diff options
Diffstat (limited to '38281-h/38281-h.htm')
| -rw-r--r-- | 38281-h/38281-h.htm | 3770 |
1 files changed, 3770 insertions, 0 deletions
diff --git a/38281-h/38281-h.htm b/38281-h/38281-h.htm new file mode 100644 index 0000000..8bb849f --- /dev/null +++ b/38281-h/38281-h.htm @@ -0,0 +1,3770 @@ +<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD XHTML 1.0 Strict//EN" +"http://www.w3.org/TR/xhtml1/DTD/xhtml1-strict.dtd"> +<html xmlns="http://www.w3.org/1999/xhtml" lang="de" xml:lang="de"> +<head> +<meta http-equiv="Content-Type" content="text/html;charset=utf-8"/> +<meta http-equiv="Content-Style-Type" content="text/css"/> +<title>Der König Candaules, by André Gide—A Project Gutenberg eBook</title> +<link rel="coverpage" href="images/titelseite.jpg"/> +<style type="text/css"> +<!-- +p +{ + text-align: justify; + line-height: 1.25; +} + +h1, +h2, +h3 +{ + clear: both; + font-weight: normal; +} + +h1 +{ + text-align: center; + font-size: x-large; + margin: 6em auto 1em auto; + color: #cc0000; +} + +h2 +{ + text-align: center; + font-size: large; + margin: 6em auto 3em auto; + line-height: 1.5; +} + +h3 +{ + margin: 3em auto 1em auto; +} + +a:link, +a:visited +{ + text-decoration: none; +} + +ins +{ + text-decoration: none; + border-bottom: 1px dashed #add8e6; +} + +.figcenter +{ + margin: 2em auto; + text-align: center; +} + +.figright +{ + margin: 2em 0 2em auto; +} + +.center +{ + text-align: center; +} + +.left +{ + text-align: left; +} + +.upper-case +{ + text-transform: uppercase; +} + +big, +.red-ink, +.stage-direction, +.scene-description +{ + color: #cc0000; +} + +.stage-direction, +.scene-description +{ + font-style: italic; +} + +.stage-direction p +{ + text-align: center; +} + +p.drop-cap:first-letter +{ + font-size: 3em; + float: left; + margin: 0.05em 0.1em 0 0; + line-height: 0.75; + color: #cc0000; +} + +.poetry +{ + margin-left: 10%; +} + +.poetry .line +{ + text-indent: -3em; + padding-left: 3em; +} + +a[title].pagenum +{ + position: absolute; + right: 3%; +} + +a[title].pagenum:after +{ + content: attr(title); + border: 1px solid silver; + display: inline; + font-size: x-small; + text-align: right; + color: #808080; + background-color: inherit; + font-style: normal; + padding: 1px 4px 1px 4px; + font-variant: normal; + font-weight: normal; + text-decoration: none; + text-indent: 0; + letter-spacing: 0; + text-transform: uppercase; +} + +#tnote, +#tnote-bottom +{ + max-width: 95%; + border: 1px dashed #808080; + background-color: #fafafa; + text-align: justify; + padding: 0 0.75em; + margin: 6em auto; +} + +#concurrently +{ + margin: 0; + border-collapse: collapse; +} + +#concurrently td +{ + padding: 0; +} + +ul +{ + list-style-type: none; + margin: 0; + padding: 0; +} + +ul +{ + margin: 0.5em 0.25em; +} + +ul#personae +{ + max-width: 7em; + margin: auto; +} + +ul#corrections .correction +{ + text-decoration: underline; +} + +@media screen +{ + body + { + width: 80%; + max-width: 35em; + margin: auto; + } + + p + { + margin: 0.75em auto; + } + + #tnote + { + max-width: 24em; + } + + #tnote-bottom + { + max-width: 27em; + } + + .page-break + { + margin-top: 8em; + } +} + +@media screen, print +{ + .gesperrt + { + letter-spacing: 0.2em; + margin-right: -0.2em; + } + + em.gesperrt + { + font-style: normal; + } +} + +@media print, handheld +{ + p + { + margin: 0; + } + + #tnote + { + background-color: white; + border: none; + width: 100%; + } + + #tnote p, + #tnote-bottom p + { + margin: 0.25em 0; + } + + .pagenum, + #tnote .screen + { + display: none; + } + + ins + { + border: none; + } + + a:link, + a:visited + { + color: black; + } + + #tnote, + #tnote-bottom, + h1, + h2, + .page-break + { + page-break-before: always; + } + + #tnote-bottom + { + page-break-after: always; + } +} + +@media handheld +{ + body + { + margin: 0; + padding: 0; + width: 95%; + } + + p + { + line-height: 1; + } +} +--> +</style> +<!--[if lt IE 8]> +<style type="text/css"> +a[title].pagenum +{ + position: static; +} +</style> +<![endif]--> +</head> +<body> + + +<pre> + +The Project Gutenberg EBook of Der König Candaules, by André Gide + +This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with +almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + +Title: Der König Candaules + Drama in drei Akten + +Author: André Gide + +Translator: Franz Blei + +Release Date: December 11, 2011 [EBook #38281] +[Last updated: October, 11, 2022] + +Language: German + +Character set encoding: UTF-8 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER KÖNIG CANDAULES *** + + + + +Produced by Jana Srna + + + + + +</pre> + + + +<div id="tnote"> +<p class="center"><b>Anmerkungen zur Transkription:</b></p> +<p>Schreibweise und Interpunktion des Originaltextes wurden +übernommen; lediglich offensichtliche Druckfehler wurden +korrigiert. <span class="screen">Änderungen sind im Text +<ins title="so wie hier">so gekennzeichnet</ins>. Der +Originaltext erscheint beim Überfahren mit der Maus.</span> +Eine <a href="#tn-bottom">Liste der vorgenommenen Änderungen</a> +findet sich am Ende des Textes.</p> +</div> +<div class="figright page-break" style="width: 100px;"> +<img src="images/schiff.png" width="100" height="97" alt=""/> +</div> + +<p class="center page-break">Dieses Buch wurde bei<br/> +F. A. Lattmann in Goslar<br/> +gedruckt in einer Auflage<br/> +von 600 handschriftlich<br/> +numerierten Exemplaren,<br/> +davon dieses Nr. <span style="border-bottom: 1px solid black; padding-left: 1.5em;"> </span></p> + +<h1>DER KÖNIG +CANDAULES</h1> + +<p class="center" style="margin-top: 3em; line-height: 1.5;">DRAMA IN DREI AKTEN<br/> +<big>VON ANDRÉ GIDE</big></p> + +<p class="center" style="line-height: 1.5;">DEUTSCHE UMDICHTUNG<br/> +<big>VON FRANZ BLEI</big></p> + +<p class="center" style="margin-top: 4.5em; line-height: 1.5;">ERSCHIENEN 1905 IM<br/> +INSEL-VERLAG LEIPZIG</p> + +<h2 class="red-ink left"><a class="pagenum" name="Page_i" title="i"> </a>ÜBER DIE ENTWICKLUNG<br/> +DES THEATERS.</h2> + +<p class="drop-cap"><span class="upper-case">Die</span> Entwicklung der dramatischen Kunst aufzuweisen, +ist ein Gegenstand von eigentümlicher +Schwierigkeit. Das dramatische Kunstwerk +findet und kann seinen hinreichenden Zweck nicht +in sich selber finden; der Dramatiker richtet es +vielmehr sozusagen zwischen dem Zuschauer und +dem Schauspieler auf, und so nehme ich mir vor, +mich einmal auf den Standpunkt des Dichters, dann +auf den des Schauspielers und schließlich auf den +des Zuschauers zu stellen.</p> + +<p>Eine andere Schwierigkeit, und keine geringe, kommt +daher, daß zu dem Erfolg eines Stücks oder selbst +einer ganzen Gattung von Stücken, manches in +Betracht kommt, das mit der Literatur gar nichts +zu tun hat. Ich meine damit nicht nur diese vielfachen +Elemente, die das dramatische Kunstwerk zu +seiner Darstellung und zu deren Erfolg braucht, wie +Dekoration, Kostüm, Frauenschönheit, Talent und +Berühmtheit der Schauspieler; ich meine damit vielmehr +<a class="pagenum" name="Page_ii" title="ii"> </a> +besonders die sozialen, patriotischen, pornographischen +oder pseudokünstlerischen vorgefaßten +Meinungen des Autors. Die erfolgreichen Stücke +unserer heutigen Bühne sind zumeist in solchem +Maße aus solchen vorgefaßten Meinungen fabriziert, +daß man, läßt man eine nach der anderen fallen, +fast vom ganzen Stück nichts übrig behält.</p> + +<p>In den meisten Fällen dankt eben diesen vorgefaßten +Meinungen und Anschauungen das Stück seinen Erfolg; +und der Autor, der ihnen nicht gehorcht, dem +bloß und nichts als die Kunst seine vorgefaßte Meinung +ist, riskiert meistens, nicht nur nicht beliebt zu sein, +sondern gar nicht aufgeführt zu werden.</p> + +<p>Da aber das Drama nur virtuell im Buche, völlig +nur auf der Szene lebt, sieht sich der Kritiker, der sich +heute mit der Entwicklung des Theaters und der +hierzu parallelen der Schauspieler und des Publikums +beschäftigt, verpflichtet, von Werken zu sprechen, +die nur eine sehr entfernte Beziehung zur Kunst +haben, und Werke von rein künstlerischem Wert +hinwider zu ignorieren oder von ihnen nicht anders +zu sprechen, als von Buchdramen, deren Entwicklung +<a class="pagenum" name="Page_iii" title="iii"> </a> +weit verschieden von jener anderen des +gespielten Dramas ist, zu dem sie außerdem in +Opposition steht.</p> + +<p>«Bei den in Gesellschaft lebenden Tieren, schreibt +Darwin, ändert die natürliche Zuchtwahl die Formation +eines jeden Individuums in der Richtung seines +Nutzens für die Gemeinschaft, – immer unter der +Bedingung, daß die Gemeinschaft von der Änderung +profitiert.» – In unserm Falle profitiert die Gemeinschaft +nicht … Der nicht aufgeführte Dramatiker +schließt sich in seinem Werke ein, entzieht sich der allgemeinen +Entwicklung und endet damit, sich ihr +zu widersetzen. Diese Werke sind alles solche der +Reaktion.</p> + +<p>Reaktion gegen was? – Ich könnte sagen: gegen +den Realismus, aber dieses bereits so vielsinnige +Wort würde mich selbst sehr bald in große Verlegenheit +bringen. Der schlimmste Sinn, den ich +dem Worte gegen könnte, reichte nicht hin, die +Werke des Herrn Rostand etwa des Realismus zu +überführen, oder des Antirealismus die Komödien +Molières oder die Dramen Ibsens. Ich möchte lieber +<a class="pagenum" name="Page_iv" title="iv"> </a> +von einer Reaktion gegen den Episodismus sprechen, +in Mangel eines besseren Wortes. Denn die Kunst +besteht nicht im Verbrauch heroischer, historischer +oder legendärer Personen, wie es nicht notwendig +unkünstlerisch ist, die Bourgeois von heute auf +die Bühne zu bringen. Gleichwohl etwas Wahres +in dem Worte ist, das ich in Racine's Vorrede +zum «Bajazet» lese: «Die tragischen Helden wollen +mit einem andern Auge angesehen sein als wir für +gewöhnlich die Leute aus unserer Nähe betrachten. +Man kann sagen, unser Respekt vor dem Helden +wächst in dem Maße seiner Entfernung von uns.» +Ich möchte noch hinzufügen, daß dieser Respekt +vor den dargestellten Personen vielleicht nicht +nötig ist. Daß der Künstler seine Wahl in einer +ferneren Zeit trifft, kommt wohl daher, daß die +Zeit zu uns nur ein Bild kommen läßt, das schon +alles <ins title="Eposidische">Episodische</ins>, Bizarre und Vorübergehende verloren +und nichts sonst behalten hat als sein Teil der +tiefen Wahrheit, auf der die Kunst schaffen kann. +Und die Fremdhaftigkeit, die der Künstler hervorzubringen +sucht, indem er seine Menschen von uns +<a class="pagenum" name="Page_v" title="v"> </a> +entfernt, zeigt eben dies sein Verlangen an: um +sein Kunstwerk als ein Kunstwerk zu geben, als +nichts sonst, und nicht hinter der Illusion einer Realität +herzulaufen, die selbst wenn sie glückte nur eine +Realität noch einmal wäre: ein Pleonasmus. +Und ist es nicht, und fast mit Wissen dieses selbe +Verlangen, das unsere Klassiker an den drei Einheiten +festzuhalten trieb: aus dem Drama kühn und +offensichtlich ein Kunstwerk zu machen?</p> + +<p>Wenn immer die Kunst ermattet ist, verweist man +sie auf die Natur, wie man einen Kranken ins Bad +schickt. Aber die Natur kann da nichts – es ist +ein Quiproquo. Ich gebe zu, daß es manchmal +ganz gut ist, wenn sich die Kunst auf die Weide +treibt und sie, blaß von Erschöpfung, auf freiem +Feld, im Leben die Hoffnung auf neue Kraft sucht. +Aber die Griechen, unsere Meister, wußten ganz +gut, daß Aphrodite nicht aus einer natürlichen Befruchtung +geboren ward. Die Schönheit wird niemals +eine natürliche Schöpfung sein: man erreicht +sie nur durch künstlichen Zwang. Kunst und +Natur sind Rivalen auf der Erde. Gewiß: +<a class="pagenum" name="Page_vi" title="vi"> </a> +der Künstler umfaßt die Natur, die ganze Natur, +drückt sie in seine Brust, aber er könnte in +Erinnerung an den berühmten Vers sagen: «Ich +umarme meinen Rivalen – um ihn zu erdrücken.»</p> + +<p>Die Kunst ist immer das Resultat eines Zwanges. +Glauben, daß sie sich um so höher erhebe je freier +sie sei, das ist zu glauben, das was den Papierdrachen +am Steigen verhindere, sei die Schnur. +Aber ohne Schnur könnte er sich nicht erheben. +Kant's Taube denkt, sie flöge besser ohne den +Widerstand der Luft, der ihrem Flügel lästig ist, +aber sie weiß nicht, daß ihrem Fliegen dieser Widerstand +der Luft Bedingung ist, auf die sie ihren +Flügel stützen kann. Auf gleichen Widerstand muß +sich die Kunst stützen, um steigen zu können. Ich +sprach von den drei dramatischen Einheiten, aber +was ich nun sagen will, gilt ebenso für die Malerei +als für die Plastik, für die Musik wie für das Gedicht. +Die Kunst wirbt um die Freiheit nur in +Zeiten der Krankheit: sie möchte mühelos sein. +Aber wenn sie in starker Kraft ist, sucht sie den +<a class="pagenum" name="Page_vii" title="vii"> </a> +Kampf und das Hindernis. Sie liebt ihre Blattscheiden +platzen zu machen, und deshalb wählt sie +diese eng und knapp. Ist es nicht in Zeiten des +starken Überschäumens von Leben, daß die +pathetischesten Geister den Genuß der striktesten +Form fühlen? Daher das Sonnet, aus der üppigen +Renaissance heraus, bei Shakespeare, bei Ronsard, +Petrarca, selbst bei Michel-Angelo; die Verwendung +der Terzine durch Dante; die Liebe zur Fuge bei +Bach; dieses unruhige Bedürfnis nach dem Zwang +der Fuge in den letzten Werken Beethovens. Gibt +es ein Staunen darüber, daß die Expansionskraft +des lyrischen Atems im Verhältnis zu seiner Kompression +steht, oder daß es die zu überwindende +Schwere ist, welche die Architektur ermöglicht?</p> + +<p>Der große Künstler ist der, den die Hinderung erregt, +dem das Hindernis als Sprungbrett dient. Es +wird erzählt, daß es ein fehlbehauener Marmorblock +war, der den Michel-Angelo diese starke Geste seines +Moses zu erfinden veranlaßte. Es ist die beschränkte +Zahl von Stimmen, über die er gleichzeitig auf der +Szene verfügen konnte, die dem Äschylos der +<a class="pagenum" name="Page_viii" title="viii"> </a> +Zwang war, das Schweigen des Prometheus zu +erfinden, da man ihn an den Kaukasus kettet. +Griechenland schickte den in die Verbannung, der +der Lyra eine neue Saite gab. Die Kunst aus dem +Zwang geboren, lebt vom Kampfe, stirbt an der +Freiheit.</p> + +<p>Der Künstler freute sich sonst darüber, das Drama +an Ausdruck gewinnen zu lassen, was es alsbald an +Schönheit verlor und er verminderte nach und +nach den Raum, der Bühne und Theatersaal trennt. +Eine verhängnisvolle Entwicklung, scheint es. Diese +«Distanz» zwischen Zuschauer und dargestellter +Person zu vermindern, den Helden zu vermenschlichen, +daran arbeitete auch der Schauspieler +nach Kräften. Eins nach dem andern +gab er auf, Maske, Kothurn, alles was aus +ihm etwas Fremdartiges machte und das man nach +dem zitierten Wort Racine's «mit einem andern +Auge betrachten solle als wie wir gewöhnlich die +Personen betrachten, die wir aus nächster Nähe +kennen.» Er unterdrückte alles, bis auf das +konventionelle Kostüm sogar, das er sozusagen +<a class="pagenum" name="Page_ix" title="ix"> </a> +abstrakt machte und der Person nichts sonst ließ, als +was ihr allgemein und menschlich war. Wenn +es darin vielleicht einen Fortschritt gab, so war der +doch gefährlich und nicht wenig. Unter dem Vorwande +der Wahrheit suchte man die Exaktheit. +Kostüme, Requisiten, Dekorationen strengten sich an, +Ort und Zeit des Dramas zu präzisieren, unbekümmert +darum, ob sich Racine nicht vielleicht um das direkte +Gegenteil gekümmert hatte.</p> + +<p>Bevor Talma den «Mahomet» des Voltaire spielte, +glaubte er gut daran zu tun, zuvor den Mahomet +der Geschichte einen ganzen Monat lang zu studieren. +Er erzählte es selbst, wie er «zu große Verschiedenheiten +zwischen seiner Auffassung des Mahomet +und der des Voltaire gefunden und daher sofort +die Rolle abgegeben habe, die zu spielen ihm unmöglich +gewesen wäre ohne der Wahrheit Gewalt +anzutun.» Der Fall zeigt besser als man es erfinden +könnte, wie der Autor den Akteur gegen sich hat. +Hier mag es ja hingehen, denn Voltaires «Mahomet» +ist kein gutes Stück, aber … Nach einer Darstellung +des «Britannicus» hielt man einem unserer +<a class="pagenum" name="Page_x" title="x"> </a> +größten Schauspieler vor, daß er seine Rolle nicht +so auffasse, wie es Racine vielleicht verlangt habe. +«Racine?… wer ist das?» <ins title="antwotete">antwortete</ins> er. «Ich, ich +kenne nur Nero.»</p> + +<p>Die unvermeidliche Mitarbeit des Schauspielers +partikularisiert dort wo der Autor generalisiert. Ich +kann darob den Schauspieler nicht anklagen; das +Drama ist kein Abstraktes; die Charaktäre sind Vorwand +für Generalisierung, aber immer Wesen von besonderer, +partikularer Wahrheit; und das Drama ist wie +der Roman der Schauplatz der Charaktäre.</p> + +<p>Das Theater ist eine merkwürdige Sache. Wir +Zuschauer kommen da des Abends zusammen, um +von andern Leidenschaften gemimt zu sehen, +die wir selbst zu haben kein Recht besitzen, – +weil sich Gesetz und Sitte dem entgegenstellt. Ich +möchte an ein außerordentliches Wort Balzac's erinnern; +es steht in der «Physiologie der Ehe»: «Die +Sitten, das ist die Hypokrisie der Nationen.» – +Will er vielleicht damit sagen, daß diese Leidenschaften, +die der Schauspieler darstellt, in uns nicht +von der Sitte unterdrückt, sondern nur versteckt +<a class="pagenum" name="Page_xi" title="xi"> </a> +worden sind? Daß unsere gemessenen Bewegungen +nur sind, um auf eine falsche Spur zu leiten? +Daß wir die Komödianten sind – Hypokrites +heißt im Griechischen der Schauspieler –, daß unsere +Höflichkeit nur gemimt und die Tugend, diese «Höflichkeit +der Seele», wie sie Balzac nennt, nur ein +Dekorationsstück ist? Ist es daher, woher zum Teil +unsere Lust am Theater kommt: da laut sagen zu +hören, was die Wohlanständigkeit in uns erstickt? +Manchmal wohl – doch häufiger noch sieht der +Mensch die Leidenschaften auf der Bühne wie gebändigte +wilde Bestien. Er hat die wundervolle +Fähigkeit, das zu werden, was er zu sein prätendiert, +und das ist was Condorcet schreiben ließ: «Die +Hypokrisie der Sitte, das spezielle Laster der +modernen europäischen Nationen hat mehr als man +glaubt dazu beigetragen, die Energie des Charakters, +welche die antiken Nationen auszeichnet, zu zerstören.» +Die Hypokrisie der Sitte hat also nicht +immer existiert.</p> + +<p>Ja, der Mensch wird das, was er zu sein prätendiert; +aber das zu sein prätendieren, was man nicht ist, +<a class="pagenum" name="Page_xii" title="xii"> </a> +das ist eine spezifisch moderne Prätention, deutlicher: +die christliche. Ich sage nicht, daß die Intervention +des Willens nichts in der Bildung oder Entbildung +des Charakters vermag; aber der antike Mensch +glaubte nicht anders sein zu müssen als er war. +Der Mensch banalisierte sein Wesen nicht aus einem +Zwang, sondern trieb es auf Äußerste aus Tugend; +keiner verlangte von sich anderes als sich selbst und +setzte sich neben den Gott ohne sich zu deformieren. +Daher die große Zahl der Götter – so groß wie +die Instinkte der Menschen. Das war nicht freie +Wahl, die den Menschen sich diesem Gotte hingeben +ließ; der Gott erkannte im Menschen sein Ebenbild. +Oft kam es vor, daß er, der Mensch, sich +dem Ebenbilde weigerte; und der so im Menschen +verkannte Gott rächte sich, wie es so schrecklich +dem Pentheus geschah in den Bacchen des +Euripides.