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| author | Roger Frank <rfrank@pglaf.org> | 2025-10-14 20:10:05 -0700 |
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Langkau, Jana Srna and the Online +Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net + + + + + + + [ Anmerkungen zur Transkription: + + Schreibweise und Interpunktion des Originaltextes wurden ohne + Änderungen übernommen. + + Im Original gesperrt gedruckter Text wurde mit = markiert. + Im Original in Antiqua gedruckter Text wurde mit _ markiert. + ] + + + + + F. M. Dostojewski + + Der + Großinquisitor + + Übertragen von Rudolf Kassner + + Im Insel-Verlag zu Leipzig + + + + +In seiner unermeßlichen Barmherzigkeit zeigt Er sich noch einmal den +Menschen in derselben Gestalt, in welcher Er vor fünfzehn Jahrhunderten +drei Jahre lang unter ihnen gewandelt ist. Er läßt sich herab auf die +›brennenden Plätze‹ der südlichen Stadt, in der noch am Vorabend in +Gegenwart des Königs, des gesamten Hofstaates, der Ritterschaft, der +Kardinäle und entzückender Frauen vor der ganzen Einwohnerschaft +Sevillas durch den Kardinal-Großinquisitor nicht weniger als ein volles +Hundert Ketzer auf einmal _ad majorem dei gloriam_ verbrannt worden war. + +Leise und unauffällig erscheint Er unter den Menschen, und siehe, es +erkennen Ihn alle. Das Volk drängt sich an Ihn heran mit unbezwinglicher +Gewalt. Es umgibt Ihn, wächst um Ihn und folgt Ihm. Schweigend schreitet +Er unter ihnen, mit dem stillen Lächeln unendlichen Mitleids auf den +Lippen. Die Sonne der Liebe brennt in seinem Herzen, Strahlen des +Lichtes, der Erleuchtung und Kraft strömen aus seinen Augen und gießen +sich über die Menge und wecken die Herzen der Menschen. Er streckt ihnen +seine Hand entgegen und segnet sie, und aus der Berührung mit seinem +Körper, ja schon aus seinem Gewande fließt heilende Kraft. Ein Greis, +der seit der Kindheit blind war, ruft aus der Schar: ›Herr, heile mich, +damit ich Dich erkenne!‹ Und siehe, von seinen Augen fällt es wie +Schuppen, und der Blinde sieht. In den Augen der Menschen sind Tränen, +das Volk küßt die Erde, über die Er hinwandelt, die Kinder werfen Blumen +vor seine Schritte, singen Lieder und rufen Hosianna. ›Er ist es, Er,‹ +wiederholen alle, ›Er muß es sein und kein anderer.‹ So kommt Er vor das +Tor der Kathedrale, wo Menschen unter Heulen und Wehklagen einen weißen +offenen Kindersarg tragen, darin ein siebenjähriges Mädchen liegt, die +einzige Tochter eines angesehenen Bürgers der Stadt. Das tote Kind liegt +da, ganz in Blumen gebettet. ›Er wird dein Kind auferwecken vom Tode‹, +rufen Stimmen der weinenden Mutter zu. Aus der Kathedrale tritt dem +Sarge ein Priester entgegen, er vermag nicht gleich zu fassen, was hier +geschieht, und runzelt die Stirne. Da hört er ein Aufschluchzen: es ist +die Mutter des toten Mädchens, sie wirft sich zu seinen Füßen nieder und +hebt ihre Hand zu Ihm auf und ruft aus: ›Wenn Du es bist, dann wecke +mein Kind vom Tode auf!‹ Die Prozession bleibt stehen, der Sarg wird vor +Ihm auf den Boden gelassen. Er sieht auf ihn hernieder voll Rührung, und +sein Mund spricht noch einmal: ›_Talifa kumi._‹ Und das Mädchen erhebt +sich im Sarge, setzt sich auf und blickt im Kreise um sich mit +erstaunten offenen Augen. In den Händen hält es das Sträußlein weißer +Rosen, mit dem es im Sarge gelegen hat. Das Volk ist bewegt, Stimmen, +Schreie, Schluchzen. In diesem Augenblicke geht an der Kathedrale über +den Platz der Kardinal vorbei, der Großinquisitor, ein Greis von bald +neunzig Jahren, hoch und aufrecht, mit vertrocknetem Gesicht und +tiefliegenden Augen, in welchen noch verborgen das Feuer glüht. Heute +ist er nicht in den Prunkgewändern, in denen er sich gestern dem Volke +gezeigt hatte, da er die Feinde des römischen Glaubens verbrannte -- +nein, heute trägt er die alte grobe Mönchskutte. Ihm folgen in +gemessener Entfernung seine düsteren Gehilfen und Knechte, die +›heiligen‹ Wächter. Er bleibt vor der Menge stehen und sieht zu, was +geschieht. Er hat alles gesehen; er hat gesehen, wie sie den Sarg vor +Ihn hingestellt haben, er hat gesehen, wie sich das Mädchen im Sarge +erhoben hat, und über sein Gesicht legt sich ein dunkler Schatten. Er +zieht seine dichten, grauen Brauen zusammen, und sein Blick leuchtet auf +in Bosheit. Indem er auf Ihn mit dem Finger weist, heißt er die Wächter +Ihn ergreifen. Und so groß ist seine Gewalt, und so gehorsam und ergeben +ist ihm das Volk, daß die Menge den Wächtern Platz macht und diese unter +aller tiefem plötzlichem Schweigen Hand an Ihn legen und Ihn fortführen. +Die Volksmenge ist wie =ein= Mann, und die Köpfe neigen sich vor dem +greisen Inquisitor zu Boden; er segnet schweigend die Menschen und setzt +seinen Weg fort. + +Die Wache hat inzwischen den Gefangenen in ein enges, dunkles, gewölbtes +Verlies im alten Gebäude des heiligen Tribunals geführt und hinter Ihm +die Tür geschlossen. Der Tag vergeht, die Nacht bricht herein, die +dunkle, glühende, atemlose Nacht Sevillas. Die Luft ist voll vom Duft +des Lorbeers und der Zitronenblüte. Um Mitternacht öffnet sich das +eiserne Tor des Gefängnisses, und der Großinquisitor tritt leisen +Schrittes herein, in der Hand hält er ein Licht. Er ist allein, hinter +ihm schließt sich das Tor. + +Er bleibt am Eingange stehen und sieht Ihm lange, ein bis zwei Minuten +lang, ins Gesicht. Dann tritt er näher heran, stellt den Leuchter auf +den Tisch und spricht zu Ihm: ›Bist Du es?‹ + +Da er keine Antwort erhält, fügt er schnell hinzu: ›Antworte nicht, +schweige! Was kannst Du auch sagen? Ich weiß sehr gut, was Du sagen +willst; doch Du hast kein Recht, auch nur ein Wort zu dem hinzuzufügen, +was einst von Dir selber gesagt worden ist. Warum bist Du gekommen, uns +zu stören? Denn dazu bist Du gekommen, Du weißt es selber. Weißt Du aber +auch, was morgen geschehen wird? Ich weiß nicht, wer Du bist, ich will +auch nicht wissen, ob Du es wirklich bist oder ob Du nur seine Gestalt +angenommen hast: aber morgen werde ich Dich richten und verurteilen und +Dich auf dem Scheiterhaufen verbrennen als den gefährlichsten aller +Ketzer, und dasselbe Volk, das heute Dir die Füße geküßt hat, wird sich +morgen auf einen Wink von meiner Hand hin zum Scheiterhaufen stürzen, um +dort die Kohlen zu schüren, weißt Du das? Es ist möglich, daß Du es +weißt‹, fügte er hinzu, ohne auch nur eine Sekunde den Blick von dem +Gefangenen zu lassen.« -- + +»Ich verstehe nicht, Iwan, was das heißen soll«, unterbrach ihn lächelnd +Aljoscha, der die ganze Zeit schweigend zugehört hatte. »Ist das Ganze +nur die uferlose Phantasie oder eine Verwirrung im Kopfe des Greises, +ein unmögliches Quiproquo?« + +»Nimm das letzte an,« lachte Iwan, »wenn dich der zeitgenössische +Realismus schon so verdorben hat, daß du etwas Phantastisches nicht mehr +vertragen kannst! Wenn es ein Quiproquo sein soll, meinetwegen. Es ist +wahr, der Greis zählt neunzig Jahre und hat somit Zeit gehabt, den +Verstand zu verlieren über seiner Idee; zudem konnte ihn der Gefangene +auch durch sein Äußeres aus der Fassung bringen. Vielleicht aber ist es +nur der Wahn, das Fiebergesicht eines neunzigjährigen Greises vor dem +Tode, das Gehirn hat sich vom Autodafé der hundert verbrannten Ketzer +erhitzt. Ist es aber nicht ganz gleichgültig, was es ist, ob ein +Quiproquo oder eine uferlose Phantasie? Es handelt sich hier doch nur +darum, daß der Greis sich ausspricht, daß er endlich einmal nach neunzig +Jahren davon laut redet, worüber er neunzig Jahre lang geschwiegen hat.« + +»Und der Gefangene schweigt, er sieht ihn an und sagt kein Wort?« + +»Unbedingt, auf alle Fälle«, lachte Iwan. »Der Greis hat Ihn doch selber +darauf aufmerksam gemacht, daß Er gar nicht einmal das Recht habe, etwas +zu dem hinzuzufügen, was von Ihm schon gesagt worden ist. Wenn du +willst, kannst du darin den Grundzug des römischen Katholizismus +erblicken, nach meiner Meinung wenigstens: ›Alles wurde von Dir einst +dem Papste übergeben und alles ist jetzt beim Papst, tue Du uns nur den +einen Gefallen, nicht wiederzukommen und uns zu stören in der Zeit! In +diesem Sinne reden sie nicht nur, sondern schreiben sie auch, die +Jesuiten wenigstens. Ich selbst habe es so bei ihren Gelehrten gelesen. +Hast Du das Recht, auch nur ein einziges von den Geheimnissen jener Welt +aufzudecken, aus der Du zu uns herniedergestiegen bist?‹ fragt ihn mein +Greis, und er selber gibt sich die Antwort: ›Nein, Du hast nicht das +Recht; denn sonst müßtest Du etwas zu dem noch hinzufügen, was von Dir +gesagt worden war, und den Menschen die Freiheit nehmen, für die Du +einst, da Du auf Erden warst, mit solcher Überzeugung eingetreten bist. +Alles, was Du von neuem verkünden könntest, würde somit einen Eingriff +in die Glaubensfreiheit der Menschen bedeuten, denn es würde uns wie ein +Wunder vorkommen; aber die Freiheit des Glaubens galt Dir damals mehr +als jedes andere Gut, damals, vor anderthalbtausend Jahren. Kam das Wort +nicht immer wieder aus Deinem Munde: Ich will euch frei machen? Nun, +jetzt hast Du sie gesehen, die freien Menschen!‹ ›Ja, das Werk hat uns +viel gekostet,‹ fügte er gleich hinzu, indem er Ihn streng anblickt, +›aber wir haben es zu Ende geführt, endlich, in Deinem Namen. Fünfzehn +Jahrhunderte lang haben wir uns mit dieser Freiheit geplagt, aber jetzt +sind wir damit fertig, fertig für alle Zeiten. Glaubst Du nicht, daß wir +damit fertig geworden sind für alle Zeiten? Du siehst mich mit Deinen +sanften Augen an und würdigst mich nicht einmal Deines Zornes. So wisse: +Jetzt, gerade heute sind die Menschen mehr denn je davon überzeugt, sie +wären frei, ganz frei, frei wie nie die Menschheit vor ihnen. In +Wahrheit aber haben sie selber uns ihre Freiheit gebracht und demütig +uns vor die Füße gelegt. Das war unser Werk. War es diese Freiheit, die +Du wünschest?‹« + +»Ich verstehe wiederum nicht,« unterbrach ihn Aljoscha: »er ironisiert +Ihn und macht sich über Ihn lustig.« + +»Nicht im geringsten: er rechnet es sich und den Seinen durchaus als +Verdienst an, daß sie endlich die Freiheit niedergerungen haben, und nur +darum, um die Menschen glücklich zu machen; denn jetzt erst ist es +möglich geworden, an das Glück der Menschen zu denken. Der Mensch ist +zum Empörer geschaffen: können Empörer glücklich sein? ›Du wurdest +gewarnt,‹ fährt der Greis zu ihm fort, ›es fehlte Dir nicht an Mahnungen +und Zeichen, aber Du achtetest nicht darauf. Du kehrtest Dich ab von dem +einzigen Wege, auf dem das Heil der Menschen lag, aber zum Glück hast Du +uns Dein Werk überlassen, da Du von uns schiedest. Du hast es uns +versprochen, Du hast es mit Deinen eigenen Worten bekräftigt, Du hast +uns das Recht gegeben zu binden und zu lösen, darum darf Dir jetzt auch +nicht einmal der Gedanke kommen, uns dieses Recht zu nehmen. Warum +willst Du uns also stören?‹« + +»Was heißt das: es hat Dir nicht an Mahnungen und Zeichen gefehlt?« +fragte Aljoscha. + +»Gerade darüber mußte sich der Greis aussprechen, denn darauf kommt +alles an. ›Der furchtbare und kluge Geist, der Geist der +Selbstvernichtung und des Nichtseins,‹ fuhr der Greis fort, ›der große +Geist redete zu Dir in der Wüste, und uns ist in den Büchern +überliefert, daß er Dich dort versuchte. Ist das so richtig? Ist +irgendwo, frage ich, mehr Wahrheit enthalten als in den drei Fragen, die +er Dir stellte und die Du verwarfst und die in den heiligen Büchern +Deine Versuchung genannt werden? Wenn jemals auf Erden ein vollkommenes, +ein wirkliches, ein die Erde in ihren Grundfesten erschütterndes Wunder +geschehen ist, so ward es an jenem Tage, am Tage der drei Versuchungen. +Und nur darin, daß diese Fragen gestellt worden sind, liegt das Wunder. +Denken wir uns, diese drei Fragen des furchtbaren Geistes wären ohne +eine Spur aus den heiligen Büchern verschwunden und müßten wieder dort +eingesetzt, von neuem ausgedacht und verfaßt werden, damit sie wieder in +den Büchern wären, denken wir uns, alle Weisen der Erde, die +Rechtsgelehrten, die Theologen, die Philosophen und die Dichter würden +zusammengerufen, und ihnen sollte die Aufgabe gestellt werden: Sinnet +drei Fragen aus, welche nicht nur der ungeheuren Tatsache eines +versuchten Gottes entsprechen, sondern außerdem in drei Worten, in drei +menschlichen Sätzen die ganze zukünftige Geschichte der Erde und der +Menschheit enthalten -- glaubst Du wirklich, die ganze vereinigte +Gelehrsamkeit der Erde vermöchte etwas zu ersinnen, was an Kraft und +Tiefe sich jenen drei Fragen vergleichen ließe, die Dir damals in der +Wüste von dem mächtigen und klugen Geiste gestellt worden sind? Schon +daran, daß sie überhaupt gestellt wurden, erkennst Du, daß Du es hier +nicht mit einem menschlichen, fließenden, sondern mit dem ewigen, +dauernden Geiste zu tun hast; denn in diesen drei Fragen liegt wie im +Schoße die ganze weitere Geschichte der Menschheit, die Zukunft ist +darin vorausgesagt, und in drei Bildern vermagst Du alle unlösbaren +Widersprüche der menschlichen Natur zu erkennen. Damals konnte es noch +nicht offenbar sein, denn die Zukunft lag noch verborgen; aber heute, +nach fünfzehn Jahrhunderten, ist es ersichtlich, daß in den drei Fragen +alles also recht geraten und vorausgesagt ward und sich bewahrheitet +hatte, so daß wir weder etwas hinzuzufügen noch wegzunehmen haben. +Entscheide selber, wer damals recht hatte, Du oder der Dich fragte! +Erinnere Dich der ersten Frage! Sie lautete nicht buchstäblich, doch +wohl dem Geiste nach also: Du willst unter die Menschen treten und gehst +zu ihnen mit leeren Händen, Du gehst zu ihnen mit einem Versprechen von +einer Freiheit, die sie in ihrer Einfalt und angeborenen Stumpfheit +nicht zu fassen vermögen, ja, vor der sie Furcht haben -- denn es hat +niemals für den einzelnen Menschen sowohl wie für das ganze +Menschengeschlecht etwas gegeben, das diese weniger zu ertragen fähig +waren als eben die Freiheit. Sieh die Steine zu Deinen Füßen ringsum in +der nackten und glühenden Wüste: verwandle sie in Brot, und die +Menschheit wird Dir folgen wie dem Hirten die Herde, dankbar und +gehorsam, wenn auch ewig davor zitternd, Du könntest Deine Hand von ihr +nehmen und ihr Dein Brot entziehen! Aber Du wolltest den Menschen nicht +der Freiheit berauben, und darum verwarfst Du, was Dir geboten worden +war. Denn wo ist da Freiheit, schlossest Du, wenn der Gehorsam mit +Broten erkauft wird? Deine Antwort war, daß der Mensch nicht allein vom +Brote lebe. Weißt Du aber auch, daß im Namen gerade dieses irdischen +Brotes der Geist der Erde sich gegen Dich erheben, sich mit Dir messen +und Dich besiegen wird, und daß alle Menschen ihm nachfolgen und +ausrufen werden: Wer gleicht diesem Tiere, so uns das Feuer vom Himmel +gebracht hat?! Weißt Du auch, daß die Zeiten nicht ausbleiben werden, da +den Menschen durch den Mund der Weisen verkündet werden wird: Es gibt +keine Verbrechen, es gibt auch keine Sünde, es gibt nur Menschen, die +hungern? Mache sie zuerst satt, und dann verlange von ihnen die Tugend: +das werden sie auf die Fahne schreiben, mit der sie gegen Dich in den +Kampf gehen und in Deinen Tempel eindringen werden. Und an Stelle dieses +Deines Tempels wird sich ein neues Gebäude, wird sich zum zweiten Male +jener grauenhafte Turm von Babel erheben. Und wenn auch dieser neue +genau so wie jener erste nicht zu Ende gebaut werden wird: Du hättest es +dazu gar nicht kommen lassen sollen, Du hättest die Leiden der +Menschheit um tausend Jahre abkürzen können -- denn siehst Du, jetzt +werden sie zu uns kommen, jetzt, nachdem sie sich tausend Jahre mit +ihrem Turm gequält haben. Sie werden uns abermals unter der Erde suchen, +sie werden uns aus den Katakomben holen (denn von neuem werden wir +verfolgt und gemartert werden) und uns, da sie uns gefunden, zurufen: +Macht uns satt, denn die, so uns das Feuer vom Himmel versprochen, waren +Betrüger! So werden wir, wir ihnen den Turm zu Ende bauen; denn der baut +ihn auf, der die Menschen satt macht, und wir werden sie satt machen in +Deinem Namen -- denn so wollen wir es dann sagen und lügen, daß es in +Deinem Namen geschehe. Niemals, zu keiner Zeit werden sie ohne uns den +Hunger stillen. Nie wird ihnen eine Wissenschaft das Brot geben, solange +sie frei bleiben, und das Ende wird sein, daß sie uns ihre Freiheit zu +Füßen legen und zu uns reden werden: Macht uns, wenn es nicht anders +geht, zu euren Knechten, aber macht uns satt! Sie werden endlich selber +einsehen, daß die Freiheit und das Brot, beide zusammen, nicht denkbar +sind, denn niemals werden die Menschen das Brot untereinander zu teilen +verstehen. Zudem werden sie sich davon überzeugen, daß sie auch darum +nicht frei sein können, weil sie kleinmütig, lasterhaft und nichtig sind +und voll von Empörung stecken. Du hast ihnen das Himmelsbrot +versprochen, aber ich wiederhole: kann dieses Himmelsbrot sich in den +Augen eben dieses schwachen, ewig lasterhaften und ewig undankbaren +Geschlechtes mit dem irdischen vergleichen? Und wenn Dir auch im Namen +des Himmelsbrotes Tausende und Zehntausende folgen, was geschieht aber +mit den Millionen und zehntausend Millionen von Schwachen, die nicht die +Kraft haben, das irdische Brot von sich zu weisen und dafür das +himmlische zu nehmen? Sprich, sind Dir vielleicht nur die zehntausend +Starken und Großen lieb, und sollen die Millionen, die zahllos wie der +Sand am Meere und schwach sind, aber Dich lieben, sollen diese nur Stoff +sein in der Hand der Großen und Starken? Nein, uns sind auch die +Schwachen lieb. Freilich sind sie Sünder und Empörer, aber schließlich +werden sie doch den Gehorsam lernen. Und sie werden uns anstaunen und +darum für Götter halten, weil wir, nunmehr die Herren, darin +eingewilligt haben, die Freiheit, vor der sie zurückgeschreckt sind, auf +uns zu nehmen und also die Herrschaft zu führen -- so entsetzlich wird +es für sie geworden sein, frei zu sein. Wir aber werden zu ihnen reden, +daß wir Dir gehorchen und in Deinem Namen herrschen. Wir werden sie +abermals betrügen, denn