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+<pre>
+
+The Project Gutenberg EBook of Der König Candaules, by André Gide
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Der König Candaules
+ Drama in drei Akten
+
+Author: André Gide
+
+Translator: Franz Blei
+
+Release Date: December 11, 2011 [EBook #38281]
+[Last updated: October, 11, 2022]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: UTF-8
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER KÖNIG CANDAULES ***
+
+
+
+
+Produced by Jana Srna
+
+
+
+
+
+</pre>
+
+
+
+<div id="tnote">
+<p class="center"><b>Anmerkungen zur Transkription:</b></p>
+<p>Schreibweise und Interpunktion des Originaltextes wurden
+übernommen; lediglich offensichtliche Druckfehler wurden
+korrigiert. <span class="screen">Änderungen sind im Text
+<ins title="so wie hier">so gekennzeichnet</ins>. Der
+Originaltext erscheint beim Überfahren mit der Maus.</span>
+Eine <a href="#tn-bottom">Liste der vorgenommenen Änderungen</a>
+findet sich am Ende des Textes.</p>
+</div>
+<div class="figright page-break" style="width: 100px;">
+<img src="images/schiff.png" width="100" height="97" alt=""/>
+</div>
+
+<p class="center page-break">Dieses Buch wurde bei<br/>
+F.&nbsp;A. Lattmann in Goslar<br/>
+gedruckt in einer Auflage<br/>
+von 600 handschriftlich<br/>
+numerierten Exemplaren,<br/>
+davon dieses Nr.&nbsp;<span style="border-bottom: 1px solid black; padding-left: 1.5em;">&nbsp;</span></p>
+
+<h1>DER KÖNIG
+CANDAULES</h1>
+
+<p class="center" style="margin-top: 3em; line-height: 1.5;">DRAMA IN DREI AKTEN<br/>
+<big>VON ANDRÉ GIDE</big></p>
+
+<p class="center" style="line-height: 1.5;">DEUTSCHE UMDICHTUNG<br/>
+<big>VON FRANZ BLEI</big></p>
+
+<p class="center" style="margin-top: 4.5em; line-height: 1.5;">ERSCHIENEN 1905 IM<br/>
+INSEL-VERLAG LEIPZIG</p>
+
+<h2 class="red-ink left"><a class="pagenum" name="Page_i" title="i"> </a>ÜBER DIE ENTWICKLUNG<br/>
+DES THEATERS.</h2>
+
+<p class="drop-cap"><span class="upper-case">Die</span> Entwicklung der dramatischen Kunst aufzuweisen,
+ist ein Gegenstand von eigentümlicher
+Schwierigkeit. Das dramatische Kunstwerk
+findet und kann seinen hinreichenden Zweck nicht
+in sich selber finden; der Dramatiker richtet es
+vielmehr sozusagen zwischen dem Zuschauer und
+dem Schauspieler auf, und so nehme ich mir vor,
+mich einmal auf den Standpunkt des Dichters, dann
+auf den des Schauspielers und schließlich auf den
+des Zuschauers zu stellen.</p>
+
+<p>Eine andere Schwierigkeit, und keine geringe, kommt
+daher, daß zu dem Erfolg eines Stücks oder selbst
+einer ganzen Gattung von Stücken, manches in
+Betracht kommt, das mit der Literatur gar nichts
+zu tun hat. Ich meine damit nicht nur diese vielfachen
+Elemente, die das dramatische Kunstwerk zu
+seiner Darstellung und zu deren Erfolg braucht, wie
+Dekoration, Kostüm, Frauenschönheit, Talent und
+Berühmtheit der Schauspieler; ich meine damit vielmehr
+<a class="pagenum" name="Page_ii" title="ii"> </a>
+besonders die sozialen, patriotischen, pornographischen
+oder pseudokünstlerischen vorgefaßten
+Meinungen des Autors. Die erfolgreichen Stücke
+unserer heutigen Bühne sind zumeist in solchem
+Maße aus solchen vorgefaßten Meinungen fabriziert,
+daß man, läßt man eine nach der anderen fallen,
+fast vom ganzen Stück nichts übrig behält.</p>
+
+<p>In den meisten Fällen dankt eben diesen vorgefaßten
+Meinungen und Anschauungen das Stück seinen Erfolg;
+und der Autor, der ihnen nicht gehorcht, dem
+bloß und nichts als die Kunst seine vorgefaßte Meinung
+ist, riskiert meistens, nicht nur nicht beliebt zu sein,
+sondern gar nicht aufgeführt zu werden.</p>
+
+<p>Da aber das Drama nur virtuell im Buche, völlig
+nur auf der Szene lebt, sieht sich der Kritiker, der sich
+heute mit der Entwicklung des Theaters und der
+hierzu parallelen der Schauspieler und des Publikums
+beschäftigt, verpflichtet, von Werken zu sprechen,
+die nur eine sehr entfernte Beziehung zur Kunst
+haben, und Werke von rein künstlerischem Wert
+hinwider zu ignorieren oder von ihnen nicht anders
+zu sprechen, als von Buchdramen, deren Entwicklung
+<a class="pagenum" name="Page_iii" title="iii"> </a>
+weit verschieden von jener anderen des
+gespielten Dramas ist, zu dem sie außerdem in
+Opposition steht.</p>
+
+<p>«Bei den in Gesellschaft lebenden Tieren, schreibt
+Darwin, ändert die natürliche Zuchtwahl die Formation
+eines jeden Individuums in der Richtung seines
+Nutzens für die Gemeinschaft, &ndash; immer unter der
+Bedingung, daß die Gemeinschaft von der Änderung
+profitiert.» &ndash; In unserm Falle profitiert die Gemeinschaft
+nicht &hellip; Der nicht aufgeführte Dramatiker
+schließt sich in seinem Werke ein, entzieht sich der allgemeinen
+Entwicklung und endet damit, sich ihr
+zu widersetzen. Diese Werke sind alles solche der
+Reaktion.</p>
+
+<p>Reaktion gegen was? &ndash; Ich könnte sagen: gegen
+den Realismus, aber dieses bereits so vielsinnige
+Wort würde mich selbst sehr bald in große Verlegenheit
+bringen. Der schlimmste Sinn, den ich
+dem Worte gegen könnte, reichte nicht hin, die
+Werke des Herrn Rostand etwa des Realismus zu
+überführen, oder des Antirealismus die Komödien
+Molières oder die Dramen Ibsens. Ich möchte lieber
+<a class="pagenum" name="Page_iv" title="iv"> </a>
+von einer Reaktion gegen den Episodismus sprechen,
+in Mangel eines besseren Wortes. Denn die Kunst
+besteht nicht im Verbrauch heroischer, historischer
+oder legendärer Personen, wie es nicht notwendig
+unkünstlerisch ist, die Bourgeois von heute auf
+die Bühne zu bringen. Gleichwohl etwas Wahres
+in dem Worte ist, das ich in Racine's Vorrede
+zum «Bajazet» lese: «Die tragischen Helden wollen
+mit einem andern Auge angesehen sein als wir für
+gewöhnlich die Leute aus unserer Nähe betrachten.
+Man kann sagen, unser Respekt vor dem Helden
+wächst in dem Maße seiner Entfernung von uns.»
+Ich möchte noch hinzufügen, daß dieser Respekt
+vor den dargestellten Personen vielleicht nicht
+nötig ist. Daß der Künstler seine Wahl in einer
+ferneren Zeit trifft, kommt wohl daher, daß die
+Zeit zu uns nur ein Bild kommen läßt, das schon
+alles <ins title="Eposidische">Episodische</ins>, Bizarre und Vorübergehende verloren
+und nichts sonst behalten hat als sein Teil der
+tiefen Wahrheit, auf der die Kunst schaffen kann.
+Und die Fremdhaftigkeit, die der Künstler hervorzubringen
+sucht, indem er seine Menschen von uns
+<a class="pagenum" name="Page_v" title="v"> </a>
+entfernt, zeigt eben dies sein Verlangen an: um
+sein Kunstwerk als ein Kunstwerk zu geben, als
+nichts sonst, und nicht hinter der Illusion einer Realität
+herzulaufen, die selbst wenn sie glückte nur eine
+Realität noch einmal wäre: ein Pleonasmus.
+Und ist es nicht, und fast mit Wissen dieses selbe
+Verlangen, das unsere Klassiker an den drei Einheiten
+festzuhalten trieb: aus dem Drama kühn und
+offensichtlich ein Kunstwerk zu machen?</p>
+
+<p>Wenn immer die Kunst ermattet ist, verweist man
+sie auf die Natur, wie man einen Kranken ins Bad
+schickt. Aber die Natur kann da nichts &ndash; es ist
+ein Quiproquo. Ich gebe zu, daß es manchmal
+ganz gut ist, wenn sich die Kunst auf die Weide
+treibt und sie, blaß von Erschöpfung, auf freiem
+Feld, im Leben die Hoffnung auf neue Kraft sucht.
+Aber die Griechen, unsere Meister, wußten ganz
+gut, daß Aphrodite nicht aus einer natürlichen Befruchtung
+geboren ward. Die Schönheit wird niemals
+eine natürliche Schöpfung sein: man erreicht
+sie nur durch künstlichen Zwang. Kunst und
+Natur sind Rivalen auf der Erde. Gewiß:
+<a class="pagenum" name="Page_vi" title="vi"> </a>
+der Künstler umfaßt die Natur, die ganze Natur,
+drückt sie in seine Brust, aber er könnte in
+Erinnerung an den berühmten Vers sagen: «Ich
+umarme meinen Rivalen &ndash; um ihn zu erdrücken.»</p>
+
+<p>Die Kunst ist immer das Resultat eines Zwanges.
+Glauben, daß sie sich um so höher erhebe je freier
+sie sei, das ist zu glauben, das was den Papierdrachen
+am Steigen verhindere, sei die Schnur.
+Aber ohne Schnur könnte er sich nicht erheben.
+Kant's Taube denkt, sie flöge besser ohne den
+Widerstand der Luft, der ihrem Flügel lästig ist,
+aber sie weiß nicht, daß ihrem Fliegen dieser Widerstand
+der Luft Bedingung ist, auf die sie ihren
+Flügel stützen kann. Auf gleichen Widerstand muß
+sich die Kunst stützen, um steigen zu können. Ich
+sprach von den drei dramatischen Einheiten, aber
+was ich nun sagen will, gilt ebenso für die Malerei
+als für die Plastik, für die Musik wie für das Gedicht.
+Die Kunst wirbt um die Freiheit nur in
+Zeiten der Krankheit: sie möchte mühelos sein.
+Aber wenn sie in starker Kraft ist, sucht sie den
+<a class="pagenum" name="Page_vii" title="vii"> </a>
+Kampf und das Hindernis. Sie liebt ihre Blattscheiden
+platzen zu machen, und deshalb wählt sie
+diese eng und knapp. Ist es nicht in Zeiten des
+starken Überschäumens von Leben, daß die
+pathetischesten Geister den Genuß der striktesten
+Form fühlen? Daher das Sonnet, aus der üppigen
+Renaissance heraus, bei Shakespeare, bei Ronsard,
+Petrarca, selbst bei Michel-Angelo; die Verwendung
+der Terzine durch Dante; die Liebe zur Fuge bei
+Bach; dieses unruhige Bedürfnis nach dem Zwang
+der Fuge in den letzten Werken Beethovens. Gibt
+es ein Staunen darüber, daß die Expansionskraft
+des lyrischen Atems im Verhältnis zu seiner Kompression
+steht, oder daß es die zu überwindende
+Schwere ist, welche die Architektur ermöglicht?</p>
+
+<p>Der große Künstler ist der, den die Hinderung erregt,
+dem das Hindernis als Sprungbrett dient. Es
+wird erzählt, daß es ein fehlbehauener Marmorblock
+war, der den Michel-Angelo diese starke Geste seines
+Moses zu erfinden veranlaßte. Es ist die beschränkte
+Zahl von Stimmen, über die er gleichzeitig auf der
+Szene verfügen konnte, die dem Äschylos der
+<a class="pagenum" name="Page_viii" title="viii"> </a>
+Zwang war, das Schweigen des Prometheus zu
+erfinden, da man ihn an den Kaukasus kettet.
+Griechenland schickte den in die Verbannung, der
+der Lyra eine neue Saite gab. Die Kunst aus dem
+Zwang geboren, lebt vom Kampfe, stirbt an der
+Freiheit.</p>
+
+<p>Der Künstler freute sich sonst darüber, das Drama
+an Ausdruck gewinnen zu lassen, was es alsbald an
+Schönheit verlor und er verminderte nach und
+nach den Raum, der Bühne und Theatersaal trennt.
+Eine verhängnisvolle Entwicklung, scheint es. Diese
+«Distanz» zwischen Zuschauer und dargestellter
+Person zu vermindern, den Helden zu vermenschlichen,
+daran arbeitete auch der Schauspieler
+nach Kräften. Eins nach dem andern
+gab er auf, Maske, Kothurn, alles was aus
+ihm etwas Fremdartiges machte und das man nach
+dem zitierten Wort Racine's «mit einem andern
+Auge betrachten solle als wie wir gewöhnlich die
+Personen betrachten, die wir aus nächster Nähe
+kennen.» Er unterdrückte alles, bis auf das
+konventionelle Kostüm sogar, das er sozusagen
+<a class="pagenum" name="Page_ix" title="ix"> </a>
+abstrakt machte und der Person nichts sonst ließ, als
+was ihr allgemein und menschlich war. Wenn
+es darin vielleicht einen Fortschritt gab, so war der
+doch gefährlich und nicht wenig. Unter dem Vorwande
+der Wahrheit suchte man die Exaktheit.
+Kostüme, Requisiten, Dekorationen strengten sich an,
+Ort und Zeit des Dramas zu präzisieren, unbekümmert
+darum, ob sich Racine nicht vielleicht um das direkte
+Gegenteil gekümmert hatte.</p>
+
+<p>Bevor Talma den «Mahomet» des Voltaire spielte,
+glaubte er gut daran zu tun, zuvor den Mahomet
+der Geschichte einen ganzen Monat lang zu studieren.
+Er erzählte es selbst, wie er «zu große Verschiedenheiten
+zwischen seiner Auffassung des Mahomet
+und der des Voltaire gefunden und daher sofort
+die Rolle abgegeben habe, die zu spielen ihm unmöglich
+gewesen wäre ohne der Wahrheit Gewalt
+anzutun.» Der Fall zeigt besser als man es erfinden
+könnte, wie der Autor den Akteur gegen sich hat.
+Hier mag es ja hingehen, denn Voltaires «Mahomet»
+ist kein gutes Stück, aber &hellip; Nach einer Darstellung
+des «Britannicus» hielt man einem unserer
+<a class="pagenum" name="Page_x" title="x"> </a>
+größten Schauspieler vor, daß er seine Rolle nicht
+so auffasse, wie es Racine vielleicht verlangt habe.
+«Racine?&hellip; wer ist das?» <ins title="antwotete">antwortete</ins> er. «Ich, ich
+kenne nur Nero.»</p>
+
+<p>Die unvermeidliche Mitarbeit des Schauspielers
+partikularisiert dort wo der Autor generalisiert. Ich
+kann darob den Schauspieler nicht anklagen; das
+Drama ist kein Abstraktes; die Charaktäre sind Vorwand
+für Generalisierung, aber immer Wesen von besonderer,
+partikularer Wahrheit; und das Drama ist wie
+der Roman der Schauplatz der Charaktäre.</p>
+
+<p>Das Theater ist eine merkwürdige Sache. Wir
+Zuschauer kommen da des Abends zusammen, um
+von andern Leidenschaften gemimt zu sehen,
+die wir selbst zu haben kein Recht besitzen, &ndash;
+weil sich Gesetz und Sitte dem entgegenstellt. Ich
+möchte an ein außerordentliches Wort Balzac's erinnern;
+es steht in der «Physiologie der Ehe»: «Die
+Sitten, das ist die Hypokrisie der Nationen.» &ndash;
+Will er vielleicht damit sagen, daß diese Leidenschaften,
+die der Schauspieler darstellt, in uns nicht
+von der Sitte unterdrückt, sondern nur versteckt
+<a class="pagenum" name="Page_xi" title="xi"> </a>
+worden sind? Daß unsere gemessenen Bewegungen
+nur sind, um auf eine falsche Spur zu leiten?
+Daß wir die Komödianten sind &ndash; Hypokrites
+heißt im Griechischen der Schauspieler&nbsp;&ndash;, daß unsere
+Höflichkeit nur gemimt und die Tugend, diese «Höflichkeit
+der Seele», wie sie Balzac nennt, nur ein
+Dekorationsstück ist? Ist es daher, woher zum Teil
+unsere Lust am Theater kommt: da laut sagen zu
+hören, was die Wohlanständigkeit in uns erstickt?
+Manchmal wohl &ndash; doch häufiger noch sieht der
+Mensch die Leidenschaften auf der Bühne wie gebändigte
+wilde Bestien. Er hat die wundervolle
+Fähigkeit, das zu werden, was er zu sein prätendiert,
+und das ist was Condorcet schreiben ließ: «Die
+Hypokrisie der Sitte, das spezielle Laster der
+modernen europäischen Nationen hat mehr als man
+glaubt dazu beigetragen, die Energie des Charakters,
+welche die antiken Nationen auszeichnet, zu zerstören.»
+Die Hypokrisie der Sitte hat also nicht
+immer existiert.</p>
+
+<p>Ja, der Mensch wird das, was er zu sein prätendiert;
+aber das zu sein prätendieren, was man nicht ist,
+<a class="pagenum" name="Page_xii" title="xii"> </a>
+das ist eine spezifisch moderne Prätention, deutlicher:
+die christliche. Ich sage nicht, daß die Intervention
+des Willens nichts in der Bildung oder Entbildung
+des Charakters vermag; aber der antike Mensch
+glaubte nicht anders sein zu müssen als er war.
+Der Mensch banalisierte sein Wesen nicht aus einem
+Zwang, sondern trieb es auf Äußerste aus Tugend;
+keiner verlangte von sich anderes als sich selbst und
+setzte sich neben den Gott ohne sich zu deformieren.
+Daher die große Zahl der Götter &ndash; so groß wie
+die Instinkte der Menschen. Das war nicht freie
+Wahl, die den Menschen sich diesem Gotte hingeben
+ließ; der Gott erkannte im Menschen sein Ebenbild.
+Oft kam es vor, daß er, der Mensch, sich
+dem Ebenbilde weigerte; und der so im Menschen
+verkannte Gott rächte sich, wie es so schrecklich
+dem Pentheus geschah in den Bacchen des
+Euripides.</p>
+
+<p>Selten nahmen die antiken Menschen die Qualitäten
+der Seele als Güter, die man sich erwerben könnte,
+sondern nicht anders als die Güter des Leibes,
+wie einen natürlich zukommenden Besitz. Agathokles
+<a class="pagenum" name="Page_xiii" title="xiii"> </a>
+war gut, Charikles tapfer, so natürlich wie der eine
+ein blaues, der andere ein braunes Auge hatte.
+Die Religion steckte ihnen nicht auf eines Kreuzes
+Spitze dieses Bündel Tugenden, dieses moralische
+Phantom auf, dem gleich zu sein sie alle Wichtigkeit
+gab, unter Strafe anders für gottlos genommen zu
+werden. Der typische Mensch war nicht einer,
+sondern Legion und so gab es überhaupt keinen
+typischen Menschen. &ndash; So war die Maske da im
+Leben ohne Sinn und Brauch &ndash; und reserviert für
+den Schauspieler.</p>
+
+<p>Spricht man über die Geschichte des Dramas, muß
+man sich vor allem dieses fragen: <em class="gesperrt">Wo ist die
+Maske?</em> Im Saal oder auf der Bühne? Im Theater
+oder im Leben? &ndash; Sie kann nur hier <em class="gesperrt">oder</em> dort
+sein. Die glänzendste Zeit des Theaters, jene,
+da die Maske auf der Bühne triumphiert, ist die Zeit,
+wo die sittliche Hypokrisie aus dem Leben verschwunden
+ist. Hinwider ist die Zeit, da siegte was
+<ins title="Condercet">Condorcet</ins> die «Hypocrisie des m&oelig;urs» nennt, jene, da
+man dem Schauspieler die Maske abreißt, wo man von
+ihm nicht mehr so sehr verlangt, daß er schön sondern
+<a class="pagenum" name="Page_xiv" title="xiv"> </a>
+daß er natürlich sei &ndash; was, wenn ich es recht verstehe,
+so viel heißt als: der Schauspieler soll sich
+ein Beispiel an den Realitäten oder mindest an deren
+Schein nehmen, das der Zuschauer ihm bietet, &ndash;
+das will sagen, ein Beispiel an einer einförmigen
+oder bereits maskierten Menschheit. Der Autor
+endlich, der gleichfalls in das Natürlichsein seinen
+Stolz setzt, soll sich zur Aufgabe machen, das
+Drama zu diesem Zustande zu liefern: ein monotones,
+maskiertes Drama, ein Drama, in dem das
+Tragische der Situationen &ndash; denn das Tragische
+braucht man immer &ndash; nach und nach das Tragische
+der Charaktere ersetzt. Diesen beunruhigenden totalen
+Mangel an Charakteren kann man im naturalistischen
+Drama beobachten, das die Wirklichkeit zu kopieren
+vorgibt. Das ist nicht erstaunlich. Unsere moderne
+Gesellschaft, unsere christliche Moral tun alles was
+sie können, Charaktere zu verhindern. «Die antike
+Religion, schrieb schon Macchiavel, sprach nur die
+Männer des weltlichen Ruhmes selig, die Heerführer,
+die Staatsgründer, unsere Religion glorifiziert eher
+die ergebenen und beschaulichen Menschen als
+<a class="pagenum" name="Page_xv" title="xv"> </a>
+die Tätigen. Unsere Religion will die Menschen
+stark, damit sie leiden können, nicht um große
+Taten zu vollbringen.» Mit solchen Charakteren &ndash;
+wenn es noch solche sind &ndash; was bleiben da noch für
+dramatische Aktionen möglich? &ndash; Wer aber Drama
+sagt, sagt Charaktere, und das Christentum widersetzt
+sich dem Charakter, indem es jedem Menschen
+ein allen gemeinsames Ideal aufstellt.</p>
+
+<p>So gibt es auch kein rein christliches Drama. Der
+«Polyeucte» und der «Saint-Genest» können sich,
+wenn sie wollen, christliche Dramen nennen, und
+sie sind christlich durch dies und jenes christliche
+Element darin; aber Dramen sind sie nur durch ihr
+nichtchristliches Element, welches das christliche
+Element bekämpft.</p>
+
+<p>Ein anderer Grund der Unmöglichkeit des christlichen
+Theaters ist der, daß sich der letzte Akt notwendigerweise
+in der Kulisse abspielen muß, ich meine im Jenseits.
