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+The Project Gutenberg EBook of Der König Candaules, by André Gide
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Der König Candaules
+ Drama in drei Akten
+
+Author: André Gide
+
+Translator: Franz Blei
+
+Release Date: December 11, 2011 [EBook #38281]
+[Last updated: October, 11, 2022]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: UTF-8
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER KÖNIG CANDAULES ***
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+Produced by Jana Srna
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+ [ Anmerkungen zur Transkription:
+
+ Schreibweise und Interpunktion des Originaltextes wurden übernommen;
+ lediglich offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert. Eine Liste
+ der vorgenommenen Änderungen findet sich am Ende des Textes.
+
+ Im Original gesperrt gedruckter Text wurde mit _ markiert.
+ ]
+
+
+
+
+Dieses Buch wurde bei F. A. Lattmann in Goslar gedruckt in einer
+Auflage von 600 handschriftlich numerierten Exemplaren, davon dieses
+Nr. ___
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+ DER KÖNIG CANDAULES
+
+ DRAMA IN DREI AKTEN
+ VON ANDRÉ GIDE
+
+ DEUTSCHE UMDICHTUNG
+ VON FRANZ BLEI
+
+ ERSCHIENEN 1905 IM
+ INSEL-VERLAG LEIPZIG
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+ÜBER DIE ENTWICKLUNG DES THEATERS.
+
+
+Die Entwicklung der dramatischen Kunst aufzuweisen, ist ein Gegenstand
+von eigentümlicher Schwierigkeit. Das dramatische Kunstwerk findet und
+kann seinen hinreichenden Zweck nicht in sich selber finden; der
+Dramatiker richtet es vielmehr sozusagen zwischen dem Zuschauer und dem
+Schauspieler auf, und so nehme ich mir vor, mich einmal auf den
+Standpunkt des Dichters, dann auf den des Schauspielers und schließlich
+auf den des Zuschauers zu stellen.
+
+Eine andere Schwierigkeit, und keine geringe, kommt daher, daß zu dem
+Erfolg eines Stücks oder selbst einer ganzen Gattung von Stücken,
+manches in Betracht kommt, das mit der Literatur gar nichts zu tun hat.
+Ich meine damit nicht nur diese vielfachen Elemente, die das dramatische
+Kunstwerk zu seiner Darstellung und zu deren Erfolg braucht, wie
+Dekoration, Kostüm, Frauenschönheit, Talent und Berühmtheit der
+Schauspieler; ich meine damit vielmehr besonders die sozialen,
+patriotischen, pornographischen oder pseudokünstlerischen vorgefaßten
+Meinungen des Autors. Die erfolgreichen Stücke unserer heutigen Bühne
+sind zumeist in solchem Maße aus solchen vorgefaßten Meinungen
+fabriziert, daß man, läßt man eine nach der anderen fallen, fast vom
+ganzen Stück nichts übrig behält.
+
+In den meisten Fällen dankt eben diesen vorgefaßten Meinungen und
+Anschauungen das Stück seinen Erfolg; und der Autor, der ihnen nicht
+gehorcht, dem bloß und nichts als die Kunst seine vorgefaßte Meinung
+ist, riskiert meistens, nicht nur nicht beliebt zu sein, sondern gar
+nicht aufgeführt zu werden.
+
+Da aber das Drama nur virtuell im Buche, völlig nur auf der Szene lebt,
+sieht sich der Kritiker, der sich heute mit der Entwicklung des Theaters
+und der hierzu parallelen der Schauspieler und des Publikums
+beschäftigt, verpflichtet, von Werken zu sprechen, die nur eine sehr
+entfernte Beziehung zur Kunst haben, und Werke von rein künstlerischem
+Wert hinwider zu ignorieren oder von ihnen nicht anders zu sprechen, als
+von Buchdramen, deren Entwicklung weit verschieden von jener anderen des
+gespielten Dramas ist, zu dem sie außerdem in Opposition steht.
+
+«Bei den in Gesellschaft lebenden Tieren, schreibt Darwin, ändert die
+natürliche Zuchtwahl die Formation eines jeden Individuums in der
+Richtung seines Nutzens für die Gemeinschaft, -- immer unter der
+Bedingung, daß die Gemeinschaft von der Änderung profitiert.» -- In
+unserm Falle profitiert die Gemeinschaft nicht ... Der nicht aufgeführte
+Dramatiker schließt sich in seinem Werke ein, entzieht sich der
+allgemeinen Entwicklung und endet damit, sich ihr zu widersetzen. Diese
+Werke sind alles solche der Reaktion.
+
+Reaktion gegen was? -- Ich könnte sagen: gegen den Realismus, aber
+dieses bereits so vielsinnige Wort würde mich selbst sehr bald in große
+Verlegenheit bringen. Der schlimmste Sinn, den ich dem Worte gegen
+könnte, reichte nicht hin, die Werke des Herrn Rostand etwa des
+Realismus zu überführen, oder des Antirealismus die Komödien Molières
+oder die Dramen Ibsens. Ich möchte lieber von einer Reaktion gegen den
+Episodismus sprechen, in Mangel eines besseren Wortes. Denn die Kunst
+besteht nicht im Verbrauch heroischer, historischer oder legendärer
+Personen, wie es nicht notwendig unkünstlerisch ist, die Bourgeois von
+heute auf die Bühne zu bringen. Gleichwohl etwas Wahres in dem Worte
+ist, das ich in Racine's Vorrede zum «Bajazet» lese: «Die tragischen
+Helden wollen mit einem andern Auge angesehen sein als wir für
+gewöhnlich die Leute aus unserer Nähe betrachten. Man kann sagen, unser
+Respekt vor dem Helden wächst in dem Maße seiner Entfernung von uns.»
+Ich möchte noch hinzufügen, daß dieser Respekt vor den dargestellten
+Personen vielleicht nicht nötig ist. Daß der Künstler seine Wahl in
+einer ferneren Zeit trifft, kommt wohl daher, daß die Zeit zu uns nur
+ein Bild kommen läßt, das schon alles Episodische, Bizarre und
+Vorübergehende verloren und nichts sonst behalten hat als sein Teil der
+tiefen Wahrheit, auf der die Kunst schaffen kann. Und die
+Fremdhaftigkeit, die der Künstler hervorzubringen sucht, indem er seine
+Menschen von uns entfernt, zeigt eben dies sein Verlangen an: um sein
+Kunstwerk als ein Kunstwerk zu geben, als nichts sonst, und nicht hinter
+der Illusion einer Realität herzulaufen, die selbst wenn sie glückte nur
+eine Realität noch einmal wäre: ein Pleonasmus. Und ist es nicht, und
+fast mit Wissen dieses selbe Verlangen, das unsere Klassiker an den drei
+Einheiten festzuhalten trieb: aus dem Drama kühn und offensichtlich ein
+Kunstwerk zu machen?
+
+Wenn immer die Kunst ermattet ist, verweist man sie auf die Natur, wie
+man einen Kranken ins Bad schickt. Aber die Natur kann da nichts -- es
+ist ein Quiproquo. Ich gebe zu, daß es manchmal ganz gut ist, wenn sich
+die Kunst auf die Weide treibt und sie, blaß von Erschöpfung, auf freiem
+Feld, im Leben die Hoffnung auf neue Kraft sucht. Aber die Griechen,
+unsere Meister, wußten ganz gut, daß Aphrodite nicht aus einer
+natürlichen Befruchtung geboren ward. Die Schönheit wird niemals eine
+natürliche Schöpfung sein: man erreicht sie nur durch künstlichen Zwang.
+Kunst und Natur sind Rivalen auf der Erde. Gewiß: der Künstler umfaßt
+die Natur, die ganze Natur, drückt sie in seine Brust, aber er könnte in
+Erinnerung an den berühmten Vers sagen: «Ich umarme meinen Rivalen -- um
+ihn zu erdrücken.»
+
+Die Kunst ist immer das Resultat eines Zwanges. Glauben, daß sie sich um
+so höher erhebe je freier sie sei, das ist zu glauben, das was den
+Papierdrachen am Steigen verhindere, sei die Schnur. Aber ohne Schnur
+könnte er sich nicht erheben. Kant's Taube denkt, sie flöge besser ohne
+den Widerstand der Luft, der ihrem Flügel lästig ist, aber sie weiß
+nicht, daß ihrem Fliegen dieser Widerstand der Luft Bedingung ist, auf
+die sie ihren Flügel stützen kann. Auf gleichen Widerstand muß sich die
+Kunst stützen, um steigen zu können. Ich sprach von den drei
+dramatischen Einheiten, aber was ich nun sagen will, gilt ebenso für die
+Malerei als für die Plastik, für die Musik wie für das Gedicht. Die
+Kunst wirbt um die Freiheit nur in Zeiten der Krankheit: sie möchte
+mühelos sein. Aber wenn sie in starker Kraft ist, sucht sie den Kampf
+und das Hindernis. Sie liebt ihre Blattscheiden platzen zu machen, und
+deshalb wählt sie diese eng und knapp. Ist es nicht in Zeiten des
+starken Überschäumens von Leben, daß die pathetischesten Geister den
+Genuß der striktesten Form fühlen? Daher das Sonnet, aus der üppigen
+Renaissance heraus, bei Shakespeare, bei Ronsard, Petrarca, selbst bei
+Michel-Angelo; die Verwendung der Terzine durch Dante; die Liebe zur
+Fuge bei Bach; dieses unruhige Bedürfnis nach dem Zwang der Fuge in den
+letzten Werken Beethovens. Gibt es ein Staunen darüber, daß die
+Expansionskraft des lyrischen Atems im Verhältnis zu seiner Kompression
+steht, oder daß es die zu überwindende Schwere ist, welche die
+Architektur ermöglicht?
+
+Der große Künstler ist der, den die Hinderung erregt, dem das Hindernis
+als Sprungbrett dient. Es wird erzählt, daß es ein fehlbehauener
+Marmorblock war, der den Michel-Angelo diese starke Geste seines Moses
+zu erfinden veranlaßte. Es ist die beschränkte Zahl von Stimmen, über
+die er gleichzeitig auf der Szene verfügen konnte, die dem Äschylos der
+Zwang war, das Schweigen des Prometheus zu erfinden, da man ihn an den
+Kaukasus kettet. Griechenland schickte den in die Verbannung, der der
+Lyra eine neue Saite gab. Die Kunst aus dem Zwang geboren, lebt vom
+Kampfe, stirbt an der Freiheit.
+
+Der Künstler freute sich sonst darüber, das Drama an Ausdruck gewinnen
+zu lassen, was es alsbald an Schönheit verlor und er verminderte nach
+und nach den Raum, der Bühne und Theatersaal trennt. Eine
+verhängnisvolle Entwicklung, scheint es. Diese «Distanz» zwischen
+Zuschauer und dargestellter Person zu vermindern, den Helden zu
+vermenschlichen, daran arbeitete auch der Schauspieler nach Kräften.
+Eins nach dem andern gab er auf, Maske, Kothurn, alles was aus ihm etwas
+Fremdartiges machte und das man nach dem zitierten Wort Racine's «mit
+einem andern Auge betrachten solle als wie wir gewöhnlich die Personen
+betrachten, die wir aus nächster Nähe kennen.» Er unterdrückte alles,
+bis auf das konventionelle Kostüm sogar, das er sozusagen abstrakt
+machte und der Person nichts sonst ließ, als was ihr allgemein und
+menschlich war. Wenn es darin vielleicht einen Fortschritt gab, so war
+der doch gefährlich und nicht wenig. Unter dem Vorwande der Wahrheit
+suchte man die Exaktheit. Kostüme, Requisiten, Dekorationen strengten
+sich an, Ort und Zeit des Dramas zu präzisieren, unbekümmert darum, ob
+sich Racine nicht vielleicht um das direkte Gegenteil gekümmert hatte.
+
+Bevor Talma den «Mahomet» des Voltaire spielte, glaubte er gut daran zu
+tun, zuvor den Mahomet der Geschichte einen ganzen Monat lang zu
+studieren. Er erzählte es selbst, wie er «zu große Verschiedenheiten
+zwischen seiner Auffassung des Mahomet und der des Voltaire gefunden und
+daher sofort die Rolle abgegeben habe, die zu spielen ihm unmöglich
+gewesen wäre ohne der Wahrheit Gewalt anzutun.» Der Fall zeigt besser
+als man es erfinden könnte, wie der Autor den Akteur gegen sich hat.
+Hier mag es ja hingehen, denn Voltaires «Mahomet» ist kein gutes Stück,
+aber ... Nach einer Darstellung des «Britannicus» hielt man einem
+unserer größten Schauspieler vor, daß er seine Rolle nicht so auffasse,
+wie es Racine vielleicht verlangt habe. «Racine?... wer ist das?»
+antwortete er. «Ich, ich kenne nur Nero.»
+
+Die unvermeidliche Mitarbeit des Schauspielers partikularisiert dort wo
+der Autor generalisiert. Ich kann darob den Schauspieler nicht anklagen;
+das Drama ist kein Abstraktes; die Charaktäre sind Vorwand für
+Generalisierung, aber immer Wesen von besonderer, partikularer Wahrheit;
+und das Drama ist wie der Roman der Schauplatz der Charaktäre.
+
+Das Theater ist eine merkwürdige Sache. Wir Zuschauer kommen da des
+Abends zusammen, um von andern Leidenschaften gemimt zu sehen, die wir
+selbst zu haben kein Recht besitzen, -- weil sich Gesetz und Sitte dem
+entgegenstellt. Ich möchte an ein außerordentliches Wort Balzac's
+erinnern; es steht in der «Physiologie der Ehe»: «Die Sitten, das ist
+die Hypokrisie der Nationen.» -- Will er vielleicht damit sagen, daß
+diese Leidenschaften, die der Schauspieler darstellt, in uns nicht von
+der Sitte unterdrückt, sondern nur versteckt worden sind? Daß unsere
+gemessenen Bewegungen nur sind, um auf eine falsche Spur zu leiten? Daß
+wir die Komödianten sind -- Hypokrites heißt im Griechischen der
+Schauspieler --, daß unsere Höflichkeit nur gemimt und die Tugend, diese
+«Höflichkeit der Seele», wie sie Balzac nennt, nur ein Dekorationsstück
+ist? Ist es daher, woher zum Teil unsere Lust am Theater kommt: da laut
+sagen zu hören, was die Wohlanständigkeit in uns erstickt? Manchmal wohl
+-- doch häufiger noch sieht der Mensch die Leidenschaften auf der Bühne
+wie gebändigte wilde Bestien. Er hat die wundervolle Fähigkeit, das zu
+werden, was er zu sein prätendiert, und das ist was Condorcet schreiben
+ließ: «Die Hypokrisie der Sitte, das spezielle Laster der modernen
+europäischen Nationen hat mehr als man glaubt dazu beigetragen, die
+Energie des Charakters, welche die antiken Nationen auszeichnet, zu
+zerstören.» Die Hypokrisie der Sitte hat also nicht immer existiert.
+
+Ja, der Mensch wird das, was er zu sein prätendiert; aber das zu sein
+prätendieren, was man nicht ist, das ist eine spezifisch moderne
+Prätention, deutlicher: die christliche. Ich sage nicht, daß die
+Intervention des Willens nichts in der Bildung oder Entbildung des
+Charakters vermag; aber der antike Mensch glaubte nicht anders sein zu
+müssen als er war. Der Mensch banalisierte sein Wesen nicht aus einem
+Zwang, sondern trieb es auf Äußerste aus Tugend; keiner verlangte von
+sich anderes als sich selbst und setzte sich neben den Gott ohne sich zu
+deformieren. Daher die große Zahl der Götter -- so groß wie die
+Instinkte der Menschen. Das war nicht freie Wahl, die den Menschen sich
+diesem Gotte hingeben ließ; der Gott erkannte im Menschen sein Ebenbild.
