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authorRoger Frank <rfrank@pglaf.org>2025-10-14 20:09:38 -0700
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+Project Gutenberg's Die Phantasie in der Malerei, by Max Liebermann
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Die Phantasie in der Malerei
+
+Author: Max Liebermann
+
+Release Date: November 28, 2011 [EBook #38158]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: UTF-8
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE PHANTASIE IN DER MALEREI ***
+
+
+
+
+Produced by Jana Srna, Norbert H. Langkau and the Online
+Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net (This
+file was produced from images generously made available
+by The Internet Archive/Canadian Libraries)
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+
+ [ Anmerkungen zur Transkription:
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+ Schreibweise und Interpunktion des Originaltextes wurden übernommen;
+ lediglich offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert. Eine Liste
+ der vorgenommenen Änderungen findet sich am Ende des Textes.
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+ Im Original gesperrt gedruckter Text wurde mit _ markiert.
+ ]
+
+
+
+
+ DIE PHANTASIE
+ IN DER MALEREI
+
+ VON
+ MAX LIEBERMANN
+
+ BEI BRUNO CASSIRER
+ BERLIN 1916
+
+
+ VIERTE AUFLAGE
+
+
+
+
+ DEN MANEN HUGO VON TSCHUDIS
+ UND ALFRED LICHTWARKS
+
+
+
+
+INHALT
+
+
+ Seite
+
+ Vorwort zur zweiten Auflage 7
+
+ Einleitung 9
+
+ Die Phantasie in der Malerei 19
+
+ Empfindung und Erfindung in der Malerei 41
+
+ Phantasie und Technik 53
+
+
+
+
+VORWORT ZUR ZWEITEN AUFLAGE
+
+
+Wer, irregeführt durch den anspruchsvollen Titel meines Büchelchens,
+eine wissenschaftliche Abhandlung über die Phantasie zu finden hofft,
+wird arg enttäuscht werden. Ich habe die Erfahrungen und Beobachtungen,
+die ich in einer ach! fast fünfzigjährigen Beschäftigung mit der Malerei
+gesammelt habe, aufgezeichnet.
+
+Daß ich als Maler subjektiv über Malerei urteile, ist selbstverständlich.
+Aber ich habe nicht beabsichtigt, etwa für die naturalistische
+Malerei Propaganda zu machen -- denn deren hat sie nicht
+nötig --, sondern ich schrieb die folgenden Seiten, um zu zeigen, daß
+jede Malerei naturalistisch sein müsse, wenn sie gut ist.
+
+Es gibt keine blödsinnigere Behauptung, als die, welche man --
+wahrscheinlich gerade deswegen weil sie so blödsinnig ist -- täglich
+liest und hört: der Naturalismus ist tot. Denn alle Kunst beruht auf der
+Natur und alles Bleibende in ihr ist Natur. Nicht die den Künstler
+umgebende nur, sondern vor allem seine eigene Natur. Wie er, der
+Künstler, die Welt anschaut, mit seinen inneren und äußeren Sinnen --
+das nenne ich seine Phantasie -- die Gestaltung dieser seiner Phantasie
+ist seine Kunst. Als Maler gehe ich von der Anschauung aus, daher
+interessiert mich ausschließlich die gestaltende Phantasie, während mir
+die schöpferische Phantasie im Kunstwerke Axiom ist. Sie ist göttliche
+Eingebung, der nur auf dem Wege reinen Denkens beizukommen ist (wenn ihr
+überhaupt beizukommen ist). Der gestaltenden Phantasie aber dürfen wir
+hoffen, auf psychologisch-empirischem Wege nachspüren zu können. Oder
+mit anderen Worten: wir dürfen versuchen wollen, aus der Technik den
+Geist, der das Werk gezeugt hat, zu erklären.
+
+Daß wenige Wochen nach Erscheinen der ersten Auflage eine zweite nötig
+geworden, ist ein erfreulicher Beweis, daß der Krieg wie andere
+Vorurteile auch das Diktum Inter arma silent Musae hinweggefegt hat.
+
+_Berlin_, April 1916.
+
+ MAX LIEBERMANN
+
+
+
+
+EINLEITUNG
+
+ »... daß das Studium der Natur und die Erfindung der
+ Phantasie im Nachahmen das Bleibende in allem sei ...«
+
+ (Goethes Gespräch.)
+
+
+In seinem Tagebuch stellt Delacroix die Behauptung auf, daß jede
+Ästhetik mit einer Terminologie der Kunstausdrücke zu beginnen habe, da
+Jeder darunter etwas anderes verstehe. Er unternimmt auch die Erklärung
+einiger termini, aber er hört alsbald wieder damit auf, wahrscheinlich
+weil er die Unmöglichkeit seines Unternehmens einsieht.
+
+Ich bin mir wohl bewußt, das Wort »Phantasie«, von dem die folgenden
+Seiten handeln, in einem dem landläufigen abweichenden Sinne gebraucht
+zu haben und ich hätte es gern mit einem passenderen Worte vertauscht,
+wenn ich eins gefunden hätte. Im allgemeinen bezeichnet man mit
+Phantasie die Einbildungen unsres Gehirns, das Imaginäre, das ein nicht
+Existierendes vorzaubert. In dieser Bedeutung kann man Phantasie
+überhaupt nicht anwenden auf die Malerei, die nichts erfinden kann oder
+soll, was nicht in der Natur existiert oder wenigstens existieren
+könnte. Ich möchte der Phantasie mehr die Bedeutung, die das Wort im
+Griechischen hatte, beilegen: φαινομενον, Erscheinung. Der Maler will
+das ihm vorschwebende Bild zur Erscheinung bringen, er will die
+Erscheinung auf die Leinwand projizieren, wobei es ganz gleichgültig
+ist, ob ihm das Bild vor seinem geistigen oder leiblichen Auge schwebt.
+Denn beides ist im Grunde dasselbe: der Maler kann nur malen, was er zu
+sehen glaubt, ob er sein Bild im Geiste oder in der Natur sieht.
+
+Aus der Phantasie malen steht also in keinem Gegensatze zum
+Nach-der-Natur-malen, denn es sind nur zwei verschiedene Wege, die nach
+demselben Ziele führen sollen. Noch falscher aber wäre die Annahme, die
+nicht nur im Publikum, sondern leider auch in der Ästhetik immer noch
+besteht, als ob der Maler, der _aus_ der Phantasie malt, mehr _mit_ der
+Phantasie malt, als der, welcher nach der Natur malt.
+
+Je naturalistischer eine Malerei ist, desto phantasievoller muß sie
+sein, denn die Phantasie des Malers liegt nicht -- wie noch ein Lessing
+annahm -- in der Vorstellung von der Idee, sondern in der Vorstellung
+von der Wirklichkeit oder wie Goethe es treffend ausdrückt: »Der Geist
+des Wirklichen ist das wahrhaft Ideelle«. Daher bedeutet idealistische
+Malerei im Gegensatze zur naturalistischen Malerei nur die verschiedene
+Auffassung der Natur, aber keinen Qualitätsunterschied: die Qualität
+beruht einzig und allein in der größeren oder geringeren Kraft der
+Phantasie des Malers, mag er nun wie Raffael eine Madonna oder wie
+Rembrandt einen geschlachteten Ochsen malen. Natürlich kann ich nicht
+mit mathematischer Genauigkeit beweisen wollen, warum der eine Meister
+mehr Phantasie hat als der andere. Ich kann nur sagen wollen, warum ich
+ein Porträt von F. Hals für phantasievoller halte als einen Holbein. Und
+wenn ich sage, daß ich in Franz Hals den phantasievollsten Maler sehe,
+der je gelebt hat, so wird vielleicht klarer, was ich unter malerischer
+Phantasie verstehe: die den malerischen Mitteln am meisten adäquate
+Auffassung der Natur. Jede Kontur, jeder Pinselstrich ist Ausfluß einer
+künstlerischen Konvention. Je suggestiver die Konvention wird, je
+ausdrucksvoller durch die Form oder die Farbe oder durch beides zusammen
+der Maler sein inneres Gesicht auf die Leinwand zu bringen imstande war,
+desto größere, stärkere Phantasietätigkeit war zur Erzeugung seines
+Werkes nötig. Ebensowenig wie man den physischen Zeugungsprozeß je
+ergründen wird, ebensowenig wird der Schleier von dem künstlerischen
+Zeugungsprozeß je fallen. Wie es Axiomata gibt, die nicht in Frage
+gestellt werden dürfen, wenn man mathematische Fragen erörtern will, so
+gibt es in der Ästhetik gewisse notwendige Voraussetzungen, über die
+nicht zu diskutieren ist. Das Genie ist selbstverständliche
+Voraussetzung und die Ästhetik kann sich nur damit beschäftigen wollen,
+wie und auf welche Weise es sich äußert. Der heilige Augustinus
+definiert die Kunst als das, was die großen Künstler hervorgebracht
+haben. Fragt sich nur, welche Künstler man als die großen bezeichnet.
+Und diese Frage wird nie endgültig gelöst werden, denn letzten Endes
+entscheidet in ästheticis der Geschmack und nirgends gilt das post hoc
+ergo propter hoc mehr als in der Ästhetik.
+
+Je mehr wir also in der Ästhetik beweisen wollen, desto mehr wird unsre
+Untersuchung darauf hinauslaufen, unsren Geschmack als den richtigen dem
+Leser hinzustellen. Wir beweisen unsren Geschmack mit unsrem Geschmack,
+wir machen ihn also in derselben Sache zum Richter und zum Zeugen.
+Alljährlich werden wir mit einer Unzahl jener kunsthistorischen Romane
+beschenkt, die irgendeinen berühmten Maler oder Bildhauer zum Helden
+haben, und an dem uns der Autor seine Ansichten über Kunst
+exemplifiziert. Sie sind zwar ein erfreulicher Beweis für das Interesse
+des Publikums an bildender Kunst -- denn wenn sie nicht gekauft würden,
+wären sie nicht geschrieben und noch weniger gedruckt -- aber für das
+Verständnis der Kunst sind sie eher schädlich als nützlich; denn sie
+geben uns nur Meinungen und Empfindungen des Autors wieder, also lauter
+Urteile, die keinen wissenschaftlichen Wert beanspruchen dürfen, da sie
+nicht verstandesmäßig begründet werden können.
+
+In der Vorrede zur »Kritik der reinen Vernunft« sagt Kant, daß
+Kopernikus, »der, nachdem es mit der Erklärung der Himmelsbewegung nicht
+gut fort wollte, wenn er annahm, das ganze Sternenheer drehe sich um den
+Zuschauer, versuchte, ob es nicht besser gelingen möchte, wenn er den
+Zuschauer sich drehn und dagegen die Sterne in Ruhe ließ.« Lassen wir
+das Übersinnliche in der Kunst in Ruhe und stellen wir uns Kunst -- nach
+der Etymologie des Wortes -- als Können vor. Vielleicht daß wir vom
+Sinnlichen, das heißt der Technik, leichter in den Geist der Kunst
+einzudringen vermögen.
+
+Nicht etwa, als ob ich, wie den Menschen in Körper und Seele, so die
+Kunst in Geist und Technik zerlegen wollte: die Technik ist der Ausdruck
+des Geistes. Niemand kann sagen, wo das Handwerk aufhört und das
+Kunstwerk beginnt, denn beides ist in- und miteinander unlöslich
+verwachsen. Ein Bild in Geist und Technik zerlegen wollen hieße ein
+lyrisches Gedicht in Prosa auflösen oder nach A. v. Bergers witzigem
+Worte: eine Statue sezieren wollen.
+
+Die Kunst ist des Künstlers Handwerk, das auszubilden die Aufgabe seines
+Lebens ausmacht. Sie ausbilden heißt: seine Natur so restlos und
+überzeugend als möglich durch die Mittel seiner Kunst zum Ausdruck zu
+bringen.
+
+Der Inhalt der Kunst ist also die Persönlichkeit des Künstlers, das
+sogenannte Genie. Dieses ist ein Geschenk der Götter, welches sie ihm in
+die Wiege gelegt haben und für dessen Dasein wir ebensowenig einen
+ontologischen Beweis führen können wie für das Dasein Gottes. Nur die
+Vorstellung, die das Werk des Genies in uns auslöst, läßt uns mit
+Notwendigkeit auf die Existenz des Genies schließen.
+
+Die Kunst dagegen ist das eigne Werk des Künstlers und da das Genie
+unbewußt ihm innewohnt, ist es nur logisch, daß der Künstler nur an
+seine Kunst, das heißt an die Technik denkt. Für ihn ist Kunst und
+Handwerk identisch. Nicht in der Idee, sondern in der Ausführung der
+Idee liegt die Kunst. Rembrandt antwortete seinen Schülern auf die
+Frage, wie sie malen sollten: nehmt den Pinsel in die Hand und fanget
+an.
+
+Zwischen der Abfassung der folgenden Aufsätze liegt ein Zeitraum von
+mehr als zehn Jahren. Wenn ich sie jetzt ohne Änderungen, wie sie
+erschienen sind, gesammelt herausgebe, so geschieht es in der Hoffnung,
+daß sie auch heute noch aktuell und zur Klärung der Ansichten über Kunst
+beizutragen imstande sind. Und waren je die ästhetischen Ansichten
+verwirrter als heut? Wo ein jüngerer Kunstrichter aus den Schützengräben
+Flanderns heraus schreibt, daß der Krieg nicht nur für die Existenz
+Deutschlands, sondern über den Sieg des Expressionismus entscheidet.
+
+Je mehr sich die Ästhetik mit den Kunstrichtungen beschäftigt, desto
+unfähiger erweist sie sich für ihre eigentliche Aufgabe, die Qualität
+des Kunstwerks zu erforschen. Denn »Richtung« bedeutet nur eine
+Zeitströmung, die grade Mode ist und von der nächsten Mode zum alten
+Eisen geworfen wird. Sie ist die Losung, das Feldgeschrei im Kampfe der
+jüngeren gegen die ältere Generation: Sie ist eine Zeit- aber keine
+Wertbestimmung. Aber nicht das lautere Feldgeschrei entscheidet -- sonst
+hätten die Expressionisten, Kubisten und Futuristen längst gewonnen --
+sondern wie im Kriege die stärkeren Bataillone, so entscheiden in der
+Kunst nicht Richtungen den Sieg, sondern einzig und allein die stärkeren
+Persönlichkeiten in ihnen.
+
+Ich schreibe als Maler, gleichsam mit dem Pinsel in der Hand und ich
+suche daher die Wirkungen, die das Kunstwerk auf mich ausübt, so viel
+als möglich aus den Mitteln, deren sich der Künstler bedient hat, zu
+erklären. Natürlich bin ich einseitig und der Vorwurf, ich schriebe pro
+domo, würde mich wenig rühren, weil ich glaube, daß es ein objektives
+richtiges Kunsturteil überhaupt nicht geben kann. Aber auch die
+Gerechtigkeit im Urteil über Kunst macht nur die Überzeugung: je stärker
+und unverfälschter ich sie ausdrücke, desto gerechter bin ich. Auch
+überlasse ich das Urteilen so viel als möglich dem Leser und dem --
+Berufskritiker; ich möchte klar machen, warum ich diese Malerei für gut
+und jene für schlecht halte. Witzige mögen »die Kunst in 40 Minuten ein
+Kunstkenner zu werden« schreiben. Der Künstler schreibt über seine Kunst
+Bekenntnisse.
+
+Goethe sagt mal: »Poesie ist keine Kunst, weil alles auf dem Naturell
+beruht.« Ebenso ist Malerei keine Kunst, alles hängt von der
+Persönlichkeit des Künstlers ab. Der Inhalt der Kunst ist die
+Persönlichkeit des Künstlers.
+
+Kunst kommt von Können, welches das Wollen als einen dem Künstler
+innewohnenden Trieb einschließt (weshalb ich auch nicht an die faulen
+oder verbummelten Genies glaube). Der Künstler _muß_ schaffen: die Kunst
+ist sein Handwerk.
+
+Natura sive deus! Gott schuf den Menschen nach seinem Ebenbilde: der
+Künstler schafft nach seinem Ebenbilde die Welt! was Goethe in die
+schönen Worte kleidet: »Wie köstlich ists, wenn ein herrlicher
+Menschengeist ausdrücken kann, was sich in ihm bespiegelt.«
+
+
+
+
+DIE PHANTASIE IN DER MALEREI
+
+
+Von der Malerei als Ding an sich will ich reden, nicht von der Musik
+oder der Poesie in der Malerei; denn was nicht deines Amtes ist, davon
+laß deinen Fürwitz.
+
+Ich will von der Malerei sprechen, die »von jedem Zweck genesen«, die
+nichts sein will als -- Malerei: Von ihrem Geist, nicht von der
+Überwindung ihrer technischen Schwierigkeiten, in der das Publikum
+freilich und, wie ich fürchte, manche Maler immer noch ihren Wert
+erblicken.
+
+Allerdings kommt Kunst von können, und daß das Können in keiner Kunst
+mehr ausmacht als grade in der Malerei, soll keineswegs geleugnet
+werden.
+
+Aber so hoch auch die Malerei, die gut gemacht ist, einzuschätzen ist:
+gute Malerei ist nur die, die gut gedacht ist. Was bedeutet die
+korrekteste Zeichnung, der virtuoseste Vortrag, die blendendste Farbe,
+wenn all diesen äußerlichen Vorzügen das Innerliche, die Empfindung,
+fehlt! Das Bild bleibt doch -- gemalte Leinwand. Erst die Phantasie kann
+die Leinwand beleben, sie muß dem Maler die Hand führen, sie muß ihm im
+wahren Sinne des Worts bis in die Fingerspitzen rollen. Obgleich
+unsichtbar, ist sie in jedem Striche sichtbar, freilich nur für den, der
+Augen hat zu sehen, nur für den, der sie empfindet.
+
+Ich will hier nicht etwa von dem Höllenspuk, der Phantastik reden,
+sondern ich verstehe unter Phantasie den belebenden Geist des Künstlers,
+der sich hinter jedem Strich seines Werkes verbirgt. Die Phantasie in
+der bildenden Kunst geht von rein sinnlichen Voraussetzungen aus. Sie
+ist die Vorstellung der ideellen Form für die reelle Erscheinung. Sie
+ist das notwendige Kriterium für jedes Werk der bildenden Kunst, für das
+idealistischste wie für das naturalistischste. Sie allein kann uns
+überzeugen von der Wahrheit der Böcklinschen Fabelwesen wie des
+Manetschen Spargelbundes.
+
+Wenn der kleine Moritz einen Kreis malt, dahinein zwei Punkte, zwischen
+die einen senkrechten und darunter einen wagerechten Strich macht, so
+ist das der bildliche Ausdruck seiner Phantasie für einen Kopf. Hat der
+kleine Moritz Talent zum Zeichnen, so wird er die individuellen
+Eigentümlichkeiten z. B. die große Nase seines Vaters oder den großen
+Mund seiner Mutter beim Nachzeichnen gewaltig übertreiben. Aber hinter
+dieser Karikatur steckt vielleicht mehr Phantasie als in dem
+lebensgroßen Porträt in Öl des berühmten Professors so und so, der vor
+lauter Bäumen den Wald nicht mehr sieht und dessen Phantasie durch
+alles, was er gelernt hat, ertötet ist. Jedem meiner Kollegen wird
+unzählige Male dasselbe passiert sein: der junge Mann -- noch häufiger
+die junge Dame -- so bald sie sich ernstlich dem Studium der Malerei
+widmen, machen es nicht nur nicht besser als früher, sondern im
+Gegenteil viel schlechter, d. h. die Phantasie, die früher naiv den
+_Eindruck_ der Natur wiederzugeben bestrebt war, wird allmählich von dem
+Suchen nach Korrektheit verdrängt. Aus der phantasievollen, aber
+unkorrekten wird die phantasielose aber korrekte Zeichnung. Mit anderen
+Worten: der Buchstabe tötet den Geist, und nur die Talentvollsten können
+ungestraft an ihrer Phantasie den akademischen Drill überstehen.
+
+Der alte Schadow pflegte seinen Schülern auf die Frage, wie sie malen
+sollten, zu antworten: »setzt die richtige Farbe auf den richtigen
+Fleck«. Schadow, der nicht nur Akademie-Direktor, sondern -- was nicht
+immer zusammentrifft -- auch ein Künstler war, wußte, daß nur das
+Handwerkmäßige der Malerei gelehrt und gelernt werden kann; seine
+Definition in usum delphini verschweigt wohlweislich, was Malerei zur
+Kunst macht: die Phantasietätigkeit des Malers, die darin besteht, für
+das, was er -- und zwar nur er -- in der Natur oder im Geiste sieht, den
+adäquaten Ausdruck zu finden. Natürlich vollzieht sich diese
+Phantasietätigkeit völlig unbewußt im Künstler, denn Kunstwerke
+_entstehen_: sie werden nicht gemacht, und das sicherste Mittel kein
+Kunstwerk hervorzubringen, ist die Absicht, eins zu machen. Wie Saul
+ausging, die Eselinnen seines Vaters zu suchen und ein Königreich fand,
+so muß der Maler einzig und allein bestrebt sein, die richtige Farbe auf
+den richtigen Fleck zu setzen: ist er ein Künstler, so -- findet er ein
+Königreich.
+
+Ein Bund Spargel, ein Rosenbukett genügt für ein Meisterwerk, ein
+häßliches oder ein hübsches Mädchen, ein Apoll oder ein mißgestalteter
+Zwerg: aus allem läßt sich ein Meisterwerk machen, allerdings mit dem
+nötigen Quantum Phantasie; sie allein macht aus dem Handwerk ein
+Kunstwerk.
+
+ * * * * *
+
+Die Phantasie, als das schöpferische Grundprinzip des gesamten geistigen
+Lebens, ist für alle Künste dieselbe, aber in den verschiedenen Künsten
+kommt sie auf verschiedene Weise zum Ausdruck. Obgleich nur die bildende
+Kunst, als einzig räumliche unter den Künsten, imstande ist, die
+Ausdehnung aus der Wirklichkeit mit zu übernehmen, ist sie doch deshalb
+nicht materieller als Poesie oder Musik. Allerdings sind die Werke der
+bildenden Kunst gleichsam faß- und tastbar und -- wie Gregor der Große
+im Kampfe gegen die Bilderstürmer meinte: »Bilder sind die Bücher derer,
+die nicht lesen können« -- daher werden sie für leichter verständlich
+gehalten. Im Grunde jedoch ist die Kunst an einem Bilde genau ebenso nur
+dem inneren Auge wahrnehmbar, wie die an einem Musikstücke nur dem
+inneren Ohr. Denn was anders als die Phantasie des Künstlers
+unterscheidet ein Werk des Phidias von einem Abguß über Natur? Daher ist
+es für den Wert eines Werkes der bildenden Kunst ganz gleichgültig, was
+es darstellt, nur die Erfindung und die Ausdrucksfähigkeit ihrer Form
+macht seinen Wert aus.
+
+Der Satz, daß die gutgemalte Rübe besser sei als die schlechtgemalte
+Madonna, gehört bereits zum eisernen Bestand der modernen Ästhetik. Aber
+der Satz ist falsch; er müßte lauten: die gutgemalte Rübe ist ebenso gut
+wie die _gut_gemalte Madonna. Wohlgemerkt als rein malerisches Produkt,
+denn, zur Beruhigung frommer Gemüter sei's gesagt, es fällt mir beileibe
+nicht ein, zwei ästhetisch so ungleichwertige Gegenstände miteinander
+vergleichen zu wollen. Auch weiß ich wohl, daß die Darstellung einer
+Madonna noch andere als rein malerische Ansprüche an den Künstler
+stellt, und daß sie als künstlerische Aufgabe schwerer zu bewältigen ist
+als ein Stilleben. Obgleich in einem Vierzeiler das Genie Goethes ebenso
+sichtbar ist als im Faust, kann als künstlerische Leistung »Über allen
+Gipfeln ist Ruh« doch nicht mit dem Faust verglichen werden.
+
+Aber die spezifisch malerische Phantasie des Künstlers kann sich in
+einem Stilleben gerade deshalb stärker zeigen als in der Darstellung des
+Menschen, weil das Bund Spargel nur durch die künstlerische Auffassung
+interessiert, an dem Menschen, am Kopf oder an einem schönen
+Frauenkörper interessiert uns -- namentlich an letzterem -- auch noch
+der dargestellte Gegenstand.
+
+Der spezifisch malerische Gehalt eines Bildes ist um so größer, je
+geringer das Interesse an seinem Gegenstande selbst ist; je restloser
+der Inhalt eines Bildes in malerische Form aufgegangen ist, desto größer
+der Maler.
+
+Also vom rein malerischen Standpunkt aus ist »die Übergabe von Breda«
+des Velasquez in nichts wertvoller als eins seiner Küchenstilleben: ja
+sogar könnte ein solches malerisch wertvoller sein, wenn Velasquez die
+Küchengerätschaften besser gemalt hätte als die Heerführer auf dem
+großen Historienbild. Worauf es hier allein ankommt, ist klar
+auszudrücken, daß der Wert der Malerei absolut unabhängig vom Sujet ist,
+und nur in der Kraft der malerischen Phantasie beruht.
+
+Hieraus folgt, daß gerade die naturalistische Malerei dieser
+Phantasietätigkeit am meisten bedarf, weil sie nur durch die ihr eigene
+Kraft wirken will; was freilich einer weit verbreiteten Ansicht im
+Publikum durchaus widerspricht. Immer noch sehen die Gebildeten in der
+naturalistischen Malerei nur eine geistlose Abschrift der Natur, etwa
+eine Kunst, die von der Photographie, wenn sie erst mit der Form auch
+die Farbe wiederzugeben gelernt hat, überwunden sein wird. Nein! selbst
+die Konkurrenz der farbigen Photographie fürchten wir nicht: denn selbst
+die vollendetste mechanische Wiedergabe der Natur kann höchstens zum
+vollendeten Panoptikum, nie aber zur Kunst führen. Was der Gebildete an
+der naturalistischen Kunst vermißt, ist die literarische Phantasie, weil
+er die Malerei statt mit den Augen immer noch mit dem Verstande
+betrachtet. Immer noch spukt in unseren Köpfen das berühmte Lessingsche
+Diktum vom Raffael, der, wenn er auch ohne Arme geboren, der größte
+Maler geworden wäre. Vielleicht der größte Dichter oder der größte
+Musiker, jedenfalls aber nicht der größte Maler. Denn die Malerei
+besteht nicht in der Erfindung von Gedanken, sondern in der Erfindung
+der sichtbaren Form für den Gedanken. Woher käme es sonst, daß unter den
+Tausenden von Madonnenbildern sich nur wenige Kunstwerke befinden? Oder
+was interessiert uns am Porträt, das mein Freund Trübner witzig den
+Parademarsch des Malers genannt hat, anders als die Kunst des Meisters,
+das, was er sah -- und der Akzent liegt auf _er_ -- in die malerische
+Form gebracht zu haben. Ich meine natürlich nicht eine bestehende Form,
+die zur Formel geworden ist, wie z. B. die Raffaelische Form, die zur
+akademischen verflacht ist, oder das Rembrandtsche clair-obscur, das
+unter seinen Nachahmern zur hohlen malerischen Phrase geworden ist,
+sondern ich spreche von der lebendigen Form, die jeder Künstler sich neu
+schafft. Gerade in der Erschaffung neuer Formen liegt das Kriterium für
+den schaffenden Künstler, für das Genie. Deshalb ist es ein Unsinn von
+_einer_ Form, von der klassischen Form κατ' ἐξοχὴν zu reden: es gibt
+soviel klassische Formen als es klassische Künstler gegeben hat und noch
+geben wird. Mit jedem Künstler vollendet sich die Form; und mit jedem
+folgenden wird sie neu geboren. Die Erstarrung der Form zum Dogma wäre
+Erstarrung der Kunst d. h. ihr Tod. Natürlich verstehe ich hier unter
+Form nicht das Äußerliche an ihr, das Technische, etwa die Handschrift
+des Künstlers. Ich spreche hier nur von der ideellen Form, die gleichsam
+unsichtbar ist, die nur der Künstler sieht und zwar jeder ganz
+verschieden. Wer die Kuh nur durch die Augen von Potter oder Troyon
+sieht, ist kein schaffender Künstler, höchstens ein reproduzierender;
+wer an der Kuh nicht neue Reize entdeckt -- ich sage das im direkten
+Widerspruch zu meinem sonst sehr verehrten Freunde Muther --, besitzt
+jedenfalls das zu einem Kuhmaler nötige Talent nicht.
+
+ * * * * *
+
+Was jeder Künstler aus der Natur heraussieht, ist das Werk seiner
+Phantasie. Setze zwanzig Maler vor dasselbe Modell und es werden zwanzig
+ganz verschiedene Bilder auf der Leinwand entstehen, obgleich alle
+zwanzig gleichermaßen bestrebt waren, die Natur, die sie vor sich sahen,
+wiederzugeben. Wie sich im Kopfe des Künstlers die Welt widerspiegelt,
+gerade das macht seine Künstlerschaft aus.
+
+Raffaels Phantasie war linear, sein Werk vollendet sich in der Linie,
+seine Bilder sind höchstens geschmackvoll koloriert, die Malerei an
+seinen Bildern ist Handwerk. Tizians Phantasie dagegen ist durchaus
+malerisch; er sieht sein Bild als farbige Erscheinung, er komponiert mit
+der Farbe. Sein berühmtestes Bild, »die himmlische und die irdische
+Liebe«, ist sicherlich nur durch den koloristischen Gedanken erzeugt,
+den nackten Frauenkörper durch Gegenüberstellen der bekleideten Gestalt
+noch intensiver wirken zu lassen. Ob Tizian etwas anderes hat ausdrücken
+wollen, weiß ich nicht, und ich glaube, die Kunstgelehrten wissen es
+auch nicht. Jedenfalls ist der großartig klingende Titel ganz unpassend
+und wahrscheinlich von einem geschäftskundigen Venezianer erfunden, der
+seinen Landsmann den Raffaels und Michelangelos gegenüber nicht lumpen
+lassen wollte: geradeso wie Böcklins Bilder »die Gefilde der Seligen«
+und »das Spiel der Wellen« von Fritz Gurlitt getauft wurden.
+
+Des Velasquez Phantasie ist räumlich. Er denkt räumlich, und mit viel
+größerem Rechte als von Degas hätte ich von Velasquez sagen können: er
+komponiert mit dem Raum. Sein Bild entsteht aus der räumlichen
+Phantasie. Wie die Figur in dem Raum steht, wie der Kopf, die Hände, die
+Gewänder als große Lokaltöne im Raum wirken, das macht sein Bild aus.
+
+Wieder anders Rembrandt, dessen Phantasie sich in Licht und Schatten
+verkörpert. Die Wogen des Lichtes, die seine Bilder durchfluten, ergeben
+und bestimmen die Komposition. Seine Bilder sind auf den Gang des
+Lichtes komponiert, er erfindet für den Gang des Lichtes. So z. B. ist
+das kleine Mädchen mit dem Hahn auf der »Nachtwache« nur als heller
+Fleck im Bilde verständlich, oder man sehe seine Zeichnungen nach
+anderen Meistern, wie er z. B. aus dem »Grafen Castiglione« des Raffael
+durch Andeutung des Lichtes und des Schattens sofort einen echten
+Rembrandt macht.
