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diff --git a/38126-tei/38126-tei.tei b/38126-tei/38126-tei.tei new file mode 100644 index 0000000..198e478 --- /dev/null +++ b/38126-tei/38126-tei.tei @@ -0,0 +1,22412 @@ +<?xml version="1.0" encoding="UTF-8" ?> +<!DOCTYPE TEI.2 SYSTEM "http://www.gutenberg.org/tei/marcello/0.4/dtd/pgtei.dtd"> +<TEI.2 lang="de"> + <teiHeader> + <fileDesc> + <titleStmt> + <title>Der Untertan</title> + <author><name reg="Mann, Heinrich">Heinrich Mann</name></author> + </titleStmt> + <publicationStmt> + <publisher>Project Gutenberg</publisher> + <date><date value="2011-11-24">November 24, 2011</date></date> + <idno type='etext-no'>38126</idno> + <availability> + <p>This eBook is for the use of anyone anywhere + at no cost and with almost no restrictions whatsoever. + You may copy it, give it away or re-use it under + the terms of the Project Gutenberg License online at + www.gutenberg.org/license</p> + </availability> + </publicationStmt> + <sourceDesc> + <p></p> + </sourceDesc> + </fileDesc> + <encodingDesc> + </encodingDesc> + <profileDesc> + <langUsage> + <language id="de" /> + </langUsage> + </profileDesc> + <revisionDesc> + <change> + <date value="2011-11-24">November 24, 2011</date> + <respStmt> + <resp>Produced by <name>Jana Srna</name>, <name>Jens Sadowski</name> + and the Online Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net</resp> + </respStmt> + <item>Project Gutenberg TEI edition 1</item> + </change> + </revisionDesc> + </teiHeader> + + <pgExtensions> + <pgStyleSheet> + .antiqua { font-style: italic } + .center { text-align: center } + .gesperrt { letter-spacing: 0.2em; margin-right: -0.2em } + head { text-align: center } + </pgStyleSheet> + </pgExtensions> + +<text lang="de"> +<front> + <div> + <divGen type="pgheader"/> + </div> + <div> + <divGen type="encodingDesc" /> + </div> +<titlePage rend="center; page-break-before: always"> +<pb/><anchor id='Pgf0001'/> +<docAuthor rend="font-size: x-large">Heinrich Mann</docAuthor> + <lb/><lb/> +<docTitle> + <titlePart rend="font-size: xx-large">Der Untertan</titlePart> + <lb/><lb/> + <titlePart rend="font-size: large">Roman</titlePart> +</docTitle> + <lb/><lb/><lb/><lb/><lb/> +<docImprint><publisher>Kurt Wolff Verlag</publisher> +<lb/><pubPlace>Leipzig-Wien</pubPlace></docImprint> +</titlePage> + <div rend="page-break-before: always; center"> +<pb/><anchor id='Pgf0002'/> + <p rend="margin-top:3">Der Roman wurde abgeschlossen Anfang Juli 1914</p> + + <p rend="margin-top: 3">Vierundfünfzigstes bis zweiundachtzigstes Tausend</p> + + <p rend="margin-top: 1">Gedruckt in der Spamerschen Buchdruckerei in Leipzig<lb/> + Copyright Kurt Wolff Verlag, Leipzig, 1918</p> + </div> +</front> +<body rend="page-break-before: always"><div> +<index index="toc" level1="I"/> +<index index="pdf" level1="I"/> +<pb n='5'/><anchor id='Pgp0005'/> + +<head>I.</head> + +<p> +Diederich Heßling war ein weiches Kind, das am liebsten +träumte, sich vor allem fürchtete und viel an den +Ohren litt. Ungern verließ er im Winter die warme Stube, +im Sommer den engen Garten, der nach den Lumpen +der Papierfabrik roch und über dessen Goldregen- und +Fliederbäumen das hölzerne Fachwerk der alten Häuser +stand. Wenn Diederich vom Märchenbuch, dem geliebten +Märchenbuch, aufsah, erschrak er manchmal sehr. Neben +ihm auf der Bank hatte ganz deutlich eine Kröte gesessen, +halb so groß wie er selbst! Oder an der Mauer dort drüben +stak bis zum Bauch in der Erde ein Gnom und schielte her! +</p> + +<p> +Fürchterlicher als Gnom und Kröte war der Vater, +und obendrein sollte man ihn lieben. Diederich liebte +ihn. Wenn er genascht oder gelogen hatte, drückte er sich +so lange schmatzend und scheu wedelnd am Schreibpult +umher, bis Herr Heßling etwas merkte und den Stock +von der Wand nahm. Jede nicht herausgekommene Untat +mischte in Diederichs Ergebenheit und Vertrauen +einen Zweifel. Als der Vater einmal mit seinem invaliden +Bein die Treppe herunterfiel, klatschte der Sohn +wie toll in die Hände – worauf er weglief. +</p> + +<p> +Kam er nach einer Abstrafung mit gedunsenem Gesicht +und unter Geheul an der Werkstätte vorbei, dann lachten +die Arbeiter. Sofort aber streckte Diederich nach ihnen +die Zunge aus und stampfte. Er war sich bewußt: „Ich +habe Prügel bekommen, aber von meinem Papa. Ihr +wäret froh, wenn ihr auch Prügel von ihm bekommen +könntet. Aber dafür seid ihr viel zu wenig.“ +</p> + +<pb n='6'/><anchor id='Pgp0006'/> + +<p> +Er bewegte sich zwischen ihnen wie ein launenhafter +Pascha; drohte ihnen bald, es dem Vater zu melden, daß +sie sich Bier holten, und bald ließ er kokett aus sich die +Stunde herausschmeicheln, zu der Herr Heßling zurückkehren +sollte. Sie waren auf der Hut vor dem Prinzipal: +er kannte sie, er hatte selbst gearbeitet. Er war Büttenschöpfer +gewesen in den alten Mühlen, wo jeder Bogen +mit der Hand geformt ward; hatte dazwischen alle Kriege +mitgemacht und nach dem letzten, als jeder Geld fand, +eine Papiermaschine kaufen können. Ein Holländer und +eine Schneidemaschine vervollständigten die Einrichtung. +Er selbst zählte die Bogen nach. Die von den Lumpen +abgetrennten Knöpfe durften ihm nicht entgehen. Sein +kleiner Sohn ließ sich oft von den Frauen welche zustecken, +dafür, daß er die nicht angab, die einige mitnahmen. +Eines Tages hatte er so viele beisammen, daß ihm der +Gedanke kam, sie beim Krämer gegen Bonbons umzutauschen. +Es gelang – aber am Abend kniete Diederich, +indes er den letzten Malzzucker zerlutscht, sich ins +Bett und betete, angstgeschüttelt, zu dem schrecklichen +lieben Gott, er möge das Verbrechen unentdeckt lassen. +Er brachte es dennoch an den Tag. Dem Vater, der +immer nur methodisch, Ehrenfestigkeit und Pflicht auf +dem verwitterten Unteroffiziersgesicht, den Stock geführt +hatte, zuckte diesmal die Hand, und in die eine Bürste +seines silberigen Kaiserbartes lief, über die Runzeln hüpfend, +eine Träne. „Mein Sohn hat gestohlen“, sagte er +außer Atem, mit dumpfer Stimme, und sah sich das +Kind an wie einen verdächtigen Eindringling. „Du betrügst +und stiehlst. Du brauchst nur noch einen Menschen +totzuschlagen.“ +</p> + +<p> +Frau Heßling wollte Diederich nötigen, vor dem Vater +<pb n='7'/><anchor id='Pgp0007'/>hinzufallen und ihn um Verzeihung zu bitten, weil der +Vater seinetwegen geweint habe! Aber Diederichs Instinkt +sagte ihm, daß dies den Vater nur noch mehr erbost +haben würde. Mit der gefühlsseligen Art seiner Frau +war Heßling durchaus nicht einverstanden. Sie verdarb +das Kind fürs Leben. Übrigens ertappte er sie geradeso +auf Lügen wie den Diedel. Kein Wunder, da sie Romane +las! Am Sonnabendabend war nicht immer die +Wochenarbeit getan, die ihr aufgegeben war. Sie klatschte, +anstatt sich zu rühren, mit dem Dienstmädchen ... Und +Heßling wußte noch nicht einmal, daß seine Frau auch +naschte, gerade wie das Kind. Bei Tisch wagte sie sich +nicht satt zu essen und schlich nachträglich an den Schrank. +Hätte sie sich in die Werkstatt getraut, würde sie auch +Knöpfe gestohlen haben. +</p> + +<p> +Sie betete mit dem Kind „aus dem Herzen“, nicht nach +Formeln, und bekam dabei gerötete Wangenknochen. +Sie schlug es auch, aber Hals über Kopf und verzerrt von +Rachsucht. Oft war sie dabei im Unrecht. Dann drohte +Diederich, sie beim Vater zu verklagen; tat so, als ginge +er ins Kontor, und freute sich irgendwo hinter einer Mauer, +daß sie nun Angst hatte. Ihre zärtlichen Stunden nützte +er aus; aber er fühlte gar keine Achtung vor seiner Mutter. +Ihre Ähnlichkeit mit ihm selbst verbot es ihm. Denn er +achtete sich selbst nicht, dafür ging er mit einem zu schlechten +Gewissen durch sein Leben, das vor den Augen des +Herrn nicht hätte bestehen können. +</p> + +<p> +Dennoch hatten die beiden von Gemüt überfließende +Dämmerstunden. Aus den Festen preßten sie gemeinsam +vermittels Gesang, Klavierspiel und Märchenerzählen +den letzten Tropfen Stimmung heraus. Als Diederich +am Christkind zu zweifeln anfing, ließ er sich von der +<pb n='8'/><anchor id='Pgp0008'/>Mutter bewegen, noch ein Weilchen zu glauben, und er +fühlte sich dadurch erleichtert, treu und gut. Auch an ein +Gespenst, droben auf der Burg, glaubte er hartnäckig, +und der Vater, der hiervon nichts hören wollte, schien zu +stolz, beinahe strafwürdig. Die Mutter nährte ihn mit +Märchen. Sie teilte ihm ihre Angst mit vor den neuen, +belebten Straßen und der Pferdebahn, die hindurchfuhr, +und führte ihn über den Wall nach der Burg. Dort genossen +sie das wohlige Grausen. +</p> + +<p> +Ecke der Meisestraße hinwieder mußte man an einem +Polizisten vorüber, der, wen er wollte, ins Gefängnis +abführen konnte! Diederichs Herz klopfte beweglich; wie +gern hätte er einen weiten Bogen gemacht! Aber dann +würde der Polizist sein schlechtes Gewissen erkannt und +ihn aufgegriffen haben. Es war vielmehr geboten, zu +beweisen, daß man sich rein und ohne Schuld fühlte – +und mit zitternder Stimme fragte Diederich den Schutzmann +nach der Uhr. +</p> + +<milestone unit="tb"/> + +<p> +Nach so vielen furchtbaren Gewalten, denen man unterworfen +war, nach den Märchenkröten, dem Vater, dem +lieben Gott, dem Burggespenst und der Polizei, nach dem +Schornsteinfeger, der einen durch den ganzen Schlot +schleifen konnte, bis man auch ein schwarzer Mann war, +und dem Doktor, der einen im Hals pinseln durfte und +schütteln, wenn man schrie – nach allen diesen Gewalten +geriet nun Diederich unter eine noch furchtbarere, den +Menschen auf einmal ganz verschlingende: die Schule. +Diederich betrat sie heulend, und auch die Antworten, +die er wußte, konnte er nicht geben, weil er heulen mußte. +Allmählich lernte er den Drang zum Weinen gerade dann +auszunutzen, wenn er nicht gelernt hatte – denn alle +<pb n='9'/><anchor id='Pgp0009'/>Angst machte ihn nicht fleißiger oder weniger träumerisch +– und vermied so, bis die Lehrer sein System durchschaut +hatten, manche üblen Folgen. Dem ersten, der es durchschaute, +schenkte er seine ganze Achtung; er war plötzlich +still und sah ihn, über den gekrümmten und vors Gesicht +gehaltenen Arm hinweg voll scheuer Hingabe an. Immer +blieb er den scharfen Lehrern ergeben und willfährig. +Den gutmütigen spielte er kleine, schwer nachweisbare +Streiche, deren er sich nicht rühmte. Mit viel größerer +Genugtuung sprach er von einer Verheerung in den +Zeugnissen, von einem riesigen Strafgericht. Bei Tisch +berichtete er: „Heute hat Herr Behnke wieder drei durchgehauen.“ +Und wenn gefragt ward, wen? +</p> + +<p> +„Einer war ich.“ +</p> + +<p> +Denn Diederich war so beschaffen, daß die Zugehörigkeit +zu seinem unpersönlichen Ganzen, zu diesem unerbittlichen, +menschenverachtenden, maschinellen Organismus, +der das Gymnasium war, ihn beglückte, daß die +Macht, die kalte Macht, an der er selbst, wenn auch nur +leidend, teilhatte, sein Stolz war. Am Geburtstag des +Ordinarius bekränzte man Katheder und Tafel. Diederich +umwand sogar den Rohrstock. +</p> + +<p> +Im Lauf der Jahre berührten zwei über Machthaber +hereingebrochene Katastrophen ihn mit heiligem und +süßem Schauder. Ein Hilfslehrer ward vor der Klasse +vom Direktor heruntergemacht und entlassen. Ein Oberlehrer +ward wahnsinnig. Noch höhere Gewalten, der +Direktor und das Irrenhaus, waren hier gräßlich mit +denen abgefahren, die bis eben so hohe Gewalt hatten. +Von unten, klein aber unversehrt, durfte man die Leichen +betrachten und aus ihnen eine die eigene Lage mildernde +Lehre ziehen. +</p> + +<pb n='10'/><anchor id='Pgp0010'/> + +<p> +Die Macht, die ihn in ihrem Räderwerk hatte, vor seinen +jüngeren Schwestern vertrat Diederich sie. Sie mußten +nach seinem Diktat schreiben und künstlich noch mehr +Fehler machen, als ihnen von selbst gelangen, damit er +mit roter Tinte wüten und Strafen austeilen konnte. +Sie waren grausam. Die Kleinen schrien – und dann +war es an Diederich, sich zu demütigen, um nicht verraten +zu werden. +</p> + +<p> +Er hatte, den Machthabern nachzuahmen, keinen Menschen +nötig; ihm genügten Tiere, sogar Dinge. Er stand +am Rande des Holländers und sah die Trommel die +Lumpen ausschlagen. „Den hast du weg! Untersteht euch +noch mal! Infame Bande!“ murmelte Diederich, und in +seinen blassen Augen glomm es. Plötzlich duckte er sich; +fast fiel er in das Chlorbad. Der Schritt eines Arbeiters +hatte ihn aufgestört aus seinem lästerlichen Genuß. +</p> + +<p> +Denn recht geheuer und seiner Sache gewiß fühlte +er sich nur, wenn er selbst die Prügel bekam. Kaum je +widerstand er dem Übel. Höchstens bat er den Kameraden: +„Nicht auf den Rücken, das ist ungesund.“ +</p> + +<p> +Nicht daß es ihm am Sinn für sein Recht und an Liebe +zum eigenen Vorteil fehlte. Aber Diederich hielt dafür, +daß Prügel, die er bekam, dem Schlagenden keinen praktischen +Gewinn, ihm selbst keinen reellen Verlust zufügten. +Ernster als diese bloß idealen Werte nahm er die Schaumrolle, +die der Oberkellner vom „Netziger Hof“ ihm schon +längst versprochen hatte und mit der er nie herausrückte. +Diederich machte unzählige Male ernsten Schrittes den +Geschäftsweg die Meisestraße hinauf zum Markt, um +seinen befrackten Freund zu mahnen. Als der aber eines +Tages von seiner Verpflichtung überhaupt nichts mehr +wissen wollte, erklärte Diederich und stampfte ehrlich +ent<pb n='11'/><anchor id='Pgp0011'/>rüstet auf: „Jetzt wird mir’s doch zu bunt! Wenn Sie +nun nicht gleich herausrücken, sag’ ich’s Ihrem Herrn!“ +Darauf lachte Schorsch und brachte die Schaumrolle. +</p> + +<p> +Das war ein greifbarer Erfolg. Leider konnte Diederich +ihn nur hastig und in Sorge genießen, denn es war zu +fürchten, daß Wolfgang Buck, der draußen wartete, darüber +zukam und den Anteil verlangte, der ihm versprochen +war. Indes fand er Zeit, sich sauber den Mund zu wischen, +und vor der Tür brach er in heftige Schimpfreden auf +Schorsch aus, der ein Schwindler sei und gar keine Schaumrolle +habe. Diederichs Gerechtigkeitsgefühl, das sich zu +seinen Gunsten noch eben so kräftig geäußert hatte, +schwieg vor den Ansprüchen des anderen – die man freilich +nicht einfach außer acht lassen durfte, dafür war Wolfgangs +Vater eine viel zu achtunggebietende Persönlichkeit. +Der alte Herr Buck trug keinen steifen Kragen, sondern +eine weißseidene Halsbinde und darüber einen +großen weißen Knebelbart. Wie langsam und majestätisch +er seinen oben goldenen Stock aufs Pflaster setzte! Und +er hatte einen Zylinder auf, und unter seinem Überzieher +sahen häufig Frackschöße hervor, mitten am Tage! Denn +er ging in Versammlungen, er bekümmerte sich um die +ganze Stadt. Von der Badeanstalt, vom Gefängnis, von +allem, was öffentlich war, dachte Diederich: „Das gehört +dem Herrn Buck.“ Er mußte ungeheuer reich und mächtig +sein. Alle, auch Herr Heßling, entblößten vor ihm lange +den Kopf. Seinem Sohn mit Gewalt etwas abzunehmen, +wäre eine Tat voll unabsehbarer Gefahren gewesen. Um +von den großen Mächten, die er so sehr verehrte, nicht +ganz erdrückt zu werden, mußte Diederich leise und listig +zu Werk gehen. +</p> + +<p> +Einmal nur, in Untertertia, geschah es, daß Diederich +<pb n='12'/><anchor id='Pgp0012'/>jede Rücksicht vergaß, sich blindlings betätigte und zum +siegestrunkenen Unterdrücker ward. Er hatte, wie es +üblich und geboten war, den einzigen Juden seiner Klasse +gehänselt, nun aber schritt er zu einer ungewöhnlichen +Kundgebung. Aus Klötzen, die zum Zeichnen dienten, +erbaute er auf dem Katheder ein Kreuz und drückte den +Juden davor in die Knie. Er hielt ihn fest, trotz allem +Widerstand; er war stark! Was Diederich stark machte, +war der Beifall ringsum, die Menge, aus der heraus +Arme ihm halfen, die überwältigende Mehrheit drinnen +und draußen. Denn durch ihn handelte die Christenheit +von Netzig. Wie wohl man sich fühlte bei geteilter Verantwortlichkeit +und einem Schuldbewußtsein, das kollektiv +war! +</p> + +<p> +Nach dem Verrauchen des Rausches stellte wohl leichtes +Bangen sich ein, aber das erste Lehrergesicht, dem Diederich +begegnete, gab ihm allen Mut zurück; es war voll +verlegenen Wohlwollens. Andere bewiesen ihm offen +ihre Zustimmung. Diederich lächelte mit demütigem Einverständnis +zu ihnen auf. Er bekam es leichter seitdem. +Die Klasse konnte die Ehrung dem nicht versagen, der +die Gunst des neuen Ordinarius besaß. Unter ihm brachte +Diederich es zum Primus und zum geheimen Aufseher. +Wenigstens die zweite dieser Ehrenstellen behauptete er +auch später. Er war gut Freund mit allen, lachte, wenn +sie ihre Streiche ausplauderten, ein ungetrübtes, aber +herzliches Lachen, als ernster junger Mensch, der Nachsicht +hat mit dem Leichtsinn – und dann in der Pause, +wenn er dem Professor das Klassenbuch vorlegte, berichtete +er. Auch hinterbrachte er die Spitznamen der +Lehrer und die aufrührerischen Reden, die gegen sie geführt +worden waren. In seiner Stimme bebte, nun er +<pb n='13'/><anchor id='Pgp0013'/>sie wiederholte, noch etwas von dem wollüstigen Erschrecken, +womit er sie, hinter gesenkten Lidern, angehört +hatte. Denn er spürte, ward irgendwie an den Herrschenden +gerüttelt, eine gewisse lasterhafte Befriedigung, etwas +ganz unter sich Bewegendes, fast wie ein Haß, der zu seiner +Sättigung rasch und verstohlen ein paar Bissen nahm. +Durch die Anzeige der anderen sühnte er die eigene sündhafte +Regung. +</p> + +<p> +Andererseits empfand er gegen die Mitschüler, deren +Fortkommen seine Tätigkeit in Frage stellte, zumeist keine +persönliche Abneigung. Er benahm sich als pflichtmäßiger +Vollstrecker einer harten Notwendigkeit. Nachher konnte +er zu dem Getroffenen hintreten und ihn, fast ganz aufrichtig, +beklagen. Einst ward mit seiner Hilfe einer gefaßt, +der schon längst verdächtig war, alles abzuschreiben. Diederich +überließ ihm, mit Wissen des Lehrers, eine mathematische +Aufgabe, die in der Mitte absichtlich gefälscht +und deren Endergebnis dennoch richtig war. Am Abend +nach dem Zusammenbruch des Betrügers saßen einige +Primaner vor dem Tor in einer Gartenwirtschaft, was +zum Schluß der Turnspiele erlaubt war, und sangen. Diederich +hatte den Platz neben seinem Opfer gesucht. Einmal, +als ausgetrunken war, ließ er die Rechte vom Krug +herab auf die des anderen gleiten, sah ihm treu in die +Augen und stimmte in Baßtönen, die von Gemüt schleppten, +ganz allein an: +</p> + +<lg rend="margin-left: 2"> +<l>„Ich hatt’ einen Kameraden,</l> +<l>Einen bessern findst du nit ...“</l> +</lg> + +<p> +Übrigens genügte er bei zunehmender Schulpraxis in +allen Fächern, ohne in einem das Maß des Geforderten +zu überschreiten, oder auf der Welt irgend etwas zu wissen, +was nicht im Pensum vorkam. Der deutsche Aufsatz war +<pb n='14'/><anchor id='Pgp0014'/>ihm das Fremdeste, und wer sich darin auszeichnete, +gab ihm ein ungeklärtes Mißtrauen ein. +</p> + +<p> +Seit seiner Versetzung nach Prima galt seine Gymnasialkarriere +für gesichert, und bei Lehrern und Vater drang +der Gedanke durch, er solle studieren. Der alte Heßling, +der 66 und 71 durch das Brandenburger Tor eingezogen +war, schickte Diederich nach Berlin. +</p> + +<milestone unit="tb"/> + +<p> +Weil er sich aus der Nähe der Friedrichstraße nicht fortgetraute, +mietete er sein Zimmer droben in der Tieckstraße. +Jetzt hatte er nur in gerader Linie hinunterzugehen +und konnte die Universität nicht verfehlen. Er besuchte +sie, da er nichts anderes vorhatte, täglich zweimal, +und in der Zwischenzeit weinte er oft vor Heimweh. Er +schrieb einen Brief an Vater und Mutter und dankte ihnen +für seine glückliche Kindheit. Ohne Not ging er nur selten +aus. Kaum, daß er zu essen wagte; er fürchtete, sein Geld +vor dem Ende des Monats auszugeben. Und immerfort +mußte er nach der Tasche fassen, ob es noch da sei. +</p> + +<p> +So verlassen ihm um das Herz war, ging er doch noch +immer nicht mit dem Brief des Vaters in die Blücherstraße +zu Herrn Göppel, dem Zellulosefabrikanten, der aus Netzig +war und auch an Heßling lieferte. Am vierten Sonntag +besiegte er seine Scheu – und kaum watschelte der gedrungene, +gerötete Mann, den er schon so oft beim Vater +im Kontor gesehen hatte, auf ihn zu, da wunderte Diederich +sich schon, daß er nicht früher gekommen sei. Herr +Göppel fragte gleich nach ganz Netzig und vor allem nach +dem alten Buck. Denn obwohl sein Kinnbart nun auch +ergraut war, hatte er doch, wie Diederich, nur, wie es +schien, aus anderen Gründen, schon als Knabe den alten +Buck verehrt. Das war ein Mann: Hut ab! Einer von +<pb n='15'/><anchor id='Pgp0015'/>denen, die das deutsche Volk hochhalten sollte, höher als +gewisse Leute, die immer alles mit Blut und Eisen kurieren +wollten und dafür der Nation riesige Rechnungen +schrieben. Der alte Buck war schon achtundvierzig dabei +gewesen, er war sogar zum Tode verurteilt worden. +„Ja, daß wir hier als freie Männer sitzen können,“ sagte +Herr Göppel, „das verdanken wir solchen Leuten wie +dem alten Buck.“ Und er öffnete noch eine Flasche Bier. +„Heute sollen wir uns mit Kürassierstiefeln treten +lassen ...“ +</p> + +<p> +Herr Göppel bekannte sich als freisinniger Gegner Bismarcks. +Diederich bestätigte alles, was Göppel wollte; +er hatte über den Kanzler, die Freiheit, den jungen Kaiser +keinerlei Meinung. Da aber ward er peinlich berührt, +denn ein junges Mädchen war eingetreten, das ihm auf +den ersten Blick durch Schönheit und Eleganz gleich furchtbar +erschien. +</p> + +<p> +„Meine Tochter Agnes“, sagte Herr Göppel. +</p> + +<p> +Diederich stand da, in seinem faltenreichen Gehrock, als +magerer Kadett, und war rosig überzogen. Das junge +Mädchen gab ihm die Hand. Sie wollte wohl nett sein, +aber was war mit ihr anzufangen? Diederich antwortete +ja, als sie fragte, ob Berlin ihm gefalle; und als sie fragte, +ob er schon im Theater gewesen sei, antwortete er nein. +Er fühlte sich feucht vor Ungemütlichkeit und war fest +überzeugt, sein Aufbruch sei das einzige, womit er das +junge Mädchen interessieren könne. Aber wie war von +hier fortzukommen? Zum Glück stellte ein anderer sich +ein, ein breiter Mensch, namens Mahlmann, der mit ungeheurer +Stimme Mecklenburgisch sprach, <hi rend="antiqua">stud. ing.</hi> zu +sein schien und bei Göppels Zimmerherr sein sollte. Er +erinnerte Fräulein Agnes an einen Spaziergang, den +<pb n='16'/><anchor id='Pgp0016'/>sie verabredet hätten. Diederich ward aufgefordert, mitzukommen. +Entsetzt schützte er einen Bekannten vor, der +draußen auf ihn warte, und machte sich sofort davon. +„Gott sei Dank,“ dachte er, während es ihm einen Stich +gab, „sie hat schon einen.“ +</p> + +<p> +Herr Göppel öffnete ihm im Dunkeln die Flurtür und +fragte, ob sein Freund auch Berlin kenne. Diederich log, +der Freund sei Berliner. „Denn wenn Sie es beide nicht +kennen, kommen Sie noch in den falschen Omnibus. Sie +haben sich gewiß schon mal verirrt in Berlin.“ Und als +Diederich es zugab, zeigte Herr Göppel sich befriedigt. +„Das ist nicht wie in Netzig. Hier laufen Sie gleich halbe +Tage. Was glauben Sie wohl, wenn Sie von Ihrer Tieckstraße +bis hierher zum Halleschen Tor gehen, dann sind Sie +ja schon dreimal durch ganz Netzig gestiegen ... Na, nächsten +Sonntag kommen Sie nun aber zum Mittagessen!“ +</p> + +<p> +Diederich versprach es. Als es so weit war, hätte er +lieber abgesagt; nur aus Furcht vor seinem Vater ging +er hin. Diesmal galt es sogar ein Alleinsein mit dem +Fräulein zu bestehen. Diederich tat geschäftig und als +sei er nicht aufgelegt, sich mit ihr zu befassen. Sie wollte +wieder vom Theater anfangen, aber er schnitt mit rauher +Stimme ab: er habe für so etwas keine Zeit. Ach ja, ihr +Papa habe ihr gesagt, Herr Heßling studiere Chemie? +</p> + +<p> +„Ja. Das ist überhaupt die einzige Wissenschaft, die +Berechtigung hat“, behauptete Diederich, ohne zu wissen, +wie er dazu kam. +</p> + +<p> +Fräulein Göppel ließ ihren Beutel fallen; er bückte +sich so nachlässig, daß sie ihn wieder hatte, bevor er zur +Stelle war. Trotzdem sagte sie danke, ganz weich, fast +beschämt – was Diederich ärgerte. „Kokette Weiber sind +etwas Gräßliches“, dachte er. Sie suchte in ihrem Beutel. +</p> + +<pb n='17'/><anchor id='Pgp0017'/> + +<p> +„Jetzt hab’ ich es doch verloren. Mein englisches Pflaster +nämlich. Es blutet wieder.“ +</p> + +<p> +Sie wickelte ihren Finger aus dem Taschentuch. Er hatte +so sehr die Weiße des Schnees, daß Diederich der Gedanke +kam, das Blut, das darauf lag, müsse hineinsickern. +</p> + +<p> +„Ich habe welches“, sagte er, mit einem Ruck. +</p> + +<p> +Er ergriff ihren Finger, und bevor sie das Blut wegwischen +konnte, hatte er es abgeleckt. +</p> + +<p> +„Was machen Sie denn?“ +</p> + +<p> +Er war selbst erschrocken. Er sagte mit streng gefalteten +Brauen: „O, ich als Chemiker probiere noch ganz andere +Sachen.“ +</p> + +<p> +Sie lächelte. „Ach ja, Sie sind eine Art Doktor ... +Wie gut Sie das können“, bemerkte sie und sah ihm beim +Aufkleben des Pflasters zu. +</p> + +<p> +„So“, machte er ablehnend, und trat zurück. Ihm war +es schwül geworden, er dachte: „Wenn man nur nicht +immer ihre Haut anfassen müßte! Sie ist widerlich weich.“ +Agnes sah an ihm vorbei. Nach einer Pause versuchte sie: +„Haben wir nicht eigentlich in Netzig gemeinschaftliche +Verwandte?“ Und sie nötigte ihn, mit ihr ein paar Familien +durchzugehen. Es stellte sich Vetternschaft heraus. +</p> + +<p> +„Sie haben auch noch Ihre Mutter, nicht? Dann können +Sie sich freuen. Meine ist längst tot. Ich werde wohl auch +nicht lange leben. Man hat so Ahnungen“ – und sie +lächelte wehmütig und entschuldigend. +</p> + +<p> +Diederich beschloß schweigend, diese Sentimentalität +albern zu finden. Noch eine Pause – und wie sie beide +eilig zum Sprechen ansetzten, kam der Mecklenburger dazwischen. +Die Hand Diederichs drückte er so kraftvoll, +daß Diederichs Gesicht sich verzerrte, und zugleich lächelte +er ihm sieghaft in die Augen. Ohne weiteres zog er einen +<pb n='18'/><anchor id='Pgp0018'/>Stuhl bis vor Agnes’ Knie und fragte heiter und mit +Autorität nach allem Möglichen, was nur sie beide anging. +Diederich war sich selbst überlassen und entdeckte, +daß Agnes, so in Ruhe betrachtet, viel von ihren Schrecken +verlor. Eigentlich war sie nicht hübsch. Sie hatte eine +zu kleine, nach innen gebogene Nase, auf deren freilich +sehr schmalem Rücken Sommersprossen saßen. Ihre gelbbraunen +Augen lagen zu nahe beieinander und zuckten, +wenn sie einen ansah. Die Lippen waren zu schmal, das +ganze Gesicht war zu schmal. „Wenn sie nicht so viel +braunrotes Haar über der Stirn hätte und dazu den +weißen Teint ...“ Auch bereitete es ihm Genugtuung, +daß der Nagel des Fingers, den er beleckt hatte, nicht +ganz sauber gewesen war. +</p> + +<p> +Herr Göppel kam mit seinen drei Schwestern. Eine von +ihnen hatte Mann und Kinder mit. Der Vater und die +Tanten umarmten und küßten Agnes. Sie taten es mit +dringlicher Innigkeit und hatten dabei behutsame Mienen. +Das junge Mädchen war schlanker und größer als sie alle +und blickte ein wenig zerstreut auf sie hinab, die eben an +ihren schmächtigen Schultern hing. Nur ihrem Vater erwiderte +sie langsam und ernst seinen Kuß. Diederich sah +dem zu und sah in der Sonne die hellblauen Adern, +überzogen von roten Haaren, ihre Schläfe kreuzen. +</p> + +<p> +Er mußte eine der Tanten ins Eßzimmer führen. Der +Mecklenburger hatte Agnes’ Arm in den seinen gehängt. +Um den langen Familientisch raschelten die seidenen +Sonntagskleider. Die Gehröcke wurden über den Knien +zusammengelegt. Man räusperte sich, die Herren rieben +die Hände. Dann kam die Suppe. +</p> + +<p> +Diederich saß von Agnes weit weg und konnte sie nicht +sehen, wenn er sich nicht vorbeugte – was er sorgfältig +<pb n='19'/><anchor id='Pgp0019'/>vermied. Da seine Nachbarin ihn in Ruhe ließ, aß er +große Mengen Kalbsbraten und Blumenkohl. Er hörte +ausführlich das Essen besprechen und mußte bestätigen, +daß es schön schmecke. Agnes ward vor dem Salat gewarnt, +ihr ward zu Rotwein geraten, und sie sollte Auskunft +geben, ob sie heute morgen Gummischuhe angehabt +habe. Herr Göppel erzählte, Diederich zugewandt, daß +er und seine Schwestern vorhin in der Friedrichstraße, +weiß Gott, auseinander gekommen seien und sich erst im +Omnibus wiedergefunden hätten. „So etwas kann Ihnen +in Netzig auch nicht passieren“, rief er voll Stolz über den +Tisch. Mahlmann und Agnes sprachen von einem Konzert. +Sie wollte bestimmt hin, ihr Papa werde es schon +erlauben. Herr Göppel machte zärtliche Einwände, und +der Chor der Tanten begleitete sie. Agnes müsse früh +schlafen gehen und bald in gute Luft hinaus; sie habe sich +im Winter überanstrengt. Sie bestritt es. „Ihr laßt mich +niemals aus dem Hause. Ihr seid schrecklich.