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authorRoger Frank <rfrank@pglaf.org>2025-10-14 20:10:05 -0700
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+The Project Gutenberg EBook of Der Großinquisitor, by F. M. Dostojewski
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Der Großinquisitor
+
+Author: F. M. Dostojewski
+
+Translator: Rudolf Kassner
+
+Release Date: December 18, 2011 [EBook #38336]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: UTF-8
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER GROßINQUISITOR ***
+
+
+
+
+Produced by Norbert H. Langkau, Jana Srna and the Online
+Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net
+
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+
+
+
+ [ Anmerkungen zur Transkription:
+
+ Schreibweise und Interpunktion des Originaltextes wurden ohne
+ Änderungen übernommen.
+
+ Im Original gesperrt gedruckter Text wurde mit = markiert.
+ Im Original in Antiqua gedruckter Text wurde mit _ markiert.
+ ]
+
+
+
+
+ F. M. Dostojewski
+
+ Der
+ Großinquisitor
+
+ Übertragen von Rudolf Kassner
+
+ Im Insel-Verlag zu Leipzig
+
+
+
+
+In seiner unermeßlichen Barmherzigkeit zeigt Er sich noch einmal den
+Menschen in derselben Gestalt, in welcher Er vor fünfzehn Jahrhunderten
+drei Jahre lang unter ihnen gewandelt ist. Er läßt sich herab auf die
+›brennenden Plätze‹ der südlichen Stadt, in der noch am Vorabend in
+Gegenwart des Königs, des gesamten Hofstaates, der Ritterschaft, der
+Kardinäle und entzückender Frauen vor der ganzen Einwohnerschaft
+Sevillas durch den Kardinal-Großinquisitor nicht weniger als ein volles
+Hundert Ketzer auf einmal _ad majorem dei gloriam_ verbrannt worden war.
+
+Leise und unauffällig erscheint Er unter den Menschen, und siehe, es
+erkennen Ihn alle. Das Volk drängt sich an Ihn heran mit unbezwinglicher
+Gewalt. Es umgibt Ihn, wächst um Ihn und folgt Ihm. Schweigend schreitet
+Er unter ihnen, mit dem stillen Lächeln unendlichen Mitleids auf den
+Lippen. Die Sonne der Liebe brennt in seinem Herzen, Strahlen des
+Lichtes, der Erleuchtung und Kraft strömen aus seinen Augen und gießen
+sich über die Menge und wecken die Herzen der Menschen. Er streckt ihnen
+seine Hand entgegen und segnet sie, und aus der Berührung mit seinem
+Körper, ja schon aus seinem Gewande fließt heilende Kraft. Ein Greis,
+der seit der Kindheit blind war, ruft aus der Schar: ›Herr, heile mich,
+damit ich Dich erkenne!‹ Und siehe, von seinen Augen fällt es wie
+Schuppen, und der Blinde sieht. In den Augen der Menschen sind Tränen,
+das Volk küßt die Erde, über die Er hinwandelt, die Kinder werfen Blumen
+vor seine Schritte, singen Lieder und rufen Hosianna. ›Er ist es, Er,‹
+wiederholen alle, ›Er muß es sein und kein anderer.‹ So kommt Er vor das
+Tor der Kathedrale, wo Menschen unter Heulen und Wehklagen einen weißen
+offenen Kindersarg tragen, darin ein siebenjähriges Mädchen liegt, die
+einzige Tochter eines angesehenen Bürgers der Stadt. Das tote Kind liegt
+da, ganz in Blumen gebettet. ›Er wird dein Kind auferwecken vom Tode‹,
+rufen Stimmen der weinenden Mutter zu. Aus der Kathedrale tritt dem
+Sarge ein Priester entgegen, er vermag nicht gleich zu fassen, was hier
+geschieht, und runzelt die Stirne. Da hört er ein Aufschluchzen: es ist
+die Mutter des toten Mädchens, sie wirft sich zu seinen Füßen nieder und
+hebt ihre Hand zu Ihm auf und ruft aus: ›Wenn Du es bist, dann wecke
+mein Kind vom Tode auf!‹ Die Prozession bleibt stehen, der Sarg wird vor
+Ihm auf den Boden gelassen. Er sieht auf ihn hernieder voll Rührung, und
+sein Mund spricht noch einmal: ›_Talifa kumi._‹ Und das Mädchen erhebt
+sich im Sarge, setzt sich auf und blickt im Kreise um sich mit
+erstaunten offenen Augen. In den Händen hält es das Sträußlein weißer
+Rosen, mit dem es im Sarge gelegen hat. Das Volk ist bewegt, Stimmen,
+Schreie, Schluchzen. In diesem Augenblicke geht an der Kathedrale über
+den Platz der Kardinal vorbei, der Großinquisitor, ein Greis von bald
+neunzig Jahren, hoch und aufrecht, mit vertrocknetem Gesicht und
+tiefliegenden Augen, in welchen noch verborgen das Feuer glüht. Heute
+ist er nicht in den Prunkgewändern, in denen er sich gestern dem Volke
+gezeigt hatte, da er die Feinde des römischen Glaubens verbrannte --
+nein, heute trägt er die alte grobe Mönchskutte. Ihm folgen in
+gemessener Entfernung seine düsteren Gehilfen und Knechte, die
+›heiligen‹ Wächter. Er bleibt vor der Menge stehen und sieht zu, was
+geschieht. Er hat alles gesehen; er hat gesehen, wie sie den Sarg vor
+Ihn hingestellt haben, er hat gesehen, wie sich das Mädchen im Sarge
+erhoben hat, und über sein Gesicht legt sich ein dunkler Schatten. Er
+zieht seine dichten, grauen Brauen zusammen, und sein Blick leuchtet auf
+in Bosheit. Indem er auf Ihn mit dem Finger weist, heißt er die Wächter
+Ihn ergreifen. Und so groß ist seine Gewalt, und so gehorsam und ergeben
+ist ihm das Volk, daß die Menge den Wächtern Platz macht und diese unter
+aller tiefem plötzlichem Schweigen Hand an Ihn legen und Ihn fortführen.
+Die Volksmenge ist wie =ein= Mann, und die Köpfe neigen sich vor dem
+greisen Inquisitor zu Boden; er segnet schweigend die Menschen und setzt
+seinen Weg fort.
+
+Die Wache hat inzwischen den Gefangenen in ein enges, dunkles, gewölbtes
+Verlies im alten Gebäude des heiligen Tribunals geführt und hinter Ihm
+die Tür geschlossen. Der Tag vergeht, die Nacht bricht herein, die
+dunkle, glühende, atemlose Nacht Sevillas. Die Luft ist voll vom Duft
+des Lorbeers und der Zitronenblüte. Um Mitternacht öffnet sich das
+eiserne Tor des Gefängnisses, und der Großinquisitor tritt leisen
+Schrittes herein, in der Hand hält er ein Licht. Er ist allein, hinter
+ihm schließt sich das Tor.
+
+Er bleibt am Eingange stehen und sieht Ihm lange, ein bis zwei Minuten
+lang, ins Gesicht. Dann tritt er näher heran, stellt den Leuchter auf
+den Tisch und spricht zu Ihm: ›Bist Du es?‹
+
+Da er keine Antwort erhält, fügt er schnell hinzu: ›Antworte nicht,
+schweige! Was kannst Du auch sagen? Ich weiß sehr gut, was Du sagen
+willst; doch Du hast kein Recht, auch nur ein Wort zu dem hinzuzufügen,
+was einst von Dir selber gesagt worden ist. Warum bist Du gekommen, uns
+zu stören? Denn dazu bist Du gekommen, Du weißt es selber. Weißt Du aber
+auch, was morgen geschehen wird? Ich weiß nicht, wer Du bist, ich will
+auch nicht wissen, ob Du es wirklich bist oder ob Du nur seine Gestalt
+angenommen hast: aber morgen werde ich Dich richten und verurteilen und
+Dich auf dem Scheiterhaufen verbrennen als den gefährlichsten aller
+Ketzer, und dasselbe Volk, das heute Dir die Füße geküßt hat, wird sich
+morgen auf einen Wink von meiner Hand hin zum Scheiterhaufen stürzen, um
+dort die Kohlen zu schüren, weißt Du das? Es ist möglich, daß Du es
+weißt‹, fügte er hinzu, ohne auch nur eine Sekunde den Blick von dem
+Gefangenen zu lassen.« --
+
+»Ich verstehe nicht, Iwan, was das heißen soll«, unterbrach ihn lächelnd
+Aljoscha, der die ganze Zeit schweigend zugehört hatte. »Ist das Ganze
+nur die uferlose Phantasie oder eine Verwirrung im Kopfe des Greises,
+ein unmögliches Quiproquo?«
+
+»Nimm das letzte an,« lachte Iwan, »wenn dich der zeitgenössische
+Realismus schon so verdorben hat, daß du etwas Phantastisches nicht mehr
+vertragen kannst! Wenn es ein Quiproquo sein soll, meinetwegen. Es ist
+wahr, der Greis zählt neunzig Jahre und hat somit Zeit gehabt, den
+Verstand zu verlieren über seiner Idee; zudem konnte ihn der Gefangene
+auch durch sein Äußeres aus der Fassung bringen. Vielleicht aber ist es
+nur der Wahn, das Fiebergesicht eines neunzigjährigen Greises vor dem
+Tode, das Gehirn hat sich vom Autodafé der hundert verbrannten Ketzer
+erhitzt. Ist es aber nicht ganz gleichgültig, was es ist, ob ein
+Quiproquo oder eine uferlose Phantasie? Es handelt sich hier doch nur
+darum, daß der Greis sich ausspricht, daß er endlich einmal nach neunzig
+Jahren davon laut redet, worüber er neunzig Jahre lang geschwiegen hat.«
+
+»Und der Gefangene schweigt, er sieht ihn an und sagt kein Wort?«
+
+»Unbedingt, auf alle Fälle«, lachte Iwan. »Der Greis hat Ihn doch selber
+darauf aufmerksam gemacht, daß Er gar nicht einmal das Recht habe, etwas
+zu dem hinzuzufügen, was von Ihm schon gesagt worden ist. Wenn du
+willst, kannst du darin den Grundzug des römischen Katholizismus
+erblicken, nach meiner Meinung wenigstens: ›Alles wurde von Dir einst
+dem Papste übergeben und alles ist jetzt beim Papst, tue Du uns nur den
+einen Gefallen, nicht wiederzukommen und uns zu stören in der Zeit! In
+diesem Sinne reden sie nicht nur, sondern schreiben sie auch, die
+Jesuiten wenigstens. Ich selbst habe es so bei ihren Gelehrten gelesen.
+Hast Du das Recht, auch nur ein einziges von den Geheimnissen jener Welt
+aufzudecken, aus der Du zu uns herniedergestiegen bist?‹ fragt ihn mein
+Greis, und er selber gibt sich die Antwort: ›Nein, Du hast nicht das
+Recht; denn sonst müßtest Du etwas zu dem noch hinzufügen, was von Dir
+gesagt worden war, und den Menschen die Freiheit nehmen, für die Du
+einst, da Du auf Erden warst, mit solcher Überzeugung eingetreten bist.
+Alles, was Du von neuem verkünden könntest, würde somit einen Eingriff
+in die Glaubensfreiheit der Menschen bedeuten, denn es würde uns wie ein
+Wunder vorkommen; aber die Freiheit des Glaubens galt Dir damals mehr
+als jedes andere Gut, damals, vor anderthalbtausend Jahren. Kam das Wort
+nicht immer wieder aus Deinem Munde: Ich will euch frei machen? Nun,
+jetzt hast Du sie gesehen, die freien Menschen!‹ ›Ja, das Werk hat uns
+viel gekostet,‹ fügte er gleich hinzu, indem er Ihn streng anblickt,
+›aber wir haben es zu Ende geführt, endlich, in Deinem Namen. Fünfzehn
+Jahrhunderte lang haben wir uns mit dieser Freiheit geplagt, aber jetzt
+sind wir damit fertig, fertig für alle Zeiten. Glaubst Du nicht, daß wir
+damit fertig geworden sind für alle Zeiten? Du siehst mich mit Deinen
+sanften Augen an und würdigst mich nicht einmal Deines Zornes. So wisse:
+Jetzt, gerade heute sind die Menschen mehr denn je davon überzeugt, sie
+wären frei, ganz frei, frei wie nie die Menschheit vor ihnen. In
+Wahrheit aber haben sie selber uns ihre Freiheit gebracht und demütig
+uns vor die Füße gelegt. Das war unser Werk. War es diese Freiheit, die
+Du wünschest?‹«
+
+»Ich verstehe wiederum nicht,« unterbrach ihn Aljoscha: »er ironisiert
+Ihn und macht sich über Ihn lustig.«
+
+»Nicht im geringsten: er rechnet es sich und den Seinen durchaus als
+Verdienst an, daß sie endlich die Freiheit niedergerungen haben, und nur
+darum, um die Menschen glücklich zu machen; denn jetzt erst ist es
+möglich geworden, an das Glück der Menschen zu denken. Der Mensch ist
+zum Empörer geschaffen: können Empörer glücklich sein? ›Du wurdest
+gewarnt,‹ fährt der Greis zu ihm fort, ›es fehlte Dir nicht an Mahnungen
+und Zeichen, aber Du achtetest nicht darauf. Du kehrtest Dich ab von dem
+einzigen Wege, auf dem das Heil der Menschen lag, aber zum Glück hast Du
+uns Dein Werk überlassen, da Du von uns schiedest. Du hast es uns
+versprochen, Du hast es mit Deinen eigenen Worten bekräftigt, Du hast
+uns das Recht gegeben zu binden und zu lösen, darum darf Dir jetzt auch
+nicht einmal der Gedanke kommen, uns dieses Recht zu nehmen. Warum
+willst Du uns also stören?‹«
+
+»Was heißt das: es hat Dir nicht an Mahnungen und Zeichen gefehlt?«
+fragte Aljoscha.
+
+»Gerade darüber mußte sich der Greis aussprechen, denn darauf kommt
+alles an. ›Der furchtbare und kluge Geist, der Geist der
+Selbstvernichtung und des Nichtseins,‹ fuhr der Greis fort, ›der große
+Geist redete zu Dir in der Wüste, und uns ist in den Büchern
+überliefert, daß er Dich dort versuchte. Ist das so richtig? Ist
+irgendwo, frage ich, mehr Wahrheit enthalten als in den drei Fragen, die
+er Dir stellte und die Du verwarfst und die in den heiligen Büchern
+Deine Versuchung genannt werden? Wenn jemals auf Erden ein vollkommenes,
+ein wirkliches, ein die Erde in ihren Grundfesten erschütterndes Wunder
+geschehen ist, so ward es an jenem Tage, am Tage der drei Versuchungen.
+Und nur darin, daß diese Fragen gestellt worden sind, liegt das Wunder.
+Denken wir uns, diese drei Fragen des furchtbaren Geistes wären ohne
+eine Spur aus den heiligen Büchern verschwunden und müßten wieder dort
+eingesetzt, von neuem ausgedacht und verfaßt werden, damit sie wieder in
+den Büchern wären, denken wir uns, alle Weisen der Erde, die
+Rechtsgelehrten, die Theologen, die Philosophen und die Dichter würden
+zusammengerufen, und ihnen sollte die Aufgabe gestellt werden: Sinnet
+drei Fragen aus, welche nicht nur der ungeheuren Tatsache eines
+versuchten Gottes entsprechen, sondern außerdem in drei Worten, in drei
+menschlichen Sätzen die ganze zukünftige Geschichte der Erde und der
+Menschheit enthalten -- glaubst Du wirklich, die ganze vereinigte
+Gelehrsamkeit der Erde vermöchte etwas zu ersinnen, was an Kraft und
+Tiefe sich jenen drei Fragen vergleichen ließe, die Dir damals in der
+Wüste von dem mächtigen und klugen Geiste gestellt worden sind? Schon
+daran, daß sie überhaupt gestellt wurden, erkennst Du, daß Du es hier
+nicht mit einem menschlichen, fließenden, sondern mit dem ewigen,
+dauernden Geiste zu tun hast; denn in diesen drei Fragen liegt wie im
+Schoße die ganze weitere Geschichte der Menschheit, die Zukunft ist
+darin vorausgesagt, und in drei Bildern vermagst Du alle unlösbaren
+Widersprüche der menschlichen Natur zu erkennen. Damals konnte es noch
+nicht offenbar sein, denn die Zukunft lag noch verborgen; aber heute,
+nach fünfzehn Jahrhunderten, ist es ersichtlich, daß in den drei Fragen
+alles also recht geraten und vorausgesagt ward und sich bewahrheitet
+hatte, so daß wir weder etwas hinzuzufügen noch wegzunehmen haben.
+Entscheide selber, wer damals recht hatte, Du oder der Dich fragte!
+Erinnere Dich der ersten Frage! Sie lautete nicht buchstäblich, doch
+wohl dem Geiste nach also: Du willst unter die Menschen treten und gehst
+zu ihnen mit leeren Händen, Du gehst zu ihnen mit einem Versprechen von
+einer Freiheit, die sie in ihrer Einfalt und angeborenen Stumpfheit
+nicht zu fassen vermögen, ja, vor der sie Furcht haben -- denn es hat
+niemals für den einzelnen Menschen sowohl wie für das ganze
+Menschengeschlecht etwas gegeben, das diese weniger zu ertragen fähig
+waren als eben die Freiheit. Sieh die Steine zu Deinen Füßen ringsum in
+der nackten und glühenden Wüste: verwandle sie in Brot, und die
+Menschheit wird Dir folgen wie dem Hirten die Herde, dankbar und
+gehorsam, wenn auch ewig davor zitternd, Du könntest Deine Hand von ihr
+nehmen und ihr Dein Brot entziehen! Aber Du wolltest den Menschen nicht
+der Freiheit berauben, und darum verwarfst Du, was Dir geboten worden
+war. Denn wo ist da Freiheit, schlossest Du, wenn der Gehorsam mit
+Broten erkauft wird? Deine Antwort war, daß der Mensch nicht allein vom
+Brote lebe. Weißt Du aber auch, daß im Namen gerade dieses irdischen
+Brotes der Geist der Erde sich gegen Dich erheben, sich mit Dir messen
+und Dich besiegen wird, und daß alle Menschen ihm nachfolgen und
+ausrufen werden: Wer gleicht diesem Tiere, so uns das Feuer vom Himmel
+gebracht hat?! Weißt Du auch, daß die Zeiten nicht ausbleiben werden, da
+den Menschen durch den Mund der Weisen verkündet werden wird: Es gibt
+keine Verbrechen, es gibt auch keine Sünde, es gibt nur Menschen, die
+hungern? Mache sie zuerst satt, und dann verlange von ihnen die Tugend:
+das werden sie auf die Fahne schreiben, mit der sie gegen Dich in den
+Kampf gehen und in Deinen Tempel eindringen werden. Und an Stelle dieses
+Deines Tempels wird sich ein neues Gebäude, wird sich zum zweiten Male
+jener grauenhafte Turm von Babel erheben. Und wenn auch dieser neue
+genau so wie jener erste nicht zu Ende gebaut werden wird: Du hättest es
+dazu gar nicht kommen lassen sollen, Du hättest die Leiden der
+Menschheit um tausend Jahre abkürzen können -- denn siehst Du, jetzt
+werden sie zu uns kommen, jetzt, nachdem sie sich tausend Jahre mit
+ihrem Turm gequält haben. Sie werden uns abermals unter der Erde suchen,
+sie werden uns aus den Katakomben holen (denn von neuem werden wir
+verfolgt und gemartert werden) und uns, da sie uns gefunden, zurufen:
+Macht uns satt, denn die, so uns das Feuer vom Himmel versprochen, waren
+Betrüger! So werden wir, wir ihnen den Turm zu Ende bauen; denn der baut
+ihn auf, der die Menschen satt macht, und wir werden sie satt machen in
+Deinem Namen -- denn so wollen wir es dann sagen und lügen, daß es in
+Deinem Namen geschehe. Niemals, zu keiner Zeit werden sie ohne uns den
+Hunger stillen. Nie wird ihnen eine Wissenschaft das Brot geben, solange
+sie frei bleiben, und das Ende wird sein, daß sie uns ihre Freiheit zu
+Füßen legen und zu uns reden werden: Macht uns, wenn es nicht anders
+geht, zu euren Knechten, aber macht uns satt! Sie werden endlich selber
+einsehen, daß die Freiheit und das Brot, beide zusammen, nicht denkbar
+sind, denn niemals werden die Menschen das Brot untereinander zu teilen
+verstehen. Zudem werden sie sich davon überzeugen, daß sie auch darum
+nicht frei sein können, weil sie kleinmütig, lasterhaft und nichtig sind
+und voll von Empörung stecken. Du hast ihnen das Himmelsbrot
+versprochen, aber ich wiederhole: kann dieses Himmelsbrot sich in den
+Augen eben dieses schwachen, ewig lasterhaften und ewig undankbaren
+Geschlechtes mit dem irdischen vergleichen? Und wenn Dir auch im Namen
+des Himmelsbrotes Tausende und Zehntausende folgen, was geschieht aber
+mit den Millionen und zehntausend Millionen von Schwachen, die nicht die
+Kraft haben, das irdische Brot von sich zu weisen und dafür das
+himmlische zu nehmen? Sprich, sind Dir vielleicht nur die zehntausend
+Starken und Großen lieb, und sollen die Millionen, die zahllos wie der
+Sand am Meere und schwach sind, aber Dich lieben, sollen diese nur Stoff
+sein in der Hand der Großen und Starken? Nein, uns sind auch die
+Schwachen lieb. Freilich sind sie Sünder und Empörer, aber schließlich
+werden sie doch den Gehorsam lernen. Und sie werden uns anstaunen und
+darum für Götter halten, weil wir, nunmehr die Herren, darin
+eingewilligt haben, die Freiheit, vor der sie zurückgeschreckt sind, auf
+uns zu nehmen und also die Herrschaft zu führen -- so entsetzlich wird
+es für sie geworden sein, frei zu sein. Wir aber werden zu ihnen reden,
+daß wir Dir gehorchen und in Deinem Namen herrschen. Wir werden sie
+abermals betrügen, denn Dich werden wir nun nicht mehr zu uns einlassen.
