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diff --git a/.gitattributes b/.gitattributes new file mode 100644 index 0000000..6833f05 --- /dev/null +++ b/.gitattributes @@ -0,0 +1,3 @@ +* text=auto +*.txt text +*.md text diff --git a/38158-0.txt b/38158-0.txt new file mode 100644 index 0000000..2a64f9b --- /dev/null +++ b/38158-0.txt @@ -0,0 +1,1552 @@ +Project Gutenberg's Die Phantasie in der Malerei, by Max Liebermann + +This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with +almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + +Title: Die Phantasie in der Malerei + +Author: Max Liebermann + +Release Date: November 28, 2011 [EBook #38158] + +Language: German + +Character set encoding: UTF-8 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE PHANTASIE IN DER MALEREI *** + + + + +Produced by Jana Srna, Norbert H. Langkau and the Online +Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net (This +file was produced from images generously made available +by The Internet Archive/Canadian Libraries) + + + + + + + [ Anmerkungen zur Transkription: + + Schreibweise und Interpunktion des Originaltextes wurden übernommen; + lediglich offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert. Eine Liste + der vorgenommenen Änderungen findet sich am Ende des Textes. + + Im Original gesperrt gedruckter Text wurde mit _ markiert. + ] + + + + + DIE PHANTASIE + IN DER MALEREI + + VON + MAX LIEBERMANN + + BEI BRUNO CASSIRER + BERLIN 1916 + + + VIERTE AUFLAGE + + + + + DEN MANEN HUGO VON TSCHUDIS + UND ALFRED LICHTWARKS + + + + +INHALT + + + Seite + + Vorwort zur zweiten Auflage 7 + + Einleitung 9 + + Die Phantasie in der Malerei 19 + + Empfindung und Erfindung in der Malerei 41 + + Phantasie und Technik 53 + + + + +VORWORT ZUR ZWEITEN AUFLAGE + + +Wer, irregeführt durch den anspruchsvollen Titel meines Büchelchens, +eine wissenschaftliche Abhandlung über die Phantasie zu finden hofft, +wird arg enttäuscht werden. Ich habe die Erfahrungen und Beobachtungen, +die ich in einer ach! fast fünfzigjährigen Beschäftigung mit der Malerei +gesammelt habe, aufgezeichnet. + +Daß ich als Maler subjektiv über Malerei urteile, ist selbstverständlich. +Aber ich habe nicht beabsichtigt, etwa für die naturalistische +Malerei Propaganda zu machen -- denn deren hat sie nicht +nötig --, sondern ich schrieb die folgenden Seiten, um zu zeigen, daß +jede Malerei naturalistisch sein müsse, wenn sie gut ist. + +Es gibt keine blödsinnigere Behauptung, als die, welche man -- +wahrscheinlich gerade deswegen weil sie so blödsinnig ist -- täglich +liest und hört: der Naturalismus ist tot. Denn alle Kunst beruht auf der +Natur und alles Bleibende in ihr ist Natur. Nicht die den Künstler +umgebende nur, sondern vor allem seine eigene Natur. Wie er, der +Künstler, die Welt anschaut, mit seinen inneren und äußeren Sinnen -- +das nenne ich seine Phantasie -- die Gestaltung dieser seiner Phantasie +ist seine Kunst. Als Maler gehe ich von der Anschauung aus, daher +interessiert mich ausschließlich die gestaltende Phantasie, während mir +die schöpferische Phantasie im Kunstwerke Axiom ist. Sie ist göttliche +Eingebung, der nur auf dem Wege reinen Denkens beizukommen ist (wenn ihr +überhaupt beizukommen ist). Der gestaltenden Phantasie aber dürfen wir +hoffen, auf psychologisch-empirischem Wege nachspüren zu können. Oder +mit anderen Worten: wir dürfen versuchen wollen, aus der Technik den +Geist, der das Werk gezeugt hat, zu erklären. + +Daß wenige Wochen nach Erscheinen der ersten Auflage eine zweite nötig +geworden, ist ein erfreulicher Beweis, daß der Krieg wie andere +Vorurteile auch das Diktum Inter arma silent Musae hinweggefegt hat. + +_Berlin_, April 1916. + + MAX LIEBERMANN + + + + +EINLEITUNG + + »... daß das Studium der Natur und die Erfindung der + Phantasie im Nachahmen das Bleibende in allem sei ...« + + (Goethes Gespräch.) + + +In seinem Tagebuch stellt Delacroix die Behauptung auf, daß jede +Ästhetik mit einer Terminologie der Kunstausdrücke zu beginnen habe, da +Jeder darunter etwas anderes verstehe. Er unternimmt auch die Erklärung +einiger termini, aber er hört alsbald wieder damit auf, wahrscheinlich +weil er die Unmöglichkeit seines Unternehmens einsieht. + +Ich bin mir wohl bewußt, das Wort »Phantasie«, von dem die folgenden +Seiten handeln, in einem dem landläufigen abweichenden Sinne gebraucht +zu haben und ich hätte es gern mit einem passenderen Worte vertauscht, +wenn ich eins gefunden hätte. Im allgemeinen bezeichnet man mit +Phantasie die Einbildungen unsres Gehirns, das Imaginäre, das ein nicht +Existierendes vorzaubert. In dieser Bedeutung kann man Phantasie +überhaupt nicht anwenden auf die Malerei, die nichts erfinden kann oder +soll, was nicht in der Natur existiert oder wenigstens existieren +könnte. Ich möchte der Phantasie mehr die Bedeutung, die das Wort im +Griechischen hatte, beilegen: φαινομενον, Erscheinung. Der Maler will +das ihm vorschwebende Bild zur Erscheinung bringen, er will die +Erscheinung auf die Leinwand projizieren, wobei es ganz gleichgültig +ist, ob ihm das Bild vor seinem geistigen oder leiblichen Auge schwebt. +Denn beides ist im Grunde dasselbe: der Maler kann nur malen, was er zu +sehen glaubt, ob er sein Bild im Geiste oder in der Natur sieht. + +Aus der Phantasie malen steht also in keinem Gegensatze zum +Nach-der-Natur-malen, denn es sind nur zwei verschiedene Wege, die nach +demselben Ziele führen sollen. Noch falscher aber wäre die Annahme, die +nicht nur im Publikum, sondern leider auch in der Ästhetik immer noch +besteht, als ob der Maler, der _aus_ der Phantasie malt, mehr _mit_ der +Phantasie malt, als der, welcher nach der Natur malt. + +Je naturalistischer eine Malerei ist, desto phantasievoller muß sie +sein, denn die Phantasie des Malers liegt nicht -- wie noch ein Lessing +annahm -- in der Vorstellung von der Idee, sondern in der Vorstellung +von der Wirklichkeit oder wie Goethe es treffend ausdrückt: »Der Geist +des Wirklichen ist das wahrhaft Ideelle«. Daher bedeutet idealistische +Malerei im Gegensatze zur naturalistischen Malerei nur die verschiedene +Auffassung der Natur, aber keinen Qualitätsunterschied: die Qualität +beruht einzig und allein in der größeren oder geringeren Kraft der +Phantasie des Malers, mag er nun wie Raffael eine Madonna oder wie +Rembrandt einen geschlachteten Ochsen malen. Natürlich kann ich nicht +mit mathematischer Genauigkeit beweisen wollen, warum der eine Meister +mehr Phantasie hat als der andere. Ich kann nur sagen wollen, warum ich +ein Porträt von F. Hals für phantasievoller halte als einen Holbein. Und +wenn ich sage, daß ich in Franz Hals den phantasievollsten Maler sehe, +der je gelebt hat, so wird vielleicht klarer, was ich unter malerischer +Phantasie verstehe: die den malerischen Mitteln am meisten adäquate +Auffassung der Natur. Jede Kontur, jeder Pinselstrich ist Ausfluß einer +künstlerischen Konvention. Je suggestiver die Konvention wird, je +ausdrucksvoller durch die Form oder die Farbe oder durch beides zusammen +der Maler sein inneres Gesicht auf die Leinwand zu bringen imstande war, +desto größere, stärkere Phantasietätigkeit war zur Erzeugung seines +Werkes nötig. Ebensowenig wie man den physischen Zeugungsprozeß je +ergründen wird, ebensowenig wird der Schleier von dem künstlerischen +Zeugungsprozeß je fallen. Wie es Axiomata gibt, die nicht in Frage +gestellt werden dürfen, wenn man mathematische Fragen erörtern will, so +gibt es in der Ästhetik gewisse notwendige Voraussetzungen, über die +nicht zu diskutieren ist. Das Genie ist selbstverständliche +Voraussetzung und die Ästhetik kann sich nur damit beschäftigen wollen, +wie und auf welche Weise es sich äußert. Der heilige Augustinus +definiert die Kunst als das, was die großen Künstler hervorgebracht +haben. Fragt sich nur, welche Künstler man als die großen bezeichnet. +Und diese Frage wird nie endgültig gelöst werden, denn letzten Endes +entscheidet in ästheticis der Geschmack und nirgends gilt das post hoc +ergo propter hoc mehr als in der Ästhetik. + +Je mehr wir also in der Ästhetik beweisen wollen, desto mehr wird unsre +Untersuchung darauf hinauslaufen, unsren Geschmack als den richtigen dem +Leser hinzustellen. Wir beweisen unsren Geschmack mit unsrem Geschmack, +wir machen ihn also in derselben Sache zum Richter und zum Zeugen. +Alljährlich werden wir mit einer Unzahl jener kunsthistorischen Romane +beschenkt, die irgendeinen berühmten Maler oder Bildhauer zum Helden +haben, und an dem uns der Autor seine Ansichten über Kunst +exemplifiziert. Sie sind zwar ein erfreulicher Beweis für das Interesse +des Publikums an bildender Kunst -- denn wenn sie nicht gekauft würden, +wären sie nicht geschrieben und noch weniger gedruckt -- aber für das +Verständnis der Kunst sind sie eher schädlich als nützlich; denn sie +geben uns nur Meinungen und Empfindungen des Autors wieder, also lauter +Urteile, die keinen wissenschaftlichen Wert beanspruchen dürfen, da sie +nicht verstandesmäßig begründet werden können. + +In der Vorrede zur »Kritik der reinen Vernunft« sagt Kant, daß +Kopernikus, »der, nachdem es mit der Erklärung der Himmelsbewegung nicht +gut fort wollte, wenn er annahm, das ganze Sternenheer drehe sich um den +Zuschauer, versuchte, ob es nicht besser gelingen möchte, wenn er den +Zuschauer sich drehn und dagegen die Sterne in Ruhe ließ.« Lassen wir +das Übersinnliche in der Kunst in Ruhe und stellen wir uns Kunst -- nach +der Etymologie des Wortes -- als Können vor. Vielleicht daß wir vom +Sinnlichen, das heißt der Technik, leichter in den Geist der Kunst +einzudringen vermögen. + +Nicht etwa, als ob ich, wie den Menschen in Körper und Seele, so die +Kunst in Geist und Technik zerlegen wollte: die Technik ist der Ausdruck +des Geistes. Niemand kann sagen, wo das Handwerk aufhört und das +Kunstwerk beginnt, denn beides ist in- und miteinander unlöslich +verwachsen. Ein Bild in Geist und Technik zerlegen wollen hieße ein +lyrisches Gedicht in Prosa auflösen oder nach A. v. Bergers witzigem +Worte: eine Statue sezieren wollen. + +Die Kunst ist des Künstlers Handwerk, das auszubilden die Aufgabe seines +Lebens ausmacht. Sie ausbilden heißt: seine Natur so restlos und +überzeugend als möglich durch die Mittel seiner Kunst zum Ausdruck zu +bringen. + +Der Inhalt der Kunst ist also die Persönlichkeit des Künstlers, das +sogenannte Genie. Dieses ist ein Geschenk der Götter, welches sie ihm in +die Wiege gelegt haben und für dessen Dasein wir ebensowenig einen +ontologischen Beweis führen können wie für das Dasein Gottes. Nur die +Vorstellung, die das Werk des Genies in uns auslöst, läßt uns mit +Notwendigkeit auf die Existenz des Genies schließen. + +Die Kunst dagegen ist das eigne Werk des Künstlers und da das Genie +unbewußt ihm innewohnt, ist es nur logisch, daß der Künstler nur an +seine Kunst, das heißt an die Technik denkt. Für ihn ist Kunst und +Handwerk identisch. Nicht in der Idee, sondern in der Ausführung der +Idee liegt die Kunst. Rembrandt antwortete seinen Schülern auf die +Frage, wie sie malen sollten: nehmt den Pinsel in die Hand und fanget +an. + +Zwischen der Abfassung der folgenden Aufsätze liegt ein Zeitraum von +mehr als zehn Jahren. Wenn ich sie jetzt ohne Änderungen, wie sie +erschienen sind, gesammelt herausgebe, so geschieht es in der Hoffnung, +daß sie auch heute noch aktuell und zur Klärung der Ansichten über Kunst +beizutragen imstande sind. Und waren je die ästhetischen Ansichten +verwirrter als heut? Wo ein jüngerer Kunstrichter aus den Schützengräben +Flanderns heraus schreibt, daß der Krieg nicht nur für die Existenz +Deutschlands, sondern über den Sieg des Expressionismus entscheidet. + +Je mehr sich die Ästhetik mit den Kunstrichtungen beschäftigt, desto +unfähiger erweist sie sich für ihre eigentliche Aufgabe, die Qualität +des Kunstwerks zu erforschen. Denn »Richtung« bedeutet nur eine +Zeitströmung, die grade Mode ist und von der nächsten Mode zum alten +Eisen geworfen wird. Sie ist die Losung, das Feldgeschrei im Kampfe der +jüngeren gegen die ältere Generation: Sie ist eine Zeit- aber keine +Wertbestimmung. Aber nicht das lautere Feldgeschrei entscheidet -- sonst +hätten die Expressionisten, Kubisten und Futuristen längst gewonnen -- +sondern wie im Kriege die stärkeren Bataillone, so entscheiden in der +Kunst nicht Richtungen den Sieg, sondern einzig und allein die stärkeren +Persönlichkeiten in ihnen. + +Ich schreibe als Maler, gleichsam mit dem Pinsel in der Hand und ich +suche daher die Wirkungen, die das Kunstwerk auf mich ausübt, so viel +als möglich aus den Mitteln, deren sich der Künstler bedient hat, zu +erklären. Natürlich bin ich einseitig und der Vorwurf, ich schriebe pro +domo, würde mich wenig rühren, weil ich glaube, daß es ein objektives +richtiges Kunsturteil überhaupt nicht geben kann. Aber auch die +Gerechtigkeit im Urteil über Kunst macht nur die Überzeugung: je stärker +und unverfälschter ich sie ausdrücke, desto gerechter bin ich. Auch +überlasse ich das Urteilen so viel als möglich dem Leser und dem -- +Berufskritiker; ich möchte klar machen, warum ich diese Malerei für gut +und jene für schlecht halte. Witzige mögen »die Kunst in 40 Minuten ein +Kunstkenner zu werden« schreiben. Der Künstler schreibt über seine Kunst +Bekenntnisse. + +Goethe sagt mal: »Poesie ist keine Kunst, weil alles auf dem Naturell +beruht.« Ebenso ist Malerei keine Kunst, alles hängt von der +Persönlichkeit des Künstlers ab. Der Inhalt der Kunst ist die +Persönlichkeit des Künstlers. + +Kunst kommt von Können, welches das Wollen als einen dem Künstler +innewohnenden Trieb einschließt (weshalb ich auch nicht an die faulen +oder verbummelten Genies glaube). Der Künstler _muß_ schaffen: die Kunst +ist sein Handwerk. + +Natura sive deus! Gott schuf den Menschen nach seinem Ebenbilde: der +Künstler schafft nach seinem Ebenbilde die Welt! was Goethe in die +schönen Worte kleidet: »Wie köstlich ists, wenn ein herrlicher +Menschengeist ausdrücken kann, was sich in ihm bespiegelt.« + + + + +DIE PHANTASIE IN DER MALEREI + + +Von der Malerei als Ding an sich will ich reden, nicht von der Musik +oder der Poesie in der Malerei; denn was nicht deines Amtes ist, davon +laß deinen Fürwitz. + +Ich will von der Malerei sprechen, die »von jedem Zweck genesen«, die +nichts sein will als -- Malerei: Von ihrem Geist, nicht von der +Überwindung ihrer technischen Schwierigkeiten, in der das Publikum +freilich und, wie ich fürchte, manche Maler immer noch ihren Wert +erblicken. + +Allerdings kommt Kunst von können, und daß das Können in keiner Kunst +mehr ausmacht als grade in der Malerei, soll keineswegs geleugnet +werden. + +Aber so hoch auch die Malerei, die gut gemacht ist, einzuschätzen ist: +gute Malerei ist nur die, die gut gedacht ist. Was bedeutet die +korrekteste Zeichnung, der virtuoseste Vortrag, die blendendste Farbe, +wenn all diesen äußerlichen Vorzügen das Innerliche, die Empfindung, +fehlt! Das Bild bleibt doch -- gemalte Leinwand. Erst die Phantasie kann +die Leinwand beleben, sie muß dem Maler die Hand führen, sie muß ihm im +wahren Sinne des Worts bis in die Fingerspitzen rollen. Obgleich +unsichtbar, ist sie in jedem Striche sichtbar, freilich nur für den, der +Augen hat zu sehen, nur für den, der sie empfindet. + +Ich will hier nicht etwa von dem Höllenspuk, der Phantastik reden, +sondern ich verstehe unter Phantasie den belebenden Geist des Künstlers, +der sich hinter jedem Strich seines Werkes verbirgt. Die Phantasie in +der bildenden Kunst geht von rein sinnlichen Voraussetzungen aus. Sie +ist die Vorstellung der ideellen Form für die reelle Erscheinung. Sie +ist das notwendige Kriterium für jedes Werk der bildenden Kunst, für das +idealistischste wie für das naturalistischste. Sie allein kann uns +überzeugen von der Wahrheit der Böcklinschen Fabelwesen wie des +Manetschen Spargelbundes. + +Wenn der kleine Moritz einen Kreis malt, dahinein zwei Punkte, zwischen +die einen senkrechten und darunter einen wagerechten Strich macht, so +ist das der bildliche Ausdruck seiner Phantasie für einen Kopf. Hat der +kleine Moritz Talent zum Zeichnen, so wird er die individuellen +Eigentümlichkeiten z. B. die große Nase seines Vaters oder den großen +Mund seiner Mutter beim Nachzeichnen gewaltig übertreiben. Aber hinter +dieser Karikatur steckt vielleicht mehr Phantasie als in dem +lebensgroßen Porträt in Öl des berühmten Professors so und so, der vor +lauter Bäumen den Wald nicht mehr sieht und dessen Phantasie durch +alles, was er gelernt hat, ertötet ist. Jedem meiner Kollegen wird +unzählige Male dasselbe passiert sein: der junge Mann -- noch häufiger +die junge Dame -- so bald sie sich ernstlich dem Studium der Malerei +widmen, machen es nicht nur nicht besser als früher, sondern im +Gegenteil viel schlechter, d. h. die Phantasie, die früher naiv den +_Eindruck_ der Natur wiederzugeben bestrebt war, wird allmählich von dem +Suchen nach Korrektheit verdrängt. Aus der phantasievollen, aber +unkorrekten wird die phantasielose aber korrekte Zeichnung. Mit anderen +Worten: der Buchstabe tötet den Geist, und nur die Talentvollsten können +ungestraft an ihrer Phantasie den akademischen Drill überstehen. + +Der alte Schadow pflegte seinen Schülern auf die Frage, wie sie malen +sollten, zu antworten: »setzt die richtige Farbe auf den richtigen +Fleck«. Schadow, der nicht nur Akademie-Direktor, sondern -- was nicht +immer zusammentrifft -- auch ein Künstler war, wußte, daß nur das +Handwerkmäßige der Malerei gelehrt und gelernt werden kann; seine +Definition in usum delphini verschweigt wohlweislich, was Malerei zur +Kunst macht: die Phantasietätigkeit des Malers, die darin besteht, für +das, was er -- und zwar nur er -- in der Natur oder im Geiste sieht, den +adäquaten Ausdruck zu finden. Natürlich vollzieht sich diese +Phantasietätigkeit völlig unbewußt im Künstler, denn Kunstwerke +_entstehen_: sie werden nicht gemacht, und das sicherste Mittel kein +Kunstwerk hervorzubringen, ist die Absicht, eins zu machen. Wie Saul +ausging, die Eselinnen seines Vaters zu suchen und ein Königreich fand, +so muß der Maler einzig und allein bestrebt sein, die richtige Farbe auf +den richtigen Fleck zu setzen: ist er ein Künstler, so -- findet er ein +Königreich. + +Ein Bund Spargel, ein Rosenbukett genügt für ein Meisterwerk, ein +häßliches oder ein hübsches Mädchen, ein Apoll oder ein mißgestalteter +Zwerg: aus allem läßt sich ein Meisterwerk machen, allerdings mit dem +nötigen Quantum Phantasie; sie allein macht aus dem Handwerk ein +Kunstwerk. + + * * * * * + +Die Phantasie, als das schöpferische Grundprinzip des gesamten geistigen +Lebens, ist für alle Künste dieselbe, aber in den verschiedenen Künsten +kommt sie auf verschiedene Weise zum Ausdruck. Obgleich nur die bildende +Kunst, als einzig räumliche unter den Künsten, imstande ist, die +Ausdehnung aus der Wirklichkeit mit zu übernehmen, ist sie doch deshalb +nicht materieller als Poesie oder Musik. Allerdings sind die Werke der +bildenden Kunst gleichsam faß- und tastbar und -- wie Gregor der Große +im Kampfe gegen die Bilderstürmer meinte: »Bilder sind die Bücher derer, +die nicht lesen können« -- daher werden sie für leichter verständlich +gehalten. Im Grunde jedoch ist die Kunst an einem Bilde genau ebenso nur +dem inneren Auge wahrnehmbar, wie die an einem Musikstücke nur dem +inneren Ohr. Denn was anders als die Phantasie des Künstlers +unterscheidet ein Werk des Phidias von einem Abguß über Natur? Daher ist +es für den Wert eines Werkes der bildenden Kunst ganz gleichgültig, was +es darstellt, nur die Erfindung und die Ausdrucksfähigkeit ihrer Form +macht seinen Wert aus. + +Der Satz, daß die gutgemalte Rübe besser sei als die schlechtgemalte +Madonna, gehört bereits zum eisernen Bestand der modernen Ästhetik. Aber +der Satz ist falsch; er müßte lauten: die gutgemalte Rübe ist ebenso gut +wie die _gut_gemalte Madonna. Wohlgemerkt als rein malerisches Produkt, +denn, zur Beruhigung frommer Gemüter sei's gesagt, es fällt mir beileibe +nicht ein, zwei ästhetisch so ungleichwertige Gegenstände miteinander +vergleichen zu wollen. Auch weiß ich wohl, daß die Darstellung einer +Madonna noch andere als rein malerische Ansprüche an den Künstler +stellt, und daß sie als künstlerische Aufgabe schwerer zu bewältigen ist +als ein Stilleben. Obgleich in einem Vierzeiler das Genie Goethes ebenso +sichtbar ist als im Faust, kann als künstlerische Leistung »Über allen +Gipfeln ist Ruh« doch nicht mit dem Faust verglichen werden. + +Aber die spezifisch malerische Phantasie des Künstlers kann sich in +einem Stilleben gerade deshalb stärker zeigen als in der Darstellung des +Menschen, weil das Bund Spargel nur durch die künstlerische Auffassung +interessiert, an dem Menschen, am Kopf oder an einem schönen +Frauenkörper interessiert uns -- namentlich an letzterem -- auch noch +der dargestellte Gegenstand. + +Der spezifisch malerische Gehalt eines Bildes ist um so größer, je +geringer das Interesse an seinem Gegenstande selbst ist; je restloser +der Inhalt eines Bildes in malerische Form aufgegangen ist, desto größer +der Maler. + +Also vom rein malerischen Standpunkt aus ist »die Übergabe von Breda« +des Velasquez in nichts wertvoller als eins seiner Küchenstilleben: ja +sogar könnte ein solches malerisch wertvoller sein, wenn Velasquez die +Küchengerätschaften besser gemalt hätte als die Heerführer auf dem +großen Historienbild. Worauf es hier allein ankommt, ist klar +auszudrücken, daß der Wert der Malerei absolut unabhängig vom Sujet ist, +und nur in der Kraft der malerischen Phantasie beruht. + +Hieraus folgt, daß gerade die naturalistische Malerei dieser +Phantasietätigkeit am meisten bedarf, weil sie nur durch die ihr eigene +Kraft wirken will; was freilich einer weit verbreiteten Ansicht im +Publikum durchaus widerspricht. Immer noch sehen die Gebildeten in der +naturalistischen Malerei nur eine geistlose Abschrift der Natur, etwa +eine Kunst, die von der Photographie, wenn sie erst mit der Form auch +die Farbe wiederzugeben gelernt hat, überwunden sein wird. Nein! selbst +die Konkurrenz der farbigen Photographie fürchten wir nicht: denn selbst +die vollendetste mechanische Wiedergabe der Natur kann höchstens zum +vollendeten Panoptikum, nie aber zur Kunst führen. Was der Gebildete an +der naturalistischen Kunst vermißt, ist die literarische Phantasie, weil +er die Malerei statt mit den Augen immer noch mit dem Verstande +betrachtet. Immer noch spukt in unseren Köpfen das berühmte Lessingsche +Diktum vom Raffael, der, wenn er auch ohne Arme geboren, der größte +Maler geworden wäre. Vielleicht der größte Dichter oder der größte +Musiker, jedenfalls aber nicht der größte Maler. Denn die Malerei +besteht nicht in der Erfindung von Gedanken, sondern in der Erfindung +der sichtbaren Form für den Gedanken. Woher käme es sonst, daß unter den +Tausenden von Madonnenbildern sich nur wenige Kunstwerke befinden? Oder +was interessiert uns am Porträt, das mein Freund Trübner witzig den +Parademarsch des Malers genannt hat, anders als die Kunst des Meisters, +das, was er sah -- und der Akzent liegt auf _er_ -- in die malerische +Form gebracht zu haben. Ich meine natürlich nicht eine bestehende Form, +die zur Formel geworden ist, wie z. B. die Raffaelische Form, die zur +akademischen verflacht ist, oder das Rembrandtsche clair-obscur, das +unter seinen Nachahmern zur hohlen malerischen Phrase geworden ist, +sondern ich spreche von der lebendigen Form, die jeder Künstler sich neu +schafft. Gerade in der Erschaffung neuer Formen liegt das Kriterium für +den schaffenden Künstler, für das Genie. Deshalb ist es ein Unsinn von +_einer_ Form, von der klassischen Form κατ' ἐξοχὴν zu reden: es gibt +soviel klassische Formen als es klassische Künstler gegeben hat und noch +geben wird. Mit jedem Künstler vollendet sich die Form; und mit jedem +folgenden wird sie neu geboren. Die Erstarrung der Form zum Dogma wäre +Erstarrung der Kunst d. h. ihr Tod. Natürlich verstehe ich hier unter +Form nicht das Äußerliche an ihr, das Technische, etwa die Handschrift +des Künstlers. Ich spreche hier nur von der ideellen Form, die gleichsam +unsichtbar ist, die nur der Künstler sieht und zwar jeder ganz +verschieden. Wer die Kuh nur durch die Augen von Potter oder Troyon +sieht, ist kein schaffender Künstler, höchstens ein reproduzierender; +wer an der Kuh nicht neue Reize entdeckt -- ich sage das im direkten +Widerspruch zu meinem sonst sehr verehrten Freunde Muther --, besitzt +jedenfalls das zu einem Kuhmaler nötige Talent nicht. + + * * * * * + +Was jeder Künstler aus der Natur heraussieht, ist das Werk seiner +Phantasie. Setze zwanzig Maler vor dasselbe Modell und es werden zwanzig +ganz verschiedene Bilder auf der Leinwand entstehen, obgleich alle +zwanzig gleichermaßen bestrebt waren, die Natur, die sie vor sich sahen, +wiederzugeben. Wie sich im Kopfe des Künstlers die Welt widerspiegelt, +gerade das macht seine Künstlerschaft aus. + +Raffaels Phantasie war linear, sein Werk vollendet sich in der Linie, +seine Bilder sind höchstens geschmackvoll koloriert, die Malerei an +seinen Bildern ist Handwerk. Tizians Phantasie dagegen ist durchaus +malerisch; er sieht sein Bild als farbige Erscheinung, er komponiert mit +der Farbe. Sein berühmtestes Bild, »die himmlische und die irdische +Liebe«, ist sicherlich nur durch den koloristischen Gedanken erzeugt, +den nackten Frauenkörper durch Gegenüberstellen der bekleideten Gestalt +noch intensiver wirken zu lassen. Ob Tizian etwas anderes hat ausdrücken +wollen, weiß ich nicht, und ich glaube, die Kunstgelehrten wissen es +auch nicht. Jedenfalls ist der großartig klingende Titel ganz unpassend +und wahrscheinlich von einem geschäftskundigen Venezianer erfunden, der +seinen Landsmann den Raffaels und Michelangelos gegenüber nicht lumpen +lassen wollte: geradeso wie Böcklins Bilder »die Gefilde der Seligen« +und »das Spiel der Wellen« von Fritz Gurlitt getauft wurden. + +Des Velasquez Phantasie ist räumlich. Er denkt räumlich, und mit viel +größerem Rechte als von Degas hätte ich von Velasquez sagen können: er +komponiert mit dem Raum. Sein Bild entsteht aus der räumlichen +Phantasie. Wie die Figur in dem Raum steht, wie der Kopf, die Hände, die +Gewänder als große Lokaltöne im Raum wirken, das macht sein Bild aus. + +Wieder anders Rembrandt, dessen Phantasie sich in Licht und Schatten +verkörpert. Die Wogen des Lichtes, die seine Bilder durchfluten, ergeben +und bestimmen die Komposition. Seine Bilder sind auf den Gang des +Lichtes komponiert, er erfindet für den Gang des Lichtes. So z. B. ist +das kleine Mädchen mit dem Hahn auf der »Nachtwache« nur als heller +Fleck im Bilde verständlich, oder man sehe seine Zeichnungen nach +anderen Meistern, wie er z. B. aus dem »Grafen Castiglione« des Raffael +durch Andeutung des Lichtes und des Schattens sofort einen echten +Rembrandt macht. + +Der Maler, dessen Phantasie linear ist, kann nicht Kolorist sein oder +umgekehrt. Das eine oder das andere, die Zeichnung oder die Farbe, muß +in jedem Werke die Hauptsache bilden, und Raffael und Rembrandt sich in +demselben Werke vorzustellen, ist ein Unding. Weil Raffaels Phantasie +linear war und nicht etwa, weil er weniger gut als Tizian oder Rembrandt +malte, war er