“ +</p> + +<p> +Diederich nahm innerlich Partei für sie. Er hatte eine +Wallung von Heldentum: er hätte machen wollen, daß +sie alles dürfte, daß sie glücklich war und es ihm dankte ... +Da fragte Herr Göppel ihn, ob er in das Konzert wolle, +„Ich weiß nicht“, sagte er verächtlich und sah Agnes an, +die sich vorbeugte. „Was ist das für eins? Ich gehe nur +in Konzerte, wo ich Bier trinken kann.“ +</p> + +<p> +„Sehr vernünftig“, sagte der Schwager des Herrn +Göppel. +</p> + +<p> +Agnes hatte sich zurückgezogen und, Diederich bereute +seinen Ausspruch. +</p> + +<p> +Aber die Creme, auf die alle gespannt waren, blieb aus. +Herr Göppel riet seiner Tochter, einmal nachzusehen. Bevor +sie ihren Kompotteller hingesetzt hatte, war Diederich +<pb n='20'/><anchor id='Pgp0020'/>aufgesprungen – sein Stuhl flog an die Wand – und +festen Schritts zur Tür geeilt. „Marie! Der Krehm!“ +rief er hinaus. Rot und ohne jemand anzusehen, ging er +wieder an seinen Platz. Aber er merkte ganz gut, sie +blinzelten sich zu. Mahlmann stieß sogar höhnisch den Atem +aus. Der Schwager äußerte mit künstlicher Harmlosigkeit: +„Immer galant! So soll es sein.“ Herr Göppel lächelte +zärtlich zu Agnes hin, die nicht von ihrem Kompott aufsah. +Diederich stemmte das Knie gegen die Tischplatte, +daß sie anfing sich zu heben. Er dachte: „Gott, o Gott, +hätte ich nur das nicht getan!“ +</p> + +<p> +Beim Mahlzeitsagen gab er allen die Hand, nur um +Agnes drückte er sich herum. Im Berliner Zimmer beim +Kaffee wählte er seinen Sitz mit Sorgfalt dort, wo Mahlmanns +breiter Rücken sie ihm verdeckte. Eine der Tanten +wollte sich seiner annehmen. +</p> + +<p> +„Was studieren Sie denn, junger Mann?“ fragte sie. +</p> + +<p> +„Chemie.“ +</p> + +<p> +„Ach so, Physik?“ +</p> + +<p> +„Nein, Chemie.“ +</p> + +<p> +„Ach so.“ +</p> + +<p> +Und so imposant sie angefangen hatte, hierüber kam sie +nicht hinweg. Diederich nannte sie im stillen eine dumme +Gans. Die ganze Gesellschaft paßte ihm nicht. Von +feindseliger Schwermut erfüllt, sah er darein, bis die letzten +Verwandten aufgebrochen waren. Agnes und ihr +Vater hatten sie hinausbegleitet. Herr Göppel kehrte +zurück, erstaunt, den jungen Mann allein noch im Zimmer +zu finden. Er schwieg forschend, einmal faßte er in die +Tasche. Als Diederich unvermittelt, ohne um Geld gebeten +zu haben, Abschied nahm, bekundete Göppel große +Herzlichkeit. „Meine Tochter werd’ ich von Ihnen +<pb n='21'/><anchor id='Pgp0021'/>grüßen“, sagte er sogar, und an der Tür, nachdem er ein +wenig überlegt hatte: „Kommen Sie doch nächsten Sonntag +wieder!“ +</p> + +<p> +Diederich war fest entschlossen, das Haus nicht mehr zu +betreten. Dennoch ließ er tags darauf alles stehen und +liegen, um sich durch die Stadt bis zu einem Geschäft zu +fragen, wo er für Agnes das Konzertbillett kaufen konnte. +Vorher mußte er auf den Zetteln, die dort hingen, den +Namen des Virtuosen herausfinden, den Agnes erwähnt +hatte. War es der? Hatte er so geklungen? Diederich entschloß +sich. Als er dann erfuhr, es koste vier Mark fünfzig, +riß er vor Schrecken die Augen weit auf. So viel Geld, +um einen zu sehen, der Musik machte! Wenn man nur +einfach wieder fortgekonnt hätte! Als er bezahlt hatte +und draußen war, entrüstete er sich zunächst über den +Schwindel. Dann bedachte er, daß es für Agnes geschehen +sei, und ward von sich selbst erschüttert. Immer +weicher und glücklicher ging er durch das Gewühl. Es +war das erste Geld, das er für einen anderen Menschen +ausgegeben hatte. +</p> + +<p> +Er legte das Billett in einen Umschlag, in den er nichts +weiter legte, und schrieb die Adresse, um sich nicht zu verraten, +mit Schönschrift. Wie er dann am Briefkasten +stand, kam Mahlmann daher und lachte höhnisch. Diederich +fühlte sich durchschaut; er besah die Hand, die er +aus dem Kasten zurückgezogen hatte. Aber Mahlmann +bekundete nur die Absicht, sich Diederichs Bude anzusehen. +Er fand, es sähe drinnen aus wie bei einer älteren Dame. +Sogar die Kaffeekanne hatte Diederich von zu Hause mitgebracht! +Diederich schämte sich heiß. Als Mahlmann die +Chemiebücher verächtlich auf- und zuklappte, schämte +Diederich sich seines Faches. Der Mecklenburger wälzte +<pb n='22'/><anchor id='Pgp0022'/>sich ins Sofa und fragte: „Wie gefällt Ihnen denn die +Göppel? Netter Käfer, was? Nun wird er wieder rot! +Poussieren Sie doch! Ich trete zurück, wenn Sie Wert +darauf legen. Ich habe Aussicht bei fünfzehn verschiedenen.“ +</p> + +<p> +Da Diederich nachlässig abwehrte: +</p> + +<p> +„Sie, da ist nämlich was zu machen. Ich müßte gar +nichts von Weibern verstehen. Die roten Haare! – und +haben Sie nicht gemerkt, wie sie einen ansieht, wenn sie +meint, man weiß es nicht?“ +</p> + +<p> +„Mich nicht“, sagte Diederich noch geringschätziger. „Ich +pfeife auch darauf.“ +</p> + +<p> +„Ihr Schade!“ Mahlmann lachte tobend – worauf er +vorschlug, einen Bummel zu machen. Daraus ward eine +Bierreise. Die ersten Gaslichter sahen sie beide betrunken. +Etwas später, in der Leipziger Straße, bekam Diederich +ohne Anlaß von Mahlmann eine mächtige Ohrfeige. Er +sagte: „Au! Das ist aber doch eine –“ Vor dem Wort +„Frechheit“ schrak er zurück. Der Mecklenburger klopfte +ihm auf die Schulter. „Recht freundlich, Kleiner! Alles +bloß Freundschaft!“ – und überdies nahm er Diederich +die letzten zehn Mark ab ... Vier Tage später fand er +ihn schwach vor Hunger und teilte ihm von dem, was er +inzwischen anderswo gepumpt hatte, großmütig drei +Mark mit. Am Sonntag bei Göppels – mit weniger +leerem Magen wäre Diederich vielleicht nicht hingegangen +– erzählte Mahlmann, daß Heßling all sein Geld +verlumpt habe und sich heute mal satt essen müsse. Herr +Göppel und sein Schwager lachten verständnisvoll, aber +Diederich hätte lieber nie geboren sein wollen, als von +Agnes so traurig prüfend angesehen werden. Sie verachtete +ihn! Verzweifelt tröstete er sich. „Es ist alles +<pb n='23'/><anchor id='Pgp0023'/>eins, sie hat es schon immer getan!“ Da fragte sie, ob +das Konzertbillett vielleicht von ihm gewesen sei. Alle +wandten sich ihm zu. +</p> + +<p> +„Unsinn! Wie sollte ich dazu wohl kommen“, entgegnete +er so unliebenswürdig, daß sie ihm glaubten. Agnes +zögerte ein wenig, bevor sie wegsah. Mahlmann bot den +Damen Pralinees an und stellte die übrigen vor Agnes +hin. Diederich kümmerte sich nicht um sie. Er aß noch +mehr als das vorige Mal. Da doch alle meinten, er sei +nur deswegen da! Als es hieß, der Kaffee solle im Grunewald +getrunken werden, erfand Diederich sofort eine Verabredung. +Er setzte sogar hinzu: „Mit jemand, den ich +unmöglich warten lassen kann.“ Herr Göppel legte ihm +seine gedrungene Hand auf die Schulter, blinzelte ihn +aus gesenktem Kopf an und sagte halblaut: „Keine Angst, +Sie sind natürlich eingeladen.“ Aber Diederich beteuerte +entrüstet, daß es nicht daran liege. „Na, wenigstens +kommen Sie wieder, sobald Sie Lust haben“, schloß +Göppel, und Agnes nickte dazu. Sie schien sogar etwas +sagen zu wollen, aber Diederich wartete es nicht ab. Er +ging den Rest des Tages in selbstzufriedener Trauer +umher, wie nach Vollziehung eines großen Opfers. Am +Abend in einem überfüllten Bierlokal saß er den Kopf +aufgestützt und nickte von Zeit zu Zeit auf sein einsames +Glas hinab, als verstehe er jetzt das Schicksal. +</p> + +<p> +Was war zu machen gegen die gewalttätige Art, in der +Mahlmann seine Anleihen aufnahm? Am Sonntag hatte +dann der Mecklenburger einen Blumenstrauß für Agnes, +und Diederich, der mit leeren Händen kam, hätte sagen +können: „Der ist eigentlich von mir, Fräulein.“ Indessen +schwieg er, mit noch mehr Groll gegen Agnes als gegen +Mahlmann. Denn Mahlmann forderte zur Bewunderung +<pb n='24'/><anchor id='Pgp0024'/>heraus, wenn er des Nachts einem Unbekannten nachlief, +um ihm den Zylinder einzuschlagen – obwohl Diederich +keineswegs die Warnung verkannte, die solch ein Vorgang +für ihn selbst enthielt. +</p> + +<p> +Ende des Monats, zu seinem Geburtstag, bekam er eine +unvorhergesehene Summe, die seine Mutter ihm erspart +hatte, und erschien bei Göppels mit einem Bukett, keinem +zu großen, um sich nicht bloßzustellen, und auch, um Mahlmann +nicht herauszufordern. Das junge Mädchen hatte, +wie sie es nahm, ein ergriffenes Gesicht, und Diederich +lächelte herablassend und verlegen zugleich. Dieser Sonntag +deuchte ihm unerhört festlich; er war nicht überrascht, +als man in den Zoologischen Garten gehen wollte. +</p> + +<p> +Die Gesellschaft rückte aus, nachdem Mahlmann sie +abgezählt hatte: elf Personen. Alle Frauen unterwegs +waren, wie Göppels Schwestern, vollständig anders angezogen +als in der Woche: als seien sie heute von einer +höheren Klasse oder hätten geerbt. Die Männer trugen +Gehröcke: nur wenige in Verbindung mit schwarzen +Hosen, wie Diederich, aber viele mit Strohhüten. Kam +man durch eine Seitenstraße, war sie breit, gleichförmig +und leer, ohne einen Menschen, ohne einen Pferdeapfel. +Einmal doch tanzte ein Kreis kleiner Mädchen in weißen +Kleidern, schwarzen Strümpfen und ganz behangen mit +Schleifen, schrill singend, einen Ringelreihen. Gleich +darauf, in der Verkehrsader, stürmten schwitzende Matronen +einen Omnibus; und die Gesichter der Kommis, +die unnachsichtlich mit ihnen um die Plätze rangen, sahen +neben ihren heftig roten zum Umfallen blaß aus. Alles +drängte vorwärts, alles stürzte einem Ziel zu, wo endlich +das Vergnügen anfangen sollte. Alle Mienen sagten +hart: „Nu los, gearbeitet haben wir genug!“ +</p> + +<pb n='25'/><anchor id='Pgp0025'/> + +<p> +Diederich kehrte vor den Damen den Berliner heraus. +In der Stadtbahn eroberte er ihnen mehrere Sitze. Einen +Herrn, der im Begriff stand, einen wegzunehmen, hinderte +er daran, indem er ihn heftig auf den Fuß trat. Der +Herr schrie: „Flegel!“ Diederich antwortete ihm im +selben Sinn. Da zeigte es sich, daß Herr Göppel ihn +kannte, und kaum einander vorgestellt, bekundeten Diederich +und der andere die ritterlichsten Sitten. Keiner +wollte sitzen, um den anderen nicht stehen zu lassen. +</p> + +<p> +Am Tisch im Zoologischen Garten geriet Diederich +neben Agnes – warum ging heute alles glücklich? –, und +als sie gleich nach dem Kaffee zu den Tieren wollte, unterstützte +er sie stürmisch. Er war voll Unternehmungslust. +Vor dem engen Gang zwischen den Raubtierkäfigen kehrten +die Damen um. Diederich trug Agnes seine Begleitung +an. „Da nehmen Sie doch lieber mich mit hinein“, +sagte Mahlmann. „Wenn wirklich eine Stange losgehen +sollte –“ +</p> + +<p> +„Dann machen Sie sie auch nicht wieder fest“, entgegnete +Agnes und trat ein, während Mahlmann sein Gelächter +<anchor id="corr025"/><corr sic="aufschlug">aufschlug.</corr> Diederich blieb hinter ihr. Ihm war +bange: vor den Bestien, die von rechts und links auf ihn +zustürzten, ohne anderen Laut als den des Atems, den +sie über ihn hinstießen – und vor dem jungen Mädchen, +dessen Blumenduft ihm voranzog. Ganz hinten wandte +sie sich um und sagte: +</p> + +<p> +„Ich mag das Renommieren nicht!“ +</p> + +<p> +„Wirklich?“ fragte Diederich, vor Freude gerührt. +</p> + +<p> +„Heute sind Sie mal nett“, sagte Agnes; und er: +</p> + +<p> +„Ich möchte es eigentlich immer sein.“ +</p> + +<p> +„Wirklich?“ – Und jetzt war es an ihrer Stimme, ein +wenig zu schwanken. Sie sahen einander an, jeder mit +<pb n='26'/><anchor id='Pgp0026'/>einer Miene, als verdiente er das alles nicht. Das junge +Mädchen sagte klagend: +</p> + +<p> +„Die Tiere riechen aber furchtbar.“ +</p> + +<p> +Und sie gingen zurück. +</p> + +<p> +Mahlmann empfing sie. „Ich wollte nur sehen, ob Sie +nicht ausreißen würden.“ Dann nahm er Diederich beiseite. +„Na? Was macht die Kleine? Geht es bei Ihnen +auch? Ich habe es gleich gesagt, daß es keine Kunst ist.“ +</p> + +<p> +Da Diederich stumm blieb: +</p> + +<p> +„Sie sind wohl scharf ins Zeug gegangen? Wissen Sie +was? Ich bin nur noch ein Semester in Berlin: dann +können Sie mich beerben. Aber so lange warten Sie gefälligst –“ +Auf seinem ungeheuren Rumpf ward sein +kleiner Kopf plötzlich tückisch anzusehen. „– Freundchen!“ +</p> + +<p> +Und Diederich war entlassen. Er hatte einen heftigen +Schrecken bekommen und wagte sich gar nicht mehr in +Agnes’ Nähe. Sie hörte nicht sehr aufmerksam auf Mahlmann, +sie rief rückwärts: „Papa! Heute ist es schön, heute +geht es mir aber wirklich gut.“ +</p> + +<p> +Herr Göppel nahm ihren Arm zwischen seine beiden +Hände und tat, als wollte er fest zudrücken, aber er berührte +sie kaum. Seine blanken Augen lachten und waren +feucht. Als die Familie Abschied genommen hatte, versammelte +er seine Tochter und die beiden jungen Leute +um sich und erklärte ihnen, der Tag müsse gefeiert werden; +sie wollten die Linden entlang gehen und nachher irgendwo +essen. +</p> + +<p> +„Papa wird leichtsinnig!“ rief Agnes und sah sich nach +Diederich um. Aber er hielt die Augen gesenkt. In der +Stadtbahn benahm er sich so ungeschickt, daß er weit von +den anderen getrennt ward; und im Gedränge der Friedrichsstadt +blieb er mit Herrn Göppel allein zurück. +Plötz<pb n='27'/><anchor id='Pgp0027'/>lich hielt Göppel an, tastete verstört auf seinem Magen +umher und fragte: +</p> + +<p> +„Wo ist meine Uhr?“ +</p> + +<p> +Sie war fort mitsamt der Kette. Mahlmann sagte: +</p> + +<p> +„Wie lange sind Sie schon in Berlin, Herr Göppel?“ +</p> + +<p> +„Jawohl!“ – und Göppel wendete sich an Diederich. +„Dreißig Jahre bin ich hier, aber das ist mir denn doch noch +nicht passiert.“ Und stolz trotz allem: „Sehen Sie, das +gibt’s in Netzig überhaupt nicht!“ +</p> + +<p> +Nun mußte man, statt zu essen, auf das Polizeirevier +und ein Verhör bestehen. Und Agnes hustete. Göppel +zuckte zusammen. „Wir wären jetzt doch zu müde“, murmelte +er. Mit künstlicher Jovialität verabschiedete er Diederich, +der Agnes’ Hand übersah und linkisch den Hut zog. +Auf einmal, mit überraschender Geschicklichkeit und ehe +Mahlmann begriff, was vorging, schwang er sich auf einen +vorbeifahrenden Omnibus. Er war entkommen! Und +jetzt fingen die Ferien an! Er war alles los! Zu Hause +freilich warf er die schwersten seiner Chemiebände mit +Krachen auf den Boden. Er hielt sogar schon die Kaffeekanne +in der Hand. Aber bei dem Geräusch einer Tür begann +er sofort, alles wieder aufzulesen. Dann setzte er sich +still in die Sofaecke, stützte den Kopf und weinte. Wäre +es nicht vorher so schön gewesen! Er war ihr auf den Leim +gegangen. So machten es die Mädchen: daß sie manchmal +mit einem so taten, und dabei wollten sie einen nur +mit einem Kerl auslachen. Diederich war sich tief bewußt, +daß er es mit so einem Kerl nicht aufnehmen könne. Er +sah sich neben Mahlmann und würde es nicht begriffen +haben, hätte eine sich für ihn entschieden. „Was hab’ ich +mir nur eingebildet?“ dachte er. „Eine, die sich in mich +verliebt, muß wirklich dumm sein.“ Er litt große Angst, +<pb n='28'/><anchor id='Pgp0028'/>der Mecklenburger könne kommen und ihn noch ärger bedrohen. +„Ich will sie gar nicht mehr. Wäre ich nur schon +fort!“ Die nächsten Tage saß er in tödlicher Spannung +bei verschlossener Tür. Kaum war sein Geld da, reiste er. +</p> + +<p> +Seine Mutter fragte, befremdet und eifersüchtig, was +er habe. Nach so kurzer Zeit sei er kein Junge mehr. „Ja, +das Berliner Pflaster!“ +</p> + +<p> +Diederich griff zu, als sie verlangte, er solle an eine +kleine Universität, nicht wieder nach Berlin. Der Vater +fand, daß es ein Für und ein Wider gäbe. Diederich +mußte ihm viel von Göppels berichten. Ob er die Fabrik +gesehen habe. Und war er bei den anderen Geschäftsfreunden +gewesen? Herr Heßling wünschte, daß Diederich +die Ferien benutze, um in der väterlichen Werkstätte den +Gang der Papierverfertigung kennenzulernen. „Ich +bin nicht mehr der Jüngste, und mein Granatsplitter hat +mich auch schon lange nicht so gekitzelt.“ +</p> + +<p> +Diederich entwischte, sobald er konnte, um im Wald von +Gäbbelchen oder längs des Ruggebaches bei Gohse spazierenzugehen +und sich mit der Natur eins zu fühlen. +Denn das konnte er jetzt. Zum erstenmal fiel es ihm auf, +daß die Hügel dahinten traurig oder wie eine große Sehnsucht +aussahen, und was als Sonne oder Regen vom +Himmel fiel, waren Diederichs heiße Liebe und seine +Tränen. Denn er weinte viel. Er versuchte sogar zu +dichten. +</p> + +<p> +Als er einmal die Löwenapotheke betrat, stand hinter +dem Ladentisch sein Schulkamerad Gottlieb Hornung. +„Ja, ich spiel’ hier den Sommer über ’n bißchen Apotheker“, +erklärte er. Er hatte sich sogar schon aus Versehen +vergiftet und sich dabei nach hinten zusammengerollt wie +ein Aal. Die ganze Stadt hatte davon gesprochen! Aber +<pb n='29'/><anchor id='Pgp0029'/>zum Herbst ging er nun nach Berlin, um die Sache wissenschaftlich +anzufassen. Ob denn in Berlin was los sei. Hocherfreut +über den Besitz seiner Überlegenheit fing Diederich +an, mit seinen Berliner Erlebnissen zu prahlen. Der Apotheker +verhieß: „Wir beide zusammen stellen Berlin auf +den Kopf.“ +</p> + +<p> +Und Diederich war schwach genug, zuzusagen. Die +kleine Universität ward verworfen. Am Ende des Sommers +– Hornung hatte noch einige Tage zu praktizieren +– kehrte Diederich nach Berlin zurück. Er mied das +Zimmer in der Tieckstraße. Vor Mahlmann und den +Göppels flüchtete er bis nach Gesundbrunnen hinaus. +Dort wartete er auf Hornung. Aber Hornung, der seine +Abreise gemeldet hatte, blieb aus; und als er endlich kam, +trug er eine grüngelbrote Mütze. Er war sofort von einem +Kollegen für eine Verbindung gekeilt worden. Auch Diederich +sollte ihr beitreten; es waren die Neuteutonen, eine +hochfeine Korporation, sagte Hornung; allein sechs Pharmazeuten +waren dabei. Diederich verbarg seinen Schrecken +unter der Maske der Geringschätzung, aber es half +nichts. Er solle Hornung nicht blamieren, der von ihm +gesprochen habe; einen Besuch wenigstens müsse er +machen. +</p> + +<p> +„Aber nur einen“, sagte er fest. +</p> + +<p> +Der eine dauerte, bis Diederich unter dem Tisch lag +und sie ihn fortschafften. Als er ausgeschlafen hatte, holten +sie ihn zum Frühschoppen; Diederich war Konkneipant +geworden. +</p> + +<p> +Und für diesen Posten fühlte er sich bestimmt. Er sah +sich in einen großen Kreis von Menschen versetzt, deren +keiner ihm etwas tat oder etwas anderes von ihm verlangte, +als daß er trinke. Voll Dankbarkeit und +Wohl<pb n='30'/><anchor id='Pgp0030'/>wollen erhob er gegen jeden, der ihn dazu anregte, sein +Glas. Das Trinken und Nichttrinken, das Sitzen, Stehen, +Sprechen oder Singen hing meistens nicht von ihm selbst +ab. Alles ward laut kommandiert, und wenn man es +richtig befolgte, lebte man mit sich und der Welt in Frieden. +Als Diederich beim Salamander zum ersten Male +nicht nachklappte, lächelte er in die Runde, beinahe verschämt +durch die eigene Vollkommenheit! +</p> + +<p> +Und das war noch nichts gegen seine Sicherheit im +Gesang! Diederich hatte in der Schule zu den besten Sängern +gehört und schon in seinem ersten Liederheft die +Seitenzahlen auswendig gewußt, wo jedes Lied zu finden +war. Jetzt brauchte er in das Kommersbuch, das auf +großen Nägeln in der Lache von Bier lag, nur den Finger +zu schieben, und traf vor allen anderen die Nummer, die +gesungen werden sollte. Oft hing er den ganzen Abend +mit Ehrerbietung am Munde des Präses: ob vielleicht +sein Lieblingsstück daran käme. Dann dröhnte er tapfer: +„Sie wissen den Teufel, was Freiheit heißt“, hörte neben +sich den dicken Delitzsch brummen und fühlte sich wohlig +geborgen in dem Halbdunkel des niedrigen altdeutschen +Lokals, mit den Mützen an der Wand, angesichts des +Kranzes geöffneter Münder, die alle dasselbe tranken und +sangen, bei dem Geruch des Bieres und der Körper, die +es in der Wärme wieder ausschwitzten. Ihm war, wenn +es spät ward, als schwitze er mit ihnen allen aus demselben +Körper. Er war untergegangen in der Korporation, die +für ihn dachte und wollte. Und er war ein Mann, durfte +sich selbst hochachten und hatte eine Ehre, weil er dazu +gehörte! Ihn herausreißen, ihm einzeln etwas anhaben, +das konnte keiner! Mahlmann hätte sich einmal herwagen +und es versuchen sollen: zwanzig Mann wären statt +Die<pb n='31'/><anchor id='Pgp0031'/>derichs gegen ihn aufgestanden! Diederich wünschte ihn +geradezu herbei, so furchtlos war er. Womöglich sollte +er mit Göppel kommen, dann mochten sie sehen, was aus +Diederich geworden war, dann war er gerächt! +</p> + +<p> +Gleichwohl gab ihm die meiste Sympathie der Harmloseste +von allen ein, sein Nachbar, der dicke Delitzsch. +Etwas tief Beruhigendes, Vertrauengestattendes wohnte +in dieser glatten, weißen und humorvollen Speckmasse, +die unten breit über die Stuhlränder quoll, in mehreren +Wülsten die Tischhöhe erreichte und dort, als sei nun das +Äußerste getan, aufgestützt blieb, ohne eine andere Bewegung +als das Heben und Hinstellen des Bierglases. +Delitzsch war, wie niemand sonst, an seinem Platz; wer +ihn dasitzen sah, vergaß, daß er ihn je auf den Beinen erblickt +hatte. Er war ausschließlich zum Sitzen am Biertisch +eingerichtet. Sein Hosenboden, der in jedem anderen +Zustand tief und melancholisch herabhing, fand nun +seine wahre Gestalt und blähte sich machtvoll. Erst mit +Delitzsch’ hinterem Gesicht blühte auch sein vorderes auf. +Lebensfreude überglänzte es, und er ward witzig. +</p> + +<p> +Ein Drama entstand, wenn ein junger Fuchs sich den +Scherz machte, ihm das Bierglas wegzunehmen. Delitzsch +rührte kein Glied, aber seine Miene, die dem geraubten +Glase überall hin folgte, enthielt plötzlich den ganzen, +stürmisch bewegten Ernst des Daseins, und er rief in sächsischem +Schreitenor: „Junge, daß du mir nischt verschüttest! +Was entziehst de mir überhaupt mein’ Läbensunterhalt! +Das ist ’ne ganz gemeine, böswilliche Existenzschädichung, +und ich kann dich glatt verklaachen!“ +</p> + +<p> +Dauerte der Spaß zu lange, senkten sich Delitzsch’ weiße +Fettwangen, und er bat, er machte sich klein. Sobald er +aber das Bier zurück hatte: welche allumfassende +Aus<pb n='32'/><anchor id='Pgp0032'/>söhnung in seinem Lächeln, welche Verklärung! Er sagte: +„Du bist doch ä gutes Luder, du sollst läm, prost!“ – trank +aus und klopfte mit dem Deckel nach dem Korpsdiener: +„Herr Oberkörper!“ +</p> + +<p> +Nach einigen Stunden geschah es wohl, daß sein Stuhl +sich mit ihm umdrehte und Delitzsch den Kopf über das +Becken der Wasserleitung hielt. Das Wasser plätscherte, +Delitzsch gurgelte erstickt, und ein paar andere stürzten, +durch seine Laute angeregt, in die Toilette. Noch ein +wenig sauer von Gesicht, aber schon mit frischer Schelmerei, +rückte Delitzsch an den Tisch zurück. +</p> + +<p> +„Na, nu geht’s ja wieder“, sagte er; und: „Wovon habt ’r +denn geredt, während ich anderweitig beschäftigt war? +Wißt ihr denn egal nischt wie Weibergeschichten? Was +koof’ ich mir für die Weiber?“ Immer lauter: „Nich mal +ä sauern Schoppen kann ’ch mir dafür koofen. Sie, Herr +Oberkörper!“ +</p> + +<p> +Diederich gab ihm recht. Er hatte die Weiber kennengelernt, +er war mit ihnen fertig. Unvergleichlich idealere +Werte enthielt das Bier. +</p> + +<p> +Das Bier! Der Alkohol! Da saß man und konnte +immer noch mehr davon haben, das Bier war nicht wie +kokette Weiber, sondern treu und gemütlich. Beim Bier +brauchte man nicht zu handeln, nichts zu wollen und zu +erreichen, wie bei den Weibern. Alles kam von selbst. +Man schluckte: und da hatte man es schon zu etwas gebracht, +fühlte sich auf die Höhen des Lebens befördert +und war ein freier Mann, innerlich frei. Das Lokal hätte +von Polizisten umstellt sein dürfen: das Bier, das man +schluckte, verwandelte sich in innere Freiheit. Und man +hatte sein Examen so gut wie bestanden. Man war „fertig“, +war Doktor! Man füllte im bürgerlichen Leben eine +<pb n='33'/><anchor id='Pgp0033'/>Stellung aus, war reich und von Wichtigkeit: Chef einer +mächtigen Fabrik von Ansichtskarten oder Toilettenpapier. +Was man mit seiner Lebensarbeit schuf, war in +tausend Händen. Man breitete sich, vom Biertisch her, +über die Welt aus, ahnte große Zusammenhänge, ward +eins mit dem Weltgeist. Ja, das Bier erhob einen so sehr +über das Selbst, daß man Gott fand! +</p> + +<p> +Gern hätte er es jahrelang so weitergetrieben. Aber +die Neuteutonen ließen ihn nicht. Fast vom ersten Tage an +hatten sie ihm den moralischen und materiellen Wert einer +völligen Zugehörigkeit zur Verbindung geschildert; allmählich +aber gingen sie immer unverblümter darauf aus, +ihn zu keilen. Vergebens berief sich Diederich auf seine +anerkannte Stellung als Konkneipant, in die er sich eingelebt +habe und die ihn befriedige. Sie entgegneten, daß +der Zweck des studentischen Zusammenschlusses, nämlich +die Erziehung zur Mannhaftigkeit und zum Idealismus, +durch das Kneipen allein, soviel es auch beitrage, noch +nicht ganz erfüllt werde. Diederich zitterte; nur zu gut +erkannte er, worauf dieses hinauslief. Er sollte pauken! +Schon immer hatte es ihn unheimlich angeweht, wenn sie +mit ihren Stöcken in der Luft ihm die Schläge vorgeführt +hatten, die sie einander beigebracht haben wollten; oder +wenn einer von ihnen eine schwarze Mütze um den Kopf +hatte und nach Jodoform roch. Jetzt dachte er gepreßt: +„Warum bin ich dabei geblieben und Konkneipant geworden! +Nun muß ich ’ran.“ +</p> + +<p> +Er mußte. Aber gleich die ersten Erfahrungen beruhigten +ihn. Er war so sorgsam eingewickelt, behelmt und +bebrillt worden, daß ihm unmöglich viel geschehen konnte. +Da er keinen Grund hatte, den Kommandos nicht gerade +so willig und gelehrig nachzukommen wie in der Kneipe, +<pb n='34'/><anchor id='Pgp0034'/>lernte er fechten, schneller als andere. Beim ersten Durchzieher +ward ihm schwach: über die Wange fühlte er es +rinnen. Als er dann genäht war, hätte er am liebsten getanzt +vor Glück. Er warf es sich vor, daß er diesen gutmütigen +Menschen gefährliche Absichten zugetraut hatte. +Gerade der, den er am meisten gefürchtet hatte, nahm ihn +unter seinen Schutz und ward ihm ein wohlgesinnter Erzieher. +</p> + +<p> +Wiebel war Jurist, was ihm allein schon Diederichs +Unterordnung gesichert hätte. Nicht ohne Selbstzerknirschung +sah er die englischen Stoffe an, in die Wiebel sich +kleidete, und die farbigen Hemden, von denen er immer +mehrere abwechselnd trug, bis sie alle in die Wäsche +mußten. Das Beklemmendste aber waren Wiebels Manieren. +Wenn er mit leichter eleganter Verbeugung Diederich +zutrank, klappte Diederich – und seine Miene war +leidend vor Anstrengung – tief zusammen, verschüttete die +eine Hälfte und verschluckte sich mit der anderen. Wiebel +sprach mit leiser, arroganter Feudalstimme. +</p> + +<p> +„Man kann sagen, was man will,“ bemerkte er gern, +„Formen sind kein leerer Wahn.