+
+Der Maler, dessen Phantasie linear ist, kann nicht Kolorist sein oder
+umgekehrt. Das eine oder das andere, die Zeichnung oder die Farbe, muß
+in jedem Werke die Hauptsache bilden, und Raffael und Rembrandt sich in
+demselben Werke vorzustellen, ist ein Unding. Weil Raffaels Phantasie
+linear war und nicht etwa, weil er weniger gut als Tizian oder Rembrandt
+malte, war er ein weniger großer Maler als jene. Auch zeichnete Tizian
+oder Rembrandt nicht etwa schlechter als Raffael, sondern weil dieser
+beider Phantasie malerisch war, mußten sie ihre zeichnerischen
+Qualitäten den malerischen gegenüber unterdrücken. Poesie und Musik sind
+zeitliche Künste, daher kann sich in einem Gedicht oder in einem
+Musikstück des Künstlers Phantasie nacheinander in verschiedener
+Richtung äußern, aber in der bildenden Kunst, als einer räumlichen, muß
+sie sich nach einer Richtung hin konzentrieren, sonst verlöre das Werk
+seinen einheitlichen Charakter, d. h. es wäre kein Kunstwerk mehr.
+Dieser Einheitlichkeit muß der Maler alles opfern: das liebevollst
+durchgeführte Detail, das technisch gelungenste Stück, die geistreichste
+Einzelheit. Savoir faire des sacrifices, wie es im Pariser
+Atelier-Jargon heißt. Das, was dir als Hauptsache erscheint -- nicht
+etwa was die Hauptsache ist -- zusammenfassen, und alles, was dir
+nebensächlich erscheint, unterdrücken. Als jemand den père Corot fragte,
+wie er's anfinge, nur die großen Massen in der Natur zu sehen,
+antwortete er: »ganz einfach, um die großen Massen zu sehen, müssen Sie
+mit den Augen blinzeln, um aber die Details zu sehen, müssen Sie die
+Augen -- schließen«.
+
+Mehr noch als in dem, was er malt, zeigt sich des Künstlers Phantasie in
+dem, was er nicht malt. Je näher die Hieroglyphe -- und alle bildende
+Kunst ist Hieroglyphe -- dem sinnlichen Eindruck der Natur kommt, desto
+größere Phantasietätigkeit war erforderlich, sie zu erfinden. Der Maler
+hat nur die Farbenskala von schwarz zu weiß auf der Palette: aus ihr
+soll er Leben, Licht und Luft auf die Leinwand zaubern, ein paar
+Striche, ein paar unvermittelt nebeneinandergesetzte Farbenflecke sollen
+aus der richtigen Entfernung dem Beschauer den Eindruck der Natur
+suggerieren. Nur die Phantasie des Künstlers kann dieses Wunder
+bewirken, nicht etwa die Geschicklichkeit des Taschenspielers. Man sehe
+das Porträt des Papstes Innocenz in Rom: zwei dunkle Flecken, die die
+Augen bedeuten, mit ein paar Strichen ist die Nase und der Mund
+hineingezeichnet, und mit den wenigen Strichen und Farben, die wohl, wie
+die Überlieferung berichtet, in einer Stunde gemacht sein können, steht
+der ganze Mann vor uns, mit seiner Klugheit, seiner Habsucht und seinen
+sonstigen verbrecherischen Gelüsten. Die ganze päpstliche Macht
+erscheint vor uns und der Papst, der ihrer spottet. Und des Velasquez
+Papstbildnis nicht gesehen zu haben, heißt in Rom gewesen sein und den
+Papst nicht gesehen haben.
+
+ * * * * *
+
+Mein alter Lehrer Steffeck hatte ganz recht, wenn er sagte: Was man
+nicht aus dem Kopf malen kann, kann man überhaupt nicht malen. Wir malen
+nicht die Natur, wie sie ist, sondern wie sie uns erscheint, d. h. wir
+malen aus dem Gedächtnis.
+
+Das Modell kann der Maler nicht abmalen, sondern nur benutzen, es kann
+sein Gedächtnis unterstützen, wie etwa der Souffleur den Schauspieler
+unterstützt. Aber wehe dem Schauspieler, der sich auf ihn verlassen muß.
+Dann ist er nicht mehr Herr seiner Rolle, sondern Knecht des --
+Souffleurs. Ob und inwieweit der Maler nach der Natur arbeitet oder
+nicht, hängt davon ab, was er erstrebt. Aber Delacroix oder Böcklin, die
+(wenigstens in ihren Bildern) nie nach der Natur gemalt haben, ebenso
+wie Manet und Leibl, die jeden Strich nach der Natur malten, haben aus
+dem Gedächtnis gemalt. Nur prozedierten sie auf verschiedene Weise.
+Böcklin malte die Rosenhecke oder die Pappel, die er vor Tagen oder
+Wochen vielleicht so lange studiert hatte, bis sich auch die kleinste
+Einzelheit seinem Gedächtnis eingeprägt hatte. Leibl, dessen ganze Kunst
+Pietät vor der Natur war, mußte die fünf oder sechs Bauern, die er in
+den »Dorfpolitikern« malte, zusammensitzen haben. Aber Böcklin wie Leibl
+malten aus der Phantasie: nur war die des einen von der des anderen
+himmelweit verschieden; wessen die grössere, ist hier nicht die Frage.
+Es genügt festzustellen, daß der Naturalist ebenso wie der Idealist die
+Natur nur benutzt. Den Künstler macht nicht der Naturalist, der alles
+nach der Natur malt, aber ebensowenig der Idealist, der nur nicht nach
+der Natur malt. Nur das, was seine Phantasie aus der Natur heraussieht
+und darstellt, macht den Künstler, und daher muß seine spezifisch
+malerische Phantasie um so stärker sein, je näher er dem sinnlichen
+Eindruck der Natur kommt, d. h. je mehr er im eigentlichen Sinne Maler
+ist. Seine Phantasie ist viel reicher als die des Zeichners, denn man
+kann wohl ein großer Zeichner sein, ohne ein großer Maler zu sein, aber
+nicht umgekehrt.
+
+Delacroix fürchtete noch eine Gotteslästerung auszusprechen, als er
+Rembrandt dem Raffael gleichzustellen wagte. Heutzutage hat sich das
+wohl geändert, immerhin wird auch heute noch »der Gebildete«, wenn er
+sich einigermaßen respektiert, Raffael als den größten Maler, der je
+gewesen, ansprechen: was wohl daher kommt, daß das Kunsturteil von den
+Kunstgelehrten gemacht wird, die als Gelehrte mehr mit dem Verstande als
+mit den Augen urteilen. Die Schönheiten der Form sind mathematisch
+nachzuweisen, aber die Schönheiten der Farbe kann man nur empfinden. Und
+man kann ein sehr großer Kunstgelehrter sein, ohne etwas von Kunst zu
+verstehen.
+
+Die Malerei ist nicht etwa bloß ein Problem der Technik, die gelernt
+werden kann, sondern eine reine Phantasietätigkeit. Natürlich muß jeder
+Maler sein Handwerk verstehen, wie jeder Schneider oder Schuster sein
+Metier ordentlich gelernt haben muß. Aber den Wert eines Bildes nach
+seiner technischen Vollendung schätzen zu wollen, wäre ebenso töricht,
+als ein Gedicht nach der Korrektheit der Verse oder der Reinheit der
+Reime zu beurteilen. Dem lieben Gott sei's gedankt: in der Kunst macht
+der Rock noch nicht den Mann.
+
+Allerdings hat in den bildenden Künsten das Handwerk eine um so größere
+Bedeutung, als der bildende Künstler seine Konzeption ganz allein und
+unmittelbar zum Ausdruck bringt: nur das Werk von des Meisters eigener
+Hand ist das Meisterwerk.
+
+Den vatikanischen Torso, den »Innocenz« des Velasquez können wir ganz
+nur im Original genießen: ob wir den »Faust« in einem der Millionen von
+Drucken oder in Goethes Originalhandschrift lesen, ist für unseren Genuß
+ganz gleichgültig.
+
+Selbst die vollendetste Lichtdruckreproduktion nach einer Zeichnung oder
+Radierung Rembrandts, in der jeder Punkt, jeder Strich und jeder Fleck
+photographisch getreu wiedergegeben ist, bleibt eine tote Kopie; nur die
+eigenhändige Niederschrift kann uns des Meisters Geist zeigen. Nichts
+verbirgt sein Werk unseren indiskreten Blicken; wir können dem Meister
+bei der Arbeit folgen, wir sehen, welche Partien ihm auf den ersten
+Anhieb gelungen und die Stellen, bei denen er sich gequält, die er
+abgekratzt und übermalt hat, bis sie ihm endlich genügten.
+
+Doch was wir nicht sehen können, selbst wenn wir Velasquez oder
+Rembrandt beim Malen über die Schulter zugeschaut hätten, ist die
+Hauptsache, nämlich ihre Phantasie, die ihnen beim Malen die Hand
+geführt hat und nur insofern ist die Technik von künstlerischem Werte,
+als sie die -- Handlangerin seines künstlichen Wissens und Wollens ist,
+d. h. sie muß individuell sein. Sonst hat die Technik höchstens
+kunstgewerblichen Wert, und von diesem kunstgewerblichen Standpunkt aus
+können wir sie an einem Bilde ebenso bewundern, wie an einer
+chinesischen Cloisonné- oder Lackarbeit.
+
+Aber die Rückkehr zur Tradition der altmeisterlichen Technik als
+Allheilmittel der Kunst zu empfehlen -- wie das immer und ewig geschieht
+-- hieße neuen Wein in alte Schläuche füllen.
+
+ * * * * *
+
+In dem Kunstwerk macht die Technik nicht die Güte aus, man könnte sie
+höchstens als notwendig bezeichnen; wie der Körper dem Geiste notwendig
+ist. Und insofern ein schöner Geist in einem schönen Körper dem in einem
+häßlichen vorzuziehen ist, ist auch das elegant vorgetragene Kunstwerk
+dem unbeholfen vorgetragenen vorzuziehen. Schreiblehrer beurteilen die
+Güte der Handschrift nach der Kalligraphie der Buchstaben; wir nennen
+Bismarcks Handschrift schön, weil sie charakteristisch ist.
+
+Die Technik ist gut, die möglichst prägnant das ausdrückt, was der
+Meister ausdrücken wollte; sonst ist sie schlecht und wäre sie noch so
+virtuos.
+
+Überhaupt spricht man viel zu viel von ihr: die Technik muß man gar
+nicht sehen, ebenso wenig wie man die Toilette an einer schönen Frau
+sehen darf. Wie sie nur dazu da ist, um die Schönheit der Trägerin in um
+so helleres Licht zu setzen, darf die Technik nur die Schleppenträgerin
+der Kunst sein, jeder Künstler soll malen, wie ihm der Schnabel
+gewachsen ist; was allerdings heutzutage schwer ist, denn, wie Schwind
+sagt, »bis man weiß, daß man einen Schnabel hat, ist er vom vielen
+Anstoßen schon ganz verbogen«.
+
+Und nun gar die Forderung zur altmeisterlichen Technik zurückzukehren!
+Als ob die Technik die Ursache und nicht die Folge einer Kunstanschauung
+wäre. Ist die Technik eines Van Eyk nicht bedingt durch die Sachlichkeit
+seiner Naturanschauung? Hätte Franz Hals sich der Technik eines Holbein
+bedienen können, oder mußte er nicht vielmehr eine mehr andeutende als
+ausführende Technik erfinden, die seiner geistreichen Auffassung des
+Momentanen entsprach? Wer die Technik eines Meisters nachahmt, wird ihm
+höchstens abgucken, wie er sich räuspert und wie er spuckt. Ein
+mittelmäßiges à la Rembrandt gemaltes Bild ist nicht besser, als ein
+ebenso mittelmäßiges, das à la Manet gemalt ist.
+
+Überhaupt verbirgt sich hinter dem Verlangen nach altmeisterlicher Kunst
+ein gut Teil Heuchelei: es entspringt nicht sowohl aus Liebe für die
+alte, sondern vielmehr aus Haß gegen die moderne Kunst.
+
+Natürlich fällt auch in den bildenden Künsten kein Meister vom Himmel.
+Eher fällt schon eine Exzellenz vom Himmel, wie Menzel, als man ihm zu
+seinem neuen Titel gratulierte, geantwortet haben soll.
+
+Ein jeder Meister steht auf den Schultern seiner Vorgänger: das ist aber
+nicht seine Meisterschaft, sondern seine Schülerschaft. Erst nach
+Überwindung der Technik kann aus dem Schüler ein Meister werden, und nur
+in diesem Sinne ist der bekannte Satz, daß man zum Künstler geboren, zum
+Maler aber erst erzogen werden müsse, zu verstehen. Der Maler muß sein
+Leben lang arbeiten, um der Technik Herr zu werden; aber nicht um ihrer
+selbst willen, sondern um mittels der Technik seiner Phantasie einen
+möglichst vollendeten Ausdruck geben zu können.
+
+Der Vortrag des Meisters kann nachgeahmt werden -- und die vielen
+falschen Rembrandts sind der beste Beweis dafür -- aber nur der
+Rembrandt ist echt, in dem du seines Geistes Hauch verspürst. Und sollte
+ein mittelmäßiges Bild wirklich echt sein, von Rembrandts eigener Hand
+signiert und von sämtlichen Kunstpäpsten als authentisch attestiert, so
+würde das nur beweisen, daß der gute Rembrandt auch einmal geschlafen
+habe. Was kümmert uns die Echtheit eines Kunstwerkes! Was des Meisters
+würdig, ist echt.
+
+Weil in den bildenden Künsten die Form Mittel und Zweck, also eines ist,
+ist es in ihnen natürlich schwerer zu entscheiden, als z. B. in der
+Poesie, wo das Handwerk aufhört und die Kunst anfängt; daher triumphiert
+oft genug über wahre Kunst Kunstfertigkeit, und ebenso oft wird der
+Stein, den die Bauleute verwarfen, zum Eckstein. Denn vollendete
+Technik, Eleganz des Vortrags, kurz, das Äußerliche des Bildes
+schmeicheln sich dem Auge leichter ein als das Werk des Genies, dessen
+rauhe Außenseite oft den goldenen Kern verbirgt. So wundert es mich
+keineswegs, daß man etwa die Porträts van der Helsts denen eines
+Rembrandt vorgezogen hat. Wenn Rembrandt heute lebte und ein Prinz sich
+bei ihm malen ließe, so wäre er wahrscheinlich mit seinem Konterfei
+ebenso wenig zufrieden wie der Prinz von Nassau, der sein Porträt für zu
+schwarz, für zu gepatzt und wohl auch für nicht vorteilhaft genug
+aufgefaßt ansah, und so den armen Rembrandt um seine vornehme Kundschaft
+brachte. Allerdings vom Handwerksstandpunkt aus ist der »Nachtwache« die
+»Schützenmahlzeit« des van der Helst vorzuziehen. Da ist alles tadellos.
+Und auch heute noch würden nicht nur Prinzen, wenn sie nicht fürchteten
+sich zu blamieren, einen van der Helst vorziehen.
+
+Es kommt nicht allein darauf an, was einer ansieht, sondern auch darauf,
+wer was ansieht, und auch in der Kunst gilt das Sprichwort: niemand ist
+groß in den Augen seines Kammerdieners; womit ich nicht etwa auf die
+kleinen Schwächen großer Meister anspielen will. Wer das Kunstwerk mit
+den Augen des Kammerdieners betrachtet, wird es nie begreifen. »Nichts
+ist an sich schön; erst unsere Auffassung macht es dazu.« Wer Phidias
+mit den Augen des Professors Trendelenburg anschaut, sieht vielleicht in
+den Marmorgruppen der Siegesallee Werke des griechischen Bildhauers. Die
+Breite des malerischen Vortrags macht noch keinen Velasquez und das
+Helldunkel noch keinen Rembrandt: das ist gleichsam nur das irdische
+Teil an ihnen.
+
+Das Unsterbliche an den Werken der Kunst ist ihr Geist, der Geist,
+welcher dem inneren Auge des Malers, bevor er den ersten Pinselstrich
+auf die Leinwand gesetzt hat, das Werk vollendet zeigt.
+
+Und wie der Geist ist die Kunst unbegrenzt, soweit die Ausdrucksfähigkeit
+ihrer technischen Mittel reicht. Ihre Ausdrucksfähigkeit
+vergrößern, heißt das Bereich der Kunst erweitern, das Bereich
+der allein wahren Kunst, die von der Hand geboren, aber von
+der Phantasie gezeugt ist.
+
+
+
+
+EMPFINDUNG UND ERFINDUNG IN DER MALEREI
+
+
+Neulich meinte Wöfflin in einem kleinen Aufsatz über das Zeichnen, daß
+jeder, der einen Kopf gut zeichnen könnte, auch gut zu schreiben
+verstände. Ob das nicht zu viel behauptet ist, will ich als Maler nicht
+untersuchen, aber das glaube ich mit Recht behaupten zu dürfen, daß
+einer, der keinen Strich zeichnen kann, unfähig ist über Malerei zu
+schreiben. Was würden die Musiker sagen, wenn ein Maler, der nicht
+einmal die »Wacht am Rhein« oder »Heil dir im Siegerkranz« auf dem
+Klavier nachklimpern kann, sich herausnehmen würde über Musik zu
+ästhetisieren!
+
+Das ästhetische Urteil über Malerei ist von Schriftstellern gemacht. Nie
+würde ein Maler, auch wenn er Lessings Geist hätte, das geistreiche und
+gerade deshalb so gefährliche Paradoxon vom Raffael ohne Hände erfunden
+haben. Oder gar aus dem Laokoon, der immer noch, und mit gutem Recht,
+die ästhetische Bibel der Gebildeten ist, das Diktum: »der Maler, der
+nach der Beschreibung eines Thomson eine schöne Landschaft darstellt,
+hat mehr getan, als der sie gerade von der Natur kopiert«. Der
+Schriftsteller versteht in der Gedankenmalerei die literarische
+Phantasie, und daher stellt er sie über die sinnliche Malerei, die er
+nicht versteht, und aus Unkenntnis ihrer Wesenheit nicht verstehen kann.
+
+Malerei ist Nachahmung der Natur, der sie ihre Stoffe entlehnt, aber sie
+bleibt ohne die schöpferische Phantasie geistlose Kopie, und es ist
+daher ganz gleichgültig, ob der Maler einen Sonnenuntergang aus der
+Tiefe seines Gemüts oder nach einem Gedicht des Thomson oder nach der
+Natur malt. Mit andern Worten: nicht der Idealist steht -- wie Lessing
+meint -- höher als der Realist, sondern die Stärke der Phantasie macht
+den größeren Künstler.
+
+Für den Maler liegt die Phantasie allein innerhalb der sinnlichen
+Anschauung der Natur: jedenfalls haben alle großen Maler von den
+Ägyptern, Griechen und Römern bis zu Rembrandt und Velasquez, Manet und
+Menzel sich innerhalb dieser Grenzen gehalten. Zwischen dem Kleckser,
+der einen Sonnenuntergang malt und einem Claude Lorrain oder Claude
+Monet ist nur ein Qualitätsunterschied. Die Größe des Talents eines
+Künstlers beruht auf der Größe seiner Naturanschauung und zwar auf der
+Größe der spezifisch malerischen Anschauung. Sonst hätte Goethe ein
+ebenso großer Maler wie Dichter sein müssen. Wie die zahllosen Blätter,
+die das Goethehaus aufbewahrt, beweisen, hat es ihm weder an Fleiß noch
+an handwerksmäßiger Geschicklichkeit gefehlt, und wenn er trotz heißem
+Bemühen zeitlebens in der bildenden Kunst ein mittelmäßiger Dilettant
+geblieben ist, so liegt der Grund einfach darin, daß seine Phantasie --
+als die eines geborenen Dichters -- nur mit dem Worte zu gestalten
+imstande war.
+
+Die Phantasie des Künstlers gestaltet nicht nur in dem Material, sondern
+für das Material seiner speziellen Kunst, sonst kommt gemalte Poesie
+oder poetische Malerei, d. h. Unsinn heraus. Daher ist auch nur aus dem
+Material heraus eine richtige Wertung der Kunst möglich: der Genuß an
+der Kunst steht jedem Empfänglichen offen, aber für die Kritik ist die
+Kenntnis des Materials und der Technik unerläßlich.
+
+Einst fragte mich Virchow, während er mir zu seinem Porträt saß, ob ich
+nach einer vorgefaßten Meinung male, und auf meine Antwort, daß ich
+intuitiv die Farben nebeneinander setzte, entschuldigte sich der damals
+schon greise Gelehrte ob seiner Frage. Alles, fügte er hinzu, in der
+Kunst wie in der Wissenschaft, nämlich da, wo sie anfinge Wissenschaft
+zu werden, wo sie Neues entdeckte, sei Intuition. »Als ich meinen Satz
+Cellula e Cellula gefunden hatte, war es erst Späteren vorbehalten, ihn
+zu beweisen.« Letzten Endes ist die Kunst unergründlich und wird es
+immer bleiben. Auch ist es gut so, denn wenn wir ihr Geheimnis
+ergründeten, wäre es mit ihr vorbei. Den künstlerischen Zeugungsprozeß
+kann man ebensowenig ergründen wollen wie den physischen. Es wird ewig
+ein Rätsel bleiben, wie dem Künstler die Idee zu seinem Werke kommt,
+denn die Natur ist nur der äußere Anlaß für das Werk. Aber man kann die
+Gehirntätigkeit des Künstlers während seiner Arbeit beobachten, und den
+Weg, den seine Phantasie zurücklegt, von der Auffassung des Gegenstandes
+bis zu dessen Wiedergabe auf der Leinewand verfolgen. Der Künstler sieht
+die Gegenstände durch seine Phantasie. Er sieht, was er zu sehen sich
+einbildet, oder wie Goethe es ebenso treffend, wie schön ausdrückt: wer
+die Natur schildert, schildert nur sich, und die Feinheit und Stärke
+seines Gefühls.
+
+Der alte Schwind antwortete auf die Frage, wie er seine Zeichnungen
+mache: »ich nehme einen Bleistift in die Hand, und da fällt mir halt was
+ein«. Unter dem Pinsel wird die Form geboren, und die Maler mit den
+großartigen Ideen sind immer schlechte Maler.
+
+Die Erfindung des Malers beruht in der Ausführung und dieser Ausspruch,
+der eigens für den Impressionismus geprägt zu sein scheint, und der von
+dem englischen Maler Blake aus der ersten Hälfte des vorigen
+Jahrhunderts herrührt, ist nicht nur für Manets Spargelbund gültig,
+sondern ebenso für Michelangelos Erschaffung Adams in der Sixtina. In
+der Erfindung des Sujets kann die Erfindung Michelangelos nicht liegen,
+denn die steht in der Bibel: »und Gott der Herr machte den Menschen aus
+einem Erdenkloß und er blies ihm ein den lebendigen Odem in seine Nase.
+Und also ward der Mensch eine lebendige Seele«. Daß er uns die biblische
+Erzählung überzeugend ad oculus demonstriert, darin liegt Michelangelos
+Genie: wir glauben den Odem Gottes in Adam übergehen zu sehen.
+
+Ein witziger Maler, den man vor seinem Bilde fragte, was er habe malen
+wollen, antwortete: »wenn ich es sagen könnte, hätte ich es nicht zu
+malen gebraucht«. _Er_findung ist _Em_pfindung: aus ihr ergibt sich
+Technik und Stil. Daher ist es Blödsinn -- was man jeden Tag hören oder
+lesen muß -- zu sagen: »das Bild des Professors X. ist ausgezeichnet
+gemalt, nur leider ohne Phantasie«. Dann ist es eben schlecht gemalt.
+Aber ebenso blödsinnig: »das Bild ist sehr phantasievoll, aber schlecht
+gemalt«. Dann ist es vielleicht von poetischer oder musikalischer, aber
+nicht von malerischer Phantasie. Ein Bild ist gut, d. h. malerisch
+erdacht, wenn es mit den malerischen Ausdrucksmitteln darzustellen ist,
+und das malerisch nicht gut erdachte Bild kann überhaupt nicht gut
+gemalt werden. Also sind technische Schwierigkeiten immer nur Fehler in
+der Konzeption. Die schönsten Stücke Malerei wie die »Bohèmienne« oder
+der »Papst Innocenz« sind die technisch einfachsten.
+
+Wer technische Schwierigkeiten eines Werkes sieht, ist überhaupt kein
+Künstler. Der echte Künstler gleicht dem Reiter über den Bodensee: erst
+nach Vollendung des Werkes entdeckt er voller Grauen die
+Schwierigkeiten, die zu überwinden waren, und er würde sein Werk nicht
+unternommen haben, wenn er sie vorher erkannt hätte.
+
+In der bildenden Kunst ist geistige Vollendung zugleich technische
+Vollendung, denn in ihr sind Inhalt und Form nicht nur eins, sondern
+identisch. Es ist daher ein müßiges Spiel mit Worten das Kunstwerk in
+zwei Bestandteile zerlegen zu wollen: in ihm ist die Phantasie
+materialisiert und umgekehrt die Technik vergeistigt worden.
+
+Wenn Rembrandt sagt, daß das Werk vollendet sei, sobald der Künstler
+ausgedrückt hat, was er hat ausdrücken wollen, so heißt das nichts
+anderes, als daß die Arbeit des Künstlers reine Phantasietätigkeit ist.
+Gut malen heißt also mit Phantasie malen und die schönste, breiteste,
+flächigste Malerei bleibt äußerliche Virtuosität, wenn sie nicht der
+Ausdruck der künstlerischen Anschauung ist. Die Phantasie hört also
+nicht da auf, wo die Arbeit beginnt -- wie noch ein Lessing annahm, --
+sondern sie muß dem Maler bis zum letzten Pinselstrich die Hand führen.
+Weshalb ist denn oft die flüchtigste Skizze vollendeter als das fertige
+Bild? Weil die in ein paar Stunden entstandene Skizze von der Phantasie
+erzeugt ist, während die wochen-, ja monatelange Arbeit am Bilde die
+Phantasie ertötet hat. Nicht etwa die Technik, sondern die Phantasie ist
+die Ursache, daß nur die al Primamalerei was taugt, denn die Phantasie
+ist ebensowenig eine Heringsware wie die Begeisterung: nur das unter dem
+frischen Eindruck der momentanen Phantasie flüssig ineinander gemalte
+Stück hat inneres Leben.
+
+Daher gibt es keine Technik per se, sondern so viele Techniken als es
+Künstler gibt. Und ohne eigene Technik kann es keine eigene Kunst geben.
+Franz Hals' Technik entspringt ebenso seiner Naturauffassung wie die des
+Velasquez der seinigen: Beide malten einfach, was sie sahen. Unbewußt
+kam in ihre Malweise ihre Persönlichkeit.
+
+Man sehe sich die »Bohèmienne« oder den »Innocenz« auf die angewandten
+Mittel an: das Handwerksmäßige daran kann jeder Malklassenschüler. Auch
+weiß man, daß der Papst dem Velasquez zu dem Kopfe in Petersburg, der
+noch schöner sein soll als der in Rom, nur eine Stunde gesessen hat; und
+Franz Hals hat sicher nicht viel länger an der »Bohèmienne« gearbeitet.
+Gebt einem Stümper eine Stunde lang die Phantasie eines Franz Hals oder
+Velasquez, und aus seiner Stümperei wird ein Meisterwerk. Aber Hals und
+Velasquez hatten keine Kunsttheorien; sie malten, was sie selber sahen,
+und nicht, was andere vor ihnen gesehen hatten: sie waren naiv. Sie
+malten nur mit ihrem malerischen unbewußten Gefühl und nicht mit dem
+Verstande. Sie warteten nicht die Stimmung ab, sondern die Stimmung kam,
+wenn sie den Pinsel in die Hand nahmen.
+
+Manet oder Leibl dachten malerisch. Sie suchten nicht das sogenannte
+Malerische in der Natur, sondern sie faßten die Natur malerisch auf: die
+Natur war für sie der Canevas für ihr Bild. Feuerbach, Marées oder
+Böcklin übersetzten ihre Stimmungen oder Gedanken in die Sprache der
+Malerei: zum Ausdruck ihrer Sentiments bedienten sie sich der Natur.
+Derselbe Gegensatz wie zwischen dem naiven und sentimentalen Dichter
+besteht auch in der Malerei: der naive Maler geht von der Erscheinung
+aus, der sentimentale vom Gedanken.
+
+Aber gerade das Primäre ist das Entscheidende; wie der wahre Dichter nur
+vom Erlebnis ausgeht, so geht das wahre malerische Ingenium nur von der
+sinnlichen Erscheinung aus. Letzten Endes ist jeder Maler Porträtmaler,
+der Wirklichkeitsmaler Franz Hals oder Velasquez ebenso wie der Maler
+der »inneren Gesichte« Albrecht Dürer oder gar wie Rembrandt, unter
+dessen Pinsel die Bildnisse der Korporalschaft des Banning Cocq zur
+»Nachtwache«, dem phantasievollsten Bilde der Welt, wurden. Daß dieses
+Gruppenbildnis einer Schützengilde bis heutigen Tages die »Nachtwache«
+heißt, das beweist am schlagendsten, daß in der Malerei die Erfindung
+nur in der Ausführung beruht.
+
+Kunst ist Kern und Schale in einem Male: die Phantasie muß nicht nur die
+Vorstellung von dem Bilde erzeugen, sondern zugleich die
+Ausdrucksmittel, durch die der Maler seine Vorstellung auf die Leinwand
+zu projizieren imstande ist.
+
+Irgend ein Corneliusschüler erzählte, daß er München in aller
+Hergottsfrühe umkreiste, um sich in weihevolle Stimmung zu versetzen,
+bevor er an die Arbeit ging, und ins Atelier gekommen, »floß der
+Contour«. Aber Heinrich v. Kleist läßt in einer Betrachtung über
+Berliner Kunstzustände im Jahr 1811 einen Vater seinem Sohne sagen: »du
+schreibst mir, daß du eine Madonna malst, und daß du jedesmal, bevor du
+zum Pinsel greifst, das Abendmahl nehmen möchtest. Laß dir von deinem
+alten Vater sagen, daß dies eine falsche Begeisterung ist, und daß es
+mit einer gemeinen, aber übrigens rechtschaffenen Lust an dem Spiele,
+deine Einbildungen auf die Leinewand zu bringen, völlig abgemacht ist.«
+
+
+
+
+PHANTASIE UND TECHNIK
+
+ »Ohne Hände gibt es keine Maler,
+ und ohne brauchbare, keine gute.«
+
+ RUMOHR.