Dich werden wir nun nicht mehr zu uns einlassen. +In diesem Betrug wird auch unser Leiden liegen, denn wir werden zur Lüge +gezwungen sein. Das war der Sinn der ersten Frage und Versuchung in der +Wüste. Und Du hast sie verworfen im Namen der Freiheit, die Du höher +stelltest als alle Güter der Erde. Und in dieser Frage war das große +Geheimnis dieser Welt enthalten. Wenn Du die Brote angenommen hättest, +so würdest Du damit auch eine Antwort gefunden haben auf die große, +leidvolle Frage, die sich der einzelne Mensch nicht weniger als die +ganze Menschheit ewig stellt, auf die Frage: Wen sollen wir anbeten? Es +gibt keine Sorge, die den freien Menschen so ununterbrochen quälte wie +diese, das Wesen so schnell es geht zu suchen, vor dem er sich in +Andacht verneigen könnte; denn der Mensch sehnt sich danach, ihn drängt +es, das anzubeten, das unbedingt und zweifellos ist, damit auf diese +Weise alle Menschen ohne Unterschied in diese Andacht einwilligten. Denn +die Sorge dieser erbarmungswürdigen Geschöpfe liegt nicht darin, den +Gegenstand zu suchen, vor dem ich oder ein anderer uns verneigten, +sondern eben jenen, an den alle glaubten, und vor dem sie dann in die +Knie sänken, alle, alle zusammen. Siehst Du, dieses Verlangen nach +gemeinsamer Anbetung peinigt den einzelnen Menschen ebenso wie die ganze +Menschheit mehr denn jedes andere seit dem Beginne der Zeiten. Und +darum, um der gemeinsamen Anbetung willen, rottet ein Volk das andere +aus mit dem Schwerte; die Menschen schaffen sich Götter und rufen +einander zu: Werft die euren in den Staub und betet zu den unseren, +sonst seid ihr und euer Gott des Todes. Und so wird es bis zum Ende der +Welt sein, auch dann noch, wenn aus der Welt die Götter gewichen sind. +Die Menschen werden dann vor Götzen in die Knie sinken. Du hast um +dieses Geheimnis der menschlichen Natur gewußt, Du mußtest darum wissen, +aber Du hast das einzige Mittel und Zeichen von Dir gewiesen, welches +Dir angeboten worden war, um die Menschen alle dazu zu bringen, sich vor +Dir in gemeinsamer Andacht zu verneigen, das Zeichen des irdischen +Brotes. Und Du hast es verworfen im Namen der Freiheit und des +himmlischen Brotes. Und höre zu, was Du weiter tatest, und wiederum im +Namen der Freiheit! Ich habe Dir gesagt, der Mensch kenne keine +quälendere Sorge als den ausfindig zu machen, dem er so schnell wie +möglich jenes kostbare Geschenk der Freiheit zurückgeben könnte, mit dem +dieses unselige Geschöpf in die Welt gesetzt worden ist. Aber nur der +bemächtigt sich der Freiheit der Menschen, der ihr Gewissen beruhigt. +Mit dem Brote ward Dir die unbestrittene Macht über die Menschen +geboten: gibst Du Brot, so werden Dich die Menschen anbeten, denn am +Brote zweifelt niemand. Wenn aber zu gleicher Zeit einer sich ihrer +Gewissen bemächtigt, ohne daß sie darum wüßten, -- o glaube mir, dann +wird er auch Dein Brot von sich werfen und dem nachfolgen, der sein +Gewissen beruhigt. Darin hattest Du recht; denn das Geheimnis des +Menschenlebens liegt nicht allein darin, daß der Mensch lebe, sondern +auch in dem Zweck, wofür er lebt. Ohne die zwingende, bedeutende +Vorstellung eines Zweckes, für den er leben dürfe, vermag kein Mensch in +das Leben selber einzuwilligen, und er wird sich eher das Leben nehmen, +als daß er unter solchen Bedingungen auf der Erde verweilte, wenn auch +rings um ihn alles zu Brot geworden wäre. Das ist die Wahrheit, aber was +tatest Du? Statt das Gewissen zu beherrschen, hast Du es nur noch tiefer +gemacht. Oder hast Du vergessen, daß Ruhe, daß der Tod selber dem +Menschen lieber seien als die freie Wahl zwischen Gut und Böse? Gewiß +ist für ihn nichts so verführerisch wie die Gewissensfreiheit, nichts +aber peinigt ihn auch mehr. Statt ihm nun ein für allemal feste +Satzungen zu geben zu seiner Gewissensberuhigung, suchst Du alles, was +ungewöhnlich, rätselhaft und schwankend ist, wählst Du alles, was über +die Kräfte der Menschen geht, und handelst ganz wie einer, der die +Menschen nicht liebt, Du, der Du gekommen warst, Dein Leben für die +Menschen zu lassen! Statt also Dich der Freiheit der Menschen zu +bemächtigen, hast Du deren Grenzen nur erweitert und hast die Seele des +Menschen für alle Zeiten mit neuem Leid überladen. Dein Wunsch war die +freie Liebe des Menschen; frei sollte er Dir nachfolgen, von Dir gelockt +und gefangen. Statt sich nach den alten harten Gesetzen zu richten, +sollte der Mensch von nun an freien Herzens vor sich selber entscheiden, +was gut und was böse sei, mit Deinem Beispiel vor der Seele. Ist Dir +damals nie der Gedanke gekommen, daß der Mensch Deine Wahrheit +bestreiten und Dein Beispiel verleugnen wird, wenn ihn Deine Wahrheit +mit einer solchen Last, wie es die Wahl zwischen Gut und Böse ist, +drücken muß? Die Menschen werden es laut verkünden, endlich, daß die +Wahrheit gar nicht in Dir sei; denn es war nicht möglich, sie in ärgerer +Qual und Not zu lassen, als Du es tatest, da Du ihnen nur Sorge und +unauflösbare Rätsel auf Erden zurückließest. Auf solche Weise hast Du +selber den Grund gelegt zur Zerstörung Deines Reiches, gib also niemand +anderem mehr die Schuld daran! Es gibt drei Gewalten, drei, nicht mehr, +auf Erden, die mächtig sind, für ewig das Gewissen dieser erbärmlichen +Empörer zu unterjochen und zu knechten, zu ihrem Glück. Und diese drei +Gewalten sind: das Wunder, das Geheimnis und die Autorität. Du hast die +eine und die andere und auch die dritte von Dir gewiesen und den +Menschen also ein Beispiel gegeben. Als der furchtbare und weise Geist +Dich auf die Zinnen des Tempels führte, sprach er zu Dir: Wenn Du wissen +willst, ob Du der Sohn Gottes seist, so stürze Dich von hier herab; denn +es steht geschrieben, daß Engel Dich auffangen und tragen werden und Du +nicht fallen noch Deinen Leib zerschmettern wirst, und also wirst Du +wissen, daß Du Gottes Sohn bist, und wirst den Menschen für ewig zeigen, +wie groß Dein Glaube an den Vater im Himmel ist! Du aber, da Du den +bösen Geist also hörtest, wiesest diesen Antrag von Dir und warfst Dich +nicht herab von den Zinnen des Tempels. O gewiß, in diesem Augenblick +warst Du stolz und herrlich wie ein Gott, aber sage: sind auch die +Menschen, dieses schwache Geschlecht von Empörern, Götter? Du wußtest +damals, daß, so Du nur einen Schritt machst, eine einzige Bewegung, um +Dich herabzustürzen, Du Gott selber in Versuchung führen und Deinen +Glauben an ihn verlieren und Deine Glieder an derselben Erde +zerschmettern würdest, die Du zu erlösen gekommen warst, und daß also +der kluge Geist frohlocken würde, da er Dich also verführt hatte. Aber +ich wiederhole: Gibt es viele so wie Du? Konntest Du auch nur den +Augenblick lang annehmen, daß eine solche Versuchung nicht ganz und gar +über die Kraft des Menschen ginge? Ist die menschliche Natur stark +genug, daß sie das Wunder von sich weisen und in den furchtbaren +Augenblicken des Lebens, in den Augenblicken der schrecklichsten und +quälendsten Zweifel der Seele, allein stehen dürfe, allein mit dem +freien Entschluß des Herzens? Du wußtest wohl, daß Dein Sieg in den +Büchern der Menschen aufbewahrt werden und bis ans Ende der Zeiten und +bis an die letzten Grenzen der Erde gelangen würde, und Deine Hoffnung +war, daß auch der Mensch, indem er Deinem Beispiel folgte, bei Gott +ausharren und des Wunders nicht bedürfen würde. Aber Du wußtest nicht, +daß der Mensch mit dem Wunder auch Gott verwerfen müsse; denn der Mensch +sucht Gott nicht mit mehr Eifer, als er nach dem Wunder verlangt. Und +weil der Mensch ohne Wunder zu bleiben nicht die Kraft hat, so wird er +sich selber neue, eigene schaffen. Er wird an die Wunder von Zauberern +und an die Hexenkünste alter Weiber glauben, wie gewaltig und kühn auch +seine Empörung, seine Ketzerei und Gottlosigkeit sein mögen. Du bist +nicht vom Kreuz herabgestiegen, als sie Dir, indem sie Dir die Kleider +vom Leibe rissen und Dich verhöhnten, zuriefen: Steig vom Kreuz herab, +und wir werden glauben, daß Du der Sohn Gottes bist. Du bist deshalb +nicht herabgestiegen, weil Du wiederum die Menschen nicht mit dem Wunder +knechten wolltest und Dich nach dem freien und nicht nach dem +Wunderglauben dürstete. Du sehntest Dich nach der freien Liebe und +verwarfst das feige Entzücken der Sklaven vor der Macht. Aber Du +dachtest zu hoch von den Menschen, denn sie sind nun einmal Sklaven, +wenn auch zur Empörung geschaffen. Blicke um Dich und urteile selbst! +Fünfzehn Jahrhunderte sind vergangen, komm, sieh Dir die Menschen an: +wen hast Du da bis zu Dir emporgehoben? Ich bezeuge es: der Mensch ist +schwächer und niedriger, als Du dachtest. Kann er wirklich alles das +erfüllen, was Du ihn gewiesen hast? Indem Du also hoch von ihm dachtest, +hast Du wie einer gehandelt, der kein Mitleid mit ihm fühlt, da Du +allzuviel von ihm verlangtest -- und das tatest Du, der Du ihn mehr +liebst als Dich selber. Hättest Du ihn niedriger eingeschätzt, so +würdest Du weniger von ihm verlangt haben, und es würde mehr der Liebe +geglichen haben, denn die Bürde wäre leichter zu tragen gewesen. Er ist +schwach, und er ist gemein. Was liegt schließlich daran, daß er sich +allerorten jetzt gegen unsere Macht empört und sich darauf viel +einbildet, daß er sich empört! Ich sage Dir, es ist die Empörung von +Kindern und Schulknaben; das sind kleine Kinder, die sich in der Klasse +zusammenrotten und den Lehrer davonjagen. Doch diesem Jubeln der Kinder +wird bald ein Ende gesetzt sein, und es wird sie teuer zu stehen kommen. +Sie reißen die Tempel ein und begießen die Erde mit Blut, aber endlich +werden sie es selber spüren, diese törichten Knaben, daß, wenn sie auch +Empörer sind, ihre Empörung doch nur erbärmlich ist und daß sie selber +ihre eigene Empörung nicht lange aushalten. So werden sie wie dumme +Kinder zu heulen anfangen und einsehen, daß Er, der sie zu Empörern +geschaffen hat, sich ganz zweifellos über sie hatte lustig machen +wollen. Sie werden es in ihrer Verzweiflung so aussprechen, und ihre +Rede wird Gotteslästerung sein, um derentwillen sie noch unglücklicher +sein werden. Denn die menschliche Natur vermag Gotteslästerung nicht zu +ertragen und straft sich schließlich selber dafür. Unruhe, Verwirrung +und Unglück: da hast Du das Los der gegenwärtigen Menschen nach allem, +was Du für deren Freiheit gelitten hast. Dein großer Prophet spricht in +seinen Gesichten, daß er alle gesehen, die an der Auferstehung +teilgenommen hätten, und daß es aus jedem Stamme zwölftausend gewesen +wären -- aber wenn es nicht mehr sind, so waren sie eben nicht Menschen, +sondern schon Götter. Sie haben Dein Kreuz getragen, sie haben zehn +Jahre in der hungernden und nackten Wüste gelebt und sich dort von +Heuschrecken und Wurzeln genährt -- gewiß kannst Du jetzt mit Stolz auf +sie hinweisen, auf diese Kinder der Freiheit, der freien Liebe, des +freien erhabenen Opfers in Deinem Namen, doch vergiß nicht, daß ihrer +nur einige Tausend und daß sie Götter waren! Was geschieht aber mit den +anderen, was haben Dir die übrigen schwachen Menschen getan, daß sie das +nicht aushielten, was die starken zu tragen die Kraft hatten? Ist es die +Schuld der schwachen Seele, daß sie nicht mächtig sei, so furchtbare +Geschenke in sich zu fassen? Bist Du nur zu den Auserwählten und +ihretwegen geraden Weges vom Himmel heruntergestiegen? Wenn ja, so ist +dies ein Geheimnis, das wir nicht zu begreifen vermögen. Und wenn es ein +Geheimnis ist, so haben auch wir das Recht, das Geheimnis zu verkünden +und sie zu lehren, daß nicht der freie Entschluß des Herzens und nicht +die Liebe, sondern eben das Geheimnis entscheide, als welchem sie blind, +ja gegen ihr eigenes Gewissen gehorchen sollten. Und so haben wir auch +gehandelt. Wir haben Deine Tat verbessert und sie auf dem Wunder, auf +dem Geheimnis und auf der Autorität neu aufgebaut. Und die Menschen sind +es froh, daß wir sie abermals führen wie eine Herde und daß wir aus +ihren Herzen die furchtbare Gabe wieder stahlen, die ihnen soviel Qual +gebracht hat. Sprich, haben wir recht gehandelt? Haben wir die +Menschheit nicht geliebt, indem wir in Demut deren Schwäche erkannten +und mit Liebe die Bürde leichter machten und die schwache Natur von der +Sünde freisprachen? Warum bist Du also gekommen, uns zu stören? Warum +blickst Du mich so still und durchdringend mit Deinen sanften Augen an? +Zürnst Du mir dafür, daß ich Deine Liebe nicht will, weil ich Dich +selber nicht liebe? Warum sollte ich es vor Dir verheimlichen, ich weiß +ja nicht, zu wem ich rede; was ich Dir zu sagen habe, das weißt Du im +voraus, ich lese es in Deinen Augen. Soll ich Dir unser Geheimnis +enthüllen? Vielleicht willst Du es aus meinem Munde hören, so vernimm +denn: Wir sind nicht mit Dir, sondern mit =ihm=, das ist unser +Geheimnis. Schon lange sind wir nicht mit Dir, sondern mit =ihm=, schon +acht Jahrhunderte. Acht Jahrhunderte ist es her, daß wir das von =ihm= +annahmen, was Du mit Zorn zurückgewiesen hast, jenes letzte Geschenk, +das er Dir anbot, indem er vor Deinen Augen die Reiche der Erde +entfaltete. Wir haben aus seiner Hand Rom und das Schwert Cäsars +empfangen und uns für die Herren der Erde erklärt, die einzigen, wenn +auch unser Werk bis jetzt noch nicht zu Ende geführt ist. Wer ist aber +daran schuld? O, unser Werk ist noch in seinen Anfängen, aber es hat +begonnen; noch lange müssen wir auf dessen Vollendung warten, und noch +viel Leiden wird auf der Erde sein, aber wir werden es vollenden und die +Herren der Erde sein, und dann erst wird die Zeit gekommen sein, daß wir +an das allgemeine, ewige Glück der Menschen denken. Und doch hättest Du +damals schon das Schwert Cäsars an Dich reißen können! Warum hast Du +auch dieses letzte Geschenk zurückgewiesen? Wärest Du damals seinem Rate +gefolgt, so würdest Du alles gehabt haben, wonach den Menschen auf Erden +verlangt: den Gott, den er anbeten, den Herrn, dem er sein Gewissen +übergeben will, und den Weg und die Weise, wie sich die ganze Menschheit +endgültig zu einem einzigen, einstimmigen Ameisenhaufen vereinen kann. +Denn dieses Verlangen nach weltumspannender Einheit ist die dritte und +letzte Sorge des Menschen. Seit jeher ist das Streben der ganzen +Menschheit die Welteinheit gewesen. Es hat viele große Völker gegeben +mit großer Geschichte, aber je höher sie aufstiegen, um so glücklicher +waren sie, denn um so stärker empfanden sie die Notwendigkeit der +Einigung aller Völker. Die großen Heerführer, ein Timur und +Dschingis-Chan sind wie ein Wirbelwind über die Erde dahingejagt und +haben die Welt mit dem Schwerte zu erobern gesucht. Aber auch sie +drückten, wenn auch unbewußt, denselben gewaltigen Drang der Menschheit +nach dem Weltreich aus. Hättest Du das Reich und den Purpur Cäsars +damals angenommen, so würdest Du das Weltenreich gegründet und der Welt +ewigen Frieden gegeben haben. Wer soll denn über die Menschen herrschen, +wenn nicht der, der ihr Gewissen unterjocht und in dessen Hand das Brot +ist? Wir nun haben uns mit dem Schwerte Cäsars gegürtet und Dich damit +für alle Zeiten besiegt und sind =ihm= nachgefolgt. O gewiß, es werden +noch Jahrhunderte des Mißbrauchs der menschlichen Geisteskraft kommen, +Jahrhunderte der Wissenschaft und Menschenfresserei -- denn wenn sie +ihren babylonischen Turm ohne uns zu Ende führen wollen, werden sie bei +der Menschenfresserei aufhören. Dann aber wird das Tier zu uns gekrochen +kommen und uns die Füße lecken und mit blutigen Tränen netzen. Und wir +werden uns auf das Tier setzen und den Kelch hochheben, und auf diesem +wird geschrieben stehen: Geheimnis. Aber dann erst und nicht früher wird +für die Menschen das Reich des Friedens und des Glückes gekommen sein. +Du bist stolz auf Deine Auserwählten, denn Du hast nur Auserwählte, wir +aber werden allen Menschen Ruhe und Frieden bringen. Doch das ist noch +nicht alles, vergiß nicht: gar viele von den Auserwählten, von den +Starken, die da Auserwählte hätten werden können, sind des Wartens auf +Dein Kommen müde geworden und haben die Kraft ihres Geistes und die Glut +ihres Herzens in ein fremdes Land gebracht und auf einen fremden Acker +getragen und tragen es noch immer dorthin, so daß sie schließlich gegen +Dich die Fahne der Freiheit, die Du selbst einst aufgerichtet hattest, +aufpflanzen werden. Bei uns aber werden alle glücklich sein, alle ohne +Unterschied, und es wird keine Empörung mehr unter den Menschen +herrschen, und sie werden sich nicht mehr gegenseitig das Schwert in den +Leib stoßen, wie sie es in Deinem freien Reiche immer getan haben. Wir +werden sie davon überzeugen, daß sie nur dann frei sein können, wenn sie +sich von ihrer Freiheit zu unseren Gunsten lossagen und uns sich +ergeben. Werden wir recht damit tun oder werden wir lügen? Die Menschen +selber werden davon überzeugt sein, daß wir recht haben; denn sie werden +es nie vergessen, zu welchen Schrecknissen der Knechtschaft und +Erniedrigung Deine Freiheit sie geführt hat. Die Freiheit, der freie +Geist, die freie Wissenschaft werden sie vor solche Abgründe bringen und +vor solche Wunder und unenthüllbare Geheimnisse stellen, daß die einen, +die Unruhigen und Unbändigen, sich das Leben nehmen, daß die anderen, +die wohl unruhig, aber schwach sind, sich gegenseitig töten werden; die +übrigen aber, die Demütigen und Unglücklichen, die werden zu uns +gekrochen kommen und zu uns reden: Ja, ihr hattet recht, ihr allein seid +die Herren des Geheimnisses, und wir kehren zu euch zurück; rettet uns +vor uns selber! Da sie aus unseren Händen das Brot empfangen, werden sie +natürlich sehr gut wissen, daß wir nur ihr mit eigenen Händen erworbenes +Brot genommen haben und jetzt unter sie verteilen, ohne jedes Wunder. +Sie werden keinen Augenblick darüber im Zweifel sein, daß wir durchaus +nicht Steine in Brot verwandelt haben. Aber wahrlich mehr noch als über +diese Brote werden sie sich darüber freuen, daß sie es aus unseren +Händen haben. Denn nur zu gut werden sie sich dessen erinnern, daß +früher, ohne uns, in ihren