+In diesem Betrug wird auch unser Leiden liegen, denn wir werden zur Lüge
+gezwungen sein. Das war der Sinn der ersten Frage und Versuchung in der
+Wüste. Und Du hast sie verworfen im Namen der Freiheit, die Du höher
+stelltest als alle Güter der Erde. Und in dieser Frage war das große
+Geheimnis dieser Welt enthalten. Wenn Du die Brote angenommen hättest,
+so würdest Du damit auch eine Antwort gefunden haben auf die große,
+leidvolle Frage, die sich der einzelne Mensch nicht weniger als die
+ganze Menschheit ewig stellt, auf die Frage: Wen sollen wir anbeten? Es
+gibt keine Sorge, die den freien Menschen so ununterbrochen quälte wie
+diese, das Wesen so schnell es geht zu suchen, vor dem er sich in
+Andacht verneigen könnte; denn der Mensch sehnt sich danach, ihn drängt
+es, das anzubeten, das unbedingt und zweifellos ist, damit auf diese
+Weise alle Menschen ohne Unterschied in diese Andacht einwilligten. Denn
+die Sorge dieser erbarmungswürdigen Geschöpfe liegt nicht darin, den
+Gegenstand zu suchen, vor dem ich oder ein anderer uns verneigten,
+sondern eben jenen, an den alle glaubten, und vor dem sie dann in die
+Knie sänken, alle, alle zusammen. Siehst Du, dieses Verlangen nach
+gemeinsamer Anbetung peinigt den einzelnen Menschen ebenso wie die ganze
+Menschheit mehr denn jedes andere seit dem Beginne der Zeiten. Und
+darum, um der gemeinsamen Anbetung willen, rottet ein Volk das andere
+aus mit dem Schwerte; die Menschen schaffen sich Götter und rufen
+einander zu: Werft die euren in den Staub und betet zu den unseren,
+sonst seid ihr und euer Gott des Todes. Und so wird es bis zum Ende der
+Welt sein, auch dann noch, wenn aus der Welt die Götter gewichen sind.
+Die Menschen werden dann vor Götzen in die Knie sinken. Du hast um
+dieses Geheimnis der menschlichen Natur gewußt, Du mußtest darum wissen,
+aber Du hast das einzige Mittel und Zeichen von Dir gewiesen, welches
+Dir angeboten worden war, um die Menschen alle dazu zu bringen, sich vor
+Dir in gemeinsamer Andacht zu verneigen, das Zeichen des irdischen
+Brotes. Und Du hast es verworfen im Namen der Freiheit und des
+himmlischen Brotes. Und höre zu, was Du weiter tatest, und wiederum im
+Namen der Freiheit! Ich habe Dir gesagt, der Mensch kenne keine
+quälendere Sorge als den ausfindig zu machen, dem er so schnell wie
+möglich jenes kostbare Geschenk der Freiheit zurückgeben könnte, mit dem
+dieses unselige Geschöpf in die Welt gesetzt worden ist. Aber nur der
+bemächtigt sich der Freiheit der Menschen, der ihr Gewissen beruhigt.
+Mit dem Brote ward Dir die unbestrittene Macht über die Menschen
+geboten: gibst Du Brot, so werden Dich die Menschen anbeten, denn am
+Brote zweifelt niemand. Wenn aber zu gleicher Zeit einer sich ihrer
+Gewissen bemächtigt, ohne daß sie darum wüßten, -- o glaube mir, dann
+wird er auch Dein Brot von sich werfen und dem nachfolgen, der sein
+Gewissen beruhigt. Darin hattest Du recht; denn das Geheimnis des
+Menschenlebens liegt nicht allein darin, daß der Mensch lebe, sondern
+auch in dem Zweck, wofür er lebt. Ohne die zwingende, bedeutende
+Vorstellung eines Zweckes, für den er leben dürfe, vermag kein Mensch in
+das Leben selber einzuwilligen, und er wird sich eher das Leben nehmen,
+als daß er unter solchen Bedingungen auf der Erde verweilte, wenn auch
+rings um ihn alles zu Brot geworden wäre. Das ist die Wahrheit, aber was
+tatest Du? Statt das Gewissen zu beherrschen, hast Du es nur noch tiefer
+gemacht. Oder hast Du vergessen, daß Ruhe, daß der Tod selber dem
+Menschen lieber seien als die freie Wahl zwischen Gut und Böse? Gewiß
+ist für ihn nichts so verführerisch wie die Gewissensfreiheit, nichts
+aber peinigt ihn auch mehr. Statt ihm nun ein für allemal feste
+Satzungen zu geben zu seiner Gewissensberuhigung, suchst Du alles, was
+ungewöhnlich, rätselhaft und schwankend ist, wählst Du alles, was über
+die Kräfte der Menschen geht, und handelst ganz wie einer, der die
+Menschen nicht liebt, Du, der Du gekommen warst, Dein Leben für die
+Menschen zu lassen! Statt also Dich der Freiheit der Menschen zu
+bemächtigen, hast Du deren Grenzen nur erweitert und hast die Seele des
+Menschen für alle Zeiten mit neuem Leid überladen. Dein Wunsch war die
+freie Liebe des Menschen; frei sollte er Dir nachfolgen, von Dir gelockt
+und gefangen. Statt sich nach den alten harten Gesetzen zu richten,
+sollte der Mensch von nun an freien Herzens vor sich selber entscheiden,
+was gut und was böse sei, mit Deinem Beispiel vor der Seele. Ist Dir
+damals nie der Gedanke gekommen, daß der Mensch Deine Wahrheit
+bestreiten und Dein Beispiel verleugnen wird, wenn ihn Deine Wahrheit
+mit einer solchen Last, wie es die Wahl zwischen Gut und Böse ist,
+drücken muß? Die Menschen werden es laut verkünden, endlich, daß die
+Wahrheit gar nicht in Dir sei; denn es war nicht möglich, sie in ärgerer
+Qual und Not zu lassen, als Du es tatest, da Du ihnen nur Sorge und
+unauflösbare Rätsel auf Erden zurückließest. Auf solche Weise hast Du
+selber den Grund gelegt zur Zerstörung Deines Reiches, gib also niemand
+anderem mehr die Schuld daran! Es gibt drei Gewalten, drei, nicht mehr,
+auf Erden, die mächtig sind, für ewig das Gewissen dieser erbärmlichen
+Empörer zu unterjochen und zu knechten, zu ihrem Glück. Und diese drei
+Gewalten sind: das Wunder, das Geheimnis und die Autorität. Du hast die
+eine und die andere und auch die dritte von Dir gewiesen und den
+Menschen also ein Beispiel gegeben. Als der furchtbare und weise Geist
+Dich auf die Zinnen des Tempels führte, sprach er zu Dir: Wenn Du wissen
+willst, ob Du der Sohn Gottes seist, so stürze Dich von hier herab; denn
+es steht geschrieben, daß Engel Dich auffangen und tragen werden und Du
+nicht fallen noch Deinen Leib zerschmettern wirst, und also wirst Du
+wissen, daß Du Gottes Sohn bist, und wirst den Menschen für ewig zeigen,
+wie groß Dein Glaube an den Vater im Himmel ist! Du aber, da Du den
+bösen Geist also hörtest, wiesest diesen Antrag von Dir und warfst Dich
+nicht herab von den Zinnen des Tempels. O gewiß, in diesem Augenblick
+warst Du stolz und herrlich wie ein Gott, aber sage: sind auch die
+Menschen, dieses schwache Geschlecht von Empörern, Götter? Du wußtest
+damals, daß, so Du nur einen Schritt machst, eine einzige Bewegung, um
+Dich herabzustürzen, Du Gott selber in Versuchung führen und Deinen
+Glauben an ihn verlieren und Deine Glieder an derselben Erde
+zerschmettern würdest, die Du zu erlösen gekommen warst, und daß also
+der kluge Geist frohlocken würde, da er Dich also verführt hatte. Aber
+ich wiederhole: Gibt es viele so wie Du? Konntest Du auch nur den
+Augenblick lang annehmen, daß eine solche Versuchung nicht ganz und gar
+über die Kraft des Menschen ginge? Ist die menschliche Natur stark
+genug, daß sie das Wunder von sich weisen und in den furchtbaren
+Augenblicken des Lebens, in den Augenblicken der schrecklichsten und
+quälendsten Zweifel der Seele, allein stehen dürfe, allein mit dem
+freien Entschluß des Herzens? Du wußtest wohl, daß Dein Sieg in den
+Büchern der Menschen aufbewahrt werden und bis ans Ende der Zeiten und
+bis an die letzten Grenzen der Erde gelangen würde, und Deine Hoffnung
+war, daß auch der Mensch, indem er Deinem Beispiel folgte, bei Gott
+ausharren und des Wunders nicht bedürfen würde. Aber Du wußtest nicht,
+daß der Mensch mit dem Wunder auch Gott verwerfen müsse; denn der Mensch
+sucht Gott nicht mit mehr Eifer, als er nach dem Wunder verlangt. Und
+weil der Mensch ohne Wunder zu bleiben nicht die Kraft hat, so wird er
+sich selber neue, eigene schaffen. Er wird an die Wunder von Zauberern
+und an die Hexenkünste alter Weiber glauben, wie gewaltig und kühn auch
+seine Empörung, seine Ketzerei und Gottlosigkeit sein mögen. Du bist
+nicht vom Kreuz herabgestiegen, als sie Dir, indem sie Dir die Kleider
+vom Leibe rissen und Dich verhöhnten, zuriefen: Steig vom Kreuz herab,
+und wir werden glauben, daß Du der Sohn Gottes bist. Du bist deshalb
+nicht herabgestiegen, weil Du wiederum die Menschen nicht mit dem Wunder
+knechten wolltest und Dich nach dem freien und nicht nach dem
+Wunderglauben dürstete. Du sehntest Dich nach der freien Liebe und
+verwarfst das feige Entzücken der Sklaven vor der Macht. Aber Du
+dachtest zu hoch von den Menschen, denn sie sind nun einmal Sklaven,
+wenn auch zur Empörung geschaffen. Blicke um Dich und urteile selbst!
+Fünfzehn Jahrhunderte sind vergangen, komm, sieh Dir die Menschen an:
+wen hast Du da bis zu Dir emporgehoben? Ich bezeuge es: der Mensch ist
+schwächer und niedriger, als Du dachtest. Kann er wirklich alles das
+erfüllen, was Du ihn gewiesen hast? Indem Du also hoch von ihm dachtest,
+hast Du wie einer gehandelt, der kein Mitleid mit ihm fühlt, da Du
+allzuviel von ihm verlangtest -- und das tatest Du, der Du ihn mehr
+liebst als Dich selber. Hättest Du ihn niedriger eingeschätzt, so
+würdest Du weniger von ihm verlangt haben, und es würde mehr der Liebe
+geglichen haben, denn die Bürde wäre leichter zu tragen gewesen. Er ist
+schwach, und er ist gemein. Was liegt schließlich daran, daß er sich
+allerorten jetzt gegen unsere Macht empört und sich darauf viel
+einbildet, daß er sich empört! Ich sage Dir, es ist die Empörung von
+Kindern und Schulknaben; das sind kleine Kinder, die sich in der Klasse
+zusammenrotten und den Lehrer davonjagen. Doch diesem Jubeln der Kinder
+wird bald ein Ende gesetzt sein, und es wird sie teuer zu stehen kommen.
+Sie reißen die Tempel ein und begießen die Erde mit Blut, aber endlich
+werden sie es selber spüren, diese törichten Knaben, daß, wenn sie auch
+Empörer sind, ihre Empörung doch nur erbärmlich ist und daß sie selber
+ihre eigene Empörung nicht lange aushalten. So werden sie wie dumme
+Kinder zu heulen anfangen und einsehen, daß Er, der sie zu Empörern
+geschaffen hat, sich ganz zweifellos über sie hatte lustig machen
+wollen. Sie werden es in ihrer Verzweiflung so aussprechen, und ihre
+Rede wird Gotteslästerung sein, um derentwillen sie noch unglücklicher
+sein werden. Denn die menschliche Natur vermag Gotteslästerung nicht zu
+ertragen und straft sich schließlich selber dafür. Unruhe, Verwirrung
+und Unglück: da hast Du das Los der gegenwärtigen Menschen nach allem,
+was Du für deren Freiheit gelitten hast. Dein großer Prophet spricht in
+seinen Gesichten, daß er alle gesehen, die an der Auferstehung
+teilgenommen hätten, und daß es aus jedem Stamme zwölftausend gewesen
+wären -- aber wenn es nicht mehr sind, so waren sie eben nicht Menschen,
+sondern schon Götter. Sie haben Dein Kreuz getragen, sie haben zehn
+Jahre in der hungernden und nackten Wüste gelebt und sich dort von
+Heuschrecken und Wurzeln genährt -- gewiß kannst Du jetzt mit Stolz auf
+sie hinweisen, auf diese Kinder der Freiheit, der freien Liebe, des
+freien erhabenen Opfers in Deinem Namen, doch vergiß nicht, daß ihrer
+nur einige Tausend und daß sie Götter waren! Was geschieht aber mit den
+anderen, was haben Dir die übrigen schwachen Menschen getan, daß sie das
+nicht aushielten, was die starken zu tragen die Kraft hatten? Ist es die
+Schuld der schwachen Seele, daß sie nicht mächtig sei, so furchtbare
+Geschenke in sich zu fassen? Bist Du nur zu den Auserwählten und
+ihretwegen geraden Weges vom Himmel heruntergestiegen? Wenn ja, so ist
+dies ein Geheimnis, das wir nicht zu begreifen vermögen. Und wenn es ein
+Geheimnis ist, so haben auch wir das Recht, das Geheimnis zu verkünden
+und sie zu lehren, daß nicht der freie Entschluß des Herzens und nicht
+die Liebe, sondern eben das Geheimnis entscheide, als welchem sie blind,
+ja gegen ihr eigenes Gewissen gehorchen sollten. Und so haben wir auch
+gehandelt. Wir haben Deine Tat verbessert und sie auf dem Wunder, auf
+dem Geheimnis und auf der Autorität neu aufgebaut. Und die Menschen sind
+es froh, daß wir sie abermals führen wie eine Herde und daß wir aus
+ihren Herzen die furchtbare Gabe wieder stahlen, die ihnen soviel Qual
+gebracht hat. Sprich, haben wir recht gehandelt? Haben wir die
+Menschheit nicht geliebt, indem wir in Demut deren Schwäche erkannten
+und mit Liebe die Bürde leichter machten und die schwache Natur von der
+Sünde freisprachen? Warum bist Du also gekommen, uns zu stören? Warum
+blickst Du mich so still und durchdringend mit Deinen sanften Augen an?
+Zürnst Du mir dafür, daß ich Deine Liebe nicht will, weil ich Dich
+selber nicht liebe? Warum sollte ich es vor Dir verheimlichen, ich weiß
+ja nicht, zu wem ich rede; was ich Dir zu sagen habe, das weißt Du im
+voraus, ich lese es in Deinen Augen. Soll ich Dir unser Geheimnis
+enthüllen? Vielleicht willst Du es aus meinem Munde hören, so vernimm
+denn: Wir sind nicht mit Dir, sondern mit =ihm=, das ist unser
+Geheimnis. Schon lange sind wir nicht mit Dir, sondern mit =ihm=, schon
+acht Jahrhunderte. Acht Jahrhunderte ist es her, daß wir das von =ihm=
+annahmen, was Du mit Zorn zurückgewiesen hast, jenes letzte Geschenk,
+das er Dir anbot, indem er vor Deinen Augen die Reiche der Erde
+entfaltete. Wir haben aus seiner Hand Rom und das Schwert Cäsars
+empfangen und uns für die Herren der Erde erklärt, die einzigen, wenn
+auch unser Werk bis jetzt noch nicht zu Ende geführt ist. Wer ist aber
+daran schuld? O, unser Werk ist noch in seinen Anfängen, aber es hat
+begonnen; noch lange müssen wir auf dessen Vollendung warten, und noch
+viel Leiden wird auf der Erde sein, aber wir werden es vollenden und die
+Herren der Erde sein, und dann erst wird die Zeit gekommen sein, daß wir
+an das allgemeine, ewige Glück der Menschen denken. Und doch hättest Du
+damals schon das Schwert Cäsars an Dich reißen können! Warum hast Du
+auch dieses letzte Geschenk zurückgewiesen? Wärest Du damals seinem Rate
+gefolgt, so würdest Du alles gehabt haben, wonach den Menschen auf Erden
+verlangt: den Gott, den er anbeten, den Herrn, dem er sein Gewissen
+übergeben will, und den Weg und die Weise, wie sich die ganze Menschheit
+endgültig zu einem einzigen, einstimmigen Ameisenhaufen vereinen kann.
+Denn dieses Verlangen nach weltumspannender Einheit ist die dritte und
+letzte Sorge des Menschen. Seit jeher ist das Streben der ganzen
+Menschheit die Welteinheit gewesen. Es hat viele große Völker gegeben
+mit großer Geschichte, aber je höher sie aufstiegen, um so glücklicher
+waren sie, denn um so stärker empfanden sie die Notwendigkeit der
+Einigung aller Völker. Die großen Heerführer, ein Timur und
+Dschingis-Chan sind wie ein Wirbelwind über die Erde dahingejagt und
+haben die Welt mit dem Schwerte zu erobern gesucht. Aber auch sie
+drückten, wenn auch unbewußt, denselben gewaltigen Drang der Menschheit
+nach dem Weltreich aus. Hättest Du das Reich und den Purpur Cäsars
+damals angenommen, so würdest Du das Weltenreich gegründet und der Welt
+ewigen Frieden gegeben haben. Wer soll denn über die Menschen herrschen,
+wenn nicht der, der ihr Gewissen unterjocht und in dessen Hand das Brot
+ist? Wir nun haben uns mit dem Schwerte Cäsars gegürtet und Dich damit
+für alle Zeiten besiegt und sind =ihm= nachgefolgt. O gewiß, es werden
+noch Jahrhunderte des Mißbrauchs der menschlichen Geisteskraft kommen,
+Jahrhunderte der Wissenschaft und Menschenfresserei -- denn wenn sie
+ihren babylonischen Turm ohne uns zu Ende führen wollen, werden sie bei
+der Menschenfresserei aufhören. Dann aber wird das Tier zu uns gekrochen
+kommen und uns die Füße lecken und mit blutigen Tränen netzen. Und wir
+werden uns auf das Tier setzen und den Kelch hochheben, und auf diesem
+wird geschrieben stehen: Geheimnis. Aber dann erst und nicht früher wird
+für die Menschen das Reich des Friedens und des Glückes gekommen sein.
+Du bist stolz auf Deine Auserwählten, denn Du hast nur Auserwählte, wir
+aber werden allen Menschen Ruhe und Frieden bringen. Doch das ist noch
+nicht alles, vergiß nicht: gar viele von den Auserwählten, von den
+Starken, die da Auserwählte hätten werden können, sind des Wartens auf
+Dein Kommen müde geworden und haben die Kraft ihres Geistes und die Glut
+ihres Herzens in ein fremdes Land gebracht und auf einen fremden Acker
+getragen und tragen es noch immer dorthin, so daß sie schließlich gegen
+Dich die Fahne der Freiheit, die Du selbst einst aufgerichtet hattest,
+aufpflanzen werden. Bei uns aber werden alle glücklich sein, alle ohne
+Unterschied, und es wird keine Empörung mehr unter den Menschen
+herrschen, und sie werden sich nicht mehr gegenseitig das Schwert in den
+Leib stoßen, wie sie es in Deinem freien Reiche immer getan haben. Wir
+werden sie davon überzeugen, daß sie nur dann frei sein können, wenn sie
+sich von ihrer Freiheit zu unseren Gunsten lossagen und uns sich
+ergeben. Werden wir recht damit tun oder werden wir lügen? Die Menschen
+selber werden davon überzeugt sein, daß wir recht haben; denn sie werden
+es nie vergessen, zu welchen Schrecknissen der Knechtschaft und
+Erniedrigung Deine Freiheit sie geführt hat. Die Freiheit, der freie
+Geist, die freie Wissenschaft werden sie vor solche Abgründe bringen und
+vor solche Wunder und unenthüllbare Geheimnisse stellen, daß die einen,
+die Unruhigen und Unbändigen, sich das Leben nehmen, daß die anderen,
+die wohl unruhig, aber schwach sind, sich gegenseitig töten werden; die
+übrigen aber, die Demütigen und Unglücklichen, die werden zu uns
+gekrochen kommen und zu uns reden: Ja, ihr hattet recht, ihr allein seid
+die Herren des Geheimnisses, und wir kehren zu euch zurück; rettet uns
+vor uns selber! Da sie aus unseren Händen das Brot empfangen, werden sie
+natürlich sehr gut wissen, daß wir nur ihr mit eigenen Händen erworbenes
+Brot genommen haben und jetzt unter sie verteilen, ohne jedes Wunder.