</p> + +<p>Selten nahmen die antiken Menschen die Qualitäten +der Seele als Güter, die man sich erwerben könnte, +sondern nicht anders als die Güter des Leibes, +wie einen natürlich zukommenden Besitz. Agathokles +<a class="pagenum" name="Page_xiii" title="xiii"> </a> +war gut, Charikles tapfer, so natürlich wie der eine +ein blaues, der andere ein braunes Auge hatte. +Die Religion steckte ihnen nicht auf eines Kreuzes +Spitze dieses Bündel Tugenden, dieses moralische +Phantom auf, dem gleich zu sein sie alle Wichtigkeit +gab, unter Strafe anders für gottlos genommen zu +werden. Der typische Mensch war nicht einer, +sondern Legion und so gab es überhaupt keinen +typischen Menschen. – So war die Maske da im +Leben ohne Sinn und Brauch – und reserviert für +den Schauspieler.</p> + +<p>Spricht man über die Geschichte des Dramas, muß +man sich vor allem dieses fragen: <em class="gesperrt">Wo ist die +Maske?</em> Im Saal oder auf der Bühne? Im Theater +oder im Leben? – Sie kann nur hier <em class="gesperrt">oder</em> dort +sein. Die glänzendste Zeit des Theaters, jene, +da die Maske auf der Bühne triumphiert, ist die Zeit, +wo die sittliche Hypokrisie aus dem Leben verschwunden +ist. Hinwider ist die Zeit, da siegte was +<ins title="Condercet">Condorcet</ins> die «Hypocrisie des mœurs» nennt, jene, da +man dem Schauspieler die Maske abreißt, wo man von +ihm nicht mehr so sehr verlangt, daß er schön sondern +<a class="pagenum" name="Page_xiv" title="xiv"> </a> +daß er natürlich sei – was, wenn ich es recht verstehe, +so viel heißt als: der Schauspieler soll sich +ein Beispiel an den Realitäten oder mindest an deren +Schein nehmen, das der Zuschauer ihm bietet, – +das will sagen, ein Beispiel an einer einförmigen +oder bereits maskierten Menschheit. Der Autor +endlich, der gleichfalls in das Natürlichsein seinen +Stolz setzt, soll sich zur Aufgabe machen, das +Drama zu diesem Zustande zu liefern: ein monotones, +maskiertes Drama, ein Drama, in dem das +Tragische der Situationen – denn das Tragische +braucht man immer – nach und nach das Tragische +der Charaktere ersetzt. Diesen beunruhigenden totalen +Mangel an Charakteren kann man im naturalistischen +Drama beobachten, das die Wirklichkeit zu kopieren +vorgibt. Das ist nicht erstaunlich. Unsere moderne +Gesellschaft, unsere christliche Moral tun alles was +sie können, Charaktere zu verhindern. «Die antike +Religion, schrieb schon Macchiavel, sprach nur die +Männer des weltlichen Ruhmes selig, die Heerführer, +die Staatsgründer, unsere Religion glorifiziert eher +die ergebenen und beschaulichen Menschen als +<a class="pagenum" name="Page_xv" title="xv"> </a> +die Tätigen. Unsere Religion will die Menschen +stark, damit sie leiden können, nicht um große +Taten zu vollbringen.» Mit solchen Charakteren – +wenn es noch solche sind – was bleiben da noch für +dramatische Aktionen möglich? – Wer aber Drama +sagt, sagt Charaktere, und das Christentum widersetzt +sich dem Charakter, indem es jedem Menschen +ein allen gemeinsames Ideal aufstellt.</p> + +<p>So gibt es auch kein rein christliches Drama. Der +«Polyeucte» und der «Saint-Genest» können sich, +wenn sie wollen, christliche Dramen nennen, und +sie sind christlich durch dies und jenes christliche +Element darin; aber Dramen sind sie nur durch ihr +nichtchristliches Element, welches das christliche +Element bekämpft.</p> + +<p>Ein anderer Grund der Unmöglichkeit des christlichen +Theaters ist der, daß sich der letzte Akt notwendigerweise +in der Kulisse abspielen muß, ich meine im Jenseits. +Im Himmel schließt der zweite «Faust», im +Himmel schließt sicher der sechste Akt des «Polyeucte» +und der sechste Akt des «Saint-Genest». Wenn ihn +weder Corneille noch Rotrou schrieben, so nicht +<a class="pagenum" name="Page_xvi" title="xvi"> </a> +nur aus Respekt vor den drei Einheiten, sondern +weil Polyeucte, Pauline, Saint-Genest an der Schwelle +des Paradieses alle die Leidenschaft von sich fallen +lassen, durch die das Drama Drama war und als +vollendete, völlig entcharakterisierte Christen durchaus +nichts mehr zu sagen haben.</p> + +<p>Ich schlage keine Rückkehr zur Antike vor. Ich +konstatiere einfach, woran unsere Tragödie stirbt: +aus Mangel an Charakteren. Das Christentum +ist nicht allein für diese Nivellierungsarbeit verantwortlich, +von der Kierkegaard sagt: «Die +Nivellierung ist nicht von Gott, und jeder gute +Mensch dürfte Augenblicke kennen, da er über +dieses Werk der Verwüstung weinen möchte.» – +Für jene, über die die Begehrungen siegreich sind, +ist es nicht schwierig an Götter zu glauben. Sie +sind wahrhaft Götter, so lange sie herrschen; um +sie der Gefälschtheit zu überführen, ist es schon +nötig, daß die Einheit einer despotischen Vernunft +sie verdrängt. Das ist die Erfindung einer Moralität, +die aus dem Olymp eine Wüste machte. Der +Monotheismus ist im Menschen, bevor außerhalb +<a class="pagenum" name="Page_xvii" title="xvii"> </a> +ihm ein Gott ist. In sich selber und bevor er +seinen Glauben ins Blaue wirft, fühlt der Mensch +Gott oder Götter. Antike oder Christentum – +das ist zuerst eine Psychologie, dann erst eine +Metaphysik. Die Antike war gleicherzeit der Triumph +des Individualismus und der Glaube, daß der +Mensch sich nicht anders machen kann, als er ist. +Das war die gute Schule des Theaters.</p> + +<p>Noch einmal: Ich schlage hier nicht die unmögliche +Rückkehr zur Antike vor; ich kann auch +nicht kühl Ende und Tod des Theaters konstatieren +– aber es liegt mir daran, an dem, was heute das +Theater tötet, zu erkennen, was es lebendig machen +könnte, denn es ist nicht der Niedergang der +dramatischen Kunst, an den ich glaube, sondern +ihr Aufgang, den ich fast sehe.</p> + +<p>Das Mittel, das Theater dem Episodismus zu entreißen, +ist: ihm wieder Zwänge finden. Das Mittel, das +Theater aufs Neue mit Charakteren zu beleben, ist: +es wieder vom Leben entfernen.</p> + +<p>Ich könnte leicht sagen, man solle uns die Freiheit +der Sitten geben und der Zwang der Kunst würde +<a class="pagenum" name="Page_xviii" title="xviii"> </a> +folgen; man möge die Hypokrisie des Lebens unterdrücken, +und die Maske stiege wieder auf die Bühne. +Aber da nun schon die Sittlichkeiten und Moralen +immer noch nicht hören wollen, so ist es am +Künstler, den Anfang zu machen. Ich habe +einige Hoffnung, daß die Moralen folgen; und +deshalb:</p> + +<p>Es ist klar, daß die neuen gesellschaftlichen <ins title="Formen">Formen,</ins> +die neuen Verteilungen des Besitzes, unvorhergesehene +äußere Einschüsse viel für die Bildung der Charaktere +bedeuten; doch glaube ich, daß man all dieser Dinge +formgebende Bedeutung überschätzt: ich gebe ihnen +nur die Bedeutung des Aufdeckens, Enthüllens. +Alles ist immer im Menschen gewesen, mehr oder +weniger offen oder verborgen – und was da die +neue Zeit aufdeckt, wacht nur unter dem Blicke +auf, doch war schlafend da in aller Zeit. Wie ich +glaube, daß auch in unserer Zeit noch Prinzessinnen +von Cleve und Celadone existieren, so bin ich überzeugt, +daß es Adolphe, Rastignac und sogar Julien +Sorel lange gab, bevor sie in den Büchern erschienen. +Mehr noch: ich glaube, indem ich die +<a class="pagenum" name="Page_xix" title="xix"> </a> +Menschheit über die Rasse setze, daß man auch +anderswo als in Petersburg, in Brüssel zum Beispiel +oder in Paris Nedjanoff, Karamasoff und Anna +Karenina finden kann. Aber so lange die Stimmen +dieser nicht im Buch, auf der Bühne festgehalten, +sind, sind sie verschlossen, erstickt unter dem Mantel +der Sitten und warten auf ihre Stunde. Man horcht +auf die Welt und hört diese Stimmen nicht, denn +die Welt hört nur auf die, deren Stimme sie erkennt, +und diese neuen Stimmen sind erstickt, +unterdrückt. Man schaut auf den schwarzen Mantel +der Sittlichkeiten und sieht nicht was darunter. Und: +diese neuen Formen der Menschheit kennen sich +selber nicht. Wie viele heimliche Werter kannten +sich nicht und mußten erst auf die Kugel des +Goethe'schen Werter warten, um sich zu töten! +Wie viele verborgene Helden, die nur auf das Beispiel +eines Helden in einem Buche warten, auf einen +daraus zu ihrem Leben hin entsprungenen Funken um +zu leben, auf sein Wort, um zu sprechen! Ist es nicht +das, was wir vom Theater hoffen, daß es der Menschheit +neue Formen des Heldentums gibt, neue Helden?</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_xx" title="xx"> </a>Und hier stoße ich auf eine letzte Schwierigkeit: +unsere heutige Gesellschaft gestattet uns eine einzige +Form des Heldentums (wenn das noch Heldentum +ist): den Heroismus der Resignation, des Hinnehmens; +deshalb ist es, daß wenn ein so mächtiger Schöpfer +von Charakteren wie Ibsen über die Menschen seines +Theaters den traurigen Mantel unserer Sittlichkeiten +legt, er mit gleicher Hand seine heldenhaftesten +Helden zum Bankerott verurteilt. Ganz notwendigerweise +zeigt uns sein außerordentliches Theater +Heldenbankerotte auf der ganzen Linie. Wie hätte +er es anders gemacht, ohne sich von der Wirklichkeit +zu entfernen – oder ebensogut, wenn +nämlich die Wirklichkeit den Helden, den vortretenden +dramatischen Helden erlaubte? Diese +kühne Arbeit eines Prometheus, eines Pygmalion +glaube ich jenen aufbewahrt, die beherzt einen +tiefen weiten Graben vor der Rampe ziehn, +die Bühne vom Saal, von der Wirklichkeit +die Erfindung, vom Zuschauer den Schauspieler und +vom Mantel der sittlichen Konvenienzen den Helden +weit trennen.</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_xxi" title="xxi"> </a>«Die langsame und unendliche Zeit, sagt der Ajax +des Sophokles, bringt ans Licht alles Verborgene +und verbirgt was im Licht war, und nichts ist was +nicht kommen kann.» Wir erwarten von der +Menschheit neues, das ans Licht kommt. Oft behalten +jene, die das Wort ergreifen, es schrecklich +lang; die noch stummen Generationen sind ungeduldig +in Schweigen. Die da sprechen und meinen, +sie repräsentierten die Menschheit ihrer Zeit, sollen +nicht vergessen, daß andere warten und daß sie es +dann nicht mehr haben für lange, haben jene +andern einmal das Wort genommen. Heute gehört +jenen das Wort, die noch nicht gesprochen +haben. Welche sind es? Das wird uns das Theater +sagen.</p> + +<p>Ich denke an das «offene Meer», von dem Nietzsche +spricht, an das vom Menschen noch unentdeckte +Land voll neuer Gefahren und Überraschungen für +den kühnen Seefahrer. Ich denke was die Fahrten +waren vor den Karten und ohne das genaue und +begrenzte Repertoire des Gekannten. Und ich lese +die Worte Sindbads wieder: «Nun schleuderte der +<a class="pagenum" name="Page_xxii" title="xxii"> </a> +Kapitän seinen Turban zu Boden, schlug sich ins +Gesicht, raufte seinen Bart und warf sich in unsäglichem +Schmerze auf dem Verdecke des Schiffes +hin. Alle Reisenden und Kaufleute umringten ihn +fragend, was all das bedeute. Der Kapitän sagte: +Wir sind mit unserm Schiff vom rechten Wege ab, +aus dem Meere, in dem wir waren, in eines gekommen, +dessen Wege wir kaum kennen.» Ich +denke an das Schiff des Sindbad – und daß unser +Theater die Wirklichkeit verlasse und den Anker hebe.</p> + +<p class="center page-break red-ink" style="font-size: x-large; line-height: 1.5;"><a class="pagenum" name="Page_1" title="1"> </a>DER KÖNIG<br/> +CANDAULES</p> + +<h2 class="red-ink" style="margin-bottom: 1em;"><a class="pagenum" name="Page_2" title="2"> </a>Personen:</h2> + +<ul id="personae"> +<li>Candaules</li> +<li>Gyges</li> +<li>Phedros</li> +<li>Syphax</li> +<li>Nicomedes</li> +<li>Pharnaces</li> +<li>Philebos</li> +<li>Simmias</li> +<li>Sebas</li> +<li>Archelaos</li> +<li>Der Koch</li> +<li>Nyssia</li> +<li>Trydo</li> +</ul> + +<div class="scene-description"> +<p>Diener und Musikanten. – Zu alten Zeiten in Lydien.</p> +</div> + +<h2><a class="pagenum" name="Page_3" title="3"> </a>ERSTER AKT</h2> + +<div class="scene-description"> +<p><a class="pagenum" name="Page_4" title="4"> </a>Die Szene stellt einen Teil eines wohlgepflegten +Gartens dar, der zu einem Festsaal verwandelt ist. +Etwas nach rechts ist eine Tafel reich gedeckt.</p> +</div> + +<h3><a class="pagenum" name="Page_5" title="5"> </a><span class="red-ink">Prolog:</span></h3> + +<p><span class="red-ink">GYGES:</span> Der, der ein Glück hält, soll sich gut verstecken! +Und besser noch: sein Glück vor Andern. +Hier wird Candaules seine Schmeichler lehren, an +seinem Reichtum reich zu werden. Ich kann nicht +schmeicheln, nicht schön reden, und stärker als +meine Zunge sind meine Arme. Ich, der arme +Gyges, hab' nichts, als vier Dinge auf der Welt: +Meine Hütte, mein Netz, mein Weib und meine +Armut. Ein Fünftes noch: die Kraft, mit der ich +mir meine Hütte und meinen Stolz baute, die sich +am Strand die Binsen brach, mein Haus zu decken. +Ebbt das Meer, so sammle ich den Tang – getrocknet +gibt er ein rauhes duftendes Lager, auf dem wir +müde ruhn, ich und mein Weib. Zum Morgenaufgang +zieh' ich aus, im einen Arm mein Netz, +im andern meine Kraft. Ich fing den Fisch hier. +Ich fing ihn, mein Weib, das wird ihn braten; seit +zwei Tagen arbeitet sie draußen in den Palastküchen. +– Wie wenn sein Glück ihm zu groß für einen +einzelnen Menschen schiene, ruft der freigebige +Candaules die Könige und Großen seines Reiches +<a class="pagenum" name="Page_6" title="6"> </a> +um sich. Man feiert Feste. – Ehemals kannte +ich, der arme Gyges, Candaules, den König. Wir +sind gleichen Alters und da wir beide jung waren, +kam der kleine Candaules oft herab zur Küste und +spielte da. Er spielte und wollte alle seine Spiele +mit mir teilen, denn er hatte ein gebendes Wesen. Er +erinnert sich nicht mehr daran, weil er reich ist, +aber in dem Leben eines Armen bleibt alles. Seit +jener Zeit sah ich ihn nicht mehr. Doch liebe +ich Candaules und leide daran, daß ich ihn von +solchen schamlosen Schmeichlern und Dummköpfen +umgeben sehe, die seine gütige Art nützen und +ihn preisen, ohne ihn verstehen zu können. Es +lebe Candaules! Alle schönen Redensarten der +Schmarotzer sind nicht das eine «Danke!» wert, +das ihnen der König gibt. Aber was macht es +Candaules, daß ich ihn liebe? Der Blick der +Mächtigen schaut über die Kleinen weg und sieht +sie nicht. Drum geh' ich, wenn auch zum Feste +in den Küchen eingeladen, das endet spät, und +später noch der Rausch. Und morgen fehl' ich +dann den Fang. – Auf Gyges du Stolzer, Gyges du +<a class="pagenum" name="Page_7" title="7"> </a> +Nüchterner, trag deine nassen Netze in die Küche; +dann warte an der Tür – schau' nicht viel um – bis +daß dein Weib die Teller abgewaschen und mit dir +geht in's Haus des Fischers Gyges. Komm', Gyges.</p> + +<div class="stage-direction"> +<p>(Er geht ab.)</p> +</div> + +<h3>Erste Szene.</h3> + +<div class="scene-description"> +<p>Der Koch und mehrere Diener mit Schüsseln +treten ein.</p> +</div> + +<p><span class="red-ink">DER KOCH:</span> Überallhin Früchte … He! Gyges! +Du gehst?… Nein, nicht hierher den Salat!… +Gyges, bleib doch bei uns. Der König lädt' +heut' Alles, was vorbeikommt in sein Haus. Ich +lade Dich im Namen der ganzen Küche. Der +König will, daß heute so viel Wein vergossen +werde, daß er bis auf unsere Tische fließt und daß +der kleinste Küchenjunge betrunken darunter liegt.</p> + +<p><span class="red-ink">GYGES (<i>der mit seinen Netzen beladen zurückkommt</i>):</span> +Ich bin kein Diener des Königs.</p> + +<p><span class="red-ink">DER KOCH:</span> Was macht das? – Wenn des +Königs Tisch zu voll ist und überläuft: mach' Dir's +zu Nutzen.</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_8" title="8"> </a><span class="red-ink">GYGES:</span> Es gefällt mir nicht, den König zu +nutzen. <span class="red-ink">(<i>Er geht ab nach links.</i>)</span></p> + +<p><span class="red-ink">DER KOCH:</span> Was für ein Tölpel! – Ein Glück, +daß sein Weib es leichter nimmt. <span class="red-ink">(<i>Zu den Dienern</i>):</span> +Eilt Euch, eilt Euch!</p> + +<div class="scene-description"> +<p>(Sebas und Archelaos sind eingetreten und gehen +umher.)</p> +</div> + +<p><span class="red-ink">SEBAS (<i>nimmt eine Feige und ißt sie</i>):</span> Haben wir +gute Plätze?</p> + +<p><span class="red-ink">DER KOCH (<i>zeigt ihm einen Platz</i>):</span></p> + +<p><span class="red-ink">SEBAS:</span> Nah bei den Flötenspielerinnen, hoff' ich.</p> + +<p><span class="red-ink">DER KOCH:</span> 's gibt heut' keine.</p> + +<p><span class="red-ink">SEBAS und ARCHELAOS:</span> Oh!</p> + +<p><span class="red-ink">DER KOCH:</span> Die Königin will keine.</p> + +<p><span class="red-ink">ARCHELAOS:</span> Da werden wir uns mit dem Anblick +der Königin trösten.</p> + +<p><span class="red-ink">SEBAS:</span> Sie wird also beim Fest sein?</p> + +<p><span class="red-ink">DER KOCH:</span> Das erste Mal, daß sie sich öffentlich zeigt.</p> + +<p><span class="red-ink">SEBAS:</span> Weshalb verbirgt sie sich? – Hält sie +sich für zu häßlich?</p> + +<p><span class="red-ink">ARCHELAOS:</span> Im Gegenteil: für zu schön.</p> + +<p><span class="red-ink">SEBAS:</span> Stolz also?</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_9" title="9"> </a><span class="red-ink">ARCHELAOS:</span> Scham.</p> + +<div class="stage-direction"> +<p>(Beide lachen.)</p> +</div> + +<p><span class="red-ink">SEBAS (<i>nimmt wieder Feigen, ißt und reicht dem +Archelaos davon</i>):</span> Das macht Appetit! – Ich +bin verzweifelt, mein teurer Archelaos: Sie geht +wieder!</p> + +<p><span class="red-ink">ARCHELAOS:</span> Wer denn?</p> + +<p><span class="red-ink">SEBAS:</span> Die Köchin!</p> + +<p><span class="red-ink">ARCHELAOS:</span> Dein Schatz von gestern Abend?</p> + +<p><span class="red-ink">SEBAS:</span> Ihr Mann holt sie nach dem Essen.</p> + +<p><span class="red-ink">ARCHELAOS:</span> Das tut mir leid für Dich.</p> + +<p><span class="red-ink">SEBAS:</span> Es tut mir leid für sie, das arme Kind … +<span class="red-ink">(<i>Sie entfernen sich.</i>)</span> Also Flötenspielerinnen …</p> + +<div class="stage-direction"> +<p>(Man hört):</p> +</div> + +<p><span class="red-ink">ARCHELAOS:</span> … Was ein Narr!!</p> + +<div class="stage-direction"> +<p>(Nicomedes, Syphax, Pharnaces treten auf.)</p> +</div> + +<p><span class="red-ink">NICOMEDES:</span> Das kleine Fest kündet sich nicht +übel an, mein lieber Syphax. Was denkst Du?</p> + +<p><span class="red-ink">SYPHAX:</span> Bess'res vom Fest als von Candaules.</p> + +<p><span class="red-ink">PHARNACES:</span> Und doch ist er besser als das Fest.</p> + +<p><span class="red-ink">NICOMEDES:</span> Glaubst Du?</p> + +<p><span class="red-ink">PHARNACES:</span> Gewiß – denn dieses Fest läßt +<a class="pagenum" name="Page_10" title="10"> </a> +uns nur einen Candaules sehn, während Candaules +uns viele Feste sehen läßt.</p> + +<p><span class="red-ink">DER KOCH (<i>zu den Dienern</i>):</span> Feigen hierher.</p> + +<p><span class="red-ink">SYPHAX (<i>kommt mit Nicomedes vor</i>):</span> Ich fange +wirklich an zu glauben, daß es weder Politik noch +Dummheit ist, was den König veranlaßt, uns mit +Festen und Geschenken zu überschütten, es ist vielmehr, +wie Du es sagtest, so eine Art unentschiedener +Gnädigkeit.</p> + +<p><span class="red-ink">NICOMEDES (<i>bestätigt</i>):</span> Das ist es.</p> + +<p><span class="red-ink">DER KOCH:</span> Da fehlen noch zwei Becher.</p> + +<p><span class="red-ink">SYPHAX (<i>fortfahrend</i>):</span> Und das ist gerade, was +mich geniert. So lang ich auch den König schon +verachte, ich nahm seine Geschenke gern; aber wenn +er wirklich der ist, den ich ihn zu glauben anfange, +so bin ich es, den ich nun verachten will.