+Oft kam es vor, daß er, der Mensch, sich dem Ebenbilde weigerte; und der
+so im Menschen verkannte Gott rächte sich, wie es so schrecklich dem
+Pentheus geschah in den Bacchen des Euripides.
+
+Selten nahmen die antiken Menschen die Qualitäten der Seele als Güter,
+die man sich erwerben könnte, sondern nicht anders als die Güter des
+Leibes, wie einen natürlich zukommenden Besitz. Agathokles war gut,
+Charikles tapfer, so natürlich wie der eine ein blaues, der andere ein
+braunes Auge hatte. Die Religion steckte ihnen nicht auf eines Kreuzes
+Spitze dieses Bündel Tugenden, dieses moralische Phantom auf, dem gleich
+zu sein sie alle Wichtigkeit gab, unter Strafe anders für gottlos
+genommen zu werden. Der typische Mensch war nicht einer, sondern Legion
+und so gab es überhaupt keinen typischen Menschen. -- So war die Maske
+da im Leben ohne Sinn und Brauch -- und reserviert für den Schauspieler.
+
+Spricht man über die Geschichte des Dramas, muß man sich vor allem
+dieses fragen: _Wo ist die Maske?_ Im Saal oder auf der Bühne? Im
+Theater oder im Leben? -- Sie kann nur hier _oder_ dort sein. Die
+glänzendste Zeit des Theaters, jene, da die Maske auf der Bühne
+triumphiert, ist die Zeit, wo die sittliche Hypokrisie aus dem Leben
+verschwunden ist. Hinwider ist die Zeit, da siegte was Condorcet die
+«Hypocrisie des moeurs» nennt, jene, da man dem Schauspieler die Maske
+abreißt, wo man von ihm nicht mehr so sehr verlangt, daß er schön
+sondern daß er natürlich sei -- was, wenn ich es recht verstehe, so viel
+heißt als: der Schauspieler soll sich ein Beispiel an den Realitäten
+oder mindest an deren Schein nehmen, das der Zuschauer ihm bietet, --
+das will sagen, ein Beispiel an einer einförmigen oder bereits
+maskierten Menschheit. Der Autor endlich, der gleichfalls in das
+Natürlichsein seinen Stolz setzt, soll sich zur Aufgabe machen, das
+Drama zu diesem Zustande zu liefern: ein monotones, maskiertes Drama,
+ein Drama, in dem das Tragische der Situationen -- denn das Tragische
+braucht man immer -- nach und nach das Tragische der Charaktere ersetzt.
+Diesen beunruhigenden totalen Mangel an Charakteren kann man im
+naturalistischen Drama beobachten, das die Wirklichkeit zu kopieren
+vorgibt. Das ist nicht erstaunlich. Unsere moderne Gesellschaft, unsere
+christliche Moral tun alles was sie können, Charaktere zu verhindern.
+«Die antike Religion, schrieb schon Macchiavel, sprach nur die Männer
+des weltlichen Ruhmes selig, die Heerführer, die Staatsgründer, unsere
+Religion glorifiziert eher die ergebenen und beschaulichen Menschen als
+die Tätigen. Unsere Religion will die Menschen stark, damit sie leiden
+können, nicht um große Taten zu vollbringen.» Mit solchen Charakteren --
+wenn es noch solche sind -- was bleiben da noch für dramatische Aktionen
+möglich? -- Wer aber Drama sagt, sagt Charaktere, und das Christentum
+widersetzt sich dem Charakter, indem es jedem Menschen ein allen
+gemeinsames Ideal aufstellt.
+
+So gibt es auch kein rein christliches Drama. Der «Polyeucte» und der
+«Saint-Genest» können sich, wenn sie wollen, christliche Dramen nennen,
+und sie sind christlich durch dies und jenes christliche Element darin;
+aber Dramen sind sie nur durch ihr nichtchristliches Element, welches
+das christliche Element bekämpft.
+
+Ein anderer Grund der Unmöglichkeit des christlichen Theaters ist der,
+daß sich der letzte Akt notwendigerweise in der Kulisse abspielen muß,
+ich meine im Jenseits. Im Himmel schließt der zweite «Faust», im Himmel
+schließt sicher der sechste Akt des «Polyeucte» und der sechste Akt des
+«Saint-Genest». Wenn ihn weder Corneille noch Rotrou schrieben, so nicht
+nur aus Respekt vor den drei Einheiten, sondern weil Polyeucte, Pauline,
+Saint-Genest an der Schwelle des Paradieses alle die Leidenschaft von
+sich fallen lassen, durch die das Drama Drama war und als vollendete,
+völlig entcharakterisierte Christen durchaus nichts mehr zu sagen haben.
+
+Ich schlage keine Rückkehr zur Antike vor. Ich konstatiere einfach,
+woran unsere Tragödie stirbt: aus Mangel an Charakteren. Das Christentum
+ist nicht allein für diese Nivellierungsarbeit verantwortlich, von der
+Kierkegaard sagt: «Die Nivellierung ist nicht von Gott, und jeder gute
+Mensch dürfte Augenblicke kennen, da er über dieses Werk der Verwüstung
+weinen möchte.» -- Für jene, über die die Begehrungen siegreich sind,
+ist es nicht schwierig an Götter zu glauben. Sie sind wahrhaft Götter,
+so lange sie herrschen; um sie der Gefälschtheit zu überführen, ist es
+schon nötig, daß die Einheit einer despotischen Vernunft sie verdrängt.
+Das ist die Erfindung einer Moralität, die aus dem Olymp eine Wüste
+machte. Der Monotheismus ist im Menschen, bevor außerhalb ihm ein Gott
+ist. In sich selber und bevor er seinen Glauben ins Blaue wirft, fühlt
+der Mensch Gott oder Götter. Antike oder Christentum -- das ist zuerst
+eine Psychologie, dann erst eine Metaphysik. Die Antike war gleicherzeit
+der Triumph des Individualismus und der Glaube, daß der Mensch sich
+nicht anders machen kann, als er ist. Das war die gute Schule des
+Theaters.
+
+Noch einmal: Ich schlage hier nicht die unmögliche Rückkehr zur Antike
+vor; ich kann auch nicht kühl Ende und Tod des Theaters konstatieren --
+aber es liegt mir daran, an dem, was heute das Theater tötet, zu
+erkennen, was es lebendig machen könnte, denn es ist nicht der
+Niedergang der dramatischen Kunst, an den ich glaube, sondern ihr
+Aufgang, den ich fast sehe.
+
+Das Mittel, das Theater dem Episodismus zu entreißen, ist: ihm wieder
+Zwänge finden. Das Mittel, das Theater aufs Neue mit Charakteren zu
+beleben, ist: es wieder vom Leben entfernen.
+
+Ich könnte leicht sagen, man solle uns die Freiheit der Sitten geben und
+der Zwang der Kunst würde folgen; man möge die Hypokrisie des Lebens
+unterdrücken, und die Maske stiege wieder auf die Bühne. Aber da nun
+schon die Sittlichkeiten und Moralen immer noch nicht hören wollen, so
+ist es am Künstler, den Anfang zu machen. Ich habe einige Hoffnung, daß
+die Moralen folgen; und deshalb:
+
+Es ist klar, daß die neuen gesellschaftlichen Formen, die neuen
+Verteilungen des Besitzes, unvorhergesehene äußere Einschüsse viel für
+die Bildung der Charaktere bedeuten; doch glaube ich, daß man all dieser
+Dinge formgebende Bedeutung überschätzt: ich gebe ihnen nur die
+Bedeutung des Aufdeckens, Enthüllens. Alles ist immer im Menschen
+gewesen, mehr oder weniger offen oder verborgen -- und was da die neue
+Zeit aufdeckt, wacht nur unter dem Blicke auf, doch war schlafend da in
+aller Zeit. Wie ich glaube, daß auch in unserer Zeit noch Prinzessinnen
+von Cleve und Celadone existieren, so bin ich überzeugt, daß es Adolphe,
+Rastignac und sogar Julien Sorel lange gab, bevor sie in den Büchern
+erschienen. Mehr noch: ich glaube, indem ich die Menschheit über die
+Rasse setze, daß man auch anderswo als in Petersburg, in Brüssel zum
+Beispiel oder in Paris Nedjanoff, Karamasoff und Anna Karenina finden
+kann. Aber so lange die Stimmen dieser nicht im Buch, auf der Bühne
+festgehalten, sind, sind sie verschlossen, erstickt unter dem Mantel der
+Sitten und warten auf ihre Stunde. Man horcht auf die Welt und hört
+diese Stimmen nicht, denn die Welt hört nur auf die, deren Stimme sie
+erkennt, und diese neuen Stimmen sind erstickt, unterdrückt. Man schaut
+auf den schwarzen Mantel der Sittlichkeiten und sieht nicht was
+darunter. Und: diese neuen Formen der Menschheit kennen sich selber
+nicht. Wie viele heimliche Werter kannten sich nicht und mußten erst auf
+die Kugel des Goethe'schen Werter warten, um sich zu töten! Wie viele
+verborgene Helden, die nur auf das Beispiel eines Helden in einem Buche
+warten, auf einen daraus zu ihrem Leben hin entsprungenen Funken um zu
+leben, auf sein Wort, um zu sprechen! Ist es nicht das, was wir vom
+Theater hoffen, daß es der Menschheit neue Formen des Heldentums gibt,
+neue Helden?
+
+Und hier stoße ich auf eine letzte Schwierigkeit: unsere heutige
+Gesellschaft gestattet uns eine einzige Form des Heldentums (wenn das
+noch Heldentum ist): den Heroismus der Resignation, des Hinnehmens;
+deshalb ist es, daß wenn ein so mächtiger Schöpfer von Charakteren wie
+Ibsen über die Menschen seines Theaters den traurigen Mantel unserer
+Sittlichkeiten legt, er mit gleicher Hand seine heldenhaftesten Helden
+zum Bankerott verurteilt. Ganz notwendigerweise zeigt uns sein
+außerordentliches Theater Heldenbankerotte auf der ganzen Linie. Wie
+hätte er es anders gemacht, ohne sich von der Wirklichkeit zu entfernen
+-- oder ebensogut, wenn nämlich die Wirklichkeit den Helden, den
+vortretenden dramatischen Helden erlaubte? Diese kühne Arbeit eines
+Prometheus, eines Pygmalion glaube ich jenen aufbewahrt, die beherzt
+einen tiefen weiten Graben vor der Rampe ziehn, die Bühne vom Saal, von
+der Wirklichkeit die Erfindung, vom Zuschauer den Schauspieler und vom
+Mantel der sittlichen Konvenienzen den Helden weit trennen.
+
+«Die langsame und unendliche Zeit, sagt der Ajax des Sophokles, bringt
+ans Licht alles Verborgene und verbirgt was im Licht war, und nichts ist
+was nicht kommen kann.» Wir erwarten von der Menschheit neues, das ans
+Licht kommt. Oft behalten jene, die das Wort ergreifen, es schrecklich
+lang; die noch stummen Generationen sind ungeduldig in Schweigen. Die da
+sprechen und meinen, sie repräsentierten die Menschheit ihrer Zeit,
+sollen nicht vergessen, daß andere warten und daß sie es dann nicht mehr
+haben für lange, haben jene andern einmal das Wort genommen. Heute
+gehört jenen das Wort, die noch nicht gesprochen haben. Welche sind es?
+Das wird uns das Theater sagen.
+
+Ich denke an das «offene Meer», von dem Nietzsche spricht, an das vom
+Menschen noch unentdeckte Land voll neuer Gefahren und Überraschungen
+für den kühnen Seefahrer. Ich denke was die Fahrten waren vor den Karten
+und ohne das genaue und begrenzte Repertoire des Gekannten. Und ich lese
+die Worte Sindbads wieder: «Nun schleuderte der Kapitän seinen Turban zu
+Boden, schlug sich ins Gesicht, raufte seinen Bart und warf sich in
+unsäglichem Schmerze auf dem Verdecke des Schiffes hin. Alle Reisenden
+und Kaufleute umringten ihn fragend, was all das bedeute. Der Kapitän
+sagte: Wir sind mit unserm Schiff vom rechten Wege ab, aus dem Meere, in
+dem wir waren, in eines gekommen, dessen Wege wir kaum kennen.» Ich
+denke an das Schiff des Sindbad -- und daß unser Theater die
+Wirklichkeit verlasse und den Anker hebe.
+
+
+
+
+DER KÖNIG CANDAULES
+
+
+
+
+Personen:
+
+
+ Candaules
+ Gyges
+ Phedros
+ Syphax
+ Nicomedes
+ Pharnaces
+ Philebos
+ Simmias
+ Sebas
+ Archelaos
+ Der Koch
+ Nyssia
+ Trydo
+
+ Diener und Musikanten. -- Zu alten Zeiten in Lydien.
+
+
+
+
+ERSTER AKT
+
+ Die Szene stellt einen Teil eines wohlgepflegten Gartens dar, der zu
+ einem Festsaal verwandelt ist. Etwas nach rechts ist eine Tafel reich
+ gedeckt.
+
+
+Prolog:
+
+GYGES: Der, der ein Glück hält, soll sich gut verstecken! Und besser
+noch: sein Glück vor Andern. Hier wird Candaules seine Schmeichler
+lehren, an seinem Reichtum reich zu werden. Ich kann nicht schmeicheln,
+nicht schön reden, und stärker als meine Zunge sind meine Arme. Ich, der
+arme Gyges, hab' nichts, als vier Dinge auf der Welt: Meine Hütte, mein
+Netz, mein Weib und meine Armut. Ein Fünftes noch: die Kraft, mit der
+ich mir meine Hütte und meinen Stolz baute, die sich am Strand die
+Binsen brach, mein Haus zu decken. Ebbt das Meer, so sammle ich den Tang
+-- getrocknet gibt er ein rauhes duftendes Lager, auf dem wir müde ruhn,
+ich und mein Weib. Zum Morgenaufgang zieh' ich aus, im einen Arm mein
+Netz, im andern meine Kraft. Ich fing den Fisch hier. Ich fing ihn, mein
+Weib, das wird ihn braten; seit zwei Tagen arbeitet sie draußen in den
+Palastküchen. -- Wie wenn sein Glück ihm zu groß für einen einzelnen
+Menschen schiene, ruft der freigebige Candaules die Könige und Großen
+seines Reiches um sich. Man feiert Feste. -- Ehemals kannte ich, der
+arme Gyges, Candaules, den König. Wir sind gleichen Alters und da wir
+beide jung waren, kam der kleine Candaules oft herab zur Küste und
+spielte da. Er spielte und wollte alle seine Spiele mit mir teilen, denn
+er hatte ein gebendes Wesen. Er erinnert sich nicht mehr daran, weil er
+reich ist, aber in dem Leben eines Armen bleibt alles. Seit jener Zeit
+sah ich ihn nicht mehr. Doch liebe ich Candaules und leide daran, daß
+ich ihn von solchen schamlosen Schmeichlern und Dummköpfen umgeben sehe,
+die seine gütige Art nützen und ihn preisen, ohne ihn verstehen zu
+können. Es lebe Candaules! Alle schönen Redensarten der Schmarotzer sind
+nicht das eine «Danke!» wert, das ihnen der König gibt. Aber was macht
+es Candaules, daß ich ihn liebe? Der Blick der Mächtigen schaut über die
+Kleinen weg und sieht sie nicht. Drum geh' ich, wenn auch zum Feste in
+den Küchen eingeladen, das endet spät, und später noch der Rausch. Und
+morgen fehl' ich dann den Fang. -- Auf Gyges du Stolzer, Gyges du
+Nüchterner, trag deine nassen Netze in die Küche; dann warte an der Tür
+-- schau' nicht viel um -- bis daß dein Weib die Teller abgewaschen und
+mit dir geht in's Haus des Fischers Gyges. Komm', Gyges.
