, als ob es ihm direkt zum Hohn
+veranstaltet wäre.</p>
+
+<p>Fahrende Röte stieg ihm ins Gesicht, halb mechanisch beugte er sich über
+seinen Schreibtisch und warf allerlei wirre Zahlen auf ein Blatt Papier.</p>
+
+<p>»Klüthchen,« sagte der Konsul, der plötzlich mit seinem Champagnerkelche
+hinter ihm stand, »sind doch ein fleißiger Kerl, alle Achtung, &mdash; aber
+hier &mdash; nun nehmen Sie mal &mdash;« und damit reichte er ihm das volle Glas
+&mdash; »sind doch ein Liebhaber von so was &mdash;<span lang="fr" xml:lang="fr">Röderer carte blanche</span> &mdash; sagt
+Ihnen zu? was? So, nu passen Sie aber auf, ich frage Sie hier
+ausdrücklich vor unserm Herrn Steuerrat: Was halten Sie von Harder u.
+Co. in Hamburg?«</p>
+
+<p>Bruno sah zu Boden und suchte seine Gedanken zu sammeln, aber er
+vermochte durchaus nicht zu begreifen, worauf der hinterhältige alte
+Mann lossteuerte. Er stammelte also nur etwas davon,<span class="pagenum"><a name="Page_216" id="Page_216">216</a></span> daß dieses Haus
+gewiß eine der ersten Reederfirmen Deutschlands wäre und im Moment des
+Konsuls gefährlichster Konkurrent.</p>
+
+<p>»Siehst du, Julius,« wandte sich Hollander sehr befriedigt zu seinem
+Jugendfreund zurück, während er seinem Prokuristen wohlwollend auf die
+Achsel klopfte, »Klüth und ich, wir sind immer derselben Ansicht.« Und
+plötzlich stürzte er ein Glas Champagner hinunter, puffte seinen
+Untergebenen kordial in die Seite und flüsterte ihm augenzwinkernd zu:
+»Halten's noch geheim, Klüth. Seit acht Tagen befindet sich der junge
+Harder bereits in unsrer Stadt, im deutschen Haus, verstehen Sie, und
+gestern abend hat sich meine Tochter Dina mit ihm verlobt. Na, was sagen
+Sie, Herzenskinding? Gut geschoben, wie?«</p>
+
+<p>Und laut rief er zu dem Steuerrat hinein: »Nu kuck bloß unsern Klüth an.
+Is er nich ganz blaß geworden über diese Fusion? &mdash; Ja, ja, is ein großer
+Bewunderer von mir. Nu trinken Sie aber, Klüthchen, nu trinken Sie
+auch!«</p>
+
+<p class="center">&mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; </p>
+
+<p>Wie und wann er die Bureaus verlassen, dessen entsann er sich nicht
+mehr. Erst, als ihm laute Militärmusik entgegenschallte, entdeckte er zu
+seiner Verwunderung, daß er in seinem Hingrübeln auf den großen Markt
+gelangt wäre, wo um die Mittagsstunde die Bataillonskapelle
+konzertierte. Und um ihn herum &mdash; auf allen vier Seiten des Platzes,
+flanierten Scharen hellgekleideter, junger Mädchen, gefolgt von langen
+Zügen buntmütziger Korpsstudenten, Offizieren, junger Kaufleute; kurz,
+diese eine, flüchtige Sonntagsstunde war es, wo die ehrbare, alte
+Schwedenstadt eine leichtsinnige Laune zeigte. Aber dem hübschen, jungen
+Menschen, den mancher Mädchenblick streifte, schien der fröhliche
+Trompetenschall, schien all das bunte Fluten weh zu tun.</p>
+
+<p>Immer wieder stach es ihm durch den Sinn, der noch nicht ganz
+freigeworden von dörflichem Aberglauben, daß irgend eine feindliche
+Macht ihn augenscheinlich am Emporstreben hindern wolle, daß er zu dem
+goldnen Glück nicht bestimmt wäre.</p><p><span class="pagenum"><a name="Page_217" id="Page_217">217</a></span></p>
+
+<p>Was konnte das aber sein? Das durfte ja nicht wahr werden.</p>
+
+<p>Dicht neben sich vernahm er unwillkürlich ein sonderbares Raunen und
+Wispern.</p>
+
+<p>Als er aufmerksam wurde, bemerkte er, wie eine Gruppe junger Rotmützen
+wie bezaubert auf zwei vorübergehende Damen sahen, in denen Bruno sofort
+Fräulein Dewitz und Line erkannte.</p>
+
+<p>Einen vorüberhuschenden Moment fühlte er, wie Lines Augen aufblitzten,
+dann hatte er sich, einer starken Eingebung folgend, zum nächsten
+Schaufenster abgewandt, und schattenhaft, nur in den blanken Scheiben
+abgespiegelt, wandelte nun ihre Gestalt im Bilde vorüber, auch da noch
+allerliebst in dem einfachen, roten Kattunkleid, das sie wieder ganz
+fremdartig unter all diesen Bürgermädchen erscheinen ließ.</p>
+
+<p>Bruno blickte ihnen nach.</p>
+
+<p>Da wandte sie nochmals den Kopf nach ihm. Sie schien ihn zu verspotten
+und die Achsel zu zucken.</p>
+
+<p>War das sein Schicksal?</p>
+
+<p>Lauter und lauter schmetterte die Musik ihren Walzer, und jetzt erst
+entdeckte Bruno, daß er gerade vor den Auslagen desjenigen Juweliers
+halt gemacht hatte, dem er schon so sehr verpflichtet war. Er wollte
+rasch weiter eilen, da sprach ihn der Besitzer, der dem Konzert von der
+offenen Ladentür aus folgte, höflich an und forderte ihn auf, näher zu
+treten.</p>
+
+<p>»Ja &mdash; aber &mdash; &mdash;«</p>
+
+<p>Er solle ja auch nichts kaufen, aber es wären da ein paar russische
+Muster fertig geworden, und da Herr Klüth sich ja so sehr für
+dergleichen interessiere &mdash; &mdash;</p>
+
+<p>Den jungen Kaufmann beschlich die häßliche Empfindung, der Ladenbesitzer
+sei vielleicht bereits mißtrauisch geworden, und in dem Wahn aller
+schwankenden Existenzen, sein Ansehen zu erhalten, trat er mit möglichst
+gleichgültiger, sicherer Miene in den Laden.</p>
+
+<p>Noch während ihm in seiner halben Betäubung allerlei goldene<span class="pagenum"><a name="Page_218" id="Page_218">218</a></span>
+Schmucksachen durch die Hände glitten, beherrschte ihn der Entschluß,
+daß ihm all die funkelnden Spielereien nicht gefallen dürften, ja, daß
+jeder fernere Einkauf bereits einen halben Betrug bedeute.</p>
+
+<p>»Was ist das?«</p>
+
+<p>»Eine Fächerkette,« erklärte die Verkäuferin, »sie wird um die Hüfte
+geschlungen &mdash; so.«</p>
+
+<p>Bruno lächelte: Wie auf Zauberschlag stand Line in seinem Geiste da, wie
+sie sich oft seltsam in den Hüften wiegte. Wie mochte erst dieses
+goldene Geriesel über ihre jungen Glieder fließen? Und wenn er ihr das
+nun selbst umlegen dürfte!? &mdash;</p>
+
+<p>Plötzlich war's, als wenn ein Sturmwind alle Angst, alle Bedenklicheren
+über den Haufen gefegt hätte.</p>
+
+<p>Er blickte sich um, mit klaren Augen, wie wenn er jetzt erst begriffe,
+wo er sei und was um ihn geschehe.</p>
+
+<p>Lächerlich &mdash; ganz lächerlich; weil diese eine Brücke vor ihm
+zusammengebrochen war, die über den Strom leitete, hinter welchem seine
+Zukunft sich dehnte, deshalb die Betäubung, die Verzweiflung? &mdash;</p>
+
+<p>Lächerlich, war er nicht der Mann, drei neue Brücken zu bauen? Ja, jetzt
+wollte er erst wagen, jetzt sollten sein Chef und die andern schon
+sehen; und nicht das geringste Vergnügen wollte er sich rauben lassen,
+auch Line nicht. &mdash; Man lebt nur einmal.</p>
+
+<p>Mit einer Hast, als ob er stehlen wolle, steckte er das feine Etui zu
+sich, und besann sich erst auf der Straße, daß er tatsächlich vergessen
+habe, nach dem Preis zu fragen.</p>
+
+<p>Ein andermal.</p>
+
+<p>Ins Weinhaus!</p>
+
+<p>Bis in den späten Nachmittag saß er nun im halbdunklen Gastzimmer bei
+Kroll, wo nur eine einzige Gasflamme auf die braunen Eichentische
+herableuchtete, blies den Rauch einer feinen Importe von sich und sah
+gespannt zu, wie mehrere Gutsbesitzer aus der Umgebung ein kleines
+Spielchen machten.</p><p><span class="pagenum"><a name="Page_219" id="Page_219">219</a></span></p>
+
+<p>Einer von ihnen, ein hochgewachsener, blonder Hüne, den die andern
+Rittmeister titulierten, dieser war sein Mann. Auf dessen Karte setzte
+er heimlich, und als der Rittmeister nach einigen Verlusten endlich ein
+paar blaue Scheine in die Westentasche stecken konnte, da begannen die
+Augen des Prokuristen zu glänzen, und er atmete tief und befreit auf.</p>
+
+<p>Ah, natürlich &mdash; natürlich &mdash; die Ängstlichen erjagen's eben nicht.</p>
+
+<p>Zwischen den Bildern der beiden Kaiser schlug die kleine Uhr sieben.</p>
+
+<p>Wenn er nun noch zu Fräulein Dewitz hinaufwollte, so war es die höchste
+Zeit. Um acht &mdash; das wußte er &mdash; speiste die alte Dame, und mit
+Einladungen ging sie sparsam um.</p>
+
+<p>Also eilen!</p>
+
+<p>Das ganze war ja doch nur ein Spaß, ein unschuldiger Zeitvertreib, und
+da Fräulein Dewitz ja stets anwesend blieb, eigentlich doch auch ein
+entsagungsvolles Vergnügen.</p>
+
+<p>Also ohne Bedenken.</p>
+
+<p>Nachdem er dem Kellner ein reichliches Trinkgeld geschenkt, wandte er
+sich in der Tür noch einmal zurück. Er sah, wie sein Rittmeister
+wiederum einen neuen Blauen zwischen den Fingern knitterte.</p>
+
+<p>»Gottlob,« dachte er und schlug auf der Straße mit seinem dünnen
+Spazierstock sausend durch die Luft, als hätte er einen Feind
+niedergestreckt.</p>
+
+<p>»Ich sagte es ja, das sind alles Bedenklichsten der kleinen Stadt.«</p>
+
+<p class="center">&mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; </p>
+
+<p>Die Klingel läutete.</p>
+
+<p>Hinter den roten Gardinen der Glastüre zuckte es, der Besucher sah, wie
+Lines dunkles Köpfchen herauslugte.</p>
+
+<p>Vorsichtig öffnete sie einen Spalt.</p>
+
+<p>»Wer ist da?« fragte sie, denn bei der schlechten Treppen-beleuchtung<span class="pagenum"><a name="Page_220" id="Page_220">220</a></span>
+vermochte sie nichts zu erkennen. Sonst war sie nicht so zaghaft.</p>
+
+<p>»Ich,« antwortete Bruno.</p>
+
+<p>»Ach, du bloß,« meinte sie, trat zurück und nahm eine kleine Küchenlampe
+von der Wand, um ihm zu leuchten, »komm.«</p>
+
+<p>Als er dicht vor ihr stand in seinem modischen, dunklen Mantel und dem
+Zylinder auf dem Haupt, lachte sie hell auf.</p>
+
+<p>Bruno stutzte.</p>
+
+<p>In den lackierten Altjungferräumen der Handarbeitslehrerin, in denen
+Line sonst nur auf Zehen umherzuhuschen wagte, war solch heller Ton
+ungewohnt. Das mußte Fräulein Dewitz bald rügen. Und befremdet spähte
+Bruno in die halboffene gute Stube, ob die alte Dame noch nicht
+würdevoll herausschritte. Doch Line schien ihm den Gedanken von der
+Stirn zu lesen: »Nein,« sagte sie, »sie ist nicht da.«</p>
+
+<p>»Nicht da?«</p>
+
+<p>»Nein, beim Konsul eingeladen. Da sind nur die Nächsten. Zur Verlobung.«</p>
+
+<p>Bruno erschrak. Das Blut stieg ihm ins Gesicht.</p>
+
+<p>Er schämte sich, als ob das Wort absichtlich gegen ihn gerichtet wäre.</p>
+
+<p>Unterdessen war ihm Line in die Stube vorangetreten. Auf dem Tische
+brannte eine hohe Porzellanstehlampe, in deren Glanz Fußboden, Spiegel
+und die lackierten Stühle förmlich widerstrahlten.</p>
+
+<p>»Komm,« forderte Line den Zögernden auf. Er zauderte noch und fragte, ob
+er trotz der Abwesenheit des alten Fräuleins wirklich nähertreten dürfe,
+aber Line warf ihm nur einen verwunderten Blick zu: »Natürlich &mdash; es ist
+doch hübsch, daß sie endlich mal weg ist &mdash; ach, dieses
+Beobachtetwerden.«</p>
+
+<p>Dabei stand sie in ihrem roten Kleide vor dem Spiegel, wandte sich ein
+wenig hin und her und blickte sein Spiegelbild in dem Glase an.</p><p><span class="pagenum"><a name="Page_221" id="Page_221">221</a></span></p>
+
+<p>Ihre Art war bereits wieder so sonderlich, daß Bruno mit geheimem Bangen
+fühlte, wie heiß ihm das Blut durch alle Adern zu rinnen begann. Rasch
+legte er den Überzieher ab; der war vielleicht daran schuld. »Recht,«
+nickte Line immer in den Spiegel hinein und lächelte seinem Bilde zu.
+»Jetzt sollst du auch bald mit mir zusammen essen.«</p>
+
+<p>»Mit dir? &mdash;« er wagte weder sich zu setzen, noch sie weiter in dem matt
+schimmernden Glase zu betrachten, »wird nicht Fräulein Dewitz &mdash; &mdash;?«
+warf er ein.</p>
+
+<p>»Die erfährt natürlich nichts davon. Das wäre noch schöner. Ich wasche
+nachher die Teller wieder ab und stelle alles hin. Überhaupt, es ist so
+hübsch, solch eine Heimlichkeit zu haben. &mdash; Nicht?«</p>
+
+<p>Damit sah sie ihn von der Seite an, lächelte verschmitzt und huschte an
+die Glasservante, unter der sie, wie aus einem Versteck, ein Buch
+hervorholte. Dann hielt sie es ihm verstohlen hin: »Da sieh &mdash; da stehen
+auch lauter solche Geschichten drin. Andre Leute sind eben klüger.«</p>
+
+<p>Als Bruno in dem Hefte blätterte, da war es eine Übersetzung
+Maupassantscher Novellen.</p>
+
+<p>»Dergleichen liest du?« fragte er an sich haltend.</p>
+
+<p>»Warum nicht?«</p>
+
+<p>»Und Fräulein Dewitz erlaubt dir das?«</p>
+
+<p>Line zupfte an ihrem Kleide und strich es an den Hüften glatt: »Die,«
+sagte sie mit einer wegwerfenden Bewegung, »was wird die groß lesen?
+Lauter Forschungsreisen. Aber wenn ich für sie tauschen geh', dann
+bring' ich mir heimlich immer so was mit und versteck' es hier. Das Buch
+kostet nur zehn Pfennige, und ich hab' ja Geld. Du weißt ja auch, woher.
+&mdash; Ach, es ist so schön, soviel Geld zu haben.«</p>
+
+<p>Und sie preßte die Fäuste zusammen und straffte die Arme aus, und Brunos
+starrer Blick verfing sich wieder in der Bewegung, wie ihre junge Brust
+stieg und fiel.</p><p><span class="pagenum"><a name="Page_222" id="Page_222">222</a></span></p>
+
+<p>»Gehen &mdash; gehen!« flog es ihm durch den Kopf, und seine Hand strich über
+den Überzieher, der neben ihm auf der Lehne des Sofas lag.</p>
+
+<p>Line wandte sich zu ihm hin und pochte auf den Tisch.</p>
+
+<p>»Du bist so still,« wunderte sie sich.</p>
+
+<p>Er schwieg und verfolgte, wie sie mit dem Finger über die Platte strich.</p>
+
+<p>»Was ist dir denn? &mdash; Sag doch was! &mdash; Ach so &mdash; ich weiß schon, wegen
+Dina.«</p>
+
+<p>Sie trat wieder mitten in das Zimmer zurück, spreizte die Finger aus,
+als ob sie kratzen wolle, und aus ihren dunklen Augen blitzte es auf,
+wie Siegesfeuer. Ihre ganze Gestalt schien einen wilden Triumph zu
+feiern.</p>
+
+<p>»Ja,« sagte sie und lächelte ihren Besuch trotzig an, »die hat es nicht
+dumm gemacht.«</p>
+
+<p>Er hob den Kopf, als wollte er fragen, was sie damit meine, aber über
+die fest zusammengepreßten Lippen wollte kein Wort dringen. Immer mehr
+fühlte er, daß wieder jener Betäubungszustand über ihn käme, in welchem
+er jede Gewalt über sich verlor.</p>
+
+<p>»Gehen &mdash; gehen,« klang's von neuem in ihm auf. Line stand wieder vor
+dem Spiegel: »Kennst du ihn?« forschte sie nun, ihn halb über die Achsel
+messend.</p>
+
+<p>»Ich? &mdash; wen?«</p>
+
+<p>»Den Bräutigam.«</p>
+
+<p>»Ja«</p>
+
+<p>»Reich?«</p>
+
+<p>»Ein Millionär.«</p>
+
+<p>»Ah« &mdash; hier führte sie die flachen Hände vor die Augen, als könnte sie
+sich so besser, wohliger in die Pracht der Bilder versenken, die vor
+ihrem Geiste vorüberhuschten.</p>
+
+<p>»Hat er auch eine Equipage?« fragte sie rasch, ohne sich zu regen.</p>
+
+<p>»Ja.«</p><p><span class="pagenum"><a name="Page_223" id="Page_223">223</a></span></p>
+
+<p>»Und &mdash; und Bediente?«</p>
+
+<p>»Gewiß.«</p>
+
+<p>»Und &mdash; sag' mir &mdash; auch ein Schloß?«</p>
+
+<p>»Allerdings &mdash; eine Villa in Uhlenhorst, dicht neben der Alster.« Sie
+stockte; dann klang es beinahe, als ob sie leise stöhne: »Daß das alles
+für solch dumme Gans sein soll!« &mdash; drang es über ihre Lippen. Und wild
+sich zu ihm wendend, fügte sie hinzu: »Führt von dem Haus auch eine
+Marmortreppe ins Wasser? &mdash; Lach' nicht, ich will es wissen.«</p>
+
+<p>»Ich lache nicht,« herrschte er auffahrend, denn er ärgerte sich über
+ihre Gier nach jenem Reichtum, den er ihr nicht bieten konnte. »Aber
+wozu soll das?«</p>
+
+<p>Verlangend blickten ihre schwarzen Augen auf das matte Glas der
+Lampenglocke; und halb willenlos sprach sie vor sich hin: »Wenn sie da
+so des Nachts hinuntersteigt, ah &mdash; &mdash;«</p>
+
+<p>»Line,« flüsterte er und stand langsam auf.</p>
+
+<p>Das Geräusch ließ sie emporfahren, verwundert, als müsse sie sich auf
+ihn besinnen, sah sie ihn an, und vor diesem fremden Blick entschwand
+ihm wieder aller Mut.</p>
+
+<p>»Was willst du?« fragte sie abweisend.</p>
+
+<p>»Ich?«</p>
+
+<p>In seiner Verwirrung fand er nichts Gleichgültiges, das er anführen
+konnte.</p>
+
+<p>»Du möchtest wohl auch all das haben,« brachte er endlich mit Mühe
+hervor. »Die Equipage und die Diener und das Schloß und &mdash; und das
+alles? &mdash; Wie?«</p>
+
+<p>Da brach aus ihren schwarzen Augen ein beinah feindlicher Strahl, als
+sie den Kopf in den Nacken warf und trotzig erwiderte, man könne ja
+nicht wissen, vielleicht bekäme sie das alles einmal. Es wären ja im
+Maupassant ebenfalls Mädchen geschildert, die nichts als ihre Schönheit
+besessen, und schließlich wären sie doch in eigenen Equipagen gefahren.
+»Du, nicht so, das ist doch möglich?«</p><p><span class="pagenum"><a name="Page_224" id="Page_224">224</a></span></p>
+
+<p>Sie drehte sich ein wenig vor dem Spiegel und legte erwartend den Finger
+an die Lippen.</p>
+
+<p>Ach, es war ja diese Abenteuerlust, die so stark in ihm widerhallte,
+dieses Vagantenblut, das in beiden jungen Menschen summte, das war es,
+was sie nicht auseinanderkommen ließ.</p>
+
+<p>Ihre Gier, ihre Sucht nach Gold und Wohlleben hatten ihn im Moment
+angesteckt, mit einem raschen Schritt trat er auf sie zu und preßte ihre
+Hand: »Du hast recht, Line, wenn man nur Mut hat, nur Mut, dann erreicht
+man das alles &mdash; alles.«</p>
+
+<p>»Ja, ja, nicht wahr?« sagte sie erfreut und blickte ihn beinahe zärtlich
+an.</p>
+
+<p>Beide schwiegen nun eine Weile, beide spähten sich forschend in die
+Augen, als warteten sie, der andre solle zuerst das Wort sprechen, das
+diesen drückenden Bann zu lösen vermöge.</p>
+
+<p>Doch die Furcht war stärker, als der glimmende Brand. Langsam, mit einer
+feinen Falte des Unmuts zwischen den Brauen, wandte sich Line endlich
+ab, zuckte ein paarmal die Achseln nach ihm, schnippte mit den Fingern,
+summte etwas und lief endlich in die Küche.</p>
+
+<p>Der Zurückgebliebene fand sich allein.</p>
+
+<p>Als er sich umblickte, da drängte alles lähmend auf ihn ein.</p>
+
+<p>Diese spießbürgerliche Sauberkeit der Stube, das Bild der
+Handarbeitslehrerin, das verblaßt über dem Sofa hing, und plötzlich
+fühlte er in seiner Tasche das Etui mit der goldenen Kette. Eine
+überwältigende Scham befiel ihn, er mußte ganz unvermittelt an seinen
+Bruder Paul denken, wie der gewiß jetzt in seiner kahlen Stube säße, um
+zu studieren, und wie er sich heimlich um ihn und das Mädchen sorgen
+mochte.</p>
+
+<p>Wenn der wüßte!?</p>
+
+<p>Wenn der wüßte, wie der Jüngere auf die törichten Wünsche dieses
+unreifen Geschöpfes eingegangen, wie er ihr die Kommode mit allerlei
+Schmucksachen gefüllt, wie er jetzt wieder eine neue bereit hielte, über
+die er nachsann, wie er sie ihr in der einsamen Stube umlegen wolle.</p>
+
+<div class="figcenter" style="width: 400px;">
+<img src="images/oppos_224.jpg" width="400" height="623" alt="Illustration" />
+</div>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_225" id="Page_225">225</a></span></p>
+
+<p>Nein, nein &mdash; bei Gott.</p>
+
+<p>Der Schweiß brach ihm aus.</p>
+
+<p>»Gehen &mdash; gehen.«</p>
+
+<p>Draußen in der Küche tönte Tellerklappern.</p>
+
+<p>Mit einem schnellen Griff wollte er seinen Überzieher aufraffen, da
+hörte er ihren leichten Tritt, und ehe er noch das Kleidungsstück in den
+Alkoven, aus dem, halb im Schatten liegend, die weiß eingedeckten Betten
+schimmerten, werfen konnte, stand sie vor ihm.</p>
+
+<p>»Was tust du da mit dem Mantel?« fragte sie scharf.</p>
+
+<p>Verlegen zuckte er die Achseln und starrte Line ungewiß an, wie sie, ein
+Präsentierbrett mit allerlei Tellern haltend, hinter ihm stand.</p>
+
+<p>Und doch nahm er wahr, wie scharf sich das schwarze Seidenschürzchen,
+das sie wohl inzwischen umgelegt, von dem roten Kleide abhob.</p>
+
+<p>Dann raffte er sich auf und erzwang ein Lächeln, die Leichtigkeit seiner
+Lebensauffassung kam plötzlich über ihn, er wollte ihr beim Decken
+helfen.</p>
+
+<p>»Nein,« lehnte sie herb ab und schob ihn mit dem Ellbogen zurück. »Erst
+das.«</p>
+
+<p>Und nachdem sie ihr Geschirr abgesetzt, schritt sie rasch zum Alkoven
+und warf heftig die Tür zu. Der Schlag dröhnte durch die Wohnung.</p>
+
+<p>»Was tust du?« schrak er zusammen. »Man hört es im ganzen Hause.«</p>
+
+<p>»Laß,« gab sie hochmütig zurück, »wir brauchen uns ja nicht zu
+fürchten.«</p>
+
+<p>Wieder mußte er die Augen niederschlagen und verbarg seine Verlegenheit,
+indem er mit einem Scherz die Teller zurecht rückte. Aber die Lust Lines
+an dieser heimlichen Gasterei verscheuchte ihre schlechte Laune bald
+wieder und machte sie ganz glücklich.</p>
+
+<p>»Oh, es ist doch zu reizend,« rief sie einmal über das andere,<span class="pagenum"><a name="Page_226" id="Page_226">226</a></span> »wenn
+man so was Eigenes hat, so was Heimliches &mdash; und das« &mdash; sie streichelte
+plötzlich katzenhaft zärtlich seine Hand, »hab' ich von dir. Sieh eins.«</p>
+
+<p>Mit einem Sprung war sie an ihrer Kommode, kniete nieder, warf allerlei
+Wäschestücke um sich herum, und dann kamen sie zum Vorschein, all die
+verborgenen Kostbarkeiten.</p>
+
+<p>»Line,« rief er mit aufsteigender Scham, denn der Anblick dieser
+Geschenke war ihm unangenehm, »wollen wir uns jetzt nicht setzen? &mdash; Es
+ist halb neun, und ich bleibe nur noch ganz kurze Zeit.«</p>
+
+<p>Aber sie war zu sehr in ihrem Element. Nein, erst wollte sie sich ihm zu
+Ehren mit all seinen Geschenken schmücken. »Kuck eins, diese
+Opalohrringe« &mdash; sie rutschte auf Knien zu ihm hin, »die mußt du mir
+zuknipsen &mdash; so &mdash; und hier das Armband, und das Herz mit dem
+Brillanten, schade, dazu muß man ausgeschnitten gehen.«</p>
+
+<p>Alles hatte sie angelegt, schüttelte die Arme, bog den Hals und setzte
+sich dann rasch neben ihn auf dem Sofa nieder. In geschäftiger Eile
+begann sie ihm danach die Brötchen zu streichen, immer bemüht, die
+Finger so zu drehen, daß die Ringe im Lampenlicht funkeln könnten.</p>
+
+<p>»Gefällt's dir so?« fragte sie mit einem raschen Seitenblick.</p>
+
+<p>Er sah sie bewundernd an.</p>
+
+<p>Immer mehr verlor er die klare Beherrschung der Stunde.</p>
+
+<p>Nun tranken sie von dem heißen Tee und ergingen sich dann in ihrer
+beiderseitigen Lieblingsbeschäftigung, über die Zukunft zu phantasieren.</p>
+
+<p>Hier war er ihr überlegen, war er ihr Meister. Andächtig saß sie neben
+ihm, die Hände gefaltet, den Mund vor Bewunderung leicht geöffnet, und
+das Hervorblitzen der weißen Zähne riß ihn zu immer bunteren Träumen
+hin. Da sah sie all ihre Erwartungen sich formen; die Equipage wurde,
+und die Diener und das Schloß, und alles war seinem Willen untertänig &mdash;
+und bald wohl auch ihrem &mdash; bald wohl auch &mdash; <span class="pagenum"><a name="Page_227" id="Page_227">227</a></span>&mdash; &mdash;</p>
+
+<p>Plötzlich schrie sie auf. Er sprach nicht mehr von dem Schloß, wirre
+Worte fielen: »Du bist das Schönste &mdash; du bist das Schönste.«</p>
+
+<p>Im ersten Schreck lief sie bis in die Mitte der Stube, doch vor dem
+Spiegel erreichte er sie. Sie kehrte ihm den Rücken, als grolle sie ihm,
+aber er sah, wie ihre Augen ihn in dem Glase halb erwartungsvoll, halb
+flehend beobachteten.</p>
+
+<p>Da fiel ihm plötzlich wieder die Kette ein. Mit einem unterdrückten Ruf
+riß er das Schmuckstück hervor, und immerfort stammelnd: »Du bist das
+Schönste,« faltete er es blitzschnell auseinander, und mit hocherhobenen
+Armen führte er die goldene Schnur über ihr Haupt fort.</p>
+
+<p>Mit großen erschrockenen Augen stand sie da. Das hatte er bis jetzt noch
+nie gewagt.</p>
+
+<p>Unter seinen Händen begann sie zu zittern, als ob ein Fieber sie
+schüttelte.</p>
+
+<p>Ein betäubender Sturmwind brauste über beiden.</p>
+
+<p>Erwartend, still, ohne Bewegung, hatte sie geduldet, daß er wilde,
+besinnungslose Küsse auf ihren Nacken gepreßt, und es war, als ob sie
+die Schläge zähle, die dort die kleine Uhr an der Wand tickte.</p>
+
+<p>Eins &mdash; zwei &mdash; drei &mdash; vier.</p>
+
+<p>»Du bist das Schönste,« klang es vor ihr auf, verschüchtert vor ihrer
+Schönheit.</p>
+
+<p>Aber dieser erste Menschenlaut schlug alles in Trümmer. Mit wilder Kraft
+schleuderte sie die Kette plötzlich von sich, daß sie zerrissen auf die
+Erde klirrte, und wie erschrak er, als er das schneebleiche Antlitz
+gewahrte, in dem nur die Lippen von blutvollem Leben redeten.</p>
+
+<p>Ganz seltsam war es, wie sie jetzt langsam und voller Besinnung auf ihn
+zuschritt: »Hör',« sagte sie mit bebender Stimme, während ihre Augen in
+düsterer Glut seine Meinung zu durchdringen suchten, »ich bin nicht so
+eine, wie du vielleicht glaubst. Das mußt du nicht denken. Ich will es
+dir sagen, ich bin dir auch gut, schon<span class="pagenum"><a name="Page_228" id="Page_228">228</a></span> seit langem, aber ich weiß, was
+ich will. Wenn du's nicht ganz ehrlich mit mir meinst, dann laß mich
+allein meiner Wege gehen. Ich komm' auch ohne dich in die Höhe &mdash; hörst
+du?«</p>
+
+<p>Ihre Stimme nahm einen drohenden Klang an.</p>
+
+<p>Die Uhr schlug wieder ihren Schlag.</p>
+
+<p>Eins &mdash; zwei &mdash; drei &mdash; vier &mdash;</p>
+
+<p>Und mit jedem Schlag wuchs die rechnende Besinnung in den beiden
+Menschen.</p>
+
+<p>»Nun sag,« drängte sie schroff. Aber er stand wie gelähmt. Der Gedanke,
+der ihn sein ganzes Leben hindurch beherrscht hatte, daß er seine
+Zukunft im Auge behalten müsse, daß er alle Hilfsmittel wahrnehmen, eine
+reiche Frau heiraten, und weder links noch rechts abirren dürfe, der war
+plötzlich riesengroß in ihm aufgeschossen und hielt ihn fest. &mdash; Er wand
+sich, wie unter einem körperlichen Schmerz.</p>
+
+<p>Doch sie besaß wohl wirklich die Hexenkraft, alles von seiner Stirn
+lesen zu können.</p>
+
+<p>»Pfui!« schrie sie laut auf.</p>
+
+<p>Wie einen blühenden Rotdorn, den der Sturm peitscht, so faßte der Zorn
+all die feinen Glieder in dem roten Gewande an. Der Betroffene sah sie
+sich förmlich zusammenkrümmen, dann riß sie ihr Kleid enger um sich
+zusammen, und vor Scham und Wut aufschluchzend stürzte sie auf den
+Alkoven zu.</p>
+
+<p>Das war der Stoß, den der über den Abgrund Gebeugte noch erhalten mußte.</p>
+
+<p>Als er diese prachtvollen wilden Bewegungen sah, diesen ganzen
+hinrasenden Zorn, da hatte die Hexe ihr Werk vollbracht. Wie es kam,
+wußte er später auch nicht mehr, er hielt sie mit seinen Armen
+umklammert, und mit hervorbrechender Angst flehte er, sie solle nicht
+weinen, alles, was sie nur wolle, würde er tun. Alles und jedes.</p>
+
+<p>»Ja?« fragte sie unter ihren Tränen siegreich lächelnd und sich von ihm
+befreiend.</p><p><span class="pagenum"><a name="Page_229" id="Page_229">229</a></span></p>
+
+<p>»Ja.«</p>
+
+<p>»Dann gib mir den Ring, den du da trägst.«</p>
+
+<p>Rasch steckte er den Reif an ihren Finger.</p>
+
+<p>»Was noch?«</p>
+
+<p>»Schwöre mir, daß du mich nie verlassen wirst.«</p>
+
+<p>»Nein, niemals.«</p>
+
+<p>»So nicht, bei unsrer Mutter. Draußen in Moorluke sollst du's tun.«</p>
+
+<p>In schüttelnder Angst stammelte er ihre Worte nach.</p>
+
+<p>Als der letzte Laut verklungen war, trat sie nochmals, wie prüfend,
+einen Schritt zurück, plötzlich aber stieß sie ein helles Jauchzen aus,
+und ihre Arme hoch über seinen Hals hebend warf sie sich stürmisch an
+seine Brust.</p>
+
+<p class="center">&mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; </p>
+
+<p>Das verblaßte Bild der Handarbeitslehrerin über dem Sofa errötete und
+schüttelte den Kopf, aber oll Chronos, der unten durch die einsame
+Straße fuhr, brummte hinauf: »Dummheiten, alte Schachtel, laß sie; es
+sind die Jahre.«</p>
+
+<p>
+<span style="margin-left: 1em;">Ende des zweiten Buches</span><br />
+</p><hr class="chap" /><p><span class="pagenum"><a name="Page_230" id="Page_230">230</a><br /><a name="Page_231" id="Page_231">231</a></span></p>
+
+
+
+
+<h2 class="p6"><a name="Drittes_Buch" id="Drittes_Buch"></a>Drittes Buch<br />
+
+Philosophie und Liebe</h2><hr class="chap" /><p><span class="pagenum"><a name="Page_232" id="Page_232"></a><a name="Page_233" id="Page_233">233</a></span></p>
+
+
+
+
+<h3>I</h3>
+
+
+<p>Der Bodden lag in fauler Ruhe, wie ein träger Junge, der hinter der
+Schule eingeschlafen. Wenn das Boot, das an der Hafenmauer angeschlossen
+lag, ein wenig knarrte, dann war es, als ob die See in der prallen
+Sonnenhitze schnarche.</p>
+
+<p>Der Lügenlotse und Hann saßen an der Molenspitze und angelten. Und alle
+Augenblicke zog oll Kusemann unter schlauem Augenblinzeln ein zappelndes
+Barschlein aus der Flut und barg es sorglich in einem Wassereimer, der
+hinter ihm stand.</p>
+
+<p>»Föfteihn,« schmunzelte er.</p>
+
+<p>Nun wußte Hann zwar ganz gut, daß es nur zehn wären, doch er ließ seinen
+alten Kumpan gewähren.</p>
+
+<p>»Wie machst du das?« fragte er nur nach einiger Zeit, während der er
+nachdenklich auf die funkelnde Scheibe gestarrt hatte.</p>
+
+<p>»Hörst nicht?« erwiderte oll Kusemann stolz, »ich pfeif'.«</p>
+
+<p>Er gab einen zischenden Laut durch die Zähne, so daß Hann lächeln mußte.</p>
+
+<p>»Und darauf beißen sie an?« fragte er langsam.</p>
+
+<p>»I woll, darauf sind sie dich ganz versessen. Aber 's gehört Kunst dazu.