</p> + +<p><span class="red-ink">NICOMEDES:</span> Ach laß doch! Du nimmst doch +nichts sonst, als was er Dir anbietet. Komme das +Gute nun vom Himmel oder vom Menschen – die +Wohltat freudig hinnehmen, das ist das Geheimnis +des Glücks.</p> + +<p><span class="red-ink">DER KOCH:</span> Nun ist wohl alles fertig.</p> + +<div class="stage-direction"> +<p><a class="pagenum" name="Page_11" title="11"> </a>(Er zieht sich mit den Dienern zurück. – Die +Herren entfernen sich.)</p> + +<p>Phedros und Simmias, freundschaftlich verschlungen, +Philebos.</p> +</div> + +<p><span class="red-ink">PHEDROS:</span> Nein, glaub' mir, Lieber: Der König +Candaules ist weiser als Du zugibst. Es ist eine +große Weisheit, sich für glücklich zu halten.</p> + +<p><span class="red-ink">SIMMIAS:</span> Ist er denn wirklich glücklich, oder +scheint er es bloß?</p> + +<p><span class="red-ink">PHEDROS:</span> Noch mehr Weisheit braucht es dazu, +glücklich zu scheinen.</p> + +<p><span class="red-ink">PHILEBOS:</span> Sich glücklich glauben, ist mehr wert, +als es zu sein suchen.</p> + +<p><span class="red-ink">PHEDROS:</span> Trotz aller seiner Schätze, weiß er +doch den Wert der Freundschaft. Er weiß, sie ist +nicht mit Gold zu kaufen. So macht er sich +wenig aus der Freundschaft seiner Schmeichler und +schätzt nach ihrem Preis ihre Worte, und bezahlt er +sie, so tut er's ohne Glauben. Mehr noch – ich +sah ihn gegen nichts sonst aufgebracht, als gegen +diese süßen Worte.</p> + +<p><span class="red-ink">PHILEBOS:</span> Wenn eines noch sein Glück beunruhigt, +<a class="pagenum" name="Page_12" title="12"> </a> +ist es dies, um sich und eben wegen +seines Reichtums nur Höflinge zu spüren – und +nicht einen Freund.</p> + +<p><span class="red-ink">SIMMIAS:</span> Er hat seine Frau.</p> + +<p><span class="red-ink">PHILEBOS:</span> Die Frau – der Freund ist nicht dasselbe.</p> + +<p><span class="red-ink">SIMMIAS:</span> Man sagt, er liebe sie leidenschaftlich.</p> + +<p><span class="red-ink">PHEDROS:</span> Da tut er recht.</p> + +<p><span class="red-ink">SIMMIAS:</span> Man sagt, sie sei ganz wunderbar schön.</p> + +<p><span class="red-ink">PHILEBOS:</span> Nur hat sie noch niemand sehen können.</p> + +<p><span class="red-ink">SIMMIAS:</span> Man sagt, sie würde heut' Abend beim +Fest erscheinen.</p> + +<p><span class="red-ink">PHILEBOS und PHEDROS:</span> Wer sagt das?</p> + +<div class="stage-direction"> +<p>(Währenddem ist Candaules mit einigen der +Herren nähergekommen. Er hört die letzten +Worte, und)</p> +</div> + +<p><span class="red-ink">SIMMIAS (<i>wendet sich zu ihm und sagt</i>):</span> Aber +Candaules selbst.</p> + +<h3>Zweite <ins title="Szene:">Szene.</ins></h3> + +<p><span class="red-ink">CANDAULES:</span> Ja, Candaules sagt es. Ja, die +Königin Nyssia wird an diesem Abend das Fest +schmücken. – Ein köstlicher Abend … die +<a class="pagenum" name="Page_13" title="13"> </a> +Schönheit dieses Tages wuchs bis zu dieser Stunde, +wie eine Freudenhymne, die bis zum höchsten +Klingen stieg, daß sie die Sinne kaum mehr noch +vernehmen. Nun ruhigt alles und verklingt … +doch draußen da, auf der kleinen Terrasse, kaum +eine Stunde ists her, da war's ein Schwelgen, +Wollust … Ihr hättet mit uns kommen sollen, +süßer Philebos. Der Lorbeer unten steht in Blüten +und ist im Schatten ein Duft davon …</p> + +<p><span class="red-ink">SYPHAX, NICOMEDES und PHARNACES:</span> +… köstlich.</p> + +<p><span class="red-ink">CANDAULES (<i>immer zu Philebos, der sich noch +zu Phedros und Simmias hält</i>):</span> Ihr geniert +Phedros und Simmias.</p> + +<p><span class="red-ink">SIMMIAS (<i>lächelnd</i>):</span> Oh … nicht …</p> + +<p><span class="red-ink">CANDAULES:</span> Die Beiden – ja, von denen verlange +ich nicht, daß sie mit mir kommen. Ihre +Freundschaft sucht die Einsamkeit und füllt sie +aus. Ich bin eifersüchtig auf Deine Freundschaft, +schöner Simmias. Sie ist kostbarer als all mein Gut, +und ich will, daß all mein Gut sie schütze. Sebas, +für Dich ließ ich von weit her weiße Feigen +<a class="pagenum" name="Page_14" title="14"> </a> +pflücken, ich mag es gern, daß Dein guter Geschmack +sie den andern vorzieht – Du findest sie +wie ich süßer und duftender. Pharnaces, Dein Witz +hat mich unterhalten, morgen mußt Du mir die +Geschichte weitererzählen. Die Verse, die Du mir +lasest, lieber Syphax, sind hübsch, ich werde sie in +Musik setzen lassen. – Armer Archelaos, diesen +Abend gibt es keine Flötenspielerinnen … die +Königin wird da sein … Siehst Du sie wieder +an wie gestern, wird ihre Scham es ungern merken. +Werte Herren, – verzeiht, ich schäme mich des +Verlangens: daß Ihr bedacht in Euren Reden seid: +die Königin wird hier sein. Gleich komme ich +mit ihr. <span class="red-ink">(<i>Er entfernt sich, kommt indes ein +Weniges zurück.</i>)</span> Was für ein köstlicher Abend!… +Wir hatten, süßer Philebos, auf der Terrasse, die +süßesten Sorbetts, die Du träumen kannst … – +O Fülle meines Glückes! Wie hätte ich an meinen +Sinnen allein genug, es zu erschöpfen! So sei Euch, +Ihr Herren, Dank dafür, daß Ihr mir helft, das +Ende dieses Tages auszupressen, wie den Saft der +Traube, alles, was der Tag an Trunkenheit und +<a class="pagenum" name="Page_15" title="15"> </a> +Glück enthält. Eine Freude, mit Euch geteilt, ist +zwiefach. – Und morgen wiederholen wir diesen +schönen Tag … <span class="red-ink">(<i>Er geht.</i>)</span></p> + +<p><span class="red-ink">SYPHAX:</span> Candaules ist doch wundervoll!</p> + +<p><span class="red-ink">ARCHELAOS:</span> Er ist schön.</p> + +<p><span class="red-ink">SEBAS:</span> Er ist groß.</p> + +<p><span class="red-ink">NICOMEDES:</span> Seine Art, uns zu empfangen, ist +einfach glänzend.</p> + +<p><span class="red-ink">PHARNACES:</span> Ja, wahrhaftig, das ist sie.</p> + +<p><span class="red-ink">SYPHAX:</span> Wir müssen dann gleich auf das Glück +des Candaules trinken.</p> + +<p><span class="red-ink">PHARNACES:</span> Das ist gefährlich, Syphax.</p> + +<p><span class="red-ink">SYPHAX:</span> Für wen? – Für mich?</p> + +<p><span class="red-ink">PHARNACES:</span> Für ihn.</p> + +<p><span class="red-ink">SYPHAX:</span> Ah! Woher könnte ihm das Unglück +kommen?</p> + +<p><span class="red-ink">NICOMEDES:</span> Vielleicht von seiner Frau.</p> + +<p><span class="red-ink">PHEDROS:</span> Es gibt keine, die treuer wäre.</p> + +<p><span class="red-ink">PHILEBOS:</span> Oder … von ihm selbst …</p> + +<p><span class="red-ink">SIMMIAS:</span> Still! Schweig – da sind sie.</p> + +<h3><a class="pagenum" name="Page_16" title="16"> </a>Dritte Szene.</h3> + +<p><span class="red-ink">CANDAULES (<i>zur Königin</i>):</span> Schlage den Schleier +zurück: Alle sind meine Freunde.</p> + +<p><span class="red-ink">DIE KÖNIGIN:</span> So viele Freunde, hoher Herr! +Ich wußt Euch reich, doch dacht' ich Euch es +nicht so sehr. Und seien Alle mir willkommen, +da Ihr mich neben ihnen an diesem Tische wollt.</p> + +<div class="stage-direction"> +<p>(Alle setzen sich. Eine gewisse Verlegenheit folgt +den Worten der Königin.)</p> +</div> + +<div class="figcenter" style="width: 450px;"> +<img src="images/tisch.png" width="450" height="252" alt="Sitzordnung"/> +</div> + +<p><span class="red-ink">ARCHELAOS (<i>zu Pharnaces</i>):</span> So sprich doch was!</p> + +<p><span class="red-ink">PHARNACES (<i>halblaut</i>):</span> Ich weiß nicht, was +sagen, als daß die Königin sehr schön ist.</p> + +<p><span class="red-ink">ARCHELAOS (<i>zu Philebos</i>):</span> Sprich Du …</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_17" title="17"> </a><span class="red-ink">PHILEBOS (<i>macht eine stumme Geste</i>).</span></p> + +<p><span class="red-ink">DIE KÖNIGIN:</span> Wie das? Ihr schweigt – ist's +meinetwegen? Wie groß auch mein Vergnügen +sei, dem, was Candaules will, zu dienen und ich +mich, wie ich's tat, an diese Tafel setzte – könnt' +ich denken, daß ich die Festfreude nur in Etwas +störte, so stünde ich wohl gleich auf und ginge +wieder, denn die laute Freude ist besser hier am +Platze als die Königin.</p> + +<p><span class="red-ink">NICOMEDES:</span> Nichts wag' ich sonst der Königin +zu sagen, als dieses, daß es die ungewohnte Schönheit +ihres Angesichts, die jeden von uns so sehr in +Staunen setzt, daß unser Schweigen nichts anderes +ist als stumm schauende Bewunderung.</p> + +<p><span class="red-ink">CANDAULES:</span> Laß, Nicomedes! Das ists gerade, +was die Königin nicht wollte und fürchtete: daß +man sie preist. – Nyssia, ich bitt' Euch, antwortet +ihnen. Wacht Ihr mir darüber nicht, passiert's den +Herren, daß sie dem Feste nichts sonst bieten als +ein langweiliges Hin und Her von wohlgesetzten +Komplimenten und Worten ohne Witz und Laune. +Wohl macht das Ungewohnte Eurer Gegenwart so +<a class="pagenum" name="Page_18" title="18"> </a> +sie leicht gezwungen, ängstlich. Doch glaubt +mir, sonst wissen sie wohl bessere Worte, +leichtere Rede. Mög' Euer Witz ihnen gnädig +zuhülfe kommen, das Übel heilen, das Eure +Schönheit ihnen antat … wir wollen ein Fest +begehen.</p> + +<p><span class="red-ink">DIE KÖNIGIN:</span> Ist wirklich mein Gesicht die +Schuld daran, mein hoher Herr, ist's leicht zu machen, +daß es nicht mehr schade. Erlaubt, daß ich vor +seiner Röte einen Schleier lege, den ich nur gezwungen +hob, vor Andern als vor Euch.</p> + +<p><span class="red-ink">CANDAULES (<i>erregt</i>):</span> Nein, Nyssia, nein … +noch solche Worte mehr und unser Fest ist ohne +Freude. Schlag' den Schleier zurück, Nyssia. Und +wir, Ihr Herren, wir trinken den ersten Becher auf +die Freude! Die Freude dieses Festes schläft noch, +auf! Der Lärm der Stimmen soll sie wecken! – +<span class="red-ink">(<i>Bewegung.</i>)</span> Nyssia! – trink auch, Nyssia!</p> + +<p><span class="red-ink">SYPHAX:</span> Sprech ich im Namen Aller?</p> + +<p><span class="red-ink">EINIGE:</span> Sprich, Syphax, sprich zu!</p> + +<p><span class="red-ink">CANDAULES:</span> Füll' erst Deinen Becher wieder.</p> + +<p><span class="red-ink">SYPHAX:</span> Im Namen von Candaules' Freunden +<a class="pagenum" name="Page_19" title="19"> </a> +bringe ich dies der vollendeten Schönheit von +Nyssia, Candaules Weib …</p> + +<p><span class="red-ink">CANDAULES:</span> Laß, Syphax!…</p> + +<p><span class="red-ink">SYPHAX:</span> Und dem Candaules, der ein so seltenes +Gut sein Eigen nennt und, statt es zu verbergen +und für sich allein zu halten, erlaubt, daß unsere +ehrfurchtsvollen und entzückten Blicke sich dran +berauschen.</p> + +<p><span class="red-ink">EINIGE (<i>heben ihren Becher</i>):</span> Gut! Gut gesagt, +Syphax! Es lebe Candaules!</p> + +<p><span class="red-ink">CANDAULES:</span> Nicht doch, meine Werten! Ihr +sollt mir es nicht danken, daß ich diesem Feste +die Schönheit der Königin gewähre. Wahrhaftig: +ich litt zu sehr daran, sie nur allein zu kennen. +Je mehr mein Staunen vor ihr wuchs, so mehr +fühlte ich auch, wie ich Euch Alle darum beraube. +Wie ein habsüchtiger Wuch'rer kam ich mir vor, +der ohne Recht das Licht zurückhält.</p> + +<p><span class="red-ink">PHARNACES:</span> Ohne Recht, Candaules? Ist es +nicht Recht, daß jeder sein Gut verwendet, wie +es ihm beliebt?</p> + +<p><span class="red-ink">CANDAULES:</span> Vielleicht, – doch war mir, als +<a class="pagenum" name="Page_20" title="20"> </a> +täte ich Diebstahl an dem Gut, mit dem ich +ganz allein zur Freude war.</p> + +<p><span class="red-ink">SEBAS:</span> Man kann einen sublimen Gedanken +nicht schöner ausdrücken.</p> + +<p><span class="red-ink">DIE KÖNIGIN (<i>zu Candaules</i><ins title=")">):</ins></span> Ihr scheint, +Gebieter, zu vergessen, daß <em class="gesperrt">ich</em> das Gut bin, von +dem man spricht.</p> + +<p><span class="red-ink">CANDAULES:</span> Verzeiht, Ihr gebt den Worten +falschen Sinn! Ich dachte, Nyssia, an Euch nicht +mehr und was ich sagte, sagte ich nur so im allgemeinen.</p> + +<p><span class="red-ink">PHILEBOS:</span> Und <ins title="ihr">Ihr</ins>, Frau Königin was denkt +Ihr von dem Mitbesitz und Teilen?</p> + +<p><span class="red-ink">SIMMIAS (<i>zu Phedros</i>):</span> Philebos ist sehr kühn.</p> + +<p><span class="red-ink">DIE KÖNIGIN (<i>zu Philebos</i>):</span> Ich denke, man +tötet lieber manches Glück, als daß man's teilen +könnte.</p> + +<div class="stage-direction"> +<p>(Das Fest wird nach und nach belebter. – Die +Stimmen drängen sich, und Sebas, Phedros und +Candaules antworten fast gleichzeitig.)</p> +</div> + +<p><span class="red-ink">CANDAULES (<i>gereizt, als ob er nur die Antwort +der Königin gehört hätte</i>):</span> Es kommt d'rauf +an, mit wem …</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_21" title="21"> </a><span class="red-ink">PHEDROS (<i>zu Simmias</i>):</span> Hast Du gehört, wie +fein die Königin das gab?</p> + +<p><span class="red-ink">SEBAS:</span> Man kann nicht hübscher auf eine doch +so heikle Frage antworten.</p> + +<p><span class="red-ink">CANDAULES:</span> Laß, Sebas! Gieb Dich lieber mit +den Feigen ab. <span class="red-ink">(<i>Er wirft ihm eine zu.</i>)</span> Phedros! +Du trinkst nicht? Reich' mir Deinen Becher, +komm! Ich habe mir vorgenommen, Euch Alle +auf die Probe zu stellen.</p> + +<p><span class="red-ink">NICOMEDES:</span> Uns auf die Probe, Candaules? – +Und womit?</p> + +<p><span class="red-ink">CANDAULES:</span> Mit dem Rausch.</p> + +<p><span class="red-ink">PHEDROS:</span> Ich bin ein trauriger Trinker, und +aller Rausch erschrickt mich. Erlaß es mir, +Candaules.</p> + +<p><span class="red-ink">CANDAULES:</span> Was fürchtest Du, Phedros? Der +Rausch zeigt nichts sonst, als was wir in uns tragen. +Was fürchtest Du ihn, der Du nur Edles in Dir +hast? Die Trunkenheit entstellt nicht, übertreibt +nur, nein, sie zeigt von jedem, was er sonst aus +falscher Scham verborgen hält: Dir Phedros Deine +Klugheit; dem Pharnaces und Syphax ihren Witz, +<a class="pagenum" name="Page_22" title="22"> </a> +dem Archelaos – nichts, dem Sebas die Feigen, +mit denen er sich vollstopft.</p> + +<p><span class="red-ink">PHEDROS:</span> Der König fängt an, viel zu sprechen.</p> + +<p><span class="red-ink">CANDAULES (<i>zu den Dienern</i>):</span> Zerlegt den Fisch!</p> + +<p><span class="red-ink">NICOMEDES:</span> Wenn er nur braun genug ist.</p> + +<p><span class="red-ink">CANDAULES:</span> Ich wette, er war dort im Meer +daheim, wo sich die Sommersonne zur Ruhe legt. +Seht …</p> + +<p><span class="red-ink">DER KOCH (zeigt den Fisch).</span></p> + +<p><span class="red-ink">ARCHELAOS:</span> Es ist ganz köstlich.</p> + +<p><span class="red-ink">DER KOCH:</span> Es ist ein Goldkarpfen.</p> + +<p><span class="red-ink">CANDAULES:</span> Trinken wir auf die Pracht dieses +Fisches! Und Du, Pharnaces, machst uns die +Verse auf den Karpfen!</p> + +<p><span class="red-ink">PHARNACES:</span> Der König scheint zu vergessen, +daß die Fische stumm sind.</p> + +<p><span class="red-ink">SYPHAX:</span> Nicht alle! Man erzählt von einem +der Orakel gab.</p> + +<p><span class="red-ink">PHARNACES:</span> Mach Du die Verse, Syphax!…</p> + +<p><span class="red-ink">EINIGE:</span> Den Spruch! Die Verse!</p> + +<p><span class="red-ink">SYPHAX:</span> Paßt auf … um so schlimmer, wenn +sie schlecht sind:</p> + +<div class="poetry"> +<div class="stanza"> +<a class="pagenum" name="Page_23" title="23"> </a><div class="line">Du Sonne, deren letzten Strahlen<br/></div> +<div class="line">Dich Karpfen durchaus goldig malen,<br/></div> +<div class="line">Laß auch den Dichter ohne Qualen<br/></div> +<div class="line">Dir diesen Spruch als Dank bezahlen.<br/></div> +</div> +</div> + +<p><span class="red-ink">PHARNACES und CANDAULES:</span> Bravo, Syphax!</p> + +<p><span class="red-ink">NICOMEDES:</span> Hoffen wir, der Fisch ist besser +als das Gedicht. <span class="red-ink">(<i>Man reicht den Fisch.</i>)</span></p> + +<p><span class="red-ink">CANDAULES:</span> Wie findet Ihr ihn, Pharnaces? +Archelaos?</p> + +<p><span class="red-ink">PHARNACES:</span> Ausgezeichnet …</p> + +<p><span class="red-ink">ARCHELAOS (<i>mit einem Schrei</i>):</span> Hölle! Was +ist das? – Beinahe hätt' ich einen Ring gegessen!</p> + +<p><span class="red-ink">NICOMEDES und ANDERE:</span> Einen Ring? –</p> + +<p><span class="red-ink">ARCHELAOS:</span> Und habe mir zwei Zähne daran +ausgebrochen.</p> + +<p><span class="red-ink">SYPHAX (<i>leise</i>):</span> Was ein gefräßiges Tier!</p> + +<p><span class="red-ink">ARCHELAOS:</span> Er war im Fleisch des Fischs versteckt. +Ihr lacht dazu?!</p> + +<p><span class="red-ink">SYPHAX und ANDERE (<i>lebhaft widersprechend</i>):</span> +Durchaus nicht! Nicht im geringsten!</p> + +<p><span class="red-ink">SEBAS:</span> Du nimmst eben zu große Bissen.</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_24" title="24"> </a><span class="red-ink">ARCHELAOS:</span> Ich hätte dran ersticken können.</p> + +<p><span class="red-ink">SYPHAX:</span> Mindestens.</p> + +<p><span class="red-ink">NICOMEDES:</span> Zeig' doch den Ring.</p> + +<p><span class="red-ink">PHILEBOS (<i>gibt ihn ihm</i>):</span> Er ist nicht übel.</p> + +<p><span class="red-ink">NICOMEDES (<i>nimmt ihn in der Reihe</i>):</span> Im +Fisch, sagst Du?</p> + +<p><span class="red-ink">SYPHAX:</span> Höchst sonderbare Nahrung.</p> + +<p><span class="red-ink">NICOMEDES:</span> Der Stein darin ist hübsch.</p> + +<p><span class="red-ink">CANDAULES:</span> Ein ganz gewöhnlicher Saphir, +nichts weiter. Ich hab' mehr solche, größer noch +und reiner. Morgen sollst Du sie sehen, Nicomedes.</p> + +<p><span class="red-ink">SYPHAX (<i>zu dem nun der Ring, der die Runde +gemacht, gekommen</i>):</span> Wem gehört er nun, der Ring?</p> + +<p><span class="red-ink">ARCHELAOS:</span> Mir gab ihn der Fisch und ich +geb ihn dem König.</p> + +<p><span class="red-ink">SYPHAX:</span> Für Archelaos ist das Wort sehr hübsch.</p> + +<p><span class="red-ink">EINIGE:</span> Dem König den Ring, dem Candaules!</p> + +<p><span class="red-ink">PHEDROS (<i>der den Ring genommen, um ihn +dem König zu geben</i>):</span> Halt, da ist was eingeschrieben.</p> + +<p><span class="red-ink">NICOMEDES (<i>neigt sich schauend zu Phedros</i>):</span> +Syphax hat Recht: der Karpfen hat gesprochen.</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_25" title="25"> </a><span class="red-ink">DIE KÖNIGIN und CANDAULES:</span> Was sagt er?</p> + +<p><span class="red-ink">NICOMEDES:</span> Ich seh' nicht deutlich.</p> + +<p><span class="red-ink">PHEDROS:</span> Pharnaces hat scharfe Augen.</p> + +<p><span class="red-ink">PHARNACES (<i>erhebt sich und geht mit dem Ring +zu einer der Fackeln, die die Diener mittlerweile +gebracht hatten</i>):</span> Zwei griech'sche Worte.</p> + +<p><span class="red-ink">CANDAULES:</span> Und heißen?</p> + +<p><span class="red-ink">PHARNACES:</span> <span class="greek" lang="grc" xml:lang="grc" title="eutychian kryptô">εὐτυχίαν <ins title="κρὐπτω">κρύπτω</ins></span></p> + +<p><span class="red-ink">PHEDROS:</span> «Ich verberge das Glück.»</p> + +<p><span class="red-ink">EINIGE:</span> «Ich verberge das Glück»? Was für ein +Glück?…</p> + +<p><span class="red-ink">NICOMEDES:</span> Das Wort ist dunkel.</p> + +<p><span class="red-ink">PHARNACES (<i>als ob er noch etwas sähe</i>):</span> +Wartet! – Da … <span class="red-ink">(<i>Alle in Erwartung.</i>)</span> Nein +– es ist alles. König Candaules, ich stecke diesen +rätselvollen Ring an Deinen Finger.</p> + +<p><span class="red-ink">CANDAULES (<i>hält mit einer Geste Pharnaces +zurück</i>):</span> Koch! – Woher kommt der Fisch?