“ +</p> + +<p> +Für das F in „Formen“ machte er seinen Mund zu +einem kleinen schwarzen Mausloch und stieß es langsam +geschwellt heraus. Diederich unterlag jedesmal wieder +dem Schauer von so viel Vornehmheit. Alles an Wiebel +dünkte ihm erlesen: daß die rötlichen Barthaare ganz oben +auf der Lippe wuchsen und seine langen, gekrümmten +Nägel nach unten gekrümmt, nicht, wie bei Diederich, +nach oben; der starke männliche Duft, der von Wiebel ausging, +auch seine abstehenden Ohren, die die Wirkung des +durchgezogenen Scheitels erhöhten, und die katerhaft in +Schläfenwulste gebetteten Augen. Diederich hatte das +<pb n='35'/><anchor id='Pgp0035'/>alles immer nur im unbedingten Gefühl des eigenen Unwertes +mit angesehen. Seit aber Wiebel ihn anredete +und sich sogar zu seinem Gönner machte, war es Diederich, +als sei ihm erst jetzt das Recht auf Dasein bestätigt. Er +hatte Lust, dankbar zu wedeln. Sein Herz weitete sich +vor glücklicher Bewunderung. Wenn seine Wünsche sich +so hoch hinausgewagt hätten, auch er hätte gern solchen +roten Hals gehabt und immer geschwitzt. Welch ein +Traum, säuseln zu können wie Wiebel! +</p> + +<p> +Und nun durfte Diederich ihm dienen, er war sein Leibfuchs! +Stets wohnte er Wiebels Erwachen bei, suchte ihm +seine Sachen zusammen – und da Wiebel infolge unregelmäßiger +Bezahlung mit der Wirtin schlecht stand, +besorgte Diederich ihm den Kaffee und reinigte ihm die +Schuhe. Dafür durfte er mitgehen auf allen Wegen. +Wenn Wiebel ein Bedürfnis verrichtete, hielt Diederich +draußen Wache, und er wünschte sich nur, seinen Schläger +da zu haben, um ihn schultern zu können. +</p> + +<p> +Wiebel hätte es verdient. Die Ehre der Korporation, +in der auch Diederichs Ehre und sein ganzes Schuldbewußtsein +wurzelten, am glänzendsten vertrat Wiebel sie. +Er schlug sich, mit wem man wollte, für die Neuteutonia. +Er hatte das Ansehen der Verbindung erhöht, denn er +sollte einst einen Vindoborussen koramiert haben! Auch +hatte er einen Verwandten beim Zweiten Garde-Grenadierregiment +Kaiser Franz Joseph; und so oft Wiebel +seinen Vetter von Klappke erwähnte, machte die ganze +Neuteutonia eine geschmeichelte Verbeugung. Diederich +suchte sich einen Wiebel in der Uniform eines Gardeoffiziers +vorzustellen; aber so viel Vornehmheit war nicht +auszudenken. Eines Tages dann, wie er mit Gottlieb Hornung, +weithin duftend, vom täglichen Frisieren kam, stand +<pb n='36'/><anchor id='Pgp0036'/>an einer Straßenecke Wiebel mit einem Zahlmeister. Kein +Irrtum: es war ein Zahlmeister – und als Wiebel ihr +Kommen bemerkte, drehte er ihnen den Rücken. Auch sie +wendeten und machten sich stumm und stramm davon, +ohne einander anzusehen und ohne eine Bemerkung. +Jeder vermutete, daß auch der andere die Ähnlichkeit des +Zahlmeisters mit Wiebel festgestellt habe. Und vielleicht +kannten die übrigen schon längst den wahren Sachverhalt? +Aber allen stand die Ehre der Neuteutonia hoch genug, um +zu schweigen, ja, um das Erblickte zu vergessen. Als +Wiebel das nächste Mal „mein Vetter von Klappke“ sagte, +verbeugten Diederich und Hornung sich mit den anderen, +geschmeichelt wie je. +</p> + +<p> +Schon hatte Diederich Selbstbeherrschung gelernt, Beobachtung +der Formen, Korpsgeist, Eifer für das Höhere. +Nur mit Mitleid und Widerwillen dachte er an das elende +Dasein des schweifenden Wilden, das früher das seine gewesen +war. Jetzt war Ordnung und Pflicht in sein Leben +gebracht. Zu genau eingehaltenen Stunden erschien er +auf Wiebels Bude, im Fechtsaal, beim Friseur und zum +Frühschoppen. Der Nachmittagsbummel leitete zur +Kneipe über; und jeder Schritt geschah in Korporation, +unter Aufsicht und mit Wahrung peinlicher Formen und +gegenseitiger Ehrerbietung, die gemütvolle Derbheit nicht +ausschloß. Ein Kommilitone, mit dem Diederich bisher +nur offiziellen Verkehr unterhalten hatte, stieß einst mit +ihm vor der Toilette zusammen, und obwohl sie beide +kaum noch gerade stehen konnten, wollte keiner den Vortritt +annehmen. Lange komplimentierten sie sich – bis sie plötzlich, +im gleichen Augenblick vom Drang überwältigt, wie +zwei zusammenprallende Eber durch die Tür brachen, daß +ihnen die Schulterknochen knackten. Das war der Beginn +<pb n='37'/><anchor id='Pgp0037'/>einer Freundschaft. In menschlicher Lage einander näher +gekommen, rückten sie nachher auch am offiziellen Kneiptisch +zusammen, tranken Schmollis und nannten sich +„Schweinehund“ und „Nilpferd“. +</p> + +<p> +Nicht immer zeigte das Verbindungsleben seine heitere +Seite. Es forderte Opfer; es übte im männlichen Ertragen +des Schmerzes. Delitzsch selbst, der Quell so mancher +Heiterkeit, verbreitete Trauer in der Neuteutonia. +Eines Vormittags, wie Wiebel und Diederich ihn abzuholen +kamen: er stand am Waschtisch und sagte noch: „Na +da. Habt ’r heit aach so ä Durscht?“ – plötzlich, ehe sie +zugreifen konnten, fiel er hin, mitsamt dem Waschgeschirr. +Wiebel befühlte ihn: Delitzsch regte sich nicht mehr. +</p> + +<p> +„Herzklaps“, sagte Wiebel kurz. Er ging stramm zur +Klingel. Diederich hob die Scherben auf und trocknete +den Boden. Dann trugen sie Delitzsch auf das Bett. Dem +formlosen Gejammer der Wirtin gegenüber verharrten +beide in streng kommentmäßiger Haltung. Unterwegs +zur Erledigung des weiteren – sie marschierten im Takt +nebeneinander – sagte Wiebel mit straffer Todesverachtung: +</p> + +<p> +„So was kann jedem von uns passieren. Kneipen ist +kein Spaß. Das kann sich jeder gesagt sein lassen.“ +</p> + +<p> +Und mit allen anderen fühlte Diederich sich gehoben +durch Delitzsch’ treue Pflichterfüllung, durch seinen Tod +auf dem Felde der Ehre. Mit Stolz folgten sie dem Sarge; +„Neuteutonia sei’s Panier“, stand in jeder Miene. Auf +dem Friedhof, die umflorten Schläger gesenkt, hatten alle +das in sich vertiefte Gesicht des Kriegers, den die nächste +Schlacht dahinraffen kann, wie die vorigen den Kameraden; +und was der erste Chargierte von dem Geschiedenen +rühmte: er habe in der Schule der Mannhaftigkeit +<pb n='38'/><anchor id='Pgp0038'/>und des Idealismus den höchsten Preis errungen, das +erschütterte jeden, als gälte es ihm selbst. +</p> + +<p> +Hiermit ging Diederichs Lehrzeit zu Ende, denn Wiebel +trat aus, um sich auf den Referendar vorzubereiten; und +fortan hatte Diederich die von ihm übernommenen Grundsätze +selbständig zu vertreten und sie den Jüngeren einzupflanzen. +Er tat es im Gefühl hoher Verantwortlichkeit +und mit Strenge. Wehe dem Fuchs, der es verdient hatte, +in die Kanne zu steigen. Keine fünf Minuten vergingen, +und er mußte sich an den Wänden hinaustasten. Das +Schreckliche geschah, daß einer vor Diederich aus der Tür +ging. Seine Buße waren acht Tage Bierverschiß. Nicht +Stolz oder Eigenliebe leiteten Diederich: einzig sein hoher +Begriff von der Ehre der Korporation. Er selbst war nur +ein Mensch, also nichts; jedes Recht, sein ganzes Ansehen +und Gewicht kamen ihm von ihr. Auch körperlich verdankte +er ihr alles: die Breite seines weißen Gesichts, +seinen Bauch, der ihn den Füchsen ehrwürdig machte, und +das Privileg, bei festlichen Anlässen in hohen Stiefeln mit +Band und Mütze aufzutreten, den Genuß der Uniform! +Wohl hatte er noch immer einem Leutnant Platz zu +machen, denn die Körperschaft, der der Leutnant angehörte, +war offenbar die höhere; aber wenigstens mit +einem Trambahnschaffner konnte er furchtlos verkehren, +ohne Gefahr, von ihm angeschnauzt zu werden. Seine +Männlichkeit stand ihm mit Schmissen, die das Kinn spalteten, +rissig durch die Wangen fuhren und in den kurz geschorenen +Schädel hackten, drohend auf dem Gesicht geschrieben +– und welche Genugtuung, sie täglich und nach +Belieben einem jeden beweisen zu können! Einmal bot +sich eine unerwartet glänzende Gelegenheit. Zu dritt, +mit Gottlieb Hornung und dem Dienstmädchen ihrer +Wir<pb n='39'/><anchor id='Pgp0039'/>tin, waren sie beim Tanz in Halensee. Seit einigen Monaten +teilten die Freunde sich eine Wohnung, mit der +ein ziemlich hübsches Dienstmädchen verbunden war, +machten ihr beide kleine Geschenke und gingen des Sonntags +gemeinsam mit ihr aus. Ob Hornung es so weit bei +ihr gebracht hatte wie er selbst, darüber hatte Diederich +seine privaten Vermutungen. Offiziell und von Verbindungs +wegen war es ihm unbekannt. +</p> + +<p> +Rosa war nicht übel angezogen, auf dem Ball fand sie +Bewerber. Damit Diederich noch eine Polka bekam, war +er genötigt, sie daran zu erinnern, daß er ihr die Handschuhe +gekauft habe. Schon machte er zur Einleitung des +Tanzes seine korrekte Verbeugung, da drängte sich unversehens +ein anderer dazwischen und polkte mit Rosa von +dannen. Betreten sah Diederich ihnen nach, im dunklen +Gefühl, daß er hier werde einschreiten müssen. Bevor +er sich aber regte, war ein Mädchen durch die tanzenden +Paare gestürzt, hatte Rosa geohrfeigt und sie in +unzarter Weise von ihrem Partner getrennt. Dies sehen +und auf Rosas Räuber losmarschieren, war für Diederich +eins. +</p> + +<p> +„Mein Herr,“ sagte er und sah ihm fest in die Augen, +„Ihr Benehmen ist unqualifizierbar.“ +</p> + +<p> +Der andere erwiderte: +</p> + +<p> +„Wennschon.“ +</p> + +<p> +Überrascht von dieser ungewöhnlichen Wendung eines +offiziellen Gesprächs, stammelte Diederich: +</p> + +<p> +„Knote.“ +</p> + +<p> +Der andere erwiderte prompt: +</p> + +<p> +„Schote“ – und lachte dabei. Durch so viel Formlosigkeit +vollends aus der Fassung gebracht, wollte Diederich +sich schon verbeugen und abtreten; aber der andere +<pb n='40'/><anchor id='Pgp0040'/>stieß ihn plötzlich vor den Bauch – und gleich darauf +wälzten sie sich zusammen am Boden. Umringt von Gekreisch +und anfeuernden Zurufen kämpften sie, bis man +sie trennte. Gottlieb Hornung, der Diederichs Klemmer +suchen half, rief: „Da reißt er aus“ – und war schon hinterher. +Diederich folgte. Sie sahen den anderen mit einem +Begleiter gerade noch in eine Droschke steigen und nahmen +die nächste. Hornung behauptete, die Verbindung dürfe +das nicht auf sich sitzen lassen. „So was kneift und bekümmert +sich nicht mal mehr um die Dame.“ Diederich erklärte: +</p> + +<p> +„Was Rosa betrifft, die ist für mich erledigt.“ +</p> + +<p> +„Für mich auch.“ +</p> + +<p> +Die Fahrt war aufregend. „Ob wir nachkommen? Wir +haben einen lahmen Gaul.“ „Wenn der Prolet nun nicht +satisfaktionsfähig ist?“ Man entschied: „Dann hat die +Sache offiziell nicht stattgefunden.“ +</p> + +<p> +Der erste Wagen hielt im Westen vor einem anständigen +Haus. Diederich und Hornung trafen ein, wie das Tor +zugeschlagen ward. Entschlossen postierten sie sich davor. +Es ward kühl, sie marschierten hin und her vor dem Hause, +zwanzig Schritte nach links, zwanzig Schritte nach rechts, +behielten immer die Tür im Auge und wiederholten +immer dieselben ernsten und weittragenden Reden. Nur +Pistolen kamen hier in Frage! Diesmal war die Ehre +der Neuteutonia teuer zu bezahlen! Wenn es nur kein +Prolet war! +</p> + +<p> +Endlich kam der Portier zum Vorschein, und sie nahmen +ihn ins Verhör. Sie suchten ihm die Herren zu beschreiben, +fanden aber, daß die beiden keine besonderen Kennzeichen +hatten. Hornung, noch leidenschaftlicher als Diederich, +blieb dabei, daß man warten müsse, und noch zwei +Stun<pb n='41'/><anchor id='Pgp0041'/>den lang marschierten sie hin und her, dann bogen aus dem +Hause zwei Offiziere. Diederich und Hornung rissen +die Augen auf, ungewiß, ob hier nicht ein Irrtum vorlag. +Die Offiziere stutzten. Einer schien sogar zu erbleichen. +Da entschloß Diederich sich. Er trat vor den Erbleichten +hin. +</p> + +<p> +„Mein Herr –“ +</p> + +<p> +Die Stimme versagte ihm. Der Leutnant sagte, verlegen: +„Sie irren sich wohl.“ +</p> + +<p> +Diederich brachte hervor: +</p> + +<p> +„Durchaus nicht. Ich muß Genugtuung fordern. Sie +haben sich –“ +</p> + +<p> +„Ich kenne Sie ja gar nicht“, stammelte der Leutnant. +Aber sein Kamerad flüsterte ihm etwas zu: „So geht das +nicht“ – er ließ sich von dem anderen die Karte geben, +legte seine eigene dazu und überreichte sie Diederich. Diederich +gab die seine her; dann las er: „Albrecht Graf Tauern-Bärenheim“. +Da nahm er sich nicht mehr die Zeit, +auch die andere zu lesen, sondern begann kleine, eifrige +Verbeugungen zu vollführen. Der zweite Offizier wandte +sich inzwischen an Gottlieb Hornung. +</p> + +<p> +„Mein Freund hat den Scherz natürlich ganz harmlos +gemeint. Er wäre selbstverständlich zu jeder Genugtuung +bereit; ich will nur feststellen, daß eine beleidigende +Absicht nicht vorliegt.“ +</p> + +<p> +Der andere, den er dabei ansah, hob die Schultern. Diederich +stammelte: „O danke sehr.“ +</p> + +<p> +„Damit ist die Sache wohl erledigt“, sagte der Freund; +und die beiden Herren entfernten sich. +</p> + +<p> +Diederich stand noch da, die Stirn feucht und mit befangenen +Sinnen. Plötzlich seufzte er tief auf und lächelte +langsam. +</p> + +<pb n='42'/><anchor id='Pgp0042'/> + +<p> +Nachher auf der Kneipe war die Rede nur von diesem +Vorfall. Diederich rühmte den Kommilitonen das wahrhaft +ritterliche Verhalten des Grafen. +</p> + +<p> +„Ein wirklicher Edelmann verleugnet sich doch nie.“ +</p> + +<p> +Er machte den Mund klein wie ein Mausloch und stieß +in langsamer Schwellung die Worte hervor: +</p> + +<p> +„F – formen sind doch kein leerer Wahn.“ +</p> + +<p> +Immer wieder rief er Gottlieb Hornung als Zeugen +seines großen Augenblickes auf. +</p> + +<p> +„So gar nichts Steifes, wie? Oh! Auf einen doch immerhin +gewagten Scherz kommt es solchem Herrn nicht an. +Eine Haltung dabei: t–hadellos, kann ich euch sagen. Die +Erklärungen Seiner Erlaucht waren so durchaus befriedigend, +daß ich meinerseits unmöglich –: Ihr begreift, +man ist kein Rauhbein.“ +</p> + +<p> +Alle begriffen es und bestätigten Diederich, daß die Neuteutonia +in dieser Sache durchaus anständig abgeschnitten +habe. Die Karten der beiden Edelleute wurden bei den +Füchsen umhergereicht und zwischen den gekreuzten Schlägern +am Kaiserbild befestigt. Kein Neuteutone, der sich +heute nicht betrank. +</p> + +<p> +Damit endete das Semester; aber Diederich und Hornung +hatten für die Heimreise kein Geld. Das Geld fehlte +ihnen schon längst für fast alles. Mit Rücksicht auf die +Pflichten des Verbindungslebens war Diederichs Wechsel +auf zweihundertfünfzig Mark erhöht worden; und doch +übermannten ihn die Schulden. Alle Quellen schienen +ausgepumpt, nur dürres Land sah man, verschmachtend, +sich dahindehnen – und endlich mußte man wohl, so +wenig dies Rittern angestanden hätte, über die Zurückforderung +dessen beraten, was sie selbst im Lauf der Zeiten +an Kommilitonen verliehen hatten. Gewiß war mancher +<pb n='43'/><anchor id='Pgp0043'/>alte Herr inzwischen zu großen Geldern gelangt. Hornung +fand keinen; Diederich verfiel auf Mahlmann. +</p> + +<p> +„Bei dem geht es“, erklärte er. „Der war bei gar keiner +Verbindung: ein ganz gemeiner Ruppsack. Dem werd’ +ich mal auf die Bude steigen.“ +</p> + +<p> +Aber als Mahlmann ihn erblickte, brach er ohne weiteres +in sein riesenhaftes Lachen aus, daß Diederich fast vergessen +hatte und das ihn sofort unwiderstehlich herabstimmte. +Mahlmann war taktlos! Er hätte doch fühlen +sollen, daß hier in seinem Patentbureau mit Diederich +die ganze Neuteutonia moralisch zugegen war, und hätte +Diederich um ihretwillen Achtung erweisen sollen. Diederich +hatte den Eindruck, als sei er aus der kraftspendenden +Gesamtheit jäh herausgerissen und stehe hier als einzelner +Mensch vor einem anderen. Eine nicht vorhergesehene, +unliebsame Lage! Um so unbefangener trug +er seine Sache vor. Oh! Er wolle kein Geld zurück, das +würde er einem Kameraden niemals zugemutet haben! +Mahlmann möge nur so gefällig sein, ihm für einen +Wechsel zu bürgen. Mahlmann lehnte sich in seinen +Schreibsessel zurück und sagte breit und selbstverständlich: +</p> + +<p> +„Nein.“ +</p> + +<p> +Diederich, betroffen: +</p> + +<p> +„Wieso, nein?“ +</p> + +<p> +„Bürgen ist gegen meine Prinzipien“, erklärte Mahlmann. +</p> + +<p> +Diederich errötete vor Entrüstung. „Aber ich habe +doch auch für Sie gebürgt, und dann ist der Wechsel an +mich gekommen, und ich mußte für Sie hundert Mark +blechen. Sie haben sich gehütet!“ +</p> + +<p> +„Sehen Sie wohl? Und wenn ich jetzt für Sie bürgen +wollte, würden Sie auch nicht bezahlen.“ +</p> + +<pb n='44'/><anchor id='Pgp0044'/> + +<p> +Diederich riß nur noch die Augen auf. +</p> + +<p> +„Nein, Freundchen,“ schloß Mahlmann; „wenn ich +Selbstmord begehen will, brauch’ ich Sie nicht dazu.“ +</p> + +<p> +Diederich faßte sich, er sagte herausfordernd: +</p> + +<p> +„Sie haben wohl keinen Komment, mein Herr.“ +</p> + +<p> +„Nein“, wiederholte Mahlmann und lachte ungeheuerlich. +</p> + +<p> +Mit äußerstem Nachdruck stellte Diederich fest: „Dann +scheinen Sie überhaupt ein Schwindler zu sein. Es soll +ja gewisse Patentschwindler geben.“ +</p> + +<p> +Mahlmann lachte nicht mehr; die Augen in seinem +kleinen Kopf waren tückisch geworden, und er stand auf. +„Nun müssen Sie ’rausgehen“, sagte er, ohne Erregung. +„Unter uns wäre es wohl Wurst, aber nebenan sitzen +meine Angestellten, die dürfen so was nicht hören.“ +</p> + +<p> +Er packte Diederich an den Schultern, drehte ihn herum +und schob ihn vor sich her. Für jeden Versuch, sich loszumachen, +bekam Diederich einen mächtigen Knuff. +</p> + +<p> +„Ich fordere Genugtuung“, schrie er, „Sie müssen sich +mit mir schlagen!“ +</p> + +<p> +„Ich bin schon dabei. Merken Sie es nicht? Dann will +ich noch einen rufen.“ Er öffnete die Tür. „Friedrich!“ +Und Diederich ward einem Packer überliefert, der ihn die +Treppe hinabbeförderte. Mahlmann rief ihm nach: +</p> + +<p> +„Nichts für ungut, Freundchen. Wenn Sie ein andermal +was auf dem Herzen haben, kommen Sie ruhig +wieder!“ +</p> + +<p> +Diederich brachte sich in Ordnung und verließ das Haus +in guter Haltung. Um so schlimmer für Mahlmann, wenn +er sich so aufführte! Diederich hatte sich nichts vorzuwerfen; +vor einem Ehrengericht wäre er glänzend dagestanden. +Etwas höchst Anstößiges blieb es, daß ein +ein<pb n='45'/><anchor id='Pgp0045'/>zelner sich so viel erlauben konnte; Diederich war gekränkt +im Namen sämtlicher Korporationen. Andererseits war +es nicht zu leugnen, daß Mahlmann Diederichs alte Hochachtung +wieder beträchtlich aufgefrischt hatte. „Ein ganz +gemeiner Hund“, dachte Diederich. „Aber so muß man +sein ...“ +</p> + +<p> +Zu Hause lag ein eingeschriebener Brief. +</p> + +<p> +„Nun können wir fortmachen“, sagte Hornung. +</p> + +<p> +„Wieso wir? Ich brauch’ mein Geld selbst.“ +</p> + +<p> +„Du machst wohl Spaß. Ich kann hier doch nicht allein +sitzenbleiben.“ +</p> + +<p> +„Dann such’ dir Gesellschaft!“ +</p> + +<p> +Diederich schlug ein solches Gelächter auf, daß Hornung +ihn für verrückt hielt. Darauf reiste er wirklich. +</p> + +<p> +Unterwegs sah er erst, daß der Brief von seiner Mutter +adressiert war. Das war ungewöhnlich ... Seit ihrer +letzten Karte, sagte sie, sei es mit seinem Vater noch viel +schlimmer geworden. Warum Diederich nicht gekommen sei. +</p> + +<p> +„Wir müssen uns auf das Entsetzlichste gefaßt machen. +Wenn Du unseren innigst geliebten Papa noch einmal sehen +willst, o dann säume nicht länger, mein Sohn!“ +</p> + +<p> +Bei dieser Ausdrucksweise ward es Diederich ungemütlich. +Er entschloß sich, seiner Mutter einfach nicht zu +glauben. „Weibern glaub’ ich überhaupt nichts, und mit +Mama ist es nun mal nicht richtig.“ +</p> + +<p> +Trotzdem tat Herr Heßling bei Diederichs Ankunft +gerade die letzten Atemzüge. +</p> + +<p> +Von dem Anblick überwältigt, brach Diederich gleich auf +der Schwelle in ein ganz formloses Geheul aus. Er stolperte +zum Bett, sein Gesicht war im Augenblick naß wie +beim Waschen; und mit den Armen tat er lauter kurze +Flügelschläge und ließ sie machtlos gegen die Hüften +<pb n='46'/><anchor id='Pgp0046'/>klappen. Plötzlich erkannte er auf der Decke des Vaters +rechte Hand, kniete hin und küßte sie. Frau Heßling, ganz +still und klein selbst noch bei den letzten Atemzügen ihres +Herrn, tat drüben dasselbe mit der linken. Diederich +dachte daran, wie dieser verkümmerte schwarze Fingernagel +auf seine Wange zugeflogen war, wenn der Vater +ihn ohrfeigte; und er weinte laut. Die Prügel gar, als er +von den Lumpen die Knöpfe gestohlen hatte! Diese Hand +war schrecklich gewesen; Diederichs Herz krampfte sich, nun +er sie verlieren sollte. Er fühlte, daß seine Mutter das gleiche +im Sinn hatte, und sie ahnte seine Gedanken. Auf einmal +sanken sie einander, über das Bett hinweg, in die Arme. +</p> + +<p> +Bei den Kondolenzbesuchen hatte Diederich sich zurück. +Er vertrat vor ganz Netzig, stramm und formensicher, die +Neuteutonia, sah sich angestaunt und vergaß darüber fast, +daß er trauerte. Dem alten Herrn Buck ging er bis zur +äußeren Tür entgegen. Die Beleibtheit des großen Mannes +von Netzig ward majestätisch in seinem glänzenden +Gehrock. Würdevoll trug der den umgewendeten Zylinderhut +vor sich her; und die andere, vom schwarzen Handschuh +entblößte Hand, die er Diederich reichte, fühlte sich +überraschend zartfleischig an. Seine blauen Augen drangen +warm in Diederich ein, und er sagte: +</p> + +<p> +„Ihr Vater war ein guter Bürger. Junger Mann, +werden Sie auch einer! Haben Sie immer Achtung vor +den Rechten Ihrer Mitmenschen! Das gebietet Ihnen +Ihre eigene Menschenwürde. Ich hoffe, wir werden hier +in unserer Stadt noch zusammen für das Gemeinwohl +arbeiten. Sie werden jetzt wohl fertig studieren?“ +</p> + +<p> +Diederich konnte kaum das Ja herausbringen, so sehr +verstörte ihn die Ehrfurcht. Der alte Buck fragte in leichterem +Ton: +</p> + +<pb n='47'/><anchor id='Pgp0047'/> + +<p> +„Hat mein Jüngster Sie in Berlin schon aufgesucht? +Nein? O, das soll er tun. Er studiert jetzt auch dort. Wird +aber wohl bald sein Jahr abdienen. Haben Sie das schon +hinter sich?“ +</p> + +<p> +„Nein“ – und Diederich ward sehr rot. Er stammelte +Entschuldigungen. Es sei ihm bisher ganz unmöglich gewesen, +das Studium zu unterbrechen. Aber der alte Buck +zuckte die Achseln, als sei der Gegenstand unerheblich. +</p> + +<p> +Durch das Testament des Vaters war Diederich neben +dem alten Buchhalter Sötbier zum Vormund seiner beiden +Schwestern bestimmt. Sötbier belehrte ihn, daß ein Kapital +von siebzigtausend Mark da sei, das als Mitgift der +Mädchen dienen solle. Nicht einmal die Zinsen durften +angegriffen werden. Der Reingewinn aus der Fabrik +hatte in den letzten Jahren durchschnittlich neuntausend +Mark betragen. „Mehr nicht?“ fragte Diederich. Sötbier +sah ihn an, zuerst entsetzt, dann vorwurfsvoll. Wenn der +junge Herr sich vorstellen könnte, wie sein seliger Vater +und Sötbier das Geschäft heraufgearbeitet hätten! Gewiß +war es ja noch ausdehnungsfähig ... +</p> + +<p> +„Na, is jut“, sagte Diederich. Er sah, daß hier vieles +geändert werden müsse. Von einem Viertel von neuntausend +Mark sollte er leben? Diese Zumutung des Verstorbenen +empörte ihn. Als seine Mutter behauptete, der +Selige habe auf dem Sterbebette die Zuversicht geäußert, +in seinem Sohn Diederich werde er fortleben, und Diederich +werde sich niemals verheiraten, um immer für die +Seinen zu sorgen, da brach Diederich aus. „Vater war +nicht so krankhaft sentimental wie du,“ schrie er, „und er +log auch nicht.“ Frau Heßling glaubte den Seligen zu +hören und duckte sich. Dies benutzte Diederich, um seinen +Monatswechsel um fünfzig Mark erhöhen zu lassen. +</p> + +<pb n='48'/><anchor id='Pgp0048'/> + +<p> +„Zunächst“, sagte er rauh, „hab’ ich mein Jahr abzudienen. +Das kostet, was es kostet. Mit euren kleinlichen +Geldgeschichten könnt ihr mir später kommen.“ +</p> + +<p> +Er bestand sogar darauf, in Berlin einzutreten. Der +Tod des Vaters hatte ihm wilde Freiheitsgefühle gegeben. +Nachts freilich träumte er, der alte Herr trete aus +dem Kontor, mit dem ergrauten Gesicht, das er als Leiche +gehabt hatte – und schwitzend erwachte Diederich. +</p> + +<p> +Er reiste, versehen mit dem Segen der Mutter. Gottlieb +Hornung und ihre gemeinsame Rosa konnte er fortan +nicht brauchen und zog um. Den Neuteutonen zeigte er +in angemessener Form seine veränderten Lebensumstände +an. Die Burschenherrlichkeit war vorüber. Der Abschiedskommers! +Trauersalamander wurden gerieben, die für +Diederichs alten Herrn bestimmt waren, aber die auch ihm +und seiner schönsten Blütezeit gelten konnten. Vor lauter +Hingabe gelangte er unter den Tisch, wie am Abend seiner +Aufnahme als Konkneipant; und war nun alter Herr. +</p> + +<p> +Arg verkatert stand er tags darauf, inmitten anderer +jungen Leute, die alle, wie er selbst, ganz nackt ausgezogen +waren, vor dem Stabsarzt. Dieser Herr sah angewidert +über all das männliche Fleisch hin, das ihm unterbreitet +war; an Diederichs Bauch aber ward sein Blick höhnisch. +Sofort grinsten alle ringsum, und Diederich blieb nichts +übrig, als auch seinerseits die Augen auf seinen Bauch +zu senken, der errötet war ... Der Stabsarzt hatte +seinen vollen Ernst zurück. Einem, der nicht so scharf +hörte, wie es Vorschrift war, erging es schlecht, denn man +kannte die Simulanten! Ein anderer, der noch dazu +Levysohn hieß, bekam die Lehre: „Wenn Sie mich wieder +mal hier belästigen, dann waschen Sie sich wenigstens!“ +Bei Diederich hieß es: +</p> + +<pb n='49'/><anchor id='Pgp0049'/> + +<p> +„Ihnen wollen wir das Fett schon wegkurieren. Vier +Wochen Dienst, und ich garantiere Ihnen, daß Sie aussehen +wie ein Christenmensch.“ +</p> + +<p> +Damit war er angenommen. Die Ausgemusterten +fuhren so schnell in ihre Kleider, als brennte die Kaserne. +Die für tauglich Befundenen sahen einander prüfend von +der Seite an und entfernten sich zaudernd, als erwarteten +sie, daß eine schwere Hand sich ihnen auf die Schultern +lege. Einer, ein Schauspieler mit einem Gesicht, als sei +ihm alles eins, kehrte um, stellte sich nochmals vor den +Stabsarzt hin und sagte laut, mit sorgfältiger Aussprache: +„Ich möchte noch hinzufügen, daß ich homosexuell bin.“ +</p> + +<p> +Der Stabsarzt wich zurück, er war ganz rot. Stimmlos +sagte er: „Solche Schweine können wir allerdings +nicht brauchen.“ +</p> + +<p> +Diederich drückte den künftigen Kameraden seine Entrüstung +aus über ein so schamloses Verfahren. Dann +sprach er noch den Unteroffizier an, der vorher an der +Wand seine Körperlänge gemessen hatte, und beteuerte +ihm, daß er froh sei. Trotzdem schrieb er nach Netzig an +den praktischen Arzt Dr. Heuteufel, der ihn als Jungen +im Hals gepinselt hatte: ob der Doktor ihm nicht bescheinigen +wolle, daß er skrofulös und rachitisch sei. Er könne +sich doch nicht ruinieren lassen mit der Schinderei. Aber +die Antwort lautete, er solle nur nicht kneifen, das Dienen +werde ihm trefflich bekommen. So gab Diederich denn +sein Zimmer wieder auf und fuhr mit seinem Handkoffer +in die Kaserne. Wenn man schon vierzehn Tage dort +wohnen mußte, konnte man so lange die Miete sparen. +</p> + +<p> +Sofort ging es mit Reckturnen, Springen und anderen +atemraubenden Dingen an. Kompagnieweise ward man +in den Korridoren, die „Rayons“ hießen, „abgerichtet“. +<pb n='50'/><anchor id='Pgp0050'/>Leutnant von Kullerow trug eine unbeteiligte Hochnäsigkeit +zur Schau, die Einjährigen betrachtete er nie +anders als mit einem zugekniffenen Auge. Plötzlich schrie +er: „Abrichter!“ und gab den Unteroffizieren eine Instruktion, +worauf er sich verachtungsvoll abwandte. Beim +Exerzieren im Kasernenhof, beim Gliederbilden, Sichzerstreuen +und Platzwechseln ward weiter nichts beabsichtigt, +als die „Kerls“ umherzuhetzen. Ja, Diederich +fühlte wohl, daß alles hier, die Behandlung, die geläufigen +Ausdrücke, die ganze militärische Tätigkeit vor +allem darauf hinzielte, die persönliche Würde auf ein +Mindestmaß herabzusetzen. Und das imponierte ihm; +es gab ihm, so elend er sich befand, und gerade dann, +eine tiefe Achtung ein und etwas wie selbstmörderische +Begeisterung. Prinzip und Ideal war ersichtlich das +gleiche wie bei den Neuteutonen, nur ward es grausamer +durchgeführt. Die Pausen der Gemütlichkeit, in denen +man sich seines Menschentums erinnern durfte, fielen +fort. Jäh und unabänderlich sank man zur Laus herab, +zum Bestandteil, zum Rohstoff, an dem ein unermeßlicher +Wille knetete. Wahnsinn und Verderben wäre es +gewesen, auch nur im geheimsten Herzen sich aufzulehnen. +Höchstens konnte man, gegen die eigene Überzeugung, +sich manchmal drücken. Diederich war beim Laufen gefallen, +der Fuß tat ihm weh. Nicht, daß er gerade hätte +hinken müssen, aber er hinkte und durfte, wie die Kompagnie +„ins Gelände“ marschierte, zurückbleiben. Um +dies zu erreichen, war er zunächst an den Hauptmann +selbst herangetreten. „Herr Hauptmann, bitte –“ +Welche Katastrophe! Er hatte in seiner Ahnungslosigkeit +vorwitzig das Wort an eine Macht gerichtet, von der +man stumm und auf den Knien des Geistes Befehle +ent<pb n='51'/><anchor id='Pgp0051'/>gegenzunehmen hatte! Der man sich nur „vorführen“ +lassen konnte! Der Hauptmann donnerte, daß die Unteroffiziere +zusammenliefen, mit Mienen, in denen das Entsetzen +vor einer Lästerung stand. Die Folge war, daß +Diederich stärker hinkte und einen Tag länger vom Dienst +befreit werden mußte. +</p> + +<p> +Unteroffizier Vanselow, der für die Untat seines Einjährigen +verantwortlich war, sagte zu Diederich nur: +„Das will ein gebildeter Mensch sein!“ Er war es gewohnt, +daß alles Unheil von den Einjährigen kam. +Vanselow schlief in ihrem Mannschaftszimmer hinter +einem Verschlag. Nach dem Lichtlöschen zoteten sie, bis +der Unteroffizier empört dazwischenschrie: „Das wollen +gebildete Leute sein!“ Trotz seiner langen Erfahrung +erwartete er immer noch von den Einjährigen mehr +Geist und gute Haltung als von den anderen Leuten +und war immer neu enttäuscht. In Diederich sah er +keineswegs den Schlimmsten. Das Bier, das einer +zahlte, entschied nicht allein über Vanselows Meinung. +Noch mehr sah Vanselow auf den soldatischen Geist +freudiger Unterwerfung, und den hatte Diederich. In +der Instruktionsstunde konnte man ihn den anderen als +Muster vorhalten. Diederich zeigte sich ganz erfüllt von +den militärischen Idealen der Tapferkeit und der Ehrliebe. +Was die Abzeichen und die Rangordnung betraf, +so schien der Sinn dafür ihm angeboren. Vanselow sagte: +„Jetzt bin ich der Herr Kommandierende General“, und +auf der Stelle benahm Diederich sich, als glaubte er es. +Wenn es aber hieß: „Jetzt bin ich ein Mitglied der königlichen +Familie“, dann war Diederichs Verhalten so, daß es +dem Unteroffizier ein Lächeln des Größenwahns abnötigte. +</p> + +<p> +Im Privatgespräch in der Kantine eröffnete Diederich +<pb n='52'/><anchor id='Pgp0052'/>seinem Vorgesetzten, daß er vom Soldatenleben begeistert +sei. „Das Aufgehen im großen Ganzen!