+Pass' eins auf.«</p>
+
+<p>Er befestigte einen frischen Wurm an dem Haken, spuckte darauf, und
+nachdem er von neuem ausgeworfen, harrte er, bis der Kork ein wenig zu
+zittern begann.</p>
+
+<p>Jetzt pfiff er und zog im selben Augenblick einen stattlichen
+Dreipfünder aus der See.</p>
+
+<p>»Wat sagst nu, Flesch?« fragte er triumphierend und klopfte seinen
+Gefährten herablassend auf die Achsel.</p><p><span class="pagenum"><a name="Page_234" id="Page_234">234</a></span></p>
+
+<p>Und wieder mußte Hann über die harmlose Tücke des Alten den Mund
+verziehen.</p>
+
+<p>»Schön,« lobte er.</p>
+
+<p>»Na, siehst,« brummte oll Kusemann sehr befriedigt.</p>
+
+<p>Aber das Gespräch wollte nicht weitergehen.</p>
+
+<p>War es die Glut, die ordentlich summend über das Wasser schlich, oder
+hing Hann anderen Gedanken nach, jedenfalls gewahrte der Lügenlotse mit
+Mißbehagen, wie sein Freund allmählich die Angel unter das Knie schob,
+um dann seine Augen unverwandt auf eine volle weiße Wolke zu richten,
+die zackig und blendend an dem blauen Horizont emporstieg. Aber diese
+Gleichgültigkeit verletzte oll Kusemann im Innersten, denn Nichtangeln
+erschien ihm direkt als ein Charakterfehler. So hustete er denn ein
+paarmal, spuckte ins Wasser, rückte hin und her und brummte endlich, als
+alle Versuche mißlangen, in sich hinein: »'s is nichts mehr los mit
+Hann. So macht er es all öfter. Na wart eins, mein Jünging.« Plötzlich
+schwenkte er aus Leibeskräften seine Mütze: »Line,« schrie er, wie
+besessen.</p>
+
+<p>»Wer? &mdash; ja &mdash; wo?« fuhr der Träumer erschreckt herum.</p>
+
+<p>»Je, ich meinte man,« sagte der Lotse stillglücklich über die gelungene
+List, »sie wär' ein hübsch' Mäten.«</p>
+
+<p>Hann sah ihn an, wurde blutrot, senkte den Kopf und kehrte sich wieder
+seiner Wolke zu.</p>
+
+<p>»Da soll doch ein Donner reinschlagen,« dachte oll Kusemann, als das
+Schweigen wieder anhob, »aberst ich weiß ja, er is ein Phi &mdash; und so
+weiter, ich muß ihm woll näher aufs Fell rücken.«</p>
+
+<p>»Hanning,« fing er bedächtig an, während er sich ein Stück Priemtabak
+schnitt, »ich kenn einen, den du auch kennst, der das Pfeifen noch viel
+feiner versteht, als ich. Weißt, wer das is?«</p>
+
+<p>»Nein,« warf der Gefragte achtlos hin.</p>
+
+<p>»Dein Bruder Bruno.«</p>
+
+<p>Und der Lotse, der unter seinen gesenkten Lidern nach dem<span class="pagenum"><a name="Page_235" id="Page_235">235</a></span> Burschen
+hinschielte, hatte die Genugtuung, daß sein Genosse unmerklich
+zusammenzuckte.</p>
+
+<p>»Wieso?« fragte er plump.</p>
+
+<p>»Ja, mein Jünging, ich wundre mich, daß du das nich weißt,« fuhr der
+Alte mit großer Behaglichkeit fort, »ich dacht mich nämlich, du müßtest
+das wissen, wie fein der angeln kann, solche hübschen, schlanken
+zappligen Dinger. Na, aber, wenn du dich nich mehr erinnern kannst, dann
+will ich dich gern draufbringen. &mdash; Hm, ja, siehst du, &mdash; es mag ja jetzt
+wohl so ein Stückener acht Wochen her sein, so ein paar Tag' nach
+Pfingsten, da war ich gegen Abend in der Stadt bei meinem Swager
+Bönhase, der die Kneipe am Rick hat. Na, und du weißt, ich bin ein
+Gutmütiger und kann Zureden, noch dazu von Verwandte, man swach
+widerstehen. Da hab ich denn en paar Glas mehr getrunken, &mdash; aus purer
+Gutmütigkeit &mdash; und weil mich mein Alwining das später immer anriechen
+tut, so bin ich nachher ein bischen auf den Wall spazieren gegangen, um
+mich die Geschichte auszulaufen.«</p>
+
+<p>»Mach rasch,« murmelte Hann dazwischen, dessen Augen immer größer und
+ängstlicher auf dem andern ruhten.</p>
+
+<p>»Kommt allens,« beruhigte oll Kusemann und rückte erst sorglich an
+seiner Angel. »Ümmer eins nach dem andern, sagte der Voß, als er die
+Küken auffraß &mdash; na also, als ich da so in der Dunkelheit unter den
+Bäumen geh, denn die Kastanien machen da hellisch duster, potztausend,
+da seh' ich auf einmal auf einer Bank &mdash; &mdash;«</p>
+
+<p>»Bruno und Line,« stammelte Hann, dessen Gesicht kupferbraun geworden
+war.</p>
+
+<p>»Sieh, wie fein du das raten kannst,« gab der Lotse schmunzelnd zu,
+spitzte den Mund und schmatzte in der Luft umher, als ob er unsichtbare
+Küßchen austeile, »aber sie hatten es damit gar zu eilig, denn sonst
+müßten sie mir und noch jemanden andern bemerkt haben, der da in dem
+Gestrüpp an der alten Mauer stand und mit langem Hals nach den beiden
+rüberkuckte. &mdash; Weißt, wer das war?«</p><p><span class="pagenum"><a name="Page_236" id="Page_236">236</a></span></p>
+
+<p>Die Angel von Hann fiel hinunter und oll Kusemann mußte zugreifen, um
+sie noch im letzten Augenblick zu fangen.</p>
+
+<p>»Das weißt du auch?« quoll es erschreckt aus dem Burschen heraus,
+während er die Mütze abnahm, um sich den Schweiß zu wischen.</p>
+
+<p>»Ja,« entgegnete der andere und zerriß umständlich einen allzulangen
+Wurm, »wenn du wieder eins an solche Stellen gehst, Hanning, dann mußt
+du dich nich die Mütze mit den goldnen Tressen aufsetzen. Ich hab'
+Erfahrungen, die Dingers sünd zu verräterisch.«</p>
+
+<p>Hann glotzte den Erzähler an, dann blickte er wieder verdüstert in die
+Flut hinunter, durch welche die feinen Furchen des gelben Sandes
+deutlich hinausschimmerten, und versuchte endlich vor dem Aufhorchenden
+eine Erklärung zu stottern.</p>
+
+<p>Er wäre an jenem Abend in der Räucherei in der Stadt gewesen, Heringe
+abzuliefern, und da habe er das Paar plötzlich in größerer Entfernung
+vor sich gesehen. Nur um sie einzuholen, wäre er ihnen nachgegangen, und
+als sie sich später auf dem Wall befunden, da wäre alles so gekommen,
+wie es oll Kusemann eben vorgebracht. Er selbst &mdash; Hann &mdash; sei dann
+unbemerkt wieder die Böschung des Walles hinuntergestiegen.</p>
+
+<p>»Je, dann sind sie woll verlobt?« fragte der Lotse lauernd.</p>
+
+<p>Aber Hann wagte nichts zu entgegnen, sondern starrte verlegen in das
+Wasser, in dem die kleinen Stichlinge in Scharen hin und her huschten.</p>
+
+<p>Jedoch oll Kusemann ließ nicht so leicht locker.</p>
+
+<p>»Jünging, ich mein', er hat doch deine Eltern von seine Absichten in
+Kenntnis gesetzt? Was?«</p>
+
+<p>»Ja,« murmelte Hann beinah unverständlich und wischte sich wieder
+Schweiß. Aber die Lüge stand ihm auf dem Gesicht geschrieben.</p>
+
+<p>»So &mdash; so,« meinte oll Kusemann gedehnt, wobei er seine schiefgestellten
+Augen nachdenklich zukniff, um sich dann langsam den spitzen Kinnbart zu
+streichen. &mdash; Und blinzelnd fuhr er fort: »Ja,<span class="pagenum"><a name="Page_237" id="Page_237">237</a></span> ja, bei diesen ollen,
+lütten, nüdlichen Liebschaften hat jeder seine eignen Moden. Da hält der
+eine so'n Dings gern auf'n Schoß und der andere versteckt sich vor ihr
+hinter Fischnetze. &mdash; Aber laß &mdash; da beißt gerade wieder solch ein
+Biest.«</p>
+
+<p>Er wollte den zappelnden Barsch in den Eimer werfen, doch ohne Übergang
+fühlte er sich von Hanns starker Hand fest am Arm gepackt.</p>
+
+<p>»Oll Kusemann?«</p>
+
+<p>»Was?«</p>
+
+<p>»Das letzte.«</p>
+
+<p>»Hanning &mdash; laß mich los.«</p>
+
+<p>»Nein &mdash; erst sag'.«</p>
+
+<p>»Herr Gott, was is denn? &mdash; Du drückst mich ja. &mdash; Ich habe eben Augen,
+die sehen, wenn eine Mücke ins Wasser spuckt; und wenn ein paar Tag'
+nach der vorigen Geschicht' Klara Toll hier vorübergeht und du auf der
+Wiese sitzt, dich aber vor ihr hinter den Stellnetzen versteckst, so daß
+sie ruhig wieder nach Hause gehn muß, dann soll ich das nich sehen?«</p>
+
+<p>In der dicken, sengenden Glut fühlte Hann, wie ihm etwas Kaltes über den
+Rücken rann. Dann stöhnte er plötzlich qualvoll auf und nahm den Kopf in
+beide Hände: »Ja, ja, das hab' ich getan.«</p>
+
+<p>»Na, was denn?«</p>
+
+<p>»Daß ich ihr aus'm Wege geh'. Es is sehr unrecht &mdash; aber ich muß in
+dieser Zeit in meinem Sinn immer an die beiden andern denken. Ich kann
+nicht dafür. Oll Kusemann, weißt du, woran das liegt?«</p>
+
+<p>»I, ja, Hanning, du büst eben ein Phi &mdash; &mdash; und so weiter.«</p>
+
+<p>Eine Weile blieb es still zwischen den beiden.</p>
+
+<p>Leise summend platzten die Wasserblasen in der glasigen Hitze, der
+Seetang strömte einen immer strengeren Geruch aus, und immer zackiger
+türmte sich hinten am Horizont das Wolkengebirge empor. Und da, begann
+nicht ganz fern und verschwommen schon etwas zu rollen?</p><p><span class="pagenum"><a name="Page_238" id="Page_238">238</a></span></p>
+
+<p>»Gewitter,« meinte der Lotse und roch nach dem Regenduft in der Luft
+aus. Jedoch in demselben Augenblick griff Hann krampfhaft von neuem mit
+beiden Händen nach dem Arm des Alten.</p>
+
+<p>»Mußt mich was versprechen.«</p>
+
+<p>»I, gern.«</p>
+
+<p>»Nich drüber reden, was wir heut hier erzählt haben.«</p>
+
+<p>»I, wo werd' ich? &mdash; Aber sieh, Hann« &mdash; und der Lügenlotse streichelte
+halb zärtlich, halb verschämt über das Knie des Burschen &mdash; »da hat eure
+kleine Spitzhündin neulich geworfen, &mdash; und sieh, wenn du mich so einen
+von die lütten Spitze geben würdest, ja, dann würd' ich noch einmal so
+gut dran denken, denn ich bin sehr vergeßlich.«</p>
+
+<p>Hinter den Wassern murrte es deutlicher.</p>
+
+<p>»Das wird tüchtig,« meinte oll Kusemann, als die beiden Angler sich
+erhoben, um die Schnuren aufzuwickeln. »Na, kann ich mich den lütten
+Spitz holen?« &mdash; Und als Hann wortlos genickt hatte, da faßte der
+Lügenlotse den jüngeren zufrieden unter den Arm und knurrte: »Ich tu' es
+eigentlich bloß zu deinem Vorteil, Hann, denn sieh, es is gut, wenn der
+Mensch ein Erinnerungszeichen hat. Aber nu komm, es wird tüchtig.«</p>
+
+<p class="center">&mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; <br />
+&mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; </p>
+
+<p>Und es wurde tüchtig.</p>
+
+<p>Über der Stadt, ganz dicht auf den Dächern hatten sich die
+Wetterschlangen ihr schwarz-blaues Nest gebaut. Und nun fuhren die roten
+Nattern herab, lustig, tänzelnd, schlängelnd, und wenn sie an den
+Fenstern der Städter vorbeizuckten, dann wisperten sie ihnen mit
+tückisch-glühenden Augen etwas zu: »Kuck, Dirning,« zischelte eine,
+während sie vor dem Fenster tanzte, hinter dem Fräulein Dewitz und Line
+saßen, »da unten geht er, an den du denkst. &mdash; Aber mußt es ihm sagen &mdash;
+sagen &mdash; sagen &mdash;. Wissen werden es doch bald alle, wissen &mdash; wissen. &mdash;
+Mach schnell &mdash; zisch!«</p><p><span class="pagenum"><a name="Page_239" id="Page_239">239</a></span></p>
+
+<p>Da schlug es ein.</p>
+
+<p>Ein lang anhaltendes Knattern lief durch die Straße, die Häuser bebten.</p>
+
+<p>Line wurde schneebleich, doch ihre Augen behielten den trotzigen Glanz,
+als sie jetzt ihr dunkles Köpfchen wandte, um dem jungen Manne
+unmerklich zuzuwinken, der auf der andern Seite der Straße trotz des
+prasselnden Regens im Vorbeieilen zweimal den Hut schwang. &mdash;
+Bedeutungsvoll fast, wie ein Zeichen.</p>
+
+<p>»Sieh,« sprach Fräulein Dewitz mit zitternder Stimme, wobei sie um alles
+in der Welt nicht die ängstlich gefalteten Hände gerührt hätte, »er ist
+und bleibt doch ein wohlerzogener junger Mann. Selbst in diesem Wetter
+hat er jede von uns besonders begrüßt. Das ist Anstand, Kind. Mein Gott,
+wenn es doch nur bald vorüber wäre.«</p>
+
+<p>Es war ein wildes, fast unmutiges Lächeln, das bei diesen Worten der
+Handarbeitslehrerin um Lines Lippen ging. Sie hätte sich ja über dieses
+verabredete Zeichen des Vorübereilenden freuen müssen, denn es
+bedeutete, daß irgend einer der Pläne Brunos zum glücklichen Ziele
+gelangt sei.</p>
+
+<p>Aber &mdash; aber &mdash; &mdash; &mdash;</p>
+
+<p>Was er wohl treiben mochte?</p>
+
+<p>Sie konnte es nicht ergründen. So oft sie auch fragte. Aber er hielt
+fest an ihr. Er hatte es ihr ja damals geschworen, und sie fühlte auch
+selbst, wie groß ihre Macht über ihn war. Das blieb doch die Hauptsache.</p>
+
+<p>Zudem gab er sich auch sonst fast immer so froh und hoffnungsvoll, und
+so waren es wohl nur die vielen Pläne, welche die Zukunft von ihnen
+beiden sicherstellen sollten, die ihn manchmal zerstreut und unrastig
+erscheinen ließen.</p>
+
+<p>Aber gottlob, er hatte ihr ja geschworen, und bald, bald hatte sich wohl
+alles gefügt; und was sich jetzt mit solcher Schwere auf sie senkte, das
+war wohl nur diese dumpfe Schwüle, denn Fräulein Dewitz litt nicht, daß
+das Fenster geöffnet würde.</p><p><span class="pagenum"><a name="Page_240" id="Page_240">240</a></span></p>
+
+<p>Es prasselte und zischte um die Scheiben.</p>
+
+<p>Und da zuckte auch schon wieder solch rote Schlange und äugelte unter
+dem Regen nach ihr hin: »Mußt es ihm sagen &mdash; sagen, eh' sie es alle
+wissen &mdash; wissen! &mdash; Zisch!«</p>
+
+<p>»Was ist dir, Lining?« erkundigte sich die alte Dame.</p>
+
+<p>»Mir? nichts &mdash; Es ist nur die Schwüle.«</p>
+
+<p>»Ja, ja, wenn das Wetter nur erst vorüber wäre.«</p>
+
+<p class="center">&mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; <br />
+&mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; </p>
+
+<p>Aber das Wetter wollte nicht.</p>
+
+<p>Es war, als ob es wüßte, daß es heute etwas Entscheidendes zu erfüllen
+gäbe.</p>
+
+<p>Die Wetterhexe in ihrem Wolkenrock, mit Regenruten in der knochigen
+Faust, lief über den Bodden und peitschte auf die kleinen Hafenwellen
+ein, die herausgekommen waren, um auf dem Plan mit weißen Kränzen im
+Haar Ringelkranz &mdash; Rosentanz zu spielen.</p>
+
+<p>»Töwt ji Marjellen, willt ji woll to Hus<a name="FNanchor_2_2" id="FNanchor_2_2"></a><a href="#Footnote_2_2" class="fnanchor">[2]</a>.«</p>
+
+<p>Da stürzten die Kleinen schreiend nach Hause, aber am Hafeneingang da
+stand der Donner-Alte, der schrie, daß es fürchterlich über das Land
+hallte: »Hier vörbie &mdash; hier vörbie, ick fret juch up<a name="FNanchor_3_3" id="FNanchor_3_3"></a><a href="#Footnote_3_3" class="fnanchor">[3]</a>.«</p>
+
+<p>Da gab's kein Halten mehr.</p>
+
+<p>Schreiend, heulend, halb ohnmächtig vor Angst, drängten und stießen sich
+die kleinen Wellen vorbei, ballten sich zusammen, traten sich
+gegenseitig unter die Füße, rissen ihre weißen Kleidchen in Fetzen und
+kreischten in Todesfurcht: »Mudding, Mudding, to Hülp.«<a name="FNanchor_4_4" id="FNanchor_4_4"></a><a href="#Footnote_4_4" class="fnanchor">[4]</a></p>
+
+<div class="figcenter" style="width: 400px;">
+<img src="images/oppos_240.jpg" width="400" height="623" alt="Illustration" />
+</div>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_241" id="Page_241">241</a></span></p>
+
+<p>»Töwt, ick ward juch helpen,«<a name="FNanchor_5_5" id="FNanchor_5_5"></a><a href="#Footnote_5_5" class="fnanchor">[5]</a> dröhnte der Alte, und schleuderte mit
+voller Wucht einen Blitz gegen die Brücke, unter der sich die Kleinen
+gerade verbargen.</p>
+
+<p>»To Hülp &mdash; to Hülp.«<a name="FNanchor_6_6" id="FNanchor_6_6"></a><a href="#Footnote_6_6" class="fnanchor">[6]</a></p>
+
+<p>»Krach,« ächzte das morsche Holz und stürzte bis auf ein paar Balken
+kopfüber in den gischtigen Strom.</p>
+
+<p>Die Wetterhexe kreischte laut auf vor Vergnügen.</p>
+
+<p>»Dat's recht &mdash; dat's recht.«</p>
+
+<p>»Kiek,« sagte der Donner-Alte, »wat ick oll Mann noch bi Kräften bünn &mdash;
+aberst nu kumm, Ollsching, nu willen wie mal 'n recht schönen
+Schottischen danzen.«<a name="FNanchor_7_7" id="FNanchor_7_7"></a><a href="#Footnote_7_7" class="fnanchor">[7]</a></p>
+
+<p>Und damit hopsten die beiden Alten wieder auf dem Bodden herum.</p>
+
+<p class="center">&mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; </p>
+
+<p>Am Bollwerk standen die Moorluker und redeten darüber, daß es nach dem
+Einsturz der alten Brücke keine Verbindung mehr zwischen Moorluke und
+dem gegenüberliegenden Dorfe gäbe.</p>
+
+<p>In Strömen prasselte der Regen dabei hernieder, und über Fluß und Land
+leuchtete es an diesem Nachmittag blau und schwefelgelb.</p>
+
+<p>»Dat's slimm,« meinte der wassersüchtige Lotse Pagels mit dem
+verschnürten Bein.</p>
+
+<p>»Wieso?« fragte Siebenbrod und stellte in seinem Kopf bereits eine
+Rechnung an. »Da kann jetzt einer mit einer Fähre ein schönes Geschäft
+machen.«</p>
+
+<p>»Schön &mdash; schön, das kommt alles davon her,« fuhr der spindeldürre,
+lange Lehrer Toll dazwischen, »daß das olle Ding nicht versichert war,
+denn bei Versicherten schlägt's nie ein. &mdash; Noch kein Fall dagewesen,
+Herrschaften. &mdash; Na, also.«</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_242" id="Page_242">242</a></span></p><p>Aber ehe diese Anspielung noch recht verstanden wurde, quiekten
+plötzlich durch den aufklatschenden Regen und das Heulen des Windes
+Harmonikamelodien hindurch. Es war, wie wenn die Weise aus dem Fluß
+dränge.</p>
+
+<p>Was war das?</p>
+
+<p>Alles schwieg.</p>
+
+<p>»Herr Gott, Kinder, es wird doch nicht etwa Malljohann sein?« fragte oll
+Kusemann. »Sein Schiff liegt hier.«</p>
+
+<p>Und durch den Haufen drängte sich ein großes, starkknochiges Weib. &mdash;
+Frau Dörthe Petersen, der weibliche Kapitän.</p>
+
+<p>»Herrgott, was wollt's nich &mdash; was wollt's nich,« jammerte sie und rang
+die Hände. »Bei Gewitter schleicht er sich immer auf die Brücke und
+sagt, er müsse gegen den Donner aufspielen. &mdash; Was kann da einer für?«</p>
+
+<p>»Malljohann &mdash; Malljohann!« riefen drei, vier Stimmen, um ihn
+anzulocken.</p>
+
+<p>»Der Mann hatt' doch nu mal solche Gedanken in seinen Kopf,« klagte das
+Weib weiter und beugte sich über das Bollwerk verzweifelt gegen die
+zerrissene Brücke vor: »Huch,« kreischte sie plötzlich, »kiekt &mdash; oh,
+kiekt da &mdash; da sitzt was, wie sein Gespenst &mdash; o Gott, o Gott, wie ich
+mich fürcht'.«</p>
+
+<p>Alle drängten sich um sie, alle starrten mit den seegeübten Augen durch
+Dünste, Gewitterwolken und den Regen hindurch, der wie ein graues
+Fischernetz alles umwob.</p>
+
+<p>Richtig, da &mdash; mitten im Fluß &mdash; auf den drei einzelnen,
+stehengebliebenen Balken, da regte sich etwas Braunes &mdash; und jetzt, wo
+der Donner wieder über die vernebelten Wiesen knatterte, da
+unterschieden sie von neuem ein schwaches Getön.</p>
+
+<p>»O je &mdash; o je,« heulte Frau Dörthe, »hört bloß &mdash; hört bloß, jetzt
+spielt er: Wer nur den lieben Gott läßt walten &mdash; Und wie spielt er.«</p>
+
+<p>Nun drängte und schrie alles durcheinander.</p>
+
+<p>Man müsse Bretter bis zu den Balken legen. Aber die würden<span class="pagenum"><a name="Page_243" id="Page_243">243</a></span> nicht
+anhaften. Vielleicht einen Strick hinüberwerfen, allein der Verrückte
+rührte sich ja gar nicht. Oder ob man es trotz des weißen Strudels mit
+einem Boot versuchte? &mdash;</p>
+
+<p>»Ich würd's tun,« erbot sich oll Kusemann. »Ich hab' all vier Menschen
+gerettet.«</p>
+
+<p>»Ja woll, oll Kusemann &mdash; oll Kusemann,« stimmte alles zu.</p>
+
+<p>»Aberst ich hab' heut grad meinen lahmen Tag,« kam der Lotse hinterher.</p>
+
+<p>»Den wird er wunderbar erhalten,« quiekte die Harmonika durch den Regen.</p>
+
+<p>»Hört bloß &mdash; hört bloß,« heulte wieder die Frau.</p>
+
+<p>»Hanning?« rief der Lügenlotse durch den Lärm, »wo is Hann Klüth?«</p>
+
+<p>»Hier &mdash; was soll er? &mdash; da steht er neben der Frau,« antworteten
+einige.</p>
+
+<p>Oll Kusemann legte dem Burschen, der tiefsinnig auf das zertrümmerte
+Brückenwerk hinübersah, salbungsvoll die Hand auf die Schulter.</p>
+
+<p>»Hanning, der Mensch soll für seine Mitmenschen was tun. Nich so?«</p>
+
+<p>Aber der lange Lehrer Toll, der für seinen künftigen Eidam fürchtete,
+drängte sich aufgeregt und gestikulierend dazwischen: »Schön,
+Herrschaften, aber das ist ja der reine Unsinn. Es ist doch man einer,
+der seinen Verstand nicht voll hat.«</p>
+
+<p>»Seinen Verstand nich? Wieso?« sprach Hann Klüth, indem er immer noch
+nachdenklich zu Boden sah. »Ich frag man, hat er sich nich auf den
+einzigen Balken gesetzt, der noch steht? Und spielt er nich mitten in
+den Tod ein geistliches Lied? Wenn er das mit einem kranken Verstand
+tut, was würd' er erst mit einem gesunden tun? Ne, ich hab' mich all
+ümmer gedacht, wir verstehen ihn bloß nich. &mdash; Um den wär's schad'.«</p>
+
+<p>Mit einer schnellen Bewegung ließ er sich über das Bollwerk gleiten, in
+ein Boot hinab, das bereits halb voll Regenwasser stand.</p><p><span class="pagenum"><a name="Page_244" id="Page_244">244</a></span></p>
+
+<p>Ihm nach kletterte noch eine zweite herkulische Gestalt, der taubstumme
+Riese Muchow, dem die Sache großen Spaß zu bereiten schien: »Hü &mdash; hü,«
+schrie er erregt und zeigte auf das Pfahlwerk.</p>
+
+<p>Und kaum war das Boot losgebunden, so ward es von der Wucht des Stromes
+in einer Sekunde gegen den aufragenden Balken geworfen, so daß alle
+Rippen krachten. Im nächsten Augenblick jedoch umklammerte Hann bereits
+den Pfahl, zog den Musikanten, der gleichgültig alle Vorbereitungen
+mitangesehen, an den Beinen in das Fahrzeug und stieß darauf mit so
+gewaltiger Kraft von dem Balken wieder ab, daß der Nachen knirschend auf
+den Ufersand schoß.</p>
+
+<p>»Hurra!« schrien die Moorluker entzückt.</p>
+
+<p>Der Taubstumme umklammerte den Harmonikaspieler, hob ihn in die Höhe und
+warf seine Ladung gleichmütig wie einen Sack ans Land.</p>
+
+<p>Dann sprang er selbst unter allen Anzeichen der Freude heraus. »Hü &mdash;
+hü,« gurgelte er, »Eierkauken.«</p>
+
+<p>»Hurra,« schrien die Moorluker von neuem. »Nun Hann noch.«</p>
+
+<p>Aber was war das? Ein vielstimmiger Ausruf des Entsetzens.</p>
+
+<p>Eine einzige, wütende Woge war es, die das erleichterte Schifflein hoch
+in die Höhe hob, um es dann mit der Breitseite krachend gegen das Ufer
+zu schleudern. Hann flog kopfüber hinaus, hieb mit der Stirn gegen den
+Zacken eines eisernen Ankers, und in seinem letzten Augenblick war es
+ihm, als ob die Sonne glühend und blutrot vor ihm unterginge.</p>
+
+<p>»Line,« stöhnte er.</p>
+
+<p>»Hann &mdash; Hanning &mdash; Hann Klüth.«</p>
+
+<p>»Das kommt davon,« sagte Siebenbrod, »der Bengel is immer solch ein
+Dämlack gewesen. Nu muß ich auch noch die Doktorkosten bezahlen.«</p>
+
+<p class="center">&mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; <br />
+&mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; </p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_245" id="Page_245">245</a></span></p>
+
+<p>Es war gegen Abend.</p>
+
+<p>In seiner Bodenkammer hatten sie ihn auf den engen Wandschragen
+gebettet.</p>
+
+<p>Zwei Frauen saßen bei ihm.</p>
+
+<p>Mudding, die von Siebenbrod mit ihrem Stuhl hinaufgetragen war, und die
+nun hilflos zusehen mußte, wie Klara Toll neben dem Hingestreckten saß,
+um ihm unausgesetzt kühlende Umschläge auf den Kopf zu legen.</p>
+
+<p>Sie konnte so gar nichts helfen, das arme, alte Mudding mit ihren
+geschwollenen Füßen, aber stets wenn das schweigsame Mädchen dort in die
+Schüssel langte, dann streichelte die Alte langsam über ihre nasse Hand
+und murmelte: »Lieb's Döchting.«</p>
+
+<p>Es war beängstigend still in dem schmalen, dämmrigen Raum. Nur zuweilen
+hörte man das Plätschern des Wassers und Klaras tiefe, zurückgepreßte
+Atemzüge.</p>
+
+<p>Das Fenster stand offen.</p>
+
+<p>Draußen hatte das Gewitter ausgetobt, ein ganz feiner rieselnder Regen
+fiel noch, aber hinten über den dampfenden Wiesen sah man die Sonne
+glühendrot hinter blaugrauen Schleiern untergehen. Ein leichter Wind
+schüttelte die nassen Pappeln vor dem Häuschen, und von überall her
+erhoben sich die erquickenden See- und Heudüfte.</p>
+
+<p>So mochte wohl eine Stunde vergangen sein.</p>
+
+<p>Hann lag mit starren, offenen Augen, ohne sich zu bewegen, er rührte
+sich auch nicht, als Klara Toll sich leise über ihn beugte, um ohne
+Furcht und Scheu vor der alten Frau ihren Mund auf seine Stirn zu
+pressen.</p>
+
+<p>»Lieb's Döchting,« murmelte die Alte wieder und langte nach der Hand des
+Mädchens. »Lieb's Döchting.«</p>
+
+<p>Klara Toll wandte sich und sah Hanns Mutter an. Dann streichelte sie
+behutsam über das schlichte Haar der Matrone. Die Alte schlang ihren
+zitternden Arm um die Hüfte der vor ihr Stehenden und drückte sie an
+sich.</p><p><span class="pagenum"><a name="Page_246" id="Page_246">246</a></span></p>
+
+<p>»Du bist die Rechte,« sagte sie dann nach einiger Zeit.</p>
+
+<p>Dunkler und dunkler war es inzwischen geworden. In einem weiten
+Dunstkreis erschien der Mond am Himmel und leuchtete verschwommen durch
+die nassen Pappelzweige.</p>
+
+<p>Aus dem Garten rief stark und kräftig eine Schwarzdrossel.</p>
+
+<p>»Mudding?« flüsterte Klara.</p>
+
+<p>»Was?«</p>
+
+<p>»Sieh.«</p>
+
+<p>Hann hatte sich aufgerichtet, sah auf die flirrenden Mondlichter, die
+auf der Wand tanzten, und langte dann nach den beiden dunklen Gestalten.</p>
+
+<p>Hoffnungsvoll gab ihm Klara die Hand.</p>
+
+<p>Erstaunt und lange musterte der Kranke das Mädchen. Dann begann er:
+»Bist du nun da, Lining?«</p>
+
+<p>»Hann,« rief Mudding erschreckt.</p>
+
+<p>»Still,« verwies Klara, setzte sich zu dem Kranken auf den Bettrand und
+strich ihm die nassen Haare von der Stirn. Die Berührung schien dem
+Kranken wohl zu tun. Wenigstens hielt er die Finger des Mädchens fest
+umspannt.</p>
+
+<p>»So,« äußerte er endlich nach einiger Zeit, »so ist's gut.«</p>
+
+<p>Dann wurde er wieder unruhig.</p>
+
+<p>»Lining,« hob er von neuem an, »ich krieg das nich aus'm Kopf, ich muß
+immerzu daran denken. Immerzu. Das mit Bruno, Lining« &mdash; seine Stimme
+nahm einen flehenden Klang an: »Es ist doch allens recht und in Ordnung
+mit ihm? &mdash; Ich kann gar nicht mehr schlafen &mdash; denk', ich geh Klara
+Toll immer aus'm Weg &mdash; oll Kusemann weiß es auch all &mdash; &mdash; Ach Lining,
+wenn du doch immer hier im Haus geblieben wärst.«</p>
+
+<p>»Klara,« rief Mudding erschrocken und beschämt, »er is nich bei
+Verstand.«</p>
+
+<p>»Ja, er fiebert,« sprach das Mädchen, ohne sich zu rühren und ohne
+aufzuhören, die Finger auf des Leidenden Stirn zu legen.</p>
+
+<p>»Und wie du getanzt hast, Lining &mdash; weißt noch?</p><p><span class="pagenum"><a name="Page_247" id="Page_247">247</a></span></p>
+
+<p>»Und die Molle voll Goldstücke aus der untergesunkenen Stadt &mdash; Und im
+Gefängnis, da hab' ich auch immer an dich gedacht &mdash; ich krieg dich
+nicht aus'm Kopf. &mdash; Aber die Angst &mdash; die Angst &mdash;«</p>
+
+<p>Die kleine Frau wand sich in der Dunkelheit in ihrem Stuhle hin und her
+und rief endlich nach Licht. Man solle Licht anstecken. Es müßte hell
+werden.</p>
+
+<p>Klara folgte. Nach kurzer Zeit brannte auf dem Stuhl neben dem Lager ein
+Talglicht. Dessen Flämmchen zuckte vor der einströmenden Luft hin und
+her. &mdash; Wie die Seele des Kranken.</p>
+
+<p>Er sah sich in der unsicheren Helle ungewiß um.</p>
+
+<p>»Klara,« murmelte er endlich.</p>
+
+<p>»Ja, Hann &mdash; kennst du mich?«</p>
+
+<p>»Ja, ja &mdash; was wollt ich nicht? &mdash; Aber &mdash; aber war noch jemand hier?«</p>
+
+<p>»Nur Mudding.«</p>
+
+<p>»Mudding &mdash; ich dacht' man,« flüsterte Hann und sank zurück, und noch
+einmal kam es ganz leise: »Ich dacht' man &mdash; &mdash;«</p>
+
+<p>Dann ward es still.</p>
+
+<p class="center">&mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; </p>
+
+<p>Es war beinah gegen Mitternacht, da saß auf der Bank vor dem Lehrerhaus,
+vor dem die blühenden Fliederbäume ihre Düfte in die Nacht hauchten, ein
+Mädchen und hatte das Haupt in beiden Händen verborgen, als sollte es
+noch dunkler um sie werden, und dachte nach und sann und sann.</p>
+
+<p>Von fernher strich ein Windzug über das einsame Meer, der stieß an die
+Kirchturmglocke.</p>
+
+<p>Es war, als ob die Nacht über ihre Verlassenheit seufzte. Und das
+Mädchen stand auf und tastete umher, wie wenn sie etwas suche, was sie
+nicht finden könnte, und schüttelte den Kopf und sann und sann.</p><hr class="chap" /><p><span class="pagenum"><a name="Page_248" id="Page_248">248</a></span></p>
+
+
+
+
+<h3>II</h3>
+
+
+<p>Inzwischen zog der Sommer ins Land.</p>
+
+<p>Der Konsul war mit seiner Tochter und ihrem Verlobten in das vornehme
+belgische Seebad gereist und die Geschäfte ruhten fast ausschließlich in
+den Händen mehrerer alter erprobter Prokuristen, sowie des
+unternehmenden Bruno. Und die Zeit forderte gerade in diesem Sommer die
+Unternehmungslust der Reedereien heraus.</p>
+
+<p>Jenseits des Ozeans, vor Kuba, waren eines Morgens die amerikanischen
+Kanonen von selbst losgegangen und hatten mit ihrem Donner auch die
+deutschen Philister aus den Betten gejagt, die kleinen Rentner, die
+einen Teil ihres Ersparten in spanischen Werten angelegt hatten.</p>
+
+<p>Aber noch lag ein spanisches Geschwader unversehrt in einem Küstenwinkel
+der Neuen Welt &mdash; man wußte nur nicht genau, wo. &mdash; Diese Flotte konnte
+hervorbrechen, konnte den Admiral Dewey überraschen, konnte &mdash; &mdash; &mdash; &mdash;
+die Spekulanten fieberten, die Depeschen flogen. &mdash; &mdash;</p>
+
+<p>Für Bruno war dies eine gute Zeit. So angespannt, erregt und voll froher
+Laune hatte er sich noch nie befunden.</p>
+
+<p>Ja, ja, Herzdame war für ihn eine gute Karte. Sie schlug.</p>
+
+<p>Sie schlug wirklich. Er hatte jetzt stets das Portemonnaie voller
+Goldstücke und die Brieftasche gefüllt mit Scheinen. Zu Mittag, in der
+vornehmen Weinhandlung von Kroll, trank er jetzt beständig eine halbe
+Flasche Champagner, und für Line ersann er die zierlichsten
+Überraschungen.</p>
+
+<p>Ach, was war doch Line für ein reizendes Liebchen. Wie wild, wie
+selbstvergessen hing sie an ihm, wie unberechenbar und wechselnd<span class="pagenum"><a name="Page_249" id="Page_249">249</a></span> waren
+ihre Launen, die sie doch in seinen Augen nur begehrenswerter erscheinen
+ließen. Und dann &mdash; er merkte es deutlich &mdash; in der letzten Zeit war
+dieses kratzende Kätzchen bereits zahmer geworden, fügsamer; ihr Trotz
+verschwand. Denn nur so konnte er es sich auslegen, daß sie häufig in
+den knappen Augenblicken, wo sie sich beide unbelauscht zusammenfinden
+konnten, kaum die Augen erhob, so schweigsam war und zu dem meisten
+Beifall nickte.</p>
+
+<p>Nur, wenn er, was er so gerne tat, von der Zukunft sprach, dann konnte
+sie ihn mit dem feinen Gesicht, das jetzt manchmal so blaß aussah, so
+dringend, so fordernd ansehen, daß er oft ganz betreten wurde.</p>
+
+<p>Was konnte das bedeuten?</p>
+
+<p>Ja, ja &mdash; sie wünschte wohl das Ende, ihre Gedanken hatten sich gewiß in
+dem langen, wehenden Brautschleier verfangen; und der sollte auch bald
+um ihr Haupt fließen &mdash; aber ihre kleinen Füße mußten dann in goldenen
+Schuhen wandern, denn in solch kleine Beamtenexistenz würde sich ja
+dieses lebenshungrige Geschöpf nicht fügen; dazu hatte er ihr die
+Zukunft schon zu herrlich ausgemalt &mdash; und auch er ertrug solche
+Beschränkung nicht, er sicher nicht; das durfte nicht das Ende sein.</p>
+
+<p>Schließlich gehörte ja nur ein einziger harter Entschluß dazu, den mußte
+er eben fassen. Alle kleinen Versuche waren ja bereits geglückt!</p>
+
+<p>Und doch!</p>
+
+<p>Wenn er so des Morgens durch die alten Bureaus ging und den leeren Platz
+des Konsuls mit dem durchgedrückten Lederkissen sah, die abgeschabten
+verbrauchten Pulte, den erblindeten alten Koloß von Geldschrank, dann
+befiel ihn Zaghaftigkeit, dann starrte er vor sich hin und seine
+Kollegen mußten mehrmals fragen, bevor er Antwort erteilte.</p>
+
+<p>Und eines Morgens erhielt er doch in diesem Schwanken eine Nachricht,
+die ihn hätte alarmieren müssen.</p><p><span class="pagenum"><a name="Page_250" id="Page_250">250</a></span></p>
+
+<p>Ein jüngerer Beamter trat vor ihn.</p>
+
+<p>»Wissen Sie schon?«</p>
+
+<p>Keine Antwort.</p>
+
+<p>»Die amerikanischen Schiffe sollen durch feindliche Minen total
+vernichtet sein &mdash;«</p>
+
+<p>»Was? &mdash; was sagen Sie?«</p>
+
+<p>»Hier &mdash; Depesche aus London.«</p>
+
+<p>Bruno taumelte auf.</p>
+
+<p>Da war es! &mdash; Da war der Moment, der ergriffen werden mußte.</p>
+
+<p>Aber er stand und sah mit zitternden Händen auf die Gesichter der
+Beamten, sah auf die alte verräucherte Tapete, hörte auf das Knarren der
+Drehböcke und richtete seinen Blick verwundert auf den Verschlag, hinter
+dem der Kassierer, ein gebücktes, zitterndes Männchen mit blauer Brille,
+seit Jahrzehnten die Häufchen der Kassenscheine schichtete und den
+Abgang mit Kreide auf den Zähltisch schrieb.</p>
+
+<p>Langsam sanken ihm die erhobenen Hände, die Depesche flatterte zu Boden,
+ein leises Stöhnen entrang sich der gequälten Brust.</p>
+
+<p>Das um ihn herum, das Alte, Solide hatte noch einmal seine Macht geübt.
+Der Brauch, die Gewohnheit erwies sich noch einmal als der Stärkere.</p>
+
+<p>Er stand und lauschte ängstlich auf das Kritzeln der Federn, das
+Rauschen der Folioseiten und das Ächzen des alten Geldschrankes, als
+sollten ihm alle diese etwas Tröstliches sagen. Und von dem Platz des
+Konsuls schien eine spöttische Stimme zu dringen: »Na, Klüthchen, wieder
+mal so tief in Gedanken?«</p>
+
+<p class="center">&mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; <br />
+&mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; <br />
+&mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; </p>
+
+<p>»Lining,« sagte Fräulein Dewitz an demselben Nachmittag, »du gehst so
+viel hin und her, mein Kind, ohne recht eine Arbeit anzufassen; die
+Strümpfe zum Beispiel, die du für mich stricken<span class="pagenum"><a name="Page_251" id="Page_251">251</a></span> sollst, liegen nun
+schon seit ein paar Tagen unberührt auf dem Nähtisch; was ist dir denn?
+&mdash; Du siehst auch so bleich aus und lachst gar nicht mehr, wie früher.«
+&mdash; Sie rückte sich ihre Brille zurecht und blickte das Mädchen forschend
+an: »Fehlt dir etwas?«</p>
+
+<p>Die Gefragte blieb stehen und verzog den Mund zu ihrem alten Lächeln:
+»Nichts,« erwiderte sie gleichgültig, und doch ballten sich ihre Hände
+fast krampfhaft und öffneten sich wieder, ohne daß sie es selbst fühlte.</p>
+
+<p>Die Handarbeitslehrerin, die auf dem Tritt am Fenster saß, um beim
+Kaffeetrinken durch den Fensterspiegel die Vorübergehenden zu
+beobachten, setzte ihre Tasse nieder und wollte ihre Pflegebefohlene auf
+andere Gedanken bringen.</p>
+
+<p>»Was ich dir noch sagen wollte, Lining,« sprach sie, »heute vormittag,
+als du auf dem Markt warst, da war dieser alte schnurrige Lotse aus
+Moorluke wieder hier, der sollte uns nämlich einen Gruß von deiner
+Mutter bestellen und erzählte, daß es deinem Bruder Hann schon seit
+langem wieder besser ginge. Darüber freute ich mich sehr, und da
+behauptete der Lotse, er werde Hann die Rettungsmedaille verschaffen,
+denn, wie er sagte, wäre er ein genauer Freund von unserem Landrat,
+worüber ich wieder herzlich lachen mußte. Aber &mdash;« die alte Dame schob
+sich die Brille auf die Stirn, »Lining, was ist denn das? du hörst ja
+gar nicht zu?«</p>
+
+<p>Line stand vor ihr und wurde bald blaß, bald rot.</p>
+
+<p>»Ich weiß auch nicht,« stieß sie plötzlich entschlossen hervor, »ich
+möchte ein bißchen an die Luft.«</p>
+
+<p>Die gute alte Dame wurde wirklich besorgt.</p>
+
+<p>»Ja, ja, Lining, tu das und bringe mir gleich etwas aus der Bibliothek
+mit. Am liebsten wieder einen historischen Roman. Etwas, was
+unterhaltend und belehrend zugleich ist. Weißt du, wie neulich diese
+Christenverfolgungen. Daran habe ich mich sehr erbaut. Nun sput dich
+aber, mein Kind, daß du zum Abendbrot wieder zurück bist.« &mdash; &mdash;</p>
+
+<p>Kurz nach Bureauschluß stieg Bruno die engen Treppen des<span class="pagenum"><a name="Page_252" id="Page_252">252</a></span> Hinterhauses
+hinauf, in dem er, sowie einige höhere Beamte Hollanders wohnten.</p>
+
+<p>In seiner Hand hielt er die Morgenausgabe der »Stralsundischen Zeitung«,
+in der ebenfalls die Gerüchte über den großen spanischen Seesieg genau
+verzeichnet standen.</p>
+
+<p>»Wenn man das sicher wüßte,« dachte er, während die Stufen unter ihm
+ächzten, »aber die Gefahr, diese fürchterliche Gefahr.«</p>
+
+<p>Und ihm fiel das kleine Lotsenhaus in Moorluke ein, und die Angst senkte
+sich wieder auf seinen Nacken, als hätte er eine überschwere Last die
+Treppen hinaufgetragen.</p>
+
+<p>»Wer da einen Weg wüßte?«</p>
+
+<p>Schwerfällig wie nie, zerrüttet von seinen eigenen Gedanken, betrat er
+sein kleines Zimmer, das noch in Dunkelheit lag.</p>
+
+<p>Er schritt an den Tisch und wollte nach Zündhölzern suchen; da knisterte
+etwas.</p>
+
+<p>Bruno hielt inne.</p>
+
+<p>Von dem Stuhl am Fenster erhob sich eine Gestalt, die rasch auf ihn
+zueilte, um ihm die Hand auf den Arm zu legen, als wolle sie ihn
+hindern, den Raum zu erleuchten.</p>
+
+<p>Die Hand zitterte.</p>
+
+<p>»Bruno.«</p>
+
+<p>»Herrgott, Line. Wie kannst du hierher kommen? Wenn dich jemand gesehen
+hätte?«</p>
+
+<p>»Darauf kann ich jetzt keine Rücksicht nehmen. Du mußt mich anhören.«</p>
+
+<p>»Lining; was hast du denn? &mdash; Soll ich nicht Licht machen?«</p>
+
+<p>»Nein.«</p>
+
+<p>Und dann trat sie ihm noch näher, ihre Finger umspannten seinen Arm
+fester und fester, und mit heiserem Flüstern teilte sie ihm ihr
+Geheimnis mit.</p>
+
+<p>Allmählich erstarb das Raunen, Ruhe trat ein; es waren zwei
+schreckensbleiche Gesichter, die sich jetzt in der Dunkelheit ratlos
+anstarrten.</p><p><span class="pagenum"><a name="Page_253" id="Page_253">253</a></span></p>
+
+<p>Aber dann &mdash; sie hatte sich nicht geirrt. Erschüttert, wie er war, fiel
+er vor ihr nieder, umklammerte sie in der Dunkelheit, und unter
+hervorbrechenden Tränen, zerschmettert in seiner nachgiebigen Natur,
+küßte er ihre Füße, ihre Hände, und zwischen tausend Schwüren und Bitten
+suchte er ihr ihre Angst auszureden, während sein eigenes Herz zitterte.</p>
+
+<p>Zukunftsbilder, rosig, leuchtend, bestrahlt von seiner augenblicklichen
+Erregung, kamen ihm wieder wie von selbst in den Mund; aber sie ließ
+sich nicht mehr irre machen: »Also acht Tage noch,« drängte sie »dann
+kommst du zu Fräulein Dewitz?«</p>
+
+<p>»Gewiß &mdash; gewiß &mdash; wie kannst du nur fragen?«</p>
+
+<p>»Und auch zu den Unseren nach Moorluke.«</p>
+
+<p>Auch das beteuerte er, und tief aufatmend, erleichtert, bot sie ihm den
+Mund.</p>
+
+<p>»Weißt du,« sagte sie, wie zu sich selbst, »ich glaube, wenn du schlecht
+gewesen wärst, ich hätt' mit einem Messer nach dir gestochen.«</p>
+
+<p>»Line,« stammelte er.</p>
+
+<p>»Nein, nein.«</p>
+
+<p>Und wieder reichte sie ihm die Lippen und war im nächsten Moment die
+Treppen hinuntergehuscht.</p>
+
+<p>Er blieb allein und blickte auf die Stelle, wo sie gestanden. Dabei
+wunderte er sich, daß vor dem Ereignis die Qual seiner Gedanken
+plötzlich von ihm genommen war, er konnte überhaupt nicht mehr
+nachsinnen, sondern stand und horchte halb teilnahmlos auf das Klopfen
+seines eigenen Herzens.</p>
+
+<p>Wie das hämmerte!</p>
+
+<p>Ob das Angst war?</p>
+
+<p>Angst? Wovor?</p>
+
+<p>Wovor?</p>
+
+<p>Und plötzlich war das jagende Entsetzen wieder da. Unheimlich sausende
+Bilder blitzten an seinem geistigen Auge vorbei, immer schneller und
+folgerichtiger, der Atem in seiner Brust schien stillzustehen.</p><p><span class="pagenum"><a name="Page_254" id="Page_254">254</a></span></p>
+
+<p>Was nun?</p>
+
+<p>Nun kam eben die Arbeit, die Arbeit für Weib und Kind, die ewig gleiche
+Mühe eines kleinen Beamten. Morgens &mdash; mittags &mdash; abends, immer würde
+der Drehbock vor seinem Pulte knarren, immer fühlbarer das
+Abhängigkeitsverhältnis werden, immer mehr die Freuden schwinden, nach
+denen er gehungert. Denn ein kleiner Beamter spart.</p>
+
+<p>Kein Vergnügen, kein Luxus, keine Reisen mehr. Sparen &mdash; sparen.</p>
+
+<p>Zornig warf er die Hand vor, als wollte er nach dem Worte schlagen, das
+ihm in seiner Jugend bereits so viel Pein verursacht, aber die Bewegung
+brachte ihn nur noch mehr in die Gegenwart zurück.</p>
+
+<p>Lieber Gott im Himmel, es mußte ja sein, sofort, schnell, überstürzt,
+ehe die Katastrophe da war, &mdash; denn ein Zögern, ein Entrinnen gab es
+nicht mehr.</p>
+
+<p>Oder doch? &mdash; Oder doch?</p>
+
+<p>Mitten in der kleinen dunklen Stube wurzelte er plötzlich fest. Mit
+blendender Deutlichkeit, farbenprächtig, als ob er herrliche Lichtbilder
+sähe, flog es an ihm vorüber.</p>
+
+<p>Was war das?</p>
+
+<p>Wogende See, Schlachtflotten, Kanonendonner, und dann wieder das Drängen
+und Wogen erregter Menschen an der Hamburger Börse. An den schwarzen
+Kurstafeln erscheinen und schwinden die Zahlen &mdash; &mdash; Freudenrufe werden
+laut. &mdash; Nein, nein, nicht daran denken.</p>
+
+<p>Nur diesem einen Gedanken nicht weiter folgen, der das Leben so leicht,
+so mühelos machen könnte, der &mdash; &mdash;</p>
+
+<p>Rastlos auf dem Drehbock sitzen, schreiben, schreiben, bis die Finger
+krumm werden, einrosten und sich von Hollander höhnen und abkanzeln
+lassen &mdash; &mdash; und &mdash; und &mdash;</p>
+
+<p>»Licht.«</p>
+
+<p>Wer hatte ihm die kleine grüne Lampe entzündet? Er weiß es nicht.</p><p><span class="pagenum"><a name="Page_255" id="Page_255">255</a></span></p>
+
+<p>Wer gab ihm die Worte, die er dort auf das Papier warf?</p>
+
+<p>Als der letzte Buchstabe stand, überfiel ihn eine lähmende Ermattung.</p>
+
+<p>Mit stumpfer Gleichgültigkeit steckte er das Papier zu sich, nahm seinen
+Hut und schritt in den Sommerabend hinab.</p>
+
+<p>So verfolgte er seinen Weg, ohne den Kopf zu erheben, matt und
+seelenlos, bis er die große, neuerbaute Postanstalt am Markt erreicht
+hatte.</p>
+
+<p>An einem Seiteneingang leuchtete hier ein rotes Transparent:
+»Telegraphenamt«.</p>
+
+<p>Das war sein Ziel.</p>
+
+<p>Er trat an den Schalter, der Beamte las und fragte: »Nach Hamburg?«</p>
+
+<p>»Ja, nach Hamburg,« antwortete er gleichgültig, »Bankier Solmsen.«</p>
+
+<p>Dann zahlte er und trat wieder in den Sommerabend hinaus.</p>
+
+<p>Merkwürdig, der Platz war wie ausgestorben, auch die anstoßenden Straßen
+schienen leer. Bruno hatte plötzlich das Gefühl, als ob er gar nicht
+hierher gehöre, sondern ausgestoßen, an einem unbekannten Orte weile.</p>
+
+<p>Dort die roten gotischen Häuser, um die die Abendschatten webten, er
+blickte zu ihnen hinüber, befremdet, als sähe er sie zum erstenmal.</p>
+
+<p>Wohin nun?</p>
+
+<p>Nach Haus &mdash; natürlich, nur zurück in das kleine Zimmer, und dann
+schlafen und alles vergessen.</p>
+
+<p>Als er das Geschäftshaus wieder erreicht hatte, da stand ein Schreiber
+unter dem Torweg. Der trat dem Prokuristen ehrerbietig näher und teilte
+ihm mit, daß oben auf dem Zimmer des jungen Herrn ein Fremder auf Herrn
+Klüth warte.</p>
+
+<p>Bruno stutzte einen Moment, dann stieg er teilnahmlos und ohne Neugierde
+die Stufen hinauf.</p>
+
+<p>In dem Zimmer brannte noch die kleine grüne Lampe. Und als<span class="pagenum"><a name="Page_256" id="Page_256">256</a></span> der junge
+Kaufmann öffnete, da sah er mitten in dem Stübchen einen
+schwarzgekleideten Mann, der ihm den Rücken kehrte und sich jetzt rasch
+wandte.</p>
+
+<p>Es war sein Bruder Paul.</p>
+
+<p>»Du?« fragte der Ankömmling enttäuscht und zugleich etwas erschreckt,
+denn das Erscheinen des Geistlichen versetzte ihn, seitdem er soviel vor
+dem Älteren zu verbergen hatte, stets in Angst und Unruhe.</p>
+
+<p>Heute sollte ihm jedoch beides erspart bleiben.</p>
+
+<p>In des Theologen eckigen Zügen arbeitete eine Verklärung, wie man sie
+sonst fast niemals an ihm wahrnehmen konnte, und als er jetzt auf den
+Jüngeren zuschritt, um dem Bruder, der sich vor Müdigkeit und
+Erschöpfung auf einen Stuhl niedergelassen, die Hand zu schütteln, da
+leuchtete soviel Freude aus seinen Augen, daß es dem Sitzenden trotz
+seiner Gebrochenheit auffiel.</p>
+
+<p>»Paul, was ist dir?«</p>
+
+<p>»Was Gutes.«</p>
+
+<p>»Aber was?«</p>
+
+<p>»Ich bin zum Pastor gewählt &mdash; zum Strandpastor auf dem Walsin, Junge.«</p>
+
+<p>Die Stimme des Sprechenden zitterte vor Bewegung, und dann setzte er
+noch hinzu, jetzt wäre also das Ziel erreicht, das dem alten Lotsen
+Klüth während seines ganzen Lebens vorgeschwebt. Wenn der das noch
+gesehen hätte, »und dich, Bruno, der du doch auch auf dem Wege bist.«</p>
+
+<p>Der neue Pastor stockte, denn er gab sich nicht gern solch weichen
+Erinnerungen hin, aber noch immer hielt er die Hand des anderen, und so
+merkte er wohl kaum, daß sich das Haupt des Sitzenden tiefer und immer
+tiefer neigte, bis die Stirn fast die Finger des Geistlichen berührte.