</p> + +<p><span class="red-ink">DER KOCH:</span> Ein Mensch bracht' ihn vorhin. Der +Fisch war schön, so kaufte ich ihn.</p> + +<p><span class="red-ink">CANDAULES:</span> Wo ist der Mensch?</p> + +<p><span class="red-ink">DER KOCH:</span> Er ist heim.</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_26" title="26"> </a><span class="red-ink">CANDAULES:</span> Weshalb hast Du ihn nicht zum +Gelage in der Küche zurückgehalten?</p> + +<p><span class="red-ink">DER KOCH:</span> Er wollte nicht.</p> + +<p><span class="red-ink">CANDAULES:</span> Ich seh's nicht gern, daß man +zurückweist, was ich biete … Was für ein +Mensch?</p> + +<p><span class="red-ink">DER KOCH:</span> Ein armer Fischer, weiter besond'res +nichts.</p> + +<p><span class="red-ink">CANDAULES:</span> Und Du, Du gabst ihm für den Fisch?</p> + +<p><span class="red-ink">DER KOCH:</span> Vier Silberstücke.</p> + +<p><span class="red-ink">CANDAULES:</span> Gold verdiente er dafür.</p> + +<p><span class="red-ink">DER KOCH:</span> Er ist so unglücklich, daß Silber +ihm genug ist.</p> + +<p><span class="red-ink">CANDAULES:</span> Es gibt nur Glückliche in meinem +Reich, – oder es ist, daß ich ihn nicht kenne. +Wie heißt er?</p> + +<p><span class="red-ink">DER KOCH:</span> Er hat, zu dienen, den Namen +Gyges.</p> + +<p><span class="red-ink">CANDAULES:</span> Man suche ihn. Ich will ihn +kennen. Ich schwöre es, kein Finger kommt in +diesen Ring, bevor ich nicht den Mann gesehn. +Gyges sagst Du?</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_27" title="27"> </a><span class="red-ink">DER KOCH:</span> Ja, Gyges.</p> + +<p><span class="red-ink">CANDAULES:</span> Bevor ich nicht mit Gyges, dem +Fischer, gesprochen. Geh! Such' ihn!</p> + +<p><span class="red-ink">DER KOCH (<i>gibt einem Mann Befehle</i>):</span> Auf +der Stelle.</p> + +<div class="stage-direction"> +<p>(Ein ziemlich langes Schweigen begleitet das +Schweigen des Königs. Dann hört man):</p> +</div> + +<p><span class="red-ink">SEBAS:</span> Es ist luftiger hier als drinnen im Saal.</p> + +<p><span class="red-ink">PHILEBOS:</span> Und diese Stelle hier im Garten ist +wundervoll zur Nacht.</p> + +<p><span class="red-ink">NICOMEDES:</span> Was für ein Blick! Ich hab' es +gern, wenn man so bis aufs Meer sieht: – wo +sich, da seht, der wachsende Mond heraufhebt.</p> + +<p><span class="red-ink">NYSSIA:</span> Was ist das für ein Leuchten?</p> + +<p><span class="red-ink">PHILEBOS:</span> Es ist der Mond, hohe Frau.</p> + +<p><span class="red-ink">NYSSIA:</span> Nein! Da, da unten, ganz am Rand +der Küste.</p> + +<p><span class="red-ink">PHARNACES:</span> Man möchte sagen, eine Hütte brennt.</p> + +<p><span class="red-ink">NICOMEDES:</span> Es sieht sehr schön aus, so in der +Nacht, das Brennen.</p> + +<p><span class="red-ink">SEBAS:</span> Diese Fasane sind vorzüglich.</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_28" title="28"> </a><span class="red-ink">ARCHELAOS:</span> Ich habe eine Wachtel genommen.</p> + +<p><span class="red-ink">SYPHAX:</span> Candaules spricht kein Wort und +scheint bekümmert.</p> + +<p><span class="red-ink">CANDAULES:</span> Man sieht fast nichts mehr … +bringt Fackeln, mehr Fackeln. <span class="red-ink">(<i>Man bringt +Fackeln.</i>)</span> – Mein Becher ist leer. Der Eure +auch. Philebos! Pharnaces … der Wein +verdirbt.</p> + +<p><span class="red-ink">(<i>Philebos, dem man Wein eingießen will, weist +zurück.</i>)</span> Und wenn Du schon nicht trinkst, so +sprich – ich bin voll Unruh … dies Wort im +Ring … was denkst Du davon? Philebos? Ich +kann mein Denken nicht davon wenden.</p> + +<p><span class="red-ink">PHILEBOS:</span> Weshalb, Candaules? Ich glaube, +nichts weiter ist's als solcher doppelsinniger Worte +Spiel, wie sie im Brauche der Orakel. Was sie +Geheimnisvolles haben, ist nur der Glaube, den +man ihnen gibt. Mit vieler Mühe findet man am +Ende nichts weiter in dem Rätsel als eine ganz gemeine +Alltagswahrheit.</p> + +<p><span class="red-ink"><ins title="PHARNACES">PHARNACES:</ins></span> Und öfter noch findet man überhaupt +nichts.</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_29" title="29"> </a><span class="red-ink">CANDAULES:</span> So meint Ihr, die Worte wollen +fast nichts sagen?</p> + +<p><span class="red-ink">PHILEBOS:</span> «Ich verberge das Glück» –? Nein … +nichts.</p> + +<p><span class="red-ink">CANDAULES:</span> So besser so. Ich hätte mich davon +beunruhigen lassen.</p> + +<p><span class="red-ink">NICOMEDES:</span> Und dann, wenn Worte dieser +Art schon einem nüchternen Menschen widerspenstig +scheinen, sind wir, der eine nicht und +nicht der andere, glaub' ich, jetzt im Stand, das +Rätsel zu lösen.</p> + +<p><span class="red-ink">SYPHAX:</span> Du hast recht, Nicomedes! Trinken +wir kurz und gut auf das Glück des Candaules. Er +macht es dem Ring nicht nach, er verbirgt sein +Glück nicht, im Gegenteil! –</p> + +<p><span class="red-ink">PHARNACES (<i>erhebt sich, um mit den Anderen +anzustoßen</i>):</span> Es lebe Candaules, der glücklichste +Mensch der Erde!</p> + +<p><span class="red-ink">CANDAULES (<i>schlägt mit der Faust heftig auf den +Tisch</i>):</span> Was! Mein Glück! Was <ins title="wüßt">wißt</ins> ihr von +meinem Glück!? Was!</p> + +<p><span class="red-ink">PHEDROS:</span> Nichts, Candaules.</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_30" title="30"> </a><span class="red-ink">CANDAULES (<i>sich besinnend</i>):</span> Verzeiht, Ihr werten +Herren – ich weiß nicht, was mich so bewegen +konnte … Und Ihr, Nyssia, die Ihr schweigt, wenn +man an Euch nicht ganz besonders das Wort richtet – +sagt, was denkt Ihr von meinem Glück?</p> + +<p><span class="red-ink">NYSSIA:</span> Daß es ist wie ich, hoher Herr.</p> + +<p><span class="red-ink">CANDAULES (<i>von Neuem erregt</i>):</span> Rätsel! Wieder +Rätsel! – Was meint Ihr damit? Sprecht!</p> + +<p><span class="red-ink">NYSSIA:</span> Ich wollte sagen, das Glück verwelkt, +wird es entschleiert.</p> + +<p><span class="red-ink">CANDAULES (<i>in dem der Wein zu wirken beginnt</i>):</span> +So bedeckt Euch! Es liegt mir nichts mehr daran +nun Jeder Euch gesehen hat.</p> + +<p><span class="red-ink">NYSSIA (macht eine Bewegung traurigen Erstaunens).</span></p> + +<p><span class="red-ink">CANDAULES:</span> O, verzeiht, Nyssia!… Was habe +ich sagen können? Ach Schmerz … ich will Euch +keinen Schmerz antun. Doch weil mein Glück, +weil mir mein unverborg'nes Glück im Andern +seine Kraft und seine Heftigkeit zu schöpfen scheint, +so kommt's mir vor, oft kommt's mir vor, es +existierte nur im Wissen, daß die Andern davon +<a class="pagenum" name="Page_31" title="31"> </a> +haben und daß ich's erst besitze, wenn +Andere wissen, daß ich es besitze. Dies schwör' +ich Euch, Ihr Freunde, wenig läg' mir +daran, die Erde mein zu nennen, wär' ich allein +auf ihr und keiner da, der wüßte, daß die Erde +<em class="gesperrt">mein</em> ist. Glaubt mir dies: ich fühle meinen +Reichtum nur, da Ihr ihn nützt. Ich bin so +reich …! Kein Rausch ist stark genug, daß er +mich dieses übertreiben machte: ich bin sehr reich. +Und da ich vorhin unwillig ward, als Ihr mein +Wohl, das Wohl des reichsten Menschen dieser +Erde tranket, so war es nur, weil Ihr ja gar nicht +wißt, wie reich ich bin.</p> + +<p><span class="red-ink">PHEDROS:</span> Nicht auf Deinen Reichtum tranken +wir, Candaules, wir tranken auf Dein Glück.</p> + +<p><span class="red-ink">CANDAULES (<i>beugt sich vor, sich ereifernd</i>):</span> +Das ist das Schlimm're! Was? Was <ins title="wisst">wißt</ins> Ihr +von meinem Glück? Weiß ich denn selbst davon? +Kann man sein Glück denn ansehn, greifen? Man +sieht nur das der Anderen. Das eigene fühlt +man nur, wenn man's nicht ansieht. – Die +Luft ist schwül heut Nacht und ihre Wollust +<a class="pagenum" name="Page_32" title="32"> </a> +drückend … Und dieser Gyges! Was ist's mit +ihm! <span class="red-ink">(<i>Er erhebt sich und schwankt ein wenig, +aber ganz wenig.</i>)</span> Wenn Gyges kommt, so +wollen wir ihn betrunken machen. <span class="red-ink">(<i>Man gießt +ihm ein. – Er nähert sich Phedros.</i>)</span> Und Du +weißt nicht, Phedros, noch nicht weißt Du – ein +Geheimnis …</p> + +<div class="scene-description"> +<p>(Er setzt sich zwischen Phedros und Simmias. +Die Tafel ist etwas in Unordnung, wie bei +unsern Mahlzeiten, wenn der Kaffee gereicht +wird. Nicomedes nähert sich der Königin und +spricht zu ihr.)</p> +</div> + +<p><span class="red-ink">CANDAULES (<i>zu Phedros</i>):</span> Und dann – was +liegt mir, mir am Glück? Nicht wahr, 's ist nur +des Armen würdig, sich zu beschäftigen mit dem +Glücklichsein. Sag, verstehst Du mich, Phedros? +Und Deine Weisheit, unterschreibt sie, was ich nur +Dir sagen kann? Jedes neue Gut, das man besitzt, +es schleppt sein neues Verlangen nach, es zu +probieren, es zu wagen … Und Besitzen, das ist +für mich Versuchen, Wagen. <span class="red-ink">(<i>Er schlägt mit +seinem Becher auf den Tisch und hört auf den +<a class="pagenum" name="Page_33" title="33"> </a> +Ton.</i>)</span> Warum sagst Du nichts, Phedros? Hast +Du nichts getrunken? Phedros, ist Dein Glück +denn in der Ruhe? Hab' ich mehr Weisheit, als +Du Philosoph, um zu verstehen, daß, nur wo +das Leben überfließt, das Glück ist? O Phedros! +Für mehr Glück und mehr Leben verbraucht sich +der Mensch, wenn er arm ist, im Verlangen – +das ist die eine Art, verstehst Du? Aber nichts +verlangen, nein: Arbeiten für das, was man verlangt. +Und wenn man es hat, es wagen. Verstehst Du. +Das Glück auf's Spiel setzen – das ist die +andere Art, die Art der Reichen. Das ist die +meine. Ich bin so reich, Phedros, und des Lebens +so voll …</p> + +<p><span class="red-ink">SIMMIAS:</span> Wäre Dein Glück eine Freundschaft, +Du sprächst nicht davon, mit diesem Glück zu +spielen, Candaules: aber eine Freundschaft, das ist +es, was Dir fehlt.</p> + +<p><span class="red-ink">CANDAULES:</span> Du hast recht. Um wieviel Schätze, +schöner Simmias, kaufte ich nicht die Deine!</p> + +<p><span class="red-ink">DER KOCH (<i>kommt mit Gyges, von links.</i>)</span></p> + +<p><span class="red-ink">DER KOCH:</span> König, hier ist der Fischer.</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_34" title="34"> </a><span class="red-ink">CANDAULES (<i>von der rechten Seite des Tisches, +wo er sich niedergelassen</i>):</span> Also Du bist Gyges?</p> + +<p><span class="red-ink">GYGES:</span> Ja, ich bin Gyges, König Candaules.</p> + +<p><span class="red-ink">CANDAULES:</span> Gyges, der Fischer.</p> + +<p><span class="red-ink">GYGES:</span> Ja, Gyges der Fischer.</p> + +<p><span class="red-ink">CANDAULES:</span> Gyges, der Arme.</p> + +<p><span class="red-ink">GYGES:</span> Gyges, der Arme, König Candaules.</p> + +<p><span class="red-ink">ARCHELAOS:</span> Er ist nicht sehr gesprächig.</p> + +<p><span class="red-ink">SEBAS:</span> Das hat er von den Fischen.</p> + +<p><span class="red-ink">CANDAULES:</span> Laß, Sebas, – Komm näher, +Gyges. Warum bist Du nicht beim Gelage in den +Küchen?</p> + +<p><span class="red-ink">GYGES (<i>antwortet nicht</i>).</span></p> + +<p><span class="red-ink">CANDAULES:</span> Man reiche ihm einen Becher. +Trinkst Du manchmal Wein?</p> + +<p><span class="red-ink">GYGES:</span> Sozusagen nie.</p> + +<p><span class="red-ink">CANDAULES:</span> Trink! <span class="red-ink">(<i>Er sieht einen Sklaven +gewöhnlichen Wein eingießen.</i>)</span> Nein! Nicht +von dem! Bessern.</p> + +<p><span class="red-ink">PHARNACES:</span> He! Das schmeckt, Gyges!</p> + +<p><span class="red-ink">CANDAULES:</span> Laß, Pharnaces! Ist es wahr, daß +Du so unglücklich bist, Gyges?</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_35" title="35"> </a><span class="red-ink">GYGES:</span> Nein, nicht unglücklich – elend.</p> + +<p><span class="red-ink">CANDAULES:</span> Bist Du sehr arm?</p> + +<p><span class="red-ink">GYGES:</span> Ich habe, was ich brauche.</p> + +<p><span class="red-ink">SYPHAX:</span> Für einen Fischer ist er gar nicht so dumm.</p> + +<p><span class="red-ink">CANDAULES:</span> Was hast Du denn?</p> + +<p><span class="red-ink">GYGES:</span> Ich hatte ein kleines Haus. Aber mein +Weib kam aus Deinen Küchen, König, und hatte +sich da ein wenig betrunken. Sie wollte das Herdfeuer +aufschüren, mir meine Suppe zu wärmen. +Sie brachte Feuer an's Stroh und, ich weiß nicht +wie es kam, die Hütte war wohl ausgedörrt – +Alles brannte nieder.</p> + +<p><span class="red-ink">CANDAULES:</span> Hattest Du sonst nichts, Gyges?</p> + +<p><span class="red-ink">GYGES:</span> Meine Netze – sie verbrannten in der Hütte.</p> + +<p><span class="red-ink">CANDAULES:</span> Wie kann auf dieser selben Erde, +neben einem Glück wie dem meinen, wie kann ein +solches Elend sein?… Ich will Dein Weib sehen +armer Gyges.</p> + +<p><span class="red-ink">ARCHELAOS:</span> Und ich auch.</p> + +<p><span class="red-ink">GYGES:</span> Sie sehen? – Leicht, Candaules, sie ist nicht +weit. Ich wollte sie nicht allein lassen, denn sie ist +betrunken, so nahm ich sie mit mir. <span class="red-ink">(<i>Gyges ab.</i>)</span></p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_36" title="36"> </a><span class="red-ink">SEBAS (<i>stößt Archelaos mit dem Ellenbogen, +leise</i>):</span> Archelaos, das gibt zu lachen! S' ist <em class="gesperrt">die</em>! +Du weißt, mein Schatz von gestern Nacht.</p> + +<p><span class="red-ink">ARCHELAOS:</span> Ich bin gespannt. <span class="red-ink">(<i>Zu Pharnaces.</i>)</span> +Candaules hat da wahrhaftig einen wunderbaren +Einfall! <span class="red-ink">(<i>Zu Sebas.</i>)</span> Ist sie wenigstens schön?</p> + +<p><span class="red-ink">SEBAS:</span> Was willst Du! Ein Fischerweib!</p> + +<p><span class="red-ink">PHARNACES:</span> Na <ins title="weist">weißt</ins> Du, ich hab' schon +Bäuerinnen gesehen, die nicht …</p> + +<p><span class="red-ink">PHEDROS (<i>sieht Gyges mit seinem Weibe +kommen; die ist wie eine Wilde, das Haar wirr +und schlecht gekleidet</i>):</span> O König, was Du tust, +ist gefährlich!</p> + +<p><span class="red-ink">GYGES:</span> Hier, werte Herren, ist das Weib des +Gyges.</p> + +<p><span class="red-ink">ARCHELAOS (<i>lacht</i>).</span></p> + +<p><span class="red-ink">CANDAULES:</span> Wie heißt sie?</p> + +<p><span class="red-ink">GYGES:</span> Ich ruf' sie Trydo.</p> + +<p><span class="red-ink">SEBAS:</span> Haha, hätt ich das gewußt! Trydo! Trydo!</p> + +<p><span class="red-ink">CANDAULES:</span> Gebt Frieden! <span class="red-ink">(<i>Leise.</i>)</span> Laßt +mich gut zu diesem Menschen sprechen. Nun, +armer Gyges, das ist alles, was Du hast?</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_37" title="37"> </a><span class="red-ink">GYGES:</span> Besser das Wenige, aber das für mich +allein.</p> + +<p><span class="red-ink">SEBAS (<i>platzt heraus, zu Archelaos</i>):</span> Paß auf!</p> + +<p><span class="red-ink">GYGES:</span> Vier Dinge waren mein Eigen, ich hab' +nur mehr zwei. Man hält zwei Dinge besser in +den Händen als vier.</p> + +<p><span class="red-ink">CANDAULES:</span> Was sind das für zwei Dinge, +tapfrer Gyges?</p> + +<p><span class="red-ink">GYGES:</span> Das eine ist mein Weib.</p> + +<p><span class="red-ink">SEBAS (<i>kann sich nicht mehr halten</i>):</span> Ach, mein +lieber Gyges, was das Weib betrifft, da kannst +Du sicher sein, daß Du es nicht allein besitzest.</p> + +<p><span class="red-ink">CANDAULES (<i>entrüstet</i>):</span> Sebas!</p> + +<p><span class="red-ink">SEBAS:</span> Nein. Aber es darf doch dieses Schwein +nicht kommen und sich stolz vor mir machen und +sagen, daß er das Weib da allein hat …</p> + +<p><span class="red-ink">CANDAULES:</span> Sebas!</p> + +<p><span class="red-ink">SEBAS:</span> Wenn sie, während er seinen gehörnten Fisch +fängt, <span class="red-ink">(<i>Archelaos krümmt sich vor Lachen</i>)</span> nicht, +Trydo, he? Gestern in der Küche …</p> + +<p><span class="red-ink">NYSSIA (<i>zu Candaules</i>):</span> Aber, mein Gebieter, +das ist ja fürchterlich …</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_38" title="38"> </a><span class="red-ink">CANDAULES:</span> Ich bitt' Euch, Nyssia. Ich werde +es nicht dulden, daß man diesen Mann beschimpft.</p> + +<p><span class="red-ink">GYGES:</span> Danke, Candaules. – Und Du, Herr, +dessen Namen ich gar nicht kenne und den zu +kennen mich wahrhaftig nicht verlangt – Du vermagst +viel über mich, ich über Dich – nichts. +Aber ich vermag alles über die da. Sie gehört +mir, sag ich Dir. <span class="red-ink">(<i>Er reißt ein Messer vom +Tisch und sticht auf Trydo.</i>)</span> Sie gehört mir! – +<span class="red-ink">(<i>Bewegung.</i>)</span> Sie gehört mir!</p> + +<p><span class="red-ink">NYSSIA:</span> Haltet ihn doch!</p> + +<p><span class="red-ink">NICOMEDES:</span> Archelaos! Sebas! Haltet ihn doch!</p> + +<p><span class="red-ink">SEBAS (<i>der sich erhoben, verwickelt sich mit +seinen Beinen in seine Kleider und rollt, völlig +betrunken, unter den Tisch</i>).</span></p> + +<p><span class="red-ink">NYSSIA (<i>erhebt sich und will gehen</i>).</span></p> + +<p><span class="red-ink">NICOMEDES (<i>versucht, sie zurückzuhalten.</i>)</span></p> + +<p><span class="red-ink">PHARNACES:</span> Dieser Mensch ist scheußlich!…</p> + +<p><span class="red-ink">CANDAULES:</span> Nein, Pharnaces, wunderbar ist er! +Und vornehmer als Du, Sebas. – Sebas! Wo ist +er denn?</p> + +<p><span class="red-ink">NICOMEDES:</span> Er ist unter den Tisch geflüchtet.</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_39" title="39"> </a><span class="red-ink">CANDAULES:</span> Laß ihn, Pharnaces, er ist besser +dort, als anderswo. Nyssia! Ihr geht?</p> + +<p><span class="red-ink">NYSSIA (<i>ab</i>).</span></p> + +<p><span class="red-ink">GYGES (<i>der eine Weile neben seinem toten Weibe +steht, will fort.</i>)</span></p> + +<p><span class="red-ink">CANDAULES:</span> Bleib! Bleib! Gyges! Gyges!</p> + +<p><span class="red-ink">GYGES:</span> Nein, Herr.</p> + +<p><span class="red-ink">CANDAULES:</span> Gyges!</p> + +<p><span class="red-ink">GYGES:</span> Nein. – Nichts hab' ich mehr als eines +– das kann mir keiner rauben. <span class="red-ink">(<i>Fragende Geste +des Candaules</i>)</span> Mein Elend!</p> + +<p><span class="red-ink">CANDAULES:</span> Ja, Gyges; und der es von Dir +nimmt, bin ich, Dein Herr.</p> + +<p><span class="red-ink">GYGES:</span> Ich bin nicht Dein Knecht, o König.</p> + +<p><span class="red-ink">CANDAULES:</span> Das sagst Du gut. Ihr hörtet es, +Philebos und Phedros. Nein, Du bist mein Knecht +nicht, Gyges, und ich bin nicht Dein Herr; Dein +Freund! <span class="red-ink">(<i>Zu den Dienern</i>)</span> Man richte im Palast +ein Gemach für ihn. – Die Tafel ist aufgehoben, +meine Herren. Heute wird wohl keiner mehr +trinken wollen.</p> + +<div class="stage-direction"> +<p>Vorhang schnell.</p> +</div> + +<h2><a class="pagenum" name="Page_40" title="40"> </a>ZWEITER AKT</h2> + +<div class="scene-description"> +<p><a class="pagenum" name="Page_41" title="41"> </a>Die Szene ist ein Gemach im Palaste, offen nach +links und da von einer Terrasse abgeschlossen, auf +der Musikanten ihren Platz haben. CANDAULES +und GYGES sitzen noch beim Schluß eines Mahles, +fast ausgestreckt auf niedrigen Stühlen. GYGES +ist glänzend gekleidet. Die Musikanten spielen.</p> +</div> + +<h3><a class="pagenum" name="Page_42" title="42"> </a>Erste Szene.