+
+ (Er geht ab.)
+
+
+Erste Szene.
+
+ Der Koch und mehrere Diener mit Schüsseln treten ein.
+
+DER KOCH: Überallhin Früchte ... He! Gyges! Du gehst?... Nein, nicht
+hierher den Salat!... Gyges, bleib doch bei uns. Der König lädt' heut'
+Alles, was vorbeikommt in sein Haus. Ich lade Dich im Namen der ganzen
+Küche. Der König will, daß heute so viel Wein vergossen werde, daß er
+bis auf unsere Tische fließt und daß der kleinste Küchenjunge betrunken
+darunter liegt.
+
+GYGES (der mit seinen Netzen beladen zurückkommt): Ich bin kein Diener
+des Königs.
+
+DER KOCH: Was macht das? -- Wenn des Königs Tisch zu voll ist und
+überläuft: mach' Dir's zu Nutzen.
+
+GYGES: Es gefällt mir nicht, den König zu nutzen. (Er geht ab nach
+links.)
+
+DER KOCH: Was für ein Tölpel! -- Ein Glück, daß sein Weib es leichter
+nimmt. (Zu den Dienern): Eilt Euch, eilt Euch!
+
+ (Sebas und Archelaos sind eingetreten und gehen umher.)
+
+SEBAS (nimmt eine Feige und ißt sie): Haben wir gute Plätze?
+
+DER KOCH (zeigt ihm einen Platz):
+
+SEBAS: Nah bei den Flötenspielerinnen, hoff' ich.
+
+DER KOCH: 's gibt heut' keine.
+
+SEBAS und ARCHELAOS: Oh!
+
+DER KOCH: Die Königin will keine.
+
+ARCHELAOS: Da werden wir uns mit dem Anblick der Königin trösten.
+
+SEBAS: Sie wird also beim Fest sein?
+
+DER KOCH: Das erste Mal, daß sie sich öffentlich zeigt.
+
+SEBAS: Weshalb verbirgt sie sich? -- Hält sie sich für zu häßlich?
+
+ARCHELAOS: Im Gegenteil: für zu schön.
+
+SEBAS: Stolz also?
+
+ARCHELAOS: Scham.
+
+ (Beide lachen.)
+
+SEBAS (nimmt wieder Feigen, ißt und reicht dem Archelaos davon): Das
+macht Appetit! -- Ich bin verzweifelt, mein teurer Archelaos: Sie geht
+wieder!
+
+ARCHELAOS: Wer denn?
+
+SEBAS: Die Köchin!
+
+ARCHELAOS: Dein Schatz von gestern Abend?
+
+SEBAS: Ihr Mann holt sie nach dem Essen.
+
+ARCHELAOS: Das tut mir leid für Dich.
+
+SEBAS: Es tut mir leid für sie, das arme Kind ... (Sie entfernen sich.)
+Also Flötenspielerinnen ...
+
+ (Man hört):
+
+ARCHELAOS: ... Was ein Narr!!
+
+ (Nicomedes, Syphax, Pharnaces treten auf.)
+
+NICOMEDES: Das kleine Fest kündet sich nicht übel an, mein lieber
+Syphax. Was denkst Du?
+
+SYPHAX: Bess'res vom Fest als von Candaules.
+
+PHARNACES: Und doch ist er besser als das Fest.
+
+NICOMEDES: Glaubst Du?
+
+PHARNACES: Gewiß -- denn dieses Fest läßt uns nur einen Candaules sehn,
+während Candaules uns viele Feste sehen läßt.
+
+DER KOCH (zu den Dienern): Feigen hierher.
+
+SYPHAX (kommt mit Nicomedes vor): Ich fange wirklich an zu glauben, daß
+es weder Politik noch Dummheit ist, was den König veranlaßt, uns mit
+Festen und Geschenken zu überschütten, es ist vielmehr, wie Du es
+sagtest, so eine Art unentschiedener Gnädigkeit.
+
+NICOMEDES (bestätigt): Das ist es.
+
+DER KOCH: Da fehlen noch zwei Becher.
+
+SYPHAX (fortfahrend): Und das ist gerade, was mich geniert. So lang ich
+auch den König schon verachte, ich nahm seine Geschenke gern; aber wenn
+er wirklich der ist, den ich ihn zu glauben anfange, so bin ich es, den
+ich nun verachten will.
+
+NICOMEDES: Ach laß doch! Du nimmst doch nichts sonst, als was er Dir
+anbietet. Komme das Gute nun vom Himmel oder vom Menschen -- die Wohltat
+freudig hinnehmen, das ist das Geheimnis des Glücks.
+
+DER KOCH: Nun ist wohl alles fertig.
+
+ (Er zieht sich mit den Dienern zurück. -- Die Herren entfernen sich.)
+
+ Phedros und Simmias, freundschaftlich verschlungen, Philebos.
+
+PHEDROS: Nein, glaub' mir, Lieber: Der König Candaules ist weiser als Du
+zugibst. Es ist eine große Weisheit, sich für glücklich zu halten.
+
+SIMMIAS: Ist er denn wirklich glücklich, oder scheint er es bloß?
+
+PHEDROS: Noch mehr Weisheit braucht es dazu, glücklich zu scheinen.
+
+PHILEBOS: Sich glücklich glauben, ist mehr wert, als es zu sein suchen.
+
+PHEDROS: Trotz aller seiner Schätze, weiß er doch den Wert der
+Freundschaft. Er weiß, sie ist nicht mit Gold zu kaufen. So macht er
+sich wenig aus der Freundschaft seiner Schmeichler und schätzt nach
+ihrem Preis ihre Worte, und bezahlt er sie, so tut er's ohne Glauben.
+Mehr noch -- ich sah ihn gegen nichts sonst aufgebracht, als gegen diese
+süßen Worte.
+
+PHILEBOS: Wenn eines noch sein Glück beunruhigt, ist es dies, um sich
+und eben wegen seines Reichtums nur Höflinge zu spüren -- und nicht
+einen Freund.
+
+SIMMIAS: Er hat seine Frau.
+
+PHILEBOS: Die Frau -- der Freund ist nicht dasselbe.
+
+SIMMIAS: Man sagt, er liebe sie leidenschaftlich.
+
+PHEDROS: Da tut er recht.
+
+SIMMIAS: Man sagt, sie sei ganz wunderbar schön.
+
+PHILEBOS: Nur hat sie noch niemand sehen können.
+
+SIMMIAS: Man sagt, sie würde heut' Abend beim Fest erscheinen.
+
+PHILEBOS und PHEDROS: Wer sagt das?
+
+ (Währenddem ist Candaules mit einigen der Herren nähergekommen. Er
+ hört die letzten Worte, und)
+
+SIMMIAS (wendet sich zu ihm und sagt): Aber Candaules selbst.
+
+
+Zweite Szene.
+
+CANDAULES: Ja, Candaules sagt es. Ja, die Königin Nyssia wird an diesem
+Abend das Fest schmücken. -- Ein köstlicher Abend ... die Schönheit
+dieses Tages wuchs bis zu dieser Stunde, wie eine Freudenhymne, die bis
+zum höchsten Klingen stieg, daß sie die Sinne kaum mehr noch vernehmen.
+Nun ruhigt alles und verklingt ... doch draußen da, auf der kleinen
+Terrasse, kaum eine Stunde ists her, da war's ein Schwelgen, Wollust ...
+Ihr hättet mit uns kommen sollen, süßer Philebos. Der Lorbeer unten
+steht in Blüten und ist im Schatten ein Duft davon ...
+
+SYPHAX, NICOMEDES und PHARNACES: ... köstlich.
+
+CANDAULES (immer zu Philebos, der sich noch zu Phedros und Simmias
+hält): Ihr geniert Phedros und Simmias.
+
+SIMMIAS (lächelnd): Oh ... nicht ...
+
+CANDAULES: Die Beiden -- ja, von denen verlange ich nicht, daß sie mit
+mir kommen. Ihre Freundschaft sucht die Einsamkeit und füllt sie aus.
+Ich bin eifersüchtig auf Deine Freundschaft, schöner Simmias. Sie ist
+kostbarer als all mein Gut, und ich will, daß all mein Gut sie schütze.
+Sebas, für Dich ließ ich von weit her weiße Feigen pflücken, ich mag es
+gern, daß Dein guter Geschmack sie den andern vorzieht -- Du findest sie
+wie ich süßer und duftender. Pharnaces, Dein Witz hat mich unterhalten,
+morgen mußt Du mir die Geschichte weitererzählen. Die Verse, die Du mir
+lasest, lieber Syphax, sind hübsch, ich werde sie in Musik setzen
+lassen. -- Armer Archelaos, diesen Abend gibt es keine Flötenspielerinnen
+... die Königin wird da sein ... Siehst Du sie wieder an
+wie gestern, wird ihre Scham es ungern merken. Werte Herren, --
+verzeiht, ich schäme mich des Verlangens: daß Ihr bedacht in Euren Reden
+seid: die Königin wird hier sein. Gleich komme ich mit ihr. (Er entfernt
+sich, kommt indes ein Weniges zurück.) Was für ein köstlicher Abend!...
+Wir hatten, süßer Philebos, auf der Terrasse, die süßesten Sorbetts, die
+Du träumen kannst ... -- O Fülle meines Glückes! Wie hätte ich an meinen
+Sinnen allein genug, es zu erschöpfen! So sei Euch, Ihr Herren, Dank
+dafür, daß Ihr mir helft, das Ende dieses Tages auszupressen, wie den
+Saft der Traube, alles, was der Tag an Trunkenheit und Glück enthält.
+Eine Freude, mit Euch geteilt, ist zwiefach. -- Und morgen wiederholen
+wir diesen schönen Tag ... (Er geht.)
+
+SYPHAX: Candaules ist doch wundervoll!
+
+ARCHELAOS: Er ist schön.
+
+SEBAS: Er ist groß.
+
+NICOMEDES: Seine Art, uns zu empfangen, ist einfach glänzend.
+
+PHARNACES: Ja, wahrhaftig, das ist sie.
+
+SYPHAX: Wir müssen dann gleich auf das Glück des Candaules trinken.
+
+PHARNACES: Das ist gefährlich, Syphax.
+
+SYPHAX: Für wen? -- Für mich?
+
+PHARNACES: Für ihn.
+
+SYPHAX: Ah! Woher könnte ihm das Unglück kommen?
+
+NICOMEDES: Vielleicht von seiner Frau.
+
+PHEDROS: Es gibt keine, die treuer wäre.
+
+PHILEBOS: Oder ... von ihm selbst ...
+
+SIMMIAS: Still! Schweig -- da sind sie.
+
+
+Dritte Szene.
+
+CANDAULES (zur Königin): Schlage den Schleier zurück: Alle sind meine
+Freunde.
+
+DIE KÖNIGIN: So viele Freunde, hoher Herr! Ich wußt Euch reich, doch
+dacht' ich Euch es nicht so sehr. Und seien Alle mir willkommen, da Ihr
+mich neben ihnen an diesem Tische wollt.
+
+ (Alle setzen sich. Eine gewisse Verlegenheit folgt den Worten der
+ Königin.)
+
+[Illustration: Sitzordnung]
+
+ARCHELAOS (zu Pharnaces): So sprich doch was!
+
+PHARNACES (halblaut): Ich weiß nicht, was sagen, als daß die Königin
+sehr schön ist.
+
+ARCHELAOS (zu Philebos): Sprich Du ...
+
+PHILEBOS (macht eine stumme Geste).
+
+DIE KÖNIGIN: Wie das? Ihr schweigt -- ist's meinetwegen? Wie groß auch
+mein Vergnügen sei, dem, was Candaules will, zu dienen und ich mich, wie
+ich's tat, an diese Tafel setzte -- könnt' ich denken, daß ich die
+Festfreude nur in Etwas störte, so stünde ich wohl gleich auf und ginge
+wieder, denn die laute Freude ist besser hier am Platze als die Königin.
+
+NICOMEDES: Nichts wag' ich sonst der Königin zu sagen, als dieses, daß
+es die ungewohnte Schönheit ihres Angesichts, die jeden von uns so sehr
+in Staunen setzt, daß unser Schweigen nichts anderes ist als stumm
+schauende Bewunderung.
+
+CANDAULES: Laß, Nicomedes! Das ists gerade, was die Königin nicht wollte
+und fürchtete: daß man sie preist. -- Nyssia, ich bitt' Euch, antwortet
+ihnen. Wacht Ihr mir darüber nicht, passiert's den Herren, daß sie dem
+Feste nichts sonst bieten als ein langweiliges Hin und Her von
+wohlgesetzten Komplimenten und Worten ohne Witz und Laune. Wohl macht
+das Ungewohnte Eurer Gegenwart so sie leicht gezwungen, ängstlich. Doch
+glaubt mir, sonst wissen sie wohl bessere Worte, leichtere Rede. Mög'
+Euer Witz ihnen gnädig zuhülfe kommen, das Übel heilen, das Eure
+Schönheit ihnen antat ... wir wollen ein Fest begehen.
+
+DIE KÖNIGIN: Ist wirklich mein Gesicht die Schuld daran, mein hoher
+Herr, ist's leicht zu machen, daß es nicht mehr schade. Erlaubt, daß ich
+vor seiner Röte einen Schleier lege, den ich nur gezwungen hob, vor
+Andern als vor Euch.
+
+CANDAULES (erregt): Nein, Nyssia, nein ... noch solche Worte mehr und
+unser Fest ist ohne Freude. Schlag' den Schleier zurück, Nyssia. Und
+wir, Ihr Herren, wir trinken den ersten Becher auf die Freude! Die
+Freude dieses Festes schläft noch, auf! Der Lärm der Stimmen soll sie
+wecken! -- (Bewegung.) Nyssia! -- trink auch, Nyssia!
+
+SYPHAX: Sprech ich im Namen Aller?
+
+EINIGE: Sprich, Syphax, sprich zu!
+
+CANDAULES: Füll' erst Deinen Becher wieder.
+
+SYPHAX: Im Namen von Candaules' Freunden bringe ich dies der vollendeten
+Schönheit von Nyssia, Candaules Weib ...
+
+CANDAULES: Laß, Syphax!...
+
+SYPHAX: Und dem Candaules, der ein so seltenes Gut sein Eigen nennt und,
+statt es zu verbergen und für sich allein zu halten, erlaubt, daß unsere
+ehrfurchtsvollen und entzückten Blicke sich dran berauschen.
+
+EINIGE (heben ihren Becher): Gut! Gut gesagt, Syphax! Es lebe Candaules!
+
+CANDAULES: Nicht doch, meine Werten! Ihr sollt mir es nicht danken, daß
+ich diesem Feste die Schönheit der Königin gewähre. Wahrhaftig: ich litt
+zu sehr daran, sie nur allein zu kennen. Je mehr mein Staunen vor ihr
+wuchs, so mehr fühlte ich auch, wie ich Euch Alle darum beraube. Wie ein
+habsüchtiger Wuch'rer kam ich mir vor, der ohne Recht das Licht
+zurückhält.
+
+PHARNACES: Ohne Recht, Candaules? Ist es nicht Recht, daß jeder sein Gut
+verwendet, wie es ihm beliebt?
+
+CANDAULES: Vielleicht, -- doch war mir, als täte ich Diebstahl an dem
+Gut, mit dem ich ganz allein zur Freude war.
+
+SEBAS: Man kann einen sublimen Gedanken nicht schöner ausdrücken.
+
+DIE KÖNIGIN (zu Candaules): Ihr scheint, Gebieter, zu vergessen, daß
+_ich_ das Gut bin, von dem man spricht.
+
+CANDAULES: Verzeiht, Ihr gebt den Worten falschen Sinn! Ich dachte,
+Nyssia, an Euch nicht mehr und was ich sagte, sagte ich nur so im
+allgemeinen.
+
+PHILEBOS: Und Ihr, Frau Königin was denkt Ihr von dem Mitbesitz und
+Teilen?