+Aber ehe Paul noch ein Wort des Befremdens hervorbringen konnte, sprang
+der Jüngere unvermittelt auf und riß den Strandpastor stürmisch an seine
+Brust. Paul mußte über das aufbrausende Temperament des jungen Kaufmanns
+lächeln. Und doch tat dem Harten eine solche Liebkosung wohl.</p>
+
+<div class="figcenter" style="width: 400px;">
+<img src="images/oppos_256.jpg" width="400" height="623" alt="Illustration" />
+</div>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_257" id="Page_257">257</a></span></p>
+
+
+<p>Dann folgten rasche, heftige Fragen.</p>
+
+<p>»Wissen's die Unsrigen schon?«</p>
+
+<p>»Ja, von Line komme ich eben.«</p>
+
+<p>Bruno schlug die Augen nieder.</p>
+
+<p>»Merkwürdig,« fuhr der Ältere fort, während er nachdenklich an der Lampe
+schraubte. »Als ich ihr's erzählte, tat sie etwas, was ich ihr gar nicht
+zugetraut hätte. Sie weinte und war gar nicht zu beruhigen. Ich glaube,
+die Stadt bekommt ihr nicht recht.«</p>
+
+<p>Bruno rückte seinen Stuhl.</p>
+
+<p>»Und unsre Mutter?« fragte er beklommen.</p>
+
+<p>»Zu der fahre ich eben mit der Hafenbahn. Du solltest mich begleiten,
+Bruno; denke doch, wie sich Mudding freuen würde.«</p>
+
+<p>Aber der Jüngere lehnte dies ab. Er hätte noch zu korrespondieren &mdash; die
+aufgeregte Zeit &mdash; und seine eigene Müdigkeit. &mdash; Und so kam es, daß nach
+einiger Weile Paul allein die Stufen hinabstieg. &mdash;</p>
+
+<p>Als er über den Hof schritt, stand Bruno am Fenster und blickte auf die
+dunkle Gestalt hinab, die sich in ihrem schwarzen Rock kaum von der
+Nacht löste.</p>
+
+<p>Laut und fest tönten ihre Tritte auf dem Pflaster, und dem
+Zurückbleibenden war es, als müßte er sich an diese weichende schwarze
+Gestalt klammern und sie zurückhalten, um jeden Preis. &mdash; Als er
+aufblickte, stieg der Mond gerade über das Gehöft. Alle Zacken und
+Spitzen ränderte er silbern, und langsam rollte sich ein Lichtteppich
+über den Hof. »Natürlich,« sprach Bruno zu sich selbst, »es muß ja
+wieder hell werden.« Und in dem Augenblick war er getröstet.</p>
+
+<p class="center">&mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; <br />
+&mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; </p>
+
+<p>Das war ein Sonntag, den die Klüths nie vergaßen. Solange sie lebten.</p>
+
+<p>Als längst alles zerschlagen war, kein Stück mehr auf dem anderen stand,
+Särge in den Gräbern schon morsch geworden, und nur der heulende Wind
+hinüber und herüber bangen, sehnsüchtigen<span class="pagenum"><a name="Page_258" id="Page_258">258</a></span> Herzen Kunde trug, da
+dachten die einzelnen noch immer an diesen Tag und stückelten ihre
+Erinnerungen zusammen. &mdash; &mdash;</p>
+
+<p>Die Sommersonne guckte so friedlich an jenem Morgen in das
+Altjungfernstübchen, als wollte sie selbst noch einmal jeden Lackstuhl
+besonders polieren.</p>
+
+<p>»Blank &mdash; blank &mdash; blank,« summten ihre Strahlen. Und Fräulein Dewitz
+selbst sah so sauber aus, wie kaum jemals zuvor und niemals wieder
+nachher.</p>
+
+<p>Sie las aus der Zeitung vor.</p>
+
+<p>Und Line stand vor dem Spiegel und steckte sich eine rote Schleife an.
+Froh wie selten in den letzten Tagen. Sie beobachtete sich selbst mit
+Erstaunen. Sie wurde immer hübscher. Sie drehte und wandte sich. &mdash;</p>
+
+<p>»Höre, Lining,« las die Handarbeitslehrerin kopfschüttelnd: »Ganz fett
+gedruckt steht es hier. Die Amerikaner haben dem spanischen Admiral
+Cervera alle Schiffe in den Grund gebohrt. Er selbst ist ins Wasser
+gesprungen, aber sein Sohn hat ihn gerettet. Das muß doch ein
+tugendhafter junger Mann sein. Aber wie gesagt, ich mag die Amerikaner
+einmal nicht leiden. Solche Republikaner halte ich für ein sehr wildes
+Volk.« Hier wurde sie unterbrochen, denn es klingelte.</p>
+
+<p>Bruno trat ein.</p>
+
+<p>Es war für die beiden Damen eine Freude, zu sehen, wie elegant und
+adrett der junge Mann sich wieder in seinem grauen Sommeranzug ausnahm.
+Er küßte dem alten Fräulein die Hand, sagte ihr allerlei Angenehmes über
+ihr Aussehen, erzählte, daß der Konsul gegen Mittag zurückerwartet
+werde, und schloß endlich mit der Bitte, ob ihn Line nicht nach Moorluke
+begleiten dürfe. Er möchte sich wieder einmal nach den Seinen umsehen.</p>
+
+<p>Diese Erlaubnis konnte nun leider nicht erteilt werden, wenn auch
+Fräulein Dewitz die Familienanhänglichkeit der beiden jungen Leute nicht
+genug rühmen zu können glaubte, indessen das alte Fräulein schickte sich
+eben an, den Konsul und Dina von der Bahn<span class="pagenum"><a name="Page_259" id="Page_259">259</a></span> abzuholen, und Line müsse sie
+begleiten. Dinas wegen. Das sei so in der Ordnung. Aber in den nächsten
+Tagen. Gerne &mdash; sehr gerne.</p>
+
+<p>Bruno schien durch diese Abweisung etwas betreten zu werden, er
+plauderte noch ein Weilchen und wurde dann von Line hinausbegleitet.</p>
+
+<p>Hinter der Glastür hielt sie ihn noch einen Augenblick fest.</p>
+
+<p>Später blieb es ihr unbegreiflich, wie leicht und unauffällig sich alles
+abgewickelt hatte. Aber die großen Momente des Lebens pfeifen vorüber
+wie die kleinen, wie dieses selber! &mdash; Was bleibt?</p>
+
+<p>Sie legte ihm leicht die Hand auf die Schulter und schmiegte sich an
+ihn.</p>
+
+<p>»Bruno,« fragte sie, indem sie ihre schwarzen Augen drängend zu ihm
+erhob, »es bleibt doch bei unserer Verabredung?«</p>
+
+<p>»Bei unserer?« &mdash; Er warf rasch ein »Ja &mdash; ja« hin und schien es sehr
+eilig zu haben.</p>
+
+<p>»Übermorgen kommst du also zu Fräulein Dewitz &mdash; nicht so?« fuhr sie
+fort.</p>
+
+<p>Er nickte, zeichnete mit dem Stock allerlei Figuren auf den Boden der
+Diele und griff dann fest nach ihrer Hand.</p>
+
+<p>»Line, du sollst doch mit mir kommen.«</p>
+
+<p>»Du hörst ja, ich darf wieder mal nicht. Außerdem bin ich auch noch
+nicht ordentlich angezogen.«</p>
+
+<p>»Wie du hier stehst.«</p>
+
+<p>»Wieso? &mdash; es ist doch nicht etwa was Schlimmes geschehen?«</p>
+
+<p>Sie starrte ihn an.</p>
+
+<p>Er erschrak. »Nein, nein, was denkst du? Durchaus nicht.«</p>
+
+<p>Da lächelte sie wieder, und er war bereits die erste Stufe hinab, als
+sie die Lust anwandelte, mit dem Finger leicht nach seinem Nacken zu
+schnippen.</p>
+
+<p>Da sprang er plötzlich zurück, zog die Überraschte an sich, und ein
+rascher, verstohlener Kuß brannte auf ihren Lippen.</p>
+
+<p>Doch das Gescharr, das durch den feinen Streusand zu ihren Füßen erregt
+wurde, erschreckte Line.</p><p><span class="pagenum"><a name="Page_260" id="Page_260">260</a></span></p>
+
+<p>Sie bog sich zurück.</p>
+
+<p>»Du,« flüsterte sie warnend.</p>
+
+<p>Da streichelte er noch einmal ihre Wange und glitt mit wenigen Sätzen
+die Treppe hinunter. Line aber huschte zu Fräulein Dewitz zurück, und
+als sie wieder an dem Spiegel vorüber mußte, da schwellte sie das stolze
+Gefühl, wie unüberwindlich doch die Macht der Schönheit wäre, und sie
+huschte wieder hin und her und schnurrte vor sich hin, genau so, wie sie
+es als Kind getan hatte.</p>
+
+<p class="center">&mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; <br />
+&mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; </p>
+
+<p>Später erinnerten sich die in Moorluke ebenfalls ganz genau daran und
+wunderten sich, daß sie es erst so spät verstanden hätten.</p>
+
+<p>Und es war doch so einfach.</p>
+
+<p>An dem Sonntag Nachmittag, zu jener Tagesstunde, wo die Fischer in
+Gruppen am Bollwerk hocken, um sich etwas zu erzählen, und wo die
+Mädchen Arm in Arm vorüberwandern, da hatte auch Bruno nach seinem
+Besuch im Elternhause mit dem Philosophen Hann am Rick gestanden, hatte
+nachlässig ins Wasser gesehen und den Bruder so teilnehmend nach allem
+gefragt, wie noch nie.</p>
+
+<p>Woher er die rote Narbe über der Stirn empfangen, und ob es wahr sei,
+was oll Kusemann ihm im Vorübergehen zugeraunt, daß Hann jetzt heiraten
+wolle &mdash; und wer denn die Erwählte wäre, und schließlich müsse sich Hann
+doch ein hübsches Sümmchen erspart haben, wenn er an einen eigenen Herd
+denke?</p>
+
+<p>Aber Hann hatte nur zu allem bedächtig den Kopf geschüttelt und dann war
+herausgekommen, daß er bis jetzt nur für Siebenbrod geschafft habe, und
+daß er auch ferner bei dem Stiefvater in Wochenlohn bleiben wolle. Denn
+sicher sei sicher.</p>
+
+<p>»Ja aber, Siebenbrod &mdash; der,« raunte oll Kusemann wieder im
+Vorbeiflitschen. »Auf der Sparkass' nennen sie ihn all ümmer
+&gt;Lütt-Rotschild&lt;.«</p>
+
+<p>Später besann sich Siebenbrod, daß sich der feine Bruno, kurz bevor er
+die Rückfahrt in die Stadt angetreten, auch zu ihm gesellt hätte.</p><p><span class="pagenum"><a name="Page_261" id="Page_261">261</a></span></p>
+
+<p>Der ehemalige Bootsmann saß gerade auf der Bank vor dem Teil des
+Häuschens, der gegen den Fluß gelegen war.</p>
+
+<p>Siebenbrod hielt die Hände gefaltet und sonnte seine Hakennase.</p>
+
+<p>Da entspann sich zwischen den beiden folgendes Gespräch:</p>
+
+<p>»Wie hübsch bei Ihnen alles imstande ist, lieber Siebenbrod. Sie sind
+doch ein fleißiger Mann.«</p>
+
+<p>Der Zesnerfischer drehte weiter an seinen Fingern: »Je, man hat weiter
+nichts gelernt.«</p>
+
+<p>»Mir scheint, seit dem Tode meines Vaters müssen Sie unser Besitztum
+recht vermehrt haben.«</p>
+
+<p>»Je,« sagte der Bootsmann und besah sich seine wollenen Strümpfe, die
+aus den Holzpantoffeln hervorguckten, »die Leute sind hier all so
+schlecht, sie sagen einen lauter solch dumm' Zeug nach.«</p>
+
+<p>»Aber aus den zwei Kühen sind doch jetzt fünf geworden.«</p>
+
+<p>»Je, das sag' ich man,« nickte Siebenbrod Beifall, »sie fressen mich
+rein auf. Wenn Ihre Mutter nich so viel frische Milch haben müßt', ich
+hätt' die Küh' all längst wieder abgeschafft &mdash; aber Krankheit &mdash;
+Krankheit. Ja, ja, wie sagt noch's Sprichwort? Hast du 'ne kranke Frau
+im Haus &mdash; so trägt man bald den Tisch heraus &mdash; na, ja, das konnt
+keiner wissen.«</p>
+
+<p>Damit erhob er sich und töffelte in den Flur.</p>
+
+<p>Bruno starrte ihm nach.</p>
+
+<p>Das war der letzte.</p>
+
+<p>Und wieder stand er und wunderte sich, daß ihm weder leicht noch schwer
+war. Nur so furchtbar hohl, dumpf und öde, als wandle sein Geist nicht
+mehr mit seinem Körper zusammen.</p>
+
+<p>Er verabschiedete sich kurz und fuhr mit dem nächsten Dampfer in die
+Stadt.</p>
+
+<p class="center">&mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; <br />
+&mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; </p>
+
+<p>»Kusch, Sultan!« sagte der alte Johann zu dem Pudel des Konsuls, mit dem
+er zur Abendstunde auf dem Hofe des Geschäftshauses saß. »Kusch!«</p><p><span class="pagenum"><a name="Page_262" id="Page_262">262</a></span></p>
+
+<p>Doch als sich der Lichtschein in einem der hinteren Kontore wieder
+zeigte, da knurrte der Pudel von neuem, und Johann stieg auf eine Kiste,
+um durch die Eisenstäbe in das Bureau zu sehen.</p>
+
+<p>Gleich darauf kletterte er wieder hinunter.</p>
+
+<p>»Kusching,« sagte er, »es is bloß Herr Klüth &mdash; das tut nichts.«</p><hr class="chap" /><p><span class="pagenum"><a name="Page_263" id="Page_263">263</a></span></p>
+
+
+
+
+<h3>III</h3>
+
+
+<p>Die erste, die es erfuhr, war Line.</p>
+
+<p>Fräulein Dewitz kehrte von einem Vormittagsbesuch aus dem Hause des
+Konsuls zurück, schloß die Tür hinter sich zu, zwei-, dreimal, als ob
+sie sich von einem Polizeibeamten verfolgt wähne, und sank im Hut und
+Mantel schreckensblaß auf dem Sofa zusammen.</p>
+
+<p>»Wer hätte das gedacht,« vermochte sie nur geistesabwesend vor sich
+hinzumurmeln; »wer hätte das gedacht?«</p>
+
+<p>Und so seltsam mutete das Bild in seiner bizarren Feierlichkeit an, daß
+Line in einer jener widerspruchsvollen Launen ein Lachen nicht
+unterdrücken konnte, während ihr doch bereits das Herz still stand.</p>
+
+<p>»Lach' nicht,« flüsterte die Handarbeitslehrerin, in Tränen ausbrechend,
+und winkte mit der Hand, »es ist zu schrecklich. Ich hätt' auf ihn
+geschworen.«</p>
+
+<p>Jetzt lachte das Mädchen nicht mehr.</p>
+
+<p>»Auf wen? &mdash; sag' doch &mdash; auf wen, Tante?« klang es plötzlich so
+schrill, so kreischend, daß das alte Fräulein entsetzt in die Höhe fuhr.
+Aber sie hatte sich wohl getäuscht, denn das Mädchen stand schon wieder
+ganz ruhig vor ihr, nur die Hände wanden sich in ewiger, unruhiger
+Drehung umeinander.</p>
+
+<p>»Wen meinst du denn, Tante? Du sagtest doch vorhin &mdash; &mdash;«</p>
+
+<p>Und nun begann die alte Dame wie verzweifelt an ihren Handschuhen
+herumzuknöpfen und brachte zitternd und verwirrt hervor, was sie eben
+erfahren. Unzusammenhängend Bruchstücke. Der Konsul hätte einen Brief
+erhalten &mdash; »denke dir, als er noch gar nicht rasiert war, ja, ja, noch
+nicht einmal rasiert,« aber das<span class="pagenum"><a name="Page_264" id="Page_264">264</a></span> Zimmer Brunos sei bereits leer gewesen,
+auch der Koffer verschwunden. &mdash; Und gerade als das alte Fräulein
+eingetreten, wären Siebenbrod und Paul gerufen worden. Der neue Herr
+Pastor &mdash; ja, wohin sei er doch gewählt? Auf den Walsin oder auf den
+Swensin? Ach, es ist ja ganz gleich. &mdash; Und der erste, der es merkte,
+wäre der alte Johann gewesen, als er am Abend einen Lichtschein in dem
+Kassenzimmer wahrgenommen. Freilich, wer hätte auch glauben sollen, daß
+dieser feine, gebildete junge Mann ein Betrüger werden könnte. &mdash; Gott
+verzeih es einem, man möge das Wort ja gar nicht aussprechen! Und denke
+dir, Lining, fünfundzwanzigtausend Mark soll er auf den Namen des
+Konsuls an der Börse verspielt haben, und warum? Am Ganzen, sagen sie,
+seien die Amerikaner schuld. »Ja, ja, du kannst es mir glauben, es ist
+nicht gut, wenn Republiken so groß werden. &mdash; Ich sagte es ja.«</p>
+
+<p>So sprach und hastete die alte Dame vor sich hin und knöpfte erregt ihre
+Handschuhe auf und wieder zu und merkte es gar nicht, wie ihr eine große
+Träne die Wange hinunterlief, denn im Herzen trauerte sie um ihren
+Liebling, der ihr stets so formvollendet die Fingerspitzen geküßt hatte.</p>
+
+<p>Wie war's doch? Ein <span lang="fr" xml:lang="fr">cavalier d'ancien régime</span>. Ach, du lieber Gott, und
+jetzt ein Betrüger; aber wer kann aus dieser jungen Welt klug werden?
+Damit raffte sie sich zusammen, schloß die Tür auf und, einem
+bezwingenden Triebe folgend, gedachte sie wieder in das Haus Hollanders
+zu eilen, um abermals zu hören, zu ratschlagen und wieder von dannen zu
+flattern, als ihr plötzlich auffiel, daß Line sich noch gar nicht
+geäußert hätte.</p>
+
+<p>Sie warf einen raschen Blick auf ihre Pflegebefohlene.</p>
+
+<p>Da saß sie auf dem Tritt, auf dem die Lehrerin sonst selbst immer
+rastete, und zupfte mit einem verstörten Lächeln an den Fransen des
+Fensterkissens herum. Fräulein Dewitz stutzte. Wie merkwürdig zuckten
+die Lippen in diesem blassen Gesicht, wie krampfhaft gespreizt hielt sie
+ihre Finger, und wie unnatürlich wogte die<span class="pagenum"><a name="Page_265" id="Page_265">265</a></span> Brust, als ob sie nur mit
+großer Qual laute, wilde Rufe unterdrücke.</p>
+
+<p>»Lieber Gott!«</p>
+
+<p>Fräulein Dewitz erschrak so über diesen Anblick, daß ihr alles andere
+nebensächlich wurde und ihre Hand auf der Türklinke zitterte.</p>
+
+<p>»Herrgott, Lining,« stotterte sie.</p>
+
+<p>Doch die Angerufene zupfte weiter. In ihren Zügen fuhr es hin und
+wieder. Endlich schien sie ein Wort gefunden zu haben: »Weiß man nicht,«
+stieß sie atemlos hervor, »wohin er gegangen ist?«</p>
+
+<p>»Wohin?«</p>
+
+<p>Die alte Dame besann sich. Hatte sie das in der Eile etwa vergessen?
+»Nach Amerika natürlich, nach Amerika war er geflüchtet, jenseits des
+Wassers, wie es alle diese Leichtsinnigen tun, die ihre Ehre verloren
+haben, und &mdash; &mdash;«</p>
+
+<p>Die Hast der Erzählerin hatte sie bereits wieder zu weit geführt. Von
+neuem mußte sie sich unterbrechen, denn Line stand langsam auf.</p>
+
+<p>»Mein Gott, mein Gott,« dachte das alte Fräulein, »wie wenn ihr die
+Glieder nicht mehr gehorchen wollen. Der Schreck muß sie wohl
+versteinert haben.«</p>
+
+<p>»Lining,« stammelte sie ängstlich. »Was ist dir?« Da stieß das Mädchen
+endlich, endlich einen Schrei aus. Kurz, rücksichtslos, durchdringend,
+und fortan fiel alles Erzwungene, Anerzogene von ihr ab, als wenn sie
+niemals auf Zehen durch diese Räume gehuscht wäre.</p>
+
+<p>Sie stürzte auf die alte Dame zu und rüttelte diese am Arm, als hätte
+das gute Fräulein ein Verbrechen gegen sie begangen.</p>
+
+<p>»Hat er nichts für mich hinterlassen?« schrie sie und ballte die Fäuste.
+»Ich will wissen, ob er für mich nichts hinterlassen hat?«</p>
+
+<p>»Für dich?« wiederholte Fräulein Dewitz vor Schreck starr und gänzlich
+verständnislos.</p>
+
+<p>»Hat er nichts für mich hinterlassen?« tobte die Verzweiflung noch
+einmal aus dem Mädchen. Und als die Handarbeitslehrerin<span class="pagenum"><a name="Page_266" id="Page_266">266</a></span> gänzlich
+erschüttert hervorbrachte, warum der Entflohene denn gerade an sie, an
+Line &mdash; über sein Vorhaben etwas berichtet haben sollte, da lachte die
+Entfesselte auf, jenes schrille, tolle Lachen, welches über die
+Beschränktheit höhnt, die das Natürliche nicht sehen will, und warf sich
+vor ihrer Kommode nieder und begann sie auszuräumen.</p>
+
+<p>Alles klirrte und rollte auf der Erde herum, der alten Dame, die ihren
+Augen nicht traute, gerade vor die Füße.</p>
+
+<p>»Da &mdash; und da &mdash; und da.«</p>
+
+<p>»Herrgott, was soll das?«</p>
+
+<p>Dem armen alten Fräulein begannen die Hände zu zittern, vor ihren Augen
+flimmerte es, sie mußte sich an der Klinke festhalten, sonst wäre sie
+gefallen.</p>
+
+<p>»Lining &mdash; barmherziger Himmel &mdash; woher dast du das alles?«</p>
+
+<p>»Das? &mdash; das?«</p>
+
+<p>Das wußte die Rasende im Moment nicht, woher sollte sie das wissen?
+Darauf konnte sie sich nicht besinnen. Sie zerrte an den Ketten und
+Ringen herum und schlug mit den Fäusten darauf, und dann &mdash; dann brachte
+sie eine Photographie Brunos hervor, um sie in Stücke zu reißen, und die
+Fetzen im nächsten Moment wieder an die Lippen zu pressen und sie wieder
+wie entsetzt von sich zu schleudern.</p>
+
+<p>Ach, und die gute, alte Dame!</p>
+
+<p>In ihrem Altjungferngemüt dämmerte durch all ihr Entsetzen die einzige
+Erklärung auf, die einzige Hoffnung, die der frommen Beschränktheit
+möglich erschien: »Lining,« stotterte sie vor Furcht und Überraschung
+beinahe gelähmt. »Du hast ihn wohl am Ende gar lieb gehabt?«</p>
+
+<p>»Ja &mdash; nein &mdash; ja.«</p>
+
+<p>»Lining, willst du mir denn nichts davon erzählen?«</p>
+
+<p>»Nein.« &mdash; Das Mädchen erhob sich plötzlich von den Knien, sah sich wirr
+um und raffte ihren Schmuck zusammen: »Ich will hier fort.«</p><p><span class="pagenum"><a name="Page_267" id="Page_267">267</a></span></p>
+
+<p>»Fort? Fort? &mdash; Doch nicht von mir? &mdash; Warum denn?«</p>
+
+<p>»Weil ich hier nichts mehr zu suchen hab'. Weil ich nicht weggejagt
+werden will &mdash; weil ich hier nichts mehr hören und sehen mag!« rief sie
+wie in heftigem Zorn, und ohne der alten Dame, die sie als Kind
+aufgenommen, die Hand gereicht zu haben, ja ohne ein Wort des Dankes,
+nur mit einem einzigen rollenden Blick, in dem die ganze Abneigung
+glühte, die diese fromme Engnis jahrelang in ihr aufgespeichert, so lief
+Line von dannen, barhäuptig, mit flatterndem Kleide, ähnlich, wie sie
+einstmals gekommen.</p>
+
+<p>Die Handarbeitslehrerin aber saß auf ihrem Sofa und knöpfte die
+Handschuhe auf und zu und faßte sich an die Stirn und wollte ihrer
+Pflegetochter nach und sank wieder zusammen und dachte Anfang und Ende
+zu verknüpfen und sann und sann und rang die Hände: Wie war denn das?
+Und die gute Erziehung nützte gegen die Sünde nichts mehr? Und
+Dankbarkeit gab es auch nicht mehr? &mdash; Kein Wort des Dankes? Und all die
+guten Lehren waren umsonst? Und das enge, abgeschlossene Haus hütete
+nicht sicher? Und die kleinen Wirtschaftssorgen ließen noch etwas
+anderes zu? &mdash; Mein Gott, und Dankbarkeit gab es in der Tat nicht mehr?
+Wie ist denn das? &mdash; Junge Welt &mdash; alte Welt &mdash; wie ist denn das?</p>
+
+<p class="center">&mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; <br />
+&mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; <br />
+&mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; </p>
+
+<p>Unterdessen lief Line durch die Straßen, mit dem kleinen Bündel in der
+Hand und barhäuptig, denn dieser übergewaltige Stoß hatte sie die junge
+Dame vergessen lassen, sie war wieder die Lotsentochter, die
+Fischerdirne, die da meinte, daß die Welt sich an ihr versündigt habe,
+daß sie bitteres Unrecht leide, und zwischen Wut und Scham schoß es ihr
+zuweilen unklar durch den Sinn, sie müsse sich rächen.</p>
+
+<p>An wem?</p>
+
+<p>Das wußte sie nicht, aber sie fühlte doch diesen heißen, brennenden
+Zorn, diese jagende Wut, die sie vorwärts trieben und die<span class="pagenum"><a name="Page_268" id="Page_268">268</a></span> ihr vorläufig
+noch das Gefühl ungebändigter Kraft liehen. Und während sie am Fluß
+entlang auf Moorluke zueilte, da entlud sie sich in tausend wilden
+Schwüren, unaufhörlich murmelte sie es vor sich hin: Oh, sie wollte sich
+schon forthelfen, wenn sie auch alle anderen verließen, sie würde schon
+triumphieren, sie würde &mdash; &mdash; &mdash; Und stürmisch eilte sie weiter, dem
+pfeifenden Winde entgegen, der vom Meere hereinstieß. Sie sah nicht, wie
+grau und fahl sich der Himmel umzogen hatte, sie hörte nicht das
+Rauschen der Binsen an den Ufern, sie merkte nicht das Knistern der
+Staubwolken, die an ihr vorüberjagten, nur vorwärts rannte sie, ohne zu
+wissen, zu wem, denn sie wollte weder zu Mudding noch zu Hann, noch zu
+sonst jemand anderem, willenlos wurde sie vorwärts getrieben, bis sie
+plötzlich dunkle Bäume sich erheben sah, und darüber aufragend von ferne
+die Klosterruinen, ebenfalls in einem fahlen, wechselnden Licht.</p>
+
+<p>Als sie das rote, kalte Mauerwerk auftauchen sah, da stand sie still.</p>
+
+<p>Da duckte sie sich, wie geschlagen. Ein Blitz durchzuckte sie,
+schmerzhaft, stechend; zum erstenmal in all dieser Zeit überkam sie die
+Erinnerung an den Menschen, mit dem sie schon einmal unter den Ruinen
+gesessen, damals, als sie sich als kleines Mädchen auf seinem Schoß in
+den Schlaf einwiegte, als alles seinen Anfang nahm.</p>
+
+<p>Ja, ja, dort drüben war es gewesen.</p>
+
+<p>Sie hob den Arm und schüttelte die Faust nach den Ruinen, und der Wind
+zauste in ihren Haaren. Jämmerlicher Kerl! &mdash; Erst sie in Schande
+gestürzt &mdash; in Schande &mdash; Schande, und dann fortgelaufen und sie unter
+den höhnischen Gesichtern im Stich gelassen, sie und &mdash; &mdash;</p>
+
+<p>Ja, ja, das war es; der erhobene Arm sank ihr, wirr blickte sie um sich,
+und in diesem Augenblick achtete sie zuerst darauf, wie ihr der Wind
+durch das Jäckchen fuhr, und wie die Binsen sich rauschend bis zu dem
+schwarzen, unheimlichen Wasser neigten.<span class="pagenum"><a name="Page_269" id="Page_269">269</a></span> Wie das gurgelte, und wie
+weltverlassen sie hier stand. Außer ein paar weidenden Kühen jenseits
+des Flusses nichts Lebendiges ringsum.</p>
+
+<p>Sie fröstelte und raufte eine der Binsen aus. Wenn doch ein Mensch
+gekommen wäre, aber nichts regte sich. Die Einsamkeit umschattete sie.
+Brennende Angst wuchs in ihr groß.</p>
+
+<p>So &mdash; ja, so würde sie gemieden sein, denn die Leute hier fürchteten
+sich vor der Schande, oh, sie verkrochen sich davor; Line dachte daran,
+wie Fräulein Dewitz sich oft davor gesegnet und bekreuzigt hatte, und
+die Schande versperrte ihr ja auch anderwärts für die nächste Zeit Pfad
+und Unterkommen. Gewiß &mdash; sicherlich, das hatte sie noch gar nicht ins
+Auge gefaßt. Sie kaute an dem Binsenhalm, und, nachdem sie ihn
+fortgeworfen, trat sie in ihrer Verwirrung laut weinend mit den Füßen
+darauf herum, um schließlich wieder die Faust gegen die Ruinen zu
+richten: »Jämmerlicher Mensch!«</p>
+
+<p>Aber was war das?</p>
+
+<p>Durch den pfeifenden Wind hindurch antwortete von jenseits des Wassers
+ein langgezogener, heulender Ton, der hatte etwas Wildes,
+Markerschütterndes. Line war zu aufgeregt, um sich zu sagen, daß der
+Laut von einem der weidenden Tiere herrühren müsse, nein, sie stand und
+starrte mit weit aufgerissenen Augen über das Wasser auf die fahle
+Ebene.</p>
+
+<p>Wie lautete doch ihr letztes Wort? &mdash; Jämmerlicher Mensch? &mdash; Nein, nein,
+das war ja nicht die Wahrheit. Sie &mdash; sie allein trug ja alle Schuld.
+Sie hatte ja Hexenmittel angewandt, um ihn anzulocken.</p>
+
+<p>Ihre Sinne mußten sich wohl verwirren. Wie spielend schritt sie über das
+moorige Ufer, das unter ihr einsank, bis das schwarze Wasser über ihren
+Fuß kroch.</p>
+
+<p>Hu, das war eisig.</p>
+
+<p>Ruckartig zuckte sie zurück und stürzte wieder auf den Weg.</p>
+
+<p>Dort drüben, wenige Schritte von ihr, ragte der Moorluker<span class="pagenum"><a name="Page_270" id="Page_270">270</a></span> Turm, ganz
+dicht ihr zur Seite starrten die Brückenreste aus dem Fluß, und da &mdash; da
+bei den Stümpfen, da besorgten verschiedene Fischer einstweilen die
+Fähre, und unter ihnen glaubte sie jetzt auch die plumpe Gestalt von
+Hann zu erkennen.</p>
+
+<p>Und jetzt? &mdash; Rief da nicht etwas »Lining«?</p>
+
+<p>Nein, nein, nur nicht zu dieser plumpen Ehrlichkeit, das war das
+Schlimmste von allem, gerade dagegen empfand sie solchen Widerwillen,
+davor solche Furcht. Und jetzt rief es wieder: »Lining!«</p>
+
+<p>Mehr hörte sie nicht. Mit wirbelnden Röcken lief sie den Landweg zurück,
+immer vor sich hinsagend: »Nicht Hann &mdash; nicht Hann.«</p>
+
+<p>Vor ihr türmte sich im fahlen, blauen Schein die Stadt auf.</p>
+
+<p>In einer halben Stunde würde sie wieder dort einziehen, von wo sie vor
+einiger Zeit gekommen. Wie lange war das wohl her? Und wohin? Zu wem
+lief sie jetzt? In ihrer Ratlosigkeit begann sie wild und heftig zu
+schluchzen. Ob sie nicht doch zu Fräulein Dewitz gehen und alles
+bekennen sollte? &mdash; Nein, nein, lieber zurück in das schwarze Wasser.
+Aber plötzlich war ihr das Ziel eingefallen. Paul.</p>
+
+<p>Der neue Pastor. Warum gerade der, darüber vermochte sie sich in ihrer
+Aufregung keine Rechenschaft abzulegen, sie fühlte nur, er sei der
+Rechte, auf seinem Namen läge Ruhe.</p>
+
+<p>Um die Mittagsstunde trat sie in sein Zimmer. Alles leer. Doch da die
+Wirtin meinte, Paul müsse bald zurückkehren, er sei nur von einem Diener
+des Konsuls abgerufen worden, so beschloß Line zu warten.</p>
+
+<p>Todmüde sank sie auf einem Stuhl zusammen, und das Bündel, das sie bis
+jetzt geistesabwesend getragen, klirrte neben ihr zur Erde.</p>
+
+<p>Sie wunderte sich zwar über den Klang, aber sie rührte sich nicht mehr.
+Regungslos, mit festgeschlossenen Augen hockte sie auf dem Sitz,
+traumhaft umflossen von dem Gedanken »wie ruhig &mdash; wie ruhig.«</p><p><span class="pagenum"><a name="Page_271" id="Page_271">271</a></span></p>
+
+<p>Stunde auf Stunde verging, sie hatte kein Verlangen, sich zu erheben,
+nur wenn sie einmal den Kopf hob, dann fiel ihr Blick regelmäßig auf
+eine kleine, weiße Christusstatuette, die mit den gastlich geöffneten
+Armen auf der Birkenholzkommode stand und sie anzusehen schien.</p>
+
+<p>Wohl fielen ihr die Augen wieder zu, aber immer wieder erhob sich die
+weiße Gestalt vor ihrem Blick, und plötzlich mußte sie daran denken, daß
+dies die Stellung wäre, in der Er gesprochen: »Lasset die Kindlein zu
+mir kommen.«</p>
+
+<p>Wie merkwürdig das Wort: »Lasset die Kindlein zu mir kommen.«</p>
+
+<p>Und wie seltsam, daß sich ihr im gleichen Moment die Vorstellung
+aufdrängte, wie garstig es gewesen, als das schwarze Moor unter ihren
+Füßen nachgegeben. Und war es nicht wieder, als ob sie sinke, tiefer und
+tiefer in diese weiche, schwarze Masse? Alle Erdengeräusche
+verschwanden, und allmählich nahm die Ruhe des Zimmers die Erschöpfte
+völlig hinüber.</p>
+
+<p class="center">&mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; </p>
+
+<p>Durch ihren Traum schritt eine schwarze Gestalt, vor der sie Furcht
+empfand, weil der Fremde sie mit so starren Blicken maß, und als sie
+seine knochige Hand am Arm spürte, schrie sie laut auf.</p>
+
+<p>Sie taumelte in die Höhe. In der Stube war es beinahe finster geworden,
+vor ihr stand Paul.</p>
+
+<p>»Du?« stammelte sie, ohne sich recht besinnen zu können, und stieß mit
+ihrem Fuß an das Bündel, so daß es klirrte, »bist du endlich da?«</p>
+
+<p>Er sah verwundert auf sie herab, schien sich jedoch ihre Anwesenheit
+erklären zu können, denn er äußerte nur rasch, ob Fräulein Dewitz
+ebenfalls bereits von allem unterrichtet wäre, und als Line wortlos
+genickt hatte, setzte er sich an den Tisch und bedeckte beide Augen mit
+der Hand. Jedoch einen Augenblick nur, dann sprang er wieder in die Höhe
+und durchmaß mit langen, schweren Schritten das dunkle Stübchen, immer
+gefolgt von den<span class="pagenum"><a name="Page_272" id="Page_272">272</a></span> Blicken des Mädchens, das in seiner Erschöpfung noch
+immer ohne klare Gedanken dasaß.</p>
+
+<p>Und wieder blieb der neue Pastor vor ihr stehen. Ihre Gegenwart und
+dieses gänzliche Zerschlagensein, als ob sie nun für immer auf seinem
+Stuhl hocken bleiben wolle, begannen ihm allmählich aufzufallen.</p>
+
+<p>»Line, sag' mir, weshalb bist du zu mir gekommen?« fragte er, und seine
+Stimme klang dabei so rauh und gepreßt, daß Line merkte, wie sehr er
+sich zusammennehmen müsse, um so zu sprechen, wie er jetzt redete.</p>
+
+<p>Allem ihre Gedanken flogen nicht mehr so rasch.</p>
+
+<p>»Zu dir,« entgegnete sie müde, »ja &mdash; zu dir.«</p>
+
+<p>Sie nickte wieder und sank von neuem auf dem Stuhl zusammen.</p>
+
+<p>Paul verzog die Stirn, seine Augen suchten die Dunkelheit zu
+durchdringen, jedoch die Ermattete bewegte sich nicht weiter.</p>
+
+<p>Der Theologe wurde unsicher.</p>
+
+<p>Was bedeutete dieses schwächliche Gebaren, noch dazu von Line, deren
+Lebensmut nie zu unterdrücken gewesen? War dieses Gebrochensein allein
+durch das Unglück der Familie bedingt? Prüfend blickte er wieder auf die
+Erschöpfte. Und ohne daß er es selbst ahnte, begann sich bei ihm gegen
+das Mädchen dasselbe Mißtrauen zu regen, das seit dem ungeahnten
+Vertrauensbruch Brunos alle seine Empfindungen beschlich.</p>
+
+<p>»Weshalb bist du in einem solchen Moment nicht zu den Unseren nach
+Moorluke hinausgefahren?« drängte er von neuem.</p>
+
+<p>»Zu den Unseren?« wiederholte sie verwundert, und wie wenn die
+Dunkelheit sowie die Stille nur noch den einen Wunsch nach Ruhe in ihr
+übrig gelassen hätte, fügte sie schläfrig hinzu: »Laß mich.«</p>
+
+<p>»Laß mich?« Langsam stieg der Zorn in dem Geistlichen auf: »Weißt du
+denn nicht, was geschehen ist?« fragte er heftiger, allein seine Worte
+mußten wohl an ihr vorüberhallen, denn sie<span class="pagenum"><a name="Page_273" id="Page_273">273</a></span> streckte sich aus, ihr Kopf
+sank hintenüber, und wenn ihr Fuß nicht wiederum das Bündel berührt
+hätte, so hätte der Schlaf die Todmüde von neuem entführt, so aber
+schreckte das klirrende Geräusch sie auf. Hastig zuckte sie zusammen,
+dieser Goldton brachte sie endlich zur Besinnung.</p>
+
+<p>Und nun flogen Rede und Gegenrede scharf zwischen den Geschwistern hin
+und her.</p>
+
+<p>»Was hast du da?« fragte Paul, der ebenfalls das Klingen gehört hatte.</p>
+
+<p>»Das? &mdash; o &mdash; &mdash; nichts.«</p>
+
+<p>»Ich rate dir gut. Fahre zur Mutter hinaus. Du wirst unser Haus nicht
+mehr oft betreten!«</p>
+
+<p>»Ich?«</p>
+
+<p>Der Schreck lähmte sie beinahe, langsam erhob sie sich: »Warum gerade
+ich nicht?«</p>
+
+<p>»Weil es verkauft wird, ebenso wie unsere Boote und das Vieh und meine
+Bücher, kurz alles. Von unserer Heimat bleibt nichts übrig.«</p>
+
+<p>Er blieb mitten in der immer dunkler werdenden Stube stehen und legte
+sich die verschränkten Hände gegen das Haupt. Wieder klang ein leises
+Stöhnen durch den Raum. Aber Line achtete nicht mehr darauf.</p>
+
+<p>»Wird er verfolgt?« forschte sie heiser. Sie sah, wie den andern die
+Frage durchfuhr.</p>
+
+<p>»Das weiß ich nicht,« gab er widerwillig zurück, und dann ging er
+abermals im Zimmer umher, und eine lange Erzählung drang an ihr Ohr von
+Siebenbrod und dem Konsul, und wie er mit den beiden gerungen, und wie
+Mudding endlich draußen in Moorluke den Streit entschieden; aber Line
+hörte teilnahmlos zu, denn seit Paul während einer Pause die kleine
+Stehlampe entzündet hatte, seitdem traulicher Lichtschein die Stube
+durchdämmerte, da war die rasende, treibende Angst wieder in ihr
+aufgestiegen: Wohin? Wo ein Ruheplatz? &mdash; Wo ein Kissen für die Nacht?