Händen das Brot sich in Steine verwandelt +hatte, daß jetzt aber, da sie zu uns zurückgekehrt sind, die Steine zu +Broten würden. Zu gut werden sie es zu würdigen wissen, zu gut, sage +ich, was es heißt, sich für immer zu unterwerfen. Denn solange die +Menschen das nicht begreifen, werden sie unglücklich sein. Wer vor allen +aber hat sie dazu befähigt, das nicht zu begreifen? Wer hat die Herde +zerstückt und auf unbekannten Wegen zerstreut? Antworte! Doch die Herde +wird sich von neuem sammeln und von neuem beruhigen und von da an für +immer. Wir werden ihnen das stille Glück, den Frieden der schwächlichen +Menschen geben, zu dem sie auch geschaffen sind; wir werden sie davon +überzeugen, daß Stolz und Übermut zu nichts taugen, denn Du hast sie +über sich selber gehoben und sie also den Hochmut gelehrt; wir werden +ihnen beweisen, daß sie Schwächlinge, daß sie kleine klagende Kinder +seien, daß aber kein Glück so süß sei wie eben das Glück der Kinder. Sie +werden zaghaft werden und zu uns hinaufblicken und sich an uns schmiegen +in ihrer Furcht wie die Küchlein an die Henne. Und sie werden uns +anstaunen und Angst haben vor uns und doch stolz darauf sein, daß wir so +mächtig und so klug seien und daß wir es verstanden haben, die +aufrührerische Herde zu bändigen. Sie werden ohnmächtig vor unserem Zorn +zittern, ihr Geist wird zaghaft werden, und ihre Augen werden sich mit +Tränen füllen wie die Augen der Kinder und Weiber; aber leicht werden +sie auf einen Wink von uns zur Heiterkeit und zum Lachen übergehen, zu +heller Freude und glückseligen Kinderliedern. Gewiß, auch wir werden sie +zur Arbeit anhalten; aber in den arbeitsfreien Stunden werden wir ihnen +das Leben wie ein Kinderspiel gestalten, mit Kinderliedern, Kinderchören +und unschuldigen Tänzen. Wir werden sie von ihren Sünden lossprechen, +denn sie sind schwach und erbärmlich, und sie werden uns lieben wie +Kinder dafür, daß wir ihnen die Sünde erlauben. Wir werden ihnen sagen, +daß jede Sünde ihnen abgekauft wird, wenn sie mit unserer Erlaubnis +geschah, und wir werden ihnen darum zu sündigen erlauben, weil wir sie +lieben; die Strafe aber für ihre Sünden werden wir auf uns nehmen. So +wird es sein. Wir werden selber die Sünde tragen, und sie werden uns +verehren als ihre Wohltäter, weil wir vor Gott ihre Sünden auf uns +nehmen. Sie werden kein Geheimnis vor uns haben, wir werden ihnen bald +erlauben, bald verbieten, mit ihren Frauen oder Geliebten zu leben, +Kinder zu haben oder nicht; es wird alles von ihrem Gehorsam abhängen, +und sie werden sich unserem Willen mit Freude und Entzücken ergeben. +Auch die quälendsten Geheimnisse ihres Gewissens -- alles, alles werden +sie uns bringen, und wir werden sie davon befreien, und sie werden +unserer Entscheidung frohen Herzens glauben, weil diese sie von dem +großen Kummer und der Qual der persönlichen unfreien Entscheidung +entbunden hat. Alle werden sie glücklich sein, alle diese Millionen von +Untertanen, alle mit Ausnahme von den Hunderttausenden, die über sie +herrschen; denn wir, wir, die wir das Geheimnis bewahren, wir allein +werden unglücklich sein. Es wird tausend Millionen glückliche Kinder +geben und hunderttausend Märtyrer, die da auf sich genommen haben die +verfluchte Erkenntnis des Guten und Bösen. In Frieden werden sie +sterben, stille verlöschen, mit Deinem Namen auf den Lippen, und +jenseits des Grabes nur den Tod finden. Wir aber werden das Geheimnis +hüten und zu ihrem Heil sie locken zu himmlischer ewiger Belohnung. Denn +selbst, wenn es dort oben etwas wie Belohnung gäbe, so wäre es doch +nicht für solche wie sie. Es heißt und wurde verkündet, daß Du +wiederkommen und von neuem siegen, daß Du mit deinen Auserwählten, mit +den Stolzen und Starken kommen wirst. Nun, so werden wir erklären, daß +sie sich selber, wir aber alle erlöst haben. Es heißt, daß die Buhlerin, +die auf dem Tiere sitzt und in ihren Händen das Geheimnis hält, +beschimpft werden wird, daß von neuem die Schwächlinge sich empören +werden, daß sie den Purpur zerreißen und den schamlosen Körper des +Weibes entblößen werden -- dann aber werde ich mich erheben und Dir die +tausend Millionen glücklicher Kinder zeigen, die nichts von Sünde +wissen. Und wir, die wir die Sünde zu deren Glück auf uns genommen +haben, wir werden uns vor Dir erheben und sagen: Richte uns, wenn Du es +kannst und wagst! Wisse, daß ich Dich nicht fürchte, wisse, daß auch ich +in der Wüste gelebt habe und mich dort von Heuschrecken und Wurzeln +genährt habe, daß auch ich die Freiheit gesegnet habe, mit der Du die +Menschen gesegnet hast, daß auch ich mich vorbereitet hatte, unter die +Auserwählten zu treten, unter die Stolzen und Starken, dürstend, daß die +Zahl voll werde! Doch ich bin erwacht und wollte Dir nicht mehr mit dem +Wahnsinn dienen, ich bin umgekehrt und habe mich der Schar derer +angeschlossen, die Deine Tat verbessern wollten. Ich bin aus der Reihe +der Stolzen ausgeschieden und bin zurückgekehrt zu denen, die sich +gedemütigt haben zum Heile der Sterblichen. -- Das, was ich zu Dir +gesprochen habe, wird sein, und unser Reich wird gegründet werden. Ich +wiederhole Dir: morgen wirst Du selber die gehorsame Schar sehen, die +auf den ersten Wink meiner Hand sich zum Scheiterhaufen stürzen wird, um +die Kohlen zu schüren, auf welchen Du dafür brennen sollst, daß Du +gekommen bist, uns zu stören; denn wenn jemand lebt, der mehr als alle +Ketzer unseren Scheiterhaufen verdient, so bist Du es. Morgen werde ich +Dich verbrennen.‹ + + * * * * * + +Da der Inquisitor seine Rede beendet hat, wartet er, daß der Gefangene +ihm antworte, denn daß dieser schweigt, bedrückt ihn. Er sieht, wie der +Gefangene ihm die ganze Zeit über aufmerksam zuhört und ihm dabei gerade +ins Auge sieht, ohne daß Er auch nur im geringsten den Wunsch verriete, +ihm zu erwidern. Der Greis möchte, daß Er ihm ein Wort nur sagte, ein +stolzes meinetwegen, ein furchtbares. Doch Er steht plötzlich auf, tritt +an den Greis heran und küßt ihn sanft auf dessen blutlose Lippen. Das +war seine Antwort. Der Greis erbebt. Seine Mundwinkel bewegen sich. Er +geht zur Tür, öffnet sie und spricht zu Ihm: ›Gehe hinaus und kehre +nicht wieder -- kehre nie wieder -- nie, nie!‹ Er läßt Ihn hinaus auf +die ›dunklen schweigenden Plätze‹ der Stadt. Der Gefangene geht hinaus. + + + + +Note + + +Auf seiner ersten Reise nach dem Westen kam Dostojewski auch nach Rom, +wo ihn weder das Altertum noch das sich bildende _terzo regno_, sondern +einzig und allein die Peterskirche und der Vatikan interessierten. In +einem Briefe an seinen Bruder berichtet er davon. Auf diesen ihn tief +erschütternden Eindruck mag der Großinquisitor historisch zurückgeführt +werden. Im wesentlichen ist der Großinquisitor jedoch die ganze +Dichtung, der große Gedanke Dostojewskis, in eine Parabel gebracht: der +Kampf der mechanischen Welt, als deren sublimster Ausdruck Dostojewski +der Katholizismus erscheint, gegen den Geist, gegen Christus. + +Alle großen Christen der neueren Zeit, Pascal, Goethe, William Blake, +Kierkegaard haben wie Dostojewski gefühlt; was den russischen Dichter +jedoch unterscheidet, ist, daß in dem Kampf, wie er ihn sieht, beide +recht haben: der Kardinal-Großinquisitor und Christus, und nicht nur +Christus allein wie bei Pascal, bei Goethe, bei Kierkegaard. Dostojewski +löst, vielmehr setzt den Konflikt nicht als Fanatiker, als Theologe oder +Räsoneur, nicht als Rechtender und Klagender, sondern als Dramatiker, +das heißt: er legt ihn in die Seele des Dichters der Erzählung selber, +in die tiefe, leidende, verzweifelnde Seele Iwan Karamasoffs. Und das +ist das Russische, das Neue, das Übereuropäische an dieser unsterblichen +Erzählung, die sicherlich den großen Gedanken des Christentums noch +einmal denkt wie keine andere im 19. Jahrhundert. + +R. K. + + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Der Großinquisitor, by F. M. Dostojewski + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER GROßINQUISITOR *** + +***** This file should be named 38336-0.txt or 38336-0.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + http://www.gutenberg.org/3/8/3/3/38336/ + +Produced by Norbert H. 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You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + +Title: Der Großinquisitor + +Author: F. M. Dostojewski + +Translator: Rudolf Kassner + +Release Date: December 18, 2011 [EBook #38336] + +Language: German + +Character set encoding: ISO-8859-1 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER GROßINQUISITOR *** + + + + +Produced by Norbert H. Langkau, Jana Srna and the Online +Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net + + + + + + + [ Anmerkungen zur Transkription: + + Schreibweise und Interpunktion des Originaltextes wurden ohne + Änderungen übernommen. + + Im Original gesperrt gedruckter Text wurde mit = markiert. + Im Original in Antiqua gedruckter Text wurde mit _ markiert. + ] + + + + + F. M. Dostojewski + + Der + Großinquisitor + + Übertragen von Rudolf Kassner + + Im Insel-Verlag zu Leipzig + + + + +In seiner unermeßlichen Barmherzigkeit zeigt Er sich noch einmal den +Menschen in derselben Gestalt, in welcher Er vor fünfzehn Jahrhunderten +drei Jahre lang unter ihnen gewandelt ist. Er läßt sich herab auf die +'brennenden Plätze' der südlichen Stadt, in der noch am Vorabend in +Gegenwart des Königs, des gesamten Hofstaates, der Ritterschaft, der +Kardinäle und entzückender Frauen vor der ganzen Einwohnerschaft +Sevillas durch den Kardinal-Großinquisitor nicht weniger als ein volles +Hundert Ketzer auf einmal _ad majorem dei gloriam_ verbrannt worden war. + +Leise und unauffällig erscheint Er unter den Menschen, und siehe, es +erkennen Ihn alle. Das Volk drängt sich an Ihn heran mit unbezwinglicher +Gewalt. Es umgibt Ihn, wächst um Ihn und folgt Ihm. Schweigend schreitet +Er unter ihnen, mit dem stillen Lächeln unendlichen Mitleids auf den +Lippen. Die Sonne der Liebe brennt in seinem Herzen, Strahlen des +Lichtes, der Erleuchtung und Kraft strömen aus seinen Augen und gießen +sich über die Menge und wecken die Herzen der Menschen. Er streckt ihnen +seine Hand entgegen und segnet sie, und aus der Berührung mit seinem +Körper, ja schon aus seinem Gewande fließt heilende Kraft. Ein Greis, +der seit der Kindheit blind war, ruft aus der Schar: 'Herr, heile mich, +damit ich Dich erkenne!' Und siehe, von seinen Augen fällt es wie +Schuppen, und der Blinde sieht. In den Augen der Menschen sind Tränen, +das Volk küßt die Erde, über die Er hinwandelt, die Kinder werfen Blumen +vor seine Schritte, singen Lieder und rufen Hosianna. 'Er ist es, Er,' +wiederholen alle, 'Er muß es sein und kein anderer.' So kommt Er vor das +Tor der Kathedrale, wo Menschen unter Heulen und Wehklagen einen weißen +offenen Kindersarg tragen, darin ein siebenjähriges Mädchen liegt, die +einzige Tochter eines angesehenen Bürgers der Stadt. Das tote Kind liegt +da, ganz in Blumen gebettet. 'Er wird dein Kind auferwecken vom Tode', +rufen Stimmen der weinenden Mutter zu. Aus der Kathedrale tritt dem +Sarge ein Priester entgegen, er vermag nicht gleich zu fassen, was hier +geschieht, und runzelt die Stirne. Da hört er ein Aufschluchzen: es ist +die Mutter des toten Mädchens, sie wirft sich zu seinen Füßen nieder und +hebt ihre Hand zu Ihm auf und ruft aus: 'Wenn Du es bist, dann wecke +mein Kind vom Tode auf!' Die Prozession bleibt stehen, der Sarg wird vor +Ihm auf den Boden gelassen. Er sieht auf ihn hernieder voll Rührung, und +sein Mund spricht noch einmal: '_Talifa kumi._' Und das Mädchen erhebt +sich im Sarge, setzt sich auf und blickt im Kreise um sich mit +erstaunten offenen Augen. In den Händen hält es das Sträußlein weißer +Rosen, mit dem es im Sarge gelegen hat. Das Volk ist bewegt, Stimmen, +Schreie, Schluchzen. In diesem Augenblicke geht an der Kathedrale über +den Platz der Kardinal vorbei, der Großinquisitor, ein Greis von bald +neunzig Jahren, hoch und aufrecht, mit vertrocknetem Gesicht und +tiefliegenden Augen, in welchen noch verborgen das Feuer glüht. Heute +ist er nicht in den Prunkgewändern, in denen er sich gestern dem Volke +gezeigt hatte, da er die Feinde des römischen Glaubens verbrannte -- +nein, heute trägt er die alte grobe Mönchskutte. Ihm folgen in +gemessener Entfernung seine düsteren Gehilfen und Knechte, die +'heiligen' Wächter. Er bleibt vor der Menge stehen und sieht zu, was +geschieht. Er hat alles gesehen; er hat gesehen, wie sie den Sarg vor +Ihn hingestellt haben, er hat gesehen, wie sich das Mädchen im Sarge +erhoben hat, und über sein Gesicht legt sich ein dunkler Schatten. Er +zieht seine dichten, grauen Brauen zusammen, und sein Blick leuchtet auf +in Bosheit. Indem er auf Ihn mit dem Finger weist, heißt er die Wächter +Ihn ergreifen. Und so groß ist seine Gewalt, und so gehorsam und ergeben +ist ihm das Volk, daß die Menge den Wächtern Platz macht und diese unter +aller tiefem plötzlichem Schweigen Hand an Ihn legen und Ihn fortführen. +Die Volksmenge ist wie =ein= Mann, und die Köpfe neigen sich vor dem +greisen Inquisitor zu Boden; er segnet schweigend die Menschen und setzt +seinen Weg fort. + +Die Wache hat inzwischen den Gefangenen in ein enges, dunkles, gewölbtes +Verlies im alten Gebäude des heiligen Tribunals geführt und hinter Ihm +die Tür geschlossen. Der Tag vergeht, die Nacht bricht herein, die +dunkle, glühende, atemlose Nacht Sevillas. Die Luft ist voll vom Duft +des Lorbeers und der Zitronenblüte. Um Mitternacht öffnet sich das +eiserne Tor des Gefängnisses, und der Großinquisitor tritt leisen +Schrittes herein, in der Hand hält er ein Licht. Er ist allein, hinter +ihm schließt sich das Tor. + +Er bleibt am Eingange stehen und sieht Ihm lange, ein bis zwei Minuten +lang, ins Gesicht. Dann tritt er näher heran, stellt den Leuchter auf +den Tisch und spricht zu Ihm: 'Bist Du es?' + +Da er keine Antwort erhält, fügt er schnell hinzu: 'Antworte nicht, +schweige! Was kannst Du auch sagen? Ich weiß sehr gut, was Du sagen +willst; doch Du hast kein Recht, auch nur ein Wort zu dem hinzuzufügen, +was einst von Dir selber gesagt worden ist. Warum bist Du gekommen, uns +zu stören? Denn dazu bist Du gekommen, Du weißt es selber. Weißt Du aber +auch, was morgen geschehen wird? Ich weiß nicht, wer Du bist, ich will +auch nicht wissen, ob Du es wirklich bist oder ob Du nur seine Gestalt +angenommen hast: aber morgen werde ich Dich richten und verurteilen und +Dich auf dem Scheiterhaufen verbrennen als den gefährlichsten aller +Ketzer, und dasselbe Volk, das heute Dir die Füße geküßt hat, wird sich +morgen auf einen Wink von meiner Hand hin zum Scheiterhaufen stürzen, um +dort die Kohlen zu schüren, weißt Du das? Es ist möglich, daß Du es +weißt', fügte er hinzu, ohne auch nur eine Sekunde den Blick von dem +Gefangenen zu lassen.« -- + +»Ich verstehe nicht, Iwan, was das heißen soll«, unterbrach ihn lächelnd +Aljoscha, der die ganze Zeit schweigend zugehört hatte. »Ist das Ganze +nur die uferlose Phantasie oder eine Verwirrung im Kopfe des Greises, +ein unmögliches Quiproquo?« + +»Nimm das letzte an,« lachte Iwan, »wenn dich der zeitgenössische +Realismus schon so verdorben hat, daß du etwas Phantastisches nicht mehr +vertragen kannst! Wenn es ein Quiproquo sein soll, meinetwegen. Es ist +wahr, der Greis zählt neunzig Jahre und hat somit Zeit gehabt, den +Verstand zu verlieren über seiner Idee; zudem konnte ihn der Gefangene +auch durch sein Äußeres aus der Fassung bringen. Vielleicht aber ist es +nur der Wahn, das Fiebergesicht eines neunzigjährigen Greises vor dem +Tode, das Gehirn hat sich vom Autodafé der hundert verbrannten Ketzer +erhitzt. Ist es aber nicht ganz gleichgültig, was es ist, ob ein +Quiproquo oder eine uferlose Phantasie? Es handelt sich hier doch nur +darum, daß der Greis sich ausspricht, daß er endlich einmal nach neunzig +Jahren davon laut redet, worüber er neunzig Jahre lang geschwiegen hat.« + +»Und der Gefangene schweigt, er sieht ihn an und sagt kein Wort?« + +»Unbedingt, auf alle Fälle«, lachte Iwan. »Der Greis hat Ihn doch selber +darauf aufmerksam gemacht, daß Er gar nicht einmal das Recht habe, etwas +zu dem hinzuzufügen, was von Ihm schon gesagt worden ist. Wenn du +willst, kannst du darin den Grundzug des römischen Katholizismus +erblicken, nach meiner Meinung wenigstens: 'Alles wurde von Dir einst +dem Papste übergeben und alles ist jetzt beim Papst, tue Du uns nur den +einen Gefallen, nicht wiederzukommen und uns zu stören in der Zeit! In +diesem Sinne reden sie nicht nur, sondern schreiben sie auch, die +Jesuiten wenigstens. Ich selbst habe es so bei ihren Gelehrten gelesen. +Hast Du das Recht, auch nur ein einziges von den Geheimnissen jener Welt +aufzudecken, aus der Du zu uns herniedergestiegen bist?' fragt ihn mein +Greis, und er selber gibt sich die Antwort: 'Nein, Du hast nicht das +Recht; denn sonst müßtest Du etwas zu dem noch hinzufügen, was von Dir +gesagt worden war, und den Menschen die Freiheit nehmen, für die Du +einst, da Du auf Erden warst, mit solcher Überzeugung eingetreten bist. +Alles, was Du von neuem verkünden könntest, würde somit einen Eingriff +in die Glaubensfreiheit der Menschen bedeuten, denn es würde uns wie ein +Wunder vorkommen; aber die Freiheit des Glaubens galt Dir damals mehr +als jedes andere Gut, damals, vor anderthalbtausend Jahren. Kam das Wort +nicht immer wieder aus Deinem Munde: Ich will euch frei machen? Nun, +jetzt hast Du sie gesehen, die freien Menschen!' 'Ja, das Werk hat uns +viel gekostet,' fügte er gleich hinzu, indem er Ihn streng anblickt, +'aber wir haben es zu Ende geführt, endlich, in Deinem Namen. Fünfzehn +Jahrhunderte lang haben wir uns mit dieser Freiheit geplagt, aber jetzt +sind wir damit fertig, fertig für alle Zeiten. Glaubst Du nicht, daß wir +damit fertig geworden sind für alle Zeiten? Du siehst mich mit Deinen +sanften Augen an und würdigst mich nicht einmal Deines Zornes. So wisse: +Jetzt, gerade heute sind die Menschen mehr denn je davon überzeugt, sie +wären frei, ganz frei, frei wie nie die Menschheit vor ihnen. In +Wahrheit aber haben sie selber uns ihre Freiheit gebracht und demütig +uns vor die Füße gelegt. Das war unser Werk. War es diese Freiheit, die +Du wünschest?'