</h3> + +<p><span class="red-ink">CANDAULES:</span> Nun quält mich die Musik. Hört +auf! Gyges weiß nun, was ihr könnt. Jede Regung +hat nichts sonst Köstliches als ihre Überraschung. +Unsere Freude gleicht dem beweglichen Wasser des +Stromes – es dankt die Frische seiner währenden +Flucht. <span class="red-ink">(<i>Zu den Musikanten.</i>)</span> Geht und zerstreut +die Gäste in den Gärten. Entschuldigt mich bei +ihnen. Und daß ich später in der Nacht noch +komme. Versucht mit Eurem leichten Spiel, sie +wach zu halten. <span class="red-ink">(<i>Die Musikanten ab.</i>)</span> Deckt ab! +<span class="red-ink">(<i>Die Diener beeilen sich damit.</i>)</span> Den süßen Wein +laßt da … Vielleicht trinkt Gyges noch davon … +Gib Deinen Becher, Gyges. – Er kommt von +Cypern. – Liebst Du ihn? <span class="red-ink">(<i>Zu den Dienern, die +abseits stehen.</i>)</span> Bringt uns bald Licht. Der Abend +schließt sich. Geht! <span class="red-ink">(<i>Die Diener ab. Candaules +rückt Gyges näher.</i>)</span> Freund Gyges! So mußtest Du, +wenn Dir das Meer nicht gnädig war, hungrig zu Bett.</p> + +<p><span class="red-ink">GYGES:</span> Ja, Candaules. Es gibt in Deinen Ländern +mehr als einen Armen, der öfter als an einem +Abend ohne Mahl sein Lager aufsucht.</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_43" title="43"> </a><span class="red-ink">CANDAULES:</span> Das hätt' ich früher wissen mögen.</p> + +<p><span class="red-ink">GYGES:</span> Wozu?</p> + +<p><span class="red-ink">CANDAULES:</span> Vielleicht – um mich darum zu +kümmern.</p> + +<p><span class="red-ink">GYGES:</span> Um Dein Glück Dir zu verderben?…</p> + +<p><span class="red-ink">CANDAULES:</span> Nein, nein – mein Glück hätte +das Elend besiegt … Ich glaubte es so groß, so +strahlend groß, daß neben ihm nichts Armes +möglich wäre.</p> + +<p><span class="red-ink">GYGES:</span> Was Du für mich getan, das hättest Du +so auch getan, so ohne mich zu kennen?</p> + +<p><span class="red-ink">CANDAULES:</span> Selbst ohne Dich zu kennen, ja, +wahrhaftig.</p> + +<p><span class="red-ink">GYGES (<i>wendet sich traurig ab</i>):</span> So siehst Du, +daß Freundschaft zwischen uns nicht sein kann.</p> + +<p><span class="red-ink">CANDAULES:</span> Weshalb denn? Sag!</p> + +<p><span class="red-ink">GYGES:</span> Was Du für mich getan, das tatest Du +aus Mitleid. Man hat nicht Freundschaft, man hat +nur Mitleid mit den Armen.</p> + +<p><span class="red-ink">CANDAULES:</span> Arm! Bist Du's denn noch? Steh' +auf und sieh Dich an! Dein Kleid ist doch ein +anderes. Glänzender Gyges, wer wollte Dir jetzt +<a class="pagenum" name="Page_44" title="44"> </a> +wohl sein Mitleid schenken? <span class="red-ink">(<i>Gyges hat sich +erhoben, er betrachtet sein kostbares Gewand, doch +sieht bekümmert und wendet sich von Candaules.</i>)</span> +Nimm diese Kette … <span class="red-ink">(<i>Er nimmt eine seiner +Halsketten ab und will sie Gyges umhängen, der +abwehrt.</i>)</span> Ich will es. <span class="red-ink">(<i>Gyges trägt nun die +Kette und setzt sich wieder. Candaules neben ihm, +eindringlich</i>):</span> Glaubst Du mich reich?</p> + +<p><span class="red-ink">GYGES:</span> Ja.</p> + +<p><span class="red-ink">CANDAULES:</span> Sehr reich?</p> + +<p><span class="red-ink">GYGES:</span> Ja, sehr reich.</p> + +<p><span class="red-ink">CANDAULES:</span> <ins title="Dann'">Dann</ins> sag mir noch, … wie … +wie reich?</p> + +<p><span class="red-ink">GYGES:</span> Ich weiß, so weit mein Blick reicht, ist +Dein Land.</p> + +<p><span class="red-ink">CANDAULES:</span> O größer, Gyges, viel größer!</p> + +<p><span class="red-ink">GYGES:</span> Man sagt, Du habest Inseln auf dem Meer.</p> + +<p><span class="red-ink">CANDAULES:</span> Meine schwerbeladenen Schiffe +kommen her von dort … Doch, das ist nur ein +kleiner Teil … Kannst Du Dir denken, wie viel +Gold in meinen Kellern liegt?</p> + +<p><span class="red-ink">GYGES:</span> Fast so viel, denk' ich, als den Armen fehlt.</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_45" title="45"> </a><span class="red-ink">CANDAULES:</span> Sprich mir nicht von den Armen, +Gyges, ich kann sie reich machen wie Könige und +würd' es doch kaum spüren in meinem Schatzhause. +Morgen sollst Du es sehen. Deine Hütte war eng, +Gyges, nicht wahr?</p> + +<p><span class="red-ink">GYGES:</span> Eng und niedrig, ja, Candaules.</p> + +<p><span class="red-ink">CANDAULES:</span> Und Geschmeide, glaubst Du, daß +ich Geschmeide habe?</p> + +<p><span class="red-ink">GYGES:</span> Du zeigtest mir sehr schöne …</p> + +<p><span class="red-ink">CANDAULES:</span> Ich habe noch schönere, Du wirst +sehen. Was trinkst Du für gewöhnlich?</p> + +<p><span class="red-ink">GYGES:</span> Wasser.</p> + +<p><span class="red-ink">CANDAULES:</span> Schmeckt Dir der Wein?</p> + +<p><span class="red-ink">GYGES:</span> Er mag nicht schlecht sein.</p> + +<p><span class="red-ink">CANDAULES:</span> Ich habe besseren.</p> + +<p><span class="red-ink">GYGES (<i>zieht seinen Kopf aus seinen Händen</i>):</span> +König Candaules, weshalb hältst Du so viel darauf, +daß ich Deinen Reichtum kenne?</p> + +<p><span class="red-ink">CANDAULES:</span> Damit Dich die Freundschaft freut, +die Dich von all den Schätzen genießen läßt.</p> + +<p><span class="red-ink">GYGES:</span> Ich dachte, die Freundschaft, die Du wolltest, +war nicht die Deines Reichtumes, aber Deiner selbst …</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_46" title="46"> </a><span class="red-ink">CANDAULES:</span> Laß Deinen Spott, Gyges. Und +wehr' Dich nicht gegen das Glück. Was liegt +daran, daß Einer gibt, der Andere nimmt, wo Beide +sich desselben Gutes freuen? Hör': Unmut und +Kummer ist in mir, so lang' Du nicht die ganze +Fülle meines Reichtums kennst.</p> + +<p><span class="red-ink">GYGES:</span> Viel besitzt Du, dessen Namen nichts für mich +bedeutet. Was nanntest Du mir alle Deine Schätze? +Wie sie schmecken, läßt sich das denken? Was man +nicht haben kann, ist besser, nicht daran zu denken.</p> + +<p><span class="red-ink">CANDAULES:</span> Aber ich geb' Dir alles das … +Alles … Alles … O Gyges, zu lang unglücklicher +Gyges. Ich möchte heut' Dein Glück +größer als je Dein Unglück groß war und Dein +Schmerz. <span class="red-ink">(<i>Die Diener bringen Fackeln und gehen ab. +Schweigen.</i>)</span> An was denkt mein Freund?… Um +diese Stunde, was tat er gestern? Müde von der +bittern Welle, trauriger Fischer</p> + +<p><span class="red-ink">GYGES (<i>unterbrechend</i>):</span> Kam er in seine Hütte, +wo Trydo ihn erwartete.</p> + +<p><span class="red-ink">CANDAULES:</span> Trydo … ja – Du trauerst um sie! +Armer Gyges … Komm zu mir, sag – Du liebtest +<a class="pagenum" name="Page_47" title="47"> </a> +sie? <span class="red-ink">(<i>Gyges schweigt.</i>)</span> Hast Du für mich nur +eine Freundschaft, die kein Vertrauen kennt? – +Mein Freund Gyges, sag, sprich doch … Du +liebtest sie? – Gyges?</p> + +<p><span class="red-ink">GYGES (<i>legt den Kopf in die Hände und bebt</i>):</span> +Die Winternächte war sie warm in meinem Bett … +Ich sagte zu ihr: Trydo; und sie sprach: Meister. +– Ich glaubte, sie liebte mich, und ich war glücklich.</p> + +<p><span class="red-ink">CANDAULES:</span> Armer Gyges! <span class="red-ink">(<i>Er hat sich erhoben, +geht langsam den Saal nach rückwärts, leise.</i>)</span> +Was flüsterst Du mir da zu, unruhiger Gedanke? <span class="red-ink">(<i>Er +löscht entschlossen einige Fackeln; dann wendet +er sich, noch immer rückwärts, zu Gyges.</i>)</span> Gyges +– weißt Du, weshalb mich die Liebe zu Dir faßte? – +Du allein hast die Schönheit der Königin verstanden … +Bevor Du sie sahest, konntest Du glauben, Dein +Weib sei schön … Aber ich weiß es, kaum daß +Du Nyssia sahest, da schien Dir auch Trydo nicht +mehr schön. <span class="red-ink">(<i>Er kommt Gyges näher.</i>)</span> Deshalb … +hast Du sie getötet, nicht wahr, Gyges?</p> + +<p><span class="red-ink">GYGES:</span> Wie kannst Du das denken, o König!</p> + +<p><span class="red-ink">CANDAULES:</span> Fing ich Dich, Gyges?</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_48" title="48"> </a><span class="red-ink">GYGES:</span> So wahr ich an Gott glaube, dies ist nicht so.</p> + +<p><span class="red-ink">CANDAULES (<i>nimmt wieder sein Gehen auf</i>):</span> +Du glaubst an Gott?</p> + +<p><span class="red-ink">GYGES:</span> Ich glaube.</p> + +<p><span class="red-ink">CANDAULES:</span> Ich nicht viel. – Einfach Du selber +kannst Du auch nur Einfaches denken, ich aber … +<span class="red-ink">(<i>leise</i>)</span> lauter, sprich lauter, mein jüngster Gedanke! +Wohin willst Du mich führen? Herrlicher Candaules … +<span class="red-ink">(<i>Er schreitet im Gemach, löscht wieder eine Fackel, +dann zu Gyges gewandt.</i>)</span> Also wirklich deshalb, +weil … So war es Dir so arg, zu wissen, daß +Dein Weib nicht Dir allein gehörte?</p> + +<p><span class="red-ink">GYGES:</span> Dafür hab' ich sie getötet – und weil +ich den Andern nicht töten konnte.</p> + +<p><span class="red-ink">CANDAULES:</span> Stolzer Gyges!… Sonderbar … +muß man so wenig sein Eigen nennen, um es so +für sich allein zu wollen?… Aber – wenn der +Andere Dein Freund gewesen wäre?</p> + +<p><span class="red-ink">GYGES:</span> O König, wie könnte ein Freund daran +denken, mich zu betrügen?</p> + +<p><span class="red-ink">CANDAULES:</span> Ja … aber, wenn er es täte, ohne +Dich zu betrügen?</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_49" title="49"> </a><span class="red-ink">GYGES:</span> Ich verstehe Dich nicht mehr, Candaules.</p> + +<p><span class="red-ink">CANDAULES:</span> … Also Du hast die Königin +nicht gesehen?</p> + +<p><span class="red-ink">GYGES:</span> Ein wenig, ja … doch hab' ich sie +nicht angesehen.</p> + +<p><span class="red-ink">CANDAULES:</span> Dann sahst Du sie nicht. – Man +kann den Blick nicht von ihr wenden, sieht man +sie. <span class="red-ink">(<i>Leiser.</i>)</span> Sie weiß das. Sie will nicht mehr, +daß man sie sieht. – Sie sagte zu mir: Dies erste +Mal, daß ich mich zeige, sei auch das letzte Mal. <span class="red-ink">(<i>Noch +näher zu Gyges und noch leiser.</i>)</span> Gyges … willst +Du sie sehn, die Königin?</p> + +<p><span class="red-ink">GYGES (<i>erhebt sich, wie ermüdet</i>):</span> Nun bin ich +müde, laß mich gehn.</p> + +<p><span class="red-ink">CANDAULES (<i>hält ihn am Gewand zurück</i>):</span> Gyges … +verlangt es Dich, die Königin zu sehn?</p> + +<p><span class="red-ink">GYGES (<i>macht sich los</i>):</span> Nein.</p> + +<p><span class="red-ink">CANDAULES:</span> Gyges, ich will Dir Nyssia zeigen.</p> + +<p><span class="red-ink">GYGES (<i>wendet sich heftig zu Candaules</i>):</span> Aber +ich will sie nicht sehn.</p> + +<p><span class="red-ink">CANDAULES (<i>leise</i>):</span> Ach! Wenn Du sie angesehen +hättest …!</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_50" title="50"> </a><span class="red-ink">GYGES:</span> Liebst Du sie denn nicht?</p> + +<p><span class="red-ink">CANDAULES:</span> Oh – mehr als mich selbst! Sie +dürfte es auch nicht wissen … Und wie sie mich +liebt …! Das soll Dir ihre Schönheit sagen – +doch hör's ganz leise: <span class="red-ink">(<i>Er neigt sich Gyges ans Ohr.</i>)</span> +Niemals, niemals hab' ich nach anderen Frauen +begehrt … Ihr Antlitz, was ist ihr Antlitz … +Wenn Du wüßtest, Gyges!… Und ihre Wollust … +Und wenn Du sie da hörtest … Ich leide, hör' +ich ein andres Weib loben und sag' zu mir: das +ist nur, weil sie Nyssia nicht kennen. – Gyges … +willst Du Nyssia kennen?</p> + +<p><span class="red-ink">GYGES:</span> Du willst mich auf die Probe stellen? – +Ich versteh' Dich nicht.</p> + +<p><span class="red-ink">CANDAULES:</span> So schlimmer. Lassen wir's. Das +Kleinod, das ich Dir um den Nacken legte, – alle +meine Diener kennen es und gehorchen dem, der +es trägt. Es ist des Königs Halsband und ich schenk' +es Dir. Zweifelst Du noch an meiner Freundschaft?</p> + +<p><span class="red-ink">GYGES:</span> So lange Du es bist, der immer gibt: +ja … Entlaß mich nun, ich möchte schlafen.</p> + +<p><span class="red-ink">CANDAULES (<i>ein wenig erregt</i><ins title=")">):</ins></span> Später, später! – +<a class="pagenum" name="Page_51" title="51"> </a> +Bleib, Gyges. Hör: – Du hast mir auch etwas +gegeben.</p> + +<p><span class="red-ink">GYGES:</span> Ich?</p> + +<p><span class="red-ink">CANDAULES:</span> So setz' Dich doch!… Bleib +noch ein wenig. <span class="red-ink">(<i>Gyges setzt sich halb.</i>)</span> Siehst +Du den Ring? Gestern noch, da machte ich nicht +viel daraus. Nur, weil ich seinen Wert nicht +kannte. Doch waren da zwei Worte eingegraben, +die machten mich, wie auch die sonderbare Herkunft +unruhig. Er war im Fleisch des Fisches, +den Du gestern fingst. Einer fand ihn in einem +Bissen und gab ihn mir. Ich aber war erstaunt, +verwirrt, und tat den Schwur, nicht früher den +Ring an meine Hand zu stecken, bevor ich nicht +den Fischer sprach, dem wir den Fisch auf unserer +Tafel dankten. – Du kamst. Wir sprachen. Und +des Mahles blutiges Ende ließ mich den Ring vergessen, +bis heute Morgen – ich war mit meinen +Gästen – da steckt' ich ihn gedankenlos an meinen +Finger. Auf einmal: «Wohin entfloh Candaules?» +sprach einer. Ein anderer: «Er war im Augenblick +noch unter uns», «Wo ist er? Wo steckt er +<a class="pagenum" name="Page_52" title="52"> </a> +denn? Er ist verschwunden, fort!» Und doch +hatt' ich mich nicht vom Fleck gerührt. Ich sah +die Herren neben mir, ganz nah, wie ich bei Dir … +doch sie, sie sahn mich nicht. Und voll Entzücken +ward ich betäubend so gewahr, daß mich +der Ring unsichtbar machte. Stark genug, kein +Wort zu sagen, schlich ich mich leise aus ihrer +Mitte, und dachte gleich: der Ring, der ist von +Gyges, meinem Freund, dem ich ihn schulde. – +Da ist er!</p> + +<p><span class="red-ink">GYGES:</span> Wär' ich <em class="gesperrt">so</em> Dein Freund, <ins title="Gyges">Candaules</ins>?</p> + +<p><span class="red-ink">CANDAULES:</span> Da – sieh mich an. <span class="red-ink">(<i>Er steckt +sehr deutlich auffallend den Ring an den Finger.</i>)</span></p> + +<p><span class="red-ink">GYGES:</span> Oh! Wie ein Körnchen Salz, so schmilzst +Du weg. – Die Luft, sie schließt sich über Dich – – +Du verschwandest … Candaules? Bist Du da? – +Wo bist Du denn?… Candaules … <span class="red-ink">(<i>Sehr deutlich +auffallend zieht Candaules den Ring +vom Finger. – Es ist völlig unnütz, daß +Candaules durch irgendwelche Maschinerie auch +immer aus dem Blick der Zuschauer verschwindet. +Worte und Gesten des Gyges genügen, anzuzeigen, +<a class="pagenum" name="Page_53" title="53"> </a> +daß er Candaules nicht mehr sieht. – Da +Candaules seinen Ring wieder abgezogen hat, +wirft sich Gyges vor dem König zu Füßen und +zeigt so, daß er ihn wieder sieht.</i>)</span> Ah! meine +Augen!… Da bist Du! – Du verschwandest +und erschienest wieder wie ein Gott, Candaules.</p> + +<p><span class="red-ink">CANDAULES:</span> Nicht wie ein Gott, Gyges – wie +Du selber, wenn Du diesen Ring an Deinen +Finger steckst … da …</p> + +<p><span class="red-ink">GYGES (<i>besieht furchtsam den Ring und wagt +es, ihn an den Finger zu stecken.</i>)</span></p> + +<p><span class="red-ink">CANDAULES:</span> Wunder! Ein Traum entflieht nicht +schneller den Augen des aufgewachten Schläfers … +Geheimnisvoller Ring, verschwunden mit dem, den +Du verschwinden läßt, schütze das Glück meines +Freundes Gyges und verbirg es! – Bleib verborgen, +Gyges!… Still! – Ich höre Nyssia! +<span class="red-ink">(<i>Er wendet sich auf ungefähr gegen den Platz, +auf dem er Gyges gelassen und der leer ist, da Gyges, +wie erfüllt von Entsetzen, zurückgewichen</i>)</span> Bleib +verborgen, Gyges. – Halt fest den Ring an Deinem +Finger. Sei still! Sei wie die Luft unsichtbar. +<a class="pagenum" name="Page_54" title="54"> </a> +<span class="red-ink">(<i>Er löscht noch eine Fackel. Der Saal ist nur +noch ganz schwach erleuchtet von einer Fackel +und dem Dämmer der Nacht, der von der +Terrasse kommt.</i>)</span> Seid Ihr es, Nyssia?</p> + +<p><span class="red-ink">NYSSIA (<i>draußen:</i>)</span> Geliebter?</p> + +<p><span class="red-ink">CANDAULES:</span> Kommt Ihr?</p> + +<p><span class="red-ink">NYSSIA:</span> Langsam. – Die Nacht ist schön … +Komm, Candaules, sieh, was eine Süßigkeit hier +draußen …</p> + +<p><span class="red-ink">CANDAULES (<i>horcht auf die Worte, bleibt unbeweglich, +wie bebend in trauriger Lust … Wie +zu sich spricht er und wie in Tränen</i>):</span> Nyssia? +Meine Liebe – Nyssia, meine Geliebte! – Halte +Dich, halte Dich, schwankender Gedanke!… +Wein! Ist noch genug?… <span class="red-ink">(<i>Er trinkt.</i>)</span> Ich +wurde schwach … <span class="red-ink">(<i>Dann – ins Unbestimmte, +Leere.</i>)</span> Bleib' still! – Ich tu' Unsinniges …</p> + +<h3>Zweite Szene.</h3> + +<div class="scene-description"> +<p>Nyssia kommt langsam, doch bleibt sie noch auf +der Terrasse, die nur der Mond beleuchtet. Im +Gemach selber nur eine Fackel. Ihr unsichtbar +<a class="pagenum" name="Page_55" title="55"> </a>und instinktiv erschauert Gyges, da er Nyssia +auf die Terrasse treten sieht; er geht ganz leise +nach links und bleibt während der ganzen Szene +halb im Dunkel verborgen. Candaules ist Nyssia +entgegengegangen.</p> +</div> + +<p><span class="red-ink">NYSSIA:</span> Ich wär' schon lang bei Euch, doch +glaubte ich Euch nicht allein. Es kam mir vor +von Weitem, als hörte ich Euch sprechen.</p> + +<p><span class="red-ink">CANDAULES:</span> Ich sprach laut Verse von +Syphax.</p> + +<p><span class="red-ink">NYSSIA:</span> Weshalb ließt Ihr die Gäste heut' allein?</p> + +<p><span class="red-ink">CANDAULES:</span> Sie fingen an, mich zu ermüden.</p> + +<p><span class="red-ink">NYSSIA:</span> <ins title="Seid">Seit</ins> sie hier sind, sah ich Euch fast +kaum … Ihr wißt nicht mehr allein zu sein. +Liebt Ihr die Einsamkeit nicht mehr?</p> + +<p><span class="red-ink">CANDAULES:</span> Nein.</p> + +<p><span class="red-ink">NYSSIA:</span> Und fühlt Euch einsam auch mit mir?</p> + +<p><span class="red-ink">CANDAULES:</span> O Nyssia!</p> + +<p><span class="red-ink">NYSSIA:</span> Horcht! – Eure Musikanten in den +Gärten – weshalb habt Ihr sie denn hinabgeschickt?</p> + +<p><span class="red-ink">CANDAULES:</span> Nur, um mit Euch allein zu sein …</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_56" title="56"> </a><span class="red-ink">NYSSIA:</span> Von ferne so ist die Musik sehr schön – +der Abendwind bringt sie uns her und trägt sie fort – +horcht! – – nun hört man nichts sonst als die +Stille. <span class="red-ink">(<i>Am Arm des Candaules und immer zärtlicher +an ihn geschmiegt.</i>)</span> Wie waren diese Tage, +diese Nächte mir ohne Euch so lang!</p> + +<p><span class="red-ink">CANDAULES:</span> Und mir nicht anders. Ich bin der +Worte müd', des Singens, Lachens und warte nicht +das Ende ab, zu Euch zu kommen.</p> + +<p><span class="red-ink">NYSSIA:</span> Und meine Liebe hungert, da Ihr fern +seid, und ich leide, nicht mehr mit Euch allein zu +sein. Ihr habt mich so an's Glück verwöhnt, Geliebter, +so viel Ihr für mich tatet.</p> + +<p><span class="red-ink">CANDAULES:</span> Meine Nyssia, für Dich zu viel? +Mehr jeden Tag und jeden Tag verliebter. Manchmal +erschreck' ich, daß ich so wenig Deiner Lust +zu finden weiß. Ach Alles, was Verliebtes diese +Erde schuf, ich wollt', es sei von mir erschaffen. +Doch – was tun?…</p> + +<p><span class="red-ink">NYSSIA:</span> Mich lieben.