ein weniger großer Maler als jene. Auch zeichnete Tizian +oder Rembrandt nicht etwa schlechter als Raffael, sondern weil dieser +beider Phantasie malerisch war, mußten sie ihre zeichnerischen +Qualitäten den malerischen gegenüber unterdrücken. Poesie und Musik sind +zeitliche Künste, daher kann sich in einem Gedicht oder in einem +Musikstück des Künstlers Phantasie nacheinander in verschiedener +Richtung äußern, aber in der bildenden Kunst, als einer räumlichen, muß +sie sich nach einer Richtung hin konzentrieren, sonst verlöre das Werk +seinen einheitlichen Charakter, d. h. es wäre kein Kunstwerk mehr. +Dieser Einheitlichkeit muß der Maler alles opfern: das liebevollst +durchgeführte Detail, das technisch gelungenste Stück, die geistreichste +Einzelheit. Savoir faire des sacrifices, wie es im Pariser +Atelier-Jargon heißt. Das, was dir als Hauptsache erscheint -- nicht +etwa was die Hauptsache ist -- zusammenfassen, und alles, was dir +nebensächlich erscheint, unterdrücken. Als jemand den père Corot fragte, +wie er's anfinge, nur die großen Massen in der Natur zu sehen, +antwortete er: »ganz einfach, um die großen Massen zu sehen, müssen Sie +mit den Augen blinzeln, um aber die Details zu sehen, müssen Sie die +Augen -- schließen«. + +Mehr noch als in dem, was er malt, zeigt sich des Künstlers Phantasie in +dem, was er nicht malt. Je näher die Hieroglyphe -- und alle bildende +Kunst ist Hieroglyphe -- dem sinnlichen Eindruck der Natur kommt, desto +größere Phantasietätigkeit war erforderlich, sie zu erfinden. Der Maler +hat nur die Farbenskala von schwarz zu weiß auf der Palette: aus ihr +soll er Leben, Licht und Luft auf die Leinwand zaubern, ein paar +Striche, ein paar unvermittelt nebeneinandergesetzte Farbenflecke sollen +aus der richtigen Entfernung dem Beschauer den Eindruck der Natur +suggerieren. Nur die Phantasie des Künstlers kann dieses Wunder +bewirken, nicht etwa die Geschicklichkeit des Taschenspielers. Man sehe +das Porträt des Papstes Innocenz in Rom: zwei dunkle Flecken, die die +Augen bedeuten, mit ein paar Strichen ist die Nase und der Mund +hineingezeichnet, und mit den wenigen Strichen und Farben, die wohl, wie +die Überlieferung berichtet, in einer Stunde gemacht sein können, steht +der ganze Mann vor uns, mit seiner Klugheit, seiner Habsucht und seinen +sonstigen verbrecherischen Gelüsten. Die ganze päpstliche Macht +erscheint vor uns und der Papst, der ihrer spottet. Und des Velasquez +Papstbildnis nicht gesehen zu haben, heißt in Rom gewesen sein und den +Papst nicht gesehen haben. + + * * * * * + +Mein alter Lehrer Steffeck hatte ganz recht, wenn er sagte: Was man +nicht aus dem Kopf malen kann, kann man überhaupt nicht malen. Wir malen +nicht die Natur, wie sie ist, sondern wie sie uns erscheint, d. h. wir +malen aus dem Gedächtnis. + +Das Modell kann der Maler nicht abmalen, sondern nur benutzen, es kann +sein Gedächtnis unterstützen, wie etwa der Souffleur den Schauspieler +unterstützt. Aber wehe dem Schauspieler, der sich auf ihn verlassen muß. +Dann ist er nicht mehr Herr seiner Rolle, sondern Knecht des -- +Souffleurs. Ob und inwieweit der Maler nach der Natur arbeitet oder +nicht, hängt davon ab, was er erstrebt. Aber Delacroix oder Böcklin, die +(wenigstens in ihren Bildern) nie nach der Natur gemalt haben, ebenso +wie Manet und Leibl, die jeden Strich nach der Natur malten, haben aus +dem Gedächtnis gemalt. Nur prozedierten sie auf verschiedene Weise. +Böcklin malte die Rosenhecke oder die Pappel, die er vor Tagen oder +Wochen vielleicht so lange studiert hatte, bis sich auch die kleinste +Einzelheit seinem Gedächtnis eingeprägt hatte. Leibl, dessen ganze Kunst +Pietät vor der Natur war, mußte die fünf oder sechs Bauern, die er in +den »Dorfpolitikern« malte, zusammensitzen haben. Aber Böcklin wie Leibl +malten aus der Phantasie: nur war die des einen von der des anderen +himmelweit verschieden; wessen die grössere, ist hier nicht die Frage. +Es genügt festzustellen, daß der Naturalist ebenso wie der Idealist die +Natur nur benutzt. Den Künstler macht nicht der Naturalist, der alles +nach der Natur malt, aber ebensowenig der Idealist, der nur nicht nach +der Natur malt. Nur das, was seine Phantasie aus der Natur heraussieht +und darstellt, macht den Künstler, und daher muß seine spezifisch +malerische Phantasie um so stärker sein, je näher er dem sinnlichen +Eindruck der Natur kommt, d. h. je mehr er im eigentlichen Sinne Maler +ist. Seine Phantasie ist viel reicher als die des Zeichners, denn man +kann wohl ein großer Zeichner sein, ohne ein großer Maler zu sein, aber +nicht umgekehrt. + +Delacroix fürchtete noch eine Gotteslästerung auszusprechen, als er +Rembrandt dem Raffael gleichzustellen wagte. Heutzutage hat sich das +wohl geändert, immerhin wird auch heute noch »der Gebildete«, wenn er +sich einigermaßen respektiert, Raffael als den größten Maler, der je +gewesen, ansprechen: was wohl daher kommt, daß das Kunsturteil von den +Kunstgelehrten gemacht wird, die als Gelehrte mehr mit dem Verstande als +mit den Augen urteilen. Die Schönheiten der Form sind mathematisch +nachzuweisen, aber die Schönheiten der Farbe kann man nur empfinden. Und +man kann ein sehr großer Kunstgelehrter sein, ohne etwas von Kunst zu +verstehen. + +Die Malerei ist nicht etwa bloß ein Problem der Technik, die gelernt +werden kann, sondern eine reine Phantasietätigkeit. Natürlich muß jeder +Maler sein Handwerk verstehen, wie jeder Schneider oder Schuster sein +Metier ordentlich gelernt haben muß. Aber den Wert eines Bildes nach +seiner technischen Vollendung schätzen zu wollen, wäre ebenso töricht, +als ein Gedicht nach der Korrektheit der Verse oder der Reinheit der +Reime zu beurteilen. Dem lieben Gott sei's gedankt: in der Kunst macht +der Rock noch nicht den Mann. + +Allerdings hat in den bildenden Künsten das Handwerk eine um so größere +Bedeutung, als der bildende Künstler seine Konzeption ganz allein und +unmittelbar zum Ausdruck bringt: nur das Werk von des Meisters eigener +Hand ist das Meisterwerk. + +Den vatikanischen Torso, den »Innocenz« des Velasquez können wir ganz +nur im Original genießen: ob wir den »Faust« in einem der Millionen von +Drucken oder in Goethes Originalhandschrift lesen, ist für unseren Genuß +ganz gleichgültig. + +Selbst die vollendetste Lichtdruckreproduktion nach einer Zeichnung oder +Radierung Rembrandts, in der jeder Punkt, jeder Strich und jeder Fleck +photographisch getreu wiedergegeben ist, bleibt eine tote Kopie; nur die +eigenhändige Niederschrift kann uns des Meisters Geist zeigen. Nichts +verbirgt sein Werk unseren indiskreten Blicken; wir können dem Meister +bei der Arbeit folgen, wir sehen, welche Partien ihm auf den ersten +Anhieb gelungen und die Stellen, bei denen er sich gequält, die er +abgekratzt und übermalt hat, bis sie ihm endlich genügten. + +Doch was wir nicht sehen können, selbst wenn wir Velasquez oder +Rembrandt beim Malen über die Schulter zugeschaut hätten, ist die +Hauptsache, nämlich ihre Phantasie, die ihnen beim Malen die Hand +geführt hat und nur insofern ist die Technik von künstlerischem Werte, +als sie die -- Handlangerin seines künstlichen Wissens und Wollens ist, +d. h. sie muß individuell sein. Sonst hat die Technik höchstens +kunstgewerblichen Wert, und von diesem kunstgewerblichen Standpunkt aus +können wir sie an einem Bilde ebenso bewundern, wie an einer +chinesischen Cloisonné- oder Lackarbeit. + +Aber die Rückkehr zur Tradition der altmeisterlichen Technik als +Allheilmittel der Kunst zu empfehlen -- wie das immer und ewig geschieht +-- hieße neuen Wein in alte Schläuche füllen. + + * * * * * + +In dem Kunstwerk macht die Technik nicht die Güte aus, man könnte sie +höchstens als notwendig bezeichnen; wie der Körper dem Geiste notwendig +ist. Und insofern ein schöner Geist in einem schönen Körper dem in einem +häßlichen vorzuziehen ist, ist auch das elegant vorgetragene Kunstwerk +dem unbeholfen vorgetragenen vorzuziehen. Schreiblehrer beurteilen die +Güte der Handschrift nach der Kalligraphie der Buchstaben; wir nennen +Bismarcks Handschrift schön, weil sie charakteristisch ist. + +Die Technik ist gut, die möglichst prägnant das ausdrückt, was der +Meister ausdrücken wollte; sonst ist sie schlecht und wäre sie noch so +virtuos. + +Überhaupt spricht man viel zu viel von ihr: die Technik muß man gar +nicht sehen, ebenso wenig wie man die Toilette an einer schönen Frau +sehen darf. Wie sie nur dazu da ist, um die Schönheit der Trägerin in um +so helleres Licht zu setzen, darf die Technik nur die Schleppenträgerin +der Kunst sein, jeder Künstler soll malen, wie ihm der Schnabel +gewachsen ist; was allerdings heutzutage schwer ist, denn, wie Schwind +sagt, »bis man weiß, daß man einen Schnabel hat, ist er vom vielen +Anstoßen schon ganz verbogen«. + +Und nun gar die Forderung zur altmeisterlichen Technik zurückzukehren! +Als ob die Technik die Ursache und nicht die Folge einer Kunstanschauung +wäre. Ist die Technik eines Van Eyk nicht bedingt durch die Sachlichkeit +seiner Naturanschauung? Hätte Franz Hals sich der Technik eines Holbein +bedienen können, oder mußte er nicht vielmehr eine mehr andeutende als +ausführende Technik erfinden, die seiner geistreichen Auffassung des +Momentanen entsprach? Wer die Technik eines Meisters nachahmt, wird ihm +höchstens abgucken, wie er sich räuspert und wie er spuckt. Ein +mittelmäßiges à la Rembrandt gemaltes Bild ist nicht besser, als ein +ebenso mittelmäßiges, das à la Manet gemalt ist. + +Überhaupt verbirgt sich hinter dem Verlangen nach altmeisterlicher Kunst +ein gut Teil Heuchelei: es entspringt nicht sowohl aus Liebe für die +alte, sondern vielmehr aus Haß gegen die moderne Kunst. + +Natürlich fällt auch in den bildenden Künsten kein Meister vom Himmel. +Eher fällt schon eine Exzellenz vom Himmel, wie Menzel, als man ihm zu +seinem neuen Titel gratulierte, geantwortet haben soll. + +Ein jeder Meister steht auf den Schultern seiner Vorgänger: das ist aber +nicht seine Meisterschaft, sondern seine Schülerschaft. Erst nach +Überwindung der Technik kann aus dem Schüler ein Meister werden, und nur +in diesem Sinne ist der bekannte Satz, daß man zum Künstler geboren, zum +Maler aber erst erzogen werden müsse, zu verstehen. Der Maler muß sein +Leben lang arbeiten, um der Technik Herr zu werden; aber nicht um ihrer +selbst willen, sondern um mittels der Technik seiner Phantasie einen +möglichst vollendeten Ausdruck geben zu können. + +Der Vortrag des Meisters kann nachgeahmt werden -- und die vielen +falschen Rembrandts sind der beste Beweis dafür -- aber nur der +Rembrandt ist echt, in dem du seines Geistes Hauch verspürst. Und sollte +ein mittelmäßiges Bild wirklich echt sein, von Rembrandts eigener Hand +signiert und von sämtlichen Kunstpäpsten als authentisch attestiert, so +würde das nur beweisen, daß der gute Rembrandt auch einmal geschlafen +habe. Was kümmert uns die Echtheit eines Kunstwerkes! Was des Meisters +würdig, ist echt. + +Weil in den bildenden Künsten die Form Mittel und Zweck, also eines ist, +ist es in ihnen natürlich schwerer zu entscheiden, als z. B. in der +Poesie, wo das Handwerk aufhört und die Kunst anfängt; daher triumphiert +oft genug über wahre Kunst Kunstfertigkeit, und ebenso oft wird der +Stein, den die Bauleute verwarfen, zum Eckstein. Denn vollendete +Technik, Eleganz des Vortrags, kurz, das Äußerliche des Bildes +schmeicheln sich dem Auge leichter ein als das Werk des Genies, dessen +rauhe Außenseite oft den goldenen Kern verbirgt. So wundert es mich +keineswegs, daß man etwa die Porträts van der Helsts denen eines +Rembrandt vorgezogen hat. Wenn Rembrandt heute lebte und ein Prinz sich +bei ihm malen ließe, so wäre er wahrscheinlich mit seinem Konterfei +ebenso wenig zufrieden wie der Prinz von Nassau, der sein Porträt für zu +schwarz, für zu gepatzt und wohl auch für nicht vorteilhaft genug +aufgefaßt ansah, und so den armen Rembrandt um seine vornehme Kundschaft +brachte. Allerdings vom Handwerksstandpunkt aus ist der »Nachtwache« die +»Schützenmahlzeit« des van der Helst vorzuziehen. Da ist alles tadellos. +Und auch heute noch würden nicht nur Prinzen, wenn sie nicht fürchteten +sich zu blamieren, einen van der Helst vorziehen. + +Es kommt nicht allein darauf an, was einer ansieht, sondern auch darauf, +wer was ansieht, und auch in der Kunst gilt das Sprichwort: niemand ist +groß in den Augen seines Kammerdieners; womit ich nicht etwa auf die +kleinen Schwächen großer Meister anspielen will. Wer das Kunstwerk mit +den Augen des Kammerdieners betrachtet, wird es nie begreifen. »Nichts +ist an sich schön; erst unsere Auffassung macht es dazu.« Wer Phidias +mit den Augen des Professors Trendelenburg anschaut, sieht vielleicht in +den Marmorgruppen der Siegesallee Werke des griechischen Bildhauers. Die +Breite des malerischen Vortrags macht noch keinen Velasquez und das +Helldunkel noch keinen Rembrandt: das ist gleichsam nur das irdische +Teil an ihnen. + +Das Unsterbliche an den Werken der Kunst ist ihr Geist, der Geist, +welcher dem inneren Auge des Malers, bevor er den ersten Pinselstrich +auf die Leinwand gesetzt hat, das Werk vollendet zeigt. + +Und wie der Geist ist die Kunst unbegrenzt, soweit die Ausdrucksfähigkeit +ihrer technischen Mittel reicht. Ihre Ausdrucksfähigkeit +vergrößern, heißt das Bereich der Kunst erweitern, das Bereich +der allein wahren Kunst, die von der Hand geboren, aber von +der Phantasie gezeugt ist. + + + + +EMPFINDUNG UND ERFINDUNG IN DER MALEREI + + +Neulich meinte Wöfflin in einem kleinen Aufsatz über das Zeichnen, daß +jeder, der einen Kopf gut zeichnen könnte, auch gut zu schreiben +verstände. Ob das nicht zu viel behauptet ist, will ich als Maler nicht +untersuchen, aber das glaube ich mit Recht behaupten zu dürfen, daß +einer, der keinen Strich zeichnen kann, unfähig ist über Malerei zu +schreiben. Was würden die Musiker sagen, wenn ein Maler, der nicht +einmal die »Wacht am Rhein« oder »Heil dir im Siegerkranz« auf dem +Klavier nachklimpern kann, sich herausnehmen würde über Musik zu +ästhetisieren! + +Das ästhetische Urteil über Malerei ist von Schriftstellern gemacht. Nie +würde ein Maler, auch wenn er Lessings Geist hätte, das geistreiche und +gerade deshalb so gefährliche Paradoxon vom Raffael ohne Hände erfunden +haben. Oder gar aus dem Laokoon, der immer noch, und mit gutem Recht, +die ästhetische Bibel der Gebildeten ist, das Diktum: »der Maler, der +nach der Beschreibung eines Thomson eine schöne Landschaft darstellt, +hat mehr getan, als der sie gerade von der Natur kopiert«. Der +Schriftsteller versteht in der Gedankenmalerei die literarische +Phantasie, und daher stellt er sie über die sinnliche Malerei, die er +nicht versteht, und aus Unkenntnis ihrer Wesenheit nicht verstehen kann. + +Malerei ist Nachahmung der Natur, der sie ihre Stoffe entlehnt, aber sie +bleibt ohne die schöpferische Phantasie geistlose Kopie, und es ist +daher ganz gleichgültig, ob der Maler einen Sonnenuntergang aus der +Tiefe seines Gemüts oder nach einem Gedicht des Thomson oder nach der +Natur malt. Mit andern Worten: nicht der Idealist steht -- wie Lessing +meint -- höher als der Realist, sondern die Stärke der Phantasie macht +den größeren Künstler. + +Für den Maler liegt die Phantasie allein innerhalb der sinnlichen +Anschauung der Natur: jedenfalls haben alle großen Maler von den +Ägyptern, Griechen und Römern bis zu Rembrandt und Velasquez, Manet und +Menzel sich innerhalb dieser Grenzen gehalten. Zwischen dem Kleckser, +der einen Sonnenuntergang malt und einem Claude Lorrain oder Claude +Monet ist nur ein Qualitätsunterschied. Die Größe des Talents eines +Künstlers beruht auf der Größe seiner Naturanschauung und zwar auf der +Größe der spezifisch malerischen Anschauung. Sonst hätte Goethe ein +ebenso großer Maler wie Dichter sein müssen. Wie die zahllosen Blätter, +die das Goethehaus aufbewahrt, beweisen, hat es ihm weder an Fleiß noch +an handwerksmäßiger Geschicklichkeit gefehlt, und wenn er trotz heißem +Bemühen zeitlebens in der bildenden Kunst ein mittelmäßiger Dilettant +geblieben ist, so liegt der Grund einfach darin, daß seine Phantasie -- +als die eines geborenen Dichters -- nur mit dem Worte zu gestalten +imstande war. + +Die Phantasie des Künstlers gestaltet nicht nur in dem Material, sondern +für das Material seiner speziellen Kunst, sonst kommt gemalte Poesie +oder poetische Malerei, d. h. Unsinn heraus. Daher ist auch nur aus dem +Material heraus eine richtige Wertung der Kunst möglich: der Genuß an +der Kunst steht jedem Empfänglichen offen, aber für die Kritik ist die +Kenntnis des Materials und der Technik unerläßlich. + +Einst fragte mich Virchow, während er mir zu seinem Porträt saß, ob ich +nach einer vorgefaßten Meinung male, und auf meine Antwort, daß ich +intuitiv die Farben nebeneinander setzte, entschuldigte sich der damals +schon greise Gelehrte ob seiner Frage. Alles, fügte er hinzu, in der +Kunst wie in der Wissenschaft, nämlich da, wo sie anfinge Wissenschaft +zu werden, wo sie Neues entdeckte, sei Intuition. »Als ich meinen Satz +Cellula e Cellula gefunden hatte, war es erst Späteren vorbehalten, ihn +zu beweisen.« Letzten Endes ist die Kunst unergründlich und wird es +immer bleiben. Auch ist es gut so, denn wenn wir ihr Geheimnis +ergründeten, wäre es mit ihr vorbei. Den künstlerischen Zeugungsprozeß +kann man ebensowenig ergründen wollen wie den physischen. Es wird ewig +ein Rätsel bleiben, wie dem Künstler die Idee zu seinem Werke kommt, +denn die Natur ist nur der äußere Anlaß für das Werk. Aber man kann die +Gehirntätigkeit des Künstlers während seiner Arbeit beobachten, und den +Weg, den seine Phantasie zurücklegt, von der Auffassung des Gegenstandes +bis zu dessen Wiedergabe auf der Leinewand verfolgen. Der Künstler sieht +die Gegenstände durch seine Phantasie. Er sieht, was er zu sehen sich +einbildet, oder wie Goethe es ebenso treffend, wie schön ausdrückt: wer +die Natur schildert, schildert nur sich, und die Feinheit und Stärke +seines Gefühls. + +Der alte Schwind antwortete auf die Frage, wie er seine Zeichnungen +mache: »ich nehme einen Bleistift in die Hand, und da fällt mir halt was +ein«. Unter dem Pinsel wird die Form geboren, und die Maler mit den +großartigen Ideen sind immer schlechte Maler. + +Die Erfindung des Malers beruht in der Ausführung und dieser Ausspruch, +der eigens für den Impressionismus geprägt zu sein scheint, und der von +dem englischen Maler Blake aus der ersten Hälfte des vorigen +Jahrhunderts herrührt, ist nicht nur für Manets Spargelbund gültig, +sondern ebenso für Michelangelos Erschaffung Adams in der Sixtina. In +der Erfindung des Sujets kann die Erfindung Michelangelos nicht liegen, +denn die steht in der Bibel: »und Gott der Herr machte den Menschen aus +einem Erdenkloß und er blies ihm ein den lebendigen Odem in seine Nase. +Und also ward der Mensch eine lebendige Seele«. Daß er uns die biblische +Erzählung überzeugend ad oculus demonstriert, darin liegt Michelangelos +Genie: wir glauben den Odem Gottes in Adam übergehen zu sehen. + +Ein witziger Maler, den man vor seinem Bilde fragte, was er habe malen +wollen, antwortete: »wenn ich es sagen könnte, hätte ich es nicht zu +malen gebraucht«. _Er_findung ist _Em_pfindung: aus ihr ergibt sich +Technik und Stil. Daher ist es Blödsinn -- was man jeden Tag hören oder +lesen muß -- zu sagen: »das Bild des Professors X. ist ausgezeichnet +gemalt, nur leider ohne Phantasie«. Dann ist es eben schlecht gemalt. +Aber ebenso blödsinnig: »das Bild ist sehr phantasievoll, aber schlecht +gemalt«. Dann ist es vielleicht von poetischer oder musikalischer, aber +nicht von malerischer Phantasie. Ein Bild ist gut, d. h. malerisch +erdacht, wenn es mit den malerischen Ausdrucksmitteln darzustellen ist, +und das malerisch nicht gut erdachte Bild kann überhaupt nicht gut +gemalt werden. Also sind technische Schwierigkeiten immer nur Fehler in +der Konzeption. Die schönsten Stücke Malerei wie die »Bohèmienne« oder +der »Papst Innocenz« sind die technisch einfachsten. + +Wer technische Schwierigkeiten eines Werkes sieht, ist überhaupt kein +Künstler. Der echte Künstler gleicht dem Reiter über den Bodensee: erst +nach Vollendung des Werkes entdeckt er voller Grauen die +Schwierigkeiten, die zu überwinden waren, und er würde sein Werk nicht +unternommen haben, wenn er sie vorher erkannt hätte. + +In der bildenden Kunst ist geistige Vollendung zugleich technische +Vollendung, denn in ihr sind Inhalt und Form nicht nur eins, sondern +identisch. Es ist daher ein müßiges Spiel mit Worten das Kunstwerk in +zwei Bestandteile zerlegen zu wollen: in ihm ist die Phantasie +materialisiert und umgekehrt die Technik vergeistigt worden. + +Wenn Rembrandt sagt, daß das Werk vollendet sei, sobald der Künstler +ausgedrückt hat, was er hat ausdrücken wollen, so heißt das nichts +anderes, als daß die Arbeit des Künstlers reine Phantasietätigkeit ist. +Gut malen heißt also mit Phantasie malen und die schönste, breiteste, +flächigste Malerei bleibt äußerliche Virtuosität, wenn sie nicht der +Ausdruck der künstlerischen Anschauung ist. Die Phantasie hört also +nicht da auf, wo die Arbeit beginnt -- wie noch ein Lessing annahm, -- +sondern sie muß dem Maler bis zum letzten Pinselstrich die Hand führen. +Weshalb ist denn oft die flüchtigste Skizze vollendeter als das fertige +Bild? Weil die in ein paar Stunden entstandene Skizze von der Phantasie +erzeugt ist, während die wochen-, ja monatelange Arbeit am Bilde die +Phantasie ertötet hat. Nicht etwa die Technik, sondern die Phantasie ist +die Ursache, daß nur die al Primamalerei was taugt, denn die Phantasie +ist ebensowenig eine Heringsware wie die Begeisterung: nur das unter dem +frischen Eindruck der momentanen Phantasie flüssig ineinander gemalte +Stück hat inneres Leben. + +Daher gibt es keine Technik per se, sondern so viele Techniken als es +Künstler gibt. Und ohne eigene Technik kann es keine eigene Kunst geben. +Franz Hals' Technik entspringt ebenso seiner Naturauffassung wie die des +Velasquez der seinigen: Beide malten einfach, was sie sahen. Unbewußt +kam in ihre Malweise ihre Persönlichkeit. + +Man sehe sich die »Bohèmienne« oder den »Innocenz« auf die angewandten +Mittel an: das Handwerksmäßige daran kann jeder Malklassenschüler. Auch +weiß man, daß der Papst dem Velasquez zu dem Kopfe in Petersburg, der +noch schöner sein soll als der in Rom, nur eine Stunde gesessen hat; und +Franz Hals hat sicher nicht viel länger an der »Bohèmienne« gearbeitet. +Gebt einem Stümper eine Stunde lang die Phantasie eines Franz Hals oder +Velasquez, und aus seiner Stümperei wird ein Meisterwerk. Aber Hals und +Velasquez hatten keine Kunsttheorien; sie malten, was sie selber sahen, +und nicht, was andere vor ihnen gesehen hatten: sie waren naiv. Sie +malten nur mit ihrem malerischen unbewußten Gefühl und nicht mit dem +Verstande. Sie warteten nicht die Stimmung ab, sondern die Stimmung kam, +wenn sie den Pinsel in die Hand nahmen. + +Manet oder Leibl dachten malerisch. Sie suchten nicht das sogenannte +Malerische in der Natur, sondern sie faßten die Natur malerisch auf: die +Natur war für sie der Canevas für ihr Bild. Feuerbach, Marées oder +Böcklin übersetzten ihre Stimmungen oder Gedanken in die Sprache der +Malerei: zum Ausdruck ihrer Sentiments bedienten sie sich der Natur. +Derselbe Gegensatz wie zwischen dem naiven und sentimentalen Dichter +besteht auch in der Malerei: der naive Maler geht von der Erscheinung +aus, der sentimentale vom Gedanken. + +Aber gerade das Primäre ist das Entscheidende; wie der wahre Dichter nur +vom Erlebnis ausgeht, so geht das wahre malerische Ingenium nur von der +sinnlichen Erscheinung aus. Letzten Endes ist jeder Maler Porträtmaler, +der Wirklichkeitsmaler Franz Hals oder Velasquez ebenso wie der Maler +der »inneren Gesichte« Albrecht Dürer oder gar wie Rembrandt, unter +dessen Pinsel die Bildnisse der Korporalschaft des Banning Cocq zur +»Nachtwache«, dem phantasievollsten Bilde der Welt, wurden. Daß dieses +Gruppenbildnis einer Schützengilde bis heutigen Tages die »Nachtwache« +heißt, das beweist am schlagendsten, daß in der Malerei die Erfindung +nur in der Ausführung beruht. + +Kunst ist Kern und Schale in einem Male: die Phantasie muß nicht nur die +Vorstellung von dem Bilde erzeugen, sondern zugleich die +Ausdrucksmittel, durch die der Maler seine Vorstellung auf die Leinwand +zu projizieren imstande ist. + +Irgend ein Corneliusschüler erzählte, daß er München in aller +Hergottsfrühe umkreiste, um sich in weihevolle Stimmung zu versetzen, +bevor er an die Arbeit ging, und ins Atelier gekommen, »floß der +Contour«. Aber Heinrich v. Kleist läßt in einer Betrachtung über +Berliner Kunstzustände im Jahr 1811 einen Vater seinem Sohne sagen: »du +schreibst mir, daß du eine Madonna malst, und daß du jedesmal, bevor du +zum Pinsel greifst, das Abendmahl nehmen möchtest. Laß dir von deinem +alten Vater sagen, daß dies eine falsche Begeisterung ist, und daß es +mit einer gemeinen, aber übrigens rechtschaffenen Lust an dem Spiele, +deine Einbildungen auf die Leinewand zu bringen, völlig abgemacht ist.« + + + + +PHANTASIE UND TECHNIK + + »Ohne Hände gibt es keine Maler, + und ohne brauchbare, keine gute.