+
+SIMMIAS (zu Phedros): Philebos ist sehr kühn.
+
+DIE KÖNIGIN (zu Philebos): Ich denke, man tötet lieber manches Glück,
+als daß man's teilen könnte.
+
+ (Das Fest wird nach und nach belebter. -- Die Stimmen drängen sich,
+ und Sebas, Phedros und Candaules antworten fast gleichzeitig.)
+
+CANDAULES (gereizt, als ob er nur die Antwort der Königin gehört hätte):
+Es kommt d'rauf an, mit wem ...
+
+PHEDROS (zu Simmias): Hast Du gehört, wie fein die Königin das gab?
+
+SEBAS: Man kann nicht hübscher auf eine doch so heikle Frage antworten.
+
+CANDAULES: Laß, Sebas! Gieb Dich lieber mit den Feigen ab. (Er wirft ihm
+eine zu.) Phedros! Du trinkst nicht? Reich' mir Deinen Becher, komm! Ich
+habe mir vorgenommen, Euch Alle auf die Probe zu stellen.
+
+NICOMEDES: Uns auf die Probe, Candaules? -- Und womit?
+
+CANDAULES: Mit dem Rausch.
+
+PHEDROS: Ich bin ein trauriger Trinker, und aller Rausch erschrickt
+mich. Erlaß es mir, Candaules.
+
+CANDAULES: Was fürchtest Du, Phedros? Der Rausch zeigt nichts sonst, als
+was wir in uns tragen. Was fürchtest Du ihn, der Du nur Edles in Dir
+hast? Die Trunkenheit entstellt nicht, übertreibt nur, nein, sie zeigt
+von jedem, was er sonst aus falscher Scham verborgen hält: Dir Phedros
+Deine Klugheit; dem Pharnaces und Syphax ihren Witz, dem Archelaos --
+nichts, dem Sebas die Feigen, mit denen er sich vollstopft.
+
+PHEDROS: Der König fängt an, viel zu sprechen.
+
+CANDAULES (zu den Dienern): Zerlegt den Fisch!
+
+NICOMEDES: Wenn er nur braun genug ist.
+
+CANDAULES: Ich wette, er war dort im Meer daheim, wo sich die
+Sommersonne zur Ruhe legt. Seht ...
+
+DER KOCH (zeigt den Fisch).
+
+ARCHELAOS: Es ist ganz köstlich.
+
+DER KOCH: Es ist ein Goldkarpfen.
+
+CANDAULES: Trinken wir auf die Pracht dieses Fisches! Und Du, Pharnaces,
+machst uns die Verse auf den Karpfen!
+
+PHARNACES: Der König scheint zu vergessen, daß die Fische stumm sind.
+
+SYPHAX: Nicht alle! Man erzählt von einem der Orakel gab.
+
+PHARNACES: Mach Du die Verse, Syphax!...
+
+EINIGE: Den Spruch! Die Verse!
+
+SYPHAX: Paßt auf ... um so schlimmer, wenn sie schlecht sind:
+
+ Du Sonne, deren letzten Strahlen
+ Dich Karpfen durchaus goldig malen,
+ Laß auch den Dichter ohne Qualen
+ Dir diesen Spruch als Dank bezahlen.
+
+PHARNACES und CANDAULES: Bravo, Syphax!
+
+NICOMEDES: Hoffen wir, der Fisch ist besser als das Gedicht. (Man reicht
+den Fisch.)
+
+CANDAULES: Wie findet Ihr ihn, Pharnaces? Archelaos?
+
+PHARNACES: Ausgezeichnet ...
+
+ARCHELAOS (mit einem Schrei): Hölle! Was ist das? -- Beinahe hätt' ich
+einen Ring gegessen!
+
+NICOMEDES und ANDERE: Einen Ring? --
+
+ARCHELAOS: Und habe mir zwei Zähne daran ausgebrochen.
+
+SYPHAX (leise): Was ein gefräßiges Tier!
+
+ARCHELAOS: Er war im Fleisch des Fischs versteckt. Ihr lacht dazu?!
+
+SYPHAX und ANDERE (lebhaft widersprechend): Durchaus nicht! Nicht im
+geringsten!
+
+SEBAS: Du nimmst eben zu große Bissen.
+
+ARCHELAOS: Ich hätte dran ersticken können.
+
+SYPHAX: Mindestens.
+
+NICOMEDES: Zeig' doch den Ring.
+
+PHILEBOS (gibt ihn ihm): Er ist nicht übel.
+
+NICOMEDES (nimmt ihn in der Reihe): Im Fisch, sagst Du?
+
+SYPHAX: Höchst sonderbare Nahrung.
+
+NICOMEDES: Der Stein darin ist hübsch.
+
+CANDAULES: Ein ganz gewöhnlicher Saphir, nichts weiter. Ich hab' mehr
+solche, größer noch und reiner. Morgen sollst Du sie sehen, Nicomedes.
+
+SYPHAX (zu dem nun der Ring, der die Runde gemacht, gekommen): Wem
+gehört er nun, der Ring?
+
+ARCHELAOS: Mir gab ihn der Fisch und ich geb ihn dem König.
+
+SYPHAX: Für Archelaos ist das Wort sehr hübsch.
+
+EINIGE: Dem König den Ring, dem Candaules!
+
+PHEDROS (der den Ring genommen, um ihn dem König zu geben): Halt, da ist
+was eingeschrieben.
+
+NICOMEDES (neigt sich schauend zu Phedros): Syphax hat Recht: der
+Karpfen hat gesprochen.
+
+DIE KÖNIGIN und CANDAULES: Was sagt er?
+
+NICOMEDES: Ich seh' nicht deutlich.
+
+PHEDROS: Pharnaces hat scharfe Augen.
+
+PHARNACES (erhebt sich und geht mit dem Ring zu einer der Fackeln, die
+die Diener mittlerweile gebracht hatten): Zwei griech'sche Worte.
+
+CANDAULES: Und heißen?
+
+PHARNACES: εὐτυχίαν κρύπτω
+
+PHEDROS: «Ich verberge das Glück.»
+
+EINIGE: «Ich verberge das Glück»? Was für ein Glück?...
+
+NICOMEDES: Das Wort ist dunkel.
+
+PHARNACES (als ob er noch etwas sähe): Wartet! -- Da ... (Alle in
+Erwartung.) Nein -- es ist alles. König Candaules, ich stecke diesen
+rätselvollen Ring an Deinen Finger.
+
+CANDAULES (hält mit einer Geste Pharnaces zurück): Koch! -- Woher kommt
+der Fisch?
+
+DER KOCH: Ein Mensch bracht' ihn vorhin. Der Fisch war schön, so kaufte
+ich ihn.
+
+CANDAULES: Wo ist der Mensch?
+
+DER KOCH: Er ist heim.
+
+CANDAULES: Weshalb hast Du ihn nicht zum Gelage in der Küche
+zurückgehalten?
+
+DER KOCH: Er wollte nicht.
+
+CANDAULES: Ich seh's nicht gern, daß man zurückweist, was ich biete ...
+Was für ein Mensch?
+
+DER KOCH: Ein armer Fischer, weiter besond'res nichts.
+
+CANDAULES: Und Du, Du gabst ihm für den Fisch?
+
+DER KOCH: Vier Silberstücke.
+
+CANDAULES: Gold verdiente er dafür.
+
+DER KOCH: Er ist so unglücklich, daß Silber ihm genug ist.
+
+CANDAULES: Es gibt nur Glückliche in meinem Reich, -- oder es ist, daß
+ich ihn nicht kenne. Wie heißt er?
+
+DER KOCH: Er hat, zu dienen, den Namen Gyges.
+
+CANDAULES: Man suche ihn. Ich will ihn kennen. Ich schwöre es, kein
+Finger kommt in diesen Ring, bevor ich nicht den Mann gesehn. Gyges
+sagst Du?
+
+DER KOCH: Ja, Gyges.
+
+CANDAULES: Bevor ich nicht mit Gyges, dem Fischer, gesprochen. Geh!
+Such' ihn!
+
+DER KOCH (gibt einem Mann Befehle): Auf der Stelle.
+
+ (Ein ziemlich langes Schweigen begleitet das Schweigen des Königs.
+ Dann hört man):
+
+SEBAS: Es ist luftiger hier als drinnen im Saal.
+
+PHILEBOS: Und diese Stelle hier im Garten ist wundervoll zur Nacht.
+
+NICOMEDES: Was für ein Blick! Ich hab' es gern, wenn man so bis aufs
+Meer sieht: -- wo sich, da seht, der wachsende Mond heraufhebt.
+
+NYSSIA: Was ist das für ein Leuchten?
+
+PHILEBOS: Es ist der Mond, hohe Frau.
+
+NYSSIA: Nein! Da, da unten, ganz am Rand der Küste.
+
+PHARNACES: Man möchte sagen, eine Hütte brennt.
+
+NICOMEDES: Es sieht sehr schön aus, so in der Nacht, das Brennen.
+
+SEBAS: Diese Fasane sind vorzüglich.
+
+ARCHELAOS: Ich habe eine Wachtel genommen.
+
+SYPHAX: Candaules spricht kein Wort und scheint bekümmert.
+
+CANDAULES: Man sieht fast nichts mehr ... bringt Fackeln, mehr Fackeln.
+(Man bringt Fackeln.) -- Mein Becher ist leer. Der Eure auch. Philebos!
+Pharnaces ... der Wein verdirbt.
+
+(Philebos, dem man Wein eingießen will, weist zurück.) Und wenn Du schon
+nicht trinkst, so sprich -- ich bin voll Unruh ... dies Wort im Ring ...
+was denkst Du davon? Philebos? Ich kann mein Denken nicht davon wenden.
+
+PHILEBOS: Weshalb, Candaules? Ich glaube, nichts weiter ist's als
+solcher doppelsinniger Worte Spiel, wie sie im Brauche der Orakel. Was
+sie Geheimnisvolles haben, ist nur der Glaube, den man ihnen gibt. Mit
+vieler Mühe findet man am Ende nichts weiter in dem Rätsel als eine ganz
+gemeine Alltagswahrheit.
+
+PHARNACES: Und öfter noch findet man überhaupt nichts.
+
+CANDAULES: So meint Ihr, die Worte wollen fast nichts sagen?
+
+PHILEBOS: «Ich verberge das Glück» --? Nein ... nichts.
+
+CANDAULES: So besser so. Ich hätte mich davon beunruhigen lassen.
+
+NICOMEDES: Und dann, wenn Worte dieser Art schon einem nüchternen
+Menschen widerspenstig scheinen, sind wir, der eine nicht und nicht der
+andere, glaub' ich, jetzt im Stand, das Rätsel zu lösen.
+
+SYPHAX: Du hast recht, Nicomedes! Trinken wir kurz und gut auf das Glück
+des Candaules. Er macht es dem Ring nicht nach, er verbirgt sein Glück
+nicht, im Gegenteil! --
+
+PHARNACES (erhebt sich, um mit den Anderen anzustoßen): Es lebe
+Candaules, der glücklichste Mensch der Erde!
+
+CANDAULES (schlägt mit der Faust heftig auf den Tisch): Was! Mein Glück!
+Was wißt ihr von meinem Glück!? Was!
+
+PHEDROS: Nichts, Candaules.
+
+CANDAULES (sich besinnend): Verzeiht, Ihr werten Herren -- ich weiß
+nicht, was mich so bewegen konnte ... Und Ihr, Nyssia, die Ihr schweigt,
+wenn man an Euch nicht ganz besonders das Wort richtet -- sagt, was
+denkt Ihr von meinem Glück?
+
+NYSSIA: Daß es ist wie ich, hoher Herr.
+
+CANDAULES (von Neuem erregt): Rätsel! Wieder Rätsel! -- Was meint Ihr
+damit? Sprecht!
+
+NYSSIA: Ich wollte sagen, das Glück verwelkt, wird es entschleiert.
+
+CANDAULES (in dem der Wein zu wirken beginnt): So bedeckt Euch! Es liegt
+mir nichts mehr daran nun Jeder Euch gesehen hat.
+
+NYSSIA (macht eine Bewegung traurigen Erstaunens).
+
+CANDAULES: O, verzeiht, Nyssia!... Was habe ich sagen können? Ach
+Schmerz ... ich will Euch keinen Schmerz antun. Doch weil mein Glück,
+weil mir mein unverborg'nes Glück im Andern seine Kraft und seine
+Heftigkeit zu schöpfen scheint, so kommt's mir vor, oft kommt's mir vor,
+es existierte nur im Wissen, daß die Andern davon haben und daß ich's
+erst besitze, wenn Andere wissen, daß ich es besitze. Dies schwör' ich
+Euch, Ihr Freunde, wenig läg' mir daran, die Erde mein zu nennen, wär'
+ich allein auf ihr und keiner da, der wüßte, daß die Erde _mein_ ist.
+Glaubt mir dies: ich fühle meinen Reichtum nur, da Ihr ihn nützt. Ich
+bin so reich ...! Kein Rausch ist stark genug, daß er mich dieses
+übertreiben machte: ich bin sehr reich. Und da ich vorhin unwillig ward,
+als Ihr mein Wohl, das Wohl des reichsten Menschen dieser Erde tranket,
+so war es nur, weil Ihr ja gar nicht wißt, wie reich ich bin.
+
+PHEDROS: Nicht auf Deinen Reichtum tranken wir, Candaules, wir tranken
+auf Dein Glück.
+
+CANDAULES (beugt sich vor, sich ereifernd): Das ist das Schlimm're! Was?
+Was wißt Ihr von meinem Glück? Weiß ich denn selbst davon? Kann man sein
+Glück denn ansehn, greifen? Man sieht nur das der Anderen. Das eigene
+fühlt man nur, wenn man's nicht ansieht. -- Die Luft ist schwül heut
+Nacht und ihre Wollust drückend ... Und dieser Gyges! Was ist's mit ihm!
+(Er erhebt sich und schwankt ein wenig, aber ganz wenig.) Wenn Gyges
+kommt, so wollen wir ihn betrunken machen. (Man gießt ihm ein. -- Er
+nähert sich Phedros.) Und Du weißt nicht, Phedros, noch nicht weißt Du
+-- ein Geheimnis ...
+
+ (Er setzt sich zwischen Phedros und Simmias. Die Tafel ist etwas in
+ Unordnung, wie bei unsern Mahlzeiten, wenn der Kaffee gereicht wird.
+ Nicomedes nähert sich der Königin und spricht zu ihr.)
+
+CANDAULES (zu Phedros): Und dann -- was liegt mir, mir am Glück? Nicht
+wahr, 's ist nur des Armen würdig, sich zu beschäftigen mit dem
+Glücklichsein. Sag, verstehst Du mich, Phedros? Und Deine Weisheit,
+unterschreibt sie, was ich nur Dir sagen kann? Jedes neue Gut, das man
+besitzt, es schleppt sein neues Verlangen nach, es zu probieren, es zu
+wagen ... Und Besitzen, das ist für mich Versuchen, Wagen. (Er schlägt
+mit seinem Becher auf den Tisch und hört auf den Ton.) Warum sagst Du
+nichts, Phedros? Hast Du nichts getrunken? Phedros, ist Dein Glück denn
+in der Ruhe? Hab' ich mehr Weisheit, als Du Philosoph, um zu verstehen,
+daß, nur wo das Leben überfließt, das Glück ist? O Phedros! Für mehr
+Glück und mehr Leben verbraucht sich der Mensch, wenn er arm ist, im
+Verlangen -- das ist die eine Art, verstehst Du? Aber nichts verlangen,
+nein: Arbeiten für das, was man verlangt. Und wenn man es hat, es wagen.
+Verstehst Du. Das Glück auf's Spiel setzen -- das ist die andere Art,
+die Art der Reichen. Das ist die meine. Ich bin so reich, Phedros, und
+des Lebens so voll ...