+Im Himmel schließt der zweite «Faust», im
+Himmel schließt sicher der sechste Akt des «Polyeucte»
+und der sechste Akt des «Saint-Genest». Wenn ihn
+weder Corneille noch Rotrou schrieben, so nicht
+<a class="pagenum" name="Page_xvi" title="xvi"> </a>
+nur aus Respekt vor den drei Einheiten, sondern
+weil Polyeucte, Pauline, Saint-Genest an der Schwelle
+des Paradieses alle die Leidenschaft von sich fallen
+lassen, durch die das Drama Drama war und als
+vollendete, völlig entcharakterisierte Christen durchaus
+nichts mehr zu sagen haben.</p>
+
+<p>Ich schlage keine Rückkehr zur Antike vor. Ich
+konstatiere einfach, woran unsere Tragödie stirbt:
+aus Mangel an Charakteren. Das Christentum
+ist nicht allein für diese Nivellierungsarbeit verantwortlich,
+von der Kierkegaard sagt: «Die
+Nivellierung ist nicht von Gott, und jeder gute
+Mensch dürfte Augenblicke kennen, da er über
+dieses Werk der Verwüstung weinen möchte.» &ndash;
+Für jene, über die die Begehrungen siegreich sind,
+ist es nicht schwierig an Götter zu glauben. Sie
+sind wahrhaft Götter, so lange sie herrschen; um
+sie der Gefälschtheit zu überführen, ist es schon
+nötig, daß die Einheit einer despotischen Vernunft
+sie verdrängt. Das ist die Erfindung einer Moralität,
+die aus dem Olymp eine Wüste machte. Der
+Monotheismus ist im Menschen, bevor außerhalb
+<a class="pagenum" name="Page_xvii" title="xvii"> </a>
+ihm ein Gott ist. In sich selber und bevor er
+seinen Glauben ins Blaue wirft, fühlt der Mensch
+Gott oder Götter. Antike oder Christentum &ndash;
+das ist zuerst eine Psychologie, dann erst eine
+Metaphysik. Die Antike war gleicherzeit der Triumph
+des Individualismus und der Glaube, daß der
+Mensch sich nicht anders machen kann, als er ist.
+Das war die gute Schule des Theaters.</p>
+
+<p>Noch einmal: Ich schlage hier nicht die unmögliche
+Rückkehr zur Antike vor; ich kann auch
+nicht kühl Ende und Tod des Theaters konstatieren
+&ndash; aber es liegt mir daran, an dem, was heute das
+Theater tötet, zu erkennen, was es lebendig machen
+könnte, denn es ist nicht der Niedergang der
+dramatischen Kunst, an den ich glaube, sondern
+ihr Aufgang, den ich fast sehe.</p>
+
+<p>Das Mittel, das Theater dem Episodismus zu entreißen,
+ist: ihm wieder Zwänge finden. Das Mittel, das
+Theater aufs Neue mit Charakteren zu beleben, ist:
+es wieder vom Leben entfernen.</p>
+
+<p>Ich könnte leicht sagen, man solle uns die Freiheit
+der Sitten geben und der Zwang der Kunst würde
+<a class="pagenum" name="Page_xviii" title="xviii"> </a>
+folgen; man möge die Hypokrisie des Lebens unterdrücken,
+und die Maske stiege wieder auf die Bühne.
+Aber da nun schon die Sittlichkeiten und Moralen
+immer noch nicht hören wollen, so ist es am
+Künstler, den Anfang zu machen. Ich habe
+einige Hoffnung, daß die Moralen folgen; und
+deshalb:</p>
+
+<p>Es ist klar, daß die neuen gesellschaftlichen <ins title="Formen">Formen,</ins>
+die neuen Verteilungen des Besitzes, unvorhergesehene
+äußere Einschüsse viel für die Bildung der Charaktere
+bedeuten; doch glaube ich, daß man all dieser Dinge
+formgebende Bedeutung überschätzt: ich gebe ihnen
+nur die Bedeutung des Aufdeckens, Enthüllens.
+Alles ist immer im Menschen gewesen, mehr oder
+weniger offen oder verborgen &ndash; und was da die
+neue Zeit aufdeckt, wacht nur unter dem Blicke
+auf, doch war schlafend da in aller Zeit. Wie ich
+glaube, daß auch in unserer Zeit noch Prinzessinnen
+von Cleve und Celadone existieren, so bin ich überzeugt,
+daß es Adolphe, Rastignac und sogar Julien
+Sorel lange gab, bevor sie in den Büchern erschienen.
+Mehr noch: ich glaube, indem ich die
+<a class="pagenum" name="Page_xix" title="xix"> </a>
+Menschheit über die Rasse setze, daß man auch
+anderswo als in Petersburg, in Brüssel zum Beispiel
+oder in Paris Nedjanoff, Karamasoff und Anna
+Karenina finden kann. Aber so lange die Stimmen
+dieser nicht im Buch, auf der Bühne festgehalten,
+sind, sind sie verschlossen, erstickt unter dem Mantel
+der Sitten und warten auf ihre Stunde. Man horcht
+auf die Welt und hört diese Stimmen nicht, denn
+die Welt hört nur auf die, deren Stimme sie erkennt,
+und diese neuen Stimmen sind erstickt,
+unterdrückt. Man schaut auf den schwarzen Mantel
+der Sittlichkeiten und sieht nicht was darunter. Und:
+diese neuen Formen der Menschheit kennen sich
+selber nicht. Wie viele heimliche Werter kannten
+sich nicht und mußten erst auf die Kugel des
+Goethe'schen Werter warten, um sich zu töten!
+Wie viele verborgene Helden, die nur auf das Beispiel
+eines Helden in einem Buche warten, auf einen
+daraus zu ihrem Leben hin entsprungenen Funken um
+zu leben, auf sein Wort, um zu sprechen! Ist es nicht
+das, was wir vom Theater hoffen, daß es der Menschheit
+neue Formen des Heldentums gibt, neue Helden?</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_xx" title="xx"> </a>Und hier stoße ich auf eine letzte Schwierigkeit:
+unsere heutige Gesellschaft gestattet uns eine einzige
+Form des Heldentums (wenn das noch Heldentum
+ist): den Heroismus der Resignation, des Hinnehmens;
+deshalb ist es, daß wenn ein so mächtiger Schöpfer
+von Charakteren wie Ibsen über die Menschen seines
+Theaters den traurigen Mantel unserer Sittlichkeiten
+legt, er mit gleicher Hand seine heldenhaftesten
+Helden zum Bankerott verurteilt. Ganz notwendigerweise
+zeigt uns sein außerordentliches Theater
+Heldenbankerotte auf der ganzen Linie. Wie hätte
+er es anders gemacht, ohne sich von der Wirklichkeit
+zu entfernen &ndash; oder ebensogut, wenn
+nämlich die Wirklichkeit den Helden, den vortretenden
+dramatischen Helden erlaubte? Diese
+kühne Arbeit eines Prometheus, eines Pygmalion
+glaube ich jenen aufbewahrt, die beherzt einen
+tiefen weiten Graben vor der Rampe ziehn,
+die Bühne vom Saal, von der Wirklichkeit
+die Erfindung, vom Zuschauer den Schauspieler und
+vom Mantel der sittlichen Konvenienzen den Helden
+weit trennen.</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_xxi" title="xxi"> </a>«Die langsame und unendliche Zeit, sagt der Ajax
+des Sophokles, bringt ans Licht alles Verborgene
+und verbirgt was im Licht war, und nichts ist was
+nicht kommen kann.» Wir erwarten von der
+Menschheit neues, das ans Licht kommt. Oft behalten
+jene, die das Wort ergreifen, es schrecklich
+lang; die noch stummen Generationen sind ungeduldig
+in Schweigen. Die da sprechen und meinen,
+sie repräsentierten die Menschheit ihrer Zeit, sollen
+nicht vergessen, daß andere warten und daß sie es
+dann nicht mehr haben für lange, haben jene
+andern einmal das Wort genommen. Heute gehört
+jenen das Wort, die noch nicht gesprochen
+haben. Welche sind es? Das wird uns das Theater
+sagen.</p>
+
+<p>Ich denke an das «offene Meer», von dem Nietzsche
+spricht, an das vom Menschen noch unentdeckte
+Land voll neuer Gefahren und Überraschungen für
+den kühnen Seefahrer. Ich denke was die Fahrten
+waren vor den Karten und ohne das genaue und
+begrenzte Repertoire des Gekannten. Und ich lese
+die Worte Sindbads wieder: «Nun schleuderte der
+<a class="pagenum" name="Page_xxii" title="xxii"> </a>
+Kapitän seinen Turban zu Boden, schlug sich ins
+Gesicht, raufte seinen Bart und warf sich in unsäglichem
+Schmerze auf dem Verdecke des Schiffes
+hin. Alle Reisenden und Kaufleute umringten ihn
+fragend, was all das bedeute. Der Kapitän sagte:
+Wir sind mit unserm Schiff vom rechten Wege ab,
+aus dem Meere, in dem wir waren, in eines gekommen,
+dessen Wege wir kaum kennen.» Ich
+denke an das Schiff des Sindbad &ndash; und daß unser
+Theater die Wirklichkeit verlasse und den Anker hebe.</p>
+
+<p class="center page-break red-ink" style="font-size: x-large; line-height: 1.5;"><a class="pagenum" name="Page_1" title="1"> </a>DER KÖNIG<br/>
+CANDAULES</p>
+
+<h2 class="red-ink" style="margin-bottom: 1em;"><a class="pagenum" name="Page_2" title="2"> </a>Personen:</h2>
+
+<ul id="personae">
+<li>Candaules</li>
+<li>Gyges</li>
+<li>Phedros</li>
+<li>Syphax</li>
+<li>Nicomedes</li>
+<li>Pharnaces</li>
+<li>Philebos</li>
+<li>Simmias</li>
+<li>Sebas</li>
+<li>Archelaos</li>
+<li>Der Koch</li>
+<li>Nyssia</li>
+<li>Trydo</li>
+</ul>
+
+<div class="scene-description">
+<p>Diener und Musikanten. &ndash; Zu alten Zeiten in Lydien.</p>
+</div>
+
+<h2><a class="pagenum" name="Page_3" title="3"> </a>ERSTER AKT</h2>
+
+<div class="scene-description">
+<p><a class="pagenum" name="Page_4" title="4"> </a>Die Szene stellt einen Teil eines wohlgepflegten
+Gartens dar, der zu einem Festsaal verwandelt ist.
+Etwas nach rechts ist eine Tafel reich gedeckt.</p>
+</div>
+
+<h3><a class="pagenum" name="Page_5" title="5"> </a><span class="red-ink">Prolog:</span></h3>
+
+<p><span class="red-ink">GYGES:</span> Der, der ein Glück hält, soll sich gut verstecken!
+Und besser noch: sein Glück vor Andern.
+Hier wird Candaules seine Schmeichler lehren, an
+seinem Reichtum reich zu werden. Ich kann nicht
+schmeicheln, nicht schön reden, und stärker als
+meine Zunge sind meine Arme. Ich, der arme
+Gyges, hab' nichts, als vier Dinge auf der Welt:
+Meine Hütte, mein Netz, mein Weib und meine
+Armut. Ein Fünftes noch: die Kraft, mit der ich
+mir meine Hütte und meinen Stolz baute, die sich
+am Strand die Binsen brach, mein Haus zu decken.
+Ebbt das Meer, so sammle ich den Tang &ndash; getrocknet
+gibt er ein rauhes duftendes Lager, auf dem wir
+müde ruhn, ich und mein Weib. Zum Morgenaufgang
+zieh' ich aus, im einen Arm mein Netz,
+im andern meine Kraft. Ich fing den Fisch hier.
+Ich fing ihn, mein Weib, das wird ihn braten; seit
+zwei Tagen arbeitet sie draußen in den Palastküchen.
+&ndash; Wie wenn sein Glück ihm zu groß für einen
+einzelnen Menschen schiene, ruft der freigebige
+Candaules die Könige und Großen seines Reiches
+<a class="pagenum" name="Page_6" title="6"> </a>
+um sich. Man feiert Feste. &ndash; Ehemals kannte
+ich, der arme Gyges, Candaules, den König. Wir
+sind gleichen Alters und da wir beide jung waren,
+kam der kleine Candaules oft herab zur Küste und
+spielte da. Er spielte und wollte alle seine Spiele
+mit mir teilen, denn er hatte ein gebendes Wesen. Er
+erinnert sich nicht mehr daran, weil er reich ist,
+aber in dem Leben eines Armen bleibt alles. Seit
+jener Zeit sah ich ihn nicht mehr. Doch liebe
+ich Candaules und leide daran, daß ich ihn von
+solchen schamlosen Schmeichlern und Dummköpfen
+umgeben sehe, die seine gütige Art nützen und
+ihn preisen, ohne ihn verstehen zu können. Es
+lebe Candaules! Alle schönen Redensarten der
+Schmarotzer sind nicht das eine «Danke!» wert,
+das ihnen der König gibt. Aber was macht es
+Candaules, daß ich ihn liebe? Der Blick der
+Mächtigen schaut über die Kleinen weg und sieht
+sie nicht. Drum geh' ich, wenn auch zum Feste
+in den Küchen eingeladen, das endet spät, und
+später noch der Rausch. Und morgen fehl' ich
+dann den Fang. &ndash; Auf Gyges du Stolzer, Gyges du
+<a class="pagenum" name="Page_7" title="7"> </a>
+Nüchterner, trag deine nassen Netze in die Küche;
+dann warte an der Tür &ndash; schau' nicht viel um &ndash; bis
+daß dein Weib die Teller abgewaschen und mit dir
+geht in's Haus des Fischers Gyges. Komm', Gyges.</p>
+
+<div class="stage-direction">
+<p>(Er geht ab.)</p>
+</div>
+
+<h3>Erste Szene.</h3>
+
+<div class="scene-description">
+<p>Der Koch und mehrere Diener mit Schüsseln
+treten ein.</p>
+</div>
+
+<p><span class="red-ink">DER KOCH:</span> Überallhin Früchte &hellip; He! Gyges!
+Du gehst?&hellip; Nein, nicht hierher den Salat!&hellip;
+Gyges, bleib doch bei uns. Der König lädt'
+heut' Alles, was vorbeikommt in sein Haus. Ich
+lade Dich im Namen der ganzen Küche. Der
+König will, daß heute so viel Wein vergossen
+werde, daß er bis auf unsere Tische fließt und daß
+der kleinste Küchenjunge betrunken darunter liegt.</p>
+
+<p><span class="red-ink">GYGES (<i>der mit seinen Netzen beladen zurückkommt</i>):</span>
+Ich bin kein Diener des Königs.</p>
+
+<p><span class="red-ink">DER KOCH:</span> Was macht das? &ndash; Wenn des
+Königs Tisch zu voll ist und überläuft: mach' Dir's
+zu Nutzen.</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_8" title="8"> </a><span class="red-ink">GYGES:</span> Es gefällt mir nicht, den König zu
+nutzen. <span class="red-ink">(<i>Er geht ab nach links.</i>)</span></p>
+
+<p><span class="red-ink">DER KOCH:</span> Was für ein Tölpel! &ndash; Ein Glück,
+daß sein Weib es leichter nimmt. <span class="red-ink">(<i>Zu den Dienern</i>):</span>
+Eilt Euch, eilt Euch!</p>
+
+<div class="scene-description">
+<p>(Sebas und Archelaos sind eingetreten und gehen
+umher.)</p>
+</div>
+
+<p><span class="red-ink">SEBAS (<i>nimmt eine Feige und ißt sie</i>):</span> Haben wir
+gute Plätze?</p>
+
+<p><span class="red-ink">DER KOCH (<i>zeigt ihm einen Platz</i>):</span></p>
+
+<p><span class="red-ink">SEBAS:</span> Nah bei den Flötenspielerinnen, hoff' ich.</p>
+
+<p><span class="red-ink">DER KOCH:</span> 's gibt heut' keine.</p>
+
+<p><span class="red-ink">SEBAS und ARCHELAOS:</span> Oh!</p>
+
+<p><span class="red-ink">DER KOCH:</span> Die Königin will keine.</p>
+
+<p><span class="red-ink">ARCHELAOS:</span> Da werden wir uns mit dem Anblick
+der Königin trösten.</p>
+
+<p><span class="red-ink">SEBAS:</span> Sie wird also beim Fest sein?</p>
+
+<p><span class="red-ink">DER KOCH:</span> Das erste Mal, daß sie sich öffentlich zeigt.</p>
+
+<p><span class="red-ink">SEBAS:</span> Weshalb verbirgt sie sich? &ndash; Hält sie
+sich für zu häßlich?</p>
+
+<p><span class="red-ink">ARCHELAOS:</span> Im Gegenteil: für zu schön.</p>
+
+<p><span class="red-ink">SEBAS:</span> Stolz also?</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_9" title="9"> </a><span class="red-ink">ARCHELAOS:</span> Scham.</p>
+
+<div class="stage-direction">
+<p>(Beide lachen.)</p>
+</div>
+
+<p><span class="red-ink">SEBAS (<i>nimmt wieder Feigen, ißt und reicht dem
+Archelaos davon</i>):</span> Das macht Appetit! &ndash; Ich
+bin verzweifelt, mein teurer Archelaos: Sie geht
+wieder!</p>
+
+<p><span class="red-ink">ARCHELAOS:</span> Wer denn?</p>
+
+<p><span class="red-ink">SEBAS:</span> Die Köchin!</p>
+
+<p><span class="red-ink">ARCHELAOS:</span> Dein Schatz von gestern Abend?</p>
+
+<p><span class="red-ink">SEBAS:</span> Ihr Mann holt sie nach dem Essen.</p>
+
+<p><span class="red-ink">ARCHELAOS:</span> Das tut mir leid für Dich.</p>
+
+<p><span class="red-ink">SEBAS:</span> Es tut mir leid für sie, das arme Kind &hellip;
+<span class="red-ink">(<i>Sie entfernen sich.</i>)</span> Also Flötenspielerinnen&nbsp;&hellip;</p>
+
+<div class="stage-direction">
+<p>(Man hört):</p>
+</div>
+
+<p><span class="red-ink">ARCHELAOS:</span> &hellip;&nbsp;Was ein Narr!!</p>
+
+<div class="stage-direction">
+<p>(Nicomedes, Syphax, Pharnaces treten auf.)</p>
+</div>
+
+<p><span class="red-ink">NICOMEDES:</span> Das kleine Fest kündet sich nicht
+übel an, mein lieber Syphax. Was denkst Du?</p>
+
+<p><span class="red-ink">SYPHAX:</span> Bess'res vom Fest als von Candaules.</p>
+
+<p><span class="red-ink">PHARNACES:</span> Und doch ist er besser als das Fest.</p>
+
+<p><span class="red-ink">NICOMEDES:</span> Glaubst Du?</p>
+
+<p><span class="red-ink">PHARNACES:</span> Gewiß &ndash; denn dieses Fest läßt
+<a class="pagenum" name="Page_10" title="10"> </a>
+uns nur einen Candaules sehn, während Candaules
+uns viele Feste sehen läßt.</p>
+
+<p><span class="red-ink">DER KOCH (<i>zu den Dienern</i>):</span> Feigen hierher.</p>
+
+<p><span class="red-ink">SYPHAX (<i>kommt mit Nicomedes vor</i>):</span> Ich fange
+wirklich an zu glauben, daß es weder Politik noch
+Dummheit ist, was den König veranlaßt, uns mit
+Festen und Geschenken zu überschütten, es ist vielmehr,
+wie Du es sagtest, so eine Art unentschiedener
+Gnädigkeit.</p>
+
+<p><span class="red-ink">NICOMEDES (<i>bestätigt</i>):</span> Das ist es.</p>
+
+<p><span class="red-ink">DER KOCH:</span> Da fehlen noch zwei Becher.</p>
+
+<p><span class="red-ink">SYPHAX (<i>fortfahrend</i>):</span> Und das ist gerade, was
+mich geniert. So lang ich auch den König schon
+verachte, ich nahm seine Geschenke gern; aber wenn
+er wirklich der ist, den ich ihn zu glauben anfange,
+so bin ich es, den ich nun verachten will.</p>
+
+<p><span class="red-ink">NICOMEDES:</span> Ach laß doch! Du nimmst doch
+nichts sonst, als was er Dir anbietet. Komme das
+Gute nun vom Himmel oder vom Menschen &ndash; die
+Wohltat freudig hinnehmen, das ist das Geheimnis
+des Glücks.</p>
+
+<p><span class="red-ink">DER KOCH:</span> Nun ist wohl alles fertig.</p>
+
+<div class="stage-direction">
+<p><a class="pagenum" name="Page_11" title="11"> </a>(Er zieht sich mit den Dienern zurück. &ndash; Die
+Herren entfernen sich.)</p>
+
+<p>Phedros und Simmias, freundschaftlich verschlungen,
+Philebos.</p>
+</div>
+
+<p><span class="red-ink">PHEDROS:</span> Nein, glaub' mir, Lieber: Der König
+Candaules ist weiser als Du zugibst. Es ist eine
+große Weisheit, sich für glücklich zu halten.</p>
+
+<p><span class="red-ink">SIMMIAS:</span> Ist er denn wirklich glücklich, oder
+scheint er es bloß?</p>
+
+<p><span class="red-ink">PHEDROS:</span> Noch mehr Weisheit braucht es dazu,
+glücklich zu scheinen.</p>
+
+<p><span class="red-ink">PHILEBOS:</span> Sich glücklich glauben, ist mehr wert,
+als es zu sein suchen.</p>
+
+<p><span class="red-ink">PHEDROS:</span> Trotz aller seiner Schätze, weiß er
+doch den Wert der Freundschaft. Er weiß, sie ist
+nicht mit Gold zu kaufen. So macht er sich
+wenig aus der Freundschaft seiner Schmeichler und
+schätzt nach ihrem Preis ihre Worte, und bezahlt er
+sie, so tut er's ohne Glauben. Mehr noch &ndash; ich
+sah ihn gegen nichts sonst aufgebracht, als gegen
+diese süßen Worte.</p>
+
+<p><span class="red-ink">PHILEBOS:</span> Wenn eines noch sein Glück beunruhigt,
+<a class="pagenum" name="Page_12" title="12"> </a>
+ist es dies, um sich und eben wegen
+seines Reichtums nur Höflinge zu spüren &ndash; und
+nicht einen Freund.</p>
+
+<p><span class="red-ink">SIMMIAS:</span> Er hat seine Frau.</p>
+
+<p><span class="red-ink">PHILEBOS:</span> Die Frau &ndash; der Freund ist nicht dasselbe.</p>
+
+<p><span class="red-ink">SIMMIAS:</span> Man sagt, er liebe sie leidenschaftlich.</p>
+
+<p><span class="red-ink">PHEDROS:</span> Da tut er recht.</p>
+
+<p><span class="red-ink">SIMMIAS:</span> Man sagt, sie sei ganz wunderbar schön.</p>
+
+<p><span class="red-ink">PHILEBOS:</span> Nur hat sie noch niemand sehen können.</p>
+
+<p><span class="red-ink">SIMMIAS:</span> Man sagt, sie würde heut' Abend beim
+Fest erscheinen.</p>
+
+<p><span class="red-ink">PHILEBOS und PHEDROS:</span> Wer sagt das?</p>
+
+<div class="stage-direction">
+<p>(Währenddem ist Candaules mit einigen der
+Herren nähergekommen. Er hört die letzten
+Worte, und)</p>
+</div>
+
+<p><span class="red-ink">SIMMIAS (<i>wendet sich zu ihm und sagt</i>):</span> Aber
+Candaules selbst.</p>
+
+<h3>Zweite <ins title="Szene:">Szene.</ins></h3>
+
+<p><span class="red-ink">CANDAULES:</span> Ja, Candaules sagt es. Ja, die
+Königin Nyssia wird an diesem Abend das Fest
+schmücken. &ndash; Ein köstlicher Abend &hellip; die
+<a class="pagenum" name="Page_13" title="13"> </a>
+Schönheit dieses Tages wuchs bis zu dieser Stunde,
+wie eine Freudenhymne, die bis zum höchsten
+Klingen stieg, daß sie die Sinne kaum mehr noch
+vernehmen. Nun ruhigt alles und verklingt &hellip;
+doch draußen da, auf der kleinen Terrasse, kaum
+eine Stunde ists her, da war's ein Schwelgen,
+Wollust &hellip; Ihr hättet mit uns kommen sollen,
+süßer Philebos. Der Lorbeer unten steht in Blüten
+und ist im Schatten ein Duft davon&nbsp;&hellip;</p>
+
+<p><span class="red-ink">SYPHAX, NICOMEDES und PHARNACES:</span>
+&hellip;&nbsp;köstlich.</p>
+
+<p><span class="red-ink">CANDAULES (<i>immer zu Philebos, der sich noch
+zu Phedros und Simmias hält</i>):</span> Ihr geniert
+Phedros und Simmias.</p>
+
+<p><span class="red-ink">SIMMIAS (<i>lächelnd</i>):</span> Oh &hellip; nicht&nbsp;&hellip;</p>
+
+<p><span class="red-ink">CANDAULES:</span> Die Beiden &ndash; ja, von denen verlange
+ich nicht, daß sie mit mir kommen. Ihre
+Freundschaft sucht die Einsamkeit und füllt sie
+aus. Ich bin eifersüchtig auf Deine Freundschaft,
+schöner Simmias. Sie ist kostbarer als all mein Gut,
+und ich will, daß all mein Gut sie schütze. Sebas,
+für Dich ließ ich von weit her weiße Feigen
+<a class="pagenum" name="Page_14" title="14"> </a>
+pflücken, ich mag es gern, daß Dein guter Geschmack
+sie den andern vorzieht &ndash; Du findest sie
+wie ich süßer und duftender. Pharnaces, Dein Witz
+hat mich unterhalten, morgen mußt Du mir die
+Geschichte weitererzählen. Die Verse, die Du mir
+lasest, lieber Syphax, sind hübsch, ich werde sie in
+Musik setzen lassen. &ndash; Armer Archelaos, diesen
+Abend gibt es keine Flötenspielerinnen &hellip; die
+Königin wird da sein &hellip; Siehst Du sie wieder
+an wie gestern, wird ihre Scham es ungern merken.