+
+
+Kaiser Wilhelm ließ als junger Prinz von irgendeinem Hofmaler sein
+Bildnis malen und als er es besah, fragte er den Professor: Habe ich
+denn so große Augen? und auf die Antwort des Malers, daß er die Augen
+von Königl. Hoheit so groß sähe, erwiderte der Prinz: Dann begreife ich
+nicht, daß Sie Maler geworden sind.
+
+Die Phantasie ist immer Voraussetzung, und ebensowenig zu beweisen, wie
+daß 2 × 2 = 4 ist. Die ästhetische Betrachtung kann nur ergründen
+wollen, wie sich die Form für das Werk unter der Hand des Künstlers
+gestaltet, nicht aber den Prozeß, der in seinem Kopfe vorausgeht. Jeder
+Künstler, ob er Maler, Musiker oder Dichter ist, muß von der Anschauung
+ausgehen: Die Vision, die äußere wie die innere, ist das Primäre, und
+aus der Wiedergabe der Vision geht erst der Gedanke hervor. Der
+Schriftsteller aber will seinem Gedanken Ausdruck geben, der Gedanke ist
+also das Primäre und die Form das Sekundäre. Natürlich ist ein Bild, das
+der Maler aus der Natur konzipiert und nach der Natur malt, deshalb noch
+nicht gut, aber ein Bild, das aus der Idee entstanden, kann nicht gut
+sein.
+
+Denn in aller Kunst muß sich aus der Form erst der Gedanke entwickeln.
+Die Form des Gedankens muß dem Dichter schon vorschweben, ehe der
+Gedanke selbst erscheint (Lichtenberg), um wie viel mehr in der
+bildenden Kunst und in der Musik, wo Form und Gedanke identisch sind.
+
+Als der Jenenser Student Goethen fragte, wie er zu seinem Stile gelangt
+wäre, antwortete er: Ich habe die Dinge auf mich wirken lassen. Tizian
+oder Tintoretto, Rembrandt und F. Hals, Velasquez und Manet hätten
+dieselbe Antwort geben können auf die Frage, wie sie zu ihrer Malerei
+gelangt wären. Daß der Künstler in irgendeinem xbeliebigen Modell den
+Kaiser Augustus oder Napoleon sieht, ist das Werk seiner Phantasie und
+ebenso unerforschlich wie das psychische Moment im menschlichen
+Zeugungsprozeß; aber wie wir den physiologischen Prozeß zu ergründen
+versuchen dürfen, so können wir nachforschen, wie der Künstler seine
+Phantasie gleichsam materialisiert durch seine Technik und in ihr.
+Technik heißt hier natürlich nicht das Handwerksmäßige, das jeder
+Künstler selbstverständlich gelernt haben muß, sondern Technik bedeutet
+hier das Ausdrucksmittel der Phantasie. Die Technik projiziert die
+künstlerische Phantasie auf die Bildfläche und diese Projektion ist die
+Kunst.
+
+Die Griechen hatten für Kunst und Handwerk nur das eine Wort ἡ τέχνη:
+Beide sind desselben Ursprungs. Wehe der Kunst, die ihres Ursprungs
+vergißt! Die von der Malerei verlangt, was nur Poesie oder Musik zu
+leisten vermögen. Wie der Dichter für das Wort, der Musiker für den Ton,
+so muß der Maler für sein Ausdrucksmittel erfinden. Man vergleiche eine
+Silberstiftzeichnung Rembrandts mit einer seiner in Sepia lavierten
+Zeichnungen: wie er jedem Material durch diese adäquate Behandlung
+gerade die höchste Wirkung entlockt. Der Meister verlangt nicht vom
+Stifte, was nur der Pinsel hergibt oder umgekehrt.
+
+Aber wie sich aus dem Affen nie der Mensch entwickeln kann, obgleich
+beide derselben Abstammung sind, so kann nie aus dem vollendetsten
+Handwerker der Künstler werden ohne den göttlichen Funken der Phantasie.
+Das Genie ist notwendige Voraussetzung jedes Kunstwerkes; aber dieses
+kann sich nur auf handwerklicher Basis gestalten. Künstler und
+Handwerker prozedieren gleicherweise, einer wie der andere will nur sein
+Handwerk bestmöglich ausüben. Ist aber der Handwerker nebenbei noch ein
+Phidias oder ein Raffael, so wird aus seinem Handwerk -- ihm natürlich
+unbewußt -- das ideale Kunstwerk. Ideal in dem Sinne, daß sich der
+Künstler in seinem Werke vollendet. Ein objektives Ideal ist eine
+contradictio in adjecto: Wären Phidias oder Raffael das Ideal an sich,
+so könnten es Rembrandt und Velasquez nicht auch sein.
+
+Jedes Kunstwerk ist ideal und real zugleich, insofern der Künstler vom
+sinnlichen Natureindruck ausgeht, also ist die Bezeichnung von
+idealistischer oder realistischer Kunst ein Pleonasmus: mit ihrer
+Qualität hat weder die eine noch die andere etwas zu tun. Sie können
+höchstens das Stoffliche bezeichnen, wie man etwa das bürgerliche
+Schauspiel vom historischen unterscheidet. Aber auch der rückständigste
+Professor wird nicht »Maria Stuart« oder die »Jungfrau von Orleans«,
+weil sie historische Dramen sind, dem bloß bürgerlichen Schauspiel
+»Kabale und Liebe« vorziehen wollen.
+
+Mein verstorbener Freund Jettel pflegte jedem, der ihn besuchte -- und
+welcher deutsche Maler, der im letzten Viertel des verflossenen
+Jahrhunderts nach Paris kam, hat ihn nicht besucht! -- die Geschichte
+von dem Wiener Akademiedirektor zu erzählen, wie der Meisterschüler den
+Karton zu seinem ersten Bilde »Luther schlägt die Thesen an die
+Schloßkirche zu Wittenberg« zeichnet. Nach monatelangem Korrigieren und
+Ändern ist endlich der Karton fertig, und die Komposition wird auf die
+Leinwand gepaust: Luther schwingt den Hammer, während die Menge ihm
+begeistert zujauchzt. Als der Direktor zur Korrektur kommt, lobt er die
+Komposition, aber er meint, daß es der Erhabenheit des weltgeschichtlichen
+Moments nicht angemessen sei, daß Luther eigenhändig den
+Hammer schwinge. Das müsse einer seiner Jünger tun. Dem braven
+Schüler leuchtet es ein, und die Komposition wird demgemäß verändert:
+Während Luther die Menge haranguiert, schwingt der Nächststehende den
+Hammer; als der Meister wieder kommt, billigt er die Änderung, aber er
+meint, daß nicht der Luther Nächststehende, sondern dessen Nachbar die
+Thesen anschlagen müsse, um nicht die Aufmerksamkeit des Beschauers von
+der Gestalt Luthers, der doch die Hauptperson im Bilde sei, abzulenken.
+So gehts durch ein viertel oder ein halbes Jahr weiter, bei jedem
+Besuche im Atelier des Schülers meint der Direktor, daß der Nächste den
+Hammer schwingen müsse, bis alle der Reihe nach den Hammer geschwungen
+haben und der Direktor zu dem Schlusse kommt, daß in der furchtbaren
+Erregung des weltgeschichtlichen Moments Luther den Hammer selbst in die
+Hand nehmen und die Thesen eigenhändig anschlagen würde.
+
+Alles in der Kunst ist Qualität, und die Qualität des Kunstwerkes hängt
+von dem Quantum von Phantasie, die es erzeugte, ab, denn nur die von der
+Phantasie erzeugte Form ist lebendig. Aber die Phantasie erfindet nicht
+die Form -- denn die ist von Anbeginn der Kunst vorhanden, wie in der
+Poesie das Wort und in der Musik der Ton, sondern den Ausdruck für die
+Form, das heißt die Technik. Nicht die Form ist das Originelle, sondern
+die künstlerische Originalität beruht darin, wie die Phantasie zur Form
+geworden ist. Jeder Künstler, auch der größte, übernimmt die
+traditionellen Formen seiner Zeit und seiner Umgebung. Die frühen
+Raffaels oder Rembrandts gleichen den Bildern ihrer Meister (so sehr,
+daß man sie für die ihrer Meister angesprochen hat). Sie suchen nicht
+etwa neue Ausdrucksformen, das heißt eine neue Technik, sondern ihre
+neue Technik ergibt sich aus ihrer künstlerischen Individualität.
+Hieraus ergibt sich der neue Stil eines jeden Meisters.
+
+In der Musik heißt Virtuose, wer die fremde Komposition vorzutragen
+imstande ist. Mit demselben Rechte könnte man die Maler, die keine
+originelle Ausdrucksweise besitzen, Virtuosen nennen, nur kann man
+leider nicht so leicht wie in der Musik den Komponisten vom Virtuosen in
+der bildenden Kunst trennen, wo die Erfindung die Ausführung ist. Die
+Fagerolles, die nur reproduzierende Künstler sind, gelten oft sogar mehr
+als die Claude, die sie kopieren.
+
+Aber Meister ist nur, der seine eigenen Gedanken in eigener Sprache
+auszudrücken imstande ist. Daher haben die geborenen großen Maler, je
+älter sie wurden, desto schöner gemalt. Nicht etwa, daß ihre Hand mit
+den Jahren geschickter wurde, im Gegenteil: sie werfen die
+Geschicklichkeit des Handgelenks, die den Jüngling freut und über die
+mangelnde Originalität hinwegtäuscht, mit Verachtung von sich und zwar
+so, daß noch ein Karl Justi in seinem Pamphlet gegen die Moderne die
+Alterswerke eines Rembrandt oder F. Hals senil nennen konnte. Der
+Meister ist der Überwinder der Technik. Man vergleiche auf Rembrandts
+Anatomie im Haag den Leichnam mit dem Stück auf der leider angebrannten
+Anatomie des Dr. Deisman in Amsterdam, wie die Technik sich vereinfacht
+hat, wie jedes Detail unterdrückt wird. Wir sehen nur noch das
+Wesentliche, den Typus des Kadavers und -- schaudern, wie wenn wir
+plötzlich vor einer Leiche stehen. Wohl sehen wir im Haag einen der
+schönsten Rembrandts, aber der 26jährige macht noch Malerei, die
+freilich wunderbar herrlich ist. Aber 25 Jahre später malt Rembrandt
+nicht mehr ein Bild, sondern seine Seele auf die Leinwand. Genau
+dasselbe bei F. Hals: in Haarlem kann man vor den Doelenstücken seine
+Entwicklung während eines halben Jahrhunderts von Stufe zu Stufe
+verfolgen, vom Rubensschüler, der die Technik seines Meisters sklavisch
+kopiert, bis zum 80jährigen Meister, der in den zwei Bildern der
+Vorsteher und der Vorsteherinnen eines Waisenhauses das höchste und
+schönste leistet, was die Malerei hervorgebracht hat. In diesen
+»senilen« Werken ist allerdings nichts mehr von Technik zu merken, denn
+jeder Pinselstrich und jeder Farbfleck ist Leben geworden. Wie der Kopf
+des greisen Mommsen ganz durchgeistigt schien, nur noch Seele, so ist in
+den beiden Altersschöpfungen von Hals nichts Materielles mehr: der Geist
+hat die Technik vernichtet.
+
+Dasselbe Phänomen bei Tizian. Zwischen der Dornenkrönung in Paris und
+der in München liegen rund 30 Jahre: die Komposition ist absolut
+dieselbe geblieben, aber aus der Malerei ist Leben geworden. Nur die
+Phantasie kann dieses Wunder bewirkt haben: sie hat die Technik
+vergeistigt. Oder mit anderen Worten: aus dem Maler, der die Natur
+nachahmt, wird der Künstler, der ein Neues schafft, das heißt: der
+Künstler, der eine neue Technik schafft.
+
+Jede neue Kunst ist also letzten Endes neue Technik. Man vergleiche das
+Hohe Lied mit einem lyrischen Gedicht Goethes oder den ägyptischen
+Dorfschulzen im Museum in Kairo mit einer Bronze Rodins: obgleich 5000
+Jahre dazwischen liegen, das Ringen des menschlichen Geistes nach
+demselben Ausdruck. Nur mit verschiedenen Mitteln, d. h. mit veränderter
+Technik.
+
+Sein Talent hat der Künstler vom lieben Gott: Was er aber daraus macht
+mittelst seiner Technik, das ist _seine_ Kunst. Daher ist es nicht etwa
+öde Fachsimpelei à la Tessman, sondern der gesundeste Instinkt, wenn der
+Künstler sich Zeit seines Lebens nur mit der Technik beschäftigt. Für
+ihn ist die Technik die Kunst. »Lieber Junge, die überraschenden
+Wirkungen, welche viele nur dem Naturgenie zuschreiben, erzielt man oft
+ganz leicht durch richtige Anwendung und Auflösung der Septimenakkorde.«
+Was für Beethoven Technik ist, erscheint uns als Ausfluss seines Genies
+und zwar ganz folgerichtig, denn die Technik ist ja Ausfluss des Genies
+oder sollte es wenigstens sein. Bei Rodin spiegelt sich die ganze Welt
+in der Oberfläche des Kunstwerkes.
+
+Die Technik fängt erst an, künstlerisch zu werden, wo sie persönlich
+wird, daher kann man nur das Handwerksmäßige, das Kunstgewerbliche
+an ihr lehren und lernen. Daher gibt es keine Technik κατ' ἐξοχὴν.
+Raffael malt wie Perugino, F. Hals wie Rubens und Rembrandt wie sein
+Lehrer Lastmann, solange sie Schüler waren. Als aber Raffael er
+geworden, malt er raffaelisch wie Hals halsisch und wie Rembrandt
+rembrandtisch malten, sobald sie Hals und Rembrandt geworden. Es ist
+durchaus zu verstehn, daß die jungen Leute heutzutage Cézanne oder van
+Gogh nachahmen: ihr Fehler beruht nur darin, daß sie die Hieroglyphe
+ihres Vorbildes kopieren, ohne zu wissen, was sie bedeutet, wie die
+Mönche im Mittelalter die griechischen und lateinischen Texte
+abschrieben, ohne sie zu verstehen. --
+
+Der bekannte Gehirnanatom Edinger berichtet den merkwürdigen Fall, daß
+ein Schreiner nach einer Verletzung der Gehirnrinde wieder völlig
+genesen war, nur die Funktion des Hobelns war ihm durch seine Erkrankung
+abhanden gekommen: Hand und Herz gehören nun mal in der Malerei zusammen
+und die Vorstellung vom Raffael ohne Hände ist nicht nur wider die
+Natur, sondern wider die Kunst. Denn im Künstler löst erst die Form die
+Idee aus.
+
+
+Druck von W. Drugulin in Leipzig
+
+
+
+
+ [ Im folgenden werden alle geänderten Textzeilen angeführt, wobei
+ jeweils zuerst die Zeile wie im Original, danach die geänderte Zeile
+ steht.
+
+ Phantasie verstehe: die den malerischen Mitteln am meisten ädaquate
+ Phantasie verstehe: die den malerischen Mitteln am meisten adäquate
+
+ Auffassung der Natur. Jeder Kontur, jeder Pinselstrich ist Ausfluß einer
+ Auffassung der Natur. Jede Kontur, jeder Pinselstrich ist Ausfluß einer
+
+ schwarz, für zu gapatzt und wohl auch für nicht vorteilhaft genug
+ schwarz, für zu gepatzt und wohl auch für nicht vorteilhaft genug
+
+ brachte. Allerdings vom Handwerksstandgunkt aus ist der »Nachtwache« die
+ brachte. Allerdings vom Handwerksstandpunkt aus ist der »Nachtwache« die
+
+ »Nachtwache« dem phantasievollsten Bilde der Welt, wurden. Daß dieses
+ »Nachtwache«, dem phantasievollsten Bilde der Welt, wurden. Daß dieses
+
+ ]
+
+
+
+
+
+End of Project Gutenberg's Die Phantasie in der Malerei, by Max Liebermann
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE PHANTASIE IN DER MALEREI ***
+
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+Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net (This
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+(and you!) can copy and distribute it in the United States without
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+ money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
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+ of receipt of the work.
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+ distribution of Project Gutenberg-tm works.
+
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+electronic work or group of works on different terms than are set
+forth in this agreement, you must obtain permission in writing from
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+1.F.
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+in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS' WITH NO OTHER
+WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO
+WARRANTIES OF MERCHANTIBILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.
+
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+warranties or the exclusion or limitation of certain types of damages.
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+law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be
+interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by
+the applicable state law. The invalidity or unenforceability of any
+provision of this agreement shall not void the remaining provisions.
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+harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees,
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+or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
+work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
+Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.
+
+
+Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need, are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at http://pglaf.org
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit http://pglaf.org
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including checks, online payments and credit card donations.
+To donate, please visit: http://pglaf.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
+
+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
+
+ http://www.gutenberg.org
+
+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
+subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
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+Project Gutenberg's Die Phantasie in der Malerei, by Max Liebermann
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Die Phantasie in der Malerei
+
+Author: Max Liebermann
+
+Release Date: November 28, 2011 [EBook #38158]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-8859-1
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE PHANTASIE IN DER MALEREI ***
+
+
+
+
+Produced by Jana Srna, Norbert H. Langkau and the Online
+Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net (This
+file was produced from images generously made available
+by The Internet Archive/Canadian Libraries)
+
+
+
+
+
+
+ [ Anmerkungen zur Transkription:
+
+ Schreibweise und Interpunktion des Originaltextes wurden bernommen;
+ lediglich offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert. Eine Liste
+ der vorgenommenen nderungen findet sich am Ende des Textes.
+
+ Im Original gesperrt gedruckter Text wurde mit _ markiert.
+ Griechischer Text wurde transliteriert und mit ~ markiert.
+ ]
+
+
+
+
+ DIE PHANTASIE
+ IN DER MALEREI
+
+ VON
+ MAX LIEBERMANN
+
+ BEI BRUNO CASSIRER
+ BERLIN 1916
+
+
+ VIERTE AUFLAGE
+
+
+
+
+ DEN MANEN HUGO VON TSCHUDIS
+ UND ALFRED LICHTWARKS
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+INHALT
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+ Seite
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+ Vorwort zur zweiten Auflage 7
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+ Einleitung 9
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+ Die Phantasie in der Malerei 19
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+ Empfindung und Erfindung in der Malerei 41
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+ Phantasie und Technik 53
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+VORWORT ZUR ZWEITEN AUFLAGE
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+Wer, irregefhrt durch den anspruchsvollen Titel meines Bchelchens,
+eine wissenschaftliche Abhandlung ber die Phantasie zu finden hofft,
+wird arg enttuscht werden. Ich habe die Erfahrungen und Beobachtungen,
+die ich in einer ach! fast fnfzigjhrigen Beschftigung mit der Malerei
+gesammelt habe, aufgezeichnet.
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+Da ich als Maler subjektiv ber Malerei urteile, ist selbstverstndlich.
+Aber ich habe nicht beabsichtigt, etwa fr die naturalistische
+Malerei Propaganda zu machen -- denn deren hat sie nicht
+ntig--, sondern ich schrieb die folgenden Seiten, um zu zeigen, da
+jede Malerei naturalistisch sein msse, wenn sie gut ist.
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+Es gibt keine bldsinnigere Behauptung, als die, welche man --
+wahrscheinlich gerade deswegen weil sie so bldsinnig ist -- tglich
+liest und hrt: der Naturalismus ist tot. Denn alle Kunst beruht auf der
+Natur und alles Bleibende in ihr ist Natur. Nicht die den Knstler
+umgebende nur, sondern vor allem seine eigene Natur. Wie er, der
+Knstler, die Welt anschaut, mit seinen inneren und ueren Sinnen --
+das nenne ich seine Phantasie -- die Gestaltung dieser seiner Phantasie
+ist seine Kunst. Als Maler gehe ich von der Anschauung aus, daher
+interessiert mich ausschlielich die gestaltende Phantasie, whrend mir
+die schpferische Phantasie im Kunstwerke Axiom ist. Sie ist gttliche
+Eingebung, der nur auf dem Wege reinen Denkens beizukommen ist (wenn ihr
+berhaupt beizukommen ist). Der gestaltenden Phantasie aber drfen wir
+hoffen, auf psychologisch-empirischem Wege nachspren zu knnen. Oder
+mit anderen Worten: wir drfen versuchen wollen, aus der Technik den
+Geist, der das Werk gezeugt hat, zu erklren.
+
+Da wenige Wochen nach Erscheinen der ersten Auflage eine zweite ntig
+geworden, ist ein erfreulicher Beweis, da der Krieg wie andere
+Vorurteile auch das Diktum Inter arma silent Musae hinweggefegt hat.
+
+_Berlin_, April 1916.
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+ MAX LIEBERMANN
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+EINLEITUNG
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+ ...da das Studium der Natur und die Erfindung der
+ Phantasie im Nachahmen das Bleibende in allem sei...
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+ (Goethes Gesprch.)
+
+
+In seinem Tagebuch stellt Delacroix die Behauptung auf, da jede
+sthetik mit einer Terminologie der Kunstausdrcke zu beginnen habe, da
+Jeder darunter etwas anderes verstehe. Er unternimmt auch die Erklrung
+einiger termini, aber er hrt alsbald wieder damit auf, wahrscheinlich
+weil er die Unmglichkeit seines Unternehmens einsieht.
+
+Ich bin mir wohl bewut, das Wort Phantasie, von dem die folgenden
+Seiten handeln, in einem dem landlufigen abweichenden Sinne gebraucht
+zu haben und ich htte es gern mit einem passenderen Worte vertauscht,
+wenn ich eins gefunden htte. Im allgemeinen bezeichnet man mit
+Phantasie die Einbildungen unsres Gehirns, das Imaginre, das ein nicht
+Existierendes vorzaubert. In dieser Bedeutung kann man Phantasie
+berhaupt nicht anwenden auf die Malerei, die nichts erfinden kann oder
+soll, was nicht in der Natur existiert oder wenigstens existieren
+knnte. Ich mchte der Phantasie mehr die Bedeutung, die das Wort im
+Griechischen hatte, beilegen: ~phainomenon~, Erscheinung. Der Maler will
+das ihm vorschwebende Bild zur Erscheinung bringen, er will die
+Erscheinung auf die Leinwand projizieren, wobei es ganz gleichgltig
+ist, ob ihm das Bild vor seinem geistigen oder leiblichen Auge schwebt.
+Denn beides ist im Grunde dasselbe: der Maler kann nur malen, was er zu
+sehen glaubt, ob er sein Bild im Geiste oder in der Natur sieht.
+
+Aus der Phantasie malen steht also in keinem Gegensatze zum
+Nach-der-Natur-malen, denn es sind nur zwei verschiedene Wege, die nach
+demselben Ziele fhren sollen. Noch falscher aber wre die Annahme, die
+nicht nur im Publikum, sondern leider auch in der sthetik immer noch
+besteht, als ob der Maler, der _aus_ der Phantasie malt, mehr _mit_ der
+Phantasie malt, als der, welcher nach der Natur malt.
+
+Je naturalistischer eine Malerei ist, desto phantasievoller mu sie
+sein, denn die Phantasie des Malers liegt nicht -- wie noch ein Lessing
+annahm -- in der Vorstellung von der Idee, sondern in der Vorstellung
+von der Wirklichkeit oder wie Goethe es treffend ausdrckt: Der Geist
+des Wirklichen ist das wahrhaft Ideelle. Daher bedeutet idealistische
+Malerei im Gegensatze zur naturalistischen Malerei nur die verschiedene
+Auffassung der Natur, aber keinen Qualittsunterschied: die Qualitt
+beruht einzig und allein in der greren oder geringeren Kraft der
+Phantasie des Malers, mag er nun wie Raffael eine Madonna oder wie
+Rembrandt einen geschlachteten Ochsen malen. Natrlich kann ich nicht
+mit mathematischer Genauigkeit beweisen wollen, warum der eine Meister
+mehr Phantasie hat als der andere. Ich kann nur sagen wollen, warum ich
+ein Portrt von F. Hals fr phantasievoller halte als einen Holbein. Und
+wenn ich sage, da ich in Franz Hals den phantasievollsten Maler sehe,
+der je gelebt hat, so wird vielleicht klarer, was ich unter malerischer
+Phantasie verstehe: die den malerischen Mitteln am meisten adquate
+Auffassung der Natur. Jede Kontur, jeder Pinselstrich ist Ausflu einer
+knstlerischen Konvention. Je suggestiver die Konvention wird, je
+ausdrucksvoller durch die Form oder die Farbe oder durch beides zusammen
+der Maler sein inneres Gesicht auf die Leinwand zu bringen imstande war,
+desto grere, strkere Phantasiettigkeit war zur Erzeugung seines
+Werkes ntig. Ebensowenig wie man den physischen Zeugungsproze je
+ergrnden wird, ebensowenig wird der Schleier von dem knstlerischen
+Zeugungsproze je fallen. Wie es Axiomata gibt, die nicht in Frage
+gestellt werden drfen, wenn man mathematische Fragen errtern will, so
+gibt es in der sthetik gewisse notwendige Voraussetzungen, ber die
+nicht zu diskutieren ist. Das Genie ist selbstverstndliche
+Voraussetzung und die sthetik kann sich nur damit beschftigen wollen,
+wie und auf welche Weise es sich uert. Der heilige Augustinus
+definiert die Kunst als das, was die groen Knstler hervorgebracht
+haben. Fragt sich nur, welche Knstler man als die groen bezeichnet.
+Und diese Frage wird nie endgltig gelst werden, denn letzten Endes
+entscheidet in stheticis der Geschmack und nirgends gilt das post hoc
+ergo propter hoc mehr als in der sthetik.
+
+Je mehr wir also in der sthetik beweisen wollen, desto mehr wird unsre
+Untersuchung darauf hinauslaufen, unsren Geschmack als den richtigen dem
+Leser hinzustellen. Wir beweisen unsren Geschmack mit unsrem Geschmack,
+wir machen ihn also in derselben Sache zum Richter und zum Zeugen.
+Alljhrlich werden wir mit einer Unzahl jener kunsthistorischen Romane
+beschenkt, die irgendeinen berhmten Maler oder Bildhauer zum Helden
+haben, und an dem uns der Autor seine Ansichten ber Kunst
+exemplifiziert. Sie sind zwar ein erfreulicher Beweis fr das Interesse
+des Publikums an bildender Kunst -- denn wenn sie nicht gekauft wrden,
+wren sie nicht geschrieben und noch weniger gedruckt -- aber fr das
+Verstndnis der Kunst sind sie eher schdlich als ntzlich; denn sie
+geben uns nur Meinungen und Empfindungen des Autors wieder, also lauter
+Urteile, die keinen wissenschaftlichen Wert beanspruchen drfen, da sie
+nicht verstandesmig begrndet werden knnen.
+
+In der Vorrede zur Kritik der reinen Vernunft sagt Kant, da
+Kopernikus, der, nachdem es mit der Erklrung der Himmelsbewegung nicht
+gut fort wollte, wenn er annahm, das ganze Sternenheer drehe sich um den
+Zuschauer, versuchte, ob es nicht besser gelingen mchte, wenn er den
+Zuschauer sich drehn und dagegen die Sterne in Ruhe lie. Lassen wir
+das bersinnliche in der Kunst in Ruhe und stellen wir uns Kunst -- nach
+der Etymologie des Wortes -- als Knnen vor. Vielleicht da wir vom
+Sinnlichen, das heit der Technik, leichter in den Geist der Kunst
+einzudringen vermgen.
+
+Nicht etwa, als ob ich, wie den Menschen in Krper und Seele, so die
+Kunst in Geist und Technik zerlegen wollte: die Technik ist der Ausdruck
+des Geistes. Niemand kann sagen, wo das Handwerk aufhrt und das
+Kunstwerk beginnt, denn beides ist in- und miteinander unlslich
+verwachsen. Ein Bild in Geist und Technik zerlegen wollen hiee ein
+lyrisches Gedicht in Prosa auflsen oder nach A. v. Bergers witzigem
+Worte: eine Statue sezieren wollen.
+
+Die Kunst ist des Knstlers Handwerk, das auszubilden die Aufgabe seines
+Lebens ausmacht. Sie ausbilden heit: seine Natur so restlos und
+berzeugend als mglich durch die Mittel seiner Kunst zum Ausdruck zu
+bringen.
+
+Der Inhalt der Kunst ist also die Persnlichkeit des Knstlers, das
+sogenannte Genie. Dieses ist ein Geschenk der Gtter, welches sie ihm in
+die Wiege gelegt haben und fr dessen Dasein wir ebensowenig einen
+ontologischen Beweis fhren knnen wie fr das Dasein Gottes. Nur die
+Vorstellung, die das Werk des Genies in uns auslst, lt uns mit
+Notwendigkeit auf die Existenz des Genies schlieen.
+
+Die Kunst dagegen ist das eigne Werk des Knstlers und da das Genie
+unbewut ihm innewohnt, ist es nur logisch, da der Knstler nur an
+seine Kunst, das heit an die Technik denkt. Fr ihn ist Kunst und
+Handwerk identisch. Nicht in der Idee, sondern in der Ausfhrung der
+Idee liegt die Kunst. Rembrandt antwortete seinen Schlern auf die
+Frage, wie sie malen sollten: nehmt den Pinsel in die Hand und fanget
+an.
+
+Zwischen der Abfassung der folgenden Aufstze liegt ein Zeitraum von
+mehr als zehn Jahren. Wenn ich sie jetzt ohne nderungen, wie sie
+erschienen sind, gesammelt herausgebe, so geschieht es in der Hoffnung,
+da sie auch heute noch aktuell und zur Klrung der Ansichten ber Kunst
+beizutragen imstande sind. Und waren je die sthetischen Ansichten
+verwirrter als heut? Wo ein jngerer Kunstrichter aus den Schtzengrben
+Flanderns heraus schreibt, da der Krieg nicht nur fr die Existenz
+Deutschlands, sondern ber den Sieg des Expressionismus entscheidet.
+
+Je mehr sich die sthetik mit den Kunstrichtungen beschftigt, desto
+unfhiger erweist sie sich fr ihre eigentliche Aufgabe, die Qualitt
+des Kunstwerks zu erforschen. Denn Richtung bedeutet nur eine
+Zeitstrmung, die grade Mode ist und von der nchsten Mode zum alten
+Eisen geworfen wird. Sie ist die Losung, das Feldgeschrei im Kampfe der
+jngeren gegen die ltere Generation: Sie ist eine Zeit- aber keine
+Wertbestimmung. Aber nicht das lautere Feldgeschrei entscheidet -- sonst
+htten die Expressionisten, Kubisten und Futuristen lngst gewonnen --
+sondern wie im Kriege die strkeren Bataillone, so entscheiden in der
+Kunst nicht Richtungen den Sieg, sondern einzig und allein die strkeren
+Persnlichkeiten in ihnen.