« + +»Ich verstehe wiederum nicht,« unterbrach ihn Aljoscha: »er ironisiert +Ihn und macht sich über Ihn lustig.« + +»Nicht im geringsten: er rechnet es sich und den Seinen durchaus als +Verdienst an, daß sie endlich die Freiheit niedergerungen haben, und nur +darum, um die Menschen glücklich zu machen; denn jetzt erst ist es +möglich geworden, an das Glück der Menschen zu denken. Der Mensch ist +zum Empörer geschaffen: können Empörer glücklich sein? 'Du wurdest +gewarnt,' fährt der Greis zu ihm fort, 'es fehlte Dir nicht an Mahnungen +und Zeichen, aber Du achtetest nicht darauf. Du kehrtest Dich ab von dem +einzigen Wege, auf dem das Heil der Menschen lag, aber zum Glück hast Du +uns Dein Werk überlassen, da Du von uns schiedest. Du hast es uns +versprochen, Du hast es mit Deinen eigenen Worten bekräftigt, Du hast +uns das Recht gegeben zu binden und zu lösen, darum darf Dir jetzt auch +nicht einmal der Gedanke kommen, uns dieses Recht zu nehmen. Warum +willst Du uns also stören?'« + +»Was heißt das: es hat Dir nicht an Mahnungen und Zeichen gefehlt?« +fragte Aljoscha. + +»Gerade darüber mußte sich der Greis aussprechen, denn darauf kommt +alles an. 'Der furchtbare und kluge Geist, der Geist der +Selbstvernichtung und des Nichtseins,' fuhr der Greis fort, 'der große +Geist redete zu Dir in der Wüste, und uns ist in den Büchern +überliefert, daß er Dich dort versuchte. Ist das so richtig? Ist +irgendwo, frage ich, mehr Wahrheit enthalten als in den drei Fragen, die +er Dir stellte und die Du verwarfst und die in den heiligen Büchern +Deine Versuchung genannt werden? Wenn jemals auf Erden ein vollkommenes, +ein wirkliches, ein die Erde in ihren Grundfesten erschütterndes Wunder +geschehen ist, so ward es an jenem Tage, am Tage der drei Versuchungen. +Und nur darin, daß diese Fragen gestellt worden sind, liegt das Wunder. +Denken wir uns, diese drei Fragen des furchtbaren Geistes wären ohne +eine Spur aus den heiligen Büchern verschwunden und müßten wieder dort +eingesetzt, von neuem ausgedacht und verfaßt werden, damit sie wieder in +den Büchern wären, denken wir uns, alle Weisen der Erde, die +Rechtsgelehrten, die Theologen, die Philosophen und die Dichter würden +zusammengerufen, und ihnen sollte die Aufgabe gestellt werden: Sinnet +drei Fragen aus, welche nicht nur der ungeheuren Tatsache eines +versuchten Gottes entsprechen, sondern außerdem in drei Worten, in drei +menschlichen Sätzen die ganze zukünftige Geschichte der Erde und der +Menschheit enthalten -- glaubst Du wirklich, die ganze vereinigte +Gelehrsamkeit der Erde vermöchte etwas zu ersinnen, was an Kraft und +Tiefe sich jenen drei Fragen vergleichen ließe, die Dir damals in der +Wüste von dem mächtigen und klugen Geiste gestellt worden sind? Schon +daran, daß sie überhaupt gestellt wurden, erkennst Du, daß Du es hier +nicht mit einem menschlichen, fließenden, sondern mit dem ewigen, +dauernden Geiste zu tun hast; denn in diesen drei Fragen liegt wie im +Schoße die ganze weitere Geschichte der Menschheit, die Zukunft ist +darin vorausgesagt, und in drei Bildern vermagst Du alle unlösbaren +Widersprüche der menschlichen Natur zu erkennen. Damals konnte es noch +nicht offenbar sein, denn die Zukunft lag noch verborgen; aber heute, +nach fünfzehn Jahrhunderten, ist es ersichtlich, daß in den drei Fragen +alles also recht geraten und vorausgesagt ward und sich bewahrheitet +hatte, so daß wir weder etwas hinzuzufügen noch wegzunehmen haben. +Entscheide selber, wer damals recht hatte, Du oder der Dich fragte! +Erinnere Dich der ersten Frage! Sie lautete nicht buchstäblich, doch +wohl dem Geiste nach also: Du willst unter die Menschen treten und gehst +zu ihnen mit leeren Händen, Du gehst zu ihnen mit einem Versprechen von +einer Freiheit, die sie in ihrer Einfalt und angeborenen Stumpfheit +nicht zu fassen vermögen, ja, vor der sie Furcht haben -- denn es hat +niemals für den einzelnen Menschen sowohl wie für das ganze +Menschengeschlecht etwas gegeben, das diese weniger zu ertragen fähig +waren als eben die Freiheit. Sieh die Steine zu Deinen Füßen ringsum in +der nackten und glühenden Wüste: verwandle sie in Brot, und die +Menschheit wird Dir folgen wie dem Hirten die Herde, dankbar und +gehorsam, wenn auch ewig davor zitternd, Du könntest Deine Hand von ihr +nehmen und ihr Dein Brot entziehen! Aber Du wolltest den Menschen nicht +der Freiheit berauben, und darum verwarfst Du, was Dir geboten worden +war. Denn wo ist da Freiheit, schlossest Du, wenn der Gehorsam mit +Broten erkauft wird? Deine Antwort war, daß der Mensch nicht allein vom +Brote lebe. Weißt Du aber auch, daß im Namen gerade dieses irdischen +Brotes der Geist der Erde sich gegen Dich erheben, sich mit Dir messen +und Dich besiegen wird, und daß alle Menschen ihm nachfolgen und +ausrufen werden: Wer gleicht diesem Tiere, so uns das Feuer vom Himmel +gebracht hat?! Weißt Du auch, daß die Zeiten nicht ausbleiben werden, da +den Menschen durch den Mund der Weisen verkündet werden wird: Es gibt +keine Verbrechen, es gibt auch keine Sünde, es gibt nur Menschen, die +hungern? Mache sie zuerst satt, und dann verlange von ihnen die Tugend: +das werden sie auf die Fahne schreiben, mit der sie gegen Dich in den +Kampf gehen und in Deinen Tempel eindringen werden. Und an Stelle dieses +Deines Tempels wird sich ein neues Gebäude, wird sich zum zweiten Male +jener grauenhafte Turm von Babel erheben. Und wenn auch dieser neue +genau so wie jener erste nicht zu Ende gebaut werden wird: Du hättest es +dazu gar nicht kommen lassen sollen, Du hättest die Leiden der +Menschheit um tausend Jahre abkürzen können -- denn siehst Du, jetzt +werden sie zu uns kommen, jetzt, nachdem sie sich tausend Jahre mit +ihrem Turm gequält haben. Sie werden uns abermals unter der Erde suchen, +sie werden uns aus den Katakomben holen (denn von neuem werden wir +verfolgt und gemartert werden) und uns, da sie uns gefunden, zurufen: +Macht uns satt, denn die, so uns das Feuer vom Himmel versprochen, waren +Betrüger! So werden wir, wir ihnen den Turm zu Ende bauen; denn der baut +ihn auf, der die Menschen satt macht, und wir werden sie satt machen in +Deinem Namen -- denn so wollen wir es dann sagen und lügen, daß es in +Deinem Namen geschehe. Niemals, zu keiner Zeit werden sie ohne uns den +Hunger stillen. Nie wird ihnen eine Wissenschaft das Brot geben, solange +sie frei bleiben, und das Ende wird sein, daß sie uns ihre Freiheit zu +Füßen legen und zu uns reden werden: Macht uns, wenn es nicht anders +geht, zu euren Knechten, aber macht uns satt! Sie werden endlich selber +einsehen, daß die Freiheit und das Brot, beide zusammen, nicht denkbar +sind, denn niemals werden die Menschen das Brot untereinander zu teilen +verstehen. Zudem werden sie sich davon überzeugen, daß sie auch darum +nicht frei sein können, weil sie kleinmütig, lasterhaft und nichtig sind +und voll von Empörung stecken. Du hast ihnen das Himmelsbrot +versprochen, aber ich wiederhole: kann dieses Himmelsbrot sich in den +Augen eben dieses schwachen, ewig lasterhaften und ewig undankbaren +Geschlechtes mit dem irdischen vergleichen? Und wenn Dir auch im Namen +des Himmelsbrotes Tausende und Zehntausende folgen, was geschieht aber +mit den Millionen und zehntausend Millionen von Schwachen, die nicht die +Kraft haben, das irdische Brot von sich zu weisen und dafür das +himmlische zu nehmen? Sprich, sind Dir vielleicht nur die zehntausend +Starken und Großen lieb, und sollen die Millionen, die zahllos wie der +Sand am Meere und schwach sind, aber Dich lieben, sollen diese nur Stoff +sein in der Hand der Großen und Starken? Nein, uns sind auch die +Schwachen lieb. Freilich sind sie Sünder und Empörer, aber schließlich +werden sie doch den Gehorsam lernen. Und sie werden uns anstaunen und +darum für Götter halten, weil wir, nunmehr die Herren, darin +eingewilligt haben, die Freiheit, vor der sie zurückgeschreckt sind, auf +uns zu nehmen und also die Herrschaft zu führen -- so entsetzlich wird +es für sie geworden sein, frei zu sein. Wir aber werden zu ihnen reden, +daß wir Dir gehorchen und in Deinem Namen herrschen. Wir werden sie +abermals betrügen, denn Dich werden wir nun nicht mehr zu uns einlassen. +In diesem Betrug wird auch unser Leiden liegen, denn wir werden zur Lüge +gezwungen sein. Das war der Sinn der ersten Frage und Versuchung in der +Wüste. Und Du hast sie verworfen im Namen der Freiheit, die Du höher +stelltest als alle Güter der Erde. Und in dieser Frage war das große +Geheimnis dieser Welt enthalten. Wenn Du die Brote angenommen hättest, +so würdest Du damit auch eine Antwort gefunden haben auf die große, +leidvolle Frage, die sich der einzelne Mensch nicht weniger als die +ganze Menschheit ewig stellt, auf die Frage: Wen sollen wir anbeten? Es +gibt keine Sorge, die den freien Menschen so ununterbrochen quälte wie +diese, das Wesen so schnell es geht zu suchen, vor dem er sich in +Andacht verneigen könnte; denn der Mensch sehnt sich danach, ihn drängt +es, das anzubeten, das unbedingt und zweifellos ist, damit auf diese +Weise alle Menschen ohne Unterschied in diese Andacht einwilligten. Denn +die Sorge dieser erbarmungswürdigen Geschöpfe liegt nicht darin, den +Gegenstand zu suchen, vor dem ich oder ein anderer uns verneigten, +sondern eben jenen, an den alle glaubten, und vor dem sie dann in die +Knie sänken, alle, alle zusammen. Siehst Du, dieses Verlangen nach +gemeinsamer Anbetung peinigt den einzelnen Menschen ebenso wie die ganze +Menschheit mehr denn jedes andere seit dem Beginne der Zeiten. Und +darum, um der gemeinsamen Anbetung willen, rottet ein Volk das andere +aus mit dem Schwerte; die Menschen schaffen sich Götter und rufen +einander zu: Werft die euren in den Staub und betet zu den unseren, +sonst seid ihr und euer Gott des Todes. Und so wird es bis zum Ende der +Welt sein, auch dann noch, wenn aus der Welt die Götter gewichen sind. +Die Menschen werden dann vor Götzen in die Knie sinken. Du hast um +dieses Geheimnis der menschlichen Natur gewußt, Du mußtest darum wissen, +aber Du hast das einzige Mittel und Zeichen von Dir gewiesen, welches +Dir angeboten worden war, um die Menschen alle dazu zu bringen, sich vor +Dir in gemeinsamer Andacht zu verneigen, das Zeichen des irdischen +Brotes. Und Du hast es verworfen im Namen der Freiheit und des +himmlischen Brotes. Und höre zu, was Du weiter tatest, und wiederum im +Namen der Freiheit! Ich habe Dir gesagt, der Mensch kenne keine +quälendere Sorge als den ausfindig zu machen, dem er so schnell wie +möglich jenes kostbare Geschenk der Freiheit zurückgeben könnte, mit dem +dieses unselige Geschöpf in die Welt gesetzt worden ist. Aber nur der +bemächtigt sich der Freiheit der Menschen, der ihr Gewissen beruhigt. +Mit dem Brote ward Dir die unbestrittene Macht über die Menschen +geboten: gibst Du Brot, so werden Dich die Menschen anbeten, denn am +Brote zweifelt niemand. Wenn aber zu gleicher Zeit einer sich ihrer +Gewissen bemächtigt, ohne daß sie darum wüßten, -- o glaube mir, dann +wird er auch Dein Brot von sich werfen und dem nachfolgen, der sein +Gewissen beruhigt. Darin hattest Du recht; denn das Geheimnis des +Menschenlebens liegt nicht allein darin, daß der Mensch lebe, sondern +auch in dem Zweck, wofür er lebt. Ohne die zwingende, bedeutende +Vorstellung eines Zweckes, für den er leben dürfe, vermag kein Mensch in +das Leben selber einzuwilligen, und er wird sich eher das Leben nehmen, +als daß er unter solchen Bedingungen auf der Erde verweilte, wenn auch +rings um ihn alles zu Brot geworden wäre. Das ist die Wahrheit, aber was +tatest Du? Statt das Gewissen zu beherrschen, hast Du es nur noch tiefer +gemacht. Oder hast Du vergessen, daß Ruhe, daß der Tod selber dem +Menschen lieber seien als die freie Wahl zwischen Gut und Böse? Gewiß +ist für ihn nichts so verführerisch wie die Gewissensfreiheit, nichts +aber peinigt ihn auch mehr. Statt ihm nun ein für allemal feste +Satzungen zu geben zu seiner Gewissensberuhigung, suchst Du alles, was +ungewöhnlich, rätselhaft und schwankend ist, wählst Du alles, was über +die Kräfte der Menschen geht, und handelst ganz wie einer, der die +Menschen nicht liebt, Du, der Du gekommen warst, Dein Leben für die +Menschen zu lassen! Statt also Dich der Freiheit der Menschen zu +bemächtigen, hast Du deren Grenzen nur erweitert und hast die Seele des +Menschen für alle Zeiten mit neuem Leid überladen. Dein Wunsch war die +freie Liebe des Menschen; frei sollte er Dir nachfolgen, von Dir gelockt +und gefangen. Statt sich nach den alten harten Gesetzen zu richten, +sollte der Mensch von nun an freien Herzens vor sich selber entscheiden, +was gut und was böse sei, mit Deinem Beispiel vor der Seele. Ist Dir +damals nie der Gedanke gekommen, daß der Mensch Deine Wahrheit +bestreiten und Dein Beispiel verleugnen wird, wenn ihn Deine Wahrheit +mit einer solchen Last, wie es die Wahl zwischen Gut und Böse ist, +drücken muß? Die Menschen werden es laut verkünden, endlich, daß die +Wahrheit gar nicht in Dir sei; denn es war nicht möglich, sie in ärgerer +Qual und Not zu lassen, als Du es tatest, da Du ihnen nur Sorge und +unauflösbare Rätsel auf Erden zurückließest. Auf solche Weise hast Du +selber den Grund gelegt zur Zerstörung Deines Reiches, gib also niemand +anderem mehr die Schuld daran! Es gibt drei Gewalten, drei, nicht mehr, +auf Erden, die mächtig sind, für ewig das Gewissen dieser erbärmlichen +Empörer zu unterjochen und zu knechten, zu ihrem Glück. Und diese drei +Gewalten sind: das Wunder, das Geheimnis und die Autorität. Du hast die +eine und die andere und auch die dritte von Dir gewiesen und den +Menschen also ein Beispiel gegeben. Als der furchtbare und weise Geist +Dich auf die Zinnen des Tempels führte, sprach er zu Dir: Wenn Du wissen +willst, ob Du der Sohn Gottes seist, so stürze Dich von hier herab; denn +es steht geschrieben, daß Engel Dich auffangen und tragen werden und Du +nicht fallen noch Deinen Leib zerschmettern wirst, und also wirst Du +wissen, daß Du Gottes Sohn bist, und wirst den Menschen für ewig zeigen, +wie groß Dein Glaube an den Vater im Himmel ist! Du aber, da Du den +bösen Geist also hörtest, wiesest diesen Antrag von Dir und warfst Dich +nicht herab von den Zinnen des Tempels. O gewiß, in diesem Augenblick +warst Du stolz und herrlich wie ein Gott, aber sage: sind auch die +Menschen, dieses schwache Geschlecht von Empörern, Götter? Du wußtest +damals, daß, so Du nur einen Schritt machst, eine einzige Bewegung, um +Dich herabzustürzen, Du Gott selber in Versuchung führen und Deinen +Glauben an ihn verlieren und Deine Glieder an derselben Erde +zerschmettern würdest, die Du zu erlösen gekommen warst, und daß also +der kluge Geist frohlocken würde, da er Dich also verführt hatte. Aber +ich wiederhole: Gibt es viele so wie Du? Konntest Du auch nur den +Augenblick lang annehmen, daß eine solche Versuchung nicht ganz und gar +über die Kraft des Menschen ginge? Ist die menschliche Natur stark +genug, daß sie das Wunder von sich weisen und in den furchtbaren +Augenblicken des Lebens, in den Augenblicken der schrecklichsten und +quälendsten Zweifel der Seele, allein stehen dürfe, allein mit dem +freien Entschluß des Herzens? Du wußtest wohl, daß Dein Sieg in den +Büchern der Menschen aufbewahrt werden und bis ans Ende der Zeiten und +bis an die letzten Grenzen der Erde gelangen würde, und Deine Hoffnung +war, daß auch der Mensch, indem er Deinem Beispiel folgte, bei Gott +ausharren und des Wunders nicht bedürfen würde. Aber Du wußtest nicht, +daß der Mensch mit dem Wunder auch Gott verwerfen müsse; denn der Mensch +sucht Gott nicht mit mehr Eifer, als er nach dem Wunder verlangt. Und +weil der Mensch ohne Wunder zu bleiben nicht die Kraft hat, so wird er +sich selber neue, eigene schaffen. Er wird an die Wunder von Zauberern +und an die Hexenkünste alter Weiber glauben, wie gewaltig und kühn auch +seine Empörung, seine Ketzerei und Gottlosigkeit sein mögen. Du bist +nicht vom Kreuz herabgestiegen, als sie Dir, indem sie Dir die Kleider +vom Leibe rissen und Dich verhöhnten, zuriefen: Steig vom Kreuz herab, +und wir werden glauben, daß Du der Sohn Gottes bist. Du bist deshalb +nicht herabgestiegen, weil Du wiederum die Menschen nicht mit dem Wunder +knechten wolltest und Dich nach dem freien und nicht nach dem +Wunderglauben dürstete. Du sehntest Dich nach der freien Liebe und +verwarfst das feige Entzücken der Sklaven vor der Macht. Aber Du +dachtest zu hoch von den Menschen, denn sie sind nun einmal Sklaven, +wenn auch zur Empörung geschaffen. Blicke um Dich und urteile selbst! +Fünfzehn Jahrhunderte sind vergangen, komm, sieh Dir die Menschen an: +wen hast Du da bis zu Dir emporgehoben? Ich bezeuge es: der Mensch ist +schwächer und niedriger, als Du dachtest. Kann er wirklich alles das +erfüllen, was Du ihn gewiesen hast? Indem Du also hoch von ihm dachtest, +hast Du wie einer gehandelt, der kein Mitleid mit ihm fühlt, da Du +allzuviel von ihm verlangtest -- und das tatest Du, der Du ihn mehr +liebst als Dich selber. Hättest Du ihn niedriger eingeschätzt, so +würdest Du weniger von ihm verlangt haben, und es würde mehr der Liebe +geglichen haben, denn die Bürde wäre leichter zu tragen gewesen. Er ist +schwach, und er ist gemein. Was liegt schließlich daran, daß er sich +allerorten jetzt gegen unsere Macht empört und sich darauf viel +einbildet, daß er sich empört! Ich sage Dir, es ist die Empörung von +Kindern und Schulknaben; das sind kleine Kinder, die sich in der Klasse +zusammenrotten und den Lehrer davonjagen. Doch diesem Jubeln der Kinder +wird bald ein Ende gesetzt sein, und es wird sie teuer zu stehen kommen. +Sie reißen die Tempel ein und begießen die Erde mit Blut, aber endlich +werden sie es