“ sagte er. +Er wünsche sich nichts auf der Welt, als ganz dabei zu +bleiben. Und er war aufrichtig – was aber nicht hinderte, +daß er am Nachmittag, bei den Übungen „im Gelände“, +keinen anderen Wunsch mehr kannte, als sich in +den Graben zu legen und nicht mehr vorhanden zu sein. +Die Uniform, die ohnedies, aus Rücksichten der Strammheit, +zu eng geschnitten war, ward nach dem Essen zum +Marterwerkzeug. Was half es, daß der Hauptmann, bei +seinen Kommandos, sich unsäglich kühn und kriegerisch +auf dem Pferd herumsetzte, wenn man selbst, rennend +und schnaufend, die Suppe unverdaut im Magen schlenkern +fühlte. Die sachliche Begeisterung, zu der Diederich völlig +bereit war, mußte zurücktreten hinter der persönlichen Not. +Der Fuß schmerzte wieder; und Diederich lauschte auf +den Schmerz, in der angstvollen, mit Selbstverachtung +verbundenen Hoffnung, es möchte schlimmer werden, so +schlimm, daß er nicht wieder „ins Gelände“ hinaus mußte, +daß er vielleicht nicht einmal mehr im Kasernenhof +üben konnte und daß man genötigt war, ihn zu entlassen! +</p> + +<p> +Es kam dahin, daß er am Sonntag den alten Herrn eines +Korpsbruders aufsuchte, der Geheimer Sanitätsrat war. +Er müsse ihn um seinen Beistand bitten, sagte Diederich, +rot vor Scham. Er sei begeistert für die Armee, für das +große Ganze und wäre am liebsten ganz dabei geblieben. +Man sei da in einem großartigen Betrieb, ein Teil der +Macht sozusagen und wisse immer, was man zu tun +habe: das sei ein herrliches Gefühl. Aber der Fuß tue +nun einmal weh. „Man darf es doch nicht so weit kommen +lassen, daß er unbrauchbar wird. Schließlich habe +ich Mutter und Geschwister zu ernähren.“ Der +Geheim<pb n='53'/><anchor id='Pgp0053'/>rat untersuchte ihn. „Neuteutonia sei’s Panier“, sagte +er. „Ich kenne zufällig Ihren Oberstabsarzt.“ Hiervon +war Diederich durch seinen Korpsbruder unterrichtet. +Er empfahl sich, voll banger Hoffnung. +</p> + +<p> +Die Hoffnung bewirkte, daß er am nächsten Morgen +kaum noch auftreten konnte. Er meldete sich krank. „Wer +sind Sie, was belästigen Sie mich?“ – und der Stabsarzt +maß ihn. „Sie sehen aus wie das Leben, Ihr Bauch +ist auch schon kleiner.“ Aber Diederich stand stramm +und blieb krank; der Vorgesetzte mußte sich zu einer Untersuchung +herbeilassen. Als er den Fuß zu Gesicht bekam, +erklärte er, wenn er sich nicht eine Zigarre anzünde, +werde ihm unwohl werden. Trotzdem war nichts zu +finden an dem Fuß. Der Stabsarzt stieß ihn entrüstet +vom Stuhl. „Macht Dienst, Schluß, abtreten“ – und +Diederich war erledigt. Mitten im Exerzieren aber schrie +er plötzlich auf und fiel um. Er ward ins „Revier“ gebracht, +den Aufenthalt der Leichterkrankten, wo es nach +Volk roch und nichts zu essen gab. Denn die Selbstbeköstigung, +die den Einjährigen zustand, war hier nur +schwer zu bewerkstelligen, und von den Rationen der +anderen bekam er nichts. Vor Hunger meldete er sich +gesund. Abgeschnitten von menschlichem Schutz, von +allen sittlichen Rechten der bürgerlichen Welt, trug er +sein düsteres Geschick; eines Morgens aber, als alle Hoffnung +schon dahin war, holte man ihn vom Exerzieren +weg auf das Zimmer des Oberstabsarztes. Dieser hohe +Vorgesetzte wünschte ihn zu untersuchen. Er hatte einen +verlegen menschlichen Ton und schlug dann wieder in +militärische Schroffheit um, die gleichfalls nicht unbefangen +wirkte. Auch er schien nichts Rechtes zu finden, +das Ergebnis seines Eingreifens aber klang trotzdem anders. +<pb n='54'/><anchor id='Pgp0054'/>Diederich sollte nur „vorläufig“ weiter Dienst machen, das +weitere werde sich schon ergeben. „Bei <hi rend='gesperrt'>dem Fuß</hi> ...“ +</p> + +<p> +Einige Tage später trat ein „Revier“gehilfe an Diederich +heran und fertigte auf geschwärztem Papier einen +Abdruck des verhängnisvollen Fußes. Diederich ward genötigt, +im Revierzimmer zu warten. Der Stabsarzt ging +eben umher und nahm Gelegenheit, ihm seine volle Verachtung +auszudrücken. „Nicht mal Plattfuß! Stinkt vor +Faulheit!“ Da aber ward die Tür aufgestoßen, und der +Oberstabsarzt, die Mütze auf dem Kopf, hielt seinen Einzug. +Sein Schritt war fester und zielbewußter als sonst, +er sah nicht rechts noch links, wortlos stellte er sich vor +seinem Untergebenen auf, den Blick finster und streng +auf dessen Mütze. Der Stabsarzt stutzte, er mußte sich +in eine Lage finden, die ersichtlich die gewohnte Kollegialität +nicht mehr zuließ. Nun hatte er sie erfaßt, nahm die +Mütze herunter und stand stramm. Darauf zeigte der +Vorgesetzte ihm das Papier mit dem Fuß, sprach leise +und mit einer Betonung, die ihm befahl, etwas zu sehen, +was nicht da war. Der Stabsarzt blinzelte abwechselnd +den Vorgesetzten, Diederich und das Papier an. Dann zog +er die Absätze zusammen: er hatte das Befohlene gesehen. +</p> + +<p> +Als der Oberstabsarzt fort war, näherte der Stabsarzt +sich Diederich. Höflich, mit einem leisen Lächeln des +Einverständnisses, sagte er: +</p> + +<p> +„Der Fall war natürlich von Anfang an klar. Man +mußte nur der Leute wegen –. Sie verstehen, die +Disziplin –.“ +</p> + +<p> +Diederich bekundete durch Strammstehen, daß er alles +verstehe. +</p> + +<p> +„Aber“, wiederholte der Stabsarzt, „ich habe natürlich +gewußt, wie Ihr Fall lag.“ +</p> + +<pb n='55'/><anchor id='Pgp0055'/> + +<p> +Diederich dachte: „Wenn du es nicht gewußt hast, jetzt +weißt du es.“ Laut sagte er: +</p> + +<p> +„Gestatte mir gehorsamst zu fragen, Herr Stabsarzt: +Ich werde doch weiterdienen dürfen?“ +</p> + +<p> +„Dafür kann ich Ihnen nicht garantieren“, sagte der +Stabsarzt und machte kehrt. +</p> + +<p> +Von schwerem Dienst war Diederich fortan befreit, +das „Gelände“ sah ihn nicht mehr. Um so williger und +freudiger war sein Verhalten in der Kaserne. Wenn des +Abends beim Appell der Hauptmann, die Zigarre im +Munde und leicht angetrunken, aus dem Kasino kam, +um für Stiefel, die nicht geschmiert, sondern gewichst +waren, Mittelarrest zu verhängen: an Diederich fand +er nichts auszusetzen. Um so unerbittlicher übte er seine +gerechte Strenge an einem Einjährigen, der nun schon im +dritten Monat strafweise im Mannschaftszimmer schlafen +mußte, weil er einst, während der ersten vierzehn Tage, +nicht dort, sondern zu Hause geschlafen hatte. Er hatte +damals vierzig Grad Fieber gehabt und wäre, wenn er +seine Pflicht getan hätte, vielleicht gestorben. Dann wäre +er eben gestorben! Der Hauptmann hatte, sooft er diesen +Einjährigen ansah, ein Gesicht voll stolzer Genugtuung. +Diederich dahinten, klein und unversehrt, dachte: „Siehst +du wohl? Die Neuteutonia und ein Geheimer Sanitätsrat +sind mehr wert als vierzig Grad Fieber ...“ Was Diederich +betraf, so waren die amtlichen Formalitäten eines Tages +glücklich erfüllt, und der Unteroffizier Vanselow verkündete +ihm seine Entlassung. Diederich hatte sofort die +Augen voll Tränen; er drückte Vanselow warm die Hand. +</p> + +<p> +„Gerade muß mir das passieren, und ich hatte doch“ – +er schluchzte – „so viel Freudigkeit.“ +</p> + +<p> +Und dann war er „draußen“. +</p> + +<pb n='56'/><anchor id='Pgp0056'/> + +<p> +Vier Wochen lang blieb er zu Hause und büffelte. +Wenn er zum Essen ging, sah er sich um, ob ein Bekannter +ihn bemerkte. Endlich mußte er sich den Neuteutonen +wohl zeigen. Er trat herausfordernd auf. +</p> + +<p> +„Wer von euch noch nicht dabei war, hat keine Ahnung. +Ich sage euch, da sieht man die Welt von einem anderen +Standpunkt. Ich wäre überhaupt dabei geblieben, meine +Vorgesetzten rieten es mir, ich sei hervorragend qualifiziert. +Na und da –“ +</p> + +<p> +Er starrte schmerzlich vor sich hin. +</p> + +<p> +„Das Unglück mit dem Gaul. Das kommt davon, +wenn man ein zu guter Soldat ist. Der Hauptmann +läßt einen in seinem Dogcart fahren, damit der Gaul +mal bewegt wird, und da ist das Unglück passiert. Natürlich +habe ich den Fuß nicht geschont und zu früh wieder +Dienst gemacht. Die Sache verschlimmerte sich erheblich, +der Stabsarzt gab mir anheim, für jede Eventualität +meine Angehörigen zu benachrichtigen.“ +</p> + +<p> +Dies sagte er knapp und männlich. +</p> + +<p> +„Da hättet ihr nun den Hauptmann sehen sollen. Täglich +kam er selbst, nach den größten Märschen, mit bestaubter +Uniform, wie er war. So was gibt es auch nur +beim Militär. Wir sind in den bösen Tagen wahre +Kameraden geworden. Hier die Zigarre ist noch von +ihm. Und als er mir dann eingestehen mußte, der Stabsarzt +wolle mich fortschicken, ich kann euch versichern, das +war einer der Augenblicke im Leben, die man nicht vergißt. +Der Hauptmann und ich, wir kriegten beide gleichzeitig +feuchte Augen.“ +</p> + +<p> +Alle waren erschüttert. Diederich sah tapfer um sich. +</p> + +<p> +„Na, jetzt soll man sich also wieder in das bürgerliche +Leben hineinfinden. Prost.“ +</p> + +<pb n='57'/><anchor id='Pgp0057'/> + +<p> +Er büffelte weiter; und am Sonnabend kneipte er mit +den Neuteutonen. Auch Wiebel erschien wieder. Er war +Assessor, auf dem Wege zum Staatsanwalt und sprach +nur noch von „subversiven Tendenzen“, „Vaterlandsfeinden“ +und auch vom „christlich-sozialen Gedanken“. +Er erklärte den Füchsen, es sei an der Zeit, sich mit +Politik zu beschäftigen. Er wisse wohl, daß es nicht für +vornehm gelte, aber die Gegner zwängen einen dazu. +Hochfeudale Herren, wie sein Freund, der Assessor von +Barnim, seien in der Bewegung. Herr von Barnim +werde demnächst den Neuteutonen die Ehre geben. +</p> + +<p> +Er kam, und er gewann alle Herzen, denn er benahm +sich wie gleich zu gleich. Er hatte dunkles, glatt gescheiteltes +Haar, das Wesen eines pflichteifrigen Beamten, +sprach sachlich – aber am Schluß seines Vortrages bekam +er Schwärmeraugen und verabschiedete sich rasch, +mit warmen Händedrücken. Die Neuteutonen stimmten +nach seinem Besuch alle darin überein, daß der jüdische +Liberalismus die Vorfrucht der Sozialdemokratie sei +und daß die christlichen Deutschen sich um den Hofprediger +Stöcker zu scharen hätten. Diederich verband, wie die +anderen, mit dem Wort „Vorfrucht“ keinen deutlichen +Sinn und verstand unter „Sozialdemokratie“ nur eine +allgemeine Teilerei. Das genügte ihm auch. Aber Herr +von Barnim hatte jeden, der nähere Aufklärung wünschte, +zu sich eingeladen, und Diederich würde es sich nicht verziehen +haben, wenn er eine so schmeichelhafte Gelegenheit +versäumt hätte. +</p> + +<p> +In seiner kalten, altmodischen Junggesellenwohnung +hielt Herr von Barnim ihm ein Privatissimum. Sein +politisches Ziel war eine ständische Volksvertretung, wie +im glücklichen Mittelalter: Ritter, Geistliche, +Gewerbe<pb n='58'/><anchor id='Pgp0058'/>treibende, Handwerker. Das Handwerk mußte, der +Kaiser hatte es mit Recht gefordert, wieder auf die Höhe +kommen, wie vor dem Dreißigjährigen Krieg. Die Innungen +hatten Gottesfurcht und Sittlichkeit zu pflegen. +Diederich äußerte sein wärmstes Einverständnis. Es +entsprach seinen Trieben, als eingetragenes Mitglied +eines Standes, einer Berufsklasse, nicht persönlich, sondern +korporativ im Leben Fuß zu fassen. Er sah sich schon +als Abgeordneter der Papierbranche. Die jüdischen +Mitbürger freilich schloß Herr von Barnim von seiner +Ordnung der Dinge aus; waren sie doch das Prinzip +der Unordnung und Auflösung, des Durcheinanderwerfens, +der Respektlosigkeit: das Prinzip des Bösen +selbst. Sein frommes Gesicht zog sich zusammen vom +Haß, und Diederich fühlte ihn mit. +</p> + +<p> +„Schließlich“, meinte er, „haben wir doch die Gewalt +und können sie hinauswerfen. Das deutsche Heer –“ +</p> + +<p> +„Das ist es eben“, stieß Herr von Barnim aus, der +durch das Zimmer lief. „Haben wir darum den ruhmreichen +Krieg geführt, daß mein väterliches Gut an einen +Herrn Frankfurter verkauft wird?“ +</p> + +<p> +Während Diederich noch erschüttert schwieg, klingelte +es, und Herr von Barnim sagte: +</p> + +<p> +„Es ist mein Barbier, den will ich mir auch mal vornehmen.“ +</p> + +<p> +Er bemerkte Diederichs Enttäuschung und setzte hinzu: +</p> + +<p> +„Natürlich rede ich mit solch einem Manne anders. Aber +jeder von uns muß an seinem Teil der Sozialdemokratie +Abbruch tun und die kleinen Leute in das Lager unseres +christlichen Kaisers hinüberziehen. Tun auch Sie das Ihre!“ +</p> + +<p> +Damit war Diederich entlassen. Er hörte den Barbier +noch sagen: +</p> + +<pb n='59'/><anchor id='Pgp0059'/> + +<p> +„Schon wieder ein alter Kunde, Herr Assessor, der zu +Liebling hinübergeht, bloß weil Liebling jetzt Marmor +hat.“ +</p> + +<p> +Wiebel sagte, als Diederich ihm berichtete: +</p> + +<p> +„Das ist alles schön und gut, und ich habe eine ganz +bedeutende Verehrung für die ideale Gesinnung meines +Freundes von Barnim, aber auf die Dauer kommen wir +damit nicht mehr weiter. Sehen Sie mal, auch Stöcker +hat im Eispalast seine verdammten Erfahrungen gemacht +mit der Demokratie, ob sie sich nun christlich nennt oder +unchristlich. Die Dinge sind zu weit gediehen. Heute heißt +es bloß noch: losschlagen, solange wir die Macht haben.“ +</p> + +<p> +Und Diederich stimmte erleichtert bei. Herumgehen +und Christen werben, war ihm gleich ein wenig peinlich +erschienen. +</p> + +<p> +„Die Sozialdemokratie nehme ich auf mich, hat der Kaiser +gesagt.“ Wiebels Augen drohten katerhaft. „Nun, was +wollen Sie mehr? Das Militär ist darüber instruiert, es +könne vorkommen, daß es auf die lieben Verwandten +schießen muß. Also? Ich kann Ihnen mitteilen, mein +Lieber, wir stehen am Vorabend großer Ereignisse.“ +</p> + +<p> +Da Diederich erregte Neugier zeigte: +</p> + +<p> +„Was ich durch meinen Vetter von Klappke –.“ +</p> + +<p> +Wiebel machte eine Pause. Diederich zog die Absätze +zusammen: +</p> + +<p> +„– in Erfahrung gebracht habe, ist noch nicht für die +Öffentlichkeit reif. Ich will nur bemerken, daß der gestrige +Ausspruch Seiner Majestät, die Nörgler möchten gefälligst +den deutschen Staub von ihren Pantoffeln schütteln, +eine verteufelt ernst zu nehmende Warnung war.“ +</p> + +<p> +„Tatsächlich? Sie glauben?“ sagte Diederich. „Dann +ist mein Pech wirklich skandalös, daß ich gerade jetzt aus +<pb n='60'/><anchor id='Pgp0060'/>dem Dienst Seiner Majestät scheiden mußte. Ich darf +sagen, daß ich gegen den inneren Feind meine volle +Pflicht getan haben würde. Auf die Armee, so viel weiß +ich, kann der Kaiser sich verlassen.“ +</p> + +<p> +Er war in diesen naßkalten Februartagen des Jahres +1892 viel auf der Straße, in der Erwartung großer +Ereignisse. Unter den Linden hatte sich etwas verändert, +man sah noch nicht, was. Berittene Schutzleute hielten +an den Mündungen der Straßen und warteten auch. Die +Passanten zeigten einander das Aufgebot der Macht. +„Die Arbeitslosen!“ Man blieb stehen, um sie ankommen +zu sehen. Sie kamen vom Norden her, in kleinen +Abteilungen und im langsamen Marschschritt. Unter den +Linden zögerten sie, wie verwirrt, berieten sich mit den +Blicken und lenkten nach dem Schloß ein. Dort standen +sie, stumm, die Hände in den Taschen, ließen sich von +den Rädern der Wagen mit Schlamm bespritzen und +zogen die Schultern hoch unter dem Regen, der auf ihre +entfärbten Überzieher fiel. Manche von ihnen wandten +die Köpfe nach vorübergehenden Offizieren, nach den +Damen in ihren Wagen, nach den langen Pelzen der +Herren, die von der Burgstraße her schlenderten; und ihre +Mienen waren ohne Ausdruck, nicht drohend und nicht +einmal neugierig, nicht, als wollten sie sehen, sondern als +zeigten sie sich. Andere aber ließen kein Auge von den +Fenstern des Schlosses. Das Wasser lief über ihre hinaufgewendeten +Gesichter. Ein Pferd mit einem schreienden +Schutzmann trieb sie weiter, hinüber oder bis zur nächsten +Ecke – aber schon standen sie wieder, und die Welt +schien versunken zwischen diesen breiten hohlen Gesichtern, +die fahler Abend beschien, und der starren Mauer +dort hinten, auf der es dunkelte. +</p> + +<pb n='61'/><anchor id='Pgp0061'/> + +<p> +„Ich begreife nicht,“ sagte Diederich, „daß die Polizei +nicht energischer vorgeht. Das ist doch eine unbotmäßige +Bande.“ +</p> + +<p> +„Lassen Sie’s gut sein“, erwiderte Wiebel. „Die +Schutzleute sind genau instruiert. Die Herren da oben +haben ihre wohlüberlegten Absichten, das können Sie +mir glauben. Es ist nämlich gar nicht immer zu wünschen, +daß derartige Fäulniserscheinungen am Staatskörper +gleich anfangs unterdrückt werden. Man läßt +sie ausreifen, dann macht man ganze Arbeit!“ +</p> + +<p> +Die Reife, die Wiebel meinte, kam täglich näher, am +sechsundzwanzigsten schien sie da. Die Demonstrationen +der Arbeitslosen sahen zielbewußter aus. In eine der +nördlichen Straßen zurückgetrieben, quollen sie aus der +nächsten, bevor man ihnen den Weg abschneiden konnte, +verstärkt wieder hervor. Unter den Linden vereinigten +sich ihre Züge, rannen, sooft sie getrennt wurden, wieder +zusammen, erreichten das Schloß, wichen zurück und erreichten +es noch einmal, stumm und unaufhaltsam wie +übergetretenes Wasser. Der Wagenverkehr stockte, die +Fußgänger stauten sich, mit hineingezogen in die langsame +Überschwemmung, worin der Platz ertrank, in dies +trübe und mißfarbene Meer der Armen, das zäh dahinrollte, +dumpfe Laute heraufwälzte und wie Maste untergegangener +Schiffe die Stangen mit den Bannern hinaufreckte: +„Brot! Arbeit!“ Ein deutlicheres Grollen, ausbrechend +aus der Tiefe, jetzt drüben, jetzt hier: „Brot! Arbeit!“ +Anschwellend über die Menge hinrollend, wie aus +einer Gewitterwolke: „Brot! Arbeit!“ Eine Attacke der Berittenen, +ein Aufschäumen, Zurückfließen, und Weiberstimmen +im Lärm, schrill, gleich Signalen: „Brot! Arbeit!“ +</p> + +<p> +Man wird überrannt, vom Friedrichdenkmal fegt es die +<pb n='62'/><anchor id='Pgp0062'/>Neugierigen hinunter. Aber sie haben aufgerissene Münder; +aus kleinen Beamten, denen der Weg ins Amt versperrt +ist, fliegt Staub auf, als würden sie geklopft. Ein +verzerrtes Gesicht, das Diederich nicht kennt, schreit ihm +zu: „Es kommt anders! Jetzt geht es gegen die Juden!“ +– und ist untergegangen, bevor ihm einfällt, es war +Herr von Barnim. Er will ihm nach, wird in einem +großen Schub weit hinübergeworfen, bis vor das Fenster +eines Cafés, hört das Klirren der eingedrückten Scheibe, +einen Arbeiter, der schreit: „Da haben se mich neulich +’rausgesetzt for meine dreißig Fennje, weil ich keinen +Zylinderhut hatte“ – und dringt mit ein durch das +Fenster, zwischen die umgeworfenen Tische, auf den +Boden, wo man über Scherben fällt, einander die Bäuche +einstößt und laut zetert. „Niemand mehr ’rein! Wir +kriegen keine Luft!“ Aber immer mehr steigen ein. „Die +Polizei drängelt!“ Und die Mitte der Straße sieht man +frei liegen, gesäubert, wie für einen Triumphzug. Da +sagt jemand: „Das ist doch Wilhelm!“ +</p> + +<p> +Und Diederich war wieder draußen. Niemand wußte, +wie es kam, daß man auf einmal marschieren konnte, in +gedrängter Masse, auf der ganzen Breite der Straße +und zu beiden Seiten bis an die Flanken des Pferdes, +worauf der Kaiser saß: er selbst. Man sah ihn an und +ging mit. Knäuel von Schreienden wurden aufgelöst +und mitgerissen. Alle sahen ihn an. Dunkles Geschiebe, +ohne Form, planlos, grenzenlos, und hell darüber ein +junger Herr im Helm, der Kaiser. Sie sahen: sie hatten +ihn heruntergeholt aus dem Schloß. Sie hatten: „Brot! +Arbeit!“ geschrien, bis er gekommen war. Nichts hatte +sich geändert, als daß er da war – und schon marschierten +sie, als gehe es auf das Tempelhofer Feld. +</p> + +<pb n='63'/><anchor id='Pgp0063'/> + +<p> +Seitwärts, wo die Reihen dünner waren, sagten +bürgerlich Gekleidete zu einander: „Na, Gott sei Dank, +er weiß, was er will!“ +</p> + +<p> +„Was will er denn?“ +</p> + +<p> +„Der Bande zeigen, wer die Macht hat! Im guten hat +er es mit ihnen versucht. Er ist sogar zu weit gegangen +in den Erlassen vor zwei Jahren. Sie sind frech geworden.“ +</p> + +<p> +„Angst kennt er nicht, das muß man sagen. Kinder, +dies ist ein historischer Moment!“ +</p> + +<p> +Diederich hörte es und erschauderte. Der alte Herr, +der gesprochen hatte, wandte sich auch an ihn. Er hatte +weiße Bartkoteletts und das Eiserne Kreuz. +</p> + +<p> +„Junger Mann,“ sagte er, „was unser herrlicher junger +Kaiser da macht, das werden die Kinder mal aus den +Schulbüchern lernen. Passen Sie auf!“ +</p> + +<p> +Viele hatten gehobene Brüste und feierliche Mienen. +Die Herren, die dem Kaiser folgten, blickten mit äußerster +Entschlossenheit darein, ihre Pferde aber lenkten sie durch +das Volk, als seien alle die Leute zum Statieren bei einer +Allerhöchsten Aufführung befohlen; und manchmal schielten +sie seitwärts, nach dem Eindruck im Publikum. Er +selbst, der Kaiser, sah nur sich und seine Leistung. Tiefer +Ernst versteinte seine Züge, sein Auge blitzte hin über +die Tausende der von ihm Gebannten. Er maß sich mit +ihnen, der von Gott gesetzte Herr mit den empörerischen +Knechten! Allein und ungeschützt hatte er sich mitten +unter sie gewagt, stark nur durch seine Sendung. Sie +konnten sich an ihm vergreifen, wenn es im Plan des +Höchsten lag; er brachte seiner heiligen Sache sich selbst +zum Opfer. War Gott mit ihm, dann sollten sie es sehen! +Dann bewahrten sie für immer das Gepräge seiner Tat +und die Erinnerung an ihre Ohnmacht! +</p> + +<pb n='64'/><anchor id='Pgp0064'/> + +<p> +Ein junger Mensch mit einem Künstlerhut ging neben +Diederich, er sagte: „Kennen wir. Napoleon in Moskau, +wie er sich solo unter die Bevölkerung mischt.“ +</p> + +<p> +„Das ist doch großartig!“ behauptete Diederich, und +die Stimme versagte ihm. Der andere zuckte die Achseln. +</p> + +<p> +„Theater, und nicht mal gut.“ +</p> + +<p> +Diederich sah ihn an, er versuchte zu blitzen wie der Kaiser. +</p> + +<p> +„Sie sind wohl auch so einer.“ +</p> + +<p> +Er hätte nicht sagen können was für einer. Er fühlte +nur, daß er hier, zum erstenmal im Leben, die gute Sache +zu vertreten habe gegen feindliche Bemängelungen. Trotz +seiner Aufregung sah er sich noch die Schultern des Menschen +an: sie waren nicht breit. Auch äußerte die Umgebung +sich mißbilligend. Da ging Diederich vor. Mit seinem +Bauch drängte er den Feind gegen die Mauer und schlug +auf den Künstlerhut ein. Andere knufften mit. Der Hut +lag schon am Boden und bald auch der Mensch. Im +Weitergehen bemerkte Diederich zu seinen Mitkämpfern: +</p> + +<p> +„Der hat sicher nicht gedient! Schmisse hat er auch keine!“ +</p> + +<p> +Der alte Herr mit Bartkoteletts und Eisernem Kreuz +war auch wieder da, er drückte Diederich die Hand. +</p> + +<p> +„Brav, junger Mann, brav!“ +</p> + +<p> +„Soll man da nicht wütend werden?“ erklärte Diederich, +noch keuchend. „Wenn der Mensch uns den historischen +Moment verekeln will?“ +</p> + +<p> +„Sie haben gedient?“ fragte der alte Herr. +</p> + +<p> +„Ich wäre am liebsten ganz dabei geblieben“, sagte +Diederich. +</p> + +<p> +„Na ja, Sedan ist nicht alle Tage“ – der alte Herr +betupfte sein Eisernes Kreuz. „Das waren wir!“ +</p> + +<p> +Diederich reckte sich, er zeigte auf das bezwungene Volk +und den Kaiser. +</p> + +<pb n='65'/><anchor id='Pgp0065'/> + +<p> +„Das ist doch gerade so gut wie Sedan!“ +</p> + +<p> +„Na ja“, sagte der alte Herr. +</p> + +<p> +„Gestatten Sie mal, sehr geehrter Herr“, rief jemand +und schwenkte sein Notizbuch. „Wir müssen das bringen. +Stimmungsbild, verstehnse? Sie haben wohl einen Genossen +verwalkt?“ +</p> + +<p> +„Kleinigkeit“ – Diederich keuchte noch immer. +„Meinetwegen könnt’ es jetzt gleich losgehen gegen den +inneren Feind. Unseren Kaiser haben wir mit.“ +</p> + +<p> +„Fein“, sagte der Reporter und schrieb. „In der wildbewegten +Menge hört man Leute aller Stände der treuesten +Anhänglichkeit und dem unerschütterlichen Vertrauen +zu der Allerhöchsten Person Ausdruck geben.“ +</p> + +<p> +„Hurra!“ schrie Diederich, denn alle schrien es; und +inmitten eines mächtigen Stoßes von Menschen, der +schrie, gelangte er jäh bis unter das Brandenburger Tor. +Zwei Schritte vor ihm ritt der Kaiser hindurch. Diederich +konnte ihm ins Gesicht sehen, in den steinernen Ernst +und das Blitzen; aber ihm verschwamm es vor den Augen, +so sehr schrie er. Ein Rausch, höher und herrlicher als +der, den das Bier vermittelt, hob ihn auf die Fußspitzen, +trug ihn durch die Luft. Er schwenkte den Hut hoch +über allen Köpfen, in einer Sphäre der begeisterten +Raserei, durch einen Himmel, wo unsere äußersten Gefühle +kreisen. Auf dem Pferd dort, unter dem Tor der +siegreichen Einmärsche und mit Zügen steinern und +blitzend ritt die Macht! Die Macht, die über +uns hingeht und deren Hufe wir küssen! Die +über Hunger, Trotz und Hohn hingeht! Gegen +die wir nichts können, weil wir alle sie lieben! +Die wir im Blut haben, weil wir die Unterwerfung +darin haben! Ein Atom sind wir von ihr, ein +<pb n='66'/><anchor id='Pgp0066'/>verschwindendes Molekül von etwas, das sie ausgespuckt +hat! Jeder einzelne ein Nichts, steigen wir in gegliederten +Massen als Neuteutonen, als Militär, Beamtentum, +Kirche und Wissenschaft, als Wirtschaftsorganisation und +Machtverbände kegelförmig hinan, bis dort oben, wo +sie selbst steht, steinern und blitzend! Leben in ihr, haben +teil an ihr, unerbittlich gegen die, die ihr ferner sind, +und triumphierend, noch wenn sie uns zerschmettert: +denn so rechtfertigt sie unsere Liebe! +</p> + +<p> +... Einer der Schutzleute, deren Kette das Tor absperrte, +stieß Diederich vor die Brust, daß ihm der Atem +ausblieb; er aber hatte die Augen so voll Siegestaumel, +als reite er selbst über alle diese Elenden hinweg, die gebändigt +ihren Hunger verschluckten. Ihm nach! Dem +Kaiser nach! Alle fühlten wie Diederich. Eine Schutzmannskette +war zu schwach gegen so viel Gefühl; man +durchbrach sie. Drüben stand eine zweite. Man mußte +abbiegen, auf Umwegen den Tiergarten erreichen, einen +Durchschlupf finden. Wenige fanden ihn; Diederich war +allein, als er auf den Reitweg hinausstürzte, dem Kaiser +entgegen, der auch allein war. Ein Mensch im gefährlichsten +Zustand des Fanatismus, beschmutzt, zerrissen, +mit Augen wie ein Wilder: der Kaiser vom Pferd herunter, +blitzte ihn an, er durchbohrte ihn. Diederich riß +den Hut ab, sein Mund stand weit offen, aber der Schrei +kam nicht. Da er zu plötzlich anhielt, glitt er aus und +setzte sich mit Wucht in einen Tümpel, die Beine in die +Luft, umspritzt von Schmutzwasser. Da lachte der Kaiser. +Der Mensch war ein Monarchist, ein treuer Untertan! +Der Kaiser wandte sich nach seinen Begleitern um, schlug +sich auf den Schenkel und lachte. Diederich aus seinem +Tümpel sah ihm nach, den Mund noch offen. +</p> + +</div><div rend="page-break-before: always"> +<pb n='67'/><anchor id='Pgp0067'/> +<index index="toc" level1="II"/> +<index index="pdf" level1="II"/> +<head>II.</head> + +<p> +Er reinigte sich notdürftig und kehrte um. Auf einer +Bank saß eine Dame; Diederich ging ungern vorüber. +Noch dazu starrte sie ihm entgegen. „Gans“, +dachte er zornig. Da sah er, daß sie ein tief erschrockenes +Gesicht hatte, und dann erkannte er Agnes Göppel. +</p> + +<p> +„Eben bin ich dem Kaiser begegnet“, sagte er sofort. +</p> + +<p> +„Dem Kaiser?“ fragte sie, wie aus einer anderen Welt. +Er begann, unter großen, ungewohnten Gesten herauszujagen, +was ihn erstickte. Unser herrlicher junger Kaiser, +ganz allein unter rasenden Aufrührern! Ein Café hatten +sie demoliert, Diederich selbst war drin gewesen! Unter +den Linden hatte er blutige Kämpfe bestanden für seinen +Kaiser! Kanonen sollte man auffahren! +</p> + +<p> +„Die Leute hungern wohl“, sagte Agnes schüchtern. +„Es sind ja auch Menschen.“ +</p> + +<p> +„Menschen?“ Diederich rollte die Augen. „Der innere +Feind sind sie!“ +</p> + +<p> +Da er Agnes wieder erschrecken sah, beruhigte er sich +etwas. +</p> + +<p> +„Wenn es Ihnen Vergnügen macht, daß wegen des +Packs alle Straßen abgesperrt werden müssen.