« + + RUMOHR. + + +Kaiser Wilhelm ließ als junger Prinz von irgendeinem Hofmaler sein +Bildnis malen und als er es besah, fragte er den Professor: Habe ich +denn so große Augen? und auf die Antwort des Malers, daß er die Augen +von Königl. Hoheit so groß sähe, erwiderte der Prinz: Dann begreife ich +nicht, daß Sie Maler geworden sind. + +Die Phantasie ist immer Voraussetzung, und ebensowenig zu beweisen, wie +daß 2 × 2 = 4 ist. Die ästhetische Betrachtung kann nur ergründen +wollen, wie sich die Form für das Werk unter der Hand des Künstlers +gestaltet, nicht aber den Prozeß, der in seinem Kopfe vorausgeht. Jeder +Künstler, ob er Maler, Musiker oder Dichter ist, muß von der Anschauung +ausgehen: Die Vision, die äußere wie die innere, ist das Primäre, und +aus der Wiedergabe der Vision geht erst der Gedanke hervor. Der +Schriftsteller aber will seinem Gedanken Ausdruck geben, der Gedanke ist +also das Primäre und die Form das Sekundäre. Natürlich ist ein Bild, das +der Maler aus der Natur konzipiert und nach der Natur malt, deshalb noch +nicht gut, aber ein Bild, das aus der Idee entstanden, kann nicht gut +sein. + +Denn in aller Kunst muß sich aus der Form erst der Gedanke entwickeln. +Die Form des Gedankens muß dem Dichter schon vorschweben, ehe der +Gedanke selbst erscheint (Lichtenberg), um wie viel mehr in der +bildenden Kunst und in der Musik, wo Form und Gedanke identisch sind. + +Als der Jenenser Student Goethen fragte, wie er zu seinem Stile gelangt +wäre, antwortete er: Ich habe die Dinge auf mich wirken lassen. Tizian +oder Tintoretto, Rembrandt und F. Hals, Velasquez und Manet hätten +dieselbe Antwort geben können auf die Frage, wie sie zu ihrer Malerei +gelangt wären. Daß der Künstler in irgendeinem xbeliebigen Modell den +Kaiser Augustus oder Napoleon sieht, ist das Werk seiner Phantasie und +ebenso unerforschlich wie das psychische Moment im menschlichen +Zeugungsprozeß; aber wie wir den physiologischen Prozeß zu ergründen +versuchen dürfen, so können wir nachforschen, wie der Künstler seine +Phantasie gleichsam materialisiert durch seine Technik und in ihr. +Technik heißt hier natürlich nicht das Handwerksmäßige, das jeder +Künstler selbstverständlich gelernt haben muß, sondern Technik bedeutet +hier das Ausdrucksmittel der Phantasie. Die Technik projiziert die +künstlerische Phantasie auf die Bildfläche und diese Projektion ist die +Kunst. + +Die Griechen hatten für Kunst und Handwerk nur das eine Wort ἡ τέχνη: +Beide sind desselben Ursprungs. Wehe der Kunst, die ihres Ursprungs +vergißt! Die von der Malerei verlangt, was nur Poesie oder Musik zu +leisten vermögen. Wie der Dichter für das Wort, der Musiker für den Ton, +so muß der Maler für sein Ausdrucksmittel erfinden. Man vergleiche eine +Silberstiftzeichnung Rembrandts mit einer seiner in Sepia lavierten +Zeichnungen: wie er jedem Material durch diese adäquate Behandlung +gerade die höchste Wirkung entlockt. Der Meister verlangt nicht vom +Stifte, was nur der Pinsel hergibt oder umgekehrt. + +Aber wie sich aus dem Affen nie der Mensch entwickeln kann, obgleich +beide derselben Abstammung sind, so kann nie aus dem vollendetsten +Handwerker der Künstler werden ohne den göttlichen Funken der Phantasie. +Das Genie ist notwendige Voraussetzung jedes Kunstwerkes; aber dieses +kann sich nur auf handwerklicher Basis gestalten. Künstler und +Handwerker prozedieren gleicherweise, einer wie der andere will nur sein +Handwerk bestmöglich ausüben. Ist aber der Handwerker nebenbei noch ein +Phidias oder ein Raffael, so wird aus seinem Handwerk -- ihm natürlich +unbewußt -- das ideale Kunstwerk. Ideal in dem Sinne, daß sich der +Künstler in seinem Werke vollendet. Ein objektives Ideal ist eine +contradictio in adjecto: Wären Phidias oder Raffael das Ideal an sich, +so könnten es Rembrandt und Velasquez nicht auch sein. + +Jedes Kunstwerk ist ideal und real zugleich, insofern der Künstler vom +sinnlichen Natureindruck ausgeht, also ist die Bezeichnung von +idealistischer oder realistischer Kunst ein Pleonasmus: mit ihrer +Qualität hat weder die eine noch die andere etwas zu tun. Sie können +höchstens das Stoffliche bezeichnen, wie man etwa das bürgerliche +Schauspiel vom historischen unterscheidet. Aber auch der rückständigste +Professor wird nicht »Maria Stuart« oder die »Jungfrau von Orleans«, +weil sie historische Dramen sind, dem bloß bürgerlichen Schauspiel +»Kabale und Liebe« vorziehen wollen. + +Mein verstorbener Freund Jettel pflegte jedem, der ihn besuchte -- und +welcher deutsche Maler, der im letzten Viertel des verflossenen +Jahrhunderts nach Paris kam, hat ihn nicht besucht! -- die Geschichte +von dem Wiener Akademiedirektor zu erzählen, wie der Meisterschüler den +Karton zu seinem ersten Bilde »Luther schlägt die Thesen an die +Schloßkirche zu Wittenberg« zeichnet. Nach monatelangem Korrigieren und +Ändern ist endlich der Karton fertig, und die Komposition wird auf die +Leinwand gepaust: Luther schwingt den Hammer, während die Menge ihm +begeistert zujauchzt. Als der Direktor zur Korrektur kommt, lobt er die +Komposition, aber er meint, daß es der Erhabenheit des weltgeschichtlichen +Moments nicht angemessen sei, daß Luther eigenhändig den +Hammer schwinge. Das müsse einer seiner Jünger tun. Dem braven +Schüler leuchtet es ein, und die Komposition wird demgemäß verändert: +Während Luther die Menge haranguiert, schwingt der Nächststehende den +Hammer; als der Meister wieder kommt, billigt er die Änderung, aber er +meint, daß nicht der Luther Nächststehende, sondern dessen Nachbar die +Thesen anschlagen müsse, um nicht die Aufmerksamkeit des Beschauers von +der Gestalt Luthers, der doch die Hauptperson im Bilde sei, abzulenken. +So gehts durch ein viertel oder ein halbes Jahr weiter, bei jedem +Besuche im Atelier des Schülers meint der Direktor, daß der Nächste den +Hammer schwingen müsse, bis alle der Reihe nach den Hammer geschwungen +haben und der Direktor zu dem Schlusse kommt, daß in der furchtbaren +Erregung des weltgeschichtlichen Moments Luther den Hammer selbst in die +Hand nehmen und die Thesen eigenhändig anschlagen würde. + +Alles in der Kunst ist Qualität, und die Qualität des Kunstwerkes hängt +von dem Quantum von Phantasie, die es erzeugte, ab, denn nur die von der +Phantasie erzeugte Form ist lebendig. Aber die Phantasie erfindet nicht +die Form -- denn die ist von Anbeginn der Kunst vorhanden, wie in der +Poesie das Wort und in der Musik der Ton, sondern den Ausdruck für die +Form, das heißt die Technik. Nicht die Form ist das Originelle, sondern +die künstlerische Originalität beruht darin, wie die Phantasie zur Form +geworden ist. Jeder Künstler, auch der größte, übernimmt die +traditionellen Formen seiner Zeit und seiner Umgebung. Die frühen +Raffaels oder Rembrandts gleichen den Bildern ihrer Meister (so sehr, +daß man sie für die ihrer Meister angesprochen hat). Sie suchen nicht +etwa neue Ausdrucksformen, das heißt eine neue Technik, sondern ihre +neue Technik ergibt sich aus ihrer künstlerischen Individualität. +Hieraus ergibt sich der neue Stil eines jeden Meisters. + +In der Musik heißt Virtuose, wer die fremde Komposition vorzutragen +imstande ist. Mit demselben Rechte könnte man die Maler, die keine +originelle Ausdrucksweise besitzen, Virtuosen nennen, nur kann man +leider nicht so leicht wie in der Musik den Komponisten vom Virtuosen in +der bildenden Kunst trennen, wo die Erfindung die Ausführung ist. Die +Fagerolles, die nur reproduzierende Künstler sind, gelten oft sogar mehr +als die Claude, die sie kopieren. + +Aber Meister ist nur, der seine eigenen Gedanken in eigener Sprache +auszudrücken imstande ist. Daher haben die geborenen großen Maler, je +älter sie wurden, desto schöner gemalt. Nicht etwa, daß ihre Hand mit +den Jahren geschickter wurde, im Gegenteil: sie werfen die +Geschicklichkeit des Handgelenks, die den Jüngling freut und über die +mangelnde Originalität hinwegtäuscht, mit Verachtung von sich und zwar +so, daß noch ein Karl Justi in seinem Pamphlet gegen die Moderne die +Alterswerke eines Rembrandt oder F. Hals senil nennen konnte. Der +Meister ist der Überwinder der Technik. Man vergleiche auf Rembrandts +Anatomie im Haag den Leichnam mit dem Stück auf der leider angebrannten +Anatomie des Dr. Deisman in Amsterdam, wie die Technik sich vereinfacht +hat, wie jedes Detail unterdrückt wird. Wir sehen nur noch das +Wesentliche, den Typus des Kadavers und -- schaudern, wie wenn wir +plötzlich vor einer Leiche stehen. Wohl sehen wir im Haag einen der +schönsten Rembrandts, aber der 26jährige macht noch Malerei, die +freilich wunderbar herrlich ist. Aber 25 Jahre später malt Rembrandt +nicht mehr ein Bild, sondern seine Seele auf die Leinwand. Genau +dasselbe bei F. Hals: in Haarlem kann man vor den Doelenstücken seine +Entwicklung während eines halben Jahrhunderts von Stufe zu Stufe +verfolgen, vom Rubensschüler, der die Technik seines Meisters sklavisch +kopiert, bis zum 80jährigen Meister, der in den zwei Bildern der +Vorsteher und der Vorsteherinnen eines Waisenhauses das höchste und +schönste leistet, was die Malerei hervorgebracht hat. In diesen +»senilen« Werken ist allerdings nichts mehr von Technik zu merken, denn +jeder Pinselstrich und jeder Farbfleck ist Leben geworden. Wie der Kopf +des greisen Mommsen ganz durchgeistigt schien, nur noch Seele, so ist in +den beiden Altersschöpfungen von Hals nichts Materielles mehr: der Geist +hat die Technik vernichtet. + +Dasselbe Phänomen bei Tizian. Zwischen der Dornenkrönung in Paris und +der in München liegen rund 30 Jahre: die Komposition ist absolut +dieselbe geblieben, aber aus der Malerei ist Leben geworden. Nur die +Phantasie kann dieses Wunder bewirkt haben: sie hat die Technik +vergeistigt. Oder mit anderen Worten: aus dem Maler, der die Natur +nachahmt, wird der Künstler, der ein Neues schafft, das heißt: der +Künstler, der eine neue Technik schafft. + +Jede neue Kunst ist also letzten Endes neue Technik. Man vergleiche das +Hohe Lied mit einem lyrischen Gedicht Goethes oder den ägyptischen +Dorfschulzen im Museum in Kairo mit einer Bronze Rodins: obgleich 5000 +Jahre dazwischen liegen, das Ringen des menschlichen Geistes nach +demselben Ausdruck. Nur mit verschiedenen Mitteln, d. h. mit veränderter +Technik. + +Sein Talent hat der Künstler vom lieben Gott: Was er aber daraus macht +mittelst seiner Technik, das ist _seine_ Kunst. Daher ist es nicht etwa +öde Fachsimpelei à la Tessman, sondern der gesundeste Instinkt, wenn der +Künstler sich Zeit seines Lebens nur mit der Technik beschäftigt. Für +ihn ist die Technik die Kunst. »Lieber Junge, die überraschenden +Wirkungen, welche viele nur dem Naturgenie zuschreiben, erzielt man oft +ganz leicht durch richtige Anwendung und Auflösung der Septimenakkorde.« +Was für Beethoven Technik ist, erscheint uns als Ausfluss seines Genies +und zwar ganz folgerichtig, denn die Technik ist ja Ausfluss des Genies +oder sollte es wenigstens sein. Bei Rodin spiegelt sich die ganze Welt +in der Oberfläche des Kunstwerkes. + +Die Technik fängt erst an, künstlerisch zu werden, wo sie persönlich +wird, daher kann man nur das Handwerksmäßige, das Kunstgewerbliche +an ihr lehren und lernen. Daher gibt es keine Technik κατ' ἐξοχὴν. +Raffael malt wie Perugino, F. Hals wie Rubens und Rembrandt wie sein +Lehrer Lastmann, solange sie Schüler waren. Als aber Raffael er +geworden, malt er raffaelisch wie Hals halsisch und wie Rembrandt +rembrandtisch malten, sobald sie Hals und Rembrandt geworden. Es ist +durchaus zu verstehn, daß die jungen Leute heutzutage Cézanne oder van +Gogh nachahmen: ihr Fehler beruht nur darin, daß sie die Hieroglyphe +ihres Vorbildes kopieren, ohne zu wissen, was sie bedeutet, wie die +Mönche im Mittelalter die griechischen und lateinischen Texte +abschrieben, ohne sie zu verstehen. -- + +Der bekannte Gehirnanatom Edinger berichtet den merkwürdigen Fall, daß +ein Schreiner nach einer Verletzung der Gehirnrinde wieder völlig +genesen war, nur die Funktion des Hobelns war ihm durch seine Erkrankung +abhanden gekommen: Hand und Herz gehören nun mal in der Malerei zusammen +und die Vorstellung vom Raffael ohne Hände ist nicht nur wider die +Natur, sondern wider die Kunst. Denn im Künstler löst erst die Form die +Idee aus. + + +Druck von W. Drugulin in Leipzig + + + + + [ Im folgenden werden alle geänderten Textzeilen angeführt, wobei + jeweils zuerst die Zeile wie im Original, danach die geänderte Zeile + steht. + + Phantasie verstehe: die den malerischen Mitteln am meisten ädaquate + Phantasie verstehe: die den malerischen Mitteln am meisten adäquate + + Auffassung der Natur. Jeder Kontur, jeder Pinselstrich ist Ausfluß einer + Auffassung der Natur. Jede Kontur, jeder Pinselstrich ist Ausfluß einer + + schwarz, für zu gapatzt und wohl auch für nicht vorteilhaft genug + schwarz, für zu gepatzt und wohl auch für nicht vorteilhaft genug + + brachte. Allerdings vom Handwerksstandgunkt aus ist der »Nachtwache« die + brachte. Allerdings vom Handwerksstandpunkt aus ist der »Nachtwache« die + + »Nachtwache« dem phantasievollsten Bilde der Welt, wurden. Daß dieses + »Nachtwache«, dem phantasievollsten Bilde der Welt, wurden. Daß dieses + + ] + + + + + +End of Project Gutenberg's Die Phantasie in der Malerei, by Max Liebermann + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE PHANTASIE IN DER MALEREI *** + +***** This file should be named 38158-0.txt or 38158-0.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + http://www.gutenberg.org/3/8/1/5/38158/ + +Produced by Jana Srna, Norbert H. Langkau and the Online +Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net (This +file was produced from images generously made available +by The Internet Archive/Canadian Libraries) + + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. 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It exists +because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from +people in all walks of life. + +Volunteers and financial support to provide volunteers with the +assistance they need, are critical to reaching Project Gutenberg-tm's +goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will +remain freely available for generations to come. In 2001, the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure +and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations. +To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation +and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 +and the Foundation web page at http://www.pglaf.org. + + +Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive +Foundation + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit +501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the +state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal +Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification +number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at +http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent +permitted by U.S. federal laws and your state's laws. + +The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S. +Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered +throughout numerous locations. Its business office is located at +809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email +business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact +information can be found at the Foundation's web site and official +page at http://pglaf.org + +For additional contact information: + Dr. Gregory B. Newby + Chief Executive and Director + gbnewby@pglaf.org + + +Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation + +Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide +spread public support and donations to carry out its mission of +increasing the number of public domain and licensed works that can be +freely distributed in machine readable form accessible by the widest +array of equipment including outdated equipment. Many small donations +($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt +status with the IRS. + +The Foundation is committed to complying with the laws regulating +charities and charitable donations in all 50 states of the United +States. 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Thus, we do not necessarily +keep eBooks in compliance with any particular paper edition. + + +Most people start at our Web site which has the main PG search facility: + + http://www.gutenberg.org + +This Web site includes information about Project Gutenberg-tm, +including how to make donations to the Project Gutenberg Literary +Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to +subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks. diff --git a/38158-0.zip b/38158-0.zip Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..d5b6b3d --- /dev/null +++ b/38158-0.zip diff --git a/38158-8.txt b/38158-8.txt new file mode 100644 index 0000000..c6d6242 --- /dev/null +++ b/38158-8.txt @@ -0,0 +1,1553 @@ +Project Gutenberg's Die Phantasie in der Malerei, by Max Liebermann + +This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with +almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + +Title: Die Phantasie in der Malerei + +Author: Max Liebermann + +Release Date: November 28, 2011 [EBook #38158] + +Language: German + +Character set encoding: ISO-8859-1 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE PHANTASIE IN DER MALEREI *** + + + + +Produced by Jana Srna, Norbert H. Langkau and the Online +Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net (This +file was produced from images generously made available +by The Internet Archive/Canadian Libraries) + + + + + + + [ Anmerkungen zur Transkription: + + Schreibweise und Interpunktion des Originaltextes wurden bernommen; + lediglich offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert. Eine Liste + der vorgenommenen nderungen findet sich am Ende des Textes. + + Im Original gesperrt gedruckter Text wurde mit _ markiert. + Griechischer Text wurde transliteriert und mit ~ markiert. + ] + + + + + DIE PHANTASIE + IN DER MALEREI + + VON + MAX LIEBERMANN + + BEI BRUNO CASSIRER + BERLIN 1916 + + + VIERTE AUFLAGE + + + + + DEN MANEN HUGO VON TSCHUDIS + UND ALFRED LICHTWARKS + + + + +INHALT + + + Seite + + Vorwort zur zweiten Auflage 7 + + Einleitung 9 + + Die Phantasie in der Malerei 19 + + Empfindung und Erfindung in der Malerei 41 + + Phantasie und Technik 53 + + + + +VORWORT ZUR ZWEITEN AUFLAGE + + +Wer, irregefhrt durch den anspruchsvollen Titel meines Bchelchens, +eine wissenschaftliche Abhandlung ber die Phantasie zu finden hofft, +wird arg enttuscht werden. Ich habe die Erfahrungen und Beobachtungen, +die ich in einer ach! fast fnfzigjhrigen Beschftigung mit der Malerei +gesammelt habe, aufgezeichnet. + +Da ich als Maler subjektiv ber Malerei urteile, ist selbstverstndlich. +Aber ich habe nicht beabsichtigt, etwa fr die naturalistische +Malerei Propaganda zu machen -- denn deren hat sie nicht +ntig--, sondern ich schrieb die folgenden Seiten, um zu zeigen, da +jede Malerei naturalistisch sein msse, wenn sie gut ist. + +Es gibt keine bldsinnigere Behauptung, als die, welche man -- +wahrscheinlich gerade deswegen weil sie so bldsinnig ist -- tglich +liest und hrt: der Naturalismus ist tot. Denn alle Kunst beruht auf der +Natur und alles Bleibende in ihr ist Natur. Nicht die den Knstler +umgebende nur, sondern vor allem seine eigene Natur. Wie er, der +Knstler, die Welt anschaut, mit seinen inneren und ueren Sinnen -- +das nenne ich seine Phantasie -- die Gestaltung dieser seiner Phantasie +ist seine Kunst. Als Maler gehe ich von der Anschauung aus, daher +interessiert mich ausschlielich die gestaltende Phantasie, whrend mir +die schpferische Phantasie im Kunstwerke Axiom ist. Sie ist gttliche +Eingebung, der nur auf dem Wege reinen Denkens beizukommen ist (wenn ihr +berhaupt beizukommen ist). Der gestaltenden Phantasie aber drfen wir +hoffen, auf psychologisch-empirischem Wege nachspren zu knnen. Oder +mit anderen Worten: wir drfen versuchen wollen, aus der Technik den +Geist, der das Werk gezeugt hat, zu erklren. + +Da wenige Wochen nach Erscheinen der ersten Auflage eine zweite ntig +geworden, ist ein erfreulicher Beweis, da der Krieg wie andere +Vorurteile auch das Diktum Inter arma silent Musae hinweggefegt hat. + +_Berlin_, April 1916. + + MAX LIEBERMANN + + + + +EINLEITUNG + + ...da das Studium der Natur und die Erfindung der + Phantasie im Nachahmen das Bleibende in allem sei... + + (Goethes Gesprch.) + + +In seinem Tagebuch stellt Delacroix die Behauptung auf, da jede +sthetik mit einer Terminologie der Kunstausdrcke zu beginnen habe, da +Jeder darunter etwas anderes verstehe. Er unternimmt auch die Erklrung +einiger termini, aber er hrt alsbald wieder damit auf, wahrscheinlich +weil er die Unmglichkeit seines Unternehmens einsieht. + +Ich bin mir wohl bewut, das Wort Phantasie, von dem die folgenden +Seiten handeln, in einem dem landlufigen abweichenden Sinne gebraucht +zu haben und ich htte es gern mit einem passenderen Worte vertauscht, +wenn ich eins gefunden htte. Im allgemeinen bezeichnet man mit +Phantasie die Einbildungen unsres Gehirns, das Imaginre, das ein nicht +Existierendes vorzaubert. In dieser Bedeutung kann man Phantasie +berhaupt nicht anwenden auf die Malerei, die nichts erfinden kann oder +soll, was nicht in der Natur existiert oder wenigstens existieren +knnte. Ich mchte der Phantasie mehr die Bedeutung, die das Wort im +Griechischen hatte, beilegen: ~phainomenon~, Erscheinung. Der Maler will +das ihm vorschwebende Bild zur Erscheinung bringen, er will die +Erscheinung auf die Leinwand projizieren, wobei es ganz gleichgltig +ist, ob ihm das Bild vor seinem geistigen oder leiblichen Auge schwebt. +Denn beides ist im Grunde dasselbe: der Maler kann nur malen, was er zu +sehen glaubt, ob er sein Bild im Geiste oder in der Natur sieht. + +Aus der Phantasie malen steht also in keinem Gegensatze zum +Nach-der-Natur-malen, denn es sind nur zwei verschiedene Wege, die nach +demselben Ziele fhren sollen. Noch falscher aber wre die Annahme, die +nicht nur im Publikum, sondern leider auch in der sthetik immer noch +besteht, als ob der Maler, der _aus_ der Phantasie malt, mehr _mit_ der +Phantasie malt, als der, welcher nach der Natur malt. + +Je naturalistischer eine Malerei ist, desto phantasievoller mu sie +sein, denn die Phantasie des Malers liegt nicht -- wie noch ein Lessing +annahm -- in der Vorstellung von der Idee, sondern in der Vorstellung +von der Wirklichkeit oder wie Goethe es treffend ausdrckt: Der Geist +des Wirklichen ist das wahrhaft Ideelle. Daher bedeutet idealistische +Malerei im Gegensatze zur naturalistischen Malerei nur die verschiedene +Auffassung der Natur, aber keinen Qualittsunterschied: die Qualitt +beruht einzig und allein in der greren oder geringeren Kraft der +Phantasie des Malers, mag er nun wie Raffael eine Madonna oder wie +Rembrandt einen geschlachteten Ochsen malen. Natrlich kann ich nicht +mit mathematischer Genauigkeit beweisen wollen, warum der eine Meister +mehr Phantasie hat als der andere. Ich kann nur sagen wollen, warum ich +ein Portrt von F. Hals fr phantasievoller halte als einen Holbein. Und +wenn ich sage, da ich in Franz Hals den phantasievollsten Maler sehe, +der je gelebt hat, so wird vielleicht klarer, was ich unter malerischer +Phantasie verstehe: die den malerischen Mitteln am meisten adquate +Auffassung der Natur. Jede Kontur, jeder Pinselstrich ist Ausflu einer +knstlerischen Konvention. Je suggestiver die Konvention wird, je +ausdrucksvoller durch die Form oder die Farbe oder durch beides zusammen +der Maler sein inneres Gesicht auf die Leinwand zu bringen imstande war, +desto grere, strkere Phantasiettigkeit war zur Erzeugung seines +Werkes ntig. Ebensowenig wie man den physischen Zeugungsproze je +ergrnden wird, ebensowenig wird der Schleier von dem knstlerischen +Zeugungsproze je fallen. Wie es Axiomata gibt, die nicht in Frage +gestellt werden drfen, wenn man mathematische Fragen errtern will, so +gibt es in der sthetik gewisse notwendige Voraussetzungen, ber die +nicht zu diskutieren ist. Das Genie ist selbstverstndliche +Voraussetzung und die sthetik kann sich nur damit beschftigen wollen, +wie und auf welche Weise es sich uert. Der heilige Augustinus +definiert die Kunst als das, was die groen Knstler hervorgebracht +haben. Fragt sich nur, welche Knstler man als die groen bezeichnet. +Und diese Frage wird nie endgltig gelst werden, denn letzten Endes +entscheidet in stheticis der Geschmack und nirgends gilt das post hoc +ergo propter hoc mehr als in der sthetik. + +Je mehr wir also in der sthetik beweisen wollen, desto mehr wird unsre +Untersuchung darauf hinauslaufen, unsren Geschmack als den richtigen dem +Leser hinzustellen. Wir beweisen unsren Geschmack mit unsrem Geschmack, +wir machen ihn also in derselben Sache zum Richter und zum Zeugen. +Alljhrlich werden wir mit einer Unzahl jener kunsthistorischen Romane +beschenkt, die irgendeinen berhmten Maler oder Bildhauer zum Helden +haben, und an dem uns der Autor seine Ansichten ber Kunst +exemplifiziert. Sie sind zwar ein erfreulicher Beweis fr das Interesse +des Publikums an bildender Kunst -- denn wenn sie nicht gekauft wrden, +wren sie nicht geschrieben und noch weniger gedruckt -- aber fr das +Verstndnis der Kunst sind sie eher schdlich als ntzlich; denn sie +geben uns nur Meinungen und Empfindungen des Autors wieder, also lauter +Urteile, die keinen wissenschaftlichen Wert beanspruchen drfen, da sie +nicht verstandesmig begrndet werden knnen. + +In der Vorrede zur Kritik der reinen Vernunft sagt Kant, da +Kopernikus, der, nachdem es mit der Erklrung der Himmelsbewegung nicht +gut fort wollte, wenn er annahm, das ganze Sternenheer drehe sich um den +Zuschauer, versuchte, ob es nicht besser gelingen mchte, wenn er den +Zuschauer sich drehn und dagegen die Sterne in Ruhe lie. Lassen wir +das bersinnliche in der Kunst in Ruhe und stellen wir uns Kunst -- nach +der Etymologie des Wortes -- als Knnen vor. Vielleicht da wir vom +Sinnlichen, das heit der Technik, leichter in den Geist der Kunst +einzudringen vermgen. + +Nicht etwa, als ob ich, wie den Menschen in Krper und Seele, so die +Kunst in Geist und Technik zerlegen wollte: die Technik ist der Ausdruck +des Geistes. Niemand kann sagen, wo das Handwerk aufhrt und das +Kunstwerk beginnt, denn beides ist in- und miteinander unlslich +verwachsen. Ein Bild in Geist und Technik zerlegen wollen hiee ein +lyrisches Gedicht in Prosa auflsen oder nach A. v. Bergers witzigem +Worte: eine Statue sezieren wollen. + +Die Kunst ist des Knstlers Handwerk, das auszubilden die Aufgabe seines +Lebens ausmacht. Sie ausbilden heit: seine Natur so restlos und +berzeugend als mglich durch die Mittel seiner Kunst zum Ausdruck zu +bringen. + +Der Inhalt der Kunst ist also die Persnlichkeit des Knstlers, das +sogenannte Genie. Dieses ist ein Geschenk der Gtter, welches sie ihm in +die Wiege gelegt haben und fr dessen Dasein wir ebensowenig einen +ontologischen Beweis fhren knnen wie fr das Dasein Gottes. Nur die +Vorstellung, die das Werk des Genies in uns auslst, lt uns mit +Notwendigkeit auf die Existenz des Genies schlieen. + +Die Kunst dagegen ist das eigne Werk des Knstlers und da das Genie +unbewut ihm innewohnt, ist es nur logisch, da der Knstler nur an +seine Kunst, das heit an die Technik denkt. Fr ihn ist Kunst und +Handwerk identisch. Nicht in der Idee, sondern in der Ausfhrung der +Idee liegt die Kunst. Rembrandt antwortete seinen Schlern auf die +Frage, wie sie malen sollten: nehmt den Pinsel in die Hand und fanget +an. + +Zwischen der Abfassung der folgenden Aufstze liegt ein Zeitraum von +mehr als zehn Jahren. Wenn ich sie jetzt ohne nderungen, wie sie +erschienen sind, gesammelt herausgebe, so geschieht es in der Hoffnung, +da sie auch heute noch aktuell und zur Klrung der Ansichten ber Kunst +beizutragen imstande sind. Und waren je die sthetischen Ansichten +verwirrter als heut? Wo ein jngerer Kunstrichter aus den Schtzengrben +Flanderns heraus schreibt, da der Krieg nicht nur fr die Existenz +Deutschlands, sondern ber den Sieg des Expressionismus entscheidet. + +Je mehr sich die sthetik mit den Kunstrichtungen beschftigt, desto +unfhiger erweist sie sich fr ihre eigentliche Aufgabe, die Qualitt +des Kunstwerks zu erforschen. Denn Richtung bedeutet nur eine +Zeitstrmung, die grade Mode ist und von der nchsten Mode zum alten +Eisen geworfen wird. Sie ist die Losung, das Feldgeschrei im Kampfe der +jngeren gegen die ltere Generation: Sie ist eine Zeit- aber keine +Wertbestimmung. Aber nicht das lautere Feldgeschrei entscheidet -- sonst +htten die Expressionisten, Kubisten und Futuristen lngst gewonnen -- +sondern wie im Kriege die strkeren Bataillone, so entscheiden in der +Kunst nicht Richtungen den Sieg, sondern einzig und allein die strkeren +Persnlichkeiten in ihnen. + +Ich schreibe als Maler, gleichsam mit dem Pinsel in der Hand und ich +suche daher die Wirkungen, die das Kunstwerk auf mich ausbt, so viel +als mglich aus den Mitteln, deren sich der Knstler bedient hat, zu +erklren. Natrlich bin ich einseitig und der Vorwurf, ich schriebe pro +domo, wrde mich wenig rhren, weil ich glaube, da es ein objektives +richtiges Kunsturteil berhaupt nicht geben kann. Aber auch die +Gerechtigkeit im Urteil ber Kunst macht nur die