</p> + +<p><span class="red-ink">CANDAULES:</span> Ich bete zu Dir, Nyssia. Komm – +es wird kühl hier. <span class="red-ink">(<i>Er nimmt, nachdem er einen +<a class="pagenum" name="Page_57" title="57"> </a> +schweren Vorhang vor die Terrasse so gezogen, +daß nur ein schmaler Streifen Licht von draußen +hereinfällt, Nyssia den Königsmantel von den +Schultern.</i>)</span></p> + +<p><span class="red-ink">NYSSIA (<i>wie sich hingebend</i>):</span> Lösch' dieses Licht.</p> + +<p><span class="red-ink">CANDAULES (<i>hält die Bewegung auf, die sie gegen +die eine Fackel hin macht</i>):</span> Laß – ich will Dich +sehen.</p> + +<p><span class="red-ink">NYSSIA:</span> Eure Blicke wollen mich glauben machen, +daß Ihr an mir nur meine Schönheit liebt. <span class="red-ink">(<i>Sie +lacht <ins title="nnd">und</ins> will selbst die Fackel löschen.</i>)</span></p> + +<p><span class="red-ink">CANDAULES (<i>heftiger</i>):</span> Laß! Laß! sag' ich Dir.</p> + +<p><span class="red-ink">NYSSIA (<i>wie in einem Spiel</i>):</span> Dann will ich ein +Versprechen, Candaules – –</p> + +<p><span class="red-ink">CANDAULES (<i>wie eingehend auf das Spiel</i>):</span> Ich +verspreche –</p> + +<p><span class="red-ink">NYSSIA:</span> Was?</p> + +<p><span class="red-ink">CANDAULES (<i>löst am Kleid der Nyssia und +geheimnisvoll gegen Gyges hingewandt, scheint er +nicht zu achten, was er sagt</i>):</span> Was immer –: Ich +versprach! – Alles, was Du willst. Was nun?</p> + +<p><span class="red-ink">NYSSIA (<i>läßt das erste Kleid fallen:</i>)</span> Daß Du nie +<a class="pagenum" name="Page_58" title="58"> </a> +mehr meinen Schleier hebst vor anderen Augen +als den Deinen –</p> + +<p><span class="red-ink">CANDAULES (<i>wankt wie in Schmerz</i>).</span></p> + +<p><span class="red-ink">NYSSIA:</span> Was hast Du?</p> + +<p><span class="red-ink">CANDAULES (<i>sinkt wie betäubt auf einen Sitz</i>):</span> +Ich weiß nicht – Gib mir, ich bitte Dich, ein +wenig Wein … 's ist nichts. – <span class="red-ink">(<i>Nyssia zum Tisch, +von ihm fort.</i>)</span> Was hab' ich mir auch zugetraut? +– Ich kann nicht mehr … <span class="red-ink">(<i>Er preßt die Fäuste +an sich.</i>)</span> Candaules, Du bist schwach! Wer sonst +kann das als Du?</p> + +<p><span class="red-ink">NYSSIA (<i>reicht ihm zu trinken</i>):</span> Ihr fühlt Euch besser?</p> + +<p><span class="red-ink">CANDAULES:</span> Ja, ja. 's ist besser. Ich dank' Dir. +<span class="red-ink">(<i>Er trinkt.</i>)</span></p> + +<p><span class="red-ink">NYSSIA (<i>in einem anderen Ton</i>):</span> Ich mag Philebos +nicht, er ist zu dreist.</p> + +<p><span class="red-ink">CANDAULES:</span> Und Phedros – gefällt er Dir?</p> + +<p><span class="red-ink">NYSSIA:</span> Ich sah ihn nicht ganz gut. Der welche +war es?</p> + +<p><span class="red-ink">CANDAULES:</span> Macht nichts. – Und Nicomedes?</p> + +<p><span class="red-ink">NYSSIA:</span> Langweilte mich. – Doch sprechen wir +nicht mehr von denen. – Ich bin so müd. <span class="red-ink">(<i>Währenddem +<a class="pagenum" name="Page_59" title="59"> </a> +hat sie sich allmählich entkleidet. Sie richtet +ihr Haar. Dann setzt sie sich auf's Bett, ganz +im Hintergrunde des Gemachs, um ihre Sandalen +abzustreifen.</i>)</span></p> + +<p><span class="red-ink">CANDAULES (<i>vor ihr auf den Knieen</i>):</span> Laß mich +Dir selber die Bänder lösen. <span class="red-ink">(<i>Das Haar Nyssia's +fällt aufgelöst über den knieenden Candaules.</i>)</span> +Das lieb' ich, so über mir Dein Haar …</p> + +<p><span class="red-ink">NYSSIA:</span> Und der arme Fischer – was ist aus ihm +geworden? Sag. – Was gibst Du keine Antwort? +Ich denke, Du hast sein Elend wohl getröstet …</p> + +<p><span class="red-ink">CANDAULES:</span> Sei still.</p> + +<p><span class="red-ink">NYSSIA:</span> Weshalb denn soll ich still sein? Glaubst +Du, ich kenne Deine Güte nicht?</p> + +<p><span class="red-ink">CANDAULES:</span> Nyssia!…</p> + +<p><span class="red-ink">NYSSIA:</span> Wie heißt er doch? Was sprichst Du nicht?</p> + +<p><span class="red-ink">CANDAULES:</span> Ich weiß nicht mehr.</p> + +<p><span class="red-ink">NYSSIA:</span> Der Unglückselige. – Was er getan hat, +das war furchtbar. – Er tut mir leid, trotzdem … +O, wie kann dies eine Frau …? Er hat ganz +Recht getan, als er das Messer in sie stieß … Zwei +Männern zu gehören – o, das ist furchtbar.</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_60" title="60"> </a><span class="red-ink">CANDAULES:</span> So sprich doch leiser, Nyssia!</p> + +<p><span class="red-ink">NYSSIA:</span> Weshalb denn leiser?</p> + +<p><span class="red-ink">CANDAULES:</span> Die Worte tun mir weh.</p> + +<p><span class="red-ink">NYSSIA:</span> Verzeih! Ich will auch schon gar nicht +mehr daran denken. Vergessen wir, daß man je +untreu sein könnte … Candaules … mein Geliebter …</p> + +<p><span class="red-ink">CANDAULES:</span> Nyssia, Geliebte …</p> + +<p><span class="red-ink">NYSSIA (<i>vollendet ihre Nachttoilette</i>):</span> Ich kann +die Öse da nicht lösen – mach sie auf! <span class="red-ink">(<i>Fernes +Singen wird hörbar.</i>)</span> Hörst Du das Singen?</p> + +<p><span class="red-ink">CANDAULES:</span> Die Gäste sind's die mich erwarten. +Sie finden die Nacht weit vorgeschritten und ich +versprach, sie heute noch zu sehen.</p> + +<p><span class="red-ink">NYSSIA:</span> Wenn Du sie heute ließest, sag?</p> + +<p><span class="red-ink">CANDAULES (<i>der fort will</i>):</span> Bloß einen Augenblick +– geh' nun zu Bett, Nyssia – gleich bin +ich wieder bei Dir … schlaf … wie bist Du +herrlich, Nyssia!</p> + +<div class="scene-description"> +<p>(Nyssia ist fast völlig entkleidet. Gyges betrachtet +sie wider seinen Willen, und kommt näher; man +fühlt den Kampf und wie er nicht hinsehen will. +<a class="pagenum" name="Page_61" title="61"> </a>Im Augenblick, da Nyssia ihren letzten Schleier +fallen läßt, geht er auf die Fackel zu und wirft +sie zu Boden. Dunkelheit, nur der dämmerige +Streifen von der Terrasse her, quer über die +Bühne.)</p> +</div> + +<p><span class="red-ink">CANDAULES:</span> Gyges!</p> + +<p><span class="red-ink">NYSSIA (<i>bedeckt sich erschrocken</i>):</span> Was ist das?</p> + +<p><span class="red-ink">CANDAULES (<i>sehr erregt und trunken von seinem +Tun</i>):</span> Nichts; nichts. Sei unbesorgt – im Gehen +warf ich die Fackel um. – Schlaf, ich bin gleich +zurück.</p> + +<p><span class="red-ink">NYSSIA (<i>legt sich auf's Bett.</i>)</span></p> + +<p><span class="red-ink">STIMMEN (<i>von draußen</i>):</span> Candaules! König +Candaules! Du wirst erwartet!</p> + +<p><span class="red-ink">CANDAULES (<i>ruft</i>):</span> Ich komme. <span class="red-ink">(<i>Er stößt auf +Gyges, der gleichfalls fort will, völlig fassungslos, +den Mantel vor dem Gesicht.</i>)</span></p> + +<p><span class="red-ink">CANDAULES (<i>leise</i>):</span> Bist Du's Gyges?</p> + +<p><span class="red-ink">GYGES (<i>sehr leise</i>):</span> Ja, ich bin's.</p> + +<p><span class="red-ink">CANDAULES (<i>befehlend</i>):</span> Bleib! – <span class="red-ink">(<i>Leise.</i>)</span> Und +nun sei alles um mich glücklich! <span class="red-ink">(<i>Ab.</i>)</span></p> + +<div class="stage-direction"> +<p>Vorhang.</p> +</div> + +<h2><a class="pagenum" name="Page_62" title="62"> </a>DRITTER AKT</h2> + +<div class="scene-description"> +<p><a class="pagenum" name="Page_63" title="63"> </a>Dieselbe Szene und Anordnung wie im ersten Akte. +Syphax, Nicomedes und Pharnaces unterhalten +sich rechts.</p> +</div> + +<p><a class="pagenum" name="Page_64" title="64"> </a><span class="red-ink">SYPHAX:</span> Und wie gefällt Dir diese Huldigung? +Ihr Schluß besonders:</p> + +<div class="poetry"> +<div class="stanza"> +<div class="line">Der Schenk, der kümmert nicht den Zecher,<br/></div> +<div class="line">Doch ist der Schenk Candaules,<br/></div> +<div class="line">So reich' ich gerne ihm den Becher.<br/></div> +</div> +</div> + +<p><span class="red-ink">NICOMEDES:</span> Ja, ja, Deine Verse sind ganz nett, +aber ich sehe nicht, worin sie sich an Candaules +mehr wenden als an irgendwen.</p> + +<p><span class="red-ink">PHARNACES:</span> Und ich seh nicht ein, was Dich das +geniert. Was wir an einem Menschen rühmen, sind +die Eigenschaften, die ihm nicht eigentlich gehören. +Was wir an Candaules lieben, ist sein Reichtum … +<span class="red-ink">(<i>Die Anderen widersprechen.</i>)</span> und seine Freigebigkeit +natürlich. Wäre er nicht freigebig, so hätten +wir nichts von seinem Reichtum, aber wäre er nicht +reich, was hätten wir dann von seiner Freigebigkeit?</p> + +<p><span class="red-ink">NICOMEDES: (<i>lacht.</i>)</span></p> + +<p><span class="red-ink">SYPHAX:</span> Und er wäre nicht der Candaules meines +Gedichtes.</p> + +<p><span class="red-ink">NICOMEDES (<i>wiederholt</i>):</span></p> + +<div class="poetry"> +<div class="stanza"> +<div class="line">Doch ist der Schenk Candaules,<br/></div> +<div class="line">So reich' ich gerne ihm den Becher.<br/></div> +</div> +</div> + +<p><a class="pagenum" name="Page_65" title="65"> </a>Ich, wenn ich Flasche wäre, ich würde mich bei +Candaules bedanken, daß er mich so vielen Leuten +auf einmal zur Ergetzung gibt.</p> + +<p><span class="red-ink">PHEDROS und SIMMIAS (<i>sind von rückwärts +gekommen, sie bleiben etwas abseits von den Anderen.</i>)</span></p> + +<p><span class="red-ink">PHEDROS:</span> Und wenn die Flasche sprechen könnte +und sagen: ich möchte lieber von Nicomedes als +von Candaules getrunken sein, er schmeckt besser, +vielleicht hätte es Candaules dann weniger eilig, sie +in Dein Glas zu leeren.</p> + +<p><span class="red-ink">PHARNACES:</span> Mein lieber Phedros, nur der schlechte +Wein sagt uns: ich möchte von einem Andern getrunken +werden. Der gute Wein hat zu mir immer gesagt …</p> + +<p><span class="red-ink">SYPHAX (unterbricht ihn und zieht ihn am Mantel):</span> +Spar Deinen Witz. Kommt mit mir, ich les' Euch +meine Verse. Es bleibt uns vor dem Mahl nicht +mehr viel Zeit. Kommt Ihr mit, Simmias und +Phedros?</p> + +<p><span class="red-ink">PHEDROS:</span> Nein. Eure Verse werden ohne uns +Euch besser vorkommen; Ihr werdet glauben, ein +ganz persönliches Gefühl viel besser auszudrücken, +seid Ihr nur zu Dritt.</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_66" title="66"> </a><span class="red-ink">NICOMEDES:</span> Verzeiht, ich drücke überhaupt nichts +aus: ich begleite nur.</p> + +<p><span class="red-ink">PHEDROS:</span> Und wir begleiten nicht. <span class="red-ink">(<i>Die Anderen +links ab. Phedros und Simmias gehen zu einander</i>).</span> +Lassen wir sie, Simmias. Unser Platz ist +nicht bei ihnen.</p> + +<p><span class="red-ink">SIMMIAS:</span> Ist er es mehr in diesem Hause, Phedros?</p> + +<p><span class="red-ink">PHEDROS:</span> Du hast Recht. Hast Recht! Wir geh'n.</p> + +<p><span class="red-ink">SIMMIAS:</span> Und verlassen Candaules?</p> + +<p><span class="red-ink">PHEDROS:</span> Ich liebe ihn und schätz' ihn hoch. +Seit gestern ist er schweigsam, schließt sich ein und +meidet uns. Was kann ihm auch unser Rat, Simmias?</p> + +<p><span class="red-ink">SIMMIAS:</span> So willst Du weg, ganz ohne Abschied?</p> + +<p><span class="red-ink">PHEDROS:</span> Einmal noch möcht' ich mit ihm +sprechen, mit ihm allein.</p> + +<p><span class="red-ink">SEBAS und ARCHELAOS: (<i>sind von rechts gekommen; +sie prüfen die Vorbereitungen zum +Mahle</i>).</span></p> + +<p><span class="red-ink">PHEDROS:</span> Lebt wohl, Sebas, Archelaos! Trinkt +und eßt und freut Euch an alldem!</p> + +<p><span class="red-ink">SEBAS:</span> Wie? Ihr geht?</p> + +<p><span class="red-ink">PHEDROS:</span> Lebt wohl!</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_67" title="67"> </a><span class="red-ink">ARCHELAOS:</span> Ihr tut nicht recht.</p> + +<p><span class="red-ink">SEBAS:</span> Seht, schon ist für ein neues Gelage der +Tisch gedeckt.</p> + +<p><span class="red-ink">PHEDROS:</span> So bleibt Euch mehr. Komm, Freund.</p> + +<p><span class="red-ink">PHEDROS und SIMMIAS: (<i>links ab</i>).</span></p> + +<p><span class="red-ink">SEBAS und ARCHELAOS (<i>sehen sich an und +zucken die Schulter</i>).</span></p> + +<p><span class="red-ink">ARCHELAOS:</span> Hast Du Hunger?</p> + +<p><span class="red-ink">SEBAS:</span> Ja.</p> + +<p><span class="red-ink">ARCHELAOS:</span> Schon?</p> + +<p><span class="red-ink">SEBAS (<i>klagend</i>):</span> Archelaos, ich werde fett.</p> + +<p><span class="red-ink">ARCHELAOS:</span> Iß weniger.</p> + +<p><span class="red-ink">SEBAS:</span> Da könnt' ich mager werden.</p> + +<p><span class="red-ink">ARCHELAOS:</span> Dann kannst Du nachher um so +mehr essen.</p> + +<p><span class="red-ink">SEBAS:</span> Glaubst Du? Du dürftest wahrhaftig Recht +haben. Ich lege diese Feige wieder zurück und +kann dann mehr davon zu Mittag essen.</p> + +<p><span class="red-ink">PHILEBOS (<i>sehr schnell von rechts</i>):</span> Habt Ihr +Pharnaces und Syphax gesehen?</p> + +<p><span class="red-ink">ARCHELAOS:</span> Sie waren –</p> + +<p><span class="red-ink">SEBAS (<i>unterbrechend</i>):</span> Da sind sie.</p> + +<div class="scene-description"> +<p><a class="pagenum" name="Page_68" title="68"> </a>(Nicomedes, Syphax und Pharnaces kommen von +links. Philebos läßt sich auf eine Bank fallen +und hält sich erschöpft die Seiten.)</p> +</div> + +<p><span class="red-ink">NICOMEDES:</span> Hast Du Candaules gesehen, +Philebos? Wir suchen ihn überall.</p> + +<p><span class="red-ink">PHILEBOS:</span> Grad hab' ich ihn verlassen.</p> + +<p><span class="red-ink">SYPHAX:</span> Wo ist er denn?</p> + +<p><span class="red-ink">PHILEBOS:</span> Überall und nirgends. Er streift umher, +gehetzt, gejagt … Ach, meine Freunde, Laßt +mich lachen! – Was eine köstliche Geschichte, ah – +<span class="red-ink">(<i>Wie außer Atem von Lachen.</i>)</span></p> + +<p><span class="red-ink">PHARNACES und SEBAS:</span> Was ist? Was soll's?</p> + +<p><span class="red-ink">PHILEBOS:</span> Ihr wißt doch, dieser Ring, an dem +Sebas fast erstickt wäre –</p> + +<p><span class="red-ink">ARCHELAOS:</span> Verzeiht, <em class="gesperrt">ich</em> wär' beinah' daran +erstickt.</p> + +<p><span class="red-ink">PHILEBOS:</span> Das ist ja gleich.</p> + +<p><span class="red-ink">ARCHELAOS:</span> Mir ist das gar nicht gleich.</p> + +<p><span class="red-ink">PHILEBOS:</span> Um so schlimmer. – Laßt mich erzählen: +Du erinnerst Dich doch, Pharnaces, an die griechischen +Worte, die Du in dem Ring geschrieben fandest?</p> + +<p><span class="red-ink">SEBAS:</span> Verzeiht, verzeiht! Die hat Phedros gefunden.</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_69" title="69"> </a><span class="red-ink">PHILEBOS:</span> Aber – unterbrecht mich doch nicht +immer.</p> + +<table id="concurrently" summary=""> +<tr> + <td><span class="red-ink">NICOMEDES:</span> Erzähl!</td> + <td rowspan="3" style="vertical-align: middle; font-size: 4.5em; padding: 0 0.1em;">}</td> + <td rowspan="3" style="vertical-align: middle;"><span class="red-ink">(<i>Gleichzeitig!</i>)</span></td> +</tr> +<tr> + <td style="padding: 0.5em 0;"><span class="red-ink">PHARNACES:</span> Erzähl' nur!</td> +</tr> +<tr> + <td><span class="red-ink">SYPHAX:</span> Wir sind ganz Ohr!</td> +</tr> +</table> + +<p><span class="red-ink">PHILEBOS:</span> Ich weiß nicht, wie und wodurch +es geschah, daß der König, der erst noch so beunruhigt +von den eingeritzten Worten war, den +Ring in seiner Hand vergessen konnte. Ich glaube, +Gyges, der Fischer, war die Schuld. Ach, Freunde! +wünscht Ihr die Fortsetzung? Es ist zu komisch …</p> + +<p><span class="red-ink">DIE ANDEREN:</span> Erzähl! So sprich doch!</p> + +<p><span class="red-ink">PHILEBOS:</span> Ich weiß gar nicht, gar nicht, wie +ich's erzählen soll.</p> + +<p><span class="red-ink">NICOMEDES und PHARNACES:</span> Ach was! Fang +einmal an. Erzähl!</p> + +<p><span class="red-ink">PHILEBOS (<i>den das Lachen schüttelt.</i>):</span> Nein … +wenn Ihr den König hättet sehen können.</p> + +<p><span class="red-ink">SYPHAX:</span> Weshalb? Was macht er denn?</p> + +<p><span class="red-ink">PHILEBOS:</span> Er sucht.</p> + +<p><span class="red-ink">SYPHAX und PHARNACES:</span> Er sucht? Was +sucht er denn?</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_70" title="70"> </a><span class="red-ink">PHILEBOS:</span> Den Ring! – – Hört zu, hört zu … +Es ist das tollste aller Abenteuer. <span class="red-ink">(<i>Die Anderen +haben sich alle um Philebos gruppiert, der immer auf +der Bank sitzen bleibt.</i>)</span> Es scheint, daß gestern – +Morgen – wozu? Das weiß ich nicht, und +wie? Das weiß ich auch nicht – kurz, +daß gestern <ins title="morgen">Morgen</ins> Candaules diesen Ring an +seinen Finger steckte. Er war mit uns. Ihr wißt +doch noch, er war mit uns. Und plötzlich war er +verschwunden und wie wir ihn da suchten –</p> + +<p><span class="red-ink">ARCHELAOS:</span> Ja, ja. Weshalb ging er denn weg?</p> + +<p><span class="red-ink">PHILEBOS:</span> Er ging nicht weg.</p> + +<p><span class="red-ink">PHARNACES, NICOMEDES:</span> Erklär' doch deutlich. +Erzähl doch weiter.</p> + +<p><span class="red-ink">PHILEBOS:</span> Scheint, daß der König – doch +Ihr werdet's mir nicht glauben!</p> + +<p><span class="red-ink">DIE ANDEREN:</span> So erzähl' doch! Was war's?</p> + +<p><span class="red-ink">PHILEBOS:</span> Und dieses war der Sinn der beiden +griechischen Worte … <span class="red-ink">(<i>Ernst.</i>)</span> Man sieht den +nicht mehr, der den Ring am Finger trägt.</p> + +<p><span class="red-ink">NICOMEDES:</span> Was sagst Du da?</p> + +<p><span class="red-ink">PHILEBOS:</span> Der Ring macht seinen Träger unsichtbar.</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_71" title="71"> </a><span class="red-ink">DIE ANDEREN (<i>lachend</i>):</span> Die Geschichte ist +nicht übel.</p> + +<p><span class="red-ink">PHILEBOS:</span> Hört doch das Ende. Und das ist +nicht das Hübsche der Geschichte. – Candaules +überrascht, sprach nichts. Und da er selber es +kaum glauben wollte – so wenigstens hat er mir es +gesagt – wollt' er sich von der Macht des Ringes +an irgend Einem überzeugen: Der Gyges war +gerade da, und ohne weiter nach einem Anderen +zu suchen, gibt er ihm den Ring. Gyges nahm +ihn … nichts mehr!</p> + +<p><span class="red-ink">SEBAS und ARCHELAOS:</span> Wieso? Wieso nichts +mehr?</p> + +<p><span class="red-ink">PHILEBOS:</span> Nichts mehr. Hat Gyges seine schnelle +Macht verstanden? Fest steht, daß er stillschweigend +verschwand. Gyges trägt den Ring, der Ring verbirgt +den Gyges. Er ist verschwunden, ohne Spur +verschwunden … Candaules hat gut suchen. +So dumm ist Gyges nicht. Er ist durchaus verborgen.</p> + +<p><span class="red-ink">GYGES (<i>ist währenddem von rechts ganz langsam +gekommen, so daß er am Ende von Philebos Erzählung +<a class="pagenum" name="Page_72" title="72"> </a> +diesem direkt gegenüber und inmitten der +Zuhörer steht; er bleibt unbeweglich, den Rücken +gegen das Publikum.</i>)</span></p> + +<p><span class="red-ink">PHILEBOS:</span> Der, ohne zu sehen, zu finden weiß, +muß gar geschickt sein. Candaules irrt umher und +ruft und frägt: Habt Ihr Gyges nicht gesehn? +Habt Ihr meinen Ring gesehn? Doch – wer +kann die Beiden sehen? Nun hat Candaules +seinen Herrn gefunden. Wo immer Gyges sein +will, dort kann er sein.</p> + +<p><span class="red-ink">DIE ANDEREN:</span> Wunderbar! Ganz wunderbar!