“ +</p> + +<p> +Nein, das kam Agnes sehr ungelegen. Sie hatte in der +Stadt Besorgungen gehabt, und wie sie zurück nach der +Blücherstraße wollte, ging kein Omnibus mehr, und +nirgends kam man durch. Sie war zurückgedrängt worden +bis hierher. Es war kalt und naß, ihr Vater würde +sich ängstigen; was sollte sie tun? Diederich verhieß ihr, +er werde es schon machen. Sie gingen zusammen weiter. +<pb n='68'/><anchor id='Pgp0068'/>Er wußte auf einmal nichts mehr zu sagen und wendete +den Kopf umher, als suchte er den Weg. Sie waren +allein zwischen kahlen Bäumen und nassem alten Laub. +Wo waren die männlichen Hochgefühle von vorhin? +Diederich empfand Beklommenheit, wie auf seinem letzten +Spaziergang mit Agnes, als er, von Mahlmann gewarnt, +auf einen Omnibus sprang, ausriß und verschwand. Gerade +sagte Agnes: „Sie haben sich aber sehr, sehr lange nicht +bei uns sehen lassen. Papa hat Ihnen doch geschrieben?“ +</p> + +<p> +Sein eigener Vater sei gestorben, sagte Diederich, betreten. +Jetzt mußte Agnes zuerst ihr Beileid ausdrücken, +dann fragte sie weiter: warum er damals plötzlich fortgeblieben +sei, vor drei Jahren. +</p> + +<p> +„Nicht wahr? Es sind schon fast drei Jahre.“ +</p> + +<p> +Diederich bekam Festigkeit. Das Verbindungsleben +habe ihn völlig in Anspruch genommen. Dort herrsche +nämlich eine verdammt strenge Zucht. „Und dann habe +ich meiner Wehrpflicht genügt.“ +</p> + +<p> +„Oh!“ – Agnes sah ihn an, „was aus Ihnen alles geworden +ist! Und jetzt sind Sie wohl schon Doktor?“ +</p> + +<p> +„Das soll jetzt kommen.“ +</p> + +<p> +Er sah unzufrieden geradeaus. Seine Schmisse, seine +stattliche Breite, alle seine wohlerworbene Männlichkeit: +für sie war das nichts? Sie bemerkte es gar nicht? +</p> + +<p> +„Aber Sie“, sagte er plump. In ihr blasses, so schmales +Gesicht stieg eine ganz dünne Röte, bis auf den Sattel +der kleinen eingedrückten Nase mit den Sommersprossen. +</p> + +<p> +„Ja. Mir geht es manchmal nicht gut, aber es wird +schon wieder besser werden.“ +</p> + +<p> +Diederich bereute. +</p> + +<p> +„Ich meinte doch natürlich, daß Sie noch hübscher geworden +sind“ – und er betrachtete ihr rotes Haar, das +<pb n='69'/><anchor id='Pgp0069'/>unter dem Hut hervorquoll, noch dicker als früher, weil +ihr Gesicht so klein geworden war. Dabei erinnerte er +sich seiner Demütigungen von damals und wie anders +die Dinge jetzt lagen. Herausfordernd sagte er: +</p> + +<p> +„Wie geht es denn Herrn Mahlmann?“ +</p> + +<p> +Agnes bekam eine wegwerfende Miene. +</p> + +<p> +„Denken Sie an den noch? Wenn ich den mal wiedersähe, +wär’s mir gleich.“ +</p> + +<p> +„So? Aber er hat ein Patentbureau und könnte ganz +gut heiraten.“ +</p> + +<p> +„Wennschon.“ +</p> + +<p> +„Früher interessierten Sie sich doch für ihn.“ +</p> + +<p> +„Woraus schließen Sie das?“ +</p> + +<p> +„Er schenkte Ihnen immer etwas.“ +</p> + +<p> +„Ich hätte es lieber nicht angenommen; aber dann –“ +sie sah auf den Weg, auf das nasse Laub vom Vorjahr, „dann +hätte ich auch Ihre Geschenke nicht annehmen dürfen.“ +</p> + +<p> +Darauf schwieg sie erschrocken. Diederich fühlte, daß +etwas Schweres geschehen war, und schwieg auch. +</p> + +<p> +„Das war doch nicht der Rede wert,“ stieß er endlich +heraus, „ein paar Blumen.“ Und mit wiedergekehrter +Entrüstung: „Mahlmann hat Ihnen sogar ein Armband +geschenkt.“ +</p> + +<p> +„Ich trage es niemals“, sagte Agnes. Er hatte auf einmal +Herzklopfen, er brachte hervor: „Und wenn es von +mir gewesen wäre?“ +</p> + +<p> +Stille; er hielt den Atem an. Ganz leise kam es von +ihr her: +</p> + +<p> +„Dann ja.“ +</p> + +<p> +Darauf gingen sie plötzlich rascher und ohne mehr zu +sprechen. Sie kamen vor das Brandenburger Tor, sahen +die Linden bedrohlich von Polizei erfüllt, eilten vorbei und +<pb n='70'/><anchor id='Pgp0070'/>bogen in die Dorotheenstraße. Hier war es wenig belebt, +Diederich verlangsamte den Schritt, er fing an zu lachen. +</p> + +<p> +„Das ist eigentlich hochkomisch. Was Mahlmann Ihnen +nämlich schenkte, war mit meinem Geld bezahlt. Er nahm +mir ja alles ab, ich war noch ein ganz grüner Junge.“ +</p> + +<p> +Sie blieb stehen. „Oh!“ – und sie sah ihn an, ihre +goldbraunen Augen zitterten. „Das ist schrecklich. Können +Sie mir das verzeihen?“ +</p> + +<p> +Er lächelte überlegen. Das seien alte Geschichten, +Jugendtorheiten. +</p> + +<p> +„Nein, nein“, sagte sie verstört. +</p> + +<p> +Die Hauptsache, meinte er, sei jetzt, wie sie nach Hause +komme. Hier ging es schon wieder nicht weiter. Omnibusse +waren auch nicht zu sehen. „Es tut mir leid, aber +Sie werden sich meine Gesellschaft noch länger gefallen +lassen müssen. Übrigens wohne ich gleich hier. Sie +könnten mit hinaufkommen, da wären Sie wenigstens im +Trockenen. Aber natürlich, eine junge Dame darf das nicht.“ +</p> + +<p> +Sie hatte noch immer diesen flehenden Blick. +</p> + +<p> +„Sie sind so gut“, sagte sie, stärker atmend. „Sie sind +so edel.“ Und da sie schon das Haus betraten: „Zu Ihnen +kann ich doch Vertrauen haben?“ +</p> + +<p> +„Ich weiß, was ich der Ehre meiner Korporation +schulde“, erklärte Diederich. +</p> + +<p> +Sie mußten an der Küche vorbei, aber es war niemand +darin. „Legen Sie doch so lange ab“, sagte Diederich +gnädig. Er stand da, ohne Agnes anzusehen, und trat, +während sie den Hut abnahm, von einem Fuß auf den +anderen. +</p> + +<p> +„Ich muß die Wirtin suchen, damit sie Tee macht.“ Er +wandte sich schon nach der Tür, zuckte aber zurück: Agnes +hatte seine Hand ergriffen und küßte sie! „Aber Fräulein +<pb n='71'/><anchor id='Pgp0071'/>Agnes“, murmelte er, furchtbar erschrocken, und legte ihr, +wie tröstend, den Arm um ihre Schulter; da sank sie gegen +die seine. Er drückte seinen Mund in ihr Haar, ziemlich +tief, weil er sich dazu verpflichtet fühlte. Unter seinem +Druck bebte und flog ihr Körper, als würde er geschlagen. +Er fühlte sich in der dünnen Bluse lau und feucht an. +Diederich ward es heiß, er küßte Agnes auf den Hals. Und +plötzlich kam ihr Gesicht auf ihn zu: mit offenem Mund, +halbgeschlossenen Augen und mit einem Ausdruck, den +er nie gesehen hatte und der ihm schwindlig machte. +„Agnes! Agnes, ich liebe dich“, sagte er wie aus tiefer +Not. Sie antwortete nicht, aus ihrem offenen Mund +kamen kleine warme Atemstöße, und er fühlte sie fallen, +er trug sie, die zu zerfließen schien. +</p> + +<p> +Dann saß sie auf dem Diwan und weinte. „Sei mir +nicht bös, Agnes“, bat Diederich. Sie sah ihn an mit +ihren nassen Augen. +</p> + +<p> +„Ich weine doch vor Glück“, sagte sie. „Ich hab’ so +lange auf dich gewartet.“ +</p> + +<p> +„Warum?“ fragte sie, da er ihre Bluse schließen wollte. +„Warum deckst du es schon zu? Findest du es schon +nicht mehr schön?“ +</p> + +<p> +Er verwahrte sich. „Ich bin mir der übernommenen +Verantwortung vollkommen bewußt.“ +</p> + +<p> +„Verantwortung?“ sagte Agnes. „Wer hat die? Ich +habe dich drei Jahre lang geliebt. Du wußtest es ja nicht. +Es war wohl das Schicksal!“ +</p> + +<p> +Diederich, die Hände in den Taschen, bedachte, daß dies +das Schicksal der leichtsinnigen Mädchen sei. Andererseits +empfand er das Bedürfnis, sich ihre Versicherungen +wiederholen zu lassen. „Also wirklich mich, nur mich hast +du geliebt?“ +</p> + +<pb n='72'/><anchor id='Pgp0072'/> + +<p> +„Ich sah, daß du mir nicht glaubtest. Es war schrecklich, +als ich merkte, du kamst nicht mehr, und es war aus. Es +war ganz schrecklich. Ich wollte dir schreiben, ich wollte +zu dir gehen. Jedesmal verlor ich den Mut, weil du mich +doch nicht mehr mochtest. Ich kam so herunter, daß Papa +eine Reise mit mir machen mußte.“ +</p> + +<p> +„Wohin denn?“ fragte Diederich. Aber Agnes antwortete +nicht, sie zog ihn wieder an sich. +</p> + +<p> +„Sei lieb mit mir! Ich hab’ nur dich!“ +</p> + +<p> +Diederich dachte verlegen: „Dann hast du nicht viel.“ +Agnes schien ihm verkleinert und sehr im Wert gesunken, +seit er den Beweis hatte, daß sie ihn liebte. Auch sagte +er sich, einem Mädchen, das so etwas tat, dürfe man nicht +alles glauben. +</p> + +<p> +„Und Mahlmann?“ fragte er höhnisch. „Ein bißchen +war doch wohl los mit ihm.“ – „Na laß nur“, sagte er, +da sie sich mit starrem Entsetzen aufrichtete. Er suchte +gutzumachen. Er sei doch auch noch ganz benommen von +seinem Glück. +</p> + +<p> +Sehr langsam zog sie sich an. „Dein Vater wird aber +gar nicht wissen, was los ist“, meinte Diederich. Sie hob +nur die Schultern. Als sie fertig war und er schon die +Tür geöffnet hatte, blieb sie noch stehen und sah in das +Zimmer zurück, mit einem langen, angstvollen Blick. +</p> + +<p> +„Vielleicht“, sagte sie, wie zu sich selbst, „komme ich nie +wieder. Mir ist, als sollte ich heute nacht sterben.“ +</p> + +<p> +„Wieso denn?“ sagte Diederich, peinlich berührt. Statt +einer Antwort ließ sie sich noch einmal an ihn hinsinken, +den Mund auf seinem, die Brust auf seiner und von den +Hüften zu den Füßen wie mit ihm verwachsen. Diederich +wartete geduldig. Dann löste sie sich, öffnete die Augen +und sagte: +</p> + +<pb n='73'/><anchor id='Pgp0073'/> + +<p> +„Du mußt nicht denken, daß ich etwas von dir verlange. +Ich hab’ dich geliebt, nun ist alles gleich.“ +</p> + +<p> +Er bot ihr einen Wagen an, aber sie wollte gehen. +Unterwegs fragte er nach ihrer Familie und nach anderen +Bekannten. Erst am Belle-Alliance-Platz ward er unruhig, +und etwas heiser brachte er hervor: +</p> + +<p> +„Natürlich denke ich nicht daran, mich meinen Verpflichtungen +dir gegenüber zu entziehen. Nur vorläufig: +du verstehst, ich verdiene noch nichts, ich muß erst fertig +sein und zu Hause mich in den Betrieb einleben ...“ +</p> + +<p> +Agnes erwiderte dankbar und ruhig, als habe man ihr +ein Kompliment gemacht: +</p> + +<p> +„Es wäre schön, wenn ich später einmal deine Frau +werden könnte.“ +</p> + +<p> +Da sie in die Blücherstraße einbogen, blieb er stehen. +Unsicher meinte er, es sei jetzt wohl besser, wenn er umkehre. +Sie sagte: +</p> + +<p> +„Weil uns jemand sehen könnte? Das würde gar nichts +machen, denn ich muß zu Hause doch erzählen, daß ich +dir begegnet bin und daß wir im Café zusammen gewartet +haben, bis die Straßen wieder frei waren.“ +</p> + +<p> +„Na, die kann lügen“, dachte Diederich. Sie setzte hinzu: +</p> + +<p> +„Für Sonntag bist du zu Mittag geladen, du mußt +bestimmt kommen.“ +</p> + +<p> +Diesmal war es ihm zuviel, er fuhr auf. „Ich soll –? +Bei euch soll ich –?“ +</p> + +<p> +Sie lächelte sanft und schlau. „Es geht doch nicht anders. +Wenn man uns einmal sähe –: willst du denn nicht, daß +ich wiederkomme?“ +</p> + +<p> +O ja, das wollte er. Trotzdem mußte sie ihm zureden, +bis er sein Erscheinen versprach. Vor ihrem Hause verabschiedete +er sich mit einer formellen Verbeugung, kehrte +<pb n='74'/><anchor id='Pgp0074'/>rasch um und dachte: „So ein Weib ist scheußlich raffiniert. +Lange tu’ ich da nicht mit.“ Indes bemerkte er mit Unlust, +daß es Zeit sei, auf die Kneipe zu gehen. Es verlangte +ihn nach Hause, er wußte nicht, warum. Als er +dann die Tür seines Zimmers hinter sich zugezogen hatte, +blieb er davor stehen und starrte in die Dunkelheit. Plötzlich +reckte er die Arme in die Höhe, wandte das Gesicht +nach oben und sagte in einem langen Aufatmen: +</p> + +<p> +„Agnes!“ +</p> + +<p> +Er fühlte sich verwandelt, leicht, wie vom Boden gehoben. +„Ich bin ganz furchtbar glücklich“, dachte er, und: +„So schön kommt es im ganzen Leben nicht wieder!“ +Er hatte die Gewißheit, daß er bis jetzt, bis zu dieser Minute, +alle Dinge falsch angesehen, falsch bewertet hatte. +Dort hinten kneipten sie nun und machten sich wichtig. +Juden oder Arbeitslose, was gingen einen die an, warum +sollte man sie hassen? Diederich fühlte sich bereit, sie zu +lieben! Hatte er denn wirklich, er selbst, den Tag in +einem Gewühl von Menschen verbracht, die er für Feinde +gehalten hatte? Sie waren Menschen: Agnes hatte recht! +War er selbst es, der jemand um einiger Worte willen +geschlagen hatte, geprahlt, gelogen, sich töricht abgearbeitet +und endlich, zerrissen und sinnlos, sich in den Schmutz +geworfen hatte vor einem Herrn zu Pferd, dem Kaiser, +der ihn auslachte? Er erkannte, daß er, bis Agnes kam, +ein hilfloses, bedeutungsloses und armes Leben geführt +habe. Bestrebungen wie die eines Fremden, Gefühle, +die ihn beschämten, und niemand, den er liebte – bis +Agnes kam! „Agnes! Süße Agnes, du weißt ja gar +nicht, wie ich dich liebhabe!“ Aber sie sollte es wissen. +Er fühlte, daß er es nie wieder so werde sagen können +wie in dieser Stunde, und er schrieb einen Brief. Er +<pb n='75'/><anchor id='Pgp0075'/>schrieb, daß auch er diese drei Jahre immer auf sie gewartet +habe, und daß er keine Hoffnung gehabt habe, +weil sie zu schön für ihn sei, zu fein und zu gut; daß er +sich das mit Mahlmann nur eingeredet habe aus Feigheit +und aus Trotz; daß sie eine Heilige sei, und nun sie zu +ihm herabgestiegen, liege er zu ihren Füßen. „Hebe mich +auf, Agnes, ich kann stark sein, ich fühle es, und ich will +Dir mein ganzes Leben weihen!“ – Er weinte, drückte +das Gesicht in das Diwankissen, worin er ihren Duft noch +spürte, und unter Schluchzen, wie als Kind, schlief er ein. +</p> + +<p> +Am Morgen freilich war er erstaunt und befremdet, sich +nicht im Bett zu finden. Sein großes Erlebnis fiel ihm ein, +ein süßer Stoß ging durch sein Blut, bis zum Herzen. Aber +auch der Verdacht kam ihm, daß er sich peinliche Übertreibungen +habe zuschulden kommen lassen. Er las den +Brief wieder durch: das war alles recht schön, und es konnte +einen auch wirklich aus der Fassung bringen, wenn man +auf einmal mit so einem großartigen Mädel ein Verhältnis +hatte. Wäre sie jetzt nur dagewesen, er hätte zärtlich sein +wollen! Aber den Brief schickte man doch besser nicht ab. +Es war unvorsichtig in jeder Beziehung. Am Ende fing +Vater Göppel ihn ab ... Diederich verschloß den Brief im +Schreibtisch. „An das Essen hab’ ich gestern überhaupt nicht +gedacht!“ Er ließ sich ein ausgiebiges Frühstück bringen. +„Und rauchen wollte ich nicht, damit ihr Geruch nicht verginge. +Das ist doch Blödsinn. So darf man nicht sein.“ +Er zündete eine Zigarre an und ging ins Laboratorium. +Was er auf dem Herzen hatte, beschloß er statt in Worte +– denn so hohe Worte waren unmännlich und unbequem +– lieber in Musik auszuströmen. Er mietete ein Klavier +und versuchte sich plötzlich mit viel mehr Glück als in der +Klavierstunde an Schubert und Beethoven. +</p> + +<pb n='76'/><anchor id='Pgp0076'/> + +<p> +Am Sonntag, wie er bei Göppels klingelte, machte +Agnes selbst ihm auf. „Das Mädchen kann nicht vom +Herd fort“, sagte sie; aber den wahren Grund sagte ihr +Blick. Aus Ratlosigkeit senkte Diederich die Augen auf +das silberne Armband, womit sie klapperte, als sollte er +hinsehen. +</p> + +<p> +„Kennst du es nicht?“ flüsterte Agnes. Er ward rot. +</p> + +<p> +„Das von Mahlmann?“ +</p> + +<p> +„Das von dir! Ich trag’ es zum erstenmal.“ +</p> + +<p> +Rasch und heiß drückte sie ihm die Hand, dann ging +die Tür zum Berliner Zimmer auf. Herr Göppel wandte +sich um. „Na, da ist wohl unser Ausreißer?“ Aber kaum +erblickte er Diederich, änderte sich seine Miene, er bereute +seine Vertraulichkeit. +</p> + +<p> +„Ich hätte Sie, weiß Gott, nicht wiedererkannt, Herr +Heßling!“ +</p> + +<p> +Diederich sah zu Agnes hinüber, wie um ihr zu sagen: +„Siehst du? Der merkt es, daß ich kein dummer Junge +mehr bin.“ +</p> + +<p> +„Bei Ihnen ist ja alles unverändert“, stellte Diederich +fest und begrüßte Herrn Göppels Schwestern und +Schwager. In Wahrheit aber fand er alle beträchtlich +gealtert, besonders Herrn Göppel, der sich weniger munter +benahm und dem ein kummervolles Fett von den +Wangen hing. Die Kinder waren nun größer, und irgendwo +im Zimmer schien eine Person zu fehlen. +</p> + +<p> +„Ja, ja,“ so schloß Herr Göppel die einleitende Unterhaltung, +„die Zeit vergeht, aber gute Freunde finden sich +immer wieder.“ +</p> + +<p> +„Wenn du wüßtest, wie“, dachte Diederich verlegen +und mit Geringschätzung, indes man zu Tisch ging. Beim +Kalbsbraten fiel ihm endlich ein, wer damals ihm +gegen<pb n='77'/><anchor id='Pgp0077'/>über gesessen hatte. Es war die Tante, die ihn so hochtrabend +gefragt hatte, was er denn studiere, und die nicht +gewußt hatte, daß Chemie etwas anderes war als Physik. +Agnes, die er zu seiner Rechten hatte, erklärte ihm, daß +diese Tante schon seit zwei Jahren tot sei. Diederich +murmelte sein Beileid, im stillen aber sagte er sich: „Die +quatscht also auch nicht mehr.“ Ihm kam es vor, als ob +hier alle bestraft und niedergedrückt seien, ihn selbst nur +hatte das Schicksal, seinem Wert entsprechend, erhöht. +Und er streifte Agnes, von oben herab, mit dem Blick des +Besitzers. +</p> + +<p> +Die süße Speise ließ auf sich warten, gerade wie damals. +Agnes wandte unruhig den Kopf nach der Tür, Diederich +sah ihre schönen blonden Augen verdunkelt, als sei etwas +Ernstes geschehen. Er hatte plötzlich tiefes Mitgefühl mit ihr, +eine große Zärtlichkeit. Er stand auf und rief aus der Tür: +</p> + +<p> +„Marie! Der Krehm!“ +</p> + +<p> +Wie er zurückkam, trank Herr Göppel ihm zu. „Das +haben Sie früher auch schon gemacht. Sie sind doch hier +wie’s Kind im Hause. Nicht, Agnes?“ Agnes dankte +Diederich mit einem Blick, der sein ganzes Herz aufrührte. +Er mußte sich zusammennehmen, um nicht feuchte Augen +zu bekommen. Wie wohlwollend die Verwandten ihm +zulächelten! Der Schwager stieß mit ihm an. Was für +gute Menschen! Und Agnes, die süße Agnes, liebte ihn! +Er verdiente so viel nicht! Das Gewissen schlug ihm laut, +er nahm sich dunkel vor, nachher mit Herrn Göppel zu +sprechen. +</p> + +<p> +Leider fing Herr Göppel nach dem Essen wieder von +den Krawallen an. Wenn wir endlich den Druck der Bismarckschen +Kürassierstiefel los waren, brauchte man die +Arbeiter nun nicht mit Dicktun in Reden zu reizen. Der +<pb n='78'/><anchor id='Pgp0078'/>junge Mann (so nannte Herr Göppel den Kaiser!) redet +uns noch die Revolution an den Hals ... Diederich sah +sich veranlaßt, im Namen der Jugend, die fest und treu +zu ihrem herrlichen jungen Kaiser stehe, solche Nörgeleien +auf das schärfste zurückzuweisen. Seine Majestät hatten +es selbst gesagt: „Diejenigen, welche mir behilflich sein +wollen, herzlich willkommen. Die sich mir entgegenstellen, +zerschmettere ich.“ Dabei versuchte Diederich zu +blitzen. Herr Göppel erklärte, er warte es ab. +</p> + +<p> +„In dieser harten Zeit“, fügte Diederich hinzu, „muß +jeder seinen Mann stehen.“ Und er setzte sich in Positur +vor Agnes, die ihn bewunderte. +</p> + +<p> +„Wieso harte Zeit?“ sagte Herr Göppel. „Sie ist doch +nur hart, wenn wir uns gegenseitig das Leben schwer +machen. Ich hab’ mich mit meinen Arbeitern noch immer +vertragen.“ +</p> + +<p> +Diederich zeigte sich entschlossen, daheim in seinem Betrieb +eine ganz andere Zucht einzuführen. Sozialdemokraten +wurden nicht mehr geduldet, und Sonntags gingen +die Leute zur Kirche! – Das auch noch? meinte Herr +Göppel. Das könne er von seinen Leuten nicht verlangen, +wenn er selbst doch bloß am Karfreitag gehe. „Soll ich +sie beschwindeln? Christentum ist gut; aber was der +Pastor alles redet, glaubt doch kein Mensch mehr.“ Da +sah man Diederichs Miene hoch überlegen werden. +</p> + +<p> +„Mein lieber Herr Göppel, ich kann Ihnen nur sagen: +Was die Herren da oben und besonders mein verehrter +Freund, der Assessor von Barnim, zu glauben für richtig +halten, das glaub’ ich auch – unbesehen. Das kann ich +Ihnen nur sagen.“ +</p> + +<p> +Der Schwager, der Beamter war, schlug sich plötzlich +auf Diederichs Seite. Herr Göppel hatte schon einen +<pb n='79'/><anchor id='Pgp0079'/>roten Kopf, Agnes trat mit dem Kaffee dazwischen. „Na, +schmecken Ihnen meine Zigarren?“ Herr Göppel klopfte +Diederich aufs Knie. „Sehen Sie wohl, im Menschlichen +sind wir einig.“ +</p> + +<p> +Diederich dachte: „Da ich sozusagen zur Familie gehöre.“ +</p> + +<p> +Er ließ von seiner strammen Haltung einiges nach, es +war noch sehr gemütlich. Herr Göppel wollte wissen, +wann Diederich „fertig“ werde und Doktor sei, er begriff +nicht, daß eine chemische Arbeit zwei Jahre und länger +brauche. Diederich verbreitete sich in Ausdrücken, die niemand +verstand, über die Schwierigkeiten, zu einer Lösung +zu gelangen. Er hatte die Empfindung, Herr Göppel warte +zu einem bestimmten Zweck auf seine Promovierung. +Auch Agnes schien es zu fühlen, denn sie griff ein und +lenkte das Gespräch ab. Als Diederich sich verabschiedet +hatte, ging sie mit hinaus und flüsterte ihm zu: +</p> + +<p> +„Morgen um drei bei dir.“ +</p> + +<p> +Vor jäher Freude griff er nach ihr und küßte sie, zwischen +den Türen, während gleich daneben das Mädchen mit +dem Geschirr rasselte. Sie fragte traurig: „Denkst du +denn gar nicht daran, was mir passiert, wenn jetzt jemand +kommt?“ Er war betroffen und verlangte als Zeichen +ihrer Verzeihung noch einen Kuß. Sie gab ihn. +</p> + +<p> +Um drei Uhr pflegte Diederich aus dem Café ins Laboratorium +zurückzukehren. Statt dessen war er schon um +zwei Uhr wieder in seinem Zimmer. Richtig kam sie noch +vor drei. „Wir haben es beide nicht erwarten können! +Wie wir uns liebhaben!“ Es war schöner als das erstemal, +viel schöner. Keine Träne mehr, keine Furcht; und die +Sonne schien herein. Diederich breitete Agnes’ Haar in +der Sonne aus und badete sein Gesicht darin. +</p> + +<pb n='80'/><anchor id='Pgp0080'/> + +<p> +Sie blieb, bis es fast schon zu spät war, die Einkäufe zu +machen, die sie zu Hause vorgeschützt hatte. Sie mußte +laufen. Diederich, der mitlief, war sehr besorgt, daß es +ihr schaden könne. Aber sie lachte, sah rosig aus und nannte +ihn ihren Bären. Immer endeten nun so die Tage, an +denen sie kam. Immer waren sie glücklich. Herr Göppel +stellte fest, daß es Agnes besser gehe als je, und das verjüngte +ihn selbst. Daher wurden auch die Sonntage jedesmal +heiterer. Es dauerte bis abends, dann ward Punsch +gemacht, Diederich mußte Schubert spielen, oder er und +der Schwager sangen Burschenlieder und Agnes begleitete +sie. Manchmal sahen sie sich nacheinander um, beiden +war zumut, als werde ihr Glück gefeiert. +</p> + +<p> +Es kam vor, daß im Laboratorium der Diener zu Diederich +hintrat und ihm meldete, draußen sei eine Dame. Er +stand sofort auf, stolz errötend unter den verständnisvollen +Blicken der Kollegen. Und dann bummelten sie, gingen +ins Café, ins Panoptikum; und da Agnes gern Bilder sah, +erfuhr Diederich auch, daß es Kunstausstellungen gab. +Agnes liebte es, vor einem Bild, das ihr gefiel, einer sanften, +festtägigen Landschaft aus schöneren Ländern, lange +stehenzubleiben, mit halbgeschlossenen Augen, und +Träume auszutauschen mit Diederich. +</p> + +<p> +„Sieh nur recht hin, dann merkst du, das ist kein Rahmen, +es ist ein Tor mit goldenen Stufen, die gehen wir +hinunter und über den Weg, und biegen die Weißdornbüsche +weg und steigen in den Kahn. Fühlst du wohl, wie +er schaukelt? Das kommt, weil wir die Hand durch das +Wasser schleifen, es ist so warm. Drüben am Berg, der +weiße Punkt, du weißt schon, es ist unser Haus, dahin +fahren wir. Siehst du, siehst du?“ +</p> + +<p> +„Ja, ja“, sagte Diederich voll Eifer. Er kniff die Lider +<pb n='81'/><anchor id='Pgp0081'/>ein und sah alles, was Agnes wollte. Er geriet so sehr +in Feuer, daß er ihre Hand nahm, um sie zu trocknen. +Dann setzten sie sich in einen Winkel und sprachen von den +Reisen, die sie machen wollten, dem sorgenlosen Glück in +sonniger Ferne, von Liebe ohne Ende. Diederich glaubte, +was er sagte. Im Grunde wußte er wohl, daß er bestimmt +sei, zu arbeiten und ein praktisches Leben zu führen, +ohne viel Muße für Überschwenglichkeiten. Aber +was er hier sagte, war von einer höheren Wahrheit als +alles, was er wußte. Der eigentliche Diederich, der, der +er hätte sein sollen, sprach wahr. – Aber Agnes: wie sie +nun aufstanden und gingen, war sie blaß und schien müde. +Ihre schönen blonden Augen hatten einen Glanz, der +Diederich beklommen machte, und sie fragte leise und +zitternd: +</p> + +<p> +„Wenn unser Kahn nun umgeschlagen wäre?“ +</p> + +<p> +„Dann hätte ich dich gerettet!“ sagte Diederich entschlossen. +</p> + +<p> +„Aber es ist weit vom Ufer, und das Wasser ist schrecklich +tief.“ +</p> + +<p> +Da er ratlos war: +</p> + +<p> +„Wir hätten ertrinken müssen. Sag’, wärst du gern mit +mir gestorben?“ +</p> + +<p> +Diederich sah sie an; dann schloß er die Augen. +</p> + +<p> +„Ja“, sagte er mit einem Seufzer. +</p> + +<p> +Nachher aber bereute er ein solches Gespräch. Er hatte +wohl gemerkt, warum Agnes plötzlich in eine Droschke +steigen und heimfahren mußte. Sie hatte krampfhafte +Röte bis in die Stirn gehabt, und er sollte nicht sehen, +wie sie hustete. Den ganzen Nachmittag bereute Diederich +nun. Solche Sachen waren ungesund, führten zu +nichts und machten Ungelegenheiten. Sein Professor +<pb n='82'/><anchor id='Pgp0082'/>hatte schon von den Besuchen der Dame erfahren. Es +ging nicht länger, daß sie ihn wegen jeder Laune von seiner +Arbeit wegholte. Er setzte es ihr schonend auseinander. +„Du hast wohl recht“, sagte sie darauf. „Ordentliche +Menschen brauchen feste Stunden. Aber wenn ich nun +um halb sechs zu dir kommen soll, und am meisten geliebt +hab’ ich dich schon um vier?“ +</p> + +<p> +Er fühlte Spott heraus, vielleicht sogar Geringschätzung, +und ward grob. Eine Geliebte, die ihn an seiner Karriere +hindern wollte, könne er überhaupt nicht brauchen. So +habe er sich die Sache nicht vorgestellt. Da bat Agnes +um Verzeihung. Sie wollte ganz bescheiden werden und +in seinem Zimmer auf ihn warten. Wenn er noch zu tun +hatte, oh! er brauchte keine Rücksicht zu nehmen. Das +beschämte Diederich, er ward weich und überließ sich, zusammen +mit Agnes, den Klagen über eine Welt, in der +es nicht nur Liebe gab. „Muß es denn sein?“ fragte +Agnes. „Du hast ein wenig Geld, ich auch. Warum +Karriere machen und dich abhetzen? Wir könnten es so +gut haben.“ Diederich sah es ein – nachträglich aber +nahm er ihr es übel. Nun ließ er sie warten, halb mit +Absicht. Sogar den Besuch politischer Versammlungen +erklärte er für eine Pflicht, die der Zusammenkunft mit +Agnes vorangehe. Eines Abends im Mai, wie er verspätet +heimkam, traf er vor der Tür einen jungen Mann +in Einjährigenuniform, der ihn zögernd ansah. „Herr +Diederich Heßling?“ – „Ach ja,“ stammelte Diederich, +„Sie – du – Sie sind wohl Herr Wolfgang Buck?“ +</p> + +<p> +Der jüngste Sohn des großen Mannes von Netzig hatte +sich endlich entschlossen, dem Befehl seines Vaters zu +folgen und Diederich aufzusuchen. Diederich nahm ihn +mit hinauf, er fand so schnell keinen Vorwand, um ihn +<pb n='83'/><anchor id='Pgp0083'/>zu entfernen, und drinnen saß Agnes! Im Flur sprach +er laut, damit sie es höre und sich verstecke. Mit Bangen +öffnete er. Im Zimmer war niemand; auch ihr Hut lag +nicht auf dem Bett; aber Diederich wußte wohl: sie war +noch soeben dagewesen. Er sah es dem Stuhl an, der +nicht ganz am Fleck stand, er fühlte es an der Luft, die +noch leise zu schwingen schien vom Hindurchstreifen ihres +Kleides. Sie mußte in dem fensterlosen kleinen Gelaß +sein, wo sein Waschtisch stand. Er schob einen Sessel +davor und murrte, unwirsch vor Verlegenheit, über die +Wirtin, die nicht aufräume. Wolfgang Buck meinte, er +komme wohl ungelegen. „O nein!“ versicherte Diederich. +Er lud den Gast zum Sitzen ein und brachte Kognak. Buck +entschuldigte sich wegen der ungewöhnlichen Stunde; der +Dienst lasse ihm keine Wahl. „Das kennen wir“, sagte +Diederich; und um Fragen zuvorzukommen, berichtete +er sofort, daß ein Jahr schon hinter ihm liege. Er sei +begeistert vom Militär, es sei das Wahre. Wer ganz +dabei bleiben könnte! Leider riefen ihn Familienpflichten. +Buck lächelte, ein weiches, skeptisches Lächeln, das +Diederich mißfiel. „Nun ja, die Offiziere: man ist wenigstens +unter Leuten mit guten Manieren.“ +</p> + +<p> +„Sie verkehren mit ihnen?“ fragte Diederich, und er +meinte es höhnisch. Aber Buck erklärte einfach, daß er +zuweilen in die Offiziersmesse geladen werde. Er zuckte +die Achseln. „Ich gehe hin, weil ich es für nützlich halte, +mich in allen Lagern umzusehen. Andererseits verkehre +ich viel mit Sozialisten.“ Er lächelte wieder. „Manchmal +möchte ich nämlich General werden und manchmal +Arbeiterführer. Auf welche Seite ich schließlich fallen +werde, darauf bin ich selbst neugierig.“ Und er trank das +zweite Glas Kognak aus. „Ein ekelhafter Mensch“, dachte +<pb n='84'/><anchor id='Pgp0084'/>Diederich. „Und Agnes in der Dunkelkammer.“ Er +sagte: „Mit Ihren Mitteln steht es Ihnen ja frei, sich +in den Reichstag wählen zu lassen oder was Ihnen sonst +Spaß macht. Ich bin auf praktische Arbeit angewiesen. +Die Sozialdemokratie betrachte ich übrigens als meinen +Feind, denn sie ist der Feind des Kaisers.