+Werte Herren, &ndash; verzeiht, ich schäme mich des
+Verlangens: daß Ihr bedacht in Euren Reden seid:
+die Königin wird hier sein. Gleich komme ich
+mit ihr. <span class="red-ink">(<i>Er entfernt sich, kommt indes ein
+Weniges zurück.</i>)</span> Was für ein köstlicher Abend!&hellip;
+Wir hatten, süßer Philebos, auf der Terrasse, die
+süßesten Sorbetts, die Du träumen kannst &hellip; &ndash;
+O Fülle meines Glückes! Wie hätte ich an meinen
+Sinnen allein genug, es zu erschöpfen! So sei Euch,
+Ihr Herren, Dank dafür, daß Ihr mir helft, das
+Ende dieses Tages auszupressen, wie den Saft der
+Traube, alles, was der Tag an Trunkenheit und
+<a class="pagenum" name="Page_15" title="15"> </a>
+Glück enthält. Eine Freude, mit Euch geteilt, ist
+zwiefach. &ndash; Und morgen wiederholen wir diesen
+schönen Tag&nbsp;&hellip; <span class="red-ink">(<i>Er geht.</i>)</span></p>
+
+<p><span class="red-ink">SYPHAX:</span> Candaules ist doch wundervoll!</p>
+
+<p><span class="red-ink">ARCHELAOS:</span> Er ist schön.</p>
+
+<p><span class="red-ink">SEBAS:</span> Er ist groß.</p>
+
+<p><span class="red-ink">NICOMEDES:</span> Seine Art, uns zu empfangen, ist
+einfach glänzend.</p>
+
+<p><span class="red-ink">PHARNACES:</span> Ja, wahrhaftig, das ist sie.</p>
+
+<p><span class="red-ink">SYPHAX:</span> Wir müssen dann gleich auf das Glück
+des Candaules trinken.</p>
+
+<p><span class="red-ink">PHARNACES:</span> Das ist gefährlich, Syphax.</p>
+
+<p><span class="red-ink">SYPHAX:</span> Für wen? &ndash; Für mich?</p>
+
+<p><span class="red-ink">PHARNACES:</span> Für ihn.</p>
+
+<p><span class="red-ink">SYPHAX:</span> Ah! Woher könnte ihm das Unglück
+kommen?</p>
+
+<p><span class="red-ink">NICOMEDES:</span> Vielleicht von seiner Frau.</p>
+
+<p><span class="red-ink">PHEDROS:</span> Es gibt keine, die treuer wäre.</p>
+
+<p><span class="red-ink">PHILEBOS:</span> Oder &hellip; von ihm selbst&nbsp;&hellip;</p>
+
+<p><span class="red-ink">SIMMIAS:</span> Still! Schweig &ndash; da sind sie.</p>
+
+<h3><a class="pagenum" name="Page_16" title="16"> </a>Dritte Szene.</h3>
+
+<p><span class="red-ink">CANDAULES (<i>zur Königin</i>):</span> Schlage den Schleier
+zurück: Alle sind meine Freunde.</p>
+
+<p><span class="red-ink">DIE KÖNIGIN:</span> So viele Freunde, hoher Herr!
+Ich wußt Euch reich, doch dacht' ich Euch es
+nicht so sehr. Und seien Alle mir willkommen,
+da Ihr mich neben ihnen an diesem Tische wollt.</p>
+
+<div class="stage-direction">
+<p>(Alle setzen sich. Eine gewisse Verlegenheit folgt
+den Worten der Königin.)</p>
+</div>
+
+<div class="figcenter" style="width: 450px;">
+<img src="images/tisch.png" width="450" height="252" alt="Sitzordnung"/>
+</div>
+
+<p><span class="red-ink">ARCHELAOS (<i>zu Pharnaces</i>):</span> So sprich doch was!</p>
+
+<p><span class="red-ink">PHARNACES (<i>halblaut</i>):</span> Ich weiß nicht, was
+sagen, als daß die Königin sehr schön ist.</p>
+
+<p><span class="red-ink">ARCHELAOS (<i>zu Philebos</i>):</span> Sprich Du&nbsp;&hellip;</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_17" title="17"> </a><span class="red-ink">PHILEBOS (<i>macht eine stumme Geste</i>).</span></p>
+
+<p><span class="red-ink">DIE KÖNIGIN:</span> Wie das? Ihr schweigt &ndash; ist's
+meinetwegen? Wie groß auch mein Vergnügen
+sei, dem, was Candaules will, zu dienen und ich
+mich, wie ich's tat, an diese Tafel setzte &ndash; könnt'
+ich denken, daß ich die Festfreude nur in Etwas
+störte, so stünde ich wohl gleich auf und ginge
+wieder, denn die laute Freude ist besser hier am
+Platze als die Königin.</p>
+
+<p><span class="red-ink">NICOMEDES:</span> Nichts wag' ich sonst der Königin
+zu sagen, als dieses, daß es die ungewohnte Schönheit
+ihres Angesichts, die jeden von uns so sehr in
+Staunen setzt, daß unser Schweigen nichts anderes
+ist als stumm schauende Bewunderung.</p>
+
+<p><span class="red-ink">CANDAULES:</span> Laß, Nicomedes! Das ists gerade,
+was die Königin nicht wollte und fürchtete: daß
+man sie preist. &ndash; Nyssia, ich bitt' Euch, antwortet
+ihnen. Wacht Ihr mir darüber nicht, passiert's den
+Herren, daß sie dem Feste nichts sonst bieten als
+ein langweiliges Hin und Her von wohlgesetzten
+Komplimenten und Worten ohne Witz und Laune.
+Wohl macht das Ungewohnte Eurer Gegenwart so
+<a class="pagenum" name="Page_18" title="18"> </a>
+sie leicht gezwungen, ängstlich. Doch glaubt
+mir, sonst wissen sie wohl bessere Worte,
+leichtere Rede. Mög' Euer Witz ihnen gnädig
+zuhülfe kommen, das Übel heilen, das Eure
+Schönheit ihnen antat &hellip; wir wollen ein Fest
+begehen.</p>
+
+<p><span class="red-ink">DIE KÖNIGIN:</span> Ist wirklich mein Gesicht die
+Schuld daran, mein hoher Herr, ist's leicht zu machen,
+daß es nicht mehr schade. Erlaubt, daß ich vor
+seiner Röte einen Schleier lege, den ich nur gezwungen
+hob, vor Andern als vor Euch.</p>
+
+<p><span class="red-ink">CANDAULES (<i>erregt</i>):</span> Nein, Nyssia, nein &hellip;
+noch solche Worte mehr und unser Fest ist ohne
+Freude. Schlag' den Schleier zurück, Nyssia. Und
+wir, Ihr Herren, wir trinken den ersten Becher auf
+die Freude! Die Freude dieses Festes schläft noch,
+auf! Der Lärm der Stimmen soll sie wecken! &ndash;
+<span class="red-ink">(<i>Bewegung.</i>)</span> Nyssia! &ndash; trink auch, Nyssia!</p>
+
+<p><span class="red-ink">SYPHAX:</span> Sprech ich im Namen Aller?</p>
+
+<p><span class="red-ink">EINIGE:</span> Sprich, Syphax, sprich zu!</p>
+
+<p><span class="red-ink">CANDAULES:</span> Füll' erst Deinen Becher wieder.</p>
+
+<p><span class="red-ink">SYPHAX:</span> Im Namen von Candaules' Freunden
+<a class="pagenum" name="Page_19" title="19"> </a>
+bringe ich dies der vollendeten Schönheit von
+Nyssia, Candaules Weib&nbsp;&hellip;</p>
+
+<p><span class="red-ink">CANDAULES:</span> Laß, Syphax!&hellip;</p>
+
+<p><span class="red-ink">SYPHAX:</span> Und dem Candaules, der ein so seltenes
+Gut sein Eigen nennt und, statt es zu verbergen
+und für sich allein zu halten, erlaubt, daß unsere
+ehrfurchtsvollen und entzückten Blicke sich dran
+berauschen.</p>
+
+<p><span class="red-ink">EINIGE (<i>heben ihren Becher</i>):</span> Gut! Gut gesagt,
+Syphax! Es lebe Candaules!</p>
+
+<p><span class="red-ink">CANDAULES:</span> Nicht doch, meine Werten! Ihr
+sollt mir es nicht danken, daß ich diesem Feste
+die Schönheit der Königin gewähre. Wahrhaftig:
+ich litt zu sehr daran, sie nur allein zu kennen.
+Je mehr mein Staunen vor ihr wuchs, so mehr
+fühlte ich auch, wie ich Euch Alle darum beraube.
+Wie ein habsüchtiger Wuch'rer kam ich mir vor,
+der ohne Recht das Licht zurückhält.</p>
+
+<p><span class="red-ink">PHARNACES:</span> Ohne Recht, Candaules? Ist es
+nicht Recht, daß jeder sein Gut verwendet, wie
+es ihm beliebt?</p>
+
+<p><span class="red-ink">CANDAULES:</span> Vielleicht, &ndash; doch war mir, als
+<a class="pagenum" name="Page_20" title="20"> </a>
+täte ich Diebstahl an dem Gut, mit dem ich
+ganz allein zur Freude war.</p>
+
+<p><span class="red-ink">SEBAS:</span> Man kann einen sublimen Gedanken
+nicht schöner ausdrücken.</p>
+
+<p><span class="red-ink">DIE KÖNIGIN (<i>zu Candaules</i><ins title=")">):</ins></span> Ihr scheint,
+Gebieter, zu vergessen, daß <em class="gesperrt">ich</em> das Gut bin, von
+dem man spricht.</p>
+
+<p><span class="red-ink">CANDAULES:</span> Verzeiht, Ihr gebt den Worten
+falschen Sinn! Ich dachte, Nyssia, an Euch nicht
+mehr und was ich sagte, sagte ich nur so im allgemeinen.</p>
+
+<p><span class="red-ink">PHILEBOS:</span> Und <ins title="ihr">Ihr</ins>, Frau Königin was denkt
+Ihr von dem Mitbesitz und Teilen?</p>
+
+<p><span class="red-ink">SIMMIAS (<i>zu Phedros</i>):</span> Philebos ist sehr kühn.</p>
+
+<p><span class="red-ink">DIE KÖNIGIN (<i>zu Philebos</i>):</span> Ich denke, man
+tötet lieber manches Glück, als daß man's teilen
+könnte.</p>
+
+<div class="stage-direction">
+<p>(Das Fest wird nach und nach belebter. &ndash; Die
+Stimmen drängen sich, und Sebas, Phedros und
+Candaules antworten fast gleichzeitig.)</p>
+</div>
+
+<p><span class="red-ink">CANDAULES (<i>gereizt, als ob er nur die Antwort
+der Königin gehört hätte</i>):</span> Es kommt d'rauf
+an, mit wem&nbsp;&hellip;</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_21" title="21"> </a><span class="red-ink">PHEDROS (<i>zu Simmias</i>):</span> Hast Du gehört, wie
+fein die Königin das gab?</p>
+
+<p><span class="red-ink">SEBAS:</span> Man kann nicht hübscher auf eine doch
+so heikle Frage antworten.</p>
+
+<p><span class="red-ink">CANDAULES:</span> Laß, Sebas! Gieb Dich lieber mit
+den Feigen ab. <span class="red-ink">(<i>Er wirft ihm eine zu.</i>)</span> Phedros!
+Du trinkst nicht? Reich' mir Deinen Becher,
+komm! Ich habe mir vorgenommen, Euch Alle
+auf die Probe zu stellen.</p>
+
+<p><span class="red-ink">NICOMEDES:</span> Uns auf die Probe, Candaules? &ndash;
+Und womit?</p>
+
+<p><span class="red-ink">CANDAULES:</span> Mit dem Rausch.</p>
+
+<p><span class="red-ink">PHEDROS:</span> Ich bin ein trauriger Trinker, und
+aller Rausch erschrickt mich. Erlaß es mir,
+Candaules.</p>
+
+<p><span class="red-ink">CANDAULES:</span> Was fürchtest Du, Phedros? Der
+Rausch zeigt nichts sonst, als was wir in uns tragen.
+Was fürchtest Du ihn, der Du nur Edles in Dir
+hast? Die Trunkenheit entstellt nicht, übertreibt
+nur, nein, sie zeigt von jedem, was er sonst aus
+falscher Scham verborgen hält: Dir Phedros Deine
+Klugheit; dem Pharnaces und Syphax ihren Witz,
+<a class="pagenum" name="Page_22" title="22"> </a>
+dem Archelaos &ndash; nichts, dem Sebas die Feigen,
+mit denen er sich vollstopft.</p>
+
+<p><span class="red-ink">PHEDROS:</span> Der König fängt an, viel zu sprechen.</p>
+
+<p><span class="red-ink">CANDAULES (<i>zu den Dienern</i>):</span> Zerlegt den Fisch!</p>
+
+<p><span class="red-ink">NICOMEDES:</span> Wenn er nur braun genug ist.</p>
+
+<p><span class="red-ink">CANDAULES:</span> Ich wette, er war dort im Meer
+daheim, wo sich die Sommersonne zur Ruhe legt.
+Seht&nbsp;&hellip;</p>
+
+<p><span class="red-ink">DER KOCH (zeigt den Fisch).</span></p>
+
+<p><span class="red-ink">ARCHELAOS:</span> Es ist ganz köstlich.</p>
+
+<p><span class="red-ink">DER KOCH:</span> Es ist ein Goldkarpfen.</p>
+
+<p><span class="red-ink">CANDAULES:</span> Trinken wir auf die Pracht dieses
+Fisches! Und Du, Pharnaces, machst uns die
+Verse auf den Karpfen!</p>
+
+<p><span class="red-ink">PHARNACES:</span> Der König scheint zu vergessen,
+daß die Fische stumm sind.</p>
+
+<p><span class="red-ink">SYPHAX:</span> Nicht alle! Man erzählt von einem
+der Orakel gab.</p>
+
+<p><span class="red-ink">PHARNACES:</span> Mach Du die Verse, Syphax!&hellip;</p>
+
+<p><span class="red-ink">EINIGE:</span> Den Spruch! Die Verse!</p>
+
+<p><span class="red-ink">SYPHAX:</span> Paßt auf &hellip; um so schlimmer, wenn
+sie schlecht sind:</p>
+
+<div class="poetry">
+<div class="stanza">
+<a class="pagenum" name="Page_23" title="23"> </a><div class="line">Du Sonne, deren letzten Strahlen<br/></div>
+<div class="line">Dich Karpfen durchaus goldig malen,<br/></div>
+<div class="line">Laß auch den Dichter ohne Qualen<br/></div>
+<div class="line">Dir diesen Spruch als Dank bezahlen.<br/></div>
+</div>
+</div>
+
+<p><span class="red-ink">PHARNACES und CANDAULES:</span> Bravo, Syphax!</p>
+
+<p><span class="red-ink">NICOMEDES:</span> Hoffen wir, der Fisch ist besser
+als das Gedicht. <span class="red-ink">(<i>Man reicht den Fisch.</i>)</span></p>
+
+<p><span class="red-ink">CANDAULES:</span> Wie findet Ihr ihn, Pharnaces?
+Archelaos?</p>
+
+<p><span class="red-ink">PHARNACES:</span> Ausgezeichnet&nbsp;&hellip;</p>
+
+<p><span class="red-ink">ARCHELAOS (<i>mit einem Schrei</i>):</span> Hölle! Was
+ist das? &ndash; Beinahe hätt' ich einen Ring gegessen!</p>
+
+<p><span class="red-ink">NICOMEDES und ANDERE:</span> Einen Ring?&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p><span class="red-ink">ARCHELAOS:</span> Und habe mir zwei Zähne daran
+ausgebrochen.</p>
+
+<p><span class="red-ink">SYPHAX (<i>leise</i>):</span> Was ein gefräßiges Tier!</p>
+
+<p><span class="red-ink">ARCHELAOS:</span> Er war im Fleisch des Fischs versteckt.
