diff options
| author | Roger Frank <rfrank@pglaf.org> | 2025-10-14 20:10:29 -0700 |
|---|---|---|
| committer | Roger Frank <rfrank@pglaf.org> | 2025-10-14 20:10:29 -0700 |
| commit | 7f612038bd68b804a539b3bae746b334aa2e90f4 (patch) | |
| tree | 6ff5da0a92bbb3935c56f7ac028ec2eb7d55be45 | |
| -rw-r--r-- | .gitattributes | 3 | ||||
| -rw-r--r-- | 38502-8.txt | 14398 | ||||
| -rw-r--r-- | 38502-8.zip | bin | 0 -> 238360 bytes | |||
| -rw-r--r-- | 38502-h.zip | bin | 0 -> 2100428 bytes | |||
| -rw-r--r-- | 38502-h/38502-h.htm | 14693 | ||||
| -rw-r--r-- | 38502-h/images/cover.jpg | bin | 0 -> 76751 bytes | |||
| -rw-r--r-- | 38502-h/images/oppos_016.jpg | bin | 0 -> 82536 bytes | |||
| -rw-r--r-- | 38502-h/images/oppos_032.jpg | bin | 0 -> 92524 bytes | |||
| -rw-r--r-- | 38502-h/images/oppos_048.jpg | bin | 0 -> 91791 bytes | |||
| -rw-r--r-- | 38502-h/images/oppos_064.jpg | bin | 0 -> 67214 bytes | |||
| -rw-r--r-- | 38502-h/images/oppos_080.jpg | bin | 0 -> 102234 bytes | |||
| -rw-r--r-- | 38502-h/images/oppos_096.jpg | bin | 0 -> 98199 bytes | |||
| -rw-r--r-- | 38502-h/images/oppos_112.jpg | bin | 0 -> 92414 bytes | |||
| -rw-r--r-- | 38502-h/images/oppos_128.jpg | bin | 0 -> 80300 bytes | |||
| -rw-r--r-- | 38502-h/images/oppos_144.jpg | bin | 0 -> 94414 bytes | |||
| -rw-r--r-- | 38502-h/images/oppos_160.jpg | bin | 0 -> 86906 bytes | |||
| -rw-r--r-- | 38502-h/images/oppos_176.jpg | bin | 0 -> 90455 bytes | |||
| -rw-r--r-- | 38502-h/images/oppos_192.jpg | bin | 0 -> 86553 bytes | |||
| -rw-r--r-- | 38502-h/images/oppos_208.jpg | bin | 0 -> 77148 bytes | |||
| -rw-r--r-- | 38502-h/images/oppos_224.jpg | bin | 0 -> 82495 bytes | |||
| -rw-r--r-- | 38502-h/images/oppos_240.jpg | bin | 0 -> 84423 bytes | |||
| -rw-r--r-- | 38502-h/images/oppos_256.jpg | bin | 0 -> 91286 bytes | |||
| -rw-r--r-- | 38502-h/images/oppos_288.jpg | bin | 0 -> 85747 bytes | |||
| -rw-r--r-- | 38502-h/images/oppos_304.jpg | bin | 0 -> 108492 bytes | |||
| -rw-r--r-- | 38502-h/images/oppos_320.jpg | bin | 0 -> 84748 bytes | |||
| -rw-r--r-- | 38502-h/images/oppos_336.jpg | bin | 0 -> 87699 bytes | |||
| -rw-r--r-- | LICENSE.txt | 11 | ||||
| -rw-r--r-- | README.md | 2 |
28 files changed, 29107 insertions, 0 deletions
diff --git a/.gitattributes b/.gitattributes new file mode 100644 index 0000000..6833f05 --- /dev/null +++ b/.gitattributes @@ -0,0 +1,3 @@ +* text=auto +*.txt text +*.md text diff --git a/38502-8.txt b/38502-8.txt new file mode 100644 index 0000000..2888a87 --- /dev/null +++ b/38502-8.txt @@ -0,0 +1,14398 @@ +The Project Gutenberg EBook of Hann Klüth, by Georg Engel + +This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with +almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + +Title: Hann Klüth + +Author: Georg Engel + +Release Date: January 6, 2012 [EBook #38502] + +Language: German + +Character set encoding: ISO-8859-1 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK HANN KLÜTH *** + + + + +Produced by Norbert H. Langkau, Andrea Hofmann, Rory OConor +and the Online Distributed Proofreading Team at +https://www.pgdp.net + + + + + + + + + + Georg Engel + + + + + Hann Klüth + + + Roman + + Mit 24 Zeichnungen von + O.H. Engel + + Deutsche Buch-Gemeinschaft + G.m.b.H. + Berlin + + Nachdruck verboten. + + Alle Rechte, insbesondere das der Übersetzung, vorbehalten + Copyright 1910 by Grethlein & Co. G.m.b.H. in Leipzig + + +Meiner Vaterstadt Greifswald + + + Du liebe Alte, hoch am Meer, + Mit blauen Augen, weißen Haaren, + Wann wird mir wohl die Wiederkehr + Nach all den langen Wanderjahren? + + Wann wirst du mir den Schemel rücken + Und sprechen: »Jünging, ruh di ut«? + Wann werd' ich leis die Hand dir drücken + Und fragen: »Mudding, büst mi gut?« + + Vielleicht bin ich schon siech und grau, + Bevor der Weg zu dir durchmessen. + Du liebe, gute, alte Frau, + Vergiß mich nicht, ich werd' dich nie vergessen. + + + + +Erstes Buch + +Moorluke + +I + + +»Mudding,« sagte der Kranke, »ich seh sie ganz deutlich. Es sind zwölf +schwarze Käfer, die da auf dem Zifferblatt von der alten Uhr im Kreis +laufen.« + +»Ne, ne,« entgegnete die kleine Frau, und in ihre Stimme kam ein Stocken +und Zittern, während sie nichtsdestoweniger unablässig an dem großen, +grauen Strumpf, der schon fast bis auf die Erde herabhing, +weiterstrickte. »Das is man dein Fieber. Und wenn das Fieber +wiederkommt, sagte heut der Doktor, dann steht es schlimm.« + +»Das kann sein,« meinte der Lotse Krischan Klüth, und das Reißen krümmte +ihn in den rot und weiß gewürfelten Kissen noch etwas mehr zusammen. +»Aber ich hab' die Käfers gezählt -- hör', und nu brummt einer.« + +An der schmalen Kastenuhr in der Ecke sank ein Gewicht. Es rollte dumpf. + +»Sechs,« zählte die kleine Frau Klüth. Dann seufzte sie tief auf. »Ich +soll wohl nun Licht anmachen?« + +»Ja, ja, Mudding, es muß doch hell sein, wenn er kommt.« + +»Ja, wenn er es tut,« meinte Frau Klüth bedenklich. »Denn sobald man ihn +nich höflich einladet, dann kommt er nich.« + +Von der roten Birkenkommode flackerte ein Talglicht auf. Der Kranke +rückte sich in dem trüben Schein etwas höher im Bett zurecht und warf +zuvörderst einen mißtrauischen Blick auf das Zifferblatt. Dann strich er +beruhigter über die Decke. »Ja, ja -- nu kriechen die verfluchtigen +Biester nich mehr. Es is doch gut, wenn es hell is. -- Mudding, halt mir +das Licht dicht an die Finger. Mir is kalt. -- So -- sieh eins, wie dünn +sie geworden sünd.« + +Er wurde wieder ungeduldig und schlug auf den Bettrand. + +»Siehst du das Boot noch immer nicht?« + +Die Frau trat an das kleine quadratförmige Fenster, das auf den Bodden +hinausging, und schüttelte den Kopf. + +Da draußen war nichts als leere, graue Fläche. Hinter ihr schrie der +Lotse plötzlich auf. Die tollen Schmerzen würgten ihn bereits im Halse. + +»Mudding,« gellte der Kranke. + +»Lieber Gott -- lieber Gott,« murmelte die hilflose Frau, ohne sich +umzuwenden, und faltete die Hände. »Was soll man da tun?« + +Dann wurde es wieder still. Die Uhr knarrte laut und deutlich ihren +Schlag. + +Inzwischen hatte der alte Klüth nach dem Stuhl gelangt, auf dem ein +Stück gedrehten schwarzen Priems und ein Taschenmesser lagen. Rasch und +heimlich schnitt er ein großes Stück ab und schob es in den Mund. + +Doch die Frau, obwohl sie noch immer abgekehrt über die See spähte, +hatte es gemerkt, als wenn sie auch im Rücken Augen besäße. »Das darfst +du nicht,« verwies sie matt. + +Doch ohne darauf zu achten, kaute der Lotse eine Zeitlang begierig +weiter, dann spie er den Tabak wieder aus und schüttelte so mutlos das +Haupt, daß die schweißnassen grauweißen Locken ihm struwlig über die +Stirn fielen. -- »Ne, Mudding,« stöhnte er und sank zusammen -- »es wird +nichts mehr. Fünfzig Jahre hab ich ihm nu gekaut. Und seit vier Tagen +will's nich mehr -- kuck' -- das is ein Zeichen vom lieben Gott.« + +»Ja, ja, was wollt's nich?« nickte die kleine, ältliche Frau und faltete +wieder zerknirscht die Hände. Darauf strickte sie, wie erschreckt, an +dem grauen Strumpf weiter. + + * * * + +Dicht unter den Fenstern des Lotsenhäuschens lag zur selben Zeit eine +kleine Jacht am Bollwerk angeschlossen. Sie war von oben bis unten mit +Kartoffeln beladen und gehörte Johann Christian Petersen. Wenigstens +stand sein Name in goldenen Buchstaben vorne an der Schiffswand. Aber +der eigentliche Kapitän des Fahrzeuges war Frau Dörthe Petersen, die +eben in ihrer Küchenkajüte einen Eierkuchen gebacken hatte und nun von +der Steuerbordseite aus der kleinen Line, die am Bollwerk stand, ein +großes Stück heraufreichte. + +In der bloßen Hand. Aber das schadete nichts. + +»Nu iß, mein Döchting,« sagte die starkknochige Frau, die mit nackten +Füßen und hochaufgeschürzt herumging, denn aus dem kleinen Schiff wurden +von zwei halberwachsenen, strohblonden Söhnen der Frau Dörthe +ununterbrochen Kartoffeln über das Landungsbrett gekarrt und draußen in +Säcke gefüllt. Wenn es zu langsam ging, dann sprang Frau Dörthe selbst +entschlossen hinzu, um ihren beiden Sprossen je einen +freundlich-aufmunternden Puff unter die Rippen zu versetzen. + +»Au, Mudding, das tut jo weh!« + +»Das soll es ja auch. -- Man immer zu.« + +Und das Karren ging weiter. + +So hielt sie alles im Gang. Nur ihr Mann hockte in einem braunen, +fellartigen Anzug auf dem Kajütendach und spielte, ohne sich um etwas zu +kümmern, die Handharmonika. + +Eine andere Beschäftigung hatte nie einer bei ihm wahrgenommen, und man +verlangte sie auch nicht. Denn bei der großen Flut war ihm bei einer +Rettungsarbeit ein Balken auf den Kopf gestürzt und hatte ihm den klaren +Verstand eingeschlagen. Frau Dörthe aber, obwohl sie ihn erst nach +dieser Zeit geheiratet hatte, war dennoch felsenfest überzeugt, daß +Malljohann, wie er in Moorluke genannt wurde, ein tiefsinniges und +nachdenkliches Haupt und auf dem Gebiete der Handharmonika ganz +einzigartig dastehe. + +Malljohann saß und spielte -- + + »Judemädel, wasch dich, kämm dich, putz dich schön, + Denn wir woll'n zum Tanze geh'n.« + +Der Walzer, von der Harmonika mit Glockenspiel vorgetragen, klang laut +und scharf über den stillen Fluß und mußte auch in die Krankenstube +hinaufdringen. Von oben antwortete auch sogleich ein schriller, +ächzender Wehlaut. + +»Hörst du?« begann Frau Dörthe zu Line, während sie vielsagend die +Achseln zuckte: »Da stirbt nu dein Vater. -- Ja, so is es in der Welt. +-- Willst du noch'n Stück Eierkuchen, min Döchting?« + +Line empfand noch Appetit. Sie hatte sich auf das wurmstichige braune +Bollwerk gesetzt und schaukelte mit den nackten, weißen Beinchen +zwischen Schiff und Holzwand nachlässig hin und her. + +Für ein vierzehnjähriges Kind war sie auffällig zierlich und biegsam +gewachsen. + +Plötzlich hob sie das schwarze Haupt mit den merkwürdig blitzenden Augen +und sagte bestimmt, auf das kleine Fenster des Lotsenhauses deutend: +»Das is nich mein Vater.« + +»Wer denn?« fragte Frau Dörthe gespannt, obwohl sie ganz gut wußte, daß +die Kleine recht hatte. + +»Das is man bloß mein Pflegevater,« antwortete Line kauend, »mein +richtiger ist der Klabautermann.« + +»Huch,« schrie die Schifferfrau entsetzt auf und schielte zu Malljohann +empor, ob er das Kind auch ordentlich verstanden hätte. -- »Huching -- +Jochen, hast gehört? -- Lütting, oh, wer ist denn der Klabautermann?« + +Der tapfere weibliche Kapitän war ordentlich scheu zurückgewichen. + +»Der Klabautermann?« + +»Je.« -- Die Kleine schaukelte wieder ein bißchen mit den nackten +Beinen, dann gab sie so fest zurück, wie sie etwa in der Schule eine +Antwort deklamierte: »Je, der Klabautermann is ein Wasserzwerg.« + +»Und von so einem bist du die Tochter?« + +»Ja, so is es,« beharrte Line ernsthaft, und wischte sich die +Kuchenhände an ihrer Schürze ab. + +»O jeh -- o jeh,« schrie Frau Dörthe und schlug entsetzt ihre Fäuste +zusammen. Und die Söhne hielten mit ihren Karren still. Und Malljohann +endete das »Judenmädel« mit einem schrillen Wehlaut -- und zog sein +glattrasiertes Gesicht in hundert Falten -- und alle starrten sie auf +Line hin. + +»Aber du liebe Güte, wer hat dir denn so was eingeredet?« stotterte +endlich Frau Dörthe. + +Allein, Line befand sich zu sehr in ihrem Recht. + +»Das hat mich oll Kusemann erzählt,« brachte sie rasch hervor und stand +beleidigt auf, »und Hann hat es auch gesagt.« + +»Oll Kusemann?« wiederholte Frau Dörthe nun ehrlich empört und dabei ein +wenig triumphierend -- »Jochen, hast's woll gehört? -- Das is ja der oll +Lügenlotse hier. -- Und Hann? Hann is weiter nichts als ein Dummkopf.« + +»Ja, dumm is er man,« pflichtete Line bei. Dann verzog sie das +kirschrote Mündchen zu einem spitzbübischen Lächeln. + +Da wurde das Idyll häßlich unterbrochen. + +Im gleichen Moment vernahmen alle auf dem Schiff so namenloses, tobendes +Geheul aus dem Krankenzimmer herabschrillen, daß alle zusammenschreckten +und verlegen auf die Planken sahen. + +Als sie wieder aufblickten, lag Line lang auf dem harten Uferboden +ausgestreckt, die Stirn auf kleinen Kieselsteinen, und wühlte mit den +Fingern in Gras und Erde herum. + +»Was machst du da?« + +»Er soll nich sterben! -- soll nich sterben,« raste die Kleine in +wütendem Trotz und schleuderte allerlei Steine von sich. -- »Wozu muß +denn gerade er sterben? -- Kann es nich Hann sein?« + +Die Kapitänin sah wieder zu ihrem Gatten empor. Der aber hatte das Kinn +auf die Harmonika gelehnt und schien nachzudenken. + +»Lütting, du mußt zu dem lieben Gott bitten,« entschied die Frau endlich +überzeugt und nickte dreimal sehr stark mit dem Kopf. »Das ist das +einzigste Mittel.« + +Aber bei Line verfing es nicht. Immer erregter schlug sie auf das +Bollwerk und schluckte vor Wut und Tränen: »Das hab ich alles schon +versucht. Aber es hat mir nichts genützt. Vielleicht weil ich gar nich +sein richtiges Kind bin,« setzte sie hinzu, »wie die andern. Ich heiß ja +auch nich Line. Ich heiß ja Aline. Und draußen auf dem Bodden, da haben +sie mich gefunden.« + +Damit erhob sie sich auf den nackten Knien und zeigte auf die graue +Wasserfläche der See hinaus, als ob sie dort draußen etwas Schreckliches +und Merkwürdiges zugleich erspähe. + +Seltsam, wie sich dabei die Augen des Kindes veränderten. Etwas Wildes, +Dunkelleuchtendes flackerte darin auf. Es war jetzt bereits klar, daß in +diesem kleinen Wesen die Phantasie mächtig schaffe und wirke. + +Unvermittelt fuhr sie empor. + +»Malljohann,« schrie sie zu dem Fellbraunen hinauf: »Spiel wieder -- ich +will eins tanzen.« + +»Was? Jochen, untersteh dich,« -- rief Frau Dörthe fassungslos dagegen, +»pfui, was für ein Gör -- ihr Vater stirbt da oben, und dann will sie so +was!« + +»Doch, doch, wenn der liebe Gott mir nicht hilft, dann tanz ich,« schrie +Line noch einmal und wirbelte bereits, wie zum Hohn, auf einem Fuße +herum. + +Und dann geschah etwas Unvorhergesehenes! + +Malljohann ließ plötzlich mit aller Macht den unterbrochenen Walzer +ausklingen. Die Glöcklein klirrten, die Pfeifen brausten, und die Kleine +begann sich graziös und sicher herumzudrehen, bis ihr rotes Röckchen um +die nackten Beine flatterte und die beiden Schifferjungen begehrlich zu +ihr hinüberglotzten. Und immer, wenn sie sich zur Kapitänin wandte, +streckte sie drollig die Zunge heraus. + +»Jochen, willst du woll?« tobte diese noch einmal kirschbraun vor Zorn. + +Aber der Mann auf dem Kajütendach winkte mit dem Kopf zu Line herüber, +und aus dem sonst so schweigsamen Munde brach ein merkwürdiges Knastern: +»Gurr -- gurr -- Klabautermann.« + +Da erschrak Frau Dörthe und schwieg. Jetzt wußte sie es. Jochen hatte +sich ebenfalls für den Seezwerg entschieden. Und Jochen war ein tiefer +und gründlicher Geist. + +Und mit heimlichem Schauder sah sie mit an, wie Line sich röter und +immer röter tanzte, gerade unter dem Fenster des gequälten, +hinsterbenden Lotsen, der von Zeit zu Zeit dazwischenheulte. + + + + +II + + +Der Erwartete war gekommen. + +Hann hatte ihn mit der roten Jolle von der Landzunge herübergeholt. + +Es war der Schäfer von Ludwigsburg. Ein Heilkünstler, gegen den alle +Professoren drin von der kleinen Universität zu lächerlichen Pfuschern +herabsanken. + +Ein Mann im Besitz wunderbarer Naturkräfte und dabei von wirklich +frommer Gesinnung. + +Menschen- und Tierarzt zugleich, der durch ein getragenes, feierliches +Schweigen überall, wo er erschien, eine direkt priesterliche Stimmung +erzeugte. + +Dieser war oben. + +Unten zu ebener Erde, dicht neben der Treppe, die zu dem Schlafzimmer +hinaufführte, in einem kahlen Raum, der wie mit Waschblau gefärbt +schien, warteten inzwischen die beiden ältesten Söhne des Lotsen, +während Line auf der untersten Stufe der Treppe saß und gedankenvoll auf +das leise Murmeln lauschte, das seit einiger Zeit aus der Krankenstube +herunterquoll. + +Sie stützte den Kopf auf und schüttelte sich leicht wie im frostigen +Winde. + +Dort oben trieb der Zauberer nun sein Wesen, denn hexen konnte er, daran +zweifelte Line nicht einen Augenblick. Der Lügenlotse, oll Kusemann, +hatte ihr ja auch erst neulich in seinem Wetterhäuschen an der See +erzählt, wie Schäfer Sturm vor einiger Zeit kurz vor Mitternacht auf dem +Moorluker Kirchhof aufgetaucht und dort zwischen allerlei Kreuzen +suchend auf- und abgeschritten sei. Vor dem Grabe eines längst +verstorbenen Fischers wäre er dann stehen geblieben und hätte einen +Zettel auf dessen Hügel gelegt. -- Einen Zettel. -- »Denk' bloß, Lineken, +einen Zettel mit wunderbaren Buchstaben beschrieben.« Der Tote aber sei +der alte Glückspeter gewesen, der, solange er lebte, den unheimlichen +Fischzug besessen und stets sein Netz mit Hunderten von Heringen ans +Tageslicht gefördert habe. -- Und richtig -- Line zuckte in der +Erinnerung förmlich in die Höhe und starrte mit weitgeöffneten Augen vor +sich hin -- als die Kirchhofsuhr Mitternacht schlug, da habe sich das +Grab mit einem Schlag geöffnet und -- + +Oben ächzte die Tür und fiel schallend wieder ins Schloß. + +»Tu mir nichts,« rief Line halblaut in ihrem Traum und streckte die +Hände aus. + +Aber es war kein Gespenst, das da die Treppe herunterwehte, sondern Hann +polterte herab und stieß mit seinem schweren Stiefel gegen ihren Rücken. + +»Au -- dummer Junge -- nimm dich doch in acht!« + +»O Lining, ich wollt ja nich -- ich soll bloß -- --« damit fiel der +fünfzehnjährige, gedrungene Bursche bereits in den lichtblauen Raum +hinein und hob vor seinem ältesten Bruder ordentlich bittend die Hände +in die Höhe. + +»Was willst du, Hann?« + +»O Paul -- Pauling -- nich wieder böse sein.« + +»Nein, aber ich soll doch nicht etwa hinaufkommen, solange der da oben +ist?« + +»Das nich, aber du sollst -- --« + +»Was?« unterbrach der junge Theologe ungeduldig. + +»Du sollst mir das Buch geben.« + +»Welches Buch?« + +»Oh, die Bibel, Pauling.« + +»Die Bibel?« + +Für Schäfer Sturm! + +»Was will der mit ihr?« + +»Das darf ich dir nich sagen.« + +Der Student streckte die Hand aus. Wie er so dastand mit seiner mageren +Gestalt und dem abgezehrten, verarbeiteten Kopf, hatte er etwas Hartes +und Eckiges. + +»Hann --« Rasch und stoßend redete er, gleich einem, der die Sprache +nicht recht meistert, und deshalb hatten seine Worte etwas Unbeholfenes, +Stammelndes, das zum Herzen drang. »Hann -- ich hab' dir nie was getan.« + +»Ne -- ne,« schluckte der Junge. + +»Mir kannst du alles sagen.« + +In seiner Aufregung überfiel ihn wieder jenes verwünschte Stammeln. Und +diesem hilflosen und doch fanatischen Klang gegenüber unterlag Hann +widerstandslos. + +Der Junge zitterte: »Pauling, nich böse sein.« + +»Nein.« + +»Der Schäfer -- will einen Spruch aus der Bibel reißen, und den soll +Vating verschlucken.« + +»Verschlucken?« + +»Ja, verschlucken,« sagte Hann ernsthaft. + +»Und dazu soll ich ihm das heilige Buch überliefern?« entgegnete der +Student entrüstet. Schon war er auf einen kleinen Schrank zugeeilt, auf +dem oben ein paar Bücher standen, und nun riß er das umfangreichste an +sich. Etwas Eckiges, Bäuerisches, Überzeugtes steckte in all seinen +Bewegungen. + +»Das Tiefste, das uns geschenkt ward, soll ich so mißbrauchen lassen? So +-- so -- Zu solch abergläubischem Betrug?« stammelte er von neuem. Er +drückte das Buch an sich, daß ihm die Arme bebten. Dann machte er einen +hastigen Schritt nach der Treppe zu und redete voller Zorn und Eifer +weiter. + +Er sei kein Frömmler, aber das dürften die Eltern eines Gottesgelehrten +nicht begehen. Solche Sünde. Solch heidnisches Hexenwerk. Gleich -- +gleich wolle er selbst in die Krankenstube hinauf und Schäfer Sturm +vertreiben. Mit Gewalt, wenn es sein müßte. + +Dabei betrat er schon die erste Stufe. + +Allein, unbeweglich, mit aufgestütztem Haupt, aus dem nur die Augen wie +glimmende Punkte herausfunkelten, so saß Line zu seinen Füßen und +sperrte ihm den Weg. + +Er hätte über sie forttreten müssen. + +»Line, so geh doch zur Seite,« herrschte er sie an. + +»Nein -- erst gib Hann das Buch.« + +»Was?« stotterte der Student. + +»Gib her,« flüsterte das Kind noch einmal mit seiner heißen Stimme und +schlang trotzig die Arme um seine Beine, um ihn am Steigen zu hindern. +»Du verstehst das nicht -- der Schäfer kann hexen.« + +»Oh, das kommt davon, das kommt davon, daß du so gar nichts lernst,« kam +es heiser von den Lippen des Studenten. -- »Aber das muß anders werden. +Und jetzt gleich laß los -- ich muß -- ich muß hinauf.« + +Er drängte sie mit seinem Fuß beiseite. + +Line fiel, im nächsten Moment wäre der Gereizte an ihr vorüber gestürmt. + +Da mischte sich eine neue Stimme in den Streit. + +Am Tisch in der kahlen blauen Stube saß der mittelste der drei Brüder, +Bruno. + +Sekundaner war er drinnen auf dem Gymnasium in der Stadt. Ein hübscher, +dunkelhaariger, siebzehnjähriger Bursche. Der Liebling der Eltern, der +Liebling der Lehrer. Einer von denen, auf die alle Hoffnungen gesetzt +werden, die dann die Zeit erfüllen soll! + +Die Zeit! + +»Paul,« sagte der Sekundaner mit seiner hellen, frischen Stimme, »gib +doch das Buch. Wenn es nichts nützt, so schadet es doch auch nichts.« + +Der Theologe beugte sich über das Geländer, um Bruno besser sehen zu +können. + +»Ja, ja, so bist du,« grollte er. »In jedem Wort sprichst du dich selbst +aus. Immer nur auf den augenblicklichen Vorteil hin leben. Was man damit +anrichtet und aufgibt, ganz gleich. Nein -- aber es soll doch +wenigstens einer hier in dem Hause existieren, der einen Willen und eine +Meinung besitzt. Der Vater wird zu Gott berufen, die Mutter hat in ihrer +Sanftmut nie gewußt, was Selbstbestimmung heißt. Du und dieses kleine +Ding, die Line, ihr lebt wie in einem heidnischen Traum befangen, und +Hann -- Gott« -- er zuckte die Achseln -- »Hann ist es nicht so gegeben. +Deshalb soll Vater noch beim Scheiden die Beruhigung empfinden, daß +wenigstens eine Hand da ist, die alles zusammenhalten will.« + +In seinem Eifer hatte er auf das so fest an sich gepreßte Buch nicht +mehr acht gegeben. Jetzt vermißte er es. + +Einen halblauten Ausruf der Überraschung stieß er aus. + +»Bruno -- Hann -- wo ist die Bibel? -- Wo?« + +Ja, wo war sie? + +Wie ein Schatten, katzenhaft, leichtfüßig, in all ihrem Schrecken vor +dem Tode da oben leicht kichernd, flog Line die Treppe in die Höhe. + +In ihren Händen etwas Schwarzes, Umfangreiches. + +»Line -- Line,« rief der Student totenbleich hinter ihr her. + +Da zögerte sie an der Tür noch einen Moment. Als sie aber Schritte, +Sprünge vernahm, duckte sie sich, und -- -- durch die entstehende +Türspalte steckte sie etwas hindurch. + +»Da --« + +Ihr Atem pfiff. + +»Ich dank dich, mein Döchting,« tönte es von drinnen. + +Es war geschehen. + +Im gleichen Moment fühlte sie sich an den Schultern gepackt. Oh, wie +heftig dieser große, schmale Mensch immer zugriff mit seinen Händen, die +nichts als Sehnen und Knochen waren. Und doch empfand das wilde, kleine +Wesen eine Art Ehrfurcht vor ihm. + +»Du -- du Geschöpf,« keuchte er, »du bist wie solch' kleine, böse Hexe +-- aber warte, das muß anders werden. Und wenn ich mich dabei an dir +vergreifen sollte. Diese schreckliche Unbildung muß aus dem Hause. Warte +nur.« + +Wie wenn er gar nicht wüßte, was er tat, schüttelte er sie zornig hin +und her. + +Das Kind gab keinen Laut von sich. Nur als Bruno, erschreckt über das +dumpfe Geräusch dieses stummen Ringens, mit einem Lichtstümpfchen an die +Treppe trat, da sah der Student, wie ihre Augen ununterbrochen und fest +in die seinen blickten. + +Eine große, merkwürdige Ruhe wohnte in ihnen. + +Da ließ er von ihr ab, als habe er sich an einem Dorn gestochen. + +Tief seufzte er auf und wollte eben wieder hinuntersteigen, als die Tür +des Krankenzimmers sich in ihren Angeln drehte. Und in dem breiten +Lichtschein stand die kleine Frau Klüth und sagte mit ihrer ebenen +Stimme: »Vating will euch alle noch eins sehen. Kommt!« + +Hierbei verlor ihre Stimme den ruhigen Klang. Aber den halbfertigen +Strumpf hatte sie noch immer in den Händen. + + * * * + +»Ja, nun seid ihr alle da,« flüsterte der Lotse und hob sich weit aus +den Kissen heraus, um die Anwesenden zu überzählen. + +Seine Hand schwankte dabei hin und her -- -- + +»Und Paul -- und Bruno -- und Line -- und Hann -- un Mudding -- un der +oll Schäfer -- un mein Bootsmann Dietrich Siebenbrod -- ihr seid alle da +-- ja, ja, das is mein Bootsmann. Mit dem zusammen hab' ich damals die +kleine Line gerettet. Prösting Dietrich -- -- wann werden wir wieder +eins von dem feinen Kognak trinken? -- von dem feinen Kognak. -- Ja, ja, +Dietrich Siebenbrod -- das mußt du nich tun, ümmer so viel trinken, +sonst bist du 'n guter Kerl -- und verstehst deine Sach! -- Komm Mudding +-- komm her -- gib mich deine Hand. Und Dietrich Siebenbrod gib mich +auch deine. -- Ich muß nu rauf -- das nützt allens nichts -- Schäfer +Sturm, der doch sonst seine Sach versteht, nützt da auch nichts. -- +Hör', Dietrich Siebenbrod, da sollst du auf mein Haus aufpassen, denn du +büst 'n anständiger Kerl und verstehst deine Sach'. Ja, Mudding, das is +Dietrich Siebenbrod. -- Du, Mudding und Siebenbrod, ihr bleibt zusammen. +-- Und wenn's mit der Lotsenanstellung nichts is, denn is es mit der +Fischerei was. Ja, ja -- da hat man dann auch weniger Zeit, dann trinkt +man auch nich soviel. -- Der verfluchtige Kognak, -- Mudding, nu spür +ich's. -- Und du und Dietrich Siebenbrod, ihr bleibt zusammen. Und dann +paßt ihr auf die Kinder auf, damit da was draus wird. -- Und -- und -- +Siebenbrod, klopf' mich auf den Rücken, mir ist's, wie wenn ich in der +See läg. Weißt noch, wie wir das kleine Jöhr, die Line, von der +schwedischen Bark gerettet haben, und keiner wußt, wie das Ding hieß? -- +-- Lining, komm her -- steh nich so in der Ecke -- sterben muß jeder +mal. -- Du bist ümmer 'n drolliges Ding gewesen und hast mir viel Spaß +gemacht. Ja, und Mudding, unser Ältester wird Paster -- Paster -- ja -- +denn er is 'n feiner Kopf. Und wenn's auch viel Geld gekostet hat -- ja, +Siebenbrod, gar zuviel Geld --'s freut mich doch. 'n Paster, -- 'n +wirklichen Herrn Paster, hab ich doch zustand' gebracht. Und was unser +zweiter is, Bruno -- der is klug, der is sehr, sehr anschlägig -- hat +auch was gelernt. -- Da hat mich Konsul Hollander versprochen, er kommt +zu ihm ins Kontor -- Schiffsreeder -- Bruno wird eins 'n reicher Mann +werden -- Hollander hat ja auch man so klein anfangen, na, man kann nie +-- nie wissen. -- Und ja, paß auf -- ich sag weiter nichts. + +»Und was soll nu aus Line werden? Line? -- Line? Ja, das weiß ich nich, +darauf versteh ich mich nich. Da wird schon einer kommen. -- Aber nu -- +nu mit Hann. -- Hann, wein' nich, du kannst da auch nichts für. Lernt +nichts -- und hat nichts gelernt -- oh, Siebenbrod, den mußt du hier +anbändigen. Is'n guter Jung, un 'n Boot regiert er auch ganz gut. Den +müßt ihr hier so nebenher mit auffüttern. -- O je, Hann, wein' nich, du +kannst da auch nich für. -- Siebenbrod, klopf' mich auf den Rücken. -- +Und nu, nu ruf mir die Lotsen mal her -- du sagst doch, sie stehen hier +an der Tür, die Kollegen. Na, denn soll'n sie raufkommen. Ja, 's is +gut, Siebenbrod, ruf 'runter! + +»Je, da seid ihr ja, ihr zwei, oll Kusemann un Friedrich Pagels. --? -- +Je, nu nehmt man an, vor vier Wochen nu noch Dienst getan -- und nu +jetzt soll's losgehn. -- Na, oll Kusemann -- ich dank dir auch, daß du +das mit Hann so gut meinst, dem armen Jung. Aber tu mich den Gefallen, +mußt ihm auch nich mehr so viel dumm Zeug erzählen. Und du, Pagels -- +na, hast du auch wieder das verschnürte Bein? -- Ja, ja, auf die Art +geht das mal mit uns allen zu Ende. -- Ich wollt dich fragen, ob du wohl +mein zweites Boot kaufen willst. 's kann ein Zesner draus gemacht +werden. Ganz bequem. Und du hast doch die Erbschaft getan und kannst +gleich bezahlen. Und bei mir is das man -- mit dem Begräbnis -- +verstehst du -- es muß doch gleich Geld da sein. Und wir haben nu so +viel eingebrockt durch die Krankheit und das alles. Und wenn du +zweihundert Taler so geben würdest -- -- Weniger? -- Na, +einhundertachtzig. Aber dafür is 's halb umsonst, nich war, Siebenbrod? +Also, 's is zwischen uns abgemacht, Friedrich Pagels -- ihr habt's +gehört. -- + +»Und -- und -- Paul, komm her, du büst mein Paster, sing was +Geistliches, ein schönes Gebet, du kannst ja -- -- Und, und Mudding, ich +dank dich auch für alles -- und -- und der Kauf mit Friedrich Pagels ist +abgemacht -- -- -- und Lining -- un -- un Hann -- un -- abgemacht -- is +-- allens!« + +»Nu 's vorbei,« murmelte der aufgeschwemmte Lotse mit dem verschnürten +Bein, dem die Wassersucht deutlich anzumerken war. + +»Das is es,« flüsterte oll Kusemann und schlich zu Hann. Und nach einer +Weile sagte er ganz leise: »Mich war's, als wenn ich so was Graues an +den Fenstern hätt' entlangflattern sehn.« + +»Wollen ihm die Augen zudrücken,« sagte der riesige Siebenbrod und +näherte sich vorsichtig dem Bett. Und als er seine Pflicht erfüllt +hatte, brachte er noch stockend heraus: »Schlaf woll, Herr Klüth.« + + + + +III + + +Es war am Abend nach dem Begräbnis. + +Da begab sich folgendes: + +Die leidtragenden Fischer und Lotsen, die so altertümlich in ihren weit +abstehenden, schwarzen Gehröcken und den unförmigen, pudligen Zylindern +aussahen, waren nach einem reichlichen Leichenschmaus abgezogen. In dem +Stübchen, in dem der Kranke so lange gelegen, blieben nur seine beiden +Ältesten zurück, um in einem alten Rollpult nach Papieren zu suchen, die +der Verstorbene vielleicht hinterlassen. Es sollte eine Verschreibung +des Magistrats auf eine Pension vorhanden sein. + +Wenigstens hatte sich oll Kusemann während des Leichenschmauses bei +einem Glase Kirschlikör urplötzlich darauf besonnen. + +Wenn das wirklich ausnahmsweise kein Geflunker war! Wenn das Wahrheit +wäre! -- + +Fast ohne zu sprechen suchten die beiden. + +Das Fenster stand offen. Man wollte auslüften. Unterdes befanden sich +die andern Trauernden auf dem Hofe hinter dem Häuschen. + +Es war ein kleiner, ungepflasterter Hof. Rings herum ein Bretterzaun, an +dem rote Johannisbeersträucher in die Höhe rankten. In der Mitte ein +niedriges, grünmoosiges Rohr, die Pumpe. Ganz in der Ecke, auffallend +niedrig, mit Moos und Schindeln gedeckt, ein Stall für drei Kühe und +daneben, nicht größer als eine Hundehütte, ein hölzerner Schweinekoben. + +Aus ihm drang Schnuppern und Schnaufen den ganzen Tag. Auf dem schrägen +Dach jenes Kobens saßen an diesem Abend Hann und Line. + +Beide in ihren schwarzen Traueranzügen. + +Der Junge ungeschlacht, wie ein verzauberter kleiner Schornsteinfeger; +das Mädchen vornehm, wie die Prinzessin, die den Schweinehirten +heiratet. + +In dem Kuhstall aber weilte noch ein anderes Paar. Ein älteres. Hier saß +die Witwe, die kleine Frau Klüth, mit ihrem vergrämten Gesicht auf einem +Schemel und verrichtete langsam und trauervoll ihr abendliches Werk. Sie +melkte ihre wohlgenährten, glänzenden Kühe. + +An der Schwelle, leicht an den Pfosten angelehnt, sah Dietrich +Siebenbrod, gleichfalls im Trauerrock, diesen Geschäften nachdenklich +zu. + +Er hatte eine kleine Pfeife in der Hand. Aber er rauchte nicht. Er hielt +das in diesen Augenblicken für unschicklich. + +Ein wundervoller Herbstabendglanz lag auf dem Fischerdörfchen. + +Bäume und Dächer leuchteten einen unbestimmten matten Schimmer. Am +Himmel zogen lichtrosige Wolken dahin. Rosig durchleuchtet ringelte sich +Rauch aus den Schornsteinen. Überall tiefe Ruhe. Nur vom Bodden strich +ab und zu ein leichter Windzug daher, und dann sah man fern durch die +Bäume und Büsche, wie die See draußen ihre Farben änderte. + +Ein Jagen von Grün und Zitterblau! + +Dann wieder Stille. + +Da regte sich Line auf dem Koben. + +»Sprich was,« sagte sie zu Hann und stieß ihn leicht an den Arm. »Es ist +so häßlich, das Stillsein.« + +Sie fürchtete sich heimlich. Denn ununterbrochen, klammerfest wurde sie +von diesem einen Bilde gefangengenommen, wie die Lotsen den Sarg +heruntergelassen, die Erdklumpen hohl daraufgekollert, und wie oll +Kusemann hinter ihr, scheinbar absichtslos, die Worte geflüstert: »Sieh, +wenn die letzte Handvoll drauf liegt, dann macht sich die Seele auf +ihren Weg.« + +»Ja, dann macht sie sich auf den Weg,« ging es ebenfalls durch Hanns +Gedanken, denn auch er hatte, ohne daß Line davon wußte, die Worte oll +Kusemanns wohl vernommen. + +Und zum erstenmal -- an dem dunklen Grab -- regte sich bei dem blöden +Jungen, dem das Lernen versagt war, eine nachdenkliche Frage. + +Jetzt sprach er sie aus. Langsam und stockend in den lichten Abend +hinein, während unter ihm die Schweine schnüffelten und ganz nahe die +Milch in den Eimer klatschte. + +»Lining,« begann er, »hast gehört, was oll Kusemann sagte? -- Weißt du, +was 'ne Seel' is?« + +»Nein -- laß,« versetzte die Kleine ängstlich und zog an ihrem Kleid. +»Aber oll Kusemann meinte ja vorgestern, sie säh' grau aus.« + +»Ja, grau sieht sie aus,« nickte der Junge schwerfällig, »denn irgend +'ne Farb' muß sie haben. Schweine sehen gelb aus und Rosen rot, und +Seelen werden dann woll grau sein.« + +»Vaters Seel' is nu im Himmel«, -- sagte Line geheimnisvoll. »Sieh, da +oben, wo die rote Wolke geht, da oben sitzt er gewiß und sieht zu, wie +hier das Vieh gefüttert wird. Das hat er sonst ja auch immer gemacht. -- +Meinst du nicht, daß er's da oben gut hat?« + +»Das hat er,« bestätigte Hann ernsthaft. + +»Woher weißt du das?« fragte Line rasch. + +Hann rückte eine Weile hin und her, als getraue er sich nicht recht. +Dann beugte er sich vor, warf einen spähenden Blick in den Kuhstall +hinein und schob sich endlich ganz dicht an Line heran, so daß die +beiden Köpfe sich eng berührten. + +Sonst ließ ihn Line nie so nahe heranrücken, ohne die Hand gegen ihn zu +erheben. + +»Ich weiß, daß er's gut hat,« brachte der Junge scheu hervor und +seufzte, als wenn ihn ein Geheimnis drücke. »Aber sieh, du mußt es Paul +nicht sagen.« + +»Was denn, Hann?« + +Wieder ein schwerer Atemzug, dann rasch: »Ich hab neulich in den Himmel +reingekuckt.« + +»Du?« + +»Ja, ich.« + +»Womit?« + +»Oll Kusemann hat in seinem Wetterhaus ein Rohr. Damit kann er in den +Himmel kucken. Und da hat er es mir auch gezeigt.« + +»Hann -- Hanning, und was hast du da gesehn?« + +»Lauter Glänzendes, das so hin und her zieht, und dann solche grauen +Punkte, die fliegen überall herum. Das sind die Seelen. Oll Kusemann hat +es mir ganz genau erklärt.« + +»Hann --« + +Line zögerte einen Moment. Dann schlang sie ihren Arm in den seinen. Die +Frage war zu wichtig. + +»Hast du auch den lieben Gott gesehn?« + +Hann zögerte und seufzte wieder. + +Es fiel ihm zu schwer. + +»Hann, was tat der liebe Gott?« + +»Line -- ich darf nicht drüber sprechen. Oll Kusemann hat es mir direkt +verboten. Aber« -- er wälzte sich seine Last ab -- »du sollst es wissen. +Der liebe Gott sitzt an einem großen goldenen Tisch und um ihn herum +lauter graue Seelen.« + +»Und was machen sie da?« + +»Da essen sie Mittag.« + +»Mittag? Jemine, essen die da oben auch?« + +»Jawoll -- -- die Schüsseln und Gläser hab' ich genau erkannt. Oll +Kusemann sagt, die wären all' von Sonnenschein.« + +Line starrte ihn an. + +»So schön is es da oben?« fragte sie endlich. Begierig hob sie die Augen +zu den großen roten Flecken empor, die sich allmählich silbern +ränderten. + +Es wurde immer dunkler. -- Plötzlich schrie Line auf. + +»Line, was is?« + +»O da oben!« rief sie und legte schaudernd den Kopf auf das Dach des +Kobens. Sie zitterte. + +Deutlich hatte sie den alten, toten Lotsen geschaut, wie er in seinem +roten Schiff über sie hinfuhr. Dabei hatte er »Line« gerufen -- ganz +deutlich »Line«. Jetzt hob auch der Junge das Haupt. Dann nahm er die +Mütze ab und grüßte nach oben. + +»Ich hab' ihn auch gesehn,« flüsterte er dabei. + +Für eine Weile herrschte tiefe Stille zwischen den Kindern. Erst nach +einiger Zeit nickte Hann ernsthaft vor sich hin und legte den +Zeigefinger an seine plumpe Nase: »Ich hab's mir gleich gedacht,« sprach +er, »daß er nun da oben als Schiffer angestellt is. Ich möcht' auch gern +einmal in solch schönem roten Schiff fahren.« + +»Möchtest du denn auch schon dahin?« fragte Line frierend vor Furcht und +schüttelte die schmalen Schultern. + +»Da kommen alle Menschen hin, die hier unten nicht gesessen haben.« + +»Und die gesessen haben?« + +»Die kommen zum Teufel. -- Oll Kusemann hat ihn erst neulich in +Stralsund getroffen. Er trug einen Zylinder.« + +»Nein, nein,« zitterte Line und nahm rasch Hanns Hand in die ihre. + +Sie hielt ihn ganz fest. + +Aber nach ein paar Augenblicken sprach Hann nachdenklich weiter: »Das +hat der liebe Gott schlecht gemacht.« + +»Was, Hann?« + +Immer näher drängte sie ihre zitternden Glieder an den Jungen heran. + +»Daß er nicht gleich lauter Seelen gemacht hat. Dann brauchte man nicht +erst in solch engen, schwarzen Kasten, und die Begräbniskosten wären +auch nicht da -- und man hätte gleich eine Anstellung in so einem +feinen, roten Schiff.« + +In diesem Moment ging ein Windstoß durch die Bäume. Altes Laub flog den +Kindern um die Ohren, und eine der Kühe nebenan stieß ein wehklagendes +Brüllen aus. + +Da durchdrang das kleine Mädchen ein überwältigender Schrecken. Heftig, +wie sie war, glaubte sie, Hann wäre an allem schuld. Und während sie ihn +mit aller Kraft in den Arm kniff, so daß er einen heiseren Schmerzensruf +ausstoßen mußte, schrie sie wild auf: »Du Dummerjahn -- bloß hier unten +bleiben -- ich will nich solch ein Gespenst werden -- nein, nein, ich +will nich grau sein.« + +Heftig sprang sie auf den zottigen Hofhund zu, den sie schutzsuchend +umklammerte. Und Pluto, der Hann nicht leiden konnte, heulte wütend nach +dem Dach des Schweinekobens hinauf und fletschte die Zähne nach dem +Jungen. + + * * * + +So hob über den Schweinen die Geburtsstunde eines Philosophen an. In dem +Kuhstall daneben aber wurde zu derselben Spanne Zeit das Schicksal +entschieden, das alle, die sich jetzt in dem Lotsenhäuschen befanden, +aneinanderketten, verwirren und dann auf ewig trennen sollte. + +Im Abendglanz lachte dazu von fern die See, die sich doch einmal +zwischen die Schuldigen legen sollte, unschuldig wie ein kleines Kind, +das in azurner Wiege geschaukelt wird. + +Der Bootsmann Dietrich Siebenbrod lehnte am Pfosten des Kuhstalles und +beobachtete, wie die Witwe seines Brotherrn die Kühe melkte. + +Der leichte Seewind spielte mit den Enden des ihm so ungewohnten +Bratenrockes, und unter dem wolligen Zylinder, der noch immer sein Haupt +bedeckte, fühlte sich Siebenbrod feierlich angeregt. + +Deshalb sprach er auch kein Wort, sondern horchte mit Ernst auf das +Einströmen der Milch. + +»Strull -- strull,« ging es gleichmäßig fort. + +Da schlug vom nahen Kirchturm die Uhr, deren goldene Buchstaben in der +Abendsonne gleißten und funkelten. + +Die entscheidende Unterhaltung begann. Erst harmlos und ungewollt, wie +fast alle großen Ereignisse. + +»Acht,« sagte Dietrich Siebenbrod, und nachdem er seine sogenannte +Warmbieruhr gezogen hatte, setzte er hinzu: »Nu is der Herr all sechs +Stunden begraben.« + +»Ach, Gott!« -- + +In das »Strull-strull« mischte sich ein Schlucken, man hörte das +Rascheln des frischen Heus, das von den Kühen aus den Raufen gezogen +wurde, und dann rann die Milch wieder stoßweise in den Holzeimer. + +Nach einer Pause der Sammlung fuhr Siebenbrod fort: »Der Lotsenkapitän +aus Göhren war auch beim Begräbnis.« + +Und die melkende Witwe antwortete seufzend: »Ja, ja, sie haben meinem +sel'gen Mann alle viel Ehr' angetan.« + +Darauf zog sie mit der Linken ihr Taschentuch hervor und führte es an +ihre weinenden Augen, mit der Rechten melkte sie fürbaß. + +»Den Lotsenposten bekomm' ich nich,« sprach Siebenbrod ruhig weiter -- +»Der Kapitän hat gesagt, es is wegen ...« + +»Den Schnaps,« tönte es aus dem Stall -- »ja, ja Siebenbrod, das is nich +recht von Ihnen.« + +»Jetzt gewöhn' ich mir ihn aber ab,« unterbrach der Bootsmann mit festem +Entschluß. + +»Is das sicher?« + +»Ganz sicher.« -- -- + +Die Witwe setzte den vollen Eimer beiseite, jedoch bevor sie den andern +heranzog, wandte sie ihr ältliches, vergrämtes Gesicht der Stallöffnung +zu. Dann betrachtete sie den Bootsmann aufmerksam, brach aber sofort, +kopfschüttelnd, in ein leises Weinen aus: »Ne -- ne, -- es is zu slimm.« + +»Was? -- Frau Klüth.« + +»O nix nich -- Siebenbrod -- ich meinte man so.« + +Damit machte sie sich an die letzte Kuh. + +»Strull -- strull.« + +Siebenbrod rührte sich. Er hatte sich in der Nacht vorher alles +überlegt. Es ging nicht anders. Er mußte es tun. + +»Frau,« begann er und nahm vor der Wichtigkeit des Moments den Hut in +beide Hände: »Ich wollt' nun noch fragen, wie es mit mir wird?« + +»Mit Ihm?« + +»Ja, da ich ja nun den Lotsenposten nich bekomm, und da das mit der +Pension wohl auch man dumm's Zeug von oll Kusemann is, so wollt ich man +fragen, wie ich mich von nu an gehaben soll?« + +»Je, Siebenbrod, wie mein lieber Mann gesagt hat -- dann wollen wir es +in Gott's Namen mit der Fischerei versuchen. Man muß doch leben. Und +vier Kinder sind auch nich leicht durchzubringen.« + +»Je, das sag' ich man. Aber -- aber, Frau, nehmen's nich übel -- ich bin +doch nu auch all siebenunddreißig Jahr alt.« + +»Je, was meint Er damit?« + +Die Witwe melkte hastiger, so daß die Kuh ein wehklagendes, +mißbilligendes Brummen ausstieß. + +Siebenbrod überzählte noch einmal die Kühe, dann sagte er ruhig: »Je, es +is man wegen den Zesnerfischern.« + +»Was wollen die, Siebenbrod?« + +»Strull -- strull.« + +»Je, Madamming, nehmen's nich übel -- aber sie nehmen keinen +Unverheirateten auf.« + +»Huch,« rief die Witwe tief erschrocken. + +Was der Bootsmann da vorbrachte, bedeutete ja eine Gefahr für das +verwaiste Häuschen. Ein Fremder würde sich ihrer sicher nicht annehmen, +und die paar Groschen, die ihr armer seliger Mann erübrigt hatte, ja, du +lieber Gott, die reichten gerade für ein halbes Jahr. + +»Strull -- strull.« + +Und dann das Studium von Paulen -- und Bruno mußte erst +Kaufmannslehrling werden (Ladendiener nannte es Frau Klüth). Gott -- o +Gott, die offenste Angst sprach sich in dem ältlichen, so merkwürdig +glatten, ausdruckslosen Weiberantlitz aus. Und wenn nun Siebenbrod sie +auch noch im Stich ließ? Vielleicht besaß er bereits eine Braut? Ja, +dann saß sie ja ganz hilflos mit zwei alten Booten und vier unversorgten +Menschen da! + +Was war hier zu tun? Sie wurde sehr nervös, und ihre Gedanken schwenkten +immer rechnender von dem Toten zu dem Heute zurück. + +»Hat Er denn schon eine?« begann sie plötzlich überstürzt, und als +Siebenbrod ein wenig verlegen vor sich hinnickte, setzte sie halb +weinend hinzu, warum er das denn nicht schon früher geäußert hätte. + +An der Kuh wurde lebhaft gerissen. Schmerzlich brüllte das Tier auf. -- + +»Muh!« + +»Je, Madamming,« sagte Siebenbrod schon etwas sicherer, »ich dacht mich +auch, es hätt' bis nach dem Begräbnis Zeit.« Und während er den wolligen +Zylinder etwas langsamer drehte, fügte er noch ehrbarer bei: »Denn +vorher schickt sich das doch wohl nich gut?« + +»Ach, mein Gott!« murmelte die Witwe. + +Dann trat Stille ein. + +Eine lange, feierliche Schweigsamkeit, während welcher das Strull-strull +immer langsamer auftönte, um endlich ganz zu verstummen. Auch Siebenbrod +versank wieder in seine würdige Ruhe. Nur daß er jetzt den Zylinder +aufsetzte, als hätte dieser seine Dienste verrichtet, und daß er +aufmerksam in die Ecke des Kuhstalls hinüberlauschte, von wo einige +schwere Seufzer laut wurden. Auf einmal sprach aus der Dunkelheit eine +traurige Stimme: »Siebenbrod, will Er sich denn wirklich das Trinken +abgewöhnen?« + +»Je, Madamming, seit drei Tagen all keinen Tropfen mehr. Nich rühr an.« + +»Das is gut,« lobte die Witwe und fiel wieder in ihr früheres Grübeln. + +»Ja,« fuhr Siebenbrod nun schon beruhigter fort, »und die beiden +Ältesten gehen ja nun aus dem Haus, und Hann lern' ich an, und wenn dann +die lütte Dirn auch erst in die Stadt kommt, je, dann werden wir ganz +gut fertig werden, Madamming.« Und die Witwe nickte in ihrer festeren +Ecke und murmelte in sich hinein: »Ja, ja, Siebenbrod, das is ja soweit +ganz richtig.« + +»Je, Madamming, und dann freu' ich mich auch, daß alles so schön in +Ordnung is. -- Denn ich bin nu auch all in die Jahren. Lassen Sie man, +ich werd' Sie die Eimers raustragen helfen.« + +Von der Dorfuhr schlug es neun. Ein weiches Abenddunkel sank auf +Moorluke. Auf den beiden schlanken Pappeln vor dem Häuschen hatte sich +eine schwarze Wolke junger Stare niedergelassen und zwitscherte +hundertstimmig Braut-, Wander- und Jugendlieder. + +Und der alte Klüth ruhte jetzt doch bereits die siebente Stunde. + +IV + + +An einem der nächsten Tage -- noch wußten die Kinder nicht, was im +Kuhstall beschlossen war -- wurde Hann ins bürgerliche Leben eingeführt. + +Er lag gerade mit Line auf einer der schönen grünen Wiesen, auf denen +Moorluke gebaut ist, und die sich bis zum Meer hinunterziehen. Die +letzten Gräser biegen und wiegen sich über den sanften Wassern und +flüstern mit den Stichlingen. Manchmal schießt auch ein rotkäppiger +Barsch heran, beißt vor Lebenswonne in die schwanken Halme und saust +wieder in die schillernde Weite zurück. Hann wußte das alles. + +Er fühlte es, wenn er es auch nicht sah. Seine Umgebung war das einzige, +was er gelernt hatte, und was ihm vertraut war. + +Da, wo das Gras am höchsten und üppigsten grünt, da liegen die beiden +Kinder. + +Line ruht auf dem Rücken. Um sie herum wehen wunderbar feine, +seidig-graue Gespinste. Es sind die zarten Heringsnetze, die aus +meerblauer Seide geknüpft sind, damit sie mit der Seefarbe +übereinstimmen und den scheuen Silberflößler nicht erschrecken. Jetzt +sind sie zum Trocknen aufgehängt. Wenn der leichte Seewind zuweilen an +sie rührt, dann zittern sie so seltsam um das Dirnchen, wie ungeheure, +phantastische Spinnenwebe, in denen sich ein Nixenkind gefangen. + +Es ist Vormittag. + +Ringsherum Sonnenschein. + +Das Meer funkelt wie ein weißgedeckter Tisch, auf dem eine Million in +Goldstücken aufgezählt liegt. + +»Line,« sagt Hann, der in seinem abgetragenen, blauen Drillichanzug in +einiger Entfernung von ihr liegt und, den plumpen Kopf in beide Hände +gestützt, aufmerksam einen wimmelnden Ameisenhaufen betrachtet: »Hast du +wohl acht gegeben -- -- --« + +»Still,« unterbricht Line unwillig. + +»Ich mein', daß Dietrich Siebenbrod nun ümmer bei uns zu Tisch ißt?« + +Wieder eine heftige Bewegung der kleinen Hand: »Sei ruhig.« + +»Je, warum?« + +»Weil ich da oben raufkuck.« + +»Lining, siehst du was?« + +»Nein -- aber es is so häßlich, wenn du sprichst.« + +»Oh, Lining, warum is das so?« + +»Das weiß ich auch nich. Es is häßlich.« + +»Je, dann kann ich ja auch ruhig sein.« + +»Das tu. Dann kommt es wieder.« + +»Was kommt?« + +»Das Schöne.« + +»Welches Schöne?« + +»Dummer Jung. -- Als wenn mich einer streichelt.« + +»Oh, Lining -- --« + +»Sei still.« + +Und nun liegen sie beide wieder wie vorher. Die feinen blauen Maschen +zittern und beben, und die fleißigen Ameisen rennen auf ihrem Hügel im +Kreise. + +Allmählich vergißt Hann, wie die kleine Pflegeschwester ihn schlechter +als Pluto, den Hofhund, behandelt. Aber das ist ja schließlich auch so +natürlich. Sie ist so viel vornehmer als er. Auf einer untergehenden +schwedischen Bark ist sie gefunden worden. Vielleicht stellt sie +wirklich was sehr Hohes vor. Am Ende gar eine Prinzessin. Ja, ja, und +solch eine, die muß wohl so kurz angebunden sein. Das hat er ja immer +gehört. + +»Na, denn is es ja ganz in Richtigkeit,« meint Hann vor sich hin. + +Damit wendet er sich wieder seinem Ameisenhaufen zu und beugt sich +tiefer und tiefer darüber. + +Wie die Tierchen alle beladen herumrennen. Ganze Züge in einer Richtung. +Das ist sehr wunderbar. Der Junge denkt zum erstenmal darüber nach. + +Da fällt unvermutet ein langer Schatten über den grünen Plan. Er gleitet +langsam näher. + +Line erhebt sich halb, blinzelt nach vorn und sagt wegwerfend: »Da kommt +Dietrich Siebenbrod.« + +»Ja, Lining,« antwortet Hann, »leiden kann ich ihn auch nicht recht.« + +»Du auch nicht?« + +»Ne, er spuckt ümmer in die Stuben.« + +»Ja, ja -- wollen ihn heute mal recht ärgern,« regt Line an. + +Und Hann ist gänzlich damit einverstanden. Ganz selbstverständlich. Er +ist immer nur der Gefolgsmann seiner Dame. + +Der Bootsmann steht nun in seinen großen Wasserstiefeln vor ihnen. + +Er hat ein gutmütiges, hageres, dunkelbraungebranntes Gesicht, +glanzlose, schwarze Augen, eine große Menge schwarzer, schweißnasser +Haare und eine glühende Adlernase. + +Als er so vor ihnen steht, sieht er mit Vergnügen auf die schlanken, +nackten Beinchen von Line herab, die in der Sonne seidig glänzen. + +Die kleine Dirn findet er niedlich. Auch Hann mag er leiden. Nur hält er +es an der Zeit, daß aus dem Jungen etwas wird. Überhaupt, seit aus dem +Kuhstall die Zukunft ihn, wenn auch nur mit einem alten, unbeweglichen +Weibsantlitz angelächelt, ist er von väterlichen Gefühlen beseelt. + +Verwundert blickt er auf die beiden Kinder hinab, die so stumm daliegen, +als wäre er gar nicht vorhanden. Nur Line schlenkert ein wenig mit dem +rechten Bein hin und her, als schlüge sie damit den Takt zu einem +Liedchen. Hann dagegen starrt unbeweglich in seinen Ameisenhaufen. + +»Morgen,« beginnt Siebenbrod gemütlich, denn der Sonnenschein, die +Kinder und das Gesumm der Käfer wecken Wohlgefallen in ihm. + +»Aber ja nicht antworten,« »Man jo nich« -- Auf keinen Fall; das ärgert +den Säufer sicherlich. + +Die kleinen Boshaften verhalten sich mäuschenstill. + +Siebenbrod wundert sich, sperrt den Mund auf und faßt sich an die Nase. + +Die Stille, das Schweigen, das seltsame Benehmen verwirren ihn +sichtlich. + +Wozu tun das die Jören? + +»Was gibt's denn?« räuspert er sich endlich, indem er sich +zusammennimmt. »Was is hier?« + +Stille. + +Nur Line summt mit den Käfern um die Wette und dirigiert das Konzert +immer geschickter mit dem Fuß. + +»Na, da soll doch,« bricht Siebenbrod, noch immer voller Erstaunen, los, +denn an einen Kinderhaß, an eine Rebellion denkt er noch lange nicht. -- +Auch geht ihn die Dirn schließlich nichts an, ist zudem auch 'n netter +Racker. + +»Jung, bist du dumm? -- Was kuckst du so in den Haufen? Steh gleich +auf!« + +Line wendet das Köpfchen und schielt zu ihrem Begleiter hinüber. Aber +der bleibt fest. Er ist stolz, sich vor seiner Dame einmal zeigen zu +können. + +Er rührt sich nicht. + +»Hann!« brüllt Dietrich plötzlich kirschrot, denn er begreift, und die +Nase beginnt so merkwürdig zu zittern und zu funkeln, daß beide Kinder +in ein befriedigtes, höhnisches Gelächter ausbrechen. + +Siebenbrod reißt den Jungen in die Höhe: »Verfluchtiger Lümmel, willst +du woll?« + +»Laß los,« schreit Hann wütend dagegen. Aber die Habichtkrallen des +andern geben ihn nicht frei. Sie wirbeln ihn vielmehr im Kreise umher, +wie ein altes Kleidungsstück, das von dem Trödler von allen Seiten +betrachtet werden soll. + +Entsetzt springt jetzt auch Line in die Höhe. + +Das bedeutet keinen Spaß mehr. Dietrich ist gewiß wieder betrunken. + +»Laß ihn los,« will auch das kleine Kind rufen, aber der Laut bleibt ihr +in der Kehle stecken. + +Starr, gebannt, mit weiten, erschreckten Augen muß sie das Begebnis mit +ansehen. + +Das wickelt sich jedoch unheimlich schnell ab. + +Siebenbrod wirbelt den Haufen Kleider noch zwei-, dreimal mit wütender +Kraft herum, dann wirft er ihn ins Gras. + +»Da lieg.« + +»Was? -- Was?« -- heult Hann, halb vor Wut, halb vor Schmerz. »Was hast +du mir zu sagen? -- du oll Säufer? -- Nichts -- du büst ja man bloß unser +Bootsmann, unser Knecht.« + +»So,« lacht Siebenbrod höhnisch, »dann komm noch eins her, mein +Hühning.« + +Wieder streckt er die Klaue aus. Hann, rasend mit weißem Schaum vor dem +Mund, entgeistert von der Scham, vor seiner Dame mißhandelt zu werden, +hebt einen großen Feldstein in die Höhe -- und dann -- der arme Junge. +-- Er ist kein David, der den Goliath zerschmettert. + +Mit wilden, funkelnden Blicken verfolgt Line nun das sich aufrollende +Bild. + +Hinten auf den blauen Hosen hat Hann einen grauen Flicken eingenäht. Der +glänzt jetzt in der Sonne, als er über dem Knie von Siebenbrod liegt, +und gerade auf diesen Fleck prasseln die flachen Hiebe des Bootsmannes +hageldicht nieder. + +Immer mehr -- immer mehr -- bis der Schall selbst das Schlucken und +Schluchzen übertönt. + +»Wart, mein Hühning, wirst du das wieder tun?« + +»Nein -- nein,« wimmert es. + +»Na, dann verbitt' dich.« + +»Oh -- oh -- ich verbitt' -- mich.« + +»Na, denn 's gut -- Und nu gib mich die Hand, mein Söhning.« + +Hann schleicht heran und gibt tiefgesenkten Hauptes die Finger. + +»Na, dann 's gut -- Nu is alles in Ordnung.« + +»Oh -- und oh -- und oh -- Line -- Line -- hat es gesehen.« + +Da steht er im Sonnenschein, mitten auf dem zertretenen Ameisenhaufen, +und schluckt und zittert am ganzen Leibe. Und ihm gegenüber verharrt +noch immer das kleine Mädchen und sieht auf ihn hin. + +Aber merkwürdig. + +Ein seltsames, irrendes Lächeln schwebt dabei um die roten Lippen. + +Der graue Fleck und die hohe Rundung, wie das aussah! + +Wieder möchte sie lachen. Aber dort drüben weint der Gespiele so +jammervoll, daß sie unbeweglich steht und zu ihm herübernickt. + +Was sie jedoch beide nicht wissen, das ist das Merkwürdige, daß dieser +Eindruck unverwischlich in dem Gedächtnis des Mädchens fortleben wird, +daß er andere Gefühle auszulösen berufen ist, die Hann eines Tages mehr +schmerzen müssen, als die schwielige Hand des neuen Stiefvaters +Siebenbrod, und daß diese Zeit nicht mehr gar so fern liegt. + + * * * + +Er stand und weinte. + +Line lächelte. + +Und Siebenbrod meinte endlich befriedigt: »Nu komm.« + +Dann nahm er ihn mit. + + + + +V + + +Nachmittags kehrte Hann pudelnaß zurück. + +Der blaue Drillichanzug klebte an seinen ungelenken Gliedern, +unaufhörlich leckte das Wasser von ihm herab; seine Mütze hatte er +verloren. + +Das waren die nächsten Folgen seines ersten Unterrichts. Zuvörderst +hatte ihn Siebenbrod hinten an dem Steuer des weißen Lotsenbootes Platz +nehmen lassen. Er hatte ihm gezeigt, wann man rasch, wann man langsam +drehen müsse; er hatte ihm die Stellung der Segel erklärt und ihn zum +Schluß in das schwierige Geschäft des Windabfangens eingeführt. Sodann +wurde von Siebenbrod ein förmliches Examen über das eben Erläuterte +angestellt, und bei jeder vergessenen Position tat ein gelinder Puff, +zuweilen auch eine Ohrfeige das übrige. + +Zuletzt aber kam der Höhepunkt des heutigen Tages. Ein Exerzitium, das +Hann gewiß nicht so bald vergessen wird. + +Sie segelten gerade im offenen Bodden. + +Glatt, wie poliert, lag die glänzende Scheibe da. Nur fern und +verschwommen, wie hinter zarten, blauen Nebeln, ragte das Dörfchen. Man +vernahm von dort kaum das monotone Schlagen der Dorfuhr und zuweilen das +Kläffen eines Hundes. + +Am lichterfüllten, tiefen Himmel zeigte sich bereits das bleiche Viertel +des Mondes. + +Eben hatte Siebenbrod eine kleine Pause in seinem Unterricht eintreten +lassen. + +Mit aufgestütztem Kopf hockte er auf der zweiten Ruderbank und glotzte +während des Hingleitens melancholisch auf den Vorratskasten des Bootes, +in dem eine wohlgefüllte Kirschschnapsflasche stehen mußte, ein Genuß, +dem er nun ein für allemal abgeschworen. + +Wer würde jetzt wohl den feinen Tropfen trinken? Schade -- schade -- aber +wenn man selbständig werden und in die vornehme Gilde der Zesnerfischer +zugelassen werden wollte? + +Kein Spaß, wahrhaftig! + +Schwermütig nickte er mit dem Kopf, dann sah er zu Hann hinüber. + +Der Junge hatte längst den Wind aus den Segeln verloren und träumte +bekümmert zu der blassen Silberscheibe empor. + +»Verfluchter Bengel!« + +»Jesus!« + +Der Knabe schrak krampfhaft zusammen. So weit war es schon gediehen. + +»Na, ich tu dich ja nichts. Hab dich nicht, Jünging.« + +Damit trat Siebenbrod auf ihn zu und pätschelte ihm auf dem Kopf herum. + +Eine Weile sann er dann nach. + +Ja, warum nicht? -- Je eher, desto besser. Lernen mußte er es ja. Es war +gut, wenn er ihm gleich diese große Wohltat erwies. + +»Kannst du schwimmen, Hann?« fragte er deshalb mit plötzlichem +Entschluß, wobei er seine Hakennase spürend in die Abendröte erhob. + +»Ne, Siebenbrod.« + +»Sag' Vater zu mich.« + +»Du bist ja aberst nicht mein Vater.« + +»Das schadet nichts. Sag' so.« + +»Ne, ich kann nicht schwimmen, Vater.« + +Der Junge begann wieder leise zu schaudern. Warum sollte er dem +Bootsmann diesen Namen erteilen? Sein richtiger Vater schlief doch dort +drüben unter den belaubten Ulmen, die man hinter der Kirche hervorlugen +sah -- Und weshalb grinste Siebenbrod so komisch bei dem Worte +»schwimmen«? + +»Siehst du,« bemerkte der Stiefvater, indem er noch näher an den +sitzenden Jungen herantrat, wobei er mit gespreizten Beinen das +Schwanken des Schiffleins zu verhindern suchte. »Das ist das Unglück bei +uns Schiffern und Fischern. -- Keiner kann. -- Mein Vater is auf solche +Weise vertrunken, und mein Großvater is auch vertrunken. Deshalb will +ich dich jetzt die Kunst zeigen. Du willst ihr doch lernen?« + +»Woll,« stotterte Hann mit Beben. + +»Gut, dann komm zu mich -- aberst vorsichtig.« + +Hann kroch dicht neben den Stehenden hin. Der besah ihn sich +schmunzelnd. + +Jetzt folgte ja eigentlich ein großer Spaß. Und dann war's ja auch eine +Wohltat. + +»Fürchtest du dich?« fragte er noch einmal. + +Der Knabe schüttelte mit zugeschnürter Kehle den Kopf. Sprechen konnte +er nicht mehr. + +»Na, dann pass' auf! -- So wird's gemacht.« Ein rascher Griff -- die +Habichtskrallen hakten sich wieder, wie am Vormittag, in den Rockkragen +des Jungen ein -- dann hob er ihn hoch in die Höhe und ließ ihn +zuvörderst ein wenig herumwirbeln. + +»Du fürchtest dich doch nicht?« meinte er noch einmal ehrlich. --»Na, +dann schwimm.« + +Er ließ ihn los. + +Plumps. Das Boot schwankte, als wollte es kentern. Hann versank sofort +spurlos unter die Oberfläche. + +»Na, also,« sagte Siebenbrod neugierig. + +Nach ein paar Sekunden tauchte Hann wieder empor, kirschrot im Gesicht, +mit Händen und Füßen wie besinnungslos um sich schlagend. + +»So 's recht,« lobte Siebenbrod, »so bleib man bei.« + +»Hilfe -- Hilfe -- laß mir ins Boot.« + +»I ne, mein Jünging, dann lernst du ja nichts.« + +»Ich -- ich -- kann nich mehr.« + +»I -- das glaubst du man. Siehst -- stoß tüchtig aus -- so 's schön.« +Erst als Hann nach zehn Minuten wortlos das zweitemal versank, zog der +Lehrmeister seinen Schüler auf die Planken zurück. Er war sehr zufrieden +mit ihm. Aus Hann mußte etwas Erwähltes werden. Er hatte nach der +Warmbieruhr eine volle Viertelstunde ausgehalten. + +»Schön -- schöning.« + +Und wie der Junge völlig betäubt und teilnahmlos, zitternd und fröstelnd +auf dem Vorratskasten saß, da schoß Siebenbrod der Gedanke durch den +Kopf, daß er diese große Leistung auch gebührend ehren müsse. Rasch +schloß er deshalb den Kasten auf, nahm die Flasche heraus, und als Hann +errötend voller Ekel abwehrte, setzte er dem Jungen mit sanfter Gewalt +das Glas an den Mund und zwang ihm mehrere Schluck hinunter. + +»I, Jünging, das is dich ja gesund, der schöne Kirsch, so -- so -- siehst +du -- na, ich sag bloß, aus dich wird was -- sollst mal sehn.« + +Hann drehte sich etwas im Haupt. Aber dadurch steigerte sich Siebenbrods +Zufriedenheit nur. + +Wie schön roch nicht der geliebte Kirsch. + +Wehmütig verbarg der Bootsmann das rubinfunkelnde Naß wieder in den +Schiffsschrank. -- »Ja, wenn man Zesnerfischer werden wollte.« Kein +Spaß, wahrhaftig! Aber aus Hann wurde was! -- Das stand fest. + + * * * + +Der arme Junge. + +Er getraute sich nicht in das Lotsenhäuschen zurück, als Siebenbrod nach +der gemeinschaftlichen Seefahrt in dem rotgepflasterten Flur verschwand. +Noch zitterte er vom Kopf bis zum Fuß. Dazu summte der ungewohnte +Alkohol förmlich in seinem Kopf herum. Er sah alles, als ob es auf +Wolken tanze. + +Und dann die Scham! + +Geprügelt, durchgehauen, wie ein boshafter Köter. Nun wußten es doch +gewiß bereits alle. + +Ganz sicher, von Line mußten sie es längst gehört haben. + +Oh, wenn bloß Line nicht dabei gewesen wäre. Das tat so weh. Er konnte +sich selbst gar nicht erklären, warum das Bild des erstaunten, +lächelnden Kindes in seinem Innern wie mit Messern eingerahmt schien. + +Das riß und schnitt. + +Ne, ne, lieber nicht Abendbrot essen, obwohl er vor Müdigkeit am +liebsten sich auf die offene Dorfstraße geworfen hätte. Nein, irgend +jemand dasjenige anvertrauen, was er erlebt. Wenn er das nur könnte! + +Aber wem? + +Der Junge dachte nach. + +Seinen Brüdern? + +Nein, nein, die waren zu fein dazu. + +Sein Mudding? + +Auch nicht, die weinte und gab selten Antwort. + +Draußen klang im selben Moment eine Handharmonika durch die stille +Abendluft herüber. + + »Judemädel, wasch dich, kämm dich, putz dich schön, + Denn wir woll'n zum Tanze geh'n.« + +Malljohann spielte wieder auf dem Dach seiner Kajüte, während am +Bollwerk einige Matrosen mit ein paar Dorfmädchen dazu lachten und +sangen. + +Bewahre, was sollte Hann wohl unter solch Fröhlichen anfangen? + +Ne, ne, Malljohann war auch nicht der richtige. + +Aber plötzlich wußte er's. + +Es gab nur einen. + +Oll Kusemann. + +Ja, zu dem mußte er sich schleichen. + +Und es war so natürlich, daß der Knabe zu dem Lügenlotsen seine Zuflucht +nehmen wollte. Denn dieser Phantast ohnegleichen, dem das Leben eine +einzige bunte Unwahrheit, eine schillernde Seifenblase erschien, der +sich an seinen eigenen, närrischen Geistessprüngen ergötzte wie ein +Kind, das den Affenkäfig beschaut, -- er brauchte Hann als sein Publikum, +als seinen Hörer -- und deshalb liebte er ihn. Und auch Hann verehrte +den Alten leidenschaftlich als seinen einzigen Freund. Ja, in das +Wetterhäuschen zu oll Kusemann mußte der Junge. + +Vorsichtig, nach allen Seiten ausspähend, schlich der Geprügelte die +wenigen Schritte bis zur Hafenmündung, wo auf einer Steinmole eine +ausrangierte Badehütte stand. + +Das war der Beobachtungsposten des Lügenlotsen. + +Und richtig, da lehnte der Gesuchte in der offenen Tür, strich über +seine schmucke, blaue Uniform und fuhr sich wohlig über den spitz +geschorenen, grauen Kinnbart, denn oll Kusemann hielt sich trotz seiner +Sechzig für einen schönen Mann, für einen Eroberer, von dem Frauen, +Dirns und noch Jüngere zu erzählen wußten. + +Als er den fröstelnden Jungen gewahrte, schielte er mit seinen +fröhlichen, blauen Augen auf ihn hin, denn oll Kusemann schielte ein +wenig, spuckte pfeilschnell und kunstgerecht seinen Priem dem Ankömmling +vor die Füße und äußerte teilnehmend: »Na, Hann, bist ins Wasser +geschmissen worden?« Denn der Lügenlotse hatte durch sein Lugfenster und +mit seinem Fernrohr längst das Erlebnis seines Freundes festgestellt. + +Hann stutzte. + +Was war das wieder für ein neues Wunder? + +»Woher weißt du das, oll Kusemann?« + +Statt einer Antwort wies der Angeredete mit seinem Fuß ein wenig in die +Höhe, und da sah denn Hann, wie oben auf dem Dach der Hütte der gezähmte +Rabe oll Kusemanns, Niklas mit Namen, hin und her hüpfte, von dem der +Lotse oft mit größtem Ernst behauptet hatte, daß dieser Vogel ihm alle +möglichen Geheimnisse hinterbringe. + +»Ach so,« sagte der Junge und senkte demütig den Kopf. + +Dann heulte er auf. + +»Jung, rohr nich,« tröstete oll Kusemann gutmütig und zog den Knaben in +das enge Bretterloch hinein, »hör' zu. Ebenso wie dich -- so is es -- +hm, ja -- so is es Kolumbussen auch gegangen.« + +Hann, der zu seinen Füßen saß, schluckte noch. + +»Wer is Kolumbus?« + +»Was? Du weißt das nicht? -- Jung, das kommt von deine verfluchtige +Ungebildheit -- hm, ja.« -- + +Oll Kusemann schob behaglich seinen Priem hin und her und schielte +unternehmungslustig auf den ruhenden Bodden, über den die Dämmerung +daherzog wie eine Schlachtreihe grauer Nebelgeister. -- + +»Na also -- Kolumbus, je -- na, Kolumbus, was is er weiter gewesen, as +so'n lütter spanischer Schiffsjung? -- Aberst sein Vater, der hatte sich +das in den Kopf gesetzt, er sollt' was entdecken, womöglich einen ganzen +Weltteil, und, um ihm das anzugewöhnen, hat er ihn auch immer im Wasser +untergetümpelt als Siebenbrod heut mittag dir -- na, und sühst du, was +hat der Jung getan? -- Ausgerissen is er, mit noch paar andere solche +Ströper und hat Amerika entdeckt! Wat sagst nu?« + +Hann vergaß eine kurze Zeit sein Unglück. + +»Woher weißt du das alles?« fragte er rasch, »bist du denn dabei +gewesen?« + +Diese Frage reizte den Lotsen zu einer kräftigeren Leistung. + +»Je, erzählt ich dich das noch nie? -- Ich bin es ja gewesen, der da so +immer in dem Mastkorb schrie: »Land -- Land!« + +»Dann hast du ja Amerika entdeckt?« echote der Kleine. + +Hann versäumte vor Bewunderung, den Mund zuzumachen. + +»Das hab' ich,« bestätigte oll Kusemann behaglich. -- »Das kann mir +keiner streitig machen. -- Und hier« -- dabei zog er eine ausländische +Münze aus der Tasche -- »kannst du noch die spanische Medaille sehen, +die ich dafür bekommen hab. Kuck -- hier.« + +Hann sah hin; dann begann er wieder zu heulen. + +»Was is?« + +»Prügel,« jammerte der Junge. Und nun teilte er dem neugierig +aufhorchenden Lotsen das Begebnis auf der Wiese mit, und wie er in +Gegenwart von Line so entwürdigend geschlagen worden sei. + +Der Lotse wurde ungeduldig. Der kleine Bursche amüsierte ihn heute +nicht. Und oll Kusemann war mehr für einen Spaß zu haben. Am liebsten +war es ihm, wenn man lauschend seinen Lügenphantasien folgte. + +»Hör eins« -- mißbilligte er -- »was is das mit der lütten Dirn? Den +ganzen Tag steckst du mit ihr zusammen. Is sie deine Braut?« + +»Was, oll Kusemann?« + +»Ob sie deine Braut is?« + +Der Junge wurde dunkelrot. Er ahnte selbst nicht, warum. Am ehesten +hielt er diese Frage für eine neue Entwürdigung. + +»Na, ich mein, -- na, wie soll ich dich das klarmachen? -- Küßt du ihr +denn? -- Und faßt du ihr manchmal liebreich um? Und wenn sie eins 'n +Schnupftuch verliert oder 'ne Schleife, steckst du das zu dich und hast +dir damit?« + +Hann hörte furchtsam zu. All das, was der alte Lügenlotse jetzt +anführte, flößte ihm eine ungeheure Furcht ein. Das Schnupftuch, die +Schleife, das Umfassen, alles. Eine ängstliche Neugierde erfaßte ihn. + +Hastig schüttelte er seinen plumpen Kopf. + +»Na, dann will ich dir was sagen,« ermahnte der Alte, »wenn du das Ding +so gern leiden magst, dann mußt du fix machen -- denn später« -- er +schüttelte bedenklich das Haupt -- »sie is 'ne kleine Hex, wer weiß, was +später mit ihr los is -- ob sie dich dann noch will? Verstehst du auch, +du lütter Dämlak, was ich mein?« + +»Ne, oll Kusemann, ich versteh' dich nicht.« + +»Na, dann paß auf, der Umgang zwischen Männliche und Weibliche is +nämlich sehr schnurrig -- hör zu, ich will dich das erklären: Siehst du, +da gibt es nämlich Männers, die von allen, aberst ich sag' dir, auch von +allen Weibers geliebt werden, und die dabei gegen Damens sehr stolz +sind. -- So einer bin zum Beispiel ich. Ich weiß auch nicht, wie es +kommt. Aber es is so! + +»Ein alter Professor drin aus der Stadt sagte mich mal, es liegt an dem +Geruch. -- Wie gesagt, ich hab' da noch nich drauf geacht. + +»Und zum zweiten gibt es Männers, die nu wieder ihreseits gegen die +Weiber 'ne große Liebe und Andacht haben und sehr demütig gegen ihr +sind. -- Sieh, zu dieser zweiten Sorte wirst du woll gehören, wenn es +mal so weit sein wird. Und deshalb müssen diese zweiten Schafsköpp' sich +recht frühzeitig verloben und verfreien, damit ihnen die +Herzallerliebsten noch in der Dummheit zulaufen. Denn später pfeifen die +Frauenzimmers auf die Demütigkeit und halten das für Langweiligkeit und +machen denn ganz verfluchte Chosen. -- Verstehst du mir?« + +Hann starrte ihn an und hielt sich krampfhaft an der auf- und +niederknarrenden Brettertür fest. Zum Umsinken müde war er, und doch +hätte er gern noch mehr gehört, denn das kleinste Wort kam ihm +geheimnisvoll vor, weil Line damit irgendwie in Verbindung zu stehen +schien. Es wurde ihm ganz kalt vor Furcht. + +»Was nu aber deine Brautschaft anbetrifft« -- wollte der Lotse seinen +Spaß fortsetzen, -- da wurden auf der steinernen Mole kurze Tritte laut, +wie wenn leichte Holzpantöffelchen darüber klapperten, und aus den +Wassernebeln, die zerfasert und gespenstisch an der Steinwand in die +Höhe quollen, tauchte eine kleine Gestalt auf. + +Line. + +»Oll Kusemann, is Hann bei dir?« rief sie atemlos und beugte sich mit +halbem Leib in die Hütte hinein. + +»Ja, hier, Lining,« stammelte der Junge. + +Ihm fiel alles ein, was sein Freund eben vorgebracht hatte. Jetzt wäre +er am liebsten davongelaufen. + +Ihr Atem stürzte nur so aus der kindlichen Brust hervor, aber die Augen +blitzten vor Neugierde und Spannung. + +»O Hann, komm fix nach Haus. -- Abendessen. -- -- Wenn du bloß wüßtest, +wie Siebenbrod wieder schimpft.« + +»Ißt der jetzt auch an eurem Tisch?« fragte oll Kusemann hastig. + +»Ja.« + +»Und er schimpft?« + +»Furchtbar.« + +Süh -- süh, dachte der Lotse für sich, und Hann soll Vater zu ihm sagen? +»I, Kinnings,« sprach er laut, »hört ihr nicht, was Niklas eben ruft?« +In der Tat begann der Rabe, den wohl frieren mochte, laut zu krächzen: +»Scharp -- scharp.« + +»Hörst du's,« verkündigte oll Kusemann, während er schnell die Hütte +verschloß, »Hochzeit,« sagte er. -- »Es gibt Hochzeit bei euch. +Siebenbrod heiratet euer Mutting. Und horch --« + +Wieder schrie der Rabe sein »Scharp«. + +Der Lotse pfiff und tat einen Luftsprung. »Ne so was lebt nich,« schrie +er beglückt. »>Verlobung< sagt er auch, hast du's gehört, Dirning? -- +Ganz deutlich >Verlobung<. Nu kommt fix.« + +Er zog die Kinder mit sich fort. Sorgsam, damit sie in dem dicken, +milchigen Nebel nicht ins Wasser stürzten. + +Deshalb schritt er voran. + +Hinter sich hörte er, wie die Kinder ängstlich miteinander über +Siebenbrod flüsterten. + +»So spät -- so spät,« hauchte Line erwartungsvoll. »Wird er dich jetzt +nicht wieder schlagen?« + +»Ja, das wird er woll,« gab Hann zu, dem die Zähne klapperten. + +Die Kleine sah ihn an. Ihre Spannung stieg immer höher. + +Ganz finster war es unterdes geworden. + +Vom Fluß tönte ein scharfes Murmeln herauf, und auf den Wiesen tanzten +kolossale, bleiche Gestalten. + +Da machte der Lügenlotse, der ihnen bis dahin schweigsam +vorausgeschritten war, obwohl er ihre Unterhaltung Wort für Wort +aufgefangen, plötzlich an einem gespenstisch aufragenden Querbaum halt. + +Ein vergessenes, grobes Netz flatterte im Abendwind von der Gabel herab +und verbreitete einen ätzenden Fischgeruch. Es sah aus, als ob von einem +Galgen eine Riesin in langem, schleppendem Gewande herabschlottere. + +Dieser Platz schien oll Kusemann für den närrischen Spaß, den er mit den +Kindern treiben wollte, der rechte Ort. An dem Pfahl blieb er stehen. + +»Kommt her,« flüsterte er darauf, und als die Kinder in der Schwärze +neben ihm standen, legte er jedem von ihnen den Arm um die Schulter und +beugte sein bärtiges Haupt zwischen die jungen Köpfe. + +»Kommt her. -- Ihr müßt ein Bündnis machen gegen Dietrich Siebenbrod. -- +Das ist klar. Aber das beste Bündnis zwischen einen Männlichen und eine +Weibliche is die Verlobung. Ihr müßt euch also verloben. -- Daß ihr noch +'n bischen jung seid, das is woll wahr, aber es braucht ja auch erst +später die richtige, die ganz richtige Verlobung zu folgen. -- Na also, +was sagt ihr?« + +Prachtvolle, glitzernde Sterne brachen hier und da durch den stillen +Nebelhimmel hindurch, und in seinem Halbtraum vernahm Hann, daß oll +Kusemann von neuem vor sich hinlachte, während er die beiden Kinder eng +aneinander schob. + +»Nu küßt euch,« befahl er. + +Voller Angst küßten sich die Kinder. + +Der Lotse pfiff durch die Zähne und sprang, wie er es bei freudigen +Anlässen zu befolgen pflegte, hoch in die Luft. + +»So,« schmunzelte er seelenvergnügt. »Nu seid ihr so weit. -- Ich +gratulier' euch. -- Kommt, Kinnings, fix, fixing, damit ihr zu Haus nich +Schläg kriegt. -- Und wenn ihr Hochzeit macht, Lining, weißt was? -- +Dann schenk' ich dir ein goldenes Brokatkleid -- ja -- hm -- natürlich +-- ein goldenes Brokatkleid und silberne Schuhe mit diamantne +Schmetterlinge darauf. -- Da drüben im Kloster, da liegt so was +vergraben. Ich kenn' die Stell'. Ja, und Hann -- na, du weißt doch, +Jung, daß hier in unserem Bodden die alte Stadt Vineta untergesunken is. +Pass' auf, für dich hol ich mal in 'ner besonderen Stund eine Molle voll +alter Dukaten rauf. Ich hab neulich erst mit meinen Wasserfernrohr so +was funkeln sehn. -- Und nu adjüssing, Kinnings -- hier is mein Haus und +mein Alwining wartet all -- und nu macht, daß ihr weiterkommt.« + +Er verschwand. + +Die beiden Kinder aber liefen Hand in Hand heim. + +Eine Stunde später lag Hann in seinem Dachverschlag im Bett. Um das Haus +wehte jetzt ein frischer Seewind. Der raschelte in dem Stroh des Daches, +wisperte Märchen und fuhr auch durch die Ritzen, so daß der Knabe fror. + +Er schauderte zusammen und konnte nicht einschlafen, denn all dieses +Merkwürdige, Zauberische schwirrte in dem Kämmerchen vor seinem Lager +hin und her. Die grüne Wiese und Line, die Prügel und die Verlobung, der +Kuß und die untergegangene Stadt voller Dukaten. -- Und plötzlich +begannen noch die Ameisen aus dem Hügel an der Wand wirr durcheinander +zu kreisen. + +Ihn nahm der Schlaf. + +Aber das glaubte er doch noch zu hören, daß Pantöffelchen an seiner Tür +vorüberklapperten und eine Stimme hindurchrief: »Hann, bist du noch mein +Bräut'gam?« + +Dann huschte es nebenan in die Kissen. + +Er konnte es aber auch geträumt haben, denn der Mond lachte bereits auf +ihn herunter und freute sich über all die bunten Lügen und nannte ihn +einen »dummen Jungen«. + + + + +VI + + +Ein weißgedeckter Tisch befand sich in der Mitte. Porzellanteller +standen darauf, und wahrhaftig -- Messer und Gabeln sah man säuberlich +auf gläserne Bänkchen gelegt. + +In der großen Parterrestube, die jahraus, jahrein ganz leer stand und +nur zu großen Feierlichkeiten benutzt wurde -- zuletzt hatte der Sarg +des alten Klüth darin gestanden -- war heute am Sonntag Sand in feinen +Kringeln auf den Estrich gestreut. Grobe, weiße Gardinen bemerkte man +vor die Fenster gesteckt, und mitten auf dem Tisch prangte ein Strauß +bunter Georginen. + +Das hatte etwas zu bedeuten. + +Alle empfanden es, aber keiner erriet den Zweck dieser Vorbereitungen, +oder man scheute sich doch, ihn ernstlich ins Auge zu fassen. + +Allerdings, eine Möglichkeit, eine denkbare Erklärung schien vorhanden. + +Bruno, der Sekundaner, hatte vor drei Tagen zu den Michaeliferien den +Berechtigungsschein zum einjährigen Dienst aus der Stadt nach Hause +gebracht und erwartete nun als freier Mann den Augenblick, daß irgend +jemand mit ihm zum Konsul Hollander führe, damit dieser weitere +Aufschlüsse über die Zukunft seines neuen Lehrlings erteilen könnte. + +Wer jedoch dieser begleitende Jemand sein sollte, darüber war keine +Gewißheit zu erlangen. Paul, der Student, hatte sich bereits mehrfach +dazu erboten, war indessen von der Mutter mit einem leisen, beinahe +wehmütigen Kopfschütteln abgelehnt worden. + +Also ein anderer! + +Aber wer? + +Siebenbrod? -- der Sekundaner stampfte mit dem Fuß -- das war +hoffentlich völlig ausgeschlossen. Der Bootsmann konnte sich doch +unmöglich vermessen, mit dem feinen Bruno, dem sein Jackettanzug so +elegant saß, und der sich seit drei Tagen bereits im heimlichen Besitz +eines Zigarettenetuis befand, den Weg zum Konsul anzutreten? + +Also Siebenbrod nicht. + +Wer aber? + + * * * + +Die vier Kinder warteten schon in dem großen Zimmer eine geraume Zeit. +Noch war die Mutter nicht erschienen, was ganz gegen alle Gewohnheit +verstieß. Und nur Line, die vor einer Weile verstohlen und mit ihren +katzenhaften Tritten an der Bodenkammer der kleinen Frau vorbeigehuscht +war, sie allein wußte, daß es in dem verschlossenen Raum merkwürdig +geraschelt habe. Gerade wie wenn dort schwere alte Seide geglättet +würde. + +Und Frau Klüth besaß in der Tat ein altes, schwarzes Seidenkleid, ein +echtes, ehrwürdiges Lyoner Stück, das von oll Kusemann vor etwa dreißig +Jahren, als er sich noch »Strom« nannte, direkt für die drei +Lotsenfrauen nach Moorluke eingeschmuggelt war. + +Line kauerte in einer Ecke, biß mit ihren spitzen Zähnen in die Lippen +und sann fieberhaft darüber nach, ob die Mutter dieses Heiligtum +wirklich anlegen wolle. + +Ja, wenn jenes Prachtstück hervorgeholt wurde, dann stand Großes bevor. + +Auch Hann stand mitten in der Aufregung. + +In seinem zottigen, düffelblauen Sonntagsanzug hockte er am unteren Ende +des Tisches und war starr vor Ehrfurcht über die ungewohnte Pracht +dieser Zurüstungen. + +Das große Zimmer. Die feinen Ringelkreise des Sandes auf dem Fußboden. +Am Fenster die beiden schwarzgekleideten Brüder, die leise miteinander +verhandelten; in der Ecke Line mit dem wunderhübschen weißen Kleidchen +und der rosa Schleife im Haar! -- Die Georginen, und draußen auf der +Dorfstraße die vorüberwandelnden Fischer, die alle so seltsam nickten +und lächelnd in die Fenster hineinsahen! + +Nein, das war alles so spannend -- so -- so -- + +Dem Jungen saß etwas in der Kehle, das Herz schlug ihm stark vor +Erwartung, und nicht ein einziges Mal wagte er es, zu Line +hinüberzublicken. + +Seit sie seine Braut geworden, bedeutete sie für ihn direkt einen +Gegenstand namenloser Furcht. Nach jenem Abend ging er ihr scheu aus dem +Wege und erkühnte sich nicht mehr, das Dirnchen anzureden. + + * * * + +Da fiel etwas Schwarzes in das sonnenbeschienene Fenster. + +Alle im Zimmer mußten wie auf Verabredung auf die helle Dorfstraße +hinausblicken. + +Welch ein wunderliches Bild. + +Dort draußen auf dem weißen Sande ragte die lange Gestalt des +Bootsmannes aus einem Menschenhaufen hervor, merkwürdig ungelenk +anzusehen in seinem Bratenrock und dem wolligen Zylinder, aber heute +noch steifer wie gewöhnlich, da er eine große Mappe mit aller Kraft an +sich preßte, als wünsche er sich eines kostbaren Gutes beständig zu +versichern. + +Da standen sie alle um ihn herum. Ein paar Zesnerfischer, ferner die +beiden Lotsen, oll Kusemann in seinem schmucken, blauen Wams, und +Friedrich Pagels mit dem verschnürten Bein, sodann Klaus Muchow, der +stärkste Fischer von Moorluke mit einem blondlockigen Neptunshaupt, das +stumm und taub zugleich war, ja selbst Malljohann, dessen Kartoffelkahn +gerade wieder vor dem Lotsenhäuschen der Klüths ankerte, beteiligte sich +von fern an dieser Ehrung. Tiefsinnig saß er auf seinem Kajütendach und +spielte in Anbetracht der Feierlichkeit: »Deutschland, Deutschland über +alles.« + +Und alle gratulierten dem Bootsmann. + +»Ich dank' euch auch,« sagte Siebenbrod stolz, »ich werd' nun mein +Möglichstes tun.« + +»Ja,« stellte der wassersüchtige Lotse mit dem Schnürbein, der sich am +besten auf Geschäfte verstand, fest, »das Haus is ja auch ganz nett. Das +Dach muß ausgebessert werden.« + +»Ne, ne,« widersprach Siebenbrod mit einer gewissen +Besitzerbehaglichkeit. »Vier Jören -- kein Spaß -- sparen, sparen.« + +»Ja,« mischte sich nun auch oll Kusemann listig ein und redete ganz +laut, damit ihn sein Freund Hann in der Stube besser verstehen sollte, +»Siebenbrod, kiek, da sind drei Kühe und zwei Schweine. Wenn man sich +die ein paar Jahre vermehren läßt, sieh, dann kommt 'ne recht anständige +lütte Viehzucht raus. Ich hatt' mal einen Vetter, der -- --« + +»Ne -- man ja nicht -- und der Rotlauf und die Klauenseuche,« wehrte der +neue Besitzer ab und drückte das Zesnerfischerpatent in der Mappe +zärtlicher an sich. »Sparen -- sparen.« + +»Na, dann auch so! -- Es is ja wirklich allens ganz nett,« fuhr der +Lügenlotse, immer mit erhobener Stimme, bedächtig fort. »Und Mudding +Klüth is ja auch noch ganz gut zu Weg. Man muß eben ein Auge zudrücken. +Wenn sie sich mein schwarzes Seidenkleid aus Lyon anzieht, dann läßt sie +sich noch ganz hübsch wonach.« + +»Ja, was sollt' sie nich,« murmelte Siebenbrod dagegen und blickte sich +mißtrauisch im Kreise um, ob vielleicht einer Spaß mit ihm treiben +wollte. »Frau Klüth is noch sehr bei Kraft.« + +»Deutsche Frauen -- deutsche Treue,« klang es von dem Kartoffelkahn. + +»Na, die Hauptsache bleibt aber doch das Haus und die Schweine,« schloß +Friedrich Pagels bestimmt. »Dabei bleibt es.« + +»Ja -- ja, dagegen läßt sich nichts einwenden,« nickte Siebenbrod sehr +vergnügt und drückte allen unter beifälligem Gemurmel die Hände. + +Dann trat er in das Klüthsche Familienhaus. + + * * * + +Unter befangenem Schweigen hatte man an der festlichen Tafel gesessen. + +Alle scheuten sich, von ihren Tellern aufzusehen. Man hörte die +herbstlich-matten Fliegen an der Decke summen und vernahm nur zuweilen +das erzwungene »Hum -- Hum« des Bootsmannes, der sich bemerkbar machen +wollte. + +Doch keiner redete. + +Es war, wie wenn sich die vier Kinder hinter dieses Schweigen wie hinter +einen letzten Wall zurückzögen. + +Zuletzt konnte es Siebenbrod nicht mehr aushalten. + +»Hum -- Hum -- Frau Klüth,« begann er endlich, während er ratlos und +eingeschüchtert neben der Frau in dem steifen seidenen Kleide hin und +her rückte. »Ich glaub', nun wär' es Zeit mit dem Bier.« + +»Ja, dann können wir ja nun.« + +Rauschend erhob sie sich, rauschend kam sie zur Tür wieder herein und +stellte einen großen, braunen Krug auf den Tisch. + +Dann ließ sie sich mit ihrem unbeweglichen Gesicht neben dem Bootsmann +nieder, aufrecht wie ein Licht, das in den Leuchter gesteckt wird. + +»Frau Klüth -- ich werd' das selbst eingießen.« + +»Schön, Herr Siebenbrod.« + +Die Anreden steigerten sich in ihrer Feierlichkeit. Doch auch der +Gerstensaft ließ keinen größeren Frohsinn aufkommen, immer wieder +blickten acht Augen forschend und anklagend nach der Mitte der Tafel, +als säße dort ein Paar, das einen ungeheuren Frevel verüben wollte. Bis +endlich Siebenbrod dreimal energisch über seinen Kopf strich und sich +halb verzweifelt zu der Witwe wandte: »Frau Klüth, nu muß ich es wohl +tun?« + +Einen Augenblick Schweigen. + +Dann ein tiefes Aufatmen: »Ja, Herr Siebenbrod, nun bleibt wohl nichts +mehr übrig.« + +»Na, denn --,« der Bootsmann gab sich einen gewaltigen Ruck, sperrte +den Mund auf und blickte jedes der vier Kinder, Nachsicht heischend, an: +»Na, denn also -- Paul, Bruno, Hann und Line -- ich hab' ihr nu.« + +»Was haben Sie?« fragte der Theologe langsam, während er seine finsteren +Augen nicht von ihm wandte. + +»Das Zesnerpatent, Herr Paul.« + +Siebenbrod holte das Papier aus der Tasche und hielt es wie einen Schutz +oder eine Erklärung vor sich in die Höhe. + +»Ja, aber was folgt daraus?« forschte der Student unbarmherzig weiter. + +Was daraus folgt? -- + +Siebenbrod sah sich verwirrt im Kreise um, wischte sich die Nase und +machte wieder den Mund auf. Ja, was sollte denn daraus anderes folgen, +als was doch so klar war? -- Herr Gott -- Herr Gott -- solch ein +studierter Mensch -- was für Umstände: »Je,« stotterte er, »daß ich hier +nu alles übernehme.« + +»So? -- Das stand ja aber schon vorher fest. Dabei ist doch nichts +Besonderes?« + +Als sich der Fischer derartig in die Enge getrieben sah, geriet er in +Verzweiflung. Weit schob er die Füße von sich, legte eine Faust auf den +Tisch und sagte in völliger Resignation: »Ja, das mag ja nun alles sein, +wie es will -- aber wir sünd einig -- wir heiraten uns.« + +Und Frau Klüth blickte mit ihrem starren Gesicht jedes einzelne der +Kinder an und setzte traurig hinzu: »Glaubt mir, es geht nicht anders.« + +Nach dieser Erklärung waltete neues, drückendes Schweigen. Als jedoch +zwischen Mittagbrot und Kaffee der Bootsmann, froh, der schwülen Stille +zu entfliehen, ein wenig an den Fluß und an Malljohanns Kahn +geschlendert war, da sahen die andern Kinder, wie Paul mit der Mutter in +einer Ecke saß, und hörten abgebrochene, geflüsterte Worte von dorther +dringen: »Paul -- Pauling -- tu das nicht.« + +»Es ist besser so -- ich brauche dann von euch nichts mehr.« + +»Aber wie willst du das bloß anfangen?« + +»Privatstunden.« -- + +»O Pauling -- ich geb's ja gern -- ich tu's doch bloß euretwegen.« + +»Ja -- ja, aber im Andenken an den Vater -- ich kann's nicht mit ansehn +-- ich zieh -- morgen schon in die Stadt.« + +Dann umschlang die Mutter ihren Ältesten, und man konnte hören, wie der +harte Junge von einem Schluchzen förmlich geschüttelt wurde. Bruno stand +dabei abgewandt am Fenster und sah hinaus. Auch ihm war übel zumute. +Aber er dachte mehr daran, was seine städtischen Bekannten, was vor +allen Dingen wohl Konsul Hollander, der doch ein Gönner des alten Klüth +gewesen, zu dieser plötzlichen Verlobung sagen würde. Die beiden +Kleinen, Hann und Line, hingegen schlichen mit gesenkten Köpfen hinaus. + + * * * + +In dem verwilderten, struppigen Garten, der wie alle Moorluker +Anpflanzungen von dem häufigen Nordoststurm zerzaust und verwüstet +aussah, machten die Kinder vor den traurigen, geknickten +Sonnenblumenstauden halt. + +Das Gelb der Kelche hatte schon etwas Giftiges angenommen, und die +mächtigen Blumenhäupter hingen so trostlos, so greisenhaft gebrechlich +darnieder, als wüßten sie, daß der nächste Norder sie hohnlachend in den +Fluß schleudern würde. Der ganze Fleck hatte etwas Unrastiges. + +Schräge, schlecht gezogene Beete, auf denen Rüben und Petersilie +wuchsen, und hier und da ein verkrüppelter Apfelbaum, der im Kampf mit +dem Winde bucklig geworden. + +In den Blättern raschelte ein unfreundlicher Zug, am Himmel fand ein +höhnisches Spiel zwischen Sonne und grauen Wolken statt. + + * * * + +Das Dirnchen hatte eine der Sonnenblumenstauden zu sich herniedergebeugt +und zupfte nun ein Blatt der kranken Köpfe nach dem andern ab. + +Allmählich färbte sich ein gelber Teppich zu ihren Füßen, bis ihn der +Wind wieder von dannen fegte. + +»Lining,« fing Hann an, der hinter ihr stand und in seiner Trauer seine +Furcht vor ihr vergessen mochte, »siehst du, Niklas von oll Kusemann hat +recht behalten. Nu is Vater abgesetzt -- und sie haben sich verlobt.« + +Nun hätte sie fragen müssen, welche Zweifel ihn eigentlich plagten. +Indessen sie schwieg. Warum, wußte sie selbst nicht. Aus Eigensinn oder +weil sie gewohnt war, mit ihrem treuen Begleiter, der überall hinter ihr +hertrollte, nach Laune zu spielen. + +Sie schwieg und zupfte schneller. + +»Lining,« fuhr Hann eingeschüchtert fort und sah verlegen auf seine +Stiefel hinunter: »Verloben? -- Das is doch eigentlich was sehr +Feierliches.« + +Noch immer rührte sie sich nicht, und doch schielte sie ein wenig +seitwärts nach ihm hin. Dem kecken, frühreifen Ding kam die Erinnerung, +daß ihr treuer Gespiele sie neulich geküßt. -- Im Grunde war sie auch +seine Braut. Sie spitzte die Lippen. + +Was er ihr wohl zu sagen hatte? + +»Lining,« stotterte der Junge, bei dem die ersten forschenden Gedanken +durchaus nicht in dem groben Gehirn verharren wollten, die vielmehr aus +ihrem Käfig ausbrachen wie eine Schar schreiender Gänse auf die +Landstraße. »Lining, hinter dem Verloben muß doch noch was stecken, kuck +-- wir« -- er wurde glühend rot -- »wir sind doch auch verlobt -- wie +oll Kusemann sagte -- aber -- wir -- Lining, sei nicht bös -- wir mögen +uns doch auch leiden --! Dietrich Siebenbrod aber und Mudding, die +mögen sich doch nicht ausstehen und verloben sich doch. -- Daß so was +erlaubt is?« + +Nachdenkend hielt er inne. + +Immer wandte sie ihm noch den Rücken. Langsam jedoch, mit einer unbewußt +koketten Bewegung bog sie jetzt den Hals und blickte ihn mit ihren +braunen Augen suchend und staunend an. + +Sie wartete. Er hatte gewiß noch etwas Wunderschönes zu sagen. Wie eine +ganz feine, leise Musik begann es in dem herbstlichen Garten um sie +herum aufzuklingen. Viel, viel später noch leuchtete diese Szene zu ihr +herüber, wie ein farbenschimmernder, erwartungsvoller, verheißender +Kindertraum. + +In dem frischen Winde flatterte die Schleife in ihren Haaren gleich +einem rosigen Wimpel; die vollen roten Lippen bebten vor Frost und vor +Neugierde. + +»Du magst mich gern leiden?« brachte sie hervor. + +»Ja,« entgegnete Hann erschreckt. »Das hab' ich gesagt.« + +»Ich mag dich auch gern leiden,« flüsterte Line und streckte ihm mit +einer raschen Bewegung ihre runde, rosige Hand hin. + +Da verdarb ihm die Philosophie alles. Dieses verwünschte methodische +Hinstarren auf die Gedankenkegelbahn, auf der er die ersten +ungeschickten Würfe tat. + +»Der Amtsvorsteher nimmt Mutter und Siebenbrod am Ende gar nicht an,« +gab er dem Gespräch eine andere Wendung, während er sich aus Furcht vor +der ausgestreckten Hand beinahe zum Ausreißen wandte. »Wenn er erfährt, +daß sie sich nicht gern haben, dann schickt er sie vielleicht nach +Hause.« + +Noch immer wartete Line. -- Langsam sank das Händchen herunter, vor dem +Hann bereits bis hinter den Apfelbaum zurückgewichen war. + +Ein plötzlicher Windstoß brauste durch die Zweige und warf harte Früchte +herab. + +Da riß Line in aufflammendem Zorn eine riesige Sonnenblume, die hinter +ihr herabhing, von ihrem Stengel und schleuderte sie dem Jungen mit +aller Kraft ins Gesicht. Hart klatschte es gegen seine Haut. + +»Lining,« rief er bestürzt. »Was tust du?« + +In demselben Moment rollte eine Equipage die Dorfstraße entlang und +hielt vor dem Klüthschen Hause. + +»Dummer Bengel,« rief das Mädchen. + +Dann lief sie mit flatternden Röcken auf das glänzende Gefährt zu. + + + + +VII + + +Der Konsul Hollander war ein griesgrämiger Herr. + +Wohl hatte er vier der schönsten Pferde im Stalle, doch pflegte er sie +aus Trotz gegen sich und gegen seine Familienangehörigen selten zu +benutzen. Jeder Luxus schien ihm etwas so Verabscheuungswürdiges, daß er +sich von Zeit zu Zeit sogar seines schönen, lebenden Besitztums schämte. + +Mußte er notgedrungen, so wie heute, den Bitten seines Töchterchens +Dina, die so gar nicht in das stille, vereinsamte Kaufmannshaus paßte, +nachgeben, wurde die altväterliche und bequeme Equipage zu einer +Spazierfahrt einmal angespannt, thronte der alte, steifleinene Johann in +seiner verschossenen Livree wirklich einmal vorn auf dem Bock, dann +konnte man sicher sein, daß der Konsul brummig auf seinem Hintersitz +hockte, den Stock mit dem englischen Knopf fest gegen das Kinn gepreßt, +um ununterbrochen leise Zeichen der Unzufriedenheit vor sich +hinzumurmeln. + +Das klang ungefähr so: »Alle Krankheiten laufen sich die Tiere auf so +einer verwünschten holprigen Chaussee. Diese ruckartige Bewegung ist dem +Körper in hohem Grade unzuträglich. Überhaupt das ganze ein +Frauenzimmervergnügen. Müssen sich zeigen -- und das alles in den +wichtigsten Geschäftsstunden.« + +Und zu seiner Schwester, einer unverheirateten Dame, die wie ein +gepudertes Bild aus der Rokokozeit breitröckig neben ihm thronte, +pflegte er mit einer ironisch-höflichen Verbeugung und bittersüßem +Lächeln hinzuzusetzen: »Habe ich dich getreten? Das tut mir leid, aber +in diesem Kasten kann ich mir nicht anders helfen.« + +Derartige Reden waren aber so bekannt, daß die beiden Damen sich nicht +sonderlich darum kümmerten. Die Tante erklärte vielmehr ihrer Nichte +Dina, die erst kürzlich aus der Schweizer Pension zurückgekehrt war, mit +gutmütiger Regelmäßigkeit alle irgendwie hervortretenden +landschaftlichen Schönheiten, ohne sich dadurch irgendwie stören zu +lassen, daß sie dies bei ihren Ausfahrten jedesmal zu befolgen pflegte. +Und das elegante Fräulein, das so blond, modern und vornehm aussah, +nickte stets dazu und erwiderte immer: »Danke, danke.« + + * * * + +Als der Konsul in die Nähe des Klüthschen Familienhauses gelangt war, +versetzte er plötzlich dem alten Johann mit dem Stock einen leichten +Schlag auf den Rücken. + +»Anhalten!« + +Richtig -- hier hatte er ja etwas abzuwickeln. + +An den alten Klüth, der einmal Schiffszimmermann auf seiner Werft +gewesen, hatte ihn noch etwas Persönliches gebunden. + +Nun sollte ja eine neue Generation, eine feinere, kultiviertere mit ihm +in Verbindung treten. + +Diese mußte er sich erst einmal genau besehen. + +Wer weiß, was da wieder dahintersteckte. Er hielt es nicht sehr mit der +neuen Zeit. + + * * * + +Die beiden Damen saßen auf zwei Stühlen, welche die kleine Frau Klüth +mit unheimlichem Eifer und ohne daß es notwendig gewesen wäre, gereinigt +hatte. Der Konsul dagegen stand mitten in der Stube, den Stock wie immer +gegen das glattrasierte Kinn gepreßt und sah mit seinen grauen Augen, +die so groß unter den weißen Brauen hervorblickten, auf Bruno herab, der +schweigend und doch unsicher vor seinem zukünftigen Chef verharrte. + +An den Wänden ringsherum befanden sich die übrigen Familienmitglieder. +Alle hielten den Atem an, als könnten sie den mächtigen Handelsherrn +irgendwie beleidigen, während Siebenbrod von Zeit zu Zeit langsam an +seiner eigenen Hose herabfuhr, um jede Bemerkung des Konsuls dann mit +einem beistimmenden: »Jawoll, jawoll -- so 's recht, Herr Konsul« zu +begleiten. + +Eingehend erkundigte sich Hollander nach Brunos Vorbildung und +Kenntnissen, und merkwürdig, bei jeder neuen Wissensposition, die sein +künftiger Lehrling zu besitzen behauptete, entfuhr dem Kaufmann stets +ein zweifelhaftes »Na, na!« + +»Englisch?« + +»In meinem Zeugnis steht gut!« + +»Na, na!« grunzte Hollander, und nachdem er sich noch die Handschrift +seines Schülers betrachtet und ebenfalls verdächtig mit dem Kopf +geschüttelt hatte, sagte er hart und abweisend, als wenn er dem +Neuaufzunehmenden in der Tat nicht viel Vertrauen entgegenbrächte: »Das +mag alles recht schön und gut sein. Aber die Hauptsache liegt ganz +woanders. -- Wissen Sie, wo?« + +»Nein,« entgegnete Bruno nach einigem Besinnen offenherzig. + +»In der Treue und Ehrlichkeit liegt sie,« knurrte Hollander. + +»O Herr Konsul,« erlaubte sich bei dieser Stelle die kleine Frau Klüth +anzufügen, »so was ist doch wohl selbstverständlich!« + +»Na, na -- wollen sehen, ich meine auch eine Ehrlichkeit, wie sie jetzt +in Geschäften selten geworden, so eine Treue im großen. Und nun, lieber +junger Mann, müssen Sie sich vor allen Dingen nicht überspannten Ideen +darüber hingeben, was Geschäft heißt. Ich hab' da mal so ein Buch +gelesen von einem Gustav Freytag -->Soll und Haben< --. Sehr schön. +Wenn Sie so was erwarten, dann können Sie gleich zu Hause bleiben. +Kaufmann ist der Stand der Demut, wer nicht bescheiden ist, bringt's da +sicher zu nichts. Und nun sagen Sie mal, mein junger Freund, was glauben +Sie denn nun, werden Sie zuerst bei mir zu besorgen haben?« + +Bruno kämpfte das niederdrückende Gefühl tapfer nieder und versicherte, +er denke, man werde ihm vielleicht zu Anfang eines der untergeordneten +Bücher zur Führung übergeben. + +»So, so?« lachte Hollander kurz und stieß sich mit dem Knopf gegen das +Kinn. »Untergeordnete Bücher? Sehr hübsch! Untergeordnete Bücher, das +ist ein guter Anfang. In einem anständigen Betrieb gibt es überhaupt +keine untergeordneten Bücher. Aber damit Sie es gleich wissen, mein +liebes Jünging, Sie fangen eben so an, wie ich auch begonnen habe. Also +zuerst schließen Sie früh morgens sieben Uhr hübsch die Kontore auf, +dann fegen Sie die Dielen auf. -- Sollte Ihnen das nicht passen, dann +wollen wir gar nicht erst beginnen. Dann wischen Sie Staub ab. Den +Papierschrank in Ordnung halten und kopieren lernen, das ist schon die +nächste Stufe, und so geht es weiter. Immer in Bescheidenheit, so fängt +der Deutsche an. Das Feine, so mit englischer Tischzeit und so weiter +wollen wir den Herren in London überlassen. Haben Sie sich alles so +vorgestellt?« + +Bruno machte eine Verbeugung und versicherte mit Herzklopfen, daß er +sich große Mühe geben würde. + +»Schön,« meinte Hollander, »wollen sehen. Wohnen und essen werden Sie +zunächst bei mir, und morgen früh schicke ich meinen Wagen heraus, damit +er Sie und Ihre Sachen abholt! Gut -- abgemacht!« + +Er streckte ihm die Hand hin, drückte sie gewichtig und ging dann fest +auf Frau Klüth zu. + +»Haben Unglück gehabt,« sagte er, »braver Mensch gewesen, Ihr Mann, hat +mir lange Jahre, als ich selbst noch nichts war, treu gedient. -- Na, +wollen sehen, kann dafür vielleicht aus Ihrem Jungen was machen. Komm, +Dina!« + +Die beiden Damen verabschiedeten sich, indem sie jedem der Anwesenden +die Hand reichten. + +Als Dina die Finger der kleinen Line in den ihren hielt, wandte sie sich +erfreut zu der Rokokotante und flüsterte »Wie hübsch!« + +Dann verbeugten sie sich und bestiegen wiederum die Equipage, deren +Schlag von Siebenbrod aufmerksam und ehrfurchtsvoll gehalten wurde. + +»Nach Hause,« befahl Hollander, nachdem er sich wieder auf seinem Platz +befand. Und als er Brunos unter den Fenstern noch einmal ansichtig +wurde, blickte er ihn nochmals prüfend an und murmelte: »Na also -- +wollen sehen!« + + + + +VIII + + +Mächtig verhaltene Aufregung war über die Familie gekommen. Kaum hatte +der Konsul das Haus verlassen, da begab sich die Mutter auf die +Bodenräume und begann klopfenden Herzens Brunos Sachen in einen Koffer +zu verpacken. + +Siebenbrod half ihr dabei; er wollte auch etwas Väterliches leisten. + +Inzwischen hatte sich der Wind gelegt. Warme Abendsonne lag über dem +Dörfchen, und überall waltete eine Frische, die alles Ferne nah und klar +erscheinen ließ. + +Da litt es den aufgeregten Bruno nicht länger in der weiten, niedrigen +Stube, eine Furcht war über ihn gekommen, die er sich selbst nicht +erklären konnte. -- Wenn nur die Rede des Konsuls über seine neuen +Pflichten nicht gewesen wäre! + +Eine merkwürdige Ahnung der Zukunft beschlich ihn. Er fühlte, etwas +Unfertiges, Halbes war in ihm, er war zu wenig gerüstet, der Welt, die +er nun bezwingen sollte, entgegenzutreten. + +Unbestimmte, ferne Dämmerungen taten sich vor ihm auf. Und immer wieder +plagte ihn der phantastische Eindruck, als höre er drinnen aus der +Stadt, von der er nur die Türme ragen sah, Tanzmusik, Goldklingen und +Mädchenlachen. Das war gräßlich. Aber er vernahm es immerfort. Halb +verzweifelt bedeckte er sich mit dem modischen Hut, der auch bereits in +der Stadt gekauft war, und lief hinaus. + +Ah, hier war doch Bläue, Frische, Abendsonnenschein. + +Was kümmerte es ihn, daß auch die beiden Kleinen, Line und Hann, mit ihm +zugleich aus der Tür traten? Als sie ihm nachriefen, rannte er nur umso +schneller dahin. + +Nein, nein, er mußte erst mit diesen törichten und doch quälenden +Dingen, die er nur aus unreifen Büchern aufgelesen haben konnte, fertig +werden. + +»Bruno -- nimm uns mit!« + +Er hörte nicht. + +So schlichen denn die beiden dem Voraufgegangenen nach, immer nach ihm +ausspähend, doch beide von dem einen Ehrgeiz besessen, mit dem +erwachsenen Bruder diesen letzten Abend noch gemeinsam verbringen zu +dürfen. + +Gegenüber von der gemütlichen Krugwirtschaft, aus der gerade Gesang von +Studenten schallte, überschritt Bruno eine baufällige Brücke, die in das +Nachbardorf hinüberleitete. + +Und immer auf die fernen Türme der alten Hansestadt starrend, die im +Abendflimmer wuchsen und sich verbreiterten, schritt er weiter. So war +er in den uralten Wald gelangt, in jenen dunklen Götterhain, der seit +grauen Zeiten ein Wahrzeichen der Gegend bildet. + +Unter riesigen Eichen ragten hier Ruinen und zerstörte Kreuzgänge eines +alten Zisterzienserklosters auf, und da hatte auch Bruno seinen +Lieblingsplatz. Aus roter, zertrümmerter Mauer brach in halber +Manneshöhe eine mächtige, verwitterte Grabplatte hervor. Gott allein +wußte, welch weltfremder Abt hier bestattet liegen mochte. Die +Schriftzüge der Tafel waren lange verwischt; nur unten sprang in groben +Buchstaben ein Wort hervor: »Mors.« + +Dort ließ sich der Sekundaner nieder. Eine Weile blieb er allein, dann +hallten Tritte durch den Wald. + +Verwundert merkte er, daß die beiden Kinder mit ihm waren. + +»Was wollt ihr?« fragte er gezwungen lächelnd, denn hart und verletzend +wie sein älterer Bruder konnte Bruno sich niemals geben. + +Treuherzig antwortete Hann: »Bei dir bleiben!« + +Da ließ er sie beide neben sich auf den steinernen Sitz. Und stumm und +ohne sich viel zu rühren saßen die drei nun nebeneinander. + +Durch die dunklen Bäume schimmerte das Blau der See, durchschnitten von +ungeheuren, blutroten Brücken, die die scheidende Sonne über die Fläche +gezogen hatte. Und über diese Stege sahen die Geschwister tausend und +aber tausend bunter, perlender Kugeln auf sich zu rollen. + +Ein stiller -- klarer -- deutscher Abend! + +Über ihnen, in einem der zerstoßenen Fenster des Klosters nistete eine +Meisenfamilie. Die schwirrten in scharfem unhörbarem Flug den langen +Hauptgang herunter, verschwanden im Dunkel des Laubes und kehrten +sausend zurück. + +Aus dem Binsensumpf kurz vor der See drang ein Surren und Summen. Sonst +schwieg alles, wie die drei auf dem Stein. + +Auch der Wald regte sich nicht. Er sann und träumte wie sie. + + * * * + +Aber einer war unter ihnen, der war bereits dazu bestimmt, einem Beruf +anzugehören, der ihn immer wieder hart und rauh aus solch goldenen, +undurchdringlichen Jugendträumen herausriß. + +Von der Seite, wo das zerstörte Bauwerk mit dem Dominium zusammenstößt, +drängte sich durch die Eichengebüsche eine große, vierschrötige Gestalt. + +»Hann!« schimpfte Siebenbrod, der sich mühsam auf die Spur der Kinder +gefunden hatte und nun entrüstet war, mindestens eine Stunde Zeit zu +verlieren. + +»Jung! Was ist nun wieder? Was sitzst du hier und kuckst in die Luft? +Weißt du nicht, daß wir raussegeln müssen? Bist ja ganz dumm, Bengel. +Steh auf, hier ist es nicht hübsch.« + +Damit packte er ihn bei der Hand, und ohne daß er die beiden anderen +eines Blickes gewürdigt oder zugelassen hätte, daß Hann sich auch nur +verabschiede, zog er seinen Schutzbefohlenen mit sich fort. + +In dem dämmrigen Kreuzgang wurde es wieder ruhig. Dann bemerkten die +beiden Zurückbleibenden, wie ein einzelnes Boot sich von der Mündung +löste und mehr und mehr die See gewann. + +Die braunen Segel blähten sich, undeutlich gewahrten sie hinten am +Steuer einen plumpen Kopf, der nach dem Hain und den roten Ruinen +sehnsuchtsvoll zurückzuspähen schien. + +Dann wurde der braune Punkt winziger und verging. + + + + +IX + + +In dem Walde wurde es neblig. Line fröstelte. Sie saß noch immer in dem +weißen Kleidchen, von dem die rosige Schleife in Hanns Augen so +wundervoll abgestochen hatte. + +»Ob er nun nicht bald nach Hause geht?« dachte das Mädchen, für das der +neue Lehrling mit seiner geschmeidigen Figur und den immer gut und +städtisch sitzenden Anzügen von jeher einen vornehmen Herrn bedeutet +hatte. Unwillkürlich legte sie dabei ihre Hand auf seine Finger. + +Die fröstelnde Haut brachte den Nachdenklichen zu sich. + +»Was willst du eigentlich hier, Kleine?« fragte er freundlich, während +er ihr leicht über die Haare strich. + +Er sah sie an. + +Das Verhältnis zu der niedlichen Pflegeschwester war immer nur das eines +erwachsenen Jungen gegen ein unbedeutendes spielendes Ding gewesen. + +»O nichts,« versetzte sie ein bißchen schnippisch, »kümmere dich nicht +um mich.« + +Dabei führte sie den Finger an die Lippen und ließ sie leicht +gegeneinanderschnellen. + +Das sah liebenswürdig und trotzig zugleich aus. Bruno gefiel das so +sehr, daß er plötzlich hell auflachte und die Kleine bat, dieses Spiel +noch einmal zu wiederholen. + +Sie jedoch schüttelte verwundert das Haupt. »Wozu?« versetzte sie +gekränkt. »Ich bin kein Kind mehr. Das mußt du nicht glauben.« + +»So? -- Ach was? -- Sag mal, wie alt bist denn eigentlich?« + +»Das weißt du nicht?« + +Ihre Stimme nahm einen immer verletzteren Klang an, doch den Lehrling +schien dies nur in seiner heiteren Laune zu bestärken. + +»Das weißt du nicht?« wiederholte sie heftig, während sie auf der +Steinplatte herumkratzte. + +»Nein, nimm's nicht übel, Kleine, ich hab' nicht so genau aufgepaßt.« + +»Schön, dann will ich dir's sagen. -- Ich bin tausend Jahre alt,« +platzte Line heraus und stieß ihn mit der kleinen Faust zornig vor die +Brust. »So, nun weißt du's.« + +Ihr Körper krümmte sich dabei zusammen wie der einer geschmeidigen +Katze, mit einem Satz war sie von der Platte herunter. + +»Ich geh nun nach Haus!« + +»Dummes Zeug!« rief Bruno verblüfft. »Wozu? -- Was soll das?« + +Dennoch mußte er hinter ihr herrennen. + +Sie wirbelte wie ein weißer Schatten durch den Klostergang. + +Die Blätter raschelten zu ihren Füßen. + +»Line -- Donnerwetter -- steh doch.« + +Da war sie verschwunden. + +Wohin? + +Eingesunken, von der Erde verschluckt. Eine Sage ging, daß oft +Namenlose, von denen keine Pergamente melden, ehemals bei den Mönchen so +verschollen seien. Verwirrt blickte Bruno nach allen Seiten. + +»Line,« lockte er nochmals. + +Kein Laut! + +Nur die Eichenkronen schüttelten sich und an dem bröckligen Mauerwerk +lachte die Abendröte. + +Ein Eichhörnchen hockte in einer Fensternische und zog ihm eine Nase. + +Unvermittelt erhielt er im Rücken einen Stoß, so daß er vorwärts +taumelte. Eine Baumwurzel krümmte sich vor seinen Füßen. Die ließ ihn +stolpern. + +Er kniete jetzt. + +»So wird's gemacht,« klang hinter ihm Lines schadenfrohe Stimme, »du +bist doch nicht klug genug.« + +»Teufel nochmal, Ding; woher kommst du?« + +»I, ich wollte dir bloß zeigen, daß ich auch manches kann, was du nicht +weißt.« + +Sie weidete sich einen Moment an dem Knienden und zeigte ihre weißen +Zähne. + +Plötzlich schrie sie auf. + +Der Sekundaner war auf die Füße geschnellt und preßte mit einem festen +Griff ihre Hände in den seinen. + +»So,« forderte er atemholend, »nun bitt' ab.« + +»Nein,« widersprach Line. + +»Kleine, sei artig,« ermahnte der Lehrling. »Solche Wildheit muß dir +abgewöhnt werden. Immer friedlich, Wurm.« + +Allein sie sträubte sich, und er gab sie nicht frei. Bei dem Winden und +Drehen stieg ihr das Blut in die Wangen, der geschmeidige Körper bog +sich wie eine schlanke Gerte. Eine kurze Zeit, dann verließ sie die +Kraft, und allmählich drängten sich ihr ein paar große Tropfen in die +Augen. + +»Tu ich dir weh?« forschte Bruno gespannt. + +Line verbiß den Schmerz. + +Er aber zog hastig seine Hände von ihr zurück und gab sie frei. + +Merkwürdig -- jetzt hätte sie entwischen können. Doch sie blieb und ging +von jetzt an ruhig neben ihm her. + +So waren sie bis an die niedrige, verfallene Feldsteinmauer gelangt, +welche die Ruinen der Landstraße abschließt. + +In der Abendsonne wand sich hier die Chaussee wie eine goldene Schlange +vorbei, zur Seite schob der Wald seine dunklen Massen weiter ins Land +hinein, und ganz hinten aus den nebligen Äckern, umquollen von den sich +hebenden Abenddünsten, rollte unter undeutlichem Läuten die Sekundärbahn +heran. + +Bruno blieb stehen. Ihm kam der Gedanke, daß er das alles heute für +lange Zeit zum letztenmal sehen würde. + +Leise vor sich hinsummend, ließ er sich auf dem Mauerwerk nieder und +starrte in die weite, nebeldampfende Ebene hinein. So merkte er erst +nach einer Weile, wie das Mädchen unschlüssig neben ihm verharrte, weil +sie sich scheuen mochte, in ihrem weißen Festkleid ebenfalls auf der +schmutzigen Mauer Platz zu nehmen. Da zog er sie einfach an sich. + +»Komm!« + +Und ohne viel Umstände, kindlich und natürlich setzte sie sich ihm auf +die Knie. Er schlug seinen Arm um sie, und sie rückte sich zurecht. + +Nach geraumer Zeit erst äußerte der Sekundaner: »Das ist hübsch.« + +Und Line nickte ernsthaft dazu und sagte: »Ja, das ist es.« + +Dazu lag still und warm und rot die scheidende Abendsonne auf ihnen und +aus den herbstlichen Bäumen raschelten braune Blätter auf ihre Häupter. + +Da wandte sich Line nach ihm zurück. Als sie ihn ansah, bemerkte sie mit +Erstaunen, daß in dem hübschen braunen Gesicht des Pflegebruders ein +dunkles Schnurrbärtchen auf der Oberlippe zu sprossen begann. Das war +ihr neu. Und aus ihren Augen und aus dem sich langsam öffnenden Munde +sprach so viel Bewunderung, daß Bruno, der wohl fühlte, daß etwas +Schmeichelhaftes für ihn darin lag, das kleine Ding plötzlich lachend +und doch mit Hast an sich riß. + +Sie sträubte sich gar nicht. + +Ganz eng schmiegte sie sich an ihn, ja, sie verkroch sich geradezu an +seiner Brust, so daß er deutlich empfand, wie weich und fest zugleich +ihre Glieder sich fügten. + +Eine schülerhafte, scheue Begierde stieg in ihm auf, auch ihren Mund zu +berühren. Die roten Lippen leuchteten ihm so dicht! + +Aber nein -- nein, das wagte er nicht. + +Es war überhaupt das erste Mal, daß er so kosend nah sich einem Mädchen +fand. Und nun noch gerade diese! -- + +Nein! + +Er schämte sich, fürchtete sich und lächelte doch ein wenig unwillig +über sich selbst. + +Ein merkwürdiger, angenehmer Schauer begann ihn dabei zu überrieseln. +Und sie wand sich immer wohliger in seinem Arm. Noch war ihr unklar, +warum, doch immer tiefer nistete sie sich bei ihm ein, blinzelte +verstohlen zu dem Schnurrbärtchen empor und spann vor Freude, wie eine +kleine Katze vor dem Schlummern. + +Wieder wiegten sich beide einen fröhlichen Moment. -- Dann surrte die +Sekundärbahn mit ihren drei schwarzen kreischenden Waggons heran, und +ein schriller, durchdringender Pfiff weckte beide auf. + +Sie sahen sich an. + +Dann mußten sie lachen. Keiner wußte den Grund. + +Es war das Lachen zweier blutjunger Menschen, die sich entdeckt haben. + +Aber sie wußten es nicht. + + * * * + +Langsam schlich der Abend über die Landstraße. Rechts und links fing er +in seinem schwarzen Sack die letzten Sonnenstrahlen, die wie goldene +Mäuschen über den Weg huschten. + +Überall stiegen Schatten an Mauern und Bäumen empor und griffen nach der +Röte, die dort noch ruhte. + +Die Sekundärbahn, die am Fluß entlang auf die Stadt zustrebte, fuhr wie +in einen dunklen Tunnel hinein. -- Nur ihre roten Augen, die sie auf dem +Rücken besaß, glimmten noch eine Weile nach dem einsamen Paar zurück. + +Da wand sich Line von Brunos Knien herab und streckte den Arm nach den +roten, blinzelnden Augen aus. »Morgen abend bist du auch da drin,« +begann sie beinah anklagend. + +»Ja, morgen abend schlafe ich schon in der Stadt,« entgegnete er rasch. + +Hastig atmete er dabei auf. + +»Was wirst du in der Stadt anfangen?« fragte sie weiter. + +Er sah sich um, ob ihn auch niemand höre. Dann schlüpfte ganz heimlich +das Unterste, Verborgenste aus ihm heraus. + +Der Traum, der tief in der Seele im verschlossenen Kämmerchen auf +weichem Bette geschlummert, der stieg scheu und schämig auf die Erde. + +»Reich will ich werden, Line.« + +»Reich?« + +»Sehr reich. Unermeßlich reich.« + +»Wozu willst du das?« + +Mit einem Ruck hatte er sie wieder an sich gezogen. Doch sie setzte sich +ihm nicht mehr aufs Knie. Stehend, von seinem zitternden Arm +umschlungen, während ihr Ohr fast seinen Mund berührte, hörte sie alles +mit an, sog es in sich ein, was er ihr nun mit fiebernder Hast, mit +ausbrechender, üppiger Knabenphantasie vormalte. + +Ein eigentümliches Beben ging durch seine flüsternde Stimme. + +Ja, das mußte jahrelang in ihm geschafft und gewirkt haben. -- Was +vernahm sie nicht alles? -- Das Gold, das sei der Schlüssel zu aller +Macht und Herrlichkeit. Diese blitzenden Goldstücke hingen wie Sterne +über jedem irdischen Menschenhimmel. Manchmal regne es von dort oben in +weiten Strömen. Dann wüchsen aus dem getroffenen Acker Schlösser, +Paläste, Gärten mit seltenen Blumen, Kleider, Livreen, schnelle Pferde +und die seltensten Braten hervor. Freilich, nur ein paar Auserwählte +seien es, die das Geheimnis ergründet hätten. Hollander gehöre dazu. Der +hätte es. Und von dem alten Manne müßte er es auch erlernen. Sonst käme +er nicht wieder, ganz gewiß nicht, sonst stürze er sich irgendwo in die +See, wenn er das nicht erreiche. Denn sonst lohne es nicht, zu leben. -- +Aber er würde es erreichen, jede Nacht beinah hätte er ja davon +geträumt, ja manchmal hätte er ganz deutlich gehört, wie es vor seinem +Bette seltsam geklungen und geklappert hätte. + +Ganz deutlich. + +»Klipp -- klapp.« + +»Das ist fein,« flüsterte Line, der es wie Feuer durch die Adern +brannte. + +Die schönen Kleider und die Schlösser hatten es ihr angetan. + +»Ja, aber es ist schwer,« murmelte er bekümmert. + +Nun tastete langsam der Mond über die Baumkronen herauf. + +»Und wenn du dann reich bist?« forschte sie mit verhaltenem Atem weiter, +»dann --?« + +»Ja, dann -- --« + +Ganz berauscht, toll von dem Klang der eingebildeten Schätze preßte er +die Stehende an sich, bis er die Schläge ihres erregten Herzens hämmern +hörte. Seine Knabenaugen leuchteten in den ersten Mondesstrahlen gleich +einem Paar prachtvoller Edelsteine. + +»Kann ich auch reich werden?« forschte sie plötzlich mit aufwachender +Gier. + +»Du?« + +Er lächelte. + +»Warum lachst du? Warum schüttelst du den Kopf?« + +»Du nicht.« + +Da riß sie ihre Hand ungestüm von ihm zurück. Ihr Mund zuckte. »Warum +nicht?« rief sie verzweiflungsvoll. + +»Weil du nicht genug gelernt hast,« erklärte er begütigend und erhob +sich, um sie mit fortzuziehen. »Aber, das schadet ja auch nicht, +Liebling. Wenn man so hübsch ist wie du. -- Komm.« + +Halb im Taumel ließ sie sich von ihm leiten. Alles summte in der +aufwachenden Seele durcheinander, die Liebesworte und der Goldklang. Und +immer wieder, fast bettelnd, suchte sie den Großen davon zu überzeugen, +wie sie am Ende doch nicht so wenig gelernt hätte. Dabei ergab sich, daß +sie die unregelmäßige Dorfschule monatelang überhaupt nicht gesehen, ja, +wie dies dem alten verbummelten Lehrer Toll nicht einmal als etwas +Besonderes aufgefallen wäre. + +Spitzbübisch wollte sie die Lippen bei dem losen Streiche spitzen. Doch +ganz ohne Übergang fuhr sie zusammen und begann laut vor sich +hinzuschluchzen. + +»Herrgott, Lining, was weinst du?« + +»O nichts!« + +Damit schüttelte sie sich die Tränen ab und warf ihr Köpfchen kräftig in +den Nacken. + +»Ich kann nicht reich werden, ich hab' nicht genug gelernt,« ging es +durch ihre Gedanken. Und dann blickte sie wieder mit heimlichem Neid auf +ihren Gefährten, der nun bald in diesen goldenen Gärten spazierengehen +würde. + +Plötzlich griff sie in der Dunkelheit heftig nach seiner Hand, und +beinahe zornig stürzte es aus ihr heraus: »Sag' mal, kommst du nun bei +Hollander auch mit lauter solchen Menschen zusammen, die was gelernt +haben?« + +Das bejahte er. Lachend über ihre kindliche Wut, und geschmeichelt, daß +sie ihn augenscheinlich gleich einem höheren Wesen verehre. + +Nun standen sie vor der Brücke. Unten gurgelte und sang der Fluß, vom +jenseitigen Ufer blinkten die erleuchteten Fenster der Krugwirtschaft +herüber. Und da! -- Was war das? + +Grobe Tanzmusik drang über das Wasser, hinter den angelaufenen +Fensterscheiben huschten blasse Schatten vorbei! + +Kling -- kling -- plump -- plump -- trala! + +Line griff nach dem Geländer der Brücke und wurzelte an. Ihre Augen +saugten sich an den kleinen, leuchtenden Fenstern, die so wunderliche +Lichtstrahlen in die Finsternis hinaussandten, förmlich fest; ihre Zähne +biß sie scharf zusammen. + +»Nicht doch! -- Was soll das? -- Komm, Kleine.« + +»Bruno?« + +»Ja.« + +»Sieh da, bei Gastwirt Krügern da tanzen jetzt die Studenten mit den +Fischerfrauen und den Mädchen.« + +Auch er warf einen verlangenden Blick hinüber und streckte dann die Hand +nach ihr aus. + +»Ja, ja -- aber was soll das? -- Du mußt nach Haus.« + +»Du, da drüben möcht' ich auch hin.« + +»Da drüben?« Er hielt sie fest. »Hör', -- da gehören keine Kinder hin.« + +»Ich bin kein Kind mehr. Das sollst du sehen.« + +Mit einer schlangenhaften Wendung wischte sie ihm unter der Hand fort. + +»Jetzt lauf ich rüber.« + +Er geriet in Angst. + +»Lining -- bedenk doch -- wir haben ja Trauer.« + +»Oh, bei so einer, die nichts gelernt hat, schadet das nichts. Nein, +nein, da schadet das gar nichts. Ich will bloß zusehen.« + +»Um Gottes willen, bitte, tu das nicht -- mir zuliebe! Ja?« + +Seine Stimme zitterte so flehentlich, daß sie stehen blieb und zögerte. +Über die hohen Schwebebalken der Brücke glitt der Mond, so daß sich +beide genau betrachten konnten. Da öffnete sich drüben in der Schenke +eine Tür. Ein Strom von Musik und Gelächter schoß heraus. + +Kling, kling, plump, plump, trala! + +Das entschied. + +Line zitterte vom Kopf bis zu den Füßen. »Bloß zusehen,« rief sie noch +einmal mit geschnürter Stimme, »du kannst auf mich warten!« + +Im nächsten Moment flog sie über die Brücke, und wie von unsichtbarer +Hand zurückgehalten starrte ihr Bruno nach. Seine scharfen Augen +verfolgten die Fliehende, bis sie gleich einem weißen Pfeil durch den +Wirtshausgarten schoß. Dann griff er sich an die Stirn und sah sich um. +Rechts von ihm ruhte die unendliche, finstere Masse des Meeres, links +glitzerte im Mondenlicht der silberne Fluß, und weiterhin zuckte am +Himmel ein breiter leuchtender Schein. Unter diesem lag in der Ferne die +Stadt, in der er morgen schon wohnen und wirken sollte. + +»Line!« rief er laut und ängstlich in unerklärlicher, aufsteigender +Bangigkeit. + +Aber nichts antwortete ihm. + +Nur zwischen den nahen, glitzernden Fenstern glaubte er den weißen +Schatten des Mädchens in das Innere des Hauses schlüpfen zu sehen. + +Da brach auch bei ihm unvermittelt alle Überlegung zusammen. Die Trauer +und den finsteren Ernst des Lebens, der dahinten lag und auf ihn +lauerte, alles vergaß er. Er wollte nur die Kleine holen -- nur sie +überwachen, das unerfahrene Ding, das so hübsch auf seinen Knien +gesessen. Noch fühlte er die heimliche Wärme. »Ja, nur sie holen.« + +Ein paar leichte Sprünge. + +Er war bereits jenseits der Brücke. Ganz nahe drang durch geschlossene +Türen die Musik -- hinter ihm versank still und schweigend die Stadt, in +der er morgen einziehen und leben sollte. + +Er sprang in den Saal. + +Und draußen tauchte alles wieder in nächtliche Versunkenheit; die Ufer +und die Landstraße und die raschelnden Binsen am Moor. -- Nur unten, wo +der Strom um die Brücke gurgelte, da sah Malljohann, der zur selben Zeit +nachdenklich auf dem Dach seiner Kajüte hockte und zu dem Mond +hinaufmurmelte, wie sich vorsichtig ein winziges Männchen aus dem Wasser +hob, und wie es in die Hände klatschte und in ein scharfes Kichern +ausbrach. + +Das war nichts Menschliches. + +Und Malljohann wußte recht gut, so lachte nur der Klabautermann, den ja +Line für ihren Vater ausgab, und der sich nun über sein flinkes Dirnlein +freute. + + + + +X + + +Der Mond tanzte auf den Wassern. + +Durch den schwarzen, glatten Spiegel streckte er überall sein feuchtes +Gesicht hindurch, zwinkerte mit den Augen und spie goldene Funken nach +Hann. + +Es war gerade um die Zeit, als Line mit feurigen Wangen das erste Mal +durch den Saal schlich. + +Siebenbrod war eingeschlafen, er schnarchte. Kein Lüftchen regte sich; +mitten auf der toten Fläche stand das Boot unverrückbar still. + +Die großen Stellnetze waren bereits eingezogen, ein paar andere hatten +sie ausgelegt; mitten in dem Boot schillerte fast fußhoch ein dicker +Haufe zappelnder Heringe. + +Die zuckten und sprangen und leuchteten einen fahlen, blauweißen Glanz. + +Von fernher hallte ein einsamer Glockenschlag. Dann kroch wieder dieses +ungeheure tote Schweigen über den Spiegel. Der Junge, des Nachtdienstes +ungewohnt, hockte vorn am Bugspriet und kämpfte gegen den Schlaf. +Zuweilen neigte sich sein plumpes Haupt schwer gegen den Bordrand, doch +ein letzter verlöschender Blick auf den Stiefvater, der, das Steuer im +Arm, zu einer unförmigen Masse zusammengesunken schien, ließ ihn immer +wieder zur Höhe taumeln. + +Der Bootsmann hatte ihm anbefohlen, wach zu bleiben. Und die Furcht +wirkte stärker als die Müdigkeit. + +Allmählich aber begann er zu zittern. Ein eisiger Frost stieg aus der +schwarzen Tiefe auf und legte sich wie ein enger Mantel um seine Brust. + +Voller Angst und in der Sucht, sich an etwas festzuhalten, an etwas +Lebendigem, blickte er überall umher. + +Dort der Mond. -- Er kam und ging. + +Es war, als wenn er sich wasche und immer um das Boot herumschwimme! + +Was war eigentlich der Mond? + +Der Junge rieb sich den Kopf, aber das Richtige sprang nicht heraus. Er +fuhr mit der Hand in die glitzernde Scheibe, aber das Wasser war so +eisig, daß er zusammenschrak. + +Immer toller grinste das Gesicht aus den Fluten. Deutlich sah der +Einsame, wie die großen Augen auf und zu klappten. Dazu verzog sich der +Mund und wies blitzende Zähne. + +Herrgott -- Herrgott -- was war eigentlich der Mond? + +Das Gesicht wurde immer deutlicher und runder. Jetzt hob es sich aus dem +Wasser, jetzt tauchte es unter, im nächsten Augenblick klappte das Maul +auf und fing an zu reden. + +»Jesus!« + +Der kalte Schweiß lief Hann herunter. Er war der Nacht und dieses +fürchterlichen Schweigens noch ungewohnt. + +»Siebenbrod -- Siebenbrod!« schrie er auf. + +Vom Steuer tönte ein Ächzen, dann rührte sich nichts mehr. + +Nein, er mußte wissen, was der Mond war. Die Unwissenheit bedrückte ihn, +wie kurz vorher Line. In wildem Schrecken versuchte er fortzusehen, doch +kaum gedacht, schwoll das Haupt riesengroß an, ein Zischen quirlte um es +her, und dann grinste es wieder tückisch unter der zitternden Flut. + +Da kam Hann ein Gedanke. + +Er wollte sein Abendgebet hersagen, denn seine Furcht war groß. So +faltete er die Hände: + + »Ich bin klein, + Mein Herz ist rein, + Soll niemand drin wohnen + Als Gott allein.« + +Er betete es noch immer, obwohl er ein großer Junge geworden. Er hatte +kein Gefühl für die Lächerlichkeit. + +Als er den Spruch gesagt, schielte er von neuem auf seinen Feind. Der +hatte sein Antlitz in tausend goldne Runzeln gezogen und lag grämlich +und zitternd da. + +Und immer wieder ging es durch den dummen Jungenschädel: »Was ist +eigentlich der Mond?« + +In der Schule war er so weit nicht gekommen. Ob Line das wohl wußte? Ja, +wenn er heute nacht nach Hause kam, dann wollte er doch an die Nebenwand +klopfen, hinter der sie schlief, um einmal anzufragen. Ja, ja, Line +hatte es gut. Die lag nun weich in ihrem Bett. + +Gutmütig nickte er. + +Das war auch ganz in Ordnung, daß sie nicht mit auf der schwarzen See +weilte. Sie sollte nicht arbeiten. Dazu war sie zu fein. + +Und als er von neuem in das glitzernde Gebilde starrte, kam es ihm vor, +als ob sich dort drin etwas verändere, als ob ein ganz kleines Püppchen +darin herumtanze. + +Wahrhaftig, so warf Line die Beinchen. + +Freudig reckte er sich vor, so daß das Boot schwankte. Alle Bangigkeit +war vergangen. Statt des gespenstischen Hauptes nahm er mit einmal eine +goldene Stube wahr, in der Line herumhuschte. + +»Ja, ja,« wohlgefällig lachte er dazu, und ganz hinten am Steuer, wo die +formlose Masse des Bootsmanns hockte, räusperte sich etwas, und +Siebenbrods knastrige Stimme fragte gemütlich: »Wat is de Klock?« + + * * * + +Um Mitternacht fuhr das Boot in Moorluke ein. Eine Viertelstunde später +stießen die beiden Fischer auf Frau Klüth, die in der Dunkelheit vor dem +Lotsenhäuschen stand und die Hände rang. Als Siebenbrod sich erkundigte, +erfuhr er, daß Line und Bruno diese Nacht nicht nach Hause gekommen +wären. Paul, der Student, sei bereits trotz Nacht und Nebel in die +Klosterruinen gelaufen, wo man die beiden zuletzt gesehen. + +»Und dabei soll es da drüben spuken,« jammerte Frau Klüth. + +»Na, sie werden sich wohl wieder zufinden,« tröstete Siebenbrod in +ziemlicher Ruhe und gähnte mächtig. »Die Hauptsache is nu, daß wir +schlafen gehen. Puh -- ich schuddere man so durch den ganzen Leib. -- 's +is niederträchtig kalt. --« Und während er die Witwe und Braut an die +Hand nahm, murmelte er noch: »Leg dich man auch nieder, Frau Klüth. Es +sind ja große Gören.« + +Die kleine Frau ließ sich nach einigem Sträuben ins Haus ziehen. + +Hann aber stand vor der Tür und zitterte vor Frost. Mit blödem Blick und +schweren Augenlidern sah er in die Nacht hinein. + +Hatte er das geträumt? Spukte der Mond noch vor seinen Augen. + +Line war weg? + +Schwerfällig schüttelte er den Kopf, als wär' ihm das Merkwürdige noch +immer nicht klar, dann schauerte er wieder zusammen, und alle seine +Glieder zuckten vor Kälte. + +Line war weg? + +Plötzlich überkam ihn eine seltsame Wut; die Mattigkeit wich von dem +jungen Körper, mit voller Wucht schlug er mit der Faust gegen die +Hausmauer, immer fester, immer ärger, als hätten die Steine nicht +genügend über die Kleine gewacht. + +Warum kam sie denn nicht wieder? -- Wo war sie? Wenn sie nun beide, +Bruno und das Mädchen, im Rick lägen? Laut heulte er auf und hieb wieder +auf die Steine ein. + +Aus der Hand sprang Blut. + +Da klappte etwas auf der Dorfstraße. + +Dicht am Rick entlang kam eine Fischersfrau in Holzpantoffeln daher. Es +war die Frau des taubstummen Klaus Muchow, die ihren Mann aus dem Krug +nach Hause holen wollte. Als der Junge in der Dunkelheit auf sie zufuhr, +erschrak sie. + +»Huching.« + +»Line -- Line is weg,« stammelte er. + +Die Frau dachte nach. »Ne,« berichtete sie dann, »die hab' ich bei +Gastwirt Krügern gesehn, mitten unter die Studenten.« + +»Bei Gastwirt Krügern?« echote Hann, der es nicht glauben konnte, und +riß den Mund auf. + +Warum schlug ihm das Herz dabei so gewaltig an die Rippen? Noch war sein +Verstand zu dumpf, um ihm das zu beantworten. + +»Na, ich sag man, die tanzt fein,« meinte die Frau und lachte. Dann +machte sie den Vorschlag, daß Hann sie begleiten solle, sie würde ihn +mit hineinnehmen. + +»Darf ich denn da hin?« stotterte Hann. + +Die Frau warf ihm einen zweifelnden Blick zu: »I ja, warum denn nicht?« +entschied sie, »wenn ich mit dabei bin -- komm man, mein Jünging.« + +»Na, denn nehm' ich's an,« brachte der Junge halb betäubt hervor und +schüttelte sich, um sich zu erwärmen. »Dann hol' ich Line.« + +»Ja, das tu man.« + +»Es is wegen der Trauer,« entschuldigte Hann voller Scham. + +»Ja, ja, das ist auch so.« + +Und dann verschwanden die beiden. + + -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- + +»Line, jetzt komm nach Haus,« drängte der Sekundaner wiederum. + +Er hatte sie einen kurzen Moment an der Hand, doch sie entzog sich ihm +wieder. + +»Gleich -- gleich, Bruno.« + +»Nein, du gehst jetzt.« + +Sie lachte wild: »Ich tu ja nichts« + +Dabei schimmerten ihre Wangen in heller Röte, aus dem leicht geöffneten +Munde stieß kurz und rasch der Atem, und in den schwarzen Augen +züngelten hundert glänzende, kleine Feuer. + +Ihre Füßchen trippelten ungeduldig, und jetzt, jetzt wo die Musik wieder +einsetzte, da wiegte und dehnte sich der Körper so leicht, so frank und +frei, als wäre das weiße Kinderkleidchen längst von ihr abgeglitten, als +stände sie nackt und aller Hüllen ledig und würde bald einen unerhörten +Tanz beginnen. + +»Line -- Line.« + +»Laß mich doch, Bruno, ich tu ja nichts.« + +»Du hast mit dem großen Studenten da drüben getanzt.« + +»Das ist nicht wahr -- laß mich jetzt los -- bitte, bitte.« + +»Nein, du darfst nicht mehr.« + +»Oder tanz du selbst mit mir.« + +Er erschrak über ihr Verlangen und starrte sie an. In ihrer Stimme lebte +soviel kindliche Leidenschaft. Hinter ihm paukten und schmetterten ein +paar Musikanten, die aus der Stadt herausgekommen waren, scharrendes +Geräusch schleifender Füße mischte sich drein. + +»Hopsa -- hopsa -- hopsasa,« sang plötzlich oll Kusemann neben ihnen, +der in seiner Extralotsenuniform bei jedem Ball die Stellung eines +Tanzkommandeurs bekleidete, »hopsasa,« sang er und hob das rechte Bein +unternehmend in die Höhe: »Komm, Dirning, tanz mit mir! -- Ich hab' +spanische Korken in die Stiefel -- siehst du so.« Er sprang hoch in die +Luft. »So ein paar Dinger schenk, ich dir auch, wenn du hübsch artig +bist und mir einen Kuß gibst -- fix, Marjelling.« Hoch nahm er sie in +seine Arme und schwenkte sie weit in der Luft herum. + +Ihre Röckchen wirbelten, die schwarzen Zöpfe rasten um sie herum, von +der einen Wade war der Strumpf heruntergestreift und entblößte die +braune, seidige Haut. + +»Huch,« schrien die Fischerweiber schamhaft. + +Solchen Tanz hatten sie noch nicht gesehen. Der taubstumme Riese Klaus +Muchow lachte dazu, daß die Wände dröhnten, während die Studenten ihre +Seidel schwangen, um Line ein donnerndes Hoch auszubringen. + +»Line -- hurra,« schmetterten die jungen Stimmen. + +»Line hurra,« knatterte es aus allen Winkeln. + +»Line hurra,« greinte oll Kusemann und spitzte seiner Tänzerin, die noch +nicht den Erdboden berührt hatte, die Lippen entgegen. + +»Ich will nicht mehr,« keuchte die Kleine, vor deren Blicken alles +verschwamm, und begann mit dem Lotsen zu ringen. »Ich will runter.« + +Ihre Fußspitzen suchten den Estrich. + +Oh, und Bruno mußte oben von der Terrasse der Musiker, wo er krampfhaft +einen Stuhl gepackt hielt, alles mit ansehen, mußte die entblößte Wade +schauen und die tastenden Zehen, mußte auch knirschend beobachten, wie +der taubstumme Riese sich erhob, um dem angetrunkenen Lehrer Toll +pantomimisch vorzumachen, wie er das Ding auf seinen Arm setzen wolle +und dann auf den Kopf. + +Dazu erhob er taktmäßig die mächtigen Beine, grinste schlau und drehte +sich komisch im Kreise umher. + +»Solch ein Kerl,« murmelte Bruno in erstickter Wut. »Solch ein Kerl.« + +Wie kam es, daß die Gestalt des alten verstorbenen Lotsen plötzlich vor +ihm auftauchte, seines Vaters, der erst wenige Wochen in seinem Grabe +ruhte, und der doch Line wie sein eigenes Kind gehalten? + +»Wie ist das möglich?« -- schnitt es ihm durch den Sinn, »wie ist das +bloß möglich? -- Hab' ich denn das Ding noch gar nicht gekannt?« + +Ein merkwürdiges Gefühl, von Grauen und Verlangen gemischt, wühlte in +ihm herum, keinen Blick konnte er von der Kleinen abwenden, und jetzt, +jetzt trug sie oll Kusemann schleifend und zierliche Winkel drehend +wieder in seine Nähe. + +Wie er zitterte, wie er sich schämte, und er hatte sie doch erst vor +wenigen Stunden weich auf seinem Schoß gehalten. -- + +»Dirning,« hörte er den Lotsen schmunzeln, »leg' mich deinen Arm um den +Hals, sonst fällst du.« + +Und was antwortete sie? + +»Du alter, häßlicher Kerl.« + +»I, Lining, das ist grade was Apartes. -- Au, Kind, wozu kratzt du denn? +Ich wollt ja bloß sagen: Hann liegt jetzt auf der See.« + +Line schlug mit der Hand durch die Luft. »Wo Hann liegt, das ist mir +ganz gleich.« + +»Na, du gehst gut, du Racker,« wollte der Lotse eben belobigen, da +fühlte er unvermittelt, wie etwas an ihm herunterglitt; dadurch verlor +er das Gleichgewicht und purzelte, sich überschlagend und unter dem +dröhnenden Gelächter der Studenten, gerade auf den Schoß seiner Gattin +Alwining. + +Die zog ein strenges Gesicht und kniff ihn heimlich in den Arm. + +»Alwining,« flüsterte oll Kusemann und griff seiner Frau unter das Kinn: +»Sei ruhig, ich weiß, was du denkst. -- Aber die kleine Krabbe ließ mir +gar nicht in Frieden. Du weißt ja, aus der wird nichts Gutes! -- Sollst +sehen, Alwining. -- Ich kenn' meine Leute.« + + * * * + +Sie forderte zu trinken, als sie nun atmend und glühend neben ihrem +Pflegebruder auf der Terrasse stand. + +Aber er verweigerte ihr alles. Eine tiefe Verachtung gegen dies tolle +Ding war in dem feinen gebildeten Jungen aufgestiegen. Fast mit Gewalt +hatte er sie in eine Ecke hinter die Musiker gezogen, und nun schüttete +er dort sein Herz vor ihr aus. Wie sie sich benommen, wie sie ihn +blamiert hätte, und was die Mutter zu Hause dazu sagen würde. Den +Abschluß bildete immer der eine Satz: »Du hast nichts gelernt, du +gehörst eben unter die Fischer.« + +Doch sie antwortete nichts. + +Ihre schwarzen Augen, die so seltsam auf dem blauweißen Untergrund +schwammen, lugten noch immer gierig nach allen Seiten. Die Musik und der +Tanz hatten sie offenbar betäubt. Immer noch blinzelte sie nach den sich +drehenden Paaren. + +»Line, verstehst du mich denn nicht? -- Ich trag dich mit Gewalt raus, +wenn du nicht von selbst gehst,« flüsterte er mit neu aufbrausender Wut. + +Verständnislos -- kindlich und doch mit einem merkwürdigen, bewußten Zug +um die Lippen lächelte sie ihn von unten herauf an. Dann streichelte sie +ihm schmeichelnd über die Wange, um gleich darauf das Haupt zu neigen +und mit ungeheucheltem Erstaunen auf ihre entblößte Wade herabzublicken. + +Jetzt bemerkte sie es erst. + +Auch der Sekundaner mußte diesem Blick folgen. Das Blut schoß ihm dabei +ins Gesicht, er verachtete sich selbst, weil er sich nicht sofort +abwenden konnte. Doch er verharrte und blinzelte hinunter. Und Line +lachte über den Unfall, während sie tiefgebeugt über ihrem Strumpf +nestelte. In diesem Augenblick nahte sich ein junger, schlanker Student, +Jahn mit Namen, derselbe, der vorhin das Hurra auf diese jüngste +Tänzerin kommandiert hatte, und streckte einfach die Arme nach ihr aus. + +Schon berührten seine Finger die Schulter der Gebückten, als Bruno sich +nicht mehr mäßigen konnte. Er riß sie empor, daß sie förmlich in die +Höhe zuckte, beide flogen von der heftigen Bewegung die wenigen Stufen +hinunter, und dann -- hatte er begonnen oder Line? + +Keiner wußte es später. + +Aber die schlanken Arme, mit denen sie ihn unwillkürlich umschlungen, +löste sie nicht, und dann war es Bruno, als ob alles um ihn +herumwirbele. Die Wärme, die heiße Glut, dieser erste Lebenstaumel des +jungen Wesens an seiner Brust hatten es ihm angetan --! Er tanzte! -- +Nein, er riß sie rasend mit sich fort. Er sah nichts als die +aufblitzenden Augen und die weißen Zähne, die hinter den schmalen Lippen +glänzten. Immer herum -- immer weiter, wenn es ihm auch war, als ob er +über spitze Messer tanze, wenn ihm auch eine flüchtige Erscheinung kam, +als stände sein Bruder Hann draußen an den Fensterscheiben und stiere +blöden Sinnes herein. Schneller, wilder, dieses sich immer +gleichbleibende, beglückte Lächeln der Tänzerin berauschte ihn und +hetzte ihn weiter. + +»Oh,« murmelte Line, »noch länger -- noch länger.« + +»Ja -- ja.« + +»So gut wie du tanzt doch keiner, Bruno.« + +»Aber du auch -- du auch, Line.« + +»Ja, das hab' ich gelernt,« flüsterte sie stolz, während sie ihn leise +in den Arm kniff. + +Doch ehe er noch antworten konnte, kam das, was ihn zur Besinnung +brachte, vor dem er floh, als hätte er ein Verbrechen begangen. + +Wie eine Erscheinung, unvorhergesehen, stand es da. + +Leise, aber entsetzt schrie Line auf. + +Was war das für eine breite, nasse Hand, die sich auf ihren Arm legte? +-- Weshalb stürzte plötzlich ihr Tänzer fort, als ob er sich verfolgt +wähne? + +Wer war das eigentlich, der sie festhielt und mit ihr sprach? + +Erst mußte sie sich die Haare aus der Stirn streichen, eh sie ihn +erkannte. Dann blickte sie sich wirr im Saale um. Ihr Herz begann +krampfhaft zu pochen, eine schneidende, überwältigende Angst durchfuhr +sie. + +Wie kam sie denn hierher? -- All die fremden Leute? Die Fischerweiber, +die mit Fingern auf sie zeigten, und die Studenten, die so vertraut mit +ihr taten? + +Zitternd und zerknirscht blieb sie vor dem Schifferjungen in dem nassen +Rock stehen. Der sah sie mit seinen dumpfen blauen Augen bekümmert an +und sagte mit kaum merklichem Vorwurf: »Ich such' dich, Lining.« + +»Hann,« stotterte sie. + +Da faßte er sie fester am Arm und meldete ernsthaft: »Ich soll dich nach +Haus bringen.« + +»Ja -- ja,« stieß sie scheu hervor, während sie sich an ihn drängte: »O +komm bloß, ich will mit dir.« + +Er ließ ihr keine Zeit zur Besinnung, bevor sie es selbst recht +bemerkte, hatte er sie aus dem tabakdurchqualmten Saal geleitet und +führte sie nun durch die stockfinstere Nacht. + +»O Lining,« murmelte er nur einmal mit tiefem Kummer, »was hast du +gemacht?« + +Hastig atmete sie auf. »Ich weiß auch nicht,« brachte sie dumpf hervor, +aber dann setzte sie halb voll Angst hinzu: »Aber ich glaub', es kommt +davon, weil ich so wenig gelernt hab'.« + +»Ja, ja, das mit dem Lernen,« stimmte Hann beklommen bei. + +Er dachte immerfort daran, wie sein feiner Bruder, der doch morgen in +die Welt sollte, und dies kleine Mädchen zusammen getanzt hatten, +getanzt, während der alte Lotse in seiner Grube kaum kalt geworden. + +Das war greulich. + +Aber er sprach darüber kein Wort. Etwas Unbestimmtes, Ängstliches hielt +ihn von der Schwester fern. + +Endlich waren sie an der Seite des murmelnden Flusses bis vor die Tür +des Lotsenhäuschens geschlichen. + +»Hann,« begann Line hier, der das Schweigen Pein verursachte, »wacht +Mutter noch?« + +Er schüttelte das Haupt. + +»Bist du allein auf?« + +Er nickte. + +»O Hann« -- sie drängte sich in ihrer schmeichelnden Art an ihn -- +»sprich doch mit mir -- ich will's ja nie wieder tun, hörst du? -- aber +sprich mit mir.« + +Wieder schüttelte er das plumpe Haupt. Ihm war so trostlos zumut, daß +ihm keine Worte einfielen. Da wurde die bohrende Verzweiflung in Lines +Brust übermächtig, heftig sprang sie an dem Jungen in die Höhe und +drückte ihm einen heißen, bittenden Kuß auf den breiten Mund. »Ich +will's ja nie wieder tun,« hauchte sie dazu, »ganz gewiß, nie wieder -- +aber sag hier zu Haus nichts davon, hörst du? -- sag kein Wort.« + +Noch stand sie einen Augenblick vor ihm. Durch die tiefe Nacht glaubte +er das Weiße ihrer Augen zu erkennen. Dann hörte er etwas über die +Treppe huschen, und über die Stelle, wo sie gestanden, säuselte der +Nachtwind. + +Es war stockfinster und Hann auf der Landstraße allein. + +Da senkte der dumme Junge langsam den Kopf in seine groben Hände und +begann unhörbar vor sich hinzuschluchzen. + + + + +XI + + +Zur selben Zeit saß Line im Hemd auf ihrem Bette. + +Die nackten Füße ließ sie hinabhängen, die Hände hielt sie auf dem Schoß +krampfhaft ineinandergefaltet, und so bohrte sie ihren Blick +unverrückbar auf die nahe Bretterwand des Verschlages, als wäre dort in +der Schwärze irgendeine helle Stelle und sie vermöchte auf ihr etwas +Merkwürdiges zu erspähen. Sie fror nicht, sie zitterte nicht, +aufgerichtet und mäuschenstill hockte sie, und alle ihre Gedanken +schienen sich wie Pfeile in ein einziges Ziel einzuspießen. + +Endlich seufzte sie tief auf, griff nach dem Stuhl, auf dem ein +Lichtstümpfchen stand, und entzündete es. Behutsam hielt sie die Hand +vor das Flämmchen, so daß ihre Finger wie in Blut getaucht erschienen, +und schlich dann verstohlen mit ihren nackten Füßen in die Ecke hinter +dem Bett, in der eine ehemalige Zuckerkiste stand. + +In diesem Behälter wühlte Line heftig herum. Bald holte sie ein paar +alte Bücher und einige vollgeschriebene Schreibhefte heraus, bald +blätterte sie emsig in einem zerrissenen Volksschulatlas, immer erregt +dazu murmelnd und buchstabierend. Zum Schluß band sie um alles einen +Bindfaden und schlug leicht mit der Faust auf das Päckchen, als hätte +sie einen festen Entschluß gefaßt. + +Den Atlas aber behielt sie bei sich, eng an den Leib gedrückt. Und als +sie ins Bett huschte, legte sie die verstreuten Blätter erst sorgfältig +unter ihr Kopfkissen. + +Licht aus. + +Still lag sie da, lang ausgestreckt, die großen Augen weit offen, nur +ihre regelmäßigen Atemzüge verrieten, daß sie lebe. + + * * * + +»Das ist ein ekliger Qualm,« hustete Siebenbrod und spie ein paarmal +aus, »pfui Deibel.« + +»Ja, das is, wie wenn Satans Großmutter verbrannte Milch auf die Erde +gießt,« brummte oll Kusemann, dessen Konturen ebenfalls zuweilen durch +den weißen Brodem sichtbar wurden. Manchmal schien es auch, als tanzten +die Köpfe von Malljohann und Frau Dörthe Petersen um ein paar +Pferdeschnauzen herum, doch alles verschwand gleich wieder hinter dem +feuchten, bleiernen Linnen. + +Da brummten Glockenschläge aus der Höhe, und durch die Nebel ging ein +Zittern. + +Acht Uhr. + +Die Equipagenpferde des Konsuls wieherten laut und durchdringend. + +»Mudding -- nu mach fix,« mahnte Siebenbrod. »Nu mußt du die Hände von +Bruno und Paulen loslassen.« + +Doch die kleine, stille Frau konnte sich noch nicht trennen. Immer +wieder griff sie nach den Fingern ihrer beiden Ältesten, die +nebeneinander auf dem leichten Korbwagen saßen, und nur die milchigen +Gespinste verhinderten, daß nicht alle bemerkten, wie dicke, schwere +Tränen über die Wangen der Witwe rollten. + +»Mudding,« drängte Siebenbrod, »die Pferde friert.« + +»Wo ist Hann?« fragte des Studenten harte Stimme. + +»Und wo Lining?« beeiferte sich oll Kusemann ironisch hinzuzusetzen. + +Zur Seite des Wagens, dicht unter dem Bollwerk knirschte etwas. Dort +hatte Hann bis jetzt in seinem festgebundenen Boot gesessen und +schwerfällig in sich hineingesonnen. Viel, viel lieber wäre er hinter +der dicken Nebelwand versteckt geblieben, als jetzt seinem Bruder Bruno +die Hand zu reichen, gegen den er seit gestern so Schweres auf dem +Herzen trug. Doch auf den Ruf des Theologen trottete er folgsam heran. + +»Adieu, Hann,« sagte der Student, während er ihm rasch über das Haar +fuhr, »achte auf das Grab von Vater -- versprich mir das.« + +»Ja, ja -- Pauling,« heulte Hann los. + +»Adieu, Hann,« verabschiedete sich jetzt auch der andere, »bleib gesund +und besuch mich bald mal -- hörst du?« Er reichte ihm zögernd die Hände. + +Der Schifferjunge drückte sie aus Leibeskräften. In seiner Rührung hatte +er längst den Groll vergessen. »Bleib immer gut zu Weg, Bruno -- immer +gut zu Wege.« + +»Du auch.« + +»Aber wo ist Line?« schrie oll Kusemann dazwischen, der seine Tänzerin +durchaus dabei haben wollte. + +Keiner wußte es. + +Nur Malljohann, der zuweilen etwas sah, was kein anderer bemerkte, stand +unaufhörlich in seiner schlotternden Haltung da und glotzte schweigend +und mit dem breiten Maul merkwürdige Kaubewegungen ausführend nach dem +kleinen, kreisrunden Giebelfenster. Und je mehr die andern riefen, und +je lauter sie sich wunderten, desto deutlicher erkannte Malljohann mit +grinsendem Behagen, wie dort oben aus dem dunklen Kreise der Kinderkopf +unbeweglich durch die Milchnebel hindurchsah. + +»Hüh!« rief der Kutscher. + +Die Peitsche knallte, die Pferde zogen an, laut knackten die Räder in +dem feuchten Lehmboden. + +»Adschö, meine lieben Kinder,« rief die Mutter mit erhöhter Stimme. + +In einer Sekunde hatte das weiße Nichts das Gefährt verschlungen. Das +Rollen allein tönte noch heraus und nach diesem sich verlierenden +Geräusch bog Line weit, weit den schlanken Leib aus der Bodenluke, bis +sie fast auf den qualmenden Kissen zu ruhen schien. Die Hand warf sich +vor, ihre Finger bogen sich, als wollte sie nach etwas Verlorenem +greifen. + +Alle gingen sie darauf ihren gewohnten Tagesbeschäftigungen nach. +Malljohann spielte die Handharmonika, oll Kusemann verzog sich in die +Wärterhütte, Siebenbrod flickte in der Küche an einem Segel, und Hann +saß mit dumpfem Kopf und schweren Gedanken in seinem verankerten Boot, +wo er ein Brettchen an eine der Schiffsrippen zu schlagen hatte. + +Über alle aber warf der Nebel seine dichten wallenden Decken. So kam es +auch, daß niemand wahrnahm, wie Line mit dem Bündel, das sie in der +Nacht verschnürt, vorsichtig aus dem Hause witschte. + +Geradeswegs ging sie in das Pfarrhaus, das neben dem Kirchhof lag. Und +als der geschäftige winzige Pastor, der gerade mit seiner korpulenten +Frau auf dem rot gepflasterten Flur damit beschäftigt war, ein Fäßchen +Malaga abzuziehen, als der muntere, weinlustige Herr ihr vergnügt die +Haare kraute und sich nach ihrem Begehren erkundigte, da streckte sie +ihm wortlos, jedoch mit einer wilden Bewegung und klopfendem Herzen, das +Bündel Bücher entgegen. + +»Ich will was lernen.« + +»Hm,« murmelte der Pastor und sah verdutzt von der Kleinen auf den Käse, +den er gerade zum Abprobieren in der Hand hielt, »ach so -- ja, ja -- +hm, hm.« + +Und dann reichte er ihr auf jeden Fall ein Glas von dem goldbraunen, +spiegelnden Malaga. + + Ende des ersten Buches + + + + +Zweites Buch + +»Frau Welt« + + + + +I + + +Ich zweifle, ob ihr wißt, daß es noch Götter auf der Welt gibt. Aber ihr +könnt es glauben, es ist so. + +Mein Vetter Walter, der Student in Leipzig, hat dort eine Schenkmamsell +entdeckt, die ihm vertraulich gestanden, daß sie in Wahrheit die alte +Venus sei. Und als er ihr allerlei Bedenklichkeiten ausdrückte, da hat +sie ihm einfach ihren Knaben gezeigt, einen kleinen, dreijährigen +Strolch, der richtig mit einem Flitzbogen den Passanten des Salzgäßchens +die Hüte vom Kopfe schoß. + +Daraufhin hat der Vetter Walter alles eingesehen und sich über die +Bekanntschaft sehr gefreut. + +Dieses steht fest, das hat er mir eigenhändig geschrieben. Einen +anderen, sehr interessanten Gott hab' ich selbst gekannt. Ich weiß +nicht, ob er noch lebt. Aber als ich noch nicht seßhaft war, da habe ich +ihn zwischen Greifswald und Moorluke getroffen, darauf will ich einen +Eid leisten. + +Ein Jahr war gerade im Abtröpfeln, ein Jahr, das ich wieder damit +hingebracht, gesunde Glieder und eine warme Brust an den Dornen und +Hecken wund zu reißen, hinter denen im Schlosse Phantasia das deutsche +Dornröschen schlummert. Aber als des Jahres letzte Henkerstündlein +schlugen, da hatte ich genug, da machte ich den Berliner Herren und +Damen meine Verbeugung, packte mich in einen Eilzug und stand ein paar +Stunden später auf einem dick verschneiten, abenddämmerigen Felde, über +das ein Weg nach Moorluke führen sollte. Doch der Pfad mußte eine +Frühlingssage bilden. Jetzt war er längst versunken. Inzwischen brach +die Nacht ein -- es war Silvester 1896 -- ringsherum wirbelte dicker +Schnee, über die toten Felder heulte der Wind, und das Eis unter meinen +Tritten stöhnte und ächzte, als ob die Erde in ihrem Winterschlaf schwer +träume, -- da -- täuschte ich mich? Nein, es knarrte aus der Schwärze +ein langer ungefüger Wagen heran, ein Pferd wieherte, ein merkwürdiges +rotes Licht zuckte auf, und gleich darauf wollten zwei mächtige Schimmel +ihr Fuhrwerk an mir vorüberziehen. Da rief ich sie an: »Heda!« + +Vorn auf dem hohen Bock regte sich etwas. Eine vermummte Gestalt im +weißen Schafpelz, die eine Tüte mit einem Licht darin in der Hand hielt, +leuchtete mir ins Gesicht. + +»Fährst du schon lange, Alter?« fragte ich hinauf. + +»Lange,« antwortete eine trockene, hüstelnde Stimme. + +»Wohin?« + +»Gradeaus.« + +Das klang merkwürdig, und halb ohne Überlegung fragte ich, ob ich mit +nach Moorluke fahren könne? + +Der Schafpelz rückte wortlos zur Seite, und nachdem ich neben ihm Platz +genommen, warf ich einen Blick hinter mich, um mich zu erkundigen, was +der Alte für Ladung führe. + +»Dung.« + +Wieder beschlich mich ein seltsames Gefühl, aber wie ward mir erst, als +jetzt beim Schein des Tütenlichtes der Mistkutscher mir sein Antlitz +zukehrte. Aus tausend eingekerbten Furchen tränten zwei müde, schwarze +Augen heraus, und bis unter die dürre ragende Hakennase über den +zahnlosen Mund hinweg buschte sich ein verworrener, zottelweißer Bart, +der sich erst unter dem Schnee, welcher den Schafpelz bedeckte, verlor. +Der Mann war unbestimmbar alt. Und plötzlich überkam mich die +schreckhafte Erinnerung, wie mein Freund, der Professor Asmus in +Greifswald, welcher über seinem eigenen Werk »Die immanente Philosophie +der Menschheit« verrückt geworden sein sollte, in einer geistreichen +Spekulation nachgewiesen, daß sich zwischen Moorluke und der Stadt ein +alter Mistkutscher herumtriebe, der jedoch in Wahrheit ein verschollener +Gott wäre und eigentlich Chronos hieße. + +»Chronos!« rief ich unwillkürlich laut heraus. + +»Wat?« keuchte mein Gefährte und bewegte sein Licht. + +Es war kein Zweifel, »oll Chronos«, der wiedergefundene Gott meines +armen Freundes Asmus, saß neben mir. Eine Zeitlang blieb es still +zwischen uns beiden. Geräuschvoll knirschte der Wagen durch den tiefen +Schnee; der Alte hockte vor sich hin und hielt nur zuweilen in dürrer +Hand seine Tüte in die Höhe, als ob er den Weg beleuchten wolle. Dann +faßte ich mir ein Herz und fragte, ob er meine Freunde in Moorluke +kenne, Hann und Line, oll Kusemann und die andern. + +»Flocken,« murrte der Alte in sich hinein. + +»Wie, oll Chronos?« forschte ich immer verwirrter. + +»Was ist das für ein Nam'?« lachte der Mistkutscher so halb verächtlich +und schlug mit der welken Hand in das Schneegewimmel, in das die +leuchtende Tüte einen roten Lichtkreis warf. Und nachdem ihm ein neuer +Hustenanfall beinah alle Glieder verkrümmt, keuchte er etwa folgendes +hervor: + + + + +II + + +»Hör! Menschens! -- Menschens -- Wat sind Menschens? Auf die kommt es +gar nicht an! Menschens sind dasselbe, was ich hier fahre. Dung. Sie +blühen und sie verfaulen und werden Mist und machen wieder andere +blühen! Ohne daß sie dat wissen, und ohne daß sie es wollen. In dem +Dung, siehst du, liegt allein die Kraft dazu. Aberst wie sie dahinein +kommt, das ist das Geheimnis. Aber eins bleibt merkwürdig. Die richtige +Kraft steckt doch nur in dem Alleröbersten und in dem Alleruntersten. +Der Mist treibt, und die Blüte oben, die zeugt, -- was dazwischen liegt, +Jünging, das wird Grummet und Spreu. Aber laß man, eins macht mich doch +vor allen Dingen stolz, kuck, in diesen meinen Wagen hier kehrt doch zur +Zeit alles zurück, was jetzt wer weiß wie weit verstreut liegt. Ich fahr +mal die ganze Welt spazieren. Verstehst du das?« + +»Hm,« murmelte ich. + +»Du bist doch ein rechter Dummerjahn,« brummte der Alte. »Ihr seid +überhaupt alle recht dämlich und bildet euch zuviel ein. Wozu fragst du +nun nach Line und Hann, und Bruno und oll Kusemann, nach Siebenbrod und +die anderen? Das kommt, weil ihr immer glaubt, jeder lebe nach seinem +eigenen Kopf. Prost Mahlzeit, das haben euch bloß eure Büchermacher +eingeredet, in Wahrheit verhält es sich ganz anders. Ich will es dir +sagen, die Hauptsache sind die Jahren, -- verstehst du das?« + +»O ja,« versetzte ich bekümmert, obwohl es mir merkwürdig im Kopf +summte, denn das Schneetreiben wurde so arg, daß mir die Ohren schon +halb verstopft lagen und ich nur noch undeutlich vernahm, wie der Alte +müde die Peitsche schwang. + +»Also du verstehst mir, mein Jünging,« fuhr er fort, -- »hüh, denn man +weiter. Ja, also die Jahren bleiben die Hauptsache. Die Jahren kommen +einfach zu die Menschens heran und holen sie ab. Zu allerlei Taten. Ob +das Menschenkind will oder nicht, das is ganz gleich. Die Jahren wollen. +Die sind nun eingeteilt, wie beim Kommiß die Soldaten. Weißt du, welche +zuerst kommen?« + +»Nein.« + +»Zuerst kommen die Traumjahren.« + +»Wie meinst du das, oll Chronos?« + +Der Alte schüttelte das Haupt, als ob er den Namen nicht gern höre, dann +fuhr er fort: »Na, also, die Spiel- oder Einbildungsjahren. Die laufen +dir wie die lütten Kinder die Musikusse voran und hantieren dir mit +Sonne, Mond und Sternen, ja, sogar mit dem lieben Gott selbst, als ob +das Puppen wären. Aber dafür sind die Jahre auch die glücklichsten, denn +eine Einbildung macht immer glücklich. -- Begreifst du mir?« + +Ich nickte. Mein Atem dampfte in dem Schneegewimmel. Es war bitterlich +kalt. + +Der Gott kroch tiefer in seinen Schafpelz. + +»Siehst du,« hustete er, »die Einbildungsjahren hatten Hann und Line +grade abgeholt, als du sie kanntest. Nu is das auch schon sieben Jahre +her. -- Nachher kommen dann die Lehrjahren. Die marschieren am besten, +denn die werfen die Beine gewissermaßen noch so unter dem Kommando. Eins +-- zwei -- eins -- zwei. Da klappt noch alles. Sieh, bei Line und Hann +freilich, da ging das damit schnurrig zu. Was sie war, die Dirn, die +hatte den richtigen Heißhunger und auch den Kopf dazu. So kam es denn, +daß der spaßige Pastor Witt, den sie damals darum bat, und der das Ding +auch gern leiden mochte, ihr eine ganze Menge beigebracht hat. Natürlich +alles man so im Vorbeigehn, verstehst du, aber sie weiß doch nun überall +Bescheid, von dem alten Fritz und Luthern, und lauter solche Leute; und +daß die Erde sich im Kreis rum küseln soll, worüber ich aber lache. --« + +»Und Hann?« + +»Je, mit dem stand das anders. Als der arme Jung so mit ansehn mußte, +wie die Dirn zu Pasters lief, und was sie da alles hörte, und wie sie +immer feiner wurde und beinah ein Fräulein, da setzte er sich das in den +Kopf, Pastor Witt müßt ihm auch helfen. Dadurch betrieb er die Fischerei +leider man recht nachlässig, saß ganze Nächt' in dem Boot wie im Traum +da und hat von Siebenbrod, der allmählich ein recht geiziger Filz +geworden ist, und der immer nur das Wort im Mund führt »sparen, sparen«, +manchmal erbärmliche Hiebe mit dem Tauende bekommen. Aber glaubst du +wohl, daß das was nützte? Nicht einen Happen. Der Jung wurd' bloß immer +stiller und in sich gekehrter, und eines Sonntags, als er in der Kirche +die Predigt mit angehört hatte und sie zu Ende war und der muntere +Pastor Witt in die Sakristei ging, wo Küster Bollentin immer mit einem +Glas Wein auf ihn warten muß, da ging er ihm nach. Und da stand er nun +vor ihm und drehte an seiner Mütze und sagte endlich: >Herr Paster,< +fragte er, >is es wahr, was Line sagt, daß sich die Erde dreht?< + +»>Ja,< meinte Pastor Witt ein bißchen verwundert, >das hat sie so an sich.< + +»Da fragte Hann weiter: >Herr Paster, wie muß ich das anstellen, daß ich +von dem Drehen auch was merken tu'?< + +»Da hat nun Pastor Witt recht laut und herzlich aufgelacht, was ich sehr +unrecht von ihm find', und hat zu Küster Bollentin gesagt: >Kuck Er sich +eins den Jungen an. Das ist ein Philosoph.< Und nachher hat er ihm so +behaglich auf dem Kopf herumgetätschelt und hinzugefügt: >Hör eins, mein +Jünging, ich will dir was sagen, das Drehen kannst du auf dreierlei +Arten merken. Erstens, wenn du später auf einen Tanzboden gehst. Oder +zweitens, wenn du mir mal helfen wolltest, wenn ich grad meinen +Malagawein abzieh' -- was? Küster Bollentin, dann merkt man's. -- Und am +allerbesten, sobald du dich mal in ein recht gelehrtes, unverständliches +Buch vertiefst. Sieh, wenn du da nicht die Drähnung kriegst, dann hast +du keine Anlage dazu. Aber laß man, ich mach bloß Spaß.< + +»>Herr Paster,< hat nun Hann gerufen, und die Tränen traten dem Lümmel +in die Augen, und er hielt den geistlichen Herrn ordentlich an seinem +Talar fest, >darf ich nicht auch mal mitkommen, wenn Sie Line solche +Bücher zeigen?< + +»>Ja, warum nicht?< meinte Pastor Witt und kratzte sich ein bißchen +verlegen im Haar. >Aber wozu willst du das?< + +»>Oh, Herr Paster,< schluchzte Hann, >damit Line nicht so stolz wird, und +damit ich wieder mit ihr sprechen kann, so wie früher.< Und dabei +schüttelte es ihn durch alle Glieder. + +»Sieh, da wurd' der dicke kleine Herr Pastor ganz stutzig und trat +zurück und kuckte sich den heulenden Jungen aufmerksam von allen Seiten +an und sagte endlich zu dem Küster, aber ganz leise: >Bollentin, weiß +Er, was ein Roman is? -- Ja? -- Na also, hier steckt einer.< Und dann +gab er Hann kurz die Erlaubnis und schob ihn sacht zur Sakristei +hinaus.« + +Hier machte der Mistkutscher eine Pause und horchte über das knackende +Feld, über das ein merkwürdig hallender Ton hinwegzog. »Hörst du?« +keuchte er und schlug, lang ausholend, auf seine beiden Schimmel ein. +»Dort drüben meldet sich all die Dorfuhr. Es ist dreiviertel auf zwölf, +und Silvester muß ich an Ort und Stelle sein, -- hüh.« + +Mit einem Ruck zogen die beiden Gäule stärker an, und der Dampf, der aus +ihren Nüstern quoll, umlagerte uns wie eine schwebende Wolke. Rechts und +links tauchten jetzt große Schneemassen auf, aus denen Lichter blickten. +Das waren aber nur versunkene Häuschen, die aus ihrem Daunenbett +herauslugten. + +Oll Chronos wies mit seiner Peitsche auf sie: »Da drin brennen sie nun +die Tannenbäume vom Weihnachtsabend ab. Ja, ja -- allens hat seine Zeit. +Anzünden und Auslöschen.« + +Inzwischen erreichten wir den Fluß. Scharf fegte hier der Wind über die +vereiste Bahn, und unten am Abhang heulte etwas, was wie der +Folterschrei eines bösen Geistes klang. + +Der Alte lachte: »Das is ein Fuchs,« murmelte er, »graul' dir nicht -- +das Biest hat Hunger.« + +Erst als wir die große Biegung hinter uns hatten, wagte ich von neuem an +meinen Gefährten die Frage, ob Hann bei Pastor Witt nun wirklich ein +Philosoph geworden wäre. + +»Je.« Der Alte wiegte den Kopf und schüttelte sich ein wenig, um sich +die Flocken abzustäuben: »I, was denkst du? Daraus wurd' ja nichts. Der +Paster merkte ja gleich, daß mit richtige Bücher bei Hann nichts +auszurichten wäre. Und darin geb' ich ihm auch Beifall. Denn sieh, als +der Herr Paster das vortrug, was sie so Schöpfungsgeschichte nennen tun, +da wollte Hann davon nichts wissen und kam so beiläufig damit heraus, +die Schöpfungsgeschichte hätte einen Fehler. Nu nimm bloß mal an, einen +Fehler, sagte der Bengel.« + +»Na, und was gab der Herr Pastor hierauf zur Antwort?« + +»I, der sah sich zuerst ganz düsig in der Stub' um und kuckte auf Line, +die auch ganz rot vor Ärger dasaß, und fragte endlich bloß >wieso?< Na, +und was glaubst du nu woll, womit der Lümmel zu Raum kam? -- Es hatte +sogar ordentlich einen Sinn: >Herr Paster, sagen Sie mich mal,< fing er +an, >die Pferde arbeiten den ganzen Tag, und die Kühe geben Milch, und +von den Schafen schert man Wolle; und dafür, daß sie das all tun, da +haben die armen Kreturen keine Seele bekommen und sind doch auch etwas +Lebendiges; aber der Mensch, der sie totschlägt und auffrißt, der hat +eine. Herr Paster, ist das auch Güte?< Sieh, da wußt nu Paster Witt +nichts drauf zu antworten, und sah bloß in sein Buch und machte den +Finger naß und schlug heftig eine Seite nach der andern um, bis er +endlich verdrießlich vorbrachte, daß sich über so was ein richtiger +Christenmensch keine Gedanken zu machen habe.« + +»Ein höllischer Jung,« warf ich dazwischen. + +»Ja, Menschenkind, das meinst du woll,« sagte der Gott, »aber als sie +nun in der biblischen Religion so allmählich bis zu die Geschicht' von +Adam und Eva'n und den Sündenfall vorgerückt waren, sieh, da wollte Hann +wieder durchaus nicht mit, indem er verstockt den Kopf schüttelte, so +daß sich der kleine Paster jetzt schon ganz ungeduldig danach +erkundigte, was denn nu all wieder los wäre. -- Und daraufhin packte +Hann seine dummen Gedanken in der Art aus, daß er sagte: >Herr Paster, +nehmens nicht übel, die Geschichte mit der Rippe von Adamen, und daß +daraus Eva geworden, das haben sich die Pastoren wohl bloß eingebildet, +denn der Mann hat dabei nichts zu suchen, wir stammen alle von die +Frauensleut ab.< Und weil der Bengel dabei nicht merkte, wie der Paster +hier ganz erschrocken auf die kleine Line hinblickte, setzte er noch +hinzu: >Und bei die Tiere ist das grad so! -- Ich war erst neulich +dabei, wie Nachbar Piepern seine weiße Kuh ein lüttes Kalb geworfen +hat.< + +»>Junge,< rief hier der geistliche Herr und stand heftig auf, indem er +ihn derb zurechtweisen wollte, aber Hann war noch nicht fertig und fügte +noch rasch bei: >Und, Herr Paster, wenn sie auch Adamen und Eva'n aus +dem schönen Paradies rausgetrieben haben, wie kommt es, daß wir andern +nicht wieder rein können? -- Wir haben ja doch keine Äpfel gegessen? Ich +mag überhaupt keine Äpfeln, ich ess' Plummen viel lieber. Und denn, Herr +Paster, wegen so'n einzigen Appel. -- Bei Schullehrer Tollen hängen +lauter Äpfeln über den Zaun, und das sind noch dazu Rinetten; aber Herr +Toll tut so, als ob er das Mausen von die Schulkinder gar nicht merke, +und is doch man en Schullehrer und noch lange nich der liebe Gott.<« + +»Ein ganz niederträchtiger Kujohn,« warf ich darein. + +»Ja, das meinst du woll,« knurrte der Mistkutscher behaglich und +wackelte mit dem Kopf. + +»Na, und was wurd' nu draus?« + +»Ja, das kannst du dir nicht denken. -- Das kam anders, als mit Petrus +und Paulussen. Gib Achtung. Zuerst saß der kleine Herr Pastor da und +war ganz rot im Gesicht, und man wußte nicht, ob er ärgerlich war, oder +ob er lachen wollt. Dann stand er auf und ging mehrmals in der Stub auf +und ab, und endlich gab er Hann die Hand und forderte ihn auf, er möchte +eins mit ihm mitkommen. Da standen sie nu beide draußen vor dem +Pastorhaus, und es war so ein recht stiller, frischer Vorfrühlingstag; +an allen Bäumen lag noch fußhoch der Schnee, und die Birken an dem +Kirchhof trieben doch bereits ihren ersten grünen Schuß in die Höhe. Da +sagte der geistliche Herr und strich Hann dabei gütig über die Backens: +>So, mein Jung, nun kann ich dich nicht mehr länger unterrichten. Du +gehörst zu ganz andern Lehrern.< Und als Hann mit großen Augen fragte, +was das für welche wären, da zeigte Pastor Witt so unbestimmt umher, +bald auf die liebe Sonn' und bald auf den Fluß, ja wahrhaftig sogar auf +Coeur, seinen schwarzen Pudel, und erklärte endlich: >Ja, die mein' ich. +Die können dir viel mehr sagen als ich. Und die verstehst du auch +besser. So, mein Jünging, und nun laß dir von meiner Frau noch eine +Pflaumenmusstulle geben. Und damit Gott befohlen und Adschö.<« + +Als oll Chronos bis hierhin erzählt, krümmte er sich unter der Last des +Schnees zusammen und schien in seine eigenen Gedanken versinken zu +wollen. Wenigstens lallte er unverständliche Worte vor sich hin und hob +öfter schief das Haupt gegen den eisigen Wind, wie wenn er lausche. + +Von vorn kam dem Wagen eine dunkle Gestalt entgegen; die rief uns durch +Nacht und Schneetreiben etwas zu: + +»Prost Neujahr!« + +Allein der Rosselenker schüttelte mißmutig den Kopf: »Is noch nich +soweit, das weiß ich besser.« + +Wir fuhren fürbaß. Die Tüte leuchtete matter und matter, das Licht +zuckte im Verenden. Der Alte holte aus der Tasche ein neues hervor und +besah es sich. »Wieder ein anderes,« murmelte er, »wird auch nicht +besser brennen.