berzeugung: je strker +und unverflschter ich sie ausdrcke, desto gerechter bin ich. Auch +berlasse ich das Urteilen so viel als mglich dem Leser und dem -- +Berufskritiker; ich mchte klar machen, warum ich diese Malerei fr gut +und jene fr schlecht halte. Witzige mgen die Kunst in 40 Minuten ein +Kunstkenner zu werden schreiben. Der Knstler schreibt ber seine Kunst +Bekenntnisse. + +Goethe sagt mal: Poesie ist keine Kunst, weil alles auf dem Naturell +beruht. Ebenso ist Malerei keine Kunst, alles hngt von der +Persnlichkeit des Knstlers ab. Der Inhalt der Kunst ist die +Persnlichkeit des Knstlers. + +Kunst kommt von Knnen, welches das Wollen als einen dem Knstler +innewohnenden Trieb einschliet (weshalb ich auch nicht an die faulen +oder verbummelten Genies glaube). Der Knstler _mu_ schaffen: die Kunst +ist sein Handwerk. + +Natura sive deus! Gott schuf den Menschen nach seinem Ebenbilde: der +Knstler schafft nach seinem Ebenbilde die Welt! was Goethe in die +schnen Worte kleidet: Wie kstlich ists, wenn ein herrlicher +Menschengeist ausdrcken kann, was sich in ihm bespiegelt. + + + + +DIE PHANTASIE IN DER MALEREI + + +Von der Malerei als Ding an sich will ich reden, nicht von der Musik +oder der Poesie in der Malerei; denn was nicht deines Amtes ist, davon +la deinen Frwitz. + +Ich will von der Malerei sprechen, die von jedem Zweck genesen, die +nichts sein will als -- Malerei: Von ihrem Geist, nicht von der +berwindung ihrer technischen Schwierigkeiten, in der das Publikum +freilich und, wie ich frchte, manche Maler immer noch ihren Wert +erblicken. + +Allerdings kommt Kunst von knnen, und da das Knnen in keiner Kunst +mehr ausmacht als grade in der Malerei, soll keineswegs geleugnet +werden. + +Aber so hoch auch die Malerei, die gut gemacht ist, einzuschtzen ist: +gute Malerei ist nur die, die gut gedacht ist. Was bedeutet die +korrekteste Zeichnung, der virtuoseste Vortrag, die blendendste Farbe, +wenn all diesen uerlichen Vorzgen das Innerliche, die Empfindung, +fehlt! Das Bild bleibt doch -- gemalte Leinwand. Erst die Phantasie kann +die Leinwand beleben, sie mu dem Maler die Hand fhren, sie mu ihm im +wahren Sinne des Worts bis in die Fingerspitzen rollen. Obgleich +unsichtbar, ist sie in jedem Striche sichtbar, freilich nur fr den, der +Augen hat zu sehen, nur fr den, der sie empfindet. + +Ich will hier nicht etwa von dem Hllenspuk, der Phantastik reden, +sondern ich verstehe unter Phantasie den belebenden Geist des Knstlers, +der sich hinter jedem Strich seines Werkes verbirgt. Die Phantasie in +der bildenden Kunst geht von rein sinnlichen Voraussetzungen aus. Sie +ist die Vorstellung der ideellen Form fr die reelle Erscheinung. Sie +ist das notwendige Kriterium fr jedes Werk der bildenden Kunst, fr das +idealistischste wie fr das naturalistischste. Sie allein kann uns +berzeugen von der Wahrheit der Bcklinschen Fabelwesen wie des +Manetschen Spargelbundes. + +Wenn der kleine Moritz einen Kreis malt, dahinein zwei Punkte, zwischen +die einen senkrechten und darunter einen wagerechten Strich macht, so +ist das der bildliche Ausdruck seiner Phantasie fr einen Kopf. Hat der +kleine Moritz Talent zum Zeichnen, so wird er die individuellen +Eigentmlichkeiten z.B. die groe Nase seines Vaters oder den groen +Mund seiner Mutter beim Nachzeichnen gewaltig bertreiben. Aber hinter +dieser Karikatur steckt vielleicht mehr Phantasie als in dem +lebensgroen Portrt in l des berhmten Professors so und so, der vor +lauter Bumen den Wald nicht mehr sieht und dessen Phantasie durch +alles, was er gelernt hat, erttet ist. Jedem meiner Kollegen wird +unzhlige Male dasselbe passiert sein: der junge Mann -- noch hufiger +die junge Dame -- so bald sie sich ernstlich dem Studium der Malerei +widmen, machen es nicht nur nicht besser als frher, sondern im +Gegenteil viel schlechter, d.h. die Phantasie, die frher naiv den +_Eindruck_ der Natur wiederzugeben bestrebt war, wird allmhlich von dem +Suchen nach Korrektheit verdrngt. Aus der phantasievollen, aber +unkorrekten wird die phantasielose aber korrekte Zeichnung. Mit anderen +Worten: der Buchstabe ttet den Geist, und nur die Talentvollsten knnen +ungestraft an ihrer Phantasie den akademischen Drill berstehen. + +Der alte Schadow pflegte seinen Schlern auf die Frage, wie sie malen +sollten, zu antworten: setzt die richtige Farbe auf den richtigen +Fleck. Schadow, der nicht nur Akademie-Direktor, sondern -- was nicht +immer zusammentrifft -- auch ein Knstler war, wute, da nur das +Handwerkmige der Malerei gelehrt und gelernt werden kann; seine +Definition in usum delphini verschweigt wohlweislich, was Malerei zur +Kunst macht: die Phantasiettigkeit des Malers, die darin besteht, fr +das, was er -- und zwar nur er -- in der Natur oder im Geiste sieht, den +adquaten Ausdruck zu finden. Natrlich vollzieht sich diese +Phantasiettigkeit vllig unbewut im Knstler, denn Kunstwerke +_entstehen_: sie werden nicht gemacht, und das sicherste Mittel kein +Kunstwerk hervorzubringen, ist die Absicht, eins zu machen. Wie Saul +ausging, die Eselinnen seines Vaters zu suchen und ein Knigreich fand, +so mu der Maler einzig und allein bestrebt sein, die richtige Farbe auf +den richtigen Fleck zu setzen: ist er ein Knstler, so -- findet er ein +Knigreich. + +Ein Bund Spargel, ein Rosenbukett gengt fr ein Meisterwerk, ein +hliches oder ein hbsches Mdchen, ein Apoll oder ein migestalteter +Zwerg: aus allem lt sich ein Meisterwerk machen, allerdings mit dem +ntigen Quantum Phantasie; sie allein macht aus dem Handwerk ein +Kunstwerk. + + * * * * * + +Die Phantasie, als das schpferische Grundprinzip des gesamten geistigen +Lebens, ist fr alle Knste dieselbe, aber in den verschiedenen Knsten +kommt sie auf verschiedene Weise zum Ausdruck. Obgleich nur die bildende +Kunst, als einzig rumliche unter den Knsten, imstande ist, die +Ausdehnung aus der Wirklichkeit mit zu bernehmen, ist sie doch deshalb +nicht materieller als Poesie oder Musik. Allerdings sind die Werke der +bildenden Kunst gleichsam fa- und tastbar und -- wie Gregor der Groe +im Kampfe gegen die Bilderstrmer meinte: Bilder sind die Bcher derer, +die nicht lesen knnen -- daher werden sie fr leichter verstndlich +gehalten. Im Grunde jedoch ist die Kunst an einem Bilde genau ebenso nur +dem inneren Auge wahrnehmbar, wie die an einem Musikstcke nur dem +inneren Ohr. Denn was anders als die Phantasie des Knstlers +unterscheidet ein Werk des Phidias von einem Abgu ber Natur? Daher ist +es fr den Wert eines Werkes der bildenden Kunst ganz gleichgltig, was +es darstellt, nur die Erfindung und die Ausdrucksfhigkeit ihrer Form +macht seinen Wert aus. + +Der Satz, da die gutgemalte Rbe besser sei als die schlechtgemalte +Madonna, gehrt bereits zum eisernen Bestand der modernen sthetik. Aber +der Satz ist falsch; er mte lauten: die gutgemalte Rbe ist ebenso gut +wie die _gut_gemalte Madonna. Wohlgemerkt als rein malerisches Produkt, +denn, zur Beruhigung frommer Gemter sei's gesagt, es fllt mir beileibe +nicht ein, zwei sthetisch so ungleichwertige Gegenstnde miteinander +vergleichen zu wollen. Auch wei ich wohl, da die Darstellung einer +Madonna noch andere als rein malerische Ansprche an den Knstler +stellt, und da sie als knstlerische Aufgabe schwerer zu bewltigen ist +als ein Stilleben. Obgleich in einem Vierzeiler das Genie Goethes ebenso +sichtbar ist als im Faust, kann als knstlerische Leistung ber allen +Gipfeln ist Ruh doch nicht mit dem Faust verglichen werden. + +Aber die spezifisch malerische Phantasie des Knstlers kann sich in +einem Stilleben gerade deshalb strker zeigen als in der Darstellung des +Menschen, weil das Bund Spargel nur durch die knstlerische Auffassung +interessiert, an dem Menschen, am Kopf oder an einem schnen +Frauenkrper interessiert uns -- namentlich an letzterem -- auch noch +der dargestellte Gegenstand. + +Der spezifisch malerische Gehalt eines Bildes ist um so grer, je +geringer das Interesse an seinem Gegenstande selbst ist; je restloser +der Inhalt eines Bildes in malerische Form aufgegangen ist, desto grer +der Maler. + +Also vom rein malerischen Standpunkt aus ist die bergabe von Breda +des Velasquez in nichts wertvoller als eins seiner Kchenstilleben: ja +sogar knnte ein solches malerisch wertvoller sein, wenn Velasquez die +Kchengertschaften besser gemalt htte als die Heerfhrer auf dem +groen Historienbild. Worauf es hier allein ankommt, ist klar +auszudrcken, da der Wert der Malerei absolut unabhngig vom Sujet ist, +und nur in der Kraft der malerischen Phantasie beruht. + +Hieraus folgt, da gerade die naturalistische Malerei dieser +Phantasiettigkeit am meisten bedarf, weil sie nur durch die ihr eigene +Kraft wirken will; was freilich einer weit verbreiteten Ansicht im +Publikum durchaus widerspricht. Immer noch sehen die Gebildeten in der +naturalistischen Malerei nur eine geistlose Abschrift der Natur, etwa +eine Kunst, die von der Photographie, wenn sie erst mit der Form auch +die Farbe wiederzugeben gelernt hat, berwunden sein wird. Nein! selbst +die Konkurrenz der farbigen Photographie frchten wir nicht: denn selbst +die vollendetste mechanische Wiedergabe der Natur kann hchstens zum +vollendeten Panoptikum, nie aber zur Kunst fhren. Was der Gebildete an +der naturalistischen Kunst vermit, ist die literarische Phantasie, weil +er die Malerei statt mit den Augen immer noch mit dem Verstande +betrachtet. Immer noch spukt in unseren Kpfen das berhmte Lessingsche +Diktum vom Raffael, der, wenn er auch ohne Arme geboren, der grte +Maler geworden wre. Vielleicht der grte Dichter oder der grte +Musiker, jedenfalls aber nicht der grte Maler. Denn die Malerei +besteht nicht in der Erfindung von Gedanken, sondern in der Erfindung +der sichtbaren Form fr den Gedanken. Woher kme es sonst, da unter den +Tausenden von Madonnenbildern sich nur wenige Kunstwerke befinden? Oder +was interessiert uns am Portrt, das mein Freund Trbner witzig den +Parademarsch des Malers genannt hat, anders als die Kunst des Meisters, +das, was er sah -- und der Akzent liegt auf _er_ -- in die malerische +Form gebracht zu haben. Ich meine natrlich nicht eine bestehende Form, +die zur Formel geworden ist, wie z.B. die Raffaelische Form, die zur +akademischen verflacht ist, oder das Rembrandtsche clair-obscur, das +unter seinen Nachahmern zur hohlen malerischen Phrase geworden ist, +sondern ich spreche von der lebendigen Form, die jeder Knstler sich neu +schafft. Gerade in der Erschaffung neuer Formen liegt das Kriterium fr +den schaffenden Knstler, fr das Genie. Deshalb ist es ein Unsinn von +_einer_ Form, von der klassischen Form ~kat' exochn~ zu reden: es gibt +soviel klassische Formen als es klassische Knstler gegeben hat und noch +geben wird. Mit jedem Knstler vollendet sich die Form; und mit jedem +folgenden wird sie neu geboren. Die Erstarrung der Form zum Dogma wre +Erstarrung der Kunst d.h. ihr Tod. Natrlich verstehe ich hier unter +Form nicht das uerliche an ihr, das Technische, etwa die Handschrift +des Knstlers. Ich spreche hier nur von der ideellen Form, die gleichsam +unsichtbar ist, die nur der Knstler sieht und zwar jeder ganz +verschieden. Wer die Kuh nur durch die Augen von Potter oder Troyon +sieht, ist kein schaffender Knstler, hchstens ein reproduzierender; +wer an der Kuh nicht neue Reize entdeckt -- ich sage das im direkten +Widerspruch zu meinem sonst sehr verehrten Freunde Muther--, besitzt +jedenfalls das zu einem Kuhmaler ntige Talent nicht. + + * * * * * + +Was jeder Knstler aus der Natur heraussieht, ist das Werk seiner +Phantasie. Setze zwanzig Maler vor dasselbe Modell und es werden zwanzig +ganz verschiedene Bilder auf der Leinwand entstehen, obgleich alle +zwanzig gleichermaen bestrebt waren, die Natur, die sie vor sich sahen, +wiederzugeben. Wie sich im Kopfe des Knstlers die Welt widerspiegelt, +gerade das macht seine Knstlerschaft aus. + +Raffaels Phantasie war linear, sein Werk vollendet sich in der Linie, +seine Bilder sind hchstens geschmackvoll koloriert, die Malerei an +seinen Bildern ist Handwerk. Tizians Phantasie dagegen ist durchaus +malerisch; er sieht sein Bild als farbige Erscheinung, er komponiert mit +der Farbe. Sein berhmtestes Bild, die himmlische und die irdische +Liebe, ist sicherlich nur durch den koloristischen Gedanken erzeugt, +den nackten Frauenkrper durch Gegenberstellen der bekleideten Gestalt +noch intensiver wirken zu lassen. Ob Tizian etwas anderes hat ausdrcken +wollen, wei ich nicht, und ich glaube, die Kunstgelehrten wissen es +auch nicht. Jedenfalls ist der groartig klingende Titel ganz unpassend +und wahrscheinlich von einem geschftskundigen Venezianer erfunden, der +seinen Landsmann den Raffaels und Michelangelos gegenber nicht lumpen +lassen wollte: geradeso wie Bcklins Bilder die Gefilde der Seligen +und das Spiel der Wellen von Fritz Gurlitt getauft wurden. + +Des Velasquez Phantasie ist rumlich. Er denkt rumlich, und mit viel +grerem Rechte als von Degas htte ich von Velasquez sagen knnen: er +komponiert mit dem Raum. Sein Bild entsteht aus der rumlichen +Phantasie. Wie die Figur in dem Raum steht, wie der Kopf, die Hnde, die +Gewnder als groe Lokaltne im Raum wirken, das macht sein Bild aus. + +Wieder anders Rembrandt, dessen Phantasie sich in Licht und Schatten +verkrpert. Die Wogen des Lichtes, die seine Bilder durchfluten, ergeben +und bestimmen die Komposition. Seine Bilder sind auf den Gang des +Lichtes komponiert, er erfindet fr den Gang des Lichtes. So z.B. ist +das kleine Mdchen mit dem Hahn auf der Nachtwache nur als heller +Fleck im Bilde verstndlich, oder man sehe seine Zeichnungen nach +anderen Meistern, wie er z.B. aus dem Grafen Castiglione des Raffael +durch Andeutung des Lichtes und des Schattens sofort einen echten +Rembrandt macht. + +Der Maler, dessen Phantasie linear ist, kann nicht Kolorist sein oder +umgekehrt. Das eine oder das andere, die Zeichnung oder die Farbe, mu +in jedem Werke die Hauptsache bilden, und Raffael und Rembrandt sich in +demselben Werke vorzustellen, ist ein Unding. Weil Raffaels Phantasie +linear war und nicht etwa, weil er weniger gut als Tizian oder Rembrandt +malte, war er ein weniger groer Maler als jene. Auch zeichnete Tizian +oder Rembrandt nicht etwa schlechter als Raffael, sondern weil dieser +beider Phantasie malerisch war, muten sie ihre zeichnerischen +Qualitten den malerischen gegenber unterdrcken. Poesie und Musik sind +zeitliche Knste, daher kann sich in einem Gedicht oder in einem +Musikstck des Knstlers Phantasie nacheinander in verschiedener +Richtung uern, aber in der bildenden Kunst, als einer rumlichen, mu +sie sich nach einer Richtung hin konzentrieren, sonst verlre das Werk +seinen einheitlichen Charakter, d.h. es wre kein Kunstwerk mehr. +Dieser Einheitlichkeit mu der Maler alles opfern: das liebevollst +durchgefhrte Detail, das technisch gelungenste Stck, die geistreichste +Einzelheit. Savoir faire des sacrifices, wie es im Pariser +Atelier-Jargon heit. Das, was dir als Hauptsache erscheint -- nicht +etwa was die Hauptsache ist -- zusammenfassen, und alles, was dir +nebenschlich erscheint, unterdrcken. Als jemand den pre Corot fragte, +wie er's anfinge, nur die groen Massen in der Natur zu sehen, +antwortete er: ganz einfach, um die groen Massen zu sehen, mssen Sie +mit den Augen blinzeln, um aber die Details zu sehen, mssen Sie die +Augen -- schlieen. + +Mehr noch als in dem, was er malt, zeigt sich des Knstlers Phantasie in +dem, was er nicht malt. Je nher die Hieroglyphe -- und alle bildende +Kunst ist Hieroglyphe -- dem sinnlichen Eindruck der Natur kommt, desto +grere Phantasiettigkeit war erforderlich, sie zu erfinden. Der Maler +hat nur die Farbenskala von schwarz zu wei auf der Palette: aus ihr +soll er Leben, Licht und Luft auf die Leinwand zaubern, ein paar +Striche, ein paar unvermittelt nebeneinandergesetzte Farbenflecke sollen +aus der richtigen Entfernung dem Beschauer den Eindruck der Natur +suggerieren. Nur die Phantasie des Knstlers kann dieses Wunder +bewirken, nicht etwa die Geschicklichkeit des Taschenspielers. Man sehe +das Portrt des Papstes Innocenz in Rom: zwei dunkle Flecken, die die +Augen bedeuten, mit ein paar Strichen ist die Nase und der Mund +hineingezeichnet, und mit den wenigen Strichen und Farben, die wohl, wie +die berlieferung berichtet, in einer Stunde gemacht sein knnen, steht +der ganze Mann vor uns, mit seiner Klugheit, seiner Habsucht und seinen +sonstigen verbrecherischen Gelsten. Die ganze ppstliche Macht +erscheint vor uns und der Papst, der ihrer spottet. Und des Velasquez +Papstbildnis nicht gesehen zu haben, heit in Rom gewesen sein und den +Papst nicht gesehen haben. + + * * * * * + +Mein alter Lehrer Steffeck hatte ganz recht, wenn er sagte: Was man +nicht aus dem Kopf malen kann, kann man berhaupt nicht malen. Wir malen +nicht die Natur, wie sie ist, sondern wie sie uns erscheint, d.h. wir +malen aus dem Gedchtnis. + +Das Modell kann der Maler nicht abmalen, sondern nur benutzen, es kann +sein Gedchtnis untersttzen, wie etwa der Souffleur den Schauspieler +untersttzt. Aber wehe dem Schauspieler, der sich auf ihn verlassen mu. +Dann ist er nicht mehr Herr seiner Rolle, sondern Knecht des -- +Souffleurs. Ob und inwieweit der Maler nach der Natur arbeitet oder +nicht, hngt davon ab, was er erstrebt. Aber Delacroix oder Bcklin, die +(wenigstens in ihren Bildern) nie nach der Natur gemalt haben, ebenso +wie Manet und Leibl, die jeden Strich nach der Natur malten, haben aus +dem Gedchtnis gemalt. Nur prozedierten sie auf verschiedene Weise. +Bcklin malte die Rosenhecke oder die Pappel, die er vor Tagen oder +Wochen vielleicht so lange studiert hatte, bis sich auch die kleinste +Einzelheit seinem Gedchtnis eingeprgt hatte. Leibl, dessen ganze Kunst +Piett vor der Natur war, mute die fnf oder sechs Bauern, die er in +den Dorfpolitikern malte, zusammensitzen haben. Aber Bcklin wie Leibl +malten aus der Phantasie: nur war die des einen von der des anderen +himmelweit verschieden; wessen die grssere, ist hier nicht die Frage. +Es gengt festzustellen, da der Naturalist ebenso wie der Idealist die +Natur nur benutzt. Den Knstler macht nicht der Naturalist, der alles +nach der Natur malt, aber ebensowenig der Idealist, der nur nicht nach +der Natur malt. Nur das, was seine Phantasie aus der Natur heraussieht +und darstellt, macht den Knstler, und daher mu seine spezifisch +malerische Phantasie um so strker sein, je nher er dem sinnlichen +Eindruck der Natur kommt, d.h. je mehr er im eigentlichen Sinne Maler +ist. Seine Phantasie ist viel reicher als die des Zeichners, denn man +kann wohl ein groer Zeichner sein, ohne ein groer Maler zu sein, aber +nicht umgekehrt. + +Delacroix frchtete noch eine Gotteslsterung auszusprechen, als er +Rembrandt dem Raffael gleichzustellen wagte. Heutzutage hat sich das +wohl gendert, immerhin wird auch heute noch der Gebildete, wenn er +sich einigermaen respektiert, Raffael als den grten Maler, der je +gewesen, ansprechen: was wohl daher kommt, da das Kunsturteil von den +Kunstgelehrten gemacht wird, die als Gelehrte mehr mit dem Verstande als +mit den Augen urteilen. Die Schnheiten der Form sind mathematisch +nachzuweisen, aber die Schnheiten der Farbe kann man nur empfinden. Und +man kann ein sehr groer Kunstgelehrter sein, ohne etwas von Kunst zu +verstehen. + +Die Malerei ist nicht etwa blo ein Problem der Technik, die gelernt +werden kann, sondern eine reine Phantasiettigkeit. Natrlich mu jeder +Maler sein Handwerk verstehen, wie jeder Schneider oder Schuster sein +Metier ordentlich gelernt haben mu. Aber den Wert eines Bildes nach +seiner technischen Vollendung schtzen zu wollen, wre ebenso tricht, +als ein Gedicht nach der Korrektheit der Verse oder der Reinheit der +Reime zu beurteilen. Dem lieben Gott sei's gedankt: in der Kunst macht +der Rock noch nicht den Mann. + +Allerdings hat in den bildenden Knsten das Handwerk eine um so grere +Bedeutung, als der bildende Knstler seine Konzeption ganz allein und +unmittelbar zum Ausdruck bringt: nur das Werk von des Meisters eigener +Hand ist das Meisterwerk. + +Den vatikanischen Torso, den Innocenz des Velasquez knnen wir ganz +nur im Original genieen: ob wir den Faust in einem der Millionen von +Drucken oder in Goethes Originalhandschrift lesen, ist fr unseren Genu +ganz gleichgltig. + +Selbst die vollendetste Lichtdruckreproduktion nach einer Zeichnung oder +Radierung Rembrandts, in der jeder Punkt, jeder Strich und jeder Fleck +photographisch getreu wiedergegeben ist, bleibt eine tote Kopie; nur die +eigenhndige Niederschrift kann uns des Meisters Geist zeigen. Nichts +verbirgt sein Werk unseren indiskreten Blicken; wir knnen dem Meister +bei der Arbeit folgen, wir sehen, welche Partien ihm auf den ersten +Anhieb gelungen und die Stellen, bei denen er sich geqult, die er +abgekratzt und bermalt hat, bis sie ihm endlich gengten. + +Doch was wir nicht sehen knnen, selbst wenn wir Velasquez oder +Rembrandt beim Malen ber die Schulter zugeschaut htten, ist die +Hauptsache, nmlich ihre Phantasie, die ihnen beim Malen die Hand +gefhrt hat und nur insofern ist die Technik von knstlerischem Werte, +als sie die -- Handlangerin seines knstlichen Wissens und Wollens ist, +d.h. sie mu individuell sein. Sonst hat die Technik hchstens +kunstgewerblichen Wert, und von diesem kunstgewerblichen Standpunkt aus +knnen wir sie an einem Bilde ebenso bewundern, wie an einer +chinesischen Cloisonn- oder Lackarbeit. + +Aber die Rckkehr zur Tradition der altmeisterlichen Technik als +Allheilmittel der Kunst zu empfehlen -- wie das immer und ewig geschieht +-- hiee neuen Wein in alte Schluche fllen. + + * * * * * + +In dem Kunstwerk macht die Technik nicht die Gte aus, man knnte sie +hchstens als notwendig bezeichnen; wie der Krper dem Geiste notwendig +ist. Und insofern ein schner Geist in einem schnen Krper dem in einem +hlichen vorzuziehen ist, ist auch das elegant vorgetragene Kunstwerk +dem unbeholfen vorgetragenen vorzuziehen. Schreiblehrer beurteilen die +Gte der Handschrift nach der Kalligraphie der Buchstaben; wir nennen +Bismarcks Handschrift schn, weil sie charakteristisch ist. + +Die Technik ist gut, die mglichst prgnant das ausdrckt, was der +Meister ausdrcken wollte; sonst ist sie schlecht und wre sie noch so +virtuos. + +berhaupt spricht man viel zu viel von ihr: die Technik mu man gar +nicht sehen, ebenso wenig wie man die Toilette an einer schnen Frau +sehen darf. Wie sie nur dazu da ist, um die Schnheit der Trgerin in um +so helleres Licht zu setzen, darf die Technik nur die Schleppentrgerin +der Kunst sein, jeder Knstler soll malen, wie ihm der Schnabel +gewachsen ist; was allerdings heutzutage schwer ist, denn, wie Schwind +sagt, bis man wei, da man einen Schnabel hat, ist er vom vielen +Anstoen schon ganz verbogen. + +Und nun gar die Forderung zur altmeisterlichen Technik zurckzukehren! +Als ob die Technik die Ursache und nicht die Folge einer Kunstanschauung +wre. Ist die Technik eines Van Eyk nicht bedingt durch die Sachlichkeit +seiner Naturanschauung? Htte Franz Hals sich der Technik eines Holbein +bedienen knnen, oder mute er nicht vielmehr eine mehr andeutende als +ausfhrende Technik erfinden, die seiner geistreichen Auffassung des +Momentanen entsprach? Wer die Technik eines Meisters nachahmt, wird ihm +hchstens abgucken, wie er sich ruspert und wie er spuckt. Ein +mittelmiges la Rembrandt gemaltes Bild ist nicht besser, als ein +ebenso mittelmiges, das la Manet gemalt ist. + +berhaupt verbirgt sich hinter dem Verlangen nach altmeisterlicher Kunst +ein gut Teil Heuchelei: es entspringt nicht sowohl aus Liebe fr die +alte, sondern vielmehr aus Ha gegen die moderne Kunst. + +Natrlich fllt auch in den bildenden Knsten kein Meister vom Himmel. +Eher fllt schon eine Exzellenz vom Himmel, wie Menzel, als man ihm zu +seinem neuen Titel gratulierte, geantwortet haben soll. + +Ein jeder Meister steht auf den Schultern seiner Vorgnger: das ist aber +nicht seine Meisterschaft, sondern seine Schlerschaft. Erst nach +berwindung der Technik kann aus dem Schler ein Meister werden, und nur +in diesem Sinne ist der bekannte Satz, da man zum Knstler geboren, zum +Maler aber erst erzogen werden msse, zu verstehen. Der Maler mu sein +Leben lang arbeiten, um der Technik Herr zu werden; aber nicht um ihrer +selbst willen, sondern um mittels der Technik seiner Phantasie einen +mglichst vollendeten Ausdruck geben zu knnen. + +Der Vortrag des Meisters kann nachgeahmt werden -- und die vielen +falschen Rembrandts sind der beste Beweis dafr -- aber nur der +Rembrandt ist echt, in dem du seines Geistes Hauch versprst. Und sollte +ein mittelmiges Bild wirklich echt sein, von Rembrandts eigener Hand +signiert und von smtlichen Kunstppsten als authentisch attestiert, so +wrde das nur beweisen, da der gute Rembrandt auch einmal geschlafen +habe. Was kmmert uns die Echtheit eines Kunstwerkes! Was des Meisters +wrdig, ist echt. + +Weil in den bildenden Knsten die Form Mittel und Zweck, also eines ist, +ist es in ihnen natrlich schwerer zu entscheiden, als z.B. in der +Poesie, wo das Handwerk aufhrt und die Kunst anfngt; daher triumphiert +oft genug ber wahre Kunst Kunstfertigkeit, und ebenso oft wird der +Stein, den die Bauleute verwarfen, zum Eckstein. Denn vollendete +Technik, Eleganz des Vortrags, kurz, das uerliche des Bildes +schmeicheln sich dem Auge leichter ein als das Werk des Genies, dessen +rauhe Auenseite oft den goldenen Kern verbirgt. So wundert es mich +keineswegs, da man etwa die Portrts van der Helsts denen eines +Rembrandt vorgezogen hat. Wenn Rembrandt heute lebte und ein Prinz sich +bei ihm malen liee, so wre er wahrscheinlich mit seinem Konterfei +ebenso wenig zufrieden wie der Prinz von Nassau, der sein Portrt fr zu +schwarz, fr zu gepatzt und wohl auch fr nicht vorteilhaft genug +aufgefat ansah, und so den armen Rembrandt um seine vornehme Kundschaft +brachte. Allerdings vom Handwerksstandpunkt aus ist der Nachtwache die +Schtzenmahlzeit des van der Helst vorzuziehen. Da ist alles tadellos. +Und auch heute noch wrden nicht nur Prinzen, wenn sie nicht frchteten +sich zu blamieren, einen van der Helst vorziehen. + +Es kommt nicht allein darauf an, was einer ansieht, sondern auch darauf, +wer was ansieht, und auch in der Kunst gilt das Sprichwort: niemand ist +gro in den Augen seines Kammerdieners; womit ich nicht etwa auf die +kleinen Schwchen groer Meister anspielen will. Wer das Kunstwerk mit +den Augen des Kammerdieners betrachtet, wird es nie begreifen. Nichts +ist an sich schn; erst unsere Auffassung macht es dazu. Wer Phidias +mit den Augen des Professors Trendelenburg anschaut, sieht vielleicht in +den Marmorgruppen der Siegesallee Werke des griechischen Bildhauers. Die +Breite des malerischen Vortrags macht noch keinen Velasquez und das +Helldunkel noch keinen Rembrandt: das ist gleichsam nur das irdische +Teil an ihnen. + +Das Unsterbliche an den Werken der Kunst ist ihr Geist, der Geist, +welcher dem inneren Auge des Malers, bevor er den ersten Pinselstrich +auf die Leinwand gesetzt hat, das Werk vollendet zeigt. + +Und wie der Geist ist die Kunst unbegrenzt, soweit die Ausdrucksfhigkeit +ihrer technischen Mittel reicht. Ihre Ausdrucksfhigkeit +vergrern, heit das Bereich der Kunst erweitern, das Bereich +der allein wahren Kunst, die von der