+Sie werden keinen Augenblick darüber im Zweifel sein, daß wir durchaus
+nicht Steine in Brot verwandelt haben. Aber wahrlich mehr noch als über
+diese Brote werden sie sich darüber freuen, daß sie es aus unseren
+Händen haben. Denn nur zu gut werden sie sich dessen erinnern, daß
+früher, ohne uns, in ihren Händen das Brot sich in Steine verwandelt
+hatte, daß jetzt aber, da sie zu uns zurückgekehrt sind, die Steine zu
+Broten würden. Zu gut werden sie es zu würdigen wissen, zu gut, sage
+ich, was es heißt, sich für immer zu unterwerfen. Denn solange die
+Menschen das nicht begreifen, werden sie unglücklich sein. Wer vor allen
+aber hat sie dazu befähigt, das nicht zu begreifen? Wer hat die Herde
+zerstückt und auf unbekannten Wegen zerstreut? Antworte! Doch die Herde
+wird sich von neuem sammeln und von neuem beruhigen und von da an für
+immer. Wir werden ihnen das stille Glück, den Frieden der schwächlichen
+Menschen geben, zu dem sie auch geschaffen sind; wir werden sie davon
+überzeugen, daß Stolz und Übermut zu nichts taugen, denn Du hast sie
+über sich selber gehoben und sie also den Hochmut gelehrt; wir werden
+ihnen beweisen, daß sie Schwächlinge, daß sie kleine klagende Kinder
+seien, daß aber kein Glück so süß sei wie eben das Glück der Kinder. Sie
+werden zaghaft werden und zu uns hinaufblicken und sich an uns schmiegen
+in ihrer Furcht wie die Küchlein an die Henne. Und sie werden uns
+anstaunen und Angst haben vor uns und doch stolz darauf sein, daß wir so
+mächtig und so klug seien und daß wir es verstanden haben, die
+aufrührerische Herde zu bändigen. Sie werden ohnmächtig vor unserem Zorn
+zittern, ihr Geist wird zaghaft werden, und ihre Augen werden sich mit
+Tränen füllen wie die Augen der Kinder und Weiber; aber leicht werden
+sie auf einen Wink von uns zur Heiterkeit und zum Lachen übergehen, zu
+heller Freude und glückseligen Kinderliedern. Gewiß, auch wir werden sie
+zur Arbeit anhalten; aber in den arbeitsfreien Stunden werden wir ihnen
+das Leben wie ein Kinderspiel gestalten, mit Kinderliedern, Kinderchören
+und unschuldigen Tänzen. Wir werden sie von ihren Sünden lossprechen,
+denn sie sind schwach und erbärmlich, und sie werden uns lieben wie
+Kinder dafür, daß wir ihnen die Sünde erlauben. Wir werden ihnen sagen,
+daß jede Sünde ihnen abgekauft wird, wenn sie mit unserer Erlaubnis
+geschah, und wir werden ihnen darum zu sündigen erlauben, weil wir sie
+lieben; die Strafe aber für ihre Sünden werden wir auf uns nehmen. So
+wird es sein. Wir werden selber die Sünde tragen, und sie werden uns
+verehren als ihre Wohltäter, weil wir vor Gott ihre Sünden auf uns
+nehmen. Sie werden kein Geheimnis vor uns haben, wir werden ihnen bald
+erlauben, bald verbieten, mit ihren Frauen oder Geliebten zu leben,
+Kinder zu haben oder nicht; es wird alles von ihrem Gehorsam abhängen,
+und sie werden sich unserem Willen mit Freude und Entzücken ergeben.
+Auch die quälendsten Geheimnisse ihres Gewissens -- alles, alles werden
+sie uns bringen, und wir werden sie davon befreien, und sie werden
+unserer Entscheidung frohen Herzens glauben, weil diese sie von dem
+großen Kummer und der Qual der persönlichen unfreien Entscheidung
+entbunden hat. Alle werden sie glücklich sein, alle diese Millionen von
+Untertanen, alle mit Ausnahme von den Hunderttausenden, die über sie
+herrschen; denn wir, wir, die wir das Geheimnis bewahren, wir allein
+werden unglücklich sein. Es wird tausend Millionen glückliche Kinder
+geben und hunderttausend Märtyrer, die da auf sich genommen haben die
+verfluchte Erkenntnis des Guten und Bösen. In Frieden werden sie
+sterben, stille verlöschen, mit Deinem Namen auf den Lippen, und
+jenseits des Grabes nur den Tod finden. Wir aber werden das Geheimnis
+hüten und zu ihrem Heil sie locken zu himmlischer ewiger Belohnung. Denn
+selbst, wenn es dort oben etwas wie Belohnung gäbe, so wäre es doch
+nicht für solche wie sie. Es heißt und wurde verkündet, daß Du
+wiederkommen und von neuem siegen, daß Du mit deinen Auserwählten, mit
+den Stolzen und Starken kommen wirst. Nun, so werden wir erklären, daß
+sie sich selber, wir aber alle erlöst haben. Es heißt, daß die Buhlerin,
+die auf dem Tiere sitzt und in ihren Händen das Geheimnis hält,
+beschimpft werden wird, daß von neuem die Schwächlinge sich empören
+werden, daß sie den Purpur zerreißen und den schamlosen Körper des
+Weibes entblößen werden -- dann aber werde ich mich erheben und Dir die
+tausend Millionen glücklicher Kinder zeigen, die nichts von Sünde
+wissen. Und wir, die wir die Sünde zu deren Glück auf uns genommen
+haben, wir werden uns vor Dir erheben und sagen: Richte uns, wenn Du es
+kannst und wagst! Wisse, daß ich Dich nicht fürchte, wisse, daß auch ich
+in der Wüste gelebt habe und mich dort von Heuschrecken und Wurzeln
+genährt habe, daß auch ich die Freiheit gesegnet habe, mit der Du die
+Menschen gesegnet hast, daß auch ich mich vorbereitet hatte, unter die
+Auserwählten zu treten, unter die Stolzen und Starken, dürstend, daß die
+Zahl voll werde! Doch ich bin erwacht und wollte Dir nicht mehr mit dem
+Wahnsinn dienen, ich bin umgekehrt und habe mich der Schar derer
+angeschlossen, die Deine Tat verbessern wollten. Ich bin aus der Reihe
+der Stolzen ausgeschieden und bin zurückgekehrt zu denen, die sich
+gedemütigt haben zum Heile der Sterblichen. -- Das, was ich zu Dir
+gesprochen habe, wird sein, und unser Reich wird gegründet werden. Ich
+wiederhole Dir: morgen wirst Du selber die gehorsame Schar sehen, die
+auf den ersten Wink meiner Hand sich zum Scheiterhaufen stürzen wird, um
+die Kohlen zu schüren, auf welchen Du dafür brennen sollst, daß Du
+gekommen bist, uns zu stören; denn wenn jemand lebt, der mehr als alle
+Ketzer unseren Scheiterhaufen verdient, so bist Du es. Morgen werde ich
+Dich verbrennen.‹
+
+ * * * * *
+
+Da der Inquisitor seine Rede beendet hat, wartet er, daß der Gefangene
+ihm antworte, denn daß dieser schweigt, bedrückt ihn. Er sieht, wie der
+Gefangene ihm die ganze Zeit über aufmerksam zuhört und ihm dabei gerade
+ins Auge sieht, ohne daß Er auch nur im geringsten den Wunsch verriete,
+ihm zu erwidern. Der Greis möchte, daß Er ihm ein Wort nur sagte, ein
+stolzes meinetwegen, ein furchtbares. Doch Er steht plötzlich auf, tritt
+an den Greis heran und küßt ihn sanft auf dessen blutlose Lippen. Das
+war seine Antwort. Der Greis erbebt. Seine Mundwinkel bewegen sich. Er
+geht zur Tür, öffnet sie und spricht zu Ihm: ›Gehe hinaus und kehre
+nicht wieder -- kehre nie wieder -- nie, nie!‹ Er läßt Ihn hinaus auf
+die ›dunklen schweigenden Plätze‹ der Stadt. Der Gefangene geht hinaus.
+
+
+
+
+Note
+
+
+Auf seiner ersten Reise nach dem Westen kam Dostojewski auch nach Rom,
+wo ihn weder das Altertum noch das sich bildende _terzo regno_, sondern
+einzig und allein die Peterskirche und der Vatikan interessierten. In
+einem Briefe an seinen Bruder berichtet er davon. Auf diesen ihn tief
+erschütternden Eindruck mag der Großinquisitor historisch zurückgeführt
+werden. Im wesentlichen ist der Großinquisitor jedoch die ganze
+Dichtung, der große Gedanke Dostojewskis, in eine Parabel gebracht: der
+Kampf der mechanischen Welt, als deren sublimster Ausdruck Dostojewski
+der Katholizismus erscheint, gegen den Geist, gegen Christus.
+
+Alle großen Christen der neueren Zeit, Pascal, Goethe, William Blake,
+Kierkegaard haben wie Dostojewski gefühlt; was den russischen Dichter
+jedoch unterscheidet, ist, daß in dem Kampf, wie er ihn sieht, beide
+recht haben: der Kardinal-Großinquisitor und Christus, und nicht nur
+Christus allein wie bei Pascal, bei Goethe, bei Kierkegaard. Dostojewski
+löst, vielmehr setzt den Konflikt nicht als Fanatiker, als Theologe oder
+Räsoneur, nicht als Rechtender und Klagender, sondern als Dramatiker,
+das heißt: er legt ihn in die Seele des Dichters der Erzählung selber,
+in die tiefe, leidende, verzweifelnde Seele Iwan Karamasoffs. Und das
+ist das Russische, das Neue, das Übereuropäische an dieser unsterblichen
+Erzählung, die sicherlich den großen Gedanken des Christentums noch
+einmal denkt wie keine andere im 19. Jahrhundert.
+
+R. K.
+
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Der Großinquisitor, by F. M. Dostojewski
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER GROßINQUISITOR ***
+
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+Produced by Norbert H. Langkau, Jana Srna and the Online
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+will be renamed.
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+Creating the works from public domain print editions means that no
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+works. See paragraph 1.E below.
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+1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation"
+or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
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+
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+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
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+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
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+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
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@@ -0,0 +1,1065 @@
+The Project Gutenberg EBook of Der Großinquisitor, by F. M. Dostojewski
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Der Großinquisitor
+
+Author: F. M. Dostojewski
+
+Translator: Rudolf Kassner
+
+Release Date: December 18, 2011 [EBook #38336]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-8859-1
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER GROßINQUISITOR ***
+
+
+
+
+Produced by Norbert H. Langkau, Jana Srna and the Online
+Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net
+
+
+
+
+
+
+ [ Anmerkungen zur Transkription:
+
+ Schreibweise und Interpunktion des Originaltextes wurden ohne
+ Änderungen übernommen.
+
+ Im Original gesperrt gedruckter Text wurde mit = markiert.
+ Im Original in Antiqua gedruckter Text wurde mit _ markiert.
+ ]
+
+
+
+
+ F. M. Dostojewski
+
+ Der
+ Großinquisitor
+
+ Übertragen von Rudolf Kassner
+
+ Im Insel-Verlag zu Leipzig
+
+
+
+
+In seiner unermeßlichen Barmherzigkeit zeigt Er sich noch einmal den
+Menschen in derselben Gestalt, in welcher Er vor fünfzehn Jahrhunderten
+drei Jahre lang unter ihnen gewandelt ist. Er läßt sich herab auf die
+'brennenden Plätze' der südlichen Stadt, in der noch am Vorabend in
+Gegenwart des Königs, des gesamten Hofstaates, der Ritterschaft, der
+Kardinäle und entzückender Frauen vor der ganzen Einwohnerschaft
+Sevillas durch den Kardinal-Großinquisitor nicht weniger als ein volles
+Hundert Ketzer auf einmal _ad majorem dei gloriam_ verbrannt worden war.
+
+Leise und unauffällig erscheint Er unter den Menschen, und siehe, es
+erkennen Ihn alle. Das Volk drängt sich an Ihn heran mit unbezwinglicher
+Gewalt. Es umgibt Ihn, wächst um Ihn und folgt Ihm. Schweigend schreitet
+Er unter ihnen, mit dem stillen Lächeln unendlichen Mitleids auf den
+Lippen. Die Sonne der Liebe brennt in seinem Herzen, Strahlen des
+Lichtes, der Erleuchtung und Kraft strömen aus seinen Augen und gießen
+sich über die Menge und wecken die Herzen der Menschen. Er streckt ihnen
+seine Hand entgegen und segnet sie, und aus der Berührung mit seinem
+Körper, ja schon aus seinem Gewande fließt heilende Kraft. Ein Greis,
+der seit der Kindheit blind war, ruft aus der Schar: 'Herr, heile mich,
+damit ich Dich erkenne!' Und siehe, von seinen Augen fällt es wie
+Schuppen, und der Blinde sieht. In den Augen der Menschen sind Tränen,
+das Volk küßt die Erde, über die Er hinwandelt, die Kinder werfen Blumen
+vor seine Schritte, singen Lieder und rufen Hosianna. 'Er ist es, Er,'
+wiederholen alle, 'Er muß es sein und kein anderer.' So kommt Er vor das
+Tor der Kathedrale, wo Menschen unter Heulen und Wehklagen einen weißen
+offenen Kindersarg tragen, darin ein siebenjähriges Mädchen liegt, die
+einzige Tochter eines angesehenen Bürgers der Stadt. Das tote Kind liegt
+da, ganz in Blumen gebettet. 'Er wird dein Kind auferwecken vom Tode',
+rufen Stimmen der weinenden Mutter zu. Aus der Kathedrale tritt dem
+Sarge ein Priester entgegen, er vermag nicht gleich zu fassen, was hier
+geschieht, und runzelt die Stirne. Da hört er ein Aufschluchzen: es ist
+die Mutter des toten Mädchens, sie wirft sich zu seinen Füßen nieder und
+hebt ihre Hand zu Ihm auf und ruft aus: 'Wenn Du es bist, dann wecke
+mein Kind vom Tode auf!' Die Prozession bleibt stehen, der Sarg wird vor
+Ihm auf den Boden gelassen. Er sieht auf ihn hernieder voll Rührung, und
+sein Mund spricht noch einmal: '_Talifa kumi._' Und das Mädchen erhebt
+sich im Sarge, setzt sich auf und blickt im Kreise um sich mit
+erstaunten offenen Augen. In den Händen hält es das Sträußlein weißer
+Rosen, mit dem es im Sarge gelegen hat. Das Volk ist bewegt, Stimmen,
+Schreie, Schluchzen. In diesem Augenblicke geht an der Kathedrale über
+den Platz der Kardinal vorbei, der Großinquisitor, ein Greis von bald
+neunzig Jahren, hoch und aufrecht, mit vertrocknetem Gesicht und
+tiefliegenden Augen, in welchen noch verborgen das Feuer glüht. Heute
+ist er nicht in den Prunkgewändern, in denen er sich gestern dem Volke
+gezeigt hatte, da er die Feinde des römischen Glaubens verbrannte --
+nein, heute trägt er die alte grobe Mönchskutte. Ihm folgen in
+gemessener Entfernung seine düsteren Gehilfen und Knechte, die
+'heiligen' Wächter. Er bleibt vor der Menge stehen und sieht zu, was
+geschieht. Er hat alles gesehen; er hat gesehen, wie sie den Sarg vor
+Ihn hingestellt haben, er hat gesehen, wie sich das Mädchen im Sarge
+erhoben hat, und über sein Gesicht legt sich ein dunkler Schatten. Er
+zieht seine dichten, grauen Brauen zusammen, und sein Blick leuchtet auf
+in Bosheit. Indem er auf Ihn mit dem Finger weist, heißt er die Wächter
+Ihn ergreifen. Und so groß ist seine Gewalt, und so gehorsam und ergeben
+ist ihm das Volk, daß die Menge den Wächtern Platz macht und diese unter
+aller tiefem plötzlichem Schweigen Hand an Ihn legen und Ihn fortführen.
+Die Volksmenge ist wie =ein= Mann, und die Köpfe neigen sich vor dem
+greisen Inquisitor zu Boden; er segnet schweigend die Menschen und setzt
+seinen Weg fort.
+
+Die Wache hat inzwischen den Gefangenen in ein enges, dunkles, gewölbtes
+Verlies im alten Gebäude des heiligen Tribunals geführt und hinter Ihm
+die Tür geschlossen. Der Tag vergeht, die Nacht bricht herein, die
+dunkle, glühende, atemlose Nacht Sevillas. Die Luft ist voll vom Duft
+des Lorbeers und der Zitronenblüte. Um Mitternacht öffnet sich das
+eiserne Tor des Gefängnisses, und der Großinquisitor tritt leisen
+Schrittes herein, in der Hand hält er ein Licht. Er ist allein, hinter
+ihm schließt sich das Tor.
+
+Er bleibt am Eingange stehen und sieht Ihm lange, ein bis zwei Minuten
+lang, ins Gesicht. Dann tritt er näher heran, stellt den Leuchter auf
+den Tisch und spricht zu Ihm: 'Bist Du es?'
+
+Da er keine Antwort erhält, fügt er schnell hinzu: 'Antworte nicht,
+schweige! Was kannst Du auch sagen? Ich weiß sehr gut, was Du sagen
+willst; doch Du hast kein Recht, auch nur ein Wort zu dem hinzuzufügen,
+was einst von Dir selber gesagt worden ist. Warum bist Du gekommen, uns
+zu stören? Denn dazu bist Du gekommen, Du weißt es selber. Weißt Du aber
+auch, was morgen geschehen wird? Ich weiß nicht, wer Du bist, ich will
+auch nicht wissen, ob Du es wirklich bist oder ob Du nur seine Gestalt
+angenommen hast: aber morgen werde ich Dich richten und verurteilen und
+Dich auf dem Scheiterhaufen verbrennen als den gefährlichsten aller
+Ketzer, und dasselbe Volk, das heute Dir die Füße geküßt hat, wird sich
+morgen auf einen Wink von meiner Hand hin zum Scheiterhaufen stürzen, um
+dort die Kohlen zu schüren, weißt Du das? Es ist möglich, daß Du es
+weißt', fügte er hinzu, ohne auch nur eine Sekunde den Blick von dem
+Gefangenen zu lassen.« --
+
+»Ich verstehe nicht, Iwan, was das heißen soll«, unterbrach ihn lächelnd
+Aljoscha, der die ganze Zeit schweigend zugehört hatte. »Ist das Ganze
+nur die uferlose Phantasie oder eine Verwirrung im Kopfe des Greises,
+ein unmögliches Quiproquo?«
+
+»Nimm das letzte an,« lachte Iwan, »wenn dich der zeitgenössische
+Realismus schon so verdorben hat, daß du etwas Phantastisches nicht mehr
+vertragen kannst! Wenn es ein Quiproquo sein soll, meinetwegen. Es ist
+wahr, der Greis zählt neunzig Jahre und hat somit Zeit gehabt, den
+Verstand zu verlieren über seiner Idee; zudem konnte ihn der Gefangene
+auch durch sein Äußeres aus der Fassung bringen. Vielleicht aber ist es
+nur der Wahn, das Fiebergesicht eines neunzigjährigen Greises vor dem
+Tode, das Gehirn hat sich vom Autodafé der hundert verbrannten Ketzer
+erhitzt. Ist es aber nicht ganz gleichgültig, was es ist, ob ein
+Quiproquo oder eine uferlose Phantasie? Es handelt sich hier doch nur
+darum, daß der Greis sich ausspricht, daß er endlich einmal nach neunzig
+Jahren davon laut redet, worüber er neunzig Jahre lang geschwiegen hat.«
+
+»Und der Gefangene schweigt, er sieht ihn an und sagt kein Wort?«
+
+»Unbedingt, auf alle Fälle«, lachte Iwan. »Der Greis hat Ihn doch selber
+darauf aufmerksam gemacht, daß Er gar nicht einmal das Recht habe, etwas
+zu dem hinzuzufügen, was von Ihm schon gesagt worden ist. Wenn du
+willst, kannst du darin den Grundzug des römischen Katholizismus
+erblicken, nach meiner Meinung wenigstens: 'Alles wurde von Dir einst
+dem Papste übergeben und alles ist jetzt beim Papst, tue Du uns nur den
+einen Gefallen, nicht wiederzukommen und uns zu stören in der Zeit! In
+diesem Sinne reden sie nicht nur, sondern schreiben sie auch, die
+Jesuiten wenigstens. Ich selbst habe es so bei ihren Gelehrten gelesen.