« Mir aber war vor dem Mistkutscher jede Scheu so +gewichen, daß er mir gar nicht mehr gespenstisch erschien. Und als die +ersten Lichter von Moorluke vor uns aufblinkten, da hatte ich so +ziemlich alles aus ihm herausgefragt. + +Hann ist in den sieben Jahren ein Träumer geblieben. Das, was er nicht +gelernt hat, und worauf er nun überall selbst kommt, das steckt ihm +schwer in den Knochen, das hat ihn ungelenk und ungenießbar gemacht. +Siebenbrod verwendet ihn meistens dazu, die Fremden auf dem Bodden +spazieren zu fahren. Zu etwas anderem ist er nicht recht zu gebrauchen. + +»Aber Line?« + +»Ja, die is nu all seit zwei Jahren bei einer Cousine von Hollander in +der Stadt. Dewitz, glaub' ich, heißt das olle Fräulein. Bei die ist sie +ja woll so ein Stück Gesellschafterin, und die Alte soll ihr ja noch +immer weiter unterrichten und hellisch fein machen.« + +»Line muß doch bildschön geworden sein?« + +»Schön?« Der Alte begann zu kauen und grinste. »Je, darin seid ihr alle +ja so furchtbar dumm. Sie ist in den Brunstjahren.« + +Hier unterbrach ich den Alten und fragte nach Bruno. + +Der arbeitete bereits seit drei Jahren in einer Filiale des Konsuls in +Hamburg. Aber jetzt mit dem neuen Jahr sollte er zurückkommen. »Das is +en pikfeiner Bengel geworden. Mit Prinz-Albert-Rock und weite Hosen und +braune Glacés!« + +»Und Paul?« + +Chronos schüttelte sich. Die Art mochte er nicht leiden. Der Kandidat +hatte sich richtig mit Privatstunden durchs Examen gehungert. Von keinem +hatte er etwas angenommen. Jetzt harrte er der Anstellung. »Ein +richtiger Schwarzrock,« knurrte der Mistkutscher. + +»Achtung!« + +Wir kamen über die Moorluker Brücke. Und plötzlich legte mir der alte +Gott seinen Arm um den Hals, daß eine niegefühlte Kälte durch meine +Brust schnitt, und flüsterte mir ins Ohr, als gälte es ein Geheimnis: +»Jünging, die Brunstjahren, vor die hüt dir, das sind die stärksten, da +hab' ich meinen meisten Spaß dran. -- Dann kommen die Schaffensjahren, +und ganz zuletzt, zu allerletzt die Wartejahren. Weißt du, was die sind? +Dann is es richtiger Winter, und ich komm' wieder angefahren und hol' +dich ab, aber dahinten -- kuck, hier.« + +Er zeigte auf seine Ladung. + +Ein Windzug löschte das Licht aus. Bim -- bum hallte es verschlafen vom +Moorluker Kirchturm. + +»Zwölf,« sprach der Alte aus der Dunkelheit. + +Wir hielten vor oll Kusemanns hell erleuchtetem Häuschen. Der Lügenlotse +selbst stand im Hausflur, in der einen Hand hielt er seine Laterne hoch +in die Nacht und schwang in der andern ein Bowlenglas: »Jünging, +Jünging, Prost Neujahr -- Prost Neujahr -- komm rein, hier drin bei mir +sitzen alle Professoren von der Universität. Und dich kann Alwining auf +ihren Schoß nehmen, ich erlaub's.« + +»Steig ab,« forderte der alte Gott. + +»Und du?« fragte ich, nachdem ich herabgeklettert. + +»Na, ich fahr noch ein Stück.« + +Er trank ein Glas Bowle, das ihm oll Kusemann heraufreichte, entzündete +an der Laterne des Lotsen sein neues Licht, und bald sah ich, wie der +Wagen um die nächste Ecke bog. + +Der Alte knallte mit der Peitsche. + + + + +III + + +»Die Hyazinthen blühen,« rief Line, während sie an dem dick vereisten +Fenster die Gläser mit den aufbrechenden Knollen zurechtrückte: »Sehn +Sie bloß, Fräulein, die letzte ist auch rot geworden. Jetzt haben wir +nur rote und weiße.« + +Es war Neujahrsmorgen. + +In dem gemütlichen Stübchen lag heller Wintersonnenschein. Alles prangte +in dem Altjungferzimmer von Sauberkeit; der braunlackierte Fußboden, die +gelblackierten Korblehnstühle, der Mahagonitisch, welcher ebenfalls +Lackglanz ausstrahlte, ja selbst die Fensterbretter redeten in ihrem +weißen Schimmer davon, daß das alte Fräulein Dewitz die Eigentümlichkeit +besaß, nach jedem Besuch den etwa entweihten Glanz ihres +Schmuckkästchens durch eine allgemeine Lackierung wieder aufzufrischen. + +Und nun erst die beiden Betten, die man nebenan aus dem Alkoven +hervorschimmern sah. Es schien beinah unmöglich, daß sich an diesem +schneeigen Weiß jemals Menschenhände vergriffen haben sollten. + +Die allergrößte Sauberkeit jedoch, nein, förmlich eine Art Leuchtkraft +der Reinlichkeit strahlte die Besitzerin dieser lackierten Räume selbst +aus. + +Da saß sie in ihrem Korblehnstuhl, in dessen gelbem Lack freundlich die +Sonne widerglitzerte, trug eine blankgeputzte Brille auf dem +Stumpfnäschen und las Neujahrsgratulationen, die auf ihrem Schoß +unwillkürlich ein höheres Weiß angenommen hatten. + +Lange murmelte sie so halblaut vor sich hin. Dann wurde sie gestört. + +»Sehn Sie bloß, Fräulein,« rief Line noch einmal. »Diese schönen Farben +und wie sie duften; das ganze Zimmer ist voll davon!« + +»Du sollst nicht Fräulein sagen,« verwies die grauhaarige Dame und +schüttelte zwei große Locken, die einen glatten Scheitel flankierten. + +»Tante,« verbesserte sich Line. + +»Gut -- so klingt es liebevoller. -- Zwar, wenn wir allein sind, dann +höre ich es auch gern, wenn du mich >du< nennst. Vor Fremden freilich +bleibt das >Sie< mehr am Platz. Denn bei der heutigen Jugend, meine ich, +muß man auf Respekt halten. Das ist nötig.« + +»Gewiß,« bestätigte Line, die gar nicht gehört hatte, jedoch der alten +Dame nie widersprach. »Darin hast du ganz recht, Tante.« + +»Ja, ja,« fuhr das gute Fräulein fort und befeuchtete sich ihre +Unterlippe, was sie wohl in ihren langen Dienstjahren als +Handarbeitslehrerin angenommen, »du bist nun die letzte, die ich +erziehe. Gott ja, wenn ich so zurückdenke, -- und am Neujahrsmorgen +kommt einem das so unwillkürlich -- dreißig Jahre hab' ich all die +kleinen Mädchen vor mir sitzen gesehn und habe sie nähen, stricken und +sticken gelehrt -- jede hatte ihren eigenen Knäuel, den sie bei mir +kaufen mußte -- und ich rechnete genau dasselbe dafür, was er mich +selbst kostete. -- Lieber Gott, es ist wahr, manche stellte sich gar zu +ungeschickt an; aber schließlich -- lernen mußten sie es eben, denn +damals wurde das nicht allein von der Familie, sondern auch vom Staat +verlangt. -- Ja, siehst du, mein Döchting, ich hab' oft darüber +nachgedacht, damals legte man noch mehr Gewicht darauf, daß in den +kleinen Dingern so allmählich eine rechte Stille und Ruhe groß würde, +und dazu -- das weiß ich gewiß -- dazu war grade mein Fach so recht +geeignet. Wenn sich die frischen Gesichter beim Häkeln herabbeugten und +dabei zählen mußten: >Eins, zwei, drei -- feste Masche -- eins, zwei, +drei -- Stäbchen --,< siehst du, dann kam ordentlich etwas +Hausmütterliches in sie hinein. Es war rührend anzusehn. Jetzt ist das +alles anders.« + +Das alte Fräulein seufzte ein wenig, befeuchtete die dicke Unterlippe +mit der Zunge und vertiefte sich in einen neuen Brief, den sie eben +entfaltet hatte. + +Eine Zeitlang hörte man nichts als das Murmeln von Fräulein Dewitz und +das frische Knacken der Holzklötze, die in dem blankgescheuerten, weißen +Ofen lustig brannten. + +Dann klang ein halbes Kichern durch den Raum, und Line, die noch immer +abgewandt am Fenster lehnte, reckte ihre schlanke Gestalt. + +»Lachtest du?« fragte das alte Fräulein, erstaunt von ihrem Briefe +aufsehend. + +»Bewahre,« beteuerte Line, während sie mit ihrem Finger ein kleines +Guckloch in die Eisscheiben malte. + +»Aber es klang doch so.« + +»Ich habe nur gehustet,« versetzte das junge Mädchen ganz ruhig, indem +sie jetzt bereits durch den kleinen Kreis auf die Straße +hinausblinzelte. + +»Ja, ja, du mußt dich vor Zugluft in acht nehmen,« ermahnte die Tante. +»Vom Zuge kommen alle Krankheiten. Viele meiner älteren Bekannten tragen +dagegen auch stets ein paar Katzenhaare in der Tasche.« + +Wieder setzte sie das Murmeln fort, und so merkte die alte Dame nichts +mehr davon, wie sich das Mädchen geschmeidig vorbeugte, wie durch die +angespannten Glieder ein kurzes, unterdrücktes Lachen bebte, und daß +sich über das Gesicht jener seltsame belebende Zug verbreitete, ein +Aufstrahlen, das die Lehrerin nun schon seit Jahren als unbegreiflich +bei dem sonst folgsamen Geschöpf zu unterdrücken bemüht war. + +Auf der anderen Seite der Straße wanderte zur selben Zeit eine +untersetzte stämmige Gestalt auf und ab, ungelenk, in blauer +Düffelschifferkleidung, einen ungeheuren grauen Schal um den Hals, und +bis unter die blaue Mütze mit Sommersprossen bedeckt, die auch im Winter +nicht abblaßten. Unter beiden Armen aber trug die Gestalt je einen +mächtigen Korb, deren Deckel sie ab und zu lüftete, um dann, nach einem +Seitenblick auf das wohlbekannte Blumenfenster, rasch wieder beschämt +vorüberzutraben. + +Das war Hann Klüth, der gegen den Widerspruch des geizigen Siebenbrod +alljährlich am Neujahrsmorgen eine hochgepackte Sendung Blut- und +Leberwürste sowie zwei schneeweiße, lebende Gänse in diesen Körben zu +Fräulein Dewitz beförderte. Allein jedesmal bedurfte es größerer +Energie, um ihn das schmale Holztreppchen hinaufzubringen. Bei Fräulein +Dewitz war alles so vornehm, und wenn das alte Fräulein ihn mit +wohlwollender Herablassung in einen ihrer gelben Lehnstühle +niedernötigte und Line ihn lachend fragte, ob er die Gänse auch selbst +gestopft hätte, oder wann er wieder einen Hecht unter dem Eise stechen +würde, dann empfand Hann stets eine Unbehaglichkeit, eine innere +Erniedrigung, die er sich selbst nicht gern eingestehen wollte. + +Warum Line ihn wohl so fragte? -- Und weshalb sie stets die Lippen zu +solch eigenartigem Lächeln verzog, so oft sie seiner ansichtig wurde? +Ja, ja, es war richtig, sie war bei Fräulein Dewitz eine wirkliche junge +Dame geworden, die auf dem Kapitänsball und bei dem Studentenball +getanzt und sehr viel gelernt hatte, aber er -- Hann Klüth -- das wußten +alle andern man nich -- und dabei lachte er während des Hintrabens +wehmütig-stolz auf das schneebedeckte Trottoir hinab -- er war auch gar +nicht so dumm geblieben. Ja, das ahnten sie man alle nich, wieviel er +ebenfalls sich herausgeklüstert hatte, während der langen Boddenfahrten +bei Tage und bei Nacht. Er hatte so seine eigene Ansicht über das +meiste, was man sehen und denken konnte. Sie brauchte zwar nicht die +richtige zu sein, das nicht; aber er hatte doch eine. Und das Denken, -- +das von eins auf zwei kommen, und von da in die großen Zahlen hinein, +das war nun mal sein einziges Vergnügen. Das hatte er gegen all die +Püffe von Siebenbrod und die Tränen von Mudding und mit alleiniger +Unterstützung des Lügenlotsen oll Kusemann durchgesetzt. + +»O je -- nehmens nich übel,« stotterte Hann aus seinen Gedanken heraus +und starrte erschrocken auf den schlanken Studenten mit der blauen +Korpsmütze, mit dem er eben während seines Trotts zusammengestoßen war. + +»Donnerwetter -- Mensch -- nehmen Sie sich doch in acht,« schnauzte der +junge Herr aufgebracht, denn es war ihm sofort klar, daß Line, welcher +er gegenüber wohnte und der er um diese Zeit stets eine kleine +Fensterpromenade schnitt, das lächerliche Zusammenprallen mit diesem +Bauerntölpel bemerkt haben müsse. + +»Nehmens nich übel,« entschuldigte sich Hann noch einmal, »ich habe +Ihnen nich gesehn.« + +Doch der Musensohn mußte den armen Fischer erst noch etwas gründlicher +seine Überlegenheit fühlen lassen: »Was geht mich das an?« schimpfte er +fort, während sein brauner Neufundländer wütend gegen Hann zu knurren +begann, »soll ich Ihnen vielleicht zuerst ausweichen?« + +»Je, wenn Sie mich zuerst sehen?« meinte Hann ehrlich. + +»Dummkopf Sie,« schrie der Student, der es in der »natürlichen« +Philosophie noch nicht so weit gebracht hatte, »wenn Sie nicht solch ein +Schafskopf von einem Esel wären -- -- --« + +»Ich weiß woll, studiert hab' ich nich,« sprach Hann gelassen dagegen, +und nachdenklich setzte er hinzu, »ich dacht' mich bloß, die offenbare +Straße wäre für jedwereinen da, denn wozu wäre sie sonst so breit? Und +wenn ein feiner Herr von einem gewöhnlichen Mann nicht gestoßen werden +möcht', daß es dann besser wär', er ging' ihm aus dem Weg.« + +Das war nun eine Probe des gewundenen Denkens, das Hann sich angewöhnt +hatte, für das aber ein Lehrstuhl an der kleinen Universität noch nicht +existierte. Sein Gegner warf ihm deshalb auch nur einen einzigen +wütenden Blick zu, und in dem Bewußtsein, die Gattung des Korbträgers +jetzt erst felsenfest fixieren zu können, rief er noch verächtlich: +»Kamel,« und stürzte triumphierend davon. + +»Je, wieso?« sprach Hann in sich hinein und sah dem blauen jungen Mann +zweifelnd nach. »Ein Kamel, als wie sie es damals in der Menagerie hier +zeigten, das is ja doch ein Vieh, wie sie es in den großen Wüsten zum +Transport gebrauchen, und was ja auch, wie oll Kusemann sagt, einen +natürlichen Wassersack haben soll. Warum sie nun aber wohl so einen +nützlichen Tiernamen als Schimpfwort anwenden? Das möcht ich wissen. -- +Auch >Hund< und -- --« Aber weiter kam er nicht in seinem Hinsinnen. +Denn oben an dem Blumenfenster öffnete sich ein Flügel und eine helle +Stimme rief halblaut herunter: »Hann!« + +Der Schiffer zuckte zusammen. + +Diese Stimme hatte noch immer für ihn etwas Weckendes, Alarmierendes. +Allerdings in den langen Jahren, in denen er nun schon von Line getrennt +lebte, hatte er längst eingesehen, daß der Abstand zwischen ihnen beiden +ein unermeßlicher geworden. Sie, eine Stadtdame, die bei Konsul +Hollander zu Tisch aß -- und er, der Bootsmann von Siebenbrod, der für +eine Mark die Studenten auf dem Bodden spazieren fuhr. -- Ne, ne, die +Zeiten, wo sie seine Braut war, wo oll Kusemann sie beide im Abendnebel +getraut, und wo sie Hann vor Angst zitternd geküßt hatte, die waren +vorüber. Für immer. Bloß das Drandenken, das blieb schön. Und das tat er +auch. Ohne daß einer es ahnte. An den langen Winterabenden, wenn +Mudding, Siebenbrod und er neben dem Herde in der Küche saßen und Netze +flickten und der scharfe Fischgeruch sich mit dem Torfbrodem mischte, +dann sann er und sann. Und wenn dann eine Möwe an der Mauer mit scharfem +Flügelschlag vorüberstrich, dann glaubte er, die flinke, kleine Line +husche wieder durchs Haus; und wenn er die Reiher auf dem Eise tanzen +sah, dann dachte er daran, wie Line tanzen konnte. Auch an den Tanz in +der Schenke, ein paar Wochen nachdem der Vater gestorben, mußte er sich +erinnern. Ja, ja, wie hübsch ihre Röcke damals wirbelten -- hm -- + +»Hann,« rief die helle Stimme noch einmal. Hann fuhr zum zweiten Male +empor und begann sich heftig zu schämen. Richtig, jetzt hatten ihn die +»verfluchtigen Gedankens«, die so oft über ihn kamen, jetzt hatten sie +ihn auf offener Straße in ihre Gewalt bekommen, so fest, daß er beinah +vergessen hatte, weswegen eigentlich die Körbe an seinen Armen hingen. +Nun half es nicht länger, jetzt mußte er hinauf. Ohne den Blick zu +erheben, lüftete er die Mütze vor Line und stieg die schmale, gewundene +Holztreppe in die Höhe. + +»Oh,« rief Fräulein Dewitz, nachdem er mit einem Kompliment die Körbe +vor ihr niedergesetzt, »Lining, sieh her, ich glaube gar, das ist ein +Geschenk für uns. Was das wohl sein mag?« + +Line antwortete nicht. Mit ihrem leisen verhaltenen Lächeln stand sie +noch immer am Fenster und sah mit an, wie Hann ungeschickt in den Korb +griff, um eine der Gänse am Halse in die Höhe zu bringen. + +»Ei der Tausend -- eine Gans,« verwunderte sich Fräulein Dewitz, obwohl +dieser Transport in ihrem Haushalt schon lange vorher berechnet war. +Aber die gute alte Dame glaubte den Spendern durch ihr jedesmaliges +Erstaunen eine Freude bereiten zu müssen. »Und was mag wohl in dem +andern Korb sein?« fuhr sie fort und leckte sich im Vorgeschmack die +Lippen. »Das sind doch nicht etwa -- -- --?« + +»Ja, Madamming,« unterbrach Hann, »Würste.« + +»Nein, wie aufmerksam,« lobte die Handarbeitslehrerin, und dann machte +sie mit ihrer gepflegten weißen Hand eine einladende Bewegung, damit +sich Hann in den Korbstuhl ihr gegenüber niederlassen möchte. + +Allein das war der gefürchtete Moment. Hann blieb stehen, versuchte +wieder eine Verbeugung und begann davon zu sprechen, daß heute Neujahr +sei, und daß er herzlich gratuliere. + +»Ich danke Ihnen -- ich danke Ihnen aufrichtig, lieber Herr Klüth,« +sprach die alte Dame wohlwollend und vollführte nochmals ihre +Handbewegung, die Hann jedoch nur von neuem erröten ließ. + +Und bei alledem stand Line und lächelte. Mit der linken Hand hatte sie +nach dem oberen Riegel des Fensters gegriffen und lehnte den dunklen +Kopf an den Arm. So bot sie ein hübsches, anmutiges Bild. Ein paarmal +hatte Hann nach ihr hinübergeblinzelt, jetzt erst wagte er die Augen +aufzuschlagen. Er erstaunte. Nein, was sah sie doch schlank und vornehm +aus in dem enganliegenden blauen Tuchkleid. -- Wie groß war sie +geworden, wie hatte sie sich entwickelt. + +»Gratulierst du mir nicht auch?« fragte sie ein bißchen gönnerhaft. + +»Ja, Lining -- dir auch,« brachte er hervor. Das »du« wollte ihm gar +nicht recht aus der Kehle. + +»Dann gib mir doch die Hand,« forderte sie, wobei das Lächeln nicht von +ihrem Antlitz weichen wollte. + +Da machte Hann einen Schritt vor, und als sie nicht näher trat, noch +einmal einen und streckte zögernd den Arm nach ihr aus: »Da, Lining.« + +Mit einem mutwilligen Ausruf griff sie zu, heftig seine Hand schüttelnd: +»Wie geht es der Mutter?« forschte sie rasch. + +»Oh, bis auf die Füße is sie noch ganz gut zu Weg.« + +»Und Siebenbrod?« + +»I, der hat ja kurz vor Neujahr drei Schweine zu unseren dazu gekauft. +Wir haben ordentlich den Koben ausbauen müssen.« + +Wieder tönte von den Lippen des Mädchens ein kurzer, spöttischer Ton. + +Aber die alte Dame wies sie zurecht. Dabei wäre nichts zu spotten. +Siebenbrod sei nur zu achten, weil er so sparsam sei und die Wirtschaft +vermehre. + +»Ja, gewiß Tante,« lenkte Line sofort ein, die die alte Dame einen +Moment vergessen hatte, und dann fragte sie in ihrer Eilfertigkeit Hann +weiter, wie es ihm selbst ginge. + +»Oh, so weit ja ganz gut, Lining, bloß --« + +Er stockte. + +»Nun, was denn?« + +»Ich muß mich nämlich nun zu den Soldaten stellen.« + +»Du?« + +Mit einer plötzlichen Bewegung steifte sie ihren Arm und drehte Hann +dabei etwas herum, als wünsche sie den künftigen Krieger von allen +Seiten zu betrachten. + +»Nun, darauf freuen Sie sich wohl schon sehr?« warf die Tante +dazwischen. »Es ist doch eine Ehre, dem Vaterlande zu dienen -- wie?« + +Aber Hann schüttelte den Kopf und sah bekümmert auf den Fußboden: »Ne, +Madamming, das tu' ich nich!« + +»Nicht?« riefen beide Frauen nun wie aus einem Munde. + +Hann erschrak und schlug seine hellen Augen nieder. Er merkte, daß hier +etwas vorginge, was ganz gegen die Ansichten des alten Fräuleins +verstoßen mochte. Anstatt jedoch nun seine Gedanken klarzulegen, wie er +sie so oft bei sich selbst gehegt, etwa in der Art: »Soldaten? -- Ne -- +werden die nicht extra dazu angelernt, wie man andere Leute ihre Kinder +totschießt? Und dann -- wenn ich in meinem Schifferrock einen umbring', +dann werd' ich geköpft -- aber in solch blau und rotem Rock krieg' ich +dafür noch einen Orden. Da stimmt doch etwas nicht?« + +Statt all dieser guten Gedanken brachte er nur scheu hervor: »Nein, ich +möcht' lieber nich unter die Soldaten.« + +Das alte Fräulein erhob sich: »So?« versetzte sie kühl. »Das ist ja +sonderbar -- hm --« Und mit den Worten: »Ich will nun doch mal nach der +Küche sehn,« ging sie mit ihren langen, ehrbaren Schritten hinaus. + +Die beiden Kinder von Moorluke blieben allein. Langsam kauerte sich Line +in den verlassenen Korblehnstuhl nieder, lehnte sich zurück und ließ +ihre Stiefelspitzen leise gegeneinander klappen. Dann glitt wieder einer +ihrer taxierenden Blicke über den ungelenken Besuch fort, und plötzlich +lud sie ihn mit einer bestimmten Bewegung ein, ihr gegenüber Platz zu +nehmen. + +Hann wagte es nicht. Er behielt seine Mütze in der Hand und blinzelte +ehrerbietig zu ihr hinüber. Nein, wie überaus fein und zierlich er alles +an ihr fand. Diese kleinen Halbschuhe, aus denen die schwarzen Strümpfe +hervorlugten, und dann die schwarze Atlasschürze, die so glatt über den +Hüften abschloß -- -- und wie sie sich jetzt kaum merklich hin und her +wiegte, das schwarze Köpfchen seitlich an die Lehne gedrückt, während +ihre dunklen Augen ab und zu zu ihm herüberblitzten, das erfüllte den +großen Burschen schließlich mit solcher Freude, daß er immer +wohlgefälliger mit dem plumpen Haupte nickte und mit der freien Hand +wohlig am Knie auf und nieder fuhr. + +Mit einem Male beugte sich Line hastig vor, daß Hann beinah' einen +Schrecken bekam, stützte die beiden Ellenbogen auf ihre Knie, wie sie es +als Kind stets gepflegt, und über ihre Lippen kam es kurz und überlegen: +»Sag', Hann, hast du schon eine Braut?« + +Hann hielt den Atem an und starrte ihr grenzenlos verdutzt, ja bekümmert +in das feine Antlitz. O je, wie sollte er wohl zu einer Braut kommen? +Wußte sie denn gar nicht, daß er nicht auf so was ausging, ja, daß er +alle Frauen ängstlich vermied, weil -- ja weil -- -- + +Er schüttelte mit einem wehen Zug um den groben Mund den Kopf und +scheuerte wieder an seinem Knie auf und nieder. + +»Lining -- oh --« + +»Na, was wär' denn dabei?« + +Ihr schien die große Verlegenheit des armen Menschen Freude zu bereiten. +Und dann -- immer mit dem angelehnten schmalen Gesichtchen plauderte sie +weiter, leise, flüsternd, damit es das gute Fräulein Dewitz in der Küche +nebenan nicht vernehmen könnte. Oh, es war doch ein so lang entbehrter +Genuß, endlich wieder einmal unbeobachtet, jung und frisch und ungeniert +necken und schwatzen zu dürfen. + +»Hann, da sind doch aber die beiden Töchter von Schullehrer Toll. Und +die älteste, die hübsche, von der sie sagen, daß sie Krankenschwester +werden will, die hat neulich hier erzählt, wie du mit ihr getanzt hast.« + +Hann rückte hin und her. + +»Lining -- das wohl -- ich konnt' mir auch nich anders helfen.« + +»Aber die wär' doch was für dich,« fuhr sie fort. »Denk mal, wenn die +nun bloß deinetwegen Krankenschwester werden wollte?« Und plötzlich +faßte sie seine beiden Hände und brach in ein langes, fröhliches Lachen +aus. Die Idee, Hann als Bräutigam der hübschen Schulmeisterstochter zu +sehen, schien sie mit ungemeinem Behagen zu erfüllen. Merkte sie nicht, +wie der arme Bursche immer blöder den Boden suchte, fühlte sie gar +nicht, wie ihre Worte sich ihm immer enger und drückender ums Herz +legten? + +Endlich erhob er sich; er überwand sich und sagte mit gepreßter Stimme: +»Lining, das alte Fräulein kommt wohl nicht wieder. Da wird es Zeit, daß +ich geh'.« + +Und wieder wagte er nicht, sie anzublicken, sondern stand und knöpfte +langsam sein blaues Schifferwams zu. + +Line erhob sich. Mit leichten Schritten ging sie um ihn herum, immer ihn +messend, als wäre des Spaßes noch nicht genug. Plötzlich huschte sie +dicht an seine Seite, hob ihm kräftig das Kinn auf und zwang ihn so, sie +anzublicken. Seine blauen Augen sprachen förmlich von zurückgedrängtem +Kummer. + +»Sag' mal Hann,« begann sie, »wenn es Klara Toll nicht ist, dann +möchtest du wohl lieber mich? Wie? -- Weißt du noch, wie wir uns verlobt +haben, und wie oll Kusemann uns eine Molle voll Goldstücke aus der +untergegangenen Stadt zur Hochzeit schenken wollte?« + +Ihre Hand strich an seiner Backe hin und her, etwa wie man einen großen, +treuen Hund streichelt, aber als sie seinem ehrlichen, betrübten Blick +begegnete, hielt sie inne. + +»Na, laß gut sein, Hann,« brach sie schonend ab. + +»Ja, Lining,« brachte er mit Anstrengung hervor, »wir waren eben noch +Kinder und sehr dumm.« + +»Ja, ja, Hann,« sagte sie stiller, und nach einer Weile setzte sie +hinzu: »Aber die Molle voll Goldstücke, die wünsch' ich dir. Wenn du so +die untergegangene Stadt finden könntest, dann --« + +Ihre Augen vergrößerten sich, sie zeigte ihre spitzen Zähnchen. Dabei +sah sie aus, als ob sie den Besitzer der untergegangenen Stadt mit ihren +unermeßlichen Schätzen wohl liebhaben könnte. Doch Hann zerstörte den +Traum. + +»Kuck, Lining,« murmelte er achselzuckend, »das mit der Stadt, das is +auch man so, wie alles andere. Sieh, als ich noch ganz klein war, und +als du noch bei uns draußen wohntest, ja, da sah ich sie manchmal ganz +deutlich unter dem Wasser. Zuweilen auch bei Nacht. Da zeigte mir oll +Kusemann ordentlich erleuchtete Fenster und so was. Aber dann später, je +älter man wird, desto weniger sieht man sie. Ich glaub', das is auch man +so 'ne Kinderstadt --« + +Damit wollte er ihr die Hand zum Abschied bieten, doch Line starrte ihn +noch verwundert über seine letzten Worte an. Und achtungsvoller als +sonst drang es endlich über ihre Lippen: »Hann, was du da sagtest, das +war gar nicht so dumm.« + +»O Lining,« wehrte er bescheiden ab, »ich dachte das bloß so -- Und nun +adschö.« + +Er nickte, raffte die Körbe in die Höhe und wollte gehen. + +Da faßte sie ihn noch einmal rasch bei der Hand und nahm gewandt einen +der Briefe vom Tisch, die das alte Fräulein Dewitz uneröffnet hatte +liegen lassen. »Hann,« flüsterte sie, »sieh den -- weißt du, von wem der +is?« + +Hann schüttelte den Kopf. Wie konnte er das erraten? Der Brief war ja +noch zu. + +»Und die Schrift, kennst du die auch nicht?« + +Hann betrachtete nochmals die feinen Schriftzüge und las den +Poststempel, der Brief kam aus Hamburg. I, woll, der konnte von seinem +Bruder Bruno stammen. + +Eifrig nickte Line: »Ja, ja -- und weißt du, was drin steht? Heute +morgen erwartet ihn der Konsul schon. Er ist vielleicht bereits hier.« + +»Bruno?« + +Sie nickte, strich sich über die Haare und warf einen Blick in den +Mahagonispiegel in der Ecke. + +»Ja -- aber woher weißt du denn den Inhalt?« fragte Hann ganz betroffen. + +Line zuckte zusammen, blickte sich blitzschnell nach der Tür um und +atmete endlich tief auf. Und während ihr das Blut die Wangen glühend +färbte, bezwang sie sich und versuchte zu lachen: »Mußt es nicht +weitersagen, Hann,« stotterte sie, -- »ich -- war so neugierig -- du +weißt ja -- und da hab' ich den Brief in der Küche über dem Wasserdampf +ein bißchen geöffnet -- bloß ein bißchen. Dabei is doch nichts? Was? -- +Aber nicht weitersagen! -- Hörst du?« + +Allein Hann stand ganz niedergedonnert vor der lieblichen Verbrecherin. +Er schämte sich derartig, daß er zitterte, als hätte er selbst das +Unerhörte begangen. + +»Aber Lining,« murmelte er, »wie konntest du das bloß -- -- wie --« + +»O, das war doch nur Spaß.« + +»Ja, aber wenn nu einer aus Spaß stehlen wollte?« sprach er in seiner +philosophischen Methode weiter. + +Jedoch Line war bereits wieder ganz getröstet. Sie versetzte ihm mit +ihrer kleinen Faust einen neckischen Puff in die Seite, und während sie +ihn lachend zur Tür hinausschob, rief sie ihm in ihrer gedämpften, kaum +hörbaren Art über die Treppe nach: »I, du bist nicht klug, du dummer +Junge. -- Und nun grüß alle zu Haus. Auch Klara Toll. Und bring uns bald +wieder was Gutes zu essen. Hörst du?« + +»Ja, gern, Lining,« sprach der Schiffer vor sich hin, während er noch +halb befangen die Treppen hinuntertappte. »Und wenn du mir's erlaubst, +dann komm' ich auch bald wieder; aber -- aber --« + +Damit blieb er vor dem Hause stehen und sah noch lange bekümmert zu dem +Fenster hinauf, an dessen Scheiben sich so silberne Eisblumen rankten +und hinter welchem die Hyazinthen so süß geduftet hatten. + +»Ja, ja,« seufzte er endlich aus seinem Traum tief auf: »Das is auch +nichts anderes als so 'ne untergegangene Stadt aus den Kinderjahren. Ja, +ja -- aber will man nach Haus gehn.« + + + + +IV + + +Es war ein sehr einfaches, beinahe ärmliches Stübchen, in dem der Konsul +Hollander an diesem Neujahrsmorgen seinem Hamburger Vertreter auf einem +derben Holzstuhl gegenübersaß. Er selbst steckte noch in seinem weiten +orientalischen Schlafrock, unter dem sich die weißen Unterhosenbänder +lustig über ausgetretene grüne Pantoffeln herabschlängelten; auf dem +Haupte trug er eine schwarzseidene Mütze, und von Zeit zu Zeit fuhr er +sich verdrießlich über seine unrasierten, stoppeligen Wangen, als ob er +sich heute ganz besonders unbehaglich fühle. Und doch hatte er nicht den +geringsten Grund zu dieser üblen Laune. Befanden sich doch die +Abrechnungen des jungen Herrn mit dem hübschen braunen Schnurrbart und +der streng englischen Toilette in bester Ordnung. Und wenn auch die +Reisespesen des Vertreters ungewöhnlich hoch waren -- -- -- +»Schockschwerenot -- nobel, nobel,« murmelte der Konsul, während er +heftiger seine Stoppeln rieb, so brachte er doch auf der anderen Seite +Abschlüsse und Bestellungen für die Werft heim, wie sie der Chef schon +so lange nicht mehr in Händen gehalten hatte. + +»Sieh mal an! -- Die asiatische Linie bestellt also doch den +Sechstausend-Tonnen-Schraubendampfer? Hm -- und die Holländische +Heringskompanie zehn Fischerkutter!? Puh -- schockschwerebrett.« + +Dem Konsul träufelte das Auge. Er wischte es mit der Hand und sah wieder +auf das Blatt. Aber die Bestätigungen der Abschlüsse blieben stehen; +aufrecht, in der schönen, lateinischen Schrift Brunos verzeichnet. + +»Merkwürdig.« + +Und wieder blinzelte der Werftbesitzer über das Blatt fort auf seinen +jungen Untergebenen, der ihm so frisch und adrett gegenübersaß, und +wieder faßte ihn die Unbehaglichkeit so stark, daß er sich fast die +Backe wund rieb. + +»Akzeptable Preise,« murmelte er von neuem und spuckte aus. Dann warf er +die Papiere auf den schmalen Klapptisch, der seinem Feldbett gegenüber +an der Wand angebracht war, und fuhr seinen Angestellten mit voller +Grobheit an. + +Länger konnte er sich nicht mehr bändigen. + +»Sagen Sie mal, wie machen Sie das eigentlich?« + +»Wie ich das mache, Herr Konsul? Ich verstehe nicht recht.« + +Um Brunos frische Lippen zuckte ein Lächeln. Hollander verzog die Stirn. + +»Mir ist ganz ernsthaft zumute. Ich meine, wie alt sind Sie denn nun +eigentlich mit der Wurzel?« + +»Vierundzwanzig, Herr Konsul.« + +»Nicht zu glauben -- also ganze vierundzwanzig -- So!? -- Kuck mal an! +Ja, hat sich denn im Ernst die Welt so verjüngt, oder sind Sie wirklich +der Ausnahmemensch, für den Sie sich ja, wie ich Ihnen früher immer +gesagt habe, heimlich halten?« + +Bruno blieb ruhig sitzen, während der Konsul mit flatternden +Hosenbändchen in der Stube auf und nieder schlurfte. Und doch färbten +sich die Wangen des jungen Mannes glühend rot, seine Augen erhielten +förmlich einen fieberischen Glanz, denn jetzt äußerte endlich, endlich, +der grobe, massive Mann dort offen und ehrlich, was während Brunos +langer Lehrzeit stets wie eine kalte Wolke zwischen ihnen gelagert +hatte. Dieses stille, heimliche, lauernde Mißtrauen, das sich +vergrößerte, je schneller und überraschender sich die spielende +Tüchtigkeit des Lehrlings entfaltete, je mehr ihn die anderen +Angestellten bewunderten und anstaunten. Aber warum? Warum? Das konnte +sich Bruno, den es stets mit Gier, mit Unabwendbarkeit vorwärts gezogen, +auch heute nicht entschleiern. + +Glühend rot überzog es seine Wangen, mit zitternder Stimme und +lächelndem Munde sagte er: »Herr Konsul, Sie sagen mir das in der ersten +Stunde meiner Heimkehr von dem Posten, auf den Sie mich selbst gestellt. +Ich muß also annehmen, daß ich niemals Ihre volle Zufriedenheit besessen +habe und sie auch heute noch nicht besitze.« + +Der Konsul blieb stehen, zupfte abgewandt an seinem Bett herum, klappte +mit den Pantoffeln und schlug endlich ungeduldig auf das Kopfkissen. -- +-- »I was, Zufriedenheit,« knurrte er barsch heraus. »Was brauchen Sie +sich aus meiner Zufriedenheit zu machen? -- Sie leisten ja das Ihrige. +-- Das ist es eben. -- Na, ich muß mir mal Luft machen, Sie nehmen mir +das nicht übel, oder, wenn Sie's tun, dann kann ich mir auch nicht +helfen. -- Also kurz und gut, Sie leisten genug, verstehen Sie, ich +meine, was den Erfolg betrifft; diese beiden Abschlüsse zum Beispiel +hier, besonders der aus Holland, an dem haben andere Angestellte von mir +durchaus vergebens herumgedoktert; aber Sie? -- Sie kommen einfach und +haben so eine Art, den Leuten Geschichten vorzuerzählen, die +Vorsichtigsten so zu blenden, daß -- -- --« + +Bruno klopfte das Herz. Was er da von seinem Charakter vernahm, +erschreckte ihn unwillkürlich: »Herr Konsul,« unterbrach er stockend, +»Sie wollen mir doch nicht vorwerfen, daß ich Ihre Kunden durch +lügenhafte Berichte täusche?« Seine Rechte schloß sich dabei krampfhaft +um die Ledermappe. + +»I bewahre, fällt mir gar nicht ein,« fuhr der Werftbesitzer fort, +während er wieder auf das Kissen schlug -- »Lügen!? -- I wo, so dumm +werden Sie doch nicht sein. Nein, aber Sie besitzen so eine +Einbildungsgabe, so eine -- na, wie drück' ich mich aus? -- solch eine +Kraft in Ihren Schilderungen, daß Sie einen ordentlich zwingen, alles +das zu sehen, was Sie sich selbst dabei vorgestellt haben.« + +»Und das wäre etwas so Schlimmes?« brachte Bruno staunend hervor. + +Er wollte die Achsel zucken. Aber er vermochte es nicht. Immer enger und +drückender legte sich ihm die Unruhe ums Herz, ein leises Frösteln +überlief ihn. Er konnte sich durchaus nicht mehr zwingen, alles das +kindisch zu finden, was der verbitterte Mann dort vorbrachte. + +»Schlimmes?« wiederholte Hollander ärgerlich, wandte sich nach ihm um +und ließ sich schwerfällig vor dem jungen Mann auf den Holzstuhl nieder. +»Ja, das weiß ich auch nicht. -- Es ist vielleicht nur der Anfang. Ich +will Ihnen, lieber Klüth, mal ganz reinen Wein einschenken. Während +Ihrer ganzen Lehrzeit hab' ich Sie beobachtet. Das wissen Sie. Und da +frage ich Sie: Haben Sie jemals ordentlich gearbeitet? -- Nein! War auch +nicht nötig. Ihnen ist alles angeflogen. Warenkenntnisse, technische +Erfahrung, Handelsrecht, Sprachen und so weiter! Alles so im +Handumdrehen! Von einem Posten zum anderen sind Sie aufgerückt. So im +Flug -- wenn auch heimlich gegen meinen Willen. -- Aber ich konnte nicht +recht was Stichhaltiges dagegen einwenden. Und nun kommen Sie nach der +Hamburger Vertretung, die auch gut ausgefallen ist -- sehr gut sogar, in +mein Geschäft zurück, und wenn mich nicht alles trügt, dann haben Sie es +jetzt auf die Prokura abgesehen. Sie möchten also jetzt mein Vertreter +werden, dessen Unterschrift gilt wie die meinige. -- Nicht wahr, Sie +wollen jetzt auch unterzeichnen: >Johann Christian Hollander<? Sagen Sie +mal aufrichtig, Klüth -- ist es nicht so?« + +Bruno sprang auf. Er fühlte, daß er an sich halten müßte, daß nur kalte, +geschäftliche Nüchternheit hier zum Ziele führen könnte, allein die +verletzende Art des Mannes, sein unverhohlenes Mißtrauen, das den +Jüngeren all die langen Jahre hindurch immer und immer wieder aus diesen +grauen Augen umlauert hatte, das ließ ihn jetzt alle Mäßigung vergessen. +Was hatte er auch zu fürchten? Was sich vorzuwerfen? Waren nicht alle +seine Gedanken stets auf den Vorteil dieses alten Sonderlings und seines +Geschäftes gerichtet gewesen? + +Mit vollem Feuer, mit blitzenden Augen sprang er auf, und lauter und +kräftiger, als wohl je ein Angestellter dem alten Hollander eine Antwort +zu erteilen gewagt, rief er mit heißer, zorniger Stimme: »Ja, Herr +Konsul, da wir nun einmal so weit halten, so sind mir die möglichen +Folgen auch gleichgültig. Jetzt sollen Sie es wenigstens erfahren. Ja, +die besten Jahre meiner Entwicklung haben Sie mir verbittert. Sie +allein. -- Nie ein Wort der Anerkennung, immer dieses Herumspähen, als +hätte ich keinen anderen Gedanken, als gelegentlich einmal Ihre Kasse +auszuplündern -- -- --« + +»Klüth,« rief der Alte dazwischen, doch der andere achtete nicht darauf. + +»Ich kann Ihnen nur sagen: daß ich darüber nicht wirklich schlecht, +nachlässig und ein Duckmäuser geworden« -- hier erhob sich die Stimme +des Heimgekehrten höher, und er trat heftig einen Schritt auf den +Werftbesitzer zu, der unbeweglich, mit vorgebeugtem Haupt vor ihm +verharrte, »daß ich darüber nicht wirklich ein Duckmäuser geworden, +wahrhaftig, das habe ich einzig und allein meiner von Ihnen so +geschmähten guten Laune zu verdanken. Sie aber, Sie haben alles getan, +um diese Fröhlichkeit zu unterdrücken. Oder glauben Sie, es wäre mir +leicht gefallen, wenn Sie mich die ganze Zeit über, die ich in Ihrem +Hause lebte, wie einen lästigen Freiesser in meinem Stübchen im +Hinterhaus sitzen ließen, während die meisten meiner Kollegen zu den +großen und kleinen Festlichkeiten in Ihrer Familie hinzugezogen wurden? +Wie oft hab' ich Tanzmusik gehört und hab' allein gesessen. Das hat mich +heiße Tränen gekostet. Heute können Sie es erfahren. Das vergaß ich +Ihnen nicht, Herr Konsul.« + +Die Stimme des Aufgeregten zitterte, seine Brust hob und senkte sich, +und der Prinzipal konnte wahrnehmen, wie Tränen in seinen Augen +aufstiegen. + +Der Alte knurrte etwas, das wie »Dummheiten« klang, doch man sah, daß er +noch mehr hören wollte. Eine Weile herrschte Ruhe in dem kleinen Raum. +Beide musterten sich. Endlich hob der Werftbesitzer schief das Ohr, +plinkerte mit den Augen und fragte scharf und halb spöttisch: »Na, und +was nun weiter?« + +»Was weiter? -- Oh, mir bleibt nur die Frage: ob Sie mir jetzt den Grund +angeben wollen, warum Sie mir den Prokuristenposten, der mir gebührt, +vorenthalten? Oder ob es nicht überhaupt besser wäre, wenn wir diesem +unleidlichen Verhältnis lieber gleich ein Ende bereiteten?« + +Der Konsul zog die Augenbrauen in die Höhe: »Sie wollen gehn?« + +»Ja.« + +»Hm!« + +Er wandte sich, zog mit den schlängelnden Hosenbändchen zum Fenster und +kehrte ihm dort den Rücken. Leise trommelte er an die Scheiben. Nicht +lange, dann hörte er hinter sich ein seltsames Geräusch, ein tiefes +Atmen, ein Schlucken, schließlich ein gewaltsam gebändigtes Schluchzen. +Überrascht kehrte sich Hollander zu seinem Besuch zurück. Doch wenn er +die aufflammende Natur seines Lehrlings, die ebenso leicht zu unmäßigen +Ausbrüchen der Freude, wie zu wild hervorbrechenden Klagen neigte, nicht +von früher gekannt hätte, so würde er nur an den bebenden Lippen Brunos +erraten haben, was durch die Seele des jungen Mannes stürmte. + +Denn äußerlich stand die feine Gestalt unverändert da, nur die braunen +Augen flammten noch, wie vorher, vor innerer Erregung. + +Wieder verzog der Alte die Stirn. Dann ging er langsam auf seinen Besuch +zu, und wie in fernen Gedanken nahm er den Jüngeren an einem Rockknopf, +an dem er ihn während des Folgenden energisch hin und her zupfte: »Na, +nun wollen wir's gut sein lassen, Klüth, nun beruhigen Sie sich man +vorläufig, Sie -- verstehen Sie?« -- Und während er ihn noch energischer +bewegte, fuhr er brummig fort: »Daß Sie heute mal ausnahmsweise nicht +lauter Zucker und Sirup von sich gegeben, daß Sie mir sogar ordentlich +Grobheiten ins Gesicht geworfen haben, na, nehmens mir nicht übel, +junger Herr, das hat mir bis jetzt am allerbesten von Ihnen gefallen! -- +Wahrhaftig! -- Vielleicht, na, hm -- bloß das Pistol auf die Brust setzen +kann ich nun mal nicht leiden. Nun passen Sie auf. Ich sag' Ihnen die +Prokura nicht ab -- nur Zeit zum Überlegen will ich haben. Verstanden? +Das muß ich. Zwingen lasse ich mich nicht.« + +Ohne eine Antwort abzuwarten, schritt er wieder an das Fenster, um von +neuem an die gefrorenen Scheiben zu pochen. Er schien mit sich zu +kämpfen, dann fiel es noch so über seine Lippen, seine Tochter Dina +würde heute abend ein paar Bekannte zum Tee bei sich sehen, und daß es +ihn, den Konsul, freuen würde, wenn Bruno sich dazu einstellen möchte. +Fräulein Dewitz und das kleine Ding, wie heißt sie noch? -- + +»Line.« + +Jawohl, die wären auch da. Auch der ältere Bruder von Bruno, der +Predigtamtskandidat. + +»Na, kommen Sie nun?« fuhr der Werftbesitzer plötzlich auf, als sein +Angestellter noch immer schwieg. + +Da bewegte sich der Angeredete und fragte mit fester Stimme, wann er das +Definitive über seine Stellung hören würde. + +Diese Zähigkeit, dieses kaufmännische Festhalten schienen dem Konsul zu +imponieren. Mehrmals nickte er nachsinnend mit dem Kopf, dann schlurfte +er auf Bruno zu und klopfte ihm eifrig auf den Arm: »Na gut -- sehr +schön -- sich nicht durch Nebendinge aufhalten lassen -- ganz richtig. +In vierzehn Tagen bescheide ich Sie. Aber nun machen Sie auch, daß Sie +fortkommen, Klüth, ich will nun doch in meine Büxen hinein! -- Morjen, +ja, ja, schon gut -- hol' Sie der Deuwel, Adieu!« + + + + +V + + +Am Vormittag desselben Tages brachte der Diener des Konsuls die +Teeeinladung an Fräulein Dewitz. Hinten auf der englischen Karte stand +in der schönen, klaren Schrift Dina Hollanders geschrieben: »Fräulein +Line kommt natürlich mit.« + +»Hörst du, wie nett sie schreibt?« fragte Fräulein Dewitz wohlgefällig, +als sie sich in der Küche die Brille abputzte. »Sie ist wirklich ein +sehr wohlerzogenes Mädchen. Du mußt ein bißchen auf ihre Manieren +aufpassen, denn in diesen Schweizer Pensionaten lernt man das auf das +feinste. -- Und nun bind' dir die Schürze um, mein Kinding, damit das +schöne, blaue Kleid nicht fleckig wird.« + +Und während sich die Handarbeitslehrerin in der halbdunklen Ritze umsah, +die »Küche« benannt wurde, weil auf einem sehr weißgescheuerten Tische +ein Petroleumofen stand, leckte sie sich wieder befriedigt die Lippen +und äußerte endlich halb fragend: »Sollen wir nicht die schönen +Schnitzel bis morgen aufheben? Bei Hollanders gibt es immer so viel zu +essen. -- Und man sollte sich vorher den Magen nicht überladen. Was +meinst du? -- Ja, und was ich noch fragen wollte, was ziehst du dir denn +an?« + +»Oh,« entgegnete Line wegwerfend, »für wen sollte ich mich da wohl +besonders fein machen?« + +Die Lehrerin wiegte zweifelnd das Haupt. Allein sie widersprach nicht. +Auch ihr war es immer ein heimliches und behagliches Gefühl, die guten +Kleider recht lange geschont im Schrank zu wissen. + + * * * + +Zwischen drei und vier hielt das alte Fräulein im Alkoven ihr +Mittagsschläfchen. + +Dann herrschte sabbatliche Stille in den blankgescheuerten Räumen. Das +Rouleau mit den blauen Bildern war herabgelassen, und hindurch strömte +beruhigende Dämmerung. In dieser Stunde schlich Line stets auf Zehen +umher, und man hörte nichts, als höchstens einmal das feine Läuten eines +Schlittens, der vom Lande durch die Straße klingelte, dazwischen das +ruhige Atmen der alten Dame. + +Aber, weiß der Himmel, wieso ihr Schlummer heute immer wieder +unterbrochen wurde. War es die Aussicht auf den Teeabend im vornehmen +Hause des Konsuls, die sie erregte, oder raschelte und rauschte es +wirklich so vernehmlich nebenan? Resigniert erhob sie sich nach einer +Viertelstunde und öffnete die Tür zum Nebenzimmer. + +Verdutzt blieb sie an der Schwelle. + +Da bog sich Line vor dem alten Mahagonispiegel hin und her, neben dem +sie ein Licht entzündet hatte, um ihre schlanke Gestalt in dem +englischen, schwarzen Gewande, das knapp bis an den Hals schloß, besser +betrachten zu können. Langsam strichen ihre Hände an der Taille +herunter, dann ließ sie weich das Haupt nach hinten sinken. Ihre Brust +dehnte sich, ihre Augen schlossen sich, es mußte ein wohliger Traum +sein, der das junge Geschöpf entführte. + +Fräulein Dewitz tastete nach ihrer Brille, aber sie fand sie nicht. Mein +Gott, betrog sie denn der flackernde Lichtschein, oder vollführte Line +wirklich dort solch merkwürdige Bewegungen? Der Kopf der alten Dame +begann vor Erstaunen leicht zu zittern. »Mein Gott, Lining,« brachte sie +endlich hervor, »was machst du denn da?« + +Auf den Anruf ging ein unmerkliches Erschrecken durch die Glieder des +Mädchens, dann wandte sie sich und um ihre Lippen spielte ihr +kindliches, halb verlegenes Lächeln. + +»O Tanting, ich wollt' ja nur einmal nachsehn, ob mir das Kleid nicht zu +eng geworden. Du meintest doch selbst, daß es bei Hollanders heute so +fein zugehn würde.« + +»Ja, ja, das wohl.« Fräulein Dewitz schüttelte das Haupt und mußte +wieder an die üppigen Bewegungen denken. »Ja, aber ein junges Mädchen +sollte doch nicht so eitel sein, ich habe das nicht gern.« + +Jetzt flog Line auf sie zu und schlug den Arm um sie: »Tanting, ich +wollte dir doch nur einen Gefallen erweisen. Weißt du das nicht?« + +»Mir?« Fräulein Dewitz sah ihrer Schutzbefohlenen in das schmale, +lebhafte Gesichtchen und wurde versöhnt. Freilich, das war etwas +anderes. »Na, denn geh hinaus, mein Kind,« entschied sie endlich, »und +mach den Kaffee für uns beide. Nicht zu stark. Aber zuerst puste hier +das Licht aus. Das wäre doch wirklich eine Verschwendung.« + + * * * + +In einem kleinen Stübchen in der Rakowerstraße bei der +Drechslermeisterswitwe Wilhelmi wurde gleichfalls über die Einladung zum +Konsul Hollander nachgedacht. Da stand der älteste Sohn der Klüths, der +Predigtamtskandidat Paul, an dem Fenster und blickte auf die enge, +krumme Gasse hinaus. + +Draußen schwarzgraue Dämmerung, Schneegewimmel, kein Fußtritt hörbar, +nur manchmal tickten härtere Flocken gegen die Scheiben, und vom Fluß +stöhnte einmal ein Windzug herauf. + +Hinter dem hageren Manne mit den verarbeiteten Zügen saß bei einer +einfachen Stehlampe ein elfjähriger Junge am Tisch und schrieb mit +kritzelnder Feder emsig aus einem Buch etwas ab. Das war einer der +vielen Schüler des Theologen, deren Beaufsichtigung ihm das kärgliche +Brot für seine Existenz gewährt hatte. + +Jahraus, jahrein immer dasselbe. Es war kein Wunder, daß Paul nicht +fröhlicher und umgänglicher bei dieser Lebensweise geworden. + +An der Wand raschelte etwas an der Kuckucksuhr. Der hölzerne Vogel +sprang heraus und rief seinen fröhlichen Ruf: Sechs Uhr. + +Um neun war der junge Geistliche zum Konsul gebeten. + +Paul verzog die Stirn. + +War es nicht seltsam, daß er erst dort mit seinem zurückgekehrten Bruder +zusammentreffen sollte? Daß es nicht Bruno, den einzigen, der ihm aus +seiner Familie an Bildung nahestand, vorher allein, vertraulich und +brüderlich zu ihm gezogen? + +Immer schwärzer sank die Dunkelheit in das enge Gäßchen. Und tiefer und +bohrender grübelte Paul in sich hinein. Ja, ja, das war gerade das +Merkwürdige in seiner eigenen Natur. Ganz deutlich empfand er, wie fremd +seinem Innersten eigentlich all die Mitglieder seiner Familie geworden, +dieser lebhafte, phantastische Bruno, diese zierliche, unberechenbare +Line, aus der er nicht klug wurde; ja selbst Hann, mit dessen +Unbeholfenheit er nur ein heißes Mitleid fühlte, und dennoch -- ja, das +war es -- etwas Tiefes, Zwingendes, Angeborenes trieb, nein, geißelte ihn +dazu, in jeder Stunde und mit allen seinen Gedanken unaufhörlich an +dieser Familie zu haften, sie zu beobachten, zu warnen, zu fördern, und +immer wieder zu erscheinen, um ihre Angelegenheiten zu den seinen zu +machen. + +So hatte er in all den Jahren trotz seines Widerwillens gegen den +grobkörnigen Siebenbrod jede Woche einen Abend in Moorluke bei der +Mutter zugebracht, so war er während Brunos Lehrzeit fast täglich mit +dem Jüngeren zusammengetroffen, und auch in der blanklackierten guten +Stube von Fräulein Dewitz hatte er sich -- ein von der Lehrerin +besonders geschätzter Gast -- häufig eingestellt. + +Seine Gedanken irrten weiter. + +Warum Bruno wohl nicht kam? -- Ob er in der reichen Handelsstadt sich +nun völlig dem flotten, eleganten Leben hingegeben, das Paul stets mit +Mißbehagen an dem Jüngeren bekämpft hatte? Vielleicht war es dem +Heimgekehrten überhaupt peinlich, sich den ewigen Vorhaltungen seines +ernsteren Bruders auszusetzen? + +Oh, wenn das möglich wäre? -- Paul biß sich auf die Lippen, während er +immer finsterer in die graue, wirbelnde Dunkelheit starrte -- nein, es +war vielleicht doch unrecht von ihm, daß er sich nicht gleich aufmachte, +um zu ergründen, was aus dem Jüngeren geworden. Er wollte -- -- -- -- -- + +Hinter ihm stockte das Kritzeln der Feder. + +Der kleine Quartaner, der bis dahin öfter sehnsüchtige Blicke auf die +Wanduhr geworfen, stützte schwermütig den Kopf auf, dann bezeichnete er +mit dem Finger eine Stelle in seinem Buche und fragte endlich: »Herr +Klüth, ist Semiramis masculinum oder femininum?« + +Paul fuhr auf. + +»Was? -- Was? -- Ob die Königin Semiramis --?« + +»Ja, denn im Ostermann steht, Semiramis lebte völlig als ein Mann, und +da dachte ich -- -- --« + +»Semiramis ist eine Frau,« schnitt der Lehrer, dem der Sinn für Humor +abging, kurz ab und stellte sich wieder an das Fenster. Allein, die +Kette der Gedanken war gerissen. Wilder stäubte der Schnee durch die +Straße, deutlicher stöhnte der Wind um die Ecke, und mißtönend kreischte +die Feder, die der Quartaner nun -- beruhigt über das Geschlecht der +Semiramis -- wieder emsig über das Papier führte. + +Da wurde kurz an die Tür geklopft. + +»Herein!« + +Und auf der Schwelle stand ein junger Herr in elegantem Pelz und +Zylinder. + +Paul erkannte ihn nicht. Er wollte auf den Fremden zugehen und nach +dessen Begehr fragen, als eine wohlbekannte Stimme an sein Ohr schlug. + +»Na, Jünging, wie geht's?« + +»Bruno? Du?« + +»Ich, Herr Pastor.« + +Das klang so jugendlich, so frisch, daß in Pauls sorgendes Herz für +einen Augenblick helle Freude einzog. Ohne seine schwere Eckigkeit, +ja, mit einer Hast, die er sonst nicht kannte, stürmte er auf den +Heimgekehrten zu, als wolle er ihn in die Arme schließen. Doch +unmittelbar vor dem feinen Pelzwerk mußte ihn sein starrer Sinn anders +belehren. Nur nach der Hand des Bruders griff er, aber hastig, ungestüm, +beinahe sehnsüchtig, und es wurde ihm ordentlich warm, als der andere +sie mit voller Lebhaftigkeit schüttelte. + +»Bruno,« brachte er stammelnd hervor, »lieber Bruder!« + +»Ja, ja, altes Haus,« lachte der andere, »jetzt freu' dich mal.« + +»Ja, ich freue mich, -- ich freue mich.« + +Er sah im Moment nicht mehr die elegante Hülle des Jüngeren, die ihn +anfangs befremdet hatte, er erkannte nur die gesunden, ihm so lieben +Züge des Bruders und zog ihn weiter ins Zimmer. + +Der Ankömmling blickte sich verwundert um. Die Kahlheit des Raumes, der +Tabaksgeruch und die derben Möbel schienen ihm wenig zu gefallen. + +»Wohnst du noch immer so häßlich?« fragte er ein wenig mitleidig, +während er dem Theologen gutmütig die Wange streichelte. + +Der andere entzog sich der Liebkosung. Dergleichen schien ihm vor seinem +Schüler unpassend. + +»Häßlich?« fragte er. -- »Es ist doch hier alles recht bequem?« + +»Na ja, dagegen will ich nichts einwenden,« lenkte Bruno ein und setzte +sich auf den Stuhl am Fenster. Ohne den Zylinder abzunehmen, zeichnete +er mit seinem Ebenholzstock ungeduldig auf dem Estrich herum. Es sah +ganz aus, als wolle er nur wenige Minuten bleiben. + +Paul blickte ihn bekümmert an: »Willst du denn nicht ablegen?« + +»Natürlich -- gewiß -- bloß ich dachte --« er deutete auf den +Quartaner, der die Ohren spitzte. + +»Oh, ich kann ja auch gehen,« stimmte der Pennäler sehr vergnügt zu und +begann seine Hefte zusammenzuraffen. Jedoch eine solche Versäumnis +widersprach Pauls Pflichtgefühl. Mit ernster Miene bedeutete er seinen +Bruder, daß der Schüler unmittelbar vor der Versetzung stehe und daß das +tägliche Pensum nicht unterbrochen werden dürfte. Bruno möchte eine +kurze Weile entschuldigen. Dann beugten sich Lehrer und Knabe gemeinsam +über den Ostermann, und lächelnd vernahm der junge Kaufmann ihr erregtes +Murmeln; längst entwöhnte lateinische Brocken schlugen an sein Ohr, und +erst als die Thronstreitigkeiten der Semiramis gänzlich entschieden +waren und der Kuckuck »sieben« schrie, da durfte Walter Müller nach +Hause eilen. + +Er verbeugte sich feierlich vor Pauls Bruder, bevor er sich rückwärts +aus der Tür zurückzog. + +»Gottlob!« atmete Bruno auf, der sich inzwischen seines Pelzes entledigt +hatte und sich nun leicht in eine Ecke des Sofas warf. »Gottlob, daß wir +diese Pennälerjahre hinter uns haben.« + +»Du bist also jetzt zufriedener?« forschte der Theologe, der sich dem +Heimgekehrten gegenüber auf einem Stuhl niedergelassen und jetzt die +Lampe beiseite schob, um den Anblick des lange Entbehrten voll zu +genießen. + +»Zufriedener? Gewiß. Was waren das aber auch für magere Jahre, Paul. +Denk' bloß mal nach -- wenn wir einen Braten zu Hause rochen, das war ja +schon ein Festtag.« + +»Hm -- daran erinnere ich mich kaum.« + +»Ja du -- und dann bei dem alten Hollander das Gedrücktsein, diese +schreckliche Abhängigkeit, nein, gottlob, etwas weiter haben wir es doch +gebracht.« -- + +Dabei streichelte er beinahe liebkosend das Fell des Pelzes, der neben +ihm auf der Sofalehne ruhte. Dann strich er sich das Haar zurück und +fuhr lebhaft fort: »Paß mal auf -- jetzt kommen wir auch einmal an die +Reihe.« + +»Wieso? Was heißt das, Bruno?« + +»Menschenskind, mach' doch nicht solch erstauntes Gesicht -- rauchst du?« + +Dabei bot er ihm ein feines, schmales Silberetui. + +Aber der Kandidat verneinte. Er rauche nur Pfeife. + +»Fi!« Bruno verzog die Nase. -- »Sieh, das hier sind russische +Zigaretten. Die haben das feinste Aroma. So! -- Riech' mal bloß, +Kerlchen -- diese blauen Wolken! Fein! -- Was? Ja, und was ich sagen +wollte -- -- weshalb sollen wir jetzt nicht mal in die Höhe kommen? Das +ist doch ein bekannter Prozeß, die Oberen sterben ab, und die Unteren +drängen sich an ihre Stelle.« + +Als er das sagte, breitete er die Arme aus, so daß sich seine Brust hob, +und die ganze Gestalt reckte sich. + +Der Theologe stützte den Kopf in beide Hände und sah den Jüngeren immer +forschender an. Noch konnte er sich durchaus nicht in das Wesen des +andern hineindenken. + +»Erzähl' mir, wie du in Hamburg gelebt hast,« bat er. + +Das tat der junge Kaufmann. + +Und während er sich immer eine Zigarette nach der anderen entzündete, +und während er große Wolken blies, die er dann mit der flachen Hand +zerteilte, begann er sich an der eigenen Schilderung zu erwärmen. + +Da zog es an dem ängstlich aufhorchenden Bruder in bunten, schillernden +Bildern vorüber, das Leben und Walten der großen Stadt, das Getriebe der +Börse, die Schiffahrt, die nervenspannende Tätigkeit bei Spekulationen +und überseeischen Geschäften, und alles, alles klang aus in den einen +Jubelruf, daß der Erzähler jetzt selbst bereits ein Einkommen habe, daß +es aber größer werden müßte, und immer größer, und wie er dann seine +Familie heben wolle, alle, alle -- und daß Geld eine Macht sei, ein +Zauberstab, der beleben und töten könne. + +»Oh, du sollst mal sehn -- du sollst mal sehn.« + +Da saß er wieder -- ja, es war derselbe, der mit dem fieberhaft erregten +Kinde auf der Ruinenmauer gehockt und ihm all seine tollen Worte ins Ohr +geflüstert, die wie klirrende Goldstücke geklungen. + +Und der Ältere blickte auf ihn hin, schweigend, erschrocken, seine Augen +vergrößerten sich immer mehr, und er wußte selbst nicht, warum ihm das +Herz so drohend und schmerzlich gegen die Brust zu hämmern begann. + + + + +VI + + +»Zum Tee geladen, und dann vier Gänge -- warm --. Und zum Schluß Eis,« +flüsterte Fräulein Dewitz Line anerkennend zu, als sie sich endlich vom +Tisch des Konsuls erhoben, um sich in das Musikzimmer zu begeben. »Und +hast du auf die Selleriestauden geachtet? -- Dein Bruder Paul fragte +mich, wozu man diese brauche? -- Mein Gott -- aber dein Bruder Bruno -- +wirklich, er hat recht ansprechende Manieren, es tut ordentlich wohl, +wie gut er zu essen versteht. -- Ja, ja, daran erkennt man gleich die +Lebensart. Und nun gib dem Konsul die Hand, Lining -- und sei nicht so +still; das bist du doch sonst nicht.« + + * * * + +Man hatte während des Mahls über den Text des Yankee doodle gestritten, +von dem Bruno in drolliger Weise berichtet hatte, daß ihn die jungen +Damen der ersten Hamburger Kreise seit kurzem auf eine merkwürdige Art +zu tanzen pflegten. Der Konsul, der am unteren Ende der Tafel gesessen, +neben Fräulein Dewitz, der er stets in überaus höflicher Weise die +Honneurs erwies, war über diese neue Torheit der Zeit entrüstet gewesen. + +»Werden wohl demnächst Negertänze aufführen -- --« hatte er der +Handarbeitslehrerin brummig zugeflüstert. Und das alte Fräulein mußte +erwidern: »Ja, ja, zu unserer Zeit wurde Menuett getanzt, und höchstens +mal ein Schottischer -- ach Gott, und es war doch auch schön.« + +»Recht -- ich besinne mich noch,« pflichtete Hollander bei. »Sie hatten +damals einen lütten, zierlichen Fuß.« + +»Hm.« + +Fräulein Dewitz schluckte an ihrem süßen Wein und begann noch heute +ehrlich zu erröten, und der Steuerrat Knabe, der als Schulfreund des +Konsuls und alter Junggeselle der einzige Fremde an der Tafel gewesen +und Line zu Tisch geführt hatte, räusperte sich und äußerte zum +erstenmal ein Wort: »Ja, ich besinne mich auch noch ganz gut.« Und dann +zupfte er an seiner altertümlichen schwarzen Halsbinde, zwinkerte in +sein Glas hinein und lachte still in den spiegelnden Rheinwein hinunter. + + * * * + +An einem großen amerikanischen Flügel fanden sich die Jüngeren zusammen. + +Der Konsul und sein Jugendfreund hatten sich in dem anstoßenden +Herrenzimmer ihre Zigarren entzündet, Tante Mathilde, die Schwester des +Konsuls, die seinem Hauswesen vorstand, trippelte hin und her, und Dina +Hollander lehnte in der Beugung des Flügels und blätterte in einem Stoß +Noten. »Nichts --« entschied sie endlich, »in diesem Heft nationaler +Lieder fehlt der Yankee doodle.« + +In ihrer Stimme lebte etwas Ruhiges, Sicheres, Überlegtes. Wie sie so +dastand in dem einfachen weißen Gewand mit ihrem leuchtenden, blonden +Haar und der großen, schlanken Gestalt, gleichsam von einem Duft der +Reinheit umweht, da erhöhte sich bei Bruno, der ihr Nachbar bei Tisch +gewesen, von neuem der Eindruck, daß er vor der Klarheit dieses Mädchens +eine Scheu empfinde, ja, daß in der gleichmäßigen Ruhe ihrer Augen eine +Art Beleidigung für ihn läge. Es war ein toller Gedanke, aber er hielt +ihn von ihr fern, um ihn dann ganz unvermittelt wieder anzutreiben, +diese Gleichgültigkeit zu mildern, zu überwinden, oder wenigstens zu +entdecken, ob etwa das Mißtrauen des Vaters von diesem auf die Tochter +übertragen worden sei. + +Aber warum? -- Warum? + +Ohne daß er es wußte, war dadurch in sein Benehmen eine Art +Zwiespältigkeit gedrungen; erst eine Scheu, ein ängstliches Achten auf +sich selbst, und dann wieder eine aufspringende Lebhaftigkeit, der +Wunsch, mit sich fortzureißen, zu gefallen. Und durch alles hindurch +bohrte das Gefühl, daß er unausgesetzt und heimlich von den grauen, +unbestechlichen Augen des Konsuls beobachtet würde. + +Nein, diese Familie war nicht zu gewinnen. + +Während des ganzen Abends empfand er nur eine einzige Unbehaglichkeit, +die er gern bannen wollte, und die ihn doch immer wieder zu neuen +Versuchen zwang. + +»Schade,« äußerte Tante Mathilde, die gerade wieder mit kleinen +Mokkatassen hereintrippelte, »ich hätte den amerikanischen Gassenhauer +ganz gern einmal gehört. Denn, nicht wahr, in der Familie schadet das +doch nichts, liebes Fräulein Dewitz?« + +»Wenn Sie gestatten, dann möchte ich Ihnen gern die Melodie vorspielen,« +erbot sich unerwartet Bruno, während er der Tante eine leichte +Verbeugung machte, jedoch gleichzeitig halb ängstlich wieder auf die +Tochter seines Chefs blicken mußte. + +Man war allgemein erstaunt. Der Theologe, der in einem unmodernen, +schwarzen Rock unter der Gardine des Fensters lehnte, rückte besorgt hin +und her. Von musikalischen Fähigkeiten seines Bruders hatte er bis dahin +nichts gewußt. + +»Spielen Sie denn?« fragte Tante Mathilde nicht unfreundlich. + +»Ja -- ein wenig nach dem Gehör.« + +»Sieh -- sieh,« meinte der Konsul, der einen Augenblick durch die Tür +lugte. »Das ist ja interessant.« Er winkte seiner Tochter jovial mit der +Hand zu und ließ sich wieder bei seinem Jugendfreund nieder, von wo die +beiden Alten trotz eifrigen Rauchens aufmerksam auf das Folgende zu +lauschen schienen. + +Und Bruno löste seine Aufgabe meisterhaft. + +Ein frischer, fröhlicher Klang quoll unter seinen Fingern hervor, seine +Hände flogen, voll und melodiös, mit rauschender Begleitung, tönte der +pikante Gassenhauer durch das Zimmer. + +»Yankee doodle went to town.« + +Da teilte sich allen die innere Fröhlichkeit mit. Selbst Dina wandte +sich langsam und blickte den Spielenden erstaunt an; und der kleine +Funke, der ihr Auge vorüberhuschend durchblitzte, feuerte Bruno an, noch +mehr zu wagen. + +Oh, er mußte diese schweigende Abneigung, die hier gegen ihn wirkte, +endlich besiegen, er war doch ein Kind des Glücks, ihm flogen ja sonst +die Herzen zu, und hier sollte -- -- -- er begann plötzlich mit seiner +hellen Stimme den Text des Liedes zu singen. + +»Oh, wie nett,« flüsterte Tante Mathilde, wobei sie Fräulein Dewitz +bezeichnend auf die Schulter tippte; auch der Konsul erschien wieder an +der Tür, scheuerte sich ein wenig am Kinn und kehrte darauf von neuem zu +dem Steuerrat zurück; Dina aber öffnete leise den Mund, und an ihrem +flüchtigen Lächeln erkannte Bruno, daß er der Schweigsamen jetzt besser +gefalle. + +Weiter -- weiter, er mußte sich hier Sympathien erringen. Das Gefühl +verließ ihn nicht mehr, als ob er um sein ganzes ferneres Leben kämpfe. + +Line saß hinter dem Fauteuil der Handarbeitslehrerin und hatte ihr +feines Köpfchen so vorgebeugt, daß ihr Kinn fast auf der Lehne des +Sessels ruhte. Durch das enge, schwarze Kleid hindurch hätte Bruno, wenn +er einen Blick für sie gehabt, das rasche Atmen der jungen Brust +wahrnehmen, er hätte schauen können, wie feucht ihre Augen schimmerten, +und wie dennoch die kleinen, schmalen Füße, unbewußt einem mächtigen +Trieb folgend, nach seiner Melodie auf und nieder zuckten. + +Allein Bruno war von seiner eigenen Erregung bereits hingerissen, und +nur der Theologe, der noch immer, halb von der Gardine verborgen, +schweigend verharrte, beobachtete es allein, und er sah auch, welch ein +schneller, dunkler Blick aus diesen Augen gegen die Tochter des Hauses +züngelte, die immer ahnungsloser und erfreuter vor sich hin lächelte. + + * * * + +Im Herrenzimmer beugte sich der Konsul zu seinem Jugendfreund heran und +raunte ihm etwas ins Ohr. + +Daraufhin musterte der Steuerrat sehr ernsthaft die Gruppe am Flügel, +dann zog er einen schwarzen Hornkneifer hervor, und nachdem er ihn +sorgfältig geputzt, sah er eine Zeitlang angestrengt auf den hübschen, +jungen Menschen, der die anderen dort drin augenscheinlich so angenehm +unterhielt. + +»Na, Julius, was meinst du?« forschte Hollander, indem er sich, beinahe +wie ratlos, hinter dem Ohr kraute. + +»Ja, Kindchen, was ist da viel zu meinen?« entgegnete der alte Herr +leise. Über sein glattrasiertes, feingepudertes Junggesellenantlitz zog +ein schlaues Schmunzeln. Das kannte der Konsul. In seinen langen +Dienstjahren bei dem Hafenzollamt hatte sich sein Freund daran gewöhnt, +den Dingen durch die Emballage zu blicken. Ein durchdringender +Menschenkenner. + +»Na?« + +»Gott, scheinbar ein sehr talentvoller junger Herr.« + +»Schön, aber?« + +»Was, aber?« + +»Menschenskind, ich meinte -- gefällt er dir denn?« + +Der Steuerrat lachte leise in sich hinein. Die Frage schien ihn zu +ergötzen. Dann legte er seinem Schulkameraden sacht die Hand auf das +Knie, und mit gutmütigem Spott kam es heraus: »Will ich ihn denn +heiraten? Aber sieh dir mal die beiden jungen Damen an. Kuck. Die eine +lacht und die andere weint.« + +»I, das wäre ja -- --« Der Konsul sprang auf und warf seine Zigarre +fort. + +»Mir gefällt er im übrigen sehr gut,« schloß der alte Junggeselle, +ironisch blinzelnd. + + * * * + +Der Konsul schritt in das Musikzimmer und stellte sich breitbeinig an +das Instrument, an dem Bruno gerade unter großem Beifall geendet hatte. + +»Bravo -- Bravo!« klatschte der Werftbesitzer schallend in die Hände. + +Bruno stutzte. Die lärmende Anerkennung seines Chefs machte ihn +betroffen. Man konnte aus diesem wunderlichen alten Manne nie so recht +klug werden. Hatte Hollander seinen Gesang vielleicht unpassend +gefunden? Blitzschnell blickte er sich um, um aus den Gesichtern der +anderen möglicherweise die Wahrheit zu erspähen. Allein ringsum +herrschte nichts als Zufriedenheit. + +»Wie frisch und wohllautend Ihre Stimme klingt,« unterbrach Dina die +Stille. »Vielen Dank, Herr Klüth.« Sie wollte ihm die Hand reichen, +allein ihr Vater schob sich wie unbeabsichtigt dazwischen. + +»Schön -- schön -- ausgezeichnet, lieber Klüth -- hätte nicht geglaubt, +daß Sie das auch verstehen -- na also --« er klopfte ihm auf die +Schulter -- »Nun wollen wir aber mal den jungen Damen das Feld räumen. +Wie --?« Damit schlurfte er auf die kleine Line zu, mit der er stets +seinen brummigen Spaß trieb, faßte ihre beiden Hände und zog sie empor. +»Na, wie wär's, Sie kleiner Racker? Da über dem Klavier hängen noch die +beiden Klappern -- Tarantella -- wissen Sie noch? Zu meinem Geburtstag +-- he?« + +»Herr Konsul!« stotterte Line. + +»Na, weshalb weinen Sie denn, Sie kleine Balletteuse?« + +»Ich weine nicht.« + +Unmutig schleuderte sie den hellen Tropfen, der ihr noch an den Wimpern +hing, fort. Dann eilte sie an das Instrument und nahm hastig das Paar +Kastagnetten von der Wand, lehnte sich in die Beugung des Flügels, und +ihre Augen suchten Bruno, als harre sie nur auf ein Zeichen von ihm, um +den schnellen, schlangenhaften Tanz, den sie vor etwa Jahresfrist +gelernt, zu beginnen. + +Sie sah keinen anderen mehr in dem Kreis, nur vor ihm, der so oft ihre +Gedanken beschäftigt, wollte sie aus gekränkter Eitelkeit ihre Künste +zeigen. + +»Sieh -- sieh,« schmunzelte der Steuerrat, der voller Erstaunen in das +Zimmer getreten war, »das wird ja hübsch.« + +»Line,« rief Fräulein Dewitz nun strafend, die an den Ernst der +Situation nicht glauben wollte, während sie sich langsam aus ihrem +Fauteuil erhob. Inzwischen war auch Paul aus seiner Verborgenheit +besorgt zu der Pflegeschwester getreten. Deutlich hatte er die +merkwürdigen Blicke des Steuerrats und des Konsuls gesehen, sowie das +verwunderte, ein wenig überlegene Lächeln Dinas, und wie von ferne hatte +er das Gefühl, als ob diese reichen Leute aus seiner Familie eine Schar +Gaukler zu machen gedächten. + +»Line,« sagte er herb, »der Herr Konsul treibt nur Scherz mit dir.« + +»Es ist überhaupt Zeit, daß wir jetzt gehen,« fügte die +Handarbeitslehrerin bestimmt hinzu und stopfte ihr Taschentuch in das +Gesellschaftstäschchen. + +»Schau? Schau?« bedauerte der Konsul und klopfte Bruno auf den Rücken. +»Hätte Sie gern noch länger bei uns gesehen. Na, aber ein andermal, +lieber Klüth --. Nicht wahr, ein andermal?« + +Allgemein brach man auf. + +Nur Line verharrte noch einen Moment an dem Flügel und legte langsam, +wie im Traum, die Kastagnetten auf die Platte. + +»Line!« rief Fräulein Dewitz ungeduldig. + +Da schreckte sie auf, flog hinter den anderen her und half dem alten +Fräulein, dienstbeflissen wie immer, in den altmodischen Pelzumhang +hinein. + +Der Steuerrat, der einen vornehmen, grauen Zylinder trug, bot Fräulein +Dewitz den Arm. + +Da drängte sich in der letzten Minute noch der Konsul in den Flur und +händigte Line verstohlen ein kleines Paketchen ein. + +»Pst!« bemerkte er und klopfte ihr auf die Backen. »Zum Andenken --« +und mit einer plumpen Verbeugung setzte er für alle laut hinzu: »Gut +Nacht -- gut Nachting -- kommen Sie gut nach Hause.« + + * * * + +Paul und Bruno hatten die beiden Damen bis an die Haustür geleitet. + +Jetzt schritten sie über den dicken, weichen Schnee ihren Weg wieder +zurück. Langsam und schwer fielen die Flocken um sie her. In den engen +Gäßchen hallte kein Laut, neblige Schwärze überall, und nur ganz +vereinzelt brach gespensterhaft das trübe Licht einer Petroleumlampe +durch die dunklen Schleier hindurch. + +»Du,« sagte Bruno endlich, der seinen Arm unter den des Älteren +geschoben, »wollen wir nicht noch in die Weinstube zu Kroll gehen?« + +Jedoch der Kandidat schlug kurz ab. Das sei in der kleinen Stadt nicht +Sitte. Er bat auch den Bruder, solche Vergnügungen künftig nicht auf +eigene Faust zu unternehmen. + +Der andere atmete kurz und nickte dann. Ja, ja, jetzt hieß es ja wieder: +»Strecken nach den Decken.« + +Zu dumm -- wirklich. + +Wieder wanderten sie fürbaß. + +Der Theologe mit schweren Gedanken darüber, ob sich Bruno bei dem ersten +Besuch im Hause seines Chefs nicht zu ungeniert, zu aufdringlich +benommen, und dann auch von der Erinnerung bedrückt, warum wohl der +Konsul die kleine Line zu dem wilden Tanz animiert habe. Ob er seiner +Tochter gegenüber ebenfalls auf diesen Einfall geraten wäre? + +Immer tiefer bohrte er sich in diese ihn verletzende Vorstellung hinein. + +Bei dem Heimgekehrten hingegen hatte sich der Mißmut über die +aufgegebene Weinkneiperei längst wieder verloren. Immer heller wurden +seine Mienen, immer freundlicher seine Gedanken, leise begann er den +Yankee doodle vor sich hinzusummen. + +»Du,« sprach er plötzlich aus seinem Sinnen heraus, »doch eine schöne +Erscheinung, diese Dina, was?« + +Der Theologe verzog die Stirn. »Ja,« entgegnete er langsam, »sie hat +viel innere Vornehmheit.« + +Allein der junge Kaufmann überhörte diese Abwehr. Wohlig schüttelte er +sich in seinem Pelze und stäubte den Schnee von seinen Füßen ab. +»Überhaupt scheint der Konsul ganz in sie vernarrt zu sein. Meinst du +nicht auch?« + +Ungeduldig bewegte der Theologe den Kopf und zog rasch seinen Arm von +dem Bruder fort: »Hier bist du zu Hause,« versetzte er, ohne direkt zu +antworten, »schließ leise auf, damit du nicht störst.« + +»Ach, richtig, solche Nachtexzesse liebt ja der Alte nicht.« + +Nachdem er den Schlüssel in dem alten Holztor umgedreht hatte, reichte +er dem Bruder warm die Hand. Dabei fiel ihm im Zurücktreten ein Licht +auf, das oben aus einem Seitenfenster rötlich durch den Vorhang +dämmerte. Interessiert starrte Bruno hinauf, dann stieß er seinen +Begleiter leicht in die Seite. + +»Da oben schläft sie.« + +Immer peinlicher wurde dem Kandidaten dieses Gespräch. + +»Geh du nun zu Bett, Bruno --« ermahnte er, »aber leise, hörst du?« + +»Ja -- ja -- auf Zehenspitzen -- War doch heute ein hübscher Abend. -- +Was? -- Na, gute Nacht.« + + * * * + +Einsilbig war auch Fräulein Dewitz in ihr Bett gezogen. Auch ihr wollte +die Aufforderung, welche Hollander an ihre Pflegebefohlene gerichtet +hatte, nicht aus dem Sinn, und ohne daß sie es selbst wußte, grollte sie +der kleinen Line dafür, weil so etwas überhaupt geschehen konnte. + +Sie mußte in Zukunft wohl doch besser auf das Mädchen acht geben. Ja, +ja, die Kleine wurde jetzt älter, und die Welt war nach der Ansicht +aller verständigen Leute seit den Jugendtagen des Fräulein Dewitz +erheblich schlechter geworden. + +»Ja, ja, also besser Obacht geben!« + +Damit faltete sie die Hände, rückte ihr schneeweißes Häubchen zurecht, +sprach ihr umständliches Nachtgebet und entschlief. + +Kaum hörte Line das leichte Näseln, so schlich sie in die Küche, um die +Kleider der Lehrerin zum Reinigen hinzuhängen. Mit wenigen Bewegungen +warf sie auch ihr eigenes Gewand ab, dann zog sie rasch das Päckchen aus +der Tasche, das ihr Hollander so heimlich zugesteckt. + +Noch ein rasches Aufhorchen nach der Schlafstube hin, und dann -- + +Ah -- + +Die beiden Kastagnetten. + +Ein heißer Funke begann in Lines schwarzen Augen aufzuglimmen. Im ersten +Moment fingen die hölzernen Dinger ihre Seele. Unbewußt fast nahm sie +das Spielzeug kunstgerecht zwischen die Finger, und ihre rasche +Einbildungskraft trug das Mädchen wieder an den feinen amerikanischen +Flügel des Konsuls, an den Ort, an dem es sich so gern vor dem Einen +hatte zeigen wollen. + +Sanft bog sie die Arme, in einem scharfen Schlag knackten die Hölzer +gegeneinander. + +Line taumelte auf. + +Spurlos war der Traum zerstoben. + +Dann lauschte sie wieder. + +Nein, gottlob, noch drangen die näselnden Töne aus dem gemeinsamen +Alkoven. + +Mit einem entschlossenen Griff packte sie das Geschenk zusammen, öffnete +lautlos das Küchenfenster und warf die Hölzer mit einem kräftigen +Schwung in den tiefen Schnee des Nachbargartens. + +Einen Augenblick weilte sie dann noch vor dem Fensterspalt. Ihr war es, +als ob aus der Ferne eine frische, schmeichelnde Männerstimme +herüberlocke. Über ihre junge Brust schnitt die draußen wehende Kälte, +Schauer rieselten ihr über den Rücken. Vom Kopf bis zu den Füßen begann +sie zu zittern. + + + + +VII + + +»N'abend auch,« wünschte oll Kusemann, als er mit einem höflichen +Schwung seines rechten Beines an einem der folgenden kalten Winterabende +in die ziegelsteingepflasterte Küche der Klüths trat. + +Draußen heulte der Schneesturm und drückte eine Wolke von Kienrauch +herab. + +Um den Herd, auf dem unter einem Messingkessel ein kräftiges Holzfeuer +fauchte, saß die Familie Klüth und flickte eifrig an blauseidenen +Stellnetzen herum, die eine ganz besondere Aufmerksamkeit verlangten. + +Mudding war viel älter geworden. Ihre Haare hatten sich vermindert und +silberweiß gefärbt. Unter ihren Füßen brauchte sie jetzt einen Hüker, +denn Muddings Beine schwollen abendlich an und bereiteten ihr Schmerzen. + +Siebenbrod dagegen hatte seine Hagerkeit abgelegt. Als Hausbesitzer war +er voll und rund geworden; nur seine Hakennase in ihrer roten Pracht +erinnerte noch an die Vergangenheit. + +»N'abend auch,« wünschte oll Kusemann, während er etwas weiter in die +düstere, halberleuchtete Küche hinkte, an deren Ziegelsteinwänden +merkwürdig rote Schatten hinaufkletterten. »Ich soll hier auch einen +schönen Gruß bestellen.« + +Der Lügenlotse zog dabei die Augenbrauen in die Höhe und pfiff, wie wenn +er den hohen Rang seines Auftraggebers andeuten wolle. Dann schüttelte +er von seinem Lotsenmantel eine dicke Lage Schnee ab und ließ sich +prustend und ohne eine Einladung abzuwarten auf einen Schemel nieder. + +Eine Weile blieb es ruhig in dem roten Raum. Man hörte das Holz unter +dem Kessel platzen und vernahm das Geklapper der Netznadeln. + +Oll Kusemann sah verwundert von einem zum andern. Da aber alle still bei +ihrer Arbeit blieben, zog er einen Tonstummel aus dem Mantel, klopfte +die Pfeife vorsichtig an dem Schemel aus, stopfte neuen Tabak, den er +frei aus der Tasche zog, hinein und begann recht zufrieden zu +schmauchen. + +»Jawolling,« äußerte er endlich behaglich, »einen Gruß.« + +»Von wem?« fragte Siebenbrod, der gerade nach einer neuen Spule griff. + +Als oll Kusemann sich nach so langer Zeit gefragt sah, stieß er ein +befriedigtes Knurren aus und pfiff leise. + +»Von einem feinen, feinen Herrn,« gab er wichtig zurück und tat, als ob +er ein großes Geheimnis auspacken könnte. »Ich traf ihn auf dem +Werftbüro.« + +»Wohl unsern Bruno?« warf Mudding rasch dazwischen, ohne daß sich jedoch +ihr unbewegliches Gesicht irgendwie verändert hätte. + +»Nein, beim Vornamen,« meinte der Lotse wichtig, »würd' ich ihn doch +nich mehr so ohne weiteres nennen. Dazu is er mich nun doch zu fein. -- +Ja --« er hustete, blies ein paar künstliche Ringe und blinzelte durch +die Kreise hindurch Siebenbrod verstohlen an. »Ja, was ich sagen wollt', +in den verschiedentlichen Büros erzählen sie nämlich, daß er nun bald +einer von Hollandern seine Stellvertreter werden wird. -- Ja, ja, so was +kommt vor. Und dann -- -- --« Er schluckte und suchte mit seinen +schiefgestellten Augen zu ergründen, ob die Klüths nicht doch einmal +neugierig werden könnten. Aber die Familie flickte gleichmütig fort. + +»Und dann -- hm -- da is ja noch eine Tochter. Na, die Leute sagen woll +bloß so -- aberst so was kommt doch auch vor. Nicht so?« + +Auch diese Nachricht fing nicht. Alle blieben lautlos bei ihrem Werk. +Nur Siebenbrod rührte sich, rückte an dem Kessel und lauschte dann nach +draußen, von wo durch den Sturm hindurch Schweinegrunzen laut wurde. + +Dann fragte er: »Mudding, haben sie all?« womit er das Futter meinte, +und nachdem die kleine Frau bejahend genickt hatte, hörte man wieder +nichts als das Klappern der Nadeln. + +»Na, wenn sie nicht wollen,« dachte der Lügenlotse gleichmütig, streckte +die Beine von sich und fing an, unter mächtigem Dampfblasen für sich +allein zu erzählen. + +»I, warum sollt' so was nicht passieren? -- Ich hab' da man in meine +Jugend gelesen -- von die Kaiserin Katharina; die hat ja woll -- hm -- +na, ihren Kutscher geheiratet -- Und als sie den über hatte, dann alle +paar Monat einen andern Kosaken. Weißt woll noch, Hann? -- Die so viel +Flöh' haben?« + +In diesem Augenblick stieß ein mächtiger Windzug in den Schornstein, das +Feuer flackerte nach allen Seiten auseinander, und eine ätzende +Rauchwolke schlug durch den Raum. + +»Puh,« hustete oll Kusemann. »Nu müßt' man einen Grog für die Kehl' +haben.« + +Auf diese Andeutung blickte Hann schnell zu seiner Mutter hinüber. Doch +die kleine Frau schlug ängstlich die Augen nieder, und Siebenbrod hob +sein Haupt und zählte. + +Nebenan knarrte die Uhr. + +Sieben -- acht -- neun. + +»'s wird Zeit ins Bett, Mudding.« + +»Ja -- ja --« + +»Aber der richtige Augenblick wär's für so einen kleinen +Schlummerpunsch,« faßte der Lotse nach. + +Siebenbrod erhob sich. Dann gähnte er. Er hatte durchaus nicht die +Absicht, diesen ewig durstigen Lügner, der ihn mit seiner Sparsamkeit +aufzog, zu tränken. + +»Ja, oll Kusemann, ich gäb' ihn dir herzlich gern -- aber sieh, wir +haben so was gar nicht. Was, Mudding?« + +Hann zuckte in seiner Ecke zusammen, sprach aber nichts. + +»Na, was steht denn aber in der Delikatessenkiste, die euer feiner Sohn +aus der Stadt geschickt hat, wie er mir heute erzählte?« fragte oll +Kusemann und lachte über das ganze Gesicht vor Freude darüber, daß seine +Frechheit durch nichts zu verblüffen war. + +»Was darin steht?« + +Und Siebenbrod, der noch immer sehr jähzornig war, bekam wirklich seinen +roten Kopf. + +»Die Kist' is noch zu,« knurrte er. -- »Was, Mudding?« Und als die +kleine Frau nicht gleich auf ihn zu hören schien, sondern nur Hann ein +Zeichen gab, ihr die Fußbank fortzunehmen, weil sie aufstehen wollte, da +fuhr er sie heftig an: »Na, Mudding, nu sag' doch was! -- Nu tu doch +eins den Mund auf -- damit er nicht glaubt, ich gäb's ihm bloß nicht +gern --. Nu sag' doch, is die Kist' zu oder is sie nicht zu?« + +Da warf die kleine Frau auf den Lügenlotsen einen einzigen Blick. Der +war so flehend, daß er selbst oll Kusemann betroffen machte und seine +Phantasie veranlaßte, schnell auf ein anderes Gebiet zu springen: »Ja, +und morgen kommt der feine Herr zu euch zu Besuch,« lenkte er +unerschüttert ab. »Morgen -- zum Sonntag -- hat's mir selbst gesagt. -- +Na, da würd' ich morgen die Kist' aufmachen. -- Is'n Gedanke, wie? Is er +denn schon mal bei euch gewesen?« + +»Ne,« knurrte Siebenbrod, während er einen schiefen Seitenblick auf +seine Frau warf, die eben das Licht genommen hatte, um zu leuchten. + +»Also kommt zum erstenmal?« + +»Ja,« murrte der Fischer. + +»Da freut ihr euch woll sehr?« + +»Ja,« schrie Siebenbrod und riß den Leuchter an sich. »Komm, Mudding, +wir müssen morgen früh wieder raus. Und du, Hann, paß auf, bis das Feuer +aus is. Wir sind nich hoch in die Versicherung. -- Fix, Mudding, nicht +so langsam.« + +»Gut' Nacht auch,« wünschte oll Kusemann, wobei er sich höflich +verbeugte. + +»Nacht.« + +Die kleine Frau schlich auf ihren schmerzenden Füßen voran, ihr Mann +klapperte auf seinen Holzpantoffeln hinterher. Dann hörte man die beiden +die Treppe hinaufziehen. + +»Is eigentlich 'n netter Mann, dein Stiefvater,« meinte oll Kusemann im +ernsten Ton. Er schlug die Knie übereinander und schaukelte sich auf +seinem Schemel hin und her. + +Aber wie erstaunte er, als Hann sich erhob, um an ein kleines Eckspind +zu treten, aus dem er eine Flasche hervorzog. In dem Glase schaukelte +goldgelbe Flüssigkeit. + +»Rum?« forschte oll Kusemann, während er die Lippen zum Pfeifen spitzte. + +Wortlos goß Hann aus dem Kessel warmes Wasser in ein Bierglas, warf +Zucker hinein und setzte dann das Ganze als steifen Grog vor seinen +alten Freund nieder. + +»Gott's Blitz --« lobte der und stürzte das Paßglas auf einmal hinunter +und hielt es wieder zum Füllen hin. »Das ist ein Nümmerchen, -- so -- +gut -- Hann, bist doch ein anschlägiger Kopf -- prost -- wirst immer +klüger. Ja, was ich sagen wollt' -- weshalb, meinst woll, daß ich heut' +hierherkomme?« + +»Wohl wegen meiner Gestellungsgeschichte? Übermorgen muß ich hin,« +meinte Hann, der sich inzwischen auf den Stuhl am Herd niedergelassen +hatte, wo er sich über den Flammen die Hände wärmte. + +»Jawoll,« versicherte oll Kusemann nachdenklich, »das is 'ne böse +Geschicht', Jung. Paß auf -- dich nehmen sie. Und dann wirst du nach +Kiel geschickt, als Matros', und wenn dir dann die wilden Völker im +Ozean -- Karolinen heißen sie ja woll -- nich hinterrücks kaput +geschossen haben, denn schneiden dir doch die Mohren in Kamerun ganz +sicher den Kopf ab. Anders is das nich.« + +»Ja, denn laß das so.« + +»Je, Menschenkind -- -- aber gib mich erst noch so'n lütten Grog -- +danke -- ja, hast du denn das menschliche Leben gar nicht lieb?« + +»Oll Kusemann,« sagte Hann und sah mit seinem plumpen Kopf träumerisch +in die Flammen, die kleiner und winziger wurden; »ich hab dich all +längst eins fragen wollen -- aber nu sprich auch ernsthaft -- wozu lebt +man eigentlich?« + +Der Lotse ließ langsam sein Glas sinken und kraute sich dann zweifelhaft +hinter dem Ohr. Endlich spuckte er energisch aus, und als wenn ihm etwas +einfiele, hob er langsam an: »Je -- kuck -- das weiß ich ganz genau. Der +Mensch lebt, damit er kleine Kinder machen soll.« + +»Dazu also bloß?« + +»Ja, Hann, kannst mir's glauben, das is seine nobelste Bestimmung.« + +Der Angeredete nahm einen kleinen Blasebalg und blies damit in das +ersterbende Feuer hinein. Düsterrot zuckte es in der Küche auf. + +Dann starrte er von neuem auf die aufspringenden Funken. + +»Ich glaub', du hast recht, oll Kusemann,« fing er geheimnisvoll an. +»Menschen müssen sein, die dürfen nicht aussterben. Kuck, als ich +neulich so in der Kirch' saß und wie ich all die vielen Beter da drinnen +so gebückt sitzen sah, da fiel mir das mit einmal ein. -- Da dacht' ich, +wenn die Menschens nich wären, dann wär' am Ende auch der liebe Gott +nicht da. Und all das andere Schöne wär' auch nicht da.« + +Allein den Lotsen schien dies feierliche Gespräch ernstlich zu +langweilen. Mit lautem Ruf forderte er Grog, und nachdem er mit Genuß +genippt, bemerkte er schlürfend: »Hann, weißt was? -- Pastor Witt sagt, +du bist ein -- Phi -- --« + +» -- losoph,« ergänzte Hann, »ja, ich weiß.« + +»Na, und wenn sich das so verhält, wie du sagst, denn müssen also ümmer +mehr Menschens auf die Welt kommen, das is klar, damit der liebe Gott +nicht ausstirbt, sondern recht lange bei uns bleibt -- und deshalb, +mein' ich, Hann -- prost Hann -- sehr fein, dein Rum -- wie is das nu +mit eine Braut? Wie? -- Na, wozu sitzt du als Trumpfas und duckst dich +unter den Kessel? Eine muß doch hier sein, die en bißchen weinen tut, +wenn du zu die Karolinen gehst -- oder zu die Mohren? Und auf die kleine +Line rechnest du doch woll nicht mehr? Jung, das wäre ja genau so, wie +ich vorhin sagte: Die Kaiserin Katharina und ein Kosak mit Flöh'. -- Und +das willst du doch nicht sein? Na, prost Hann.« + +Da schlug draußen auf dem verschneiten Hof der Hund an. + +Erst ein wildes Bellen, dann ein kurzes Kläffen, wie wenn er einen +bekannten Tritt spüre. Darauf hörte man deutlich das Rasseln der Kette, +als das Tier beruhigt wieder in seine Hütte zurückkroch. + +»Da kommt wer,« meldete Hann. + +Oll Kusemann mußte lachen: »Ganz richtig, aber, um das zu merken, dazu +braucht man nicht grad' ein Phi -- na, du weißt ja -- zu sein.« + +An die Tür wurde lebhaft geklopft. Und auf des Lotsen »Herein« lugten +zwei Mädchenköpfe durch den Spalt -- ein brauner und ein roter. Über die +Haare hatten sie dunkle Tücher gezogen, und ihre Röcke wirbelten vor dem +nachbrausenden Sturm. + +»Huching,« rief der Lotse erfreut. »Hann -- sieh, Schulmeister Tollen +seine beiden Damens. Na, man immer rein, Kindings -- ihr seid gewiß en +bißchen hinter mir hergelaufen, weil ich so'n hübscher strammer Kerl bün +-- komm, Dirning.« + +Damit zog er die Kleine, die mit den roten Haaren, kräftig neben sich +auf den Schemel, wo das Ding auch ungeniert und die weißen Zähne zeigend +sitzen blieb. + +Unterdessen hatte Hann die Größere, ein etwa zwanzigjähriges Mädchen, +das ein wenig befangen am Eingang stehen geblieben war, ungelenk nach +ihrem Begehr gefragt. Und mit Verlegenheit erhielt er die Antwort. + +Die beiden Schwestern hatten gehofft, noch Mudding Klüth zu treffen. Zu +Hause sei in den Waschkessel ein Loch gebrannt, und da wollten sie +bitten, ob vielleicht -- -- -- + +»Selbstverständlich,« unterbrach oll Kusemann schmunzelnd. »Da steht ja +so'n olles Geschütz. Und wie ich Hann kenne, wird er sich eine Ehre und +eine Aufmerksamkeit daraus machen. -- Was, Jünging?« + +»Ja,« bestätigte Hann. + +Nun trat eine Pause ein, während welcher Hann rasch das kupferne Gerät +von seinem Riegel hob, als dächte er, solch eine Angelegenheit müsse +schleunigst erledigt werden. Doch wieder fuhr oll Kusemann dazwischen. +Er führte die wirklich bildhübsche Klara Toll mit der vollen, +geschmeidigen Gestalt und den sanften, dunkelbraunen Augen erst an Hanns +verlassenem Herdsitz, und nachdem er sie mit einer Verneigung +niedergenötigt hatte, erkundigte er sich lauernd, es sei doch +Damenwäsche, die man morgen kochen wolle. So hübsche Frauenhemden ohne +Ärmel, und mit Krausens oben, und Höschen und schwarze Strümpfe, recht +lang, die sähen besonders gut aus. + +Da stand Hann mit rotem Kopf mitten in der Küche und sah voller Angst +und Scham auf das Mädchen, das sein Antlitz dem Feuer zugewendet hielt, +und um dessen rote Lippen soviel bezwungene Verlegenheit spielte. + +Was war das? -- Ein leichtes Zittern lief über den starken Nacken des +Burschen. + +»Oh -- oll Kusemann,« bat er. + +Und wieder streckte er die Hand nach dem Kessel aus, während Klara Toll +sich bereitwillig zur Empfangnahme erhob. + +»Aber ne,« wehrte oll Kusemann ganz energisch ab, wobei er Hann den +Kessel mit Gewalt abnahm -- »her damit -- erst müssen die jungen Damens +ein Glas Grog mit uns trinken. Erstens aus reiner Menschlichkeit, wegen +der Kälte, und dann -- hört, Kinnings --« er kredenzte jedem der Mädchen +ein Glas --»weil dies ein Abschiedstrunk für Hann is. Der wird nämlich +übermorgen zu den Karolinen verschickt, wo man so leicht totgeschossen +wird, oder zu die Mohren, na, ihr wißt schon, wo die Weibers so +schnurrig umlaufen.« + +Bei dem Worte »Abschied« bemerkte Hann, wie Klara zusammenfuhr. Sie +wandte den Kopf nach ihm. Ihre braunen Augen suchten offen die seinen. +Und feucht und immer feuchter begannen sie zu schimmern, bis eine helle +Träne hervorperlte. Die glänzte wie ein Leuchtkäferchen in dem +Feuerschein. Ohne Scham ließ sie sie zur Erde fallen und griff dann +lächelnd nach dem Grogglase. + +»Worüber weinst du denn, mein süßes Kinding?« fragte oll Kusemann +lauernd. »Er geht ja erst zum April.« + +Da überzog wieder ein froher Schimmer das blühende Gesicht, sie trank +und lächelte vor sich hin und meinte dann leichthin: »Was geht das mich +auch an? -- Zum April werde ich Krankenschwester.« + +So plauderten und lachten die vier Menschen in der räucherigen Küche +noch eine kleine Weile und tranken dazu. Der Lotse rückte enger an die +kleine Rosa heran, legte den Arm um sie und sang: + + »Gib ein Küßchen, rotes Röschen -- + setz dich zu mir auf mein Schößchen.« + +Da lachte der Rotkopf und sagte sehr einfach: »Du Affe,« was oll +Kusemann seinerseits wieder für Erlaubnis genug hielt, ihren roten Kopf +in die Hand zu nehmen und seine wulstigen Lippen darauf zu drücken. + +»Ja, wenn mein Alwining mal selig werden würd', wer weiß, was denn alles +passierte. Aber noch is sie sehr gesund.« + +Das Feuer auf dem Herd begann zu verlöschen. Da besannen sich die +Schwestern darauf, daß sie heimkehren müßten. Zwar sträubten sie sich +erst dagegen, daß Hann sowie der Lotse ihnen den umfangreichen Kessel +tragen helfen wollten, aber als der Bursche, das schwere Metall unter +dem Arm, wortlos in den Schneesturm hinaustrat, folgten ihm alle. + +Jedes laute Wort erstarb vor der Wucht der anstäubenden Schneemassen. +Tief versanken die Wanderer in den weichen, weißen Teppich, und gegen +ihre Köpfe schleuderte die Windsbraut spitze, feste Körner. Hann und +Klara trugen jetzt den Kessel gemeinschaftlich. Von den beiden +Vorauftappenden gewahrten sie nur die dunklen Umrisse. Und schon waren +sie bis in das Inner-Dorf gelangt, als Hann in der schneidenden Stille +ein Wort fand: »Klara, nimm mir's nicht übel. Warum wirst du +Krankenschwester?« + +Nichts von ihren Zügen konnte er in der Dunkelheit erkennen, er hörte +nur ihr flatterndes Kopftuch und die wirbelnden Röcke. + +Sie atmete auf. Wohl wegen der andringenden Luft. + +»Hann, ich weiß auch nicht. Aber man muß doch was haben, worum man sich +kümmern kann.« + +Da nickte Hann. + +»Das is richtig, Klara, das liegt in manchem von uns tief drin. -- Na, +gute Nacht.« + +Sie waren vor dem flachen Lehrerhäuschen angekommen. + +Durch die Schwärze fiel von fernher ein Strahl des roten, drehbaren +Leuchtturmlichtes und ließ auf den vereisten Mauern tausend zuckende +Rubinen aufblitzen. + +Auch Klaras Kopf trat einen Moment blendend und blutrot beleuchtet aus +der Nacht hervor. + +Hann erschrak. + +Doch im nächsten Augenblick bot ihm seine Begleiterin, schon wieder in +Finsternis gehüllt, die Hand. + +»Gute Nacht, Hann, und viel Glück für übermorgen bei der Gestellung!« +tönte ihre ruhige Stimme. + +»Oh -- es kommt alles so -- als es soll, Klara,« gab er zurück. + +Eine kleine Weile standen beide Hand in Hand. Dann tauchten zwei +Schatten auf. + +»Nu fixing, Kinnings,« trieb der hinzutretende Lotse und trennte sie. + + + + +VIII + + +Es war früh am Sonntag morgen, als Bruno mit der Bitte zu Fräulein +Dewitz ins Zimmer trat, ob Line ihn nicht zu einem Besuch bei den Eltern +in Moorluke begleiten dürfe. Sein Bruder Paul, an den er ebenfalls +gedacht, wäre in der Kirche. + +»Ja, ja,« schob Fräulein Dewitz beifällig dazwischen, »den Gottesdienst +versäumt Ihr Herr Bruder nie.« + +Und unten vor dem Hause, berichtete der junge Kaufmann weiter, warte +bereits des Konsuls Schlitten, den ihm sein Chef, damit sich die Pferde +einmal auslaufen könnten, zur Verfügung gestellt. + +Im selben Augenblick hörte man wie zur Bekräftigung lautes +Schellengeläute. + +Line stand wie erstarrt. + +Die Hände preßte sie gegen ihre Brust, wie wenn sie sich selbst +zurückhalten, bezähmen wolle, damit sie dem hübschen, frischen Menschen +nicht um den Hals falle. + +In einem Schlitten -- aus der Stadt heraus -- entzogen der ewigen Obhut +der Lehrerin, sich austummeln können, und zwar mit ihm, den sie so gern +hatte! + +Oh, vergessen, wie weggeweht war die Vernachlässigung, die er ihr so +lange hatte angedeihen lassen -- und wenn es auch nur ein Tag war -- ein +einziger -- nur einmal fort aus dieser Unterordnung und Verstellung. + +Unter ihrem hübschen, blauen Kleide klopfte ihr das Herz vor Aufregung. +Abwechselnd rot und blaß erwartete sie die Entscheidung ihrer Herrin. +Wenn die nun »nein« sagte? -- + +Fräulein Dewitz hatte inzwischen nachgerechnet. Aber sie vermochte trotz +aller Regeln des kleinstädtischen Anstandes keinen Grund zur Weigerung +zu finden. Es handelte sich ja am letzten Ende um Bruder und Schwester, +und der Ausflug währte nur wenige Stunden, führte zudem in das +Elternhaus, und vor allen Dingen: der Schlitten war extra von dem Konsul +gestellt. Das entschied. + +Einen Moment schoß es ihr zwar noch durch den Kopf, warum der +wohlerzogene junge Mann nicht auch sie selbst zu dieser Fahrt invitiere, +aber dann kam ihr der schmeichelhafte Gedanke, daß er wohl nur nicht +wage, sie, das Fräulein Dewitz, in sein Elternhaus zu führen. + +»Schön -- schön.« + +Mit gutmütigem Kopfnicken erteilte sie die Erlaubnis, reichte dem +galanten jungen Herrn würdevoll die Finger zum Handkuß, freute sich an +seiner tiefen Verbeugung, und nachdem sie ihn noch gebeten, ja nicht +ihre Grüße an seine Mutter zu vergessen, schärfte sie ihm besonders ein, +daß Line punkt neun Uhr zu Hause sein müßte. + +»Nicht später -- nicht wahr, Sie verstehen mich, mein lieber Herr +Klüth?« + +»Gewiß, vollkommen, gnädiges Fräulein.« + + * * * + +So saßen denn die Geschwister, dicht nebeneinander, wohlverpackt in dem +leichten, eleganten Schlitten. + +Strahlender Sonnenschein, blauer, heller Frost war dem Unwetter von +gestern gefolgt. + +Die beiden Rappen wieherten laut in die leuchtende Weiße hinein, +pfeilschnell, schnurgerade schoß der Schlitten über die funkelnde Bahn +der Chaussee, die auf einem Umweg über das Klosterdorf führte. + +Da fiel es Bruno, über dem gleichfalls die ganze Glückseligkeit dieses +Wintertages lag, auf, daß seine Begleiterin so mäuschenstill neben ihm +verharre. + +Verwundert blickte er auf sie hin. + +Das war doch seltsam. Da saß sie, als wenn sie ihn, den Kutscher, den +Schlitten, die beiden schnaubenden Rosse, alles Leben überhaupt ganz +vergessen hätte. Den Kopf hielt sie vorgebeugt, die Lippen waren leicht +geöffnet, als schlürfe sie die pfeifende Luft wonnetrunken ein, die +Augen blitzten immer geradeaus auf die glitzernde Strecke, starr, +erwartungsvoll, ein unerhörtes Wunder heischend. + +Bruno wurde von dem Bild gefangen. Was konnte das bedeuten? + +Er wußte nicht, daß diese sieben Jahre der Knechtschaft plötzlich von +ihr abfielen, daß hier auf den stillen, freien Feldern ein +freigewordenes, sich auf sich selbst besinnendes Weib neben ihm sitze. + +»Line,« murmelte er erstaunt, da ihr Schweigen ihn immer mehr +befremdete. + +Da lächelte sie beinah unwillig und schüttelte den Kopf, wie wenn der +Traum noch weiter klingen solle. + +Seltsam. + +Er konnte den Blick nicht von ihr abwenden, und dabei fiel ihm ein, daß +dieses schlanke, so ganz eigenartige Geschöpf viele Jahre aus seinen +Gedanken entschwunden gewesen, verdrängt von den sich jagenden +Eindrücken der großen Stadt. + +Was mochte wohl aus ihr geworden sein? + +Er hatte sich nicht einmal Mühe gegeben, sich danach bei seinem älteren +Bruder zu erkundigen. Allerdings, so sagte er sich, wie konnte sie sich +auch sonderlich entwickelt haben? In ihrer abhängigen, fast dienenden +Stellung bei einer alten Handarbeitslehrerin? Nein! + +Aber elegant sah sie aus. Sehr vornehm. Und das schmeichelte seinem auf +das Äußerliche stark gerichteten Sinn. + +Wie voll und dabei doch schlank sie dies graue, weiche Pelzjäckchen +erscheinen ließ. + +Vorsichtig prüfend strichen seine behandschuhten Finger an dem +Rauchwerke hinunter und fuhren zurück, als sie den runden, festen +Frauenarm spürten. + +Seine Nachbarin sah ihn im selben Moment an. Ein rascher Blick streifte +sein Gesicht, dann rückte sie näher zu ihm und schaute wieder zu ihm +auf. + +Bruno stutzte. + +Ihre roten Lippen schienen ihn verspotten zu wollen. Im nächsten +Augenblick aber brauste plötzlich der ganze glückselige Rausch der +Jugend in ihm empor. + +Alle Bedenken, daß dies seine Pflegeschwester wäre, die sich ihm +anvertraut, übersprang er. + +Zuversichtlich zwirbelte er sich den Schnurrbart und legte, wie +zufällig, seinen Arm um ihre Schultern. + +»Nein,« sagte sie spöttisch und schob kräftig seine Hand zurück. + +Das brachte Bruno zur Besinnung. Siedendheiß stieg es ihm in die +Schläfe. Zur rechten Zeit fiel ihm ein, was er eben beinahe gewagt, und +wie seltsam sich die Kleine dabei benommen hätte. Abwehrend, und doch -- + +Mein Gott, was mochte sich nur hinter dieser weißen, von schwarzen +Haaren umringten Stirn abspielen? + +Da schreckte sie ihn von neuem auf. + +»Hast du Geld?« + +»Ja, wozu?« + +»Sieh -- den Leierkastenmann da auf dem Prellstein -- mit dem Stelzfuß +-- gib was.« + +Er schüttelte sein Portemonnaie über ihrem Schoß aus. + +Es waren lauter Talerstücke darin. + +»Schenkst du mir was davon?« flüsterte sie in höchster Eile. + +Er vermochte nur noch ein »Ja« zu stammeln. + +Da hatte sie auch schon mit einem erstickten Jauchzen drei, vier der +Münzen in den Händen, schüttelte sie, ließ sie klingen, und plötzlich +hochaufgerichtet, schleuderte sie mit einer kräftigen Bewegung ein +Silberstück nach dem Veteranen hin. + +Die Leier kreischte auf. + +»Danke,« scholl es herüber. + +Und noch eins -- und noch eins. + +Der Stelzfuß schwenkte seine Mütze. -- »Hurra,« verklang es. + +»Ah -- das war schön -- das war schön!« sank Line in ihren Sitz zurück. + +»Line,« stotterte Bruno. Aber seine Augen blitzten, die wilde Tollheit +des Mädchens hatte ihn angesteckt. Krampfhaft drückte er ihr beide Hände +unter der Decke. + +»Ah -- das war schön -- das war schön,« wiederholte sie wie berauscht +und schloß die Augen. Gleich darauf entzog sie ihm hastig ihre Finger. +»Laß das,« verbot sie ihm herb, und zwischen ihren Augenbrauen erschien +eine Falte. »Wozu soll das?« + +Da hielt der Schlitten. + +Mehrere Gefährte, die auf der Landstraße vor einem schmucken Krug +hielten, sperrten den Weg. + +»Wollen wir auch einen Augenblick da hinein, Kleine?« fragte Bruno, wie +wenn er sich auf andere Gedanken bringen wollte, »denn Vater Siebenbrod +wird uns doch gewiß vor dem Mittag nichts Warmes vorsetzen,« und als +Line erfreut mit einem Ruck hochsprang, half er ihr aus dem Gefährt +herab. + +Er nahm noch wahr, wie fein und schmal ihr Fuß sei, als sie die Röcke +ein wenig schürzte. + +»Ein prachtvolles Mädel,« dachte er, »um einen toll zu machen. Aber +sachte, sachte.« + +Bald saßen sie in dem Krugzimmer an einem Tisch am Fenster. + +Es war ein kahler, lichtblauer Raum. Nicht ein Bild hing an den Wänden, +nur im Sonnenschein konnte man eine Herde Winterfliegen bemerken, die +unbeweglich ihren langen Schlaf hielten. + +Aus der Ecke feuerte ein eiserner Ofen rotglühende Hitze. Aus dem +Nebensaal drang das Gemurmel zechender Menschen. + +Erst schauten die beiden schweigend eine Weile auf die schneeweiße +Landstraße hinaus, wo ihre Schlittenpferde unter den Decken dampften, +dann brachte eine halbwüchsige Wirtstochter Glühwein, und die beiden +jungen Leute stießen miteinander an. Sie blickten sich dabei in die +Augen, der junge Mann herausfordernd, als ob er auf des jungen Mädchens +Gesundheit tränke, was sie nur schnippisch und mit einem Achselzucken +aufnahm. Wohlig strömte das heiße Getränk ihnen durch die Glieder. Line +reckte sich, ihre Wangen, auf denen im Sonnenlicht ein feiner Flaum +zitterte, färbten sich dunkler. Mit einer raschen Bewegung zog sie den +Handschuh von der einen Hand und klatschte ihrem Begleiter damit leicht +auf die Finger. + +»Du,« forderte sie, indem sie sich ein wenig über den Tisch bog, »eh' es +langweilig wird, erzähl' was. Von dir.« + +»Von mir?« + +»Ja, weißt du noch, wie wir damals, bevor du zu Hollander gingst, +zusammen auf der Mauer im Hain saßen, und was du mir da alles +erzähltest? Sag' mal, ist davon schon etwas in Erfüllung gegangen? -- +Hast du Hoffnung, bald reich zu werden?« + +Bruno warf sich in die Brust und drehte überlegen an seinen goldenen +Ringen. + +»Ich habe vorläufig viertausend Mark Gehalt,« warf er stolz hin, während +er sich unternehmend durch sein Gelock fuhr. + +»Das ist nicht viel,« äußerte sie bestimmt. + +Er wurde eifrig. + +»Aber in wenig Wochen schon werd' ich Prokurist.« + +»Bekommst du dann mehr?« + +»Viel mehr.« + +»Gut -- das ist recht -- und dann --« sie lehnte sich hintenüber, hielt +ihren Kopf mit beiden Händen und blinzelte ihn spöttisch an, »dann +heiratest du Dina Hollander.« + +Bestürzt fuhr er zurück, glühend rot vor Ärger darüber, weil ihn dieses +merkwürdige Wesen durchschauen wollte, und daneben schmeichelte es ihm +doch nicht wenig, daß sein Name mit dem der Konsulstochter überhaupt in +eine Verbindung gebracht werden konnte. + +»Woher willst du das wissen?« fragte er nichtsdestoweniger von oben +herab »Das werde ich doch nicht jedem auf die Nase binden!« + +Sie maß ihn mit einem halb mitleidigen Lächeln. + +»Du glaubst doch wohl nicht, Bruno, daß man dir das damals bei +Hollanders nicht anmerken konnte? Dann, laß dir sagen, ich habe es auf +den ersten Blick gesehen!« + +»Du?« + +»Ich -- jawohl.« + +»Donnerwetter,« entfuhr es ihm unwillkürlich, und er starrte auf die +schwarze, kleine Hexe ganz fassungslos, die sich bedächtig auf ihrem +Stuhl schaukelte, heimlich sich an seiner Verblüffung weidend. + +Herrgott, Herrgott, was war nur aus ihr geworden. + +»Mädel, wie alt bist du denn eigentlich?« stammelte er zuletzt. + +»Einundzwanzig.« + +»Dein Wohlsein,« fuhr sie fort, indem sie, wie im Hohn, das Glas gegen +ihn hob und ihn durch die scharfgeschliffenen Ränder mit einem +zugekniffenen Auge anblinzelte. »Ah, das macht warm.« + +Damit dehnte sie ihre Glieder, erhob sich und schritt ein paarmal mit +ihrem leicht wiegenden Gang im Zimmer umher. + +Immer gefolgt von seinen Blicken, die sich an ihren Bewegungen +entzündeten. + +»Ein schönes -- schönes Mädel,« dachte er wieder. -- + +Plötzlich klingelte Musik durch seine Gedanken. Klirrend und klimpernd +begann der Musikautomat aus der Ecke eine Melodie abzuschnurren. + +Mit vorgebeugtem Leib, den Kopf nach ihrem Gefährten gewendet und den +Finger leicht gegen die roten Lippen gelehnt, während die andere Hand +noch an der Öffnung weilte, durch die sie eben die kleine Münze +geschoben, so sah Bruno das zierliche Mädchen lauschen. + +»Line.« + +»Pst -- der Faustwalzer.« + +Mit einer raschen Gebärde schürzte sie den Rock und machte ein paar +Tanzschritte. Er sah die reizenden kleinen Füße sich drehen, da hielt er +sich nicht länger. Mit einem lauten Freudenruf eilte er auf sie zu, +wollte ihr als Tänzer seinen Arm um ihre Hüfte schlingen, -- allein da +stockte sie, wurzelte unbeweglich fest und schickte einen finsteren +Blick zu ihm empor. »Du,« sprach sie scharf, »ich verbat mir das schon +einmal.« + +Und da steckte auch schon Friedrich, der Kutscher, seinen Kopf in die +Stube hinein. + +»Na?« fragte er wartend. + +»Jawohl, wir kommen,« versetzte Line, und ihrem Begleiter die Bezahlung +überlassend, schritt sie aufgerichtet auf die Landstraße hinaus, ohne +auch nur den Kopf nach dem Verlassenen zurückzuwenden. + + + + +IX + + +Das war ein langweiliges, hinschleichendes Mittagbrot, das da in der +großen guten Stube des Lotsenhäuschens eingenommen wurde, und die beiden +Kinder, Bruno und Line, atmeten heimlich auf, als Mudding endlich sagte: +»So, Siebenbrod, jetzt sagst du wohl gesegnete Mahlzeit.« + +Das tat der Zesnerfischer auch mit merklicher Erleichterung, denn diese +beiden feingekleideten Menschen waren ihm so unbehaglich, als irgend +möglich. Vor allen Dingen, weil er sich genierte, vor ihnen zu essen, so +daß er auch heute im stillen einen gewaltigen Hunger spürte. + +»Na, sie werden woll so bald nich wiederkommen,« dachte er. + +Auch Mudding, die sich doch im Herzen so sehr über ihren Heimgekehrten +freute, sprach niemals viel, und heute wurde ihr Geist noch besonders +oft durch die Frage abgelenkt, ob auch alles, was ihr Bruno von sich +mitgeteilt, recht und billig wäre, und ob sich seine kühnen Hoffnungen +wohl erfüllen könnten. + +»Ach lieber Gott -- laß mich das noch erleben,« dachte sie innerlich und +faltete wie von ungefähr die Hände, obwohl sich in ihrem unbewegten +Gesicht nichts regte. So hatte am Tisch eine steife Gezwungenheit +geherrscht, denn Hann in seinem blauen Sonntagswams vermochte +gleichfalls nur, seinen Geschwistern von Zeit zu Zeit die Schüssel zu +reichen, oder die Bierflaschen zu entkorken, die Siebenbrod heute extra +»spendiert« hatte. In ihre Gespräche jedoch, die sie ausschließlich für +sich allein führten, wagte er sich nicht zu mischen. Da klang ihm ein zu +fremder, zu hoher Ton hindurch, und so saß er nachdenklich da und +überlegte, wie gut die beiden zueinander paßten. + +Ja, das waren frohe, lebendige Leute; die kamen in der feinen Welt +zurecht, und über Bruno lachte auch Line nicht, wie stets über Hann. + +Das wenigstens hatte er gleich gemerkt. + +Ja, ja, so war das wohl auch alles recht gut. + +Nach Tisch machte Line den Vorschlag, ein bißchen im Dorf +herumzuwandern. Und als Bruno, ganz erlöst, beigepflichtet hatte, schloß +sich auch Hann an. + +Er hatte kaum bemerkt, daß gar keine Aufforderung dazu an ihn ergangen +war. + +Draußen war es noch hell. + +Vom Kirchturm schlug es gerade drei, als sie sich nebeneinander auf den +Weg machten. + +Nichts gleicht der Feiertagsruhe eines Ostseedorfes um die Winterzeit, +wenn die Sonne im blauen Luftmeer bereits blasser wird, und der Wind auf +den silberblitzenden, niedrigen Dächern eingeschlafen scheint. Eine +wohlige Ruhe und Stille überall. -- Man hört die Schneeflocke fallen, die +sich zuweilen von einer vorspringenden Schindel löst. + +Als die drei in die einzige Gasse einbogen, die auf beiden Seiten von +kleinen Fischerkaten besetzt ist und, lang verlaufend, bis zum Kirchhof +führt, berührte Hann den Arm seines Bruders. + +»Hör',« fragte er wichtig, »willst du vielleicht Vatings Grab sehen?« + +Dar war doch nun wieder ein ganz dummer Einfall des Tölpels. Verstimmt +blieb Bruno stehen und blickte voll Verlegenheit zu Line hinüber, die +Hann mit ganz erschrockenen Augen maß: -- Jetzt -- an diesem einzigen +freien Nachmittag unter Grabkreuzen? + +Aber da fragte der junge Kaufmann bereits, ob der Kirchhof nicht doch zu +dick verschneit sei, und Hann lenkte sofort schwerfällig nickend ein: +»Ja, ja mit euren Stiefeln ist da wohl nicht durchzukommen -- wollen's +lieber lassen.« + +Line atmete tief auf, sah aber doch noch öfter furchtsam auf den +Friedhof hin. Weiter schritten sie, aber für die nächsten Minuten war +doch die Stimmung gestört. Sie unterbrachen das Schweigen erst wieder, +als unvermutet zweistimmiger Gesang auftönte, und jetzt erkannten die +Spaziergänger auch, wie vor der Dorfschule zwei junge Mädchen auf und +nieder wanderten, beide Arm in Arm, und eifrig, wenn auch mit halber +Stimme, singend. + +»Das tun sie hier öfters Sonntags nachmittags,« erklärte Hann. + +Noch kehrten die beiden Frauengestalten den Ankömmlingen den Rücken, +doch unterschied man bereits deutlich den Text des Liedes, der nicht +gerade aufheiternd und munter klang: + + »Morgenrot, + Leuchtest mir zum frühen Tod? + Bald wird die Trompete blasen, + Dann ich muß mein Leben lassen, + Ich und mancher Kamerad.« + +»Ja,« sagte Hann sehr befriedigt, nachdem er andächtig gelauscht hatte, +»Klara und Rosa Toll haben hier die schönsten Stimmen. Wenn sie im +Kirchenchor singen, dann geh' ich jedesmal hin.« + +Und in seinem inneren Vergnügen nickte er noch ein paarmal bekräftigend +und übersah dabei, wie Line ihren Begleiter mit dem Ellbogen in die +Seite stieß, und als der sie verwundert anblickte, wie sie mit den Augen +heimlich nach dem größeren der beiden Mädchen hinüberzwinkerte. + +Da mußte Bruno auflachen. + +Nun begrüßte man sich gegenseitig, die Schulmeisterstöchter knicksten +vor den feinen Städtern, und Line klopfte der schönen Klara Toll so +mütterlich die Wange, daß die also Behandelte, die ein wenig größer als +Line war, verlegen ihren Blick auf den Boden lenkte. + +Darauf erkundigte sich Bruno, warum die Mädchen ein so trauriges +Soldatenlied gesungen, und während die Ältere nicht mit der Sprache +herauswollte, und nur ein tiefes Rot langsam in ihre Wangen stieg, +begann der Rotkopf ungeniert zu plaudern: Hann Klüth hätte ihnen gestern +abend davon erzählt, daß er sich morgen in der Stadt zum Militär stellen +müsse, und nun hätten die beiden Schwestern gerade davon gesprochen, und +mit einmal hätte Klara angefangen, das Lied zu singen. Sie aber wäre nur +so zur Begleitung eingefallen. + +»O -- nicht doch,« stammelte Hann und machte eine Bewegung, als wolle er +nach der Hand der Größeren greifen, besann sich jedoch und steckte seine +Rechte plump in die Tasche. + +Da schlug vom Kirchturm die Uhr, und die beiden Parteien trennten sich. + +Die Sperlinge, die auf der Dorfstraße und auf den Ästen der weißen +Pappeln saßen, schrien matter, der Schnee begann sich blauviolett zu +färben. + +»Sieh,« sagte Line zu Bruno, da sie auf die öden, knackenden Wiesen +traten, die sich bis an die zugefrorene See hinabgezogen. »Da drüben.« + +Da glühte im roten Licht die Klosterruine, die für die beiden jungen +Menschen so viele Erinnerungen barg, herüber, von ihren Schneemassen +rann purpurnes Feuer herab, wie ein ungeheurer, weißer Korallenwald +standen die kahlen Eichengerippe um das Mauerwerk herum. + +»Da,« sprach Line noch einmal und sah ihren Gefährten von damals mit +einem flüchtigen Blicke an. + +Bruno stutzte. + +Plötzlich begann ihm das Herz wild zu klopfen, die Erinnerung stieg in +ihm auf. Jetzt, ja jetzt hätte er die lockende Gestalt in dem grauen +Pelzjackett wild an sein Herz gerissen, wenn -- ja, wenn nicht dieser +störende Tölpel neben ihnen gestanden, der sie beide immer so +nachdenklich betrachtete. + +Aus der eben verlassenen Dorfstraße trug dazu der Wind eine neue +Liedstrophe herüber. Die beiden Lehrerstöchter fuhren wohl in ihrem +stillen Sonntagsvergnügen fort: + + »Kaum gedacht, + Ward der Lust ein End' gemacht. + Gestern noch auf stolzen Rossen, + Heute durch die Brust geschossen, + Morgen in das kühle Grab!« + + -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- + +»Pst! Für'n Sechser Ruhe!« rief eine heisere Stimme ärgerlich +dazwischen. + +Aus seiner bretternen Wachthütte, die eigentlich eine Badezelle gewesen, +streckte oll Kusemann seinen geölten und frisierten Kopf heraus und +legte noch den Finger an die Lippen, um auch pantomimisch anzudeuten, +daß er einer Beschäftigung obliege, bei der er keine Störung vertragen +könne. + +»Oll Kusemann, was machst du hier am Sonntag? Und noch dazu, wo der +Bodden zugefroren is und gar kein Schiff in Sicht kommen kann?« fragte +Hann nähertretend und steckte seinen Kopf in den engen Spalt der Tür, +die oll Kusemann ihm eben brummig vor der Nase zuschlagen wollte. »Und +wozu hast du die beiden Flintens da in der Ecke?« + +»I, die beöl' ich mir 'n bischen,« brummte der Lotse ausweichend und +beäugelte mit seinem schiefen Blick die beiden Städter. »Für die Dinger +is Öl dasselbe, was für uns Lebendige Rotspohn is.« + +»Oll Kusemann,« fuhr Hann strafend fort, »auf Ludwigsburg drüben ist +Jagd, und du lauerst hier bloß darauf, daß sich über das Eis fort wieder +was zu dir verlaufen soll. Hast du nicht vorigen Monat erst deswegen vor +Gericht gestanden?« + +»Ja, aber ich bin freigesprochen,« triumphierte oll Kusemann, indem er +sich schmunzelnd seinen spitzen Kinnbart strich, »und der Präsident hat +mir noch eine Zigarre dafür geschenkt, weil ich so'n oller nützlicher +Mitbürger wär', der die fatalen Seehunde hier wegputzt.« + +Aber ehe sich noch ein anderer in das Gespräch mischen konnte, winkte +der Lotse plötzlich lebhaft mit Händen und Beinen ab, sprang in die +Ecke, ergriff eine der Flinten, pflanzte sich in die Türöffnung und +starrte aufgeregt über das Eis des Boddens. + +Über die graue Fläche fuhr im rasenden Lauf ein schwarzer Punkt. + +»Das ist doch kein Seehund?« rief Hann zornig und wollte nach dem Lauf +der Büchse greifen, aber der Lotse schüttelte verächtlich den Kopf: »Was +sonst? -- Das is einer, wie er leibt und lebt!« + +Nun kam die Jagdlust über die kleine Schar. Immer gespannter verfolgten +sie den sich nähernden Farbenfleck. + +»Jetzt,« murmelte der Lotse und hob das Gewehr. + +Da schwankte zu seiner Verwunderung ein zweiter Lauf neben dem seinen. + +Line war unvermutet in die Hütte gesprungen, riß jetzt die Waffe an ihre +Wange und stammelte mit blitzenden Augen: »Ich auch, ich auch.« + +»Kannst du denn zielen?« stieß Bruno hervor. + +»Weiß nicht.« + +»Dann laß mich visieren, -- so.« + +Er beugte seinen Kopf dicht hinter ihren Nacken und stützte mit der +linken Hand den Kolben. Ohne daß sie darauf zu achten schien, lehnte sie +so voll in seinen Armen, daß sein Mund, wenn er es gewagt hätte, die +Haut ihres Nackens hätte berühren können. + +Oll Kusemann schmunzelte: »Wer trifft, kriegt von dem schönen Fräulein +ein Küssing. -- Ich treffe, bautz.« + +Der Schnee stäubte auf, der Farbenfleck fuhr seitwärts; »kuck«, brummte +der Lotse verblüfft und schob sich die Mütze in den Nacken. + +Da krachte der zweite Schuß. + +»Liegt -- liegt,« schrien plötzlich Hann und oll Kusemann gleich zwei +Besessenen, und im Wettlauf stürmten sie auf die beschneite Fläche, weil +jeder den toten »Seehund« für seine Partei zu requirieren gedachte. + +In der Hütte blieben die beiden Sieger allein. Bruno faßte sich an die +hämmernde Schläfe. Ob er sich jetzt seinen Schützenlohn holte? Sachte, +indem er glaubte, Line bemerke es nicht, zog er die Tür hinter sich zu, +so daß das Rotlicht der scheidenden Wintersonne nur noch durch das +kleine Guckfenster fallen konnte. Dann zögerte er wieder -- einen +Schritt kaum von ihm getrennt, stellte das Mädchen ihr Gewehr in die +Ecke. Deutlich sah er die schöne Rundung ihrer Glieder, als sie sich +bückte. Da kam seine kecke Wagelaune über ihn. Tausend Nerven prickelten +ihm in den Armen, kaum wußte er noch, was er tat; tief aufatmend drängte +er sich an ihre Seite. + +Doch dieser Atemzug verriet ihn. Kräftig raffte sie sich auf und sah ihn +groß an. »Weshalb hast du die Tür geschlossen?« fragte sie rauh. + +Er schüttelte den Kopf und blieb wirr und unentschlossen vor ihr stehen. + +Mit dem Fuß stieß sie die Tür auf. + +»Ich hab's nicht gern im Dunkeln,« sagte sie mit einem feindseligen +Blick, und wieder schoß ihr der Gedanke an Dina widerwärtig durch den +Kopf; dann lachte sie kurz und trocken auf: »Da bringen sie den +Seehund.« + +Sehr demütig und kleinlaut schlich oll Kusemann heran, obwohl er seinem +ungelenken Gefährten bei der Ergreifung des Seeungeheuers zuvorgekommen +war. Aus seinem Wams guckte ein langohriges Köpfchen heraus. + +»Verfluchtet Pech,« wimmerte er, »'s richtig wieder ein Hase. Da kann +man nun die besten Absichten haben, die allerreellsten, aber gegen +Mallöhr is nich aufzukommen. Na adjüssing.« + +So schlich er mit dem unwillkommenen Braten betrübt seinem Häuschen zu, +ehrwürdig, als »oller nützlicher Mitbürger.« + + * * * + +In tiefer Dunkelheit fuhren Line und Bruno in einem geschlossenen +Schlittenkasten heim, den man sich erst vom Krugwirt hatte borgen +müssen, da ihr eigenes Gefährt auf Wunsch des Konsuls noch bei +Tageshelle den Heimweg angetreten. + +So hockte denn Hann, der sich willig dazu erboten, in seinem zottigen +Schifferpelz auf dem Bock und schwang die Peitsche. Von drinnen hörte er +undeutlich die Stimmen seiner Passagiere, doch er wendete sich nicht um: +»Nich horchen,« dachte er, »das paßt sich nich.« + +Aber was er sich selbst nicht verbieten konnte, das waren seine +Gedanken, die immer wieder zu seinen Mitfahrenden in den klappernden +Schlitten hineinstiegen. + +»Passen gut zusammen,« dachte er. »Was kann er gut mit Reden fort und +sie -- so hübsch, und gewachsen wie so'n schieres, glattes Füllen -- ja, +ja, man möcht' ordentlich eins überstreichen.« + +Hier stockte er, erschrak und schämte sich. + +Ach, es war ja das Unglück dieses nachdenklichen Bauern, daß ein +schlichter, tiefer Schönheitssinn in ihm lebte, und daß er dieses junge, +blühende Mädchen da drinnen von seiner Jugend an als das Übermaß +weiblicher Vollendung zu verehren gewohnt war. + +»Und wie sie sich in den Hüften dreht,« dachte er bewundernd weiter. + +»Hüh,« schrie er wütend dazwischen. Aber im nächsten Moment kehrten +seine Gedanken in Wasserstiefeln schon wieder zurück. »Ob Bruno ihr aber +auch gut is? Ja, ja, das ist 'ne verfluchte Geschichte, und ob er es +auch ganz treu und ehrlich meint?« + +»Hüh,« schrie er wieder, und der Schlitten klingelte weiter durch +Dunkelheit und Mondschein. + + -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- + +Drinnen sprach derweil die schwarzbraune Hexe ihren Zauberspruch. + +Es klapperten die Scheiben, es quietschten die Lederhüllen und ließen +die kalte Luft fast ungehindert herein. Line hauchte ein paarmal vor +sich hin, um im vorüberhuschenden Mondlicht ihren Atem dampfen zu sehen, +dann fröstelte sie zusammen, bis sie sich endlich, Wärme suchend, in +sich selbst einkauerte, ohne bemerken zu wollen, wie ihr Gefährte fast +atemlos neben ihr saß, betört und bezaubert von dieser widerspenstigen +Schönheit. Mit Gewalt suchte er sich von seinen schlechten Gedanken +abzubringen. + +»Bist du müde?« fragte er. + +»Ja.« + +Er berührte zaghaft ihren Arm. + +Ärgerlich zuckte sie den Ellbogen zur Höhe: »Was willst du?« + +»Ich wollte dich nur einmal fragen, was du eigentlich in diesen sieben +Jahren getrieben hast? -- Es interessiert mich so.« + +»Gott, gelernt und gelesen hab' ich, das merkst du doch wohl, und tu's +auch heute noch.« + +»Und zu welchem Zweck?« + +»Wie du auch fragst?« lachte sie und warf die Lippen auf. »Damit ich in +die Höhe kommen kann. Das ist doch selbstverständlich. Paß mal auf, so +wie dir, wird's mir auch glücken. Ich bin ja nicht häßlich.« + +»Nein, bei Gott, das ist sie nicht,« schoß es Bruno durch die erregten +Sinne, nur wild, widerspenstig und berechnend, wie es ihm scheinen +wollte, und sich näher zu ihr vorbeugend, drängte er weiter: »Willst du +denn irgendeinen Beruf ergreifen?« Da traf ihn schon wieder solch ein +feindseliger Blick. + +»Wenn ich nicht durch eine Heirat mein Glück mache, dann gewiß. Bei +Fräulein Dewitz bleibe ich nicht länger. Das kann mir keiner verdenken. +Aber weißt du was?« -- Sie schmiegte sich plötzlich an ihn und senkte +das Köpfchen auf die Brust, als gälte es ein Geheimnis. Und es bedeutete +auch wirklich eines. + +»Da waren neulich die Hofschauspieler aus Schwerin im Voglerschen Saal +-- du, und da war eine dabei, die war nicht älter wie ich, aber so +ausgelassen, und wild, und gab lauter solche Rollen, wo man die Männer +anführt. Weißt du, ich glaub', das könnt' ich auch. Und wie sie im +letzten Akt auftrat, da flogen aus der Offiziersloge lauter Buketts auf +sie zu, bis sie endlich eine Kußhand warf. Immerfort -- lauter Kußhände. +Ah -- das hätt' ich auch tun mögen. Wahrhaftig.« + +Sie verzog den Mund und nickte wie zur Bekräftigung mehrmals vor sich +hin. + +Da war es heraus, das Innerlichste von ihr, jenes Abenteuernde, +Irrlichtierende, das Bruno nur dunkel geahnt hatte, das ihn jetzt aber +mit solcher Macht fing, daß er, halb seiner selbst beraubt, die Hände +gegen die Augen preßte, um sich zurückzuhalten, sich zu zähmen. + +»Hast du was?« fragte sie. + +Er verneinte. »Kopfschmerzen.« + +»Ja, ja, es ist auch kalt,« brach sie ab. »Wollen schlafen, ich bin +müde.« + +Damit lehnte sie sich in das Leder zurück, und bald verkündeten ihre +regelmäßigen Atemzüge, daß ihrem Willen auch der Schlummer dienstbar +wäre. + +Bruno rieb sich die Stirn und sah neugierig auf sie hin. + +Ob sie wirklich schlief? -- Oder ob die raffinierte kleine Person ihm +nur zeigen wollte, wie lieblich sie aussah, wenn das Mondlicht über sie +huschte, und wie weiß die Zähne hinter den halbgeöffneten Lippen +hervorblitzen konnten. + +Nein -- nein, er wandte sich ab, er blickte auf die Chaussee hinaus, auf +deren Schneedecke die Pappeln schwarze Schatten warfen, wie lange +Schlangen, die auf das Gefährt zukriechen wollten. + +Aber auch dieser Anblick zerstreute ihn nicht. + +Nein, nein. + +Die Schläferin rührte sich. Sie saß jetzt aufgerichtet, nur der Kopf war +hintenübergesunken, während die Brust sich leise hob und senkte. + +Ob sie wirklich schlief? + +Schon nahten die ersten Häuser der Stadt. + +Da hatte Bruno ausgekämpft. Die kleine, schwarze Hexe neben ihm war +stärker als er. + +Ziemlich unsanft, beinahe rüttelnd fuhr er über ihren Arm. + +Gegen sich selbst wollte er sie bewahren. »Wach auf, wach auf!« schrie +es in ihm. + +Aber die Schläferin sank, der Bewegung folgend, in voller +Schlaftrunkenheit gegen die Schultern des Mannes. + +Oh, wie weich rundeten sich ihre Lippen. + +Er hob ihr Kinn, ruhig atmete sie fort, selbst die Grübchen in ihren +Wangen konnte er bei dem trüben Lampenlicht gewahren, und leise, leise, +wie ein vorsichtiger Dieb, stahl er ihr von den kostbaren Früchten. + +Da gab es einen Stoß. Ruckartig hielten sie. + +Ob Hann zurückgeblickt hatte? + +Wie taumelnd sprang der grobkörnige Geselle von dem Schlitten herab, +dann öffnete er den Schlag und grollte: »Wir sind da.« + +»Schon?« gab Bruno atmend zurück, und auf Line deutend, setzte er hinzu: +»Fest eingeschlafen.« + +Hann starrte in dumpfem Staunen auf sie hin. + +Und erst nach geraumer Zeit gelang es den beiden, das Mädchen zu wecken. + +Verwundert blickte sie sich um, dehnte sich, und dann lachte sie und +meinte gleichgültig: »Ah -- das war geschlafen. Aber seht da oben, da +lauert schon die Alte auf mich. Sie brennt noch Licht. Na, kommt gut +nach Hause.« + +Durch die klingelnde Haustür sprang sie die Stufen hinauf, nickte +nocheinmal zurück und verschwand. + +Als Hann nach einer Weile im Schritt zurückkutschierte, da hielt er in +seinem Fausthandschuh ein Zehnmarkstück. Das hatte ihm Bruno beim +Abschied in die Hand gedrückt, halb als Geschenk, halb als Trinkgeld. +Und der unbeholfene Bursche besah es sich beim Sternenlicht, kratzte +sich hinter dem Ohr und seufzte tief auf. + +»Hüh, Schimmels!« + + + + +X + + +Zwei Tage später -- bei Sonnenaufgang -- da fand der einzige, goldige +Strahl, der durch das hochangebrachte Traillengitter hindurchdringen +konnte, den Moorluker Philosophen fröstelnd und mit blödem Haupt auf der +Pritsche des Militärgefängnisses hingestreckt und mit dumpfem, +verwundertem Ausdruck an den grauen Mauern hinaufstarren. + +»Nee,« stellte er fest, indem er erwartete, Siebenbrod müsse ihn ja +zuletzt mit einem Fußtritt aus dem schweren Traum erwecken, hielt sich +den Kopf und schloß die Augen. Aber der liebe, erlösende Tritt +Siebenbrods blieb aus, und das einzige, was zu ihm drang, war vom Hof +aus ein Kommandoruf, dem ein hartes, klirrendes Geräusch folgte, wie +wenn Gewehre taktmäßig auf das Pflaster gestoßen werden. + +»Je -- je --« + +Hann riß abermals die Augen weit auf. + +Halb zerschlagen kroch er von dem harten Marterlager herunter, um von +neuem kopfschüttelnd um sich herum zu stieren. + +Da in der Ecke die Pritsche mit der Wolldecke, an der anderen Seite ein +Kasten, der häßlich roch und beinahe aussah, als ob man seine Notdurft +darein verrichten sollte. Sonst nichts. + +Kein Stuhl -- kein Tisch. Auf vier Seiten lang und breit nur kahle, +graue Mauern, und eine niedrige, braune Tür, die von innen keine Klinke +bot. + +Hann strich sich die Haare aus der Stirn und schüttelte sich. + +Darauf schlich er zur Tür, um sie doch wenigstens einmal zu untersuchen, +als an dem Holz in Manneshöhe eine Klappe herabsank, während ganz dicht +etwas polterte. + +Nun, das war doch gewiß ein gutes Zeichen, hoffnungsfroh steckte Hann +die Hand durch die Öffnung, da erhielt er mit einem harten Gegenstand +einen Hieb auf die Finger, daß er schreiend zurückfuhr, und zu gleicher +Zeit wurde die Klappe durch ein bärtiges Gesicht ausgefüllt. + +»Nicht so hitzig, Patron,« knasterte eine Stimme, die sehr +geschäftsmäßig und keineswegs wohlmeinend klang. »'s kommt schon.« + +Ein irdener Wasserkrug wurde hereingereicht, ein halbes Kommißbrot, und +der Verschluß hob sich wieder. + +»Halt,« schrie Hann in aufsteigender Verzweiflung. »Männing, weswegen -- +-- --« + +»Jawoll,« knasterte die barsche Stimme, und der Eingeschlossene hörte, +wie die Klappe eilig wieder verriegelt wurde. + +Ja, da sollte doch Gott den Deuwel totschlagen? -- Was war denn nun? + +Erschöpft, mit ängstlich klopfendem Herzen, sank Hann von neuem auf die +Pritsche und starrte auf den Krug und das Brot. + +Fi -- das war ja nicht einmal etwas Warmes, wie es ihm Mudding doch +täglich gab, und dabei fröstelte ihn, daß ihm die kalten Schauer die +Brust zusammenschnürten. + +»Präsentiert das -- Gewehrrr!« scholl es schrill von unten. Darauf ein +klirrender Schlag. + +Je, ja, waren das nicht Soldaten? -- Hann erschrak so sehr, daß ihm +beinahe der Krug entglitten wäre, -- Bilder, lauter fremde Bilder +zuckten plötzlich durch seine langsame Vorstellung. -- Ein +Gasthofszimmer, Uniformen, nackte Menschen! -- + +Wo war er denn gestern gewesen? + +Mit Gewalt schob er sich plötzlich den Kasten zurecht, kletterte hinauf, +und nun konnte er durch die Eisengitter hinuntersehen. + +Ein weiter, schneebedeckter Hof, eingeschlossen von einer roten +Ziegelmauer, vor deren einzigem Tor ein Soldat im grauen Mantel mit +geschultertem Gewehr ruhig auf und ab wanderte. An der Seite, beinahe +unter ihm, zwei Reihen Infanteristen, die unter Leitung eines +Unteroffiziers mit roten Händen und roten Gesichtern Griffe übten. +Unbeweglich, nur die Arme lebendig, immer Schlag auf Schlag. + +»Das Gewehrrr über -- Gewehrrr ab. -- Das Gewehr über!« + +»Also doch!« + +Schwerfällig stieg Hann herab. Nun wußte er genug. Und nachdem er auf +seiner Pritsche einen tiefen Zug aus der Kanne getan, schlug er sich mit +der Faust auf die Stirn. + +Ja -- ja -- er hatte es also doch erlebt. -- Wie war's doch? + + -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- + -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- + +Ein lärmender Zug junger Fischer- und Bauernsöhne vor dem Voglerschen +Gasthof, und immer zehn werden zugleich hineingeführt. + +Unter der ersten Abteilung befindet sich -- Hann. + +Er hört noch die Stimme oll Kusemanns, der zur Feier des Tages mit in +die Stadt gekommen. + +»Immer an den großen Zeh denken. Das hilft.« + +Ein kleines quadratisches Vorzimmer, weiß getüncht, mit einigen +Kleiderrechen und Stühlen. Drinnen ein Unteroffizier -- richtig, +Hoffmann hieß der Brave -- der sich unternehmend einen mächtigen, +starrenden Schnauzbart dreht und, nachdem er mit einem überlegenen Blick +die Schar gemustert, das Kommando erteilt: »Ausziehen!« + +Die Burschen entkleiden sich. + +»Den Rock auch?« fragt Hann Herrn Hoffmann, nachdem er sich seines +Überziehers entledigt. + +»Selbstverständlich -- wie Gott euch geschaffen hat, Kerls,« befehlt der +Unteroffizier, martialisch im Zimmer auf und nieder schreitend. + +Hann streicht sich über die nackte Brust. Sein Herz klopft, als er so +auf die anderen schielt. + +»Die Büxen auch?« hält Hann nach einer Weile von neuem inne. + +»Donnerwetter -- Mensch -- was sind das für Reden?« wettert der +Aufseher. + +»Aber es is ja man wegen der Schanierlichkeit.« + +»Aha, ich weiß schon, Sie sind wahrscheinlich auch so einer.« + +Ein verdächtiger Blick streift ihn, während Hoffmann rasch in seinem +Notizbuch etwas revidiert. + +Aber Hanns methodischem Sinn ist diese Andeutung nicht verständlich +genug. »Was für einer?« will er sich eben vorsichtig erkundigen, da +erhält er einen Stoß gegen die Schulter, daß die streitigen Hosen ihm +von selbst abfliegen, und eine wütende Stimme zischt dicht an seinem +Ohr: »Maul halten -- vorwärts -- das weitere wird sich finden.« + +-- -- -- Die zehn nackten Menschen stehen plötzlich in einem niedrigen, +weiten Gasthofszimmer, vor einem schmalen, langen Tisch, hinter dem +mehrere Offiziere und einige Herren in Zivil sitzen. An einem +Nebentische schreiben zwei Unteroffiziere. + +»Heinrich Kagelmacher,« ruft es nach einigem Murmeln und Vergleichen von +da. + +»Hier,« meldet eine Stimme neben Hann. + +»Stand?« + +»Fischer!« + +»Woher?« + +»Aus Hermsmühl.« + +»Geboren -- Konfession?« + +»21. Oktober 1877. -- Evangelisch.« + +»Kagelmacher, Heinrich,« murmelt daneben der zweite kontrollierende +Beamte. »Stimmt.« + +»Kagelmacher,« fordert der Unteroffizier Hoffmann und leitet den eben +Aufgerufenen unter eine Art Galgen, wo die Länge und das Maß +festgestellt werden. + +Der Querbalken senkt sich. + +»1,70,« meldet Hoffmann. + +»Kagelmacher, Heinrich -- 1,70,« murmeln beide Schreiber. + +»Gut, na, nu kommen Sie mal her,« tönt jetzt eine bierfette, gemütliche +Stimme, und ein beleibter Mann mit rotem Gesicht, dicken, wulstigen +Lippen und weißen, pudligen Haaren erhebt sich und steht nun auf etwas +zu kurz geratenen Beinen und mit offenem Uniformrock da, während er mit +seinem schwarzen Auskultationsrohr winkt. + +»Das muß woll so eine Art Doktor sein,« denkt sich Hann Klüth, während +sein Nebenmann untersucht wird. Der ist jedoch ein großer, kräftiger +Kerl, daher dauert das Beklopfen und Behorchen nur kurze Zeit. Der +Oberstabsarzt, der von dem Bücken noch röter geworden, streicht +Kagelmacher wohlwollend über die nackte Brust und blinzelt ihn schlau +an: »Na, klagen Sie vielleicht über was?« + +Jetzt wird der Bursche blutrot: »Herzklopfen,« bringt er zögernd hervor. + +Kaum ist das Wort gefallen, da schickt der Untersuchende einen +merkwürdig schlauen Blick zu dem stattlichen Oberst mit dem Habichtskopf +hinüber, der in der Mitte der Tafel sitzt, und in demselben Moment +erhebt sich dieser, schiebt seinen Stuhl wie empört zurück und wandert, +leise Verwünschungen ausstoßend und säbelrasselnd, im Zimmer auf und ab, +während er im vollen Zorn mehrmals auf ein Blatt Papier schlägt, das er +in der Hand hält. + +Mit einem Male bleibt er »baff« vor einem eleganten, jungen Herrn +stehen, der, ein Monokle im Auge, die Begebenheit, weit über den Tisch +gebeugt, verfolgt. + +»Na, was sagen Sie zu der Bescherung, Herr Landrat?« + +Der Angeredete erhebt sich und flüstert dem Oberst etwas zu. Darauf +zuckt der die Achseln, nickt aber, und beide lassen sich wieder auf ihre +Plätze nieder. + +Unterdessen hat der Oberstabsarzt, immer mit seinem schlauen Lächeln, +bei Kachelmacher tatsächlich starkes Herzklopfen konstatiert. »Na, da +wird wohl nicht viel zu machen sein -- treten Sie mal vorläufig zurück, +Mann.« + +Der Nächste. + +Er ist gleichfalls aus Hermsmühl und klagt über dieselbe Beschwerde. + +Der Oberstabsarzt bemerkt gegen den Landrat, daß dieses Hermsmühl in +seinem Kreise doch ein höchst ungesundes Loch sein müsse. + +Als aber auch bei den nächsten drei Hermsmühlern, die zwar verschüchtert +über nichts zu klagen haben, unter großer Zufriedenheit des +Untersuchenden »starkes Herzklopfen« festgestellt wird, pfeift der +Oberstabsarzt eine kleine Tonleiter, und von irgendwoher fällt ein +unterdrückter Fluch: »Die Bande.« + +Inzwischen ist es sehr still im Zimmer geworden. Die Hermsmühler stehen +in einer Ecke zusammengepfercht wie ein Häuflein nackter Sünder, das auf +den Henker lauert. + +Hann perlt der Schweiß von der Stirn, obwohl sein entkleideter Körper +vor Kälte zittert. + +Er merkt, daß hier »nicht alles richtig« ist. + +Da -- + +»Johann Klüth,« ruft es von dem Unteroffizierstisch. Er stottert etwas, +wird von seinem Freund Hoffmann unter den Galgen befördert, der Querbaum +fällt ihm nicht gerade sanft auf den Kopf, und eine geringschätzige +Stimme meldet: »1,65.« + +»Klüth -- Johann -- 1,65,« rapportieren die beiden monotonen Echos +gleichgültig. + +Was nun kommt, gleitet wie ein Traum vorüber. Er befindet sich unter den +Händen des dicken Herrn, es wird etwas von einem gesunden Herzen +gesprochen. + +Hierauf allerlei unverständliche Bemerkungen, und dann das bedauernde +Wort, daß es sehr schade wäre, aber der Mann hätte linksseitig einen +kürzeren Fuß. + +»Ersatzreserve ohne Dienstpflicht.« + +»O je -- o je -- Hurra,« stößt er hervor. + +Was das bedeutet, das hat oll Kusemann Hann bereits vorher erklärt. Das +wäre das Beste, das Allerbeste, Hanning, ja, wenn das dich so passieren +könnte -- -- -- + +Und über Hanns Gesicht verbreitet sich ein Leuchten, er lacht vor +Vergnügen und will eben, nackt wie er ist, eine Art Dankverneigung +machen, da bemerkt er mit Schrecken, wie sich der Oberst mit beiden +Fäusten auf den Tisch stemmt und schreit, als ob der Kalk von den Wänden +fallen sollte. Warum er sich so aufregt, das versteht Hann nicht. Er +hört bloß verschwimmend: »Frechheit -- hier Freude Ausdruck geben -- +Drückeberger von Kaisers Diensten -- Exempel gegen solche +Sozialdemokraten statuieren -- stehen zum Glück am heutigen Tage alle +unter den Kriegsartikeln -- die Hermsmühler Bande noch besonders +vornehmen --« + +Und als er sich halbwegs auf sich selbst besinnen kann, da sieht er mit +dumpfem Erstaunen, wie ihn zwei Soldaten in die Mitte nehmen, um ihn +nach einem Marsch durch die Stadt hinter der roten Mauer abzuliefern. + +Es ist Spätnachmittag, und noch immer hält er das Brot und den Krug in +der Rechten und der Linken. + +Was is denn nu? + +Is das Kaisers Dienst?? + +Und von unten schallt es herauf, es werden Monturstücke geklopft, und +eine frische Stimme summt dazu: + + »Wer will unter die Soldaten, + Der muß haben ein Gewehr, + Der muß haben ein Gewehr, + Das muß er mit Pulver laden + Und mit einer Kugel schwer.« + + + + +XI + + +Da ward aus Abend und Morgen der andere Tag. + +Der Mittelarrest hatte, wie alles Leid auf der Welt, auch sein Gutes. +Hann fand, daß er noch niemals so ungestört hätte nachdenken können wie +hier. Denn immer wurde er in Moorluke davon aufgescheucht, einmal von +Siebenbrod, oder von Mudding, am meisten jedoch durch oll Kusemanns +unzeitige Späße. + +Hier aber, ja hier hatte man solche Leute woll ordentlich lieb. Draußen +auf dem Gange patrouillierte sogar direkt ein Aufseher auf und nieder, +damit nur alles hübsch still bliebe, und nichts ihn störe. + +Ja, ja, für die Gedanken war das doch eigentlich ein wunderhübscher +Raum. Man brauchte nichts zu arbeiten, und wie pünktlich dabei noch für +einen gesorgt wurde. + +Da stand schon wieder der Krug mit frischem Wasser und daneben ein neues +halbes Kommißbrot, und der Gefangene streifte sie mit einem dankbaren +Blick. + +Nur etwas kalt war es ja, den Ofen hatte man wahrscheinlich vergessen, +allein dafür blieb ihm schließlich die wollene Schlafdecke. Und er +schlug sie um sich und hockte nun, bis zur Nasenspitze eingehüllt, auf +der Pritsche und sah aufmerksam in die eine graue Ecke, wo sich eine +Spinne ein dickes Gewebe gebaut hatte. + +Langsam, langsam, wie Wanderer, die mühsam über ungepflasterte +Landstraße dahertappen, kamen und gingen die Gedanken. + +Was da allmählich für schnurrige Gestalten vorbeizogen. Der liebe Gott +und oll Kusemann, der Kaiser und Line, Malljohann und die Spinne. + +Und Hann saß da und nickte nachdenklich hinter ihnen her, und während +von unten wieder die Kommandorufe: »Das Gewehrrr über -- Gewehrrr ab -- +das Gewehrrr über!« herauftönten, da merkte der Einsame gar nicht, wie +er im Grunde schwere Arbeit verrichtete, eine, die sehr selten geworden, +nämlich das Hauptbuch des Lebens umblättern und addieren und +subtrahieren und schließlich zu einem Resultate gelangen. Zu einem +wirklichen Fazit, das dann wieder ins Leben umgesetzt wird. + +Freilich, das kann nicht jeder, es fehlen den meisten ein paar +unumgängliche Posten dabei, nämlich Wahrheit und Bescheidenheit. + +Aber der eingesperrte »Sozialdemokrat« Hann Klüth, der hatte das Glück, +diese friedensstille Zelle zu finden, die sein Vorhaben so sehr +begünstigte. + +Und so vermochte er's. + + -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- + +Jetzt is man so alt geworden, und doch is meistens allens +schiefgegangen, was man sich in die Kinderjahren und auch später noch +vorgenommen und vorgeträumt hat. + +Erst hat man sich's im Elternhaus so recht mollig sein lassen wollen, +ja, prost Mahlzeit, da is Dietrich Siebenbrod dazwischen gestiegen -- +nachher hat man doch für sich selbst so'n bißchen was ins Trockne +bringen mögen -- aber, allens Dummheiten, wie kann ein abhängiger +Bootsmann was aufs Trockne bringen? -- Zuletzt hat dann das dumme Herz +noch was abkriegen sollen, da hat es sich aber zu hoch verstiegen und +muß zusehen, wie ein anderer die »sie« im Schlitten abküßt, wenn auch +man im Schlaf. -- Nee, das muß nun alles hinter einen liegen, einmal muß +man doch Schluß machen und vernünftig werden, und jedes Ende hat auch +was, so recht was Beruhigendes. Da kann einen nichts mehr irrig machen, +denn das Ende is eben -- das Ende. + +Na ... aber was soll man dann hinterher? + +I, Jünging, das is doch ganz einfach -- der Mensch muß ebend nach seinem +Glück aussehn. + +Ja, aber -- hum -- was is denn nu eigentlich das Glück? + +I, das muß doch rauszukriegen sein, was soll es denn groß vorstellen? + +Kuck -- ich hab's all, dagegen wird keiner was anreden: das Glück is ein +großer Haufe Talerstücke. + +Jawoll, das is sicher, wer auf so'n mächtigen Haufen sitzt, der sitzt +auf einem verdeuwelt hohen Berg, von dem aus er über die ganze Welt +fortgucken kann, wenn's ihm Spaß macht. Und wer weiß, ob der Berg, auf +den der Deuwel einst unsern lieben Heiland geführt hat, nich auch so ein +Haufe Geld war, denn wer das hat, das is doch klar, der hat das Glück +einfach so in Wispelsäcke stehen und -- + +Halt, Jünging -- stopp, nich so fix -- alles kann man sich schließlich +auch nich kaufen. Zum Beispiel die Gesundheit und dann einen +anschlägigen Kopf und dann -- Liebe. Nein, das is wahr. Die +sackermentsche Liebe besonders nich. Wenn ich auch auf einem Wispelsack +mit Talerstücken säß, so hoch wie Hollandern sein Speicher, Line würd +mich deswegen doch nich lieber haben. -- Und dann, was sagen woll die +alten, weisen Sprichwörter dazu? »Reichtum macht nich glücklich.« -- +Kuck, da haben wir's ja. Ich werd' doch nich so dumm sein, gegen ein +Sprichwort anlaufen zu wollen. Ne! + +Aber, was nu weiter? + +Das Glück muß also doch wo anders stecken. Na, wollen eins sehen. -- -- + +Da fällt mich so ein, wo kommt überhaupt der Reichtum her? Sieh, das is +doch 'ne schnurrige Frag'. Der Reichtum is doch nich von Anfang an +dagewesen, bei den sechs Tagewerken kommt er nich vor. Er muß also doch +erst so allmählich in die Welt gekommen sein, als der liebe Gott die +Menschens zur Arbeit verflucht hat, was ja eigentlich gar nich väterlich +von ihm war -- -- -- Holl eins an -- -- -- die Arbeit, stopp, Kinding, +stopp, das is mir denn doch ganz einleuchtend, daß aus der Arbeit sich +eigentlich erst all der Reichtum herschreibt. Und wenn Konsul Hollander +so viel Säck' mit Talerstücken stehn hat, wie er hat, dann hat er +eigentlich lauter Säcke mit Arbeit dastehen, mit unsre Arbeit, mit +fremde Arbeit. Ja, überleg dich mal, darf denn das der Mensch? Darf +einer, und wenn er dreist Konsul is, die Arbeit vom andern wegnehmen und +auf seinen Speicher stellen? -- Pfui, ich würd's nich tun. Ne, mit dem +Reichtum bleib mir einer vom Leibe. + +Aber nun vielleicht mit der Arbeit? + +Vielleicht steckt's darin. + +Denn, daß der liebe Gott mit ihr eine Strafe gegen das menschliche +Geschlecht hat ausüben wollen, i, das mag ja auch woll bloß so ein +Läuschen[1] vorstellen; ich frag man, wozu hätt' der liebe Gott sonst am +Anfang von alle Geschicht selbst so hart geschuftet, daß er ja +eigentlich richtig als der erste Wochenarbeiter gelten kann. Ne, die +Sache muß ihm doch höllischen Spaß gemacht haben, und deshalb wollte er +den Menschens vielleicht auch von der Art Spaß was zukommen lassen. + +Na, und is es nun nich möglich, daß in der Freud' an dem Spaß das Glück +stecken tut? -- -- + +Hier sah Hann, wie in der grauen Ecke das Spinngewebe erzitterte, und +daß die Bewohnerin, einen langen Faden ziehend, hin und her lief. Er +schüttelte das Haupt. + +Ne, Hanning, was redst und redst du auch heute. Kuck doch erst eins hin. +Was arbeitet da das Biest? Eine Bettstell' baut es sich und frißt's dann +wieder auf, wenn Not an'n Mann is. Und was arbeit't der Mensch? -- Nun, +er baut ein Haus, damit er drin wohnt, und er zimmert einen Tisch, damit +er dran ißt, und er haut Holz, damit er sein Essen daran kocht, und er +fängt Fisch', wie ich, damit auch was zum Kochen da is. Also der Mensch +arbeitet bloß um das gewöhnliche, gemeine Leben. Um weiter nichts. Aber +daß den Maurer das Hausbauen und den Fischer das Fischfangen so +besonders glücklich macht, das hätt' ich auch noch nich erlebt. +Wenigstens bei uns in Moorluke is das nich so. + +Zwar die Pasters sagen, daß Arbeit besser machen soll. Spaß. -- Ich frag +man: bünn ich denn so'n Musterspiegel, weil ich alle Tag' ein paar Wall +von arme Heringen aus'm Wasser zieh' und sie um mich herum krepieren +seh'? -- Und für wen is denn schließlich all die Rackerei? Doch bloß für +den Schwamm und den Wurm. Denn was nich verfault, das zermürbt. Ne, das +seh ich woll, das Glück von die Arbeit is auch bloß solch ein +Trostmittel vor die Menschheit. Wollen uns doch lieber nach was anderem +umkucken! + +Aber zuerst will ich nu schlafen! -- + + -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- + +Da ward aus Abend und Morgen der dritte Tag. + +Als Hann seiner Spinne freundschaftlich »Guten Morgen« geboten und nun +feierlich auf seiner Pritsche thronte, da wurde auf dem Hof ein helles +Signal geblasen. Fröhlich schmetterte es ringsum, die starken +Luftschwingungen stießen sich förmlich an den Mauern. + +»Was is?« fragte Hann unwillig über die Störung. + +»Rataplan -- Ratatata --«, wirbelten ein paar Trommeln zur Antwort. +»Ratatata.« + +»Was nu? -- Nu kommt woll der Kaiser?« + +Aber bald hörte der Eingesperrte an den dröhnenden, klappernden Tritten, +daß nur eine Truppenabteilung zum Tor hinausmarschieren müßte. + +»Man gut, daß sie fort sind,« dachte Hann, der dies Trommeln und Blasen +für einen Eingriff in seine Rechte betrachtete. »Man gut.« + +Alles war wieder still, Hanns Gedanken jedoch waren ehrfürchtig neben +dem Kaiser stehengeblieben. In seinem Geist nahm er den Hut ab. + +»Ja, das is noch was,« sagte er. »Das nenn' ich noch 'ne Stellung.« + +Er bedeckte sich wieder. + +Ne, bei uns Niederen, da steckt es nich, aber bei solch einem Herrn, der +die Macht hat, da is woll's Glück zu Hause. -- Ich kann mir man denken, +so einer pfeift -- hüh -- und dann gleich zehn Dieners schmieren ein +Butterbrot, -- und pfeift wieder, und -- hast du nich gesehn -- zehn +andere ziehen ihm die Stiebeln aus. Ja, das laß ich mir noch gefallen -- +Aber -- hm -- ne, wie is das denn mit den Attentaten? Ich besinn' mich +doch, wie oll Kusemann einst vorlas, mit den russ'schen Kaiser? Da soll +es so 'ne Sorte geben, die es für ehrenvoll halten, so 'nen hohen Herrn +mit allerlei Mordwerkzeuge auf den Leib zu rücken? Ich trink 'ne Tasse +Kaffee, und dann is da Gift drin, ich drück' jemandem freundschaftlich +die Hand, und die Karnallge stößt mir zur Antwort ein Brotmesser ins +Genick. Pfui Deibel, mir könnten sie ja solche Kaiserstellung umsonst +anbieten. Und was so 'ne arme Kaiserfrau zu Hause woll vor Angst +aushalten muß -- Ne, das wär ja rein zum Verzagen. + +Aberst, das merk ich schon, mit allens, was unsre menschlichen Augen +rund um sich herum sehen können, da bin ich nu durch. Is aber überall +das Glück nich dabei gewesen. Na aber -- daß mir das zuletzt noch +einfallen muß -- vielleicht verhält sich das mit dem Glücke nich anders +wie mit dem lieben Gott; -- es is unsichtbar. -- + +Hier schlug er vor Freude über den Einfall schallend auf die Pritsche, +daß das Spinngewebe in der Ecke erzitterte. Und da er grade beim »lieben +Gott« angelangt war, so fuhr er fort: Ja, es mag wohl in den innerlichen +Geschichten liegen, vor allen Dingen in der Frömmigkeit. Wer fromm is, +dem sind ja alle Seligkeiten versprochen. + +>Selig ist -- -- --<, na, ich hab das auch nicht mehr so im Kopf, aber +das is wahr, wer so recht fest an oben hängt, der kommt sich wohl zum +Schluß vor, als ob ihm an Händen und Beinen ein langer Faden angebunden +wär', wie bei die Hampelmänner auf dem Weihnachtsmarkt, und oben wird +nun bei jedem Schritt gezogen, so daß man am Ende gar nich fehl gehen +kann. Wahrhaftig, das wär doch recht sicher! -- Und is das nicht auch +beinah' so, wie bei den neumodischen Feuerversicherungen? Da heißt's: +>Laßt ruhig zu Haus brennen, die Feuerversicherung Phönix zahlt nachher +doch.< Sieh, dies Stück könnt' mir eigentlich gefallen. + +Na ja, wenn bloß der lahme Krischan nicht hinterher hinkte. + +Wer nämlich so eine himmlische Versicherung hat, wird sich der nich fix +auf die faule Seite legen? -- Und dann -- gegen die Bettelei haben sie +Vereine gegründet; wird jeder gleich eingesperrt. Zu dem lieben Gott +aber gehen dieselben Vereine hin und betteln da ganz ausverschämt. -- +Denn was is Beten anders als Betteln? Und um was für Dinge belästigen +sie nun den lieben Gott? Der eine wegen sein krankes Schwein, der andere +um eine Nacht bei einer hübschen Dirn', und Bauer Haberkorn auf +Poggenpfuhl hat den liefen Gott ganz andächtig gebeten, ob er seine Frau +nich an einem giftigen Pilz draufgehn lassen wollt'. Und wenn nun der +erste am selbigten Tag um Regen und der zweite um Sonnenschein bittet, +was soll der Herr da anfangen? -- Da is gar keine Menschenmöglichkeit. + +Ne, mich is das grad'zu entgegen, wenn ich so die vielen Menschen wie +Spitzbuben in die Kirch' schleichen seh', um den lieben Gott was aus der +Tasch' zu ziehen. Ich hab' mich immer gedacht, hinbringen müßten sie +was, hinbringen, und wenn's die lumpigste gute Tat wär', zum Beispiel +einen Betrunkenen nach Haus tragen, damit er kein Elend anricht't. Und +nich immer bloß die off'nen Bettlerhänd' hinhalten. Denn was muß das auf +den lieben Gott woll auf die Dauer für einen Eindruck machen? -- Ne, wenn +ich Er wär', ich hätt' all längst das Schild >gegen Bettelei< an der +Kirch' anschlagen lassen. + +Ja, aber nun überhaupt mit dem lieben Gott -- + +Diesen Satz beendete Hann Klüth jedoch nicht, sondern erschrak und zog +scheu die wollene Decke enger um sich, denn die Abenddämmerung war +bereits niedergesunken. + +Er fröstelte zusammen. + +Oll Kusemann meint ja, man könne gar nich wissen, ob -- -- hm -- -- -- +ne, ne, oll Kusemann, den lieben Gott laß ich mir nich ausreden, man +braucht ja bloß die Augen zuzumachen oder in eine recht wüste Gegend zu +gehen, dann fühlt man ja ordentlich, wie nah er is. + +Aber -- aber ich sagte doch von Wissen. + +Ob das ganz genaue Wissen von allen Dingen, wie es hier die Professors +in der Stadt haben, ob das die Leut' nu wohl sehr glücklich macht? + +Darüber muß ich nu direkt lachen. Denn die Studentens, die ich auf dem +Bodden spazieren fahr', die sagen doch immer, was der eine von die +Professors weiß, davon weiß der andere just immer das Gegenteil. Und +wenn der eine rausklüstert, alles Leben käm' aus der Luft, dann find't +der andere, es käm' aus dem Wasser -- und Professor Römer sagt, es käm' +aus dem alten Testament. Und wie düsig muß wohl den Studentens zumute +werden, wenn die drei ihnen das so hintereinander einremsen. + +Ne, vor so'n Elend bewahr' mich der liebe Himmel -- + +»Maul halten!« schrie auf dem Gange der Wachthabende und klopfte an die +Tür. Und Hann mußte sich auf seinem Lager ausstrecken, während sein Atem +regelmäßig in der Kälte ausdampfte. + + * * * + +Da ward aus Abend und Morgen der vierte Tag. -- -- »Nun wird mich das +aber mit der Zeit recht ungemütlich,« sprach Hann Klüth. »Ich frier hier +ja, wie ein Schneider, und all' meine Glieder werden mir lahm. Soll ich +denn nu fürs Vaterland auf immer hier eingesperrt bleiben? Das halt' ich +wohl gar nicht mehr lange aus. Und das Kommißbrot liegt mir auch schon +wie Steine in'n Magen. Dazu das kalte Wasser, das schuddert mich durch +den ganzen Leib. + +»Ich hab' ja eigentlich gar nichts getan? Weshalb ist man bloß so streng +zu mir?« + +Er erhob sich schwerfällig und schlurfte mit steifen Beinen in die Ecke +zu seiner Freundin im Spinnenhaus. Aber wie erschrak er, als er das +Tierchen mit eingezogenen Füßen, erstarrt, eine Art Krümel, vorfand. + +»Herr im hohen Himmel,« stotterte er. »Die is also auch bereits so weit? +Erfroren? Und bei mir kann's auch jeden Moment kommen, denn mir is all +recht elend.« Ganz zerschlagen wankte er wieder auf seine Pritsche, dort +sank ihm sein Kopf schwer auf die Brust, und die Kälte senkte immer +größere Müdigkeit und Erstarrung auf ihn. + +»Merkwürdig, ganz merkwürdig,« murmelte er, »weshalb eigentlich die +Menschen so schlecht zueinander sind? Und dabei gibt es doch nichts +Besseres, als wenn man jemanden recht lieb haben kann. + +»Aber was geht mich das an? -- Ich werd' keine mehr lieb haben, und mich +wird auch keiner mehr lieb haben, denn ich leg' mich nu hin, wie die +Spinne, und steh nich wieder auf.« + +Damit bettete er die graue Decke über sich, richtete die blauen Augen +nichtssagend auf das Traillengitter, durch das der frostige Tag +gleichgültig hereinsah, und lag regungslos. + +Da erhob sich ein Gepolter an der Tür. Das bärtige Gesicht erschien +wieder in der Klappenöffnung und schrie, Hann möchte ihm den Topf +abnehmen, er sei sehr heiß. »Extraration,« setzte er erklärend hinzu, +»vierter Tag. Um ein Uhr Ausgang.« + +Da saß nun Hann, lachte über das ganze Gesicht und atmete neubelebt den +Dampf ein, der ihm aus dem heißen Napf entgegenquoll. + +I, das waren ja Bohnen und Schweinefleisch, na, nu sieh bloß mal, und +wie warm, wie schön warm. + +Und nachdem er heißhungrig sein Mahl längst beendet, saß er noch immer +und streichelte dankbar den Napf. + +»Kuck,« sprach er zu dem Topf, »zu Haus, bei Mudding, eß ich so was aus +verschiedenen Gründen, die ich hier aus Anstand nich anführen will, gar +nich gern. Aber hier? -- hm! Wenn ich mir überleg', wie leicht, wie +kindsleicht hat es nich ein Mensch, gegen andere Menschen gut zu sein. +Mitunter tut's sogar, wie hier, ein Topf mit heiße Bohnen. + +Pfui Deibel, -- aber gut war's doch. + +Ja, aber nun hab' ich solang über das menschliche Glück nachgedacht, und +dieser Topp mit Bohnen belehrt mir nu, daß ein bißchen Liebe doch +eigentlich das Hauptstück bleibt. Und wenn einem so'n Bohnentopp nun +noch von eine liebe Hand gereicht wird und nich bloß von so'n +Schweinigel, dessen Geschäft das is, ja, ich glaub', das hätt' solche +Wirkung, daß man sich beinah einbilden könnt', es wär eigentlich +Kartoffelsupp' mit Wurscht, was ich so sehr gern ess'. + +Ja aber, wen soll man nun lieb haben? + +Den lieben Gott? + +I, das wär ja so selbstverständlich, als wie die eignen Eltern, und wär +woll trotz alledem nich das eigentliche. Denn zu einer richtigen Liebe, +mit Aussprache und Umarmung kommt's da doch nich. Dazu ist zuviel +Respekt. + +Und alle andern lieben, wie's unser Herr Jesus Christ von uns verlangt +hat? sieh, das würd' ich nun für mein Leben gern tun, aber sie meinen ja +jetzt, wie ich man neulich von oll Kusemann gehört hab', dann wär man +ein verfluchter Sozialdemokrat, und man vernachlässigte auch sein Eigens +zu sehr dabei, wenn man allen anderen in die Töpfe kucken wollt'. -- Ne! + +Was bleibt also übrig? + +Na, Hanning, du schämst dich ja bloß, nu sag's doch, es bleibt eben das +übrig, wovon Line das Allerschönste is -- die Frauensleut.« + +Hier seufzte er tief auf. + +»Ja, ja, die müssen wohl zuletzt doch das Glück sein, denn man steht ja +allerwegen, wie man zuletzt doch nach ihnen greifen tut. Und aus welchem +andern Grund hätte sonst wohl Müller Pökel in Moorluke bereits die +fünfte, als deshalb, weil man ohne so was nun mal nich leben kann. Nu is +aber die Frage: besteht mit die Frauensleute das Glück einfach in dem +Kinderkriegen, wie oll Kusemann meint? Oh, das wär' woll zu wenig. Oder +in dem Immerzusammensein mit ihnen? Ne, dagegen sagt wieder das +Sprichwort: >Allzuviel is ungesund<. + +Das kann es also auch nich sein. + +Ich glaub' man, es geht wohl den meisten damit so, wie es mir geht; es +is die Sehnsucht, ja, die Sehnsucht nach einer; das is wohl das +Schönste, das is wohl das Glück.« + +Hier seufzte er wieder zum Erbarmen tief und schwer in sich hinein. Denn +wohin seine Sehnsucht bereits in der Kindheit gezogen, das wußte er +wohl. Und ebenso fest stand es, daß dieses Gefühl überwunden werden +müßte, wollte er nicht dulden, daß man ihn verspottete oder gar +verlache. + +»Ne, ne,« ermannte er sich bekümmert, »Klara Toll -- Klara Toll, ich +sag's noch mal, damit ich mich den Namen recht fest ins Herz schreib', +Klara Toll, die is für mich, und ich bin für sie! Die is still und +ruhig, und mit der wird meine Sehnsucht woll allmählich auch still und +ruhig werden. Ja -- ja, und in der Meinung hab' ich schon ordentliche +Sehnsucht nach Klara Toll.« + +Und er murmelte noch mehrmals wie einer, der etwas auswendig lernt: +»Klara Toll -- Klara Toll.« + +Und damit glaubte er am Ende seiner Einsicht zu stehen. + + + + +XII + + +Es dämmerte sacht, als ein Unteroffizier in Hanns Zelle trat, um ihm +mitzuteilen, daß sein Arrest abgelaufen sei. Hann wurde über den Hof +geführt, der Posten am Tor wechselte mit seinem Begleiter ein paar +heimliche Worte, dann ächzte das schwere Holz, und der Befreite befand +sich auf der dunklen Straße. Ein tiefer Atemzug, dann faßte er sich an +den Kopf. »Ja, ja, er hatte doch manches da drinnen erlebt. Was war noch +das Letzte gewesen? -- Ach richtig, die Frauensleut', und besonders Klara +Toll; ja, ja die besonders.« + +Da legte sich eine Hand auf seine Schulter. + +Als er sich überrascht umwandte, stand sein Bruder Paul vor ihm; und +hinter jenem -- ja, wer war denn das schlanke Mädchen mit dem Tuch über +den Haaren und dem Körbchen am Arm? Das war doch nicht etwa? -- Hann +wollte das Herz klopfen, doch als die Gestalt näher trat, erkannte er, +daß es die Schulmeisterstochter wäre. + +Er senkte das Haupt. + +Das waren also die beiden einzigen, die an seinem Schicksal Anteil +genommen. + +Der Kandidat sah ernst aus. Nichtsdestoweniger klopfte er Hann leicht +auf den Rücken, während er davon anfing, daß der Gefangene es hinter den +Mauern wohl nicht besonders gut gehabt hätte. + +Es sollte ein Scherz sein, der dem Fischer über die Befangenheit +forthelfen sollte, die der Theologe bei ihm voraussetzte; da Hann jedoch +gutmütig lachend beistimmte, zog der Kandidat verletzt seine Hand +zurück. So scherzhaft faßte er den Zwischenfall nicht auf: »Es ist für +uns nicht besonders ehrenvoll,« sagte er, »daß die Sache mit dir so +abgelaufen ist, aber, hm --« er sah seines Bruders unschuldiges, +bekümmertes Antlitz und lenkte sofort wieder ein, »aber es ist eben +jedem nicht so gegeben. Na, nun gib mir die Hand. Ich wollte mich nur +davon überzeugen, daß du dir's nicht zu Herzen nimmst. Und nun adieu, +Hann.« + +Damit nickte er ihm mit seinem hageren Gesicht aufmunternd zu und +verschwand um die nächste Ecke. + +Hann befand sich mit dem Mädchen an der Kasernenmauer allein. + +Drinnen übte auf seiner Kammer ein Hornist Signale: »Zum Ausschwärmen.« + +Tarattata -- tarattata. + +Leise verschwommen klang es heraus, auf sie herab fielen wenige, müde +Schneeflocken, die Luft war milder geworden, und es dunkelte stark. + +Hann kratzte sich hinter dem Ohr: »Ja, ja, Klara,« begann er endlich, +»daran hab' ich noch gar nicht gedacht, es is nich ehrenvoll für mich.« + +Leichtfüßig trat sie ihm näher, ihre dunklen Augen standen voll Tränen. +»Oh, Hann, laß das doch, bei uns draußen fragt da kein Mensch nach.« + +»Das is wohl wahr. Das tun hier bloß die Gebildeten, Bruno und -- Line.« + +»Na, laß sie.« + +»Ja.« + +Und nach einigem Nachsinnen fügte er hinzu: »Wollen wir fortgehen, +Klara.« + +Langsam ausschreitend ließen sie das Gemäuer hinter sich. Es sank in die +Dunkelheit zurück, und damit wich auch etwas von der Bedrückung, die den +Burschen gefangen hielt. + +Die Schulmeisterstochter stieß ihn sanft mit dem Körbchen in die Seite. +Sie hatte ihm mit Wurst belegte Semmeln mitgebracht, und ein kleines +Fläschchen Kognak. + +»Weil ich meinte, du müßtest sehr hungrig sein, Hann.« + +»Oh, Klara, du bist doch gut.« + +»Na, da nimm.« + +Die Semmeln mundeten ausgezeichnet, und der Kognak machte ihn warm und +mutig. + +Langsam streichelte er während des Hinschreitens an ihrem Arm herunter: +»Klara, du bist doch sehr gut,« wiederholte er. + +Sie nickte ihm zu und sah zu Boden. + +»Also, du machst dir nichts draus, daß sie mich eingespunnt haben?« fing +er wieder an. + +»Nicht das mindeste,« erwiderte sie, »besonders, seit ich von oll +Kusemann weiß, daß du nun frei bist.« + +»Ja, das bin ich,« bestätigte Hann und warf sich in die Brust. »Ein Fuß +von mir is kürzer.« + +»Und daß sie dich nicht nach Afrika schicken.« + +»Bewahre, ich bleib' nun hier.« + +»Ja, jetzt bleibst du,« sagte sie zufrieden. + +Sie versuchten, sich anzublicken, doch sie konnten in der Dunkelheit nur +wenig voneinander entdecken. + +»Klara Toll!« murmelte er plötzlich. + +Es war, wie wenn er sich an etwas erinnere. + +»Was sagst du da?« forschte sie. + +»O nichts -- ich will hier bloß, eh' wir mit der Hafenbahn nach Haus +fahren, was in Ordnung bringen. Gib mir deine Hand, Klara.« + +»Hier, Hann.« + +Sie standen vor dem kleinen, schmalen, trüb erleuchteten Schaufenster +eines Goldarbeiters der Hafenstadt. + +Der Philosoph besah sich die Hand angelegentlich und nickte dann +mehrfach bekräftigend: »'s is recht -- aber nun -- --« + +Er wühlte in seiner Tasche herum, schien nichts zu finden und wurde +unsicher. + +»Zu dumm, aber darauf war ich nich vorbereitet; aber sag mal, Klara, +könntest du mir vielleicht ein paar Taler leihen?« + +»I, gern,« bejahte sie mit Hast, »hier ist ein Goldstück, das ich immer +bei mir trag. Ist's auch genug?« + +»Je, ich hab' keine Erfahrung in solche Sachen, aber der Mann wird ja +nich unbescheiden sein. Und nun wart' hier eins einen Augenblick.« + +Damit trat er unsicher in den Laden, und als er nach einiger Zeit wieder +zurückkehrte, glühte Aufregung in seinem Gesicht, und Klara bemerkte, +wie er eine kleine Schachtel zwischen den Fingern drehte. + +»Du erhältst noch zwei Mark zurück,« stotterte er atemlos, »hier -- und +nun komm.« + +»Ja, aber Hann, was -- -- --?« + +»Ne, ne, nich hier; wenn wir allein sind.« + +In Eile zog er sie fort; auch ihr begann das Herz zu hämmern, sie wußte +nicht warum, bis sie an der offnen, vereisten Bahn des kleinen Flusses +angelangt waren. + +Ein kalter Wind wehte ihnen hier entgegen, aber Hann achtete nicht +darauf, sondern drängte seine Gefährtin über die Geleise der Hafenbahn +fort, hin nach der einzigen Pfahllaterne, die von einem hohen +Rinnsteinbord aus eine kümmerliche, zuckende Helle verbreitete. + +Hier mußte man warten. + +»Die Hafenbahn ist noch nicht da,« sagte Klara Toll, der allmählich +ängstlich zumute wurde. + +»Ja, aber man hört sie schon läuten,« gab Hann verwirrt wieder, » -- +hörst sie?« + +»Ja.« + +»Nun is sie keine fünf Minuten mehr weit,« fuhr er fort. + +Sie nickte. + +Hann hielt sich an dem Laternenpfahl fest, seine Zähne klapperten +gegeneinander, es war ihm, als ob er auf einem schaukelnden Boot stände. +Mit einem Mal griff er nach Klaras Hand. + +»Herr Gott,« schreckte sie auf, »was is?« + +»Nichts -- nichts -- ich wollt' bloß sagen, jetzt sieht man schon die +Lichter,« stammelte Hann. + +»Ja, das sind sie.« + +»Klara?« + +»Ja?« + +»Wer weiß, wie viel Menschen in dem Waggon sitzen? Und nachher -- willst +-- willst dir nich mal ansehen, was hier in der Schachtel liegt?« + +Er streckte ihr mit schwankender Hand die Hülle hin, und sie warf einen +halben Blick darauf. In dem zuckenden Licht sprühte ihr ein rotgoldener +Funke entgegen. + +»Herr des Himmels!« rief sie und schlug die Hände zusammen. + +Er klammerte sich fester an die Laterne und murmelte: »Ich würd' sehr +froh sein, wenn du ihn von mir annähmst -- und -- und es is auch gleich +Zeit zum Einsteigen.« + +Jetzt griff auch das Mädchen nach dem Pfahl, und da standen sie nun, wie +Kinder, die Ringelreihen spielen wollen. + +»Hann,« flüsterte sie mit ihrer wohllautenden Stimme, »sag' die +Wahrheit, hast du mich lieb?« + +Der Bursche stockte, er setzte zweimal an, bevor er das Wort fand: »Ich +bin dir sehr gut, sehr gut, Klara, weil, ja weil du selbst so gut und +ruhig bist -- Und du?« + +»Ich?« -- + +Nun errötete sie und zupfte an ihrem Korb. »Ich hab' dich auch sehr +lieb, weil du's so treu und ehrlich meinst, Hann.« + +»Oh, -- Klara, das is schön von dir -- das -- das hätt' ich wirklich +nich geglaubt, weil ich doch noch gar nichts bin, aber von jetzt an will +ich mir Mühe geben, so, und nun nimm auch den Ring -- nein, nich umarmen, +das is unpäßlich auf der Straße; und hier kommt auch schon der Zug.« + +Und als er sie unbeholfen mit einem ritterlichen Versuch in den Waggon +gehoben, und als das Abteil ganz leer war, und der Zug polternd durch +die Dunkelheit weiterrollte, da beugte er sich zu ihr und sagte +feierlich und ernst: »Nu küss' ich dich als dein Bräut'jam, Klara.« + +Leise zitternd hob sie ihre Lippen zu ihm empor. + +Beide schwiegen. + +Und erst nach geraumer Zeit ermannte sich Hann zu dem Satz: »Und im +ganzen bin ich dir nun achtzehn Mark schuldig.« + +Da suchte sie verstohlen nach seiner Hand, aber er sah nicht ihre roten, +bebenden Lippen, noch das liebliche, erhobene Gesicht, nein, aus seinem +philosophischen Gemüt sprach es nachdenklich heraus: »Es is mir doch +heil komisch, daß du jetzt meine Braut bist, Klara.« + +»O Hann.« + +Er fuhr auf. + +»Ja -- ja -- willst du was von mir? Ich meinte nur so. Und da hält auch +unser Zug. Komm, Klara, der Schnee ist hier zu tief, ich heb' dich +runter.« + + + + +XIII + + +Rastlos knarrten die Räder. + +Oll Chronos hatte Schnee und Winter in seinem Wagen von dannen gefahren; +und eines schönen Tages kam er wieder und hatte Maien an seinen Karren +gebunden. + +»Nu is Frühling,« murmelte der alte Mistkutscher dabei in sich hinein; +»kuck, was sich die Menschheit freut, grad, als wenn ich das erste Mal +solch grünen Plunder zur Stadt brächt'; dummes Volk, die Hauptsache +bleiben die Jahren.