Hand geboren, aber von +der Phantasie gezeugt ist. + + + + +EMPFINDUNG UND ERFINDUNG IN DER MALEREI + + +Neulich meinte Wfflin in einem kleinen Aufsatz ber das Zeichnen, da +jeder, der einen Kopf gut zeichnen knnte, auch gut zu schreiben +verstnde. Ob das nicht zu viel behauptet ist, will ich als Maler nicht +untersuchen, aber das glaube ich mit Recht behaupten zu drfen, da +einer, der keinen Strich zeichnen kann, unfhig ist ber Malerei zu +schreiben. Was wrden die Musiker sagen, wenn ein Maler, der nicht +einmal die Wacht am Rhein oder Heil dir im Siegerkranz auf dem +Klavier nachklimpern kann, sich herausnehmen wrde ber Musik zu +sthetisieren! + +Das sthetische Urteil ber Malerei ist von Schriftstellern gemacht. Nie +wrde ein Maler, auch wenn er Lessings Geist htte, das geistreiche und +gerade deshalb so gefhrliche Paradoxon vom Raffael ohne Hnde erfunden +haben. Oder gar aus dem Laokoon, der immer noch, und mit gutem Recht, +die sthetische Bibel der Gebildeten ist, das Diktum: der Maler, der +nach der Beschreibung eines Thomson eine schne Landschaft darstellt, +hat mehr getan, als der sie gerade von der Natur kopiert. Der +Schriftsteller versteht in der Gedankenmalerei die literarische +Phantasie, und daher stellt er sie ber die sinnliche Malerei, die er +nicht versteht, und aus Unkenntnis ihrer Wesenheit nicht verstehen kann. + +Malerei ist Nachahmung der Natur, der sie ihre Stoffe entlehnt, aber sie +bleibt ohne die schpferische Phantasie geistlose Kopie, und es ist +daher ganz gleichgltig, ob der Maler einen Sonnenuntergang aus der +Tiefe seines Gemts oder nach einem Gedicht des Thomson oder nach der +Natur malt. Mit andern Worten: nicht der Idealist steht -- wie Lessing +meint -- hher als der Realist, sondern die Strke der Phantasie macht +den greren Knstler. + +Fr den Maler liegt die Phantasie allein innerhalb der sinnlichen +Anschauung der Natur: jedenfalls haben alle groen Maler von den +gyptern, Griechen und Rmern bis zu Rembrandt und Velasquez, Manet und +Menzel sich innerhalb dieser Grenzen gehalten. Zwischen dem Kleckser, +der einen Sonnenuntergang malt und einem Claude Lorrain oder Claude +Monet ist nur ein Qualittsunterschied. Die Gre des Talents eines +Knstlers beruht auf der Gre seiner Naturanschauung und zwar auf der +Gre der spezifisch malerischen Anschauung. Sonst htte Goethe ein +ebenso groer Maler wie Dichter sein mssen. Wie die zahllosen Bltter, +die das Goethehaus aufbewahrt, beweisen, hat es ihm weder an Flei noch +an handwerksmiger Geschicklichkeit gefehlt, und wenn er trotz heiem +Bemhen zeitlebens in der bildenden Kunst ein mittelmiger Dilettant +geblieben ist, so liegt der Grund einfach darin, da seine Phantasie -- +als die eines geborenen Dichters -- nur mit dem Worte zu gestalten +imstande war. + +Die Phantasie des Knstlers gestaltet nicht nur in dem Material, sondern +fr das Material seiner speziellen Kunst, sonst kommt gemalte Poesie +oder poetische Malerei, d.h. Unsinn heraus. Daher ist auch nur aus dem +Material heraus eine richtige Wertung der Kunst mglich: der Genu an +der Kunst steht jedem Empfnglichen offen, aber fr die Kritik ist die +Kenntnis des Materials und der Technik unerllich. + +Einst fragte mich Virchow, whrend er mir zu seinem Portrt sa, ob ich +nach einer vorgefaten Meinung male, und auf meine Antwort, da ich +intuitiv die Farben nebeneinander setzte, entschuldigte sich der damals +schon greise Gelehrte ob seiner Frage. Alles, fgte er hinzu, in der +Kunst wie in der Wissenschaft, nmlich da, wo sie anfinge Wissenschaft +zu werden, wo sie Neues entdeckte, sei Intuition. Als ich meinen Satz +Cellula e Cellula gefunden hatte, war es erst Spteren vorbehalten, ihn +zu beweisen. Letzten Endes ist die Kunst unergrndlich und wird es +immer bleiben. Auch ist es gut so, denn wenn wir ihr Geheimnis +ergrndeten, wre es mit ihr vorbei. Den knstlerischen Zeugungsproze +kann man ebensowenig ergrnden wollen wie den physischen. Es wird ewig +ein Rtsel bleiben, wie dem Knstler die Idee zu seinem Werke kommt, +denn die Natur ist nur der uere Anla fr das Werk. Aber man kann die +Gehirnttigkeit des Knstlers whrend seiner Arbeit beobachten, und den +Weg, den seine Phantasie zurcklegt, von der Auffassung des Gegenstandes +bis zu dessen Wiedergabe auf der Leinewand verfolgen. Der Knstler sieht +die Gegenstnde durch seine Phantasie. Er sieht, was er zu sehen sich +einbildet, oder wie Goethe es ebenso treffend, wie schn ausdrckt: wer +die Natur schildert, schildert nur sich, und die Feinheit und Strke +seines Gefhls. + +Der alte Schwind antwortete auf die Frage, wie er seine Zeichnungen +mache: ich nehme einen Bleistift in die Hand, und da fllt mir halt was +ein. Unter dem Pinsel wird die Form geboren, und die Maler mit den +groartigen Ideen sind immer schlechte Maler. + +Die Erfindung des Malers beruht in der Ausfhrung und dieser Ausspruch, +der eigens fr den Impressionismus geprgt zu sein scheint, und der von +dem englischen Maler Blake aus der ersten Hlfte des vorigen +Jahrhunderts herrhrt, ist nicht nur fr Manets Spargelbund gltig, +sondern ebenso fr Michelangelos Erschaffung Adams in der Sixtina. In +der Erfindung des Sujets kann die Erfindung Michelangelos nicht liegen, +denn die steht in der Bibel: und Gott der Herr machte den Menschen aus +einem Erdenklo und er blies ihm ein den lebendigen Odem in seine Nase. +Und also ward der Mensch eine lebendige Seele. Da er uns die biblische +Erzhlung berzeugend ad oculus demonstriert, darin liegt Michelangelos +Genie: wir glauben den Odem Gottes in Adam bergehen zu sehen. + +Ein witziger Maler, den man vor seinem Bilde fragte, was er habe malen +wollen, antwortete: wenn ich es sagen knnte, htte ich es nicht zu +malen gebraucht. _Er_findung ist _Em_pfindung: aus ihr ergibt sich +Technik und Stil. Daher ist es Bldsinn -- was man jeden Tag hren oder +lesen mu -- zu sagen: das Bild des Professors X. ist ausgezeichnet +gemalt, nur leider ohne Phantasie. Dann ist es eben schlecht gemalt. +Aber ebenso bldsinnig: das Bild ist sehr phantasievoll, aber schlecht +gemalt. Dann ist es vielleicht von poetischer oder musikalischer, aber +nicht von malerischer Phantasie. Ein Bild ist gut, d.h. malerisch +erdacht, wenn es mit den malerischen Ausdrucksmitteln darzustellen ist, +und das malerisch nicht gut erdachte Bild kann berhaupt nicht gut +gemalt werden. Also sind technische Schwierigkeiten immer nur Fehler in +der Konzeption. Die schnsten Stcke Malerei wie die Bohmienne oder +der Papst Innocenz sind die technisch einfachsten. + +Wer technische Schwierigkeiten eines Werkes sieht, ist berhaupt kein +Knstler. Der echte Knstler gleicht dem Reiter ber den Bodensee: erst +nach Vollendung des Werkes entdeckt er voller Grauen die +Schwierigkeiten, die zu berwinden waren, und er wrde sein Werk nicht +unternommen haben, wenn er sie vorher erkannt htte. + +In der bildenden Kunst ist geistige Vollendung zugleich technische +Vollendung, denn in ihr sind Inhalt und Form nicht nur eins, sondern +identisch. Es ist daher ein miges Spiel mit Worten das Kunstwerk in +zwei Bestandteile zerlegen zu wollen: in ihm ist die Phantasie +materialisiert und umgekehrt die Technik vergeistigt worden. + +Wenn Rembrandt sagt, da das Werk vollendet sei, sobald der Knstler +ausgedrckt hat, was er hat ausdrcken wollen, so heit das nichts +anderes, als da die Arbeit des Knstlers reine Phantasiettigkeit ist. +Gut malen heit also mit Phantasie malen und die schnste, breiteste, +flchigste Malerei bleibt uerliche Virtuositt, wenn sie nicht der +Ausdruck der knstlerischen Anschauung ist. Die Phantasie hrt also +nicht da auf, wo die Arbeit beginnt -- wie noch ein Lessing annahm, -- +sondern sie mu dem Maler bis zum letzten Pinselstrich die Hand fhren. +Weshalb ist denn oft die flchtigste Skizze vollendeter als das fertige +Bild? Weil die in ein paar Stunden entstandene Skizze von der Phantasie +erzeugt ist, whrend die wochen-, ja monatelange Arbeit am Bilde die +Phantasie erttet hat. Nicht etwa die Technik, sondern die Phantasie ist +die Ursache, da nur die al Primamalerei was taugt, denn die Phantasie +ist ebensowenig eine Heringsware wie die Begeisterung: nur das unter dem +frischen Eindruck der momentanen Phantasie flssig ineinander gemalte +Stck hat inneres Leben. + +Daher gibt es keine Technik per se, sondern so viele Techniken als es +Knstler gibt. Und ohne eigene Technik kann es keine eigene Kunst geben. +Franz Hals' Technik entspringt ebenso seiner Naturauffassung wie die des +Velasquez der seinigen: Beide malten einfach, was sie sahen. Unbewut +kam in ihre Malweise ihre Persnlichkeit. + +Man sehe sich die Bohmienne oder den Innocenz auf die angewandten +Mittel an: das Handwerksmige daran kann jeder Malklassenschler. Auch +wei man, da der Papst dem Velasquez zu dem Kopfe in Petersburg, der +noch schner sein soll als der in Rom, nur eine Stunde gesessen hat; und +Franz Hals hat sicher nicht viel lnger an der Bohmienne gearbeitet. +Gebt einem Stmper eine Stunde lang die Phantasie eines Franz Hals oder +Velasquez, und aus seiner Stmperei wird ein Meisterwerk. Aber Hals und +Velasquez hatten keine Kunsttheorien; sie malten, was sie selber sahen, +und nicht, was andere vor ihnen gesehen hatten: sie waren naiv. Sie +malten nur mit ihrem malerischen unbewuten Gefhl und nicht mit dem +Verstande. Sie warteten nicht die Stimmung ab, sondern die Stimmung kam, +wenn sie den Pinsel in die Hand nahmen. + +Manet oder Leibl dachten malerisch. Sie suchten nicht das sogenannte +Malerische in der Natur, sondern sie faten die Natur malerisch auf: die +Natur war fr sie der Canevas fr ihr Bild. Feuerbach, Mares oder +Bcklin bersetzten ihre Stimmungen oder Gedanken in die Sprache der +Malerei: zum Ausdruck ihrer Sentiments bedienten sie sich der Natur. +Derselbe Gegensatz wie zwischen dem naiven und sentimentalen Dichter +besteht auch in der Malerei: der naive Maler geht von der Erscheinung +aus, der sentimentale vom Gedanken. + +Aber gerade das Primre ist das Entscheidende; wie der wahre Dichter nur +vom Erlebnis ausgeht, so geht das wahre malerische Ingenium nur von der +sinnlichen Erscheinung aus. Letzten Endes ist jeder Maler Portrtmaler, +der Wirklichkeitsmaler Franz Hals oder Velasquez ebenso wie der Maler +der inneren Gesichte Albrecht Drer oder gar wie Rembrandt, unter +dessen Pinsel die Bildnisse der Korporalschaft des Banning Cocq zur +Nachtwache, dem phantasievollsten Bilde der Welt, wurden. Da dieses +Gruppenbildnis einer Schtzengilde bis heutigen Tages die Nachtwache +heit, das beweist am schlagendsten, da in der Malerei die Erfindung +nur in der Ausfhrung beruht. + +Kunst ist Kern und Schale in einem Male: die Phantasie mu nicht nur die +Vorstellung von dem Bilde erzeugen, sondern zugleich die +Ausdrucksmittel, durch die der Maler seine Vorstellung auf die Leinwand +zu projizieren imstande ist. + +Irgend ein Corneliusschler erzhlte, da er Mnchen in aller +Hergottsfrhe umkreiste, um sich in weihevolle Stimmung zu versetzen, +bevor er an die Arbeit ging, und ins Atelier gekommen, flo der +Contour. Aber Heinrich v. Kleist lt in einer Betrachtung ber +Berliner Kunstzustnde im Jahr 1811 einen Vater seinem Sohne sagen: du +schreibst mir, da du eine Madonna malst, und da du jedesmal, bevor du +zum Pinsel greifst, das Abendmahl nehmen mchtest. La dir von deinem +alten Vater sagen, da dies eine falsche Begeisterung ist, und da es +mit einer gemeinen, aber brigens rechtschaffenen Lust an dem Spiele, +deine Einbildungen auf die Leinewand zu bringen, vllig abgemacht ist. + + + + +PHANTASIE UND TECHNIK + + Ohne Hnde gibt es keine Maler, + und ohne brauchbare, keine gute. + + RUMOHR. + + +Kaiser Wilhelm lie als junger Prinz von irgendeinem Hofmaler sein +Bildnis malen und als er es besah, fragte er den Professor: Habe ich +denn so groe Augen? und auf die Antwort des Malers, da er die Augen +von Knigl. Hoheit so gro she, erwiderte der Prinz: Dann begreife ich +nicht, da Sie Maler geworden sind. + +Die Phantasie ist immer Voraussetzung, und ebensowenig zu beweisen, wie +da 2 2 = 4 ist. Die sthetische Betrachtung kann nur ergrnden +wollen, wie sich die Form fr das Werk unter der Hand des Knstlers +gestaltet, nicht aber den Proze, der in seinem Kopfe vorausgeht. Jeder +Knstler, ob er Maler, Musiker oder Dichter ist, mu von der Anschauung +ausgehen: Die Vision, die uere wie die innere, ist das Primre, und +aus der Wiedergabe der Vision geht erst der Gedanke hervor. Der +Schriftsteller aber will seinem Gedanken Ausdruck geben, der Gedanke ist +also das Primre und die Form das Sekundre. Natrlich ist ein Bild, das +der Maler aus der Natur konzipiert und nach der Natur malt, deshalb noch +nicht gut, aber ein Bild, das aus der Idee entstanden, kann nicht gut +sein. + +Denn in aller Kunst mu sich aus der Form erst der Gedanke entwickeln. +Die Form des Gedankens mu dem Dichter schon vorschweben, ehe der +Gedanke selbst erscheint (Lichtenberg), um wie viel mehr in der +bildenden Kunst und in der Musik, wo Form und Gedanke identisch sind. + +Als der Jenenser Student Goethen fragte, wie er zu seinem Stile gelangt +wre, antwortete er: Ich habe die Dinge auf mich wirken lassen. Tizian +oder Tintoretto, Rembrandt und F. Hals, Velasquez und Manet htten +dieselbe Antwort geben knnen auf die Frage, wie sie zu ihrer Malerei +gelangt wren. Da der Knstler in irgendeinem xbeliebigen Modell den +Kaiser Augustus oder Napoleon sieht, ist das Werk seiner Phantasie und +ebenso unerforschlich wie das psychische Moment im menschlichen +Zeugungsproze; aber wie wir den physiologischen Proze zu ergrnden +versuchen drfen, so knnen wir nachforschen, wie der Knstler seine +Phantasie gleichsam materialisiert durch seine Technik und in ihr. +Technik heit hier natrlich nicht das Handwerksmige, das jeder +Knstler selbstverstndlich gelernt haben mu, sondern Technik bedeutet +hier das Ausdrucksmittel der Phantasie. Die Technik projiziert die +knstlerische Phantasie auf die Bildflche und diese Projektion ist die +Kunst. + +Die Griechen hatten fr Kunst und Handwerk nur das eine Wort ~h techn~: +Beide sind desselben Ursprungs. Wehe der Kunst, die ihres Ursprungs +vergit! Die von der Malerei verlangt, was nur Poesie oder Musik zu +leisten vermgen. Wie der Dichter fr das Wort, der Musiker fr den Ton, +so mu der Maler fr sein Ausdrucksmittel erfinden. Man vergleiche eine +Silberstiftzeichnung Rembrandts mit einer seiner in Sepia lavierten +Zeichnungen: wie er jedem Material durch diese adquate Behandlung +gerade die hchste Wirkung entlockt. Der Meister verlangt nicht vom +Stifte, was nur der Pinsel hergibt oder umgekehrt. + +Aber wie sich aus dem Affen nie der Mensch entwickeln kann, obgleich +beide derselben Abstammung sind, so kann nie aus dem vollendetsten +Handwerker der Knstler werden ohne den gttlichen Funken der Phantasie. +Das Genie ist notwendige Voraussetzung jedes Kunstwerkes; aber dieses +kann sich nur auf handwerklicher Basis gestalten. Knstler und +Handwerker prozedieren gleicherweise, einer wie der andere will nur sein +Handwerk bestmglich ausben. Ist aber der Handwerker nebenbei noch ein +Phidias oder ein Raffael, so wird aus seinem Handwerk -- ihm natrlich +unbewut -- das ideale Kunstwerk. Ideal in dem Sinne, da sich der +Knstler in seinem Werke vollendet. Ein objektives Ideal ist eine +contradictio in adjecto: Wren Phidias oder Raffael das Ideal an sich, +so knnten es Rembrandt und Velasquez nicht auch sein. + +Jedes Kunstwerk ist ideal und real zugleich, insofern der Knstler vom +sinnlichen Natureindruck ausgeht, also ist die Bezeichnung von +idealistischer oder realistischer Kunst ein Pleonasmus: mit ihrer +Qualitt hat weder die eine noch die andere etwas zu tun. Sie knnen +hchstens das Stoffliche bezeichnen, wie man etwa das brgerliche +Schauspiel vom historischen unterscheidet. Aber auch der rckstndigste +Professor wird nicht Maria Stuart oder die Jungfrau von Orleans, +weil sie historische Dramen sind, dem blo brgerlichen Schauspiel +Kabale und Liebe vorziehen wollen. + +Mein verstorbener Freund Jettel pflegte jedem, der ihn besuchte -- und +welcher deutsche Maler, der im letzten Viertel des verflossenen +Jahrhunderts nach Paris kam, hat ihn nicht besucht! -- die Geschichte +von dem Wiener Akademiedirektor zu erzhlen, wie der Meisterschler den +Karton zu seinem ersten Bilde Luther schlgt die Thesen an die +Schlokirche zu Wittenberg zeichnet. Nach monatelangem Korrigieren und +ndern ist endlich der Karton fertig, und die Komposition wird auf die +Leinwand gepaust: Luther schwingt den Hammer, whrend die Menge ihm +begeistert zujauchzt. Als der Direktor zur Korrektur kommt, lobt er die +Komposition, aber er meint, da es der Erhabenheit des weltgeschichtlichen +Moments nicht angemessen sei, da Luther eigenhndig den +Hammer schwinge. Das msse einer seiner Jnger tun. Dem braven +Schler leuchtet es ein, und die Komposition wird demgem verndert: +Whrend Luther die Menge haranguiert, schwingt der Nchststehende den +Hammer; als der Meister wieder kommt, billigt er die nderung, aber er +meint, da nicht der Luther Nchststehende, sondern dessen Nachbar die +Thesen anschlagen msse, um nicht die Aufmerksamkeit des Beschauers von +der Gestalt Luthers, der doch die Hauptperson im Bilde sei, abzulenken. +So gehts durch ein viertel oder ein halbes Jahr weiter, bei jedem +Besuche im Atelier des Schlers meint der Direktor, da der Nchste den +Hammer schwingen msse, bis alle der Reihe nach den Hammer geschwungen +haben und der Direktor zu dem Schlusse kommt, da in der furchtbaren +Erregung des weltgeschichtlichen Moments Luther den Hammer selbst in die +Hand nehmen und die Thesen eigenhndig anschlagen wrde. + +Alles in der Kunst ist Qualitt, und die Qualitt des Kunstwerkes hngt +von dem Quantum von Phantasie, die es erzeugte, ab, denn nur die von der +Phantasie erzeugte Form ist lebendig. Aber die Phantasie erfindet nicht +die Form -- denn die ist von Anbeginn der Kunst vorhanden, wie in der +Poesie das Wort und in der Musik der Ton, sondern den Ausdruck fr die +Form, das heit die Technik. Nicht die Form ist das Originelle, sondern +die knstlerische Originalitt beruht darin, wie die Phantasie zur Form +geworden ist. Jeder Knstler, auch der grte, bernimmt die +traditionellen Formen seiner Zeit und seiner Umgebung. Die frhen +Raffaels oder Rembrandts gleichen den Bildern ihrer Meister (so sehr, +da man sie fr die ihrer Meister angesprochen hat). Sie suchen nicht +etwa neue Ausdrucksformen, das heit eine neue Technik, sondern ihre +neue Technik ergibt sich aus ihrer knstlerischen Individualitt. +Hieraus ergibt sich der neue Stil eines jeden Meisters. + +In der Musik heit Virtuose, wer die fremde Komposition vorzutragen +imstande ist. Mit demselben Rechte knnte man die Maler, die keine +originelle Ausdrucksweise besitzen, Virtuosen nennen, nur kann man +leider nicht so leicht wie in der Musik den Komponisten vom Virtuosen in +der bildenden Kunst trennen, wo die Erfindung die Ausfhrung ist. Die +Fagerolles, die nur reproduzierende Knstler sind, gelten oft sogar mehr +als die Claude, die sie kopieren. + +Aber Meister ist nur, der seine eigenen Gedanken in eigener Sprache +auszudrcken imstande ist. Daher haben die geborenen groen Maler, je +lter sie wurden, desto schner gemalt. Nicht etwa, da ihre Hand mit +den Jahren geschickter wurde, im Gegenteil: sie werfen die +Geschicklichkeit des Handgelenks, die den Jngling freut und ber die +mangelnde Originalitt hinwegtuscht, mit Verachtung von sich und zwar +so, da noch ein Karl Justi in seinem Pamphlet gegen die Moderne die +Alterswerke eines Rembrandt oder F. Hals senil nennen konnte. Der +Meister ist der berwinder der Technik. Man vergleiche auf Rembrandts +Anatomie im Haag den Leichnam mit dem Stck auf der leider angebrannten +Anatomie des Dr. Deisman in Amsterdam, wie die Technik sich vereinfacht +hat, wie jedes Detail unterdrckt wird. Wir sehen nur noch das +Wesentliche, den Typus des Kadavers und -- schaudern, wie wenn wir +pltzlich vor einer Leiche stehen. Wohl sehen wir im Haag einen der +schnsten Rembrandts, aber der 26jhrige macht noch Malerei, die +freilich wunderbar herrlich ist. Aber 25 Jahre spter malt Rembrandt +nicht mehr ein Bild, sondern seine Seele auf die Leinwand. Genau +dasselbe bei F. Hals: in Haarlem kann man vor den Doelenstcken seine +Entwicklung whrend eines halben Jahrhunderts von Stufe zu Stufe +verfolgen, vom Rubensschler, der die Technik seines Meisters sklavisch +kopiert, bis zum 80jhrigen Meister, der in den zwei Bildern der +Vorsteher und der Vorsteherinnen eines Waisenhauses das hchste und +schnste leistet, was die Malerei hervorgebracht hat. In diesen +senilen Werken ist allerdings nichts mehr von Technik zu merken, denn +jeder Pinselstrich und jeder Farbfleck ist Leben geworden. Wie der Kopf +des greisen Mommsen ganz durchgeistigt schien, nur noch Seele, so ist in +den beiden Altersschpfungen von Hals nichts Materielles mehr: der Geist +hat die Technik vernichtet. + +Dasselbe Phnomen bei Tizian. Zwischen der Dornenkrnung in Paris und +der in Mnchen liegen rund 30 Jahre: die Komposition ist absolut +dieselbe geblieben, aber aus der Malerei ist Leben geworden. Nur die +Phantasie kann dieses Wunder bewirkt haben: sie hat die Technik +vergeistigt. Oder mit anderen Worten: aus dem Maler, der die Natur +nachahmt, wird der Knstler, der ein Neues schafft, das heit: der +Knstler, der eine neue Technik schafft. + +Jede neue Kunst ist also letzten Endes neue Technik. Man vergleiche das +Hohe Lied mit einem lyrischen Gedicht Goethes oder den gyptischen +Dorfschulzen im Museum in Kairo mit einer Bronze Rodins: obgleich 5000 +Jahre dazwischen liegen, das Ringen des menschlichen Geistes nach +demselben Ausdruck. Nur mit verschiedenen Mitteln, d.h. mit vernderter +Technik. + +Sein Talent hat der Knstler vom lieben Gott: Was er aber daraus macht +mittelst seiner Technik, das ist _seine_ Kunst. Daher ist es nicht etwa +de Fachsimpelei la Tessman, sondern der gesundeste Instinkt, wenn der +Knstler sich Zeit seines Lebens nur mit der Technik beschftigt. Fr +ihn ist die Technik die Kunst. Lieber Junge, die berraschenden +Wirkungen, welche viele nur dem Naturgenie zuschreiben, erzielt man oft +ganz leicht durch richtige Anwendung und Auflsung der Septimenakkorde. +Was fr Beethoven Technik ist, erscheint uns als Ausfluss seines Genies +und zwar ganz folgerichtig, denn die Technik ist ja Ausfluss des Genies +oder sollte es wenigstens sein. Bei Rodin spiegelt sich die ganze Welt +in der Oberflche des Kunstwerkes. + +Die Technik fngt erst an, knstlerisch zu werden, wo sie persnlich +wird, daher kann man nur das Handwerksmige, das Kunstgewerbliche an +ihr lehren und lernen. Daher gibt es keine Technik ~kat' exochn~. +Raffael malt wie Perugino, F. Hals wie Rubens und Rembrandt wie sein +Lehrer Lastmann, solange sie Schler waren. Als aber Raffael er +geworden, malt er raffaelisch wie Hals halsisch und wie Rembrandt +rembrandtisch malten, sobald sie Hals und Rembrandt geworden. Es ist +durchaus zu verstehn, da die jungen Leute heutzutage Czanne oder van +Gogh nachahmen: ihr Fehler beruht nur darin, da sie die Hieroglyphe +ihres Vorbildes kopieren, ohne zu wissen, was sie bedeutet, wie die +Mnche im Mittelalter die griechischen und lateinischen Texte +abschrieben, ohne sie zu verstehen.-- + +Der bekannte Gehirnanatom Edinger berichtet den merkwrdigen Fall, da +ein Schreiner nach einer Verletzung der Gehirnrinde wieder vllig +genesen war, nur die Funktion des Hobelns war ihm durch seine Erkrankung +abhanden gekommen: Hand und Herz gehren nun mal in der Malerei zusammen +und die Vorstellung vom Raffael ohne Hnde ist nicht nur wider die +Natur, sondern wider die Kunst. Denn im Knstler lst erst die Form die +Idee aus. + + +Druck von W. Drugulin in Leipzig + + + + + [ Im folgenden werden alle genderten Textzeilen angefhrt, wobei + jeweils zuerst die Zeile wie im Original, danach die genderte Zeile + steht. + + Phantasie verstehe: die den malerischen Mitteln am meisten daquate + Phantasie verstehe: die den malerischen Mitteln am meisten adquate + + Auffassung der Natur. Jeder Kontur, jeder Pinselstrich ist Ausflu einer + Auffassung der Natur. Jede Kontur, jeder Pinselstrich ist Ausflu einer + + schwarz, fr zu gapatzt und wohl auch fr nicht vorteilhaft genug + schwarz, fr zu gepatzt und wohl auch fr nicht vorteilhaft genug + + brachte. Allerdings vom Handwerksstandgunkt aus ist der Nachtwache die + brachte. Allerdings vom Handwerksstandpunkt aus ist der Nachtwache die + + Nachtwache dem phantasievollsten Bilde der Welt, wurden. Da dieses + Nachtwache, dem phantasievollsten Bilde der Welt, wurden. Da dieses + + ] + + + + + +End of Project Gutenberg's Die Phantasie in der Malerei, by Max Liebermann + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE PHANTASIE IN DER MALEREI *** + +***** This file should be named 38158-8.txt or 38158-8.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + http://www.gutenberg.org/3/8/1/5/38158/ + +Produced by Jana Srna, Norbert H. Langkau and the Online +Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net (This +file was produced from images generously made available +by The Internet Archive/Canadian Libraries) + + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. 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It exists +because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from +people in all walks of life. + +Volunteers and financial support to provide volunteers with the +assistance they need, are critical to reaching Project Gutenberg-tm's +goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will +remain freely available for generations to come. In 2001, the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure +and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations. +To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation +and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 +and the Foundation web page at http://www.pglaf.org. + + +Section 3. 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Email contact links and up to date contact +information can be found at the Foundation's web site and official +page at http://pglaf.org + +For additional contact information: + Dr. Gregory B. Newby + Chief Executive and Director + gbnewby@pglaf.org + + +Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation + +Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide +spread public support and donations to carry out its mission of +increasing the number of public domain and licensed works that can be +freely distributed in machine readable form accessible by the widest +array of equipment including outdated equipment. Many small donations +($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt +status with the IRS. + +The Foundation is committed to complying with the laws regulating +charities and charitable donations in all 50 states of the United +States. 