selber spüren, diese törichten Knaben, daß, wenn sie auch +Empörer sind, ihre Empörung doch nur erbärmlich ist und daß sie selber +ihre eigene Empörung nicht lange aushalten. So werden sie wie dumme +Kinder zu heulen anfangen und einsehen, daß Er, der sie zu Empörern +geschaffen hat, sich ganz zweifellos über sie hatte lustig machen +wollen. Sie werden es in ihrer Verzweiflung so aussprechen, und ihre +Rede wird Gotteslästerung sein, um derentwillen sie noch unglücklicher +sein werden. Denn die menschliche Natur vermag Gotteslästerung nicht zu +ertragen und straft sich schließlich selber dafür. Unruhe, Verwirrung +und Unglück: da hast Du das Los der gegenwärtigen Menschen nach allem, +was Du für deren Freiheit gelitten hast. Dein großer Prophet spricht in +seinen Gesichten, daß er alle gesehen, die an der Auferstehung +teilgenommen hätten, und daß es aus jedem Stamme zwölftausend gewesen +wären -- aber wenn es nicht mehr sind, so waren sie eben nicht Menschen, +sondern schon Götter. Sie haben Dein Kreuz getragen, sie haben zehn +Jahre in der hungernden und nackten Wüste gelebt und sich dort von +Heuschrecken und Wurzeln genährt -- gewiß kannst Du jetzt mit Stolz auf +sie hinweisen, auf diese Kinder der Freiheit, der freien Liebe, des +freien erhabenen Opfers in Deinem Namen, doch vergiß nicht, daß ihrer +nur einige Tausend und daß sie Götter waren! Was geschieht aber mit den +anderen, was haben Dir die übrigen schwachen Menschen getan, daß sie das +nicht aushielten, was die starken zu tragen die Kraft hatten? Ist es die +Schuld der schwachen Seele, daß sie nicht mächtig sei, so furchtbare +Geschenke in sich zu fassen? Bist Du nur zu den Auserwählten und +ihretwegen geraden Weges vom Himmel heruntergestiegen? Wenn ja, so ist +dies ein Geheimnis, das wir nicht zu begreifen vermögen. Und wenn es ein +Geheimnis ist, so haben auch wir das Recht, das Geheimnis zu verkünden +und sie zu lehren, daß nicht der freie Entschluß des Herzens und nicht +die Liebe, sondern eben das Geheimnis entscheide, als welchem sie blind, +ja gegen ihr eigenes Gewissen gehorchen sollten. Und so haben wir auch +gehandelt. Wir haben Deine Tat verbessert und sie auf dem Wunder, auf +dem Geheimnis und auf der Autorität neu aufgebaut. Und die Menschen sind +es froh, daß wir sie abermals führen wie eine Herde und daß wir aus +ihren Herzen die furchtbare Gabe wieder stahlen, die ihnen soviel Qual +gebracht hat. Sprich, haben wir recht gehandelt? Haben wir die +Menschheit nicht geliebt, indem wir in Demut deren Schwäche erkannten +und mit Liebe die Bürde leichter machten und die schwache Natur von der +Sünde freisprachen? Warum bist Du also gekommen, uns zu stören? Warum +blickst Du mich so still und durchdringend mit Deinen sanften Augen an? +Zürnst Du mir dafür, daß ich Deine Liebe nicht will, weil ich Dich +selber nicht liebe? Warum sollte ich es vor Dir verheimlichen, ich weiß +ja nicht, zu wem ich rede; was ich Dir zu sagen habe, das weißt Du im +voraus, ich lese es in Deinen Augen. Soll ich Dir unser Geheimnis +enthüllen? Vielleicht willst Du es aus meinem Munde hören, so vernimm +denn: Wir sind nicht mit Dir, sondern mit =ihm=, das ist unser +Geheimnis. Schon lange sind wir nicht mit Dir, sondern mit =ihm=, schon +acht Jahrhunderte. Acht Jahrhunderte ist es her, daß wir das von =ihm= +annahmen, was Du mit Zorn zurückgewiesen hast, jenes letzte Geschenk, +das er Dir anbot, indem er vor Deinen Augen die Reiche der Erde +entfaltete. Wir haben aus seiner Hand Rom und das Schwert Cäsars +empfangen und uns für die Herren der Erde erklärt, die einzigen, wenn +auch unser Werk bis jetzt noch nicht zu Ende geführt ist. Wer ist aber +daran schuld? O, unser Werk ist noch in seinen Anfängen, aber es hat +begonnen; noch lange müssen wir auf dessen Vollendung warten, und noch +viel Leiden wird auf der Erde sein, aber wir werden es vollenden und die +Herren der Erde sein, und dann erst wird die Zeit gekommen sein, daß wir +an das allgemeine, ewige Glück der Menschen denken. Und doch hättest Du +damals schon das Schwert Cäsars an Dich reißen können! Warum hast Du +auch dieses letzte Geschenk zurückgewiesen? Wärest Du damals seinem Rate +gefolgt, so würdest Du alles gehabt haben, wonach den Menschen auf Erden +verlangt: den Gott, den er anbeten, den Herrn, dem er sein Gewissen +übergeben will, und den Weg und die Weise, wie sich die ganze Menschheit +endgültig zu einem einzigen, einstimmigen Ameisenhaufen vereinen kann. +Denn dieses Verlangen nach weltumspannender Einheit ist die dritte und +letzte Sorge des Menschen. Seit jeher ist das Streben der ganzen +Menschheit die Welteinheit gewesen. Es hat viele große Völker gegeben +mit großer Geschichte, aber je höher sie aufstiegen, um so glücklicher +waren sie, denn um so stärker empfanden sie die Notwendigkeit der +Einigung aller Völker. Die großen Heerführer, ein Timur und +Dschingis-Chan sind wie ein Wirbelwind über die Erde dahingejagt und +haben die Welt mit dem Schwerte zu erobern gesucht. Aber auch sie +drückten, wenn auch unbewußt, denselben gewaltigen Drang der Menschheit +nach dem Weltreich aus. Hättest Du das Reich und den Purpur Cäsars +damals angenommen, so würdest Du das Weltenreich gegründet und der Welt +ewigen Frieden gegeben haben. Wer soll denn über die Menschen herrschen, +wenn nicht der, der ihr Gewissen unterjocht und in dessen Hand das Brot +ist? Wir nun haben uns mit dem Schwerte Cäsars gegürtet und Dich damit +für alle Zeiten besiegt und sind =ihm= nachgefolgt. O gewiß, es werden +noch Jahrhunderte des Mißbrauchs der menschlichen Geisteskraft kommen, +Jahrhunderte der Wissenschaft und Menschenfresserei -- denn wenn sie +ihren babylonischen Turm ohne uns zu Ende führen wollen, werden sie bei +der Menschenfresserei aufhören. Dann aber wird das Tier zu uns gekrochen +kommen und uns die Füße lecken und mit blutigen Tränen netzen. Und wir +werden uns auf das Tier setzen und den Kelch hochheben, und auf diesem +wird geschrieben stehen: Geheimnis. Aber dann erst und nicht früher wird +für die Menschen das Reich des Friedens und des Glückes gekommen sein. +Du bist stolz auf Deine Auserwählten, denn Du hast nur Auserwählte, wir +aber werden allen Menschen Ruhe und Frieden bringen. Doch das ist noch +nicht alles, vergiß nicht: gar viele von den Auserwählten, von den +Starken, die da Auserwählte hätten werden können, sind des Wartens auf +Dein Kommen müde geworden und haben die Kraft ihres Geistes und die Glut +ihres Herzens in ein fremdes Land gebracht und auf einen fremden Acker +getragen und tragen es noch immer dorthin, so daß sie schließlich gegen +Dich die Fahne der Freiheit, die Du selbst einst aufgerichtet hattest, +aufpflanzen werden. Bei uns aber werden alle glücklich sein, alle ohne +Unterschied, und es wird keine Empörung mehr unter den Menschen +herrschen, und sie werden sich nicht mehr gegenseitig das Schwert in den +Leib stoßen, wie sie es in Deinem freien Reiche immer getan haben. Wir +werden sie davon überzeugen, daß sie nur dann frei sein können, wenn sie +sich von ihrer Freiheit zu unseren Gunsten lossagen und uns sich +ergeben. Werden wir recht damit tun oder werden wir lügen? Die Menschen +selber werden davon überzeugt sein, daß wir recht haben; denn sie werden +es nie vergessen, zu welchen Schrecknissen der Knechtschaft und +Erniedrigung Deine Freiheit sie geführt hat. Die Freiheit, der freie +Geist, die freie Wissenschaft werden sie vor solche Abgründe bringen und +vor solche Wunder und unenthüllbare Geheimnisse stellen, daß die einen, +die Unruhigen und Unbändigen, sich das Leben nehmen, daß die anderen, +die wohl unruhig, aber schwach sind, sich gegenseitig töten werden; die +übrigen aber, die Demütigen und Unglücklichen, die werden zu uns +gekrochen kommen und zu uns reden: Ja, ihr hattet recht, ihr allein seid +die Herren des Geheimnisses, und wir kehren zu euch zurück; rettet uns +vor uns selber! Da sie aus unseren Händen das Brot empfangen, werden sie +natürlich sehr gut wissen, daß wir nur ihr mit eigenen Händen erworbenes +Brot genommen haben und jetzt unter sie verteilen, ohne jedes Wunder. +Sie werden keinen Augenblick darüber im Zweifel sein, daß wir durchaus +nicht Steine in Brot verwandelt haben. Aber wahrlich mehr noch als über +diese Brote werden sie sich darüber freuen, daß sie es aus unseren +Händen haben. Denn nur zu gut werden sie sich dessen erinnern, daß +früher, ohne uns, in ihren Händen das Brot sich in Steine verwandelt +hatte, daß jetzt aber, da sie zu uns zurückgekehrt sind, die Steine zu +Broten würden. Zu gut werden sie es zu würdigen wissen, zu gut, sage +ich, was es heißt, sich für immer zu unterwerfen. Denn solange die +Menschen das nicht begreifen, werden sie unglücklich sein. Wer vor allen +aber hat sie dazu befähigt, das nicht zu begreifen? Wer hat die Herde +zerstückt und auf unbekannten Wegen zerstreut? Antworte! Doch die Herde +wird sich von neuem sammeln und von neuem beruhigen und von da an für +immer. Wir werden ihnen das stille Glück, den Frieden der schwächlichen +Menschen geben, zu dem sie auch geschaffen sind; wir werden sie davon +überzeugen, daß Stolz und Übermut zu nichts taugen, denn Du hast sie +über sich selber gehoben und sie also den Hochmut gelehrt; wir werden +ihnen beweisen, daß sie Schwächlinge, daß sie kleine klagende Kinder +seien, daß aber kein Glück so süß sei wie eben das Glück der Kinder. Sie +werden zaghaft werden und zu uns hinaufblicken und sich an uns schmiegen +in ihrer Furcht wie die Küchlein an die Henne. Und sie werden uns +anstaunen und Angst haben vor uns und doch stolz darauf sein, daß wir so +mächtig und so klug seien und daß wir es verstanden haben, die +aufrührerische Herde zu bändigen. Sie werden ohnmächtig vor unserem Zorn +zittern, ihr Geist wird zaghaft werden, und ihre Augen werden sich mit +Tränen füllen wie die Augen der Kinder und Weiber; aber leicht werden +sie auf einen Wink von uns zur Heiterkeit und zum Lachen übergehen, zu +heller Freude und glückseligen Kinderliedern. Gewiß, auch wir werden sie +zur Arbeit anhalten; aber in den arbeitsfreien Stunden werden wir ihnen +das Leben wie ein Kinderspiel gestalten, mit Kinderliedern, Kinderchören +und unschuldigen Tänzen. Wir werden sie von ihren Sünden lossprechen, +denn sie sind schwach und erbärmlich, und sie werden uns lieben wie +Kinder dafür, daß wir ihnen die Sünde erlauben. Wir werden ihnen sagen, +daß jede Sünde ihnen abgekauft wird, wenn sie mit unserer Erlaubnis +geschah, und wir werden ihnen darum zu sündigen erlauben, weil wir sie +lieben; die Strafe aber für ihre Sünden werden wir auf uns nehmen. So +wird es sein. Wir werden selber die Sünde tragen, und sie werden uns +verehren als ihre Wohltäter, weil wir vor Gott ihre Sünden auf uns +nehmen. Sie werden kein Geheimnis vor uns haben, wir werden ihnen bald +erlauben, bald verbieten, mit ihren Frauen oder Geliebten zu leben, +Kinder zu haben oder nicht; es wird alles von ihrem Gehorsam abhängen, +und sie werden sich unserem Willen mit Freude und Entzücken ergeben. +Auch die quälendsten Geheimnisse ihres Gewissens -- alles, alles werden +sie uns bringen, und wir werden sie davon befreien, und sie werden +unserer Entscheidung frohen Herzens glauben, weil diese sie von dem +großen Kummer und der Qual der persönlichen unfreien Entscheidung +entbunden hat. Alle werden sie glücklich sein, alle diese Millionen von +Untertanen, alle mit Ausnahme von den Hunderttausenden, die über sie +herrschen; denn wir, wir, die wir das Geheimnis bewahren, wir allein +werden unglücklich sein. Es wird tausend Millionen glückliche Kinder +geben und hunderttausend Märtyrer, die da auf sich genommen haben die +verfluchte Erkenntnis des Guten und Bösen. In Frieden werden sie +sterben, stille verlöschen, mit Deinem Namen auf den Lippen, und +jenseits des Grabes nur den Tod finden. Wir aber werden das Geheimnis +hüten und zu ihrem Heil sie locken zu himmlischer ewiger Belohnung. Denn +selbst, wenn es dort oben etwas wie Belohnung gäbe, so wäre es doch +nicht für solche wie sie. Es heißt und wurde verkündet, daß Du +wiederkommen und von neuem siegen, daß Du mit deinen Auserwählten, mit +den Stolzen und Starken kommen wirst. Nun, so werden wir erklären, daß +sie sich selber, wir aber alle erlöst haben. Es heißt, daß die Buhlerin, +die auf dem Tiere sitzt und in ihren Händen das Geheimnis hält, +beschimpft werden wird, daß von neuem die Schwächlinge sich empören +werden, daß sie den Purpur zerreißen und den schamlosen Körper des +Weibes entblößen werden -- dann aber werde ich mich erheben und Dir die +tausend Millionen glücklicher Kinder zeigen, die nichts von Sünde +wissen. Und wir, die wir die Sünde zu deren Glück auf uns genommen +haben, wir werden uns vor Dir erheben und sagen: Richte uns, wenn Du es +kannst und wagst! Wisse, daß ich Dich nicht fürchte, wisse, daß auch ich +in der Wüste gelebt habe und mich dort von Heuschrecken und Wurzeln +genährt habe, daß auch ich die Freiheit gesegnet habe, mit der Du die +Menschen gesegnet hast, daß auch ich mich vorbereitet hatte, unter die +Auserwählten zu treten, unter die Stolzen und Starken, dürstend, daß die +Zahl voll werde! Doch ich bin erwacht und wollte Dir nicht mehr mit dem +Wahnsinn dienen, ich bin umgekehrt und habe mich der Schar derer +angeschlossen, die Deine Tat verbessern wollten. Ich bin aus der Reihe +der Stolzen ausgeschieden und bin zurückgekehrt zu denen, die sich +gedemütigt haben zum Heile der Sterblichen. -- Das, was ich zu Dir +gesprochen habe, wird sein, und unser Reich wird gegründet werden. Ich +wiederhole Dir: morgen wirst Du selber die gehorsame Schar sehen, die +auf den ersten Wink meiner Hand sich zum Scheiterhaufen stürzen wird, um +die Kohlen zu schüren, auf welchen Du dafür brennen sollst, daß Du +gekommen bist, uns zu stören; denn wenn jemand lebt, der mehr als alle +Ketzer unseren Scheiterhaufen verdient, so bist Du es. Morgen werde ich +Dich verbrennen.' + + * * * * * + +Da der Inquisitor seine Rede beendet hat, wartet er, daß der Gefangene +ihm antworte, denn daß dieser schweigt, bedrückt ihn. Er sieht, wie der +Gefangene ihm die ganze Zeit über aufmerksam zuhört und ihm dabei gerade +ins Auge sieht, ohne daß Er auch nur im geringsten den Wunsch verriete, +ihm zu erwidern. Der Greis möchte, daß Er ihm ein Wort nur sagte, ein +stolzes meinetwegen, ein furchtbares. Doch Er steht plötzlich auf, tritt +an den Greis heran und küßt ihn sanft auf dessen blutlose Lippen. Das +war seine Antwort. Der Greis erbebt. Seine Mundwinkel bewegen sich. Er +geht zur Tür, öffnet sie und spricht zu Ihm: 'Gehe hinaus und kehre +nicht wieder -- kehre nie wieder -- nie, nie!' Er läßt Ihn hinaus auf +die 'dunklen schweigenden Plätze' der Stadt. Der Gefangene geht hinaus. + + + + +Note + + +Auf seiner ersten Reise nach dem Westen kam Dostojewski auch nach Rom, +wo ihn weder das Altertum noch das sich bildende _terzo regno_, sondern +einzig und allein die Peterskirche und der Vatikan interessierten. In +einem Briefe an seinen Bruder berichtet er davon. Auf diesen ihn tief +erschütternden Eindruck mag der Großinquisitor historisch zurückgeführt +werden. Im wesentlichen ist der Großinquisitor jedoch die ganze +Dichtung, der große Gedanke Dostojewskis, in eine Parabel gebracht: der +Kampf der mechanischen Welt, als deren sublimster Ausdruck Dostojewski +der Katholizismus erscheint, gegen den Geist, gegen Christus. + +Alle großen Christen der neueren Zeit, Pascal, Goethe, William Blake, +Kierkegaard haben wie Dostojewski gefühlt; was den russischen Dichter +jedoch unterscheidet, ist, daß in dem Kampf, wie er ihn sieht, beide +recht haben: der Kardinal-Großinquisitor und Christus, und nicht nur +Christus allein wie bei Pascal, bei Goethe, bei Kierkegaard. Dostojewski +löst, vielmehr setzt den Konflikt nicht als Fanatiker, als Theologe oder +Räsoneur, nicht als Rechtender und Klagender, sondern als Dramatiker, +das heißt: er legt ihn in die Seele des Dichters der Erzählung selber, +in die tiefe, leidende, verzweifelnde Seele Iwan Karamasoffs. Und das +ist das Russische, das Neue, das Übereuropäische an dieser unsterblichen +Erzählung, die sicherlich den großen Gedanken des Christentums noch +einmal denkt wie keine andere im 19. Jahrhundert. + +R. K. + + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Der Großinquisitor, by F. M. Dostojewski + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER GROßINQUISITOR *** + +***** This file should be named 38336-0.txt or 38336-0.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + http://www.gutenberg.org/3/8/3/3/38336/ + +Produced by Norbert H. 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M. Dostojewski + +This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with +almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + +Title: Der Großinquisitor + +Author: F. M. Dostojewski + +Translator: Rudolf Kassner + +Release Date: December 18, 2011 [EBook #38336] + +Language: German + +Character set encoding: UTF-8 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER GROßINQUISITOR *** + + + + +Produced by Norbert H. Langkau, Jana Srna and the Online +Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net + + + + + + +</pre> + + + +<div id="tnote"> +<p class="center"><b>Anmerkung zur Transkription:</b></p> +<p>Schreibweise und Interpunktion des Originaltextes wurden +ohne Änderungen übernommen.</p> +</div> + +<div class="figcenter page-break" style="width: 349px;"> +<img id="coverpage" src="images/cover.jpg" width="347" height="600" alt=""/> +</div> + +<div class="figright page-break" style="width: 100px;"> +<img src="images/schiff.png" width="100" height="97" alt=""/> +</div> + +<p class="center page-break" style="font-size: large;">F. M. Dostojewski</p> + +<hr/> + +<h1>Der<br/> +Großinquisitor</h1> + +<p class="center">Übertragen von Rudolf Kassner</p> + +<hr/> + +<p class="center" style="font-size: large;">Im Insel-Verlag zu Leipzig</p> + +<p class="drop-cap page-break">In<a class="pagenum" name="Page_5" title="5"> </a> seiner unermeßlichen Barmherzigkeit zeigt Er sich +noch einmal den Menschen in derselben Gestalt, +in welcher Er vor fünfzehn Jahrhunderten drei Jahre +lang unter ihnen gewandelt ist. Er läßt sich herab auf +die ›brennenden Plätze‹ der südlichen Stadt, in der +noch am Vorabend in Gegenwart des Königs, des gesamten +Hofstaates, der Ritterschaft, der Kardinäle und +entzückender Frauen vor der ganzen Einwohnerschaft +Sevillas durch den Kardinal-Großinquisitor nicht weniger +als ein volles Hundert Ketzer auf einmal <span class="antiqua">ad majorem +dei gloriam</span> verbrannt worden war.