“ +</p> + +<p> +„Wissen Sie das ganz genau?“ fragte darauf Buck. +„Ich traue eher dem Kaiser eine heimliche Liebe für die +Sozialdemokratie zu. Er wäre gern selber der erste Arbeiterführer +geworden. Sie haben nur nicht gewollt.“ +</p> + +<p> +Diederich empörte sich. Das sei beleidigend für Seine +Majestät. Aber Buck ließ sich nicht stören. „Erinnern Sie +sich nicht, wie er Bismarck gegenüber gedroht hat, er +wolle den reichen Leuten seinen militärischen Schutz entziehen? +Er hat, wenigstens anfangs, gerade solche Rancüne +gegen die Reichen gehabt wie die Arbeiter – wenn auch +natürlich aus abweichenden Gründen, weil er sich nämlich +schwer damit abfindet, daß auch andere Macht haben.“ +</p> + +<p> +Den Ausrufen, die in Diederichs Mienen standen, kam +Buck zuvor. „Glauben Sie bitte nicht,“ sagte er lebhafter, +„daß Antipathie aus mir spricht. Es ist im Gegenteil Zärtlichkeit: +eine Art feindlicher Zärtlichkeit, wenn Sie wollen.“ +</p> + +<p> +„Verstehe ich nicht“, sagte Diederich. +</p> + +<p> +„Nun ja: wie man sie für jemand hat, bei dem man seine +eigenen Fehler wiederfindet, oder nennen Sie es Tugenden. +Jedenfalls sind wir jungen Leute jetzt alle so wie +unser Kaiser, daß wir nämlich unsere Persönlichkeit ausleben +möchten und doch ganz gut fühlen, Zukunft hat +nur die Masse. Einen Bismarck wird es nicht mehr geben +und auch keinen Lassalle mehr. Vielleicht sind es die Begabteren +unter uns, die sich das heute noch ableugnen +möchten. Er jedenfalls möchte es sich ableugnen. Und +<pb n='85'/><anchor id='Pgp0085'/>wenn einem solche Unmenge Macht in den Schoß gefallen +ist, wäre es auch wirklich Selbstmord, sich nicht zu +überschätzen. Aber in tiefster Seele hat er sicher seine +Zweifel an der Rolle, die er sich zumutet.“ +</p> + +<p> +„Rolle?“ fragte Diederich. Buck merkte es gar nicht. +</p> + +<p> +„Denn die kann ihn weit führen, da sie in der Welt, wie +sie heute nun einmal ist, verdammt paradox wirken muß. +Diese Welt erwartet von keinem einzelnen irgend mehr als +von seinem Nachbarn. Auf Niveau kommt es an, nicht auf +Auszeichnung, und am allerwenigsten auf große Männer.“ +</p> + +<p> +„Erlauben Sie!“ Diederich warf sich in die Brust. +„Und das Deutsche Reich, hätten wir das ohne große +Männer? Hohenzollern sind immer große Männer.“ – +Buck verzog schon wieder den Mund, wehmütig und +skeptisch. „Dann müssen sie sich in acht nehmen. Und +wir anderen auch. Der Kaiser steht, auf seine Verhältnisse +übertragen, vor derselben Frage wie ich. Soll ich +General werden und mein ganzes Leben auf einen Krieg +einrichten, der voraussichtlich nie mehr geführt werden +wird? Oder ein womöglich genialer Volksführer, während +das Volk doch schon so weit ist, daß es auf die Genies +verzichten kann? Beides wäre Romantik, und Romantik +führt bekanntlich zum Bankerott.“ Buck trank zwei +Kognaks nacheinander. +</p> + +<p> +„Was soll ich also werden?“ +</p> + +<p> +„Ein Alkoholiker“, dachte Diederich. Er fragte sich, ob +es nicht seine Pflicht sei, Buck einen Krach zu machen. +Aber Buck trug Uniform! Auch würde der Lärm vielleicht +Agnes hervorgescheucht haben, und was konnte dann alles +entstehen! Immerhin beschloß er, sich Bucks Äußerungen +genau zu merken. Dachte der Mensch mit solchen Gesinnungen +Karriere zu machen? Diederich erinnerte sich, +<pb n='86'/><anchor id='Pgp0086'/>daß auf der Schule Bucks deutsche Aufsätze, die zu geistreich +waren, ihm ein unerklärtes, aber tiefes Mißtrauen +eingegeben hatten. „Stimmt,“ dachte er, „so ist er geblieben. +Ein Schöngeist. Die ganze Familie ist so.“ Die +Frau des alten Buck war eine Jüdin gewesen, die Theater +gespielt hatte. Und Diederich fühlte sich nachträglich gedemütigt +durch das herablassende Wohlwollen des alten +Buck beim Begräbnis seines Vaters. Auch der junge +demütigte ihn, fortwährend und mit allem: mit seinen +überlegenen Redensarten, seinen Manieren, seinem Verkehr +bei den Offizieren. War er ein Herr von Barnim? +Er war auch nur aus Netzig. „Ich hasse die ganze Familie!“ +Und Diederich betrachtete aus gekniffenen Lidern +dies fleischige Gesicht mit der weich gebogenen Nase und +den feucht glänzenden Augen, die sannen. Buck stand auf. +„Nun, wir sehen uns zu Hause wieder. Nächstes oder +übernächstes Semester mache ich mein Examen, und was +bleibt dann weiter übrig, als Rechtsanwalt spielen in +Netzig ... Und Sie?“ fragte er. Diederich erklärte streng, daß +er seine Zeit nicht zu verlieren und noch im Sommer seine +Doktorarbeit abzuschließen denke. Damit führte er Buck hinaus. +„Ein dummer Kerl bist du doch nur“, dachte er. „Merkst +gar nicht, daß ich ein Mädchen bei mir habe.“ Er kehrte +zurück, froh seiner Überlegenheit über Buck und auch über +Agnes, die im Dunkeln gewartet und nicht gemuckt hatte. +</p> + +<p> +Wie er aber die Tür öffnete, hing sie über einem Stuhl, +ihre Brust ging heftig, und mit dem Taschentuch unterdrückte +sie das Keuchen. Sie sah ihm entgegen, aus geröteten +Augen. Er sah: sie war da drinnen fast erstickt, +und sie hatte geweint – indes er hier draußen getrunken +und unnützes Zeug geredet hatte. Seine erste Regung +war maßlose Reue. Sie liebte ihn! Da saß sie und liebte +<pb n='87'/><anchor id='Pgp0087'/>ihn sehr, daß sie alles ertrug! Er war im Begriff, die +Arme zu erheben, vor sie hinzustürzen und sie weinend +um Verzeihung zu bitten. Rechtzeitig hielt er sich zurück +aus Furcht vor der Szene und der sentimentalen Stimmung +nachher, die ihn wieder mehrere Arbeitstage kostete +und ihr die Oberhand gab. Er tat ihr nicht den Willen! +Denn natürlich übertrieb sie absichtlich. So küßte er sie +flüchtig auf die Stirn und sagte: „Du bist schon da? Ich +hab’ dich gar nicht kommen gesehen.“ Sie zuckte auf, wie +um etwas zu erwidern, aber sie schwieg. Darauf erklärte +er, es sei gerade jemand fortgegangen. „So ein Judenbengel, +der sich aufspielt! Einfach ekelhaft!“ Diederich +lief im Zimmer umher. Um Agnes nicht ansehen zu +müssen, lief er immer schneller und redete immer heftiger. +„Das sind unsere schlimmsten Feinde! Die mit ihrer +sogenannten feinen Bildung, die alles antasten, was uns +Deutschen heilig ist! Solch ein Judenbengel kann froh +sein, daß wir ihn dulden. Soll er seine Pandekten büffeln +und die Schnauze halten. Auf seine schöngeistigen +Schmöker huste ich!“ schrie er noch lauter, mit der Absicht, +auch Agnes zu kränken. Da sie nicht antwortete, +nahm er einen neuen Anlauf. „Das kommt aber alles, +weil jeder mich jetzt zu Hause findet. Immer muß ich +deinetwegen auf der Bude hocken!“ +</p> + +<p> +Agnes sagte schüchtern: „Wir haben uns schon sechs +Tage nicht gesehen. Sonntag bist du wieder nicht gekommen. +Ich fürchte, du hast mich nicht mehr lieb.“ Er +blieb vor ihr stehen. Von oben herab: „Mein liebes Kind, +daß ich dich liebhabe, brauch’ ich dir wohl wirklich nicht +mehr zu versichern. Aber eine andere Frage ist es, ob +ich darum auch Lust habe, jeden Sonntag deinen Tanten +beim Häkeln zuzusehen und mit deinem Vater über +Poli<pb n='88'/><anchor id='Pgp0088'/>tik zu reden, wovon er nichts versteht.“ Agnes senkte den +Kopf. „Früher war es so schön. Du standest dich schon +so gut mit Papa.“ Diederich drehte ihr den Rücken zu +und sah aus dem Fenster. Das war es eben: er fürchtete +zu gut zu stehen mit Herrn Göppel. Durch seinen Buchhalter, +den alten Sötbier, wußte er, daß Göppels Geschäft +bergab ging. Seine Zellulose taugte nichts mehr, +Sötbier bezog sie nicht mehr von ihm. Da wäre ein +Schwiegersohn wie Diederich ihm freilich gelegen gekommen. +Diederich fühlte sich umgarnt von diesen +Leuten. Auch von Agnes! Er hatte sie im Verdacht, mit +dem Alten zusammenzustecken. Entrüstet wandte er +sich ihr wieder zu. „Und dann, liebes Kind, ehrlich gestanden: +was wir beide tun, nicht wahr, das ist unsere +Sache, aber deinen Vater lassen wir lieber aus dem Spiel. +Beziehungen wie die unseren soll man mit Familienfreundschaft +nicht verquicken. Mein sittliches Gefühl verlangt +da reinliche Scheidung.“ +</p> + +<p> +Ein Augenblick verging, dann stand Agnes auf, als +habe sie jetzt begriffen. Sie war tief errötet. Sie ging +zur Tür. Diederich holte sie ein. „Aber Agnes, so hab’ +ich es doch nicht gemeint. Es war doch nur, weil ich dich +viel zu sehr achte –. Und ich kann ja auch wiederkommen +Sonntag.“ Sie ließ ihn reden, mit unbewegter Miene. +„Nun sei doch wieder gemütlich“, bat er. „Du hast noch +nicht mal deinen Hut abgenommen.“ Sie tat es. Er +verlangte, sie solle sich auf den Diwan setzen, und sie setzte +sich. Sie küßte ihn auch, wie er es wollte. Aber indes +ihre Lippen lächelten und küßten, blieben ihre Augen +starr und unbeteiligt. Plötzlich riß sie ihn in ihre Arme: +er erschrak, er wußte nicht, ob es Haß war. Aber dann +fühlte er sich heißer geliebt als je. +</p> + +<pb n='89'/><anchor id='Pgp0089'/> + +<p> +„Heute war es aber wirklich schön. Was, meine kleine +süße Agnes?“ sagte Diederich, zufrieden und gutmütig. +</p> + +<p> +„Adieu“, sagte sie, hastend nach Schirm und Beutel, +während er sich erst ankleidete. +</p> + +<p> +„Du hast es aber eilig.“ – „Weiter kann ich wohl nichts +für dich tun.“ Sie war schon bei der Tür – plötzlich fiel +sie mit der Schulter gegen den Pfosten und rührte sich +nicht mehr. „Was ist denn los?“ Wie Diederich näher +kam, sah er sie schluchzen. Er berührte sie. „Ja, was hast +du denn?“ Da ward ihr Weinen laut und krampfhaft. +Es hörte nicht auf. „Aber Agnes,“ sagte Diederich von +Zeit zu Zeit, „was ist auf einmal geschehen, wir waren +doch so vergnügt.“ Und ganz ratlos: „Hab’ ich dir was +getan?“ Zwischen den Krisen und halb erstickt, brachte +sie hervor: „Ich kann nicht. Entschuldige.“ Er trug sie +auf den Diwan. Als es endlich vorbei war, schämte Agnes +sich. „Verzeih! Ich kann nicht dafür.“ – „Kann denn ich +dafür?“ – „Nein, nein. Es sind die Nerven. Verzeih!“ +</p> + +<p> +Mitleidig und geduldig brachte er sie bis zu einem Wagen. +Nachträglich aber erschien ihm auch der Anfall als halbe +Komödie und als eins der Mittel, die ihn endgültig einfangen +sollten. Das Gefühl verließ ihn nicht mehr, daß +Ränke gesponnen wurden gegen seine Freiheit und seine +Zukunft. Er wehrte sich dagegen vermittels schroffen +Auftretens, Betonung seiner männlichen Selbständigkeit +und durch Kälte, sobald die Stimmung weich ward. +Sonntags bei Göppels war er auf seiner Hut, wie in +Feindesland: korrekt und unzugänglich. Wann seine Arbeit +denn nun fertig werde? fragten sie. Er könne die +Lösung morgen finden oder erst in zwei Jahren, das wisse +er selbst nicht. Er betonte, daß er auch künftig finanziell +abhängig von seiner Mutter bleibe. Er werde noch lange +<pb n='90'/><anchor id='Pgp0090'/>für nichts Zeit haben als einzig für das Geschäft. Und +da Herr Göppel die idealen Werte des Lebens zu bedenken +gab, lehnte Diederich barsch ab. „Noch gestern +hab’ ich meinen Schiller verkauft. Denn ich habe keinen +Sparren und lass’ mir nichts vormachen.“ Wenn er nach +solchen Worten Agnes’ stummen und betrübten Blick auf +sich fühlte, hatte er wohl einen Augenblick die Empfindung, +als habe nicht er selbst gesprochen, als gehe er im Nebel, +rede falsch und handle wider Willen. Aber das verging. +</p> + +<p> +Agnes kam, sooft er sie bestellte, und ging fort, wenn es +Zeit für ihn war, zu arbeiten oder zu kneipen. Sie verführte +ihn nicht mehr zu Träumereien vor Bildern, seit +er einmal an einem Wurstgeschäft angehalten und ihr +erklärt hatte, daß sei für ihn der schönste Kunstgenuß. Ihm +selbst fiel es endlich auf das Herz, wie selten sie sich nur +noch sahen. Er warf ihr vor, daß sie nicht darauf dringe, +öfter zu kommen. „Früher warst du ganz anders.“ „Ich +muß warten“, sagte sie. „Worauf?“ „Daß auch du +wieder so wirst. Oh! Ich weiß ganz sicher, es wird kommen.“ +</p> + +<p> +Er schwieg aus Furcht vor Auseinandersetzungen. Dennoch +kam es, wie sie gesagt hatte. Seine Arbeit war endlich +beendet und gutgeheißen, er hatte nur noch eine belanglose +mündliche Prüfung zu bestehen und war in der +gehobenen Stimmung einer Lebenswende. Wie Agnes +ihm ihren Glückwunsch brachte und Rosen dazu, brach +er in Tränen aus und sagte, daß er sie immer, immer liebhaben +werde. Sie berichtete, daß Herr Göppel soeben +eine mehrtägige Geschäftsreise antrete. „Und nun ist das +Wetter so wunderschön ...“ Diederich fiel sofort ein: +„Das müssen wir benutzen! Solche Gelegenheit haben +wir noch nie gehabt!“ Sie beschlossen, aufs Land hinaus +zu fahren. Agnes wußte von einem Ort namens +Mitten<pb n='91'/><anchor id='Pgp0091'/>walde; es mußte einsam dort sein und romantisch wie +der Name. „Den ganzen Tag werden wir beisammen +sein!“ – „Und die Nacht auch“, setzte Diederich hinzu. +</p> + +<p> +Schon der Bahnhof, von dem man abfuhr, war entlegen +und der Zug ganz klein und altmodisch. Sie blieben +allein in ihrem Wagen; es dunkelte langsam, der Schaffner +zündete ihnen eine trübe Lampe an, und sie sahen, +eng umschlungen, stumm und mit großen Augen hinaus +in das flache, eintönige Ackerland. Da hinausgehen, zu +Fuß, weit fort, und sich verlieren in der guten Dunkelheit! +Bei einem Dorf mit einer Handvoll Häuser wären +sie fast ausgestiegen. Der Schaffner holte sie jovial zurück; +ob sie denn auf Stroh übernachten wollten. Und +dann langten sie an. Das Wirtshaus hatte einen großen +Hof, ein weites Gastzimmer mit Petroleumlampen unter +der Balkendecke und einen biederen Wirt, der Agnes +„gnädige Frau“ nannte und schlaue slawische Augen dazu +machte. Sie waren voll heimlichen Einverständnisses +und befangen. Nach dem Essen wären sie gern gleich +hinaufgegangen, wagten es aber nicht und blätterten +gehorsam in den Zeitschriften, die der Wirt ihnen hinlegte. +Wie er den Rücken wandte, warfen sie einander +einen Blick zu, und, husch, waren sie auf der Treppe. +Noch war kein Licht im Zimmer, die Tür stand noch +offen, und schon lagen sie einander in den Armen. +</p> + +<p> +Ganz früh am Morgen schien die Sonne herein. Im +Hof drunten pickten Hühner und flatterten auf den Tisch +vor der Laube. „Dort wollen wir frühstücken!“ Sie +gingen hinab. Wie herrlich warm! Aus der Scheuer +duftete es köstlich nach Heu. Kaffee und Brot schmeckten +ihnen frischer als sonst. So frei war einem um das Herz, +das ganze Leben stand offen. Stundenweit wollten sie +<pb n='92'/><anchor id='Pgp0092'/>gehen; der Wirt mußte die Straßen und Dörfer nennen. +Sie lobten freudig sein Haus und seine Betten. Sie seien +wohl auf der Hochzeitsreise? „Stimmt“ – und sie +lachten herzhaft. +</p> + +<p> +Die Pflastersteine der Hauptstraße streckten ihre Spitzen +nach oben, und die Julisonne färbte sie bunt. Die Häuser +waren höckrig, schief und so klein, daß die Straße zwischen +ihnen sich ausnahm wie ein Feld mit Steinen. Die Glocke +des Krämers klapperte lange hinter den Fremden her. +Wenige Leute, halb städtisch gekleidet, schlichen durch den +Schatten und wandten sich um nach Agnes und Diederich, +die stolze Gesichter machten, denn sie waren die Elegantesten +hier. Agnes entdeckte das Modengeschäft mit den Hüten +der feinen Damen. „Nicht zu glauben! Das hat man +in Berlin vor drei Jahren getragen!“ Dann traten sie +durch ein Tor, das wacklig aussah, in das Land hinaus. Die +Felder wurden gemäht. Der Himmel war blau und schwer, +die Schwalben schwammen darin wie in trägem Wasser. +Die Bauernhäuser dort drüben waren eingetaucht in +heißes Flimmern, und ein Wald stand schwarz, mit +blauen Wegen. Agnes und Diederich faßten sich bei den +Händen, und ohne Verabredung fingen sie zu singen an: +ein Lied für wandernde Kinder, das sie noch aus der +Schule kannten. Diederich machte seine Stimme tief, +damit Agnes ihn bewundere. Als sie nicht weiter wußten, +wandten sie einander die Gesichter zu und küßten sich, +im Gehen. +</p> + +<p> +„Jetzt seh’ ich erst recht, wie hübsch du bist“, sagte Diederich +und sah zärtlich in ihr rosiges Gesicht, mit den blonden +Wimpern um diese blonden, goldgestirnten Augen. „Der +Sommer steht mir gut“ – und Agnes atmete frei auf, +daß ihre Hemdbluse geschwellt ward. Schlank ging sie +<pb n='93'/><anchor id='Pgp0093'/>dahin, mit schmalen Hüften und dem blauen Schleier, +der ihr nachwehte. Diederich hatte es zu warm, er zog +den Rock aus, dann auch die Weste, und endlich gestand +er, daß er sich Schatten wünsche. Sie fanden welchen, +am Rand eines Feldes, worauf noch das Korn stand, +und unter einem Akazienbusch, der noch duftete. Agnes +setzte sich und legte Diederichs Kopf in ihren Schoß. +Sie spielten noch miteinander und scherzten: plötzlich +merkte sie, daß er einschlief. +</p> + +<p> +Er wachte auf, sah um sich, und als er Agnes’ Gesicht +fand, erglänzte er selig. „Lieber“, sagte sie. „Was du +für ein gutes, dummes Gesicht machst.“ – „Erlaub’ mal! +Ich habe doch höchstens fünf Minuten – nein, wahrhaftig, +eine Stunde hab’ ich geschlafen. Hast du dich gelangweilt?“ +Aber sie war erstaunter als er, daß so viel Zeit +vergangen war. Seinen Kopf zog er unter der Hand hervor, +die sie ihm auf das Haar gelegt hatte, als er einschlief. +</p> + +<p> +Zwischen den Feldern gingen sie zurück. In einem lag +eine dunkle Masse; und als sie durch die Halme spähten, +war es ein alter Mann mit einer Pelzkappe, rostroter +Jacke und Samthosen, die auch schon rötlich waren. +Seinen Bart hatte er sich, zusammengekrümmt, um die +Knie gewickelt. Sie bückten sich tiefer, um ihn zu erkennen. +Da bemerkten sie, daß er sie schon längst aus schwarzen +Funkelaugen ansah. Unwillkürlich schritten sie schneller +aus, und in den Blicken, die sie einander zuwandten, +stand Märchengrauen. Sie blickten umher: sie waren in +einem weiten, fremden Land, die kleine Stadt dort hinten +schlief fremdartig in der Sonne, und der Himmel sah +ihnen aus, als seien sie Tag und Nacht gereist. +</p> + +<p> +Wie abenteuerlich das Mittagessen in der Laube des +Wirtshauses, mit der Sonne, den Hühnern, dem offenen +<pb n='94'/><anchor id='Pgp0094'/>Küchenfenster, aus dem Agnes sich die Teller reichen ließ. +Wo war die bürgerliche Ordnung der Blücherstraße, wo +Diederichs angestammter Kneiptisch? „Ich gehe nicht +wieder fort von hier“, erklärte Diederich. „Dich lass’ ich +auch nicht fort.“ Und Agnes: „Warum denn auch? Ich +schreibe meinem Papa und lass’ es ihm durch meine Freundin +schicken, die in Küstrin verheiratet ist. Dann glaubt er, +ich bin dort.“ +</p> + +<p> +Später gingen sie nochmals aus, nach der anderen Seite, +wo Wasser floß und der Horizont von den Flügeln dreier +Windmühlen umsegelt ward. Im Kanal lag ein Boot; +sie mieteten es und schwammen dahin. Ein Schwan kam +ihnen entgegen. Der Schwan und ihr Boot glitten lautlos +aneinander vorüber. Unter herniederhängenden Büschen +legte es von selbst an – und Agnes fragte unvermittelt nach +Diederichs Mutter und seinen Schwestern. Er sagte, daß +sie immer gut zu ihm gewesen seien, und daß er sie liebhabe. +Er wollte sich die Bilder der Schwestern schicken +lassen, sie waren hübsch geworden; oder vielleicht nicht +hübsch, aber so anständig und sanft. Die eine, Emmi, +las Gedichte, wie Agnes. Diederich wollte für beide +sorgen und sie verheiraten. Seine Mutter aber, die behielt +er bei sich, denn ihr hatte er alles Gute im Leben +verdankt, bis Agnes gekommen war. Und er erzählte +von den Dämmerstunden, den Märchen unter den Weihnachtsbäumen +seiner Kindheit und sogar von dem Gebet +„aus dem Herzen“. Agnes hörte zu, ganz versunken. +Endlich seufzte sie auf. „Deine Mutter möchte ich kennenlernen. +Meine hab’ ich nicht gekannt.“ Er küßte sie, mitleidig, +achtungsvoll und mit einer dunklen Empfindung +von schlechtem Gewissen. Er fühlte: jetzt hatte er ein +Wort zu sprechen, das sie ganz und gar für immer trösten +<pb n='95'/><anchor id='Pgp0095'/>mußte. Aber er schob es hinaus, er konnte nicht. Agnes +sah ihn tief an. „Ich weiß,“ sagte sie langsam, „daß du +im Herzen ein guter Mensch bist. Du mußt nur manchmal +anders tun.“ Darüber erschrak er. Dann sagte sie, als +entschuldigte sie sich: „Heute hab ich gar keine Furcht +vor dir.“ +</p> + +<p> +„Hast du denn sonst Furcht?“ fragte er reumütig. Sie +sagte: +</p> + +<p> +„Ich habe mich immer gefürchtet, wenn die Leute recht +hochgemut und lustig waren. Bei meinen Freundinnen +früher war es mir oft, als könnte ich mit ihnen nicht +Schritt halten, und sie müßten es merken und mich verachten. +Sie merkten es aber nicht. Schon als Kind: ich +hatte eine Puppe mit großen blauen Glasaugen, und als +meine Mutter gestorben war, mußte ich nebenan bei +der Puppe sitzen. Sie sah mich immer starr an mit +ihren aufgerissenen harten Augen, die sagten mir: Deine +Mutter ist tot, jetzt werden dich alle so ansehen wie ich. +Gerne hätte ich sie auf den Rücken gelegt, damit sie die +Augen schloß. Aber ich wagte es nicht. Hätte ich denn +auch die Menschen auf den Rücken legen können? Alle +haben solche Augen, und manchmal –“ sie verbarg ihr +Gesicht an seiner Schulter, „manchmal sogar du.“ +</p> + +<p> +Der Hals war ihm zugeschnürt, er tastete über ihren +Nacken, und seine Stimme schwankte. „Agnes! Süße +Agnes, du weißt gar nicht, wie ich dich liebhabe ... Ich +hab’ Furcht vor dir gehabt, ja, ich! Drei Jahre lang hab’ +ich mich nach dir gesehnt, aber du warst zu schön für mich, +zu fein, zu gut ...“ Sein ganzes Herz schmolz; er sagte +alles, was er ihr nach ihrem ersten Besuch geschrieben +hatte, in dem Brief, der noch in seinem Schreibtisch lag. +Sie hatte sich aufgerichtet und hörte ihm zu, entzückt, die +<pb n='96'/><anchor id='Pgp0096'/>Lippen geöffnet. Sie jubelte leise: „Ich wußte es, so +bist du, du bist wie ich!“ +</p> + +<p> +„Wir gehören zusammen“, sagte Diederich und preßte +sie an sich; aber er war erschrocken über seinen Ausruf: +„Jetzt wartet sie,“ dachte er, „jetzt soll ich sprechen.“ Er +wollte es, aber er fühlte sich gelähmt. Der Druck seiner +Arme auf ihrem Rücken ward immer kraftloser ... Sie +bewegte sich: er wußte, nun wartete sie nicht mehr. Und +sie lösten sich voneinander, ohne sich anzusehen. Diederich +schlug plötzlich die Hände vor das Gesicht und schluchzte. +Sie fragte nicht, weshalb; sie strich ihm tröstend über das +Haar. Das währte lange. +</p> + +<p> +Über ihn hinweg, ins Leere, sagte Agnes: „Hab’ ich +denn geglaubt, daß es dauern würde? Es mußte schlimm +enden, weil es so schön war.“ +</p> + +<p> +Er fuhr auf, verzweifelt. „Es ist doch nicht aus!“ Sie +fragte: +</p> + +<p> +„Glaubst du an das Glück?“ +</p> + +<p> +„Wenn ich dich verlieren soll, nicht mehr!“ +</p> + +<p> +Sie murmelte: „Du wirst fortgehen, hinaus in das +Leben und mich vergessen.“ +</p> + +<p> +„Lieber sterben!“ – und er zog sie an sich. Sie flüsterte +an seiner Wange: +</p> + +<p> +„Sieh, wie breit hier das Wasser ist, ein See. Unser +Boot hat sich von selbst losgemacht und uns hinausgeführt. +Weißt du noch, jenes Bild? Und der See, auf dem wir +schon einmal im Traum fuhren? Wohin wohl?“ Und +noch leiser: „Wohin mit uns?“ +</p> + +<p> +Er antwortete nicht <anchor id="corr096"/><corr sic="mehr">mehr.</corr> Ganz umschlungen und die +Lippen aufeinander, senkten sie sich rückwärts immer +tiefer über das Wasser. Drängte sie ihn? Zog er sie? +Niemals waren sie so sehr eins gewesen. Diederich fühlte: +<pb n='97'/><anchor id='Pgp0097'/>nun war es gut. Er war, mit Agnes zu leben, nicht edel +genug gewesen, nicht gläubig, nicht tapfer genug. Jetzt +hatte er sie eingeholt, nun war es gut. +</p> + +<p> +Plötzlich, ein Stoß: sie schnellten in die Höhe. Diederich +hatte so viel Kraft gebraucht, daß Agnes von ihm fort und +zu Boden fiel. Er strich sich über die Stirn. „Was haben +wir denn da?“ – Noch kalt vom Schrecken und als sei er +beleidigt, sah er weg von ihr. „So unvorsichtig darf man +nicht sein beim Bootfahren.“ Er ließ sie allein aufstehen, +griff sogleich nach den Rudern und fuhr zurück. Agnes +hielt das Gesicht nach dem Ufer gewendet. Einmal wollte +sie zu ihm hinsehen; aber sein Blick traf sie so mißtrauisch +und hart, daß sie zusammenfuhr. +</p> + +<p> +In der sinkenden Dämmerung gingen sie, immer +schneller, die Landstraße zurück. Zuletzt liefen sie fast. Und +erst als es dunkel genug war, daß sie ihre Gesichter nicht +mehr deutlich erkannten, sprachen sie. Morgen früh kam +Herr Göppel vielleicht heim. Agnes mußte heim ... Wie +sie beim Wirtshaus ankamen, pfiff in der Ferne schon der +Zug. „Nicht mal mehr essen kann man!“ sagte Diederich +mit künstlicher Unzufriedenheit. Hals über Kopf die +Sachen holen, zahlen und fort. Der Zug fuhr ab, kaum +daß sie drin waren. Ein Glück, daß sie Atem zu schöpfen +und die eiligen Geschäfte der letzten Viertelstunde zu besprechen +hatten. Das letzte Wort darüber war gefallen, +und nun saß jeder da, allein bei trüber Lampe und betäubt +wie nach einem großen Mißerfolg. Das dunkle Land +da draußen, hatte es einmal gelockt und Gutes versprochen? +Das sollte erst gestern gewesen sein? Man fand nicht +zurück. Kamen nicht endlich die Lichter der Stadt und +befreiten einen? +</p> + +<p> +Bei der Ankunft waren sie darüber einig, daß es sich +<pb n='98'/><anchor id='Pgp0098'/>nicht verlohne, in denselben Wagen zu steigen. Diederich +nahm die Trambahn. Hände und Augen streiften sich nur. +</p> + +<milestone unit="tb"/> + +<p> +„Uff!“ machte Diederich, als er allein war. „Das wäre +erledigt.“ Er sagte sich: „Es hätte ebensogut schief gehen +können.“ Und mit Empörung: „So eine hysterische Person!“ +Sich selbst würde sie sicher am Boot festgehalten +haben. Er hätte das Bad allein nehmen müssen. Auf +den ganzen Trick war sie doch nur verfallen, weil sie +durchaus geheiratet werden wollte! „Die Weiber sind +zu gerissen, und sie haben keine Hemmungen, da kommt +unsereiner nun mal nicht mit. Diesmal hat sie mich, weiß +Gott, noch ärger an der Nase herumgeführt als damals +mit Mahlmann. Na, mir soll es eine Lehre für das Leben +sein. Nun aber Schluß!“ Und festen Schrittes ging er +zu den Neuteutonen. Fortan verbrachte er jeden Abend +dort, und am Tage büffelte er für das mündliche Examen, +aber zur Vorsicht nicht zu Hause, sondern im Laboratorium. +Wenn er dann heimkam, ward ihm das Steigen +der Stockwerke schwer, er mußte sich gestehen, daß er Herzklopfen +habe. Zögernd öffnete er die Zimmertür: – nichts; +und nachdem ihm anfangs leichter geworden war, kam es +schließlich doch jedesmal dazu, daß er die Wirtin fragte, +ob jemand dagewesen sei. Niemand war dagewesen. +</p> + +<p> +Nach vierzehn Tagen aber kam ein Brief. Er hatte ihn +geöffnet, bevor er es bedachte. Dann wollte er ihn ungelesen +in den Schreibtisch werfen – zog ihn aber wieder +hervor und hielt ihn weit fort vom Gesicht. Hastig, mit +mißtrauischen Augen griff er hier und da eine Zeile heraus. +„Ich bin so unglücklich ...“ „Kennen wir!“ antwortete +Diederich. „Ich wage mich nicht zu Dir ...“ +„Dein Glück!“ „Es ist schrecklich, daß wir uns fremd +ge<pb n='99'/><anchor id='Pgp0099'/>worden sind ...“ „Wenigstens siehst du es ein.“ „Verzeih +mir, was geschehen ist, oder ist nichts geschehen?...“ +„Gerade genug!“ „Ich kann nicht weiterleben ...“ +„Fängst du schon wieder an?“ Und er schleuderte das +Blatt endgültig in die Lade, zu jenem anderen, das er +in einer zuchtlosen Nacht mit Überschwenglichkeiten bedeckt +und zum Glück nicht abgeschickt hatte. +</p> + +<p> +Eine Woche später aber, wie er in der Nacht heimkam, +hörte er hinter sich Schritte, die besonders klangen. Er +fuhr herum: eine Gestalt blieb stehen, die Hände ein wenig +erhoben und leer vor sich hingehalten. Noch während er +das Haustor aufschloß und eintrat, sah er sie im Halbdunkel +dastehen. Im Zimmer machte er kein Licht. Er +schämte sich, indes sie aus dem Dunkel hinaufspähte, das +Zimmer zu beleuchten, das ihr gehört hatte. Es regnete. +Wie viele Stunden hatte sie gewartet? Gewiß stand sie +noch immer dort, mit ihrer letzten Hoffnung. Das war +nicht auszuhalten! Er wollte das Fenster aufreißen – +und wich zurück. Einmal fand er sich plötzlich auf der +Treppe, mit dem Hausschlüssel in der Hand. Gerade gelang +es ihm noch, umzukehren. Darauf schloß er ab und +zog sich aus. „Mehr Haltung, mein Lieber!“ Denn diesmal +wäre man aus der Sache nicht mehr leicht herausgekommen. +Das Mädel war zweifellos zu bedauern, aber +schließlich hatte sie es gewollt. „Vor allem habe ich +Pflichten gegen mich selbst.“ – Am Morgen, schlecht +ausgeschlafen, nahm er es ihr sogar sehr übel, daß sie +noch einmal versucht hatte, ihn aus seiner Bahn zu reißen. +Jetzt, da sie wußte, daß die Prüfung bevorstand! Solche +Gewissenlosigkeit sah ihr ähnlich. Und durch die nächtliche +Szene, diese Bettlerrolle im Regen, hatte ihre Gestalt +nachträglich etwas Verdächtiges und Unheimliches +<pb n='100'/><anchor id='Pgp0100'/>bekommen. Er betrachtete sie als endgültig gesunken. +„Auf keinen Fall mehr das geringste!