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Thus, we do not necessarily +keep eBooks in compliance with any particular paper edition. + + +Most people start at our Web site which has the main PG search facility: + + http://www.gutenberg.org + +This Web site includes information about Project Gutenberg-tm, +including how to make donations to the Project Gutenberg Literary +Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to +subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks. diff --git a/38158-8.zip b/38158-8.zip Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..8338c09 --- /dev/null +++ b/38158-8.zip diff --git a/38158-h.zip b/38158-h.zip Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..8f79266 --- /dev/null +++ b/38158-h.zip diff --git a/38158-h/38158-h.htm b/38158-h/38158-h.htm new file mode 100644 index 0000000..fe13a20 --- /dev/null +++ b/38158-h/38158-h.htm @@ -0,0 +1,2280 @@ +<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD XHTML 1.0 Strict//EN" +"http://www.w3.org/TR/xhtml1/DTD/xhtml1-strict.dtd"> +<html xmlns="http://www.w3.org/1999/xhtml" lang="de" xml:lang="de"> +<head> +<meta http-equiv="Content-Type" content="text/html;charset=utf-8"/> +<meta http-equiv="Content-Style-Type" content="text/css"/> +<title>Die Phantasie in der Malerei, by Max Liebermann—A Project Gutenberg eBook</title> +<link rel="coverpage" href="images/titelseite.jpg"/> +<style type="text/css"> +<!-- +p +{ + text-align: justify; + text-indent: 1.5em; + line-height: 1.25; +} + +p.center, +p.right, +blockquote p, +p.drop-cap, +#tnote p, +#tnote-bottom p +{ + text-indent: 0; +} + +h1, +h2 +{ + text-align: center; + clear: both; + font-weight: normal; +} + +h1 +{ + font-size: x-large; + margin: 6em auto 3em auto; + line-height: 1.6em; +} + +h2 +{ + font-size: large; + margin: 6em auto 1em auto; + line-height: 1.5em; +} + +h2.chapter +{ + margin: 6em auto; +} + +a:link, +a:visited +{ + text-decoration: none; +} + +hr +{ + visibility: hidden; + margin: 1.5em auto; +} + +hr.line +{ + visibility: visible; + border: none; + width: 6em; + height: 1px; + color: black; + background-color: black; + margin: 4em auto; +} + +blockquote +{ + width: 80%; + margin: 0 0 0 20%; + font-size: smaller; +} + +ins +{ + text-decoration: none; + border-bottom: 1px dashed #add8e6; +} + +.figcenter +{ + margin: 2em auto; +} + +.center +{ + text-align: center; +} + +.right +{ + text-align: right; +} + +p.right +{ + margin-right: 1.5em; +} + +.upper-case +{ + text-transform: uppercase; +} + +a[title].pagenum +{ + position: absolute; + right: 3%; +} + +a[title].pagenum:after +{ + content: attr(title); + border: 1px solid silver; + display: inline; + font-size: x-small; + text-align: right; + color: #808080; + background-color: inherit; + font-style: normal; + padding: 1px 4px 1px 4px; + font-variant: normal; + font-weight: normal; + text-decoration: none; + text-indent: 0; + letter-spacing: 0; +} + +p.drop-cap:first-letter +{ + font-size: 3em; + float: left; + margin: 0.05em 0.1em 0 0; + line-height: 0.75; +} + +#tnote, +#tnote-bottom +{ + max-width: 95%; + border: 1px dashed #808080; + background-color: #fafafa; + text-align: justify; + padding: 0 0.75em; + margin: 6em auto; +} + +#toc +{ + margin: 0 auto; +} + +#toc th +{ + text-align: right; + font-weight: normal; + font-size: smaller; +} + +#toc td.right +{ + padding-left: 3em; +} + +ul#corrections +{ + list-style-type: none; + margin: 0; + padding: 0; +} + +ul#corrections li +{ + margin: 0.5em 0.25em; +} + +ul#corrections .correction +{ + text-decoration: underline; +} + +@media screen +{ + body + { + width: 80%; + max-width: 35em; + margin: auto; + } + + p + { + margin: 0.75em auto; + } + + #tnote + { + max-width: 24em; + } + + #tnote-bottom + { + max-width: 28em; + } + + .page-break + { + margin-top: 8em; + } +} + +@media screen, print +{ + .gesperrt, + .gesperrt-left-part + { + letter-spacing: 0.2em; + } + + .gesperrt + { + margin-right: -0.2em; + } + + em.gesperrt, + em.gesperrt-left-part + { + font-style: normal; + } +} + +@media print, handheld +{ + p + { + margin: 0; + } + + #tnote + { + background-color: white; + border: none; + width: 100%; + } + + #tnote p, + #tnote-bottom p + { + margin: 0.25em 0; + } + + .pagenum, + #tnote .screen + { + display: none; + } + + ins + { + border: none; + } + + a:link, + a:visited + { + color: black; + } + + #tnote, + #tnote-bottom, + h1, + h2, + .page-break + { + page-break-before: always; + } + + #tnote-bottom, + h2.chapter + { + page-break-after: always; + } +} + +@media handheld +{ + body + { + margin: 0; + padding: 0; + width: 95%; + } + + p + { + line-height: 1; + } +} +--> +</style> +<!--[if lt IE 8]> +<style type="text/css"> +a[title].pagenum +{ + position: static; +} +</style> +<![endif]--> +</head> +<body> + + +<pre> + +Project Gutenberg's Die Phantasie in der Malerei, by Max Liebermann + +This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with +almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + +Title: Die Phantasie in der Malerei + +Author: Max Liebermann + +Release Date: November 28, 2011 [EBook #38158] + +Language: German + +Character set encoding: UTF-8 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE PHANTASIE IN DER MALEREI *** + + + + +Produced by Jana Srna, Norbert H. Langkau and the Online +Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net (This +file was produced from images generously made available +by The Internet Archive/Canadian Libraries) + + + + + + +</pre> + + + +<div id="tnote"> +<p class="center"><b>Anmerkungen zur Transkription:</b></p> +<p>Schreibweise und Interpunktion des Originaltextes wurden +übernommen; lediglich offensichtliche Druckfehler wurden +korrigiert. <span class="screen">Änderungen sind im Text +<ins title="so wie hier">so gekennzeichnet</ins>. Der +Originaltext erscheint beim Überfahren mit der Maus.</span> +Eine <a href="#tn-bottom">Liste der vorgenommenen Änderungen</a> +findet sich am Ende des Textes.</p> +</div> + +<div class="figcenter page-break" style="width: 375px;"> +<img src="images/cover.jpg" width="373" height="600" alt="" style="border: 1px solid black;"/> +</div> + +<h1><big class="gesperrt">DIE PHANTASIE</big><br/> +IN DER MALEREI</h1> + +<p class="center" style="line-height: 2;"><small>VON</small><br/> +<span class="gesperrt">MAX LIEBERMANN</span></p> + +<hr class="line"/> + +<p class="center" style="line-height: 1.6;">BEI BRUNO CASSIRER<br/> +BERLIN 1916</p> + +<p class="center page-break">VIERTE AUFLAGE</p> + +<p class="center page-break" style="font-size: large;">DEN MANEN HUGO VON TSCHUDIS<br/> +UND ALFRED LICHTWARKS</p> + +<h2>INHALT</h2> + +<table id="toc" summary="Inhalt"> +<tr> + <th> </th> + <th>Seite</th> +</tr> +<tr> + <td>Vorwort zur zweiten Auflage</td> + <td class="right"><a href="#Page_7">7</a></td> +</tr> +<tr> + <td>Einleitung</td> + <td class="right"><a href="#Page_9">9</a></td> +</tr> +<tr> + <td>Die Phantasie in der Malerei</td> + <td class="right"><a href="#Page_19">19</a></td> +</tr> +<tr> + <td>Empfindung und Erfindung in der Malerei</td> + <td class="right"><a href="#Page_41">41</a></td> +</tr> +<tr> + <td>Phantasie und Technik</td> + <td class="right"><a href="#Page_53">53</a></td> +</tr> +</table> + +<h2><a class="pagenum" name="Page_7" title="7"> </a>VORWORT ZUR ZWEITEN AUFLAGE</h2> + +<p class="drop-cap"><span class="upper-case">Wer</span>, irregeführt durch den anspruchsvollen Titel +meines Büchelchens, eine wissenschaftliche Abhandlung +über die Phantasie zu finden hofft, wird arg +enttäuscht werden. Ich habe die Erfahrungen und Beobachtungen, +die ich in einer ach! fast fünfzigjährigen +Beschäftigung mit der Malerei gesammelt habe, aufgezeichnet.</p> + +<p>Daß ich als Maler subjektiv über Malerei urteile, ist +selbstverständlich. Aber ich habe nicht beabsichtigt, +etwa für die naturalistische Malerei Propaganda zu +machen – denn deren hat sie nicht nötig –, sondern +ich schrieb die folgenden Seiten, um zu zeigen, daß jede +Malerei naturalistisch sein müsse, wenn sie gut ist.</p> + +<p>Es gibt keine blödsinnigere Behauptung, als die, +welche man – wahrscheinlich gerade deswegen weil +sie so blödsinnig ist – täglich liest und hört: der +Naturalismus ist tot. Denn alle Kunst beruht auf der +Natur und alles Bleibende in ihr ist Natur. Nicht +die den Künstler umgebende nur, sondern vor allem +seine eigene Natur. Wie er, der Künstler, die Welt +anschaut, mit seinen inneren und äußeren Sinnen – +das nenne ich seine Phantasie – die Gestaltung dieser +<a class="pagenum" name="Page_8" title="8"> </a> +seiner Phantasie ist seine Kunst. Als Maler gehe ich +von der Anschauung aus, daher interessiert mich ausschließlich +die gestaltende Phantasie, während mir die +schöpferische Phantasie im Kunstwerke Axiom ist. Sie +ist göttliche Eingebung, der nur auf dem Wege reinen +Denkens beizukommen ist (wenn ihr überhaupt beizukommen +ist). Der gestaltenden Phantasie aber dürfen +wir hoffen, auf psychologisch-empirischem Wege nachspüren +zu können. Oder mit anderen Worten: wir +dürfen versuchen wollen, aus der Technik den Geist, +der das Werk gezeugt hat, zu erklären.</p> + +<p>Daß wenige Wochen nach Erscheinen der ersten Auflage +eine zweite nötig geworden, ist ein erfreulicher +Beweis, daß der Krieg wie andere Vorurteile auch das +Diktum Inter arma silent Musae hinweggefegt hat.</p> + +<p><span class="gesperrt">Berlin</span>, April 1916.</p> + +<p class="right">MAX LIEBERMANN</p> + +<h2 class="chapter"><a class="pagenum" name="Page_9" title="9"> </a>EINLEITUNG</h2> + +<div><a class="pagenum" name="Page_11" title="11"> </a></div> +<blockquote> +<p>»... daß das Studium der Natur und die Erfindung der +Phantasie im Nachahmen das Bleibende in allem sei ...«</p> + +<p class="right">(Goethes Gespräch.)</p> +</blockquote> + +<p class="drop-cap"><span class="upper-case">In</span> seinem Tagebuch stellt Delacroix die Behauptung +auf, daß jede Ästhetik mit einer Terminologie der +Kunstausdrücke zu beginnen habe, da Jeder darunter +etwas anderes verstehe. Er unternimmt auch die +Erklärung einiger termini, aber er hört alsbald wieder +damit auf, wahrscheinlich weil er die Unmöglichkeit +seines Unternehmens einsieht.</p> + +<p>Ich bin mir wohl bewußt, das Wort »Phantasie«, +von dem die folgenden Seiten handeln, in einem +dem landläufigen abweichenden Sinne gebraucht zu +haben und ich hätte es gern mit einem passenderen +Worte vertauscht, wenn ich eins gefunden +hätte. Im allgemeinen bezeichnet man mit Phantasie +die Einbildungen unsres Gehirns, das Imaginäre, das +ein nicht Existierendes vorzaubert. In dieser Bedeutung +kann man Phantasie überhaupt nicht anwenden +auf die Malerei, die nichts erfinden kann +oder soll, was nicht in der Natur existiert oder +wenigstens existieren könnte. Ich möchte der Phantasie +mehr die Bedeutung, die das Wort im Griechischen +hatte, beilegen: <span class="greek" lang="grc" xml:lang="grc" title="phainomenon">φαινομενον</span>, Erscheinung. Der Maler +will das ihm vorschwebende Bild zur Erscheinung +<a class="pagenum" name="Page_12" title="12"> </a> +bringen, er will die Erscheinung auf die Leinwand +projizieren, wobei es ganz gleichgültig ist, ob ihm +das Bild vor seinem geistigen oder leiblichen Auge +schwebt. Denn beides ist im Grunde dasselbe: der +Maler kann nur malen, was er zu sehen glaubt, ob +er sein Bild im Geiste oder in der Natur sieht.</p> + +<p>Aus der Phantasie malen steht also in keinem +Gegensatze zum Nach-der-Natur-malen, denn es sind +nur zwei verschiedene Wege, die nach demselben Ziele +führen sollen. Noch falscher aber wäre die Annahme, +die nicht nur im Publikum, sondern leider +auch in der Ästhetik immer noch besteht, als ob +der Maler, der <em class="gesperrt">aus</em> der Phantasie malt, mehr <em class="gesperrt">mit</em> +der Phantasie malt, als der, welcher nach der Natur +malt.</p> + +<p>Je naturalistischer eine Malerei ist, desto phantasievoller +muß sie sein, denn die Phantasie des Malers +liegt nicht – wie noch ein Lessing annahm – in der +Vorstellung von der Idee, sondern in der Vorstellung +von der Wirklichkeit oder wie Goethe es treffend ausdrückt: +»Der Geist des Wirklichen ist das wahrhaft +Ideelle«. Daher bedeutet idealistische Malerei im +Gegensatze zur naturalistischen Malerei nur die verschiedene +Auffassung der Natur, aber keinen Qualitätsunterschied: +die Qualität beruht einzig und allein in +der größeren oder geringeren Kraft der Phantasie +des Malers, mag er nun wie Raffael eine Madonna +oder wie Rembrandt einen geschlachteten Ochsen +malen. Natürlich kann ich nicht mit mathematischer +<a class="pagenum" name="Page_13" title="13"> </a> +Genauigkeit beweisen wollen, warum der eine Meister +mehr Phantasie hat als der andere. Ich kann nur sagen +wollen, warum ich ein Porträt von F. Hals für phantasievoller +halte als einen Holbein. Und wenn ich sage, +daß ich in Franz Hals den phantasievollsten Maler +sehe, der je gelebt hat, so wird vielleicht klarer, +was ich unter malerischer Phantasie verstehe: die +den malerischen Mitteln am meisten <ins title="ädaquate">adäquate</ins> Auffassung +der Natur. <ins title="Jeder">Jede</ins> Kontur, jeder Pinselstrich +ist Ausfluß einer künstlerischen Konvention. Je +suggestiver die Konvention wird, je ausdrucksvoller +durch die Form oder die Farbe oder durch beides +zusammen der Maler sein inneres Gesicht auf die +Leinwand zu bringen imstande war, desto größere, +stärkere Phantasietätigkeit war zur Erzeugung seines +Werkes nötig. Ebensowenig wie man den physischen +Zeugungsprozeß je ergründen wird, ebensowenig +wird der Schleier von dem künstlerischen Zeugungsprozeß +je fallen. Wie es Axiomata gibt, die nicht +in Frage gestellt werden dürfen, wenn man mathematische +Fragen erörtern will, so gibt es in der +Ästhetik gewisse notwendige Voraussetzungen, über +die nicht zu diskutieren ist. Das Genie ist selbstverständliche +Voraussetzung und die Ästhetik kann +sich nur damit beschäftigen wollen, wie und auf +welche Weise es sich äußert. Der heilige Augustinus +definiert die Kunst als das, was die großen Künstler +hervorgebracht haben. Fragt sich nur, welche Künstler +man als die großen bezeichnet. Und diese Frage +<a class="pagenum" name="Page_14" title="14"> </a> +wird nie endgültig gelöst werden, denn letzten Endes +entscheidet in ästheticis der Geschmack und nirgends +gilt das post hoc ergo propter hoc mehr als in der +Ästhetik.</p> + +<p>Je mehr wir also in der Ästhetik beweisen wollen, +desto mehr wird unsre Untersuchung darauf hinauslaufen, +unsren Geschmack als den richtigen dem +Leser hinzustellen. Wir beweisen unsren Geschmack +mit unsrem Geschmack, wir machen ihn also in +derselben Sache zum Richter und zum Zeugen. +Alljährlich werden wir mit einer Unzahl jener kunsthistorischen +Romane beschenkt, die irgendeinen berühmten +Maler oder Bildhauer zum Helden haben, +und an dem uns der Autor seine Ansichten über +Kunst exemplifiziert. Sie sind zwar ein erfreulicher +Beweis für das Interesse des Publikums an bildender +Kunst – denn wenn sie nicht gekauft würden, +wären sie nicht geschrieben und noch weniger gedruckt +– aber für das Verständnis der Kunst sind +sie eher schädlich als nützlich; denn sie geben uns +nur Meinungen und Empfindungen des Autors wieder, +also lauter Urteile, die keinen wissenschaftlichen Wert +beanspruchen dürfen, da sie nicht verstandesmäßig +begründet werden können.</p> + +<p>In der Vorrede zur »Kritik der reinen Vernunft« +sagt Kant, daß Kopernikus, »der, nachdem es mit der +Erklärung der Himmelsbewegung nicht gut fort wollte, +wenn er annahm, das ganze Sternenheer drehe sich +um den Zuschauer, versuchte, ob es nicht besser gelingen +<a class="pagenum" name="Page_15" title="15"> </a> +möchte, wenn er den Zuschauer sich drehn +und dagegen die Sterne in Ruhe ließ.« Lassen wir +das Übersinnliche in der Kunst in Ruhe und stellen +wir uns Kunst – nach der Etymologie des Wortes – +als Können vor. Vielleicht daß wir vom Sinnlichen, +das heißt der Technik, leichter in den Geist der Kunst +einzudringen vermögen.</p> + +<p>Nicht etwa, als ob ich, wie den Menschen in +Körper und Seele, so die Kunst in Geist und Technik +zerlegen wollte: die Technik ist der Ausdruck des +Geistes. Niemand kann sagen, wo das Handwerk +aufhört und das Kunstwerk beginnt, denn beides ist +in- und miteinander unlöslich verwachsen. Ein Bild +in Geist und Technik zerlegen wollen hieße ein +lyrisches Gedicht in Prosa auflösen oder nach A. v. +Bergers witzigem Worte: eine Statue sezieren wollen.</p> + +<p>Die Kunst ist des Künstlers Handwerk, das auszubilden +die Aufgabe seines Lebens ausmacht. Sie +ausbilden heißt: seine Natur so restlos und überzeugend +als möglich durch die Mittel seiner Kunst zum +Ausdruck zu bringen.</p> + +<p>Der Inhalt der Kunst ist also die Persönlichkeit +des Künstlers, das sogenannte Genie. Dieses ist ein +Geschenk der Götter, welches sie ihm in die Wiege +gelegt haben und für dessen Dasein wir ebensowenig +einen ontologischen Beweis führen können wie für +das Dasein Gottes. Nur die Vorstellung, die das +Werk des Genies in uns auslöst, läßt uns mit Notwendigkeit +auf die Existenz des Genies schließen.</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_16" title="16"> </a>Die Kunst dagegen ist das eigne Werk des Künstlers +und da das Genie unbewußt ihm innewohnt, ist es +nur logisch, daß der Künstler nur an seine Kunst, +das heißt an die Technik denkt. Für ihn ist Kunst +und Handwerk identisch. Nicht in der Idee, sondern +in der Ausführung der Idee liegt die Kunst. Rembrandt +antwortete seinen Schülern auf die Frage, wie +sie malen sollten: nehmt den Pinsel in die Hand und +fanget an.</p> + +<p>Zwischen der Abfassung der folgenden Aufsätze +liegt ein Zeitraum von mehr als zehn Jahren. Wenn +ich sie jetzt ohne Änderungen, wie sie erschienen +sind, gesammelt herausgebe, so geschieht es in der +Hoffnung, daß sie auch heute noch aktuell und zur +Klärung der Ansichten über Kunst beizutragen imstande +sind. Und waren je die ästhetischen Ansichten +verwirrter als heut? Wo ein jüngerer Kunstrichter aus +den Schützengräben Flanderns heraus schreibt, daß der +Krieg nicht nur für die Existenz Deutschlands, sondern +über den Sieg des Expressionismus entscheidet.</p> + +<p>Je mehr sich die Ästhetik mit den Kunstrichtungen +beschäftigt, desto unfähiger erweist sie sich für ihre +eigentliche Aufgabe, die Qualität des Kunstwerks zu erforschen. +Denn »Richtung« bedeutet nur eine Zeitströmung, +die grade Mode ist und von der nächsten +Mode zum alten Eisen geworfen wird. Sie ist die +Losung, das Feldgeschrei im Kampfe der jüngeren gegen +die ältere Generation: Sie ist eine Zeit- aber keine Wertbestimmung. +Aber nicht das lautere Feldgeschrei entscheidet +<a class="pagenum" name="Page_17" title="17"> </a> +– sonst hätten die Expressionisten, Kubisten +und Futuristen längst gewonnen – sondern wie im +Kriege die stärkeren Bataillone, so entscheiden in der +Kunst nicht Richtungen den Sieg, sondern einzig und +allein die stärkeren Persönlichkeiten in ihnen.</p> + +<p>Ich schreibe als Maler, gleichsam mit dem Pinsel in +der Hand und ich suche daher die Wirkungen, die das +Kunstwerk auf mich ausübt, so viel als möglich aus den +Mitteln, deren sich der Künstler bedient hat, zu erklären. +Natürlich bin ich einseitig und der Vorwurf, +ich schriebe pro domo, würde mich wenig rühren, weil +ich glaube, daß es ein objektives richtiges Kunsturteil +überhaupt nicht geben kann. Aber auch die Gerechtigkeit +im Urteil über Kunst macht nur die Überzeugung: +je stärker und unverfälschter ich sie ausdrücke, desto +gerechter bin ich. Auch überlasse ich das Urteilen so +viel als möglich dem Leser und dem – Berufskritiker; +ich möchte klar machen, warum ich diese Malerei für +gut und jene für schlecht halte. Witzige mögen »die +Kunst in 40 Minuten ein Kunstkenner zu werden« +schreiben. Der Künstler schreibt über seine Kunst Bekenntnisse.</p> + +<p>Goethe sagt mal: »Poesie ist keine Kunst, weil alles +auf dem Naturell beruht.« Ebenso ist Malerei keine +Kunst, alles hängt von der Persönlichkeit des Künstlers +ab. Der Inhalt der Kunst ist die Persönlichkeit des +Künstlers.</p> + +<p>Kunst kommt von Können, welches das Wollen als +einen dem Künstler innewohnenden Trieb einschließt +<a class="pagenum" name="Page_18" title="18"> </a> +(weshalb ich auch nicht an die faulen oder verbummelten +Genies glaube). Der Künstler <em class="gesperrt">muß</em> schaffen: +die Kunst ist sein Handwerk.</p> + +<p>Natura sive deus! Gott schuf den Menschen nach +seinem Ebenbilde: der Künstler schafft nach seinem +Ebenbilde die Welt! was Goethe in die schönen Worte +kleidet: »Wie köstlich ists, wenn ein herrlicher Menschengeist +ausdrücken kann, was sich in ihm bespiegelt.«</p> + +<h2 class="chapter"><a class="pagenum" name="Page_19" title="19"> </a>DIE PHANTASIE IN DER MALEREI</h2> + +<div><a class="pagenum" name="Page_21" title="21"> </a></div> + +<p class="drop-cap"><span class="upper-case">Von</span> der Malerei als Ding an sich will ich reden, +nicht von der Musik oder der Poesie in der +Malerei; denn was nicht deines Amtes ist, davon laß +deinen Fürwitz.</p> + +<p>Ich will von der Malerei sprechen, die »von jedem +Zweck genesen«, die nichts sein will als – Malerei: +Von ihrem Geist, nicht von der Überwindung ihrer +technischen Schwierigkeiten, in der das Publikum +freilich und, wie ich fürchte, manche Maler immer +noch ihren Wert erblicken.</p> + +<p>Allerdings kommt Kunst von können, und daß +das Können in keiner Kunst mehr ausmacht als +grade in der Malerei, soll keineswegs geleugnet +werden.</p> + +<p>Aber so hoch auch die Malerei, die gut gemacht +ist, einzuschätzen ist: gute Malerei ist nur die, die +gut gedacht ist. Was bedeutet die korrekteste Zeichnung, +der virtuoseste Vortrag, die blendendste Farbe, +wenn all diesen äußerlichen Vorzügen das Innerliche, +die Empfindung, fehlt! Das Bild bleibt doch – gemalte +Leinwand. Erst die Phantasie kann die Leinwand +beleben, sie muß dem Maler die Hand führen, +sie muß ihm im wahren Sinne des Worts bis in die +Fingerspitzen rollen. Obgleich unsichtbar, ist sie in +<a class="pagenum" name="Page_22" title="22"> </a> +jedem Striche sichtbar, freilich nur für den, der +Augen hat zu sehen, nur für den, der sie empfindet.</p> + +<p>Ich will hier nicht etwa von dem Höllenspuk, +der Phantastik reden, sondern ich verstehe unter +Phantasie den belebenden Geist des Künstlers, der +sich hinter jedem Strich seines Werkes verbirgt. Die +Phantasie in der bildenden Kunst geht von rein sinnlichen +Voraussetzungen aus. Sie ist die Vorstellung +der ideellen Form für die reelle Erscheinung. Sie ist +das notwendige Kriterium für jedes Werk der bildenden +Kunst, für das idealistischste wie für das naturalistischste. +Sie allein kann uns überzeugen von der +Wahrheit der Böcklinschen Fabelwesen wie des Manetschen +Spargelbundes.</p> + +<p>Wenn der kleine Moritz einen Kreis malt, dahinein +zwei Punkte, zwischen die einen senkrechten und +darunter einen wagerechten Strich macht, so ist das +der bildliche Ausdruck seiner Phantasie für einen +Kopf. Hat der kleine Moritz Talent zum Zeichnen, +so wird er die individuellen Eigentümlichkeiten z. B. +die große Nase seines Vaters oder den großen Mund +seiner Mutter beim Nachzeichnen gewaltig übertreiben. +Aber hinter dieser Karikatur steckt vielleicht +mehr Phantasie als in dem lebensgroßen Porträt in +Öl des berühmten Professors so und so, der vor lauter +Bäumen den Wald nicht mehr sieht und dessen +Phantasie durch alles, was er gelernt hat, ertötet ist. +Jedem meiner Kollegen wird unzählige Male dasselbe +passiert sein: der junge Mann – noch häufiger die +<a class="pagenum" name="Page_23" title="23"> </a> +junge Dame – so bald sie sich ernstlich dem Studium +der Malerei widmen, machen es nicht nur nicht +besser als früher, sondern im Gegenteil viel schlechter, +d. h. die Phantasie, die früher naiv den <em class="gesperrt">Eindruck</em> +der Natur wiederzugeben bestrebt war, wird allmählich +von dem Suchen nach Korrektheit verdrängt. +Aus der phantasievollen, aber unkorrekten wird die +phantasielose aber korrekte Zeichnung. Mit anderen +Worten: der Buchstabe tötet den Geist, und nur die +Talentvollsten können ungestraft an ihrer Phantasie +den akademischen Drill überstehen.</p> + +<p>Der alte Schadow pflegte seinen Schülern auf die +Frage, wie sie malen sollten, zu antworten: »setzt die +richtige Farbe auf den richtigen Fleck«. Schadow, +der nicht nur Akademie-Direktor, sondern – was +nicht immer zusammentrifft – auch ein Künstler +war, wußte, daß nur das Handwerkmäßige der Malerei +gelehrt und gelernt werden kann; seine Definition +in usum delphini verschweigt wohlweislich, was +Malerei zur Kunst macht: die Phantasietätigkeit des +Malers, die darin besteht, für das, was er – und +zwar nur er – in der Natur oder im Geiste sieht, +den adäquaten Ausdruck zu finden. Natürlich vollzieht +sich diese Phantasietätigkeit völlig unbewußt im +Künstler, denn Kunstwerke <em class="gesperrt">entstehen</em>: sie werden +nicht gemacht, und das sicherste Mittel kein Kunstwerk +hervorzubringen, ist die Absicht, eins zu machen. +Wie Saul ausging, die Eselinnen seines Vaters zu +suchen und ein Königreich fand, so muß der Maler +<a class="pagenum" name="Page_24" title="24"> </a> +einzig und allein bestrebt sein, die richtige Farbe auf +den richtigen Fleck zu setzen: ist er ein Künstler, so +– findet er ein Königreich.</p> + +<p>Ein Bund Spargel, ein Rosenbukett genügt für +ein Meisterwerk, ein häßliches oder ein hübsches +Mädchen, ein Apoll oder ein mißgestalteter Zwerg: +aus allem läßt sich ein Meisterwerk machen, allerdings +mit dem nötigen Quantum Phantasie; sie allein +macht aus dem Handwerk ein Kunstwerk.</p> + +<hr class="thought-break"/> + +<p>Die Phantasie, als das schöpferische Grundprinzip +des gesamten geistigen Lebens, ist für alle Künste +dieselbe, aber in den verschiedenen Künsten kommt +sie auf verschiedene Weise zum Ausdruck. Obgleich +nur die bildende Kunst, als einzig räumliche unter +den Künsten, imstande ist, die Ausdehnung aus der +Wirklichkeit mit zu übernehmen, ist sie doch deshalb +nicht materieller als Poesie oder Musik. Allerdings +sind die Werke der bildenden Kunst gleichsam +faß- und tastbar und – wie Gregor der Große im +Kampfe gegen die Bilderstürmer meinte: »Bilder sind +die Bücher derer, die nicht lesen können« – daher +werden sie für leichter verständlich gehalten. Im +Grunde jedoch ist die Kunst an einem Bilde genau +ebenso nur dem inneren Auge wahrnehmbar, wie die +an einem Musikstücke nur dem inneren Ohr. Denn +was anders als die Phantasie des Künstlers unterscheidet +ein Werk des Phidias von einem Abguß +über Natur? Daher ist es für den Wert eines Werkes +<a class="pagenum" name="Page_25" title="25"> </a> +der bildenden Kunst ganz gleichgültig, was es darstellt, +nur die Erfindung und die Ausdrucksfähigkeit ihrer +Form macht seinen Wert aus.</p> + +<p>Der Satz, daß die gutgemalte Rübe besser sei als +die schlechtgemalte Madonna, gehört bereits zum +eisernen Bestand der modernen Ästhetik. Aber der +Satz ist falsch; er müßte lauten: die gutgemalte +Rübe ist ebenso gut wie die <em class="gesperrt-left-part">gut</em>gemalte Madonna. +Wohlgemerkt als rein malerisches Produkt, denn, zur +Beruhigung frommer Gemüter sei's gesagt, es fällt +mir beileibe nicht ein, zwei ästhetisch so ungleichwertige +Gegenstände miteinander vergleichen zu wollen. +Auch weiß ich wohl, daß die Darstellung einer Madonna +noch andere als rein malerische Ansprüche an +den Künstler stellt, und daß sie als künstlerische +Aufgabe schwerer zu bewältigen ist als ein Stilleben. +Obgleich in einem Vierzeiler das Genie +Goethes ebenso sichtbar ist als im Faust, kann als +künstlerische Leistung »Über allen Gipfeln ist Ruh« +doch nicht mit dem Faust verglichen werden.