« + +Der Konsul Hollander merkte das Grünen und Blühen daran, daß sein neuer +Prokurist Bruno in einem hellgrauen, eleganten Frühjahrsanzug in dem +Bureau erschien. + +»Menschenskind,« rief Hollander süß-sauer, »was haben Sie da wieder für +ein schönes Gebäude. Ist das nach Ihrer eigenen Zeichnung entworfen? -- +Die Adresse von dem Schneider müssen Sie mir geben.« + +Auch bei Fräulein Dewitz meldete sich die milde Jahreszeit freundlich +an. + +Der Bursche des Weinhändlers Kroll stellte sich nämlich in der Küche der +Lehrerin ein und übergab dem erstaunten Fräulein zehn Flaschen Maibowle, +die Bruno aus spezieller Verehrung für die alte Dame gesandt hatte. + +Auf einer beigefügten Karte stand außerdem zu lesen: »Daß der Spender, +wenn er nicht fürchten müsse, das hochverehrte Fräulein zu stören, sich +gern erlauben würde, den Abend des ersten Mai in ihrer gemütlichen guten +Stube zu verleben, als letzten Ausklang der von dem Fräulein während des +Winters so umsichtig geleiteten Leseabende.« + +»Sieh -- sieh,« räusperte sich die Handarbeitslehrerin nach der Lektüre +dankbar und wohlwollend und warf noch einen raschen Blick auf die in +Reih' und Glied aufgestellten Flaschen, ob es auch wirklich zehn wären, +»sieh -- sieh -- ja, es stimmt -- nein, dieser Herr Bruno ist wirklich +-- Gott, wie sag' ich -- wie solch ein Kavalier aus dem ancien régime. +Und, ja, ich kann mich gar nicht genug darüber verwundern, Lining, wie +du darauf verfällst, gerade ihn so schlecht zu behandeln. Mir kam es +manchmal vor, als legtest du es absichtlich darauf an, ihn zu kränken. +Und dabei war er es doch, der dich darauf brachte, wie schön du zu lesen +verstündest, und der, anstatt wie andere junge Leute sich leichteren +Vergnügungen hinzugeben, diese anregenden und bildenden Leseabende mit +uns abhielt. Ich wenigstens, ja ich muß mich noch immer an euch beide +als Luise und Ferdinand erinnern, wie du vorlasest: >Der Himmel und +Ferdinand reißen an meiner Seele< -- sieh, da hast du mich wirklich +direkt gerührt.« + +Line hörte der guten Dame regungslos zu und nickte, aber um ihre Lippen +spielte ein vieldeutiges Lächeln. -- -- + +Oh, sie war klug, sie dachte selbst oft, eigentlich wäre sie wohl solch +schwarze, kleine Hexe, die es den Männern mit einem gemurmelten Spruch +antun könnte. Und wie ihr das wohltat, wie es ihr alle Glieder mit +Wohlbehagen durchlief. Oh, sie wußte ja besser, was den hübschen Bruno +so oft, so beharrlich die engen Treppen zu Fräulein Dewitz hinauftrieb. +-- Der Kuß -- dieser eine brennende Kuß -- und sie lächelte hinterlistig +-- den sie geleugnet hätte, würde man sie daran erinnert haben, denn er +war ihr ja im Schlafe gestohlen, er, ja er allein war das flammende +Zaubersiegel, das dem flatterhaften Menschen aufgedrückt war, und das +sich nun weiterfressen mußte bis ins Hirn, bis ins Herz, bis alle seine +Gedanken nichts mehr kannten als ihren Namen. Line, Line -- und niemals +Dina. Ah, das war ihre Todfeindin. -- Nur sachte, sachte, sie wußte +schon, wie Netze gelegt werden müßten, nicht umsonst war sie eine +Fischertochter -- und die andre, was war sie weiter als eine kalte, +dummstolze Geldprinzessin --? Nein, die konnte keinen Mann behexen, ihn +nicht zu allerlei Tollheiten verführen und ihn quälen und wieder +glücklich machen und wieder quälen, ganz wie es geschehen mußte, bis man +seiner völlig sicher war. Und hatte sie ihn nicht bereits halb und halb +im Besitz? + +Oh, wenn Dina, ja, wenn selbst Fräulein Dewitz geahnt hätte, zu welchen +Tollheiten sie Bruno schon gebracht. Aber leise -- leise -- still, daß +ja keiner hört! Da lagen in den Kästen ihrer Kommode, tief unten +versteckt, allerlei Ringe und Armbänder und Halsketten von roten +Granaten, die sie sogar schon einmal des Nachts vor dem Spiegel auf +ihrer weißen Haut schimmern gesehen, und Gürtel mit bunten Steinen, und +das allerschönste war ein winziges Glasdöschen voll mit Goldstücken, es +konnten gewiß fünfzehn sein, die sie manchmal, wenn sie allein war, +verstohlen durch die Hand laufen ließ. + +Das alles hatte er heimlich, Stück für Stück gebracht, grade wenn sie +recht unartig gegen ihn gewesen, recht schnippisch, recht verständnislos +gegen das, was ihn nicht mehr zur Ruhe kommen ließ, und dem sie auswich, +glatt wie eine huschende Schlange. + +Ja, ihr Hexenmittel würde schon wirken -- bald -- bald. -- -- + + -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- + +Auch in Moorluke wollte man trotz Frühlingsanfang in Liebesdingen +sichergehen. Ein paar Monate nach Hanns Gestellung -- man fuhr bereits +wieder fleißig zum Fischfang -- hatte Siebenbrod eines Sonntags +vormittags, während er sich ein Paar neue Wasserstiefel aufmerksam +eintrante, in der Küche folgendes Gespräch mit seiner Frau, die ihr +Gesangbuch auf dem Schoß liegen hatte, weil sie ihrer geschwollenen Füße +wegen die Kirche nicht mehr besuchen konnte: »Mudding, weißt was? -- Mit +Hann stimmt was nich.« + +Die kleine Frau ließ ihr Buch sinken. + +»Wieso, Siebenbrod?« + +»Es is was mit Liebe,« fuhr Siebenbrod fort, wobei er eine große Portion +Tran auf das Leder goß -- »er singt.« + +»Hann? -- Was singt er denn?« + +»Trauriges -- solche Lieder, wie: Ich weiß nich, was soll es bedeuten! +und andere Dinger. Aber dann is es soweit. Das kenn' ich.« + +»Lieber Gott, aber wen glaubst du wohl?« + +»Je, 's muß eine von den Schulmeisterdirns sein. Welche, weiß ich nich. +Is mir auch egal. Aber ich merke es daran, daß Lehrer Toll seit einiger +Zeit mich beim Bier immer was spendiert, und daß er dich 'ne Kruke Honig +geschickt hat; ganz umsonst -- und daß ich der einzigste bin, den er +noch nich wegen seiner neuen Hagelversicherung rankriegen wollte. -- Na, +Mudding, in die Sache hab' ich aber auch noch ein Wörtchen mitzureden.« + +»Du?« + +Mudding erschrak und blickte mit ihrem bewegungslosen Antlitz den +Fischer starr an, der ungestört und ruhig an seinem Stiefel +weiterbürstete. + +»Jawoll, Mudding,« brummte er endlich, wobei er behaglich an dem Leder +roch; »kuck mich nich so verwundert an. Jetzt haben wir doch ein bißchen +was, und da denkt sich Lehrer Toll, der so'n alter Siebenkluger is, da +werd' ich eine von meine Dirns fein los! -- Aber Essig! -- Wenn er Hann +nich ein paar Hundert Taler mitgibt, daß ich davon ein Motorboot bauen +kann, dann tret' ich Hann keinen von meine Zesner ab, und von die Liebe +allein kann er nich leben. Was, Mudding? Von die Liebe allein haben wir +auch nich gelebt. Nich so?« + +Von diesen äußeren Anfechtungen ahnte das Moorluker Pärchen freilich +kaum etwas, und dennoch vollzog sich die innerliche Annäherung der +beiden auch ohne dies nur außerordentlich tastend und zagend. Denn Hann +war ein gar zu schwerfälliger Liebhaber. Mochte er der ruhigen Schönheit +des Mädchens und ihrem sichtbaren Verlangen gegenüber, sich ihm zärtlich +anzuschließen, noch eine zu große Schüchternheit empfinden, oder +drückte ihn sonst etwas Unausgesprochenes, er sah sie manchmal, wenn +sie des Abends in der Dämmerung am Bollwerk zusammenstanden, mit solch +erstauntem, suchenden Ausdruck an, als wundere er sich immer von neuem +darüber, daß das Schicksal sie beide zusammengeführt. Selten wagte er, +ihre Hand zu streicheln, von einer Liebkosung hatte er, seit jenem +Verlobungsabend, überhaupt abgesehen, und doch umgab beide, wenn sie so +nebeneinander auf dem Bollwerk hockten oder in der Dunkelheit an den +nebeldünstenden Seewiesen wandelten, eine so stille, friedliche Ruhe, +daß sich alle Wünsche und Hoffnungen wie in wohltätigen Schlummer +eingesungen fanden. + +Manchmal standen sie in der Dämmerung, denn am Tage wagten sie noch +nicht, sich miteinander zu zeigen, auf der äußersten Spitze der Mole und +blickten auf die unter den Abendschleiern erzitternde Flut, in die der +Mond Millionen zappelnder Goldfischchen geworfen hatte. + +Dann konnte Klara Toll mit ihren sinnenden Augen hinausstarren, weit, +weit, bis dahin, wo sich Dunkelheit und Meer verschlangen, und halb im +Traum vor sich hinsagen: »Sieh, Hann, da hinter dem Wasser sieht man +nichts mehr. Und doch liegt da noch Land. So ist's wohl auch mit unserm +Leben.« + +Das war nun so dunkel, daß es dem Philosophen mächtig behagen mußte. + +Leise drückte er ihre Hand, und während der Westwind anhob zu summen, +lehnte Klara ihr Haupt ein wenig an seine Schulter. + +Es geschah das erste Mal und Hann stand regungslos. + +Aber dunkler nur und schützender sank die Nacht, Hanns alter Freund, der +Mond, lachte dazu gerade auf beide herunter. + +Da holte der Fischer tief Atem und versuchte, mit seinen plumpen Fingern +ganz zaghaft über die Haare des Mädchens zu streicheln. + +In dem unsicheren Mondlichte blickte sie zu ihm auf, ihr Mund verzog +sich zu einem stillen Lächeln. + +»Klara,« begann Hann während des Streichelns und wälzte sich etwas von +der Seele, was ihn schon lange mit Scham erfüllt hatte, »nun sag' ich +endlich unsern Eltern, was mit uns is, denn dies Verschweigen is für +dich nich gut.« + +Das Wort schien ihr wohlzutun, und doch schüttelte sie langsam das +Haupt. + +»Nein, tu's nicht,« entschied sie endlich und streichelte ihm sacht die +Wange. »Noch nicht.« + +»Aber warum nich?« + +Wieder zögerte sie und strich ein paarmal über seine Hand. + +»Weil -- weil es noch nicht gut ist -- nur noch eine kurze Zeit. Hörst +du?« + +Diese Weigerung, die Klara schon öfter vorgebracht, vermochte er nicht +zu begreifen: »Ja, aber,« stammelte er, »willst du mir denn nie +erklären, warum -- --?« + +Er unterbrach sich, denn das Mädchen hatte wiederum ihren Kopf an seine +Schulter gelehnt und hielt ihm die Hand vor den Mund, damit er nicht +weiterforschen sollte. + +»Ich erklär's dir schon mal,« beschwichtigte sie ihn, »vielleicht bald +-- -- vielleicht sehr bald.« + +Das war ihm nun unfaßlich und nicht im entferntesten ahnte er, welch +feiner Regung der Entschluß seiner Verlobten entsprang. Sie war +überhaupt ein nachdenkliches Wesen. + +Davon erhielt er manchmal sonderliche Proben. + +Inzwischen war Pfingsten herangekommen. Die Seewiesen funkelten von +Tautropfen und gelben Marienblumen. Der Landwind führte Heideduft über +das atmende Meer. Als Hann am ersten Feiertagsmorgen durch das wogende, +tiefe Gras schritt, da entdeckte er an einer zum Bodden abfallenden +Stelle zwischen Strandsteinen und Heideblumen einen braunen Kopf +hervorlugen. + +Den kannte er. Er hielt inne. + +Sie saß ihm abgekehrt, plätscherte mit nackten Füßen in dem anspielenden +Wasser, und während ihre Hände ruhig auf dem Schoß ruhten, summte sie, +halb gedankenlos, ein paar Liedstrophen: + + »In einem kühlen Grunde, + Da geht ein Mühlenrad; + Mein Liebchen ist verschwunden, + Das dort gewohnet hat.« + +Die Binsen hinter ihr neigten sich und sangen in ihrer Weise mit. + +»Merkwürdig,« dachte Hann. Dicht bei dieser Stelle hatte er auch oftmals +mit Line gesessen; aber ein herabrollender Kiesel verriet ihn. + +Die Sängerin erhob sich und schritt langsam auf ihn zu. Sie schien gar +nicht daran zu denken, daß sie auf nackten Füßen ginge. + +Beide streckten sich still die Hände entgegen. + +Als sie sich so grüßten, erhob sich vom Kirchturm ein Klingen. Die +Pfingstglocken begannen zu läuten. Und so feierlich zog es durch die +sonnige Morgenluft und über die stille See, daß jedes Wort eine Störung +gewesen wäre. + +Das fühlten auch die beiden Naturkinder. Wortlos hielten sie sich an den +Händen. Eine lange Zeit. Als aber die Glockentöne immer heller und +klingender wurden, da geschah etwas Wunderbares. + +Mit einer schweren Bewegung schlang Klara ihre Arme um den Hals des +Burschen, er sah ihre roten Lippen immer näher den seinen, und dann +fühlte er einen langen, langen Kuß. + +Seltsam träumerisch war ihm zumute, so ganz anders als sonst. Das Glück, +dem er so lange nachgesonnen, schien über ihm zu sein. + +So merkte er erst geraume Zeit später, wie ernst das Mädchen ihn dabei +anblickte. So tief, so -- -- + +»Klara,« sagte er rasch, »du siehst mich so an?« + +»Ja, Hann, ich möchte einmal was wissen.« + +Er nickte. + +»Hast du mit einem andern Mädchen auch schon so schön getan?« + +Der Gefragte duckte sich und mußte auf die Stelle sehen, wo er schon +einmal mit Line gelegen. + +Er beugte nur kurz das Haupt. + +»Line?« + +Wieder nickte er plump. + +Sie sah ihn noch immer an, dann hob sie sich auf den Zehen und bot ihm +von neuem den Mund. + +Das war alles so weich und sanft. + +»Klara,« stammelte er wie beschämt. + +»Nun muß ich in die Kirche,« verabschiedete sie sich, und sie nickte +noch immer, während sie langsam von dannen schritt. + +Er sah ihr nach. + +Erst als die weißen, glänzenden Füße längst in dem Grase verschwunden +waren, legte er sich an ihren verlassenen Platz, stützte nachdenklich +den Kopf und horchte auf das Surren und Säuseln des Windes. Die +Seeschwalben, die an ihm vorbeistrichen, zirpten laut; und er mußte +unwillkürlich das Lied seiner Braut wieder aufnehmen: Wie war's doch? + + »Hör' ich das Mühlrad gehen, + Ich weiß nicht, was ich will -- + Ich möcht' am liebsten sterben, + Da wär's auf einmal still.« + +»Hör' ich das Mühlrad gehen -- -- --« + +Sonderbar. Er ließ den Kopf in beide Hände sinken. + +»Was is woll das Glück?« + +Und über ihm klangen die Pfingstglocken fort. + + + + +XIV + + +Es war dieselbe Gedankenreihe, an der Bruno an diesem Pfingstmorgen +herumrechnete, nur erregter, mit glühenden Wangen und kühneren Plänen, +während er in einem der heute leeren Bureaus des Konsuls saß, um die +eingegangenen Briefe zu revidieren. + +Solch ein weites, verlassenes Zimmer hat für den Einsamen stets etwas +Fremdes, Ablenkendes, und bei dem jungen Prokuristen bedurfte es nicht +einmal solch starken Anlasses, um seine Phantasie zu verlocken. + +Da hatte er eben den Bericht eines amerikanischen Agenten des Hauses +gelesen, eines Mannes, der nicht viel älter war, als er selber, der +ebenfalls aus Hollanders Geschäft hervorgegangen, später in Neuyork +reich geheiratet und jetzt auf seine Weise dort drüben selbständig +arbeitete. Aber welch enorme Summen dieser Amerikaner nun für sich +selbst berechnen konnte. Dem Prokuristen wirbelten die Zahlen wirr durch +den Kopf, mit glänzenden Augen starrte er ins Weite, um plötzlich laut +aufzuseufzen. + +Er erschrak, als er das Echo in dem verlassenen Raume hörte, aber seine +Gedanken drangen vorwärts. + +Und er? + +Der Konsul hatte ihm, trotz seiner Rangerhöhung nicht viel zugelegt, und +mit der Summe, über die er verfügte -- nein, nein, er mußte sich die +Wahrheit, vor der er immer floh, in dieser einsamen Stunde eingestehen, +-- er kam nicht aus, seine Ausgaben überschritten bereits seine +Einkünfte. Das Bild des Lebens, das ihm vorschwebte, stimmte sicher +nicht mit der Wirklichkeit überein. Wenn der Konsul das geahnt hätte! + +Oder wenn er den Grund je erfahren würde, diesen wahnsinnigen, tollen +Grund, der seinen Vertrauensmann zu knabenhaften Streichen hinriß. Aber +waren es denn nur Streiche, solche, die man verübt und wieder vergißt? + +Bruno sprang auf, stellte sich ans Fenster, sah auf die Vorübergehenden +und versuchte, eine Coupletmelodie vor sich hinzuträllern, allein das +Bild, das ihm vor die Seele getreten war, dieses schwarzbraune +Hexenbild, das ihn mit dunklen, spöttischen Augen und kirschroten Lippen +maß, es ließ sich nicht so leicht wieder verscheuchen. + +Sein Herz begann heftig zu hämmern, gerade so wild, wie stets, wenn er +ihr gegenübertrat. Gerechter Gott, was wollte er denn von ihr? Er zuckte +zusammen, wenn er daran dachte, es war ja wie Wahnsinn über ihn +gekommen, ein einziger, schlimmer Wunsch beherrschte ihn, trieb ihn vor +sich her und machte ihn elend. + +»Solche Schlechtigkeit -- solche Schlechtigkeit,« murmelte er vor sich +hin und griff sich an die Schläfen. Oh, es war ja so namenloses Glück, +daß ihm dieses Ding wie eine Schlange unter den Händen entwischte, daß +sie klug war, und daß er niemals sein böses Ziel erreichen würde. Denn +schlimm war es, er war ja trotz allem so fest, so felsenfest +entschlossen, seine Zukunft nicht zu verspielen, vielmehr groß zu werden +und immer größer, ein Industrieller, wie ihn diese nordische Provinz nur +einmal in den glorreichen Gründerjahren gesehen. Und wenn erst einmal +der goldne Boden da war, wer weiß, was ihm dann für blütenschwere +Zauberbäume entsprießen könnten, vielleicht auch das Weib, jene +schlanke, lockende Katze, deren Schnurren ihm die Gedanken erhitzte, +deren bloßer Name ihn wie ein aufreizender Schlag durchfuhr, und für +deren schwarze begehrliche Augen er all die heimlichen Aufwendungen +gemacht, die seine Existenz jetzt schon ins Schwanken brachten. + +Nein, nein, er mußte sich diese aufreibende Leidenschaft aus dem Kopf +schlagen, die zu nichts führte, die nur namenloses Unglück +heraufbeschwören konnte, und mit der plötzlichen Energie phantastischer +Naturen setzte er sich rasch in dem Armstuhl vor seinen Schreibtisch +zurecht und war fest entschlossen, die engen Treppen und die lackierte +gute Stube von Fräulein Dewitz vor Monaten nicht wiederzusehen. + +Wie kam er wohl am schnellsten aus den Verpflichtungen heraus, die er +bereits bei einigen Juwelieren der Stadt eingegangen war, um Lines +Freude an goldglänzendem Tand zu frönen? + +Welch kindlich-gieriges Lächeln dabei über ihr Gesicht ging, wenn sie +dergleichen erhielt! + +Da schmeichelten seine Gedanken schon wieder um sie herum. + +In heller Verzweiflung entfaltete er ein großes Handelsblatt und begann +mit Hast die Kurse zu überfliegen. Spekulationen? + +Er stutzte. + +Wie mancher war nicht in wenigen Tagen an der Hamburger Börse ein +steinreicher Mann geworden, manchmal skrupellose Burschen, die am Tage +vorher noch keinen Heller besessen. + +Wieder schlug ihm das Herz. Seine Einbildungskraft war gefangen. Aber +leider -- leider, der Weg war für ihn nicht gangbar. Erstens seine +eigene Mittellosigkeit und dann das ehrbare Haus Hollander. Freilich, +nur die Kühnen gewannen, und hatten nicht seine scharfsinnigen Schlüsse +bereits die Hamburger Freunde, die seine Einfälle befolgt hatten, in +Erstaunen gesetzt? + +Aber nein, nein, die spießbürgerliche Ehrbarkeit des Hauses drückte auf +ihn; von diesem Gedanken mußte er Abschied nehmen. + +Während er sich hoffnungslos an den Zahlenreihen festsaugte, hörte er +unten einen Wagen vorfahren. Drin saß Dina, die seit einigen Tagen um +diese Zeit ihre Spazierfahrt unternahm. + +Sie warf keinen Blick nach seinem Fenster. + +Ja, ja, es war töricht, daß er diesen ganzen Winter über die stolze +Erbin so vernachlässigt hatte, rein behext von seinem ungestillten +Verlangen. -- Aber das ließ sich nachholen. Wie gern hatte sich Dina mit +ihm nicht über literarische Neuerscheinungen unterhalten? Ja, ja, er +wollte sich Bücher besorgen, er wollte -- -- + +Nebenan in dem Privatkontor des Konsuls tönten Schritte, der Einsame +unterschied die Stimmen seines Chefs und diejenige von dessen +Jugendfreund, des Steuerrats Knabe. + +Das war doch seltsam. Heute, am Feiertage? Und welch fröhliche +Unterhaltung die beiden dort drinnen zu führen schienen? Bruno hörte +deutlich das grobkörnige Lachen Hollanders und das feine Kichern des +alten Junggesellen. Dann wurde geklingelt, ein Diener erschien, ging, +kam wieder, und der näherrückende Prokurist hörte jetzt, wie die Freunde +drinnen wisperten, dann -- ein Knall, wie er nur von einer entkorkten +Champagnerflasche herrühren konnte; und nun entdeckte der Horcher, daß +hinter dem Milchglase der Nebentür der dicke Kopf des Werftbesitzers +sich abdunkelte, als wollte Hollander nach seinem Untergebenen +ausspähen. + +Was sollte das? + +Eine heftig bohrende Unruhe befiel Bruno, er schalt sich töricht, aber +ihm war es, als ob das Lachen dort drinnen und das Gläserklingen und das +Wispern ganz allein ihm gelte, als ob es ihm direkt zum Hohn +veranstaltet wäre. + +Fahrende Röte stieg ihm ins Gesicht, halb mechanisch beugte er sich über +seinen Schreibtisch und warf allerlei wirre Zahlen auf ein Blatt Papier. + +»Klüthchen,« sagte der Konsul, der plötzlich mit seinem Champagnerkelche +hinter ihm stand, »sind doch ein fleißiger Kerl, alle Achtung, -- aber +hier -- nun nehmen Sie mal --« und damit reichte er ihm das volle Glas +-- »sind doch ein Liebhaber von so was -- Röderer carte blanche -- sagt +Ihnen zu? was? So, nu passen Sie aber auf, ich frage Sie hier +ausdrücklich vor unserm Herrn Steuerrat: Was halten Sie von Harder u. +Co. in Hamburg?« + +Bruno sah zu Boden und suchte seine Gedanken zu sammeln, aber er +vermochte durchaus nicht zu begreifen, worauf der hinterhältige alte +Mann lossteuerte. Er stammelte also nur etwas davon, daß dieses Haus +gewiß eine der ersten Reederfirmen Deutschlands wäre und im Moment des +Konsuls gefährlichster Konkurrent. + +»Siehst du, Julius,« wandte sich Hollander sehr befriedigt zu seinem +Jugendfreund zurück, während er seinem Prokuristen wohlwollend auf die +Achsel klopfte, »Klüth und ich, wir sind immer derselben Ansicht.« Und +plötzlich stürzte er ein Glas Champagner hinunter, puffte seinen +Untergebenen kordial in die Seite und flüsterte ihm augenzwinkernd zu: +»Halten's noch geheim, Klüth. Seit acht Tagen befindet sich der junge +Harder bereits in unsrer Stadt, im deutschen Haus, verstehen Sie, und +gestern abend hat sich meine Tochter Dina mit ihm verlobt. Na, was sagen +Sie, Herzenskinding? Gut geschoben, wie?« + +Und laut rief er zu dem Steuerrat hinein: »Nu kuck bloß unsern Klüth an. +Is er nich ganz blaß geworden über diese Fusion? -- Ja, ja, is ein großer +Bewunderer von mir. Nu trinken Sie aber, Klüthchen, nu trinken Sie +auch!« + + -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- + +Wie und wann er die Bureaus verlassen, dessen entsann er sich nicht +mehr. Erst, als ihm laute Militärmusik entgegenschallte, entdeckte er zu +seiner Verwunderung, daß er in seinem Hingrübeln auf den großen Markt +gelangt wäre, wo um die Mittagsstunde die Bataillonskapelle +konzertierte. Und um ihn herum -- auf allen vier Seiten des Platzes, +flanierten Scharen hellgekleideter, junger Mädchen, gefolgt von langen +Zügen buntmütziger Korpsstudenten, Offizieren, junger Kaufleute; kurz, +diese eine, flüchtige Sonntagsstunde war es, wo die ehrbare, alte +Schwedenstadt eine leichtsinnige Laune zeigte. Aber dem hübschen, jungen +Menschen, den mancher Mädchenblick streifte, schien der fröhliche +Trompetenschall, schien all das bunte Fluten weh zu tun. + +Immer wieder stach es ihm durch den Sinn, der noch nicht ganz +freigeworden von dörflichem Aberglauben, daß irgend eine feindliche +Macht ihn augenscheinlich am Emporstreben hindern wolle, daß er zu dem +goldnen Glück nicht bestimmt wäre. + +Was konnte das aber sein? Das durfte ja nicht wahr werden. + +Dicht neben sich vernahm er unwillkürlich ein sonderbares Raunen und +Wispern. + +Als er aufmerksam wurde, bemerkte er, wie eine Gruppe junger Rotmützen +wie bezaubert auf zwei vorübergehende Damen sahen, in denen Bruno sofort +Fräulein Dewitz und Line erkannte. + +Einen vorüberhuschenden Moment fühlte er, wie Lines Augen aufblitzten, +dann hatte er sich, einer starken Eingebung folgend, zum nächsten +Schaufenster abgewandt, und schattenhaft, nur in den blanken Scheiben +abgespiegelt, wandelte nun ihre Gestalt im Bilde vorüber, auch da noch +allerliebst in dem einfachen, roten Kattunkleid, das sie wieder ganz +fremdartig unter all diesen Bürgermädchen erscheinen ließ. + +Bruno blickte ihnen nach. + +Da wandte sie nochmals den Kopf nach ihm. Sie schien ihn zu verspotten +und die Achsel zu zucken. + +War das sein Schicksal? + +Lauter und lauter schmetterte die Musik ihren Walzer, und jetzt erst +entdeckte Bruno, daß er gerade vor den Auslagen desjenigen Juweliers +halt gemacht hatte, dem er schon so sehr verpflichtet war. Er wollte +rasch weiter eilen, da sprach ihn der Besitzer, der dem Konzert von der +offenen Ladentür aus folgte, höflich an und forderte ihn auf, näher zu +treten. + +»Ja -- aber -- --« + +Er solle ja auch nichts kaufen, aber es wären da ein paar russische +Muster fertig geworden, und da Herr Klüth sich ja so sehr für +dergleichen interessiere -- -- + +Den jungen Kaufmann beschlich die häßliche Empfindung, der Ladenbesitzer +sei vielleicht bereits mißtrauisch geworden, und in dem Wahn aller +schwankenden Existenzen, sein Ansehen zu erhalten, trat er mit möglichst +gleichgültiger, sicherer Miene in den Laden. + +Noch während ihm in seiner halben Betäubung allerlei goldene +Schmucksachen durch die Hände glitten, beherrschte ihn der Entschluß, +daß ihm all die funkelnden Spielereien nicht gefallen dürften, ja, daß +jeder fernere Einkauf bereits einen halben Betrug bedeute. + +»Was ist das?« + +»Eine Fächerkette,« erklärte die Verkäuferin, »sie wird um die Hüfte +geschlungen -- so.« + +Bruno lächelte: Wie auf Zauberschlag stand Line in seinem Geiste da, wie +sie sich oft seltsam in den Hüften wiegte. Wie mochte erst dieses +goldene Geriesel über ihre jungen Glieder fließen? Und wenn er ihr das +nun selbst umlegen dürfte!? -- + +Plötzlich war's, als wenn ein Sturmwind alle Angst, alle Bedenklicheren +über den Haufen gefegt hätte. + +Er blickte sich um, mit klaren Augen, wie wenn er jetzt erst begriffe, +wo er sei und was um ihn geschehe. + +Lächerlich -- ganz lächerlich; weil diese eine Brücke vor ihm +zusammengebrochen war, die über den Strom leitete, hinter welchem seine +Zukunft sich dehnte, deshalb die Betäubung, die Verzweiflung? -- + +Lächerlich, war er nicht der Mann, drei neue Brücken zu bauen? Ja, jetzt +wollte er erst wagen, jetzt sollten sein Chef und die andern schon +sehen; und nicht das geringste Vergnügen wollte er sich rauben lassen, +auch Line nicht. -- Man lebt nur einmal. + +Mit einer Hast, als ob er stehlen wolle, steckte er das feine Etui zu +sich, und besann sich erst auf der Straße, daß er tatsächlich vergessen +habe, nach dem Preis zu fragen. + +Ein andermal. + +Ins Weinhaus! + +Bis in den späten Nachmittag saß er nun im halbdunklen Gastzimmer bei +Kroll, wo nur eine einzige Gasflamme auf die braunen Eichentische +herableuchtete, blies den Rauch einer feinen Importe von sich und sah +gespannt zu, wie mehrere Gutsbesitzer aus der Umgebung ein kleines +Spielchen machten. + +Einer von ihnen, ein hochgewachsener, blonder Hüne, den die andern +Rittmeister titulierten, dieser war sein Mann. Auf dessen Karte setzte +er heimlich, und als der Rittmeister nach einigen Verlusten endlich ein +paar blaue Scheine in die Westentasche stecken konnte, da begannen die +Augen des Prokuristen zu glänzen, und er atmete tief und befreit auf. + +Ah, natürlich -- natürlich -- die Ängstlichen erjagen's eben nicht. + +Zwischen den Bildern der beiden Kaiser schlug die kleine Uhr sieben. + +Wenn er nun noch zu Fräulein Dewitz hinaufwollte, so war es die höchste +Zeit. Um acht -- das wußte er -- speiste die alte Dame, und mit +Einladungen ging sie sparsam um. + +Also eilen! + +Das ganze war ja doch nur ein Spaß, ein unschuldiger Zeitvertreib, und +da Fräulein Dewitz ja stets anwesend blieb, eigentlich doch auch ein +entsagungsvolles Vergnügen. + +Also ohne Bedenken. + +Nachdem er dem Kellner ein reichliches Trinkgeld geschenkt, wandte er +sich in der Tür noch einmal zurück. Er sah, wie sein Rittmeister +wiederum einen neuen Blauen zwischen den Fingern knitterte. + +»Gottlob,« dachte er und schlug auf der Straße mit seinem dünnen +Spazierstock sausend durch die Luft, als hätte er einen Feind +niedergestreckt. + +»Ich sagte es ja, das sind alles Bedenklichsten der kleinen Stadt.« + + -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- + +Die Klingel läutete. + +Hinter den roten Gardinen der Glastüre zuckte es, der Besucher sah, wie +Lines dunkles Köpfchen herauslugte. + +Vorsichtig öffnete sie einen Spalt. + +»Wer ist da?« fragte sie, denn bei der schlechten Treppen-beleuchtung +vermochte sie nichts zu erkennen. Sonst war sie nicht so zaghaft. + +»Ich,« antwortete Bruno. + +»Ach, du bloß,« meinte sie, trat zurück und nahm eine kleine Küchenlampe +von der Wand, um ihm zu leuchten, »komm.« + +Als er dicht vor ihr stand in seinem modischen, dunklen Mantel und dem +Zylinder auf dem Haupt, lachte sie hell auf. + +Bruno stutzte. + +In den lackierten Altjungferräumen der Handarbeitslehrerin, in denen +Line sonst nur auf Zehen umherzuhuschen wagte, war solch heller Ton +ungewohnt. Das mußte Fräulein Dewitz bald rügen. Und befremdet spähte +Bruno in die halboffene gute Stube, ob die alte Dame noch nicht +würdevoll herausschritte. Doch Line schien ihm den Gedanken von der +Stirn zu lesen: »Nein,« sagte sie, »sie ist nicht da.« + +»Nicht da?« + +»Nein, beim Konsul eingeladen. Da sind nur die Nächsten. Zur Verlobung.« + +Bruno erschrak. Das Blut stieg ihm ins Gesicht. + +Er schämte sich, als ob das Wort absichtlich gegen ihn gerichtet wäre. + +Unterdessen war ihm Line in die Stube vorangetreten. Auf dem Tische +brannte eine hohe Porzellanstehlampe, in deren Glanz Fußboden, Spiegel +und die lackierten Stühle förmlich widerstrahlten. + +»Komm,« forderte Line den Zögernden auf. Er zauderte noch und fragte, ob +er trotz der Abwesenheit des alten Fräuleins wirklich nähertreten dürfe, +aber Line warf ihm nur einen verwunderten Blick zu: »Natürlich -- es ist +doch hübsch, daß sie endlich mal weg ist -- ach, dieses +Beobachtetwerden.« + +Dabei stand sie in ihrem roten Kleide vor dem Spiegel, wandte sich ein +wenig hin und her und blickte sein Spiegelbild in dem Glase an. + +Ihre Art war bereits wieder so sonderlich, daß Bruno mit geheimem Bangen +fühlte, wie heiß ihm das Blut durch alle Adern zu rinnen begann. Rasch +legte er den Überzieher ab; der war vielleicht daran schuld. »Recht,« +nickte Line immer in den Spiegel hinein und lächelte seinem Bilde zu. +»Jetzt sollst du auch bald mit mir zusammen essen.« + +»Mit dir? --« er wagte weder sich zu setzen, noch sie weiter in dem +matt schimmernden Glase zu betrachten, »wird nicht Fräulein Dewitz -- +--?« warf er ein. + +»Die erfährt natürlich nichts davon. Das wäre noch schöner. Ich wasche +nachher die Teller wieder ab und stelle alles hin. Überhaupt, es ist so +hübsch, solch eine Heimlichkeit zu haben. -- Nicht?« + +Damit sah sie ihn von der Seite an, lächelte verschmitzt und huschte an +die Glasservante, unter der sie, wie aus einem Versteck, ein Buch +hervorholte. Dann hielt sie es ihm verstohlen hin: »Da sieh -- da stehen +auch lauter solche Geschichten drin. Andre Leute sind eben klüger.« + +Als Bruno in dem Hefte blätterte, da war es eine Übersetzung +Maupassantscher Novellen. + +»Dergleichen liest du?« fragte er an sich haltend. + +»Warum nicht?« + +»Und Fräulein Dewitz erlaubt dir das?« + +Line zupfte an ihrem Kleide und strich es an den Hüften glatt: »Die,« +sagte sie mit einer wegwerfenden Bewegung, »was wird die groß lesen? +Lauter Forschungsreisen. Aber wenn ich für sie tauschen geh', dann +bring' ich mir heimlich immer so was mit und versteck' es hier. Das Buch +kostet nur zehn Pfennige, und ich hab' ja Geld. Du weißt ja auch, woher. +-- Ach, es ist so schön, soviel Geld zu haben.« + +Und sie preßte die Fäuste zusammen und straffte die Arme aus, und Brunos +starrer Blick verfing sich wieder in der Bewegung, wie ihre junge Brust +stieg und fiel. + +»Gehen -- gehen!« flog es ihm durch den Kopf, und seine Hand strich über +den Überzieher, der neben ihm auf der Lehne des Sofas lag. + +Line wandte sich zu ihm hin und pochte auf den Tisch. + +»Du bist so still,« wunderte sie sich. + +Er schwieg und verfolgte, wie sie mit dem Finger über die Platte strich. + +»Was ist dir denn? -- Sag doch was! -- Ach so -- ich weiß schon, wegen +Dina.« + +Sie trat wieder mitten in das Zimmer zurück, spreizte die Finger aus, +als ob sie kratzen wolle, und aus ihren dunklen Augen blitzte es auf, +wie Siegesfeuer. Ihre ganze Gestalt schien einen wilden Triumph zu +feiern. + +»Ja,« sagte sie und lächelte ihren Besuch trotzig an, »die hat es nicht +dumm gemacht.« + +Er hob den Kopf, als wollte er fragen, was sie damit meine, aber über +die fest zusammengepreßten Lippen wollte kein Wort dringen. Immer mehr +fühlte er, daß wieder jener Betäubungszustand über ihn käme, in welchem +er jede Gewalt über sich verlor. + +»Gehen -- gehen,« klang's von neuem in ihm auf. Line stand wieder vor +dem Spiegel: »Kennst du ihn?« forschte sie nun, ihn halb über die Achsel +messend. + +»Ich? -- wen?« + +»Den Bräutigam.« + +»Ja« + +»Reich?« + +»Ein Millionär.« + +»Ah« -- hier führte sie die flachen Hände vor die Augen, als könnte sie +sich so besser, wohliger in die Pracht der Bilder versenken, die vor +ihrem Geiste vorüberhuschten. + +»Hat er auch eine Equipage?« fragte sie rasch, ohne sich zu regen. + +»Ja.« + +»Und -- und Bediente?« + +»Gewiß.« + +»Und -- sag' mir -- auch ein Schloß?« + +»Allerdings -- eine Villa in Uhlenhorst, dicht neben der Alster.« Sie +stockte; dann klang es beinahe, als ob sie leise stöhne: »Daß das alles +für solch dumme Gans sein soll!« -- drang es über ihre Lippen. Und wild +sich zu ihm wendend, fügte sie hinzu: »Führt von dem Haus auch eine +Marmortreppe ins Wasser? -- Lach' nicht, ich will es wissen.« + +»Ich lache nicht,« herrschte er auffahrend, denn er ärgerte sich über +ihre Gier nach jenem Reichtum, den er ihr nicht bieten konnte. »Aber +wozu soll das?« + +Verlangend blickten ihre schwarzen Augen auf das matte Glas der +Lampenglocke; und halb willenlos sprach sie vor sich hin: »Wenn sie da +so des Nachts hinuntersteigt, ah -- --« + +»Line,« flüsterte er und stand langsam auf. + +Das Geräusch ließ sie emporfahren, verwundert, als müsse sie sich auf +ihn besinnen, sah sie ihn an, und vor diesem fremden Blick entschwand +ihm wieder aller Mut. + +»Was willst du?« fragte sie abweisend. + +»Ich?« + +In seiner Verwirrung fand er nichts Gleichgültiges, das er anführen +konnte. + +»Du möchtest wohl auch all das haben,« brachte er endlich mit Mühe +hervor. »Die Equipage und die Diener und das Schloß und -- und das +alles? -- Wie?« + +Da brach aus ihren schwarzen Augen ein beinah feindlicher Strahl, als +sie den Kopf in den Nacken warf und trotzig erwiderte, man könne ja +nicht wissen, vielleicht bekäme sie das alles einmal. Es wären ja im +Maupassant ebenfalls Mädchen geschildert, die nichts als ihre Schönheit +besessen, und schließlich wären sie doch in eigenen Equipagen gefahren. +»Du, nicht so, das ist doch möglich?« + +Sie drehte sich ein wenig vor dem Spiegel und legte erwartend den Finger +an die Lippen. + +Ach, es war ja diese Abenteuerlust, die so stark in ihm widerhallte, +dieses Vagantenblut, das in beiden jungen Menschen summte, das war es, +was sie nicht auseinanderkommen ließ. + +Ihre Gier, ihre Sucht nach Gold und Wohlleben hatten ihn im Moment +angesteckt, mit einem raschen Schritt trat er auf sie zu und preßte ihre +Hand: »Du hast recht, Line, wenn man nur Mut hat, nur Mut, dann erreicht +man das alles -- alles.« + +»Ja, ja, nicht wahr?« sagte sie erfreut und blickte ihn beinahe zärtlich +an. + +Beide schwiegen nun eine Weile, beide spähten sich forschend in die +Augen, als warteten sie, der andre solle zuerst das Wort sprechen, das +diesen drückenden Bann zu lösen vermöge. + +Doch die Furcht war stärker, als der glimmende Brand. Langsam, mit einer +feinen Falte des Unmuts zwischen den Brauen, wandte sich Line endlich +ab, zuckte ein paarmal die Achseln nach ihm, schnippte mit den Fingern, +summte etwas und lief endlich in die Küche. + +Der Zurückgebliebene fand sich allein. + +Als er sich umblickte, da drängte alles lähmend auf ihn ein. + +Diese spießbürgerliche Sauberkeit der Stube, das Bild der +Handarbeitslehrerin, das verblaßt über dem Sofa hing, und plötzlich +fühlte er in seiner Tasche das Etui mit der goldenen Kette. Eine +überwältigende Scham befiel ihn, er mußte ganz unvermittelt an seinen +Bruder Paul denken, wie der gewiß jetzt in seiner kahlen Stube säße, um +zu studieren, und wie er sich heimlich um ihn und das Mädchen sorgen +mochte. + +Wenn der wüßte!? + +Wenn der wüßte, wie der Jüngere auf die törichten Wünsche dieses +unreifen Geschöpfes eingegangen, wie er ihr die Kommode mit allerlei +Schmucksachen gefüllt, wie er jetzt wieder eine neue bereit hielte, über +die er nachsann, wie er sie ihr in der einsamen Stube umlegen wolle. + +Nein, nein -- bei Gott. + +Der Schweiß brach ihm aus. + +»Gehen -- gehen.« + +Draußen in der Küche tönte Tellerklappern. + +Mit einem schnellen Griff wollte er seinen Überzieher aufraffen, da +hörte er ihren leichten Tritt, und ehe er noch das Kleidungsstück in den +Alkoven, aus dem, halb im Schatten liegend, die weiß eingedeckten Betten +schimmerten, werfen konnte, stand sie vor ihm. + +»Was tust du da mit dem Mantel?« fragte sie scharf. + +Verlegen zuckte er die Achseln und starrte Line ungewiß an, wie sie, ein +Präsentierbrett mit allerlei Tellern haltend, hinter ihm stand. + +Und doch nahm er wahr, wie scharf sich das schwarze Seidenschürzchen, +das sie wohl inzwischen umgelegt, von dem roten Kleide abhob. + +Dann raffte er sich auf und erzwang ein Lächeln, die Leichtigkeit seiner +Lebensauffassung kam plötzlich über ihn, er wollte ihr beim Decken +helfen. + +»Nein,« lehnte sie herb ab und schob ihn mit dem Ellbogen zurück. »Erst +das.« + +Und nachdem sie ihr Geschirr abgesetzt, schritt sie rasch zum Alkoven +und warf heftig die Tür zu. Der Schlag dröhnte durch die Wohnung. + +»Was tust du?« schrak er zusammen. »Man hört es im ganzen Hause.« + +»Laß,« gab sie hochmütig zurück, »wir brauchen uns ja nicht zu +fürchten.« + +Wieder mußte er die Augen niederschlagen und verbarg seine Verlegenheit, +indem er mit einem Scherz die Teller zurecht rückte. Aber die Lust Lines +an dieser heimlichen Gasterei verscheuchte ihre schlechte Laune bald +wieder und machte sie ganz glücklich. + +»Oh, es ist doch zu reizend,« rief sie einmal über das andere, »wenn +man so was Eigenes hat, so was Heimliches -- und das« -- sie streichelte +plötzlich katzenhaft zärtlich seine Hand, »hab' ich von dir. Sieh eins.« + +Mit einem Sprung war sie an ihrer Kommode, kniete nieder, warf allerlei +Wäschestücke um sich herum, und dann kamen sie zum Vorschein, all die +verborgenen Kostbarkeiten. + +»Line,« rief er mit aufsteigender Scham, denn der Anblick dieser +Geschenke war ihm unangenehm, »wollen wir uns jetzt nicht setzen? -- Es +ist halb neun, und ich bleibe nur noch ganz kurze Zeit.« + +Aber sie war zu sehr in ihrem Element. Nein, erst wollte sie sich ihm zu +Ehren mit all seinen Geschenken schmücken. »Kuck eins, diese +Opalohrringe« -- sie rutschte auf Knien zu ihm hin, »die mußt du mir +zuknipsen -- so -- und hier das Armband, und das Herz mit dem +Brillanten, schade, dazu muß man ausgeschnitten gehen.« + +Alles hatte sie angelegt, schüttelte die Arme, bog den Hals und setzte +sich dann rasch neben ihn auf dem Sofa nieder. In geschäftiger Eile +begann sie ihm danach die Brötchen zu streichen, immer bemüht, die +Finger so zu drehen, daß die Ringe im Lampenlicht funkeln könnten. + +»Gefällt's dir so?« fragte sie mit einem raschen Seitenblick. + +Er sah sie bewundernd an. + +Immer mehr verlor er die klare Beherrschung der Stunde. + +Nun tranken sie von dem heißen Tee und ergingen sich dann in ihrer +beiderseitigen Lieblingsbeschäftigung, über die Zukunft zu phantasieren. + +Hier war er ihr überlegen, war er ihr Meister. Andächtig saß sie neben +ihm, die Hände gefaltet, den Mund vor Bewunderung leicht geöffnet, und +das Hervorblitzen der weißen Zähne riß ihn zu immer bunteren Träumen +hin. Da sah sie all ihre Erwartungen sich formen; die Equipage wurde, +und die Diener und das Schloß, und alles war seinem Willen untertänig -- +und bald wohl auch ihrem -- bald wohl auch -- -- -- + +Plötzlich schrie sie auf. Er sprach nicht mehr von dem Schloß, wirre +Worte fielen: »Du bist das Schönste -- du bist das Schönste.« + +Im ersten Schreck lief sie bis in die Mitte der Stube, doch vor dem +Spiegel erreichte er sie. Sie kehrte ihm den Rücken, als grolle sie ihm, +aber er sah, wie ihre Augen ihn in dem Glase halb erwartungsvoll, halb +flehend beobachteten. + +Da fiel ihm plötzlich wieder die Kette ein. Mit einem unterdrückten Ruf +riß er das Schmuckstück hervor, und immerfort stammelnd: »Du bist das +Schönste,« faltete er es blitzschnell auseinander, und mit hocherhobenen +Armen führte er die goldene Schnur über ihr Haupt fort. + +Mit großen erschrockenen Augen stand sie da. Das hatte er bis jetzt noch +nie gewagt. + +Unter seinen Händen begann sie zu zittern, als ob ein Fieber sie +schüttelte. + +Ein betäubender Sturmwind brauste über beiden. + +Erwartend, still, ohne Bewegung, hatte sie geduldet, daß er wilde, +besinnungslose Küsse auf ihren Nacken gepreßt, und es war, als ob sie +die Schläge zähle, die dort die kleine Uhr an der Wand tickte. + +Eins -- zwei -- drei -- vier. + +»Du bist das Schönste,« klang es vor ihr auf, verschüchtert vor ihrer +Schönheit. + +Aber dieser erste Menschenlaut schlug alles in Trümmer. Mit wilder Kraft +schleuderte sie die Kette plötzlich von sich, daß sie zerrissen auf die +Erde klirrte, und wie erschrak er, als er das schneebleiche Antlitz +gewahrte, in dem nur die Lippen von blutvollem Leben redeten. + +Ganz seltsam war es, wie sie jetzt langsam und voller Besinnung auf ihn +zuschritt: »Hör',« sagte sie mit bebender Stimme, während ihre Augen in +düsterer Glut seine Meinung zu durchdringen suchten, »ich bin nicht so +eine, wie du vielleicht glaubst. Das mußt du nicht denken. Ich will es +dir sagen, ich bin dir auch gut, schon seit langem, aber ich weiß, was +ich will. Wenn du's nicht ganz ehrlich mit mir meinst, dann laß mich +allein meiner Wege gehen. Ich komm' auch ohne dich in die Höhe -- hörst +du?« + +Ihre Stimme nahm einen drohenden Klang an. + +Die Uhr schlug wieder ihren Schlag. + +Eins -- zwei -- drei -- vier -- + +Und mit jedem Schlag wuchs die rechnende Besinnung in den beiden +Menschen. + +»Nun sag,« drängte sie schroff. Aber er stand wie gelähmt. Der Gedanke, +der ihn sein ganzes Leben hindurch beherrscht hatte, daß er seine +Zukunft im Auge behalten müsse, daß er alle Hilfsmittel wahrnehmen, eine +reiche Frau heiraten, und weder links noch rechts abirren dürfe, der war +plötzlich riesengroß in ihm aufgeschossen und hielt ihn fest. -- Er wand +sich, wie unter einem körperlichen Schmerz. + +Doch sie besaß wohl wirklich die Hexenkraft, alles von seiner Stirn +lesen zu können. + +»Pfui!« schrie sie laut auf. + +Wie einen blühenden Rotdorn, den der Sturm peitscht, so faßte der Zorn +all die feinen Glieder in dem roten Gewande an. Der Betroffene sah sie +sich förmlich zusammenkrümmen, dann riß sie ihr Kleid enger um sich +zusammen, und vor Scham und Wut aufschluchzend stürzte sie auf den +Alkoven zu. + +Das war der Stoß, den der über den Abgrund Gebeugte noch erhalten mußte. + +Als er diese prachtvollen wilden Bewegungen sah, diesen ganzen +hinrasenden Zorn, da hatte die Hexe ihr Werk vollbracht. Wie es kam, +wußte er später auch nicht mehr, er hielt sie mit seinen Armen +umklammert, und mit hervorbrechender Angst flehte er, sie solle nicht +weinen, alles, was sie nur wolle, würde er tun. Alles und jedes. + +»Ja?« fragte sie unter ihren Tränen siegreich lächelnd und sich von ihm +befreiend. + +»Ja.« + +»Dann gib mir den Ring, den du da trägst.« + +Rasch steckte er den Reif an ihren Finger. + +»Was noch?« + +»Schwöre mir, daß du mich nie verlassen wirst.« + +»Nein, niemals.« + +»So nicht, bei unsrer Mutter. Draußen in Moorluke sollst du's tun.« + +In schüttelnder Angst stammelte er ihre Worte nach. + +Als der letzte Laut verklungen war, trat sie nochmals, wie prüfend, +einen Schritt zurück, plötzlich aber stieß sie ein helles Jauchzen aus, +und ihre Arme hoch über seinen Hals hebend warf sie sich stürmisch an +seine Brust. + + -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- + +Das verblaßte Bild der Handarbeitslehrerin über dem Sofa errötete und +schüttelte den Kopf, aber oll Chronos, der unten durch die einsame +Straße fuhr, brummte hinauf: »Dummheiten, alte Schachtel, laß sie; es +sind die Jahre.« + + Ende des zweiten Buches + + + + +Drittes Buch + +Philosophie und Liebe + + + + +I + + +Der Bodden lag in fauler Ruhe, wie ein träger Junge, der hinter der +Schule eingeschlafen. Wenn das Boot, das an der Hafenmauer angeschlossen +lag, ein wenig knarrte, dann war es, als ob die See in der prallen +Sonnenhitze schnarche. + +Der Lügenlotse und Hann saßen an der Molenspitze und angelten. Und alle +Augenblicke zog oll Kusemann unter schlauem Augenblinzeln ein zappelndes +Barschlein aus der Flut und barg es sorglich in einem Wassereimer, der +hinter ihm stand. + +»Föfteihn,« schmunzelte er. + +Nun wußte Hann zwar ganz gut, daß es nur zehn wären, doch er ließ seinen +alten Kumpan gewähren. + +»Wie machst du das?« fragte er nur nach einiger Zeit, während der er +nachdenklich auf die funkelnde Scheibe gestarrt hatte. + +»Hörst nicht?« erwiderte oll Kusemann stolz, »ich pfeif'.« + +Er gab einen zischenden Laut durch die Zähne, so daß Hann lächeln mußte. + +»Und darauf beißen sie an?« fragte er langsam. + +»I woll, darauf sind sie dich ganz versessen. Aber 's gehört Kunst dazu. +Pass' eins auf.« + +Er befestigte einen frischen Wurm an dem Haken, spuckte darauf, und +nachdem er von neuem ausgeworfen, harrte er, bis der Kork ein wenig zu +zittern begann. + +Jetzt pfiff er und zog im selben Augenblick einen stattlichen +Dreipfünder aus der See. + +»Wat sagst nu, Flesch?« fragte er triumphierend und klopfte seinen +Gefährten herablassend auf die Achsel. + +Und wieder mußte Hann über die harmlose Tücke des Alten den Mund +verziehen. + +»Schön,« lobte er. + +»Na, siehst,« brummte oll Kusemann sehr befriedigt. + +Aber das Gespräch wollte nicht weitergehen. + +War es die Glut, die ordentlich summend über das Wasser schlich, oder +hing Hann anderen Gedanken nach, jedenfalls gewahrte der Lügenlotse mit +Mißbehagen, wie sein Freund allmählich die Angel unter das Knie schob, +um dann seine Augen unverwandt auf eine volle weiße Wolke zu richten, +die zackig und blendend an dem blauen Horizont emporstieg. Aber diese +Gleichgültigkeit verletzte oll Kusemann im Innersten, denn Nichtangeln +erschien ihm direkt als ein Charakterfehler. So hustete er denn ein +paarmal, spuckte ins Wasser, rückte hin und her und brummte endlich, als +alle Versuche mißlangen, in sich hinein: »'s is nichts mehr los mit +Hann. So macht er es all öfter. Na wart eins, mein Jünging.« Plötzlich +schwenkte er aus Leibeskräften seine Mütze: »Line,« schrie er, wie +besessen. + +»Wer? -- ja -- wo?« fuhr der Träumer erschreckt herum. + +»Je, ich meinte man,« sagte der Lotse stillglücklich über die gelungene +List, »sie wär' ein hübsch' Mäten.« + +Hann sah ihn an, wurde blutrot, senkte den Kopf und kehrte sich wieder +seiner Wolke zu. + +»Da soll doch ein Donner reinschlagen,« dachte oll Kusemann, als das +Schweigen wieder anhob, »aberst ich weiß ja, er is ein Phi -- und so +weiter, ich muß ihm woll näher aufs Fell rücken.« + +»Hanning,« fing er bedächtig an, während er sich ein Stück Priemtabak +schnitt, »ich kenn einen, den du auch kennst, der das Pfeifen noch viel +feiner versteht, als ich. Weißt, wer das is?« + +»Nein,« warf der Gefragte achtlos hin. + +»Dein Bruder Bruno.« + +Und der Lotse, der unter seinen gesenkten Lidern nach dem Burschen +hinschielte, hatte die Genugtuung, daß sein Genosse unmerklich +zusammenzuckte. + +»Wieso?« fragte er plump. + +»Ja, mein Jünging, ich wundre mich, daß du das nich weißt,« fuhr der +Alte mit großer Behaglichkeit fort, »ich dacht mich nämlich, du müßtest +das wissen, wie fein der angeln kann, solche hübschen, schlanken +zappligen Dinger. Na, aber, wenn du dich nich mehr erinnern kannst, dann +will ich dich gern draufbringen. -- Hm, ja, siehst du, -- es mag ja jetzt +wohl so ein Stückener acht Wochen her sein, so ein paar Tag' nach +Pfingsten, da war ich gegen Abend in der Stadt bei meinem Swager +Bönhase, der die Kneipe am Rick hat. Na, und du weißt, ich bin ein +Gutmütiger und kann Zureden, noch dazu von Verwandte, man swach +widerstehen. Da hab ich denn en paar Glas mehr getrunken, -- aus purer +Gutmütigkeit -- und weil mich mein Alwining das später immer anriechen +tut, so bin ich nachher ein bischen auf den Wall spazieren gegangen, um +mich die Geschichte auszulaufen.« + +»Mach rasch,« murmelte Hann dazwischen, dessen Augen immer größer und +ängstlicher auf dem andern ruhten. + +»Kommt allens,« beruhigte oll Kusemann und rückte erst sorglich an +seiner Angel. »Ümmer eins nach dem andern, sagte der Voß, als er die +Küken auffraß -- na also, als ich da so in der Dunkelheit unter den +Bäumen geh, denn die Kastanien machen da hellisch duster, potztausend, +da seh' ich auf einmal auf einer Bank -- --« + +»Bruno und Line,« stammelte Hann, dessen Gesicht kupferbraun geworden +war. + +»Sieh, wie fein du das raten kannst,« gab der Lotse schmunzelnd zu, +spitzte den Mund und schmatzte in der Luft umher, als ob er unsichtbare +Küßchen austeile, »aber sie hatten es damit gar zu eilig, denn sonst +müßten sie mir und noch jemanden andern bemerkt haben, der da in dem +Gestrüpp an der alten Mauer stand und mit langem Hals nach den beiden +rüberkuckte. -- Weißt, wer das war?« + +Die Angel von Hann fiel hinunter und oll Kusemann mußte zugreifen, um +sie noch im letzten Augenblick zu fangen. + +»Das weißt du auch?« quoll es erschreckt aus dem Burschen heraus, +während er die Mütze abnahm, um sich den Schweiß zu wischen. + +»Ja,« entgegnete der andere und zerriß umständlich einen allzulangen +Wurm, »wenn du wieder eins an solche Stellen gehst, Hanning, dann mußt +du dich nich die Mütze mit den goldnen Tressen aufsetzen. Ich hab' +Erfahrungen, die Dingers sünd zu verräterisch.« + +Hann glotzte den Erzähler an, dann blickte er wieder verdüstert in die +Flut hinunter, durch welche die feinen Furchen des gelben Sandes +deutlich hinausschimmerten, und versuchte endlich vor dem Aufhorchenden +eine Erklärung zu stottern. + +Er wäre an jenem Abend in der Räucherei in der Stadt gewesen, Heringe +abzuliefern, und da habe er das Paar plötzlich in größerer Entfernung +vor sich gesehen. Nur um sie einzuholen, wäre er ihnen nachgegangen, und +als sie sich später auf dem Wall befunden, da wäre alles so gekommen, +wie es oll Kusemann eben vorgebracht. Er selbst -- Hann -- sei dann +unbemerkt wieder die Böschung des Walles hinuntergestiegen. + +»Je, dann sind sie woll verlobt?« fragte der Lotse lauernd. + +Aber Hann wagte nichts zu entgegnen, sondern starrte verlegen in das +Wasser, in dem die kleinen Stichlinge in Scharen hin und her huschten. + +Jedoch oll Kusemann ließ nicht so leicht locker. + +»Jünging, ich mein', er hat doch deine Eltern von seine Absichten in +Kenntnis gesetzt? Was?« + +»Ja,« murmelte Hann beinah unverständlich und wischte sich wieder +Schweiß. Aber die Lüge stand ihm auf dem Gesicht geschrieben. + +»So -- so,« meinte oll Kusemann gedehnt, wobei er seine schiefgestellten +Augen nachdenklich zukniff, um sich dann langsam den spitzen Kinnbart zu +streichen. -- Und blinzelnd fuhr er fort: »Ja, ja, bei diesen ollen, +lütten, nüdlichen Liebschaften hat jeder seine eignen Moden. Da hält der +eine so'n Dings gern auf'n Schoß und der andere versteckt sich vor ihr +hinter Fischnetze. -- Aber laß -- da beißt gerade wieder solch ein +Biest.« + +Er wollte den zappelnden Barsch in den Eimer werfen, doch ohne Übergang +fühlte er sich von Hanns starker Hand fest am Arm gepackt. + +»Oll Kusemann?« + +»Was?« + +»Das letzte.« + +»Hanning -- laß mich los.« + +»Nein -- erst sag'.« + +»Herr Gott, was is denn? -- Du drückst mich ja. -- Ich habe eben Augen, +die sehen, wenn eine Mücke ins Wasser spuckt; und wenn ein paar Tag' +nach der vorigen Geschicht' Klara Toll hier vorübergeht und du auf der +Wiese sitzt, dich aber vor ihr hinter den Stellnetzen versteckst, so daß +sie ruhig wieder nach Hause gehn muß, dann soll ich das nich sehen?« + +In der dicken, sengenden Glut fühlte Hann, wie ihm etwas Kaltes über den +Rücken rann. Dann stöhnte er plötzlich qualvoll auf und nahm den Kopf in +beide Hände: »Ja, ja, das hab' ich getan.« + +»Na, was denn?« + +»Daß ich ihr aus'm Wege geh'. Es is sehr unrecht -- aber ich muß in +dieser Zeit in meinem Sinn immer an die beiden andern denken. Ich kann +nicht dafür. Oll Kusemann, weißt du, woran das liegt?« + +»I, ja, Hanning, du büst eben ein Phi -- -- und so weiter.« + +Eine Weile blieb es still zwischen den beiden. + +Leise summend platzten die Wasserblasen in der glasigen Hitze, der +Seetang strömte einen immer strengeren Geruch aus, und immer zackiger +türmte sich hinten am Horizont das Wolkengebirge empor. Und da, begann +nicht ganz fern und verschwommen schon etwas zu rollen? + +»Gewitter,« meinte der Lotse und roch nach dem Regenduft in der Luft +aus. Jedoch in demselben Augenblick griff Hann krampfhaft von neuem mit +beiden Händen nach dem Arm des Alten. + +»Mußt mich was versprechen.« + +»I, gern.« + +»Nich drüber reden, was wir heut hier erzählt haben.« + +»I, wo werd' ich? -- Aber sieh, Hann« -- und der Lügenlotse streichelte +halb zärtlich, halb verschämt über das Knie des Burschen -- »da hat eure +kleine Spitzhündin neulich geworfen, -- und sieh, wenn du mich so einen +von die lütten Spitze geben würdest, ja, dann würd' ich noch einmal so +gut dran denken, denn ich bin sehr vergeßlich.« + +Hinter den Wassern murrte es deutlicher. + +»Das wird tüchtig,« meinte oll Kusemann, als die beiden Angler sich +erhoben, um die Schnuren aufzuwickeln. »Na, kann ich mich den lütten +Spitz holen?« -- Und als Hann wortlos genickt hatte, da faßte der +Lügenlotse den jüngeren zufrieden unter den Arm und knurrte: »Ich tu' es +eigentlich bloß zu deinem Vorteil, Hann, denn sieh, es is gut, wenn der +Mensch ein Erinnerungszeichen hat. Aber nu komm, es wird tüchtig.« + + -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- + -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- + +Und es wurde tüchtig. + +Über der Stadt, ganz dicht auf den Dächern hatten sich die +Wetterschlangen ihr schwarz-blaues Nest gebaut. Und nun fuhren die roten +Nattern herab, lustig, tänzelnd, schlängelnd, und wenn sie an den +Fenstern der Städter vorbeizuckten, dann wisperten sie ihnen mit +tückisch-glühenden Augen etwas zu: »Kuck, Dirning,« zischelte eine, +während sie vor dem Fenster tanzte, hinter dem Fräulein Dewitz und Line +saßen, »da unten geht er, an den du denkst. -- Aber mußt es ihm sagen -- +sagen -- sagen --. Wissen werden es doch bald alle, wissen -- wissen. +-- Mach schnell -- zisch!« + +Da schlug es ein. + +Ein lang anhaltendes Knattern lief durch die Straße, die Häuser bebten. + +Line wurde schneebleich, doch ihre Augen behielten den trotzigen Glanz, +als sie jetzt ihr dunkles Köpfchen wandte, um dem jungen Manne +unmerklich zuzuwinken, der auf der andern Seite der Straße trotz des +prasselnden Regens im Vorbeieilen zweimal den Hut schwang. -- +Bedeutungsvoll fast, wie ein Zeichen. + +»Sieh,« sprach Fräulein Dewitz mit zitternder Stimme, wobei sie um alles +in der Welt nicht die ängstlich gefalteten Hände gerührt hätte, »er ist +und bleibt doch ein wohlerzogener junger Mann. Selbst in diesem Wetter +hat er jede von uns besonders begrüßt. Das ist Anstand, Kind. Mein Gott, +wenn es doch nur bald vorüber wäre.« + +Es war ein wildes, fast unmutiges Lächeln, das bei diesen Worten der +Handarbeitslehrerin um Lines Lippen ging. Sie hätte sich ja über dieses +verabredete Zeichen des Vorübereilenden freuen müssen, denn es +bedeutete, daß irgend einer der Pläne Brunos zum glücklichen Ziele +gelangt sei. + +Aber -- aber -- -- -- + +Was er wohl treiben mochte? + +Sie konnte es nicht ergründen. So oft sie auch fragte. Aber er hielt +fest an ihr. Er hatte es ihr ja damals geschworen, und sie fühlte auch +selbst, wie groß ihre Macht über ihn war. Das blieb doch die Hauptsache. + +Zudem gab er sich auch sonst fast immer so froh und hoffnungsvoll, und +so waren es wohl nur die vielen Pläne, welche die Zukunft von ihnen +beiden sicherstellen sollten, die ihn manchmal zerstreut und unrastig +erscheinen ließen. + +Aber gottlob, er hatte ihr ja geschworen, und bald, bald hatte sich wohl +alles gefügt; und was sich jetzt mit solcher Schwere auf sie senkte, das +war wohl nur diese dumpfe Schwüle, denn Fräulein Dewitz litt nicht, daß +das Fenster geöffnet würde. + +Es prasselte und zischte um die Scheiben. + +Und da zuckte auch schon wieder solch rote Schlange und äugelte unter +dem Regen nach ihr hin: »Mußt es ihm sagen -- sagen, eh' sie es alle +wissen -- wissen! -- Zisch!« + +»Was ist dir, Lining?« erkundigte sich die alte Dame. + +»Mir? nichts -- Es ist nur die Schwüle.« + +»Ja, ja, wenn das Wetter nur erst vorüber wäre.« + + -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- + -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- + +Aber das Wetter wollte nicht. + +Es war, als ob es wüßte, daß es heute etwas Entscheidendes zu erfüllen +gäbe. + +Die Wetterhexe in ihrem Wolkenrock, mit Regenruten in der knochigen +Faust, lief über den Bodden und peitschte auf die kleinen Hafenwellen +ein, die herausgekommen waren, um auf dem Plan mit weißen Kränzen im +Haar Ringelkranz -- Rosentanz zu spielen. + +»Töwt ji Marjellen, willt ji woll to Hus[2].« + +Da stürzten die Kleinen schreiend nach Hause, aber am Hafeneingang da +stand der Donner-Alte, der schrie, daß es fürchterlich über das Land +hallte: »Hier vörbie -- hier vörbie, ick fret juch up[3].« + +Da gab's kein Halten mehr. + +Schreiend, heulend, halb ohnmächtig vor Angst, drängten und stießen sich +die kleinen Wellen vorbei, ballten sich zusammen, traten sich +gegenseitig unter die Füße, rissen ihre weißen Kleidchen in Fetzen und +kreischten in Todesfurcht: »Mudding, Mudding, to Hülp.«[4] + +»Töwt, ick ward juch helpen,«[5] dröhnte der Alte, und schleuderte mit +voller Wucht einen Blitz gegen die Brücke, unter der sich die Kleinen +gerade verbargen. + +»To Hülp -- to Hülp.«[6] + +»Krach,« ächzte das morsche Holz und stürzte bis auf ein paar Balken +kopfüber in den gischtigen Strom. + +Die Wetterhexe kreischte laut auf vor Vergnügen. + +»Dat's recht -- dat's recht.« + +»Kiek,« sagte der Donner-Alte, »wat ick oll Mann noch bi Kräften bünn -- +aberst nu kumm, Ollsching, nu willen wie mal 'n recht schönen +Schottischen danzen.«[7] + +Und damit hopsten die beiden Alten wieder auf dem Bodden herum. + + -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- + +Am Bollwerk standen die Moorluker und redeten darüber, daß es nach dem +Einsturz der alten Brücke keine Verbindung mehr zwischen Moorluke und +dem gegenüberliegenden Dorfe gäbe. + +In Strömen prasselte der Regen dabei hernieder, und über Fluß und Land +leuchtete es an diesem Nachmittag blau und schwefelgelb. + +»Dat's slimm,« meinte der wassersüchtige Lotse Pagels mit dem +verschnürten Bein. + +»Wieso?« fragte Siebenbrod und stellte in seinem Kopf bereits eine +Rechnung an. »Da kann jetzt einer mit einer Fähre ein schönes Geschäft +machen.« + +»Schön -- schön, das kommt alles davon her,« fuhr der spindeldürre, +lange Lehrer Toll dazwischen, »daß das olle Ding nicht versichert war, +denn bei Versicherten schlägt's nie ein. -- Noch kein Fall dagewesen, +Herrschaften. -- Na, also.« + +Aber ehe diese Anspielung noch recht verstanden wurde, quiekten +plötzlich durch den aufklatschenden Regen und das Heulen des Windes +Harmonikamelodien hindurch. Es war, wie wenn die Weise aus dem Fluß +dränge. + +Was war das? + +Alles schwieg. + +»Herr Gott, Kinder, es wird doch nicht etwa Malljohann sein?« fragte oll +Kusemann. »Sein Schiff liegt hier.« + +Und durch den Haufen drängte sich ein großes, starkknochiges Weib. -- +Frau Dörthe Petersen, der weibliche Kapitän. + +»Herrgott, was wollt's nich -- was wollt's nich,« jammerte sie und rang +die Hände. »Bei Gewitter schleicht er sich immer auf die Brücke und +sagt, er müsse gegen den Donner aufspielen. -- Was kann da einer für?« + +»Malljohann -- Malljohann!« riefen drei, vier Stimmen, um ihn +anzulocken. + +»Der Mann hatt' doch nu mal solche Gedanken in seinen Kopf,« klagte das +Weib weiter und beugte sich über das Bollwerk verzweifelt gegen die +zerrissene Brücke vor: »Huch,« kreischte sie plötzlich, »kiekt -- oh, +kiekt da -- da sitzt was, wie sein Gespenst -- o Gott, o Gott, wie ich +mich fürcht'.« + +Alle drängten sich um sie, alle starrten mit den seegeübten Augen durch +Dünste, Gewitterwolken und den Regen hindurch, der wie ein graues +Fischernetz alles umwob. + +Richtig, da -- mitten im Fluß -- auf den drei einzelnen, +stehengebliebenen Balken, da regte sich etwas Braunes -- und jetzt, wo +der Donner wieder über die vernebelten Wiesen knatterte, da +unterschieden sie von neuem ein schwaches Getön. + +»O je -- o je,« heulte Frau Dörthe, »hört bloß -- hört bloß, jetzt +spielt er: Wer nur den lieben Gott läßt walten -- Und wie spielt er.« + +Nun drängte und schrie alles durcheinander. + +Man müsse Bretter bis zu den Balken legen. Aber die würden nicht +anhaften. Vielleicht einen Strick hinüberwerfen, allein der Verrückte +rührte sich ja gar nicht. Oder ob man es trotz des weißen Strudels mit +einem Boot versuchte? -- + +»Ich würd's tun,« erbot sich oll Kusemann. »Ich hab' all vier Menschen +gerettet.« + +»Ja woll, oll Kusemann -- oll Kusemann,« stimmte alles zu. + +»Aberst ich hab' heut grad meinen lahmen Tag,« kam der Lotse hinterher. + +»Den wird er wunderbar erhalten,« quiekte die Harmonika durch den Regen. + +»Hört bloß -- hört bloß,« heulte wieder die Frau. + +»Hanning?« rief der Lügenlotse durch den Lärm, »wo is Hann Klüth?« + +»Hier -- was soll er? -- da steht er neben der Frau,« antworteten +einige. + +Oll Kusemann legte dem Burschen, der tiefsinnig auf das zertrümmerte +Brückenwerk hinübersah, salbungsvoll die Hand auf die Schulter. + +»Hanning, der Mensch soll für seine Mitmenschen was tun. Nich so?« + +Aber der lange Lehrer Toll, der für seinen künftigen Eidam fürchtete, +drängte sich aufgeregt und gestikulierend dazwischen: »Schön, +Herrschaften, aber das ist ja der reine Unsinn. Es ist doch man einer, +der seinen Verstand nicht voll hat.« + +»Seinen Verstand nich? Wieso?« sprach Hann Klüth, indem er immer noch +nachdenklich zu Boden sah. »Ich frag man, hat er sich nich auf den +einzigen Balken gesetzt, der noch steht? Und spielt er nich mitten in +den Tod ein geistliches Lied? Wenn er das mit einem kranken Verstand +tut, was würd' er erst mit einem gesunden tun? Ne, ich hab' mich all +ümmer gedacht, wir verstehen ihn bloß nich. -- Um den wär's schad'.« + +Mit einer schnellen Bewegung ließ er sich über das Bollwerk gleiten, in +ein Boot hinab, das bereits halb voll Regenwasser stand. + +Ihm nach kletterte noch eine zweite herkulische Gestalt, der taubstumme +Riese Muchow, dem die Sache großen Spaß zu bereiten schien: »Hü -- hü,« +schrie er erregt und zeigte auf das Pfahlwerk. + +Und kaum war das Boot losgebunden, so ward es von der Wucht des Stromes +in einer Sekunde gegen den aufragenden Balken geworfen, so daß alle +Rippen krachten. Im nächsten Augenblick jedoch umklammerte Hann bereits +den Pfahl, zog den Musikanten, der gleichgültig alle Vorbereitungen +mitangesehen, an den Beinen in das Fahrzeug und stieß darauf mit so +gewaltiger Kraft von dem Balken wieder ab, daß der Nachen knirschend auf +den Ufersand schoß. + +»Hurra!« schrien die Moorluker entzückt. + +Der Taubstumme umklammerte den Harmonikaspieler, hob ihn in die Höhe und +warf seine Ladung gleichmütig wie einen Sack ans Land. + +Dann sprang er selbst unter allen Anzeichen der Freude heraus. »Hü -- +hü,« gurgelte er, »Eierkauken.« + +»Hurra,« schrien die Moorluker von neuem. »Nun Hann noch.« + +Aber was war das? Ein vielstimmiger Ausruf des Entsetzens. + +Eine einzige, wütende Woge war es, die das erleichterte Schifflein hoch +in die Höhe hob, um es dann mit der Breitseite krachend gegen das Ufer +zu schleudern. Hann flog kopfüber hinaus, hieb mit der Stirn gegen den +Zacken eines eisernen Ankers, und in seinem letzten Augenblick war es +ihm, als ob die Sonne glühend und blutrot vor ihm unterginge. + +»Line,« stöhnte er. + +»Hann -- Hanning -- Hann Klüth.« + +»Das kommt davon,« sagte Siebenbrod, »der Bengel is immer solch ein +Dämlack gewesen. Nu muß ich auch noch die Doktorkosten bezahlen.« + + -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- + -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- + +Es war gegen Abend. + +In seiner Bodenkammer hatten sie ihn auf den engen Wandschragen +gebettet. + +Zwei Frauen saßen bei ihm. + +Mudding, die von Siebenbrod mit ihrem Stuhl hinaufgetragen war, und die +nun hilflos zusehen mußte, wie Klara Toll neben dem Hingestreckten saß, +um ihm unausgesetzt kühlende Umschläge auf den Kopf zu legen. + +Sie konnte so gar nichts helfen, das arme, alte Mudding mit ihren +geschwollenen Füßen, aber stets wenn das schweigsame Mädchen dort in die +Schüssel langte, dann streichelte die Alte langsam über ihre nasse Hand +und murmelte: »Lieb's Döchting.« + +Es war beängstigend still in dem schmalen, dämmrigen Raum. Nur zuweilen +hörte man das Plätschern des Wassers und Klaras tiefe, zurückgepreßte +Atemzüge. + +Das Fenster stand offen. + +Draußen hatte das Gewitter ausgetobt, ein ganz feiner rieselnder Regen +fiel noch, aber hinten über den dampfenden Wiesen sah man die Sonne +glühendrot hinter blaugrauen Schleiern untergehen. Ein leichter Wind +schüttelte die nassen Pappeln vor dem Häuschen, und von überall her +erhoben sich die erquickenden See- und Heudüfte. + +So mochte wohl eine Stunde vergangen sein. + +Hann lag mit starren, offenen Augen, ohne sich zu bewegen, er rührte +sich auch nicht, als Klara Toll sich leise über ihn beugte, um ohne +Furcht und Scheu vor der alten Frau ihren Mund auf seine Stirn zu +pressen. + +»Lieb's Döchting,« murmelte die Alte wieder und langte nach der Hand des +Mädchens. »Lieb's Döchting.« + +Klara Toll wandte sich und sah Hanns Mutter an. Dann streichelte sie +behutsam über das schlichte Haar der Matrone. Die Alte schlang ihren +zitternden Arm um die Hüfte der vor ihr Stehenden und drückte sie an +sich. + +»Du bist die Rechte,« sagte sie dann nach einiger Zeit. + +Dunkler und dunkler war es inzwischen geworden. In einem weiten +Dunstkreis erschien der Mond am Himmel und leuchtete verschwommen durch +die nassen Pappelzweige. + +Aus dem Garten rief stark und kräftig eine Schwarzdrossel. + +»Mudding?« flüsterte Klara. + +»Was?« + +»Sieh.« + +Hann hatte sich aufgerichtet, sah auf die flirrenden Mondlichter, die +auf der Wand tanzten, und langte dann nach den beiden dunklen Gestalten. + +Hoffnungsvoll gab ihm Klara die Hand. + +Erstaunt und lange musterte der Kranke das Mädchen. Dann begann er: +»Bist du nun da, Lining?« + +»Hann,« rief Mudding erschreckt. + +»Still,« verwies Klara, setzte sich zu dem Kranken auf den Bettrand und +strich ihm die nassen Haare von der Stirn. Die Berührung schien dem +Kranken wohl zu tun. Wenigstens hielt er die Finger des Mädchens fest +umspannt. + +»So,« äußerte er endlich nach einiger Zeit, »so ist's gut.« + +Dann wurde er wieder unruhig. + +»Lining,« hob er von neuem an, »ich krieg das nich aus'm Kopf, ich muß +immerzu daran denken. Immerzu. Das mit Bruno, Lining« -- seine Stimme +nahm einen flehenden Klang an: »Es ist doch allens recht und in Ordnung +mit ihm? -- Ich kann gar nicht mehr schlafen -- denk', ich geh Klara +Toll immer aus'm Weg -- oll Kusemann weiß es auch all -- -- Ach Lining, +wenn du doch immer hier im Haus geblieben wärst.« + +»Klara,« rief Mudding erschrocken und beschämt, »er is nich bei +Verstand.« + +»Ja, er fiebert,« sprach das Mädchen, ohne sich zu rühren und ohne +aufzuhören, die Finger auf des Leidenden Stirn zu legen. + +»Und wie du getanzt hast, Lining -- weißt noch? + +»Und die Molle voll Goldstücke aus der untergesunkenen Stadt -- Und im +Gefängnis, da hab' ich auch immer an dich gedacht -- ich krieg dich +nicht aus'm Kopf. -- Aber die Angst -- die Angst --« + +Die kleine Frau wand sich in der Dunkelheit in ihrem Stuhle hin und her +und rief endlich nach Licht. Man solle Licht anstecken. Es müßte hell +werden. + +Klara folgte. Nach kurzer Zeit brannte auf dem Stuhl neben dem Lager ein +Talglicht. Dessen Flämmchen zuckte vor der einströmenden Luft hin und +her. -- Wie die Seele des Kranken. + +Er sah sich in der unsicheren Helle ungewiß um. + +»Klara,« murmelte er endlich. + +»Ja, Hann -- kennst du mich?« + +»Ja, ja -- was wollt ich nicht? -- Aber -- aber war noch jemand hier?« + +»Nur Mudding.« + +»Mudding -- ich dacht' man,« flüsterte Hann und sank zurück, und noch +einmal kam es ganz leise: »Ich dacht' man -- --« + +Dann ward es still. + + -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- + +Es war beinah gegen Mitternacht, da saß auf der Bank vor dem Lehrerhaus, +vor dem die blühenden Fliederbäume ihre Düfte in die Nacht hauchten, ein +Mädchen und hatte das Haupt in beiden Händen verborgen, als sollte es +noch dunkler um sie werden, und dachte nach und sann und sann. + +Von fernher strich ein Windzug über das einsame Meer, der stieß an die +Kirchturmglocke. + +Es war, als ob die Nacht über ihre Verlassenheit seufzte. Und das +Mädchen stand auf und tastete umher, wie wenn sie etwas suche, was sie +nicht finden könnte, und schüttelte den Kopf und sann und sann. + + + + +II + + +Inzwischen zog der Sommer ins Land. + +Der Konsul war mit seiner Tochter und ihrem Verlobten in das vornehme +belgische Seebad gereist und die Geschäfte ruhten fast ausschließlich in +den Händen mehrerer alter erprobter Prokuristen, sowie des +unternehmenden Bruno. Und die Zeit forderte gerade in diesem Sommer die +Unternehmungslust der Reedereien heraus. + +Jenseits des Ozeans, vor Kuba, waren eines Morgens die amerikanischen +Kanonen von selbst losgegangen und hatten mit ihrem Donner auch die +deutschen Philister aus den Betten gejagt, die kleinen Rentner, die +einen Teil ihres Ersparten in spanischen Werten angelegt hatten. + +Aber noch lag ein spanisches Geschwader unversehrt in einem Küstenwinkel +der Neuen Welt -- man wußte nur nicht genau, wo. -- Diese Flotte konnte +hervorbrechen, konnte den Admiral Dewey überraschen, konnte -- -- -- -- +die Spekulanten fieberten, die Depeschen flogen. -- -- + +Für Bruno war dies eine gute Zeit. So angespannt, erregt und voll froher +Laune hatte er sich noch nie befunden. + +Ja, ja, Herzdame war für ihn eine gute Karte. Sie schlug. + +Sie schlug wirklich. Er hatte jetzt stets das Portemonnaie voller +Goldstücke und die Brieftasche gefüllt mit Scheinen. Zu Mittag, in der +vornehmen Weinhandlung von Kroll, trank er jetzt beständig eine halbe +Flasche Champagner, und für Line ersann er die zierlichsten +Überraschungen. + +Ach, was war doch Line für ein reizendes Liebchen. Wie wild, wie +selbstvergessen hing sie an ihm, wie unberechenbar und wechselnd waren +ihre Launen, die sie doch in seinen Augen nur begehrenswerter erscheinen +ließen. Und dann -- er merkte es deutlich -- in der letzten Zeit war +dieses kratzende Kätzchen bereits zahmer geworden, fügsamer; ihr Trotz +verschwand. Denn nur so konnte er es sich auslegen, daß sie häufig in +den knappen Augenblicken, wo sie sich beide unbelauscht zusammenfinden +konnten, kaum die Augen erhob, so schweigsam war und zu dem meisten +Beifall nickte. + +Nur, wenn er, was er so gerne tat, von der Zukunft sprach, dann konnte +sie ihn mit dem feinen Gesicht, das jetzt manchmal so blaß aussah, so +dringend, so fordernd ansehen, daß er oft ganz betreten wurde. + +Was konnte das bedeuten? + +Ja, ja -- sie wünschte wohl das Ende, ihre Gedanken hatten sich gewiß in +dem langen, wehenden Brautschleier verfangen; und der sollte auch bald +um ihr Haupt fließen -- aber ihre kleinen Füße mußten dann in goldenen +Schuhen wandern, denn in solch kleine Beamtenexistenz würde sich ja +dieses lebenshungrige Geschöpf nicht fügen; dazu hatte er ihr die +Zukunft schon zu herrlich ausgemalt -- und auch er ertrug solche +Beschränkung nicht, er sicher nicht; das durfte nicht das Ende sein. + +Schließlich gehörte ja nur ein einziger harter Entschluß dazu, den mußte +er eben fassen. Alle kleinen Versuche waren ja bereits geglückt! + +Und doch! + +Wenn er so des Morgens durch die alten Bureaus ging und den leeren Platz +des Konsuls mit dem durchgedrückten Lederkissen sah, die abgeschabten +verbrauchten Pulte, den erblindeten alten Koloß von Geldschrank, dann +befiel ihn Zaghaftigkeit, dann starrte er vor sich hin und seine +Kollegen mußten mehrmals fragen, bevor er Antwort erteilte. + +Und eines Morgens erhielt er doch in diesem Schwanken eine Nachricht, +die ihn hätte alarmieren müssen. + +Ein jüngerer Beamter trat vor ihn. + +»Wissen Sie schon?« + +Keine Antwort. + +»Die amerikanischen Schiffe sollen durch feindliche Minen total +vernichtet sein --« + +»Was? -- was sagen Sie?« + +»Hier -- Depesche aus London.« + +Bruno taumelte auf. + +Da war es! -- Da war der Moment, der ergriffen werden mußte. + +Aber er stand und sah mit zitternden Händen auf die Gesichter der +Beamten, sah auf die alte verräucherte Tapete, hörte auf das Knarren der +Drehböcke und richtete seinen Blick verwundert auf den Verschlag, hinter +dem der Kassierer, ein gebücktes, zitterndes Männchen mit blauer Brille, +seit Jahrzehnten die Häufchen der Kassenscheine schichtete und den +Abgang mit Kreide auf den Zähltisch schrieb. + +Langsam sanken ihm die erhobenen Hände, die Depesche flatterte zu Boden, +ein leises Stöhnen entrang sich der gequälten Brust. + +Das um ihn herum, das Alte, Solide hatte noch einmal seine Macht geübt. +Der Brauch, die Gewohnheit erwies sich noch einmal als der Stärkere. + +Er stand und lauschte ängstlich auf das Kritzeln der Federn, das +Rauschen der Folioseiten und das Ächzen des alten Geldschrankes, als +sollten ihm alle diese etwas Tröstliches sagen. Und von dem Platz des +Konsuls schien eine spöttische Stimme zu dringen: »Na, Klüthchen, wieder +mal so tief in Gedanken?« + + -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- + -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- + -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- + +»Lining,« sagte Fräulein Dewitz an demselben Nachmittag, »du gehst so +viel hin und her, mein Kind, ohne recht eine Arbeit anzufassen; die +Strümpfe zum Beispiel, die du für mich stricken sollst, liegen nun +schon seit ein paar Tagen unberührt auf dem Nähtisch; was ist dir denn? +-- Du siehst auch so bleich aus und lachst gar nicht mehr, wie früher.« +-- Sie rückte sich ihre Brille zurecht und blickte das Mädchen forschend +an: »Fehlt dir etwas?« + +Die Gefragte blieb stehen und verzog den Mund zu ihrem alten Lächeln: +»Nichts,« erwiderte sie gleichgültig, und doch ballten sich ihre Hände +fast krampfhaft und öffneten sich wieder, ohne daß sie es selbst fühlte. + +Die Handarbeitslehrerin, die auf dem Tritt am Fenster saß, um beim +Kaffeetrinken durch den Fensterspiegel die Vorübergehenden zu +beobachten, setzte ihre Tasse nieder und wollte ihre Pflegebefohlene auf +andere Gedanken bringen. + +»Was ich dir noch sagen wollte, Lining,« sprach sie, »heute vormittag, +als du auf dem Markt warst, da war dieser alte schnurrige Lotse aus +Moorluke wieder hier, der sollte uns nämlich einen Gruß von deiner +Mutter bestellen und erzählte, daß es deinem Bruder Hann schon seit +langem wieder besser ginge. Darüber freute ich mich sehr, und da +behauptete der Lotse, er werde Hann die Rettungsmedaille verschaffen, +denn, wie er sagte, wäre er ein genauer Freund von unserem Landrat, +worüber ich wieder herzlich lachen mußte. Aber --« die alte Dame schob +sich die Brille auf die Stirn, »Lining, was ist denn das? du hörst ja +gar nicht zu?« + +Line stand vor ihr und wurde bald blaß, bald rot. + +»Ich weiß auch nicht,« stieß sie plötzlich entschlossen hervor, »ich +möchte ein bißchen an die Luft.« + +Die gute alte Dame wurde wirklich besorgt. + +»Ja, ja, Lining, tu das und bringe mir gleich etwas aus der Bibliothek +mit. Am liebsten wieder einen historischen Roman. Etwas, was +unterhaltend und belehrend zugleich ist. Weißt du, wie neulich diese +Christenverfolgungen. Daran habe ich mich sehr erbaut. Nun sput dich +aber, mein Kind, daß du zum Abendbrot wieder zurück bist.« -- -- + +Kurz nach Bureauschluß stieg Bruno die engen Treppen des Hinterhauses +hinauf, in dem er, sowie einige höhere Beamte Hollanders wohnten. + +In seiner Hand hielt er die Morgenausgabe der »Stralsundischen Zeitung«, +in der ebenfalls die Gerüchte über den großen spanischen Seesieg genau +verzeichnet standen. + +»Wenn man das sicher wüßte,« dachte er, während die Stufen unter ihm +ächzten, »aber die Gefahr, diese fürchterliche Gefahr.« + +Und ihm fiel das kleine Lotsenhaus in Moorluke ein, und die Angst senkte +sich wieder auf seinen Nacken, als hätte er eine überschwere Last die +Treppen hinaufgetragen. + +»Wer da einen Weg wüßte?« + +Schwerfällig wie nie, zerrüttet von seinen eigenen Gedanken, betrat er +sein kleines Zimmer, das noch in Dunkelheit lag. + +Er schritt an den Tisch und wollte nach Zündhölzern suchen; da knisterte +etwas. + +Bruno hielt inne. + +Von dem Stuhl am Fenster erhob sich eine Gestalt, die rasch auf ihn +zueilte, um ihm die Hand auf den Arm zu legen, als wolle sie ihn +hindern, den Raum zu erleuchten. + +Die Hand zitterte. + +»Bruno.« + +»Herrgott, Line. Wie kannst du hierher kommen? Wenn dich jemand gesehen +hätte?« + +»Darauf kann ich jetzt keine Rücksicht nehmen. Du mußt mich anhören.« + +»Lining; was hast du denn? -- Soll ich nicht Licht machen?« + +»Nein.« + +Und dann trat sie ihm noch näher, ihre Finger umspannten seinen Arm +fester und fester, und mit heiserem Flüstern teilte sie ihm ihr +Geheimnis mit. + +Allmählich erstarb das Raunen, Ruhe trat ein; es waren zwei +schreckensbleiche Gesichter, die sich jetzt in der Dunkelheit ratlos +anstarrten. + +Aber dann -- sie hatte sich nicht geirrt. Erschüttert, wie er war, fiel +er vor ihr nieder, umklammerte sie in der Dunkelheit, und unter +hervorbrechenden Tränen, zerschmettert in seiner nachgiebigen Natur, +küßte er ihre Füße, ihre Hände, und zwischen tausend Schwüren und Bitten +suchte er ihr ihre Angst auszureden, während sein eigenes Herz zitterte. + +Zukunftsbilder, rosig, leuchtend, bestrahlt von seiner augenblicklichen +Erregung, kamen ihm wieder wie von selbst in den Mund; aber sie ließ +sich nicht mehr irre machen: »Also acht Tage noch,« drängte sie »dann +kommst du zu Fräulein Dewitz?« + +»Gewiß -- gewiß -- wie kannst du nur fragen?« + +»Und auch zu den Unseren nach Moorluke.« + +Auch das beteuerte er, und tief aufatmend, erleichtert, bot sie ihm den +Mund. + +»Weißt du,« sagte sie, wie zu sich selbst, »ich glaube, wenn du schlecht +gewesen wärst, ich hätt' mit einem Messer nach dir gestochen.« + +»Line,« stammelte er. + +»Nein, nein.« + +Und wieder reichte sie ihm die Lippen und war im nächsten Moment die +Treppen hinuntergehuscht. + +Er blieb allein und blickte auf die Stelle, wo sie gestanden. Dabei +wunderte er sich, daß vor dem Ereignis die Qual seiner Gedanken +plötzlich von ihm genommen war, er konnte überhaupt nicht mehr +nachsinnen, sondern stand und horchte halb teilnahmlos auf das Klopfen +seines eigenen Herzens. + +Wie das hämmerte! + +Ob das Angst war? + +Angst? Wovor? + +Wovor? + +Und plötzlich war das jagende Entsetzen wieder da. Unheimlich sausende +Bilder blitzten an seinem geistigen Auge vorbei, immer schneller und +folgerichtiger, der Atem in seiner Brust schien stillzustehen. + +Was nun? + +Nun kam eben die Arbeit, die Arbeit für Weib und Kind, die ewig gleiche +Mühe eines kleinen Beamten. Morgens -- mittags -- abends, immer würde +der Drehbock vor seinem Pulte knarren, immer fühlbarer das +Abhängigkeitsverhältnis werden, immer mehr die Freuden schwinden, nach +denen er gehungert. Denn ein kleiner Beamter spart. + +Kein Vergnügen, kein Luxus, keine Reisen mehr. Sparen -- sparen. + +Zornig warf er die Hand vor, als wollte er nach dem Worte schlagen, das +ihm in seiner Jugend bereits so viel Pein verursacht, aber die Bewegung +brachte ihn nur noch mehr in die Gegenwart zurück. + +Lieber Gott im Himmel, es mußte ja sein, sofort, schnell, überstürzt, +ehe die Katastrophe da war, -- denn ein Zögern, ein Entrinnen gab es +nicht mehr. + +Oder doch? -- Oder doch? + +Mitten in der kleinen dunklen Stube wurzelte er plötzlich fest. Mit +blendender Deutlichkeit, farbenprächtig, als ob er herrliche Lichtbilder +sähe, flog es an ihm vorüber. + +Was war das? + +Wogende See, Schlachtflotten, Kanonendonner, und dann wieder das Drängen +und Wogen erregter Menschen an der Hamburger Börse. An den schwarzen +Kurstafeln erscheinen und schwinden die Zahlen -- -- Freudenrufe werden +laut. -- Nein, nein, nicht daran denken. + +Nur diesem einen Gedanken nicht weiter folgen, der das Leben so leicht, +so mühelos machen könnte, der -- -- + +Rastlos auf dem Drehbock sitzen, schreiben, schreiben, bis die Finger +krumm werden, einrosten und sich von Hollander höhnen und abkanzeln +lassen -- -- und -- und -- + +»Licht.« + +Wer hatte ihm die kleine grüne Lampe entzündet? Er weiß es nicht. + +Wer gab ihm die Worte, die er dort auf das Papier warf? + +Als der letzte Buchstabe stand, überfiel ihn eine lähmende Ermattung. + +Mit stumpfer Gleichgültigkeit steckte er das Papier zu sich, nahm seinen +Hut und schritt in den Sommerabend hinab. + +So verfolgte er seinen Weg, ohne den Kopf zu erheben, matt und +seelenlos, bis er die große, neuerbaute Postanstalt am Markt erreicht +hatte. + +An einem Seiteneingang leuchtete hier ein rotes Transparent: +»Telegraphenamt«. + +Das war sein Ziel. + +Er trat an den Schalter, der Beamte las und fragte: »Nach Hamburg?« + +»Ja, nach Hamburg,« antwortete er gleichgültig, »Bankier Solmsen.« + +Dann zahlte er und trat wieder in den Sommerabend hinaus. + +Merkwürdig, der Platz war wie ausgestorben, auch die anstoßenden Straßen +schienen leer. Bruno hatte plötzlich das Gefühl, als ob er gar nicht +hierher gehöre, sondern ausgestoßen, an einem unbekannten Orte weile. + +Dort die roten gotischen Häuser, um die die Abendschatten webten, er +blickte zu ihnen hinüber, befremdet, als sähe er sie zum erstenmal. + +Wohin nun? + +Nach Haus -- natürlich, nur zurück in das kleine Zimmer, und dann +schlafen und alles vergessen. + +Als er das Geschäftshaus wieder erreicht hatte, da stand ein Schreiber +unter dem Torweg. Der trat dem Prokuristen ehrerbietig näher und teilte +ihm mit, daß oben auf dem Zimmer des jungen Herrn ein Fremder auf Herrn +Klüth warte. + +Bruno stutzte einen Moment, dann stieg er teilnahmlos und ohne Neugierde +die Stufen hinauf. + +In dem Zimmer brannte noch die kleine grüne Lampe. Und als der junge +Kaufmann öffnete, da sah er mitten in dem Stübchen einen +schwarzgekleideten Mann, der ihm den Rücken kehrte und sich jetzt rasch +wandte. + +Es war sein Bruder Paul. + +»Du?« fragte der Ankömmling enttäuscht und zugleich etwas erschreckt, +denn das Erscheinen des Geistlichen versetzte ihn, seitdem er soviel vor +dem Älteren zu verbergen hatte, stets in Angst und Unruhe. + +Heute sollte ihm jedoch beides erspart bleiben. + +In des Theologen eckigen Zügen arbeitete eine Verklärung, wie man sie +sonst fast niemals an ihm wahrnehmen konnte, und als er jetzt auf den +Jüngeren zuschritt, um dem Bruder, der sich vor Müdigkeit und +Erschöpfung auf einen Stuhl niedergelassen, die Hand zu schütteln, da +leuchtete soviel Freude aus seinen Augen, daß es dem Sitzenden trotz +seiner Gebrochenheit auffiel. + +»Paul, was ist dir?« + +»Was Gutes.« + +»Aber was?« + +»Ich bin zum Pastor gewählt -- zum Strandpastor auf dem Walsin, Junge.« + +Die Stimme des Sprechenden zitterte vor Bewegung, und dann setzte er +noch hinzu, jetzt wäre also das Ziel erreicht, das dem alten Lotsen +Klüth während seines ganzen Lebens vorgeschwebt. Wenn der das noch +gesehen hätte, »und dich, Bruno, der du doch auch auf dem Wege bist.« + +Der neue Pastor stockte, denn er gab sich nicht gern solch weichen +Erinnerungen hin, aber noch immer hielt er die Hand des anderen, und so +merkte er wohl kaum, daß sich das Haupt des Sitzenden tiefer und immer +tiefer neigte, bis die Stirn fast die Finger des Geistlichen berührte. +Aber ehe Paul noch ein Wort des Befremdens hervorbringen konnte, sprang +der Jüngere unvermittelt auf und riß den Strandpastor stürmisch an seine +Brust. Paul mußte über das aufbrausende Temperament des jungen Kaufmanns +lächeln. Und doch tat dem Harten eine solche Liebkosung wohl. + +Dann folgten rasche, heftige Fragen. + +»Wissen's die Unsrigen schon?« + +»Ja, von Line komme ich eben.« + +Bruno schlug die Augen nieder. + +»Merkwürdig,« fuhr der Ältere fort, während er nachdenklich an der Lampe +schraubte. »Als ich ihr's erzählte, tat sie etwas, was ich ihr gar nicht +zugetraut hätte. Sie weinte und war gar nicht zu beruhigen. Ich glaube, +die Stadt bekommt ihr nicht recht.« + +Bruno rückte seinen Stuhl. + +»Und unsre Mutter?« fragte er beklommen. + +»Zu der fahre ich eben mit der Hafenbahn. Du solltest mich begleiten, +Bruno; denke doch, wie sich Mudding freuen würde.« + +Aber der Jüngere lehnte dies ab. Er hätte noch zu korrespondieren -- die +aufgeregte Zeit -- und seine eigene Müdigkeit. -- Und so kam es, daß nach +einiger Weile Paul allein die Stufen hinabstieg. -- + +Als er über den Hof schritt, stand Bruno am Fenster und blickte auf die +dunkle Gestalt hinab, die sich in ihrem schwarzen Rock kaum von der +Nacht löste. + +Laut und fest tönten ihre Tritte auf dem Pflaster, und dem +Zurückbleibenden war es, als müßte er sich an diese weichende schwarze +Gestalt klammern und sie zurückhalten, um jeden Preis. -- Als er +aufblickte, stieg der Mond gerade über das Gehöft. Alle Zacken und +Spitzen ränderte er silbern, und langsam rollte sich ein Lichtteppich +über den Hof. »Natürlich,« sprach Bruno zu sich selbst, »es muß ja +wieder hell werden.« Und in dem Augenblick war er getröstet. + + -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- + -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- + +Das war ein Sonntag, den die Klüths nie vergaßen. Solange sie lebten. + +Als längst alles zerschlagen war, kein Stück mehr auf dem anderen stand, +Särge in den Gräbern schon morsch geworden, und nur der heulende Wind +hinüber und herüber bangen, sehnsüchtigen Herzen Kunde trug, da +dachten die einzelnen noch immer an diesen Tag und stückelten ihre +Erinnerungen zusammen. -- -- + +Die Sommersonne guckte so friedlich an jenem Morgen in das +Altjungfernstübchen, als wollte sie selbst noch einmal jeden Lackstuhl +besonders polieren. + +»Blank -- blank -- blank,« summten ihre Strahlen. Und Fräulein Dewitz +selbst sah so sauber aus, wie kaum jemals zuvor und niemals wieder +nachher. + +Sie las aus der Zeitung vor. + +Und Line stand vor dem Spiegel und steckte sich eine rote Schleife an. +Froh wie selten in den letzten Tagen. Sie beobachtete sich selbst mit +Erstaunen. Sie wurde immer hübscher. Sie drehte und wandte sich. -- + +»Höre, Lining,« las die Handarbeitslehrerin kopfschüttelnd: »Ganz fett +gedruckt steht es hier. Die Amerikaner haben dem spanischen Admiral +Cervera alle Schiffe in den Grund gebohrt. Er selbst ist ins Wasser +gesprungen, aber sein Sohn hat ihn gerettet. Das muß doch ein +tugendhafter junger Mann sein. Aber wie gesagt, ich mag die Amerikaner +einmal nicht leiden. Solche Republikaner halte ich für ein sehr wildes +Volk.« Hier wurde sie unterbrochen, denn es klingelte. + +Bruno trat ein. + +Es war für die beiden Damen eine Freude, zu sehen, wie elegant und +adrett der junge Mann sich wieder in seinem grauen Sommeranzug ausnahm. +Er küßte dem alten Fräulein die Hand, sagte ihr allerlei Angenehmes über +ihr Aussehen, erzählte, daß der Konsul gegen Mittag zurückerwartet +werde, und schloß endlich mit der Bitte, ob ihn Line nicht nach Moorluke +begleiten dürfe. Er möchte sich wieder einmal nach den Seinen umsehen. + +Diese Erlaubnis konnte nun leider nicht erteilt werden, wenn auch +Fräulein Dewitz die Familienanhänglichkeit der beiden jungen Leute nicht +genug rühmen zu können glaubte, indessen das alte Fräulein schickte sich +eben an, den Konsul und Dina von der Bahn abzuholen, und Line müsse sie +begleiten. Dinas wegen. Das sei so in der Ordnung. Aber in den nächsten +Tagen. Gerne -- sehr gerne. + +Bruno schien durch diese Abweisung etwas betreten zu werden, er +plauderte noch ein Weilchen und wurde dann von Line hinausbegleitet. + +Hinter der Glastür hielt sie ihn noch einen Augenblick fest. + +Später blieb es ihr unbegreiflich, wie leicht und unauffällig sich alles +abgewickelt hatte. Aber die großen Momente des Lebens pfeifen vorüber +wie die kleinen, wie dieses selber! -- Was bleibt? + +Sie legte ihm leicht die Hand auf die Schulter und schmiegte sich an +ihn. + +»Bruno,« fragte sie, indem sie ihre schwarzen Augen drängend zu ihm +erhob, »es bleibt doch bei unserer Verabredung?« + +»Bei unserer?« -- Er warf rasch ein »Ja -- ja« hin und schien es sehr +eilig zu haben. + +»Übermorgen kommst du also zu Fräulein Dewitz -- nicht so?« fuhr sie +fort. + +Er nickte, zeichnete mit dem Stock allerlei Figuren auf den Boden der +Diele und griff dann fest nach ihrer Hand. + +»Line, du sollst doch mit mir kommen.« + +»Du hörst ja, ich darf wieder mal nicht. Außerdem bin ich auch noch +nicht ordentlich angezogen.« + +»Wie du hier stehst.« + +»Wieso? -- es ist doch nicht etwa was Schlimmes geschehen?« + +Sie starrte ihn an. + +Er erschrak. »Nein, nein, was denkst du? Durchaus nicht.« + +Da lächelte sie wieder, und er war bereits die erste Stufe hinab, als +sie die Lust anwandelte, mit dem Finger leicht nach seinem Nacken zu +schnippen. + +Da sprang er plötzlich zurück, zog die Überraschte an sich, und ein +rascher, verstohlener Kuß brannte auf ihren Lippen. + +Doch das Gescharr, das durch den feinen Streusand zu ihren Füßen erregt +wurde, erschreckte Line. + +Sie bog sich zurück. + +»Du,« flüsterte sie warnend. + +Da streichelte er noch einmal ihre Wange und glitt mit wenigen Sätzen +die Treppe hinunter. Line aber huschte zu Fräulein Dewitz zurück, und +als sie wieder an dem Spiegel vorüber mußte, da schwellte sie das stolze +Gefühl, wie unüberwindlich doch die Macht der Schönheit wäre, und sie +huschte wieder hin und her und schnurrte vor sich hin, genau so, wie sie +es als Kind getan hatte. + + -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- + -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- + +Später erinnerten sich die in Moorluke ebenfalls ganz genau daran und +wunderten sich, daß sie es erst so spät verstanden hätten. + +Und es war doch so einfach. + +An dem Sonntag Nachmittag, zu jener Tagesstunde, wo die Fischer in +Gruppen am Bollwerk hocken, um sich etwas zu erzählen, und wo die +Mädchen Arm in Arm vorüberwandern, da hatte auch Bruno nach seinem +Besuch im Elternhause mit dem Philosophen Hann am Rick gestanden, hatte +nachlässig ins Wasser gesehen und den Bruder so teilnehmend nach allem +gefragt, wie noch nie. + +Woher er die rote Narbe über der Stirn empfangen, und ob es wahr sei, +was oll Kusemann ihm im Vorübergehen zugeraunt, daß Hann jetzt heiraten +wolle -- und wer denn die Erwählte wäre, und schließlich müsse sich Hann +doch ein hübsches Sümmchen erspart haben, wenn er an einen eigenen Herd +denke? + +Aber Hann hatte nur zu allem bedächtig den Kopf geschüttelt und dann war +herausgekommen, daß er bis jetzt nur für Siebenbrod geschafft habe, und +daß er auch ferner bei dem Stiefvater in Wochenlohn bleiben wolle. Denn +sicher sei sicher. + +»Ja aber, Siebenbrod -- der,« raunte oll Kusemann wieder im +Vorbeiflitschen. »Auf der Sparkass' nennen sie ihn all ümmer +>Lütt-Rotschild<.« + +Später besann sich Siebenbrod, daß sich der feine Bruno, kurz bevor er +die Rückfahrt in die Stadt angetreten, auch zu ihm gesellt hätte. + +Der ehemalige Bootsmann saß gerade auf der Bank vor dem Teil des +Häuschens, der gegen den Fluß gelegen war. + +Siebenbrod hielt die Hände gefaltet und sonnte seine Hakennase. + +Da entspann sich zwischen den beiden folgendes Gespräch: + +»Wie hübsch bei Ihnen alles imstande ist, lieber Siebenbrod. Sie sind +doch ein fleißiger Mann.« + +Der Zesnerfischer drehte weiter an seinen Fingern: »Je, man hat weiter +nichts gelernt.« + +»Mir scheint, seit dem Tode meines Vaters müssen Sie unser Besitztum +recht vermehrt haben.« + +»Je,« sagte der Bootsmann und besah sich seine wollenen Strümpfe, die +aus den Holzpantoffeln hervorguckten, »die Leute sind hier all so +schlecht, sie sagen einen lauter solch dumm' Zeug nach.« + +»Aber aus den zwei Kühen sind doch jetzt fünf geworden.« + +»Je, das sag' ich man,« nickte Siebenbrod Beifall, »sie fressen mich +rein auf. Wenn Ihre Mutter nich so viel frische Milch haben müßt', ich +hätt' die Küh' all längst wieder abgeschafft -- aber Krankheit -- +Krankheit. Ja, ja, wie sagt noch's Sprichwort? Hast du 'ne kranke Frau +im Haus -- so trägt man bald den Tisch heraus -- na, ja, das konnt +keiner wissen.« + +Damit erhob er sich und töffelte in den Flur. + +Bruno starrte ihm nach. + +Das war der letzte. + +Und wieder stand er und wunderte sich, daß ihm weder leicht noch schwer +war. Nur so furchtbar hohl, dumpf und öde, als wandle sein Geist nicht +mehr mit seinem Körper zusammen. + +Er verabschiedete sich kurz und fuhr mit dem nächsten Dampfer in die +Stadt. + + -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- + -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- + +»Kusch, Sultan!« sagte der alte Johann zu dem Pudel des Konsuls, mit dem +er zur Abendstunde auf dem Hofe des Geschäftshauses saß. »Kusch!« + +Doch als sich der Lichtschein in einem der hinteren Kontore wieder +zeigte, da knurrte der Pudel von neuem, und Johann stieg auf eine Kiste, +um durch die Eisenstäbe in das Bureau zu sehen. + +Gleich darauf kletterte er wieder hinunter. + +»Kusching,« sagte er, »es is bloß Herr Klüth -- das tut nichts.« + + + + +III + + +Die erste, die es erfuhr, war Line. + +Fräulein Dewitz kehrte von einem Vormittagsbesuch aus dem Hause des +Konsuls zurück, schloß die Tür hinter sich zu, zwei-, dreimal, als ob +sie sich von einem Polizeibeamten verfolgt wähne, und sank im Hut und +Mantel schreckensblaß auf dem Sofa zusammen. + +»Wer hätte das gedacht,« vermochte sie nur geistesabwesend vor sich +hinzumurmeln; »wer hätte das gedacht?« + +Und so seltsam mutete das Bild in seiner bizarren Feierlichkeit an, daß +Line in einer jener widerspruchsvollen Launen ein Lachen nicht +unterdrücken konnte, während ihr doch bereits das Herz still stand. + +»Lach' nicht,« flüsterte die Handarbeitslehrerin, in Tränen ausbrechend, +und winkte mit der Hand, »es ist zu schrecklich. Ich hätt' auf ihn +geschworen.« + +Jetzt lachte das Mädchen nicht mehr. + +»Auf wen? -- sag' doch -- auf wen, Tante?« klang es plötzlich so +schrill, so kreischend, daß das alte Fräulein entsetzt in die Höhe fuhr. +Aber sie hatte sich wohl getäuscht, denn das Mädchen stand schon wieder +ganz ruhig vor ihr, nur die Hände wanden sich in ewiger, unruhiger +Drehung umeinander. + +»Wen meinst du denn, Tante? Du sagtest doch vorhin -- --« + +Und nun begann die alte Dame wie verzweifelt an ihren Handschuhen +herumzuknöpfen und brachte zitternd und verwirrt hervor, was sie eben +erfahren. Unzusammenhängend Bruchstücke. Der Konsul hätte einen Brief +erhalten -- »denke dir, als er noch gar nicht rasiert war, ja, ja, noch +nicht einmal rasiert,« aber das Zimmer Brunos sei bereits leer gewesen, +auch der Koffer verschwunden. -- Und gerade als das alte Fräulein +eingetreten, wären Siebenbrod und Paul gerufen worden. Der neue Herr +Pastor -- ja, wohin sei er doch gewählt? Auf den Walsin oder auf den +Swensin? Ach, es ist ja ganz gleich. -- Und der erste, der es merkte, +wäre der alte Johann gewesen, als er am Abend einen Lichtschein in dem +Kassenzimmer wahrgenommen. Freilich, wer hätte auch glauben sollen, daß +dieser feine, gebildete junge Mann ein Betrüger werden könnte. -- Gott +verzeih es einem, man möge das Wort ja gar nicht aussprechen! Und denke +dir, Lining, fünfundzwanzigtausend Mark soll er auf den Namen des +Konsuls an der Börse verspielt haben, und warum? Am Ganzen, sagen sie, +seien die Amerikaner schuld. »Ja, ja, du kannst es mir glauben, es ist +nicht gut, wenn Republiken so groß werden. -- Ich sagte es ja.« + +So sprach und hastete die alte Dame vor sich hin und knöpfte erregt ihre +Handschuhe auf und wieder zu und merkte es gar nicht, wie ihr eine große +Träne die Wange hinunterlief, denn im Herzen trauerte sie um ihren +Liebling, der ihr stets so formvollendet die Fingerspitzen geküßt hatte. + +Wie war's doch? Ein cavalier d'ancien régime. Ach, du lieber Gott, und +jetzt ein Betrüger; aber wer kann aus dieser jungen Welt klug werden? +Damit raffte sie sich zusammen, schloß die Tür auf und, einem +bezwingenden Triebe folgend, gedachte sie wieder in das Haus Hollanders +zu eilen, um abermals zu hören, zu ratschlagen und wieder von dannen zu +flattern, als ihr plötzlich auffiel, daß Line sich noch gar nicht +geäußert hätte. + +Sie warf einen raschen Blick auf ihre Pflegebefohlene. + +Da saß sie auf dem Tritt, auf dem die Lehrerin sonst selbst immer +rastete, und zupfte mit einem verstörten Lächeln an den Fransen des +Fensterkissens herum. Fräulein Dewitz stutzte. Wie merkwürdig zuckten +die Lippen in diesem blassen Gesicht, wie krampfhaft gespreizt hielt sie +ihre Finger, und wie unnatürlich wogte die Brust, als ob sie nur mit +großer Qual laute, wilde Rufe unterdrücke. + +»Lieber Gott!« + +Fräulein Dewitz erschrak so über diesen Anblick, daß ihr alles andere +nebensächlich wurde und ihre Hand auf der Türklinke zitterte. + +»Herrgott, Lining,« stotterte sie. + +Doch die Angerufene zupfte weiter. In ihren Zügen fuhr es hin und +wieder. Endlich schien sie ein Wort gefunden zu haben: »Weiß man nicht,« +stieß sie atemlos hervor, »wohin er gegangen ist?« + +»Wohin?« + +Die alte Dame besann sich. Hatte sie das in der Eile etwa vergessen? +»Nach Amerika natürlich, nach Amerika war er geflüchtet, jenseits des +Wassers, wie es alle diese Leichtsinnigen tun, die ihre Ehre verloren +haben, und -- --« + +Die Hast der Erzählerin hatte sie bereits wieder zu weit geführt. Von +neuem mußte sie sich unterbrechen, denn Line stand langsam auf. + +»Mein Gott, mein Gott,« dachte das alte Fräulein, »wie wenn ihr die +Glieder nicht mehr gehorchen wollen. Der Schreck muß sie wohl +versteinert haben.« + +»Lining,« stammelte sie ängstlich. »Was ist dir?« Da stieß das Mädchen +endlich, endlich einen Schrei aus. Kurz, rücksichtslos, durchdringend, +und fortan fiel alles Erzwungene, Anerzogene von ihr ab, als wenn sie +niemals auf Zehen durch diese Räume gehuscht wäre. + +Sie stürzte auf die alte Dame zu und rüttelte diese am Arm, als hätte +das gute Fräulein ein Verbrechen gegen sie begangen. + +»Hat er nichts für mich hinterlassen?« schrie sie und ballte die Fäuste. +»Ich will wissen, ob er für mich nichts hinterlassen hat?« + +»Für dich?« wiederholte Fräulein Dewitz vor Schreck starr und gänzlich +verständnislos. + +»Hat er nichts für mich hinterlassen?« tobte die Verzweiflung noch +einmal aus dem Mädchen. Und als die Handarbeitslehrerin gänzlich +erschüttert hervorbrachte, warum der Entflohene denn gerade an sie, an +Line -- über sein Vorhaben etwas berichtet haben sollte, da lachte die +Entfesselte auf, jenes schrille, tolle Lachen, welches über die +Beschränktheit höhnt, die das Natürliche nicht sehen will, und warf sich +vor ihrer Kommode nieder und begann sie auszuräumen. + +Alles klirrte und rollte auf der Erde herum, der alten Dame, die ihren +Augen nicht traute, gerade vor die Füße. + +»Da -- und da -- und da.« + +»Herrgott, was soll das?« + +Dem armen alten Fräulein begannen die Hände zu zittern, vor ihren Augen +flimmerte es, sie mußte sich an der Klinke festhalten, sonst wäre sie +gefallen. + +»Lining -- barmherziger Himmel -- woher dast du das alles?« + +»Das? -- das?« + +Das wußte die Rasende im Moment nicht, woher sollte sie das wissen? +Darauf konnte sie sich nicht besinnen. Sie zerrte an den Ketten und +Ringen herum und schlug mit den Fäusten darauf, und dann -- dann brachte +sie eine Photographie Brunos hervor, um sie in Stücke zu reißen, und die +Fetzen im nächsten Moment wieder an die Lippen zu pressen und sie wieder +wie entsetzt von sich zu schleudern. + +Ach, und die gute, alte Dame! + +In ihrem Altjungferngemüt dämmerte durch all ihr Entsetzen die einzige +Erklärung auf, die einzige Hoffnung, die der frommen Beschränktheit +möglich erschien: »Lining,« stotterte sie vor Furcht und Überraschung +beinahe gelähmt. »Du hast ihn wohl am Ende gar lieb gehabt?« + +»Ja -- nein -- ja.« + +»Lining, willst du mir denn nichts davon erzählen?« + +»Nein.« -- Das Mädchen erhob sich plötzlich von den Knien, sah sich wirr +um und raffte ihren Schmuck zusammen: »Ich will hier fort.« + +»Fort? Fort? -- Doch nicht von mir? -- Warum denn?« + +»Weil ich hier nichts mehr zu suchen hab'. Weil ich nicht weggejagt +werden will -- weil ich hier nichts mehr hören und sehen mag!« rief sie +wie in heftigem Zorn, und ohne der alten Dame, die sie als Kind +aufgenommen, die Hand gereicht zu haben, ja ohne ein Wort des Dankes, +nur mit einem einzigen rollenden Blick, in dem die ganze Abneigung +glühte, die diese fromme Engnis jahrelang in ihr aufgespeichert, so lief +Line von dannen, barhäuptig, mit flatterndem Kleide, ähnlich, wie sie +einstmals gekommen. + +Die Handarbeitslehrerin aber saß auf ihrem Sofa und knöpfte die +Handschuhe auf und zu und faßte sich an die Stirn und wollte ihrer +Pflegetochter nach und sank wieder zusammen und dachte Anfang und Ende +zu verknüpfen und sann und sann und rang die Hände: Wie war denn das? +Und die gute Erziehung nützte gegen die Sünde nichts mehr? Und +Dankbarkeit gab es auch nicht mehr? -- Kein Wort des Dankes? Und all die +guten Lehren waren umsonst? Und das enge, abgeschlossene Haus hütete +nicht sicher? Und die kleinen Wirtschaftssorgen ließen noch etwas +anderes zu? -- Mein Gott, und Dankbarkeit gab es in der Tat nicht mehr? +Wie ist denn das? -- Junge Welt -- alte Welt -- wie ist denn das? + + -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- + -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- + -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- + +Unterdessen lief Line durch die Straßen, mit dem kleinen Bündel in der +Hand und barhäuptig, denn dieser übergewaltige Stoß hatte sie die junge +Dame vergessen lassen, sie war wieder die Lotsentochter, die +Fischerdirne, die da meinte, daß die Welt sich an ihr versündigt habe, +daß sie bitteres Unrecht leide, und zwischen Wut und Scham schoß es ihr +zuweilen unklar durch den Sinn, sie müsse sich rächen. + +An wem? + +Das wußte sie nicht, aber sie fühlte doch diesen heißen, brennenden +Zorn, diese jagende Wut, die sie vorwärts trieben und die ihr vorläufig +noch das Gefühl ungebändigter Kraft liehen. Und während sie am Fluß +entlang auf Moorluke zueilte, da entlud sie sich in tausend wilden +Schwüren, unaufhörlich murmelte sie es vor sich hin: Oh, sie wollte sich +schon forthelfen, wenn sie auch alle anderen verließen, sie würde schon +triumphieren, sie würde -- -- -- Und stürmisch eilte sie weiter, dem +pfeifenden Winde entgegen, der vom Meere hereinstieß. Sie sah nicht, wie +grau und fahl sich der Himmel umzogen hatte, sie hörte nicht das +Rauschen der Binsen an den Ufern, sie merkte nicht das Knistern der +Staubwolken, die an ihr vorüberjagten, nur vorwärts rannte sie, ohne zu +wissen, zu wem, denn sie wollte weder zu Mudding noch zu Hann, noch zu +sonst jemand anderem, willenlos wurde sie vorwärts getrieben, bis sie +plötzlich dunkle Bäume sich erheben sah, und darüber aufragend von ferne +die Klosterruinen, ebenfalls in einem fahlen, wechselnden Licht. + +Als sie das rote, kalte Mauerwerk auftauchen sah, da stand sie still. + +Da duckte sie sich, wie geschlagen. Ein Blitz durchzuckte sie, +schmerzhaft, stechend; zum erstenmal in all dieser Zeit überkam sie die +Erinnerung an den Menschen, mit dem sie schon einmal unter den Ruinen +gesessen, damals, als sie sich als kleines Mädchen auf seinem Schoß in +den Schlaf einwiegte, als alles seinen Anfang nahm. + +Ja, ja, dort drüben war es gewesen. + +Sie hob den Arm und schüttelte die Faust nach den Ruinen, und der Wind +zauste in ihren Haaren. Jämmerlicher Kerl! -- Erst sie in Schande +gestürzt -- in Schande -- Schande, und dann fortgelaufen und sie unter +den höhnischen Gesichtern im Stich gelassen, sie und -- -- + +Ja, ja, das war es; der erhobene Arm sank ihr, wirr blickte sie um sich, +und in diesem Augenblick achtete sie zuerst darauf, wie ihr der Wind +durch das Jäckchen fuhr, und wie die Binsen sich rauschend bis zu dem +schwarzen, unheimlichen Wasser neigten. Wie das gurgelte, und wie +weltverlassen sie hier stand. Außer ein paar weidenden Kühen jenseits +des Flusses nichts Lebendiges ringsum. + +Sie fröstelte und raufte eine der Binsen aus. Wenn doch ein Mensch +gekommen wäre, aber nichts regte sich. Die Einsamkeit umschattete sie. +Brennende Angst wuchs in ihr groß. + +So -- ja, so würde sie gemieden sein, denn die Leute hier fürchteten +sich vor der Schande, oh, sie verkrochen sich davor; Line dachte daran, +wie Fräulein Dewitz sich oft davor gesegnet und bekreuzigt hatte, und +die Schande versperrte ihr ja auch anderwärts für die nächste Zeit Pfad +und Unterkommen. Gewiß -- sicherlich, das hatte sie noch gar nicht ins +Auge gefaßt. Sie kaute an dem Binsenhalm, und, nachdem sie ihn +fortgeworfen, trat sie in ihrer Verwirrung laut weinend mit den Füßen +darauf herum, um schließlich wieder die Faust gegen die Ruinen zu +richten: »Jämmerlicher Mensch!« + +Aber was war das? + +Durch den pfeifenden Wind hindurch antwortete von jenseits des Wassers +ein langgezogener, heulender Ton, der hatte etwas Wildes, +Markerschütterndes. Line war zu aufgeregt, um sich zu sagen, daß der +Laut von einem der weidenden Tiere herrühren müsse, nein, sie stand und +starrte mit weit aufgerissenen Augen über das Wasser auf die fahle +Ebene. + +Wie lautete doch ihr letztes Wort? -- Jämmerlicher Mensch? -- Nein, nein, +das war ja nicht die Wahrheit. Sie -- sie allein trug ja alle Schuld. +Sie hatte ja Hexenmittel angewandt, um ihn anzulocken. + +Ihre Sinne mußten sich wohl verwirren. Wie spielend schritt sie über das +moorige Ufer, das unter ihr einsank, bis das schwarze Wasser über ihren +Fuß kroch. + +Hu, das war eisig. + +Ruckartig zuckte sie zurück und stürzte wieder auf den Weg. + +Dort drüben, wenige Schritte von ihr, ragte der Moorluker Turm, ganz +dicht ihr zur Seite starrten die Brückenreste aus dem Fluß, und da -- da +bei den Stümpfen, da besorgten verschiedene Fischer einstweilen die +Fähre, und unter ihnen glaubte sie jetzt auch die plumpe Gestalt von +Hann zu erkennen. + +Und jetzt? -- Rief da nicht etwas »Lining«? + +Nein, nein, nur nicht zu dieser plumpen Ehrlichkeit, das war das +Schlimmste von allem, gerade dagegen empfand sie solchen Widerwillen, +davor solche Furcht. Und jetzt rief es wieder: »Lining!« + +Mehr hörte sie nicht. Mit wirbelnden Röcken lief sie den Landweg zurück, +immer vor sich hinsagend: »Nicht Hann -- nicht Hann.« + +Vor ihr türmte sich im fahlen, blauen Schein die Stadt auf. + +In einer halben Stunde würde sie wieder dort einziehen, von wo sie vor +einiger Zeit gekommen. Wie lange war das wohl her? Und wohin? Zu wem +lief sie jetzt? In ihrer Ratlosigkeit begann sie wild und heftig zu +schluchzen. Ob sie nicht doch zu Fräulein Dewitz gehen und alles +bekennen sollte? -- Nein, nein, lieber zurück in das schwarze Wasser. +Aber plötzlich war ihr das Ziel eingefallen. Paul. + +Der neue Pastor. Warum gerade der, darüber vermochte sie sich in ihrer +Aufregung keine Rechenschaft abzulegen, sie fühlte nur, er sei der +Rechte, auf seinem Namen läge Ruhe. + +Um die Mittagsstunde trat sie in sein Zimmer. Alles leer. Doch da die +Wirtin meinte, Paul müsse bald zurückkehren, er sei nur von einem Diener +des Konsuls abgerufen worden, so beschloß Line zu warten. + +Todmüde sank sie auf einem Stuhl zusammen, und das Bündel, das sie bis +jetzt geistesabwesend getragen, klirrte neben ihr zur Erde. + +Sie wunderte sich zwar über den Klang, aber sie rührte sich nicht mehr. +Regungslos, mit festgeschlossenen Augen hockte sie auf dem Sitz, +traumhaft umflossen von dem Gedanken »wie ruhig -- wie ruhig.« + +Stunde auf Stunde verging, sie hatte kein Verlangen, sich zu erheben, +nur wenn sie einmal den Kopf hob, dann fiel ihr Blick regelmäßig auf +eine kleine, weiße Christusstatuette, die mit den gastlich geöffneten +Armen auf der Birkenholzkommode stand und sie anzusehen schien. + +Wohl fielen ihr die Augen wieder zu, aber immer wieder erhob sich die +weiße Gestalt vor ihrem Blick, und plötzlich mußte sie daran denken, daß +dies die Stellung wäre, in der Er gesprochen: »Lasset die Kindlein zu +mir kommen.« + +Wie merkwürdig das Wort: »Lasset die Kindlein zu mir kommen.« + +Und wie seltsam, daß sich ihr im gleichen Moment die Vorstellung +aufdrängte, wie garstig es gewesen, als das schwarze Moor unter ihren +Füßen nachgegeben. Und war es nicht wieder, als ob sie sinke, tiefer und +tiefer in diese weiche, schwarze Masse? Alle Erdengeräusche +verschwanden, und allmählich nahm die Ruhe des Zimmers die Erschöpfte +völlig hinüber. + + -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- + +Durch ihren Traum schritt eine schwarze Gestalt, vor der sie Furcht +empfand, weil der Fremde sie mit so starren Blicken maß, und als sie +seine knochige Hand am Arm spürte, schrie sie laut auf. + +Sie taumelte in die Höhe. In der Stube war es beinahe finster geworden, +vor ihr stand Paul. + +»Du?« stammelte sie, ohne sich recht besinnen zu können, und stieß mit +ihrem Fuß an das Bündel, so daß es klirrte, »bist du endlich da?« + +Er sah verwundert auf sie herab, schien sich jedoch ihre Anwesenheit +erklären zu können, denn er äußerte nur rasch, ob Fräulein Dewitz +ebenfalls bereits von allem unterrichtet wäre, und als Line wortlos +genickt hatte, setzte er sich an den Tisch und bedeckte beide Augen mit +der Hand. Jedoch einen Augenblick nur, dann sprang er wieder in die Höhe +und durchmaß mit langen, schweren Schritten das dunkle Stübchen, immer +gefolgt von den Blicken des Mädchens, das in seiner Erschöpfung noch +immer ohne klare Gedanken dasaß. + +Und wieder blieb der neue Pastor vor ihr stehen. Ihre Gegenwart und +dieses gänzliche Zerschlagensein, als ob sie nun für immer auf seinem +Stuhl hocken bleiben wolle, begannen ihm allmählich aufzufallen. + +»Line, sag' mir, weshalb bist du zu mir gekommen?« fragte er, und seine +Stimme klang dabei so rauh und gepreßt, daß Line merkte, wie sehr er +sich zusammennehmen müsse, um so zu sprechen, wie er jetzt redete. + +Allem ihre Gedanken flogen nicht mehr so rasch. + +»Zu dir,« entgegnete sie müde, »ja -- zu dir.« + +Sie nickte wieder und sank von neuem auf dem Stuhl zusammen. + +Paul verzog die Stirn, seine Augen suchten die Dunkelheit zu +durchdringen, jedoch die Ermattete bewegte sich nicht weiter. + +Der Theologe wurde unsicher. + +Was bedeutete dieses schwächliche Gebaren, noch dazu von Line, deren +Lebensmut nie zu unterdrücken gewesen? War dieses Gebrochensein allein +durch das Unglück der Familie bedingt? Prüfend blickte er wieder auf die +Erschöpfte. Und ohne daß er es selbst ahnte, begann sich bei ihm gegen +das Mädchen dasselbe Mißtrauen zu regen, das seit dem ungeahnten +Vertrauensbruch Brunos alle seine Empfindungen beschlich. + +»Weshalb bist du in einem solchen Moment nicht zu den Unseren nach +Moorluke hinausgefahren?« drängte er von neuem. + +»Zu den Unseren?« wiederholte sie verwundert, und wie wenn die +Dunkelheit sowie die Stille nur noch den einen Wunsch nach Ruhe in ihr +übrig gelassen hätte, fügte sie schläfrig hinzu: »Laß mich.« + +»Laß mich?« Langsam stieg der Zorn in dem Geistlichen auf: »Weißt du +denn nicht, was geschehen ist?« fragte er heftiger, allein seine Worte +mußten wohl an ihr vorüberhallen, denn sie streckte sich aus, ihr Kopf +sank hintenüber, und wenn ihr Fuß nicht wiederum das Bündel berührt +hätte, so hätte der Schlaf die Todmüde von neuem entführt, so aber +schreckte das klirrende Geräusch sie auf. Hastig zuckte sie zusammen, +dieser Goldton brachte sie endlich zur Besinnung. + +Und nun flogen Rede und Gegenrede scharf zwischen den Geschwistern hin +und her. + +»Was hast du da?« fragte Paul, der ebenfalls das Klingen gehört hatte. + +»Das? -- o -- -- nichts.« + +»Ich rate dir gut. Fahre zur Mutter hinaus. Du wirst unser Haus nicht +mehr oft betreten!« + +»Ich?« + +Der Schreck lähmte sie beinahe, langsam erhob sie sich: »Warum gerade +ich nicht?« + +»Weil es verkauft wird, ebenso wie unsere Boote und das Vieh und meine +Bücher, kurz alles. Von unserer Heimat bleibt nichts übrig.« + +Er blieb mitten in der immer dunkler werdenden Stube stehen und legte +sich die verschränkten Hände gegen das Haupt. Wieder klang ein leises +Stöhnen durch den Raum. Aber Line achtete nicht mehr darauf. + +»Wird er verfolgt?« forschte sie heiser. Sie sah, wie den andern die +Frage durchfuhr. + +»Das weiß ich nicht,« gab er widerwillig zurück, und dann ging er +abermals im Zimmer umher, und eine lange Erzählung drang an ihr Ohr von +Siebenbrod und dem Konsul, und wie er mit den beiden gerungen, und wie +Mudding endlich draußen in Moorluke den Streit entschieden; aber Line +hörte teilnahmlos zu, denn seit Paul während einer Pause die kleine +Stehlampe entzündet hatte, seitdem traulicher Lichtschein die Stube +durchdämmerte, da war die rasende, treibende Angst wieder in ihr +aufgestiegen: Wohin? Wo ein Ruheplatz? -- Wo ein Kissen für die Nacht? +Wo ein Versteck vor der Schande? + +»Weißt du, wo er sich aufhält?« stieß sie endlich hervor und fingerte in +Hast mit den Nägeln auf der Tischplatte herum. + +Aber der Gefragte konnte sich nicht mehr beherrschen: »Der Dieb?« schrie +er dunkelrot und voller Abscheu, »der Halunke, der seine Mutter aus dem +Hause treibt, während er selbst allerlei schlechtes Frauengesindel mit +Armbändern und goldenen Ketten behängt? Oh, wenn ich nur wüßte, wo er zu +treffen wäre, wenn ich ihn nur einmal noch vor mir hätte!« + +Dabei nahm er einen Stuhl und stieß ihn in ohnmächtigem Zorn auf den +Boden, daß die Füße zitterten. Line starrte ihn an. + +Ganz weiß war sie geworden, langsam bückte sie sich und hob ihr Bündel +auf, denn jetzt wußte sie, hier war ihres Bleibens nicht länger, und als +sie sich aufrichtete, fiel ihr Blick auf die kleine, weiße Statue. + +»Lasset die Kindlein zu mir kommen,« sprach sie, wie geistesverloren vor +sich hin. Aber sie war so matt, daß sie keinen Schritt machte, sondern +mit hängenden Armen stehen blieb. + +Gleich darauf fühlte sie sich hart am Arm ergriffen, umkrallt, so daß +sie hätte schreien mögen; ganz nahe blitzten die finsteren, +mißtrauischen Männeraugen in die ihren. + +»Wozu sagst du das?« hörte sie seine vor Aufregung heisere Stimme, +»überhaupt du warst stets so viel mit ihm zusammen; ohne Umschweife, ich +traue dir nicht. Und was trägst du da im Bündel? Ich will es jetzt +wissen.« + +Er streckte die Hand danach aus, aber sie hob ihre Schätze hoch in die +Höhe. + +Dann begann sie plötzlich aufzulachen, höhnisch und verzweiflungsvoll, +und als sie sich zur Seite wandte, gewahrte sie, daß zum Fenster bereits +schwarze Nacht hereinsah. + +Unterdessen drang der Strandpastor zum zweitenmal auf sie ein. Noch +drohender als vorhin. + +Ja, sie merkte es, es war alles verloren, alles stürzte zusammen, hier +war ihre Ruhestätte nicht. + +Aber draußen lugte die Nacht herein und rief und rief. + +Da streckte sie ihm mit einer wilden Bewegung ihr Tuch entgegen. + +»Was in dem Bündel steckt?« schrie sie und wühlte alles hastig auf, daß +der Inhalt hervorquoll. »Hier, sieh, Ketten und Armbänder und Ringe -- +ganz teure, die sind was wert -- und alle für mich -- alle für mich -- +die verkauf -- hörst du -- hier -- hier.« + +Damit raffte die Rasende einzelne Stücke heraus, schleuderte sie ihrem +Bedränger mit aller Kraft vor die Füße, warf das ganze Bündel hinterher, +und nachdem sie ihn noch einmal verächtlich angelacht hatte, wie sich +weidend an seiner Betäubung, lief sie, gleich einem Hunde, der Schläge +fürchtet, zur Türe hinaus. Paul hörte sie die Treppe hinunterspringen, +vernahm einen heulenden Ruf, er hörte die Haustür klingeln, aber er +regte sich nicht, er stand und starrte mit kaltem Entsetzen auf die +Schmucksachen, die sich wie Ringe einer goldenen Schlange zu seinen +Füßen wanden; in großen gleißenden Ringeln -- die ewige Versucherin der +Menschheit. + + + + +IV + + +Unterdessen saß Dietrich Siebenbrod gerade unter der breitschirmigen +Petroleumhängelampe des Moorluker Kruges, den er seit seiner Hochzeit +nicht mehr betreten hatte, und vor ihm stand ein großes Glas Branntwein, +was ebenfalls ganz gegen seinen Pakt verstieß. + +Aber sein Pakt war aufgehoben, war »intzwei« gegangen, wie er schon +mehrfach vor sich hingestöhnt hatte, »es war allens intzwei gegangen, +die lange Arbeit, und de fiv Küh, und das Haus und die +Sparkassenbüchers, ja, ja und die fiv Küh.« + +Aberst warum? -- Warum? + +Mit dumpfem Grollen schob der Fischer die langen Beine weit von sich +unter den Tisch, und nachdem er seinen Branntwein hinuntergestürzt, +strich er sich über das erhitzte Gesicht, denn er konnte die Spirituosen +nicht mehr vertragen. + +»Smeckt nich mehr, der lütte Kirsch,« seufzte er und steckte beide +Daumen in den Mund und biß darauf und schüttelte sich und fuhr sich +durch die Haare und warf sich auf seinem Stuhl herum, als ob er die +richtige Lage nicht finden könnte. Und so war es auch, denn wie er sich +drehte, immer sah er durch die Tür, die der Schwüle wegen weit offen +geblieben war und durch den Garten, in welchem die Blätter +herumwirbelten, auf sein eigenes Haus, »up sin Hüsing«, das nun ein +fremder Barbier kriegen sollte. + +Ja, ja, wie er sich um dies Haus Müh gegeben hatte, all damals, als der +selige Herr Klüth noch lebte, denn, weiß der Deuwel, es war ihm immer so +vorgekommen, als ob er der nächste Erbe des alten Lotsen sein würde. + +Und nu? Intzwei -- ganz intzwei. + +Ja, ja, das kommt davon, wenn man in 'ne vornehme Familie heiratet. + +Und dieser Pastor, der gar keine Ahnung von das praktische Leben hatte, +der gar nicht wußte, was eigentlich ein Klüwer bedeutete oder gar +Ballast und der keinen Hering von einer Rotauge unterscheiden konnte, +wodurch doch erst all das schöne liebe Geld in die Sparkassenbücher +reingekommen war; der konnte nu ganz einfach kommen und alles +fortschenken, das Haus und die Sparkassenbücher und die Küh? -- I, das +stritt doch gegen jede Menschlichkeit. Ne, ne, bloß nichts mehr hören +und sehen, hol alles der Deuwel, bloß alles der Deuwel. Denn, wenn man +da dran dachte -- »Möller noch ein Glas, sehr schön dein Kirsch -- kannst +mir gleich die ganze Flasche bringen, ich bleib heut lange, aus +Schabernack, aus purem Schabernack, prost.« + +Ja, das war heut morgen gewesen, in aller Früh, er hatte gerade nach der +langen Nachtfahrt sich auf den Schemel hinter dem Herd gesetzt, um noch +ein paar Augen voll zu nehmen, und Mudding, die neben ihm saß, hatte ihm +eben den Kaffeetopf aus der Hand gewunden, damit der nicht auf die roten +Ziegelsteine stürze, da war der Hafenmeister in die Küche getreten, mit +der Meldung, der Herr Konsul Hollander hätte eben selbst +heraustelefoniert, Siebenbrod möchte eiligst in das Kontor kommen. -- + +»Möller, Möller, noch ein Glas -- --« + +Darauf das verwunderte Reden von Mudding. + +»Siebenbrod, sollst sehn, da stimmt was nicht.« + +»Ja, Mudding, das hab' ich mir all lang gedacht.« + +»Du auch? -- Du meinst doch nicht etwa gar wegen Bruno?« + +»Ja, kuck, Mudding, wenn man bunte Oberhemden trägt und enge Hosen, dann +-- --« + +»Was? -- ach du lieber Gott -- was meinst du, Siebenbrod?« + +»Je, ich mein, dazu muß man geboren sein, Mudding. Und dann -- --« + +»So sag' doch --« + +»Hat mich auch gestern so viel über unsere paar Groschen ausgefragt, und +über unsere Küh, sieh Mudding, dabei hab' ich immer ein ungemütliches +Gefühl. Von so verschwiegenen Dingen spricht man doch nich.« + +»Geh rasch!« rief die kleine Frau und rang aus ihrem Stuhl die Hände. +»Geh bloß.« + +»Ja, ja, Mudding, ich geh ja all -- aber das sag' ich man, was Gutes +wird das nich.« + +In dem Kontor war er dann mit dem neuen Pastor zusammengetroffen. Es war +das kleine Privatkabinett des Konsuls, und ehe Stiefvater und Sohn noch +ihre Verwunderung über das Zusammentreffen hatten austauschen können, da +war der Konsul bereits eingetreten, hatte sich auf das Ledersofa +geworfen, um mit niedergeschlagenen Augen, und als wenn er von sich die +größte Dummheit erzähle, seinen Besuchern das Vergehen und das +Verschwinden Brunos auseinanderzusetzen. Dabei war es für den Fischer, +den das Ereignis nicht gerade sonderlich umzuwerfen schien, obwohl er es +dennoch für familiär und passend hielt, eine bedenkliche Miene +aufzusetzen, dabei war es für ihn doch »heil komisch« gewesen, zu +betrachten, wie sich Hollander bei seiner Erzählung zwar entrüstet das +Knie rieb, anderseits aber schmerzlich-behaglich schmunzelte, wie +jemand, der zuletzt doch recht behält. + +»Na ja, war 'ne riesige Dummheit von mir, hatte mich zum Schluß +wahrhaftig ebenfalls sicher machen lassen, kostet mich viel Geld die +Erfahrung -- aber schließlich, -- was habe ich gleich gesagt? Unsicherer +Kantonist, das Kerlchen! -- Na also, Herr Pastor, nun möchte ich mit +Ihnen noch eine Kleinigkeit besprechen, eine ganze Kleinigkeit. Kommen +Sie.« + +Damit waren die beiden in das leere Kassenzimmer getreten und hatten den +Fischer ruhig draußen sitzen lassen, als wenn er an der Angelegenheit +nicht weiter beteiligt wäre. + +Als der Zechende bei diesem Teil seiner Erinnerungen angelangt war, +schien ihn die Wut von neuem zu übermannen. Er stieß mit den Füßen gegen +die Tischbeine, daß es krachte, und rief beinahe schmerzlich: »Einen +Seidel und einen Schnaps zugleich, Möller -- und mach' die Tür zu, die +verfluchte Tür, damit ich nich mehr mein Haus sehen kann, -- mein +Hüsing. -- Mak de Dör tau, Kirl. Prächtig -- gut der Schnaps -- gut das +Bier.« + +Da waren der Pastor und Hollander eine lange Weile in dem kleinen +Verschlag geblieben, und als sie endlich heraustraten, da hatte Paul +verweinte Augen gehabt, und dann war der Strandpastor schweigend mit dem +Fischer an den Hafen geschritten, von wo sie mit einem der kleinen +Flußdampfer nach Moorluke zurückfuhren. + +Aber diese Begleitung und das brütende Schweigen des stillen, wortkargen +Menschen, dem noch jetzt von Zeit zu Zeit ein Tropfen über die Wange +lief, waren Siebenbrod allmählich drückend geworden: »Willst du -- -- +wollen Sie denn zu meiner Frau?« hatte er gefragt, während sie beide +neben dem Schornstein des Dampfers standen und in das aufwogende +Hafenwasser sahen. + +»Ja.« + +»Was wollen Sie da?« + +»Da will ich uns wieder ehrlich machen.« + +»Was?« + +Der Fischer steckte beide Hände in die Taschen und schlug ein grobes +Gelächter auf: »Was! -- Ich will Ihnen eins was sagen, Herr Pastor, ich +hab' keinem was gestohlen, und deshalb bin ich auch keinem was schuldig, +verstehen Sie mich, Herr Pastor?« + +Der Hagere sah ihn an, verständnislos, als habe er gar nicht auf die +Worte des anderen geachtet, nickte und beugte sich wieder über Bord, um +die ganze Fahrt in das schwarze, strudelnde Wasser zu starren. + +Den Fischer beachtete er nicht mehr, sprach kein Wort mit ihm, erkannte +ihn wohl auch nicht einmal, wenn sein Auge zufällig auf ihn fiel. + +Ja, ja, wenn man bloß ein Fischer mit Transtiefeln an den Füßen war. + +»Möller -- Möller -- bring' mich noch mehr. -- Nun seh ich mein Hüsing +nich mehr. -- Hurra, nun seh ich wenigstens nichts mehr -- das Haus nich +und den Pastor nich, und die alte Frau nich -- hol alle der Deuwel.« + +Und dann zu Hause. + +Wie die alte Frau in Ohnmacht lag, und wie Hann ihre Hände in kaltes +Wasser tauchen mußte, und wie sie immer nach dem Spitzbuben rief. Und +dann wollte sie auch mit ihrem Ältesten allein bleiben, und ebenso, wie +beim Konsul, saß der Mann auf der Bank am Fluß und hielt die Hände in +den Taschen und besah sich seine Pantoffeln, und dachte gemütlich: »Wie +das woll wird?« + +Aber dann kam's. + +Dann kam's. + +»Halunken, studierte Menschen, verrückte Weibsbilder, wollt ihr mich +woll vom Leibe bleiben! Möller, Möller, zu trinken. -- Was? -- Nu sieh +doch. Ihr wollt dem alten, lungrigen Fuchs, dem Hollander, sein +Verlorenes wiedergeben? Hör ich auch noch richtig? -- Möller, Möller, +hast's auch gehört? Sie wollen fünfundzwanzigtausend Mark bezahlen? Ha +-- ha. Spaß, Spaß, das is ja bloß zum Lachen. Nein? Ihr habt keine +ruhige Minute mehr? Und ihr meint das alles im Ernst? -- Da soll ja der +Satan -- aber was schert mich das alles? Meinetwegen. Wenn ihr soviel +Geld übrig habt. Immer zu. Mir ist allens recht. Mudding hat vielleicht +soviel im Strumpf versteckt. Das nich? -- Sondern meine Spar -- kassen +-- bücher? Und -- ah -- das Haus?« + +Die Luft blieb dem Manne aus, der mit kupferrotem Angesicht in dem +einsamen Krugzimmer saß. In toller Wut schmetterte er ein Seidel auf das +andere, daß die Scherben herumspritzten, und schleuderte das nächste +gegen die Wand. + +»Was? -- was? -- Mein Haus, mein Hüsing, -- meine Bücher? Ihr seid woll +mall? Ich hab' nichts -- und ich geb' nichts. -- Acht Jahr gearbeitet +-- im Wasser gelegen -- und nu? -- Und nu? -- Bleibt mir vom Leibe, weg +-- weg.« + +-- -- Wieder schrie er nach Bier. + +Aber was geschah nun? + +Er stierte vor sich hin. Er sah es noch einmal, ganz deutlich. Aus dem +Stuhl, in dem sie so viele Jahre gesessen, richtete sich die gelähmte +Frau auf, langsam, ganz langsam. Und sachte, ganz sachte, streckte sie +die weiße Hand gegen ihn aus. + +»Siebenbrod, ich hab' dir das Haus und das Geld so lange gelassen, -- +aber nu will ich es wieder haben.« + +»Mudding -- du willst -- mich -- mein Geld nehmen?« + +»Siebenbrod, ich muß.« + +»Mudding, überleg dich, wem gehört das alles?« + +»Mir gehört es. Ich habe alles zugebracht, und das Haus und die +Sparkassenbücher sind auf meinen Namen geschrieben.« + +»Das wohl -- das wohl, aber Mudding, das mit den Sparkassenbüchern hab' +ich doch nur aus Vorsicht getan. Ich bitt' dich, um Gottes seiner +Barmherzigkeit, du willst mir doch nich meine paar Groschen nehmen? Das +einzige, was ich hab'?« + +Ihr stürzten die Tränen aus den Augen. Sie sah aus, als ob sie sterben +wolle: »Ich muß!« + +»Nun dann -- dann hol' euch alle zusammen der Deuwel« -- heulte er auf, +»dann weiß ich ja, mit wem ich's so lang zu tun gehabt hab' -- hier -- +hier --« + +Er war auf einen Schub zugewankt, und nun flogen ein paar Bücher auf die +Erde, daß die Fetzen herumflattern -- »hier, Pastor, hier hast du's -- +is 'ne ganze Masse -- und das Haus auch, das wollte ja immer schon der +Barbier haben. -- Und die Küh -- Herrgott, Herrgott, die Küh auch. Aber +was geht mich das an? Ich sag' weiter nichts, als hol' euch alle +zusammen der Deuwel, alle in einem Wagen. Ich hab' hier nichts mehr zu +suchen.« + +Und jetzt saß er in dem einsamen Krugzimmer, und draußen wirbelten die +Blätter, und es wurde dunkler und nächtiger. + +»Prost, Möller -- prost. Wie dunkel das draußen geworden is. Schmeckt +wunderschön, dein Bier. Aber wer kommt da? Is das nich oll Kusemann, der +da reinkommt? Richtig, setz' dich hierher, oll Kusemann. Hab' dich +früher nich leiden mögen, aberst heut bezahl ich alles. Hm, was sagst +du?« + +»Je, ich bin nich neugierig, Siebenbrod, aberst is es wahr, was mich +Hann erzählt hat, daß du dein Haus -- --?« + +»Ja, ja, wird verkauft.« + +»Huch -- und das Vieh und die Boote auch?« + +»Allens.« + +»Herrje, man erschrickt sich ja förmlich, aber was machst du denn +später?« + +»Ich? -- Ich? Oll Kusemann, warum hast du auf einmal vier Augen und zwei +Nasen? Ich schlag dir eins ins Genick, wenn du das noch mal machst. Oder +ich häng dich hier an den Türpfosten auf. Aber sag' eins, du bist ja ein +kluger Kopf, wie is das eigentlich mit dem Aufhängen? --« + +»Das? -- das? Ne feine Sache soll das sein. Da hört man Musik, wie auf +einem Tanzboden, aber du wirst doch nich --« + +»Schnack. Oh, das Leben is mal recht dämlich. Als ich klein war, da hab' +ich mich immer ne Spieldos gewünscht, und nu -- aber wollen trinken. -- +Die Geschicht mit der Musik gefällt mir -- das lügst du doch auch nich? +-- Wollen trinken -- immer mehr -- immer mehr. Pfui, das Leben riecht +wie ein fauler Hering. -- Pfui, pfui!« + + -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- + -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- + -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- + +In das kleine Lotsenhaus war gegen Abend neue Verwirrung eingedrungen, +als Paul zum zweitenmal erschienen war, um, wie er vorgab, sich nochmals +nach der Mutter zu erkundigen, in Wahrheit aber, um Hann beiseite zu +ziehen und ihm allerlei wirre Andeutungen über Line zu geben. Der junge +Geistliche war ganz gebrochen. Und als die beiden Brüder in der +Dunkelheit auf dem Flur standen, dort miteinander flüsternd, damit in +der Stube die Mutter, die ohnehin leise vor sich hinweinte, nichts +bemerke, da mußte der Pastor sich an dem Holz der Haustür festhalten. + +»Daß sie so sinken konnte,« murmelte er vor sich hin und rüttelte +beinahe an der Klinke, »daß sie so schlecht werden konnte.« + +Hann stand neben ihm, in seinen blauen Drillichhosen und mit der offenen +Schifferjacke, das plumpe Haupt, auf dem die strohblonden Haare bereits +spärlicher herunterfielen, war ihm tief auf die Brust gesunken. Er mußte +sich mehrfach räuspern, ehe er antworten konnte. Auch so klangen seine +Worte noch gepreßt genug. + +»Ja,« entgegnete er mühsam, »sie wird ihn wohl sehr lieb gehabt haben.« + +Der Strandgeistliche atmete hörbar: »Aber sie hat ihn zu +Schlechtigkeiten verführt, sie hat gehandelt wie eine -- -- --« + +Hier stöhnte er laut auf. + +»Ja,« sagte Hann vor sich hin, »mich dünkt, die eine Liebe is heiß und +die andere kalt -- die eine will in Seide gehn und die andere in +Pantoffeln. Es kommt allens so, als es kommt.« + +»Aber wir müssen unsere Natur bezwingen.« + +»Ja,« schüttelte Hann traurig das Haupt, »das sagt ihr so. Ich hab' +immer gedacht, um viele Naturen wär' es dabei doch schad. Kuck, Line zum +Beispiel war mich immer gerade so recht.« + +Der Pastor sah den Schiffer zweifelhaft an, dann lenkte er rasch ab, und +indem er die Flurtür öffnete, durch die bereits die Dunkelheit +hereinsah, klagte er: »Nacht. Wie sollen wir sie jetzt finden?« + +»Müssen sie eben suchen,« versetzte Hann halblaut, obwohl seine Stimme +stark zitterte. Dabei bückte er sich und hob von der Diele eine große +Stallaterne empor, die er ansteckte. + +Ein wunderliches, verschwommenes Licht fiel nun über den +rotgepflasterten, langen Gang. + +»Wenn sie sich ein Leid angetan hätte,« fuhr der Pastor fort, und wieder +zitterte die Tür, als ob er an ihr gerüttelt hätte. + +Hann fuhr zusammen. Die Laterne baumelte in seiner Hand hin und her. +Dann dachte er nach. + +»Nein,« schloß er endlich und strich sich die Haare aus der Stirn. »Line +hat das Leben lieb; daher kommt woll auch alles.« + +Wieder traf ihn ein verwunderter Blick des Bruders, dann aber trat Paul +auf ihn zu und drückte krampfhaft die Hand des Fischers. Alle geistige +Überlegenheit schien weggewischt. + +»Wie soll es hier nur werden?« fragte er und drängte sich immer mehr an +die Seite des Bruders. »Sieh, ich -- ich trete am ersten Juli meine +Stelle auf dem Walsin an, und die Hälfte von meinem Gehalt, die gehört +euch natürlich. Aber die Pfründen eines Strandgeistlichen sind knapp, +mehr würde ich bei allem guten Willen nicht erübrigen können. Aber du, +Hann, du armer Junge, wie wirst du hier alles zusammenhalten können? Und +noch dazu bei diesen Vorwürfen von Siebenbrod, wenn das Haus erst +verkauft wird und das Vieh? Er ist ja auch tief zu bedauern, der arme +Mann. Aber dann -- was wird dann?« + +»Oh,« sagte Hann und suchte in seinem Geiste nach etwas, was den schwer +Bedrängten trösten könnte, wobei er schief in seine Laterne +hinunterblinzelte: »Sieh, Paul, eins von den drei Booten bleibt uns ja, +und wenn Siebenbrod auch nicht mehr mithalten will, mit dem Boot werd' +ich schon wieder von vorn anfangen. Es wird schon gehen. Und dann, ich +weiß hier eine Stube und eine Küche, wo auch ein Fenster auf die See +zugeht, damit Mudding dran sitzen kann. Die mieten wir uns. Weißt du, +bei Klaus Muchow, bei dem Taubstummen, du kennst ihn ja. Und da richten +wir uns ein, so gut es eben gehn will.« + +Es klang soviel Gutherzigkeit aus den einfachen Worten, daß Paul sein +Gefühl nicht länger unterdrücken konnte, sondern mit einer krampfhaften +Bewegung die Wange des plumpen Burschen zu streicheln begann. + +»Aber hast du auch bedacht, lieber Bruder,« stammelte er, »daß du mit +diesem Vorsatz dein ganzes Leben unserer Familie zum Opfer bringst? Hast +du das auch bedacht?« + +»Ja, wenn es aber nun nich anders einzurichten geht?« + +»Lieber Junge --« und er legte ihm schwer die Hand auf die Schulter, +»aber deine Braut? -- Denkst du auch daran? -- Klara Toll? Was wirst du +der sagen?« + +Hier senkte Hann tiefer und tiefer sein Haupt und ließ die Laterne +schaukeln, als wenn der Wind sie triebe. »Ja,« kam es endlich schwer aus +ihm heraus, »das arme Mädchen -- hätt' ihr auch was Besseres gewünscht. +Aber,« seufzte er hinterher, »sie verliert woll nich viel an mir.« + +Als sie so sprachen, fuhr durch die Tür ein Windzug, der heulte durch +das Haus und ließ die Bodenklappen zittern und löschte Hanns Laterne +aus. + +»Line,« rief der unwillkürlich, denn ihm fiel ein, daß die Unglückliche +noch immer unterwegs sein könnte, und während er seine Leuchte mit +tappender Hand von neuem entzündete, warf er hastig die Frage hin: »Und +Lining? -- Was wird aus der?« + +Der Pastor murmelte etwas. Dann schlug er den Mantelkragen in die Höhe, +und nachdem er auf die Straße hinausgetreten war, hörte Hann, der an +seiner Seite geblieben war, wie der Geistliche in Aufregung hervorstieß: +»Wenn ich sie doch nicht von mir gelassen hätte. Wenn ich sie doch +gehalten hätte, wie es meine Pflicht war. Aber sobald wir sie wieder +haben, und es kann mit Ehren geschehen, dann nehme ich sie mit mir -- -- +bei mir -- -- --« + +Das übrige verwehte der Wind. + +Dann gingen sie weiter, sie zu suchen. + + * * * + +Durch die sternenlose Nacht heulte ununterbrochen der Wind. Der Fluß +wälzte rastlos schwarze Wellen zur Mündung, rascher, immer rascher; aber +draußen, dem großen Wasser, dem nimmersatten, konnte es nicht genug +werden, und es erhob sich wie ein Geizhals, wie ein Gläubiger, der +eintreiben will, und schrie: »Mehr -- mehr!« + +Hei, wie zauste und wühlte jetzt der Wind in den Binsengebüschen, wie +trieb er den Fluß stoßend gegen sie an, und wie murmelte und gurgelte es +dann zwischen den Gräsern. + +Nun wurde wieder ein Stück festen Landes mürbe, nun bullerten kleine +Blasen in die Höhe, und der Fuß, der dort stand, sank ins Feuchte. + +Und dort stand wirklich jemand, ein junges Weib, dem die Haare um das +Haupt wehten, dem die Röcke vor dem brausenden Sturm um den Leib +wirbelten, es stand und hielt sich an den hochgewachsenen Stauden fest +und lugte bald zu den kleinen Lichtern hinüber, die aus den Moorluker +Häuschen herausdämmerten, bald kehrte es sich zu dem Kreuzweg zurück, wo +die Fänge der alten Windmühle in rasender Eile im Kreise schwirrten. + +Es sah aus, als ob dort über dem Kreuzweg eine dicke, zerzauste +Fledermaus in der Nacht hocke, die mit den Flügeln schlug, und wenn sie +von Zeit zu Zeit ihr: »Rah-rah« schrie, dann ging ein halb wildes, halb +irres Lächeln über das Gesicht des Weibes, und es wand sich hin und her, +als wüßte es keinen Entschluß zu fassen. + +Ja, dort drüben hinter dem struppigen Garten, da schimmerte Licht aus +dem Lotsenhäuschen. Da saß gewiß noch Mudding und strickte an dem ewigen +Strumpf. Sie saß sicher ganz allein; denn Siebenbrod war wohl trotz des +Sturmes auf See gefahren, und Hann hatte sie ja soeben mit einer Laterne +den Landweg entlang wandern sehen. Oh, wie gespenstisch hatte es sich +gemacht, als der rote Lichtstrahl langsam zwischen den Binsen +durchgekrochen kam, um dann zuckend über das Wasser zu spiegeln. Aber +als das Mädchen der oben vorübertappenden Gestalt mit den Blicken +gefolgt war, da hatte die Einsame trotz aller Verlassenheit ein kurzes, +hämisches Gelächter ausstoßen müssen. + +Freilich, leise -- leise, damit der oben es ja nicht höre, denn sie +wollte sich nicht aufstöbern lassen. + +Ha, ha, wie plump der Bauer doch dort oben dahintappte, die Laterne in +dem steifen Arm weit vorgereckt, damit er den Weg nicht fehle. Und -- da +-- jetzt stolpert er. -- Sie lachte boshaft. + +Und dort drüben in das verräucherte Häuschen wollte sie wirklich wieder +einkehren, wollte alles beichten und sich dann anstarren lassen von den +vorwurfsvollen, dummen Augen dieses Hann? Und dann die anderen Dörfler? +Oll Kusemann, wie der wohl ihre Schande erzählen würde von Tür zu Tür? +-- Und die rohen Scherze von Siebenbrod --? + +»Rah-rah,« schrie die Fledermaus dazwischen. + +»Nein.« + +Das junge Weib schlug mit der Hand auf die Binsen und zog die Röcke +enger um sich zusammen. Jetzt stand es bei ihr fest. Zu diesen dummen, +beschränkten Tröpfen ließ sie sich nicht herab. Zu Fräulein Dewitz auch +nicht. Alles kleinliche, spießbürgerliche Menschen. Und dann -- und dann +-- sie bog die Binsen auseinander und lugte wieder forschend über die +vorüberwallende Flut --, sie wollte überhaupt nichts abbitten, nichts +beichten. Was sie getan hatte, was ging es die anderen an? -- Namentlich +jetzt, wo sie es zu Ende bringen wollte? -- Ihr schien, sie hätte nichts +zu bereuen, und sie wollte auch nicht bereuen. Nein, nein, immer +trotziger leuchtete es durch ihren Sinn, daß es doch eine wilde, +freudige Stunde gewesen, damals, als in dem engen Stübchen die Schuld +über sie gekommen war, und im Grunde ihres Herzens konnte sie auch dem +Fernen, den die anderen Verbrecher nannten, nicht zürnen; sie hatte ja +alles so gewollt -- und jetzt, jetzt sollten die anderen, die Dummen, +sie in Frieden lassen, sie war einmal so gewesen und wollte jetzt Ruhe +haben, Ruhe und Stille. Sie machte einen raschen Schritt vorwärts, der +moorige Boden gab nach, eiskalt schoß es an ihr vorüber. + +Noch einen Schritt; sie taumelte, über die Knie bereits stieg diese +furchtbare, bezwingende Lähmung. + +»Rah -- rah,« schrie die Fledermaus auf dem Kreuzweg und schlug wie toll +mit den Flügeln durch die Nacht. + +Aber warum klammerte sich Line in Todesangst an die schwanken Binsen, +warum griff sie immer nach neuen hinter sich, sobald sie einen Büschel +abgerissen hatte, warum arbeitete sie sich zurück und lief, wie gehetzt, +fast bis unter die Windmühle zurück? + +Dort stand sie mit rasend klopfendem Herzen still. So war sie am +Vormittag schon einmal geflohen, aber jetzt, warum jetzt wieder? In +einen verzweifelten Schrei brach sie aus und preßte die Hände gegen die +Schläfen. Noch suchte sie sich in ihrer Umnachtung zu überreden, es wäre +nur der Ort, der ihrem Vorhaben nicht günstig wirke. Ja, ja, weiter +oben, wo das Ufer schroffer, wo die Steinmauern sich dehnten -- -- -- + +Wieder trieb sie es, nach der bezeichneten Stelle zu rennen, aber ihre +Füße wurzelten gegen ihren Willen fest, und während sie wie ein +furchtgeschüttelter, schwacher Mensch aufheulte, klammerte sie sich halb +besinnungslos an die Unterbalken der Mühle an, als wollte sie sich +selbst verhindern, noch einen einzigen Schritt weiter nach der Mündung +hin zu richten. + +Nein, sie wollte nicht, sie wollte nicht, sie war noch so jung, es mußte +noch einen Weg geben, sie war ja stark und trotzig, und sie hatte das +Leben so lieb, so lieb -- -- -- + +»Ich will nicht,« stammelte sie in ohnmächtiger Auflehnung, »ich will +nicht.« + +Über den Landweg irrlichterierte schwankend hin und her -- ein großer, +leuchtender Funke. Manchmal verglimmte er, dann sprang er wieder empor, +wackelte langsam näher und begann eine Lichtbahn vor sich her zu werfen. + +Die traf auf das Fachwerk der Windmühlenflügel, dann kletterten die +Strahlen über die Unterbalken, und nun huschten sie über das Haupt und +die zerzausten Haare des jungen Weibes. + +Als sie das Licht merkte, richtete sie sich gierig auf, auch der +Leuchtkäfer hielt inne, in beträchtlicher Entfernung, wie erschreckt. + +In der unwegsamen Nacht, bei dem heulenden Winde, der Stoß auf Stoß +gegen die Mühle fegte, starrten die beiden Menschen zueinander herüber, +beide das Licht segnend, das tröstliche, göttliche, ohne das sie sich +nicht gefunden hätten. Aber es war nur der erste Augenblick, der in dem +gejagten, jungen Geschöpf friedlichere Gefühle wecken konnte, dann +stemmte sie sich mit beiden Armen über den Balken, auf dem sie lehnte, +und ohne auf ihre triefenden Röcke zu achten, rief sie zu ihrem Retter +hinüber, in einem Ton, der deutlich erkennen ließ, daß sie jedes +Einmischen in ihr Leben mit Feindseligkeit zurückweisen würde: »Hann, +was willst du hier?« + +»Lining, bist du's?« + +»Du siehst ja.« + +Ein Atemzug der Erleichterung kam von Hann. + +Der Leuchtkäfer kroch wieder einen Schritt näher, seine Strahlen trafen +die Füße des jungen Weibes und ihre Röcke, von denen das Wasser +herableckte. + +Hann zuckte zusammen, als ob ihm etwas wehe täte, und seinem natürlichen +Sinn leuchtete sofort ein, was er hier etwa verhindert haben könnte. + +Schwerfällig hob er die Laterne und gedachte auch das Gesicht der +früheren Hausgenossin, die er bewußt oder unbewußt so lange entbehrt +hatte, zu erhellen, da rief sie wieder, nur schärfer, erbitterter und +ganz in dem Gefühl, daß sie sich gegen das Mitleid dieses Bauern zu +wehren hätte: »Hann, wie kommst du um diese Zeit auf die Landstraße? -- +Was machst du hier?« + +»Ich? -- O Lining -- --« + +Und der Fischer, der nie log, empfand sofort, daß er ihr jetzt um keinen +Preis gestehen dürfe, wie sehr er nach ihr gespäht habe. + +»Oh -- Lining,« brachte er hervor, indem er trotz alledem die Wahrheit +sagte, »ich hatt' hier was verloren.« + +»Du?« Sie bog sich weiter über ihren Balken vor, der sich wie zum Schutz +zwischen ihnen reckte, und schüttelte wild das Haupt. + +»Das war wohl was sehr Kostbares?« höhnte sie rauh. Oh, und dabei tat es +ihr heimlich doch wohl, mit einem Wesen von Fleisch und Bein reden zu +können, wenn es auch nur Hann war. + +»War es etwas sehr Kostbares?« rief sie nochmals und stampfte mit dem +Fuß, denn es quälte sie, daß man drüben in dem Häuschen ihre Schande +wahrscheinlich schon kannte, und daß dieser Tölpel sie mit einer Laterne +gesucht haben sollte. + +»Was Kostbares?« fragte Hann schwerfällig dagegen und starrte wieder +durch die Nacht auf ihren wasserschweren Rock, von dem die Feuchtigkeit +unaufhaltsam herabrieselte. »Lining, es will keiner gern was verlieren. +-- Aber du -- --« in seiner Einfalt beschloß er, sie von ihrem Verdacht +abzubringen, und das stellte er so an: »Aber es is gut, daß ich dich +grad hier treff', denn du wolltest doch gewiß zu uns rüber.« + +Die ehrliche Haut vergaß, daß es eben vom Moorluker Kirchturm elf +geschlagen hatte, und daß man in dieser Sturmnacht nicht die Hand vor +Augen sehen konnte. + +Aber Line wurde durch die plumpe Gutmütigkeit, die sie so deutlich zu +schonen suchte, nur noch mehr erbittert: »Was geht es dich an, wo ich +hin will?« schrie sie heftig zu ihm hinüber, während sie in Wut auf den +Balken schlug. Oh, sie wollte so gern diese Leute beschimpfen, die sich +in ihre Selbstbestimmung drängten, und auf der anderen Seite wünschte +sie so sehr, gerettet zu werden. -- Das ist das Leben. + +Und Hann hörte in seiner Angst um die Irrende die Beschimpfung gar nicht +einmal heraus. Langsam, vorsichtig, als könnte sie durch jeden Schritt +verletzt werden, tappte er näher, bis er endlich die Laterne zwischen +sich und das Mädchen auf den Balken stellen konnte. Und sofort hielt die +Frierende beide Hände über das Licht. + +Jedes Geschenk des Lebens nahm sie gierig an. + +Es war ein wunderliches Bild, das die beiden jetzt boten: das junge +frierende Weib mit den zerzausten Haaren und dem wilden, unsteten Blick, +und ihr gegenüber der ungelenke Mann in der flatternden Schifferjoppe +und dem geduckten Haupt, beide unter der Mühle und bestrahlt von der +Laterne. + +»Lining,« hob Hann wieder an, denn er fürchtete nichts so, als seinen +kostbaren Fang aus dem Netz zu verlieren. »Is doch gut, daß ich dich +hier treff', denn du wolltest gewiß zu uns herüber, und da die Brücke +gebrochen ist, so muß ich dich in der Fähre rüberschaffen.« + +»So? Ist sie gebrochen?« wiederholte sie verächtlich. Aber Hann hielt +fest, ganz dicht stand er jetzt vor dem Balken, so daß das zuckende +Licht von unten sein Gesicht überhuschte. + +»Natürlich, Lining, is sie gebrochen. Hast du das vergessen? Aber du, -- +du hast gewiß von dem Unglück bei uns gehört. Und da wolltest du kommen, +um Mudding zu trösten. Is nich so?« + +So hell war der Lichtkreis um die beiden geworden, daß die argwöhnische +Line sofort an seinen scheu auf sie gerichteten Augen erkannte, wie sehr +der Tölpel alles wußte. + +Oh, sie hätte ihn dafür mit der geballten Faust ins Gesicht schlagen +mögen. + +»Wozu verstellst du dich?« fuhr sie ihn an und riß an seinem Arm. »Du +weißt ganz gut, daß ich alles früher wußte, wie ihr. Wozu soll das?« + +Hann hielt still. + +»Lining, ich sagte man so. Aber dann weißt du gewiß auch, daß unser Vieh +verkauft wird, und die Boote, und das Haus.« + +»Das Haus auch?« schreckte Line zusammen, während sie unwillkürlich nach +der Richtung der leuchtenden Fensterchen herumfuhr. + +»Ja, das Haus auch, und wir mieten uns nun ein Stübing und 'ne Küche bei +Klaus Muchow.« + +Als er von diesem Zusammenbruch sprach, da begann das Herz der +Verstörten wieder zu hämmern, in rasendem Schlag, sie hob ihre Finger +zum Munde und biß darauf herum. Wilde Verzweiflung durchstürmte sie +wieder. + +Warum, warum war sie vorhin nicht unter den Binsen verschwunden? Nur +einen Schritt galt es doch noch, und das Bett war so weich gewesen. +Nein, nein, jetzt wollte sie nichts weiter hören. Mit einer Bewegung, +unter der sich ihr ganzer Körper zusammenkrümmte, schnellte sie von dem +Balken fort, und im nächsten Augenblicke wäre sie in der Nacht +verschwunden gewesen, wenn nicht Hann in seiner Angst bereits den +Querbaum übersprungen und sie nun an beiden Armen festgehalten hätte. + +Feste, klammernde Fischergriffe, unter denen sie sich in aufsteigender +Wut hin und her wand. + +»Was heißt das? -- Laß los!« + +»Hier sind viel Maulwurfslöcher. Ich dachte, du könntest fallen.« + +»Das is nich wahr. Du weißt was. Du willst etwas anderes von mir!« + +»Lining, komm hier an die Laterne.« + +»Weg!« + +»Lining, ich kann dich nich so fortlassen. Sieh, es is Nacht. Ich -- ich +glaub' auch, du hast dich mit Fräulein Dewitz erzürnt.« + +»So? Glaubst du?« + +Sie lachte, sie schrie auf. + +»Und da Mudding jetzt so im Unglück sitzt, so -- oder wenn du nich zu +uns willst, so hat Paul davon gesprochen, daß er dich mitnehmen möchte +auf den Walsin. -- Willst du das?« + +Da hatte sie sich losgeschüttelt und stieß ihn zurück. + +»Zu Paul? -- In das Pastorhaus?« + +Mit einem Sprunge war sie an der Laterne, und unter einem schrillen Ruf, +aus dem die Verzweiflung alles Weibliche genommen hatte, hielt sie die +Leuchte hoch vor Hanns Antlitz in die Höhe, ob er etwa in dieser +grausigen Umgebung Spaß mit ihr zu treiben wage. + +Aber des Burschen blaue Augen blickten sie in dem Lichtschein so +bekümmert an, daß ihr die Laterne plötzlich klirrend auf die Erde sank. + +Ihr schwindelte, die Mühle wankte einen Augenblick vor ihr auf und ab, +die Nacht tanzte vor ihr, so daß sie sich auf den Balken setzen mußte. +Zorn, Todesangst und Erschöpfung hatten ihr alle Sehnen durchschnitten, +kraftlos sanken ihre Hände gefaltet in den Schoß und ihr Haupt neigte +sich zur Seite, so daß Hann erschreckt es mit beiden Händen stützen +mußte. + +»Zu Mudding?« murmelte sie traumverloren. + +»Ja, Lining, oder zu Paul.« + +»Komm her, Hann, ich will dir was sagen.« + +Und als er sich zu ihr hinabbeugte, näherte sie den Mund seinem Ohr, um +ihm etwas zuzuflüstern. Doch unvermittelt hielt sie inne. + +»Stell' die Laterne erst hinter uns.« + +Still folgte er ihr. + +So hockten nun beide zitternd da, vor ihnen Nacht und hinter ihnen das +Licht. Dann näherte sie ihre Lippen von neuem seinem Ohr und flüsterte +etwas. Erst stockend, dann heftiger, zum Schluß zornig, wie eine +Anklage. Es war der Grund, warum sie für immer von einem Pastorenhause +getrennt war -- es war ihr Schicksal. + +Hann saß da, still und geduckt, und sank immer tiefer in sich zusammen. +Er nickte und nickte, und so oft sie, ihn beobachtend, eine Pause +machte, nickte er stärker, wie jemand, der etwas Freudiges oder +Natürliches hört. Über dem armen Burschen war jetzt die Stunde, wo das +menschliche Herz langsam anfängt zu bluten, um nie mehr ganz zu +verharschen. + +Aber er nickte immer ernsthaft und beistimmend. + +»Kann ich zurück?« fragte sie am Schluß. + +»Lining,« erwiderte er mit halber Stimme, »über die Frage muß ich mich +wundern. Wozu is ein Elternhaus da, als daß es Gutes und Schlechtes +aufnimmt? Wär' es anders, könnt' es mich gestohlen werden. Komm, +Lining.« + +Eine Viertelstunde später hörte man die Ruder auf dem Fluß klatschen. +Hann führte seine Pflegeschwester heim. Als ihr Fuß die Schwelle +berührte, zuckte sie zurück, und noch einmal schien ihr die Nacht +lieblicher als die fischdurchduftete Engnis, aber Hann schob sie sanft +auf den Flur. + +Rabenschwärze lagerte hier. + +Furchtsam drängte sich die Heimgekehrte an ihn. -- Und als er leise -- +leise die Tür schloß, damit Mudding nicht gestört würde, da fühlte er +plötzlich unter Herzklopfen, wie eine weiche Hand über seine Wange fuhr, +und wie neben ihm etwas leise aufschluchzte. + +»O Lining,« murmelte er zerschmettert. + +Allein ihre Zerknirschung dauerte nur einen Moment, dann vernahm der +Fischer, wie das Mädchen, das er in der Finsternis nicht sehen konnte, +rasch aufatmete und mit Bestimmtheit fragte: »Hann, was du mir +versprochen hast, das bleibt so?« + +»Natürlich, Lining.« + +»Gut, dann gehe ich jetzt nach oben, in meine alte Kammer. Und morgen +spreche ich mit Mudding. -- Gut' Nacht.« + +»Gute Nacht, Lining, schlaf wohl, es is die erste Nacht, die du wieder +bei uns schläfst, hörst du?« + +»Ja, geh du jetzt auch zu Bett, Hann.« + +Dann huschten leichte Tritte die Stiege hinauf. + +Hann horchte hinter ihnen her, dann griff er sich nach dem Herzen, als +ob dort etwas nicht in Ordnung wäre. Schwer, schwer seufzte er auf. + +Seine Laterne hatte er bereits vor dem Hause ausgelöscht, damit ihr +Schein nicht zu Mudding dränge, die jetzt in der großen Stube neben dem +Flur schlief. + +Die Kranke aber mußte dennoch das Geräusch des Eintretens bemerkt haben, +denn durch die Tür drang eine feine, zitternde Stimme: »Hann -- bist +du's?« + +»Ja, Mudding.« + +Ein Seufzer folgte in der Stube. + +»Mudding, fehlt dir was?« + +»Ach nein, mein Jung' -- aber Siebenbrod -- er is noch immer nich da.« + +»Laß gut sein, Mudding, ich schließ' die Tür nich zu. Ich werd' hier +warten.« + +Drinnen die Kranke äußerte sich zu diesem Vorschlag nicht weiter -- sie +warf sich noch ein paarmal hin und her, dann wurde es still. + +Draußen auf dem Flur stand ein ungefüger, blau angestrichener +Holzkoffer, das einzige Gut, das Siebenbrod mit in die Ehe gebracht +hatte. Auf diesen Schrein setzte sich Hann, stützte die Ellbogen auf die +Knie und hielt seine Nachtwache. + +Draußen summte der Wind, pfiff manchmal und heulte. Die Dorfuhr schlug, +Viertel auf Viertel, der Fluß rauschte, und die Pappeln ächzten und +schüttelten sich, Hann spann an seinen Gedanken fort. + +Schwere Gedanken, die nur ungern ein Gewebe werden wollten. + +Da oben schlief sie nun. + +Und er, er war ein Bräutigam und hatte sich doch täglich danach gesehnt, +daß die Kammer wieder von ihrer Bewohnerin besetzt werden möge. + +Hier war eine Lücke, ein Bruch in seinen Gedanken, an dessen spitzen +Trümmern er sich die Stirn zerstieß, genau so wie damals, als er auf den +Anker gestürzt war, und Klara Toll ihn gepflegt hatte. + +»O Klara!« + +Er hielt sich den Kopf, damit er nicht wirklich springe, dann lauschte +er wieder nach der Stiege, ob da nicht ein leichter Schritt laut würde. +Denn er mißtraute Line. Ihr konnte es einfallen, trotz aller seiner +Versprechungen zu entwischen. + +Lange starrte er hinauf und lauschte. + +Aber nichts regte sich mehr, nur die Hauskatze hörte er auf samtnen +Pfoten vorüberschleichen. + +Schmerzlich wandte der Beobachter das struppige Haupt zurück, und seine +Gedanken verknüpften sich wieder. + +Mein Gott, wie war die Jugendfreundin, die er so lieb gelabt hatte, »so +liebing,« wie war sie zurückgekehrt? In Schande, ins Elend gestoßen. Und +von wem? -- Von seinem Bruder, der sie hätte hochhalten müssen. + +Er dachte weiter und fragte sich: »War sie nun wirklich schlecht? -- +Schlechter als früher?« + +Je, wer konnte das wissen? -- Ich weiß es nich. Denn ich hab' solch eine +Stunde, nach der sich doch alle Menschen und selbst das Vieh heimlich +sehnen, noch nich erlebt. Aber mich dünkt, wer ein Richter über was sein +soll, der müßt' das auch alles erlebt haben. + +Und is das nich eigentlich komisch, daß das »schlecht« sein soll, woran +die Menschen doch so viel denken, und was sie sich wünschen? Und +schließlich, solch einen neuen Menschen in die Welt gesetzt zu haben, is +doch auch ein kleines Verdienst. Und wenn ich mir so überleg', was +herrscht nich für Freude, sogar bei Siebenbrod, wenn eine Kuh kalbt, und +da wollen sich nun viele Leute wirklich so vergehen, daß sie ein +neugeborenes Menschenkind, was doch viel mehr is, nich gern in die Welt +reinlassen wollen? »Oh, pfui -- ne, dafür will ich woll sorgen.« + +Aber bei dem Wort »sorgen« fiel ihm schwer aufs Herz, was er ohnehin +schon alles gegen Line auf sich genommen hätte. Ach, was war sie doch +anders, als er sich es vorgestellt hatte. Wie wild, wie trotzig, wie gar +nicht ein bißchen demütig war sie. Und was hatte sie sich alles +ausbedungen, bevor sie sich, noch immer ungern und sich sträubend, von +ihm hatte in den Kahn ziehen lassen. + +Er seufzte. + +Sie war doch ganz anders, als er immer gedacht hatte, eigentlich so, wie +ein rechter Mensch nicht sein sollte, denn sie dachte stets an sich. -- +Und wie würden nun die nächsten Tage werden? -- Morgen schon, wenn +Siebenbrod die neue Hausgenossin vorfinden würde. + +Er kratzte sich verlegen hinter dem Ohr; draußen schlug die Dorfuhr +einen mächtigen Schlag. + +Eins. + +Schon so spät, und Siebenbrod immer noch nicht da? Der Wartende kroch +von dem Koffer herunter, machte ein paar Schritte, um sich die Glieder +auszurecken, und zog sich wieder auf den blauen Schrein zurück. + +Es hatte eben zwei geschlagen, als er von neuem auftaumelte: Herr Gott, +es dämmerte schon. Ein neuer Sommermorgen guckte bereits durch das +kleine Stückchen Glas, das oben an der Haustüre eingesetzt war. Draußen +zirpten die Schwalben, und der Frühwind strich über den Fluß. Doch in +dem Flur woben noch graue Schleier hin und her, aus denen sich +undeutlich nur die roten Fliesen heraushoben. + +War Siebenbrod schon da? + +Ganz zerschlagen kletterte der Wächter von seinem Sitz herunter und +wollte eben leise das Haupt an die Tür des großen Zimmers legen, als in +der Ecke hinter der Haustüre etwas seinen Blick fesselte. + +Zögernd richtete er sich auf, sah sich um, rieb sich die Augen und +starrte wieder in die Ecke, die die Spinnen ganz mit grauen Geweben +angefüllt hatten. + +»Herr Gott!« + +Er rief leise: »Siebenbrod.« + +Nichts regte sich. + +Aber das war er doch? Dort stand er doch in der Ecke, den breiten Rücken +dem Beobachter zugekehrt und so sonderbar groß? + +Noch einmal rief Hann mit halber, heiserer Stimme, die ihm nicht recht +aus der Kehle wollte, jedoch der riesige Fischer regte sich nicht. Er +stand, um zwei Haupteslängen höher als Hann, den struppigen Kopf mit den +schwarzen Haaren, von denen die Mütze heruntergeglitten war, eng der +Ecke zugekehrt, wie wenn er sich schäme. + +»Jesus -- Christus,« sprach Hann ganz langsam, und mit vorgestreckten +Armen, als ob er sich gegen Spuk schützen wolle, schlich er näher, bis +er mit dem Finger scheu den Rücken des Riesen berühren konnte. + +»Siebenbrod.« + +»Siebenbrod, warum bist du heut so groß?« + +»Gott erbarm sich, Siebenbrod, du stehst ja in der Luft?« + +Aber als keine Antwort kam, sondern die Gestalt unter dem Druck von +Hanns Finger unmerklich hin und her schaukelte, da versuchte der Bursche +in seinem Entsetzen das letzte Mittel, das, wie er sich erinnerte, oll +Kusemann als untrüglich gepriesen hatte. + +Mit raschem Griff riß er dem Hängenden drei Haare aus und legte sie ihm +in Kreuzform auf die Füße. Allein Siebenbrod hatte bereits die Klänge +seiner Musikdose vernommen, nach denen er sich schon als Kind so +leidenschaftlich gesehnt hatte, und schaukelte deshalb unempfindlich +gegen Hanns Zauber weiter, ja, er begann sich jetzt sogar um sich selber +zu drehen. Da schnitt ihn Hann kurz entschlossen herunter. + +Als der Morgen graute, da lag vor dem blauen Koffer, den der Bootsmann +einst als einziges Gut in die Ehe mitgebracht hatte, ein braunes Stück +Segeltuch, unter welchem sich undeutlich die Umrisse eines +hingestreckten Körpers abhoben, und auf dem Koffer saß Hann und hielt +lautlos die Leichenwacht. Und immer wieder guckte er hinunter und fragte +sich: »Da liegt er nun so still, so mucksenstilling, und soll doch mal +auferstehen? -- Und wenn Mudding man in den Himmel kommt, dann findet +sie nun zwei Männer vor. -- Wie das wohl is? -- Und ob der liebe Gott +wohl kleiner würd', wenn das Wiederfinden man solch ein Trostmärchen von +die Pastoren wäre? -- Ich weiß es nich. -- Aber hör', da draußen kräht +all der Hahn -- und da noch einer und wieder einer. + +O Siebenbrod, jetzt takeln die anderen Fischer ihre Boote ab und gehen +zur Ruhe. Und du hast dich all so viel früher hingelegt. Darin liegt +wohl das, was unrecht is, und was die Menschen nich verzeihen mögen. +Denn ich denk mich man, durch das Leben kriegen wir doch erst all die +anderen Gottesgeschenke. Und sieh, jetzt kommt es mich auch so vor, als +ob das Leben selbst doch wohl mit das höchste Glück sei. Denn die Sonne +und die Sterne und das Wasser nie gesehen und niemals eine menschliche +Stimme gehört zu haben, wie zum Beispiel Line ihre, das is wohl das +Aller -- -- Allerschlimmste. Kuck, Siebenbrod, und all das wegwerfen, +nein, ich muß dich sagen, darin liegt mehr als Sünde, darin liegt +Dummheit.« + +Und als er das sagte, da schmetterte laut und lebensvoll der Hahn, und +immer heller fiel das Morgenlicht auf das braune Segeltuch. + + + + +V + + +Zwei Monate später. + +Die Herbst- und Reisemonate sind vorüber. Oll Chronos schmierte um diese +Zeit seine Karre. Er will den Sommer abholen und nebenbei die fauligen +Ähren von den Feldern lesen, denn in solch mürbegewordenen Sommertrieben +liegt neuer Dung. + +In der Küche der kleinen Katenhütte, in der Hann und Line jetzt zur +Miete wohnen, sitzt der Besitzer des Hauses, der riesige Fischer Klaus +Muchow, auf seinem Schemel und hält sich mit weit ausgespannten Armen an +zwei eisernen Haken der lichtblauen Mauer fest, weil ihm seine Frau +sonst unmöglich die gewaltigen Transtiefel ausziehen könnte, die wie +Pech an seinen Füßen kleben. + +»Ne,« atmet Frau Fiek[8] nach einigen vergeblichen Versuchen, und die +starkknochige Frau, die ebenfalls eine blonde Riesin ist, wischt sich +den Schweiß, »nein, wenn ich dich das nich seit dreißig Jahren angewöhnt +hätt', und du mir nich bis jetzt jeden Stiefelzieher zerbrochen hättest, +hör', Mann, ich würd's nich mehr tun. Da gehört ja ne Maschine dazu oder +doch zwei Pferde.« + +Der Riese grinst wohlgefällig, verzieht das blondumbärtete Maul und +versucht, sich fester an den Haken zu klammern, wobei er aber das +fußlange Eisen ausreißt. + +Jetzt gerät er in Zorn, besieht sich das Eisen, schleudert es in den +Holzkorb und brüllt, daß der kleine, kaum sieben Fuß hohe Raum +erzittert: »Stäwelwichs -- Stäwelwichs!«[9] + +»Hast recht,« antwortet darauf Frau Fiek ruhig, »der Schmied hat sie +nich ordentlich eingehauen.« + +Hier könnte man nun einsenden, daß Frau Fiek ihrem Klaus ganz unlogisch +antwortete, denn der Riese hat doch augenscheinlich Stiefelwichse +verlangt, von deren Anwendung er vielleicht eine Erlösung von seinen +Transtiefeln erwartete. Aber wer das denkt, der zeigt eben, daß er das +stärkste Moorluker Ehepaar gar nicht kennt, denn eben hat Frau Fieks +eiserne Faust das Leder dennoch heruntergezogen, und der Gatte brüllt +nun in allen Tönen der Freude: »Eierkauken -- Eierkauken.