+Wo ein Versteck vor der Schande?</p><p><span class="pagenum"><a name="Page_274" id="Page_274">274</a></span></p>
+
+<p>»Weißt du, wo er sich aufhält?« stieß sie endlich hervor und fingerte in
+Hast mit den Nägeln auf der Tischplatte herum.</p>
+
+<p>Aber der Gefragte konnte sich nicht mehr beherrschen: »Der Dieb?« schrie
+er dunkelrot und voller Abscheu, »der Halunke, der seine Mutter aus dem
+Hause treibt, während er selbst allerlei schlechtes Frauengesindel mit
+Armbändern und goldenen Ketten behängt? Oh, wenn ich nur wüßte, wo er zu
+treffen wäre, wenn ich ihn nur einmal noch vor mir hätte!«</p>
+
+<p>Dabei nahm er einen Stuhl und stieß ihn in ohnmächtigem Zorn auf den
+Boden, daß die Füße zitterten. Line starrte ihn an.</p>
+
+<p>Ganz weiß war sie geworden, langsam bückte sie sich und hob ihr Bündel
+auf, denn jetzt wußte sie, hier war ihres Bleibens nicht länger, und als
+sie sich aufrichtete, fiel ihr Blick auf die kleine, weiße Statue.</p>
+
+<p>»Lasset die Kindlein zu mir kommen,« sprach sie, wie geistesverloren vor
+sich hin. Aber sie war so matt, daß sie keinen Schritt machte, sondern
+mit hängenden Armen stehen blieb.</p>
+
+<p>Gleich darauf fühlte sie sich hart am Arm ergriffen, umkrallt, so daß
+sie hätte schreien mögen; ganz nahe blitzten die finsteren,
+mißtrauischen Männeraugen in die ihren.</p>
+
+<p>»Wozu sagst du das?« hörte sie seine vor Aufregung heisere Stimme,
+ȟberhaupt du warst stets so viel mit ihm zusammen; ohne Umschweife, ich
+traue dir nicht. Und was trägst du da im Bündel? Ich will es jetzt
+wissen.«</p>
+
+<p>Er streckte die Hand danach aus, aber sie hob ihre Schätze hoch in die
+Höhe.</p>
+
+<p>Dann begann sie plötzlich aufzulachen, höhnisch und verzweiflungsvoll,
+und als sie sich zur Seite wandte, gewahrte sie, daß zum Fenster bereits
+schwarze Nacht hereinsah.</p>
+
+<p>Unterdessen drang der Strandpastor zum zweitenmal auf sie ein. Noch
+drohender als vorhin.</p>
+
+<p>Ja, sie merkte es, es war alles verloren, alles stürzte zusammen, hier
+war ihre Ruhestätte nicht.</p><p><span class="pagenum"><a name="Page_275" id="Page_275">275</a></span></p>
+
+<p>Aber draußen lugte die Nacht herein und rief und rief.</p>
+
+<p>Da streckte sie ihm mit einer wilden Bewegung ihr Tuch entgegen.</p>
+
+<p>»Was in dem Bündel steckt?« schrie sie und wühlte alles hastig auf, daß
+der Inhalt hervorquoll. »Hier, sieh, Ketten und Armbänder und Ringe &mdash;
+ganz teure, die sind was wert &mdash; und alle für mich &mdash; alle für mich &mdash;
+die verkauf &mdash; hörst du &mdash; hier &mdash; hier.«</p>
+
+<p>Damit raffte die Rasende einzelne Stücke heraus, schleuderte sie ihrem
+Bedränger mit aller Kraft vor die Füße, warf das ganze Bündel hinterher,
+und nachdem sie ihn noch einmal verächtlich angelacht hatte, wie sich
+weidend an seiner Betäubung, lief sie, gleich einem Hunde, der Schläge
+fürchtet, zur Türe hinaus. Paul hörte sie die Treppe hinunterspringen,
+vernahm einen heulenden Ruf, er hörte die Haustür klingeln, aber er
+regte sich nicht, er stand und starrte mit kaltem Entsetzen auf die
+Schmucksachen, die sich wie Ringe einer goldenen Schlange zu seinen
+Füßen wanden; in großen gleißenden Ringeln &mdash; die ewige Versucherin der
+Menschheit.</p><hr class="chap" /><p><span class="pagenum"><a name="Page_276" id="Page_276">276</a></span></p>
+
+
+
+
+<h3>IV</h3>
+
+
+<p>Unterdessen saß Dietrich Siebenbrod gerade unter der breitschirmigen
+Petroleumhängelampe des Moorluker Kruges, den er seit seiner Hochzeit
+nicht mehr betreten hatte, und vor ihm stand ein großes Glas Branntwein,
+was ebenfalls ganz gegen seinen Pakt verstieß.</p>
+
+<p>Aber sein Pakt war aufgehoben, war »intzwei« gegangen, wie er schon
+mehrfach vor sich hingestöhnt hatte, »es war allens intzwei gegangen,
+die lange Arbeit, und de fiv Küh, und das Haus und die
+Sparkassenbüchers, ja, ja und die fiv Küh.«</p>
+
+<p>Aberst warum? &mdash; Warum?</p>
+
+<p>Mit dumpfem Grollen schob der Fischer die langen Beine weit von sich
+unter den Tisch, und nachdem er seinen Branntwein hinuntergestürzt,
+strich er sich über das erhitzte Gesicht, denn er konnte die Spirituosen
+nicht mehr vertragen.</p>
+
+<p>»Smeckt nich mehr, der lütte Kirsch,« seufzte er und steckte beide
+Daumen in den Mund und biß darauf und schüttelte sich und fuhr sich
+durch die Haare und warf sich auf seinem Stuhl herum, als ob er die
+richtige Lage nicht finden könnte. Und so war es auch, denn wie er sich
+drehte, immer sah er durch die Tür, die der Schwüle wegen weit offen
+geblieben war und durch den Garten, in welchem die Blätter
+herumwirbelten, auf sein eigenes Haus, »up sin Hüsing«, das nun ein
+fremder Barbier kriegen sollte.</p>
+
+<p>Ja, ja, wie er sich um dies Haus Müh gegeben hatte, all damals, als der
+selige Herr Klüth noch lebte, denn, weiß der Deuwel, es war ihm immer so
+vorgekommen, als ob er der nächste Erbe des alten Lotsen sein würde.</p><p><span class="pagenum"><a name="Page_277" id="Page_277">277</a></span></p>
+
+<p>Und nu? Intzwei &mdash; ganz intzwei.</p>
+
+<p>Ja, ja, das kommt davon, wenn man in 'ne vornehme Familie heiratet.</p>
+
+<p>Und dieser Pastor, der gar keine Ahnung von das praktische Leben hatte,
+der gar nicht wußte, was eigentlich ein Klüwer bedeutete oder gar
+Ballast und der keinen Hering von einer Rotauge unterscheiden konnte,
+wodurch doch erst all das schöne liebe Geld in die Sparkassenbücher
+reingekommen war; der konnte nu ganz einfach kommen und alles
+fortschenken, das Haus und die Sparkassenbücher und die Küh? &mdash; I, das
+stritt doch gegen jede Menschlichkeit. Ne, ne, bloß nichts mehr hören
+und sehen, hol alles der Deuwel, bloß alles der Deuwel. Denn, wenn man
+da dran dachte &mdash; »Möller noch ein Glas, sehr schön dein Kirsch &mdash; kannst
+mir gleich die ganze Flasche bringen, ich bleib heut lange, aus
+Schabernack, aus purem Schabernack, prost.«</p>
+
+<p>Ja, das war heut morgen gewesen, in aller Früh, er hatte gerade nach der
+langen Nachtfahrt sich auf den Schemel hinter dem Herd gesetzt, um noch
+ein paar Augen voll zu nehmen, und Mudding, die neben ihm saß, hatte ihm
+eben den Kaffeetopf aus der Hand gewunden, damit der nicht auf die roten
+Ziegelsteine stürze, da war der Hafenmeister in die Küche getreten, mit
+der Meldung, der Herr Konsul Hollander hätte eben selbst
+heraustelefoniert, Siebenbrod möchte eiligst in das Kontor kommen. &mdash;</p>
+
+<p>»Möller, Möller, noch ein Glas &mdash; &mdash;«</p>
+
+<p>Darauf das verwunderte Reden von Mudding.</p>
+
+<p>»Siebenbrod, sollst sehn, da stimmt was nicht.«</p>
+
+<p>»Ja, Mudding, das hab' ich mir all lang gedacht.«</p>
+
+<p>»Du auch? &mdash; Du meinst doch nicht etwa gar wegen Bruno?«</p>
+
+<p>»Ja, kuck, Mudding, wenn man bunte Oberhemden trägt und enge Hosen, dann
+&mdash; &mdash;«</p>
+
+<p>»Was? &mdash; ach du lieber Gott &mdash; was meinst du, Siebenbrod?«</p>
+
+<p>»Je, ich mein, dazu muß man geboren sein, Mudding. Und dann &mdash; <span class="pagenum"><a name="Page_278" id="Page_278">278</a></span>&mdash;«</p>
+
+<p>»So sag' doch &mdash;«</p>
+
+<p>»Hat mich auch gestern so viel über unsere paar Groschen ausgefragt, und
+über unsere Küh, sieh Mudding, dabei hab' ich immer ein ungemütliches
+Gefühl. Von so verschwiegenen Dingen spricht man doch nich.«</p>
+
+<p>»Geh rasch!« rief die kleine Frau und rang aus ihrem Stuhl die Hände.
+»Geh bloß.«</p>
+
+<p>»Ja, ja, Mudding, ich geh ja all &mdash; aber das sag' ich man, was Gutes
+wird das nich.«</p>
+
+<p>In dem Kontor war er dann mit dem neuen Pastor zusammengetroffen. Es war
+das kleine Privatkabinett des Konsuls, und ehe Stiefvater und Sohn noch
+ihre Verwunderung über das Zusammentreffen hatten austauschen können, da
+war der Konsul bereits eingetreten, hatte sich auf das Ledersofa
+geworfen, um mit niedergeschlagenen Augen, und als wenn er von sich die
+größte Dummheit erzähle, seinen Besuchern das Vergehen und das
+Verschwinden Brunos auseinanderzusetzen. Dabei war es für den Fischer,
+den das Ereignis nicht gerade sonderlich umzuwerfen schien, obwohl er es
+dennoch für familiär und passend hielt, eine bedenkliche Miene
+aufzusetzen, dabei war es für ihn doch »heil komisch« gewesen, zu
+betrachten, wie sich Hollander bei seiner Erzählung zwar entrüstet das
+Knie rieb, anderseits aber schmerzlich-behaglich schmunzelte, wie
+jemand, der zuletzt doch recht behält.</p>
+
+<p>»Na ja, war 'ne riesige Dummheit von mir, hatte mich zum Schluß
+wahrhaftig ebenfalls sicher machen lassen, kostet mich viel Geld die
+Erfahrung &mdash; aber schließlich, &mdash; was habe ich gleich gesagt? Unsicherer
+Kantonist, das Kerlchen! &mdash; Na also, Herr Pastor, nun möchte ich mit
+Ihnen noch eine Kleinigkeit besprechen, eine ganze Kleinigkeit. Kommen
+Sie.«</p>
+
+<p>Damit waren die beiden in das leere Kassenzimmer getreten und hatten den
+Fischer ruhig draußen sitzen lassen, als wenn er an der Angelegenheit
+nicht weiter beteiligt wäre.</p><p><span class="pagenum"><a name="Page_279" id="Page_279">279</a></span></p>
+
+<p>Als der Zechende bei diesem Teil seiner Erinnerungen angelangt war,
+schien ihn die Wut von neuem zu übermannen. Er stieß mit den Füßen gegen
+die Tischbeine, daß es krachte, und rief beinahe schmerzlich: »Einen
+Seidel und einen Schnaps zugleich, Möller &mdash; und mach' die Tür zu, die
+verfluchte Tür, damit ich nich mehr mein Haus sehen kann, &mdash; mein
+Hüsing. &mdash; Mak de Dör tau, Kirl. Prächtig &mdash; gut der Schnaps &mdash; gut das
+Bier.«</p>
+
+<p>Da waren der Pastor und Hollander eine lange Weile in dem kleinen
+Verschlag geblieben, und als sie endlich heraustraten, da hatte Paul
+verweinte Augen gehabt, und dann war der Strandpastor schweigend mit dem
+Fischer an den Hafen geschritten, von wo sie mit einem der kleinen
+Flußdampfer nach Moorluke zurückfuhren.</p>
+
+<p>Aber diese Begleitung und das brütende Schweigen des stillen, wortkargen
+Menschen, dem noch jetzt von Zeit zu Zeit ein Tropfen über die Wange
+lief, waren Siebenbrod allmählich drückend geworden: »Willst du &mdash; &mdash;
+wollen Sie denn zu meiner Frau?« hatte er gefragt, während sie beide
+neben dem Schornstein des Dampfers standen und in das aufwogende
+Hafenwasser sahen.</p>
+
+<p>»Ja.«</p>
+
+<p>»Was wollen Sie da?«</p>
+
+<p>»Da will ich uns wieder ehrlich machen.«</p>
+
+<p>»Was?«</p>
+
+<p>Der Fischer steckte beide Hände in die Taschen und schlug ein grobes
+Gelächter auf: »Was! &mdash; Ich will Ihnen eins was sagen, Herr Pastor, ich
+hab' keinem was gestohlen, und deshalb bin ich auch keinem was schuldig,
+verstehen Sie mich, Herr Pastor?«</p>
+
+<p>Der Hagere sah ihn an, verständnislos, als habe er gar nicht auf die
+Worte des anderen geachtet, nickte und beugte sich wieder über Bord, um
+die ganze Fahrt in das schwarze, strudelnde Wasser zu starren.</p>
+
+<p>Den Fischer beachtete er nicht mehr, sprach kein Wort mit ihm, erkannte
+ihn wohl auch nicht einmal, wenn sein Auge zufällig auf ihn fiel.</p><p><span class="pagenum"><a name="Page_280" id="Page_280">280</a></span></p>
+
+<p>Ja, ja, wenn man bloß ein Fischer mit Transtiefeln an den Füßen war.</p>
+
+<p>»Möller &mdash; Möller &mdash; bring' mich noch mehr. &mdash; Nun seh ich mein Hüsing
+nich mehr. &mdash; Hurra, nun seh ich wenigstens nichts mehr &mdash; das Haus nich
+und den Pastor nich, und die alte Frau nich &mdash; hol alle der Deuwel.«</p>
+
+<p>Und dann zu Hause.</p>
+
+<p>Wie die alte Frau in Ohnmacht lag, und wie Hann ihre Hände in kaltes
+Wasser tauchen mußte, und wie sie immer nach dem Spitzbuben rief. Und
+dann wollte sie auch mit ihrem Ältesten allein bleiben, und ebenso, wie
+beim Konsul, saß der Mann auf der Bank am Fluß und hielt die Hände in
+den Taschen und besah sich seine Pantoffeln, und dachte gemütlich: »Wie
+das woll wird?«</p>
+
+<p>Aber dann kam's.</p>
+
+<p>Dann kam's.</p>
+
+<p>»Halunken, studierte Menschen, verrückte Weibsbilder, wollt ihr mich
+woll vom Leibe bleiben! Möller, Möller, zu trinken. &mdash; Was? &mdash; Nu sieh
+doch. Ihr wollt dem alten, lungrigen Fuchs, dem Hollander, sein
+Verlorenes wiedergeben? Hör ich auch noch richtig? &mdash; Möller, Möller,
+hast's auch gehört? Sie wollen fünfundzwanzigtausend Mark bezahlen? Ha
+&mdash; ha. Spaß, Spaß, das is ja bloß zum Lachen. Nein? Ihr habt keine
+ruhige Minute mehr? Und ihr meint das alles im Ernst? &mdash; Da soll ja der
+Satan &mdash; aber was schert mich das alles? Meinetwegen. Wenn ihr soviel
+Geld übrig habt. Immer zu. Mir ist allens recht. Mudding hat vielleicht
+soviel im Strumpf versteckt. Das nich? &mdash; Sondern meine Spar &mdash; kassen
+&mdash; bücher? Und &mdash; ah &mdash; das Haus?«</p>
+
+<p>Die Luft blieb dem Manne aus, der mit kupferrotem Angesicht in dem
+einsamen Krugzimmer saß. In toller Wut schmetterte er ein Seidel auf das
+andere, daß die Scherben herumspritzten, und schleuderte das nächste
+gegen die Wand.</p>
+
+<p>»Was? &mdash; was? &mdash; Mein Haus, mein Hüsing, &mdash; meine Bücher? Ihr seid woll
+mall? Ich hab' nichts &mdash; und ich geb' nichts.<span class="pagenum"><a name="Page_281" id="Page_281">281</a></span> &mdash; Acht Jahr gearbeitet
+&mdash; im Wasser gelegen &mdash; und nu? &mdash; Und nu? &mdash; Bleibt mir vom Leibe, weg
+&mdash; weg.«</p>
+
+<p>&mdash; &mdash; Wieder schrie er nach Bier.</p>
+
+<p>Aber was geschah nun?</p>
+
+<p>Er stierte vor sich hin. Er sah es noch einmal, ganz deutlich. Aus dem
+Stuhl, in dem sie so viele Jahre gesessen, richtete sich die gelähmte
+Frau auf, langsam, ganz langsam. Und sachte, ganz sachte, streckte sie
+die weiße Hand gegen ihn aus.</p>
+
+<p>»Siebenbrod, ich hab' dir das Haus und das Geld so lange gelassen, &mdash;
+aber nu will ich es wieder haben.«</p>
+
+<p>»Mudding &mdash; du willst &mdash; mich &mdash; mein Geld nehmen?«</p>
+
+<p>»Siebenbrod, ich muß.«</p>
+
+<p>»Mudding, überleg dich, wem gehört das alles?«</p>
+
+<p>»Mir gehört es. Ich habe alles zugebracht, und das Haus und die
+Sparkassenbücher sind auf meinen Namen geschrieben.«</p>
+
+<p>»Das wohl &mdash; das wohl, aber Mudding, das mit den Sparkassenbüchern hab'
+ich doch nur aus Vorsicht getan. Ich bitt' dich, um Gottes seiner
+Barmherzigkeit, du willst mir doch nich meine paar Groschen nehmen? Das
+einzige, was ich hab'?«</p>
+
+<p>Ihr stürzten die Tränen aus den Augen. Sie sah aus, als ob sie sterben
+wolle: »Ich muß!«</p>
+
+<p>»Nun dann &mdash; dann hol' euch alle zusammen der Deuwel« &mdash; heulte er auf,
+»dann weiß ich ja, mit wem ich's so lang zu tun gehabt hab' &mdash; hier &mdash;
+hier &mdash;«</p>
+
+<p>Er war auf einen Schub zugewankt, und nun flogen ein paar Bücher auf die
+Erde, daß die Fetzen herumflattern &mdash; »hier, Pastor, hier hast du's &mdash;
+is 'ne ganze Masse &mdash; und das Haus auch, das wollte ja immer schon der
+Barbier haben. &mdash; Und die Küh &mdash; Herrgott, Herrgott, die Küh auch. Aber
+was geht mich das an? Ich sag' weiter nichts, als hol' euch alle
+zusammen der Deuwel, alle in einem Wagen. Ich hab' hier nichts mehr zu
+suchen.«</p>
+
+<p>Und jetzt saß er in dem einsamen Krugzimmer, und draußen wirbelten die
+Blätter, und es wurde dunkler und nächtiger.</p><p><span class="pagenum"><a name="Page_282" id="Page_282">282</a></span></p>
+
+<p>»Prost, Möller &mdash; prost. Wie dunkel das draußen geworden is. Schmeckt
+wunderschön, dein Bier. Aber wer kommt da? Is das nich oll Kusemann, der
+da reinkommt? Richtig, setz' dich hierher, oll Kusemann. Hab' dich
+früher nich leiden mögen, aberst heut bezahl ich alles. Hm, was sagst
+du?«</p>
+
+<p>»Je, ich bin nich neugierig, Siebenbrod, aberst is es wahr, was mich
+Hann erzählt hat, daß du dein Haus &mdash; &mdash;?«</p>
+
+<p>»Ja, ja, wird verkauft.«</p>
+
+<p>»Huch &mdash; und das Vieh und die Boote auch?«</p>
+
+<p>»Allens.«</p>
+
+<p>»Herrje, man erschrickt sich ja förmlich, aber was machst du denn
+später?«</p>
+
+<p>»Ich? &mdash; Ich? Oll Kusemann, warum hast du auf einmal vier Augen und zwei
+Nasen? Ich schlag dir eins ins Genick, wenn du das noch mal machst. Oder
+ich häng dich hier an den Türpfosten auf. Aber sag' eins, du bist ja ein
+kluger Kopf, wie is das eigentlich mit dem Aufhängen? &mdash;«</p>
+
+<p>»Das? &mdash; das? Ne feine Sache soll das sein. Da hört man Musik, wie auf
+einem Tanzboden, aber du wirst doch nich &mdash;«</p>
+
+<p>»Schnack. Oh, das Leben is mal recht dämlich. Als ich klein war, da hab'
+ich mich immer ne Spieldos gewünscht, und nu &mdash; aber wollen trinken. &mdash;
+Die Geschicht mit der Musik gefällt mir &mdash; das lügst du doch auch nich?
+&mdash; Wollen trinken &mdash; immer mehr &mdash; immer mehr. Pfui, das Leben riecht
+wie ein fauler Hering. &mdash; Pfui, pfui!«</p>
+
+<p class="center">&mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; <br />
+&mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; <br />
+&mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; </p>
+
+<p>In das kleine Lotsenhaus war gegen Abend neue Verwirrung eingedrungen,
+als Paul zum zweitenmal erschienen war, um, wie er vorgab, sich nochmals
+nach der Mutter zu erkundigen, in Wahrheit aber, um Hann beiseite zu
+ziehen und ihm allerlei wirre Andeutungen über Line zu geben. Der junge
+Geistliche war ganz gebrochen.<span class="pagenum"><a name="Page_283" id="Page_283">283</a></span> Und als die beiden Brüder in der
+Dunkelheit auf dem Flur standen, dort miteinander flüsternd, damit in
+der Stube die Mutter, die ohnehin leise vor sich hinweinte, nichts
+bemerke, da mußte der Pastor sich an dem Holz der Haustür festhalten.</p>
+
+<p>»Daß sie so sinken konnte,« murmelte er vor sich hin und rüttelte
+beinahe an der Klinke, »daß sie so schlecht werden konnte.«</p>
+
+<p>Hann stand neben ihm, in seinen blauen Drillichhosen und mit der offenen
+Schifferjacke, das plumpe Haupt, auf dem die strohblonden Haare bereits
+spärlicher herunterfielen, war ihm tief auf die Brust gesunken. Er mußte
+sich mehrfach räuspern, ehe er antworten konnte. Auch so klangen seine
+Worte noch gepreßt genug.</p>
+
+<p>»Ja,« entgegnete er mühsam, »sie wird ihn wohl sehr lieb gehabt haben.«</p>
+
+<p>Der Strandgeistliche atmete hörbar: »Aber sie hat ihn zu
+Schlechtigkeiten verführt, sie hat gehandelt wie eine &mdash; &mdash; &mdash;«</p>
+
+<p>Hier stöhnte er laut auf.</p>
+
+<p>»Ja,« sagte Hann vor sich hin, »mich dünkt, die eine Liebe is heiß und
+die andere kalt &mdash; die eine will in Seide gehn und die andere in
+Pantoffeln. Es kommt allens so, als es kommt.«</p>
+
+<p>»Aber wir müssen unsere Natur bezwingen.«</p>
+
+<p>»Ja,« schüttelte Hann traurig das Haupt, »das sagt ihr so. Ich hab'
+immer gedacht, um viele Naturen wär' es dabei doch schad. Kuck, Line zum
+Beispiel war mich immer gerade so recht.«</p>
+
+<p>Der Pastor sah den Schiffer zweifelhaft an, dann lenkte er rasch ab, und
+indem er die Flurtür öffnete, durch die bereits die Dunkelheit
+hereinsah, klagte er: »Nacht. Wie sollen wir sie jetzt finden?«</p>
+
+<p>»Müssen sie eben suchen,« versetzte Hann halblaut, obwohl seine Stimme
+stark zitterte. Dabei bückte er sich und hob von der Diele eine große
+Stallaterne empor, die er ansteckte.</p>
+
+<p>Ein wunderliches, verschwommenes Licht fiel nun über den
+rotgepflasterten, langen Gang.</p>
+
+<p>»Wenn sie sich ein Leid angetan hätte,« fuhr der Pastor fort, und wieder
+zitterte die Tür, als ob er an ihr gerüttelt hätte.</p><p><span class="pagenum"><a name="Page_284" id="Page_284">284</a></span></p>
+
+<p>Hann fuhr zusammen. Die Laterne baumelte in seiner Hand hin und her.
+Dann dachte er nach.</p>
+
+<p>»Nein,« schloß er endlich und strich sich die Haare aus der Stirn. »Line
+hat das Leben lieb; daher kommt woll auch alles.«</p>
+
+<p>Wieder traf ihn ein verwunderter Blick des Bruders, dann aber trat Paul
+auf ihn zu und drückte krampfhaft die Hand des Fischers. Alle geistige
+Überlegenheit schien weggewischt.</p>
+
+<p>»Wie soll es hier nur werden?« fragte er und drängte sich immer mehr an
+die Seite des Bruders. »Sieh, ich &mdash; ich trete am ersten Juli meine
+Stelle auf dem Walsin an, und die Hälfte von meinem Gehalt, die gehört
+euch natürlich. Aber die Pfründen eines Strandgeistlichen sind knapp,
+mehr würde ich bei allem guten Willen nicht erübrigen können. Aber du,
+Hann, du armer Junge, wie wirst du hier alles zusammenhalten können? Und
+noch dazu bei diesen Vorwürfen von Siebenbrod, wenn das Haus erst
+verkauft wird und das Vieh? Er ist ja auch tief zu bedauern, der arme
+Mann. Aber dann &mdash; was wird dann?«</p>
+
+<p>»Oh,« sagte Hann und suchte in seinem Geiste nach etwas, was den schwer
+Bedrängten trösten könnte, wobei er schief in seine Laterne
+hinunterblinzelte: »Sieh, Paul, eins von den drei Booten bleibt uns ja,
+und wenn Siebenbrod auch nicht mehr mithalten will, mit dem Boot werd'
+ich schon wieder von vorn anfangen. Es wird schon gehen. Und dann, ich
+weiß hier eine Stube und eine Küche, wo auch ein Fenster auf die See
+zugeht, damit Mudding dran sitzen kann. Die mieten wir uns. Weißt du,
+bei Klaus Muchow, bei dem Taubstummen, du kennst ihn ja. Und da richten
+wir uns ein, so gut es eben gehn will.«</p>
+
+<p>Es klang soviel Gutherzigkeit aus den einfachen Worten, daß Paul sein
+Gefühl nicht länger unterdrücken konnte, sondern mit einer krampfhaften
+Bewegung die Wange des plumpen Burschen zu streicheln begann.</p>
+
+<p>»Aber hast du auch bedacht, lieber Bruder,« stammelte er, »daß<span class="pagenum"><a name="Page_285" id="Page_285">285</a></span> du mit
+diesem Vorsatz dein ganzes Leben unserer Familie zum Opfer bringst? Hast
+du das auch bedacht?«</p>
+
+<p>»Ja, wenn es aber nun nich anders einzurichten geht?«</p>
+
+<p>»Lieber Junge &mdash;« und er legte ihm schwer die Hand auf die Schulter,
+»aber deine Braut? &mdash; Denkst du auch daran? &mdash; Klara Toll? Was wirst du
+der sagen?«</p>
+
+<p>Hier senkte Hann tiefer und tiefer sein Haupt und ließ die Laterne
+schaukeln, als wenn der Wind sie triebe. »Ja,« kam es endlich schwer aus
+ihm heraus, »das arme Mädchen &mdash; hätt' ihr auch was Besseres gewünscht.
+Aber,« seufzte er hinterher, »sie verliert woll nich viel an mir.«</p>
+
+<p>Als sie so sprachen, fuhr durch die Tür ein Windzug, der heulte durch
+das Haus und ließ die Bodenklappen zittern und löschte Hanns Laterne
+aus.</p>
+
+<p>»Line,« rief der unwillkürlich, denn ihm fiel ein, daß die Unglückliche
+noch immer unterwegs sein könnte, und während er seine Leuchte mit
+tappender Hand von neuem entzündete, warf er hastig die Frage hin: »Und
+Lining? &mdash; Was wird aus der?«</p>
+
+<p>Der Pastor murmelte etwas. Dann schlug er den Mantelkragen in die Höhe,
+und nachdem er auf die Straße hinausgetreten war, hörte Hann, der an
+seiner Seite geblieben war, wie der Geistliche in Aufregung hervorstieß:
+»Wenn ich sie doch nicht von mir gelassen hätte. Wenn ich sie doch
+gehalten hätte, wie es meine Pflicht war. Aber sobald wir sie wieder
+haben, und es kann mit Ehren geschehen, dann nehme ich sie mit mir &mdash; &mdash;
+bei mir &mdash; &mdash; &mdash;«</p>
+
+<p>Das übrige verwehte der Wind.</p>
+
+<p>Dann gingen sie weiter, sie zu suchen.</p>
+
+<p class="center"><sup>*</sup>     <sub>*</sub>     <sup>*</sup></p>
+
+<p>Durch die sternenlose Nacht heulte ununterbrochen der Wind. Der Fluß
+wälzte rastlos schwarze Wellen zur Mündung, rascher, immer rascher; aber
+draußen, dem großen Wasser, dem nimmersatten, konnte es nicht genug
+werden, und es erhob sich wie ein<span class="pagenum"><a name="Page_286" id="Page_286">286</a></span> Geizhals, wie ein Gläubiger, der
+eintreiben will, und schrie: »Mehr &mdash; mehr!«</p>
+
+<p>Hei, wie zauste und wühlte jetzt der Wind in den Binsengebüschen, wie
+trieb er den Fluß stoßend gegen sie an, und wie murmelte und gurgelte es
+dann zwischen den Gräsern.</p>
+
+<p>Nun wurde wieder ein Stück festen Landes mürbe, nun bullerten kleine
+Blasen in die Höhe, und der Fuß, der dort stand, sank ins Feuchte.</p>
+
+<p>Und dort stand wirklich jemand, ein junges Weib, dem die Haare um das
+Haupt wehten, dem die Röcke vor dem brausenden Sturm um den Leib
+wirbelten, es stand und hielt sich an den hochgewachsenen Stauden fest
+und lugte bald zu den kleinen Lichtern hinüber, die aus den Moorluker
+Häuschen herausdämmerten, bald kehrte es sich zu dem Kreuzweg zurück, wo
+die Fänge der alten Windmühle in rasender Eile im Kreise schwirrten.</p>
+
+<p>Es sah aus, als ob dort über dem Kreuzweg eine dicke, zerzauste
+Fledermaus in der Nacht hocke, die mit den Flügeln schlug, und wenn sie
+von Zeit zu Zeit ihr: »Rah-rah« schrie, dann ging ein halb wildes, halb
+irres Lächeln über das Gesicht des Weibes, und es wand sich hin und her,
+als wüßte es keinen Entschluß zu fassen.</p>
+
+<p>Ja, dort drüben hinter dem struppigen Garten, da schimmerte Licht aus
+dem Lotsenhäuschen. Da saß gewiß noch Mudding und strickte an dem ewigen
+Strumpf. Sie saß sicher ganz allein; denn Siebenbrod war wohl trotz des
+Sturmes auf See gefahren, und Hann hatte sie ja soeben mit einer Laterne
+den Landweg entlang wandern sehen. Oh, wie gespenstisch hatte es sich
+gemacht, als der rote Lichtstrahl langsam zwischen den Binsen
+durchgekrochen kam, um dann zuckend über das Wasser zu spiegeln. Aber
+als das Mädchen der oben vorübertappenden Gestalt mit den Blicken
+gefolgt war, da hatte die Einsame trotz aller Verlassenheit ein kurzes,
+hämisches Gelächter ausstoßen müssen.</p>
+
+<p>Freilich, leise &mdash; leise, damit der oben es ja nicht höre, denn sie
+wollte sich nicht aufstöbern lassen.</p><p><span class="pagenum"><a name="Page_287" id="Page_287">287</a></span></p>
+
+<p>Ha, ha, wie plump der Bauer doch dort oben dahintappte, die Laterne in
+dem steifen Arm weit vorgereckt, damit er den Weg nicht fehle. Und &mdash; da
+&mdash; jetzt stolpert er. &mdash; Sie lachte boshaft.</p>
+
+<p>Und dort drüben in das verräucherte Häuschen wollte sie wirklich wieder
+einkehren, wollte alles beichten und sich dann anstarren lassen von den
+vorwurfsvollen, dummen Augen dieses Hann? Und dann die anderen Dörfler?
+Oll Kusemann, wie der wohl ihre Schande erzählen würde von Tür zu Tür?
+&mdash; Und die rohen Scherze von Siebenbrod &mdash;?</p>
+
+<p>»Rah-rah,« schrie die Fledermaus dazwischen.</p>
+
+<p>»Nein.«</p>
+
+<p>Das junge Weib schlug mit der Hand auf die Binsen und zog die Röcke
+enger um sich zusammen. Jetzt stand es bei ihr fest. Zu diesen dummen,
+beschränkten Tröpfen ließ sie sich nicht herab. Zu Fräulein Dewitz auch
+nicht. Alles kleinliche, spießbürgerliche Menschen. Und dann &mdash; und dann
+&mdash; sie bog die Binsen auseinander und lugte wieder forschend über die
+vorüberwallende Flut &mdash;, sie wollte überhaupt nichts abbitten, nichts
+beichten. Was sie getan hatte, was ging es die anderen an? &mdash; Namentlich
+jetzt, wo sie es zu Ende bringen wollte? &mdash; Ihr schien, sie hätte nichts
+zu bereuen, und sie wollte auch nicht bereuen. Nein, nein, immer
+trotziger leuchtete es durch ihren Sinn, daß es doch eine wilde,
+freudige Stunde gewesen, damals, als in dem engen Stübchen die Schuld
+über sie gekommen war, und im Grunde ihres Herzens konnte sie auch dem
+Fernen, den die anderen Verbrecher nannten, nicht zürnen; sie hatte ja
+alles so gewollt &mdash; und jetzt, jetzt sollten die anderen, die Dummen,
+sie in Frieden lassen, sie war einmal so gewesen und wollte jetzt Ruhe
+haben, Ruhe und Stille. Sie machte einen raschen Schritt vorwärts, der
+moorige Boden gab nach, eiskalt schoß es an ihr vorüber.</p>
+
+<p>Noch einen Schritt; sie taumelte, über die Knie bereits stieg diese
+furchtbare, bezwingende Lähmung.</p><p><span class="pagenum"><a name="Page_288" id="Page_288">288</a></span></p>
+
+<p>»Rah &mdash; rah,« schrie die Fledermaus auf dem Kreuzweg und schlug wie toll
+mit den Flügeln durch die Nacht.</p>
+
+<p>Aber warum klammerte sich Line in Todesangst an die schwanken Binsen,
+warum griff sie immer nach neuen hinter sich, sobald sie einen Büschel
+abgerissen hatte, warum arbeitete sie sich zurück und lief, wie gehetzt,
+fast bis unter die Windmühle zurück?</p>
+
+<p>Dort stand sie mit rasend klopfendem Herzen still. So war sie am
+Vormittag schon einmal geflohen, aber jetzt, warum jetzt wieder? In
+einen verzweifelten Schrei brach sie aus und preßte die Hände gegen die
+Schläfen. Noch suchte sie sich in ihrer Umnachtung zu überreden, es wäre
+nur der Ort, der ihrem Vorhaben nicht günstig wirke. Ja, ja, weiter
+oben, wo das Ufer schroffer, wo die Steinmauern sich dehnten &mdash; &mdash; &mdash;</p>
+
+<p>Wieder trieb sie es, nach der bezeichneten Stelle zu rennen, aber ihre
+Füße wurzelten gegen ihren Willen fest, und während sie wie ein
+furchtgeschüttelter, schwacher Mensch aufheulte, klammerte sie sich halb
+besinnungslos an die Unterbalken der Mühle an, als wollte sie sich
+selbst verhindern, noch einen einzigen Schritt weiter nach der Mündung
+hin zu richten.</p>
+
+<p>Nein, sie wollte nicht, sie wollte nicht, sie war noch so jung, es mußte
+noch einen Weg geben, sie war ja stark und trotzig, und sie hatte das
+Leben so lieb, so lieb &mdash; &mdash; &mdash;</p>
+
+<p>»Ich will nicht,« stammelte sie in ohnmächtiger Auflehnung, »ich will
+nicht.«</p>
+
+<p>Über den Landweg irrlichterierte schwankend hin und her &mdash; ein großer,
+leuchtender Funke. Manchmal verglimmte er, dann sprang er wieder empor,
+wackelte langsam näher und begann eine Lichtbahn vor sich her zu werfen.</p>
+
+<p>Die traf auf das Fachwerk der Windmühlenflügel, dann kletterten die
+Strahlen über die Unterbalken, und nun huschten sie über das Haupt und
+die zerzausten Haare des jungen Weibes.</p>
+
+<p>Als sie das Licht merkte, richtete sie sich gierig auf, auch der
+Leuchtkäfer hielt inne, in beträchtlicher Entfernung, wie erschreckt.</p>
+
+<div class="figcenter" style="width: 400px;">
+<img src="images/oppos_288.jpg" width="400" height="620" alt="Illustration" />
+</div>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_289" id="Page_289">289</a></span></p>
+
+<p>In der unwegsamen Nacht, bei dem heulenden Winde, der Stoß auf Stoß
+gegen die Mühle fegte, starrten die beiden Menschen zueinander herüber,
+beide das Licht segnend, das tröstliche, göttliche, ohne das sie sich
+nicht gefunden hätten. Aber es war nur der erste Augenblick, der in dem
+gejagten, jungen Geschöpf friedlichere Gefühle wecken konnte, dann
+stemmte sie sich mit beiden Armen über den Balken, auf dem sie lehnte,
+und ohne auf ihre triefenden Röcke zu achten, rief sie zu ihrem Retter
+hinüber, in einem Ton, der deutlich erkennen ließ, daß sie jedes
+Einmischen in ihr Leben mit Feindseligkeit zurückweisen würde: »Hann,
+was willst du hier?«</p>
+
+<p>»Lining, bist du's?«</p>
+
+<p>»Du siehst ja.«</p>
+
+<p>Ein Atemzug der Erleichterung kam von Hann.</p>
+
+<p>Der Leuchtkäfer kroch wieder einen Schritt näher, seine Strahlen trafen
+die Füße des jungen Weibes und ihre Röcke, von denen das Wasser
+herableckte.</p>
+
+<p>Hann zuckte zusammen, als ob ihm etwas wehe täte, und seinem natürlichen
+Sinn leuchtete sofort ein, was er hier etwa verhindert haben könnte.</p>
+
+<p>Schwerfällig hob er die Laterne und gedachte auch das Gesicht der
+früheren Hausgenossin, die er bewußt oder unbewußt so lange entbehrt
+hatte, zu erhellen, da rief sie wieder, nur schärfer, erbitterter und
+ganz in dem Gefühl, daß sie sich gegen das Mitleid dieses Bauern zu
+wehren hätte: »Hann, wie kommst du um diese Zeit auf die Landstraße? &mdash;
+Was machst du hier?«</p>
+
+<p>»Ich? &mdash; O Lining &mdash; &mdash;«</p>
+
+<p>Und der Fischer, der nie log, empfand sofort, daß er ihr jetzt um keinen
+Preis gestehen dürfe, wie sehr er nach ihr gespäht habe.</p>
+
+<p>»Oh &mdash; Lining,« brachte er hervor, indem er trotz alledem die Wahrheit
+sagte, »ich hatt' hier was verloren.«</p>
+
+<p>»Du?« Sie bog sich weiter über ihren Balken vor, der sich wie zum Schutz
+zwischen ihnen reckte, und schüttelte wild das Haupt.</p><p><span class="pagenum"><a name="Page_290" id="Page_290">290</a></span></p>
+
+<p>»Das war wohl was sehr Kostbares?« höhnte sie rauh. Oh, und dabei tat es
+ihr heimlich doch wohl, mit einem Wesen von Fleisch und Bein reden zu
+können, wenn es auch nur Hann war.</p>
+
+<p>»War es etwas sehr Kostbares?« rief sie nochmals und stampfte mit dem
+Fuß, denn es quälte sie, daß man drüben in dem Häuschen ihre Schande
+wahrscheinlich schon kannte, und daß dieser Tölpel sie mit einer Laterne
+gesucht haben sollte.</p>
+
+<p>»Was Kostbares?« fragte Hann schwerfällig dagegen und starrte wieder
+durch die Nacht auf ihren wasserschweren Rock, von dem die Feuchtigkeit
+unaufhaltsam herabrieselte. »Lining, es will keiner gern was verlieren.
+&mdash; Aber du &mdash; &mdash;« in seiner Einfalt beschloß er, sie von ihrem Verdacht
+abzubringen, und das stellte er so an: »Aber es is gut, daß ich dich
+grad hier treff', denn du wolltest doch gewiß zu uns rüber.«</p>
+
+<p>Die ehrliche Haut vergaß, daß es eben vom Moorluker Kirchturm elf
+geschlagen hatte, und daß man in dieser Sturmnacht nicht die Hand vor
+Augen sehen konnte.</p>
+
+<p>Aber Line wurde durch die plumpe Gutmütigkeit, die sie so deutlich zu
+schonen suchte, nur noch mehr erbittert: »Was geht es dich an, wo ich
+hin will?« schrie sie heftig zu ihm hinüber, während sie in Wut auf den
+Balken schlug. Oh, sie wollte so gern diese Leute beschimpfen, die sich
+in ihre Selbstbestimmung drängten, und auf der anderen Seite wünschte
+sie so sehr, gerettet zu werden. &mdash; Das ist das Leben.</p>
+
+<p>Und Hann hörte in seiner Angst um die Irrende die Beschimpfung gar nicht
+einmal heraus. Langsam, vorsichtig, als könnte sie durch jeden Schritt
+verletzt werden, tappte er näher, bis er endlich die Laterne zwischen
+sich und das Mädchen auf den Balken stellen konnte. Und sofort hielt die
+Frierende beide Hände über das Licht.</p>
+
+<p>Jedes Geschenk des Lebens nahm sie gierig an.</p>
+
+<p>Es war ein wunderliches Bild, das die beiden jetzt boten: das junge
+frierende Weib mit den zerzausten Haaren und dem wilden, unsteten Blick,
+und ihr gegenüber der ungelenke Mann in der<span class="pagenum"><a name="Page_291" id="Page_291">291</a></span> flatternden Schifferjoppe
+und dem geduckten Haupt, beide unter der Mühle und bestrahlt von der
+Laterne.</p>
+
+<p>»Lining,« hob Hann wieder an, denn er fürchtete nichts so, als seinen
+kostbaren Fang aus dem Netz zu verlieren. »Is doch gut, daß ich dich
+hier treff', denn du wolltest gewiß zu uns herüber, und da die Brücke
+gebrochen ist, so muß ich dich in der Fähre rüberschaffen.«</p>
+
+<p>»So? Ist sie gebrochen?« wiederholte sie verächtlich. Aber Hann hielt
+fest, ganz dicht stand er jetzt vor dem Balken, so daß das zuckende
+Licht von unten sein Gesicht überhuschte.</p>
+
+<p>»Natürlich, Lining, is sie gebrochen. Hast du das vergessen? Aber du, &mdash;
+du hast gewiß von dem Unglück bei uns gehört. Und da wolltest du kommen,
+um Mudding zu trösten. Is nich so?«</p>
+
+<p>So hell war der Lichtkreis um die beiden geworden, daß die argwöhnische
+Line sofort an seinen scheu auf sie gerichteten Augen erkannte, wie sehr
+der Tölpel alles wußte.</p>
+
+<p>Oh, sie hätte ihn dafür mit der geballten Faust ins Gesicht schlagen
+mögen.</p>
+
+<p>»Wozu verstellst du dich?« fuhr sie ihn an und riß an seinem Arm. »Du
+weißt ganz gut, daß ich alles früher wußte, wie ihr. Wozu soll das?«</p>
+
+<p>Hann hielt still.</p>
+
+<p>»Lining, ich sagte man so. Aber dann weißt du gewiß auch, daß unser Vieh
+verkauft wird, und die Boote, und das Haus.«</p>
+
+<p>»Das Haus auch?« schreckte Line zusammen, während sie unwillkürlich nach
+der Richtung der leuchtenden Fensterchen herumfuhr.</p>
+
+<p>»Ja, das Haus auch, und wir mieten uns nun ein Stübing und 'ne Küche bei
+Klaus Muchow.«</p>
+
+<p>Als er von diesem Zusammenbruch sprach, da begann das Herz der
+Verstörten wieder zu hämmern, in rasendem Schlag, sie hob ihre Finger
+zum Munde und biß darauf herum. Wilde Verzweiflung durchstürmte sie
+wieder.</p><p><span class="pagenum"><a name="Page_292" id="Page_292">292</a></span></p>
+
+<p>Warum, warum war sie vorhin nicht unter den Binsen verschwunden? Nur
+einen Schritt galt es doch noch, und das Bett war so weich gewesen.