+
+SIMMIAS: Wäre Dein Glück eine Freundschaft, Du sprächst nicht davon, mit
+diesem Glück zu spielen, Candaules: aber eine Freundschaft, das ist es,
+was Dir fehlt.
+
+CANDAULES: Du hast recht. Um wieviel Schätze, schöner Simmias, kaufte
+ich nicht die Deine!
+
+DER KOCH (kommt mit Gyges, von links.)
+
+DER KOCH: König, hier ist der Fischer.
+
+CANDAULES (von der rechten Seite des Tisches, wo er sich
+niedergelassen): Also Du bist Gyges?
+
+GYGES: Ja, ich bin Gyges, König Candaules.
+
+CANDAULES: Gyges, der Fischer.
+
+GYGES: Ja, Gyges der Fischer.
+
+CANDAULES: Gyges, der Arme.
+
+GYGES: Gyges, der Arme, König Candaules.
+
+ARCHELAOS: Er ist nicht sehr gesprächig.
+
+SEBAS: Das hat er von den Fischen.
+
+CANDAULES: Laß, Sebas, -- Komm näher, Gyges. Warum bist Du nicht beim
+Gelage in den Küchen?
+
+GYGES (antwortet nicht).
+
+CANDAULES: Man reiche ihm einen Becher. Trinkst Du manchmal Wein?
+
+GYGES: Sozusagen nie.
+
+CANDAULES: Trink! (Er sieht einen Sklaven gewöhnlichen Wein eingießen.)
+Nein! Nicht von dem! Bessern.
+
+PHARNACES: He! Das schmeckt, Gyges!
+
+CANDAULES: Laß, Pharnaces! Ist es wahr, daß Du so unglücklich bist,
+Gyges?
+
+GYGES: Nein, nicht unglücklich -- elend.
+
+CANDAULES: Bist Du sehr arm?
+
+GYGES: Ich habe, was ich brauche.
+
+SYPHAX: Für einen Fischer ist er gar nicht so dumm.
+
+CANDAULES: Was hast Du denn?
+
+GYGES: Ich hatte ein kleines Haus. Aber mein Weib kam aus Deinen Küchen,
+König, und hatte sich da ein wenig betrunken. Sie wollte das Herdfeuer
+aufschüren, mir meine Suppe zu wärmen. Sie brachte Feuer an's Stroh und,
+ich weiß nicht wie es kam, die Hütte war wohl ausgedörrt -- Alles
+brannte nieder.
+
+CANDAULES: Hattest Du sonst nichts, Gyges?
+
+GYGES: Meine Netze -- sie verbrannten in der Hütte.
+
+CANDAULES: Wie kann auf dieser selben Erde, neben einem Glück wie dem
+meinen, wie kann ein solches Elend sein?... Ich will Dein Weib sehen
+armer Gyges.
+
+ARCHELAOS: Und ich auch.
+
+GYGES: Sie sehen? -- Leicht, Candaules, sie ist nicht weit. Ich wollte
+sie nicht allein lassen, denn sie ist betrunken, so nahm ich sie mit
+mir. (Gyges ab.)
+
+SEBAS (stößt Archelaos mit dem Ellenbogen, leise): Archelaos, das gibt
+zu lachen! S' ist _die_! Du weißt, mein Schatz von gestern Nacht.
+
+ARCHELAOS: Ich bin gespannt. (Zu Pharnaces.) Candaules hat da wahrhaftig
+einen wunderbaren Einfall! (Zu Sebas.) Ist sie wenigstens schön?
+
+SEBAS: Was willst Du! Ein Fischerweib!
+
+PHARNACES: Na weißt Du, ich hab' schon Bäuerinnen gesehen, die nicht ...
+
+PHEDROS (sieht Gyges mit seinem Weibe kommen; die ist wie eine Wilde,
+das Haar wirr und schlecht gekleidet): O König, was Du tust, ist
+gefährlich!
+
+GYGES: Hier, werte Herren, ist das Weib des Gyges.
+
+ARCHELAOS (lacht).
+
+CANDAULES: Wie heißt sie?
+
+GYGES: Ich ruf' sie Trydo.
+
+SEBAS: Haha, hätt ich das gewußt! Trydo! Trydo!
+
+CANDAULES: Gebt Frieden! (Leise.) Laßt mich gut zu diesem Menschen
+sprechen. Nun, armer Gyges, das ist alles, was Du hast?
+
+GYGES: Besser das Wenige, aber das für mich allein.
+
+SEBAS (platzt heraus, zu Archelaos): Paß auf!
+
+GYGES: Vier Dinge waren mein Eigen, ich hab' nur mehr zwei. Man hält
+zwei Dinge besser in den Händen als vier.
+
+CANDAULES: Was sind das für zwei Dinge, tapfrer Gyges?
+
+GYGES: Das eine ist mein Weib.
+
+SEBAS (kann sich nicht mehr halten): Ach, mein lieber Gyges, was das
+Weib betrifft, da kannst Du sicher sein, daß Du es nicht allein
+besitzest.
+
+CANDAULES (entrüstet): Sebas!
+
+SEBAS: Nein. Aber es darf doch dieses Schwein nicht kommen und sich
+stolz vor mir machen und sagen, daß er das Weib da allein hat ...
+
+CANDAULES: Sebas!
+
+SEBAS: Wenn sie, während er seinen gehörnten Fisch fängt, (Archelaos
+krümmt sich vor Lachen) nicht, Trydo, he? Gestern in der Küche ...
+
+NYSSIA (zu Candaules): Aber, mein Gebieter, das ist ja fürchterlich ...
+
+CANDAULES: Ich bitt' Euch, Nyssia. Ich werde es nicht dulden, daß man
+diesen Mann beschimpft.
+
+GYGES: Danke, Candaules. -- Und Du, Herr, dessen Namen ich gar nicht
+kenne und den zu kennen mich wahrhaftig nicht verlangt -- Du vermagst
+viel über mich, ich über Dich -- nichts. Aber ich vermag alles über die
+da. Sie gehört mir, sag ich Dir. (Er reißt ein Messer vom Tisch und
+sticht auf Trydo.) Sie gehört mir! -- (Bewegung.) Sie gehört mir!
+
+NYSSIA: Haltet ihn doch!
+
+NICOMEDES: Archelaos! Sebas! Haltet ihn doch!
+
+SEBAS (der sich erhoben, verwickelt sich mit seinen Beinen in seine
+Kleider und rollt, völlig betrunken, unter den Tisch).
+
+NYSSIA (erhebt sich und will gehen).
+
+NICOMEDES (versucht, sie zurückzuhalten.)
+
+PHARNACES: Dieser Mensch ist scheußlich!...
+
+CANDAULES: Nein, Pharnaces, wunderbar ist er! Und vornehmer als Du,
+Sebas. -- Sebas! Wo ist er denn?
+
+NICOMEDES: Er ist unter den Tisch geflüchtet.
+
+CANDAULES: Laß ihn, Pharnaces, er ist besser dort, als anderswo. Nyssia!
+Ihr geht?
+
+NYSSIA (ab).
+
+GYGES (der eine Weile neben seinem toten Weibe steht, will fort.)
+
+CANDAULES: Bleib! Bleib! Gyges! Gyges!
+
+GYGES: Nein, Herr.
+
+CANDAULES: Gyges!
+
+GYGES: Nein. -- Nichts hab' ich mehr als eines -- das kann mir keiner
+rauben. (Fragende Geste des Candaules) Mein Elend!
+
+CANDAULES: Ja, Gyges; und der es von Dir nimmt, bin ich, Dein Herr.
+
+GYGES: Ich bin nicht Dein Knecht, o König.
+
+CANDAULES: Das sagst Du gut. Ihr hörtet es, Philebos und Phedros. Nein,
+Du bist mein Knecht nicht, Gyges, und ich bin nicht Dein Herr; Dein
+Freund! (Zu den Dienern) Man richte im Palast ein Gemach für ihn. -- Die
+Tafel ist aufgehoben, meine Herren. Heute wird wohl keiner mehr trinken
+wollen.
+
+ Vorhang schnell.
+
+
+
+
+ZWEITER AKT
+
+ Die Szene ist ein Gemach im Palaste, offen nach links und da von einer
+ Terrasse abgeschlossen, auf der Musikanten ihren Platz haben.
+ CANDAULES und GYGES sitzen noch beim Schluß eines Mahles, fast
+ ausgestreckt auf niedrigen Stühlen. GYGES ist glänzend gekleidet. Die
+ Musikanten spielen.
+
+
+Erste Szene.
+
+CANDAULES: Nun quält mich die Musik. Hört auf! Gyges weiß nun, was ihr
+könnt. Jede Regung hat nichts sonst Köstliches als ihre Überraschung.
+Unsere Freude gleicht dem beweglichen Wasser des Stromes -- es dankt die
+Frische seiner währenden Flucht. (Zu den Musikanten.) Geht und zerstreut
+die Gäste in den Gärten. Entschuldigt mich bei ihnen. Und daß ich später
+in der Nacht noch komme. Versucht mit Eurem leichten Spiel, sie wach zu
+halten. (Die Musikanten ab.) Deckt ab! (Die Diener beeilen sich damit.)
+Den süßen Wein laßt da ... Vielleicht trinkt Gyges noch davon ... Gib
+Deinen Becher, Gyges. -- Er kommt von Cypern. -- Liebst Du ihn? (Zu den
+Dienern, die abseits stehen.) Bringt uns bald Licht. Der Abend schließt
+sich. Geht! (Die Diener ab. Candaules rückt Gyges näher.) Freund Gyges!
+So mußtest Du, wenn Dir das Meer nicht gnädig war, hungrig zu Bett.
+
+GYGES: Ja, Candaules. Es gibt in Deinen Ländern mehr als einen Armen,
+der öfter als an einem Abend ohne Mahl sein Lager aufsucht.
+
+CANDAULES: Das hätt' ich früher wissen mögen.
+
+GYGES: Wozu?
+
+CANDAULES: Vielleicht -- um mich darum zu kümmern.
+
+GYGES: Um Dein Glück Dir zu verderben?...
+
+CANDAULES: Nein, nein -- mein Glück hätte das Elend besiegt ... Ich
+glaubte es so groß, so strahlend groß, daß neben ihm nichts Armes
+möglich wäre.
+
+GYGES: Was Du für mich getan, das hättest Du so auch getan, so ohne mich
+zu kennen?
+
+CANDAULES: Selbst ohne Dich zu kennen, ja, wahrhaftig.
+
+GYGES (wendet sich traurig ab): So siehst Du, daß Freundschaft zwischen
+uns nicht sein kann.
+
+CANDAULES: Weshalb denn? Sag!
+
+GYGES: Was Du für mich getan, das tatest Du aus Mitleid. Man hat nicht
+Freundschaft, man hat nur Mitleid mit den Armen.
+
+CANDAULES: Arm! Bist Du's denn noch? Steh' auf und sieh Dich an! Dein
+Kleid ist doch ein anderes. Glänzender Gyges, wer wollte Dir jetzt wohl
+sein Mitleid schenken? (Gyges hat sich erhoben, er betrachtet sein
+kostbares Gewand, doch sieht bekümmert und wendet sich von Candaules.)
+Nimm diese Kette ... (Er nimmt eine seiner Halsketten ab und will sie
+Gyges umhängen, der abwehrt.) Ich will es. (Gyges trägt nun die Kette
+und setzt sich wieder. Candaules neben ihm, eindringlich): Glaubst Du
+mich reich?
+
+GYGES: Ja.
+
+CANDAULES: Sehr reich?
+
+GYGES: Ja, sehr reich.
+
+CANDAULES: Dann sag mir noch, ... wie ... wie reich?
+
+GYGES: Ich weiß, so weit mein Blick reicht, ist Dein Land.
+
+CANDAULES: O größer, Gyges, viel größer!
+
+GYGES: Man sagt, Du habest Inseln auf dem Meer.
+
+CANDAULES: Meine schwerbeladenen Schiffe kommen her von dort ... Doch,
+das ist nur ein kleiner Teil ... Kannst Du Dir denken, wie viel Gold in
+meinen Kellern liegt?
+
+GYGES: Fast so viel, denk' ich, als den Armen fehlt.
+
+CANDAULES: Sprich mir nicht von den Armen, Gyges, ich kann sie reich
+machen wie Könige und würd' es doch kaum spüren in meinem Schatzhause.
+Morgen sollst Du es sehen. Deine Hütte war eng, Gyges, nicht wahr?
+
+GYGES: Eng und niedrig, ja, Candaules.
+
+CANDAULES: Und Geschmeide, glaubst Du, daß ich Geschmeide habe?
+
+GYGES: Du zeigtest mir sehr schöne ...
+
+CANDAULES: Ich habe noch schönere, Du wirst sehen. Was trinkst Du für
+gewöhnlich?
+
+GYGES: Wasser.
+
+CANDAULES: Schmeckt Dir der Wein?
+
+GYGES: Er mag nicht schlecht sein.
+
+CANDAULES: Ich habe besseren.
+
+GYGES (zieht seinen Kopf aus seinen Händen): König Candaules, weshalb
+hältst Du so viel darauf, daß ich Deinen Reichtum kenne?
+
+CANDAULES: Damit Dich die Freundschaft freut, die Dich von all den
+Schätzen genießen läßt.
+
+GYGES: Ich dachte, die Freundschaft, die Du wolltest, war nicht die
+Deines Reichtumes, aber Deiner selbst ...
+
+CANDAULES: Laß Deinen Spott, Gyges. Und wehr' Dich nicht gegen das
+Glück. Was liegt daran, daß Einer gibt, der Andere nimmt, wo Beide sich
+desselben Gutes freuen? Hör': Unmut und Kummer ist in mir, so lang' Du
+nicht die ganze Fülle meines Reichtums kennst.
+
+GYGES: Viel besitzt Du, dessen Namen nichts für mich bedeutet. Was
+nanntest Du mir alle Deine Schätze? Wie sie schmecken, läßt sich das
+denken? Was man nicht haben kann, ist besser, nicht daran zu denken.
+
+CANDAULES: Aber ich geb' Dir alles das ... Alles ... Alles ... O Gyges,
+zu lang unglücklicher Gyges. Ich möchte heut' Dein Glück größer als je
+Dein Unglück groß war und Dein Schmerz. (Die Diener bringen Fackeln und
+gehen ab. Schweigen.) An was denkt mein Freund?... Um diese Stunde, was
+tat er gestern? Müde von der bittern Welle, trauriger Fischer
+
+GYGES (unterbrechend): Kam er in seine Hütte, wo Trydo ihn erwartete.
+
+CANDAULES: Trydo ... ja -- Du trauerst um sie! Armer Gyges ... Komm zu
+mir, sag -- Du liebtest sie? (Gyges schweigt.) Hast Du für mich nur eine
+Freundschaft, die kein Vertrauen kennt? -- Mein Freund Gyges, sag,
+sprich doch ... Du liebtest sie? -- Gyges?
+
+GYGES (legt den Kopf in die Hände und bebt): Die Winternächte war sie
+warm in meinem Bett ... Ich sagte zu ihr: Trydo; und sie sprach:
+Meister. -- Ich glaubte, sie liebte mich, und ich war glücklich.
+
+CANDAULES: Armer Gyges! (Er hat sich erhoben, geht langsam den Saal nach
+rückwärts, leise.) Was flüsterst Du mir da zu, unruhiger Gedanke? (Er
+löscht entschlossen einige Fackeln; dann wendet er sich, noch immer
+rückwärts, zu Gyges.) Gyges -- weißt Du, weshalb mich die Liebe zu Dir
+faßte? -- Du allein hast die Schönheit der Königin verstanden ... Bevor
+Du sie sahest, konntest Du glauben, Dein Weib sei schön ... Aber ich
+weiß es, kaum daß Du Nyssia sahest, da schien Dir auch Trydo nicht mehr
+schön. (Er kommt Gyges näher.) Deshalb ... hast Du sie getötet, nicht
+wahr, Gyges?