</p> + +<p>Aber die spezifisch malerische Phantasie des Künstlers +kann sich in einem Stilleben gerade deshalb stärker +zeigen als in der Darstellung des Menschen, weil das +Bund Spargel nur durch die künstlerische Auffassung +interessiert, an dem Menschen, am Kopf oder an +einem schönen Frauenkörper interessiert uns – namentlich +an letzterem – auch noch der dargestellte +Gegenstand.</p> + +<p>Der spezifisch malerische Gehalt eines Bildes ist um +<a class="pagenum" name="Page_26" title="26"> </a> +so größer, je geringer das Interesse an seinem Gegenstande +selbst ist; je restloser der Inhalt eines Bildes +in malerische Form aufgegangen ist, desto größer der +Maler.</p> + +<p>Also vom rein malerischen Standpunkt aus ist »die +Übergabe von Breda« des Velasquez in nichts wertvoller +als eins seiner Küchenstilleben: ja sogar könnte +ein solches malerisch wertvoller sein, wenn Velasquez +die Küchengerätschaften besser gemalt hätte als die +Heerführer auf dem großen Historienbild. Worauf +es hier allein ankommt, ist klar auszudrücken, daß +der Wert der Malerei absolut unabhängig vom Sujet +ist, und nur in der Kraft der malerischen Phantasie +beruht.</p> + +<p>Hieraus folgt, daß gerade die naturalistische Malerei +dieser Phantasietätigkeit am meisten bedarf, weil +sie nur durch die ihr eigene Kraft wirken will; was +freilich einer weit verbreiteten Ansicht im Publikum +durchaus widerspricht. Immer noch sehen die Gebildeten +in der naturalistischen Malerei nur eine +geistlose Abschrift der Natur, etwa eine Kunst, die +von der Photographie, wenn sie erst mit der Form +auch die Farbe wiederzugeben gelernt hat, überwunden +sein wird. Nein! selbst die Konkurrenz der +farbigen Photographie fürchten wir nicht: denn selbst +die vollendetste mechanische Wiedergabe der Natur +kann höchstens zum vollendeten Panoptikum, nie +aber zur Kunst führen. Was der Gebildete an der +naturalistischen Kunst vermißt, ist die literarische +<a class="pagenum" name="Page_27" title="27"> </a> +Phantasie, weil er die Malerei statt mit den Augen +immer noch mit dem Verstande betrachtet. Immer +noch spukt in unseren Köpfen das berühmte Lessingsche +Diktum vom Raffael, der, wenn er auch ohne +Arme geboren, der größte Maler geworden wäre. +Vielleicht der größte Dichter oder der größte Musiker, +jedenfalls aber nicht der größte Maler. Denn +die Malerei besteht nicht in der Erfindung von Gedanken, +sondern in der Erfindung der sichtbaren +Form für den Gedanken. Woher käme es sonst, +daß unter den Tausenden von Madonnenbildern sich +nur wenige Kunstwerke befinden? Oder was interessiert +uns am Porträt, das mein Freund Trübner +witzig den Parademarsch des Malers genannt hat, +anders als die Kunst des Meisters, das, was er sah +– und der Akzent liegt auf <em class="gesperrt">er</em> – in die malerische +Form gebracht zu haben. Ich meine natürlich nicht +eine bestehende Form, die zur Formel geworden ist, +wie z. B. die Raffaelische Form, die zur akademischen +verflacht ist, oder das Rembrandtsche clair-obscur, +das unter seinen Nachahmern zur hohlen +malerischen Phrase geworden ist, sondern ich spreche +von der lebendigen Form, die jeder Künstler sich +neu schafft. Gerade in der Erschaffung neuer Formen +liegt das Kriterium für den schaffenden Künstler, für +das Genie. Deshalb ist es ein Unsinn von <em class="gesperrt">einer</em> +Form, von der klassischen Form <span class="greek" lang="grc" xml:lang="grc" title="kat' exochên">κατ' ἐξοχὴν</span> zu reden: +es gibt soviel klassische Formen als es klassische +Künstler gegeben hat und noch geben wird. Mit +<a class="pagenum" name="Page_28" title="28"> </a> +jedem Künstler vollendet sich die Form; und mit +jedem folgenden wird sie neu geboren. Die Erstarrung +der Form zum Dogma wäre Erstarrung der +Kunst d. h. ihr Tod. Natürlich verstehe ich hier +unter Form nicht das Äußerliche an ihr, das Technische, +etwa die Handschrift des Künstlers. Ich +spreche hier nur von der ideellen Form, die gleichsam +unsichtbar ist, die nur der Künstler sieht und +zwar jeder ganz verschieden. Wer die Kuh nur +durch die Augen von Potter oder Troyon sieht, +ist kein schaffender Künstler, höchstens ein reproduzierender; +wer an der Kuh nicht neue Reize entdeckt +– ich sage das im direkten Widerspruch zu +meinem sonst sehr verehrten Freunde Muther –, +besitzt jedenfalls das zu einem Kuhmaler nötige +Talent nicht.</p> + +<hr class="thought-break"/> + +<p>Was jeder Künstler aus der Natur heraussieht, ist +das Werk seiner Phantasie. Setze zwanzig Maler vor +dasselbe Modell und es werden zwanzig ganz verschiedene +Bilder auf der Leinwand entstehen, obgleich +alle zwanzig gleichermaßen bestrebt waren, die +Natur, die sie vor sich sahen, wiederzugeben. Wie +sich im Kopfe des Künstlers die Welt widerspiegelt, +gerade das macht seine Künstlerschaft aus.</p> + +<p>Raffaels Phantasie war linear, sein Werk vollendet +sich in der Linie, seine Bilder sind höchstens geschmackvoll +koloriert, die Malerei an seinen Bildern +ist Handwerk. Tizians Phantasie dagegen ist durchaus +<a class="pagenum" name="Page_29" title="29"> </a> +malerisch; er sieht sein Bild als farbige Erscheinung, +er komponiert mit der Farbe. Sein berühmtestes +Bild, »die himmlische und die irdische Liebe«, ist +sicherlich nur durch den koloristischen Gedanken erzeugt, +den nackten Frauenkörper durch Gegenüberstellen +der bekleideten Gestalt noch intensiver wirken +zu lassen. Ob Tizian etwas anderes hat ausdrücken +wollen, weiß ich nicht, und ich glaube, die Kunstgelehrten +wissen es auch nicht. Jedenfalls ist der +großartig klingende Titel ganz unpassend und wahrscheinlich +von einem geschäftskundigen Venezianer +erfunden, der seinen Landsmann den Raffaels und +Michelangelos gegenüber nicht lumpen lassen wollte: +geradeso wie Böcklins Bilder »die Gefilde der Seligen« +und »das Spiel der Wellen« von Fritz Gurlitt getauft +wurden.</p> + +<p>Des Velasquez Phantasie ist räumlich. Er denkt +räumlich, und mit viel größerem Rechte als von +Degas hätte ich von Velasquez sagen können: er +komponiert mit dem Raum. Sein Bild entsteht aus +der räumlichen Phantasie. Wie die Figur in dem +Raum steht, wie der Kopf, die Hände, die Gewänder +als große Lokaltöne im Raum wirken, das macht +sein Bild aus.</p> + +<p>Wieder anders Rembrandt, dessen Phantasie sich +in Licht und Schatten verkörpert. Die Wogen des +Lichtes, die seine Bilder durchfluten, ergeben und bestimmen +die Komposition. Seine Bilder sind auf +den Gang des Lichtes komponiert, er erfindet für +<a class="pagenum" name="Page_30" title="30"> </a> +den Gang des Lichtes. So z. B. ist das kleine Mädchen +mit dem Hahn auf der »Nachtwache« nur als +heller Fleck im Bilde verständlich, oder man sehe +seine Zeichnungen nach anderen Meistern, wie er +z. B. aus dem »Grafen Castiglione« des Raffael durch +Andeutung des Lichtes und des Schattens sofort einen +echten Rembrandt macht.</p> + +<p>Der Maler, dessen Phantasie linear ist, kann nicht +Kolorist sein oder umgekehrt. Das eine oder das +andere, die Zeichnung oder die Farbe, muß in jedem +Werke die Hauptsache bilden, und Raffael und +Rembrandt sich in demselben Werke vorzustellen, ist +ein Unding. Weil Raffaels Phantasie linear war +und nicht etwa, weil er weniger gut als Tizian oder +Rembrandt malte, war er ein weniger großer Maler +als jene. Auch zeichnete Tizian oder Rembrandt +nicht etwa schlechter als Raffael, sondern weil +dieser beider Phantasie malerisch war, mußten sie +ihre zeichnerischen Qualitäten den malerischen gegenüber +unterdrücken. Poesie und Musik sind zeitliche +Künste, daher kann sich in einem Gedicht oder in +einem Musikstück des Künstlers Phantasie nacheinander +in verschiedener Richtung äußern, aber in der +bildenden Kunst, als einer räumlichen, muß sie sich +nach einer Richtung hin konzentrieren, sonst verlöre +das Werk seinen einheitlichen Charakter, d. h. es +wäre kein Kunstwerk mehr. Dieser Einheitlichkeit +muß der Maler alles opfern: das liebevollst durchgeführte +Detail, das technisch gelungenste Stück, die +<a class="pagenum" name="Page_31" title="31"> </a> +geistreichste Einzelheit. Savoir faire des sacrifices, +wie es im Pariser Atelier-Jargon heißt. Das, was +dir als Hauptsache erscheint – nicht etwa was die +Hauptsache ist – zusammenfassen, und alles, was +dir nebensächlich erscheint, unterdrücken. Als jemand +den père Corot fragte, wie er's anfinge, nur +die großen Massen in der Natur zu sehen, antwortete +er: »ganz einfach, um die großen Massen +zu sehen, müssen Sie mit den Augen blinzeln, um +aber die Details zu sehen, müssen Sie die Augen – +schließen«.</p> + +<p>Mehr noch als in dem, was er malt, zeigt sich +des Künstlers Phantasie in dem, was er nicht malt. +Je näher die Hieroglyphe – und alle bildende Kunst +ist Hieroglyphe – dem sinnlichen Eindruck der +Natur kommt, desto größere Phantasietätigkeit war +erforderlich, sie zu erfinden. Der Maler hat nur die +Farbenskala von schwarz zu weiß auf der Palette: +aus ihr soll er Leben, Licht und Luft auf die Leinwand +zaubern, ein paar Striche, ein paar unvermittelt +nebeneinandergesetzte Farbenflecke sollen aus der +richtigen Entfernung dem Beschauer den Eindruck +der Natur suggerieren. Nur die Phantasie des +Künstlers kann dieses Wunder bewirken, nicht etwa +die Geschicklichkeit des Taschenspielers. Man sehe +das Porträt des Papstes Innocenz in Rom: zwei dunkle +Flecken, die die Augen bedeuten, mit ein paar Strichen +ist die Nase und der Mund hineingezeichnet, +und mit den wenigen Strichen und Farben, die wohl, +<a class="pagenum" name="Page_32" title="32"> </a> +wie die Überlieferung berichtet, in einer Stunde gemacht +sein können, steht der ganze Mann vor uns, +mit seiner Klugheit, seiner Habsucht und seinen sonstigen +verbrecherischen Gelüsten. Die ganze päpstliche +Macht erscheint vor uns und der Papst, der +ihrer spottet. Und des Velasquez Papstbildnis nicht +gesehen zu haben, heißt in Rom gewesen sein und +den Papst nicht gesehen haben.</p> + +<hr class="thought-break"/> + +<p>Mein alter Lehrer Steffeck hatte ganz recht, wenn +er sagte: Was man nicht aus dem Kopf malen kann, +kann man überhaupt nicht malen. Wir malen nicht +die Natur, wie sie ist, sondern wie sie uns erscheint, +d. h. wir malen aus dem Gedächtnis.</p> + +<p>Das Modell kann der Maler nicht abmalen, sondern +nur benutzen, es kann sein Gedächtnis unterstützen, +wie etwa der Souffleur den Schauspieler +unterstützt. Aber wehe dem Schauspieler, der sich +auf ihn verlassen muß. Dann ist er nicht mehr +Herr seiner Rolle, sondern Knecht des – Souffleurs. +Ob und inwieweit der Maler nach der Natur arbeitet +oder nicht, hängt davon ab, was er erstrebt. Aber +Delacroix oder Böcklin, die (wenigstens in ihren +Bildern) nie nach der Natur gemalt haben, ebenso +wie Manet und Leibl, die jeden Strich nach der Natur +malten, haben aus dem Gedächtnis gemalt. Nur prozedierten +sie auf verschiedene Weise. Böcklin malte +die Rosenhecke oder die Pappel, die er vor Tagen +oder Wochen vielleicht so lange studiert hatte, bis +<a class="pagenum" name="Page_33" title="33"> </a> +sich auch die kleinste Einzelheit seinem Gedächtnis +eingeprägt hatte. Leibl, dessen ganze Kunst Pietät +vor der Natur war, mußte die fünf oder sechs +Bauern, die er in den »Dorfpolitikern« malte, zusammensitzen +haben. Aber Böcklin wie Leibl malten aus +der Phantasie: nur war die des einen von der des +anderen himmelweit verschieden; wessen die grössere, +ist hier nicht die Frage. Es genügt festzustellen, daß +der Naturalist ebenso wie der Idealist die Natur nur +benutzt. Den Künstler macht nicht der Naturalist, +der alles nach der Natur malt, aber ebensowenig +der Idealist, der nur nicht nach der Natur malt. Nur +das, was seine Phantasie aus der Natur heraussieht +und darstellt, macht den Künstler, und daher muß +seine spezifisch malerische Phantasie um so stärker +sein, je näher er dem sinnlichen Eindruck der Natur +kommt, d. h. je mehr er im eigentlichen Sinne Maler +ist. Seine Phantasie ist viel reicher als die des +Zeichners, denn man kann wohl ein großer Zeichner +sein, ohne ein großer Maler zu sein, aber nicht umgekehrt.</p> + +<p>Delacroix fürchtete noch eine Gotteslästerung auszusprechen, +als er Rembrandt dem Raffael gleichzustellen +wagte. Heutzutage hat sich das wohl geändert, +immerhin wird auch heute noch »der Gebildete«, +wenn er sich einigermaßen respektiert, +Raffael als den größten Maler, der je gewesen, ansprechen: +was wohl daher kommt, daß das Kunsturteil +von den Kunstgelehrten gemacht wird, die als +<a class="pagenum" name="Page_34" title="34"> </a> +Gelehrte mehr mit dem Verstande als mit den Augen +urteilen. Die Schönheiten der Form sind mathematisch +nachzuweisen, aber die Schönheiten der Farbe +kann man nur empfinden. Und man kann ein sehr +großer Kunstgelehrter sein, ohne etwas von Kunst +zu verstehen.</p> + +<p>Die Malerei ist nicht etwa bloß ein Problem der +Technik, die gelernt werden kann, sondern eine reine +Phantasietätigkeit. Natürlich muß jeder Maler sein +Handwerk verstehen, wie jeder Schneider oder +Schuster sein Metier ordentlich gelernt haben muß. +Aber den Wert eines Bildes nach seiner technischen +Vollendung schätzen zu wollen, wäre ebenso töricht, +als ein Gedicht nach der Korrektheit der Verse oder +der Reinheit der Reime zu beurteilen. Dem lieben +Gott sei's gedankt: in der Kunst macht der Rock +noch nicht den Mann.</p> + +<p>Allerdings hat in den bildenden Künsten das Handwerk +eine um so größere Bedeutung, als der bildende +Künstler seine Konzeption ganz allein und unmittelbar +zum Ausdruck bringt: nur das Werk von des +Meisters eigener Hand ist das Meisterwerk.</p> + +<p>Den vatikanischen Torso, den »Innocenz« des Velasquez +können wir ganz nur im Original genießen: ob +wir den »Faust« in einem der Millionen von Drucken +oder in Goethes Originalhandschrift lesen, ist für +unseren Genuß ganz gleichgültig.</p> + +<p>Selbst die vollendetste Lichtdruckreproduktion nach +einer Zeichnung oder Radierung Rembrandts, in der +<a class="pagenum" name="Page_35" title="35"> </a> +jeder Punkt, jeder Strich und jeder Fleck photographisch +getreu wiedergegeben ist, bleibt eine tote +Kopie; nur die eigenhändige Niederschrift kann uns +des Meisters Geist zeigen. Nichts verbirgt sein Werk +unseren indiskreten Blicken; wir können dem Meister +bei der Arbeit folgen, wir sehen, welche Partien ihm +auf den ersten Anhieb gelungen und die Stellen, bei +denen er sich gequält, die er abgekratzt und übermalt +hat, bis sie ihm endlich genügten.</p> + +<p>Doch was wir nicht sehen können, selbst wenn +wir Velasquez oder Rembrandt beim Malen über die +Schulter zugeschaut hätten, ist die Hauptsache, nämlich +ihre Phantasie, die ihnen beim Malen die Hand +geführt hat und nur insofern ist die Technik von +künstlerischem Werte, als sie die – Handlangerin +seines künstlichen Wissens und Wollens ist, d. h. sie +muß individuell sein. Sonst hat die Technik höchstens +kunstgewerblichen Wert, und von diesem kunstgewerblichen +Standpunkt aus können wir sie an einem +Bilde ebenso bewundern, wie an einer chinesischen +Cloisonné- oder Lackarbeit.</p> + +<p>Aber die Rückkehr zur Tradition der altmeisterlichen +Technik als Allheilmittel der Kunst zu empfehlen +– wie das immer und ewig geschieht – +hieße neuen Wein in alte Schläuche füllen.</p> + +<hr class="thought-break"/> + +<p>In dem Kunstwerk macht die Technik nicht die +Güte aus, man könnte sie höchstens als notwendig +bezeichnen; wie der Körper dem Geiste notwendig +<a class="pagenum" name="Page_36" title="36"> </a> +ist. Und insofern ein schöner Geist in einem schönen +Körper dem in einem häßlichen vorzuziehen ist, ist +auch das elegant vorgetragene Kunstwerk dem unbeholfen +vorgetragenen vorzuziehen. Schreiblehrer +beurteilen die Güte der Handschrift nach der Kalligraphie +der Buchstaben; wir nennen Bismarcks Handschrift +schön, weil sie charakteristisch ist.</p> + +<p>Die Technik ist gut, die möglichst prägnant das +ausdrückt, was der Meister ausdrücken wollte; sonst +ist sie schlecht und wäre sie noch so virtuos.</p> + +<p>Überhaupt spricht man viel zu viel von ihr: die +Technik muß man gar nicht sehen, ebenso wenig +wie man die Toilette an einer schönen Frau sehen +darf. Wie sie nur dazu da ist, um die Schönheit +der Trägerin in um so helleres Licht zu setzen, darf +die Technik nur die Schleppenträgerin der Kunst sein, +jeder Künstler soll malen, wie ihm der Schnabel gewachsen +ist; was allerdings heutzutage schwer ist, +denn, wie Schwind sagt, »bis man weiß, daß man +einen Schnabel hat, ist er vom vielen Anstoßen schon +ganz verbogen«.</p> + +<p>Und nun gar die Forderung zur altmeisterlichen +Technik zurückzukehren! Als ob die Technik die +Ursache und nicht die Folge einer Kunstanschauung +wäre. Ist die Technik eines Van Eyk nicht bedingt +durch die Sachlichkeit seiner Naturanschauung? Hätte +Franz Hals sich der Technik eines Holbein bedienen +können, oder mußte er nicht vielmehr eine mehr +andeutende als ausführende Technik erfinden, die +<a class="pagenum" name="Page_37" title="37"> </a> +seiner geistreichen Auffassung des Momentanen entsprach? +Wer die Technik eines Meisters nachahmt, +wird ihm höchstens abgucken, wie er sich räuspert +und wie er spuckt. Ein mittelmäßiges à la Rembrandt +gemaltes Bild ist nicht besser, als ein ebenso +mittelmäßiges, das à la Manet gemalt ist.</p> + +<p>Überhaupt verbirgt sich hinter dem Verlangen nach +altmeisterlicher Kunst ein gut Teil Heuchelei: es entspringt +nicht sowohl aus Liebe für die alte, sondern +vielmehr aus Haß gegen die moderne Kunst.</p> + +<p>Natürlich fällt auch in den bildenden Künsten kein +Meister vom Himmel. Eher fällt schon eine Exzellenz +vom Himmel, wie Menzel, als man ihm zu seinem +neuen Titel gratulierte, geantwortet haben soll.</p> + +<p>Ein jeder Meister steht auf den Schultern seiner +Vorgänger: das ist aber nicht seine Meisterschaft, +sondern seine Schülerschaft. Erst nach Überwindung +der Technik kann aus dem Schüler ein Meister werden, +und nur in diesem Sinne ist der bekannte Satz, +daß man zum Künstler geboren, zum Maler aber erst +erzogen werden müsse, zu verstehen. Der Maler +muß sein Leben lang arbeiten, um der Technik Herr +zu werden; aber nicht um ihrer selbst willen, sondern +um mittels der Technik seiner Phantasie einen +möglichst vollendeten Ausdruck geben zu können.</p> + +<p>Der Vortrag des Meisters kann nachgeahmt werden +– und die vielen falschen Rembrandts sind der +beste Beweis dafür – aber nur der Rembrandt ist +echt, in dem du seines Geistes Hauch verspürst. +<a class="pagenum" name="Page_38" title="38"> </a> +Und sollte ein mittelmäßiges Bild wirklich echt sein, +von Rembrandts eigener Hand signiert und von +sämtlichen Kunstpäpsten als authentisch attestiert, so +würde das nur beweisen, daß der gute Rembrandt +auch einmal geschlafen habe. Was kümmert uns die +Echtheit eines Kunstwerkes! Was des Meisters würdig, +ist echt.</p> + +<p>Weil in den bildenden Künsten die Form Mittel +und Zweck, also eines ist, ist es in ihnen natürlich +schwerer zu entscheiden, als z. B. in der Poesie, wo +das Handwerk aufhört und die Kunst anfängt; daher +triumphiert oft genug über wahre Kunst Kunstfertigkeit, +und ebenso oft wird der Stein, den die Bauleute +verwarfen, zum Eckstein. Denn vollendete +Technik, Eleganz des Vortrags, kurz, das Äußerliche +des Bildes schmeicheln sich dem Auge leichter ein +als das Werk des Genies, dessen rauhe Außenseite +oft den goldenen Kern verbirgt. So wundert es +mich keineswegs, daß man etwa die Porträts van +der Helsts denen eines Rembrandt vorgezogen hat. +Wenn Rembrandt heute lebte und ein Prinz sich +bei ihm malen ließe, so wäre er wahrscheinlich mit +seinem Konterfei ebenso wenig zufrieden wie der +Prinz von Nassau, der sein Porträt für zu schwarz, +für zu <ins title="gapatzt">gepatzt</ins> und wohl auch für nicht vorteilhaft +genug aufgefaßt ansah, und so den armen Rembrandt +um seine vornehme Kundschaft brachte. Allerdings +vom <ins title="Handwerksstandgunkt">Handwerksstandpunkt</ins> aus ist der »Nachtwache« +die »Schützenmahlzeit« des van der Helst vorzuziehen. +<a class="pagenum" name="Page_39" title="39"> </a> +Da ist alles tadellos. Und auch heute noch würden +nicht nur Prinzen, wenn sie nicht fürchteten sich zu +blamieren, einen van der Helst vorziehen.</p> + +<p>Es kommt nicht allein darauf an, was einer ansieht, +sondern auch darauf, wer was ansieht, und +auch in der Kunst gilt das Sprichwort: niemand ist +groß in den Augen seines Kammerdieners; womit +ich nicht etwa auf die kleinen Schwächen großer +Meister anspielen will. Wer das Kunstwerk mit den +Augen des Kammerdieners betrachtet, wird es nie +begreifen. »Nichts ist an sich schön; erst unsere +Auffassung macht es dazu.« Wer Phidias mit den +Augen des Professors Trendelenburg anschaut, sieht +vielleicht in den Marmorgruppen der Siegesallee +Werke des griechischen Bildhauers. Die Breite des +malerischen Vortrags macht noch keinen Velasquez +und das Helldunkel noch keinen Rembrandt: das ist +gleichsam nur das irdische Teil an ihnen.</p> + +<p>Das Unsterbliche an den Werken der Kunst ist +ihr Geist, der Geist, welcher dem inneren Auge des +Malers, bevor er den ersten Pinselstrich auf die Leinwand +gesetzt hat, das Werk vollendet zeigt.</p> + +<p>Und wie der Geist ist die Kunst unbegrenzt, soweit +die Ausdrucksfähigkeit ihrer technischen Mittel +reicht. Ihre Ausdrucksfähigkeit vergrößern, heißt das +Bereich der Kunst erweitern, das Bereich der allein +wahren Kunst, die von der Hand geboren, aber von +der Phantasie gezeugt ist.</p> + +<h2 class="chapter"><a class="pagenum" name="Page_41" title="41"> </a>EMPFINDUNG UND ERFINDUNG IN +DER MALEREI</h2> + +<div><a class="pagenum" name="Page_43" title="43"> </a></div> + +<p class="drop-cap"><span class="upper-case">Neulich</span> meinte Wöfflin in einem kleinen Aufsatz +über das Zeichnen, daß jeder, der einen +Kopf gut zeichnen könnte, auch gut zu schreiben verstände. +Ob das nicht zu viel behauptet ist, will ich +als Maler nicht untersuchen, aber das glaube ich mit +Recht behaupten zu dürfen, daß einer, der keinen +Strich zeichnen kann, unfähig ist über Malerei zu +schreiben. Was würden die Musiker sagen, wenn +ein Maler, der nicht einmal die »Wacht am Rhein« +oder »Heil dir im Siegerkranz« auf dem Klavier +nachklimpern kann, sich herausnehmen würde über +Musik zu ästhetisieren!</p> + +<p>Das ästhetische Urteil über Malerei ist von Schriftstellern +gemacht. Nie würde ein Maler, auch wenn +er Lessings Geist hätte, das geistreiche und gerade +deshalb so gefährliche Paradoxon vom Raffael ohne +Hände erfunden haben. Oder gar aus dem Laokoon, +der immer noch, und mit gutem Recht, die ästhetische +Bibel der Gebildeten ist, das Diktum: »der +Maler, der nach der Beschreibung eines Thomson eine +schöne Landschaft darstellt, hat mehr getan, als der +sie gerade von der Natur kopiert«. Der Schriftsteller +versteht in der Gedankenmalerei die literarische Phantasie, +und daher stellt er sie über die sinnliche Malerei, +<a class="pagenum" name="Page_44" title="44"> </a> +die er nicht versteht, und aus Unkenntnis ihrer +Wesenheit nicht verstehen kann.</p> + +<p>Malerei ist Nachahmung der Natur, der sie ihre +Stoffe entlehnt, aber sie bleibt ohne die schöpferische +Phantasie geistlose Kopie, und es ist daher ganz +gleichgültig, ob der Maler einen Sonnenuntergang +aus der Tiefe seines Gemüts oder nach einem Gedicht +des Thomson oder nach der Natur malt. Mit +andern Worten: nicht der Idealist steht – wie Lessing +meint – höher als der Realist, sondern die Stärke +der Phantasie macht den größeren Künstler.</p> + +<p>Für den Maler liegt die Phantasie allein innerhalb +der sinnlichen Anschauung der Natur: jedenfalls haben +alle großen Maler von den Ägyptern, Griechen und +Römern bis zu Rembrandt und Velasquez, Manet und +Menzel sich innerhalb dieser Grenzen gehalten. Zwischen +dem Kleckser, der einen Sonnenuntergang malt +und einem Claude Lorrain oder Claude Monet ist +nur ein Qualitätsunterschied. Die Größe des Talents +eines Künstlers beruht auf der Größe seiner Naturanschauung +und zwar auf der Größe der spezifisch +malerischen Anschauung. Sonst hätte Goethe ein +ebenso großer Maler wie Dichter sein müssen. Wie +die zahllosen Blätter, die das Goethehaus aufbewahrt, +beweisen, hat es ihm weder an Fleiß noch an handwerksmäßiger +Geschicklichkeit gefehlt, und wenn er +trotz heißem Bemühen zeitlebens in der bildenden +Kunst ein mittelmäßiger Dilettant geblieben ist, so +liegt der Grund einfach darin, daß seine Phantasie +<a class="pagenum" name="Page_45" title="45"> </a> +– als die eines geborenen Dichters – nur mit dem +Worte zu gestalten imstande war.</p> + +<p>Die Phantasie des Künstlers gestaltet nicht nur in +dem Material, sondern für das Material seiner speziellen +Kunst, sonst kommt gemalte Poesie oder poetische +Malerei, d. h. Unsinn heraus. Daher ist auch +nur aus dem Material heraus eine richtige Wertung +der Kunst möglich: der Genuß an der Kunst steht +jedem Empfänglichen offen, aber für die Kritik +ist die Kenntnis des Materials und der Technik unerläßlich.</p> + +<p>Einst fragte mich Virchow, während er mir zu +seinem Porträt saß, ob ich nach einer vorgefaßten +Meinung male, und auf meine Antwort, daß ich +intuitiv die Farben nebeneinander setzte, entschuldigte +sich der damals schon greise Gelehrte ob seiner +Frage. Alles, fügte er hinzu, in der Kunst wie in +der Wissenschaft, nämlich da, wo sie anfinge Wissenschaft +zu werden, wo sie Neues entdeckte, sei Intuition. +»Als ich meinen Satz Cellula e Cellula gefunden +hatte, war es erst Späteren vorbehalten, ihn +zu beweisen.« Letzten Endes ist die Kunst unergründlich +und wird es immer bleiben. Auch ist es gut +so, denn wenn wir ihr Geheimnis ergründeten, wäre +es mit ihr vorbei. Den künstlerischen Zeugungsprozeß +kann man ebensowenig ergründen wollen +wie den physischen. Es wird ewig ein Rätsel bleiben, +wie dem Künstler die Idee zu seinem Werke kommt, +denn die Natur ist nur der äußere Anlaß für das +<a class="pagenum" name="Page_46" title="46"> </a> +Werk. Aber man kann die Gehirntätigkeit des +Künstlers während seiner Arbeit beobachten, und den +Weg, den seine Phantasie zurücklegt, von der Auffassung +des Gegenstandes bis zu dessen Wiedergabe +auf der Leinewand verfolgen. Der Künstler sieht die +Gegenstände durch seine Phantasie. Er sieht, was er +zu sehen sich einbildet, oder wie Goethe es ebenso +treffend, wie schön ausdrückt: wer die Natur schildert, +schildert nur sich, und die Feinheit und Stärke seines +Gefühls.</p> + +<p>Der alte Schwind antwortete auf die Frage, wie +er seine Zeichnungen mache: »ich nehme einen Bleistift +in die Hand, und da fällt mir halt was ein«. +Unter dem Pinsel wird die Form geboren, und die +Maler mit den großartigen Ideen sind immer schlechte +Maler.</p> + +<p>Die Erfindung des Malers beruht in der Ausführung +und dieser Ausspruch, der eigens für den Impressionismus +geprägt zu sein scheint, und der von dem englischen +Maler Blake aus der ersten Hälfte des vorigen +Jahrhunderts herrührt, ist nicht nur für Manets Spargelbund +gültig, sondern ebenso für Michelangelos Erschaffung +Adams in der Sixtina. In der Erfindung +des Sujets kann die Erfindung Michelangelos nicht +liegen, denn die steht in der Bibel: »und Gott der +Herr machte den Menschen aus einem Erdenkloß +und er blies ihm ein den lebendigen Odem in seine +Nase. Und also ward der Mensch eine lebendige +Seele«. Daß er uns die biblische Erzählung überzeugend +<a class="pagenum" name="Page_47" title="47"> </a> +ad oculus demonstriert, darin liegt Michelangelos +Genie: wir glauben den Odem Gottes in +Adam übergehen zu sehen.