«[10] + +Damit ist Klaus Muchows Wortschatz beendet, denn das blonde Neptunshaupt +ist taubstumm, und erst nach langen Mühen hat ihm Frau Fiek diese beiden +Worte beigebracht, die er nun für jede Gemütsregung anwendet. + +Klaus Muchow ist seelensgut, er hat alles lieb, mit Ausnahme einer +Büchse Stiefelwichse, die ihm einstmals in der Dunkelheit und in der +Abwesenheit seiner Frau an den Mund geriet, um dann allerdings von ihm +in höchstem Grimm in den Rick geschleudert zu werden. Dieser +Gemütserschütterung verdankt er das Wort. + +»Stäwelwichs.« + +Stäwelwichs bedeutet seitdem alles, was ihm schlecht dünkt. Der Teufel +-- ein zerrissenes Netz -- ein betrunkenes altes Weib -- Leibschmerzen -- +alles ist Stäwelwichs. + +Dagegen haben ihm sein Magen und seine Leckerzunge auch das Wort für +alle Idealität und die Erscheinung des Guten geliefert. + +Eierkauken stellt nämlich Klaus Muchows Leibgericht dar, denn der Riese +ist ein Leckertähn, und da dieser Kuchen nirgends so lieblich mit Butter +und Eiern bereitet wird, als bei Frau Fiek, so drückt Eierkauken jedes +gute Prinzip aus, zum Beispiel den Himmel -- einen scharfen Priem -- +einen Bummelschottschen mit Frau Fiek, denn sobald der Fußboden und die +Decke fest sind, dann tanzt das Riesenpaar gern miteinander; Eierkauken +ist ferner ein schattiger Platz in der Kirche -- die Sparbüchse, und ein +Faustschlag, den oll Kusemann wegen seiner Lügen und Neckereien zu +empfangen hat. + +Das Merkwürdigste aber in dieser Ehe bleibt, daß Klaus Muchow nur seiner +Riesin auf die Lippen zu sehen oder ihren heftigen Gebärden zu folgen +braucht, um tatsächlich jedes Wort zu verstehen. + +»Na, Männing,« fragt Frau Fiek, nachdem ihr Gatte mit den Füßen in ein +Paar Holzpantoffel gefahren ist und nun den Kaffeetopf in der Hand hält: +»Schön was gefangen heut?« + +Klaus Muchow schlürft laut den Kaffee und schüttelt mißmutig das +struwlige Lockenhaupt. + +»Na,« tröstet die Riesin und schlägt ihm dabei schallend aufs Knie, was +aber eine Liebkosung bedeuten soll, »schadet nich -- wir haben ja erst +gestern aus der Räucherei Geld bekommen; man muß auch nich zuviel +verlangen.« + +Jetzt grunzt der Fischer zum Zeichen der Zustimmung ein bißchen, während +das Schlürfen erstirbt. Dann setzt er den Topf hin, zeigt auf die +Seitenwand, schließt die Augen und beginnt einen Augenblick laut zu +schnarchen, worauf Frau Fiek, die bereits am Herd hantiert, den Kopf +schütteln und antworten muß: »Nein, sie is noch nich aufgestanden. Kann +sich das Langschlafen aus ihre vornehme Zeit noch immer nich +abgewöhnen.« + +»Eierkauken,« murmelt Klaus mitleidig und macht mit der Hand die Gebärde +des Streichelns. + +»Ja, ja, ich weiß woll,« fährt Frau Fiek fort, »du magst sie gern +leiden, und die beiden haben ja auch viel Unglück gehabt. Erst ihr +bißchen Hab und Gut verloren, dann das Unglück mit dem Stiefvater, der +sich aufgehangen hat. Zwei Tage später noch eine zweite Leiche im Haus. +Die gelähmte alte Frau Klüth -- der ja der Tod von Siebenbrod den Rest +gegeben haben soll, zum Schluß das mit dem jungen Ding selbst -- o je, o +je -- was soll man dazu sagen? Aber ich mein, nun könnte sie sich doch +auch ein bißchen in die Verhältnisse schicken und sich nich mehr so +vornehm aufspielen. Nu hör' bloß! Schlägt all sieben. Und sie schläft +noch immer. Nimmt doch von einem Fischer ihr Brot an, da müßt sie sich +auch so haben, wie eine Fischerfrau.« + +Sie unterbricht sich, denn ihr Klaus grunzt laut und vollführt mit +seinen Händen derartige Bewegungen, als wenn er zwei Stricknadeln in der +Hand hielte. + +»Ja, ja,« versteht ihn die Riesin sofort, »ich weiß all, was du willst. +Sie strickt seit ein paar Tagen neue Strümpfe für Hann. I, ja, das is +aber auch man so ne Arbeit für vornehme Damens. Ihr Fräulein Dewitz war +ja ne Handarbeitslehrerin. Weshalb soll sie denn so was nich verstehen?« + +»Huh -- huh,« brummte hier Klaus Muchow laut auf und fuhr mit dem +rechten Arm eng im Kreise herum, dann fuscherte er unter den Kochtöpfen +des Herdes. + +»Ach so,« sagte Frau Fiek und legte den Finger an die Nase, »du meinst, +daß sie neulich für ihn gekocht hat. I, das war auch danach. Hat mir ja +allein ein halbes Pfund Butter verbraucht. Und seitdem hat sie sich auch +nich wieder daran gewagt. Und überhaupt« -- hier wandte sie sich und +setzte beide Hände in die Seiten -- »ich muß dich man was sagen. Aber du +bist mucksenstill und hast keine Widerwörter! Gestern war die Frau +Hafenmeistern bei mich, hat mich wieder Klein-Kinderzeug zum Waschen +gebracht. Und bei die kleinen Hemden, da kamen wir auch auf das -- nun +auf das, was bei der da --« jetzt zeigte die Riesin ebenfalls auf die +Seitenwand -- »erwartet wird. Und da fragten wir uns so, ob so was +überhaupt für mich im Hause paßlich wäre? Und die Frau Hafenmeistern +meinte, daß das für ne Frau wie mich un -- unmorastig wär'! Und nun frag +ich man, bin ich nich immer ne reinliche Frau gewesen auch beim Waschen? +Und nun soll ich mit einmal Morast im Hause haben? Ne, Klaus, entweder, +oder -- mehr sag' ich nicht; ich sag' bloß -- entweder -- oder.« + +Aber Klaus Muchow, dem es das zarte, schmale Gesichtchen seiner +Mieterin angetan hatte, erhob sich, so daß sein Haupt hart an die Decke +stieß, streckte die Faust vor und brüllte: »Stäwelwichs!« + +»Ne,« schrie jetzt auch Frau Fiek, »diesmal geb' ich nich nach. Die Dirn +soll mir aus dem Hause.« + +»Stäwelwichs!« schrie Klaus kirschbraun im Gesicht und schmetterte einen +Kochtopf auf die Erde. + +»Is mir auch recht,« lachte die Riesin wütend, ergriff ebenfalls einen +Topf, aber vorsichtigerweise einen kleineren, und schleuderte ihn +ebenfalls auf den Boden. + +»Soll mir aus dem Hause,« tobte sie. »Und ich weiß es jetzt auch -- die +hat der Teufel hier hereingeführt -- kein anderer as de Düwel.«[11] + +Das war die besondere Eigenart der guten Riesin, daß sie felsenfest an +den Teufel glaubte, ja, daß sie ihn überall herumschleichen sah, in +ihrem Schrank, auf der Straße, ja sogar in ihrem Bett. + +»De Düwel -- de Düwel.« + +»Stäwelwichs.« + +Der Streit der Riesen hätte diesmal ausarten können. Aber plötzlich +begann auf der Dorfstraße eine Leier zu spielen. Und der Italiano sang +dazu: + + »Du, du liegst mir im Herzen, + Du, du liegst mir im Sinn« -- + +Klaus Muchow sah ihn zuerst durch das Küchenfenster. -- Er riß die Augen +weit auf. + +Musik hat etwas Versöhnendes, besonders aber bei dem Riesenpaar, dessen +Herzensbedürfnis Lied und Tanz ausmachte. + +Zuerst zog ein seliges Lachen über des Mannes Züge. Obwohl er die +Melodie nicht hörte, hob er das rechte Bein. + +Da konnte auch die Riesin nicht länger widerstehen; sie ließ den +Kochlöffel fallen und lehnte sich an die Schulter des Fischers: + + »Du, du machst mir viel Schmerzen, + Weißt nicht, wie gut ich dir bin.« + +Sie lachten, faßten sich an den Händen und drehten sich. + +Line und der Teufel waren vergessen. + +Sie tanzten. + + -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- + -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- + +Eine Stunde später erhob sich Line von ihrem Lager. Sie sah sich +mißmutig in dem engen Verschlage um, den Hann nach dem Beispiel von Frau +Fiek ein »Stübing« nannte, schüttelte verächtlich die Betten des +Wandschragens zurecht, der ihr als Lagerstatt diente, während Hann in +einer Bodenkammer hauste, und setzte sich dann vor einem Stückchen +zerbrochenen Spiegelglases nieder, das auf einer rohen Fichtenkommode +stand, um sich die Haare aufzustecken. + +Sie beeilte sich sehr damit, denn der Tag schien bereits hell in ihre +Kammer, und jeden Augenblick konnte Hann von der See heimkehren. Hastig +fuhr sie in ihre Bluse und zog den Stoff seufzend stramm. Draußen auf +der Dorfstraße hörte man aus der Ferne noch immer die Leier spielen. +Rasch öffnete sie das niedrige Fenster und lehnte sich einen Augenblick +hinaus. + +Aber das Katenhäuschen der Muchows lag weit ab vom Dorfe, und seine +Fenster gingen direkt auf die Seewiesen und den Bodden hinaus. + +Line verzog die Stirn. + +Hier vernahm man die Leier nur ganz verschwommen. + +Blauschimmernd wiegte sich wohl die See, im grellen Sonnenschein +glitzerten die feuchten Wiesengräser, und eine Wolke gelber und brauner +Schmetterlinge gaukelte in der stillen Luft umher, aber Line bemerkte +das alles nicht. + +Diese Einsamkeit! + +Sie verschränkte die Hände, drückte sie gegen die Stirn und wandte sich +heftig ab, als hätte die Ruhe draußen sie verletzt. + +Aus dem Nebenraum war inzwischen ein scharfer Fischgeruch gedrungen. + +Das roch so schlecht. + +Schon als Kind hatte sie eine Abneigung gegen den Duft empfunden; und +jetzt, wo sie ihn immerfort roch -- jetzt schien er ihr beinahe +unleidlich. + +Sie setzte sich auf einen Schemel am Fenster und starrte auf die See +hinaus. + +Oh, wie schön und vornehm hatte es doch bei Fräulein Dewitz geduftet. +Jeden Sonnabend nach dem großen Säubern hatte sie Lavendelessenz +sprengen müssen. Und hier? -- + +Dieses verwünschte kleine Katenhaus! Und diese ungebildeten Riesenleute. +Oh, sie wußte ganz gut, daß sie der Frau ein Dorn im Auge war, denn das +Schicksal Lines hatte sich bereits herumgesprochen. + +Man munkelte, ohne zu wissen. + +Line biß sich auf die Lippen und ballte langsam die Faust. + +Warum? Warum krochen die Monate so? Wie lange mußte sie hier noch +sitzen? Wann war sie endlich frei und erlöst? Sie rechnete an den +Fingern. Denn hier -- hier blieb sie keinen Tag länger, als sie mußte. +Hier war ja nur ein Versteck für sie, ein Unterschlupf. Hier band sie ja +nichts! -- Oder Hann vielleicht? + +Sie zuckte die Achseln. + +Freilich, sie wußte sehr genau, daß es Hanns größte Freude im Leben +ausmache, ihr ins Gesicht schauen zu dürfen. Es war lächerlich -- sie +tat nichts dazu -- aber es war einmal die Angewohnheit des ihr so +ungleichen Bauern. + +Und dann dachte sie sich auch, dabei könne man ihn lassen, das schadete +ja keinem, und Hann müsse ihr schließlich noch dankbar sein, wenn sie +diese elende Hütte mit ihm teile. + +»Tag, Fräulein,« klang es von draußen. + +Line fuhr auf. + +Über den Wiesenweg zur Mole schritt oll Kusemann vorüber, der +übertrieben tief seine zierliche Lotsenmütze zog und mit den Augen +zwinkernd, wohlwollend fragte: »Na, ümmer noch gut zu Wege, Mamselling?« + +Line sah ihn an, wurde blutrot und schlug klirrend die Scheiben zu. + +»Kuck, wie nett,« sprach der Lotse, unbekümmert um ihre Wut, und +dienerte rückwärts, wie ein Krebs, an ihr vorüber. »Na, solche +Zornigkeit verschwindet aber bald wieder. Das bringen manchmal die +Umstände mit sich. Ich komm und kuck mich mal abends nach dem Mamselling +um.« + +Damit ging er ehrbar seines Weges. + +»Solch ein Kerl!« + +Line kratzte mit den Nägeln an ihrer Schürze herum. + +Das war nun der einzige, der sich nach ihr erkundigte. Paul, der neue +Pastor, der jetzt auf dem Walsin amtierte, hatte seinen Bruder wohl +schon einigemal besucht, aber immer wenn er eintrat, war Line rasch in +Hanns Bodenkammer hinaufgesprungen oder durch die Küche auf die +Seewiesen hinausgelaufen, um nicht mit dem Geistlichen +zusammenzutreffen. Auch zu Siebenbrods wie Muddings Leichenbegängnis war +sie nicht mitgegangen, sondern hatte sich, wie erschreckt, auf dem Boden +des alten Hauses, das nun auch bereits dem Barbier gehörte, verkrochen. +Und niemand hatte nach ihr gefragt. Selbst Hann schien dies Verstecken +natürlich gefunden zu haben, denn er war nie mehr darauf zurückgekommen. + +Die Einsame stieß ein zorniges Lachen aus. + +Warum wohl Fräulein Dewitz nicht einmal herauskam? -- Ach die! Die mochte +bleiben, wo sie war! -- Aber nicht ein einziges Mal sich erkundigen +lassen? Das alte Fräulein hätte doch die Verpflichtung gehabt! -- Und +nun gar der Konsul Hollander oder Dina? + +Line bedeckte plötzlich die Augen mit der Hand, denn das Gefühl des +Ausgestoßenseins war übermächtig über sie hereingebrochen, dann jedoch, +als ob sie sich dieses kurzen Nachgebens schäme, griff sie ebenso +schnell nach dem Scherben von Spiegelglas und schleuderte ihn heftig auf +die Erde. + +An allem war nur Hann und dieses Katenhaus schuld. + +»Da lieg.« + +Die Splitter flogen herum. + +»Lining,« sprach der eintretende Hann vorwurfsvoll und blieb breit unter +der niedrigen Tür stehen. + +Er trug noch ein feuchtes Netz in der Hand. Das Wasser lief an seinen +großen Transtiefeln herunter. + +»Guten Tag, Lining,« fuhr er nach einiger Zeit des Wartens fort. + +»Guten Tag,« entgegnete sie gleichgültig, ohne sich nach den Trümmern +umzublicken, und hob die Arme, um sich die gelockerten Flechten wieder +zu festigen. + +»Du hast wohl Ärger gehabt?« fragte Hann von neuem, indem er +unausgesetzt die Scherben betrachtete, und ohne das Netz hinzulegen. +Line rückte auf ihrem Stuhl hin und her. Wollte er sie etwa +ausschimpfen? + +»Nein,« erwiderte sie abgewandt, während sie zum Fenster hinaussah, »ich +tat es nur aus Langerweile.« + +»Aus Langerweile, Lining?« + +Langsam ließ Hann das Netz zu Boden gleiten, fuhr sich schwerfällig +durch die Haare und senkte dann in Gedanken das Haupt. + +So lange lebten sie nun schon beieinander, Tag und Nacht war es sein +eifrigstes Bestreben gewesen, sie auf bessere Wege zu bringen, und immer +hatte er es nicht gewagt, ihr ein Wort der Mahnung vorzuhalten. Sie war +so kurz angebunden, und sie stand ja auch so hoch über ihm, wenn auch +jetzt das Unglück über ihr war. Aber heut, wo er wieder nur ein paar +Heringe gefangen -- kümmerlichen Pfennigerwerb -- heute, wo ihm das +Drückende seiner Armut immer deutlicher wurde, da beschloß er, ihr +seine Lage zu beschreiben. + +Vielleicht, daß das junge Weib, das er so gern ansah, einer Bitte +zugänglich war. + +»Langeweile, Lining?« hob er nochmals mit Anstrengung an: »Sieh, Lining, +wenn du dich nun beschäftigen wolltest. Zum Beispiel mit Kochen für uns +beide. Das wäre recht gut. Sieh, ich fang nun mal so wenig, ich bin eben +viel ungeschickter, als die anderen Fischers. Und den Muchow-Leuten muß +ich für unseren Unterhalt auch bezahlen. Aber wenn du zum Beispiel +kochen wolltest, dann wäre mir schon geholfen. Natürlich, es is bloß so +eine Idee von mir,« setzte er sofort besorgt hinzu, als er bemerkte, wie +Line die weiße Stirne kräuselte. + +»Nur eine Idee, Lining,« wiederholte er besänftigend. Aber sie warf +bereits den Stuhl herum und rieb an ihren Händen. + +»Wozu soll das erst?« fragte sie ärgerlich dagegen. »Hann, sag' selbst, +wozu soll ich mich erst hier in der Katenküche mit der Fischersfrau +zusammenstellen und den Trangeruch riechen, der mir so widerlich ist, da +ich ja doch nur kurze Zeit hier bleibe? -- Lieber verkaufe ich die +Kleider und die paar Schmucksachen, die mir Fräulein Dewitz nachgesandt +hat. -- Hörst du? Da -- in dem Schrank, nimm sie.« + +»Gott soll mich bewahren, Lining, wo werd' ich?« + +»So nimm dir den Plunder doch.« + +»Aber wo werd' ich mich denn an deinen Sachen vergreifen?« wehrte er mit +beiden Händen ab. »Nein, Lining, wenn du nich willst, dann wird es ja +auch so gehen. Ich meinte nur, Beschäftigung bringt den Menschen so +schön auf andere Gedanken.« + +Sie sah ihn beinahe feindselig an. »Ich mach' mir aber gar keine +Gedanken, Hann. -- Über nichts! Und nun nimm dir die Sachen und hör' mit +solchen Ermahnungen auf. Mich machst du doch nicht anders, als ich mal +bin.« + +Der Fischer senkte den Kopf auf die Brust. Dann seufzte er tief auf. +»Nimm's nich übel, Lining,« brachte er endlich hervor, »ich hab' mich +das bloß so gedacht.« Dann sah er sich schüchtern nach einem Stuhl um, +der in der Ecke stand. + +»Darf ich mich hier ein bißchen bei dir niedersetzen, Lining?« fragte er +nach einer Weile des Schweigens. + +Sie hatte bereits den Arm wieder auf das Fensterbrett gestützt und +nickte kurz. + +Er ließ sich auf den knarrenden Stuhl nieder. Und eine Pause trat ein, +in der er darüber nachdachte, warum er ein ganzes Leben daransetzen +wollte, um ein Geschöpf willfähriger zu machen, das doch gewiß nicht +mehr zu ändern war. Aber das war ja gerade das Verhängnis dieses +unpraktischen, versonnenen Naturkindes, daß es zu dem Schluß gekommen +war, das Glück ruhe in einem Weibe. + +Und dies -- gerade dies Weib mußte es sein. Zu ihr leitete ihn der +dunkle, unerkannte Trieb. + +»Lining,« begann er endlich wieder leichthin, »hast du all Kaffee +getrunken?« + +»Ja,« murmelte sie durch die Finger. + +»Is für mich auch welcher geblieben?« + +»Das weiß ich nicht. Aber,« setzte sie achselzuckend hinzu, »ich kann ja +mal nachsehen.« + +»Ja, ja, tu das,« stimmte Hann heimlich erfreut bei. + +Nach einer Weile kehrte das Mädchen aus der anstoßenden Küche mit einer +Tasse zurück, die ihr Hann sorglich abnahm. + +»Sieh, ordentlich eine Tasse,« lobte er geschmeichelt, und in seiner +Dankbarkeit machte er eine unbeholfene Bewegung, als wollte er leise +über ihre Hand streichen, aber Line zuckte hochmütig zurück. + +»Laß.« + +»Ich wollt auch nichts, Lining,« murmelte er erschrocken. + +Eine Zeitlang hörte man nichts als das Schlürfen von Hann und das Summen +der Fliegen, die unter der Decke herumkrochen. Dann wandte sich Line +ruckartig vom Fenster zurück und stieß heraus: »Bist du nicht gestern in +der Stadt gewesen?« + +»Ja, warum, Lining?« fragte Hann, verwundert über diese neue Teilnahme. + +»Damit man einmal etwas anderes hört,« fuhr sie in halber Verzweiflung +fort. Dabei sprang sie auf und reckte die Arme: »Damit man mal wieder +etwas hört, für das man sich interessieren kann.« + +Hann sah sie betrübt an. + +»Hier kannst du dich wohl nich einleben, Lining?« brachte er bedrückt +hervor. + +»Nein, Hann, das weißt du ja. Hier hab' ich schon als Kind nichts leiden +mögen.« + +»Ja, ja, Lining, das weiß ich.« + +Seine Lippen bebten leise. Und als er jetzt seine Tasse unter den Stuhl +stellte, wie das Fischerart ist, da blieb er in der gedrückten Stellung +sitzen. Aber Line konnte ihre Wildheit nicht länger in sich +verschließen, sie stampfte vor Leidenschaft mit den Füßen und fuhr noch +heftiger fort: »Manchmal möcht ich mit den Fäusten an die Wand schlagen, +daß ich das alles von dir annehmen muß. Ja, muß -- ja, muß,« wiederholte +sie in vollem Zorn. »Und daß du so viel für mich aufgegeben hast, die +ich das doch alles gar nicht will. Zum Beispiel deine Braut, Klara Toll. +Ist das nicht so?« + +Hann rührte sich nicht in seiner Ecke. + +»Laß Klara,« bat er nur, »laß Klara Toll.« + +»Nein, warum? -- Du paßt doch so gut zu ihr. Warum kommt sie gar nicht +mehr her?« + +»O Lining, das is doch so natürlich.« + +Das konnte sie nicht verstehen. + +»Wieso? -- Was hat sich deine Braut um mich zu kümmern? -- Was hast du +ihr denn eigentlich gesagt?« + +Langsam hob Hann sein Haupt in die Höhe: »Ich hab' ihr gesagt -- Lining, +nimm es nich übel -- ich hab' ihr gesagt, daß ich nun für dich sorgen +müßt, und da würd' es zu lange mit Klara und mir dauern.« + +Line bekam ganz große Augen und sank halb unbewußt auf ihren Stuhl +zurück. + +»Und sie?« fragte sie darauf und zupfte verstört an ihrer Schürze, »was +hat sie gemeint?« + +»Sie hat alles eingesehen. Und morgen tritt sie in der Stadt ihre +Stellung als Krankenschwester an.« Damit stand Hann auf, raffte sein +Netz zusammen und schritt langsam zur Tür. + +Einen Augenblick war es, als wollte Line von ihrem Platz aus die Hand +vorwerfen, um ihn zurückzuhalten, dann aber mußte sie sich wohl anders +besinnen, denn sie wandte sich kurz ab, um wieder verstimmt zum Fenster +hinauszusehen. + +Dort draußen gewahrte sie bald den Riesen Klaus Muchow, sowie dessen +Frau, die mit Hann zu den Booten gingen und anfingen, die gefangenen +Heringe in Kisten zu schütten. + +Wieder trug der Wind einen scharfen Geruch herüber. + +»Dabei soll ich vielleicht helfen?« dachte Line bitter. »Und was dies +Weib wohl wieder alles auf mich zu klatschen hat? -- Nein, nein, wenn's +nur erst vorüber wäre. Nur hier erst fort.« + + -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- + -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- + -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- + +Das Mittagbrot wurde in der Muchowschen Küche gegessen. Auf etwas +anderes hatte sich Frau Fiek nicht eingelassen. »Ne,« hatte sie +widersprochen, »ich will doch sehen, wie der vornehmen Dirn' mein Essent +smeckt. Deshalb muß sie in die Küche raus.« + +Man saß um den Herd, hielt die Näpfe in der Hand, und Frau Fiek wie ihr +Klaus versicherten stets umschichtig, daß alles prachtvoll geraten sei. + +»Eierkauken,« murmelte Klaus Muchow sehr befriedigt, während er einen +ganzen gebratenen Hering verschlang. »Eierkauking.« + +Er fuhr mit seiner Riesenfaust in die Schüssel, fuscherte in ihr herum +und hob endlich den größten Brathering heraus, den er zum Zeichen seines +Wohlwollens Line direkt an den Mund hielt. + +»Eierkauken!« lobte er nochmals, klopfte sich auf den Leib und machte +die Gebärde des Überbeißens. + +Allein Line erhob sich rasch, stellte ihren Napf hin, lief eilig und +ohne Gruß hinaus und warf die Tür hinter sich zu. + +»Kuck,« sprach Frau Fiek gereizt, »ganz as ne Prinzeß. Hann, das is +nichts für dich.« + +»Oh, Frau Muchow,« entschuldigte Hann, »sie ist ja krank.« + +»Ganz gleich.« + +»I nein, Frau Muchow, sie wird schon anders werden. Ich glaub's ganz +bestimmt.« + +Damit erhob sich Hann gleichfalls, sagte Frau Fiek ein paar lobende +Worte über ihre Küche und schritt hinter Line her. + +Klaus Muchow aber saß noch lange mit offenem Munde da und besah sich +abwechselnd den Fisch in seiner Hand, sowie die Tür, hinter welcher Line +verschwunden war. Endlich kam er zu sich, schüttelte sich, und nachdem +er den Hering in seinen eigenen Schlund geworfen, sprang er auf und +trippelte ein paarmal mit überzierlichen Bewegungen zur Tür, womit er +Line nachahmen wollte. Dann zeigte er mit dem Finger an seine Stirn und +brüllte verächtlich: »Stäwelwichs -- Stäwelwichs.« + +Und Frau Fiek nickte diesmal zustimmend und entschied: »Dor hest du nu +wedder eins ganz recht, Klaus.« + + -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- + -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- + +Nachmittags saß Hann unter dem Fenster auf der Bank, die er sich selbst +aus rohen Pflöcken zusammengeschlagen hatte, und putzte mit einem +stumpfen Messer seine Netze. Es war ihm trotz des Schweigens, das +zwischen ihnen herrschte, ein angenehmes Gefühl, daß auch Line seit +einiger Zeit ihren dunklen Kopf in beide Hände gestützt hatte und hinter +dem offenen Fenster auf das Meer und die Wiesen hinausschaute. + +Ein schlaffer Tanggeruch kam vom Wasser. Auf der Oberfläche schossen +Scharen von Möwen umher und spritzten zuweilen mit ihren Fängen +glitzernde Tropfen in die Höhe. Aus den sonnenumdunsteten Binsen drang +eifriges Gezirpe von Grillen und Heimchen. + +Hann nahm ein zweites Netz zur Hand. Dabei fiel ihm auf, wie +unausgesetzt seine Gefährtin in den wolkigen Dunst hineinstarrte, als ob +sie versuche, weit, weit über das verschleierte Meer zu spähen. + +»Ob sie nun wohl an ihn denkt?« fragte er sich beklommen, »an den Mann, +der so schlecht gegen sie gehandelt hat?« + +Wie oft hatte er sich schon mit geheimem Bangen diese Frage vorgelegt! +-- Aber das Verhalten Lines erteilte keine Antwort darauf. Gänzlich +schien sie den Fernen vergessen zu haben. Sie sprach nie von ihm. Hann +überkam wieder das Mitleid mit ihr. + +»Willst du nich rauskommen, Lining?« fragte er. + +Sie schüttelte das Haupt. + +»Es is doch recht schön hier draußen,« drängte er weiter. Allein sie +lehnte ab. Sie wolle nicht draußen sitzen, wo sie alle Leute sehen +könnten. + +Da war es wieder, dieses scheue Verstecken, das Hann so sehr rührte. + +Der Fischer beugte sich noch tiefer über seine Arbeit und faßte sich +endlich ein Herz. + +»Lining,« begann er stockend, indem er eifrig weiterstocherte, um seine +Befangenheit zu verbergen. »Du denkst wohl viel daran?« + +»Woran, Hann?« + +»An -- an --« Der Name, der ihr so weh tun mußte, wollte kaum über +seine Zunge. »An Bruno, Lining.« + +Sie antwortete nicht, sondern stützte ihr Haupt noch schwerer auf die +kleine Hand. Und ihre Blicke gingen wieder suchend durch das sonnige +Gewölk hindurch. Nach einiger Zeit fragte er weiter: »Und an das, was +kommen wird?« + +Über ihr Gesicht ging ein Schatten, und doch saß sie ohne Bewegung, als +sie sich nun kurz erkundigte: »Habt ihr seitdem nichts mehr von ihm +gehört?« + +»Nein, gar nichts, Lining, sonst hätt' ich dir's ja auch gesagt.« + +Sie verharrte noch immer mit weitgeöffneten Augen. Plötzlich jedoch +verzog sie die Stirn und warf herb ein: »Er hat es gewiß inzwischen zu +was gebracht und lebt wieder herrlich und in Freuden. Und ich -- -- --?« + +Hier brach sie ab und preßte die Lippen zusammen und wandte ihren Blick +zornig auf Hann, als ob der an all dem Scheitern ihrer Pläne schuld +wäre. + +Das verwirrte den braven Burschen vollends. »Aber ich dachte -- -- ich +wollte fragen,« stotterte er, »ob du ihm noch gut bist? Lining, darf ich +das fragen?« + +Da erhob sie sich rasch, warf den Kopf in den Nacken, und während sie +rasch das Fenster schloß, lachte sie ärgerlich auf: »Du bist und bleibst +ein Dummerjahn, Hann. Laß mich zufrieden.« + + -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- + +Auch in anderen Dingen stellte sich immer mehr heraus, daß Line für das +innerste Sinnen und Trachten des ihr so ergebenen Fischers gar keinen +Sinn besaß. Ja, daß sie es förmlich darauf anlegte, die Scheidewand +zwischen sich und dem Dorfphilosophen immer höher aufzurichten. + +Bei zwei Ereignissen empfand dies der arme Hann, dessen harter Kopf es +durchaus durchsetzen wollte, daß seine Märchenprinzessin sich bei ihm +wohl fühle, besonders bitter. + +Der August neigte sich bereits seinem Ende. + +Eines Sonntags nachmittags -- Hann saß gerade in einem Winkel seines +Bodenverschlages und las mit Behagen Fritz Reuter, den ihm der +Hafenmeister geborgt hatte, da bemerkte er aus der Ferne, wie eine +schöne Frauengestalt in blauer Krankenschwestertracht den Wiesenpfad +einschlug, und an seinen eigenen mächtigen Herzschlägen fühlte er, daß +es Klara Toll sein müßte. Rasch sprang er auf, lief mit hochrotem Kopf +zu Line hinunter, die müßig, wie stets, auf ihrem Lager schlummerte, und +so groß war seine Erregung, daß er seine Scheu vor der Hingestreckten +vergaß und sie leise am Arm zupfte. + +Der Schlaf hatte ihre Wangen rosig gefärbt, es sah lieblich aus, als sie +jetzt langsam die schwarzen Augen öffnete. + +Sie mußte gut geträumt haben, denn sie lächelte ihn an. + +»Was willst du, Hann?« + +»Lining, ich hab' eine Bitt'.« + +Sie richtete sich auf: »Jetzt?« fragte sie erstaunt. + +Doch er ließ sich nicht abbringen, sondern drängte weiter: »Lining, +Klara Toll kommt zu uns. Sie hat mir nich adschö gesagt, als sie damals +in die Stadt ging, und nun will sie es wohl nachholen. Du tätest mir +einen großen Gefallen, wenn du nich wieder fortgingest, sondern sie mit +mir zusammen aufnähmst. Ja?« + +Er bat so dringlich, daß Line von ihrem Lager herunterstieg. +Achselzuckend strich sie sich die verwirrten Haare zurecht und mußte +lächeln, als sie wahrnahm, wie Hann trotz seiner Bedrängnis, gebannt und +mit offenem Munde, ihre Bewegungen verfolgte. + +Ach, ihr Zauber bestärkte ihn täglich mehr in seinem Irrwahn. + +»Nich wahr, Lining, du tust's doch?« brachte er sich endlich selbst auf +andere Gedanken. + +Aber die Angeredete schüttelte den Kopf. + +»Wozu, Hann? -- Was hat es für einen Zweck, wenn ich euch beiden +zuhöre?« + +In seiner Not griff er nach ihrer Hand und preßte sie, als wenn er sie +zwingen wollte. + +»Oh,« schrie sie unmutig auf. + +»Lining, ich wollte dir nich wehtun. Aber du mußt dableiben!« + +»Aber welchen Zweck hätte das?« + +»Lining, kannst du dir das nich denken?« + +»Nein, wie sollte ich das?« + +»Nun denn -- ich -- ich -- ich hab' solche Furcht vor Klara. Toll.« + +»Du?« + +»Ja, Furcht,« murmelte er in sich hinein und schloß die Augen. + +Da sah sie ihn einen Moment starr an, dann trat sie zurück und lachte +böse auf: »Du bist nicht recht klug, Hann,« gab sie zur Antwort. »Was +geht mich deine Krankenschwester an? Ich sag's dir voraus. In ein paar +Monaten, wenn ich hier fort bin, dann ist alles wieder zwischen euch, +wie zuvor. Dann kann sie auch hierher ziehen, und pass' mal auf, Hann, +wie schön sie dir dann die Netze flicken und mit Frau Fiek draußen Suppe +kochen wird. Aber warum sagst du ihr das nicht gleich? Das wäre doch so +einfach.« + +Sie machte eine schnippische Handbewegung und übersah es, wie er mit +tiefgebeugtem Haupte vor ihr stehen blieb. Noch einmal streckten sich +seine großen Finger nach ihrer Hand aus. Doch sie legte die ihren +sogleich auf den Rücken. + +»Also in wenigen Monaten schon?« kam es stückweise von seinen Lippen. + +»Ja,« nickte sie nervös, »ich zähle jeden Tag.« + +»Ja, ja -- das tust du. Ich weiß es woll. Und wohin gehst du dann?« + +»Dummer Hann, wo es mich gerade hinweht, nur recht weit von hier. Aber +sieh, da biegt Klara Toll um das Haus. Hu, wie feierlich sie aussieht. +Ganz wie eine Nonne. Ich gehe an den Binsensteg. -- Und du vertrag dich +wieder mit ihr. Das ist das beste, was du tun kannst.« + +Damit wand sie sich an ihm vorüber, und er starrte auf die weißen Dielen +und schlug sich mit der Faust vor die Brust. Dann griff er sich an den +Kopf und sah sich wirr um: »Dummer Hann,« quoll es von ungefähr aus ihm +heraus. »Jawoll, dummer Hann. -- O Gott, weshalb hast du mich da +reingebracht? -- Und weshalb muß das Weib grade das Glück sein? -- Und +warum muß diese da, die doch so schlecht is, für mich die allerbeste +sein? -- Ach, und warum hast du uns solch kleinen Kopf gemacht und +solch große Rätsel da reingeschlossen? -- Wozu soll das alles gut sein?« + + -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- + -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- + +Aber Line war nicht bis zur See hinabgeschritten, wie sie vorgegeben +hatte. + +Hinter dem großen Holzzaun, von dessen Zacken allerlei bunte +Wäschestücke der Katenleute herabflatterten, weiße, blaue und rote, war +sie stehengeblieben und drückte sich jetzt eng gegen das Holz an, so +lange, bis sie dachte, daß das junge Mädchen in der blauen Tracht den +Vorderflur erreicht haben müsse. + +Jetzt läutete die Türglocke ihren rostigen Klang, und nun schlich Line +auf den Zehen in die Küche zurück, die zu ihrer Freude leer stand, und +legte ihr Ohr an die anstoßende Tür. + +Muß doch mal hören, dachte sie im Innern belustigt, was die beiden +dummen Menschen eigentlich miteinander vorhaben. + +Und dann blinzelte sie durch den Türritz hindurch. + +Drinnen stand Hann in seinem Sonntagsstaat und machte in seiner +Verlegenheit eine Art Verbeugung, als Klara zu ihm eintrat. + +»Guten Tag, Hann,« sagte die Besucherin freundlich. + +Line hörte, wie Hann keine Antwort fand, sondern wortlos auf die +schmucke Tracht des Mädchens starrte, die ihr in seinen Augen wohl etwas +Vornehmes und Heiliges verlieh. + +»Ja,« sagte Klara, die seine Bewunderung bemerkt haben mußte, »das ist +unsere Sonntagskleidung -- in der Klinik gehen wir einfacher.« + +Auf eine Bewegung des Fischers ließ sich nun das Mädchen auf den Stuhl +am Fenster nieder, auf dem Line sonst immer zu sitzen pflegte, während +er vor ihr stehen blieb. Fast ohne Bewegung verharrte die plumpe Gestalt +so, nur die Haare strich sie sich ein paarmal mühsam zurück. + +»Nun hat er wieder Furcht, der dumme Peter,« dachte die Lauscherin an +der Tür. »Welch ein unbeholfener Mensch.« + +Schon wollte sie ihren Beobachtungsposten aufgeben, da nahm Klara +endlich das Wort: »Ich wollt mich wieder einmal nach dir umsehen, Hann.« + +»Du, Klara?« + +Er sah sie groß an, sein Herz war voll Dankbarkeit, denn er war es nicht +gewohnt, daß man sich viel um ihn kümmere. + +Wie zierlich kräuselten sich nicht ihre braunen Haare unter dem weißen +Latz der Kappe hervor. Wie still und friedvoll sah sie aus. + +»Ich dachte, Klara,« hob er mit einem schweren Entschluß an, »du würdest +-- gar nich mehr kommen,« wollte er sagen, aber es fiel ihm ein, daß es +wohl besser wäre, alle Erinnerung an das Gewesene zu unterdrücken, und +so gab er ihr denn ernsthaft die Hand und fragte nur: »Klara, ich wollt' +fragen, wie geht es dir da bei all den Kranken? Is das nich zu schwer +für dich?« + +Da ging ein Lächeln über das Gesicht, von dem er fand, daß es die +schönen, roten Farben verloren hätte, und die blauen Augen leuchteten, +als sie zur Antwort gab: »Hann, ich weiß gar nicht, wie andere das eine +Arbeit nennen können. Mir nämlich ist es so, als wenn mir nun erlaubt +wäre, beständig in der Kirche zu wohnen.« + +»In der Kirche, Klara? -- Wird denn dort gebetet?« + +»Das auch, Hann. Viele beten da, und ganz anders, als die Gesunden +beten. Wenn du das einmal hören könntest. Aber das ist es nicht allein. +Aber wenn man so neben den Schwerkranken sitzt, die von den Ärzten +bereits aufgegeben wurden, und bei denen nun alles von der Hilfe des +lieben Gottes abhängt, und wenn man nun sieht, wie bei dem einen alles +Sträuben nichts nützt und alles Hoffen, und wie plötzlich eine höhere +Macht an dem Bett steht und den Kopf schüttelt, o Hann, das ist, als +sollte einem das Herz erfrieren vor Hilflosigkeit und Ehrfurcht. Aber +dann wieder das andere, sobald das Unmögliche geschieht, und es kommt in +die halb gebrochenen Augen, die schon in den Himmel sahen, wieder Licht, +und man merkt ordentlich, daß da etwas sein müsse, was durch die +vertrockneten Lippen Leben eingießt, Hann, ich kann dir nicht +beschreiben, welche Freude dann in solch kleines Zimmer dringt. Man +meint förmlich, aus der Ferne Engelsgesang zu hören und horcht darauf, +ob man nicht den Tritt des lieben Gottes spüren könnt'.« + +Bei diesen Worten lächelte die Krankenschwester ganz glücklich, und ihre +Augen strahlten, als ob sie in einen nahen, friedvollen, +sonnenbeschienenen Garten sähen. + +Bewundernd, halb neidisch, blickte Hann auf sie hin. Dann sagte er +einfach: »Wie fromm du bist.« + +»Das ist nicht fromm, Hann, das hab' ich doch alles erlebt.« + +»Ja, aus dem Leben so die Frömmigkeit zu ziehen, das is woll das Wahre.« + +Dabei nickte er versonnen in sich hinein. + +Eine Zeitlang hörte Line draußen kein weiteres Wort. Und wieder mußte +sie spöttisch darüber die Lippen verziehen, weil die beiden über nichts +weiter zu verhandeln hätten, als über Kranke und über Beten. + +»Pfui,« raunte sie vor sich hin, »es riecht ordentlich nach Klinik. Das +ist mal eine langweilige Person.« + +Aber gleich darauf preßte sie von neuem das Ohr an das Schlüsselloch, +denn sie vernahm, wie Klara nach einigem Zögern ihren ehemaligen +Verlobten nach seinem Leben, seinen Plänen, seinem Dasein fragte. + +»Jetzt kommt's,« dachte Line, »sie ist gar nicht so dumm.« + +»O Klara,« erwiderte Hann, »wie gut das von dir is, daß du dich danach +erkundigst.« + +»Wieso, Hann? -- Mir ist es, als wenn ich mich immerfort um dich kümmern +müßte.« + +Er atmete auf, dann entgegnete er erfreut: »Ganz genau so geht es mir +mit dir, Klara.« + +»Das weiß ich, Hann, und ich kann auch nicht aufhören, dir herzlich gut +zu sein.« + +Er nahm ihre Hand und stammelte dabei: »Siehst du -- gut sein -- ja, das +is es -- gut sein, das bin ich dir auch, Klara, wie ich es mit gar +keinem anderen sein könnte. Aber sieh -- ich schäme mich so, wenn ich es +aussprechen soll, is es nich schrecklich eingerichtet in den +menschlichen Herzen, daß man der einen Frau so herzlich gut sein kann, +und die andere hat den Zauber?« + +»Welchen Zauber, Hann?« + +Er fragte sie, ob sie sich der Geschichte oll Kusemanns nicht mehr +erinnere, von der Liebeshexe. Die sollt' mal Venus geheißen haben oder +auch Freiin. Genau wußte das der Lotse selber nicht. »Jedenfalls jetzt +is sie ein altes Weib und sitzt irgendwo auf einem Kreidefelsen unter +einer geborstenen Tanne. Und wenn sie ein rechtes Stück ausüben will, +dann schneidet sie bei Vollmond aus dem Unterschuß des Triebholzes zwei +saftige Stäbchen, schält sie ab und schreibt zwei Namen darauf. Immer +solche, die gar nich zueinander passen. Wie Lines und meinen. Und dann +bindet sie sie zusammen und schleudert sie ins Meer und murmelt etwas +dabei in ihren Bart, damit ein Hecht kommt und die Stäbchen verschluckt. +Und solange der Hecht nich gefangen und aufgeschnitten wird, auf daß das +liebe Tageslicht wieder auf die Hölzer scheint, so lange, Klara, kommen +die beiden Menschen nich auseinander und wollen auch nich.« + +Sie wandte ihren klaren Blick auf ihn. + +»Und das ist alles so bei dir?« forschte sie. Ein tiefes Mitleid +zitterte aus ihrer Stimme. + +Er holte tief Atem und rang die Hände. + +»Ja, Klara,« gab er dumpf zurück. »Das is so bei mir. Das Tageslicht +will nich auf mich fallen.« + +»Und die Hölzer passen nicht zusammen?« + +»Nein, Klara, sie passen nich.« + +»Und das weißt du?« + +»Das weiß ich ganz genau.« + +»Armer Hann.« + +Er wischte sich den Schweiß von der Stirn. + +»Ja, Klara, was hilft das? -- Da hilft kein Beten. Ich will dir was +Geheimnisvolles sagen, hör' zu. Was sie mir auch antut, so viel +Schlimmes und Herzwehes, es is, als ob ich ihr deswegen nur noch mehr +dienen müßt. Und das hat kein Ende. -- Gar kein Ende.« + +»Kein Ende, Hann?« + +In dem Auge der Krankenschwester begann eine Träne aufzuperlen. Die sah +aus wie ein Tautropfen, der auf einem dunklen Veilchen liegt. Dann nahm +das Mädchen die Hand des Freundes und streichelte sie sanft. + +»Hann, ich will wünschen, daß es ein glückliches Ende wird.« + +Da schüttelte er düster das struwelige Haupt. + +»Klara, das siehst du ja selbst. Es kann gar kein rechtes Ende nehmen. +Ich will auch nur, es bleibt alles so, wie es jetzt is.« + +Sie stand auf. + +Beide reichten sich die Hände zum Abschied. + +»Kommst du bald wieder?« forschte er scheu. + +Sie nickte verhalten. + +»Ja, Hann, wenn es dir recht ist. Ich fühle so, als wärst du auch einer +von meinen Kranken.« + +Da legte er beide Fäuste auf ihre Schultern, daß es ihr weh tat, und +gequält drang es endlich hervor: »Ich wollt', du säßest an meinem Bett. +Und das Heilige, von dem du vorhin erzähltest, schüttelte den Kopf, und +du drücktest mir mit deinen lieben Fingern die Augen zu. -- Adschö, +Klara.« + +Damit schob er sie gewaltsam von sich. + +Als die Türglocke über ihrem Haupte läutete, schluchzte die Enteilende +leise auf. + +An der Küchentür aber lehnte ein anderes Weib. Das streckte wie +abwehrend ihre Hand gegen den anstoßenden Raum, aus dem etwas gegen sie +anzog, wie eine zwingende Macht, und ein paar blutlose Lippen murmelten: +»Nicht -- nicht --« + +Am Abend saß Line auf einem Strandstein. Der ragte massig und einsam +über die Wiesen hinaus. Am Himmel zitterten die Sterne, zu ihren Füßen +plätscherten kleine Wellen. Die liefen geschwätzig zu ihr hin, und wenn +sie von ihrem Fuß zurückgestoßen wurden, dann drängten sie sich doch +wieder heran, immer lispelnd, flüsternd, immer dasselbe eintönige Wort: +»Armer Hann.« + +Das junge Weib seufzte und strich sich die Haare zurück, die der Seewind +löste, und sah in die runde, matte Scheibe hinauf. + +Der Mond stand voll. + +Jetzt war's also die Zeit, wo die Hexe ihre Stäbchen zusammenband. + +Das junge Weib schüttelte sich und stieß wiederum einen lauten Seufzer +aus. + +Eine Stimme rief aus der dunklen Katenhütte: »Lining -- Lining -- wo bist +du? -- Die Abendluft tut dir nich wohl.« + +Da sprang die Versteckte auf, führte den Finger empor und schleuderte +unmutig einen Tropfen von sich, der sachte durch die Wimpern geronnen +war. + +Dann lief sie auf Umwegen, und zwar so, daß die herantappende dunkle +Gestalt sie nicht halten konnte, in das Haus. + + -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- + +Von dem Strandstein rinnt langsam der Tropfen herab. Er glitzert im +Mondlicht. + +»Eine Träne?« fragt irgendwas im Wind. + +»Eine Träne!« wispern die Wellen und nehmen sie mit sich ins Meer. + + + + +VI + + +Seitdem wird es etwas besser in dem Katenhaus. Line nimmt sich vor Hann +zusammen, sie zwingt ihre zornige Laune nieder, so oft sie daran denkt. +Sie streitet sich auch nicht mehr mit Frau Fiek, sondern sitzt bei den +gemeinschaftlichen Mahlzeiten still auf ihrem Holzschemel, und nur, wenn +die Muchows etwas zu dröhnend werden, wenn sie singen oder mit den Füßen +aufstoßen, dann zuckt es in ihren Augen auf. + +Ein Feuerfunke, der hinausfliegen will. + +Aber die anderen merken nichts davon. + +Nur Hann fühlt mit Staunen, allmählich mit Herzklopfen, später mit Angst +und vorzeitiger Freude, daß etwas anders wird. + +So merkt's die dumpfe Erdenscholle, daß der Schnee schmilzt und warme +Frühlingswässer zu ihr dringen. + +Der Winter kam. + +Eines Morgens lag Moorluke im weißen Bann. + +Bis zum Schornstein steckte der Katen der Riesen im Schnee. + +Manchmal mußten die Männer einen Weg schaufeln, wenn sie ins Freie +wollten. Auch das Meer zeigte Eroberungsgelüste. Mit einem einzigen +Schlage drang es an und schleuderte geborstene Eisstücke gegen Tür und +Mauern des vorgeschobenen Baues. Und eines Morgens, da hatte es den +ganzen Katen gefangen und rings mit einer Eismauer umgeben. + +Kalt, stählern, tückisch lag der Feind im Morgenlichte da. + +»Stäwelwichs -- Stäwelwichs,« schrie Klaus Muchow erbost, und die Männer +hieben mit Eisäxten dazwischen. + +Dadurch wurde es in dem eingeengten Katen wieder einsamer. Von aller +Welt lag er in seinem Schneehaufen abgeschlossen. Die Wege, die über +die Wiesen führten, hatten sich längst verkrochen. Man konnte sich +darüber streiten, an welcher Stelle sie vordem ihr Schlangenspiel +getrieben. Eben und weiß, unberührt und teilnahmlos lag jetzt die große, +leuchtende Fläche, die sich ohne Abzeichen über den Bodden fortsetzte. +Man wußte nicht, wo die Grenze war. + +Selbst die Kirchenglocke, die doch früher laut zu den Einsamen +herübergerufen hatte, sie war eingefroren und krächzte zuweilen wie ein +heiserer Riese, der ein dickes Halstuch trägt. + +Immer stiller wurd's. + +Das aber war Line gerade recht. + +Ihre Zeit rückte näher und näher, und damit die Sucht, sich zu +verkriechen; jedes fremde Gesicht zu vermeiden, und den Kopf zu stützen +und nachzusinnen. + +Das war ihr etwas ganz Neues. + +Früher war sie Genuß suchend durch die Welt gelaufen, und die Erde lag +im Morgenrot -- nun war es finster geworden, Fledermäuse flogen. Das +waren ihre Gedanken, die sich die Welt zu erklären suchten. Da wurde ihr +allmählich Hann, der des dunklen Winters wegen fast immer daheim hockte +--, kimmerischer Dämmerung wegen, die über dem Ostmeer braut, -- da +wurde ihr die plumpe Gestalt, die verkrümmt auf dem Stuhl hing, +riechende Netze in der Hand, da wurde ihr der Nachdenkliche allmählich +ein Schatz. + +Dunkler und schneedämmeriger wurden die Tage, düsterer und drängender +wurden die Stunden. Lines Trotz hielt nicht mehr vor; wenn sie so in +einer Ecke kauerte, dann stieg es plötzlich vor ihr auf und griff nach +ihr. -- Angst -- Angst -- Furcht, Grauen vor dem Lebenden, das in ihr +war, und zu dem sie sich nicht gerüstet fühlte. + +Dann wirft sie plötzlich die Hand vor. Ihre Stimme schwankt vor +Schrecken: »Hann, bist du noch da?« + +»Ja, Lining, ich bin hier.« + +»Dann steck' Licht an, Hann.« + +Hann erhebt sich, tastet herum, kurz darauf zuckt von dem schmalen Tisch +die gelbe Flamme der Kerze auf. Schwankende Schatten huschen herum. + +Aus Lines Ecke dringt ein Atemzug, und Hann sieht bekümmert, wie +flackernd die dunklen Augen aus dem blassen Gesicht hervorbrennen. + +Sie rückt sich zurecht: »Hann, hörst du, wie es an die Scheiben tickt?« + +»Es is Schnee, Lining.« + +»Er hat die Fenster schon ganz verklebt.« + +»Ja, Lining, ich seh' nur die lütte Stube und dich.« + +Sie rückt noch tiefer in die Ecke und starrt auf ihn hin. Dann stützt +sie die Ellbogen auf beide Knie, und während sie zusammenschauert, +vielleicht vor Frost, fragt sie rasch: »Hann, weißt du, woran ich jetzt +denke?« + +»Nein, Lining, wie soll ich?« + +Jetzt deckt sie langsam die Augen zu: »Hann, ich meine, wenn ich früh +gestorben wär', hätt' ich viel Schlimmes nicht erlebt. -- Du auch -- wir +beide -- armer Hann.« + +Es ist das erstemal, daß sie das Wort sagt, das sie nicht mehr verläßt. +Er zuckt zusammen und blickt scheu zu der Zusammengesunkenen hinüber. +Ihre Worte, so seltsam, haben sein Herz mit einem Dorn zerrissen und +doch gleichzeitig das Blut mit einem weichen Blumenblatt fortgenommen. + +Aber sie hat den ihr so Nahen längst wieder vergessen. + +»Es wär' so gut,« fährt sie stammelnd fort. + +»Was, Lining?« + +»Wenn man die Junggeborenen vor all dem bewahren dürfte.« + +Da hebt Hann sein Haupt. Es ist in der letzten Zeit faltiger geworden. +Aber Line sowohl, wie er, haben es nicht bemerkt. Nur Klara Toll hat es +gesehen. + +»Lining, wer soll bewahren?« Und seine Augen, sonst so mitleidig, +blicken ernst. + +»Die Mütter, Hann, die Mütter müßten es tun. Oh, solch ein kleiner Sarg, +denk ich mir, ist ebenfalls eine Wiege. Und was würde dann alles mit +einschlafen, all die zukünftigen schlechten Gedanken und all die +schlechten Taten. Denn wer erst denkt, der wünscht, und ein Wunsch ist +schon meistens schlecht.« + +Aber da wird Hann zornig. Diese trostlose Ansicht nimmt ihm alles, was +er sich bis jetzt zurechtgezimmert hat an seiner Lebenshütte. Deshalb +wirft er das Netz über das Knie, schüttelt heftig den Kopf, und eilig +geht es ihm über die Zunge: »Lining, das mußt du nich sagen -- sieh, das +mußt du nich. Wirklich! Denn erstens, wenn der liebe Gott das wollte, +wozu schickte er erst die kleinen Kinder!? Und, Lining, werden es etwa +weniger auf der Welt? Mich dünkt nicht. Und dann, Lining, ich hab' mir +schon immer gedacht, mit die Menschens hat das doch der liebe Gott ganz +komisch eingerichtet, ganz furchtbar komisch. Denn sieh eins, Lining, es +geht wohl so das gemeine Gered' umher, ein lüttes Kind, so ein ganz +kleines Würming in den Windeln, das sei eigentlich der allerbeste +Mensch, noch ganz unschuldig, sozusagen aus dem Paradiese. Ich aber sag' +dir, Lining, dieses is gar nich wahr. So ein Neugeborenes is mehr +schlecht als gut. Denn wieso? -- Na, daß es dumm is, wie Bohnenstroh, +das weißt du ja selbst. Aber es is auch noch auf andere Weise schlecht, +es kratzt, wie eine Katz, es nimmt, was ihm nich gehört, es is +habsüchtig und hat keinen Menschen lieb, als sich. Is das wahr? -- Ich +sag dir, es is wahr. Aber was nu weiter? -- Da kommt nun der liebe Gott +und hat von Anfang an in die Menschens diese ganz merkwürdige Kraft zum +Besserwerden reingelegt. Auch zum Schlechterwerden. Aber doch mehr zum +Bessern. Die liegt in uns, Lining, man spürt sie manchmal leibhaftig. +Und nun kuck dir bloß mal an, wie es nun durch diese Kraft mit so einem +Neugeborenen vorwärtsgeht. Meistens vorwärts. Denn das Bessere muß wohl +das Stärkere sein. Erst lernt das sprechen, und dann lernt das lieben, +und dann lernt das denken, und so fort, bis es sich zuletzt ganz große +Dinge aussinnt, die wieder anderen Menschen was nützen. -- Und, Lining, +um dies >Vorwärts< wolltest du solche lütten Dinger bringen? -- So ganz +schlecht und miserabelig, wie sie anfangs sind, wolltest du sie wieder +in die Erde abliefern? Ich sag' dir, da müßte man sich ja rein vor den +Regenwürmern genieren.« + +Da hockt Line in ihrer Ecke, in die sie sich immer scheuer zurückzieht, +so daß die Lichtstrahlen sie kaum noch finden. Aber ihre Augen sind groß +geworden, und sie richtet sie mit solch erstauntem Ausdruck auf den +Fischer, wie früher, wenn der Knabe zuweilen etwas geäußert, was mit +seinem blauen Kittel schlecht zusammenstimmen wollte. + +Unausgesetzt tickt der Schnee an die Scheiben, Möwen und Raben krächzen +draußen, und an dem Netz wird weitergeflickt. + +Ganz still ist es zwischen den beiden geworden. + + -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- + +Ein paar Tage darauf herrschte Schneesturm. + +Da saßen die Einsamen nach dem Abendbrot noch beisammen, denn es war zu +früh, als daß Hann auf seinen Bodenverschlag hinaufgeklettert wäre. Auch +fürchtete Line in letzter Zeit das Alleinsein. + +»Soll ich Reuter lesen?« fragte Hann, »hier >Ut de Franzosentid<.« + +Sie saß auf ihrem Bett und hatte die Hände müde in ihrem Schoß gefaltet. +Eine Flechte des schwarzen Haares ringelte sich bereits über ihre +Schulter. + +Im Nachsinnen hatte sie damit gespielt. + +»Nein, Hann, ich bin heut nicht lustig.« + +In diesem Augenblick stäubte über das Dach etwas fort, im Schornstein +heulte es auf, und die beiden hörten, wie nebenan Klaus Muchow im Schlaf +laut aufbrummte. + +Nach einer Weile fragte Hann, der an dem Licht stocherte: »Wenn ich nich +lesen soll, was soll ich?« + +Sie verzog ein wenig die Nasenflügel. + +»Steck dir deine Pfeife an, Hann, und bleib noch ein wenig hier.« + +»Hier rauchen?« + +Er glaubte zuerst, daß er nicht richtig verstanden hätte, denn bis jetzt +hatte sich Line den Tabaksdunst stets verbeten, und auch, als sie +nochmals beistimmend nickte, wagte er nicht gleich, die kurze +Schifferpfeife hervorzuholen. Da stand das Mädchen auf und riß ihm +selbst ein Streichholz an. + +»Hier,« sagte sie matt. + +»O Lining,« erwiderte er gerührt und streichelte leise ihre Hand. + +Dieser Tabak schmeckte köstlich. Ganz vorsichtig blies er die Wolken von +sich und schlug mit der Hand danach, wenn sie ihm zu dick erschienen. + +»Heute is es hier schön,« wagte er nach einiger Zeit zu urteilen. + +Sie saß wieder auf dem Bettrand und nestelte an ihren Haaren, ohne +sonderlich auf ihn zu achten. + +»Heute is es hier gemütlich,« sprach Hann schüchtern weiter. + +Da nickte sie abermals, aber zerstreut, während sie auf den Wirbelsturm +lauschte, der an ihrem Katen vorüberzog, und plötzlich entgegnete sie +rasch und mit Betonung: »In der Stube ist es still.« + +»In der Stube, Lining?« + +Oh, er hatte für sie ein so feines Ohr gewonnen. + +»In deinem Geist aber nich? Meinst du das so?« + +Jetzt fuhr sie wie ertappt zusammen und rückte auf dem Bettrand hin und +her. »Du solltest dich nicht so viel um mich sorgen,« drängte sie +verlegen, »nicht immerfort. Die Hauptsache ist, wenn du dich wohl +fühlst.« + +»Wenn ich -- --?« + +War das Spuk? Hatte das eben eine menschliche Stimme geredet? -- Oder +hatte es eine der kleinen weißen Mäuse gewispert, die ja in den +Schifferstuben in den Ecken sitzen sollen, wenn es still und friedlich +hergeht. Und es war friedlich. Wie fein duftete der Tabak, wie wiegten +sich die blauen Wolken um das Licht! + +Und diese köstliche Stille. + +Und diese schöne schwarze Flechte, die da auf der Schulter ruhte. + +Betroffen schlug Hann die Augen nieder und rückte das Licht, als ob es +ihn blende. + +Und da fragte seine Gefährtin schon wieder etwas, was sein Herz noch +froher schlagen ließ, weil er es noch vor kurzem nicht für möglich +gehalten hätte. + +»Hann, du sagtest neulich was vom Besserwerden.« + +Er kratzte sich voller Verwunderung hinter dem Ohr. + +»Hast du dir das behalten, Lining?« warf er mit halbem Stolz dazwischen. + +»Ja.« + +Sie sah ihn nicht an, sondern fuhr mit der kleinen Hand unstet am +Bettrand auf und nieder. Da mußte er zu ihr hinüberblicken und +betrachten, wie die Flechte sich leise bewegte. + +Das verwirrte ihn, machte ihn froh und unglücklich. + +Diese da war ja die erste, die er sah. Das erste Weib! + +So rot die Lippen. + +»Kirschen,« dachte Hann, »oder ne, noch besser, Korallen. Solche Brosche +hatte Mudding gehabt.« + +»Hann, glaubst du,« fragte sie unsicher dazwischen, »daß sich auch +schlechte Menschen bessern können?« + +Da war es! + +Er nahm die Pfeife aus dem Munde und faltete beinahe andächtig die +Hände. + +Draußen der Wind klang ihm wie Orgelton. + +Line, diese schöne Line, mit den schwarzen Haaren, die doch so gut war, +-- nicht ganz gut, verbesserte er sich --, sie wollte in sich gehen. + +Hurra -- Viktoria! + +Am liebsten hätte er aufgejubelt, aber er bezwang sich und erwiderte nur +eilfertig: »Aber natürlich, Lining. Aber weshalb fragst du?« + +Da schlug sie bereits ungeduldig auf das Kissen. »Oh, nur so.« + +»Ganz leicht is es, Lining -- ganz leicht,« fiel er wieder ein, »aber +freilich mit Strafen und Zuchthaus nich.« + +»Wodurch denn?« + +»Lining, ich muß immer an Mudding denken, wieso die so gut war. Beinah +all bei lebendigem Leib ein Engel. Pastor Witt aber hat's am Grabe +erklärt. Weil sie gar keine Gedanken an sich selbst hatte, sondern weil +sie nur den ganzen Tag saß und an uns andere dachte. Siehst du, Lining, +darin steckt's. Ein schlechter Mensch kann wohl einen neuen Menschen +anziehen, i ja, aber dann muß er erst an sich selbst vergessen, über +Bord mit allem, und muß irgend eine Liebe haben, zu 'ner Sache oder zu +'nem andern Menschen. Und wenn er dann ganz voll davon is, dann is das +Neue in ihm reingekommen, dann is er verwandelt. -- So hab' ich Pastor +Witt verstanden.« + +Das Mädchen war aufgesprungen. + +»Eine Liebe?« sprach sie erschreckt nach. Eine düstere Röte lief über +ihre Stirn. + +»Ja, Lining, so erklär' ich mich das,« schloß er glücklich, während er +sich die Hände rieb. + +Da wandte sie sich mit einer ihrer raschen Bewegungen, die aber doch +bereits schwerfälliger wurden, zum Fenster, und während sie in den +stäubenden Schneesturm hinausstarrte, verschränkte sie beide Hände vor +der Stirn, um darauf in ein so schmerzliches Stöhnen aufzubrechen, daß +er sich entsetzte. + +»Eine Liebe,« stammelte sie vor sich hin, »o Gott.« + +»Lining -- Lining -- is dir was?« + +Nach seinem Anruf wandte sie sich und kehrte ihm ihr blasses Antlitz zu. +Dabei war es, als ob sie ihn lange betrachte. Dann scheuchte sie wieder +etwas von ihrer Stirn, schritt langsam auf ihn zu, zögerte abermals, und +während ihre Lippen zuckten, streichelte sie ein paarmal sanft über +seine struppige Wange. + +Er erstarrte. Breit und plump ragte er vor ihr auf. So etwas Holdes war +ihm noch nie geschehen! + +»Du bist ein guter Mensch, Hann,« sagte sie einfach, aber ohne daß ihre +Züge an Düsterkeit verloren. + +Da wurde er wieder ganz glücklich. + + -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- + -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- + +Aber nicht immer war Line so sanft. Alte Wünsche schlichen um den Katen +und jagten die Verstörte auf. + +Da war zuvörderst eine Kiste, mit deren Inhalt sie gleichsam ihr +früheres Leben wieder auspackte. Als ihr die ersten bunten Schleifen in +die Hände fielen und die ersten, dünnen Reclamhefte -- Schillers »Kabale +und Liebe« -- schrie sie laut auf. Da warf sie sich vor der Truhe auf +die Knie und umklammerte das Holz. + +Und woher kam diese Sendung? + +Von der ehrbarsten Seite, die nur das Moralische wollte und immer nur +das Moralische. + +An einem Dezembermorgen, kurz vor Weihnachten, in den Straßen blitzte +fußhoher Schnee, da hing sich Fräulein Dewitz ihre Pelzkappe um, die ein +Erbstück von Hollanders verstorbener Gattin war, zog sich die perlgrauen +Handschuhe auf, die sie allein für vornehm hielt, und ließ sich von +ihrem kleinen Aufwartemädchen eine Mietsdroschke holen. + +»Nach Moorluke,« sagte sie beim Einsteigen zum Kutscher und sah ihn +dabei ganz ängstlich an. + +Der Kutscher im Schafpelz kratzte sich hinter dem Ohr. + +»Je, Madamming,« warf er ein, »wenn wir man hinkommen. Das erste Mal +sind wir grad bis zum Steinbeckertor gekommen, dann hieß es: umkehren! +Das zweite Mal bis an den Rick, das dritte Mal bis an die Räucherhäuser. +Soll mich wundern, wie weit 's heute geht?« + +»Nein, nein,« beharrte das alte Fräulein, »heute tu ich's. Und achten +Sie mir ja auf die Kiste da vorn.« + +»Na, denn hü!« brummte der Kutscher. + +Aber als die weiße Bahn des Flusses vor ihr aufblitzte, da begann der +Handarbeitslehrerin das Herz zu klopfen. + +Noch hielt sie sich. Sie preßte ihr Antlitz in den Muff, als ob sie +nichts hören und sehen wollte. + +»Es ist sehr schwer,« flüsterte sie in sich hinein, »für eine, die sich +ihr ganzes Leben vor so etwas gehütet hat, -- -- -- aber die Ärmste ist +ja beinah eine Kranke, und man braucht ja auch nicht von dem +Schrecklichen zu reden. Nein, das braucht man schließlich nicht. Man hat +ja auch ein bißchen gesellschaftliche Kunst, Savoir vivre! -- Gott, wie +ich sie bloß finden werde?« + +Draußen wieherten die Pferde. + +Fräulein Dewitz erschrak. + +Waren das nicht bereits die Räucherhäuser, die dort vorbeiflogen? + +Ja, ja, das waren sie wohl. + +Lieber Himmel, was wird man aber im Logengarten dazu sagen? Wird man +nicht meinen, ich billige solche -- hm, das Wort flößt mir bereits Angst +ein. Ich bin schon alt, aber darin doch ganz unerfahren. Und wenn Dinas +Tante sich nun von mir zurückziehen würde? -- Draußen donnerten die +Pferde über die Moorluker Notbrücke. + +»Herr Bals -- Herr Bals.« + +»Madamming?« + +»Ich fahre nicht weiter.« + +»Kuck, was sagte ich gleich?« + +»Nein, nein, es geht nicht, mir ist schlecht worden. -- Aber die Kiste, +die bringen Sie gleich dahin. -- Sie wissen schon! Herrgott, da drüben +wohnt sie. In diesem Katen. -- Nein, sagen Sie gar nicht, daß ich da +bin.« + + -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- + +So kam die Kiste in Lines Besitz. + +Sie lag vor dem Holz, als Hann auf See weilte, auf den Knien und wühlte +in den Andenken und Büchern herum, wie in einem anderen, reicheren +Leben. Immer tiefer! + +Ja, Fräulein Dewitz hatte recht geurteilt. Diese Bücher kamen der +Verlassenen jetzt wie vornehme Herren vor, die in die Fischerhütte +traten, um mit der schönen Dirn Kurzweil zu treiben. + +Als Hann abends nach einem Sturmtag müde zu ihr ins Zimmer trat, wie ein +borstiges, nasses Ungeheuer, tief in Pelze gehüllt, da fand er sie mit +glühenden Wangen auf der Tischkante sitzen, ein Heftchen in der Hand. +Das Licht stand neben ihr. Ihre Augen blitzten. + +Hann blickte sich um. Diesem Anblick gegenüber fühlte er sich hilflos. +Was bedeutete das? + +»Hann,« stammelte sie, noch völlig verwirrt. + +In seiner Unsicherheit dachte er ihr etwas zu erzählen. Er fuhr an +seinem triefenden Pelzwerk herunter, stotternd: »Unser Boot hat Wasser +gezogen. Klaus Muchow und ich, wir haben beinah eine Stund' im Eis +gelegen -- ich möcht' was Warmes.« + +Aber sie verstand die Seenot im ersten Augenblick gar nicht. + +Da regte sich bei dem Frierenden Unwillen über ihre Teilnahmlosigkeit. + +»Was hast du da zu lesen?« + +»Ein Theaterstück.« + +Er ballte die Faust. + +»Denkst du noch immer an solche Schauspielerstücke?« brach es rauh aus +ihm heraus. »Ich meinte -- --« Aber er unterdrückte das übrige, wandte +sich schwerfällig und verließ mit Geräusch die Kammer, um nebenan bei +den Muchows eine warme Erquickung zu suchen. + +Line starrte hinter ihm her, dann ließ sie langsam, zögernd das Heft +sinken und blinzelte träumerisch in das Flämmchen der Kerze. + + -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- + +Doch der Beruf, der sie anzog, der leichte Flittertand, sollte noch +dichter an ihr vorbeistreifen. + +Oll Kusemann humpelte in die Küche. + +Nur wenige Tage fehlten noch zum Fest, es war ein Morgen, an dem ein +Frost herrschte, daß die Fugen des Katens krachten, und an den Wänden +der Muchowschen Küche ein feiner Eisüberzug flimmerte. Oll Kusemann aber +greinte über das ganze Gesicht und hob einen kleinen gedruckten Zettel +in die Höhe, den er in der Hand trug. + +»Kinnings,« schmunzelte er und lehnte sich an den Herd, denn das +Riesenpaar trank gerade gemeinschaftlich mit seinen Mietern Kaffee. »Ich +komm', euch einzuladen. Die Schauspielers sind angekommen. Mein Alwining +hat die Bodenkammer wieder an den Direktor Türkow und seine Braut +vermietet. Oder auch seine Frau. Genau weiß ich das nich. Aber es sind +sehr anständige Leute. Haben nich mal einen Ofen verlangt. Und was sie +is, sie is umgänglich. Und in dem Päplowschen Saal wird heute gespielt. +Sie belernen sich schon, daß es bloß so raucht. Kuckt! Alpenkönig und +Menschenfeind. Ich spiel auch mit. Einen Geist oder so was. Und mein +Alwining macht eine Hex'. Alles ganz natürlich.« + +»Eierkauken,« sprach Klaus Muchow, der inzwischen den Zettel angestaunt +hatte und jetzt zärtlich über das Papier strich: »Eierkauking.« + +»Ja, ja,« nickte Frau Fiek, »so was mag er gern. Und wenn es man halb so +graulich is, als die Geschicht' von dem alten Räubervater im Hungerturm +-- weißt noch, Klaus, wo wir unsere Latern dazu haben borgen müssen? -- +denn kann es mich auch gefallen. Dazu kommen wir.« + +Am Nachmittag begann sich Line zu putzen. Ganz verstohlen vor dem +Spiegel, hier ein Schleifchen und dort eine Brosche. Währenddessen saß +Hann hinter dem Ofen und krümmte sich vor Reißen. Die Stunde im Eise +hatte es ihm angetan. Er sah auf seine Gefährtin hin und sprach kein +Wort. + +Jetzt flimmerte draußen auf der Dorfstraße eine einsame Petroleumlaterne +auf. Sie warf ihren Schein in die halbdunkle Kammer. + +Da hielt sich Line nicht länger. + +»Kommst du nicht mit?« begann sie abgewandt, wobei sie sich an der +Kommode etwas zu schaffen machte. Hann rieb an der schmerzenden +Schulter. + +»Wohin?« fragte er kurz. + +»Nun, du weißt doch. Ins Theater.« + +Er rieb weiter, geduckt, ohne eine Silbe zu entgegnen. + +»Hann,« mahnte sie scharf. + +Diese Art war ihr neu. + +Da murrte es aus der dunklen Ofenecke hervor: »Ich hab' Trauer um meine +Mutter und auch um Siebenbrod. Und du -- --« + +Es schien ihr, als ob seine Augen sich halb verächtlich von ihr +abwandten. + +»Nun, und ich?« forderte sie herb. + +»Ich meinte, du brauchtest dich nich so offen vor den Leuten zu zeigen,« +quoll es ohne Rücksicht über seine Lippen. + +Dann stöhnte er wieder und rieb an seinem Knie. + +Da war es gesagt, das Wort, das die Ausgestoßene von den andern Menschen +schied. Ihre körperliche Schönheit war angetastet, ihr letzter Trost, +ihre letzte Zuflucht. + +Zuerst sah sich Line um. + +Wo befand sie sich eigentlich? -- Und war das Hann, der ewig +freundliche, dienstwillige Hann, der dort so verkrümmt in der Ecke +hockte und ihr eben so roh ihr Schicksal enthüllt hatte? + +Sie tastete mit den Händen umher. Ihre Brust stieß, ein leiser, +unartikulierter Ruf wurde hörbar. + +»Lining -- is dir was?« + +Keine Antwort. Mit tiefgesenktem Haupte stand sie da und scharrte mit +den Nägeln auf der Tischplatte herum. + +»Lining, ich hab' solche Schmerzen -- ich meinte das nich so.« + +Das Scharren erstarb. Sie stand regungslos, aber Hann, der sie besorgt +beobachtete, nahm wahr, wie über das geneigte Antlitz große Tränen zu +fließen begannen. Das hatte er bei seiner Schutzbefohlenen noch nie +gesehen. + +Trotz seiner Pein hinkte er auf sie zu. + +»Lining -- Lining.« + +»Lining, ich will dich ja nur hüten.« + +»Lining, ich sagt es ja nur zum Guten. Der Mensch muß sich doch in jeder +Lage zuerst ein richtiges Bildnis von sich selbst machen. Das ist doch +das erste. -- Lining, wenn du mir nich bös wärst, würdest du mir dann +woll die Hand geben?« + +Er wartete eine Zeitlang, dann bemerkte er, wie sich langsam ihre Finger +ihm entgegenreckten, und plötzlich schoß Siedehitze in ihre Wangen, sie +griff nach seinem Arm, um mit fiebriger Stimme zu fragen: »Bin ich schon +lange so häßlich, Hann?« + +»Du, Lining? -- O Gott --« Er getraute sich nicht, von seinem vollen +Herzen mehr zu verraten. + +»Sonst hab' ich dir immer gefallen,« fuhr sie nachdenklich fort und +unter Tränen schmerzlich lächelnd. + +»Ja, ja, Lining, und das wirst du auch bis an mein Lebensende.« + +»Armer Hann -- dir glaub' ich's -- armer Hann.« + +Dann legte sie ihre Schleife ab und die Brosche. Die Schublade knarrte, +als sie alles hineinlegte. Darauf suchten sie wieder ihre Plätze auf, +sie an dem Tisch und er an seiner Ofenbank, und ein langes, banges +Schweigen senkte sich herab. + + -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- + +Seitdem war Line wie gebrochen. Sie verließ ihre Kammer nicht mehr. Sie +saß und dachte über sich und Hann nach. Lag vor ihrem Bett und weinte +und konnte es dann gar nicht erwarten, daß Hann heimkehrte. Denn seine +dummen, ehrbaren Vernunftsgründe waren das einzige, was ihr die Furcht +vertrieb. + +Manchmal sprach sie ganz sonderbar zu ihm. + +»Warum sprichst du nicht zu mir, Hann?« + +»Lining, was soll ich?« + +»Deine Stimme vertreibt mir die Angst. Es ist, als ob das bißchen Gute +aus mir spräche. Nicht wahr, Hann, es mag doch auch Gutes in mir sein?« + +»O Lining -- du -- du.« + +»Ich geb' mir auch Müh', an mich selbst zu vergessen, wie du mir geraten +hast. Merkst du das, Hann?« + +»Ja, Lining, wie sollt' ich nich?« + +»Hann, nicht wahr, ich werd' nicht sterben? Es kann noch ein besserer +Mensch aus mir werden?« + +Er lachte und weinte in einem Atem: »Lining, du bist gar nich mehr so +klug, wie früher. Wie kannst du jetzt woll von uns gehen?« + +»O Hann, ich träum' jede Nacht davon. Denn ich steh' auf der Schwelle. +Aber nicht wahr, wenn ich auch nicht so klug bin, wie früher, so bin ich +doch auch nicht mehr so trotzig? Bist du jetzt mit mir zufrieden?« + +»Lining -- Lining -- du zerreißt mir rein das Herz.« + +»Still -- still.« + +Und dann saßen sie wieder zusammen, lautlos, als ob sie auf das Geschick +warteten. + + + + +VII + + +Ein verzweifelter Mensch läuft über den Schnee. Er erreicht die Straße, +zieht an der Klingel, sieht sich wirr in dem kahlen Vorraum um und +stürzt dann auf die Krankenschwester zu, die mit verhaltener Erregung +hereintritt. + +»Hann, du?« + +»Line stirbt.« + +»Da sei Gott vor.« + +»Klara, Klara, es darf nich -- das kleine Kind -- und ich -- und, und -- +warum soll ich es vor dir verschweigen? -- mir is, als ob du und ich und +die ganze Welt mit ihr zusammen sterben müßten.« + +»Das weiß ich, Hann, das weiß ich.« + +Mit Hast wird nun allerlei durcheinander gefragt. Nach dem Doktor, nach +Rezepten, und dann eilen der Mann und das Mädchen durch den Schnee von +dannen, beide Hand in Hand, ohne daß sie es fühlen. + +»Klara, sie is gut -- du mußt mir glauben, sie is gut,« stammelt er im +Laufen. + +»Und du auch, Hann -- du auch. -- Gott wird helfen.« + +»Ja, wenn er sie sieht, wie sie daliegt, dann hilft er ganz gewiß, es +geht nich anders.« + + -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- + +Dicht bei Neuyork, am Strande von Long Island, sitzt an demselben Abend +der Buchhalter der Bootsbaufirma Richards & Co. auf seinem Kontorsessel +und sieht durch die grünen Sprossen eines Weingeländers auf den Ozean +und die hinabtauchende Sonne. + +Blauer und blauer wird's, an dem Spalier rüttelt der Wind; und der +junge Beamte klammert sich mit seinen Blicken an einen fernen, fernen +Dampfer an, der winzig, wie eine Schwalbe, über das Meer enteilt. Dann +ist er zwischen Schaum und Duft zerflossen. + +Versonnen schüttelt der Einsame das Haupt und will eben seine Papiere +zusammenraffen, da tritt ein Schiffszimmermann in den Verschlag, der mit +zufriedenem Stolz seine Löhnung fordert, um dann seine Tatze +abschiednehmend durch das Geländer zu recken. + +»Na, adjüs ok, Herr.« + +»Adjüs?« -- Bei dem Klang horcht der andere hoch auf: »Sind Sie denn ein +Plattdeutscher, Schmidt?« + +»I, jawoll, jung Herr,« sagt der rotblonde Bursche breit. »Ut de Gegend +von Wolgast.« + +Das Wort muß den Buchhalter treffen, denn er tritt rasch aus seinem +Gehege heraus. + +»Das wußt' ich nicht. Und trotz des hohen Lohns,« fragt er rasch, +»wollen Sie wieder nach Deutschland zurück? Aus welchem Grunde? Haben +Sie dort eine Braut?« + +»Ne, Brüdjam bünn ick dor nich grad. As ich fortführ, wir sei irst +föfteihn.«[12] + +»Aber Sie haben vielleicht Geschwister?« + +»Ne, dei sünd all dot -- aberst Herr, ick -- ick --« und der Zimmermann +reibt sich verlegen an seiner Hose. »Nach den ganzen Lann'n heww ick +Sehnsucht. Nach de Felder und de Minschen und unsre Sprak.« + +Still wird es zwischen den beiden. Und da die Winterabendsonne rötlich +den Raum überzittert, so kann der Scheidende nicht merken, wie sein +Vorgesetzter erblaßt ist. + +Zögernd schreitet der Buchhalter endlich an sein Pult und öffnet es. Mit +zitternder Hand nimmt er einen Brief hervor. + +»Schmidt,« beginnt er mit niedergeschlagenen Augen, »hier hab' ich seit +vielen Monaten ein Schreiben liegen, das ich aus schwerwiegenden Gründen +nicht abgesandt habe. Wollen Sie das an seine Adresse befördern? Der Ort +liegt ganz in Ihrer Nähe. Wollen Sie den Weg machen?« + +»I, woll, Herr,« erklärte sich der Abreisende bereit, und dabei +buchstabiert er die Adresse: »Hann Klüth. -- Oh, das is woll ein +Verwandter? Na, den will ich grüßen, Herr.« + +»Und das Land auch,« sagt der andere an sich haltend und blickt auf die +spielende See. + +»Versteht sich. Das Land auch. Adjüs!« + + -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- + +Das Meer war Lines Feind. Das Meer wollte nicht, daß die Kranke gesunde. +Das Meer, welches das Mädchen schon als Kind gehaßt hatte. + +»Heut' abend knackt das Eis,« meinte oll Kusemann. + +»Und dann gibt es wieder einen Tanz,« setzte Frau Fiek hinzu, die mit +Hann in der Küche weilte, um das Kind in einem Korbe zu wiegen. »Kuck, +Hann, was er für schwarze Augen hat. Grad als Line. Und da -- jetzt +sieht er direkt auf die See raus.« + +»Kinder können den Sturm sehen,« kaute oll Kusemann, während er an dem +Türpfosten lehnte. »Hann, du solltest die jugendliche Mutter von hier +fortbringen. Was tust du, wenn das Wasser hier nun hereinläuft.« + +Aber Frau Fiek schüttelte ihre Riesenfaust nach der See, über der sich +noch die Eisdecke spannte. »Das wird sie wohl bleiben lassen,« schrie +sie -- »wird sich hüten. Solche Waschschüssel voll Wasser. Werden uns +hier gerade fürchten.« + +»Stäwelwichs,« polterte Klaus Muchow und schlug auf den Herd. + +Und das Kind begann laut zu schreien. + +»So,« murmelte der Lotse, »da habt ihr's, das Gör ahnt es.« + +Und Hann, der mit gesenktem Haupt an der Wiege stand, wo er geraume +Zeit auf das rosige Gesichtchen geblickt hatte, fing ebenfalls an, sich +zu fürchten vor dem Meer, das dort unter der Eisdecke schlief, und vor +der großen Stille, die um den Katen lauerte, und vor dem Unbekannten, +das täglich einen Fuß auf die Schwelle setzte und ihn wieder zurückzog. + +Ein Schauer lief dem plumpen Manne über den Rücken. Er zitterte einen +Moment, daß es den anderen auffiel. Die vielen Nachtwachen hatten ihn +bereits erschöpft. + +»Hann,« sagte Frau Fiek aufsehend, »du solltest dich mal hinlegen.« + +Er schüttelte das Haupt. + +»Nich eher, als bis Line geschlafen hat.« + +Damit ging er an die See und maß die Stärke des Eises. + +Zwei Zoll. »Noch hält's.« + + -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- + +Doch im fahlen Glanz der Februarsonne lag die See und schielte mit ihrem +eisigen, glänzenden Auge durch das Fenster nach Lines Lager hin, so daß +die Liegende keinen Blick von dem Schimmer wenden konnte. + +Sie hatte den Kopf auf beide Hände gebettet, und ihre glänzenden Augen +ließen die Scheibe nicht. + +Unmerklich flüsterte sie. + +»Nun?« + +Und dann wieder. + +»Wann kommst du?« + +Dann winkte sie verstohlen. + +Da griff Klara Toll, die nun schon seit Wochen an dem Lager waltete, +sacht nach Lines Hand. Die Kranke mußte aufsehen. + +Dabei verrieten ihre lebhafter glänzenden Augen, wie ihr die schlanke +Gestalt in dem hellblauen Pflegerinnengewande, das ihr früher soviel +Abscheu eingeflößt, jetzt gefiel. Neugierig fast spähte sie nach den +braunen Haaren, die im Glanz der Sonne weich unter dem Haubenlatz +hervorquollen. + +Unterdessen hatte die Schwester einen Arm um Lines Schulter geschlungen, +und nun konnte sich die Liegende aufrichten. + +»Komm,« bat Klara, »sieh von da fort.« + +Doch Line schüttelte nur eifrig das Haupt und bog den Hals gespannt +wieder nach dem Fenster. »Das verstehst du nicht,« erwiderte sie leise, +»ich muß drauf warten.« + +»Worauf, Line?« + +Aber Line blieb stumm. Doch wenn sie auch schwieg und wie gezogen wieder +auf das Wasser hinausträumte, Klara Toll wußte aus früheren Reden recht +gut, was die Gedanken der Leidenden lenkte. + +Da lag sie nun schon seit Wochen, vom Fieber geschüttelt, sie, die so +leidenschaftlich nach dem Leben verlangt hatte, nach einem besseren, +tätigen Dasein, und siehe, das Leben verwarf sie, das Leben hatte sie +auch fürder ausgespien. Nichts konnte sie dem Neugeborenen leisten, vor +dem sie ursprünglich solche Angst gehegt, auf keine Weise Hann danken, +der sie unausgesetzt, wie ein großer, treuer Haushund, bewachte. Und nun +waren mitten in ihre Fieberträume die Reden der Hausgenossen +hereingedrungen über das Vordringen des Wassers, und seitdem lag Line +und lauerte. + +Unausgesetzt, wie auf etwas Wunderbares. Immer wieder wandte sie sich +nach der eisigen Fläche. Und wenn sie es auch nicht wieder laut werden +ließ, ihre verlangenden Augen redeten es deutlich: »Nun?« + +Und dann wieder. + +»Wann kommst du?« + +Am Mittag trat Hann zu der Erschöpften, und als sie ihn merkte, +streichelte sie seine Hand, um sie jedoch gleich fahren zu lassen, +sobald sie sich an Klaras Gegenwart erinnerte. + +Dann bannte sie ein flüchtiges Lächeln auf ihre Lippen, um endlich das +zu fragen, was sie jetzt täglich beschäftigte, ob Paul, der Pastor, +etwas von sich habe hören lassen? Und die in der Stadt? Beide nicht? -- +Beide nicht? + +Sie kannte schon Hanns mitleidiges Kopfschütteln und streckte sich starr +in ihren Kissen aus. Ihre Augen suchten die niedrige Decke. + +Der Nachmittag dieses Tages, von dem die Moorluker noch heute sprechen, +dämmerte herauf. Die beiden Frauen saßen wieder allein. Line auf ihrem +Bette, Klara am Fußende, mit einer Strickerei in der Hand. Die sah +winzig aus. + +Die gelbe Februarsonne glitzerte auf den Fensterscheiben. Da richtete +sich Line auf. Ihre Augen irrten wieder auf der Eisfläche herum. + +»Klara.« + +Die Pflegerin ließ ihre Arbeit ruhen und sah auf. -- + +»Klara, woran arbeitest du da?« + +»Es sind Strümpfchen für den Kleinen, Line.« + +Die Kranke besah sich die Arbeit und legte einen Augenblick ihre Wange +darauf. + +»Ja, ja,« begann sie dann mit eilender Stimme. »Du wirst sie ihm auch +später stricken.« + +»Wieso, Line, ich werde doch nun bald gehen.« + +Die Liegende lächelte eigentümlich und wandte sich dann wieder zur See, +über deren Eisfläche der Wind graue Schneewolken jagte. + +»Hörst du,« sagte sie mit seltsamer Befriedigung, während sie mit dem +Finger zeigte, »wie es heult?« + +Da legte Klara ihre Arbeit fort, und ihre stillen, offenen Züge kehrten +sich ganz gegen ihre Gefährtin: »Line,« bat sie, »willst du mir nicht +einmal erklären, weshalb du so stundenlang auf das Eis siehst?« + +»Weshalb willst du das wissen?« + +»Wir ängstigen uns alle deshalb.« + +»Oh,« lächelte Line, und es war so, als wollte sie wieder alles in sich +verschließen, allein plötzlich führte sie ihre Lippen an Klaras Ohr und +raunte: »Ich war so schlecht, Klara, so schlecht, wie du dir's gar +nicht denken kannst. Du weißt's ja, du bist mir ja auch nicht gut +gewesen. Ich hab' nur immer an mein Vergnügen gedacht, und wenn andere +darüber hätten verbluten sollen. Das ging eine lange Zeit, und ich +wollt' auch gar nicht anders werden. Sieh, da ist nun die Zeit mit Hann +gekommen, und ich weiß auch nicht, wieso, aber das Ehrliche in ihm muß +wohl eine Kraft haben, denn ganz allmählich, Stück für Stück ist mir der +Wunsch aufgestiegen, ich möcht' auch so werden wie er, so ohne Lüge, und +ganz zuletzt ist diese Sehnsucht rein übermächtig in mir geworden. +-- Aber sieh, da ist so viel, was mich an das Frühere erinnert. Der +Gedanke an das Kind und an seinen Vater -- das stößt mich immer wieder +zurück. Und da weiß ich nicht, soll ich leben, oder soll ich sterben? +Und deshalb lieg' ich und warte auf das Wasser. Es wird kommen, Klara, +und wenn es mich dann nicht mitnimmt, pass' auf, dann gelingt's mir.« + +Klara schüttelte das Haupt. »Das sind Phantasien,« entgegnete die +Pflegerin, an sich haltend. »Die See wird nicht kommen. Aber wenn du +hier jemanden lieb hast, so darfst du ihm nie von dergleichen reden. +Versprich mir das.« Sie rückte ihr sanft die Kissen zurecht. »Nicht +wahr, du hast Hann doch lieb?« + +Line zuckte und sah starr auf die Decke. + +»Nicht so wie du,« gab sie endlich mühsam zurück. + +»Aber du bist ihm doch gut?« drängte die andere. + +Leise nickte die Gefragte und faltete die Hände. + +Die Pflegerin rückte noch näher. Jetzt wollte sie erkunden, was ihr +schon lange des armen Hann wegen auf der Seele lag: »Und an Bruno, +Lining, denkst du noch an den? Es ist nicht Neugierde, die mich treibt.« + +Da lag Line ausgestreckt und führte beide Hände an die Stirn, eine +innere, heftige Unruhe ging durch ihre Glieder, und wieder flog ein +langer irrender Blick auf die See hinaus. + +»Und das Kind,« mahnte die andere eindringlich, »das wird dich doch ans +Leben fesseln?« + +»Du mußt mich nicht quälen,« stöhnte es aus den Kissen auf. »Das Wasser +weiß allein, wie alles enden wird.« + + -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- + -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- + +Um sechs Uhr nachmittags kam ein fremder Mann zu Hann, der einsam mit +seinen schweren Wasserstiefeln an der Wiege des Kindes saß. Der Fremde +blieb eine geraume Zeit. Als später Frau Fiek in ihre Küche trat, fiel +es ihr auf, wie ihr Mieter noch immer gebückt neben dem kleinem Lager +harrte, mechanisch mit dem Fuß den Gängel tretend, einen Bogen Papier in +der Hand und verstört darauf niederschauend. + +Frau Fiek wurde neugierig. + +»Hann, was liest du da?« + +Wohl horchte der Mann nach dem Klang der Stimme, aber den Sinn schien er +nicht zu fassen. Erst ganz spät tönte es zurück: »Einen Brief.« + +Das sah Frau Fiek selbst, deshalb zuckte sie über Hanns Dummheit ein +wenig die Achseln, denn gar zu gern wollte sie mehr wissen. + +»Von wem is der woll?« examinierte sie freundlich lächelnd weiter und +streckte zutraulich die Hand aus, als hoffe sie, eine Ecke des +Schreibens zu erwischen. + +»Von weit her,« erwiderte Hann, noch tief in seinen Gedanken, und dabei +faltete er still das Papier zusammen und steckte es zu sich. + +»Kuck, wie schlau,« platzte die Riesin heraus, als das Ersehnte in der +weiten Tasche verschwand. Aber nach einiger Zeit grinste sie wieder und +fragte recht herzlich, ob Hann etwa eine Erbschaft gemacht oder +vielleicht etwas gewonnen hätte. + +»Wie würd' ich mich freuen,« setzte sie hinzu, wobei sie sich den Mund +wischte. »Und es is nich etwa deswegen, weil du uns noch zehn Taler +schuldig bist, Hanning. Ne, das mußt du nich glauben. Man ja nich.« + +Dabei nahm sie die Küchenlampe vom Herd und leuchtete ihrem Mieter ins +Gesicht. Aber wie erschrak sie, als dieser seine Augen gegen sie erhob. +Da sprach nichts von Freude, wohl aber erkannte die Erfahrene Gram, +Verzweiflung und völlige Ratlosigkeit. -- Und wie faltig die Furchen +sich in diesem frühgealterten Gesicht eingegraben hatten. + +Jetzt stand er auf, schwerfälliger als sonst, sah sich um und griff an +seine blaue Schifferjacke, bis er das Papier knistern hörte. Dann nickte +er. Plötzlich sagte er etwas. Mit einer Stimme, die nur dumpf aus der +Brust schlich. + +»Frau Muchow?« + +»Jawolling?« + +»Wird es mit Line besser werden?« + +»Hann, wer kann das sagen? -- Aber mir will es bald so vorkommen.« + +»Ja -- ja.« + +Nochmals beugte er den schweren Kopf, dann blickte er lange vor sich +nieder. »Ja, ja, nun wird sie gesund werden und wieder wie früher, und +ich hab' -- -- --« + +»Was hast du?« drängte rasch die Frau, als er stockte. Aber geschah es, +weil unvermutet vom Meere etwas heulte, oder war es, weil das Kind laut +schrie, Hann schüttelte den Kopf und warf nur hin: »Sehen Sie hier ein +bißchen nach dem Kind, Frau Muchow, ich will noch raus und mein Boot +höher ziehen. Wer weiß, was heut nacht geschieht? Vielleicht kriegen wir +noch was.« + +Damit stülpte er sich die Mütze auf und ging Schritt für Schritt in die +Dunkelheit. + + -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- + -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- + +Das war eine böse Stunde, die über Hann eingebrochen war. + +Der Teufel focht mit dem lieben Gott, alles was Gutes in ihm lebte, war +von Nacht zugedeckt, von allen Seiten stürmten die bösen Geister heran, +in den Krallen die roten flatternden Fähnchen der Sünde, als wollte +jeder zuerst in diesem stillen, reinen Herzen das höllische Banner +aufpflanzen. + +Er saß auf dem Kiel des Bootes, das er fast bis unter die Mauern des +Katens geschoben hatte, und wie in ihm, so tobte auch draußen eine +lärmende, unheimliche, nicht erkennbare Nacht. + +Was knallte dort? + +Schüsse? + +Da und dort, von überall her drang das dumpfe Platzen; mächtiger, immer +länger, bis es ein Donner ward, wie wenn eine Schlachtflotte den Katen, +in dem Line lag, und die Küste und die ganze Welt in Trümmer schießen +wolle. + +Und über Hanns Lippen flog ein schweres, fast unheimliches Grinsen: Gut, +gut, wenn das Eis so platzte, war dann nicht schon öfter die Flut +hinterhergedrungen? Erst vor zwei Jahren war doch auf dem Darst eine +kleine Halbinsel mit Menschen und Vieh zur Winterszeit verschlungen +worden?! -- Gut, gut, was aber schadete das? -- Dann ging der Katen +unter, mit allem, was drinnen hauste, dann war es morgen hier still, +dann hatte er eben den Brief, dies verfluchte Papier, das drinnen in +seiner Tasche bei jeder Bewegung knisterte, nicht mehr abgeben können, +dann war er zusammen mit ihr untergegangen, und keiner hatte mehr etwas +zu fordern. -- Ne, keiner! + +Bei dem Gedanken, daß dort hinten, weit hinter der Nacht, jemand lauere, +der ihm das fortnehmen wollte, was er mit seinen plumpen, fiebernden +Händen auch über den Abgrund festgehalten, da hob Hann plötzlich in +Wildheit die Faust und schüttelte sie drohend gegen das schwarze, +lärmende Meer! + +Es war eine rohe, gewaltsame Bewegung. + +»Du -- du Halunk. -- Was willst du? -- komm ran -- komm bloß ran -- dann +wirst du mir ja nich mehr lang im Weg sein. Was? Hast sie nich schon +einmal in Schande gebracht? Möchtst sie nun wohl ganz zugrund richten, +wie?« + +Drüben auf der See riß etwas -- ein langer, weiter Spalt mußte es sein, +der sich auftat. An der Molenmauer krachte es. + +»Immer näher kommt's,« murmelte Hann, »da -- da fliegen schon die +Eisstücke; und nun -- das muß das Wasser sein, was da durchbricht. Da +schäumt etwas, da an dem Steg; der wird nich lange halten -- ganz gut -- +ganz gut --« + +Auf ihrem Lager in der Kammer richtete sich Line in die Höhe, +schneebleich war sie vor Erwartung und Furcht geworden, und doch rief +und forderte sie immer wieder, Klara solle das Rouleau fortziehen, +hinaus müsse sie spähen können, nach draußen, woher der Donner rollte. +Nichts nützte es, daß die Pflegerin die Hände rang und anführte, daß +draußen nichts als Dunkelheit herrsche. + +»Das schadet nichts, Klara, dann will ich hören --« + +»Mein Gott, Lining, fürchtest du dich denn nicht?« + +»Ja, ja, ich fürchte mich -- aber zieh fort -- ah jetzt.« + +Das Rouleau war in die Höhe gegangen. + +Sie erhob sich aus den Kissen und starrte mit aufgerissenen Augen +hinaus. Draußen ritt Hann auf dem Kiel des Bootes, lehnte sich an die +Mauer des Katens und hielt sich an einem Vorsprung fest. + +Leise, verstohlen begann der Wind zu ziehen -- allmählich wurde ein +Winseln daraus. Ein heftiger Zug fuhr um die Hausecke und schüttelte +Hanns Schifferjacke, so daß Brunos Schreiben drinnen knisterte und +rauschte. + +Verfluchter Zettel -- willst du wohl still sein? + +Am besten wär's, er zerrisse ihn, dann wüßte keiner etwas davon. »Aber,« +so tönte eine ganz ferne Stimme, »wenn der andere nun doch, wie er +schrieb, von Reue erfüllt wäre und wieder hinauf wollte und Line ihm +dazu nötig wäre, Line und das Kind -- von dem er nichts ahnte -- was +dann?« + +Der Schiffer fuhr sich in die Haare. + +Hölle und Teufel, wem gehörte sie denn eigentlich -- ihm oder dem +Fernen, der sie betrogen, der sie unglücklich gemacht -- --? + +»Ich find' da nich raus,« schrie er auf, »wenn Gott mir nich helfen +will, dann soll der Teufel kommen, dann soll er kommen.« + +Und er kam. + +Leiblich, mitten in der donnernden Nacht. + +Was war das? + +Von dem Fenster, hinter dem Line lag, hob sich etwas, ein gelber +Lichtschein fiel heraus, fort über den Bootskiel, fort über den trüben +Schnee, fort über die nasse, kotige Wiese, bis hinab, wo etwas +Unheimliches, Rauschendes plätscherte. Und der Teufel nahm Hann, so daß +er auf dem Kiel fortkriechen mußte bis zum Fenster, und daß er sich +duckte und hineinstarrte. + +Und der Teufel riß Line weiter aus dem Bett hervor und stieß ihr die +Decke fort, so daß der Mann draußen sie sah, wie er den schönen weißen +Leib noch nie geschaut. Noch niemals ein Weib. + +Da schlug die Flut des Bösen schallend in sein Herz, das bis dahin eine +Kirche war, und Altar und Orgel versanken, und die Glocken klangen aus +den schwarzen Wassern nicht mehr hervor. Ja, und morgen schon wollte er +den Brief verbrennen, und dann wollte er bei dem Weib in der Kammer +hausen, das ihm gebührte, ihm allein -- -- und -- + +»Lining?« + +»Herr Gott!« + +Was schrillte dort drinnen für ein heiserer Schrei? + +Das Rouleau wurde herabgerissen, der Lichtschein schwand. Überall +Dunkelheit. Aber nein, da und da -- überall auf der Mole feurige Punkte, +Laternen. Auf dem Leuchtturm plötzlich weithin grellendes Notfeuer! In +blutiger Helle blitzen, von dem Scheinwerfer getroffen, da und dort +Küstenstriche auf. Aber nein, das ist ja keine Küste mehr, was schiebt +sich dort vor? Was zischt so? -- + +»Hann, Hann,« ruft Frau Fieks Stimme oben aus der Bodenluke. Verworrene +Stimmen aus dem Dorf schreien dazwischen, sie dringen näher, sie eilen +wieder fort. Und nun über die Dächer fort vom Kirchturm Glocken. -- Wie +das dröhnt und wimmert. Und vom Meer stöhnt das Nebelhorn eines +Schiffes, das dort in Not sein muß. + +»Gut -- ganz gut.« + +Hann rührt sich nicht. Lang ausgestreckt liegt er auf dem Kiel und hat +die Bootsrippen umklammert und beißt die Zähne zusammen. Nein, er rettet +nichts. Da er dieses schöne Weib, das er eben gesehen, von deren Anblick +ihm das Blut summt, nicht behalten soll, dann mag das Wasser nun ruhig +alles holen. + +Ganz ruhig. + +Was ist das? -- Sein Kahn beginnt sich zu heben. Es muß also schon da +sein. Es schwankt, es stößt -- -- + +»Hann -- Hann!« + +»Ja -- wer ruft da?« + +Das Fenster vor ihm wird aufgerissen -- Licht und dasselbe Bild wie +vorhin. Auf den Knien in ihrem Bett hockt Line und starrt ihn an. + +Ja, sie hat ihn erkannt, sie sieht ihn, aber sie winkt nicht, daß er sie +holen solle. + +Da saust und braust in Hann alles durcheinander. + +Wie darf sie sterben, die Freundin seiner Jugend? Mit einem +verzweifelten Sprung, mit einem einzigen, schwingt sich der Fischer ins +Fenster. -- Vergessen ist alles, der Zettel, sein Wunsch und ihre +Nacktheit. + +Hinter ihm her schießt das Wasser. + + -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- + +Nun hocken sie alle in den Bodenkammern. Auf Hanns elendem Schragen +liegt Line, ausgestreckt und starr, aber die Augen offen, und um die +Lippen ein merkwürdiges Lächeln. So lauscht sie auf das Gurgeln, das +leiser und leiser um das Haus tönt. Denn nach dem ersten Anprall ziehen +die Wasser schon wieder von dannen. + +Das Kind in seiner Wiege hat Klaus Muchow heraufgetragen, und nun +schleppt er es ungeschickt in seinen Riesenarmen herum und will es +nicht wieder abgeben und küßt es und wiehert ihm ins Ohr: »Eierkauking, +Eierkauking.« + +Sonst spricht keiner ein lautes Wort. + +Bis an den frühen Morgen steht Hann an der einzigen Bodenluke und +betrachtet die ablaufenden Wasser -- da und dort, überall tauchen wieder +die Wiesen auf, das Eis ist verschwunden, ringsherum spiegelt sich die +Morgensonne in freier, unbehinderter See; schneeweiß rollt der erste +Schaum ans Ufer. + +Hann atmet kaum die frische Luft, ihm klopft das Herz so bang, und wenn +das Papier in seiner Brusttasche knistert, dann wird er fahl und +erinnert sich seiner Nachtgedanken. + +Als er noch sinnt, weckt ihn Klara Tolls Stimme. + +»Hann!« + +»Ja, Klara.« + +»Line verlangt nach dir.« + +Hann schüttelt sich und rafft sich zusammen. + +»Wie geht's?« + +»Besser. Sie erzählt und lacht und hat ihr Kind gestreichelt -- und jetzt +will sie dir etwas sagen.« + +»Komm, Klara.« + +An dem Bett steht Hann, steif und unbeweglich, wie immer, bis ihn Line +sachte, sachte sich näher zieht. -- Mein Gott, wie leuchten und blitzen +ihre Augen. Hann erkennt, das ist dieselbe Line, die zu Malljohanns +Handharmonika so zierlich getanzt hat. + +»Beug dich tiefer,« sagt sie. + +Er neigt sich herab. + +Sie zaust in seinem struppigen Haar und lacht dazu: »Und in einer Decke +hast du mich heraufgetragen, du großer Kerl? -- Willst wohl gern, daß ich +lebe?« + +Da schlägt er die Augen nieder und ringt sich ab: »Ja, Lining, und wenn +ich dir jeden einzelnen Tag von meinen eigenen dazulegen müßte.« + +Als er das sagt, mit einer Stimme, die schwankt und unsicher wird, +blickt sich Line blitzschnell nach Klara Toll um. Die ist jedoch +gegangen, und die beiden Jugendfreunde sind allein. + +Da legt sie sanft ihren Arm um seinen Hals, obwohl der Mann zittert +unter der weichen Berührung. »Du,« flüstert sie, »du lieber, dummer +Mensch, ich hab' dir noch niemals gedankt, aber heute will ich's tun, +denn ich hab' das Leben wieder lieb, ach, so lieb.« + +Ihre Wange nähert sich der seinen, weich und sanft -- -- + +»Ja, Line,« erwidert der Fischer, während er sich mühsam aufrichtet, +»das Leben is auch wohl das Höchste. Jetzt seh ich es ein. Aber ich +glaub', man muß es auch ohne Vorwürfe und in Stille leben können. -- Und +deshalb, Line -- liebes Lining -- sieh, hier geb' ich dir was -- das +lies aufmerksam -- das is unser aller Zukunft -- da drin liegt Recht und +Unrecht, und Freude und Trauer. Aber, wie das Leben es will, so müssen +wir es auf uns nehmen. Und ich am allerwenigsten darf da dazwischen +reden.« + +Verwundert nimmt Line das Blatt, nun hält sie es, jetzt liest sie es, +und langsam gleitet ihr Blick von dem Papier zu dem Mann, der lautlos +auf das Meer blickt, und von dem Mann wieder zu dem Bogen. + +Und in der engen Kammer und in den beiden Seelen webt alles +durcheinander, Recht und Unrecht, Abschiednehmen und Einsamkeit, Freude +und Trauer. + +Es ist still geworden. + +Nur draußen auf dem wieder erwachten Meer sieht Hann ein schaukelndes +Boot zwischen den Wellen. + +Schiff, wohin zielst du? Ist dein Steuer fest? -- Kannst du dich selbst +regieren? + + + + +Ausklang + +VIII + + +Die Grillen sangen zwischen dem Gras des Landwegs, am Rick standen Kühe +bis über die Schenkel im Wasser und schleckerten. + +Uff -- uff. + +Das ist soviel, als wenn wir sagen: »Gut oder delikat.« + +Die Junisonne spiegelte sich in ihren weiß- und braungescheckten Rücken, +und auf der Wiese herrschte eine erbitterte Schlacht zwischen braunen +und grünen Käfern. Ganz fern, bei einer grünmoosigen Pfütze, wandelte +ein alter Storch, der bei jedem Schritt ernsthaft mit dem Kopf nickte, +als wäre er sehr mit dem Gesumm und dem Dunst des Sommers und der ganzen +schläfrigen Stille einverstanden. + +Aber schwer ist es, sehr schwer, zwischen den ausgefahrenen Geleisen des +Feldwegs vorwärts zu wandern, zumal wenn ein alter, knarrender Wagen vor +dir herfährt, den vier altersschwache Gäule kaum durch den Staub +vorwärtszuziehen vermögen. + +So setzte ich denn die letzte müde Kraft ein, bis ich neben dem Gefährt +herschritt. + +Der Kutscher, der auf seinem Bock herumschlotterte, hatte bereits einen +schiefen Blick auf den Wandersmann geworfen. + +»Na?« knasterte er. + +Ich sah auf. + +»Potz -- Blitz.« + +Wir hatten uns erkannt, und zum Gruß stieß er ein bißchen an seine +Mütze. Sonst konnte ich keine besondere Freude an ihm über unser +Wiedersehen entdecken. Doch hielt er immerhin mit zitternden Händen +seine Schimmel an: »Hüh -- -- purr.« + +»Hast noch ümmer kein Geld,« fragte er, sich über den Bock herabneigend, +»für einen eigenen Wagen?« + +Darauf konnte ich nur betrübt den Kopf schütteln und erwidern, daß mein +Geschäft noch immer nicht soviel abwerfe. Der Alte hob die Hand zu dem +zahnlosen Munde und wackelte hin und her: »Je, dein Vater war doch ein +Handelsherr und ein Schiffsreeder, was is nu mit dir?« + +»Leider Gottes, ich bin dämlich aus der Art geschlagen.« + +»Ja, ja,« murrte der Alte, »Schnurrerwaar,« und damit rückte er brummend +zur Seite, was von jeher die Erlaubnis bedeutete, neben ihm Platz zu +nehmen. + +Weiter ging's durch den summenden Sommertag. + +»Warum fährst du jetzt mit vier Pferden?« hob ich an. Aber diese Frage +stimmte den Kutscher sichtlich verdrießlich. + +»Je,« kaute er und schlug auf die Tiere ein. »Warum? Es soll jetzt alles +schnell gehen auf der Welt, aber es kommt nichts dabei raus, hü.« + +Die Schimmel trabten zu. + +Da gedachte ich dem Gespräch eine andere Wendung zu geben: »Schöner, +kurzer, fetter Dung, den du da fährst,« lobte ich. »Für wen ist der?« + +»Für Hann Klüth.« + +Ich glaubte, ich hätte nicht recht verstanden und forschte zum +zweitenmal: »Für wen?« + +Der Alte sah mich mit seinen eingesunkenen, triefenden Augen mißfällig +an: »Ich sagt' dir ja, für einen ordentlichen Mann,« keuchte er, indem +er wieder in sich zusammensank, »für Hann.« + +Aber ehe ich mich noch von meinem Erstaunen erholen und einwerfen +konnte, ob Hann denn seit den vier Jahren, die ich ihn nicht gesehen, +Landwirtschaft betriebe, streckte der Kutscher seine dürre Hand aus und +zeigte auf die hohen Binsen am Fluß. + +»Kuck,« machte er mich aufmerksam. + +Hinter der grünen Wand, deren Silberfasern im Sonnenschein blitzten, +hob sich ein Angelschacht, und nun knurrte und lachte der Alte wirklich +in sich hinein und schüttelte sich und stieß mich in die Seite. »Maust +all wieder Aale,« flüsterte er. »Aber sie kriegen ihn nich, weil er +selbst ein Aal is. --« »Ho!« schrie er dazwischen und hieb nach den +Stauden. »Soll mich doch wundern, was er diesmal für eine Ausred parat +hat.« + +Und wirklich, bei dem Lärm hinkte aus dem Gestrüpp eine merkwürdige +Gestalt heraus. Die trug einen leinenen Beutel in der Hand, an den Füßen +steckten ihr kolossale Filzschuhe, und über die schmucke Lotsenuniform +ringelten sich unter der Tressenmütze lange, weiße Haarsträhnen herab, +die dem Antlitz gewiß etwas Ehrwürdiges verliehen hätten, wenn es nicht +gar so trinkrot und listig gewesen wäre. + +Oll Kusemann war's, der mir sofort mit lautem Freudenruf die Hand +heraufreichte, um dann wehmütig den Kopf zu schütteln. + +»Kuck, Jünging, was aus mir hübschen jungen Mann geworden is. Die +Jahren, die Jahren. Und das Reißen. Sieh, und die Pension, die sie mir +ausgesetzt haben, is auch nich zum Fettwerden.« + +»Aber Aale?« fragte lauernd der Kutscher, während er auf den Beutel +zeigte, in dem es sich regte. + +Der Lotse jedoch sah wie ein gekränktes Kind aus: »Was, Aale? Da is +nichts als Fleisch drin,« widersprach er ehrwürdig. »Damit geh ich die +armen, hungrigen Biester füttern, weil ich's nich mit anhören kann, wenn +sie zur Sommerzeit so schmatzen, ohne was zu finden. Ich hab' mal ein zu +weiches Herz.« + +»Nu hör eins,« grinste der Kutscher, worauf er in solch gewaltiges +Keuchen und Knastern ausbrach, daß ich ihn beruhigend auf den Rücken +klopfen mußte. Inzwischen war oll Kusemann ebenfalls auf den Bock +geklettert, und ich saß nun zwischen den beiden, wobei sie sich jedesmal +wechselseitig zuzwinkerten, so oft ich wieder nach Hann zu fragen +begann. »Ja, was meinst du woll?« reizte mich oll Kusemann +geheimnisvoll, »was aus ihm geworden is?« Und der Mistkutscher starrte +auf den Weg, nickte vor sich hin und murmelte befriedigt: »Hat die Zeit +alles machen lassen. Was sagt' ich ümmer: Die Jahren tun's.« + +So reizten sie mich und machten mich neugierig, bis ich endlich ganz +kopfscheu vor mich hinsprach: »Ja, was kann sich denn hier Großes mit +Hann ereignet haben? Hat wahrscheinlich schlecht und recht und still, +wie bisher, vor sich hingelebt und ist am Ende Klaus Muchows Bootsmann +geworden. Ja, so denk ich mir's. Und nun fangen sie zusammen Fische. +Recht viele. Und Klaus Muchow sagt dazu >Eierkauken<. Und Line wird +gesundet sein, und nachdem sie sich wieder auf sich selbst besonnen, +dürfte sie Hann und das kleine Fischernest, in das sie doch gar nicht +paßte, wie ihr mir zugeben müßt, verlassen haben, vielleicht, um Bruno +in Amerika aufzusuchen, oder um ihren alten Wunsch wahrzumachen, sich +einer wandernden Schauspielertruppe anzuschließen. Denn dazu hatte sie +doch nun einmal das heiße Blut.« + +»Hatte sie dat?« warf der Mistkutscher hämisch dazwischen, während er +auf den Lotsen schielte -- »Hm, bist ein dummer Bengel.« + +»Wieso?« + +»Die Jahren -- die Jahren.« + +»Und fort is sie also nach Amerika?« schob oll Kusemann zweideutig ein. + +Ich begründete meine Ansicht damit, daß Hann und Line doch so schlecht +zueinander gepaßt hätten, weil sie ihm in allen Dingen zu sehr überlegen +gewesen. + +»Ach so,« nickte der Lotse mit den weißen Locken, und nachdem die beiden +wieder einen verständnisinnigen Blick getauscht, streichelte mir der +Kutscher ein bißchen herablassend übers Knie: »Na, schreibst du noch +immer Schriften?« kam's aus seinem lallenden Munde. + +»Zuweilen.« + +»Und kommen da auch Menschens vor?« + +»Freilich.« + +»Kuck,« schloß der Alte, schüttelte den Kopf, als wenn er etwas nicht +recht begriffe, und strich über den eisigen Zottelbart. -- »Na, +meinetwegen; aber nu sieh da mal grad'aus.« + +Ja, das war in der Tat ein befremdender Anblick. Statt der hölzernen +Notbrücke zwischen Moorluke und dem Nachbardorf dehnten sich jetzt ein +paar stattliche Steinbogen, und in der Mitte erhob sich ein schlankes +Balkengerüst, das einem Fallgatter derartig gestattete, auf und nieder +zu gleiten, daß die Meerschiffe ungehindert durch die Brücke in den +Hafen passieren konnten. + +Wir karrten hinüber. + +Vor dem Wärterhäuschen stand eine untersetzte Gestalt, um uns den +Brückenzoll abzunehmen. + +Auch eine neue Einrichtung. + +Der Mann hob das Haupt. Und da -- -- -- + +»Gott im Himmel!« rief ich verblüfft. + +»Bist du auch wieder einmal da?« sprach Hann mit schöner philosophischer +Ruhe, denn das ist der oberste Grundsatz der Gilde, zu der Hann gehörte, +sich durch nichts aus dem Text bringen zu lassen. »Wie geht's?« + +Aber ich konnte mich noch immer nicht von meiner Verwunderung erholen, +und so rief ich denn einmal über das andere von meinem Bock hinab: +»Menschenskind, nu sag' mal bloß, was machst du denn eigentlich hier?« + +»Ja,« sagte Hann in seiner erschöpfenden Weise, »ich nehm hier den +Leuten für einen guten Gedanken, den nich ich, sondern eine andere +gehabt hat, das Geld ab. Es macht für jeden von euch fünf Pfennig und +für den Wagen dreißig.« + +»So is es,« schoß oll Kusemann wehmütig dazwischen, wobei er ausspuckte. +»Und es is ein hübsches, ruhiges Geschäft, wobei er nich so mager wird, +wie gewisse andere Leute, sieh mal da -- --« + +Damit zeigte er nach der Stelle am Ufer, wo früher das unscheinbare +Häuschen der Klüths gestanden hatte, das in den Zeiten der Not an einen +Bartscherer verkauft worden war. + +Wie war das jetzt hübsch herausgeputzt, mit einem Anbau versehen und +hell angestrichen. + +»Das mußt du mir erzählen,« rief ich und sprang kurz entschlossen vom +Wagen, von dem nun auch oll Kusemann unter Ach und Weh +heruntergeklettert war. So blieb denn nur der alte Mistkutscher, den +Professor Asmus Zeit seines Lebens für einen Gott gehalten, auf seinem +Gefährt, und er nickte schlotternd vor sich hin, stierte geradeaus +zwischen den Köpfen seiner vier Pferde hindurch und ließ endlich die +Worte fallen: »Na, denn laß dir von Hann erzählen. 's is ein Mensch. Und +das is nich wenig. Und vielleicht wirst dir aus seinen Reden einen Vers +machen, wie es oft ganz anders kommt, als man so meint. Denn, Jünging, +die menschlichen Meinungens kommen auch in die Jahren und verfaulen, und +'s wär' gut, ich hätt' eine Menge von diese verfaulte Dinger all hier in +meinen Wagen. Na, aber nu werd' endlich klug.« + +Dies hervorkeuchend, trieb er seine Gäule über die Brücke und richtete +sich auf und schwang, weit ausholend, die Peitsche. + + -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- + -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- + +»Hüh!« + +Da saßen wir nun in Hanns Wärterhäuschen, das so eng und winzig war, daß +außer dem Brückenmann nur ich noch auf dem zweiten Holzstuhl Platz +nehmen konnte. + +Hinten durch das Guckfensterchen leuchtete wie ein grünes Feld mit +weißen Blumen die See, während unter unseren Füßen leise der Fluß +plätscherte. + +Das klang so wohltuend, heimlich und gemütlich. Dazu noch die blauen +Tabakswolken, die sich um oll Kusemann herumwiegten. Es war kein Wunder, +daß ich mich heimisch fühlte. + +»Ja,« sagte Hann, »so is es gekommen. Da is vor allen Dingen die Brücke, +über die du wohl hauptsächlich was in Erfahrung bringen willst. (Er +glaubte das wirklich.) Ja, sieh, an dem einen Pfeiler steht mit +Kupferbuchstaben geschrieben: >Erbaut vom Konsul Hollander 1897.< Und +das verhält sich wirklich so. Line hat es sich ausgedacht, und der Herr +Konsul hat es ausgeführt. Und das hing so zusammen. Du mußt nämlich +wissen, daß sie mir lange Zeit keine Ruhe ließ, ich hätte nich die +richtige Beschäftigung für mich, für den Fischfang wäre ich viel zu +langsam, ich ließ mir alle anderen zuvorkommen und noch viel so was +ähnliches Gutes. Und eines Tags, als wir beide hier grade über die alte +Notbrücke spazierten, an der ein Schiff lag, das wieder viel zu hoch +fürs Passieren war, sieh, da hatte sie mit einmal den Einfall mit der +Klappbrücke. Und sie beschrieb mir das alles, als ob der Bau schon hier +stände. Ganz deutlich. Ja, ja,« setzte er stolz hinzu, »wenn sie so +erzählt! -- Und dann ging ein Drängen los, und ein Vorstellen, und ein +Muteinreden, ich sollte gleich zu dem Konsul in die Stadt, um bei ihm +wegen der Brücke vorstellig zu werden. Na, lange Zeit, kannst du dir +wohl denken, hab' ich mich dagegen gewehrt; denn der Konsul war schon +oft bei mir draußen gewesen, immer mit einem anderen Vorschlag; einmal +wollt er mir einen kleinen Hochseekutter bauen, dann wieder eins ging es +um vier neue Zesnerboote, aber immer kam es auf Unterstützung heraus, +denn ihn mochte wohl das Geld drücken, das er damals von uns bekommen +hatte. Aber diesmal setzte Line es durch. Sie hörte nämlich eines Tages +auf zu lachen, und weil ich nun fürchtete, sie könnte am Ende wieder +krank werden, ging ich richtig zu Hollander hin. Das war ein schwerer +Gang,« fuhr Hann fort, während er sich den Schweiß abwischte, »aber +kuck, der Konsul wurde ordentlich lustig über meinen Vorschlag, und vier +Monate später, da saß ich schon als Pächter hier in dem Verschlag und +nahm den Leuten das Geld ab.« + +»Kesch -- kesch,« warf oll Kusemann ein, wobei er mir bedeutsam +zuzwinkerte und sich zugleich auf die Hosentaschen schlug, um mir das +Einträgliche von Hanns Geschäft anzudeuten. »Wie sagt doch das schöne +Sprichwort? >Ein kluges Weib, ein starkes Pferd -- ein treuer Hund sind +Goldes wert<.« -- + +»Ein kluges Weib?« wiederholte ich verblüfft. Mir wurde ganz wirr zu +Sinn. »Ja, du sprichst immerfort von der Brücke, aber die Hauptsache +erzählst du nicht, lebt denn Line noch in Moorluke?« + +Hann nickte. + +»Und -- und -- nimm mir's nicht übel, ihr seid doch nicht etwa -- --« + +»Nein, das nich,« wehrte Hann von sich ab und wurde blutrot. + +»Aber warum blieb sie dann hier? -- Weshalb ging sie nicht fort?« + +Hann starrte auf den Lotsen, dessen Gegenwart ihm bei diesem Gespräch +offenbar peinlich wurde, und erhob sich: »Ja, siehst du, das is die +Frag', die ich mir selbst jeden Tag vorleg. Aber komm,« fuhr er fort. +»Du sollst sie sehen, sie hat dich ja immer gern leiden mögen. Und +unterwegs erzähl' ich dir noch mehr.« + +Oll Kusemann wurde gebeten, in der Zwischenzeit Hanns Stelle +einzunehmen, wozu er sich gern bereit erklärte, und als Hann und ich +bereits über die Brücke schritten, rief der Lotse mir noch nach, daß ich +am nächsten Tage natürlich einen Löffel Suppe bei ihm essen müßte. + +»'s gibt Aale!« schrie er in einem Augenblick der Selbstvergessenheit, +während er triumphierend den regsamen leinenen Beutel schwang. »Alwining +kocht sie in Bier und Zwiebeln. Wat meinst du woll?« + + -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- + +Hann erzählte. + +Aber darüber kam er nicht fort, der grübelnde Mensch. Dieses Eine konnte +er sich nicht erklären. + +Den Brief. + +Sie hatte das Schreiben gelesen, damals, als sie so krank lag, und Hann +an ihrem Lager den Teufel überwand, da hatte sie gelesen und den Zettel +schweigend unter ihr Kissen geschoben. + +Hann wartete, aber sie entschied sich nicht. Sie sah ihn nur an, mit +einem Blick, der sprach: »Ich bin viel klüger als du«, und lächelte. + +Sie wurde gesund, so schnell, wie es keiner geglaubt hatte, sie begann +in dem Muchowschen Katen herumzugehen, zu singen, zu springen, ach, ganz +ebenso, wie es die kleine Line getan hatte. Und Hanns Herz tanzte mit. +Aber dann hämmerte dieses Herz wieder vor Angst, denn der Augenblick des +Scheidens mußte ja näherrücken, umso schneller, je kräftiger sich Line +fühlte. + +»Ach, wenn du wüßtest,« fuhr Hann fort, während wir an dem Fluß +dahinschritten, über den bereits Abendröte sich senkte, »wenn du +wüßtest, wie schwer mir damals war, wie ich jeden Tag zu mir sagte: Nun +mußt du bereit sein, Hann. Wenn du heut von der See nach Hause kommst, +dann wird sie nich mehr da sein, dann is sie dahin gegangen, wohin der +Brief sie haben wollte. Aber nichts -- sie wurde immer nur munterer, +allmählich begann sie auch bei den Muchows herumzuwirtschaften, sie nahm +alles in die Hand, auch das Kleinste. Siehst du das kleine Räucherhaus +da? Das wurde auch auf ihren Rat von Klaus Muchow und mir gebaut, damit +wir darin räuchern sollten. Das brachte schon etwas. Und als nun die +Sache mit der Brücke kam, da war Line ganz außer sich vor Freude. Sie +sang und sprang, sag' ich dir, Jünging, daß selbst Frau Fiek über sie +lachen mußte. Und nun hielt sie Pfennig bei Pfennig zusammen, und jeden +Abend, wenn wir vor der Tür saßen, dann kuckte sie auf unser altes +Häusing rüber, du weißt ja, das wir mal an Barbier Schultz verkauft +hatten, und dann sagte sie immer so bestimmt: >Nun noch so und so viele +Tage, denn kaufen wir's wieder.< Und siehst du, Jünging,« schloß Hann, +während er auf den nahen Bau wies, an dem sich zarte rote Kletterblumen +in die Höhe rankten, »auch darin hat sie recht behalten. Seit zwei +Jahren sitzen wir wieder hier. Kuck, der Seitenflügel is neu. Und die +Scheune. Denn du mußt wissen, Line will auch Landwirtschaft. Und der +große Kartoffelacker da hinten is seit vorigem Jahr angelegt.« + +Ein kleiner, flachshaariger Bursche, der etwa drei Jahre zählen mochte, +mit roten Pausbacken und schwarzen Augen, lief uns entgegen und +klammerte sich an Hanns Beine an. + +»N'abend, Hann,« sagte der Große. + +»Hann heißt er?« fragte ich. + +»Ja,« versetzte mein Führer ein wenig verlegen, »Line wollt es so haben. +Aber der wird was lernen,« setzte er stolz hinzu. »Er kann all das +kleine Einmaleins.« + +»Nimm's mir nicht übel, und du wohnst hier mit Line ganz allein?« + +Hann blieb stehen und holte tief Atem: »Was denkst du,« gab er zurück, +»die Muchows sind mit uns gezogen.« + +»Na, und was sagen die Moorluker dazu?« + +»Je,« versetzte Hann mit einer wegwerfenden Handdrehung, »woran sich die +Leut' hier gewöhnen, das finden sie auch recht.« + +»Ganz schön -- aber du selbst, Hann, machst du dir keine Gedanken? Wir +haben hier doch zusammen in derselben Dorfschule gesessen, Hann, deshalb +frage ich dich.« + +Da hob Hann sein Haupt, und als sein Blick auf das freundliche Haus +fiel, das in Abendröte wie eingebettet ruhte, da starrte er wieder zur +Erde und murmelte: »Erklären kann ich's mir nich, aber mir is immer, als +stellt' dies bloß einen lieben Traum vor, und es wäre noch nich Zeit zum +Aufwachen.« + +Ich nahm ihn unter den Arm. »Hör', Hann, das Leben bringt noch +Schöneres. Und du wirst bald aufwachen.« + + -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- + +Als der Mond jenseits des Flusses aufstieg und sein luftiges Hängenetz +über das Wasser spannte, als die Nachtvögel schwärmten und die Meerluft +um das Haus lispelte, da saßen wir drei schweigend auf der Bank neben +der Mauer. + +»Ist's hier nicht still?« unterbrach Line, die mir lieblicher denn je +erschien, die Ruhe. + +Wortlos mußte ich nicken. + +»Ja,« sagte sie, »das hab' ich nach Hanns Vorbild gelernt. Es ist nicht +gut, wenn unsere Wünsche so wild in die Weite irren. Bescheidenheit, +Friede und Tätigkeit, das weiß ich jetzt, mehr soll der Mensch nicht +erstreben.« + +Aber Hann schüttelte das Haupt. + +»Ne, Lining, so is das nich. Ich hab' viel über das Glück nachgedacht, +aber es is alles falsch gewesen.« Er wandte sich zu mir. »Erinnerst du +dich noch, Jünging, wovon wir nachmittag sprachen? -- Jetzt weiß ich ganz +genau, ohne was ein Mensch gar nich leben kann. Weißt du, was das is? +Das is so ein schöner Traum -- und so 'ne schöne Hoffnung. Das is das +Allerglücklichste und Allerhöchste!« + +»Das ist es,« wollte ich eben erwidern, da sah ich, wie Line lächelnd +über Hanns Wange streichelte, dabei flüsternd: »Ist er nun ein lieber, +dummer Mensch? Oder ist er am Ende gar ein Philosoph?« + +Da wußte ich, daß dicht über Hann selbst die Hoffnung schwebe. + + -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- + +Dies ist die Geschichte von Hann Klüth. + +Sie ist nicht kunstmäßig mit einem Ende versehen, denn sie ist wahr, und +das Leben dichtet »ohne Ende«. + + +FUSSNOTEN: + +[1] Märchen. + +[2] Wartet, ihr Mädel, wollt ihr wohl nach Hause? + +[3] Hier vorbei -- hier vorbei, ich fresse euch auf. + +[4] Mutter, Mutter, zu Hilfe. + +[5] Wartet, ich werde euch helfen. + +[6] Zu Hilfe -- zu Hilfe! + +[7] »Kuck,« sagte der Donner-Alte, »wie gut ich alter Mann noch bei +Kräften bin. Aber nun komm, Alte, nun wollen wir einmal einen recht +schönen Schottischen tanzen.« + +[8] Abkürzung von Sophie. + +[9] Stiefelwichse. + +[10] Eierkuchen. + +[11] Als der Teufel. + +[12] Nein, Bräutigam bin ich nicht gerade. Als ich fortfuhr, war sie +erst fünfzehn. + + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Hann Klüth, by Georg Engel + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK HANN KLÜTH *** + +***** This file should be named 38502-8.txt or 38502-8.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + https://www.gutenberg.org/3/8/5/0/38502/ + +Produced by Norbert H. Langkau, Andrea Hofmann, Rory OConor +and the Online Distributed Proofreading Team at +https://www.pgdp.net + + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. Special rules, +set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to +copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to +protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. Project +Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you +charge for the eBooks, unless you receive specific permission. If you +do not charge anything for copies of this eBook, complying with the +rules is very easy. You may use this eBook for nearly any purpose +such as creation of derivative works, reports, performances and +research. They may be modified and printed and given away--you may do +practically ANYTHING with public domain eBooks. Redistribution is +subject to the trademark license, especially commercial +redistribution. + + + +*** START: FULL LICENSE *** + +THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE +PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK + +To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free +distribution of electronic works, by using or distributing this work +(or any other work associated in any way with the phrase "Project +Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full Project +Gutenberg-tm License (available with this file or online at +https://gutenberg.org/license). + + +Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project Gutenberg-tm +electronic works + +1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm +electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to +and accept all the terms of this license and intellectual property +(trademark/copyright) agreement. If you do not agree to abide by all +the terms of this agreement, you must cease using and return or destroy +all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your possession. +If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a Project +Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound by the +terms of this agreement, you may obtain a refund from the person or +entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph 1.E.8. + +1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be +used on or associated in any way with an electronic work by people who +agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few +things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works +even without complying with the full terms of this agreement. See +paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project +Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement +and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic +works. See paragraph 1.E below. + +1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation" +or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project +Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the +collection are in the public domain in the United States. If an +individual work is in the public domain in the United States and you are +located in the United States, we do not claim a right to prevent you from +copying, distributing, performing, displaying or creating derivative +works based on the work as long as all references to Project Gutenberg +are removed. Of course, we hope that you will support the Project +Gutenberg-tm mission of promoting free access to electronic works by +freely sharing Project Gutenberg-tm works in compliance with the terms of +this agreement for keeping the Project Gutenberg-tm name associated with +the work. You can easily comply with the terms of this agreement by +keeping this work in the same format with its attached full Project +Gutenberg-tm License when you share it without charge with others. + +1.D. The copyright laws of the place where you are located also govern +what you can do with this work. Copyright laws in most countries are in +a constant state of change. If you are outside the United States, check +the laws of your country in addition to the terms of this agreement +before downloading, copying, displaying, performing, distributing or +creating derivative works based on this work or any other Project +Gutenberg-tm work. The Foundation makes no representations concerning +the copyright status of any work in any country outside the United +States. + +1.E. Unless you have removed all references to Project Gutenberg: + +1.E.1. The following sentence, with active links to, or other immediate +access to, the full Project Gutenberg-tm License must appear prominently +whenever any copy of a Project Gutenberg-tm work (any work on which the +phrase "Project Gutenberg" appears, or with which the phrase "Project +Gutenberg" is associated) is accessed, displayed, performed, viewed, +copied or distributed: + +This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with +almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + +1.E.2. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is derived +from the public domain (does not contain a notice indicating that it is +posted with permission of the copyright holder), the work can be copied +and distributed to anyone in the United States without paying any fees +or charges. If you are redistributing or providing access to a work +with the phrase "Project Gutenberg" associated with or appearing on the +work, you must comply either with the requirements of paragraphs 1.E.1 +through 1.E.7 or obtain permission for the use of the work and the +Project Gutenberg-tm trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or +1.E.9. + +1.E.3. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is posted +with the permission of the copyright holder, your use and distribution +must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any additional +terms imposed by the copyright holder. Additional terms will be linked +to the Project Gutenberg-tm License for all works posted with the +permission of the copyright holder found at the beginning of this work. + +1.E.4. Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg-tm +License terms from this work, or any files containing a part of this +work or any other work associated with Project Gutenberg-tm. + +1.E.5. Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this +electronic work, or any part of this electronic work, without +prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with +active links or immediate access to the full terms of the Project +Gutenberg-tm License. + +1.E.6. You may convert to and distribute this work in any binary, +compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including any +word processing or hypertext form. However, if you provide access to or +distribute copies of a Project Gutenberg-tm work in a format other than +"Plain Vanilla ASCII" or other format used in the official version +posted on the official Project Gutenberg-tm web site (www.gutenberg.org), +you must, at no additional cost, fee or expense to the user, provide a +copy, a means of exporting a copy, or a means of obtaining a copy upon +request, of the work in its original "Plain Vanilla ASCII" or other +form. Any alternate format must include the full Project Gutenberg-tm +License as specified in paragraph 1.E.1. + +1.E.7. Do not charge a fee for access to, viewing, displaying, +performing, copying or distributing any Project Gutenberg-tm works +unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9. + +1.E.8. You may charge a reasonable fee for copies of or providing +access to or distributing Project Gutenberg-tm electronic works provided +that + +- You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from + the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method + you already use to calculate your applicable taxes. The fee is + owed to the owner of the Project Gutenberg-tm trademark, but he + has agreed to donate royalties under this paragraph to the + Project Gutenberg Literary Archive Foundation. Royalty payments + must be paid within 60 days following each date on which you + prepare (or are legally required to prepare) your periodic tax + returns. Royalty payments should be clearly marked as such and + sent to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation at the + address specified in Section 4, "Information about donations to + the Project Gutenberg Literary Archive Foundation." + +- You provide a full refund of any money paid by a user who notifies + you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he + does not agree to the terms of the full Project Gutenberg-tm + License. You must require such a user to return or + destroy all copies of the works possessed in a physical medium + and discontinue all use of and all access to other copies of + Project Gutenberg-tm works. + +- You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of any + money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the + electronic work is discovered and reported to you within 90 days + of receipt of the work. + +- You comply with all other terms of this agreement for free + distribution of Project Gutenberg-tm works. + +1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project Gutenberg-tm +electronic work or group of works on different terms than are set +forth in this agreement, you must obtain permission in writing from +both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael +Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark. Contact the +Foundation as set forth in Section 3 below. + +1.F. + +1.F.1. Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable +effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread +public domain works in creating the Project Gutenberg-tm +collection. Despite these efforts, Project Gutenberg-tm electronic +works, and the medium on which they may be stored, may contain +"Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate or +corrupt data, transcription errors, a copyright or other intellectual +property infringement, a defective or damaged disk or other medium, a +computer virus, or computer codes that damage or cannot be read by +your equipment. + +1.F.2. LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES - Except for the "Right +of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project +Gutenberg-tm trademark, and any other party distributing a Project +Gutenberg-tm electronic work under this agreement, disclaim all +liability to you for damages, costs and expenses, including legal +fees. YOU AGREE THAT YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT +LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE +PROVIDED IN PARAGRAPH 1.F.3. YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE +TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE +LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR +INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH +DAMAGE. + +1.F.3. LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND - If you discover a +defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can +receive a refund of the money (if any) you paid for it by sending a +written explanation to the person you received the work from. If you +received the work on a physical medium, you must return the medium with +your written explanation. The person or entity that provided you with +the defective work may elect to provide a replacement copy in lieu of a +refund. If you received the work electronically, the person or entity +providing it to you may choose to give you a second opportunity to +receive the work electronically in lieu of a refund. If the second copy +is also defective, you may demand a refund in writing without further +opportunities to fix the problem. + +1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth +in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS' WITH NO OTHER +WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO +WARRANTIES OF MERCHANTIBILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE. + +1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied +warranties or the exclusion or limitation of certain types of damages. +If any disclaimer or limitation set forth in this agreement violates the +law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be +interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by +the applicable state law. The invalidity or unenforceability of any +provision of this agreement shall not void the remaining provisions. + +1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the +trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone +providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in accordance +with this agreement, and any volunteers associated with the production, +promotion and distribution of Project Gutenberg-tm electronic works, +harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees, +that arise directly or indirectly from any of the following which you do +or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm +work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any +Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause. + + +Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm + +Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of +electronic works in formats readable by the widest variety of computers +including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists +because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from +people in all walks of life. + +Volunteers and financial support to provide volunteers with the +assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's +goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will +remain freely available for generations to come. In 2001, the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure +and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations. +To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation +and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 +and the Foundation web page at https://www.pglaf.org. + + +Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive +Foundation + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit +501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the +state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal +Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification +number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at +https://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent +permitted by U.S. federal laws and your state's laws. + +The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S. +Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered +throughout numerous locations. Its business office is located at +809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email +business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact +information can be found at the Foundation's web site and official +page at https://pglaf.org + +For additional contact information: + Dr. Gregory B. Newby + Chief Executive and Director + gbnewby@pglaf.org + + +Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation + +Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide +spread public support and donations to carry out its mission of +increasing the number of public domain and licensed works that can be +freely distributed in machine readable form accessible by the widest +array of equipment including outdated equipment. Many small donations +($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt +status with the IRS. + +The Foundation is committed to complying with the laws regulating +charities and charitable donations in all 50 states of the United +States. Compliance requirements are not uniform and it takes a +considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up +with these requirements. We do not solicit donations in locations +where we have not received written confirmation of compliance. To +SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any +particular state visit https://pglaf.org + +While we cannot and do not solicit contributions from states where we +have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition +against accepting unsolicited donations from donors in such states who +approach us with offers to donate. + +International donations are gratefully accepted, but we cannot make +any statements concerning tax treatment of donations received from +outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff. + +Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation +methods and addresses. Donations are accepted in a number of other +ways including including checks, online payments and credit card +donations. To donate, please visit: https://pglaf.org/donate + + +Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic +works. + +Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm +concept of a library of electronic works that could be freely shared +with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project +Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support. + + +Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed +editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S. +unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily +keep eBooks in compliance with any particular paper edition. + + +Most people start at our Web site which has the main PG search facility: + + https://www.gutenberg.org + +This Web site includes information about Project Gutenberg-tm, +including how to make donations to the Project Gutenberg Literary +Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to +subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks. diff --git a/38502-8.zip b/38502-8.zip Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..69cb494 --- /dev/null +++ b/38502-8.zip diff --git a/38502-h.zip b/38502-h.zip Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..af481b7 --- /dev/null +++ b/38502-h.zip diff --git a/38502-h/38502-h.htm b/38502-h/38502-h.htm new file mode 100644 index 0000000..d9d4b02 --- /dev/null +++ b/38502-h/38502-h.htm @@ -0,0 +1,14693 @@ +<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD XHTML 1.0 Strict//EN" + "http://www.w3.org/TR/xhtml1/DTD/xhtml1-strict.dtd"> +<html xmlns="http://www.w3.org/1999/xhtml" xml:lang="de" lang="de"> + <head> + <meta http-equiv="Content-Type" content="text/html;charset=iso-8859-1" /> + <meta http-equiv="Content-Style-Type" content="text/css" /> + <title> + Hann Klüth, by Georg Engel -- a Project Gutenberg eBook. + </title> + <link rel="coverpage" href="images/cover.jpg" /> + <style type="text/css"> + +body { + margin-left: 10%; + margin-right: 10%; +} + + h1,h2,h3 { + text-align: center; /* all headings centered */ + clear: both; +} + +p { + margin-top: .75em; + text-align: justify; + margin-bottom: .75em; +} + +.p4 {margin-top: 4em;} +.p6 {margin-top: 6em;} + +hr { + width: 33%; + margin-top: 2em; + margin-bottom: 2em; + margin-left: auto; + margin-right: auto; + clear: both; +} + +hr.chap {width: 65%} + +.pagenum { + /* visibility: hidden; */ + position: absolute; + display: inline; + right: 3%; + font-size: x-small; + text-align: right; + color: #808080; + font-style: normal; + border: 1px solid silver; + padding: 1px 4px 1px 4px; + font-variant: normal; + font-weight: normal; + text-decoration: none; + text-indent: 0em; + } + + +.center {text-align: center;} + +/* Images */ +.figcenter { + margin: auto; + text-align: center; +} + +/* Footnotes */ +.footnotes {border: dashed 1px; + background-color: #EEE; + padding: 0 1em 1em 1em; +} + +.footnote {margin-left: 10%; margin-right: 10%; font-size: 0.9em;} + +.footnote .label {position: absolute; right: 84%; text-align: right;} + +.fnanchor { + vertical-align: super; + font-size: .8em; + text-decoration: + none; +} + +/* Poetry */ +.poem { + margin-left:10%; + margin-right:10%; + text-align: left; +} + +.poem .stanza {margin: 1em 0em 1em 0em;} + +.poem span.i0 { + display: block; + margin-left: 0em; + padding-left: 3em; + text-indent: -3em; +} + + </style> + </head> +<body> + + +<pre> + +The Project Gutenberg EBook of Hann Klüth, by Georg Engel + +This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with +almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + +Title: Hann Klüth + +Author: Georg Engel + +Release Date: January 6, 2012 [EBook #38502] + +Language: German + +Character set encoding: ISO-8859-1 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK HANN KLÜTH *** + + + + +Produced by Norbert H. Langkau, Andrea Hofmann, Rory OConor +and the Online Distributed Proofreading Team at +https://www.pgdp.net + + + + + + +</pre> + + +<div class="figcenter" style="width: 400px;"> +<img src="images/cover.jpg" width="400" height="643" alt="Frontspiece" /> +</div> + + +<h3>Georg Engel</h3> + +<h1>Hann Klüth</h1> + +<p class="center">Roman</p> + +<p class="center">Mit 24 Zeichnungen von<br /> +O.H. Engel</p> + +<p class="center">Deutsche Buch-Gemeinschaft<br /> +G.m.b.H.<br /> +Berlin</p> + +<p class="center p6">Nachdruck verboten.</p> + +<p class="center">Alle Rechte, insbesondere das der Übersetzung, vorbehalten<br /> +Copyright 1910 by Grethlein & Co. G.m.b.H. in Leipzig +</p> + + +<h2 class="p4">Inhalt.</h2> +<p class="center"> +<a href="#Erstes_Buch">Erstes Buch</a><br /> +<a href="#Zweites_Buch">Zweites Buch</a><br /> +<a href="#Drittes_Buch">Drittes Buch</a> +</p> + + + +<h3><a name="Meiner_Vaterstadt_Greifswald" id="Meiner_Vaterstadt_Greifswald"></a>Meiner Vaterstadt Greifswald</h3> + + +<div class="poem"><div class="stanza"> +<span class="i0">Du liebe Alte, hoch am Meer,<br /></span> +<span class="i0">Mit blauen Augen, weißen Haaren,<br /></span> +<span class="i0">Wann wird mir wohl die Wiederkehr<br /></span> +<span class="i0">Nach all den langen Wanderjahren?<br /></span> +</div><div class="stanza"> +<span class="i0">Wann wirst du mir den Schemel rücken<br /></span> +<span class="i0">Und sprechen: »Jünging, ruh di ut«?<br /></span> +<span class="i0">Wann werd' ich leis die Hand dir drücken<br /></span> +<span class="i0">Und fragen: »Mudding, büst mi gut?«<br /></span> +</div><div class="stanza"> +<span class="i0">Vielleicht bin ich schon siech und grau,<br /></span> +<span class="i0">Bevor der Weg zu dir durchmessen.<br /></span> +<span class="i0">Du liebe, gute, alte Frau,<br /></span> +<span class="i0">Vergiß mich nicht, ich werd' dich nie vergessen.<br /></span> +</div></div> + +<hr class="chap" /> + + +<h2 class="p6"><a name="Erstes_Buch" id="Erstes_Buch"></a>Erstes Buch<br /> + +Moorluke</h2><p><span class="pagenum"><a name="Page_9" id="Page_9">9</a></span></p> + +<hr class="chap" /> + +<h3>I</h3> + + +<p>»Mudding,« sagte der Kranke, »ich seh sie ganz deutlich. Es sind zwölf +schwarze Käfer, die da auf dem Zifferblatt von der alten Uhr im Kreis +laufen.«</p> + +<p>»Ne, ne,« entgegnete die kleine Frau, und in ihre Stimme kam ein Stocken +und Zittern, während sie nichtsdestoweniger unablässig an dem großen, +grauen Strumpf, der schon fast bis auf die Erde herabhing, +weiterstrickte. »Das is man dein Fieber. Und wenn das Fieber +wiederkommt, sagte heut der Doktor, dann steht es schlimm.«</p> + +<p>»Das kann sein,« meinte der Lotse Krischan Klüth, und das Reißen krümmte +ihn in den rot und weiß gewürfelten Kissen noch etwas mehr zusammen. +»Aber ich hab' die Käfers gezählt — hör', und nu brummt einer.«</p> + +<p>An der schmalen Kastenuhr in der Ecke sank ein Gewicht. Es rollte dumpf.</p> + +<p>»Sechs,« zählte die kleine Frau Klüth. Dann seufzte sie tief auf. »Ich +soll wohl nun Licht anmachen?«</p> + +<p>»Ja, ja, Mudding, es muß doch hell sein, wenn er kommt.«</p> + +<p>»Ja, wenn er es tut,« meinte Frau Klüth bedenklich. »Denn sobald man ihn +nich höflich einladet, dann kommt er nich.«</p> + +<p>Von der roten Birkenkommode flackerte ein Talglicht auf. Der Kranke +rückte sich in dem trüben Schein etwas höher im Bett zurecht und warf +zuvörderst einen mißtrauischen Blick auf das Zifferblatt. Dann strich er +beruhigter über die Decke. »Ja, ja — nu kriechen die verfluchtigen +Biester nich mehr. Es is doch gut, wenn es hell is. — Mudding, halt mir +das Licht dicht an die Finger. Mir is kalt. — So — sieh eins, wie dünn +sie geworden sünd.«</p><p><span class="pagenum"><a name="Page_10" id="Page_10">10</a></span></p> + +<p>Er wurde wieder ungeduldig und schlug auf den Bettrand.</p> + +<p>»Siehst du das Boot noch immer nicht?«</p> + +<p>Die Frau trat an das kleine quadratförmige Fenster, das auf den Bodden +hinausging, und schüttelte den Kopf.</p> + +<p>Da draußen war nichts als leere, graue Fläche. Hinter ihr schrie der +Lotse plötzlich auf. Die tollen Schmerzen würgten ihn bereits im Halse.</p> + +<p>»Mudding,« gellte der Kranke.</p> + +<p>»Lieber Gott — lieber Gott,« murmelte die hilflose Frau, ohne sich +umzuwenden, und faltete die Hände. »Was soll man da tun?«</p> + +<p>Dann wurde es wieder still. Die Uhr knarrte laut und deutlich ihren +Schlag.</p> + +<p>Inzwischen hatte der alte Klüth nach dem Stuhl gelangt, auf dem ein +Stück gedrehten schwarzen Priems und ein Taschenmesser lagen. Rasch und +heimlich schnitt er ein großes Stück ab und schob es in den Mund.</p> + +<p>Doch die Frau, obwohl sie noch immer abgekehrt über die See spähte, +hatte es gemerkt, als wenn sie auch im Rücken Augen besäße. »Das darfst +du nicht,« verwies sie matt.</p> + +<p>Doch ohne darauf zu achten, kaute der Lotse eine Zeitlang begierig +weiter, dann spie er den Tabak wieder aus und schüttelte so mutlos das +Haupt, daß die schweißnassen grauweißen Locken ihm struwlig über die +Stirn fielen. — »Ne, Mudding,« stöhnte er und sank zusammen — »es wird +nichts mehr. Fünfzig Jahre hab ich ihm nu gekaut. Und seit vier Tagen +will's nich mehr — kuck' — das is ein Zeichen vom lieben Gott.«</p> + +<p>»Ja, ja, was wollt's nich?« nickte die kleine, ältliche Frau und faltete +wieder zerknirscht die Hände. Darauf strickte sie, wie erschreckt, an +dem grauen Strumpf weiter.</p> + +<p class="center"><sup>*</sup> <sub>*</sub> <sup>*</sup></p> + +<p>Dicht unter den Fenstern des Lotsenhäuschens lag zur selben Zeit eine +kleine Jacht am Bollwerk angeschlossen. Sie war von oben<span class="pagenum"><a name="Page_11" id="Page_11">11</a></span> bis unten mit +Kartoffeln beladen und gehörte Johann Christian Petersen. Wenigstens +stand sein Name in goldenen Buchstaben vorne an der Schiffswand. Aber +der eigentliche Kapitän des Fahrzeuges war Frau Dörthe Petersen, die +eben in ihrer Küchenkajüte einen Eierkuchen gebacken hatte und nun von +der Steuerbordseite aus der kleinen Line, die am Bollwerk stand, ein +großes Stück heraufreichte.</p> + +<p>In der bloßen Hand. Aber das schadete nichts.</p> + +<p>»Nu iß, mein Döchting,« sagte die starkknochige Frau, die mit nackten +Füßen und hochaufgeschürzt herumging, denn aus dem kleinen Schiff wurden +von zwei halberwachsenen, strohblonden Söhnen der Frau Dörthe +ununterbrochen Kartoffeln über das Landungsbrett gekarrt und draußen in +Säcke gefüllt. Wenn es zu langsam ging, dann sprang Frau Dörthe selbst +entschlossen hinzu, um ihren beiden Sprossen je einen +freundlich-aufmunternden Puff unter die Rippen zu versetzen.</p> + +<p>»Au, Mudding, das tut jo weh!«</p> + +<p>»Das soll es ja auch. — Man immer zu.«</p> + +<p>Und das Karren ging weiter.</p> + +<p>So hielt sie alles im Gang. Nur ihr Mann hockte in einem braunen, +fellartigen Anzug auf dem Kajütendach und spielte, ohne sich um etwas zu +kümmern, die Handharmonika.</p> + +<p>Eine andere Beschäftigung hatte nie einer bei ihm wahrgenommen, und man +verlangte sie auch nicht. Denn bei der großen Flut war ihm bei einer +Rettungsarbeit ein Balken auf den Kopf gestürzt und hatte ihm den klaren +Verstand eingeschlagen. Frau Dörthe aber, obwohl sie ihn erst nach +dieser Zeit geheiratet hatte, war dennoch felsenfest überzeugt, daß +Malljohann, wie er in Moorluke genannt wurde, ein tiefsinniges und +nachdenkliches Haupt und auf dem Gebiete der Handharmonika ganz +einzigartig dastehe.</p> + +<p>Malljohann saß und spielte —</p> + +<div class="poem"><div class="stanza"> +<span class="i0">»Judemädel, wasch dich, kämm dich, putz dich schön,<br /></span> +<span class="i0">Denn wir woll'n zum Tanze geh'n.«<br /></span> +<span class="pagenum"><a name="Page_12" id="Page_12">12</a></span></div></div> + +<p>Der Walzer, von der Harmonika mit Glockenspiel vorgetragen, klang laut +und scharf über den stillen Fluß und mußte auch in die Krankenstube +hinaufdringen. Von oben antwortete auch sogleich ein schriller, +ächzender Wehlaut.</p> + +<p>»Hörst du?« begann Frau Dörthe zu Line, während sie vielsagend die +Achseln zuckte: »Da stirbt nu dein Vater. — Ja, so is es in der Welt. +— Willst du noch'n Stück Eierkuchen, min Döchting?«</p> + +<p>Line empfand noch Appetit. Sie hatte sich auf das wurmstichige braune +Bollwerk gesetzt und schaukelte mit den nackten, weißen Beinchen +zwischen Schiff und Holzwand nachlässig hin und her.</p> + +<p>Für ein vierzehnjähriges Kind war sie auffällig zierlich und biegsam +gewachsen.</p> + +<p>Plötzlich hob sie das schwarze Haupt mit den merkwürdig blitzenden Augen +und sagte bestimmt, auf das kleine Fenster des Lotsenhauses deutend: +»Das is nich mein Vater.«</p> + +<p>»Wer denn?« fragte Frau Dörthe gespannt, obwohl sie ganz gut wußte, daß +die Kleine recht hatte.</p> + +<p>»Das is man bloß mein Pflegevater,« antwortete Line kauend, »mein +richtiger ist der Klabautermann.«</p> + +<p>»Huch,« schrie die Schifferfrau entsetzt auf und schielte zu Malljohann +empor, ob er das Kind auch ordentlich verstanden hätte. — »Huching — +Jochen, hast gehört? — Lütting, oh, wer ist denn der Klabautermann?«</p> + +<p>Der tapfere weibliche Kapitän war ordentlich scheu zurückgewichen.</p> + +<p>»Der Klabautermann?«</p> + +<p>»Je.« — Die Kleine schaukelte wieder ein bißchen mit den nackten +Beinen, dann gab sie so fest zurück, wie sie etwa in der Schule eine +Antwort deklamierte: »Je, der Klabautermann is ein Wasserzwerg.«</p> + +<p>»Und von so einem bist du die Tochter?«</p> + +<p>»Ja, so is es,« beharrte Line ernsthaft, und wischte sich die +Kuchenhände an ihrer Schürze ab.</p><p><span class="pagenum"><a name="Page_13" id="Page_13">13</a></span></p> + +<p>»O jeh — o jeh,« schrie Frau Dörthe und schlug entsetzt ihre Fäuste +zusammen. Und die Söhne hielten mit ihren Karren still. Und Malljohann +endete das »Judenmädel« mit einem schrillen Wehlaut — und zog sein +glattrasiertes Gesicht in hundert Falten — und alle starrten sie auf +Line hin.</p> + +<p>»Aber du liebe Güte, wer hat dir denn so was eingeredet?« stotterte +endlich Frau Dörthe.</p> + +<p>Allein, Line befand sich zu sehr in ihrem Recht.</p> + +<p>»Das hat mich oll Kusemann erzählt,« brachte sie rasch hervor und stand +beleidigt auf, »und Hann hat es auch gesagt.«</p> + +<p>»Oll Kusemann?« wiederholte Frau Dörthe nun ehrlich empört und dabei ein +wenig triumphierend — »Jochen, hast's woll gehört? — Das is ja der oll +Lügenlotse hier. — Und Hann? Hann is weiter nichts als ein Dummkopf.«</p> + +<p>»Ja, dumm is er man,« pflichtete Line bei. Dann verzog sie das +kirschrote Mündchen zu einem spitzbübischen Lächeln.</p> + +<p>Da wurde das Idyll häßlich unterbrochen.</p> + +<p>Im gleichen Moment vernahmen alle auf dem Schiff so namenloses, tobendes +Geheul aus dem Krankenzimmer herabschrillen, daß alle zusammenschreckten +und verlegen auf die Planken sahen.</p> + +<p>Als sie wieder aufblickten, lag Line lang auf dem harten Uferboden +ausgestreckt, die Stirn auf kleinen Kieselsteinen, und wühlte mit den +Fingern in Gras und Erde herum.</p> + +<p>»Was machst du da?«</p> + +<p>»Er soll nich sterben! — soll nich sterben,« raste die Kleine in +wütendem Trotz und schleuderte allerlei Steine von sich. — »Wozu muß +denn gerade er sterben? — Kann es nich Hann sein?«</p> + +<p>Die Kapitänin sah wieder zu ihrem Gatten empor. Der aber hatte das Kinn +auf die Harmonika gelehnt und schien nachzudenken.</p> + +<p>»Lütting, du mußt zu dem lieben Gott bitten,« entschied die Frau endlich +überzeugt und nickte dreimal sehr stark mit dem Kopf. »Das ist das +einzigste Mittel.«</p> + +<p>Aber bei Line verfing es nicht. Immer erregter schlug sie auf das<span class="pagenum"><a name="Page_14" id="Page_14">14</a></span> +Bollwerk und schluckte vor Wut und Tränen: »Das hab ich alles schon +versucht. Aber es hat mir nichts genützt. Vielleicht weil ich gar nich +sein richtiges Kind bin,« setzte sie hinzu, »wie die andern. Ich heiß ja +auch nich Line. Ich heiß ja Aline. Und draußen auf dem Bodden, da haben +sie mich gefunden.«</p> + +<p>Damit erhob sie sich auf den nackten Knien und zeigte auf die graue +Wasserfläche der See hinaus, als ob sie dort draußen etwas Schreckliches +und Merkwürdiges zugleich erspähe.</p> + +<p>Seltsam, wie sich dabei die Augen des Kindes veränderten. Etwas Wildes, +Dunkelleuchtendes flackerte darin auf. Es war jetzt bereits klar, daß in +diesem kleinen Wesen die Phantasie mächtig schaffe und wirke.</p> + +<p>Unvermittelt fuhr sie empor.</p> + +<p>»Malljohann,« schrie sie zu dem Fellbraunen hinauf: »Spiel wieder — ich +will eins tanzen.«</p> + +<p>»Was? Jochen, untersteh dich,« — rief Frau Dörthe fassungslos dagegen, +»pfui, was für ein Gör — ihr Vater stirbt da oben, und dann will sie so +was!«</p> + +<p>»Doch, doch, wenn der liebe Gott mir nicht hilft, dann tanz ich,« schrie +Line noch einmal und wirbelte bereits, wie zum Hohn, auf einem Fuße +herum.</p> + +<p>Und dann geschah etwas Unvorhergesehenes!</p> + +<p>Malljohann ließ plötzlich mit aller Macht den unterbrochenen Walzer +ausklingen. Die Glöcklein klirrten, die Pfeifen brausten, und die Kleine +begann sich graziös und sicher herumzudrehen, bis ihr rotes Röckchen um +die nackten Beine flatterte und die beiden Schifferjungen begehrlich zu +ihr hinüberglotzten. Und immer, wenn sie sich zur Kapitänin wandte, +streckte sie drollig die Zunge heraus.</p> + +<p>»Jochen, willst du woll?« tobte diese noch einmal kirschbraun vor Zorn.</p> + +<p>Aber der Mann auf dem Kajütendach winkte mit dem Kopf zu Line herüber, +und aus dem sonst so schweigsamen Munde brach ein merkwürdiges Knastern: +»Gurr — gurr — Klabautermann.«</p><p><span class="pagenum"><a name="Page_15" id="Page_15">15</a></span></p> + +<p>Da erschrak Frau Dörthe und schwieg. Jetzt wußte sie es. Jochen hatte +sich ebenfalls für den Seezwerg entschieden. Und Jochen war ein tiefer +und gründlicher Geist.</p> + +<p>Und mit heimlichem Schauder sah sie mit an, wie Line sich röter und +immer röter tanzte, gerade unter dem Fenster des gequälten, +hinsterbenden Lotsen, der von Zeit zu Zeit dazwischenheulte.</p><hr class="chap" /><p><span class="pagenum"><a name="Page_16" id="Page_16">16</a></span></p> + + + + +<h3>II</h3> + + +<p>Der Erwartete war gekommen.</p> + +<p>Hann hatte ihn mit der roten Jolle von der Landzunge herübergeholt.</p> + +<p>Es war der Schäfer von Ludwigsburg. Ein Heilkünstler, gegen den alle +Professoren drin von der kleinen Universität zu lächerlichen Pfuschern +herabsanken.</p> + +<p>Ein Mann im Besitz wunderbarer Naturkräfte und dabei von wirklich +frommer Gesinnung.</p> + +<p>Menschen- und Tierarzt zugleich, der durch ein getragenes, feierliches +Schweigen überall, wo er erschien, eine direkt priesterliche Stimmung +erzeugte.</p> + +<p>Dieser war oben.</p> + +<p>Unten zu ebener Erde, dicht neben der Treppe, die zu dem Schlafzimmer +hinaufführte, in einem kahlen Raum, der wie mit Waschblau gefärbt +schien, warteten inzwischen die beiden ältesten Söhne des Lotsen, +während Line auf der untersten Stufe der Treppe saß und gedankenvoll auf +das leise Murmeln lauschte, das seit einiger Zeit aus der Krankenstube +herunterquoll.</p> + +<p>Sie stützte den Kopf auf und schüttelte sich leicht wie im frostigen +Winde.</p> + +<div class="figcenter" style="width: 400px;"> +<img src="images/oppos_016.jpg" width="400" height="562" alt="Illustration" /> +</div> + +<p>Dort oben trieb der Zauberer nun sein Wesen, denn hexen konnte er, daran +zweifelte Line nicht einen Augenblick. Der Lügenlotse, oll Kusemann, +hatte ihr ja auch erst neulich in seinem Wetterhäuschen an der See +erzählt, wie Schäfer Sturm vor einiger Zeit kurz vor Mitternacht auf dem +Moorluker Kirchhof aufgetaucht und dort zwischen allerlei Kreuzen +suchend auf- und abgeschritten sei. Vor dem Grabe eines längst +verstorbenen Fischers wäre er dann <span class="pagenum"><a name="Page_17" id="Page_17">17</a></span>stehen geblieben und hätte einen +Zettel auf dessen Hügel gelegt. — Einen Zettel. — »Denk' bloß, Lineken, +einen Zettel mit wunderbaren Buchstaben beschrieben.« Der Tote aber sei +der alte Glückspeter gewesen, der, solange er lebte, den unheimlichen +Fischzug besessen und stets sein Netz mit Hunderten von Heringen ans +Tageslicht gefördert habe. — Und richtig — Line zuckte in der +Erinnerung förmlich in die Höhe und starrte mit weitgeöffneten Augen vor +sich hin — als die Kirchhofsuhr Mitternacht schlug, da habe sich das +Grab mit einem Schlag geöffnet und —</p> + +<p>Oben ächzte die Tür und fiel schallend wieder ins Schloß.</p> + +<p>»Tu mir nichts,« rief Line halblaut in ihrem Traum und streckte die +Hände aus.</p> + +<p>Aber es war kein Gespenst, das da die Treppe herunterwehte, sondern Hann +polterte herab und stieß mit seinem schweren Stiefel gegen ihren Rücken.</p> + +<p>»Au — dummer Junge — nimm dich doch in acht!«</p> + +<p>»O Lining, ich wollt ja nich — ich soll bloß — —« damit fiel der +fünfzehnjährige, gedrungene Bursche bereits in den lichtblauen Raum +hinein und hob vor seinem ältesten Bruder ordentlich bittend die Hände +in die Höhe.</p> + +<p>»Was willst du, Hann?«</p> + +<p>»O Paul — Pauling — nich wieder böse sein.«</p> + +<p>»Nein, aber ich soll doch nicht etwa hinaufkommen, solange der da oben +ist?«</p> + +<p>»Das nich, aber du sollst — —«</p> + +<p>»Was?« unterbrach der junge Theologe ungeduldig.</p> + +<p>»Du sollst mir das Buch geben.«</p> + +<p>»Welches Buch?«</p> + +<p>»Oh, die Bibel, Pauling.«</p> + +<p>»Die Bibel?«</p> + +<p>Für Schäfer Sturm!</p> + +<p>»Was will der mit ihr?«</p> + +<p>»Das darf ich dir nich sagen.«</p><p><span class="pagenum"><a name="Page_18" id="Page_18">18</a></span></p> + +<p>Der Student streckte die Hand aus. Wie er so dastand mit seiner mageren +Gestalt und dem abgezehrten, verarbeiteten Kopf, hatte er etwas Hartes +und Eckiges.</p> + +<p>»Hann —« Rasch und stoßend redete er, gleich einem, der die Sprache +nicht recht meistert, und deshalb hatten seine Worte etwas Unbeholfenes, +Stammelndes, das zum Herzen drang. »Hann — ich hab' dir nie was getan.«</p> + +<p>»Ne — ne,« schluckte der Junge.</p> + +<p>»Mir kannst du alles sagen.«</p> + +<p>In seiner Aufregung überfiel ihn wieder jenes verwünschte Stammeln. Und +diesem hilflosen und doch fanatischen Klang gegenüber unterlag Hann +widerstandslos.</p> + +<p>Der Junge zitterte: »Pauling, nich böse sein.«</p> + +<p>»Nein.«</p> + +<p>»Der Schäfer — will einen Spruch aus der Bibel reißen, und den soll +Vating verschlucken.«</p> + +<p>»Verschlucken?«</p> + +<p>»Ja, verschlucken,« sagte Hann ernsthaft.</p> + +<p>»Und dazu soll ich ihm das heilige Buch überliefern?« entgegnete der +Student entrüstet. Schon war er auf einen kleinen Schrank zugeeilt, auf +dem oben ein paar Bücher standen, und nun riß er das umfangreichste an +sich. Etwas Eckiges, Bäuerisches, Überzeugtes steckte in all seinen +Bewegungen.</p> + +<p>»Das Tiefste, das uns geschenkt ward, soll ich so mißbrauchen lassen? So +— so — Zu solch abergläubischem Betrug?« stammelte er von neuem. Er +drückte das Buch an sich, daß ihm die Arme bebten. Dann machte er einen +hastigen Schritt nach der Treppe zu und redete voller Zorn und Eifer +weiter.</p> + +<p>Er sei kein Frömmler, aber das dürften die Eltern eines Gottesgelehrten +nicht begehen. Solche Sünde. Solch heidnisches Hexenwerk. Gleich — +gleich wolle er selbst in die Krankenstube hinauf und Schäfer Sturm +vertreiben. Mit Gewalt, wenn es sein müßte.</p> + +<p>Dabei betrat er schon die erste Stufe.</p><p><span class="pagenum"><a name="Page_19" id="Page_19">19</a></span></p> + +<p>Allein, unbeweglich, mit aufgestütztem Haupt, aus dem nur die Augen wie +glimmende Punkte herausfunkelten, so saß Line zu seinen Füßen und +sperrte ihm den Weg.</p> + +<p>Er hätte über sie forttreten müssen.</p> + +<p>»Line, so geh doch zur Seite,« herrschte er sie an.</p> + +<p>»Nein — erst gib Hann das Buch.«</p> + +<p>»Was?« stotterte der Student.</p> + +<p>»Gib her,« flüsterte das Kind noch einmal mit seiner heißen Stimme und +schlang trotzig die Arme um seine Beine, um ihn am Steigen zu hindern. +»Du verstehst das nicht — der Schäfer kann hexen.«</p> + +<p>»Oh, das kommt davon, das kommt davon, daß du so gar nichts lernst,« kam +es heiser von den Lippen des Studenten. — »Aber das muß anders werden. +Und jetzt gleich laß los — ich muß — ich muß hinauf.«</p> + +<p>Er drängte sie mit seinem Fuß beiseite.</p> + +<p>Line fiel, im nächsten Moment wäre der Gereizte an ihr vorüber gestürmt.</p> + +<p>Da mischte sich eine neue Stimme in den Streit.</p> + +<p>Am Tisch in der kahlen blauen Stube saß der mittelste der drei Brüder, +Bruno.</p> + +<p>Sekundaner war er drinnen auf dem Gymnasium in der Stadt. Ein hübscher, +dunkelhaariger, siebzehnjähriger Bursche. Der Liebling der Eltern, der +Liebling der Lehrer. Einer von denen, auf die alle Hoffnungen gesetzt +werden, die dann die Zeit erfüllen soll!</p> + +<p>Die Zeit!</p> + +<p>»Paul,« sagte der Sekundaner mit seiner hellen, frischen Stimme, »gib +doch das Buch. Wenn es nichts nützt, so schadet es doch auch nichts.«</p> + +<p>Der Theologe beugte sich über das Geländer, um Bruno besser sehen zu +können.</p> + +<p>»Ja, ja, so bist du,« grollte er. »In jedem Wort sprichst du dich selbst +aus. Immer nur auf den augenblicklichen Vorteil hin leben. Was man damit +anrichtet und aufgibt, ganz gleich. Nein — aber<span class="pagenum"><a name="Page_20" id="Page_20">20</a></span> es soll doch +wenigstens einer hier in dem Hause existieren, der einen Willen und eine +Meinung besitzt. Der Vater wird zu Gott berufen, die Mutter hat in ihrer +Sanftmut nie gewußt, was Selbstbestimmung heißt. Du und dieses kleine +Ding, die Line, ihr lebt wie in einem heidnischen Traum befangen, und +Hann — Gott« — er zuckte die Achseln — »Hann ist es nicht so gegeben. +Deshalb soll Vater noch beim Scheiden die Beruhigung empfinden, daß +wenigstens eine Hand da ist, die alles zusammenhalten will.«</p> + +<p>In seinem Eifer hatte er auf das so fest an sich gepreßte Buch nicht +mehr acht gegeben. Jetzt vermißte er es.</p> + +<p>Einen halblauten Ausruf der Überraschung stieß er aus.</p> + +<p>»Bruno — Hann — wo ist die Bibel? — Wo?«</p> + +<p>Ja, wo war sie?</p> + +<p>Wie ein Schatten, katzenhaft, leichtfüßig, in all ihrem Schrecken vor +dem Tode da oben leicht kichernd, flog Line die Treppe in die Höhe.</p> + +<p>In ihren Händen etwas Schwarzes, Umfangreiches.</p> + +<p>»Line — Line,« rief der Student totenbleich hinter ihr her.</p> + +<p>Da zögerte sie an der Tür noch einen Moment. Als sie aber Schritte, +Sprünge vernahm, duckte sie sich, und — — durch die entstehende +Türspalte steckte sie etwas hindurch.</p> + +<p>»Da —«</p> + +<p>Ihr Atem pfiff.</p> + +<p>»Ich dank dich, mein Döchting,« tönte es von drinnen.</p> + +<p>Es war geschehen.</p> + +<p>Im gleichen Moment fühlte sie sich an den Schultern gepackt. Oh, wie +heftig dieser große, schmale Mensch immer zugriff mit seinen Händen, die +nichts als Sehnen und Knochen waren. Und doch empfand das wilde, kleine +Wesen eine Art Ehrfurcht vor ihm.</p> + +<p>»Du — du Geschöpf,« keuchte er, »du bist wie solch' kleine, böse Hexe +— aber warte, das muß anders werden. Und wenn ich mich dabei an dir +vergreifen sollte. Diese schreckliche Unbildung muß aus dem Hause. Warte +nur.«</p><p><span class="pagenum"><a name="Page_21" id="Page_21">21</a></span></p> + +<p>Wie wenn er gar nicht wüßte, was er tat, schüttelte er sie zornig hin +und her.</p> + +<p>Das Kind gab keinen Laut von sich. Nur als Bruno, erschreckt über das +dumpfe Geräusch dieses stummen Ringens, mit einem Lichtstümpfchen an die +Treppe trat, da sah der Student, wie ihre Augen ununterbrochen und fest +in die seinen blickten.</p> + +<p>Eine große, merkwürdige Ruhe wohnte in ihnen.</p> + +<p>Da ließ er von ihr ab, als habe er sich an einem Dorn gestochen.</p> + +<p>Tief seufzte er auf und wollte eben wieder hinuntersteigen, als die Tür +des Krankenzimmers sich in ihren Angeln drehte. Und in dem breiten +Lichtschein stand die kleine Frau Klüth und sagte mit ihrer ebenen +Stimme: »Vating will euch alle noch eins sehen. Kommt!«</p> + +<p>Hierbei verlor ihre Stimme den ruhigen Klang. Aber den halbfertigen +Strumpf hatte sie noch immer in den Händen.</p> + +<p class="center"><sup>*</sup> <sub>*</sub> <sup>*</sup></p> + +<p>»Ja, nun seid ihr alle da,« flüsterte der Lotse und hob sich weit aus +den Kissen heraus, um die Anwesenden zu überzählen.</p> + +<p>Seine Hand schwankte dabei hin und her — —</p> + +<p>»Und Paul — und Bruno — und Line — und Hann — un Mudding — un der +oll Schäfer — un mein Bootsmann Dietrich Siebenbrod — ihr seid alle da +— ja, ja, das is mein Bootsmann. Mit dem zusammen hab' ich damals die +kleine Line gerettet. Prösting Dietrich — — wann werden wir wieder +eins von dem feinen Kognak trinken? — von dem feinen Kognak. — Ja, ja, +Dietrich Siebenbrod — das mußt du nich tun, ümmer so viel trinken, +sonst bist du 'n guter Kerl — und verstehst deine Sach! — Komm Mudding +— komm her — gib mich deine Hand. Und Dietrich Siebenbrod gib mich +auch deine. — Ich muß nu rauf — das nützt allens nichts — Schäfer +Sturm, der doch sonst seine Sach versteht, nützt da auch nichts. — +Hör', Dietrich Siebenbrod, da sollst du auf mein Haus aufpassen, denn du +büst 'n anständiger<span class="pagenum"><a name="Page_22" id="Page_22">22</a></span> Kerl und verstehst deine Sach'. Ja, Mudding, das is +Dietrich Siebenbrod. — Du, Mudding und Siebenbrod, ihr bleibt zusammen. +— Und wenn's mit der Lotsenanstellung nichts is, denn is es mit der +Fischerei was. Ja, ja — da hat man dann auch weniger Zeit, dann trinkt +man auch nich soviel. — Der verfluchtige Kognak, — Mudding, nu spür +ich's. — Und du und Dietrich Siebenbrod, ihr bleibt zusammen. Und dann +paßt ihr auf die Kinder auf, damit da was draus wird. — Und — und — +Siebenbrod, klopf' mich auf den Rücken, mir ist's, wie wenn ich in der +See läg. Weißt noch, wie wir das kleine Jöhr, die Line, von der +schwedischen Bark gerettet haben, und keiner wußt, wie das Ding hieß? — +— Lining, komm her — steh nich so in der Ecke — sterben muß jeder +mal. — Du bist ümmer 'n drolliges Ding gewesen und hast mir viel Spaß +gemacht. Ja, und Mudding, unser Ältester wird Paster — Paster — ja — +denn er is 'n feiner Kopf. Und wenn's auch viel Geld gekostet hat — ja, +Siebenbrod, gar zuviel Geld —'s freut mich doch. 'n Paster, — 'n +wirklichen Herrn Paster, hab ich doch zustand' gebracht. Und was unser +zweiter is, Bruno — der is klug, der is sehr, sehr anschlägig — hat +auch was gelernt. — Da hat mich Konsul Hollander versprochen, er kommt +zu ihm ins Kontor — Schiffsreeder — Bruno wird eins 'n reicher Mann +werden — Hollander hat ja auch man so klein anfangen, na, man kann nie +— nie wissen. — Und ja, paß auf — ich sag weiter nichts.</p> + +<p>»Und was soll nu aus Line werden? Line? — Line? Ja, das weiß ich nich, +darauf versteh ich mich nich. Da wird schon einer kommen. — Aber nu — +nu mit Hann. — Hann, wein' nich, du kannst da auch nichts für. Lernt +nichts — und hat nichts gelernt — oh, Siebenbrod, den mußt du hier +anbändigen. Is'n guter Jung, un 'n Boot regiert er auch ganz gut. Den +müßt ihr hier so nebenher mit auffüttern. — O je, Hann, wein' nich, du +kannst da auch nich für. — Siebenbrod, klopf' mich auf den Rücken. — +Und nu, nu ruf mir die Lotsen mal her — du sagst doch, sie stehen hier +an der Tür,<span class="pagenum"><a name="Page_23" id="Page_23">23</a></span> die Kollegen. Na, denn soll'n sie raufkommen. Ja, 's is +gut, Siebenbrod, ruf 'runter!</p> + +<p>»Je, da seid ihr ja, ihr zwei, oll Kusemann un Friedrich Pagels. —? — +Je, nu nehmt man an, vor vier Wochen nu noch Dienst getan — und nu +jetzt soll's losgehn. — Na, oll Kusemann — ich dank dir auch, daß du +das mit Hann so gut meinst, dem armen Jung. Aber tu mich den Gefallen, +mußt ihm auch nich mehr so viel dumm Zeug erzählen. Und du, Pagels — +na, hast du auch wieder das verschnürte Bein? — Ja, ja, auf die Art +geht das mal mit uns allen zu Ende. — Ich wollt dich fragen, ob du wohl +mein zweites Boot kaufen willst. 's kann ein Zesner draus gemacht +werden. Ganz bequem. Und du hast doch die Erbschaft getan und kannst +gleich bezahlen. Und bei mir is das man — mit dem Begräbnis — +verstehst du — es muß doch gleich Geld da sein. Und wir haben nu so +viel eingebrockt durch die Krankheit und das alles. Und wenn du +zweihundert Taler so geben würdest — — Weniger? — Na, +einhundertachtzig. Aber dafür is 's halb umsonst, nich war, Siebenbrod? +Also, 's is zwischen uns abgemacht, Friedrich Pagels — ihr habt's +gehört. —</p> + +<p>»Und — und — Paul, komm her, du büst mein Paster, sing was +Geistliches, ein schönes Gebet, du kannst ja — — Und, und Mudding, ich +dank dich auch für alles — und — und der Kauf mit Friedrich Pagels ist +abgemacht — — — und Lining — un — un Hann — un — abgemacht — is +— allens!«</p> + +<p>»Nu 's vorbei,« murmelte der aufgeschwemmte Lotse mit dem verschnürten +Bein, dem die Wassersucht deutlich anzumerken war.</p> + +<p>»Das is es,« flüsterte oll Kusemann und schlich zu Hann. Und nach einer +Weile sagte er ganz leise: »Mich war's, als wenn ich so was Graues an +den Fenstern hätt' entlangflattern sehn.«</p> + +<p>»Wollen ihm die Augen zudrücken,« sagte der riesige Siebenbrod und +näherte sich vorsichtig dem Bett. Und als er seine Pflicht erfüllt +hatte, brachte er noch stockend heraus: »Schlaf woll, Herr Klüth.«</p><hr class="chap" /><p><span class="pagenum"><a name="Page_24" id="Page_24">24</a></span></p> + + + + +<h3>III</h3> + + +<p>Es war am Abend nach dem Begräbnis.</p> + +<p>Da begab sich folgendes:</p> + +<p>Die leidtragenden Fischer und Lotsen, die so altertümlich in ihren weit +abstehenden, schwarzen Gehröcken und den unförmigen, pudligen Zylindern +aussahen, waren nach einem reichlichen Leichenschmaus abgezogen. In dem +Stübchen, in dem der Kranke so lange gelegen, blieben nur seine beiden +Ältesten zurück, um in einem alten Rollpult nach Papieren zu suchen, die +der Verstorbene vielleicht hinterlassen. Es sollte eine Verschreibung +des Magistrats auf eine Pension vorhanden sein.