+Ihr lacht dazu?!</p>
+
+<p><span class="red-ink">SYPHAX und ANDERE (<i>lebhaft widersprechend</i>):</span>
+Durchaus nicht! Nicht im geringsten!</p>
+
+<p><span class="red-ink">SEBAS:</span> Du nimmst eben zu große Bissen.</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_24" title="24"> </a><span class="red-ink">ARCHELAOS:</span> Ich hätte dran ersticken können.</p>
+
+<p><span class="red-ink">SYPHAX:</span> Mindestens.</p>
+
+<p><span class="red-ink">NICOMEDES:</span> Zeig' doch den Ring.</p>
+
+<p><span class="red-ink">PHILEBOS (<i>gibt ihn ihm</i>):</span> Er ist nicht übel.</p>
+
+<p><span class="red-ink">NICOMEDES (<i>nimmt ihn in der Reihe</i>):</span> Im
+Fisch, sagst Du?</p>
+
+<p><span class="red-ink">SYPHAX:</span> Höchst sonderbare Nahrung.</p>
+
+<p><span class="red-ink">NICOMEDES:</span> Der Stein darin ist hübsch.</p>
+
+<p><span class="red-ink">CANDAULES:</span> Ein ganz gewöhnlicher Saphir,
+nichts weiter. Ich hab' mehr solche, größer noch
+und reiner. Morgen sollst Du sie sehen, Nicomedes.</p>
+
+<p><span class="red-ink">SYPHAX (<i>zu dem nun der Ring, der die Runde
+gemacht, gekommen</i>):</span> Wem gehört er nun, der Ring?</p>
+
+<p><span class="red-ink">ARCHELAOS:</span> Mir gab ihn der Fisch und ich
+geb ihn dem König.</p>
+
+<p><span class="red-ink">SYPHAX:</span> Für Archelaos ist das Wort sehr hübsch.</p>
+
+<p><span class="red-ink">EINIGE:</span> Dem König den Ring, dem Candaules!</p>
+
+<p><span class="red-ink">PHEDROS (<i>der den Ring genommen, um ihn
+dem König zu geben</i>):</span> Halt, da ist was eingeschrieben.</p>
+
+<p><span class="red-ink">NICOMEDES (<i>neigt sich schauend zu Phedros</i>):</span>
+Syphax hat Recht: der Karpfen hat gesprochen.</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_25" title="25"> </a><span class="red-ink">DIE KÖNIGIN und CANDAULES:</span> Was sagt er?</p>
+
+<p><span class="red-ink">NICOMEDES:</span> Ich seh' nicht deutlich.</p>
+
+<p><span class="red-ink">PHEDROS:</span> Pharnaces hat scharfe Augen.</p>
+
+<p><span class="red-ink">PHARNACES (<i>erhebt sich und geht mit dem Ring
+zu einer der Fackeln, die die Diener mittlerweile
+gebracht hatten</i>):</span> Zwei griech'sche Worte.</p>
+
+<p><span class="red-ink">CANDAULES:</span> Und heißen?</p>
+
+<p><span class="red-ink">PHARNACES:</span> <span class="greek" lang="grc" xml:lang="grc" title="eutychian kryptô">εὐτυχίαν <ins title="κρὐπτω">κρύπτω</ins></span></p>
+
+<p><span class="red-ink">PHEDROS:</span> «Ich verberge das Glück.»</p>
+
+<p><span class="red-ink">EINIGE:</span> «Ich verberge das Glück»? Was für ein
+Glück?&hellip;</p>
+
+<p><span class="red-ink">NICOMEDES:</span> Das Wort ist dunkel.</p>
+
+<p><span class="red-ink">PHARNACES (<i>als ob er noch etwas sähe</i>):</span>
+Wartet! &ndash; Da &hellip; <span class="red-ink">(<i>Alle in Erwartung.</i>)</span> Nein
+&ndash; es ist alles. König Candaules, ich stecke diesen
+rätselvollen Ring an Deinen Finger.</p>
+
+<p><span class="red-ink">CANDAULES (<i>hält mit einer Geste Pharnaces
+zurück</i>):</span> Koch! &ndash; Woher kommt der Fisch?</p>
+
+<p><span class="red-ink">DER KOCH:</span> Ein Mensch bracht' ihn vorhin. Der
+Fisch war schön, so kaufte ich ihn.</p>
+
+<p><span class="red-ink">CANDAULES:</span> Wo ist der Mensch?</p>
+
+<p><span class="red-ink">DER KOCH:</span> Er ist heim.</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_26" title="26"> </a><span class="red-ink">CANDAULES:</span> Weshalb hast Du ihn nicht zum
+Gelage in der Küche zurückgehalten?</p>
+
+<p><span class="red-ink">DER KOCH:</span> Er wollte nicht.</p>
+
+<p><span class="red-ink">CANDAULES:</span> Ich seh's nicht gern, daß man
+zurückweist, was ich biete &hellip; Was für ein
+Mensch?</p>
+
+<p><span class="red-ink">DER KOCH:</span> Ein armer Fischer, weiter besond'res
+nichts.</p>
+
+<p><span class="red-ink">CANDAULES:</span> Und Du, Du gabst ihm für den Fisch?</p>
+
+<p><span class="red-ink">DER KOCH:</span> Vier Silberstücke.</p>
+
+<p><span class="red-ink">CANDAULES:</span> Gold verdiente er dafür.</p>
+
+<p><span class="red-ink">DER KOCH:</span> Er ist so unglücklich, daß Silber
+ihm genug ist.</p>
+
+<p><span class="red-ink">CANDAULES:</span> Es gibt nur Glückliche in meinem
+Reich, &ndash; oder es ist, daß ich ihn nicht kenne.
+Wie heißt er?</p>
+
+<p><span class="red-ink">DER KOCH:</span> Er hat, zu dienen, den Namen
+Gyges.</p>
+
+<p><span class="red-ink">CANDAULES:</span> Man suche ihn. Ich will ihn
+kennen. Ich schwöre es, kein Finger kommt in
+diesen Ring, bevor ich nicht den Mann gesehn.
+Gyges sagst Du?</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_27" title="27"> </a><span class="red-ink">DER KOCH:</span> Ja, Gyges.</p>
+
+<p><span class="red-ink">CANDAULES:</span> Bevor ich nicht mit Gyges, dem
+Fischer, gesprochen. Geh! Such' ihn!</p>
+
+<p><span class="red-ink">DER KOCH (<i>gibt einem Mann Befehle</i>):</span> Auf
+der Stelle.</p>
+
+<div class="stage-direction">
+<p>(Ein ziemlich langes Schweigen begleitet das
+Schweigen des Königs. Dann hört man):</p>
+</div>
+
+<p><span class="red-ink">SEBAS:</span> Es ist luftiger hier als drinnen im Saal.</p>
+
+<p><span class="red-ink">PHILEBOS:</span> Und diese Stelle hier im Garten ist
+wundervoll zur Nacht.</p>
+
+<p><span class="red-ink">NICOMEDES:</span> Was für ein Blick! Ich hab' es
+gern, wenn man so bis aufs Meer sieht: &ndash; wo
+sich, da seht, der wachsende Mond heraufhebt.</p>
+
+<p><span class="red-ink">NYSSIA:</span> Was ist das für ein Leuchten?</p>
+
+<p><span class="red-ink">PHILEBOS:</span> Es ist der Mond, hohe Frau.</p>
+
+<p><span class="red-ink">NYSSIA:</span> Nein! Da, da unten, ganz am Rand
+der Küste.</p>
+
+<p><span class="red-ink">PHARNACES:</span> Man möchte sagen, eine Hütte brennt.</p>
+
+<p><span class="red-ink">NICOMEDES:</span> Es sieht sehr schön aus, so in der
+Nacht, das Brennen.</p>
+
+<p><span class="red-ink">SEBAS:</span> Diese Fasane sind vorzüglich.</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_28" title="28"> </a><span class="red-ink">ARCHELAOS:</span> Ich habe eine Wachtel genommen.</p>
+
+<p><span class="red-ink">SYPHAX:</span> Candaules spricht kein Wort und
+scheint bekümmert.</p>
+
+<p><span class="red-ink">CANDAULES:</span> Man sieht fast nichts mehr &hellip;
+bringt Fackeln, mehr Fackeln. <span class="red-ink">(<i>Man bringt
+Fackeln.</i>)</span> &ndash; Mein Becher ist leer. Der Eure
+auch. Philebos! Pharnaces &hellip; der Wein
+verdirbt.</p>
+
+<p><span class="red-ink">(<i>Philebos, dem man Wein eingießen will, weist
+zurück.</i>)</span> Und wenn Du schon nicht trinkst, so
+sprich &ndash; ich bin voll Unruh &hellip; dies Wort im
+Ring &hellip; was denkst Du davon? Philebos? Ich
+kann mein Denken nicht davon wenden.</p>
+
+<p><span class="red-ink">PHILEBOS:</span> Weshalb, Candaules? Ich glaube,
+nichts weiter ist's als solcher doppelsinniger Worte
+Spiel, wie sie im Brauche der Orakel. Was sie
+Geheimnisvolles haben, ist nur der Glaube, den
+man ihnen gibt. Mit vieler Mühe findet man am
+Ende nichts weiter in dem Rätsel als eine ganz gemeine
+Alltagswahrheit.</p>
+
+<p><span class="red-ink"><ins title="PHARNACES">PHARNACES:</ins></span> Und öfter noch findet man überhaupt
+nichts.</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_29" title="29"> </a><span class="red-ink">CANDAULES:</span> So meint Ihr, die Worte wollen
+fast nichts sagen?</p>
+
+<p><span class="red-ink">PHILEBOS:</span> «Ich verberge das Glück»&nbsp;&ndash;? Nein &hellip;
+nichts.</p>
+
+<p><span class="red-ink">CANDAULES:</span> So besser so. Ich hätte mich davon
+beunruhigen lassen.</p>
+
+<p><span class="red-ink">NICOMEDES:</span> Und dann, wenn Worte dieser
+Art schon einem nüchternen Menschen widerspenstig
+scheinen, sind wir, der eine nicht und
+nicht der andere, glaub' ich, jetzt im Stand, das
+Rätsel zu lösen.</p>
+
+<p><span class="red-ink">SYPHAX:</span> Du hast recht, Nicomedes! Trinken
+wir kurz und gut auf das Glück des Candaules. Er
+macht es dem Ring nicht nach, er verbirgt sein
+Glück nicht, im Gegenteil!&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p><span class="red-ink">PHARNACES (<i>erhebt sich, um mit den Anderen
+anzustoßen</i>):</span> Es lebe Candaules, der glücklichste
+Mensch der Erde!</p>
+
+<p><span class="red-ink">CANDAULES (<i>schlägt mit der Faust heftig auf den
+Tisch</i>):</span> Was! Mein Glück! Was <ins title="wüßt">wißt</ins> ihr von
+meinem Glück!? Was!</p>
+
+<p><span class="red-ink">PHEDROS:</span> Nichts, Candaules.</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_30" title="30"> </a><span class="red-ink">CANDAULES (<i>sich besinnend</i>):</span> Verzeiht, Ihr werten
+Herren &ndash; ich weiß nicht, was mich so bewegen
+konnte &hellip; Und Ihr, Nyssia, die Ihr schweigt, wenn
+man an Euch nicht ganz besonders das Wort richtet &ndash;
+sagt, was denkt Ihr von meinem Glück?</p>
+
+<p><span class="red-ink">NYSSIA:</span> Daß es ist wie ich, hoher Herr.</p>
+
+<p><span class="red-ink">CANDAULES (<i>von Neuem erregt</i>):</span> Rätsel! Wieder
+Rätsel! &ndash; Was meint Ihr damit? Sprecht!</p>
+
+<p><span class="red-ink">NYSSIA:</span> Ich wollte sagen, das Glück verwelkt,
+wird es entschleiert.</p>
+
+<p><span class="red-ink">CANDAULES (<i>in dem der Wein zu wirken beginnt</i>):</span>
+So bedeckt Euch! Es liegt mir nichts mehr daran
+nun Jeder Euch gesehen hat.</p>
+
+<p><span class="red-ink">NYSSIA (macht eine Bewegung traurigen Erstaunens).</span></p>
+
+<p><span class="red-ink">CANDAULES:</span> O, verzeiht, Nyssia!&hellip; Was habe
+ich sagen können? Ach Schmerz &hellip; ich will Euch
+keinen Schmerz antun. Doch weil mein Glück,
+weil mir mein unverborg'nes Glück im Andern
+seine Kraft und seine Heftigkeit zu schöpfen scheint,
+so kommt's mir vor, oft kommt's mir vor, es
+existierte nur im Wissen, daß die Andern davon
+<a class="pagenum" name="Page_31" title="31"> </a>
+haben und daß ich's erst besitze, wenn
+Andere wissen, daß ich es besitze. Dies schwör'
+ich Euch, Ihr Freunde, wenig läg' mir
+daran, die Erde mein zu nennen, wär' ich allein
+auf ihr und keiner da, der wüßte, daß die Erde
+<em class="gesperrt">mein</em> ist. Glaubt mir dies: ich fühle meinen
+Reichtum nur, da Ihr ihn nützt. Ich bin so
+reich&nbsp;&hellip;! Kein Rausch ist stark genug, daß er
+mich dieses übertreiben machte: ich bin sehr reich.
+Und da ich vorhin unwillig ward, als Ihr mein
+Wohl, das Wohl des reichsten Menschen dieser
+Erde tranket, so war es nur, weil Ihr ja gar nicht
+wißt, wie reich ich bin.</p>
+
+<p><span class="red-ink">PHEDROS:</span> Nicht auf Deinen Reichtum tranken
+wir, Candaules, wir tranken auf Dein Glück.</p>
+
+<p><span class="red-ink">CANDAULES (<i>beugt sich vor, sich ereifernd</i>):</span>
+Das ist das Schlimm're! Was? Was <ins title="wisst">wißt</ins> Ihr
+von meinem Glück? Weiß ich denn selbst davon?
+Kann man sein Glück denn ansehn, greifen? Man
+sieht nur das der Anderen. Das eigene fühlt
+man nur, wenn man's nicht ansieht. &ndash; Die
+Luft ist schwül heut Nacht und ihre Wollust
+<a class="pagenum" name="Page_32" title="32"> </a>
+drückend &hellip; Und dieser Gyges! Was ist's mit
+ihm! <span class="red-ink">(<i>Er erhebt sich und schwankt ein wenig,
+aber ganz wenig.</i>)</span> Wenn Gyges kommt, so
+wollen wir ihn betrunken machen. <span class="red-ink">(<i>Man gießt
+ihm ein. &ndash; Er nähert sich Phedros.</i>)</span> Und Du
+weißt nicht, Phedros, noch nicht weißt Du &ndash; ein
+Geheimnis&nbsp;&hellip;</p>
+
+<div class="scene-description">
+<p>(Er setzt sich zwischen Phedros und Simmias.
+Die Tafel ist etwas in Unordnung, wie bei
+unsern Mahlzeiten, wenn der Kaffee gereicht
+wird. Nicomedes nähert sich der Königin und
+spricht zu ihr.)</p>
+</div>
+
+<p><span class="red-ink">CANDAULES (<i>zu Phedros</i>):</span> Und dann &ndash; was
+liegt mir, mir am Glück? Nicht wahr, 's ist nur
+des Armen würdig, sich zu beschäftigen mit dem
+Glücklichsein. Sag, verstehst Du mich, Phedros?
+Und Deine Weisheit, unterschreibt sie, was ich nur
+Dir sagen kann? Jedes neue Gut, das man besitzt,
+es schleppt sein neues Verlangen nach, es zu
+probieren, es zu wagen &hellip; Und Besitzen, das ist
+für mich Versuchen, Wagen. <span class="red-ink">(<i>Er schlägt mit
+seinem Becher auf den Tisch und hört auf den
+<a class="pagenum" name="Page_33" title="33"> </a>
+Ton.</i>)</span> Warum sagst Du nichts, Phedros? Hast
+Du nichts getrunken? Phedros, ist Dein Glück
+denn in der Ruhe? Hab' ich mehr Weisheit, als
+Du Philosoph, um zu verstehen, daß, nur wo
+das Leben überfließt, das Glück ist? O Phedros!
+Für mehr Glück und mehr Leben verbraucht sich
+der Mensch, wenn er arm ist, im Verlangen &ndash;
+das ist die eine Art, verstehst Du? Aber nichts
+verlangen, nein: Arbeiten für das, was man verlangt.
+Und wenn man es hat, es wagen. Verstehst Du.
+Das Glück auf's Spiel setzen &ndash; das ist die
+andere Art, die Art der Reichen. Das ist die
+meine. Ich bin so reich, Phedros, und des Lebens
+so voll&nbsp;&hellip;</p>
+
+<p><span class="red-ink">SIMMIAS:</span> Wäre Dein Glück eine Freundschaft,
+Du sprächst nicht davon, mit diesem Glück zu
+spielen, Candaules: aber eine Freundschaft, das ist
+es, was Dir fehlt.</p>
+
+<p><span class="red-ink">CANDAULES:</span> Du hast recht. Um wieviel Schätze,
+schöner Simmias, kaufte ich nicht die Deine!</p>
+
+<p><span class="red-ink">DER KOCH (<i>kommt mit Gyges, von links.</i>)</span></p>
+
+<p><span class="red-ink">DER KOCH:</span> König, hier ist der Fischer.</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_34" title="34"> </a><span class="red-ink">CANDAULES (<i>von der rechten Seite des Tisches,
+wo er sich niedergelassen</i>):</span> Also Du bist Gyges?</p>
+
+<p><span class="red-ink">GYGES:</span> Ja, ich bin Gyges, König Candaules.</p>
+
+<p><span class="red-ink">CANDAULES:</span> Gyges, der Fischer.</p>
+
+<p><span class="red-ink">GYGES:</span> Ja, Gyges der Fischer.</p>
+
+<p><span class="red-ink">CANDAULES:</span> Gyges, der Arme.</p>
+
+<p><span class="red-ink">GYGES:</span> Gyges, der Arme, König Candaules.</p>
+
+<p><span class="red-ink">ARCHELAOS:</span> Er ist nicht sehr gesprächig.</p>
+
+<p><span class="red-ink">SEBAS:</span> Das hat er von den Fischen.</p>
+
+<p><span class="red-ink">CANDAULES:</span> Laß, Sebas, &ndash; Komm näher,
+Gyges. Warum bist Du nicht beim Gelage in den
+Küchen?</p>
+
+<p><span class="red-ink">GYGES (<i>antwortet nicht</i>).</span></p>
+
+<p><span class="red-ink">CANDAULES:</span> Man reiche ihm einen Becher.
+Trinkst Du manchmal Wein?</p>
+
+<p><span class="red-ink">GYGES:</span> Sozusagen nie.</p>
+
+<p><span class="red-ink">CANDAULES:</span> Trink! <span class="red-ink">(<i>Er sieht einen Sklaven
+gewöhnlichen Wein eingießen.</i>)</span> Nein! Nicht
+von dem! Bessern.</p>
+
+<p><span class="red-ink">PHARNACES:</span> He! Das schmeckt, Gyges!</p>
+
+<p><span class="red-ink">CANDAULES:</span> Laß, Pharnaces! Ist es wahr, daß
+Du so unglücklich bist, Gyges?</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_35" title="35"> </a><span class="red-ink">GYGES:</span> Nein, nicht unglücklich &ndash; elend.</p>
+
+<p><span class="red-ink">CANDAULES:</span> Bist Du sehr arm?</p>
+
+<p><span class="red-ink">GYGES:</span> Ich habe, was ich brauche.</p>
+
+<p><span class="red-ink">SYPHAX:</span> Für einen Fischer ist er gar nicht so dumm.</p>
+
+<p><span class="red-ink">CANDAULES:</span> Was hast Du denn?</p>
+
+<p><span class="red-ink">GYGES:</span> Ich hatte ein kleines Haus. Aber mein
+Weib kam aus Deinen Küchen, König, und hatte
+sich da ein wenig betrunken. Sie wollte das Herdfeuer
+aufschüren, mir meine Suppe zu wärmen.
+Sie brachte Feuer an's Stroh und, ich weiß nicht
+wie es kam, die Hütte war wohl ausgedörrt &ndash;
+Alles brannte nieder.</p>
+
+<p><span class="red-ink">CANDAULES:</span> Hattest Du sonst nichts, Gyges?</p>
+
+<p><span class="red-ink">GYGES:</span> Meine Netze &ndash; sie verbrannten in der Hütte.</p>
+
+<p><span class="red-ink">CANDAULES:</span> Wie kann auf dieser selben Erde,
+neben einem Glück wie dem meinen, wie kann ein
+solches Elend sein?&hellip; Ich will Dein Weib sehen
+armer Gyges.</p>
+
+<p><span class="red-ink">ARCHELAOS:</span> Und ich auch.</p>
+
+<p><span class="red-ink">GYGES:</span> Sie sehen? &ndash; Leicht, Candaules, sie ist nicht
+weit. Ich wollte sie nicht allein lassen, denn sie ist
+betrunken, so nahm ich sie mit mir. <span class="red-ink">(<i>Gyges ab.</i>)</span></p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_36" title="36"> </a><span class="red-ink">SEBAS (<i>stößt Archelaos mit dem Ellenbogen,
+leise</i>):</span> Archelaos, das gibt zu lachen! S' ist <em class="gesperrt">die</em>!