</p> + +<p>Leise und unauffällig erscheint Er unter den Menschen, +und siehe, es erkennen Ihn alle. Das Volk drängt +sich an Ihn heran mit unbezwinglicher Gewalt. Es +umgibt Ihn, wächst um Ihn und folgt Ihm. Schweigend +schreitet Er unter ihnen, mit dem stillen Lächeln +unendlichen Mitleids auf den Lippen. Die Sonne der +Liebe brennt in seinem Herzen, Strahlen des Lichtes, +der Erleuchtung und Kraft strömen aus seinen Augen +und gießen sich über die Menge und wecken die Herzen +der Menschen. Er streckt ihnen seine Hand entgegen +und segnet sie, und aus der Berührung mit seinem Körper, +ja schon aus seinem Gewande fließt heilende Kraft. +Ein Greis, der seit der Kindheit blind war, ruft aus der +Schar: ›Herr, heile mich, damit ich Dich erkenne!‹ +Und siehe, von seinen Augen fällt es wie Schuppen, +<a class="pagenum" name="Page_6" title="6"> </a> +und der Blinde sieht. In den Augen der Menschen +sind Tränen, das Volk küßt die Erde, über die Er hinwandelt, +die Kinder werfen Blumen vor seine Schritte, +singen Lieder und rufen Hosianna. ›Er ist es, Er,‹ +wiederholen alle, ›Er muß es sein und kein anderer.‹ +So kommt Er vor das Tor der Kathedrale, wo Menschen +unter Heulen und Wehklagen einen weißen offenen +Kindersarg tragen, darin ein siebenjähriges Mädchen +liegt, die einzige Tochter eines angesehenen Bürgers der +Stadt. Das tote Kind liegt da, ganz in Blumen gebettet. +›Er wird dein Kind auferwecken vom Tode‹, +rufen Stimmen der weinenden Mutter zu. Aus der +Kathedrale tritt dem Sarge ein Priester entgegen, er +vermag nicht gleich zu fassen, was hier geschieht, und +runzelt die Stirne. Da hört er ein Aufschluchzen: es ist +die Mutter des toten Mädchens, sie wirft sich zu seinen +Füßen nieder und hebt ihre Hand zu Ihm auf und ruft +aus: ›Wenn Du es bist, dann wecke mein Kind vom +Tode auf!‹ Die Prozession bleibt stehen, der Sarg wird +vor Ihm auf den Boden gelassen. Er sieht auf ihn hernieder +voll Rührung, und sein Mund spricht noch +einmal: ›<span class="antiqua">Talifa kumi.</span>‹ Und das Mädchen erhebt sich +im Sarge, setzt sich auf und blickt im Kreise um sich +mit erstaunten offenen Augen. In den Händen hält es +das Sträußlein weißer Rosen, mit dem es im Sarge +gelegen hat. Das Volk ist bewegt, Stimmen, Schreie, +<a class="pagenum" name="Page_7" title="7"> </a> +Schluchzen. In diesem Augenblicke geht an der Kathedrale +über den Platz der Kardinal vorbei, der Großinquisitor, +ein Greis von bald neunzig Jahren, hoch +und aufrecht, mit vertrocknetem Gesicht und tiefliegenden +Augen, in welchen noch verborgen das Feuer glüht. +Heute ist er nicht in den Prunkgewändern, in denen er +sich gestern dem Volke gezeigt hatte, da er die Feinde +des römischen Glaubens verbrannte – nein, heute trägt +er die alte grobe Mönchskutte. Ihm folgen in gemessener +Entfernung seine düsteren Gehilfen und Knechte, die +›heiligen‹ Wächter. Er bleibt vor der Menge stehen +und sieht zu, was geschieht. Er hat alles gesehen; er +hat gesehen, wie sie den Sarg vor Ihn hingestellt haben, +er hat gesehen, wie sich das Mädchen im Sarge erhoben +hat, und über sein Gesicht legt sich ein dunkler +Schatten. Er zieht seine dichten, grauen Brauen zusammen, +und sein Blick leuchtet auf in Bosheit. Indem +er auf Ihn mit dem Finger weist, heißt er die +Wächter Ihn ergreifen. Und so groß ist seine Gewalt, +und so gehorsam und ergeben ist ihm das Volk, daß +die Menge den Wächtern Platz macht und diese unter +aller tiefem plötzlichem Schweigen Hand an Ihn legen +und Ihn fortführen. Die Volksmenge ist wie <em class="gesperrt">ein</em> +Mann, und die Köpfe neigen sich vor dem greisen Inquisitor +zu Boden; er segnet schweigend die Menschen +und setzt seinen Weg fort.</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_8" title="8"> </a>Die Wache hat inzwischen den Gefangenen in ein +enges, dunkles, gewölbtes Verlies im alten Gebäude des +heiligen Tribunals geführt und hinter Ihm die Tür +geschlossen. Der Tag vergeht, die Nacht bricht herein, +die dunkle, glühende, atemlose Nacht Sevillas. Die +Luft ist voll vom Duft des Lorbeers und der Zitronenblüte. +Um Mitternacht öffnet sich das eiserne Tor des +Gefängnisses, und der Großinquisitor tritt leisen Schrittes +herein, in der Hand hält er ein Licht. Er ist allein, +hinter ihm schließt sich das Tor.</p> + +<p>Er bleibt am Eingange stehen und sieht Ihm lange, +ein bis zwei Minuten lang, ins Gesicht. Dann tritt +er näher heran, stellt den Leuchter auf den Tisch und +spricht zu Ihm: ›Bist Du es?‹</p> + +<p>Da er keine Antwort erhält, fügt er schnell hinzu: +›Antworte nicht, schweige! Was kannst Du auch sagen? +Ich weiß sehr gut, was Du sagen willst; doch Du hast +kein Recht, auch nur ein Wort zu dem hinzuzufügen, +was einst von Dir selber gesagt worden ist. Warum bist +Du gekommen, uns zu stören? Denn dazu bist Du gekommen, +Du weißt es selber. Weißt Du aber auch, was +morgen geschehen wird? Ich weiß nicht, wer Du bist, +ich will auch nicht wissen, ob Du es wirklich bist oder ob +Du nur seine Gestalt angenommen hast: aber morgen +werde ich Dich richten und verurteilen und Dich auf dem +Scheiterhaufen verbrennen als den gefährlichsten aller +<a class="pagenum" name="Page_9" title="9"> </a> +Ketzer, und dasselbe Volk, das heute Dir die Füße geküßt +hat, wird sich morgen auf einen Wink von meiner +Hand hin zum Scheiterhaufen stürzen, um dort die +Kohlen zu schüren, weißt Du das? Es ist möglich, daß +Du es weißt‹, fügte er hinzu, ohne auch nur eine Sekunde +den Blick von dem Gefangenen zu lassen.« –</p> + +<p>»Ich verstehe nicht, Iwan, was das heißen soll«, +unterbrach ihn lächelnd Aljoscha, der die ganze Zeit +schweigend zugehört hatte. »Ist das Ganze nur die +uferlose Phantasie oder eine Verwirrung im Kopfe des +Greises, ein unmögliches Quiproquo?«</p> + +<p>»Nimm das letzte an,« lachte Iwan, »wenn dich +der zeitgenössische Realismus schon so verdorben hat, +daß du etwas Phantastisches nicht mehr vertragen kannst! +Wenn es ein Quiproquo sein soll, meinetwegen. Es +ist wahr, der Greis zählt neunzig Jahre und hat somit +Zeit gehabt, den Verstand zu verlieren über seiner +Idee; zudem konnte ihn der Gefangene auch durch sein +Äußeres aus der Fassung bringen. Vielleicht aber ist +es nur der Wahn, das Fiebergesicht eines neunzigjährigen +Greises vor dem Tode, das Gehirn hat sich vom +Autodafé der hundert verbrannten Ketzer erhitzt. Ist es +aber nicht ganz gleichgültig, was es ist, ob ein Quiproquo +oder eine uferlose Phantasie? Es handelt +sich hier doch nur darum, daß der Greis sich ausspricht, +daß er endlich einmal nach neunzig Jahren +<a class="pagenum" name="Page_10" title="10"> </a> +davon laut redet, worüber er neunzig Jahre lang geschwiegen +hat.«</p> + +<p>»Und der Gefangene schweigt, er sieht ihn an und +sagt kein Wort?«</p> + +<p>»Unbedingt, auf alle Fälle«, lachte Iwan. »Der +Greis hat Ihn doch selber darauf aufmerksam gemacht, +daß Er gar nicht einmal das Recht habe, etwas zu dem +hinzuzufügen, was von Ihm schon gesagt worden ist. +Wenn du willst, kannst du darin den Grundzug des +römischen Katholizismus erblicken, nach meiner Meinung +wenigstens: ›Alles wurde von Dir einst dem Papste +übergeben und alles ist jetzt beim Papst, tue Du uns nur +den einen Gefallen, nicht wiederzukommen und uns zu +stören in der Zeit! In diesem Sinne reden sie nicht +nur, sondern schreiben sie auch, die Jesuiten wenigstens. +Ich selbst habe es so bei ihren Gelehrten gelesen. Hast +Du das Recht, auch nur ein einziges von den Geheimnissen +jener Welt aufzudecken, aus der Du zu uns herniedergestiegen +bist?‹ fragt ihn mein Greis, und er selber +gibt sich die Antwort: ›Nein, Du hast nicht das Recht; +denn sonst müßtest Du etwas zu dem noch hinzufügen, +was von Dir gesagt worden war, und den Menschen +die Freiheit nehmen, für die Du einst, da Du auf Erden +warst, mit solcher Überzeugung eingetreten bist. Alles, +was Du von neuem verkünden könntest, würde somit +einen Eingriff in die Glaubensfreiheit der Menschen +<a class="pagenum" name="Page_11" title="11"> </a> +bedeuten, denn es würde uns wie ein Wunder vorkommen; +aber die Freiheit des Glaubens galt Dir damals +mehr als jedes andere Gut, damals, vor anderthalbtausend +Jahren. Kam das Wort nicht immer wieder +aus Deinem Munde: Ich will euch frei machen? Nun, +jetzt hast Du sie gesehen, die freien Menschen!‹ ›Ja, +das Werk hat uns viel gekostet,‹ fügte er gleich hinzu, +indem er Ihn streng anblickt, ›aber wir haben es zu +Ende geführt, endlich, in Deinem Namen. Fünfzehn +Jahrhunderte lang haben wir uns mit dieser Freiheit +geplagt, aber jetzt sind wir damit fertig, fertig für alle +Zeiten. Glaubst Du nicht, daß wir damit fertig geworden +sind für alle Zeiten? Du siehst mich mit Deinen sanften +Augen an und würdigst mich nicht einmal Deines Zornes. +So wisse: Jetzt, gerade heute sind die Menschen +mehr denn je davon überzeugt, sie wären frei, ganz frei, +frei wie nie die Menschheit vor ihnen. In Wahrheit +aber haben sie selber uns ihre Freiheit gebracht und demütig +uns vor die Füße gelegt. Das war unser Werk. +War es diese Freiheit, die Du wünschest?‹«</p> + +<p>»Ich verstehe wiederum nicht,« unterbrach ihn Aljoscha: +»er ironisiert Ihn und macht sich über Ihn lustig.«</p> + +<p>»Nicht im geringsten: er rechnet es sich und den +Seinen durchaus als Verdienst an, daß sie endlich die +Freiheit niedergerungen haben, und nur darum, um die +Menschen glücklich zu machen; denn jetzt erst ist es möglich +<a class="pagenum" name="Page_12" title="12"> </a> +geworden, an das Glück der Menschen zu denken. +Der Mensch ist zum Empörer geschaffen: können Empörer +glücklich sein? ›Du wurdest gewarnt,‹ fährt +der Greis zu ihm fort, ›es fehlte Dir nicht an Mahnungen +und Zeichen, aber Du achtetest nicht darauf. Du +kehrtest Dich ab von dem einzigen Wege, auf dem das +Heil der Menschen lag, aber zum Glück hast Du uns +Dein Werk überlassen, da Du von uns schiedest. Du hast +es uns versprochen, Du hast es mit Deinen eigenen +Worten bekräftigt, Du hast uns das Recht gegeben zu +binden und zu lösen, darum darf Dir jetzt auch nicht +einmal der Gedanke kommen, uns dieses Recht zu nehmen. +Warum willst Du uns also stören?‹«</p> + +<p>»Was heißt das: es hat Dir nicht an Mahnungen +und Zeichen gefehlt?« fragte Aljoscha.</p> + +<p>»Gerade darüber mußte sich der Greis aussprechen, +denn darauf kommt alles an. ›Der furchtbare und kluge +Geist, der Geist der Selbstvernichtung und des Nichtseins,‹ +fuhr der Greis fort, ›der große Geist redete zu Dir +in der Wüste, und uns ist in den Büchern überliefert, +daß er Dich dort versuchte. Ist das so richtig? Ist irgendwo, +frage ich, mehr Wahrheit enthalten als in den drei +Fragen, die er Dir stellte und die Du verwarfst und die +in den heiligen Büchern Deine Versuchung genannt +werden? Wenn jemals auf Erden ein vollkommenes, +ein wirkliches, ein die Erde in ihren Grundfesten erschütterndes +<a class="pagenum" name="Page_13" title="13"> </a> +Wunder geschehen ist, so ward es an +jenem Tage, am Tage der drei Versuchungen. Und +nur darin, daß diese Fragen gestellt worden sind, liegt +das Wunder. Denken wir uns, diese drei Fragen des +furchtbaren Geistes wären ohne eine Spur aus den heiligen +Büchern verschwunden und müßten wieder dort +eingesetzt, von neuem ausgedacht und verfaßt werden, +damit sie wieder in den Büchern wären, denken wir uns, +alle Weisen der Erde, die Rechtsgelehrten, die Theologen, +die Philosophen und die Dichter würden zusammengerufen, +und ihnen sollte die Aufgabe gestellt werden: +Sinnet drei Fragen aus, welche nicht nur der ungeheuren +Tatsache eines versuchten Gottes entsprechen, sondern +außerdem in drei Worten, in drei menschlichen +Sätzen die ganze zukünftige Geschichte der Erde und der +Menschheit enthalten – glaubst Du wirklich, die ganze +vereinigte Gelehrsamkeit der Erde vermöchte etwas zu +ersinnen, was an Kraft und Tiefe sich jenen drei Fragen +vergleichen ließe, die Dir damals in der Wüste von +dem mächtigen und klugen Geiste gestellt worden sind? +Schon daran, daß sie überhaupt gestellt wurden, erkennst +Du, daß Du es hier nicht mit einem menschlichen, +fließenden, sondern mit dem ewigen, dauernden Geiste +zu tun hast; denn in diesen drei Fragen liegt wie im +Schoße die ganze weitere Geschichte der Menschheit, +die Zukunft ist darin vorausgesagt, und in drei Bildern +<a class="pagenum" name="Page_14" title="14"> </a> +vermagst Du alle unlösbaren Widersprüche der menschlichen +Natur zu erkennen. Damals konnte es noch nicht +offenbar sein, denn die Zukunft lag noch verborgen; aber +heute, nach fünfzehn Jahrhunderten, ist es ersichtlich, +daß in den drei Fragen alles also recht geraten und vorausgesagt +ward und sich bewahrheitet hatte, so daß wir +weder etwas hinzuzufügen noch wegzunehmen haben. +Entscheide selber, wer damals recht hatte, Du oder der +Dich fragte! Erinnere Dich der ersten Frage! Sie lautete +nicht buchstäblich, doch wohl dem Geiste nach also: Du +willst unter die Menschen treten und gehst zu ihnen +mit leeren Händen, Du gehst zu ihnen mit einem Versprechen +von einer Freiheit, die sie in ihrer Einfalt und +angeborenen Stumpfheit nicht zu fassen vermögen, ja, +vor der sie Furcht haben – denn es hat niemals für +den einzelnen Menschen sowohl wie für das ganze +Menschengeschlecht etwas gegeben, das diese weniger zu +ertragen fähig waren als eben die Freiheit. Sieh die +Steine zu Deinen Füßen ringsum in der nackten und +glühenden Wüste: verwandle sie in Brot, und die +Menschheit wird Dir folgen wie dem Hirten die Herde, +dankbar und gehorsam, wenn auch ewig davor zitternd, +Du könntest Deine Hand von ihr nehmen und ihr Dein +Brot entziehen! Aber Du wolltest den Menschen nicht +der Freiheit berauben, und darum verwarfst Du, was +Dir geboten worden war. Denn wo ist da Freiheit, +<a class="pagenum" name="Page_15" title="15"> </a> +schlossest Du, wenn der Gehorsam mit Broten erkauft +wird? Deine Antwort war, daß der Mensch nicht +allein vom Brote lebe. Weißt Du aber auch, daß im +Namen gerade dieses irdischen Brotes der Geist der +Erde sich gegen Dich erheben, sich mit Dir messen und +Dich besiegen wird, und daß alle Menschen ihm nachfolgen +und ausrufen werden: Wer gleicht diesem Tiere, +so uns das Feuer vom Himmel gebracht hat?! Weißt +Du auch, daß die Zeiten nicht ausbleiben werden, da den +Menschen durch den Mund der Weisen verkündet +werden wird: Es gibt keine Verbrechen, es gibt auch keine +Sünde, es gibt nur Menschen, die hungern? Mache +sie zuerst satt, und dann verlange von ihnen die Tugend: +das werden sie auf die Fahne schreiben, mit der sie gegen +Dich in den Kampf gehen und in Deinen Tempel eindringen +werden. Und an Stelle dieses Deines Tempels +wird sich ein neues Gebäude, wird sich zum zweiten +Male jener grauenhafte Turm von Babel erheben. +Und wenn auch dieser neue genau so wie jener erste nicht +zu Ende gebaut werden wird: Du hättest es dazu gar +nicht kommen lassen sollen, Du hättest die Leiden der +Menschheit um tausend Jahre abkürzen können – denn +siehst Du, jetzt werden sie zu uns kommen, jetzt, nachdem +sie sich tausend Jahre mit ihrem Turm gequält haben. +Sie werden uns abermals unter der Erde suchen, sie +werden uns aus den Katakomben holen (denn von neuem +<a class="pagenum" name="Page_16" title="16"> </a> +werden wir verfolgt und gemartert werden) und uns, +da sie uns gefunden, zurufen: Macht uns satt, denn +die, so uns das Feuer vom Himmel versprochen, waren +Betrüger! So werden wir, wir ihnen den Turm zu +Ende bauen; denn der baut ihn auf, der die Menschen +satt macht, und wir werden sie satt machen in Deinem +Namen – denn so wollen wir es dann sagen und lügen, +daß es in Deinem Namen geschehe. Niemals, zu keiner +Zeit werden sie ohne uns den Hunger stillen. Nie wird +ihnen eine Wissenschaft das Brot geben, solange sie +frei bleiben, und das Ende wird sein, daß sie uns ihre +Freiheit zu Füßen legen und zu uns reden werden: Macht +uns, wenn es nicht anders geht, zu euren Knechten, aber +macht uns satt! Sie werden endlich selber einsehen, daß +die Freiheit und das Brot, beide zusammen, nicht denkbar +sind, denn niemals werden die Menschen das Brot +untereinander zu teilen verstehen. Zudem werden sie sich +davon überzeugen, daß sie auch darum nicht frei sein +können, weil sie kleinmütig, lasterhaft und nichtig sind +und voll von Empörung stecken. Du hast ihnen das +Himmelsbrot versprochen, aber ich wiederhole: kann +dieses Himmelsbrot sich in den Augen eben dieses +schwachen, ewig lasterhaften und ewig undankbaren +Geschlechtes mit dem irdischen vergleichen? Und wenn +Dir auch im Namen des Himmelsbrotes Tausende und +Zehntausende folgen, was geschieht aber mit den Millionen +<a class="pagenum" name="Page_17" title="17"> </a> +und zehntausend Millionen von Schwachen, die nicht +die Kraft haben, das irdische Brot von sich zu weisen und +dafür das himmlische zu nehmen? Sprich, sind Dir vielleicht +nur die zehntausend Starken und Großen lieb, und +sollen die Millionen, die zahllos wie der Sand am Meere +und schwach sind, aber Dich lieben, sollen diese nur Stoff +sein in der Hand der Großen und Starken? Nein, +uns sind auch die Schwachen lieb. Freilich sind sie +Sünder und Empörer, aber schließlich werden sie doch +den Gehorsam lernen. Und sie werden uns anstaunen +und darum für Götter halten, weil wir, nunmehr die +Herren, darin eingewilligt haben, die Freiheit, vor der +sie zurückgeschreckt sind, auf uns zu nehmen und also +die Herrschaft zu