+
+Ich schreibe als Maler, gleichsam mit dem Pinsel in der Hand und ich
+suche daher die Wirkungen, die das Kunstwerk auf mich ausbt, so viel
+als mglich aus den Mitteln, deren sich der Knstler bedient hat, zu
+erklren. Natrlich bin ich einseitig und der Vorwurf, ich schriebe pro
+domo, wrde mich wenig rhren, weil ich glaube, da es ein objektives
+richtiges Kunsturteil berhaupt nicht geben kann. Aber auch die
+Gerechtigkeit im Urteil ber Kunst macht nur die berzeugung: je strker
+und unverflschter ich sie ausdrcke, desto gerechter bin ich. Auch
+berlasse ich das Urteilen so viel als mglich dem Leser und dem --
+Berufskritiker; ich mchte klar machen, warum ich diese Malerei fr gut
+und jene fr schlecht halte. Witzige mgen die Kunst in 40 Minuten ein
+Kunstkenner zu werden schreiben. Der Knstler schreibt ber seine Kunst
+Bekenntnisse.
+
+Goethe sagt mal: Poesie ist keine Kunst, weil alles auf dem Naturell
+beruht. Ebenso ist Malerei keine Kunst, alles hngt von der
+Persnlichkeit des Knstlers ab. Der Inhalt der Kunst ist die
+Persnlichkeit des Knstlers.
+
+Kunst kommt von Knnen, welches das Wollen als einen dem Knstler
+innewohnenden Trieb einschliet (weshalb ich auch nicht an die faulen
+oder verbummelten Genies glaube). Der Knstler _mu_ schaffen: die Kunst
+ist sein Handwerk.
+
+Natura sive deus! Gott schuf den Menschen nach seinem Ebenbilde: der
+Knstler schafft nach seinem Ebenbilde die Welt! was Goethe in die
+schnen Worte kleidet: Wie kstlich ists, wenn ein herrlicher
+Menschengeist ausdrcken kann, was sich in ihm bespiegelt.
+
+
+
+
+DIE PHANTASIE IN DER MALEREI
+
+
+Von der Malerei als Ding an sich will ich reden, nicht von der Musik
+oder der Poesie in der Malerei; denn was nicht deines Amtes ist, davon
+la deinen Frwitz.
+
+Ich will von der Malerei sprechen, die von jedem Zweck genesen, die
+nichts sein will als -- Malerei: Von ihrem Geist, nicht von der
+berwindung ihrer technischen Schwierigkeiten, in der das Publikum
+freilich und, wie ich frchte, manche Maler immer noch ihren Wert
+erblicken.
+
+Allerdings kommt Kunst von knnen, und da das Knnen in keiner Kunst
+mehr ausmacht als grade in der Malerei, soll keineswegs geleugnet
+werden.
+
+Aber so hoch auch die Malerei, die gut gemacht ist, einzuschtzen ist:
+gute Malerei ist nur die, die gut gedacht ist. Was bedeutet die
+korrekteste Zeichnung, der virtuoseste Vortrag, die blendendste Farbe,
+wenn all diesen uerlichen Vorzgen das Innerliche, die Empfindung,
+fehlt! Das Bild bleibt doch -- gemalte Leinwand. Erst die Phantasie kann
+die Leinwand beleben, sie mu dem Maler die Hand fhren, sie mu ihm im
+wahren Sinne des Worts bis in die Fingerspitzen rollen. Obgleich
+unsichtbar, ist sie in jedem Striche sichtbar, freilich nur fr den, der
+Augen hat zu sehen, nur fr den, der sie empfindet.
+
+Ich will hier nicht etwa von dem Hllenspuk, der Phantastik reden,
+sondern ich verstehe unter Phantasie den belebenden Geist des Knstlers,
+der sich hinter jedem Strich seines Werkes verbirgt. Die Phantasie in
+der bildenden Kunst geht von rein sinnlichen Voraussetzungen aus. Sie
+ist die Vorstellung der ideellen Form fr die reelle Erscheinung. Sie
+ist das notwendige Kriterium fr jedes Werk der bildenden Kunst, fr das
+idealistischste wie fr das naturalistischste. Sie allein kann uns
+berzeugen von der Wahrheit der Bcklinschen Fabelwesen wie des
+Manetschen Spargelbundes.
+
+Wenn der kleine Moritz einen Kreis malt, dahinein zwei Punkte, zwischen
+die einen senkrechten und darunter einen wagerechten Strich macht, so
+ist das der bildliche Ausdruck seiner Phantasie fr einen Kopf. Hat der
+kleine Moritz Talent zum Zeichnen, so wird er die individuellen
+Eigentmlichkeiten z.B. die groe Nase seines Vaters oder den groen
+Mund seiner Mutter beim Nachzeichnen gewaltig bertreiben. Aber hinter
+dieser Karikatur steckt vielleicht mehr Phantasie als in dem
+lebensgroen Portrt in l des berhmten Professors so und so, der vor
+lauter Bumen den Wald nicht mehr sieht und dessen Phantasie durch
+alles, was er gelernt hat, erttet ist. Jedem meiner Kollegen wird
+unzhlige Male dasselbe passiert sein: der junge Mann -- noch hufiger
+die junge Dame -- so bald sie sich ernstlich dem Studium der Malerei
+widmen, machen es nicht nur nicht besser als frher, sondern im
+Gegenteil viel schlechter, d.h. die Phantasie, die frher naiv den
+_Eindruck_ der Natur wiederzugeben bestrebt war, wird allmhlich von dem
+Suchen nach Korrektheit verdrngt. Aus der phantasievollen, aber
+unkorrekten wird die phantasielose aber korrekte Zeichnung. Mit anderen
+Worten: der Buchstabe ttet den Geist, und nur die Talentvollsten knnen
+ungestraft an ihrer Phantasie den akademischen Drill berstehen.
+
+Der alte Schadow pflegte seinen Schlern auf die Frage, wie sie malen
+sollten, zu antworten: setzt die richtige Farbe auf den richtigen
+Fleck. Schadow, der nicht nur Akademie-Direktor, sondern -- was nicht
+immer zusammentrifft -- auch ein Knstler war, wute, da nur das
+Handwerkmige der Malerei gelehrt und gelernt werden kann; seine
+Definition in usum delphini verschweigt wohlweislich, was Malerei zur
+Kunst macht: die Phantasiettigkeit des Malers, die darin besteht, fr
+das, was er -- und zwar nur er -- in der Natur oder im Geiste sieht, den
+adquaten Ausdruck zu finden. Natrlich vollzieht sich diese
+Phantasiettigkeit vllig unbewut im Knstler, denn Kunstwerke
+_entstehen_: sie werden nicht gemacht, und das sicherste Mittel kein
+Kunstwerk hervorzubringen, ist die Absicht, eins zu machen. Wie Saul
+ausging, die Eselinnen seines Vaters zu suchen und ein Knigreich fand,
+so mu der Maler einzig und allein bestrebt sein, die richtige Farbe auf
+den richtigen Fleck zu setzen: ist er ein Knstler, so -- findet er ein
+Knigreich.
+
+Ein Bund Spargel, ein Rosenbukett gengt fr ein Meisterwerk, ein
+hliches oder ein hbsches Mdchen, ein Apoll oder ein migestalteter
+Zwerg: aus allem lt sich ein Meisterwerk machen, allerdings mit dem
+ntigen Quantum Phantasie; sie allein macht aus dem Handwerk ein
+Kunstwerk.
+
+ * * * * *
+
+Die Phantasie, als das schpferische Grundprinzip des gesamten geistigen
+Lebens, ist fr alle Knste dieselbe, aber in den verschiedenen Knsten
+kommt sie auf verschiedene Weise zum Ausdruck. Obgleich nur die bildende
+Kunst, als einzig rumliche unter den Knsten, imstande ist, die
+Ausdehnung aus der Wirklichkeit mit zu bernehmen, ist sie doch deshalb
+nicht materieller als Poesie oder Musik. Allerdings sind die Werke der
+bildenden Kunst gleichsam fa- und tastbar und -- wie Gregor der Groe
+im Kampfe gegen die Bilderstrmer meinte: Bilder sind die Bcher derer,
+die nicht lesen knnen -- daher werden sie fr leichter verstndlich
+gehalten. Im Grunde jedoch ist die Kunst an einem Bilde genau ebenso nur
+dem inneren Auge wahrnehmbar, wie die an einem Musikstcke nur dem
+inneren Ohr. Denn was anders als die Phantasie des Knstlers
+unterscheidet ein Werk des Phidias von einem Abgu ber Natur? Daher ist
+es fr den Wert eines Werkes der bildenden Kunst ganz gleichgltig, was
+es darstellt, nur die Erfindung und die Ausdrucksfhigkeit ihrer Form
+macht seinen Wert aus.
+
+Der Satz, da die gutgemalte Rbe besser sei als die schlechtgemalte
+Madonna, gehrt bereits zum eisernen Bestand der modernen sthetik. Aber
+der Satz ist falsch; er mte lauten: die gutgemalte Rbe ist ebenso gut
+wie die _gut_gemalte Madonna. Wohlgemerkt als rein malerisches Produkt,
+denn, zur Beruhigung frommer Gemter sei's gesagt, es fllt mir beileibe
+nicht ein, zwei sthetisch so ungleichwertige Gegenstnde miteinander
+vergleichen zu wollen. Auch wei ich wohl, da die Darstellung einer
+Madonna noch andere als rein malerische Ansprche an den Knstler
+stellt, und da sie als knstlerische Aufgabe schwerer zu bewltigen ist
+als ein Stilleben. Obgleich in einem Vierzeiler das Genie Goethes ebenso
+sichtbar ist als im Faust, kann als knstlerische Leistung ber allen
+Gipfeln ist Ruh doch nicht mit dem Faust verglichen werden.
+
+Aber die spezifisch malerische Phantasie des Knstlers kann sich in
+einem Stilleben gerade deshalb strker zeigen als in der Darstellung des
+Menschen, weil das Bund Spargel nur durch die knstlerische Auffassung
+interessiert, an dem Menschen, am Kopf oder an einem schnen
+Frauenkrper interessiert uns -- namentlich an letzterem -- auch noch
+der dargestellte Gegenstand.
+
+Der spezifisch malerische Gehalt eines Bildes ist um so grer, je
+geringer das Interesse an seinem Gegenstande selbst ist; je restloser
+der Inhalt eines Bildes in malerische Form aufgegangen ist, desto grer
+der Maler.
+
+Also vom rein malerischen Standpunkt aus ist die bergabe von Breda
+des Velasquez in nichts wertvoller als eins seiner Kchenstilleben: ja
+sogar knnte ein solches malerisch wertvoller sein, wenn Velasquez die
+Kchengertschaften besser gemalt htte als die Heerfhrer auf dem
+groen Historienbild. Worauf es hier allein ankommt, ist klar
+auszudrcken, da der Wert der Malerei absolut unabhngig vom Sujet ist,
+und nur in der Kraft der malerischen Phantasie beruht.
+
+Hieraus folgt, da gerade die naturalistische Malerei dieser
+Phantasiettigkeit am meisten bedarf, weil sie nur durch die ihr eigene
+Kraft wirken will; was freilich einer weit verbreiteten Ansicht im
+Publikum durchaus widerspricht. Immer noch sehen die Gebildeten in der
+naturalistischen Malerei nur eine geistlose Abschrift der Natur, etwa
+eine Kunst, die von der Photographie, wenn sie erst mit der Form auch
+die Farbe wiederzugeben gelernt hat, berwunden sein wird. Nein! selbst
+die Konkurrenz der farbigen Photographie frchten wir nicht: denn selbst
+die vollendetste mechanische Wiedergabe der Natur kann hchstens zum
+vollendeten Panoptikum, nie aber zur Kunst fhren. Was der Gebildete an
+der naturalistischen Kunst vermit, ist die literarische Phantasie, weil
+er die Malerei statt mit den Augen immer noch mit dem Verstande
+betrachtet. Immer noch spukt in unseren Kpfen das berhmte Lessingsche
+Diktum vom Raffael, der, wenn er auch ohne Arme geboren, der grte
+Maler geworden wre. Vielleicht der grte Dichter oder der grte
+Musiker, jedenfalls aber nicht der grte Maler. Denn die Malerei
+besteht nicht in der Erfindung von Gedanken, sondern in der Erfindung
+der sichtbaren Form fr den Gedanken. Woher kme es sonst, da unter den
+Tausenden von Madonnenbildern sich nur wenige Kunstwerke befinden? Oder
+was interessiert uns am Portrt, das mein Freund Trbner witzig den
+Parademarsch des Malers genannt hat, anders als die Kunst des Meisters,
+das, was er sah -- und der Akzent liegt auf _er_ -- in die malerische
+Form gebracht zu haben. Ich meine natrlich nicht eine bestehende Form,
+die zur Formel geworden ist, wie z.B. die Raffaelische Form, die zur
+akademischen verflacht ist, oder das Rembrandtsche clair-obscur, das
+unter seinen Nachahmern zur hohlen malerischen Phrase geworden ist,
+sondern ich spreche von der lebendigen Form, die jeder Knstler sich neu
+schafft. Gerade in der Erschaffung neuer Formen liegt das Kriterium fr
+den schaffenden Knstler, fr das Genie. Deshalb ist es ein Unsinn von
+_einer_ Form, von der klassischen Form ~kat' exochn~ zu reden: es gibt
+soviel klassische Formen als es klassische Knstler gegeben hat und noch
+geben wird. Mit jedem Knstler vollendet sich die Form; und mit jedem
+folgenden wird sie neu geboren. Die Erstarrung der Form zum Dogma wre
+Erstarrung der Kunst d.h. ihr Tod. Natrlich verstehe ich hier unter
+Form nicht das uerliche an ihr, das Technische, etwa die Handschrift
+des Knstlers. Ich spreche hier nur von der ideellen Form, die gleichsam
+unsichtbar ist, die nur der Knstler sieht und zwar jeder ganz
+verschieden. Wer die Kuh nur durch die Augen von Potter oder Troyon
+sieht, ist kein schaffender Knstler, hchstens ein reproduzierender;
+wer an der Kuh nicht neue Reize entdeckt -- ich sage das im direkten
+Widerspruch zu meinem sonst sehr verehrten Freunde Muther--, besitzt
+jedenfalls das zu einem Kuhmaler ntige Talent nicht.
+
+ * * * * *
+
+Was jeder Knstler aus der Natur heraussieht, ist das Werk seiner
+Phantasie. Setze zwanzig Maler vor dasselbe Modell und es werden zwanzig
+ganz verschiedene Bilder auf der Leinwand entstehen, obgleich alle
+zwanzig gleichermaen bestrebt waren, die Natur, die sie vor sich sahen,
+wiederzugeben. Wie sich im Kopfe des Knstlers die Welt widerspiegelt,
+gerade das macht seine Knstlerschaft aus.
+
+Raffaels Phantasie war linear, sein Werk vollendet sich in der Linie,
+seine Bilder sind hchstens geschmackvoll koloriert, die Malerei an
+seinen Bildern ist Handwerk. Tizians Phantasie dagegen ist durchaus
+malerisch; er sieht sein Bild als farbige Erscheinung, er komponiert mit
+der Farbe. Sein berhmtestes Bild, die himmlische und die irdische
+Liebe, ist sicherlich nur durch den koloristischen Gedanken erzeugt,
+den nackten Frauenkrper durch Gegenberstellen der bekleideten Gestalt
+noch intensiver wirken zu lassen. Ob Tizian etwas anderes hat ausdrcken
+wollen, wei ich nicht, und ich glaube, die Kunstgelehrten wissen es
+auch nicht. Jedenfalls ist der groartig klingende Titel ganz unpassend
+und wahrscheinlich von einem geschftskundigen Venezianer erfunden, der
+seinen Landsmann den Raffaels und Michelangelos gegenber nicht lumpen
+lassen wollte: geradeso wie Bcklins Bilder die Gefilde der Seligen
+und das Spiel der Wellen von Fritz Gurlitt getauft wurden.
+
+Des Velasquez Phantasie ist rumlich. Er denkt rumlich, und mit viel
+grerem Rechte als von Degas htte ich von Velasquez sagen knnen: er
+komponiert mit dem Raum. Sein Bild entsteht aus der rumlichen
+Phantasie. Wie die Figur in dem Raum steht, wie der Kopf, die Hnde, die
+Gewnder als groe Lokaltne im Raum wirken, das macht sein Bild aus.
+
+Wieder anders Rembrandt, dessen Phantasie sich in Licht und Schatten
+verkrpert. Die Wogen des Lichtes, die seine Bilder durchfluten, ergeben
+und bestimmen die Komposition. Seine Bilder sind auf den Gang des
+Lichtes komponiert, er erfindet fr den Gang des Lichtes. So z.B. ist
+das kleine Mdchen mit dem Hahn auf der Nachtwache nur als heller
+Fleck im Bilde verstndlich, oder man sehe seine Zeichnungen nach
+anderen Meistern, wie er z.B. aus dem Grafen Castiglione des Raffael
+durch Andeutung des Lichtes und des Schattens sofort einen echten
+Rembrandt macht.
+
+Der Maler, dessen Phantasie linear ist, kann nicht Kolorist sein oder
+umgekehrt. Das eine oder das andere, die Zeichnung oder die Farbe, mu
+in jedem Werke die Hauptsache bilden, und Raffael und Rembrandt sich in
+demselben Werke vorzustellen, ist ein Unding. Weil Raffaels Phantasie
+linear war und nicht etwa, weil er weniger gut als Tizian oder Rembrandt
+malte, war er ein weniger groer Maler als jene. Auch zeichnete Tizian
+oder Rembrandt nicht etwa schlechter als Raffael, sondern weil dieser
+beider Phantasie malerisch war, muten sie ihre zeichnerischen
+Qualitten den malerischen gegenber unterdrcken. Poesie und Musik sind
+zeitliche Knste, daher kann sich in einem Gedicht oder in einem
+Musikstck des Knstlers Phantasie nacheinander in verschiedener
+Richtung uern, aber in der bildenden Kunst, als einer rumlichen, mu
+sie sich nach einer Richtung hin konzentrieren, sonst verlre das Werk
+seinen einheitlichen Charakter, d.h. es wre kein Kunstwerk mehr.
+Dieser Einheitlichkeit mu der Maler alles opfern: das liebevollst
+durchgefhrte Detail, das technisch gelungenste Stck, die geistreichste
+Einzelheit. Savoir faire des sacrifices, wie es im Pariser
+Atelier-Jargon heit. Das, was dir als Hauptsache erscheint -- nicht
+etwa was die Hauptsache ist -- zusammenfassen, und alles, was dir
+nebenschlich erscheint, unterdrcken. Als jemand den pre Corot fragte,
+wie er's anfinge, nur die groen Massen in der Natur zu sehen,
+antwortete er: ganz einfach, um die groen Massen zu sehen, mssen Sie
+mit den Augen blinzeln, um aber die Details zu sehen, mssen Sie die
+Augen -- schlieen.
+
+Mehr noch als in dem, was er malt, zeigt sich des Knstlers Phantasie in
+dem, was er nicht malt. Je nher die Hieroglyphe -- und alle bildende
+Kunst ist Hieroglyphe -- dem sinnlichen Eindruck der Natur kommt, desto
+grere Phantasiettigkeit war erforderlich, sie zu erfinden. Der Maler
+hat nur die Farbenskala von schwarz zu wei auf der Palette: aus ihr
+soll er Leben, Licht und Luft auf die Leinwand zaubern, ein paar
+Striche, ein paar unvermittelt nebeneinandergesetzte Farbenflecke sollen
+aus der richtigen Entfernung dem Beschauer den Eindruck der Natur
+suggerieren. Nur die Phantasie des Knstlers kann dieses Wunder
+bewirken, nicht etwa die Geschicklichkeit des Taschenspielers. Man sehe
+das Portrt des Papstes Innocenz in Rom: zwei dunkle Flecken, die die
+Augen bedeuten, mit ein paar Strichen ist die Nase und der Mund
+hineingezeichnet, und mit den wenigen Strichen und Farben, die wohl, wie
+die berlieferung berichtet, in einer Stunde gemacht sein knnen, steht
+der ganze Mann vor uns, mit seiner Klugheit, seiner Habsucht und seinen
+sonstigen verbrecherischen Gelsten. Die ganze ppstliche Macht
+erscheint vor uns und der Papst, der ihrer spottet. Und des Velasquez
+Papstbildnis nicht gesehen zu haben, heit in Rom gewesen sein und den
+Papst nicht gesehen haben.
+
+ * * * * *
+
+Mein alter Lehrer Steffeck hatte ganz recht, wenn er sagte: Was man
+nicht aus dem Kopf malen kann, kann man berhaupt nicht malen. Wir malen
+nicht die Natur, wie sie ist, sondern wie sie uns erscheint, d.h. wir
+malen aus dem Gedchtnis.
+
+Das Modell kann der Maler nicht abmalen, sondern nur benutzen, es kann
+sein Gedchtnis untersttzen, wie etwa der Souffleur den Schauspieler
+untersttzt. Aber wehe dem Schauspieler, der sich auf ihn verlassen mu.
+Dann ist er nicht mehr Herr seiner Rolle, sondern Knecht des --
+Souffleurs. Ob und inwieweit der Maler nach der Natur arbeitet oder
+nicht, hngt davon ab, was er erstrebt. Aber Delacroix oder Bcklin, die
+(wenigstens in ihren Bildern) nie nach der Natur gemalt haben, ebenso
+wie Manet und Leibl, die jeden Strich nach der Natur malten, haben aus
+dem Gedchtnis gemalt. Nur prozedierten sie auf verschiedene Weise.
+Bcklin malte die Rosenhecke oder die Pappel, die er vor Tagen oder
+Wochen vielleicht so lange studiert hatte, bis sich auch die kleinste
+Einzelheit seinem Gedchtnis eingeprgt hatte. Leibl, dessen ganze Kunst
+Piett vor der Natur war, mute die fnf oder sechs Bauern, die er in
+den Dorfpolitikern malte, zusammensitzen haben. Aber Bcklin wie Leibl
+malten aus der Phantasie: nur war die des einen von der des anderen
+himmelweit verschieden; wessen die grssere, ist hier nicht die Frage.
+Es gengt festzustellen, da der Naturalist ebenso wie der Idealist die
+Natur nur benutzt. Den Knstler macht nicht der Naturalist, der alles
+nach der Natur malt, aber ebensowenig der Idealist, der nur nicht nach
+der Natur malt. Nur das, was seine Phantasie aus der Natur heraussieht
+und darstellt, macht den Knstler, und daher mu seine spezifisch
+malerische Phantasie um so strker sein, je nher er dem sinnlichen
+Eindruck der Natur kommt, d.h. je mehr er im eigentlichen Sinne Maler
+ist. Seine Phantasie ist viel reicher als die des Zeichners, denn man
+kann wohl ein groer Zeichner sein, ohne ein groer Maler zu sein, aber
+nicht umgekehrt.
+
+Delacroix frchtete noch eine Gotteslsterung auszusprechen, als er
+Rembrandt dem Raffael gleichzustellen wagte. Heutzutage hat sich das
+wohl gendert, immerhin wird auch heute noch der Gebildete, wenn er
+sich einigermaen respektiert, Raffael als den grten Maler, der je
+gewesen, ansprechen: was wohl daher kommt, da das Kunsturteil von den
+Kunstgelehrten gemacht wird, die als Gelehrte mehr mit dem Verstande als
+mit den Augen urteilen. Die Schnheiten der Form sind mathematisch
+nachzuweisen, aber die Schnheiten der Farbe kann man nur empfinden. Und
+man kann ein sehr groer Kunstgelehrter sein, ohne etwas von Kunst zu
+verstehen.
+
+Die Malerei ist nicht etwa blo ein Problem der Technik, die gelernt
+werden kann, sondern eine reine Phantasiettigkeit. Natrlich mu jeder
+Maler sein Handwerk verstehen, wie jeder Schneider oder Schuster sein
+Metier ordentlich gelernt haben mu. Aber den Wert eines Bildes nach
+seiner technischen Vollendung schtzen zu wollen, wre ebenso tricht,
+als ein Gedicht nach der Korrektheit der Verse oder der Reinheit der
+Reime zu beurteilen. Dem lieben Gott sei's gedankt: in der Kunst macht
+der Rock noch nicht den Mann.
+
+Allerdings hat in den bildenden Knsten das Handwerk eine um so grere
+Bedeutung, als der bildende Knstler seine Konzeption ganz allein und
+unmittelbar zum Ausdruck bringt: nur das Werk von des Meisters eigener
+Hand ist das Meisterwerk.
+
+Den vatikanischen Torso, den Innocenz des Velasquez knnen wir ganz
+nur im Original genieen: ob wir den Faust in einem der Millionen von
+Drucken oder in Goethes Originalhandschrift lesen, ist fr unseren Genu
+ganz gleichgltig.
+
+Selbst die vollendetste Lichtdruckreproduktion nach einer Zeichnung oder
+Radierung Rembrandts, in der jeder Punkt, jeder Strich und jeder Fleck
+photographisch getreu wiedergegeben ist, bleibt eine tote Kopie; nur die
+eigenhndige Niederschrift kann uns des Meisters Geist zeigen. Nichts
+verbirgt sein Werk unseren indiskreten Blicken; wir knnen dem Meister
+bei der Arbeit folgen, wir sehen, welche Partien ihm auf den ersten
+Anhieb gelungen und die Stellen, bei denen er sich geqult, die er
+abgekratzt und bermalt hat, bis sie ihm endlich gengten.
+
+Doch was wir nicht sehen knnen, selbst wenn wir Velasquez oder
+Rembrandt beim Malen ber die Schulter zugeschaut htten, ist die
+Hauptsache, nmlich ihre Phantasie, die ihnen beim Malen die Hand
+gefhrt hat und nur insofern ist die Technik von knstlerischem Werte,
+als sie die -- Handlangerin seines knstlichen Wissens und Wollens ist,
+d.h. sie mu individuell sein. Sonst hat die Technik hchstens
+kunstgewerblichen Wert, und von diesem kunstgewerblichen Standpunkt aus
+knnen wir sie an einem Bilde ebenso bewundern, wie an einer
+chinesischen Cloisonn- oder Lackarbeit.
+
+Aber die Rckkehr zur Tradition der altmeisterlichen Technik als
+Allheilmittel der Kunst zu empfehlen -- wie das immer und ewig geschieht
+-- hiee neuen Wein in alte Schluche fllen.
+
+ * * * * *
+
+In dem Kunstwerk macht die Technik nicht die Gte aus, man knnte sie
+hchstens als notwendig bezeichnen; wie der Krper dem Geiste notwendig
+ist. Und insofern ein schner Geist in einem schnen Krper dem in einem
+hlichen vorzuziehen ist, ist auch das elegant vorgetragene Kunstwerk
+dem unbeholfen vorgetragenen vorzuziehen. Schreiblehrer beurteilen die
+Gte der Handschrift nach der Kalligraphie der Buchstaben; wir nennen
+Bismarcks Handschrift schn, weil sie charakteristisch ist.
+
+Die Technik ist gut, die mglichst prgnant das ausdrckt, was der
+Meister ausdrcken wollte; sonst ist sie schlecht und wre sie noch so
+virtuos.
+
+berhaupt spricht man viel zu viel von ihr: die Technik mu man gar
+nicht sehen, ebenso wenig wie man die Toilette an einer schnen Frau
+sehen darf. Wie sie nur dazu da ist, um die Schnheit der Trgerin in um
+so helleres Licht zu setzen, darf die Technik nur die Schleppentrgerin
+der Kunst sein, jeder Knstler soll malen, wie ihm der Schnabel
+gewachsen ist; was allerdings heutzutage schwer ist, denn, wie Schwind
+sagt, bis man wei, da man einen Schnabel hat, ist er vom vielen
+Anstoen schon ganz verbogen.
+
+Und nun gar die Forderung zur altmeisterlichen Technik zurckzukehren!
+Als ob die Technik die Ursache und nicht die Folge einer Kunstanschauung
+wre. Ist die Technik eines Van Eyk nicht bedingt durch die Sachlichkeit
+seiner Naturanschauung? Htte Franz Hals sich der Technik eines Holbein
+bedienen knnen, oder mute er nicht vielmehr eine mehr andeutende als
+ausfhrende Technik erfinden, die seiner geistreichen Auffassung des
+Momentanen entsprach? Wer die Technik eines Meisters nachahmt, wird ihm
+hchstens abgucken, wie er sich ruspert und wie er spuckt. Ein
+mittelmiges la Rembrandt gemaltes Bild ist nicht besser, als ein
+ebenso mittelmiges, das la Manet gemalt ist.
+
+berhaupt verbirgt sich hinter dem Verlangen nach altmeisterlicher Kunst
+ein gut Teil Heuchelei: es entspringt nicht sowohl aus Liebe fr die
+alte, sondern vielmehr aus Ha gegen die moderne Kunst.
+
+Natrlich fllt auch in den bildenden Knsten kein Meister vom Himmel.
+Eher fllt schon eine Exzellenz vom Himmel, wie Menzel, als man ihm zu
+seinem neuen Titel gratulierte, geantwortet haben soll.
+
+Ein jeder Meister steht auf den Schultern seiner Vorgnger: das ist aber
+nicht seine Meisterschaft, sondern seine Schlerschaft. Erst nach
+berwindung der Technik kann aus dem Schler ein Meister werden, und nur
+in diesem Sinne ist der bekannte Satz, da man zum Knstler geboren, zum
+Maler aber erst erzogen werden msse, zu verstehen. Der Maler mu sein
+Leben lang arbeiten, um der Technik Herr zu werden; aber nicht um ihrer
+selbst willen, sondern um mittels der Technik seiner Phantasie einen
+mglichst vollendeten Ausdruck geben zu knnen.
+
+Der Vortrag des Meisters kann nachgeahmt werden -- und die vielen
+falschen Rembrandts sind der beste Beweis dafr -- aber nur der
+Rembrandt ist echt, in dem du seines Geistes Hauch versprst. Und sollte
+ein mittelmiges Bild wirklich echt sein, von Rembrandts eigener Hand
+signiert und von smtlichen Kunstppsten als authentisch attestiert, so
+wrde das nur beweisen, da der gute Rembrandt auch einmal geschlafen
+habe. Was kmmert uns die Echtheit eines Kunstwerkes! Was des Meisters
+wrdig, ist echt.
+
+Weil in den bildenden Knsten die Form Mittel und Zweck, also eines ist,
+ist es in ihnen natrlich schwerer zu entscheiden, als z.B. in der
+Poesie, wo das Handwerk aufhrt und die Kunst anfngt; daher triumphiert
+oft genug ber wahre Kunst Kunstfertigkeit, und ebenso oft wird der
+Stein, den die Bauleute verwarfen, zum Eckstein. Denn vollendete
+Technik, Eleganz des Vortrags, kurz, das uerliche des Bildes
+schmeicheln sich dem Auge leichter ein als das Werk des Genies, dessen
+rauhe Auenseite oft den goldenen Kern verbirgt. So wundert es mich
+keineswegs, da man etwa die Portrts van der Helsts denen eines
+Rembrandt vorgezogen hat. Wenn Rembrandt heute lebte und ein Prinz sich
+bei ihm malen liee, so wre er wahrscheinlich mit seinem Konterfei
+ebenso wenig zufrieden wie der Prinz von Nassau, der sein Portrt fr zu
+schwarz, fr zu gepatzt und wohl auch fr nicht vorteilhaft genug
+aufgefat ansah, und so den armen Rembrandt um seine vornehme Kundschaft
+brachte. Allerdings vom Handwerksstandpunkt aus ist der Nachtwache die
+Schtzenmahlzeit des van der Helst vorzuziehen. Da ist alles tadellos.