+Du weißt, mein Schatz von gestern Nacht.</p>
+
+<p><span class="red-ink">ARCHELAOS:</span> Ich bin gespannt. <span class="red-ink">(<i>Zu Pharnaces.</i>)</span>
+Candaules hat da wahrhaftig einen wunderbaren
+Einfall! <span class="red-ink">(<i>Zu Sebas.</i>)</span> Ist sie wenigstens schön?</p>
+
+<p><span class="red-ink">SEBAS:</span> Was willst Du! Ein Fischerweib!</p>
+
+<p><span class="red-ink">PHARNACES:</span> Na <ins title="weist">weißt</ins> Du, ich hab' schon
+Bäuerinnen gesehen, die nicht&nbsp;&hellip;</p>
+
+<p><span class="red-ink">PHEDROS (<i>sieht Gyges mit seinem Weibe
+kommen; die ist wie eine Wilde, das Haar wirr
+und schlecht gekleidet</i>):</span> O König, was Du tust,
+ist gefährlich!</p>
+
+<p><span class="red-ink">GYGES:</span> Hier, werte Herren, ist das Weib des
+Gyges.</p>
+
+<p><span class="red-ink">ARCHELAOS (<i>lacht</i>).</span></p>
+
+<p><span class="red-ink">CANDAULES:</span> Wie heißt sie?</p>
+
+<p><span class="red-ink">GYGES:</span> Ich ruf' sie Trydo.</p>
+
+<p><span class="red-ink">SEBAS:</span> Haha, hätt ich das gewußt! Trydo! Trydo!</p>
+
+<p><span class="red-ink">CANDAULES:</span> Gebt Frieden! <span class="red-ink">(<i>Leise.</i>)</span> Laßt
+mich gut zu diesem Menschen sprechen. Nun,
+armer Gyges, das ist alles, was Du hast?</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_37" title="37"> </a><span class="red-ink">GYGES:</span> Besser das Wenige, aber das für mich
+allein.</p>
+
+<p><span class="red-ink">SEBAS (<i>platzt heraus, zu Archelaos</i>):</span> Paß auf!</p>
+
+<p><span class="red-ink">GYGES:</span> Vier Dinge waren mein Eigen, ich hab'
+nur mehr zwei. Man hält zwei Dinge besser in
+den Händen als vier.</p>
+
+<p><span class="red-ink">CANDAULES:</span> Was sind das für zwei Dinge,
+tapfrer Gyges?</p>
+
+<p><span class="red-ink">GYGES:</span> Das eine ist mein Weib.</p>
+
+<p><span class="red-ink">SEBAS (<i>kann sich nicht mehr halten</i>):</span> Ach, mein
+lieber Gyges, was das Weib betrifft, da kannst
+Du sicher sein, daß Du es nicht allein besitzest.</p>
+
+<p><span class="red-ink">CANDAULES (<i>entrüstet</i>):</span> Sebas!</p>
+
+<p><span class="red-ink">SEBAS:</span> Nein. Aber es darf doch dieses Schwein
+nicht kommen und sich stolz vor mir machen und
+sagen, daß er das Weib da allein hat&nbsp;&hellip;</p>
+
+<p><span class="red-ink">CANDAULES:</span> Sebas!</p>
+
+<p><span class="red-ink">SEBAS:</span> Wenn sie, während er seinen gehörnten Fisch
+fängt, <span class="red-ink">(<i>Archelaos krümmt sich vor Lachen</i>)</span> nicht,
+Trydo, he? Gestern in der Küche&nbsp;&hellip;</p>
+
+<p><span class="red-ink">NYSSIA (<i>zu Candaules</i>):</span> Aber, mein Gebieter,
+das ist ja fürchterlich&nbsp;&hellip;</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_38" title="38"> </a><span class="red-ink">CANDAULES:</span> Ich bitt' Euch, Nyssia. Ich werde
+es nicht dulden, daß man diesen Mann beschimpft.</p>
+
+<p><span class="red-ink">GYGES:</span> Danke, Candaules. &ndash; Und Du, Herr,
+dessen Namen ich gar nicht kenne und den zu
+kennen mich wahrhaftig nicht verlangt &ndash; Du vermagst
+viel über mich, ich über Dich &ndash; nichts.
+Aber ich vermag alles über die da. Sie gehört
+mir, sag ich Dir. <span class="red-ink">(<i>Er reißt ein Messer vom
+Tisch und sticht auf Trydo.</i>)</span> Sie gehört mir! &ndash;
+<span class="red-ink">(<i>Bewegung.</i>)</span> Sie gehört mir!</p>
+
+<p><span class="red-ink">NYSSIA:</span> Haltet ihn doch!</p>
+
+<p><span class="red-ink">NICOMEDES:</span> Archelaos! Sebas! Haltet ihn doch!</p>
+
+<p><span class="red-ink">SEBAS (<i>der sich erhoben, verwickelt sich mit
+seinen Beinen in seine Kleider und rollt, völlig
+betrunken, unter den Tisch</i>).</span></p>
+
+<p><span class="red-ink">NYSSIA (<i>erhebt sich und will gehen</i>).</span></p>
+
+<p><span class="red-ink">NICOMEDES (<i>versucht, sie zurückzuhalten.</i>)</span></p>
+
+<p><span class="red-ink">PHARNACES:</span> Dieser Mensch ist scheußlich!&hellip;</p>
+
+<p><span class="red-ink">CANDAULES:</span> Nein, Pharnaces, wunderbar ist er!
+Und vornehmer als Du, Sebas. &ndash; Sebas! Wo ist
+er denn?</p>
+
+<p><span class="red-ink">NICOMEDES:</span> Er ist unter den Tisch geflüchtet.</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_39" title="39"> </a><span class="red-ink">CANDAULES:</span> Laß ihn, Pharnaces, er ist besser
+dort, als anderswo. Nyssia! Ihr geht?</p>
+
+<p><span class="red-ink">NYSSIA (<i>ab</i>).</span></p>
+
+<p><span class="red-ink">GYGES (<i>der eine Weile neben seinem toten Weibe
+steht, will fort.</i>)</span></p>
+
+<p><span class="red-ink">CANDAULES:</span> Bleib! Bleib! Gyges! Gyges!</p>
+
+<p><span class="red-ink">GYGES:</span> Nein, Herr.</p>
+
+<p><span class="red-ink">CANDAULES:</span> Gyges!</p>
+
+<p><span class="red-ink">GYGES:</span> Nein. &ndash; Nichts hab' ich mehr als eines
+&ndash; das kann mir keiner rauben. <span class="red-ink">(<i>Fragende Geste
+des Candaules</i>)</span> Mein Elend!</p>
+
+<p><span class="red-ink">CANDAULES:</span> Ja, Gyges; und der es von Dir
+nimmt, bin ich, Dein Herr.</p>
+
+<p><span class="red-ink">GYGES:</span> Ich bin nicht Dein Knecht, o König.</p>
+
+<p><span class="red-ink">CANDAULES:</span> Das sagst Du gut. Ihr hörtet es,
+Philebos und Phedros. Nein, Du bist mein Knecht
+nicht, Gyges, und ich bin nicht Dein Herr; Dein
+Freund! <span class="red-ink">(<i>Zu den Dienern</i>)</span> Man richte im Palast
+ein Gemach für ihn. &ndash; Die Tafel ist aufgehoben,
+meine Herren. Heute wird wohl keiner mehr
+trinken wollen.</p>
+
+<div class="stage-direction">
+<p>Vorhang schnell.</p>
+</div>
+
+<h2><a class="pagenum" name="Page_40" title="40"> </a>ZWEITER AKT</h2>
+
+<div class="scene-description">
+<p><a class="pagenum" name="Page_41" title="41"> </a>Die Szene ist ein Gemach im Palaste, offen nach
+links und da von einer Terrasse abgeschlossen, auf
+der Musikanten ihren Platz haben. CANDAULES
+und GYGES sitzen noch beim Schluß eines Mahles,
+fast ausgestreckt auf niedrigen Stühlen. GYGES
+ist glänzend gekleidet. Die Musikanten spielen.</p>
+</div>
+
+<h3><a class="pagenum" name="Page_42" title="42"> </a>Erste Szene.</h3>
+
+<p><span class="red-ink">CANDAULES:</span> Nun quält mich die Musik. Hört
+auf! Gyges weiß nun, was ihr könnt. Jede Regung
+hat nichts sonst Köstliches als ihre Überraschung.
+Unsere Freude gleicht dem beweglichen Wasser des
+Stromes &ndash; es dankt die Frische seiner währenden
+Flucht. <span class="red-ink">(<i>Zu den Musikanten.</i>)</span> Geht und zerstreut
+die Gäste in den Gärten. Entschuldigt mich bei
+ihnen. Und daß ich später in der Nacht noch
+komme. Versucht mit Eurem leichten Spiel, sie
+wach zu halten. <span class="red-ink">(<i>Die Musikanten ab.</i>)</span> Deckt ab!
+<span class="red-ink">(<i>Die Diener beeilen sich damit.</i>)</span> Den süßen Wein
+laßt da &hellip; Vielleicht trinkt Gyges noch davon &hellip;
+Gib Deinen Becher, Gyges. &ndash; Er kommt von
+Cypern. &ndash; Liebst Du ihn? <span class="red-ink">(<i>Zu den Dienern, die
+abseits stehen.</i>)</span> Bringt uns bald Licht. Der Abend
+schließt sich. Geht! <span class="red-ink">(<i>Die Diener ab. Candaules
+rückt Gyges näher.</i>)</span> Freund Gyges! So mußtest Du,
+wenn Dir das Meer nicht gnädig war, hungrig zu Bett.</p>
+
+<p><span class="red-ink">GYGES:</span> Ja, Candaules. Es gibt in Deinen Ländern
+mehr als einen Armen, der öfter als an einem
+Abend ohne Mahl sein Lager aufsucht.</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_43" title="43"> </a><span class="red-ink">CANDAULES:</span> Das hätt' ich früher wissen mögen.</p>
+
+<p><span class="red-ink">GYGES:</span> Wozu?</p>
+
+<p><span class="red-ink">CANDAULES:</span> Vielleicht &ndash; um mich darum zu
+kümmern.</p>
+
+<p><span class="red-ink">GYGES:</span> Um Dein Glück Dir zu verderben?&hellip;</p>
+
+<p><span class="red-ink">CANDAULES:</span> Nein, nein &ndash; mein Glück hätte
+das Elend besiegt &hellip; Ich glaubte es so groß, so
+strahlend groß, daß neben ihm nichts Armes
+möglich wäre.</p>
+
+<p><span class="red-ink">GYGES:</span> Was Du für mich getan, das hättest Du
+so auch getan, so ohne mich zu kennen?</p>
+
+<p><span class="red-ink">CANDAULES:</span> Selbst ohne Dich zu kennen, ja,
+wahrhaftig.</p>
+
+<p><span class="red-ink">GYGES (<i>wendet sich traurig ab</i>):</span> So siehst Du,
+daß Freundschaft zwischen uns nicht sein kann.</p>
+
+<p><span class="red-ink">CANDAULES:</span> Weshalb denn? Sag!</p>
+
+<p><span class="red-ink">GYGES:</span> Was Du für mich getan, das tatest Du
+aus Mitleid. Man hat nicht Freundschaft, man hat
+nur Mitleid mit den Armen.</p>
+
+<p><span class="red-ink">CANDAULES:</span> Arm! Bist Du's denn noch? Steh'
+auf und sieh Dich an! Dein Kleid ist doch ein
+anderes. Glänzender Gyges, wer wollte Dir jetzt
+<a class="pagenum" name="Page_44" title="44"> </a>
+wohl sein Mitleid schenken? <span class="red-ink">(<i>Gyges hat sich
+erhoben, er betrachtet sein kostbares Gewand, doch
+sieht bekümmert und wendet sich von Candaules.</i>)</span>
+Nimm diese Kette &hellip; <span class="red-ink">(<i>Er nimmt eine seiner
+Halsketten ab und will sie Gyges umhängen, der
+abwehrt.</i>)</span> Ich will es. <span class="red-ink">(<i>Gyges trägt nun die
+Kette und setzt sich wieder. Candaules neben ihm,
+eindringlich</i>):</span> Glaubst Du mich reich?</p>
+
+<p><span class="red-ink">GYGES:</span> Ja.</p>
+
+<p><span class="red-ink">CANDAULES:</span> Sehr reich?</p>
+
+<p><span class="red-ink">GYGES:</span> Ja, sehr reich.</p>
+
+<p><span class="red-ink">CANDAULES:</span> <ins title="Dann'">Dann</ins> sag mir noch, &hellip; wie &hellip;
+wie reich?</p>
+
+<p><span class="red-ink">GYGES:</span> Ich weiß, so weit mein Blick reicht, ist
+Dein Land.</p>
+
+<p><span class="red-ink">CANDAULES:</span> O größer, Gyges, viel größer!</p>
+
+<p><span class="red-ink">GYGES:</span> Man sagt, Du habest Inseln auf dem Meer.</p>
+
+<p><span class="red-ink">CANDAULES:</span> Meine schwerbeladenen Schiffe
+kommen her von dort &hellip; Doch, das ist nur ein
+kleiner Teil &hellip; Kannst Du Dir denken, wie viel
+Gold in meinen Kellern liegt?</p>
+
+<p><span class="red-ink">GYGES:</span> Fast so viel, denk' ich, als den Armen fehlt.</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_45" title="45"> </a><span class="red-ink">CANDAULES:</span> Sprich mir nicht von den Armen,
+Gyges, ich kann sie reich machen wie Könige und
+würd' es doch kaum spüren in meinem Schatzhause.
+Morgen sollst Du es sehen. Deine Hütte war eng,
+Gyges, nicht wahr?</p>
+
+<p><span class="red-ink">GYGES:</span> Eng und niedrig, ja, Candaules.</p>
+
+<p><span class="red-ink">CANDAULES:</span> Und Geschmeide, glaubst Du, daß
+ich Geschmeide habe?</p>
+
+<p><span class="red-ink">GYGES:</span> Du zeigtest mir sehr schöne&nbsp;&hellip;</p>
+
+<p><span class="red-ink">CANDAULES:</span> Ich habe noch schönere, Du wirst
+sehen. Was trinkst Du für gewöhnlich?</p>
+
+<p><span class="red-ink">GYGES:</span> Wasser.</p>
+
+<p><span class="red-ink">CANDAULES:</span> Schmeckt Dir der Wein?</p>
+
+<p><span class="red-ink">GYGES:</span> Er mag nicht schlecht sein.</p>
+
+<p><span class="red-ink">CANDAULES:</span> Ich habe besseren.</p>
+
+<p><span class="red-ink">GYGES (<i>zieht seinen Kopf aus seinen Händen</i>):</span>
+König Candaules, weshalb hältst Du so viel darauf,
+daß ich Deinen Reichtum kenne?</p>
+
+<p><span class="red-ink">CANDAULES:</span> Damit Dich die Freundschaft freut,
+die Dich von all den Schätzen genießen läßt.</p>
+
+<p><span class="red-ink">GYGES:</span> Ich dachte, die Freundschaft, die Du wolltest,
+war nicht die Deines Reichtumes, aber Deiner selbst&nbsp;&hellip;</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_46" title="46"> </a><span class="red-ink">CANDAULES:</span> Laß Deinen Spott, Gyges. Und
+wehr' Dich nicht gegen das Glück. Was liegt
+daran, daß Einer gibt, der Andere nimmt, wo Beide
+sich desselben Gutes freuen? Hör': Unmut und
+Kummer ist in mir, so lang' Du nicht die ganze
+Fülle meines Reichtums kennst.</p>
+
+<p><span class="red-ink">GYGES:</span> Viel besitzt Du, dessen Namen nichts für mich
+bedeutet. Was nanntest Du mir alle Deine Schätze?
+Wie sie schmecken, läßt sich das denken? Was man
+nicht haben kann, ist besser, nicht daran zu denken.</p>
+
+<p><span class="red-ink">CANDAULES:</span> Aber ich geb' Dir alles das &hellip;
+Alles &hellip; Alles &hellip; O Gyges, zu lang unglücklicher
+Gyges. Ich möchte heut' Dein Glück
+größer als je Dein Unglück groß war und Dein
+Schmerz. <span class="red-ink">(<i>Die Diener bringen Fackeln und gehen ab.
+Schweigen.</i>)</span> An was denkt mein Freund?&hellip; Um
+diese Stunde, was tat er gestern? Müde von der
+bittern Welle, trauriger Fischer</p>
+
+<p><span class="red-ink">GYGES (<i>unterbrechend</i>):</span> Kam er in seine Hütte,
+wo Trydo ihn erwartete.</p>
+
+<p><span class="red-ink">CANDAULES:</span> Trydo &hellip; ja &ndash; Du trauerst um sie!
+Armer Gyges &hellip; Komm zu mir, sag &ndash; Du liebtest
+<a class="pagenum" name="Page_47" title="47"> </a>
+sie? <span class="red-ink">(<i>Gyges schweigt.</i>)</span> Hast Du für mich nur
+eine Freundschaft, die kein Vertrauen kennt? &ndash;
+Mein Freund Gyges, sag, sprich doch &hellip; Du
+liebtest sie? &ndash; Gyges?</p>
+
+<p><span class="red-ink">GYGES (<i>legt den Kopf in die Hände und bebt</i>):</span>
+Die Winternächte war sie warm in meinem Bett &hellip;
+Ich sagte zu ihr: Trydo; und sie sprach: Meister.
+&ndash; Ich glaubte, sie liebte mich, und ich war glücklich.</p>
+
+<p><span class="red-ink">CANDAULES:</span> Armer Gyges! <span class="red-ink">(<i>Er hat sich erhoben,
+geht langsam den Saal nach rückwärts, leise.</i>)</span>
+Was flüsterst Du mir da zu, unruhiger Gedanke? <span class="red-ink">(<i>Er
+löscht entschlossen einige Fackeln; dann wendet
+er sich, noch immer rückwärts, zu Gyges.</i>)</span> Gyges
+&ndash; weißt Du, weshalb mich die Liebe zu Dir faßte? &ndash;
+Du allein hast die Schönheit der Königin verstanden &hellip;
+Bevor Du sie sahest, konntest Du glauben, Dein
+Weib sei schön &hellip; Aber ich weiß es, kaum daß
+Du Nyssia sahest, da schien Dir auch Trydo nicht
+mehr schön. <span class="red-ink">(<i>Er kommt Gyges näher.</i>)</span> Deshalb &hellip;
+hast Du sie getötet, nicht wahr, Gyges?</p>
+
+<p><span class="red-ink">GYGES:</span> Wie kannst Du das denken, o König!</p>
+
+<p><span class="red-ink">CANDAULES:</span> Fing ich Dich, Gyges?</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_48" title="48"> </a><span class="red-ink">GYGES:</span> So wahr ich an Gott glaube, dies ist nicht so.</p>
+
+<p><span class="red-ink">CANDAULES (<i>nimmt wieder sein Gehen auf</i>):</span>
+Du glaubst an Gott?</p>
+
+<p><span class="red-ink">GYGES:</span> Ich glaube.</p>
+
+<p><span class="red-ink">CANDAULES:</span> Ich nicht viel. &ndash; Einfach Du selber
+kannst Du auch nur Einfaches denken, ich aber &hellip;
+<span class="red-ink">(<i>leise</i>)</span> lauter, sprich lauter, mein jüngster Gedanke!
+Wohin willst Du mich führen? Herrlicher Candaules &hellip;
+<span class="red-ink">(<i>Er schreitet im Gemach, löscht wieder eine Fackel,
+dann zu Gyges gewandt.</i>)</span> Also wirklich deshalb,
+weil &hellip; So war es Dir so arg, zu wissen, daß
+Dein Weib nicht Dir allein gehörte?</p>
+
+<p><span class="red-ink">GYGES:</span> Dafür hab' ich sie getötet &ndash; und weil
+ich den Andern nicht töten konnte.</p>
+
+<p><span class="red-ink">CANDAULES:</span> Stolzer Gyges!&hellip; Sonderbar &hellip;
+muß man so wenig sein Eigen nennen, um es so
+für sich allein zu wollen?&hellip; Aber &ndash; wenn der
+Andere Dein Freund gewesen wäre?</p>
+
+<p><span class="red-ink">GYGES:</span> O König, wie könnte ein Freund daran
+denken, mich zu betrügen?</p>
+
+<p><span class="red-ink">CANDAULES:</span> Ja &hellip; aber, wenn er es täte, ohne
+Dich zu betrügen?</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_49" title="49"> </a><span class="red-ink">GYGES:</span> Ich verstehe Dich nicht mehr, Candaules.</p>
+
+<p><span class="red-ink">CANDAULES:</span> &hellip;&nbsp;Also Du hast die Königin
+nicht gesehen?</p>
+
+<p><span class="red-ink">GYGES:</span> Ein wenig, ja &hellip; doch hab' ich sie
+nicht angesehen.</p>
+
+<p><span class="red-ink">CANDAULES:</span> Dann sahst Du sie nicht. &ndash; Man
+kann den Blick nicht von ihr wenden, sieht man
+sie. <span class="red-ink">(<i>Leiser.</i>)</span> Sie weiß das. Sie will nicht mehr,
+daß man sie sieht. &ndash; Sie sagte zu mir: Dies erste
+Mal, daß ich mich zeige, sei auch das letzte Mal. <span class="red-ink">(<i>Noch
+näher zu Gyges und noch leiser.</i>)</span> Gyges &hellip; willst
+Du sie sehn, die Königin?</p>
+
+<p><span class="red-ink">GYGES (<i>erhebt sich, wie ermüdet</i>):</span> Nun bin ich
+müde, laß mich gehn.</p>
+
+<p><span class="red-ink">CANDAULES (<i>hält ihn am Gewand zurück</i>):</span> Gyges &hellip;
+verlangt es Dich, die Königin zu sehn?</p>
+
+<p><span class="red-ink">GYGES (<i>macht sich los</i>):</span> Nein.</p>
+
+<p><span class="red-ink">CANDAULES:</span> Gyges, ich will Dir Nyssia zeigen.</p>
+
+<p><span class="red-ink">GYGES (<i>wendet sich heftig zu Candaules</i>):</span> Aber
+ich will sie nicht sehn.</p>
+
+<p><span class="red-ink">CANDAULES (<i>leise</i>):</span> Ach! Wenn Du sie angesehen
+hättest&nbsp;&hellip;!</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_50" title="50"> </a><span class="red-ink">GYGES:</span> Liebst Du sie denn nicht?</p>
+
+<p><span class="red-ink">CANDAULES:</span> Oh &ndash; mehr als mich selbst! Sie
+dürfte es auch nicht wissen &hellip; Und wie sie mich
+liebt&nbsp;&hellip;! Das soll Dir ihre Schönheit sagen &ndash;
+doch hör's ganz leise: <span class="red-ink">(<i>Er neigt sich Gyges ans Ohr.</i>)</span>
+Niemals, niemals hab' ich nach anderen Frauen
+begehrt &hellip; Ihr Antlitz, was ist ihr Antlitz &hellip;
+Wenn Du wüßtest, Gyges!&hellip; Und ihre Wollust &hellip;
+Und wenn Du sie da hörtest &hellip; Ich leide, hör'
+ich ein andres Weib loben und sag' zu mir: das
+ist nur, weil sie Nyssia nicht kennen. &ndash; Gyges &hellip;
+willst Du Nyssia kennen?</p>
+
+<p><span class="red-ink">GYGES:</span> Du willst mich auf die Probe stellen? &ndash;
+Ich versteh' Dich nicht.</p>
+
+<p><span class="red-ink">CANDAULES:</span> So schlimmer. Lassen wir's. Das
+Kleinod, das ich Dir um den Nacken legte, &ndash; alle
+meine Diener kennen es und gehorchen dem, der
+es trägt. Es ist des Königs Halsband und ich schenk'
+es Dir. Zweifelst Du noch an meiner Freundschaft?</p>
+
+<p><span class="red-ink">GYGES:</span> So lange Du es bist, der immer gibt:
+ja &hellip; Entlaß mich nun, ich möchte schlafen.</p>
+
+<p><span class="red-ink">CANDAULES (<i>ein wenig erregt</i><ins title=")">):</ins></span> Später, später! &ndash;
+<a class="pagenum" name="Page_51" title="51"> </a>
+Bleib, Gyges. Hör: &ndash; Du hast mir auch etwas
+gegeben.</p>
+
+<p><span class="red-ink">GYGES:</span> Ich?</p>
+
+<p><span class="red-ink">CANDAULES:</span> So setz' Dich doch!&hellip; Bleib
+noch ein wenig. <span class="red-ink">(<i>Gyges setzt sich halb.</i>)</span> Siehst
+Du den Ring? Gestern noch, da machte ich nicht
+viel daraus. Nur, weil ich seinen Wert nicht
+kannte. Doch waren da zwei Worte eingegraben,
+die machten mich, wie auch die sonderbare Herkunft
+unruhig. Er war im Fleisch des Fisches,
+den Du gestern fingst. Einer fand ihn in einem
+Bissen und gab ihn mir. Ich aber war erstaunt,
+verwirrt, und tat den Schwur, nicht früher den
+Ring an meine Hand zu stecken, bevor ich nicht
+den Fischer sprach, dem wir den Fisch auf unserer
+Tafel dankten. &ndash; Du kamst. Wir sprachen. Und
+des Mahles blutiges Ende ließ mich den Ring vergessen,
+bis heute Morgen &ndash; ich war mit meinen
+Gästen &ndash; da steckt' ich ihn gedankenlos an meinen
+Finger. Auf einmal: «Wohin entfloh Candaules?»