+Hast Du das Recht, auch nur ein einziges von den Geheimnissen jener Welt
+aufzudecken, aus der Du zu uns herniedergestiegen bist?' fragt ihn mein
+Greis, und er selber gibt sich die Antwort: 'Nein, Du hast nicht das
+Recht; denn sonst müßtest Du etwas zu dem noch hinzufügen, was von Dir
+gesagt worden war, und den Menschen die Freiheit nehmen, für die Du
+einst, da Du auf Erden warst, mit solcher Überzeugung eingetreten bist.
+Alles, was Du von neuem verkünden könntest, würde somit einen Eingriff
+in die Glaubensfreiheit der Menschen bedeuten, denn es würde uns wie ein
+Wunder vorkommen; aber die Freiheit des Glaubens galt Dir damals mehr
+als jedes andere Gut, damals, vor anderthalbtausend Jahren. Kam das Wort
+nicht immer wieder aus Deinem Munde: Ich will euch frei machen? Nun,
+jetzt hast Du sie gesehen, die freien Menschen!' 'Ja, das Werk hat uns
+viel gekostet,' fügte er gleich hinzu, indem er Ihn streng anblickt,
+'aber wir haben es zu Ende geführt, endlich, in Deinem Namen. Fünfzehn
+Jahrhunderte lang haben wir uns mit dieser Freiheit geplagt, aber jetzt
+sind wir damit fertig, fertig für alle Zeiten. Glaubst Du nicht, daß wir
+damit fertig geworden sind für alle Zeiten? Du siehst mich mit Deinen
+sanften Augen an und würdigst mich nicht einmal Deines Zornes. So wisse:
+Jetzt, gerade heute sind die Menschen mehr denn je davon überzeugt, sie
+wären frei, ganz frei, frei wie nie die Menschheit vor ihnen. In
+Wahrheit aber haben sie selber uns ihre Freiheit gebracht und demütig
+uns vor die Füße gelegt. Das war unser Werk. War es diese Freiheit, die
+Du wünschest?'«
+
+»Ich verstehe wiederum nicht,« unterbrach ihn Aljoscha: »er ironisiert
+Ihn und macht sich über Ihn lustig.«
+
+»Nicht im geringsten: er rechnet es sich und den Seinen durchaus als
+Verdienst an, daß sie endlich die Freiheit niedergerungen haben, und nur
+darum, um die Menschen glücklich zu machen; denn jetzt erst ist es
+möglich geworden, an das Glück der Menschen zu denken. Der Mensch ist
+zum Empörer geschaffen: können Empörer glücklich sein? 'Du wurdest
+gewarnt,' fährt der Greis zu ihm fort, 'es fehlte Dir nicht an Mahnungen
+und Zeichen, aber Du achtetest nicht darauf. Du kehrtest Dich ab von dem
+einzigen Wege, auf dem das Heil der Menschen lag, aber zum Glück hast Du
+uns Dein Werk überlassen, da Du von uns schiedest. Du hast es uns
+versprochen, Du hast es mit Deinen eigenen Worten bekräftigt, Du hast
+uns das Recht gegeben zu binden und zu lösen, darum darf Dir jetzt auch
+nicht einmal der Gedanke kommen, uns dieses Recht zu nehmen. Warum
+willst Du uns also stören?'«
+
+»Was heißt das: es hat Dir nicht an Mahnungen und Zeichen gefehlt?«
+fragte Aljoscha.
+
+»Gerade darüber mußte sich der Greis aussprechen, denn darauf kommt
+alles an. 'Der furchtbare und kluge Geist, der Geist der
+Selbstvernichtung und des Nichtseins,' fuhr der Greis fort, 'der große
+Geist redete zu Dir in der Wüste, und uns ist in den Büchern
+überliefert, daß er Dich dort versuchte. Ist das so richtig? Ist
+irgendwo, frage ich, mehr Wahrheit enthalten als in den drei Fragen, die
+er Dir stellte und die Du verwarfst und die in den heiligen Büchern
+Deine Versuchung genannt werden? Wenn jemals auf Erden ein vollkommenes,
+ein wirkliches, ein die Erde in ihren Grundfesten erschütterndes Wunder
+geschehen ist, so ward es an jenem Tage, am Tage der drei Versuchungen.
+Und nur darin, daß diese Fragen gestellt worden sind, liegt das Wunder.
+Denken wir uns, diese drei Fragen des furchtbaren Geistes wären ohne
+eine Spur aus den heiligen Büchern verschwunden und müßten wieder dort
+eingesetzt, von neuem ausgedacht und verfaßt werden, damit sie wieder in
+den Büchern wären, denken wir uns, alle Weisen der Erde, die
+Rechtsgelehrten, die Theologen, die Philosophen und die Dichter würden
+zusammengerufen, und ihnen sollte die Aufgabe gestellt werden: Sinnet
+drei Fragen aus, welche nicht nur der ungeheuren Tatsache eines
+versuchten Gottes entsprechen, sondern außerdem in drei Worten, in drei
+menschlichen Sätzen die ganze zukünftige Geschichte der Erde und der
+Menschheit enthalten -- glaubst Du wirklich, die ganze vereinigte
+Gelehrsamkeit der Erde vermöchte etwas zu ersinnen, was an Kraft und
+Tiefe sich jenen drei Fragen vergleichen ließe, die Dir damals in der
+Wüste von dem mächtigen und klugen Geiste gestellt worden sind? Schon
+daran, daß sie überhaupt gestellt wurden, erkennst Du, daß Du es hier
+nicht mit einem menschlichen, fließenden, sondern mit dem ewigen,
+dauernden Geiste zu tun hast; denn in diesen drei Fragen liegt wie im
+Schoße die ganze weitere Geschichte der Menschheit, die Zukunft ist
+darin vorausgesagt, und in drei Bildern vermagst Du alle unlösbaren
+Widersprüche der menschlichen Natur zu erkennen. Damals konnte es noch
+nicht offenbar sein, denn die Zukunft lag noch verborgen; aber heute,
+nach fünfzehn Jahrhunderten, ist es ersichtlich, daß in den drei Fragen
+alles also recht geraten und vorausgesagt ward und sich bewahrheitet
+hatte, so daß wir weder etwas hinzuzufügen noch wegzunehmen haben.
+Entscheide selber, wer damals recht hatte, Du oder der Dich fragte!
+Erinnere Dich der ersten Frage! Sie lautete nicht buchstäblich, doch
+wohl dem Geiste nach also: Du willst unter die Menschen treten und gehst
+zu ihnen mit leeren Händen, Du gehst zu ihnen mit einem Versprechen von
+einer Freiheit, die sie in ihrer Einfalt und angeborenen Stumpfheit
+nicht zu fassen vermögen, ja, vor der sie Furcht haben -- denn es hat
+niemals für den einzelnen Menschen sowohl wie für das ganze
+Menschengeschlecht etwas gegeben, das diese weniger zu ertragen fähig
+waren als eben die Freiheit. Sieh die Steine zu Deinen Füßen ringsum in
+der nackten und glühenden Wüste: verwandle sie in Brot, und die
+Menschheit wird Dir folgen wie dem Hirten die Herde, dankbar und
+gehorsam, wenn auch ewig davor zitternd, Du könntest Deine Hand von ihr
+nehmen und ihr Dein Brot entziehen! Aber Du wolltest den Menschen nicht
+der Freiheit berauben, und darum verwarfst Du, was Dir geboten worden
+war. Denn wo ist da Freiheit, schlossest Du, wenn der Gehorsam mit
+Broten erkauft wird? Deine Antwort war, daß der Mensch nicht allein vom
+Brote lebe. Weißt Du aber auch, daß im Namen gerade dieses irdischen
+Brotes der Geist der Erde sich gegen Dich erheben, sich mit Dir messen
+und Dich besiegen wird, und daß alle Menschen ihm nachfolgen und
+ausrufen werden: Wer gleicht diesem Tiere, so uns das Feuer vom Himmel
+gebracht hat?! Weißt Du auch, daß die Zeiten nicht ausbleiben werden, da
+den Menschen durch den Mund der Weisen verkündet werden wird: Es gibt
+keine Verbrechen, es gibt auch keine Sünde, es gibt nur Menschen, die
+hungern? Mache sie zuerst satt, und dann verlange von ihnen die Tugend:
+das werden sie auf die Fahne schreiben, mit der sie gegen Dich in den
+Kampf gehen und in Deinen Tempel eindringen werden. Und an Stelle dieses
+Deines Tempels wird sich ein neues Gebäude, wird sich zum zweiten Male
+jener grauenhafte Turm von Babel erheben. Und wenn auch dieser neue
+genau so wie jener erste nicht zu Ende gebaut werden wird: Du hättest es
+dazu gar nicht kommen lassen sollen, Du hättest die Leiden der
+Menschheit um tausend Jahre abkürzen können -- denn siehst Du, jetzt
+werden sie zu uns kommen, jetzt, nachdem sie sich tausend Jahre mit
+ihrem Turm gequält haben. Sie werden uns abermals unter der Erde suchen,
+sie werden uns aus den Katakomben holen (denn von neuem werden wir
+verfolgt und gemartert werden) und uns, da sie uns gefunden, zurufen:
+Macht uns satt, denn die, so uns das Feuer vom Himmel versprochen, waren
+Betrüger! So werden wir, wir ihnen den Turm zu Ende bauen; denn der baut
+ihn auf, der die Menschen satt macht, und wir werden sie satt machen in
+Deinem Namen -- denn so wollen wir es dann sagen und lügen, daß es in
+Deinem Namen geschehe. Niemals, zu keiner Zeit werden sie ohne uns den
+Hunger stillen. Nie wird ihnen eine Wissenschaft das Brot geben, solange
+sie frei bleiben, und das Ende wird sein, daß sie uns ihre Freiheit zu
+Füßen legen und zu uns reden werden: Macht uns, wenn es nicht anders
+geht, zu euren Knechten, aber macht uns satt! Sie werden endlich selber
+einsehen, daß die Freiheit und das Brot, beide zusammen, nicht denkbar
+sind, denn niemals werden die Menschen das Brot untereinander zu teilen
+verstehen. Zudem werden sie sich davon überzeugen, daß sie auch darum
+nicht frei sein können, weil sie kleinmütig, lasterhaft und nichtig sind
+und voll von Empörung stecken. Du hast ihnen das Himmelsbrot
+versprochen, aber ich wiederhole: kann dieses Himmelsbrot sich in den
+Augen eben dieses schwachen, ewig lasterhaften und ewig undankbaren
+Geschlechtes mit dem irdischen vergleichen? Und wenn Dir auch im Namen
+des Himmelsbrotes Tausende und Zehntausende folgen, was geschieht aber
+mit den Millionen und zehntausend Millionen von Schwachen, die nicht die
+Kraft haben, das irdische Brot von sich zu weisen und dafür das
+himmlische zu nehmen? Sprich, sind Dir vielleicht nur die zehntausend
+Starken und Großen lieb, und sollen die Millionen, die zahllos wie der
+Sand am Meere und schwach sind, aber Dich lieben, sollen diese nur Stoff
+sein in der Hand der Großen und Starken? Nein, uns sind auch die
+Schwachen lieb. Freilich sind sie Sünder und Empörer, aber schließlich
+werden sie doch den Gehorsam lernen. Und sie werden uns anstaunen und
+darum für Götter halten, weil wir, nunmehr die Herren, darin
+eingewilligt haben, die Freiheit, vor der sie zurückgeschreckt sind, auf
+uns zu nehmen und also die Herrschaft zu führen -- so entsetzlich wird
+es für sie geworden sein, frei zu sein. Wir aber werden zu ihnen reden,
+daß wir Dir gehorchen und in Deinem Namen herrschen. Wir werden sie
+abermals betrügen, denn Dich werden wir nun nicht mehr zu uns einlassen.
+In diesem Betrug wird auch unser Leiden liegen, denn wir werden zur Lüge
+gezwungen sein. Das war der Sinn der ersten Frage und Versuchung in der
+Wüste. Und Du hast sie verworfen im Namen der Freiheit, die Du höher
+stelltest als alle Güter der Erde. Und in dieser Frage war das große
+Geheimnis dieser Welt enthalten. Wenn Du die Brote angenommen hättest,
+so würdest Du damit auch eine Antwort gefunden haben auf die große,
+leidvolle Frage, die sich der einzelne Mensch nicht weniger als die
+ganze Menschheit ewig stellt, auf die Frage: Wen sollen wir anbeten? Es
+gibt keine Sorge, die den freien Menschen so ununterbrochen quälte wie
+diese, das Wesen so schnell es geht zu suchen, vor dem er sich in
+Andacht verneigen könnte; denn der Mensch sehnt sich danach, ihn drängt
+es, das anzubeten, das unbedingt und zweifellos ist, damit auf diese
+Weise alle Menschen ohne Unterschied in diese Andacht einwilligten. Denn
+die Sorge dieser erbarmungswürdigen Geschöpfe liegt nicht darin, den
+Gegenstand zu suchen, vor dem ich oder ein anderer uns verneigten,
+sondern eben jenen, an den alle glaubten, und vor dem sie dann in die
+Knie sänken, alle, alle zusammen. Siehst Du, dieses Verlangen nach
+gemeinsamer Anbetung peinigt den einzelnen Menschen ebenso wie die ganze
+Menschheit mehr denn jedes andere seit dem Beginne der Zeiten. Und
+darum, um der gemeinsamen Anbetung willen, rottet ein Volk das andere
+aus mit dem Schwerte; die Menschen schaffen sich Götter und rufen
+einander zu: Werft die euren in den Staub und betet zu den unseren,
+sonst seid ihr und euer Gott des Todes. Und so wird es bis zum Ende der
+Welt sein, auch dann noch, wenn aus der Welt die Götter gewichen sind.
+Die Menschen werden dann vor Götzen in die Knie sinken. Du hast um
+dieses Geheimnis der menschlichen Natur gewußt, Du mußtest darum wissen,
+aber Du hast das einzige Mittel und Zeichen von Dir gewiesen, welches
+Dir angeboten worden war, um die Menschen alle dazu zu bringen, sich vor
+Dir in gemeinsamer Andacht zu verneigen, das Zeichen des irdischen
+Brotes. Und Du hast es verworfen im Namen der Freiheit und des
+himmlischen Brotes. Und höre zu, was Du weiter tatest, und wiederum im
+Namen der Freiheit! Ich habe Dir gesagt, der Mensch kenne keine
+quälendere Sorge als den ausfindig zu machen, dem er so schnell wie
+möglich jenes kostbare Geschenk der Freiheit zurückgeben könnte, mit dem
+dieses unselige Geschöpf in die Welt gesetzt worden ist. Aber nur der
+bemächtigt sich der Freiheit der Menschen, der ihr Gewissen beruhigt.
+Mit dem Brote ward Dir die unbestrittene Macht über die Menschen
+geboten: gibst Du Brot, so werden Dich die Menschen anbeten, denn am
+Brote zweifelt niemand. Wenn aber zu gleicher Zeit einer sich ihrer
+Gewissen bemächtigt, ohne daß sie darum wüßten, -- o glaube mir, dann
+wird er auch Dein Brot von sich werfen und dem nachfolgen, der sein
+Gewissen beruhigt. Darin hattest Du recht; denn das Geheimnis des
+Menschenlebens liegt nicht allein darin, daß der Mensch lebe, sondern
+auch in dem Zweck, wofür er lebt. Ohne die zwingende, bedeutende
+Vorstellung eines Zweckes, für den er leben dürfe, vermag kein Mensch in
+das Leben selber einzuwilligen, und er wird sich eher das Leben nehmen,
+als daß er unter solchen Bedingungen auf der Erde verweilte, wenn auch
+rings um ihn alles zu Brot geworden wäre. Das ist die Wahrheit, aber was
+tatest Du? Statt das Gewissen zu beherrschen, hast Du es nur noch tiefer
+gemacht. Oder hast Du vergessen, daß Ruhe, daß der Tod selber dem
+Menschen lieber seien als die freie Wahl zwischen Gut und Böse? Gewiß
+ist für ihn nichts so verführerisch wie die Gewissensfreiheit, nichts
+aber peinigt ihn auch mehr. Statt ihm nun ein für allemal feste
+Satzungen zu geben zu seiner Gewissensberuhigung, suchst Du alles, was
+ungewöhnlich, rätselhaft und schwankend ist, wählst Du alles, was über
+die Kräfte der Menschen geht, und handelst ganz wie einer, der die
+Menschen nicht liebt, Du, der Du gekommen warst, Dein Leben für die
+Menschen zu lassen! Statt also Dich der Freiheit der Menschen zu
+bemächtigen, hast Du deren Grenzen nur erweitert und hast die Seele des
+Menschen für alle Zeiten mit neuem Leid überladen. Dein Wunsch war die
+freie Liebe des Menschen; frei sollte er Dir nachfolgen, von Dir gelockt
+und gefangen. Statt sich nach den alten harten Gesetzen zu richten,
+sollte der Mensch von nun an freien Herzens vor sich selber entscheiden,
+was gut und was böse sei, mit Deinem Beispiel vor der Seele. Ist Dir
+damals nie der Gedanke gekommen, daß der Mensch Deine Wahrheit
+bestreiten und Dein Beispiel verleugnen wird, wenn ihn Deine Wahrheit
+mit einer solchen Last, wie es die Wahl zwischen Gut und Böse ist,
+drücken muß? Die Menschen werden es laut verkünden, endlich, daß die
+Wahrheit gar nicht in Dir sei; denn es war nicht möglich, sie in ärgerer
+Qual und Not zu lassen, als Du es tatest, da Du ihnen nur Sorge und
+unauflösbare Rätsel auf Erden zurückließest. Auf solche Weise hast Du
+selber den Grund gelegt zur Zerstörung Deines Reiches, gib also niemand
+anderem mehr die Schuld daran! Es gibt drei Gewalten, drei, nicht mehr,
+auf Erden, die mächtig sind, für ewig das Gewissen dieser erbärmlichen
+Empörer zu unterjochen und zu knechten, zu ihrem Glück. Und diese drei
+Gewalten sind: das Wunder, das Geheimnis und die Autorität. Du hast die
+eine und die andere und auch die dritte von Dir gewiesen und den
+Menschen also ein Beispiel gegeben. Als der furchtbare und weise Geist
+Dich auf die Zinnen des Tempels führte, sprach er zu Dir: Wenn Du wissen
+willst, ob Du der Sohn Gottes seist, so stürze Dich von hier herab; denn
+es steht geschrieben, daß Engel Dich auffangen und tragen werden und Du
+nicht fallen noch Deinen Leib zerschmettern wirst, und also wirst Du
+wissen, daß Du Gottes Sohn bist, und wirst den Menschen für ewig zeigen,
+wie groß Dein Glaube an den Vater im Himmel ist! Du aber, da Du den
+bösen Geist also hörtest, wiesest diesen Antrag von Dir und warfst Dich
+nicht herab von den Zinnen des Tempels. O gewiß, in diesem Augenblick
+warst Du stolz und herrlich wie ein Gott, aber sage: sind auch die
+Menschen, dieses schwache Geschlecht von Empörern, Götter? Du wußtest
+damals, daß, so Du nur einen Schritt machst, eine einzige Bewegung, um
+Dich herabzustürzen, Du Gott selber in Versuchung führen und Deinen
+Glauben an ihn verlieren und Deine Glieder an derselben Erde
+zerschmettern würdest, die Du zu erlösen gekommen warst, und daß also
+der kluge Geist frohlocken würde, da er Dich also verführt hatte. Aber
+ich wiederhole: Gibt es viele so wie Du? Konntest Du auch nur den
+Augenblick lang annehmen, daß eine solche Versuchung nicht ganz und gar
+über die Kraft des Menschen ginge? Ist die menschliche Natur stark
+genug, daß sie das Wunder von sich weisen und in den furchtbaren
+Augenblicken des Lebens, in den Augenblicken der schrecklichsten und
+quälendsten Zweifel der Seele, allein stehen dürfe, allein mit dem
+freien Entschluß des Herzens? Du wußtest wohl, daß Dein Sieg in den
+Büchern der Menschen aufbewahrt werden und bis ans Ende der Zeiten und
+bis an die letzten Grenzen der Erde gelangen würde, und Deine Hoffnung
+war, daß auch der Mensch, indem er Deinem Beispiel folgte, bei Gott
+ausharren und des Wunders nicht bedürfen würde. Aber Du wußtest nicht,
+daß der Mensch mit dem Wunder auch Gott verwerfen müsse; denn der Mensch
+sucht Gott nicht mit mehr Eifer, als er nach dem Wunder verlangt. Und
+weil der Mensch ohne Wunder zu bleiben nicht die Kraft hat, so wird er
+sich selber neue, eigene schaffen. Er wird an die Wunder von Zauberern
+und an die Hexenkünste alter Weiber glauben, wie gewaltig und kühn auch
+seine Empörung, seine Ketzerei und Gottlosigkeit sein mögen. Du bist
+nicht vom Kreuz herabgestiegen, als sie Dir, indem sie Dir die Kleider
+vom Leibe rissen und Dich verhöhnten, zuriefen: Steig vom Kreuz herab,
+und wir werden glauben, daß Du der Sohn Gottes bist. Du bist deshalb
+nicht herabgestiegen, weil Du wiederum die Menschen nicht mit dem Wunder
+knechten wolltest und Dich nach dem freien und nicht nach dem
+Wunderglauben dürstete. Du sehntest Dich nach der freien Liebe und
+verwarfst das feige Entzücken der Sklaven vor der Macht. Aber Du
+dachtest zu hoch von den Menschen, denn sie sind nun einmal Sklaven,
+wenn auch zur Empörung geschaffen. Blicke um Dich und urteile selbst!