+Und auch heute noch wrden nicht nur Prinzen, wenn sie nicht frchteten
+sich zu blamieren, einen van der Helst vorziehen.
+
+Es kommt nicht allein darauf an, was einer ansieht, sondern auch darauf,
+wer was ansieht, und auch in der Kunst gilt das Sprichwort: niemand ist
+gro in den Augen seines Kammerdieners; womit ich nicht etwa auf die
+kleinen Schwchen groer Meister anspielen will. Wer das Kunstwerk mit
+den Augen des Kammerdieners betrachtet, wird es nie begreifen. Nichts
+ist an sich schn; erst unsere Auffassung macht es dazu. Wer Phidias
+mit den Augen des Professors Trendelenburg anschaut, sieht vielleicht in
+den Marmorgruppen der Siegesallee Werke des griechischen Bildhauers. Die
+Breite des malerischen Vortrags macht noch keinen Velasquez und das
+Helldunkel noch keinen Rembrandt: das ist gleichsam nur das irdische
+Teil an ihnen.
+
+Das Unsterbliche an den Werken der Kunst ist ihr Geist, der Geist,
+welcher dem inneren Auge des Malers, bevor er den ersten Pinselstrich
+auf die Leinwand gesetzt hat, das Werk vollendet zeigt.
+
+Und wie der Geist ist die Kunst unbegrenzt, soweit die Ausdrucksfhigkeit
+ihrer technischen Mittel reicht. Ihre Ausdrucksfhigkeit
+vergrern, heit das Bereich der Kunst erweitern, das Bereich
+der allein wahren Kunst, die von der Hand geboren, aber von
+der Phantasie gezeugt ist.
+
+
+
+
+EMPFINDUNG UND ERFINDUNG IN DER MALEREI
+
+
+Neulich meinte Wfflin in einem kleinen Aufsatz ber das Zeichnen, da
+jeder, der einen Kopf gut zeichnen knnte, auch gut zu schreiben
+verstnde. Ob das nicht zu viel behauptet ist, will ich als Maler nicht
+untersuchen, aber das glaube ich mit Recht behaupten zu drfen, da
+einer, der keinen Strich zeichnen kann, unfhig ist ber Malerei zu
+schreiben. Was wrden die Musiker sagen, wenn ein Maler, der nicht
+einmal die Wacht am Rhein oder Heil dir im Siegerkranz auf dem
+Klavier nachklimpern kann, sich herausnehmen wrde ber Musik zu
+sthetisieren!
+
+Das sthetische Urteil ber Malerei ist von Schriftstellern gemacht. Nie
+wrde ein Maler, auch wenn er Lessings Geist htte, das geistreiche und
+gerade deshalb so gefhrliche Paradoxon vom Raffael ohne Hnde erfunden
+haben. Oder gar aus dem Laokoon, der immer noch, und mit gutem Recht,
+die sthetische Bibel der Gebildeten ist, das Diktum: der Maler, der
+nach der Beschreibung eines Thomson eine schne Landschaft darstellt,
+hat mehr getan, als der sie gerade von der Natur kopiert. Der
+Schriftsteller versteht in der Gedankenmalerei die literarische
+Phantasie, und daher stellt er sie ber die sinnliche Malerei, die er
+nicht versteht, und aus Unkenntnis ihrer Wesenheit nicht verstehen kann.
+
+Malerei ist Nachahmung der Natur, der sie ihre Stoffe entlehnt, aber sie
+bleibt ohne die schpferische Phantasie geistlose Kopie, und es ist
+daher ganz gleichgltig, ob der Maler einen Sonnenuntergang aus der
+Tiefe seines Gemts oder nach einem Gedicht des Thomson oder nach der
+Natur malt. Mit andern Worten: nicht der Idealist steht -- wie Lessing
+meint -- hher als der Realist, sondern die Strke der Phantasie macht
+den greren Knstler.
+
+Fr den Maler liegt die Phantasie allein innerhalb der sinnlichen
+Anschauung der Natur: jedenfalls haben alle groen Maler von den
+gyptern, Griechen und Rmern bis zu Rembrandt und Velasquez, Manet und
+Menzel sich innerhalb dieser Grenzen gehalten. Zwischen dem Kleckser,
+der einen Sonnenuntergang malt und einem Claude Lorrain oder Claude
+Monet ist nur ein Qualittsunterschied. Die Gre des Talents eines
+Knstlers beruht auf der Gre seiner Naturanschauung und zwar auf der
+Gre der spezifisch malerischen Anschauung. Sonst htte Goethe ein
+ebenso groer Maler wie Dichter sein mssen. Wie die zahllosen Bltter,
+die das Goethehaus aufbewahrt, beweisen, hat es ihm weder an Flei noch
+an handwerksmiger Geschicklichkeit gefehlt, und wenn er trotz heiem
+Bemhen zeitlebens in der bildenden Kunst ein mittelmiger Dilettant
+geblieben ist, so liegt der Grund einfach darin, da seine Phantasie --
+als die eines geborenen Dichters -- nur mit dem Worte zu gestalten
+imstande war.
+
+Die Phantasie des Knstlers gestaltet nicht nur in dem Material, sondern
+fr das Material seiner speziellen Kunst, sonst kommt gemalte Poesie
+oder poetische Malerei, d.h. Unsinn heraus. Daher ist auch nur aus dem
+Material heraus eine richtige Wertung der Kunst mglich: der Genu an
+der Kunst steht jedem Empfnglichen offen, aber fr die Kritik ist die
+Kenntnis des Materials und der Technik unerllich.
+
+Einst fragte mich Virchow, whrend er mir zu seinem Portrt sa, ob ich
+nach einer vorgefaten Meinung male, und auf meine Antwort, da ich
+intuitiv die Farben nebeneinander setzte, entschuldigte sich der damals
+schon greise Gelehrte ob seiner Frage. Alles, fgte er hinzu, in der
+Kunst wie in der Wissenschaft, nmlich da, wo sie anfinge Wissenschaft
+zu werden, wo sie Neues entdeckte, sei Intuition. Als ich meinen Satz
+Cellula e Cellula gefunden hatte, war es erst Spteren vorbehalten, ihn
+zu beweisen. Letzten Endes ist die Kunst unergrndlich und wird es
+immer bleiben. Auch ist es gut so, denn wenn wir ihr Geheimnis
+ergrndeten, wre es mit ihr vorbei. Den knstlerischen Zeugungsproze
+kann man ebensowenig ergrnden wollen wie den physischen. Es wird ewig
+ein Rtsel bleiben, wie dem Knstler die Idee zu seinem Werke kommt,
+denn die Natur ist nur der uere Anla fr das Werk. Aber man kann die
+Gehirnttigkeit des Knstlers whrend seiner Arbeit beobachten, und den
+Weg, den seine Phantasie zurcklegt, von der Auffassung des Gegenstandes
+bis zu dessen Wiedergabe auf der Leinewand verfolgen. Der Knstler sieht
+die Gegenstnde durch seine Phantasie. Er sieht, was er zu sehen sich
+einbildet, oder wie Goethe es ebenso treffend, wie schn ausdrckt: wer
+die Natur schildert, schildert nur sich, und die Feinheit und Strke
+seines Gefhls.
+
+Der alte Schwind antwortete auf die Frage, wie er seine Zeichnungen
+mache: ich nehme einen Bleistift in die Hand, und da fllt mir halt was
+ein. Unter dem Pinsel wird die Form geboren, und die Maler mit den
+groartigen Ideen sind immer schlechte Maler.
+
+Die Erfindung des Malers beruht in der Ausfhrung und dieser Ausspruch,
+der eigens fr den Impressionismus geprgt zu sein scheint, und der von
+dem englischen Maler Blake aus der ersten Hlfte des vorigen
+Jahrhunderts herrhrt, ist nicht nur fr Manets Spargelbund gltig,
+sondern ebenso fr Michelangelos Erschaffung Adams in der Sixtina. In
+der Erfindung des Sujets kann die Erfindung Michelangelos nicht liegen,
+denn die steht in der Bibel: und Gott der Herr machte den Menschen aus
+einem Erdenklo und er blies ihm ein den lebendigen Odem in seine Nase.
+Und also ward der Mensch eine lebendige Seele. Da er uns die biblische
+Erzhlung berzeugend ad oculus demonstriert, darin liegt Michelangelos
+Genie: wir glauben den Odem Gottes in Adam bergehen zu sehen.
+
+Ein witziger Maler, den man vor seinem Bilde fragte, was er habe malen
+wollen, antwortete: wenn ich es sagen knnte, htte ich es nicht zu
+malen gebraucht. _Er_findung ist _Em_pfindung: aus ihr ergibt sich
+Technik und Stil. Daher ist es Bldsinn -- was man jeden Tag hren oder
+lesen mu -- zu sagen: das Bild des Professors X. ist ausgezeichnet
+gemalt, nur leider ohne Phantasie. Dann ist es eben schlecht gemalt.
+Aber ebenso bldsinnig: das Bild ist sehr phantasievoll, aber schlecht
+gemalt. Dann ist es vielleicht von poetischer oder musikalischer, aber
+nicht von malerischer Phantasie. Ein Bild ist gut, d.h. malerisch
+erdacht, wenn es mit den malerischen Ausdrucksmitteln darzustellen ist,
+und das malerisch nicht gut erdachte Bild kann berhaupt nicht gut
+gemalt werden. Also sind technische Schwierigkeiten immer nur Fehler in
+der Konzeption. Die schnsten Stcke Malerei wie die Bohmienne oder
+der Papst Innocenz sind die technisch einfachsten.
+
+Wer technische Schwierigkeiten eines Werkes sieht, ist berhaupt kein
+Knstler. Der echte Knstler gleicht dem Reiter ber den Bodensee: erst
+nach Vollendung des Werkes entdeckt er voller Grauen die
+Schwierigkeiten, die zu berwinden waren, und er wrde sein Werk nicht
+unternommen haben, wenn er sie vorher erkannt htte.
+
+In der bildenden Kunst ist geistige Vollendung zugleich technische
+Vollendung, denn in ihr sind Inhalt und Form nicht nur eins, sondern
+identisch. Es ist daher ein miges Spiel mit Worten das Kunstwerk in
+zwei Bestandteile zerlegen zu wollen: in ihm ist die Phantasie
+materialisiert und umgekehrt die Technik vergeistigt worden.
+
+Wenn Rembrandt sagt, da das Werk vollendet sei, sobald der Knstler
+ausgedrckt hat, was er hat ausdrcken wollen, so heit das nichts
+anderes, als da die Arbeit des Knstlers reine Phantasiettigkeit ist.
+Gut malen heit also mit Phantasie malen und die schnste, breiteste,
+flchigste Malerei bleibt uerliche Virtuositt, wenn sie nicht der
+Ausdruck der knstlerischen Anschauung ist. Die Phantasie hrt also
+nicht da auf, wo die Arbeit beginnt -- wie noch ein Lessing annahm, --
+sondern sie mu dem Maler bis zum letzten Pinselstrich die Hand fhren.
+Weshalb ist denn oft die flchtigste Skizze vollendeter als das fertige
+Bild? Weil die in ein paar Stunden entstandene Skizze von der Phantasie
+erzeugt ist, whrend die wochen-, ja monatelange Arbeit am Bilde die
+Phantasie erttet hat. Nicht etwa die Technik, sondern die Phantasie ist
+die Ursache, da nur die al Primamalerei was taugt, denn die Phantasie
+ist ebensowenig eine Heringsware wie die Begeisterung: nur das unter dem
+frischen Eindruck der momentanen Phantasie flssig ineinander gemalte
+Stck hat inneres Leben.
+
+Daher gibt es keine Technik per se, sondern so viele Techniken als es
+Knstler gibt. Und ohne eigene Technik kann es keine eigene Kunst geben.
+Franz Hals' Technik entspringt ebenso seiner Naturauffassung wie die des
+Velasquez der seinigen: Beide malten einfach, was sie sahen. Unbewut
+kam in ihre Malweise ihre Persnlichkeit.
+
+Man sehe sich die Bohmienne oder den Innocenz auf die angewandten
+Mittel an: das Handwerksmige daran kann jeder Malklassenschler. Auch
+wei man, da der Papst dem Velasquez zu dem Kopfe in Petersburg, der
+noch schner sein soll als der in Rom, nur eine Stunde gesessen hat; und
+Franz Hals hat sicher nicht viel lnger an der Bohmienne gearbeitet.
+Gebt einem Stmper eine Stunde lang die Phantasie eines Franz Hals oder
+Velasquez, und aus seiner Stmperei wird ein Meisterwerk. Aber Hals und
+Velasquez hatten keine Kunsttheorien; sie malten, was sie selber sahen,
+und nicht, was andere vor ihnen gesehen hatten: sie waren naiv. Sie
+malten nur mit ihrem malerischen unbewuten Gefhl und nicht mit dem
+Verstande. Sie warteten nicht die Stimmung ab, sondern die Stimmung kam,
+wenn sie den Pinsel in die Hand nahmen.
+
+Manet oder Leibl dachten malerisch. Sie suchten nicht das sogenannte
+Malerische in der Natur, sondern sie faten die Natur malerisch auf: die
+Natur war fr sie der Canevas fr ihr Bild. Feuerbach, Mares oder
+Bcklin bersetzten ihre Stimmungen oder Gedanken in die Sprache der
+Malerei: zum Ausdruck ihrer Sentiments bedienten sie sich der Natur.
+Derselbe Gegensatz wie zwischen dem naiven und sentimentalen Dichter
+besteht auch in der Malerei: der naive Maler geht von der Erscheinung
+aus, der sentimentale vom Gedanken.
+
+Aber gerade das Primre ist das Entscheidende; wie der wahre Dichter nur
+vom Erlebnis ausgeht, so geht das wahre malerische Ingenium nur von der
+sinnlichen Erscheinung aus. Letzten Endes ist jeder Maler Portrtmaler,
+der Wirklichkeitsmaler Franz Hals oder Velasquez ebenso wie der Maler
+der inneren Gesichte Albrecht Drer oder gar wie Rembrandt, unter
+dessen Pinsel die Bildnisse der Korporalschaft des Banning Cocq zur
+Nachtwache, dem phantasievollsten Bilde der Welt, wurden. Da dieses
+Gruppenbildnis einer Schtzengilde bis heutigen Tages die Nachtwache
+heit, das beweist am schlagendsten, da in der Malerei die Erfindung
+nur in der Ausfhrung beruht.
+
+Kunst ist Kern und Schale in einem Male: die Phantasie mu nicht nur die
+Vorstellung von dem Bilde erzeugen, sondern zugleich die
+Ausdrucksmittel, durch die der Maler seine Vorstellung auf die Leinwand
+zu projizieren imstande ist.
+
+Irgend ein Corneliusschler erzhlte, da er Mnchen in aller
+Hergottsfrhe umkreiste, um sich in weihevolle Stimmung zu versetzen,
+bevor er an die Arbeit ging, und ins Atelier gekommen, flo der
+Contour. Aber Heinrich v. Kleist lt in einer Betrachtung ber
+Berliner Kunstzustnde im Jahr 1811 einen Vater seinem Sohne sagen: du
+schreibst mir, da du eine Madonna malst, und da du jedesmal, bevor du
+zum Pinsel greifst, das Abendmahl nehmen mchtest. La dir von deinem
+alten Vater sagen, da dies eine falsche Begeisterung ist, und da es
+mit einer gemeinen, aber brigens rechtschaffenen Lust an dem Spiele,
+deine Einbildungen auf die Leinewand zu bringen, vllig abgemacht ist.
+
+
+
+
+PHANTASIE UND TECHNIK
+
+ Ohne Hnde gibt es keine Maler,
+ und ohne brauchbare, keine gute.
+
+ RUMOHR.
+
+
+Kaiser Wilhelm lie als junger Prinz von irgendeinem Hofmaler sein
+Bildnis malen und als er es besah, fragte er den Professor: Habe ich
+denn so groe Augen? und auf die Antwort des Malers, da er die Augen
+von Knigl. Hoheit so gro she, erwiderte der Prinz: Dann begreife ich
+nicht, da Sie Maler geworden sind.
+
+Die Phantasie ist immer Voraussetzung, und ebensowenig zu beweisen, wie
+da 2 2 = 4 ist. Die sthetische Betrachtung kann nur ergrnden
+wollen, wie sich die Form fr das Werk unter der Hand des Knstlers
+gestaltet, nicht aber den Proze, der in seinem Kopfe vorausgeht. Jeder
+Knstler, ob er Maler, Musiker oder Dichter ist, mu von der Anschauung
+ausgehen: Die Vision, die uere wie die innere, ist das Primre, und
+aus der Wiedergabe der Vision geht erst der Gedanke hervor. Der
+Schriftsteller aber will seinem Gedanken Ausdruck geben, der Gedanke ist
+also das Primre und die Form das Sekundre. Natrlich ist ein Bild, das
+der Maler aus der Natur konzipiert und nach der Natur malt, deshalb noch
+nicht gut, aber ein Bild, das aus der Idee entstanden, kann nicht gut
+sein.
+
+Denn in aller Kunst mu sich aus der Form erst der Gedanke entwickeln.
+Die Form des Gedankens mu dem Dichter schon vorschweben, ehe der
+Gedanke selbst erscheint (Lichtenberg), um wie viel mehr in der
+bildenden Kunst und in der Musik, wo Form und Gedanke identisch sind.
+
+Als der Jenenser Student Goethen fragte, wie er zu seinem Stile gelangt
+wre, antwortete er: Ich habe die Dinge auf mich wirken lassen. Tizian
+oder Tintoretto, Rembrandt und F. Hals, Velasquez und Manet htten
+dieselbe Antwort geben knnen auf die Frage, wie sie zu ihrer Malerei
+gelangt wren. Da der Knstler in irgendeinem xbeliebigen Modell den
+Kaiser Augustus oder Napoleon sieht, ist das Werk seiner Phantasie und
+ebenso unerforschlich wie das psychische Moment im menschlichen
+Zeugungsproze; aber wie wir den physiologischen Proze zu ergrnden
+versuchen drfen, so knnen wir nachforschen, wie der Knstler seine
+Phantasie gleichsam materialisiert durch seine Technik und in ihr.
+Technik heit hier natrlich nicht das Handwerksmige, das jeder
+Knstler selbstverstndlich gelernt haben mu, sondern Technik bedeutet
+hier das Ausdrucksmittel der Phantasie. Die Technik projiziert die
+knstlerische Phantasie auf die Bildflche und diese Projektion ist die
+Kunst.
+
+Die Griechen hatten fr Kunst und Handwerk nur das eine Wort ~h techn~:
+Beide sind desselben Ursprungs. Wehe der Kunst, die ihres Ursprungs
+vergit! Die von der Malerei verlangt, was nur Poesie oder Musik zu
+leisten vermgen. Wie der Dichter fr das Wort, der Musiker fr den Ton,
+so mu der Maler fr sein Ausdrucksmittel erfinden. Man vergleiche eine
+Silberstiftzeichnung Rembrandts mit einer seiner in Sepia lavierten
+Zeichnungen: wie er jedem Material durch diese adquate Behandlung
+gerade die hchste Wirkung entlockt. Der Meister verlangt nicht vom
+Stifte, was nur der Pinsel hergibt oder umgekehrt.
+
+Aber wie sich aus dem Affen nie der Mensch entwickeln kann, obgleich
+beide derselben Abstammung sind, so kann nie aus dem vollendetsten
+Handwerker der Knstler werden ohne den gttlichen Funken der Phantasie.
+Das Genie ist notwendige Voraussetzung jedes Kunstwerkes; aber dieses
+kann sich nur auf handwerklicher Basis gestalten. Knstler und
+Handwerker prozedieren gleicherweise, einer wie der andere will nur sein
+Handwerk bestmglich ausben. Ist aber der Handwerker nebenbei noch ein
+Phidias oder ein Raffael, so wird aus seinem Handwerk -- ihm natrlich
+unbewut -- das ideale Kunstwerk. Ideal in dem Sinne, da sich der
+Knstler in seinem Werke vollendet. Ein objektives Ideal ist eine
+contradictio in adjecto: Wren Phidias oder Raffael das Ideal an sich,
+so knnten es Rembrandt und Velasquez nicht auch sein.
+
+Jedes Kunstwerk ist ideal und real zugleich, insofern der Knstler vom
+sinnlichen Natureindruck ausgeht, also ist die Bezeichnung von
+idealistischer oder realistischer Kunst ein Pleonasmus: mit ihrer
+Qualitt hat weder die eine noch die andere etwas zu tun. Sie knnen
+hchstens das Stoffliche bezeichnen, wie man etwa das brgerliche
+Schauspiel vom historischen unterscheidet. Aber auch der rckstndigste
+Professor wird nicht Maria Stuart oder die Jungfrau von Orleans,
+weil sie historische Dramen sind, dem blo brgerlichen Schauspiel
+Kabale und Liebe vorziehen wollen.
+
+Mein verstorbener Freund Jettel pflegte jedem, der ihn besuchte -- und
+welcher deutsche Maler, der im letzten Viertel des verflossenen
+Jahrhunderts nach Paris kam, hat ihn nicht besucht! -- die Geschichte
+von dem Wiener Akademiedirektor zu erzhlen, wie der Meisterschler den
+Karton zu seinem ersten Bilde Luther schlgt die Thesen an die
+Schlokirche zu Wittenberg zeichnet. Nach monatelangem Korrigieren und
+ndern ist endlich der Karton fertig, und die Komposition wird auf die
+Leinwand gepaust: Luther schwingt den Hammer, whrend die Menge ihm
+begeistert zujauchzt. Als der Direktor zur Korrektur kommt, lobt er die
+Komposition, aber er meint, da es der Erhabenheit des weltgeschichtlichen
+Moments nicht angemessen sei, da Luther eigenhndig den
+Hammer schwinge. Das msse einer seiner Jnger tun. Dem braven
+Schler leuchtet es ein, und die Komposition wird demgem verndert:
+Whrend Luther die Menge haranguiert, schwingt der Nchststehende den
+Hammer; als der Meister wieder kommt, billigt er die nderung, aber er
+meint, da nicht der Luther Nchststehende, sondern dessen Nachbar die
+Thesen anschlagen msse, um nicht die Aufmerksamkeit des Beschauers von
+der Gestalt Luthers, der doch die Hauptperson im Bilde sei, abzulenken.
+So gehts durch ein viertel oder ein halbes Jahr weiter, bei jedem
+Besuche im Atelier des Schlers meint der Direktor, da der Nchste den
+Hammer schwingen msse, bis alle der Reihe nach den Hammer geschwungen
+haben und der Direktor zu dem Schlusse kommt, da in der furchtbaren
+Erregung des weltgeschichtlichen Moments Luther den Hammer selbst in die
+Hand nehmen und die Thesen eigenhndig anschlagen wrde.
+
+Alles in der Kunst ist Qualitt, und die Qualitt des Kunstwerkes hngt
+von dem Quantum von Phantasie, die es erzeugte, ab, denn nur die von der
+Phantasie erzeugte Form ist lebendig. Aber die Phantasie erfindet nicht
+die Form -- denn die ist von Anbeginn der Kunst vorhanden, wie in der
+Poesie das Wort und in der Musik der Ton, sondern den Ausdruck fr die
+Form, das heit die Technik. Nicht die Form ist das Originelle, sondern
+die knstlerische Originalitt beruht darin, wie die Phantasie zur Form
+geworden ist. Jeder Knstler, auch der grte, bernimmt die
+traditionellen Formen seiner Zeit und seiner Umgebung. Die frhen
+Raffaels oder Rembrandts gleichen den Bildern ihrer Meister (so sehr,
+da man sie fr die ihrer Meister angesprochen hat). Sie suchen nicht
+etwa neue Ausdrucksformen, das heit eine neue Technik, sondern ihre
+neue Technik ergibt sich aus ihrer knstlerischen Individualitt.
+Hieraus ergibt sich der neue Stil eines jeden Meisters.
+
+In der Musik heit Virtuose, wer die fremde Komposition vorzutragen
+imstande ist. Mit demselben Rechte knnte man die Maler, die keine
+originelle Ausdrucksweise besitzen, Virtuosen nennen, nur kann man
+leider nicht so leicht wie in der Musik den Komponisten vom Virtuosen in
+der bildenden Kunst trennen, wo die Erfindung die Ausfhrung ist. Die
+Fagerolles, die nur reproduzierende Knstler sind, gelten oft sogar mehr
+als die Claude, die sie kopieren.
+
+Aber Meister ist nur, der seine eigenen Gedanken in eigener Sprache
+auszudrcken imstande ist. Daher haben die geborenen groen Maler, je
+lter sie wurden, desto schner gemalt. Nicht etwa, da ihre Hand mit
+den Jahren geschickter wurde, im Gegenteil: sie werfen die
+Geschicklichkeit des Handgelenks, die den Jngling freut und ber die
+mangelnde Originalitt hinwegtuscht, mit Verachtung von sich und zwar
+so, da noch ein Karl Justi in seinem Pamphlet gegen die Moderne die
+Alterswerke eines Rembrandt oder F. Hals senil nennen konnte. Der
+Meister ist der berwinder der Technik. Man vergleiche auf Rembrandts
+Anatomie im Haag den Leichnam mit dem Stck auf der leider angebrannten
+Anatomie des Dr. Deisman in Amsterdam, wie die Technik sich vereinfacht
+hat, wie jedes Detail unterdrckt wird. Wir sehen nur noch das
+Wesentliche, den Typus des Kadavers und -- schaudern, wie wenn wir
+pltzlich vor einer Leiche stehen. Wohl sehen wir im Haag einen der
+schnsten Rembrandts, aber der 26jhrige macht noch Malerei, die
+freilich wunderbar herrlich ist. Aber 25 Jahre spter malt Rembrandt
+nicht mehr ein Bild, sondern seine Seele auf die Leinwand. Genau
+dasselbe bei F. Hals: in Haarlem kann man vor den Doelenstcken seine
+Entwicklung whrend eines halben Jahrhunderts von Stufe zu Stufe
+verfolgen, vom Rubensschler, der die Technik seines Meisters sklavisch
+kopiert, bis zum 80jhrigen Meister, der in den zwei Bildern der
+Vorsteher und der Vorsteherinnen eines Waisenhauses das hchste und
+schnste leistet, was die Malerei hervorgebracht hat. In diesen
+senilen Werken ist allerdings nichts mehr von Technik zu merken, denn
+jeder Pinselstrich und jeder Farbfleck ist Leben geworden. Wie der Kopf
+des greisen Mommsen ganz durchgeistigt schien, nur noch Seele, so ist in
+den beiden Altersschpfungen von Hals nichts Materielles mehr: der Geist
+hat die Technik vernichtet.
+
+Dasselbe Phnomen bei Tizian. Zwischen der Dornenkrnung in Paris und
+der in Mnchen liegen rund 30 Jahre: die Komposition ist absolut
+dieselbe geblieben, aber aus der Malerei ist Leben geworden. Nur die
+Phantasie kann dieses Wunder bewirkt haben: sie hat die Technik
+vergeistigt. Oder mit anderen Worten: aus dem Maler, der die Natur
+nachahmt, wird der Knstler, der ein Neues schafft, das heit: der
+Knstler, der eine neue Technik schafft.
+
+Jede neue Kunst ist also letzten Endes neue Technik. Man vergleiche das
+Hohe Lied mit einem lyrischen Gedicht Goethes oder den gyptischen
+Dorfschulzen im Museum in Kairo mit einer Bronze Rodins: obgleich 5000
+Jahre dazwischen liegen, das Ringen des menschlichen Geistes nach
+demselben Ausdruck. Nur mit verschiedenen Mitteln, d.h. mit vernderter
+Technik.
+
+Sein Talent hat der Knstler vom lieben Gott: Was er aber daraus macht
+mittelst seiner Technik, das ist _seine_ Kunst. Daher ist es nicht etwa
+de Fachsimpelei la Tessman, sondern der gesundeste Instinkt, wenn der
+Knstler sich Zeit seines Lebens nur mit der Technik beschftigt. Fr
+ihn ist die Technik die Kunst. Lieber Junge, die berraschenden
+Wirkungen, welche viele nur dem Naturgenie zuschreiben, erzielt man oft
+ganz leicht durch richtige Anwendung und Auflsung der Septimenakkorde.
+Was fr Beethoven Technik ist, erscheint uns als Ausfluss seines Genies
+und zwar ganz folgerichtig, denn die Technik ist ja Ausfluss des Genies
+oder sollte es wenigstens sein. Bei Rodin spiegelt sich die ganze Welt
+in der Oberflche des Kunstwerkes.
+
+Die Technik fngt erst an, knstlerisch zu werden, wo sie persnlich
+wird, daher kann man nur das Handwerksmige, das Kunstgewerbliche an
+ihr lehren und lernen. Daher gibt es keine Technik ~kat' exochn~.
+Raffael malt wie Perugino, F. Hals wie Rubens und Rembrandt wie sein
+Lehrer Lastmann, solange sie Schler waren. Als aber Raffael er
+geworden, malt er raffaelisch wie Hals halsisch und wie Rembrandt
+rembrandtisch malten, sobald sie Hals und Rembrandt geworden. Es ist
+durchaus zu verstehn, da die jungen Leute heutzutage Czanne oder van
+Gogh nachahmen: ihr Fehler beruht nur darin, da sie die Hieroglyphe
+ihres Vorbildes kopieren, ohne zu wissen, was sie bedeutet, wie die
+Mnche im Mittelalter die griechischen und lateinischen Texte
+abschrieben, ohne sie zu verstehen.--
+
+Der bekannte Gehirnanatom Edinger berichtet den merkwrdigen Fall, da
+ein Schreiner nach einer Verletzung der Gehirnrinde wieder vllig
+genesen war, nur die Funktion des Hobelns war ihm durch seine Erkrankung
+abhanden gekommen: Hand und Herz gehren nun mal in der Malerei zusammen
+und die Vorstellung vom Raffael ohne Hnde ist nicht nur wider die
+Natur, sondern wider die Kunst. Denn im Knstler lst erst die Form die
+Idee aus.
+
+
+Druck von W. Drugulin in Leipzig
+
+
+
+
+ [ Im folgenden werden alle genderten Textzeilen angefhrt, wobei
+ jeweils zuerst die Zeile wie im Original, danach die genderte Zeile
+ steht.