</p> + +<p>Wenigstens hatte sich oll Kusemann während des Leichenschmauses bei +einem Glase Kirschlikör urplötzlich darauf besonnen.</p> + +<p>Wenn das wirklich ausnahmsweise kein Geflunker war! Wenn das Wahrheit +wäre! —</p> + +<p>Fast ohne zu sprechen suchten die beiden.</p> + +<p>Das Fenster stand offen. Man wollte auslüften. Unterdes befanden sich +die andern Trauernden auf dem Hofe hinter dem Häuschen.</p> + +<p>Es war ein kleiner, ungepflasterter Hof. Rings herum ein Bretterzaun, an +dem rote Johannisbeersträucher in die Höhe rankten. In der Mitte ein +niedriges, grünmoosiges Rohr, die Pumpe. Ganz in der Ecke, auffallend +niedrig, mit Moos und Schindeln gedeckt, ein Stall für drei Kühe und +daneben, nicht größer als eine Hundehütte, ein hölzerner Schweinekoben.</p> + +<p>Aus ihm drang Schnuppern und Schnaufen den ganzen Tag. Auf dem schrägen +Dach jenes Kobens saßen an diesem Abend Hann und Line.</p><p><span class="pagenum"><a name="Page_25" id="Page_25">25</a></span></p> + +<p>Beide in ihren schwarzen Traueranzügen.</p> + +<p>Der Junge ungeschlacht, wie ein verzauberter kleiner Schornsteinfeger; +das Mädchen vornehm, wie die Prinzessin, die den Schweinehirten +heiratet.</p> + +<p>In dem Kuhstall aber weilte noch ein anderes Paar. Ein älteres. Hier saß +die Witwe, die kleine Frau Klüth, mit ihrem vergrämten Gesicht auf einem +Schemel und verrichtete langsam und trauervoll ihr abendliches Werk. Sie +melkte ihre wohlgenährten, glänzenden Kühe.</p> + +<p>An der Schwelle, leicht an den Pfosten angelehnt, sah Dietrich +Siebenbrod, gleichfalls im Trauerrock, diesen Geschäften nachdenklich +zu.</p> + +<p>Er hatte eine kleine Pfeife in der Hand. Aber er rauchte nicht. Er hielt +das in diesen Augenblicken für unschicklich.</p> + +<p>Ein wundervoller Herbstabendglanz lag auf dem Fischerdörfchen.</p> + +<p>Bäume und Dächer leuchteten einen unbestimmten matten Schimmer. Am +Himmel zogen lichtrosige Wolken dahin. Rosig durchleuchtet ringelte sich +Rauch aus den Schornsteinen. Überall tiefe Ruhe. Nur vom Bodden strich +ab und zu ein leichter Windzug daher, und dann sah man fern durch die +Bäume und Büsche, wie die See draußen ihre Farben änderte.</p> + +<p>Ein Jagen von Grün und Zitterblau!</p> + +<p>Dann wieder Stille.</p> + +<p>Da regte sich Line auf dem Koben.</p> + +<p>»Sprich was,« sagte sie zu Hann und stieß ihn leicht an den Arm. »Es ist +so häßlich, das Stillsein.«</p> + +<p>Sie fürchtete sich heimlich. Denn ununterbrochen, klammerfest wurde sie +von diesem einen Bilde gefangengenommen, wie die Lotsen den Sarg +heruntergelassen, die Erdklumpen hohl daraufgekollert, und wie oll +Kusemann hinter ihr, scheinbar absichtslos, die Worte geflüstert: »Sieh, +wenn die letzte Handvoll drauf liegt, dann macht sich die Seele auf +ihren Weg.«</p> + +<p>»Ja, dann macht sie sich auf den Weg,« ging es ebenfalls durch<span class="pagenum"><a name="Page_26" id="Page_26">26</a></span> Hanns +Gedanken, denn auch er hatte, ohne daß Line davon wußte, die Worte oll +Kusemanns wohl vernommen.</p> + +<p>Und zum erstenmal — an dem dunklen Grab — regte sich bei dem blöden +Jungen, dem das Lernen versagt war, eine nachdenkliche Frage.</p> + +<p>Jetzt sprach er sie aus. Langsam und stockend in den lichten Abend +hinein, während unter ihm die Schweine schnüffelten und ganz nahe die +Milch in den Eimer klatschte.</p> + +<p>»Lining,« begann er, »hast gehört, was oll Kusemann sagte? — Weißt du, +was 'ne Seel' is?«</p> + +<p>»Nein — laß,« versetzte die Kleine ängstlich und zog an ihrem Kleid. +»Aber oll Kusemann meinte ja vorgestern, sie säh' grau aus.«</p> + +<p>»Ja, grau sieht sie aus,« nickte der Junge schwerfällig, »denn irgend +'ne Farb' muß sie haben. Schweine sehen gelb aus und Rosen rot, und +Seelen werden dann woll grau sein.«</p> + +<p>»Vaters Seel' is nu im Himmel«, — sagte Line geheimnisvoll. »Sieh, da +oben, wo die rote Wolke geht, da oben sitzt er gewiß und sieht zu, wie +hier das Vieh gefüttert wird. Das hat er sonst ja auch immer gemacht. — +Meinst du nicht, daß er's da oben gut hat?«</p> + +<p>»Das hat er,« bestätigte Hann ernsthaft.</p> + +<p>»Woher weißt du das?« fragte Line rasch.</p> + +<p>Hann rückte eine Weile hin und her, als getraue er sich nicht recht. +Dann beugte er sich vor, warf einen spähenden Blick in den Kuhstall +hinein und schob sich endlich ganz dicht an Line heran, so daß die +beiden Köpfe sich eng berührten.</p> + +<p>Sonst ließ ihn Line nie so nahe heranrücken, ohne die Hand gegen ihn zu +erheben.</p> + +<p>»Ich weiß, daß er's gut hat,« brachte der Junge scheu hervor und +seufzte, als wenn ihn ein Geheimnis drücke. »Aber sieh, du mußt es Paul +nicht sagen.«</p> + +<p>»Was denn, Hann?«</p> + +<p>Wieder ein schwerer Atemzug, dann rasch: »Ich hab neulich in den Himmel +reingekuckt.«</p><p><span class="pagenum"><a name="Page_27" id="Page_27">27</a></span></p> + +<p>»Du?«</p> + +<p>»Ja, ich.«</p> + +<p>»Womit?«</p> + +<p>»Oll Kusemann hat in seinem Wetterhaus ein Rohr. Damit kann er in den +Himmel kucken. Und da hat er es mir auch gezeigt.«</p> + +<p>»Hann — Hanning, und was hast du da gesehn?«</p> + +<p>»Lauter Glänzendes, das so hin und her zieht, und dann solche grauen +Punkte, die fliegen überall herum. Das sind die Seelen. Oll Kusemann hat +es mir ganz genau erklärt.«</p> + +<p>»Hann —«</p> + +<p>Line zögerte einen Moment. Dann schlang sie ihren Arm in den seinen. Die +Frage war zu wichtig.</p> + +<p>»Hast du auch den lieben Gott gesehn?«</p> + +<p>Hann zögerte und seufzte wieder.</p> + +<p>Es fiel ihm zu schwer.</p> + +<p>»Hann, was tat der liebe Gott?«</p> + +<p>»Line — ich darf nicht drüber sprechen. Oll Kusemann hat es mir direkt +verboten. Aber« — er wälzte sich seine Last ab — »du sollst es wissen. +Der liebe Gott sitzt an einem großen goldenen Tisch und um ihn herum +lauter graue Seelen.«</p> + +<p>»Und was machen sie da?«</p> + +<p>»Da essen sie Mittag.«</p> + +<p>»Mittag? Jemine, essen die da oben auch?«</p> + +<p>»Jawoll — — die Schüsseln und Gläser hab' ich genau erkannt. Oll +Kusemann sagt, die wären all' von Sonnenschein.«</p> + +<p>Line starrte ihn an.</p> + +<p>»So schön is es da oben?« fragte sie endlich. Begierig hob sie die Augen +zu den großen roten Flecken empor, die sich allmählich silbern +ränderten.</p> + +<p>Es wurde immer dunkler. — Plötzlich schrie Line auf.</p> + +<p>»Line, was is?«</p> + +<p>»O da oben!« rief sie und legte schaudernd den Kopf auf das Dach des +Kobens. Sie zitterte.</p><p><span class="pagenum"><a name="Page_28" id="Page_28">28</a></span></p> + +<p>Deutlich hatte sie den alten, toten Lotsen geschaut, wie er in seinem +roten Schiff über sie hinfuhr. Dabei hatte er »Line« gerufen — ganz +deutlich »Line«. Jetzt hob auch der Junge das Haupt. Dann nahm er die +Mütze ab und grüßte nach oben.</p> + +<p>»Ich hab' ihn auch gesehn,« flüsterte er dabei.</p> + +<p>Für eine Weile herrschte tiefe Stille zwischen den Kindern. Erst nach +einiger Zeit nickte Hann ernsthaft vor sich hin und legte den +Zeigefinger an seine plumpe Nase: »Ich hab's mir gleich gedacht,« sprach +er, »daß er nun da oben als Schiffer angestellt is. Ich möcht' auch gern +einmal in solch schönem roten Schiff fahren.«</p> + +<p>»Möchtest du denn auch schon dahin?« fragte Line frierend vor Furcht und +schüttelte die schmalen Schultern.</p> + +<p>»Da kommen alle Menschen hin, die hier unten nicht gesessen haben.«</p> + +<p>»Und die gesessen haben?«</p> + +<p>»Die kommen zum Teufel. — Oll Kusemann hat ihn erst neulich in +Stralsund getroffen. Er trug einen Zylinder.«</p> + +<p>»Nein, nein,« zitterte Line und nahm rasch Hanns Hand in die ihre.</p> + +<p>Sie hielt ihn ganz fest.</p> + +<p>Aber nach ein paar Augenblicken sprach Hann nachdenklich weiter: »Das +hat der liebe Gott schlecht gemacht.«</p> + +<p>»Was, Hann?«</p> + +<p>Immer näher drängte sie ihre zitternden Glieder an den Jungen heran.</p> + +<p>»Daß er nicht gleich lauter Seelen gemacht hat. Dann brauchte man nicht +erst in solch engen, schwarzen Kasten, und die Begräbniskosten wären +auch nicht da — und man hätte gleich eine Anstellung in so einem +feinen, roten Schiff.«</p> + +<p>In diesem Moment ging ein Windstoß durch die Bäume. Altes Laub flog den +Kindern um die Ohren, und eine der Kühe nebenan stieß ein wehklagendes +Brüllen aus.</p> + +<p>Da durchdrang das kleine Mädchen ein überwältigender<span class="pagenum"><a name="Page_29" id="Page_29">29</a></span> Schrecken. Heftig, +wie sie war, glaubte sie, Hann wäre an allem schuld. Und während sie ihn +mit aller Kraft in den Arm kniff, so daß er einen heiseren Schmerzensruf +ausstoßen mußte, schrie sie wild auf: »Du Dummerjahn — bloß hier unten +bleiben — ich will nich solch ein Gespenst werden — nein, nein, ich +will nich grau sein.«</p> + +<p>Heftig sprang sie auf den zottigen Hofhund zu, den sie schutzsuchend +umklammerte. Und Pluto, der Hann nicht leiden konnte, heulte wütend nach +dem Dach des Schweinekobens hinauf und fletschte die Zähne nach dem +Jungen.</p> + +<p class="center"><sup>*</sup> <sub>*</sub> <sup>*</sup></p> + +<p>So hob über den Schweinen die Geburtsstunde eines Philosophen an. In dem +Kuhstall daneben aber wurde zu derselben Spanne Zeit das Schicksal +entschieden, das alle, die sich jetzt in dem Lotsenhäuschen befanden, +aneinanderketten, verwirren und dann auf ewig trennen sollte.</p> + +<p>Im Abendglanz lachte dazu von fern die See, die sich doch einmal +zwischen die Schuldigen legen sollte, unschuldig wie ein kleines Kind, +das in azurner Wiege geschaukelt wird.</p> + +<p>Der Bootsmann Dietrich Siebenbrod lehnte am Pfosten des Kuhstalles und +beobachtete, wie die Witwe seines Brotherrn die Kühe melkte.</p> + +<p>Der leichte Seewind spielte mit den Enden des ihm so ungewohnten +Bratenrockes, und unter dem wolligen Zylinder, der noch immer sein Haupt +bedeckte, fühlte sich Siebenbrod feierlich angeregt.</p> + +<p>Deshalb sprach er auch kein Wort, sondern horchte mit Ernst auf das +Einströmen der Milch.</p> + +<p>»Strull — strull,« ging es gleichmäßig fort.</p> + +<p>Da schlug vom nahen Kirchturm die Uhr, deren goldene Buchstaben in der +Abendsonne gleißten und funkelten.</p> + +<p>Die entscheidende Unterhaltung begann. Erst harmlos und ungewollt, wie +fast alle großen Ereignisse.</p><p><span class="pagenum"><a name="Page_30" id="Page_30">30</a></span></p> + +<p>»Acht,« sagte Dietrich Siebenbrod, und nachdem er seine sogenannte +Warmbieruhr gezogen hatte, setzte er hinzu: »Nu is der Herr all sechs +Stunden begraben.«</p> + +<p>»Ach, Gott!« —</p> + +<p>In das »Strull-strull« mischte sich ein Schlucken, man hörte das +Rascheln des frischen Heus, das von den Kühen aus den Raufen gezogen +wurde, und dann rann die Milch wieder stoßweise in den Holzeimer.</p> + +<p>Nach einer Pause der Sammlung fuhr Siebenbrod fort: »Der Lotsenkapitän +aus Göhren war auch beim Begräbnis.«</p> + +<p>Und die melkende Witwe antwortete seufzend: »Ja, ja, sie haben meinem +sel'gen Mann alle viel Ehr' angetan.«</p> + +<p>Darauf zog sie mit der Linken ihr Taschentuch hervor und führte es an +ihre weinenden Augen, mit der Rechten melkte sie fürbaß.</p> + +<p>»Den Lotsenposten bekomm' ich nich,« sprach Siebenbrod ruhig weiter — +»Der Kapitän hat gesagt, es is wegen ...«</p> + +<p>»Den Schnaps,« tönte es aus dem Stall — »ja, ja Siebenbrod, das is nich +recht von Ihnen.«</p> + +<p>»Jetzt gewöhn' ich mir ihn aber ab,« unterbrach der Bootsmann mit festem +Entschluß.</p> + +<p>»Is das sicher?«</p> + +<p>»Ganz sicher.« — —</p> + +<p>Die Witwe setzte den vollen Eimer beiseite, jedoch bevor sie den andern +heranzog, wandte sie ihr ältliches, vergrämtes Gesicht der Stallöffnung +zu. Dann betrachtete sie den Bootsmann aufmerksam, brach aber sofort, +kopfschüttelnd, in ein leises Weinen aus: »Ne — ne, — es is zu slimm.«</p> + +<p>»Was? — Frau Klüth.«</p> + +<p>»O nix nich — Siebenbrod — ich meinte man so.«</p> + +<p>Damit machte sie sich an die letzte Kuh.</p> + +<p>»Strull — strull.«</p> + +<p>Siebenbrod rührte sich. Er hatte sich in der Nacht vorher alles +überlegt. Es ging nicht anders. Er mußte es tun.</p><p><span class="pagenum"><a name="Page_31" id="Page_31">31</a></span></p> + +<p>»Frau,« begann er und nahm vor der Wichtigkeit des Moments den Hut in +beide Hände: »Ich wollt' nun noch fragen, wie es mit mir wird?«</p> + +<p>»Mit Ihm?«</p> + +<p>»Ja, da ich ja nun den Lotsenposten nich bekomm, und da das mit der +Pension wohl auch man dumm's Zeug von oll Kusemann is, so wollt ich man +fragen, wie ich mich von nu an gehaben soll?«</p> + +<p>»Je, Siebenbrod, wie mein lieber Mann gesagt hat — dann wollen wir es +in Gott's Namen mit der Fischerei versuchen. Man muß doch leben. Und +vier Kinder sind auch nich leicht durchzubringen.«</p> + +<p>»Je, das sag' ich man. Aber — aber, Frau, nehmen's nich übel — ich bin +doch nu auch all siebenunddreißig Jahr alt.«</p> + +<p>»Je, was meint Er damit?«</p> + +<p>Die Witwe melkte hastiger, so daß die Kuh ein wehklagendes, +mißbilligendes Brummen ausstieß.</p> + +<p>Siebenbrod überzählte noch einmal die Kühe, dann sagte er ruhig: »Je, es +is man wegen den Zesnerfischern.«</p> + +<p>»Was wollen die, Siebenbrod?«</p> + +<p>»Strull — strull.«</p> + +<p>»Je, Madamming, nehmen's nich übel — aber sie nehmen keinen +Unverheirateten auf.«</p> + +<p>»Huch,« rief die Witwe tief erschrocken.</p> + +<p>Was der Bootsmann da vorbrachte, bedeutete ja eine Gefahr für das +verwaiste Häuschen. Ein Fremder würde sich ihrer sicher nicht annehmen, +und die paar Groschen, die ihr armer seliger Mann erübrigt hatte, ja, du +lieber Gott, die reichten gerade für ein halbes Jahr.</p> + +<p>»Strull — strull.«</p> + +<p>Und dann das Studium von Paulen — und Bruno mußte erst +Kaufmannslehrling werden (Ladendiener nannte es Frau Klüth). Gott — o +Gott, die offenste Angst sprach sich in dem ältlichen, so merkwürdig +glatten, ausdruckslosen Weiberantlitz aus. Und wenn<span class="pagenum"><a name="Page_32" id="Page_32">32</a></span> nun Siebenbrod sie +auch noch im Stich ließ? Vielleicht besaß er bereits eine Braut? Ja, +dann saß sie ja ganz hilflos mit zwei alten Booten und vier unversorgten +Menschen da!</p> + +<p>Was war hier zu tun? Sie wurde sehr nervös, und ihre Gedanken schwenkten +immer rechnender von dem Toten zu dem Heute zurück.</p> + +<p>»Hat Er denn schon eine?« begann sie plötzlich überstürzt, und als +Siebenbrod ein wenig verlegen vor sich hinnickte, setzte sie halb +weinend hinzu, warum er das denn nicht schon früher geäußert hätte.</p> + +<p>An der Kuh wurde lebhaft gerissen. Schmerzlich brüllte das Tier auf. —</p> + +<p>»Muh!«</p> + +<p>»Je, Madamming,« sagte Siebenbrod schon etwas sicherer, »ich dacht mich +auch, es hätt' bis nach dem Begräbnis Zeit.« Und während er den wolligen +Zylinder etwas langsamer drehte, fügte er noch ehrbarer bei: »Denn +vorher schickt sich das doch wohl nich gut?«</p> + +<p>»Ach, mein Gott!« murmelte die Witwe.</p> + +<p>Dann trat Stille ein.</p> + +<p>Eine lange, feierliche Schweigsamkeit, während welcher das Strull-strull +immer langsamer auftönte, um endlich ganz zu verstummen. Auch Siebenbrod +versank wieder in seine würdige Ruhe. Nur daß er jetzt den Zylinder +aufsetzte, als hätte dieser seine Dienste verrichtet, und daß er +aufmerksam in die Ecke des Kuhstalls hinüberlauschte, von wo einige +schwere Seufzer laut wurden. Auf einmal sprach aus der Dunkelheit eine +traurige Stimme: »Siebenbrod, will Er sich denn wirklich das Trinken +abgewöhnen?«</p> + +<p>»Je, Madamming, seit drei Tagen all keinen Tropfen mehr. Nich rühr an.«</p> + +<p>»Das is gut,« lobte die Witwe und fiel wieder in ihr früheres Grübeln.</p> + +<div class="figcenter" style="width: 400px;"> +<img src="images/oppos_032.jpg" width="400" height="622" alt="Illustration" /> +</div> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_33" id="Page_33">33</a></span></p> + +<p>»Ja,« fuhr Siebenbrod nun schon beruhigter fort, »und die beiden +Ältesten gehen ja nun aus dem Haus, und Hann lern' ich an, und wenn dann +die lütte Dirn auch erst in die Stadt kommt, je, dann werden wir ganz +gut fertig werden, Madamming.« Und die Witwe nickte in ihrer festeren +Ecke und murmelte in sich hinein: »Ja, ja, Siebenbrod, das is ja soweit +ganz richtig.«</p> + +<p>»Je, Madamming, und dann freu' ich mich auch, daß alles so schön in +Ordnung is. — Denn ich bin nu auch all in die Jahren. Lassen Sie man, +ich werd' Sie die Eimers raustragen helfen.«</p> + +<p>Von der Dorfuhr schlug es neun. Ein weiches Abenddunkel sank auf +Moorluke. Auf den beiden schlanken Pappeln vor dem Häuschen hatte sich +eine schwarze Wolke junger Stare niedergelassen und zwitscherte +hundertstimmig Braut-, Wander- und Jugendlieder.</p> + +<p>Und der alte Klüth ruhte jetzt doch bereits die siebente Stunde.</p><hr class="chap" /><p><span class="pagenum"><a name="Page_34" id="Page_34">34</a></span></p> + +<h3>IV</h3> + + +<p>An einem der nächsten Tage — noch wußten die Kinder nicht, was im +Kuhstall beschlossen war — wurde Hann ins bürgerliche Leben eingeführt.</p> + +<p>Er lag gerade mit Line auf einer der schönen grünen Wiesen, auf denen +Moorluke gebaut ist, und die sich bis zum Meer hinunterziehen. Die +letzten Gräser biegen und wiegen sich über den sanften Wassern und +flüstern mit den Stichlingen. Manchmal schießt auch ein rotkäppiger +Barsch heran, beißt vor Lebenswonne in die schwanken Halme und saust +wieder in die schillernde Weite zurück. Hann wußte das alles.</p> + +<p>Er fühlte es, wenn er es auch nicht sah. Seine Umgebung war das einzige, +was er gelernt hatte, und was ihm vertraut war.</p> + +<p>Da, wo das Gras am höchsten und üppigsten grünt, da liegen die beiden +Kinder.</p> + +<p>Line ruht auf dem Rücken. Um sie herum wehen wunderbar feine, +seidig-graue Gespinste. Es sind die zarten Heringsnetze, die aus +meerblauer Seide geknüpft sind, damit sie mit der Seefarbe +übereinstimmen und den scheuen Silberflößler nicht erschrecken. Jetzt +sind sie zum Trocknen aufgehängt. Wenn der leichte Seewind zuweilen an +sie rührt, dann zittern sie so seltsam um das Dirnchen, wie ungeheure, +phantastische Spinnenwebe, in denen sich ein Nixenkind gefangen.</p> + +<p>Es ist Vormittag.</p> + +<p>Ringsherum Sonnenschein.</p> + +<p>Das Meer funkelt wie ein weißgedeckter Tisch, auf dem eine Million in +Goldstücken aufgezählt liegt.</p><p><span class="pagenum"><a name="Page_35" id="Page_35">35</a></span></p> + +<p>»Line,« sagt Hann, der in seinem abgetragenen, blauen Drillichanzug in +einiger Entfernung von ihr liegt und, den plumpen Kopf in beide Hände +gestützt, aufmerksam einen wimmelnden Ameisenhaufen betrachtet: »Hast du +wohl acht gegeben — — —«</p> + +<p>»Still,« unterbricht Line unwillig.</p> + +<p>»Ich mein', daß Dietrich Siebenbrod nun ümmer bei uns zu Tisch ißt?«</p> + +<p>Wieder eine heftige Bewegung der kleinen Hand: »Sei ruhig.«</p> + +<p>»Je, warum?«</p> + +<p>»Weil ich da oben raufkuck.«</p> + +<p>»Lining, siehst du was?«</p> + +<p>»Nein — aber es is so häßlich, wenn du sprichst.«</p> + +<p>»Oh, Lining, warum is das so?«</p> + +<p>»Das weiß ich auch nich. Es is häßlich.«</p> + +<p>»Je, dann kann ich ja auch ruhig sein.«</p> + +<p>»Das tu. Dann kommt es wieder.«</p> + +<p>»Was kommt?«</p> + +<p>»Das Schöne.«</p> + +<p>»Welches Schöne?«</p> + +<p>»Dummer Jung. — Als wenn mich einer streichelt.«</p> + +<p>»Oh, Lining — —«</p> + +<p>»Sei still.«</p> + +<p>Und nun liegen sie beide wieder wie vorher. Die feinen blauen Maschen +zittern und beben, und die fleißigen Ameisen rennen auf ihrem Hügel im +Kreise.</p> + +<p>Allmählich vergißt Hann, wie die kleine Pflegeschwester ihn schlechter +als Pluto, den Hofhund, behandelt. Aber das ist ja schließlich auch so +natürlich. Sie ist so viel vornehmer als er. Auf einer untergehenden +schwedischen Bark ist sie gefunden worden. Vielleicht stellt sie +wirklich was sehr Hohes vor. Am Ende gar eine Prinzessin. Ja, ja, und +solch eine, die muß wohl so kurz angebunden sein. Das hat er ja immer +gehört.</p> + +<p>»Na, denn is es ja ganz in Richtigkeit,« meint Hann vor sich hin.</p><p><span class="pagenum"><a name="Page_36" id="Page_36">36</a></span></p> + +<p>Damit wendet er sich wieder seinem Ameisenhaufen zu und beugt sich +tiefer und tiefer darüber.</p> + +<p>Wie die Tierchen alle beladen herumrennen. Ganze Züge in einer Richtung. +Das ist sehr wunderbar. Der Junge denkt zum erstenmal darüber nach.</p> + +<p>Da fällt unvermutet ein langer Schatten über den grünen Plan. Er gleitet +langsam näher.</p> + +<p>Line erhebt sich halb, blinzelt nach vorn und sagt wegwerfend: »Da kommt +Dietrich Siebenbrod.«</p> + +<p>»Ja, Lining,« antwortet Hann, »leiden kann ich ihn auch nicht recht.«</p> + +<p>»Du auch nicht?«</p> + +<p>»Ne, er spuckt ümmer in die Stuben.«</p> + +<p>»Ja, ja — wollen ihn heute mal recht ärgern,« regt Line an.</p> + +<p>Und Hann ist gänzlich damit einverstanden. Ganz selbstverständlich. Er +ist immer nur der Gefolgsmann seiner Dame.</p> + +<p>Der Bootsmann steht nun in seinen großen Wasserstiefeln vor ihnen.</p> + +<p>Er hat ein gutmütiges, hageres, dunkelbraungebranntes Gesicht, +glanzlose, schwarze Augen, eine große Menge schwarzer, schweißnasser +Haare und eine glühende Adlernase.</p> + +<p>Als er so vor ihnen steht, sieht er mit Vergnügen auf die schlanken, +nackten Beinchen von Line herab, die in der Sonne seidig glänzen.</p> + +<p>Die kleine Dirn findet er niedlich. Auch Hann mag er leiden. Nur hält er +es an der Zeit, daß aus dem Jungen etwas wird. Überhaupt, seit aus dem +Kuhstall die Zukunft ihn, wenn auch nur mit einem alten, unbeweglichen +Weibsantlitz angelächelt, ist er von väterlichen Gefühlen beseelt.</p> + +<p>Verwundert blickt er auf die beiden Kinder hinab, die so stumm daliegen, +als wäre er gar nicht vorhanden. Nur Line schlenkert ein wenig mit dem +rechten Bein hin und her, als schlüge sie damit den Takt zu einem +Liedchen. Hann dagegen starrt unbeweglich in seinen Ameisenhaufen.</p><p><span class="pagenum"><a name="Page_37" id="Page_37">37</a></span></p> + +<p>»Morgen,« beginnt Siebenbrod gemütlich, denn der Sonnenschein, die +Kinder und das Gesumm der Käfer wecken Wohlgefallen in ihm.</p> + +<p>»Aber ja nicht antworten,« »Man jo nich« — Auf keinen Fall; das ärgert +den Säufer sicherlich.</p> + +<p>Die kleinen Boshaften verhalten sich mäuschenstill.</p> + +<p>Siebenbrod wundert sich, sperrt den Mund auf und faßt sich an die Nase.</p> + +<p>Die Stille, das Schweigen, das seltsame Benehmen verwirren ihn +sichtlich.</p> + +<p>Wozu tun das die Jören?</p> + +<p>»Was gibt's denn?« räuspert er sich endlich, indem er sich +zusammennimmt. »Was is hier?«</p> + +<p>Stille.</p> + +<p>Nur Line summt mit den Käfern um die Wette und dirigiert das Konzert +immer geschickter mit dem Fuß.</p> + +<p>»Na, da soll doch,« bricht Siebenbrod, noch immer voller Erstaunen, los, +denn an einen Kinderhaß, an eine Rebellion denkt er noch lange nicht. — +Auch geht ihn die Dirn schließlich nichts an, ist zudem auch 'n netter +Racker.</p> + +<p>»Jung, bist du dumm? — Was kuckst du so in den Haufen? Steh gleich +auf!«</p> + +<p>Line wendet das Köpfchen und schielt zu ihrem Begleiter hinüber. Aber +der bleibt fest. Er ist stolz, sich vor seiner Dame einmal zeigen zu +können.</p> + +<p>Er rührt sich nicht.</p> + +<p>»Hann!« brüllt Dietrich plötzlich kirschrot, denn er begreift, und die +Nase beginnt so merkwürdig zu zittern und zu funkeln, daß beide Kinder +in ein befriedigtes, höhnisches Gelächter ausbrechen.</p> + +<p>Siebenbrod reißt den Jungen in die Höhe: »Verfluchtiger Lümmel, willst +du woll?«</p> + +<p>»Laß los,« schreit Hann wütend dagegen. Aber die Habichtkrallen des +andern geben ihn nicht frei. Sie wirbeln ihn vielmehr<span class="pagenum"><a name="Page_38" id="Page_38">38</a></span> im Kreise umher, +wie ein altes Kleidungsstück, das von dem Trödler von allen Seiten +betrachtet werden soll.</p> + +<p>Entsetzt springt jetzt auch Line in die Höhe.</p> + +<p>Das bedeutet keinen Spaß mehr. Dietrich ist gewiß wieder betrunken.</p> + +<p>»Laß ihn los,« will auch das kleine Kind rufen, aber der Laut bleibt ihr +in der Kehle stecken.</p> + +<p>Starr, gebannt, mit weiten, erschreckten Augen muß sie das Begebnis mit +ansehen.</p> + +<p>Das wickelt sich jedoch unheimlich schnell ab.</p> + +<p>Siebenbrod wirbelt den Haufen Kleider noch zwei-, dreimal mit wütender +Kraft herum, dann wirft er ihn ins Gras.</p> + +<p>»Da lieg.«</p> + +<p>»Was? — Was?« — heult Hann, halb vor Wut, halb vor Schmerz. »Was hast +du mir zu sagen? — du oll Säufer? — Nichts — du büst ja man bloß unser +Bootsmann, unser Knecht.«</p> + +<p>»So,« lacht Siebenbrod höhnisch, »dann komm noch eins her, mein +Hühning.«</p> + +<p>Wieder streckt er die Klaue aus. Hann, rasend mit weißem Schaum vor dem +Mund, entgeistert von der Scham, vor seiner Dame mißhandelt zu werden, +hebt einen großen Feldstein in die Höhe — und dann — der arme Junge. +— Er ist kein David, der den Goliath zerschmettert.</p> + +<p>Mit wilden, funkelnden Blicken verfolgt Line nun das sich aufrollende +Bild.</p> + +<p>Hinten auf den blauen Hosen hat Hann einen grauen Flicken eingenäht. Der +glänzt jetzt in der Sonne, als er über dem Knie von Siebenbrod liegt, +und gerade auf diesen Fleck prasseln die flachen Hiebe des Bootsmannes +hageldicht nieder.</p> + +<p>Immer mehr — immer mehr — bis der Schall selbst das Schlucken und +Schluchzen übertönt.</p> + +<p>»Wart, mein Hühning, wirst du das wieder tun?«</p> + +<p>»Nein — nein,« wimmert es.</p><p><span class="pagenum"><a name="Page_39" id="Page_39">39</a></span></p> + +<p>»Na, dann verbitt' dich.«</p> + +<p>»Oh — oh — ich verbitt' — mich.«</p> + +<p>»Na, denn 's gut — Und nu gib mich die Hand, mein Söhning.«</p> + +<p>Hann schleicht heran und gibt tiefgesenkten Hauptes die Finger.</p> + +<p>»Na, dann 's gut — Nu is alles in Ordnung.«</p> + +<p>»Oh — und oh — und oh — Line — Line — hat es gesehen.«</p> + +<p>Da steht er im Sonnenschein, mitten auf dem zertretenen Ameisenhaufen, +und schluckt und zittert am ganzen Leibe. Und ihm gegenüber verharrt +noch immer das kleine Mädchen und sieht auf ihn hin.</p> + +<p>Aber merkwürdig.</p> + +<p>Ein seltsames, irrendes Lächeln schwebt dabei um die roten Lippen.</p> + +<p>Der graue Fleck und die hohe Rundung, wie das aussah!</p> + +<p>Wieder möchte sie lachen. Aber dort drüben weint der Gespiele so +jammervoll, daß sie unbeweglich steht und zu ihm herübernickt.</p> + +<p>Was sie jedoch beide nicht wissen, das ist das Merkwürdige, daß dieser +Eindruck unverwischlich in dem Gedächtnis des Mädchens fortleben wird, +daß er andere Gefühle auszulösen berufen ist, die Hann eines Tages mehr +schmerzen müssen, als die schwielige Hand des neuen Stiefvaters +Siebenbrod, und daß diese Zeit nicht mehr gar so fern liegt.</p> + +<p class="center"><sup>*</sup> <sub>*</sub> <sup>*</sup></p> + +<p>Er stand und weinte.</p> + +<p>Line lächelte.</p> + +<p>Und Siebenbrod meinte endlich befriedigt: »Nu komm.«</p> + +<p>Dann nahm er ihn mit.</p><hr class="chap" /><p><span class="pagenum"><a name="Page_40" id="Page_40">40</a></span></p> + + + + +<h3>V</h3> + + +<p>Nachmittags kehrte Hann pudelnaß zurück.</p> + +<p>Der blaue Drillichanzug klebte an seinen ungelenken Gliedern, +unaufhörlich leckte das Wasser von ihm herab; seine Mütze hatte er +verloren.</p> + +<p>Das waren die nächsten Folgen seines ersten Unterrichts. Zuvörderst +hatte ihn Siebenbrod hinten an dem Steuer des weißen Lotsenbootes Platz +nehmen lassen. Er hatte ihm gezeigt, wann man rasch, wann man langsam +drehen müsse; er hatte ihm die Stellung der Segel erklärt und ihn zum +Schluß in das schwierige Geschäft des Windabfangens eingeführt. Sodann +wurde von Siebenbrod ein förmliches Examen über das eben Erläuterte +angestellt, und bei jeder vergessenen Position tat ein gelinder Puff, +zuweilen auch eine Ohrfeige das übrige.</p> + +<p>Zuletzt aber kam der Höhepunkt des heutigen Tages. Ein Exerzitium, das +Hann gewiß nicht so bald vergessen wird.</p> + +<p>Sie segelten gerade im offenen Bodden.</p> + +<p>Glatt, wie poliert, lag die glänzende Scheibe da. Nur fern und +verschwommen, wie hinter zarten, blauen Nebeln, ragte das Dörfchen. Man +vernahm von dort kaum das monotone Schlagen der Dorfuhr und zuweilen das +Kläffen eines Hundes.</p> + +<p>Am lichterfüllten, tiefen Himmel zeigte sich bereits das bleiche Viertel +des Mondes.</p> + +<p>Eben hatte Siebenbrod eine kleine Pause in seinem Unterricht eintreten +lassen.</p> + +<p>Mit aufgestütztem Kopf hockte er auf der zweiten Ruderbank und glotzte +während des Hingleitens melancholisch auf den Vorratskasten des Bootes, +in dem eine wohlgefüllte Kirschschnapsflasche<span class="pagenum"><a name="Page_41" id="Page_41">41</a></span> stehen mußte, ein Genuß, +dem er nun ein für allemal abgeschworen.</p> + +<p>Wer würde jetzt wohl den feinen Tropfen trinken? Schade — schade — aber +wenn man selbständig werden und in die vornehme Gilde der Zesnerfischer +zugelassen werden wollte?</p> + +<p>Kein Spaß, wahrhaftig!</p> + +<p>Schwermütig nickte er mit dem Kopf, dann sah er zu Hann hinüber.</p> + +<p>Der Junge hatte längst den Wind aus den Segeln verloren und träumte +bekümmert zu der blassen Silberscheibe empor.</p> + +<p>»Verfluchter Bengel!«</p> + +<p>»Jesus!«</p> + +<p>Der Knabe schrak krampfhaft zusammen. So weit war es schon gediehen.</p> + +<p>»Na, ich tu dich ja nichts. Hab dich nicht, Jünging.«</p> + +<p>Damit trat Siebenbrod auf ihn zu und pätschelte ihm auf dem Kopf herum.</p> + +<p>Eine Weile sann er dann nach.</p> + +<p>Ja, warum nicht? — Je eher, desto besser. Lernen mußte er es ja. Es war +gut, wenn er ihm gleich diese große Wohltat erwies.</p> + +<p>»Kannst du schwimmen, Hann?« fragte er deshalb mit plötzlichem +Entschluß, wobei er seine Hakennase spürend in die Abendröte erhob.</p> + +<p>»Ne, Siebenbrod.«</p> + +<p>»Sag' Vater zu mich.«</p> + +<p>»Du bist ja aberst nicht mein Vater.«</p> + +<p>»Das schadet nichts. Sag' so.«</p> + +<p>»Ne, ich kann nicht schwimmen, Vater.«</p> + +<p>Der Junge begann wieder leise zu schaudern. Warum sollte er dem +Bootsmann diesen Namen erteilen? Sein richtiger Vater schlief doch dort +drüben unter den belaubten Ulmen, die man hinter der Kirche hervorlugen +sah — Und weshalb grinste Siebenbrod so komisch bei dem Worte +»schwimmen«?</p><p><span class="pagenum"><a name="Page_42" id="Page_42">42</a></span></p> + +<p>»Siehst du,« bemerkte der Stiefvater, indem er noch näher an den +sitzenden Jungen herantrat, wobei er mit gespreizten Beinen das +Schwanken des Schiffleins zu verhindern suchte. »Das ist das Unglück bei +uns Schiffern und Fischern. — Keiner kann. — Mein Vater is auf solche +Weise vertrunken, und mein Großvater is auch vertrunken. Deshalb will +ich dich jetzt die Kunst zeigen. Du willst ihr doch lernen?«</p> + +<p>»Woll,« stotterte Hann mit Beben.</p> + +<p>»Gut, dann komm zu mich — aberst vorsichtig.«</p> + +<p>Hann kroch dicht neben den Stehenden hin. Der besah ihn sich +schmunzelnd.</p> + +<p>Jetzt folgte ja eigentlich ein großer Spaß. Und dann war's ja auch eine +Wohltat.</p> + +<p>»Fürchtest du dich?« fragte er noch einmal.</p> + +<p>Der Knabe schüttelte mit zugeschnürter Kehle den Kopf. Sprechen konnte +er nicht mehr.</p> + +<p>»Na, dann pass' auf! — So wird's gemacht.« Ein rascher Griff — die +Habichtskrallen hakten sich wieder, wie am Vormittag, in den Rockkragen +des Jungen ein — dann hob er ihn hoch in die Höhe und ließ ihn +zuvörderst ein wenig herumwirbeln.</p> + +<p>»Du fürchtest dich doch nicht?« meinte er noch einmal ehrlich. —»Na, +dann schwimm.«</p> + +<p>Er ließ ihn los.</p> + +<p>Plumps. Das Boot schwankte, als wollte es kentern. Hann versank sofort +spurlos unter die Oberfläche.</p> + +<p>»Na, also,« sagte Siebenbrod neugierig.</p> + +<p>Nach ein paar Sekunden tauchte Hann wieder empor, kirschrot im Gesicht, +mit Händen und Füßen wie besinnungslos um sich schlagend.</p> + +<p>»So 's recht,« lobte Siebenbrod, »so bleib man bei.«</p> + +<p>»Hilfe — Hilfe — laß mir ins Boot.«</p> + +<p>»I ne, mein Jünging, dann lernst du ja nichts.«</p> + +<p>»Ich — ich — kann nich mehr.«</p><p><span class="pagenum"><a name="Page_43" id="Page_43">43</a></span></p> + +<p>»I — das glaubst du man. Siehst — stoß tüchtig aus — so 's schön.« +Erst als Hann nach zehn Minuten wortlos das zweitemal versank, zog der +Lehrmeister seinen Schüler auf die Planken zurück. Er war sehr zufrieden +mit ihm. Aus Hann mußte etwas Erwähltes werden. Er hatte nach der +Warmbieruhr eine volle Viertelstunde ausgehalten.</p> + +<p>»Schön — schöning.«</p> + +<p>Und wie der Junge völlig betäubt und teilnahmlos, zitternd und fröstelnd +auf dem Vorratskasten saß, da schoß Siebenbrod der Gedanke durch den +Kopf, daß er diese große Leistung auch gebührend ehren müsse. Rasch +schloß er deshalb den Kasten auf, nahm die Flasche heraus, und als Hann +errötend voller Ekel abwehrte, setzte er dem Jungen mit sanfter Gewalt +das Glas an den Mund und zwang ihm mehrere Schluck hinunter.</p> + +<p>»I, Jünging, das is dich ja gesund, der schöne Kirsch, so — so — siehst +du — na, ich sag bloß, aus dich wird was — sollst mal sehn.«</p> + +<p>Hann drehte sich etwas im Haupt. Aber dadurch steigerte sich Siebenbrods +Zufriedenheit nur.</p> + +<p>Wie schön roch nicht der geliebte Kirsch.</p> + +<p>Wehmütig verbarg der Bootsmann das rubinfunkelnde Naß wieder in den +Schiffsschrank. — »Ja, wenn man Zesnerfischer werden wollte.« Kein +Spaß, wahrhaftig! Aber aus Hann wurde was! — Das stand fest.</p> + +<p class="center"><sup>*</sup> <sub>*</sub> <sup>*</sup></p> + +<p>Der arme Junge.</p> + +<p>Er getraute sich nicht in das Lotsenhäuschen zurück, als Siebenbrod nach +der gemeinschaftlichen Seefahrt in dem rotgepflasterten Flur verschwand. +Noch zitterte er vom Kopf bis zum Fuß. Dazu summte der ungewohnte +Alkohol förmlich in seinem Kopf herum. Er sah alles, als ob es auf +Wolken tanze.</p> + +<p>Und dann die Scham!</p> + +<p>Geprügelt, durchgehauen, wie ein boshafter Köter. Nun wußten es doch +gewiß bereits alle.</p><p><span class="pagenum"><a name="Page_44" id="Page_44">44</a></span></p> + +<p>Ganz sicher, von Line mußten sie es längst gehört haben.</p> + +<p>Oh, wenn bloß Line nicht dabei gewesen wäre. Das tat so weh. Er konnte +sich selbst gar nicht erklären, warum das Bild des erstaunten, +lächelnden Kindes in seinem Innern wie mit Messern eingerahmt schien.</p> + +<p>Das riß und schnitt.</p> + +<p>Ne, ne, lieber nicht Abendbrot essen, obwohl er vor Müdigkeit am +liebsten sich auf die offene Dorfstraße geworfen hätte. Nein, irgend +jemand dasjenige anvertrauen, was er erlebt. Wenn er das nur könnte!</p> + +<p>Aber wem?</p> + +<p>Der Junge dachte nach.</p> + +<p>Seinen Brüdern?</p> + +<p>Nein, nein, die waren zu fein dazu.</p> + +<p>Sein Mudding?</p> + +<p>Auch nicht, die weinte und gab selten Antwort.</p> + +<p>Draußen klang im selben Moment eine Handharmonika durch die stille +Abendluft herüber.</p> + +<div class="poem"><div class="stanza"> +<span class="i0">»Judemädel, wasch dich, kämm dich, putz dich schön,<br /></span> +<span class="i0">Denn wir woll'n zum Tanze geh'n.«<br /></span> +</div></div> + +<p>Malljohann spielte wieder auf dem Dach seiner Kajüte, während am +Bollwerk einige Matrosen mit ein paar Dorfmädchen dazu lachten und +sangen.</p> + +<p>Bewahre, was sollte Hann wohl unter solch Fröhlichen anfangen?</p> + +<p>Ne, ne, Malljohann war auch nicht der richtige.</p> + +<p>Aber plötzlich wußte er's.</p> + +<p>Es gab nur einen.</p> + +<p>Oll Kusemann.</p> + +<p>Ja, zu dem mußte er sich schleichen.</p> + +<p>Und es war so natürlich, daß der Knabe zu dem Lügenlotsen seine Zuflucht +nehmen wollte. Denn dieser Phantast ohnegleichen,<span class="pagenum"><a name="Page_45" id="Page_45">45</a></span> dem das Leben eine +einzige bunte Unwahrheit, eine schillernde Seifenblase erschien, der +sich an seinen eigenen, närrischen Geistessprüngen ergötzte wie ein +Kind, das den Affenkäfig beschaut, — er brauchte Hann als sein Publikum, +als seinen Hörer — und deshalb liebte er ihn. Und auch Hann verehrte +den Alten leidenschaftlich als seinen einzigen Freund. Ja, in das +Wetterhäuschen zu oll Kusemann mußte der Junge.</p> + +<p>Vorsichtig, nach allen Seiten ausspähend, schlich der Geprügelte die +wenigen Schritte bis zur Hafenmündung, wo auf einer Steinmole eine +ausrangierte Badehütte stand.</p> + +<p>Das war der Beobachtungsposten des Lügenlotsen.</p> + +<p>Und richtig, da lehnte der Gesuchte in der offenen Tür, strich über +seine schmucke, blaue Uniform und fuhr sich wohlig über den spitz +geschorenen, grauen Kinnbart, denn oll Kusemann hielt sich trotz seiner +Sechzig für einen schönen Mann, für einen Eroberer, von dem Frauen, +Dirns und noch Jüngere zu erzählen wußten.</p> + +<p>Als er den fröstelnden Jungen gewahrte, schielte er mit seinen +fröhlichen, blauen Augen auf ihn hin, denn oll Kusemann schielte ein +wenig, spuckte pfeilschnell und kunstgerecht seinen Priem dem Ankömmling +vor die Füße und äußerte teilnehmend: »Na, Hann, bist ins Wasser +geschmissen worden?« Denn der Lügenlotse hatte durch sein Lugfenster und +mit seinem Fernrohr längst das Erlebnis seines Freundes festgestellt.</p> + +<p>Hann stutzte.</p> + +<p>Was war das wieder für ein neues Wunder?</p> + +<p>»Woher weißt du das, oll Kusemann?«</p> + +<p>Statt einer Antwort wies der Angeredete mit seinem Fuß ein wenig in die +Höhe, und da sah denn Hann, wie oben auf dem Dach der Hütte der gezähmte +Rabe oll Kusemanns, Niklas mit Namen, hin und her hüpfte, von dem der +Lotse oft mit größtem Ernst behauptet hatte, daß dieser Vogel ihm alle +möglichen Geheimnisse hinterbringe.</p> + +<p>»Ach so,« sagte der Junge und senkte demütig den Kopf.</p><p><span class="pagenum"><a name="Page_46" id="Page_46">46</a></span></p> + +<p>Dann heulte er auf.</p> + +<p>»Jung, rohr nich,« tröstete oll Kusemann gutmütig und zog den Knaben in +das enge Bretterloch hinein, »hör' zu. Ebenso wie dich — so is es — +hm, ja — so is es Kolumbussen auch gegangen.«</p> + +<p>Hann, der zu seinen Füßen saß, schluckte noch.</p> + +<p>»Wer is Kolumbus?«</p> + +<p>»Was? Du weißt das nicht? — Jung, das kommt von deine verfluchtige +Ungebildheit — hm, ja.« —</p> + +<p>Oll Kusemann schob behaglich seinen Priem hin und her und schielte +unternehmungslustig auf den ruhenden Bodden, über den die Dämmerung +daherzog wie eine Schlachtreihe grauer Nebelgeister. —</p> + +<p>»Na also — Kolumbus, je — na, Kolumbus, was is er weiter gewesen, as +so'n lütter spanischer Schiffsjung? — Aberst sein Vater, der hatte sich +das in den Kopf gesetzt, er sollt' was entdecken, womöglich einen ganzen +Weltteil, und, um ihm das anzugewöhnen, hat er ihn auch immer im Wasser +untergetümpelt als Siebenbrod heut mittag dir — na, und sühst du, was +hat der Jung getan? — Ausgerissen is er, mit noch paar andere solche +Ströper und hat Amerika entdeckt! Wat sagst nu?«</p> + +<p>Hann vergaß eine kurze Zeit sein Unglück.</p> + +<p>»Woher weißt du das alles?« fragte er rasch, »bist du denn dabei +gewesen?«</p> + +<p>Diese Frage reizte den Lotsen zu einer kräftigeren Leistung.</p> + +<p>»Je, erzählt ich dich das noch nie? — Ich bin es ja gewesen, der da so +immer in dem Mastkorb schrie: »Land — Land!«</p> + +<p>»Dann hast du ja Amerika entdeckt?« echote der Kleine.</p> + +<p>Hann versäumte vor Bewunderung, den Mund zuzumachen.</p> + +<p>»Das hab' ich,« bestätigte oll Kusemann behaglich. — »Das kann mir +keiner streitig machen. — Und hier« — dabei zog er eine ausländische +Münze aus der Tasche — »kannst du noch die spanische Medaille sehen, +die ich dafür bekommen hab. Kuck — hier.«</p><p><span class="pagenum"><a name="Page_47" id="Page_47">47</a></span></p> + +<p>Hann sah hin; dann begann er wieder zu heulen.</p> + +<p>»Was is?«</p> + +<p>»Prügel,« jammerte der Junge. Und nun teilte er dem neugierig +aufhorchenden Lotsen das Begebnis auf der Wiese mit, und wie er in +Gegenwart von Line so entwürdigend geschlagen worden sei.</p> + +<p>Der Lotse wurde ungeduldig. Der kleine Bursche amüsierte ihn heute +nicht. Und oll Kusemann war mehr für einen Spaß zu haben. Am liebsten +war es ihm, wenn man lauschend seinen Lügenphantasien folgte.</p> + +<p>»Hör eins« — mißbilligte er — »was is das mit der lütten Dirn? Den +ganzen Tag steckst du mit ihr zusammen. Is sie deine Braut?«</p> + +<p>»Was, oll Kusemann?«</p> + +<p>»Ob sie deine Braut is?«</p> + +<p>Der Junge wurde dunkelrot. Er ahnte selbst nicht, warum. Am ehesten +hielt er diese Frage für eine neue Entwürdigung.</p> + +<p>»Na, ich mein, — na, wie soll ich dich das klarmachen? — Küßt du ihr +denn? — Und faßt du ihr manchmal liebreich um? Und wenn sie eins 'n +Schnupftuch verliert oder 'ne Schleife, steckst du das zu dich und hast +dir damit?«</p> + +<p>Hann hörte furchtsam zu. All das, was der alte Lügenlotse jetzt +anführte, flößte ihm eine ungeheure Furcht ein. Das Schnupftuch, die +Schleife, das Umfassen, alles. Eine ängstliche Neugierde erfaßte ihn.</p> + +<p>Hastig schüttelte er seinen plumpen Kopf.</p> + +<p>»Na, dann will ich dir was sagen,« ermahnte der Alte, »wenn du das Ding +so gern leiden magst, dann mußt du fix machen — denn später« — er +schüttelte bedenklich das Haupt — »sie is 'ne kleine Hex, wer weiß, was +später mit ihr los is — ob sie dich dann noch will? Verstehst du auch, +du lütter Dämlak, was ich mein?«</p> + +<p>»Ne, oll Kusemann, ich versteh' dich nicht.«</p> + +<p>»Na, dann paß auf, der Umgang zwischen Männliche und Weibliche<span class="pagenum"><a name="Page_48" id="Page_48">48</a></span> is +nämlich sehr schnurrig — hör zu, ich will dich das erklären: Siehst du, +da gibt es nämlich Männers, die von allen, aberst ich sag' dir, auch von +allen Weibers geliebt werden, und die dabei gegen Damens sehr stolz +sind. — So einer bin zum Beispiel ich. Ich weiß auch nicht, wie es +kommt. Aber es is so!</p> + +<p>»Ein alter Professor drin aus der Stadt sagte mich mal, es liegt an dem +Geruch. — Wie gesagt, ich hab' da noch nich drauf geacht.</p> + +<p>»Und zum zweiten gibt es Männers, die nu wieder ihreseits gegen die +Weiber 'ne große Liebe und Andacht haben und sehr demütig gegen ihr +sind. — Sieh, zu dieser zweiten Sorte wirst du woll gehören, wenn es +mal so weit sein wird. Und deshalb müssen diese zweiten Schafsköpp' sich +recht frühzeitig verloben und verfreien, damit ihnen die +Herzallerliebsten noch in der Dummheit zulaufen. Denn später pfeifen die +Frauenzimmers auf die Demütigkeit und halten das für Langweiligkeit und +machen denn ganz verfluchte Chosen. — Verstehst du mir?«</p> + +<p>Hann starrte ihn an und hielt sich krampfhaft an der auf- und +niederknarrenden Brettertür fest. Zum Umsinken müde war er, und doch +hätte er gern noch mehr gehört, denn das kleinste Wort kam ihm +geheimnisvoll vor, weil Line damit irgendwie in Verbindung zu stehen +schien. Es wurde ihm ganz kalt vor Furcht.</p> + +<p>»Was nu aber deine Brautschaft anbetrifft« — wollte der Lotse seinen +Spaß fortsetzen, — da wurden auf der steinernen Mole kurze Tritte laut, +wie wenn leichte Holzpantöffelchen darüber klapperten, und aus den +Wassernebeln, die zerfasert und gespenstisch an der Steinwand in die +Höhe quollen, tauchte eine kleine Gestalt auf.</p> + +<p>Line.</p> + +<p>»Oll Kusemann, is Hann bei dir?« rief sie atemlos und beugte sich mit +halbem Leib in die Hütte hinein.</p> + +<p>»Ja, hier, Lining,« stammelte der Junge.</p> + +<p>Ihm fiel alles ein, was sein Freund eben vorgebracht hatte. Jetzt wäre +er am liebsten davongelaufen.</p> + +<div class="figcenter" style="width: 400px;"> +<img src="images/oppos_048.jpg" width="400" height="621" alt="Illustration" /> +</div> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_49" id="Page_49">49</a></span></p> + +<p>Ihr Atem stürzte nur so aus der kindlichen Brust hervor, aber die Augen +blitzten vor Neugierde und Spannung.</p> + +<p>»O Hann, komm fix nach Haus. — Abendessen. — — Wenn du bloß wüßtest, +wie Siebenbrod wieder schimpft.«</p> + +<p>»Ißt der jetzt auch an eurem Tisch?« fragte oll Kusemann hastig.</p> + +<p>»Ja.«</p> + +<p>»Und er schimpft?«</p> + +<p>»Furchtbar.«</p> + +<p>Süh — süh, dachte der Lotse für sich, und Hann soll Vater zu ihm sagen? +»I, Kinnings,« sprach er laut, »hört ihr nicht, was Niklas eben ruft?« +In der Tat begann der Rabe, den wohl frieren mochte, laut zu krächzen: +»Scharp — scharp.«</p> + +<p>»Hörst du's,« verkündigte oll Kusemann, während er schnell die Hütte +verschloß, »Hochzeit,« sagte er. — »Es gibt Hochzeit bei euch. +Siebenbrod heiratet euer Mutting. Und horch —«</p> + +<p>Wieder schrie der Rabe sein »Scharp«.</p> + +<p>Der Lotse pfiff und tat einen Luftsprung. »Ne so was lebt nich,« schrie +er beglückt. »>Verlobung< sagt er auch, hast du's gehört, Dirning? — +Ganz deutlich >Verlobung<. Nu kommt fix.«</p> + +<p>Er zog die Kinder mit sich fort. Sorgsam, damit sie in dem dicken, +milchigen Nebel nicht ins Wasser stürzten.</p> + +<p>Deshalb schritt er voran.</p> + +<p>Hinter sich hörte er, wie die Kinder ängstlich miteinander über +Siebenbrod flüsterten.</p> + +<p>»So spät — so spät,« hauchte Line erwartungsvoll. »Wird er dich jetzt +nicht wieder schlagen?«</p> + +<p>»Ja, das wird er woll,« gab Hann zu, dem die Zähne klapperten.</p> + +<p>Die Kleine sah ihn an. Ihre Spannung stieg immer höher.</p> + +<p>Ganz finster war es unterdes geworden.</p> + +<p>Vom Fluß tönte ein scharfes Murmeln herauf, und auf den Wiesen tanzten +kolossale, bleiche Gestalten.</p> + +<p>Da machte der Lügenlotse, der ihnen bis dahin schweigsam +vorausgeschritten war, obwohl er ihre Unterhaltung Wort für<span class="pagenum"><a name="Page_50" id="Page_50">50</a></span> Wort +aufgefangen, plötzlich an einem gespenstisch aufragenden Querbaum halt.</p> + +<p>Ein vergessenes, grobes Netz flatterte im Abendwind von der Gabel herab +und verbreitete einen ätzenden Fischgeruch. Es sah aus, als ob von einem +Galgen eine Riesin in langem, schleppendem Gewande herabschlottere.</p> + +<p>Dieser Platz schien oll Kusemann für den närrischen Spaß, den er mit den +Kindern treiben wollte, der rechte Ort. An dem Pfahl blieb er stehen.</p> + +<p>»Kommt her,« flüsterte er darauf, und als die Kinder in der Schwärze +neben ihm standen, legte er jedem von ihnen den Arm um die Schulter und +beugte sein bärtiges Haupt zwischen die jungen Köpfe.</p> + +<p>»Kommt her. — Ihr müßt ein Bündnis machen gegen Dietrich Siebenbrod. — +Das ist klar. Aber das beste Bündnis zwischen einen Männlichen und eine +Weibliche is die Verlobung. Ihr müßt euch also verloben. — Daß ihr noch +'n bischen jung seid, das is woll wahr, aber es braucht ja auch erst +später die richtige, die ganz richtige Verlobung zu folgen. — Na also, +was sagt ihr?«</p> + +<p>Prachtvolle, glitzernde Sterne brachen hier und da durch den stillen +Nebelhimmel hindurch, und in seinem Halbtraum vernahm Hann, daß oll +Kusemann von neuem vor sich hinlachte, während er die beiden Kinder eng +aneinander schob.</p> + +<p>»Nu küßt euch,« befahl er.</p> + +<p>Voller Angst küßten sich die Kinder.</p> + +<p>Der Lotse pfiff durch die Zähne und sprang, wie er es bei freudigen +Anlässen zu befolgen pflegte, hoch in die Luft.</p> + +<p>»So,« schmunzelte er seelenvergnügt. »Nu seid ihr so weit. — Ich +gratulier' euch. — Kommt, Kinnings, fix, fixing, damit ihr zu Haus nich +Schläg kriegt. — Und wenn ihr Hochzeit macht, Lining, weißt was? — +Dann schenk' ich dir ein goldenes Brokatkleid — ja — hm — natürlich +— ein goldenes Brokatkleid und silberne Schuhe mit diamantne +Schmetterlinge darauf. — Da<span class="pagenum"><a name="Page_51" id="Page_51">51</a></span> drüben im Kloster, da liegt so was +vergraben. Ich kenn' die Stell'. Ja, und Hann — na, du weißt doch, +Jung, daß hier in unserem Bodden die alte Stadt Vineta untergesunken is. +Pass' auf, für dich hol ich mal in 'ner besonderen Stund eine Molle voll +alter Dukaten rauf. Ich hab neulich erst mit meinen Wasserfernrohr so +was funkeln sehn. — Und nu adjüssing, Kinnings — hier is mein Haus und +mein Alwining wartet all — und nu macht, daß ihr weiterkommt.«</p> + +<p>Er verschwand.</p> + +<p>Die beiden Kinder aber liefen Hand in Hand heim.</p> + +<p>Eine Stunde später lag Hann in seinem Dachverschlag im Bett. Um das Haus +wehte jetzt ein frischer Seewind. Der raschelte in dem Stroh des Daches, +wisperte Märchen und fuhr auch durch die Ritzen, so daß der Knabe fror.</p> + +<p>Er schauderte zusammen und konnte nicht einschlafen, denn all dieses +Merkwürdige, Zauberische schwirrte in dem Kämmerchen vor seinem Lager +hin und her. Die grüne Wiese und Line, die Prügel und die Verlobung, der +Kuß und die untergegangene Stadt voller Dukaten. — Und plötzlich +begannen noch die Ameisen aus dem Hügel an der Wand wirr durcheinander +zu kreisen.</p> + +<p>Ihn nahm der Schlaf.</p> + +<p>Aber das glaubte er doch noch zu hören, daß Pantöffelchen an seiner Tür +vorüberklapperten und eine Stimme hindurchrief: »Hann, bist du noch mein +Bräut'gam?«</p> + +<p>Dann huschte es nebenan in die Kissen.</p> + +<p>Er konnte es aber auch geträumt haben, denn der Mond lachte bereits auf +ihn herunter und freute sich über all die bunten Lügen und nannte ihn +einen »dummen Jungen«.</p><hr class="chap" /><p><span class="pagenum"><a name="Page_52" id="Page_52">52</a></span></p> + + + + +<h3>VI</h3> + + +<p>Ein weißgedeckter Tisch befand sich in der Mitte. Porzellanteller +standen darauf, und wahrhaftig — Messer und Gabeln sah man säuberlich +auf gläserne Bänkchen gelegt.</p> + +<p>In der großen Parterrestube, die jahraus, jahrein ganz leer stand und +nur zu großen Feierlichkeiten benutzt wurde — zuletzt hatte der Sarg +des alten Klüth darin gestanden — war heute am Sonntag Sand in feinen +Kringeln auf den Estrich gestreut. Grobe, weiße Gardinen bemerkte man +vor die Fenster gesteckt, und mitten auf dem Tisch prangte ein Strauß +bunter Georginen.</p> + +<p>Das hatte etwas zu bedeuten.</p> + +<p>Alle empfanden es, aber keiner erriet den Zweck dieser Vorbereitungen, +oder man scheute sich doch, ihn ernstlich ins Auge zu fassen.</p> + +<p>Allerdings, eine Möglichkeit, eine denkbare Erklärung schien vorhanden.</p> + +<p>Bruno, der Sekundaner, hatte vor drei Tagen zu den Michaeliferien den +Berechtigungsschein zum einjährigen Dienst aus der Stadt nach Hause +gebracht und erwartete nun als freier Mann den Augenblick, daß irgend +jemand mit ihm zum Konsul Hollander führe, damit dieser weitere +Aufschlüsse über die Zukunft seines neuen Lehrlings erteilen könnte.</p> + +<p>Wer jedoch dieser begleitende Jemand sein sollte, darüber war keine +Gewißheit zu erlangen. Paul, der Student, hatte sich bereits mehrfach +dazu erboten, war indessen von der Mutter mit einem leisen, beinahe +wehmütigen Kopfschütteln abgelehnt worden.</p> + +<p>Also ein anderer!</p> + +<p>Aber wer?</p><p><span class="pagenum"><a name="Page_53" id="Page_53">53</a></span></p> + +<p>Siebenbrod? — der Sekundaner stampfte mit dem Fuß — das war +hoffentlich völlig ausgeschlossen. Der Bootsmann konnte sich doch +unmöglich vermessen, mit dem feinen Bruno, dem sein Jackettanzug so +elegant saß, und der sich seit drei Tagen bereits im heimlichen Besitz +eines Zigarettenetuis befand, den Weg zum Konsul anzutreten?</p> + +<p>Also Siebenbrod nicht.</p> + +<p>Wer aber?</p> + +<p class="center"><sup>*</sup> <sub>*</sub> <sup>*</sup></p> + +<p>Die vier Kinder warteten schon in dem großen Zimmer eine geraume Zeit. +Noch war die Mutter nicht erschienen, was ganz gegen alle Gewohnheit +verstieß. Und nur Line, die vor einer Weile verstohlen und mit ihren +katzenhaften Tritten an der Bodenkammer der kleinen Frau vorbeigehuscht +war, sie allein wußte, daß es in dem verschlossenen Raum merkwürdig +geraschelt habe. Gerade wie wenn dort schwere alte Seide geglättet +würde.</p> + +<p>Und Frau Klüth besaß in der Tat ein altes, schwarzes Seidenkleid, ein +echtes, ehrwürdiges Lyoner Stück, das von oll Kusemann vor etwa dreißig +Jahren, als er sich noch »Strom« nannte, direkt für die drei +Lotsenfrauen nach Moorluke eingeschmuggelt war.</p> + +<p>Line kauerte in einer Ecke, biß mit ihren spitzen Zähnen in die Lippen +und sann fieberhaft darüber nach, ob die Mutter dieses Heiligtum +wirklich anlegen wolle.</p> + +<p>Ja, wenn jenes Prachtstück hervorgeholt wurde, dann stand Großes bevor.</p> + +<p>Auch Hann stand mitten in der Aufregung.</p> + +<p>In seinem zottigen, düffelblauen Sonntagsanzug hockte er am unteren Ende +des Tisches und war starr vor Ehrfurcht über die ungewohnte Pracht +dieser Zurüstungen.</p> + +<p>Das große Zimmer. Die feinen Ringelkreise des Sandes auf dem Fußboden. +Am Fenster die beiden schwarzgekleideten Brüder, die leise miteinander +verhandelten; in der Ecke Line mit dem wunderhübschen weißen Kleidchen +und der rosa Schleife im Haar!<span class="pagenum"><a name="Page_54" id="Page_54">54</a></span> — Die Georginen, und draußen auf der +Dorfstraße die vorüberwandelnden Fischer, die alle so seltsam nickten +und lächelnd in die Fenster hineinsahen!</p> + +<p>Nein, das war alles so spannend — so — so —</p> + +<p>Dem Jungen saß etwas in der Kehle, das Herz schlug ihm stark vor +Erwartung, und nicht ein einziges Mal wagte er es, zu Line +hinüberzublicken.</p> + +<p>Seit sie seine Braut geworden, bedeutete sie für ihn direkt einen +Gegenstand namenloser Furcht. Nach jenem Abend ging er ihr scheu aus dem +Wege und erkühnte sich nicht mehr, das Dirnchen anzureden.</p> + +<p class="center"><sup>*</sup> <sub>*</sub> <sup>*</sup></p> + +<p>Da fiel etwas Schwarzes in das sonnenbeschienene Fenster.</p> + +<p>Alle im Zimmer mußten wie auf Verabredung auf die helle Dorfstraße +hinausblicken.</p> + +<p>Welch ein wunderliches Bild.</p> + +<p>Dort draußen auf dem weißen Sande ragte die lange Gestalt des +Bootsmannes aus einem Menschenhaufen hervor, merkwürdig ungelenk +anzusehen in seinem Bratenrock und dem wolligen Zylinder, aber heute +noch steifer wie gewöhnlich, da er eine große Mappe mit aller Kraft an +sich preßte, als wünsche er sich eines kostbaren Gutes beständig zu +versichern.</p> + +<p>Da standen sie alle um ihn herum. Ein paar Zesnerfischer, ferner die +beiden Lotsen, oll Kusemann in seinem schmucken, blauen Wams, und +Friedrich Pagels mit dem verschnürten Bein, sodann Klaus Muchow, der +stärkste Fischer von Moorluke mit einem blondlockigen Neptunshaupt, das +stumm und taub zugleich war, ja selbst Malljohann, dessen Kartoffelkahn +gerade wieder vor dem Lotsenhäuschen der Klüths ankerte, beteiligte sich +von fern an dieser Ehrung. Tiefsinnig saß er auf seinem Kajütendach und +spielte in Anbetracht der Feierlichkeit: »Deutschland, Deutschland über +alles.«</p> + +<p>Und alle gratulierten dem Bootsmann.</p><p><span class="pagenum"><a name="Page_55" id="Page_55">55</a></span></p> + +<p>»Ich dank' euch auch,« sagte Siebenbrod stolz, »ich werd' nun mein +Möglichstes tun.«</p> + +<p>»Ja,« stellte der wassersüchtige Lotse mit dem Schnürbein, der sich am +besten auf Geschäfte verstand, fest, »das Haus is ja auch ganz nett. Das +Dach muß ausgebessert werden.«</p> + +<p>»Ne, ne,« widersprach Siebenbrod mit einer gewissen +Besitzerbehaglichkeit. »Vier Jören — kein Spaß — sparen, sparen.«</p> + +<p>»Ja,« mischte sich nun auch oll Kusemann listig ein und redete ganz +laut, damit ihn sein Freund Hann in der Stube besser verstehen sollte, +»Siebenbrod, kiek, da sind drei Kühe und zwei Schweine. Wenn man sich +die ein paar Jahre vermehren läßt, sieh, dann kommt 'ne recht anständige +lütte Viehzucht raus. Ich hatt' mal einen Vetter, der — —«</p> + +<p>»Ne — man ja nicht — und der Rotlauf und die Klauenseuche,« wehrte der +neue Besitzer ab und drückte das Zesnerfischerpatent in der Mappe +zärtlicher an sich. »Sparen — sparen.«</p> + +<p>»Na, dann auch so! — Es is ja wirklich allens ganz nett,« fuhr der +Lügenlotse, immer mit erhobener Stimme, bedächtig fort. »Und Mudding +Klüth is ja auch noch ganz gut zu Weg. Man muß eben ein Auge zudrücken. +Wenn sie sich mein schwarzes Seidenkleid aus Lyon anzieht, dann läßt sie +sich noch ganz hübsch wonach.«</p> + +<p>»Ja, was sollt' sie nich,« murmelte Siebenbrod dagegen und blickte sich +mißtrauisch im Kreise um, ob vielleicht einer Spaß mit ihm treiben +wollte. »Frau Klüth is noch sehr bei Kraft.«</p> + +<p>»Deutsche Frauen — deutsche Treue,« klang es von dem Kartoffelkahn.</p> + +<p>»Na, die Hauptsache bleibt aber doch das Haus und die Schweine,« schloß +Friedrich Pagels bestimmt. »Dabei bleibt es.«</p> + +<p>»Ja — ja, dagegen läßt sich nichts einwenden,« nickte Siebenbrod sehr +vergnügt und drückte allen unter beifälligem Gemurmel die Hände.</p> + +<p>Dann trat er in das Klüthsche Familienhaus.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_56" id="Page_56">56</a></span></p> + +<p class="center"><sup>*</sup> <sub>*</sub> <sup>*</sup></p> + +<p>Unter befangenem Schweigen hatte man an der festlichen Tafel gesessen.</p> + +<p>Alle scheuten sich, von ihren Tellern aufzusehen. Man hörte die +herbstlich-matten Fliegen an der Decke summen und vernahm nur zuweilen +das erzwungene »Hum — Hum« des Bootsmannes, der sich bemerkbar machen +wollte.</p> + +<p>Doch keiner redete.</p> + +<p>Es war, wie wenn sich die vier Kinder hinter dieses Schweigen wie hinter +einen letzten Wall zurückzögen.</p> + +<p>Zuletzt konnte es Siebenbrod nicht mehr aushalten.</p> + +<p>»Hum — Hum — Frau Klüth,« begann er endlich, während er ratlos und +eingeschüchtert neben der Frau in dem steifen seidenen Kleide hin und +her rückte. »Ich glaub', nun wär' es Zeit mit dem Bier.«</p> + +<p>»Ja, dann können wir ja nun.«</p> + +<p>Rauschend erhob sie sich, rauschend kam sie zur Tür wieder herein und +stellte einen großen, braunen Krug auf den Tisch.</p> + +<p>Dann ließ sie sich mit ihrem unbeweglichen Gesicht neben dem Bootsmann +nieder, aufrecht wie ein Licht, das in den Leuchter gesteckt wird.</p> + +<p>»Frau Klüth — ich werd' das selbst eingießen.«</p> + +<p>»Schön, Herr Siebenbrod.«</p> + +<p>Die Anreden steigerten sich in ihrer Feierlichkeit. Doch auch der +Gerstensaft ließ keinen größeren Frohsinn aufkommen, immer wieder +blickten acht Augen forschend und anklagend nach der Mitte der Tafel, +als säße dort ein Paar, das einen ungeheuren Frevel verüben wollte. Bis +endlich Siebenbrod dreimal energisch über seinen Kopf strich und sich +halb verzweifelt zu der Witwe wandte: »Frau Klüth, nu muß ich es wohl +tun?«</p> + +<p>Einen Augenblick Schweigen.</p> + +<p>Dann ein tiefes Aufatmen: »Ja, Herr Siebenbrod, nun bleibt wohl nichts +mehr übrig.«</p> + +<p>»Na, denn —,« der Bootsmann gab sich einen gewaltigen Ruck,<span class="pagenum"><a name="Page_57" id="Page_57">57</a></span> sperrte +den Mund auf und blickte jedes der vier Kinder, Nachsicht heischend, an: +»Na, denn also — Paul, Bruno, Hann und Line — ich hab' ihr nu.«</p> + +<p>»Was haben Sie?« fragte der Theologe langsam, während er seine finsteren +Augen nicht von ihm wandte.</p> + +<p>»Das Zesnerpatent, Herr Paul.«</p> + +<p>Siebenbrod holte das Papier aus der Tasche und hielt es wie einen Schutz +oder eine Erklärung vor sich in die Höhe.</p> + +<p>»Ja, aber was folgt daraus?« forschte der Student unbarmherzig weiter.</p> + +<p>Was daraus folgt? —</p> + +<p>Siebenbrod sah sich verwirrt im Kreise um, wischte sich die Nase und +machte wieder den Mund auf. Ja, was sollte denn daraus anderes folgen, +als was doch so klar war? — Herr Gott — Herr Gott — solch ein +studierter Mensch — was für Umstände: »Je,« stotterte er, »daß ich hier +nu alles übernehme.«</p> + +<p>»So? — Das stand ja aber schon vorher fest. Dabei ist doch nichts +Besonderes?«</p> + +<p>Als sich der Fischer derartig in die Enge getrieben sah, geriet er in +Verzweiflung. Weit schob er die Füße von sich, legte eine Faust auf den +Tisch und sagte in völliger Resignation: »Ja, das mag ja nun alles sein, +wie es will — aber wir sünd einig — wir heiraten uns.«</p> + +<p>Und Frau Klüth blickte mit ihrem starren Gesicht jedes einzelne der +Kinder an und setzte traurig hinzu: »Glaubt mir, es geht nicht anders.«</p> + +<p>Nach dieser Erklärung waltete neues, drückendes Schweigen. Als jedoch +zwischen Mittagbrot und Kaffee der Bootsmann, froh, der schwülen Stille +zu entfliehen, ein wenig an den Fluß und an Malljohanns Kahn +geschlendert war, da sahen die andern Kinder, wie Paul mit der Mutter in +einer Ecke saß, und hörten abgebrochene, geflüsterte Worte von dorther +dringen: »Paul — Pauling — tu das nicht.«</p><p><span class="pagenum"><a name="Page_58" id="Page_58">58</a></span></p> + +<p>»Es ist besser so — ich brauche dann von euch nichts mehr.«</p> + +<p>»Aber wie willst du das bloß anfangen?«</p> + +<p>»Privatstunden.« —</p> + +<p>»O Pauling — ich geb's ja gern — ich tu's doch bloß euretwegen.«</p> + +<p>»Ja — ja, aber im Andenken an den Vater — ich kann's nicht mit ansehn +— ich zieh — morgen schon in die Stadt.«</p> + +<p>Dann umschlang die Mutter ihren Ältesten, und man konnte hören, wie der +harte Junge von einem Schluchzen förmlich geschüttelt wurde. Bruno stand +dabei abgewandt am Fenster und sah hinaus. Auch ihm war übel zumute. +Aber er dachte mehr daran, was seine städtischen Bekannten, was vor +allen Dingen wohl Konsul Hollander, der doch ein Gönner des alten Klüth +gewesen, zu dieser plötzlichen Verlobung sagen würde. Die beiden +Kleinen, Hann und Line, hingegen schlichen mit gesenkten Köpfen hinaus.</p> + +<p class="center"><sup>*</sup> <sub>*</sub> <sup>*</sup></p> + +<p>In dem verwilderten, struppigen Garten, der wie alle Moorluker +Anpflanzungen von dem häufigen Nordoststurm zerzaust und verwüstet +aussah, machten die Kinder vor den traurigen, geknickten +Sonnenblumenstauden halt.</p> + +<p>Das Gelb der Kelche hatte schon etwas Giftiges angenommen, und die +mächtigen Blumenhäupter hingen so trostlos, so greisenhaft gebrechlich +darnieder, als wüßten sie, daß der nächste Norder sie hohnlachend in den +Fluß schleudern würde. Der ganze Fleck hatte etwas Unrastiges.</p> + +<p>Schräge, schlecht gezogene Beete, auf denen Rüben und Petersilie +wuchsen, und hier und da ein verkrüppelter Apfelbaum, der im Kampf mit +dem Winde bucklig geworden.</p> + +<p>In den Blättern raschelte ein unfreundlicher Zug, am Himmel fand ein +höhnisches Spiel zwischen Sonne und grauen Wolken statt.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_59" id="Page_59">59</a></span></p> + +<p class="center"><sup>*</sup> <sub>*</sub> <sup>*</sup></p> + +<p>Das Dirnchen hatte eine der Sonnenblumenstauden zu sich herniedergebeugt +und zupfte nun ein Blatt der kranken Köpfe nach dem andern ab.</p> + +<p>Allmählich färbte sich ein gelber Teppich zu ihren Füßen, bis ihn der +Wind wieder von dannen fegte.</p> + +<p>»Lining,« fing Hann an, der hinter ihr stand und in seiner Trauer seine +Furcht vor ihr vergessen mochte, »siehst du, Niklas von oll Kusemann hat +recht behalten. Nu is Vater abgesetzt — und sie haben sich verlobt.«</p> + +<p>Nun hätte sie fragen müssen, welche Zweifel ihn eigentlich plagten. +Indessen sie schwieg. Warum, wußte sie selbst nicht. Aus Eigensinn oder +weil sie gewohnt war, mit ihrem treuen Begleiter, der überall hinter ihr +hertrollte, nach Laune zu spielen.</p> + +<p>Sie schwieg und zupfte schneller.</p> + +<p>»Lining,« fuhr Hann eingeschüchtert fort und sah verlegen auf seine +Stiefel hinunter: »Verloben? — Das is doch eigentlich was sehr +Feierliches.«</p> + +<p>Noch immer rührte sie sich nicht, und doch schielte sie ein wenig +seitwärts nach ihm hin. Dem kecken, frühreifen Ding kam die Erinnerung, +daß ihr treuer Gespiele sie neulich geküßt. — Im Grunde war sie auch +seine Braut. Sie spitzte die Lippen.</p> + +<p>Was er ihr wohl zu sagen hatte?</p> + +<p>»Lining,« stotterte der Junge, bei dem die ersten forschenden Gedanken +durchaus nicht in dem groben Gehirn verharren wollten, die vielmehr aus +ihrem Käfig ausbrachen wie eine Schar schreiender Gänse auf die +Landstraße. »Lining, hinter dem Verloben muß doch noch was stecken, kuck +— wir« — er wurde glühend rot — »wir sind doch auch verlobt — wie +oll Kusemann sagte — aber — wir — Lining, sei nicht bös — wir mögen +uns doch auch leiden —! Dietrich Siebenbrod aber und Mudding, die mögen +sich doch nicht ausstehen und verloben sich doch. — Daß so was erlaubt +is?«</p> + +<p>Nachdenkend hielt er inne.</p><p><span class="pagenum"><a name="Page_60" id="Page_60">60</a></span></p> + +<p>Immer wandte sie ihm noch den Rücken. Langsam jedoch, mit einer unbewußt +koketten Bewegung bog sie jetzt den Hals und blickte ihn mit ihren +braunen Augen suchend und staunend an.</p> + +<p>Sie wartete. Er hatte gewiß noch etwas Wunderschönes zu sagen. Wie eine +ganz feine, leise Musik begann es in dem herbstlichen Garten um sie +herum aufzuklingen. Viel, viel später noch leuchtete diese Szene zu ihr +herüber, wie ein farbenschimmernder, erwartungsvoller, verheißender +Kindertraum.</p> + +<p>In dem frischen Winde flatterte die Schleife in ihren Haaren gleich +einem rosigen Wimpel; die vollen roten Lippen bebten vor Frost und vor +Neugierde.</p> + +<p>»Du magst mich gern leiden?« brachte sie hervor.</p> + +<p>»Ja,« entgegnete Hann erschreckt. »Das hab' ich gesagt.«</p> + +<p>»Ich mag dich auch gern leiden,« flüsterte Line und streckte ihm mit +einer raschen Bewegung ihre runde, rosige Hand hin.</p> + +<p>Da verdarb ihm die Philosophie alles. Dieses verwünschte methodische +Hinstarren auf die Gedankenkegelbahn, auf der er die ersten +ungeschickten Würfe tat.</p> + +<p>»Der Amtsvorsteher nimmt Mutter und Siebenbrod am Ende gar nicht an,« +gab er dem Gespräch eine andere Wendung, während er sich aus Furcht vor +der ausgestreckten Hand beinahe zum Ausreißen wandte. »Wenn er erfährt, +daß sie sich nicht gern haben, dann schickt er sie vielleicht nach +Hause.«</p> + +<p>Noch immer wartete Line. — Langsam sank das Händchen herunter, vor dem +Hann bereits bis hinter den Apfelbaum zurückgewichen war.</p> + +<p>Ein plötzlicher Windstoß brauste durch die Zweige und warf harte Früchte +herab.</p> + +<p>Da riß Line in aufflammendem Zorn eine riesige Sonnenblume, die hinter +ihr herabhing, von ihrem Stengel und schleuderte sie dem Jungen mit +aller Kraft ins Gesicht. Hart klatschte es gegen seine Haut.</p> + +<p>»Lining,« rief er bestürzt. »Was tust du?«</p><p><span class="pagenum"><a name="Page_61" id="Page_61">61</a></span></p> + +<p>In demselben Moment rollte eine Equipage die Dorfstraße entlang und +hielt vor dem Klüthschen Hause.</p> + +<p>»Dummer Bengel,« rief das Mädchen.</p> + +<p>Dann lief sie mit flatternden Röcken auf das glänzende Gefährt zu.</p><hr class="chap" /><p><span class="pagenum"><a name="Page_62" id="Page_62">62</a></span></p> + + + + +<h3>VII</h3> + + +<p>Der Konsul Hollander war ein griesgrämiger Herr.</p> + +<p>Wohl hatte er vier der schönsten Pferde im Stalle, doch pflegte er sie +aus Trotz gegen sich und gegen seine Familienangehörigen selten zu +benutzen. Jeder Luxus schien ihm etwas so Verabscheuungswürdiges, daß er +sich von Zeit zu Zeit sogar seines schönen, lebenden Besitztums schämte.</p> + +<p>Mußte er notgedrungen, so wie heute, den Bitten seines Töchterchens +Dina, die so gar nicht in das stille, vereinsamte Kaufmannshaus paßte, +nachgeben, wurde die altväterliche und bequeme Equipage zu einer +Spazierfahrt einmal angespannt, thronte der alte, steifleinene Johann in +seiner verschossenen Livree wirklich einmal vorn auf dem Bock, dann +konnte man sicher sein, daß der Konsul brummig auf seinem Hintersitz +hockte, den Stock mit dem englischen Knopf fest gegen das Kinn gepreßt, +um ununterbrochen leise Zeichen der Unzufriedenheit vor sich +hinzumurmeln.</p> + +<p>Das klang ungefähr so: »Alle Krankheiten laufen sich die Tiere auf so +einer verwünschten holprigen Chaussee. Diese ruckartige Bewegung ist dem +Körper in hohem Grade unzuträglich. Überhaupt das ganze ein +Frauenzimmervergnügen. Müssen sich zeigen — und das alles in den +wichtigsten Geschäftsstunden.«</p> + +<p>Und zu seiner Schwester, einer unverheirateten Dame, die wie ein +gepudertes Bild aus der Rokokozeit breitröckig neben ihm thronte, +pflegte er mit einer ironisch-höflichen Verbeugung und bittersüßem +Lächeln hinzuzusetzen: »Habe ich dich getreten? Das tut mir leid, aber +in diesem Kasten kann ich mir nicht anders helfen.«</p> + +<p>Derartige Reden waren aber so bekannt, daß die beiden Damen<span class="pagenum"><a name="Page_63" id="Page_63">63</a></span> sich nicht +sonderlich darum kümmerten. Die Tante erklärte vielmehr ihrer Nichte +Dina, die erst kürzlich aus der Schweizer Pension zurückgekehrt war, mit +gutmütiger Regelmäßigkeit alle irgendwie hervortretenden +landschaftlichen Schönheiten, ohne sich dadurch irgendwie stören zu +lassen, daß sie dies bei ihren Ausfahrten jedesmal zu befolgen pflegte. +Und das elegante Fräulein, das so blond, modern und vornehm aussah, +nickte stets dazu und erwiderte immer: »Danke, danke.«</p> + +<p class="center"><sup>*</sup> <sub>*</sub> <sup>*</sup></p> + +<p>Als der Konsul in die Nähe des Klüthschen Familienhauses gelangt war, +versetzte er plötzlich dem alten Johann mit dem Stock einen leichten +Schlag auf den Rücken.</p> + +<p>»Anhalten!«</p> + +<p>Richtig — hier hatte er ja etwas abzuwickeln.</p> + +<p>An den alten Klüth, der einmal Schiffszimmermann auf seiner Werft +gewesen, hatte ihn noch etwas Persönliches gebunden.</p> + +<p>Nun sollte ja eine neue Generation, eine feinere, kultiviertere mit ihm +in Verbindung treten.</p> + +<p>Diese mußte er sich erst einmal genau besehen.</p> + +<p>Wer weiß, was da wieder dahintersteckte. Er hielt es nicht sehr mit der +neuen Zeit.</p> + +<p class="center"><sup>*</sup> <sub>*</sub> <sup>*</sup></p> + +<p>Die beiden Damen saßen auf zwei Stühlen, welche die kleine Frau Klüth +mit unheimlichem Eifer und ohne daß es notwendig gewesen wäre, gereinigt +hatte. Der Konsul dagegen stand mitten in der Stube, den Stock wie immer +gegen das glattrasierte Kinn gepreßt und sah mit seinen grauen Augen, +die so groß unter den weißen Brauen hervorblickten, auf Bruno herab, der +schweigend und doch unsicher vor seinem zukünftigen Chef verharrte.</p> + +<p>An den Wänden ringsherum befanden sich die übrigen Familienmitglieder. +Alle hielten den Atem an, als könnten sie den mächtigen Handelsherrn +irgendwie beleidigen, während Siebenbrod<span class="pagenum"><a name="Page_64" id="Page_64">64</a></span> von Zeit zu Zeit langsam an +seiner eigenen Hose herabfuhr, um jede Bemerkung des Konsuls dann mit +einem beistimmenden: »Jawoll, jawoll — so 's recht, Herr Konsul« zu +begleiten.</p> + +<p>Eingehend erkundigte sich Hollander nach Brunos Vorbildung und +Kenntnissen, und merkwürdig, bei jeder neuen Wissensposition, die sein +künftiger Lehrling zu besitzen behauptete, entfuhr dem Kaufmann stets +ein zweifelhaftes »Na, na!«</p> + +<p>»Englisch?«</p> + +<p>»In meinem Zeugnis steht gut!«</p> + +<p>»Na, na!« grunzte Hollander, und nachdem er sich noch die Handschrift +seines Schülers betrachtet und ebenfalls verdächtig mit dem Kopf +geschüttelt hatte, sagte er hart und abweisend, als wenn er dem +Neuaufzunehmenden in der Tat nicht viel Vertrauen entgegenbrächte: »Das +mag alles recht schön und gut sein. Aber die Hauptsache liegt ganz +woanders. — Wissen Sie, wo?«</p> + +<p>»Nein,« entgegnete Bruno nach einigem Besinnen offenherzig.</p> + +<p>»In der Treue und Ehrlichkeit liegt sie,« knurrte Hollander.</p> + +<p>»O Herr Konsul,« erlaubte sich bei dieser Stelle die kleine Frau Klüth +anzufügen, »so was ist doch wohl selbstverständlich!«</p> + +<p>»Na, na — wollen sehen, ich meine auch eine Ehrlichkeit, wie sie jetzt +in Geschäften selten geworden, so eine Treue im großen. Und nun, lieber +junger Mann, müssen Sie sich vor allen Dingen nicht überspannten Ideen +darüber hingeben, was Geschäft heißt. Ich hab' da mal so ein Buch +gelesen von einem Gustav Freytag — >Soll und Haben< —. Sehr schön. Wenn +Sie so was erwarten, dann können Sie gleich zu Hause bleiben. Kaufmann +ist der Stand der Demut, wer nicht bescheiden ist, bringt's da sicher zu +nichts. Und nun sagen Sie mal, mein junger Freund, was glauben Sie denn +nun, werden Sie zuerst bei mir zu besorgen haben?«</p> + +<p>Bruno kämpfte das niederdrückende Gefühl tapfer nieder und versicherte, +er denke, man werde ihm vielleicht zu Anfang eines der untergeordneten +Bücher zur Führung übergeben.</p> + +<div class="figcenter" style="width: 400px;"> +<img src="images/oppos_064.jpg" width="400" height="569" alt="Illustration" /> +</div> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_65" id="Page_65">65</a></span></p> + +<p>»So, so?« lachte Hollander kurz und stieß sich mit dem Knopf gegen das +Kinn. »Untergeordnete Bücher? Sehr hübsch! Untergeordnete Bücher, das +ist ein guter Anfang. In einem anständigen Betrieb gibt es überhaupt +keine untergeordneten Bücher. Aber damit Sie es gleich wissen, mein +liebes Jünging, Sie fangen eben so an, wie ich auch begonnen habe. Also +zuerst schließen Sie früh morgens sieben Uhr hübsch die Kontore auf, +dann fegen Sie die Dielen auf. — Sollte Ihnen das nicht passen, dann +wollen wir gar nicht erst beginnen. Dann wischen Sie Staub ab. Den +Papierschrank in Ordnung halten und kopieren lernen, das ist schon die +nächste Stufe, und so geht es weiter. Immer in Bescheidenheit, so fängt +der Deutsche an. Das Feine, so mit englischer Tischzeit und so weiter +wollen wir den Herren in London überlassen. Haben Sie sich alles so +vorgestellt?«</p> + +<p>Bruno machte eine Verbeugung und versicherte mit Herzklopfen, daß er +sich große Mühe geben würde.</p> + +<p>»Schön,« meinte Hollander, »wollen sehen. Wohnen und essen werden Sie +zunächst bei mir, und morgen früh schicke ich meinen Wagen heraus, damit +er Sie und Ihre Sachen abholt! Gut — abgemacht!«</p> + +<p>Er streckte ihm die Hand hin, drückte sie gewichtig und ging dann fest +auf Frau Klüth zu.</p> + +<p>»Haben Unglück gehabt,« sagte er, »braver Mensch gewesen, Ihr Mann, hat +mir lange Jahre, als ich selbst noch nichts war, treu gedient. — Na, +wollen sehen, kann dafür vielleicht aus Ihrem Jungen was machen. Komm, +Dina!«</p> + +<p>Die beiden Damen verabschiedeten sich, indem sie jedem der Anwesenden +die Hand reichten.</p> + +<p>Als Dina die Finger der kleinen Line in den ihren hielt, wandte sie sich +erfreut zu der Rokokotante und flüsterte »Wie hübsch!«</p> + +<p>Dann verbeugten sie sich und bestiegen wiederum die Equipage, deren +Schlag von Siebenbrod aufmerksam und ehrfurchtsvoll gehalten wurde.</p><p><span class="pagenum"><a name="Page_66" id="Page_66">66</a></span></p> + +<p>»Nach Hause,« befahl Hollander, nachdem er sich wieder auf seinem Platz +befand. Und als er Brunos unter den Fenstern noch einmal ansichtig +wurde, blickte er ihn nochmals prüfend an und murmelte: »Na also — +wollen sehen!«</p><hr class="chap" /><p><span class="pagenum"><a name="Page_67" id="Page_67">67</a></span></p> + + + + +<h3>VIII</h3> + + +<p>Mächtig verhaltene Aufregung war über die Familie gekommen. Kaum hatte +der Konsul das Haus verlassen, da begab sich die Mutter auf die +Bodenräume und begann klopfenden Herzens Brunos Sachen in einen Koffer +zu verpacken.</p> + +<p>Siebenbrod half ihr dabei; er wollte auch etwas Väterliches leisten.</p> + +<p>Inzwischen hatte sich der Wind gelegt. Warme Abendsonne lag über dem +Dörfchen, und überall waltete eine Frische, die alles Ferne nah und klar +erscheinen ließ.</p> + +<p>Da litt es den aufgeregten Bruno nicht länger in der weiten, niedrigen +Stube, eine Furcht war über ihn gekommen, die er sich selbst nicht +erklären konnte. — Wenn nur die Rede des Konsuls über seine neuen +Pflichten nicht gewesen wäre!</p> + +<p>Eine merkwürdige Ahnung der Zukunft beschlich ihn. Er fühlte, etwas +Unfertiges, Halbes war in ihm, er war zu wenig gerüstet, der Welt, die +er nun bezwingen sollte, entgegenzutreten.</p> + +<p>Unbestimmte, ferne Dämmerungen taten sich vor ihm auf. Und immer wieder +plagte ihn der phantastische Eindruck, als höre er drinnen aus der +Stadt, von der er nur die Türme ragen sah, Tanzmusik, Goldklingen und +Mädchenlachen. Das war gräßlich. Aber er vernahm es immerfort. Halb +verzweifelt bedeckte er sich mit dem modischen Hut, der auch bereits in +der Stadt gekauft war, und lief hinaus.</p> + +<p>Ah, hier war doch Bläue, Frische, Abendsonnenschein.</p> + +<p>Was kümmerte es ihn, daß auch die beiden Kleinen, Line und Hann, mit ihm +zugleich aus der Tür traten? Als sie ihm nachriefen, rannte er nur umso +schneller dahin.</p><p><span class="pagenum"><a name="Page_68" id="Page_68">68</a></span></p> + +<p>Nein, nein, er mußte erst mit diesen törichten und doch quälenden +Dingen, die er nur aus unreifen Büchern aufgelesen haben konnte, fertig +werden.</p> + +<p>»Bruno — nimm uns mit!«</p> + +<p>Er hörte nicht.</p> + +<p>So schlichen denn die beiden dem Voraufgegangenen nach, immer nach ihm +ausspähend, doch beide von dem einen Ehrgeiz besessen, mit dem +erwachsenen Bruder diesen letzten Abend noch gemeinsam verbringen zu +dürfen.</p> + +<p>Gegenüber von der gemütlichen Krugwirtschaft, aus der gerade Gesang von +Studenten schallte, überschritt Bruno eine baufällige Brücke, die in das +Nachbardorf hinüberleitete.</p> + +<p>Und immer auf die fernen Türme der alten Hansestadt starrend, die im +Abendflimmer wuchsen und sich verbreiterten, schritt er weiter. So war +er in den uralten Wald gelangt, in jenen dunklen Götterhain, der seit +grauen Zeiten ein Wahrzeichen der Gegend bildet.</p> + +<p>Unter riesigen Eichen ragten hier Ruinen und zerstörte Kreuzgänge eines +alten Zisterzienserklosters auf, und da hatte auch Bruno seinen +Lieblingsplatz. Aus roter, zertrümmerter Mauer brach in halber +Manneshöhe eine mächtige, verwitterte Grabplatte hervor. Gott allein +wußte, welch weltfremder Abt hier bestattet liegen mochte. Die +Schriftzüge der Tafel waren lange verwischt; nur unten sprang in groben +Buchstaben ein Wort hervor: »Mors.«</p> + +<p>Dort ließ sich der Sekundaner nieder. Eine Weile blieb er allein, dann +hallten Tritte durch den Wald.</p> + +<p>Verwundert merkte er, daß die beiden Kinder mit ihm waren.</p> + +<p>»Was wollt ihr?« fragte er gezwungen lächelnd, denn hart und verletzend +wie sein älterer Bruder konnte Bruno sich niemals geben.</p> + +<p>Treuherzig antwortete Hann: »Bei dir bleiben!«</p> + +<p>Da ließ er sie beide neben sich auf den steinernen Sitz. Und stumm und +ohne sich viel zu rühren saßen die drei nun nebeneinander.</p><p><span class="pagenum"><a name="Page_69" id="Page_69">69</a></span></p> + +<p>Durch die dunklen Bäume schimmerte das Blau der See, durchschnitten von +ungeheuren, blutroten Brücken, die die scheidende Sonne über die Fläche +gezogen hatte. Und über diese Stege sahen die Geschwister tausend und +aber tausend bunter, perlender Kugeln auf sich zu rollen.</p> + +<p>Ein stiller — klarer — deutscher Abend!</p> + +<p>Über ihnen, in einem der zerstoßenen Fenster des Klosters nistete eine +Meisenfamilie. Die schwirrten in scharfem unhörbarem Flug den langen +Hauptgang herunter, verschwanden im Dunkel des Laubes und kehrten +sausend zurück.</p> + +<p>Aus dem Binsensumpf kurz vor der See drang ein Surren und Summen. Sonst +schwieg alles, wie die drei auf dem Stein.</p> + +<p>Auch der Wald regte sich nicht. Er sann und träumte wie sie.</p> + +<p class="center"><sup>*</sup> <sub>*</sub> <sup>*</sup></p> + +<p>Aber einer war unter ihnen, der war bereits dazu bestimmt, einem Beruf +anzugehören, der ihn immer wieder hart und rauh aus solch goldenen, +undurchdringlichen Jugendträumen herausriß.</p> + +<p>Von der Seite, wo das zerstörte Bauwerk mit dem Dominium zusammenstößt, +drängte sich durch die Eichengebüsche eine große, vierschrötige Gestalt.</p> + +<p>»Hann!« schimpfte Siebenbrod, der sich mühsam auf die Spur der Kinder +gefunden hatte und nun entrüstet war, mindestens eine Stunde Zeit zu +verlieren.</p> + +<p>»Jung! Was ist nun wieder? Was sitzst du hier und kuckst in die Luft? +Weißt du nicht, daß wir raussegeln müssen? Bist ja ganz dumm, Bengel. +Steh auf, hier ist es nicht hübsch.«</p> + +<p>Damit packte er ihn bei der Hand, und ohne daß er die beiden anderen +eines Blickes gewürdigt oder zugelassen hätte, daß Hann sich auch nur +verabschiede, zog er seinen Schutzbefohlenen mit sich fort.</p><p><span class="pagenum"><a name="Page_70" id="Page_70">70</a></span></p> + +<p>In dem dämmrigen Kreuzgang wurde es wieder ruhig. Dann bemerkten die +beiden Zurückbleibenden, wie ein einzelnes Boot sich von der Mündung +löste und mehr und mehr die See gewann.</p> + +<p>Die braunen Segel blähten sich, undeutlich gewahrten sie hinten am +Steuer einen plumpen Kopf, der nach dem Hain und den roten Ruinen +sehnsuchtsvoll zurückzuspähen schien.</p> + +<p>Dann wurde der braune Punkt winziger und verging.</p><hr class="chap" /><p><span class="pagenum"><a name="Page_71" id="Page_71">71</a></span></p> + + + + +<h3>IX</h3> + + +<p>In dem Walde wurde es neblig. Line fröstelte. Sie saß noch immer in dem +weißen Kleidchen, von dem die rosige Schleife in Hanns Augen so +wundervoll abgestochen hatte.</p> + +<p>»Ob er nun nicht bald nach Hause geht?« dachte das Mädchen, für das der +neue Lehrling mit seiner geschmeidigen Figur und den immer gut und +städtisch sitzenden Anzügen von jeher einen vornehmen Herrn bedeutet +hatte. Unwillkürlich legte sie dabei ihre Hand auf seine Finger.</p> + +<p>Die fröstelnde Haut brachte den Nachdenklichen zu sich.</p> + +<p>»Was willst du eigentlich hier, Kleine?« fragte er freundlich, während +er ihr leicht über die Haare strich.</p> + +<p>Er sah sie an.</p> + +<p>Das Verhältnis zu der niedlichen Pflegeschwester war immer nur das eines +erwachsenen Jungen gegen ein unbedeutendes spielendes Ding gewesen.</p> + +<p>»O nichts,« versetzte sie ein bißchen schnippisch, »kümmere dich nicht +um mich.«</p> + +<p>Dabei führte sie den Finger an die Lippen und ließ sie leicht +gegeneinanderschnellen.</p> + +<p>Das sah liebenswürdig und trotzig zugleich aus. Bruno gefiel das so +sehr, daß er plötzlich hell auflachte und die Kleine bat, dieses Spiel +noch einmal zu wiederholen.</p> + +<p>Sie jedoch schüttelte verwundert das Haupt. »Wozu?« versetzte sie +gekränkt. »Ich bin kein Kind mehr. Das mußt du nicht glauben.«</p> + +<p>»So? — Ach was? — Sag mal, wie alt bist denn eigentlich?«</p> + +<p>»Das weißt du nicht?«</p><p><span class="pagenum"><a name="Page_72" id="Page_72">72</a></span></p> + +<p>Ihre Stimme nahm einen immer verletzteren Klang an, doch den Lehrling +schien dies nur in seiner heiteren Laune zu bestärken.</p> + +<p>»Das weißt du nicht?« wiederholte sie heftig, während sie auf der +Steinplatte herumkratzte.</p> + +<p>»Nein, nimm's nicht übel, Kleine, ich hab' nicht so genau aufgepaßt.«</p> + +<p>»Schön, dann will ich dir's sagen. — Ich bin tausend Jahre alt,« +platzte Line heraus und stieß ihn mit der kleinen Faust zornig vor die +Brust. »So, nun weißt du's.«</p> + +<p>Ihr Körper krümmte sich dabei zusammen wie der einer geschmeidigen +Katze, mit einem Satz war sie von der Platte herunter.</p> + +<p>»Ich geh nun nach Haus!«</p> + +<p>»Dummes Zeug!« rief Bruno verblüfft. »Wozu? — Was soll das?«</p> + +<p>Dennoch mußte er hinter ihr herrennen.</p> + +<p>Sie wirbelte wie ein weißer Schatten durch den Klostergang.</p> + +<p>Die Blätter raschelten zu ihren Füßen.</p> + +<p>»Line — Donnerwetter — steh doch.«</p> + +<p>Da war sie verschwunden.</p> + +<p>Wohin?</p> + +<p>Eingesunken, von der Erde verschluckt. Eine Sage ging, daß oft +Namenlose, von denen keine Pergamente melden, ehemals bei den Mönchen so +verschollen seien. Verwirrt blickte Bruno nach allen Seiten.</p> + +<p>»Line,« lockte er nochmals.</p> + +<p>Kein Laut!</p> + +<p>Nur die Eichenkronen schüttelten sich und an dem bröckligen Mauerwerk +lachte die Abendröte.</p> + +<p>Ein Eichhörnchen hockte in einer Fensternische und zog ihm eine Nase.</p> + +<p>Unvermittelt erhielt er im Rücken einen Stoß, so daß er vorwärts +taumelte. Eine Baumwurzel krümmte sich vor seinen Füßen. Die ließ ihn +stolpern.</p><p><span class="pagenum"><a name="Page_73" id="Page_73">73</a></span></p> + +<p>Er kniete jetzt.</p> + +<p>»So wird's gemacht,« klang hinter ihm Lines schadenfrohe Stimme, »du +bist doch nicht klug genug.«</p> + +<p>»Teufel nochmal, Ding; woher kommst du?«</p> + +<p>»I, ich wollte dir bloß zeigen, daß ich auch manches kann, was du nicht +weißt.«</p> + +<p>Sie weidete sich einen Moment an dem Knienden und zeigte ihre weißen +Zähne.</p> + +<p>Plötzlich schrie sie auf.</p> + +<p>Der Sekundaner war auf die Füße geschnellt und preßte mit einem festen +Griff ihre Hände in den seinen.</p> + +<p>»So,« forderte er atemholend, »nun bitt' ab.«</p> + +<p>»Nein,« widersprach Line.</p> + +<p>»Kleine, sei artig,« ermahnte der Lehrling. »Solche Wildheit muß dir +abgewöhnt werden. Immer friedlich, Wurm.«</p> + +<p>Allein sie sträubte sich, und er gab sie nicht frei. Bei dem Winden und +Drehen stieg ihr das Blut in die Wangen, der geschmeidige Körper bog +sich wie eine schlanke Gerte. Eine kurze Zeit, dann verließ sie die +Kraft, und allmählich drängten sich ihr ein paar große Tropfen in die +Augen.</p> + +<p>»Tu ich dir weh?« forschte Bruno gespannt.</p> + +<p>Line verbiß den Schmerz.</p> + +<p>Er aber zog hastig seine Hände von ihr zurück und gab sie frei.</p> + +<p>Merkwürdig — jetzt hätte sie entwischen können. Doch sie blieb und ging +von jetzt an ruhig neben ihm her.</p> + +<p>So waren sie bis an die niedrige, verfallene Feldsteinmauer gelangt, +welche die Ruinen der Landstraße abschließt.</p> + +<p>In der Abendsonne wand sich hier die Chaussee wie eine goldene Schlange +vorbei, zur Seite schob der Wald seine dunklen Massen weiter ins Land +hinein, und ganz hinten aus den nebligen Äckern, umquollen von den sich +hebenden Abenddünsten, rollte unter undeutlichem Läuten die Sekundärbahn +heran.</p><p><span class="pagenum"><a name="Page_74" id="Page_74">74</a></span></p> + +<p>Bruno blieb stehen. Ihm kam der Gedanke, daß er das alles heute für +lange Zeit zum letztenmal sehen würde.</p> + +<p>Leise vor sich hinsummend, ließ er sich auf dem Mauerwerk nieder und +starrte in die weite, nebeldampfende Ebene hinein. So merkte er erst +nach einer Weile, wie das Mädchen unschlüssig neben ihm verharrte, weil +sie sich scheuen mochte, in ihrem weißen Festkleid ebenfalls auf der +schmutzigen Mauer Platz zu nehmen. Da zog er sie einfach an sich.</p> + +<p>»Komm!«</p> + +<p>Und ohne viel Umstände, kindlich und natürlich setzte sie sich ihm auf +die Knie. Er schlug seinen Arm um sie, und sie rückte sich zurecht.</p> + +<p>Nach geraumer Zeit erst äußerte der Sekundaner: »Das ist hübsch.«</p> + +<p>Und Line nickte ernsthaft dazu und sagte: »Ja, das ist es.«</p> + +<p>Dazu lag still und warm und rot die scheidende Abendsonne auf ihnen und +aus den herbstlichen Bäumen raschelten braune Blätter auf ihre Häupter.</p> + +<p>Da wandte sich Line nach ihm zurück. Als sie ihn ansah, bemerkte sie mit +Erstaunen, daß in dem hübschen braunen Gesicht des Pflegebruders ein +dunkles Schnurrbärtchen auf der Oberlippe zu sprossen begann. Das war +ihr neu. Und aus ihren Augen und aus dem sich langsam öffnenden Munde +sprach so viel Bewunderung, daß Bruno, der wohl fühlte, daß etwas +Schmeichelhaftes für ihn darin lag, das kleine Ding plötzlich lachend +und doch mit Hast an sich riß.</p> + +<p>Sie sträubte sich gar nicht.</p> + +<p>Ganz eng schmiegte sie sich an ihn, ja, sie verkroch sich geradezu an +seiner Brust, so daß er deutlich empfand, wie weich und fest zugleich +ihre Glieder sich fügten.</p> + +<p>Eine schülerhafte, scheue Begierde stieg in ihm auf, auch ihren Mund zu +berühren. Die roten Lippen leuchteten ihm so dicht!</p> + +<p>Aber nein — nein, das wagte er nicht.</p><p><span class="pagenum"><a name="Page_75" id="Page_75">75</a></span></p> + +<p>Es war überhaupt das erste Mal, daß er so kosend nah sich einem Mädchen +fand. Und nun noch gerade diese! —</p> + +<p>Nein!</p> + +<p>Er schämte sich, fürchtete sich und lächelte doch ein wenig unwillig +über sich selbst.</p> + +<p>Ein merkwürdiger, angenehmer Schauer begann ihn dabei zu überrieseln. +Und sie wand sich immer wohliger in seinem Arm. Noch war ihr unklar, +warum, doch immer tiefer nistete sie sich bei ihm ein, blinzelte +verstohlen zu dem Schnurrbärtchen empor und spann vor Freude, wie eine +kleine Katze vor dem Schlummern.</p> + +<p>Wieder wiegten sich beide einen fröhlichen Moment. — Dann surrte die +Sekundärbahn mit ihren drei schwarzen kreischenden Waggons heran, und +ein schriller, durchdringender Pfiff weckte beide auf.</p> + +<p>Sie sahen sich an.</p> + +<p>Dann mußten sie lachen. Keiner wußte den Grund.</p> + +<p>Es war das Lachen zweier blutjunger Menschen, die sich entdeckt haben.</p> + +<p>Aber sie wußten es nicht.</p> + +<p class="center"><sup>*</sup> <sub>*</sub> <sup>*</sup></p> + +<p>Langsam schlich der Abend über die Landstraße. Rechts und links fing er +in seinem schwarzen Sack die letzten Sonnenstrahlen, die wie goldene +Mäuschen über den Weg huschten.</p> + +<p>Überall stiegen Schatten an Mauern und Bäumen empor und griffen nach der +Röte, die dort noch ruhte.</p> + +<p>Die Sekundärbahn, die am Fluß entlang auf die Stadt zustrebte, fuhr wie +in einen dunklen Tunnel hinein. — Nur ihre roten Augen, die sie auf dem +Rücken besaß, glimmten noch eine Weile nach dem einsamen Paar zurück.</p> + +<p>Da wand sich Line von Brunos Knien herab und streckte den Arm nach den +roten, blinzelnden Augen aus. »Morgen abend bist du auch da drin,« +begann sie beinah anklagend.</p><p><span class="pagenum"><a name="Page_76" id="Page_76">76</a></span></p> + +<p>»Ja, morgen abend schlafe ich schon in der Stadt,« entgegnete er rasch.</p> + +<p>Hastig atmete er dabei auf.</p> + +<p>»Was wirst du in der Stadt anfangen?« fragte sie weiter.</p> + +<p>Er sah sich um, ob ihn auch niemand höre. Dann schlüpfte ganz heimlich +das Unterste, Verborgenste aus ihm heraus.</p> + +<p>Der Traum, der tief in der Seele im verschlossenen Kämmerchen auf +weichem Bette geschlummert, der stieg scheu und schämig auf die Erde.</p> + +<p>»Reich will ich werden, Line.«</p> + +<p>»Reich?«</p> + +<p>»Sehr reich. Unermeßlich reich.«</p> + +<p>»Wozu willst du das?«</p> + +<p>Mit einem Ruck hatte er sie wieder an sich gezogen. Doch sie setzte sich +ihm nicht mehr aufs Knie. Stehend, von seinem zitternden Arm +umschlungen, während ihr Ohr fast seinen Mund berührte, hörte sie alles +mit an, sog es in sich ein, was er ihr nun mit fiebernder Hast, mit +ausbrechender, üppiger Knabenphantasie vormalte.</p> + +<p>Ein eigentümliches Beben ging durch seine flüsternde Stimme.</p> + +<p>Ja, das mußte jahrelang in ihm geschafft und gewirkt haben. — Was +vernahm sie nicht alles? — Das Gold, das sei der Schlüssel zu aller +Macht und Herrlichkeit. Diese blitzenden Goldstücke hingen wie Sterne +über jedem irdischen Menschenhimmel. Manchmal regne es von dort oben in +weiten Strömen. Dann wüchsen aus dem getroffenen Acker Schlösser, +Paläste, Gärten mit seltenen Blumen, Kleider, Livreen, schnelle Pferde +und die seltensten Braten hervor. Freilich, nur ein paar Auserwählte +seien es, die das Geheimnis ergründet hätten. Hollander gehöre dazu. Der +hätte es. Und von dem alten Manne müßte er es auch erlernen. Sonst käme +er nicht wieder, ganz gewiß nicht, sonst stürze er sich irgendwo in die +See, wenn er das nicht erreiche. Denn sonst lohne es nicht, zu leben. — +Aber er würde es erreichen, jede Nacht beinah hätte er ja davon +geträumt, ja manchmal hätte er ganz deutlich<span class="pagenum"><a name="Page_77" id="Page_77">77</a></span> gehört, wie es vor seinem +Bette seltsam geklungen und geklappert hätte.</p> + +<p>Ganz deutlich.</p> + +<p>»Klipp — klapp.«</p> + +<p>»Das ist fein,« flüsterte Line, der es wie Feuer durch die Adern +brannte.</p> + +<p>Die schönen Kleider und die Schlösser hatten es ihr angetan.</p> + +<p>»Ja, aber es ist schwer,« murmelte er bekümmert.</p> + +<p>Nun tastete langsam der Mond über die Baumkronen herauf.</p> + +<p>»Und wenn du dann reich bist?« forschte sie mit verhaltenem Atem weiter, +»dann —?«</p> + +<p>»Ja, dann — —«</p> + +<p>Ganz berauscht, toll von dem Klang der eingebildeten Schätze preßte er +die Stehende an sich, bis er die Schläge ihres erregten Herzens hämmern +hörte. Seine Knabenaugen leuchteten in den ersten Mondesstrahlen gleich +einem Paar prachtvoller Edelsteine.</p> + +<p>»Kann ich auch reich werden?« forschte sie plötzlich mit aufwachender +Gier.</p> + +<p>»Du?«</p> + +<p>Er lächelte.</p> + +<p>»Warum lachst du? Warum schüttelst du den Kopf?«</p> + +<p>»Du nicht.«</p> + +<p>Da riß sie ihre Hand ungestüm von ihm zurück. Ihr Mund zuckte. »Warum +nicht?« rief sie verzweiflungsvoll.</p> + +<p>»Weil du nicht genug gelernt hast,« erklärte er begütigend und erhob +sich, um sie mit fortzuziehen. »Aber, das schadet ja auch nicht, +Liebling. Wenn man so hübsch ist wie du. — Komm.«</p> + +<p>Halb im Taumel ließ sie sich von ihm leiten. Alles summte in der +aufwachenden Seele durcheinander, die Liebesworte und der Goldklang. Und +immer wieder, fast bettelnd, suchte sie den Großen davon zu überzeugen, +wie sie am Ende doch nicht so wenig gelernt hätte. Dabei ergab sich, daß +sie die unregelmäßige Dorfschule monatelang überhaupt nicht gesehen, ja, +wie dies dem alten verbummelten<span class="pagenum"><a name="Page_78" id="Page_78">78</a></span> Lehrer Toll nicht einmal als etwas +Besonderes aufgefallen wäre.</p> + +<p>Spitzbübisch wollte sie die Lippen bei dem losen Streiche spitzen. Doch +ganz ohne Übergang fuhr sie zusammen und begann laut vor sich +hinzuschluchzen.</p> + +<p>»Herrgott, Lining, was weinst du?«</p> + +<p>»O nichts!«</p> + +<p>Damit schüttelte sie sich die Tränen ab und warf ihr Köpfchen kräftig in +den Nacken.</p> + +<p>»Ich kann nicht reich werden, ich hab' nicht genug gelernt,« ging es +durch ihre Gedanken. Und dann blickte sie wieder mit heimlichem Neid auf +ihren Gefährten, der nun bald in diesen goldenen Gärten spazierengehen +würde.</p> + +<p>Plötzlich griff sie in der Dunkelheit heftig nach seiner Hand, und +beinahe zornig stürzte es aus ihr heraus: »Sag' mal, kommst du nun bei +Hollander auch mit lauter solchen Menschen zusammen, die was gelernt +haben?«</p> + +<p>Das bejahte er. Lachend über ihre kindliche Wut, und geschmeichelt, daß +sie ihn augenscheinlich gleich einem höheren Wesen verehre.</p> + +<p>Nun standen sie vor der Brücke. Unten gurgelte und sang der Fluß, vom +jenseitigen Ufer blinkten die erleuchteten Fenster der Krugwirtschaft +herüber. Und da! — Was war das?</p> + +<p>Grobe Tanzmusik drang über das Wasser, hinter den angelaufenen +Fensterscheiben huschten blasse Schatten vorbei!</p> + +<p>Kling — kling — plump — plump — trala!</p> + +<p>Line griff nach dem Geländer der Brücke und wurzelte an. Ihre Augen +saugten sich an den kleinen, leuchtenden Fenstern, die so wunderliche +Lichtstrahlen in die Finsternis hinaussandten, förmlich fest; ihre Zähne +biß sie scharf zusammen.</p> + +<p>»Nicht doch! — Was soll das? — Komm, Kleine.«</p> + +<p>»Bruno?«</p> + +<p>»Ja.«</p><p><span class="pagenum"><a name="Page_79" id="Page_79">79</a></span></p> + +<p>»Sieh da, bei Gastwirt Krügern da tanzen jetzt die Studenten mit den +Fischerfrauen und den Mädchen.«</p> + +<p>Auch er warf einen verlangenden Blick hinüber und streckte dann die Hand +nach ihr aus.</p> + +<p>»Ja, ja — aber was soll das? — Du mußt nach Haus.«</p> + +<p>»Du, da drüben möcht' ich auch hin.«</p> + +<p>»Da drüben?« Er hielt sie fest. »Hör', — da gehören keine Kinder hin.«</p> + +<p>»Ich bin kein Kind mehr. Das sollst du sehen.«</p> + +<p>Mit einer schlangenhaften Wendung wischte sie ihm unter der Hand fort.</p> + +<p>»Jetzt lauf ich rüber.«</p> + +<p>Er geriet in Angst.</p> + +<p>»Lining — bedenk doch — wir haben ja Trauer.«</p> + +<p>»Oh, bei so einer, die nichts gelernt hat, schadet das nichts. Nein, +nein, da schadet das gar nichts. Ich will bloß zusehen.«</p> + +<p>»Um Gottes willen, bitte, tu das nicht — mir zuliebe! Ja?«</p> + +<p>Seine Stimme zitterte so flehentlich, daß sie stehen blieb und zögerte. +Über die hohen Schwebebalken der Brücke glitt der Mond, so daß sich +beide genau betrachten konnten. Da öffnete sich drüben in der Schenke +eine Tür. Ein Strom von Musik und Gelächter schoß heraus.</p> + +<p>Kling, kling, plump, plump, trala!</p> + +<p>Das entschied.</p> + +<p>Line zitterte vom Kopf bis zu den Füßen. »Bloß zusehen,« rief sie noch +einmal mit geschnürter Stimme, »du kannst auf mich warten!«</p> + +<p>Im nächsten Moment flog sie über die Brücke, und wie von unsichtbarer +Hand zurückgehalten starrte ihr Bruno nach. Seine scharfen Augen +verfolgten die Fliehende, bis sie gleich einem weißen Pfeil durch den +Wirtshausgarten schoß. Dann griff er sich an die Stirn und sah sich um. +Rechts von ihm ruhte die unendliche, finstere Masse des Meeres, links +glitzerte im Mondenlicht<span class="pagenum"><a name="Page_80" id="Page_80">80</a></span> der silberne Fluß, und weiterhin zuckte am +Himmel ein breiter leuchtender Schein. Unter diesem lag in der Ferne die +Stadt, in der er morgen schon wohnen und wirken sollte.</p> + +<p>»Line!« rief er laut und ängstlich in unerklärlicher, aufsteigender +Bangigkeit.</p> + +<p>Aber nichts antwortete ihm.</p> + +<p>Nur zwischen den nahen, glitzernden Fenstern glaubte er den weißen +Schatten des Mädchens in das Innere des Hauses schlüpfen zu sehen.</p> + +<p>Da brach auch bei ihm unvermittelt alle Überlegung zusammen. Die Trauer +und den finsteren Ernst des Lebens, der dahinten lag und auf ihn +lauerte, alles vergaß er. Er wollte nur die Kleine holen — nur sie +überwachen, das unerfahrene Ding, das so hübsch auf seinen Knien +gesessen. Noch fühlte er die heimliche Wärme. »Ja, nur sie holen.«</p> + +<p>Ein paar leichte Sprünge.</p> + +<p>Er war bereits jenseits der Brücke. Ganz nahe drang durch geschlossene +Türen die Musik — hinter ihm versank still und schweigend die Stadt, in +der er morgen einziehen und leben sollte.</p> + +<p>Er sprang in den Saal.</p> + +<p>Und draußen tauchte alles wieder in nächtliche Versunkenheit; die Ufer +und die Landstraße und die raschelnden Binsen am Moor. — Nur unten, wo +der Strom um die Brücke gurgelte, da sah Malljohann, der zur selben Zeit +nachdenklich auf dem Dach seiner Kajüte hockte und zu dem Mond +hinaufmurmelte, wie sich vorsichtig ein winziges Männchen aus dem Wasser +hob, und wie es in die Hände klatschte und in ein scharfes Kichern +ausbrach.</p> + +<p>Das war nichts Menschliches.</p> + +<p>Und Malljohann wußte recht gut, so lachte nur der Klabautermann, den ja +Line für ihren Vater ausgab, und der sich nun über sein flinkes Dirnlein +freute.</p> + +<div class="figcenter" style="width: 400px;"> +<img src="images/oppos_080.jpg" width="400" height="622" alt="Illustration" /> +</div> + +<hr class="chap" /><p><span class="pagenum"><a name="Page_81" id="Page_81">81</a></span></p> + + + + +<h3>X</h3> + + +<p>Der Mond tanzte auf den Wassern.</p> + +<p>Durch den schwarzen, glatten Spiegel streckte er überall sein feuchtes +Gesicht hindurch, zwinkerte mit den Augen und spie goldene Funken nach +Hann.</p> + +<p>Es war gerade um die Zeit, als Line mit feurigen Wangen das erste Mal +durch den Saal schlich.</p> + +<p>Siebenbrod war eingeschlafen, er schnarchte. Kein Lüftchen regte sich; +mitten auf der toten Fläche stand das Boot unverrückbar still.</p> + +<p>Die großen Stellnetze waren bereits eingezogen, ein paar andere hatten +sie ausgelegt; mitten in dem Boot schillerte fast fußhoch ein dicker +Haufe zappelnder Heringe.</p> + +<p>Die zuckten und sprangen und leuchteten einen fahlen, blauweißen Glanz.</p> + +<p>Von fernher hallte ein einsamer Glockenschlag. Dann kroch wieder dieses +ungeheure tote Schweigen über den Spiegel. Der Junge, des Nachtdienstes +ungewohnt, hockte vorn am Bugspriet und kämpfte gegen den Schlaf. +Zuweilen neigte sich sein plumpes Haupt schwer gegen den Bordrand, doch +ein letzter verlöschender Blick auf den Stiefvater, der, das Steuer im +Arm, zu einer unförmigen Masse zusammengesunken schien, ließ ihn immer +wieder zur Höhe taumeln.</p> + +<p>Der Bootsmann hatte ihm anbefohlen, wach zu bleiben. Und die Furcht +wirkte stärker als die Müdigkeit.</p> + +<p>Allmählich aber begann er zu zittern. Ein eisiger Frost stieg aus der +schwarzen Tiefe auf und legte sich wie ein enger Mantel um seine Brust.</p><p><span class="pagenum"><a name="Page_82" id="Page_82">82</a></span></p> + +<p>Voller Angst und in der Sucht, sich an etwas festzuhalten, an etwas +Lebendigem, blickte er überall umher.</p> + +<p>Dort der Mond. — Er kam und ging.</p> + +<p>Es war, als wenn er sich wasche und immer um das Boot herumschwimme!</p> + +<p>Was war eigentlich der Mond?</p> + +<p>Der Junge rieb sich den Kopf, aber das Richtige sprang nicht heraus. Er +fuhr mit der Hand in die glitzernde Scheibe, aber das Wasser war so +eisig, daß er zusammenschrak.</p> + +<p>Immer toller grinste das Gesicht aus den Fluten. Deutlich sah der +Einsame, wie die großen Augen auf und zu klappten. Dazu verzog sich der +Mund und wies blitzende Zähne.</p> + +<p>Herrgott — Herrgott — was war eigentlich der Mond?</p> + +<p>Das Gesicht wurde immer deutlicher und runder. Jetzt hob es sich aus dem +Wasser, jetzt tauchte es unter, im nächsten Augenblick klappte das Maul +auf und fing an zu reden.</p> + +<p>»Jesus!«</p> + +<p>Der kalte Schweiß lief Hann herunter. Er war der Nacht und dieses +fürchterlichen Schweigens noch ungewohnt.</p> + +<p>»Siebenbrod — Siebenbrod!« schrie er auf.</p> + +<p>Vom Steuer tönte ein Ächzen, dann rührte sich nichts mehr.</p> + +<p>Nein, er mußte wissen, was der Mond war. Die Unwissenheit bedrückte ihn, +wie kurz vorher Line. In wildem Schrecken versuchte er fortzusehen, doch +kaum gedacht, schwoll das Haupt riesengroß an, ein Zischen quirlte um es +her, und dann grinste es wieder tückisch unter der zitternden Flut.</p> + +<p>Da kam Hann ein Gedanke.</p> + +<p>Er wollte sein Abendgebet hersagen, denn seine Furcht war groß. So +faltete er die Hände:</p> + +<div class="poem"><div class="stanza"> +<span class="i0">»Ich bin klein,<br /></span> +<span class="i0">Mein Herz ist rein,<br /></span> +<span class="i0">Soll niemand drin wohnen<br /></span> +<span class="i0">Als Gott allein.«<br /></span> +<span class="pagenum"><a name="Page_83" id="Page_83">83</a></span></div></div> + +<p>Er betete es noch immer, obwohl er ein großer Junge geworden. Er hatte +kein Gefühl für die Lächerlichkeit.</p> + +<p>Als er den Spruch gesagt, schielte er von neuem auf seinen Feind. Der +hatte sein Antlitz in tausend goldne Runzeln gezogen und lag grämlich +und zitternd da.</p> + +<p>Und immer wieder ging es durch den dummen Jungenschädel: »Was ist +eigentlich der Mond?«</p> + +<p>In der Schule war er so weit nicht gekommen. Ob Line das wohl wußte? Ja, +wenn er heute nacht nach Hause kam, dann wollte er doch an die Nebenwand +klopfen, hinter der sie schlief, um einmal anzufragen. Ja, ja, Line +hatte es gut. Die lag nun weich in ihrem Bett.</p> + +<p>Gutmütig nickte er.</p> + +<p>Das war auch ganz in Ordnung, daß sie nicht mit auf der schwarzen See +weilte. Sie sollte nicht arbeiten. Dazu war sie zu fein.</p> + +<p>Und als er von neuem in das glitzernde Gebilde starrte, kam es ihm vor, +als ob sich dort drin etwas verändere, als ob ein ganz kleines Püppchen +darin herumtanze.</p> + +<p>Wahrhaftig, so warf Line die Beinchen.</p> + +<p>Freudig reckte er sich vor, so daß das Boot schwankte. Alle Bangigkeit +war vergangen. Statt des gespenstischen Hauptes nahm er mit einmal eine +goldene Stube wahr, in der Line herumhuschte.</p> + +<p>»Ja, ja,« wohlgefällig lachte er dazu, und ganz hinten am Steuer, wo die +formlose Masse des Bootsmanns hockte, räusperte sich etwas, und +Siebenbrods knastrige Stimme fragte gemütlich: »Wat is de Klock?«</p> + +<p class="center"><sup>*</sup> <sub>*</sub> <sup>*</sup></p> + +<p>Um Mitternacht fuhr das Boot in Moorluke ein. Eine Viertelstunde später +stießen die beiden Fischer auf Frau Klüth, die in der Dunkelheit vor dem +Lotsenhäuschen stand und die Hände rang. Als Siebenbrod sich erkundigte, +erfuhr er, daß Line und Bruno<span class="pagenum"><a name="Page_84" id="Page_84">84</a></span> diese Nacht nicht nach Hause gekommen +wären. Paul, der Student, sei bereits trotz Nacht und Nebel in die +Klosterruinen gelaufen, wo man die beiden zuletzt gesehen.</p> + +<p>»Und dabei soll es da drüben spuken,« jammerte Frau Klüth.</p> + +<p>»Na, sie werden sich wohl wieder zufinden,« tröstete Siebenbrod in +ziemlicher Ruhe und gähnte mächtig. »Die Hauptsache is nu, daß wir +schlafen gehen. Puh — ich schuddere man so durch den ganzen Leib. — 's +is niederträchtig kalt. —« Und während er die Witwe und Braut an die +Hand nahm, murmelte er noch: »Leg dich man auch nieder, Frau Klüth. Es +sind ja große Gören.«</p> + +<p>Die kleine Frau ließ sich nach einigem Sträuben ins Haus ziehen.</p> + +<p>Hann aber stand vor der Tür und zitterte vor Frost. Mit blödem Blick und +schweren Augenlidern sah er in die Nacht hinein.</p> + +<p>Hatte er das geträumt? Spukte der Mond noch vor seinen Augen.</p> + +<p>Line war weg?</p> + +<p>Schwerfällig schüttelte er den Kopf, als wär' ihm das Merkwürdige noch +immer nicht klar, dann schauerte er wieder zusammen, und alle seine +Glieder zuckten vor Kälte.</p> + +<p>Line war weg?</p> + +<p>Plötzlich überkam ihn eine seltsame Wut; die Mattigkeit wich von dem +jungen Körper, mit voller Wucht schlug er mit der Faust gegen die +Hausmauer, immer fester, immer ärger, als hätten die Steine nicht +genügend über die Kleine gewacht.</p> + +<p>Warum kam sie denn nicht wieder? — Wo war sie? Wenn sie nun beide, +Bruno und das Mädchen, im Rick lägen? Laut heulte er auf und hieb wieder +auf die Steine ein.</p> + +<p>Aus der Hand sprang Blut.</p> + +<p>Da klappte etwas auf der Dorfstraße.</p> + +<p>Dicht am Rick entlang kam eine Fischersfrau in Holzpantoffeln daher. Es +war die Frau des taubstummen Klaus Muchow, die ihren Mann aus dem Krug +nach Hause holen wollte. Als der Junge in der Dunkelheit auf sie zufuhr, +erschrak sie.</p><p><span class="pagenum"><a name="Page_85" id="Page_85">85</a></span></p> + +<p>»Huching.«</p> + +<p>»Line — Line is weg,« stammelte er.</p> + +<p>Die Frau dachte nach. »Ne,« berichtete sie dann, »die hab' ich bei +Gastwirt Krügern gesehn, mitten unter die Studenten.«</p> + +<p>»Bei Gastwirt Krügern?« echote Hann, der es nicht glauben konnte, und +riß den Mund auf.</p> + +<p>Warum schlug ihm das Herz dabei so gewaltig an die Rippen? Noch war sein +Verstand zu dumpf, um ihm das zu beantworten.</p> + +<p>»Na, ich sag man, die tanzt fein,« meinte die Frau und lachte. Dann +machte sie den Vorschlag, daß Hann sie begleiten solle, sie würde ihn +mit hineinnehmen.</p> + +<p>»Darf ich denn da hin?« stotterte Hann.</p> + +<p>Die Frau warf ihm einen zweifelnden Blick zu: »I ja, warum denn nicht?« +entschied sie, »wenn ich mit dabei bin — komm man, mein Jünging.«</p> + +<p>»Na, denn nehm' ich's an,« brachte der Junge halb betäubt hervor und +schüttelte sich, um sich zu erwärmen. »Dann hol' ich Line.«</p> + +<p>»Ja, das tu man.«</p> + +<p>»Es is wegen der Trauer,« entschuldigte Hann voller Scham.</p> + +<p>»Ja, ja, das ist auch so.«</p> + +<p>Und dann verschwanden die beiden.</p> + +<p class="center">— — — — — — — — — — — — — — — — </p> + +<p>»Line, jetzt komm nach Haus,« drängte der Sekundaner wiederum.</p> + +<p>Er hatte sie einen kurzen Moment an der Hand, doch sie entzog sich ihm +wieder.</p> + +<p>»Gleich — gleich, Bruno.«</p> + +<p>»Nein, du gehst jetzt.«</p> + +<p>Sie lachte wild: »Ich tu ja nichts«</p> + +<p>Dabei schimmerten ihre Wangen in heller Röte, aus dem leicht geöffneten +Munde stieß kurz und rasch der Atem, und in den schwarzen Augen +züngelten hundert glänzende, kleine Feuer.</p><p><span class="pagenum"><a name="Page_86" id="Page_86">86</a></span></p> + +<p>Ihre Füßchen trippelten ungeduldig, und jetzt, jetzt wo die Musik wieder +einsetzte, da wiegte und dehnte sich der Körper so leicht, so frank und +frei, als wäre das weiße Kinderkleidchen längst von ihr abgeglitten, als +stände sie nackt und aller Hüllen ledig und würde bald einen unerhörten +Tanz beginnen.</p> + +<p>»Line — Line.«</p> + +<p>»Laß mich doch, Bruno, ich tu ja nichts.«</p> + +<p>»Du hast mit dem großen Studenten da drüben getanzt.«</p> + +<p>»Das ist nicht wahr — laß mich jetzt los — bitte, bitte.«</p> + +<p>»Nein, du darfst nicht mehr.«</p> + +<p>»Oder tanz du selbst mit mir.«</p> + +<p>Er erschrak über ihr Verlangen und starrte sie an. In ihrer Stimme lebte +soviel kindliche Leidenschaft. Hinter ihm paukten und schmetterten ein +paar Musikanten, die aus der Stadt herausgekommen waren, scharrendes +Geräusch schleifender Füße mischte sich drein.</p> + +<p>»Hopsa — hopsa — hopsasa,« sang plötzlich oll Kusemann neben ihnen, +der in seiner Extralotsenuniform bei jedem Ball die Stellung eines +Tanzkommandeurs bekleidete, »hopsasa,« sang er und hob das rechte Bein +unternehmend in die Höhe: »Komm, Dirning, tanz mit mir! — Ich hab' +spanische Korken in die Stiefel — siehst du so.« Er sprang hoch in die +Luft. »So ein paar Dinger schenk, ich dir auch, wenn du hübsch artig +bist und mir einen Kuß gibst — fix, Marjelling.« Hoch nahm er sie in +seine Arme und schwenkte sie weit in der Luft herum.</p> + +<p>Ihre Röckchen wirbelten, die schwarzen Zöpfe rasten um sie herum, von +der einen Wade war der Strumpf heruntergestreift und entblößte die +braune, seidige Haut.</p> + +<p>»Huch,« schrien die Fischerweiber schamhaft.</p> + +<p>Solchen Tanz hatten sie noch nicht gesehen. Der taubstumme Riese Klaus +Muchow lachte dazu, daß die Wände dröhnten, während die Studenten ihre +Seidel schwangen, um Line ein donnerndes Hoch auszubringen.</p><p><span class="pagenum"><a name="Page_87" id="Page_87">87</a></span></p> + +<p>»Line — hurra,« schmetterten die jungen Stimmen.</p> + +<p>»Line hurra,« knatterte es aus allen Winkeln.</p> + +<p>»Line hurra,« greinte oll Kusemann und spitzte seiner Tänzerin, die noch +nicht den Erdboden berührt hatte, die Lippen entgegen.</p> + +<p>»Ich will nicht mehr,« keuchte die Kleine, vor deren Blicken alles +verschwamm, und begann mit dem Lotsen zu ringen. »Ich will runter.«</p> + +<p>Ihre Fußspitzen suchten den Estrich.</p> + +<p>Oh, und Bruno mußte oben von der Terrasse der Musiker, wo er krampfhaft +einen Stuhl gepackt hielt, alles mit ansehen, mußte die entblößte Wade +schauen und die tastenden Zehen, mußte auch knirschend beobachten, wie +der taubstumme Riese sich erhob, um dem angetrunkenen Lehrer Toll +pantomimisch vorzumachen, wie er das Ding auf seinen Arm setzen wolle +und dann auf den Kopf.</p> + +<p>Dazu erhob er taktmäßig die mächtigen Beine, grinste schlau und drehte +sich komisch im Kreise umher.</p> + +<p>»Solch ein Kerl,« murmelte Bruno in erstickter Wut. »Solch ein Kerl.«</p> + +<p>Wie kam es, daß die Gestalt des alten verstorbenen Lotsen plötzlich vor +ihm auftauchte, seines Vaters, der erst wenige Wochen in seinem Grabe +ruhte, und der doch Line wie sein eigenes Kind gehalten?</p> + +<p>»Wie ist das möglich?« — schnitt es ihm durch den Sinn, »wie ist das +bloß möglich? — Hab' ich denn das Ding noch gar nicht gekannt?«</p> + +<p>Ein merkwürdiges Gefühl, von Grauen und Verlangen gemischt, wühlte in +ihm herum, keinen Blick konnte er von der Kleinen abwenden, und jetzt, +jetzt trug sie oll Kusemann schleifend und zierliche Winkel drehend +wieder in seine Nähe.</p> + +<p>Wie er zitterte, wie er sich schämte, und er hatte sie doch erst vor +wenigen Stunden weich auf seinem Schoß gehalten. —</p> + +<p>»Dirning,« hörte er den Lotsen schmunzeln, »leg' mich deinen Arm um den +Hals, sonst fällst du.«</p><p><span class="pagenum"><a name="Page_88" id="Page_88">88</a></span></p> + +<p>Und was antwortete sie?</p> + +<p>»Du alter, häßlicher Kerl.«</p> + +<p>»I, Lining, das ist grade was Apartes. — Au, Kind, wozu kratzt du denn? +Ich wollt ja bloß sagen: Hann liegt jetzt auf der See.«</p> + +<p>Line schlug mit der Hand durch die Luft. »Wo Hann liegt, das ist mir +ganz gleich.«</p> + +<p>»Na, du gehst gut, du Racker,« wollte der Lotse eben belobigen, da +fühlte er unvermittelt, wie etwas an ihm herunterglitt; dadurch verlor +er das Gleichgewicht und purzelte, sich überschlagend und unter dem +dröhnenden Gelächter der Studenten, gerade auf den Schoß seiner Gattin +Alwining.</p> + +<p>Die zog ein strenges Gesicht und kniff ihn heimlich in den Arm.</p> + +<p>»Alwining,« flüsterte oll Kusemann und griff seiner Frau unter das Kinn: +»Sei ruhig, ich weiß, was du denkst. — Aber die kleine Krabbe ließ mir +gar nicht in Frieden. Du weißt ja, aus der wird nichts Gutes! — Sollst +sehen, Alwining. — Ich kenn' meine Leute.«</p> + +<p class="center"><sup>*</sup> <sub>*</sub> <sup>*</sup></p> + +<p>Sie forderte zu trinken, als sie nun atmend und glühend neben ihrem +Pflegebruder auf der Terrasse stand.</p> + +<p>Aber er verweigerte ihr alles. Eine tiefe Verachtung gegen dies tolle +Ding war in dem feinen gebildeten Jungen aufgestiegen. Fast mit Gewalt +hatte er sie in eine Ecke hinter die Musiker gezogen, und nun schüttete +er dort sein Herz vor ihr aus. Wie sie sich benommen, wie sie ihn +blamiert hätte, und was die Mutter zu Hause dazu sagen würde. Den +Abschluß bildete immer der eine Satz: »Du hast nichts gelernt, du +gehörst eben unter die Fischer.«</p> + +<p>Doch sie antwortete nichts.</p> + +<p>Ihre schwarzen Augen, die so seltsam auf dem blauweißen Untergrund +schwammen, lugten noch immer gierig nach allen Seiten. Die Musik und der +Tanz hatten sie offenbar betäubt. Immer noch blinzelte sie nach den sich +drehenden Paaren.</p><p><span class="pagenum"><a name="Page_89" id="Page_89">89</a></span></p> + +<p>»Line, verstehst du mich denn nicht? — Ich trag dich mit Gewalt raus, +wenn du nicht von selbst gehst,« flüsterte er mit neu aufbrausender Wut.</p> + +<p>Verständnislos — kindlich und doch mit einem merkwürdigen, bewußten Zug +um die Lippen lächelte sie ihn von unten herauf an. Dann streichelte sie +ihm schmeichelnd über die Wange, um gleich darauf das Haupt zu neigen +und mit ungeheucheltem Erstaunen auf ihre entblößte Wade herabzublicken.</p> + +<p>Jetzt bemerkte sie es erst.</p> + +<p>Auch der Sekundaner mußte diesem Blick folgen. Das Blut schoß ihm dabei +ins Gesicht, er verachtete sich selbst, weil er sich nicht sofort +abwenden konnte. Doch er verharrte und blinzelte hinunter. Und Line +lachte über den Unfall, während sie tiefgebeugt über ihrem Strumpf +nestelte. In diesem Augenblick nahte sich ein junger, schlanker Student, +Jahn mit Namen, derselbe, der vorhin das Hurra auf diese jüngste +Tänzerin kommandiert hatte, und streckte einfach die Arme nach ihr aus.</p> + +<p>Schon berührten seine Finger die Schulter der Gebückten, als Bruno sich +nicht mehr mäßigen konnte. Er riß sie empor, daß sie förmlich in die +Höhe zuckte, beide flogen von der heftigen Bewegung die wenigen Stufen +hinunter, und dann — hatte er begonnen oder Line?</p> + +<p>Keiner wußte es später.</p> + +<p>Aber die schlanken Arme, mit denen sie ihn unwillkürlich umschlungen, +löste sie nicht, und dann war es Bruno, als ob alles um ihn +herumwirbele. Die Wärme, die heiße Glut, dieser erste Lebenstaumel des +jungen Wesens an seiner Brust hatten es ihm angetan —! Er tanzte! — +Nein, er riß sie rasend mit sich fort. Er sah nichts als die +aufblitzenden Augen und die weißen Zähne, die hinter den schmalen Lippen +glänzten. Immer herum — immer weiter, wenn es ihm auch war, als ob er +über spitze Messer tanze, wenn ihm auch eine flüchtige Erscheinung kam, +als stände sein Bruder Hann draußen an den Fensterscheiben und stiere +blöden<span class="pagenum"><a name="Page_90" id="Page_90">90</a></span> Sinnes herein. Schneller, wilder, dieses sich immer +gleichbleibende, beglückte Lächeln der Tänzerin berauschte ihn und +hetzte ihn weiter.</p> + +<p>»Oh,« murmelte Line, »noch länger — noch länger.«</p> + +<p>»Ja — ja.«</p> + +<p>»So gut wie du tanzt doch keiner, Bruno.«</p> + +<p>»Aber du auch — du auch, Line.«</p> + +<p>»Ja, das hab' ich gelernt,« flüsterte sie stolz, während sie ihn leise +in den Arm kniff.</p> + +<p>Doch ehe er noch antworten konnte, kam das, was ihn zur Besinnung +brachte, vor dem er floh, als hätte er ein Verbrechen begangen.</p> + +<p>Wie eine Erscheinung, unvorhergesehen, stand es da.</p> + +<p>Leise, aber entsetzt schrie Line auf.</p> + +<p>Was war das für eine breite, nasse Hand, die sich auf ihren Arm legte? +— Weshalb stürzte plötzlich ihr Tänzer fort, als ob er sich verfolgt +wähne?</p> + +<p>Wer war das eigentlich, der sie festhielt und mit ihr sprach?</p> + +<p>Erst mußte sie sich die Haare aus der Stirn streichen, eh sie ihn +erkannte. Dann blickte sie sich wirr im Saale um. Ihr Herz begann +krampfhaft zu pochen, eine schneidende, überwältigende Angst durchfuhr +sie.</p> + +<p>Wie kam sie denn hierher? — All die fremden Leute? Die Fischerweiber, +die mit Fingern auf sie zeigten, und die Studenten, die so vertraut mit +ihr taten?</p> + +<p>Zitternd und zerknirscht blieb sie vor dem Schifferjungen in dem nassen +Rock stehen. Der sah sie mit seinen dumpfen blauen Augen bekümmert an +und sagte mit kaum merklichem Vorwurf: »Ich such' dich, Lining.«</p> + +<p>»Hann,« stotterte sie.</p> + +<p>Da faßte er sie fester am Arm und meldete ernsthaft: »Ich soll dich nach +Haus bringen.«</p> + +<p>»Ja — ja,« stieß sie scheu hervor, während sie sich an ihn drängte: »O +komm bloß, ich will mit dir.«</p><p><span class="pagenum"><a name="Page_91" id="Page_91">91</a></span></p> + +<p>Er ließ ihr keine Zeit zur Besinnung, bevor sie es selbst recht +bemerkte, hatte er sie aus dem tabakdurchqualmten Saal geleitet und +führte sie nun durch die stockfinstere Nacht.</p> + +<p>»O Lining,« murmelte er nur einmal mit tiefem Kummer, »was hast du +gemacht?«</p> + +<p>Hastig atmete sie auf. »Ich weiß auch nicht,« brachte sie dumpf hervor, +aber dann setzte sie halb voll Angst hinzu: »Aber ich glaub', es kommt +davon, weil ich so wenig gelernt hab'.«</p> + +<p>»Ja, ja, das mit dem Lernen,« stimmte Hann beklommen bei.</p> + +<p>Er dachte immerfort daran, wie sein feiner Bruder, der doch morgen in +die Welt sollte, und dies kleine Mädchen zusammen getanzt hatten, +getanzt, während der alte Lotse in seiner Grube kaum kalt geworden.</p> + +<p>Das war greulich.</p> + +<p>Aber er sprach darüber kein Wort. Etwas Unbestimmtes, Ängstliches hielt +ihn von der Schwester fern.</p> + +<p>Endlich waren sie an der Seite des murmelnden Flusses bis vor die Tür +des Lotsenhäuschens geschlichen.</p> + +<p>»Hann,« begann Line hier, der das Schweigen Pein verursachte, »wacht +Mutter noch?«</p> + +<p>Er schüttelte das Haupt.</p> + +<p>»Bist du allein auf?«</p> + +<p>Er nickte.</p> + +<p>»O Hann« — sie drängte sich in ihrer schmeichelnden Art an ihn — +»sprich doch mit mir — ich will's ja nie wieder tun, hörst du? — aber +sprich mit mir.«</p> + +<p>Wieder schüttelte er das plumpe Haupt. Ihm war so trostlos zumut, daß +ihm keine Worte einfielen. Da wurde die bohrende Verzweiflung in Lines +Brust übermächtig, heftig sprang sie an dem Jungen in die Höhe und +drückte ihm einen heißen, bittenden Kuß auf den breiten Mund. »Ich +will's ja nie wieder tun,« hauchte sie dazu, »ganz gewiß, nie wieder — +aber sag hier zu Haus nichts davon, hörst du? — sag kein Wort.«</p><p><span class="pagenum"><a name="Page_92" id="Page_92">92</a></span></p> + +<p>Noch stand sie einen Augenblick vor ihm. Durch die tiefe Nacht glaubte +er das Weiße ihrer Augen zu erkennen. Dann hörte er etwas über die +Treppe huschen, und über die Stelle, wo sie gestanden, säuselte der +Nachtwind.</p> + +<p>Es war stockfinster und Hann auf der Landstraße allein.</p> + +<p>Da senkte der dumme Junge langsam den Kopf in seine groben Hände und +begann unhörbar vor sich hinzuschluchzen.</p><hr class="chap" /><p><span class="pagenum"><a name="Page_93" id="Page_93">93</a></span></p> + + + + +<h3>XI</h3> + + +<p>Zur selben Zeit saß Line im Hemd auf ihrem Bette.</p> + +<p>Die nackten Füße ließ sie hinabhängen, die Hände hielt sie auf dem Schoß +krampfhaft ineinandergefaltet, und so bohrte sie ihren Blick +unverrückbar auf die nahe Bretterwand des Verschlages, als wäre dort in +der Schwärze irgendeine helle Stelle und sie vermöchte auf ihr etwas +Merkwürdiges zu erspähen. Sie fror nicht, sie zitterte nicht, +aufgerichtet und mäuschenstill hockte sie, und alle ihre Gedanken +schienen sich wie Pfeile in ein einziges Ziel einzuspießen.</p> + +<p>Endlich seufzte sie tief auf, griff nach dem Stuhl, auf dem ein +Lichtstümpfchen stand, und entzündete es. Behutsam hielt sie die Hand +vor das Flämmchen, so daß ihre Finger wie in Blut getaucht erschienen, +und schlich dann verstohlen mit ihren nackten Füßen in die Ecke hinter +dem Bett, in der eine ehemalige Zuckerkiste stand.</p> + +<p>In diesem Behälter wühlte Line heftig herum. Bald holte sie ein paar +alte Bücher und einige vollgeschriebene Schreibhefte heraus, bald +blätterte sie emsig in einem zerrissenen Volksschulatlas, immer erregt +dazu murmelnd und buchstabierend. Zum Schluß band sie um alles einen +Bindfaden und schlug leicht mit der Faust auf das Päckchen, als hätte +sie einen festen Entschluß gefaßt.</p> + +<p>Den Atlas aber behielt sie bei sich, eng an den Leib gedrückt. Und als +sie ins Bett huschte, legte sie die verstreuten Blätter erst sorgfältig +unter ihr Kopfkissen.</p> + +<p>Licht aus.</p> + +<p>Still lag sie da, lang ausgestreckt, die großen Augen weit offen, nur +ihre regelmäßigen Atemzüge verrieten, daß sie lebe.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_94" id="Page_94">94</a></span></p> + +<p class="center"><sup>*</sup> <sub>*</sub> <sup>*</sup></p> + +<p>»Das ist ein ekliger Qualm,« hustete Siebenbrod und spie ein paarmal +aus, »pfui Deibel.«</p> + +<p>»Ja, das is, wie wenn Satans Großmutter verbrannte Milch auf die Erde +gießt,« brummte oll Kusemann, dessen Konturen ebenfalls zuweilen durch +den weißen Brodem sichtbar wurden. Manchmal schien es auch, als tanzten +die Köpfe von Malljohann und Frau Dörthe Petersen um ein paar +Pferdeschnauzen herum, doch alles verschwand gleich wieder hinter dem +feuchten, bleiernen Linnen.</p> + +<p>Da brummten Glockenschläge aus der Höhe, und durch die Nebel ging ein +Zittern.</p> + +<p>Acht Uhr.</p> + +<p>Die Equipagenpferde des Konsuls wieherten laut und durchdringend.</p> + +<p>»Mudding — nu mach fix,« mahnte Siebenbrod. »Nu mußt du die Hände von +Bruno und Paulen loslassen.«</p> + +<p>Doch die kleine, stille Frau konnte sich noch nicht trennen. Immer +wieder griff sie nach den Fingern ihrer beiden Ältesten, die +nebeneinander auf dem leichten Korbwagen saßen, und nur die milchigen +Gespinste verhinderten, daß nicht alle bemerkten, wie dicke, schwere +Tränen über die Wangen der Witwe rollten.</p> + +<p>»Mudding,« drängte Siebenbrod, »die Pferde friert.«</p> + +<p>»Wo ist Hann?« fragte des Studenten harte Stimme.</p> + +<p>»Und wo Lining?« beeiferte sich oll Kusemann ironisch hinzuzusetzen.</p> + +<p>Zur Seite des Wagens, dicht unter dem Bollwerk knirschte etwas. Dort +hatte Hann bis jetzt in seinem festgebundenen Boot gesessen und +schwerfällig in sich hineingesonnen. Viel, viel lieber wäre er hinter +der dicken Nebelwand versteckt geblieben, als jetzt seinem Bruder Bruno +die Hand zu reichen, gegen den er seit gestern so Schweres auf dem +Herzen trug. Doch auf den Ruf des Theologen trottete er folgsam heran.</p> + +<p>»Adieu, Hann,« sagte der Student, während er ihm rasch über<span class="pagenum"><a name="Page_95" id="Page_95">95</a></span> das Haar +fuhr, »achte auf das Grab von Vater — versprich mir das.«</p> + +<p>»Ja, ja — Pauling,« heulte Hann los.</p> + +<p>»Adieu, Hann,« verabschiedete sich jetzt auch der andere, »bleib gesund +und besuch mich bald mal — hörst du?« Er reichte ihm zögernd die Hände.</p> + +<p>Der Schifferjunge drückte sie aus Leibeskräften. In seiner Rührung hatte +er längst den Groll vergessen. »Bleib immer gut zu Weg, Bruno — immer +gut zu Wege.«</p> + +<p>»Du auch.«</p> + +<p>»Aber wo ist Line?« schrie oll Kusemann dazwischen, der seine Tänzerin +durchaus dabei haben wollte.</p> + +<p>Keiner wußte es.</p> + +<p>Nur Malljohann, der zuweilen etwas sah, was kein anderer bemerkte, stand +unaufhörlich in seiner schlotternden Haltung da und glotzte schweigend +und mit dem breiten Maul merkwürdige Kaubewegungen ausführend nach dem +kleinen, kreisrunden Giebelfenster. Und je mehr die andern riefen, und +je lauter sie sich wunderten, desto deutlicher erkannte Malljohann mit +grinsendem Behagen, wie dort oben aus dem dunklen Kreise der Kinderkopf +unbeweglich durch die Milchnebel hindurchsah.</p> + +<p>»Hüh!« rief der Kutscher.</p> + +<p>Die Peitsche knallte, die Pferde zogen an, laut knackten die Räder in +dem feuchten Lehmboden.</p> + +<p>»Adschö, meine lieben Kinder,« rief die Mutter mit erhöhter Stimme.</p> + +<p>In einer Sekunde hatte das weiße Nichts das Gefährt verschlungen. Das +Rollen allein tönte noch heraus und nach diesem sich verlierenden +Geräusch bog Line weit, weit den schlanken Leib aus der Bodenluke, bis +sie fast auf den qualmenden Kissen zu ruhen schien. Die Hand warf sich +vor, ihre Finger bogen sich, als wollte sie nach etwas Verlorenem +greifen.</p> + +<p>Alle gingen sie darauf ihren gewohnten Tagesbeschäftigungen<span class="pagenum"><a name="Page_96" id="Page_96">96</a></span> nach. +Malljohann spielte die Handharmonika, oll Kusemann verzog sich in die +Wärterhütte, Siebenbrod flickte in der Küche an einem Segel, und Hann +saß mit dumpfem Kopf und schweren Gedanken in seinem verankerten Boot, +wo er ein Brettchen an eine der Schiffsrippen zu schlagen hatte.</p> + +<p>Über alle aber warf der Nebel seine dichten wallenden Decken. So kam es +auch, daß niemand wahrnahm, wie Line mit dem Bündel, das sie in der +Nacht verschnürt, vorsichtig aus dem Hause witschte.</p> + +<p>Geradeswegs ging sie in das Pfarrhaus, das neben dem Kirchhof lag. Und +als der geschäftige winzige Pastor, der gerade mit seiner korpulenten +Frau auf dem rot gepflasterten Flur damit beschäftigt war, ein Fäßchen +Malaga abzuziehen, als der muntere, weinlustige Herr ihr vergnügt die +Haare kraute und sich nach ihrem Begehren erkundigte, da streckte sie +ihm wortlos, jedoch mit einer wilden Bewegung und klopfendem Herzen, das +Bündel Bücher entgegen.</p> + +<p>»Ich will was lernen.«</p> + +<p>»Hm,« murmelte der Pastor und sah verdutzt von der Kleinen auf den Käse, +den er gerade zum Abprobieren in der Hand hielt, »ach so — ja, ja — +hm, hm.«</p> + +<p>Und dann reichte er ihr auf jeden Fall ein Glas von dem goldbraunen, +spiegelnden Malaga.</p> + +<p> +<span style="margin-left: 1em;">Ende des ersten Buches</span><br /> +</p> + +<div class="figcenter" style="width: 400px;"> +<img src="images/oppos_096.jpg" width="400" height="575" alt="Illustration" /> +</div> + +<hr class="chap" /><p><span class="pagenum"><a name="Page_97" id="Page_97">97</a></span></p> + + + + +<h2 class="p6"><a name="Zweites_Buch" id="Zweites_Buch"></a>Zweites Buch<br /> + +»Frau Welt«</h2><hr class="chap" /><p><span class="pagenum"><a name="Page_98" id="Page_98"></a><a name="Page_99" id="Page_99">99</a></span></p> + + + + +<h3>I</h3> + + +<p>Ich zweifle, ob ihr wißt, daß es noch Götter auf der Welt gibt. Aber ihr +könnt es glauben, es ist so.</p> + +<p>Mein Vetter Walter, der Student in Leipzig, hat dort eine Schenkmamsell +entdeckt, die ihm vertraulich gestanden, daß sie in Wahrheit die alte +Venus sei. Und als er ihr allerlei Bedenklichkeiten ausdrückte, da hat +sie ihm einfach ihren Knaben gezeigt, einen kleinen, dreijährigen +Strolch, der richtig mit einem Flitzbogen den Passanten des Salzgäßchens +die Hüte vom Kopfe schoß.</p> + +<p>Daraufhin hat der Vetter Walter alles eingesehen und sich über die +Bekanntschaft sehr gefreut.</p> + +<p>Dieses steht fest, das hat er mir eigenhändig geschrieben. Einen +anderen, sehr interessanten Gott hab' ich selbst gekannt. Ich weiß +nicht, ob er noch lebt. Aber als ich noch nicht seßhaft war, da habe ich +ihn zwischen Greifswald und Moorluke getroffen, darauf will ich einen +Eid leisten.</p> + +<p>Ein Jahr war gerade im Abtröpfeln, ein Jahr, das ich wieder damit +hingebracht, gesunde Glieder und eine warme Brust an den Dornen und +Hecken wund zu reißen, hinter denen im Schlosse Phantasia das deutsche +Dornröschen schlummert. Aber als des Jahres letzte Henkerstündlein +schlugen, da hatte ich genug, da machte ich den Berliner Herren und +Damen meine Verbeugung, packte mich in einen Eilzug und stand ein paar +Stunden später auf einem dick verschneiten, abenddämmerigen Felde, über +das ein Weg nach Moorluke führen sollte. Doch der Pfad mußte eine +Frühlingssage bilden. Jetzt war er längst versunken. Inzwischen brach +die Nacht ein — es war Silvester 1896 — ringsherum wirbelte dicker +Schnee, über die toten Felder heulte der Wind, und<span class="pagenum"><a name="Page_100" id="Page_100">100</a></span> das Eis unter meinen +Tritten stöhnte und ächzte, als ob die Erde in ihrem Winterschlaf schwer +träume, — da — täuschte ich mich? Nein, es knarrte aus der Schwärze +ein langer ungefüger Wagen heran, ein Pferd wieherte, ein merkwürdiges +rotes Licht zuckte auf, und gleich darauf wollten zwei mächtige Schimmel +ihr Fuhrwerk an mir vorüberziehen. Da rief ich sie an: »Heda!«</p> + +<p>Vorn auf dem hohen Bock regte sich etwas. Eine vermummte Gestalt im +weißen Schafpelz, die eine Tüte mit einem Licht darin in der Hand hielt, +leuchtete mir ins Gesicht.</p> + +<p>»Fährst du schon lange, Alter?« fragte ich hinauf.</p> + +<p>»Lange,« antwortete eine trockene, hüstelnde Stimme.</p> + +<p>»Wohin?«</p> + +<p>»Gradeaus.«</p> + +<p>Das klang merkwürdig, und halb ohne Überlegung fragte ich, ob ich mit +nach Moorluke fahren könne?</p> + +<p>Der Schafpelz rückte wortlos zur Seite, und nachdem ich neben ihm Platz +genommen, warf ich einen Blick hinter mich, um mich zu erkundigen, was +der Alte für Ladung führe.</p> + +<p>»Dung.«</p> + +<p>Wieder beschlich mich ein seltsames Gefühl, aber wie ward mir erst, als +jetzt beim Schein des Tütenlichtes der Mistkutscher mir sein Antlitz +zukehrte. Aus tausend eingekerbten Furchen tränten zwei müde, schwarze +Augen heraus, und bis unter die dürre ragende Hakennase über den +zahnlosen Mund hinweg buschte sich ein verworrener, zottelweißer Bart, +der sich erst unter dem Schnee, welcher den Schafpelz bedeckte, verlor. +Der Mann war unbestimmbar alt. Und plötzlich überkam mich die +schreckhafte Erinnerung, wie mein Freund, der Professor Asmus in +Greifswald, welcher über seinem eigenen Werk »Die immanente Philosophie +der Menschheit« verrückt geworden sein sollte, in einer geistreichen +Spekulation nachgewiesen, daß sich zwischen Moorluke und der Stadt ein +alter Mistkutscher herumtriebe, der jedoch in Wahrheit ein verschollener +Gott wäre und eigentlich Chronos hieße.</p><p><span class="pagenum"><a name="Page_101" id="Page_101">101</a></span></p> + +<p>»Chronos!« rief ich unwillkürlich laut heraus.</p> + +<p>»Wat?« keuchte mein Gefährte und bewegte sein Licht.</p> + +<p>Es war kein Zweifel, »oll Chronos«, der wiedergefundene Gott meines +armen Freundes Asmus, saß neben mir. Eine Zeitlang blieb es still +zwischen uns beiden. Geräuschvoll knirschte der Wagen durch den tiefen +Schnee; der Alte hockte vor sich hin und hielt nur zuweilen in dürrer +Hand seine Tüte in die Höhe, als ob er den Weg beleuchten wolle. Dann +faßte ich mir ein Herz und fragte, ob er meine Freunde in Moorluke +kenne, Hann und Line, oll Kusemann und die andern.</p> + +<p>»Flocken,« murrte der Alte in sich hinein.</p> + +<p>»Wie, oll Chronos?« forschte ich immer verwirrter.</p> + +<p>»Was ist das für ein Nam'?« lachte der Mistkutscher so halb verächtlich +und schlug mit der welken Hand in das Schneegewimmel, in das die +leuchtende Tüte einen roten Lichtkreis warf. Und nachdem ihm ein neuer +Hustenanfall beinah alle Glieder verkrümmt, keuchte er etwa folgendes +hervor:</p><hr class="chap" /><p><span class="pagenum"><a name="Page_102" id="Page_102">102</a></span></p> + + + + +<h3>II</h3> + + +<p>»Hör! Menschens! — Menschens — Wat sind Menschens? Auf die kommt es +gar nicht an! Menschens sind dasselbe, was ich hier fahre. Dung. Sie +blühen und sie verfaulen und werden Mist und machen wieder andere +blühen! Ohne daß sie dat wissen, und ohne daß sie es wollen. In dem +Dung, siehst du, liegt allein die Kraft dazu. Aberst wie sie dahinein +kommt, das ist das Geheimnis. Aber eins bleibt merkwürdig. Die richtige +Kraft steckt doch nur in dem Alleröbersten und in dem Alleruntersten. +Der Mist treibt, und die Blüte oben, die zeugt, — was dazwischen liegt, +Jünging, das wird Grummet und Spreu. Aber laß man, eins macht mich doch +vor allen Dingen stolz, kuck, in diesen meinen Wagen hier kehrt doch zur +Zeit alles zurück, was jetzt wer weiß wie weit verstreut liegt. Ich fahr +mal die ganze Welt spazieren. Verstehst du das?«</p> + +<p>»Hm,« murmelte ich.</p> + +<p>»Du bist doch ein rechter Dummerjahn,« brummte der Alte. »Ihr seid +überhaupt alle recht dämlich und bildet euch zuviel ein. Wozu fragst du +nun nach Line und Hann, und Bruno und oll Kusemann, nach Siebenbrod und +die anderen? Das kommt, weil ihr immer glaubt, jeder lebe nach seinem +eigenen Kopf. Prost Mahlzeit, das haben euch bloß eure Büchermacher +eingeredet, in Wahrheit verhält es sich ganz anders. Ich will es dir +sagen, die Hauptsache sind die Jahren, — verstehst du das?«</p> + +<p>»O ja,« versetzte ich bekümmert, obwohl es mir merkwürdig im Kopf +summte, denn das Schneetreiben wurde so arg, daß mir die Ohren schon +halb verstopft lagen und ich nur noch undeutlich vernahm, wie der Alte +müde die Peitsche schwang.</p><p><span class="pagenum"><a name="Page_103" id="Page_103">103</a></span></p> + +<p>»Also du verstehst mir, mein Jünging,« fuhr er fort, — »hüh, denn man +weiter. Ja, also die Jahren bleiben die Hauptsache. Die Jahren kommen +einfach zu die Menschens heran und holen sie ab. Zu allerlei Taten. Ob +das Menschenkind will oder nicht, das is ganz gleich. Die Jahren wollen. +Die sind nun eingeteilt, wie beim Kommiß die Soldaten. Weißt du, welche +zuerst kommen?«</p> + +<p>»Nein.«</p> + +<p>»Zuerst kommen die Traumjahren.«</p> + +<p>»Wie meinst du das, oll Chronos?«</p> + +<p>Der Alte schüttelte das Haupt, als ob er den Namen nicht gern höre, dann +fuhr er fort: »Na, also, die Spiel- oder Einbildungsjahren. Die laufen +dir wie die lütten Kinder die Musikusse voran und hantieren dir mit +Sonne, Mond und Sternen, ja, sogar mit dem lieben Gott selbst, als ob +das Puppen wären. Aber dafür sind die Jahre auch die glücklichsten, denn +eine Einbildung macht immer glücklich. — Begreifst du mir?«</p> + +<p>Ich nickte. Mein Atem dampfte in dem Schneegewimmel. Es war bitterlich +kalt.</p> + +<p>Der Gott kroch tiefer in seinen Schafpelz.</p> + +<p>»Siehst du,« hustete er, »die Einbildungsjahren hatten Hann und Line +grade abgeholt, als du sie kanntest. Nu is das auch schon sieben Jahre +her. — Nachher kommen dann die Lehrjahren. Die marschieren am besten, +denn die werfen die Beine gewissermaßen noch so unter dem Kommando. Eins +— zwei — eins — zwei. Da klappt noch alles. Sieh, bei Line und Hann +freilich, da ging das damit schnurrig zu. Was sie war, die Dirn, die +hatte den richtigen Heißhunger und auch den Kopf dazu. So kam es denn, +daß der spaßige Pastor Witt, den sie damals darum bat, und der das Ding +auch gern leiden mochte, ihr eine ganze Menge beigebracht hat. Natürlich +alles man so im Vorbeigehn, verstehst du, aber sie weiß doch nun überall +Bescheid, von dem alten Fritz und Luthern, und lauter solche Leute; und +daß die Erde sich im Kreis rum küseln soll, worüber ich aber lache<span class="pagenum"><a name="Page_104" id="Page_104">104</a></span>. —«</p> + +<p>»Und Hann?«</p> + +<p>»Je, mit dem stand das anders. Als der arme Jung so mit ansehn mußte, +wie die Dirn zu Pasters lief, und was sie da alles hörte, und wie sie +immer feiner wurde und beinah ein Fräulein, da setzte er sich das in den +Kopf, Pastor Witt müßt ihm auch helfen. Dadurch betrieb er die Fischerei +leider man recht nachlässig, saß ganze Nächt' in dem Boot wie im Traum +da und hat von Siebenbrod, der allmählich ein recht geiziger Filz +geworden ist, und der immer nur das Wort im Mund führt »sparen, sparen«, +manchmal erbärmliche Hiebe mit dem Tauende bekommen. Aber glaubst du +wohl, daß das was nützte? Nicht einen Happen. Der Jung wurd' bloß immer +stiller und in sich gekehrter, und eines Sonntags, als er in der Kirche +die Predigt mit angehört hatte und sie zu Ende war und der muntere +Pastor Witt in die Sakristei ging, wo Küster Bollentin immer mit einem +Glas Wein auf ihn warten muß, da ging er ihm nach. Und da stand er nun +vor ihm und drehte an seiner Mütze und sagte endlich: >Herr Paster,< +fragte er, >is es wahr, was Line sagt, daß sich die Erde dreht?<</p> + +<p>»>Ja,< meinte Pastor Witt ein bißchen verwundert, >das hat sie so an sich.<</p> + +<p>»Da fragte Hann weiter: >Herr Paster, wie muß ich das anstellen, daß ich +von dem Drehen auch was merken tu'?<</p> + +<p>»Da hat nun Pastor Witt recht laut und herzlich aufgelacht, was ich sehr +unrecht von ihm find', und hat zu Küster Bollentin gesagt: >Kuck Er sich +eins den Jungen an. Das ist ein Philosoph.< Und nachher hat er ihm so +behaglich auf dem Kopf herumgetätschelt und hinzugefügt: >Hör eins, mein +Jünging, ich will dir was sagen, das Drehen kannst du auf dreierlei +Arten merken. Erstens, wenn du später auf einen Tanzboden gehst. Oder +zweitens, wenn du mir mal helfen wolltest, wenn ich grad meinen +Malagawein abzieh' — was? Küster Bollentin, dann merkt man's. — Und am +allerbesten, sobald du dich mal in ein recht gelehrtes, unverständliches +Buch vertiefst. Sieh, wenn du da nicht die Drähnung<span class="pagenum"><a name="Page_105" id="Page_105">105</a></span> kriegst, dann hast +du keine Anlage dazu. Aber laß man, ich mach bloß Spaß.<</p> + +<p>»>Herr Paster,< hat nun Hann gerufen, und die Tränen traten dem Lümmel +in die Augen, und er hielt den geistlichen Herrn ordentlich an seinem +Talar fest, >darf ich nicht auch mal mitkommen, wenn Sie Line solche +Bücher zeigen?<</p> + +<p>»>Ja, warum nicht?< meinte Pastor Witt und kratzte sich ein bißchen +verlegen im Haar. >Aber wozu willst du das?<</p> + +<p>»>Oh, Herr Paster,< schluchzte Hann, >damit Line nicht so stolz wird, und damit ich wieder +mit ihr sprechen kann, so wie früher.< Und dabei schüttelte es ihn durch +alle Glieder.</p> + +<p>»Sieh, da wurd' der dicke kleine Herr Pastor ganz stutzig und trat +zurück und kuckte sich den heulenden Jungen aufmerksam von allen Seiten +an und sagte endlich zu dem Küster, aber ganz leise: >Bollentin, weiß +Er, was ein Roman is? — Ja? — Na also, hier steckt einer.< Und dann +gab er Hann kurz die Erlaubnis und schob ihn sacht zur Sakristei +hinaus.«</p> + +<p>Hier machte der Mistkutscher eine Pause und horchte über das knackende +Feld, über das ein merkwürdig hallender Ton hinwegzog. »Hörst du?« +keuchte er und schlug, lang ausholend, auf seine beiden Schimmel ein. +»Dort drüben meldet sich all die Dorfuhr. Es ist dreiviertel auf zwölf, +und Silvester muß ich an Ort und Stelle sein, — hüh.«</p> + +<p>Mit einem Ruck zogen die beiden Gäule stärker an, und der Dampf, der aus +ihren Nüstern quoll, umlagerte uns wie eine schwebende Wolke. Rechts und +links tauchten jetzt große Schneemassen auf, aus denen Lichter blickten. +Das waren aber nur versunkene Häuschen, die aus ihrem Daunenbett +herauslugten.</p> + +<p>Oll Chronos wies mit seiner Peitsche auf sie: »Da drin brennen sie nun +die Tannenbäume vom Weihnachtsabend ab. Ja, ja — allens hat seine Zeit. +Anzünden und Auslöschen.«</p> + +<p>Inzwischen erreichten wir den Fluß. Scharf fegte hier der Wind<span class="pagenum"><a name="Page_106" id="Page_106">106</a></span> über die +vereiste Bahn, und unten am Abhang heulte etwas, was wie der +Folterschrei eines bösen Geistes klang.</p> + +<p>Der Alte lachte: »Das is ein Fuchs,« murmelte er, »graul' dir nicht — +das Biest hat Hunger.«</p> + +<p>Erst als wir die große Biegung hinter uns hatten, wagte ich von neuem an +meinen Gefährten die Frage, ob Hann bei Pastor Witt nun wirklich ein +Philosoph geworden wäre.</p> + +<p>»Je.« Der Alte wiegte den Kopf und schüttelte sich ein wenig, um sich +die Flocken abzustäuben: »I, was denkst du? Daraus wurd' ja nichts. Der +Paster merkte ja gleich, daß mit richtige Bücher bei Hann nichts +auszurichten wäre. Und darin geb' ich ihm auch Beifall. Denn sieh, als +der Herr Paster das vortrug, was sie so Schöpfungsgeschichte nennen tun, +da wollte Hann davon nichts wissen und kam so beiläufig damit heraus, +die Schöpfungsgeschichte hätte einen Fehler. Nu nimm bloß mal an, einen +Fehler, sagte der Bengel.«</p> + +<p>»Na, und was gab der Herr Pastor hierauf zur Antwort?«</p> + +<p>»I, der sah sich zuerst ganz düsig in der Stub' um und kuckte auf Line, +die auch ganz rot vor Ärger dasaß, und fragte endlich bloß >wieso?< Na, +und was glaubst du nu woll, womit der Lümmel zu Raum kam? — Es hatte +sogar ordentlich einen Sinn: >Herr Paster, sagen Sie mich mal,< fing er +an, >die Pferde arbeiten den ganzen Tag, und die Kühe geben Milch, und +von den Schafen schert man Wolle; und dafür, daß sie das all tun, da +haben die armen Kreturen keine Seele bekommen und sind doch auch etwas +Lebendiges; aber der Mensch, der sie totschlägt und auffrißt, der hat +eine. Herr Paster, ist das auch Güte?< Sieh, da wußt nu Paster Witt +nichts drauf zu antworten, und sah bloß in sein Buch und machte den +Finger naß und schlug heftig eine Seite nach der andern um, bis er +endlich verdrießlich vorbrachte, daß sich über so was ein richtiger +Christenmensch keine Gedanken zu machen habe.«</p> + +<p>»Ein höllischer Jung,« warf ich dazwischen.</p> + +<p>»Ja, Menschenkind, das meinst du woll,« sagte der Gott, »aber<span class="pagenum"><a name="Page_107" id="Page_107">107</a></span> als sie +nun in der biblischen Religion so allmählich bis zu die Geschicht' von +Adam und Eva'n und den Sündenfall vorgerückt waren, sieh, da wollte Hann +wieder durchaus nicht mit, indem er verstockt den Kopf schüttelte, so +daß sich der kleine Paster jetzt schon ganz ungeduldig danach +erkundigte, was denn nu all wieder los wäre. — Und daraufhin packte +Hann seine dummen Gedanken in der Art aus, daß er sagte: >Herr Paster, +nehmens nicht übel, die Geschichte mit der Rippe von Adamen, und daß +daraus Eva geworden, das haben sich die Pastoren wohl bloß eingebildet, +denn der Mann hat dabei nichts zu suchen, wir stammen alle von die +Frauensleut ab.< Und weil der Bengel dabei nicht merkte, wie der Paster +hier ganz erschrocken auf die kleine Line hinblickte, setzte er noch +hinzu: >Und bei die Tiere ist das grad so! — Ich war erst neulich +dabei, wie Nachbar Piepern seine weiße Kuh ein lüttes Kalb geworfen +hat.<</p> + +<p>»>Junge,< rief hier der geistliche Herr und stand heftig auf, indem er +ihn derb zurechtweisen wollte, aber Hann war noch nicht fertig und fügte +noch rasch bei: >Und, Herr Paster, wenn sie auch Adamen und Eva'n aus +dem schönen Paradies rausgetrieben haben, wie kommt es, daß wir andern +nicht wieder rein können? — Wir haben ja doch keine Äpfel gegessen? Ich +mag überhaupt keine Äpfeln, ich ess' Plummen viel lieber. Und denn, Herr +Paster, wegen so'n einzigen Appel. — Bei Schullehrer Tollen hängen +lauter Äpfeln über den Zaun, und das sind noch dazu Rinetten; aber Herr +Toll tut so, als ob er das Mausen von die Schulkinder gar nicht merke, +und is doch man en Schullehrer und noch lange nich der liebe Gott.<«</p> + +<p>»Ein ganz niederträchtiger Kujohn,« warf ich darein.</p> + +<p>»Ja, das meinst du woll,« knurrte der Mistkutscher behaglich und +wackelte mit dem Kopf.</p> + +<p>»Na, und was wurd' nu draus?«</p> + +<p>»Ja, das kannst du dir nicht denken. — Das kam anders, als mit Petrus +und Paulussen. Gib Achtung. Zuerst saß der kleine<span class="pagenum"><a name="Page_108" id="Page_108">108</a></span> Herr Pastor da und +war ganz rot im Gesicht, und man wußte nicht, ob er ärgerlich war, oder +ob er lachen wollt. Dann stand er auf und ging mehrmals in der Stub auf +und ab, und endlich gab er Hann die Hand und forderte ihn auf, er möchte +eins mit ihm mitkommen. Da standen sie nu beide draußen vor dem +Pastorhaus, und es war so ein recht stiller, frischer Vorfrühlingstag; +an allen Bäumen lag noch fußhoch der Schnee, und die Birken an dem +Kirchhof trieben doch bereits ihren ersten grünen Schuß in die Höhe. Da +sagte der geistliche Herr und strich Hann dabei gütig über die Backens: +>So, mein Jung, nun kann ich dich nicht mehr länger unterrichten. Du +gehörst zu ganz andern Lehrern.< Und als Hann mit großen Augen fragte, +was das für welche wären, da zeigte Pastor Witt so unbestimmt umher, +bald auf die liebe Sonn' und bald auf den Fluß, ja wahrhaftig sogar auf +Coeur, seinen schwarzen Pudel, und erklärte endlich: >Ja, die mein' ich. +Die können dir viel mehr sagen als ich. Und die verstehst du auch +besser. So, mein Jünging, und nun laß dir von meiner Frau noch eine +Pflaumenmusstulle geben. Und damit Gott befohlen und Adschö.<«</p> + +<p>Als oll Chronos bis hierhin erzählt, krümmte er sich unter der Last des +Schnees zusammen und schien in seine eigenen Gedanken versinken zu +wollen. Wenigstens lallte er unverständliche Worte vor sich hin und hob +öfter schief das Haupt gegen den eisigen Wind, wie wenn er lausche.</p> + +<p>Von vorn kam dem Wagen eine dunkle Gestalt entgegen; die rief uns durch +Nacht und Schneetreiben etwas zu:</p> + +<p>»Prost Neujahr!«</p> + +<p>Allein der Rosselenker schüttelte mißmutig den Kopf: »Is noch nich +soweit, das weiß ich besser.«</p> + +<p>Wir fuhren fürbaß. Die Tüte leuchtete matter und matter, das Licht +zuckte im Verenden. Der Alte holte aus der Tasche ein neues hervor und +besah es sich. »Wieder ein anderes,« murmelte er, »wird auch nicht +besser brennen.« Mir aber war vor dem Mistkutscher jede Scheu so +gewichen, daß er mir gar nicht mehr gespenstisch<span class="pagenum"><a name="Page_109" id="Page_109">109</a></span> erschien. Und als die +ersten Lichter von Moorluke vor uns aufblinkten, da hatte ich so +ziemlich alles aus ihm herausgefragt.</p> + +<p>Hann ist in den sieben Jahren ein Träumer geblieben. Das, was er nicht +gelernt hat, und worauf er nun überall selbst kommt, das steckt ihm +schwer in den Knochen, das hat ihn ungelenk und ungenießbar gemacht. +Siebenbrod verwendet ihn meistens dazu, die Fremden auf dem Bodden +spazieren zu fahren. Zu etwas anderem ist er nicht recht zu gebrauchen.</p> + +<p>»Aber Line?«</p> + +<p>»Ja, die is nu all seit zwei Jahren bei einer Cousine von Hollander in +der Stadt. Dewitz, glaub' ich, heißt das olle Fräulein. Bei die ist sie +ja woll so ein Stück Gesellschafterin, und die Alte soll ihr ja noch +immer weiter unterrichten und hellisch fein machen.«</p> + +<p>»Line muß doch bildschön geworden sein?«</p> + +<p>»Schön?« Der Alte begann zu kauen und grinste. »Je, darin seid ihr alle +ja so furchtbar dumm. Sie ist in den Brunstjahren.«</p> + +<p>Hier unterbrach ich den Alten und fragte nach Bruno.</p> + +<p>Der arbeitete bereits seit drei Jahren in einer Filiale des Konsuls in +Hamburg. Aber jetzt mit dem neuen Jahr sollte er zurückkommen. »Das is +en pikfeiner Bengel geworden. Mit Prinz-Albert-Rock und weite Hosen und +braune Glacés!«</p> + +<p>»Und Paul?«</p> + +<p>Chronos schüttelte sich. Die Art mochte er nicht leiden. Der Kandidat +hatte sich richtig mit Privatstunden durchs Examen gehungert. Von keinem +hatte er etwas angenommen. Jetzt harrte er der Anstellung. »Ein +richtiger Schwarzrock,« knurrte der Mistkutscher.</p> + +<p>»Achtung!«</p> + +<p>Wir kamen über die Moorluker Brücke. Und plötzlich legte mir der alte +Gott seinen Arm um den Hals, daß eine niegefühlte Kälte durch meine +Brust schnitt, und flüsterte mir ins Ohr, als gälte es ein Geheimnis: +»Jünging, die Brunstjahren, vor die hüt dir, das<span class="pagenum"><a name="Page_110" id="Page_110">110</a></span> sind die stärksten, da +hab' ich meinen meisten Spaß dran. — Dann kommen die Schaffensjahren, +und ganz zuletzt, zu allerletzt die Wartejahren. Weißt du, was die sind? +Dann is es richtiger Winter, und ich komm' wieder angefahren und hol' +dich ab, aber dahinten — kuck, hier.«</p> + +<p>Er zeigte auf seine Ladung.</p> + +<p>Ein Windzug löschte das Licht aus. Bim — bum hallte es verschlafen vom +Moorluker Kirchturm.</p> + +<p>»Zwölf,« sprach der Alte aus der Dunkelheit.</p> + +<p>Wir hielten vor oll Kusemanns hell erleuchtetem Häuschen. Der Lügenlotse +selbst stand im Hausflur, in der einen Hand hielt er seine Laterne hoch +in die Nacht und schwang in der andern ein Bowlenglas: »Jünging, +Jünging, Prost Neujahr — Prost Neujahr — komm rein, hier drin bei mir +sitzen alle Professoren von der Universität. Und dich kann Alwining auf +ihren Schoß nehmen, ich erlaub's.«</p> + +<p>»Steig ab,« forderte der alte Gott.</p> + +<p>»Und du?« fragte ich, nachdem ich herabgeklettert.</p> + +<p>»Na, ich fahr noch ein Stück.«</p> + +<p>Er trank ein Glas Bowle, das ihm oll Kusemann heraufreichte, entzündete +an der Laterne des Lotsen sein neues Licht, und bald sah ich, wie der +Wagen um die nächste Ecke bog.</p> + +<p>Der Alte knallte mit der Peitsche.</p><hr class="chap" /><p><span class="pagenum"><a name="Page_111" id="Page_111">111</a></span></p> + + + + +<h3>III</h3> + + +<p>»Die Hyazinthen blühen,« rief Line, während sie an dem dick vereisten +Fenster die Gläser mit den aufbrechenden Knollen zurechtrückte: »Sehn +Sie bloß, Fräulein, die letzte ist auch rot geworden. Jetzt haben wir +nur rote und weiße.«</p> + +<p>Es war Neujahrsmorgen.</p> + +<p>In dem gemütlichen Stübchen lag heller Wintersonnenschein. Alles prangte +in dem Altjungferzimmer von Sauberkeit; der braunlackierte Fußboden, die +gelblackierten Korblehnstühle, der Mahagonitisch, welcher ebenfalls +Lackglanz ausstrahlte, ja selbst die Fensterbretter redeten in ihrem +weißen Schimmer davon, daß das alte Fräulein Dewitz die Eigentümlichkeit +besaß, nach jedem Besuch den etwa entweihten Glanz ihres +Schmuckkästchens durch eine allgemeine Lackierung wieder aufzufrischen.</p> + +<p>Und nun erst die beiden Betten, die man nebenan aus dem Alkoven +hervorschimmern sah. Es schien beinah unmöglich, daß sich an diesem +schneeigen Weiß jemals Menschenhände vergriffen haben sollten.</p> + +<p>Die allergrößte Sauberkeit jedoch, nein, förmlich eine Art Leuchtkraft +der Reinlichkeit strahlte die Besitzerin dieser lackierten Räume selbst +aus.</p> + +<p>Da saß sie in ihrem Korblehnstuhl, in dessen gelbem Lack freundlich die +Sonne widerglitzerte, trug eine blankgeputzte Brille auf dem +Stumpfnäschen und las Neujahrsgratulationen, die auf ihrem Schoß +unwillkürlich ein höheres Weiß angenommen hatten.</p> + +<p>Lange murmelte sie so halblaut vor sich hin. Dann wurde sie gestört.</p> + +<p>»Sehn Sie bloß, Fräulein,« rief Line noch einmal. »Diese<span class="pagenum"><a name="Page_112" id="Page_112">112</a></span> schönen Farben +und wie sie duften; das ganze Zimmer ist voll davon!«</p> + +<p>»Du sollst nicht Fräulein sagen,« verwies die grauhaarige Dame und +schüttelte zwei große Locken, die einen glatten Scheitel flankierten.</p> + +<p>»Tante,« verbesserte sich Line.</p> + +<p>»Gut — so klingt es liebevoller. — Zwar, wenn wir allein sind, dann +höre ich es auch gern, wenn du mich >du< nennst. Vor Fremden freilich +bleibt das >Sie< mehr am Platz. Denn bei der heutigen Jugend, meine ich, +muß man auf Respekt halten. Das ist nötig.«</p> + +<p>»Gewiß,« bestätigte Line, die gar nicht gehört hatte, jedoch der alten +Dame nie widersprach. »Darin hast du ganz recht, Tante.«</p> + +<p>»Ja, ja,« fuhr das gute Fräulein fort und befeuchtete sich ihre +Unterlippe, was sie wohl in ihren langen Dienstjahren als +Handarbeitslehrerin angenommen, »du bist nun die letzte, die ich +erziehe. Gott ja, wenn ich so zurückdenke, — und am Neujahrsmorgen +kommt einem das so unwillkürlich — dreißig Jahre hab' ich all die +kleinen Mädchen vor mir sitzen gesehn und habe sie nähen, stricken und +sticken gelehrt — jede hatte ihren eigenen Knäuel, den sie bei mir +kaufen mußte — und ich rechnete genau dasselbe dafür, was er mich +selbst kostete. — Lieber Gott, es ist wahr, manche stellte sich gar zu +ungeschickt an; aber schließlich — lernen mußten sie es eben, denn +damals wurde das nicht allein von der Familie, sondern auch vom Staat +verlangt. — Ja, siehst du, mein Döchting, ich hab' oft darüber +nachgedacht, damals legte man noch mehr Gewicht darauf, daß in den +kleinen Dingern so allmählich eine rechte Stille und Ruhe groß würde, +und dazu — das weiß ich gewiß — dazu war grade mein Fach so recht +geeignet. Wenn sich die frischen Gesichter beim Häkeln herabbeugten und +dabei zählen mußten: >Eins, zwei, drei — feste Masche — eins, zwei, +drei — Stäbchen —,< siehst du, dann kam ordentlich etwas +Hausmütterliches in sie hinein. Es war rührend anzusehn. Jetzt ist das +alles anders.«</p> + +<div class="figcenter" style="width: 400px;"> +<img src="images/oppos_112.jpg" width="400" height="625" alt="Illustration" /> +</div> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_113" id="Page_113">113</a></span></p> + +<p>Das alte Fräulein seufzte ein wenig, befeuchtete die dicke Unterlippe +mit der Zunge und vertiefte sich in einen neuen Brief, den sie eben +entfaltet hatte.</p> + +<p>Eine Zeitlang hörte man nichts als das Murmeln von Fräulein Dewitz und +das frische Knacken der Holzklötze, die in dem blankgescheuerten, weißen +Ofen lustig brannten.</p> + +<p>Dann klang ein halbes Kichern durch den Raum, und Line, die noch immer +abgewandt am Fenster lehnte, reckte ihre schlanke Gestalt.</p> + +<p>»Lachtest du?« fragte das alte Fräulein, erstaunt von ihrem Briefe +aufsehend.</p> + +<p>»Bewahre,« beteuerte Line, während sie mit ihrem Finger ein kleines +Guckloch in die Eisscheiben malte.</p> + +<p>»Aber es klang doch so.«</p> + +<p>»Ich habe nur gehustet,« versetzte das junge Mädchen ganz ruhig, indem +sie jetzt bereits durch den kleinen Kreis auf die Straße +hinausblinzelte.</p> + +<p>»Ja, ja, du mußt dich vor Zugluft in acht nehmen,« ermahnte die Tante. +»Vom Zuge kommen alle Krankheiten. Viele meiner älteren Bekannten tragen +dagegen auch stets ein paar Katzenhaare in der Tasche.«</p> + +<p>Wieder setzte sie das Murmeln fort, und so merkte die alte Dame nichts +mehr davon, wie sich das Mädchen geschmeidig vorbeugte, wie durch die +angespannten Glieder ein kurzes, unterdrücktes Lachen bebte, und daß +sich über das Gesicht jener seltsame belebende Zug verbreitete, ein +Aufstrahlen, das die Lehrerin nun schon seit Jahren als unbegreiflich +bei dem sonst folgsamen Geschöpf zu unterdrücken bemüht war.</p> + +<p>Auf der anderen Seite der Straße wanderte zur selben Zeit eine +untersetzte stämmige Gestalt auf und ab, ungelenk, in blauer +Düffelschifferkleidung, einen ungeheuren grauen Schal um den Hals, und +bis unter die blaue Mütze mit Sommersprossen bedeckt, die auch im Winter +nicht abblaßten. Unter beiden Armen aber<span class="pagenum"><a name="Page_114" id="Page_114">114</a></span> trug die Gestalt je einen +mächtigen Korb, deren Deckel sie ab und zu lüftete, um dann, nach einem +Seitenblick auf das wohlbekannte Blumenfenster, rasch wieder beschämt +vorüberzutraben.</p> + +<p>Das war Hann Klüth, der gegen den Widerspruch des geizigen Siebenbrod +alljährlich am Neujahrsmorgen eine hochgepackte Sendung Blut- und +Leberwürste sowie zwei schneeweiße, lebende Gänse in diesen Körben zu +Fräulein Dewitz beförderte. Allein jedesmal bedurfte es größerer +Energie, um ihn das schmale Holztreppchen hinaufzubringen. Bei Fräulein +Dewitz war alles so vornehm, und wenn das alte Fräulein ihn mit +wohlwollender Herablassung in einen ihrer gelben Lehnstühle +niedernötigte und Line ihn lachend fragte, ob er die Gänse auch selbst +gestopft hätte, oder wann er wieder einen Hecht unter dem Eise stechen +würde, dann empfand Hann stets eine Unbehaglichkeit, eine innere +Erniedrigung, die er sich selbst nicht gern eingestehen wollte.</p> + +<p>Warum Line ihn wohl so fragte? — Und weshalb sie stets die Lippen zu +solch eigenartigem Lächeln verzog, so oft sie seiner ansichtig wurde? +Ja, ja, es war richtig, sie war bei Fräulein Dewitz eine wirkliche junge +Dame geworden, die auf dem Kapitänsball und bei dem Studentenball +getanzt und sehr viel gelernt hatte, aber er — Hann Klüth — das wußten +alle andern man nich — und dabei lachte er während des Hintrabens +wehmütig-stolz auf das schneebedeckte Trottoir hinab — er war auch gar +nicht so dumm geblieben. Ja, das ahnten sie man alle nich, wieviel er +ebenfalls sich herausgeklüstert hatte, während der langen Boddenfahrten +bei Tage und bei Nacht. Er hatte so seine eigene Ansicht über das +meiste, was man sehen und denken konnte. Sie brauchte zwar nicht die +richtige zu sein, das nicht; aber er hatte doch eine. Und das Denken, — +das von eins auf zwei kommen, und von da in die großen Zahlen hinein, +das war nun mal sein einziges Vergnügen. Das hatte er gegen all die +Püffe von Siebenbrod und die Tränen von Mudding und mit alleiniger +Unterstützung des Lügenlotsen oll Kusemann durchgesetzt.</p><p><span class="pagenum"><a name="Page_115" id="Page_115">115</a></span></p> + +<p>»O je — nehmens nich übel,« stotterte Hann aus seinen Gedanken heraus +und starrte erschrocken auf den schlanken Studenten mit der blauen +Korpsmütze, mit dem er eben während seines Trotts zusammengestoßen war.</p> + +<p>»Donnerwetter — Mensch — nehmen Sie sich doch in acht,« schnauzte der +junge Herr aufgebracht, denn es war ihm sofort klar, daß Line, welcher +er gegenüber wohnte und der er um diese Zeit stets eine kleine +Fensterpromenade schnitt, das lächerliche Zusammenprallen mit diesem +Bauerntölpel bemerkt haben müsse.</p> + +<p>»Nehmens nich übel,« entschuldigte sich Hann noch einmal, »ich habe +Ihnen nich gesehn.«</p> + +<p>Doch der Musensohn mußte den armen Fischer erst noch etwas gründlicher +seine Überlegenheit fühlen lassen: »Was geht mich das an?« schimpfte er +fort, während sein brauner Neufundländer wütend gegen Hann zu knurren +begann, »soll ich Ihnen vielleicht zuerst ausweichen?«</p> + +<p>»Je, wenn Sie mich zuerst sehen?« meinte Hann ehrlich.</p> + +<p>»Dummkopf Sie,« schrie der Student, der es in der »natürlichen« +Philosophie noch nicht so weit gebracht hatte, »wenn Sie nicht solch ein +Schafskopf von einem Esel wären — — —«</p> + +<p>»Ich weiß woll, studiert hab' ich nich,« sprach Hann gelassen dagegen, +und nachdenklich setzte er hinzu, »ich dacht' mich bloß, die offenbare +Straße wäre für jedwereinen da, denn wozu wäre sie sonst so breit? Und +wenn ein feiner Herr von einem gewöhnlichen Mann nicht gestoßen werden +möcht', daß es dann besser wär', er ging' ihm aus dem Weg.«</p> + +<p>Das war nun eine Probe des gewundenen Denkens, das Hann sich angewöhnt +hatte, für das aber ein Lehrstuhl an der kleinen Universität noch nicht +existierte. Sein Gegner warf ihm deshalb auch nur einen einzigen +wütenden Blick zu, und in dem Bewußtsein, die Gattung des Korbträgers +jetzt erst felsenfest fixieren zu können, rief er noch verächtlich: +»Kamel,« und stürzte triumphierend davon.</p><p><span class="pagenum"><a name="Page_116" id="Page_116">116</a></span></p> + +<p>»Je, wieso?« sprach Hann in sich hinein und sah dem blauen jungen Mann +zweifelnd nach. »Ein Kamel, als wie sie es damals in der Menagerie hier +zeigten, das is ja doch ein Vieh, wie sie es in den großen Wüsten zum +Transport gebrauchen, und was ja auch, wie oll Kusemann sagt, einen +natürlichen Wassersack haben soll. Warum sie nun aber wohl so einen +nützlichen Tiernamen als Schimpfwort anwenden? Das möcht ich wissen. — +Auch >Hund< und — —« Aber weiter kam er nicht in seinem Hinsinnen. +Denn oben an dem Blumenfenster öffnete sich ein Flügel und eine helle +Stimme rief halblaut herunter: »Hann!«</p> + +<p>Der Schiffer zuckte zusammen.</p> + +<p>Diese Stimme hatte noch immer für ihn etwas Weckendes, Alarmierendes. +Allerdings in den langen Jahren, in denen er nun schon von Line getrennt +lebte, hatte er längst eingesehen, daß der Abstand zwischen ihnen beiden +ein unermeßlicher geworden. Sie, eine Stadtdame, die bei Konsul +Hollander zu Tisch aß — und er, der Bootsmann von Siebenbrod, der für +eine Mark die Studenten auf dem Bodden spazieren fuhr. — Ne, ne, die +Zeiten, wo sie seine Braut war, wo oll Kusemann sie beide im Abendnebel +getraut, und wo sie Hann vor Angst zitternd geküßt hatte, die waren +vorüber. Für immer. Bloß das Drandenken, das blieb schön. Und das tat er +auch. Ohne daß einer es ahnte. An den langen Winterabenden, wenn +Mudding, Siebenbrod und er neben dem Herde in der Küche saßen und Netze +flickten und der scharfe Fischgeruch sich mit dem Torfbrodem mischte, +dann sann er und sann. Und wenn dann eine Möwe an der Mauer mit scharfem +Flügelschlag vorüberstrich, dann glaubte er, die flinke, kleine Line +husche wieder durchs Haus; und wenn er die Reiher auf dem Eise tanzen +sah, dann dachte er daran, wie Line tanzen konnte. Auch an den Tanz in +der Schenke, ein paar Wochen nachdem der Vater gestorben, mußte er sich +erinnern. Ja, ja, wie hübsch ihre Röcke damals wirbelten — hm —</p> + +<p>»Hann,« rief die helle Stimme noch einmal. Hann fuhr zum<span class="pagenum"><a name="Page_117" id="Page_117">117</a></span> zweiten Male +empor und begann sich heftig zu schämen. Richtig, jetzt hatten ihn die +»verfluchtigen Gedankens«, die so oft über ihn kamen, jetzt hatten sie +ihn auf offener Straße in ihre Gewalt bekommen, so fest, daß er beinah +vergessen hatte, weswegen eigentlich die Körbe an seinen Armen hingen. +Nun half es nicht länger, jetzt mußte er hinauf. Ohne den Blick zu +erheben, lüftete er die Mütze vor Line und stieg die schmale, gewundene +Holztreppe in die Höhe.