führen – so entsetzlich wird es für sie +geworden sein, frei zu sein. Wir aber werden zu ihnen +reden, daß wir Dir gehorchen und in Deinem Namen +herrschen. Wir werden sie abermals betrügen, denn +Dich werden wir nun nicht mehr zu uns einlassen. In +diesem Betrug wird auch unser Leiden liegen, denn wir +werden zur Lüge gezwungen sein. Das war der Sinn +der ersten Frage und Versuchung in der Wüste. Und +Du hast sie verworfen im Namen der Freiheit, die Du +höher stelltest als alle Güter der Erde. Und in dieser +Frage war das große Geheimnis dieser Welt enthalten. +Wenn Du die Brote angenommen hättest, so würdest +Du damit auch eine Antwort gefunden haben auf die +<a class="pagenum" name="Page_18" title="18"> </a> +große, leidvolle Frage, die sich der einzelne Mensch nicht +weniger als die ganze Menschheit ewig stellt, auf die +Frage: Wen sollen wir anbeten? Es gibt keine Sorge, +die den freien Menschen so ununterbrochen quälte wie +diese, das Wesen so schnell es geht zu suchen, vor dem +er sich in Andacht verneigen könnte; denn der Mensch +sehnt sich danach, ihn drängt es, das anzubeten, das +unbedingt und zweifellos ist, damit auf diese Weise alle +Menschen ohne Unterschied in diese Andacht einwilligten. +Denn die Sorge dieser erbarmungswürdigen Geschöpfe +liegt nicht darin, den Gegenstand zu suchen, vor dem +ich oder ein anderer uns verneigten, sondern eben jenen, +an den alle glaubten, und vor dem sie dann in die Knie +sänken, alle, alle zusammen. Siehst Du, dieses Verlangen +nach gemeinsamer Anbetung peinigt den einzelnen Menschen +ebenso wie die ganze Menschheit mehr denn +jedes andere seit dem Beginne der Zeiten. Und darum, +um der gemeinsamen Anbetung willen, rottet ein +Volk das andere aus mit dem Schwerte; die Menschen +schaffen sich Götter und rufen einander zu: Werft +die euren in den Staub und betet zu den unseren, sonst +seid ihr und euer Gott des Todes. Und so wird es bis +zum Ende der Welt sein, auch dann noch, wenn aus +der Welt die Götter gewichen sind. Die Menschen +werden dann vor Götzen in die Knie sinken. Du hast +um dieses Geheimnis der menschlichen Natur gewußt, +<a class="pagenum" name="Page_19" title="19"> </a> +Du mußtest darum wissen, aber Du hast das einzige +Mittel und Zeichen von Dir gewiesen, welches Dir angeboten +worden war, um die Menschen alle dazu zu +bringen, sich vor Dir in gemeinsamer Andacht zu verneigen, +das Zeichen des irdischen Brotes. Und Du hast +es verworfen im Namen der Freiheit und des himmlischen +Brotes. Und höre zu, was Du weiter tatest, +und wiederum im Namen der Freiheit! Ich habe Dir +gesagt, der Mensch kenne keine quälendere Sorge als +den ausfindig zu machen, dem er so schnell wie möglich +jenes kostbare Geschenk der Freiheit zurückgeben könnte, +mit dem dieses unselige Geschöpf in die Welt gesetzt worden +ist. Aber nur der bemächtigt sich der Freiheit der +Menschen, der ihr Gewissen beruhigt. Mit dem Brote +ward Dir die unbestrittene Macht über die Menschen +geboten: gibst Du Brot, so werden Dich die Menschen +anbeten, denn am Brote zweifelt niemand. Wenn aber +zu gleicher Zeit einer sich ihrer Gewissen bemächtigt, +ohne daß sie darum wüßten, – o glaube mir, dann wird +er auch Dein Brot von sich werfen und dem nachfolgen, +der sein Gewissen beruhigt. Darin hattest Du recht; denn +das Geheimnis des Menschenlebens liegt nicht allein +darin, daß der Mensch lebe, sondern auch in dem Zweck, +wofür er lebt. Ohne die zwingende, bedeutende Vorstellung +eines Zweckes, für den er leben dürfe, vermag kein Mensch +in das Leben selber einzuwilligen, und er wird sich eher +<a class="pagenum" name="Page_20" title="20"> </a> +das Leben nehmen, als daß er unter solchen Bedingungen +auf der Erde verweilte, wenn auch rings um ihn alles +zu Brot geworden wäre. Das ist die Wahrheit, aber +was tatest Du? Statt das Gewissen zu beherrschen, hast +Du es nur noch tiefer gemacht. Oder hast Du vergessen, +daß Ruhe, daß der Tod selber dem Menschen lieber +seien als die freie Wahl zwischen Gut und Böse? Gewiß +ist für ihn nichts so verführerisch wie die Gewissensfreiheit, +nichts aber peinigt ihn auch mehr. Statt ihm +nun ein für allemal feste Satzungen zu geben zu seiner +Gewissensberuhigung, suchst Du alles, was ungewöhnlich, +rätselhaft und schwankend ist, wählst Du alles, was +über die Kräfte der Menschen geht, und handelst ganz +wie einer, der die Menschen nicht liebt, Du, der Du gekommen +warst, Dein Leben für die Menschen zu lassen! +Statt also Dich der Freiheit der Menschen zu bemächtigen, +hast Du deren Grenzen nur erweitert und hast +die Seele des Menschen für alle Zeiten mit neuem Leid +überladen. Dein Wunsch war die freie Liebe des Menschen; +frei sollte er Dir nachfolgen, von Dir gelockt und +gefangen. Statt sich nach den alten harten Gesetzen zu +richten, sollte der Mensch von nun an freien Herzens +vor sich selber entscheiden, was gut und was böse sei, +mit Deinem Beispiel vor der Seele. Ist Dir damals nie +der Gedanke gekommen, daß der Mensch Deine Wahrheit +bestreiten und Dein Beispiel verleugnen wird, wenn +<a class="pagenum" name="Page_21" title="21"> </a> +ihn Deine Wahrheit mit einer solchen Last, wie es die +Wahl zwischen Gut und Böse ist, drücken muß? Die +Menschen werden es laut verkünden, endlich, daß die +Wahrheit gar nicht in Dir sei; denn es war nicht möglich, +sie in ärgerer Qual und Not zu lassen, als Du es +tatest, da Du ihnen nur Sorge und unauflösbare Rätsel +auf Erden zurückließest. Auf solche Weise hast Du selber +den Grund gelegt zur Zerstörung Deines Reiches, gib +also niemand anderem mehr die Schuld daran! Es +gibt drei Gewalten, drei, nicht mehr, auf Erden, die +mächtig sind, für ewig das Gewissen dieser erbärmlichen +Empörer zu unterjochen und zu knechten, zu ihrem Glück. +Und diese drei Gewalten sind: das Wunder, das Geheimnis +und die Autorität. Du hast die eine und die +andere und auch die dritte von Dir gewiesen und den +Menschen also ein Beispiel gegeben. Als der furchtbare +und weise Geist Dich auf die Zinnen des Tempels führte, +sprach er zu Dir: Wenn Du wissen willst, ob Du der +Sohn Gottes seist, so stürze Dich von hier herab; denn +es steht geschrieben, daß Engel Dich auffangen und tragen +werden und Du nicht fallen noch Deinen Leib zerschmettern +wirst, und also wirst Du wissen, daß Du Gottes +Sohn bist, und wirst den Menschen für ewig zeigen, +wie groß Dein Glaube an den Vater im Himmel ist! +Du aber, da Du den bösen Geist also hörtest, wiesest +diesen Antrag von Dir und warfst Dich nicht herab von +<a class="pagenum" name="Page_22" title="22"> </a> +den Zinnen des Tempels. O gewiß, in diesem Augenblick +warst Du stolz und herrlich wie ein Gott, aber sage: +sind auch die Menschen, dieses schwache Geschlecht von +Empörern, Götter? Du wußtest damals, daß, so Du nur +einen Schritt machst, eine einzige Bewegung, um Dich +herabzustürzen, Du Gott selber in Versuchung führen +und Deinen Glauben an ihn verlieren und Deine Glieder +an derselben Erde zerschmettern würdest, die Du zu erlösen +gekommen warst, und daß also der kluge Geist +frohlocken würde, da er Dich also verführt hatte. Aber +ich wiederhole: Gibt es viele so wie Du? Konntest Du +auch nur den Augenblick lang annehmen, daß eine solche +Versuchung nicht ganz und gar über die Kraft des +Menschen ginge? Ist die menschliche Natur stark +genug, daß sie das Wunder von sich weisen und in +den furchtbaren Augenblicken des Lebens, in den Augenblicken +der schrecklichsten und quälendsten Zweifel der +Seele, allein stehen dürfe, allein mit dem freien Entschluß +des Herzens? Du wußtest wohl, daß Dein Sieg +in den Büchern der Menschen aufbewahrt werden und +bis ans Ende der Zeiten und bis an die letzten Grenzen +der Erde gelangen würde, und Deine Hoffnung war, +daß auch der Mensch, indem er Deinem Beispiel folgte, +bei Gott ausharren und des Wunders nicht bedürfen +würde. Aber Du wußtest nicht, daß der Mensch mit +dem Wunder auch Gott verwerfen müsse; denn der +<a class="pagenum" name="Page_23" title="23"> </a> +Mensch sucht Gott nicht mit mehr Eifer, als er nach +dem Wunder verlangt. Und weil der Mensch ohne +Wunder zu bleiben nicht die Kraft hat, so wird er sich +selber neue, eigene schaffen. Er wird an die Wunder +von Zauberern und an die Hexenkünste alter Weiber +glauben, wie gewaltig und kühn auch seine Empörung, +seine Ketzerei und Gottlosigkeit sein mögen. Du bist nicht +vom Kreuz herabgestiegen, als sie Dir, indem sie Dir die +Kleider vom Leibe rissen und Dich verhöhnten, zuriefen: +Steig vom Kreuz herab, und wir werden glauben, daß +Du der Sohn Gottes bist. Du bist deshalb nicht herabgestiegen, +weil Du wiederum die Menschen nicht +mit dem Wunder knechten wolltest und Dich nach dem +freien und nicht nach dem Wunderglauben dürstete. Du +sehntest Dich nach der freien Liebe und verwarfst das +feige Entzücken der Sklaven vor der Macht. Aber Du +dachtest zu hoch von den Menschen, denn sie sind nun +einmal Sklaven, wenn auch zur Empörung geschaffen. +Blicke um Dich und urteile selbst! Fünfzehn Jahrhunderte +sind vergangen, komm, sieh Dir die Menschen an: +wen hast Du da bis zu Dir emporgehoben? Ich bezeuge +es: der Mensch ist schwächer und niedriger, als Du dachtest. +Kann er wirklich alles das erfüllen, was Du ihn gewiesen +hast? Indem Du also hoch von ihm dachtest, hast +Du wie einer gehandelt, der kein Mitleid mit ihm fühlt, +da Du allzuviel von ihm verlangtest – und das tatest +<a class="pagenum" name="Page_24" title="24"> </a> +Du, der Du ihn mehr liebst als Dich selber. Hättest Du +ihn niedriger eingeschätzt, so würdest Du weniger von +ihm verlangt haben, und es würde mehr der Liebe geglichen +haben, denn die Bürde wäre leichter zu tragen +gewesen. Er ist schwach, und er ist gemein. Was liegt +schließlich daran, daß er sich allerorten jetzt gegen unsere +Macht empört und sich darauf viel einbildet, daß er +sich empört! Ich sage Dir, es ist die Empörung von +Kindern und Schulknaben; das sind kleine Kinder, die +sich in der Klasse zusammenrotten und den Lehrer davonjagen. +Doch diesem Jubeln der Kinder wird bald ein +Ende gesetzt sein, und es wird sie teuer zu stehen kommen. +Sie reißen die Tempel ein und begießen die Erde mit +Blut, aber endlich werden sie es selber spüren, diese +törichten Knaben, daß, wenn sie auch Empörer sind, +ihre Empörung doch nur erbärmlich ist und daß sie selber +ihre eigene Empörung nicht lange aushalten. So werden +sie wie dumme Kinder zu heulen anfangen und einsehen, +daß Er, der sie zu Empörern geschaffen hat, sich +ganz zweifellos über sie hatte lustig machen wollen. Sie +werden es in ihrer Verzweiflung so aussprechen, und +ihre Rede wird Gotteslästerung sein, um derentwillen +sie noch unglücklicher sein werden. Denn die menschliche +Natur vermag Gotteslästerung nicht zu ertragen und +straft sich schließlich selber dafür. Unruhe, Verwirrung +und Unglück: da hast Du das Los der gegenwärtigen +<a class="pagenum" name="Page_25" title="25"> </a> +Menschen nach allem, was Du für deren Freiheit gelitten +hast. Dein großer Prophet spricht in seinen Gesichten, +daß er alle gesehen, die an der Auferstehung +teilgenommen hätten, und daß es aus jedem Stamme +zwölftausend gewesen wären – aber wenn es nicht mehr +sind, so waren sie eben nicht Menschen, sondern schon +Götter. Sie haben Dein Kreuz getragen, sie haben zehn +Jahre in der hungernden und nackten Wüste gelebt +und sich dort von Heuschrecken und Wurzeln genährt +– gewiß kannst Du jetzt mit Stolz auf sie hinweisen, +auf diese Kinder der Freiheit, der freien Liebe, des freien +erhabenen Opfers in Deinem Namen, doch vergiß nicht, +daß ihrer nur einige Tausend und daß sie Götter waren! +Was geschieht aber mit den anderen, was haben Dir +die übrigen schwachen Menschen getan, daß sie das nicht +aushielten, was die starken zu tragen die Kraft hatten? +Ist es die Schuld der schwachen Seele, daß sie nicht +mächtig sei, so furchtbare Geschenke in sich zu fassen? +Bist Du nur zu den Auserwählten und ihretwegen geraden +Weges vom Himmel heruntergestiegen? Wenn +ja, so ist dies ein Geheimnis, das wir nicht zu begreifen +vermögen. Und wenn es ein Geheimnis ist, so haben +auch wir das Recht, das Geheimnis zu verkünden und +sie zu lehren, daß nicht der freie Entschluß des Herzens +und nicht die Liebe, sondern eben das Geheimnis entscheide, +als welchem sie blind, ja gegen ihr eigenes Gewissen +<a class="pagenum" name="Page_26" title="26"> </a> +gehorchen sollten. Und so haben wir auch gehandelt. +Wir haben Deine Tat verbessert und sie auf +dem Wunder, auf dem Geheimnis und auf der Autorität +neu aufgebaut. Und die Menschen sind es froh, +daß wir sie abermals führen wie eine Herde und daß +wir aus ihren Herzen die furchtbare Gabe wieder stahlen, +die ihnen soviel Qual gebracht hat. Sprich, haben +wir recht gehandelt? Haben wir die Menschheit nicht +geliebt, indem wir in Demut deren Schwäche erkannten +und mit Liebe die Bürde leichter machten und die +schwache Natur von der Sünde freisprachen? Warum +bist Du also gekommen, uns zu stören? Warum +blickst Du mich so still und durchdringend mit Deinen +sanften Augen an? Zürnst Du mir dafür, daß ich Deine +Liebe nicht will, weil ich Dich selber nicht liebe? Warum +sollte ich es vor Dir verheimlichen, ich weiß ja nicht, zu +wem ich rede; was ich Dir zu sagen habe, das weißt Du +im voraus, ich lese es in Deinen Augen. Soll ich Dir +unser Geheimnis enthüllen? Vielleicht willst Du es aus +meinem Munde hören, so vernimm denn: Wir sind +nicht mit Dir, sondern mit <em class="gesperrt">ihm</em>, das ist unser Geheimnis. +Schon lange sind wir nicht mit Dir, sondern mit +<em class="gesperrt">ihm</em>, schon acht Jahrhunderte. Acht Jahrhunderte +ist es her, daß wir das von <em class="gesperrt">ihm</em> annahmen, was Du +mit Zorn zurückgewiesen hast, jenes letzte Geschenk, das +er Dir anbot, indem er vor Deinen Augen die Reiche der +<a class="pagenum" name="Page_27" title="27"> </a> +Erde entfaltete. Wir haben aus seiner Hand Rom und +das Schwert Cäsars empfangen und uns für die Herren +der Erde erklärt, die einzigen, wenn auch unser Werk +bis jetzt noch nicht zu Ende geführt ist. Wer ist aber +daran schuld? O, unser Werk ist noch in seinen Anfängen, +aber es hat begonnen; noch lange müssen wir +auf dessen Vollendung warten, und noch viel Leiden +wird auf der Erde sein, aber wir werden es vollenden +und die Herren der Erde sein, und dann erst wird die +Zeit gekommen sein, daß wir an das allgemeine, ewige +Glück der Menschen denken. Und doch hättest Du damals +schon das Schwert Cäsars an Dich reißen können! +Warum hast Du auch dieses letzte Geschenk zurückgewiesen? +Wärest Du damals seinem Rate gefolgt, so +würdest Du alles gehabt haben, wonach den Menschen +auf Erden verlangt: den Gott, den er anbeten, den +Herrn, dem er sein Gewissen übergeben will, und den +Weg und die Weise, wie sich die ganze Menschheit +endgültig zu einem einzigen, einstimmigen Ameisenhaufen +vereinen kann. Denn dieses Verlangen nach weltumspannender +Einheit ist die dritte und letzte Sorge des +Menschen. Seit jeher ist das Streben der ganzen +Menschheit die Welteinheit gewesen. Es hat viele große +Völker gegeben mit großer Geschichte, aber je höher sie +aufstiegen, um so glücklicher waren sie, denn um so stärker +empfanden sie die Notwendigkeit der Einigung aller +<a class="pagenum" name="Page_28" title="28"> </a> +Völker. Die großen Heerführer, ein Timur und Dschingis-Chan +sind wie ein Wirbelwind über die Erde dahingejagt +und haben die Welt mit dem Schwerte zu erobern +gesucht. Aber auch sie drückten, wenn auch unbewußt, +denselben gewaltigen Drang der Menschheit +nach dem Weltreich aus. Hättest Du das Reich und +den Purpur Cäsars damals angenommen, so würdest +Du das Weltenreich gegründet und der Welt ewigen +Frieden gegeben haben. Wer soll denn über die Menschen +herrschen, wenn nicht der, der ihr Gewissen unterjocht +und in dessen Hand das Brot ist? Wir nun +haben uns mit dem Schwerte Cäsars gegürtet und Dich +damit für alle Zeiten besiegt und sind <em class="gesperrt">ihm</em> nachgefolgt. +O gewiß, es werden noch Jahrhunderte des Mißbrauchs +der menschlichen Geisteskraft kommen, Jahrhunderte +der Wissenschaft und Menschenfresserei – denn wenn +sie ihren babylonischen Turm ohne uns zu Ende führen +wollen, werden sie bei der Menschenfresserei aufhören. +Dann aber wird das Tier zu uns gekrochen kommen +und uns die Füße lecken und mit blutigen Tränen netzen. +Und wir werden uns auf das Tier setzen und den Kelch +hochheben, und auf diesem wird geschrieben stehen: Geheimnis. +Aber dann erst und nicht früher wird für die +Menschen das Reich des Friedens und des Glückes gekommen +sein. Du bist stolz auf Deine Auserwählten, +denn Du hast nur Auserwählte, wir aber werden allen +<a class="pagenum" name="Page_29" title="29"> </a> +Menschen Ruhe und Frieden bringen. Doch das ist +noch nicht alles, vergiß nicht: gar viele von den Auserwählten, +von den Starken, die da Auserwählte hätten +werden können, sind des Wartens auf Dein Kommen +müde geworden und haben die Kraft ihres Geistes und +die Glut ihres Herzens in ein fremdes Land gebracht +und auf einen fremden Acker getragen und tragen es +noch immer dorthin, so daß sie schließlich gegen Dich die +Fahne der Freiheit, die Du selbst einst aufgerichtet hattest, +aufpflanzen werden. Bei uns aber werden alle glücklich +sein, alle ohne Unterschied, und es wird keine Empörung +mehr unter den Menschen herrschen, und sie werden sich +nicht mehr gegenseitig das Schwert in den Leib stoßen, +wie sie es in Deinem freien Reiche immer getan haben. +Wir werden sie davon überzeugen, daß sie nur dann +frei sein können, wenn sie sich von ihrer Freiheit zu +unseren Gunsten lossagen und uns sich ergeben. Werden +wir recht damit tun oder werden wir lügen? Die +Menschen selber werden davon überzeugt sein, daß wir +recht haben; denn sie werden es nie vergessen, zu welchen +Schrecknissen der Knechtschaft und Erniedrigung Deine +Freiheit sie geführt hat. Die Freiheit, der freie Geist, +die freie Wissenschaft werden sie