+
+ Phantasie verstehe: die den malerischen Mitteln am meisten daquate
+ Phantasie verstehe: die den malerischen Mitteln am meisten adquate
+
+ Auffassung der Natur. Jeder Kontur, jeder Pinselstrich ist Ausflu einer
+ Auffassung der Natur. Jede Kontur, jeder Pinselstrich ist Ausflu einer
+
+ schwarz, fr zu gapatzt und wohl auch fr nicht vorteilhaft genug
+ schwarz, fr zu gepatzt und wohl auch fr nicht vorteilhaft genug
+
+ brachte. Allerdings vom Handwerksstandgunkt aus ist der Nachtwache die
+ brachte. Allerdings vom Handwerksstandpunkt aus ist der Nachtwache die
+
+ Nachtwache dem phantasievollsten Bilde der Welt, wurden. Da dieses
+ Nachtwache, dem phantasievollsten Bilde der Welt, wurden. Da dieses
+
+ ]
+
+
+
+
+
+End of Project Gutenberg's Die Phantasie in der Malerei, by Max Liebermann
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE PHANTASIE IN DER MALEREI ***
+
+***** This file should be named 38158-8.txt or 38158-8.zip *****
+This and all associated files of various formats will be found in:
+ http://www.gutenberg.org/3/8/1/5/38158/
+
+Produced by Jana Srna, Norbert H. Langkau and the Online
+Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net (This
+file was produced from images generously made available
+by The Internet Archive/Canadian Libraries)
+
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+Updated editions will replace the previous one--the old editions
+will be renamed.
+
+Creating the works from public domain print editions means that no
+one owns a United States copyright in these works, so the Foundation
+(and you!) can copy and distribute it in the United States without
+permission and without paying copyright royalties. Special rules,
+set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to
+copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to
+protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. Project
+Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you
+charge for the eBooks, unless you receive specific permission. If you
+do not charge anything for copies of this eBook, complying with the
+rules is very easy. You may use this eBook for nearly any purpose
+such as creation of derivative works, reports, performances and
+research. They may be modified and printed and given away--you may do
+practically ANYTHING with public domain eBooks. Redistribution is
+subject to the trademark license, especially commercial
+redistribution.
+
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+*** START: FULL LICENSE ***
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+THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE
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+
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+electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to
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+If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a Project
+Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound by the
+terms of this agreement, you may obtain a refund from the person or
+entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph 1.E.8.
+
+1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be
+used on or associated in any way with an electronic work by people who
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+things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
+even without complying with the full terms of this agreement. See
+paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project
+Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement
+and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic
+works. See paragraph 1.E below.
+
+1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation"
+or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
+Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the
+collection are in the public domain in the United States. If an
+individual work is in the public domain in the United States and you are
+located in the United States, we do not claim a right to prevent you from
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+freely sharing Project Gutenberg-tm works in compliance with the terms of
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+electronic work, or any part of this electronic work, without
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+that
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+ the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method
+ you already use to calculate your applicable taxes. The fee is
+ owed to the owner of the Project Gutenberg-tm trademark, but he
+ has agreed to donate royalties under this paragraph to the
+ Project Gutenberg Literary Archive Foundation. Royalty payments
+ must be paid within 60 days following each date on which you
+ prepare (or are legally required to prepare) your periodic tax
+ returns. Royalty payments should be clearly marked as such and
+ sent to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation at the
+ address specified in Section 4, "Information about donations to
+ the Project Gutenberg Literary Archive Foundation."
+
+- You provide a full refund of any money paid by a user who notifies
+ you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he
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+ License. You must require such a user to return or
+ destroy all copies of the works possessed in a physical medium
+ and discontinue all use of and all access to other copies of
+ Project Gutenberg-tm works.
+
+- You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of any
+ money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
+ electronic work is discovered and reported to you within 90 days
+ of receipt of the work.
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+- You comply with all other terms of this agreement for free
+ distribution of Project Gutenberg-tm works.
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+1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project Gutenberg-tm
+electronic work or group of works on different terms than are set
+forth in this agreement, you must obtain permission in writing from
+both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael
+Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark. Contact the
+Foundation as set forth in Section 3 below.
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+1.F.
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+effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
+public domain works in creating the Project Gutenberg-tm
+collection. Despite these efforts, Project Gutenberg-tm electronic
+works, and the medium on which they may be stored, may contain
+"Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate or
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+LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE
+PROVIDED IN PARAGRAPH 1.F.3. YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE
+TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE
+LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR
+INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH
+DAMAGE.
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+receive the work electronically in lieu of a refund. If the second copy
+is also defective, you may demand a refund in writing without further
+opportunities to fix the problem.
+
+1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth
+in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS' WITH NO OTHER
+WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO
+WARRANTIES OF MERCHANTIBILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.
+
+1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied
+warranties or the exclusion or limitation of certain types of damages.
+If any disclaimer or limitation set forth in this agreement violates the
+law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be
+interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by
+the applicable state law. The invalidity or unenforceability of any
+provision of this agreement shall not void the remaining provisions.
+
+1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
+trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
+providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in accordance
+with this agreement, and any volunteers associated with the production,
+promotion and distribution of Project Gutenberg-tm electronic works,
+harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees,
+that arise directly or indirectly from any of the following which you do
+or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
+work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
+Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.
+
+
+Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need, are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at http://pglaf.org
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit http://pglaf.org
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including checks, online payments and credit card donations.
+To donate, please visit: http://pglaf.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
+
+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
+
+ http://www.gutenberg.org
+
+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
+subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
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+<pre>
+
+Project Gutenberg's Die Phantasie in der Malerei, by Max Liebermann
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Die Phantasie in der Malerei
+
+Author: Max Liebermann
+
+Release Date: November 28, 2011 [EBook #38158]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: UTF-8
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE PHANTASIE IN DER MALEREI ***
+
+
+
+
+Produced by Jana Srna, Norbert H. Langkau and the Online
+Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net (This
+file was produced from images generously made available
+by The Internet Archive/Canadian Libraries)
+
+
+
+
+
+
+</pre>
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+
+
+<div id="tnote">
+<p class="center"><b>Anmerkungen zur Transkription:</b></p>
+<p>Schreibweise und Interpunktion des Originaltextes wurden
+übernommen; lediglich offensichtliche Druckfehler wurden
+korrigiert. <span class="screen">Änderungen sind im Text
+<ins title="so wie hier">so gekennzeichnet</ins>. Der
+Originaltext erscheint beim Überfahren mit der Maus.</span>
+Eine <a href="#tn-bottom">Liste der vorgenommenen Änderungen</a>
+findet sich am Ende des Textes.</p>
+</div>
+
+<div class="figcenter page-break" style="width: 375px;">
+<img src="images/cover.jpg" width="373" height="600" alt="" style="border: 1px solid black;"/>
+</div>
+
+<h1><big class="gesperrt">DIE PHANTASIE</big><br/>
+IN DER MALEREI</h1>
+
+<p class="center" style="line-height: 2;"><small>VON</small><br/>
+<span class="gesperrt">MAX LIEBERMANN</span></p>
+
+<hr class="line"/>
+
+<p class="center" style="line-height: 1.6;">BEI BRUNO CASSIRER<br/>
+BERLIN 1916</p>
+
+<p class="center page-break">VIERTE AUFLAGE</p>
+
+<p class="center page-break" style="font-size: large;">DEN MANEN HUGO VON TSCHUDIS<br/>
+UND ALFRED LICHTWARKS</p>
+
+<h2>INHALT</h2>
+
+<table id="toc" summary="Inhalt">
+<tr>
+ <th>&nbsp;</th>
+ <th>Seite</th>
+</tr>
+<tr>
+ <td>Vorwort zur zweiten Auflage</td>
+ <td class="right"><a href="#Page_7">7</a></td>
+</tr>
+<tr>
+ <td>Einleitung</td>
+ <td class="right"><a href="#Page_9">9</a></td>
+</tr>
+<tr>
+ <td>Die Phantasie in der Malerei</td>
+ <td class="right"><a href="#Page_19">19</a></td>
+</tr>
+<tr>
+ <td>Empfindung und Erfindung in der Malerei</td>
+ <td class="right"><a href="#Page_41">41</a></td>
+</tr>
+<tr>
+ <td>Phantasie und Technik</td>
+ <td class="right"><a href="#Page_53">53</a></td>
+</tr>
+</table>
+
+<h2><a class="pagenum" name="Page_7" title="7"> </a>VORWORT ZUR ZWEITEN AUFLAGE</h2>
+
+<p class="drop-cap"><span class="upper-case">Wer</span>, irregeführt durch den anspruchsvollen Titel
+meines Büchelchens, eine wissenschaftliche Abhandlung
+über die Phantasie zu finden hofft, wird arg
+enttäuscht werden. Ich habe die Erfahrungen und Beobachtungen,
+die ich in einer ach! fast fünfzigjährigen
+Beschäftigung mit der Malerei gesammelt habe, aufgezeichnet.</p>
+
+<p>Daß ich als Maler subjektiv über Malerei urteile, ist
+selbstverständlich. Aber ich habe nicht beabsichtigt,
+etwa für die naturalistische Malerei Propaganda zu
+machen &ndash; denn deren hat sie nicht nötig&nbsp;&ndash;, sondern
+ich schrieb die folgenden Seiten, um zu zeigen, daß jede
+Malerei naturalistisch sein müsse, wenn sie gut ist.</p>
+
+<p>Es gibt keine blödsinnigere Behauptung, als die,
+welche man &ndash; wahrscheinlich gerade deswegen weil
+sie so blödsinnig ist &ndash; täglich liest und hört: der
+Naturalismus ist tot. Denn alle Kunst beruht auf der
+Natur und alles Bleibende in ihr ist Natur. Nicht
+die den Künstler umgebende nur, sondern vor allem
+seine eigene Natur. Wie er, der Künstler, die Welt
+anschaut, mit seinen inneren und äußeren Sinnen &ndash;
+das nenne ich seine Phantasie &ndash; die Gestaltung dieser
+<a class="pagenum" name="Page_8" title="8"> </a>
+seiner Phantasie ist seine Kunst. Als Maler gehe ich
+von der Anschauung aus, daher interessiert mich ausschließlich
+die gestaltende Phantasie, während mir die
+schöpferische Phantasie im Kunstwerke Axiom ist. Sie
+ist göttliche Eingebung, der nur auf dem Wege reinen
+Denkens beizukommen ist (wenn ihr überhaupt beizukommen
+ist). Der gestaltenden Phantasie aber dürfen
+wir hoffen, auf psychologisch-empirischem Wege nachspüren
+zu können. Oder mit anderen Worten: wir
+dürfen versuchen wollen, aus der Technik den Geist,
+der das Werk gezeugt hat, zu erklären.</p>
+
+<p>Daß wenige Wochen nach Erscheinen der ersten Auflage
+eine zweite nötig geworden, ist ein erfreulicher
+Beweis, daß der Krieg wie andere Vorurteile auch das
+Diktum Inter arma silent Musae hinweggefegt hat.</p>
+
+<p><span class="gesperrt">Berlin</span>, April 1916.</p>
+
+<p class="right">MAX LIEBERMANN</p>
+
+<h2 class="chapter"><a class="pagenum" name="Page_9" title="9"> </a>EINLEITUNG</h2>
+
+<div><a class="pagenum" name="Page_11" title="11"> </a></div>
+<blockquote>
+<p>»...&nbsp;daß das Studium der Natur und die Erfindung der
+Phantasie im Nachahmen das Bleibende in allem sei&nbsp;...«</p>
+
+<p class="right">(Goethes Gespräch.)</p>
+</blockquote>
+
+<p class="drop-cap"><span class="upper-case">In</span> seinem Tagebuch stellt Delacroix die Behauptung
+auf, daß jede Ästhetik mit einer Terminologie der
+Kunstausdrücke zu beginnen habe, da Jeder darunter
+etwas anderes verstehe. Er unternimmt auch die
+Erklärung einiger termini, aber er hört alsbald wieder
+damit auf, wahrscheinlich weil er die Unmöglichkeit
+seines Unternehmens einsieht.</p>
+
+<p>Ich bin mir wohl bewußt, das Wort »Phantasie«,
+von dem die folgenden Seiten handeln, in einem
+dem landläufigen abweichenden Sinne gebraucht zu
+haben und ich hätte es gern mit einem passenderen
+Worte vertauscht, wenn ich eins gefunden
+hätte. Im allgemeinen bezeichnet man mit Phantasie
+die Einbildungen unsres Gehirns, das Imaginäre, das
+ein nicht Existierendes vorzaubert. In dieser Bedeutung
+kann man Phantasie überhaupt nicht anwenden
+auf die Malerei, die nichts erfinden kann
+oder soll, was nicht in der Natur existiert oder
+wenigstens existieren könnte. Ich möchte der Phantasie
+mehr die Bedeutung, die das Wort im Griechischen
+hatte, beilegen: <span class="greek" lang="grc" xml:lang="grc" title="phainomenon">φαινομενον</span>, Erscheinung. Der Maler
+will das ihm vorschwebende Bild zur Erscheinung
+<a class="pagenum" name="Page_12" title="12"> </a>
+bringen, er will die Erscheinung auf die Leinwand
+projizieren, wobei es ganz gleichgültig ist, ob ihm
+das Bild vor seinem geistigen oder leiblichen Auge
+schwebt. Denn beides ist im Grunde dasselbe: der
+Maler kann nur malen, was er zu sehen glaubt, ob
+er sein Bild im Geiste oder in der Natur sieht.</p>
+
+<p>Aus der Phantasie malen steht also in keinem
+Gegensatze zum Nach-der-Natur-malen, denn es sind
+nur zwei verschiedene Wege, die nach demselben Ziele
+führen sollen. Noch falscher aber wäre die Annahme,
+die nicht nur im Publikum, sondern leider
+auch in der Ästhetik immer noch besteht, als ob
+der Maler, der <em class="gesperrt">aus</em> der Phantasie malt, mehr <em class="gesperrt">mit</em>
+der Phantasie malt, als der, welcher nach der Natur
+malt.</p>
+
+<p>Je naturalistischer eine Malerei ist, desto phantasievoller
+muß sie sein, denn die Phantasie des Malers
+liegt nicht &ndash; wie noch ein Lessing annahm &ndash; in der
+Vorstellung von der Idee, sondern in der Vorstellung
+von der Wirklichkeit oder wie Goethe es treffend ausdrückt:
+»Der Geist des Wirklichen ist das wahrhaft
+Ideelle«. Daher bedeutet idealistische Malerei im
+Gegensatze zur naturalistischen Malerei nur die verschiedene
+Auffassung der Natur, aber keinen Qualitätsunterschied:
+die Qualität beruht einzig und allein in
+der größeren oder geringeren Kraft der Phantasie
+des Malers, mag er nun wie Raffael eine Madonna
+oder wie Rembrandt einen geschlachteten Ochsen
+malen. Natürlich kann ich nicht mit mathematischer
+<a class="pagenum" name="Page_13" title="13"> </a>
+Genauigkeit beweisen wollen, warum der eine Meister
+mehr Phantasie hat als der andere. Ich kann nur sagen
+wollen, warum ich ein Porträt von F. Hals für phantasievoller
+halte als einen Holbein. Und wenn ich sage,
+daß ich in Franz Hals den phantasievollsten Maler
+sehe, der je gelebt hat, so wird vielleicht klarer,
+was ich unter malerischer Phantasie verstehe: die
+den malerischen Mitteln am meisten <ins title="ädaquate">adäquate</ins> Auffassung
+der Natur. <ins title="Jeder">Jede</ins> Kontur, jeder Pinselstrich
+ist Ausfluß einer künstlerischen Konvention. Je
+suggestiver die Konvention wird, je ausdrucksvoller
+durch die Form oder die Farbe oder durch beides
+zusammen der Maler sein inneres Gesicht auf die
+Leinwand zu bringen imstande war, desto größere,
+stärkere Phantasietätigkeit war zur Erzeugung seines
+Werkes nötig. Ebensowenig wie man den physischen
+Zeugungsprozeß je ergründen wird, ebensowenig
+wird der Schleier von dem künstlerischen Zeugungsprozeß
+je fallen. Wie es Axiomata gibt, die nicht
+in Frage gestellt werden dürfen, wenn man mathematische
+Fragen erörtern will, so gibt es in der
+Ästhetik gewisse notwendige Voraussetzungen, über
+die nicht zu diskutieren ist. Das Genie ist selbstverständliche
+Voraussetzung und die Ästhetik kann
+sich nur damit beschäftigen wollen, wie und auf
+welche Weise es sich äußert. Der heilige Augustinus
+definiert die Kunst als das, was die großen Künstler
+hervorgebracht haben. Fragt sich nur, welche Künstler
+man als die großen bezeichnet. Und diese Frage
+<a class="pagenum" name="Page_14" title="14"> </a>
+wird nie endgültig gelöst werden, denn letzten Endes
+entscheidet in ästheticis der Geschmack und nirgends
+gilt das post hoc ergo propter hoc mehr als in der
+Ästhetik.</p>
+
+<p>Je mehr wir also in der Ästhetik beweisen wollen,
+desto mehr wird unsre Untersuchung darauf hinauslaufen,
+unsren Geschmack als den richtigen dem
+Leser hinzustellen. Wir beweisen unsren Geschmack
+mit unsrem Geschmack, wir machen ihn also in
+derselben Sache zum Richter und zum Zeugen.
+Alljährlich werden wir mit einer Unzahl jener kunsthistorischen
+Romane beschenkt, die irgendeinen berühmten
+Maler oder Bildhauer zum Helden haben,
+und an dem uns der Autor seine Ansichten über
+Kunst exemplifiziert. Sie sind zwar ein erfreulicher
+Beweis für das Interesse des Publikums an bildender
+Kunst &ndash; denn wenn sie nicht gekauft würden,
+wären sie nicht geschrieben und noch weniger gedruckt
+&ndash; aber für das Verständnis der Kunst sind
+sie eher schädlich als nützlich; denn sie geben uns
+nur Meinungen und Empfindungen des Autors wieder,
+also lauter Urteile, die keinen wissenschaftlichen Wert
+beanspruchen dürfen, da sie nicht verstandesmäßig
+begründet werden können.</p>
+
+<p>In der Vorrede zur »Kritik der reinen Vernunft«
+sagt Kant, daß Kopernikus, »der, nachdem es mit der
+Erklärung der Himmelsbewegung nicht gut fort wollte,
+wenn er annahm, das ganze Sternenheer drehe sich
+um den Zuschauer, versuchte, ob es nicht besser gelingen
+<a class="pagenum" name="Page_15" title="15"> </a>
+möchte, wenn er den Zuschauer sich drehn
+und dagegen die Sterne in Ruhe ließ.« Lassen wir
+das Übersinnliche in der Kunst in Ruhe und stellen
+wir uns Kunst &ndash; nach der Etymologie des Wortes &ndash;
+als Können vor. Vielleicht daß wir vom Sinnlichen,
+das heißt der Technik, leichter in den Geist der Kunst
+einzudringen vermögen.</p>
+
+<p>Nicht etwa, als ob ich, wie den Menschen in
+Körper und Seele, so die Kunst in Geist und Technik
+zerlegen wollte: die Technik ist der Ausdruck des
+Geistes. Niemand kann sagen, wo das Handwerk
+aufhört und das Kunstwerk beginnt, denn beides ist
+in- und miteinander unlöslich verwachsen. Ein Bild
+in Geist und Technik zerlegen wollen hieße ein
+lyrisches Gedicht in Prosa auflösen oder nach A. v.
+Bergers witzigem Worte: eine Statue sezieren wollen.</p>
+
+<p>Die Kunst ist des Künstlers Handwerk, das auszubilden
+die Aufgabe seines Lebens ausmacht. Sie
+ausbilden heißt: seine Natur so restlos und überzeugend
+als möglich durch die Mittel seiner Kunst zum
+Ausdruck zu bringen.</p>
+
+<p>Der Inhalt der Kunst ist also die Persönlichkeit
+des Künstlers, das sogenannte Genie. Dieses ist ein
+Geschenk der Götter, welches sie ihm in die Wiege
+gelegt haben und für dessen Dasein wir ebensowenig
+einen ontologischen Beweis führen können wie für
+das Dasein Gottes. Nur die Vorstellung, die das
+Werk des Genies in uns auslöst, läßt uns mit Notwendigkeit
+auf die Existenz des Genies schließen.</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_16" title="16"> </a>Die Kunst dagegen ist das eigne Werk des Künstlers
+und da das Genie unbewußt ihm innewohnt, ist es
+nur logisch, daß der Künstler nur an seine Kunst,
+das heißt an die Technik denkt. Für ihn ist Kunst
+und Handwerk identisch. Nicht in der Idee, sondern
+in der Ausführung der Idee liegt die Kunst. Rembrandt
+antwortete seinen Schülern auf die Frage, wie
+sie malen sollten: nehmt den Pinsel in die Hand und
+fanget an.</p>
+
+<p>Zwischen der Abfassung der folgenden Aufsätze
+liegt ein Zeitraum von mehr als zehn Jahren. Wenn
+ich sie jetzt ohne Änderungen, wie sie erschienen
+sind, gesammelt herausgebe, so geschieht es in der
+Hoffnung, daß sie auch heute noch aktuell und zur
+Klärung der Ansichten über Kunst beizutragen imstande
+sind. Und waren je die ästhetischen Ansichten
+verwirrter als heut? Wo ein jüngerer Kunstrichter aus
+den Schützengräben Flanderns heraus schreibt, daß der
+Krieg nicht nur für die Existenz Deutschlands, sondern
+über den Sieg des Expressionismus entscheidet.</p>
+
+<p>Je mehr sich die Ästhetik mit den Kunstrichtungen
+beschäftigt, desto unfähiger erweist sie sich für ihre
+eigentliche Aufgabe, die Qualität des Kunstwerks zu erforschen.
+Denn »Richtung« bedeutet nur eine Zeitströmung,
+die grade Mode ist und von der nächsten
+Mode zum alten Eisen geworfen wird. Sie ist die
+Losung, das Feldgeschrei im Kampfe der jüngeren gegen
+die ältere Generation: Sie ist eine Zeit- aber keine Wertbestimmung.
+Aber nicht das lautere Feldgeschrei entscheidet
+<a class="pagenum" name="Page_17" title="17"> </a>
+&ndash; sonst hätten die Expressionisten, Kubisten
+und Futuristen längst gewonnen &ndash; sondern wie im
+Kriege die stärkeren Bataillone, so entscheiden in der
+Kunst nicht Richtungen den Sieg, sondern einzig und
+allein die stärkeren Persönlichkeiten in ihnen.</p>
+
+<p>Ich schreibe als Maler, gleichsam mit dem Pinsel in
+der Hand und ich suche daher die Wirkungen, die das
+Kunstwerk auf mich ausübt, so viel als möglich aus den
+Mitteln, deren sich der Künstler bedient hat, zu erklären.
+Natürlich bin ich einseitig und der Vorwurf,
+ich schriebe pro domo, würde mich wenig rühren, weil
+ich glaube, daß es ein objektives richtiges Kunsturteil
+überhaupt nicht geben kann. Aber auch die Gerechtigkeit
+im Urteil über Kunst macht nur die Überzeugung:
+je stärker und unverfälschter ich sie ausdrücke, desto
+gerechter bin ich. Auch überlasse ich das Urteilen so
+viel als möglich dem Leser und dem &ndash; Berufskritiker;
+ich möchte klar machen, warum ich diese Malerei für
+gut und jene für schlecht halte. Witzige mögen »die
+Kunst in 40 Minuten ein Kunstkenner zu werden«
+schreiben. Der Künstler schreibt über seine Kunst Bekenntnisse.</p>
+
+<p>Goethe sagt mal: »Poesie ist keine Kunst, weil alles
+auf dem Naturell beruht.« Ebenso ist Malerei keine
+Kunst, alles hängt von der Persönlichkeit des Künstlers
+ab. Der Inhalt der Kunst ist die Persönlichkeit des
+Künstlers.</p>
+
+<p>Kunst kommt von Können, welches das Wollen als
+einen dem Künstler innewohnenden Trieb einschließt
+<a class="pagenum" name="Page_18" title="18"> </a>
+(weshalb ich auch nicht an die faulen oder verbummelten
+Genies glaube). Der Künstler <em class="gesperrt">muß</em> schaffen:
+die Kunst ist sein Handwerk.</p>
+
+<p>Natura sive deus! Gott schuf den Menschen nach
+seinem Ebenbilde: der Künstler schafft nach seinem
+Ebenbilde die Welt! was Goethe in die schönen Worte
+kleidet: »Wie köstlich ists, wenn ein herrlicher Menschengeist
+ausdrücken kann, was sich in ihm bespiegelt.«</p>
+
+<h2 class="chapter"><a class="pagenum" name="Page_19" title="19"> </a>DIE PHANTASIE IN DER MALEREI</h2>
+
+<div><a class="pagenum" name="Page_21" title="21"> </a></div>
+
+<p class="drop-cap"><span class="upper-case">Von</span> der Malerei als Ding an sich will ich reden,
+nicht von der Musik oder der Poesie in der
+Malerei; denn was nicht deines Amtes ist, davon laß
+deinen Fürwitz.</p>
+
+<p>Ich will von der Malerei sprechen, die »von jedem
+Zweck genesen«, die nichts sein will als &ndash; Malerei:
+Von ihrem Geist, nicht von der Überwindung ihrer
+technischen Schwierigkeiten, in der das Publikum
+freilich und, wie ich fürchte, manche Maler immer
+noch ihren Wert erblicken.</p>
+
+<p>Allerdings kommt Kunst von können, und daß
+das Können in keiner Kunst mehr ausmacht als
+grade in der Malerei, soll keineswegs geleugnet
+werden.</p>
+
+<p>Aber so hoch auch die Malerei, die gut gemacht
+ist, einzuschätzen ist: gute Malerei ist nur die, die
+gut gedacht ist. Was bedeutet die korrekteste Zeichnung,
+der virtuoseste Vortrag, die blendendste Farbe,
+wenn all diesen äußerlichen Vorzügen das Innerliche,
+die Empfindung, fehlt! Das Bild bleibt doch &ndash; gemalte
+Leinwand. Erst die Phantasie kann die Leinwand
+beleben, sie muß dem Maler die Hand führen,
+sie muß ihm im wahren Sinne des Worts bis in die
+Fingerspitzen rollen. Obgleich unsichtbar, ist sie in
+<a class="pagenum" name="Page_22" title="22"> </a>
+jedem Striche sichtbar, freilich nur für den, der
+Augen hat zu sehen, nur für den, der sie empfindet.</p>
+
+<p>Ich will hier nicht etwa von dem Höllenspuk,
+der Phantastik reden, sondern ich verstehe unter
+Phantasie den belebenden Geist des Künstlers, der
+sich hinter jedem Strich seines Werkes verbirgt. Die
+Phantasie in der bildenden Kunst geht von rein sinnlichen
+Voraussetzungen aus. Sie ist die Vorstellung
+der ideellen Form für die reelle Erscheinung. Sie ist
+das notwendige Kriterium für jedes Werk der bildenden
+Kunst, für das idealistischste wie für das naturalistischste.
+Sie allein kann uns überzeugen von der
+Wahrheit der Böcklinschen Fabelwesen wie des Manetschen
+Spargelbundes.</p>
+
+<p>Wenn der kleine Moritz einen Kreis malt, dahinein
+zwei Punkte, zwischen die einen senkrechten und
+darunter einen wagerechten Strich macht, so ist das
+der bildliche Ausdruck seiner Phantasie für einen
+Kopf. Hat der kleine Moritz Talent zum Zeichnen,
+so wird er die individuellen Eigentümlichkeiten z.&nbsp;B.
+die große Nase seines Vaters oder den großen Mund
+seiner Mutter beim Nachzeichnen gewaltig übertreiben.
+Aber hinter dieser Karikatur steckt vielleicht
+mehr Phantasie als in dem lebensgroßen Porträt in
+Öl des berühmten Professors so und so, der vor lauter
+Bäumen den Wald nicht mehr sieht und dessen
+Phantasie durch alles, was er gelernt hat, ertötet ist.
+Jedem meiner Kollegen wird unzählige Male dasselbe
+passiert sein: der junge Mann &ndash; noch häufiger die
+<a class="pagenum" name="Page_23" title="23"> </a>
+junge Dame &ndash; so bald sie sich ernstlich dem Studium
+der Malerei widmen, machen es nicht nur nicht
+besser als früher, sondern im Gegenteil viel schlechter,
+d.&nbsp;h. die Phantasie, die früher naiv den <em class="gesperrt">Eindruck</em>
+der Natur wiederzugeben bestrebt war, wird allmählich
+von dem Suchen nach Korrektheit verdrängt.
+Aus der phantasievollen, aber unkorrekten wird die
+phantasielose aber korrekte Zeichnung. Mit anderen
+Worten: der Buchstabe tötet den Geist, und nur die
+Talentvollsten können ungestraft an ihrer Phantasie
+den akademischen Drill überstehen.</p>
+
+<p>Der alte Schadow pflegte seinen Schülern auf die
+Frage, wie sie malen sollten, zu antworten: »setzt die
+richtige Farbe auf den richtigen Fleck«. Schadow,
+der nicht nur Akademie-Direktor, sondern &ndash; was
+nicht immer zusammentrifft &ndash; auch ein Künstler
+war, wußte, daß nur das Handwerkmäßige der Malerei
+gelehrt und gelernt werden kann; seine Definition
+in usum delphini verschweigt wohlweislich, was
+Malerei zur Kunst macht: die Phantasietätigkeit des
+Malers, die darin besteht, für das, was er &ndash; und
+zwar nur er &ndash; in der Natur oder im Geiste sieht,
+den adäquaten Ausdruck zu finden. Natürlich vollzieht
+sich diese Phantasietätigkeit völlig unbewußt im
+Künstler, denn Kunstwerke <em class="gesperrt">entstehen</em>: sie werden
+nicht gemacht, und das sicherste Mittel kein Kunstwerk
+hervorzubringen, ist die Absicht, eins zu machen.
+Wie Saul ausging, die Eselinnen seines Vaters zu
+suchen und ein Königreich fand, so muß der Maler
+<a class="pagenum" name="Page_24" title="24"> </a>
+einzig und allein bestrebt sein, die richtige Farbe auf
+den richtigen Fleck zu setzen: ist er ein Künstler, so
+&ndash; findet er ein Königreich.</p>
+
+<p>Ein Bund Spargel, ein Rosenbukett genügt für
+ein Meisterwerk, ein häßliches oder ein hübsches
+Mädchen, ein Apoll oder ein mißgestalteter Zwerg:
+aus allem läßt sich ein Meisterwerk machen, allerdings
+mit dem nötigen Quantum Phantasie; sie allein
+macht aus dem Handwerk ein Kunstwerk.</p>
+
+<hr class="thought-break"/>
+
+<p>Die Phantasie, als das schöpferische Grundprinzip
+des gesamten geistigen Lebens, ist für alle Künste
+dieselbe, aber in den verschiedenen Künsten kommt
+sie auf verschiedene Weise zum Ausdruck. Obgleich
+nur die bildende Kunst, als einzig räumliche unter
+den Künsten, imstande ist, die Ausdehnung aus der
+Wirklichkeit mit zu übernehmen, ist sie doch deshalb
+nicht materieller als Poesie oder Musik. Allerdings
+sind die Werke der bildenden Kunst gleichsam
+faß- und tastbar und &ndash; wie Gregor der Große im
+Kampfe gegen die Bilderstürmer meinte: »Bilder sind
+die Bücher derer, die nicht lesen können« &ndash; daher
+werden sie für leichter verständlich gehalten. Im
+Grunde jedoch ist die Kunst an einem Bilde genau
+ebenso nur dem inneren Auge wahrnehmbar, wie die
+an einem Musikstücke nur dem inneren Ohr. Denn
+was anders als die Phantasie des Künstlers unterscheidet
+ein Werk des Phidias von einem Abguß
+über Natur? Daher ist es für den Wert eines Werkes
+<a class="pagenum" name="Page_25" title="25"> </a>
+der bildenden Kunst ganz gleichgültig, was es darstellt,
+nur die Erfindung und die Ausdrucksfähigkeit ihrer
+Form macht seinen Wert aus.</p>
+
+<p>Der Satz, daß die gutgemalte Rübe besser sei als
+die schlechtgemalte Madonna, gehört bereits zum
+eisernen Bestand der modernen Ästhetik. Aber der
+Satz ist falsch; er müßte lauten: die gutgemalte
+Rübe ist ebenso gut wie die <em class="gesperrt-left-part">gut</em>gemalte Madonna.