+
+GYGES: Wie kannst Du das denken, o König!
+
+CANDAULES: Fing ich Dich, Gyges?
+
+GYGES: So wahr ich an Gott glaube, dies ist nicht so.
+
+CANDAULES (nimmt wieder sein Gehen auf): Du glaubst an Gott?
+
+GYGES: Ich glaube.
+
+CANDAULES: Ich nicht viel. -- Einfach Du selber kannst Du auch nur
+Einfaches denken, ich aber ... (leise) lauter, sprich lauter, mein
+jüngster Gedanke! Wohin willst Du mich führen? Herrlicher Candaules ...
+(Er schreitet im Gemach, löscht wieder eine Fackel, dann zu Gyges
+gewandt.) Also wirklich deshalb, weil ... So war es Dir so arg, zu
+wissen, daß Dein Weib nicht Dir allein gehörte?
+
+GYGES: Dafür hab' ich sie getötet -- und weil ich den Andern nicht töten
+konnte.
+
+CANDAULES: Stolzer Gyges!... Sonderbar ... muß man so wenig sein Eigen
+nennen, um es so für sich allein zu wollen?... Aber -- wenn der Andere
+Dein Freund gewesen wäre?
+
+GYGES: O König, wie könnte ein Freund daran denken, mich zu betrügen?
+
+CANDAULES: Ja ... aber, wenn er es täte, ohne Dich zu betrügen?
+
+GYGES: Ich verstehe Dich nicht mehr, Candaules.
+
+CANDAULES: ... Also Du hast die Königin nicht gesehen?
+
+GYGES: Ein wenig, ja ... doch hab' ich sie nicht angesehen.
+
+CANDAULES: Dann sahst Du sie nicht. -- Man kann den Blick nicht von ihr
+wenden, sieht man sie. (Leiser.) Sie weiß das. Sie will nicht mehr, daß
+man sie sieht. -- Sie sagte zu mir: Dies erste Mal, daß ich mich zeige,
+sei auch das letzte Mal. (Noch näher zu Gyges und noch leiser.) Gyges
+... willst Du sie sehn, die Königin?
+
+GYGES (erhebt sich, wie ermüdet): Nun bin ich müde, laß mich gehn.
+
+CANDAULES (hält ihn am Gewand zurück): Gyges ... verlangt es Dich, die
+Königin zu sehn?
+
+GYGES (macht sich los): Nein.
+
+CANDAULES: Gyges, ich will Dir Nyssia zeigen.
+
+GYGES (wendet sich heftig zu Candaules): Aber ich will sie nicht sehn.
+
+CANDAULES (leise): Ach! Wenn Du sie angesehen hättest ...!
+
+GYGES: Liebst Du sie denn nicht?
+
+CANDAULES: Oh -- mehr als mich selbst! Sie dürfte es auch nicht wissen
+... Und wie sie mich liebt ...! Das soll Dir ihre Schönheit sagen --
+doch hör's ganz leise: (Er neigt sich Gyges ans Ohr.) Niemals, niemals
+hab' ich nach anderen Frauen begehrt ... Ihr Antlitz, was ist ihr
+Antlitz ... Wenn Du wüßtest, Gyges!... Und ihre Wollust ... Und wenn Du
+sie da hörtest ... Ich leide, hör' ich ein andres Weib loben und sag' zu
+mir: das ist nur, weil sie Nyssia nicht kennen. -- Gyges ... willst Du
+Nyssia kennen?
+
+GYGES: Du willst mich auf die Probe stellen? -- Ich versteh' Dich nicht.
+
+CANDAULES: So schlimmer. Lassen wir's. Das Kleinod, das ich Dir um den
+Nacken legte, -- alle meine Diener kennen es und gehorchen dem, der es
+trägt. Es ist des Königs Halsband und ich schenk' es Dir. Zweifelst Du
+noch an meiner Freundschaft?
+
+GYGES: So lange Du es bist, der immer gibt: ja ... Entlaß mich nun, ich
+möchte schlafen.
+
+CANDAULES (ein wenig erregt): Später, später! -- Bleib, Gyges. Hör: --
+Du hast mir auch etwas gegeben.
+
+GYGES: Ich?
+
+CANDAULES: So setz' Dich doch!... Bleib noch ein wenig. (Gyges setzt
+sich halb.) Siehst Du den Ring? Gestern noch, da machte ich nicht viel
+daraus. Nur, weil ich seinen Wert nicht kannte. Doch waren da zwei Worte
+eingegraben, die machten mich, wie auch die sonderbare Herkunft unruhig.
+Er war im Fleisch des Fisches, den Du gestern fingst. Einer fand ihn in
+einem Bissen und gab ihn mir. Ich aber war erstaunt, verwirrt, und tat
+den Schwur, nicht früher den Ring an meine Hand zu stecken, bevor ich
+nicht den Fischer sprach, dem wir den Fisch auf unserer Tafel dankten.
+-- Du kamst. Wir sprachen. Und des Mahles blutiges Ende ließ mich den
+Ring vergessen, bis heute Morgen -- ich war mit meinen Gästen -- da
+steckt' ich ihn gedankenlos an meinen Finger. Auf einmal: «Wohin entfloh
+Candaules?» sprach einer. Ein anderer: «Er war im Augenblick noch unter
+uns», «Wo ist er? Wo steckt er denn? Er ist verschwunden, fort!» Und
+doch hatt' ich mich nicht vom Fleck gerührt. Ich sah die Herren neben
+mir, ganz nah, wie ich bei Dir ... doch sie, sie sahn mich nicht. Und
+voll Entzücken ward ich betäubend so gewahr, daß mich der Ring
+unsichtbar machte. Stark genug, kein Wort zu sagen, schlich ich mich
+leise aus ihrer Mitte, und dachte gleich: der Ring, der ist von Gyges,
+meinem Freund, dem ich ihn schulde. -- Da ist er!
+
+GYGES: Wär' ich _so_ Dein Freund, Candaules?
+
+CANDAULES: Da -- sieh mich an. (Er steckt sehr deutlich auffallend den
+Ring an den Finger.)
+
+GYGES: Oh! Wie ein Körnchen Salz, so schmilzst Du weg. -- Die Luft, sie
+schließt sich über Dich -- -- Du verschwandest ... Candaules? Bist Du
+da? -- Wo bist Du denn?... Candaules ... (Sehr deutlich auffallend zieht
+Candaules den Ring vom Finger. -- Es ist völlig unnütz, daß Candaules
+durch irgendwelche Maschinerie auch immer aus dem Blick der Zuschauer
+verschwindet. Worte und Gesten des Gyges genügen, anzuzeigen, daß er
+Candaules nicht mehr sieht. -- Da Candaules seinen Ring wieder abgezogen
+hat, wirft sich Gyges vor dem König zu Füßen und zeigt so, daß er ihn
+wieder sieht.) Ah! meine Augen!... Da bist Du! -- Du verschwandest und
+erschienest wieder wie ein Gott, Candaules.
+
+CANDAULES: Nicht wie ein Gott, Gyges -- wie Du selber, wenn Du diesen
+Ring an Deinen Finger steckst ... da ...
+
+GYGES (besieht furchtsam den Ring und wagt es, ihn an den Finger zu
+stecken.)
+
+CANDAULES: Wunder! Ein Traum entflieht nicht schneller den Augen des
+aufgewachten Schläfers ... Geheimnisvoller Ring, verschwunden mit dem,
+den Du verschwinden läßt, schütze das Glück meines Freundes Gyges und
+verbirg es! -- Bleib verborgen, Gyges!... Still! -- Ich höre Nyssia! (Er
+wendet sich auf ungefähr gegen den Platz, auf dem er Gyges gelassen und
+der leer ist, da Gyges, wie erfüllt von Entsetzen, zurückgewichen) Bleib
+verborgen, Gyges. -- Halt fest den Ring an Deinem Finger. Sei still! Sei
+wie die Luft unsichtbar. (Er löscht noch eine Fackel. Der Saal ist nur
+noch ganz schwach erleuchtet von einer Fackel und dem Dämmer der Nacht,
+der von der Terrasse kommt.) Seid Ihr es, Nyssia?
+
+NYSSIA (draußen:) Geliebter?
+
+CANDAULES: Kommt Ihr?
+
+NYSSIA: Langsam. -- Die Nacht ist schön ... Komm, Candaules, sieh, was
+eine Süßigkeit hier draußen ...
+
+CANDAULES (horcht auf die Worte, bleibt unbeweglich, wie bebend in
+trauriger Lust ... Wie zu sich spricht er und wie in Tränen): Nyssia?
+Meine Liebe -- Nyssia, meine Geliebte! -- Halte Dich, halte Dich,
+schwankender Gedanke!... Wein! Ist noch genug?... (Er trinkt.) Ich wurde
+schwach ... (Dann -- ins Unbestimmte, Leere.) Bleib' still! -- Ich tu'
+Unsinniges ...
+
+
+Zweite Szene.
+
+ Nyssia kommt langsam, doch bleibt sie noch auf der Terrasse, die nur
+ der Mond beleuchtet. Im Gemach selber nur eine Fackel. Ihr unsichtbar
+ und instinktiv erschauert Gyges, da er Nyssia auf die Terrasse treten
+ sieht; er geht ganz leise nach links und bleibt während der ganzen
+ Szene halb im Dunkel verborgen. Candaules ist Nyssia entgegengegangen.
+
+NYSSIA: Ich wär' schon lang bei Euch, doch glaubte ich Euch nicht
+allein. Es kam mir vor von Weitem, als hörte ich Euch sprechen.
+
+CANDAULES: Ich sprach laut Verse von Syphax.
+
+NYSSIA: Weshalb ließt Ihr die Gäste heut' allein?
+
+CANDAULES: Sie fingen an, mich zu ermüden.
+
+NYSSIA: Seit sie hier sind, sah ich Euch fast kaum ... Ihr wißt nicht
+mehr allein zu sein. Liebt Ihr die Einsamkeit nicht mehr?
+
+CANDAULES: Nein.
+
+NYSSIA: Und fühlt Euch einsam auch mit mir?
+
+CANDAULES: O Nyssia!
+
+NYSSIA: Horcht! -- Eure Musikanten in den Gärten -- weshalb habt Ihr sie
+denn hinabgeschickt?
+
+CANDAULES: Nur, um mit Euch allein zu sein ...
+
+NYSSIA: Von ferne so ist die Musik sehr schön -- der Abendwind bringt
+sie uns her und trägt sie fort -- horcht! -- -- nun hört man nichts
+sonst als die Stille. (Am Arm des Candaules und immer zärtlicher an ihn
+geschmiegt.) Wie waren diese Tage, diese Nächte mir ohne Euch so lang!
+
+CANDAULES: Und mir nicht anders. Ich bin der Worte müd', des Singens,
+Lachens und warte nicht das Ende ab, zu Euch zu kommen.
+
+NYSSIA: Und meine Liebe hungert, da Ihr fern seid, und ich leide, nicht
+mehr mit Euch allein zu sein. Ihr habt mich so an's Glück verwöhnt,
+Geliebter, so viel Ihr für mich tatet.
+
+CANDAULES: Meine Nyssia, für Dich zu viel? Mehr jeden Tag und jeden Tag
+verliebter. Manchmal erschreck' ich, daß ich so wenig Deiner Lust zu
+finden weiß. Ach Alles, was Verliebtes diese Erde schuf, ich wollt', es
+sei von mir erschaffen. Doch -- was tun?...
+
+NYSSIA: Mich lieben.
+
+CANDAULES: Ich bete zu Dir, Nyssia. Komm -- es wird kühl hier. (Er
+nimmt, nachdem er einen schweren Vorhang vor die Terrasse so gezogen,
+daß nur ein schmaler Streifen Licht von draußen hereinfällt, Nyssia den
+Königsmantel von den Schultern.)
+
+NYSSIA (wie sich hingebend): Lösch' dieses Licht.
+
+CANDAULES (hält die Bewegung auf, die sie gegen die eine Fackel hin
+macht): Laß -- ich will Dich sehen.
+
+NYSSIA: Eure Blicke wollen mich glauben machen, daß Ihr an mir nur meine
+Schönheit liebt. (Sie lacht und will selbst die Fackel löschen.)
+
+CANDAULES (heftiger): Laß! Laß! sag' ich Dir.
+
+NYSSIA (wie in einem Spiel): Dann will ich ein Versprechen,
+Candaules -- --
+
+CANDAULES (wie eingehend auf das Spiel): Ich verspreche --
+
+NYSSIA: Was?
+
+CANDAULES (löst am Kleid der Nyssia und geheimnisvoll gegen Gyges
+hingewandt, scheint er nicht zu achten, was er sagt): Was immer --: Ich
+versprach! -- Alles, was Du willst. Was nun?
+
+NYSSIA (läßt das erste Kleid fallen:) Daß Du nie mehr meinen Schleier
+hebst vor anderen Augen als den Deinen --
+
+CANDAULES (wankt wie in Schmerz).
+
+NYSSIA: Was hast Du?
+
+CANDAULES (sinkt wie betäubt auf einen Sitz): Ich weiß nicht -- Gib mir,
+ich bitte Dich, ein wenig Wein ... 's ist nichts. -- (Nyssia zum Tisch,
+von ihm fort.) Was hab' ich mir auch zugetraut? -- Ich kann nicht mehr
+... (Er preßt die Fäuste an sich.) Candaules, Du bist schwach! Wer sonst
+kann das als Du?
+
+NYSSIA (reicht ihm zu trinken): Ihr fühlt Euch besser?
+
+CANDAULES: Ja, ja. 's ist besser. Ich dank' Dir. (Er trinkt.)
+
+NYSSIA (in einem anderen Ton): Ich mag Philebos nicht, er ist zu dreist.
+
+CANDAULES: Und Phedros -- gefällt er Dir?
+
+NYSSIA: Ich sah ihn nicht ganz gut. Der welche war es?
+
+CANDAULES: Macht nichts. -- Und Nicomedes?
+
+NYSSIA: Langweilte mich. -- Doch sprechen wir nicht mehr von denen. --
+Ich bin so müd. (Währenddem hat sie sich allmählich entkleidet. Sie
+richtet ihr Haar. Dann setzt sie sich auf's Bett, ganz im Hintergrunde
+des Gemachs, um ihre Sandalen abzustreifen.)
+
+CANDAULES (vor ihr auf den Knieen): Laß mich Dir selber die Bänder
+lösen. (Das Haar Nyssia's fällt aufgelöst über den knieenden Candaules.)
+Das lieb' ich, so über mir Dein Haar ...
+
+NYSSIA: Und der arme Fischer -- was ist aus ihm geworden? Sag. -- Was
+gibst Du keine Antwort? Ich denke, Du hast sein Elend wohl getröstet ...
+
+CANDAULES: Sei still.
+
+NYSSIA: Weshalb denn soll ich still sein? Glaubst Du, ich kenne Deine
+Güte nicht?
+
+CANDAULES: Nyssia!...
+
+NYSSIA: Wie heißt er doch? Was sprichst Du nicht?
+
+CANDAULES: Ich weiß nicht mehr.
+
+NYSSIA: Der Unglückselige. -- Was er getan hat, das war furchtbar. -- Er
+tut mir leid, trotzdem ... O, wie kann dies eine Frau ...? Er hat ganz
+Recht getan, als er das Messer in sie stieß ... Zwei Männern zu gehören
+-- o, das ist furchtbar.
+
+CANDAULES: So sprich doch leiser, Nyssia!
+
+NYSSIA: Weshalb denn leiser?
+
+CANDAULES: Die Worte tun mir weh.
+
+NYSSIA: Verzeih! Ich will auch schon gar nicht mehr daran denken.