+Nein, nein, jetzt wollte sie nichts weiter hören. Mit einer Bewegung,
+unter der sich ihr ganzer Körper zusammenkrümmte, schnellte sie von dem
+Balken fort, und im nächsten Augenblicke wäre sie in der Nacht
+verschwunden gewesen, wenn nicht Hann in seiner Angst bereits den
+Querbaum übersprungen und sie nun an beiden Armen festgehalten hätte.</p>
+
+<p>Feste, klammernde Fischergriffe, unter denen sie sich in aufsteigender
+Wut hin und her wand.</p>
+
+<p>»Was heißt das? &mdash; Laß los!«</p>
+
+<p>»Hier sind viel Maulwurfslöcher. Ich dachte, du könntest fallen.«</p>
+
+<p>»Das is nich wahr. Du weißt was. Du willst etwas anderes von mir!«</p>
+
+<p>»Lining, komm hier an die Laterne.«</p>
+
+<p>»Weg!«</p>
+
+<p>»Lining, ich kann dich nich so fortlassen. Sieh, es is Nacht. Ich &mdash; ich
+glaub' auch, du hast dich mit Fräulein Dewitz erzürnt.«</p>
+
+<p>»So? Glaubst du?«</p>
+
+<p>Sie lachte, sie schrie auf.</p>
+
+<p>»Und da Mudding jetzt so im Unglück sitzt, so &mdash; oder wenn du nich zu
+uns willst, so hat Paul davon gesprochen, daß er dich mitnehmen möchte
+auf den Walsin. &mdash; Willst du das?«</p>
+
+<p>Da hatte sie sich losgeschüttelt und stieß ihn zurück.</p>
+
+<p>»Zu Paul? &mdash; In das Pastorhaus?«</p>
+
+<p>Mit einem Sprunge war sie an der Laterne, und unter einem schrillen Ruf,
+aus dem die Verzweiflung alles Weibliche genommen hatte, hielt sie die
+Leuchte hoch vor Hanns Antlitz in die Höhe, ob er etwa in dieser
+grausigen Umgebung Spaß mit ihr zu treiben wage.</p>
+
+<p>Aber des Burschen blaue Augen blickten sie in dem Lichtschein so
+bekümmert an, daß ihr die Laterne plötzlich klirrend auf die Erde sank.</p><p><span class="pagenum"><a name="Page_293" id="Page_293">293</a></span></p>
+
+<p>Ihr schwindelte, die Mühle wankte einen Augenblick vor ihr auf und ab,
+die Nacht tanzte vor ihr, so daß sie sich auf den Balken setzen mußte.
+Zorn, Todesangst und Erschöpfung hatten ihr alle Sehnen durchschnitten,
+kraftlos sanken ihre Hände gefaltet in den Schoß und ihr Haupt neigte
+sich zur Seite, so daß Hann erschreckt es mit beiden Händen stützen
+mußte.</p>
+
+<p>»Zu Mudding?« murmelte sie traumverloren.</p>
+
+<p>»Ja, Lining, oder zu Paul.«</p>
+
+<p>»Komm her, Hann, ich will dir was sagen.«</p>
+
+<p>Und als er sich zu ihr hinabbeugte, näherte sie den Mund seinem Ohr, um
+ihm etwas zuzuflüstern. Doch unvermittelt hielt sie inne.</p>
+
+<p>»Stell' die Laterne erst hinter uns.«</p>
+
+<p>Still folgte er ihr.</p>
+
+<p>So hockten nun beide zitternd da, vor ihnen Nacht und hinter ihnen das
+Licht. Dann näherte sie ihre Lippen von neuem seinem Ohr und flüsterte
+etwas. Erst stockend, dann heftiger, zum Schluß zornig, wie eine
+Anklage. Es war der Grund, warum sie für immer von einem Pastorenhause
+getrennt war &mdash; es war ihr Schicksal.</p>
+
+<p>Hann saß da, still und geduckt, und sank immer tiefer in sich zusammen.
+Er nickte und nickte, und so oft sie, ihn beobachtend, eine Pause
+machte, nickte er stärker, wie jemand, der etwas Freudiges oder
+Natürliches hört. Über dem armen Burschen war jetzt die Stunde, wo das
+menschliche Herz langsam anfängt zu bluten, um nie mehr ganz zu
+verharschen.</p>
+
+<p>Aber er nickte immer ernsthaft und beistimmend.</p>
+
+<p>»Kann ich zurück?« fragte sie am Schluß.</p>
+
+<p>»Lining,« erwiderte er mit halber Stimme, »über die Frage muß ich mich
+wundern. Wozu is ein Elternhaus da, als daß es Gutes und Schlechtes
+aufnimmt? Wär' es anders, könnt' es mich gestohlen werden. Komm,
+Lining.«</p>
+
+<p>Eine Viertelstunde später hörte man die Ruder auf dem Fluß klatschen.
+Hann führte seine Pflegeschwester heim. Als ihr Fuß<span class="pagenum"><a name="Page_294" id="Page_294">294</a></span> die Schwelle
+berührte, zuckte sie zurück, und noch einmal schien ihr die Nacht
+lieblicher als die fischdurchduftete Engnis, aber Hann schob sie sanft
+auf den Flur.</p>
+
+<p>Rabenschwärze lagerte hier.</p>
+
+<p>Furchtsam drängte sich die Heimgekehrte an ihn. &mdash; Und als er leise &mdash;
+leise die Tür schloß, damit Mudding nicht gestört würde, da fühlte er
+plötzlich unter Herzklopfen, wie eine weiche Hand über seine Wange fuhr,
+und wie neben ihm etwas leise aufschluchzte.</p>
+
+<p>»O Lining,« murmelte er zerschmettert.</p>
+
+<p>Allein ihre Zerknirschung dauerte nur einen Moment, dann vernahm der
+Fischer, wie das Mädchen, das er in der Finsternis nicht sehen konnte,
+rasch aufatmete und mit Bestimmtheit fragte: »Hann, was du mir
+versprochen hast, das bleibt so?«</p>
+
+<p>»Natürlich, Lining.«</p>
+
+<p>»Gut, dann gehe ich jetzt nach oben, in meine alte Kammer. Und morgen
+spreche ich mit Mudding. &mdash; Gut' Nacht.«</p>
+
+<p>»Gute Nacht, Lining, schlaf wohl, es is die erste Nacht, die du wieder
+bei uns schläfst, hörst du?«</p>
+
+<p>»Ja, geh du jetzt auch zu Bett, Hann.«</p>
+
+<p>Dann huschten leichte Tritte die Stiege hinauf.</p>
+
+<p>Hann horchte hinter ihnen her, dann griff er sich nach dem Herzen, als
+ob dort etwas nicht in Ordnung wäre. Schwer, schwer seufzte er auf.</p>
+
+<p>Seine Laterne hatte er bereits vor dem Hause ausgelöscht, damit ihr
+Schein nicht zu Mudding dränge, die jetzt in der großen Stube neben dem
+Flur schlief.</p>
+
+<p>Die Kranke aber mußte dennoch das Geräusch des Eintretens bemerkt haben,
+denn durch die Tür drang eine feine, zitternde Stimme: »Hann &mdash; bist
+du's?«</p>
+
+<p>»Ja, Mudding.«</p>
+
+<p>Ein Seufzer folgte in der Stube.</p>
+
+<p>»Mudding, fehlt dir was?«</p><p><span class="pagenum"><a name="Page_295" id="Page_295">295</a></span></p>
+
+<p>»Ach nein, mein Jung' &mdash; aber Siebenbrod &mdash; er is noch immer nich da.«</p>
+
+<p>»Laß gut sein, Mudding, ich schließ' die Tür nich zu. Ich werd' hier
+warten.«</p>
+
+<p>Drinnen die Kranke äußerte sich zu diesem Vorschlag nicht weiter &mdash; sie
+warf sich noch ein paarmal hin und her, dann wurde es still.</p>
+
+<p>Draußen auf dem Flur stand ein ungefüger, blau angestrichener
+Holzkoffer, das einzige Gut, das Siebenbrod mit in die Ehe gebracht
+hatte. Auf diesen Schrein setzte sich Hann, stützte die Ellbogen auf die
+Knie und hielt seine Nachtwache.</p>
+
+<p>Draußen summte der Wind, pfiff manchmal und heulte. Die Dorfuhr schlug,
+Viertel auf Viertel, der Fluß rauschte, und die Pappeln ächzten und
+schüttelten sich, Hann spann an seinen Gedanken fort.</p>
+
+<p>Schwere Gedanken, die nur ungern ein Gewebe werden wollten.</p>
+
+<p>Da oben schlief sie nun.</p>
+
+<p>Und er, er war ein Bräutigam und hatte sich doch täglich danach gesehnt,
+daß die Kammer wieder von ihrer Bewohnerin besetzt werden möge.</p>
+
+<p>Hier war eine Lücke, ein Bruch in seinen Gedanken, an dessen spitzen
+Trümmern er sich die Stirn zerstieß, genau so wie damals, als er auf den
+Anker gestürzt war, und Klara Toll ihn gepflegt hatte.</p>
+
+<p>»O Klara!«</p>
+
+<p>Er hielt sich den Kopf, damit er nicht wirklich springe, dann lauschte
+er wieder nach der Stiege, ob da nicht ein leichter Schritt laut würde.
+Denn er mißtraute Line. Ihr konnte es einfallen, trotz aller seiner
+Versprechungen zu entwischen.</p>
+
+<p>Lange starrte er hinauf und lauschte.</p>
+
+<p>Aber nichts regte sich mehr, nur die Hauskatze hörte er auf samtnen
+Pfoten vorüberschleichen.</p>
+
+<p>Schmerzlich wandte der Beobachter das struppige Haupt zurück, und seine
+Gedanken verknüpften sich wieder.</p><p><span class="pagenum"><a name="Page_296" id="Page_296">296</a></span></p>
+
+<p>Mein Gott, wie war die Jugendfreundin, die er so lieb gelabt hatte, »so
+liebing,« wie war sie zurückgekehrt? In Schande, ins Elend gestoßen. Und
+von wem? &mdash; Von seinem Bruder, der sie hätte hochhalten müssen.</p>
+
+<p>Er dachte weiter und fragte sich: »War sie nun wirklich schlecht? &mdash;
+Schlechter als früher?«</p>
+
+<p>Je, wer konnte das wissen? &mdash; Ich weiß es nich. Denn ich hab' solch eine
+Stunde, nach der sich doch alle Menschen und selbst das Vieh heimlich
+sehnen, noch nich erlebt. Aber mich dünkt, wer ein Richter über was sein
+soll, der müßt' das auch alles erlebt haben.</p>
+
+<p>Und is das nich eigentlich komisch, daß das »schlecht« sein soll, woran
+die Menschen doch so viel denken, und was sie sich wünschen? Und
+schließlich, solch einen neuen Menschen in die Welt gesetzt zu haben, is
+doch auch ein kleines Verdienst. Und wenn ich mir so überleg', was
+herrscht nich für Freude, sogar bei Siebenbrod, wenn eine Kuh kalbt, und
+da wollen sich nun viele Leute wirklich so vergehen, daß sie ein
+neugeborenes Menschenkind, was doch viel mehr is, nich gern in die Welt
+reinlassen wollen? »Oh, pfui &mdash; ne, dafür will ich woll sorgen.«</p>
+
+<p>Aber bei dem Wort »sorgen« fiel ihm schwer aufs Herz, was er ohnehin
+schon alles gegen Line auf sich genommen hätte. Ach, was war sie doch
+anders, als er sich es vorgestellt hatte. Wie wild, wie trotzig, wie gar
+nicht ein bißchen demütig war sie. Und was hatte sie sich alles
+ausbedungen, bevor sie sich, noch immer ungern und sich sträubend, von
+ihm hatte in den Kahn ziehen lassen.</p>
+
+<p>Er seufzte.</p>
+
+<p>Sie war doch ganz anders, als er immer gedacht hatte, eigentlich so, wie
+ein rechter Mensch nicht sein sollte, denn sie dachte stets an sich. &mdash;
+Und wie würden nun die nächsten Tage werden? &mdash; Morgen schon, wenn
+Siebenbrod die neue Hausgenossin vorfinden würde.</p>
+
+<p>Er kratzte sich verlegen hinter dem Ohr; draußen schlug die Dorfuhr
+einen mächtigen Schlag.</p><p><span class="pagenum"><a name="Page_297" id="Page_297">297</a></span></p>
+
+<p>Eins.</p>
+
+<p>Schon so spät, und Siebenbrod immer noch nicht da? Der Wartende kroch
+von dem Koffer herunter, machte ein paar Schritte, um sich die Glieder
+auszurecken, und zog sich wieder auf den blauen Schrein zurück.</p>
+
+<p>Es hatte eben zwei geschlagen, als er von neuem auftaumelte: Herr Gott,
+es dämmerte schon. Ein neuer Sommermorgen guckte bereits durch das
+kleine Stückchen Glas, das oben an der Haustüre eingesetzt war. Draußen
+zirpten die Schwalben, und der Frühwind strich über den Fluß. Doch in
+dem Flur woben noch graue Schleier hin und her, aus denen sich
+undeutlich nur die roten Fliesen heraushoben.</p>
+
+<p>War Siebenbrod schon da?</p>
+
+<p>Ganz zerschlagen kletterte der Wächter von seinem Sitz herunter und
+wollte eben leise das Haupt an die Tür des großen Zimmers legen, als in
+der Ecke hinter der Haustüre etwas seinen Blick fesselte.</p>
+
+<p>Zögernd richtete er sich auf, sah sich um, rieb sich die Augen und
+starrte wieder in die Ecke, die die Spinnen ganz mit grauen Geweben
+angefüllt hatten.</p>
+
+<p>»Herr Gott!«</p>
+
+<p>Er rief leise: »Siebenbrod.«</p>
+
+<p>Nichts regte sich.</p>
+
+<p>Aber das war er doch? Dort stand er doch in der Ecke, den breiten Rücken
+dem Beobachter zugekehrt und so sonderbar groß?</p>
+
+<p>Noch einmal rief Hann mit halber, heiserer Stimme, die ihm nicht recht
+aus der Kehle wollte, jedoch der riesige Fischer regte sich nicht. Er
+stand, um zwei Haupteslängen höher als Hann, den struppigen Kopf mit den
+schwarzen Haaren, von denen die Mütze heruntergeglitten war, eng der
+Ecke zugekehrt, wie wenn er sich schäme.</p>
+
+<p>»Jesus &mdash; Christus,« sprach Hann ganz langsam, und mit vorgestreckten
+Armen, als ob er sich gegen Spuk schützen wolle,<span class="pagenum"><a name="Page_298" id="Page_298">298</a></span> schlich er näher, bis
+er mit dem Finger scheu den Rücken des Riesen berühren konnte.</p>
+
+<p>»Siebenbrod.«</p>
+
+<p>»Siebenbrod, warum bist du heut so groß?«</p>
+
+<p>»Gott erbarm sich, Siebenbrod, du stehst ja in der Luft?«</p>
+
+<p>Aber als keine Antwort kam, sondern die Gestalt unter dem Druck von
+Hanns Finger unmerklich hin und her schaukelte, da versuchte der Bursche
+in seinem Entsetzen das letzte Mittel, das, wie er sich erinnerte, oll
+Kusemann als untrüglich gepriesen hatte.</p>
+
+<p>Mit raschem Griff riß er dem Hängenden drei Haare aus und legte sie ihm
+in Kreuzform auf die Füße. Allein Siebenbrod hatte bereits die Klänge
+seiner Musikdose vernommen, nach denen er sich schon als Kind so
+leidenschaftlich gesehnt hatte, und schaukelte deshalb unempfindlich
+gegen Hanns Zauber weiter, ja, er begann sich jetzt sogar um sich selber
+zu drehen. Da schnitt ihn Hann kurz entschlossen herunter.</p>
+
+<p>Als der Morgen graute, da lag vor dem blauen Koffer, den der Bootsmann
+einst als einziges Gut in die Ehe mitgebracht hatte, ein braunes Stück
+Segeltuch, unter welchem sich undeutlich die Umrisse eines
+hingestreckten Körpers abhoben, und auf dem Koffer saß Hann und hielt
+lautlos die Leichenwacht. Und immer wieder guckte er hinunter und fragte
+sich: »Da liegt er nun so still, so mucksenstilling, und soll doch mal
+auferstehen? &mdash; Und wenn Mudding man in den Himmel kommt, dann findet
+sie nun zwei Männer vor. &mdash; Wie das wohl is? &mdash; Und ob der liebe Gott
+wohl kleiner würd', wenn das Wiederfinden man solch ein Trostmärchen von
+die Pastoren wäre? &mdash; Ich weiß es nich. &mdash; Aber hör', da draußen kräht
+all der Hahn &mdash; und da noch einer und wieder einer.</p>
+
+<p>O Siebenbrod, jetzt takeln die anderen Fischer ihre Boote ab und gehen
+zur Ruhe. Und du hast dich all so viel früher hingelegt. Darin liegt
+wohl das, was unrecht is, und was die Menschen nich verzeihen mögen.
+Denn ich denk mich man, durch das Leben kriegen<span class="pagenum"><a name="Page_299" id="Page_299">299</a></span> wir doch erst all die
+anderen Gottesgeschenke. Und sieh, jetzt kommt es mich auch so vor, als
+ob das Leben selbst doch wohl mit das höchste Glück sei. Denn die Sonne
+und die Sterne und das Wasser nie gesehen und niemals eine menschliche
+Stimme gehört zu haben, wie zum Beispiel Line ihre, das is wohl das
+Aller &mdash; &mdash; Allerschlimmste. Kuck, Siebenbrod, und all das wegwerfen,
+nein, ich muß dich sagen, darin liegt mehr als Sünde, darin liegt
+Dummheit.«</p>
+
+<p>Und als er das sagte, da schmetterte laut und lebensvoll der Hahn, und
+immer heller fiel das Morgenlicht auf das braune Segeltuch.</p><hr class="chap" /><p><span class="pagenum"><a name="Page_300" id="Page_300">300</a></span></p>
+
+
+
+
+<h3>V</h3>
+
+
+<p>Zwei Monate später.</p>
+
+<p>Die Herbst- und Reisemonate sind vorüber. Oll Chronos schmierte um diese
+Zeit seine Karre. Er will den Sommer abholen und nebenbei die fauligen
+Ähren von den Feldern lesen, denn in solch mürbegewordenen Sommertrieben
+liegt neuer Dung.</p>
+
+<p>In der Küche der kleinen Katenhütte, in der Hann und Line jetzt zur
+Miete wohnen, sitzt der Besitzer des Hauses, der riesige Fischer Klaus
+Muchow, auf seinem Schemel und hält sich mit weit ausgespannten Armen an
+zwei eisernen Haken der lichtblauen Mauer fest, weil ihm seine Frau
+sonst unmöglich die gewaltigen Transtiefel ausziehen könnte, die wie
+Pech an seinen Füßen kleben.</p>
+
+<p>»Ne,« atmet Frau Fiek<a name="FNanchor_8_8" id="FNanchor_8_8"></a><a href="#Footnote_8_8" class="fnanchor">[8]</a> nach einigen vergeblichen Versuchen, und die
+starkknochige Frau, die ebenfalls eine blonde Riesin ist, wischt sich
+den Schweiß, »nein, wenn ich dich das nich seit dreißig Jahren angewöhnt
+hätt', und du mir nich bis jetzt jeden Stiefelzieher zerbrochen hättest,
+hör', Mann, ich würd's nich mehr tun. Da gehört ja ne Maschine dazu oder
+doch zwei Pferde.«</p>
+
+<p>Der Riese grinst wohlgefällig, verzieht das blondumbärtete Maul und
+versucht, sich fester an den Haken zu klammern, wobei er aber das
+fußlange Eisen ausreißt.</p>
+
+<p>Jetzt gerät er in Zorn, besieht sich das Eisen, schleudert es in den
+Holzkorb und brüllt, daß der kleine, kaum sieben Fuß hohe Raum
+erzittert: »Stäwelwichs &mdash; Stäwelwichs!«<a name="FNanchor_9_9" id="FNanchor_9_9"></a><a href="#Footnote_9_9" class="fnanchor">[9]</a></p>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_301" id="Page_301">301</a></span></p><p>»Hast recht,« antwortet darauf Frau Fiek ruhig, »der Schmied hat sie
+nich ordentlich eingehauen.«</p>
+
+<p>Hier könnte man nun einsenden, daß Frau Fiek ihrem Klaus ganz unlogisch
+antwortete, denn der Riese hat doch augenscheinlich Stiefelwichse
+verlangt, von deren Anwendung er vielleicht eine Erlösung von seinen
+Transtiefeln erwartete. Aber wer das denkt, der zeigt eben, daß er das
+stärkste Moorluker Ehepaar gar nicht kennt, denn eben hat Frau Fieks
+eiserne Faust das Leder dennoch heruntergezogen, und der Gatte brüllt
+nun in allen Tönen der Freude: »Eierkauken &mdash; Eierkauken.«<a name="FNanchor_10_10" id="FNanchor_10_10"></a><a href="#Footnote_10_10" class="fnanchor">[10]</a></p>
+
+<p>Damit ist Klaus Muchows Wortschatz beendet, denn das blonde Neptunshaupt
+ist taubstumm, und erst nach langen Mühen hat ihm Frau Fiek diese beiden
+Worte beigebracht, die er nun für jede Gemütsregung anwendet.</p>
+
+<p>Klaus Muchow ist seelensgut, er hat alles lieb, mit Ausnahme einer
+Büchse Stiefelwichse, die ihm einstmals in der Dunkelheit und in der
+Abwesenheit seiner Frau an den Mund geriet, um dann allerdings von ihm
+in höchstem Grimm in den Rick geschleudert zu werden. Dieser
+Gemütserschütterung verdankt er das Wort.</p>
+
+<p>»Stäwelwichs.«</p>
+
+<p>Stäwelwichs bedeutet seitdem alles, was ihm schlecht dünkt. Der Teufel
+&mdash; ein zerrissenes Netz &mdash; ein betrunkenes altes Weib &mdash; Leibschmerzen &mdash;
+alles ist Stäwelwichs.</p>
+
+<p>Dagegen haben ihm sein Magen und seine Leckerzunge auch das Wort für
+alle Idealität und die Erscheinung des Guten geliefert.</p>
+
+<p>Eierkauken stellt nämlich Klaus Muchows Leibgericht dar, denn der Riese
+ist ein Leckertähn, und da dieser Kuchen nirgends so lieblich mit Butter
+und Eiern bereitet wird, als bei Frau Fiek, so drückt Eierkauken jedes
+gute Prinzip aus, zum Beispiel den Himmel &mdash; einen scharfen Priem &mdash;
+einen Bummelschottschen mit Frau Fiek, denn sobald der Fußboden und die
+Decke fest sind, dann<span class="pagenum"><a name="Page_302" id="Page_302">302</a></span> tanzt das Riesenpaar gern miteinander; Eierkauken
+ist ferner ein schattiger Platz in der Kirche &mdash; die Sparbüchse, und ein
+Faustschlag, den oll Kusemann wegen seiner Lügen und Neckereien zu
+empfangen hat.</p>
+
+<p>Das Merkwürdigste aber in dieser Ehe bleibt, daß Klaus Muchow nur seiner
+Riesin auf die Lippen zu sehen oder ihren heftigen Gebärden zu folgen
+braucht, um tatsächlich jedes Wort zu verstehen.</p>
+
+<p>»Na, Männing,« fragt Frau Fiek, nachdem ihr Gatte mit den Füßen in ein
+Paar Holzpantoffel gefahren ist und nun den Kaffeetopf in der Hand hält:
+»Schön was gefangen heut?«</p>
+
+<p>Klaus Muchow schlürft laut den Kaffee und schüttelt mißmutig das
+struwlige Lockenhaupt.</p>
+
+<p>»Na,« tröstet die Riesin und schlägt ihm dabei schallend aufs Knie, was
+aber eine Liebkosung bedeuten soll, »schadet nich &mdash; wir haben ja erst
+gestern aus der Räucherei Geld bekommen; man muß auch nich zuviel
+verlangen.«</p>
+
+<p>Jetzt grunzt der Fischer zum Zeichen der Zustimmung ein bißchen, während
+das Schlürfen erstirbt. Dann setzt er den Topf hin, zeigt auf die
+Seitenwand, schließt die Augen und beginnt einen Augenblick laut zu
+schnarchen, worauf Frau Fiek, die bereits am Herd hantiert, den Kopf
+schütteln und antworten muß: »Nein, sie is noch nich aufgestanden. Kann
+sich das Langschlafen aus ihre vornehme Zeit noch immer nich
+abgewöhnen.«</p>
+
+<p>»Eierkauken,« murmelt Klaus mitleidig und macht mit der Hand die Gebärde
+des Streichelns.</p>
+
+<p>»Ja, ja, ich weiß woll,« fährt Frau Fiek fort, »du magst sie gern
+leiden, und die beiden haben ja auch viel Unglück gehabt. Erst ihr
+bißchen Hab und Gut verloren, dann das Unglück mit dem Stiefvater, der
+sich aufgehangen hat. Zwei Tage später noch eine zweite Leiche im Haus.
+Die gelähmte alte Frau Klüth &mdash; der ja der Tod von Siebenbrod den Rest
+gegeben haben soll, zum Schluß das mit dem jungen Ding selbst &mdash; o je, o
+je &mdash; was soll man dazu sagen? Aber ich mein, nun könnte sie sich doch
+auch ein bißchen in<span class="pagenum"><a name="Page_303" id="Page_303">303</a></span> die Verhältnisse schicken und sich nich mehr so
+vornehm aufspielen. Nu hör' bloß! Schlägt all sieben. Und sie schläft
+noch immer. Nimmt doch von einem Fischer ihr Brot an, da müßt sie sich
+auch so haben, wie eine Fischerfrau.«</p>
+
+<p>Sie unterbricht sich, denn ihr Klaus grunzt laut und vollführt mit
+seinen Händen derartige Bewegungen, als wenn er zwei Stricknadeln in der
+Hand hielte.</p>
+
+<p>»Ja, ja,« versteht ihn die Riesin sofort, »ich weiß all, was du willst.
+Sie strickt seit ein paar Tagen neue Strümpfe für Hann. I, ja, das is
+aber auch man so ne Arbeit für vornehme Damens. Ihr Fräulein Dewitz war
+ja ne Handarbeitslehrerin. Weshalb soll sie denn so was nich verstehen?«</p>
+
+<p>»Huh &mdash; huh,« brummte hier Klaus Muchow laut auf und fuhr mit dem
+rechten Arm eng im Kreise herum, dann fuscherte er unter den Kochtöpfen
+des Herdes.</p>
+
+<p>»Ach so,« sagte Frau Fiek und legte den Finger an die Nase, »du meinst,
+daß sie neulich für ihn gekocht hat. I, das war auch danach. Hat mir ja
+allein ein halbes Pfund Butter verbraucht. Und seitdem hat sie sich auch
+nich wieder daran gewagt. Und überhaupt« &mdash; hier wandte sie sich und
+setzte beide Hände in die Seiten &mdash; »ich muß dich man was sagen. Aber du
+bist mucksenstill und hast keine Widerwörter! Gestern war die Frau
+Hafenmeistern bei mich, hat mich wieder Klein-Kinderzeug zum Waschen
+gebracht. Und bei die kleinen Hemden, da kamen wir auch auf das &mdash; nun
+auf das, was bei der da &mdash;« jetzt zeigte die Riesin ebenfalls auf die
+Seitenwand &mdash; »erwartet wird. Und da fragten wir uns so, ob so was
+überhaupt für mich im Hause paßlich wäre? Und die Frau Hafenmeistern
+meinte, daß das für ne Frau wie mich un &mdash; unmorastig wär'! Und nun frag
+ich man, bin ich nich immer ne reinliche Frau gewesen auch beim Waschen?
+Und nun soll ich mit einmal Morast im Hause haben? Ne, Klaus, entweder,
+oder &mdash; mehr sag' ich nicht; ich sag' bloß &mdash; entweder &mdash; oder.«</p>
+
+<p>Aber Klaus Muchow, dem es das zarte, schmale Gesichtchen<span class="pagenum"><a name="Page_304" id="Page_304">304</a></span> seiner
+Mieterin angetan hatte, erhob sich, so daß sein Haupt hart an die Decke
+stieß, streckte die Faust vor und brüllte: »Stäwelwichs!«</p>
+
+<p>»Ne,« schrie jetzt auch Frau Fiek, »diesmal geb' ich nich nach. Die Dirn
+soll mir aus dem Hause.«</p>
+
+<p>»Stäwelwichs!« schrie Klaus kirschbraun im Gesicht und schmetterte einen
+Kochtopf auf die Erde.</p>
+
+<p>»Is mir auch recht,« lachte die Riesin wütend, ergriff ebenfalls einen
+Topf, aber vorsichtigerweise einen kleineren, und schleuderte ihn
+ebenfalls auf den Boden.</p>
+
+<p>»Soll mir aus dem Hause,« tobte sie. »Und ich weiß es jetzt auch &mdash; die
+hat der Teufel hier hereingeführt &mdash; kein anderer as de Düwel.«<a name="FNanchor_11_11" id="FNanchor_11_11"></a><a href="#Footnote_11_11" class="fnanchor">[11]</a></p>
+
+<p>Das war die besondere Eigenart der guten Riesin, daß sie felsenfest an
+den Teufel glaubte, ja, daß sie ihn überall herumschleichen sah, in
+ihrem Schrank, auf der Straße, ja sogar in ihrem Bett.</p>
+
+<p>»De Düwel &mdash; de Düwel.«</p>
+
+<p>»Stäwelwichs.«</p>
+
+<p>Der Streit der Riesen hätte diesmal ausarten können. Aber plötzlich
+begann auf der Dorfstraße eine Leier zu spielen. Und der Italiano sang
+dazu:</p>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">»Du, du liegst mir im Herzen,<br /></span>
+<span class="i0">Du, du liegst mir im Sinn« &mdash;<br /></span>
+</div></div>
+
+<p>Klaus Muchow sah ihn zuerst durch das Küchenfenster. &mdash; Er riß die Augen
+weit auf.</p>
+
+<p>Musik hat etwas Versöhnendes, besonders aber bei dem Riesenpaar, dessen
+Herzensbedürfnis Lied und Tanz ausmachte.</p>
+
+<p>Zuerst zog ein seliges Lachen über des Mannes Züge. Obwohl er die
+Melodie nicht hörte, hob er das rechte Bein.</p>
+
+<div class="figcenter" style="width: 400px;">
+<img src="images/oppos_304.jpg" width="400" height="627" alt="Illustration" />
+</div>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_305" id="Page_305">305</a></span></p>
+
+<p>Da konnte auch die Riesin nicht länger widerstehen; sie ließ den
+Kochlöffel fallen und lehnte sich an die Schulter des Fischers:</p>
+
+<div class="poem"><div class="stanza">
+<span class="i0">»Du, du machst mir viel Schmerzen,<br /></span>
+<span class="i0">Weißt nicht, wie gut ich dir bin.«<br /></span>
+</div></div>
+
+<p>Sie lachten, faßten sich an den Händen und drehten sich.</p>
+
+<p>Line und der Teufel waren vergessen.</p>
+
+<p>Sie tanzten.</p>
+
+<p class="center">&mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; <br />
+&mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; </p>
+
+<p>Eine Stunde später erhob sich Line von ihrem Lager. Sie sah sich
+mißmutig in dem engen Verschlage um, den Hann nach dem Beispiel von Frau
+Fiek ein »Stübing« nannte, schüttelte verächtlich die Betten des
+Wandschragens zurecht, der ihr als Lagerstatt diente, während Hann in
+einer Bodenkammer hauste, und setzte sich dann vor einem Stückchen
+zerbrochenen Spiegelglases nieder, das auf einer rohen Fichtenkommode
+stand, um sich die Haare aufzustecken.</p>
+
+<p>Sie beeilte sich sehr damit, denn der Tag schien bereits hell in ihre
+Kammer, und jeden Augenblick konnte Hann von der See heimkehren. Hastig
+fuhr sie in ihre Bluse und zog den Stoff seufzend stramm. Draußen auf
+der Dorfstraße hörte man aus der Ferne noch immer die Leier spielen.
+Rasch öffnete sie das niedrige Fenster und lehnte sich einen Augenblick
+hinaus.</p>
+
+<p>Aber das Katenhäuschen der Muchows lag weit ab vom Dorfe, und seine
+Fenster gingen direkt auf die Seewiesen und den Bodden hinaus.</p>
+
+<p>Line verzog die Stirn.</p>
+
+<p>Hier vernahm man die Leier nur ganz verschwommen.</p>
+
+<p>Blauschimmernd wiegte sich wohl die See, im grellen Sonnenschein
+glitzerten die feuchten Wiesengräser, und eine Wolke gelber und brauner
+Schmetterlinge gaukelte in der stillen Luft umher, aber Line bemerkte
+das alles nicht.</p><p><span class="pagenum"><a name="Page_306" id="Page_306">306</a></span></p>
+
+<p>Diese Einsamkeit!</p>
+
+<p>Sie verschränkte die Hände, drückte sie gegen die Stirn und wandte sich
+heftig ab, als hätte die Ruhe draußen sie verletzt.</p>
+
+<p>Aus dem Nebenraum war inzwischen ein scharfer Fischgeruch gedrungen.</p>
+
+<p>Das roch so schlecht.</p>
+
+<p>Schon als Kind hatte sie eine Abneigung gegen den Duft empfunden; und
+jetzt, wo sie ihn immerfort roch &mdash; jetzt schien er ihr beinahe
+unleidlich.</p>
+
+<p>Sie setzte sich auf einen Schemel am Fenster und starrte auf die See
+hinaus.</p>
+
+<p>Oh, wie schön und vornehm hatte es doch bei Fräulein Dewitz geduftet.
+Jeden Sonnabend nach dem großen Säubern hatte sie Lavendelessenz
+sprengen müssen. Und hier? &mdash;</p>
+
+<p>Dieses verwünschte kleine Katenhaus! Und diese ungebildeten Riesenleute.
+Oh, sie wußte ganz gut, daß sie der Frau ein Dorn im Auge war, denn das
+Schicksal Lines hatte sich bereits herumgesprochen.</p>
+
+<p>Man munkelte, ohne zu wissen.</p>
+
+<p>Line biß sich auf die Lippen und ballte langsam die Faust.</p>
+
+<p>Warum? Warum krochen die Monate so? Wie lange mußte sie hier noch
+sitzen? Wann war sie endlich frei und erlöst? Sie rechnete an den
+Fingern. Denn hier &mdash; hier blieb sie keinen Tag länger, als sie mußte.
+Hier war ja nur ein Versteck für sie, ein Unterschlupf. Hier band sie ja
+nichts! &mdash; Oder Hann vielleicht?</p>
+
+<p>Sie zuckte die Achseln.</p>
+
+<p>Freilich, sie wußte sehr genau, daß es Hanns größte Freude im Leben
+ausmache, ihr ins Gesicht schauen zu dürfen. Es war lächerlich &mdash; sie
+tat nichts dazu &mdash; aber es war einmal die Angewohnheit des ihr so
+ungleichen Bauern.</p>
+
+<p>Und dann dachte sie sich auch, dabei könne man ihn lassen, das schadete
+ja keinem, und Hann müsse ihr schließlich noch dankbar sein, wenn sie
+diese elende Hütte mit ihm teile.</p><p><span class="pagenum"><a name="Page_307" id="Page_307">307</a></span></p>
+
+<p>»Tag, Fräulein,« klang es von draußen.</p>
+
+<p>Line fuhr auf.</p>
+
+<p>Über den Wiesenweg zur Mole schritt oll Kusemann vorüber, der
+übertrieben tief seine zierliche Lotsenmütze zog und mit den Augen
+zwinkernd, wohlwollend fragte: »Na, ümmer noch gut zu Wege, Mamselling?«</p>
+
+<p>Line sah ihn an, wurde blutrot und schlug klirrend die Scheiben zu.</p>
+
+<p>»Kuck, wie nett,« sprach der Lotse, unbekümmert um ihre Wut, und
+dienerte rückwärts, wie ein Krebs, an ihr vorüber. »Na, solche
+Zornigkeit verschwindet aber bald wieder. Das bringen manchmal die
+Umstände mit sich. Ich komm und kuck mich mal abends nach dem Mamselling
+um.«</p>
+
+<p>Damit ging er ehrbar seines Weges.</p>
+
+<p>»Solch ein Kerl!«</p>
+
+<p>Line kratzte mit den Nägeln an ihrer Schürze herum.</p>
+
+<p>Das war nun der einzige, der sich nach ihr erkundigte. Paul, der neue
+Pastor, der jetzt auf dem Walsin amtierte, hatte seinen Bruder wohl
+schon einigemal besucht, aber immer wenn er eintrat, war Line rasch in
+Hanns Bodenkammer hinaufgesprungen oder durch die Küche auf die
+Seewiesen hinausgelaufen, um nicht mit dem Geistlichen
+zusammenzutreffen. Auch zu Siebenbrods wie Muddings Leichenbegängnis war
+sie nicht mitgegangen, sondern hatte sich, wie erschreckt, auf dem Boden
+des alten Hauses, das nun auch bereits dem Barbier gehörte, verkrochen.
+Und niemand hatte nach ihr gefragt. Selbst Hann schien dies Verstecken
+natürlich gefunden zu haben, denn er war nie mehr darauf zurückgekommen.</p>
+
+<p>Die Einsame stieß ein zorniges Lachen aus.</p>
+
+<p>Warum wohl Fräulein Dewitz nicht einmal herauskam? &mdash; Ach die! Die mochte
+bleiben, wo sie war! &mdash; Aber nicht ein einziges Mal sich erkundigen
+lassen? Das alte Fräulein hätte doch die Verpflichtung gehabt! &mdash; Und
+nun gar der Konsul Hollander oder Dina?</p><p><span class="pagenum"><a name="Page_308" id="Page_308">308</a></span></p>
+
+<p>Line bedeckte plötzlich die Augen mit der Hand, denn das Gefühl des
+Ausgestoßenseins war übermächtig über sie hereingebrochen, dann jedoch,
+als ob sie sich dieses kurzen Nachgebens schäme, griff sie ebenso
+schnell nach dem Scherben von Spiegelglas und schleuderte ihn heftig auf
+die Erde.</p>
+
+<p>An allem war nur Hann und dieses Katenhaus schuld.</p>
+
+<p>»Da lieg.«</p>
+
+<p>Die Splitter flogen herum.</p>
+
+<p>»Lining,« sprach der eintretende Hann vorwurfsvoll und blieb breit unter
+der niedrigen Tür stehen.</p>
+
+<p>Er trug noch ein feuchtes Netz in der Hand. Das Wasser lief an seinen
+großen Transtiefeln herunter.</p>
+
+<p>»Guten Tag, Lining,« fuhr er nach einiger Zeit des Wartens fort.</p>
+
+<p>»Guten Tag,« entgegnete sie gleichgültig, ohne sich nach den Trümmern
+umzublicken, und hob die Arme, um sich die gelockerten Flechten wieder
+zu festigen.</p>
+
+<p>»Du hast wohl Ärger gehabt?« fragte Hann von neuem, indem er
+unausgesetzt die Scherben betrachtete, und ohne das Netz hinzulegen.
+Line rückte auf ihrem Stuhl hin und her. Wollte er sie etwa
+ausschimpfen?</p>
+
+<p>»Nein,« erwiderte sie abgewandt, während sie zum Fenster hinaussah, »ich
+tat es nur aus Langerweile.«</p>
+
+<p>»Aus Langerweile, Lining?«</p>
+
+<p>Langsam ließ Hann das Netz zu Boden gleiten, fuhr sich schwerfällig
+durch die Haare und senkte dann in Gedanken das Haupt.</p>
+
+<p>So lange lebten sie nun schon beieinander, Tag und Nacht war es sein
+eifrigstes Bestreben gewesen, sie auf bessere Wege zu bringen, und immer
+hatte er es nicht gewagt, ihr ein Wort der Mahnung vorzuhalten. Sie war
+so kurz angebunden, und sie stand ja auch so hoch über ihm, wenn auch
+jetzt das Unglück über ihr war. Aber heut, wo er wieder nur ein paar
+Heringe gefangen &mdash; kümmerlichen Pfennigerwerb &mdash; heute, wo ihm das
+Drückende seiner<span class="pagenum"><a name="Page_309" id="Page_309">309</a></span> Armut immer deutlicher wurde, da beschloß er, ihr
+seine Lage zu beschreiben.</p>
+
+<p>Vielleicht, daß das junge Weib, das er so gern ansah, einer Bitte
+zugänglich war.</p>
+
+<p>»Langeweile, Lining?« hob er nochmals mit Anstrengung an: »Sieh, Lining,
+wenn du dich nun beschäftigen wolltest. Zum Beispiel mit Kochen für uns
+beide. Das wäre recht gut. Sieh, ich fang nun mal so wenig, ich bin eben
+viel ungeschickter, als die anderen Fischers. Und den Muchow-Leuten muß
+ich für unseren Unterhalt auch bezahlen. Aber wenn du zum Beispiel
+kochen wolltest, dann wäre mir schon geholfen. Natürlich, es is bloß so
+eine Idee von mir,« setzte er sofort besorgt hinzu, als er bemerkte, wie
+Line die weiße Stirne kräuselte.</p>
+
+<p>»Nur eine Idee, Lining,« wiederholte er besänftigend. Aber sie warf
+bereits den Stuhl herum und rieb an ihren Händen.</p>
+
+<p>»Wozu soll das erst?« fragte sie ärgerlich dagegen. »Hann, sag' selbst,
+wozu soll ich mich erst hier in der Katenküche mit der Fischersfrau
+zusammenstellen und den Trangeruch riechen, der mir so widerlich ist, da
+ich ja doch nur kurze Zeit hier bleibe? &mdash; Lieber verkaufe ich die
+Kleider und die paar Schmucksachen, die mir Fräulein Dewitz nachgesandt
+hat. &mdash; Hörst du? Da &mdash; in dem Schrank, nimm sie.«</p>
+
+<p>»Gott soll mich bewahren, Lining, wo werd' ich?«</p>
+
+<p>»So nimm dir den Plunder doch.«</p>
+
+<p>»Aber wo werd' ich mich denn an deinen Sachen vergreifen?« wehrte er mit
+beiden Händen ab. »Nein, Lining, wenn du nich willst, dann wird es ja
+auch so gehen. Ich meinte nur, Beschäftigung bringt den Menschen so
+schön auf andere Gedanken.«</p>
+
+<p>Sie sah ihn beinahe feindselig an. »Ich mach' mir aber gar keine
+Gedanken, Hann. &mdash; Über nichts! Und nun nimm dir die Sachen und hör' mit
+solchen Ermahnungen auf. Mich machst du doch nicht anders, als ich mal
+bin.«</p>
+
+<p>Der Fischer senkte den Kopf auf die Brust. Dann seufzte er tief<span class="pagenum"><a name="Page_310" id="Page_310">310</a></span> auf.
+»Nimm's nich übel, Lining,« brachte er endlich hervor, »ich hab' mich
+das bloß so gedacht.« Dann sah er sich schüchtern nach einem Stuhl um,
+der in der Ecke stand.</p>
+
+<p>»Darf ich mich hier ein bißchen bei dir niedersetzen, Lining?« fragte er
+nach einer Weile des Schweigens.</p>
+
+<p>Sie hatte bereits den Arm wieder auf das Fensterbrett gestützt und
+nickte kurz.</p>
+
+<p>Er ließ sich auf den knarrenden Stuhl nieder. Und eine Pause trat ein,
+in der er darüber nachdachte, warum er ein ganzes Leben daransetzen
+wollte, um ein Geschöpf willfähriger zu machen, das doch gewiß nicht
+mehr zu ändern war. Aber das war ja gerade das Verhängnis dieses
+unpraktischen, versonnenen Naturkindes, daß es zu dem Schluß gekommen
+war, das Glück ruhe in einem Weibe.</p>
+
+<p>Und dies &mdash; gerade dies Weib mußte es sein. Zu ihr leitete ihn der
+dunkle, unerkannte Trieb.</p>
+
+<p>»Lining,« begann er endlich wieder leichthin, »hast du all Kaffee
+getrunken?«</p>
+
+<p>»Ja,« murmelte sie durch die Finger.</p>
+
+<p>»Is für mich auch welcher geblieben?«</p>
+
+<p>»Das weiß ich nicht. Aber,« setzte sie achselzuckend hinzu, »ich kann ja
+mal nachsehen.«</p>
+
+<p>»Ja, ja, tu das,« stimmte Hann heimlich erfreut bei.</p>
+
+<p>Nach einer Weile kehrte das Mädchen aus der anstoßenden Küche mit einer
+Tasse zurück, die ihr Hann sorglich abnahm.</p>
+
+<p>»Sieh, ordentlich eine Tasse,« lobte er geschmeichelt, und in seiner
+Dankbarkeit machte er eine unbeholfene Bewegung, als wollte er leise
+über ihre Hand streichen, aber Line zuckte hochmütig zurück.</p>
+
+<p>»Laß.«</p>
+
+<p>»Ich wollt auch nichts, Lining,« murmelte er erschrocken.</p>
+
+<p>Eine Zeitlang hörte man nichts als das Schlürfen von Hann und das Summen
+der Fliegen, die unter der Decke herumkrochen. Dann wandte sich Line
+ruckartig vom Fenster zurück und stieß heraus: »Bist du nicht gestern in
+der Stadt gewesen?«</p><p><span class="pagenum"><a name="Page_311" id="Page_311">311</a></span></p>
+
+<p>»Ja, warum, Lining?« fragte Hann, verwundert über diese neue Teilnahme.</p>
+
+<p>»Damit man einmal etwas anderes hört,« fuhr sie in halber Verzweiflung
+fort. Dabei sprang sie auf und reckte die Arme: »Damit man mal wieder
+etwas hört, für das man sich interessieren kann.«</p>
+
+<p>Hann sah sie betrübt an.</p>
+
+<p>»Hier kannst du dich wohl nich einleben, Lining?« brachte er bedrückt
+hervor.</p>
+
+<p>»Nein, Hann, das weißt du ja. Hier hab' ich schon als Kind nichts leiden
+mögen.«</p>
+
+<p>»Ja, ja, Lining, das weiß ich.«</p>
+
+<p>Seine Lippen bebten leise. Und als er jetzt seine Tasse unter den Stuhl
+stellte, wie das Fischerart ist, da blieb er in der gedrückten Stellung
+sitzen. Aber Line konnte ihre Wildheit nicht länger in sich
+verschließen, sie stampfte vor Leidenschaft mit den Füßen und fuhr noch
+heftiger fort: »Manchmal möcht ich mit den Fäusten an die Wand schlagen,
+daß ich das alles von dir annehmen muß. Ja, muß &mdash; ja, muß,« wiederholte
+sie in vollem Zorn. »Und daß du so viel für mich aufgegeben hast, die
+ich das doch alles gar nicht will. Zum Beispiel deine Braut, Klara Toll.