“ beteuerte +er sich, und er beschloß, noch für den kurzen Rest +seines Aufenthaltes die Wohnung zu wechseln: +„selbst wenn es mit einem Geldopfer verbunden sein +<anchor id="corr100"/><corr sic="sollte">sollte.</corr>“ Glücklicherweise suchte ein Kollege grade ein +Zimmer; Diederich verlor nichts und zog sofort um, weit +hinauf nach dem Norden. Kurz darauf bestand er sein +Examen. Die Neuteutonia feierte ihn mit einem Frühschoppen, +der bis gegen Abend dauerte. Zu Hause ward +ihm gesagt, daß in seinem Zimmer ein Herr auf ihn warte. +„Es wird Wiebel sein,“ dachte Diederich, „er muß mir +doch Glück wünschen.“ Und von Hoffnung geschwellt: +„Vielleicht ist es der Assessor von Barnim?“ Er öffnete, +und er prallte zurück. Denn da stand Herr Göppel. +</p> + +<p> +Auch er fand nicht gleich Worte. „Nanu, im Frack?“ +sagte er dann, und zögernd: „Waren Sie vielleicht bei mir?“ +</p> + +<p> +„Nein“, sagte Diederich und erschrak aufs neue. „Ich +habe nur meine Doktorprüfung gemacht.“ +</p> + +<p> +Göppel erwiderte: „Ach so, ich gratuliere.“ Dann +brachte Diederich hervor: „Wie haben Sie denn meine +neue Adresse gefunden?“ Und Göppel antwortete: +„Ihrer früheren Wirtin haben Sie sie allerdings nicht gesagt. +Aber es gibt ja auch sonst noch Mittel.“ Darauf sahen +sie einander an. Göppels Stimme war ruhig gewesen, +aber Diederich fühlte schreckliche Drohungen darin. Er +hatte den Gedanken an die Katastrophe immer hinausgeschoben, +und jetzt war sie da. Er mußte sich setzen. +</p> + +<p> +„Nämlich,“ begann Göppel, „ich komme, weil es Agnes +gar nicht gut geht.“ +</p> + +<p> +„Oh!“ machte Diederich mit verzweifelter Heuchelei. +„Was fehlt ihr denn?“ Herr Göppel wiegte bekümmert +<pb n='101'/><anchor id='Pgp0101'/>den Kopf. „Das Herz will nicht; aber es sind natürlich +nur die Nerven ... Natürlich“, wiederholte er, nachdem +er vergeblich gewartet hatte, daß Diederich es wiederhole. +„Und nun wird sie mir melancholisch vor Langeweile, und +ich möchte sie aufheitern. Ausgehen darf sie nicht. Aber +kommen Sie doch mal wieder zu uns, morgen ist Sonntag.“ +</p> + +<p> +„Gerettet!“ fühlte Diederich. „Er weiß nichts.“ Vor +Freude ward er zum Diplomaten, er kratzte sich den Kopf. +„Ich hatte es mir schon fest vorgenommen. Aber jetzt muß +ich dringend nach Haus, unser alter Geschäftsführer ist +krank. Nicht mal meinen Professoren kann ich Abschiedsbesuche +machen, morgen früh reise ich gleich ab.“ +</p> + +<p> +Göppel legte ihm die Hand auf das Knie. „Sie sollten +es sich überlegen, Herr Heßling. Seinen Freunden schuldet +man manchmal auch was.“ +</p> + +<p> +Er sprach langsam und hatte einen so eindringlichen +Blick, daß Diederich wegsehen mußte. „Wenn ich nur +könnte“, stammelte er; Göppel sagte: +</p> + +<p> +„Sie können. Überhaupt können Sie alles, was hier in +Frage kommt.“ +</p> + +<p> +„Wieso?“ Diederich erstarrte im Innern. „Sie wissen +wohl, wieso“, sagte der Vater; und nachdem er seinen +Stuhl ein Stück zurückgeschoben hatte: „Sie denken doch +hoffentlich nicht, daß Agnes mich hergeschickt hat? Im +Gegenteil, ich hab’ ihr versprechen müssen, daß ich gar nichts +tue und Sie ganz in Ruhe lasse. Aber dann hab’ ich mir +überlegt, daß es doch eigentlich zu dumm wäre, wenn wir +beide noch lange umeinander herum gehen wollten, so wie +wir uns kennen, und wie ich Ihren seligen Vater gekannt +habe, und bei unserer Geschäftsverbindung und so weiter.“ +</p> + +<p> +Diederich dachte: „Die Geschäftsverbindung ist gelöst, +mein Bester.“ Er wappnete sich. +</p> + +<pb n='102'/><anchor id='Pgp0102'/> + +<p> +„Ich gehe gar nicht um Sie herum, Herr Göppel.“ +</p> + +<p> +„Na also. Dann ist ja alles in Ordnung. Ich verstehe +wohl: der Sprung in die Ehe, den tut kein junger Mann, +besonders heute, ohne erst mal zu scheuen. Aber wenn +die Geschichte so glatt liegt wie hier, nicht wahr? Unsere +Branchen greifen ineinander, und wenn Sie Ihr väterliches +Geschäft ausdehnen wollen, kommt Ihnen Agnes’ +Mitgift sehr gelegen.“ Und in einem Atem weiter, indes +seine Augen abirrten: „Momentan kann ich zwar nur +zwölftausend Mark flüssig machen, aber Zellulose kriegen +Sie, soviel Sie wollen.“ +</p> + +<p> +„Siehst du wohl?“ dachte Diederich. „Und die zwölftausend +müßtest du dir auch pumpen – wenn du sie noch +kriegst.“ – „Sie haben mich mißverstanden, Herr Göppel“, +erklärte er. „Ich denke nicht ans Heiraten. Dazu +wären zu große Geldmittel nötig.“ +</p> + +<p> +Herr Göppel sagte mit angstvollen Augen und lachte +dabei: „Ich kann noch ein übriges tun ...“ +</p> + +<p> +„Lassen Sie nur“, sagte Diederich, vornehm abwehrend. +</p> + +<p> +Göppel ward immer ratloser. +</p> + +<p> +„Ja, was wollen Sie dann überhaupt?“ +</p> + +<p> +„Ich? Gar nichts. Ich dachte, Sie wollten was, weil +Sie mich besuchen.“ +</p> + +<p> +Göppel gab sich einen Ruck. „Das geht nicht, lieber +Heßling. Nach dem, was nun mal vorgefallen ist. Und +besonders, da es schon so lange dauert.“ +</p> + +<p> +Diederich maß den Vater, er zog die Mundwinkel herab. +„Sie wußten es also?“ +</p> + +<p> +„Nicht sicher“, murmelte Göppel. Und Diederich, von +oben: +</p> + +<p> +„Das hätte ich auch merkwürdig gefunden.“ +</p> + +<p> +„Ich habe eben Vertrauen gehabt zu meiner Tochter.“ +</p> + +<pb n='103'/><anchor id='Pgp0103'/> + +<p> +„So irrt man sich“, sagte Diederich, zu allem entschlossen, +womit er sich wehren konnte. Göppels Stirn fing an, +sich zu röten. „Zu Ihnen hab’ ich nämlich auch Vertrauen +gehabt.“ +</p> + +<p> +„Das heißt: Sie hielten mich für naiv.“ Diederich schob +die Hände in die Hosentaschen und lehnte sich zurück. +</p> + +<p> +„Nein!“ Göppel sprang auf. „Aber ich hielt Sie nicht +für den Schubbejack, der Sie sind!“ +</p> + +<p> +Diederich erhob sich mit formvoller Ruhe. „Geben Sie +Satisfaktion?“ fragte er. Göppel schrie: +</p> + +<p> +„Das möchten Sie wohl! Die Tochter verführen und +den Vater abschießen! Dann ist Ihre Ehre komplett!“ +</p> + +<p> +„Davon verstehen Sie nichts!“ Auch Diederich fing an, +sich aufzuregen. „Ich habe Ihre Tochter nicht verführt. +Ich habe getan, was sie wollte, und dann war sie nicht +mehr loszuwerden. Das hat sie von Ihnen.“ Mit Entrüstung: +„Wer sagt mir, daß Sie sich nicht von Anfang an +mit ihr verabredet haben? Dies ist eine Falle!“ +</p> + +<p> +Göppel hatte ein Gesicht, als wollte er noch lauter +schreien. Plötzlich erschrak er, und mit seiner gewöhnlichen +Stimme, nur daß sie zitterte, sagte er: „Wir geraten zu +sehr in Feuer, dafür ist die Sache zu wichtig. Ich habe +Agnes versprochen, daß ich ruhig bleiben will.“ +</p> + +<p> +Diederich lachte höhnisch auf. „Sehen Sie, daß Sie +schwindeln? Vorhin sagten Sie, Agnes weiß gar nicht, +daß Sie hier sind.“ +</p> + +<p> +Der Vater lächelte entschuldigend. „Im guten einigt +man sich schließlich immer. Nicht wahr, mein lieber Heßling?“ +</p> + +<p> +Aber Diederich fand es gefährlich, wieder gut zu werden. +</p> + +<p> +„Der Teufel ist Ihr lieber Heßling!“ schrie er. „Für +Sie heiß’ ich Herr Doktor!“ +</p> + +<pb n='104'/><anchor id='Pgp0104'/> + +<p> +„Ach so“, machte Göppel, ganz starr. „Es ist wohl das +erstemal, daß jemand Herr Doktor zu Ihnen sagen muß? +Na, auf die Gelegenheit können Sie stolz sein.“ +</p> + +<p> +„Wollen Sie vielleicht auch noch meine Standesehre +antasten?“ Göppel wehrte ab. +</p> + +<p> +„Gar nichts will ich antasten. Ich frage mich nur, was +wir Ihnen getan haben, meine Tochter und ich. Müssen +Sie denn wirklich so viel Geld mithaben?“ +</p> + +<p> +Diederich fühlte sich erröten. Um so entschlossener ging +er vor. +</p> + +<p> +„Wenn Sie es durchaus hören wollen: mein moralisches +Empfinden verbietet mir, ein Mädchen zu heiraten, +das mir ihre Reinheit nicht mit in die Ehe bringt.“ +</p> + +<p> +Sichtlich wollte Göppel sich nochmals empören; aber +er konnte nicht mehr, er konnte nur noch das Schluchzen +unterdrücken. +</p> + +<p> +„Wenn Sie heute nachmittag den Jammer gesehen +hätten! Sie hat es mir gestanden, weil sie es nicht mehr +aushielt. Ich glaube, nicht mal mich liebt sie mehr: nur +Sie. Was wollen Sie denn, Sie sind doch der erste.“ +</p> + +<p> +„Weiß ich das? Vor mir verkehrte bei Ihnen ein Herr +namens Mahlmann.“ Und da Göppel zurückwich, als sei +er vor die Brust gestoßen: +</p> + +<p> +„Nun ja, kann man das wissen? Wer einmal lügt, dem +glaubt man nicht.“ +</p> + +<p> +Er sagte noch: „Kein Mensch kann von mir verlangen, +daß ich so eine zur Mutter meiner Kinder mache. Dafür +hab’ ich zuviel soziales Gewissen.“ Damit drehte er sich +um. Er hockte nieder und legte Sachen in den Koffer, der +geöffnet dastand. +</p> + +<p> +Hinter sich hörte er den Vater nun wirklich schluchzen – +und Diederich konnte nicht hindern, daß er selbst gerührt +<pb n='105'/><anchor id='Pgp0105'/>ward: durch die edel männliche Gesinnung, die er ausgesprochen +hatte, durch Agnes’ und ihres Vaters Unglück, +das zu heilen ihm die Pflicht verbot, durch die schmerzliche +Erinnerung an seine Liebe und all diese Tragik des Schicksals +... Er hörte, gespannten Herzens, wie Herr Göppel +die Tür öffnete und schloß, hörte ihn über den Korridor +schleichen und das Geräusch der Flurtür. Nun war es aus +– und da ließ Diederich sich vornüber fallen und weinte +heftig in seinen halbgepackten Koffer hinein. Am Abend +spielte er Schubert. +</p> + +<p> +Damit war dem Gemüt Genüge getan, man mußte +stark sein. Diederich hielt sich vor, ob etwa Wiebel jemals +so sentimental geworden wäre. Sogar ein Knote ohne +Komment, wie Mahlmann, hatte Diederich eine Lektion +in rücksichtsloser Energie erteilt. Daß auch die anderen in +ihrem Innern vielleicht doch weiche Stellen haben könnten, +erschien ihm im höchsten Grade unwahrscheinlich. Nur +er war, von seiner Mutter her, damit behaftet; und ein +Mädel wie Agnes, die gerade so verrückt war wie seine +Mutter, würde ihn ganz untauglich gemacht haben für +diese harte Zeit. Diese harte Zeit: bei dem Wort sah +Diederich immer die Linden mit dem Gewimmel von +Arbeitslosen, Frauen, Kindern, von Not, Angst, Aufruhr +– und das alles gebändigt, bis zum Hurraschreien gebändigt +durch die Macht, die allumfassende, unmenschliche +Macht, die mitten darin ihre Hufe wie auf Köpfe setzte, +steinern und blitzend. +</p> + +<p> +„Nichts zu machen“, sagte er sich, in begeisterter Unterwerfung. +„So muß man sein!“ Um so schlimmer für die, +die nicht so waren: sie kamen eben unter die Hufe. Hatten +Göppels, Vater und Tochter, irgendeine Forderung an +ihn? Agnes war großjährig, und ein Kind hatte er ihr +<pb n='106'/><anchor id='Pgp0106'/>nicht gemacht. Also? „Ich wäre ein Narr, wenn ich zu +meinem Schaden etwas täte, wozu ich nicht gezwungen +werden kann. Mir schenkt auch keiner was.“ Diederich +empfand stolze Freude, wie gut er nun schon erzogen war. +Die Korporation, der Waffendienst und die Luft des Imperialismus +hatten ihn erzogen und tauglich gemacht. Er +versprach sich, zu Haus in Netzig seine wohlerworbenen +Grundsätze zur Geltung zu bringen und ein Bahnbrecher +zu sein für den Geist der Zeit. Um diesen Vorsatz auch +äußerlich an seiner Person kenntlich zu machen, begab er +sich am Morgen darauf in die Mittelstraße zum Hoffriseur +Haby und nahm eine Veränderung mit sich vor, +die er an Offizieren und Herren von Rang jetzt immer +häufiger beobachtete. Sie war ihm bislang nur zu vornehm +erschienen, um nachgeahmt zu werden. Er ließ +vermittels einer Bartbinde seinen Schnurrbart in zwei +rechten Winkeln hinaufführen. Als es geschehen war, +kannte er sich im Spiegel kaum wieder. Der von Haaren +entblößte Mund hatte, besonders wenn man die Lippen +herabzog, etwas katerhaft Drohendes, und die Spitzen +des Bartes starrten bis in die Augen, die Diederich selbst +Furcht erregten, als blitzten sie aus dem Gesicht der Macht. +</p> + +</div><div rend="page-break-before: always"> +<index index="toc" level1="III"/> +<index index="pdf" level1="III"/> +<pb n='107'/><anchor id='Pgp0107'/> + +<head>III.</head> + +<p> +Um weiteren Belästigungen durch die Familie Göppel +aus dem Wege zu gehen, reiste er sogleich ab. Die +Hitze machte das Kupee zu einem unheimlichen Aufenthalt. +Diederich, der allein war, zog nacheinander den +Rock, die Weste und die Schuhe aus. Einige Stationen +vor Netzig stieg noch jemand ein: zwei fremd aussehende +Damen, die durch den Anblick von Diederichs Flanellhemd +beleidigt schienen. Er seinerseits fand sie widerwärtig +elegant. Sie unternahmen es, in einer unverständlichen +Sprache eine Beschwerde an ihn zu richten, +worauf er die Achseln zuckte und die Füße in den Socken +auf die Bank legte. Sie hielten sich die Nase zu und +stießen Hilferufe aus. Der Schaffner erschien, der Zugführer +selbst, aber Diederich hielt ihnen sein Billett zweiter +Klasse hin und verteidigte sein Recht. Er gab dem Beamten +sogar zu verstehen, er möge sich nur nicht die Zunge +verbrennen, man könne nie wissen, mit wem man es zu +tun habe. Als er dann den Sieg erstritten hatte und die +Damen abgezogen waren, kam statt ihrer eine andere. +Diederich sah ihr entschlossen entgegen, aber sie zog einfach +aus ihrem Beutel eine Wurst und aß sie aus der Hand, +wobei sie ihm zulächelte. Da rüstete er ab, erwiderte, +breit glänzend, ihre Sympathie und sprach sie an. Es +stellte sich heraus, daß sie aus Netzig war. Er nannte seinen +Namen, woraus sie frohlockte, sie seien alte Bekannte! +„Nun?“ Diederich betrachtete sie forschend: das dicke, +rosige Gesicht mit dem fleischigen Mund und der kleinen, +frech eingedrückten Nase; das weißliche Haar, nett glatt +<pb n='108'/><anchor id='Pgp0108'/>und ordentlich, den Hals, der jung und fett war, und in +den Halbhandschuhen die Finger, die die Wurst hielten +und selbst rosigen Würstchen glichen. „Nein,“ entschied +er, „kennen tu’ ich Sie nicht, aber kolossal appetitlich sind +Sie. Wie ein frischgewaschenes Schweinchen.“ Und er +griff ihr um die Taille. Im selben Augenblick hatte er eine +Ohrfeige. „Die sitzt“, sagte er und rieb sich. „Haben Sie +mehr solche zu vergeben?“ – „Es langt für alle Frechmöpse.“ +Sie lachte aus der Kehle und zwinkerte ihn +mit ihren kleinen Augen unzüchtig an. „Ein Stück Wurst +können Sie haben, aber sonst nichts.“ Ohne zu wollen, +verglich er ihre Art, sich zu wehren, mit Agnes’ Hilflosigkeit, +und er sagte sich: „So eine könnte man getrost heiraten.“ +Schließlich nannte sie selbst ihren Vornamen, +und als er noch immer nicht weiterfand, fragte sie nach +seinen Schwestern. Plötzlich rief er: „Guste Daimchen!“ +Und beide schüttelten sich vor Freude. „Sie haben mir +doch immer Knöpfe geschenkt von den Lumpen in Ihrer +Papierfabrik. Das vergess’ ich Ihnen nie, Herr Doktor! +Wissen Sie, was ich mit den Knöpfen gemacht hab’? Die +hab’ ich gesammelt, und wenn meine Mutter mir mal +Geld für Knöpfe gab, hab’ ich mir Bonbons gekauft.“ +</p> + +<p> +„Praktisch sind Sie auch!“ Diederich war entzückt. +„Und dann sind Sie immer zu uns über die Gartenmauer +geklettert, Sie kleine Göre. Hosen hatten Sie meistenteils +keine an, und wenn der Rock ’raufrutschte, kriegte +man hinten was zu sehen.“ +</p> + +<p> +Sie kreischte; ein feiner Mann habe für so was kein +Gedächtnis. „Jetzt muß es aber noch schöner geworden +sein“, setzte Diederich noch hinzu. Sie ward plötzlich ernst. +</p> + +<p> +„Jetzt bin ich verlobt.“ +</p> + +<p> +Mit dem Wolfgang Buck war sie verlobt! Diederich +<pb n='109'/><anchor id='Pgp0109'/>verstummte, mit enttäuschter Miene. Dann erklärte er +zurückhaltend, er kenne Buck. Sie sagte vorsichtig: „Sie +meinen wohl, er ist ein bißchen überspannt? Aber die +Bucks sind auch eine sehr feine Familie. Na ja, in anderen +Familien ist wieder mehr Geld“, setzte sie hinzu. Hierdurch +betroffen, sah Diederich sie an. Sie zwinkerte. Er +wollte eine Frage stellen; aber er hatte den Mut verloren. +</p> + +<p> +Kurz vor Netzig fragte Fräulein Daimchen: „Und Ihr +Herz, Herr Doktor, ist noch frei?“ +</p> + +<p> +„Um die Verlobung bin ich noch herumgekommen.“ Er +nickte gewichtig. „Ach! Das müssen Sie mir erzählen“, +rief sie. Aber sie fuhren schon ein. „Wir sehen uns hoffentlich +bald wieder“, schloß Diederich. „Ich kann Ihnen nur +sagen, ein junger Mann kommt manchmal in verdammt +brenzlige Sachen hinein. Für ein Ja oder Nein ist das +Leben verpfuscht.“ +</p> + +<p> +Seine beiden Schwestern standen am Bahnhof. Wie +sie Guste Daimchen erblickten, verzogen sie zuerst das Gesicht, +dann aber stürzten sie herbei und halfen das Gepäck +tragen. Sie erklärten ihren Eifer, kaum daß sie mit +Diederich allein waren. Guste hatte nämlich geerbt, sie +war Millionärin! Darum also! Er war erschrocken vor +Hochachtung. +</p> + +<p> +Die Schwestern erzählten das Nähere. Ein alter Verwandter +in Magdeburg hatte Guste all das Geld vermacht, +dafür, daß sie ihn gepflegt hatte. „Und sie hat es sich verdient,“ +bemerkte Emmi, „er soll zuletzt furchtbar unappetitlich +gewesen sein.“ Magda setzte hinzu: „Und sonst +kann man sich natürlich auch noch allerlei denken, denn +Guste war doch ein ganzes Jahr mit ihm allein.“ +</p> + +<p> +Sofort bekam Diederich einen roten Kopf. „So was +sagt ein junges Mädchen nicht!“ schrie er entrüstet; und +<pb n='110'/><anchor id='Pgp0110'/>als Magda beteuerte, das sagten auch Inge Tietz, Meta +Harnisch und überhaupt alle: „Dann fordere ich euch +energisch auf, dem Gerede entgegenzutreten.“ Es entstand +eine Pause; darauf sagte Emmi: „Guste ist nämlich +schon verlobt.“ – „Das weiß ich“, knurrte Diederich. +</p> + +<p> +Bekannte kamen ihnen entgegen, Diederich hörte sich +„Herr Doktor“ nennen, erglänzte stolz dabei und ging +weiter zwischen Emmi und Magda, die von der Seite +seine neue Barttracht bewunderten. Zu Hause empfing +Frau Heßling den Sohn mit ausgebreiteten Armen und +einem Aufschrei, wie von einer Verschmachtenden, die +gerade noch gerettet wird. Und was Diederich nicht vorausgesehen +hatte: auch er weinte. Auf einmal empfand +er die feierliche Schicksalsstunde, in der er das erstemal +als wirkliches Haupt der Familie ins Zimmer trat, „fertig“, +mit dem Doktortitel ausgezeichnet und bestimmt, Fabrik +und Familie nach seiner überlegenen Einsicht zu lenken. +Er gab Mutter und Schwestern die Hände, allen zugleich, +und sagte mit ernster Stimme: „Ich werde mir immer +bewußt bleiben, daß ich meinem Gott für euch Rechenschaft +schulde.“ +</p> + +<p> +Aber Frau Heßling war in Unruhe. „Bist du bereit, +mein Sohn?“ fragte sie. „Unsere Leute erwarten dich.“ +Diederich trank sein Bier aus und ging, an der Spitze der +Seinen, hinunter. Der Hof war sauber gescheuert, den +Eingang der Fabrik umrahmten Kränze und beschrieben +eine Schleife um die Inschrift „Willkommen!“ Davor +stand der alte Buchhalter Sötbier und sagte: „Na guten +Tag, Herr Doktor. Ich bin nicht ’raufgekommen, weil ich +noch was zu tun hatte.“ +</p> + +<p> +„Heute hätten Sie das auch lassen können“, erwiderte +Diederich und ging an Sötbier vorbei. Drinnen im +<pb n='111'/><anchor id='Pgp0111'/>Lumpensaal fand er die Leute. Alle standen sie in einem +Haufen zusammen: die zwölf Arbeiter, die die Papiermaschine, +den Holländer und die Schneidemaschine bedienten, +und die drei Kontoristen, samt den Frauen, deren +Tätigkeit das Sortieren der Lumpen war. Die Männer +räusperten sich, man fühlte eine Pause, bis mehrere der +Frauen ein kleines Mädchen hinausschoben, das einen +Blumenstrauß vor sich hinhielt und mit einer Klarinettenstimme +dem Herrn Doktor Glück und Willkommen wünschte. +Diederich nahm mit gnädiger Miene den Strauß; nun +war es an ihm, sich zu räuspern. Er wandte sich nach den +Seinen um, dann sah er den Leuten scharf in die Augen, +allen nacheinander, auch dem schwarzbärtigen Maschinenmeister, +obwohl der Blick des Mannes ihm peinlich war – +und begann: +</p> + +<p> +„Leute! Da ihr meine Untergebenen seid, will ich euch +nur sagen, daß hier künftig forsch gearbeitet wird. Ich +bin gewillt, mal Zug in den Betrieb zu bringen. In der +letzten Zeit, wo hier der Herr gefehlt hat, da hat mancher +von euch vielleicht gedacht, er kann sich auf die Bärenhaut +legen. Das ist aber ein gewaltiger Irrtum, ich sage +das besonders für die alten Leute, die noch von meinem +seligen Vater her dabei sind.“ +</p> + +<p> +Mit erhobener Stimme, noch schneidiger und abgehackter; +und dabei sah er den alten Sötbier an: +</p> + +<p> +„Jetzt habe ich das Steuer selbst in die Hand genommen. +Mein Kurs ist der richtige, ich führe euch herrlichen Tagen entgegen. +Diejenigen, welche mir dabei behilflich sein wollen, +sind mir von Herzen willkommen; diejenigen jedoch, welche +sich mir bei dieser Arbeit entgegenstellen, zerschmettere ich.“ +</p> + +<p> +Er versuchte, seine Augen blitzen zu lassen, sein Schnurrbart +sträubte sich noch höher. +</p> + +<pb n='112'/><anchor id='Pgp0112'/> + +<p> +„Einer ist hier der Herr, und das bin ich. Gott und +meinem Gewissen allein schulde ich Rechenschaft. Ich +werde euch stets mein väterliches Wohlwollen entgegenbringen, +Umsturzgelüste aber scheitern an meinem unbeugsamen +Willen. Sollte sich ein Zusammenhang +irgendeines von euch –“ +</p> + +<p> +Er faßte den schwarzbärtigen Maschinenmeister ins +Auge, der ein verdächtiges Gesicht machte. +</p> + +<p> +„– mit sozialdemokratischen Kreisen herausstellen, so +zerschneide ich zwischen ihm und mir das Tischtuch. Denn +für mich ist jeder Sozialdemokrat gleichbedeutend mit +Feind meines Betriebes und Vaterlandsfeind ... So, +nun geht wieder an eure Arbeit und überlegt euch, was +ich euch gesagt habe.“ +</p> + +<p> +Er machte schroff kehrt und ging schnaufend davon. In +dem Schwindelgefühl, das seine starken Worte ihm erregt +hatten, erkannte er kein einziges Gesicht mehr. Die Seinen +folgten ihm, bestürzt und ehrfurchtsvoll, indes die Arbeiter +einander noch lange stumm ansahen, bevor sie nach den +Bierflaschen griffen, die zur Feier des Tages bereitstanden. +</p> + +<p> +Droben legte Diederich vor Mutter und Schwestern +seine Pläne dar. Die Fabrik war zu vergrößern, das +hintere Nachbarhaus anzukaufen. Man mußte konkurrenzfähig +werden. Der Platz an der Sonne! Der alte Klüsing, +draußen in der Papierfabrik Gausenfeld, bildete sich +wohl ein, er werde ewig das ganze Geschäft machen?... +Endlich tat Magda die Frage, woher er denn das Geld +nehmen wolle; aber Frau Heßling schnitt ihr das vorlaute +Wort ab. „Dein Bruder weiß das besser als wir.“ +Vorsichtig setzte sie hinzu: „Manches Mädchen wäre glücklich, +wenn sie sein Herz gewinnen könnte“ – und sie hielt, +seines Zornes gewärtig, die Hand vor den Mund. Aber +<pb n='113'/><anchor id='Pgp0113'/>Diederich errötete nur. Da wagte sie, ihn zu umarmen. +„Es wäre mir ja ein so entsetzlicher Schmerz,“ schluchzte +sie, „wenn mein Sohn, mein lieber Sohn, aus dem Hause +ginge. Für eine Witwe ist es doppelt schwer. Die Frau +Oberinspektor Daimchen kriegt es nun auch zu fühlen, +denn ihre Guste heiratet ja den Wolfgang Buck.“ +</p> + +<p> +„Oder auch nicht“, sagte Emmi, die Ältere. „Denn der +Wolfgang soll doch was mit einer Schauspielerin haben.“ +Frau Heßling vergaß ganz, die Tochter zu berufen. „Aber +wo doch so viel Geld da ist! Eine Million, sagen die Leute!“ +</p> + +<p> +Diederich stieß verachtungsvoll hervor, den Buck kenne +er, der sei nicht normal. „Es liegt wohl in der Familie. Der +Alte hat doch auch schon eine Schauspielerin geheiratet.“ +</p> + +<p> +„Man sieht die Folgen“, sagte Emmi. „Denn von seiner +Tochter, der Frau Lauer, hat man sich allerlei erzählt.“ +</p> + +<p> +„Kinder!“ bat Frau Heßling ängstlich. Aber Diederich +beruhigte sie. +</p> + +<p> +„Laß nur, Mutter, es wird Zeit, daß man der Katze die +Schelle umhängt. Ich stehe auf dem Standpunkt, daß +die Bucks ihre Stellung hier in der Stadt schon längst +nicht mehr verdienen. Sie sind eine verrottete Familie.“ +</p> + +<p> +„Die Frau von Moritz, dem Ältesten,“ sagte Magda, „ist +einfach eine Bäuerin. Neulich waren sie mal in der Stadt, +er ist auch schon ganz verbauert.“ Emmi empörte sich. +</p> + +<p> +„Na, und der Bruder des alten Herrn Buck? Immer +elegant, und die fünf unverheirateten Töchter! Sie lassen +sich Suppe aus der Volksküche holen, ich weiß es positiv.“ +</p> + +<p> +„Die Volksküche hat ja der Herr Buck gegründet“, erklärte +Diederich. „Und die Fürsorge für die entlassenen +Sträflinge auch, und was sonst noch. Ich möchte wissen, +wann er eigentlich Zeit hat, an seine eigenen Geschäfte zu +denken.“ +</p> + +<pb n='114'/><anchor id='Pgp0114'/> + +<p> +„Es würde mich nicht wundern,“ sagte Frau Heßling, +„wenn nicht mehr viel da wäre. Obwohl ich vor dem +Herrn Buck natürlich die größte Hochachtung habe, er ist +doch so angesehen.“ +</p> + +<p> +Diederich lachte bitter. „Warum eigentlich? In der +Verehrung des alten Buck sind wir aufgezogen worden. +Der große Mann von Netzig! Im Jahre achtundvierzig +zum Tode verurteilt!“ +</p> + +<p> +„Das ist aber auch ein historisches Verdienst, sagte dein +Vater immer.“ +</p> + +<p> +„Verdienst?“ schrie Diederich. „Wenn ich nur weiß, +einer ist gegen die Regierung, ist er für mich schon erledigt. +Und Hochverrat soll ein Verdienst sein?“ +</p> + +<p> +Und er stürzte sich, vor den erstaunten Frauen, in die +Politik. Diese alten Demokraten, die noch immer das +Regiment führten, waren nachgerade die Schmach von +Netzig! Schlapp, unpatriotisch, mit der Regierung zerfallen! +Ein Hohn auf den Zeitgeist! Weil im Reichstag +der alte Landgerichtsrat Kühlemann saß, ein Freund des +berüchtigten Eugen Richter, darum stockte hier das Geschäft, +und niemand kriegte Geld. Natürlich, für so ein +freisinniges Nest gab es weder Bahnanschlüsse noch Militär. +Kein Zuzug, kein Betrieb! Die Herren im Magistrat, +immer dieselben paar Familien, das kannte man, die +schoben sich untereinander die Aufträge zu, und für andere +Leute war nichts da. Die Papierfabrik Gausenfeld hatte +sämtliche Lieferungen an die Stadt, denn auch ihr Besitzer +Klüsing gehörte zu der Bande des alten Buck! +</p> + +<p> +Magda wußte noch etwas. „Neulich ist die Liebhabervorstellung +im Bürgerkränzchen abgesagt worden, weil +dem Herrn Buck seine Tochter, Frau Lauer, krank war. +Das ist doch Popismus.“ +</p> + +<pb n='115'/><anchor id='Pgp0115'/> + +<p> +„Nepotismus heißt es“, sagte Diederich streng. Er rollte +die Augen. „Und dabei ist der Herr Lauer ein Sozialist. +Aber der Herr Buck mag sich hüten! Wir werden ihm auf +die Finger sehen!“ +</p> + +<p> +Frau Heßling hob flehend die Hände. „Mein lieber +Sohn, wenn du jetzt in der Stadt deine Besuche machst, +versprich mir, daß du auch zum Herrn Buck gehst. Er ist +nun mal so einflußreich.“ +</p> + +<p> +Aber Diederich versprach nichts. „Andere wollen auch +’ran!“ rief er. +</p> + +<p> +Trotzdem schlief er in dieser Nacht unruhig. Schon um +sieben ging er in die Fabrik hinunter und schlug sofort +Lärm, weil noch die Bierflaschen von gestern umherlagen. +„Hier wird nicht gesoffen, hier ist keine Kneipe. Herr +Sötbier, das steht doch wohl im Reglement.“ – „Reglement?“ +sagte der alte Buchhalter. „Wir haben gar keins.“ +Diederich war sprachlos; er schloß sich mit Sötbier ins +Kontor ein. „Kein Reglement? Dann wundert mich +allerdings gar nichts mehr. Was sind das für lächerliche +Bestellungen, mit denen Sie sich da abgeben?“ – und +er warf die Briefe auf dem Pult umher. „Es scheint +höchste Zeit gewesen zu sein, daß ich eingreife. Das Geschäft +versumpft in Ihren Händen.“ +</p> + +<p> +„Versumpfen, junger Herr?“ +</p> + +<p> +„Ich bin für Sie der Herr Doktor!“ Und er verlangte, +daß man einfach alle anderen Fabriken unterbieten solle. +</p> + +<p> +„Das halten wir nicht aus“, sagte Sötbier. „Überhaupt +wären wir gar nicht imstande, so große Aufträge auszuführen +wie Gausenfeld.“ +</p> + +<p> +„Und Sie wollen ein Geschäftsmann sein? Dann stellen +wir eben mehr Maschinen ein.“ +</p> + +<p> +„Das kostet Geld“, sagte Sötbier. +</p> + +<pb n='116'/><anchor id='Pgp0116'/> + +<p> +„Dann nehmen wir welches auf! Ich werde hier +Schneid hineinbringen. Sie sollen sich wundern. Wenn +Sie mich nicht unterstützen wollen, mache ich es allein.“ +</p> + +<p> +Sötbier wiegte den Kopf. „Mit Ihrem Vater, junger +Herr, war ich immer einig. Wir haben zusammen das +Geschäft in die Höhe gebracht.“ +</p> + +<p> +„Jetzt ist eine andere Zeit, merken Sie sich das. Ich bin +mein eigener Geschäftsführer.