+Fünfzehn Jahrhunderte sind vergangen, komm, sieh Dir die Menschen an:
+wen hast Du da bis zu Dir emporgehoben? Ich bezeuge es: der Mensch ist
+schwächer und niedriger, als Du dachtest. Kann er wirklich alles das
+erfüllen, was Du ihn gewiesen hast? Indem Du also hoch von ihm dachtest,
+hast Du wie einer gehandelt, der kein Mitleid mit ihm fühlt, da Du
+allzuviel von ihm verlangtest -- und das tatest Du, der Du ihn mehr
+liebst als Dich selber. Hättest Du ihn niedriger eingeschätzt, so
+würdest Du weniger von ihm verlangt haben, und es würde mehr der Liebe
+geglichen haben, denn die Bürde wäre leichter zu tragen gewesen. Er ist
+schwach, und er ist gemein. Was liegt schließlich daran, daß er sich
+allerorten jetzt gegen unsere Macht empört und sich darauf viel
+einbildet, daß er sich empört! Ich sage Dir, es ist die Empörung von
+Kindern und Schulknaben; das sind kleine Kinder, die sich in der Klasse
+zusammenrotten und den Lehrer davonjagen. Doch diesem Jubeln der Kinder
+wird bald ein Ende gesetzt sein, und es wird sie teuer zu stehen kommen.
+Sie reißen die Tempel ein und begießen die Erde mit Blut, aber endlich
+werden sie es selber spüren, diese törichten Knaben, daß, wenn sie auch
+Empörer sind, ihre Empörung doch nur erbärmlich ist und daß sie selber
+ihre eigene Empörung nicht lange aushalten. So werden sie wie dumme
+Kinder zu heulen anfangen und einsehen, daß Er, der sie zu Empörern
+geschaffen hat, sich ganz zweifellos über sie hatte lustig machen
+wollen. Sie werden es in ihrer Verzweiflung so aussprechen, und ihre
+Rede wird Gotteslästerung sein, um derentwillen sie noch unglücklicher
+sein werden. Denn die menschliche Natur vermag Gotteslästerung nicht zu
+ertragen und straft sich schließlich selber dafür. Unruhe, Verwirrung
+und Unglück: da hast Du das Los der gegenwärtigen Menschen nach allem,
+was Du für deren Freiheit gelitten hast. Dein großer Prophet spricht in
+seinen Gesichten, daß er alle gesehen, die an der Auferstehung
+teilgenommen hätten, und daß es aus jedem Stamme zwölftausend gewesen
+wären -- aber wenn es nicht mehr sind, so waren sie eben nicht Menschen,
+sondern schon Götter. Sie haben Dein Kreuz getragen, sie haben zehn
+Jahre in der hungernden und nackten Wüste gelebt und sich dort von
+Heuschrecken und Wurzeln genährt -- gewiß kannst Du jetzt mit Stolz auf
+sie hinweisen, auf diese Kinder der Freiheit, der freien Liebe, des
+freien erhabenen Opfers in Deinem Namen, doch vergiß nicht, daß ihrer
+nur einige Tausend und daß sie Götter waren! Was geschieht aber mit den
+anderen, was haben Dir die übrigen schwachen Menschen getan, daß sie das
+nicht aushielten, was die starken zu tragen die Kraft hatten? Ist es die
+Schuld der schwachen Seele, daß sie nicht mächtig sei, so furchtbare
+Geschenke in sich zu fassen? Bist Du nur zu den Auserwählten und
+ihretwegen geraden Weges vom Himmel heruntergestiegen? Wenn ja, so ist
+dies ein Geheimnis, das wir nicht zu begreifen vermögen. Und wenn es ein
+Geheimnis ist, so haben auch wir das Recht, das Geheimnis zu verkünden
+und sie zu lehren, daß nicht der freie Entschluß des Herzens und nicht
+die Liebe, sondern eben das Geheimnis entscheide, als welchem sie blind,
+ja gegen ihr eigenes Gewissen gehorchen sollten. Und so haben wir auch
+gehandelt. Wir haben Deine Tat verbessert und sie auf dem Wunder, auf
+dem Geheimnis und auf der Autorität neu aufgebaut. Und die Menschen sind
+es froh, daß wir sie abermals führen wie eine Herde und daß wir aus
+ihren Herzen die furchtbare Gabe wieder stahlen, die ihnen soviel Qual
+gebracht hat. Sprich, haben wir recht gehandelt? Haben wir die
+Menschheit nicht geliebt, indem wir in Demut deren Schwäche erkannten
+und mit Liebe die Bürde leichter machten und die schwache Natur von der
+Sünde freisprachen? Warum bist Du also gekommen, uns zu stören? Warum
+blickst Du mich so still und durchdringend mit Deinen sanften Augen an?
+Zürnst Du mir dafür, daß ich Deine Liebe nicht will, weil ich Dich
+selber nicht liebe? Warum sollte ich es vor Dir verheimlichen, ich weiß
+ja nicht, zu wem ich rede; was ich Dir zu sagen habe, das weißt Du im
+voraus, ich lese es in Deinen Augen. Soll ich Dir unser Geheimnis
+enthüllen? Vielleicht willst Du es aus meinem Munde hören, so vernimm
+denn: Wir sind nicht mit Dir, sondern mit =ihm=, das ist unser
+Geheimnis. Schon lange sind wir nicht mit Dir, sondern mit =ihm=, schon
+acht Jahrhunderte. Acht Jahrhunderte ist es her, daß wir das von =ihm=
+annahmen, was Du mit Zorn zurückgewiesen hast, jenes letzte Geschenk,
+das er Dir anbot, indem er vor Deinen Augen die Reiche der Erde
+entfaltete. Wir haben aus seiner Hand Rom und das Schwert Cäsars
+empfangen und uns für die Herren der Erde erklärt, die einzigen, wenn
+auch unser Werk bis jetzt noch nicht zu Ende geführt ist. Wer ist aber
+daran schuld? O, unser Werk ist noch in seinen Anfängen, aber es hat
+begonnen; noch lange müssen wir auf dessen Vollendung warten, und noch
+viel Leiden wird auf der Erde sein, aber wir werden es vollenden und die
+Herren der Erde sein, und dann erst wird die Zeit gekommen sein, daß wir
+an das allgemeine, ewige Glück der Menschen denken. Und doch hättest Du
+damals schon das Schwert Cäsars an Dich reißen können! Warum hast Du
+auch dieses letzte Geschenk zurückgewiesen? Wärest Du damals seinem Rate
+gefolgt, so würdest Du alles gehabt haben, wonach den Menschen auf Erden
+verlangt: den Gott, den er anbeten, den Herrn, dem er sein Gewissen
+übergeben will, und den Weg und die Weise, wie sich die ganze Menschheit
+endgültig zu einem einzigen, einstimmigen Ameisenhaufen vereinen kann.
+Denn dieses Verlangen nach weltumspannender Einheit ist die dritte und
+letzte Sorge des Menschen. Seit jeher ist das Streben der ganzen
+Menschheit die Welteinheit gewesen. Es hat viele große Völker gegeben
+mit großer Geschichte, aber je höher sie aufstiegen, um so glücklicher
+waren sie, denn um so stärker empfanden sie die Notwendigkeit der
+Einigung aller Völker. Die großen Heerführer, ein Timur und
+Dschingis-Chan sind wie ein Wirbelwind über die Erde dahingejagt und
+haben die Welt mit dem Schwerte zu erobern gesucht. Aber auch sie
+drückten, wenn auch unbewußt, denselben gewaltigen Drang der Menschheit
+nach dem Weltreich aus. Hättest Du das Reich und den Purpur Cäsars
+damals angenommen, so würdest Du das Weltenreich gegründet und der Welt
+ewigen Frieden gegeben haben. Wer soll denn über die Menschen herrschen,
+wenn nicht der, der ihr Gewissen unterjocht und in dessen Hand das Brot
+ist? Wir nun haben uns mit dem Schwerte Cäsars gegürtet und Dich damit
+für alle Zeiten besiegt und sind =ihm= nachgefolgt. O gewiß, es werden
+noch Jahrhunderte des Mißbrauchs der menschlichen Geisteskraft kommen,
+Jahrhunderte der Wissenschaft und Menschenfresserei -- denn wenn sie
+ihren babylonischen Turm ohne uns zu Ende führen wollen, werden sie bei
+der Menschenfresserei aufhören. Dann aber wird das Tier zu uns gekrochen
+kommen und uns die Füße lecken und mit blutigen Tränen netzen. Und wir
+werden uns auf das Tier setzen und den Kelch hochheben, und auf diesem
+wird geschrieben stehen: Geheimnis. Aber dann erst und nicht früher wird
+für die Menschen das Reich des Friedens und des Glückes gekommen sein.
+Du bist stolz auf Deine Auserwählten, denn Du hast nur Auserwählte, wir
+aber werden allen Menschen Ruhe und Frieden bringen. Doch das ist noch
+nicht alles, vergiß nicht: gar viele von den Auserwählten, von den
+Starken, die da Auserwählte hätten werden können, sind des Wartens auf
+Dein Kommen müde geworden und haben die Kraft ihres Geistes und die Glut
+ihres Herzens in ein fremdes Land gebracht und auf einen fremden Acker
+getragen und tragen es noch immer dorthin, so daß sie schließlich gegen
+Dich die Fahne der Freiheit, die Du selbst einst aufgerichtet hattest,
+aufpflanzen werden. Bei uns aber werden alle glücklich sein, alle ohne
+Unterschied, und es wird keine Empörung mehr unter den Menschen
+herrschen, und sie werden sich nicht mehr gegenseitig das Schwert in den
+Leib stoßen, wie sie es in Deinem freien Reiche immer getan haben. Wir
+werden sie davon überzeugen, daß sie nur dann frei sein können, wenn sie
+sich von ihrer Freiheit zu unseren Gunsten lossagen und uns sich
+ergeben. Werden wir recht damit tun oder werden wir lügen? Die Menschen
+selber werden davon überzeugt sein, daß wir recht haben; denn sie werden
+es nie vergessen, zu welchen Schrecknissen der Knechtschaft und
+Erniedrigung Deine Freiheit sie geführt hat. Die Freiheit, der freie
+Geist, die freie Wissenschaft werden sie vor solche Abgründe bringen und
+vor solche Wunder und unenthüllbare Geheimnisse stellen, daß die einen,
+die Unruhigen und Unbändigen, sich das Leben nehmen, daß die anderen,
+die wohl unruhig, aber schwach sind, sich gegenseitig töten werden; die
+übrigen aber, die Demütigen und Unglücklichen, die werden zu uns
+gekrochen kommen und zu uns reden: Ja, ihr hattet recht, ihr allein seid
+die Herren des Geheimnisses, und wir kehren zu euch zurück; rettet uns
+vor uns selber! Da sie aus unseren Händen das Brot empfangen, werden sie
+natürlich sehr gut wissen, daß wir nur ihr mit eigenen Händen erworbenes
+Brot genommen haben und jetzt unter sie verteilen, ohne jedes Wunder.
+Sie werden keinen Augenblick darüber im Zweifel sein, daß wir durchaus
+nicht Steine in Brot verwandelt haben. Aber wahrlich mehr noch als über
+diese Brote werden sie sich darüber freuen, daß sie es aus unseren
+Händen haben. Denn nur zu gut werden sie sich dessen erinnern, daß
+früher, ohne uns, in ihren Händen das Brot sich in Steine verwandelt
+hatte, daß jetzt aber, da sie zu uns zurückgekehrt sind, die Steine zu
+Broten würden. Zu gut werden sie es zu würdigen wissen, zu gut, sage
+ich, was es heißt, sich für immer zu unterwerfen. Denn solange die
+Menschen das nicht begreifen, werden sie unglücklich sein. Wer vor allen
+aber hat sie dazu befähigt, das nicht zu begreifen? Wer hat die Herde
+zerstückt und auf unbekannten Wegen zerstreut? Antworte! Doch die Herde
+wird sich von neuem sammeln und von neuem beruhigen und von da an für
+immer. Wir werden ihnen das stille Glück, den Frieden der schwächlichen
+Menschen geben, zu dem sie auch geschaffen sind; wir werden sie davon
+überzeugen, daß Stolz und Übermut zu nichts taugen, denn Du hast sie
+über sich selber gehoben und sie also den Hochmut gelehrt; wir werden
+ihnen beweisen, daß sie Schwächlinge, daß sie kleine klagende Kinder
+seien, daß aber kein Glück so süß sei wie eben das Glück der Kinder. Sie
+werden zaghaft werden und zu uns hinaufblicken und sich an uns schmiegen
+in ihrer Furcht wie die Küchlein an die Henne. Und sie werden uns
+anstaunen und Angst haben vor uns und doch stolz darauf sein, daß wir so
+mächtig und so klug seien und daß wir es verstanden haben, die
+aufrührerische Herde zu bändigen. Sie werden ohnmächtig vor unserem Zorn
+zittern, ihr Geist wird zaghaft werden, und ihre Augen werden sich mit
+Tränen füllen wie die Augen der Kinder und Weiber; aber leicht werden
+sie auf einen Wink von uns zur Heiterkeit und zum Lachen übergehen, zu
+heller Freude und glückseligen Kinderliedern. Gewiß, auch wir werden sie
+zur Arbeit anhalten; aber in den arbeitsfreien Stunden werden wir ihnen
+das Leben wie ein Kinderspiel gestalten, mit Kinderliedern, Kinderchören
+und unschuldigen Tänzen. Wir werden sie von ihren Sünden lossprechen,
+denn sie sind schwach und erbärmlich, und sie werden uns lieben wie
+Kinder dafür, daß wir ihnen die Sünde erlauben. Wir werden ihnen sagen,
+daß jede Sünde ihnen abgekauft wird, wenn sie mit unserer Erlaubnis
+geschah, und wir werden ihnen darum zu sündigen erlauben, weil wir sie
+lieben; die Strafe aber für ihre Sünden werden wir auf uns nehmen. So
+wird es sein. Wir werden selber die Sünde tragen, und sie werden uns
+verehren als ihre Wohltäter, weil wir vor Gott ihre Sünden auf uns
+nehmen. Sie werden kein Geheimnis vor uns haben, wir werden ihnen bald
+erlauben, bald verbieten, mit ihren Frauen oder Geliebten zu leben,
+Kinder zu haben oder nicht; es wird alles von ihrem Gehorsam abhängen,
+und sie werden sich unserem Willen mit Freude und Entzücken ergeben.
+Auch die quälendsten Geheimnisse ihres Gewissens -- alles, alles werden
+sie uns bringen, und wir werden sie davon befreien, und sie werden
+unserer Entscheidung frohen Herzens glauben, weil diese sie von dem
+großen Kummer und der Qual der persönlichen unfreien Entscheidung
+entbunden hat. Alle werden sie glücklich sein, alle diese Millionen von
+Untertanen, alle mit Ausnahme von den Hunderttausenden, die über sie
+herrschen; denn wir, wir, die wir das Geheimnis bewahren, wir allein
+werden unglücklich sein. Es wird tausend Millionen glückliche Kinder
+geben und hunderttausend Märtyrer, die da auf sich genommen haben die
+verfluchte Erkenntnis des Guten und Bösen. In Frieden werden sie
+sterben, stille verlöschen, mit Deinem Namen auf den Lippen, und
+jenseits des Grabes nur den Tod finden. Wir aber werden das Geheimnis
+hüten und zu ihrem Heil sie locken zu himmlischer ewiger Belohnung. Denn
+selbst, wenn es dort oben etwas wie Belohnung gäbe, so wäre es doch
+nicht für solche wie sie. Es heißt und wurde verkündet, daß Du
+wiederkommen und von neuem siegen, daß Du mit deinen Auserwählten, mit
+den Stolzen und Starken kommen wirst. Nun, so werden wir erklären, daß
+sie sich selber, wir aber alle erlöst haben. Es heißt, daß die Buhlerin,
+die auf dem Tiere sitzt und in ihren Händen das Geheimnis hält,
+beschimpft werden wird, daß von neuem die Schwächlinge sich empören
+werden, daß sie den Purpur zerreißen und den schamlosen Körper des
+Weibes entblößen werden -- dann aber werde ich mich erheben und Dir die
+tausend Millionen glücklicher Kinder zeigen, die nichts von Sünde
+wissen. Und wir, die wir die Sünde zu deren Glück auf uns genommen
+haben, wir werden uns vor Dir erheben und sagen: Richte uns, wenn Du es
+kannst und wagst! Wisse, daß ich Dich nicht fürchte, wisse, daß auch ich
+in der Wüste gelebt habe und mich dort von Heuschrecken und Wurzeln
+genährt habe, daß auch ich die Freiheit gesegnet habe, mit der Du die
+Menschen gesegnet hast, daß auch ich mich vorbereitet hatte, unter die
+Auserwählten zu treten, unter die Stolzen und Starken, dürstend, daß die
+Zahl voll werde! Doch ich bin erwacht und wollte Dir nicht mehr mit dem
+Wahnsinn dienen, ich bin umgekehrt und habe mich der Schar derer
+angeschlossen, die Deine Tat verbessern wollten. Ich bin aus der Reihe
+der Stolzen ausgeschieden und bin zurückgekehrt zu denen, die sich
+gedemütigt haben zum Heile der Sterblichen. -- Das, was ich zu Dir
+gesprochen habe, wird sein, und unser Reich wird gegründet werden. Ich
+wiederhole Dir: morgen wirst Du selber die gehorsame Schar sehen, die
+auf den ersten Wink meiner Hand sich zum Scheiterhaufen stürzen wird, um
+die Kohlen zu schüren, auf welchen Du dafür brennen sollst, daß Du
+gekommen bist, uns zu stören; denn wenn jemand lebt, der mehr als alle
+Ketzer unseren Scheiterhaufen verdient, so bist Du es. Morgen werde ich
+Dich verbrennen.'
+
+ * * * * *
+
+Da der Inquisitor seine Rede beendet hat, wartet er, daß der Gefangene
+ihm antworte, denn daß dieser schweigt, bedrückt ihn. Er sieht, wie der
+Gefangene ihm die ganze Zeit über aufmerksam zuhört und ihm dabei gerade
+ins Auge sieht, ohne daß Er auch nur im geringsten den Wunsch verriete,
+ihm zu erwidern. Der Greis möchte, daß Er ihm ein Wort nur sagte, ein
+stolzes meinetwegen, ein furchtbares. Doch Er steht plötzlich auf, tritt
+an den Greis heran und küßt ihn sanft auf dessen blutlose Lippen. Das
+war seine Antwort. Der Greis erbebt. Seine Mundwinkel bewegen sich. Er
+geht zur Tür, öffnet sie und spricht zu Ihm: 'Gehe hinaus und kehre
+nicht wieder -- kehre nie wieder -- nie, nie!' Er läßt Ihn hinaus auf
+die 'dunklen schweigenden Plätze' der Stadt. Der Gefangene geht hinaus.
+
+
+
+
+Note
+
+
+Auf seiner ersten Reise nach dem Westen kam Dostojewski auch nach Rom,
+wo ihn weder das Altertum noch das sich bildende _terzo regno_, sondern
+einzig und allein die Peterskirche und der Vatikan interessierten. In
+einem Briefe an seinen Bruder berichtet er davon. Auf diesen ihn tief
+erschütternden Eindruck mag der Großinquisitor historisch zurückgeführt
+werden. Im wesentlichen ist der Großinquisitor jedoch die ganze
+Dichtung, der große Gedanke Dostojewskis, in eine Parabel gebracht: der
+Kampf der mechanischen Welt, als deren sublimster Ausdruck Dostojewski
+der Katholizismus erscheint, gegen den Geist, gegen Christus.
+
+Alle großen Christen der neueren Zeit, Pascal, Goethe, William Blake,
+Kierkegaard haben wie Dostojewski gefühlt; was den russischen Dichter
+jedoch unterscheidet, ist, daß in dem Kampf, wie er ihn sieht, beide
+recht haben: der Kardinal-Großinquisitor und Christus, und nicht nur
+Christus allein wie bei Pascal, bei Goethe, bei Kierkegaard. Dostojewski
+löst, vielmehr setzt den Konflikt nicht als Fanatiker, als Theologe oder
+Räsoneur, nicht als Rechtender und Klagender, sondern als Dramatiker,
+das heißt: er legt ihn in die Seele des Dichters der Erzählung selber,
+in die tiefe, leidende, verzweifelnde Seele Iwan Karamasoffs. Und das
+ist das Russische, das Neue, das Übereuropäische an dieser unsterblichen
+Erzählung, die sicherlich den großen Gedanken des Christentums noch
+einmal denkt wie keine andere im 19. Jahrhundert.