+sprach einer. Ein anderer: «Er war im Augenblick
+noch unter uns», «Wo ist er? Wo steckt er
+<a class="pagenum" name="Page_52" title="52"> </a>
+denn? Er ist verschwunden, fort!» Und doch
+hatt' ich mich nicht vom Fleck gerührt. Ich sah
+die Herren neben mir, ganz nah, wie ich bei Dir &hellip;
+doch sie, sie sahn mich nicht. Und voll Entzücken
+ward ich betäubend so gewahr, daß mich
+der Ring unsichtbar machte. Stark genug, kein
+Wort zu sagen, schlich ich mich leise aus ihrer
+Mitte, und dachte gleich: der Ring, der ist von
+Gyges, meinem Freund, dem ich ihn schulde. &ndash;
+Da ist er!</p>
+
+<p><span class="red-ink">GYGES:</span> Wär' ich <em class="gesperrt">so</em> Dein Freund, <ins title="Gyges">Candaules</ins>?</p>
+
+<p><span class="red-ink">CANDAULES:</span> Da &ndash; sieh mich an. <span class="red-ink">(<i>Er steckt
+sehr deutlich auffallend den Ring an den Finger.</i>)</span></p>
+
+<p><span class="red-ink">GYGES:</span> Oh! Wie ein Körnchen Salz, so schmilzst
+Du weg. &ndash; Die Luft, sie schließt sich über Dich &ndash;&nbsp;&ndash;
+Du verschwandest &hellip; Candaules? Bist Du da? &ndash;
+Wo bist Du denn?&hellip; Candaules &hellip; <span class="red-ink">(<i>Sehr deutlich
+auffallend zieht Candaules den Ring
+vom Finger. &ndash; Es ist völlig unnütz, daß
+Candaules durch irgendwelche Maschinerie auch
+immer aus dem Blick der Zuschauer verschwindet.
+Worte und Gesten des Gyges genügen, anzuzeigen,
+<a class="pagenum" name="Page_53" title="53"> </a>
+daß er Candaules nicht mehr sieht. &ndash; Da
+Candaules seinen Ring wieder abgezogen hat,
+wirft sich Gyges vor dem König zu Füßen und
+zeigt so, daß er ihn wieder sieht.</i>)</span> Ah! meine
+Augen!&hellip; Da bist Du! &ndash; Du verschwandest
+und erschienest wieder wie ein Gott, Candaules.</p>
+
+<p><span class="red-ink">CANDAULES:</span> Nicht wie ein Gott, Gyges &ndash; wie
+Du selber, wenn Du diesen Ring an Deinen
+Finger steckst &hellip; da&nbsp;&hellip;</p>
+
+<p><span class="red-ink">GYGES (<i>besieht furchtsam den Ring und wagt
+es, ihn an den Finger zu stecken.</i>)</span></p>
+
+<p><span class="red-ink">CANDAULES:</span> Wunder! Ein Traum entflieht nicht
+schneller den Augen des aufgewachten Schläfers &hellip;
+Geheimnisvoller Ring, verschwunden mit dem, den
+Du verschwinden läßt, schütze das Glück meines
+Freundes Gyges und verbirg es! &ndash; Bleib verborgen,
+Gyges!&hellip; Still! &ndash; Ich höre Nyssia!
+<span class="red-ink">(<i>Er wendet sich auf ungefähr gegen den Platz,
+auf dem er Gyges gelassen und der leer ist, da Gyges,
+wie erfüllt von Entsetzen, zurückgewichen</i>)</span> Bleib
+verborgen, Gyges. &ndash; Halt fest den Ring an Deinem
+Finger. Sei still! Sei wie die Luft unsichtbar.
+<a class="pagenum" name="Page_54" title="54"> </a>
+<span class="red-ink">(<i>Er löscht noch eine Fackel. Der Saal ist nur
+noch ganz schwach erleuchtet von einer Fackel
+und dem Dämmer der Nacht, der von der
+Terrasse kommt.</i>)</span> Seid Ihr es, Nyssia?</p>
+
+<p><span class="red-ink">NYSSIA (<i>draußen:</i>)</span> Geliebter?</p>
+
+<p><span class="red-ink">CANDAULES:</span> Kommt Ihr?</p>
+
+<p><span class="red-ink">NYSSIA:</span> Langsam. &ndash; Die Nacht ist schön &hellip;
+Komm, Candaules, sieh, was eine Süßigkeit hier
+draußen&nbsp;&hellip;</p>
+
+<p><span class="red-ink">CANDAULES (<i>horcht auf die Worte, bleibt unbeweglich,
+wie bebend in trauriger Lust &hellip; Wie
+zu sich spricht er und wie in Tränen</i>):</span> Nyssia?
+Meine Liebe &ndash; Nyssia, meine Geliebte! &ndash; Halte
+Dich, halte Dich, schwankender Gedanke!&hellip;
+Wein! Ist noch genug?&hellip; <span class="red-ink">(<i>Er trinkt.</i>)</span> Ich
+wurde schwach &hellip; <span class="red-ink">(<i>Dann &ndash; ins Unbestimmte,
+Leere.</i>)</span> Bleib' still! &ndash; Ich tu' Unsinniges&nbsp;&hellip;</p>
+
+<h3>Zweite Szene.</h3>
+
+<div class="scene-description">
+<p>Nyssia kommt langsam, doch bleibt sie noch auf
+der Terrasse, die nur der Mond beleuchtet. Im
+Gemach selber nur eine Fackel. Ihr unsichtbar
+<a class="pagenum" name="Page_55" title="55"> </a>und instinktiv erschauert Gyges, da er Nyssia
+auf die Terrasse treten sieht; er geht ganz leise
+nach links und bleibt während der ganzen Szene
+halb im Dunkel verborgen. Candaules ist Nyssia
+entgegengegangen.</p>
+</div>
+
+<p><span class="red-ink">NYSSIA:</span> Ich wär' schon lang bei Euch, doch
+glaubte ich Euch nicht allein. Es kam mir vor
+von Weitem, als hörte ich Euch sprechen.</p>
+
+<p><span class="red-ink">CANDAULES:</span> Ich sprach laut Verse von
+Syphax.</p>
+
+<p><span class="red-ink">NYSSIA:</span> Weshalb ließt Ihr die Gäste heut' allein?</p>
+
+<p><span class="red-ink">CANDAULES:</span> Sie fingen an, mich zu ermüden.</p>
+
+<p><span class="red-ink">NYSSIA:</span> <ins title="Seid">Seit</ins> sie hier sind, sah ich Euch fast
+kaum &hellip; Ihr wißt nicht mehr allein zu sein.
+Liebt Ihr die Einsamkeit nicht mehr?</p>
+
+<p><span class="red-ink">CANDAULES:</span> Nein.</p>
+
+<p><span class="red-ink">NYSSIA:</span> Und fühlt Euch einsam auch mit mir?</p>
+
+<p><span class="red-ink">CANDAULES:</span> O Nyssia!</p>
+
+<p><span class="red-ink">NYSSIA:</span> Horcht! &ndash; Eure Musikanten in den
+Gärten &ndash; weshalb habt Ihr sie denn hinabgeschickt?</p>
+
+<p><span class="red-ink">CANDAULES:</span> Nur, um mit Euch allein zu sein&nbsp;&hellip;</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_56" title="56"> </a><span class="red-ink">NYSSIA:</span> Von ferne so ist die Musik sehr schön &ndash;
+der Abendwind bringt sie uns her und trägt sie fort &ndash;
+horcht! &ndash;&nbsp;&ndash; nun hört man nichts sonst als die
+Stille. <span class="red-ink">(<i>Am Arm des Candaules und immer zärtlicher
+an ihn geschmiegt.</i>)</span> Wie waren diese Tage,
+diese Nächte mir ohne Euch so lang!</p>
+
+<p><span class="red-ink">CANDAULES:</span> Und mir nicht anders. Ich bin der
+Worte müd', des Singens, Lachens und warte nicht
+das Ende ab, zu Euch zu kommen.</p>
+
+<p><span class="red-ink">NYSSIA:</span> Und meine Liebe hungert, da Ihr fern
+seid, und ich leide, nicht mehr mit Euch allein zu
+sein. Ihr habt mich so an's Glück verwöhnt, Geliebter,
+so viel Ihr für mich tatet.</p>
+
+<p><span class="red-ink">CANDAULES:</span> Meine Nyssia, für Dich zu viel?
+Mehr jeden Tag und jeden Tag verliebter. Manchmal
+erschreck' ich, daß ich so wenig Deiner Lust
+zu finden weiß. Ach Alles, was Verliebtes diese
+Erde schuf, ich wollt', es sei von mir erschaffen.
+Doch &ndash; was tun?&hellip;</p>
+
+<p><span class="red-ink">NYSSIA:</span> Mich lieben.</p>
+
+<p><span class="red-ink">CANDAULES:</span> Ich bete zu Dir, Nyssia. Komm &ndash;
+es wird kühl hier. <span class="red-ink">(<i>Er nimmt, nachdem er einen
+<a class="pagenum" name="Page_57" title="57"> </a>
+schweren Vorhang vor die Terrasse so gezogen,
+daß nur ein schmaler Streifen Licht von draußen
+hereinfällt, Nyssia den Königsmantel von den
+Schultern.</i>)</span></p>
+
+<p><span class="red-ink">NYSSIA (<i>wie sich hingebend</i>):</span> Lösch' dieses Licht.</p>
+
+<p><span class="red-ink">CANDAULES (<i>hält die Bewegung auf, die sie gegen
+die eine Fackel hin macht</i>):</span> Laß &ndash; ich will Dich
+sehen.</p>
+
+<p><span class="red-ink">NYSSIA:</span> Eure Blicke wollen mich glauben machen,
+daß Ihr an mir nur meine Schönheit liebt. <span class="red-ink">(<i>Sie
+lacht <ins title="nnd">und</ins> will selbst die Fackel löschen.</i>)</span></p>
+
+<p><span class="red-ink">CANDAULES (<i>heftiger</i>):</span> Laß! Laß! sag' ich Dir.</p>
+
+<p><span class="red-ink">NYSSIA (<i>wie in einem Spiel</i>):</span> Dann will ich ein
+Versprechen, Candaules&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p><span class="red-ink">CANDAULES (<i>wie eingehend auf das Spiel</i>):</span> Ich
+verspreche&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p><span class="red-ink">NYSSIA:</span> Was?</p>
+
+<p><span class="red-ink">CANDAULES (<i>löst am Kleid der Nyssia und
+geheimnisvoll gegen Gyges hingewandt, scheint er
+nicht zu achten, was er sagt</i>):</span> Was immer&nbsp;&ndash;: Ich
+versprach! &ndash; Alles, was Du willst. Was nun?</p>
+
+<p><span class="red-ink">NYSSIA (<i>läßt das erste Kleid fallen:</i>)</span> Daß Du nie
+<a class="pagenum" name="Page_58" title="58"> </a>
+mehr meinen Schleier hebst vor anderen Augen
+als den Deinen&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p><span class="red-ink">CANDAULES (<i>wankt wie in Schmerz</i>).</span></p>
+
+<p><span class="red-ink">NYSSIA:</span> Was hast Du?</p>
+
+<p><span class="red-ink">CANDAULES (<i>sinkt wie betäubt auf einen Sitz</i>):</span>
+Ich weiß nicht &ndash; Gib mir, ich bitte Dich, ein
+wenig Wein &hellip; 's ist nichts. &ndash; <span class="red-ink">(<i>Nyssia zum Tisch,
+von ihm fort.</i>)</span> Was hab' ich mir auch zugetraut?
+&ndash; Ich kann nicht mehr &hellip; <span class="red-ink">(<i>Er preßt die Fäuste
+an sich.</i>)</span> Candaules, Du bist schwach! Wer sonst
+kann das als Du?</p>
+
+<p><span class="red-ink">NYSSIA (<i>reicht ihm zu trinken</i>):</span> Ihr fühlt Euch besser?</p>
+
+<p><span class="red-ink">CANDAULES:</span> Ja, ja. 's ist besser. Ich dank' Dir.
+<span class="red-ink">(<i>Er trinkt.</i>)</span></p>
+
+<p><span class="red-ink">NYSSIA (<i>in einem anderen Ton</i>):</span> Ich mag Philebos
+nicht, er ist zu dreist.</p>
+
+<p><span class="red-ink">CANDAULES:</span> Und Phedros &ndash; gefällt er Dir?</p>
+
+<p><span class="red-ink">NYSSIA:</span> Ich sah ihn nicht ganz gut. Der welche
+war es?</p>
+
+<p><span class="red-ink">CANDAULES:</span> Macht nichts. &ndash; Und Nicomedes?</p>
+
+<p><span class="red-ink">NYSSIA:</span> Langweilte mich. &ndash; Doch sprechen wir
+nicht mehr von denen. &ndash; Ich bin so müd. <span class="red-ink">(<i>Währenddem
+<a class="pagenum" name="Page_59" title="59"> </a>
+hat sie sich allmählich entkleidet. Sie richtet
+ihr Haar. Dann setzt sie sich auf's Bett, ganz
+im Hintergrunde des Gemachs, um ihre Sandalen
+abzustreifen.</i>)</span></p>
+
+<p><span class="red-ink">CANDAULES (<i>vor ihr auf den Knieen</i>):</span> Laß mich
+Dir selber die Bänder lösen. <span class="red-ink">(<i>Das Haar Nyssia's
+fällt aufgelöst über den knieenden Candaules.</i>)</span>
+Das lieb' ich, so über mir Dein Haar&nbsp;&hellip;</p>
+
+<p><span class="red-ink">NYSSIA:</span> Und der arme Fischer &ndash; was ist aus ihm
+geworden? Sag. &ndash; Was gibst Du keine Antwort?
+Ich denke, Du hast sein Elend wohl getröstet&nbsp;&hellip;</p>
+
+<p><span class="red-ink">CANDAULES:</span> Sei still.</p>
+
+<p><span class="red-ink">NYSSIA:</span> Weshalb denn soll ich still sein? Glaubst
+Du, ich kenne Deine Güte nicht?</p>
+
+<p><span class="red-ink">CANDAULES:</span> Nyssia!&hellip;</p>
+
+<p><span class="red-ink">NYSSIA:</span> Wie heißt er doch? Was sprichst Du nicht?</p>
+
+<p><span class="red-ink">CANDAULES:</span> Ich weiß nicht mehr.</p>
+
+<p><span class="red-ink">NYSSIA:</span> Der Unglückselige. &ndash; Was er getan hat,
+das war furchtbar. &ndash; Er tut mir leid, trotzdem &hellip;
+O, wie kann dies eine Frau&nbsp;&hellip;? Er hat ganz
+Recht getan, als er das Messer in sie stieß &hellip; Zwei
+Männern zu gehören &ndash; o, das ist furchtbar.</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_60" title="60"> </a><span class="red-ink">CANDAULES:</span> So sprich doch leiser, Nyssia!</p>
+
+<p><span class="red-ink">NYSSIA:</span> Weshalb denn leiser?</p>
+
+<p><span class="red-ink">CANDAULES:</span> Die Worte tun mir weh.</p>
+
+<p><span class="red-ink">NYSSIA:</span> Verzeih! Ich will auch schon gar nicht
+mehr daran denken. Vergessen wir, daß man je
+untreu sein könnte &hellip; Candaules &hellip; mein Geliebter&nbsp;&hellip;</p>
+
+<p><span class="red-ink">CANDAULES:</span> Nyssia, Geliebte&nbsp;&hellip;</p>
+
+<p><span class="red-ink">NYSSIA (<i>vollendet ihre Nachttoilette</i>):</span> Ich kann
+die Öse da nicht lösen &ndash; mach sie auf! <span class="red-ink">(<i>Fernes
+Singen wird hörbar.</i>)</span> Hörst Du das Singen?</p>
+
+<p><span class="red-ink">CANDAULES:</span> Die Gäste sind's die mich erwarten.
+Sie finden die Nacht weit vorgeschritten und ich
+versprach, sie heute noch zu sehen.</p>
+
+<p><span class="red-ink">NYSSIA:</span> Wenn Du sie heute ließest, sag?</p>
+
+<p><span class="red-ink">CANDAULES (<i>der fort will</i>):</span> Bloß einen Augenblick
+&ndash; geh' nun zu Bett, Nyssia &ndash; gleich bin
+ich wieder bei Dir &hellip; schlaf &hellip; wie bist Du
+herrlich, Nyssia!</p>
+
+<div class="scene-description">
+<p>(Nyssia ist fast völlig entkleidet. Gyges betrachtet
+sie wider seinen Willen, und kommt näher; man
+fühlt den Kampf und wie er nicht hinsehen will.
+<a class="pagenum" name="Page_61" title="61"> </a>Im Augenblick, da Nyssia ihren letzten Schleier
+fallen läßt, geht er auf die Fackel zu und wirft
+sie zu Boden. Dunkelheit, nur der dämmerige
+Streifen von der Terrasse her, quer über die
+Bühne.)</p>
+</div>
+
+<p><span class="red-ink">CANDAULES:</span> Gyges!</p>
+
+<p><span class="red-ink">NYSSIA (<i>bedeckt sich erschrocken</i>):</span> Was ist das?</p>
+
+<p><span class="red-ink">CANDAULES (<i>sehr erregt und trunken von seinem
+Tun</i>):</span> Nichts; nichts. Sei unbesorgt &ndash; im Gehen
+warf ich die Fackel um. &ndash; Schlaf, ich bin gleich
+zurück.</p>
+
+<p><span class="red-ink">NYSSIA (<i>legt sich auf's Bett.</i>)</span></p>
+
+<p><span class="red-ink">STIMMEN (<i>von draußen</i>):</span> Candaules! König
+Candaules! Du wirst erwartet!</p>
+
+<p><span class="red-ink">CANDAULES (<i>ruft</i>):</span> Ich komme. <span class="red-ink">(<i>Er stößt auf
+Gyges, der gleichfalls fort will, völlig fassungslos,
+den Mantel vor dem Gesicht.</i>)</span></p>
+
+<p><span class="red-ink">CANDAULES (<i>leise</i>):</span> Bist Du's Gyges?</p>
+
+<p><span class="red-ink">GYGES (<i>sehr leise</i>):</span> Ja, ich bin's.</p>
+
+<p><span class="red-ink">CANDAULES (<i>befehlend</i>):</span> Bleib! &ndash; <span class="red-ink">(<i>Leise.</i>)</span> Und
+nun sei alles um mich glücklich! <span class="red-ink">(<i>Ab.</i>)</span></p>
+
+<div class="stage-direction">
+<p>Vorhang.</p>
+</div>
+
+<h2><a class="pagenum" name="Page_62" title="62"> </a>DRITTER AKT</h2>
+
+<div class="scene-description">
+<p><a class="pagenum" name="Page_63" title="63"> </a>Dieselbe Szene und Anordnung wie im ersten Akte.
+Syphax, Nicomedes und Pharnaces unterhalten
+sich rechts.</p>
+</div>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_64" title="64"> </a><span class="red-ink">SYPHAX:</span> Und wie gefällt Dir diese Huldigung?
+Ihr Schluß besonders:</p>
+
+<div class="poetry">
+<div class="stanza">
+<div class="line">Der Schenk, der kümmert nicht den Zecher,<br/></div>
+<div class="line">Doch ist der Schenk Candaules,<br/></div>
+<div class="line">So reich' ich gerne ihm den Becher.<br/></div>
+</div>
+</div>
+
+<p><span class="red-ink">NICOMEDES:</span> Ja, ja, Deine Verse sind ganz nett,
+aber ich sehe nicht, worin sie sich an Candaules
+mehr wenden als an irgendwen.</p>
+
+<p><span class="red-ink">PHARNACES:</span> Und ich seh nicht ein, was Dich das
+geniert. Was wir an einem Menschen rühmen, sind
+die Eigenschaften, die ihm nicht eigentlich gehören.