vor solche Abgründe +bringen und vor solche Wunder und unenthüllbare Geheimnisse +stellen, daß die einen, die Unruhigen und Unbändigen, +sich das Leben nehmen, daß die anderen, die wohl +<a class="pagenum" name="Page_30" title="30"> </a> +unruhig, aber schwach sind, sich gegenseitig töten werden; +die übrigen aber, die Demütigen und Unglücklichen, die +werden zu uns gekrochen kommen und zu uns reden: +Ja, ihr hattet recht, ihr allein seid die Herren des +Geheimnisses, und wir kehren zu euch zurück; rettet uns +vor uns selber! Da sie aus unseren Händen das Brot +empfangen, werden sie natürlich sehr gut wissen, daß +wir nur ihr mit eigenen Händen erworbenes Brot genommen +haben und jetzt unter sie verteilen, ohne jedes +Wunder. Sie werden keinen Augenblick darüber im +Zweifel sein, daß wir durchaus nicht Steine in Brot +verwandelt haben. Aber wahrlich mehr noch als über +diese Brote werden sie sich darüber freuen, daß sie es +aus unseren Händen haben. Denn nur zu gut werden +sie sich dessen erinnern, daß früher, ohne uns, in ihren +Händen das Brot sich in Steine verwandelt hatte, daß +jetzt aber, da sie zu uns zurückgekehrt sind, die Steine +zu Broten würden. Zu gut werden sie es zu würdigen +wissen, zu gut, sage ich, was es heißt, sich für immer +zu unterwerfen. Denn solange die Menschen das nicht +begreifen, werden sie unglücklich sein. Wer vor allen +aber hat sie dazu befähigt, das nicht zu begreifen? Wer +hat die Herde zerstückt und auf unbekannten Wegen +zerstreut? Antworte! Doch die Herde wird sich von +neuem sammeln und von neuem beruhigen und von da +an für immer. Wir werden ihnen das stille Glück, den +<a class="pagenum" name="Page_31" title="31"> </a> +Frieden der schwächlichen Menschen geben, zu dem sie +auch geschaffen sind; wir werden sie davon überzeugen, +daß Stolz und Übermut zu nichts taugen, denn Du hast +sie über sich selber gehoben und sie also den Hochmut +gelehrt; wir werden ihnen beweisen, daß sie Schwächlinge, +daß sie kleine klagende Kinder seien, daß aber kein +Glück so süß sei wie eben das Glück der Kinder. Sie +werden zaghaft werden und zu uns hinaufblicken und +sich an uns schmiegen in ihrer Furcht wie die Küchlein +an die Henne. Und sie werden uns anstaunen und Angst +haben vor uns und doch stolz darauf sein, daß wir so +mächtig und so klug seien und daß wir es verstanden +haben, die aufrührerische Herde zu bändigen. Sie werden +ohnmächtig vor unserem Zorn zittern, ihr Geist +wird zaghaft werden, und ihre Augen werden sich mit +Tränen füllen wie die Augen der Kinder und Weiber; +aber leicht werden sie auf einen Wink von uns zur +Heiterkeit und zum Lachen übergehen, zu heller Freude +und glückseligen Kinderliedern. Gewiß, auch wir werden +sie zur Arbeit anhalten; aber in den arbeitsfreien +Stunden werden wir ihnen das Leben wie ein Kinderspiel +gestalten, mit Kinderliedern, Kinderchören und unschuldigen +Tänzen. Wir werden sie von ihren Sünden +lossprechen, denn sie sind schwach und erbärmlich, und +sie werden uns lieben wie Kinder dafür, daß wir ihnen +die Sünde erlauben. Wir werden ihnen sagen, daß +<a class="pagenum" name="Page_32" title="32"> </a> +jede Sünde ihnen abgekauft wird, wenn sie mit unserer +Erlaubnis geschah, und wir werden ihnen darum zu +sündigen erlauben, weil wir sie lieben; die Strafe aber +für ihre Sünden werden wir auf uns nehmen. So +wird es sein. Wir werden selber die Sünde tragen, +und sie werden uns verehren als ihre Wohltäter, weil +wir vor Gott ihre Sünden auf uns nehmen. Sie werden +kein Geheimnis vor uns haben, wir werden ihnen bald +erlauben, bald verbieten, mit ihren Frauen oder Geliebten +zu leben, Kinder zu haben oder nicht; es wird alles von +ihrem Gehorsam abhängen, und sie werden sich unserem +Willen mit Freude und Entzücken ergeben. Auch die +quälendsten Geheimnisse ihres Gewissens – alles, alles +werden sie uns bringen, und wir werden sie davon befreien, +und sie werden unserer Entscheidung frohen Herzens +glauben, weil diese sie von dem großen Kummer +und der Qual der persönlichen unfreien Entscheidung +entbunden hat. Alle werden sie glücklich sein, alle diese +Millionen von Untertanen, alle mit Ausnahme von +den Hunderttausenden, die über sie herrschen; denn wir, +wir, die wir das Geheimnis bewahren, wir allein werden +unglücklich sein. Es wird tausend Millionen glückliche +Kinder geben und hunderttausend Märtyrer, die +da auf sich genommen haben die verfluchte Erkenntnis +des Guten und Bösen. In Frieden werden sie sterben, +stille verlöschen, mit Deinem Namen auf den Lippen, +<a class="pagenum" name="Page_33" title="33"> </a> +und jenseits des Grabes nur den Tod finden. Wir aber +werden das Geheimnis hüten und zu ihrem Heil sie +locken zu himmlischer ewiger Belohnung. Denn selbst, +wenn es dort oben etwas wie Belohnung gäbe, so wäre +es doch nicht für solche wie sie. Es heißt und wurde +verkündet, daß Du wiederkommen und von neuem siegen, +daß Du mit deinen Auserwählten, mit den Stolzen und +Starken kommen wirst. Nun, so werden wir erklären, +daß sie sich selber, wir aber alle erlöst haben. Es heißt, +daß die Buhlerin, die auf dem Tiere sitzt und in ihren +Händen das Geheimnis hält, beschimpft werden wird, +daß von neuem die Schwächlinge sich empören werden, +daß sie den Purpur zerreißen und den schamlosen Körper +des Weibes entblößen werden – dann aber werde ich +mich erheben und Dir die tausend Millionen glücklicher +Kinder zeigen, die nichts von Sünde wissen. Und wir, +die wir die Sünde zu deren Glück auf uns genommen +haben, wir werden uns vor Dir erheben und sagen: +Richte uns, wenn Du es kannst und wagst! Wisse, +daß ich Dich nicht fürchte, wisse, daß auch ich in der +Wüste gelebt habe und mich dort von Heuschrecken und +Wurzeln genährt habe, daß auch ich die Freiheit gesegnet +habe, mit der Du die Menschen gesegnet hast, +daß auch ich mich vorbereitet hatte, unter die Auserwählten +zu treten, unter die Stolzen und Starken, +dürstend, daß die Zahl voll werde! Doch ich bin erwacht +<a class="pagenum" name="Page_34" title="34"> </a> +und wollte Dir nicht mehr mit dem Wahnsinn dienen, +ich bin umgekehrt und habe mich der Schar derer angeschlossen, +die Deine Tat verbessern wollten. Ich bin +aus der Reihe der Stolzen ausgeschieden und bin zurückgekehrt +zu denen, die sich gedemütigt haben zum Heile +der Sterblichen. – Das, was ich zu Dir gesprochen habe, +wird sein, und unser Reich wird gegründet werden. Ich +wiederhole Dir: morgen wirst Du selber die gehorsame +Schar sehen, die auf den ersten Wink meiner Hand +sich zum Scheiterhaufen stürzen wird, um die Kohlen +zu schüren, auf welchen Du dafür brennen sollst, daß +Du gekommen bist, uns zu stören; denn wenn jemand +lebt, der mehr als alle Ketzer unseren Scheiterhaufen verdient, +so bist Du es. Morgen werde ich Dich verbrennen.‹</p> + +<hr class="thought-break"/> + +<p>Da der Inquisitor seine Rede beendet hat, wartet +er, daß der Gefangene ihm antworte, denn daß dieser +schweigt, bedrückt ihn. Er sieht, wie der Gefangene ihm +die ganze Zeit über aufmerksam zuhört und ihm dabei +gerade ins Auge sieht, ohne daß Er auch nur im geringsten +den Wunsch verriete, ihm zu erwidern. Der Greis +möchte, daß Er ihm ein Wort nur sagte, ein stolzes +meinetwegen, ein furchtbares. Doch Er steht plötzlich +auf, tritt an den Greis heran und küßt ihn sanft auf +<a class="pagenum" name="Page_35" title="35"> </a> +dessen blutlose Lippen. Das war seine Antwort. Der +Greis erbebt. Seine Mundwinkel bewegen sich. Er +geht zur Tür, öffnet sie und spricht zu Ihm: ›Gehe +hinaus und kehre nicht wieder – kehre nie wieder – +nie, nie!‹ Er läßt Ihn hinaus auf die ›dunklen schweigenden +Plätze‹ der Stadt. Der Gefangene geht hinaus.</p> + +<h2><a class="pagenum" name="Page_37" title="37"> </a>Note</h2> + +<p class="drop-cap">Auf seiner ersten Reise nach dem Westen kam Dostojewski +auch nach Rom, wo ihn weder das Altertum +noch das sich bildende <span class="antiqua">terzo regno</span>, sondern einzig +und allein die Peterskirche und der Vatikan interessierten. +In einem Briefe an seinen Bruder berichtet er davon. +Auf diesen ihn tief erschütternden Eindruck mag der +Großinquisitor historisch zurückgeführt werden. Im +wesentlichen ist der Großinquisitor jedoch die ganze +Dichtung, der große Gedanke Dostojewskis, in eine +Parabel gebracht: der Kampf der mechanischen Welt, +als deren sublimster Ausdruck Dostojewski der Katholizismus +erscheint, gegen den Geist, gegen Christus.</p> + +<p>Alle großen Christen der neueren Zeit, Pascal, Goethe, +William Blake, Kierkegaard haben wie Dostojewski +gefühlt; was den russischen Dichter jedoch unterscheidet, +ist, daß in dem Kampf, wie er ihn sieht, beide recht +haben: der Kardinal-Großinquisitor und Christus, und +nicht nur Christus allein wie bei Pascal, bei Goethe, +bei Kierkegaard. Dostojewski löst, vielmehr setzt den +Konflikt nicht als Fanatiker, als Theologe oder Räsoneur, +nicht als Rechtender und Klagender, sondern +als Dramatiker, das heißt: er legt ihn in die Seele des +Dichters der Erzählung selber, in die tiefe, leidende, +verzweifelnde Seele Iwan Karamasoffs. Und das ist +<a class="pagenum" name="Page_38" title="38"> </a> +das Russische, das Neue, das Übereuropäische an dieser +unsterblichen Erzählung, die sicherlich den großen Gedanken +des Christentums noch einmal denkt wie keine +andere im 19. Jahrhundert.</p> + +<p class="right page-break-after">R. K.</p> + + + + + + + + +<pre> + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Der Großinquisitor, by F. M. Dostojewski + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER GROßINQUISITOR *** + +***** This file should be named 38336-h.htm or 38336-h.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + http://www.gutenberg.org/3/8/3/3/38336/ + +Produced by Norbert H. Langkau, Jana Srna and the Online +Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net + + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. Special rules, +set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to +copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to +protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. Project +Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you +charge for the eBooks, unless you receive specific permission. If you +do not charge anything for copies of this eBook, complying with the +rules is very easy. You may use this eBook for nearly any purpose +such as creation of derivative works, reports, performances and +research. They may be modified and printed and given away--you may do +practically ANYTHING with public domain eBooks. Redistribution is +subject to the trademark license, especially commercial +redistribution. + + + +*** START: FULL LICENSE *** + +THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE +PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK + +To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free +distribution of electronic works, by using or distributing this work +(or any other work associated in any way with the phrase "Project +Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full Project +Gutenberg-tm License (available with this file or online at +http://gutenberg.org/license). + + +Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project Gutenberg-tm +electronic works + +1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm +electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to +and accept all the terms of this license and intellectual property +(trademark/copyright) agreement. If you do not agree to abide by all +the terms of this agreement, you must cease using and return or destroy +all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your possession. +If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a Project +Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound by the +terms of this agreement, you may obtain a refund from the person or +entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph 1.E.8. + +1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be +used on or associated in any way with an electronic work by people who +agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few +things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works +even without complying with the full terms of this agreement. See +paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project +Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement +and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic +works. See paragraph 1.E below. + +1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation" +or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project +Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the +collection are in the public domain in the United States. If an +individual work is in the public domain in the United States and you are +located in the United States, we do not claim a right to prevent you from +copying, distributing, performing, displaying or creating derivative +works based on the work as long as all references to Project Gutenberg +are removed. 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Additional terms will be linked +to the Project Gutenberg-tm License for all works posted with the +permission of the copyright holder found at the beginning of this work. + +1.E.4. Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg-tm +License terms from this work, or any files containing a part of this +work or any other work associated with Project Gutenberg-tm. + +1.E.5. Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this +electronic work, or any part of this electronic work, without +prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with +active links or immediate access to the full terms of the Project +Gutenberg-tm License. + +1.E.6. You may convert to and distribute this work in any binary, +compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including any +word processing or hypertext form. 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It exists +because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from +people in all walks of life. + +Volunteers and financial support to provide volunteers with the +assistance they need, are critical to reaching Project Gutenberg-tm's +goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will +remain freely available for generations to come. In 2001, the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure +and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations. +To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation +and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 +and the Foundation web page at http://www.pglaf.org. + + +Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive +Foundation + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit +501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the +state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal +Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification +number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at +http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent +permitted by U.S. federal laws and your state's laws. + +The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S. +Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered +throughout numerous locations. Its business office is located at +809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email +business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact +information can be found at the Foundation's web site and official +page at http://pglaf.org + +For additional contact information: + Dr. Gregory B. Newby + Chief Executive and Director + gbnewby@pglaf.org + + +Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation + +Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide +spread public support and donations to carry out its mission of +increasing the number of public domain and licensed works that can be +freely distributed in machine readable form accessible by the widest +array of equipment including outdated equipment. Many small donations +($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt +status with the IRS. + +The Foundation is committed to complying with the laws regulating +charities and charitable donations in all 50 states of the United +States. 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Donations are accepted in a number of other +ways including checks, online payments and credit card donations. +To donate, please visit: http://pglaf.org/donate + + +Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic +works. + +Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm +concept of a library of electronic works that could be freely shared +with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project +Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support. + + +Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed +editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S. +unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily +keep eBooks in compliance with any particular paper edition. + + +Most people start at our Web site which has the main PG search facility: + + http://www.gutenberg.org + +This Web site includes information about Project Gutenberg-tm, +including how to make donations to the Project Gutenberg Literary +Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to +subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks. + + +</pre> + +</body> +</html> diff --git a/38336-h/images/cover.jpg b/38336-h/images/cover.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..2b9cd4c --- /dev/null +++ b/38336-h/images/cover.jpg diff --git a/38336-h/images/schiff.png b/38336-h/images/schiff.png Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..eb1c169 --- /dev/null +++ b/38336-h/images/schiff.png diff --git a/38336-page-images.zip b/38336-page-images.zip Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..2ac806f --- /dev/null +++ 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