+Vergessen wir, daß man je untreu sein könnte ... Candaules ... mein
+Geliebter ...
+
+CANDAULES: Nyssia, Geliebte ...
+
+NYSSIA (vollendet ihre Nachttoilette): Ich kann die Öse da nicht lösen
+-- mach sie auf! (Fernes Singen wird hörbar.) Hörst Du das Singen?
+
+CANDAULES: Die Gäste sind's die mich erwarten. Sie finden die Nacht weit
+vorgeschritten und ich versprach, sie heute noch zu sehen.
+
+NYSSIA: Wenn Du sie heute ließest, sag?
+
+CANDAULES (der fort will): Bloß einen Augenblick -- geh' nun zu Bett,
+Nyssia -- gleich bin ich wieder bei Dir ... schlaf ... wie bist Du
+herrlich, Nyssia!
+
+ (Nyssia ist fast völlig entkleidet. Gyges betrachtet sie wider seinen
+ Willen, und kommt näher; man fühlt den Kampf und wie er nicht hinsehen
+ will. Im Augenblick, da Nyssia ihren letzten Schleier fallen läßt,
+ geht er auf die Fackel zu und wirft sie zu Boden. Dunkelheit, nur der
+ dämmerige Streifen von der Terrasse her, quer über die Bühne.)
+
+CANDAULES: Gyges!
+
+NYSSIA (bedeckt sich erschrocken): Was ist das?
+
+CANDAULES (sehr erregt und trunken von seinem Tun): Nichts; nichts. Sei
+unbesorgt -- im Gehen warf ich die Fackel um. -- Schlaf, ich bin gleich
+zurück.
+
+NYSSIA (legt sich auf's Bett.)
+
+STIMMEN (von draußen): Candaules! König Candaules! Du wirst erwartet!
+
+CANDAULES (ruft): Ich komme. (Er stößt auf Gyges, der gleichfalls fort
+will, völlig fassungslos, den Mantel vor dem Gesicht.)
+
+CANDAULES (leise): Bist Du's Gyges?
+
+GYGES (sehr leise): Ja, ich bin's.
+
+CANDAULES (befehlend): Bleib! -- (Leise.) Und nun sei alles um mich
+glücklich! (Ab.)
+
+ Vorhang.
+
+
+
+
+DRITTER AKT
+
+ Dieselbe Szene und Anordnung wie im ersten Akte. Syphax, Nicomedes und
+ Pharnaces unterhalten sich rechts.
+
+SYPHAX: Und wie gefällt Dir diese Huldigung? Ihr Schluß besonders:
+
+ Der Schenk, der kümmert nicht den Zecher,
+ Doch ist der Schenk Candaules,
+ So reich' ich gerne ihm den Becher.
+
+NICOMEDES: Ja, ja, Deine Verse sind ganz nett, aber ich sehe nicht,
+worin sie sich an Candaules mehr wenden als an irgendwen.
+
+PHARNACES: Und ich seh nicht ein, was Dich das geniert. Was wir an einem
+Menschen rühmen, sind die Eigenschaften, die ihm nicht eigentlich
+gehören. Was wir an Candaules lieben, ist sein Reichtum ... (Die Anderen
+widersprechen.) und seine Freigebigkeit natürlich. Wäre er nicht
+freigebig, so hätten wir nichts von seinem Reichtum, aber wäre er nicht
+reich, was hätten wir dann von seiner Freigebigkeit?
+
+NICOMEDES: (lacht.)
+
+SYPHAX: Und er wäre nicht der Candaules meines Gedichtes.
+
+NICOMEDES (wiederholt):
+
+ Doch ist der Schenk Candaules,
+ So reich' ich gerne ihm den Becher.
+
+Ich, wenn ich Flasche wäre, ich würde mich bei Candaules bedanken, daß
+er mich so vielen Leuten auf einmal zur Ergetzung gibt.
+
+PHEDROS und SIMMIAS (sind von rückwärts gekommen, sie bleiben etwas
+abseits von den Anderen.)
+
+PHEDROS: Und wenn die Flasche sprechen könnte und sagen: ich möchte
+lieber von Nicomedes als von Candaules getrunken sein, er schmeckt
+besser, vielleicht hätte es Candaules dann weniger eilig, sie in Dein
+Glas zu leeren.
+
+PHARNACES: Mein lieber Phedros, nur der schlechte Wein sagt uns: ich
+möchte von einem Andern getrunken werden. Der gute Wein hat zu mir immer
+gesagt ...
+
+SYPHAX (unterbricht ihn und zieht ihn am Mantel): Spar Deinen Witz.
+Kommt mit mir, ich les' Euch meine Verse. Es bleibt uns vor dem Mahl
+nicht mehr viel Zeit. Kommt Ihr mit, Simmias und Phedros?
+
+PHEDROS: Nein. Eure Verse werden ohne uns Euch besser vorkommen; Ihr
+werdet glauben, ein ganz persönliches Gefühl viel besser auszudrücken,
+seid Ihr nur zu Dritt.
+
+NICOMEDES: Verzeiht, ich drücke überhaupt nichts aus: ich begleite nur.
+
+PHEDROS: Und wir begleiten nicht. (Die Anderen links ab. Phedros und
+Simmias gehen zu einander). Lassen wir sie, Simmias. Unser Platz ist
+nicht bei ihnen.
+
+SIMMIAS: Ist er es mehr in diesem Hause, Phedros?
+
+PHEDROS: Du hast Recht. Hast Recht! Wir geh'n.
+
+SIMMIAS: Und verlassen Candaules?
+
+PHEDROS: Ich liebe ihn und schätz' ihn hoch. Seit gestern ist er
+schweigsam, schließt sich ein und meidet uns. Was kann ihm auch unser
+Rat, Simmias?
+
+SIMMIAS: So willst Du weg, ganz ohne Abschied?
+
+PHEDROS: Einmal noch möcht' ich mit ihm sprechen, mit ihm allein.
+
+SEBAS und ARCHELAOS: (sind von rechts gekommen; sie prüfen die
+Vorbereitungen zum Mahle).
+
+PHEDROS: Lebt wohl, Sebas, Archelaos! Trinkt und eßt und freut Euch an
+alldem!
+
+SEBAS: Wie? Ihr geht?
+
+PHEDROS: Lebt wohl!
+
+ARCHELAOS: Ihr tut nicht recht.
+
+SEBAS: Seht, schon ist für ein neues Gelage der Tisch gedeckt.
+
+PHEDROS: So bleibt Euch mehr. Komm, Freund.
+
+PHEDROS und SIMMIAS: (links ab).
+
+SEBAS und ARCHELAOS (sehen sich an und zucken die Schulter).
+
+ARCHELAOS: Hast Du Hunger?
+
+SEBAS: Ja.
+
+ARCHELAOS: Schon?
+
+SEBAS (klagend): Archelaos, ich werde fett.
+
+ARCHELAOS: Iß weniger.
+
+SEBAS: Da könnt' ich mager werden.
+
+ARCHELAOS: Dann kannst Du nachher um so mehr essen.
+
+SEBAS: Glaubst Du? Du dürftest wahrhaftig Recht haben. Ich lege diese
+Feige wieder zurück und kann dann mehr davon zu Mittag essen.
+
+PHILEBOS (sehr schnell von rechts): Habt Ihr Pharnaces und Syphax
+gesehen?
+
+ARCHELAOS: Sie waren --
+
+SEBAS (unterbrechend): Da sind sie.
+
+ (Nicomedes, Syphax und Pharnaces kommen von links. Philebos läßt sich
+ auf eine Bank fallen und hält sich erschöpft die Seiten.)
+
+NICOMEDES: Hast Du Candaules gesehen, Philebos? Wir suchen ihn überall.
+
+PHILEBOS: Grad hab' ich ihn verlassen.
+
+SYPHAX: Wo ist er denn?
+
+PHILEBOS: Überall und nirgends. Er streift umher, gehetzt, gejagt ...
+Ach, meine Freunde, Laßt mich lachen! -- Was eine köstliche Geschichte,
+ah -- (Wie außer Atem von Lachen.)
+
+PHARNACES und SEBAS: Was ist? Was soll's?
+
+PHILEBOS: Ihr wißt doch, dieser Ring, an dem Sebas fast erstickt wäre --
+
+ARCHELAOS: Verzeiht, _ich_ wär' beinah' daran erstickt.
+
+PHILEBOS: Das ist ja gleich.
+
+ARCHELAOS: Mir ist das gar nicht gleich.
+
+PHILEBOS: Um so schlimmer. -- Laßt mich erzählen: Du erinnerst Dich
+doch, Pharnaces, an die griechischen Worte, die Du in dem Ring
+geschrieben fandest?
+
+SEBAS: Verzeiht, verzeiht! Die hat Phedros gefunden.
+
+PHILEBOS: Aber -- unterbrecht mich doch nicht immer.
+
+ NICOMEDES: Erzähl! }
+ }
+ PHARNACES: Erzähl' nur! } (Gleichzeitig!)
+ }
+ SYPHAX: Wir sind ganz Ohr! }
+
+PHILEBOS: Ich weiß nicht, wie und wodurch es geschah, daß der König, der
+erst noch so beunruhigt von den eingeritzten Worten war, den Ring in
+seiner Hand vergessen konnte. Ich glaube, Gyges, der Fischer, war die
+Schuld. Ach, Freunde! wünscht Ihr die Fortsetzung? Es ist zu komisch ...
+
+DIE ANDEREN: Erzähl! So sprich doch!
+
+PHILEBOS: Ich weiß gar nicht, gar nicht, wie ich's erzählen soll.
+
+NICOMEDES und PHARNACES: Ach was! Fang einmal an. Erzähl!
+
+PHILEBOS (den das Lachen schüttelt.): Nein ... wenn Ihr den König hättet
+sehen können.
+
+SYPHAX: Weshalb? Was macht er denn?
+
+PHILEBOS: Er sucht.
+
+SYPHAX und PHARNACES: Er sucht? Was sucht er denn?
+
+PHILEBOS: Den Ring! -- -- Hört zu, hört zu ... Es ist das tollste aller
+Abenteuer. (Die Anderen haben sich alle um Philebos gruppiert, der immer
+auf der Bank sitzen bleibt.) Es scheint, daß gestern -- Morgen -- wozu?
+Das weiß ich nicht, und wie? Das weiß ich auch nicht -- kurz, daß
+gestern Morgen Candaules diesen Ring an seinen Finger steckte. Er war
+mit uns. Ihr wißt doch noch, er war mit uns. Und plötzlich war er
+verschwunden und wie wir ihn da suchten --
+
+ARCHELAOS: Ja, ja. Weshalb ging er denn weg?
+
+PHILEBOS: Er ging nicht weg.
+
+PHARNACES, NICOMEDES: Erklär' doch deutlich. Erzähl doch weiter.
+
+PHILEBOS: Scheint, daß der König -- doch Ihr werdet's mir nicht glauben!
+
+DIE ANDEREN: So erzähl' doch! Was war's?
+
+PHILEBOS: Und dieses war der Sinn der beiden griechischen Worte ...
+(Ernst.) Man sieht den nicht mehr, der den Ring am Finger trägt.
+
+NICOMEDES: Was sagst Du da?
+
+PHILEBOS: Der Ring macht seinen Träger unsichtbar.
+
+DIE ANDEREN (lachend): Die Geschichte ist nicht übel.
+
+PHILEBOS: Hört doch das Ende. Und das ist nicht das Hübsche der
+Geschichte. -- Candaules überrascht, sprach nichts. Und da er selber es
+kaum glauben wollte -- so wenigstens hat er mir es gesagt -- wollt' er
+sich von der Macht des Ringes an irgend Einem überzeugen: Der Gyges war
+gerade da, und ohne weiter nach einem Anderen zu suchen, gibt er ihm den
+Ring. Gyges nahm ihn ... nichts mehr!
+
+SEBAS und ARCHELAOS: Wieso? Wieso nichts mehr?
+
+PHILEBOS: Nichts mehr. Hat Gyges seine schnelle Macht verstanden? Fest
+steht, daß er stillschweigend verschwand. Gyges trägt den Ring, der Ring
+verbirgt den Gyges. Er ist verschwunden, ohne Spur verschwunden ...
+Candaules hat gut suchen. So dumm ist Gyges nicht. Er ist durchaus
+verborgen.
+
+GYGES (ist währenddem von rechts ganz langsam gekommen, so daß er am
+Ende von Philebos Erzählung diesem direkt gegenüber und inmitten der
+Zuhörer steht; er bleibt unbeweglich, den Rücken gegen das Publikum.)
+
+PHILEBOS: Der, ohne zu sehen, zu finden weiß, muß gar geschickt sein.
+Candaules irrt umher und ruft und frägt: Habt Ihr Gyges nicht gesehn?
+Habt Ihr meinen Ring gesehn? Doch -- wer kann die Beiden sehen? Nun hat
+Candaules seinen Herrn gefunden. Wo immer Gyges sein will, dort kann er
+sein.
+
+DIE ANDEREN: Wunderbar! Ganz wunderbar!
+
+PHILEBOS: Aber nichts weniger als angenehm. Vor ihm ist jeder von uns
+ohne Augen. Was kann man gegen einen, den man nicht sieht? Was tun wir,
+frag ich Euch? Wenn plötzlich seine Stimme da unter uns sagt, daß er da
+ist, daß er da unter uns ist, hört was wir sagen und uns Dummköpfe
+nennt?
+
+GYGES (laut): Dummköpfe!
+
+ (Beim Ton von Gyges' Stimme zerstieben die Herren nach allen Seiten.
+ Im Eifer der Flucht rennt Archelaos an einen Baum, und in der Meinung,
+ an Gyges gerannt zu sein.)
+
+ARCHELAOS: Oh ... verzeiht ...
+
+ (Kaum ist Gyges allein, stürzt er wie von Schande und Verzweiflung
+ vernichtet zu Boden, gegen die Bank hin, auf der Philebos saß.)
+
+GYGES: Mein Ring! Mein Ring! (Er drückt ihn an die Lippen.) Ach! Verbirg
+mir mein Denken!... Allen jagst Du Furcht und Angst ein, unsichtbarer
+Gyges. Ring! Was kannst Du mich mir selber nicht unsichtbar machen!
+Gyges hat Angst vor Gyges. (Er verhüllt sein Gesicht in den Händen und
+schauert.) Hab' ich Dir weh getan mit meinen allzuwilden Küssen? -- Von
+Liebe voll und von Entsetzen floh ich. Schlafend ließ ich sie auf ihrem
+Bette hingestreckt, lief in die Nacht, lief wie ein Dieb, im Morgentau
+der kalten Wiesen das Fieber meinen Händen abzuwaschen, das Grauen von
+meinem Denken, die Schande von meiner Stirn und das Verbrechen meines
+Herzens ... Da kommt wer ... Nyssia! (Er bleibt auf der Erde und drückt
+sich an die Bank, da er Nyssia hört.)
+
+
+Dritte Szene.
+
+NYSSIA (an Candaules gelehnt. Sie kommen näher und setzen sich beide auf
+die Bank): Wie, mein Gebieter, das ist Eure Sorge? Was hat doch dieser
+Ring, daß sein Verlust Euch so bewegt? Ist's deshalb, daß Ihr mich heut'
+morgen so früh verließet? Im Morgendämmer, ermattet noch und kaum
+erwacht, da suchten meine Hände Euch und fanden nichts sonst, als eine
+kalte Stelle. Konntet Ihr mich so verlassen? Ah! Ihr wußtet nicht, was
+mein Erwachen Euch noch aufbewahrte!... -- Und dann, nachher, als ich
+Euch wiedersah im Garten, da waret Ihr nicht mehr so voller Liebe, wie
+in dieser Nacht. Da waret Ihr unruhig; -- was habt Ihr? -- Ihr geht
+fort? Ich bin eifersüchtig auf den Ring; er ist Euch wichtiger als ich.