+Was wir an Candaules lieben, ist sein Reichtum &hellip;
+<span class="red-ink">(<i>Die Anderen widersprechen.</i>)</span> und seine Freigebigkeit
+natürlich. Wäre er nicht freigebig, so hätten
+wir nichts von seinem Reichtum, aber wäre er nicht
+reich, was hätten wir dann von seiner Freigebigkeit?</p>
+
+<p><span class="red-ink">NICOMEDES: (<i>lacht.</i>)</span></p>
+
+<p><span class="red-ink">SYPHAX:</span> Und er wäre nicht der Candaules meines
+Gedichtes.</p>
+
+<p><span class="red-ink">NICOMEDES (<i>wiederholt</i>):</span></p>
+
+<div class="poetry">
+<div class="stanza">
+<div class="line">Doch ist der Schenk Candaules,<br/></div>
+<div class="line">So reich' ich gerne ihm den Becher.<br/></div>
+</div>
+</div>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_65" title="65"> </a>Ich, wenn ich Flasche wäre, ich würde mich bei
+Candaules bedanken, daß er mich so vielen Leuten
+auf einmal zur Ergetzung gibt.</p>
+
+<p><span class="red-ink">PHEDROS und SIMMIAS (<i>sind von rückwärts
+gekommen, sie bleiben etwas abseits von den Anderen.</i>)</span></p>
+
+<p><span class="red-ink">PHEDROS:</span> Und wenn die Flasche sprechen könnte
+und sagen: ich möchte lieber von Nicomedes als
+von Candaules getrunken sein, er schmeckt besser,
+vielleicht hätte es Candaules dann weniger eilig, sie
+in Dein Glas zu leeren.</p>
+
+<p><span class="red-ink">PHARNACES:</span> Mein lieber Phedros, nur der schlechte
+Wein sagt uns: ich möchte von einem Andern getrunken
+werden. Der gute Wein hat zu mir immer gesagt&nbsp;&hellip;</p>
+
+<p><span class="red-ink">SYPHAX (unterbricht ihn und zieht ihn am Mantel):</span>
+Spar Deinen Witz. Kommt mit mir, ich les' Euch
+meine Verse. Es bleibt uns vor dem Mahl nicht
+mehr viel Zeit. Kommt Ihr mit, Simmias und
+Phedros?</p>
+
+<p><span class="red-ink">PHEDROS:</span> Nein. Eure Verse werden ohne uns
+Euch besser vorkommen; Ihr werdet glauben, ein
+ganz persönliches Gefühl viel besser auszudrücken,
+seid Ihr nur zu Dritt.</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_66" title="66"> </a><span class="red-ink">NICOMEDES:</span> Verzeiht, ich drücke überhaupt nichts
+aus: ich begleite nur.</p>
+
+<p><span class="red-ink">PHEDROS:</span> Und wir begleiten nicht. <span class="red-ink">(<i>Die Anderen
+links ab. Phedros und Simmias gehen zu einander</i>).</span>
+Lassen wir sie, Simmias. Unser Platz ist
+nicht bei ihnen.</p>
+
+<p><span class="red-ink">SIMMIAS:</span> Ist er es mehr in diesem Hause, Phedros?</p>
+
+<p><span class="red-ink">PHEDROS:</span> Du hast Recht. Hast Recht! Wir geh'n.</p>
+
+<p><span class="red-ink">SIMMIAS:</span> Und verlassen Candaules?</p>
+
+<p><span class="red-ink">PHEDROS:</span> Ich liebe ihn und schätz' ihn hoch.
+Seit gestern ist er schweigsam, schließt sich ein und
+meidet uns. Was kann ihm auch unser Rat, Simmias?</p>
+
+<p><span class="red-ink">SIMMIAS:</span> So willst Du weg, ganz ohne Abschied?</p>
+
+<p><span class="red-ink">PHEDROS:</span> Einmal noch möcht' ich mit ihm
+sprechen, mit ihm allein.</p>
+
+<p><span class="red-ink">SEBAS und ARCHELAOS: (<i>sind von rechts gekommen;
+sie prüfen die Vorbereitungen zum
+Mahle</i>).</span></p>
+
+<p><span class="red-ink">PHEDROS:</span> Lebt wohl, Sebas, Archelaos! Trinkt
+und eßt und freut Euch an alldem!</p>
+
+<p><span class="red-ink">SEBAS:</span> Wie? Ihr geht?</p>
+
+<p><span class="red-ink">PHEDROS:</span> Lebt wohl!</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_67" title="67"> </a><span class="red-ink">ARCHELAOS:</span> Ihr tut nicht recht.</p>
+
+<p><span class="red-ink">SEBAS:</span> Seht, schon ist für ein neues Gelage der
+Tisch gedeckt.</p>
+
+<p><span class="red-ink">PHEDROS:</span> So bleibt Euch mehr. Komm, Freund.</p>
+
+<p><span class="red-ink">PHEDROS und SIMMIAS: (<i>links ab</i>).</span></p>
+
+<p><span class="red-ink">SEBAS und ARCHELAOS (<i>sehen sich an und
+zucken die Schulter</i>).</span></p>
+
+<p><span class="red-ink">ARCHELAOS:</span> Hast Du Hunger?</p>
+
+<p><span class="red-ink">SEBAS:</span> Ja.</p>
+
+<p><span class="red-ink">ARCHELAOS:</span> Schon?</p>
+
+<p><span class="red-ink">SEBAS (<i>klagend</i>):</span> Archelaos, ich werde fett.</p>
+
+<p><span class="red-ink">ARCHELAOS:</span> Iß weniger.</p>
+
+<p><span class="red-ink">SEBAS:</span> Da könnt' ich mager werden.</p>
+
+<p><span class="red-ink">ARCHELAOS:</span> Dann kannst Du nachher um so
+mehr essen.</p>
+
+<p><span class="red-ink">SEBAS:</span> Glaubst Du? Du dürftest wahrhaftig Recht
+haben. Ich lege diese Feige wieder zurück und
+kann dann mehr davon zu Mittag essen.</p>
+
+<p><span class="red-ink">PHILEBOS (<i>sehr schnell von rechts</i>):</span> Habt Ihr
+Pharnaces und Syphax gesehen?</p>
+
+<p><span class="red-ink">ARCHELAOS:</span> Sie waren&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p><span class="red-ink">SEBAS (<i>unterbrechend</i>):</span> Da sind sie.</p>
+
+<div class="scene-description">
+<p><a class="pagenum" name="Page_68" title="68"> </a>(Nicomedes, Syphax und Pharnaces kommen von
+links. Philebos läßt sich auf eine Bank fallen
+und hält sich erschöpft die Seiten.)</p>
+</div>
+
+<p><span class="red-ink">NICOMEDES:</span> Hast Du Candaules gesehen,
+Philebos? Wir suchen ihn überall.</p>
+
+<p><span class="red-ink">PHILEBOS:</span> Grad hab' ich ihn verlassen.</p>
+
+<p><span class="red-ink">SYPHAX:</span> Wo ist er denn?</p>
+
+<p><span class="red-ink">PHILEBOS:</span> Überall und nirgends. Er streift umher,
+gehetzt, gejagt &hellip; Ach, meine Freunde, Laßt
+mich lachen! &ndash; Was eine köstliche Geschichte, ah &ndash;
+<span class="red-ink">(<i>Wie außer Atem von Lachen.</i>)</span></p>
+
+<p><span class="red-ink">PHARNACES und SEBAS:</span> Was ist? Was soll's?</p>
+
+<p><span class="red-ink">PHILEBOS:</span> Ihr wißt doch, dieser Ring, an dem
+Sebas fast erstickt wäre&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p><span class="red-ink">ARCHELAOS:</span> Verzeiht, <em class="gesperrt">ich</em> wär' beinah' daran
+erstickt.</p>
+
+<p><span class="red-ink">PHILEBOS:</span> Das ist ja gleich.</p>
+
+<p><span class="red-ink">ARCHELAOS:</span> Mir ist das gar nicht gleich.</p>
+
+<p><span class="red-ink">PHILEBOS:</span> Um so schlimmer. &ndash; Laßt mich erzählen:
+Du erinnerst Dich doch, Pharnaces, an die griechischen
+Worte, die Du in dem Ring geschrieben fandest?</p>
+
+<p><span class="red-ink">SEBAS:</span> Verzeiht, verzeiht! Die hat Phedros gefunden.</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_69" title="69"> </a><span class="red-ink">PHILEBOS:</span> Aber &ndash; unterbrecht mich doch nicht
+immer.</p>
+
+<table id="concurrently" summary="">
+<tr>
+ <td><span class="red-ink">NICOMEDES:</span> Erzähl!</td>
+ <td rowspan="3" style="vertical-align: middle; font-size: 4.5em; padding: 0 0.1em;">}</td>
+ <td rowspan="3" style="vertical-align: middle;"><span class="red-ink">(<i>Gleichzeitig!</i>)</span></td>
+</tr>
+<tr>
+ <td style="padding: 0.5em 0;"><span class="red-ink">PHARNACES:</span> Erzähl' nur!</td>
+</tr>
+<tr>
+ <td><span class="red-ink">SYPHAX:</span> Wir sind ganz Ohr!</td>
+</tr>
+</table>
+
+<p><span class="red-ink">PHILEBOS:</span> Ich weiß nicht, wie und wodurch
+es geschah, daß der König, der erst noch so beunruhigt
+von den eingeritzten Worten war, den
+Ring in seiner Hand vergessen konnte. Ich glaube,
+Gyges, der Fischer, war die Schuld. Ach, Freunde!
+wünscht Ihr die Fortsetzung? Es ist zu komisch&nbsp;&hellip;</p>
+
+<p><span class="red-ink">DIE ANDEREN:</span> Erzähl! So sprich doch!</p>
+
+<p><span class="red-ink">PHILEBOS:</span> Ich weiß gar nicht, gar nicht, wie
+ich's erzählen soll.</p>
+
+<p><span class="red-ink">NICOMEDES und PHARNACES:</span> Ach was! Fang
+einmal an. Erzähl!</p>
+
+<p><span class="red-ink">PHILEBOS (<i>den das Lachen schüttelt.</i>):</span> Nein &hellip;
+wenn Ihr den König hättet sehen können.</p>
+
+<p><span class="red-ink">SYPHAX:</span> Weshalb? Was macht er denn?</p>
+
+<p><span class="red-ink">PHILEBOS:</span> Er sucht.</p>
+
+<p><span class="red-ink">SYPHAX und PHARNACES:</span> Er sucht? Was
+sucht er denn?</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_70" title="70"> </a><span class="red-ink">PHILEBOS:</span> Den Ring! &ndash;&nbsp;&ndash; Hört zu, hört zu &hellip;
+Es ist das tollste aller Abenteuer. <span class="red-ink">(<i>Die Anderen
+haben sich alle um Philebos gruppiert, der immer auf
+der Bank sitzen bleibt.</i>)</span> Es scheint, daß gestern &ndash;
+Morgen &ndash; wozu? Das weiß ich nicht, und
+wie? Das weiß ich auch nicht &ndash; kurz,
+daß gestern <ins title="morgen">Morgen</ins> Candaules diesen Ring an
+seinen Finger steckte. Er war mit uns. Ihr wißt
+doch noch, er war mit uns. Und plötzlich war er
+verschwunden und wie wir ihn da suchten&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p><span class="red-ink">ARCHELAOS:</span> Ja, ja. Weshalb ging er denn weg?</p>
+
+<p><span class="red-ink">PHILEBOS:</span> Er ging nicht weg.</p>
+
+<p><span class="red-ink">PHARNACES, NICOMEDES:</span> Erklär' doch deutlich.
+Erzähl doch weiter.</p>
+
+<p><span class="red-ink">PHILEBOS:</span> Scheint, daß der König &ndash; doch
+Ihr werdet's mir nicht glauben!</p>
+
+<p><span class="red-ink">DIE ANDEREN:</span> So erzähl' doch! Was war's?</p>
+
+<p><span class="red-ink">PHILEBOS:</span> Und dieses war der Sinn der beiden
+griechischen Worte &hellip; <span class="red-ink">(<i>Ernst.</i>)</span> Man sieht den
+nicht mehr, der den Ring am Finger trägt.</p>
+
+<p><span class="red-ink">NICOMEDES:</span> Was sagst Du da?</p>
+
+<p><span class="red-ink">PHILEBOS:</span> Der Ring macht seinen Träger unsichtbar.</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_71" title="71"> </a><span class="red-ink">DIE ANDEREN (<i>lachend</i>):</span> Die Geschichte ist
+nicht übel.</p>
+
+<p><span class="red-ink">PHILEBOS:</span> Hört doch das Ende. Und das ist
+nicht das Hübsche der Geschichte. &ndash; Candaules
+überrascht, sprach nichts. Und da er selber es
+kaum glauben wollte &ndash; so wenigstens hat er mir es
+gesagt &ndash; wollt' er sich von der Macht des Ringes
+an irgend Einem überzeugen: Der Gyges war
+gerade da, und ohne weiter nach einem Anderen
+zu suchen, gibt er ihm den Ring. Gyges nahm
+ihn &hellip; nichts mehr!</p>
+
+<p><span class="red-ink">SEBAS und ARCHELAOS:</span> Wieso? Wieso nichts
+mehr?</p>
+
+<p><span class="red-ink">PHILEBOS:</span> Nichts mehr. Hat Gyges seine schnelle
+Macht verstanden? Fest steht, daß er stillschweigend
+verschwand. Gyges trägt den Ring, der Ring verbirgt
+den Gyges. Er ist verschwunden, ohne Spur
+verschwunden &hellip; Candaules hat gut suchen.
+So dumm ist Gyges nicht. Er ist durchaus verborgen.</p>
+
+<p><span class="red-ink">GYGES (<i>ist währenddem von rechts ganz langsam
+gekommen, so daß er am Ende von Philebos Erzählung
+<a class="pagenum" name="Page_72" title="72"> </a>
+diesem direkt gegenüber und inmitten der
+Zuhörer steht; er bleibt unbeweglich, den Rücken
+gegen das Publikum.</i>)</span></p>
+
+<p><span class="red-ink">PHILEBOS:</span> Der, ohne zu sehen, zu finden weiß,
+muß gar geschickt sein. Candaules irrt umher und
+ruft und frägt: Habt Ihr Gyges nicht gesehn?
+Habt Ihr meinen Ring gesehn? Doch &ndash; wer
+kann die Beiden sehen? Nun hat Candaules
+seinen Herrn gefunden. Wo immer Gyges sein
+will, dort kann er sein.</p>
+
+<p><span class="red-ink">DIE ANDEREN:</span> Wunderbar! Ganz wunderbar!</p>
+
+<p><span class="red-ink">PHILEBOS:</span> Aber nichts weniger als angenehm.
+Vor ihm ist jeder von uns ohne Augen. Was
+kann man gegen einen, den man nicht sieht?
+Was tun wir, frag ich Euch? Wenn plötzlich
+seine Stimme da unter uns sagt, daß er da ist, daß
+er da unter uns ist, hört was wir sagen und uns
+Dummköpfe nennt?</p>
+
+<p><span class="red-ink">GYGES (<i>laut</i>):</span> Dummköpfe!</p>
+
+<div class="scene-description">
+<p>(Beim Ton von Gyges' Stimme zerstieben die Herren
+nach allen Seiten. Im Eifer der Flucht rennt
+<a class="pagenum" name="Page_73" title="73"> </a>Archelaos an einen Baum, und in der Meinung,
+an Gyges gerannt zu sein.)</p>
+</div>
+
+<p><span class="red-ink">ARCHELAOS:</span> Oh &hellip; verzeiht&nbsp;&hellip;</p>
+
+<div class="scene-description">
+<p>(Kaum ist Gyges allein, stürzt er wie von Schande
+und Verzweiflung vernichtet zu Boden, gegen die
+Bank hin, auf der Philebos saß.)</p>
+</div>
+
+<p><span class="red-ink">GYGES:</span> Mein Ring! Mein Ring! <span class="red-ink">(<i>Er drückt ihn
+an die Lippen.</i>)</span> Ach! Verbirg mir mein Denken!&hellip;
+Allen jagst Du Furcht und Angst ein, unsichtbarer
+Gyges. Ring! Was kannst Du mich mir selber
+nicht unsichtbar machen! Gyges hat Angst vor Gyges.
+<span class="red-ink">(<i>Er verhüllt sein Gesicht in den Händen und schauert.</i>)</span>
+Hab' ich Dir weh getan mit meinen allzuwilden
+Küssen? &ndash; Von Liebe voll und von Entsetzen floh
+ich. Schlafend ließ ich sie auf ihrem Bette hingestreckt,
+lief in die Nacht, lief wie ein Dieb, im
+Morgentau der kalten Wiesen das Fieber meinen
+Händen abzuwaschen, das Grauen von meinem
+Denken, die Schande von meiner Stirn und das
+Verbrechen meines Herzens &hellip; Da kommt wer <ins title="..">&hellip;</ins>
+Nyssia! <span class="red-ink">(<i>Er bleibt auf der Erde und drückt sich
+an die Bank, da er Nyssia hört.</i>)</span></p>
+
+<h3><a class="pagenum" name="Page_74" title="74"> </a>Dritte Szene.</h3>
+
+<p><span class="red-ink">NYSSIA (<i>an Candaules gelehnt. Sie kommen
+näher und setzen sich beide auf die Bank</i>):</span> Wie,
+mein Gebieter, das ist Eure Sorge? Was hat doch
+dieser Ring, daß sein Verlust Euch so bewegt? Ist's
+deshalb, daß Ihr mich heut' morgen so früh verließet?
+Im Morgendämmer, ermattet noch und
+kaum erwacht, da suchten meine Hände Euch und
+fanden nichts sonst, als eine kalte Stelle. Konntet
+Ihr mich so verlassen? Ah! Ihr wußtet nicht, was
+mein Erwachen Euch noch aufbewahrte!&hellip; &ndash;
+Und dann, nachher, als ich Euch wiedersah im Garten,
+da waret Ihr nicht mehr so voller Liebe, wie in dieser
+Nacht. Da waret Ihr unruhig; &ndash; was habt Ihr? &ndash;
+Ihr geht fort? Ich bin eifersüchtig auf den Ring;
+er ist Euch wichtiger als ich. Ihr sagt mir nichts? Wie
+undankbar ist Euer Mund! Was liegt mir an dem Ring?
+Ihr habt doch andere genug!&hellip; Ihr, die Ihr immer
+schenkt, denkt einfach, Ihr hättet ihn verschenkt.</p>
+
+<p><span class="red-ink">CANDAULES:</span> Nur <em class="gesperrt">sehen</em> möcht' ich ihn.</p>
+
+<p><span class="red-ink">NYSSIA:</span> Das werdet Ihr. Doch scheucht die Falten
+da von Eurer Stirn. Der Morgen ist so schön! &ndash;
+<a class="pagenum" name="Page_75" title="75"> </a>
+Seht, in dieser klaren Luft scheint alles mir verliebt
+und lachend wie wir selber &hellip; Fast bin ich müd'
+von dieser Nacht &hellip; Ach, mein Gebieter, schöner
+als der Tag ist mir Eure Liebe, und diese Nacht
+war mir&nbsp;&hellip;</p>
+
+<p><span class="red-ink">CANDAULES (<i>unterbricht</i>):</span> Sprich mir nicht mehr
+von dieser Nacht, mein Weib.</p>
+
+<p><span class="red-ink">NYSSIA:</span> Ich kann sie auch verschweigen, doch
+sagt sich Eure Nyssia die Küsse alle wieder, einen
+um den andern. &ndash; Oh, von allen unsern Nächten
+diese Nacht der Liebe schönste!&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p><span class="red-ink">CANDAULES:</span> Die schönste, sagst Du, Nyssia? &ndash;
+die schönste?</p>
+
+<p><span class="red-ink">NYSSIA:</span> Was erstaunt Ihr? Was hab' ich denn
+gesagt? Was habt Ihr?</p>
+
+<p><span class="red-ink">CANDAULES:</span> Die schönste &hellip; weshalb?</p>
+
+<p><span class="red-ink">NYSSIA (<i>errötend</i>):</span> Oh, Ihr macht Euch lustig
+über mich &hellip; Weshalb erhebt Ihr Euch? &ndash; Ihr
+geht? Was habt Ihr?</p>
+
+<p><span class="red-ink">CANDAULES (<i>für sich</i>):</span> Du, Candaules, eifersüchtig?
+&ndash; Schweig, schlechte Leidenschaft. <span class="red-ink">(<i>Er
+macht eine Geste des sich Bezähmens.</i>)</span> Verzeiht&nbsp;&hellip;</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_76" title="76"> </a><span class="red-ink">NYSSIA (<i>will ihn auf die Bank ziehen, faßt ihn
+am Kleid.</i>)</span></p>
+
+<p><span class="red-ink">CANDAULES:</span> Nein, &ndash; lass' mich. <span class="red-ink">(<i>Er befreit
+sich.</i>)</span> &ndash; <span class="red-ink">(<i>Für sich.</i>)</span> Die schönste!&hellip; Die &hellip;
+Ich muß den Gyges sehn. <span class="red-ink">(<i>Zu Nyssia, von der
+er sich etwas nach links entfernt hat.</i>)</span> Da unten
+seh' ich Phedros &hellip; Verzeiht &ndash; gleich bin ich
+wieder bei Euch. Nein! Folgt mir nicht. &ndash; Laß
+mich, Nyssia.</p>
+
+<p><span class="red-ink">NYSSIA:</span> So wart' ich hier auf Euch.&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p><span class="red-ink">GYGES (<i>hat sich während des Letzten nach und
+nach aufgerichtet</i>).</span></p>
+
+<h3>Vierte Szene.</h3>
+
+<p><span class="red-ink">GYGES (<i>leise</i>):</span> Die schönste aller Nächte!&hellip;
+Genug! Mein Ring &ndash; genug! <span class="red-ink">(<i>Er reißt den
+Ring von seinem Finger.</i>)</span> Und wenn ich daran
+sterben muß&nbsp;&ndash;! <span class="red-ink">(<i>Er nähert sich der Königin.</i>)</span>
+Königin!</p>
+
+<p><span class="red-ink">NYSSIA (<i>läßt überrascht den Schleier über das
+Gesicht fallen</i>):</span> Ach! Habt Ihr mich doch erschreckt!