+Wohlgemerkt als rein malerisches Produkt, denn, zur
+Beruhigung frommer Gemüter sei's gesagt, es fällt
+mir beileibe nicht ein, zwei ästhetisch so ungleichwertige
+Gegenstände miteinander vergleichen zu wollen.
+Auch weiß ich wohl, daß die Darstellung einer Madonna
+noch andere als rein malerische Ansprüche an
+den Künstler stellt, und daß sie als künstlerische
+Aufgabe schwerer zu bewältigen ist als ein Stilleben.
+Obgleich in einem Vierzeiler das Genie
+Goethes ebenso sichtbar ist als im Faust, kann als
+künstlerische Leistung »Über allen Gipfeln ist Ruh«
+doch nicht mit dem Faust verglichen werden.</p>
+
+<p>Aber die spezifisch malerische Phantasie des Künstlers
+kann sich in einem Stilleben gerade deshalb stärker
+zeigen als in der Darstellung des Menschen, weil das
+Bund Spargel nur durch die künstlerische Auffassung
+interessiert, an dem Menschen, am Kopf oder an
+einem schönen Frauenkörper interessiert uns &ndash; namentlich
+an letzterem &ndash; auch noch der dargestellte
+Gegenstand.</p>
+
+<p>Der spezifisch malerische Gehalt eines Bildes ist um
+<a class="pagenum" name="Page_26" title="26"> </a>
+so größer, je geringer das Interesse an seinem Gegenstande
+selbst ist; je restloser der Inhalt eines Bildes
+in malerische Form aufgegangen ist, desto größer der
+Maler.</p>
+
+<p>Also vom rein malerischen Standpunkt aus ist »die
+Übergabe von Breda« des Velasquez in nichts wertvoller
+als eins seiner Küchenstilleben: ja sogar könnte
+ein solches malerisch wertvoller sein, wenn Velasquez
+die Küchengerätschaften besser gemalt hätte als die
+Heerführer auf dem großen Historienbild. Worauf
+es hier allein ankommt, ist klar auszudrücken, daß
+der Wert der Malerei absolut unabhängig vom Sujet
+ist, und nur in der Kraft der malerischen Phantasie
+beruht.</p>
+
+<p>Hieraus folgt, daß gerade die naturalistische Malerei
+dieser Phantasietätigkeit am meisten bedarf, weil
+sie nur durch die ihr eigene Kraft wirken will; was
+freilich einer weit verbreiteten Ansicht im Publikum
+durchaus widerspricht. Immer noch sehen die Gebildeten
+in der naturalistischen Malerei nur eine
+geistlose Abschrift der Natur, etwa eine Kunst, die
+von der Photographie, wenn sie erst mit der Form
+auch die Farbe wiederzugeben gelernt hat, überwunden
+sein wird. Nein! selbst die Konkurrenz der
+farbigen Photographie fürchten wir nicht: denn selbst
+die vollendetste mechanische Wiedergabe der Natur
+kann höchstens zum vollendeten Panoptikum, nie
+aber zur Kunst führen. Was der Gebildete an der
+naturalistischen Kunst vermißt, ist die literarische
+<a class="pagenum" name="Page_27" title="27"> </a>
+Phantasie, weil er die Malerei statt mit den Augen
+immer noch mit dem Verstande betrachtet. Immer
+noch spukt in unseren Köpfen das berühmte Lessingsche
+Diktum vom Raffael, der, wenn er auch ohne
+Arme geboren, der größte Maler geworden wäre.
+Vielleicht der größte Dichter oder der größte Musiker,
+jedenfalls aber nicht der größte Maler. Denn
+die Malerei besteht nicht in der Erfindung von Gedanken,
+sondern in der Erfindung der sichtbaren
+Form für den Gedanken. Woher käme es sonst,
+daß unter den Tausenden von Madonnenbildern sich
+nur wenige Kunstwerke befinden? Oder was interessiert
+uns am Porträt, das mein Freund Trübner
+witzig den Parademarsch des Malers genannt hat,
+anders als die Kunst des Meisters, das, was er sah
+&ndash; und der Akzent liegt auf <em class="gesperrt">er</em> &ndash; in die malerische
+Form gebracht zu haben. Ich meine natürlich nicht
+eine bestehende Form, die zur Formel geworden ist,
+wie z.&nbsp;B. die Raffaelische Form, die zur akademischen
+verflacht ist, oder das Rembrandtsche clair-obscur,
+das unter seinen Nachahmern zur hohlen
+malerischen Phrase geworden ist, sondern ich spreche
+von der lebendigen Form, die jeder Künstler sich
+neu schafft. Gerade in der Erschaffung neuer Formen
+liegt das Kriterium für den schaffenden Künstler, für
+das Genie. Deshalb ist es ein Unsinn von <em class="gesperrt">einer</em>
+Form, von der klassischen Form <span class="greek" lang="grc" xml:lang="grc" title="kat' exochên">κατ' ἐξοχὴν</span> zu reden:
+es gibt soviel klassische Formen als es klassische
+Künstler gegeben hat und noch geben wird. Mit
+<a class="pagenum" name="Page_28" title="28"> </a>
+jedem Künstler vollendet sich die Form; und mit
+jedem folgenden wird sie neu geboren. Die Erstarrung
+der Form zum Dogma wäre Erstarrung der
+Kunst d.&nbsp;h. ihr Tod. Natürlich verstehe ich hier
+unter Form nicht das Äußerliche an ihr, das Technische,
+etwa die Handschrift des Künstlers. Ich
+spreche hier nur von der ideellen Form, die gleichsam
+unsichtbar ist, die nur der Künstler sieht und
+zwar jeder ganz verschieden. Wer die Kuh nur
+durch die Augen von Potter oder Troyon sieht,
+ist kein schaffender Künstler, höchstens ein reproduzierender;
+wer an der Kuh nicht neue Reize entdeckt
+&ndash; ich sage das im direkten Widerspruch zu
+meinem sonst sehr verehrten Freunde Muther&nbsp;&ndash;,
+besitzt jedenfalls das zu einem Kuhmaler nötige
+Talent nicht.</p>
+
+<hr class="thought-break"/>
+
+<p>Was jeder Künstler aus der Natur heraussieht, ist
+das Werk seiner Phantasie. Setze zwanzig Maler vor
+dasselbe Modell und es werden zwanzig ganz verschiedene
+Bilder auf der Leinwand entstehen, obgleich
+alle zwanzig gleichermaßen bestrebt waren, die
+Natur, die sie vor sich sahen, wiederzugeben. Wie
+sich im Kopfe des Künstlers die Welt widerspiegelt,
+gerade das macht seine Künstlerschaft aus.</p>
+
+<p>Raffaels Phantasie war linear, sein Werk vollendet
+sich in der Linie, seine Bilder sind höchstens geschmackvoll
+koloriert, die Malerei an seinen Bildern
+ist Handwerk. Tizians Phantasie dagegen ist durchaus
+<a class="pagenum" name="Page_29" title="29"> </a>
+malerisch; er sieht sein Bild als farbige Erscheinung,
+er komponiert mit der Farbe. Sein berühmtestes
+Bild, »die himmlische und die irdische Liebe«, ist
+sicherlich nur durch den koloristischen Gedanken erzeugt,
+den nackten Frauenkörper durch Gegenüberstellen
+der bekleideten Gestalt noch intensiver wirken
+zu lassen. Ob Tizian etwas anderes hat ausdrücken
+wollen, weiß ich nicht, und ich glaube, die Kunstgelehrten
+wissen es auch nicht. Jedenfalls ist der
+großartig klingende Titel ganz unpassend und wahrscheinlich
+von einem geschäftskundigen Venezianer
+erfunden, der seinen Landsmann den Raffaels und
+Michelangelos gegenüber nicht lumpen lassen wollte:
+geradeso wie Böcklins Bilder »die Gefilde der Seligen«
+und »das Spiel der Wellen« von Fritz Gurlitt getauft
+wurden.</p>
+
+<p>Des Velasquez Phantasie ist räumlich. Er denkt
+räumlich, und mit viel größerem Rechte als von
+Degas hätte ich von Velasquez sagen können: er
+komponiert mit dem Raum. Sein Bild entsteht aus
+der räumlichen Phantasie. Wie die Figur in dem
+Raum steht, wie der Kopf, die Hände, die Gewänder
+als große Lokaltöne im Raum wirken, das macht
+sein Bild aus.</p>
+
+<p>Wieder anders Rembrandt, dessen Phantasie sich
+in Licht und Schatten verkörpert. Die Wogen des
+Lichtes, die seine Bilder durchfluten, ergeben und bestimmen
+die Komposition. Seine Bilder sind auf
+den Gang des Lichtes komponiert, er erfindet für
+<a class="pagenum" name="Page_30" title="30"> </a>
+den Gang des Lichtes. So z.&nbsp;B. ist das kleine Mädchen
+mit dem Hahn auf der »Nachtwache« nur als
+heller Fleck im Bilde verständlich, oder man sehe
+seine Zeichnungen nach anderen Meistern, wie er
+z.&nbsp;B. aus dem »Grafen Castiglione« des Raffael durch
+Andeutung des Lichtes und des Schattens sofort einen
+echten Rembrandt macht.</p>
+
+<p>Der Maler, dessen Phantasie linear ist, kann nicht
+Kolorist sein oder umgekehrt. Das eine oder das
+andere, die Zeichnung oder die Farbe, muß in jedem
+Werke die Hauptsache bilden, und Raffael und
+Rembrandt sich in demselben Werke vorzustellen, ist
+ein Unding. Weil Raffaels Phantasie linear war
+und nicht etwa, weil er weniger gut als Tizian oder
+Rembrandt malte, war er ein weniger großer Maler
+als jene. Auch zeichnete Tizian oder Rembrandt
+nicht etwa schlechter als Raffael, sondern weil
+dieser beider Phantasie malerisch war, mußten sie
+ihre zeichnerischen Qualitäten den malerischen gegenüber
+unterdrücken. Poesie und Musik sind zeitliche
+Künste, daher kann sich in einem Gedicht oder in
+einem Musikstück des Künstlers Phantasie nacheinander
+in verschiedener Richtung äußern, aber in der
+bildenden Kunst, als einer räumlichen, muß sie sich
+nach einer Richtung hin konzentrieren, sonst verlöre
+das Werk seinen einheitlichen Charakter, d.&nbsp;h. es
+wäre kein Kunstwerk mehr. Dieser Einheitlichkeit
+muß der Maler alles opfern: das liebevollst durchgeführte
+Detail, das technisch gelungenste Stück, die
+<a class="pagenum" name="Page_31" title="31"> </a>
+geistreichste Einzelheit. Savoir faire des sacrifices,
+wie es im Pariser Atelier-Jargon heißt. Das, was
+dir als Hauptsache erscheint &ndash; nicht etwa was die
+Hauptsache ist &ndash; zusammenfassen, und alles, was
+dir nebensächlich erscheint, unterdrücken. Als jemand
+den père Corot fragte, wie er's anfinge, nur
+die großen Massen in der Natur zu sehen, antwortete
+er: »ganz einfach, um die großen Massen
+zu sehen, müssen Sie mit den Augen blinzeln, um
+aber die Details zu sehen, müssen Sie die Augen &ndash;
+schließen«.</p>
+
+<p>Mehr noch als in dem, was er malt, zeigt sich
+des Künstlers Phantasie in dem, was er nicht malt.
+Je näher die Hieroglyphe &ndash; und alle bildende Kunst
+ist Hieroglyphe &ndash; dem sinnlichen Eindruck der
+Natur kommt, desto größere Phantasietätigkeit war
+erforderlich, sie zu erfinden. Der Maler hat nur die
+Farbenskala von schwarz zu weiß auf der Palette:
+aus ihr soll er Leben, Licht und Luft auf die Leinwand
+zaubern, ein paar Striche, ein paar unvermittelt
+nebeneinandergesetzte Farbenflecke sollen aus der
+richtigen Entfernung dem Beschauer den Eindruck
+der Natur suggerieren. Nur die Phantasie des
+Künstlers kann dieses Wunder bewirken, nicht etwa
+die Geschicklichkeit des Taschenspielers. Man sehe
+das Porträt des Papstes Innocenz in Rom: zwei dunkle
+Flecken, die die Augen bedeuten, mit ein paar Strichen
+ist die Nase und der Mund hineingezeichnet,
+und mit den wenigen Strichen und Farben, die wohl,
+<a class="pagenum" name="Page_32" title="32"> </a>
+wie die Überlieferung berichtet, in einer Stunde gemacht
+sein können, steht der ganze Mann vor uns,
+mit seiner Klugheit, seiner Habsucht und seinen sonstigen
+verbrecherischen Gelüsten. Die ganze päpstliche
+Macht erscheint vor uns und der Papst, der
+ihrer spottet. Und des Velasquez Papstbildnis nicht
+gesehen zu haben, heißt in Rom gewesen sein und
+den Papst nicht gesehen haben.</p>
+
+<hr class="thought-break"/>
+
+<p>Mein alter Lehrer Steffeck hatte ganz recht, wenn
+er sagte: Was man nicht aus dem Kopf malen kann,
+kann man überhaupt nicht malen. Wir malen nicht
+die Natur, wie sie ist, sondern wie sie uns erscheint,
+d.&nbsp;h. wir malen aus dem Gedächtnis.</p>
+
+<p>Das Modell kann der Maler nicht abmalen, sondern
+nur benutzen, es kann sein Gedächtnis unterstützen,
+wie etwa der Souffleur den Schauspieler
+unterstützt. Aber wehe dem Schauspieler, der sich
+auf ihn verlassen muß. Dann ist er nicht mehr
+Herr seiner Rolle, sondern Knecht des &ndash; Souffleurs.
+Ob und inwieweit der Maler nach der Natur arbeitet
+oder nicht, hängt davon ab, was er erstrebt. Aber
+Delacroix oder Böcklin, die (wenigstens in ihren
+Bildern) nie nach der Natur gemalt haben, ebenso
+wie Manet und Leibl, die jeden Strich nach der Natur
+malten, haben aus dem Gedächtnis gemalt. Nur prozedierten
+sie auf verschiedene Weise. Böcklin malte
+die Rosenhecke oder die Pappel, die er vor Tagen
+oder Wochen vielleicht so lange studiert hatte, bis
+<a class="pagenum" name="Page_33" title="33"> </a>
+sich auch die kleinste Einzelheit seinem Gedächtnis
+eingeprägt hatte. Leibl, dessen ganze Kunst Pietät
+vor der Natur war, mußte die fünf oder sechs
+Bauern, die er in den »Dorfpolitikern« malte, zusammensitzen
+haben. Aber Böcklin wie Leibl malten aus
+der Phantasie: nur war die des einen von der des
+anderen himmelweit verschieden; wessen die grössere,
+ist hier nicht die Frage. Es genügt festzustellen, daß
+der Naturalist ebenso wie der Idealist die Natur nur
+benutzt. Den Künstler macht nicht der Naturalist,
+der alles nach der Natur malt, aber ebensowenig
+der Idealist, der nur nicht nach der Natur malt. Nur
+das, was seine Phantasie aus der Natur heraussieht
+und darstellt, macht den Künstler, und daher muß
+seine spezifisch malerische Phantasie um so stärker
+sein, je näher er dem sinnlichen Eindruck der Natur
+kommt, d.&nbsp;h. je mehr er im eigentlichen Sinne Maler
+ist. Seine Phantasie ist viel reicher als die des
+Zeichners, denn man kann wohl ein großer Zeichner
+sein, ohne ein großer Maler zu sein, aber nicht umgekehrt.</p>
+
+<p>Delacroix fürchtete noch eine Gotteslästerung auszusprechen,
+als er Rembrandt dem Raffael gleichzustellen
+wagte. Heutzutage hat sich das wohl geändert,
+immerhin wird auch heute noch »der Gebildete«,
+wenn er sich einigermaßen respektiert,
+Raffael als den größten Maler, der je gewesen, ansprechen:
+was wohl daher kommt, daß das Kunsturteil
+von den Kunstgelehrten gemacht wird, die als
+<a class="pagenum" name="Page_34" title="34"> </a>
+Gelehrte mehr mit dem Verstande als mit den Augen
+urteilen. Die Schönheiten der Form sind mathematisch
+nachzuweisen, aber die Schönheiten der Farbe
+kann man nur empfinden. Und man kann ein sehr
+großer Kunstgelehrter sein, ohne etwas von Kunst
+zu verstehen.</p>
+
+<p>Die Malerei ist nicht etwa bloß ein Problem der
+Technik, die gelernt werden kann, sondern eine reine
+Phantasietätigkeit. Natürlich muß jeder Maler sein
+Handwerk verstehen, wie jeder Schneider oder
+Schuster sein Metier ordentlich gelernt haben muß.
+Aber den Wert eines Bildes nach seiner technischen
+Vollendung schätzen zu wollen, wäre ebenso töricht,
+als ein Gedicht nach der Korrektheit der Verse oder
+der Reinheit der Reime zu beurteilen. Dem lieben
+Gott sei's gedankt: in der Kunst macht der Rock
+noch nicht den Mann.</p>
+
+<p>Allerdings hat in den bildenden Künsten das Handwerk
+eine um so größere Bedeutung, als der bildende
+Künstler seine Konzeption ganz allein und unmittelbar
+zum Ausdruck bringt: nur das Werk von des
+Meisters eigener Hand ist das Meisterwerk.</p>
+
+<p>Den vatikanischen Torso, den »Innocenz« des Velasquez
+können wir ganz nur im Original genießen: ob
+wir den »Faust« in einem der Millionen von Drucken
+oder in Goethes Originalhandschrift lesen, ist für
+unseren Genuß ganz gleichgültig.</p>
+
+<p>Selbst die vollendetste Lichtdruckreproduktion nach
+einer Zeichnung oder Radierung Rembrandts, in der
+<a class="pagenum" name="Page_35" title="35"> </a>
+jeder Punkt, jeder Strich und jeder Fleck photographisch
+getreu wiedergegeben ist, bleibt eine tote
+Kopie; nur die eigenhändige Niederschrift kann uns
+des Meisters Geist zeigen. Nichts verbirgt sein Werk
+unseren indiskreten Blicken; wir können dem Meister
+bei der Arbeit folgen, wir sehen, welche Partien ihm
+auf den ersten Anhieb gelungen und die Stellen, bei
+denen er sich gequält, die er abgekratzt und übermalt
+hat, bis sie ihm endlich genügten.</p>
+
+<p>Doch was wir nicht sehen können, selbst wenn
+wir Velasquez oder Rembrandt beim Malen über die
+Schulter zugeschaut hätten, ist die Hauptsache, nämlich
+ihre Phantasie, die ihnen beim Malen die Hand
+geführt hat und nur insofern ist die Technik von
+künstlerischem Werte, als sie die &ndash; Handlangerin
+seines künstlichen Wissens und Wollens ist, d.&nbsp;h. sie
+muß individuell sein. Sonst hat die Technik höchstens
+kunstgewerblichen Wert, und von diesem kunstgewerblichen
+Standpunkt aus können wir sie an einem
+Bilde ebenso bewundern, wie an einer chinesischen
+Cloisonné- oder Lackarbeit.</p>
+
+<p>Aber die Rückkehr zur Tradition der altmeisterlichen
+Technik als Allheilmittel der Kunst zu empfehlen
+&ndash; wie das immer und ewig geschieht &ndash;
+hieße neuen Wein in alte Schläuche füllen.</p>
+
+<hr class="thought-break"/>
+
+<p>In dem Kunstwerk macht die Technik nicht die
+Güte aus, man könnte sie höchstens als notwendig
+bezeichnen; wie der Körper dem Geiste notwendig
+<a class="pagenum" name="Page_36" title="36"> </a>
+ist. Und insofern ein schöner Geist in einem schönen
+Körper dem in einem häßlichen vorzuziehen ist, ist
+auch das elegant vorgetragene Kunstwerk dem unbeholfen
+vorgetragenen vorzuziehen. Schreiblehrer
+beurteilen die Güte der Handschrift nach der Kalligraphie
+der Buchstaben; wir nennen Bismarcks Handschrift
+schön, weil sie charakteristisch ist.</p>
+
+<p>Die Technik ist gut, die möglichst prägnant das
+ausdrückt, was der Meister ausdrücken wollte; sonst
+ist sie schlecht und wäre sie noch so virtuos.</p>
+
+<p>Überhaupt spricht man viel zu viel von ihr: die
+Technik muß man gar nicht sehen, ebenso wenig
+wie man die Toilette an einer schönen Frau sehen
+darf. Wie sie nur dazu da ist, um die Schönheit
+der Trägerin in um so helleres Licht zu setzen, darf
+die Technik nur die Schleppenträgerin der Kunst sein,
+jeder Künstler soll malen, wie ihm der Schnabel gewachsen
+ist; was allerdings heutzutage schwer ist,
+denn, wie Schwind sagt, »bis man weiß, daß man
+einen Schnabel hat, ist er vom vielen Anstoßen schon
+ganz verbogen«.</p>
+
+<p>Und nun gar die Forderung zur altmeisterlichen
+Technik zurückzukehren! Als ob die Technik die
+Ursache und nicht die Folge einer Kunstanschauung
+wäre. Ist die Technik eines Van Eyk nicht bedingt
+durch die Sachlichkeit seiner Naturanschauung? Hätte
+Franz Hals sich der Technik eines Holbein bedienen
+können, oder mußte er nicht vielmehr eine mehr
+andeutende als ausführende Technik erfinden, die
+<a class="pagenum" name="Page_37" title="37"> </a>
+seiner geistreichen Auffassung des Momentanen entsprach?
+Wer die Technik eines Meisters nachahmt,
+wird ihm höchstens abgucken, wie er sich räuspert
+und wie er spuckt. Ein mittelmäßiges à la Rembrandt
+gemaltes Bild ist nicht besser, als ein ebenso
+mittelmäßiges, das à la Manet gemalt ist.</p>
+
+<p>Überhaupt verbirgt sich hinter dem Verlangen nach
+altmeisterlicher Kunst ein gut Teil Heuchelei: es entspringt
+nicht sowohl aus Liebe für die alte, sondern
+vielmehr aus Haß gegen die moderne Kunst.</p>
+
+<p>Natürlich fällt auch in den bildenden Künsten kein
+Meister vom Himmel. Eher fällt schon eine Exzellenz
+vom Himmel, wie Menzel, als man ihm zu seinem
+neuen Titel gratulierte, geantwortet haben soll.</p>
+
+<p>Ein jeder Meister steht auf den Schultern seiner
+Vorgänger: das ist aber nicht seine Meisterschaft,
+sondern seine Schülerschaft. Erst nach Überwindung
+der Technik kann aus dem Schüler ein Meister werden,
+und nur in diesem Sinne ist der bekannte Satz,
+daß man zum Künstler geboren, zum Maler aber erst
+erzogen werden müsse, zu verstehen. Der Maler
+muß sein Leben lang arbeiten, um der Technik Herr
+zu werden; aber nicht um ihrer selbst willen, sondern
+um mittels der Technik seiner Phantasie einen
+möglichst vollendeten Ausdruck geben zu können.</p>
+
+<p>Der Vortrag des Meisters kann nachgeahmt werden
+&ndash; und die vielen falschen Rembrandts sind der
+beste Beweis dafür &ndash; aber nur der Rembrandt ist
+echt, in dem du seines Geistes Hauch verspürst.
+<a class="pagenum" name="Page_38" title="38"> </a>
+Und sollte ein mittelmäßiges Bild wirklich echt sein,
+von Rembrandts eigener Hand signiert und von
+sämtlichen Kunstpäpsten als authentisch attestiert, so
+würde das nur beweisen, daß der gute Rembrandt
+auch einmal geschlafen habe. Was kümmert uns die
+Echtheit eines Kunstwerkes! Was des Meisters würdig,
+ist echt.</p>
+
+<p>Weil in den bildenden Künsten die Form Mittel
+und Zweck, also eines ist, ist es in ihnen natürlich
+schwerer zu entscheiden, als z.&nbsp;B. in der Poesie, wo
+das Handwerk aufhört und die Kunst anfängt; daher
+triumphiert oft genug über wahre Kunst Kunstfertigkeit,
+und ebenso oft wird der Stein, den die Bauleute
+verwarfen, zum Eckstein. Denn vollendete
+Technik, Eleganz des Vortrags, kurz, das Äußerliche
+des Bildes schmeicheln sich dem Auge leichter ein
+als das Werk des Genies, dessen rauhe Außenseite
+oft den goldenen Kern verbirgt. So wundert es
+mich keineswegs, daß man etwa die Porträts van
+der Helsts denen eines Rembrandt vorgezogen hat.
+Wenn Rembrandt heute lebte und ein Prinz sich
+bei ihm malen ließe, so wäre er wahrscheinlich mit
+seinem Konterfei ebenso wenig zufrieden wie der
+Prinz von Nassau, der sein Porträt für zu schwarz,
+für zu <ins title="gapatzt">gepatzt</ins> und wohl auch für nicht vorteilhaft
+genug aufgefaßt ansah, und so den armen Rembrandt
+um seine vornehme Kundschaft brachte. Allerdings
+vom <ins title="Handwerksstandgunkt">Handwerksstandpunkt</ins> aus ist der »Nachtwache«
+die »Schützenmahlzeit« des van der Helst vorzuziehen.
+<a class="pagenum" name="Page_39" title="39"> </a>
+Da ist alles tadellos. Und auch heute noch würden
+nicht nur Prinzen, wenn sie nicht fürchteten sich zu
+blamieren, einen van der Helst vorziehen.</p>
+
+<p>Es kommt nicht allein darauf an, was einer ansieht,
+sondern auch darauf, wer was ansieht, und
+auch in der Kunst gilt das Sprichwort: niemand ist
+groß in den Augen seines Kammerdieners; womit
+ich nicht etwa auf die kleinen Schwächen großer
+Meister anspielen will. Wer das Kunstwerk mit den
+Augen des Kammerdieners betrachtet, wird es nie
+begreifen. »Nichts ist an sich schön; erst unsere
+Auffassung macht es dazu.« Wer Phidias mit den
+Augen des Professors Trendelenburg anschaut, sieht
+vielleicht in den Marmorgruppen der Siegesallee
+Werke des griechischen Bildhauers. Die Breite des
+malerischen Vortrags macht noch keinen Velasquez
+und das Helldunkel noch keinen Rembrandt: das ist
+gleichsam nur das irdische Teil an ihnen.</p>
+
+<p>Das Unsterbliche an den Werken der Kunst ist
+ihr Geist, der Geist, welcher dem inneren Auge des
+Malers, bevor er den ersten Pinselstrich auf die Leinwand
+gesetzt hat, das Werk vollendet zeigt.</p>
+
+<p>Und wie der Geist ist die Kunst unbegrenzt, soweit
+die Ausdrucksfähigkeit ihrer technischen Mittel
+reicht. Ihre Ausdrucksfähigkeit vergrößern, heißt das
+Bereich der Kunst erweitern, das Bereich der allein
+wahren Kunst, die von der Hand geboren, aber von
+der Phantasie gezeugt ist.</p>
+
+<h2 class="chapter"><a class="pagenum" name="Page_41" title="41"> </a>EMPFINDUNG UND ERFINDUNG IN
+DER MALEREI</h2>
+
+<div><a class="pagenum" name="Page_43" title="43"> </a></div>
+
+<p class="drop-cap"><span class="upper-case">Neulich</span> meinte Wöfflin in einem kleinen Aufsatz
+über das Zeichnen, daß jeder, der einen
+Kopf gut zeichnen könnte, auch gut zu schreiben verstände.
+Ob das nicht zu viel behauptet ist, will ich
+als Maler nicht untersuchen, aber das glaube ich mit
+Recht behaupten zu dürfen, daß einer, der keinen
+Strich zeichnen kann, unfähig ist über Malerei zu
+schreiben. Was würden die Musiker sagen, wenn
+ein Maler, der nicht einmal die »Wacht am Rhein«
+oder »Heil dir im Siegerkranz« auf dem Klavier
+nachklimpern kann, sich herausnehmen würde über
+Musik zu ästhetisieren!</p>
+
+<p>Das ästhetische Urteil über Malerei ist von Schriftstellern
+gemacht. Nie würde ein Maler, auch wenn
+er Lessings Geist hätte, das geistreiche und gerade
+deshalb so gefährliche Paradoxon vom Raffael ohne
+Hände erfunden haben. Oder gar aus dem Laokoon,
+der immer noch, und mit gutem Recht, die ästhetische
+Bibel der Gebildeten ist, das Diktum: »der
+Maler, der nach der Beschreibung eines Thomson eine
+schöne Landschaft darstellt, hat mehr getan, als der
+sie gerade von der Natur kopiert«. Der Schriftsteller
+versteht in der Gedankenmalerei die literarische Phantasie,
+und daher stellt er sie über die sinnliche Malerei,
+<a class="pagenum" name="Page_44" title="44"> </a>
+die er nicht versteht, und aus Unkenntnis ihrer
+Wesenheit nicht verstehen kann.</p>
+
+<p>Malerei ist Nachahmung der Natur, der sie ihre
+Stoffe entlehnt, aber sie bleibt ohne die schöpferische
+Phantasie geistlose Kopie, und es ist daher ganz
+gleichgültig, ob der Maler einen Sonnenuntergang
+aus der Tiefe seines Gemüts oder nach einem Gedicht
+des Thomson oder nach der Natur malt. Mit
+andern Worten: nicht der Idealist steht &ndash; wie Lessing
+meint &ndash; höher als der Realist, sondern die Stärke
+der Phantasie macht den größeren Künstler.</p>
+
+<p>Für den Maler liegt die Phantasie allein innerhalb
+der sinnlichen Anschauung der Natur: jedenfalls haben
+alle großen Maler von den Ägyptern, Griechen und
+Römern bis zu Rembrandt und Velasquez, Manet und
+Menzel sich innerhalb dieser Grenzen gehalten. Zwischen
+dem Kleckser, der einen Sonnenuntergang malt
+und einem Claude Lorrain oder Claude Monet ist
+nur ein Qualitätsunterschied. Die Größe des Talents
+eines Künstlers beruht auf der Größe seiner Naturanschauung
+und zwar auf der Größe der spezifisch
+malerischen Anschauung. Sonst hätte Goethe ein
+ebenso großer Maler wie Dichter sein müssen. Wie
+die zahllosen Blätter, die das Goethehaus aufbewahrt,
+beweisen, hat es ihm weder an Fleiß noch an handwerksmäßiger
+Geschicklichkeit gefehlt, und wenn er
+trotz heißem Bemühen zeitlebens in der bildenden
+Kunst ein mittelmäßiger Dilettant geblieben ist, so
+liegt der Grund einfach darin, daß seine Phantasie
+<a class="pagenum" name="Page_45" title="45"> </a>
+&ndash; als die eines geborenen Dichters &ndash; nur mit dem
+Worte zu gestalten imstande war.</p>
+
+<p>Die Phantasie des Künstlers gestaltet nicht nur in
+dem Material, sondern für das Material seiner speziellen
+Kunst, sonst kommt gemalte Poesie oder poetische
+Malerei, d.&nbsp;h. Unsinn heraus. Daher ist auch
+nur aus dem Material heraus eine richtige Wertung
+der Kunst möglich: der Genuß an der Kunst steht
+jedem Empfänglichen offen, aber für die Kritik
+ist die Kenntnis des Materials und der Technik unerläßlich.</p>
+
+<p>Einst fragte mich Virchow, während er mir zu
+seinem Porträt saß, ob ich nach einer vorgefaßten
+Meinung male, und auf meine Antwort, daß ich
+intuitiv die Farben nebeneinander setzte, entschuldigte
+sich der damals schon greise Gelehrte ob seiner
+Frage. Alles, fügte er hinzu, in der Kunst wie in
+der Wissenschaft, nämlich da, wo sie anfinge Wissenschaft
+zu werden, wo sie Neues entdeckte, sei Intuition.