+
+R. K.
+
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Der Großinquisitor, by F. M. Dostojewski
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER GROßINQUISITOR ***
+
+***** This file should be named 38336-0.txt or 38336-0.zip *****
+This and all associated files of various formats will be found in:
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+
+Produced by Norbert H. Langkau, Jana Srna and the Online
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+
+Updated editions will replace the previous one--the old editions
+will be renamed.
+
+Creating the works from public domain print editions means that no
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+If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a Project
+Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound by the
+terms of this agreement, you may obtain a refund from the person or
+entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph 1.E.8.
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+1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be
+used on or associated in any way with an electronic work by people who
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+things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
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+paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project
+Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement
+and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic
+works. See paragraph 1.E below.
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+1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation"
+or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
+Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the
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+what you can do with this work. Copyright laws in most countries are in
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+States.
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+with this eBook or online at www.gutenberg.org
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+from the public domain (does not contain a notice indicating that it is
+posted with permission of the copyright holder), the work can be copied
+and distributed to anyone in the United States without paying any fees
+or charges. If you are redistributing or providing access to a work
+with the phrase "Project Gutenberg" associated with or appearing on the
+work, you must comply either with the requirements of paragraphs 1.E.1
+through 1.E.7 or obtain permission for the use of the work and the
+Project Gutenberg-tm trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or
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+
+1.E.3. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is posted
+with the permission of the copyright holder, your use and distribution
+must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any additional
+terms imposed by the copyright holder. Additional terms will be linked
+to the Project Gutenberg-tm License for all works posted with the
+permission of the copyright holder found at the beginning of this work.
+
+1.E.4. Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg-tm
+License terms from this work, or any files containing a part of this
+work or any other work associated with Project Gutenberg-tm.
+
+1.E.5. Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this
+electronic work, or any part of this electronic work, without
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+Gutenberg-tm License.
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+1.E.6. You may convert to and distribute this work in any binary,
+compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including any
+word processing or hypertext form. However, if you provide access to or
+distribute copies of a Project Gutenberg-tm work in a format other than
+"Plain Vanilla ASCII" or other format used in the official version
+posted on the official Project Gutenberg-tm web site (www.gutenberg.org),
+you must, at no additional cost, fee or expense to the user, provide a
+copy, a means of exporting a copy, or a means of obtaining a copy upon
+request, of the work in its original "Plain Vanilla ASCII" or other
+form. Any alternate format must include the full Project Gutenberg-tm
+License as specified in paragraph 1.E.1.
+
+1.E.7. Do not charge a fee for access to, viewing, displaying,
+performing, copying or distributing any Project Gutenberg-tm works
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+
+1.E.8. You may charge a reasonable fee for copies of or providing
+access to or distributing Project Gutenberg-tm electronic works provided
+that
+
+- You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from
+ the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method
+ you already use to calculate your applicable taxes. The fee is
+ owed to the owner of the Project Gutenberg-tm trademark, but he
+ has agreed to donate royalties under this paragraph to the
+ Project Gutenberg Literary Archive Foundation. Royalty payments
+ must be paid within 60 days following each date on which you
+ prepare (or are legally required to prepare) your periodic tax
+ returns. Royalty payments should be clearly marked as such and
+ sent to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation at the
+ address specified in Section 4, "Information about donations to
+ the Project Gutenberg Literary Archive Foundation."
+
+- You provide a full refund of any money paid by a user who notifies
+ you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he
+ does not agree to the terms of the full Project Gutenberg-tm
+ License. You must require such a user to return or
+ destroy all copies of the works possessed in a physical medium
+ and discontinue all use of and all access to other copies of
+ Project Gutenberg-tm works.
+
+- You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of any
+ money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
+ electronic work is discovered and reported to you within 90 days
+ of receipt of the work.
+
+- You comply with all other terms of this agreement for free
+ distribution of Project Gutenberg-tm works.
+
+1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project Gutenberg-tm
+electronic work or group of works on different terms than are set
+forth in this agreement, you must obtain permission in writing from
+both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael
+Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark. Contact the
+Foundation as set forth in Section 3 below.
+
+1.F.
+
+1.F.1. Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable
+effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
+public domain works in creating the Project Gutenberg-tm
+collection. Despite these efforts, Project Gutenberg-tm electronic
+works, and the medium on which they may be stored, may contain
+"Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate or
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+of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project
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+LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE
+PROVIDED IN PARAGRAPH F3. YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE
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+LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR
+INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH
+DAMAGE.
+
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+defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can
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+providing it to you may choose to give you a second opportunity to
+receive the work electronically in lieu of a refund. If the second copy
+is also defective, you may demand a refund in writing without further
+opportunities to fix the problem.
+
+1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth
+in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS' WITH NO OTHER
+WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO
+WARRANTIES OF MERCHANTIBILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.
+
+1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied
+warranties or the exclusion or limitation of certain types of damages.
+If any disclaimer or limitation set forth in this agreement violates the
+law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be
+interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by
+the applicable state law. The invalidity or unenforceability of any
+provision of this agreement shall not void the remaining provisions.
+
+1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
+trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
+providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in accordance
+with this agreement, and any volunteers associated with the production,
+promotion and distribution of Project Gutenberg-tm electronic works,
+harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees,
+that arise directly or indirectly from any of the following which you do
+or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
+work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
+Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.
+
+
+Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need, are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at http://pglaf.org
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit http://pglaf.org
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including checks, online payments and credit card donations.
+To donate, please visit: http://pglaf.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
+
+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
+
+ http://www.gutenberg.org
+
+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
+subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
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+<pre>
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+The Project Gutenberg EBook of Der Großinquisitor, by F. M. Dostojewski
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+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Der Großinquisitor
+
+Author: F. M. Dostojewski
+
+Translator: Rudolf Kassner
+
+Release Date: December 18, 2011 [EBook #38336]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: UTF-8
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER GROßINQUISITOR ***
+
+
+
+
+Produced by Norbert H. Langkau, Jana Srna and the Online
+Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net
+
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+
+
+</pre>
+
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+
+<div id="tnote">
+<p class="center"><b>Anmerkung zur Transkription:</b></p>
+<p>Schreibweise und Interpunktion des Originaltextes wurden
+ohne Änderungen übernommen.</p>
+</div>
+
+<div class="figcenter page-break" style="width: 349px;">
+<img id="coverpage" src="images/cover.jpg" width="347" height="600" alt=""/>
+</div>
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+<div class="figright page-break" style="width: 100px;">
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+
+<p class="center page-break" style="font-size: large;">F.&nbsp;M. Dostojewski</p>
+
+<hr/>
+
+<h1>Der<br/>
+Großinquisitor</h1>
+
+<p class="center">Übertragen von Rudolf Kassner</p>
+
+<hr/>
+
+<p class="center" style="font-size: large;">Im Insel-Verlag zu Leipzig</p>
+
+<p class="drop-cap page-break">In<a class="pagenum" name="Page_5" title="5"> </a> seiner unermeßlichen Barmherzigkeit zeigt Er sich
+noch einmal den Menschen in derselben Gestalt,
+in welcher Er vor fünfzehn Jahrhunderten drei Jahre
+lang unter ihnen gewandelt ist. Er läßt sich herab auf
+die ›brennenden Plätze‹ der südlichen Stadt, in der
+noch am Vorabend in Gegenwart des Königs, des gesamten
+Hofstaates, der Ritterschaft, der Kardinäle und
+entzückender Frauen vor der ganzen Einwohnerschaft
+Sevillas durch den Kardinal-Großinquisitor nicht weniger
+als ein volles Hundert Ketzer auf einmal <span class="antiqua">ad majorem
+dei gloriam</span> verbrannt worden war.</p>
+
+<p>Leise und unauffällig erscheint Er unter den Menschen,
+und siehe, es erkennen Ihn alle. Das Volk drängt
+sich an Ihn heran mit unbezwinglicher Gewalt. Es
+umgibt Ihn, wächst um Ihn und folgt Ihm. Schweigend
+schreitet Er unter ihnen, mit dem stillen Lächeln
+unendlichen Mitleids auf den Lippen. Die Sonne der
+Liebe brennt in seinem Herzen, Strahlen des Lichtes,
+der Erleuchtung und Kraft strömen aus seinen Augen
+und gießen sich über die Menge und wecken die Herzen
+der Menschen. Er streckt ihnen seine Hand entgegen
+und segnet sie, und aus der Berührung mit seinem Körper,
+ja schon aus seinem Gewande fließt heilende Kraft.
+Ein Greis, der seit der Kindheit blind war, ruft aus der
+Schar: ›Herr, heile mich, damit ich Dich erkenne!‹
+Und siehe, von seinen Augen fällt es wie Schuppen,
+<a class="pagenum" name="Page_6" title="6"> </a>
+und der Blinde sieht. In den Augen der Menschen
+sind Tränen, das Volk küßt die Erde, über die Er hinwandelt,
+die Kinder werfen Blumen vor seine Schritte,
+singen Lieder und rufen Hosianna. ›Er ist es, Er,‹
+wiederholen alle, ›Er muß es sein und kein anderer.‹
+So kommt Er vor das Tor der Kathedrale, wo Menschen
+unter Heulen und Wehklagen einen weißen offenen
+Kindersarg tragen, darin ein siebenjähriges Mädchen
+liegt, die einzige Tochter eines angesehenen Bürgers der
+Stadt. Das tote Kind liegt da, ganz in Blumen gebettet.
+›Er wird dein Kind auferwecken vom Tode‹,
+rufen Stimmen der weinenden Mutter zu. Aus der
+Kathedrale tritt dem Sarge ein Priester entgegen, er
+vermag nicht gleich zu fassen, was hier geschieht, und
+runzelt die Stirne. Da hört er ein Aufschluchzen: es ist
+die Mutter des toten Mädchens, sie wirft sich zu seinen
+Füßen nieder und hebt ihre Hand zu Ihm auf und ruft
+aus: ›Wenn Du es bist, dann wecke mein Kind vom
+Tode auf!‹ Die Prozession bleibt stehen, der Sarg wird
+vor Ihm auf den Boden gelassen. Er sieht auf ihn hernieder
+voll Rührung, und sein Mund spricht noch
+einmal: ›<span class="antiqua">Talifa kumi.</span>‹ Und das Mädchen erhebt sich
+im Sarge, setzt sich auf und blickt im Kreise um sich
+mit erstaunten offenen Augen. In den Händen hält es
+das Sträußlein weißer Rosen, mit dem es im Sarge
+gelegen hat. Das Volk ist bewegt, Stimmen, Schreie,
+<a class="pagenum" name="Page_7" title="7"> </a>
+Schluchzen. In diesem Augenblicke geht an der Kathedrale
+über den Platz der Kardinal vorbei, der Großinquisitor,
+ein Greis von bald neunzig Jahren, hoch
+und aufrecht, mit vertrocknetem Gesicht und tiefliegenden
+Augen, in welchen noch verborgen das Feuer glüht.
+Heute ist er nicht in den Prunkgewändern, in denen er
+sich gestern dem Volke gezeigt hatte, da er die Feinde
+des römischen Glaubens verbrannte &ndash; nein, heute trägt
+er die alte grobe Mönchskutte. Ihm folgen in gemessener
+Entfernung seine düsteren Gehilfen und Knechte, die
+›heiligen‹ Wächter. Er bleibt vor der Menge stehen
+und sieht zu, was geschieht. Er hat alles gesehen; er
+hat gesehen, wie sie den Sarg vor Ihn hingestellt haben,
+er hat gesehen, wie sich das Mädchen im Sarge erhoben
+hat, und über sein Gesicht legt sich ein dunkler
+Schatten. Er zieht seine dichten, grauen Brauen zusammen,
+und sein Blick leuchtet auf in Bosheit. Indem
+er auf Ihn mit dem Finger weist, heißt er die
+Wächter Ihn ergreifen. Und so groß ist seine Gewalt,
+und so gehorsam und ergeben ist ihm das Volk, daß
+die Menge den Wächtern Platz macht und diese unter
+aller tiefem plötzlichem Schweigen Hand an Ihn legen
+und Ihn fortführen. Die Volksmenge ist wie <em class="gesperrt">ein</em>
+Mann, und die Köpfe neigen sich vor dem greisen Inquisitor
+zu Boden; er segnet schweigend die Menschen
+und setzt seinen Weg fort.</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_8" title="8"> </a>Die Wache hat inzwischen den Gefangenen in ein
+enges, dunkles, gewölbtes Verlies im alten Gebäude des
+heiligen Tribunals geführt und hinter Ihm die Tür
+geschlossen. Der Tag vergeht, die Nacht bricht herein,
+die dunkle, glühende, atemlose Nacht Sevillas. Die
+Luft ist voll vom Duft des Lorbeers und der Zitronenblüte.
+Um Mitternacht öffnet sich das eiserne Tor des
+Gefängnisses, und der Großinquisitor tritt leisen Schrittes
+herein, in der Hand hält er ein Licht. Er ist allein,
+hinter ihm schließt sich das Tor.</p>
+
+<p>Er bleibt am Eingange stehen und sieht Ihm lange,
+ein bis zwei Minuten lang, ins Gesicht. Dann tritt
+er näher heran, stellt den Leuchter auf den Tisch und
+spricht zu Ihm: ›Bist Du es?‹</p>
+
+<p>Da er keine Antwort erhält, fügt er schnell hinzu:
+›Antworte nicht, schweige! Was kannst Du auch sagen?
+Ich weiß sehr gut, was Du sagen willst; doch Du hast
+kein Recht, auch nur ein Wort zu dem hinzuzufügen,
+was einst von Dir selber gesagt worden ist. Warum bist
+Du gekommen, uns zu stören? Denn dazu bist Du gekommen,
+Du weißt es selber. Weißt Du aber auch, was
+morgen geschehen wird? Ich weiß nicht, wer Du bist,
+ich will auch nicht wissen, ob Du es wirklich bist oder ob
+Du nur seine Gestalt angenommen hast: aber morgen
+werde ich Dich richten und verurteilen und Dich auf dem
+Scheiterhaufen verbrennen als den gefährlichsten aller
+<a class="pagenum" name="Page_9" title="9"> </a>
+Ketzer, und dasselbe Volk, das heute Dir die Füße geküßt
+hat, wird sich morgen auf einen Wink von meiner
+Hand hin zum Scheiterhaufen stürzen, um dort die
+Kohlen zu schüren, weißt Du das? Es ist möglich, daß
+Du es weißt‹, fügte er hinzu, ohne auch nur eine Sekunde
+den Blick von dem Gefangenen zu lassen.«&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p>»Ich verstehe nicht, Iwan, was das heißen soll«,
+unterbrach ihn lächelnd Aljoscha, der die ganze Zeit
+schweigend zugehört hatte. »Ist das Ganze nur die
+uferlose Phantasie oder eine Verwirrung im Kopfe des
+Greises, ein unmögliches Quiproquo?«</p>
+
+<p>»Nimm das letzte an,« lachte Iwan, »wenn dich
+der zeitgenössische Realismus schon so verdorben hat,
+daß du etwas Phantastisches nicht mehr vertragen kannst!
+Wenn es ein Quiproquo sein soll, meinetwegen. Es
+ist wahr, der Greis zählt neunzig Jahre und hat somit
+Zeit gehabt, den Verstand zu verlieren über seiner
+Idee; zudem konnte ihn der Gefangene auch durch sein
+Äußeres aus der Fassung bringen. Vielleicht aber ist
+es nur der Wahn, das Fiebergesicht eines neunzigjährigen
+Greises vor dem Tode, das Gehirn hat sich vom
+Autodafé der hundert verbrannten Ketzer erhitzt. Ist es
+aber nicht ganz gleichgültig, was es ist, ob ein Quiproquo
+oder eine uferlose Phantasie? Es handelt
+sich hier doch nur darum, daß der Greis sich ausspricht,
+daß er endlich einmal nach neunzig Jahren
+<a class="pagenum" name="Page_10" title="10"> </a>
+davon laut redet, worüber er neunzig Jahre lang geschwiegen
+hat.«</p>
+
+<p>»Und der Gefangene schweigt, er sieht ihn an und
+sagt kein Wort?«</p>
+
+<p>»Unbedingt, auf alle Fälle«, lachte Iwan. »Der
+Greis hat Ihn doch selber darauf aufmerksam gemacht,
+daß Er gar nicht einmal das Recht habe, etwas zu dem
+hinzuzufügen, was von Ihm schon gesagt worden ist.
+Wenn du willst, kannst du darin den Grundzug des
+römischen Katholizismus erblicken, nach meiner Meinung
+wenigstens: ›Alles wurde von Dir einst dem Papste
+übergeben und alles ist jetzt beim Papst, tue Du uns nur
+den einen Gefallen, nicht wiederzukommen und uns zu
+stören in der Zeit! In diesem Sinne reden sie nicht
+nur, sondern schreiben sie auch, die Jesuiten wenigstens.
+Ich selbst habe es so bei ihren Gelehrten gelesen. Hast
+Du das Recht, auch nur ein einziges von den Geheimnissen
+jener Welt aufzudecken, aus der Du zu uns herniedergestiegen
+bist?‹ fragt ihn mein Greis, und er selber
+gibt sich die Antwort: ›Nein, Du hast nicht das Recht;
+denn sonst müßtest Du etwas zu dem noch hinzufügen,
+was von Dir gesagt worden war, und den Menschen
+die Freiheit nehmen, für die Du einst, da Du auf Erden
+warst, mit solcher Überzeugung eingetreten bist. Alles,
+was Du von neuem verkünden könntest, würde somit
+einen Eingriff in die Glaubensfreiheit der Menschen
+<a class="pagenum" name="Page_11" title="11"> </a>
+bedeuten, denn es würde uns wie ein Wunder vorkommen;
+aber die Freiheit des Glaubens galt Dir damals
+mehr als jedes andere Gut, damals, vor anderthalbtausend
+Jahren. Kam das Wort nicht immer wieder
+aus Deinem Munde: Ich will euch frei machen? Nun,
+jetzt hast Du sie gesehen, die freien Menschen!‹ ›Ja,
+das Werk hat uns viel gekostet,‹ fügte er gleich hinzu,
+indem er Ihn streng anblickt, ›aber wir haben es zu
+Ende geführt, endlich, in Deinem Namen. Fünfzehn
+Jahrhunderte lang haben wir uns mit dieser Freiheit
+geplagt, aber jetzt sind wir damit fertig, fertig für alle
+Zeiten. Glaubst Du nicht, daß wir damit fertig geworden
+sind für alle Zeiten? Du siehst mich mit Deinen sanften
+Augen an und würdigst mich nicht einmal Deines Zornes.
+So wisse: Jetzt, gerade heute sind die Menschen
+mehr denn je davon überzeugt, sie wären frei, ganz frei,
+frei wie nie die Menschheit vor ihnen. In Wahrheit
+aber haben sie selber uns ihre Freiheit gebracht und demütig
+uns vor die Füße gelegt. Das war unser Werk.
+War es diese Freiheit, die Du wünschest?‹«</p>
+
+<p>»Ich verstehe wiederum nicht,« unterbrach ihn Aljoscha:
+»er ironisiert Ihn und macht sich über Ihn lustig.«</p>
+
+<p>»Nicht im geringsten: er rechnet es sich und den
+Seinen durchaus als Verdienst an, daß sie endlich die
+Freiheit niedergerungen haben, und nur darum, um die
+Menschen glücklich zu machen; denn jetzt erst ist es möglich
+<a class="pagenum" name="Page_12" title="12"> </a>
+geworden, an das Glück der Menschen zu denken.
+Der Mensch ist zum Empörer geschaffen: können Empörer
+glücklich sein? ›Du wurdest gewarnt,‹ fährt
+der Greis zu ihm fort, ›es fehlte Dir nicht an Mahnungen
+und Zeichen, aber Du achtetest nicht darauf. Du
+kehrtest Dich ab von dem einzigen Wege, auf dem das
+Heil der Menschen lag, aber zum Glück hast Du uns
+Dein Werk überlassen, da Du von uns schiedest. Du hast
+es uns versprochen, Du hast es mit Deinen eigenen
+Worten bekräftigt, Du hast uns das Recht gegeben zu
+binden und zu lösen, darum darf Dir jetzt auch nicht
+einmal der Gedanke kommen, uns dieses Recht zu nehmen.