+Ist das nicht so?«</p>
+
+<p>Hann rührte sich nicht in seiner Ecke.</p>
+
+<p>»Laß Klara,« bat er nur, »laß Klara Toll.«</p>
+
+<p>»Nein, warum? &mdash; Du paßt doch so gut zu ihr. Warum kommt sie gar nicht
+mehr her?«</p>
+
+<p>»O Lining, das is doch so natürlich.«</p>
+
+<p>Das konnte sie nicht verstehen.</p>
+
+<p>»Wieso? &mdash; Was hat sich deine Braut um mich zu kümmern? &mdash; Was hast du
+ihr denn eigentlich gesagt?«</p>
+
+<p>Langsam hob Hann sein Haupt in die Höhe: »Ich hab' ihr gesagt &mdash; Lining,
+nimm es nich übel &mdash; ich hab' ihr gesagt, daß ich nun für dich sorgen
+müßt, und da würd' es zu lange mit Klara und mir dauern.«</p><p><span class="pagenum"><a name="Page_312" id="Page_312">312</a></span></p>
+
+<p>Line bekam ganz große Augen und sank halb unbewußt auf ihren Stuhl
+zurück.</p>
+
+<p>»Und sie?« fragte sie darauf und zupfte verstört an ihrer Schürze, »was
+hat sie gemeint?«</p>
+
+<p>»Sie hat alles eingesehen. Und morgen tritt sie in der Stadt ihre
+Stellung als Krankenschwester an.« Damit stand Hann auf, raffte sein
+Netz zusammen und schritt langsam zur Tür.</p>
+
+<p>Einen Augenblick war es, als wollte Line von ihrem Platz aus die Hand
+vorwerfen, um ihn zurückzuhalten, dann aber mußte sie sich wohl anders
+besinnen, denn sie wandte sich kurz ab, um wieder verstimmt zum Fenster
+hinauszusehen.</p>
+
+<p>Dort draußen gewahrte sie bald den Riesen Klaus Muchow, sowie dessen
+Frau, die mit Hann zu den Booten gingen und anfingen, die gefangenen
+Heringe in Kisten zu schütten.</p>
+
+<p>Wieder trug der Wind einen scharfen Geruch herüber.</p>
+
+<p>»Dabei soll ich vielleicht helfen?« dachte Line bitter. »Und was dies
+Weib wohl wieder alles auf mich zu klatschen hat? &mdash; Nein, nein, wenn's
+nur erst vorüber wäre. Nur hier erst fort.«</p>
+
+<p class="center">&mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; <br />
+&mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; <br />
+&mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; </p>
+
+<p>Das Mittagbrot wurde in der Muchowschen Küche gegessen. Auf etwas
+anderes hatte sich Frau Fiek nicht eingelassen. »Ne,« hatte sie
+widersprochen, »ich will doch sehen, wie der vornehmen Dirn' mein Essent
+smeckt. Deshalb muß sie in die Küche raus.«</p>
+
+<p>Man saß um den Herd, hielt die Näpfe in der Hand, und Frau Fiek wie ihr
+Klaus versicherten stets umschichtig, daß alles prachtvoll geraten sei.</p>
+
+<p>»Eierkauken,« murmelte Klaus Muchow sehr befriedigt, während er einen
+ganzen gebratenen Hering verschlang. »Eierkauking.«</p>
+
+<p>Er fuhr mit seiner Riesenfaust in die Schüssel, fuscherte in ihr herum
+und hob endlich den größten Brathering heraus, den er zum Zeichen seines
+Wohlwollens Line direkt an den Mund hielt.</p><p><span class="pagenum"><a name="Page_313" id="Page_313">313</a></span></p>
+
+<p>»Eierkauken!« lobte er nochmals, klopfte sich auf den Leib und machte
+die Gebärde des Überbeißens.</p>
+
+<p>Allein Line erhob sich rasch, stellte ihren Napf hin, lief eilig und
+ohne Gruß hinaus und warf die Tür hinter sich zu.</p>
+
+<p>»Kuck,« sprach Frau Fiek gereizt, »ganz as ne Prinzeß. Hann, das is
+nichts für dich.«</p>
+
+<p>»Oh, Frau Muchow,« entschuldigte Hann, »sie ist ja krank.«</p>
+
+<p>»Ganz gleich.«</p>
+
+<p>»I nein, Frau Muchow, sie wird schon anders werden. Ich glaub's ganz
+bestimmt.«</p>
+
+<p>Damit erhob sich Hann gleichfalls, sagte Frau Fiek ein paar lobende
+Worte über ihre Küche und schritt hinter Line her.</p>
+
+<p>Klaus Muchow aber saß noch lange mit offenem Munde da und besah sich
+abwechselnd den Fisch in seiner Hand, sowie die Tür, hinter welcher Line
+verschwunden war. Endlich kam er zu sich, schüttelte sich, und nachdem
+er den Hering in seinen eigenen Schlund geworfen, sprang er auf und
+trippelte ein paarmal mit überzierlichen Bewegungen zur Tür, womit er
+Line nachahmen wollte. Dann zeigte er mit dem Finger an seine Stirn und
+brüllte verächtlich: »Stäwelwichs &mdash; Stäwelwichs.«</p>
+
+<p>Und Frau Fiek nickte diesmal zustimmend und entschied: »Dor hest du nu
+wedder eins ganz recht, Klaus.«</p>
+
+<p class="center">&mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; <br />
+&mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; </p>
+
+<p>Nachmittags saß Hann unter dem Fenster auf der Bank, die er sich selbst
+aus rohen Pflöcken zusammengeschlagen hatte, und putzte mit einem
+stumpfen Messer seine Netze. Es war ihm trotz des Schweigens, das
+zwischen ihnen herrschte, ein angenehmes Gefühl, daß auch Line seit
+einiger Zeit ihren dunklen Kopf in beide Hände gestützt hatte und hinter
+dem offenen Fenster auf das Meer und die Wiesen hinausschaute.</p>
+
+<p>Ein schlaffer Tanggeruch kam vom Wasser. Auf der Oberfläche schossen
+Scharen von Möwen umher und spritzten zuweilen mit<span class="pagenum"><a name="Page_314" id="Page_314">314</a></span> ihren Fängen
+glitzernde Tropfen in die Höhe. Aus den sonnenumdunsteten Binsen drang
+eifriges Gezirpe von Grillen und Heimchen.</p>
+
+<p>Hann nahm ein zweites Netz zur Hand. Dabei fiel ihm auf, wie
+unausgesetzt seine Gefährtin in den wolkigen Dunst hineinstarrte, als ob
+sie versuche, weit, weit über das verschleierte Meer zu spähen.</p>
+
+<p>»Ob sie nun wohl an ihn denkt?« fragte er sich beklommen, »an den Mann,
+der so schlecht gegen sie gehandelt hat?«</p>
+
+<p>Wie oft hatte er sich schon mit geheimem Bangen diese Frage vorgelegt!
+&mdash; Aber das Verhalten Lines erteilte keine Antwort darauf. Gänzlich
+schien sie den Fernen vergessen zu haben. Sie sprach nie von ihm. Hann
+überkam wieder das Mitleid mit ihr.</p>
+
+<p>»Willst du nich rauskommen, Lining?« fragte er.</p>
+
+<p>Sie schüttelte das Haupt.</p>
+
+<p>»Es is doch recht schön hier draußen,« drängte er weiter. Allein sie
+lehnte ab. Sie wolle nicht draußen sitzen, wo sie alle Leute sehen
+könnten.</p>
+
+<p>Da war es wieder, dieses scheue Verstecken, das Hann so sehr rührte.</p>
+
+<p>Der Fischer beugte sich noch tiefer über seine Arbeit und faßte sich
+endlich ein Herz.</p>
+
+<p>»Lining,« begann er stockend, indem er eifrig weiterstocherte, um seine
+Befangenheit zu verbergen. »Du denkst wohl viel daran?«</p>
+
+<p>»Woran, Hann?«</p>
+
+<p>»An &mdash; an &mdash;« Der Name, der ihr so weh tun mußte, wollte kaum über seine
+Zunge. »An Bruno, Lining.«</p>
+
+<p>Sie antwortete nicht, sondern stützte ihr Haupt noch schwerer auf die
+kleine Hand. Und ihre Blicke gingen wieder suchend durch das sonnige
+Gewölk hindurch. Nach einiger Zeit fragte er weiter: »Und an das, was
+kommen wird?«</p>
+
+<p>Über ihr Gesicht ging ein Schatten, und doch saß sie ohne Bewegung, als
+sie sich nun kurz erkundigte: »Habt ihr seitdem nichts mehr von ihm
+gehört?«</p><p><span class="pagenum"><a name="Page_315" id="Page_315">315</a></span></p>
+
+<p>»Nein, gar nichts, Lining, sonst hätt' ich dir's ja auch gesagt.«</p>
+
+<p>Sie verharrte noch immer mit weitgeöffneten Augen. Plötzlich jedoch
+verzog sie die Stirn und warf herb ein: »Er hat es gewiß inzwischen zu
+was gebracht und lebt wieder herrlich und in Freuden. Und ich &mdash; &mdash; &mdash;?«</p>
+
+<p>Hier brach sie ab und preßte die Lippen zusammen und wandte ihren Blick
+zornig auf Hann, als ob der an all dem Scheitern ihrer Pläne schuld
+wäre.</p>
+
+<p>Das verwirrte den braven Burschen vollends. »Aber ich dachte &mdash; &mdash; ich
+wollte fragen,« stotterte er, »ob du ihm noch gut bist? Lining, darf ich
+das fragen?«</p>
+
+<p>Da erhob sie sich rasch, warf den Kopf in den Nacken, und während sie
+rasch das Fenster schloß, lachte sie ärgerlich auf: »Du bist und bleibst
+ein Dummerjahn, Hann. Laß mich zufrieden.«</p>
+
+<p class="center">&mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; </p>
+
+<p>Auch in anderen Dingen stellte sich immer mehr heraus, daß Line für das
+innerste Sinnen und Trachten des ihr so ergebenen Fischers gar keinen
+Sinn besaß. Ja, daß sie es förmlich darauf anlegte, die Scheidewand
+zwischen sich und dem Dorfphilosophen immer höher aufzurichten.</p>
+
+<p>Bei zwei Ereignissen empfand dies der arme Hann, dessen harter Kopf es
+durchaus durchsetzen wollte, daß seine Märchenprinzessin sich bei ihm
+wohl fühle, besonders bitter.</p>
+
+<p>Der August neigte sich bereits seinem Ende.</p>
+
+<p>Eines Sonntags nachmittags &mdash; Hann saß gerade in einem Winkel seines
+Bodenverschlages und las mit Behagen Fritz Reuter, den ihm der
+Hafenmeister geborgt hatte, da bemerkte er aus der Ferne, wie eine
+schöne Frauengestalt in blauer Krankenschwestertracht den Wiesenpfad
+einschlug, und an seinen eigenen mächtigen Herzschlägen fühlte er, daß
+es Klara Toll sein müßte. Rasch sprang er auf, lief mit hochrotem Kopf
+zu Line hinunter, die müßig, wie stets, auf ihrem Lager schlummerte, und
+so groß war<span class="pagenum"><a name="Page_316" id="Page_316">316</a></span> seine Erregung, daß er seine Scheu vor der Hingestreckten
+vergaß und sie leise am Arm zupfte.</p>
+
+<p>Der Schlaf hatte ihre Wangen rosig gefärbt, es sah lieblich aus, als sie
+jetzt langsam die schwarzen Augen öffnete.</p>
+
+<p>Sie mußte gut geträumt haben, denn sie lächelte ihn an.</p>
+
+<p>»Was willst du, Hann?«</p>
+
+<p>»Lining, ich hab' eine Bitt'.«</p>
+
+<p>Sie richtete sich auf: »Jetzt?« fragte sie erstaunt.</p>
+
+<p>Doch er ließ sich nicht abbringen, sondern drängte weiter: »Lining,
+Klara Toll kommt zu uns. Sie hat mir nich adschö gesagt, als sie damals
+in die Stadt ging, und nun will sie es wohl nachholen. Du tätest mir
+einen großen Gefallen, wenn du nich wieder fortgingest, sondern sie mit
+mir zusammen aufnähmst. Ja?«</p>
+
+<p>Er bat so dringlich, daß Line von ihrem Lager herunterstieg.
+Achselzuckend strich sie sich die verwirrten Haare zurecht und mußte
+lächeln, als sie wahrnahm, wie Hann trotz seiner Bedrängnis, gebannt und
+mit offenem Munde, ihre Bewegungen verfolgte.</p>
+
+<p>Ach, ihr Zauber bestärkte ihn täglich mehr in seinem Irrwahn.</p>
+
+<p>»Nich wahr, Lining, du tust's doch?« brachte er sich endlich selbst auf
+andere Gedanken.</p>
+
+<p>Aber die Angeredete schüttelte den Kopf.</p>
+
+<p>»Wozu, Hann? &mdash; Was hat es für einen Zweck, wenn ich euch beiden
+zuhöre?«</p>
+
+<p>In seiner Not griff er nach ihrer Hand und preßte sie, als wenn er sie
+zwingen wollte.</p>
+
+<p>»Oh,« schrie sie unmutig auf.</p>
+
+<p>»Lining, ich wollte dir nich wehtun. Aber du mußt dableiben!«</p>
+
+<p>»Aber welchen Zweck hätte das?«</p>
+
+<p>»Lining, kannst du dir das nich denken?«</p>
+
+<p>»Nein, wie sollte ich das?«</p>
+
+<p>»Nun denn &mdash; ich &mdash; ich &mdash; ich hab' solche Furcht vor Klara. Toll.«</p><p><span class="pagenum"><a name="Page_317" id="Page_317">317</a></span></p>
+
+<p>»Du?«</p>
+
+<p>»Ja, Furcht,« murmelte er in sich hinein und schloß die Augen.</p>
+
+<p>Da sah sie ihn einen Moment starr an, dann trat sie zurück und lachte
+böse auf: »Du bist nicht recht klug, Hann,« gab sie zur Antwort. »Was
+geht mich deine Krankenschwester an? Ich sag's dir voraus. In ein paar
+Monaten, wenn ich hier fort bin, dann ist alles wieder zwischen euch,
+wie zuvor. Dann kann sie auch hierher ziehen, und pass' mal auf, Hann,
+wie schön sie dir dann die Netze flicken und mit Frau Fiek draußen Suppe
+kochen wird. Aber warum sagst du ihr das nicht gleich? Das wäre doch so
+einfach.«</p>
+
+<p>Sie machte eine schnippische Handbewegung und übersah es, wie er mit
+tiefgebeugtem Haupte vor ihr stehen blieb. Noch einmal streckten sich
+seine großen Finger nach ihrer Hand aus. Doch sie legte die ihren
+sogleich auf den Rücken.</p>
+
+<p>»Also in wenigen Monaten schon?« kam es stückweise von seinen Lippen.</p>
+
+<p>»Ja,« nickte sie nervös, »ich zähle jeden Tag.«</p>
+
+<p>»Ja, ja &mdash; das tust du. Ich weiß es woll. Und wohin gehst du dann?«</p>
+
+<p>»Dummer Hann, wo es mich gerade hinweht, nur recht weit von hier. Aber
+sieh, da biegt Klara Toll um das Haus. Hu, wie feierlich sie aussieht.
+Ganz wie eine Nonne. Ich gehe an den Binsensteg. &mdash; Und du vertrag dich
+wieder mit ihr. Das ist das beste, was du tun kannst.«</p>
+
+<p>Damit wand sie sich an ihm vorüber, und er starrte auf die weißen Dielen
+und schlug sich mit der Faust vor die Brust. Dann griff er sich an den
+Kopf und sah sich wirr um: »Dummer Hann,« quoll es von ungefähr aus ihm
+heraus. »Jawoll, dummer Hann. &mdash; O Gott, weshalb hast du mich da
+reingebracht? &mdash; Und weshalb muß das Weib grade das Glück sein? &mdash; Und
+warum muß diese da, die doch so schlecht is, für mich die allerbeste
+sein? &mdash; Ach,<span class="pagenum"><a name="Page_318" id="Page_318">318</a></span> und warum hast du uns solch kleinen Kopf gemacht und
+solch große Rätsel da reingeschlossen? &mdash; Wozu soll das alles gut sein?«</p>
+
+<p class="center">&mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; <br />
+&mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; </p>
+
+<p>Aber Line war nicht bis zur See hinabgeschritten, wie sie vorgegeben
+hatte.</p>
+
+<p>Hinter dem großen Holzzaun, von dessen Zacken allerlei bunte
+Wäschestücke der Katenleute herabflatterten, weiße, blaue und rote, war
+sie stehengeblieben und drückte sich jetzt eng gegen das Holz an, so
+lange, bis sie dachte, daß das junge Mädchen in der blauen Tracht den
+Vorderflur erreicht haben müsse.</p>
+
+<p>Jetzt läutete die Türglocke ihren rostigen Klang, und nun schlich Line
+auf den Zehen in die Küche zurück, die zu ihrer Freude leer stand, und
+legte ihr Ohr an die anstoßende Tür.</p>
+
+<p>Muß doch mal hören, dachte sie im Innern belustigt, was die beiden
+dummen Menschen eigentlich miteinander vorhaben.</p>
+
+<p>Und dann blinzelte sie durch den Türritz hindurch.</p>
+
+<p>Drinnen stand Hann in seinem Sonntagsstaat und machte in seiner
+Verlegenheit eine Art Verbeugung, als Klara zu ihm eintrat.</p>
+
+<p>»Guten Tag, Hann,« sagte die Besucherin freundlich.</p>
+
+<p>Line hörte, wie Hann keine Antwort fand, sondern wortlos auf die
+schmucke Tracht des Mädchens starrte, die ihr in seinen Augen wohl etwas
+Vornehmes und Heiliges verlieh.</p>
+
+<p>»Ja,« sagte Klara, die seine Bewunderung bemerkt haben mußte, »das ist
+unsere Sonntagskleidung &mdash; in der Klinik gehen wir einfacher.«</p>
+
+<p>Auf eine Bewegung des Fischers ließ sich nun das Mädchen auf den Stuhl
+am Fenster nieder, auf dem Line sonst immer zu sitzen pflegte, während
+er vor ihr stehen blieb. Fast ohne Bewegung verharrte die plumpe Gestalt
+so, nur die Haare strich sie sich ein paarmal mühsam zurück.</p>
+
+<p>»Nun hat er wieder Furcht, der dumme Peter,« dachte die Lauscherin an
+der Tür. »Welch ein unbeholfener Mensch.«</p><p><span class="pagenum"><a name="Page_319" id="Page_319">319</a></span></p>
+
+<p>Schon wollte sie ihren Beobachtungsposten aufgeben, da nahm Klara
+endlich das Wort: »Ich wollt mich wieder einmal nach dir umsehen, Hann.«</p>
+
+<p>»Du, Klara?«</p>
+
+<p>Er sah sie groß an, sein Herz war voll Dankbarkeit, denn er war es nicht
+gewohnt, daß man sich viel um ihn kümmere.</p>
+
+<p>Wie zierlich kräuselten sich nicht ihre braunen Haare unter dem weißen
+Latz der Kappe hervor. Wie still und friedvoll sah sie aus.</p>
+
+<p>»Ich dachte, Klara,« hob er mit einem schweren Entschluß an, »du würdest
+&mdash; gar nich mehr kommen,« wollte er sagen, aber es fiel ihm ein, daß es
+wohl besser wäre, alle Erinnerung an das Gewesene zu unterdrücken, und
+so gab er ihr denn ernsthaft die Hand und fragte nur: »Klara, ich wollt'
+fragen, wie geht es dir da bei all den Kranken? Is das nich zu schwer
+für dich?«</p>
+
+<p>Da ging ein Lächeln über das Gesicht, von dem er fand, daß es die
+schönen, roten Farben verloren hätte, und die blauen Augen leuchteten,
+als sie zur Antwort gab: »Hann, ich weiß gar nicht, wie andere das eine
+Arbeit nennen können. Mir nämlich ist es so, als wenn mir nun erlaubt
+wäre, beständig in der Kirche zu wohnen.«</p>
+
+<p>»In der Kirche, Klara? &mdash; Wird denn dort gebetet?«</p>
+
+<p>»Das auch, Hann. Viele beten da, und ganz anders, als die Gesunden
+beten. Wenn du das einmal hören könntest. Aber das ist es nicht allein.
+Aber wenn man so neben den Schwerkranken sitzt, die von den Ärzten
+bereits aufgegeben wurden, und bei denen nun alles von der Hilfe des
+lieben Gottes abhängt, und wenn man nun sieht, wie bei dem einen alles
+Sträuben nichts nützt und alles Hoffen, und wie plötzlich eine höhere
+Macht an dem Bett steht und den Kopf schüttelt, o Hann, das ist, als
+sollte einem das Herz erfrieren vor Hilflosigkeit und Ehrfurcht. Aber
+dann wieder das andere, sobald das Unmögliche geschieht, und es kommt in
+die halb gebrochenen Augen, die schon in den Himmel sahen, wieder Licht,
+und man merkt ordentlich, daß da etwas sein müsse, was<span class="pagenum"><a name="Page_320" id="Page_320">320</a></span> durch die
+vertrockneten Lippen Leben eingießt, Hann, ich kann dir nicht
+beschreiben, welche Freude dann in solch kleines Zimmer dringt. Man
+meint förmlich, aus der Ferne Engelsgesang zu hören und horcht darauf,
+ob man nicht den Tritt des lieben Gottes spüren könnt'.«</p>
+
+<p>Bei diesen Worten lächelte die Krankenschwester ganz glücklich, und ihre
+Augen strahlten, als ob sie in einen nahen, friedvollen,
+sonnenbeschienenen Garten sähen.</p>
+
+<p>Bewundernd, halb neidisch, blickte Hann auf sie hin. Dann sagte er
+einfach: »Wie fromm du bist.«</p>
+
+<p>»Das ist nicht fromm, Hann, das hab' ich doch alles erlebt.«</p>
+
+<p>»Ja, aus dem Leben so die Frömmigkeit zu ziehen, das is woll das Wahre.«</p>
+
+<p>Dabei nickte er versonnen in sich hinein.</p>
+
+<p>Eine Zeitlang hörte Line draußen kein weiteres Wort. Und wieder mußte
+sie spöttisch darüber die Lippen verziehen, weil die beiden über nichts
+weiter zu verhandeln hätten, als über Kranke und über Beten.</p>
+
+<p>»Pfui,« raunte sie vor sich hin, »es riecht ordentlich nach Klinik. Das
+ist mal eine langweilige Person.«</p>
+
+<p>Aber gleich darauf preßte sie von neuem das Ohr an das Schlüsselloch,
+denn sie vernahm, wie Klara nach einigem Zögern ihren ehemaligen
+Verlobten nach seinem Leben, seinen Plänen, seinem Dasein fragte.</p>
+
+<p>»Jetzt kommt's,« dachte Line, »sie ist gar nicht so dumm.«</p>
+
+<p>»O Klara,« erwiderte Hann, »wie gut das von dir is, daß du dich danach
+erkundigst.«</p>
+
+<p>»Wieso, Hann? &mdash; Mir ist es, als wenn ich mich immerfort um dich kümmern
+müßte.«</p>
+
+<p>Er atmete auf, dann entgegnete er erfreut: »Ganz genau so geht es mir
+mit dir, Klara.«</p>
+
+<p>»Das weiß ich, Hann, und ich kann auch nicht aufhören, dir herzlich gut
+zu sein.«</p>
+
+<div class="figcenter" style="width: 400px;">
+<img src="images/oppos_320.jpg" width="400" height="626" alt="Illustration" />
+</div>
+
+<p><span class="pagenum"><a name="Page_321" id="Page_321">321</a></span></p>
+
+<p>Er nahm ihre Hand und stammelte dabei: »Siehst du &mdash; gut sein &mdash; ja, das
+is es &mdash; gut sein, das bin ich dir auch, Klara, wie ich es mit gar
+keinem anderen sein könnte. Aber sieh &mdash; ich schäme mich so, wenn ich es
+aussprechen soll, is es nich schrecklich eingerichtet in den
+menschlichen Herzen, daß man der einen Frau so herzlich gut sein kann,
+und die andere hat den Zauber?«</p>
+
+<p>»Welchen Zauber, Hann?«</p>
+
+<p>Er fragte sie, ob sie sich der Geschichte oll Kusemanns nicht mehr
+erinnere, von der Liebeshexe. Die sollt' mal Venus geheißen haben oder
+auch Freiin. Genau wußte das der Lotse selber nicht. »Jedenfalls jetzt
+is sie ein altes Weib und sitzt irgendwo auf einem Kreidefelsen unter
+einer geborstenen Tanne. Und wenn sie ein rechtes Stück ausüben will,
+dann schneidet sie bei Vollmond aus dem Unterschuß des Triebholzes zwei
+saftige Stäbchen, schält sie ab und schreibt zwei Namen darauf. Immer
+solche, die gar nich zueinander passen. Wie Lines und meinen. Und dann
+bindet sie sie zusammen und schleudert sie ins Meer und murmelt etwas
+dabei in ihren Bart, damit ein Hecht kommt und die Stäbchen verschluckt.
+Und solange der Hecht nich gefangen und aufgeschnitten wird, auf daß das
+liebe Tageslicht wieder auf die Hölzer scheint, so lange, Klara, kommen
+die beiden Menschen nich auseinander und wollen auch nich.«</p>
+
+<p>Sie wandte ihren klaren Blick auf ihn.</p>
+
+<p>»Und das ist alles so bei dir?« forschte sie. Ein tiefes Mitleid
+zitterte aus ihrer Stimme.</p>
+
+<p>Er holte tief Atem und rang die Hände.</p>
+
+<p>»Ja, Klara,« gab er dumpf zurück. »Das is so bei mir. Das Tageslicht
+will nich auf mich fallen.«</p>
+
+<p>»Und die Hölzer passen nicht zusammen?«</p>
+
+<p>»Nein, Klara, sie passen nich.«</p>
+
+<p>»Und das weißt du?«</p>
+
+<p>»Das weiß ich ganz genau.«</p>
+
+<p>»Armer Hann.«</p><p><span class="pagenum"><a name="Page_322" id="Page_322">322</a></span></p>
+
+<p>Er wischte sich den Schweiß von der Stirn.</p>
+
+<p>»Ja, Klara, was hilft das? &mdash; Da hilft kein Beten. Ich will dir was
+Geheimnisvolles sagen, hör' zu. Was sie mir auch antut, so viel
+Schlimmes und Herzwehes, es is, als ob ich ihr deswegen nur noch mehr
+dienen müßt. Und das hat kein Ende. &mdash; Gar kein Ende.«</p>
+
+<p>»Kein Ende, Hann?«</p>
+
+<p>In dem Auge der Krankenschwester begann eine Träne aufzuperlen. Die sah
+aus wie ein Tautropfen, der auf einem dunklen Veilchen liegt. Dann nahm
+das Mädchen die Hand des Freundes und streichelte sie sanft.</p>
+
+<p>»Hann, ich will wünschen, daß es ein glückliches Ende wird.«</p>
+
+<p>Da schüttelte er düster das struwelige Haupt.</p>
+
+<p>»Klara, das siehst du ja selbst. Es kann gar kein rechtes Ende nehmen.
+Ich will auch nur, es bleibt alles so, wie es jetzt is.«</p>
+
+<p>Sie stand auf.</p>
+
+<p>Beide reichten sich die Hände zum Abschied.</p>
+
+<p>»Kommst du bald wieder?« forschte er scheu.</p>
+
+<p>Sie nickte verhalten.</p>
+
+<p>»Ja, Hann, wenn es dir recht ist. Ich fühle so, als wärst du auch einer
+von meinen Kranken.«</p>
+
+<p>Da legte er beide Fäuste auf ihre Schultern, daß es ihr weh tat, und
+gequält drang es endlich hervor: »Ich wollt', du säßest an meinem Bett.
+Und das Heilige, von dem du vorhin erzähltest, schüttelte den Kopf, und
+du drücktest mir mit deinen lieben Fingern die Augen zu. &mdash; Adschö,
+Klara.«</p>
+
+<p>Damit schob er sie gewaltsam von sich.</p>
+
+<p>Als die Türglocke über ihrem Haupte läutete, schluchzte die Enteilende
+leise auf.</p>
+
+<p>An der Küchentür aber lehnte ein anderes Weib. Das streckte wie
+abwehrend ihre Hand gegen den anstoßenden Raum, aus dem etwas gegen sie
+anzog, wie eine zwingende Macht, und ein paar blutlose Lippen murmelten:
+»Nicht &mdash; nich<span class="pagenum"><a name="Page_323" id="Page_323">323</a></span>t &mdash;«</p>
+
+<p>Am Abend saß Line auf einem Strandstein. Der ragte massig und einsam
+über die Wiesen hinaus. Am Himmel zitterten die Sterne, zu ihren Füßen
+plätscherten kleine Wellen. Die liefen geschwätzig zu ihr hin, und wenn
+sie von ihrem Fuß zurückgestoßen wurden, dann drängten sie sich doch
+wieder heran, immer lispelnd, flüsternd, immer dasselbe eintönige Wort:
+»Armer Hann.«</p>
+
+<p>Das junge Weib seufzte und strich sich die Haare zurück, die der Seewind
+löste, und sah in die runde, matte Scheibe hinauf.</p>
+
+<p>Der Mond stand voll.</p>
+
+<p>Jetzt war's also die Zeit, wo die Hexe ihre Stäbchen zusammenband.</p>
+
+<p>Das junge Weib schüttelte sich und stieß wiederum einen lauten Seufzer
+aus.</p>
+
+<p>Eine Stimme rief aus der dunklen Katenhütte: »Lining &mdash; Lining &mdash; wo bist
+du? &mdash; Die Abendluft tut dir nich wohl.«</p>
+
+<p>Da sprang die Versteckte auf, führte den Finger empor und schleuderte
+unmutig einen Tropfen von sich, der sachte durch die Wimpern geronnen
+war.</p>
+
+<p>Dann lief sie auf Umwegen, und zwar so, daß die herantappende dunkle
+Gestalt sie nicht halten konnte, in das Haus.</p>
+
+<p class="center">&mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; </p>
+
+<p>Von dem Strandstein rinnt langsam der Tropfen herab. Er glitzert im
+Mondlicht.</p>
+
+<p>»Eine Träne?« fragt irgendwas im Wind.</p>
+
+<p>»Eine Träne!« wispern die Wellen und nehmen sie mit sich ins Meer.</p><hr class="chap" /><p><span class="pagenum"><a name="Page_324" id="Page_324">324</a></span></p>
+
+
+
+
+<h3>VI</h3>
+
+
+<p>Seitdem wird es etwas besser in dem Katenhaus. Line nimmt sich vor Hann
+zusammen, sie zwingt ihre zornige Laune nieder, so oft sie daran denkt.
+Sie streitet sich auch nicht mehr mit Frau Fiek, sondern sitzt bei den
+gemeinschaftlichen Mahlzeiten still auf ihrem Holzschemel, und nur, wenn
+die Muchows etwas zu dröhnend werden, wenn sie singen oder mit den Füßen
+aufstoßen, dann zuckt es in ihren Augen auf.</p>
+
+<p>Ein Feuerfunke, der hinausfliegen will.</p>
+
+<p>Aber die anderen merken nichts davon.</p>
+
+<p>Nur Hann fühlt mit Staunen, allmählich mit Herzklopfen, später mit Angst
+und vorzeitiger Freude, daß etwas anders wird.</p>
+
+<p>So merkt's die dumpfe Erdenscholle, daß der Schnee schmilzt und warme
+Frühlingswässer zu ihr dringen.</p>
+
+<p>Der Winter kam.</p>
+
+<p>Eines Morgens lag Moorluke im weißen Bann.</p>
+
+<p>Bis zum Schornstein steckte der Katen der Riesen im Schnee.</p>
+
+<p>Manchmal mußten die Männer einen Weg schaufeln, wenn sie ins Freie
+wollten. Auch das Meer zeigte Eroberungsgelüste. Mit einem einzigen
+Schlage drang es an und schleuderte geborstene Eisstücke gegen Tür und
+Mauern des vorgeschobenen Baues. Und eines Morgens, da hatte es den
+ganzen Katen gefangen und rings mit einer Eismauer umgeben.</p>
+
+<p>Kalt, stählern, tückisch lag der Feind im Morgenlichte da.</p>
+
+<p>»Stäwelwichs &mdash; Stäwelwichs,« schrie Klaus Muchow erbost, und die Männer
+hieben mit Eisäxten dazwischen.</p>
+
+<p>Dadurch wurde es in dem eingeengten Katen wieder einsamer. Von aller
+Welt lag er in seinem Schneehaufen abgeschlossen. Die<span class="pagenum"><a name="Page_325" id="Page_325">325</a></span> Wege, die über
+die Wiesen führten, hatten sich längst verkrochen. Man konnte sich
+darüber streiten, an welcher Stelle sie vordem ihr Schlangenspiel
+getrieben. Eben und weiß, unberührt und teilnahmlos lag jetzt die große,
+leuchtende Fläche, die sich ohne Abzeichen über den Bodden fortsetzte.
+Man wußte nicht, wo die Grenze war.</p>
+
+<p>Selbst die Kirchenglocke, die doch früher laut zu den Einsamen
+herübergerufen hatte, sie war eingefroren und krächzte zuweilen wie ein
+heiserer Riese, der ein dickes Halstuch trägt.</p>
+
+<p>Immer stiller wurd's.</p>
+
+<p>Das aber war Line gerade recht.</p>
+
+<p>Ihre Zeit rückte näher und näher, und damit die Sucht, sich zu
+verkriechen; jedes fremde Gesicht zu vermeiden, und den Kopf zu stützen
+und nachzusinnen.</p>
+
+<p>Das war ihr etwas ganz Neues.</p>
+
+<p>Früher war sie Genuß suchend durch die Welt gelaufen, und die Erde lag
+im Morgenrot &mdash; nun war es finster geworden, Fledermäuse flogen. Das
+waren ihre Gedanken, die sich die Welt zu erklären suchten. Da wurde ihr
+allmählich Hann, der des dunklen Winters wegen fast immer daheim hockte
+&mdash;, kimmerischer Dämmerung wegen, die über dem Ostmeer braut, &mdash; da
+wurde ihr die plumpe Gestalt, die verkrümmt auf dem Stuhl hing,
+riechende Netze in der Hand, da wurde ihr der Nachdenkliche allmählich
+ein Schatz.</p>
+
+<p>Dunkler und schneedämmeriger wurden die Tage, düsterer und drängender
+wurden die Stunden. Lines Trotz hielt nicht mehr vor; wenn sie so in
+einer Ecke kauerte, dann stieg es plötzlich vor ihr auf und griff nach
+ihr. &mdash; Angst &mdash; Angst &mdash; Furcht, Grauen vor dem Lebenden, das in ihr
+war, und zu dem sie sich nicht gerüstet fühlte.</p>
+
+<p>Dann wirft sie plötzlich die Hand vor. Ihre Stimme schwankt vor
+Schrecken: »Hann, bist du noch da?«</p>
+
+<p>»Ja, Lining, ich bin hier.«</p>
+
+<p>»Dann steck' Licht an, Hann.«</p><p><span class="pagenum"><a name="Page_326" id="Page_326">326</a></span></p>
+
+<p>Hann erhebt sich, tastet herum, kurz darauf zuckt von dem schmalen Tisch
+die gelbe Flamme der Kerze auf. Schwankende Schatten huschen herum.</p>
+
+<p>Aus Lines Ecke dringt ein Atemzug, und Hann sieht bekümmert, wie
+flackernd die dunklen Augen aus dem blassen Gesicht hervorbrennen.</p>
+
+<p>Sie rückt sich zurecht: »Hann, hörst du, wie es an die Scheiben tickt?«</p>
+
+<p>»Es is Schnee, Lining.«</p>
+
+<p>»Er hat die Fenster schon ganz verklebt.«</p>
+
+<p>»Ja, Lining, ich seh' nur die lütte Stube und dich.«</p>
+
+<p>Sie rückt noch tiefer in die Ecke und starrt auf ihn hin. Dann stützt
+sie die Ellbogen auf beide Knie, und während sie zusammenschauert,
+vielleicht vor Frost, fragt sie rasch: »Hann, weißt du, woran ich jetzt
+denke?«</p>
+
+<p>»Nein, Lining, wie soll ich?«</p>
+
+<p>Jetzt deckt sie langsam die Augen zu: »Hann, ich meine, wenn ich früh
+gestorben wär', hätt' ich viel Schlimmes nicht erlebt. &mdash; Du auch &mdash; wir
+beide &mdash; armer Hann.«</p>
+
+<p>Es ist das erstemal, daß sie das Wort sagt, das sie nicht mehr verläßt.
+Er zuckt zusammen und blickt scheu zu der Zusammengesunkenen hinüber.
+Ihre Worte, so seltsam, haben sein Herz mit einem Dorn zerrissen und
+doch gleichzeitig das Blut mit einem weichen Blumenblatt fortgenommen.</p>
+
+<p>Aber sie hat den ihr so Nahen längst wieder vergessen.</p>
+
+<p>»Es wär' so gut,« fährt sie stammelnd fort.</p>
+
+<p>»Was, Lining?«</p>
+
+<p>»Wenn man die Junggeborenen vor all dem bewahren dürfte.«</p>
+
+<p>Da hebt Hann sein Haupt. Es ist in der letzten Zeit faltiger geworden.
+Aber Line sowohl, wie er, haben es nicht bemerkt. Nur Klara Toll hat es
+gesehen.</p>
+
+<p>»Lining, wer soll bewahren?« Und seine Augen, sonst so mitleidig,
+blicken ernst.</p><p><span class="pagenum"><a name="Page_327" id="Page_327">327</a></span></p>
+
+<p>»Die Mütter, Hann, die Mütter müßten es tun. Oh, solch ein kleiner Sarg,
+denk ich mir, ist ebenfalls eine Wiege. Und was würde dann alles mit
+einschlafen, all die zukünftigen schlechten Gedanken und all die
+schlechten Taten. Denn wer erst denkt, der wünscht, und ein Wunsch ist
+schon meistens schlecht.«</p>
+
+<p>Aber da wird Hann zornig. Diese trostlose Ansicht nimmt ihm alles, was
+er sich bis jetzt zurechtgezimmert hat an seiner Lebenshütte. Deshalb
+wirft er das Netz über das Knie, schüttelt heftig den Kopf, und eilig
+geht es ihm über die Zunge: »Lining, das mußt du nich sagen &mdash; sieh, das
+mußt du nich. Wirklich! Denn erstens, wenn der liebe Gott das wollte,
+wozu schickte er erst die kleinen Kinder!? Und, Lining, werden es etwa
+weniger auf der Welt? Mich dünkt nicht. Und dann, Lining, ich hab' mir
+schon immer gedacht, mit die Menschens hat das doch der liebe Gott ganz
+komisch eingerichtet, ganz furchtbar komisch. Denn sieh eins, Lining, es
+geht wohl so das gemeine Gered' umher, ein lüttes Kind, so ein ganz
+kleines Würming in den Windeln, das sei eigentlich der allerbeste
+Mensch, noch ganz unschuldig, sozusagen aus dem Paradiese. Ich aber sag'
+dir, Lining, dieses is gar nich wahr. So ein Neugeborenes is mehr
+schlecht als gut. Denn wieso? &mdash; Na, daß es dumm is, wie Bohnenstroh,
+das weißt du ja selbst. Aber es is auch noch auf andere Weise schlecht,
+es kratzt, wie eine Katz, es nimmt, was ihm nich gehört, es is
+habsüchtig und hat keinen Menschen lieb, als sich. Is das wahr? &mdash; Ich
+sag dir, es is wahr. Aber was nu weiter? &mdash; Da kommt nun der liebe Gott
+und hat von Anfang an in die Menschens diese ganz merkwürdige Kraft zum
+Besserwerden reingelegt. Auch zum Schlechterwerden. Aber doch mehr zum
+Bessern. Die liegt in uns, Lining, man spürt sie manchmal leibhaftig.
+Und nun kuck dir bloß mal an, wie es nun durch diese Kraft mit so einem
+Neugeborenen vorwärtsgeht. Meistens vorwärts. Denn das Bessere muß wohl
+das Stärkere sein. Erst lernt das sprechen, und dann lernt das lieben,
+und dann lernt das denken, und so fort, bis es sich zuletzt ganz große
+Dinge<span class="pagenum"><a name="Page_328" id="Page_328">328</a></span> aussinnt, die wieder anderen Menschen was nützen. &mdash; Und, Lining,
+um dies &gt;Vorwärts&lt; wolltest du solche lütten Dinger bringen? &mdash; So ganz
+schlecht und miserabelig, wie sie anfangs sind, wolltest du sie wieder
+in die Erde abliefern? Ich sag' dir, da müßte man sich ja rein vor den
+Regenwürmern genieren.«</p>
+
+<p>Da hockt Line in ihrer Ecke, in die sie sich immer scheuer zurückzieht,
+so daß die Lichtstrahlen sie kaum noch finden. Aber ihre Augen sind groß
+geworden, und sie richtet sie mit solch erstauntem Ausdruck auf den
+Fischer, wie früher, wenn der Knabe zuweilen etwas geäußert, was mit
+seinem blauen Kittel schlecht zusammenstimmen wollte.</p>
+
+<p>Unausgesetzt tickt der Schnee an die Scheiben, Möwen und Raben krächzen
+draußen, und an dem Netz wird weitergeflickt.</p>
+
+<p>Ganz still ist es zwischen den beiden geworden.</p>
+
+<p class="center">&mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; </p>
+
+<p>Ein paar Tage darauf herrschte Schneesturm.</p>
+
+<p>Da saßen die Einsamen nach dem Abendbrot noch beisammen, denn es war zu
+früh, als daß Hann auf seinen Bodenverschlag hinaufgeklettert wäre. Auch
+fürchtete Line in letzter Zeit das Alleinsein.</p>
+
+<p>»Soll ich Reuter lesen?« fragte Hann, »hier &gt;Ut de Franzosentid&lt;.«</p>
+
+<p>Sie saß auf ihrem Bett und hatte die Hände müde in ihrem Schoß gefaltet.