+&ndash; Ich hörte niemand kommen.</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_77" title="77"> </a><span class="red-ink">GYGES (<i>vor ihr gebeugt</i>):</span> Königin&nbsp;&hellip;</p>
+
+<p><span class="red-ink">NYSSIA:</span> Was wollt Ihr?</p>
+
+<p><span class="red-ink">GYGES (<i>reicht ihr den Ring</i>):</span> Der Ring, den der
+König sucht &ndash; hier ist er.</p>
+
+<p><span class="red-ink">NYSSIA:</span> Da Ihr es wußtet, daß er ihn sucht, was
+gabt Ihr ihn nicht früher?</p>
+
+<p><span class="red-ink">GYGES:</span> Euch wollt' ich ihn zuerst geben.</p>
+
+<p><span class="red-ink">NYSSIA:</span> Doch &ndash; wie kommt Ihr zu dem Ring?</p>
+
+<p><span class="red-ink">GYGES:</span> Der König gab mir ihn.</p>
+
+<p><span class="red-ink">NYSSIA:</span> Und wenn er Euch ihn gab, was sucht
+er ihn?</p>
+
+<p><span class="red-ink">GYGES:</span> Nicht, um den Ring zu sehen, doch
+mich, der ihn trug.</p>
+
+<p><span class="red-ink">NYSSIA:</span> Ich versteh Euch nicht &hellip; Wer seid
+Ihr? Ihr war't nicht, glaub ich, gestern bei dem
+Fest?</p>
+
+<p><span class="red-ink">GYGES:</span> Ich kam erst spät &hellip; als es zu Ende
+ging &hellip; Ich bin Gyges: &ndash; Erinnert Ihr Euch
+nicht des Fischers Gyges, um den Ihr letzte Nacht
+Candaules fragtet: «Der arme Fischer &ndash; was ist
+aus ihm geworden?». Der bin ich.</p>
+
+<p><span class="red-ink">NYSSIA (<i>zuerst etwas verwirrt</i>):</span> Wie sollte ich
+<a class="pagenum" name="Page_78" title="78"> </a>
+Euch wieder erkennen, so reich gekleidet? &ndash; Des
+Königs Güte gab Dir das?</p>
+
+<p><span class="red-ink">GYGES (<i>verwirrt</i>):</span> Ja, Königin; er gab mir alles
+das &hellip; alles das &ndash; und diesen Ring hier. <span class="red-ink">(<i>Er
+beugt sich wieder vor ihr und reicht ihr den
+Ring.</i>)</span></p>
+
+<p><span class="red-ink">NYSSIA:</span> Ich will ihn dem König wiedergeben.</p>
+
+<p><span class="red-ink">GYGES:</span> Ein Wort noch, Königin, ich bitt' Euch &hellip;
+dieser Ring&nbsp;&hellip;</p>
+
+<p><span class="red-ink">DIE KÖNIGIN (<i>betrachtet den Ring und will ihn
+anstecken.</i>)</span></p>
+
+<p><span class="red-ink">GYGES:</span> Ah! Steckt diesen Ring nicht an!</p>
+
+<p><span class="red-ink">NYSSIA:</span> Weshalb nicht?</p>
+
+<p><span class="red-ink">GYGES (<i>ängstlich vor dem, was er sagen will</i>):</span>
+Der Ring&nbsp;&hellip;</p>
+
+<p><span class="red-ink">NYSSIA:</span> So sprich doch, sprich&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p><span class="red-ink">GYGES:</span> Macht unsichtbar den, der ihn trägt.</p>
+
+<p><span class="red-ink">NYSSIA (<i>lächelnd</i>):</span> Ein ganz kostbarer Ring und
+ich verstehe nun, weshalb Candaules ihn so suchte.</p>
+
+<p><span class="red-ink">GYGES:</span> Und auch vielleicht, warum er ihn nicht
+fand.</p>
+
+<p><span class="red-ink">NYSSIA (<i>wird unruhig</i>):</span> Du verbargst Dich, Gyges?</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_79" title="79"> </a><span class="red-ink">GYGES:</span> Der Ring verbarg mich.</p>
+
+<p><span class="red-ink">NYSSIA:</span> Doch, sag &hellip; weshalb denn gab der
+König Dir den Ring?</p>
+
+<p><span class="red-ink">GYGES:</span> Um selber ungesehen zu sehen.</p>
+
+<p><span class="red-ink">NYSSIA:</span> Und was &hellip; was konnte denn der König
+so zeigen wollen?</p>
+
+<p><span class="red-ink">GYGES (<i>fällt vor Nyssia auf die Knie</i>):</span> Euch
+Nyssia! &ndash; <span class="red-ink">(<i>Gleichzeitig hält er ihr einen Dolch hin,
+den Nyssia instinktiv ergreift.</i>)</span> Stecht zu! Stecht
+zu!&hellip; Ich war's, der diese Nacht &hellip; ich ließ
+Euch schlafend diesen Morgen &hellip; Ach! Ich
+hätte schweigen können und Ihr, Ihr hättet's nie
+erfahren, doch war ich da, als Ihr es sagtet, daß diese
+Nacht der Liebe von allen Euren Nächten&nbsp;&hellip;</p>
+
+<p><span class="red-ink">NYSSIA (<i>deren Verwirrung mit jedem Wort des
+Gyges zunimmt und die mit jedem Wort zu verstehen
+anfängt, schreit auf</i>):</span> Candaules! &ndash; <span class="red-ink">(<i>Sie
+schreit wild auf.</i>)</span> Ich hielt mich für geliebt.</p>
+
+<p><span class="red-ink">GYGES (<i>erhebt sich ein wenig</i>):</span> Ihr seid es,
+Königin&nbsp;&hellip;</p>
+
+<p><span class="red-ink">NYSSIA (<i>in jähem Zorn</i>):</span> Was sagst Du?</p>
+
+<p><span class="red-ink">GYGES:</span> Ihr seid geliebt, Nyssia.</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_80" title="80"> </a><span class="red-ink">NYSSIA (<i>gibt ihm, wie von diesem Worte zu einem
+plötzlichen Entschluß gebracht, den Dolch in die
+Hand</i>):</span> Geh! Erschlag' ihn!</p>
+
+<p><span class="red-ink">GYGES (<i>in tiefer Ergriffenheit</i>):</span> Wen?&hellip; Ihn?</p>
+
+<p><span class="red-ink">NYSSIA:</span> Erschlag ihn!</p>
+
+<p><span class="red-ink">GYGES (<i>läßt den Dolch zur Erde fallen</i>):</span> Ich
+kann nicht. Mein Freund!&hellip;</p>
+
+<p><span class="red-ink">NYSSIA:</span> Und er war mein Gemahl! Töte ihn.</p>
+
+<p><span class="red-ink">GYGES:</span> Ich kann nicht &hellip; er war's, der mir es gab.</p>
+
+<p><span class="red-ink">NYSSIA:</span> Er war's, der mich verriet. <span class="red-ink">(<i>Sie zerreißt
+ihren Schleier.</i>)</span> Einer von Euch Beiden muß es
+sein, der stirbt &hellip; Nimm den Ring!</p>
+
+<p><span class="red-ink">GYGES (<i>bestürzt</i>):</span> Wie? Ohne mich zu zeigen?</p>
+
+<p><span class="red-ink">NYSSIA:</span> Für mich hast Du Dich gut verborgen!</p>
+
+<p><span class="red-ink">GYGES:</span> Er hat mir den Ring gegeben&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p><span class="red-ink">NYSSIA (<i>verzweifelt vor diesem Widerstand</i>):</span> Es
+muß doch Einer von Euch Beiden eifersüchtig sein!
+<span class="red-ink">(<i>Sie stürzt Gyges um den Hals und küßt ihn in wilder
+Wut.</i>)</span> Oh! Du wirst ihn erschlagen, Gyges, nicht wahr?
+Du wirst ihn erschlagen! &ndash; Den Ring! Nimm doch
+den Ring. <span class="red-ink">(<i>Sie steckt ihm den Ring an den Finger.</i>)</span>
+Und da &hellip; den Dolch. Verbirg Dich! Der König!</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_81" title="81"> </a><span class="red-ink">CANDAULES (<i>kommt im Gespräch mit Phedros</i>).</span></p>
+
+<p><span class="red-ink">NYSSIA und GYGES (<i>ziehen sich nach rückwärts
+zurück</i>).</span></p>
+
+<h3>Fünfte Szene.</h3>
+
+<p><span class="red-ink">CANDAULES (<i>leise zu Phedros</i>):</span> Nein, Phedros,
+wenn Du mich liebst, so bleibst Du noch zu diesem
+Mahl. Es ist das letzte, sag' ich Dir; das letzte &hellip;
+Sie werden mit dem Trinken noch nicht fertig sein,
+da sag ich: Nun laßt mich. Das Haus, die Feste
+sind nun für mich allein, für mich und Nyssia &hellip;
+Und Nyssia, Du weißt: nun halt' ich sie für mich
+und fern von Allen im Schatten wohlverschlossen,
+wie ein Parfüm, das allzu leicht verduftet &hellip; Genug
+davon. Du bleibst zum Fest?</p>
+
+<p><span class="red-ink">PHEDROS:</span> Ich bleibe.</p>
+
+<p><span class="red-ink">CANDAULES:</span> Laß mich nun.</p>
+
+<p><span class="red-ink">PHEDROS (<i>ab</i>).</span></p>
+
+<p><span class="red-ink">CANDAULES (<i>zu Nyssia</i>):</span> Das Festmahl ist bereitet
+&hellip; Bald ist's Mittag, die Zeit, da meine Gäste
+kommen. Nyssia &ndash; bis zu Eurem Gemach begleit' ich
+Euch. <span class="red-ink">(<i>Er nähert sich ihr, sie weicht zurück.</i>)</span></p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_82" title="82"> </a><span class="red-ink">GYGES (<i>ist ein Weniges hinter ihr</i>).</span></p>
+
+<p><span class="red-ink">NYSSIA:</span> Nein. &ndash; Ich bleibe bei Eurem Fest.</p>
+
+<p><span class="red-ink">CANDAULES:</span> Wie? Ihr wollt? <span class="red-ink">(<i>Er bemerkt die
+Erregung der Königin.</i>)</span> Was habt Ihr, Nyssia?</p>
+
+<p><span class="red-ink">NYSSIA (<i>geht weiter zurück und gegen das Unsichtbare
+gewandt</i>):</span> Stoß zu! Stoß zu, Gyges! &ndash;
+Gib Acht, Candaules &hellip; <span class="red-ink">(<i>Ängstlich.</i>)</span> Stoß zu! &ndash;
+So stoß doch zu!&hellip; Ah!</p>
+
+<p><span class="red-ink">GYGES (<i>erdolcht Candaules, da dieser unruhig wird</i>).</span></p>
+
+<p><span class="red-ink">CANDAULES:</span> Wie! Du bist's, mein Gyges?!
+Warum erschlägst Du mich? &ndash; Nichts fühlt' ich
+sonst in mir als Güte, Nyssia!&hellip; Gyges, ich
+hab Dir auch den Dolch gegeben. Gib den Ring
+fort &hellip; ich möcht' Dich sehen.</p>
+
+<div class="scene-description">
+<p>(Gyges zaudert einen Augenblick und wirft den
+Ring weit von sich).</p>
+</div>
+
+<p><span class="red-ink">(<i>Gyges erdrückt vor Schrecken und Verzweiflung,
+kniet hin und beugt sich über Candaules</i>):</span>
+Candaules! mein Freund&nbsp;&hellip;</p>
+
+<p><span class="red-ink">CANDAULES (<i>stirbt</i>).</span></p>
+
+<p><span class="red-ink">NYSSIA (<i>zieht ihn am Kleide</i>):</span> Erhebt Euch,
+König Gyges.</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_83" title="83"> </a><span class="red-ink">GYGES (<i>verstört</i>):</span> Ich! Gyges &hellip; König.</p>
+
+<p><span class="red-ink">NYSSIA:</span> Ihr seid mein Gemahl und ich die
+Königin. Da kommen unsre Gäste. Steht auf!
+<span class="red-ink">(<i>Sie nimmt das Diadem vom Haupte des Candaules.</i>)</span>
+Nehmt die Krone. &ndash; Ah! Der Schleier erstickt
+mich. <span class="red-ink">(<i>Sie reißt ihn völlig ab.</i>)</span></p>
+
+<p><span class="red-ink">DIE GÄSTE (<i>kommen etwas näher. Bewegung.</i>):</span>
+Candaules! Oh! wie schrecklich!</p>
+
+<p><span class="red-ink">SYPHAX (<i>hält Phedros zurück und zeigt ihm
+Gyges</i>):</span> &ndash; Gebt Acht!</p>
+
+<p><span class="red-ink">NYSSIA (<i>königlich an Gyges Arm</i>):</span> Ihr werten
+Herren, kommt! Das Mahl erwartet Euch. <span class="red-ink">(<i>Schamlos.</i>)</span>
+&ndash; Archelaos! Heut' Abend werden wir
+Tänzerinnen haben.</p>
+
+<p><span class="red-ink">PHEDROS (<i>geht mit Simmias fort</i>).</span></p>
+
+<p><span class="red-ink">GYGES (<i>der sich allmählich faßt</i>):</span> Setzt Euch,
+Ihr Herren. <span class="red-ink">(<i>Feindlich zu Nyssia</i>)</span> Dieses Antlitz
+so schön, hohe Frau, ich glaubte, es solle verschleiert
+bleiben.</p>
+
+<p><span class="red-ink">NYSSIA (<i>verächtlich</i>):</span> Für Euch verschleiert,
+Gyges! Candaules hat meinen Schleier zerrissen.</p>
+
+<p><span class="red-ink">GYGES (<i>wirft ihr sehr brutal einen Zipfel ihres
+<a class="pagenum" name="Page_84" title="84"> </a>
+Gewandes über das Gesicht</i>):</span> Dann näht ihn
+wieder zusammen.</p>
+
+<p><span class="red-ink">SYPHAX (<i>aus der geräuschvollen Bewegung, die
+diesen Worten folgt</i>):</span> Auf, werte Herren,
+trinken wir auf das Glück des Gyges.</p>
+
+<div class="stage-direction">
+<p>Vorhang.</p>
+</div>
+
+<div id="tnote-bottom">
+<p class="center"><a name="tn-bottom"><b>Anmerkungen zur Transkription:</b></a></p>
+
+<p>Im folgenden werden alle geänderten Textstellen angeführt,
+wobei jeweils zuerst die Stelle wie im Original, danach die geänderte Stelle
+steht.</p>
+
+<ul id="corrections">
+<li><a href="#Page_iv">Seite IV</a>:<br/>
+alles <span class="correction">Eposidische</span>, Bizarre und Vorübergehende verloren<br/>
+alles <span class="correction">Episodische</span>, Bizarre und Vorübergehende verloren
+</li>
+<li><a href="#Page_x">Seite X</a>:<br/>
+«Racine?&hellip; wer ist das?» <span class="correction">antwotete</span> er. «Ich, ich<br/>
+«Racine?&hellip; wer ist das?» <span class="correction">antwortete</span> er. «Ich, ich
+</li>
+<li><a href="#Page_xiii">Seite XIII</a>:<br/>
+<span class="correction">Condercet</span> die «Hypocrisie des m&oelig;urs» nennt, jene, da<br/>
+<span class="correction">Condorcet</span> die «Hypocrisie des m&oelig;urs» nennt, jene, da
+</li>
+<li><a href="#Page_xviii">Seite XVIII</a>:<br/>
+Es ist klar, daß die neuen gesellschaftlichen <span class="correction">Formen</span><br/>
+Es ist klar, daß die neuen gesellschaftlichen <span class="correction">Formen,</span>
+</li>
+<li><a href="#Page_12">Seite 12</a>:<br/>
+Zweite <span class="correction">Szene:</span><br/>
+Zweite <span class="correction">Szene.</span>
+</li>
+<li><a href="#Page_20">Seite 20</a>:<br/>
+<span class="red-ink">DIE KÖNIGIN (<i>zu Candaules</i><span class="correction">)</span></span> Ihr scheint,<br/>
+<span class="red-ink">DIE KÖNIGIN (<i>zu Candaules</i><span class="correction">):</span></span> Ihr scheint,
+</li>
+<li><a href="#Page_20">Seite 20</a>:<br/>
+<span class="red-ink">PHILEBOS:</span> Und <span class="correction">ihr</span>, Frau Königin was denkt<br/>
+<span class="red-ink">PHILEBOS:</span> Und <span class="correction">Ihr</span>, Frau Königin was denkt
+</li>
+<li><a href="#Page_25">Seite 25</a>:<br/>
+<span class="red-ink">PHARNACES:</span> εὐτυχίαν <span class="correction">κρὐπτω</span><br/>
+<span class="red-ink">PHARNACES:</span> εὐτυχίαν <span class="correction">κρύπτω</span>
+</li>
+<li><a href="#Page_28">Seite 28</a>:<br/>
+<span class="red-ink"><span class="correction">PHARNACES</span></span> Und öfter noch findet man überhaupt<br/>
+<span class="red-ink"><span class="correction">PHARNACES:</span></span> Und öfter noch findet man überhaupt
+</li>
+<li><a href="#Page_29">Seite 29</a>:<br/>
+<span class="red-ink"><i>Tisch</i>):</span> Was! Mein Glück! Was <span class="correction">wüßt</span> ihr von<br/>
+<span class="red-ink"><i>Tisch</i>):</span> Was! Mein Glück! Was <span class="correction">wißt</span> ihr von
+</li>
+<li><a href="#Page_31">Seite 31</a>:<br/>
+Das ist das Schlimm're! Was? Was <span class="correction">wisst</span> Ihr<br/>
+Das ist das Schlimm're! Was? Was <span class="correction">wißt</span> Ihr
+</li>
+<li><a href="#Page_36">Seite 36</a>:<br/>
+<span class="red-ink">PHARNACES:</span> Na <span class="correction">weist</span> Du, ich hab' schon<br/>
+<span class="red-ink">PHARNACES:</span> Na <span class="correction">weißt</span> Du, ich hab' schon
+</li>
+<li><a href="#Page_44">Seite 44</a>:<br/>
+<span class="red-ink">CANDAULES:</span> <span class="correction">Dann'</span> sag mir noch, &hellip; wie &hellip;<br/>
+<span class="red-ink">CANDAULES:</span> <span class="correction">Dann</span> sag mir noch, &hellip; wie &hellip;
+</li>
+<li><a href="#Page_50">Seite 50</a>:<br/>
+<span class="red-ink">CANDAULES (<i>ein wenig erregt</i><span class="correction">)</span></span> Später, später! &ndash;<br/>
+<span class="red-ink">CANDAULES (<i>ein wenig erregt</i><span class="correction">):</span></span> Später, später! &ndash;
+</li>
+<li><a href="#Page_52">Seite 52</a>:<br/>
+<span class="red-ink">GYGES:</span> Wär' ich <em class="gesperrt">so</em> Dein Freund, <span class="correction">Gyges</span>?<br/>
+<span class="red-ink">GYGES:</span> Wär' ich <em class="gesperrt">so</em> Dein Freund, <span class="correction">Candaules</span>?
+</li>
+<li><a href="#Page_55">Seite 55</a>:<br/>
+<span class="red-ink">NYSSIA:</span> <span class="correction">Seid</span> sie hier sind, sah ich Euch fast<br/>
+<span class="red-ink">NYSSIA:</span> <span class="correction">Seit</span> sie hier sind, sah ich Euch fast
+</li>
+<li><a href="#Page_57">Seite 57</a>:<br/>
+<span class="red-ink"><i>lacht <span class="correction">nnd</span> will selbst die Fackel löschen.</i>)</span><br/>
+<span class="red-ink"><i>lacht <span class="correction">und</span> will selbst die Fackel löschen.</i>)</span>
+</li>
+<li><a href="#Page_70">Seite 70</a>:<br/>
+daß gestern <span class="correction">morgen</span> Candaules diesen Ring an<br/>
+daß gestern <span class="correction">Morgen</span> Candaules diesen Ring an
+</li>
+<li><a href="#Page_73">Seite 73</a>:<br/>
+Verbrechen meines Herzens &hellip; Da kommt wer <span class="correction">..</span><br/>
+Verbrechen meines Herzens &hellip; Da kommt wer <span class="correction">&hellip;</span>
+</li>
+</ul>
+</div>
+
+
+
+
+
+
+
+
+<pre>
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Der König Candaules, by André Gide
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER KÖNIG CANDAULES ***
+
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+works. See paragraph 1.E below.
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+ and discontinue all use of and all access to other copies of
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+
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+ money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
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+ of receipt of the work.
+
+- You comply with all other terms of this agreement for free
+ distribution of Project Gutenberg-tm works.
+
+1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project Gutenberg-tm
+electronic work or group of works on different terms than are set
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+1.F.
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+INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH
+DAMAGE.
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+receive the work electronically in lieu of a refund. If the second copy
+is also defective, you may demand a refund in writing without further
+opportunities to fix the problem.
+
+1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth
+in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS' WITH NO OTHER
+WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO
+WARRANTIES OF MERCHANTIBILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.
+
+1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied
+warranties or the exclusion or limitation of certain types of damages.
+If any disclaimer or limitation set forth in this agreement violates the
+law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be
+interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by
+the applicable state law. The invalidity or unenforceability of any
+provision of this agreement shall not void the remaining provisions.
+
+1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
+trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
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+with this agreement, and any volunteers associated with the production,
+promotion and distribution of Project Gutenberg-tm electronic works,
+harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees,
+that arise directly or indirectly from any of the following which you do
+or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
+work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
+Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.
+
+
+Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at https://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+https://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at https://pglaf.org
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit https://pglaf.org
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including including checks, online payments and credit card
+donations. To donate, please visit: https://pglaf.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
+
+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
+
+ https://www.gutenberg.org
+
+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
+subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
+
+
+</pre>
+
+</body>
+</html>