+Ihr sagt mir nichts? Wie undankbar ist Euer Mund! Was liegt mir an dem
+Ring? Ihr habt doch andere genug!... Ihr, die Ihr immer schenkt, denkt
+einfach, Ihr hättet ihn verschenkt.
+
+CANDAULES: Nur _sehen_ möcht' ich ihn.
+
+NYSSIA: Das werdet Ihr. Doch scheucht die Falten da von Eurer Stirn. Der
+Morgen ist so schön! -- Seht, in dieser klaren Luft scheint alles mir
+verliebt und lachend wie wir selber ... Fast bin ich müd' von dieser
+Nacht ... Ach, mein Gebieter, schöner als der Tag ist mir Eure Liebe,
+und diese Nacht war mir ...
+
+CANDAULES (unterbricht): Sprich mir nicht mehr von dieser Nacht, mein
+Weib.
+
+NYSSIA: Ich kann sie auch verschweigen, doch sagt sich Eure Nyssia die
+Küsse alle wieder, einen um den andern. -- Oh, von allen unsern Nächten
+diese Nacht der Liebe schönste! --
+
+CANDAULES: Die schönste, sagst Du, Nyssia? -- die schönste?
+
+NYSSIA: Was erstaunt Ihr? Was hab' ich denn gesagt? Was habt Ihr?
+
+CANDAULES: Die schönste ... weshalb?
+
+NYSSIA (errötend): Oh, Ihr macht Euch lustig über mich ... Weshalb
+erhebt Ihr Euch? -- Ihr geht? Was habt Ihr?
+
+CANDAULES (für sich): Du, Candaules, eifersüchtig? -- Schweig, schlechte
+Leidenschaft. (Er macht eine Geste des sich Bezähmens.) Verzeiht ...
+
+NYSSIA (will ihn auf die Bank ziehen, faßt ihn am Kleid.)
+
+CANDAULES: Nein, -- lass' mich. (Er befreit sich.) -- (Für sich.) Die
+schönste!... Die ... Ich muß den Gyges sehn. (Zu Nyssia, von der er sich
+etwas nach links entfernt hat.) Da unten seh' ich Phedros ... Verzeiht
+-- gleich bin ich wieder bei Euch. Nein! Folgt mir nicht. -- Laß mich,
+Nyssia.
+
+NYSSIA: So wart' ich hier auf Euch. --
+
+GYGES (hat sich während des Letzten nach und nach aufgerichtet).
+
+
+Vierte Szene.
+
+GYGES (leise): Die schönste aller Nächte!... Genug! Mein Ring -- genug!
+(Er reißt den Ring von seinem Finger.) Und wenn ich daran sterben
+muß --! (Er nähert sich der Königin.) Königin!
+
+NYSSIA (läßt überrascht den Schleier über das Gesicht fallen): Ach! Habt
+Ihr mich doch erschreckt! -- Ich hörte niemand kommen.
+
+GYGES (vor ihr gebeugt): Königin ...
+
+NYSSIA: Was wollt Ihr?
+
+GYGES (reicht ihr den Ring): Der Ring, den der König sucht -- hier ist
+er.
+
+NYSSIA: Da Ihr es wußtet, daß er ihn sucht, was gabt Ihr ihn nicht
+früher?
+
+GYGES: Euch wollt' ich ihn zuerst geben.
+
+NYSSIA: Doch -- wie kommt Ihr zu dem Ring?
+
+GYGES: Der König gab mir ihn.
+
+NYSSIA: Und wenn er Euch ihn gab, was sucht er ihn?
+
+GYGES: Nicht, um den Ring zu sehen, doch mich, der ihn trug.
+
+NYSSIA: Ich versteh Euch nicht ... Wer seid Ihr? Ihr war't nicht, glaub
+ich, gestern bei dem Fest?
+
+GYGES: Ich kam erst spät ... als es zu Ende ging ... Ich bin Gyges: --
+Erinnert Ihr Euch nicht des Fischers Gyges, um den Ihr letzte Nacht
+Candaules fragtet: «Der arme Fischer -- was ist aus ihm geworden?». Der
+bin ich.
+
+NYSSIA (zuerst etwas verwirrt): Wie sollte ich Euch wieder erkennen, so
+reich gekleidet? -- Des Königs Güte gab Dir das?
+
+GYGES (verwirrt): Ja, Königin; er gab mir alles das ... alles das -- und
+diesen Ring hier. (Er beugt sich wieder vor ihr und reicht ihr den
+Ring.)
+
+NYSSIA: Ich will ihn dem König wiedergeben.
+
+GYGES: Ein Wort noch, Königin, ich bitt' Euch ... dieser Ring ...
+
+DIE KÖNIGIN (betrachtet den Ring und will ihn anstecken.)
+
+GYGES: Ah! Steckt diesen Ring nicht an!
+
+NYSSIA: Weshalb nicht?
+
+GYGES (ängstlich vor dem, was er sagen will): Der Ring ...
+
+NYSSIA: So sprich doch, sprich --
+
+GYGES: Macht unsichtbar den, der ihn trägt.
+
+NYSSIA (lächelnd): Ein ganz kostbarer Ring und ich verstehe nun, weshalb
+Candaules ihn so suchte.
+
+GYGES: Und auch vielleicht, warum er ihn nicht fand.
+
+NYSSIA (wird unruhig): Du verbargst Dich, Gyges?
+
+GYGES: Der Ring verbarg mich.
+
+NYSSIA: Doch, sag ... weshalb denn gab der König Dir den Ring?
+
+GYGES: Um selber ungesehen zu sehen.
+
+NYSSIA: Und was ... was konnte denn der König so zeigen wollen?
+
+GYGES (fällt vor Nyssia auf die Knie): Euch Nyssia! -- (Gleichzeitig
+hält er ihr einen Dolch hin, den Nyssia instinktiv ergreift.) Stecht zu!
+Stecht zu!... Ich war's, der diese Nacht ... ich ließ Euch schlafend
+diesen Morgen ... Ach! Ich hätte schweigen können und Ihr, Ihr hättet's
+nie erfahren, doch war ich da, als Ihr es sagtet, daß diese Nacht der
+Liebe von allen Euren Nächten ...
+
+NYSSIA (deren Verwirrung mit jedem Wort des Gyges zunimmt und die mit
+jedem Wort zu verstehen anfängt, schreit auf): Candaules! -- (Sie
+schreit wild auf.) Ich hielt mich für geliebt.
+
+GYGES (erhebt sich ein wenig): Ihr seid es, Königin ...
+
+NYSSIA (in jähem Zorn): Was sagst Du?
+
+GYGES: Ihr seid geliebt, Nyssia.
+
+NYSSIA (gibt ihm, wie von diesem Worte zu einem plötzlichen Entschluß
+gebracht, den Dolch in die Hand): Geh! Erschlag' ihn!
+
+GYGES (in tiefer Ergriffenheit): Wen?... Ihn?
+
+NYSSIA: Erschlag ihn!
+
+GYGES (läßt den Dolch zur Erde fallen): Ich kann nicht. Mein Freund!...
+
+NYSSIA: Und er war mein Gemahl! Töte ihn.
+
+GYGES: Ich kann nicht ... er war's, der mir es gab.
+
+NYSSIA: Er war's, der mich verriet. (Sie zerreißt ihren Schleier.) Einer
+von Euch Beiden muß es sein, der stirbt ... Nimm den Ring!
+
+GYGES (bestürzt): Wie? Ohne mich zu zeigen?
+
+NYSSIA: Für mich hast Du Dich gut verborgen!
+
+GYGES: Er hat mir den Ring gegeben --
+
+NYSSIA (verzweifelt vor diesem Widerstand): Es muß doch Einer von Euch
+Beiden eifersüchtig sein! (Sie stürzt Gyges um den Hals und küßt ihn in
+wilder Wut.) Oh! Du wirst ihn erschlagen, Gyges, nicht wahr? Du wirst
+ihn erschlagen! -- Den Ring! Nimm doch den Ring. (Sie steckt ihm den
+Ring an den Finger.) Und da ... den Dolch. Verbirg Dich! Der König!
+
+CANDAULES (kommt im Gespräch mit Phedros).
+
+NYSSIA und GYGES (ziehen sich nach rückwärts zurück).
+
+
+Fünfte Szene.
+
+CANDAULES (leise zu Phedros): Nein, Phedros, wenn Du mich liebst, so
+bleibst Du noch zu diesem Mahl. Es ist das letzte, sag' ich Dir; das
+letzte ... Sie werden mit dem Trinken noch nicht fertig sein, da sag
+ich: Nun laßt mich. Das Haus, die Feste sind nun für mich allein, für
+mich und Nyssia ... Und Nyssia, Du weißt: nun halt' ich sie für mich und
+fern von Allen im Schatten wohlverschlossen, wie ein Parfüm, das allzu
+leicht verduftet ... Genug davon. Du bleibst zum Fest?
+
+PHEDROS: Ich bleibe.
+
+CANDAULES: Laß mich nun.
+
+PHEDROS (ab).
+
+CANDAULES (zu Nyssia): Das Festmahl ist bereitet ... Bald ist's Mittag,
+die Zeit, da meine Gäste kommen. Nyssia -- bis zu Eurem Gemach begleit'
+ich Euch. (Er nähert sich ihr, sie weicht zurück.)
+
+GYGES (ist ein Weniges hinter ihr).
+
+NYSSIA: Nein. -- Ich bleibe bei Eurem Fest.
+
+CANDAULES: Wie? Ihr wollt? (Er bemerkt die Erregung der Königin.) Was
+habt Ihr, Nyssia?
+
+NYSSIA (geht weiter zurück und gegen das Unsichtbare gewandt): Stoß zu!
+Stoß zu, Gyges! -- Gib Acht, Candaules ... (Ängstlich.) Stoß zu! -- So
+stoß doch zu!... Ah!
+
+GYGES (erdolcht Candaules, da dieser unruhig wird).
+
+CANDAULES: Wie! Du bist's, mein Gyges?! Warum erschlägst Du mich? --
+Nichts fühlt' ich sonst in mir als Güte, Nyssia!... Gyges, ich hab Dir
+auch den Dolch gegeben. Gib den Ring fort ... ich möcht' Dich sehen.
+
+ (Gyges zaudert einen Augenblick und wirft den Ring weit von sich).
+
+(Gyges erdrückt vor Schrecken und Verzweiflung, kniet hin und beugt sich
+über Candaules): Candaules! mein Freund ...
+
+CANDAULES (stirbt).
+
+NYSSIA (zieht ihn am Kleide): Erhebt Euch, König Gyges.
+
+GYGES (verstört): Ich! Gyges ... König.
+
+NYSSIA: Ihr seid mein Gemahl und ich die Königin. Da kommen unsre Gäste.
+Steht auf! (Sie nimmt das Diadem vom Haupte des Candaules.) Nehmt die
+Krone. -- Ah! Der Schleier erstickt mich. (Sie reißt ihn völlig ab.)
+
+DIE GÄSTE (kommen etwas näher. Bewegung.): Candaules! Oh! wie
+schrecklich!
+
+SYPHAX (hält Phedros zurück und zeigt ihm Gyges): -- Gebt Acht!
+
+NYSSIA (königlich an Gyges Arm): Ihr werten Herren, kommt! Das Mahl
+erwartet Euch. (Schamlos.) -- Archelaos! Heut' Abend werden wir
+Tänzerinnen haben.
+
+PHEDROS (geht mit Simmias fort).
+
+GYGES (der sich allmählich faßt): Setzt Euch, Ihr Herren. (Feindlich zu
+Nyssia) Dieses Antlitz so schön, hohe Frau, ich glaubte, es solle
+verschleiert bleiben.
+
+NYSSIA (verächtlich): Für Euch verschleiert, Gyges! Candaules hat meinen
+Schleier zerrissen.
+
+GYGES (wirft ihr sehr brutal einen Zipfel ihres Gewandes über das
+Gesicht): Dann näht ihn wieder zusammen.
+
+SYPHAX (aus der geräuschvollen Bewegung, die diesen Worten folgt): Auf,
+werte Herren, trinken wir auf das Glück des Gyges.
+
+ Vorhang.
+
+
+
+
+ [ Im folgenden werden alle geänderten Textzeilen angeführt, wobei
+ jeweils zuerst die Zeile wie im Original, danach die geänderte Zeile
+ steht.
+
+ ein Bild kommen läßt, das schon alles Eposidische, Bizarre und
+ ein Bild kommen läßt, das schon alles Episodische, Bizarre und
+
+ antwotete er. «Ich, ich kenne nur Nero.»
+ antwortete er. «Ich, ich kenne nur Nero.»
+
+ verschwunden ist. Hinwider ist die Zeit, da siegte was Condercet die
+ verschwunden ist. Hinwider ist die Zeit, da siegte was Condorcet die
+
+ Es ist klar, daß die neuen gesellschaftlichen Formen die neuen
+ Es ist klar, daß die neuen gesellschaftlichen Formen, die neuen
+
+ Zweite Szene:
+ Zweite Szene.
+
+ DIE KÖNIGIN (zu Candaules) Ihr scheint, Gebieter, zu vergessen, daß
+ DIE KÖNIGIN (zu Candaules): Ihr scheint, Gebieter, zu vergessen, daß
+
+ PHILEBOS: Und ihr, Frau Königin was denkt Ihr von dem Mitbesitz und
+ PHILEBOS: Und Ihr, Frau Königin was denkt Ihr von dem Mitbesitz und
+
+ PHARNACES: εὐτυχίαν κρὐπτω
+ PHARNACES: εὐτυχίαν κρύπτω
+
+ PHARNACES Und öfter noch findet man überhaupt nichts.
+ PHARNACES: Und öfter noch findet man überhaupt nichts.
+
+ Was wüßt ihr von meinem Glück!? Was!
+ Was wißt ihr von meinem Glück!? Was!
+
+ Was wisst Ihr von meinem Glück? Weiß ich denn selbst davon? Kann man sein
+ Was wißt Ihr von meinem Glück? Weiß ich denn selbst davon? Kann man sein
+
+ PHARNACES: Na weist Du, ich hab' schon Bäuerinnen gesehen, die nicht ...
+ PHARNACES: Na weißt Du, ich hab' schon Bäuerinnen gesehen, die nicht ...
+
+ CANDAULES: Dann' sag mir noch, ... wie ... wie reich?
+ CANDAULES: Dann sag mir noch, ... wie ... wie reich?
+
+ CANDAULES (ein wenig erregt) Später, später! -- Bleib, Gyges. Hör: --
+ CANDAULES (ein wenig erregt): Später, später! -- Bleib, Gyges. Hör: --
+
+ GYGES: Wär' ich _so_ Dein Freund, Gyges?
+ GYGES: Wär' ich _so_ Dein Freund, Candaules?
+
+ NYSSIA: Seid sie hier sind, sah ich Euch fast kaum ... Ihr wißt nicht
+ NYSSIA: Seit sie hier sind, sah ich Euch fast kaum ... Ihr wißt nicht
+
+ Schönheit liebt. (Sie lacht nnd will selbst die Fackel löschen.)
+ Schönheit liebt. (Sie lacht und will selbst die Fackel löschen.)
+
+ gestern morgen Candaules diesen Ring an seinen Finger steckte. Er war
+ gestern Morgen Candaules diesen Ring an seinen Finger steckte. Er war
+
+ Herzens ... Da kommt wer .. Nyssia! (Er bleibt auf der Erde und drückt
+ Herzens ... Da kommt wer ... Nyssia! (Er bleibt auf der Erde und drückt
+
+ ]
+
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Der König Candaules, by André Gide
+
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+Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.
+
+
+Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at https://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+https://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at https://pglaf.org
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+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
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+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit https://pglaf.org
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including including checks, online payments and credit card
+donations. To donate, please visit: https://pglaf.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
+
+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
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+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
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