+Eine Flechte des schwarzen Haares ringelte sich bereits über ihre
+Schulter.</p>
+
+<p>Im Nachsinnen hatte sie damit gespielt.</p>
+
+<p>»Nein, Hann, ich bin heut nicht lustig.«</p>
+
+<p>In diesem Augenblick stäubte über das Dach etwas fort, im Schornstein
+heulte es auf, und die beiden hörten, wie nebenan Klaus Muchow im Schlaf
+laut aufbrummte.</p>
+
+<p>Nach einer Weile fragte Hann, der an dem Licht stocherte: »Wenn ich nich
+lesen soll, was soll ich?«</p>
+
+<p>Sie verzog ein wenig die Nasenflügel.</p><p><span class="pagenum"><a name="Page_329" id="Page_329">329</a></span></p>
+
+<p>»Steck dir deine Pfeife an, Hann, und bleib noch ein wenig hier.«</p>
+
+<p>»Hier rauchen?«</p>
+
+<p>Er glaubte zuerst, daß er nicht richtig verstanden hätte, denn bis jetzt
+hatte sich Line den Tabaksdunst stets verbeten, und auch, als sie
+nochmals beistimmend nickte, wagte er nicht gleich, die kurze
+Schifferpfeife hervorzuholen. Da stand das Mädchen auf und riß ihm
+selbst ein Streichholz an.</p>
+
+<p>»Hier,« sagte sie matt.</p>
+
+<p>»O Lining,« erwiderte er gerührt und streichelte leise ihre Hand.</p>
+
+<p>Dieser Tabak schmeckte köstlich. Ganz vorsichtig blies er die Wolken von
+sich und schlug mit der Hand danach, wenn sie ihm zu dick erschienen.</p>
+
+<p>»Heute is es hier schön,« wagte er nach einiger Zeit zu urteilen.</p>
+
+<p>Sie saß wieder auf dem Bettrand und nestelte an ihren Haaren, ohne
+sonderlich auf ihn zu achten.</p>
+
+<p>»Heute is es hier gemütlich,« sprach Hann schüchtern weiter.</p>
+
+<p>Da nickte sie abermals, aber zerstreut, während sie auf den Wirbelsturm
+lauschte, der an ihrem Katen vorüberzog, und plötzlich entgegnete sie
+rasch und mit Betonung: »In der Stube ist es still.«</p>
+
+<p>»In der Stube, Lining?«</p>
+
+<p>Oh, er hatte für sie ein so feines Ohr gewonnen.</p>
+
+<p>»In deinem Geist aber nich? Meinst du das so?«</p>
+
+<p>Jetzt fuhr sie wie ertappt zusammen und rückte auf dem Bettrand hin und
+her. »Du solltest dich nicht so viel um mich sorgen,« drängte sie
+verlegen, »nicht immerfort. Die Hauptsache ist, wenn du dich wohl
+fühlst.«</p>
+
+<p>»Wenn ich &mdash; &mdash;?«</p>
+
+<p>War das Spuk? Hatte das eben eine menschliche Stimme geredet? &mdash; Oder
+hatte es eine der kleinen weißen Mäuse gewispert, die ja in den
+Schifferstuben in den Ecken sitzen sollen, wenn es still und friedlich
+hergeht. Und es war friedlich. Wie fein duftete der Tabak, wie wiegten
+sich die blauen Wolken um das Licht!</p><p><span class="pagenum"><a name="Page_330" id="Page_330">330</a></span></p>
+
+<p>Und diese köstliche Stille.</p>
+
+<p>Und diese schöne schwarze Flechte, die da auf der Schulter ruhte.</p>
+
+<p>Betroffen schlug Hann die Augen nieder und rückte das Licht, als ob es
+ihn blende.</p>
+
+<p>Und da fragte seine Gefährtin schon wieder etwas, was sein Herz noch
+froher schlagen ließ, weil er es noch vor kurzem nicht für möglich
+gehalten hätte.</p>
+
+<p>»Hann, du sagtest neulich was vom Besserwerden.«</p>
+
+<p>Er kratzte sich voller Verwunderung hinter dem Ohr.</p>
+
+<p>»Hast du dir das behalten, Lining?« warf er mit halbem Stolz dazwischen.</p>
+
+<p>»Ja.«</p>
+
+<p>Sie sah ihn nicht an, sondern fuhr mit der kleinen Hand unstet am
+Bettrand auf und nieder. Da mußte er zu ihr hinüberblicken und
+betrachten, wie die Flechte sich leise bewegte.</p>
+
+<p>Das verwirrte ihn, machte ihn froh und unglücklich.</p>
+
+<p>Diese da war ja die erste, die er sah. Das erste Weib!</p>
+
+<p>So rot die Lippen.</p>
+
+<p>»Kirschen,« dachte Hann, »oder ne, noch besser, Korallen. Solche Brosche
+hatte Mudding gehabt.«</p>
+
+<p>»Hann, glaubst du,« fragte sie unsicher dazwischen, »daß sich auch
+schlechte Menschen bessern können?«</p>
+
+<p>Da war es!</p>
+
+<p>Er nahm die Pfeife aus dem Munde und faltete beinahe andächtig die
+Hände.</p>
+
+<p>Draußen der Wind klang ihm wie Orgelton.</p>
+
+<p>Line, diese schöne Line, mit den schwarzen Haaren, die doch so gut war,
+&mdash; nicht ganz gut, verbesserte er sich &mdash;, sie wollte in sich gehen.</p>
+
+<p>Hurra &mdash; Viktoria!</p>
+
+<p>Am liebsten hätte er aufgejubelt, aber er bezwang sich und erwiderte nur
+eilfertig: »Aber natürlich, Lining. Aber weshalb fragst du?«</p><p><span class="pagenum"><a name="Page_331" id="Page_331">331</a></span></p>
+
+<p>Da schlug sie bereits ungeduldig auf das Kissen. »Oh, nur so.«</p>
+
+<p>»Ganz leicht is es, Lining &mdash; ganz leicht,« fiel er wieder ein, »aber
+freilich mit Strafen und Zuchthaus nich.«</p>
+
+<p>»Wodurch denn?«</p>
+
+<p>»Lining, ich muß immer an Mudding denken, wieso die so gut war. Beinah
+all bei lebendigem Leib ein Engel. Pastor Witt aber hat's am Grabe
+erklärt. Weil sie gar keine Gedanken an sich selbst hatte, sondern weil
+sie nur den ganzen Tag saß und an uns andere dachte. Siehst du, Lining,
+darin steckt's. Ein schlechter Mensch kann wohl einen neuen Menschen
+anziehen, i ja, aber dann muß er erst an sich selbst vergessen, über
+Bord mit allem, und muß irgend eine Liebe haben, zu 'ner Sache oder zu
+'nem andern Menschen. Und wenn er dann ganz voll davon is, dann is das
+Neue in ihm reingekommen, dann is er verwandelt. &mdash; So hab' ich Pastor
+Witt verstanden.«</p>
+
+<p>Das Mädchen war aufgesprungen.</p>
+
+<p>»Eine Liebe?« sprach sie erschreckt nach. Eine düstere Röte lief über
+ihre Stirn.</p>
+
+<p>»Ja, Lining, so erklär' ich mich das,« schloß er glücklich, während er
+sich die Hände rieb.</p>
+
+<p>Da wandte sie sich mit einer ihrer raschen Bewegungen, die aber doch
+bereits schwerfälliger wurden, zum Fenster, und während sie in den
+stäubenden Schneesturm hinausstarrte, verschränkte sie beide Hände vor
+der Stirn, um darauf in ein so schmerzliches Stöhnen aufzubrechen, daß
+er sich entsetzte.</p>
+
+<p>»Eine Liebe,« stammelte sie vor sich hin, »o Gott.«</p>
+
+<p>»Lining &mdash; Lining &mdash; is dir was?«</p>
+
+<p>Nach seinem Anruf wandte sie sich und kehrte ihm ihr blasses Antlitz zu.
+Dabei war es, als ob sie ihn lange betrachte. Dann scheuchte sie wieder
+etwas von ihrer Stirn, schritt langsam auf ihn zu, zögerte abermals, und
+während ihre Lippen zuckten, streichelte sie ein paarmal sanft über
+seine struppige Wange.</p><p><span class="pagenum"><a name="Page_332" id="Page_332">332</a></span></p>
+
+<p>Er erstarrte. Breit und plump ragte er vor ihr auf. So etwas Holdes war
+ihm noch nie geschehen!</p>
+
+<p>»Du bist ein guter Mensch, Hann,« sagte sie einfach, aber ohne daß ihre
+Züge an Düsterkeit verloren.</p>
+
+<p>Da wurde er wieder ganz glücklich.</p>
+
+<p class="center">&mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; <br />
+&mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; </p>
+
+<p>Aber nicht immer war Line so sanft. Alte Wünsche schlichen um den Katen
+und jagten die Verstörte auf.</p>
+
+<p>Da war zuvörderst eine Kiste, mit deren Inhalt sie gleichsam ihr
+früheres Leben wieder auspackte. Als ihr die ersten bunten Schleifen in
+die Hände fielen und die ersten, dünnen Reclamhefte &mdash; Schillers »Kabale
+und Liebe« &mdash; schrie sie laut auf. Da warf sie sich vor der Truhe auf
+die Knie und umklammerte das Holz.</p>
+
+<p>Und woher kam diese Sendung?</p>
+
+<p>Von der ehrbarsten Seite, die nur das Moralische wollte und immer nur
+das Moralische.</p>
+
+<p>An einem Dezembermorgen, kurz vor Weihnachten, in den Straßen blitzte
+fußhoher Schnee, da hing sich Fräulein Dewitz ihre Pelzkappe um, die ein
+Erbstück von Hollanders verstorbener Gattin war, zog sich die perlgrauen
+Handschuhe auf, die sie allein für vornehm hielt, und ließ sich von
+ihrem kleinen Aufwartemädchen eine Mietsdroschke holen.</p>
+
+<p>»Nach Moorluke,« sagte sie beim Einsteigen zum Kutscher und sah ihn
+dabei ganz ängstlich an.</p>
+
+<p>Der Kutscher im Schafpelz kratzte sich hinter dem Ohr.</p>
+
+<p>»Je, Madamming,« warf er ein, »wenn wir man hinkommen. Das erste Mal
+sind wir grad bis zum Steinbeckertor gekommen, dann hieß es: umkehren!
+Das zweite Mal bis an den Rick, das dritte Mal bis an die Räucherhäuser.
+Soll mich wundern, wie weit 's heute geht?«</p>
+
+<p>»Nein, nein,« beharrte das alte Fräulein, »heute tu ich's. Und achten
+Sie mir ja auf die Kiste da vorn.«</p><p><span class="pagenum"><a name="Page_333" id="Page_333">333</a></span></p>
+
+<p>»Na, denn hü!« brummte der Kutscher.</p>
+
+<p>Aber als die weiße Bahn des Flusses vor ihr aufblitzte, da begann der
+Handarbeitslehrerin das Herz zu klopfen.</p>
+
+<p>Noch hielt sie sich. Sie preßte ihr Antlitz in den Muff, als ob sie
+nichts hören und sehen wollte.</p>
+
+<p>»Es ist sehr schwer,« flüsterte sie in sich hinein, »für eine, die sich
+ihr ganzes Leben vor so etwas gehütet hat, &mdash; &mdash; &mdash; aber die Ärmste ist
+ja beinah eine Kranke, und man braucht ja auch nicht von dem
+Schrecklichen zu reden. Nein, das braucht man schließlich nicht. Man hat
+ja auch ein bißchen gesellschaftliche Kunst, <span lang="fr" xml:lang="fr">Savoir vivre!</span> &mdash; Gott, wie
+ich sie bloß finden werde?«</p>
+
+<p>Draußen wieherten die Pferde.</p>
+
+<p>Fräulein Dewitz erschrak.</p>
+
+<p>Waren das nicht bereits die Räucherhäuser, die dort vorbeiflogen?</p>
+
+<p>Ja, ja, das waren sie wohl.</p>
+
+<p>Lieber Himmel, was wird man aber im Logengarten dazu sagen? Wird man
+nicht meinen, ich billige solche &mdash; hm, das Wort flößt mir bereits Angst
+ein. Ich bin schon alt, aber darin doch ganz unerfahren. Und wenn Dinas
+Tante sich nun von mir zurückziehen würde? &mdash; Draußen donnerten die
+Pferde über die Moorluker Notbrücke.</p>
+
+<p>»Herr Bals &mdash; Herr Bals.«</p>
+
+<p>»Madamming?«</p>
+
+<p>»Ich fahre nicht weiter.«</p>
+
+<p>»Kuck, was sagte ich gleich?«</p>
+
+<p>»Nein, nein, es geht nicht, mir ist schlecht worden. &mdash; Aber die Kiste,
+die bringen Sie gleich dahin. &mdash; Sie wissen schon! Herrgott, da drüben
+wohnt sie. In diesem Katen. &mdash; Nein, sagen Sie gar nicht, daß ich da
+bin.«</p>
+
+<p class="center">&mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; </p>
+
+<p>So kam die Kiste in Lines Besitz.</p>
+
+<p>Sie lag vor dem Holz, als Hann auf See weilte, auf den Knien<span class="pagenum"><a name="Page_334" id="Page_334">334</a></span> und wühlte
+in den Andenken und Büchern herum, wie in einem anderen, reicheren
+Leben. Immer tiefer!</p>
+
+<p>Ja, Fräulein Dewitz hatte recht geurteilt. Diese Bücher kamen der
+Verlassenen jetzt wie vornehme Herren vor, die in die Fischerhütte
+traten, um mit der schönen Dirn Kurzweil zu treiben.</p>
+
+<p>Als Hann abends nach einem Sturmtag müde zu ihr ins Zimmer trat, wie ein
+borstiges, nasses Ungeheuer, tief in Pelze gehüllt, da fand er sie mit
+glühenden Wangen auf der Tischkante sitzen, ein Heftchen in der Hand.
+Das Licht stand neben ihr. Ihre Augen blitzten.</p>
+
+<p>Hann blickte sich um. Diesem Anblick gegenüber fühlte er sich hilflos.
+Was bedeutete das?</p>
+
+<p>»Hann,« stammelte sie, noch völlig verwirrt.</p>
+
+<p>In seiner Unsicherheit dachte er ihr etwas zu erzählen. Er fuhr an
+seinem triefenden Pelzwerk herunter, stotternd: »Unser Boot hat Wasser
+gezogen. Klaus Muchow und ich, wir haben beinah eine Stund' im Eis
+gelegen &mdash; ich möcht' was Warmes.«</p>
+
+<p>Aber sie verstand die Seenot im ersten Augenblick gar nicht.</p>
+
+<p>Da regte sich bei dem Frierenden Unwillen über ihre Teilnahmlosigkeit.</p>
+
+<p>»Was hast du da zu lesen?«</p>
+
+<p>»Ein Theaterstück.«</p>
+
+<p>Er ballte die Faust.</p>
+
+<p>»Denkst du noch immer an solche Schauspielerstücke?« brach es rauh aus
+ihm heraus. »Ich meinte &mdash; &mdash;« Aber er unterdrückte das übrige, wandte
+sich schwerfällig und verließ mit Geräusch die Kammer, um nebenan bei
+den Muchows eine warme Erquickung zu suchen.</p>
+
+<p>Line starrte hinter ihm her, dann ließ sie langsam, zögernd das Heft
+sinken und blinzelte träumerisch in das Flämmchen der Kerze.</p>
+
+<p class="center">&mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; </p>
+
+<p>Doch der Beruf, der sie anzog, der leichte Flittertand, sollte noch
+dichter an ihr vorbeistreifen.</p><p><span class="pagenum"><a name="Page_335" id="Page_335">335</a></span></p>
+
+<p>Oll Kusemann humpelte in die Küche.</p>
+
+<p>Nur wenige Tage fehlten noch zum Fest, es war ein Morgen, an dem ein
+Frost herrschte, daß die Fugen des Katens krachten, und an den Wänden
+der Muchowschen Küche ein feiner Eisüberzug flimmerte. Oll Kusemann aber
+greinte über das ganze Gesicht und hob einen kleinen gedruckten Zettel
+in die Höhe, den er in der Hand trug.</p>
+
+<p>»Kinnings,« schmunzelte er und lehnte sich an den Herd, denn das
+Riesenpaar trank gerade gemeinschaftlich mit seinen Mietern Kaffee. »Ich
+komm', euch einzuladen. Die Schauspielers sind angekommen. Mein Alwining
+hat die Bodenkammer wieder an den Direktor Türkow und seine Braut
+vermietet. Oder auch seine Frau. Genau weiß ich das nich. Aber es sind
+sehr anständige Leute. Haben nich mal einen Ofen verlangt. Und was sie
+is, sie is umgänglich. Und in dem Päplowschen Saal wird heute gespielt.
+Sie belernen sich schon, daß es bloß so raucht. Kuckt! Alpenkönig und
+Menschenfeind. Ich spiel auch mit. Einen Geist oder so was. Und mein
+Alwining macht eine Hex'. Alles ganz natürlich.«</p>
+
+<p>»Eierkauken,« sprach Klaus Muchow, der inzwischen den Zettel angestaunt
+hatte und jetzt zärtlich über das Papier strich: »Eierkauking.«</p>
+
+<p>»Ja, ja,« nickte Frau Fiek, »so was mag er gern. Und wenn es man halb so
+graulich is, als die Geschicht' von dem alten Räubervater im Hungerturm
+&mdash; weißt noch, Klaus, wo wir unsere Latern dazu haben borgen müssen? &mdash;
+denn kann es mich auch gefallen. Dazu kommen wir.«</p>
+
+<p>Am Nachmittag begann sich Line zu putzen. Ganz verstohlen vor dem
+Spiegel, hier ein Schleifchen und dort eine Brosche. Währenddessen saß
+Hann hinter dem Ofen und krümmte sich vor Reißen. Die Stunde im Eise
+hatte es ihm angetan. Er sah auf seine Gefährtin hin und sprach kein
+Wort.</p>
+
+<p>Jetzt flimmerte draußen auf der Dorfstraße eine einsame Petroleumlaterne
+auf. Sie warf ihren Schein in die halbdunkle Kammer.</p><p><span class="pagenum"><a name="Page_336" id="Page_336">336</a></span></p>
+
+<p>Da hielt sich Line nicht länger.</p>
+
+<p>»Kommst du nicht mit?« begann sie abgewandt, wobei sie sich an der
+Kommode etwas zu schaffen machte. Hann rieb an der schmerzenden
+Schulter.</p>
+
+<p>»Wohin?« fragte er kurz.</p>
+
+<p>»Nun, du weißt doch. Ins Theater.«</p>
+
+<p>Er rieb weiter, geduckt, ohne eine Silbe zu entgegnen.</p>
+
+<p>»Hann,« mahnte sie scharf.</p>
+
+<p>Diese Art war ihr neu.</p>
+
+<p>Da murrte es aus der dunklen Ofenecke hervor: »Ich hab' Trauer um meine
+Mutter und auch um Siebenbrod. Und du &mdash; &mdash;«</p>
+
+<p>Es schien ihr, als ob seine Augen sich halb verächtlich von ihr
+abwandten.</p>
+
+<p>»Nun, und ich?« forderte sie herb.</p>
+
+<p>»Ich meinte, du brauchtest dich nich so offen vor den Leuten zu zeigen,«
+quoll es ohne Rücksicht über seine Lippen.</p>
+
+<p>Dann stöhnte er wieder und rieb an seinem Knie.</p>
+
+<p>Da war es gesagt, das Wort, das die Ausgestoßene von den andern Menschen
+schied. Ihre körperliche Schönheit war angetastet, ihr letzter Trost,
+ihre letzte Zuflucht.</p>
+
+<p>Zuerst sah sich Line um.</p>
+
+<p>Wo befand sie sich eigentlich? &mdash; Und war das Hann, der ewig
+freundliche, dienstwillige Hann, der dort so verkrümmt in der Ecke
+hockte und ihr eben so roh ihr Schicksal enthüllt hatte?</p>
+
+<p>Sie tastete mit den Händen umher. Ihre Brust stieß, ein leiser,
+unartikulierter Ruf wurde hörbar.</p>
+
+<p>»Lining &mdash; is dir was?«</p>
+
+<p>Keine Antwort. Mit tiefgesenktem Haupte stand sie da und scharrte mit
+den Nägeln auf der Tischplatte herum.</p>
+
+<p>»Lining, ich hab' solche Schmerzen &mdash; ich meinte das nich so.«</p>
+
+<div class="figcenter" style="width: 400px;">
+<img src="images/oppos_336.jpg" width="400" height="624" alt="Illustration" />
+</div>
+
+<p>Das Scharren erstarb. Sie stand regungslos, aber Hann, der sie besorgt
+beobachtete, nahm wahr, wie über das geneigte Antlitz<span class="pagenum"><a name="Page_337" id="Page_337">337</a></span> große Tränen zu
+fließen begannen. Das hatte er bei seiner Schutzbefohlenen noch nie
+gesehen.</p>
+
+<p>Trotz seiner Pein hinkte er auf sie zu.</p>
+
+<p>»Lining &mdash; Lining.«</p>
+
+<p>»Lining, ich will dich ja nur hüten.«</p>
+
+<p>»Lining, ich sagt es ja nur zum Guten. Der Mensch muß sich doch in jeder
+Lage zuerst ein richtiges Bildnis von sich selbst machen. Das ist doch
+das erste. &mdash; Lining, wenn du mir nich bös wärst, würdest du mir dann
+woll die Hand geben?«</p>
+
+<p>Er wartete eine Zeitlang, dann bemerkte er, wie sich langsam ihre Finger
+ihm entgegenreckten, und plötzlich schoß Siedehitze in ihre Wangen, sie
+griff nach seinem Arm, um mit fiebriger Stimme zu fragen: »Bin ich schon
+lange so häßlich, Hann?«</p>
+
+<p>»Du, Lining? &mdash; O Gott &mdash;« Er getraute sich nicht, von seinem vollen
+Herzen mehr zu verraten.</p>
+
+<p>»Sonst hab' ich dir immer gefallen,« fuhr sie nachdenklich fort und
+unter Tränen schmerzlich lächelnd.</p>
+
+<p>»Ja, ja, Lining, und das wirst du auch bis an mein Lebensende.«</p>
+
+<p>»Armer Hann &mdash; dir glaub' ich's &mdash; armer Hann.«</p>
+
+<p>Dann legte sie ihre Schleife ab und die Brosche. Die Schublade knarrte,
+als sie alles hineinlegte. Darauf suchten sie wieder ihre Plätze auf,
+sie an dem Tisch und er an seiner Ofenbank, und ein langes, banges
+Schweigen senkte sich herab.</p>
+
+<p class="center">&mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; </p>
+
+<p>Seitdem war Line wie gebrochen. Sie verließ ihre Kammer nicht mehr. Sie
+saß und dachte über sich und Hann nach. Lag vor ihrem Bett und weinte
+und konnte es dann gar nicht erwarten, daß Hann heimkehrte. Denn seine
+dummen, ehrbaren Vernunftsgründe waren das einzige, was ihr die Furcht
+vertrieb.</p>
+
+<p>Manchmal sprach sie ganz sonderbar zu ihm.</p>
+
+<p>»Warum sprichst du nicht zu mir, Hann?«</p>
+
+<p>»Lining, was soll ich?«</p><p><span class="pagenum"><a name="Page_338" id="Page_338">338</a></span></p>
+
+<p>»Deine Stimme vertreibt mir die Angst. Es ist, als ob das bißchen Gute
+aus mir spräche. Nicht wahr, Hann, es mag doch auch Gutes in mir sein?«</p>
+
+<p>»O Lining &mdash; du &mdash; du.«</p>
+
+<p>»Ich geb' mir auch Müh', an mich selbst zu vergessen, wie du mir geraten
+hast. Merkst du das, Hann?«</p>
+
+<p>»Ja, Lining, wie sollt' ich nich?«</p>
+
+<p>»Hann, nicht wahr, ich werd' nicht sterben? Es kann noch ein besserer
+Mensch aus mir werden?«</p>
+
+<p>Er lachte und weinte in einem Atem: »Lining, du bist gar nich mehr so
+klug, wie früher. Wie kannst du jetzt woll von uns gehen?«</p>
+
+<p>»O Hann, ich träum' jede Nacht davon. Denn ich steh' auf der Schwelle.
+Aber nicht wahr, wenn ich auch nicht so klug bin, wie früher, so bin ich
+doch auch nicht mehr so trotzig? Bist du jetzt mit mir zufrieden?«</p>
+
+<p>»Lining &mdash; Lining &mdash; du zerreißt mir rein das Herz.«</p>
+
+<p>»Still &mdash; still.«</p>
+
+<p>Und dann saßen sie wieder zusammen, lautlos, als ob sie auf das Geschick
+warteten.</p><hr class="chap" /><p><span class="pagenum"><a name="Page_339" id="Page_339">339</a></span></p>
+
+
+
+
+<h3>VII</h3>
+
+
+<p>Ein verzweifelter Mensch läuft über den Schnee. Er erreicht die Straße,
+zieht an der Klingel, sieht sich wirr in dem kahlen Vorraum um und
+stürzt dann auf die Krankenschwester zu, die mit verhaltener Erregung
+hereintritt.</p>
+
+<p>»Hann, du?«</p>
+
+<p>»Line stirbt.«</p>
+
+<p>»Da sei Gott vor.«</p>
+
+<p>»Klara, Klara, es darf nich &mdash; das kleine Kind &mdash; und ich &mdash; und, und &mdash;
+warum soll ich es vor dir verschweigen? &mdash; mir is, als ob du und ich und
+die ganze Welt mit ihr zusammen sterben müßten.«</p>
+
+<p>»Das weiß ich, Hann, das weiß ich.«</p>
+
+<p>Mit Hast wird nun allerlei durcheinander gefragt. Nach dem Doktor, nach
+Rezepten, und dann eilen der Mann und das Mädchen durch den Schnee von
+dannen, beide Hand in Hand, ohne daß sie es fühlen.</p>
+
+<p>»Klara, sie is gut &mdash; du mußt mir glauben, sie is gut,« stammelt er im
+Laufen.</p>
+
+<p>»Und du auch, Hann &mdash; du auch. &mdash; Gott wird helfen.«</p>
+
+<p>»Ja, wenn er sie sieht, wie sie daliegt, dann hilft er ganz gewiß, es
+geht nich anders.«</p>
+
+<p class="center">&mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; </p>
+
+<p>Dicht bei Neuyork, am Strande von Long Island, sitzt an demselben Abend
+der Buchhalter der Bootsbaufirma Richards &amp; Co. auf seinem Kontorsessel
+und sieht durch die grünen Sprossen eines Weingeländers auf den Ozean
+und die hinabtauchende Sonne.</p>
+
+<p>Blauer und blauer wird's, an dem Spalier rüttelt der Wind;<span class="pagenum"><a name="Page_340" id="Page_340">340</a></span> und der
+junge Beamte klammert sich mit seinen Blicken an einen fernen, fernen
+Dampfer an, der winzig, wie eine Schwalbe, über das Meer enteilt. Dann
+ist er zwischen Schaum und Duft zerflossen.</p>
+
+<p>Versonnen schüttelt der Einsame das Haupt und will eben seine Papiere
+zusammenraffen, da tritt ein Schiffszimmermann in den Verschlag, der mit
+zufriedenem Stolz seine Löhnung fordert, um dann seine Tatze
+abschiednehmend durch das Geländer zu recken.</p>
+
+<p>»Na, adjüs ok, Herr.«</p>
+
+<p>»Adjüs?« &mdash; Bei dem Klang horcht der andere hoch auf: »Sind Sie denn ein
+Plattdeutscher, Schmidt?«</p>
+
+<p>»I, jawoll, jung Herr,« sagt der rotblonde Bursche breit. »Ut de Gegend
+von Wolgast.«</p>
+
+<p>Das Wort muß den Buchhalter treffen, denn er tritt rasch aus seinem
+Gehege heraus.</p>
+
+<p>»Das wußt' ich nicht. Und trotz des hohen Lohns,« fragt er rasch,
+»wollen Sie wieder nach Deutschland zurück? Aus welchem Grunde? Haben
+Sie dort eine Braut?«</p>
+
+<p>»Ne, Brüdjam bünn ick dor nich grad. As ich fortführ, wir sei irst
+föfteihn.«<a name="FNanchor_12_12" id="FNanchor_12_12"></a><a href="#Footnote_12_12" class="fnanchor">[12]</a></p>
+
+<p>»Aber Sie haben vielleicht Geschwister?«</p>
+
+<p>»Ne, dei sünd all dot &mdash; aberst Herr, ick &mdash; ick &mdash;« und der Zimmermann
+reibt sich verlegen an seiner Hose. »Nach den ganzen Lann'n heww ick
+Sehnsucht. Nach de Felder und de Minschen und unsre Sprak.«</p>
+
+<p>Still wird es zwischen den beiden. Und da die Winterabendsonne rötlich
+den Raum überzittert, so kann der Scheidende nicht merken, wie sein
+Vorgesetzter erblaßt ist.</p>
+
+<p>Zögernd schreitet der Buchhalter endlich an sein Pult und öffnet es. Mit
+zitternder Hand nimmt er einen Brief hervor.</p><p><span class="pagenum"><a name="Page_341" id="Page_341">341</a></span></p>
+
+<p>»Schmidt,« beginnt er mit niedergeschlagenen Augen, »hier hab' ich seit
+vielen Monaten ein Schreiben liegen, das ich aus schwerwiegenden Gründen
+nicht abgesandt habe. Wollen Sie das an seine Adresse befördern? Der Ort
+liegt ganz in Ihrer Nähe. Wollen Sie den Weg machen?«</p>
+
+<p>»I, woll, Herr,« erklärte sich der Abreisende bereit, und dabei
+buchstabiert er die Adresse: »Hann Klüth. &mdash; Oh, das is woll ein
+Verwandter? Na, den will ich grüßen, Herr.«</p>
+
+<p>»Und das Land auch,« sagt der andere an sich haltend und blickt auf die
+spielende See.</p>
+
+<p>»Versteht sich. Das Land auch. Adjüs!«</p>
+
+<p class="center">&mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; </p>
+
+<p>Das Meer war Lines Feind. Das Meer wollte nicht, daß die Kranke gesunde.
+Das Meer, welches das Mädchen schon als Kind gehaßt hatte.</p>
+
+<p>»Heut' abend knackt das Eis,« meinte oll Kusemann.</p>
+
+<p>»Und dann gibt es wieder einen Tanz,« setzte Frau Fiek hinzu, die mit
+Hann in der Küche weilte, um das Kind in einem Korbe zu wiegen. »Kuck,
+Hann, was er für schwarze Augen hat. Grad als Line. Und da &mdash; jetzt
+sieht er direkt auf die See raus.«</p>
+
+<p>»Kinder können den Sturm sehen,« kaute oll Kusemann, während er an dem
+Türpfosten lehnte. »Hann, du solltest die jugendliche Mutter von hier
+fortbringen. Was tust du, wenn das Wasser hier nun hereinläuft.«</p>
+
+<p>Aber Frau Fiek schüttelte ihre Riesenfaust nach der See, über der sich
+noch die Eisdecke spannte. »Das wird sie wohl bleiben lassen,« schrie
+sie &mdash; »wird sich hüten. Solche Waschschüssel voll Wasser. Werden uns
+hier gerade fürchten.«</p>
+
+<p>»Stäwelwichs,« polterte Klaus Muchow und schlug auf den Herd.</p>
+
+<p>Und das Kind begann laut zu schreien.</p>
+
+<p>»So,« murmelte der Lotse, »da habt ihr's, das Gör ahnt es.«</p>
+
+<p>Und Hann, der mit gesenktem Haupt an der Wiege stand, wo<span class="pagenum"><a name="Page_342" id="Page_342">342</a></span> er geraume
+Zeit auf das rosige Gesichtchen geblickt hatte, fing ebenfalls an, sich
+zu fürchten vor dem Meer, das dort unter der Eisdecke schlief, und vor
+der großen Stille, die um den Katen lauerte, und vor dem Unbekannten,
+das täglich einen Fuß auf die Schwelle setzte und ihn wieder zurückzog.</p>
+
+<p>Ein Schauer lief dem plumpen Manne über den Rücken. Er zitterte einen
+Moment, daß es den anderen auffiel. Die vielen Nachtwachen hatten ihn
+bereits erschöpft.</p>
+
+<p>»Hann,« sagte Frau Fiek aufsehend, »du solltest dich mal hinlegen.«</p>
+
+<p>Er schüttelte das Haupt.</p>
+
+<p>»Nich eher, als bis Line geschlafen hat.«</p>
+
+<p>Damit ging er an die See und maß die Stärke des Eises.</p>
+
+<p>Zwei Zoll. »Noch hält's.«</p>
+
+<p class="center">&mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; </p>
+
+<p>Doch im fahlen Glanz der Februarsonne lag die See und schielte mit ihrem
+eisigen, glänzenden Auge durch das Fenster nach Lines Lager hin, so daß
+die Liegende keinen Blick von dem Schimmer wenden konnte.</p>
+
+<p>Sie hatte den Kopf auf beide Hände gebettet, und ihre glänzenden Augen
+ließen die Scheibe nicht.</p>
+
+<p>Unmerklich flüsterte sie.</p>
+
+<p>»Nun?«</p>
+
+<p>Und dann wieder.</p>
+
+<p>»Wann kommst du?«</p>
+
+<p>Dann winkte sie verstohlen.</p>
+
+<p>Da griff Klara Toll, die nun schon seit Wochen an dem Lager waltete,
+sacht nach Lines Hand. Die Kranke mußte aufsehen.</p>
+
+<p>Dabei verrieten ihre lebhafter glänzenden Augen, wie ihr die schlanke
+Gestalt in dem hellblauen Pflegerinnengewande, das ihr früher soviel
+Abscheu eingeflößt, jetzt gefiel. Neugierig fast spähte sie nach den
+braunen Haaren, die im Glanz der Sonne weich unter dem Haubenlatz
+hervorquollen.</p><p><span class="pagenum"><a name="Page_343" id="Page_343">343</a></span></p>
+
+<p>Unterdessen hatte die Schwester einen Arm um Lines Schulter geschlungen,
+und nun konnte sich die Liegende aufrichten.</p>
+
+<p>»Komm,« bat Klara, »sieh von da fort.«</p>
+
+<p>Doch Line schüttelte nur eifrig das Haupt und bog den Hals gespannt
+wieder nach dem Fenster. »Das verstehst du nicht,« erwiderte sie leise,
+»ich muß drauf warten.«</p>
+
+<p>»Worauf, Line?«</p>
+
+<p>Aber Line blieb stumm. Doch wenn sie auch schwieg und wie gezogen wieder
+auf das Wasser hinausträumte, Klara Toll wußte aus früheren Reden recht
+gut, was die Gedanken der Leidenden lenkte.</p>
+
+<p>Da lag sie nun schon seit Wochen, vom Fieber geschüttelt, sie, die so
+leidenschaftlich nach dem Leben verlangt hatte, nach einem besseren,
+tätigen Dasein, und siehe, das Leben verwarf sie, das Leben hatte sie
+auch fürder ausgespien. Nichts konnte sie dem Neugeborenen leisten, vor
+dem sie ursprünglich solche Angst gehegt, auf keine Weise Hann danken,
+der sie unausgesetzt, wie ein großer, treuer Haushund, bewachte. Und nun
+waren mitten in ihre Fieberträume die Reden der Hausgenossen
+hereingedrungen über das Vordringen des Wassers, und seitdem lag Line
+und lauerte.</p>
+
+<p>Unausgesetzt, wie auf etwas Wunderbares. Immer wieder wandte sie sich
+nach der eisigen Fläche. Und wenn sie es auch nicht wieder laut werden
+ließ, ihre verlangenden Augen redeten es deutlich: »Nun?«</p>
+
+<p>Und dann wieder.</p>
+
+<p>»Wann kommst du?«</p>
+
+<p>Am Mittag trat Hann zu der Erschöpften, und als sie ihn merkte,
+streichelte sie seine Hand, um sie jedoch gleich fahren zu lassen,
+sobald sie sich an Klaras Gegenwart erinnerte.</p>
+
+<p>Dann bannte sie ein flüchtiges Lächeln auf ihre Lippen, um endlich das
+zu fragen, was sie jetzt täglich beschäftigte, ob Paul, der Pastor,
+etwas von sich habe hören lassen? Und die in der Stadt? Beide nicht? &mdash;
+Beide nicht?</p><p><span class="pagenum"><a name="Page_344" id="Page_344">344</a></span></p>
+
+<p>Sie kannte schon Hanns mitleidiges Kopfschütteln und streckte sich starr
+in ihren Kissen aus. Ihre Augen suchten die niedrige Decke.</p>
+
+<p>Der Nachmittag dieses Tages, von dem die Moorluker noch heute sprechen,
+dämmerte herauf. Die beiden Frauen saßen wieder allein. Line auf ihrem
+Bette, Klara am Fußende, mit einer Strickerei in der Hand. Die sah
+winzig aus.</p>
+
+<p>Die gelbe Februarsonne glitzerte auf den Fensterscheiben. Da richtete
+sich Line auf. Ihre Augen irrten wieder auf der Eisfläche herum.</p>
+
+<p>»Klara.«</p>
+
+<p>Die Pflegerin ließ ihre Arbeit ruhen und sah auf. &mdash;</p>
+
+<p>»Klara, woran arbeitest du da?«</p>
+
+<p>»Es sind Strümpfchen für den Kleinen, Line.«</p>
+
+<p>Die Kranke besah sich die Arbeit und legte einen Augenblick ihre Wange
+darauf.</p>
+
+<p>»Ja, ja,« begann sie dann mit eilender Stimme. »Du wirst sie ihm auch
+später stricken.«</p>
+
+<p>»Wieso, Line, ich werde doch nun bald gehen.«</p>
+
+<p>Die Liegende lächelte eigentümlich und wandte sich dann wieder zur See,
+über deren Eisfläche der Wind graue Schneewolken jagte.</p>
+
+<p>»Hörst du,« sagte sie mit seltsamer Befriedigung, während sie mit dem
+Finger zeigte, »wie es heult?«</p>
+
+<p>Da legte Klara ihre Arbeit fort, und ihre stillen, offenen Züge kehrten
+sich ganz gegen ihre Gefährtin: »Line,« bat sie, »willst du mir nicht
+einmal erklären, weshalb du so stundenlang auf das Eis siehst?«</p>
+
+<p>»Weshalb willst du das wissen?«</p>
+
+<p>»Wir ängstigen uns alle deshalb.«</p>
+
+<p>»Oh,« lächelte Line, und es war so, als wollte sie wieder alles in sich
+verschließen, allein plötzlich führte sie ihre Lippen an Klaras Ohr und
+raunte: »Ich war so schlecht, Klara, so schlecht, wie du<span class="pagenum"><a name="Page_345" id="Page_345">345</a></span> dir's gar
+nicht denken kannst. Du weißt's ja, du bist mir ja auch nicht gut
+gewesen. Ich hab' nur immer an mein Vergnügen gedacht, und wenn andere
+darüber hätten verbluten sollen. Das ging eine lange Zeit, und ich
+wollt' auch gar nicht anders werden. Sieh, da ist nun die Zeit mit Hann
+gekommen, und ich weiß auch nicht, wieso, aber das Ehrliche in ihm muß
+wohl eine Kraft haben, denn ganz allmählich, Stück für Stück ist mir der
+Wunsch aufgestiegen, ich möcht' auch so werden wie er, so ohne Lüge, und
+ganz zuletzt ist diese Sehnsucht rein übermächtig in mir geworden.
+&mdash; Aber sieh, da ist so viel, was mich an das Frühere erinnert. Der
+Gedanke an das Kind und an seinen Vater &mdash; das stößt mich immer wieder
+zurück. Und da weiß ich nicht, soll ich leben, oder soll ich sterben?
+Und deshalb lieg' ich und warte auf das Wasser. Es wird kommen, Klara,
+und wenn es mich dann nicht mitnimmt, pass' auf, dann gelingt's mir.«</p>
+
+<p>Klara schüttelte das Haupt. »Das sind Phantasien,« entgegnete die
+Pflegerin, an sich haltend. »Die See wird nicht kommen. Aber wenn du
+hier jemanden lieb hast, so darfst du ihm nie von dergleichen reden.
+Versprich mir das.« Sie rückte ihr sanft die Kissen zurecht. »Nicht
+wahr, du hast Hann doch lieb?«</p>
+
+<p>Line zuckte und sah starr auf die Decke.</p>
+
+<p>»Nicht so wie du,« gab sie endlich mühsam zurück.</p>
+
+<p>»Aber du bist ihm doch gut?« drängte die andere.</p>
+
+<p>Leise nickte die Gefragte und faltete die Hände.</p>
+
+<p>Die Pflegerin rückte noch näher. Jetzt wollte sie erkunden, was ihr
+schon lange des armen Hann wegen auf der Seele lag: »Und an Bruno,
+Lining, denkst du noch an den? Es ist nicht Neugierde, die mich treibt.«</p>
+
+<p>Da lag Line ausgestreckt und führte beide Hände an die Stirn, eine
+innere, heftige Unruhe ging durch ihre Glieder, und wieder flog ein
+langer irrender Blick auf die See hinaus.</p>
+
+<p>»Und das Kind,« mahnte die andere eindringlich, »das wird dich doch ans
+Leben fesseln?«</p><p><span class="pagenum"><a name="Page_346" id="Page_346">346</a></span></p>
+
+<p>»Du mußt mich nicht quälen,« stöhnte es aus den Kissen auf. »Das Wasser
+weiß allein, wie alles enden wird.«</p>
+
+<p class="center">&mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; <br />
+&mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; </p>
+
+<p>Um sechs Uhr nachmittags kam ein fremder Mann zu Hann, der einsam mit
+seinen schweren Wasserstiefeln an der Wiege des Kindes saß. Der Fremde
+blieb eine geraume Zeit. Als später Frau Fiek in ihre Küche trat, fiel
+es ihr auf, wie ihr Mieter noch immer gebückt neben dem kleinem Lager
+harrte, mechanisch mit dem Fuß den Gängel tretend, einen Bogen Papier in
+der Hand und verstört darauf niederschauend.</p>
+
+<p>Frau Fiek wurde neugierig.</p>
+
+<p>»Hann, was liest du da?«</p>
+
+<p>Wohl horchte der Mann nach dem Klang der Stimme, aber den Sinn schien er
+nicht zu fassen. Erst ganz spät tönte es zurück: »Einen Brief.«</p>
+
+<p>Das sah Frau Fiek selbst, deshalb zuckte sie über Hanns Dummheit ein
+wenig die Achseln, denn gar zu gern wollte sie mehr wissen.</p>
+
+<p>»Von wem is der woll?« examinierte sie freundlich lächelnd weiter und
+streckte zutraulich die Hand aus, als hoffe sie, eine Ecke des
+Schreibens zu erwischen.</p>
+
+<p>»Von weit her,« erwiderte Hann, noch tief in seinen Gedanken, und dabei
+faltete er still das Papier zusammen und steckte es zu sich.</p>
+
+<p>»Kuck, wie schlau,« platzte die Riesin heraus, als das Ersehnte in der
+weiten Tasche verschwand. Aber nach einiger Zeit grinste sie wieder und
+fragte recht herzlich, ob Hann etwa eine Erbschaft gemacht oder
+vielleicht etwas gewonnen hätte.</p>
+
+<p>»Wie würd' ich mich freuen,« setzte sie hinzu, wobei sie sich den Mund
+wischte. »Und es is nich etwa deswegen, weil du uns noch zehn Taler
+schuldig bist, Hanning. Ne, das mußt du nich glauben. Man ja nich.«</p>
+
+<p>Dabei nahm sie die Küchenlampe vom Herd und leuchtete<span class="pagenum"><a name="Page_347" id="Page_347">347</a></span> ihrem Mieter ins
+Gesicht. Aber wie erschrak sie, als dieser seine Augen gegen sie erhob.