+Warum willst Du uns also stören?‹«</p>
+
+<p>»Was heißt das: es hat Dir nicht an Mahnungen
+und Zeichen gefehlt?« fragte Aljoscha.</p>
+
+<p>»Gerade darüber mußte sich der Greis aussprechen,
+denn darauf kommt alles an. ›Der furchtbare und kluge
+Geist, der Geist der Selbstvernichtung und des Nichtseins,‹
+fuhr der Greis fort, ›der große Geist redete zu Dir
+in der Wüste, und uns ist in den Büchern überliefert,
+daß er Dich dort versuchte. Ist das so richtig? Ist irgendwo,
+frage ich, mehr Wahrheit enthalten als in den drei
+Fragen, die er Dir stellte und die Du verwarfst und die
+in den heiligen Büchern Deine Versuchung genannt
+werden? Wenn jemals auf Erden ein vollkommenes,
+ein wirkliches, ein die Erde in ihren Grundfesten erschütterndes
+<a class="pagenum" name="Page_13" title="13"> </a>
+Wunder geschehen ist, so ward es an
+jenem Tage, am Tage der drei Versuchungen. Und
+nur darin, daß diese Fragen gestellt worden sind, liegt
+das Wunder. Denken wir uns, diese drei Fragen des
+furchtbaren Geistes wären ohne eine Spur aus den heiligen
+Büchern verschwunden und müßten wieder dort
+eingesetzt, von neuem ausgedacht und verfaßt werden,
+damit sie wieder in den Büchern wären, denken wir uns,
+alle Weisen der Erde, die Rechtsgelehrten, die Theologen,
+die Philosophen und die Dichter würden zusammengerufen,
+und ihnen sollte die Aufgabe gestellt werden:
+Sinnet drei Fragen aus, welche nicht nur der ungeheuren
+Tatsache eines versuchten Gottes entsprechen, sondern
+außerdem in drei Worten, in drei menschlichen
+Sätzen die ganze zukünftige Geschichte der Erde und der
+Menschheit enthalten &ndash; glaubst Du wirklich, die ganze
+vereinigte Gelehrsamkeit der Erde vermöchte etwas zu
+ersinnen, was an Kraft und Tiefe sich jenen drei Fragen
+vergleichen ließe, die Dir damals in der Wüste von
+dem mächtigen und klugen Geiste gestellt worden sind?
+Schon daran, daß sie überhaupt gestellt wurden, erkennst
+Du, daß Du es hier nicht mit einem menschlichen,
+fließenden, sondern mit dem ewigen, dauernden Geiste
+zu tun hast; denn in diesen drei Fragen liegt wie im
+Schoße die ganze weitere Geschichte der Menschheit,
+die Zukunft ist darin vorausgesagt, und in drei Bildern
+<a class="pagenum" name="Page_14" title="14"> </a>
+vermagst Du alle unlösbaren Widersprüche der menschlichen
+Natur zu erkennen. Damals konnte es noch nicht
+offenbar sein, denn die Zukunft lag noch verborgen; aber
+heute, nach fünfzehn Jahrhunderten, ist es ersichtlich,
+daß in den drei Fragen alles also recht geraten und vorausgesagt
+ward und sich bewahrheitet hatte, so daß wir
+weder etwas hinzuzufügen noch wegzunehmen haben.
+Entscheide selber, wer damals recht hatte, Du oder der
+Dich fragte! Erinnere Dich der ersten Frage! Sie lautete
+nicht buchstäblich, doch wohl dem Geiste nach also: Du
+willst unter die Menschen treten und gehst zu ihnen
+mit leeren Händen, Du gehst zu ihnen mit einem Versprechen
+von einer Freiheit, die sie in ihrer Einfalt und
+angeborenen Stumpfheit nicht zu fassen vermögen, ja,
+vor der sie Furcht haben &ndash; denn es hat niemals für
+den einzelnen Menschen sowohl wie für das ganze
+Menschengeschlecht etwas gegeben, das diese weniger zu
+ertragen fähig waren als eben die Freiheit. Sieh die
+Steine zu Deinen Füßen ringsum in der nackten und
+glühenden Wüste: verwandle sie in Brot, und die
+Menschheit wird Dir folgen wie dem Hirten die Herde,
+dankbar und gehorsam, wenn auch ewig davor zitternd,
+Du könntest Deine Hand von ihr nehmen und ihr Dein
+Brot entziehen! Aber Du wolltest den Menschen nicht
+der Freiheit berauben, und darum verwarfst Du, was
+Dir geboten worden war. Denn wo ist da Freiheit,
+<a class="pagenum" name="Page_15" title="15"> </a>
+schlossest Du, wenn der Gehorsam mit Broten erkauft
+wird? Deine Antwort war, daß der Mensch nicht
+allein vom Brote lebe. Weißt Du aber auch, daß im
+Namen gerade dieses irdischen Brotes der Geist der
+Erde sich gegen Dich erheben, sich mit Dir messen und
+Dich besiegen wird, und daß alle Menschen ihm nachfolgen
+und ausrufen werden: Wer gleicht diesem Tiere,
+so uns das Feuer vom Himmel gebracht hat?! Weißt
+Du auch, daß die Zeiten nicht ausbleiben werden, da den
+Menschen durch den Mund der Weisen verkündet
+werden wird: Es gibt keine Verbrechen, es gibt auch keine
+Sünde, es gibt nur Menschen, die hungern? Mache
+sie zuerst satt, und dann verlange von ihnen die Tugend:
+das werden sie auf die Fahne schreiben, mit der sie gegen
+Dich in den Kampf gehen und in Deinen Tempel eindringen
+werden. Und an Stelle dieses Deines Tempels
+wird sich ein neues Gebäude, wird sich zum zweiten
+Male jener grauenhafte Turm von Babel erheben.
+Und wenn auch dieser neue genau so wie jener erste nicht
+zu Ende gebaut werden wird: Du hättest es dazu gar
+nicht kommen lassen sollen, Du hättest die Leiden der
+Menschheit um tausend Jahre abkürzen können &ndash; denn
+siehst Du, jetzt werden sie zu uns kommen, jetzt, nachdem
+sie sich tausend Jahre mit ihrem Turm gequält haben.
+Sie werden uns abermals unter der Erde suchen, sie
+werden uns aus den Katakomben holen (denn von neuem
+<a class="pagenum" name="Page_16" title="16"> </a>
+werden wir verfolgt und gemartert werden) und uns,
+da sie uns gefunden, zurufen: Macht uns satt, denn
+die, so uns das Feuer vom Himmel versprochen, waren
+Betrüger! So werden wir, wir ihnen den Turm zu
+Ende bauen; denn der baut ihn auf, der die Menschen
+satt macht, und wir werden sie satt machen in Deinem
+Namen &ndash; denn so wollen wir es dann sagen und lügen,
+daß es in Deinem Namen geschehe. Niemals, zu keiner
+Zeit werden sie ohne uns den Hunger stillen. Nie wird
+ihnen eine Wissenschaft das Brot geben, solange sie
+frei bleiben, und das Ende wird sein, daß sie uns ihre
+Freiheit zu Füßen legen und zu uns reden werden: Macht
+uns, wenn es nicht anders geht, zu euren Knechten, aber
+macht uns satt! Sie werden endlich selber einsehen, daß
+die Freiheit und das Brot, beide zusammen, nicht denkbar
+sind, denn niemals werden die Menschen das Brot
+untereinander zu teilen verstehen. Zudem werden sie sich
+davon überzeugen, daß sie auch darum nicht frei sein
+können, weil sie kleinmütig, lasterhaft und nichtig sind
+und voll von Empörung stecken. Du hast ihnen das
+Himmelsbrot versprochen, aber ich wiederhole: kann
+dieses Himmelsbrot sich in den Augen eben dieses
+schwachen, ewig lasterhaften und ewig undankbaren
+Geschlechtes mit dem irdischen vergleichen? Und wenn
+Dir auch im Namen des Himmelsbrotes Tausende und
+Zehntausende folgen, was geschieht aber mit den Millionen
+<a class="pagenum" name="Page_17" title="17"> </a>
+und zehntausend Millionen von Schwachen, die nicht
+die Kraft haben, das irdische Brot von sich zu weisen und
+dafür das himmlische zu nehmen? Sprich, sind Dir vielleicht
+nur die zehntausend Starken und Großen lieb, und
+sollen die Millionen, die zahllos wie der Sand am Meere
+und schwach sind, aber Dich lieben, sollen diese nur Stoff
+sein in der Hand der Großen und Starken? Nein,
+uns sind auch die Schwachen lieb. Freilich sind sie
+Sünder und Empörer, aber schließlich werden sie doch
+den Gehorsam lernen. Und sie werden uns anstaunen
+und darum für Götter halten, weil wir, nunmehr die
+Herren, darin eingewilligt haben, die Freiheit, vor der
+sie zurückgeschreckt sind, auf uns zu nehmen und also
+die Herrschaft zu führen &ndash; so entsetzlich wird es für sie
+geworden sein, frei zu sein. Wir aber werden zu ihnen
+reden, daß wir Dir gehorchen und in Deinem Namen
+herrschen. Wir werden sie abermals betrügen, denn
+Dich werden wir nun nicht mehr zu uns einlassen. In
+diesem Betrug wird auch unser Leiden liegen, denn wir
+werden zur Lüge gezwungen sein. Das war der Sinn
+der ersten Frage und Versuchung in der Wüste. Und
+Du hast sie verworfen im Namen der Freiheit, die Du
+höher stelltest als alle Güter der Erde. Und in dieser
+Frage war das große Geheimnis dieser Welt enthalten.
+Wenn Du die Brote angenommen hättest, so würdest
+Du damit auch eine Antwort gefunden haben auf die
+<a class="pagenum" name="Page_18" title="18"> </a>
+große, leidvolle Frage, die sich der einzelne Mensch nicht
+weniger als die ganze Menschheit ewig stellt, auf die
+Frage: Wen sollen wir anbeten? Es gibt keine Sorge,
+die den freien Menschen so ununterbrochen quälte wie
+diese, das Wesen so schnell es geht zu suchen, vor dem
+er sich in Andacht verneigen könnte; denn der Mensch
+sehnt sich danach, ihn drängt es, das anzubeten, das
+unbedingt und zweifellos ist, damit auf diese Weise alle
+Menschen ohne Unterschied in diese Andacht einwilligten.
+Denn die Sorge dieser erbarmungswürdigen Geschöpfe
+liegt nicht darin, den Gegenstand zu suchen, vor dem
+ich oder ein anderer uns verneigten, sondern eben jenen,
+an den alle glaubten, und vor dem sie dann in die Knie
+sänken, alle, alle zusammen. Siehst Du, dieses Verlangen
+nach gemeinsamer Anbetung peinigt den einzelnen Menschen
+ebenso wie die ganze Menschheit mehr denn
+jedes andere seit dem Beginne der Zeiten. Und darum,
+um der gemeinsamen Anbetung willen, rottet ein
+Volk das andere aus mit dem Schwerte; die Menschen
+schaffen sich Götter und rufen einander zu: Werft
+die euren in den Staub und betet zu den unseren, sonst
+seid ihr und euer Gott des Todes. Und so wird es bis
+zum Ende der Welt sein, auch dann noch, wenn aus
+der Welt die Götter gewichen sind. Die Menschen
+werden dann vor Götzen in die Knie sinken. Du hast
+um dieses Geheimnis der menschlichen Natur gewußt,
+<a class="pagenum" name="Page_19" title="19"> </a>
+Du mußtest darum wissen, aber Du hast das einzige
+Mittel und Zeichen von Dir gewiesen, welches Dir angeboten
+worden war, um die Menschen alle dazu zu
+bringen, sich vor Dir in gemeinsamer Andacht zu verneigen,
+das Zeichen des irdischen Brotes. Und Du hast
+es verworfen im Namen der Freiheit und des himmlischen
+Brotes. Und höre zu, was Du weiter tatest,
+und wiederum im Namen der Freiheit! Ich habe Dir
+gesagt, der Mensch kenne keine quälendere Sorge als
+den ausfindig zu machen, dem er so schnell wie möglich
+jenes kostbare Geschenk der Freiheit zurückgeben könnte,
+mit dem dieses unselige Geschöpf in die Welt gesetzt worden
+ist. Aber nur der bemächtigt sich der Freiheit der
+Menschen, der ihr Gewissen beruhigt. Mit dem Brote
+ward Dir die unbestrittene Macht über die Menschen
+geboten: gibst Du Brot, so werden Dich die Menschen
+anbeten, denn am Brote zweifelt niemand. Wenn aber
+zu gleicher Zeit einer sich ihrer Gewissen bemächtigt,
+ohne daß sie darum wüßten, &ndash; o glaube mir, dann wird
+er auch Dein Brot von sich werfen und dem nachfolgen,
+der sein Gewissen beruhigt. Darin hattest Du recht; denn
+das Geheimnis des Menschenlebens liegt nicht allein
+darin, daß der Mensch lebe, sondern auch in dem Zweck,
+wofür er lebt. Ohne die zwingende, bedeutende Vorstellung
+eines Zweckes, für den er leben dürfe, vermag kein Mensch
+in das Leben selber einzuwilligen, und er wird sich eher
+<a class="pagenum" name="Page_20" title="20"> </a>
+das Leben nehmen, als daß er unter solchen Bedingungen
+auf der Erde verweilte, wenn auch rings um ihn alles
+zu Brot geworden wäre. Das ist die Wahrheit, aber
+was tatest Du? Statt das Gewissen zu beherrschen, hast
+Du es nur noch tiefer gemacht. Oder hast Du vergessen,
+daß Ruhe, daß der Tod selber dem Menschen lieber
+seien als die freie Wahl zwischen Gut und Böse? Gewiß
+ist für ihn nichts so verführerisch wie die Gewissensfreiheit,
+nichts aber peinigt ihn auch mehr. Statt ihm
+nun ein für allemal feste Satzungen zu geben zu seiner
+Gewissensberuhigung, suchst Du alles, was ungewöhnlich,
+rätselhaft und schwankend ist, wählst Du alles, was
+über die Kräfte der Menschen geht, und handelst ganz
+wie einer, der die Menschen nicht liebt, Du, der Du gekommen
+warst, Dein Leben für die Menschen zu lassen!
+Statt also Dich der Freiheit der Menschen zu bemächtigen,
+hast Du deren Grenzen nur erweitert und hast
+die Seele des Menschen für alle Zeiten mit neuem Leid
+überladen. Dein Wunsch war die freie Liebe des Menschen;
+frei sollte er Dir nachfolgen, von Dir gelockt und
+gefangen. Statt sich nach den alten harten Gesetzen zu
+richten, sollte der Mensch von nun an freien Herzens
+vor sich selber entscheiden, was gut und was böse sei,
+mit Deinem Beispiel vor der Seele. Ist Dir damals nie
+der Gedanke gekommen, daß der Mensch Deine Wahrheit
+bestreiten und Dein Beispiel verleugnen wird, wenn
+<a class="pagenum" name="Page_21" title="21"> </a>
+ihn Deine Wahrheit mit einer solchen Last, wie es die
+Wahl zwischen Gut und Böse ist, drücken muß? Die
+Menschen werden es laut verkünden, endlich, daß die
+Wahrheit gar nicht in Dir sei; denn es war nicht möglich,
+sie in ärgerer Qual und Not zu lassen, als Du es
+tatest, da Du ihnen nur Sorge und unauflösbare Rätsel
+auf Erden zurückließest. Auf solche Weise hast Du selber
+den Grund gelegt zur Zerstörung Deines Reiches, gib
+also niemand anderem mehr die Schuld daran! Es
+gibt drei Gewalten, drei, nicht mehr, auf Erden, die
+mächtig sind, für ewig das Gewissen dieser erbärmlichen
+Empörer zu unterjochen und zu knechten, zu ihrem Glück.
+Und diese drei Gewalten sind: das Wunder, das Geheimnis
+und die Autorität. Du hast die eine und die
+andere und auch die dritte von Dir gewiesen und den
+Menschen also ein Beispiel gegeben. Als der furchtbare
+und weise Geist Dich auf die Zinnen des Tempels führte,
+sprach er zu Dir: Wenn Du wissen willst, ob Du der
+Sohn Gottes seist, so stürze Dich von hier herab; denn
+es steht geschrieben, daß Engel Dich auffangen und tragen
+werden und Du nicht fallen noch Deinen Leib zerschmettern
+wirst, und also wirst Du wissen, daß Du Gottes
+Sohn bist, und wirst den Menschen für ewig zeigen,
+wie groß Dein Glaube an den Vater im Himmel ist!
+Du aber, da Du den bösen Geist also hörtest, wiesest
+diesen Antrag von Dir und warfst Dich nicht herab von
+<a class="pagenum" name="Page_22" title="22"> </a>
+den Zinnen des Tempels. O gewiß, in diesem Augenblick
+warst Du stolz und herrlich wie ein Gott, aber sage:
+sind auch die Menschen, dieses schwache Geschlecht von
+Empörern, Götter? Du wußtest damals, daß, so Du nur
+einen Schritt machst, eine einzige Bewegung, um Dich
+herabzustürzen, Du Gott selber in Versuchung führen
+und Deinen Glauben an ihn verlieren und Deine Glieder
+an derselben Erde zerschmettern würdest, die Du zu erlösen
+gekommen warst, und daß also der kluge Geist
+frohlocken würde, da er Dich also verführt hatte. Aber
+ich wiederhole: Gibt es viele so wie Du? Konntest Du
+auch nur den Augenblick lang annehmen, daß eine solche
+Versuchung nicht ganz und gar über die Kraft des
+Menschen ginge? Ist die menschliche Natur stark
+genug, daß sie das Wunder von sich weisen und in
+den furchtbaren Augenblicken des Lebens, in den Augenblicken
+der schrecklichsten und quälendsten Zweifel der
+Seele, allein stehen dürfe, allein mit dem freien Entschluß
+des Herzens? Du wußtest wohl, daß Dein Sieg
+in den Büchern der Menschen aufbewahrt werden und
+bis ans Ende der Zeiten und bis an die letzten Grenzen
+der Erde gelangen würde, und Deine Hoffnung war,
+daß auch der Mensch, indem er Deinem Beispiel folgte,
+bei Gott ausharren und des Wunders nicht bedürfen
+würde. Aber Du wußtest nicht, daß der Mensch mit
+dem Wunder auch Gott verwerfen müsse; denn der
+<a class="pagenum" name="Page_23" title="23"> </a>
+Mensch sucht Gott nicht mit mehr Eifer, als er nach
+dem Wunder verlangt. Und weil der Mensch ohne
+Wunder zu bleiben nicht die Kraft hat, so wird er sich
+selber neue, eigene schaffen. Er wird an die Wunder
+von Zauberern und an die Hexenkünste alter Weiber
+glauben, wie gewaltig und kühn auch seine Empörung,
+seine Ketzerei und Gottlosigkeit sein mögen. Du bist nicht
+vom Kreuz herabgestiegen, als sie Dir, indem sie Dir die
+Kleider vom Leibe rissen und Dich verhöhnten, zuriefen:
+Steig vom Kreuz herab, und wir werden glauben, daß
+Du der Sohn Gottes bist. Du bist deshalb nicht herabgestiegen,
+weil Du wiederum die Menschen nicht
+mit dem Wunder knechten wolltest und Dich nach dem
+freien und nicht nach dem Wunderglauben dürstete. Du
+sehntest Dich nach der freien Liebe und verwarfst das
+feige Entzücken der Sklaven vor der Macht. Aber Du
+dachtest zu hoch von den Menschen, denn sie sind nun
+einmal Sklaven, wenn auch zur Empörung geschaffen.
+Blicke um Dich und urteile selbst! Fünfzehn Jahrhunderte
+sind vergangen, komm, sieh Dir die Menschen an:
+wen hast Du da bis zu Dir emporgehoben? Ich bezeuge
+es: der Mensch ist schwächer und niedriger, als Du dachtest.
+Kann er wirklich alles das erfüllen, was Du ihn gewiesen
+hast? Indem Du also hoch von ihm dachtest, hast
+Du wie einer gehandelt, der kein Mitleid mit ihm fühlt,
+da Du allzuviel von ihm verlangtest &ndash; und das tatest
+<a class="pagenum" name="Page_24" title="24"> </a>
+Du, der Du ihn mehr liebst als Dich selber. Hättest Du
+ihn niedriger eingeschätzt, so würdest Du weniger von
+ihm verlangt haben, und es würde mehr der Liebe geglichen
+haben, denn die Bürde wäre leichter zu tragen
+gewesen. Er ist schwach, und er ist gemein. Was liegt
+schließlich daran, daß er sich allerorten jetzt gegen unsere
+Macht empört und sich darauf viel einbildet, daß er
+sich empört! Ich sage Dir, es ist die Empörung von
+Kindern und Schulknaben; das sind kleine Kinder, die
+sich in der Klasse zusammenrotten und den Lehrer davonjagen.
+Doch diesem Jubeln der Kinder wird bald ein
+Ende gesetzt sein, und es wird sie teuer zu stehen kommen.