</p> + +<p>Ein witziger Maler, den man vor seinem Bilde +fragte, was er habe malen wollen, antwortete: »wenn +ich es sagen könnte, hätte ich es nicht zu malen gebraucht«. +<em class="gesperrt-left-part">Er</em>findung ist <em class="gesperrt-left-part">Em</em>pfindung: aus ihr ergibt +sich Technik und Stil. Daher ist es Blödsinn – was +man jeden Tag hören oder lesen muß – zu sagen: +»das Bild des Professors X. ist ausgezeichnet gemalt, +nur leider ohne Phantasie«. Dann ist es eben schlecht +gemalt. Aber ebenso blödsinnig: »das Bild ist sehr +phantasievoll, aber schlecht gemalt«. Dann ist es +vielleicht von poetischer oder musikalischer, aber +nicht von malerischer Phantasie. Ein Bild ist gut, +d. h. malerisch erdacht, wenn es mit den malerischen +Ausdrucksmitteln darzustellen ist, und das malerisch +nicht gut erdachte Bild kann überhaupt nicht gut +gemalt werden. Also sind technische Schwierigkeiten +immer nur Fehler in der Konzeption. Die schönsten +Stücke Malerei wie die »Bohèmienne« oder der »Papst +Innocenz« sind die technisch einfachsten.</p> + +<p>Wer technische Schwierigkeiten eines Werkes sieht, +ist überhaupt kein Künstler. Der echte Künstler +gleicht dem Reiter über den Bodensee: erst nach +Vollendung des Werkes entdeckt er voller Grauen +die Schwierigkeiten, die zu überwinden waren, und +er würde sein Werk nicht unternommen haben, wenn +er sie vorher erkannt hätte.</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_48" title="48"> </a>In der bildenden Kunst ist geistige Vollendung zugleich +technische Vollendung, denn in ihr sind Inhalt +und Form nicht nur eins, sondern identisch. Es ist +daher ein müßiges Spiel mit Worten das Kunstwerk +in zwei Bestandteile zerlegen zu wollen: in ihm ist +die Phantasie materialisiert und umgekehrt die Technik +vergeistigt worden.</p> + +<p>Wenn Rembrandt sagt, daß das Werk vollendet +sei, sobald der Künstler ausgedrückt hat, was er hat +ausdrücken wollen, so heißt das nichts anderes, als +daß die Arbeit des Künstlers reine Phantasietätigkeit +ist. Gut malen heißt also mit Phantasie malen und +die schönste, breiteste, flächigste Malerei bleibt äußerliche +Virtuosität, wenn sie nicht der Ausdruck der +künstlerischen Anschauung ist. Die Phantasie hört +also nicht da auf, wo die Arbeit beginnt – wie noch +ein Lessing annahm, – sondern sie muß dem Maler +bis zum letzten Pinselstrich die Hand führen. Weshalb +ist denn oft die flüchtigste Skizze vollendeter +als das fertige Bild? Weil die in ein paar Stunden +entstandene Skizze von der Phantasie erzeugt ist, +während die wochen-, ja monatelange Arbeit am +Bilde die Phantasie ertötet hat. Nicht etwa die +Technik, sondern die Phantasie ist die Ursache, daß +nur die al Primamalerei was taugt, denn die Phantasie +ist ebensowenig eine Heringsware wie die Begeisterung: +nur das unter dem frischen Eindruck der momentanen +Phantasie flüssig ineinander gemalte Stück +hat inneres Leben.</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_49" title="49"> </a>Daher gibt es keine Technik per se, sondern so +viele Techniken als es Künstler gibt. Und ohne +eigene Technik kann es keine eigene Kunst geben. +Franz Hals' Technik entspringt ebenso seiner Naturauffassung +wie die des Velasquez der seinigen: Beide +malten einfach, was sie sahen. Unbewußt kam in +ihre Malweise ihre Persönlichkeit.</p> + +<p>Man sehe sich die »Bohèmienne« oder den »Innocenz« +auf die angewandten Mittel an: das Handwerksmäßige +daran kann jeder Malklassenschüler. Auch weiß man, +daß der Papst dem Velasquez zu dem Kopfe in Petersburg, +der noch schöner sein soll als der in Rom, +nur eine Stunde gesessen hat; und Franz Hals hat +sicher nicht viel länger an der »Bohèmienne« gearbeitet. +Gebt einem Stümper eine Stunde lang die Phantasie +eines Franz Hals oder Velasquez, und aus seiner +Stümperei wird ein Meisterwerk. Aber Hals und +Velasquez hatten keine Kunsttheorien; sie malten, was +sie selber sahen, und nicht, was andere vor ihnen +gesehen hatten: sie waren naiv. Sie malten nur mit +ihrem malerischen unbewußten Gefühl und nicht mit +dem Verstande. Sie warteten nicht die Stimmung +ab, sondern die Stimmung kam, wenn sie den Pinsel +in die Hand nahmen.</p> + +<p>Manet oder Leibl dachten malerisch. Sie suchten +nicht das sogenannte Malerische in der Natur, sondern +sie faßten die Natur malerisch auf: die Natur +war für sie der Canevas für ihr Bild. Feuerbach, +Marées oder Böcklin übersetzten ihre Stimmungen +<a class="pagenum" name="Page_50" title="50"> </a> +oder Gedanken in die Sprache der Malerei: zum +Ausdruck ihrer Sentiments bedienten sie sich der +Natur. Derselbe Gegensatz wie zwischen dem naiven +und sentimentalen Dichter besteht auch in der Malerei: +der naive Maler geht von der Erscheinung aus, +der sentimentale vom Gedanken.</p> + +<p>Aber gerade das Primäre ist das Entscheidende; +wie der wahre Dichter nur vom Erlebnis ausgeht, +so geht das wahre malerische Ingenium nur von der +sinnlichen Erscheinung aus. Letzten Endes ist jeder +Maler Porträtmaler, der Wirklichkeitsmaler Franz Hals +oder Velasquez ebenso wie der Maler der »inneren +Gesichte« Albrecht Dürer oder gar wie Rembrandt, +unter dessen Pinsel die Bildnisse der Korporalschaft +des Banning Cocq zur <ins title="»Nachtwache«">»Nachtwache«,</ins> dem phantasievollsten +Bilde der Welt, wurden. Daß dieses Gruppenbildnis +einer Schützengilde bis heutigen Tages die +»Nachtwache« heißt, das beweist am schlagendsten, +daß in der Malerei die Erfindung nur in der Ausführung +beruht.</p> + +<p>Kunst ist Kern und Schale in einem Male: die +Phantasie muß nicht nur die Vorstellung von dem +Bilde erzeugen, sondern zugleich die Ausdrucksmittel, +durch die der Maler seine Vorstellung auf die Leinwand +zu projizieren imstande ist.</p> + +<p>Irgend ein Corneliusschüler erzählte, daß er München +in aller Hergottsfrühe umkreiste, um sich in +weihevolle Stimmung zu versetzen, bevor er an die +Arbeit ging, und ins Atelier gekommen, »floß der +<a class="pagenum" name="Page_51" title="51"> </a> +Contour«. Aber Heinrich v. Kleist läßt in einer Betrachtung +über Berliner Kunstzustände im Jahr 1811 +einen Vater seinem Sohne sagen: »du schreibst mir, +daß du eine Madonna malst, und daß du jedesmal, +bevor du zum Pinsel greifst, das Abendmahl nehmen +möchtest. Laß dir von deinem alten Vater sagen, +daß dies eine falsche Begeisterung ist, und daß es +mit einer gemeinen, aber übrigens rechtschaffenen +Lust an dem Spiele, deine Einbildungen auf die Leinewand +zu bringen, völlig abgemacht ist.«</p> + +<h2 class="chapter"><a class="pagenum" name="Page_53" title="53"> </a>PHANTASIE UND TECHNIK</h2> + +<div><a class="pagenum" name="Page_55" title="55"> </a></div> +<blockquote> +<p>»Ohne Hände gibt es keine Maler, +und ohne brauchbare, keine gute.«</p> + +<p class="right">RUMOHR.</p> +</blockquote> + +<p class="drop-cap"><span class="upper-case">Kaiser</span> Wilhelm ließ als junger Prinz von irgendeinem +Hofmaler sein Bildnis malen und als er +es besah, fragte er den Professor: Habe ich denn so +große Augen? und auf die Antwort des Malers, daß +er die Augen von Königl. Hoheit so groß sähe, erwiderte +der Prinz: Dann begreife ich nicht, daß Sie +Maler geworden sind.</p> + +<p>Die Phantasie ist immer Voraussetzung, und ebensowenig +zu beweisen, wie daß 2 × 2 = 4 ist. Die ästhetische +Betrachtung kann nur ergründen wollen, wie +sich die Form für das Werk unter der Hand des +Künstlers gestaltet, nicht aber den Prozeß, der in +seinem Kopfe vorausgeht. Jeder Künstler, ob er +Maler, Musiker oder Dichter ist, muß von der Anschauung +ausgehen: Die Vision, die äußere wie die +innere, ist das Primäre, und aus der Wiedergabe der +Vision geht erst der Gedanke hervor. Der Schriftsteller +aber will seinem Gedanken Ausdruck geben, +der Gedanke ist also das Primäre und die Form das +Sekundäre. Natürlich ist ein Bild, das der Maler +aus der Natur konzipiert und nach der Natur malt, +deshalb noch nicht gut, aber ein Bild, das aus der +Idee entstanden, kann nicht gut sein.</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_56" title="56"> </a>Denn in aller Kunst muß sich aus der Form erst +der Gedanke entwickeln. Die Form des Gedankens +muß dem Dichter schon vorschweben, ehe der Gedanke +selbst erscheint (Lichtenberg), um wie viel +mehr in der bildenden Kunst und in der Musik, wo +Form und Gedanke identisch sind.</p> + +<p>Als der Jenenser Student Goethen fragte, wie er +zu seinem Stile gelangt wäre, antwortete er: Ich habe +die Dinge auf mich wirken lassen. Tizian oder +Tintoretto, Rembrandt und F. Hals, Velasquez und +Manet hätten dieselbe Antwort geben können auf +die Frage, wie sie zu ihrer Malerei gelangt wären. +Daß der Künstler in irgendeinem xbeliebigen Modell +den Kaiser Augustus oder Napoleon sieht, ist das +Werk seiner Phantasie und ebenso unerforschlich wie +das psychische Moment im menschlichen Zeugungsprozeß; +aber wie wir den physiologischen Prozeß +zu ergründen versuchen dürfen, so können wir nachforschen, +wie der Künstler seine Phantasie gleichsam +materialisiert durch seine Technik und in ihr. Technik +heißt hier natürlich nicht das Handwerksmäßige, das +jeder Künstler selbstverständlich gelernt haben muß, +sondern Technik bedeutet hier das Ausdrucksmittel +der Phantasie. Die Technik projiziert die künstlerische +Phantasie auf die Bildfläche und diese Projektion +ist die Kunst.</p> + +<p>Die Griechen hatten für Kunst und Handwerk +nur das eine Wort <span class="greek" lang="grc" xml:lang="grc" title="hê technê">ἡ τέχνη</span>: Beide sind desselben Ursprungs. +Wehe der Kunst, die ihres Ursprungs vergißt! +<a class="pagenum" name="Page_57" title="57"> </a> +Die von der Malerei verlangt, was nur Poesie +oder Musik zu leisten vermögen. Wie der Dichter +für das Wort, der Musiker für den Ton, so muß +der Maler für sein Ausdrucksmittel erfinden. Man +vergleiche eine Silberstiftzeichnung Rembrandts mit +einer seiner in Sepia lavierten Zeichnungen: wie er +jedem Material durch diese adäquate Behandlung +gerade die höchste Wirkung entlockt. Der Meister +verlangt nicht vom Stifte, was nur der Pinsel hergibt +oder umgekehrt.</p> + +<p>Aber wie sich aus dem Affen nie der Mensch +entwickeln kann, obgleich beide derselben Abstammung +sind, so kann nie aus dem vollendetsten +Handwerker der Künstler werden ohne den göttlichen +Funken der Phantasie. Das Genie ist notwendige +Voraussetzung jedes Kunstwerkes; aber dieses +kann sich nur auf handwerklicher Basis gestalten. +Künstler und Handwerker prozedieren gleicherweise, +einer wie der andere will nur sein Handwerk bestmöglich +ausüben. Ist aber der Handwerker nebenbei +noch ein Phidias oder ein Raffael, so wird aus +seinem Handwerk – ihm natürlich unbewußt – +das ideale Kunstwerk. Ideal in dem Sinne, daß sich +der Künstler in seinem Werke vollendet. Ein objektives +Ideal ist eine contradictio in adjecto: Wären +Phidias oder Raffael das Ideal an sich, so könnten +es Rembrandt und Velasquez nicht auch sein.</p> + +<p>Jedes Kunstwerk ist ideal und real zugleich, insofern +der Künstler vom sinnlichen Natureindruck +<a class="pagenum" name="Page_58" title="58"> </a> +ausgeht, also ist die Bezeichnung von idealistischer +oder realistischer Kunst ein Pleonasmus: mit ihrer +Qualität hat weder die eine noch die andere etwas +zu tun. Sie können höchstens das Stoffliche bezeichnen, +wie man etwa das bürgerliche Schauspiel +vom historischen unterscheidet. Aber auch der rückständigste +Professor wird nicht »Maria Stuart« oder die +»Jungfrau von Orleans«, weil sie historische Dramen +sind, dem bloß bürgerlichen Schauspiel »Kabale und +Liebe« vorziehen wollen.</p> + +<p>Mein verstorbener Freund Jettel pflegte jedem, der +ihn besuchte – und welcher deutsche Maler, der +im letzten Viertel des verflossenen Jahrhunderts nach +Paris kam, hat ihn nicht besucht! – die Geschichte +von dem Wiener Akademiedirektor zu erzählen, wie +der Meisterschüler den Karton zu seinem ersten Bilde +»Luther schlägt die Thesen an die Schloßkirche zu +Wittenberg« zeichnet. Nach monatelangem Korrigieren +und Ändern ist endlich der Karton fertig, und die +Komposition wird auf die Leinwand gepaust: Luther +schwingt den Hammer, während die Menge ihm begeistert +zujauchzt. Als der Direktor zur Korrektur +kommt, lobt er die Komposition, aber er meint, daß +es der Erhabenheit des weltgeschichtlichen Moments +nicht angemessen sei, daß Luther eigenhändig den +Hammer schwinge. Das müsse einer seiner Jünger +tun. Dem braven Schüler leuchtet es ein, und die +Komposition wird demgemäß verändert: Während +Luther die Menge haranguiert, schwingt der Nächststehende +<a class="pagenum" name="Page_59" title="59"> </a> +den Hammer; als der Meister wieder kommt, +billigt er die Änderung, aber er meint, daß nicht der +Luther Nächststehende, sondern dessen Nachbar die +Thesen anschlagen müsse, um nicht die Aufmerksamkeit +des Beschauers von der Gestalt Luthers, der doch +die Hauptperson im Bilde sei, abzulenken. So gehts +durch ein viertel oder ein halbes Jahr weiter, bei +jedem Besuche im Atelier des Schülers meint der +Direktor, daß der Nächste den Hammer schwingen +müsse, bis alle der Reihe nach den Hammer geschwungen +haben und der Direktor zu dem Schlusse +kommt, daß in der furchtbaren Erregung des weltgeschichtlichen +Moments Luther den Hammer selbst +in die Hand nehmen und die Thesen eigenhändig +anschlagen würde.</p> + +<p>Alles in der Kunst ist Qualität, und die Qualität +des Kunstwerkes hängt von dem Quantum von Phantasie, +die es erzeugte, ab, denn nur die von der +Phantasie erzeugte Form ist lebendig. Aber die +Phantasie erfindet nicht die Form – denn die ist +von Anbeginn der Kunst vorhanden, wie in der +Poesie das Wort und in der Musik der Ton, sondern +den Ausdruck für die Form, das heißt die Technik. +Nicht die Form ist das Originelle, sondern die künstlerische +Originalität beruht darin, wie die Phantasie +zur Form geworden ist. Jeder Künstler, auch der +größte, übernimmt die traditionellen Formen seiner +Zeit und seiner Umgebung. Die frühen Raffaels oder +Rembrandts gleichen den Bildern ihrer Meister (so +<a class="pagenum" name="Page_60" title="60"> </a> +sehr, daß man sie für die ihrer Meister angesprochen +hat). Sie suchen nicht etwa neue Ausdrucksformen, +das heißt eine neue Technik, sondern ihre neue +Technik ergibt sich aus ihrer künstlerischen Individualität. +Hieraus ergibt sich der neue Stil eines jeden +Meisters.</p> + +<p>In der Musik heißt Virtuose, wer die fremde +Komposition vorzutragen imstande ist. Mit demselben +Rechte könnte man die Maler, die keine originelle +Ausdrucksweise besitzen, Virtuosen nennen, nur kann +man leider nicht so leicht wie in der Musik den +Komponisten vom Virtuosen in der bildenden Kunst +trennen, wo die Erfindung die Ausführung ist. Die +Fagerolles, die nur reproduzierende Künstler sind, +gelten oft sogar mehr als die Claude, die sie kopieren.</p> + +<p>Aber Meister ist nur, der seine eigenen Gedanken +in eigener Sprache auszudrücken imstande ist. Daher +haben die geborenen großen Maler, je älter sie +wurden, desto schöner gemalt. Nicht etwa, daß +ihre Hand mit den Jahren geschickter wurde, im +Gegenteil: sie werfen die Geschicklichkeit des Handgelenks, +die den Jüngling freut und über die mangelnde +Originalität hinwegtäuscht, mit Verachtung von sich +und zwar so, daß noch ein Karl Justi in seinem +Pamphlet gegen die Moderne die Alterswerke eines +Rembrandt oder F. Hals senil nennen konnte. Der +Meister ist der Überwinder der Technik. Man vergleiche +auf Rembrandts Anatomie im Haag den +Leichnam mit dem Stück auf der leider angebrannten +<a class="pagenum" name="Page_61" title="61"> </a> +Anatomie des Dr. Deisman in Amsterdam, wie die +Technik sich vereinfacht hat, wie jedes Detail unterdrückt +wird. Wir sehen nur noch das Wesentliche, +den Typus des Kadavers und – schaudern, wie +wenn wir plötzlich vor einer Leiche stehen. Wohl +sehen wir im Haag einen der schönsten Rembrandts, +aber der 26jährige macht noch Malerei, die freilich +wunderbar herrlich ist. Aber 25 Jahre später malt +Rembrandt nicht mehr ein Bild, sondern seine Seele +auf die Leinwand. Genau dasselbe bei F. Hals: in +Haarlem kann man vor den Doelenstücken seine Entwicklung +während eines halben Jahrhunderts von Stufe +zu Stufe verfolgen, vom Rubensschüler, der die Technik +seines Meisters sklavisch kopiert, bis zum 80jährigen +Meister, der in den zwei Bildern der Vorsteher und +der Vorsteherinnen eines Waisenhauses das höchste +und schönste leistet, was die Malerei hervorgebracht +hat. In diesen »senilen« Werken ist allerdings nichts +mehr von Technik zu merken, denn jeder Pinselstrich +und jeder Farbfleck ist Leben geworden. Wie der +Kopf des greisen Mommsen ganz durchgeistigt schien, +nur noch Seele, so ist in den beiden Altersschöpfungen +von Hals nichts Materielles mehr: der Geist +hat die Technik vernichtet.</p> + +<p>Dasselbe Phänomen bei Tizian. Zwischen der +Dornenkrönung in Paris und der in München liegen +rund 30 Jahre: die Komposition ist absolut dieselbe +geblieben, aber aus der Malerei ist Leben geworden. +Nur die Phantasie kann dieses Wunder bewirkt +<a class="pagenum" name="Page_62" title="62"> </a> +haben: sie hat die Technik vergeistigt. Oder mit +anderen Worten: aus dem Maler, der die Natur +nachahmt, wird der Künstler, der ein Neues schafft, +das heißt: der Künstler, der eine neue Technik +schafft.</p> + +<p>Jede neue Kunst ist also letzten Endes neue Technik. +Man vergleiche das Hohe Lied mit einem lyrischen +Gedicht Goethes oder den ägyptischen Dorfschulzen +im Museum in Kairo mit einer Bronze Rodins: obgleich +5000 Jahre dazwischen liegen, das Ringen des +menschlichen Geistes nach demselben Ausdruck. Nur +mit verschiedenen Mitteln, d. h. mit veränderter +Technik.</p> + +<p>Sein Talent hat der Künstler vom lieben Gott: +Was er aber daraus macht mittelst seiner Technik, +das ist <em class="gesperrt">seine</em> Kunst. Daher ist es nicht etwa öde +Fachsimpelei à la Tessman, sondern der gesundeste +Instinkt, wenn der Künstler sich Zeit seines Lebens +nur mit der Technik beschäftigt. Für ihn ist die +Technik die Kunst. »Lieber Junge, die überraschenden +Wirkungen, welche viele nur dem Naturgenie zuschreiben, +erzielt man oft ganz leicht durch richtige +Anwendung und Auflösung der Septimenakkorde.« +Was für Beethoven Technik ist, erscheint uns als +Ausfluss seines Genies und zwar ganz folgerichtig, +denn die Technik ist ja Ausfluss des Genies oder +sollte es wenigstens sein. Bei Rodin spiegelt sich +die ganze Welt in der Oberfläche des Kunstwerkes.</p> + +<p>Die Technik fängt erst an, künstlerisch zu werden, +<a class="pagenum" name="Page_63" title="63"> </a> +wo sie persönlich wird, daher kann man nur das +Handwerksmäßige, das Kunstgewerbliche an ihr lehren +und lernen. Daher gibt es keine Technik <span class="greek" lang="grc" xml:lang="grc" title="kat' exochên">κατ' ἐξοχὴν</span>. +Raffael malt wie Perugino, F. Hals wie Rubens und +Rembrandt wie sein Lehrer Lastmann, solange sie +Schüler waren. Als aber Raffael er geworden, malt +er raffaelisch wie Hals halsisch und wie Rembrandt +rembrandtisch malten, sobald sie Hals und Rembrandt +geworden. Es ist durchaus zu verstehn, daß die jungen +Leute heutzutage Cézanne oder van Gogh nachahmen: +ihr Fehler beruht nur darin, daß sie die Hieroglyphe +ihres Vorbildes kopieren, ohne zu wissen, was sie +bedeutet, wie die Mönche im Mittelalter die griechischen +und lateinischen Texte abschrieben, ohne sie +zu verstehen. –</p> + +<p>Der bekannte Gehirnanatom Edinger berichtet den +merkwürdigen Fall, daß ein Schreiner nach einer +Verletzung der Gehirnrinde wieder völlig genesen +war, nur die Funktion des Hobelns war ihm durch +seine Erkrankung abhanden gekommen: Hand und +Herz gehören nun mal in der Malerei zusammen +und die Vorstellung vom Raffael ohne Hände ist nicht +nur wider die Natur, sondern wider die Kunst. Denn +im Künstler löst erst die Form die Idee aus.</p> + +<p class="center page-break"><a class="pagenum" name="Page_64" title="64"> </a>Druck von W. Drugulin in Leipzig</p> + +<div id="tnote-bottom"> +<p class="center"><a name="tn-bottom"><b>Anmerkungen zur Transkription:</b></a></p> + +<p>Im folgenden werden alle geänderten Textstellen angeführt, +wobei jeweils zuerst die Stelle wie im Original, danach die geänderte Stelle +steht.</p> + +<ul id="corrections"> +<li><a href="#Page_13">Seite 13</a>:<br/> +den malerischen Mitteln am meisten <span class="correction">ädaquate</span> Auffassung<br/> +den malerischen Mitteln am meisten <span class="correction">adäquate</span> Auffassung +</li> +<li><a href="#Page_13">Seite 13</a>:<br/> +der Natur. <span class="correction">Jeder</span> Kontur, jeder Pinselstrich<br/> +der Natur. <span class="correction">Jede</span> Kontur, jeder Pinselstrich +</li> +<li><a href="#Page_38">Seite 38</a>:<br/> +für zu <span class="correction">gapatzt</span> und wohl auch für nicht vorteilhaft<br/> +für zu <span class="correction">gepatzt</span> und wohl auch für nicht vorteilhaft +</li> +<li><a href="#Page_38">Seite 38</a>:<br/> +vom <span class="correction">Handwerksstandgunkt</span> aus ist der »Nachtwache«<br/> +vom <span class="correction">Handwerksstandpunkt</span> aus ist der »Nachtwache« +</li> +<li><a href="#Page_50">Seite 50</a>:<br/> +des Banning Cocq zur <span class="correction">»Nachtwache«</span> dem phantasievollsten<br/> +des Banning Cocq zur <span class="correction">»Nachtwache«,</span> dem phantasievollsten +</li> +</ul> +</div> + + + + + + + + +<pre> + + + + + +End of Project Gutenberg's Die Phantasie in der Malerei, by Max Liebermann + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE PHANTASIE IN DER MALEREI *** + +***** This file should be named 38158-h.htm or 38158-h.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + http://www.gutenberg.org/3/8/1/5/38158/ + +Produced by Jana Srna, Norbert H. Langkau and the Online +Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net (This +file was produced from images generously made available +by The Internet Archive/Canadian Libraries) + + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. Special rules, +set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to +copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to +protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. Project +Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you +charge for the eBooks, unless you receive specific permission. If you +do not charge anything for copies of this eBook, complying with the +rules is very easy. 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It exists +because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from +people in all walks of life. + +Volunteers and financial support to provide volunteers with the +assistance they need, are critical to reaching Project Gutenberg-tm's +goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will +remain freely available for generations to come. In 2001, the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure +and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations. +To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation +and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 +and the Foundation web page at http://www.pglaf.org. + + +Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive +Foundation + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit +501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the +state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal +Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification +number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at +http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent +permitted by U.S. federal laws and your state's laws. + +The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S. +Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered +throughout numerous locations. Its business office is located at +809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email +business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact +information can be found at the Foundation's web site and official +page at http://pglaf.org + +For additional contact information: + Dr. Gregory B. Newby + Chief Executive and Director + gbnewby@pglaf.org + + +Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation + +Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide +spread public support and donations to carry out its mission of +increasing the number of public domain and licensed works that can be +freely distributed in machine readable form accessible by the widest +array of equipment including outdated equipment. Many small donations +($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt +status with the IRS. + +The Foundation is committed to complying with the laws regulating +charities and charitable donations in all 50 states of the United +States. 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Donations are accepted in a number of other +ways including checks, online payments and credit card donations. +To donate, please visit: http://pglaf.org/donate + + +Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic +works. + +Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm +concept of a library of electronic works that could be freely shared +with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project +Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support. + + +Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed +editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S. +unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily +keep eBooks in compliance with any particular paper edition. + + +Most people start at our Web site which has the main PG search facility: + + http://www.gutenberg.org + +This Web site includes information about Project Gutenberg-tm, +including how to make donations to the Project Gutenberg Literary +Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to +subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks. + + +</pre> + +</body> +</html> diff --git a/38158-h/images/cover.jpg b/38158-h/images/cover.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..9bd85ed --- /dev/null +++ b/38158-h/images/cover.jpg diff --git a/38158-h/images/titelseite.jpg b/38158-h/images/titelseite.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..2be54e0 --- /dev/null +++ b/38158-h/images/titelseite.jpg diff --git a/LICENSE.txt b/LICENSE.txt new file mode 100644 index 0000000..6312041 --- /dev/null +++ b/LICENSE.txt @@ -0,0 +1,11 @@ +This eBook, including all associated images, markup, improvements, +metadata, and any other content or labor, has been confirmed to be +in the PUBLIC DOMAIN IN THE UNITED STATES. + +Procedures for determining public domain status are described in +the "Copyright How-To" at https://www.gutenberg.org. + +No investigation has been made concerning possible copyrights in +jurisdictions other than the United States. 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