+Da sprach nichts von Freude, wohl aber erkannte die Erfahrene Gram,
+Verzweiflung und völlige Ratlosigkeit. &mdash; Und wie faltig die Furchen
+sich in diesem frühgealterten Gesicht eingegraben hatten.</p>
+
+<p>Jetzt stand er auf, schwerfälliger als sonst, sah sich um und griff an
+seine blaue Schifferjacke, bis er das Papier knistern hörte. Dann nickte
+er. Plötzlich sagte er etwas. Mit einer Stimme, die nur dumpf aus der
+Brust schlich.</p>
+
+<p>»Frau Muchow?«</p>
+
+<p>»Jawolling?«</p>
+
+<p>»Wird es mit Line besser werden?«</p>
+
+<p>»Hann, wer kann das sagen? &mdash; Aber mir will es bald so vorkommen.«</p>
+
+<p>»Ja &mdash; ja.«</p>
+
+<p>Nochmals beugte er den schweren Kopf, dann blickte er lange vor sich
+nieder. »Ja, ja, nun wird sie gesund werden und wieder wie früher, und
+ich hab' &mdash; &mdash; &mdash;«</p>
+
+<p>»Was hast du?« drängte rasch die Frau, als er stockte. Aber geschah es,
+weil unvermutet vom Meere etwas heulte, oder war es, weil das Kind laut
+schrie, Hann schüttelte den Kopf und warf nur hin: »Sehen Sie hier ein
+bißchen nach dem Kind, Frau Muchow, ich will noch raus und mein Boot
+höher ziehen. Wer weiß, was heut nacht geschieht? Vielleicht kriegen wir
+noch was.«</p>
+
+<p>Damit stülpte er sich die Mütze auf und ging Schritt für Schritt in die
+Dunkelheit.</p>
+
+<p class="center">&mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; <br />
+&mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; </p>
+
+<p>Das war eine böse Stunde, die über Hann eingebrochen war.</p>
+
+<p>Der Teufel focht mit dem lieben Gott, alles was Gutes in ihm lebte, war
+von Nacht zugedeckt, von allen Seiten stürmten die bösen Geister heran,
+in den Krallen die roten flatternden Fähnchen<span class="pagenum"><a name="Page_348" id="Page_348">348</a></span> der Sünde, als wollte
+jeder zuerst in diesem stillen, reinen Herzen das höllische Banner
+aufpflanzen.</p>
+
+<p>Er saß auf dem Kiel des Bootes, das er fast bis unter die Mauern des
+Katens geschoben hatte, und wie in ihm, so tobte auch draußen eine
+lärmende, unheimliche, nicht erkennbare Nacht.</p>
+
+<p>Was knallte dort?</p>
+
+<p>Schüsse?</p>
+
+<p>Da und dort, von überall her drang das dumpfe Platzen; mächtiger, immer
+länger, bis es ein Donner ward, wie wenn eine Schlachtflotte den Katen,
+in dem Line lag, und die Küste und die ganze Welt in Trümmer schießen
+wolle.</p>
+
+<p>Und über Hanns Lippen flog ein schweres, fast unheimliches Grinsen: Gut,
+gut, wenn das Eis so platzte, war dann nicht schon öfter die Flut
+hinterhergedrungen? Erst vor zwei Jahren war doch auf dem Darst eine
+kleine Halbinsel mit Menschen und Vieh zur Winterszeit verschlungen
+worden?! &mdash; Gut, gut, was aber schadete das? &mdash; Dann ging der Katen
+unter, mit allem, was drinnen hauste, dann war es morgen hier still,
+dann hatte er eben den Brief, dies verfluchte Papier, das drinnen in
+seiner Tasche bei jeder Bewegung knisterte, nicht mehr abgeben können,
+dann war er zusammen mit ihr untergegangen, und keiner hatte mehr etwas
+zu fordern. &mdash; Ne, keiner!</p>
+
+<p>Bei dem Gedanken, daß dort hinten, weit hinter der Nacht, jemand lauere,
+der ihm das fortnehmen wollte, was er mit seinen plumpen, fiebernden
+Händen auch über den Abgrund festgehalten, da hob Hann plötzlich in
+Wildheit die Faust und schüttelte sie drohend gegen das schwarze,
+lärmende Meer!</p>
+
+<p>Es war eine rohe, gewaltsame Bewegung.</p>
+
+<p>»Du &mdash; du Halunk. &mdash; Was willst du? &mdash; komm ran &mdash; komm bloß ran &mdash; dann
+wirst du mir ja nich mehr lang im Weg sein. Was? Hast sie nich schon
+einmal in Schande gebracht? Möchtst sie nun wohl ganz zugrund richten,
+wie?«</p><p><span class="pagenum"><a name="Page_349" id="Page_349">349</a></span></p>
+
+<p>Drüben auf der See riß etwas &mdash; ein langer, weiter Spalt mußte es sein,
+der sich auftat. An der Molenmauer krachte es.</p>
+
+<p>»Immer näher kommt's,« murmelte Hann, »da &mdash; da fliegen schon die
+Eisstücke; und nun &mdash; das muß das Wasser sein, was da durchbricht. Da
+schäumt etwas, da an dem Steg; der wird nich lange halten &mdash; ganz gut &mdash;
+ganz gut &mdash;«</p>
+
+<p>Auf ihrem Lager in der Kammer richtete sich Line in die Höhe,
+schneebleich war sie vor Erwartung und Furcht geworden, und doch rief
+und forderte sie immer wieder, Klara solle das Rouleau fortziehen,
+hinaus müsse sie spähen können, nach draußen, woher der Donner rollte.
+Nichts nützte es, daß die Pflegerin die Hände rang und anführte, daß
+draußen nichts als Dunkelheit herrsche.</p>
+
+<p>»Das schadet nichts, Klara, dann will ich hören &mdash;«</p>
+
+<p>»Mein Gott, Lining, fürchtest du dich denn nicht?«</p>
+
+<p>»Ja, ja, ich fürchte mich &mdash; aber zieh fort &mdash; ah jetzt.«</p>
+
+<p>Das Rouleau war in die Höhe gegangen.</p>
+
+<p>Sie erhob sich aus den Kissen und starrte mit aufgerissenen Augen
+hinaus. Draußen ritt Hann auf dem Kiel des Bootes, lehnte sich an die
+Mauer des Katens und hielt sich an einem Vorsprung fest.</p>
+
+<p>Leise, verstohlen begann der Wind zu ziehen &mdash; allmählich wurde ein
+Winseln daraus. Ein heftiger Zug fuhr um die Hausecke und schüttelte
+Hanns Schifferjacke, so daß Brunos Schreiben drinnen knisterte und
+rauschte.</p>
+
+<p>Verfluchter Zettel &mdash; willst du wohl still sein?</p>
+
+<p>Am besten wär's, er zerrisse ihn, dann wüßte keiner etwas davon. »Aber,«
+so tönte eine ganz ferne Stimme, »wenn der andere nun doch, wie er
+schrieb, von Reue erfüllt wäre und wieder hinauf wollte und Line ihm
+dazu nötig wäre, Line und das Kind &mdash; von dem er nichts ahnte &mdash; was
+dann?«</p>
+
+<p>Der Schiffer fuhr sich in die Haare.</p>
+
+<p>Hölle und Teufel, wem gehörte sie denn eigentlich &mdash; ihm oder dem
+Fernen, der sie betrogen, der sie unglücklich gemacht &mdash; <span class="pagenum"><a name="Page_350" id="Page_350">350</a></span>&mdash;?</p>
+
+<p>»Ich find' da nich raus,« schrie er auf, »wenn Gott mir nich helfen
+will, dann soll der Teufel kommen, dann soll er kommen.«</p>
+
+<p>Und er kam.</p>
+
+<p>Leiblich, mitten in der donnernden Nacht.</p>
+
+<p>Was war das?</p>
+
+<p>Von dem Fenster, hinter dem Line lag, hob sich etwas, ein gelber
+Lichtschein fiel heraus, fort über den Bootskiel, fort über den trüben
+Schnee, fort über die nasse, kotige Wiese, bis hinab, wo etwas
+Unheimliches, Rauschendes plätscherte. Und der Teufel nahm Hann, so daß
+er auf dem Kiel fortkriechen mußte bis zum Fenster, und daß er sich
+duckte und hineinstarrte.</p>
+
+<p>Und der Teufel riß Line weiter aus dem Bett hervor und stieß ihr die
+Decke fort, so daß der Mann draußen sie sah, wie er den schönen weißen
+Leib noch nie geschaut. Noch niemals ein Weib.</p>
+
+<p>Da schlug die Flut des Bösen schallend in sein Herz, das bis dahin eine
+Kirche war, und Altar und Orgel versanken, und die Glocken klangen aus
+den schwarzen Wassern nicht mehr hervor. Ja, und morgen schon wollte er
+den Brief verbrennen, und dann wollte er bei dem Weib in der Kammer
+hausen, das ihm gebührte, ihm allein &mdash; &mdash; und &mdash;</p>
+
+<p>»Lining?«</p>
+
+<p>»Herr Gott!«</p>
+
+<p>Was schrillte dort drinnen für ein heiserer Schrei?</p>
+
+<p>Das Rouleau wurde herabgerissen, der Lichtschein schwand. Überall
+Dunkelheit. Aber nein, da und da &mdash; überall auf der Mole feurige Punkte,
+Laternen. Auf dem Leuchtturm plötzlich weithin grellendes Notfeuer! In
+blutiger Helle blitzen, von dem Scheinwerfer getroffen, da und dort
+Küstenstriche auf. Aber nein, das ist ja keine Küste mehr, was schiebt
+sich dort vor? Was zischt so? &mdash;</p>
+
+<p>»Hann, Hann,« ruft Frau Fieks Stimme oben aus der Bodenluke. Verworrene
+Stimmen aus dem Dorf schreien dazwischen, sie dringen näher, sie eilen
+wieder fort. Und nun über die Dächer fort vom Kirchturm Glocken. &mdash; Wie
+das dröhnt und wimmert. Und<span class="pagenum"><a name="Page_351" id="Page_351">351</a></span> vom Meer stöhnt das Nebelhorn eines
+Schiffes, das dort in Not sein muß.</p>
+
+<p>»Gut &mdash; ganz gut.«</p>
+
+<p>Hann rührt sich nicht. Lang ausgestreckt liegt er auf dem Kiel und hat
+die Bootsrippen umklammert und beißt die Zähne zusammen. Nein, er rettet
+nichts. Da er dieses schöne Weib, das er eben gesehen, von deren Anblick
+ihm das Blut summt, nicht behalten soll, dann mag das Wasser nun ruhig
+alles holen.</p>
+
+<p>Ganz ruhig.</p>
+
+<p>Was ist das? &mdash; Sein Kahn beginnt sich zu heben. Es muß also schon da
+sein. Es schwankt, es stößt &mdash; &mdash;</p>
+
+<p>»Hann &mdash; Hann!«</p>
+
+<p>»Ja &mdash; wer ruft da?«</p>
+
+<p>Das Fenster vor ihm wird aufgerissen &mdash; Licht und dasselbe Bild wie
+vorhin. Auf den Knien in ihrem Bett hockt Line und starrt ihn an.</p>
+
+<p>Ja, sie hat ihn erkannt, sie sieht ihn, aber sie winkt nicht, daß er sie
+holen solle.</p>
+
+<p>Da saust und braust in Hann alles durcheinander.</p>
+
+<p>Wie darf sie sterben, die Freundin seiner Jugend? Mit einem
+verzweifelten Sprung, mit einem einzigen, schwingt sich der Fischer ins
+Fenster. &mdash; Vergessen ist alles, der Zettel, sein Wunsch und ihre
+Nacktheit.</p>
+
+<p>Hinter ihm her schießt das Wasser.</p>
+
+<p class="center">&mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; </p>
+
+<p>Nun hocken sie alle in den Bodenkammern. Auf Hanns elendem Schragen
+liegt Line, ausgestreckt und starr, aber die Augen offen, und um die
+Lippen ein merkwürdiges Lächeln. So lauscht sie auf das Gurgeln, das
+leiser und leiser um das Haus tönt. Denn nach dem ersten Anprall ziehen
+die Wasser schon wieder von dannen.</p>
+
+<p>Das Kind in seiner Wiege hat Klaus Muchow heraufgetragen, und nun
+schleppt er es ungeschickt in seinen Riesenarmen herum<span class="pagenum"><a name="Page_352" id="Page_352">352</a></span> und will es
+nicht wieder abgeben und küßt es und wiehert ihm ins Ohr: »Eierkauking,
+Eierkauking.«</p>
+
+<p>Sonst spricht keiner ein lautes Wort.</p>
+
+<p>Bis an den frühen Morgen steht Hann an der einzigen Bodenluke und
+betrachtet die ablaufenden Wasser &mdash; da und dort, überall tauchen wieder
+die Wiesen auf, das Eis ist verschwunden, ringsherum spiegelt sich die
+Morgensonne in freier, unbehinderter See; schneeweiß rollt der erste
+Schaum ans Ufer.</p>
+
+<p>Hann atmet kaum die frische Luft, ihm klopft das Herz so bang, und wenn
+das Papier in seiner Brusttasche knistert, dann wird er fahl und
+erinnert sich seiner Nachtgedanken.</p>
+
+<p>Als er noch sinnt, weckt ihn Klara Tolls Stimme.</p>
+
+<p>»Hann!«</p>
+
+<p>»Ja, Klara.«</p>
+
+<p>»Line verlangt nach dir.«</p>
+
+<p>Hann schüttelt sich und rafft sich zusammen.</p>
+
+<p>»Wie geht's?«</p>
+
+<p>»Besser. Sie erzählt und lacht und hat ihr Kind gestreichelt &mdash; und jetzt
+will sie dir etwas sagen.«</p>
+
+<p>»Komm, Klara.«</p>
+
+<p>An dem Bett steht Hann, steif und unbeweglich, wie immer, bis ihn Line
+sachte, sachte sich näher zieht. &mdash; Mein Gott, wie leuchten und blitzen
+ihre Augen. Hann erkennt, das ist dieselbe Line, die zu Malljohanns
+Handharmonika so zierlich getanzt hat.</p>
+
+<p>»Beug dich tiefer,« sagt sie.</p>
+
+<p>Er neigt sich herab.</p>
+
+<p>Sie zaust in seinem struppigen Haar und lacht dazu: »Und in einer Decke
+hast du mich heraufgetragen, du großer Kerl? &mdash; Willst wohl gern, daß ich
+lebe?«</p>
+
+<p>Da schlägt er die Augen nieder und ringt sich ab: »Ja, Lining, und wenn
+ich dir jeden einzelnen Tag von meinen eigenen dazulegen müßte.«</p>
+
+<p>Als er das sagt, mit einer Stimme, die schwankt und unsicher<span class="pagenum"><a name="Page_353" id="Page_353">353</a></span> wird,
+blickt sich Line blitzschnell nach Klara Toll um. Die ist jedoch
+gegangen, und die beiden Jugendfreunde sind allein.</p>
+
+<p>Da legt sie sanft ihren Arm um seinen Hals, obwohl der Mann zittert
+unter der weichen Berührung. »Du,« flüstert sie, »du lieber, dummer
+Mensch, ich hab' dir noch niemals gedankt, aber heute will ich's tun,
+denn ich hab' das Leben wieder lieb, ach, so lieb.«</p>
+
+<p>Ihre Wange nähert sich der seinen, weich und sanft &mdash; &mdash;</p>
+
+<p>»Ja, Line,« erwidert der Fischer, während er sich mühsam aufrichtet,
+»das Leben is auch wohl das Höchste. Jetzt seh ich es ein. Aber ich
+glaub', man muß es auch ohne Vorwürfe und in Stille leben können. &mdash; Und
+deshalb, Line &mdash; liebes Lining &mdash; sieh, hier geb' ich dir was &mdash; das
+lies aufmerksam &mdash; das is unser aller Zukunft &mdash; da drin liegt Recht und
+Unrecht, und Freude und Trauer. Aber, wie das Leben es will, so müssen
+wir es auf uns nehmen. Und ich am allerwenigsten darf da dazwischen
+reden.«</p>
+
+<p>Verwundert nimmt Line das Blatt, nun hält sie es, jetzt liest sie es,
+und langsam gleitet ihr Blick von dem Papier zu dem Mann, der lautlos
+auf das Meer blickt, und von dem Mann wieder zu dem Bogen.</p>
+
+<p>Und in der engen Kammer und in den beiden Seelen webt alles
+durcheinander, Recht und Unrecht, Abschiednehmen und Einsamkeit, Freude
+und Trauer.</p>
+
+<p>Es ist still geworden.</p>
+
+<p>Nur draußen auf dem wieder erwachten Meer sieht Hann ein schaukelndes
+Boot zwischen den Wellen.</p>
+
+<p>Schiff, wohin zielst du? Ist dein Steuer fest? &mdash; Kannst du dich selbst
+regieren?</p><hr class="chap" /><p><span class="pagenum"><a name="Page_354" id="Page_354">354</a></span></p>
+
+
+
+
+<h3><a name="Ausklang" id="Ausklang"></a>Ausklang<br />
+
+VIII</h3>
+
+
+<p>Die Grillen sangen zwischen dem Gras des Landwegs, am Rick standen Kühe
+bis über die Schenkel im Wasser und schleckerten.</p>
+
+<p>Uff &mdash; uff.</p>
+
+<p>Das ist soviel, als wenn wir sagen: »Gut oder delikat.«</p>
+
+<p>Die Junisonne spiegelte sich in ihren weiß- und braungescheckten Rücken,
+und auf der Wiese herrschte eine erbitterte Schlacht zwischen braunen
+und grünen Käfern. Ganz fern, bei einer grünmoosigen Pfütze, wandelte
+ein alter Storch, der bei jedem Schritt ernsthaft mit dem Kopf nickte,
+als wäre er sehr mit dem Gesumm und dem Dunst des Sommers und der ganzen
+schläfrigen Stille einverstanden.</p>
+
+<p>Aber schwer ist es, sehr schwer, zwischen den ausgefahrenen Geleisen des
+Feldwegs vorwärts zu wandern, zumal wenn ein alter, knarrender Wagen vor
+dir herfährt, den vier altersschwache Gäule kaum durch den Staub
+vorwärtszuziehen vermögen.</p>
+
+<p>So setzte ich denn die letzte müde Kraft ein, bis ich neben dem Gefährt
+herschritt.</p>
+
+<p>Der Kutscher, der auf seinem Bock herumschlotterte, hatte bereits einen
+schiefen Blick auf den Wandersmann geworfen.</p>
+
+<p>»Na?« knasterte er.</p>
+
+<p>Ich sah auf.</p>
+
+<p>»Potz &mdash; Blitz.«</p>
+
+<p>Wir hatten uns erkannt, und zum Gruß stieß er ein bißchen an seine
+Mütze. Sonst konnte ich keine besondere Freude an ihm über unser
+Wiedersehen entdecken. Doch hielt er immerhin mit zitternden Händen
+seine Schimmel an: »Hüh &mdash; &mdash; purr.«</p><p><span class="pagenum"><a name="Page_355" id="Page_355">355</a></span></p>
+
+<p>»Hast noch ümmer kein Geld,« fragte er, sich über den Bock herabneigend,
+»für einen eigenen Wagen?«</p>
+
+<p>Darauf konnte ich nur betrübt den Kopf schütteln und erwidern, daß mein
+Geschäft noch immer nicht soviel abwerfe. Der Alte hob die Hand zu dem
+zahnlosen Munde und wackelte hin und her: »Je, dein Vater war doch ein
+Handelsherr und ein Schiffsreeder, was is nu mit dir?«</p>
+
+<p>»Leider Gottes, ich bin dämlich aus der Art geschlagen.«</p>
+
+<p>»Ja, ja,« murrte der Alte, »Schnurrerwaar,« und damit rückte er brummend
+zur Seite, was von jeher die Erlaubnis bedeutete, neben ihm Platz zu
+nehmen.</p>
+
+<p>Weiter ging's durch den summenden Sommertag.</p>
+
+<p>»Warum fährst du jetzt mit vier Pferden?« hob ich an. Aber diese Frage
+stimmte den Kutscher sichtlich verdrießlich.</p>
+
+<p>»Je,« kaute er und schlug auf die Tiere ein. »Warum? Es soll jetzt alles
+schnell gehen auf der Welt, aber es kommt nichts dabei raus, hü.«</p>
+
+<p>Die Schimmel trabten zu.</p>
+
+<p>Da gedachte ich dem Gespräch eine andere Wendung zu geben: »Schöner,
+kurzer, fetter Dung, den du da fährst,« lobte ich. »Für wen ist der?«</p>
+
+<p>»Für Hann Klüth.«</p>
+
+<p>Ich glaubte, ich hätte nicht recht verstanden und forschte zum
+zweitenmal: »Für wen?«</p>
+
+<p>Der Alte sah mich mit seinen eingesunkenen, triefenden Augen mißfällig
+an: »Ich sagt' dir ja, für einen ordentlichen Mann,« keuchte er, indem
+er wieder in sich zusammensank, »für Hann.«</p>
+
+<p>Aber ehe ich mich noch von meinem Erstaunen erholen und einwerfen
+konnte, ob Hann denn seit den vier Jahren, die ich ihn nicht gesehen,
+Landwirtschaft betriebe, streckte der Kutscher seine dürre Hand aus und
+zeigte auf die hohen Binsen am Fluß.</p>
+
+<p>»Kuck,« machte er mich aufmerksam.</p>
+
+<p>Hinter der grünen Wand, deren Silberfasern im Sonnenschein<span class="pagenum"><a name="Page_356" id="Page_356">356</a></span> blitzten,
+hob sich ein Angelschacht, und nun knurrte und lachte der Alte wirklich
+in sich hinein und schüttelte sich und stieß mich in die Seite. »Maust
+all wieder Aale,« flüsterte er. »Aber sie kriegen ihn nich, weil er
+selbst ein Aal is. &mdash;« »Ho!« schrie er dazwischen und hieb nach den
+Stauden. »Soll mich doch wundern, was er diesmal für eine Ausred parat
+hat.«</p>
+
+<p>Und wirklich, bei dem Lärm hinkte aus dem Gestrüpp eine merkwürdige
+Gestalt heraus. Die trug einen leinenen Beutel in der Hand, an den Füßen
+steckten ihr kolossale Filzschuhe, und über die schmucke Lotsenuniform
+ringelten sich unter der Tressenmütze lange, weiße Haarsträhnen herab,
+die dem Antlitz gewiß etwas Ehrwürdiges verliehen hätten, wenn es nicht
+gar so trinkrot und listig gewesen wäre.</p>
+
+<p>Oll Kusemann war's, der mir sofort mit lautem Freudenruf die Hand
+heraufreichte, um dann wehmütig den Kopf zu schütteln.</p>
+
+<p>»Kuck, Jünging, was aus mir hübschen jungen Mann geworden is. Die
+Jahren, die Jahren. Und das Reißen. Sieh, und die Pension, die sie mir
+ausgesetzt haben, is auch nich zum Fettwerden.«</p>
+
+<p>»Aber Aale?« fragte lauernd der Kutscher, während er auf den Beutel
+zeigte, in dem es sich regte.</p>
+
+<p>Der Lotse jedoch sah wie ein gekränktes Kind aus: »Was, Aale? Da is
+nichts als Fleisch drin,« widersprach er ehrwürdig. »Damit geh ich die
+armen, hungrigen Biester füttern, weil ich's nich mit anhören kann, wenn
+sie zur Sommerzeit so schmatzen, ohne was zu finden. Ich hab' mal ein zu
+weiches Herz.«</p>
+
+<p>»Nu hör eins,« grinste der Kutscher, worauf er in solch gewaltiges
+Keuchen und Knastern ausbrach, daß ich ihn beruhigend auf den Rücken
+klopfen mußte. Inzwischen war oll Kusemann ebenfalls auf den Bock
+geklettert, und ich saß nun zwischen den beiden, wobei sie sich jedesmal
+wechselseitig zuzwinkerten, so oft ich wieder nach Hann zu fragen
+begann. »Ja, was meinst du woll?« reizte mich oll Kusemann
+geheimnisvoll, »was aus ihm geworden is?« Und der Mistkutscher starrte
+auf den Weg, nickte<span class="pagenum"><a name="Page_357" id="Page_357">357</a></span> vor sich hin und murmelte befriedigt: »Hat die Zeit
+alles machen lassen. Was sagt' ich ümmer: Die Jahren tun's.«</p>
+
+<p>So reizten sie mich und machten mich neugierig, bis ich endlich ganz
+kopfscheu vor mich hinsprach: »Ja, was kann sich denn hier Großes mit
+Hann ereignet haben? Hat wahrscheinlich schlecht und recht und still,
+wie bisher, vor sich hingelebt und ist am Ende Klaus Muchows Bootsmann
+geworden. Ja, so denk ich mir's. Und nun fangen sie zusammen Fische.
+Recht viele. Und Klaus Muchow sagt dazu &gt;Eierkauken&lt;. Und Line wird
+gesundet sein, und nachdem sie sich wieder auf sich selbst besonnen,
+dürfte sie Hann und das kleine Fischernest, in das sie doch gar nicht
+paßte, wie ihr mir zugeben müßt, verlassen haben, vielleicht, um Bruno
+in Amerika aufzusuchen, oder um ihren alten Wunsch wahrzumachen, sich
+einer wandernden Schauspielertruppe anzuschließen. Denn dazu hatte sie
+doch nun einmal das heiße Blut.«</p>
+
+<p>»Hatte sie dat?« warf der Mistkutscher hämisch dazwischen, während er
+auf den Lotsen schielte &mdash; »Hm, bist ein dummer Bengel.«</p>
+
+<p>»Wieso?«</p>
+
+<p>»Die Jahren &mdash; die Jahren.«</p>
+
+<p>»Und fort is sie also nach Amerika?« schob oll Kusemann zweideutig ein.</p>
+
+<p>Ich begründete meine Ansicht damit, daß Hann und Line doch so schlecht
+zueinander gepaßt hätten, weil sie ihm in allen Dingen zu sehr überlegen
+gewesen.</p>
+
+<p>»Ach so,« nickte der Lotse mit den weißen Locken, und nachdem die beiden
+wieder einen verständnisinnigen Blick getauscht, streichelte mir der
+Kutscher ein bißchen herablassend übers Knie: »Na, schreibst du noch
+immer Schriften?« kam's aus seinem lallenden Munde.</p>
+
+<p>»Zuweilen.«</p>
+
+<p>»Und kommen da auch Menschens vor?«</p>
+
+<p>»Freilich.«</p><p><span class="pagenum"><a name="Page_358" id="Page_358">358</a></span></p>
+
+<p>»Kuck,« schloß der Alte, schüttelte den Kopf, als wenn er etwas nicht
+recht begriffe, und strich über den eisigen Zottelbart. &mdash; »Na,
+meinetwegen; aber nu sieh da mal grad'aus.«</p>
+
+<p>Ja, das war in der Tat ein befremdender Anblick. Statt der hölzernen
+Notbrücke zwischen Moorluke und dem Nachbardorf dehnten sich jetzt ein
+paar stattliche Steinbogen, und in der Mitte erhob sich ein schlankes
+Balkengerüst, das einem Fallgatter derartig gestattete, auf und nieder
+zu gleiten, daß die Meerschiffe ungehindert durch die Brücke in den
+Hafen passieren konnten.</p>
+
+<p>Wir karrten hinüber.</p>
+
+<p>Vor dem Wärterhäuschen stand eine untersetzte Gestalt, um uns den
+Brückenzoll abzunehmen.</p>
+
+<p>Auch eine neue Einrichtung.</p>
+
+<p>Der Mann hob das Haupt. Und da &mdash; &mdash; &mdash;</p>
+
+<p>»Gott im Himmel!« rief ich verblüfft.</p>
+
+<p>»Bist du auch wieder einmal da?« sprach Hann mit schöner philosophischer
+Ruhe, denn das ist der oberste Grundsatz der Gilde, zu der Hann gehörte,
+sich durch nichts aus dem Text bringen zu lassen. »Wie geht's?«</p>
+
+<p>Aber ich konnte mich noch immer nicht von meiner Verwunderung erholen,
+und so rief ich denn einmal über das andere von meinem Bock hinab:
+»Menschenskind, nu sag' mal bloß, was machst du denn eigentlich hier?«</p>
+
+<p>»Ja,« sagte Hann in seiner erschöpfenden Weise, »ich nehm hier den
+Leuten für einen guten Gedanken, den nich ich, sondern eine andere
+gehabt hat, das Geld ab. Es macht für jeden von euch fünf Pfennig und
+für den Wagen dreißig.«</p>
+
+<p>»So is es,« schoß oll Kusemann wehmütig dazwischen, wobei er ausspuckte.
+»Und es is ein hübsches, ruhiges Geschäft, wobei er nich so mager wird,
+wie gewisse andere Leute, sieh mal da &mdash; &mdash;«</p>
+
+<p>Damit zeigte er nach der Stelle am Ufer, wo früher das unscheinbare
+Häuschen der Klüths gestanden hatte, das in den Zeiten der Not an einen
+Bartscherer verkauft worden war.</p><p><span class="pagenum"><a name="Page_359" id="Page_359">359</a></span></p>
+
+<p>Wie war das jetzt hübsch herausgeputzt, mit einem Anbau versehen und
+hell angestrichen.</p>
+
+<p>»Das mußt du mir erzählen,« rief ich und sprang kurz entschlossen vom
+Wagen, von dem nun auch oll Kusemann unter Ach und Weh
+heruntergeklettert war. So blieb denn nur der alte Mistkutscher, den
+Professor Asmus Zeit seines Lebens für einen Gott gehalten, auf seinem
+Gefährt, und er nickte schlotternd vor sich hin, stierte geradeaus
+zwischen den Köpfen seiner vier Pferde hindurch und ließ endlich die
+Worte fallen: »Na, denn laß dir von Hann erzählen. 's is ein Mensch. Und
+das is nich wenig. Und vielleicht wirst dir aus seinen Reden einen Vers
+machen, wie es oft ganz anders kommt, als man so meint. Denn, Jünging,
+die menschlichen Meinungens kommen auch in die Jahren und verfaulen, und
+'s wär' gut, ich hätt' eine Menge von diese verfaulte Dinger all hier in
+meinen Wagen. Na, aber nu werd' endlich klug.«</p>
+
+<p>Dies hervorkeuchend, trieb er seine Gäule über die Brücke und richtete
+sich auf und schwang, weit ausholend, die Peitsche.</p>
+
+<p class="center">&mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; <br />
+&mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; </p>
+
+<p>»Hüh!«</p>
+
+<p>Da saßen wir nun in Hanns Wärterhäuschen, das so eng und winzig war, daß
+außer dem Brückenmann nur ich noch auf dem zweiten Holzstuhl Platz
+nehmen konnte.</p>
+
+<p>Hinten durch das Guckfensterchen leuchtete wie ein grünes Feld mit
+weißen Blumen die See, während unter unseren Füßen leise der Fluß
+plätscherte.</p>
+
+<p>Das klang so wohltuend, heimlich und gemütlich. Dazu noch die blauen
+Tabakswolken, die sich um oll Kusemann herumwiegten. Es war kein Wunder,
+daß ich mich heimisch fühlte.</p>
+
+<p>»Ja,« sagte Hann, »so is es gekommen. Da is vor allen Dingen die Brücke,
+über die du wohl hauptsächlich was in Erfahrung bringen willst. (Er
+glaubte das wirklich.) Ja, sieh, an dem einen Pfeiler steht mit
+Kupferbuchstaben geschrieben: &gt;Erbaut vom<span class="pagenum"><a name="Page_360" id="Page_360">360</a></span> Konsul Hollander 1897.&lt; Und
+das verhält sich wirklich so. Line hat es sich ausgedacht, und der Herr
+Konsul hat es ausgeführt. Und das hing so zusammen. Du mußt nämlich
+wissen, daß sie mir lange Zeit keine Ruhe ließ, ich hätte nich die
+richtige Beschäftigung für mich, für den Fischfang wäre ich viel zu
+langsam, ich ließ mir alle anderen zuvorkommen und noch viel so was
+ähnliches Gutes. Und eines Tags, als wir beide hier grade über die alte
+Notbrücke spazierten, an der ein Schiff lag, das wieder viel zu hoch
+fürs Passieren war, sieh, da hatte sie mit einmal den Einfall mit der
+Klappbrücke. Und sie beschrieb mir das alles, als ob der Bau schon hier
+stände. Ganz deutlich. Ja, ja,« setzte er stolz hinzu, »wenn sie so
+erzählt! &mdash; Und dann ging ein Drängen los, und ein Vorstellen, und ein
+Muteinreden, ich sollte gleich zu dem Konsul in die Stadt, um bei ihm
+wegen der Brücke vorstellig zu werden. Na, lange Zeit, kannst du dir
+wohl denken, hab' ich mich dagegen gewehrt; denn der Konsul war schon
+oft bei mir draußen gewesen, immer mit einem anderen Vorschlag; einmal
+wollt er mir einen kleinen Hochseekutter bauen, dann wieder eins ging es
+um vier neue Zesnerboote, aber immer kam es auf Unterstützung heraus,
+denn ihn mochte wohl das Geld drücken, das er damals von uns bekommen
+hatte. Aber diesmal setzte Line es durch. Sie hörte nämlich eines Tages
+auf zu lachen, und weil ich nun fürchtete, sie könnte am Ende wieder
+krank werden, ging ich richtig zu Hollander hin. Das war ein schwerer
+Gang,« fuhr Hann fort, während er sich den Schweiß abwischte, »aber
+kuck, der Konsul wurde ordentlich lustig über meinen Vorschlag, und vier
+Monate später, da saß ich schon als Pächter hier in dem Verschlag und
+nahm den Leuten das Geld ab.«</p>
+
+<p>»Kesch &mdash; kesch,« warf oll Kusemann ein, wobei er mir bedeutsam
+zuzwinkerte und sich zugleich auf die Hosentaschen schlug, um mir das
+Einträgliche von Hanns Geschäft anzudeuten. »Wie sagt doch das schöne
+Sprichwort? &gt;Ein kluges Weib, ein starkes Pferd &mdash; ein treuer Hund sind
+Goldes wert&lt;.<span class="pagenum"><a name="Page_361" id="Page_361">361</a></span>« &mdash;</p>
+
+<p>»Ein kluges Weib?« wiederholte ich verblüfft. Mir wurde ganz wirr zu
+Sinn. »Ja, du sprichst immerfort von der Brücke, aber die Hauptsache
+erzählst du nicht, lebt denn Line noch in Moorluke?«</p>
+
+<p>Hann nickte.</p>
+
+<p>»Und &mdash; und &mdash; nimm mir's nicht übel, ihr seid doch nicht etwa &mdash; &mdash;«</p>
+
+<p>»Nein, das nich,« wehrte Hann von sich ab und wurde blutrot.</p>
+
+<p>»Aber warum blieb sie dann hier? &mdash; Weshalb ging sie nicht fort?«</p>
+
+<p>Hann starrte auf den Lotsen, dessen Gegenwart ihm bei diesem Gespräch
+offenbar peinlich wurde, und erhob sich: »Ja, siehst du, das is die
+Frag', die ich mir selbst jeden Tag vorleg. Aber komm,« fuhr er fort.
+»Du sollst sie sehen, sie hat dich ja immer gern leiden mögen. Und
+unterwegs erzähl' ich dir noch mehr.«</p>
+
+<p>Oll Kusemann wurde gebeten, in der Zwischenzeit Hanns Stelle
+einzunehmen, wozu er sich gern bereit erklärte, und als Hann und ich
+bereits über die Brücke schritten, rief der Lotse mir noch nach, daß ich
+am nächsten Tage natürlich einen Löffel Suppe bei ihm essen müßte.</p>
+
+<p>»'s gibt Aale!« schrie er in einem Augenblick der Selbstvergessenheit,
+während er triumphierend den regsamen leinenen Beutel schwang. »Alwining
+kocht sie in Bier und Zwiebeln. Wat meinst du woll?«</p>
+
+<p class="center">&mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; </p>
+
+<p>Hann erzählte.</p>
+
+<p>Aber darüber kam er nicht fort, der grübelnde Mensch. Dieses Eine konnte
+er sich nicht erklären.</p>
+
+<p>Den Brief.</p>
+
+<p>Sie hatte das Schreiben gelesen, damals, als sie so krank lag, und Hann
+an ihrem Lager den Teufel überwand, da hatte sie gelesen und den Zettel
+schweigend unter ihr Kissen geschoben.</p>
+
+<p>Hann wartete, aber sie entschied sich nicht. Sie sah ihn nur an, mit
+einem Blick, der sprach: »Ich bin viel klüger als du«, und lächelte.</p><p><span class="pagenum"><a name="Page_362" id="Page_362">362</a></span></p>
+
+<p>Sie wurde gesund, so schnell, wie es keiner geglaubt hatte, sie begann
+in dem Muchowschen Katen herumzugehen, zu singen, zu springen, ach, ganz
+ebenso, wie es die kleine Line getan hatte. Und Hanns Herz tanzte mit.
+Aber dann hämmerte dieses Herz wieder vor Angst, denn der Augenblick des
+Scheidens mußte ja näherrücken, umso schneller, je kräftiger sich Line
+fühlte.</p>
+
+<p>»Ach, wenn du wüßtest,« fuhr Hann fort, während wir an dem Fluß
+dahinschritten, über den bereits Abendröte sich senkte, »wenn du
+wüßtest, wie schwer mir damals war, wie ich jeden Tag zu mir sagte: Nun
+mußt du bereit sein, Hann. Wenn du heut von der See nach Hause kommst,
+dann wird sie nich mehr da sein, dann is sie dahin gegangen, wohin der
+Brief sie haben wollte. Aber nichts &mdash; sie wurde immer nur munterer,
+allmählich begann sie auch bei den Muchows herumzuwirtschaften, sie nahm
+alles in die Hand, auch das Kleinste. Siehst du das kleine Räucherhaus
+da? Das wurde auch auf ihren Rat von Klaus Muchow und mir gebaut, damit
+wir darin räuchern sollten. Das brachte schon etwas. Und als nun die
+Sache mit der Brücke kam, da war Line ganz außer sich vor Freude. Sie
+sang und sprang, sag' ich dir, Jünging, daß selbst Frau Fiek über sie
+lachen mußte. Und nun hielt sie Pfennig bei Pfennig zusammen, und jeden
+Abend, wenn wir vor der Tür saßen, dann kuckte sie auf unser altes
+Häusing rüber, du weißt ja, das wir mal an Barbier Schultz verkauft
+hatten, und dann sagte sie immer so bestimmt: &gt;Nun noch so und so viele
+Tage, denn kaufen wir's wieder.&lt; Und siehst du, Jünging,« schloß Hann,
+während er auf den nahen Bau wies, an dem sich zarte rote Kletterblumen
+in die Höhe rankten, »auch darin hat sie recht behalten. Seit zwei
+Jahren sitzen wir wieder hier. Kuck, der Seitenflügel is neu. Und die
+Scheune. Denn du mußt wissen, Line will auch Landwirtschaft. Und der
+große Kartoffelacker da hinten is seit vorigem Jahr angelegt.«</p>
+
+<p>Ein kleiner, flachshaariger Bursche, der etwa drei Jahre zählen mochte,
+mit roten Pausbacken und schwarzen Augen, lief uns entgegen und
+klammerte sich an Hanns Beine an.</p><p><span class="pagenum"><a name="Page_363" id="Page_363">363</a></span></p>
+
+<p>»N'abend, Hann,« sagte der Große.</p>
+
+<p>»Hann heißt er?« fragte ich.</p>
+
+<p>»Ja,« versetzte mein Führer ein wenig verlegen, »Line wollt es so haben.
+Aber der wird was lernen,« setzte er stolz hinzu. »Er kann all das
+kleine Einmaleins.«</p>
+
+<p>»Nimm's mir nicht übel, und du wohnst hier mit Line ganz allein?«</p>
+
+<p>Hann blieb stehen und holte tief Atem: »Was denkst du,« gab er zurück,
+»die Muchows sind mit uns gezogen.«</p>
+
+<p>»Na, und was sagen die Moorluker dazu?«</p>
+
+<p>»Je,« versetzte Hann mit einer wegwerfenden Handdrehung, »woran sich die
+Leut' hier gewöhnen, das finden sie auch recht.«</p>
+
+<p>»Ganz schön &mdash; aber du selbst, Hann, machst du dir keine Gedanken? Wir
+haben hier doch zusammen in derselben Dorfschule gesessen, Hann, deshalb
+frage ich dich.«</p>
+
+<p>Da hob Hann sein Haupt, und als sein Blick auf das freundliche Haus
+fiel, das in Abendröte wie eingebettet ruhte, da starrte er wieder zur
+Erde und murmelte: »Erklären kann ich's mir nich, aber mir is immer, als
+stellt' dies bloß einen lieben Traum vor, und es wäre noch nich Zeit zum
+Aufwachen.«</p>
+
+<p>Ich nahm ihn unter den Arm. »Hör', Hann, das Leben bringt noch
+Schöneres. Und du wirst bald aufwachen.«</p>
+
+<p class="center">&mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; </p>
+
+<p>Als der Mond jenseits des Flusses aufstieg und sein luftiges Hängenetz
+über das Wasser spannte, als die Nachtvögel schwärmten und die Meerluft
+um das Haus lispelte, da saßen wir drei schweigend auf der Bank neben
+der Mauer.</p>
+
+<p>»Ist's hier nicht still?« unterbrach Line, die mir lieblicher denn je
+erschien, die Ruhe.</p>
+
+<p>Wortlos mußte ich nicken.</p>
+
+<p>»Ja,« sagte sie, »das hab' ich nach Hanns Vorbild gelernt. Es ist nicht
+gut, wenn unsere Wünsche so wild in die Weite irren. Bescheidenheit,
+Friede und Tätigkeit, das weiß ich jetzt, mehr soll der Mensch nicht
+erstreben.«</p><p><span class="pagenum"><a name="Page_364" id="Page_364">364</a></span></p>
+
+<p>Aber Hann schüttelte das Haupt.</p>
+
+<p>»Ne, Lining, so is das nich. Ich hab' viel über das Glück nachgedacht,
+aber es is alles falsch gewesen.« Er wandte sich zu mir. »Erinnerst du
+dich noch, Jünging, wovon wir nachmittag sprachen? &mdash; Jetzt weiß ich ganz
+genau, ohne was ein Mensch gar nich leben kann. Weißt du, was das is?
+Das is so ein schöner Traum &mdash; und so 'ne schöne Hoffnung. Das is das
+Allerglücklichste und Allerhöchste!«</p>
+
+<p>»Das ist es,« wollte ich eben erwidern, da sah ich, wie Line lächelnd
+über Hanns Wange streichelte, dabei flüsternd: »Ist er nun ein lieber,
+dummer Mensch? Oder ist er am Ende gar ein Philosoph?«</p>
+
+<p>Da wußte ich, daß dicht über Hann selbst die Hoffnung schwebe.</p>
+
+<p class="center">&mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; </p>
+
+<p>Dies ist die Geschichte von Hann Klüth.</p>
+
+<p>Sie ist nicht kunstmäßig mit einem Ende versehen, denn sie ist wahr, und
+das Leben dichtet »ohne Ende«.</p>
+
+
+<div class="footnotes"><h3>FUSSNOTEN:</h3>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_1_1" id="Footnote_1_1"></a><a href="#FNanchor_1_1"><span class="label">[1]</span></a> Märchen.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_2_2" id="Footnote_2_2"></a><a href="#FNanchor_2_2"><span class="label">[2]</span></a> Wartet, ihr Mädel, wollt ihr wohl nach Hause?</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_3_3" id="Footnote_3_3"></a><a href="#FNanchor_3_3"><span class="label">[3]</span></a> Hier vorbei &mdash; hier vorbei, ich fresse euch auf.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_4_4" id="Footnote_4_4"></a><a href="#FNanchor_4_4"><span class="label">[4]</span></a> Mutter, Mutter, zu Hilfe.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_5_5" id="Footnote_5_5"></a><a href="#FNanchor_5_5"><span class="label">[5]</span></a> Wartet, ich werde euch helfen.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_6_6" id="Footnote_6_6"></a><a href="#FNanchor_6_6"><span class="label">[6]</span></a> Zu Hilfe &mdash; zu Hilfe!</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_7_7" id="Footnote_7_7"></a><a href="#FNanchor_7_7"><span class="label">[7]</span></a> »Kuck,« sagte der Donner-Alte, »wie gut ich alter Mann noch
+bei Kräften bin. Aber nun komm, Alte, nun wollen wir einmal einen recht
+schönen Schottischen tanzen.«</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_8_8" id="Footnote_8_8"></a><a href="#FNanchor_8_8"><span class="label">[8]</span></a> Abkürzung von Sophie.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_9_9" id="Footnote_9_9"></a><a href="#FNanchor_9_9"><span class="label">[9]</span></a> Stiefelwichse.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_10_10" id="Footnote_10_10"></a><a href="#FNanchor_10_10"><span class="label">[10]</span></a> Eierkuchen.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_11_11" id="Footnote_11_11"></a><a href="#FNanchor_11_11"><span class="label">[11]</span></a> Als der Teufel.</p></div>
+
+<div class="footnote"><p><a name="Footnote_12_12" id="Footnote_12_12"></a><a href="#FNanchor_12_12"><span class="label">[12]</span></a> Nein, Bräutigam bin ich nicht gerade. Als ich fortfuhr,
+war sie erst fünfzehn.</p></div>
+</div>
+
+
+
+
+
+
+
+
+<pre>
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Hann Klüth, by Georg Engel
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK HANN KLÜTH ***
+
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+ and discontinue all use of and all access to other copies of
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+ money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
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+1.F.
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+is also defective, you may demand a refund in writing without further
+opportunities to fix the problem.
+
+1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth
+in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS' WITH NO OTHER
+WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO
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+
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+warranties or the exclusion or limitation of certain types of damages.
+If any disclaimer or limitation set forth in this agreement violates the
+law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be
+interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by
+the applicable state law. The invalidity or unenforceability of any
+provision of this agreement shall not void the remaining provisions.
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+trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
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+with this agreement, and any volunteers associated with the production,
+promotion and distribution of Project Gutenberg-tm electronic works,
+harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees,
+that arise directly or indirectly from any of the following which you do
+or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
+work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
+Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.
+
+
+Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at https://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+https://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at https://pglaf.org
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit https://pglaf.org
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including including checks, online payments and credit card
+donations. To donate, please visit: https://pglaf.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
+
+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
+
+ https://www.gutenberg.org
+
+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
+subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
+
+
+</pre>
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Binary files differ
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Binary files differ
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Binary files differ
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Binary files differ
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Binary files differ
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