+Sie reißen die Tempel ein und begießen die Erde mit
+Blut, aber endlich werden sie es selber spüren, diese
+törichten Knaben, daß, wenn sie auch Empörer sind,
+ihre Empörung doch nur erbärmlich ist und daß sie selber
+ihre eigene Empörung nicht lange aushalten. So werden
+sie wie dumme Kinder zu heulen anfangen und einsehen,
+daß Er, der sie zu Empörern geschaffen hat, sich
+ganz zweifellos über sie hatte lustig machen wollen. Sie
+werden es in ihrer Verzweiflung so aussprechen, und
+ihre Rede wird Gotteslästerung sein, um derentwillen
+sie noch unglücklicher sein werden. Denn die menschliche
+Natur vermag Gotteslästerung nicht zu ertragen und
+straft sich schließlich selber dafür. Unruhe, Verwirrung
+und Unglück: da hast Du das Los der gegenwärtigen
+<a class="pagenum" name="Page_25" title="25"> </a>
+Menschen nach allem, was Du für deren Freiheit gelitten
+hast. Dein großer Prophet spricht in seinen Gesichten,
+daß er alle gesehen, die an der Auferstehung
+teilgenommen hätten, und daß es aus jedem Stamme
+zwölftausend gewesen wären &ndash; aber wenn es nicht mehr
+sind, so waren sie eben nicht Menschen, sondern schon
+Götter. Sie haben Dein Kreuz getragen, sie haben zehn
+Jahre in der hungernden und nackten Wüste gelebt
+und sich dort von Heuschrecken und Wurzeln genährt
+&ndash; gewiß kannst Du jetzt mit Stolz auf sie hinweisen,
+auf diese Kinder der Freiheit, der freien Liebe, des freien
+erhabenen Opfers in Deinem Namen, doch vergiß nicht,
+daß ihrer nur einige Tausend und daß sie Götter waren!
+Was geschieht aber mit den anderen, was haben Dir
+die übrigen schwachen Menschen getan, daß sie das nicht
+aushielten, was die starken zu tragen die Kraft hatten?
+Ist es die Schuld der schwachen Seele, daß sie nicht
+mächtig sei, so furchtbare Geschenke in sich zu fassen?
+Bist Du nur zu den Auserwählten und ihretwegen geraden
+Weges vom Himmel heruntergestiegen? Wenn
+ja, so ist dies ein Geheimnis, das wir nicht zu begreifen
+vermögen. Und wenn es ein Geheimnis ist, so haben
+auch wir das Recht, das Geheimnis zu verkünden und
+sie zu lehren, daß nicht der freie Entschluß des Herzens
+und nicht die Liebe, sondern eben das Geheimnis entscheide,
+als welchem sie blind, ja gegen ihr eigenes Gewissen
+<a class="pagenum" name="Page_26" title="26"> </a>
+gehorchen sollten. Und so haben wir auch gehandelt.
+Wir haben Deine Tat verbessert und sie auf
+dem Wunder, auf dem Geheimnis und auf der Autorität
+neu aufgebaut. Und die Menschen sind es froh,
+daß wir sie abermals führen wie eine Herde und daß
+wir aus ihren Herzen die furchtbare Gabe wieder stahlen,
+die ihnen soviel Qual gebracht hat. Sprich, haben
+wir recht gehandelt? Haben wir die Menschheit nicht
+geliebt, indem wir in Demut deren Schwäche erkannten
+und mit Liebe die Bürde leichter machten und die
+schwache Natur von der Sünde freisprachen? Warum
+bist Du also gekommen, uns zu stören? Warum
+blickst Du mich so still und durchdringend mit Deinen
+sanften Augen an? Zürnst Du mir dafür, daß ich Deine
+Liebe nicht will, weil ich Dich selber nicht liebe? Warum
+sollte ich es vor Dir verheimlichen, ich weiß ja nicht, zu
+wem ich rede; was ich Dir zu sagen habe, das weißt Du
+im voraus, ich lese es in Deinen Augen. Soll ich Dir
+unser Geheimnis enthüllen? Vielleicht willst Du es aus
+meinem Munde hören, so vernimm denn: Wir sind
+nicht mit Dir, sondern mit <em class="gesperrt">ihm</em>, das ist unser Geheimnis.
+Schon lange sind wir nicht mit Dir, sondern mit
+<em class="gesperrt">ihm</em>, schon acht Jahrhunderte. Acht Jahrhunderte
+ist es her, daß wir das von <em class="gesperrt">ihm</em> annahmen, was Du
+mit Zorn zurückgewiesen hast, jenes letzte Geschenk, das
+er Dir anbot, indem er vor Deinen Augen die Reiche der
+<a class="pagenum" name="Page_27" title="27"> </a>
+Erde entfaltete. Wir haben aus seiner Hand Rom und
+das Schwert Cäsars empfangen und uns für die Herren
+der Erde erklärt, die einzigen, wenn auch unser Werk
+bis jetzt noch nicht zu Ende geführt ist. Wer ist aber
+daran schuld? O, unser Werk ist noch in seinen Anfängen,
+aber es hat begonnen; noch lange müssen wir
+auf dessen Vollendung warten, und noch viel Leiden
+wird auf der Erde sein, aber wir werden es vollenden
+und die Herren der Erde sein, und dann erst wird die
+Zeit gekommen sein, daß wir an das allgemeine, ewige
+Glück der Menschen denken. Und doch hättest Du damals
+schon das Schwert Cäsars an Dich reißen können!
+Warum hast Du auch dieses letzte Geschenk zurückgewiesen?
+Wärest Du damals seinem Rate gefolgt, so
+würdest Du alles gehabt haben, wonach den Menschen
+auf Erden verlangt: den Gott, den er anbeten, den
+Herrn, dem er sein Gewissen übergeben will, und den
+Weg und die Weise, wie sich die ganze Menschheit
+endgültig zu einem einzigen, einstimmigen Ameisenhaufen
+vereinen kann. Denn dieses Verlangen nach weltumspannender
+Einheit ist die dritte und letzte Sorge des
+Menschen. Seit jeher ist das Streben der ganzen
+Menschheit die Welteinheit gewesen. Es hat viele große
+Völker gegeben mit großer Geschichte, aber je höher sie
+aufstiegen, um so glücklicher waren sie, denn um so stärker
+empfanden sie die Notwendigkeit der Einigung aller
+<a class="pagenum" name="Page_28" title="28"> </a>
+Völker. Die großen Heerführer, ein Timur und Dschingis-Chan
+sind wie ein Wirbelwind über die Erde dahingejagt
+und haben die Welt mit dem Schwerte zu erobern
+gesucht. Aber auch sie drückten, wenn auch unbewußt,
+denselben gewaltigen Drang der Menschheit
+nach dem Weltreich aus. Hättest Du das Reich und
+den Purpur Cäsars damals angenommen, so würdest
+Du das Weltenreich gegründet und der Welt ewigen
+Frieden gegeben haben. Wer soll denn über die Menschen
+herrschen, wenn nicht der, der ihr Gewissen unterjocht
+und in dessen Hand das Brot ist? Wir nun
+haben uns mit dem Schwerte Cäsars gegürtet und Dich
+damit für alle Zeiten besiegt und sind <em class="gesperrt">ihm</em> nachgefolgt.
+O gewiß, es werden noch Jahrhunderte des Mißbrauchs
+der menschlichen Geisteskraft kommen, Jahrhunderte
+der Wissenschaft und Menschenfresserei &ndash; denn wenn
+sie ihren babylonischen Turm ohne uns zu Ende führen
+wollen, werden sie bei der Menschenfresserei aufhören.
+Dann aber wird das Tier zu uns gekrochen kommen
+und uns die Füße lecken und mit blutigen Tränen netzen.
+Und wir werden uns auf das Tier setzen und den Kelch
+hochheben, und auf diesem wird geschrieben stehen: Geheimnis.
+Aber dann erst und nicht früher wird für die
+Menschen das Reich des Friedens und des Glückes gekommen
+sein. Du bist stolz auf Deine Auserwählten,
+denn Du hast nur Auserwählte, wir aber werden allen
+<a class="pagenum" name="Page_29" title="29"> </a>
+Menschen Ruhe und Frieden bringen. Doch das ist
+noch nicht alles, vergiß nicht: gar viele von den Auserwählten,
+von den Starken, die da Auserwählte hätten
+werden können, sind des Wartens auf Dein Kommen
+müde geworden und haben die Kraft ihres Geistes und
+die Glut ihres Herzens in ein fremdes Land gebracht
+und auf einen fremden Acker getragen und tragen es
+noch immer dorthin, so daß sie schließlich gegen Dich die
+Fahne der Freiheit, die Du selbst einst aufgerichtet hattest,
+aufpflanzen werden. Bei uns aber werden alle glücklich
+sein, alle ohne Unterschied, und es wird keine Empörung
+mehr unter den Menschen herrschen, und sie werden sich
+nicht mehr gegenseitig das Schwert in den Leib stoßen,
+wie sie es in Deinem freien Reiche immer getan haben.
+Wir werden sie davon überzeugen, daß sie nur dann
+frei sein können, wenn sie sich von ihrer Freiheit zu
+unseren Gunsten lossagen und uns sich ergeben. Werden
+wir recht damit tun oder werden wir lügen? Die
+Menschen selber werden davon überzeugt sein, daß wir
+recht haben; denn sie werden es nie vergessen, zu welchen
+Schrecknissen der Knechtschaft und Erniedrigung Deine
+Freiheit sie geführt hat. Die Freiheit, der freie Geist,
+die freie Wissenschaft werden sie vor solche Abgründe
+bringen und vor solche Wunder und unenthüllbare Geheimnisse
+stellen, daß die einen, die Unruhigen und Unbändigen,
+sich das Leben nehmen, daß die anderen, die wohl
+<a class="pagenum" name="Page_30" title="30"> </a>
+unruhig, aber schwach sind, sich gegenseitig töten werden;
+die übrigen aber, die Demütigen und Unglücklichen, die
+werden zu uns gekrochen kommen und zu uns reden:
+Ja, ihr hattet recht, ihr allein seid die Herren des
+Geheimnisses, und wir kehren zu euch zurück; rettet uns
+vor uns selber! Da sie aus unseren Händen das Brot
+empfangen, werden sie natürlich sehr gut wissen, daß
+wir nur ihr mit eigenen Händen erworbenes Brot genommen
+haben und jetzt unter sie verteilen, ohne jedes
+Wunder. Sie werden keinen Augenblick darüber im
+Zweifel sein, daß wir durchaus nicht Steine in Brot
+verwandelt haben. Aber wahrlich mehr noch als über
+diese Brote werden sie sich darüber freuen, daß sie es
+aus unseren Händen haben. Denn nur zu gut werden
+sie sich dessen erinnern, daß früher, ohne uns, in ihren
+Händen das Brot sich in Steine verwandelt hatte, daß
+jetzt aber, da sie zu uns zurückgekehrt sind, die Steine
+zu Broten würden. Zu gut werden sie es zu würdigen
+wissen, zu gut, sage ich, was es heißt, sich für immer
+zu unterwerfen. Denn solange die Menschen das nicht
+begreifen, werden sie unglücklich sein. Wer vor allen
+aber hat sie dazu befähigt, das nicht zu begreifen? Wer
+hat die Herde zerstückt und auf unbekannten Wegen
+zerstreut? Antworte! Doch die Herde wird sich von
+neuem sammeln und von neuem beruhigen und von da
+an für immer. Wir werden ihnen das stille Glück, den
+<a class="pagenum" name="Page_31" title="31"> </a>
+Frieden der schwächlichen Menschen geben, zu dem sie
+auch geschaffen sind; wir werden sie davon überzeugen,
+daß Stolz und Übermut zu nichts taugen, denn Du hast
+sie über sich selber gehoben und sie also den Hochmut
+gelehrt; wir werden ihnen beweisen, daß sie Schwächlinge,
+daß sie kleine klagende Kinder seien, daß aber kein
+Glück so süß sei wie eben das Glück der Kinder. Sie
+werden zaghaft werden und zu uns hinaufblicken und
+sich an uns schmiegen in ihrer Furcht wie die Küchlein
+an die Henne. Und sie werden uns anstaunen und Angst
+haben vor uns und doch stolz darauf sein, daß wir so
+mächtig und so klug seien und daß wir es verstanden
+haben, die aufrührerische Herde zu bändigen. Sie werden
+ohnmächtig vor unserem Zorn zittern, ihr Geist
+wird zaghaft werden, und ihre Augen werden sich mit
+Tränen füllen wie die Augen der Kinder und Weiber;
+aber leicht werden sie auf einen Wink von uns zur
+Heiterkeit und zum Lachen übergehen, zu heller Freude
+und glückseligen Kinderliedern. Gewiß, auch wir werden
+sie zur Arbeit anhalten; aber in den arbeitsfreien
+Stunden werden wir ihnen das Leben wie ein Kinderspiel
+gestalten, mit Kinderliedern, Kinderchören und unschuldigen
+Tänzen. Wir werden sie von ihren Sünden
+lossprechen, denn sie sind schwach und erbärmlich, und
+sie werden uns lieben wie Kinder dafür, daß wir ihnen
+die Sünde erlauben. Wir werden ihnen sagen, daß
+<a class="pagenum" name="Page_32" title="32"> </a>
+jede Sünde ihnen abgekauft wird, wenn sie mit unserer
+Erlaubnis geschah, und wir werden ihnen darum zu
+sündigen erlauben, weil wir sie lieben; die Strafe aber
+für ihre Sünden werden wir auf uns nehmen. So
+wird es sein. Wir werden selber die Sünde tragen,
+und sie werden uns verehren als ihre Wohltäter, weil
+wir vor Gott ihre Sünden auf uns nehmen. Sie werden
+kein Geheimnis vor uns haben, wir werden ihnen bald
+erlauben, bald verbieten, mit ihren Frauen oder Geliebten
+zu leben, Kinder zu haben oder nicht; es wird alles von
+ihrem Gehorsam abhängen, und sie werden sich unserem
+Willen mit Freude und Entzücken ergeben. Auch die
+quälendsten Geheimnisse ihres Gewissens &ndash; alles, alles
+werden sie uns bringen, und wir werden sie davon befreien,
+und sie werden unserer Entscheidung frohen Herzens
+glauben, weil diese sie von dem großen Kummer
+und der Qual der persönlichen unfreien Entscheidung
+entbunden hat. Alle werden sie glücklich sein, alle diese
+Millionen von Untertanen, alle mit Ausnahme von
+den Hunderttausenden, die über sie herrschen; denn wir,
+wir, die wir das Geheimnis bewahren, wir allein werden
+unglücklich sein. Es wird tausend Millionen glückliche
+Kinder geben und hunderttausend Märtyrer, die
+da auf sich genommen haben die verfluchte Erkenntnis
+des Guten und Bösen. In Frieden werden sie sterben,
+stille verlöschen, mit Deinem Namen auf den Lippen,
+<a class="pagenum" name="Page_33" title="33"> </a>
+und jenseits des Grabes nur den Tod finden. Wir aber
+werden das Geheimnis hüten und zu ihrem Heil sie
+locken zu himmlischer ewiger Belohnung. Denn selbst,
+wenn es dort oben etwas wie Belohnung gäbe, so wäre
+es doch nicht für solche wie sie. Es heißt und wurde
+verkündet, daß Du wiederkommen und von neuem siegen,
+daß Du mit deinen Auserwählten, mit den Stolzen und
+Starken kommen wirst. Nun, so werden wir erklären,
+daß sie sich selber, wir aber alle erlöst haben. Es heißt,
+daß die Buhlerin, die auf dem Tiere sitzt und in ihren
+Händen das Geheimnis hält, beschimpft werden wird,
+daß von neuem die Schwächlinge sich empören werden,
+daß sie den Purpur zerreißen und den schamlosen Körper
+des Weibes entblößen werden &ndash; dann aber werde ich
+mich erheben und Dir die tausend Millionen glücklicher
+Kinder zeigen, die nichts von Sünde wissen. Und wir,
+die wir die Sünde zu deren Glück auf uns genommen
+haben, wir werden uns vor Dir erheben und sagen:
+Richte uns, wenn Du es kannst und wagst! Wisse,
+daß ich Dich nicht fürchte, wisse, daß auch ich in der
+Wüste gelebt habe und mich dort von Heuschrecken und
+Wurzeln genährt habe, daß auch ich die Freiheit gesegnet
+habe, mit der Du die Menschen gesegnet hast,
+daß auch ich mich vorbereitet hatte, unter die Auserwählten
+zu treten, unter die Stolzen und Starken,
+dürstend, daß die Zahl voll werde! Doch ich bin erwacht
+<a class="pagenum" name="Page_34" title="34"> </a>
+und wollte Dir nicht mehr mit dem Wahnsinn dienen,
+ich bin umgekehrt und habe mich der Schar derer angeschlossen,
+die Deine Tat verbessern wollten. Ich bin
+aus der Reihe der Stolzen ausgeschieden und bin zurückgekehrt
+zu denen, die sich gedemütigt haben zum Heile
+der Sterblichen. &ndash; Das, was ich zu Dir gesprochen habe,
+wird sein, und unser Reich wird gegründet werden. Ich
+wiederhole Dir: morgen wirst Du selber die gehorsame
+Schar sehen, die auf den ersten Wink meiner Hand
+sich zum Scheiterhaufen stürzen wird, um die Kohlen
+zu schüren, auf welchen Du dafür brennen sollst, daß
+Du gekommen bist, uns zu stören; denn wenn jemand
+lebt, der mehr als alle Ketzer unseren Scheiterhaufen verdient,
+so bist Du es. Morgen werde ich Dich verbrennen.‹</p>
+
+<hr class="thought-break"/>
+
+<p>Da der Inquisitor seine Rede beendet hat, wartet
+er, daß der Gefangene ihm antworte, denn daß dieser
+schweigt, bedrückt ihn. Er sieht, wie der Gefangene ihm
+die ganze Zeit über aufmerksam zuhört und ihm dabei
+gerade ins Auge sieht, ohne daß Er auch nur im geringsten
+den Wunsch verriete, ihm zu erwidern. Der Greis
+möchte, daß Er ihm ein Wort nur sagte, ein stolzes
+meinetwegen, ein furchtbares. Doch Er steht plötzlich
+auf, tritt an den Greis heran und küßt ihn sanft auf
+<a class="pagenum" name="Page_35" title="35"> </a>
+dessen blutlose Lippen. Das war seine Antwort. Der
+Greis erbebt. Seine Mundwinkel bewegen sich. Er
+geht zur Tür, öffnet sie und spricht zu Ihm: ›Gehe
+hinaus und kehre nicht wieder &ndash; kehre nie wieder &ndash;
+nie, nie!‹ Er läßt Ihn hinaus auf die ›dunklen schweigenden
+Plätze‹ der Stadt. Der Gefangene geht hinaus.</p>
+
+<h2><a class="pagenum" name="Page_37" title="37"> </a>Note</h2>
+
+<p class="drop-cap">Auf seiner ersten Reise nach dem Westen kam Dostojewski
+auch nach Rom, wo ihn weder das Altertum
+noch das sich bildende <span class="antiqua">terzo regno</span>, sondern einzig
+und allein die Peterskirche und der Vatikan interessierten.
+In einem Briefe an seinen Bruder berichtet er davon.
+Auf diesen ihn tief erschütternden Eindruck mag der
+Großinquisitor historisch zurückgeführt werden. Im
+wesentlichen ist der Großinquisitor jedoch die ganze
+Dichtung, der große Gedanke Dostojewskis, in eine
+Parabel gebracht: der Kampf der mechanischen Welt,
+als deren sublimster Ausdruck Dostojewski der Katholizismus
+erscheint, gegen den Geist, gegen Christus.</p>
+
+<p>Alle großen Christen der neueren Zeit, Pascal, Goethe,
+William Blake, Kierkegaard haben wie Dostojewski
+gefühlt; was den russischen Dichter jedoch unterscheidet,
+ist, daß in dem Kampf, wie er ihn sieht, beide recht
+haben: der Kardinal-Großinquisitor und Christus, und
+nicht nur Christus allein wie bei Pascal, bei Goethe,
+bei Kierkegaard. Dostojewski löst, vielmehr setzt den
+Konflikt nicht als Fanatiker, als Theologe oder Räsoneur,
+nicht als Rechtender und Klagender, sondern
+als Dramatiker, das heißt: er legt ihn in die Seele des
+Dichters der Erzählung selber, in die tiefe, leidende,
+verzweifelnde Seele Iwan Karamasoffs. Und das ist
+<a class="pagenum" name="Page_38" title="38"> </a>
+das Russische, das Neue, das Übereuropäische an dieser
+unsterblichen Erzählung, die sicherlich den großen Gedanken
+des Christentums noch einmal denkt wie keine
+andere im 19. Jahrhundert.</p>
+
+<p class="right page-break-after">R. K.</p>
+
+
+
+
+
+
+
+
+<pre>
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Der Großinquisitor, by F. M. Dostojewski
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER GROßINQUISITOR ***
+
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+even without complying with the full terms of this agreement. See
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+Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement
+and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic
+works. See paragraph 1.E below.
+
+1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation"
+or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
+Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the
+collection are in the public domain in the United States. If an
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+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
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+page at http://pglaf.org
+
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+
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit http://pglaf.org
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+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
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+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
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+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including checks, online payments and credit card donations.
+To donate, please visit: http://pglaf.org/donate
+
+
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+works.
+
+Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
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+
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+This eBook, including all associated images, markup, improvements,
+metadata, and any other content or labor, has been confirmed to be
+in the PUBLIC DOMAIN IN THE UNITED STATES.
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+Procedures for determining public domain status are described in
+the "Copyright How-To" at https://www.gutenberg.org.
+
+No investigation has been made concerning possible copyrights in
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+status under the laws that apply to them.
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+Project Gutenberg (https://www.gutenberg.org) public repository for
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