</p> + +<p><span class="red-ink">PHILEBOS:</span> Aber nichts weniger als angenehm. +Vor ihm ist jeder von uns ohne Augen. Was +kann man gegen einen, den man nicht sieht? +Was tun wir, frag ich Euch? Wenn plötzlich +seine Stimme da unter uns sagt, daß er da ist, daß +er da unter uns ist, hört was wir sagen und uns +Dummköpfe nennt?</p> + +<p><span class="red-ink">GYGES (<i>laut</i>):</span> Dummköpfe!</p> + +<div class="scene-description"> +<p>(Beim Ton von Gyges' Stimme zerstieben die Herren +nach allen Seiten. Im Eifer der Flucht rennt +<a class="pagenum" name="Page_73" title="73"> </a>Archelaos an einen Baum, und in der Meinung, +an Gyges gerannt zu sein.)</p> +</div> + +<p><span class="red-ink">ARCHELAOS:</span> Oh … verzeiht …</p> + +<div class="scene-description"> +<p>(Kaum ist Gyges allein, stürzt er wie von Schande +und Verzweiflung vernichtet zu Boden, gegen die +Bank hin, auf der Philebos saß.)</p> +</div> + +<p><span class="red-ink">GYGES:</span> Mein Ring! Mein Ring! <span class="red-ink">(<i>Er drückt ihn +an die Lippen.</i>)</span> Ach! Verbirg mir mein Denken!… +Allen jagst Du Furcht und Angst ein, unsichtbarer +Gyges. Ring! Was kannst Du mich mir selber +nicht unsichtbar machen! Gyges hat Angst vor Gyges. +<span class="red-ink">(<i>Er verhüllt sein Gesicht in den Händen und schauert.</i>)</span> +Hab' ich Dir weh getan mit meinen allzuwilden +Küssen? – Von Liebe voll und von Entsetzen floh +ich. Schlafend ließ ich sie auf ihrem Bette hingestreckt, +lief in die Nacht, lief wie ein Dieb, im +Morgentau der kalten Wiesen das Fieber meinen +Händen abzuwaschen, das Grauen von meinem +Denken, die Schande von meiner Stirn und das +Verbrechen meines Herzens … Da kommt wer <ins title="..">…</ins> +Nyssia! <span class="red-ink">(<i>Er bleibt auf der Erde und drückt sich +an die Bank, da er Nyssia hört.</i>)</span></p> + +<h3><a class="pagenum" name="Page_74" title="74"> </a>Dritte Szene.</h3> + +<p><span class="red-ink">NYSSIA (<i>an Candaules gelehnt. Sie kommen +näher und setzen sich beide auf die Bank</i>):</span> Wie, +mein Gebieter, das ist Eure Sorge? Was hat doch +dieser Ring, daß sein Verlust Euch so bewegt? Ist's +deshalb, daß Ihr mich heut' morgen so früh verließet? +Im Morgendämmer, ermattet noch und +kaum erwacht, da suchten meine Hände Euch und +fanden nichts sonst, als eine kalte Stelle. Konntet +Ihr mich so verlassen? Ah! Ihr wußtet nicht, was +mein Erwachen Euch noch aufbewahrte!… – +Und dann, nachher, als ich Euch wiedersah im Garten, +da waret Ihr nicht mehr so voller Liebe, wie in dieser +Nacht. Da waret Ihr unruhig; – was habt Ihr? – +Ihr geht fort? Ich bin eifersüchtig auf den Ring; +er ist Euch wichtiger als ich. Ihr sagt mir nichts? Wie +undankbar ist Euer Mund! Was liegt mir an dem Ring? +Ihr habt doch andere genug!… Ihr, die Ihr immer +schenkt, denkt einfach, Ihr hättet ihn verschenkt.</p> + +<p><span class="red-ink">CANDAULES:</span> Nur <em class="gesperrt">sehen</em> möcht' ich ihn.</p> + +<p><span class="red-ink">NYSSIA:</span> Das werdet Ihr. Doch scheucht die Falten +da von Eurer Stirn. Der Morgen ist so schön! – +<a class="pagenum" name="Page_75" title="75"> </a> +Seht, in dieser klaren Luft scheint alles mir verliebt +und lachend wie wir selber … Fast bin ich müd' +von dieser Nacht … Ach, mein Gebieter, schöner +als der Tag ist mir Eure Liebe, und diese Nacht +war mir …</p> + +<p><span class="red-ink">CANDAULES (<i>unterbricht</i>):</span> Sprich mir nicht mehr +von dieser Nacht, mein Weib.</p> + +<p><span class="red-ink">NYSSIA:</span> Ich kann sie auch verschweigen, doch +sagt sich Eure Nyssia die Küsse alle wieder, einen +um den andern. – Oh, von allen unsern Nächten +diese Nacht der Liebe schönste! –</p> + +<p><span class="red-ink">CANDAULES:</span> Die schönste, sagst Du, Nyssia? – +die schönste?</p> + +<p><span class="red-ink">NYSSIA:</span> Was erstaunt Ihr? Was hab' ich denn +gesagt? Was habt Ihr?</p> + +<p><span class="red-ink">CANDAULES:</span> Die schönste … weshalb?</p> + +<p><span class="red-ink">NYSSIA (<i>errötend</i>):</span> Oh, Ihr macht Euch lustig +über mich … Weshalb erhebt Ihr Euch? – Ihr +geht? Was habt Ihr?</p> + +<p><span class="red-ink">CANDAULES (<i>für sich</i>):</span> Du, Candaules, eifersüchtig? +– Schweig, schlechte Leidenschaft. <span class="red-ink">(<i>Er +macht eine Geste des sich Bezähmens.</i>)</span> Verzeiht …</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_76" title="76"> </a><span class="red-ink">NYSSIA (<i>will ihn auf die Bank ziehen, faßt ihn +am Kleid.</i>)</span></p> + +<p><span class="red-ink">CANDAULES:</span> Nein, – lass' mich. <span class="red-ink">(<i>Er befreit +sich.</i>)</span> – <span class="red-ink">(<i>Für sich.</i>)</span> Die schönste!… Die … +Ich muß den Gyges sehn. <span class="red-ink">(<i>Zu Nyssia, von der +er sich etwas nach links entfernt hat.</i>)</span> Da unten +seh' ich Phedros … Verzeiht – gleich bin ich +wieder bei Euch. Nein! Folgt mir nicht. – Laß +mich, Nyssia.</p> + +<p><span class="red-ink">NYSSIA:</span> So wart' ich hier auf Euch. –</p> + +<p><span class="red-ink">GYGES (<i>hat sich während des Letzten nach und +nach aufgerichtet</i>).</span></p> + +<h3>Vierte Szene.</h3> + +<p><span class="red-ink">GYGES (<i>leise</i>):</span> Die schönste aller Nächte!… +Genug! Mein Ring – genug! <span class="red-ink">(<i>Er reißt den +Ring von seinem Finger.</i>)</span> Und wenn ich daran +sterben muß –! <span class="red-ink">(<i>Er nähert sich der Königin.</i>)</span> +Königin!</p> + +<p><span class="red-ink">NYSSIA (<i>läßt überrascht den Schleier über das +Gesicht fallen</i>):</span> Ach! Habt Ihr mich doch erschreckt! +– Ich hörte niemand kommen.</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_77" title="77"> </a><span class="red-ink">GYGES (<i>vor ihr gebeugt</i>):</span> Königin …</p> + +<p><span class="red-ink">NYSSIA:</span> Was wollt Ihr?</p> + +<p><span class="red-ink">GYGES (<i>reicht ihr den Ring</i>):</span> Der Ring, den der +König sucht – hier ist er.</p> + +<p><span class="red-ink">NYSSIA:</span> Da Ihr es wußtet, daß er ihn sucht, was +gabt Ihr ihn nicht früher?</p> + +<p><span class="red-ink">GYGES:</span> Euch wollt' ich ihn zuerst geben.</p> + +<p><span class="red-ink">NYSSIA:</span> Doch – wie kommt Ihr zu dem Ring?</p> + +<p><span class="red-ink">GYGES:</span> Der König gab mir ihn.</p> + +<p><span class="red-ink">NYSSIA:</span> Und wenn er Euch ihn gab, was sucht +er ihn?</p> + +<p><span class="red-ink">GYGES:</span> Nicht, um den Ring zu sehen, doch +mich, der ihn trug.</p> + +<p><span class="red-ink">NYSSIA:</span> Ich versteh Euch nicht … Wer seid +Ihr? Ihr war't nicht, glaub ich, gestern bei dem +Fest?</p> + +<p><span class="red-ink">GYGES:</span> Ich kam erst spät … als es zu Ende +ging … Ich bin Gyges: – Erinnert Ihr Euch +nicht des Fischers Gyges, um den Ihr letzte Nacht +Candaules fragtet: «Der arme Fischer – was ist +aus ihm geworden?». Der bin ich.</p> + +<p><span class="red-ink">NYSSIA (<i>zuerst etwas verwirrt</i>):</span> Wie sollte ich +<a class="pagenum" name="Page_78" title="78"> </a> +Euch wieder erkennen, so reich gekleidet? – Des +Königs Güte gab Dir das?</p> + +<p><span class="red-ink">GYGES (<i>verwirrt</i>):</span> Ja, Königin; er gab mir alles +das … alles das – und diesen Ring hier. <span class="red-ink">(<i>Er +beugt sich wieder vor ihr und reicht ihr den +Ring.</i>)</span></p> + +<p><span class="red-ink">NYSSIA:</span> Ich will ihn dem König wiedergeben.</p> + +<p><span class="red-ink">GYGES:</span> Ein Wort noch, Königin, ich bitt' Euch … +dieser Ring …</p> + +<p><span class="red-ink">DIE KÖNIGIN (<i>betrachtet den Ring und will ihn +anstecken.</i>)</span></p> + +<p><span class="red-ink">GYGES:</span> Ah! Steckt diesen Ring nicht an!</p> + +<p><span class="red-ink">NYSSIA:</span> Weshalb nicht?</p> + +<p><span class="red-ink">GYGES (<i>ängstlich vor dem, was er sagen will</i>):</span> +Der Ring …</p> + +<p><span class="red-ink">NYSSIA:</span> So sprich doch, sprich –</p> + +<p><span class="red-ink">GYGES:</span> Macht unsichtbar den, der ihn trägt.</p> + +<p><span class="red-ink">NYSSIA (<i>lächelnd</i>):</span> Ein ganz kostbarer Ring und +ich verstehe nun, weshalb Candaules ihn so suchte.</p> + +<p><span class="red-ink">GYGES:</span> Und auch vielleicht, warum er ihn nicht +fand.</p> + +<p><span class="red-ink">NYSSIA (<i>wird unruhig</i>):</span> Du verbargst Dich, Gyges?</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_79" title="79"> </a><span class="red-ink">GYGES:</span> Der Ring verbarg mich.</p> + +<p><span class="red-ink">NYSSIA:</span> Doch, sag … weshalb denn gab der +König Dir den Ring?</p> + +<p><span class="red-ink">GYGES:</span> Um selber ungesehen zu sehen.</p> + +<p><span class="red-ink">NYSSIA:</span> Und was … was konnte denn der König +so zeigen wollen?</p> + +<p><span class="red-ink">GYGES (<i>fällt vor Nyssia auf die Knie</i>):</span> Euch +Nyssia! – <span class="red-ink">(<i>Gleichzeitig hält er ihr einen Dolch hin, +den Nyssia instinktiv ergreift.</i>)</span> Stecht zu! Stecht +zu!… Ich war's, der diese Nacht … ich ließ +Euch schlafend diesen Morgen … Ach! Ich +hätte schweigen können und Ihr, Ihr hättet's nie +erfahren, doch war ich da, als Ihr es sagtet, daß diese +Nacht der Liebe von allen Euren Nächten …</p> + +<p><span class="red-ink">NYSSIA (<i>deren Verwirrung mit jedem Wort des +Gyges zunimmt und die mit jedem Wort zu verstehen +anfängt, schreit auf</i>):</span> Candaules! – <span class="red-ink">(<i>Sie +schreit wild auf.</i>)</span> Ich hielt mich für geliebt.</p> + +<p><span class="red-ink">GYGES (<i>erhebt sich ein wenig</i>):</span> Ihr seid es, +Königin …</p> + +<p><span class="red-ink">NYSSIA (<i>in jähem Zorn</i>):</span> Was sagst Du?</p> + +<p><span class="red-ink">GYGES:</span> Ihr seid geliebt, Nyssia.</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_80" title="80"> </a><span class="red-ink">NYSSIA (<i>gibt ihm, wie von diesem Worte zu einem +plötzlichen Entschluß gebracht, den Dolch in die +Hand</i>):</span> Geh! Erschlag' ihn!</p> + +<p><span class="red-ink">GYGES (<i>in tiefer Ergriffenheit</i>):</span> Wen?… Ihn?</p> + +<p><span class="red-ink">NYSSIA:</span> Erschlag ihn!</p> + +<p><span class="red-ink">GYGES (<i>läßt den Dolch zur Erde fallen</i>):</span> Ich +kann nicht. Mein Freund!…</p> + +<p><span class="red-ink">NYSSIA:</span> Und er war mein Gemahl! Töte ihn.</p> + +<p><span class="red-ink">GYGES:</span> Ich kann nicht … er war's, der mir es gab.</p> + +<p><span class="red-ink">NYSSIA:</span> Er war's, der mich verriet. <span class="red-ink">(<i>Sie zerreißt +ihren Schleier.</i>)</span> Einer von Euch Beiden muß es +sein, der stirbt … Nimm den Ring!</p> + +<p><span class="red-ink">GYGES (<i>bestürzt</i>):</span> Wie? Ohne mich zu zeigen?</p> + +<p><span class="red-ink">NYSSIA:</span> Für mich hast Du Dich gut verborgen!</p> + +<p><span class="red-ink">GYGES:</span> Er hat mir den Ring gegeben –</p> + +<p><span class="red-ink">NYSSIA (<i>verzweifelt vor diesem Widerstand</i>):</span> Es +muß doch Einer von Euch Beiden eifersüchtig sein! +<span class="red-ink">(<i>Sie stürzt Gyges um den Hals und küßt ihn in wilder +Wut.</i>)</span> Oh! Du wirst ihn erschlagen, Gyges, nicht wahr? +Du wirst ihn erschlagen! – Den Ring! Nimm doch +den Ring. <span class="red-ink">(<i>Sie steckt ihm den Ring an den Finger.</i>)</span> +Und da … den Dolch. Verbirg Dich! Der König!</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_81" title="81"> </a><span class="red-ink">CANDAULES (<i>kommt im Gespräch mit Phedros</i>).</span></p> + +<p><span class="red-ink">NYSSIA und GYGES (<i>ziehen sich nach rückwärts +zurück</i>).</span></p> + +<h3>Fünfte Szene.</h3> + +<p><span class="red-ink">CANDAULES (<i>leise zu Phedros</i>):</span> Nein, Phedros, +wenn Du mich liebst, so bleibst Du noch zu diesem +Mahl. Es ist das letzte, sag' ich Dir; das letzte … +Sie werden mit dem Trinken noch nicht fertig sein, +da sag ich: Nun laßt mich. Das Haus, die Feste +sind nun für mich allein, für mich und Nyssia … +Und Nyssia, Du weißt: nun halt' ich sie für mich +und fern von Allen im Schatten wohlverschlossen, +wie ein Parfüm, das allzu leicht verduftet … Genug +davon. Du bleibst zum Fest?</p> + +<p><span class="red-ink">PHEDROS:</span> Ich bleibe.</p> + +<p><span class="red-ink">CANDAULES:</span> Laß mich nun.</p> + +<p><span class="red-ink">PHEDROS (<i>ab</i>).</span></p> + +<p><span class="red-ink">CANDAULES (<i>zu Nyssia</i>):</span> Das Festmahl ist bereitet +… Bald ist's Mittag, die Zeit, da meine Gäste +kommen. Nyssia – bis zu Eurem Gemach begleit' ich +Euch. <span class="red-ink">(<i>Er nähert sich ihr, sie weicht zurück.</i>)</span></p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_82" title="82"> </a><span class="red-ink">GYGES (<i>ist ein Weniges hinter ihr</i>).</span></p> + +<p><span class="red-ink">NYSSIA:</span> Nein. – Ich bleibe bei Eurem Fest.</p> + +<p><span class="red-ink">CANDAULES:</span> Wie? Ihr wollt? <span class="red-ink">(<i>Er bemerkt die +Erregung der Königin.</i>)</span> Was habt Ihr, Nyssia?</p> + +<p><span class="red-ink">NYSSIA (<i>geht weiter zurück und gegen das Unsichtbare +gewandt</i>):</span> Stoß zu! Stoß zu, Gyges! – +Gib Acht, Candaules … <span class="red-ink">(<i>Ängstlich.</i>)</span> Stoß zu! – +So stoß doch zu!… Ah!</p> + +<p><span class="red-ink">GYGES (<i>erdolcht Candaules, da dieser unruhig wird</i>).</span></p> + +<p><span class="red-ink">CANDAULES:</span> Wie! Du bist's, mein Gyges?! +Warum erschlägst Du mich? – Nichts fühlt' ich +sonst in mir als Güte, Nyssia!… Gyges, ich +hab Dir auch den Dolch gegeben. Gib den Ring +fort … ich möcht' Dich sehen.</p> + +<div class="scene-description"> +<p>(Gyges zaudert einen Augenblick und wirft den +Ring weit von sich).</p> +</div> + +<p><span class="red-ink">(<i>Gyges erdrückt vor Schrecken und Verzweiflung, +kniet hin und beugt sich über Candaules</i>):</span> +Candaules! mein Freund …</p> + +<p><span class="red-ink">CANDAULES (<i>stirbt</i>).</span></p> + +<p><span class="red-ink">NYSSIA (<i>zieht ihn am Kleide</i>):</span> Erhebt Euch, +König Gyges.</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_83" title="83"> </a><span class="red-ink">GYGES (<i>verstört</i>):</span> Ich! Gyges … König.</p> + +<p><span class="red-ink">NYSSIA:</span> Ihr seid mein Gemahl und ich die +Königin. Da kommen unsre Gäste. Steht auf! +<span class="red-ink">(<i>Sie nimmt das Diadem vom Haupte des Candaules.</i>)</span> +Nehmt die Krone. – Ah! Der Schleier erstickt +mich. <span class="red-ink">(<i>Sie reißt ihn völlig ab.</i>)</span></p> + +<p><span class="red-ink">DIE GÄSTE (<i>kommen etwas näher. Bewegung.</i>):</span> +Candaules! Oh! wie schrecklich!</p> + +<p><span class="red-ink">SYPHAX (<i>hält Phedros zurück und zeigt ihm +Gyges</i>):</span> – Gebt Acht!</p> + +<p><span class="red-ink">NYSSIA (<i>königlich an Gyges Arm</i>):</span> Ihr werten +Herren, kommt! Das Mahl erwartet Euch. <span class="red-ink">(<i>Schamlos.</i>)</span> +– Archelaos! Heut' Abend werden wir +Tänzerinnen haben.</p> + +<p><span class="red-ink">PHEDROS (<i>geht mit Simmias fort</i>).</span></p> + +<p><span class="red-ink">GYGES (<i>der sich allmählich faßt</i>):</span> Setzt Euch, +Ihr Herren. <span class="red-ink">(<i>Feindlich zu Nyssia</i>)</span> Dieses Antlitz +so schön, hohe Frau, ich glaubte, es solle verschleiert +bleiben.</p> + +<p><span class="red-ink">NYSSIA (<i>verächtlich</i>):</span> Für Euch verschleiert, +Gyges! Candaules hat meinen Schleier zerrissen.</p> + +<p><span class="red-ink">GYGES (<i>wirft ihr sehr brutal einen Zipfel ihres +<a class="pagenum" name="Page_84" title="84"> </a> +Gewandes über das Gesicht</i>):</span> Dann näht ihn +wieder zusammen.</p> + +<p><span class="red-ink">SYPHAX (<i>aus der geräuschvollen Bewegung, die +diesen Worten folgt</i>):</span> Auf, werte Herren, +trinken wir auf das Glück des Gyges.</p> + +<div class="stage-direction"> +<p>Vorhang.</p> +</div> + +<div id="tnote-bottom"> +<p class="center"><a name="tn-bottom"><b>Anmerkungen zur Transkription:</b></a></p> + +<p>Im folgenden werden alle geänderten Textstellen angeführt, +wobei jeweils zuerst die Stelle wie im Original, danach die geänderte Stelle +steht.</p> + +<ul id="corrections"> +<li><a href="#Page_iv">Seite IV</a>:<br/> +alles <span class="correction">Eposidische</span>, Bizarre und Vorübergehende verloren<br/> +alles <span class="correction">Episodische</span>, Bizarre und Vorübergehende verloren +</li> +<li><a href="#Page_x">Seite X</a>:<br/> +«Racine?… wer ist das?» <span class="correction">antwotete</span> er. «Ich, ich<br/> +«Racine?… wer ist das?» <span class="correction">antwortete</span> er. «Ich, ich +</li> +<li><a href="#Page_xiii">Seite XIII</a>:<br/> +<span class="correction">Condercet</span> die «Hypocrisie des mœurs» nennt, jene, da<br/> +<span class="correction">Condorcet</span> die «Hypocrisie des mœurs» nennt, jene, da +</li> +<li><a href="#Page_xviii">Seite XVIII</a>:<br/> +Es ist klar, daß die neuen gesellschaftlichen <span class="correction">Formen</span><br/> +Es ist klar, daß die neuen gesellschaftlichen <span class="correction">Formen,</span> +</li> +<li><a href="#Page_12">Seite 12</a>:<br/> +Zweite <span class="correction">Szene:</span><br/> +Zweite <span class="correction">Szene.</span> +</li> +<li><a href="#Page_20">Seite 20</a>:<br/> +<span class="red-ink">DIE KÖNIGIN (<i>zu Candaules</i><span class="correction">)</span></span> Ihr scheint,<br/> +<span class="red-ink">DIE KÖNIGIN (<i>zu Candaules</i><span class="correction">):</span></span> Ihr scheint, +</li> +<li><a href="#Page_20">Seite 20</a>:<br/> +<span class="red-ink">PHILEBOS:</span> Und <span class="correction">ihr</span>, Frau Königin was denkt<br/> +<span class="red-ink">PHILEBOS:</span> Und <span class="correction">Ihr</span>, Frau Königin was denkt +</li> +<li><a href="#Page_25">Seite 25</a>:<br/> +<span class="red-ink">PHARNACES:</span> εὐτυχίαν <span class="correction">κρὐπτω</span><br/> +<span class="red-ink">PHARNACES:</span> εὐτυχίαν <span class="correction">κρύπτω</span> +</li> +<li><a href="#Page_28">Seite 28</a>:<br/> +<span class="red-ink"><span class="correction">PHARNACES</span></span> Und öfter noch findet man überhaupt<br/> +<span class="red-ink"><span class="correction">PHARNACES:</span></span> Und öfter noch findet man überhaupt +</li> +<li><a href="#Page_29">Seite 29</a>:<br/> +<span class="red-ink"><i>Tisch</i>):</span> Was! Mein Glück! Was <span class="correction">wüßt</span> ihr von<br/> +<span class="red-ink"><i>Tisch</i>):</span> Was! Mein Glück! Was <span class="correction">wißt</span> ihr von +</li> +<li><a href="#Page_31">Seite 31</a>:<br/> +Das ist das Schlimm're! Was? Was <span class="correction">wisst</span> Ihr<br/> +Das ist das Schlimm're! Was? Was <span class="correction">wißt</span> Ihr +</li> +<li><a href="#Page_36">Seite 36</a>:<br/> +<span class="red-ink">PHARNACES:</span> Na <span class="correction">weist</span> Du, ich hab' schon<br/> +<span class="red-ink">PHARNACES:</span> Na <span class="correction">weißt</span> Du, ich hab' schon +</li> +<li><a href="#Page_44">Seite 44</a>:<br/> +<span class="red-ink">CANDAULES:</span> <span class="correction">Dann'</span> sag mir noch, … wie …<br/> +<span class="red-ink">CANDAULES:</span> <span class="correction">Dann</span> sag mir noch, … wie … +</li> +<li><a href="#Page_50">Seite 50</a>:<br/> +<span class="red-ink">CANDAULES (<i>ein wenig erregt</i><span class="correction">)</span></span> Später, später! –<br/> +<span class="red-ink">CANDAULES (<i>ein wenig erregt</i><span class="correction">):</span></span> Später, später! – +</li> +<li><a href="#Page_52">Seite 52</a>:<br/> +<span class="red-ink">GYGES:</span> Wär' ich <em class="gesperrt">so</em> Dein Freund, <span class="correction">Gyges</span>?