</p> + +<p>»Oh,« rief Fräulein Dewitz, nachdem er mit einem Kompliment die Körbe +vor ihr niedergesetzt, »Lining, sieh her, ich glaube gar, das ist ein +Geschenk für uns. Was das wohl sein mag?«</p> + +<p>Line antwortete nicht. Mit ihrem leisen verhaltenen Lächeln stand sie +noch immer am Fenster und sah mit an, wie Hann ungeschickt in den Korb +griff, um eine der Gänse am Halse in die Höhe zu bringen.</p> + +<p>»Ei der Tausend — eine Gans,« verwunderte sich Fräulein Dewitz, obwohl +dieser Transport in ihrem Haushalt schon lange vorher berechnet war. +Aber die gute alte Dame glaubte den Spendern durch ihr jedesmaliges +Erstaunen eine Freude bereiten zu müssen. »Und was mag wohl in dem +andern Korb sein?« fuhr sie fort und leckte sich im Vorgeschmack die +Lippen. »Das sind doch nicht etwa — — —?«</p> + +<p>»Ja, Madamming,« unterbrach Hann, »Würste.«</p> + +<p>»Nein, wie aufmerksam,« lobte die Handarbeitslehrerin, und dann machte +sie mit ihrer gepflegten weißen Hand eine einladende Bewegung, damit +sich Hann in den Korbstuhl ihr gegenüber niederlassen möchte.</p> + +<p>Allein das war der gefürchtete Moment. Hann blieb stehen, versuchte +wieder eine Verbeugung und begann davon zu sprechen, daß heute Neujahr +sei, und daß er herzlich gratuliere.</p> + +<p>»Ich danke Ihnen — ich danke Ihnen aufrichtig, lieber Herr Klüth,« +sprach die alte Dame wohlwollend und vollführte nochmals ihre +Handbewegung, die Hann jedoch nur von neuem erröten ließ.</p><p><span class="pagenum"><a name="Page_118" id="Page_118">118</a></span></p> + +<p>Und bei alledem stand Line und lächelte. Mit der linken Hand hatte sie +nach dem oberen Riegel des Fensters gegriffen und lehnte den dunklen +Kopf an den Arm. So bot sie ein hübsches, anmutiges Bild. Ein paarmal +hatte Hann nach ihr hinübergeblinzelt, jetzt erst wagte er die Augen +aufzuschlagen. Er erstaunte. Nein, was sah sie doch schlank und vornehm +aus in dem enganliegenden blauen Tuchkleid. — Wie groß war sie +geworden, wie hatte sie sich entwickelt.</p> + +<p>»Gratulierst du mir nicht auch?« fragte sie ein bißchen gönnerhaft.</p> + +<p>»Ja, Lining — dir auch,« brachte er hervor. Das »du« wollte ihm gar +nicht recht aus der Kehle.</p> + +<p>»Dann gib mir doch die Hand,« forderte sie, wobei das Lächeln nicht von +ihrem Antlitz weichen wollte.</p> + +<p>Da machte Hann einen Schritt vor, und als sie nicht näher trat, noch +einmal einen und streckte zögernd den Arm nach ihr aus: »Da, Lining.«</p> + +<p>Mit einem mutwilligen Ausruf griff sie zu, heftig seine Hand schüttelnd: +»Wie geht es der Mutter?« forschte sie rasch.</p> + +<p>»Oh, bis auf die Füße is sie noch ganz gut zu Weg.«</p> + +<p>»Und Siebenbrod?«</p> + +<p>»I, der hat ja kurz vor Neujahr drei Schweine zu unseren dazu gekauft. +Wir haben ordentlich den Koben ausbauen müssen.«</p> + +<p>Wieder tönte von den Lippen des Mädchens ein kurzer, spöttischer Ton.</p> + +<p>Aber die alte Dame wies sie zurecht. Dabei wäre nichts zu spotten. +Siebenbrod sei nur zu achten, weil er so sparsam sei und die Wirtschaft +vermehre.</p> + +<p>»Ja, gewiß Tante,« lenkte Line sofort ein, die die alte Dame einen +Moment vergessen hatte, und dann fragte sie in ihrer Eilfertigkeit Hann +weiter, wie es ihm selbst ginge.</p> + +<p>»Oh, so weit ja ganz gut, Lining, bloß —«</p> + +<p>Er stockte.</p><p><span class="pagenum"><a name="Page_119" id="Page_119">119</a></span></p> + +<p>»Nun, was denn?«</p> + +<p>»Ich muß mich nämlich nun zu den Soldaten stellen.«</p> + +<p>»Du?«</p> + +<p>Mit einer plötzlichen Bewegung steifte sie ihren Arm und drehte Hann +dabei etwas herum, als wünsche sie den künftigen Krieger von allen +Seiten zu betrachten.</p> + +<p>»Nun, darauf freuen Sie sich wohl schon sehr?« warf die Tante +dazwischen. »Es ist doch eine Ehre, dem Vaterlande zu dienen — wie?«</p> + +<p>Aber Hann schüttelte den Kopf und sah bekümmert auf den Fußboden: »Ne, +Madamming, das tu' ich nich!«</p> + +<p>»Nicht?« riefen beide Frauen nun wie aus einem Munde.</p> + +<p>Hann erschrak und schlug seine hellen Augen nieder. Er merkte, daß hier +etwas vorginge, was ganz gegen die Ansichten des alten Fräuleins +verstoßen mochte. Anstatt jedoch nun seine Gedanken klarzulegen, wie er +sie so oft bei sich selbst gehegt, etwa in der Art: »Soldaten? — Ne — +werden die nicht extra dazu angelernt, wie man andere Leute ihre Kinder +totschießt? Und dann — wenn ich in meinem Schifferrock einen umbring', +dann werd' ich geköpft — aber in solch blau und rotem Rock krieg' ich +dafür noch einen Orden. Da stimmt doch etwas nicht?«</p> + +<p>Statt all dieser guten Gedanken brachte er nur scheu hervor: »Nein, ich +möcht' lieber nich unter die Soldaten.«</p> + +<p>Das alte Fräulein erhob sich: »So?« versetzte sie kühl. »Das ist ja +sonderbar — hm —« Und mit den Worten: »Ich will nun doch mal nach der +Küche sehn,« ging sie mit ihren langen, ehrbaren Schritten hinaus.</p> + +<p>Die beiden Kinder von Moorluke blieben allein. Langsam kauerte sich Line +in den verlassenen Korblehnstuhl nieder, lehnte sich zurück und ließ +ihre Stiefelspitzen leise gegeneinander klappen. Dann glitt wieder einer +ihrer taxierenden Blicke über den ungelenken Besuch fort, und plötzlich +lud sie ihn mit einer bestimmten Bewegung ein, ihr gegenüber Platz zu +nehmen.</p><p><span class="pagenum"><a name="Page_120" id="Page_120">120</a></span></p> + +<p>Hann wagte es nicht. Er behielt seine Mütze in der Hand und blinzelte +ehrerbietig zu ihr hinüber. Nein, wie überaus fein und zierlich er alles +an ihr fand. Diese kleinen Halbschuhe, aus denen die schwarzen Strümpfe +hervorlugten, und dann die schwarze Atlasschürze, die so glatt über den +Hüften abschloß — — und wie sie sich jetzt kaum merklich hin und her +wiegte, das schwarze Köpfchen seitlich an die Lehne gedrückt, während +ihre dunklen Augen ab und zu zu ihm herüberblitzten, das erfüllte den +großen Burschen schließlich mit solcher Freude, daß er immer +wohlgefälliger mit dem plumpen Haupte nickte und mit der freien Hand +wohlig am Knie auf und nieder fuhr.</p> + +<p>Mit einem Male beugte sich Line hastig vor, daß Hann beinah' einen +Schrecken bekam, stützte die beiden Ellenbogen auf ihre Knie, wie sie es +als Kind stets gepflegt, und über ihre Lippen kam es kurz und überlegen: +»Sag', Hann, hast du schon eine Braut?«</p> + +<p>Hann hielt den Atem an und starrte ihr grenzenlos verdutzt, ja bekümmert +in das feine Antlitz. O je, wie sollte er wohl zu einer Braut kommen? +Wußte sie denn gar nicht, daß er nicht auf so was ausging, ja, daß er +alle Frauen ängstlich vermied, weil — ja weil — —</p> + +<p>Er schüttelte mit einem wehen Zug um den groben Mund den Kopf und +scheuerte wieder an seinem Knie auf und nieder.</p> + +<p>»Lining — oh —«</p> + +<p>»Na, was wär' denn dabei?«</p> + +<p>Ihr schien die große Verlegenheit des armen Menschen Freude zu bereiten. +Und dann — immer mit dem angelehnten schmalen Gesichtchen plauderte sie +weiter, leise, flüsternd, damit es das gute Fräulein Dewitz in der Küche +nebenan nicht vernehmen könnte. Oh, es war doch ein so lang entbehrter +Genuß, endlich wieder einmal unbeobachtet, jung und frisch und ungeniert +necken und schwatzen zu dürfen.</p> + +<p>»Hann, da sind doch aber die beiden Töchter von Schullehrer Toll. Und +die älteste, die hübsche, von der sie sagen, daß sie Krankenschwester<span class="pagenum"><a name="Page_121" id="Page_121">121</a></span> +werden will, die hat neulich hier erzählt, wie du mit ihr getanzt hast.«</p> + +<p>Hann rückte hin und her.</p> + +<p>»Lining — das wohl — ich konnt' mir auch nich anders helfen.«</p> + +<p>»Aber die wär' doch was für dich,« fuhr sie fort. »Denk mal, wenn die +nun bloß deinetwegen Krankenschwester werden wollte?« Und plötzlich +faßte sie seine beiden Hände und brach in ein langes, fröhliches Lachen +aus. Die Idee, Hann als Bräutigam der hübschen Schulmeisterstochter zu +sehen, schien sie mit ungemeinem Behagen zu erfüllen. Merkte sie nicht, +wie der arme Bursche immer blöder den Boden suchte, fühlte sie gar +nicht, wie ihre Worte sich ihm immer enger und drückender ums Herz +legten?</p> + +<p>Endlich erhob er sich; er überwand sich und sagte mit gepreßter Stimme: +»Lining, das alte Fräulein kommt wohl nicht wieder. Da wird es Zeit, daß +ich geh'.«</p> + +<p>Und wieder wagte er nicht, sie anzublicken, sondern stand und knöpfte +langsam sein blaues Schifferwams zu.</p> + +<p>Line erhob sich. Mit leichten Schritten ging sie um ihn herum, immer ihn +messend, als wäre des Spaßes noch nicht genug. Plötzlich huschte sie +dicht an seine Seite, hob ihm kräftig das Kinn auf und zwang ihn so, sie +anzublicken. Seine blauen Augen sprachen förmlich von zurückgedrängtem +Kummer.</p> + +<p>»Sag' mal Hann,« begann sie, »wenn es Klara Toll nicht ist, dann +möchtest du wohl lieber mich? Wie? — Weißt du noch, wie wir uns verlobt +haben, und wie oll Kusemann uns eine Molle voll Goldstücke aus der +untergegangenen Stadt zur Hochzeit schenken wollte?«</p> + +<p>Ihre Hand strich an seiner Backe hin und her, etwa wie man einen großen, +treuen Hund streichelt, aber als sie seinem ehrlichen, betrübten Blick +begegnete, hielt sie inne.</p> + +<p>»Na, laß gut sein, Hann,« brach sie schonend ab.</p> + +<p>»Ja, Lining,« brachte er mit Anstrengung hervor, »wir waren eben noch +Kinder und sehr dumm.«</p><p><span class="pagenum"><a name="Page_122" id="Page_122">122</a></span></p> + +<p>»Ja, ja, Hann,« sagte sie stiller, und nach einer Weile setzte sie +hinzu: »Aber die Molle voll Goldstücke, die wünsch' ich dir. Wenn du so +die untergegangene Stadt finden könntest, dann —«</p> + +<p>Ihre Augen vergrößerten sich, sie zeigte ihre spitzen Zähnchen. Dabei +sah sie aus, als ob sie den Besitzer der untergegangenen Stadt mit ihren +unermeßlichen Schätzen wohl liebhaben könnte. Doch Hann zerstörte den +Traum.</p> + +<p>»Kuck, Lining,« murmelte er achselzuckend, »das mit der Stadt, das is +auch man so, wie alles andere. Sieh, als ich noch ganz klein war, und +als du noch bei uns draußen wohntest, ja, da sah ich sie manchmal ganz +deutlich unter dem Wasser. Zuweilen auch bei Nacht. Da zeigte mir oll +Kusemann ordentlich erleuchtete Fenster und so was. Aber dann später, je +älter man wird, desto weniger sieht man sie. Ich glaub', das is auch man +so 'ne Kinderstadt —«</p> + +<p>Damit wollte er ihr die Hand zum Abschied bieten, doch Line starrte ihn +noch verwundert über seine letzten Worte an. Und achtungsvoller als +sonst drang es endlich über ihre Lippen: »Hann, was du da sagtest, das +war gar nicht so dumm.«</p> + +<p>»O Lining,« wehrte er bescheiden ab, »ich dachte das bloß so — Und nun +adschö.«</p> + +<p>Er nickte, raffte die Körbe in die Höhe und wollte gehen.</p> + +<p>Da faßte sie ihn noch einmal rasch bei der Hand und nahm gewandt einen +der Briefe vom Tisch, die das alte Fräulein Dewitz uneröffnet hatte +liegen lassen. »Hann,« flüsterte sie, »sieh den — weißt du, von wem der +is?«</p> + +<p>Hann schüttelte den Kopf. Wie konnte er das erraten? Der Brief war ja +noch zu.</p> + +<p>»Und die Schrift, kennst du die auch nicht?«</p> + +<p>Hann betrachtete nochmals die feinen Schriftzüge und las den +Poststempel, der Brief kam aus Hamburg. I, woll, der konnte von seinem +Bruder Bruno stammen.</p> + +<p>Eifrig nickte Line: »Ja, ja — und weißt du, was drin steht?<span class="pagenum"><a name="Page_123" id="Page_123">123</a></span> Heute +morgen erwartet ihn der Konsul schon. Er ist vielleicht bereits hier.«</p> + +<p>»Bruno?«</p> + +<p>Sie nickte, strich sich über die Haare und warf einen Blick in den +Mahagonispiegel in der Ecke.</p> + +<p>»Ja — aber woher weißt du denn den Inhalt?« fragte Hann ganz betroffen.</p> + +<p>Line zuckte zusammen, blickte sich blitzschnell nach der Tür um und +atmete endlich tief auf. Und während ihr das Blut die Wangen glühend +färbte, bezwang sie sich und versuchte zu lachen: »Mußt es nicht +weitersagen, Hann,« stotterte sie, — »ich — war so neugierig — du +weißt ja — und da hab' ich den Brief in der Küche über dem Wasserdampf +ein bißchen geöffnet — bloß ein bißchen. Dabei is doch nichts? Was? — +Aber nicht weitersagen! — Hörst du?«</p> + +<p>Allein Hann stand ganz niedergedonnert vor der lieblichen Verbrecherin. +Er schämte sich derartig, daß er zitterte, als hätte er selbst das +Unerhörte begangen.</p> + +<p>»Aber Lining,« murmelte er, »wie konntest du das bloß — — wie —«</p> + +<p>»O, das war doch nur Spaß.«</p> + +<p>»Ja, aber wenn nu einer aus Spaß stehlen wollte?« sprach er in seiner +philosophischen Methode weiter.</p> + +<p>Jedoch Line war bereits wieder ganz getröstet. Sie versetzte ihm mit +ihrer kleinen Faust einen neckischen Puff in die Seite, und während sie +ihn lachend zur Tür hinausschob, rief sie ihm in ihrer gedämpften, kaum +hörbaren Art über die Treppe nach: »I, du bist nicht klug, du dummer +Junge. — Und nun grüß alle zu Haus. Auch Klara Toll. Und bring uns bald +wieder was Gutes zu essen. Hörst du?«</p> + +<p>»Ja, gern, Lining,« sprach der Schiffer vor sich hin, während er noch +halb befangen die Treppen hinuntertappte. »Und wenn du mir's erlaubst, +dann komm' ich auch bald wieder; aber — aber —«<span class="pagenum"><a name="Page_124" id="Page_124">124</a></span></p> + +<p>Damit blieb er vor dem Hause stehen und sah noch lange bekümmert zu dem +Fenster hinauf, an dessen Scheiben sich so silberne Eisblumen rankten +und hinter welchem die Hyazinthen so süß geduftet hatten.</p> + +<p>»Ja, ja,« seufzte er endlich aus seinem Traum tief auf: »Das is auch +nichts anderes als so 'ne untergegangene Stadt aus den Kinderjahren. Ja, +ja — aber will man nach Haus gehn.«</p><hr class="chap" /><p><span class="pagenum"><a name="Page_125" id="Page_125">125</a></span></p> + + + + +<h3>IV</h3> + + +<p>Es war ein sehr einfaches, beinahe ärmliches Stübchen, in dem der Konsul +Hollander an diesem Neujahrsmorgen seinem Hamburger Vertreter auf einem +derben Holzstuhl gegenübersaß. Er selbst steckte noch in seinem weiten +orientalischen Schlafrock, unter dem sich die weißen Unterhosenbänder +lustig über ausgetretene grüne Pantoffeln herabschlängelten; auf dem +Haupte trug er eine schwarzseidene Mütze, und von Zeit zu Zeit fuhr er +sich verdrießlich über seine unrasierten, stoppeligen Wangen, als ob er +sich heute ganz besonders unbehaglich fühle. Und doch hatte er nicht den +geringsten Grund zu dieser üblen Laune. Befanden sich doch die +Abrechnungen des jungen Herrn mit dem hübschen braunen Schnurrbart und +der streng englischen Toilette in bester Ordnung. Und wenn auch die +Reisespesen des Vertreters ungewöhnlich hoch waren — — — +»Schockschwerenot — nobel, nobel,« murmelte der Konsul, während er +heftiger seine Stoppeln rieb, so brachte er doch auf der anderen Seite +Abschlüsse und Bestellungen für die Werft heim, wie sie der Chef schon +so lange nicht mehr in Händen gehalten hatte.</p> + +<p>»Sieh mal an! — Die asiatische Linie bestellt also doch den +Sechstausend-Tonnen-Schraubendampfer? Hm — und die Holländische +Heringskompanie zehn Fischerkutter!? Puh — schockschwerebrett.«</p> + +<p>Dem Konsul träufelte das Auge. Er wischte es mit der Hand und sah wieder +auf das Blatt. Aber die Bestätigungen der Abschlüsse blieben stehen; +aufrecht, in der schönen, lateinischen Schrift Brunos verzeichnet.</p> + +<p>»Merkwürdig.«</p><p><span class="pagenum"><a name="Page_126" id="Page_126">126</a></span></p> + +<p>Und wieder blinzelte der Werftbesitzer über das Blatt fort auf seinen +jungen Untergebenen, der ihm so frisch und adrett gegenübersaß, und +wieder faßte ihn die Unbehaglichkeit so stark, daß er sich fast die +Backe wund rieb.</p> + +<p>»Akzeptable Preise,« murmelte er von neuem und spuckte aus. Dann warf er +die Papiere auf den schmalen Klapptisch, der seinem Feldbett gegenüber +an der Wand angebracht war, und fuhr seinen Angestellten mit voller +Grobheit an.</p> + +<p>Länger konnte er sich nicht mehr bändigen.</p> + +<p>»Sagen Sie mal, wie machen Sie das eigentlich?«</p> + +<p>»Wie ich das mache, Herr Konsul? Ich verstehe nicht recht.«</p> + +<p>Um Brunos frische Lippen zuckte ein Lächeln. Hollander verzog die Stirn.</p> + +<p>»Mir ist ganz ernsthaft zumute. Ich meine, wie alt sind Sie denn nun +eigentlich mit der Wurzel?«</p> + +<p>»Vierundzwanzig, Herr Konsul.«</p> + +<p>»Nicht zu glauben — also ganze vierundzwanzig — So!? — Kuck mal an! +Ja, hat sich denn im Ernst die Welt so verjüngt, oder sind Sie wirklich +der Ausnahmemensch, für den Sie sich ja, wie ich Ihnen früher immer +gesagt habe, heimlich halten?«</p> + +<p>Bruno blieb ruhig sitzen, während der Konsul mit flatternden +Hosenbändchen in der Stube auf und nieder schlurfte. Und doch färbten +sich die Wangen des jungen Mannes glühend rot, seine Augen erhielten +förmlich einen fieberischen Glanz, denn jetzt äußerte endlich, endlich, +der grobe, massive Mann dort offen und ehrlich, was während Brunos +langer Lehrzeit stets wie eine kalte Wolke zwischen ihnen gelagert +hatte. Dieses stille, heimliche, lauernde Mißtrauen, das sich +vergrößerte, je schneller und überraschender sich die spielende +Tüchtigkeit des Lehrlings entfaltete, je mehr ihn die anderen +Angestellten bewunderten und anstaunten. Aber warum? Warum? Das konnte +sich Bruno, den es stets mit Gier, mit Unabwendbarkeit vorwärts gezogen, +auch heute nicht entschleiern.</p><p><span class="pagenum"><a name="Page_127" id="Page_127">127</a></span></p> + +<p>Glühend rot überzog es seine Wangen, mit zitternder Stimme und +lächelndem Munde sagte er: »Herr Konsul, Sie sagen mir das in der ersten +Stunde meiner Heimkehr von dem Posten, auf den Sie mich selbst gestellt. +Ich muß also annehmen, daß ich niemals Ihre volle Zufriedenheit besessen +habe und sie auch heute noch nicht besitze.«</p> + +<p>Der Konsul blieb stehen, zupfte abgewandt an seinem Bett herum, klappte +mit den Pantoffeln und schlug endlich ungeduldig auf das Kopfkissen. — +— »I was, Zufriedenheit,« knurrte er barsch heraus. »Was brauchen Sie +sich aus meiner Zufriedenheit zu machen? — Sie leisten ja das Ihrige. +— Das ist es eben. — Na, ich muß mir mal Luft machen, Sie nehmen mir +das nicht übel, oder, wenn Sie's tun, dann kann ich mir auch nicht +helfen. — Also kurz und gut, Sie leisten genug, verstehen Sie, ich +meine, was den Erfolg betrifft; diese beiden Abschlüsse zum Beispiel +hier, besonders der aus Holland, an dem haben andere Angestellte von mir +durchaus vergebens herumgedoktert; aber Sie? — Sie kommen einfach und +haben so eine Art, den Leuten Geschichten vorzuerzählen, die +Vorsichtigsten so zu blenden, daß — — —«</p> + +<p>Bruno klopfte das Herz. Was er da von seinem Charakter vernahm, +erschreckte ihn unwillkürlich: »Herr Konsul,« unterbrach er stockend, +»Sie wollen mir doch nicht vorwerfen, daß ich Ihre Kunden durch +lügenhafte Berichte täusche?« Seine Rechte schloß sich dabei krampfhaft +um die Ledermappe.</p> + +<p>»I bewahre, fällt mir gar nicht ein,« fuhr der Werftbesitzer fort, +während er wieder auf das Kissen schlug — »Lügen!? — I wo, so dumm +werden Sie doch nicht sein. Nein, aber Sie besitzen so eine +Einbildungsgabe, so eine — na, wie drück' ich mich aus? — solch eine +Kraft in Ihren Schilderungen, daß Sie einen ordentlich zwingen, alles +das zu sehen, was Sie sich selbst dabei vorgestellt haben.«</p> + +<p>»Und das wäre etwas so Schlimmes?« brachte Bruno staunend hervor.</p><p><span class="pagenum"><a name="Page_128" id="Page_128">128</a></span></p> + +<p>Er wollte die Achsel zucken. Aber er vermochte es nicht. Immer enger und +drückender legte sich ihm die Unruhe ums Herz, ein leises Frösteln +überlief ihn. Er konnte sich durchaus nicht mehr zwingen, alles das +kindisch zu finden, was der verbitterte Mann dort vorbrachte.</p> + +<p>»Schlimmes?« wiederholte Hollander ärgerlich, wandte sich nach ihm um +und ließ sich schwerfällig vor dem jungen Mann auf den Holzstuhl nieder. +»Ja, das weiß ich auch nicht. — Es ist vielleicht nur der Anfang. Ich +will Ihnen, lieber Klüth, mal ganz reinen Wein einschenken. Während +Ihrer ganzen Lehrzeit hab' ich Sie beobachtet. Das wissen Sie. Und da +frage ich Sie: Haben Sie jemals ordentlich gearbeitet? — Nein! War auch +nicht nötig. Ihnen ist alles angeflogen. Warenkenntnisse, technische +Erfahrung, Handelsrecht, Sprachen und so weiter! Alles so im +Handumdrehen! Von einem Posten zum anderen sind Sie aufgerückt. So im +Flug — wenn auch heimlich gegen meinen Willen. — Aber ich konnte nicht +recht was Stichhaltiges dagegen einwenden. Und nun kommen Sie nach der +Hamburger Vertretung, die auch gut ausgefallen ist — sehr gut sogar, in +mein Geschäft zurück, und wenn mich nicht alles trügt, dann haben Sie es +jetzt auf die Prokura abgesehen. Sie möchten also jetzt mein Vertreter +werden, dessen Unterschrift gilt wie die meinige. — Nicht wahr, Sie +wollen jetzt auch unterzeichnen: >Johann Christian Hollander<? Sagen Sie +mal aufrichtig, Klüth — ist es nicht so?«</p> + +<p>Bruno sprang auf. Er fühlte, daß er an sich halten müßte, daß nur kalte, +geschäftliche Nüchternheit hier zum Ziele führen könnte, allein die +verletzende Art des Mannes, sein unverhohlenes Mißtrauen, das den +Jüngeren all die langen Jahre hindurch immer und immer wieder aus diesen +grauen Augen umlauert hatte, das ließ ihn jetzt alle Mäßigung vergessen. +Was hatte er auch zu fürchten? Was sich vorzuwerfen? Waren nicht alle +seine Gedanken stets auf den Vorteil dieses alten Sonderlings und seines +Geschäftes gerichtet gewesen?</p> + +<div class="figcenter" style="width: 400px;"> +<img src="images/oppos_128.jpg" width="400" height="626" alt="Illustration" /> +</div> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_129" id="Page_129">129</a></span></p> + +<p>Mit vollem Feuer, mit blitzenden Augen sprang er auf, und lauter und +kräftiger, als wohl je ein Angestellter dem alten Hollander eine Antwort +zu erteilen gewagt, rief er mit heißer, zorniger Stimme: »Ja, Herr +Konsul, da wir nun einmal so weit halten, so sind mir die möglichen +Folgen auch gleichgültig. Jetzt sollen Sie es wenigstens erfahren. Ja, +die besten Jahre meiner Entwicklung haben Sie mir verbittert. Sie +allein. — Nie ein Wort der Anerkennung, immer dieses Herumspähen, als +hätte ich keinen anderen Gedanken, als gelegentlich einmal Ihre Kasse +auszuplündern — — —«</p> + +<p>»Klüth,« rief der Alte dazwischen, doch der andere achtete nicht darauf.</p> + +<p>»Ich kann Ihnen nur sagen: daß ich darüber nicht wirklich schlecht, +nachlässig und ein Duckmäuser geworden« — hier erhob sich die Stimme +des Heimgekehrten höher, und er trat heftig einen Schritt auf den +Werftbesitzer zu, der unbeweglich, mit vorgebeugtem Haupt vor ihm +verharrte, »daß ich darüber nicht wirklich ein Duckmäuser geworden, +wahrhaftig, das habe ich einzig und allein meiner von Ihnen so +geschmähten guten Laune zu verdanken. Sie aber, Sie haben alles getan, +um diese Fröhlichkeit zu unterdrücken. Oder glauben Sie, es wäre mir +leicht gefallen, wenn Sie mich die ganze Zeit über, die ich in Ihrem +Hause lebte, wie einen lästigen Freiesser in meinem Stübchen im +Hinterhaus sitzen ließen, während die meisten meiner Kollegen zu den +großen und kleinen Festlichkeiten in Ihrer Familie hinzugezogen wurden? +Wie oft hab' ich Tanzmusik gehört und hab' allein gesessen. Das hat mich +heiße Tränen gekostet. Heute können Sie es erfahren. Das vergaß ich +Ihnen nicht, Herr Konsul.«</p> + +<p>Die Stimme des Aufgeregten zitterte, seine Brust hob und senkte sich, +und der Prinzipal konnte wahrnehmen, wie Tränen in seinen Augen +aufstiegen.</p> + +<p>Der Alte knurrte etwas, das wie »Dummheiten« klang, doch man sah, daß er +noch mehr hören wollte. Eine Weile herrschte<span class="pagenum"><a name="Page_130" id="Page_130">130</a></span> Ruhe in dem kleinen Raum. +Beide musterten sich. Endlich hob der Werftbesitzer schief das Ohr, +plinkerte mit den Augen und fragte scharf und halb spöttisch: »Na, und +was nun weiter?«</p> + +<p>»Was weiter? — Oh, mir bleibt nur die Frage: ob Sie mir jetzt den Grund +angeben wollen, warum Sie mir den Prokuristenposten, der mir gebührt, +vorenthalten? Oder ob es nicht überhaupt besser wäre, wenn wir diesem +unleidlichen Verhältnis lieber gleich ein Ende bereiteten?«</p> + +<p>Der Konsul zog die Augenbrauen in die Höhe: »Sie wollen gehn?«</p> + +<p>»Ja.«</p> + +<p>»Hm!«</p> + +<p>Er wandte sich, zog mit den schlängelnden Hosenbändchen zum Fenster und +kehrte ihm dort den Rücken. Leise trommelte er an die Scheiben. Nicht +lange, dann hörte er hinter sich ein seltsames Geräusch, ein tiefes +Atmen, ein Schlucken, schließlich ein gewaltsam gebändigtes Schluchzen. +Überrascht kehrte sich Hollander zu seinem Besuch zurück. Doch wenn er +die aufflammende Natur seines Lehrlings, die ebenso leicht zu unmäßigen +Ausbrüchen der Freude, wie zu wild hervorbrechenden Klagen neigte, nicht +von früher gekannt hätte, so würde er nur an den bebenden Lippen Brunos +erraten haben, was durch die Seele des jungen Mannes stürmte.</p> + +<p>Denn äußerlich stand die feine Gestalt unverändert da, nur die braunen +Augen flammten noch, wie vorher, vor innerer Erregung.</p> + +<p>Wieder verzog der Alte die Stirn. Dann ging er langsam auf seinen Besuch +zu, und wie in fernen Gedanken nahm er den Jüngeren an einem Rockknopf, +an dem er ihn während des Folgenden energisch hin und her zupfte: »Na, +nun wollen wir's gut sein lassen, Klüth, nun beruhigen Sie sich man +vorläufig, Sie — verstehen Sie?« — Und während er ihn noch energischer +bewegte, fuhr er brummig fort: »Daß Sie heute mal ausnahmsweise nicht +lauter Zucker und Sirup von sich gegeben, daß Sie mir sogar<span class="pagenum"><a name="Page_131" id="Page_131">131</a></span> ordentlich +Grobheiten ins Gesicht geworfen haben, na, nehmens mir nicht übel, +junger Herr, das hat mir bis jetzt am allerbesten von Ihnen gefallen! — +Wahrhaftig! — Vielleicht, na, hm — bloß das Pistol auf die Brust setzen +kann ich nun mal nicht leiden. Nun passen Sie auf. Ich sag' Ihnen die +Prokura nicht ab — nur Zeit zum Überlegen will ich haben. Verstanden? +Das muß ich. Zwingen lasse ich mich nicht.«</p> + +<p>Ohne eine Antwort abzuwarten, schritt er wieder an das Fenster, um von +neuem an die gefrorenen Scheiben zu pochen. Er schien mit sich zu +kämpfen, dann fiel es noch so über seine Lippen, seine Tochter Dina +würde heute abend ein paar Bekannte zum Tee bei sich sehen, und daß es +ihn, den Konsul, freuen würde, wenn Bruno sich dazu einstellen möchte. +Fräulein Dewitz und das kleine Ding, wie heißt sie noch? —</p> + +<p>»Line.«</p> + +<p>Jawohl, die wären auch da. Auch der ältere Bruder von Bruno, der +Predigtamtskandidat.</p> + +<p>»Na, kommen Sie nun?« fuhr der Werftbesitzer plötzlich auf, als sein +Angestellter noch immer schwieg.</p> + +<p>Da bewegte sich der Angeredete und fragte mit fester Stimme, wann er das +Definitive über seine Stellung hören würde.</p> + +<p>Diese Zähigkeit, dieses kaufmännische Festhalten schienen dem Konsul zu +imponieren. Mehrmals nickte er nachsinnend mit dem Kopf, dann schlurfte +er auf Bruno zu und klopfte ihm eifrig auf den Arm: »Na gut — sehr +schön — sich nicht durch Nebendinge aufhalten lassen — ganz richtig. +In vierzehn Tagen bescheide ich Sie. Aber nun machen Sie auch, daß Sie +fortkommen, Klüth, ich will nun doch in meine Büxen hinein! — Morjen, +ja, ja, schon gut — hol' Sie der Deuwel, Adieu!«</p><hr class="chap" /><p><span class="pagenum"><a name="Page_132" id="Page_132">132</a></span></p> + + + + +<h3>V</h3> + + +<p>Am Vormittag desselben Tages brachte der Diener des Konsuls die +Teeeinladung an Fräulein Dewitz. Hinten auf der englischen Karte stand +in der schönen, klaren Schrift Dina Hollanders geschrieben: »Fräulein +Line kommt natürlich mit.«</p> + +<p>»Hörst du, wie nett sie schreibt?« fragte Fräulein Dewitz wohlgefällig, +als sie sich in der Küche die Brille abputzte. »Sie ist wirklich ein +sehr wohlerzogenes Mädchen. Du mußt ein bißchen auf ihre Manieren +aufpassen, denn in diesen Schweizer Pensionaten lernt man das auf das +feinste. — Und nun bind' dir die Schürze um, mein Kinding, damit das +schöne, blaue Kleid nicht fleckig wird.«</p> + +<p>Und während sich die Handarbeitslehrerin in der halbdunklen Ritze umsah, +die »Küche« benannt wurde, weil auf einem sehr weißgescheuerten Tische +ein Petroleumofen stand, leckte sie sich wieder befriedigt die Lippen +und äußerte endlich halb fragend: »Sollen wir nicht die schönen +Schnitzel bis morgen aufheben? Bei Hollanders gibt es immer so viel zu +essen. — Und man sollte sich vorher den Magen nicht überladen. Was +meinst du? — Ja, und was ich noch fragen wollte, was ziehst du dir denn +an?«</p> + +<p>»Oh,« entgegnete Line wegwerfend, »für wen sollte ich mich da wohl +besonders fein machen?«</p> + +<p>Die Lehrerin wiegte zweifelnd das Haupt. Allein sie widersprach nicht. +Auch ihr war es immer ein heimliches und behagliches Gefühl, die guten +Kleider recht lange geschont im Schrank zu wissen.</p> + +<p class="center"><sup>*</sup> <sub>*</sub> <sup>*</sup></p> + +<p>Zwischen drei und vier hielt das alte Fräulein im Alkoven ihr +Mittagsschläfchen.</p><p><span class="pagenum"><a name="Page_133" id="Page_133">133</a></span></p> + +<p>Dann herrschte sabbatliche Stille in den blankgescheuerten Räumen. Das +Rouleau mit den blauen Bildern war herabgelassen, und hindurch strömte +beruhigende Dämmerung. In dieser Stunde schlich Line stets auf Zehen +umher, und man hörte nichts, als höchstens einmal das feine Läuten eines +Schlittens, der vom Lande durch die Straße klingelte, dazwischen das +ruhige Atmen der alten Dame.</p> + +<p>Aber, weiß der Himmel, wieso ihr Schlummer heute immer wieder +unterbrochen wurde. War es die Aussicht auf den Teeabend im vornehmen +Hause des Konsuls, die sie erregte, oder raschelte und rauschte es +wirklich so vernehmlich nebenan? Resigniert erhob sie sich nach einer +Viertelstunde und öffnete die Tür zum Nebenzimmer.</p> + +<p>Verdutzt blieb sie an der Schwelle.</p> + +<p>Da bog sich Line vor dem alten Mahagonispiegel hin und her, neben dem +sie ein Licht entzündet hatte, um ihre schlanke Gestalt in dem +englischen, schwarzen Gewande, das knapp bis an den Hals schloß, besser +betrachten zu können. Langsam strichen ihre Hände an der Taille +herunter, dann ließ sie weich das Haupt nach hinten sinken. Ihre Brust +dehnte sich, ihre Augen schlossen sich, es mußte ein wohliger Traum +sein, der das junge Geschöpf entführte.</p> + +<p>Fräulein Dewitz tastete nach ihrer Brille, aber sie fand sie nicht. Mein +Gott, betrog sie denn der flackernde Lichtschein, oder vollführte Line +wirklich dort solch merkwürdige Bewegungen? Der Kopf der alten Dame +begann vor Erstaunen leicht zu zittern. »Mein Gott, Lining,« brachte sie +endlich hervor, »was machst du denn da?«</p> + +<p>Auf den Anruf ging ein unmerkliches Erschrecken durch die Glieder des +Mädchens, dann wandte sie sich und um ihre Lippen spielte ihr +kindliches, halb verlegenes Lächeln.</p> + +<p>»O Tanting, ich wollt' ja nur einmal nachsehn, ob mir das Kleid nicht zu +eng geworden. Du meintest doch selbst, daß es bei Hollanders heute so +fein zugehn würde.«</p><p><span class="pagenum"><a name="Page_134" id="Page_134">134</a></span></p> + +<p>»Ja, ja, das wohl.« Fräulein Dewitz schüttelte das Haupt und mußte +wieder an die üppigen Bewegungen denken. »Ja, aber ein junges Mädchen +sollte doch nicht so eitel sein, ich habe das nicht gern.«</p> + +<p>Jetzt flog Line auf sie zu und schlug den Arm um sie: »Tanting, ich +wollte dir doch nur einen Gefallen erweisen. Weißt du das nicht?«</p> + +<p>»Mir?« Fräulein Dewitz sah ihrer Schutzbefohlenen in das schmale, +lebhafte Gesichtchen und wurde versöhnt. Freilich, das war etwas +anderes. »Na, denn geh hinaus, mein Kind,« entschied sie endlich, »und +mach den Kaffee für uns beide. Nicht zu stark. Aber zuerst puste hier +das Licht aus. Das wäre doch wirklich eine Verschwendung.«</p> + +<p class="center"><sup>*</sup> <sub>*</sub> <sup>*</sup></p> + +<p>In einem kleinen Stübchen in der Rakowerstraße bei der +Drechslermeisterswitwe Wilhelmi wurde gleichfalls über die Einladung zum +Konsul Hollander nachgedacht. Da stand der älteste Sohn der Klüths, der +Predigtamtskandidat Paul, an dem Fenster und blickte auf die enge, +krumme Gasse hinaus.</p> + +<p>Draußen schwarzgraue Dämmerung, Schneegewimmel, kein Fußtritt hörbar, +nur manchmal tickten härtere Flocken gegen die Scheiben, und vom Fluß +stöhnte einmal ein Windzug herauf.</p> + +<p>Hinter dem hageren Manne mit den verarbeiteten Zügen saß bei einer +einfachen Stehlampe ein elfjähriger Junge am Tisch und schrieb mit +kritzelnder Feder emsig aus einem Buch etwas ab. Das war einer der +vielen Schüler des Theologen, deren Beaufsichtigung ihm das kärgliche +Brot für seine Existenz gewährt hatte.</p> + +<p>Jahraus, jahrein immer dasselbe. Es war kein Wunder, daß Paul nicht +fröhlicher und umgänglicher bei dieser Lebensweise geworden.</p> + +<p>An der Wand raschelte etwas an der Kuckucksuhr. Der hölzerne Vogel +sprang heraus und rief seinen fröhlichen Ruf: Sechs Uhr.</p> + +<p>Um neun war der junge Geistliche zum Konsul gebeten.</p><p><span class="pagenum"><a name="Page_135" id="Page_135">135</a></span></p> + +<p>Paul verzog die Stirn.</p> + +<p>War es nicht seltsam, daß er erst dort mit seinem zurückgekehrten Bruder +zusammentreffen sollte? Daß es nicht Bruno, den einzigen, der ihm aus +seiner Familie an Bildung nahestand, vorher allein, vertraulich und +brüderlich zu ihm gezogen?</p> + +<p>Immer schwärzer sank die Dunkelheit in das enge Gäßchen. Und tiefer und +bohrender grübelte Paul in sich hinein. Ja, ja, das war gerade das +Merkwürdige in seiner eigenen Natur. Ganz deutlich empfand er, wie fremd +seinem Innersten eigentlich all die Mitglieder seiner Familie geworden, +dieser lebhafte, phantastische Bruno, diese zierliche, unberechenbare +Line, aus der er nicht klug wurde; ja selbst Hann, mit dessen +Unbeholfenheit er nur ein heißes Mitleid fühlte, und dennoch — ja, das +war es — etwas Tiefes, Zwingendes, Angeborenes trieb, nein, geißelte ihn +dazu, in jeder Stunde und mit allen seinen Gedanken unaufhörlich an +dieser Familie zu haften, sie zu beobachten, zu warnen, zu fördern, und +immer wieder zu erscheinen, um ihre Angelegenheiten zu den seinen zu +machen.</p> + +<p>So hatte er in all den Jahren trotz seines Widerwillens gegen den +grobkörnigen Siebenbrod jede Woche einen Abend in Moorluke bei der +Mutter zugebracht, so war er während Brunos Lehrzeit fast täglich mit +dem Jüngeren zusammengetroffen, und auch in der blanklackierten guten +Stube von Fräulein Dewitz hatte er sich — ein von der Lehrerin +besonders geschätzter Gast — häufig eingestellt.</p> + +<p>Seine Gedanken irrten weiter.</p> + +<p>Warum Bruno wohl nicht kam? — Ob er in der reichen Handelsstadt sich +nun völlig dem flotten, eleganten Leben hingegeben, das Paul stets mit +Mißbehagen an dem Jüngeren bekämpft hatte? Vielleicht war es dem +Heimgekehrten überhaupt peinlich, sich den ewigen Vorhaltungen seines +ernsteren Bruders auszusetzen?</p> + +<p>Oh, wenn das möglich wäre? — Paul biß sich auf die Lippen,<span class="pagenum"><a name="Page_136" id="Page_136">136</a></span> während er +immer finsterer in die graue, wirbelnde Dunkelheit starrte — nein, es +war vielleicht doch unrecht von ihm, daß er sich nicht gleich aufmachte, +um zu ergründen, was aus dem Jüngeren geworden. Er wollte — — — — — +— — — — — —</p> + +<p>Hinter ihm stockte das Kritzeln der Feder.</p> + +<p>Der kleine Quartaner, der bis dahin öfter sehnsüchtige Blicke auf die +Wanduhr geworfen, stützte schwermütig den Kopf auf, dann bezeichnete er +mit dem Finger eine Stelle in seinem Buche und fragte endlich: »Herr +Klüth, ist Semiramis <span lang="la" xml:lang="la">masculinum</span> oder <span lang="la" xml:lang="la">femininum</span>?«</p> + +<p>Paul fuhr auf.</p> + +<p>»Was? — Was? — Ob die Königin Semiramis —?«</p> + +<p>»Ja, denn im Ostermann steht, Semiramis lebte völlig als ein Mann, und +da dachte ich — — —«</p> + +<p>»Semiramis ist eine Frau,« schnitt der Lehrer, dem der Sinn für Humor +abging, kurz ab und stellte sich wieder an das Fenster. Allein, die +Kette der Gedanken war gerissen. Wilder stäubte der Schnee durch die +Straße, deutlicher stöhnte der Wind um die Ecke, und mißtönend kreischte +die Feder, die der Quartaner nun — beruhigt über das Geschlecht der +Semiramis — wieder emsig über das Papier führte.</p> + +<p>Da wurde kurz an die Tür geklopft.</p> + +<p>»Herein!«</p> + +<p>Und auf der Schwelle stand ein junger Herr in elegantem Pelz und +Zylinder.</p> + +<p>Paul erkannte ihn nicht. Er wollte auf den Fremden zugehen und nach +dessen Begehr fragen, als eine wohlbekannte Stimme an sein Ohr schlug.</p> + +<p>»Na, Jünging, wie geht's?«</p> + +<p>»Bruno? Du?«</p> + +<p>»Ich, Herr Pastor.«</p> + +<p>Das klang so jugendlich, so frisch, daß in Pauls sorgendes Herz für +einen Augenblick helle Freude einzog. Ohne seine schwere Eckigkeit,<span class="pagenum"><a name="Page_137" id="Page_137">137</a></span> +ja, mit einer Hast, die er sonst nicht kannte, stürmte er auf den +Heimgekehrten zu, als wolle er ihn in die Arme schließen. Doch +unmittelbar vor dem feinen Pelzwerk mußte ihn sein starrer Sinn anders +belehren. Nur nach der Hand des Bruders griff er, aber hastig, ungestüm, +beinahe sehnsüchtig, und es wurde ihm ordentlich warm, als der andere +sie mit voller Lebhaftigkeit schüttelte.</p> + +<p>»Bruno,« brachte er stammelnd hervor, »lieber Bruder!«</p> + +<p>»Ja, ja, altes Haus,« lachte der andere, »jetzt freu' dich mal.«</p> + +<p>»Ja, ich freue mich, — ich freue mich.«</p> + +<p>Er sah im Moment nicht mehr die elegante Hülle des Jüngeren, die ihn +anfangs befremdet hatte, er erkannte nur die gesunden, ihm so lieben +Züge des Bruders und zog ihn weiter ins Zimmer.</p> + +<p>Der Ankömmling blickte sich verwundert um. Die Kahlheit des Raumes, der +Tabaksgeruch und die derben Möbel schienen ihm wenig zu gefallen.</p> + +<p>»Wohnst du noch immer so häßlich?« fragte er ein wenig mitleidig, +während er dem Theologen gutmütig die Wange streichelte.</p> + +<p>Der andere entzog sich der Liebkosung. Dergleichen schien ihm vor seinem +Schüler unpassend.</p> + +<p>»Häßlich?« fragte er. — »Es ist doch hier alles recht bequem?«</p> + +<p>»Na ja, dagegen will ich nichts einwenden,« lenkte Bruno ein und setzte +sich auf den Stuhl am Fenster. Ohne den Zylinder abzunehmen, zeichnete +er mit seinem Ebenholzstock ungeduldig auf dem Estrich herum. Es sah +ganz aus, als wolle er nur wenige Minuten bleiben.</p> + +<p>Paul blickte ihn bekümmert an: »Willst du denn nicht ablegen?«</p> + +<p>»Natürlich — gewiß — bloß ich dachte —« er deutete auf den Quartaner, +der die Ohren spitzte.</p> + +<p>»Oh, ich kann ja auch gehen,« stimmte der Pennäler sehr vergnügt zu und +begann seine Hefte zusammenzuraffen. Jedoch eine solche Versäumnis +widersprach Pauls Pflichtgefühl. Mit ernster Miene bedeutete er seinen +Bruder, daß der Schüler unmittelbar vor der Versetzung stehe und daß das +tägliche Pensum nicht unterbrochen<span class="pagenum"><a name="Page_138" id="Page_138">138</a></span> werden dürfte. Bruno möchte eine +kurze Weile entschuldigen. Dann beugten sich Lehrer und Knabe gemeinsam +über den Ostermann, und lächelnd vernahm der junge Kaufmann ihr erregtes +Murmeln; längst entwöhnte lateinische Brocken schlugen an sein Ohr, und +erst als die Thronstreitigkeiten der Semiramis gänzlich entschieden +waren und der Kuckuck »sieben« schrie, da durfte Walter Müller nach +Hause eilen.</p> + +<p>Er verbeugte sich feierlich vor Pauls Bruder, bevor er sich rückwärts +aus der Tür zurückzog.</p> + +<p>»Gottlob!« atmete Bruno auf, der sich inzwischen seines Pelzes entledigt +hatte und sich nun leicht in eine Ecke des Sofas warf. »Gottlob, daß wir +diese Pennälerjahre hinter uns haben.«</p> + +<p>»Du bist also jetzt zufriedener?« forschte der Theologe, der sich dem +Heimgekehrten gegenüber auf einem Stuhl niedergelassen und jetzt die +Lampe beiseite schob, um den Anblick des lange Entbehrten voll zu +genießen.</p> + +<p>»Zufriedener? Gewiß. Was waren das aber auch für magere Jahre, Paul. +Denk' bloß mal nach — wenn wir einen Braten zu Hause rochen, das war ja +schon ein Festtag.«</p> + +<p>»Hm — daran erinnere ich mich kaum.«</p> + +<p>»Ja du — und dann bei dem alten Hollander das Gedrücktsein, diese +schreckliche Abhängigkeit, nein, gottlob, etwas weiter haben wir es doch +gebracht.« —</p> + +<p>Dabei streichelte er beinahe liebkosend das Fell des Pelzes, der neben +ihm auf der Sofalehne ruhte. Dann strich er sich das Haar zurück und +fuhr lebhaft fort: »Paß mal auf — jetzt kommen wir auch einmal an die +Reihe.«</p> + +<p>»Wieso? Was heißt das, Bruno?«</p> + +<p>»Menschenskind, mach' doch nicht solch erstauntes Gesicht — rauchst du?«</p> + +<p>Dabei bot er ihm ein feines, schmales Silberetui.</p> + +<p>Aber der Kandidat verneinte. Er rauche nur Pfeife.</p> + +<p>»Fi!« Bruno verzog die Nase. — »Sieh, das hier sind russische<span class="pagenum"><a name="Page_139" id="Page_139">139</a></span> +Zigaretten. Die haben das feinste Aroma. So! — Riech' mal bloß, +Kerlchen — diese blauen Wolken! Fein! — Was? Ja, und was ich sagen +wollte — — weshalb sollen wir jetzt nicht mal in die Höhe kommen? Das +ist doch ein bekannter Prozeß, die Oberen sterben ab, und die Unteren +drängen sich an ihre Stelle.«</p> + +<p>Als er das sagte, breitete er die Arme aus, so daß sich seine Brust hob, +und die ganze Gestalt reckte sich.</p> + +<p>Der Theologe stützte den Kopf in beide Hände und sah den Jüngeren immer +forschender an. Noch konnte er sich durchaus nicht in das Wesen des +andern hineindenken.</p> + +<p>»Erzähl' mir, wie du in Hamburg gelebt hast,« bat er.</p> + +<p>Das tat der junge Kaufmann.</p> + +<p>Und während er sich immer eine Zigarette nach der anderen entzündete, +und während er große Wolken blies, die er dann mit der flachen Hand +zerteilte, begann er sich an der eigenen Schilderung zu erwärmen.</p> + +<p>Da zog es an dem ängstlich aufhorchenden Bruder in bunten, schillernden +Bildern vorüber, das Leben und Walten der großen Stadt, das Getriebe der +Börse, die Schiffahrt, die nervenspannende Tätigkeit bei Spekulationen +und überseeischen Geschäften, und alles, alles klang aus in den einen +Jubelruf, daß der Erzähler jetzt selbst bereits ein Einkommen habe, daß +es aber größer werden müßte, und immer größer, und wie er dann seine +Familie heben wolle, alle, alle — und daß Geld eine Macht sei, ein +Zauberstab, der beleben und töten könne.</p> + +<p>»Oh, du sollst mal sehn — du sollst mal sehn.«</p> + +<p>Da saß er wieder — ja, es war derselbe, der mit dem fieberhaft erregten +Kinde auf der Ruinenmauer gehockt und ihm all seine tollen Worte ins Ohr +geflüstert, die wie klirrende Goldstücke geklungen.</p> + +<p>Und der Ältere blickte auf ihn hin, schweigend, erschrocken, seine Augen +vergrößerten sich immer mehr, und er wußte selbst nicht, warum ihm das +Herz so drohend und schmerzlich gegen die Brust zu hämmern begann.</p><hr class="chap" /><p><span class="pagenum"><a name="Page_140" id="Page_140">140</a></span></p> + + + + +<h3>VI</h3> + + +<p>»Zum Tee geladen, und dann vier Gänge — warm —. Und zum Schluß Eis,« +flüsterte Fräulein Dewitz Line anerkennend zu, als sie sich endlich vom +Tisch des Konsuls erhoben, um sich in das Musikzimmer zu begeben. »Und +hast du auf die Selleriestauden geachtet? — Dein Bruder Paul fragte +mich, wozu man diese brauche? — Mein Gott — aber dein Bruder Bruno — +wirklich, er hat recht ansprechende Manieren, es tut ordentlich wohl, +wie gut er zu essen versteht. — Ja, ja, daran erkennt man gleich die +Lebensart. Und nun gib dem Konsul die Hand, Lining — und sei nicht so +still; das bist du doch sonst nicht.«</p> + +<p class="center"><sup>*</sup> <sub>*</sub> <sup>*</sup></p> + +<p>Man hatte während des Mahls über den Text des Yankee doodle gestritten, +von dem Bruno in drolliger Weise berichtet hatte, daß ihn die jungen +Damen der ersten Hamburger Kreise seit kurzem auf eine merkwürdige Art +zu tanzen pflegten. Der Konsul, der am unteren Ende der Tafel gesessen, +neben Fräulein Dewitz, der er stets in überaus höflicher Weise die +Honneurs erwies, war über diese neue Torheit der Zeit entrüstet gewesen.</p> + +<p>»Werden wohl demnächst Negertänze aufführen — —« hatte er der +Handarbeitslehrerin brummig zugeflüstert. Und das alte Fräulein mußte +erwidern: »Ja, ja, zu unserer Zeit wurde Menuett getanzt, und höchstens +mal ein Schottischer — ach Gott, und es war doch auch schön.«</p> + +<p>»Recht — ich besinne mich noch,« pflichtete Hollander bei. »Sie hatten +damals einen lütten, zierlichen Fuß.«</p> + +<p>»Hm.«</p><p><span class="pagenum"><a name="Page_141" id="Page_141">141</a></span></p> + +<p>Fräulein Dewitz schluckte an ihrem süßen Wein und begann noch heute +ehrlich zu erröten, und der Steuerrat Knabe, der als Schulfreund des +Konsuls und alter Junggeselle der einzige Fremde an der Tafel gewesen +und Line zu Tisch geführt hatte, räusperte sich und äußerte zum +erstenmal ein Wort: »Ja, ich besinne mich auch noch ganz gut.« Und dann +zupfte er an seiner altertümlichen schwarzen Halsbinde, zwinkerte in +sein Glas hinein und lachte still in den spiegelnden Rheinwein hinunter.</p> + +<p class="center"><sup>*</sup> <sub>*</sub> <sup>*</sup></p> + +<p>An einem großen amerikanischen Flügel fanden sich die Jüngeren zusammen.</p> + +<p>Der Konsul und sein Jugendfreund hatten sich in dem anstoßenden +Herrenzimmer ihre Zigarren entzündet, Tante Mathilde, die Schwester des +Konsuls, die seinem Hauswesen vorstand, trippelte hin und her, und Dina +Hollander lehnte in der Beugung des Flügels und blätterte in einem Stoß +Noten. »Nichts —« entschied sie endlich, »in diesem Heft nationaler +Lieder fehlt der Yankee doodle.«</p> + +<p>In ihrer Stimme lebte etwas Ruhiges, Sicheres, Überlegtes. Wie sie so +dastand in dem einfachen weißen Gewand mit ihrem leuchtenden, blonden +Haar und der großen, schlanken Gestalt, gleichsam von einem Duft der +Reinheit umweht, da erhöhte sich bei Bruno, der ihr Nachbar bei Tisch +gewesen, von neuem der Eindruck, daß er vor der Klarheit dieses Mädchens +eine Scheu empfinde, ja, daß in der gleichmäßigen Ruhe ihrer Augen eine +Art Beleidigung für ihn läge. Es war ein toller Gedanke, aber er hielt +ihn von ihr fern, um ihn dann ganz unvermittelt wieder anzutreiben, +diese Gleichgültigkeit zu mildern, zu überwinden, oder wenigstens zu +entdecken, ob etwa das Mißtrauen des Vaters von diesem auf die Tochter +übertragen worden sei.</p> + +<p>Aber warum? — Warum?</p> + +<p>Ohne daß er es wußte, war dadurch in sein Benehmen eine Art<span class="pagenum"><a name="Page_142" id="Page_142">142</a></span> +Zwiespältigkeit gedrungen; erst eine Scheu, ein ängstliches Achten auf +sich selbst, und dann wieder eine aufspringende Lebhaftigkeit, der +Wunsch, mit sich fortzureißen, zu gefallen. Und durch alles hindurch +bohrte das Gefühl, daß er unausgesetzt und heimlich von den grauen, +unbestechlichen Augen des Konsuls beobachtet würde.</p> + +<p>Nein, diese Familie war nicht zu gewinnen.</p> + +<p>Während des ganzen Abends empfand er nur eine einzige Unbehaglichkeit, +die er gern bannen wollte, und die ihn doch immer wieder zu neuen +Versuchen zwang.</p> + +<p>»Schade,« äußerte Tante Mathilde, die gerade wieder mit kleinen +Mokkatassen hereintrippelte, »ich hätte den amerikanischen Gassenhauer +ganz gern einmal gehört. Denn, nicht wahr, in der Familie schadet das +doch nichts, liebes Fräulein Dewitz?«</p> + +<p>»Wenn Sie gestatten, dann möchte ich Ihnen gern die Melodie vorspielen,« +erbot sich unerwartet Bruno, während er der Tante eine leichte +Verbeugung machte, jedoch gleichzeitig halb ängstlich wieder auf die +Tochter seines Chefs blicken mußte.</p> + +<p>Man war allgemein erstaunt. Der Theologe, der in einem unmodernen, +schwarzen Rock unter der Gardine des Fensters lehnte, rückte besorgt hin +und her. Von musikalischen Fähigkeiten seines Bruders hatte er bis dahin +nichts gewußt.</p> + +<p>»Spielen Sie denn?« fragte Tante Mathilde nicht unfreundlich.</p> + +<p>»Ja — ein wenig nach dem Gehör.«</p> + +<p>»Sieh — sieh,« meinte der Konsul, der einen Augenblick durch die Tür +lugte. »Das ist ja interessant.« Er winkte seiner Tochter jovial mit der +Hand zu und ließ sich wieder bei seinem Jugendfreund nieder, von wo die +beiden Alten trotz eifrigen Rauchens aufmerksam auf das Folgende zu +lauschen schienen.</p> + +<p>Und Bruno löste seine Aufgabe meisterhaft.</p> + +<p>Ein frischer, fröhlicher Klang quoll unter seinen Fingern hervor, seine +Hände flogen, voll und melodiös, mit rauschender Begleitung, tönte der +pikante Gassenhauer durch das Zimmer.</p> + +<p><span lang="en" xml:lang="en">»Yankee doodle went to town.«</span></p><p><span class="pagenum"><a name="Page_143" id="Page_143">143</a></span></p> + +<p>Da teilte sich allen die innere Fröhlichkeit mit. Selbst Dina wandte +sich langsam und blickte den Spielenden erstaunt an; und der kleine +Funke, der ihr Auge vorüberhuschend durchblitzte, feuerte Bruno an, noch +mehr zu wagen.</p> + +<p>Oh, er mußte diese schweigende Abneigung, die hier gegen ihn wirkte, +endlich besiegen, er war doch ein Kind des Glücks, ihm flogen ja sonst +die Herzen zu, und hier sollte — — — er begann plötzlich mit seiner +hellen Stimme den Text des Liedes zu singen.</p> + +<p>»Oh, wie nett,« flüsterte Tante Mathilde, wobei sie Fräulein Dewitz +bezeichnend auf die Schulter tippte; auch der Konsul erschien wieder an +der Tür, scheuerte sich ein wenig am Kinn und kehrte darauf von neuem zu +dem Steuerrat zurück; Dina aber öffnete leise den Mund, und an ihrem +flüchtigen Lächeln erkannte Bruno, daß er der Schweigsamen jetzt besser +gefalle.</p> + +<p>Weiter — weiter, er mußte sich hier Sympathien erringen. Das Gefühl +verließ ihn nicht mehr, als ob er um sein ganzes ferneres Leben kämpfe.</p> + +<p>Line saß hinter dem Fauteuil der Handarbeitslehrerin und hatte ihr +feines Köpfchen so vorgebeugt, daß ihr Kinn fast auf der Lehne des +Sessels ruhte. Durch das enge, schwarze Kleid hindurch hätte Bruno, wenn +er einen Blick für sie gehabt, das rasche Atmen der jungen Brust +wahrnehmen, er hätte schauen können, wie feucht ihre Augen schimmerten, +und wie dennoch die kleinen, schmalen Füße, unbewußt einem mächtigen +Trieb folgend, nach seiner Melodie auf und nieder zuckten.</p> + +<p>Allein Bruno war von seiner eigenen Erregung bereits hingerissen, und +nur der Theologe, der noch immer, halb von der Gardine verborgen, +schweigend verharrte, beobachtete es allein, und er sah auch, welch ein +schneller, dunkler Blick aus diesen Augen gegen die Tochter des Hauses +züngelte, die immer ahnungsloser und erfreuter vor sich hin lächelte.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_144" id="Page_144">144</a></span></p> + +<p class="center"><sup>*</sup> <sub>*</sub> <sup>*</sup></p> + +<p>Im Herrenzimmer beugte sich der Konsul zu seinem Jugendfreund heran und +raunte ihm etwas ins Ohr.</p> + +<p>Daraufhin musterte der Steuerrat sehr ernsthaft die Gruppe am Flügel, +dann zog er einen schwarzen Hornkneifer hervor, und nachdem er ihn +sorgfältig geputzt, sah er eine Zeitlang angestrengt auf den hübschen, +jungen Menschen, der die anderen dort drin augenscheinlich so angenehm +unterhielt.</p> + +<p>»Na, Julius, was meinst du?« forschte Hollander, indem er sich, beinahe +wie ratlos, hinter dem Ohr kraute.</p> + +<p>»Ja, Kindchen, was ist da viel zu meinen?« entgegnete der alte Herr +leise. Über sein glattrasiertes, feingepudertes Junggesellenantlitz zog +ein schlaues Schmunzeln. Das kannte der Konsul. In seinen langen +Dienstjahren bei dem Hafenzollamt hatte sich sein Freund daran gewöhnt, +den Dingen durch die Emballage zu blicken. Ein durchdringender +Menschenkenner.</p> + +<p>»Na?«</p> + +<p>»Gott, scheinbar ein sehr talentvoller junger Herr.«</p> + +<p>»Schön, aber?«</p> + +<p>»Was, aber?«</p> + +<p>»Menschenskind, ich meinte — gefällt er dir denn?«</p> + +<p>Der Steuerrat lachte leise in sich hinein. Die Frage schien ihn zu +ergötzen. Dann legte er seinem Schulkameraden sacht die Hand auf das +Knie, und mit gutmütigem Spott kam es heraus: »Will ich ihn denn +heiraten? Aber sieh dir mal die beiden jungen Damen an. Kuck. Die eine +lacht und die andere weint.«</p> + +<p>»I, das wäre ja — —« Der Konsul sprang auf und warf seine Zigarre +fort.</p> + +<p>»Mir gefällt er im übrigen sehr gut,« schloß der alte Junggeselle, +ironisch blinzelnd.</p> + +<p class="center"><sup>*</sup> <sub>*</sub> <sup>*</sup></p> + +<p>Der Konsul schritt in das Musikzimmer und stellte sich breitbeinig an +das Instrument, an dem Bruno gerade unter großem Beifall geendet hatte.</p> + +<div class="figcenter" style="width: 400px;"> +<img src="images/oppos_144.jpg" width="400" height="622" alt="Illustration" /> +</div> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_145" id="Page_145">145</a></span></p> + +<p>»Bravo — Bravo!« klatschte der Werftbesitzer schallend in die Hände.</p> + +<p>Bruno stutzte. Die lärmende Anerkennung seines Chefs machte ihn +betroffen. Man konnte aus diesem wunderlichen alten Manne nie so recht +klug werden. Hatte Hollander seinen Gesang vielleicht unpassend +gefunden? Blitzschnell blickte er sich um, um aus den Gesichtern der +anderen möglicherweise die Wahrheit zu erspähen. Allein ringsum +herrschte nichts als Zufriedenheit.</p> + +<p>»Wie frisch und wohllautend Ihre Stimme klingt,« unterbrach Dina die +Stille. »Vielen Dank, Herr Klüth.« Sie wollte ihm die Hand reichen, +allein ihr Vater schob sich wie unbeabsichtigt dazwischen.</p> + +<p>»Schön — schön — ausgezeichnet, lieber Klüth — hätte nicht geglaubt, +daß Sie das auch verstehen — na also —« er klopfte ihm auf die +Schulter — »Nun wollen wir aber mal den jungen Damen das Feld räumen. +Wie —?« Damit schlurfte er auf die kleine Line zu, mit der er stets +seinen brummigen Spaß trieb, faßte ihre beiden Hände und zog sie empor. +»Na, wie wär's, Sie kleiner Racker? Da über dem Klavier hängen noch die +beiden Klappern — Tarantella — wissen Sie noch? Zu meinem Geburtstag +— he?«</p> + +<p>»Herr Konsul!« stotterte Line.</p> + +<p>»Na, weshalb weinen Sie denn, Sie kleine Balletteuse?«</p> + +<p>»Ich weine nicht.«</p> + +<p>Unmutig schleuderte sie den hellen Tropfen, der ihr noch an den Wimpern +hing, fort. Dann eilte sie an das Instrument und nahm hastig das Paar +Kastagnetten von der Wand, lehnte sich in die Beugung des Flügels, und +ihre Augen suchten Bruno, als harre sie nur auf ein Zeichen von ihm, um +den schnellen, schlangenhaften Tanz, den sie vor etwa Jahresfrist +gelernt, zu beginnen.</p> + +<p>Sie sah keinen anderen mehr in dem Kreis, nur vor ihm, der so oft ihre +Gedanken beschäftigt, wollte sie aus gekränkter Eitelkeit ihre Künste +zeigen.</p><p><span class="pagenum"><a name="Page_146" id="Page_146">146</a></span></p> + +<p>»Sieh — sieh,« schmunzelte der Steuerrat, der voller Erstaunen in das +Zimmer getreten war, »das wird ja hübsch.«</p> + +<p>»Line,« rief Fräulein Dewitz nun strafend, die an den Ernst der +Situation nicht glauben wollte, während sie sich langsam aus ihrem +Fauteuil erhob. Inzwischen war auch Paul aus seiner Verborgenheit +besorgt zu der Pflegeschwester getreten. Deutlich hatte er die +merkwürdigen Blicke des Steuerrats und des Konsuls gesehen, sowie das +verwunderte, ein wenig überlegene Lächeln Dinas, und wie von ferne hatte +er das Gefühl, als ob diese reichen Leute aus seiner Familie eine Schar +Gaukler zu machen gedächten.</p> + +<p>»Line,« sagte er herb, »der Herr Konsul treibt nur Scherz mit dir.«</p> + +<p>»Es ist überhaupt Zeit, daß wir jetzt gehen,« fügte die +Handarbeitslehrerin bestimmt hinzu und stopfte ihr Taschentuch in das +Gesellschaftstäschchen.</p> + +<p>»Schau? Schau?« bedauerte der Konsul und klopfte Bruno auf den Rücken. +»Hätte Sie gern noch länger bei uns gesehen. Na, aber ein andermal, +lieber Klüth —. Nicht wahr, ein andermal?«</p> + +<p>Allgemein brach man auf.</p> + +<p>Nur Line verharrte noch einen Moment an dem Flügel und legte langsam, +wie im Traum, die Kastagnetten auf die Platte.</p> + +<p>»Line!« rief Fräulein Dewitz ungeduldig.</p> + +<p>Da schreckte sie auf, flog hinter den anderen her und half dem alten +Fräulein, dienstbeflissen wie immer, in den altmodischen Pelzumhang +hinein.</p> + +<p>Der Steuerrat, der einen vornehmen, grauen Zylinder trug, bot Fräulein +Dewitz den Arm.</p> + +<p>Da drängte sich in der letzten Minute noch der Konsul in den Flur und +händigte Line verstohlen ein kleines Paketchen ein.</p> + +<p>»Pst!« bemerkte er und klopfte ihr auf die Backen. »Zum Andenken —« und +mit einer plumpen Verbeugung setzte er für alle laut hinzu: »Gut Nacht +— gut Nachting — kommen Sie gut nach Hause.«</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_147" id="Page_147">147</a></span></p> + +<p class="center"><sup>*</sup> <sub>*</sub> <sup>*</sup></p> + +<p>Paul und Bruno hatten die beiden Damen bis an die Haustür geleitet.</p> + +<p>Jetzt schritten sie über den dicken, weichen Schnee ihren Weg wieder +zurück. Langsam und schwer fielen die Flocken um sie her. In den engen +Gäßchen hallte kein Laut, neblige Schwärze überall, und nur ganz +vereinzelt brach gespensterhaft das trübe Licht einer Petroleumlampe +durch die dunklen Schleier hindurch.</p> + +<p>»Du,« sagte Bruno endlich, der seinen Arm unter den des Älteren +geschoben, »wollen wir nicht noch in die Weinstube zu Kroll gehen?«</p> + +<p>Jedoch der Kandidat schlug kurz ab. Das sei in der kleinen Stadt nicht +Sitte. Er bat auch den Bruder, solche Vergnügungen künftig nicht auf +eigene Faust zu unternehmen.</p> + +<p>Der andere atmete kurz und nickte dann. Ja, ja, jetzt hieß es ja wieder: +»Strecken nach den Decken.«</p> + +<p>Zu dumm — wirklich.</p> + +<p>Wieder wanderten sie fürbaß.</p> + +<p>Der Theologe mit schweren Gedanken darüber, ob sich Bruno bei dem ersten +Besuch im Hause seines Chefs nicht zu ungeniert, zu aufdringlich +benommen, und dann auch von der Erinnerung bedrückt, warum wohl der +Konsul die kleine Line zu dem wilden Tanz animiert habe. Ob er seiner +Tochter gegenüber ebenfalls auf diesen Einfall geraten wäre?</p> + +<p>Immer tiefer bohrte er sich in diese ihn verletzende Vorstellung hinein.</p> + +<p>Bei dem Heimgekehrten hingegen hatte sich der Mißmut über die +aufgegebene Weinkneiperei längst wieder verloren. Immer heller wurden +seine Mienen, immer freundlicher seine Gedanken, leise begann er den +<span lang="en" xml:lang="en">Yankee doodle</span> vor sich hinzusummen.</p> + +<p>»Du,« sprach er plötzlich aus seinem Sinnen heraus, »doch eine schöne +Erscheinung, diese Dina, was?«</p> + +<p>Der Theologe verzog die Stirn. »Ja,« entgegnete er langsam, »sie hat +viel innere Vornehmheit.«</p><p><span class="pagenum"><a name="Page_148" id="Page_148">148</a></span></p> + +<p>Allein der junge Kaufmann überhörte diese Abwehr. Wohlig schüttelte er +sich in seinem Pelze und stäubte den Schnee von seinen Füßen ab. +»Überhaupt scheint der Konsul ganz in sie vernarrt zu sein. Meinst du +nicht auch?«</p> + +<p>Ungeduldig bewegte der Theologe den Kopf und zog rasch seinen Arm von +dem Bruder fort: »Hier bist du zu Hause,« versetzte er, ohne direkt zu +antworten, »schließ leise auf, damit du nicht störst.«</p> + +<p>»Ach, richtig, solche Nachtexzesse liebt ja der Alte nicht.«</p> + +<p>Nachdem er den Schlüssel in dem alten Holztor umgedreht hatte, reichte +er dem Bruder warm die Hand. Dabei fiel ihm im Zurücktreten ein Licht +auf, das oben aus einem Seitenfenster rötlich durch den Vorhang +dämmerte. Interessiert starrte Bruno hinauf, dann stieß er seinen +Begleiter leicht in die Seite.</p> + +<p>»Da oben schläft sie.«</p> + +<p>Immer peinlicher wurde dem Kandidaten dieses Gespräch.</p> + +<p>»Geh du nun zu Bett, Bruno —« ermahnte er, »aber leise, hörst du?«</p> + +<p>»Ja — ja — auf Zehenspitzen — War doch heute ein hübscher Abend. — +Was? — Na, gute Nacht.«</p> + +<p class="center"><sup>*</sup> <sub>*</sub> <sup>*</sup></p> + +<p>Einsilbig war auch Fräulein Dewitz in ihr Bett gezogen. Auch ihr wollte +die Aufforderung, welche Hollander an ihre Pflegebefohlene gerichtet +hatte, nicht aus dem Sinn, und ohne daß sie es selbst wußte, grollte sie +der kleinen Line dafür, weil so etwas überhaupt geschehen konnte.</p> + +<p>Sie mußte in Zukunft wohl doch besser auf das Mädchen acht geben. Ja, +ja, die Kleine wurde jetzt älter, und die Welt war nach der Ansicht +aller verständigen Leute seit den Jugendtagen des Fräulein Dewitz +erheblich schlechter geworden.</p> + +<p>»Ja, ja, also besser Obacht geben!«</p> + +<p>Damit faltete sie die Hände, rückte ihr schneeweißes Häubchen zurecht, +sprach ihr umständliches Nachtgebet und entschlief.</p><p><span class="pagenum"><a name="Page_149" id="Page_149">149</a></span></p> + +<p>Kaum hörte Line das leichte Näseln, so schlich sie in die Küche, um die +Kleider der Lehrerin zum Reinigen hinzuhängen. Mit wenigen Bewegungen +warf sie auch ihr eigenes Gewand ab, dann zog sie rasch das Päckchen aus +der Tasche, das ihr Hollander so heimlich zugesteckt.</p> + +<p>Noch ein rasches Aufhorchen nach der Schlafstube hin, und dann —</p> + +<p>Ah —</p> + +<p>Die beiden Kastagnetten.</p> + +<p>Ein heißer Funke begann in Lines schwarzen Augen aufzuglimmen. Im ersten +Moment fingen die hölzernen Dinger ihre Seele. Unbewußt fast nahm sie +das Spielzeug kunstgerecht zwischen die Finger, und ihre rasche +Einbildungskraft trug das Mädchen wieder an den feinen amerikanischen +Flügel des Konsuls, an den Ort, an dem es sich so gern vor dem Einen +hatte zeigen wollen.</p> + +<p>Sanft bog sie die Arme, in einem scharfen Schlag knackten die Hölzer +gegeneinander.</p> + +<p>Line taumelte auf.</p> + +<p>Spurlos war der Traum zerstoben.</p> + +<p>Dann lauschte sie wieder.</p> + +<p>Nein, gottlob, noch drangen die näselnden Töne aus dem gemeinsamen +Alkoven.</p> + +<p>Mit einem entschlossenen Griff packte sie das Geschenk zusammen, öffnete +lautlos das Küchenfenster und warf die Hölzer mit einem kräftigen +Schwung in den tiefen Schnee des Nachbargartens.</p> + +<p>Einen Augenblick weilte sie dann noch vor dem Fensterspalt. Ihr war es, +als ob aus der Ferne eine frische, schmeichelnde Männerstimme +herüberlocke. Über ihre junge Brust schnitt die draußen wehende Kälte, +Schauer rieselten ihr über den Rücken. Vom Kopf bis zu den Füßen begann +sie zu zittern.</p><hr class="chap" /><p><span class="pagenum"><a name="Page_150" id="Page_150">150</a></span></p> + + + + +<h3>VII</h3> + + +<p>»N'abend auch,« wünschte oll Kusemann, als er mit einem höflichen +Schwung seines rechten Beines an einem der folgenden kalten Winterabende +in die ziegelsteingepflasterte Küche der Klüths trat.</p> + +<p>Draußen heulte der Schneesturm und drückte eine Wolke von Kienrauch +herab.</p> + +<p>Um den Herd, auf dem unter einem Messingkessel ein kräftiges Holzfeuer +fauchte, saß die Familie Klüth und flickte eifrig an blauseidenen +Stellnetzen herum, die eine ganz besondere Aufmerksamkeit verlangten.</p> + +<p>Mudding war viel älter geworden. Ihre Haare hatten sich vermindert und +silberweiß gefärbt. Unter ihren Füßen brauchte sie jetzt einen Hüker, +denn Muddings Beine schwollen abendlich an und bereiteten ihr Schmerzen.</p> + +<p>Siebenbrod dagegen hatte seine Hagerkeit abgelegt. Als Hausbesitzer war +er voll und rund geworden; nur seine Hakennase in ihrer roten Pracht +erinnerte noch an die Vergangenheit.</p> + +<p>»N'abend auch,« wünschte oll Kusemann, während er etwas weiter in die +düstere, halberleuchtete Küche hinkte, an deren Ziegelsteinwänden +merkwürdig rote Schatten hinaufkletterten. »Ich soll hier auch einen +schönen Gruß bestellen.«</p> + +<p>Der Lügenlotse zog dabei die Augenbrauen in die Höhe und pfiff, wie wenn +er den hohen Rang seines Auftraggebers andeuten wolle. Dann schüttelte +er von seinem Lotsenmantel eine dicke Lage Schnee ab und ließ sich +prustend und ohne eine Einladung abzuwarten auf einen Schemel nieder.</p> + +<p>Eine Weile blieb es ruhig in dem roten Raum. Man hörte das<span class="pagenum"><a name="Page_151" id="Page_151">151</a></span> Holz unter +dem Kessel platzen und vernahm das Geklapper der Netznadeln.</p> + +<p>Oll Kusemann sah verwundert von einem zum andern. Da aber alle still bei +ihrer Arbeit blieben, zog er einen Tonstummel aus dem Mantel, klopfte +die Pfeife vorsichtig an dem Schemel aus, stopfte neuen Tabak, den er +frei aus der Tasche zog, hinein und begann recht zufrieden zu +schmauchen.</p> + +<p>»Jawolling,« äußerte er endlich behaglich, »einen Gruß.«</p> + +<p>»Von wem?« fragte Siebenbrod, der gerade nach einer neuen Spule griff.</p> + +<p>Als oll Kusemann sich nach so langer Zeit gefragt sah, stieß er ein +befriedigtes Knurren aus und pfiff leise.</p> + +<p>»Von einem feinen, feinen Herrn,« gab er wichtig zurück und tat, als ob +er ein großes Geheimnis auspacken könnte. »Ich traf ihn auf dem +Werftbüro.«</p> + +<p>»Wohl unsern Bruno?« warf Mudding rasch dazwischen, ohne daß sich jedoch +ihr unbewegliches Gesicht irgendwie verändert hätte.</p> + +<p>»Nein, beim Vornamen,« meinte der Lotse wichtig, »würd' ich ihn doch +nich mehr so ohne weiteres nennen. Dazu is er mich nun doch zu fein. — +Ja —« er hustete, blies ein paar künstliche Ringe und blinzelte durch +die Kreise hindurch Siebenbrod verstohlen an. »Ja, was ich sagen wollt', +in den verschiedentlichen Büros erzählen sie nämlich, daß er nun bald +einer von Hollandern seine Stellvertreter werden wird. — Ja, ja, so was +kommt vor. Und dann — — —« Er schluckte und suchte mit seinen +schiefgestellten Augen zu ergründen, ob die Klüths nicht doch einmal +neugierig werden könnten. Aber die Familie flickte gleichmütig fort.</p> + +<p>»Und dann — hm — da is ja noch eine Tochter. Na, die Leute sagen woll +bloß so — aberst so was kommt doch auch vor. Nicht so?«</p> + +<p>Auch diese Nachricht fing nicht. Alle blieben lautlos bei ihrem Werk. +Nur Siebenbrod rührte sich, rückte an dem Kessel und<span class="pagenum"><a name="Page_152" id="Page_152">152</a></span> lauschte dann nach +draußen, von wo durch den Sturm hindurch Schweinegrunzen laut wurde.</p> + +<p>Dann fragte er: »Mudding, haben sie all?« womit er das Futter meinte, +und nachdem die kleine Frau bejahend genickt hatte, hörte man wieder +nichts als das Klappern der Nadeln.</p> + +<p>»Na, wenn sie nicht wollen,« dachte der Lügenlotse gleichmütig, streckte +die Beine von sich und fing an, unter mächtigem Dampfblasen für sich +allein zu erzählen.</p> + +<p>»I, warum sollt' so was nicht passieren? — Ich hab' da man in meine +Jugend gelesen — von die Kaiserin Katharina; die hat ja woll — hm — +na, ihren Kutscher geheiratet — Und als sie den über hatte, dann alle +paar Monat einen andern Kosaken. Weißt woll noch, Hann? — Die so viel +Flöh' haben?«</p> + +<p>In diesem Augenblick stieß ein mächtiger Windzug in den Schornstein, das +Feuer flackerte nach allen Seiten auseinander, und eine ätzende +Rauchwolke schlug durch den Raum.</p> + +<p>»Puh,« hustete oll Kusemann. »Nu müßt' man einen Grog für die Kehl' +haben.«</p> + +<p>Auf diese Andeutung blickte Hann schnell zu seiner Mutter hinüber. Doch +die kleine Frau schlug ängstlich die Augen nieder, und Siebenbrod hob +sein Haupt und zählte.</p> + +<p>Nebenan knarrte die Uhr.</p> + +<p>Sieben — acht — neun.</p> + +<p>»'s wird Zeit ins Bett, Mudding.«</p> + +<p>»Ja — ja —«</p> + +<p>»Aber der richtige Augenblick wär's für so einen kleinen +Schlummerpunsch,« faßte der Lotse nach.</p> + +<p>Siebenbrod erhob sich. Dann gähnte er. Er hatte durchaus nicht die +Absicht, diesen ewig durstigen Lügner, der ihn mit seiner Sparsamkeit +aufzog, zu tränken.</p> + +<p>»Ja, oll Kusemann, ich gäb' ihn dir herzlich gern — aber sieh, wir +haben so was gar nicht. Was, Mudding?«</p> + +<p>Hann zuckte in seiner Ecke zusammen, sprach aber nichts.</p><p><span class="pagenum"><a name="Page_153" id="Page_153">153</a></span></p> + +<p>»Na, was steht denn aber in der Delikatessenkiste, die euer feiner Sohn +aus der Stadt geschickt hat, wie er mir heute erzählte?« fragte oll +Kusemann und lachte über das ganze Gesicht vor Freude darüber, daß seine +Frechheit durch nichts zu verblüffen war.</p> + +<p>»Was darin steht?«</p> + +<p>Und Siebenbrod, der noch immer sehr jähzornig war, bekam wirklich seinen +roten Kopf.</p> + +<p>»Die Kist' is noch zu,« knurrte er. — »Was, Mudding?« Und als die +kleine Frau nicht gleich auf ihn zu hören schien, sondern nur Hann ein +Zeichen gab, ihr die Fußbank fortzunehmen, weil sie aufstehen wollte, da +fuhr er sie heftig an: »Na, Mudding, nu sag' doch was! — Nu tu doch +eins den Mund auf — damit er nicht glaubt, ich gäb's ihm bloß nicht +gern —. Nu sag' doch, is die Kist' zu oder is sie nicht zu?«</p> + +<p>Da warf die kleine Frau auf den Lügenlotsen einen einzigen Blick. Der +war so flehend, daß er selbst oll Kusemann betroffen machte und seine +Phantasie veranlaßte, schnell auf ein anderes Gebiet zu springen: »Ja, +und morgen kommt der feine Herr zu euch zu Besuch,« lenkte er +unerschüttert ab. »Morgen — zum Sonntag — hat's mir selbst gesagt. — +Na, da würd' ich morgen die Kist' aufmachen. — Is'n Gedanke, wie? Is er +denn schon mal bei euch gewesen?«</p> + +<p>»Ne,« knurrte Siebenbrod, während er einen schiefen Seitenblick auf +seine Frau warf, die eben das Licht genommen hatte, um zu leuchten.</p> + +<p>»Also kommt zum erstenmal?«</p> + +<p>»Ja,« murrte der Fischer.</p> + +<p>»Da freut ihr euch woll sehr?«</p> + +<p>»Ja,« schrie Siebenbrod und riß den Leuchter an sich. »Komm, Mudding, +wir müssen morgen früh wieder raus. Und du, Hann, paß auf, bis das Feuer +aus is. Wir sind nich hoch in die Versicherung. — Fix, Mudding, nicht +so langsam.«</p><p><span class="pagenum"><a name="Page_154" id="Page_154">154</a></span></p> + +<p>»Gut' Nacht auch,« wünschte oll Kusemann, wobei er sich höflich +verbeugte.</p> + +<p>»Nacht.«</p> + +<p>Die kleine Frau schlich auf ihren schmerzenden Füßen voran, ihr Mann +klapperte auf seinen Holzpantoffeln hinterher. Dann hörte man die beiden +die Treppe hinaufziehen.</p> + +<p>»Is eigentlich 'n netter Mann, dein Stiefvater,« meinte oll Kusemann im +ernsten Ton. Er schlug die Knie übereinander und schaukelte sich auf +seinem Schemel hin und her.</p> + +<p>Aber wie erstaunte er, als Hann sich erhob, um an ein kleines Eckspind +zu treten, aus dem er eine Flasche hervorzog. In dem Glase schaukelte +goldgelbe Flüssigkeit.</p> + +<p>»Rum?« forschte oll Kusemann, während er die Lippen zum Pfeifen spitzte.</p> + +<p>Wortlos goß Hann aus dem Kessel warmes Wasser in ein Bierglas, warf +Zucker hinein und setzte dann das Ganze als steifen Grog vor seinen +alten Freund nieder.</p> + +<p>»Gott's Blitz —« lobte der und stürzte das Paßglas auf einmal hinunter +und hielt es wieder zum Füllen hin. »Das ist ein Nümmerchen, — so — +gut — Hann, bist doch ein anschlägiger Kopf — prost — wirst immer +klüger. Ja, was ich sagen wollt' — weshalb, meinst woll, daß ich heut' +hierherkomme?«</p> + +<p>»Wohl wegen meiner Gestellungsgeschichte? Übermorgen muß ich hin,« +meinte Hann, der sich inzwischen auf den Stuhl am Herd niedergelassen +hatte, wo er sich über den Flammen die Hände wärmte.</p> + +<p>»Jawoll,« versicherte oll Kusemann nachdenklich, »das is 'ne böse +Geschicht', Jung. Paß auf — dich nehmen sie. Und dann wirst du nach +Kiel geschickt, als Matros', und wenn dir dann die wilden Völker im +Ozean — Karolinen heißen sie ja woll — nich hinterrücks kaput +geschossen haben, denn schneiden dir doch die Mohren in Kamerun ganz +sicher den Kopf ab. Anders is das nich.«</p> + +<p>»Ja, denn laß das so.«</p><p><span class="pagenum"><a name="Page_155" id="Page_155">155</a></span></p> + +<p>»Je, Menschenkind — — aber gib mich erst noch so'n lütten Grog — +danke — ja, hast du denn das menschliche Leben gar nicht lieb?«</p> + +<p>»Oll Kusemann,« sagte Hann und sah mit seinem plumpen Kopf träumerisch +in die Flammen, die kleiner und winziger wurden; »ich hab dich all +längst eins fragen wollen — aber nu sprich auch ernsthaft — wozu lebt +man eigentlich?«</p> + +<p>Der Lotse ließ langsam sein Glas sinken und kraute sich dann zweifelhaft +hinter dem Ohr. Endlich spuckte er energisch aus, und als wenn ihm etwas +einfiele, hob er langsam an: »Je — kuck — das weiß ich ganz genau. Der +Mensch lebt, damit er kleine Kinder machen soll.«</p> + +<p>»Dazu also bloß?«</p> + +<p>»Ja, Hann, kannst mir's glauben, das is seine nobelste Bestimmung.«</p> + +<p>Der Angeredete nahm einen kleinen Blasebalg und blies damit in das +ersterbende Feuer hinein. Düsterrot zuckte es in der Küche auf.</p> + +<p>Dann starrte er von neuem auf die aufspringenden Funken.</p> + +<p>»Ich glaub', du hast recht, oll Kusemann,« fing er geheimnisvoll an. +»Menschen müssen sein, die dürfen nicht aussterben. Kuck, als ich +neulich so in der Kirch' saß und wie ich all die vielen Beter da drinnen +so gebückt sitzen sah, da fiel mir das mit einmal ein. — Da dacht' ich, +wenn die Menschens nich wären, dann wär' am Ende auch der liebe Gott +nicht da. Und all das andere Schöne wär' auch nicht da.«</p> + +<p>Allein den Lotsen schien dies feierliche Gespräch ernstlich zu +langweilen. Mit lautem Ruf forderte er Grog, und nachdem er mit Genuß +genippt, bemerkte er schlürfend: »Hann, weißt was? — Pastor Witt sagt, +du bist ein — Phi — —«</p> + +<p>» — losoph,« ergänzte Hann, »ja, ich weiß.«</p> + +<p>»Na, und wenn sich das so verhält, wie du sagst, denn müssen also ümmer +mehr Menschens auf die Welt kommen, das is klar,<span class="pagenum"><a name="Page_156" id="Page_156">156</a></span> damit der liebe Gott +nicht ausstirbt, sondern recht lange bei uns bleibt — und deshalb, +mein' ich, Hann — prost Hann — sehr fein, dein Rum — wie is das nu +mit eine Braut? Wie? — Na, wozu sitzt du als Trumpfas und duckst dich +unter den Kessel? Eine muß doch hier sein, die en bißchen weinen tut, +wenn du zu die Karolinen gehst — oder zu die Mohren? Und auf die kleine +Line rechnest du doch woll nicht mehr? Jung, das wäre ja genau so, wie +ich vorhin sagte: Die Kaiserin Katharina und ein Kosak mit Flöh'. — Und +das willst du doch nicht sein? Na, prost Hann.«</p> + +<p>Da schlug draußen auf dem verschneiten Hof der Hund an.</p> + +<p>Erst ein wildes Bellen, dann ein kurzes Kläffen, wie wenn er einen +bekannten Tritt spüre. Darauf hörte man deutlich das Rasseln der Kette, +als das Tier beruhigt wieder in seine Hütte zurückkroch.</p> + +<p>»Da kommt wer,« meldete Hann.</p> + +<p>Oll Kusemann mußte lachen: »Ganz richtig, aber, um das zu merken, dazu +braucht man nicht grad' ein Phi — na, du weißt ja — zu sein.«</p> + +<p>An die Tür wurde lebhaft geklopft. Und auf des Lotsen »Herein« lugten +zwei Mädchenköpfe durch den Spalt — ein brauner und ein roter. Über die +Haare hatten sie dunkle Tücher gezogen, und ihre Röcke wirbelten vor dem +nachbrausenden Sturm.</p> + +<p>»Huching,« rief der Lotse erfreut. »Hann — sieh, Schulmeister Tollen +seine beiden Damens. Na, man immer rein, Kindings — ihr seid gewiß en +bißchen hinter mir hergelaufen, weil ich so'n hübscher strammer Kerl bün +— komm, Dirning.«</p> + +<p>Damit zog er die Kleine, die mit den roten Haaren, kräftig neben sich +auf den Schemel, wo das Ding auch ungeniert und die weißen Zähne zeigend +sitzen blieb.</p> + +<p>Unterdessen hatte Hann die Größere, ein etwa zwanzigjähriges Mädchen, +das ein wenig befangen am Eingang stehen geblieben war, ungelenk nach +ihrem Begehr gefragt. Und mit Verlegenheit erhielt er die Antwort.</p><p><span class="pagenum"><a name="Page_157" id="Page_157">157</a></span></p> + +<p>Die beiden Schwestern hatten gehofft, noch Mudding Klüth zu treffen. Zu +Hause sei in den Waschkessel ein Loch gebrannt, und da wollten sie +bitten, ob vielleicht — — —</p> + +<p>»Selbstverständlich,« unterbrach oll Kusemann schmunzelnd. »Da steht ja +so'n olles Geschütz. Und wie ich Hann kenne, wird er sich eine Ehre und +eine Aufmerksamkeit daraus machen. — Was, Jünging?«</p> + +<p>»Ja,« bestätigte Hann.</p> + +<p>Nun trat eine Pause ein, während welcher Hann rasch das kupferne Gerät +von seinem Riegel hob, als dächte er, solch eine Angelegenheit müsse +schleunigst erledigt werden. Doch wieder fuhr oll Kusemann dazwischen. +Er führte die wirklich bildhübsche Klara Toll mit der vollen, +geschmeidigen Gestalt und den sanften, dunkelbraunen Augen erst an Hanns +verlassenem Herdsitz, und nachdem er sie mit einer Verneigung +niedergenötigt hatte, erkundigte er sich lauernd, es sei doch +Damenwäsche, die man morgen kochen wolle. So hübsche Frauenhemden ohne +Ärmel, und mit Krausens oben, und Höschen und schwarze Strümpfe, recht +lang, die sähen besonders gut aus.</p> + +<p>Da stand Hann mit rotem Kopf mitten in der Küche und sah voller Angst +und Scham auf das Mädchen, das sein Antlitz dem Feuer zugewendet hielt, +und um dessen rote Lippen soviel bezwungene Verlegenheit spielte.</p> + +<p>Was war das? — Ein leichtes Zittern lief über den starken Nacken des +Burschen.</p> + +<p>»Oh — oll Kusemann,« bat er.</p> + +<p>Und wieder streckte er die Hand nach dem Kessel aus, während Klara Toll +sich bereitwillig zur Empfangnahme erhob.</p> + +<p>»Aber ne,« wehrte oll Kusemann ganz energisch ab, wobei er Hann den +Kessel mit Gewalt abnahm — »her damit — erst müssen die jungen Damens +ein Glas Grog mit uns trinken. Erstens aus reiner Menschlichkeit, wegen +der Kälte, und dann — hört, Kinnings —« er kredenzte jedem der Mädchen +ein Gla<span class="pagenum"><a name="Page_158" id="Page_158">158</a></span>s —»weil dies ein Abschiedstrunk für Hann is. Der wird nämlich +übermorgen zu den Karolinen verschickt, wo man so leicht totgeschossen +wird, oder zu die Mohren, na, ihr wißt schon, wo die Weibers so +schnurrig umlaufen.«</p> + +<p>Bei dem Worte »Abschied« bemerkte Hann, wie Klara zusammenfuhr. Sie +wandte den Kopf nach ihm. Ihre braunen Augen suchten offen die seinen. +Und feucht und immer feuchter begannen sie zu schimmern, bis eine helle +Träne hervorperlte. Die glänzte wie ein Leuchtkäferchen in dem +Feuerschein. Ohne Scham ließ sie sie zur Erde fallen und griff dann +lächelnd nach dem Grogglase.</p> + +<p>»Worüber weinst du denn, mein süßes Kinding?« fragte oll Kusemann +lauernd. »Er geht ja erst zum April.«</p> + +<p>Da überzog wieder ein froher Schimmer das blühende Gesicht, sie trank +und lächelte vor sich hin und meinte dann leichthin: »Was geht das mich +auch an? — Zum April werde ich Krankenschwester.«</p> + +<p>So plauderten und lachten die vier Menschen in der räucherigen Küche +noch eine kleine Weile und tranken dazu. Der Lotse rückte enger an die +kleine Rosa heran, legte den Arm um sie und sang:</p> + +<div class="poem"><div class="stanza"> +<span class="i0">»Gib ein Küßchen, rotes Röschen —<br /></span> +<span class="i0">setz dich zu mir auf mein Schößchen.«<br /></span> +</div></div> + +<p>Da lachte der Rotkopf und sagte sehr einfach: »Du Affe,« was oll +Kusemann seinerseits wieder für Erlaubnis genug hielt, ihren roten Kopf +in die Hand zu nehmen und seine wulstigen Lippen darauf zu drücken.</p> + +<p>»Ja, wenn mein Alwining mal selig werden würd', wer weiß, was denn alles +passierte. Aber noch is sie sehr gesund.«</p> + +<p>Das Feuer auf dem Herd begann zu verlöschen. Da besannen sich die +Schwestern darauf, daß sie heimkehren müßten. Zwar sträubten sie sich +erst dagegen, daß Hann sowie der Lotse ihnen den umfangreichen Kessel +tragen helfen wollten, aber als der Bursche, das schwere Metall unter +dem Arm, wortlos in den Schneesturm hinaustrat, folgten ihm alle.</p><p><span class="pagenum"><a name="Page_159" id="Page_159">159</a></span></p> + +<p>Jedes laute Wort erstarb vor der Wucht der anstäubenden Schneemassen. +Tief versanken die Wanderer in den weichen, weißen Teppich, und gegen +ihre Köpfe schleuderte die Windsbraut spitze, feste Körner. Hann und +Klara trugen jetzt den Kessel gemeinschaftlich. Von den beiden +Vorauftappenden gewahrten sie nur die dunklen Umrisse. Und schon waren +sie bis in das Inner-Dorf gelangt, als Hann in der schneidenden Stille +ein Wort fand: »Klara, nimm mir's nicht übel. Warum wirst du +Krankenschwester?«</p> + +<p>Nichts von ihren Zügen konnte er in der Dunkelheit erkennen, er hörte +nur ihr flatterndes Kopftuch und die wirbelnden Röcke.</p> + +<p>Sie atmete auf. Wohl wegen der andringenden Luft.</p> + +<p>»Hann, ich weiß auch nicht. Aber man muß doch was haben, worum man sich +kümmern kann.«</p> + +<p>Da nickte Hann.</p> + +<p>»Das is richtig, Klara, das liegt in manchem von uns tief drin. — Na, +gute Nacht.«</p> + +<p>Sie waren vor dem flachen Lehrerhäuschen angekommen.</p> + +<p>Durch die Schwärze fiel von fernher ein Strahl des roten, drehbaren +Leuchtturmlichtes und ließ auf den vereisten Mauern tausend zuckende +Rubinen aufblitzen.</p> + +<p>Auch Klaras Kopf trat einen Moment blendend und blutrot beleuchtet aus +der Nacht hervor.</p> + +<p>Hann erschrak.</p> + +<p>Doch im nächsten Augenblick bot ihm seine Begleiterin, schon wieder in +Finsternis gehüllt, die Hand.</p> + +<p>»Gute Nacht, Hann, und viel Glück für übermorgen bei der Gestellung!« +tönte ihre ruhige Stimme.</p> + +<p>»Oh — es kommt alles so — als es soll, Klara,« gab er zurück.</p> + +<p>Eine kleine Weile standen beide Hand in Hand. Dann tauchten zwei +Schatten auf.</p> + +<p>»Nu fixing, Kinnings,« trieb der hinzutretende Lotse und trennte sie.</p><hr class="chap" /><p><span class="pagenum"><a name="Page_160" id="Page_160">160</a></span></p> + + + + +<h3>VIII</h3> + + +<p>Es war früh am Sonntag morgen, als Bruno mit der Bitte zu Fräulein +Dewitz ins Zimmer trat, ob Line ihn nicht zu einem Besuch bei den Eltern +in Moorluke begleiten dürfe. Sein Bruder Paul, an den er ebenfalls +gedacht, wäre in der Kirche.</p> + +<p>»Ja, ja,« schob Fräulein Dewitz beifällig dazwischen, »den Gottesdienst +versäumt Ihr Herr Bruder nie.«</p> + +<p>Und unten vor dem Hause, berichtete der junge Kaufmann weiter, warte +bereits des Konsuls Schlitten, den ihm sein Chef, damit sich die Pferde +einmal auslaufen könnten, zur Verfügung gestellt.</p> + +<p>Im selben Augenblick hörte man wie zur Bekräftigung lautes +Schellengeläute.</p> + +<p>Line stand wie erstarrt.</p> + +<p>Die Hände preßte sie gegen ihre Brust, wie wenn sie sich selbst +zurückhalten, bezähmen wolle, damit sie dem hübschen, frischen Menschen +nicht um den Hals falle.</p> + +<p>In einem Schlitten — aus der Stadt heraus — entzogen der ewigen Obhut +der Lehrerin, sich austummeln können, und zwar mit ihm, den sie so gern +hatte!</p> + +<p>Oh, vergessen, wie weggeweht war die Vernachlässigung, die er ihr so +lange hatte angedeihen lassen — und wenn es auch nur ein Tag war — ein +einziger — nur einmal fort aus dieser Unterordnung und Verstellung.</p> + +<p>Unter ihrem hübschen, blauen Kleide klopfte ihr das Herz vor Aufregung. +Abwechselnd rot und blaß erwartete sie die Entscheidung ihrer Herrin. +Wenn die nun »nein« sagte? —</p> + +<div class="figcenter" style="width: 400px;"> +<img src="images/oppos_160.jpg" width="400" height="622" alt="Illustration" /> +</div> + +<p>Fräulein Dewitz hatte inzwischen nachgerechnet. Aber sie vermochte trotz +aller Regeln des kleinstädtischen Anstandes keinen <span class="pagenum"><a name="Page_161" id="Page_161">161</a></span>Grund zur Weigerung +zu finden. Es handelte sich ja am letzten Ende um Bruder und Schwester, +und der Ausflug währte nur wenige Stunden, führte zudem in das +Elternhaus, und vor allen Dingen: der Schlitten war extra von dem Konsul +gestellt. Das entschied.</p> + +<p>Einen Moment schoß es ihr zwar noch durch den Kopf, warum der +wohlerzogene junge Mann nicht auch sie selbst zu dieser Fahrt invitiere, +aber dann kam ihr der schmeichelhafte Gedanke, daß er wohl nur nicht +wage, sie, das Fräulein Dewitz, in sein Elternhaus zu führen.</p> + +<p>»Schön — schön.«</p> + +<p>Mit gutmütigem Kopfnicken erteilte sie die Erlaubnis, reichte dem +galanten jungen Herrn würdevoll die Finger zum Handkuß, freute sich an +seiner tiefen Verbeugung, und nachdem sie ihn noch gebeten, ja nicht +ihre Grüße an seine Mutter zu vergessen, schärfte sie ihm besonders ein, +daß Line punkt neun Uhr zu Hause sein müßte.</p> + +<p>»Nicht später — nicht wahr, Sie verstehen mich, mein lieber Herr +Klüth?«</p> + +<p>»Gewiß, vollkommen, gnädiges Fräulein.«</p> + +<p class="center"><sup>*</sup> <sub>*</sub> <sup>*</sup></p> + +<p>So saßen denn die Geschwister, dicht nebeneinander, wohlverpackt in dem +leichten, eleganten Schlitten.</p> + +<p>Strahlender Sonnenschein, blauer, heller Frost war dem Unwetter von +gestern gefolgt.</p> + +<p>Die beiden Rappen wieherten laut in die leuchtende Weiße hinein, +pfeilschnell, schnurgerade schoß der Schlitten über die funkelnde Bahn +der Chaussee, die auf einem Umweg über das Klosterdorf führte.</p> + +<p>Da fiel es Bruno, über dem gleichfalls die ganze Glückseligkeit dieses +Wintertages lag, auf, daß seine Begleiterin so mäuschenstill neben ihm +verharre.</p><p><span class="pagenum"><a name="Page_162" id="Page_162">162</a></span></p> + +<p>Verwundert blickte er auf sie hin.</p> + +<p>Das war doch seltsam. Da saß sie, als wenn sie ihn, den Kutscher, den +Schlitten, die beiden schnaubenden Rosse, alles Leben überhaupt ganz +vergessen hätte. Den Kopf hielt sie vorgebeugt, die Lippen waren leicht +geöffnet, als schlürfe sie die pfeifende Luft wonnetrunken ein, die +Augen blitzten immer geradeaus auf die glitzernde Strecke, starr, +erwartungsvoll, ein unerhörtes Wunder heischend.</p> + +<p>Bruno wurde von dem Bild gefangen. Was konnte das bedeuten?</p> + +<p>Er wußte nicht, daß diese sieben Jahre der Knechtschaft plötzlich von +ihr abfielen, daß hier auf den stillen, freien Feldern ein +freigewordenes, sich auf sich selbst besinnendes Weib neben ihm sitze.</p> + +<p>»Line,« murmelte er erstaunt, da ihr Schweigen ihn immer mehr +befremdete.</p> + +<p>Da lächelte sie beinah unwillig und schüttelte den Kopf, wie wenn der +Traum noch weiter klingen solle.</p> + +<p>Seltsam.</p> + +<p>Er konnte den Blick nicht von ihr abwenden, und dabei fiel ihm ein, daß +dieses schlanke, so ganz eigenartige Geschöpf viele Jahre aus seinen +Gedanken entschwunden gewesen, verdrängt von den sich jagenden +Eindrücken der großen Stadt.</p> + +<p>Was mochte wohl aus ihr geworden sein?</p> + +<p>Er hatte sich nicht einmal Mühe gegeben, sich danach bei seinem älteren +Bruder zu erkundigen. Allerdings, so sagte er sich, wie konnte sie sich +auch sonderlich entwickelt haben? In ihrer abhängigen, fast dienenden +Stellung bei einer alten Handarbeitslehrerin? Nein!</p> + +<p>Aber elegant sah sie aus. Sehr vornehm. Und das schmeichelte seinem auf +das Äußerliche stark gerichteten Sinn.</p> + +<p>Wie voll und dabei doch schlank sie dies graue, weiche Pelzjäckchen +erscheinen ließ.</p> + +<p>Vorsichtig prüfend strichen seine behandschuhten Finger an dem<span class="pagenum"><a name="Page_163" id="Page_163">163</a></span> +Rauchwerke hinunter und fuhren zurück, als sie den runden, festen +Frauenarm spürten.</p> + +<p>Seine Nachbarin sah ihn im selben Moment an. Ein rascher Blick streifte +sein Gesicht, dann rückte sie näher zu ihm und schaute wieder zu ihm +auf.</p> + +<p>Bruno stutzte.</p> + +<p>Ihre roten Lippen schienen ihn verspotten zu wollen. Im nächsten +Augenblick aber brauste plötzlich der ganze glückselige Rausch der +Jugend in ihm empor.</p> + +<p>Alle Bedenken, daß dies seine Pflegeschwester wäre, die sich ihm +anvertraut, übersprang er.</p> + +<p>Zuversichtlich zwirbelte er sich den Schnurrbart und legte, wie +zufällig, seinen Arm um ihre Schultern.</p> + +<p>»Nein,« sagte sie spöttisch und schob kräftig seine Hand zurück.</p> + +<p>Das brachte Bruno zur Besinnung. Siedendheiß stieg es ihm in die +Schläfe. Zur rechten Zeit fiel ihm ein, was er eben beinahe gewagt, und +wie seltsam sich die Kleine dabei benommen hätte. Abwehrend, und doch — +— —</p> + +<p>Mein Gott, was mochte sich nur hinter dieser weißen, von schwarzen +Haaren umringten Stirn abspielen?</p> + +<p>Da schreckte sie ihn von neuem auf.</p> + +<p>»Hast du Geld?«</p> + +<p>»Ja, wozu?«</p> + +<p>»Sieh — den Leierkastenmann da auf dem Prellstein — mit dem Stelzfuß +— gib was.«</p> + +<p>Er schüttelte sein Portemonnaie über ihrem Schoß aus.</p> + +<p>Es waren lauter Talerstücke darin.</p> + +<p>»Schenkst du mir was davon?« flüsterte sie in höchster Eile.</p> + +<p>Er vermochte nur noch ein »Ja« zu stammeln.</p> + +<p>Da hatte sie auch schon mit einem erstickten Jauchzen drei, vier der +Münzen in den Händen, schüttelte sie, ließ sie klingen, und plötzlich +hochaufgerichtet, schleuderte sie mit einer kräftigen Bewegung ein +Silberstück nach dem Veteranen hin.</p><p><span class="pagenum"><a name="Page_164" id="Page_164">164</a></span></p> + +<p>Die Leier kreischte auf.</p> + +<p>»Danke,« scholl es herüber.</p> + +<p>Und noch eins — und noch eins.</p> + +<p>Der Stelzfuß schwenkte seine Mütze. — »Hurra,« verklang es.</p> + +<p>»Ah — das war schön — das war schön!« sank Line in ihren Sitz zurück.</p> + +<p>»Line,« stotterte Bruno. Aber seine Augen blitzten, die wilde Tollheit +des Mädchens hatte ihn angesteckt. Krampfhaft drückte er ihr beide Hände +unter der Decke.</p> + +<p>»Ah — das war schön — das war schön,« wiederholte sie wie berauscht +und schloß die Augen. Gleich darauf entzog sie ihm hastig ihre Finger. +»Laß das,« verbot sie ihm herb, und zwischen ihren Augenbrauen erschien +eine Falte. »Wozu soll das?«</p> + +<p>Da hielt der Schlitten.</p> + +<p>Mehrere Gefährte, die auf der Landstraße vor einem schmucken Krug +hielten, sperrten den Weg.</p> + +<p>»Wollen wir auch einen Augenblick da hinein, Kleine?« fragte Bruno, wie +wenn er sich auf andere Gedanken bringen wollte, »denn Vater Siebenbrod +wird uns doch gewiß vor dem Mittag nichts Warmes vorsetzen,« und als +Line erfreut mit einem Ruck hochsprang, half er ihr aus dem Gefährt +herab.</p> + +<p>Er nahm noch wahr, wie fein und schmal ihr Fuß sei, als sie die Röcke +ein wenig schürzte.</p> + +<p>»Ein prachtvolles Mädel,« dachte er, »um einen toll zu machen. Aber +sachte, sachte.«</p> + +<p>Bald saßen sie in dem Krugzimmer an einem Tisch am Fenster.</p> + +<p>Es war ein kahler, lichtblauer Raum. Nicht ein Bild hing an den Wänden, +nur im Sonnenschein konnte man eine Herde Winterfliegen bemerken, die +unbeweglich ihren langen Schlaf hielten.</p> + +<p>Aus der Ecke feuerte ein eiserner Ofen rotglühende Hitze. Aus dem +Nebensaal drang das Gemurmel zechender Menschen.</p> + +<p>Erst schauten die beiden schweigend eine Weile auf die schneeweiße +Landstraße hinaus, wo ihre Schlittenpferde unter den Decken<span class="pagenum"><a name="Page_165" id="Page_165">165</a></span> dampften, +dann brachte eine halbwüchsige Wirtstochter Glühwein, und die beiden +jungen Leute stießen miteinander an. Sie blickten sich dabei in die +Augen, der junge Mann herausfordernd, als ob er auf des jungen Mädchens +Gesundheit tränke, was sie nur schnippisch und mit einem Achselzucken +aufnahm. Wohlig strömte das heiße Getränk ihnen durch die Glieder. Line +reckte sich, ihre Wangen, auf denen im Sonnenlicht ein feiner Flaum +zitterte, färbten sich dunkler. Mit einer raschen Bewegung zog sie den +Handschuh von der einen Hand und klatschte ihrem Begleiter damit leicht +auf die Finger.</p> + +<p>»Du,« forderte sie, indem sie sich ein wenig über den Tisch bog, »eh' es +langweilig wird, erzähl' was. Von dir.«</p> + +<p>»Von mir?«</p> + +<p>»Ja, weißt du noch, wie wir damals, bevor du zu Hollander gingst, +zusammen auf der Mauer im Hain saßen, und was du mir da alles +erzähltest? Sag' mal, ist davon schon etwas in Erfüllung gegangen? — +Hast du Hoffnung, bald reich zu werden?«</p> + +<p>Bruno warf sich in die Brust und drehte überlegen an seinen goldenen +Ringen.</p> + +<p>»Ich habe vorläufig viertausend Mark Gehalt,« warf er stolz hin, während +er sich unternehmend durch sein Gelock fuhr.</p> + +<p>»Das ist nicht viel,« äußerte sie bestimmt.</p> + +<p>Er wurde eifrig.</p> + +<p>»Aber in wenig Wochen schon werd' ich Prokurist.«</p> + +<p>»Bekommst du dann mehr?«</p> + +<p>»Viel mehr.«</p> + +<p>»Gut — das ist recht — und dann —« sie lehnte sich hintenüber, hielt +ihren Kopf mit beiden Händen und blinzelte ihn spöttisch an, »dann +heiratest du Dina Hollander.«</p> + +<p>Bestürzt fuhr er zurück, glühend rot vor Ärger darüber, weil ihn dieses +merkwürdige Wesen durchschauen wollte, und daneben schmeichelte es ihm +doch nicht wenig, daß sein Name mit dem der Konsulstochter überhaupt in +eine Verbindung gebracht werden konnte.</p><p><span class="pagenum"><a name="Page_166" id="Page_166">166</a></span></p> + +<p>»Woher willst du das wissen?« fragte er nichtsdestoweniger von oben +herab »Das werde ich doch nicht jedem auf die Nase binden!«</p> + +<p>Sie maß ihn mit einem halb mitleidigen Lächeln.</p> + +<p>»Du glaubst doch wohl nicht, Bruno, daß man dir das damals bei +Hollanders nicht anmerken konnte? Dann, laß dir sagen, ich habe es auf +den ersten Blick gesehen!«</p> + +<p>»Du?«</p> + +<p>»Ich — jawohl.«</p> + +<p>»Donnerwetter,« entfuhr es ihm unwillkürlich, und er starrte auf die +schwarze, kleine Hexe ganz fassungslos, die sich bedächtig auf ihrem +Stuhl schaukelte, heimlich sich an seiner Verblüffung weidend.</p> + +<p>Herrgott, Herrgott, was war nur aus ihr geworden.</p> + +<p>»Mädel, wie alt bist du denn eigentlich?« stammelte er zuletzt.</p> + +<p>»Einundzwanzig.«</p> + +<p>»Dein Wohlsein,« fuhr sie fort, indem sie, wie im Hohn, das Glas gegen +ihn hob und ihn durch die scharfgeschliffenen Ränder mit einem +zugekniffenen Auge anblinzelte. »Ah, das macht warm.«</p> + +<p>Damit dehnte sie ihre Glieder, erhob sich und schritt ein paarmal mit +ihrem leicht wiegenden Gang im Zimmer umher.</p> + +<p>Immer gefolgt von seinen Blicken, die sich an ihren Bewegungen +entzündeten.</p> + +<p>»Ein schönes — schönes Mädel,« dachte er wieder. —</p> + +<p>Plötzlich klingelte Musik durch seine Gedanken. Klirrend und klimpernd +begann der Musikautomat aus der Ecke eine Melodie abzuschnurren.</p> + +<p>Mit vorgebeugtem Leib, den Kopf nach ihrem Gefährten gewendet und den +Finger leicht gegen die roten Lippen gelehnt, während die andere Hand +noch an der Öffnung weilte, durch die sie eben die kleine Münze +geschoben, so sah Bruno das zierliche Mädchen lauschen.</p> + +<p>»Line.«</p><p><span class="pagenum"><a name="Page_167" id="Page_167">167</a></span></p> + +<p>»Pst — der Faustwalzer.«</p> + +<p>Mit einer raschen Gebärde schürzte sie den Rock und machte ein paar +Tanzschritte. Er sah die reizenden kleinen Füße sich drehen, da hielt er +sich nicht länger. Mit einem lauten Freudenruf eilte er auf sie zu, +wollte ihr als Tänzer seinen Arm um ihre Hüfte schlingen, — allein da +stockte sie, wurzelte unbeweglich fest und schickte einen finsteren +Blick zu ihm empor. »Du,« sprach sie scharf, »ich verbat mir das schon +einmal.«</p> + +<p>Und da steckte auch schon Friedrich, der Kutscher, seinen Kopf in die +Stube hinein.</p> + +<p>»Na?« fragte er wartend.</p> + +<p>»Jawohl, wir kommen,« versetzte Line, und ihrem Begleiter die Bezahlung +überlassend, schritt sie aufgerichtet auf die Landstraße hinaus, ohne +auch nur den Kopf nach dem Verlassenen zurückzuwenden.</p><hr class="chap" /><p><span class="pagenum"><a name="Page_168" id="Page_168">168</a></span></p> + + + + +<h3>IX</h3> + + +<p>Das war ein langweiliges, hinschleichendes Mittagbrot, das da in der +großen guten Stube des Lotsenhäuschens eingenommen wurde, und die beiden +Kinder, Bruno und Line, atmeten heimlich auf, als Mudding endlich sagte: +»So, Siebenbrod, jetzt sagst du wohl gesegnete Mahlzeit.«</p> + +<p>Das tat der Zesnerfischer auch mit merklicher Erleichterung, denn diese +beiden feingekleideten Menschen waren ihm so unbehaglich, als irgend +möglich. Vor allen Dingen, weil er sich genierte, vor ihnen zu essen, so +daß er auch heute im stillen einen gewaltigen Hunger spürte.</p> + +<p>»Na, sie werden woll so bald nich wiederkommen,« dachte er.</p> + +<p>Auch Mudding, die sich doch im Herzen so sehr über ihren Heimgekehrten +freute, sprach niemals viel, und heute wurde ihr Geist noch besonders +oft durch die Frage abgelenkt, ob auch alles, was ihr Bruno von sich +mitgeteilt, recht und billig wäre, und ob sich seine kühnen Hoffnungen +wohl erfüllen könnten.</p> + +<p>»Ach lieber Gott — laß mich das noch erleben,« dachte sie innerlich und +faltete wie von ungefähr die Hände, obwohl sich in ihrem unbewegten +Gesicht nichts regte. So hatte am Tisch eine steife Gezwungenheit +geherrscht, denn Hann in seinem blauen Sonntagswams vermochte +gleichfalls nur, seinen Geschwistern von Zeit zu Zeit die Schüssel zu +reichen, oder die Bierflaschen zu entkorken, die Siebenbrod heute extra +»spendiert« hatte. In ihre Gespräche jedoch, die sie ausschließlich für +sich allein führten, wagte er sich nicht zu mischen. Da klang ihm ein zu +fremder, zu hoher Ton hindurch, und so saß er nachdenklich da und +überlegte, wie gut die beiden zueinander paßten.</p><p><span class="pagenum"><a name="Page_169" id="Page_169">169</a></span></p> + +<p>Ja, das waren frohe, lebendige Leute; die kamen in der feinen Welt +zurecht, und über Bruno lachte auch Line nicht, wie stets über Hann.</p> + +<p>Das wenigstens hatte er gleich gemerkt.</p> + +<p>Ja, ja, so war das wohl auch alles recht gut.</p> + +<p>Nach Tisch machte Line den Vorschlag, ein bißchen im Dorf +herumzuwandern. Und als Bruno, ganz erlöst, beigepflichtet hatte, schloß +sich auch Hann an.</p> + +<p>Er hatte kaum bemerkt, daß gar keine Aufforderung dazu an ihn ergangen +war.</p> + +<p>Draußen war es noch hell.</p> + +<p>Vom Kirchturm schlug es gerade drei, als sie sich nebeneinander auf den +Weg machten.</p> + +<p>Nichts gleicht der Feiertagsruhe eines Ostseedorfes um die Winterzeit, +wenn die Sonne im blauen Luftmeer bereits blasser wird, und der Wind auf +den silberblitzenden, niedrigen Dächern eingeschlafen scheint. Eine +wohlige Ruhe und Stille überall. — Man hört die Schneeflocke fallen, die +sich zuweilen von einer vorspringenden Schindel löst.</p> + +<p>Als die drei in die einzige Gasse einbogen, die auf beiden Seiten von +kleinen Fischerkaten besetzt ist und, lang verlaufend, bis zum Kirchhof +führt, berührte Hann den Arm seines Bruders.</p> + +<p>»Hör',« fragte er wichtig, »willst du vielleicht Vatings Grab sehen?«</p> + +<p>Dar war doch nun wieder ein ganz dummer Einfall des Tölpels. Verstimmt +blieb Bruno stehen und blickte voll Verlegenheit zu Line hinüber, die +Hann mit ganz erschrockenen Augen maß: — Jetzt — an diesem einzigen +freien Nachmittag unter Grabkreuzen?</p> + +<p>Aber da fragte der junge Kaufmann bereits, ob der Kirchhof nicht doch zu +dick verschneit sei, und Hann lenkte sofort schwerfällig nickend ein: +»Ja, ja mit euren Stiefeln ist da wohl nicht durchzukommen — wollen's +lieber lassen.«</p> + +<p>Line atmete tief auf, sah aber doch noch öfter furchtsam auf den<span class="pagenum"><a name="Page_170" id="Page_170">170</a></span> +Friedhof hin. Weiter schritten sie, aber für die nächsten Minuten war +doch die Stimmung gestört. Sie unterbrachen das Schweigen erst wieder, +als unvermutet zweistimmiger Gesang auftönte, und jetzt erkannten die +Spaziergänger auch, wie vor der Dorfschule zwei junge Mädchen auf und +nieder wanderten, beide Arm in Arm, und eifrig, wenn auch mit halber +Stimme, singend.</p> + +<p>»Das tun sie hier öfters Sonntags nachmittags,« erklärte Hann.</p> + +<p>Noch kehrten die beiden Frauengestalten den Ankömmlingen den Rücken, +doch unterschied man bereits deutlich den Text des Liedes, der nicht +gerade aufheiternd und munter klang:</p> + +<div class="poem"><div class="stanza"> +<span class="i0">»Morgenrot,<br /></span> +<span class="i0">Leuchtest mir zum frühen Tod?<br /></span> +<span class="i0">Bald wird die Trompete blasen,<br /></span> +<span class="i0">Dann ich muß mein Leben lassen,<br /></span> +<span class="i0">Ich und mancher Kamerad.«<br /></span> +</div></div> + +<p>»Ja,« sagte Hann sehr befriedigt, nachdem er andächtig gelauscht hatte, +»Klara und Rosa Toll haben hier die schönsten Stimmen. Wenn sie im +Kirchenchor singen, dann geh' ich jedesmal hin.«</p> + +<p>Und in seinem inneren Vergnügen nickte er noch ein paarmal bekräftigend +und übersah dabei, wie Line ihren Begleiter mit dem Ellbogen in die +Seite stieß, und als der sie verwundert anblickte, wie sie mit den Augen +heimlich nach dem größeren der beiden Mädchen hinüberzwinkerte.</p> + +<p>Da mußte Bruno auflachen.</p> + +<p>Nun begrüßte man sich gegenseitig, die Schulmeisterstöchter knicksten +vor den feinen Städtern, und Line klopfte der schönen Klara Toll so +mütterlich die Wange, daß die also Behandelte, die ein wenig größer als +Line war, verlegen ihren Blick auf den Boden lenkte.</p><p><span class="pagenum"><a name="Page_171" id="Page_171">171</a></span></p> + +<p>Darauf erkundigte sich Bruno, warum die Mädchen ein so trauriges +Soldatenlied gesungen, und während die Ältere nicht mit der Sprache +herauswollte, und nur ein tiefes Rot langsam in ihre Wangen stieg, +begann der Rotkopf ungeniert zu plaudern: Hann Klüth hätte ihnen gestern +abend davon erzählt, daß er sich morgen in der Stadt zum Militär stellen +müsse, und nun hätten die beiden Schwestern gerade davon gesprochen, und +mit einmal hätte Klara angefangen, das Lied zu singen. Sie aber wäre nur +so zur Begleitung eingefallen.</p> + +<p>»O — nicht doch,« stammelte Hann und machte eine Bewegung, als wolle er +nach der Hand der Größeren greifen, besann sich jedoch und steckte seine +Rechte plump in die Tasche.</p> + +<p>Da schlug vom Kirchturm die Uhr, und die beiden Parteien trennten sich.</p> + +<p>Die Sperlinge, die auf der Dorfstraße und auf den Ästen der weißen +Pappeln saßen, schrien matter, der Schnee begann sich blauviolett zu +färben.</p> + +<p>»Sieh,« sagte Line zu Bruno, da sie auf die öden, knackenden Wiesen +traten, die sich bis an die zugefrorene See hinabgezogen. »Da drüben.«</p> + +<p>Da glühte im roten Licht die Klosterruine, die für die beiden jungen +Menschen so viele Erinnerungen barg, herüber, von ihren Schneemassen +rann purpurnes Feuer herab, wie ein ungeheurer, weißer Korallenwald +standen die kahlen Eichengerippe um das Mauerwerk herum.</p> + +<p>»Da,« sprach Line noch einmal und sah ihren Gefährten von damals mit +einem flüchtigen Blicke an.</p> + +<p>Bruno stutzte.</p> + +<p>Plötzlich begann ihm das Herz wild zu klopfen, die Erinnerung stieg in +ihm auf. Jetzt, ja jetzt hätte er die lockende Gestalt in dem grauen +Pelzjackett wild an sein Herz gerissen, wenn — ja, wenn nicht dieser +störende Tölpel neben ihnen gestanden, der sie beide immer so +nachdenklich betrachtete.</p><p><span class="pagenum"><a name="Page_172" id="Page_172">172</a></span></p> + +<p>Aus der eben verlassenen Dorfstraße trug dazu der Wind eine neue +Liedstrophe herüber. Die beiden Lehrerstöchter fuhren wohl in ihrem +stillen Sonntagsvergnügen fort:</p> + +<div class="poem"><div class="stanza"> +<span class="i0">»Kaum gedacht,<br /></span> +<span class="i0">Ward der Lust ein End' gemacht.<br /></span> +<span class="i0">Gestern noch auf stolzen Rossen,<br /></span> +<span class="i0">Heute durch die Brust geschossen,<br /></span> +<span class="i0">Morgen in das kühle Grab!«<br /></span> +</div></div> + +<p class="center">— — — — — — — — — — — — — — — — </p> + +<p>»Pst! Für'n Sechser Ruhe!« rief eine heisere Stimme ärgerlich +dazwischen.</p> + +<p>Aus seiner bretternen Wachthütte, die eigentlich eine Badezelle gewesen, +streckte oll Kusemann seinen geölten und frisierten Kopf heraus und +legte noch den Finger an die Lippen, um auch pantomimisch anzudeuten, +daß er einer Beschäftigung obliege, bei der er keine Störung vertragen +könne.</p> + +<p>»Oll Kusemann, was machst du hier am Sonntag? Und noch dazu, wo der +Bodden zugefroren is und gar kein Schiff in Sicht kommen kann?« fragte +Hann nähertretend und steckte seinen Kopf in den engen Spalt der Tür, +die oll Kusemann ihm eben brummig vor der Nase zuschlagen wollte. »Und +wozu hast du die beiden Flintens da in der Ecke?«</p> + +<p>»I, die beöl' ich mir 'n bischen,« brummte der Lotse ausweichend und +beäugelte mit seinem schiefen Blick die beiden Städter. »Für die Dinger +is Öl dasselbe, was für uns Lebendige Rotspohn is.«</p> + +<p>»Oll Kusemann,« fuhr Hann strafend fort, »auf Ludwigsburg drüben ist +Jagd, und du lauerst hier bloß darauf, daß sich über das Eis fort wieder +was zu dir verlaufen soll. Hast du nicht vorigen Monat erst deswegen vor +Gericht gestanden?«</p> + +<p>»Ja, aber ich bin freigesprochen,« triumphierte oll Kusemann, indem er +sich schmunzelnd seinen spitzen Kinnbart strich, »und der<span class="pagenum"><a name="Page_173" id="Page_173">173</a></span> Präsident hat +mir noch eine Zigarre dafür geschenkt, weil ich so'n oller nützlicher +Mitbürger wär', der die fatalen Seehunde hier wegputzt.«</p> + +<p>Aber ehe sich noch ein anderer in das Gespräch mischen konnte, winkte +der Lotse plötzlich lebhaft mit Händen und Beinen ab, sprang in die +Ecke, ergriff eine der Flinten, pflanzte sich in die Türöffnung und +starrte aufgeregt über das Eis des Boddens.</p> + +<p>Über die graue Fläche fuhr im rasenden Lauf ein schwarzer Punkt.</p> + +<p>»Das ist doch kein Seehund?« rief Hann zornig und wollte nach dem Lauf +der Büchse greifen, aber der Lotse schüttelte verächtlich den Kopf: »Was +sonst? — Das is einer, wie er leibt und lebt!«</p> + +<p>Nun kam die Jagdlust über die kleine Schar. Immer gespannter verfolgten +sie den sich nähernden Farbenfleck.</p> + +<p>»Jetzt,« murmelte der Lotse und hob das Gewehr.</p> + +<p>Da schwankte zu seiner Verwunderung ein zweiter Lauf neben dem seinen.</p> + +<p>Line war unvermutet in die Hütte gesprungen, riß jetzt die Waffe an ihre +Wange und stammelte mit blitzenden Augen: »Ich auch, ich auch.«</p> + +<p>»Kannst du denn zielen?« stieß Bruno hervor.</p> + +<p>»Weiß nicht.«</p> + +<p>»Dann laß mich visieren, — so.«</p> + +<p>Er beugte seinen Kopf dicht hinter ihren Nacken und stützte mit der +linken Hand den Kolben. Ohne daß sie darauf zu achten schien, lehnte sie +so voll in seinen Armen, daß sein Mund, wenn er es gewagt hätte, die +Haut ihres Nackens hätte berühren können.</p> + +<p>Oll Kusemann schmunzelte: »Wer trifft, kriegt von dem schönen Fräulein +ein Küssing. — Ich treffe, bautz.«</p> + +<p>Der Schnee stäubte auf, der Farbenfleck fuhr seitwärts; »kuck«, brummte +der Lotse verblüfft und schob sich die Mütze in den Nacken.</p><p><span class="pagenum"><a name="Page_174" id="Page_174">174</a></span></p> + +<p>Da krachte der zweite Schuß.</p> + +<p>»Liegt — liegt,« schrien plötzlich Hann und oll Kusemann gleich zwei +Besessenen, und im Wettlauf stürmten sie auf die beschneite Fläche, weil +jeder den toten »Seehund« für seine Partei zu requirieren gedachte.</p> + +<p>In der Hütte blieben die beiden Sieger allein. Bruno faßte sich an die +hämmernde Schläfe. Ob er sich jetzt seinen Schützenlohn holte? Sachte, +indem er glaubte, Line bemerke es nicht, zog er die Tür hinter sich zu, +so daß das Rotlicht der scheidenden Wintersonne nur noch durch das +kleine Guckfenster fallen konnte. Dann zögerte er wieder — einen +Schritt kaum von ihm getrennt, stellte das Mädchen ihr Gewehr in die +Ecke. Deutlich sah er die schöne Rundung ihrer Glieder, als sie sich +bückte. Da kam seine kecke Wagelaune über ihn. Tausend Nerven prickelten +ihm in den Armen, kaum wußte er noch, was er tat; tief aufatmend drängte +er sich an ihre Seite.</p> + +<p>Doch dieser Atemzug verriet ihn. Kräftig raffte sie sich auf und sah ihn +groß an. »Weshalb hast du die Tür geschlossen?« fragte sie rauh.</p> + +<p>Er schüttelte den Kopf und blieb wirr und unentschlossen vor ihr stehen.</p> + +<p>Mit dem Fuß stieß sie die Tür auf.</p> + +<p>»Ich hab's nicht gern im Dunkeln,« sagte sie mit einem feindseligen +Blick, und wieder schoß ihr der Gedanke an Dina widerwärtig durch den +Kopf; dann lachte sie kurz und trocken auf: »Da bringen sie den +Seehund.«</p> + +<p>Sehr demütig und kleinlaut schlich oll Kusemann heran, obwohl er seinem +ungelenken Gefährten bei der Ergreifung des Seeungeheuers zuvorgekommen +war. Aus seinem Wams guckte ein langohriges Köpfchen heraus.</p> + +<p>»Verfluchtet Pech,« wimmerte er, »'s richtig wieder ein Hase. Da kann +man nun die besten Absichten haben, die allerreellsten, aber gegen +Mallöhr is nich aufzukommen. Na adjüssing.«</p><p><span class="pagenum"><a name="Page_175" id="Page_175">175</a></span></p> + +<p>So schlich er mit dem unwillkommenen Braten betrübt seinem Häuschen zu, +ehrwürdig, als »oller nützlicher Mitbürger.«</p> + +<p class="center"><sup>*</sup> <sub>*</sub> <sup>*</sup></p> + +<p>In tiefer Dunkelheit fuhren Line und Bruno in einem geschlossenen +Schlittenkasten heim, den man sich erst vom Krugwirt hatte borgen +müssen, da ihr eigenes Gefährt auf Wunsch des Konsuls noch bei +Tageshelle den Heimweg angetreten.</p> + +<p>So hockte denn Hann, der sich willig dazu erboten, in seinem zottigen +Schifferpelz auf dem Bock und schwang die Peitsche. Von drinnen hörte er +undeutlich die Stimmen seiner Passagiere, doch er wendete sich nicht um: +»Nich horchen,« dachte er, »das paßt sich nich.«</p> + +<p>Aber was er sich selbst nicht verbieten konnte, das waren seine +Gedanken, die immer wieder zu seinen Mitfahrenden in den klappernden +Schlitten hineinstiegen.</p> + +<p>»Passen gut zusammen,« dachte er. »Was kann er gut mit Reden fort und +sie — so hübsch, und gewachsen wie so'n schieres, glattes Füllen — ja, +ja, man möcht' ordentlich eins überstreichen.«</p> + +<p>Hier stockte er, erschrak und schämte sich.</p> + +<p>Ach, es war ja das Unglück dieses nachdenklichen Bauern, daß ein +schlichter, tiefer Schönheitssinn in ihm lebte, und daß er dieses junge, +blühende Mädchen da drinnen von seiner Jugend an als das Übermaß +weiblicher Vollendung zu verehren gewohnt war.</p> + +<p>»Und wie sie sich in den Hüften dreht,« dachte er bewundernd weiter.</p> + +<p>»Hüh,« schrie er wütend dazwischen. Aber im nächsten Moment kehrten +seine Gedanken in Wasserstiefeln schon wieder zurück. »Ob Bruno ihr aber +auch gut is? Ja, ja, das ist 'ne verfluchte Geschichte, und ob er es +auch ganz treu und ehrlich meint?«</p> + +<p>»Hüh,« schrie er wieder, und der Schlitten klingelte weiter durch +Dunkelheit und Mondschein.</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_176" id="Page_176">176</a></span></p> + +<p class="center">— — — — — — — — — — — — — — — — </p> + +<p>Drinnen sprach derweil die schwarzbraune Hexe ihren Zauberspruch.</p> + +<p>Es klapperten die Scheiben, es quietschten die Lederhüllen und ließen +die kalte Luft fast ungehindert herein. Line hauchte ein paarmal vor +sich hin, um im vorüberhuschenden Mondlicht ihren Atem dampfen zu sehen, +dann fröstelte sie zusammen, bis sie sich endlich, Wärme suchend, in +sich selbst einkauerte, ohne bemerken zu wollen, wie ihr Gefährte fast +atemlos neben ihr saß, betört und bezaubert von dieser widerspenstigen +Schönheit. Mit Gewalt suchte er sich von seinen schlechten Gedanken +abzubringen.</p> + +<p>»Bist du müde?« fragte er.</p> + +<p>»Ja.«</p> + +<p>Er berührte zaghaft ihren Arm.</p> + +<p>Ärgerlich zuckte sie den Ellbogen zur Höhe: »Was willst du?«</p> + +<p>»Ich wollte dich nur einmal fragen, was du eigentlich in diesen sieben +Jahren getrieben hast? — Es interessiert mich so.«</p> + +<p>»Gott, gelernt und gelesen hab' ich, das merkst du doch wohl, und tu's +auch heute noch.«</p> + +<p>»Und zu welchem Zweck?«</p> + +<p>»Wie du auch fragst?« lachte sie und warf die Lippen auf. »Damit ich in +die Höhe kommen kann. Das ist doch selbstverständlich. Paß mal auf, so +wie dir, wird's mir auch glücken. Ich bin ja nicht häßlich.«</p> + +<p>»Nein, bei Gott, das ist sie nicht,« schoß es Bruno durch die erregten +Sinne, nur wild, widerspenstig und berechnend, wie es ihm scheinen +wollte, und sich näher zu ihr vorbeugend, drängte er weiter: »Willst du +denn irgendeinen Beruf ergreifen?« Da traf ihn schon wieder solch ein +feindseliger Blick.</p> + +<p>»Wenn ich nicht durch eine Heirat mein Glück mache, dann gewiß. Bei +Fräulein Dewitz bleibe ich nicht länger. Das kann mir keiner verdenken. +Aber weißt du was?« — Sie schmiegte sich plötzlich an ihn und senkte +das Köpfchen auf die Brust, als gälte es ein Geheimnis. Und es bedeutete +auch wirklich eines.</p> + +<div class="figcenter" style="width: 400px;"> +<img src="images/oppos_176.jpg" width="400" height="620" alt="Illustration" /> +</div> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_177" id="Page_177">177</a></span></p> + +<p>»Da waren neulich die Hofschauspieler aus Schwerin im Voglerschen Saal +— du, und da war eine dabei, die war nicht älter wie ich, aber so +ausgelassen, und wild, und gab lauter solche Rollen, wo man die Männer +anführt. Weißt du, ich glaub', das könnt' ich auch. Und wie sie im +letzten Akt auftrat, da flogen aus der Offiziersloge lauter Buketts auf +sie zu, bis sie endlich eine Kußhand warf. Immerfort — lauter Kußhände. +Ah — das hätt' ich auch tun mögen. Wahrhaftig.«</p> + +<p>Sie verzog den Mund und nickte wie zur Bekräftigung mehrmals vor sich +hin.</p> + +<p>Da war es heraus, das Innerlichste von ihr, jenes Abenteuernde, +Irrlichtierende, das Bruno nur dunkel geahnt hatte, das ihn jetzt aber +mit solcher Macht fing, daß er, halb seiner selbst beraubt, die Hände +gegen die Augen preßte, um sich zurückzuhalten, sich zu zähmen.</p> + +<p>»Hast du was?« fragte sie.</p> + +<p>Er verneinte. »Kopfschmerzen.«</p> + +<p>»Ja, ja, es ist auch kalt,« brach sie ab. »Wollen schlafen, ich bin +müde.«</p> + +<p>Damit lehnte sie sich in das Leder zurück, und bald verkündeten ihre +regelmäßigen Atemzüge, daß ihrem Willen auch der Schlummer dienstbar +wäre.</p> + +<p>Bruno rieb sich die Stirn und sah neugierig auf sie hin.</p> + +<p>Ob sie wirklich schlief? — Oder ob die raffinierte kleine Person ihm +nur zeigen wollte, wie lieblich sie aussah, wenn das Mondlicht über sie +huschte, und wie weiß die Zähne hinter den halbgeöffneten Lippen +hervorblitzen konnten.</p> + +<p>Nein — nein, er wandte sich ab, er blickte auf die Chaussee hinaus, auf +deren Schneedecke die Pappeln schwarze Schatten warfen, wie lange +Schlangen, die auf das Gefährt zukriechen wollten.</p> + +<p>Aber auch dieser Anblick zerstreute ihn nicht.</p> + +<p>Nein, nein.</p><p><span class="pagenum"><a name="Page_178" id="Page_178">178</a></span></p> + +<p>Die Schläferin rührte sich. Sie saß jetzt aufgerichtet, nur der Kopf war +hintenübergesunken, während die Brust sich leise hob und senkte.</p> + +<p>Ob sie wirklich schlief?</p> + +<p>Schon nahten die ersten Häuser der Stadt.</p> + +<p>Da hatte Bruno ausgekämpft. Die kleine, schwarze Hexe neben ihm war +stärker als er.</p> + +<p>Ziemlich unsanft, beinahe rüttelnd fuhr er über ihren Arm.</p> + +<p>Gegen sich selbst wollte er sie bewahren. »Wach auf, wach auf!« schrie +es in ihm.</p> + +<p>Aber die Schläferin sank, der Bewegung folgend, in voller +Schlaftrunkenheit gegen die Schultern des Mannes.</p> + +<p>Oh, wie weich rundeten sich ihre Lippen.</p> + +<p>Er hob ihr Kinn, ruhig atmete sie fort, selbst die Grübchen in ihren +Wangen konnte er bei dem trüben Lampenlicht gewahren, und leise, leise, +wie ein vorsichtiger Dieb, stahl er ihr von den kostbaren Früchten.</p> + +<p>Da gab es einen Stoß. Ruckartig hielten sie.</p> + +<p>Ob Hann zurückgeblickt hatte?</p> + +<p>Wie taumelnd sprang der grobkörnige Geselle von dem Schlitten herab, +dann öffnete er den Schlag und grollte: »Wir sind da.«</p> + +<p>»Schon?« gab Bruno atmend zurück, und auf Line deutend, setzte er hinzu: +»Fest eingeschlafen.«</p> + +<p>Hann starrte in dumpfem Staunen auf sie hin.</p> + +<p>Und erst nach geraumer Zeit gelang es den beiden, das Mädchen zu wecken.</p> + +<p>Verwundert blickte sie sich um, dehnte sich, und dann lachte sie und +meinte gleichgültig: »Ah — das war geschlafen. Aber seht da oben, da +lauert schon die Alte auf mich. Sie brennt noch Licht. Na, kommt gut +nach Hause.«</p> + +<p>Durch die klingelnde Haustür sprang sie die Stufen hinauf, nickte +nocheinmal zurück und verschwand.</p> + +<p>Als Hann nach einer Weile im Schritt zurückkutschierte, da<span class="pagenum"><a name="Page_179" id="Page_179">179</a></span> hielt er in +seinem Fausthandschuh ein Zehnmarkstück. Das hatte ihm Bruno beim +Abschied in die Hand gedrückt, halb als Geschenk, halb als Trinkgeld. +Und der unbeholfene Bursche besah es sich beim Sternenlicht, kratzte +sich hinter dem Ohr und seufzte tief auf.</p> + +<p>»Hüh, Schimmels!«</p><hr class="chap" /><p><span class="pagenum"><a name="Page_180" id="Page_180">180</a></span></p> + + + + +<h3>X</h3> + + +<p>Zwei Tage später — bei Sonnenaufgang — da fand der einzige, goldige +Strahl, der durch das hochangebrachte Traillengitter hindurchdringen +konnte, den Moorluker Philosophen fröstelnd und mit blödem Haupt auf der +Pritsche des Militärgefängnisses hingestreckt und mit dumpfem, +verwundertem Ausdruck an den grauen Mauern hinaufstarren.</p> + +<p>»Nee,« stellte er fest, indem er erwartete, Siebenbrod müsse ihn ja +zuletzt mit einem Fußtritt aus dem schweren Traum erwecken, hielt sich +den Kopf und schloß die Augen. Aber der liebe, erlösende Tritt +Siebenbrods blieb aus, und das einzige, was zu ihm drang, war vom Hof +aus ein Kommandoruf, dem ein hartes, klirrendes Geräusch folgte, wie +wenn Gewehre taktmäßig auf das Pflaster gestoßen werden.</p> + +<p>»Je — je —«</p> + +<p>Hann riß abermals die Augen weit auf.</p> + +<p>Halb zerschlagen kroch er von dem harten Marterlager herunter, um von +neuem kopfschüttelnd um sich herum zu stieren.</p> + +<p>Da in der Ecke die Pritsche mit der Wolldecke, an der anderen Seite ein +Kasten, der häßlich roch und beinahe aussah, als ob man seine Notdurft +darein verrichten sollte. Sonst nichts.</p> + +<p>Kein Stuhl — kein Tisch. Auf vier Seiten lang und breit nur kahle, +graue Mauern, und eine niedrige, braune Tür, die von innen keine Klinke +bot.</p> + +<p>Hann strich sich die Haare aus der Stirn und schüttelte sich.</p> + +<p>Darauf schlich er zur Tür, um sie doch wenigstens einmal zu untersuchen, +als an dem Holz in Manneshöhe eine Klappe herabsank, während ganz dicht +etwas polterte.</p><p><span class="pagenum"><a name="Page_181" id="Page_181">181</a></span></p> + +<p>Nun, das war doch gewiß ein gutes Zeichen, hoffnungsfroh steckte Hann +die Hand durch die Öffnung, da erhielt er mit einem harten Gegenstand +einen Hieb auf die Finger, daß er schreiend zurückfuhr, und zu gleicher +Zeit wurde die Klappe durch ein bärtiges Gesicht ausgefüllt.</p> + +<p>»Nicht so hitzig, Patron,« knasterte eine Stimme, die sehr +geschäftsmäßig und keineswegs wohlmeinend klang. »'s kommt schon.«</p> + +<p>Ein irdener Wasserkrug wurde hereingereicht, ein halbes Kommißbrot, und +der Verschluß hob sich wieder.</p> + +<p>»Halt,« schrie Hann in aufsteigender Verzweiflung. »Männing, weswegen — +— —«</p> + +<p>»Jawoll,« knasterte die barsche Stimme, und der Eingeschlossene hörte, +wie die Klappe eilig wieder verriegelt wurde.</p> + +<p>Ja, da sollte doch Gott den Deuwel totschlagen? — Was war denn nun?</p> + +<p>Erschöpft, mit ängstlich klopfendem Herzen, sank Hann von neuem auf die +Pritsche und starrte auf den Krug und das Brot.</p> + +<p>Fi — das war ja nicht einmal etwas Warmes, wie es ihm Mudding doch +täglich gab, und dabei fröstelte ihn, daß ihm die kalten Schauer die +Brust zusammenschnürten.</p> + +<p>»Präsentiert das — Gewehrrr!« scholl es schrill von unten. Darauf ein +klirrender Schlag.</p> + +<p>Je, ja, waren das nicht Soldaten? — Hann erschrak so sehr, daß ihm +beinahe der Krug entglitten wäre, — Bilder, lauter fremde Bilder +zuckten plötzlich durch seine langsame Vorstellung. — Ein +Gasthofszimmer, Uniformen, nackte Menschen! —</p> + +<p>Wo war er denn gestern gewesen?</p> + +<p>Mit Gewalt schob er sich plötzlich den Kasten zurecht, kletterte hinauf, +und nun konnte er durch die Eisengitter hinuntersehen.</p> + +<p>Ein weiter, schneebedeckter Hof, eingeschlossen von einer roten +Ziegelmauer, vor deren einzigem Tor ein Soldat im grauen Mantel mit +geschultertem Gewehr ruhig auf und ab wanderte.<span class="pagenum"><a name="Page_182" id="Page_182">182</a></span> An der Seite, beinahe +unter ihm, zwei Reihen Infanteristen, die unter Leitung eines +Unteroffiziers mit roten Händen und roten Gesichtern Griffe übten. +Unbeweglich, nur die Arme lebendig, immer Schlag auf Schlag.</p> + +<p>»Das Gewehrrr über — Gewehrrr ab. — Das Gewehr über!«</p> + +<p>»Also doch!«</p> + +<p>Schwerfällig stieg Hann herab. Nun wußte er genug. Und nachdem er auf +seiner Pritsche einen tiefen Zug aus der Kanne getan, schlug er sich mit +der Faust auf die Stirn.</p> + +<p>Ja — ja — er hatte es also doch erlebt. — Wie war's doch?</p> + +<p class="center">— — — — — — — — — — — — — — — — <br /> +— — — — — — — — — — — — — — — — </p> + +<p>Ein lärmender Zug junger Fischer- und Bauernsöhne vor dem Voglerschen +Gasthof, und immer zehn werden zugleich hineingeführt.</p> + +<p>Unter der ersten Abteilung befindet sich — Hann.</p> + +<p>Er hört noch die Stimme oll Kusemanns, der zur Feier des Tages mit in +die Stadt gekommen.</p> + +<p>»Immer an den großen Zeh denken. Das hilft.«</p> + +<p>Ein kleines quadratisches Vorzimmer, weiß getüncht, mit einigen +Kleiderrechen und Stühlen. Drinnen ein Unteroffizier — richtig, +Hoffmann hieß der Brave — der sich unternehmend einen mächtigen, +starrenden Schnauzbart dreht und, nachdem er mit einem überlegenen Blick +die Schar gemustert, das Kommando erteilt: »Ausziehen!«</p> + +<p>Die Burschen entkleiden sich.</p> + +<p>»Den Rock auch?« fragt Hann Herrn Hoffmann, nachdem er sich seines +Überziehers entledigt.</p> + +<p>»Selbstverständlich — wie Gott euch geschaffen hat, Kerls,« befehlt der +Unteroffizier, martialisch im Zimmer auf und nieder schreitend.</p> + +<p>Hann streicht sich über die nackte Brust. Sein Herz klopft, als er so +auf die anderen schielt.</p><p><span class="pagenum"><a name="Page_183" id="Page_183">183</a></span></p> + +<p>»Die Büxen auch?« hält Hann nach einer Weile von neuem inne.</p> + +<p>»Donnerwetter — Mensch — was sind das für Reden?« wettert der +Aufseher.</p> + +<p>»Aber es is ja man wegen der Schanierlichkeit.«</p> + +<p>»Aha, ich weiß schon, Sie sind wahrscheinlich auch so einer.«</p> + +<p>Ein verdächtiger Blick streift ihn, während Hoffmann rasch in seinem +Notizbuch etwas revidiert.</p> + +<p>Aber Hanns methodischem Sinn ist diese Andeutung nicht verständlich +genug. »Was für einer?« will er sich eben vorsichtig erkundigen, da +erhält er einen Stoß gegen die Schulter, daß die streitigen Hosen ihm +von selbst abfliegen, und eine wütende Stimme zischt dicht an seinem +Ohr: »Maul halten — vorwärts — das weitere wird sich finden.«</p> + +<p>— — — Die zehn nackten Menschen stehen plötzlich in einem niedrigen, +weiten Gasthofszimmer, vor einem schmalen, langen Tisch, hinter dem +mehrere Offiziere und einige Herren in Zivil sitzen. An einem +Nebentische schreiben zwei Unteroffiziere.</p> + +<p>»Heinrich Kagelmacher,« ruft es nach einigem Murmeln und Vergleichen von +da.</p> + +<p>»Hier,« meldet eine Stimme neben Hann.</p> + +<p>»Stand?«</p> + +<p>»Fischer!«</p> + +<p>»Woher?«</p> + +<p>»Aus Hermsmühl.«</p> + +<p>»Geboren — Konfession?«</p> + +<p>»21. Oktober 1877. — Evangelisch.«</p> + +<p>»Kagelmacher, Heinrich,« murmelt daneben der zweite kontrollierende +Beamte. »Stimmt.«</p> + +<p>»Kagelmacher,« fordert der Unteroffizier Hoffmann und leitet den eben +Aufgerufenen unter eine Art Galgen, wo die Länge und das Maß +festgestellt werden.</p> + +<p>Der Querbalken senkt sich.</p><p><span class="pagenum"><a name="Page_184" id="Page_184">184</a></span></p> + +<p>»1,70,« meldet Hoffmann.</p> + +<p>»Kagelmacher, Heinrich — 1,70,« murmeln beide Schreiber.</p> + +<p>»Gut, na, nu kommen Sie mal her,« tönt jetzt eine bierfette, gemütliche +Stimme, und ein beleibter Mann mit rotem Gesicht, dicken, wulstigen +Lippen und weißen, pudligen Haaren erhebt sich und steht nun auf etwas +zu kurz geratenen Beinen und mit offenem Uniformrock da, während er mit +seinem schwarzen Auskultationsrohr winkt.</p> + +<p>»Das muß woll so eine Art Doktor sein,« denkt sich Hann Klüth, während +sein Nebenmann untersucht wird. Der ist jedoch ein großer, kräftiger +Kerl, daher dauert das Beklopfen und Behorchen nur kurze Zeit. Der +Oberstabsarzt, der von dem Bücken noch röter geworden, streicht +Kagelmacher wohlwollend über die nackte Brust und blinzelt ihn schlau +an: »Na, klagen Sie vielleicht über was?«</p> + +<p>Jetzt wird der Bursche blutrot: »Herzklopfen,« bringt er zögernd hervor.</p> + +<p>Kaum ist das Wort gefallen, da schickt der Untersuchende einen +merkwürdig schlauen Blick zu dem stattlichen Oberst mit dem Habichtskopf +hinüber, der in der Mitte der Tafel sitzt, und in demselben Moment +erhebt sich dieser, schiebt seinen Stuhl wie empört zurück und wandert, +leise Verwünschungen ausstoßend und säbelrasselnd, im Zimmer auf und ab, +während er im vollen Zorn mehrmals auf ein Blatt Papier schlägt, das er +in der Hand hält.</p> + +<p>Mit einem Male bleibt er »baff« vor einem eleganten, jungen Herrn +stehen, der, ein Monokle im Auge, die Begebenheit, weit über den Tisch +gebeugt, verfolgt.</p> + +<p>»Na, was sagen Sie zu der Bescherung, Herr Landrat?«</p> + +<p>Der Angeredete erhebt sich und flüstert dem Oberst etwas zu. Darauf +zuckt der die Achseln, nickt aber, und beide lassen sich wieder auf ihre +Plätze nieder.</p> + +<p>Unterdessen hat der Oberstabsarzt, immer mit seinem schlauen Lächeln, +bei Kachelmacher tatsächlich starkes Herzklopfen konstatiert.<span class="pagenum"><a name="Page_185" id="Page_185">185</a></span> »Na, da +wird wohl nicht viel zu machen sein — treten Sie mal vorläufig zurück, +Mann.«</p> + +<p>Der Nächste.</p> + +<p>Er ist gleichfalls aus Hermsmühl und klagt über dieselbe Beschwerde.</p> + +<p>Der Oberstabsarzt bemerkt gegen den Landrat, daß dieses Hermsmühl in +seinem Kreise doch ein höchst ungesundes Loch sein müsse.</p> + +<p>Als aber auch bei den nächsten drei Hermsmühlern, die zwar verschüchtert +über nichts zu klagen haben, unter großer Zufriedenheit des +Untersuchenden »starkes Herzklopfen« festgestellt wird, pfeift der +Oberstabsarzt eine kleine Tonleiter, und von irgendwoher fällt ein +unterdrückter Fluch: »Die Bande.«</p> + +<p>Inzwischen ist es sehr still im Zimmer geworden. Die Hermsmühler stehen +in einer Ecke zusammengepfercht wie ein Häuflein nackter Sünder, das auf +den Henker lauert.</p> + +<p>Hann perlt der Schweiß von der Stirn, obwohl sein entkleideter Körper +vor Kälte zittert.</p> + +<p>Er merkt, daß hier »nicht alles richtig« ist.</p> + +<p>Da —</p> + +<p>»Johann Klüth,« ruft es von dem Unteroffizierstisch. Er stottert etwas, +wird von seinem Freund Hoffmann unter den Galgen befördert, der Querbaum +fällt ihm nicht gerade sanft auf den Kopf, und eine geringschätzige +Stimme meldet: »1,65.«</p> + +<p>»Klüth — Johann — 1,65,« rapportieren die beiden monotonen Echos +gleichgültig.</p> + +<p>Was nun kommt, gleitet wie ein Traum vorüber. Er befindet sich unter den +Händen des dicken Herrn, es wird etwas von einem gesunden Herzen +gesprochen.</p> + +<p>Hierauf allerlei unverständliche Bemerkungen, und dann das bedauernde +Wort, daß es sehr schade wäre, aber der Mann hätte linksseitig einen +kürzeren Fuß.</p> + +<p>»Ersatzreserve ohne Dienstpflicht.«</p><p><span class="pagenum"><a name="Page_186" id="Page_186">186</a></span></p> + +<p>»O je — o je — Hurra,« stößt er hervor.</p> + +<p>Was das bedeutet, das hat oll Kusemann Hann bereits vorher erklärt. Das +wäre das Beste, das Allerbeste, Hanning, ja, wenn das dich so passieren +könnte — — — —</p> + +<p>Und über Hanns Gesicht verbreitet sich ein Leuchten, er lacht vor +Vergnügen und will eben, nackt wie er ist, eine Art Dankverneigung +machen, da bemerkt er mit Schrecken, wie sich der Oberst mit beiden +Fäusten auf den Tisch stemmt und schreit, als ob der Kalk von den Wänden +fallen sollte. Warum er sich so aufregt, das versteht Hann nicht. Er +hört bloß verschwimmend: »Frechheit — hier Freude Ausdruck geben — +Drückeberger von Kaisers Diensten — Exempel gegen solche +Sozialdemokraten statuieren — stehen zum Glück am heutigen Tage alle +unter den Kriegsartikeln — die Hermsmühler Bande noch besonders +vornehmen —«</p> + +<p>Und als er sich halbwegs auf sich selbst besinnen kann, da sieht er mit +dumpfem Erstaunen, wie ihn zwei Soldaten in die Mitte nehmen, um ihn +nach einem Marsch durch die Stadt hinter der roten Mauer abzuliefern.</p> + +<p>Es ist Spätnachmittag, und noch immer hält er das Brot und den Krug in +der Rechten und der Linken.</p> + +<p>Was is denn nu?</p> + +<p>Is das Kaisers Dienst??</p> + +<p>Und von unten schallt es herauf, es werden Monturstücke geklopft, und +eine frische Stimme summt dazu:</p> + +<div class="poem"><div class="stanza"> +<span class="i0">»Wer will unter die Soldaten,<br /></span> +<span class="i0">Der muß haben ein Gewehr,<br /></span> +<span class="i0">Der muß haben ein Gewehr,<br /></span> +<span class="i0">Das muß er mit Pulver laden<br /></span> +<span class="i0">Und mit einer Kugel schwer.«<br /></span> +<span class="pagenum"><a name="Page_187" id="Page_187">187</a></span></div></div> + + +<hr class="chap" /> + +<h3>XI</h3> + + +<p>Da ward aus Abend und Morgen der andere Tag.</p> + +<p>Der Mittelarrest hatte, wie alles Leid auf der Welt, auch sein Gutes. +Hann fand, daß er noch niemals so ungestört hätte nachdenken können wie +hier. Denn immer wurde er in Moorluke davon aufgescheucht, einmal von +Siebenbrod, oder von Mudding, am meisten jedoch durch oll Kusemanns +unzeitige Späße.</p> + +<p>Hier aber, ja hier hatte man solche Leute woll ordentlich lieb. Draußen +auf dem Gange patrouillierte sogar direkt ein Aufseher auf und nieder, +damit nur alles hübsch still bliebe, und nichts ihn störe.</p> + +<p>Ja, ja, für die Gedanken war das doch eigentlich ein wunderhübscher +Raum. Man brauchte nichts zu arbeiten, und wie pünktlich dabei noch für +einen gesorgt wurde.</p> + +<p>Da stand schon wieder der Krug mit frischem Wasser und daneben ein neues +halbes Kommißbrot, und der Gefangene streifte sie mit einem dankbaren +Blick.</p> + +<p>Nur etwas kalt war es ja, den Ofen hatte man wahrscheinlich vergessen, +allein dafür blieb ihm schließlich die wollene Schlafdecke. Und er +schlug sie um sich und hockte nun, bis zur Nasenspitze eingehüllt, auf +der Pritsche und sah aufmerksam in die eine graue Ecke, wo sich eine +Spinne ein dickes Gewebe gebaut hatte.</p> + +<p>Langsam, langsam, wie Wanderer, die mühsam über ungepflasterte +Landstraße dahertappen, kamen und gingen die Gedanken.</p> + +<p>Was da allmählich für schnurrige Gestalten vorbeizogen. Der liebe Gott +und oll Kusemann, der Kaiser und Line, Malljohann und die Spinne.</p><p><span class="pagenum"><a name="Page_188" id="Page_188">188</a></span></p> + +<p>Und Hann saß da und nickte nachdenklich hinter ihnen her, und während +von unten wieder die Kommandorufe: »Das Gewehrrr über — Gewehrrr ab — +das Gewehrrr über!« herauftönten, da merkte der Einsame gar nicht, wie +er im Grunde schwere Arbeit verrichtete, eine, die sehr selten geworden, +nämlich das Hauptbuch des Lebens umblättern und addieren und +subtrahieren und schließlich zu einem Resultate gelangen. Zu einem +wirklichen Fazit, das dann wieder ins Leben umgesetzt wird.</p> + +<p>Freilich, das kann nicht jeder, es fehlen den meisten ein paar +unumgängliche Posten dabei, nämlich Wahrheit und Bescheidenheit.</p> + +<p>Aber der eingesperrte »Sozialdemokrat« Hann Klüth, der hatte das Glück, +diese friedensstille Zelle zu finden, die sein Vorhaben so sehr +begünstigte.</p> + +<p>Und so vermochte er's.</p> + +<p class="center">— — — — — — — — — — — — — — — — </p> + +<p>Jetzt is man so alt geworden, und doch is meistens allens +schiefgegangen, was man sich in die Kinderjahren und auch später noch +vorgenommen und vorgeträumt hat.</p> + +<p>Erst hat man sich's im Elternhaus so recht mollig sein lassen wollen, +ja, prost Mahlzeit, da is Dietrich Siebenbrod dazwischen gestiegen — +nachher hat man doch für sich selbst so'n bißchen was ins Trockne +bringen mögen — aber, allens Dummheiten, wie kann ein abhängiger +Bootsmann was aufs Trockne bringen? — Zuletzt hat dann das dumme Herz +noch was abkriegen sollen, da hat es sich aber zu hoch verstiegen und +muß zusehen, wie ein anderer die »sie« im Schlitten abküßt, wenn auch +man im Schlaf. — Nee, das muß nun alles hinter einen liegen, einmal muß +man doch Schluß machen und vernünftig werden, und jedes Ende hat auch +was, so recht was Beruhigendes. Da kann einen nichts mehr irrig machen, +denn das Ende is eben — das Ende.</p> + +<p>Na ... aber was soll man dann hinterher?</p> + +<p>I, Jünging, das is doch ganz einfach — der Mensch muß ebend nach seinem +Glück aussehn.</p><p><span class="pagenum"><a name="Page_189" id="Page_189">189</a></span></p> + +<p>Ja, aber — hum — was is denn nu eigentlich das Glück?</p> + +<p>I, das muß doch rauszukriegen sein, was soll es denn groß vorstellen?</p> + +<p>Kuck — ich hab's all, dagegen wird keiner was anreden: das Glück is ein +großer Haufe Talerstücke.</p> + +<p>Jawoll, das is sicher, wer auf so'n mächtigen Haufen sitzt, der sitzt +auf einem verdeuwelt hohen Berg, von dem aus er über die ganze Welt +fortgucken kann, wenn's ihm Spaß macht. Und wer weiß, ob der Berg, auf +den der Deuwel einst unsern lieben Heiland geführt hat, nich auch so ein +Haufe Geld war, denn wer das hat, das is doch klar, der hat das Glück +einfach so in Wispelsäcke stehen und —</p> + +<p>Halt, Jünging — stopp, nich so fix — alles kann man sich schließlich +auch nich kaufen. Zum Beispiel die Gesundheit und dann einen +anschlägigen Kopf und dann — Liebe. Nein, das is wahr. Die +sackermentsche Liebe besonders nich. Wenn ich auch auf einem Wispelsack +mit Talerstücken säß, so hoch wie Hollandern sein Speicher, Line würd +mich deswegen doch nich lieber haben. — Und dann, was sagen woll die +alten, weisen Sprichwörter dazu? »Reichtum macht nich glücklich.« — +Kuck, da haben wir's ja. Ich werd' doch nich so dumm sein, gegen ein +Sprichwort anlaufen zu wollen. Ne!</p> + +<p>Aber, was nu weiter?</p> + +<p>Das Glück muß also doch wo anders stecken. Na, wollen eins sehen. — — +—</p> + +<p>Da fällt mich so ein, wo kommt überhaupt der Reichtum her? Sieh, das is +doch 'ne schnurrige Frag'. Der Reichtum is doch nich von Anfang an +dagewesen, bei den sechs Tagewerken kommt er nich vor. Er muß also doch +erst so allmählich in die Welt gekommen sein, als der liebe Gott die +Menschens zur Arbeit verflucht hat, was ja eigentlich gar nich väterlich +von ihm war — — — Holl eins an — — — die Arbeit, stopp, Kinding, +stopp, das is mir denn doch ganz einleuchtend, daß aus der Arbeit sich<span class="pagenum"><a name="Page_190" id="Page_190">190</a></span> +eigentlich erst all der Reichtum herschreibt. Und wenn Konsul Hollander +so viel Säck' mit Talerstücken stehn hat, wie er hat, dann hat er +eigentlich lauter Säcke mit Arbeit dastehen, mit unsre Arbeit, mit +fremde Arbeit. Ja, überleg dich mal, darf denn das der Mensch? Darf +einer, und wenn er dreist Konsul is, die Arbeit vom andern wegnehmen und +auf seinen Speicher stellen? — Pfui, ich würd's nich tun. Ne, mit dem +Reichtum bleib mir einer vom Leibe.</p> + +<p>Aber nun vielleicht mit der Arbeit?</p> + +<p>Vielleicht steckt's darin.</p> + +<p>Denn, daß der liebe Gott mit ihr eine Strafe gegen das menschliche +Geschlecht hat ausüben wollen, i, das mag ja auch woll bloß so ein +Läuschen<a name="FNanchor_1_1" id="FNanchor_1_1"></a><a href="#Footnote_1_1" class="fnanchor">[1]</a> vorstellen; ich frag man, wozu hätt' der liebe Gott sonst am +Anfang von alle Geschicht selbst so hart geschuftet, daß er ja +eigentlich richtig als der erste Wochenarbeiter gelten kann. Ne, die +Sache muß ihm doch höllischen Spaß gemacht haben, und deshalb wollte er +den Menschens vielleicht auch von der Art Spaß was zukommen lassen.</p> + +<p>Na, und is es nun nich möglich, daß in der Freud' an dem Spaß das Glück +stecken tut? — —</p> + +<p>Hier sah Hann, wie in der grauen Ecke das Spinngewebe erzitterte, und +daß die Bewohnerin, einen langen Faden ziehend, hin und her lief. Er +schüttelte das Haupt.</p> + +<p>Ne, Hanning, was redst und redst du auch heute. Kuck doch erst eins hin. +Was arbeitet da das Biest? Eine Bettstell' baut es sich und frißt's dann +wieder auf, wenn Not an'n Mann is. Und was arbeit't der Mensch? — Nun, +er baut ein Haus, damit er drin wohnt, und er zimmert einen Tisch, damit +er dran ißt, und er haut Holz, damit er sein Essen daran kocht, und er +fängt Fisch', wie ich, damit auch was zum Kochen da is. Also der Mensch +arbeitet bloß um das gewöhnliche, gemeine Leben. Um weiter nichts. Aber +daß<span class="pagenum"><a name="Page_191" id="Page_191">191</a></span> den Maurer das Hausbauen und den Fischer das Fischfangen so +besonders glücklich macht, das hätt' ich auch noch nich erlebt. +Wenigstens bei uns in Moorluke is das nich so.</p> + +<p>Zwar die Pasters sagen, daß Arbeit besser machen soll. Spaß. — Ich frag +man: bünn ich denn so'n Musterspiegel, weil ich alle Tag' ein paar Wall +von arme Heringen aus'm Wasser zieh' und sie um mich herum krepieren +seh'? — Und für wen is denn schließlich all die Rackerei? Doch bloß für +den Schwamm und den Wurm. Denn was nich verfault, das zermürbt. Ne, das +seh ich woll, das Glück von die Arbeit is auch bloß solch ein +Trostmittel vor die Menschheit. Wollen uns doch lieber nach was anderem +umkucken!</p> + +<p>Aber zuerst will ich nu schlafen! —</p> + +<p class="center">— — — — — — — — — — — — — — — — </p> + +<p>Da ward aus Abend und Morgen der dritte Tag.</p> + +<p>Als Hann seiner Spinne freundschaftlich »Guten Morgen« geboten und nun +feierlich auf seiner Pritsche thronte, da wurde auf dem Hof ein helles +Signal geblasen. Fröhlich schmetterte es ringsum, die starken +Luftschwingungen stießen sich förmlich an den Mauern.</p> + +<p>»Was is?« fragte Hann unwillig über die Störung.</p> + +<p>»Rataplan — Ratatata —«, wirbelten ein paar Trommeln zur Antwort. +»Ratatata.«</p> + +<p>»Was nu? — Nu kommt woll der Kaiser?«</p> + +<p>Aber bald hörte der Eingesperrte an den dröhnenden, klappernden Tritten, +daß nur eine Truppenabteilung zum Tor hinausmarschieren müßte.</p> + +<p>»Man gut, daß sie fort sind,« dachte Hann, der dies Trommeln und Blasen +für einen Eingriff in seine Rechte betrachtete. »Man gut.«</p> + +<p>Alles war wieder still, Hanns Gedanken jedoch waren ehrfürchtig neben +dem Kaiser stehengeblieben. In seinem Geist nahm er den Hut ab.</p> + +<p>»Ja, das is noch was,« sagte er. »Das nenn' ich noch 'ne Stellung.«</p><p><span class="pagenum"><a name="Page_192" id="Page_192">192</a></span></p> + +<p>Er bedeckte sich wieder.</p> + +<p>Ne, bei uns Niederen, da steckt es nich, aber bei solch einem Herrn, der +die Macht hat, da is woll's Glück zu Hause. — Ich kann mir man denken, +so einer pfeift — hüh — und dann gleich zehn Dieners schmieren ein +Butterbrot, — und pfeift wieder, und — hast du nich gesehn — zehn +andere ziehen ihm die Stiebeln aus. Ja, das laß ich mir noch gefallen — +Aber — hm — ne, wie is das denn mit den Attentaten? Ich besinn' mich +doch, wie oll Kusemann einst vorlas, mit den russ'schen Kaiser? Da soll +es so 'ne Sorte geben, die es für ehrenvoll halten, so 'nen hohen Herrn +mit allerlei Mordwerkzeuge auf den Leib zu rücken? Ich trink 'ne Tasse +Kaffee, und dann is da Gift drin, ich drück' jemandem freundschaftlich +die Hand, und die Karnallge stößt mir zur Antwort ein Brotmesser ins +Genick. Pfui Deibel, mir könnten sie ja solche Kaiserstellung umsonst +anbieten. Und was so 'ne arme Kaiserfrau zu Hause woll vor Angst +aushalten muß — Ne, das wär ja rein zum Verzagen.</p> + +<p>Aberst, das merk ich schon, mit allens, was unsre menschlichen Augen +rund um sich herum sehen können, da bin ich nu durch. Is aber überall +das Glück nich dabei gewesen. Na aber — daß mir das zuletzt noch +einfallen muß — vielleicht verhält sich das mit dem Glücke nich anders +wie mit dem lieben Gott; — es is unsichtbar. —</p> + +<p>Hier schlug er vor Freude über den Einfall schallend auf die Pritsche, +daß das Spinngewebe in der Ecke erzitterte. Und da er grade beim »lieben +Gott« angelangt war, so fuhr er fort: Ja, es mag wohl in den innerlichen +Geschichten liegen, vor allen Dingen in der Frömmigkeit. Wer fromm is, +dem sind ja alle Seligkeiten versprochen.</p> + +<div class="figcenter" style="width: 400px;"> +<img src="images/oppos_192.jpg" width="400" height="620" alt="Illustration" /> +</div> + +<p>>Selig ist — — —<, na, ich hab das auch nicht mehr so im Kopf, aber +das is wahr, wer so recht fest an oben hängt, der kommt sich wohl zum +Schluß vor, als ob ihm an Händen und Beinen ein langer Faden angebunden +wär', wie bei die Hampelmänner <span class="pagenum"><a name="Page_193" id="Page_193">193</a></span>auf dem Weihnachtsmarkt, und oben wird +nun bei jedem Schritt gezogen, so daß man am Ende gar nich fehl gehen +kann. Wahrhaftig, das wär doch recht sicher! — Und is das nicht auch +beinah' so, wie bei den neumodischen Feuerversicherungen? Da heißt's: +>Laßt ruhig zu Haus brennen, die Feuerversicherung Phönix zahlt nachher +doch.< Sieh, dies Stück könnt' mir eigentlich gefallen.</p> + +<p>Na ja, wenn bloß der lahme Krischan nicht hinterher hinkte.</p> + +<p>Wer nämlich so eine himmlische Versicherung hat, wird sich der nich fix +auf die faule Seite legen? — Und dann — gegen die Bettelei haben sie +Vereine gegründet; wird jeder gleich eingesperrt. Zu dem lieben Gott +aber gehen dieselben Vereine hin und betteln da ganz ausverschämt. — +Denn was is Beten anders als Betteln? Und um was für Dinge belästigen +sie nun den lieben Gott? Der eine wegen sein krankes Schwein, der andere +um eine Nacht bei einer hübschen Dirn', und Bauer Haberkorn auf +Poggenpfuhl hat den liefen Gott ganz andächtig gebeten, ob er seine Frau +nich an einem giftigen Pilz draufgehn lassen wollt'. Und wenn nun der +erste am selbigten Tag um Regen und der zweite um Sonnenschein bittet, +was soll der Herr da anfangen? — Da is gar keine Menschenmöglichkeit.</p> + +<p>Ne, mich is das grad'zu entgegen, wenn ich so die vielen Menschen wie +Spitzbuben in die Kirch' schleichen seh', um den lieben Gott was aus der +Tasch' zu ziehen. Ich hab' mich immer gedacht, hinbringen müßten sie +was, hinbringen, und wenn's die lumpigste gute Tat wär', zum Beispiel +einen Betrunkenen nach Haus tragen, damit er kein Elend anricht't. Und +nich immer bloß die off'nen Bettlerhänd' hinhalten. Denn was muß das auf +den lieben Gott woll auf die Dauer für einen Eindruck machen? — Ne, wenn +ich Er wär', ich hätt' all längst das Schild >gegen Bettelei< an der +Kirch' anschlagen lassen.</p> + +<p>Ja, aber nun überhaupt mit dem lieben Gott —</p> + +<p>Diesen Satz beendete Hann Klüth jedoch nicht, sondern erschrak<span class="pagenum"><a name="Page_194" id="Page_194">194</a></span> und zog +scheu die wollene Decke enger um sich, denn die Abenddämmerung war +bereits niedergesunken.</p> + +<p>Er fröstelte zusammen.</p> + +<p>Oll Kusemann meint ja, man könne gar nich wissen, ob — — hm — — — +ne, ne, oll Kusemann, den lieben Gott laß ich mir nich ausreden, man +braucht ja bloß die Augen zuzumachen oder in eine recht wüste Gegend zu +gehen, dann fühlt man ja ordentlich, wie nah er is.</p> + +<p>Aber — aber ich sagte doch von Wissen.</p> + +<p>Ob das ganz genaue Wissen von allen Dingen, wie es hier die Professors +in der Stadt haben, ob das die Leut' nu wohl sehr glücklich macht?</p> + +<p>Darüber muß ich nu direkt lachen. Denn die Studentens, die ich auf dem +Bodden spazieren fahr', die sagen doch immer, was der eine von die +Professors weiß, davon weiß der andere just immer das Gegenteil. Und +wenn der eine rausklüstert, alles Leben käm' aus der Luft, dann find't +der andere, es käm' aus dem Wasser — und Professor Römer sagt, es käm' +aus dem alten Testament. Und wie düsig muß wohl den Studentens zumute +werden, wenn die drei ihnen das so hintereinander einremsen.</p> + +<p>Ne, vor so'n Elend bewahr' mich der liebe Himmel —</p> + +<p>»Maul halten!« schrie auf dem Gange der Wachthabende und klopfte an die +Tür. Und Hann mußte sich auf seinem Lager ausstrecken, während sein Atem +regelmäßig in der Kälte ausdampfte.</p> + +<p class="center"><sup>*</sup> <sub>*</sub> <sup>*</sup></p> + +<p>Da ward aus Abend und Morgen der vierte Tag. — — »Nun wird mich das +aber mit der Zeit recht ungemütlich,« sprach Hann Klüth. »Ich frier hier +ja, wie ein Schneider, und all' meine Glieder werden mir lahm. Soll ich +denn nu fürs Vaterland auf immer hier eingesperrt bleiben? Das halt' ich +wohl gar nicht mehr lange aus. Und das Kommißbrot liegt mir auch schon +wie Steine in'n<span class="pagenum"><a name="Page_195" id="Page_195">195</a></span> Magen. Dazu das kalte Wasser, das schuddert mich durch +den ganzen Leib.</p> + +<p>»Ich hab' ja eigentlich gar nichts getan? Weshalb ist man bloß so streng +zu mir?«</p> + +<p>Er erhob sich schwerfällig und schlurfte mit steifen Beinen in die Ecke +zu seiner Freundin im Spinnenhaus. Aber wie erschrak er, als er das +Tierchen mit eingezogenen Füßen, erstarrt, eine Art Krümel, vorfand.</p> + +<p>»Herr im hohen Himmel,« stotterte er. »Die is also auch bereits so weit? +Erfroren? Und bei mir kann's auch jeden Moment kommen, denn mir is all +recht elend.« Ganz zerschlagen wankte er wieder auf seine Pritsche, dort +sank ihm sein Kopf schwer auf die Brust, und die Kälte senkte immer +größere Müdigkeit und Erstarrung auf ihn.</p> + +<p>»Merkwürdig, ganz merkwürdig,« murmelte er, »weshalb eigentlich die +Menschen so schlecht zueinander sind? Und dabei gibt es doch nichts +Besseres, als wenn man jemanden recht lieb haben kann.</p> + +<p>»Aber was geht mich das an? — Ich werd' keine mehr lieb haben, und mich +wird auch keiner mehr lieb haben, denn ich leg' mich nu hin, wie die +Spinne, und steh nich wieder auf.«</p> + +<p>Damit bettete er die graue Decke über sich, richtete die blauen Augen +nichtssagend auf das Traillengitter, durch das der frostige Tag +gleichgültig hereinsah, und lag regungslos.</p> + +<p>Da erhob sich ein Gepolter an der Tür. Das bärtige Gesicht erschien +wieder in der Klappenöffnung und schrie, Hann möchte ihm den Topf +abnehmen, er sei sehr heiß. »Extraration,« setzte er erklärend hinzu, +»vierter Tag. Um ein Uhr Ausgang.«</p> + +<p>Da saß nun Hann, lachte über das ganze Gesicht und atmete neubelebt den +Dampf ein, der ihm aus dem heißen Napf entgegenquoll.</p> + +<p>I, das waren ja Bohnen und Schweinefleisch, na, nu sieh bloß mal, und +wie warm, wie schön warm.</p><p><span class="pagenum"><a name="Page_196" id="Page_196">196</a></span></p> + +<p>Und nachdem er heißhungrig sein Mahl längst beendet, saß er noch immer +und streichelte dankbar den Napf.</p> + +<p>»Kuck,« sprach er zu dem Topf, »zu Haus, bei Mudding, eß ich so was aus +verschiedenen Gründen, die ich hier aus Anstand nich anführen will, gar +nich gern. Aber hier? — hm! Wenn ich mir überleg', wie leicht, wie +kindsleicht hat es nich ein Mensch, gegen andere Menschen gut zu sein. +Mitunter tut's sogar, wie hier, ein Topf mit heiße Bohnen.</p> + +<p>Pfui Deibel, — aber gut war's doch.</p> + +<p>Ja, aber nun hab' ich solang über das menschliche Glück nachgedacht, und +dieser Topp mit Bohnen belehrt mir nu, daß ein bißchen Liebe doch +eigentlich das Hauptstück bleibt. Und wenn einem so'n Bohnentopp nun +noch von eine liebe Hand gereicht wird und nich bloß von so'n +Schweinigel, dessen Geschäft das is, ja, ich glaub', das hätt' solche +Wirkung, daß man sich beinah einbilden könnt', es wär eigentlich +Kartoffelsupp' mit Wurscht, was ich so sehr gern ess'.</p> + +<p>Ja aber, wen soll man nun lieb haben?</p> + +<p>Den lieben Gott?</p> + +<p>I, das wär ja so selbstverständlich, als wie die eignen Eltern, und wär +woll trotz alledem nich das eigentliche. Denn zu einer richtigen Liebe, +mit Aussprache und Umarmung kommt's da doch nich. Dazu ist zuviel +Respekt.</p> + +<p>Und alle andern lieben, wie's unser Herr Jesus Christ von uns verlangt +hat? sieh, das würd' ich nun für mein Leben gern tun, aber sie meinen ja +jetzt, wie ich man neulich von oll Kusemann gehört hab', dann wär man +ein verfluchter Sozialdemokrat, und man vernachlässigte auch sein Eigens +zu sehr dabei, wenn man allen anderen in die Töpfe kucken wollt'. — Ne!</p> + +<p>Was bleibt also übrig?</p> + +<p>Na, Hanning, du schämst dich ja bloß, nu sag's doch, es bleibt eben das +übrig, wovon Line das Allerschönste is — die Frauensleut.«</p><p><span class="pagenum"><a name="Page_197" id="Page_197">197</a></span></p> + +<p>Hier seufzte er tief auf.</p> + +<p>»Ja, ja, die müssen wohl zuletzt doch das Glück sein, denn man steht ja +allerwegen, wie man zuletzt doch nach ihnen greifen tut. Und aus welchem +andern Grund hätte sonst wohl Müller Pökel in Moorluke bereits die +fünfte, als deshalb, weil man ohne so was nun mal nich leben kann. Nu is +aber die Frage: besteht mit die Frauensleute das Glück einfach in dem +Kinderkriegen, wie oll Kusemann meint? Oh, das wär' woll zu wenig. Oder +in dem Immerzusammensein mit ihnen? Ne, dagegen sagt wieder das +Sprichwort: >Allzuviel is ungesund<.</p> + +<p>Das kann es also auch nich sein.</p> + +<p>Ich glaub' man, es geht wohl den meisten damit so, wie es mir geht; es +is die Sehnsucht, ja, die Sehnsucht nach einer; das is wohl das +Schönste, das is wohl das Glück.«</p> + +<p>Hier seufzte er wieder zum Erbarmen tief und schwer in sich hinein. Denn +wohin seine Sehnsucht bereits in der Kindheit gezogen, das wußte er +wohl. Und ebenso fest stand es, daß dieses Gefühl überwunden werden +müßte, wollte er nicht dulden, daß man ihn verspottete oder gar +verlache.</p> + +<p>»Ne, ne,« ermannte er sich bekümmert, »Klara Toll — Klara Toll, ich +sag's noch mal, damit ich mich den Namen recht fest ins Herz schreib', +Klara Toll, die is für mich, und ich bin für sie! Die is still und +ruhig, und mit der wird meine Sehnsucht woll allmählich auch still und +ruhig werden. Ja — ja, und in der Meinung hab' ich schon ordentliche +Sehnsucht nach Klara Toll.«</p> + +<p>Und er murmelte noch mehrmals wie einer, der etwas auswendig lernt: +»Klara Toll — Klara Toll.«</p> + +<p>Und damit glaubte er am Ende seiner Einsicht zu stehen.</p><hr class="chap" /><p><span class="pagenum"><a name="Page_198" id="Page_198">198</a></span></p> + + + + +<h3>XII</h3> + + +<p>Es dämmerte sacht, als ein Unteroffizier in Hanns Zelle trat, um ihm +mitzuteilen, daß sein Arrest abgelaufen sei. Hann wurde über den Hof +geführt, der Posten am Tor wechselte mit seinem Begleiter ein paar +heimliche Worte, dann ächzte das schwere Holz, und der Befreite befand +sich auf der dunklen Straße. Ein tiefer Atemzug, dann faßte er sich an +den Kopf. »Ja, ja, er hatte doch manches da drinnen erlebt. Was war noch +das Letzte gewesen? — Ach richtig, die Frauensleut', und besonders Klara +Toll; ja, ja die besonders.«</p> + +<p>Da legte sich eine Hand auf seine Schulter.</p> + +<p>Als er sich überrascht umwandte, stand sein Bruder Paul vor ihm; und +hinter jenem — ja, wer war denn das schlanke Mädchen mit dem Tuch über +den Haaren und dem Körbchen am Arm? Das war doch nicht etwa? — Hann +wollte das Herz klopfen, doch als die Gestalt näher trat, erkannte er, +daß es die Schulmeisterstochter wäre.</p> + +<p>Er senkte das Haupt.</p> + +<p>Das waren also die beiden einzigen, die an seinem Schicksal Anteil +genommen.</p> + +<p>Der Kandidat sah ernst aus. Nichtsdestoweniger klopfte er Hann leicht +auf den Rücken, während er davon anfing, daß der Gefangene es hinter den +Mauern wohl nicht besonders gut gehabt hätte.</p> + +<p>Es sollte ein Scherz sein, der dem Fischer über die Befangenheit +forthelfen sollte, die der Theologe bei ihm voraussetzte; da Hann jedoch +gutmütig lachend beistimmte, zog der Kandidat verletzt seine Hand +zurück. So scherzhaft faßte er den Zwischenfall nicht auf:<span class="pagenum"><a name="Page_199" id="Page_199">199</a></span> »Es ist für +uns nicht besonders ehrenvoll,« sagte er, »daß die Sache mit dir so +abgelaufen ist, aber, hm —« er sah seines Bruders unschuldiges, +bekümmertes Antlitz und lenkte sofort wieder ein, »aber es ist eben +jedem nicht so gegeben. Na, nun gib mir die Hand. Ich wollte mich nur +davon überzeugen, daß du dir's nicht zu Herzen nimmst. Und nun adieu, +Hann.«</p> + +<p>Damit nickte er ihm mit seinem hageren Gesicht aufmunternd zu und +verschwand um die nächste Ecke.</p> + +<p>Hann befand sich mit dem Mädchen an der Kasernenmauer allein.</p> + +<p>Drinnen übte auf seiner Kammer ein Hornist Signale: »Zum Ausschwärmen.«</p> + +<p>Tarattata — tarattata.</p> + +<p>Leise verschwommen klang es heraus, auf sie herab fielen wenige, müde +Schneeflocken, die Luft war milder geworden, und es dunkelte stark.</p> + +<p>Hann kratzte sich hinter dem Ohr: »Ja, ja, Klara,« begann er endlich, +»daran hab' ich noch gar nicht gedacht, es is nich ehrenvoll für mich.«</p> + +<p>Leichtfüßig trat sie ihm näher, ihre dunklen Augen standen voll Tränen. +»Oh, Hann, laß das doch, bei uns draußen fragt da kein Mensch nach.«</p> + +<p>»Das is wohl wahr. Das tun hier bloß die Gebildeten, Bruno und — Line.«</p> + +<p>»Na, laß sie.«</p> + +<p>»Ja.«</p> + +<p>Und nach einigem Nachsinnen fügte er hinzu: »Wollen wir fortgehen, +Klara.«</p> + +<p>Langsam ausschreitend ließen sie das Gemäuer hinter sich. Es sank in die +Dunkelheit zurück, und damit wich auch etwas von der Bedrückung, die den +Burschen gefangen hielt.</p> + +<p>Die Schulmeisterstochter stieß ihn sanft mit dem Körbchen in die Seite. +Sie hatte ihm mit Wurst belegte Semmeln mitgebracht, und ein kleines +Fläschchen Kognak.</p><p><span class="pagenum"><a name="Page_200" id="Page_200">200</a></span></p> + +<p>»Weil ich meinte, du müßtest sehr hungrig sein, Hann.«</p> + +<p>»Oh, Klara, du bist doch gut.«</p> + +<p>»Na, da nimm.«</p> + +<p>Die Semmeln mundeten ausgezeichnet, und der Kognak machte ihn warm und +mutig.</p> + +<p>Langsam streichelte er während des Hinschreitens an ihrem Arm herunter: +»Klara, du bist doch sehr gut,« wiederholte er.</p> + +<p>Sie nickte ihm zu und sah zu Boden.</p> + +<p>»Also, du machst dir nichts draus, daß sie mich eingespunnt haben?« fing +er wieder an.</p> + +<p>»Nicht das mindeste,« erwiderte sie, »besonders, seit ich von oll +Kusemann weiß, daß du nun frei bist.«</p> + +<p>»Ja, das bin ich,« bestätigte Hann und warf sich in die Brust. »Ein Fuß +von mir is kürzer.«</p> + +<p>»Und daß sie dich nicht nach Afrika schicken.«</p> + +<p>»Bewahre, ich bleib' nun hier.«</p> + +<p>»Ja, jetzt bleibst du,« sagte sie zufrieden.</p> + +<p>Sie versuchten, sich anzublicken, doch sie konnten in der Dunkelheit nur +wenig voneinander entdecken.</p> + +<p>»Klara Toll!« murmelte er plötzlich.</p> + +<p>Es war, wie wenn er sich an etwas erinnere.</p> + +<p>»Was sagst du da?« forschte sie.</p> + +<p>»O nichts — ich will hier bloß, eh' wir mit der Hafenbahn nach Haus +fahren, was in Ordnung bringen. Gib mir deine Hand, Klara.«</p> + +<p>»Hier, Hann.«</p> + +<p>Sie standen vor dem kleinen, schmalen, trüb erleuchteten Schaufenster +eines Goldarbeiters der Hafenstadt.</p> + +<p>Der Philosoph besah sich die Hand angelegentlich und nickte dann +mehrfach bekräftigend: »'s is recht — aber nun — —«</p> + +<p>Er wühlte in seiner Tasche herum, schien nichts zu finden und wurde +unsicher.</p> + +<p>»Zu dumm, aber darauf war ich nich vorbereitet; aber sag mal, Klara, +könntest du mir vielleicht ein paar Taler leihen?«</p><p><span class="pagenum"><a name="Page_201" id="Page_201">201</a></span></p> + +<p>»I, gern,« bejahte sie mit Hast, »hier ist ein Goldstück, das ich immer +bei mir trag. Ist's auch genug?«</p> + +<p>»Je, ich hab' keine Erfahrung in solche Sachen, aber der Mann wird ja +nich unbescheiden sein. Und nun wart' hier eins einen Augenblick.«</p> + +<p>Damit trat er unsicher in den Laden, und als er nach einiger Zeit wieder +zurückkehrte, glühte Aufregung in seinem Gesicht, und Klara bemerkte, +wie er eine kleine Schachtel zwischen den Fingern drehte.</p> + +<p>»Du erhältst noch zwei Mark zurück,« stotterte er atemlos, »hier — und +nun komm.«</p> + +<p>»Ja, aber Hann, was — — —?«</p> + +<p>»Ne, ne, nich hier; wenn wir allein sind.«</p> + +<p>In Eile zog er sie fort; auch ihr begann das Herz zu hämmern, sie wußte +nicht warum, bis sie an der offnen, vereisten Bahn des kleinen Flusses +angelangt waren.</p> + +<p>Ein kalter Wind wehte ihnen hier entgegen, aber Hann achtete nicht +darauf, sondern drängte seine Gefährtin über die Geleise der Hafenbahn +fort, hin nach der einzigen Pfahllaterne, die von einem hohen +Rinnsteinbord aus eine kümmerliche, zuckende Helle verbreitete.</p> + +<p>Hier mußte man warten.</p> + +<p>»Die Hafenbahn ist noch nicht da,« sagte Klara Toll, der allmählich +ängstlich zumute wurde.</p> + +<p>»Ja, aber man hört sie schon läuten,« gab Hann verwirrt wieder, » — +hörst sie?«</p> + +<p>»Ja.«</p> + +<p>»Nun is sie keine fünf Minuten mehr weit,« fuhr er fort.</p> + +<p>Sie nickte.</p> + +<p>Hann hielt sich an dem Laternenpfahl fest, seine Zähne klapperten +gegeneinander, es war ihm, als ob er auf einem schaukelnden Boot stände. +Mit einem Mal griff er nach Klaras Hand.</p> + +<p>»Herr Gott,« schreckte sie auf, »was is?«</p><p><span class="pagenum"><a name="Page_202" id="Page_202">202</a></span></p> + +<p>»Nichts — nichts — ich wollt' bloß sagen, jetzt sieht man schon die +Lichter,« stammelte Hann.</p> + +<p>»Ja, das sind sie.«</p> + +<p>»Klara?«</p> + +<p>»Ja?«</p> + +<p>»Wer weiß, wie viel Menschen in dem Waggon sitzen? Und nachher — willst +— willst dir nich mal ansehen, was hier in der Schachtel liegt?«</p> + +<p>Er streckte ihr mit schwankender Hand die Hülle hin, und sie warf einen +halben Blick darauf. In dem zuckenden Licht sprühte ihr ein rotgoldener +Funke entgegen.</p> + +<p>»Herr des Himmels!« rief sie und schlug die Hände zusammen.</p> + +<p>Er klammerte sich fester an die Laterne und murmelte: »Ich würd' sehr +froh sein, wenn du ihn von mir annähmst — und — und es is auch gleich +Zeit zum Einsteigen.«</p> + +<p>Jetzt griff auch das Mädchen nach dem Pfahl, und da standen sie nun, wie +Kinder, die Ringelreihen spielen wollen.</p> + +<p>»Hann,« flüsterte sie mit ihrer wohllautenden Stimme, »sag' die +Wahrheit, hast du mich lieb?«</p> + +<p>Der Bursche stockte, er setzte zweimal an, bevor er das Wort fand: »Ich +bin dir sehr gut, sehr gut, Klara, weil, ja weil du selbst so gut und +ruhig bist — Und du?«</p> + +<p>»Ich?« —</p> + +<p>Nun errötete sie und zupfte an ihrem Korb. »Ich hab' dich auch sehr +lieb, weil du's so treu und ehrlich meinst, Hann.«</p> + +<p>»Oh, — Klara, das is schön von dir — das — das hätt' ich wirklich +nich geglaubt, weil ich doch noch gar nichts bin, aber von jetzt an will +ich mir Mühe geben, so, und nun nimm auch den Ring — nein, nich umarmen, +das is unpäßlich auf der Straße; und hier kommt auch schon der Zug.«</p> + +<p>Und als er sie unbeholfen mit einem ritterlichen Versuch in den Waggon +gehoben, und als das Abteil ganz leer war, und der Zug polternd durch +die Dunkelheit weiterrollte, da beugte er sich zu<span class="pagenum"><a name="Page_203" id="Page_203">203</a></span> ihr und sagte +feierlich und ernst: »Nu küss' ich dich als dein Bräut'jam, Klara.«</p> + +<p>Leise zitternd hob sie ihre Lippen zu ihm empor.</p> + +<p>Beide schwiegen.</p> + +<p>Und erst nach geraumer Zeit ermannte sich Hann zu dem Satz: »Und im +ganzen bin ich dir nun achtzehn Mark schuldig.«</p> + +<p>Da suchte sie verstohlen nach seiner Hand, aber er sah nicht ihre roten, +bebenden Lippen, noch das liebliche, erhobene Gesicht, nein, aus seinem +philosophischen Gemüt sprach es nachdenklich heraus: »Es is mir doch +heil komisch, daß du jetzt meine Braut bist, Klara.«</p> + +<p>»O Hann.«</p> + +<p>Er fuhr auf.</p> + +<p>»Ja — ja — willst du was von mir? Ich meinte nur so. Und da hält auch +unser Zug. Komm, Klara, der Schnee ist hier zu tief, ich heb' dich +runter.