+»Als ich meinen Satz Cellula e Cellula gefunden
+hatte, war es erst Späteren vorbehalten, ihn
+zu beweisen.« Letzten Endes ist die Kunst unergründlich
+und wird es immer bleiben. Auch ist es gut
+so, denn wenn wir ihr Geheimnis ergründeten, wäre
+es mit ihr vorbei. Den künstlerischen Zeugungsprozeß
+kann man ebensowenig ergründen wollen
+wie den physischen. Es wird ewig ein Rätsel bleiben,
+wie dem Künstler die Idee zu seinem Werke kommt,
+denn die Natur ist nur der äußere Anlaß für das
+<a class="pagenum" name="Page_46" title="46"> </a>
+Werk. Aber man kann die Gehirntätigkeit des
+Künstlers während seiner Arbeit beobachten, und den
+Weg, den seine Phantasie zurücklegt, von der Auffassung
+des Gegenstandes bis zu dessen Wiedergabe
+auf der Leinewand verfolgen. Der Künstler sieht die
+Gegenstände durch seine Phantasie. Er sieht, was er
+zu sehen sich einbildet, oder wie Goethe es ebenso
+treffend, wie schön ausdrückt: wer die Natur schildert,
+schildert nur sich, und die Feinheit und Stärke seines
+Gefühls.</p>
+
+<p>Der alte Schwind antwortete auf die Frage, wie
+er seine Zeichnungen mache: »ich nehme einen Bleistift
+in die Hand, und da fällt mir halt was ein«.
+Unter dem Pinsel wird die Form geboren, und die
+Maler mit den großartigen Ideen sind immer schlechte
+Maler.</p>
+
+<p>Die Erfindung des Malers beruht in der Ausführung
+und dieser Ausspruch, der eigens für den Impressionismus
+geprägt zu sein scheint, und der von dem englischen
+Maler Blake aus der ersten Hälfte des vorigen
+Jahrhunderts herrührt, ist nicht nur für Manets Spargelbund
+gültig, sondern ebenso für Michelangelos Erschaffung
+Adams in der Sixtina. In der Erfindung
+des Sujets kann die Erfindung Michelangelos nicht
+liegen, denn die steht in der Bibel: »und Gott der
+Herr machte den Menschen aus einem Erdenkloß
+und er blies ihm ein den lebendigen Odem in seine
+Nase. Und also ward der Mensch eine lebendige
+Seele«. Daß er uns die biblische Erzählung überzeugend
+<a class="pagenum" name="Page_47" title="47"> </a>
+ad oculus demonstriert, darin liegt Michelangelos
+Genie: wir glauben den Odem Gottes in
+Adam übergehen zu sehen.</p>
+
+<p>Ein witziger Maler, den man vor seinem Bilde
+fragte, was er habe malen wollen, antwortete: »wenn
+ich es sagen könnte, hätte ich es nicht zu malen gebraucht«.
+<em class="gesperrt-left-part">Er</em>findung ist <em class="gesperrt-left-part">Em</em>pfindung: aus ihr ergibt
+sich Technik und Stil. Daher ist es Blödsinn &ndash; was
+man jeden Tag hören oder lesen muß &ndash; zu sagen:
+»das Bild des Professors X. ist ausgezeichnet gemalt,
+nur leider ohne Phantasie«. Dann ist es eben schlecht
+gemalt. Aber ebenso blödsinnig: »das Bild ist sehr
+phantasievoll, aber schlecht gemalt«. Dann ist es
+vielleicht von poetischer oder musikalischer, aber
+nicht von malerischer Phantasie. Ein Bild ist gut,
+d.&nbsp;h. malerisch erdacht, wenn es mit den malerischen
+Ausdrucksmitteln darzustellen ist, und das malerisch
+nicht gut erdachte Bild kann überhaupt nicht gut
+gemalt werden. Also sind technische Schwierigkeiten
+immer nur Fehler in der Konzeption. Die schönsten
+Stücke Malerei wie die »Bohèmienne« oder der »Papst
+Innocenz« sind die technisch einfachsten.</p>
+
+<p>Wer technische Schwierigkeiten eines Werkes sieht,
+ist überhaupt kein Künstler. Der echte Künstler
+gleicht dem Reiter über den Bodensee: erst nach
+Vollendung des Werkes entdeckt er voller Grauen
+die Schwierigkeiten, die zu überwinden waren, und
+er würde sein Werk nicht unternommen haben, wenn
+er sie vorher erkannt hätte.</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_48" title="48"> </a>In der bildenden Kunst ist geistige Vollendung zugleich
+technische Vollendung, denn in ihr sind Inhalt
+und Form nicht nur eins, sondern identisch. Es ist
+daher ein müßiges Spiel mit Worten das Kunstwerk
+in zwei Bestandteile zerlegen zu wollen: in ihm ist
+die Phantasie materialisiert und umgekehrt die Technik
+vergeistigt worden.</p>
+
+<p>Wenn Rembrandt sagt, daß das Werk vollendet
+sei, sobald der Künstler ausgedrückt hat, was er hat
+ausdrücken wollen, so heißt das nichts anderes, als
+daß die Arbeit des Künstlers reine Phantasietätigkeit
+ist. Gut malen heißt also mit Phantasie malen und
+die schönste, breiteste, flächigste Malerei bleibt äußerliche
+Virtuosität, wenn sie nicht der Ausdruck der
+künstlerischen Anschauung ist. Die Phantasie hört
+also nicht da auf, wo die Arbeit beginnt &ndash; wie noch
+ein Lessing annahm, &ndash; sondern sie muß dem Maler
+bis zum letzten Pinselstrich die Hand führen. Weshalb
+ist denn oft die flüchtigste Skizze vollendeter
+als das fertige Bild? Weil die in ein paar Stunden
+entstandene Skizze von der Phantasie erzeugt ist,
+während die wochen-, ja monatelange Arbeit am
+Bilde die Phantasie ertötet hat. Nicht etwa die
+Technik, sondern die Phantasie ist die Ursache, daß
+nur die al Primamalerei was taugt, denn die Phantasie
+ist ebensowenig eine Heringsware wie die Begeisterung:
+nur das unter dem frischen Eindruck der momentanen
+Phantasie flüssig ineinander gemalte Stück
+hat inneres Leben.</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_49" title="49"> </a>Daher gibt es keine Technik per se, sondern so
+viele Techniken als es Künstler gibt. Und ohne
+eigene Technik kann es keine eigene Kunst geben.
+Franz Hals' Technik entspringt ebenso seiner Naturauffassung
+wie die des Velasquez der seinigen: Beide
+malten einfach, was sie sahen. Unbewußt kam in
+ihre Malweise ihre Persönlichkeit.</p>
+
+<p>Man sehe sich die »Bohèmienne« oder den »Innocenz«
+auf die angewandten Mittel an: das Handwerksmäßige
+daran kann jeder Malklassenschüler. Auch weiß man,
+daß der Papst dem Velasquez zu dem Kopfe in Petersburg,
+der noch schöner sein soll als der in Rom,
+nur eine Stunde gesessen hat; und Franz Hals hat
+sicher nicht viel länger an der »Bohèmienne« gearbeitet.
+Gebt einem Stümper eine Stunde lang die Phantasie
+eines Franz Hals oder Velasquez, und aus seiner
+Stümperei wird ein Meisterwerk. Aber Hals und
+Velasquez hatten keine Kunsttheorien; sie malten, was
+sie selber sahen, und nicht, was andere vor ihnen
+gesehen hatten: sie waren naiv. Sie malten nur mit
+ihrem malerischen unbewußten Gefühl und nicht mit
+dem Verstande. Sie warteten nicht die Stimmung
+ab, sondern die Stimmung kam, wenn sie den Pinsel
+in die Hand nahmen.</p>
+
+<p>Manet oder Leibl dachten malerisch. Sie suchten
+nicht das sogenannte Malerische in der Natur, sondern
+sie faßten die Natur malerisch auf: die Natur
+war für sie der Canevas für ihr Bild. Feuerbach,
+Marées oder Böcklin übersetzten ihre Stimmungen
+<a class="pagenum" name="Page_50" title="50"> </a>
+oder Gedanken in die Sprache der Malerei: zum
+Ausdruck ihrer Sentiments bedienten sie sich der
+Natur. Derselbe Gegensatz wie zwischen dem naiven
+und sentimentalen Dichter besteht auch in der Malerei:
+der naive Maler geht von der Erscheinung aus,
+der sentimentale vom Gedanken.</p>
+
+<p>Aber gerade das Primäre ist das Entscheidende;
+wie der wahre Dichter nur vom Erlebnis ausgeht,
+so geht das wahre malerische Ingenium nur von der
+sinnlichen Erscheinung aus. Letzten Endes ist jeder
+Maler Porträtmaler, der Wirklichkeitsmaler Franz Hals
+oder Velasquez ebenso wie der Maler der »inneren
+Gesichte« Albrecht Dürer oder gar wie Rembrandt,
+unter dessen Pinsel die Bildnisse der Korporalschaft
+des Banning Cocq zur <ins title="»Nachtwache«">»Nachtwache«,</ins> dem phantasievollsten
+Bilde der Welt, wurden. Daß dieses Gruppenbildnis
+einer Schützengilde bis heutigen Tages die
+»Nachtwache« heißt, das beweist am schlagendsten,
+daß in der Malerei die Erfindung nur in der Ausführung
+beruht.</p>
+
+<p>Kunst ist Kern und Schale in einem Male: die
+Phantasie muß nicht nur die Vorstellung von dem
+Bilde erzeugen, sondern zugleich die Ausdrucksmittel,
+durch die der Maler seine Vorstellung auf die Leinwand
+zu projizieren imstande ist.</p>
+
+<p>Irgend ein Corneliusschüler erzählte, daß er München
+in aller Hergottsfrühe umkreiste, um sich in
+weihevolle Stimmung zu versetzen, bevor er an die
+Arbeit ging, und ins Atelier gekommen, »floß der
+<a class="pagenum" name="Page_51" title="51"> </a>
+Contour«. Aber Heinrich v. Kleist läßt in einer Betrachtung
+über Berliner Kunstzustände im Jahr 1811
+einen Vater seinem Sohne sagen: »du schreibst mir,
+daß du eine Madonna malst, und daß du jedesmal,
+bevor du zum Pinsel greifst, das Abendmahl nehmen
+möchtest. Laß dir von deinem alten Vater sagen,
+daß dies eine falsche Begeisterung ist, und daß es
+mit einer gemeinen, aber übrigens rechtschaffenen
+Lust an dem Spiele, deine Einbildungen auf die Leinewand
+zu bringen, völlig abgemacht ist.«</p>
+
+<h2 class="chapter"><a class="pagenum" name="Page_53" title="53"> </a>PHANTASIE UND TECHNIK</h2>
+
+<div><a class="pagenum" name="Page_55" title="55"> </a></div>
+<blockquote>
+<p>»Ohne Hände gibt es keine Maler,
+und ohne brauchbare, keine gute.«</p>
+
+<p class="right">RUMOHR.</p>
+</blockquote>
+
+<p class="drop-cap"><span class="upper-case">Kaiser</span> Wilhelm ließ als junger Prinz von irgendeinem
+Hofmaler sein Bildnis malen und als er
+es besah, fragte er den Professor: Habe ich denn so
+große Augen? und auf die Antwort des Malers, daß
+er die Augen von Königl. Hoheit so groß sähe, erwiderte
+der Prinz: Dann begreife ich nicht, daß Sie
+Maler geworden sind.</p>
+
+<p>Die Phantasie ist immer Voraussetzung, und ebensowenig
+zu beweisen, wie daß 2 × 2 = 4 ist. Die ästhetische
+Betrachtung kann nur ergründen wollen, wie
+sich die Form für das Werk unter der Hand des
+Künstlers gestaltet, nicht aber den Prozeß, der in
+seinem Kopfe vorausgeht. Jeder Künstler, ob er
+Maler, Musiker oder Dichter ist, muß von der Anschauung
+ausgehen: Die Vision, die äußere wie die
+innere, ist das Primäre, und aus der Wiedergabe der
+Vision geht erst der Gedanke hervor. Der Schriftsteller
+aber will seinem Gedanken Ausdruck geben,
+der Gedanke ist also das Primäre und die Form das
+Sekundäre. Natürlich ist ein Bild, das der Maler
+aus der Natur konzipiert und nach der Natur malt,
+deshalb noch nicht gut, aber ein Bild, das aus der
+Idee entstanden, kann nicht gut sein.</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_56" title="56"> </a>Denn in aller Kunst muß sich aus der Form erst
+der Gedanke entwickeln. Die Form des Gedankens
+muß dem Dichter schon vorschweben, ehe der Gedanke
+selbst erscheint (Lichtenberg), um wie viel
+mehr in der bildenden Kunst und in der Musik, wo
+Form und Gedanke identisch sind.</p>
+
+<p>Als der Jenenser Student Goethen fragte, wie er
+zu seinem Stile gelangt wäre, antwortete er: Ich habe
+die Dinge auf mich wirken lassen. Tizian oder
+Tintoretto, Rembrandt und F. Hals, Velasquez und
+Manet hätten dieselbe Antwort geben können auf
+die Frage, wie sie zu ihrer Malerei gelangt wären.
+Daß der Künstler in irgendeinem xbeliebigen Modell
+den Kaiser Augustus oder Napoleon sieht, ist das
+Werk seiner Phantasie und ebenso unerforschlich wie
+das psychische Moment im menschlichen Zeugungsprozeß;
+aber wie wir den physiologischen Prozeß
+zu ergründen versuchen dürfen, so können wir nachforschen,
+wie der Künstler seine Phantasie gleichsam
+materialisiert durch seine Technik und in ihr. Technik
+heißt hier natürlich nicht das Handwerksmäßige, das
+jeder Künstler selbstverständlich gelernt haben muß,
+sondern Technik bedeutet hier das Ausdrucksmittel
+der Phantasie. Die Technik projiziert die künstlerische
+Phantasie auf die Bildfläche und diese Projektion
+ist die Kunst.</p>
+
+<p>Die Griechen hatten für Kunst und Handwerk
+nur das eine Wort <span class="greek" lang="grc" xml:lang="grc" title="hê technê">ἡ τέχνη</span>: Beide sind desselben Ursprungs.
+Wehe der Kunst, die ihres Ursprungs vergißt!
+<a class="pagenum" name="Page_57" title="57"> </a>
+Die von der Malerei verlangt, was nur Poesie
+oder Musik zu leisten vermögen. Wie der Dichter
+für das Wort, der Musiker für den Ton, so muß
+der Maler für sein Ausdrucksmittel erfinden. Man
+vergleiche eine Silberstiftzeichnung Rembrandts mit
+einer seiner in Sepia lavierten Zeichnungen: wie er
+jedem Material durch diese adäquate Behandlung
+gerade die höchste Wirkung entlockt. Der Meister
+verlangt nicht vom Stifte, was nur der Pinsel hergibt
+oder umgekehrt.</p>
+
+<p>Aber wie sich aus dem Affen nie der Mensch
+entwickeln kann, obgleich beide derselben Abstammung
+sind, so kann nie aus dem vollendetsten
+Handwerker der Künstler werden ohne den göttlichen
+Funken der Phantasie. Das Genie ist notwendige
+Voraussetzung jedes Kunstwerkes; aber dieses
+kann sich nur auf handwerklicher Basis gestalten.
+Künstler und Handwerker prozedieren gleicherweise,
+einer wie der andere will nur sein Handwerk bestmöglich
+ausüben. Ist aber der Handwerker nebenbei
+noch ein Phidias oder ein Raffael, so wird aus
+seinem Handwerk &ndash; ihm natürlich unbewußt &ndash;
+das ideale Kunstwerk. Ideal in dem Sinne, daß sich
+der Künstler in seinem Werke vollendet. Ein objektives
+Ideal ist eine contradictio in adjecto: Wären
+Phidias oder Raffael das Ideal an sich, so könnten
+es Rembrandt und Velasquez nicht auch sein.</p>
+
+<p>Jedes Kunstwerk ist ideal und real zugleich, insofern
+der Künstler vom sinnlichen Natureindruck
+<a class="pagenum" name="Page_58" title="58"> </a>
+ausgeht, also ist die Bezeichnung von idealistischer
+oder realistischer Kunst ein Pleonasmus: mit ihrer
+Qualität hat weder die eine noch die andere etwas
+zu tun. Sie können höchstens das Stoffliche bezeichnen,
+wie man etwa das bürgerliche Schauspiel
+vom historischen unterscheidet. Aber auch der rückständigste
+Professor wird nicht »Maria Stuart« oder die
+»Jungfrau von Orleans«, weil sie historische Dramen
+sind, dem bloß bürgerlichen Schauspiel »Kabale und
+Liebe« vorziehen wollen.</p>
+
+<p>Mein verstorbener Freund Jettel pflegte jedem, der
+ihn besuchte &ndash; und welcher deutsche Maler, der
+im letzten Viertel des verflossenen Jahrhunderts nach
+Paris kam, hat ihn nicht besucht! &ndash; die Geschichte
+von dem Wiener Akademiedirektor zu erzählen, wie
+der Meisterschüler den Karton zu seinem ersten Bilde
+»Luther schlägt die Thesen an die Schloßkirche zu
+Wittenberg« zeichnet. Nach monatelangem Korrigieren
+und Ändern ist endlich der Karton fertig, und die
+Komposition wird auf die Leinwand gepaust: Luther
+schwingt den Hammer, während die Menge ihm begeistert
+zujauchzt. Als der Direktor zur Korrektur
+kommt, lobt er die Komposition, aber er meint, daß
+es der Erhabenheit des weltgeschichtlichen Moments
+nicht angemessen sei, daß Luther eigenhändig den
+Hammer schwinge. Das müsse einer seiner Jünger
+tun. Dem braven Schüler leuchtet es ein, und die
+Komposition wird demgemäß verändert: Während
+Luther die Menge haranguiert, schwingt der Nächststehende
+<a class="pagenum" name="Page_59" title="59"> </a>
+den Hammer; als der Meister wieder kommt,
+billigt er die Änderung, aber er meint, daß nicht der
+Luther Nächststehende, sondern dessen Nachbar die
+Thesen anschlagen müsse, um nicht die Aufmerksamkeit
+des Beschauers von der Gestalt Luthers, der doch
+die Hauptperson im Bilde sei, abzulenken. So gehts
+durch ein viertel oder ein halbes Jahr weiter, bei
+jedem Besuche im Atelier des Schülers meint der
+Direktor, daß der Nächste den Hammer schwingen
+müsse, bis alle der Reihe nach den Hammer geschwungen
+haben und der Direktor zu dem Schlusse
+kommt, daß in der furchtbaren Erregung des weltgeschichtlichen
+Moments Luther den Hammer selbst
+in die Hand nehmen und die Thesen eigenhändig
+anschlagen würde.</p>
+
+<p>Alles in der Kunst ist Qualität, und die Qualität
+des Kunstwerkes hängt von dem Quantum von Phantasie,
+die es erzeugte, ab, denn nur die von der
+Phantasie erzeugte Form ist lebendig. Aber die
+Phantasie erfindet nicht die Form &ndash; denn die ist
+von Anbeginn der Kunst vorhanden, wie in der
+Poesie das Wort und in der Musik der Ton, sondern
+den Ausdruck für die Form, das heißt die Technik.
+Nicht die Form ist das Originelle, sondern die künstlerische
+Originalität beruht darin, wie die Phantasie
+zur Form geworden ist. Jeder Künstler, auch der
+größte, übernimmt die traditionellen Formen seiner
+Zeit und seiner Umgebung. Die frühen Raffaels oder
+Rembrandts gleichen den Bildern ihrer Meister (so
+<a class="pagenum" name="Page_60" title="60"> </a>
+sehr, daß man sie für die ihrer Meister angesprochen
+hat). Sie suchen nicht etwa neue Ausdrucksformen,
+das heißt eine neue Technik, sondern ihre neue
+Technik ergibt sich aus ihrer künstlerischen Individualität.
+Hieraus ergibt sich der neue Stil eines jeden
+Meisters.</p>
+
+<p>In der Musik heißt Virtuose, wer die fremde
+Komposition vorzutragen imstande ist. Mit demselben
+Rechte könnte man die Maler, die keine originelle
+Ausdrucksweise besitzen, Virtuosen nennen, nur kann
+man leider nicht so leicht wie in der Musik den
+Komponisten vom Virtuosen in der bildenden Kunst
+trennen, wo die Erfindung die Ausführung ist. Die
+Fagerolles, die nur reproduzierende Künstler sind,
+gelten oft sogar mehr als die Claude, die sie kopieren.</p>
+
+<p>Aber Meister ist nur, der seine eigenen Gedanken
+in eigener Sprache auszudrücken imstande ist. Daher
+haben die geborenen großen Maler, je älter sie
+wurden, desto schöner gemalt. Nicht etwa, daß
+ihre Hand mit den Jahren geschickter wurde, im
+Gegenteil: sie werfen die Geschicklichkeit des Handgelenks,
+die den Jüngling freut und über die mangelnde
+Originalität hinwegtäuscht, mit Verachtung von sich
+und zwar so, daß noch ein Karl Justi in seinem
+Pamphlet gegen die Moderne die Alterswerke eines
+Rembrandt oder F. Hals senil nennen konnte. Der
+Meister ist der Überwinder der Technik. Man vergleiche
+auf Rembrandts Anatomie im Haag den
+Leichnam mit dem Stück auf der leider angebrannten
+<a class="pagenum" name="Page_61" title="61"> </a>
+Anatomie des Dr. Deisman in Amsterdam, wie die
+Technik sich vereinfacht hat, wie jedes Detail unterdrückt
+wird. Wir sehen nur noch das Wesentliche,
+den Typus des Kadavers und &ndash; schaudern, wie
+wenn wir plötzlich vor einer Leiche stehen. Wohl
+sehen wir im Haag einen der schönsten Rembrandts,
+aber der 26jährige macht noch Malerei, die freilich
+wunderbar herrlich ist. Aber 25 Jahre später malt
+Rembrandt nicht mehr ein Bild, sondern seine Seele
+auf die Leinwand. Genau dasselbe bei F. Hals: in
+Haarlem kann man vor den Doelenstücken seine Entwicklung
+während eines halben Jahrhunderts von Stufe
+zu Stufe verfolgen, vom Rubensschüler, der die Technik
+seines Meisters sklavisch kopiert, bis zum 80jährigen
+Meister, der in den zwei Bildern der Vorsteher und
+der Vorsteherinnen eines Waisenhauses das höchste
+und schönste leistet, was die Malerei hervorgebracht
+hat. In diesen »senilen« Werken ist allerdings nichts
+mehr von Technik zu merken, denn jeder Pinselstrich
+und jeder Farbfleck ist Leben geworden. Wie der
+Kopf des greisen Mommsen ganz durchgeistigt schien,
+nur noch Seele, so ist in den beiden Altersschöpfungen
+von Hals nichts Materielles mehr: der Geist
+hat die Technik vernichtet.</p>
+
+<p>Dasselbe Phänomen bei Tizian. Zwischen der
+Dornenkrönung in Paris und der in München liegen
+rund 30 Jahre: die Komposition ist absolut dieselbe
+geblieben, aber aus der Malerei ist Leben geworden.
+Nur die Phantasie kann dieses Wunder bewirkt
+<a class="pagenum" name="Page_62" title="62"> </a>
+haben: sie hat die Technik vergeistigt. Oder mit
+anderen Worten: aus dem Maler, der die Natur
+nachahmt, wird der Künstler, der ein Neues schafft,
+das heißt: der Künstler, der eine neue Technik
+schafft.</p>
+
+<p>Jede neue Kunst ist also letzten Endes neue Technik.
+Man vergleiche das Hohe Lied mit einem lyrischen
+Gedicht Goethes oder den ägyptischen Dorfschulzen
+im Museum in Kairo mit einer Bronze Rodins: obgleich
+5000 Jahre dazwischen liegen, das Ringen des
+menschlichen Geistes nach demselben Ausdruck. Nur
+mit verschiedenen Mitteln, d.&nbsp;h. mit veränderter
+Technik.</p>
+
+<p>Sein Talent hat der Künstler vom lieben Gott:
+Was er aber daraus macht mittelst seiner Technik,
+das ist <em class="gesperrt">seine</em> Kunst. Daher ist es nicht etwa öde
+Fachsimpelei à la Tessman, sondern der gesundeste
+Instinkt, wenn der Künstler sich Zeit seines Lebens
+nur mit der Technik beschäftigt. Für ihn ist die
+Technik die Kunst. »Lieber Junge, die überraschenden
+Wirkungen, welche viele nur dem Naturgenie zuschreiben,
+erzielt man oft ganz leicht durch richtige
+Anwendung und Auflösung der Septimenakkorde.«
+Was für Beethoven Technik ist, erscheint uns als
+Ausfluss seines Genies und zwar ganz folgerichtig,
+denn die Technik ist ja Ausfluss des Genies oder
+sollte es wenigstens sein. Bei Rodin spiegelt sich
+die ganze Welt in der Oberfläche des Kunstwerkes.</p>
+
+<p>Die Technik fängt erst an, künstlerisch zu werden,
+<a class="pagenum" name="Page_63" title="63"> </a>
+wo sie persönlich wird, daher kann man nur das
+Handwerksmäßige, das Kunstgewerbliche an ihr lehren
+und lernen. Daher gibt es keine Technik <span class="greek" lang="grc" xml:lang="grc" title="kat' exochên">κατ' ἐξοχὴν</span>.
+Raffael malt wie Perugino, F. Hals wie Rubens und
+Rembrandt wie sein Lehrer Lastmann, solange sie
+Schüler waren. Als aber Raffael er geworden, malt
+er raffaelisch wie Hals halsisch und wie Rembrandt
+rembrandtisch malten, sobald sie Hals und Rembrandt
+geworden. Es ist durchaus zu verstehn, daß die jungen
+Leute heutzutage Cézanne oder van Gogh nachahmen:
+ihr Fehler beruht nur darin, daß sie die Hieroglyphe
+ihres Vorbildes kopieren, ohne zu wissen, was sie
+bedeutet, wie die Mönche im Mittelalter die griechischen
+und lateinischen Texte abschrieben, ohne sie
+zu verstehen.&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p>Der bekannte Gehirnanatom Edinger berichtet den
+merkwürdigen Fall, daß ein Schreiner nach einer
+Verletzung der Gehirnrinde wieder völlig genesen
+war, nur die Funktion des Hobelns war ihm durch
+seine Erkrankung abhanden gekommen: Hand und
+Herz gehören nun mal in der Malerei zusammen
+und die Vorstellung vom Raffael ohne Hände ist nicht
+nur wider die Natur, sondern wider die Kunst. Denn
+im Künstler löst erst die Form die Idee aus.</p>
+
+<p class="center page-break"><a class="pagenum" name="Page_64" title="64"> </a>Druck von W. Drugulin in Leipzig</p>
+
+<div id="tnote-bottom">
+<p class="center"><a name="tn-bottom"><b>Anmerkungen zur Transkription:</b></a></p>
+
+<p>Im folgenden werden alle geänderten Textstellen angeführt,
+wobei jeweils zuerst die Stelle wie im Original, danach die geänderte Stelle
+steht.</p>
+
+<ul id="corrections">
+<li><a href="#Page_13">Seite 13</a>:<br/>
+den malerischen Mitteln am meisten <span class="correction">ädaquate</span> Auffassung<br/>
+den malerischen Mitteln am meisten <span class="correction">adäquate</span> Auffassung
+</li>
+<li><a href="#Page_13">Seite 13</a>:<br/>
+der Natur. <span class="correction">Jeder</span> Kontur, jeder Pinselstrich<br/>
+der Natur. <span class="correction">Jede</span> Kontur, jeder Pinselstrich
+</li>
+<li><a href="#Page_38">Seite 38</a>:<br/>
+für zu <span class="correction">gapatzt</span> und wohl auch für nicht vorteilhaft<br/>
+für zu <span class="correction">gepatzt</span> und wohl auch für nicht vorteilhaft
+</li>
+<li><a href="#Page_38">Seite 38</a>:<br/>
+vom <span class="correction">Handwerksstandgunkt</span> aus ist der »Nachtwache«<br/>
+vom <span class="correction">Handwerksstandpunkt</span> aus ist der »Nachtwache«
+</li>
+<li><a href="#Page_50">Seite 50</a>:<br/>
+des Banning Cocq zur <span class="correction">»Nachtwache«</span> dem phantasievollsten<br/>
+des Banning Cocq zur <span class="correction">»Nachtwache«,</span> dem phantasievollsten
+</li>
+</ul>
+</div>
+
+
+
+
+
+
+
+
+<pre>
+
+
+
+
+
+End of Project Gutenberg's Die Phantasie in der Malerei, by Max Liebermann
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE PHANTASIE IN DER MALEREI ***
+
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+work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
+Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.
+
+
+Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need, are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at http://pglaf.org
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit http://pglaf.org
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including checks, online payments and credit card donations.
+To donate, please visit: http://pglaf.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
+
+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
+
+ http://www.gutenberg.org
+
+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
+subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
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