<br/> +<span class="red-ink">GYGES:</span> Wär' ich <em class="gesperrt">so</em> Dein Freund, <span class="correction">Candaules</span>? +</li> +<li><a href="#Page_55">Seite 55</a>:<br/> +<span class="red-ink">NYSSIA:</span> <span class="correction">Seid</span> sie hier sind, sah ich Euch fast<br/> +<span class="red-ink">NYSSIA:</span> <span class="correction">Seit</span> sie hier sind, sah ich Euch fast +</li> +<li><a href="#Page_57">Seite 57</a>:<br/> +<span class="red-ink"><i>lacht <span class="correction">nnd</span> will selbst die Fackel löschen.</i>)</span><br/> +<span class="red-ink"><i>lacht <span class="correction">und</span> will selbst die Fackel löschen.</i>)</span> +</li> +<li><a href="#Page_70">Seite 70</a>:<br/> +daß gestern <span class="correction">morgen</span> Candaules diesen Ring an<br/> +daß gestern <span class="correction">Morgen</span> Candaules diesen Ring an +</li> +<li><a href="#Page_73">Seite 73</a>:<br/> +Verbrechen meines Herzens … Da kommt wer <span class="correction">..</span><br/> +Verbrechen meines Herzens … Da kommt wer <span class="correction">…</span> +</li> +</ul> +</div> + + + + + + + + +<pre> + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Der König Candaules, by André Gide + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER KÖNIG CANDAULES *** + +***** This file should be named 38281-h.htm or 38281-h.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + https://www.gutenberg.org/3/8/2/8/38281/ + +Produced by Jana Srna + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. Special rules, +set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to +copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to +protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. Project +Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you +charge for the eBooks, unless you receive specific permission. If you +do not charge anything for copies of this eBook, complying with the +rules is very easy. You may use this eBook for nearly any purpose +such as creation of derivative works, reports, performances and +research. They may be modified and printed and given away--you may do +practically ANYTHING with public domain eBooks. Redistribution is +subject to the trademark license, especially commercial +redistribution. + + + +*** START: FULL LICENSE *** + +THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE +PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK + +To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free +distribution of electronic works, by using or distributing this work +(or any other work associated in any way with the phrase "Project +Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full Project +Gutenberg-tm License (available with this file or online at +https://gutenberg.org/license). + + +Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project Gutenberg-tm +electronic works + +1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm +electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to +and accept all the terms of this license and intellectual property +(trademark/copyright) agreement. If you do not agree to abide by all +the terms of this agreement, you must cease using and return or destroy +all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your possession. +If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a Project +Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound by the +terms of this agreement, you may obtain a refund from the person or +entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph 1.E.8. + +1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be +used on or associated in any way with an electronic work by people who +agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few +things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works +even without complying with the full terms of this agreement. See +paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project +Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement +and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic +works. See paragraph 1.E below. + +1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation" +or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project +Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the +collection are in the public domain in the United States. If an +individual work is in the public domain in the United States and you are +located in the United States, we do not claim a right to prevent you from +copying, distributing, performing, displaying or creating derivative +works based on the work as long as all references to Project Gutenberg +are removed. Of course, we hope that you will support the Project +Gutenberg-tm mission of promoting free access to electronic works by +freely sharing Project Gutenberg-tm works in compliance with the terms of +this agreement for keeping the Project Gutenberg-tm name associated with +the work. You can easily comply with the terms of this agreement by +keeping this work in the same format with its attached full Project +Gutenberg-tm License when you share it without charge with others. + +1.D. The copyright laws of the place where you are located also govern +what you can do with this work. Copyright laws in most countries are in +a constant state of change. If you are outside the United States, check +the laws of your country in addition to the terms of this agreement +before downloading, copying, displaying, performing, distributing or +creating derivative works based on this work or any other Project +Gutenberg-tm work. The Foundation makes no representations concerning +the copyright status of any work in any country outside the United +States. + +1.E. Unless you have removed all references to Project Gutenberg: + +1.E.1. The following sentence, with active links to, or other immediate +access to, the full Project Gutenberg-tm License must appear prominently +whenever any copy of a Project Gutenberg-tm work (any work on which the +phrase "Project Gutenberg" appears, or with which the phrase "Project +Gutenberg" is associated) is accessed, displayed, performed, viewed, +copied or distributed: + +This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with +almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + +1.E.2. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is derived +from the public domain (does not contain a notice indicating that it is +posted with permission of the copyright holder), the work can be copied +and distributed to anyone in the United States without paying any fees +or charges. If you are redistributing or providing access to a work +with the phrase "Project Gutenberg" associated with or appearing on the +work, you must comply either with the requirements of paragraphs 1.E.1 +through 1.E.7 or obtain permission for the use of the work and the +Project Gutenberg-tm trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or +1.E.9. + +1.E.3. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is posted +with the permission of the copyright holder, your use and distribution +must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any additional +terms imposed by the copyright holder. Additional terms will be linked +to the Project Gutenberg-tm License for all works posted with the +permission of the copyright holder found at the beginning of this work. + +1.E.4. Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg-tm +License terms from this work, or any files containing a part of this +work or any other work associated with Project Gutenberg-tm. + +1.E.5. Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this +electronic work, or any part of this electronic work, without +prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with +active links or immediate access to the full terms of the Project +Gutenberg-tm License. + +1.E.6. You may convert to and distribute this work in any binary, +compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including any +word processing or hypertext form. However, if you provide access to or +distribute copies of a Project Gutenberg-tm work in a format other than +"Plain Vanilla ASCII" or other format used in the official version +posted on the official Project Gutenberg-tm web site (www.gutenberg.org), +you must, at no additional cost, fee or expense to the user, provide a +copy, a means of exporting a copy, or a means of obtaining a copy upon +request, of the work in its original "Plain Vanilla ASCII" or other +form. Any alternate format must include the full Project Gutenberg-tm +License as specified in paragraph 1.E.1. + +1.E.7. Do not charge a fee for access to, viewing, displaying, +performing, copying or distributing any Project Gutenberg-tm works +unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9. + +1.E.8. You may charge a reasonable fee for copies of or providing +access to or distributing Project Gutenberg-tm electronic works provided +that + +- You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from + the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method + you already use to calculate your applicable taxes. The fee is + owed to the owner of the Project Gutenberg-tm trademark, but he + has agreed to donate royalties under this paragraph to the + Project Gutenberg Literary Archive Foundation. Royalty payments + must be paid within 60 days following each date on which you + prepare (or are legally required to prepare) your periodic tax + returns. Royalty payments should be clearly marked as such and + sent to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation at the + address specified in Section 4, "Information about donations to + the Project Gutenberg Literary Archive Foundation." + +- You provide a full refund of any money paid by a user who notifies + you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he + does not agree to the terms of the full Project Gutenberg-tm + License. You must require such a user to return or + destroy all copies of the works possessed in a physical medium + and discontinue all use of and all access to other copies of + Project Gutenberg-tm works. + +- You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of any + money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the + electronic work is discovered and reported to you within 90 days + of receipt of the work. + +- You comply with all other terms of this agreement for free + distribution of Project Gutenberg-tm works. + +1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project Gutenberg-tm +electronic work or group of works on different terms than are set +forth in this agreement, you must obtain permission in writing from +both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael +Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark. Contact the +Foundation as set forth in Section 3 below. + +1.F. + +1.F.1. Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable +effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread +public domain works in creating the Project Gutenberg-tm +collection. Despite these efforts, Project Gutenberg-tm electronic +works, and the medium on which they may be stored, may contain +"Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate or +corrupt data, transcription errors, a copyright or other intellectual +property infringement, a defective or damaged disk or other medium, a +computer virus, or computer codes that damage or cannot be read by +your equipment. + +1.F.2. LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES - Except for the "Right +of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project +Gutenberg-tm trademark, and any other party distributing a Project +Gutenberg-tm electronic work under this agreement, disclaim all +liability to you for damages, costs and expenses, including legal +fees. YOU AGREE THAT YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT +LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE +PROVIDED IN PARAGRAPH 1.F.3. YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE +TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE +LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR +INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH +DAMAGE. + +1.F.3. LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND - If you discover a +defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can +receive a refund of the money (if any) you paid for it by sending a +written explanation to the person you received the work from. If you +received the work on a physical medium, you must return the medium with +your written explanation. The person or entity that provided you with +the defective work may elect to provide a replacement copy in lieu of a +refund. If you received the work electronically, the person or entity +providing it to you may choose to give you a second opportunity to +receive the work electronically in lieu of a refund. If the second copy +is also defective, you may demand a refund in writing without further +opportunities to fix the problem. + +1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth +in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS' WITH NO OTHER +WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO +WARRANTIES OF MERCHANTIBILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE. + +1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied +warranties or the exclusion or limitation of certain types of damages. +If any disclaimer or limitation set forth in this agreement violates the +law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be +interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by +the applicable state law. The invalidity or unenforceability of any +provision of this agreement shall not void the remaining provisions. + +1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the +trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone +providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in accordance +with this agreement, and any volunteers associated with the production, +promotion and distribution of Project Gutenberg-tm electronic works, +harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees, +that arise directly or indirectly from any of the following which you do +or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm +work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any +Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause. + + +Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm + +Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of +electronic works in formats readable by the widest variety of computers +including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists +because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from +people in all walks of life. + +Volunteers and financial support to provide volunteers with the +assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's +goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will +remain freely available for generations to come. In 2001, the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure +and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations. +To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation +and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 +and the Foundation web page at https://www.pglaf.org. + + +Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive +Foundation + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit +501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the +state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal +Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification +number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at +https://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent +permitted by U.S. federal laws and your state's laws. + +The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S. +Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered +throughout numerous locations. Its business office is located at +809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email +business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact +information can be found at the Foundation's web site and official +page at https://pglaf.org + +For additional contact information: + Dr. Gregory B. Newby + Chief Executive and Director + gbnewby@pglaf.org + + +Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation + +Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide +spread public support and donations to carry out its mission of +increasing the number of public domain and licensed works that can be +freely distributed in machine readable form accessible by the widest +array of equipment including outdated equipment. Many small donations +($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt +status with the IRS. + +The Foundation is committed to complying with the laws regulating +charities and charitable donations in all 50 states of the United +States. Compliance requirements are not uniform and it takes a +considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up +with these requirements. We do not solicit donations in locations +where we have not received written confirmation of compliance. To +SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any +particular state visit https://pglaf.org + +While we cannot and do not solicit contributions from states where we +have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition +against accepting unsolicited donations from donors in such states who +approach us with offers to donate. + +International donations are gratefully accepted, but we cannot make +any statements concerning tax treatment of donations received from +outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff. + +Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation +methods and addresses. Donations are accepted in a number of other +ways including including checks, online payments and credit card +donations. To donate, please visit: https://pglaf.org/donate + + +Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic +works. + +Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm +concept of a library of electronic works that could be freely shared +with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project +Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support. + + +Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed +editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S. +unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily +keep eBooks in compliance with any particular paper edition. + + +Most people start at our Web site which has the main PG search facility: + + https://www.gutenberg.org + +This Web site includes information about Project Gutenberg-tm, +including how to make donations to the Project Gutenberg Literary +Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to +subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks. + + +</pre> + +</body> +</html> |