«</p><hr class="chap" /><p><span class="pagenum"><a name="Page_204" id="Page_204">204</a></span></p> + + + + +<h3>XIII</h3> + + +<p>Rastlos knarrten die Räder.</p> + +<p>Oll Chronos hatte Schnee und Winter in seinem Wagen von dannen gefahren; +und eines schönen Tages kam er wieder und hatte Maien an seinen Karren +gebunden.</p> + +<p>»Nu is Frühling,« murmelte der alte Mistkutscher dabei in sich hinein; +»kuck, was sich die Menschheit freut, grad, als wenn ich das erste Mal +solch grünen Plunder zur Stadt brächt'; dummes Volk, die Hauptsache +bleiben die Jahren.«</p> + +<p>Der Konsul Hollander merkte das Grünen und Blühen daran, daß sein neuer +Prokurist Bruno in einem hellgrauen, eleganten Frühjahrsanzug in dem +Bureau erschien.</p> + +<p>»Menschenskind,« rief Hollander süß-sauer, »was haben Sie da wieder für +ein schönes Gebäude. Ist das nach Ihrer eigenen Zeichnung entworfen? — +Die Adresse von dem Schneider müssen Sie mir geben.«</p> + +<p>Auch bei Fräulein Dewitz meldete sich die milde Jahreszeit freundlich +an.</p> + +<p>Der Bursche des Weinhändlers Kroll stellte sich nämlich in der Küche der +Lehrerin ein und übergab dem erstaunten Fräulein zehn Flaschen Maibowle, +die Bruno aus spezieller Verehrung für die alte Dame gesandt hatte.</p> + +<p>Auf einer beigefügten Karte stand außerdem zu lesen: »Daß der Spender, +wenn er nicht fürchten müsse, das hochverehrte Fräulein zu stören, sich +gern erlauben würde, den Abend des ersten Mai in ihrer gemütlichen guten +Stube zu verleben, als letzten Ausklang der von dem Fräulein während des +Winters so umsichtig geleiteten Leseabende.«</p><p><span class="pagenum"><a name="Page_205" id="Page_205">205</a></span></p> + +<p>»Sieh — sieh,« räusperte sich die Handarbeitslehrerin nach der Lektüre +dankbar und wohlwollend und warf noch einen raschen Blick auf die in +Reih' und Glied aufgestellten Flaschen, ob es auch wirklich zehn wären, +»sieh — sieh — ja, es stimmt — nein, dieser Herr Bruno ist wirklich +— Gott, wie sag' ich — wie solch ein Kavalier aus dem <span lang="fr" xml:lang="fr">ancien régime</span>. +Und, ja, ich kann mich gar nicht genug darüber verwundern, Lining, wie +du darauf verfällst, gerade ihn so schlecht zu behandeln. Mir kam es +manchmal vor, als legtest du es absichtlich darauf an, ihn zu kränken. +Und dabei war er es doch, der dich darauf brachte, wie schön du zu lesen +verstündest, und der, anstatt wie andere junge Leute sich leichteren +Vergnügungen hinzugeben, diese anregenden und bildenden Leseabende mit +uns abhielt. Ich wenigstens, ja ich muß mich noch immer an euch beide +als Luise und Ferdinand erinnern, wie du vorlasest: >Der Himmel und +Ferdinand reißen an meiner Seele< — sieh, da hast du mich wirklich +direkt gerührt.«</p> + +<p>Line hörte der guten Dame regungslos zu und nickte, aber um ihre Lippen +spielte ein vieldeutiges Lächeln. — —</p> + +<p>Oh, sie war klug, sie dachte selbst oft, eigentlich wäre sie wohl solch +schwarze, kleine Hexe, die es den Männern mit einem gemurmelten Spruch +antun könnte. Und wie ihr das wohltat, wie es ihr alle Glieder mit +Wohlbehagen durchlief. Oh, sie wußte ja besser, was den hübschen Bruno +so oft, so beharrlich die engen Treppen zu Fräulein Dewitz hinauftrieb. +— Der Kuß — dieser eine brennende Kuß — und sie lächelte hinterlistig +— den sie geleugnet hätte, würde man sie daran erinnert haben, denn er +war ihr ja im Schlafe gestohlen, er, ja er allein war das flammende +Zaubersiegel, das dem flatterhaften Menschen aufgedrückt war, und das +sich nun weiterfressen mußte bis ins Hirn, bis ins Herz, bis alle seine +Gedanken nichts mehr kannten als ihren Namen. Line, Line — und niemals +Dina. Ah, das war ihre Todfeindin. — Nur sachte, sachte, sie wußte +schon, wie Netze gelegt werden müßten, nicht umsonst war sie eine +Fischertochter — und die andre, was war<span class="pagenum"><a name="Page_206" id="Page_206">206</a></span> sie weiter als eine kalte, +dummstolze Geldprinzessin —? Nein, die konnte keinen Mann behexen, ihn +nicht zu allerlei Tollheiten verführen und ihn quälen und wieder +glücklich machen und wieder quälen, ganz wie es geschehen mußte, bis man +seiner völlig sicher war. Und hatte sie ihn nicht bereits halb und halb +im Besitz?</p> + +<p>Oh, wenn Dina, ja, wenn selbst Fräulein Dewitz geahnt hätte, zu welchen +Tollheiten sie Bruno schon gebracht. Aber leise — leise — still, daß +ja keiner hört! Da lagen in den Kästen ihrer Kommode, tief unten +versteckt, allerlei Ringe und Armbänder und Halsketten von roten +Granaten, die sie sogar schon einmal des Nachts vor dem Spiegel auf +ihrer weißen Haut schimmern gesehen, und Gürtel mit bunten Steinen, und +das allerschönste war ein winziges Glasdöschen voll mit Goldstücken, es +konnten gewiß fünfzehn sein, die sie manchmal, wenn sie allein war, +verstohlen durch die Hand laufen ließ.</p> + +<p>Das alles hatte er heimlich, Stück für Stück gebracht, grade wenn sie +recht unartig gegen ihn gewesen, recht schnippisch, recht verständnislos +gegen das, was ihn nicht mehr zur Ruhe kommen ließ, und dem sie auswich, +glatt wie eine huschende Schlange.</p> + +<p>Ja, ihr Hexenmittel würde schon wirken — bald — bald. — —</p> + +<p class="center">— — — — — — — — — — — — — — — — </p> + +<p>Auch in Moorluke wollte man trotz Frühlingsanfang in Liebesdingen +sichergehen. Ein paar Monate nach Hanns Gestellung — man fuhr bereits +wieder fleißig zum Fischfang — hatte Siebenbrod eines Sonntags +vormittags, während er sich ein Paar neue Wasserstiefel aufmerksam +eintrante, in der Küche folgendes Gespräch mit seiner Frau, die ihr +Gesangbuch auf dem Schoß liegen hatte, weil sie ihrer geschwollenen Füße +wegen die Kirche nicht mehr besuchen konnte: »Mudding, weißt was? — Mit +Hann stimmt was nich.«</p> + +<p>Die kleine Frau ließ ihr Buch sinken.</p> + +<p>»Wieso, Siebenbrod?«</p><p><span class="pagenum"><a name="Page_207" id="Page_207">207</a></span></p> + +<p>»Es is was mit Liebe,« fuhr Siebenbrod fort, wobei er eine große Portion +Tran auf das Leder goß — »er singt.«</p> + +<p>»Hann? — Was singt er denn?«</p> + +<p>»Trauriges — solche Lieder, wie: Ich weiß nich, was soll es bedeuten! +und andere Dinger. Aber dann is es soweit. Das kenn' ich.«</p> + +<p>»Lieber Gott, aber wen glaubst du wohl?«</p> + +<p>»Je, 's muß eine von den Schulmeisterdirns sein. Welche, weiß ich nich. +Is mir auch egal. Aber ich merke es daran, daß Lehrer Toll seit einiger +Zeit mich beim Bier immer was spendiert, und daß er dich 'ne Kruke Honig +geschickt hat; ganz umsonst — und daß ich der einzigste bin, den er +noch nich wegen seiner neuen Hagelversicherung rankriegen wollte. — Na, +Mudding, in die Sache hab' ich aber auch noch ein Wörtchen mitzureden.«</p> + +<p>»Du?«</p> + +<p>Mudding erschrak und blickte mit ihrem bewegungslosen Antlitz den +Fischer starr an, der ungestört und ruhig an seinem Stiefel +weiterbürstete.</p> + +<p>»Jawoll, Mudding,« brummte er endlich, wobei er behaglich an dem Leder +roch; »kuck mich nich so verwundert an. Jetzt haben wir doch ein bißchen +was, und da denkt sich Lehrer Toll, der so'n alter Siebenkluger is, da +werd' ich eine von meine Dirns fein los! — Aber Essig! — Wenn er Hann +nich ein paar Hundert Taler mitgibt, daß ich davon ein Motorboot bauen +kann, dann tret' ich Hann keinen von meine Zesner ab, und von die Liebe +allein kann er nich leben. Was, Mudding? Von die Liebe allein haben wir +auch nich gelebt. Nich so?«</p> + +<p>Von diesen äußeren Anfechtungen ahnte das Moorluker Pärchen freilich +kaum etwas, und dennoch vollzog sich die innerliche Annäherung der +beiden auch ohne dies nur außerordentlich tastend und zagend. Denn Hann +war ein gar zu schwerfälliger Liebhaber. Mochte er der ruhigen Schönheit +des Mädchens und ihrem sichtbaren Verlangen gegenüber, sich ihm zärtlich +anzuschließen, noch eine zu große Schüchternheit empfinden, oder +drückte<span class="pagenum"><a name="Page_208" id="Page_208">208</a></span> ihn sonst etwas Unausgesprochenes, er sah sie manchmal, wenn +sie des Abends in der Dämmerung am Bollwerk zusammenstanden, mit solch +erstauntem, suchenden Ausdruck an, als wundere er sich immer von neuem +darüber, daß das Schicksal sie beide zusammengeführt. Selten wagte er, +ihre Hand zu streicheln, von einer Liebkosung hatte er, seit jenem +Verlobungsabend, überhaupt abgesehen, und doch umgab beide, wenn sie so +nebeneinander auf dem Bollwerk hockten oder in der Dunkelheit an den +nebeldünstenden Seewiesen wandelten, eine so stille, friedliche Ruhe, +daß sich alle Wünsche und Hoffnungen wie in wohltätigen Schlummer +eingesungen fanden.</p> + +<p>Manchmal standen sie in der Dämmerung, denn am Tage wagten sie noch +nicht, sich miteinander zu zeigen, auf der äußersten Spitze der Mole und +blickten auf die unter den Abendschleiern erzitternde Flut, in die der +Mond Millionen zappelnder Goldfischchen geworfen hatte.</p> + +<p>Dann konnte Klara Toll mit ihren sinnenden Augen hinausstarren, weit, +weit, bis dahin, wo sich Dunkelheit und Meer verschlangen, und halb im +Traum vor sich hinsagen: »Sieh, Hann, da hinter dem Wasser sieht man +nichts mehr. Und doch liegt da noch Land. So ist's wohl auch mit unserm +Leben.«</p> + +<p>Das war nun so dunkel, daß es dem Philosophen mächtig behagen mußte.</p> + +<p>Leise drückte er ihre Hand, und während der Westwind anhob zu summen, +lehnte Klara ihr Haupt ein wenig an seine Schulter.</p> + +<p>Es geschah das erste Mal und Hann stand regungslos.</p> + +<p>Aber dunkler nur und schützender sank die Nacht, Hanns alter Freund, der +Mond, lachte dazu gerade auf beide herunter.</p> + +<p>Da holte der Fischer tief Atem und versuchte, mit seinen plumpen Fingern +ganz zaghaft über die Haare des Mädchens zu streicheln.</p> + +<p>In dem unsicheren Mondlichte blickte sie zu ihm auf, ihr Mund verzog +sich zu einem stillen Lächeln.</p> + +<div class="figcenter" style="width: 400px;"> +<img src="images/oppos_208.jpg" width="400" height="617" alt="Illustration" /> +</div> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_209" id="Page_209">209</a></span></p> + +<p>»Klara,« begann Hann während des Streichelns und wälzte sich etwas von +der Seele, was ihn schon lange mit Scham erfüllt hatte, »nun sag' ich +endlich unsern Eltern, was mit uns is, denn dies Verschweigen is für +dich nich gut.«</p> + +<p>Das Wort schien ihr wohlzutun, und doch schüttelte sie langsam das +Haupt.</p> + +<p>»Nein, tu's nicht,« entschied sie endlich und streichelte ihm sacht die +Wange. »Noch nicht.«</p> + +<p>»Aber warum nich?«</p> + +<p>Wieder zögerte sie und strich ein paarmal über seine Hand.</p> + +<p>»Weil — weil es noch nicht gut ist — nur noch eine kurze Zeit. Hörst +du?«</p> + +<p>Diese Weigerung, die Klara schon öfter vorgebracht, vermochte er nicht +zu begreifen: »Ja, aber,« stammelte er, »willst du mir denn nie +erklären, warum — —?«</p> + +<p>Er unterbrach sich, denn das Mädchen hatte wiederum ihren Kopf an seine +Schulter gelehnt und hielt ihm die Hand vor den Mund, damit er nicht +weiterforschen sollte.</p> + +<p>»Ich erklär's dir schon mal,« beschwichtigte sie ihn, »vielleicht bald +— — vielleicht sehr bald.«</p> + +<p>Das war ihm nun unfaßlich und nicht im entferntesten ahnte er, welch +feiner Regung der Entschluß seiner Verlobten entsprang. Sie war +überhaupt ein nachdenkliches Wesen.</p> + +<p>Davon erhielt er manchmal sonderliche Proben.</p> + +<p>Inzwischen war Pfingsten herangekommen. Die Seewiesen funkelten von +Tautropfen und gelben Marienblumen. Der Landwind führte Heideduft über +das atmende Meer. Als Hann am ersten Feiertagsmorgen durch das wogende, +tiefe Gras schritt, da entdeckte er an einer zum Bodden abfallenden +Stelle zwischen Strandsteinen und Heideblumen einen braunen Kopf +hervorlugen.</p> + +<p>Den kannte er. Er hielt inne.</p> + +<p>Sie saß ihm abgekehrt, plätscherte mit nackten Füßen in dem anspielenden +Wasser, und während ihre Hände ruhig auf dem<span class="pagenum"><a name="Page_210" id="Page_210">210</a></span> Schoß ruhten, summte sie, +halb gedankenlos, ein paar Liedstrophen:</p> + +<div class="poem"><div class="stanza"> +<span class="i0">»In einem kühlen Grunde,<br /></span> +<span class="i0">Da geht ein Mühlenrad;<br /></span> +<span class="i0">Mein Liebchen ist verschwunden,<br /></span> +<span class="i0">Das dort gewohnet hat.«<br /></span> +</div></div> + +<p>Die Binsen hinter ihr neigten sich und sangen in ihrer Weise mit.</p> + +<p>»Merkwürdig,« dachte Hann. Dicht bei dieser Stelle hatte er auch oftmals +mit Line gesessen; aber ein herabrollender Kiesel verriet ihn.</p> + +<p>Die Sängerin erhob sich und schritt langsam auf ihn zu. Sie schien gar +nicht daran zu denken, daß sie auf nackten Füßen ginge.</p> + +<p>Beide streckten sich still die Hände entgegen.</p> + +<p>Als sie sich so grüßten, erhob sich vom Kirchturm ein Klingen. Die +Pfingstglocken begannen zu läuten. Und so feierlich zog es durch die +sonnige Morgenluft und über die stille See, daß jedes Wort eine Störung +gewesen wäre.</p> + +<p>Das fühlten auch die beiden Naturkinder. Wortlos hielten sie sich an den +Händen. Eine lange Zeit. Als aber die Glockentöne immer heller und +klingender wurden, da geschah etwas Wunderbares.</p> + +<p>Mit einer schweren Bewegung schlang Klara ihre Arme um den Hals des +Burschen, er sah ihre roten Lippen immer näher den seinen, und dann +fühlte er einen langen, langen Kuß.</p> + +<p>Seltsam träumerisch war ihm zumute, so ganz anders als sonst. Das Glück, +dem er so lange nachgesonnen, schien über ihm zu sein.</p> + +<p>So merkte er erst geraume Zeit später, wie ernst das Mädchen ihn dabei +anblickte. So tief, so — —</p> + +<p>»Klara,« sagte er rasch, »du siehst mich so an?«</p> + +<p>»Ja, Hann, ich möchte einmal was wissen.«</p> + +<p>Er nickte.</p> + +<p>»Hast du mit einem andern Mädchen auch schon so schön getan?«</p><p><span class="pagenum"><a name="Page_211" id="Page_211">211</a></span></p> + +<p>Der Gefragte duckte sich und mußte auf die Stelle sehen, wo er schon +einmal mit Line gelegen.</p> + +<p>Er beugte nur kurz das Haupt.</p> + +<p>»Line?«</p> + +<p>Wieder nickte er plump.</p> + +<p>Sie sah ihn noch immer an, dann hob sie sich auf den Zehen und bot ihm +von neuem den Mund.</p> + +<p>Das war alles so weich und sanft.</p> + +<p>»Klara,« stammelte er wie beschämt.</p> + +<p>»Nun muß ich in die Kirche,« verabschiedete sie sich, und sie nickte +noch immer, während sie langsam von dannen schritt.</p> + +<p>Er sah ihr nach.</p> + +<p>Erst als die weißen, glänzenden Füße längst in dem Grase verschwunden +waren, legte er sich an ihren verlassenen Platz, stützte nachdenklich +den Kopf und horchte auf das Surren und Säuseln des Windes. Die +Seeschwalben, die an ihm vorbeistrichen, zirpten laut; und er mußte +unwillkürlich das Lied seiner Braut wieder aufnehmen: Wie war's doch?</p> + +<div class="poem"><div class="stanza"> +<span class="i0">»Hör' ich das Mühlrad gehen,<br /></span> +<span class="i0">Ich weiß nicht, was ich will —<br /></span> +<span class="i0">Ich möcht' am liebsten sterben,<br /></span> +<span class="i0">Da wär's auf einmal still.«<br /></span> +</div></div> + +<p>»Hör' ich das Mühlrad gehen — — —«</p> + +<p>Sonderbar. Er ließ den Kopf in beide Hände sinken.</p> + +<p>»Was is woll das Glück?«</p> + +<p>Und über ihm klangen die Pfingstglocken fort.</p><hr class="chap" /><p><span class="pagenum"><a name="Page_212" id="Page_212">212</a></span></p> + + + + +<h3>XIV</h3> + + +<p>Es war dieselbe Gedankenreihe, an der Bruno an diesem Pfingstmorgen +herumrechnete, nur erregter, mit glühenden Wangen und kühneren Plänen, +während er in einem der heute leeren Bureaus des Konsuls saß, um die +eingegangenen Briefe zu revidieren.</p> + +<p>Solch ein weites, verlassenes Zimmer hat für den Einsamen stets etwas +Fremdes, Ablenkendes, und bei dem jungen Prokuristen bedurfte es nicht +einmal solch starken Anlasses, um seine Phantasie zu verlocken.</p> + +<p>Da hatte er eben den Bericht eines amerikanischen Agenten des Hauses +gelesen, eines Mannes, der nicht viel älter war, als er selber, der +ebenfalls aus Hollanders Geschäft hervorgegangen, später in Neuyork +reich geheiratet und jetzt auf seine Weise dort drüben selbständig +arbeitete. Aber welch enorme Summen dieser Amerikaner nun für sich +selbst berechnen konnte. Dem Prokuristen wirbelten die Zahlen wirr durch +den Kopf, mit glänzenden Augen starrte er ins Weite, um plötzlich laut +aufzuseufzen.</p> + +<p>Er erschrak, als er das Echo in dem verlassenen Raume hörte, aber seine +Gedanken drangen vorwärts.</p> + +<p>Und er?</p> + +<p>Der Konsul hatte ihm, trotz seiner Rangerhöhung nicht viel zugelegt, und +mit der Summe, über die er verfügte — nein, nein, er mußte sich die +Wahrheit, vor der er immer floh, in dieser einsamen Stunde eingestehen, +— er kam nicht aus, seine Ausgaben überschritten bereits seine +Einkünfte. Das Bild des Lebens, das ihm vorschwebte, stimmte sicher +nicht mit der Wirklichkeit überein. Wenn der Konsul das geahnt hätte!</p> + +<p>Oder wenn er den Grund je erfahren würde, diesen wahnsinnigen,<span class="pagenum"><a name="Page_213" id="Page_213">213</a></span> tollen +Grund, der seinen Vertrauensmann zu knabenhaften Streichen hinriß. Aber +waren es denn nur Streiche, solche, die man verübt und wieder vergißt?</p> + +<p>Bruno sprang auf, stellte sich ans Fenster, sah auf die Vorübergehenden +und versuchte, eine Coupletmelodie vor sich hinzuträllern, allein das +Bild, das ihm vor die Seele getreten war, dieses schwarzbraune +Hexenbild, das ihn mit dunklen, spöttischen Augen und kirschroten Lippen +maß, es ließ sich nicht so leicht wieder verscheuchen.</p> + +<p>Sein Herz begann heftig zu hämmern, gerade so wild, wie stets, wenn er +ihr gegenübertrat. Gerechter Gott, was wollte er denn von ihr? Er zuckte +zusammen, wenn er daran dachte, es war ja wie Wahnsinn über ihn +gekommen, ein einziger, schlimmer Wunsch beherrschte ihn, trieb ihn vor +sich her und machte ihn elend.</p> + +<p>»Solche Schlechtigkeit — solche Schlechtigkeit,« murmelte er vor sich +hin und griff sich an die Schläfen. Oh, es war ja so namenloses Glück, +daß ihm dieses Ding wie eine Schlange unter den Händen entwischte, daß +sie klug war, und daß er niemals sein böses Ziel erreichen würde. Denn +schlimm war es, er war ja trotz allem so fest, so felsenfest +entschlossen, seine Zukunft nicht zu verspielen, vielmehr groß zu werden +und immer größer, ein Industrieller, wie ihn diese nordische Provinz nur +einmal in den glorreichen Gründerjahren gesehen. Und wenn erst einmal +der goldne Boden da war, wer weiß, was ihm dann für blütenschwere +Zauberbäume entsprießen könnten, vielleicht auch das Weib, jene +schlanke, lockende Katze, deren Schnurren ihm die Gedanken erhitzte, +deren bloßer Name ihn wie ein aufreizender Schlag durchfuhr, und für +deren schwarze begehrliche Augen er all die heimlichen Aufwendungen +gemacht, die seine Existenz jetzt schon ins Schwanken brachten.</p> + +<p>Nein, nein, er mußte sich diese aufreibende Leidenschaft aus dem Kopf +schlagen, die zu nichts führte, die nur namenloses Unglück +heraufbeschwören konnte, und mit der plötzlichen Energie phantastischer<span class="pagenum"><a name="Page_214" id="Page_214">214</a></span> +Naturen setzte er sich rasch in dem Armstuhl vor seinen Schreibtisch +zurecht und war fest entschlossen, die engen Treppen und die lackierte +gute Stube von Fräulein Dewitz vor Monaten nicht wiederzusehen.</p> + +<p>Wie kam er wohl am schnellsten aus den Verpflichtungen heraus, die er +bereits bei einigen Juwelieren der Stadt eingegangen war, um Lines +Freude an goldglänzendem Tand zu frönen?</p> + +<p>Welch kindlich-gieriges Lächeln dabei über ihr Gesicht ging, wenn sie +dergleichen erhielt!</p> + +<p>Da schmeichelten seine Gedanken schon wieder um sie herum.</p> + +<p>In heller Verzweiflung entfaltete er ein großes Handelsblatt und begann +mit Hast die Kurse zu überfliegen. Spekulationen?</p> + +<p>Er stutzte.</p> + +<p>Wie mancher war nicht in wenigen Tagen an der Hamburger Börse ein +steinreicher Mann geworden, manchmal skrupellose Burschen, die am Tage +vorher noch keinen Heller besessen.</p> + +<p>Wieder schlug ihm das Herz. Seine Einbildungskraft war gefangen. Aber +leider — leider, der Weg war für ihn nicht gangbar. Erstens seine +eigene Mittellosigkeit und dann das ehrbare Haus Hollander. Freilich, +nur die Kühnen gewannen, und hatten nicht seine scharfsinnigen Schlüsse +bereits die Hamburger Freunde, die seine Einfälle befolgt hatten, in +Erstaunen gesetzt?</p> + +<p>Aber nein, nein, die spießbürgerliche Ehrbarkeit des Hauses drückte auf +ihn; von diesem Gedanken mußte er Abschied nehmen.</p> + +<p>Während er sich hoffnungslos an den Zahlenreihen festsaugte, hörte er +unten einen Wagen vorfahren. Drin saß Dina, die seit einigen Tagen um +diese Zeit ihre Spazierfahrt unternahm.</p> + +<p>Sie warf keinen Blick nach seinem Fenster.</p> + +<p>Ja, ja, es war töricht, daß er diesen ganzen Winter über die stolze +Erbin so vernachlässigt hatte, rein behext von seinem ungestillten +Verlangen. — Aber das ließ sich nachholen. Wie gern hatte sich Dina mit +ihm nicht über literarische Neuerscheinungen unterhalten? Ja, ja, er +wollte sich Bücher besorgen, er wollte — <span class="pagenum"><a name="Page_215" id="Page_215">215</a></span>—</p> + +<p>Nebenan in dem Privatkontor des Konsuls tönten Schritte, der Einsame +unterschied die Stimmen seines Chefs und diejenige von dessen +Jugendfreund, des Steuerrats Knabe.</p> + +<p>Das war doch seltsam. Heute, am Feiertage? Und welch fröhliche +Unterhaltung die beiden dort drinnen zu führen schienen? Bruno hörte +deutlich das grobkörnige Lachen Hollanders und das feine Kichern des +alten Junggesellen. Dann wurde geklingelt, ein Diener erschien, ging, +kam wieder, und der näherrückende Prokurist hörte jetzt, wie die Freunde +drinnen wisperten, dann — ein Knall, wie er nur von einer entkorkten +Champagnerflasche herrühren konnte; und nun entdeckte der Horcher, daß +hinter dem Milchglase der Nebentür der dicke Kopf des Werftbesitzers +sich abdunkelte, als wollte Hollander nach seinem Untergebenen +ausspähen.</p> + +<p>Was sollte das?</p> + +<p>Eine heftig bohrende Unruhe befiel Bruno, er schalt sich töricht, aber +ihm war es, als ob das Lachen dort drinnen und das Gläserklingen und das +Wispern ganz allein ihm gelte, als ob es ihm direkt zum Hohn +veranstaltet wäre.</p> + +<p>Fahrende Röte stieg ihm ins Gesicht, halb mechanisch beugte er sich über +seinen Schreibtisch und warf allerlei wirre Zahlen auf ein Blatt Papier.</p> + +<p>»Klüthchen,« sagte der Konsul, der plötzlich mit seinem Champagnerkelche +hinter ihm stand, »sind doch ein fleißiger Kerl, alle Achtung, — aber +hier — nun nehmen Sie mal —« und damit reichte er ihm das volle Glas +— »sind doch ein Liebhaber von so was —<span lang="fr" xml:lang="fr">Röderer carte blanche</span> — sagt +Ihnen zu? was? So, nu passen Sie aber auf, ich frage Sie hier +ausdrücklich vor unserm Herrn Steuerrat: Was halten Sie von Harder u. +Co. in Hamburg?«</p> + +<p>Bruno sah zu Boden und suchte seine Gedanken zu sammeln, aber er +vermochte durchaus nicht zu begreifen, worauf der hinterhältige alte +Mann lossteuerte. Er stammelte also nur etwas davon,<span class="pagenum"><a name="Page_216" id="Page_216">216</a></span> daß dieses Haus +gewiß eine der ersten Reederfirmen Deutschlands wäre und im Moment des +Konsuls gefährlichster Konkurrent.</p> + +<p>»Siehst du, Julius,« wandte sich Hollander sehr befriedigt zu seinem +Jugendfreund zurück, während er seinem Prokuristen wohlwollend auf die +Achsel klopfte, »Klüth und ich, wir sind immer derselben Ansicht.« Und +plötzlich stürzte er ein Glas Champagner hinunter, puffte seinen +Untergebenen kordial in die Seite und flüsterte ihm augenzwinkernd zu: +»Halten's noch geheim, Klüth. Seit acht Tagen befindet sich der junge +Harder bereits in unsrer Stadt, im deutschen Haus, verstehen Sie, und +gestern abend hat sich meine Tochter Dina mit ihm verlobt. Na, was sagen +Sie, Herzenskinding? Gut geschoben, wie?«</p> + +<p>Und laut rief er zu dem Steuerrat hinein: »Nu kuck bloß unsern Klüth an. +Is er nich ganz blaß geworden über diese Fusion? — Ja, ja, is ein großer +Bewunderer von mir. Nu trinken Sie aber, Klüthchen, nu trinken Sie +auch!«</p> + +<p class="center">— — — — — — — — — — — — — — — — </p> + +<p>Wie und wann er die Bureaus verlassen, dessen entsann er sich nicht +mehr. Erst, als ihm laute Militärmusik entgegenschallte, entdeckte er zu +seiner Verwunderung, daß er in seinem Hingrübeln auf den großen Markt +gelangt wäre, wo um die Mittagsstunde die Bataillonskapelle +konzertierte. Und um ihn herum — auf allen vier Seiten des Platzes, +flanierten Scharen hellgekleideter, junger Mädchen, gefolgt von langen +Zügen buntmütziger Korpsstudenten, Offizieren, junger Kaufleute; kurz, +diese eine, flüchtige Sonntagsstunde war es, wo die ehrbare, alte +Schwedenstadt eine leichtsinnige Laune zeigte. Aber dem hübschen, jungen +Menschen, den mancher Mädchenblick streifte, schien der fröhliche +Trompetenschall, schien all das bunte Fluten weh zu tun.</p> + +<p>Immer wieder stach es ihm durch den Sinn, der noch nicht ganz +freigeworden von dörflichem Aberglauben, daß irgend eine feindliche +Macht ihn augenscheinlich am Emporstreben hindern wolle, daß er zu dem +goldnen Glück nicht bestimmt wäre.</p><p><span class="pagenum"><a name="Page_217" id="Page_217">217</a></span></p> + +<p>Was konnte das aber sein? Das durfte ja nicht wahr werden.</p> + +<p>Dicht neben sich vernahm er unwillkürlich ein sonderbares Raunen und +Wispern.</p> + +<p>Als er aufmerksam wurde, bemerkte er, wie eine Gruppe junger Rotmützen +wie bezaubert auf zwei vorübergehende Damen sahen, in denen Bruno sofort +Fräulein Dewitz und Line erkannte.</p> + +<p>Einen vorüberhuschenden Moment fühlte er, wie Lines Augen aufblitzten, +dann hatte er sich, einer starken Eingebung folgend, zum nächsten +Schaufenster abgewandt, und schattenhaft, nur in den blanken Scheiben +abgespiegelt, wandelte nun ihre Gestalt im Bilde vorüber, auch da noch +allerliebst in dem einfachen, roten Kattunkleid, das sie wieder ganz +fremdartig unter all diesen Bürgermädchen erscheinen ließ.</p> + +<p>Bruno blickte ihnen nach.</p> + +<p>Da wandte sie nochmals den Kopf nach ihm. Sie schien ihn zu verspotten +und die Achsel zu zucken.</p> + +<p>War das sein Schicksal?</p> + +<p>Lauter und lauter schmetterte die Musik ihren Walzer, und jetzt erst +entdeckte Bruno, daß er gerade vor den Auslagen desjenigen Juweliers +halt gemacht hatte, dem er schon so sehr verpflichtet war. Er wollte +rasch weiter eilen, da sprach ihn der Besitzer, der dem Konzert von der +offenen Ladentür aus folgte, höflich an und forderte ihn auf, näher zu +treten.</p> + +<p>»Ja — aber — —«</p> + +<p>Er solle ja auch nichts kaufen, aber es wären da ein paar russische +Muster fertig geworden, und da Herr Klüth sich ja so sehr für +dergleichen interessiere — —</p> + +<p>Den jungen Kaufmann beschlich die häßliche Empfindung, der Ladenbesitzer +sei vielleicht bereits mißtrauisch geworden, und in dem Wahn aller +schwankenden Existenzen, sein Ansehen zu erhalten, trat er mit möglichst +gleichgültiger, sicherer Miene in den Laden.</p> + +<p>Noch während ihm in seiner halben Betäubung allerlei goldene<span class="pagenum"><a name="Page_218" id="Page_218">218</a></span> +Schmucksachen durch die Hände glitten, beherrschte ihn der Entschluß, +daß ihm all die funkelnden Spielereien nicht gefallen dürften, ja, daß +jeder fernere Einkauf bereits einen halben Betrug bedeute.</p> + +<p>»Was ist das?«</p> + +<p>»Eine Fächerkette,« erklärte die Verkäuferin, »sie wird um die Hüfte +geschlungen — so.«</p> + +<p>Bruno lächelte: Wie auf Zauberschlag stand Line in seinem Geiste da, wie +sie sich oft seltsam in den Hüften wiegte. Wie mochte erst dieses +goldene Geriesel über ihre jungen Glieder fließen? Und wenn er ihr das +nun selbst umlegen dürfte!? —</p> + +<p>Plötzlich war's, als wenn ein Sturmwind alle Angst, alle Bedenklicheren +über den Haufen gefegt hätte.</p> + +<p>Er blickte sich um, mit klaren Augen, wie wenn er jetzt erst begriffe, +wo er sei und was um ihn geschehe.</p> + +<p>Lächerlich — ganz lächerlich; weil diese eine Brücke vor ihm +zusammengebrochen war, die über den Strom leitete, hinter welchem seine +Zukunft sich dehnte, deshalb die Betäubung, die Verzweiflung? —</p> + +<p>Lächerlich, war er nicht der Mann, drei neue Brücken zu bauen? Ja, jetzt +wollte er erst wagen, jetzt sollten sein Chef und die andern schon +sehen; und nicht das geringste Vergnügen wollte er sich rauben lassen, +auch Line nicht. — Man lebt nur einmal.</p> + +<p>Mit einer Hast, als ob er stehlen wolle, steckte er das feine Etui zu +sich, und besann sich erst auf der Straße, daß er tatsächlich vergessen +habe, nach dem Preis zu fragen.</p> + +<p>Ein andermal.</p> + +<p>Ins Weinhaus!</p> + +<p>Bis in den späten Nachmittag saß er nun im halbdunklen Gastzimmer bei +Kroll, wo nur eine einzige Gasflamme auf die braunen Eichentische +herableuchtete, blies den Rauch einer feinen Importe von sich und sah +gespannt zu, wie mehrere Gutsbesitzer aus der Umgebung ein kleines +Spielchen machten.</p><p><span class="pagenum"><a name="Page_219" id="Page_219">219</a></span></p> + +<p>Einer von ihnen, ein hochgewachsener, blonder Hüne, den die andern +Rittmeister titulierten, dieser war sein Mann. Auf dessen Karte setzte +er heimlich, und als der Rittmeister nach einigen Verlusten endlich ein +paar blaue Scheine in die Westentasche stecken konnte, da begannen die +Augen des Prokuristen zu glänzen, und er atmete tief und befreit auf.</p> + +<p>Ah, natürlich — natürlich — die Ängstlichen erjagen's eben nicht.</p> + +<p>Zwischen den Bildern der beiden Kaiser schlug die kleine Uhr sieben.</p> + +<p>Wenn er nun noch zu Fräulein Dewitz hinaufwollte, so war es die höchste +Zeit. Um acht — das wußte er — speiste die alte Dame, und mit +Einladungen ging sie sparsam um.</p> + +<p>Also eilen!</p> + +<p>Das ganze war ja doch nur ein Spaß, ein unschuldiger Zeitvertreib, und +da Fräulein Dewitz ja stets anwesend blieb, eigentlich doch auch ein +entsagungsvolles Vergnügen.</p> + +<p>Also ohne Bedenken.</p> + +<p>Nachdem er dem Kellner ein reichliches Trinkgeld geschenkt, wandte er +sich in der Tür noch einmal zurück. Er sah, wie sein Rittmeister +wiederum einen neuen Blauen zwischen den Fingern knitterte.</p> + +<p>»Gottlob,« dachte er und schlug auf der Straße mit seinem dünnen +Spazierstock sausend durch die Luft, als hätte er einen Feind +niedergestreckt.</p> + +<p>»Ich sagte es ja, das sind alles Bedenklichsten der kleinen Stadt.«</p> + +<p class="center">— — — — — — — — — — — — — — — — </p> + +<p>Die Klingel läutete.</p> + +<p>Hinter den roten Gardinen der Glastüre zuckte es, der Besucher sah, wie +Lines dunkles Köpfchen herauslugte.</p> + +<p>Vorsichtig öffnete sie einen Spalt.</p> + +<p>»Wer ist da?« fragte sie, denn bei der schlechten Treppen-beleuchtung<span class="pagenum"><a name="Page_220" id="Page_220">220</a></span> +vermochte sie nichts zu erkennen. Sonst war sie nicht so zaghaft.</p> + +<p>»Ich,« antwortete Bruno.</p> + +<p>»Ach, du bloß,« meinte sie, trat zurück und nahm eine kleine Küchenlampe +von der Wand, um ihm zu leuchten, »komm.«</p> + +<p>Als er dicht vor ihr stand in seinem modischen, dunklen Mantel und dem +Zylinder auf dem Haupt, lachte sie hell auf.</p> + +<p>Bruno stutzte.</p> + +<p>In den lackierten Altjungferräumen der Handarbeitslehrerin, in denen +Line sonst nur auf Zehen umherzuhuschen wagte, war solch heller Ton +ungewohnt. Das mußte Fräulein Dewitz bald rügen. Und befremdet spähte +Bruno in die halboffene gute Stube, ob die alte Dame noch nicht +würdevoll herausschritte. Doch Line schien ihm den Gedanken von der +Stirn zu lesen: »Nein,« sagte sie, »sie ist nicht da.«</p> + +<p>»Nicht da?«</p> + +<p>»Nein, beim Konsul eingeladen. Da sind nur die Nächsten. Zur Verlobung.«</p> + +<p>Bruno erschrak. Das Blut stieg ihm ins Gesicht.</p> + +<p>Er schämte sich, als ob das Wort absichtlich gegen ihn gerichtet wäre.</p> + +<p>Unterdessen war ihm Line in die Stube vorangetreten. Auf dem Tische +brannte eine hohe Porzellanstehlampe, in deren Glanz Fußboden, Spiegel +und die lackierten Stühle förmlich widerstrahlten.</p> + +<p>»Komm,« forderte Line den Zögernden auf. Er zauderte noch und fragte, ob +er trotz der Abwesenheit des alten Fräuleins wirklich nähertreten dürfe, +aber Line warf ihm nur einen verwunderten Blick zu: »Natürlich — es ist +doch hübsch, daß sie endlich mal weg ist — ach, dieses +Beobachtetwerden.«</p> + +<p>Dabei stand sie in ihrem roten Kleide vor dem Spiegel, wandte sich ein +wenig hin und her und blickte sein Spiegelbild in dem Glase an.</p><p><span class="pagenum"><a name="Page_221" id="Page_221">221</a></span></p> + +<p>Ihre Art war bereits wieder so sonderlich, daß Bruno mit geheimem Bangen +fühlte, wie heiß ihm das Blut durch alle Adern zu rinnen begann. Rasch +legte er den Überzieher ab; der war vielleicht daran schuld. »Recht,« +nickte Line immer in den Spiegel hinein und lächelte seinem Bilde zu. +»Jetzt sollst du auch bald mit mir zusammen essen.«</p> + +<p>»Mit dir? —« er wagte weder sich zu setzen, noch sie weiter in dem matt +schimmernden Glase zu betrachten, »wird nicht Fräulein Dewitz — —?« +warf er ein.</p> + +<p>»Die erfährt natürlich nichts davon. Das wäre noch schöner. Ich wasche +nachher die Teller wieder ab und stelle alles hin. Überhaupt, es ist so +hübsch, solch eine Heimlichkeit zu haben. — Nicht?«</p> + +<p>Damit sah sie ihn von der Seite an, lächelte verschmitzt und huschte an +die Glasservante, unter der sie, wie aus einem Versteck, ein Buch +hervorholte. Dann hielt sie es ihm verstohlen hin: »Da sieh — da stehen +auch lauter solche Geschichten drin. Andre Leute sind eben klüger.«</p> + +<p>Als Bruno in dem Hefte blätterte, da war es eine Übersetzung +Maupassantscher Novellen.</p> + +<p>»Dergleichen liest du?« fragte er an sich haltend.</p> + +<p>»Warum nicht?«</p> + +<p>»Und Fräulein Dewitz erlaubt dir das?«</p> + +<p>Line zupfte an ihrem Kleide und strich es an den Hüften glatt: »Die,« +sagte sie mit einer wegwerfenden Bewegung, »was wird die groß lesen? +Lauter Forschungsreisen. Aber wenn ich für sie tauschen geh', dann +bring' ich mir heimlich immer so was mit und versteck' es hier. Das Buch +kostet nur zehn Pfennige, und ich hab' ja Geld. Du weißt ja auch, woher. +— Ach, es ist so schön, soviel Geld zu haben.«</p> + +<p>Und sie preßte die Fäuste zusammen und straffte die Arme aus, und Brunos +starrer Blick verfing sich wieder in der Bewegung, wie ihre junge Brust +stieg und fiel.</p><p><span class="pagenum"><a name="Page_222" id="Page_222">222</a></span></p> + +<p>»Gehen — gehen!« flog es ihm durch den Kopf, und seine Hand strich über +den Überzieher, der neben ihm auf der Lehne des Sofas lag.</p> + +<p>Line wandte sich zu ihm hin und pochte auf den Tisch.</p> + +<p>»Du bist so still,« wunderte sie sich.</p> + +<p>Er schwieg und verfolgte, wie sie mit dem Finger über die Platte strich.</p> + +<p>»Was ist dir denn? — Sag doch was! — Ach so — ich weiß schon, wegen +Dina.«</p> + +<p>Sie trat wieder mitten in das Zimmer zurück, spreizte die Finger aus, +als ob sie kratzen wolle, und aus ihren dunklen Augen blitzte es auf, +wie Siegesfeuer. Ihre ganze Gestalt schien einen wilden Triumph zu +feiern.</p> + +<p>»Ja,« sagte sie und lächelte ihren Besuch trotzig an, »die hat es nicht +dumm gemacht.«</p> + +<p>Er hob den Kopf, als wollte er fragen, was sie damit meine, aber über +die fest zusammengepreßten Lippen wollte kein Wort dringen. Immer mehr +fühlte er, daß wieder jener Betäubungszustand über ihn käme, in welchem +er jede Gewalt über sich verlor.</p> + +<p>»Gehen — gehen,« klang's von neuem in ihm auf. Line stand wieder vor +dem Spiegel: »Kennst du ihn?« forschte sie nun, ihn halb über die Achsel +messend.</p> + +<p>»Ich? — wen?«</p> + +<p>»Den Bräutigam.«</p> + +<p>»Ja«</p> + +<p>»Reich?«</p> + +<p>»Ein Millionär.«</p> + +<p>»Ah« — hier führte sie die flachen Hände vor die Augen, als könnte sie +sich so besser, wohliger in die Pracht der Bilder versenken, die vor +ihrem Geiste vorüberhuschten.</p> + +<p>»Hat er auch eine Equipage?« fragte sie rasch, ohne sich zu regen.</p> + +<p>»Ja.«</p><p><span class="pagenum"><a name="Page_223" id="Page_223">223</a></span></p> + +<p>»Und — und Bediente?«</p> + +<p>»Gewiß.«</p> + +<p>»Und — sag' mir — auch ein Schloß?«</p> + +<p>»Allerdings — eine Villa in Uhlenhorst, dicht neben der Alster.« Sie +stockte; dann klang es beinahe, als ob sie leise stöhne: »Daß das alles +für solch dumme Gans sein soll!« — drang es über ihre Lippen. Und wild +sich zu ihm wendend, fügte sie hinzu: »Führt von dem Haus auch eine +Marmortreppe ins Wasser? — Lach' nicht, ich will es wissen.«</p> + +<p>»Ich lache nicht,« herrschte er auffahrend, denn er ärgerte sich über +ihre Gier nach jenem Reichtum, den er ihr nicht bieten konnte. »Aber +wozu soll das?«</p> + +<p>Verlangend blickten ihre schwarzen Augen auf das matte Glas der +Lampenglocke; und halb willenlos sprach sie vor sich hin: »Wenn sie da +so des Nachts hinuntersteigt, ah — —«</p> + +<p>»Line,« flüsterte er und stand langsam auf.</p> + +<p>Das Geräusch ließ sie emporfahren, verwundert, als müsse sie sich auf +ihn besinnen, sah sie ihn an, und vor diesem fremden Blick entschwand +ihm wieder aller Mut.</p> + +<p>»Was willst du?« fragte sie abweisend.</p> + +<p>»Ich?«</p> + +<p>In seiner Verwirrung fand er nichts Gleichgültiges, das er anführen +konnte.</p> + +<p>»Du möchtest wohl auch all das haben,« brachte er endlich mit Mühe +hervor. »Die Equipage und die Diener und das Schloß und — und das +alles? — Wie?«</p> + +<p>Da brach aus ihren schwarzen Augen ein beinah feindlicher Strahl, als +sie den Kopf in den Nacken warf und trotzig erwiderte, man könne ja +nicht wissen, vielleicht bekäme sie das alles einmal. Es wären ja im +Maupassant ebenfalls Mädchen geschildert, die nichts als ihre Schönheit +besessen, und schließlich wären sie doch in eigenen Equipagen gefahren. +»Du, nicht so, das ist doch möglich?«</p><p><span class="pagenum"><a name="Page_224" id="Page_224">224</a></span></p> + +<p>Sie drehte sich ein wenig vor dem Spiegel und legte erwartend den Finger +an die Lippen.</p> + +<p>Ach, es war ja diese Abenteuerlust, die so stark in ihm widerhallte, +dieses Vagantenblut, das in beiden jungen Menschen summte, das war es, +was sie nicht auseinanderkommen ließ.</p> + +<p>Ihre Gier, ihre Sucht nach Gold und Wohlleben hatten ihn im Moment +angesteckt, mit einem raschen Schritt trat er auf sie zu und preßte ihre +Hand: »Du hast recht, Line, wenn man nur Mut hat, nur Mut, dann erreicht +man das alles — alles.«</p> + +<p>»Ja, ja, nicht wahr?« sagte sie erfreut und blickte ihn beinahe zärtlich +an.</p> + +<p>Beide schwiegen nun eine Weile, beide spähten sich forschend in die +Augen, als warteten sie, der andre solle zuerst das Wort sprechen, das +diesen drückenden Bann zu lösen vermöge.</p> + +<p>Doch die Furcht war stärker, als der glimmende Brand. Langsam, mit einer +feinen Falte des Unmuts zwischen den Brauen, wandte sich Line endlich +ab, zuckte ein paarmal die Achseln nach ihm, schnippte mit den Fingern, +summte etwas und lief endlich in die Küche.</p> + +<p>Der Zurückgebliebene fand sich allein.</p> + +<p>Als er sich umblickte, da drängte alles lähmend auf ihn ein.</p> + +<p>Diese spießbürgerliche Sauberkeit der Stube, das Bild der +Handarbeitslehrerin, das verblaßt über dem Sofa hing, und plötzlich +fühlte er in seiner Tasche das Etui mit der goldenen Kette. Eine +überwältigende Scham befiel ihn, er mußte ganz unvermittelt an seinen +Bruder Paul denken, wie der gewiß jetzt in seiner kahlen Stube säße, um +zu studieren, und wie er sich heimlich um ihn und das Mädchen sorgen +mochte.</p> + +<p>Wenn der wüßte!?</p> + +<p>Wenn der wüßte, wie der Jüngere auf die törichten Wünsche dieses +unreifen Geschöpfes eingegangen, wie er ihr die Kommode mit allerlei +Schmucksachen gefüllt, wie er jetzt wieder eine neue bereit hielte, über +die er nachsann, wie er sie ihr in der einsamen Stube umlegen wolle.</p> + +<div class="figcenter" style="width: 400px;"> +<img src="images/oppos_224.jpg" width="400" height="623" alt="Illustration" /> +</div> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_225" id="Page_225">225</a></span></p> + +<p>Nein, nein — bei Gott.</p> + +<p>Der Schweiß brach ihm aus.</p> + +<p>»Gehen — gehen.«</p> + +<p>Draußen in der Küche tönte Tellerklappern.</p> + +<p>Mit einem schnellen Griff wollte er seinen Überzieher aufraffen, da +hörte er ihren leichten Tritt, und ehe er noch das Kleidungsstück in den +Alkoven, aus dem, halb im Schatten liegend, die weiß eingedeckten Betten +schimmerten, werfen konnte, stand sie vor ihm.</p> + +<p>»Was tust du da mit dem Mantel?« fragte sie scharf.</p> + +<p>Verlegen zuckte er die Achseln und starrte Line ungewiß an, wie sie, ein +Präsentierbrett mit allerlei Tellern haltend, hinter ihm stand.</p> + +<p>Und doch nahm er wahr, wie scharf sich das schwarze Seidenschürzchen, +das sie wohl inzwischen umgelegt, von dem roten Kleide abhob.</p> + +<p>Dann raffte er sich auf und erzwang ein Lächeln, die Leichtigkeit seiner +Lebensauffassung kam plötzlich über ihn, er wollte ihr beim Decken +helfen.</p> + +<p>»Nein,« lehnte sie herb ab und schob ihn mit dem Ellbogen zurück. »Erst +das.«</p> + +<p>Und nachdem sie ihr Geschirr abgesetzt, schritt sie rasch zum Alkoven +und warf heftig die Tür zu. Der Schlag dröhnte durch die Wohnung.</p> + +<p>»Was tust du?« schrak er zusammen. »Man hört es im ganzen Hause.«</p> + +<p>»Laß,« gab sie hochmütig zurück, »wir brauchen uns ja nicht zu +fürchten.«</p> + +<p>Wieder mußte er die Augen niederschlagen und verbarg seine Verlegenheit, +indem er mit einem Scherz die Teller zurecht rückte. Aber die Lust Lines +an dieser heimlichen Gasterei verscheuchte ihre schlechte Laune bald +wieder und machte sie ganz glücklich.</p> + +<p>»Oh, es ist doch zu reizend,« rief sie einmal über das andere,<span class="pagenum"><a name="Page_226" id="Page_226">226</a></span> »wenn +man so was Eigenes hat, so was Heimliches — und das« — sie streichelte +plötzlich katzenhaft zärtlich seine Hand, »hab' ich von dir. Sieh eins.«</p> + +<p>Mit einem Sprung war sie an ihrer Kommode, kniete nieder, warf allerlei +Wäschestücke um sich herum, und dann kamen sie zum Vorschein, all die +verborgenen Kostbarkeiten.</p> + +<p>»Line,« rief er mit aufsteigender Scham, denn der Anblick dieser +Geschenke war ihm unangenehm, »wollen wir uns jetzt nicht setzen? — Es +ist halb neun, und ich bleibe nur noch ganz kurze Zeit.«</p> + +<p>Aber sie war zu sehr in ihrem Element. Nein, erst wollte sie sich ihm zu +Ehren mit all seinen Geschenken schmücken. »Kuck eins, diese +Opalohrringe« — sie rutschte auf Knien zu ihm hin, »die mußt du mir +zuknipsen — so — und hier das Armband, und das Herz mit dem +Brillanten, schade, dazu muß man ausgeschnitten gehen.«</p> + +<p>Alles hatte sie angelegt, schüttelte die Arme, bog den Hals und setzte +sich dann rasch neben ihn auf dem Sofa nieder. In geschäftiger Eile +begann sie ihm danach die Brötchen zu streichen, immer bemüht, die +Finger so zu drehen, daß die Ringe im Lampenlicht funkeln könnten.</p> + +<p>»Gefällt's dir so?« fragte sie mit einem raschen Seitenblick.</p> + +<p>Er sah sie bewundernd an.</p> + +<p>Immer mehr verlor er die klare Beherrschung der Stunde.</p> + +<p>Nun tranken sie von dem heißen Tee und ergingen sich dann in ihrer +beiderseitigen Lieblingsbeschäftigung, über die Zukunft zu phantasieren.</p> + +<p>Hier war er ihr überlegen, war er ihr Meister. Andächtig saß sie neben +ihm, die Hände gefaltet, den Mund vor Bewunderung leicht geöffnet, und +das Hervorblitzen der weißen Zähne riß ihn zu immer bunteren Träumen +hin. Da sah sie all ihre Erwartungen sich formen; die Equipage wurde, +und die Diener und das Schloß, und alles war seinem Willen untertänig — +und bald wohl auch ihrem — bald wohl auch — <span class="pagenum"><a name="Page_227" id="Page_227">227</a></span>— —</p> + +<p>Plötzlich schrie sie auf. Er sprach nicht mehr von dem Schloß, wirre +Worte fielen: »Du bist das Schönste — du bist das Schönste.«</p> + +<p>Im ersten Schreck lief sie bis in die Mitte der Stube, doch vor dem +Spiegel erreichte er sie. Sie kehrte ihm den Rücken, als grolle sie ihm, +aber er sah, wie ihre Augen ihn in dem Glase halb erwartungsvoll, halb +flehend beobachteten.</p> + +<p>Da fiel ihm plötzlich wieder die Kette ein. Mit einem unterdrückten Ruf +riß er das Schmuckstück hervor, und immerfort stammelnd: »Du bist das +Schönste,« faltete er es blitzschnell auseinander, und mit hocherhobenen +Armen führte er die goldene Schnur über ihr Haupt fort.</p> + +<p>Mit großen erschrockenen Augen stand sie da. Das hatte er bis jetzt noch +nie gewagt.</p> + +<p>Unter seinen Händen begann sie zu zittern, als ob ein Fieber sie +schüttelte.</p> + +<p>Ein betäubender Sturmwind brauste über beiden.</p> + +<p>Erwartend, still, ohne Bewegung, hatte sie geduldet, daß er wilde, +besinnungslose Küsse auf ihren Nacken gepreßt, und es war, als ob sie +die Schläge zähle, die dort die kleine Uhr an der Wand tickte.</p> + +<p>Eins — zwei — drei — vier.</p> + +<p>»Du bist das Schönste,« klang es vor ihr auf, verschüchtert vor ihrer +Schönheit.</p> + +<p>Aber dieser erste Menschenlaut schlug alles in Trümmer. Mit wilder Kraft +schleuderte sie die Kette plötzlich von sich, daß sie zerrissen auf die +Erde klirrte, und wie erschrak er, als er das schneebleiche Antlitz +gewahrte, in dem nur die Lippen von blutvollem Leben redeten.</p> + +<p>Ganz seltsam war es, wie sie jetzt langsam und voller Besinnung auf ihn +zuschritt: »Hör',« sagte sie mit bebender Stimme, während ihre Augen in +düsterer Glut seine Meinung zu durchdringen suchten, »ich bin nicht so +eine, wie du vielleicht glaubst. Das mußt du nicht denken. Ich will es +dir sagen, ich bin dir auch gut, schon<span class="pagenum"><a name="Page_228" id="Page_228">228</a></span> seit langem, aber ich weiß, was +ich will. Wenn du's nicht ganz ehrlich mit mir meinst, dann laß mich +allein meiner Wege gehen. Ich komm' auch ohne dich in die Höhe — hörst +du?«</p> + +<p>Ihre Stimme nahm einen drohenden Klang an.</p> + +<p>Die Uhr schlug wieder ihren Schlag.</p> + +<p>Eins — zwei — drei — vier —</p> + +<p>Und mit jedem Schlag wuchs die rechnende Besinnung in den beiden +Menschen.</p> + +<p>»Nun sag,« drängte sie schroff. Aber er stand wie gelähmt. Der Gedanke, +der ihn sein ganzes Leben hindurch beherrscht hatte, daß er seine +Zukunft im Auge behalten müsse, daß er alle Hilfsmittel wahrnehmen, eine +reiche Frau heiraten, und weder links noch rechts abirren dürfe, der war +plötzlich riesengroß in ihm aufgeschossen und hielt ihn fest. — Er wand +sich, wie unter einem körperlichen Schmerz.</p> + +<p>Doch sie besaß wohl wirklich die Hexenkraft, alles von seiner Stirn +lesen zu können.</p> + +<p>»Pfui!« schrie sie laut auf.</p> + +<p>Wie einen blühenden Rotdorn, den der Sturm peitscht, so faßte der Zorn +all die feinen Glieder in dem roten Gewande an. Der Betroffene sah sie +sich förmlich zusammenkrümmen, dann riß sie ihr Kleid enger um sich +zusammen, und vor Scham und Wut aufschluchzend stürzte sie auf den +Alkoven zu.</p> + +<p>Das war der Stoß, den der über den Abgrund Gebeugte noch erhalten mußte.</p> + +<p>Als er diese prachtvollen wilden Bewegungen sah, diesen ganzen +hinrasenden Zorn, da hatte die Hexe ihr Werk vollbracht. Wie es kam, +wußte er später auch nicht mehr, er hielt sie mit seinen Armen +umklammert, und mit hervorbrechender Angst flehte er, sie solle nicht +weinen, alles, was sie nur wolle, würde er tun. Alles und jedes.</p> + +<p>»Ja?« fragte sie unter ihren Tränen siegreich lächelnd und sich von ihm +befreiend.</p><p><span class="pagenum"><a name="Page_229" id="Page_229">229</a></span></p> + +<p>»Ja.«</p> + +<p>»Dann gib mir den Ring, den du da trägst.«</p> + +<p>Rasch steckte er den Reif an ihren Finger.</p> + +<p>»Was noch?«</p> + +<p>»Schwöre mir, daß du mich nie verlassen wirst.«</p> + +<p>»Nein, niemals.«</p> + +<p>»So nicht, bei unsrer Mutter. Draußen in Moorluke sollst du's tun.«</p> + +<p>In schüttelnder Angst stammelte er ihre Worte nach.</p> + +<p>Als der letzte Laut verklungen war, trat sie nochmals, wie prüfend, +einen Schritt zurück, plötzlich aber stieß sie ein helles Jauchzen aus, +und ihre Arme hoch über seinen Hals hebend warf sie sich stürmisch an +seine Brust.</p> + +<p class="center">— — — — — — — — — — — — — — — — </p> + +<p>Das verblaßte Bild der Handarbeitslehrerin über dem Sofa errötete und +schüttelte den Kopf, aber oll Chronos, der unten durch die einsame +Straße fuhr, brummte hinauf: »Dummheiten, alte Schachtel, laß sie; es +sind die Jahre.«</p> + +<p> +<span style="margin-left: 1em;">Ende des zweiten Buches</span><br /> +</p><hr class="chap" /><p><span class="pagenum"><a name="Page_230" id="Page_230">230</a><br /><a name="Page_231" id="Page_231">231</a></span></p> + + + + +<h2 class="p6"><a name="Drittes_Buch" id="Drittes_Buch"></a>Drittes Buch<br /> + +Philosophie und Liebe</h2><hr class="chap" /><p><span class="pagenum"><a name="Page_232" id="Page_232"></a><a name="Page_233" id="Page_233">233</a></span></p> + + + + +<h3>I</h3> + + +<p>Der Bodden lag in fauler Ruhe, wie ein träger Junge, der hinter der +Schule eingeschlafen. Wenn das Boot, das an der Hafenmauer angeschlossen +lag, ein wenig knarrte, dann war es, als ob die See in der prallen +Sonnenhitze schnarche.</p> + +<p>Der Lügenlotse und Hann saßen an der Molenspitze und angelten. Und alle +Augenblicke zog oll Kusemann unter schlauem Augenblinzeln ein zappelndes +Barschlein aus der Flut und barg es sorglich in einem Wassereimer, der +hinter ihm stand.</p> + +<p>»Föfteihn,« schmunzelte er.</p> + +<p>Nun wußte Hann zwar ganz gut, daß es nur zehn wären, doch er ließ seinen +alten Kumpan gewähren.</p> + +<p>»Wie machst du das?« fragte er nur nach einiger Zeit, während der er +nachdenklich auf die funkelnde Scheibe gestarrt hatte.</p> + +<p>»Hörst nicht?« erwiderte oll Kusemann stolz, »ich pfeif'.«</p> + +<p>Er gab einen zischenden Laut durch die Zähne, so daß Hann lächeln mußte.</p> + +<p>»Und darauf beißen sie an?« fragte er langsam.</p> + +<p>»I woll, darauf sind sie dich ganz versessen. Aber 's gehört Kunst dazu. +Pass' eins auf.«</p> + +<p>Er befestigte einen frischen Wurm an dem Haken, spuckte darauf, und +nachdem er von neuem ausgeworfen, harrte er, bis der Kork ein wenig zu +zittern begann.</p> + +<p>Jetzt pfiff er und zog im selben Augenblick einen stattlichen +Dreipfünder aus der See.</p> + +<p>»Wat sagst nu, Flesch?« fragte er triumphierend und klopfte seinen +Gefährten herablassend auf die Achsel.</p><p><span class="pagenum"><a name="Page_234" id="Page_234">234</a></span></p> + +<p>Und wieder mußte Hann über die harmlose Tücke des Alten den Mund +verziehen.</p> + +<p>»Schön,« lobte er.</p> + +<p>»Na, siehst,« brummte oll Kusemann sehr befriedigt.</p> + +<p>Aber das Gespräch wollte nicht weitergehen.</p> + +<p>War es die Glut, die ordentlich summend über das Wasser schlich, oder +hing Hann anderen Gedanken nach, jedenfalls gewahrte der Lügenlotse mit +Mißbehagen, wie sein Freund allmählich die Angel unter das Knie schob, +um dann seine Augen unverwandt auf eine volle weiße Wolke zu richten, +die zackig und blendend an dem blauen Horizont emporstieg. Aber diese +Gleichgültigkeit verletzte oll Kusemann im Innersten, denn Nichtangeln +erschien ihm direkt als ein Charakterfehler. So hustete er denn ein +paarmal, spuckte ins Wasser, rückte hin und her und brummte endlich, als +alle Versuche mißlangen, in sich hinein: »'s is nichts mehr los mit +Hann. So macht er es all öfter. Na wart eins, mein Jünging.« Plötzlich +schwenkte er aus Leibeskräften seine Mütze: »Line,« schrie er, wie +besessen.</p> + +<p>»Wer? — ja — wo?« fuhr der Träumer erschreckt herum.</p> + +<p>»Je, ich meinte man,« sagte der Lotse stillglücklich über die gelungene +List, »sie wär' ein hübsch' Mäten.«</p> + +<p>Hann sah ihn an, wurde blutrot, senkte den Kopf und kehrte sich wieder +seiner Wolke zu.</p> + +<p>»Da soll doch ein Donner reinschlagen,« dachte oll Kusemann, als das +Schweigen wieder anhob, »aberst ich weiß ja, er is ein Phi — und so +weiter, ich muß ihm woll näher aufs Fell rücken.«</p> + +<p>»Hanning,« fing er bedächtig an, während er sich ein Stück Priemtabak +schnitt, »ich kenn einen, den du auch kennst, der das Pfeifen noch viel +feiner versteht, als ich. Weißt, wer das is?«</p> + +<p>»Nein,« warf der Gefragte achtlos hin.</p> + +<p>»Dein Bruder Bruno.«</p> + +<p>Und der Lotse, der unter seinen gesenkten Lidern nach dem<span class="pagenum"><a name="Page_235" id="Page_235">235</a></span> Burschen +hinschielte, hatte die Genugtuung, daß sein Genosse unmerklich +zusammenzuckte.</p> + +<p>»Wieso?« fragte er plump.</p> + +<p>»Ja, mein Jünging, ich wundre mich, daß du das nich weißt,« fuhr der +Alte mit großer Behaglichkeit fort, »ich dacht mich nämlich, du müßtest +das wissen, wie fein der angeln kann, solche hübschen, schlanken +zappligen Dinger. Na, aber, wenn du dich nich mehr erinnern kannst, dann +will ich dich gern draufbringen. — Hm, ja, siehst du, — es mag ja jetzt +wohl so ein Stückener acht Wochen her sein, so ein paar Tag' nach +Pfingsten, da war ich gegen Abend in der Stadt bei meinem Swager +Bönhase, der die Kneipe am Rick hat. Na, und du weißt, ich bin ein +Gutmütiger und kann Zureden, noch dazu von Verwandte, man swach +widerstehen. Da hab ich denn en paar Glas mehr getrunken, — aus purer +Gutmütigkeit — und weil mich mein Alwining das später immer anriechen +tut, so bin ich nachher ein bischen auf den Wall spazieren gegangen, um +mich die Geschichte auszulaufen.«</p> + +<p>»Mach rasch,« murmelte Hann dazwischen, dessen Augen immer größer und +ängstlicher auf dem andern ruhten.</p> + +<p>»Kommt allens,« beruhigte oll Kusemann und rückte erst sorglich an +seiner Angel. »Ümmer eins nach dem andern, sagte der Voß, als er die +Küken auffraß — na also, als ich da so in der Dunkelheit unter den +Bäumen geh, denn die Kastanien machen da hellisch duster, potztausend, +da seh' ich auf einmal auf einer Bank — —«</p> + +<p>»Bruno und Line,« stammelte Hann, dessen Gesicht kupferbraun geworden +war.</p> + +<p>»Sieh, wie fein du das raten kannst,« gab der Lotse schmunzelnd zu, +spitzte den Mund und schmatzte in der Luft umher, als ob er unsichtbare +Küßchen austeile, »aber sie hatten es damit gar zu eilig, denn sonst +müßten sie mir und noch jemanden andern bemerkt haben, der da in dem +Gestrüpp an der alten Mauer stand und mit langem Hals nach den beiden +rüberkuckte. — Weißt, wer das war?«</p><p><span class="pagenum"><a name="Page_236" id="Page_236">236</a></span></p> + +<p>Die Angel von Hann fiel hinunter und oll Kusemann mußte zugreifen, um +sie noch im letzten Augenblick zu fangen.</p> + +<p>»Das weißt du auch?« quoll es erschreckt aus dem Burschen heraus, +während er die Mütze abnahm, um sich den Schweiß zu wischen.</p> + +<p>»Ja,« entgegnete der andere und zerriß umständlich einen allzulangen +Wurm, »wenn du wieder eins an solche Stellen gehst, Hanning, dann mußt +du dich nich die Mütze mit den goldnen Tressen aufsetzen. Ich hab' +Erfahrungen, die Dingers sünd zu verräterisch.«</p> + +<p>Hann glotzte den Erzähler an, dann blickte er wieder verdüstert in die +Flut hinunter, durch welche die feinen Furchen des gelben Sandes +deutlich hinausschimmerten, und versuchte endlich vor dem Aufhorchenden +eine Erklärung zu stottern.</p> + +<p>Er wäre an jenem Abend in der Räucherei in der Stadt gewesen, Heringe +abzuliefern, und da habe er das Paar plötzlich in größerer Entfernung +vor sich gesehen. Nur um sie einzuholen, wäre er ihnen nachgegangen, und +als sie sich später auf dem Wall befunden, da wäre alles so gekommen, +wie es oll Kusemann eben vorgebracht. Er selbst — Hann — sei dann +unbemerkt wieder die Böschung des Walles hinuntergestiegen.</p> + +<p>»Je, dann sind sie woll verlobt?« fragte der Lotse lauernd.</p> + +<p>Aber Hann wagte nichts zu entgegnen, sondern starrte verlegen in das +Wasser, in dem die kleinen Stichlinge in Scharen hin und her huschten.</p> + +<p>Jedoch oll Kusemann ließ nicht so leicht locker.</p> + +<p>»Jünging, ich mein', er hat doch deine Eltern von seine Absichten in +Kenntnis gesetzt? Was?«</p> + +<p>»Ja,« murmelte Hann beinah unverständlich und wischte sich wieder +Schweiß. Aber die Lüge stand ihm auf dem Gesicht geschrieben.</p> + +<p>»So — so,« meinte oll Kusemann gedehnt, wobei er seine schiefgestellten +Augen nachdenklich zukniff, um sich dann langsam den spitzen Kinnbart zu +streichen. — Und blinzelnd fuhr er fort: »Ja,<span class="pagenum"><a name="Page_237" id="Page_237">237</a></span> ja, bei diesen ollen, +lütten, nüdlichen Liebschaften hat jeder seine eignen Moden. Da hält der +eine so'n Dings gern auf'n Schoß und der andere versteckt sich vor ihr +hinter Fischnetze. — Aber laß — da beißt gerade wieder solch ein +Biest.«</p> + +<p>Er wollte den zappelnden Barsch in den Eimer werfen, doch ohne Übergang +fühlte er sich von Hanns starker Hand fest am Arm gepackt.</p> + +<p>»Oll Kusemann?«</p> + +<p>»Was?«</p> + +<p>»Das letzte.«</p> + +<p>»Hanning — laß mich los.«</p> + +<p>»Nein — erst sag'.«</p> + +<p>»Herr Gott, was is denn? — Du drückst mich ja. — Ich habe eben Augen, +die sehen, wenn eine Mücke ins Wasser spuckt; und wenn ein paar Tag' +nach der vorigen Geschicht' Klara Toll hier vorübergeht und du auf der +Wiese sitzt, dich aber vor ihr hinter den Stellnetzen versteckst, so daß +sie ruhig wieder nach Hause gehn muß, dann soll ich das nich sehen?«</p> + +<p>In der dicken, sengenden Glut fühlte Hann, wie ihm etwas Kaltes über den +Rücken rann. Dann stöhnte er plötzlich qualvoll auf und nahm den Kopf in +beide Hände: »Ja, ja, das hab' ich getan.«</p> + +<p>»Na, was denn?«</p> + +<p>»Daß ich ihr aus'm Wege geh'. Es is sehr unrecht — aber ich muß in +dieser Zeit in meinem Sinn immer an die beiden andern denken. Ich kann +nicht dafür. Oll Kusemann, weißt du, woran das liegt?«</p> + +<p>»I, ja, Hanning, du büst eben ein Phi — — und so weiter.«</p> + +<p>Eine Weile blieb es still zwischen den beiden.</p> + +<p>Leise summend platzten die Wasserblasen in der glasigen Hitze, der +Seetang strömte einen immer strengeren Geruch aus, und immer zackiger +türmte sich hinten am Horizont das Wolkengebirge empor. Und da, begann +nicht ganz fern und verschwommen schon etwas zu rollen?</p><p><span class="pagenum"><a name="Page_238" id="Page_238">238</a></span></p> + +<p>»Gewitter,« meinte der Lotse und roch nach dem Regenduft in der Luft +aus. Jedoch in demselben Augenblick griff Hann krampfhaft von neuem mit +beiden Händen nach dem Arm des Alten.</p> + +<p>»Mußt mich was versprechen.«</p> + +<p>»I, gern.«</p> + +<p>»Nich drüber reden, was wir heut hier erzählt haben.«</p> + +<p>»I, wo werd' ich? — Aber sieh, Hann« — und der Lügenlotse streichelte +halb zärtlich, halb verschämt über das Knie des Burschen — »da hat eure +kleine Spitzhündin neulich geworfen, — und sieh, wenn du mich so einen +von die lütten Spitze geben würdest, ja, dann würd' ich noch einmal so +gut dran denken, denn ich bin sehr vergeßlich.«</p> + +<p>Hinter den Wassern murrte es deutlicher.</p> + +<p>»Das wird tüchtig,« meinte oll Kusemann, als die beiden Angler sich +erhoben, um die Schnuren aufzuwickeln. »Na, kann ich mich den lütten +Spitz holen?« — Und als Hann wortlos genickt hatte, da faßte der +Lügenlotse den jüngeren zufrieden unter den Arm und knurrte: »Ich tu' es +eigentlich bloß zu deinem Vorteil, Hann, denn sieh, es is gut, wenn der +Mensch ein Erinnerungszeichen hat. Aber nu komm, es wird tüchtig.«</p> + +<p class="center">— — — — — — — — — — — — — — — — <br /> +— — — — — — — — — — — — — — — — </p> + +<p>Und es wurde tüchtig.</p> + +<p>Über der Stadt, ganz dicht auf den Dächern hatten sich die +Wetterschlangen ihr schwarz-blaues Nest gebaut. Und nun fuhren die roten +Nattern herab, lustig, tänzelnd, schlängelnd, und wenn sie an den +Fenstern der Städter vorbeizuckten, dann wisperten sie ihnen mit +tückisch-glühenden Augen etwas zu: »Kuck, Dirning,« zischelte eine, +während sie vor dem Fenster tanzte, hinter dem Fräulein Dewitz und Line +saßen, »da unten geht er, an den du denkst. — Aber mußt es ihm sagen — +sagen — sagen —. Wissen werden es doch bald alle, wissen — wissen. — +Mach schnell — zisch!«</p><p><span class="pagenum"><a name="Page_239" id="Page_239">239</a></span></p> + +<p>Da schlug es ein.</p> + +<p>Ein lang anhaltendes Knattern lief durch die Straße, die Häuser bebten.</p> + +<p>Line wurde schneebleich, doch ihre Augen behielten den trotzigen Glanz, +als sie jetzt ihr dunkles Köpfchen wandte, um dem jungen Manne +unmerklich zuzuwinken, der auf der andern Seite der Straße trotz des +prasselnden Regens im Vorbeieilen zweimal den Hut schwang. — +Bedeutungsvoll fast, wie ein Zeichen.</p> + +<p>»Sieh,« sprach Fräulein Dewitz mit zitternder Stimme, wobei sie um alles +in der Welt nicht die ängstlich gefalteten Hände gerührt hätte, »er ist +und bleibt doch ein wohlerzogener junger Mann. Selbst in diesem Wetter +hat er jede von uns besonders begrüßt. Das ist Anstand, Kind. Mein Gott, +wenn es doch nur bald vorüber wäre.«</p> + +<p>Es war ein wildes, fast unmutiges Lächeln, das bei diesen Worten der +Handarbeitslehrerin um Lines Lippen ging. Sie hätte sich ja über dieses +verabredete Zeichen des Vorübereilenden freuen müssen, denn es +bedeutete, daß irgend einer der Pläne Brunos zum glücklichen Ziele +gelangt sei.</p> + +<p>Aber — aber — — —</p> + +<p>Was er wohl treiben mochte?</p> + +<p>Sie konnte es nicht ergründen. So oft sie auch fragte. Aber er hielt +fest an ihr. Er hatte es ihr ja damals geschworen, und sie fühlte auch +selbst, wie groß ihre Macht über ihn war. Das blieb doch die Hauptsache.</p> + +<p>Zudem gab er sich auch sonst fast immer so froh und hoffnungsvoll, und +so waren es wohl nur die vielen Pläne, welche die Zukunft von ihnen +beiden sicherstellen sollten, die ihn manchmal zerstreut und unrastig +erscheinen ließen.</p> + +<p>Aber gottlob, er hatte ihr ja geschworen, und bald, bald hatte sich wohl +alles gefügt; und was sich jetzt mit solcher Schwere auf sie senkte, das +war wohl nur diese dumpfe Schwüle, denn Fräulein Dewitz litt nicht, daß +das Fenster geöffnet würde.</p><p><span class="pagenum"><a name="Page_240" id="Page_240">240</a></span></p> + +<p>Es prasselte und zischte um die Scheiben.</p> + +<p>Und da zuckte auch schon wieder solch rote Schlange und äugelte unter +dem Regen nach ihr hin: »Mußt es ihm sagen — sagen, eh' sie es alle +wissen — wissen! — Zisch!«</p> + +<p>»Was ist dir, Lining?« erkundigte sich die alte Dame.</p> + +<p>»Mir? nichts — Es ist nur die Schwüle.«</p> + +<p>»Ja, ja, wenn das Wetter nur erst vorüber wäre.«</p> + +<p class="center">— — — — — — — — — — — — — — — — <br /> +— — — — — — — — — — — — — — — — </p> + +<p>Aber das Wetter wollte nicht.</p> + +<p>Es war, als ob es wüßte, daß es heute etwas Entscheidendes zu erfüllen +gäbe.</p> + +<p>Die Wetterhexe in ihrem Wolkenrock, mit Regenruten in der knochigen +Faust, lief über den Bodden und peitschte auf die kleinen Hafenwellen +ein, die herausgekommen waren, um auf dem Plan mit weißen Kränzen im +Haar Ringelkranz — Rosentanz zu spielen.</p> + +<p>»Töwt ji Marjellen, willt ji woll to Hus<a name="FNanchor_2_2" id="FNanchor_2_2"></a><a href="#Footnote_2_2" class="fnanchor">[2]</a>.«</p> + +<p>Da stürzten die Kleinen schreiend nach Hause, aber am Hafeneingang da +stand der Donner-Alte, der schrie, daß es fürchterlich über das Land +hallte: »Hier vörbie — hier vörbie, ick fret juch up<a name="FNanchor_3_3" id="FNanchor_3_3"></a><a href="#Footnote_3_3" class="fnanchor">[3]</a>.«</p> + +<p>Da gab's kein Halten mehr.</p> + +<p>Schreiend, heulend, halb ohnmächtig vor Angst, drängten und stießen sich +die kleinen Wellen vorbei, ballten sich zusammen, traten sich +gegenseitig unter die Füße, rissen ihre weißen Kleidchen in Fetzen und +kreischten in Todesfurcht: »Mudding, Mudding, to Hülp.«<a name="FNanchor_4_4" id="FNanchor_4_4"></a><a href="#Footnote_4_4" class="fnanchor">[4]</a></p> + +<div class="figcenter" style="width: 400px;"> +<img src="images/oppos_240.jpg" width="400" height="623" alt="Illustration" /> +</div> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_241" id="Page_241">241</a></span></p> + +<p>»Töwt, ick ward juch helpen,«<a name="FNanchor_5_5" id="FNanchor_5_5"></a><a href="#Footnote_5_5" class="fnanchor">[5]</a> dröhnte der Alte, und schleuderte mit +voller Wucht einen Blitz gegen die Brücke, unter der sich die Kleinen +gerade verbargen.</p> + +<p>»To Hülp — to Hülp.«<a name="FNanchor_6_6" id="FNanchor_6_6"></a><a href="#Footnote_6_6" class="fnanchor">[6]</a></p> + +<p>»Krach,« ächzte das morsche Holz und stürzte bis auf ein paar Balken +kopfüber in den gischtigen Strom.</p> + +<p>Die Wetterhexe kreischte laut auf vor Vergnügen.</p> + +<p>»Dat's recht — dat's recht.«</p> + +<p>»Kiek,« sagte der Donner-Alte, »wat ick oll Mann noch bi Kräften bünn — +aberst nu kumm, Ollsching, nu willen wie mal 'n recht schönen +Schottischen danzen.«<a name="FNanchor_7_7" id="FNanchor_7_7"></a><a href="#Footnote_7_7" class="fnanchor">[7]</a></p> + +<p>Und damit hopsten die beiden Alten wieder auf dem Bodden herum.</p> + +<p class="center">— — — — — — — — — — — — — — — — </p> + +<p>Am Bollwerk standen die Moorluker und redeten darüber, daß es nach dem +Einsturz der alten Brücke keine Verbindung mehr zwischen Moorluke und +dem gegenüberliegenden Dorfe gäbe.</p> + +<p>In Strömen prasselte der Regen dabei hernieder, und über Fluß und Land +leuchtete es an diesem Nachmittag blau und schwefelgelb.</p> + +<p>»Dat's slimm,« meinte der wassersüchtige Lotse Pagels mit dem +verschnürten Bein.</p> + +<p>»Wieso?« fragte Siebenbrod und stellte in seinem Kopf bereits eine +Rechnung an. »Da kann jetzt einer mit einer Fähre ein schönes Geschäft +machen.«</p> + +<p>»Schön — schön, das kommt alles davon her,« fuhr der spindeldürre, +lange Lehrer Toll dazwischen, »daß das olle Ding nicht versichert war, +denn bei Versicherten schlägt's nie ein. — Noch kein Fall dagewesen, +Herrschaften. — Na, also.«</p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_242" id="Page_242">242</a></span></p><p>Aber ehe diese Anspielung noch recht verstanden wurde, quiekten +plötzlich durch den aufklatschenden Regen und das Heulen des Windes +Harmonikamelodien hindurch. Es war, wie wenn die Weise aus dem Fluß +dränge.</p> + +<p>Was war das?</p> + +<p>Alles schwieg.</p> + +<p>»Herr Gott, Kinder, es wird doch nicht etwa Malljohann sein?« fragte oll +Kusemann. »Sein Schiff liegt hier.«</p> + +<p>Und durch den Haufen drängte sich ein großes, starkknochiges Weib. — +Frau Dörthe Petersen, der weibliche Kapitän.</p> + +<p>»Herrgott, was wollt's nich — was wollt's nich,« jammerte sie und rang +die Hände. »Bei Gewitter schleicht er sich immer auf die Brücke und +sagt, er müsse gegen den Donner aufspielen. — Was kann da einer für?«</p> + +<p>»Malljohann — Malljohann!« riefen drei, vier Stimmen, um ihn +anzulocken.</p> + +<p>»Der Mann hatt' doch nu mal solche Gedanken in seinen Kopf,« klagte das +Weib weiter und beugte sich über das Bollwerk verzweifelt gegen die +zerrissene Brücke vor: »Huch,« kreischte sie plötzlich, »kiekt — oh, +kiekt da — da sitzt was, wie sein Gespenst — o Gott, o Gott, wie ich +mich fürcht'.«</p> + +<p>Alle drängten sich um sie, alle starrten mit den seegeübten Augen durch +Dünste, Gewitterwolken und den Regen hindurch, der wie ein graues +Fischernetz alles umwob.</p> + +<p>Richtig, da — mitten im Fluß — auf den drei einzelnen, +stehengebliebenen Balken, da regte sich etwas Braunes — und jetzt, wo +der Donner wieder über die vernebelten Wiesen knatterte, da +unterschieden sie von neuem ein schwaches Getön.</p> + +<p>»O je — o je,« heulte Frau Dörthe, »hört bloß — hört bloß, jetzt +spielt er: Wer nur den lieben Gott läßt walten — Und wie spielt er.«</p> + +<p>Nun drängte und schrie alles durcheinander.</p> + +<p>Man müsse Bretter bis zu den Balken legen. Aber die würden<span class="pagenum"><a name="Page_243" id="Page_243">243</a></span> nicht +anhaften. Vielleicht einen Strick hinüberwerfen, allein der Verrückte +rührte sich ja gar nicht. Oder ob man es trotz des weißen Strudels mit +einem Boot versuchte? —</p> + +<p>»Ich würd's tun,« erbot sich oll Kusemann. »Ich hab' all vier Menschen +gerettet.«</p> + +<p>»Ja woll, oll Kusemann — oll Kusemann,« stimmte alles zu.</p> + +<p>»Aberst ich hab' heut grad meinen lahmen Tag,« kam der Lotse hinterher.</p> + +<p>»Den wird er wunderbar erhalten,« quiekte die Harmonika durch den Regen.</p> + +<p>»Hört bloß — hört bloß,« heulte wieder die Frau.</p> + +<p>»Hanning?« rief der Lügenlotse durch den Lärm, »wo is Hann Klüth?«</p> + +<p>»Hier — was soll er? — da steht er neben der Frau,« antworteten +einige.</p> + +<p>Oll Kusemann legte dem Burschen, der tiefsinnig auf das zertrümmerte +Brückenwerk hinübersah, salbungsvoll die Hand auf die Schulter.</p> + +<p>»Hanning, der Mensch soll für seine Mitmenschen was tun. Nich so?«</p> + +<p>Aber der lange Lehrer Toll, der für seinen künftigen Eidam fürchtete, +drängte sich aufgeregt und gestikulierend dazwischen: »Schön, +Herrschaften, aber das ist ja der reine Unsinn. Es ist doch man einer, +der seinen Verstand nicht voll hat.«</p> + +<p>»Seinen Verstand nich? Wieso?« sprach Hann Klüth, indem er immer noch +nachdenklich zu Boden sah. »Ich frag man, hat er sich nich auf den +einzigen Balken gesetzt, der noch steht? Und spielt er nich mitten in +den Tod ein geistliches Lied? Wenn er das mit einem kranken Verstand +tut, was würd' er erst mit einem gesunden tun? Ne, ich hab' mich all +ümmer gedacht, wir verstehen ihn bloß nich. — Um den wär's schad'.«</p> + +<p>Mit einer schnellen Bewegung ließ er sich über das Bollwerk gleiten, in +ein Boot hinab, das bereits halb voll Regenwasser stand.</p><p><span class="pagenum"><a name="Page_244" id="Page_244">244</a></span></p> + +<p>Ihm nach kletterte noch eine zweite herkulische Gestalt, der taubstumme +Riese Muchow, dem die Sache großen Spaß zu bereiten schien: »Hü — hü,« +schrie er erregt und zeigte auf das Pfahlwerk.</p> + +<p>Und kaum war das Boot losgebunden, so ward es von der Wucht des Stromes +in einer Sekunde gegen den aufragenden Balken geworfen, so daß alle +Rippen krachten. Im nächsten Augenblick jedoch umklammerte Hann bereits +den Pfahl, zog den Musikanten, der gleichgültig alle Vorbereitungen +mitangesehen, an den Beinen in das Fahrzeug und stieß darauf mit so +gewaltiger Kraft von dem Balken wieder ab, daß der Nachen knirschend auf +den Ufersand schoß.</p> + +<p>»Hurra!« schrien die Moorluker entzückt.</p> + +<p>Der Taubstumme umklammerte den Harmonikaspieler, hob ihn in die Höhe und +warf seine Ladung gleichmütig wie einen Sack ans Land.</p> + +<p>Dann sprang er selbst unter allen Anzeichen der Freude heraus. »Hü — +hü,« gurgelte er, »Eierkauken.«</p> + +<p>»Hurra,« schrien die Moorluker von neuem. »Nun Hann noch.«</p> + +<p>Aber was war das? Ein vielstimmiger Ausruf des Entsetzens.</p> + +<p>Eine einzige, wütende Woge war es, die das erleichterte Schifflein hoch +in die Höhe hob, um es dann mit der Breitseite krachend gegen das Ufer +zu schleudern. Hann flog kopfüber hinaus, hieb mit der Stirn gegen den +Zacken eines eisernen Ankers, und in seinem letzten Augenblick war es +ihm, als ob die Sonne glühend und blutrot vor ihm unterginge.</p> + +<p>»Line,« stöhnte er.</p> + +<p>»Hann — Hanning — Hann Klüth.«</p> + +<p>»Das kommt davon,« sagte Siebenbrod, »der Bengel is immer solch ein +Dämlack gewesen. Nu muß ich auch noch die Doktorkosten bezahlen.«</p> + +<p class="center">— — — — — — — — — — — — — — — — <br /> +— — — — — — — — — — — — — — — — </p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_245" id="Page_245">245</a></span></p> + +<p>Es war gegen Abend.</p> + +<p>In seiner Bodenkammer hatten sie ihn auf den engen Wandschragen +gebettet.</p> + +<p>Zwei Frauen saßen bei ihm.</p> + +<p>Mudding, die von Siebenbrod mit ihrem Stuhl hinaufgetragen war, und die +nun hilflos zusehen mußte, wie Klara Toll neben dem Hingestreckten saß, +um ihm unausgesetzt kühlende Umschläge auf den Kopf zu legen.</p> + +<p>Sie konnte so gar nichts helfen, das arme, alte Mudding mit ihren +geschwollenen Füßen, aber stets wenn das schweigsame Mädchen dort in die +Schüssel langte, dann streichelte die Alte langsam über ihre nasse Hand +und murmelte: »Lieb's Döchting.«</p> + +<p>Es war beängstigend still in dem schmalen, dämmrigen Raum. Nur zuweilen +hörte man das Plätschern des Wassers und Klaras tiefe, zurückgepreßte +Atemzüge.</p> + +<p>Das Fenster stand offen.</p> + +<p>Draußen hatte das Gewitter ausgetobt, ein ganz feiner rieselnder Regen +fiel noch, aber hinten über den dampfenden Wiesen sah man die Sonne +glühendrot hinter blaugrauen Schleiern untergehen. Ein leichter Wind +schüttelte die nassen Pappeln vor dem Häuschen, und von überall her +erhoben sich die erquickenden See- und Heudüfte.</p> + +<p>So mochte wohl eine Stunde vergangen sein.</p> + +<p>Hann lag mit starren, offenen Augen, ohne sich zu bewegen, er rührte +sich auch nicht, als Klara Toll sich leise über ihn beugte, um ohne +Furcht und Scheu vor der alten Frau ihren Mund auf seine Stirn zu +pressen.</p> + +<p>»Lieb's Döchting,« murmelte die Alte wieder und langte nach der Hand des +Mädchens. »Lieb's Döchting.«</p> + +<p>Klara Toll wandte sich und sah Hanns Mutter an. Dann streichelte sie +behutsam über das schlichte Haar der Matrone. Die Alte schlang ihren +zitternden Arm um die Hüfte der vor ihr Stehenden und drückte sie an +sich.</p><p><span class="pagenum"><a name="Page_246" id="Page_246">246</a></span></p> + +<p>»Du bist die Rechte,« sagte sie dann nach einiger Zeit.</p> + +<p>Dunkler und dunkler war es inzwischen geworden. In einem weiten +Dunstkreis erschien der Mond am Himmel und leuchtete verschwommen durch +die nassen Pappelzweige.</p> + +<p>Aus dem Garten rief stark und kräftig eine Schwarzdrossel.</p> + +<p>»Mudding?« flüsterte Klara.</p> + +<p>»Was?«</p> + +<p>»Sieh.«</p> + +<p>Hann hatte sich aufgerichtet, sah auf die flirrenden Mondlichter, die +auf der Wand tanzten, und langte dann nach den beiden dunklen Gestalten.</p> + +<p>Hoffnungsvoll gab ihm Klara die Hand.</p> + +<p>Erstaunt und lange musterte der Kranke das Mädchen. Dann begann er: +»Bist du nun da, Lining?«</p> + +<p>»Hann,« rief Mudding erschreckt.</p> + +<p>»Still,« verwies Klara, setzte sich zu dem Kranken auf den Bettrand und +strich ihm die nassen Haare von der Stirn. Die Berührung schien dem +Kranken wohl zu tun. Wenigstens hielt er die Finger des Mädchens fest +umspannt.</p> + +<p>»So,« äußerte er endlich nach einiger Zeit, »so ist's gut.«</p> + +<p>Dann wurde er wieder unruhig.</p> + +<p>»Lining,« hob er von neuem an, »ich krieg das nich aus'm Kopf, ich muß +immerzu daran denken. Immerzu. Das mit Bruno, Lining« — seine Stimme +nahm einen flehenden Klang an: »Es ist doch allens recht und in Ordnung +mit ihm? — Ich kann gar nicht mehr schlafen — denk', ich geh Klara +Toll immer aus'm Weg — oll Kusemann weiß es auch all — — Ach Lining, +wenn du doch immer hier im Haus geblieben wärst.«</p> + +<p>»Klara,« rief Mudding erschrocken und beschämt, »er is nich bei +Verstand.«</p> + +<p>»Ja, er fiebert,« sprach das Mädchen, ohne sich zu rühren und ohne +aufzuhören, die Finger auf des Leidenden Stirn zu legen.</p> + +<p>»Und wie du getanzt hast, Lining — weißt noch?</p><p><span class="pagenum"><a name="Page_247" id="Page_247">247</a></span></p> + +<p>»Und die Molle voll Goldstücke aus der untergesunkenen Stadt — Und im +Gefängnis, da hab' ich auch immer an dich gedacht — ich krieg dich +nicht aus'm Kopf. — Aber die Angst — die Angst —«</p> + +<p>Die kleine Frau wand sich in der Dunkelheit in ihrem Stuhle hin und her +und rief endlich nach Licht. Man solle Licht anstecken. Es müßte hell +werden.</p> + +<p>Klara folgte. Nach kurzer Zeit brannte auf dem Stuhl neben dem Lager ein +Talglicht. Dessen Flämmchen zuckte vor der einströmenden Luft hin und +her. — Wie die Seele des Kranken.</p> + +<p>Er sah sich in der unsicheren Helle ungewiß um.</p> + +<p>»Klara,« murmelte er endlich.</p> + +<p>»Ja, Hann — kennst du mich?«</p> + +<p>»Ja, ja — was wollt ich nicht? — Aber — aber war noch jemand hier?«</p> + +<p>»Nur Mudding.«</p> + +<p>»Mudding — ich dacht' man,« flüsterte Hann und sank zurück, und noch +einmal kam es ganz leise: »Ich dacht' man — —«</p> + +<p>Dann ward es still.</p> + +<p class="center">— — — — — — — — — — — — — — — — </p> + +<p>Es war beinah gegen Mitternacht, da saß auf der Bank vor dem Lehrerhaus, +vor dem die blühenden Fliederbäume ihre Düfte in die Nacht hauchten, ein +Mädchen und hatte das Haupt in beiden Händen verborgen, als sollte es +noch dunkler um sie werden, und dachte nach und sann und sann.</p> + +<p>Von fernher strich ein Windzug über das einsame Meer, der stieß an die +Kirchturmglocke.</p> + +<p>Es war, als ob die Nacht über ihre Verlassenheit seufzte. Und das +Mädchen stand auf und tastete umher, wie wenn sie etwas suche, was sie +nicht finden könnte, und schüttelte den Kopf und sann und sann.</p><hr class="chap" /><p><span class="pagenum"><a name="Page_248" id="Page_248">248</a></span></p> + + + + +<h3>II</h3> + + +<p>Inzwischen zog der Sommer ins Land.</p> + +<p>Der Konsul war mit seiner Tochter und ihrem Verlobten in das vornehme +belgische Seebad gereist und die Geschäfte ruhten fast ausschließlich in +den Händen mehrerer alter erprobter Prokuristen, sowie des +unternehmenden Bruno. Und die Zeit forderte gerade in diesem Sommer die +Unternehmungslust der Reedereien heraus.</p> + +<p>Jenseits des Ozeans, vor Kuba, waren eines Morgens die amerikanischen +Kanonen von selbst losgegangen und hatten mit ihrem Donner auch die +deutschen Philister aus den Betten gejagt, die kleinen Rentner, die +einen Teil ihres Ersparten in spanischen Werten angelegt hatten.</p> + +<p>Aber noch lag ein spanisches Geschwader unversehrt in einem Küstenwinkel +der Neuen Welt — man wußte nur nicht genau, wo. — Diese Flotte konnte +hervorbrechen, konnte den Admiral Dewey überraschen, konnte — — — — +die Spekulanten fieberten, die Depeschen flogen. — —</p> + +<p>Für Bruno war dies eine gute Zeit. So angespannt, erregt und voll froher +Laune hatte er sich noch nie befunden.</p> + +<p>Ja, ja, Herzdame war für ihn eine gute Karte. Sie schlug.</p> + +<p>Sie schlug wirklich. Er hatte jetzt stets das Portemonnaie voller +Goldstücke und die Brieftasche gefüllt mit Scheinen. Zu Mittag, in der +vornehmen Weinhandlung von Kroll, trank er jetzt beständig eine halbe +Flasche Champagner, und für Line ersann er die zierlichsten +Überraschungen.</p> + +<p>Ach, was war doch Line für ein reizendes Liebchen. Wie wild, wie +selbstvergessen hing sie an ihm, wie unberechenbar und wechselnd<span class="pagenum"><a name="Page_249" id="Page_249">249</a></span> waren +ihre Launen, die sie doch in seinen Augen nur begehrenswerter erscheinen +ließen. Und dann — er merkte es deutlich — in der letzten Zeit war +dieses kratzende Kätzchen bereits zahmer geworden, fügsamer; ihr Trotz +verschwand. Denn nur so konnte er es sich auslegen, daß sie häufig in +den knappen Augenblicken, wo sie sich beide unbelauscht zusammenfinden +konnten, kaum die Augen erhob, so schweigsam war und zu dem meisten +Beifall nickte.</p> + +<p>Nur, wenn er, was er so gerne tat, von der Zukunft sprach, dann konnte +sie ihn mit dem feinen Gesicht, das jetzt manchmal so blaß aussah, so +dringend, so fordernd ansehen, daß er oft ganz betreten wurde.</p> + +<p>Was konnte das bedeuten?</p> + +<p>Ja, ja — sie wünschte wohl das Ende, ihre Gedanken hatten sich gewiß in +dem langen, wehenden Brautschleier verfangen; und der sollte auch bald +um ihr Haupt fließen — aber ihre kleinen Füße mußten dann in goldenen +Schuhen wandern, denn in solch kleine Beamtenexistenz würde sich ja +dieses lebenshungrige Geschöpf nicht fügen; dazu hatte er ihr die +Zukunft schon zu herrlich ausgemalt — und auch er ertrug solche +Beschränkung nicht, er sicher nicht; das durfte nicht das Ende sein.</p> + +<p>Schließlich gehörte ja nur ein einziger harter Entschluß dazu, den mußte +er eben fassen. Alle kleinen Versuche waren ja bereits geglückt!</p> + +<p>Und doch!</p> + +<p>Wenn er so des Morgens durch die alten Bureaus ging und den leeren Platz +des Konsuls mit dem durchgedrückten Lederkissen sah, die abgeschabten +verbrauchten Pulte, den erblindeten alten Koloß von Geldschrank, dann +befiel ihn Zaghaftigkeit, dann starrte er vor sich hin und seine +Kollegen mußten mehrmals fragen, bevor er Antwort erteilte.</p> + +<p>Und eines Morgens erhielt er doch in diesem Schwanken eine Nachricht, +die ihn hätte alarmieren müssen.</p><p><span class="pagenum"><a name="Page_250" id="Page_250">250</a></span></p> + +<p>Ein jüngerer Beamter trat vor ihn.</p> + +<p>»Wissen Sie schon?«</p> + +<p>Keine Antwort.</p> + +<p>»Die amerikanischen Schiffe sollen durch feindliche Minen total +vernichtet sein —«</p> + +<p>»Was? — was sagen Sie?«</p> + +<p>»Hier — Depesche aus London.«</p> + +<p>Bruno taumelte auf.</p> + +<p>Da war es! — Da war der Moment, der ergriffen werden mußte.</p> + +<p>Aber er stand und sah mit zitternden Händen auf die Gesichter der +Beamten, sah auf die alte verräucherte Tapete, hörte auf das Knarren der +Drehböcke und richtete seinen Blick verwundert auf den Verschlag, hinter +dem der Kassierer, ein gebücktes, zitterndes Männchen mit blauer Brille, +seit Jahrzehnten die Häufchen der Kassenscheine schichtete und den +Abgang mit Kreide auf den Zähltisch schrieb.</p> + +<p>Langsam sanken ihm die erhobenen Hände, die Depesche flatterte zu Boden, +ein leises Stöhnen entrang sich der gequälten Brust.</p> + +<p>Das um ihn herum, das Alte, Solide hatte noch einmal seine Macht geübt. +Der Brauch, die Gewohnheit erwies sich noch einmal als der Stärkere.</p> + +<p>Er stand und lauschte ängstlich auf das Kritzeln der Federn, das +Rauschen der Folioseiten und das Ächzen des alten Geldschrankes, als +sollten ihm alle diese etwas Tröstliches sagen. Und von dem Platz des +Konsuls schien eine spöttische Stimme zu dringen: »Na, Klüthchen, wieder +mal so tief in Gedanken?«</p> + +<p class="center">— — — — — — — — — — — — — — — — <br /> +— — — — — — — — — — — — — — — — <br /> +— — — — — — — — — — — — — — — — </p> + +<p>»Lining,« sagte Fräulein Dewitz an demselben Nachmittag, »du gehst so +viel hin und her, mein Kind, ohne recht eine Arbeit anzufassen; die +Strümpfe zum Beispiel, die du für mich stricken<span class="pagenum"><a name="Page_251" id="Page_251">251</a></span> sollst, liegen nun +schon seit ein paar Tagen unberührt auf dem Nähtisch; was ist dir denn? +— Du siehst auch so bleich aus und lachst gar nicht mehr, wie früher.« +— Sie rückte sich ihre Brille zurecht und blickte das Mädchen forschend +an: »Fehlt dir etwas?«</p> + +<p>Die Gefragte blieb stehen und verzog den Mund zu ihrem alten Lächeln: +»Nichts,« erwiderte sie gleichgültig, und doch ballten sich ihre Hände +fast krampfhaft und öffneten sich wieder, ohne daß sie es selbst fühlte.</p> + +<p>Die Handarbeitslehrerin, die auf dem Tritt am Fenster saß, um beim +Kaffeetrinken durch den Fensterspiegel die Vorübergehenden zu +beobachten, setzte ihre Tasse nieder und wollte ihre Pflegebefohlene auf +andere Gedanken bringen.</p> + +<p>»Was ich dir noch sagen wollte, Lining,« sprach sie, »heute vormittag, +als du auf dem Markt warst, da war dieser alte schnurrige Lotse aus +Moorluke wieder hier, der sollte uns nämlich einen Gruß von deiner +Mutter bestellen und erzählte, daß es deinem Bruder Hann schon seit +langem wieder besser ginge. Darüber freute ich mich sehr, und da +behauptete der Lotse, er werde Hann die Rettungsmedaille verschaffen, +denn, wie er sagte, wäre er ein genauer Freund von unserem Landrat, +worüber ich wieder herzlich lachen mußte. Aber —« die alte Dame schob +sich die Brille auf die Stirn, »Lining, was ist denn das? du hörst ja +gar nicht zu?«</p> + +<p>Line stand vor ihr und wurde bald blaß, bald rot.</p> + +<p>»Ich weiß auch nicht,« stieß sie plötzlich entschlossen hervor, »ich +möchte ein bißchen an die Luft.«</p> + +<p>Die gute alte Dame wurde wirklich besorgt.</p> + +<p>»Ja, ja, Lining, tu das und bringe mir gleich etwas aus der Bibliothek +mit. Am liebsten wieder einen historischen Roman. Etwas, was +unterhaltend und belehrend zugleich ist. Weißt du, wie neulich diese +Christenverfolgungen. Daran habe ich mich sehr erbaut. Nun sput dich +aber, mein Kind, daß du zum Abendbrot wieder zurück bist.« — —</p> + +<p>Kurz nach Bureauschluß stieg Bruno die engen Treppen des<span class="pagenum"><a name="Page_252" id="Page_252">252</a></span> Hinterhauses +hinauf, in dem er, sowie einige höhere Beamte Hollanders wohnten.</p> + +<p>In seiner Hand hielt er die Morgenausgabe der »Stralsundischen Zeitung«, +in der ebenfalls die Gerüchte über den großen spanischen Seesieg genau +verzeichnet standen.</p> + +<p>»Wenn man das sicher wüßte,« dachte er, während die Stufen unter ihm +ächzten, »aber die Gefahr, diese fürchterliche Gefahr.«</p> + +<p>Und ihm fiel das kleine Lotsenhaus in Moorluke ein, und die Angst senkte +sich wieder auf seinen Nacken, als hätte er eine überschwere Last die +Treppen hinaufgetragen.</p> + +<p>»Wer da einen Weg wüßte?«</p> + +<p>Schwerfällig wie nie, zerrüttet von seinen eigenen Gedanken, betrat er +sein kleines Zimmer, das noch in Dunkelheit lag.</p> + +<p>Er schritt an den Tisch und wollte nach Zündhölzern suchen; da knisterte +etwas.</p> + +<p>Bruno hielt inne.</p> + +<p>Von dem Stuhl am Fenster erhob sich eine Gestalt, die rasch auf ihn +zueilte, um ihm die Hand auf den Arm zu legen, als wolle sie ihn +hindern, den Raum zu erleuchten.</p> + +<p>Die Hand zitterte.</p> + +<p>»Bruno.«</p> + +<p>»Herrgott, Line. Wie kannst du hierher kommen? Wenn dich jemand gesehen +hätte?«</p> + +<p>»Darauf kann ich jetzt keine Rücksicht nehmen. Du mußt mich anhören.«</p> + +<p>»Lining; was hast du denn? — Soll ich nicht Licht machen?«</p> + +<p>»Nein.«</p> + +<p>Und dann trat sie ihm noch näher, ihre Finger umspannten seinen Arm +fester und fester, und mit heiserem Flüstern teilte sie ihm ihr +Geheimnis mit.</p> + +<p>Allmählich erstarb das Raunen, Ruhe trat ein; es waren zwei +schreckensbleiche Gesichter, die sich jetzt in der Dunkelheit ratlos +anstarrten.</p><p><span class="pagenum"><a name="Page_253" id="Page_253">253</a></span></p> + +<p>Aber dann — sie hatte sich nicht geirrt. Erschüttert, wie er war, fiel +er vor ihr nieder, umklammerte sie in der Dunkelheit, und unter +hervorbrechenden Tränen, zerschmettert in seiner nachgiebigen Natur, +küßte er ihre Füße, ihre Hände, und zwischen tausend Schwüren und Bitten +suchte er ihr ihre Angst auszureden, während sein eigenes Herz zitterte.</p> + +<p>Zukunftsbilder, rosig, leuchtend, bestrahlt von seiner augenblicklichen +Erregung, kamen ihm wieder wie von selbst in den Mund; aber sie ließ +sich nicht mehr irre machen: »Also acht Tage noch,« drängte sie »dann +kommst du zu Fräulein Dewitz?«</p> + +<p>»Gewiß — gewiß — wie kannst du nur fragen?«</p> + +<p>»Und auch zu den Unseren nach Moorluke.«</p> + +<p>Auch das beteuerte er, und tief aufatmend, erleichtert, bot sie ihm den +Mund.</p> + +<p>»Weißt du,« sagte sie, wie zu sich selbst, »ich glaube, wenn du schlecht +gewesen wärst, ich hätt' mit einem Messer nach dir gestochen.«</p> + +<p>»Line,« stammelte er.</p> + +<p>»Nein, nein.«</p> + +<p>Und wieder reichte sie ihm die Lippen und war im nächsten Moment die +Treppen hinuntergehuscht.</p> + +<p>Er blieb allein und blickte auf die Stelle, wo sie gestanden. Dabei +wunderte er sich, daß vor dem Ereignis die Qual seiner Gedanken +plötzlich von ihm genommen war, er konnte überhaupt nicht mehr +nachsinnen, sondern stand und horchte halb teilnahmlos auf das Klopfen +seines eigenen Herzens.</p> + +<p>Wie das hämmerte!</p> + +<p>Ob das Angst war?</p> + +<p>Angst? Wovor?</p> + +<p>Wovor?</p> + +<p>Und plötzlich war das jagende Entsetzen wieder da. Unheimlich sausende +Bilder blitzten an seinem geistigen Auge vorbei, immer schneller und +folgerichtiger, der Atem in seiner Brust schien stillzustehen.</p><p><span class="pagenum"><a name="Page_254" id="Page_254">254</a></span></p> + +<p>Was nun?</p> + +<p>Nun kam eben die Arbeit, die Arbeit für Weib und Kind, die ewig gleiche +Mühe eines kleinen Beamten. Morgens — mittags — abends, immer würde +der Drehbock vor seinem Pulte knarren, immer fühlbarer das +Abhängigkeitsverhältnis werden, immer mehr die Freuden schwinden, nach +denen er gehungert. Denn ein kleiner Beamter spart.</p> + +<p>Kein Vergnügen, kein Luxus, keine Reisen mehr. Sparen — sparen.</p> + +<p>Zornig warf er die Hand vor, als wollte er nach dem Worte schlagen, das +ihm in seiner Jugend bereits so viel Pein verursacht, aber die Bewegung +brachte ihn nur noch mehr in die Gegenwart zurück.</p> + +<p>Lieber Gott im Himmel, es mußte ja sein, sofort, schnell, überstürzt, +ehe die Katastrophe da war, — denn ein Zögern, ein Entrinnen gab es +nicht mehr.</p> + +<p>Oder doch? — Oder doch?</p> + +<p>Mitten in der kleinen dunklen Stube wurzelte er plötzlich fest. Mit +blendender Deutlichkeit, farbenprächtig, als ob er herrliche Lichtbilder +sähe, flog es an ihm vorüber.</p> + +<p>Was war das?</p> + +<p>Wogende See, Schlachtflotten, Kanonendonner, und dann wieder das Drängen +und Wogen erregter Menschen an der Hamburger Börse. An den schwarzen +Kurstafeln erscheinen und schwinden die Zahlen — — Freudenrufe werden +laut. — Nein, nein, nicht daran denken.</p> + +<p>Nur diesem einen Gedanken nicht weiter folgen, der das Leben so leicht, +so mühelos machen könnte, der — —</p> + +<p>Rastlos auf dem Drehbock sitzen, schreiben, schreiben, bis die Finger +krumm werden, einrosten und sich von Hollander höhnen und abkanzeln +lassen — — und — und —</p> + +<p>»Licht.«</p> + +<p>Wer hatte ihm die kleine grüne Lampe entzündet? Er weiß es nicht.</p><p><span class="pagenum"><a name="Page_255" id="Page_255">255</a></span></p> + +<p>Wer gab ihm die Worte, die er dort auf das Papier warf?</p> + +<p>Als der letzte Buchstabe stand, überfiel ihn eine lähmende Ermattung.</p> + +<p>Mit stumpfer Gleichgültigkeit steckte er das Papier zu sich, nahm seinen +Hut und schritt in den Sommerabend hinab.</p> + +<p>So verfolgte er seinen Weg, ohne den Kopf zu erheben, matt und +seelenlos, bis er die große, neuerbaute Postanstalt am Markt erreicht +hatte.</p> + +<p>An einem Seiteneingang leuchtete hier ein rotes Transparent: +»Telegraphenamt«.</p> + +<p>Das war sein Ziel.</p> + +<p>Er trat an den Schalter, der Beamte las und fragte: »Nach Hamburg?«</p> + +<p>»Ja, nach Hamburg,« antwortete er gleichgültig, »Bankier Solmsen.«</p> + +<p>Dann zahlte er und trat wieder in den Sommerabend hinaus.</p> + +<p>Merkwürdig, der Platz war wie ausgestorben, auch die anstoßenden Straßen +schienen leer. Bruno hatte plötzlich das Gefühl, als ob er gar nicht +hierher gehöre, sondern ausgestoßen, an einem unbekannten Orte weile.</p> + +<p>Dort die roten gotischen Häuser, um die die Abendschatten webten, er +blickte zu ihnen hinüber, befremdet, als sähe er sie zum erstenmal.</p> + +<p>Wohin nun?</p> + +<p>Nach Haus — natürlich, nur zurück in das kleine Zimmer, und dann +schlafen und alles vergessen.</p> + +<p>Als er das Geschäftshaus wieder erreicht hatte, da stand ein Schreiber +unter dem Torweg. Der trat dem Prokuristen ehrerbietig näher und teilte +ihm mit, daß oben auf dem Zimmer des jungen Herrn ein Fremder auf Herrn +Klüth warte.</p> + +<p>Bruno stutzte einen Moment, dann stieg er teilnahmlos und ohne Neugierde +die Stufen hinauf.</p> + +<p>In dem Zimmer brannte noch die kleine grüne Lampe. Und als<span class="pagenum"><a name="Page_256" id="Page_256">256</a></span> der junge +Kaufmann öffnete, da sah er mitten in dem Stübchen einen +schwarzgekleideten Mann, der ihm den Rücken kehrte und sich jetzt rasch +wandte.</p> + +<p>Es war sein Bruder Paul.</p> + +<p>»Du?« fragte der Ankömmling enttäuscht und zugleich etwas erschreckt, +denn das Erscheinen des Geistlichen versetzte ihn, seitdem er soviel vor +dem Älteren zu verbergen hatte, stets in Angst und Unruhe.</p> + +<p>Heute sollte ihm jedoch beides erspart bleiben.</p> + +<p>In des Theologen eckigen Zügen arbeitete eine Verklärung, wie man sie +sonst fast niemals an ihm wahrnehmen konnte, und als er jetzt auf den +Jüngeren zuschritt, um dem Bruder, der sich vor Müdigkeit und +Erschöpfung auf einen Stuhl niedergelassen, die Hand zu schütteln, da +leuchtete soviel Freude aus seinen Augen, daß es dem Sitzenden trotz +seiner Gebrochenheit auffiel.</p> + +<p>»Paul, was ist dir?«</p> + +<p>»Was Gutes.«</p> + +<p>»Aber was?«</p> + +<p>»Ich bin zum Pastor gewählt — zum Strandpastor auf dem Walsin, Junge.«</p> + +<p>Die Stimme des Sprechenden zitterte vor Bewegung, und dann setzte er +noch hinzu, jetzt wäre also das Ziel erreicht, das dem alten Lotsen +Klüth während seines ganzen Lebens vorgeschwebt. Wenn der das noch +gesehen hätte, »und dich, Bruno, der du doch auch auf dem Wege bist.«</p> + +<p>Der neue Pastor stockte, denn er gab sich nicht gern solch weichen +Erinnerungen hin, aber noch immer hielt er die Hand des anderen, und so +merkte er wohl kaum, daß sich das Haupt des Sitzenden tiefer und immer +tiefer neigte, bis die Stirn fast die Finger des Geistlichen berührte. +Aber ehe Paul noch ein Wort des Befremdens hervorbringen konnte, sprang +der Jüngere unvermittelt auf und riß den Strandpastor stürmisch an seine +Brust. Paul mußte über das aufbrausende Temperament des jungen Kaufmanns +lächeln. Und doch tat dem Harten eine solche Liebkosung wohl.</p> + +<div class="figcenter" style="width: 400px;"> +<img src="images/oppos_256.jpg" width="400" height="623" alt="Illustration" /> +</div> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_257" id="Page_257">257</a></span></p> + + +<p>Dann folgten rasche, heftige Fragen.</p> + +<p>»Wissen's die Unsrigen schon?«</p> + +<p>»Ja, von Line komme ich eben.«</p> + +<p>Bruno schlug die Augen nieder.</p> + +<p>»Merkwürdig,« fuhr der Ältere fort, während er nachdenklich an der Lampe +schraubte. »Als ich ihr's erzählte, tat sie etwas, was ich ihr gar nicht +zugetraut hätte. Sie weinte und war gar nicht zu beruhigen. Ich glaube, +die Stadt bekommt ihr nicht recht.«</p> + +<p>Bruno rückte seinen Stuhl.</p> + +<p>»Und unsre Mutter?« fragte er beklommen.</p> + +<p>»Zu der fahre ich eben mit der Hafenbahn. Du solltest mich begleiten, +Bruno; denke doch, wie sich Mudding freuen würde.«</p> + +<p>Aber der Jüngere lehnte dies ab. Er hätte noch zu korrespondieren — die +aufgeregte Zeit — und seine eigene Müdigkeit. — Und so kam es, daß nach +einiger Weile Paul allein die Stufen hinabstieg. —</p> + +<p>Als er über den Hof schritt, stand Bruno am Fenster und blickte auf die +dunkle Gestalt hinab, die sich in ihrem schwarzen Rock kaum von der +Nacht löste.</p> + +<p>Laut und fest tönten ihre Tritte auf dem Pflaster, und dem +Zurückbleibenden war es, als müßte er sich an diese weichende schwarze +Gestalt klammern und sie zurückhalten, um jeden Preis. — Als er +aufblickte, stieg der Mond gerade über das Gehöft. Alle Zacken und +Spitzen ränderte er silbern, und langsam rollte sich ein Lichtteppich +über den Hof. »Natürlich,« sprach Bruno zu sich selbst, »es muß ja +wieder hell werden.« Und in dem Augenblick war er getröstet.</p> + +<p class="center">— — — — — — — — — — — — — — — — <br /> +— — — — — — — — — — — — — — — — </p> + +<p>Das war ein Sonntag, den die Klüths nie vergaßen. Solange sie lebten.</p> + +<p>Als längst alles zerschlagen war, kein Stück mehr auf dem anderen stand, +Särge in den Gräbern schon morsch geworden, und nur der heulende Wind +hinüber und herüber bangen, sehnsüchtigen<span class="pagenum"><a name="Page_258" id="Page_258">258</a></span> Herzen Kunde trug, da +dachten die einzelnen noch immer an diesen Tag und stückelten ihre +Erinnerungen zusammen. — —</p> + +<p>Die Sommersonne guckte so friedlich an jenem Morgen in das +Altjungfernstübchen, als wollte sie selbst noch einmal jeden Lackstuhl +besonders polieren.</p> + +<p>»Blank — blank — blank,« summten ihre Strahlen. Und Fräulein Dewitz +selbst sah so sauber aus, wie kaum jemals zuvor und niemals wieder +nachher.</p> + +<p>Sie las aus der Zeitung vor.</p> + +<p>Und Line stand vor dem Spiegel und steckte sich eine rote Schleife an. +Froh wie selten in den letzten Tagen. Sie beobachtete sich selbst mit +Erstaunen. Sie wurde immer hübscher. Sie drehte und wandte sich. —</p> + +<p>»Höre, Lining,« las die Handarbeitslehrerin kopfschüttelnd: »Ganz fett +gedruckt steht es hier. Die Amerikaner haben dem spanischen Admiral +Cervera alle Schiffe in den Grund gebohrt. Er selbst ist ins Wasser +gesprungen, aber sein Sohn hat ihn gerettet. Das muß doch ein +tugendhafter junger Mann sein. Aber wie gesagt, ich mag die Amerikaner +einmal nicht leiden. Solche Republikaner halte ich für ein sehr wildes +Volk.« Hier wurde sie unterbrochen, denn es klingelte.</p> + +<p>Bruno trat ein.</p> + +<p>Es war für die beiden Damen eine Freude, zu sehen, wie elegant und +adrett der junge Mann sich wieder in seinem grauen Sommeranzug ausnahm. +Er küßte dem alten Fräulein die Hand, sagte ihr allerlei Angenehmes über +ihr Aussehen, erzählte, daß der Konsul gegen Mittag zurückerwartet +werde, und schloß endlich mit der Bitte, ob ihn Line nicht nach Moorluke +begleiten dürfe. Er möchte sich wieder einmal nach den Seinen umsehen.</p> + +<p>Diese Erlaubnis konnte nun leider nicht erteilt werden, wenn auch +Fräulein Dewitz die Familienanhänglichkeit der beiden jungen Leute nicht +genug rühmen zu können glaubte, indessen das alte Fräulein schickte sich +eben an, den Konsul und Dina von der Bahn<span class="pagenum"><a name="Page_259" id="Page_259">259</a></span> abzuholen, und Line müsse sie +begleiten. Dinas wegen. Das sei so in der Ordnung. Aber in den nächsten +Tagen. Gerne — sehr gerne.</p> + +<p>Bruno schien durch diese Abweisung etwas betreten zu werden, er +plauderte noch ein Weilchen und wurde dann von Line hinausbegleitet.</p> + +<p>Hinter der Glastür hielt sie ihn noch einen Augenblick fest.</p> + +<p>Später blieb es ihr unbegreiflich, wie leicht und unauffällig sich alles +abgewickelt hatte. Aber die großen Momente des Lebens pfeifen vorüber +wie die kleinen, wie dieses selber! — Was bleibt?</p> + +<p>Sie legte ihm leicht die Hand auf die Schulter und schmiegte sich an +ihn.</p> + +<p>»Bruno,« fragte sie, indem sie ihre schwarzen Augen drängend zu ihm +erhob, »es bleibt doch bei unserer Verabredung?«</p> + +<p>»Bei unserer?« — Er warf rasch ein »Ja — ja« hin und schien es sehr +eilig zu haben.</p> + +<p>»Übermorgen kommst du also zu Fräulein Dewitz — nicht so?« fuhr sie +fort.</p> + +<p>Er nickte, zeichnete mit dem Stock allerlei Figuren auf den Boden der +Diele und griff dann fest nach ihrer Hand.</p> + +<p>»Line, du sollst doch mit mir kommen.«</p> + +<p>»Du hörst ja, ich darf wieder mal nicht. Außerdem bin ich auch noch +nicht ordentlich angezogen.«</p> + +<p>»Wie du hier stehst.«</p> + +<p>»Wieso? — es ist doch nicht etwa was Schlimmes geschehen?«</p> + +<p>Sie starrte ihn an.</p> + +<p>Er erschrak. »Nein, nein, was denkst du? Durchaus nicht.«</p> + +<p>Da lächelte sie wieder, und er war bereits die erste Stufe hinab, als +sie die Lust anwandelte, mit dem Finger leicht nach seinem Nacken zu +schnippen.</p> + +<p>Da sprang er plötzlich zurück, zog die Überraschte an sich, und ein +rascher, verstohlener Kuß brannte auf ihren Lippen.</p> + +<p>Doch das Gescharr, das durch den feinen Streusand zu ihren Füßen erregt +wurde, erschreckte Line.</p><p><span class="pagenum"><a name="Page_260" id="Page_260">260</a></span></p> + +<p>Sie bog sich zurück.</p> + +<p>»Du,« flüsterte sie warnend.</p> + +<p>Da streichelte er noch einmal ihre Wange und glitt mit wenigen Sätzen +die Treppe hinunter. Line aber huschte zu Fräulein Dewitz zurück, und +als sie wieder an dem Spiegel vorüber mußte, da schwellte sie das stolze +Gefühl, wie unüberwindlich doch die Macht der Schönheit wäre, und sie +huschte wieder hin und her und schnurrte vor sich hin, genau so, wie sie +es als Kind getan hatte.</p> + +<p class="center">— — — — — — — — — — — — — — — — <br /> +— — — — — — — — — — — — — — — — </p> + +<p>Später erinnerten sich die in Moorluke ebenfalls ganz genau daran und +wunderten sich, daß sie es erst so spät verstanden hätten.</p> + +<p>Und es war doch so einfach.</p> + +<p>An dem Sonntag Nachmittag, zu jener Tagesstunde, wo die Fischer in +Gruppen am Bollwerk hocken, um sich etwas zu erzählen, und wo die +Mädchen Arm in Arm vorüberwandern, da hatte auch Bruno nach seinem +Besuch im Elternhause mit dem Philosophen Hann am Rick gestanden, hatte +nachlässig ins Wasser gesehen und den Bruder so teilnehmend nach allem +gefragt, wie noch nie.</p> + +<p>Woher er die rote Narbe über der Stirn empfangen, und ob es wahr sei, +was oll Kusemann ihm im Vorübergehen zugeraunt, daß Hann jetzt heiraten +wolle — und wer denn die Erwählte wäre, und schließlich müsse sich Hann +doch ein hübsches Sümmchen erspart haben, wenn er an einen eigenen Herd +denke?</p> + +<p>Aber Hann hatte nur zu allem bedächtig den Kopf geschüttelt und dann war +herausgekommen, daß er bis jetzt nur für Siebenbrod geschafft habe, und +daß er auch ferner bei dem Stiefvater in Wochenlohn bleiben wolle. Denn +sicher sei sicher.</p> + +<p>»Ja aber, Siebenbrod — der,« raunte oll Kusemann wieder im +Vorbeiflitschen. »Auf der Sparkass' nennen sie ihn all ümmer +>Lütt-Rotschild<.«</p> + +<p>Später besann sich Siebenbrod, daß sich der feine Bruno, kurz bevor er +die Rückfahrt in die Stadt angetreten, auch zu ihm gesellt hätte.</p><p><span class="pagenum"><a name="Page_261" id="Page_261">261</a></span></p> + +<p>Der ehemalige Bootsmann saß gerade auf der Bank vor dem Teil des +Häuschens, der gegen den Fluß gelegen war.</p> + +<p>Siebenbrod hielt die Hände gefaltet und sonnte seine Hakennase.</p> + +<p>Da entspann sich zwischen den beiden folgendes Gespräch:</p> + +<p>»Wie hübsch bei Ihnen alles imstande ist, lieber Siebenbrod. Sie sind +doch ein fleißiger Mann.«</p> + +<p>Der Zesnerfischer drehte weiter an seinen Fingern: »Je, man hat weiter +nichts gelernt.«</p> + +<p>»Mir scheint, seit dem Tode meines Vaters müssen Sie unser Besitztum +recht vermehrt haben.«</p> + +<p>»Je,« sagte der Bootsmann und besah sich seine wollenen Strümpfe, die +aus den Holzpantoffeln hervorguckten, »die Leute sind hier all so +schlecht, sie sagen einen lauter solch dumm' Zeug nach.«</p> + +<p>»Aber aus den zwei Kühen sind doch jetzt fünf geworden.«</p> + +<p>»Je, das sag' ich man,« nickte Siebenbrod Beifall, »sie fressen mich +rein auf. Wenn Ihre Mutter nich so viel frische Milch haben müßt', ich +hätt' die Küh' all längst wieder abgeschafft — aber Krankheit — +Krankheit. Ja, ja, wie sagt noch's Sprichwort? Hast du 'ne kranke Frau +im Haus — so trägt man bald den Tisch heraus — na, ja, das konnt +keiner wissen.«</p> + +<p>Damit erhob er sich und töffelte in den Flur.</p> + +<p>Bruno starrte ihm nach.</p> + +<p>Das war der letzte.</p> + +<p>Und wieder stand er und wunderte sich, daß ihm weder leicht noch schwer +war. Nur so furchtbar hohl, dumpf und öde, als wandle sein Geist nicht +mehr mit seinem Körper zusammen.</p> + +<p>Er verabschiedete sich kurz und fuhr mit dem nächsten Dampfer in die +Stadt.</p> + +<p class="center">— — — — — — — — — — — — — — — — <br /> +— — — — — — — — — — — — — — — — </p> + +<p>»Kusch, Sultan!« sagte der alte Johann zu dem Pudel des Konsuls, mit dem +er zur Abendstunde auf dem Hofe des Geschäftshauses saß. »Kusch!«</p><p><span class="pagenum"><a name="Page_262" id="Page_262">262</a></span></p> + +<p>Doch als sich der Lichtschein in einem der hinteren Kontore wieder +zeigte, da knurrte der Pudel von neuem, und Johann stieg auf eine Kiste, +um durch die Eisenstäbe in das Bureau zu sehen.</p> + +<p>Gleich darauf kletterte er wieder hinunter.</p> + +<p>»Kusching,« sagte er, »es is bloß Herr Klüth — das tut nichts.«</p><hr class="chap" /><p><span class="pagenum"><a name="Page_263" id="Page_263">263</a></span></p> + + + + +<h3>III</h3> + + +<p>Die erste, die es erfuhr, war Line.</p> + +<p>Fräulein Dewitz kehrte von einem Vormittagsbesuch aus dem Hause des +Konsuls zurück, schloß die Tür hinter sich zu, zwei-, dreimal, als ob +sie sich von einem Polizeibeamten verfolgt wähne, und sank im Hut und +Mantel schreckensblaß auf dem Sofa zusammen.</p> + +<p>»Wer hätte das gedacht,« vermochte sie nur geistesabwesend vor sich +hinzumurmeln; »wer hätte das gedacht?«</p> + +<p>Und so seltsam mutete das Bild in seiner bizarren Feierlichkeit an, daß +Line in einer jener widerspruchsvollen Launen ein Lachen nicht +unterdrücken konnte, während ihr doch bereits das Herz still stand.</p> + +<p>»Lach' nicht,« flüsterte die Handarbeitslehrerin, in Tränen ausbrechend, +und winkte mit der Hand, »es ist zu schrecklich. Ich hätt' auf ihn +geschworen.«</p> + +<p>Jetzt lachte das Mädchen nicht mehr.</p> + +<p>»Auf wen? — sag' doch — auf wen, Tante?« klang es plötzlich so +schrill, so kreischend, daß das alte Fräulein entsetzt in die Höhe fuhr. +Aber sie hatte sich wohl getäuscht, denn das Mädchen stand schon wieder +ganz ruhig vor ihr, nur die Hände wanden sich in ewiger, unruhiger +Drehung umeinander.</p> + +<p>»Wen meinst du denn, Tante? Du sagtest doch vorhin — —«</p> + +<p>Und nun begann die alte Dame wie verzweifelt an ihren Handschuhen +herumzuknöpfen und brachte zitternd und verwirrt hervor, was sie eben +erfahren. Unzusammenhängend Bruchstücke. Der Konsul hätte einen Brief +erhalten — »denke dir, als er noch gar nicht rasiert war, ja, ja, noch +nicht einmal rasiert,« aber das<span class="pagenum"><a name="Page_264" id="Page_264">264</a></span> Zimmer Brunos sei bereits leer gewesen, +auch der Koffer verschwunden. — Und gerade als das alte Fräulein +eingetreten, wären Siebenbrod und Paul gerufen worden. Der neue Herr +Pastor — ja, wohin sei er doch gewählt? Auf den Walsin oder auf den +Swensin? Ach, es ist ja ganz gleich. — Und der erste, der es merkte, +wäre der alte Johann gewesen, als er am Abend einen Lichtschein in dem +Kassenzimmer wahrgenommen. Freilich, wer hätte auch glauben sollen, daß +dieser feine, gebildete junge Mann ein Betrüger werden könnte. — Gott +verzeih es einem, man möge das Wort ja gar nicht aussprechen! Und denke +dir, Lining, fünfundzwanzigtausend Mark soll er auf den Namen des +Konsuls an der Börse verspielt haben, und warum? Am Ganzen, sagen sie, +seien die Amerikaner schuld. »Ja, ja, du kannst es mir glauben, es ist +nicht gut, wenn Republiken so groß werden. — Ich sagte es ja.«</p> + +<p>So sprach und hastete die alte Dame vor sich hin und knöpfte erregt ihre +Handschuhe auf und wieder zu und merkte es gar nicht, wie ihr eine große +Träne die Wange hinunterlief, denn im Herzen trauerte sie um ihren +Liebling, der ihr stets so formvollendet die Fingerspitzen geküßt hatte.</p> + +<p>Wie war's doch? Ein <span lang="fr" xml:lang="fr">cavalier d'ancien régime</span>. Ach, du lieber Gott, und +jetzt ein Betrüger; aber wer kann aus dieser jungen Welt klug werden? +Damit raffte sie sich zusammen, schloß die Tür auf und, einem +bezwingenden Triebe folgend, gedachte sie wieder in das Haus Hollanders +zu eilen, um abermals zu hören, zu ratschlagen und wieder von dannen zu +flattern, als ihr plötzlich auffiel, daß Line sich noch gar nicht +geäußert hätte.</p> + +<p>Sie warf einen raschen Blick auf ihre Pflegebefohlene.</p> + +<p>Da saß sie auf dem Tritt, auf dem die Lehrerin sonst selbst immer +rastete, und zupfte mit einem verstörten Lächeln an den Fransen des +Fensterkissens herum. Fräulein Dewitz stutzte. Wie merkwürdig zuckten +die Lippen in diesem blassen Gesicht, wie krampfhaft gespreizt hielt sie +ihre Finger, und wie unnatürlich wogte die<span class="pagenum"><a name="Page_265" id="Page_265">265</a></span> Brust, als ob sie nur mit +großer Qual laute, wilde Rufe unterdrücke.</p> + +<p>»Lieber Gott!«</p> + +<p>Fräulein Dewitz erschrak so über diesen Anblick, daß ihr alles andere +nebensächlich wurde und ihre Hand auf der Türklinke zitterte.</p> + +<p>»Herrgott, Lining,« stotterte sie.</p> + +<p>Doch die Angerufene zupfte weiter. In ihren Zügen fuhr es hin und +wieder. Endlich schien sie ein Wort gefunden zu haben: »Weiß man nicht,« +stieß sie atemlos hervor, »wohin er gegangen ist?«</p> + +<p>»Wohin?«</p> + +<p>Die alte Dame besann sich. Hatte sie das in der Eile etwa vergessen? +»Nach Amerika natürlich, nach Amerika war er geflüchtet, jenseits des +Wassers, wie es alle diese Leichtsinnigen tun, die ihre Ehre verloren +haben, und — —«</p> + +<p>Die Hast der Erzählerin hatte sie bereits wieder zu weit geführt. Von +neuem mußte sie sich unterbrechen, denn Line stand langsam auf.</p> + +<p>»Mein Gott, mein Gott,« dachte das alte Fräulein, »wie wenn ihr die +Glieder nicht mehr gehorchen wollen. Der Schreck muß sie wohl +versteinert haben.«</p> + +<p>»Lining,« stammelte sie ängstlich. »Was ist dir?« Da stieß das Mädchen +endlich, endlich einen Schrei aus. Kurz, rücksichtslos, durchdringend, +und fortan fiel alles Erzwungene, Anerzogene von ihr ab, als wenn sie +niemals auf Zehen durch diese Räume gehuscht wäre.</p> + +<p>Sie stürzte auf die alte Dame zu und rüttelte diese am Arm, als hätte +das gute Fräulein ein Verbrechen gegen sie begangen.</p> + +<p>»Hat er nichts für mich hinterlassen?« schrie sie und ballte die Fäuste. +»Ich will wissen, ob er für mich nichts hinterlassen hat?«</p> + +<p>»Für dich?« wiederholte Fräulein Dewitz vor Schreck starr und gänzlich +verständnislos.</p> + +<p>»Hat er nichts für mich hinterlassen?« tobte die Verzweiflung noch +einmal aus dem Mädchen. Und als die Handarbeitslehrerin<span class="pagenum"><a name="Page_266" id="Page_266">266</a></span> gänzlich +erschüttert hervorbrachte, warum der Entflohene denn gerade an sie, an +Line — über sein Vorhaben etwas berichtet haben sollte, da lachte die +Entfesselte auf, jenes schrille, tolle Lachen, welches über die +Beschränktheit höhnt, die das Natürliche nicht sehen will, und warf sich +vor ihrer Kommode nieder und begann sie auszuräumen.</p> + +<p>Alles klirrte und rollte auf der Erde herum, der alten Dame, die ihren +Augen nicht traute, gerade vor die Füße.</p> + +<p>»Da — und da — und da.«</p> + +<p>»Herrgott, was soll das?«</p> + +<p>Dem armen alten Fräulein begannen die Hände zu zittern, vor ihren Augen +flimmerte es, sie mußte sich an der Klinke festhalten, sonst wäre sie +gefallen.</p> + +<p>»Lining — barmherziger Himmel — woher dast du das alles?«</p> + +<p>»Das? — das?«</p> + +<p>Das wußte die Rasende im Moment nicht, woher sollte sie das wissen? +Darauf konnte sie sich nicht besinnen. Sie zerrte an den Ketten und +Ringen herum und schlug mit den Fäusten darauf, und dann — dann brachte +sie eine Photographie Brunos hervor, um sie in Stücke zu reißen, und die +Fetzen im nächsten Moment wieder an die Lippen zu pressen und sie wieder +wie entsetzt von sich zu schleudern.</p> + +<p>Ach, und die gute, alte Dame!</p> + +<p>In ihrem Altjungferngemüt dämmerte durch all ihr Entsetzen die einzige +Erklärung auf, die einzige Hoffnung, die der frommen Beschränktheit +möglich erschien: »Lining,« stotterte sie vor Furcht und Überraschung +beinahe gelähmt. »Du hast ihn wohl am Ende gar lieb gehabt?«</p> + +<p>»Ja — nein — ja.«</p> + +<p>»Lining, willst du mir denn nichts davon erzählen?«</p> + +<p>»Nein.« — Das Mädchen erhob sich plötzlich von den Knien, sah sich wirr +um und raffte ihren Schmuck zusammen: »Ich will hier fort.«</p><p><span class="pagenum"><a name="Page_267" id="Page_267">267</a></span></p> + +<p>»Fort? Fort? — Doch nicht von mir? — Warum denn?«</p> + +<p>»Weil ich hier nichts mehr zu suchen hab'. Weil ich nicht weggejagt +werden will — weil ich hier nichts mehr hören und sehen mag!« rief sie +wie in heftigem Zorn, und ohne der alten Dame, die sie als Kind +aufgenommen, die Hand gereicht zu haben, ja ohne ein Wort des Dankes, +nur mit einem einzigen rollenden Blick, in dem die ganze Abneigung +glühte, die diese fromme Engnis jahrelang in ihr aufgespeichert, so lief +Line von dannen, barhäuptig, mit flatterndem Kleide, ähnlich, wie sie +einstmals gekommen.</p> + +<p>Die Handarbeitslehrerin aber saß auf ihrem Sofa und knöpfte die +Handschuhe auf und zu und faßte sich an die Stirn und wollte ihrer +Pflegetochter nach und sank wieder zusammen und dachte Anfang und Ende +zu verknüpfen und sann und sann und rang die Hände: Wie war denn das? +Und die gute Erziehung nützte gegen die Sünde nichts mehr? Und +Dankbarkeit gab es auch nicht mehr? — Kein Wort des Dankes? Und all die +guten Lehren waren umsonst? Und das enge, abgeschlossene Haus hütete +nicht sicher? Und die kleinen Wirtschaftssorgen ließen noch etwas +anderes zu? — Mein Gott, und Dankbarkeit gab es in der Tat nicht mehr? +Wie ist denn das? — Junge Welt — alte Welt — wie ist denn das?</p> + +<p class="center">— — — — — — — — — — — — — — — — <br /> +— — — — — — — — — — — — — — — — <br /> +— — — — — — — — — — — — — — — — </p> + +<p>Unterdessen lief Line durch die Straßen, mit dem kleinen Bündel in der +Hand und barhäuptig, denn dieser übergewaltige Stoß hatte sie die junge +Dame vergessen lassen, sie war wieder die Lotsentochter, die +Fischerdirne, die da meinte, daß die Welt sich an ihr versündigt habe, +daß sie bitteres Unrecht leide, und zwischen Wut und Scham schoß es ihr +zuweilen unklar durch den Sinn, sie müsse sich rächen.</p> + +<p>An wem?</p> + +<p>Das wußte sie nicht, aber sie fühlte doch diesen heißen, brennenden +Zorn, diese jagende Wut, die sie vorwärts trieben und die<span class="pagenum"><a name="Page_268" id="Page_268">268</a></span> ihr vorläufig +noch das Gefühl ungebändigter Kraft liehen. Und während sie am Fluß +entlang auf Moorluke zueilte, da entlud sie sich in tausend wilden +Schwüren, unaufhörlich murmelte sie es vor sich hin: Oh, sie wollte sich +schon forthelfen, wenn sie auch alle anderen verließen, sie würde schon +triumphieren, sie würde — — — Und stürmisch eilte sie weiter, dem +pfeifenden Winde entgegen, der vom Meere hereinstieß. Sie sah nicht, wie +grau und fahl sich der Himmel umzogen hatte, sie hörte nicht das +Rauschen der Binsen an den Ufern, sie merkte nicht das Knistern der +Staubwolken, die an ihr vorüberjagten, nur vorwärts rannte sie, ohne zu +wissen, zu wem, denn sie wollte weder zu Mudding noch zu Hann, noch zu +sonst jemand anderem, willenlos wurde sie vorwärts getrieben, bis sie +plötzlich dunkle Bäume sich erheben sah, und darüber aufragend von ferne +die Klosterruinen, ebenfalls in einem fahlen, wechselnden Licht.</p> + +<p>Als sie das rote, kalte Mauerwerk auftauchen sah, da stand sie still.</p> + +<p>Da duckte sie sich, wie geschlagen. Ein Blitz durchzuckte sie, +schmerzhaft, stechend; zum erstenmal in all dieser Zeit überkam sie die +Erinnerung an den Menschen, mit dem sie schon einmal unter den Ruinen +gesessen, damals, als sie sich als kleines Mädchen auf seinem Schoß in +den Schlaf einwiegte, als alles seinen Anfang nahm.</p> + +<p>Ja, ja, dort drüben war es gewesen.</p> + +<p>Sie hob den Arm und schüttelte die Faust nach den Ruinen, und der Wind +zauste in ihren Haaren. Jämmerlicher Kerl! — Erst sie in Schande +gestürzt — in Schande — Schande, und dann fortgelaufen und sie unter +den höhnischen Gesichtern im Stich gelassen, sie und — —</p> + +<p>Ja, ja, das war es; der erhobene Arm sank ihr, wirr blickte sie um sich, +und in diesem Augenblick achtete sie zuerst darauf, wie ihr der Wind +durch das Jäckchen fuhr, und wie die Binsen sich rauschend bis zu dem +schwarzen, unheimlichen Wasser neigten.<span class="pagenum"><a name="Page_269" id="Page_269">269</a></span> Wie das gurgelte, und wie +weltverlassen sie hier stand. Außer ein paar weidenden Kühen jenseits +des Flusses nichts Lebendiges ringsum.</p> + +<p>Sie fröstelte und raufte eine der Binsen aus. Wenn doch ein Mensch +gekommen wäre, aber nichts regte sich. Die Einsamkeit umschattete sie. +Brennende Angst wuchs in ihr groß.</p> + +<p>So — ja, so würde sie gemieden sein, denn die Leute hier fürchteten +sich vor der Schande, oh, sie verkrochen sich davor; Line dachte daran, +wie Fräulein Dewitz sich oft davor gesegnet und bekreuzigt hatte, und +die Schande versperrte ihr ja auch anderwärts für die nächste Zeit Pfad +und Unterkommen. Gewiß — sicherlich, das hatte sie noch gar nicht ins +Auge gefaßt. Sie kaute an dem Binsenhalm, und, nachdem sie ihn +fortgeworfen, trat sie in ihrer Verwirrung laut weinend mit den Füßen +darauf herum, um schließlich wieder die Faust gegen die Ruinen zu +richten: »Jämmerlicher Mensch!«</p> + +<p>Aber was war das?</p> + +<p>Durch den pfeifenden Wind hindurch antwortete von jenseits des Wassers +ein langgezogener, heulender Ton, der hatte etwas Wildes, +Markerschütterndes. Line war zu aufgeregt, um sich zu sagen, daß der +Laut von einem der weidenden Tiere herrühren müsse, nein, sie stand und +starrte mit weit aufgerissenen Augen über das Wasser auf die fahle +Ebene.</p> + +<p>Wie lautete doch ihr letztes Wort? — Jämmerlicher Mensch? — Nein, nein, +das war ja nicht die Wahrheit. Sie — sie allein trug ja alle Schuld. +Sie hatte ja Hexenmittel angewandt, um ihn anzulocken.</p> + +<p>Ihre Sinne mußten sich wohl verwirren. Wie spielend schritt sie über das +moorige Ufer, das unter ihr einsank, bis das schwarze Wasser über ihren +Fuß kroch.</p> + +<p>Hu, das war eisig.</p> + +<p>Ruckartig zuckte sie zurück und stürzte wieder auf den Weg.</p> + +<p>Dort drüben, wenige Schritte von ihr, ragte der Moorluker<span class="pagenum"><a name="Page_270" id="Page_270">270</a></span> Turm, ganz +dicht ihr zur Seite starrten die Brückenreste aus dem Fluß, und da — da +bei den Stümpfen, da besorgten verschiedene Fischer einstweilen die +Fähre, und unter ihnen glaubte sie jetzt auch die plumpe Gestalt von +Hann zu erkennen.</p> + +<p>Und jetzt? — Rief da nicht etwas »Lining«?</p> + +<p>Nein, nein, nur nicht zu dieser plumpen Ehrlichkeit, das war das +Schlimmste von allem, gerade dagegen empfand sie solchen Widerwillen, +davor solche Furcht. Und jetzt rief es wieder: »Lining!«</p> + +<p>Mehr hörte sie nicht. Mit wirbelnden Röcken lief sie den Landweg zurück, +immer vor sich hinsagend: »Nicht Hann — nicht Hann.«</p> + +<p>Vor ihr türmte sich im fahlen, blauen Schein die Stadt auf.</p> + +<p>In einer halben Stunde würde sie wieder dort einziehen, von wo sie vor +einiger Zeit gekommen. Wie lange war das wohl her? Und wohin? Zu wem +lief sie jetzt? In ihrer Ratlosigkeit begann sie wild und heftig zu +schluchzen. Ob sie nicht doch zu Fräulein Dewitz gehen und alles +bekennen sollte? — Nein, nein, lieber zurück in das schwarze Wasser. +Aber plötzlich war ihr das Ziel eingefallen. Paul.</p> + +<p>Der neue Pastor. Warum gerade der, darüber vermochte sie sich in ihrer +Aufregung keine Rechenschaft abzulegen, sie fühlte nur, er sei der +Rechte, auf seinem Namen läge Ruhe.</p> + +<p>Um die Mittagsstunde trat sie in sein Zimmer. Alles leer. Doch da die +Wirtin meinte, Paul müsse bald zurückkehren, er sei nur von einem Diener +des Konsuls abgerufen worden, so beschloß Line zu warten.</p> + +<p>Todmüde sank sie auf einem Stuhl zusammen, und das Bündel, das sie bis +jetzt geistesabwesend getragen, klirrte neben ihr zur Erde.</p> + +<p>Sie wunderte sich zwar über den Klang, aber sie rührte sich nicht mehr. +Regungslos, mit festgeschlossenen Augen hockte sie auf dem Sitz, +traumhaft umflossen von dem Gedanken »wie ruhig — wie ruhig.«</p><p><span class="pagenum"><a name="Page_271" id="Page_271">271</a></span></p> + +<p>Stunde auf Stunde verging, sie hatte kein Verlangen, sich zu erheben, +nur wenn sie einmal den Kopf hob, dann fiel ihr Blick regelmäßig auf +eine kleine, weiße Christusstatuette, die mit den gastlich geöffneten +Armen auf der Birkenholzkommode stand und sie anzusehen schien.</p> + +<p>Wohl fielen ihr die Augen wieder zu, aber immer wieder erhob sich die +weiße Gestalt vor ihrem Blick, und plötzlich mußte sie daran denken, daß +dies die Stellung wäre, in der Er gesprochen: »Lasset die Kindlein zu +mir kommen.«</p> + +<p>Wie merkwürdig das Wort: »Lasset die Kindlein zu mir kommen.«</p> + +<p>Und wie seltsam, daß sich ihr im gleichen Moment die Vorstellung +aufdrängte, wie garstig es gewesen, als das schwarze Moor unter ihren +Füßen nachgegeben. Und war es nicht wieder, als ob sie sinke, tiefer und +tiefer in diese weiche, schwarze Masse? Alle Erdengeräusche +verschwanden, und allmählich nahm die Ruhe des Zimmers die Erschöpfte +völlig hinüber.</p> + +<p class="center">— — — — — — — — — — — — — — — — </p> + +<p>Durch ihren Traum schritt eine schwarze Gestalt, vor der sie Furcht +empfand, weil der Fremde sie mit so starren Blicken maß, und als sie +seine knochige Hand am Arm spürte, schrie sie laut auf.</p> + +<p>Sie taumelte in die Höhe. In der Stube war es beinahe finster geworden, +vor ihr stand Paul.</p> + +<p>»Du?« stammelte sie, ohne sich recht besinnen zu können, und stieß mit +ihrem Fuß an das Bündel, so daß es klirrte, »bist du endlich da?«</p> + +<p>Er sah verwundert auf sie herab, schien sich jedoch ihre Anwesenheit +erklären zu können, denn er äußerte nur rasch, ob Fräulein Dewitz +ebenfalls bereits von allem unterrichtet wäre, und als Line wortlos +genickt hatte, setzte er sich an den Tisch und bedeckte beide Augen mit +der Hand. Jedoch einen Augenblick nur, dann sprang er wieder in die Höhe +und durchmaß mit langen, schweren Schritten das dunkle Stübchen, immer +gefolgt von den<span class="pagenum"><a name="Page_272" id="Page_272">272</a></span> Blicken des Mädchens, das in seiner Erschöpfung noch +immer ohne klare Gedanken dasaß.</p> + +<p>Und wieder blieb der neue Pastor vor ihr stehen. Ihre Gegenwart und +dieses gänzliche Zerschlagensein, als ob sie nun für immer auf seinem +Stuhl hocken bleiben wolle, begannen ihm allmählich aufzufallen.</p> + +<p>»Line, sag' mir, weshalb bist du zu mir gekommen?« fragte er, und seine +Stimme klang dabei so rauh und gepreßt, daß Line merkte, wie sehr er +sich zusammennehmen müsse, um so zu sprechen, wie er jetzt redete.</p> + +<p>Allem ihre Gedanken flogen nicht mehr so rasch.</p> + +<p>»Zu dir,« entgegnete sie müde, »ja — zu dir.«</p> + +<p>Sie nickte wieder und sank von neuem auf dem Stuhl zusammen.</p> + +<p>Paul verzog die Stirn, seine Augen suchten die Dunkelheit zu +durchdringen, jedoch die Ermattete bewegte sich nicht weiter.</p> + +<p>Der Theologe wurde unsicher.</p> + +<p>Was bedeutete dieses schwächliche Gebaren, noch dazu von Line, deren +Lebensmut nie zu unterdrücken gewesen? War dieses Gebrochensein allein +durch das Unglück der Familie bedingt? Prüfend blickte er wieder auf die +Erschöpfte. Und ohne daß er es selbst ahnte, begann sich bei ihm gegen +das Mädchen dasselbe Mißtrauen zu regen, das seit dem ungeahnten +Vertrauensbruch Brunos alle seine Empfindungen beschlich.</p> + +<p>»Weshalb bist du in einem solchen Moment nicht zu den Unseren nach +Moorluke hinausgefahren?« drängte er von neuem.</p> + +<p>»Zu den Unseren?« wiederholte sie verwundert, und wie wenn die +Dunkelheit sowie die Stille nur noch den einen Wunsch nach Ruhe in ihr +übrig gelassen hätte, fügte sie schläfrig hinzu: »Laß mich.«</p> + +<p>»Laß mich?« Langsam stieg der Zorn in dem Geistlichen auf: »Weißt du +denn nicht, was geschehen ist?« fragte er heftiger, allein seine Worte +mußten wohl an ihr vorüberhallen, denn sie<span class="pagenum"><a name="Page_273" id="Page_273">273</a></span> streckte sich aus, ihr Kopf +sank hintenüber, und wenn ihr Fuß nicht wiederum das Bündel berührt +hätte, so hätte der Schlaf die Todmüde von neuem entführt, so aber +schreckte das klirrende Geräusch sie auf. Hastig zuckte sie zusammen, +dieser Goldton brachte sie endlich zur Besinnung.</p> + +<p>Und nun flogen Rede und Gegenrede scharf zwischen den Geschwistern hin +und her.</p> + +<p>»Was hast du da?« fragte Paul, der ebenfalls das Klingen gehört hatte.</p> + +<p>»Das? — o — — nichts.«</p> + +<p>»Ich rate dir gut. Fahre zur Mutter hinaus. Du wirst unser Haus nicht +mehr oft betreten!«</p> + +<p>»Ich?«</p> + +<p>Der Schreck lähmte sie beinahe, langsam erhob sie sich: »Warum gerade +ich nicht?«</p> + +<p>»Weil es verkauft wird, ebenso wie unsere Boote und das Vieh und meine +Bücher, kurz alles. Von unserer Heimat bleibt nichts übrig.«</p> + +<p>Er blieb mitten in der immer dunkler werdenden Stube stehen und legte +sich die verschränkten Hände gegen das Haupt. Wieder klang ein leises +Stöhnen durch den Raum. Aber Line achtete nicht mehr darauf.</p> + +<p>»Wird er verfolgt?« forschte sie heiser. Sie sah, wie den andern die +Frage durchfuhr.</p> + +<p>»Das weiß ich nicht,« gab er widerwillig zurück, und dann ging er +abermals im Zimmer umher, und eine lange Erzählung drang an ihr Ohr von +Siebenbrod und dem Konsul, und wie er mit den beiden gerungen, und wie +Mudding endlich draußen in Moorluke den Streit entschieden; aber Line +hörte teilnahmlos zu, denn seit Paul während einer Pause die kleine +Stehlampe entzündet hatte, seitdem traulicher Lichtschein die Stube +durchdämmerte, da war die rasende, treibende Angst wieder in ihr +aufgestiegen: Wohin? Wo ein Ruheplatz? — Wo ein Kissen für die Nacht? +Wo ein Versteck vor der Schande?</p><p><span class="pagenum"><a name="Page_274" id="Page_274">274</a></span></p> + +<p>»Weißt du, wo er sich aufhält?« stieß sie endlich hervor und fingerte in +Hast mit den Nägeln auf der Tischplatte herum.</p> + +<p>Aber der Gefragte konnte sich nicht mehr beherrschen: »Der Dieb?« schrie +er dunkelrot und voller Abscheu, »der Halunke, der seine Mutter aus dem +Hause treibt, während er selbst allerlei schlechtes Frauengesindel mit +Armbändern und goldenen Ketten behängt? Oh, wenn ich nur wüßte, wo er zu +treffen wäre, wenn ich ihn nur einmal noch vor mir hätte!«</p> + +<p>Dabei nahm er einen Stuhl und stieß ihn in ohnmächtigem Zorn auf den +Boden, daß die Füße zitterten. Line starrte ihn an.</p> + +<p>Ganz weiß war sie geworden, langsam bückte sie sich und hob ihr Bündel +auf, denn jetzt wußte sie, hier war ihres Bleibens nicht länger, und als +sie sich aufrichtete, fiel ihr Blick auf die kleine, weiße Statue.</p> + +<p>»Lasset die Kindlein zu mir kommen,« sprach sie, wie geistesverloren vor +sich hin. Aber sie war so matt, daß sie keinen Schritt machte, sondern +mit hängenden Armen stehen blieb.</p> + +<p>Gleich darauf fühlte sie sich hart am Arm ergriffen, umkrallt, so daß +sie hätte schreien mögen; ganz nahe blitzten die finsteren, +mißtrauischen Männeraugen in die ihren.</p> + +<p>»Wozu sagst du das?« hörte sie seine vor Aufregung heisere Stimme, +»überhaupt du warst stets so viel mit ihm zusammen; ohne Umschweife, ich +traue dir nicht. Und was trägst du da im Bündel? Ich will es jetzt +wissen.«</p> + +<p>Er streckte die Hand danach aus, aber sie hob ihre Schätze hoch in die +Höhe.</p> + +<p>Dann begann sie plötzlich aufzulachen, höhnisch und verzweiflungsvoll, +und als sie sich zur Seite wandte, gewahrte sie, daß zum Fenster bereits +schwarze Nacht hereinsah.</p> + +<p>Unterdessen drang der Strandpastor zum zweitenmal auf sie ein. Noch +drohender als vorhin.</p> + +<p>Ja, sie merkte es, es war alles verloren, alles stürzte zusammen, hier +war ihre Ruhestätte nicht.</p><p><span class="pagenum"><a name="Page_275" id="Page_275">275</a></span></p> + +<p>Aber draußen lugte die Nacht herein und rief und rief.</p> + +<p>Da streckte sie ihm mit einer wilden Bewegung ihr Tuch entgegen.</p> + +<p>»Was in dem Bündel steckt?« schrie sie und wühlte alles hastig auf, daß +der Inhalt hervorquoll. »Hier, sieh, Ketten und Armbänder und Ringe — +ganz teure, die sind was wert — und alle für mich — alle für mich — +die verkauf — hörst du — hier — hier.«</p> + +<p>Damit raffte die Rasende einzelne Stücke heraus, schleuderte sie ihrem +Bedränger mit aller Kraft vor die Füße, warf das ganze Bündel hinterher, +und nachdem sie ihn noch einmal verächtlich angelacht hatte, wie sich +weidend an seiner Betäubung, lief sie, gleich einem Hunde, der Schläge +fürchtet, zur Türe hinaus. Paul hörte sie die Treppe hinunterspringen, +vernahm einen heulenden Ruf, er hörte die Haustür klingeln, aber er +regte sich nicht, er stand und starrte mit kaltem Entsetzen auf die +Schmucksachen, die sich wie Ringe einer goldenen Schlange zu seinen +Füßen wanden; in großen gleißenden Ringeln — die ewige Versucherin der +Menschheit.</p><hr class="chap" /><p><span class="pagenum"><a name="Page_276" id="Page_276">276</a></span></p> + + + + +<h3>IV</h3> + + +<p>Unterdessen saß Dietrich Siebenbrod gerade unter der breitschirmigen +Petroleumhängelampe des Moorluker Kruges, den er seit seiner Hochzeit +nicht mehr betreten hatte, und vor ihm stand ein großes Glas Branntwein, +was ebenfalls ganz gegen seinen Pakt verstieß.</p> + +<p>Aber sein Pakt war aufgehoben, war »intzwei« gegangen, wie er schon +mehrfach vor sich hingestöhnt hatte, »es war allens intzwei gegangen, +die lange Arbeit, und de fiv Küh, und das Haus und die +Sparkassenbüchers, ja, ja und die fiv Küh.«</p> + +<p>Aberst warum? — Warum?</p> + +<p>Mit dumpfem Grollen schob der Fischer die langen Beine weit von sich +unter den Tisch, und nachdem er seinen Branntwein hinuntergestürzt, +strich er sich über das erhitzte Gesicht, denn er konnte die Spirituosen +nicht mehr vertragen.</p> + +<p>»Smeckt nich mehr, der lütte Kirsch,« seufzte er und steckte beide +Daumen in den Mund und biß darauf und schüttelte sich und fuhr sich +durch die Haare und warf sich auf seinem Stuhl herum, als ob er die +richtige Lage nicht finden könnte. Und so war es auch, denn wie er sich +drehte, immer sah er durch die Tür, die der Schwüle wegen weit offen +geblieben war und durch den Garten, in welchem die Blätter +herumwirbelten, auf sein eigenes Haus, »up sin Hüsing«, das nun ein +fremder Barbier kriegen sollte.</p> + +<p>Ja, ja, wie er sich um dies Haus Müh gegeben hatte, all damals, als der +selige Herr Klüth noch lebte, denn, weiß der Deuwel, es war ihm immer so +vorgekommen, als ob er der nächste Erbe des alten Lotsen sein würde.</p><p><span class="pagenum"><a name="Page_277" id="Page_277">277</a></span></p> + +<p>Und nu? Intzwei — ganz intzwei.</p> + +<p>Ja, ja, das kommt davon, wenn man in 'ne vornehme Familie heiratet.</p> + +<p>Und dieser Pastor, der gar keine Ahnung von das praktische Leben hatte, +der gar nicht wußte, was eigentlich ein Klüwer bedeutete oder gar +Ballast und der keinen Hering von einer Rotauge unterscheiden konnte, +wodurch doch erst all das schöne liebe Geld in die Sparkassenbücher +reingekommen war; der konnte nu ganz einfach kommen und alles +fortschenken, das Haus und die Sparkassenbücher und die Küh? — I, das +stritt doch gegen jede Menschlichkeit. Ne, ne, bloß nichts mehr hören +und sehen, hol alles der Deuwel, bloß alles der Deuwel. Denn, wenn man +da dran dachte — »Möller noch ein Glas, sehr schön dein Kirsch — kannst +mir gleich die ganze Flasche bringen, ich bleib heut lange, aus +Schabernack, aus purem Schabernack, prost.«</p> + +<p>Ja, das war heut morgen gewesen, in aller Früh, er hatte gerade nach der +langen Nachtfahrt sich auf den Schemel hinter dem Herd gesetzt, um noch +ein paar Augen voll zu nehmen, und Mudding, die neben ihm saß, hatte ihm +eben den Kaffeetopf aus der Hand gewunden, damit der nicht auf die roten +Ziegelsteine stürze, da war der Hafenmeister in die Küche getreten, mit +der Meldung, der Herr Konsul Hollander hätte eben selbst +heraustelefoniert, Siebenbrod möchte eiligst in das Kontor kommen. —</p> + +<p>»Möller, Möller, noch ein Glas — —«</p> + +<p>Darauf das verwunderte Reden von Mudding.</p> + +<p>»Siebenbrod, sollst sehn, da stimmt was nicht.«</p> + +<p>»Ja, Mudding, das hab' ich mir all lang gedacht.«</p> + +<p>»Du auch? — Du meinst doch nicht etwa gar wegen Bruno?«</p> + +<p>»Ja, kuck, Mudding, wenn man bunte Oberhemden trägt und enge Hosen, dann +— —«</p> + +<p>»Was? — ach du lieber Gott — was meinst du, Siebenbrod?«</p> + +<p>»Je, ich mein, dazu muß man geboren sein, Mudding. Und dann — <span class="pagenum"><a name="Page_278" id="Page_278">278</a></span>—«</p> + +<p>»So sag' doch —«</p> + +<p>»Hat mich auch gestern so viel über unsere paar Groschen ausgefragt, und +über unsere Küh, sieh Mudding, dabei hab' ich immer ein ungemütliches +Gefühl. Von so verschwiegenen Dingen spricht man doch nich.«</p> + +<p>»Geh rasch!« rief die kleine Frau und rang aus ihrem Stuhl die Hände. +»Geh bloß.«</p> + +<p>»Ja, ja, Mudding, ich geh ja all — aber das sag' ich man, was Gutes +wird das nich.«</p> + +<p>In dem Kontor war er dann mit dem neuen Pastor zusammengetroffen. Es war +das kleine Privatkabinett des Konsuls, und ehe Stiefvater und Sohn noch +ihre Verwunderung über das Zusammentreffen hatten austauschen können, da +war der Konsul bereits eingetreten, hatte sich auf das Ledersofa +geworfen, um mit niedergeschlagenen Augen, und als wenn er von sich die +größte Dummheit erzähle, seinen Besuchern das Vergehen und das +Verschwinden Brunos auseinanderzusetzen. Dabei war es für den Fischer, +den das Ereignis nicht gerade sonderlich umzuwerfen schien, obwohl er es +dennoch für familiär und passend hielt, eine bedenkliche Miene +aufzusetzen, dabei war es für ihn doch »heil komisch« gewesen, zu +betrachten, wie sich Hollander bei seiner Erzählung zwar entrüstet das +Knie rieb, anderseits aber schmerzlich-behaglich schmunzelte, wie +jemand, der zuletzt doch recht behält.</p> + +<p>»Na ja, war 'ne riesige Dummheit von mir, hatte mich zum Schluß +wahrhaftig ebenfalls sicher machen lassen, kostet mich viel Geld die +Erfahrung — aber schließlich, — was habe ich gleich gesagt? Unsicherer +Kantonist, das Kerlchen! — Na also, Herr Pastor, nun möchte ich mit +Ihnen noch eine Kleinigkeit besprechen, eine ganze Kleinigkeit. Kommen +Sie.«</p> + +<p>Damit waren die beiden in das leere Kassenzimmer getreten und hatten den +Fischer ruhig draußen sitzen lassen, als wenn er an der Angelegenheit +nicht weiter beteiligt wäre.</p><p><span class="pagenum"><a name="Page_279" id="Page_279">279</a></span></p> + +<p>Als der Zechende bei diesem Teil seiner Erinnerungen angelangt war, +schien ihn die Wut von neuem zu übermannen. Er stieß mit den Füßen gegen +die Tischbeine, daß es krachte, und rief beinahe schmerzlich: »Einen +Seidel und einen Schnaps zugleich, Möller — und mach' die Tür zu, die +verfluchte Tür, damit ich nich mehr mein Haus sehen kann, — mein +Hüsing. — Mak de Dör tau, Kirl. Prächtig — gut der Schnaps — gut das +Bier.«</p> + +<p>Da waren der Pastor und Hollander eine lange Weile in dem kleinen +Verschlag geblieben, und als sie endlich heraustraten, da hatte Paul +verweinte Augen gehabt, und dann war der Strandpastor schweigend mit dem +Fischer an den Hafen geschritten, von wo sie mit einem der kleinen +Flußdampfer nach Moorluke zurückfuhren.</p> + +<p>Aber diese Begleitung und das brütende Schweigen des stillen, wortkargen +Menschen, dem noch jetzt von Zeit zu Zeit ein Tropfen über die Wange +lief, waren Siebenbrod allmählich drückend geworden: »Willst du — — +wollen Sie denn zu meiner Frau?« hatte er gefragt, während sie beide +neben dem Schornstein des Dampfers standen und in das aufwogende +Hafenwasser sahen.</p> + +<p>»Ja.«</p> + +<p>»Was wollen Sie da?«</p> + +<p>»Da will ich uns wieder ehrlich machen.«</p> + +<p>»Was?«</p> + +<p>Der Fischer steckte beide Hände in die Taschen und schlug ein grobes +Gelächter auf: »Was! — Ich will Ihnen eins was sagen, Herr Pastor, ich +hab' keinem was gestohlen, und deshalb bin ich auch keinem was schuldig, +verstehen Sie mich, Herr Pastor?«</p> + +<p>Der Hagere sah ihn an, verständnislos, als habe er gar nicht auf die +Worte des anderen geachtet, nickte und beugte sich wieder über Bord, um +die ganze Fahrt in das schwarze, strudelnde Wasser zu starren.</p> + +<p>Den Fischer beachtete er nicht mehr, sprach kein Wort mit ihm, erkannte +ihn wohl auch nicht einmal, wenn sein Auge zufällig auf ihn fiel.</p><p><span class="pagenum"><a name="Page_280" id="Page_280">280</a></span></p> + +<p>Ja, ja, wenn man bloß ein Fischer mit Transtiefeln an den Füßen war.</p> + +<p>»Möller — Möller — bring' mich noch mehr. — Nun seh ich mein Hüsing +nich mehr. — Hurra, nun seh ich wenigstens nichts mehr — das Haus nich +und den Pastor nich, und die alte Frau nich — hol alle der Deuwel.«</p> + +<p>Und dann zu Hause.</p> + +<p>Wie die alte Frau in Ohnmacht lag, und wie Hann ihre Hände in kaltes +Wasser tauchen mußte, und wie sie immer nach dem Spitzbuben rief. Und +dann wollte sie auch mit ihrem Ältesten allein bleiben, und ebenso, wie +beim Konsul, saß der Mann auf der Bank am Fluß und hielt die Hände in +den Taschen und besah sich seine Pantoffeln, und dachte gemütlich: »Wie +das woll wird?«</p> + +<p>Aber dann kam's.</p> + +<p>Dann kam's.</p> + +<p>»Halunken, studierte Menschen, verrückte Weibsbilder, wollt ihr mich +woll vom Leibe bleiben! Möller, Möller, zu trinken. — Was? — Nu sieh +doch. Ihr wollt dem alten, lungrigen Fuchs, dem Hollander, sein +Verlorenes wiedergeben? Hör ich auch noch richtig? — Möller, Möller, +hast's auch gehört? Sie wollen fünfundzwanzigtausend Mark bezahlen? Ha +— ha. Spaß, Spaß, das is ja bloß zum Lachen. Nein? Ihr habt keine +ruhige Minute mehr? Und ihr meint das alles im Ernst? — Da soll ja der +Satan — aber was schert mich das alles? Meinetwegen. Wenn ihr soviel +Geld übrig habt. Immer zu. Mir ist allens recht. Mudding hat vielleicht +soviel im Strumpf versteckt. Das nich? — Sondern meine Spar — kassen +— bücher? Und — ah — das Haus?«</p> + +<p>Die Luft blieb dem Manne aus, der mit kupferrotem Angesicht in dem +einsamen Krugzimmer saß. In toller Wut schmetterte er ein Seidel auf das +andere, daß die Scherben herumspritzten, und schleuderte das nächste +gegen die Wand.</p> + +<p>»Was? — was? — Mein Haus, mein Hüsing, — meine Bücher? Ihr seid woll +mall? Ich hab' nichts — und ich geb' nichts.<span class="pagenum"><a name="Page_281" id="Page_281">281</a></span> — Acht Jahr gearbeitet +— im Wasser gelegen — und nu? — Und nu? — Bleibt mir vom Leibe, weg +— weg.«</p> + +<p>— — Wieder schrie er nach Bier.</p> + +<p>Aber was geschah nun?</p> + +<p>Er stierte vor sich hin. Er sah es noch einmal, ganz deutlich. Aus dem +Stuhl, in dem sie so viele Jahre gesessen, richtete sich die gelähmte +Frau auf, langsam, ganz langsam. Und sachte, ganz sachte, streckte sie +die weiße Hand gegen ihn aus.</p> + +<p>»Siebenbrod, ich hab' dir das Haus und das Geld so lange gelassen, — +aber nu will ich es wieder haben.«</p> + +<p>»Mudding — du willst — mich — mein Geld nehmen?«</p> + +<p>»Siebenbrod, ich muß.«</p> + +<p>»Mudding, überleg dich, wem gehört das alles?«</p> + +<p>»Mir gehört es. Ich habe alles zugebracht, und das Haus und die +Sparkassenbücher sind auf meinen Namen geschrieben.«</p> + +<p>»Das wohl — das wohl, aber Mudding, das mit den Sparkassenbüchern hab' +ich doch nur aus Vorsicht getan. Ich bitt' dich, um Gottes seiner +Barmherzigkeit, du willst mir doch nich meine paar Groschen nehmen? Das +einzige, was ich hab'?«</p> + +<p>Ihr stürzten die Tränen aus den Augen. Sie sah aus, als ob sie sterben +wolle: »Ich muß!«</p> + +<p>»Nun dann — dann hol' euch alle zusammen der Deuwel« — heulte er auf, +»dann weiß ich ja, mit wem ich's so lang zu tun gehabt hab' — hier — +hier —«</p> + +<p>Er war auf einen Schub zugewankt, und nun flogen ein paar Bücher auf die +Erde, daß die Fetzen herumflattern — »hier, Pastor, hier hast du's — +is 'ne ganze Masse — und das Haus auch, das wollte ja immer schon der +Barbier haben. — Und die Küh — Herrgott, Herrgott, die Küh auch. Aber +was geht mich das an? Ich sag' weiter nichts, als hol' euch alle +zusammen der Deuwel, alle in einem Wagen. Ich hab' hier nichts mehr zu +suchen.«</p> + +<p>Und jetzt saß er in dem einsamen Krugzimmer, und draußen wirbelten die +Blätter, und es wurde dunkler und nächtiger.</p><p><span class="pagenum"><a name="Page_282" id="Page_282">282</a></span></p> + +<p>»Prost, Möller — prost. Wie dunkel das draußen geworden is. Schmeckt +wunderschön, dein Bier. Aber wer kommt da? Is das nich oll Kusemann, der +da reinkommt? Richtig, setz' dich hierher, oll Kusemann. Hab' dich +früher nich leiden mögen, aberst heut bezahl ich alles. Hm, was sagst +du?«</p> + +<p>»Je, ich bin nich neugierig, Siebenbrod, aberst is es wahr, was mich +Hann erzählt hat, daß du dein Haus — —?«</p> + +<p>»Ja, ja, wird verkauft.«</p> + +<p>»Huch — und das Vieh und die Boote auch?«</p> + +<p>»Allens.«</p> + +<p>»Herrje, man erschrickt sich ja förmlich, aber was machst du denn +später?«</p> + +<p>»Ich? — Ich? Oll Kusemann, warum hast du auf einmal vier Augen und zwei +Nasen? Ich schlag dir eins ins Genick, wenn du das noch mal machst. Oder +ich häng dich hier an den Türpfosten auf. Aber sag' eins, du bist ja ein +kluger Kopf, wie is das eigentlich mit dem Aufhängen? —«</p> + +<p>»Das? — das? Ne feine Sache soll das sein. Da hört man Musik, wie auf +einem Tanzboden, aber du wirst doch nich —«</p> + +<p>»Schnack. Oh, das Leben is mal recht dämlich. Als ich klein war, da hab' +ich mich immer ne Spieldos gewünscht, und nu — aber wollen trinken. — +Die Geschicht mit der Musik gefällt mir — das lügst du doch auch nich? +— Wollen trinken — immer mehr — immer mehr. Pfui, das Leben riecht +wie ein fauler Hering. — Pfui, pfui!«</p> + +<p class="center">— — — — — — — — — — — — — — — — <br /> +— — — — — — — — — — — — — — — — <br /> +— — — — — — — — — — — — — — — — </p> + +<p>In das kleine Lotsenhaus war gegen Abend neue Verwirrung eingedrungen, +als Paul zum zweitenmal erschienen war, um, wie er vorgab, sich nochmals +nach der Mutter zu erkundigen, in Wahrheit aber, um Hann beiseite zu +ziehen und ihm allerlei wirre Andeutungen über Line zu geben. Der junge +Geistliche war ganz gebrochen.<span class="pagenum"><a name="Page_283" id="Page_283">283</a></span> Und als die beiden Brüder in der +Dunkelheit auf dem Flur standen, dort miteinander flüsternd, damit in +der Stube die Mutter, die ohnehin leise vor sich hinweinte, nichts +bemerke, da mußte der Pastor sich an dem Holz der Haustür festhalten.</p> + +<p>»Daß sie so sinken konnte,« murmelte er vor sich hin und rüttelte +beinahe an der Klinke, »daß sie so schlecht werden konnte.«</p> + +<p>Hann stand neben ihm, in seinen blauen Drillichhosen und mit der offenen +Schifferjacke, das plumpe Haupt, auf dem die strohblonden Haare bereits +spärlicher herunterfielen, war ihm tief auf die Brust gesunken. Er mußte +sich mehrfach räuspern, ehe er antworten konnte. Auch so klangen seine +Worte noch gepreßt genug.</p> + +<p>»Ja,« entgegnete er mühsam, »sie wird ihn wohl sehr lieb gehabt haben.«</p> + +<p>Der Strandgeistliche atmete hörbar: »Aber sie hat ihn zu +Schlechtigkeiten verführt, sie hat gehandelt wie eine — — —«</p> + +<p>Hier stöhnte er laut auf.</p> + +<p>»Ja,« sagte Hann vor sich hin, »mich dünkt, die eine Liebe is heiß und +die andere kalt — die eine will in Seide gehn und die andere in +Pantoffeln. Es kommt allens so, als es kommt.«</p> + +<p>»Aber wir müssen unsere Natur bezwingen.«</p> + +<p>»Ja,« schüttelte Hann traurig das Haupt, »das sagt ihr so. Ich hab' +immer gedacht, um viele Naturen wär' es dabei doch schad. Kuck, Line zum +Beispiel war mich immer gerade so recht.«</p> + +<p>Der Pastor sah den Schiffer zweifelhaft an, dann lenkte er rasch ab, und +indem er die Flurtür öffnete, durch die bereits die Dunkelheit +hereinsah, klagte er: »Nacht. Wie sollen wir sie jetzt finden?«</p> + +<p>»Müssen sie eben suchen,« versetzte Hann halblaut, obwohl seine Stimme +stark zitterte. Dabei bückte er sich und hob von der Diele eine große +Stallaterne empor, die er ansteckte.</p> + +<p>Ein wunderliches, verschwommenes Licht fiel nun über den +rotgepflasterten, langen Gang.</p> + +<p>»Wenn sie sich ein Leid angetan hätte,« fuhr der Pastor fort, und wieder +zitterte die Tür, als ob er an ihr gerüttelt hätte.</p><p><span class="pagenum"><a name="Page_284" id="Page_284">284</a></span></p> + +<p>Hann fuhr zusammen. Die Laterne baumelte in seiner Hand hin und her. +Dann dachte er nach.</p> + +<p>»Nein,« schloß er endlich und strich sich die Haare aus der Stirn. »Line +hat das Leben lieb; daher kommt woll auch alles.«</p> + +<p>Wieder traf ihn ein verwunderter Blick des Bruders, dann aber trat Paul +auf ihn zu und drückte krampfhaft die Hand des Fischers. Alle geistige +Überlegenheit schien weggewischt.</p> + +<p>»Wie soll es hier nur werden?« fragte er und drängte sich immer mehr an +die Seite des Bruders. »Sieh, ich — ich trete am ersten Juli meine +Stelle auf dem Walsin an, und die Hälfte von meinem Gehalt, die gehört +euch natürlich. Aber die Pfründen eines Strandgeistlichen sind knapp, +mehr würde ich bei allem guten Willen nicht erübrigen können. Aber du, +Hann, du armer Junge, wie wirst du hier alles zusammenhalten können? Und +noch dazu bei diesen Vorwürfen von Siebenbrod, wenn das Haus erst +verkauft wird und das Vieh? Er ist ja auch tief zu bedauern, der arme +Mann. Aber dann — was wird dann?«</p> + +<p>»Oh,« sagte Hann und suchte in seinem Geiste nach etwas, was den schwer +Bedrängten trösten könnte, wobei er schief in seine Laterne +hinunterblinzelte: »Sieh, Paul, eins von den drei Booten bleibt uns ja, +und wenn Siebenbrod auch nicht mehr mithalten will, mit dem Boot werd' +ich schon wieder von vorn anfangen. Es wird schon gehen. Und dann, ich +weiß hier eine Stube und eine Küche, wo auch ein Fenster auf die See +zugeht, damit Mudding dran sitzen kann. Die mieten wir uns. Weißt du, +bei Klaus Muchow, bei dem Taubstummen, du kennst ihn ja. Und da richten +wir uns ein, so gut es eben gehn will.«</p> + +<p>Es klang soviel Gutherzigkeit aus den einfachen Worten, daß Paul sein +Gefühl nicht länger unterdrücken konnte, sondern mit einer krampfhaften +Bewegung die Wange des plumpen Burschen zu streicheln begann.</p> + +<p>»Aber hast du auch bedacht, lieber Bruder,« stammelte er, »daß<span class="pagenum"><a name="Page_285" id="Page_285">285</a></span> du mit +diesem Vorsatz dein ganzes Leben unserer Familie zum Opfer bringst? Hast +du das auch bedacht?«</p> + +<p>»Ja, wenn es aber nun nich anders einzurichten geht?«</p> + +<p>»Lieber Junge —« und er legte ihm schwer die Hand auf die Schulter, +»aber deine Braut? — Denkst du auch daran? — Klara Toll? Was wirst du +der sagen?«</p> + +<p>Hier senkte Hann tiefer und tiefer sein Haupt und ließ die Laterne +schaukeln, als wenn der Wind sie triebe. »Ja,« kam es endlich schwer aus +ihm heraus, »das arme Mädchen — hätt' ihr auch was Besseres gewünscht. +Aber,« seufzte er hinterher, »sie verliert woll nich viel an mir.«</p> + +<p>Als sie so sprachen, fuhr durch die Tür ein Windzug, der heulte durch +das Haus und ließ die Bodenklappen zittern und löschte Hanns Laterne +aus.</p> + +<p>»Line,« rief der unwillkürlich, denn ihm fiel ein, daß die Unglückliche +noch immer unterwegs sein könnte, und während er seine Leuchte mit +tappender Hand von neuem entzündete, warf er hastig die Frage hin: »Und +Lining? — Was wird aus der?«</p> + +<p>Der Pastor murmelte etwas. Dann schlug er den Mantelkragen in die Höhe, +und nachdem er auf die Straße hinausgetreten war, hörte Hann, der an +seiner Seite geblieben war, wie der Geistliche in Aufregung hervorstieß: +»Wenn ich sie doch nicht von mir gelassen hätte. Wenn ich sie doch +gehalten hätte, wie es meine Pflicht war. Aber sobald wir sie wieder +haben, und es kann mit Ehren geschehen, dann nehme ich sie mit mir — — +bei mir — — —«</p> + +<p>Das übrige verwehte der Wind.</p> + +<p>Dann gingen sie weiter, sie zu suchen.</p> + +<p class="center"><sup>*</sup> <sub>*</sub> <sup>*</sup></p> + +<p>Durch die sternenlose Nacht heulte ununterbrochen der Wind. Der Fluß +wälzte rastlos schwarze Wellen zur Mündung, rascher, immer rascher; aber +draußen, dem großen Wasser, dem nimmersatten, konnte es nicht genug +werden, und es erhob sich wie ein<span class="pagenum"><a name="Page_286" id="Page_286">286</a></span> Geizhals, wie ein Gläubiger, der +eintreiben will, und schrie: »Mehr — mehr!«</p> + +<p>Hei, wie zauste und wühlte jetzt der Wind in den Binsengebüschen, wie +trieb er den Fluß stoßend gegen sie an, und wie murmelte und gurgelte es +dann zwischen den Gräsern.</p> + +<p>Nun wurde wieder ein Stück festen Landes mürbe, nun bullerten kleine +Blasen in die Höhe, und der Fuß, der dort stand, sank ins Feuchte.</p> + +<p>Und dort stand wirklich jemand, ein junges Weib, dem die Haare um das +Haupt wehten, dem die Röcke vor dem brausenden Sturm um den Leib +wirbelten, es stand und hielt sich an den hochgewachsenen Stauden fest +und lugte bald zu den kleinen Lichtern hinüber, die aus den Moorluker +Häuschen herausdämmerten, bald kehrte es sich zu dem Kreuzweg zurück, wo +die Fänge der alten Windmühle in rasender Eile im Kreise schwirrten.</p> + +<p>Es sah aus, als ob dort über dem Kreuzweg eine dicke, zerzauste +Fledermaus in der Nacht hocke, die mit den Flügeln schlug, und wenn sie +von Zeit zu Zeit ihr: »Rah-rah« schrie, dann ging ein halb wildes, halb +irres Lächeln über das Gesicht des Weibes, und es wand sich hin und her, +als wüßte es keinen Entschluß zu fassen.</p> + +<p>Ja, dort drüben hinter dem struppigen Garten, da schimmerte Licht aus +dem Lotsenhäuschen. Da saß gewiß noch Mudding und strickte an dem ewigen +Strumpf. Sie saß sicher ganz allein; denn Siebenbrod war wohl trotz des +Sturmes auf See gefahren, und Hann hatte sie ja soeben mit einer Laterne +den Landweg entlang wandern sehen. Oh, wie gespenstisch hatte es sich +gemacht, als der rote Lichtstrahl langsam zwischen den Binsen +durchgekrochen kam, um dann zuckend über das Wasser zu spiegeln. Aber +als das Mädchen der oben vorübertappenden Gestalt mit den Blicken +gefolgt war, da hatte die Einsame trotz aller Verlassenheit ein kurzes, +hämisches Gelächter ausstoßen müssen.</p> + +<p>Freilich, leise — leise, damit der oben es ja nicht höre, denn sie +wollte sich nicht aufstöbern lassen.</p><p><span class="pagenum"><a name="Page_287" id="Page_287">287</a></span></p> + +<p>Ha, ha, wie plump der Bauer doch dort oben dahintappte, die Laterne in +dem steifen Arm weit vorgereckt, damit er den Weg nicht fehle. Und — da +— jetzt stolpert er. — Sie lachte boshaft.</p> + +<p>Und dort drüben in das verräucherte Häuschen wollte sie wirklich wieder +einkehren, wollte alles beichten und sich dann anstarren lassen von den +vorwurfsvollen, dummen Augen dieses Hann? Und dann die anderen Dörfler? +Oll Kusemann, wie der wohl ihre Schande erzählen würde von Tür zu Tür? +— Und die rohen Scherze von Siebenbrod —?</p> + +<p>»Rah-rah,« schrie die Fledermaus dazwischen.</p> + +<p>»Nein.«</p> + +<p>Das junge Weib schlug mit der Hand auf die Binsen und zog die Röcke +enger um sich zusammen. Jetzt stand es bei ihr fest. Zu diesen dummen, +beschränkten Tröpfen ließ sie sich nicht herab. Zu Fräulein Dewitz auch +nicht. Alles kleinliche, spießbürgerliche Menschen. Und dann — und dann +— sie bog die Binsen auseinander und lugte wieder forschend über die +vorüberwallende Flut —, sie wollte überhaupt nichts abbitten, nichts +beichten. Was sie getan hatte, was ging es die anderen an? — Namentlich +jetzt, wo sie es zu Ende bringen wollte? — Ihr schien, sie hätte nichts +zu bereuen, und sie wollte auch nicht bereuen. Nein, nein, immer +trotziger leuchtete es durch ihren Sinn, daß es doch eine wilde, +freudige Stunde gewesen, damals, als in dem engen Stübchen die Schuld +über sie gekommen war, und im Grunde ihres Herzens konnte sie auch dem +Fernen, den die anderen Verbrecher nannten, nicht zürnen; sie hatte ja +alles so gewollt — und jetzt, jetzt sollten die anderen, die Dummen, +sie in Frieden lassen, sie war einmal so gewesen und wollte jetzt Ruhe +haben, Ruhe und Stille. Sie machte einen raschen Schritt vorwärts, der +moorige Boden gab nach, eiskalt schoß es an ihr vorüber.</p> + +<p>Noch einen Schritt; sie taumelte, über die Knie bereits stieg diese +furchtbare, bezwingende Lähmung.</p><p><span class="pagenum"><a name="Page_288" id="Page_288">288</a></span></p> + +<p>»Rah — rah,« schrie die Fledermaus auf dem Kreuzweg und schlug wie toll +mit den Flügeln durch die Nacht.</p> + +<p>Aber warum klammerte sich Line in Todesangst an die schwanken Binsen, +warum griff sie immer nach neuen hinter sich, sobald sie einen Büschel +abgerissen hatte, warum arbeitete sie sich zurück und lief, wie gehetzt, +fast bis unter die Windmühle zurück?</p> + +<p>Dort stand sie mit rasend klopfendem Herzen still. So war sie am +Vormittag schon einmal geflohen, aber jetzt, warum jetzt wieder? In +einen verzweifelten Schrei brach sie aus und preßte die Hände gegen die +Schläfen. Noch suchte sie sich in ihrer Umnachtung zu überreden, es wäre +nur der Ort, der ihrem Vorhaben nicht günstig wirke. Ja, ja, weiter +oben, wo das Ufer schroffer, wo die Steinmauern sich dehnten — — —</p> + +<p>Wieder trieb sie es, nach der bezeichneten Stelle zu rennen, aber ihre +Füße wurzelten gegen ihren Willen fest, und während sie wie ein +furchtgeschüttelter, schwacher Mensch aufheulte, klammerte sie sich halb +besinnungslos an die Unterbalken der Mühle an, als wollte sie sich +selbst verhindern, noch einen einzigen Schritt weiter nach der Mündung +hin zu richten.</p> + +<p>Nein, sie wollte nicht, sie wollte nicht, sie war noch so jung, es mußte +noch einen Weg geben, sie war ja stark und trotzig, und sie hatte das +Leben so lieb, so lieb — — —</p> + +<p>»Ich will nicht,« stammelte sie in ohnmächtiger Auflehnung, »ich will +nicht.«</p> + +<p>Über den Landweg irrlichterierte schwankend hin und her — ein großer, +leuchtender Funke. Manchmal verglimmte er, dann sprang er wieder empor, +wackelte langsam näher und begann eine Lichtbahn vor sich her zu werfen.</p> + +<p>Die traf auf das Fachwerk der Windmühlenflügel, dann kletterten die +Strahlen über die Unterbalken, und nun huschten sie über das Haupt und +die zerzausten Haare des jungen Weibes.</p> + +<p>Als sie das Licht merkte, richtete sie sich gierig auf, auch der +Leuchtkäfer hielt inne, in beträchtlicher Entfernung, wie erschreckt.</p> + +<div class="figcenter" style="width: 400px;"> +<img src="images/oppos_288.jpg" width="400" height="620" alt="Illustration" /> +</div> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_289" id="Page_289">289</a></span></p> + +<p>In der unwegsamen Nacht, bei dem heulenden Winde, der Stoß auf Stoß +gegen die Mühle fegte, starrten die beiden Menschen zueinander herüber, +beide das Licht segnend, das tröstliche, göttliche, ohne das sie sich +nicht gefunden hätten. Aber es war nur der erste Augenblick, der in dem +gejagten, jungen Geschöpf friedlichere Gefühle wecken konnte, dann +stemmte sie sich mit beiden Armen über den Balken, auf dem sie lehnte, +und ohne auf ihre triefenden Röcke zu achten, rief sie zu ihrem Retter +hinüber, in einem Ton, der deutlich erkennen ließ, daß sie jedes +Einmischen in ihr Leben mit Feindseligkeit zurückweisen würde: »Hann, +was willst du hier?«</p> + +<p>»Lining, bist du's?«</p> + +<p>»Du siehst ja.«</p> + +<p>Ein Atemzug der Erleichterung kam von Hann.</p> + +<p>Der Leuchtkäfer kroch wieder einen Schritt näher, seine Strahlen trafen +die Füße des jungen Weibes und ihre Röcke, von denen das Wasser +herableckte.</p> + +<p>Hann zuckte zusammen, als ob ihm etwas wehe täte, und seinem natürlichen +Sinn leuchtete sofort ein, was er hier etwa verhindert haben könnte.</p> + +<p>Schwerfällig hob er die Laterne und gedachte auch das Gesicht der +früheren Hausgenossin, die er bewußt oder unbewußt so lange entbehrt +hatte, zu erhellen, da rief sie wieder, nur schärfer, erbitterter und +ganz in dem Gefühl, daß sie sich gegen das Mitleid dieses Bauern zu +wehren hätte: »Hann, wie kommst du um diese Zeit auf die Landstraße? — +Was machst du hier?«</p> + +<p>»Ich? — O Lining — —«</p> + +<p>Und der Fischer, der nie log, empfand sofort, daß er ihr jetzt um keinen +Preis gestehen dürfe, wie sehr er nach ihr gespäht habe.</p> + +<p>»Oh — Lining,« brachte er hervor, indem er trotz alledem die Wahrheit +sagte, »ich hatt' hier was verloren.«</p> + +<p>»Du?« Sie bog sich weiter über ihren Balken vor, der sich wie zum Schutz +zwischen ihnen reckte, und schüttelte wild das Haupt.</p><p><span class="pagenum"><a name="Page_290" id="Page_290">290</a></span></p> + +<p>»Das war wohl was sehr Kostbares?« höhnte sie rauh. Oh, und dabei tat es +ihr heimlich doch wohl, mit einem Wesen von Fleisch und Bein reden zu +können, wenn es auch nur Hann war.</p> + +<p>»War es etwas sehr Kostbares?« rief sie nochmals und stampfte mit dem +Fuß, denn es quälte sie, daß man drüben in dem Häuschen ihre Schande +wahrscheinlich schon kannte, und daß dieser Tölpel sie mit einer Laterne +gesucht haben sollte.</p> + +<p>»Was Kostbares?« fragte Hann schwerfällig dagegen und starrte wieder +durch die Nacht auf ihren wasserschweren Rock, von dem die Feuchtigkeit +unaufhaltsam herabrieselte. »Lining, es will keiner gern was verlieren. +— Aber du — —« in seiner Einfalt beschloß er, sie von ihrem Verdacht +abzubringen, und das stellte er so an: »Aber es is gut, daß ich dich +grad hier treff', denn du wolltest doch gewiß zu uns rüber.«</p> + +<p>Die ehrliche Haut vergaß, daß es eben vom Moorluker Kirchturm elf +geschlagen hatte, und daß man in dieser Sturmnacht nicht die Hand vor +Augen sehen konnte.</p> + +<p>Aber Line wurde durch die plumpe Gutmütigkeit, die sie so deutlich zu +schonen suchte, nur noch mehr erbittert: »Was geht es dich an, wo ich +hin will?« schrie sie heftig zu ihm hinüber, während sie in Wut auf den +Balken schlug. Oh, sie wollte so gern diese Leute beschimpfen, die sich +in ihre Selbstbestimmung drängten, und auf der anderen Seite wünschte +sie so sehr, gerettet zu werden. — Das ist das Leben.</p> + +<p>Und Hann hörte in seiner Angst um die Irrende die Beschimpfung gar nicht +einmal heraus. Langsam, vorsichtig, als könnte sie durch jeden Schritt +verletzt werden, tappte er näher, bis er endlich die Laterne zwischen +sich und das Mädchen auf den Balken stellen konnte. Und sofort hielt die +Frierende beide Hände über das Licht.</p> + +<p>Jedes Geschenk des Lebens nahm sie gierig an.</p> + +<p>Es war ein wunderliches Bild, das die beiden jetzt boten: das junge +frierende Weib mit den zerzausten Haaren und dem wilden, unsteten Blick, +und ihr gegenüber der ungelenke Mann in der<span class="pagenum"><a name="Page_291" id="Page_291">291</a></span> flatternden Schifferjoppe +und dem geduckten Haupt, beide unter der Mühle und bestrahlt von der +Laterne.</p> + +<p>»Lining,« hob Hann wieder an, denn er fürchtete nichts so, als seinen +kostbaren Fang aus dem Netz zu verlieren. »Is doch gut, daß ich dich +hier treff', denn du wolltest gewiß zu uns herüber, und da die Brücke +gebrochen ist, so muß ich dich in der Fähre rüberschaffen.«</p> + +<p>»So? Ist sie gebrochen?« wiederholte sie verächtlich. Aber Hann hielt +fest, ganz dicht stand er jetzt vor dem Balken, so daß das zuckende +Licht von unten sein Gesicht überhuschte.</p> + +<p>»Natürlich, Lining, is sie gebrochen. Hast du das vergessen? Aber du, — +du hast gewiß von dem Unglück bei uns gehört. Und da wolltest du kommen, +um Mudding zu trösten. Is nich so?«</p> + +<p>So hell war der Lichtkreis um die beiden geworden, daß die argwöhnische +Line sofort an seinen scheu auf sie gerichteten Augen erkannte, wie sehr +der Tölpel alles wußte.</p> + +<p>Oh, sie hätte ihn dafür mit der geballten Faust ins Gesicht schlagen +mögen.</p> + +<p>»Wozu verstellst du dich?« fuhr sie ihn an und riß an seinem Arm. »Du +weißt ganz gut, daß ich alles früher wußte, wie ihr. Wozu soll das?«</p> + +<p>Hann hielt still.</p> + +<p>»Lining, ich sagte man so. Aber dann weißt du gewiß auch, daß unser Vieh +verkauft wird, und die Boote, und das Haus.«</p> + +<p>»Das Haus auch?« schreckte Line zusammen, während sie unwillkürlich nach +der Richtung der leuchtenden Fensterchen herumfuhr.</p> + +<p>»Ja, das Haus auch, und wir mieten uns nun ein Stübing und 'ne Küche bei +Klaus Muchow.«</p> + +<p>Als er von diesem Zusammenbruch sprach, da begann das Herz der +Verstörten wieder zu hämmern, in rasendem Schlag, sie hob ihre Finger +zum Munde und biß darauf herum. Wilde Verzweiflung durchstürmte sie +wieder.</p><p><span class="pagenum"><a name="Page_292" id="Page_292">292</a></span></p> + +<p>Warum, warum war sie vorhin nicht unter den Binsen verschwunden? Nur +einen Schritt galt es doch noch, und das Bett war so weich gewesen. +Nein, nein, jetzt wollte sie nichts weiter hören. Mit einer Bewegung, +unter der sich ihr ganzer Körper zusammenkrümmte, schnellte sie von dem +Balken fort, und im nächsten Augenblicke wäre sie in der Nacht +verschwunden gewesen, wenn nicht Hann in seiner Angst bereits den +Querbaum übersprungen und sie nun an beiden Armen festgehalten hätte.</p> + +<p>Feste, klammernde Fischergriffe, unter denen sie sich in aufsteigender +Wut hin und her wand.</p> + +<p>»Was heißt das? — Laß los!«</p> + +<p>»Hier sind viel Maulwurfslöcher. Ich dachte, du könntest fallen.«</p> + +<p>»Das is nich wahr. Du weißt was. Du willst etwas anderes von mir!«</p> + +<p>»Lining, komm hier an die Laterne.«</p> + +<p>»Weg!«</p> + +<p>»Lining, ich kann dich nich so fortlassen. Sieh, es is Nacht. Ich — ich +glaub' auch, du hast dich mit Fräulein Dewitz erzürnt.«</p> + +<p>»So? Glaubst du?«</p> + +<p>Sie lachte, sie schrie auf.</p> + +<p>»Und da Mudding jetzt so im Unglück sitzt, so — oder wenn du nich zu +uns willst, so hat Paul davon gesprochen, daß er dich mitnehmen möchte +auf den Walsin. — Willst du das?«</p> + +<p>Da hatte sie sich losgeschüttelt und stieß ihn zurück.</p> + +<p>»Zu Paul? — In das Pastorhaus?«</p> + +<p>Mit einem Sprunge war sie an der Laterne, und unter einem schrillen Ruf, +aus dem die Verzweiflung alles Weibliche genommen hatte, hielt sie die +Leuchte hoch vor Hanns Antlitz in die Höhe, ob er etwa in dieser +grausigen Umgebung Spaß mit ihr zu treiben wage.</p> + +<p>Aber des Burschen blaue Augen blickten sie in dem Lichtschein so +bekümmert an, daß ihr die Laterne plötzlich klirrend auf die Erde sank.</p><p><span class="pagenum"><a name="Page_293" id="Page_293">293</a></span></p> + +<p>Ihr schwindelte, die Mühle wankte einen Augenblick vor ihr auf und ab, +die Nacht tanzte vor ihr, so daß sie sich auf den Balken setzen mußte. +Zorn, Todesangst und Erschöpfung hatten ihr alle Sehnen durchschnitten, +kraftlos sanken ihre Hände gefaltet in den Schoß und ihr Haupt neigte +sich zur Seite, so daß Hann erschreckt es mit beiden Händen stützen +mußte.</p> + +<p>»Zu Mudding?« murmelte sie traumverloren.</p> + +<p>»Ja, Lining, oder zu Paul.«</p> + +<p>»Komm her, Hann, ich will dir was sagen.«</p> + +<p>Und als er sich zu ihr hinabbeugte, näherte sie den Mund seinem Ohr, um +ihm etwas zuzuflüstern. Doch unvermittelt hielt sie inne.</p> + +<p>»Stell' die Laterne erst hinter uns.«</p> + +<p>Still folgte er ihr.</p> + +<p>So hockten nun beide zitternd da, vor ihnen Nacht und hinter ihnen das +Licht. Dann näherte sie ihre Lippen von neuem seinem Ohr und flüsterte +etwas. Erst stockend, dann heftiger, zum Schluß zornig, wie eine +Anklage. Es war der Grund, warum sie für immer von einem Pastorenhause +getrennt war — es war ihr Schicksal.</p> + +<p>Hann saß da, still und geduckt, und sank immer tiefer in sich zusammen. +Er nickte und nickte, und so oft sie, ihn beobachtend, eine Pause +machte, nickte er stärker, wie jemand, der etwas Freudiges oder +Natürliches hört. Über dem armen Burschen war jetzt die Stunde, wo das +menschliche Herz langsam anfängt zu bluten, um nie mehr ganz zu +verharschen.</p> + +<p>Aber er nickte immer ernsthaft und beistimmend.</p> + +<p>»Kann ich zurück?« fragte sie am Schluß.</p> + +<p>»Lining,« erwiderte er mit halber Stimme, »über die Frage muß ich mich +wundern. Wozu is ein Elternhaus da, als daß es Gutes und Schlechtes +aufnimmt? Wär' es anders, könnt' es mich gestohlen werden. Komm, +Lining.«</p> + +<p>Eine Viertelstunde später hörte man die Ruder auf dem Fluß klatschen. +Hann führte seine Pflegeschwester heim. Als ihr Fuß<span class="pagenum"><a name="Page_294" id="Page_294">294</a></span> die Schwelle +berührte, zuckte sie zurück, und noch einmal schien ihr die Nacht +lieblicher als die fischdurchduftete Engnis, aber Hann schob sie sanft +auf den Flur.</p> + +<p>Rabenschwärze lagerte hier.</p> + +<p>Furchtsam drängte sich die Heimgekehrte an ihn. — Und als er leise — +leise die Tür schloß, damit Mudding nicht gestört würde, da fühlte er +plötzlich unter Herzklopfen, wie eine weiche Hand über seine Wange fuhr, +und wie neben ihm etwas leise aufschluchzte.</p> + +<p>»O Lining,« murmelte er zerschmettert.</p> + +<p>Allein ihre Zerknirschung dauerte nur einen Moment, dann vernahm der +Fischer, wie das Mädchen, das er in der Finsternis nicht sehen konnte, +rasch aufatmete und mit Bestimmtheit fragte: »Hann, was du mir +versprochen hast, das bleibt so?«</p> + +<p>»Natürlich, Lining.«</p> + +<p>»Gut, dann gehe ich jetzt nach oben, in meine alte Kammer. Und morgen +spreche ich mit Mudding. — Gut' Nacht.«</p> + +<p>»Gute Nacht, Lining, schlaf wohl, es is die erste Nacht, die du wieder +bei uns schläfst, hörst du?«</p> + +<p>»Ja, geh du jetzt auch zu Bett, Hann.«</p> + +<p>Dann huschten leichte Tritte die Stiege hinauf.</p> + +<p>Hann horchte hinter ihnen her, dann griff er sich nach dem Herzen, als +ob dort etwas nicht in Ordnung wäre. Schwer, schwer seufzte er auf.</p> + +<p>Seine Laterne hatte er bereits vor dem Hause ausgelöscht, damit ihr +Schein nicht zu Mudding dränge, die jetzt in der großen Stube neben dem +Flur schlief.</p> + +<p>Die Kranke aber mußte dennoch das Geräusch des Eintretens bemerkt haben, +denn durch die Tür drang eine feine, zitternde Stimme: »Hann — bist +du's?«</p> + +<p>»Ja, Mudding.«</p> + +<p>Ein Seufzer folgte in der Stube.</p> + +<p>»Mudding, fehlt dir was?«</p><p><span class="pagenum"><a name="Page_295" id="Page_295">295</a></span></p> + +<p>»Ach nein, mein Jung' — aber Siebenbrod — er is noch immer nich da.«</p> + +<p>»Laß gut sein, Mudding, ich schließ' die Tür nich zu. Ich werd' hier +warten.«</p> + +<p>Drinnen die Kranke äußerte sich zu diesem Vorschlag nicht weiter — sie +warf sich noch ein paarmal hin und her, dann wurde es still.</p> + +<p>Draußen auf dem Flur stand ein ungefüger, blau angestrichener +Holzkoffer, das einzige Gut, das Siebenbrod mit in die Ehe gebracht +hatte. Auf diesen Schrein setzte sich Hann, stützte die Ellbogen auf die +Knie und hielt seine Nachtwache.</p> + +<p>Draußen summte der Wind, pfiff manchmal und heulte. Die Dorfuhr schlug, +Viertel auf Viertel, der Fluß rauschte, und die Pappeln ächzten und +schüttelten sich, Hann spann an seinen Gedanken fort.</p> + +<p>Schwere Gedanken, die nur ungern ein Gewebe werden wollten.</p> + +<p>Da oben schlief sie nun.</p> + +<p>Und er, er war ein Bräutigam und hatte sich doch täglich danach gesehnt, +daß die Kammer wieder von ihrer Bewohnerin besetzt werden möge.</p> + +<p>Hier war eine Lücke, ein Bruch in seinen Gedanken, an dessen spitzen +Trümmern er sich die Stirn zerstieß, genau so wie damals, als er auf den +Anker gestürzt war, und Klara Toll ihn gepflegt hatte.</p> + +<p>»O Klara!«</p> + +<p>Er hielt sich den Kopf, damit er nicht wirklich springe, dann lauschte +er wieder nach der Stiege, ob da nicht ein leichter Schritt laut würde. +Denn er mißtraute Line. Ihr konnte es einfallen, trotz aller seiner +Versprechungen zu entwischen.</p> + +<p>Lange starrte er hinauf und lauschte.</p> + +<p>Aber nichts regte sich mehr, nur die Hauskatze hörte er auf samtnen +Pfoten vorüberschleichen.</p> + +<p>Schmerzlich wandte der Beobachter das struppige Haupt zurück, und seine +Gedanken verknüpften sich wieder.</p><p><span class="pagenum"><a name="Page_296" id="Page_296">296</a></span></p> + +<p>Mein Gott, wie war die Jugendfreundin, die er so lieb gelabt hatte, »so +liebing,« wie war sie zurückgekehrt? In Schande, ins Elend gestoßen. Und +von wem? — Von seinem Bruder, der sie hätte hochhalten müssen.</p> + +<p>Er dachte weiter und fragte sich: »War sie nun wirklich schlecht? — +Schlechter als früher?«</p> + +<p>Je, wer konnte das wissen? — Ich weiß es nich. Denn ich hab' solch eine +Stunde, nach der sich doch alle Menschen und selbst das Vieh heimlich +sehnen, noch nich erlebt. Aber mich dünkt, wer ein Richter über was sein +soll, der müßt' das auch alles erlebt haben.</p> + +<p>Und is das nich eigentlich komisch, daß das »schlecht« sein soll, woran +die Menschen doch so viel denken, und was sie sich wünschen? Und +schließlich, solch einen neuen Menschen in die Welt gesetzt zu haben, is +doch auch ein kleines Verdienst. Und wenn ich mir so überleg', was +herrscht nich für Freude, sogar bei Siebenbrod, wenn eine Kuh kalbt, und +da wollen sich nun viele Leute wirklich so vergehen, daß sie ein +neugeborenes Menschenkind, was doch viel mehr is, nich gern in die Welt +reinlassen wollen? »Oh, pfui — ne, dafür will ich woll sorgen.«</p> + +<p>Aber bei dem Wort »sorgen« fiel ihm schwer aufs Herz, was er ohnehin +schon alles gegen Line auf sich genommen hätte. Ach, was war sie doch +anders, als er sich es vorgestellt hatte. Wie wild, wie trotzig, wie gar +nicht ein bißchen demütig war sie. Und was hatte sie sich alles +ausbedungen, bevor sie sich, noch immer ungern und sich sträubend, von +ihm hatte in den Kahn ziehen lassen.</p> + +<p>Er seufzte.</p> + +<p>Sie war doch ganz anders, als er immer gedacht hatte, eigentlich so, wie +ein rechter Mensch nicht sein sollte, denn sie dachte stets an sich. — +Und wie würden nun die nächsten Tage werden? — Morgen schon, wenn +Siebenbrod die neue Hausgenossin vorfinden würde.</p> + +<p>Er kratzte sich verlegen hinter dem Ohr; draußen schlug die Dorfuhr +einen mächtigen Schlag.</p><p><span class="pagenum"><a name="Page_297" id="Page_297">297</a></span></p> + +<p>Eins.</p> + +<p>Schon so spät, und Siebenbrod immer noch nicht da? Der Wartende kroch +von dem Koffer herunter, machte ein paar Schritte, um sich die Glieder +auszurecken, und zog sich wieder auf den blauen Schrein zurück.</p> + +<p>Es hatte eben zwei geschlagen, als er von neuem auftaumelte: Herr Gott, +es dämmerte schon. Ein neuer Sommermorgen guckte bereits durch das +kleine Stückchen Glas, das oben an der Haustüre eingesetzt war. Draußen +zirpten die Schwalben, und der Frühwind strich über den Fluß. Doch in +dem Flur woben noch graue Schleier hin und her, aus denen sich +undeutlich nur die roten Fliesen heraushoben.</p> + +<p>War Siebenbrod schon da?</p> + +<p>Ganz zerschlagen kletterte der Wächter von seinem Sitz herunter und +wollte eben leise das Haupt an die Tür des großen Zimmers legen, als in +der Ecke hinter der Haustüre etwas seinen Blick fesselte.</p> + +<p>Zögernd richtete er sich auf, sah sich um, rieb sich die Augen und +starrte wieder in die Ecke, die die Spinnen ganz mit grauen Geweben +angefüllt hatten.</p> + +<p>»Herr Gott!«</p> + +<p>Er rief leise: »Siebenbrod.«</p> + +<p>Nichts regte sich.</p> + +<p>Aber das war er doch? Dort stand er doch in der Ecke, den breiten Rücken +dem Beobachter zugekehrt und so sonderbar groß?</p> + +<p>Noch einmal rief Hann mit halber, heiserer Stimme, die ihm nicht recht +aus der Kehle wollte, jedoch der riesige Fischer regte sich nicht. Er +stand, um zwei Haupteslängen höher als Hann, den struppigen Kopf mit den +schwarzen Haaren, von denen die Mütze heruntergeglitten war, eng der +Ecke zugekehrt, wie wenn er sich schäme.</p> + +<p>»Jesus — Christus,« sprach Hann ganz langsam, und mit vorgestreckten +Armen, als ob er sich gegen Spuk schützen wolle,<span class="pagenum"><a name="Page_298" id="Page_298">298</a></span> schlich er näher, bis +er mit dem Finger scheu den Rücken des Riesen berühren konnte.</p> + +<p>»Siebenbrod.«</p> + +<p>»Siebenbrod, warum bist du heut so groß?«</p> + +<p>»Gott erbarm sich, Siebenbrod, du stehst ja in der Luft?«</p> + +<p>Aber als keine Antwort kam, sondern die Gestalt unter dem Druck von +Hanns Finger unmerklich hin und her schaukelte, da versuchte der Bursche +in seinem Entsetzen das letzte Mittel, das, wie er sich erinnerte, oll +Kusemann als untrüglich gepriesen hatte.</p> + +<p>Mit raschem Griff riß er dem Hängenden drei Haare aus und legte sie ihm +in Kreuzform auf die Füße. Allein Siebenbrod hatte bereits die Klänge +seiner Musikdose vernommen, nach denen er sich schon als Kind so +leidenschaftlich gesehnt hatte, und schaukelte deshalb unempfindlich +gegen Hanns Zauber weiter, ja, er begann sich jetzt sogar um sich selber +zu drehen. Da schnitt ihn Hann kurz entschlossen herunter.</p> + +<p>Als der Morgen graute, da lag vor dem blauen Koffer, den der Bootsmann +einst als einziges Gut in die Ehe mitgebracht hatte, ein braunes Stück +Segeltuch, unter welchem sich undeutlich die Umrisse eines +hingestreckten Körpers abhoben, und auf dem Koffer saß Hann und hielt +lautlos die Leichenwacht. Und immer wieder guckte er hinunter und fragte +sich: »Da liegt er nun so still, so mucksenstilling, und soll doch mal +auferstehen? — Und wenn Mudding man in den Himmel kommt, dann findet +sie nun zwei Männer vor. — Wie das wohl is? — Und ob der liebe Gott +wohl kleiner würd', wenn das Wiederfinden man solch ein Trostmärchen von +die Pastoren wäre? — Ich weiß es nich. — Aber hör', da draußen kräht +all der Hahn — und da noch einer und wieder einer.</p> + +<p>O Siebenbrod, jetzt takeln die anderen Fischer ihre Boote ab und gehen +zur Ruhe. Und du hast dich all so viel früher hingelegt. Darin liegt +wohl das, was unrecht is, und was die Menschen nich verzeihen mögen. +Denn ich denk mich man, durch das Leben kriegen<span class="pagenum"><a name="Page_299" id="Page_299">299</a></span> wir doch erst all die +anderen Gottesgeschenke. Und sieh, jetzt kommt es mich auch so vor, als +ob das Leben selbst doch wohl mit das höchste Glück sei. Denn die Sonne +und die Sterne und das Wasser nie gesehen und niemals eine menschliche +Stimme gehört zu haben, wie zum Beispiel Line ihre, das is wohl das +Aller — — Allerschlimmste. Kuck, Siebenbrod, und all das wegwerfen, +nein, ich muß dich sagen, darin liegt mehr als Sünde, darin liegt +Dummheit.«</p> + +<p>Und als er das sagte, da schmetterte laut und lebensvoll der Hahn, und +immer heller fiel das Morgenlicht auf das braune Segeltuch.</p><hr class="chap" /><p><span class="pagenum"><a name="Page_300" id="Page_300">300</a></span></p> + + + + +<h3>V</h3> + + +<p>Zwei Monate später.</p> + +<p>Die Herbst- und Reisemonate sind vorüber. Oll Chronos schmierte um diese +Zeit seine Karre. Er will den Sommer abholen und nebenbei die fauligen +Ähren von den Feldern lesen, denn in solch mürbegewordenen Sommertrieben +liegt neuer Dung.</p> + +<p>In der Küche der kleinen Katenhütte, in der Hann und Line jetzt zur +Miete wohnen, sitzt der Besitzer des Hauses, der riesige Fischer Klaus +Muchow, auf seinem Schemel und hält sich mit weit ausgespannten Armen an +zwei eisernen Haken der lichtblauen Mauer fest, weil ihm seine Frau +sonst unmöglich die gewaltigen Transtiefel ausziehen könnte, die wie +Pech an seinen Füßen kleben.</p> + +<p>»Ne,« atmet Frau Fiek<a name="FNanchor_8_8" id="FNanchor_8_8"></a><a href="#Footnote_8_8" class="fnanchor">[8]</a> nach einigen vergeblichen Versuchen, und die +starkknochige Frau, die ebenfalls eine blonde Riesin ist, wischt sich +den Schweiß, »nein, wenn ich dich das nich seit dreißig Jahren angewöhnt +hätt', und du mir nich bis jetzt jeden Stiefelzieher zerbrochen hättest, +hör', Mann, ich würd's nich mehr tun. Da gehört ja ne Maschine dazu oder +doch zwei Pferde.«</p> + +<p>Der Riese grinst wohlgefällig, verzieht das blondumbärtete Maul und +versucht, sich fester an den Haken zu klammern, wobei er aber das +fußlange Eisen ausreißt.</p> + +<p>Jetzt gerät er in Zorn, besieht sich das Eisen, schleudert es in den +Holzkorb und brüllt, daß der kleine, kaum sieben Fuß hohe Raum +erzittert: »Stäwelwichs — Stäwelwichs!«<a name="FNanchor_9_9" id="FNanchor_9_9"></a><a href="#Footnote_9_9" class="fnanchor">[9]</a></p> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_301" id="Page_301">301</a></span></p><p>»Hast recht,« antwortet darauf Frau Fiek ruhig, »der Schmied hat sie +nich ordentlich eingehauen.«</p> + +<p>Hier könnte man nun einsenden, daß Frau Fiek ihrem Klaus ganz unlogisch +antwortete, denn der Riese hat doch augenscheinlich Stiefelwichse +verlangt, von deren Anwendung er vielleicht eine Erlösung von seinen +Transtiefeln erwartete. Aber wer das denkt, der zeigt eben, daß er das +stärkste Moorluker Ehepaar gar nicht kennt, denn eben hat Frau Fieks +eiserne Faust das Leder dennoch heruntergezogen, und der Gatte brüllt +nun in allen Tönen der Freude: »Eierkauken — Eierkauken.«<a name="FNanchor_10_10" id="FNanchor_10_10"></a><a href="#Footnote_10_10" class="fnanchor">[10]</a></p> + +<p>Damit ist Klaus Muchows Wortschatz beendet, denn das blonde Neptunshaupt +ist taubstumm, und erst nach langen Mühen hat ihm Frau Fiek diese beiden +Worte beigebracht, die er nun für jede Gemütsregung anwendet.</p> + +<p>Klaus Muchow ist seelensgut, er hat alles lieb, mit Ausnahme einer +Büchse Stiefelwichse, die ihm einstmals in der Dunkelheit und in der +Abwesenheit seiner Frau an den Mund geriet, um dann allerdings von ihm +in höchstem Grimm in den Rick geschleudert zu werden. Dieser +Gemütserschütterung verdankt er das Wort.</p> + +<p>»Stäwelwichs.«</p> + +<p>Stäwelwichs bedeutet seitdem alles, was ihm schlecht dünkt. Der Teufel +— ein zerrissenes Netz — ein betrunkenes altes Weib — Leibschmerzen — +alles ist Stäwelwichs.</p> + +<p>Dagegen haben ihm sein Magen und seine Leckerzunge auch das Wort für +alle Idealität und die Erscheinung des Guten geliefert.</p> + +<p>Eierkauken stellt nämlich Klaus Muchows Leibgericht dar, denn der Riese +ist ein Leckertähn, und da dieser Kuchen nirgends so lieblich mit Butter +und Eiern bereitet wird, als bei Frau Fiek, so drückt Eierkauken jedes +gute Prinzip aus, zum Beispiel den Himmel — einen scharfen Priem — +einen Bummelschottschen mit Frau Fiek, denn sobald der Fußboden und die +Decke fest sind, dann<span class="pagenum"><a name="Page_302" id="Page_302">302</a></span> tanzt das Riesenpaar gern miteinander; Eierkauken +ist ferner ein schattiger Platz in der Kirche — die Sparbüchse, und ein +Faustschlag, den oll Kusemann wegen seiner Lügen und Neckereien zu +empfangen hat.</p> + +<p>Das Merkwürdigste aber in dieser Ehe bleibt, daß Klaus Muchow nur seiner +Riesin auf die Lippen zu sehen oder ihren heftigen Gebärden zu folgen +braucht, um tatsächlich jedes Wort zu verstehen.</p> + +<p>»Na, Männing,« fragt Frau Fiek, nachdem ihr Gatte mit den Füßen in ein +Paar Holzpantoffel gefahren ist und nun den Kaffeetopf in der Hand hält: +»Schön was gefangen heut?«</p> + +<p>Klaus Muchow schlürft laut den Kaffee und schüttelt mißmutig das +struwlige Lockenhaupt.</p> + +<p>»Na,« tröstet die Riesin und schlägt ihm dabei schallend aufs Knie, was +aber eine Liebkosung bedeuten soll, »schadet nich — wir haben ja erst +gestern aus der Räucherei Geld bekommen; man muß auch nich zuviel +verlangen.«</p> + +<p>Jetzt grunzt der Fischer zum Zeichen der Zustimmung ein bißchen, während +das Schlürfen erstirbt. Dann setzt er den Topf hin, zeigt auf die +Seitenwand, schließt die Augen und beginnt einen Augenblick laut zu +schnarchen, worauf Frau Fiek, die bereits am Herd hantiert, den Kopf +schütteln und antworten muß: »Nein, sie is noch nich aufgestanden. Kann +sich das Langschlafen aus ihre vornehme Zeit noch immer nich +abgewöhnen.«</p> + +<p>»Eierkauken,« murmelt Klaus mitleidig und macht mit der Hand die Gebärde +des Streichelns.</p> + +<p>»Ja, ja, ich weiß woll,« fährt Frau Fiek fort, »du magst sie gern +leiden, und die beiden haben ja auch viel Unglück gehabt. Erst ihr +bißchen Hab und Gut verloren, dann das Unglück mit dem Stiefvater, der +sich aufgehangen hat. Zwei Tage später noch eine zweite Leiche im Haus. +Die gelähmte alte Frau Klüth — der ja der Tod von Siebenbrod den Rest +gegeben haben soll, zum Schluß das mit dem jungen Ding selbst — o je, o +je — was soll man dazu sagen? Aber ich mein, nun könnte sie sich doch +auch ein bißchen in<span class="pagenum"><a name="Page_303" id="Page_303">303</a></span> die Verhältnisse schicken und sich nich mehr so +vornehm aufspielen. Nu hör' bloß! Schlägt all sieben. Und sie schläft +noch immer. Nimmt doch von einem Fischer ihr Brot an, da müßt sie sich +auch so haben, wie eine Fischerfrau.«</p> + +<p>Sie unterbricht sich, denn ihr Klaus grunzt laut und vollführt mit +seinen Händen derartige Bewegungen, als wenn er zwei Stricknadeln in der +Hand hielte.</p> + +<p>»Ja, ja,« versteht ihn die Riesin sofort, »ich weiß all, was du willst. +Sie strickt seit ein paar Tagen neue Strümpfe für Hann. I, ja, das is +aber auch man so ne Arbeit für vornehme Damens. Ihr Fräulein Dewitz war +ja ne Handarbeitslehrerin. Weshalb soll sie denn so was nich verstehen?«</p> + +<p>»Huh — huh,« brummte hier Klaus Muchow laut auf und fuhr mit dem +rechten Arm eng im Kreise herum, dann fuscherte er unter den Kochtöpfen +des Herdes.</p> + +<p>»Ach so,« sagte Frau Fiek und legte den Finger an die Nase, »du meinst, +daß sie neulich für ihn gekocht hat. I, das war auch danach. Hat mir ja +allein ein halbes Pfund Butter verbraucht. Und seitdem hat sie sich auch +nich wieder daran gewagt. Und überhaupt« — hier wandte sie sich und +setzte beide Hände in die Seiten — »ich muß dich man was sagen. Aber du +bist mucksenstill und hast keine Widerwörter! Gestern war die Frau +Hafenmeistern bei mich, hat mich wieder Klein-Kinderzeug zum Waschen +gebracht. Und bei die kleinen Hemden, da kamen wir auch auf das — nun +auf das, was bei der da —« jetzt zeigte die Riesin ebenfalls auf die +Seitenwand — »erwartet wird. Und da fragten wir uns so, ob so was +überhaupt für mich im Hause paßlich wäre? Und die Frau Hafenmeistern +meinte, daß das für ne Frau wie mich un — unmorastig wär'! Und nun frag +ich man, bin ich nich immer ne reinliche Frau gewesen auch beim Waschen? +Und nun soll ich mit einmal Morast im Hause haben? Ne, Klaus, entweder, +oder — mehr sag' ich nicht; ich sag' bloß — entweder — oder.«</p> + +<p>Aber Klaus Muchow, dem es das zarte, schmale Gesichtchen<span class="pagenum"><a name="Page_304" id="Page_304">304</a></span> seiner +Mieterin angetan hatte, erhob sich, so daß sein Haupt hart an die Decke +stieß, streckte die Faust vor und brüllte: »Stäwelwichs!«</p> + +<p>»Ne,« schrie jetzt auch Frau Fiek, »diesmal geb' ich nich nach. Die Dirn +soll mir aus dem Hause.«</p> + +<p>»Stäwelwichs!« schrie Klaus kirschbraun im Gesicht und schmetterte einen +Kochtopf auf die Erde.</p> + +<p>»Is mir auch recht,« lachte die Riesin wütend, ergriff ebenfalls einen +Topf, aber vorsichtigerweise einen kleineren, und schleuderte ihn +ebenfalls auf den Boden.</p> + +<p>»Soll mir aus dem Hause,« tobte sie. »Und ich weiß es jetzt auch — die +hat der Teufel hier hereingeführt — kein anderer as de Düwel.«<a name="FNanchor_11_11" id="FNanchor_11_11"></a><a href="#Footnote_11_11" class="fnanchor">[11]</a></p> + +<p>Das war die besondere Eigenart der guten Riesin, daß sie felsenfest an +den Teufel glaubte, ja, daß sie ihn überall herumschleichen sah, in +ihrem Schrank, auf der Straße, ja sogar in ihrem Bett.</p> + +<p>»De Düwel — de Düwel.«</p> + +<p>»Stäwelwichs.«</p> + +<p>Der Streit der Riesen hätte diesmal ausarten können. Aber plötzlich +begann auf der Dorfstraße eine Leier zu spielen. Und der Italiano sang +dazu:</p> + +<div class="poem"><div class="stanza"> +<span class="i0">»Du, du liegst mir im Herzen,<br /></span> +<span class="i0">Du, du liegst mir im Sinn« —<br /></span> +</div></div> + +<p>Klaus Muchow sah ihn zuerst durch das Küchenfenster. — Er riß die Augen +weit auf.</p> + +<p>Musik hat etwas Versöhnendes, besonders aber bei dem Riesenpaar, dessen +Herzensbedürfnis Lied und Tanz ausmachte.</p> + +<p>Zuerst zog ein seliges Lachen über des Mannes Züge. Obwohl er die +Melodie nicht hörte, hob er das rechte Bein.</p> + +<div class="figcenter" style="width: 400px;"> +<img src="images/oppos_304.jpg" width="400" height="627" alt="Illustration" /> +</div> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_305" id="Page_305">305</a></span></p> + +<p>Da konnte auch die Riesin nicht länger widerstehen; sie ließ den +Kochlöffel fallen und lehnte sich an die Schulter des Fischers:</p> + +<div class="poem"><div class="stanza"> +<span class="i0">»Du, du machst mir viel Schmerzen,<br /></span> +<span class="i0">Weißt nicht, wie gut ich dir bin.«<br /></span> +</div></div> + +<p>Sie lachten, faßten sich an den Händen und drehten sich.</p> + +<p>Line und der Teufel waren vergessen.</p> + +<p>Sie tanzten.</p> + +<p class="center">— — — — — — — — — — — — — — — — <br /> +— — — — — — — — — — — — — — — — </p> + +<p>Eine Stunde später erhob sich Line von ihrem Lager. Sie sah sich +mißmutig in dem engen Verschlage um, den Hann nach dem Beispiel von Frau +Fiek ein »Stübing« nannte, schüttelte verächtlich die Betten des +Wandschragens zurecht, der ihr als Lagerstatt diente, während Hann in +einer Bodenkammer hauste, und setzte sich dann vor einem Stückchen +zerbrochenen Spiegelglases nieder, das auf einer rohen Fichtenkommode +stand, um sich die Haare aufzustecken.</p> + +<p>Sie beeilte sich sehr damit, denn der Tag schien bereits hell in ihre +Kammer, und jeden Augenblick konnte Hann von der See heimkehren. Hastig +fuhr sie in ihre Bluse und zog den Stoff seufzend stramm. Draußen auf +der Dorfstraße hörte man aus der Ferne noch immer die Leier spielen. +Rasch öffnete sie das niedrige Fenster und lehnte sich einen Augenblick +hinaus.</p> + +<p>Aber das Katenhäuschen der Muchows lag weit ab vom Dorfe, und seine +Fenster gingen direkt auf die Seewiesen und den Bodden hinaus.</p> + +<p>Line verzog die Stirn.</p> + +<p>Hier vernahm man die Leier nur ganz verschwommen.</p> + +<p>Blauschimmernd wiegte sich wohl die See, im grellen Sonnenschein +glitzerten die feuchten Wiesengräser, und eine Wolke gelber und brauner +Schmetterlinge gaukelte in der stillen Luft umher, aber Line bemerkte +das alles nicht.</p><p><span class="pagenum"><a name="Page_306" id="Page_306">306</a></span></p> + +<p>Diese Einsamkeit!</p> + +<p>Sie verschränkte die Hände, drückte sie gegen die Stirn und wandte sich +heftig ab, als hätte die Ruhe draußen sie verletzt.</p> + +<p>Aus dem Nebenraum war inzwischen ein scharfer Fischgeruch gedrungen.</p> + +<p>Das roch so schlecht.</p> + +<p>Schon als Kind hatte sie eine Abneigung gegen den Duft empfunden; und +jetzt, wo sie ihn immerfort roch — jetzt schien er ihr beinahe +unleidlich.</p> + +<p>Sie setzte sich auf einen Schemel am Fenster und starrte auf die See +hinaus.</p> + +<p>Oh, wie schön und vornehm hatte es doch bei Fräulein Dewitz geduftet. +Jeden Sonnabend nach dem großen Säubern hatte sie Lavendelessenz +sprengen müssen. Und hier? —</p> + +<p>Dieses verwünschte kleine Katenhaus! Und diese ungebildeten Riesenleute. +Oh, sie wußte ganz gut, daß sie der Frau ein Dorn im Auge war, denn das +Schicksal Lines hatte sich bereits herumgesprochen.</p> + +<p>Man munkelte, ohne zu wissen.</p> + +<p>Line biß sich auf die Lippen und ballte langsam die Faust.</p> + +<p>Warum? Warum krochen die Monate so? Wie lange mußte sie hier noch +sitzen? Wann war sie endlich frei und erlöst? Sie rechnete an den +Fingern. Denn hier — hier blieb sie keinen Tag länger, als sie mußte. +Hier war ja nur ein Versteck für sie, ein Unterschlupf. Hier band sie ja +nichts! — Oder Hann vielleicht?</p> + +<p>Sie zuckte die Achseln.</p> + +<p>Freilich, sie wußte sehr genau, daß es Hanns größte Freude im Leben +ausmache, ihr ins Gesicht schauen zu dürfen. Es war lächerlich — sie +tat nichts dazu — aber es war einmal die Angewohnheit des ihr so +ungleichen Bauern.</p> + +<p>Und dann dachte sie sich auch, dabei könne man ihn lassen, das schadete +ja keinem, und Hann müsse ihr schließlich noch dankbar sein, wenn sie +diese elende Hütte mit ihm teile.</p><p><span class="pagenum"><a name="Page_307" id="Page_307">307</a></span></p> + +<p>»Tag, Fräulein,« klang es von draußen.</p> + +<p>Line fuhr auf.</p> + +<p>Über den Wiesenweg zur Mole schritt oll Kusemann vorüber, der +übertrieben tief seine zierliche Lotsenmütze zog und mit den Augen +zwinkernd, wohlwollend fragte: »Na, ümmer noch gut zu Wege, Mamselling?«</p> + +<p>Line sah ihn an, wurde blutrot und schlug klirrend die Scheiben zu.</p> + +<p>»Kuck, wie nett,« sprach der Lotse, unbekümmert um ihre Wut, und +dienerte rückwärts, wie ein Krebs, an ihr vorüber. »Na, solche +Zornigkeit verschwindet aber bald wieder. Das bringen manchmal die +Umstände mit sich. Ich komm und kuck mich mal abends nach dem Mamselling +um.«</p> + +<p>Damit ging er ehrbar seines Weges.</p> + +<p>»Solch ein Kerl!«</p> + +<p>Line kratzte mit den Nägeln an ihrer Schürze herum.</p> + +<p>Das war nun der einzige, der sich nach ihr erkundigte. Paul, der neue +Pastor, der jetzt auf dem Walsin amtierte, hatte seinen Bruder wohl +schon einigemal besucht, aber immer wenn er eintrat, war Line rasch in +Hanns Bodenkammer hinaufgesprungen oder durch die Küche auf die +Seewiesen hinausgelaufen, um nicht mit dem Geistlichen +zusammenzutreffen. Auch zu Siebenbrods wie Muddings Leichenbegängnis war +sie nicht mitgegangen, sondern hatte sich, wie erschreckt, auf dem Boden +des alten Hauses, das nun auch bereits dem Barbier gehörte, verkrochen. +Und niemand hatte nach ihr gefragt. Selbst Hann schien dies Verstecken +natürlich gefunden zu haben, denn er war nie mehr darauf zurückgekommen.</p> + +<p>Die Einsame stieß ein zorniges Lachen aus.</p> + +<p>Warum wohl Fräulein Dewitz nicht einmal herauskam? — Ach die! Die mochte +bleiben, wo sie war! — Aber nicht ein einziges Mal sich erkundigen +lassen? Das alte Fräulein hätte doch die Verpflichtung gehabt! — Und +nun gar der Konsul Hollander oder Dina?</p><p><span class="pagenum"><a name="Page_308" id="Page_308">308</a></span></p> + +<p>Line bedeckte plötzlich die Augen mit der Hand, denn das Gefühl des +Ausgestoßenseins war übermächtig über sie hereingebrochen, dann jedoch, +als ob sie sich dieses kurzen Nachgebens schäme, griff sie ebenso +schnell nach dem Scherben von Spiegelglas und schleuderte ihn heftig auf +die Erde.</p> + +<p>An allem war nur Hann und dieses Katenhaus schuld.</p> + +<p>»Da lieg.«</p> + +<p>Die Splitter flogen herum.</p> + +<p>»Lining,« sprach der eintretende Hann vorwurfsvoll und blieb breit unter +der niedrigen Tür stehen.</p> + +<p>Er trug noch ein feuchtes Netz in der Hand. Das Wasser lief an seinen +großen Transtiefeln herunter.</p> + +<p>»Guten Tag, Lining,« fuhr er nach einiger Zeit des Wartens fort.</p> + +<p>»Guten Tag,« entgegnete sie gleichgültig, ohne sich nach den Trümmern +umzublicken, und hob die Arme, um sich die gelockerten Flechten wieder +zu festigen.</p> + +<p>»Du hast wohl Ärger gehabt?« fragte Hann von neuem, indem er +unausgesetzt die Scherben betrachtete, und ohne das Netz hinzulegen. +Line rückte auf ihrem Stuhl hin und her. Wollte er sie etwa +ausschimpfen?</p> + +<p>»Nein,« erwiderte sie abgewandt, während sie zum Fenster hinaussah, »ich +tat es nur aus Langerweile.«</p> + +<p>»Aus Langerweile, Lining?«</p> + +<p>Langsam ließ Hann das Netz zu Boden gleiten, fuhr sich schwerfällig +durch die Haare und senkte dann in Gedanken das Haupt.</p> + +<p>So lange lebten sie nun schon beieinander, Tag und Nacht war es sein +eifrigstes Bestreben gewesen, sie auf bessere Wege zu bringen, und immer +hatte er es nicht gewagt, ihr ein Wort der Mahnung vorzuhalten. Sie war +so kurz angebunden, und sie stand ja auch so hoch über ihm, wenn auch +jetzt das Unglück über ihr war. Aber heut, wo er wieder nur ein paar +Heringe gefangen — kümmerlichen Pfennigerwerb — heute, wo ihm das +Drückende seiner<span class="pagenum"><a name="Page_309" id="Page_309">309</a></span> Armut immer deutlicher wurde, da beschloß er, ihr +seine Lage zu beschreiben.</p> + +<p>Vielleicht, daß das junge Weib, das er so gern ansah, einer Bitte +zugänglich war.</p> + +<p>»Langeweile, Lining?« hob er nochmals mit Anstrengung an: »Sieh, Lining, +wenn du dich nun beschäftigen wolltest. Zum Beispiel mit Kochen für uns +beide. Das wäre recht gut. Sieh, ich fang nun mal so wenig, ich bin eben +viel ungeschickter, als die anderen Fischers. Und den Muchow-Leuten muß +ich für unseren Unterhalt auch bezahlen. Aber wenn du zum Beispiel +kochen wolltest, dann wäre mir schon geholfen. Natürlich, es is bloß so +eine Idee von mir,« setzte er sofort besorgt hinzu, als er bemerkte, wie +Line die weiße Stirne kräuselte.</p> + +<p>»Nur eine Idee, Lining,« wiederholte er besänftigend. Aber sie warf +bereits den Stuhl herum und rieb an ihren Händen.</p> + +<p>»Wozu soll das erst?« fragte sie ärgerlich dagegen. »Hann, sag' selbst, +wozu soll ich mich erst hier in der Katenküche mit der Fischersfrau +zusammenstellen und den Trangeruch riechen, der mir so widerlich ist, da +ich ja doch nur kurze Zeit hier bleibe? — Lieber verkaufe ich die +Kleider und die paar Schmucksachen, die mir Fräulein Dewitz nachgesandt +hat. — Hörst du? Da — in dem Schrank, nimm sie.«</p> + +<p>»Gott soll mich bewahren, Lining, wo werd' ich?«</p> + +<p>»So nimm dir den Plunder doch.«</p> + +<p>»Aber wo werd' ich mich denn an deinen Sachen vergreifen?« wehrte er mit +beiden Händen ab. »Nein, Lining, wenn du nich willst, dann wird es ja +auch so gehen. Ich meinte nur, Beschäftigung bringt den Menschen so +schön auf andere Gedanken.«</p> + +<p>Sie sah ihn beinahe feindselig an. »Ich mach' mir aber gar keine +Gedanken, Hann. — Über nichts! Und nun nimm dir die Sachen und hör' mit +solchen Ermahnungen auf. Mich machst du doch nicht anders, als ich mal +bin.«</p> + +<p>Der Fischer senkte den Kopf auf die Brust. Dann seufzte er tief<span class="pagenum"><a name="Page_310" id="Page_310">310</a></span> auf. +»Nimm's nich übel, Lining,« brachte er endlich hervor, »ich hab' mich +das bloß so gedacht.« Dann sah er sich schüchtern nach einem Stuhl um, +der in der Ecke stand.</p> + +<p>»Darf ich mich hier ein bißchen bei dir niedersetzen, Lining?« fragte er +nach einer Weile des Schweigens.</p> + +<p>Sie hatte bereits den Arm wieder auf das Fensterbrett gestützt und +nickte kurz.</p> + +<p>Er ließ sich auf den knarrenden Stuhl nieder. Und eine Pause trat ein, +in der er darüber nachdachte, warum er ein ganzes Leben daransetzen +wollte, um ein Geschöpf willfähriger zu machen, das doch gewiß nicht +mehr zu ändern war. Aber das war ja gerade das Verhängnis dieses +unpraktischen, versonnenen Naturkindes, daß es zu dem Schluß gekommen +war, das Glück ruhe in einem Weibe.</p> + +<p>Und dies — gerade dies Weib mußte es sein. Zu ihr leitete ihn der +dunkle, unerkannte Trieb.</p> + +<p>»Lining,« begann er endlich wieder leichthin, »hast du all Kaffee +getrunken?«</p> + +<p>»Ja,« murmelte sie durch die Finger.</p> + +<p>»Is für mich auch welcher geblieben?«</p> + +<p>»Das weiß ich nicht. Aber,« setzte sie achselzuckend hinzu, »ich kann ja +mal nachsehen.«</p> + +<p>»Ja, ja, tu das,« stimmte Hann heimlich erfreut bei.</p> + +<p>Nach einer Weile kehrte das Mädchen aus der anstoßenden Küche mit einer +Tasse zurück, die ihr Hann sorglich abnahm.</p> + +<p>»Sieh, ordentlich eine Tasse,« lobte er geschmeichelt, und in seiner +Dankbarkeit machte er eine unbeholfene Bewegung, als wollte er leise +über ihre Hand streichen, aber Line zuckte hochmütig zurück.</p> + +<p>»Laß.«</p> + +<p>»Ich wollt auch nichts, Lining,« murmelte er erschrocken.</p> + +<p>Eine Zeitlang hörte man nichts als das Schlürfen von Hann und das Summen +der Fliegen, die unter der Decke herumkrochen. Dann wandte sich Line +ruckartig vom Fenster zurück und stieß heraus: »Bist du nicht gestern in +der Stadt gewesen?«</p><p><span class="pagenum"><a name="Page_311" id="Page_311">311</a></span></p> + +<p>»Ja, warum, Lining?« fragte Hann, verwundert über diese neue Teilnahme.</p> + +<p>»Damit man einmal etwas anderes hört,« fuhr sie in halber Verzweiflung +fort. Dabei sprang sie auf und reckte die Arme: »Damit man mal wieder +etwas hört, für das man sich interessieren kann.«</p> + +<p>Hann sah sie betrübt an.</p> + +<p>»Hier kannst du dich wohl nich einleben, Lining?« brachte er bedrückt +hervor.</p> + +<p>»Nein, Hann, das weißt du ja. Hier hab' ich schon als Kind nichts leiden +mögen.«</p> + +<p>»Ja, ja, Lining, das weiß ich.«</p> + +<p>Seine Lippen bebten leise. Und als er jetzt seine Tasse unter den Stuhl +stellte, wie das Fischerart ist, da blieb er in der gedrückten Stellung +sitzen. Aber Line konnte ihre Wildheit nicht länger in sich +verschließen, sie stampfte vor Leidenschaft mit den Füßen und fuhr noch +heftiger fort: »Manchmal möcht ich mit den Fäusten an die Wand schlagen, +daß ich das alles von dir annehmen muß. Ja, muß — ja, muß,« wiederholte +sie in vollem Zorn. »Und daß du so viel für mich aufgegeben hast, die +ich das doch alles gar nicht will. Zum Beispiel deine Braut, Klara Toll. +Ist das nicht so?«</p> + +<p>Hann rührte sich nicht in seiner Ecke.</p> + +<p>»Laß Klara,« bat er nur, »laß Klara Toll.«</p> + +<p>»Nein, warum? — Du paßt doch so gut zu ihr. Warum kommt sie gar nicht +mehr her?«</p> + +<p>»O Lining, das is doch so natürlich.«</p> + +<p>Das konnte sie nicht verstehen.</p> + +<p>»Wieso? — Was hat sich deine Braut um mich zu kümmern? — Was hast du +ihr denn eigentlich gesagt?«</p> + +<p>Langsam hob Hann sein Haupt in die Höhe: »Ich hab' ihr gesagt — Lining, +nimm es nich übel — ich hab' ihr gesagt, daß ich nun für dich sorgen +müßt, und da würd' es zu lange mit Klara und mir dauern.«</p><p><span class="pagenum"><a name="Page_312" id="Page_312">312</a></span></p> + +<p>Line bekam ganz große Augen und sank halb unbewußt auf ihren Stuhl +zurück.</p> + +<p>»Und sie?« fragte sie darauf und zupfte verstört an ihrer Schürze, »was +hat sie gemeint?«</p> + +<p>»Sie hat alles eingesehen. Und morgen tritt sie in der Stadt ihre +Stellung als Krankenschwester an.« Damit stand Hann auf, raffte sein +Netz zusammen und schritt langsam zur Tür.</p> + +<p>Einen Augenblick war es, als wollte Line von ihrem Platz aus die Hand +vorwerfen, um ihn zurückzuhalten, dann aber mußte sie sich wohl anders +besinnen, denn sie wandte sich kurz ab, um wieder verstimmt zum Fenster +hinauszusehen.</p> + +<p>Dort draußen gewahrte sie bald den Riesen Klaus Muchow, sowie dessen +Frau, die mit Hann zu den Booten gingen und anfingen, die gefangenen +Heringe in Kisten zu schütten.</p> + +<p>Wieder trug der Wind einen scharfen Geruch herüber.</p> + +<p>»Dabei soll ich vielleicht helfen?« dachte Line bitter. »Und was dies +Weib wohl wieder alles auf mich zu klatschen hat? — Nein, nein, wenn's +nur erst vorüber wäre. Nur hier erst fort.«</p> + +<p class="center">— — — — — — — — — — — — — — — — <br /> +— — — — — — — — — — — — — — — — <br /> +— — — — — — — — — — — — — — — — </p> + +<p>Das Mittagbrot wurde in der Muchowschen Küche gegessen. Auf etwas +anderes hatte sich Frau Fiek nicht eingelassen. »Ne,« hatte sie +widersprochen, »ich will doch sehen, wie der vornehmen Dirn' mein Essent +smeckt. Deshalb muß sie in die Küche raus.«</p> + +<p>Man saß um den Herd, hielt die Näpfe in der Hand, und Frau Fiek wie ihr +Klaus versicherten stets umschichtig, daß alles prachtvoll geraten sei.</p> + +<p>»Eierkauken,« murmelte Klaus Muchow sehr befriedigt, während er einen +ganzen gebratenen Hering verschlang. »Eierkauking.«</p> + +<p>Er fuhr mit seiner Riesenfaust in die Schüssel, fuscherte in ihr herum +und hob endlich den größten Brathering heraus, den er zum Zeichen seines +Wohlwollens Line direkt an den Mund hielt.</p><p><span class="pagenum"><a name="Page_313" id="Page_313">313</a></span></p> + +<p>»Eierkauken!« lobte er nochmals, klopfte sich auf den Leib und machte +die Gebärde des Überbeißens.</p> + +<p>Allein Line erhob sich rasch, stellte ihren Napf hin, lief eilig und +ohne Gruß hinaus und warf die Tür hinter sich zu.</p> + +<p>»Kuck,« sprach Frau Fiek gereizt, »ganz as ne Prinzeß. Hann, das is +nichts für dich.«</p> + +<p>»Oh, Frau Muchow,« entschuldigte Hann, »sie ist ja krank.«</p> + +<p>»Ganz gleich.«</p> + +<p>»I nein, Frau Muchow, sie wird schon anders werden. Ich glaub's ganz +bestimmt.«</p> + +<p>Damit erhob sich Hann gleichfalls, sagte Frau Fiek ein paar lobende +Worte über ihre Küche und schritt hinter Line her.</p> + +<p>Klaus Muchow aber saß noch lange mit offenem Munde da und besah sich +abwechselnd den Fisch in seiner Hand, sowie die Tür, hinter welcher Line +verschwunden war. Endlich kam er zu sich, schüttelte sich, und nachdem +er den Hering in seinen eigenen Schlund geworfen, sprang er auf und +trippelte ein paarmal mit überzierlichen Bewegungen zur Tür, womit er +Line nachahmen wollte. Dann zeigte er mit dem Finger an seine Stirn und +brüllte verächtlich: »Stäwelwichs — Stäwelwichs.«</p> + +<p>Und Frau Fiek nickte diesmal zustimmend und entschied: »Dor hest du nu +wedder eins ganz recht, Klaus.«</p> + +<p class="center">— — — — — — — — — — — — — — — — <br /> +— — — — — — — — — — — — — — — — </p> + +<p>Nachmittags saß Hann unter dem Fenster auf der Bank, die er sich selbst +aus rohen Pflöcken zusammengeschlagen hatte, und putzte mit einem +stumpfen Messer seine Netze. Es war ihm trotz des Schweigens, das +zwischen ihnen herrschte, ein angenehmes Gefühl, daß auch Line seit +einiger Zeit ihren dunklen Kopf in beide Hände gestützt hatte und hinter +dem offenen Fenster auf das Meer und die Wiesen hinausschaute.</p> + +<p>Ein schlaffer Tanggeruch kam vom Wasser. Auf der Oberfläche schossen +Scharen von Möwen umher und spritzten zuweilen mit<span class="pagenum"><a name="Page_314" id="Page_314">314</a></span> ihren Fängen +glitzernde Tropfen in die Höhe. Aus den sonnenumdunsteten Binsen drang +eifriges Gezirpe von Grillen und Heimchen.</p> + +<p>Hann nahm ein zweites Netz zur Hand. Dabei fiel ihm auf, wie +unausgesetzt seine Gefährtin in den wolkigen Dunst hineinstarrte, als ob +sie versuche, weit, weit über das verschleierte Meer zu spähen.</p> + +<p>»Ob sie nun wohl an ihn denkt?« fragte er sich beklommen, »an den Mann, +der so schlecht gegen sie gehandelt hat?«</p> + +<p>Wie oft hatte er sich schon mit geheimem Bangen diese Frage vorgelegt! +— Aber das Verhalten Lines erteilte keine Antwort darauf. Gänzlich +schien sie den Fernen vergessen zu haben. Sie sprach nie von ihm. Hann +überkam wieder das Mitleid mit ihr.</p> + +<p>»Willst du nich rauskommen, Lining?« fragte er.</p> + +<p>Sie schüttelte das Haupt.</p> + +<p>»Es is doch recht schön hier draußen,« drängte er weiter. Allein sie +lehnte ab. Sie wolle nicht draußen sitzen, wo sie alle Leute sehen +könnten.</p> + +<p>Da war es wieder, dieses scheue Verstecken, das Hann so sehr rührte.</p> + +<p>Der Fischer beugte sich noch tiefer über seine Arbeit und faßte sich +endlich ein Herz.</p> + +<p>»Lining,« begann er stockend, indem er eifrig weiterstocherte, um seine +Befangenheit zu verbergen. »Du denkst wohl viel daran?«</p> + +<p>»Woran, Hann?«</p> + +<p>»An — an —« Der Name, der ihr so weh tun mußte, wollte kaum über seine +Zunge. »An Bruno, Lining.«</p> + +<p>Sie antwortete nicht, sondern stützte ihr Haupt noch schwerer auf die +kleine Hand. Und ihre Blicke gingen wieder suchend durch das sonnige +Gewölk hindurch. Nach einiger Zeit fragte er weiter: »Und an das, was +kommen wird?«</p> + +<p>Über ihr Gesicht ging ein Schatten, und doch saß sie ohne Bewegung, als +sie sich nun kurz erkundigte: »Habt ihr seitdem nichts mehr von ihm +gehört?«</p><p><span class="pagenum"><a name="Page_315" id="Page_315">315</a></span></p> + +<p>»Nein, gar nichts, Lining, sonst hätt' ich dir's ja auch gesagt.«</p> + +<p>Sie verharrte noch immer mit weitgeöffneten Augen. Plötzlich jedoch +verzog sie die Stirn und warf herb ein: »Er hat es gewiß inzwischen zu +was gebracht und lebt wieder herrlich und in Freuden. Und ich — — —?«</p> + +<p>Hier brach sie ab und preßte die Lippen zusammen und wandte ihren Blick +zornig auf Hann, als ob der an all dem Scheitern ihrer Pläne schuld +wäre.</p> + +<p>Das verwirrte den braven Burschen vollends. »Aber ich dachte — — ich +wollte fragen,« stotterte er, »ob du ihm noch gut bist? Lining, darf ich +das fragen?«</p> + +<p>Da erhob sie sich rasch, warf den Kopf in den Nacken, und während sie +rasch das Fenster schloß, lachte sie ärgerlich auf: »Du bist und bleibst +ein Dummerjahn, Hann. Laß mich zufrieden.«</p> + +<p class="center">— — — — — — — — — — — — — — — — </p> + +<p>Auch in anderen Dingen stellte sich immer mehr heraus, daß Line für das +innerste Sinnen und Trachten des ihr so ergebenen Fischers gar keinen +Sinn besaß. Ja, daß sie es förmlich darauf anlegte, die Scheidewand +zwischen sich und dem Dorfphilosophen immer höher aufzurichten.</p> + +<p>Bei zwei Ereignissen empfand dies der arme Hann, dessen harter Kopf es +durchaus durchsetzen wollte, daß seine Märchenprinzessin sich bei ihm +wohl fühle, besonders bitter.</p> + +<p>Der August neigte sich bereits seinem Ende.</p> + +<p>Eines Sonntags nachmittags — Hann saß gerade in einem Winkel seines +Bodenverschlages und las mit Behagen Fritz Reuter, den ihm der +Hafenmeister geborgt hatte, da bemerkte er aus der Ferne, wie eine +schöne Frauengestalt in blauer Krankenschwestertracht den Wiesenpfad +einschlug, und an seinen eigenen mächtigen Herzschlägen fühlte er, daß +es Klara Toll sein müßte. Rasch sprang er auf, lief mit hochrotem Kopf +zu Line hinunter, die müßig, wie stets, auf ihrem Lager schlummerte, und +so groß war<span class="pagenum"><a name="Page_316" id="Page_316">316</a></span> seine Erregung, daß er seine Scheu vor der Hingestreckten +vergaß und sie leise am Arm zupfte.</p> + +<p>Der Schlaf hatte ihre Wangen rosig gefärbt, es sah lieblich aus, als sie +jetzt langsam die schwarzen Augen öffnete.</p> + +<p>Sie mußte gut geträumt haben, denn sie lächelte ihn an.</p> + +<p>»Was willst du, Hann?«</p> + +<p>»Lining, ich hab' eine Bitt'.«</p> + +<p>Sie richtete sich auf: »Jetzt?« fragte sie erstaunt.</p> + +<p>Doch er ließ sich nicht abbringen, sondern drängte weiter: »Lining, +Klara Toll kommt zu uns. Sie hat mir nich adschö gesagt, als sie damals +in die Stadt ging, und nun will sie es wohl nachholen. Du tätest mir +einen großen Gefallen, wenn du nich wieder fortgingest, sondern sie mit +mir zusammen aufnähmst. Ja?«</p> + +<p>Er bat so dringlich, daß Line von ihrem Lager herunterstieg. +Achselzuckend strich sie sich die verwirrten Haare zurecht und mußte +lächeln, als sie wahrnahm, wie Hann trotz seiner Bedrängnis, gebannt und +mit offenem Munde, ihre Bewegungen verfolgte.</p> + +<p>Ach, ihr Zauber bestärkte ihn täglich mehr in seinem Irrwahn.</p> + +<p>»Nich wahr, Lining, du tust's doch?« brachte er sich endlich selbst auf +andere Gedanken.</p> + +<p>Aber die Angeredete schüttelte den Kopf.</p> + +<p>»Wozu, Hann? — Was hat es für einen Zweck, wenn ich euch beiden +zuhöre?«</p> + +<p>In seiner Not griff er nach ihrer Hand und preßte sie, als wenn er sie +zwingen wollte.</p> + +<p>»Oh,« schrie sie unmutig auf.</p> + +<p>»Lining, ich wollte dir nich wehtun. Aber du mußt dableiben!«</p> + +<p>»Aber welchen Zweck hätte das?«</p> + +<p>»Lining, kannst du dir das nich denken?«</p> + +<p>»Nein, wie sollte ich das?«</p> + +<p>»Nun denn — ich — ich — ich hab' solche Furcht vor Klara. Toll.«</p><p><span class="pagenum"><a name="Page_317" id="Page_317">317</a></span></p> + +<p>»Du?«</p> + +<p>»Ja, Furcht,« murmelte er in sich hinein und schloß die Augen.</p> + +<p>Da sah sie ihn einen Moment starr an, dann trat sie zurück und lachte +böse auf: »Du bist nicht recht klug, Hann,« gab sie zur Antwort. »Was +geht mich deine Krankenschwester an? Ich sag's dir voraus. In ein paar +Monaten, wenn ich hier fort bin, dann ist alles wieder zwischen euch, +wie zuvor. Dann kann sie auch hierher ziehen, und pass' mal auf, Hann, +wie schön sie dir dann die Netze flicken und mit Frau Fiek draußen Suppe +kochen wird. Aber warum sagst du ihr das nicht gleich? Das wäre doch so +einfach.«</p> + +<p>Sie machte eine schnippische Handbewegung und übersah es, wie er mit +tiefgebeugtem Haupte vor ihr stehen blieb. Noch einmal streckten sich +seine großen Finger nach ihrer Hand aus. Doch sie legte die ihren +sogleich auf den Rücken.</p> + +<p>»Also in wenigen Monaten schon?« kam es stückweise von seinen Lippen.</p> + +<p>»Ja,« nickte sie nervös, »ich zähle jeden Tag.«</p> + +<p>»Ja, ja — das tust du. Ich weiß es woll. Und wohin gehst du dann?«</p> + +<p>»Dummer Hann, wo es mich gerade hinweht, nur recht weit von hier. Aber +sieh, da biegt Klara Toll um das Haus. Hu, wie feierlich sie aussieht. +Ganz wie eine Nonne. Ich gehe an den Binsensteg. — Und du vertrag dich +wieder mit ihr. Das ist das beste, was du tun kannst.«</p> + +<p>Damit wand sie sich an ihm vorüber, und er starrte auf die weißen Dielen +und schlug sich mit der Faust vor die Brust. Dann griff er sich an den +Kopf und sah sich wirr um: »Dummer Hann,« quoll es von ungefähr aus ihm +heraus. »Jawoll, dummer Hann. — O Gott, weshalb hast du mich da +reingebracht? — Und weshalb muß das Weib grade das Glück sein? — Und +warum muß diese da, die doch so schlecht is, für mich die allerbeste +sein? — Ach,<span class="pagenum"><a name="Page_318" id="Page_318">318</a></span> und warum hast du uns solch kleinen Kopf gemacht und +solch große Rätsel da reingeschlossen? — Wozu soll das alles gut sein?«</p> + +<p class="center">— — — — — — — — — — — — — — — — <br /> +— — — — — — — — — — — — — — — — </p> + +<p>Aber Line war nicht bis zur See hinabgeschritten, wie sie vorgegeben +hatte.</p> + +<p>Hinter dem großen Holzzaun, von dessen Zacken allerlei bunte +Wäschestücke der Katenleute herabflatterten, weiße, blaue und rote, war +sie stehengeblieben und drückte sich jetzt eng gegen das Holz an, so +lange, bis sie dachte, daß das junge Mädchen in der blauen Tracht den +Vorderflur erreicht haben müsse.</p> + +<p>Jetzt läutete die Türglocke ihren rostigen Klang, und nun schlich Line +auf den Zehen in die Küche zurück, die zu ihrer Freude leer stand, und +legte ihr Ohr an die anstoßende Tür.</p> + +<p>Muß doch mal hören, dachte sie im Innern belustigt, was die beiden +dummen Menschen eigentlich miteinander vorhaben.</p> + +<p>Und dann blinzelte sie durch den Türritz hindurch.</p> + +<p>Drinnen stand Hann in seinem Sonntagsstaat und machte in seiner +Verlegenheit eine Art Verbeugung, als Klara zu ihm eintrat.</p> + +<p>»Guten Tag, Hann,« sagte die Besucherin freundlich.</p> + +<p>Line hörte, wie Hann keine Antwort fand, sondern wortlos auf die +schmucke Tracht des Mädchens starrte, die ihr in seinen Augen wohl etwas +Vornehmes und Heiliges verlieh.</p> + +<p>»Ja,« sagte Klara, die seine Bewunderung bemerkt haben mußte, »das ist +unsere Sonntagskleidung — in der Klinik gehen wir einfacher.«</p> + +<p>Auf eine Bewegung des Fischers ließ sich nun das Mädchen auf den Stuhl +am Fenster nieder, auf dem Line sonst immer zu sitzen pflegte, während +er vor ihr stehen blieb. Fast ohne Bewegung verharrte die plumpe Gestalt +so, nur die Haare strich sie sich ein paarmal mühsam zurück.</p> + +<p>»Nun hat er wieder Furcht, der dumme Peter,« dachte die Lauscherin an +der Tür. »Welch ein unbeholfener Mensch.«</p><p><span class="pagenum"><a name="Page_319" id="Page_319">319</a></span></p> + +<p>Schon wollte sie ihren Beobachtungsposten aufgeben, da nahm Klara +endlich das Wort: »Ich wollt mich wieder einmal nach dir umsehen, Hann.«</p> + +<p>»Du, Klara?«</p> + +<p>Er sah sie groß an, sein Herz war voll Dankbarkeit, denn er war es nicht +gewohnt, daß man sich viel um ihn kümmere.</p> + +<p>Wie zierlich kräuselten sich nicht ihre braunen Haare unter dem weißen +Latz der Kappe hervor. Wie still und friedvoll sah sie aus.</p> + +<p>»Ich dachte, Klara,« hob er mit einem schweren Entschluß an, »du würdest +— gar nich mehr kommen,« wollte er sagen, aber es fiel ihm ein, daß es +wohl besser wäre, alle Erinnerung an das Gewesene zu unterdrücken, und +so gab er ihr denn ernsthaft die Hand und fragte nur: »Klara, ich wollt' +fragen, wie geht es dir da bei all den Kranken? Is das nich zu schwer +für dich?«</p> + +<p>Da ging ein Lächeln über das Gesicht, von dem er fand, daß es die +schönen, roten Farben verloren hätte, und die blauen Augen leuchteten, +als sie zur Antwort gab: »Hann, ich weiß gar nicht, wie andere das eine +Arbeit nennen können. Mir nämlich ist es so, als wenn mir nun erlaubt +wäre, beständig in der Kirche zu wohnen.«</p> + +<p>»In der Kirche, Klara? — Wird denn dort gebetet?«</p> + +<p>»Das auch, Hann. Viele beten da, und ganz anders, als die Gesunden +beten. Wenn du das einmal hören könntest. Aber das ist es nicht allein. +Aber wenn man so neben den Schwerkranken sitzt, die von den Ärzten +bereits aufgegeben wurden, und bei denen nun alles von der Hilfe des +lieben Gottes abhängt, und wenn man nun sieht, wie bei dem einen alles +Sträuben nichts nützt und alles Hoffen, und wie plötzlich eine höhere +Macht an dem Bett steht und den Kopf schüttelt, o Hann, das ist, als +sollte einem das Herz erfrieren vor Hilflosigkeit und Ehrfurcht. Aber +dann wieder das andere, sobald das Unmögliche geschieht, und es kommt in +die halb gebrochenen Augen, die schon in den Himmel sahen, wieder Licht, +und man merkt ordentlich, daß da etwas sein müsse, was<span class="pagenum"><a name="Page_320" id="Page_320">320</a></span> durch die +vertrockneten Lippen Leben eingießt, Hann, ich kann dir nicht +beschreiben, welche Freude dann in solch kleines Zimmer dringt. Man +meint förmlich, aus der Ferne Engelsgesang zu hören und horcht darauf, +ob man nicht den Tritt des lieben Gottes spüren könnt'.«</p> + +<p>Bei diesen Worten lächelte die Krankenschwester ganz glücklich, und ihre +Augen strahlten, als ob sie in einen nahen, friedvollen, +sonnenbeschienenen Garten sähen.</p> + +<p>Bewundernd, halb neidisch, blickte Hann auf sie hin. Dann sagte er +einfach: »Wie fromm du bist.«</p> + +<p>»Das ist nicht fromm, Hann, das hab' ich doch alles erlebt.«</p> + +<p>»Ja, aus dem Leben so die Frömmigkeit zu ziehen, das is woll das Wahre.«</p> + +<p>Dabei nickte er versonnen in sich hinein.</p> + +<p>Eine Zeitlang hörte Line draußen kein weiteres Wort. Und wieder mußte +sie spöttisch darüber die Lippen verziehen, weil die beiden über nichts +weiter zu verhandeln hätten, als über Kranke und über Beten.</p> + +<p>»Pfui,« raunte sie vor sich hin, »es riecht ordentlich nach Klinik. Das +ist mal eine langweilige Person.«</p> + +<p>Aber gleich darauf preßte sie von neuem das Ohr an das Schlüsselloch, +denn sie vernahm, wie Klara nach einigem Zögern ihren ehemaligen +Verlobten nach seinem Leben, seinen Plänen, seinem Dasein fragte.</p> + +<p>»Jetzt kommt's,« dachte Line, »sie ist gar nicht so dumm.«</p> + +<p>»O Klara,« erwiderte Hann, »wie gut das von dir is, daß du dich danach +erkundigst.«</p> + +<p>»Wieso, Hann? — Mir ist es, als wenn ich mich immerfort um dich kümmern +müßte.«</p> + +<p>Er atmete auf, dann entgegnete er erfreut: »Ganz genau so geht es mir +mit dir, Klara.«</p> + +<p>»Das weiß ich, Hann, und ich kann auch nicht aufhören, dir herzlich gut +zu sein.«</p> + +<div class="figcenter" style="width: 400px;"> +<img src="images/oppos_320.jpg" width="400" height="626" alt="Illustration" /> +</div> + +<p><span class="pagenum"><a name="Page_321" id="Page_321">321</a></span></p> + +<p>Er nahm ihre Hand und stammelte dabei: »Siehst du — gut sein — ja, das +is es — gut sein, das bin ich dir auch, Klara, wie ich es mit gar +keinem anderen sein könnte. Aber sieh — ich schäme mich so, wenn ich es +aussprechen soll, is es nich schrecklich eingerichtet in den +menschlichen Herzen, daß man der einen Frau so herzlich gut sein kann, +und die andere hat den Zauber?«</p> + +<p>»Welchen Zauber, Hann?«</p> + +<p>Er fragte sie, ob sie sich der Geschichte oll Kusemanns nicht mehr +erinnere, von der Liebeshexe. Die sollt' mal Venus geheißen haben oder +auch Freiin. Genau wußte das der Lotse selber nicht. »Jedenfalls jetzt +is sie ein altes Weib und sitzt irgendwo auf einem Kreidefelsen unter +einer geborstenen Tanne. Und wenn sie ein rechtes Stück ausüben will, +dann schneidet sie bei Vollmond aus dem Unterschuß des Triebholzes zwei +saftige Stäbchen, schält sie ab und schreibt zwei Namen darauf. Immer +solche, die gar nich zueinander passen. Wie Lines und meinen. Und dann +bindet sie sie zusammen und schleudert sie ins Meer und murmelt etwas +dabei in ihren Bart, damit ein Hecht kommt und die Stäbchen verschluckt. +Und solange der Hecht nich gefangen und aufgeschnitten wird, auf daß das +liebe Tageslicht wieder auf die Hölzer scheint, so lange, Klara, kommen +die beiden Menschen nich auseinander und wollen auch nich.«</p> + +<p>Sie wandte ihren klaren Blick auf ihn.</p> + +<p>»Und das ist alles so bei dir?« forschte sie. Ein tiefes Mitleid +zitterte aus ihrer Stimme.</p> + +<p>Er holte tief Atem und rang die Hände.</p> + +<p>»Ja, Klara,« gab er dumpf zurück. »Das is so bei mir. Das Tageslicht +will nich auf mich fallen.«</p> + +<p>»Und die Hölzer passen nicht zusammen?«</p> + +<p>»Nein, Klara, sie passen nich.«</p> + +<p>»Und das weißt du?«</p> + +<p>»Das weiß ich ganz genau.«</p> + +<p>»Armer Hann.«</p><p><span class="pagenum"><a name="Page_322" id="Page_322">322</a></span></p> + +<p>Er wischte sich den Schweiß von der Stirn.</p> + +<p>»Ja, Klara, was hilft das? — Da hilft kein Beten. Ich will dir was +Geheimnisvolles sagen, hör' zu. Was sie mir auch antut, so viel +Schlimmes und Herzwehes, es is, als ob ich ihr deswegen nur noch mehr +dienen müßt. Und das hat kein Ende. — Gar kein Ende.«</p> + +<p>»Kein Ende, Hann?«</p> + +<p>In dem Auge der Krankenschwester begann eine Träne aufzuperlen. Die sah +aus wie ein Tautropfen, der auf einem dunklen Veilchen liegt. Dann nahm +das Mädchen die Hand des Freundes und streichelte sie sanft.</p> + +<p>»Hann, ich will wünschen, daß es ein glückliches Ende wird.«</p> + +<p>Da schüttelte er düster das struwelige Haupt.</p> + +<p>»Klara, das siehst du ja selbst. Es kann gar kein rechtes Ende nehmen. +Ich will auch nur, es bleibt alles so, wie es jetzt is.«</p> + +<p>Sie stand auf.</p> + +<p>Beide reichten sich die Hände zum Abschied.</p> + +<p>»Kommst du bald wieder?« forschte er scheu.</p> + +<p>Sie nickte verhalten.</p> + +<p>»Ja, Hann, wenn es dir recht ist. Ich fühle so, als wärst du auch einer +von meinen Kranken.«</p> + +<p>Da legte er beide Fäuste auf ihre Schultern, daß es ihr weh tat, und +gequält drang es endlich hervor: »Ich wollt', du säßest an meinem Bett. +Und das Heilige, von dem du vorhin erzähltest, schüttelte den Kopf, und +du drücktest mir mit deinen lieben Fingern die Augen zu. — Adschö, +Klara.«</p> + +<p>Damit schob er sie gewaltsam von sich.</p> + +<p>Als die Türglocke über ihrem Haupte läutete, schluchzte die Enteilende +leise auf.</p> + +<p>An der Küchentür aber lehnte ein anderes Weib. Das streckte wie +abwehrend ihre Hand gegen den anstoßenden Raum, aus dem etwas gegen sie +anzog, wie eine zwingende Macht, und ein paar blutlose Lippen murmelten: +»Nicht — nich<span class="pagenum"><a name="Page_323" id="Page_323">323</a></span>t —«</p> + +<p>Am Abend saß Line auf einem Strandstein. Der ragte massig und einsam +über die Wiesen hinaus. Am Himmel zitterten die Sterne, zu ihren Füßen +plätscherten kleine Wellen. Die liefen geschwätzig zu ihr hin, und wenn +sie von ihrem Fuß zurückgestoßen wurden, dann drängten sie sich doch +wieder heran, immer lispelnd, flüsternd, immer dasselbe eintönige Wort: +»Armer Hann.«</p> + +<p>Das junge Weib seufzte und strich sich die Haare zurück, die der Seewind +löste, und sah in die runde, matte Scheibe hinauf.</p> + +<p>Der Mond stand voll.</p> + +<p>Jetzt war's also die Zeit, wo die Hexe ihre Stäbchen zusammenband.</p> + +<p>Das junge Weib schüttelte sich und stieß wiederum einen lauten Seufzer +aus.</p> + +<p>Eine Stimme rief aus der dunklen Katenhütte: »Lining — Lining — wo bist +du? — Die Abendluft tut dir nich wohl.«</p> + +<p>Da sprang die Versteckte auf, führte den Finger empor und schleuderte +unmutig einen Tropfen von sich, der sachte durch die Wimpern geronnen +war.</p> + +<p>Dann lief sie auf Umwegen, und zwar so, daß die herantappende dunkle +Gestalt sie nicht halten konnte, in das Haus.</p> + +<p class="center">— — — — — — — — — — — — — — — — </p> + +<p>Von dem Strandstein rinnt langsam der Tropfen herab. Er glitzert im +Mondlicht.</p> + +<p>»Eine Träne?« fragt irgendwas im Wind.</p> + +<p>»Eine Träne!« wispern die Wellen und nehmen sie mit sich ins Meer.</p><hr class="chap" /><p><span class="pagenum"><a name="Page_324" id="Page_324">324</a></span></p> + + + + +<h3>VI</h3> + + +<p>Seitdem wird es etwas besser in dem Katenhaus. Line nimmt sich vor Hann +zusammen, sie zwingt ihre zornige Laune nieder, so oft sie daran denkt. +Sie streitet sich auch nicht mehr mit Frau Fiek, sondern sitzt bei den +gemeinschaftlichen Mahlzeiten still auf ihrem Holzschemel, und nur, wenn +die Muchows etwas zu dröhnend werden, wenn sie singen oder mit den Füßen +aufstoßen, dann zuckt es in ihren Augen auf.</p> + +<p>Ein Feuerfunke, der hinausfliegen will.</p> + +<p>Aber die anderen merken nichts davon.</p> + +<p>Nur Hann fühlt mit Staunen, allmählich mit Herzklopfen, später mit Angst +und vorzeitiger Freude, daß etwas anders wird.</p> + +<p>So merkt's die dumpfe Erdenscholle, daß der Schnee schmilzt und warme +Frühlingswässer zu ihr dringen.</p> + +<p>Der Winter kam.</p> + +<p>Eines Morgens lag Moorluke im weißen Bann.</p> + +<p>Bis zum Schornstein steckte der Katen der Riesen im Schnee.</p> + +<p>Manchmal mußten die Männer einen Weg schaufeln, wenn sie ins Freie +wollten. Auch das Meer zeigte Eroberungsgelüste. Mit einem einzigen +Schlage drang es an und schleuderte geborstene Eisstücke gegen Tür und +Mauern des vorgeschobenen Baues. Und eines Morgens, da hatte es den +ganzen Katen gefangen und rings mit einer Eismauer umgeben.</p> + +<p>Kalt, stählern, tückisch lag der Feind im Morgenlichte da.</p> + +<p>»Stäwelwichs — Stäwelwichs,« schrie Klaus Muchow erbost, und die Männer +hieben mit Eisäxten dazwischen.</p> + +<p>Dadurch wurde es in dem eingeengten Katen wieder einsamer. Von aller +Welt lag er in seinem Schneehaufen abgeschlossen. Die<span class="pagenum"><a name="Page_325" id="Page_325">325</a></span> Wege, die über +die Wiesen führten, hatten sich längst verkrochen. Man konnte sich +darüber streiten, an welcher Stelle sie vordem ihr Schlangenspiel +getrieben. Eben und weiß, unberührt und teilnahmlos lag jetzt die große, +leuchtende Fläche, die sich ohne Abzeichen über den Bodden fortsetzte. +Man wußte nicht, wo die Grenze war.</p> + +<p>Selbst die Kirchenglocke, die doch früher laut zu den Einsamen +herübergerufen hatte, sie war eingefroren und krächzte zuweilen wie ein +heiserer Riese, der ein dickes Halstuch trägt.</p> + +<p>Immer stiller wurd's.</p> + +<p>Das aber war Line gerade recht.</p> + +<p>Ihre Zeit rückte näher und näher, und damit die Sucht, sich zu +verkriechen; jedes fremde Gesicht zu vermeiden, und den Kopf zu stützen +und nachzusinnen.</p> + +<p>Das war ihr etwas ganz Neues.</p> + +<p>Früher war sie Genuß suchend durch die Welt gelaufen, und die Erde lag +im Morgenrot — nun war es finster geworden, Fledermäuse flogen. Das +waren ihre Gedanken, die sich die Welt zu erklären suchten. Da wurde ihr +allmählich Hann, der des dunklen Winters wegen fast immer daheim hockte +—, kimmerischer Dämmerung wegen, die über dem Ostmeer braut, — da +wurde ihr die plumpe Gestalt, die verkrümmt auf dem Stuhl hing, +riechende Netze in der Hand, da wurde ihr der Nachdenkliche allmählich +ein Schatz.</p> + +<p>Dunkler und schneedämmeriger wurden die Tage, düsterer und drängender +wurden die Stunden. Lines Trotz hielt nicht mehr vor; wenn sie so in +einer Ecke kauerte, dann stieg es plötzlich vor ihr auf und griff nach +ihr. — Angst — Angst — Furcht, Grauen vor dem Lebenden, das in ihr +war, und zu dem sie sich nicht gerüstet fühlte.</p> + +<p>Dann wirft sie plötzlich die Hand vor. Ihre Stimme schwankt vor +Schrecken: »Hann, bist du noch da?«</p> + +<p>»Ja, Lining, ich bin hier.«</p> + +<p>»Dann steck' Licht an, Hann.«</p><p><span class="pagenum"><a name="Page_326" id="Page_326">326</a></span></p> + +<p>Hann erhebt sich, tastet herum, kurz darauf zuckt von dem schmalen Tisch +die gelbe Flamme der Kerze auf. Schwankende Schatten huschen herum.</p> + +<p>Aus Lines Ecke dringt ein Atemzug, und Hann sieht bekümmert, wie +flackernd die dunklen Augen aus dem blassen Gesicht hervorbrennen.</p> + +<p>Sie rückt sich zurecht: »Hann, hörst du, wie es an die Scheiben tickt?«</p> + +<p>»Es is Schnee, Lining.«</p> + +<p>»Er hat die Fenster schon ganz verklebt.«</p> + +<p>»Ja, Lining, ich seh' nur die lütte Stube und dich.«</p> + +<p>Sie rückt noch tiefer in die Ecke und starrt auf ihn hin. Dann stützt +sie die Ellbogen auf beide Knie, und während sie zusammenschauert, +vielleicht vor Frost, fragt sie rasch: »Hann, weißt du, woran ich jetzt +denke?«</p> + +<p>»Nein, Lining, wie soll ich?«</p> + +<p>Jetzt deckt sie langsam die Augen zu: »Hann, ich meine, wenn ich früh +gestorben wär', hätt' ich viel Schlimmes nicht erlebt. — Du auch — wir +beide — armer Hann.«</p> + +<p>Es ist das erstemal, daß sie das Wort sagt, das sie nicht mehr verläßt. +Er zuckt zusammen und blickt scheu zu der Zusammengesunkenen hinüber. +Ihre Worte, so seltsam, haben sein Herz mit einem Dorn zerrissen und +doch gleichzeitig das Blut mit einem weichen Blumenblatt fortgenommen.</p> + +<p>Aber sie hat den ihr so Nahen längst wieder vergessen.</p> + +<p>»Es wär' so gut,« fährt sie stammelnd fort.</p> + +<p>»Was, Lining?«</p> + +<p>»Wenn man die Junggeborenen vor all dem bewahren dürfte.«</p> + +<p>Da hebt Hann sein Haupt. Es ist in der letzten Zeit faltiger geworden. +Aber Line sowohl, wie er, haben es nicht bemerkt. Nur Klara Toll hat es +gesehen.</p> + +<p>»Lining, wer soll bewahren?« Und seine Augen, sonst so mitleidig, +blicken ernst.</p><p><span class="pagenum"><a name="Page_327" id="Page_327">327</a></span></p> + +<p>»Die Mütter, Hann, die Mütter müßten es tun. Oh, solch ein kleiner Sarg, +denk ich mir, ist ebenfalls eine Wiege. Und was würde dann alles mit +einschlafen, all die zukünftigen schlechten Gedanken und all die +schlechten Taten. Denn wer erst denkt, der wünscht, und ein Wunsch ist +schon meistens schlecht.«</p> + +<p>Aber da wird Hann zornig. Diese trostlose Ansicht nimmt ihm alles, was +er sich bis jetzt zurechtgezimmert hat an seiner Lebenshütte. Deshalb +wirft er das Netz über das Knie, schüttelt heftig den Kopf, und eilig +geht es ihm über die Zunge: »Lining, das mußt du nich sagen — sieh, das +mußt du nich. Wirklich! Denn erstens, wenn der liebe Gott das wollte, +wozu schickte er erst die kleinen Kinder!? Und, Lining, werden es etwa +weniger auf der Welt? Mich dünkt nicht. Und dann, Lining, ich hab' mir +schon immer gedacht, mit die Menschens hat das doch der liebe Gott ganz +komisch eingerichtet, ganz furchtbar komisch. Denn sieh eins, Lining, es +geht wohl so das gemeine Gered' umher, ein lüttes Kind, so ein ganz +kleines Würming in den Windeln, das sei eigentlich der allerbeste +Mensch, noch ganz unschuldig, sozusagen aus dem Paradiese. Ich aber sag' +dir, Lining, dieses is gar nich wahr. So ein Neugeborenes is mehr +schlecht als gut. Denn wieso? — Na, daß es dumm is, wie Bohnenstroh, +das weißt du ja selbst. Aber es is auch noch auf andere Weise schlecht, +es kratzt, wie eine Katz, es nimmt, was ihm nich gehört, es is +habsüchtig und hat keinen Menschen lieb, als sich. Is das wahr? — Ich +sag dir, es is wahr. Aber was nu weiter? — Da kommt nun der liebe Gott +und hat von Anfang an in die Menschens diese ganz merkwürdige Kraft zum +Besserwerden reingelegt. Auch zum Schlechterwerden. Aber doch mehr zum +Bessern. Die liegt in uns, Lining, man spürt sie manchmal leibhaftig. +Und nun kuck dir bloß mal an, wie es nun durch diese Kraft mit so einem +Neugeborenen vorwärtsgeht. Meistens vorwärts. Denn das Bessere muß wohl +das Stärkere sein. Erst lernt das sprechen, und dann lernt das lieben, +und dann lernt das denken, und so fort, bis es sich zuletzt ganz große +Dinge<span class="pagenum"><a name="Page_328" id="Page_328">328</a></span> aussinnt, die wieder anderen Menschen was nützen. — Und, Lining, +um dies >Vorwärts< wolltest du solche lütten Dinger bringen? — So ganz +schlecht und miserabelig, wie sie anfangs sind, wolltest du sie wieder +in die Erde abliefern? Ich sag' dir, da müßte man sich ja rein vor den +Regenwürmern genieren.«</p> + +<p>Da hockt Line in ihrer Ecke, in die sie sich immer scheuer zurückzieht, +so daß die Lichtstrahlen sie kaum noch finden. Aber ihre Augen sind groß +geworden, und sie richtet sie mit solch erstauntem Ausdruck auf den +Fischer, wie früher, wenn der Knabe zuweilen etwas geäußert, was mit +seinem blauen Kittel schlecht zusammenstimmen wollte.</p> + +<p>Unausgesetzt tickt der Schnee an die Scheiben, Möwen und Raben krächzen +draußen, und an dem Netz wird weitergeflickt.</p> + +<p>Ganz still ist es zwischen den beiden geworden.</p> + +<p class="center">— — — — — — — — — — — — — — — — </p> + +<p>Ein paar Tage darauf herrschte Schneesturm.</p> + +<p>Da saßen die Einsamen nach dem Abendbrot noch beisammen, denn es war zu +früh, als daß Hann auf seinen Bodenverschlag hinaufgeklettert wäre. Auch +fürchtete Line in letzter Zeit das Alleinsein.</p> + +<p>»Soll ich Reuter lesen?« fragte Hann, »hier >Ut de Franzosentid<.«</p> + +<p>Sie saß auf ihrem Bett und hatte die Hände müde in ihrem Schoß gefaltet. +Eine Flechte des schwarzen Haares ringelte sich bereits über ihre +Schulter.</p> + +<p>Im Nachsinnen hatte sie damit gespielt.</p> + +<p>»Nein, Hann, ich bin heut nicht lustig.«</p> + +<p>In diesem Augenblick stäubte über das Dach etwas fort, im Schornstein +heulte es auf, und die beiden hörten, wie nebenan Klaus Muchow im Schlaf +laut aufbrummte.</p> + +<p>Nach einer Weile fragte Hann, der an dem Licht stocherte: »Wenn ich nich +lesen soll, was soll ich?«</p> + +<p>Sie verzog ein wenig die Nasenflügel.</p><p><span class="pagenum"><a name="Page_329" id="Page_329">329</a></span></p> + +<p>»Steck dir deine Pfeife an, Hann, und bleib noch ein wenig hier.«</p> + +<p>»Hier rauchen?«</p> + +<p>Er glaubte zuerst, daß er nicht richtig verstanden hätte, denn bis jetzt +hatte sich Line den Tabaksdunst stets verbeten, und auch, als sie +nochmals beistimmend nickte, wagte er nicht gleich, die kurze +Schifferpfeife hervorzuholen. Da stand das Mädchen auf und riß ihm +selbst ein Streichholz an.</p> + +<p>»Hier,« sagte sie matt.</p> + +<p>»O Lining,« erwiderte er gerührt und streichelte leise ihre Hand.</p> + +<p>Dieser Tabak schmeckte köstlich. Ganz vorsichtig blies er die Wolken von +sich und schlug mit der Hand danach, wenn sie ihm zu dick erschienen.</p> + +<p>»Heute is es hier schön,« wagte er nach einiger Zeit zu urteilen.</p> + +<p>Sie saß wieder auf dem Bettrand und nestelte an ihren Haaren, ohne +sonderlich auf ihn zu achten.</p> + +<p>»Heute is es hier gemütlich,« sprach Hann schüchtern weiter.</p> + +<p>Da nickte sie abermals, aber zerstreut, während sie auf den Wirbelsturm +lauschte, der an ihrem Katen vorüberzog, und plötzlich entgegnete sie +rasch und mit Betonung: »In der Stube ist es still.«</p> + +<p>»In der Stube, Lining?«</p> + +<p>Oh, er hatte für sie ein so feines Ohr gewonnen.</p> + +<p>»In deinem Geist aber nich? Meinst du das so?«</p> + +<p>Jetzt fuhr sie wie ertappt zusammen und rückte auf dem Bettrand hin und +her. »Du solltest dich nicht so viel um mich sorgen,« drängte sie +verlegen, »nicht immerfort. Die Hauptsache ist, wenn du dich wohl +fühlst.«</p> + +<p>»Wenn ich — —?«</p> + +<p>War das Spuk? Hatte das eben eine menschliche Stimme geredet? — Oder +hatte es eine der kleinen weißen Mäuse gewispert, die ja in den +Schifferstuben in den Ecken sitzen sollen, wenn es still und friedlich +hergeht. Und es war friedlich. Wie fein duftete der Tabak, wie wiegten +sich die blauen Wolken um das Licht!</p><p><span class="pagenum"><a name="Page_330" id="Page_330">330</a></span></p> + +<p>Und diese köstliche Stille.</p> + +<p>Und diese schöne schwarze Flechte, die da auf der Schulter ruhte.</p> + +<p>Betroffen schlug Hann die Augen nieder und rückte das Licht, als ob es +ihn blende.</p> + +<p>Und da fragte seine Gefährtin schon wieder etwas, was sein Herz noch +froher schlagen ließ, weil er es noch vor kurzem nicht für möglich +gehalten hätte.</p> + +<p>»Hann, du sagtest neulich was vom Besserwerden.«</p> + +<p>Er kratzte sich voller Verwunderung hinter dem Ohr.</p> + +<p>»Hast du dir das behalten, Lining?« warf er mit halbem Stolz dazwischen.</p> + +<p>»Ja.«</p> + +<p>Sie sah ihn nicht an, sondern fuhr mit der kleinen Hand unstet am +Bettrand auf und nieder. Da mußte er zu ihr hinüberblicken und +betrachten, wie die Flechte sich leise bewegte.</p> + +<p>Das verwirrte ihn, machte ihn froh und unglücklich.</p> + +<p>Diese da war ja die erste, die er sah. Das erste Weib!</p> + +<p>So rot die Lippen.</p> + +<p>»Kirschen,« dachte Hann, »oder ne, noch besser, Korallen. Solche Brosche +hatte Mudding gehabt.«</p> + +<p>»Hann, glaubst du,« fragte sie unsicher dazwischen, »daß sich auch +schlechte Menschen bessern können?«</p> + +<p>Da war es!</p> + +<p>Er nahm die Pfeife aus dem Munde und faltete beinahe andächtig die +Hände.</p> + +<p>Draußen der Wind klang ihm wie Orgelton.</p> + +<p>Line, diese schöne Line, mit den schwarzen Haaren, die doch so gut war, +— nicht ganz gut, verbesserte er sich —, sie wollte in sich gehen.</p> + +<p>Hurra — Viktoria!</p> + +<p>Am liebsten hätte er aufgejubelt, aber er bezwang sich und erwiderte nur +eilfertig: »Aber natürlich, Lining. Aber weshalb fragst du?«</p><p><span class="pagenum"><a name="Page_331" id="Page_331">331</a></span></p> + +<p>Da schlug sie bereits ungeduldig auf das Kissen. »Oh, nur so.«</p> + +<p>»Ganz leicht is es, Lining — ganz leicht,« fiel er wieder ein, »aber +freilich mit Strafen und Zuchthaus nich.«</p> + +<p>»Wodurch denn?«</p> + +<p>»Lining, ich muß immer an Mudding denken, wieso die so gut war. Beinah +all bei lebendigem Leib ein Engel. Pastor Witt aber hat's am Grabe +erklärt. Weil sie gar keine Gedanken an sich selbst hatte, sondern weil +sie nur den ganzen Tag saß und an uns andere dachte. Siehst du, Lining, +darin steckt's. Ein schlechter Mensch kann wohl einen neuen Menschen +anziehen, i ja, aber dann muß er erst an sich selbst vergessen, über +Bord mit allem, und muß irgend eine Liebe haben, zu 'ner Sache oder zu +'nem andern Menschen. Und wenn er dann ganz voll davon is, dann is das +Neue in ihm reingekommen, dann is er verwandelt. — So hab' ich Pastor +Witt verstanden.«</p> + +<p>Das Mädchen war aufgesprungen.</p> + +<p>»Eine Liebe?« sprach sie erschreckt nach. Eine düstere Röte lief über +ihre Stirn.</p> + +<p>»Ja, Lining, so erklär' ich mich das,« schloß er glücklich, während er +sich die Hände rieb.</p> + +<p>Da wandte sie sich mit einer ihrer raschen Bewegungen, die aber doch +bereits schwerfälliger wurden, zum Fenster, und während sie in den +stäubenden Schneesturm hinausstarrte, verschränkte sie beide Hände vor +der Stirn, um darauf in ein so schmerzliches Stöhnen aufzubrechen, daß +er sich entsetzte.</p> + +<p>»Eine Liebe,« stammelte sie vor sich hin, »o Gott.«</p> + +<p>»Lining — Lining — is dir was?«</p> + +<p>Nach seinem Anruf wandte sie sich und kehrte ihm ihr blasses Antlitz zu. +Dabei war es, als ob sie ihn lange betrachte. Dann scheuchte sie wieder +etwas von ihrer Stirn, schritt langsam auf ihn zu, zögerte abermals, und +während ihre Lippen zuckten, streichelte sie ein paarmal sanft über +seine struppige Wange.</p><p><span class="pagenum"><a name="Page_332" id="Page_332">332</a></span></p> + +<p>Er erstarrte. Breit und plump ragte er vor ihr auf. So etwas Holdes war +ihm noch nie geschehen!</p> + +<p>»Du bist ein guter Mensch, Hann,« sagte sie einfach, aber ohne daß ihre +Züge an Düsterkeit verloren.</p> + +<p>Da wurde er wieder ganz glücklich.</p> + +<p class="center">— — — — — — — — — — — — — — — — <br /> +— — — — — — — — — — — — — — — — </p> + +<p>Aber nicht immer war Line so sanft. Alte Wünsche schlichen um den Katen +und jagten die Verstörte auf.</p> + +<p>Da war zuvörderst eine Kiste, mit deren Inhalt sie gleichsam ihr +früheres Leben wieder auspackte. Als ihr die ersten bunten Schleifen in +die Hände fielen und die ersten, dünnen Reclamhefte — Schillers »Kabale +und Liebe« — schrie sie laut auf. Da warf sie sich vor der Truhe auf +die Knie und umklammerte das Holz.</p> + +<p>Und woher kam diese Sendung?</p> + +<p>Von der ehrbarsten Seite, die nur das Moralische wollte und immer nur +das Moralische.</p> + +<p>An einem Dezembermorgen, kurz vor Weihnachten, in den Straßen blitzte +fußhoher Schnee, da hing sich Fräulein Dewitz ihre Pelzkappe um, die ein +Erbstück von Hollanders verstorbener Gattin war, zog sich die perlgrauen +Handschuhe auf, die sie allein für vornehm hielt, und ließ sich von +ihrem kleinen Aufwartemädchen eine Mietsdroschke holen.</p> + +<p>»Nach Moorluke,« sagte sie beim Einsteigen zum Kutscher und sah ihn +dabei ganz ängstlich an.</p> + +<p>Der Kutscher im Schafpelz kratzte sich hinter dem Ohr.</p> + +<p>»Je, Madamming,« warf er ein, »wenn wir man hinkommen. Das erste Mal +sind wir grad bis zum Steinbeckertor gekommen, dann hieß es: umkehren! +Das zweite Mal bis an den Rick, das dritte Mal bis an die Räucherhäuser. +Soll mich wundern, wie weit 's heute geht?«</p> + +<p>»Nein, nein,« beharrte das alte Fräulein, »heute tu ich's. Und achten +Sie mir ja auf die Kiste da vorn.«</p><p><span class="pagenum"><a name="Page_333" id="Page_333">333</a></span></p> + +<p>»Na, denn hü!« brummte der Kutscher.</p> + +<p>Aber als die weiße Bahn des Flusses vor ihr aufblitzte, da begann der +Handarbeitslehrerin das Herz zu klopfen.</p> + +<p>Noch hielt sie sich. Sie preßte ihr Antlitz in den Muff, als ob sie +nichts hören und sehen wollte.</p> + +<p>»Es ist sehr schwer,« flüsterte sie in sich hinein, »für eine, die sich +ihr ganzes Leben vor so etwas gehütet hat, — — — aber die Ärmste ist +ja beinah eine Kranke, und man braucht ja auch nicht von dem +Schrecklichen zu reden. Nein, das braucht man schließlich nicht. Man hat +ja auch ein bißchen gesellschaftliche Kunst, <span lang="fr" xml:lang="fr">Savoir vivre!</span> — Gott, wie +ich sie bloß finden werde?«</p> + +<p>Draußen wieherten die Pferde.</p> + +<p>Fräulein Dewitz erschrak.</p> + +<p>Waren das nicht bereits die Räucherhäuser, die dort vorbeiflogen?</p> + +<p>Ja, ja, das waren sie wohl.</p> + +<p>Lieber Himmel, was wird man aber im Logengarten dazu sagen? Wird man +nicht meinen, ich billige solche — hm, das Wort flößt mir bereits Angst +ein. Ich bin schon alt, aber darin doch ganz unerfahren. Und wenn Dinas +Tante sich nun von mir zurückziehen würde? — Draußen donnerten die +Pferde über die Moorluker Notbrücke.</p> + +<p>»Herr Bals — Herr Bals.«</p> + +<p>»Madamming?«</p> + +<p>»Ich fahre nicht weiter.«</p> + +<p>»Kuck, was sagte ich gleich?«</p> + +<p>»Nein, nein, es geht nicht, mir ist schlecht worden. — Aber die Kiste, +die bringen Sie gleich dahin. — Sie wissen schon! Herrgott, da drüben +wohnt sie. In diesem Katen. — Nein, sagen Sie gar nicht, daß ich da +bin.«</p> + +<p class="center">— — — — — — — — — — — — — — — — </p> + +<p>So kam die Kiste in Lines Besitz.</p> + +<p>Sie lag vor dem Holz, als Hann auf See weilte, auf den Knien<span class="pagenum"><a name="Page_334" id="Page_334">334</a></span> und wühlte +in den Andenken und Büchern herum, wie in einem anderen, reicheren +Leben. Immer tiefer!</p> + +<p>Ja, Fräulein Dewitz hatte recht geurteilt. Diese Bücher kamen der +Verlassenen jetzt wie vornehme Herren vor, die in die Fischerhütte +traten, um mit der schönen Dirn Kurzweil zu treiben.</p> + +<p>Als Hann abends nach einem Sturmtag müde zu ihr ins Zimmer trat, wie ein +borstiges, nasses Ungeheuer, tief in Pelze gehüllt, da fand er sie mit +glühenden Wangen auf der Tischkante sitzen, ein Heftchen in der Hand. +Das Licht stand neben ihr. Ihre Augen blitzten.</p> + +<p>Hann blickte sich um. Diesem Anblick gegenüber fühlte er sich hilflos. +Was bedeutete das?</p> + +<p>»Hann,« stammelte sie, noch völlig verwirrt.</p> + +<p>In seiner Unsicherheit dachte er ihr etwas zu erzählen. Er fuhr an +seinem triefenden Pelzwerk herunter, stotternd: »Unser Boot hat Wasser +gezogen. Klaus Muchow und ich, wir haben beinah eine Stund' im Eis +gelegen — ich möcht' was Warmes.«</p> + +<p>Aber sie verstand die Seenot im ersten Augenblick gar nicht.</p> + +<p>Da regte sich bei dem Frierenden Unwillen über ihre Teilnahmlosigkeit.</p> + +<p>»Was hast du da zu lesen?«</p> + +<p>»Ein Theaterstück.«</p> + +<p>Er ballte die Faust.</p> + +<p>»Denkst du noch immer an solche Schauspielerstücke?« brach es rauh aus +ihm heraus. »Ich meinte — —« Aber er unterdrückte das übrige, wandte +sich schwerfällig und verließ mit Geräusch die Kammer, um nebenan bei +den Muchows eine warme Erquickung zu suchen.</p> + +<p>Line starrte hinter ihm her, dann ließ sie langsam, zögernd das Heft +sinken und blinzelte träumerisch in das Flämmchen der Kerze.</p> + +<p class="center">— — — — — — — — — — — — — — — — </p> + +<p>Doch der Beruf, der sie anzog, der leichte Flittertand, sollte noch +dichter an ihr vorbeistreifen.</p><p><span class="pagenum"><a name="Page_335" id="Page_335">335</a></span></p> + +<p>Oll Kusemann humpelte in die Küche.</p> + +<p>Nur wenige Tage fehlten noch zum Fest, es war ein Morgen, an dem ein +Frost herrschte, daß die Fugen des Katens krachten, und an den Wänden +der Muchowschen Küche ein feiner Eisüberzug flimmerte. Oll Kusemann aber +greinte über das ganze Gesicht und hob einen kleinen gedruckten Zettel +in die Höhe, den er in der Hand trug.</p> + +<p>»Kinnings,« schmunzelte er und lehnte sich an den Herd, denn das +Riesenpaar trank gerade gemeinschaftlich mit seinen Mietern Kaffee. »Ich +komm', euch einzuladen. Die Schauspielers sind angekommen. Mein Alwining +hat die Bodenkammer wieder an den Direktor Türkow und seine Braut +vermietet. Oder auch seine Frau. Genau weiß ich das nich. Aber es sind +sehr anständige Leute. Haben nich mal einen Ofen verlangt. Und was sie +is, sie is umgänglich. Und in dem Päplowschen Saal wird heute gespielt. +Sie belernen sich schon, daß es bloß so raucht. Kuckt! Alpenkönig und +Menschenfeind. Ich spiel auch mit. Einen Geist oder so was. Und mein +Alwining macht eine Hex'. Alles ganz natürlich.«</p> + +<p>»Eierkauken,« sprach Klaus Muchow, der inzwischen den Zettel angestaunt +hatte und jetzt zärtlich über das Papier strich: »Eierkauking.«</p> + +<p>»Ja, ja,« nickte Frau Fiek, »so was mag er gern. Und wenn es man halb so +graulich is, als die Geschicht' von dem alten Räubervater im Hungerturm +— weißt noch, Klaus, wo wir unsere Latern dazu haben borgen müssen? — +denn kann es mich auch gefallen. Dazu kommen wir.«</p> + +<p>Am Nachmittag begann sich Line zu putzen. Ganz verstohlen vor dem +Spiegel, hier ein Schleifchen und dort eine Brosche. Währenddessen saß +Hann hinter dem Ofen und krümmte sich vor Reißen. Die Stunde im Eise +hatte es ihm angetan. Er sah auf seine Gefährtin hin und sprach kein +Wort.</p> + +<p>Jetzt flimmerte draußen auf der Dorfstraße eine einsame Petroleumlaterne +auf. Sie warf ihren Schein in die halbdunkle Kammer.</p><p><span class="pagenum"><a name="Page_336" id="Page_336">336</a></span></p> + +<p>Da hielt sich Line nicht länger.</p> + +<p>»Kommst du nicht mit?« begann sie abgewandt, wobei sie sich an der +Kommode etwas zu schaffen machte. Hann rieb an der schmerzenden +Schulter.</p> + +<p>»Wohin?« fragte er kurz.</p> + +<p>»Nun, du weißt doch. Ins Theater.«</p> + +<p>Er rieb weiter, geduckt, ohne eine Silbe zu entgegnen.</p> + +<p>»Hann,« mahnte sie scharf.</p> + +<p>Diese Art war ihr neu.</p> + +<p>Da murrte es aus der dunklen Ofenecke hervor: »Ich hab' Trauer um meine +Mutter und auch um Siebenbrod. Und du — —«</p> + +<p>Es schien ihr, als ob seine Augen sich halb verächtlich von ihr +abwandten.</p> + +<p>»Nun, und ich?« forderte sie herb.</p> + +<p>»Ich meinte, du brauchtest dich nich so offen vor den Leuten zu zeigen,« +quoll es ohne Rücksicht über seine Lippen.</p> + +<p>Dann stöhnte er wieder und rieb an seinem Knie.</p> + +<p>Da war es gesagt, das Wort, das die Ausgestoßene von den andern Menschen +schied. Ihre körperliche Schönheit war angetastet, ihr letzter Trost, +ihre letzte Zuflucht.</p> + +<p>Zuerst sah sich Line um.</p> + +<p>Wo befand sie sich eigentlich? — Und war das Hann, der ewig +freundliche, dienstwillige Hann, der dort so verkrümmt in der Ecke +hockte und ihr eben so roh ihr Schicksal enthüllt hatte?</p> + +<p>Sie tastete mit den Händen umher. Ihre Brust stieß, ein leiser, +unartikulierter Ruf wurde hörbar.</p> + +<p>»Lining — is dir was?«</p> + +<p>Keine Antwort. Mit tiefgesenktem Haupte stand sie da und scharrte mit +den Nägeln auf der Tischplatte herum.</p> + +<p>»Lining, ich hab' solche Schmerzen — ich meinte das nich so.«</p> + +<div class="figcenter" style="width: 400px;"> +<img src="images/oppos_336.jpg" width="400" height="624" alt="Illustration" /> +</div> + +<p>Das Scharren erstarb. Sie stand regungslos, aber Hann, der sie besorgt +beobachtete, nahm wahr, wie über das geneigte Antlitz<span class="pagenum"><a name="Page_337" id="Page_337">337</a></span> große Tränen zu +fließen begannen. Das hatte er bei seiner Schutzbefohlenen noch nie +gesehen.</p> + +<p>Trotz seiner Pein hinkte er auf sie zu.</p> + +<p>»Lining — Lining.«</p> + +<p>»Lining, ich will dich ja nur hüten.«</p> + +<p>»Lining, ich sagt es ja nur zum Guten. Der Mensch muß sich doch in jeder +Lage zuerst ein richtiges Bildnis von sich selbst machen. Das ist doch +das erste. — Lining, wenn du mir nich bös wärst, würdest du mir dann +woll die Hand geben?«</p> + +<p>Er wartete eine Zeitlang, dann bemerkte er, wie sich langsam ihre Finger +ihm entgegenreckten, und plötzlich schoß Siedehitze in ihre Wangen, sie +griff nach seinem Arm, um mit fiebriger Stimme zu fragen: »Bin ich schon +lange so häßlich, Hann?«</p> + +<p>»Du, Lining? — O Gott —« Er getraute sich nicht, von seinem vollen +Herzen mehr zu verraten.</p> + +<p>»Sonst hab' ich dir immer gefallen,« fuhr sie nachdenklich fort und +unter Tränen schmerzlich lächelnd.</p> + +<p>»Ja, ja, Lining, und das wirst du auch bis an mein Lebensende.«</p> + +<p>»Armer Hann — dir glaub' ich's — armer Hann.«</p> + +<p>Dann legte sie ihre Schleife ab und die Brosche. Die Schublade knarrte, +als sie alles hineinlegte. Darauf suchten sie wieder ihre Plätze auf, +sie an dem Tisch und er an seiner Ofenbank, und ein langes, banges +Schweigen senkte sich herab.</p> + +<p class="center">— — — — — — — — — — — — — — — — </p> + +<p>Seitdem war Line wie gebrochen. Sie verließ ihre Kammer nicht mehr. Sie +saß und dachte über sich und Hann nach. Lag vor ihrem Bett und weinte +und konnte es dann gar nicht erwarten, daß Hann heimkehrte. Denn seine +dummen, ehrbaren Vernunftsgründe waren das einzige, was ihr die Furcht +vertrieb.</p> + +<p>Manchmal sprach sie ganz sonderbar zu ihm.</p> + +<p>»Warum sprichst du nicht zu mir, Hann?«</p> + +<p>»Lining, was soll ich?«</p><p><span class="pagenum"><a name="Page_338" id="Page_338">338</a></span></p> + +<p>»Deine Stimme vertreibt mir die Angst. Es ist, als ob das bißchen Gute +aus mir spräche. Nicht wahr, Hann, es mag doch auch Gutes in mir sein?«</p> + +<p>»O Lining — du — du.«</p> + +<p>»Ich geb' mir auch Müh', an mich selbst zu vergessen, wie du mir geraten +hast. Merkst du das, Hann?«</p> + +<p>»Ja, Lining, wie sollt' ich nich?«</p> + +<p>»Hann, nicht wahr, ich werd' nicht sterben? Es kann noch ein besserer +Mensch aus mir werden?«</p> + +<p>Er lachte und weinte in einem Atem: »Lining, du bist gar nich mehr so +klug, wie früher. Wie kannst du jetzt woll von uns gehen?«</p> + +<p>»O Hann, ich träum' jede Nacht davon. Denn ich steh' auf der Schwelle. +Aber nicht wahr, wenn ich auch nicht so klug bin, wie früher, so bin ich +doch auch nicht mehr so trotzig? Bist du jetzt mit mir zufrieden?«</p> + +<p>»Lining — Lining — du zerreißt mir rein das Herz.«</p> + +<p>»Still — still.«</p> + +<p>Und dann saßen sie wieder zusammen, lautlos, als ob sie auf das Geschick +warteten.</p><hr class="chap" /><p><span class="pagenum"><a name="Page_339" id="Page_339">339</a></span></p> + + + + +<h3>VII</h3> + + +<p>Ein verzweifelter Mensch läuft über den Schnee. Er erreicht die Straße, +zieht an der Klingel, sieht sich wirr in dem kahlen Vorraum um und +stürzt dann auf die Krankenschwester zu, die mit verhaltener Erregung +hereintritt.</p> + +<p>»Hann, du?«</p> + +<p>»Line stirbt.«</p> + +<p>»Da sei Gott vor.«</p> + +<p>»Klara, Klara, es darf nich — das kleine Kind — und ich — und, und — +warum soll ich es vor dir verschweigen? — mir is, als ob du und ich und +die ganze Welt mit ihr zusammen sterben müßten.«</p> + +<p>»Das weiß ich, Hann, das weiß ich.«</p> + +<p>Mit Hast wird nun allerlei durcheinander gefragt. Nach dem Doktor, nach +Rezepten, und dann eilen der Mann und das Mädchen durch den Schnee von +dannen, beide Hand in Hand, ohne daß sie es fühlen.</p> + +<p>»Klara, sie is gut — du mußt mir glauben, sie is gut,« stammelt er im +Laufen.</p> + +<p>»Und du auch, Hann — du auch. — Gott wird helfen.«</p> + +<p>»Ja, wenn er sie sieht, wie sie daliegt, dann hilft er ganz gewiß, es +geht nich anders.«</p> + +<p class="center">— — — — — — — — — — — — — — — — </p> + +<p>Dicht bei Neuyork, am Strande von Long Island, sitzt an demselben Abend +der Buchhalter der Bootsbaufirma Richards & Co. auf seinem Kontorsessel +und sieht durch die grünen Sprossen eines Weingeländers auf den Ozean +und die hinabtauchende Sonne.</p> + +<p>Blauer und blauer wird's, an dem Spalier rüttelt der Wind;<span class="pagenum"><a name="Page_340" id="Page_340">340</a></span> und der +junge Beamte klammert sich mit seinen Blicken an einen fernen, fernen +Dampfer an, der winzig, wie eine Schwalbe, über das Meer enteilt. Dann +ist er zwischen Schaum und Duft zerflossen.</p> + +<p>Versonnen schüttelt der Einsame das Haupt und will eben seine Papiere +zusammenraffen, da tritt ein Schiffszimmermann in den Verschlag, der mit +zufriedenem Stolz seine Löhnung fordert, um dann seine Tatze +abschiednehmend durch das Geländer zu recken.</p> + +<p>»Na, adjüs ok, Herr.«</p> + +<p>»Adjüs?« — Bei dem Klang horcht der andere hoch auf: »Sind Sie denn ein +Plattdeutscher, Schmidt?«</p> + +<p>»I, jawoll, jung Herr,« sagt der rotblonde Bursche breit. »Ut de Gegend +von Wolgast.«</p> + +<p>Das Wort muß den Buchhalter treffen, denn er tritt rasch aus seinem +Gehege heraus.</p> + +<p>»Das wußt' ich nicht. Und trotz des hohen Lohns,« fragt er rasch, +»wollen Sie wieder nach Deutschland zurück? Aus welchem Grunde? Haben +Sie dort eine Braut?«</p> + +<p>»Ne, Brüdjam bünn ick dor nich grad. As ich fortführ, wir sei irst +föfteihn.«<a name="FNanchor_12_12" id="FNanchor_12_12"></a><a href="#Footnote_12_12" class="fnanchor">[12]</a></p> + +<p>»Aber Sie haben vielleicht Geschwister?«</p> + +<p>»Ne, dei sünd all dot — aberst Herr, ick — ick —« und der Zimmermann +reibt sich verlegen an seiner Hose. »Nach den ganzen Lann'n heww ick +Sehnsucht. Nach de Felder und de Minschen und unsre Sprak.«</p> + +<p>Still wird es zwischen den beiden. Und da die Winterabendsonne rötlich +den Raum überzittert, so kann der Scheidende nicht merken, wie sein +Vorgesetzter erblaßt ist.</p> + +<p>Zögernd schreitet der Buchhalter endlich an sein Pult und öffnet es. Mit +zitternder Hand nimmt er einen Brief hervor.</p><p><span class="pagenum"><a name="Page_341" id="Page_341">341</a></span></p> + +<p>»Schmidt,« beginnt er mit niedergeschlagenen Augen, »hier hab' ich seit +vielen Monaten ein Schreiben liegen, das ich aus schwerwiegenden Gründen +nicht abgesandt habe. Wollen Sie das an seine Adresse befördern? Der Ort +liegt ganz in Ihrer Nähe. Wollen Sie den Weg machen?«</p> + +<p>»I, woll, Herr,« erklärte sich der Abreisende bereit, und dabei +buchstabiert er die Adresse: »Hann Klüth. — Oh, das is woll ein +Verwandter? Na, den will ich grüßen, Herr.«</p> + +<p>»Und das Land auch,« sagt der andere an sich haltend und blickt auf die +spielende See.</p> + +<p>»Versteht sich. Das Land auch. Adjüs!«</p> + +<p class="center">— — — — — — — — — — — — — — — — </p> + +<p>Das Meer war Lines Feind. Das Meer wollte nicht, daß die Kranke gesunde. +Das Meer, welches das Mädchen schon als Kind gehaßt hatte.</p> + +<p>»Heut' abend knackt das Eis,« meinte oll Kusemann.</p> + +<p>»Und dann gibt es wieder einen Tanz,« setzte Frau Fiek hinzu, die mit +Hann in der Küche weilte, um das Kind in einem Korbe zu wiegen. »Kuck, +Hann, was er für schwarze Augen hat. Grad als Line. Und da — jetzt +sieht er direkt auf die See raus.«</p> + +<p>»Kinder können den Sturm sehen,« kaute oll Kusemann, während er an dem +Türpfosten lehnte. »Hann, du solltest die jugendliche Mutter von hier +fortbringen. Was tust du, wenn das Wasser hier nun hereinläuft.«</p> + +<p>Aber Frau Fiek schüttelte ihre Riesenfaust nach der See, über der sich +noch die Eisdecke spannte. »Das wird sie wohl bleiben lassen,« schrie +sie — »wird sich hüten. Solche Waschschüssel voll Wasser. Werden uns +hier gerade fürchten.«</p> + +<p>»Stäwelwichs,« polterte Klaus Muchow und schlug auf den Herd.</p> + +<p>Und das Kind begann laut zu schreien.</p> + +<p>»So,« murmelte der Lotse, »da habt ihr's, das Gör ahnt es.«</p> + +<p>Und Hann, der mit gesenktem Haupt an der Wiege stand, wo<span class="pagenum"><a name="Page_342" id="Page_342">342</a></span> er geraume +Zeit auf das rosige Gesichtchen geblickt hatte, fing ebenfalls an, sich +zu fürchten vor dem Meer, das dort unter der Eisdecke schlief, und vor +der großen Stille, die um den Katen lauerte, und vor dem Unbekannten, +das täglich einen Fuß auf die Schwelle setzte und ihn wieder zurückzog.</p> + +<p>Ein Schauer lief dem plumpen Manne über den Rücken. Er zitterte einen +Moment, daß es den anderen auffiel. Die vielen Nachtwachen hatten ihn +bereits erschöpft.</p> + +<p>»Hann,« sagte Frau Fiek aufsehend, »du solltest dich mal hinlegen.«</p> + +<p>Er schüttelte das Haupt.</p> + +<p>»Nich eher, als bis Line geschlafen hat.«</p> + +<p>Damit ging er an die See und maß die Stärke des Eises.</p> + +<p>Zwei Zoll. »Noch hält's.«</p> + +<p class="center">— — — — — — — — — — — — — — — — </p> + +<p>Doch im fahlen Glanz der Februarsonne lag die See und schielte mit ihrem +eisigen, glänzenden Auge durch das Fenster nach Lines Lager hin, so daß +die Liegende keinen Blick von dem Schimmer wenden konnte.</p> + +<p>Sie hatte den Kopf auf beide Hände gebettet, und ihre glänzenden Augen +ließen die Scheibe nicht.</p> + +<p>Unmerklich flüsterte sie.</p> + +<p>»Nun?«</p> + +<p>Und dann wieder.</p> + +<p>»Wann kommst du?«</p> + +<p>Dann winkte sie verstohlen.</p> + +<p>Da griff Klara Toll, die nun schon seit Wochen an dem Lager waltete, +sacht nach Lines Hand. Die Kranke mußte aufsehen.</p> + +<p>Dabei verrieten ihre lebhafter glänzenden Augen, wie ihr die schlanke +Gestalt in dem hellblauen Pflegerinnengewande, das ihr früher soviel +Abscheu eingeflößt, jetzt gefiel. Neugierig fast spähte sie nach den +braunen Haaren, die im Glanz der Sonne weich unter dem Haubenlatz +hervorquollen.</p><p><span class="pagenum"><a name="Page_343" id="Page_343">343</a></span></p> + +<p>Unterdessen hatte die Schwester einen Arm um Lines Schulter geschlungen, +und nun konnte sich die Liegende aufrichten.</p> + +<p>»Komm,« bat Klara, »sieh von da fort.«</p> + +<p>Doch Line schüttelte nur eifrig das Haupt und bog den Hals gespannt +wieder nach dem Fenster. »Das verstehst du nicht,« erwiderte sie leise, +»ich muß drauf warten.«</p> + +<p>»Worauf, Line?«</p> + +<p>Aber Line blieb stumm. Doch wenn sie auch schwieg und wie gezogen wieder +auf das Wasser hinausträumte, Klara Toll wußte aus früheren Reden recht +gut, was die Gedanken der Leidenden lenkte.</p> + +<p>Da lag sie nun schon seit Wochen, vom Fieber geschüttelt, sie, die so +leidenschaftlich nach dem Leben verlangt hatte, nach einem besseren, +tätigen Dasein, und siehe, das Leben verwarf sie, das Leben hatte sie +auch fürder ausgespien. Nichts konnte sie dem Neugeborenen leisten, vor +dem sie ursprünglich solche Angst gehegt, auf keine Weise Hann danken, +der sie unausgesetzt, wie ein großer, treuer Haushund, bewachte. Und nun +waren mitten in ihre Fieberträume die Reden der Hausgenossen +hereingedrungen über das Vordringen des Wassers, und seitdem lag Line +und lauerte.</p> + +<p>Unausgesetzt, wie auf etwas Wunderbares. Immer wieder wandte sie sich +nach der eisigen Fläche. Und wenn sie es auch nicht wieder laut werden +ließ, ihre verlangenden Augen redeten es deutlich: »Nun?«</p> + +<p>Und dann wieder.</p> + +<p>»Wann kommst du?«</p> + +<p>Am Mittag trat Hann zu der Erschöpften, und als sie ihn merkte, +streichelte sie seine Hand, um sie jedoch gleich fahren zu lassen, +sobald sie sich an Klaras Gegenwart erinnerte.</p> + +<p>Dann bannte sie ein flüchtiges Lächeln auf ihre Lippen, um endlich das +zu fragen, was sie jetzt täglich beschäftigte, ob Paul, der Pastor, +etwas von sich habe hören lassen? Und die in der Stadt? Beide nicht? — +Beide nicht?</p><p><span class="pagenum"><a name="Page_344" id="Page_344">344</a></span></p> + +<p>Sie kannte schon Hanns mitleidiges Kopfschütteln und streckte sich starr +in ihren Kissen aus. Ihre Augen suchten die niedrige Decke.</p> + +<p>Der Nachmittag dieses Tages, von dem die Moorluker noch heute sprechen, +dämmerte herauf. Die beiden Frauen saßen wieder allein. Line auf ihrem +Bette, Klara am Fußende, mit einer Strickerei in der Hand. Die sah +winzig aus.</p> + +<p>Die gelbe Februarsonne glitzerte auf den Fensterscheiben. Da richtete +sich Line auf. Ihre Augen irrten wieder auf der Eisfläche herum.</p> + +<p>»Klara.«</p> + +<p>Die Pflegerin ließ ihre Arbeit ruhen und sah auf. —</p> + +<p>»Klara, woran arbeitest du da?«</p> + +<p>»Es sind Strümpfchen für den Kleinen, Line.«</p> + +<p>Die Kranke besah sich die Arbeit und legte einen Augenblick ihre Wange +darauf.</p> + +<p>»Ja, ja,« begann sie dann mit eilender Stimme. »Du wirst sie ihm auch +später stricken.«</p> + +<p>»Wieso, Line, ich werde doch nun bald gehen.«</p> + +<p>Die Liegende lächelte eigentümlich und wandte sich dann wieder zur See, +über deren Eisfläche der Wind graue Schneewolken jagte.</p> + +<p>»Hörst du,« sagte sie mit seltsamer Befriedigung, während sie mit dem +Finger zeigte, »wie es heult?«</p> + +<p>Da legte Klara ihre Arbeit fort, und ihre stillen, offenen Züge kehrten +sich ganz gegen ihre Gefährtin: »Line,« bat sie, »willst du mir nicht +einmal erklären, weshalb du so stundenlang auf das Eis siehst?«</p> + +<p>»Weshalb willst du das wissen?«</p> + +<p>»Wir ängstigen uns alle deshalb.«</p> + +<p>»Oh,« lächelte Line, und es war so, als wollte sie wieder alles in sich +verschließen, allein plötzlich führte sie ihre Lippen an Klaras Ohr und +raunte: »Ich war so schlecht, Klara, so schlecht, wie du<span class="pagenum"><a name="Page_345" id="Page_345">345</a></span> dir's gar +nicht denken kannst. Du weißt's ja, du bist mir ja auch nicht gut +gewesen. Ich hab' nur immer an mein Vergnügen gedacht, und wenn andere +darüber hätten verbluten sollen. Das ging eine lange Zeit, und ich +wollt' auch gar nicht anders werden. Sieh, da ist nun die Zeit mit Hann +gekommen, und ich weiß auch nicht, wieso, aber das Ehrliche in ihm muß +wohl eine Kraft haben, denn ganz allmählich, Stück für Stück ist mir der +Wunsch aufgestiegen, ich möcht' auch so werden wie er, so ohne Lüge, und +ganz zuletzt ist diese Sehnsucht rein übermächtig in mir geworden. +— Aber sieh, da ist so viel, was mich an das Frühere erinnert. Der +Gedanke an das Kind und an seinen Vater — das stößt mich immer wieder +zurück. Und da weiß ich nicht, soll ich leben, oder soll ich sterben? +Und deshalb lieg' ich und warte auf das Wasser. Es wird kommen, Klara, +und wenn es mich dann nicht mitnimmt, pass' auf, dann gelingt's mir.«</p> + +<p>Klara schüttelte das Haupt. »Das sind Phantasien,« entgegnete die +Pflegerin, an sich haltend. »Die See wird nicht kommen. Aber wenn du +hier jemanden lieb hast, so darfst du ihm nie von dergleichen reden. +Versprich mir das.« Sie rückte ihr sanft die Kissen zurecht. »Nicht +wahr, du hast Hann doch lieb?«</p> + +<p>Line zuckte und sah starr auf die Decke.</p> + +<p>»Nicht so wie du,« gab sie endlich mühsam zurück.</p> + +<p>»Aber du bist ihm doch gut?« drängte die andere.</p> + +<p>Leise nickte die Gefragte und faltete die Hände.</p> + +<p>Die Pflegerin rückte noch näher. Jetzt wollte sie erkunden, was ihr +schon lange des armen Hann wegen auf der Seele lag: »Und an Bruno, +Lining, denkst du noch an den? Es ist nicht Neugierde, die mich treibt.«</p> + +<p>Da lag Line ausgestreckt und führte beide Hände an die Stirn, eine +innere, heftige Unruhe ging durch ihre Glieder, und wieder flog ein +langer irrender Blick auf die See hinaus.</p> + +<p>»Und das Kind,« mahnte die andere eindringlich, »das wird dich doch ans +Leben fesseln?«</p><p><span class="pagenum"><a name="Page_346" id="Page_346">346</a></span></p> + +<p>»Du mußt mich nicht quälen,« stöhnte es aus den Kissen auf. »Das Wasser +weiß allein, wie alles enden wird.«</p> + +<p class="center">— — — — — — — — — — — — — — — — <br /> +— — — — — — — — — — — — — — — — </p> + +<p>Um sechs Uhr nachmittags kam ein fremder Mann zu Hann, der einsam mit +seinen schweren Wasserstiefeln an der Wiege des Kindes saß. Der Fremde +blieb eine geraume Zeit. Als später Frau Fiek in ihre Küche trat, fiel +es ihr auf, wie ihr Mieter noch immer gebückt neben dem kleinem Lager +harrte, mechanisch mit dem Fuß den Gängel tretend, einen Bogen Papier in +der Hand und verstört darauf niederschauend.</p> + +<p>Frau Fiek wurde neugierig.</p> + +<p>»Hann, was liest du da?«</p> + +<p>Wohl horchte der Mann nach dem Klang der Stimme, aber den Sinn schien er +nicht zu fassen. Erst ganz spät tönte es zurück: »Einen Brief.«</p> + +<p>Das sah Frau Fiek selbst, deshalb zuckte sie über Hanns Dummheit ein +wenig die Achseln, denn gar zu gern wollte sie mehr wissen.</p> + +<p>»Von wem is der woll?« examinierte sie freundlich lächelnd weiter und +streckte zutraulich die Hand aus, als hoffe sie, eine Ecke des +Schreibens zu erwischen.</p> + +<p>»Von weit her,« erwiderte Hann, noch tief in seinen Gedanken, und dabei +faltete er still das Papier zusammen und steckte es zu sich.</p> + +<p>»Kuck, wie schlau,« platzte die Riesin heraus, als das Ersehnte in der +weiten Tasche verschwand. Aber nach einiger Zeit grinste sie wieder und +fragte recht herzlich, ob Hann etwa eine Erbschaft gemacht oder +vielleicht etwas gewonnen hätte.</p> + +<p>»Wie würd' ich mich freuen,« setzte sie hinzu, wobei sie sich den Mund +wischte. »Und es is nich etwa deswegen, weil du uns noch zehn Taler +schuldig bist, Hanning. Ne, das mußt du nich glauben. Man ja nich.«</p> + +<p>Dabei nahm sie die Küchenlampe vom Herd und leuchtete<span class="pagenum"><a name="Page_347" id="Page_347">347</a></span> ihrem Mieter ins +Gesicht. Aber wie erschrak sie, als dieser seine Augen gegen sie erhob. +Da sprach nichts von Freude, wohl aber erkannte die Erfahrene Gram, +Verzweiflung und völlige Ratlosigkeit. — Und wie faltig die Furchen +sich in diesem frühgealterten Gesicht eingegraben hatten.</p> + +<p>Jetzt stand er auf, schwerfälliger als sonst, sah sich um und griff an +seine blaue Schifferjacke, bis er das Papier knistern hörte. Dann nickte +er. Plötzlich sagte er etwas. Mit einer Stimme, die nur dumpf aus der +Brust schlich.</p> + +<p>»Frau Muchow?«</p> + +<p>»Jawolling?«</p> + +<p>»Wird es mit Line besser werden?«</p> + +<p>»Hann, wer kann das sagen? — Aber mir will es bald so vorkommen.«</p> + +<p>»Ja — ja.«</p> + +<p>Nochmals beugte er den schweren Kopf, dann blickte er lange vor sich +nieder. »Ja, ja, nun wird sie gesund werden und wieder wie früher, und +ich hab' — — —«</p> + +<p>»Was hast du?« drängte rasch die Frau, als er stockte. Aber geschah es, +weil unvermutet vom Meere etwas heulte, oder war es, weil das Kind laut +schrie, Hann schüttelte den Kopf und warf nur hin: »Sehen Sie hier ein +bißchen nach dem Kind, Frau Muchow, ich will noch raus und mein Boot +höher ziehen. Wer weiß, was heut nacht geschieht? Vielleicht kriegen wir +noch was.«</p> + +<p>Damit stülpte er sich die Mütze auf und ging Schritt für Schritt in die +Dunkelheit.</p> + +<p class="center">— — — — — — — — — — — — — — — — <br /> +— — — — — — — — — — — — — — — — </p> + +<p>Das war eine böse Stunde, die über Hann eingebrochen war.</p> + +<p>Der Teufel focht mit dem lieben Gott, alles was Gutes in ihm lebte, war +von Nacht zugedeckt, von allen Seiten stürmten die bösen Geister heran, +in den Krallen die roten flatternden Fähnchen<span class="pagenum"><a name="Page_348" id="Page_348">348</a></span> der Sünde, als wollte +jeder zuerst in diesem stillen, reinen Herzen das höllische Banner +aufpflanzen.</p> + +<p>Er saß auf dem Kiel des Bootes, das er fast bis unter die Mauern des +Katens geschoben hatte, und wie in ihm, so tobte auch draußen eine +lärmende, unheimliche, nicht erkennbare Nacht.</p> + +<p>Was knallte dort?</p> + +<p>Schüsse?</p> + +<p>Da und dort, von überall her drang das dumpfe Platzen; mächtiger, immer +länger, bis es ein Donner ward, wie wenn eine Schlachtflotte den Katen, +in dem Line lag, und die Küste und die ganze Welt in Trümmer schießen +wolle.</p> + +<p>Und über Hanns Lippen flog ein schweres, fast unheimliches Grinsen: Gut, +gut, wenn das Eis so platzte, war dann nicht schon öfter die Flut +hinterhergedrungen? Erst vor zwei Jahren war doch auf dem Darst eine +kleine Halbinsel mit Menschen und Vieh zur Winterszeit verschlungen +worden?! — Gut, gut, was aber schadete das? — Dann ging der Katen +unter, mit allem, was drinnen hauste, dann war es morgen hier still, +dann hatte er eben den Brief, dies verfluchte Papier, das drinnen in +seiner Tasche bei jeder Bewegung knisterte, nicht mehr abgeben können, +dann war er zusammen mit ihr untergegangen, und keiner hatte mehr etwas +zu fordern. — Ne, keiner!</p> + +<p>Bei dem Gedanken, daß dort hinten, weit hinter der Nacht, jemand lauere, +der ihm das fortnehmen wollte, was er mit seinen plumpen, fiebernden +Händen auch über den Abgrund festgehalten, da hob Hann plötzlich in +Wildheit die Faust und schüttelte sie drohend gegen das schwarze, +lärmende Meer!</p> + +<p>Es war eine rohe, gewaltsame Bewegung.</p> + +<p>»Du — du Halunk. — Was willst du? — komm ran — komm bloß ran — dann +wirst du mir ja nich mehr lang im Weg sein. Was? Hast sie nich schon +einmal in Schande gebracht? Möchtst sie nun wohl ganz zugrund richten, +wie?«</p><p><span class="pagenum"><a name="Page_349" id="Page_349">349</a></span></p> + +<p>Drüben auf der See riß etwas — ein langer, weiter Spalt mußte es sein, +der sich auftat. An der Molenmauer krachte es.</p> + +<p>»Immer näher kommt's,« murmelte Hann, »da — da fliegen schon die +Eisstücke; und nun — das muß das Wasser sein, was da durchbricht. Da +schäumt etwas, da an dem Steg; der wird nich lange halten — ganz gut — +ganz gut —«</p> + +<p>Auf ihrem Lager in der Kammer richtete sich Line in die Höhe, +schneebleich war sie vor Erwartung und Furcht geworden, und doch rief +und forderte sie immer wieder, Klara solle das Rouleau fortziehen, +hinaus müsse sie spähen können, nach draußen, woher der Donner rollte. +Nichts nützte es, daß die Pflegerin die Hände rang und anführte, daß +draußen nichts als Dunkelheit herrsche.</p> + +<p>»Das schadet nichts, Klara, dann will ich hören —«</p> + +<p>»Mein Gott, Lining, fürchtest du dich denn nicht?«</p> + +<p>»Ja, ja, ich fürchte mich — aber zieh fort — ah jetzt.«</p> + +<p>Das Rouleau war in die Höhe gegangen.</p> + +<p>Sie erhob sich aus den Kissen und starrte mit aufgerissenen Augen +hinaus. Draußen ritt Hann auf dem Kiel des Bootes, lehnte sich an die +Mauer des Katens und hielt sich an einem Vorsprung fest.</p> + +<p>Leise, verstohlen begann der Wind zu ziehen — allmählich wurde ein +Winseln daraus. Ein heftiger Zug fuhr um die Hausecke und schüttelte +Hanns Schifferjacke, so daß Brunos Schreiben drinnen knisterte und +rauschte.</p> + +<p>Verfluchter Zettel — willst du wohl still sein?</p> + +<p>Am besten wär's, er zerrisse ihn, dann wüßte keiner etwas davon. »Aber,« +so tönte eine ganz ferne Stimme, »wenn der andere nun doch, wie er +schrieb, von Reue erfüllt wäre und wieder hinauf wollte und Line ihm +dazu nötig wäre, Line und das Kind — von dem er nichts ahnte — was +dann?«</p> + +<p>Der Schiffer fuhr sich in die Haare.</p> + +<p>Hölle und Teufel, wem gehörte sie denn eigentlich — ihm oder dem +Fernen, der sie betrogen, der sie unglücklich gemacht — <span class="pagenum"><a name="Page_350" id="Page_350">350</a></span>—?</p> + +<p>»Ich find' da nich raus,« schrie er auf, »wenn Gott mir nich helfen +will, dann soll der Teufel kommen, dann soll er kommen.«</p> + +<p>Und er kam.</p> + +<p>Leiblich, mitten in der donnernden Nacht.</p> + +<p>Was war das?</p> + +<p>Von dem Fenster, hinter dem Line lag, hob sich etwas, ein gelber +Lichtschein fiel heraus, fort über den Bootskiel, fort über den trüben +Schnee, fort über die nasse, kotige Wiese, bis hinab, wo etwas +Unheimliches, Rauschendes plätscherte. Und der Teufel nahm Hann, so daß +er auf dem Kiel fortkriechen mußte bis zum Fenster, und daß er sich +duckte und hineinstarrte.</p> + +<p>Und der Teufel riß Line weiter aus dem Bett hervor und stieß ihr die +Decke fort, so daß der Mann draußen sie sah, wie er den schönen weißen +Leib noch nie geschaut. Noch niemals ein Weib.</p> + +<p>Da schlug die Flut des Bösen schallend in sein Herz, das bis dahin eine +Kirche war, und Altar und Orgel versanken, und die Glocken klangen aus +den schwarzen Wassern nicht mehr hervor. Ja, und morgen schon wollte er +den Brief verbrennen, und dann wollte er bei dem Weib in der Kammer +hausen, das ihm gebührte, ihm allein — — und —</p> + +<p>»Lining?«</p> + +<p>»Herr Gott!«</p> + +<p>Was schrillte dort drinnen für ein heiserer Schrei?</p> + +<p>Das Rouleau wurde herabgerissen, der Lichtschein schwand. Überall +Dunkelheit. Aber nein, da und da — überall auf der Mole feurige Punkte, +Laternen. Auf dem Leuchtturm plötzlich weithin grellendes Notfeuer! In +blutiger Helle blitzen, von dem Scheinwerfer getroffen, da und dort +Küstenstriche auf. Aber nein, das ist ja keine Küste mehr, was schiebt +sich dort vor? Was zischt so? —</p> + +<p>»Hann, Hann,« ruft Frau Fieks Stimme oben aus der Bodenluke. Verworrene +Stimmen aus dem Dorf schreien dazwischen, sie dringen näher, sie eilen +wieder fort. Und nun über die Dächer fort vom Kirchturm Glocken. — Wie +das dröhnt und wimmert. Und<span class="pagenum"><a name="Page_351" id="Page_351">351</a></span> vom Meer stöhnt das Nebelhorn eines +Schiffes, das dort in Not sein muß.</p> + +<p>»Gut — ganz gut.«</p> + +<p>Hann rührt sich nicht. Lang ausgestreckt liegt er auf dem Kiel und hat +die Bootsrippen umklammert und beißt die Zähne zusammen. Nein, er rettet +nichts. Da er dieses schöne Weib, das er eben gesehen, von deren Anblick +ihm das Blut summt, nicht behalten soll, dann mag das Wasser nun ruhig +alles holen.</p> + +<p>Ganz ruhig.</p> + +<p>Was ist das? — Sein Kahn beginnt sich zu heben. Es muß also schon da +sein. Es schwankt, es stößt — —</p> + +<p>»Hann — Hann!«</p> + +<p>»Ja — wer ruft da?«</p> + +<p>Das Fenster vor ihm wird aufgerissen — Licht und dasselbe Bild wie +vorhin. Auf den Knien in ihrem Bett hockt Line und starrt ihn an.</p> + +<p>Ja, sie hat ihn erkannt, sie sieht ihn, aber sie winkt nicht, daß er sie +holen solle.</p> + +<p>Da saust und braust in Hann alles durcheinander.</p> + +<p>Wie darf sie sterben, die Freundin seiner Jugend? Mit einem +verzweifelten Sprung, mit einem einzigen, schwingt sich der Fischer ins +Fenster. — Vergessen ist alles, der Zettel, sein Wunsch und ihre +Nacktheit.</p> + +<p>Hinter ihm her schießt das Wasser.</p> + +<p class="center">— — — — — — — — — — — — — — — — </p> + +<p>Nun hocken sie alle in den Bodenkammern. Auf Hanns elendem Schragen +liegt Line, ausgestreckt und starr, aber die Augen offen, und um die +Lippen ein merkwürdiges Lächeln. So lauscht sie auf das Gurgeln, das +leiser und leiser um das Haus tönt. Denn nach dem ersten Anprall ziehen +die Wasser schon wieder von dannen.</p> + +<p>Das Kind in seiner Wiege hat Klaus Muchow heraufgetragen, und nun +schleppt er es ungeschickt in seinen Riesenarmen herum<span class="pagenum"><a name="Page_352" id="Page_352">352</a></span> und will es +nicht wieder abgeben und küßt es und wiehert ihm ins Ohr: »Eierkauking, +Eierkauking.«</p> + +<p>Sonst spricht keiner ein lautes Wort.</p> + +<p>Bis an den frühen Morgen steht Hann an der einzigen Bodenluke und +betrachtet die ablaufenden Wasser — da und dort, überall tauchen wieder +die Wiesen auf, das Eis ist verschwunden, ringsherum spiegelt sich die +Morgensonne in freier, unbehinderter See; schneeweiß rollt der erste +Schaum ans Ufer.</p> + +<p>Hann atmet kaum die frische Luft, ihm klopft das Herz so bang, und wenn +das Papier in seiner Brusttasche knistert, dann wird er fahl und +erinnert sich seiner Nachtgedanken.</p> + +<p>Als er noch sinnt, weckt ihn Klara Tolls Stimme.</p> + +<p>»Hann!«</p> + +<p>»Ja, Klara.«</p> + +<p>»Line verlangt nach dir.«</p> + +<p>Hann schüttelt sich und rafft sich zusammen.</p> + +<p>»Wie geht's?«</p> + +<p>»Besser. Sie erzählt und lacht und hat ihr Kind gestreichelt — und jetzt +will sie dir etwas sagen.«</p> + +<p>»Komm, Klara.«</p> + +<p>An dem Bett steht Hann, steif und unbeweglich, wie immer, bis ihn Line +sachte, sachte sich näher zieht. — Mein Gott, wie leuchten und blitzen +ihre Augen. Hann erkennt, das ist dieselbe Line, die zu Malljohanns +Handharmonika so zierlich getanzt hat.</p> + +<p>»Beug dich tiefer,« sagt sie.</p> + +<p>Er neigt sich herab.</p> + +<p>Sie zaust in seinem struppigen Haar und lacht dazu: »Und in einer Decke +hast du mich heraufgetragen, du großer Kerl? — Willst wohl gern, daß ich +lebe?«</p> + +<p>Da schlägt er die Augen nieder und ringt sich ab: »Ja, Lining, und wenn +ich dir jeden einzelnen Tag von meinen eigenen dazulegen müßte.«</p> + +<p>Als er das sagt, mit einer Stimme, die schwankt und unsicher<span class="pagenum"><a name="Page_353" id="Page_353">353</a></span> wird, +blickt sich Line blitzschnell nach Klara Toll um. Die ist jedoch +gegangen, und die beiden Jugendfreunde sind allein.</p> + +<p>Da legt sie sanft ihren Arm um seinen Hals, obwohl der Mann zittert +unter der weichen Berührung. »Du,« flüstert sie, »du lieber, dummer +Mensch, ich hab' dir noch niemals gedankt, aber heute will ich's tun, +denn ich hab' das Leben wieder lieb, ach, so lieb.«</p> + +<p>Ihre Wange nähert sich der seinen, weich und sanft — —</p> + +<p>»Ja, Line,« erwidert der Fischer, während er sich mühsam aufrichtet, +»das Leben is auch wohl das Höchste. Jetzt seh ich es ein. Aber ich +glaub', man muß es auch ohne Vorwürfe und in Stille leben können. — Und +deshalb, Line — liebes Lining — sieh, hier geb' ich dir was — das +lies aufmerksam — das is unser aller Zukunft — da drin liegt Recht und +Unrecht, und Freude und Trauer. Aber, wie das Leben es will, so müssen +wir es auf uns nehmen. Und ich am allerwenigsten darf da dazwischen +reden.«</p> + +<p>Verwundert nimmt Line das Blatt, nun hält sie es, jetzt liest sie es, +und langsam gleitet ihr Blick von dem Papier zu dem Mann, der lautlos +auf das Meer blickt, und von dem Mann wieder zu dem Bogen.</p> + +<p>Und in der engen Kammer und in den beiden Seelen webt alles +durcheinander, Recht und Unrecht, Abschiednehmen und Einsamkeit, Freude +und Trauer.</p> + +<p>Es ist still geworden.</p> + +<p>Nur draußen auf dem wieder erwachten Meer sieht Hann ein schaukelndes +Boot zwischen den Wellen.</p> + +<p>Schiff, wohin zielst du? Ist dein Steuer fest? — Kannst du dich selbst +regieren?</p><hr class="chap" /><p><span class="pagenum"><a name="Page_354" id="Page_354">354</a></span></p> + + + + +<h3><a name="Ausklang" id="Ausklang"></a>Ausklang<br /> + +VIII</h3> + + +<p>Die Grillen sangen zwischen dem Gras des Landwegs, am Rick standen Kühe +bis über die Schenkel im Wasser und schleckerten.</p> + +<p>Uff — uff.</p> + +<p>Das ist soviel, als wenn wir sagen: »Gut oder delikat.«</p> + +<p>Die Junisonne spiegelte sich in ihren weiß- und braungescheckten Rücken, +und auf der Wiese herrschte eine erbitterte Schlacht zwischen braunen +und grünen Käfern. Ganz fern, bei einer grünmoosigen Pfütze, wandelte +ein alter Storch, der bei jedem Schritt ernsthaft mit dem Kopf nickte, +als wäre er sehr mit dem Gesumm und dem Dunst des Sommers und der ganzen +schläfrigen Stille einverstanden.</p> + +<p>Aber schwer ist es, sehr schwer, zwischen den ausgefahrenen Geleisen des +Feldwegs vorwärts zu wandern, zumal wenn ein alter, knarrender Wagen vor +dir herfährt, den vier altersschwache Gäule kaum durch den Staub +vorwärtszuziehen vermögen.</p> + +<p>So setzte ich denn die letzte müde Kraft ein, bis ich neben dem Gefährt +herschritt.</p> + +<p>Der Kutscher, der auf seinem Bock herumschlotterte, hatte bereits einen +schiefen Blick auf den Wandersmann geworfen.</p> + +<p>»Na?« knasterte er.</p> + +<p>Ich sah auf.</p> + +<p>»Potz — Blitz.«</p> + +<p>Wir hatten uns erkannt, und zum Gruß stieß er ein bißchen an seine +Mütze. Sonst konnte ich keine besondere Freude an ihm über unser +Wiedersehen entdecken. Doch hielt er immerhin mit zitternden Händen +seine Schimmel an: »Hüh — — purr.«</p><p><span class="pagenum"><a name="Page_355" id="Page_355">355</a></span></p> + +<p>»Hast noch ümmer kein Geld,« fragte er, sich über den Bock herabneigend, +»für einen eigenen Wagen?«</p> + +<p>Darauf konnte ich nur betrübt den Kopf schütteln und erwidern, daß mein +Geschäft noch immer nicht soviel abwerfe. Der Alte hob die Hand zu dem +zahnlosen Munde und wackelte hin und her: »Je, dein Vater war doch ein +Handelsherr und ein Schiffsreeder, was is nu mit dir?«</p> + +<p>»Leider Gottes, ich bin dämlich aus der Art geschlagen.«</p> + +<p>»Ja, ja,« murrte der Alte, »Schnurrerwaar,« und damit rückte er brummend +zur Seite, was von jeher die Erlaubnis bedeutete, neben ihm Platz zu +nehmen.</p> + +<p>Weiter ging's durch den summenden Sommertag.</p> + +<p>»Warum fährst du jetzt mit vier Pferden?« hob ich an. Aber diese Frage +stimmte den Kutscher sichtlich verdrießlich.</p> + +<p>»Je,« kaute er und schlug auf die Tiere ein. »Warum? Es soll jetzt alles +schnell gehen auf der Welt, aber es kommt nichts dabei raus, hü.«</p> + +<p>Die Schimmel trabten zu.</p> + +<p>Da gedachte ich dem Gespräch eine andere Wendung zu geben: »Schöner, +kurzer, fetter Dung, den du da fährst,« lobte ich. »Für wen ist der?«</p> + +<p>»Für Hann Klüth.«</p> + +<p>Ich glaubte, ich hätte nicht recht verstanden und forschte zum +zweitenmal: »Für wen?«</p> + +<p>Der Alte sah mich mit seinen eingesunkenen, triefenden Augen mißfällig +an: »Ich sagt' dir ja, für einen ordentlichen Mann,« keuchte er, indem +er wieder in sich zusammensank, »für Hann.«</p> + +<p>Aber ehe ich mich noch von meinem Erstaunen erholen und einwerfen +konnte, ob Hann denn seit den vier Jahren, die ich ihn nicht gesehen, +Landwirtschaft betriebe, streckte der Kutscher seine dürre Hand aus und +zeigte auf die hohen Binsen am Fluß.</p> + +<p>»Kuck,« machte er mich aufmerksam.</p> + +<p>Hinter der grünen Wand, deren Silberfasern im Sonnenschein<span class="pagenum"><a name="Page_356" id="Page_356">356</a></span> blitzten, +hob sich ein Angelschacht, und nun knurrte und lachte der Alte wirklich +in sich hinein und schüttelte sich und stieß mich in die Seite. »Maust +all wieder Aale,« flüsterte er. »Aber sie kriegen ihn nich, weil er +selbst ein Aal is. —« »Ho!« schrie er dazwischen und hieb nach den +Stauden. »Soll mich doch wundern, was er diesmal für eine Ausred parat +hat.«</p> + +<p>Und wirklich, bei dem Lärm hinkte aus dem Gestrüpp eine merkwürdige +Gestalt heraus. Die trug einen leinenen Beutel in der Hand, an den Füßen +steckten ihr kolossale Filzschuhe, und über die schmucke Lotsenuniform +ringelten sich unter der Tressenmütze lange, weiße Haarsträhnen herab, +die dem Antlitz gewiß etwas Ehrwürdiges verliehen hätten, wenn es nicht +gar so trinkrot und listig gewesen wäre.</p> + +<p>Oll Kusemann war's, der mir sofort mit lautem Freudenruf die Hand +heraufreichte, um dann wehmütig den Kopf zu schütteln.</p> + +<p>»Kuck, Jünging, was aus mir hübschen jungen Mann geworden is. Die +Jahren, die Jahren. Und das Reißen. Sieh, und die Pension, die sie mir +ausgesetzt haben, is auch nich zum Fettwerden.«</p> + +<p>»Aber Aale?« fragte lauernd der Kutscher, während er auf den Beutel +zeigte, in dem es sich regte.</p> + +<p>Der Lotse jedoch sah wie ein gekränktes Kind aus: »Was, Aale? Da is +nichts als Fleisch drin,« widersprach er ehrwürdig. »Damit geh ich die +armen, hungrigen Biester füttern, weil ich's nich mit anhören kann, wenn +sie zur Sommerzeit so schmatzen, ohne was zu finden. Ich hab' mal ein zu +weiches Herz.«</p> + +<p>»Nu hör eins,« grinste der Kutscher, worauf er in solch gewaltiges +Keuchen und Knastern ausbrach, daß ich ihn beruhigend auf den Rücken +klopfen mußte. Inzwischen war oll Kusemann ebenfalls auf den Bock +geklettert, und ich saß nun zwischen den beiden, wobei sie sich jedesmal +wechselseitig zuzwinkerten, so oft ich wieder nach Hann zu fragen +begann. »Ja, was meinst du woll?« reizte mich oll Kusemann +geheimnisvoll, »was aus ihm geworden is?« Und der Mistkutscher starrte +auf den Weg, nickte<span class="pagenum"><a name="Page_357" id="Page_357">357</a></span> vor sich hin und murmelte befriedigt: »Hat die Zeit +alles machen lassen. Was sagt' ich ümmer: Die Jahren tun's.«</p> + +<p>So reizten sie mich und machten mich neugierig, bis ich endlich ganz +kopfscheu vor mich hinsprach: »Ja, was kann sich denn hier Großes mit +Hann ereignet haben? Hat wahrscheinlich schlecht und recht und still, +wie bisher, vor sich hingelebt und ist am Ende Klaus Muchows Bootsmann +geworden. Ja, so denk ich mir's. Und nun fangen sie zusammen Fische. +Recht viele. Und Klaus Muchow sagt dazu >Eierkauken<. Und Line wird +gesundet sein, und nachdem sie sich wieder auf sich selbst besonnen, +dürfte sie Hann und das kleine Fischernest, in das sie doch gar nicht +paßte, wie ihr mir zugeben müßt, verlassen haben, vielleicht, um Bruno +in Amerika aufzusuchen, oder um ihren alten Wunsch wahrzumachen, sich +einer wandernden Schauspielertruppe anzuschließen. Denn dazu hatte sie +doch nun einmal das heiße Blut.«</p> + +<p>»Hatte sie dat?« warf der Mistkutscher hämisch dazwischen, während er +auf den Lotsen schielte — »Hm, bist ein dummer Bengel.«</p> + +<p>»Wieso?«</p> + +<p>»Die Jahren — die Jahren.«</p> + +<p>»Und fort is sie also nach Amerika?« schob oll Kusemann zweideutig ein.</p> + +<p>Ich begründete meine Ansicht damit, daß Hann und Line doch so schlecht +zueinander gepaßt hätten, weil sie ihm in allen Dingen zu sehr überlegen +gewesen.</p> + +<p>»Ach so,« nickte der Lotse mit den weißen Locken, und nachdem die beiden +wieder einen verständnisinnigen Blick getauscht, streichelte mir der +Kutscher ein bißchen herablassend übers Knie: »Na, schreibst du noch +immer Schriften?« kam's aus seinem lallenden Munde.</p> + +<p>»Zuweilen.«</p> + +<p>»Und kommen da auch Menschens vor?«</p> + +<p>»Freilich.«</p><p><span class="pagenum"><a name="Page_358" id="Page_358">358</a></span></p> + +<p>»Kuck,« schloß der Alte, schüttelte den Kopf, als wenn er etwas nicht +recht begriffe, und strich über den eisigen Zottelbart. — »Na, +meinetwegen; aber nu sieh da mal grad'aus.«</p> + +<p>Ja, das war in der Tat ein befremdender Anblick. Statt der hölzernen +Notbrücke zwischen Moorluke und dem Nachbardorf dehnten sich jetzt ein +paar stattliche Steinbogen, und in der Mitte erhob sich ein schlankes +Balkengerüst, das einem Fallgatter derartig gestattete, auf und nieder +zu gleiten, daß die Meerschiffe ungehindert durch die Brücke in den +Hafen passieren konnten.</p> + +<p>Wir karrten hinüber.</p> + +<p>Vor dem Wärterhäuschen stand eine untersetzte Gestalt, um uns den +Brückenzoll abzunehmen.</p> + +<p>Auch eine neue Einrichtung.</p> + +<p>Der Mann hob das Haupt. Und da — — —</p> + +<p>»Gott im Himmel!« rief ich verblüfft.</p> + +<p>»Bist du auch wieder einmal da?« sprach Hann mit schöner philosophischer +Ruhe, denn das ist der oberste Grundsatz der Gilde, zu der Hann gehörte, +sich durch nichts aus dem Text bringen zu lassen. »Wie geht's?«</p> + +<p>Aber ich konnte mich noch immer nicht von meiner Verwunderung erholen, +und so rief ich denn einmal über das andere von meinem Bock hinab: +»Menschenskind, nu sag' mal bloß, was machst du denn eigentlich hier?«</p> + +<p>»Ja,« sagte Hann in seiner erschöpfenden Weise, »ich nehm hier den +Leuten für einen guten Gedanken, den nich ich, sondern eine andere +gehabt hat, das Geld ab. Es macht für jeden von euch fünf Pfennig und +für den Wagen dreißig.«</p> + +<p>»So is es,« schoß oll Kusemann wehmütig dazwischen, wobei er ausspuckte. +»Und es is ein hübsches, ruhiges Geschäft, wobei er nich so mager wird, +wie gewisse andere Leute, sieh mal da — —«</p> + +<p>Damit zeigte er nach der Stelle am Ufer, wo früher das unscheinbare +Häuschen der Klüths gestanden hatte, das in den Zeiten der Not an einen +Bartscherer verkauft worden war.</p><p><span class="pagenum"><a name="Page_359" id="Page_359">359</a></span></p> + +<p>Wie war das jetzt hübsch herausgeputzt, mit einem Anbau versehen und +hell angestrichen.</p> + +<p>»Das mußt du mir erzählen,« rief ich und sprang kurz entschlossen vom +Wagen, von dem nun auch oll Kusemann unter Ach und Weh +heruntergeklettert war. So blieb denn nur der alte Mistkutscher, den +Professor Asmus Zeit seines Lebens für einen Gott gehalten, auf seinem +Gefährt, und er nickte schlotternd vor sich hin, stierte geradeaus +zwischen den Köpfen seiner vier Pferde hindurch und ließ endlich die +Worte fallen: »Na, denn laß dir von Hann erzählen. 's is ein Mensch. Und +das is nich wenig. Und vielleicht wirst dir aus seinen Reden einen Vers +machen, wie es oft ganz anders kommt, als man so meint. Denn, Jünging, +die menschlichen Meinungens kommen auch in die Jahren und verfaulen, und +'s wär' gut, ich hätt' eine Menge von diese verfaulte Dinger all hier in +meinen Wagen. Na, aber nu werd' endlich klug.«</p> + +<p>Dies hervorkeuchend, trieb er seine Gäule über die Brücke und richtete +sich auf und schwang, weit ausholend, die Peitsche.</p> + +<p class="center">— — — — — — — — — — — — — — — — <br /> +— — — — — — — — — — — — — — — — </p> + +<p>»Hüh!«</p> + +<p>Da saßen wir nun in Hanns Wärterhäuschen, das so eng und winzig war, daß +außer dem Brückenmann nur ich noch auf dem zweiten Holzstuhl Platz +nehmen konnte.</p> + +<p>Hinten durch das Guckfensterchen leuchtete wie ein grünes Feld mit +weißen Blumen die See, während unter unseren Füßen leise der Fluß +plätscherte.</p> + +<p>Das klang so wohltuend, heimlich und gemütlich. Dazu noch die blauen +Tabakswolken, die sich um oll Kusemann herumwiegten. Es war kein Wunder, +daß ich mich heimisch fühlte.</p> + +<p>»Ja,« sagte Hann, »so is es gekommen. Da is vor allen Dingen die Brücke, +über die du wohl hauptsächlich was in Erfahrung bringen willst. (Er +glaubte das wirklich.) Ja, sieh, an dem einen Pfeiler steht mit +Kupferbuchstaben geschrieben: >Erbaut vom<span class="pagenum"><a name="Page_360" id="Page_360">360</a></span> Konsul Hollander 1897.< Und +das verhält sich wirklich so. Line hat es sich ausgedacht, und der Herr +Konsul hat es ausgeführt. Und das hing so zusammen. Du mußt nämlich +wissen, daß sie mir lange Zeit keine Ruhe ließ, ich hätte nich die +richtige Beschäftigung für mich, für den Fischfang wäre ich viel zu +langsam, ich ließ mir alle anderen zuvorkommen und noch viel so was +ähnliches Gutes. Und eines Tags, als wir beide hier grade über die alte +Notbrücke spazierten, an der ein Schiff lag, das wieder viel zu hoch +fürs Passieren war, sieh, da hatte sie mit einmal den Einfall mit der +Klappbrücke. Und sie beschrieb mir das alles, als ob der Bau schon hier +stände. Ganz deutlich. Ja, ja,« setzte er stolz hinzu, »wenn sie so +erzählt! — Und dann ging ein Drängen los, und ein Vorstellen, und ein +Muteinreden, ich sollte gleich zu dem Konsul in die Stadt, um bei ihm +wegen der Brücke vorstellig zu werden. Na, lange Zeit, kannst du dir +wohl denken, hab' ich mich dagegen gewehrt; denn der Konsul war schon +oft bei mir draußen gewesen, immer mit einem anderen Vorschlag; einmal +wollt er mir einen kleinen Hochseekutter bauen, dann wieder eins ging es +um vier neue Zesnerboote, aber immer kam es auf Unterstützung heraus, +denn ihn mochte wohl das Geld drücken, das er damals von uns bekommen +hatte. Aber diesmal setzte Line es durch. Sie hörte nämlich eines Tages +auf zu lachen, und weil ich nun fürchtete, sie könnte am Ende wieder +krank werden, ging ich richtig zu Hollander hin. Das war ein schwerer +Gang,« fuhr Hann fort, während er sich den Schweiß abwischte, »aber +kuck, der Konsul wurde ordentlich lustig über meinen Vorschlag, und vier +Monate später, da saß ich schon als Pächter hier in dem Verschlag und +nahm den Leuten das Geld ab.«</p> + +<p>»Kesch — kesch,« warf oll Kusemann ein, wobei er mir bedeutsam +zuzwinkerte und sich zugleich auf die Hosentaschen schlug, um mir das +Einträgliche von Hanns Geschäft anzudeuten. »Wie sagt doch das schöne +Sprichwort? >Ein kluges Weib, ein starkes Pferd — ein treuer Hund sind +Goldes wert<.<span class="pagenum"><a name="Page_361" id="Page_361">361</a></span>« —</p> + +<p>»Ein kluges Weib?« wiederholte ich verblüfft. Mir wurde ganz wirr zu +Sinn. »Ja, du sprichst immerfort von der Brücke, aber die Hauptsache +erzählst du nicht, lebt denn Line noch in Moorluke?«</p> + +<p>Hann nickte.</p> + +<p>»Und — und — nimm mir's nicht übel, ihr seid doch nicht etwa — —«</p> + +<p>»Nein, das nich,« wehrte Hann von sich ab und wurde blutrot.</p> + +<p>»Aber warum blieb sie dann hier? — Weshalb ging sie nicht fort?«</p> + +<p>Hann starrte auf den Lotsen, dessen Gegenwart ihm bei diesem Gespräch +offenbar peinlich wurde, und erhob sich: »Ja, siehst du, das is die +Frag', die ich mir selbst jeden Tag vorleg. Aber komm,« fuhr er fort. +»Du sollst sie sehen, sie hat dich ja immer gern leiden mögen. Und +unterwegs erzähl' ich dir noch mehr.«</p> + +<p>Oll Kusemann wurde gebeten, in der Zwischenzeit Hanns Stelle +einzunehmen, wozu er sich gern bereit erklärte, und als Hann und ich +bereits über die Brücke schritten, rief der Lotse mir noch nach, daß ich +am nächsten Tage natürlich einen Löffel Suppe bei ihm essen müßte.</p> + +<p>»'s gibt Aale!« schrie er in einem Augenblick der Selbstvergessenheit, +während er triumphierend den regsamen leinenen Beutel schwang. »Alwining +kocht sie in Bier und Zwiebeln. Wat meinst du woll?«</p> + +<p class="center">— — — — — — — — — — — — — — — — </p> + +<p>Hann erzählte.</p> + +<p>Aber darüber kam er nicht fort, der grübelnde Mensch. Dieses Eine konnte +er sich nicht erklären.</p> + +<p>Den Brief.</p> + +<p>Sie hatte das Schreiben gelesen, damals, als sie so krank lag, und Hann +an ihrem Lager den Teufel überwand, da hatte sie gelesen und den Zettel +schweigend unter ihr Kissen geschoben.</p> + +<p>Hann wartete, aber sie entschied sich nicht. Sie sah ihn nur an, mit +einem Blick, der sprach: »Ich bin viel klüger als du«, und lächelte.</p><p><span class="pagenum"><a name="Page_362" id="Page_362">362</a></span></p> + +<p>Sie wurde gesund, so schnell, wie es keiner geglaubt hatte, sie begann +in dem Muchowschen Katen herumzugehen, zu singen, zu springen, ach, ganz +ebenso, wie es die kleine Line getan hatte. Und Hanns Herz tanzte mit. +Aber dann hämmerte dieses Herz wieder vor Angst, denn der Augenblick des +Scheidens mußte ja näherrücken, umso schneller, je kräftiger sich Line +fühlte.</p> + +<p>»Ach, wenn du wüßtest,« fuhr Hann fort, während wir an dem Fluß +dahinschritten, über den bereits Abendröte sich senkte, »wenn du +wüßtest, wie schwer mir damals war, wie ich jeden Tag zu mir sagte: Nun +mußt du bereit sein, Hann. Wenn du heut von der See nach Hause kommst, +dann wird sie nich mehr da sein, dann is sie dahin gegangen, wohin der +Brief sie haben wollte. Aber nichts — sie wurde immer nur munterer, +allmählich begann sie auch bei den Muchows herumzuwirtschaften, sie nahm +alles in die Hand, auch das Kleinste. Siehst du das kleine Räucherhaus +da? Das wurde auch auf ihren Rat von Klaus Muchow und mir gebaut, damit +wir darin räuchern sollten. Das brachte schon etwas. Und als nun die +Sache mit der Brücke kam, da war Line ganz außer sich vor Freude. Sie +sang und sprang, sag' ich dir, Jünging, daß selbst Frau Fiek über sie +lachen mußte. Und nun hielt sie Pfennig bei Pfennig zusammen, und jeden +Abend, wenn wir vor der Tür saßen, dann kuckte sie auf unser altes +Häusing rüber, du weißt ja, das wir mal an Barbier Schultz verkauft +hatten, und dann sagte sie immer so bestimmt: >Nun noch so und so viele +Tage, denn kaufen wir's wieder.< Und siehst du, Jünging,« schloß Hann, +während er auf den nahen Bau wies, an dem sich zarte rote Kletterblumen +in die Höhe rankten, »auch darin hat sie recht behalten. Seit zwei +Jahren sitzen wir wieder hier. Kuck, der Seitenflügel is neu. Und die +Scheune. Denn du mußt wissen, Line will auch Landwirtschaft. Und der +große Kartoffelacker da hinten is seit vorigem Jahr angelegt.«</p> + +<p>Ein kleiner, flachshaariger Bursche, der etwa drei Jahre zählen mochte, +mit roten Pausbacken und schwarzen Augen, lief uns entgegen und +klammerte sich an Hanns Beine an.</p><p><span class="pagenum"><a name="Page_363" id="Page_363">363</a></span></p> + +<p>»N'abend, Hann,« sagte der Große.</p> + +<p>»Hann heißt er?« fragte ich.</p> + +<p>»Ja,« versetzte mein Führer ein wenig verlegen, »Line wollt es so haben. +Aber der wird was lernen,« setzte er stolz hinzu. »Er kann all das +kleine Einmaleins.«</p> + +<p>»Nimm's mir nicht übel, und du wohnst hier mit Line ganz allein?«</p> + +<p>Hann blieb stehen und holte tief Atem: »Was denkst du,« gab er zurück, +»die Muchows sind mit uns gezogen.«</p> + +<p>»Na, und was sagen die Moorluker dazu?«</p> + +<p>»Je,« versetzte Hann mit einer wegwerfenden Handdrehung, »woran sich die +Leut' hier gewöhnen, das finden sie auch recht.«</p> + +<p>»Ganz schön — aber du selbst, Hann, machst du dir keine Gedanken? Wir +haben hier doch zusammen in derselben Dorfschule gesessen, Hann, deshalb +frage ich dich.«</p> + +<p>Da hob Hann sein Haupt, und als sein Blick auf das freundliche Haus +fiel, das in Abendröte wie eingebettet ruhte, da starrte er wieder zur +Erde und murmelte: »Erklären kann ich's mir nich, aber mir is immer, als +stellt' dies bloß einen lieben Traum vor, und es wäre noch nich Zeit zum +Aufwachen.«</p> + +<p>Ich nahm ihn unter den Arm. »Hör', Hann, das Leben bringt noch +Schöneres. Und du wirst bald aufwachen.«</p> + +<p class="center">— — — — — — — — — — — — — — — — </p> + +<p>Als der Mond jenseits des Flusses aufstieg und sein luftiges Hängenetz +über das Wasser spannte, als die Nachtvögel schwärmten und die Meerluft +um das Haus lispelte, da saßen wir drei schweigend auf der Bank neben +der Mauer.</p> + +<p>»Ist's hier nicht still?« unterbrach Line, die mir lieblicher denn je +erschien, die Ruhe.</p> + +<p>Wortlos mußte ich nicken.</p> + +<p>»Ja,« sagte sie, »das hab' ich nach Hanns Vorbild gelernt. Es ist nicht +gut, wenn unsere Wünsche so wild in die Weite irren. Bescheidenheit, +Friede und Tätigkeit, das weiß ich jetzt, mehr soll der Mensch nicht +erstreben.«</p><p><span class="pagenum"><a name="Page_364" id="Page_364">364</a></span></p> + +<p>Aber Hann schüttelte das Haupt.</p> + +<p>»Ne, Lining, so is das nich. Ich hab' viel über das Glück nachgedacht, +aber es is alles falsch gewesen.« Er wandte sich zu mir. »Erinnerst du +dich noch, Jünging, wovon wir nachmittag sprachen? — Jetzt weiß ich ganz +genau, ohne was ein Mensch gar nich leben kann. Weißt du, was das is? +Das is so ein schöner Traum — und so 'ne schöne Hoffnung. Das is das +Allerglücklichste und Allerhöchste!«</p> + +<p>»Das ist es,« wollte ich eben erwidern, da sah ich, wie Line lächelnd +über Hanns Wange streichelte, dabei flüsternd: »Ist er nun ein lieber, +dummer Mensch? Oder ist er am Ende gar ein Philosoph?«</p> + +<p>Da wußte ich, daß dicht über Hann selbst die Hoffnung schwebe.</p> + +<p class="center">— — — — — — — — — — — — — — — — </p> + +<p>Dies ist die Geschichte von Hann Klüth.</p> + +<p>Sie ist nicht kunstmäßig mit einem Ende versehen, denn sie ist wahr, und +das Leben dichtet »ohne Ende«.</p> + + +<div class="footnotes"><h3>FUSSNOTEN:</h3> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_1_1" id="Footnote_1_1"></a><a href="#FNanchor_1_1"><span class="label">[1]</span></a> Märchen.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_2_2" id="Footnote_2_2"></a><a href="#FNanchor_2_2"><span class="label">[2]</span></a> Wartet, ihr Mädel, wollt ihr wohl nach Hause?</p></div> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_3_3" id="Footnote_3_3"></a><a href="#FNanchor_3_3"><span class="label">[3]</span></a> Hier vorbei — hier vorbei, ich fresse euch auf.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_4_4" id="Footnote_4_4"></a><a href="#FNanchor_4_4"><span class="label">[4]</span></a> Mutter, Mutter, zu Hilfe.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_5_5" id="Footnote_5_5"></a><a href="#FNanchor_5_5"><span class="label">[5]</span></a> Wartet, ich werde euch helfen.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_6_6" id="Footnote_6_6"></a><a href="#FNanchor_6_6"><span class="label">[6]</span></a> Zu Hilfe — zu Hilfe!</p></div> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_7_7" id="Footnote_7_7"></a><a href="#FNanchor_7_7"><span class="label">[7]</span></a> »Kuck,« sagte der Donner-Alte, »wie gut ich alter Mann noch +bei Kräften bin. Aber nun komm, Alte, nun wollen wir einmal einen recht +schönen Schottischen tanzen.«</p></div> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_8_8" id="Footnote_8_8"></a><a href="#FNanchor_8_8"><span class="label">[8]</span></a> Abkürzung von Sophie.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_9_9" id="Footnote_9_9"></a><a href="#FNanchor_9_9"><span class="label">[9]</span></a> Stiefelwichse.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_10_10" id="Footnote_10_10"></a><a href="#FNanchor_10_10"><span class="label">[10]</span></a> Eierkuchen.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_11_11" id="Footnote_11_11"></a><a href="#FNanchor_11_11"><span class="label">[11]</span></a> Als der Teufel.</p></div> + +<div class="footnote"><p><a name="Footnote_12_12" id="Footnote_12_12"></a><a href="#FNanchor_12_12"><span class="label">[12]</span></a> Nein, Bräutigam bin ich nicht gerade. Als ich fortfuhr, +war sie erst fünfzehn.</p></div> +</div> + + + + + + + + +<pre> + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Hann Klüth, by Georg Engel + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK HANN KLÜTH *** + +***** This file should be named 38502-h.htm or 38502-h.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + https://www.gutenberg.org/3/8/5/0/38502/ + +Produced by Norbert H. Langkau, Andrea Hofmann, Rory OConor +and the Online Distributed Proofreading Team at +https://www.pgdp.net + + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. Special rules, +set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to +copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to +protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. Project +Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you +charge for the eBooks, unless you receive specific permission. If you +do not charge anything for copies of this eBook, complying with the +rules is very easy. You may use this eBook for nearly any purpose +such as creation of derivative works, reports, performances and +research. They may be modified and printed and given away--you may do +practically ANYTHING with public domain eBooks. Redistribution is +subject to the trademark license, especially commercial +redistribution. + + + +*** START: FULL LICENSE *** + +THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE +PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK + +To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free +distribution of electronic works, by using or distributing this work +(or any other work associated in any way with the phrase "Project +Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full Project +Gutenberg-tm License (available with this file or online at +https://gutenberg.org/license). + + +Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project Gutenberg-tm +electronic works + +1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm +electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to +and accept all the terms of this license and intellectual property +(trademark/copyright) agreement. If you do not agree to abide by all +the terms of this agreement, you must cease using and return or destroy +all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your possession. +If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a Project +Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound by the +terms of this agreement, you may obtain a refund from the person or +entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph 1.E.8. + +1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be +used on or associated in any way with an electronic work by people who +agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few +things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works +even without complying with the full terms of this agreement. See +paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project +Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement +and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic +works. See paragraph 1.E below. + +1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation" +or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project +Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the +collection are in the public domain in the United States. If an +individual work is in the public domain in the United States and you are +located in the United States, we do not claim a right to prevent you from +copying, distributing, performing, displaying or creating derivative +works based on the work as long as all references to Project Gutenberg +are removed. Of course, we hope that you will support the Project +Gutenberg-tm mission of promoting free access to electronic works by +freely sharing Project Gutenberg-tm works in compliance with the terms of +this agreement for keeping the Project Gutenberg-tm name associated with +the work. You can easily comply with the terms of this agreement by +keeping this work in the same format with its attached full Project +Gutenberg-tm License when you share it without charge with others. + +1.D. The copyright laws of the place where you are located also govern +what you can do with this work. Copyright laws in most countries are in +a constant state of change. If you are outside the United States, check +the laws of your country in addition to the terms of this agreement +before downloading, copying, displaying, performing, distributing or +creating derivative works based on this work or any other Project +Gutenberg-tm work. The Foundation makes no representations concerning +the copyright status of any work in any country outside the United +States. + +1.E. Unless you have removed all references to Project Gutenberg: + +1.E.1. The following sentence, with active links to, or other immediate +access to, the full Project Gutenberg-tm License must appear prominently +whenever any copy of a Project Gutenberg-tm work (any work on which the +phrase "Project Gutenberg" appears, or with which the phrase "Project +Gutenberg" is associated) is accessed, displayed, performed, viewed, +copied or distributed: + +This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with +almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + +1.E.2. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is derived +from the public domain (does not contain a notice indicating that it is +posted with permission of the copyright holder), the work can be copied +and distributed to anyone in the United States without paying any fees +or charges. If you are redistributing or providing access to a work +with the phrase "Project Gutenberg" associated with or appearing on the +work, you must comply either with the requirements of paragraphs 1.E.1 +through 1.E.7 or obtain permission for the use of the work and the +Project Gutenberg-tm trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or +1.E.9. + +1.E.3. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is posted +with the permission of the copyright holder, your use and distribution +must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any additional +terms imposed by the copyright holder. Additional terms will be linked +to the Project Gutenberg-tm License for all works posted with the +permission of the copyright holder found at the beginning of this work. + +1.E.4. Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg-tm +License terms from this work, or any files containing a part of this +work or any other work associated with Project Gutenberg-tm. + +1.E.5. Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this +electronic work, or any part of this electronic work, without +prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with +active links or immediate access to the full terms of the Project +Gutenberg-tm License. + +1.E.6. You may convert to and distribute this work in any binary, +compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including any +word processing or hypertext form. However, if you provide access to or +distribute copies of a Project Gutenberg-tm work in a format other than +"Plain Vanilla ASCII" or other format used in the official version +posted on the official Project Gutenberg-tm web site (www.gutenberg.org), +you must, at no additional cost, fee or expense to the user, provide a +copy, a means of exporting a copy, or a means of obtaining a copy upon +request, of the work in its original "Plain Vanilla ASCII" or other +form. Any alternate format must include the full Project Gutenberg-tm +License as specified in paragraph 1.E.1. + +1.E.7. Do not charge a fee for access to, viewing, displaying, +performing, copying or distributing any Project Gutenberg-tm works +unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9. + +1.E.8. You may charge a reasonable fee for copies of or providing +access to or distributing Project Gutenberg-tm electronic works provided +that + +- You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from + the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method + you already use to calculate your applicable taxes. The fee is + owed to the owner of the Project Gutenberg-tm trademark, but he + has agreed to donate royalties under this paragraph to the + Project Gutenberg Literary Archive Foundation. Royalty payments + must be paid within 60 days following each date on which you + prepare (or are legally required to prepare) your periodic tax + returns. Royalty payments should be clearly marked as such and + sent to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation at the + address specified in Section 4, "Information about donations to + the Project Gutenberg Literary Archive Foundation." + +- You provide a full refund of any money paid by a user who notifies + you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he + does not agree to the terms of the full Project Gutenberg-tm + License. You must require such a user to return or + destroy all copies of the works possessed in a physical medium + and discontinue all use of and all access to other copies of + Project Gutenberg-tm works. + +- You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of any + money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the + electronic work is discovered and reported to you within 90 days + of receipt of the work. + +- You comply with all other terms of this agreement for free + distribution of Project Gutenberg-tm works. + +1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project Gutenberg-tm +electronic work or group of works on different terms than are set +forth in this agreement, you must obtain permission in writing from +both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael +Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark. Contact the +Foundation as set forth in Section 3 below. + +1.F. + +1.F.1. Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable +effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread +public domain works in creating the Project Gutenberg-tm +collection. Despite these efforts, Project Gutenberg-tm electronic +works, and the medium on which they may be stored, may contain +"Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate or +corrupt data, transcription errors, a copyright or other intellectual +property infringement, a defective or damaged disk or other medium, a +computer virus, or computer codes that damage or cannot be read by +your equipment. + +1.F.2. LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES - Except for the "Right +of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project +Gutenberg-tm trademark, and any other party distributing a Project +Gutenberg-tm electronic work under this agreement, disclaim all +liability to you for damages, costs and expenses, including legal +fees. YOU AGREE THAT YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT +LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE +PROVIDED IN PARAGRAPH 1.F.3. YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE +TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE +LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR +INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH +DAMAGE. + +1.F.3. LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND - If you discover a +defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can +receive a refund of the money (if any) you paid for it by sending a +written explanation to the person you received the work from. If you +received the work on a physical medium, you must return the medium with +your written explanation. The person or entity that provided you with +the defective work may elect to provide a replacement copy in lieu of a +refund. If you received the work electronically, the person or entity +providing it to you may choose to give you a second opportunity to +receive the work electronically in lieu of a refund. If the second copy +is also defective, you may demand a refund in writing without further +opportunities to fix the problem. + +1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth +in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS' WITH NO OTHER +WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO +WARRANTIES OF MERCHANTIBILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE. + +1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied +warranties or the exclusion or limitation of certain types of damages. +If any disclaimer or limitation set forth in this agreement violates the +law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be +interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by +the applicable state law. The invalidity or unenforceability of any +provision of this agreement shall not void the remaining provisions. + +1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the +trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone +providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in accordance +with this agreement, and any volunteers associated with the production, +promotion and distribution of Project Gutenberg-tm electronic works, +harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees, +that arise directly or indirectly from any of the following which you do +or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm +work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any +Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause. + + +Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm + +Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of +electronic works in formats readable by the widest variety of computers +including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists +because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from +people in all walks of life. + +Volunteers and financial support to provide volunteers with the +assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's +goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will +remain freely available for generations to come. In 2001, the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure +and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations. +To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation +and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 +and the Foundation web page at https://www.pglaf.org. + + +Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive +Foundation + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit +501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the +state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal +Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification +number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at +https://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent +permitted by U.S. federal laws and your state's laws. + +The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S. +Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered +throughout numerous locations. Its business office is located at +809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email +business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact +information can be found at the Foundation's web site and official +page at https://pglaf.org + +For additional contact information: + Dr. Gregory B. Newby + Chief Executive and Director + gbnewby@pglaf.org + + +Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation + +Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide +spread public support and donations to carry out its mission of +increasing the number of public domain and licensed works that can be +freely distributed in machine readable form accessible by the widest +array of equipment including outdated equipment. Many small donations +($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt +status with the IRS. + +The Foundation is committed to complying with the laws regulating +charities and charitable donations in all 50 states of the United +States. Compliance requirements are not uniform and it takes a +considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up +with these requirements. We do not solicit donations in locations +where we have not received written confirmation of compliance. To +SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any +particular state visit https://pglaf.org + +While we cannot and do not solicit contributions from states where we +have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition +against accepting unsolicited donations from donors in such states who +approach us with offers to donate. + +International donations are gratefully accepted, but we cannot make +any statements concerning tax treatment of donations received from +outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff. + +Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation +methods and addresses. Donations are accepted in a number of other +ways including including checks, online payments and credit card +donations. To donate, please visit: https://pglaf.org/donate + + +Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic +works. + +Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm +concept of a library of electronic works that could be freely shared +with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project +Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support. + + +Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed +editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S. +unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily +keep eBooks in compliance with any particular paper edition. + + +Most people start at our Web site which has the main PG search facility: + + https://www.gutenberg.org + +This Web site includes information about Project Gutenberg-tm, +including how to make donations to the Project Gutenberg Literary +Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to +subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks. + + +</pre> + +</body> + +</html> diff --git a/38502-h/images/cover.jpg b/38502-h/images/cover.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..a90edb3 --- /dev/null +++ b/38502-h/images/cover.jpg diff --git a/38502-h/images/oppos_016.jpg b/38502-h/images/oppos_016.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..224f372 --- /dev/null +++ b/38502-h/images/oppos_016.jpg diff --git a/38502-h/images/oppos_032.jpg b/38502-h/images/oppos_032.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..25bd043 --- /dev/null +++ b/38502-h/images/oppos_032.jpg diff --git a/38502-h/images/oppos_048.jpg b/38502-h/images/oppos_048.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..8e4e557 --- /dev/null +++ b/38502-h/images/oppos_048.jpg diff --git a/38502-h/images/oppos_064.jpg b/38502-h/images/oppos_064.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..81d0113 --- /dev/null +++ b/38502-h/images/oppos_064.jpg diff --git a/38502-h/images/oppos_080.jpg b/38502-h/images/oppos_080.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..fba66f6 --- /dev/null +++ b/38502-h/images/oppos_080.jpg diff --git a/38502-h/images/oppos_096.jpg b/38502-h/images/oppos_096.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..bb3d26d --- /dev/null +++ b/38502-h/images/oppos_096.jpg diff --git a/38502-h/images/oppos_112.jpg b/38502-h/images/oppos_112.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..1278cb9 --- /dev/null +++ b/38502-h/images/oppos_112.jpg diff --git a/38502-h/images/oppos_128.jpg b/38502-h/images/oppos_128.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..af0664b --- /dev/null +++ b/38502-h/images/oppos_128.jpg diff --git a/38502-h/images/oppos_144.jpg b/38502-h/images/oppos_144.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..043d4b3 --- /dev/null +++ b/38502-h/images/oppos_144.jpg diff --git a/38502-h/images/oppos_160.jpg b/38502-h/images/oppos_160.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..7c2953f --- /dev/null +++ b/38502-h/images/oppos_160.jpg diff --git a/38502-h/images/oppos_176.jpg b/38502-h/images/oppos_176.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..fedeb6f --- /dev/null +++ b/38502-h/images/oppos_176.jpg diff --git a/38502-h/images/oppos_192.jpg b/38502-h/images/oppos_192.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..f6f5833 --- /dev/null +++ b/38502-h/images/oppos_192.jpg diff --git a/38502-h/images/oppos_208.jpg b/38502-h/images/oppos_208.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..5decaa7 --- /dev/null +++ b/38502-h/images/oppos_208.jpg diff --git a/38502-h/images/oppos_224.jpg b/38502-h/images/oppos_224.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..3405651 --- /dev/null +++ b/38502-h/images/oppos_224.jpg diff --git a/38502-h/images/oppos_240.jpg b/38502-h/images/oppos_240.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..19ff442 --- /dev/null +++ b/38502-h/images/oppos_240.jpg diff --git a/38502-h/images/oppos_256.jpg b/38502-h/images/oppos_256.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..c99ed92 --- /dev/null +++ b/38502-h/images/oppos_256.jpg diff --git a/38502-h/images/oppos_288.jpg b/38502-h/images/oppos_288.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..b8f1649 --- /dev/null +++ b/38502-h/images/oppos_288.jpg diff --git a/38502-h/images/oppos_304.jpg b/38502-h/images/oppos_304.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..76f9999 --- /dev/null +++ b/38502-h/images/oppos_304.jpg diff --git a/38502-h/images/oppos_320.jpg b/38502-h/images/oppos_320.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..b69a574 --- /dev/null +++ b/38502-h/images/oppos_320.jpg diff --git a/38502-h/images/oppos_336.jpg b/38502-h/images/oppos_336.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..165dcdf --- /dev/null +++ b/38502-h/images/oppos_336.jpg diff --git a/LICENSE.txt b/LICENSE.txt new file mode 100644 index 0000000..6312041 --- /dev/null +++ b/LICENSE.txt @@ -0,0 +1,11 @@ +This eBook, including all associated images, markup, improvements, +metadata, and any other content or labor, has been confirmed to be +in the PUBLIC DOMAIN IN THE UNITED STATES. + +Procedures for determining public domain status are described in +the "Copyright How-To" at https://www.gutenberg.org. + +No investigation has been made concerning possible copyrights in +jurisdictions other than the United States. Anyone seeking to utilize +this eBook outside of the United States should confirm copyright +status under the laws that apply to them. diff --git a/README.md b/README.md new file mode 100644 index 0000000..af8cb90 --- /dev/null +++ b/README.md @@ -0,0 +1,2 @@ +Project Gutenberg (https://www.gutenberg.org) public repository for +eBook #38502 (https://www.gutenberg.org/ebooks/38502) |