“ +</p> + +<p> +Sötbier seufzte: „Das ist die stürmische Jugend“ – +indes Diederich schon die Tür zuwarf. Er durchmaß den +Raum, worin die mechanische Trommel, laut schlagend, +die Lumpen in Chlor wusch, und wollte das Zimmer des +großen Kochholländers betreten. Im Eingang kam ihm +unvermutet der schwarzbärtige Maschinenmeister entgegen. +Diederich zuckte zusammen, fast hätte er dem +Arbeiter Platz gemacht. Dafür rannte er ihn mit der +Schulter beiseite, bevor der Mann ausweichen konnte. +Schnaufend sah er der Arbeit des Holländers zu, dem +Drehen der Walze, dem Schneiden der Messer, das den +Stoff in Fasern zerteilte. Grinsten ihn die Leute, die die +Maschine bedienten, nicht etwa von der Seite an, weil +er vor dem schwarzen Kerl erschrocken war? „Der Kerl +ist ein frecher Hund! Er muß ’raus!“ Ein animalischer +Haß stieg in Diederich herauf, der Haß seines blonden +Fleisches gegen den mageren Schwarzen, den Menschen von +einer anderen Rasse, die er gern für niedriger gehalten +hätte und die ihm unheimlich schien. Diederich fuhr auf. +</p> + +<p> +„Die Walze ist falsch gestellt, die Messer arbeiten +schlecht!“ Da die Leute ihn nur ansahen, schrie er: +„Maschinenmeister!“ Und als der Schwarzbärtige eintrat: +„Sehen Sie sich die Schweinerei mal an! Die +Walze ist viel zu tief auf die Messer gesenkt, sie +zerschnei<pb n='117'/><anchor id='Pgp0117'/>den mir das ganze Zeug. Ich mache Sie verantwortlich +für den Schaden!“ +</p> + +<p> +Der Mann beugte sich über die Maschine. „Schaden +ist keiner da“, sagte er ruhig, aber Diederich wußte schon +wieder nicht, ob er unter seinem schwarzen Bart nicht +feixte. Der Blick des Maschinenmeisters hatte etwas +düster Höhnisches, Diederich ertrug ihn nicht, er gab es +auf zu blitzen und warf nur die Arme. „Ich mache Sie +verantwortlich!“ +</p> + +<p> +„Was ist denn los?“ fragte Sötbier, der den Lärm gehört +hatte. Dann erklärte er dem Herrn, daß der Stoff +durchaus nicht zu kleinfaserig geschnitten werde, und daß +es immer so gemacht worden sei. Die Arbeiter nickten +mit den Köpfen, der Maschinenmeister stand gelassen dabei. +Diederich fühlte sich einem Kompetenzstreit nicht gewachsen, +er schrie noch: „Dann wird es künftig gefälligst +anders gemacht!“ und kehrte plötzlich um. +</p> + +<p> +Er gelangte in den Lumpensaal, und er gab sich Haltung, +indem er fachkundig die Frauen überwachte, die auf +den Siebplatten der langen Tische die Lumpen sortierten. +Als eine kleine dunkeläugige es unternahm, ihn aus ihrem +bunten Kopftuch heraus ein wenig anzulächeln, prallte +sie gegen eine so harte Miene, daß sie erschrak und sich +duckte. Farbige Fetzen quollen aus den Säcken, das Getuschel +der Frauen verstummte unter dem Blick des Herrn, +und in der warmen, dumpfigen Luft war nichts mehr zu +vernehmen als das leise Rattern der Sensen, die in die +Tische gerammt, die Knöpfe abschnitten. Aber Diederich, +der die Heizungsrohre untersuchte, hörte etwas Verdächtiges. +Er beugte sich hinter einen Haufen Säcke – und +fuhr zurück, errötet und mit zitterndem Schnurrbart. +„Nun hört alles auf!“ schrie er, „’rauskommen!“ Ein +<pb n='118'/><anchor id='Pgp0118'/>junger Arbeiter kroch hervor. „Das Frauenzimmer auch!“ +schrie Diederich. „Wird’s bald?“ Und, als endlich das +Mädchen sich zeigte, stemmte er die Fäuste in die Hüften. +Hier ging es ja heiter zu! Seine Fabrik war nicht nur +eine Kneipe, sondern noch ganz was anderes! Er zeterte, +daß alles zusammenlief. „Na, Herr Sötbier, dies ist +wohl auch immer so gemacht worden? Ich gratuliere +Ihnen zu Ihren Erfolgen. Also die Leute sind gewohnt, +die Arbeitszeit zu benutzen, um sich hinter den Säcken zu +amüsieren. Wie kommt der Mann hier herein?“ Es sei +seine Braut, sagte der junge Mensch. „Braut? Hier gibt +es keine Braut, hier gibt es nur Arbeiter. Ihr beide stehlt +mir die Arbeitszeit, die ich euch bezahle. Ihr seid Schweine +und außerdem Diebe. Ich schmeiß’ euch ’raus, und ich +zeig’ euch an, wegen öffentlicher Unzucht!“ +</p> + +<p> +Er sah herausfordernd umher. +</p> + +<p> +„Deutsche Zucht und Sitte verlang’ ich hier. Verstanden?“ +Da traf er den Maschinenmeister. „Und ich werde +sie durchführen, auch wenn Sie da ein Gesicht schneiden!“ +schrie er. +</p> + +<p> +„Ich habe kein Gesicht geschnitten“, sagte der Mann +ruhig. Aber Diederich war nicht länger zu halten. Endlich +konnte er ihm etwas nachweisen! +</p> + +<p> +„Ihr Benehmen ist mir schon längst verdächtig! Sie +tun Ihren Dienst nicht, sonst hätte ich die beiden Leute +nicht abgefaßt.“ +</p> + +<p> +„Ich bin kein Aufpasser“, warf der Mann dazwischen. +</p> + +<p> +„Sie sind ein widersetzlicher Bursche, der die ihm unterstellten +Leute an Zuchtlosigkeit gewöhnt. Sie arbeiten +für den Umsturz! Wie heißen Sie überhaupt?“ +</p> + +<p> +„Napoleon Fischer“, sagte der Mann. Diederich stockte. +</p> + +<p> +„Nap–. Auch das noch! Sie sind Sozialdemokrat?“ +</p> + +<pb n='119'/><anchor id='Pgp0119'/> + +<p> +„Jawohl.“ +</p> + +<p> +„Dachte ich mir. Sie sind entlassen.“ +</p> + +<p> +Er wandte sich nach den Leuten um: „Merkt euch +das!“ – und verließ schroff den Raum. Auf dem Hof +lief Sötbier ihm nach. „Junger Herr!“ Er war in großer +Aufregung und wollte nichts sagen, bevor sie nicht die +Tür des Privatkontors hinter sich geschlossen hatten. +„Junger Herr,“ sagte der Buchhalter, „das geht nicht, +der Mann ist ein Organisierter.“ – „Deswegen soll er +’raus“, erwiderte Diederich. Sötbier setzte auseinander, +daß das nicht gehe, weil dann alle die Arbeit niederlegen +würden. Diederich wollte es nicht begreifen. Waren +denn alle organisiert? Nein. Nun also. Aber, erklärte +Sötbier, sie hatten Furcht vor den Roten, sogar auf die +alten Leute war kein Verlaß mehr. +</p> + +<p> +„Ich schmeiß’ sie ’raus!“ rief Diederich. „Samt und +sonders, mit Kind und Kegel!“ +</p> + +<p> +„Wenn wir dann nur andere kriegten“, sagte Sötbier +und sah unter seinem grünen Augenschirm mit einem +dünnen Lächeln dem jungen Herrn zu, der vor Zorn gegen +die Möbel anrannte. Er schrie: +</p> + +<p> +„Bin ich in meiner Fabrik der Herr oder nicht? Dann +will ich doch sehen –“ +</p> + +<p> +Sötbier ließ ihn austoben, dann sagte er: „Herr Doktor +brauchen dem Fischer gar nichts zu sagen, er geht uns nicht +fort, er weiß ja, daß wir davon zu viele Scherereien +hätten.“ +</p> + +<p> +Diederich bäumte sich nochmals auf. +</p> + +<p> +„So. Ich brauch’ ihn also nicht zu bitten, daß er die +Gnade hat und bleibt? Der Herr Napoleon! Ich brauch’ +ihn nicht für Sonntag zum Mittagessen einzuladen? Es +wäre auch zuviel Ehre für mich!“ +</p> + +<pb n='120'/><anchor id='Pgp0120'/> + +<p> +Der Kopf war ihm rot angeschwollen, er fand das Zimmer +zu eng und riß die Tür auf. Der Maschinenmeister ging +eben vorbei. Diederich sah ihm nach, der Haß gab ihm +deutlichere Sinneseindrücke als sonst, er bemerkte gleichzeitig +die krummen, mageren Beine des Menschen, seine knochigen +Schultern mit den Armen, die vornüberhingen – +und nun der Maschinenmeister mit den Leuten sprach, sah +er seine starken Kiefern arbeiten unter dem dünnen schwarzen +Bart. Wie Diederich dies Mundwerk haßte, und diese +knotigen Hände! Der schwarze Kerl war längst vorüber, +und seine Ausdünstung roch Diederich noch immer. +</p> + +<p> +„Sehn Sie mal, Sötbier, die Vorderflossen hängen ihm +bis an den Boden. Gleich wird er auf allen vieren laufen +und Nüsse fressen. Dem Affen werden wir ein Bein +stellen, verlassen Sie sich darauf! Napoleon! So ein +Name ist allein schon eine Provokation. Aber er soll sich +zusammennehmen, denn so viel weiß ich, daß einer von +uns beiden –“ Diederich rollte die Augen: „– auf dem +Platz bleiben wird.“ +</p> + +<milestone unit="tb"/> + +<p> +Erhobenen Hauptes verließ er die Fabrik. Im schwarzen +Rock machte er sich auf, um den wichtigsten Herren +der Stadt die Aufmerksamkeit seines Besuches zu erweisen. +Von der Meisestraße konnte er, um zum Bürgermeister +Doktor Scheffelweis in die Schweinichenstraße zu +gelangen, einfach der Wuchererstraße folgen, die jetzt +Kaiser-Wilhelm-Straße hieß. Er wollte es auch; im entscheidenden +Augenblick aber, wie auf eine Verabredung, +die er vor sich selbst geheimgehalten hätte, bog er dennoch +in die Fleischhauergrube ein. Die zwei Stufen vor dem +Hause des alten Herrn Buck waren abgewetzt von den +Füßen der ganzen Stadt und von den Vorgängern dieser +<pb n='121'/><anchor id='Pgp0121'/>Füße. Der Klingelzug an der gelben Glastür bewirkte +drinnen ein langes Rasseln im Leeren. Dann ging dort +hinten eine Tür auf, und die alte Magd schlich über die +Diele. Aber sie war noch längst nicht angelangt, da trat +vorn der Hausherr aus seinem Bureau und öffnete selbst. +Er zog Diederich, der sich eifrig verbeugte, bei der Hand +herein. +</p> + +<p> +„Mein lieber Heßling! Ich habe Sie erwartet, man +hatte mir Ihre Ankunft berichtet. Willkommen denn in +Netzig, mein Herr Doktor.“ +</p> + +<p> +Sofort hatte Diederich Tränen in den Augen und +stammelte: +</p> + +<p> +„Sie sind zu gütig, Herr Buck. Natürlich habe ich zuerst +und vor allem Ihnen, Herr Buck, meine Aufwartung +machen wollen und Ihnen versichern, daß ich immer ganz +– daß ich immer ganz – zu Ihren Diensten stehe“, schloß +er, freudig wie ein guter Schüler. Der alte Herr Buck +hielt ihn noch fest, mit seiner Hand, die warm und dennoch +leicht und weich war. +</p> + +<p> +„Dienste –“ er schob Diederich selbst den Sessel zurecht, +„die wollen Sie doch natürlich nicht mir leisten, +sondern Ihren Mitbürgern – die es Ihnen danken werden. +Zum Stadtverordneten werden Ihre Mitbürger Sie +in kurzem wählen, das glaube ich Ihnen versprechen zu +können, denn damit belohnen sie eine verdiente Familie. +Und dann“ – der alte Buck beschrieb eine Gebärde feierlicher +Freigebigkeit „– verlasse ich mich auf Sie, daß Sie +es uns recht bald ermöglichen werden, Sie im Magistrat +zu begrüßen.“ +</p> + +<p> +Diederich verbeugte sich, beglückt lächelnd, als werde er +schon begrüßt. „Die Gesinnung unserer Stadt,“ fuhr +Herr Buck fort, „ich sage nicht, daß sie in allen Teilen gut +<pb n='122'/><anchor id='Pgp0122'/>ist –“ Er versenkte seinen weißen Knebelbart in die +seidene Halsbinde. „Aber noch ist Raum“ – der Bart +tauchte wieder auf – „und will’s Gott noch lange, für +wahrhaft liberale Männer.“ +</p> + +<p> +Diederich beteuerte: „Ich bin selbstverständlich durchaus +liberal.“ +</p> + +<p> +Darauf strich der alte Buck über die Papiere auf seinem +Schreibtisch. „Ihr seliger Vater hat mir hier oft gegenüber +gesessen, und besonders häufig damals, als er die Papiermühle +errichtete. Dabei konnte ich ihm zu meiner großen +Freude förderlich sein. Es handelte sich um den Bach, +der jetzt durch Ihren Hof fließt.“ +</p> + +<p> +Diederich sagte mit tiefer Stimme: „Wie oft, Herr Buck, +hat mein Vater mir erzählt, daß er den Bach, ohne den +wir gar nicht existieren könnten, nur Ihnen verdankt.“ +</p> + +<p> +„Nur mir, dürfen Sie nicht sagen, sondern den gerechten +Zuständen unseres Gemeinwesens, an denen aber –“ +der alte Herr Buck erhob seinen weißen Zeigefinger, er +sah Diederich tief an, „gewisse Leute und eine gewisse +Partei manches ändern würden, sobald sie könnten.“ +Stärker und mit Pathos: „Der Feind steht vor dem Tore, +es heißt zusammenhalten.“ +</p> + +<p> +Er ließ eine Pause verstreichen und sagte in leichterem +Ton, sogar mit einem kleinen Schmunzeln: „Sind Sie +nicht, mein werter Herr Doktor, in einer ähnlichen Lage, +wie damals Ihr Vater? Sie wollen sich vergrößern? Sie +haben Pläne?“ +</p> + +<p> +„Allerdings.“ Und Diederich setzte eifrig auseinander, +was alles geschehen müsse. Der Alte hörte ihm aufmerksam +zu, er nickte, nahm eine Prise ... Endlich sagte er: +„Ich sehe so viel, daß der Umbau Ihnen nicht nur große +Kosten, sondern unter Umständen auch Schwierigkeiten +<pb n='123'/><anchor id='Pgp0123'/>mit der städtischen Baupolizei verursachen wird – mit +der ich übrigens im Magistrat zu tun habe. Nun überzeugen +Sie sich, mein lieber Heßling, was hier auf meinem +Schreibtisch liegt.“ +</p> + +<p> +Da erkannte Diederich einen genauen Aufriß seines +Grundstückes, samt dem dahinter gelegenen. Sein verblüfftes +Gesicht bewirkte bei dem alten Buck ein Lächeln +der Genugtuung. „Ich kann wohl dafür sorgen,“ sagte +er, „daß keine erschwerenden Umstände eintreten.“ Und +auf Diederichs Danksagungen: „Wir dienen dem großen +Ganzen, wenn wir jedem unserer Freunde vorwärtshelfen. +Denn die Freunde einer Volkspartei sind alle, +außer den Tyrannen.“ +</p> + +<p> +Nach diesen Worten lehnte der alte Buck sich tiefer in +den Sessel und faltete die Hände. Seine Miene hatte sich +entspannt, er wiegte den Kopf wie ein Großvater. „Als +Kind hatten Sie so schöne blonde Locken“, sagte er. +</p> + +<p> +Diederich begriff, daß der offizielle Teil des Gespräches +beendet sei. „Ich weiß noch,“ erlaubte er sich zu sagen, +„wie ich als kleiner Junge hier ins Haus kam, wenn ich +mit Ihrem Herrn Sohn Wolfgang Soldaten spielte.“ +</p> + +<p> +„Ja, ja. Und jetzt spielt er wieder Soldat.“ +</p> + +<p> +„Oh! Er ist sehr beliebt bei den Offizieren. Er hat es +mir selbst gesagt.“ +</p> + +<p> +„Ich wünschte, mein lieber Heßling, er hätte mehr von +Ihrer praktischen Veranlagung.... Nun, er wird ruhiger +werden, wenn ich ihn erst verheiratet habe.“ +</p> + +<p> +„Ich glaube,“ sagte Diederich, „daß Ihr Herr Sohn +etwas Geniales hat. Daher ist er mit nichts zufrieden, er +weiß nicht, ob er General werden soll oder sonst ein großer +Mann.“ +</p> + +<p> +„Inzwischen macht er leider dumme Streiche.“ Der +<pb n='124'/><anchor id='Pgp0124'/>Alte sah aus dem Fenster. Diederich wagte seine Neugier +nicht zu zeigen. +</p> + +<p> +„Dumme Streiche? Das kann ich gar nicht glauben, +denn mir hat er immer imponiert, gerade durch seine Intelligenz. +Schon früher, seine Aufsätze. Und was er mir +neulich über unseren Kaiser gesagt hat, daß er eigentlich +gern der erste Arbeiterführer wäre....“ +</p> + +<p> +„Davor behüte Gott die Arbeiter.“ +</p> + +<p> +„Wieso?“ Diederich war tieferstaunt. +</p> + +<p> +„Weil es ihnen schlecht bekommen würde. Uns anderen +ist es auch nicht gut bekommen.“ +</p> + +<p> +„Aber wir haben doch, dank den Hohenzollern, das +einige Deutsche Reich.“ +</p> + +<p> +„Wir haben es nicht“, sagte der alte Buck und stand ungewöhnlich +rasch vom Stuhl auf. „Denn wir müßten, um +unsere Einigkeit zu beweisen, einem eigenen Willen folgen +können; und können wir’s? Ihr wähnt euch einig, +weil die Pest der Knechtschaft sich verallgemeinert! Das +hat Herwegh, ein Überlebender wie ich, im Frühjahr +Einundsiebzig den Siegestrunkenen zugerufen. Was +würde er heute sagen!“ +</p> + +<p> +Diederich konnte, vor dieser Stimme aus dem Jenseits, +nur stammeln: „Ach ja, Sie sind ein Achtundvierziger.“ +</p> + +<p> +„Mein lieber junger Freund, Sie wollen sagen, ein +Narr und ein Besiegter. Ja! Wir sind besiegt worden, weil +wir närrisch genug waren, an dieses Volk zu glauben. Wir +glaubten, es würde alles das selbst vollbringen, was es +jetzt für den Preis der Unfreiheit von seinen Herren entgegennimmt. +Wir dachten es mächtig, reich, voll Einsicht +in seine eigenen Angelegenheiten und der Zukunft ergeben. +Wir sahen nicht, daß es, ohne politische Bildung, +deren es weniger hat als alle anderen, bestimmt sei, nach +<pb n='125'/><anchor id='Pgp0125'/>seinem Aufschwung den Mächten der Vergangenheit anheimzufallen. +Schon zu unserer Zeit gab es allzu viele, +die unbekümmert um das Ganze, ihren Privatinteressen +nachjagten und zufrieden waren, wenn sie in irgendeiner +Gnadensonne sich wärmend, den unedlen Bedürfnissen +eines anspruchsvollen Genußlebens genügen konnten. +Seitdem sind sie Legion geworden, denn die Sorge um +das öffentliche Wohl ist ihnen abgenommen. Zur Großmacht +haben eure Herren euch schon gemacht, und indes +ihr Geld verdient, wie ihr könnt, und es ausgebt, wie ihr +mögt, werden sie euch – oder vielmehr sich – auch noch +die Flotte bauen, die wir damals uns selbst gebaut haben +würden. Unser Dichter damals wußte, was ihr erst jetzt +lernen sollt: Und in den Furchen, die Kolumb gezogen, +geht Deutschlands Zukunft auf!“ +</p> + +<p> +„Bismarck hat eben wirklich etwas getan“, sagte Diederich, +leise triumphierend. +</p> + +<p> +„Das ist es gerade, daß er es hat tun dürfen! Und dabei +hat er alles nur faktisch getan, formell aber im Namen +seines Herrn. Da waren wir Bürger von achtundvierzig +ehrlicher, das darf ich sagen, denn ich habe damals selbst +bezahlt, was ich gewagt hatte.“ +</p> + +<p> +„Ich weiß wohl, Sie sind zum Tode verurteilt worden“, +sagte Diederich, wieder eingeschüchtert. +</p> + +<p> +„Ich bin verurteilt worden, weil ich die Souveränität +der Nationalversammlung gegen eine Partikularmacht +verteidigte und das Volk, das sich in Notwehr befand, +zum Aufstand führte. So war in unseren Herzen die +deutsche Einheit: sie war eine Gewissenspflicht, die eigene +Schuld jedes einzelnen, für die er einstand. Nein! Wir +huldigten keinem sogenannten Schöpfer der deutschen +Einheit. Als ich damals, besiegt und verraten, hier oben +<pb n='126'/><anchor id='Pgp0126'/>im Hause mit meinen letzten Freunden die Soldaten des +Königs erwartete, da war ich, groß oder gering, ein +Mensch, der selbst am Ideal schuf: einer aus vielen, aber +ein Mensch. Wo sind sie heute?“ +</p> + +<p> +Der Alte hielt an und machte ein Gesicht, als lauschte er. +Diederich war es schwül. Er fühlte, daß er zu dem allen +nicht länger schweigen dürfe. Er sagte: „Das deutsche +Volk ist eben, Gott sei Dank, nicht mehr das Volk der +Denker und Dichter, es strebt modernen und praktischen +Zielen zu.“ Der Alte kehrte aus seinen Gedanken zurück, +er deutete nach der Zimmerdecke. +</p> + +<p> +„Damals war die ganze Stadt bei mir zu Hause. Jetzt +ist es so einsam wie nie, zuletzt ging noch Wolfgang fort. +Ich würde alles dahingeben, aber, junger Mann, wir sollen +Respekt haben vor unserer Vergangenheit – auch +wenn wir besiegt worden sind.“ +</p> + +<p> +„Zweifellos“, sagte Diederich. „Und dann sind Sie +immer noch der mächtigste Mann in der Stadt. Die +Stadt, sagt man immer, gehört dem Herrn Buck.“ +</p> + +<p> +„Das will ich aber gar nicht, ich will, daß sie sich selbst gehört.“ +Er atmete tief aus. „Das ist eine weitläufige Sache, +Sie werden sie allmählich kennenlernen, wenn Sie Einblick +in unsere Verwaltung bekommen. Wir werden nämlich +jeden Tag heftiger bedrängt von der Regierung und ihren +junkerlichen Auftraggebern. Heute will man uns zwingen, +den Gutsbesitzern, die uns keine Steuern zahlen, unser Licht +zu geben, morgen werden wir ihnen Straßen bauen müssen. +Zuletzt geht es um unsere Selbstverwaltung. Sie werden +sehen, wir leben in einer belagerten Stadt.“ +</p> + +<p> +<anchor id="corr126"/><corr sic="Diedrich">Diederich</corr> lächelte überlegen. „So schlimm kann es wohl +nicht sein, denn unser Kaiser ist doch eine so moderne Persönlichkeit.“ +</p> + +<pb n='127'/><anchor id='Pgp0127'/> + +<p> +„Nun ja“, sagte der alte Buck. Er erhob sich, wiegte den +Kopf – und dann zog er es vor, zu schweigen. Er reichte +Diederich die Hand. +</p> + +<p> +„Mein lieber Doktor, Ihre Freundschaft wird mir gerade +so wertvoll sein, als die Ihres Vaters mir war. Nach +unserer Unterredung habe ich die Hoffnung, daß wir in +allem einig gehen werden.“ +</p> + +<p> +Unter dem warmen blauen Blick des Alten schlug +Diederich sich auf die Brust. „Ich bin ein durchaus liberaler +Mann!“ +</p> + +<p> +„Vor allem warne ich Sie vor dem Regierungspräsidenten +von Wulckow. Er ist der Feind, der uns hier in die +Stadt gesetzt worden ist. Der Magistrat unterhält nur die +unumgänglichen Beziehungen zum Präsidenten. Ich selbst +habe die Ehre, von dem Herrn nicht gegrüßt zu werden.“ +</p> + +<p> +„Oh!“ machte Diederich, ehrlich erschüttert. +</p> + +<p> +Der alte Buck öffnete ihm schon die Tür, schien aber +noch etwas zu überlegen. „Warten Sie!“ Er trat eilig +zu seiner Bibliothek, bückte sich und tauchte aus einer +staubigen Tiefe mit einem kleinen, fast quadratischen Buch +auf. Er steckte es Diederich rasch zu, verstohlenen Glanz +in seinem Gesicht, das errötet war. „Da, nehmen Sie! +Es sind meine ‚Sturmglocken‘! Man war auch Dichter – +damals.“ Und er schob Diederich sanft hinaus. +</p> + +<milestone unit="tb"/> + +<p> +Die Fleischhauergrube stieg beträchtlich an, aber Diederich +schnaufte nicht nur deshalb. Nachdem er zuerst nur +eine gewisse Betäubung empfunden hatte, stellte sich +allmählich das Gefühl heraus, daß er sich habe verblüffen +lassen. „So ein alter Schwätzer ist doch bloß noch eine +Vogelscheuche, und mir imponiert er!“ Unbestimmt gedachte +er der Kinderzeit, als ihm der alte Herr Buck, +<pb n='128'/><anchor id='Pgp0128'/>der zum Tode verurteilt worden war, ebensoviel Hochachtung +und ein ähnliches Grausen einflößte wie der +Polizist an der Ecke oder das Burggespenst. „Werd’ ich +denn ewig so weich bleiben? Ein anderer hätte sich nicht +so behandeln lassen!“ Auch konnte es peinliche Folgen +haben, daß er zu so vielen kompromittierenden Reden +geschwiegen oder nur matt widersprochen hatte. Er legte +sich energische Antworten zurecht, für das nächste Mal. +„Das Ganze war eine Falle! Er hat mich einfangen und +unschädlich machen wollen ... Aber er soll sehen!“ +Diederich ballte die Faust in der Tasche, indes er stramm +durch die Kaiser-Wilhelm-Straße ging. „Vorläufig muß +man sich noch mit ihm verhalten, aber wehe, wenn ich +der Stärkere bin!“ +</p> + +<p> +Das Haus des Bürgermeisters war mit Ölfarbe neu +gestrichen, und die Spiegelscheiben glänzten wie je. Ein +nettes Stubenmädchen empfing ihn. Über eine Treppe +mit einem freundlichen Knaben aus Biskuit, der eine +Lampe trug, und durch ein Vorzimmer, worin fast vor +jedem Möbel ein kleiner Teppich lag, ward Diederich +in das Eßzimmer geführt. Es war aus hellem Holz mit +appetitlichen Bildern, zwischen denen der Bürgermeister +und noch ein Herr beim zweiten Frühstück saßen. Doktor +Scheffelweis reichte Diederich seine weißliche Hand hin +und musterte ihn dabei über den Klemmer weg. Trotzdem +wußte man nie genau, ob er einen ansah, so unbestimmt +war der Blick seiner Augen, die farblos schienen wie das +Gesicht und die seitwärts fliehenden, dünnen Bartkoteletts. +Der Bürgermeister setzte mehrmals zum Sprechen +an, bis er endlich etwas fand, das man auf alle Fälle +sagen konnte. „Schöne Schmisse“, sagte er; und zu dem +anderen Herrn: „Finden Sie nicht?“ +</p> + +<pb n='129'/><anchor id='Pgp0129'/> + +<p> +Der andere Herr legte Diederich zunächst große Zurückhaltung +auf, denn er sah stark jüdisch aus. Aber der +Bürgermeister stellte vor: „Herr Assessor Jadassohn, von +der Staatsanwaltschaft“ – was dann allerdings eine +vollwertige Begrüßung nötig machte. +</p> + +<p> +„Setzen Sie sich nur gleich,“ sagte der Bürgermeister, +„wir fangen gerade an.“ Er schenkte Diederich Porter +ein und legte ihm Lachsschinken vor. „Meine Frau und +meine Schwiegermutter sind ausgegangen, die Kinder +in der Schule, dies ist die Stunde des Junggesellen, prost!“ +</p> + +<p> +Der jüdische Herr von der Staatsanwaltschaft hatte +vorläufig nur für das Stubenmädchen Augen. Während +sie neben ihm am Tisch zu tun hatte, war seine Hand verschwunden. +Dann ging sie, und er wollte von öffentlichen +Angelegenheiten beginnen, aber der Bürgermeister ließ +sich nicht unterbrechen. „Die beiden Damen kommen vor +dem Mittagessen nicht zurück, denn meine Schwiegermutter +ist beim Zahnarzt. Ich kenne das, es kostet Mühe +mit ihr, und inzwischen gehört uns das Haus.“ Er holte +einen Likör aus dem Büfett, rühmte ihn, ließ sich seine +Güte von den Gästen bestätigen und fuhr fort, eintönig +und vom Kauen unterbrochen, das Idyll seiner Vormittage +zu preisen. Allmählich ward, in allem Glück, +seine Miene immer besorgter, er fühlte wohl, das Gespräch +könne so nicht weitergehen; und nachdem eine +Minute lang alle geschwiegen hatten, entschloß er sich. +</p> + +<p> +„Ich darf annehmen, Herr Doktor Heßling –: mein +Haus liegt ja nicht in nächster Nachbarschaft des Ihren, +und so würde ich es durchaus begreiflich finden, wenn +Sie vor mir einige andere Herren aufgesucht hätten.“ +</p> + +<p> +Diederich errötete schon für die Lüge, die er noch nicht +ausgesprochen hatte. „Es würde herauskommen“, dachte +<pb n='130'/><anchor id='Pgp0130'/>er noch rechtzeitig, und er sagte: „Tatsächlich habe ich mir +erlaubt –. Das heißt, natürlich war mein erster Weg zu +Ihnen, Herr Bürgermeister. Nur im Andenken an meinen +Vater, der eine so große Verehrung für den alten Herrn +Buck hatte –“ +</p> + +<p> +„Begreiflich, durchaus begreiflich.“ Der Bürgermeister +nickte mit Nachdruck. „Herr Buck ist der älteste unter +unseren verdienten Bürgern und übt daher einen zweifellos +legitimen Einfluß aus.“ +</p> + +<p> +„Vorläufig noch!“ sagte mit unerwartet scharfer +Stimme der jüdische Herr von der Staatsanwaltschaft und +sah Diederich herausfordernd an. Der Bürgermeister +hatte sich über seinen Käse gebeugt, Diederich fand sich +schutzlos, er blinzelte. Da der Blick des Herrn durchaus +ein Bekenntnis verlangte, brachte er etwas hervor von +„eingefleischtem Respekt“ und führte sogar Kindheitserinnerungen +an, die es entschuldigen sollten, daß er zuerst +bei Herrn Buck gewesen war. Dabei betrachtete er +schreckerfüllt die ungeheuren, roten und weit abstehenden +Ohren des Herrn von der Staatsanwaltschaft. Dieser +ließ Diederich fertig stammeln, wie einen Angeklagten, +der sich verfing; endlich versetzte er schneidend: +</p> + +<p> +„Der Respekt ist in gewissen Fällen dazu da, daß man +sich ihn abgewöhnt.“ +</p> + +<p> +Diederich stutzte; dann entschloß er sich zu einem verständnisvollen +Gelächter. Der Bürgermeister sagte mit +blassem Lächeln und einer versöhnlichen Geste: +</p> + +<p> +„Herr Assessor Doktor Jadassohn ist nun einmal gern +geistreich, – was ich persönlich ganz besonders an ihm +schätze. In meiner Stellung freilich bin ich genötigt, +die Dinge objektiv und voraussetzungslos zu betrachten. +Und da muß ich denn sagen: einerseits ...“ +</p> + +<pb n='131'/><anchor id='Pgp0131'/> + +<p> +„Kommen wir gleich zum Andererseits!“ verlangte Assessor +Jadassohn. „Für mich als Vertreter einer staatlichen Behörde +wie als überzeugten Anhänger der bestehenden Ordnung +sind dieser Herr Buck und sein Genosse, der Reichstagsabgeordnete +Kühlemann, nach ihrer Vergangenheit und +Gesinnung einfach Umstürzler, und damit fertig. Ich mache +aus meinem Herzen keine Mördergrube, ich halte das nicht +für deutsch. Volksküchen gründen, meinetwegen; aber das +beste Futter für das Volk ist eine gute Gesinnung. Eine +Idiotenanstalt mag auch ganz nützlich sein.“ +</p> + +<p> +„Aber nur eine kaisertreue!“ ergänzte Diederich. Der +Bürgermeister machte beschwichtigende Zeichen. „Meine +Herren!“ flehte er. „Meine Herren! Wenn wir uns denn +aussprechen sollen, so ist es gewiß richtig, daß bei aller +bürgerlichen Hochschätzung der genannten Herren andererseits +doch –“ +</p> + +<p> +„Andererseits!“ wiederholte Jadassohn streng. +</p> + +<p> +„– das tiefste Bedauern zurückbleibt über unsere leider +so ungünstigen Beziehungen zu den Vertretern der Staatsregierung +– wenn ich auch zu bedenken bitte, daß die +ungewöhnliche Schärfe des Herrn Regierungspräsidenten +von Wulckow gegenüber den städtischen Behörden –“ +</p> + +<p> +„Gegenüber schlecht gesinnten Körperschaften!“ warf +Jadassohn ein. Diederich erlaubte sich: „Ich bin ein +durchaus liberaler Mann, aber das muß ich sagen –“ +</p> + +<p> +„Eine Stadt,“ erklärte der Assessor, „die sich den berechtigten +Wünschen der Regierung verschließt, darf allerdings +nicht darüber erstaunen, daß ihr die kalte Schulter +gezeigt wird.“ +</p> + +<p> +„Von Berlin nach Netzig“, versicherte Diederich, +„könnte man in der halben Zeit fahren, wenn wir besser +mit den Herren oben ständen.“ +</p> + +<pb n='132'/><anchor id='Pgp0132'/> + +<p> +Der Bürgermeister ließ sie ihr Duett beenden, er war +bleich und hielt hinter dem Klemmer die Lider gesenkt. +Plötzlich sah er sie an mit einem dünnen Lächeln. +</p> + +<p> +„Meine Herren, bemühen Sie sich nicht, ich weiß, daß +es eine zeitgemäßere Gesinnung gibt als die von den +städtischen Behörden bekundete. Glauben Sie, bitte, daß +es nicht mein Verschulden war, wenn an Seine Majestät +gelegentlich ihrer letzten Anwesenheit in der Provinz, +während der vorjährigen Manöver, kein Huldigungstelegramm +geschickt worden ist ...“ +</p> + +<p> +„Die Weigerung des Magistrats war durchaus undeutsch“, +stellte Jadassohn fest. +</p> + +<p> +„Das nationale Banner muß hochgehalten werden“, +verlangte Diederich. Der Bürgermeister erhob die Arme. +</p> + +<p> +„Meine Herren, das weiß ich. Aber ich bin nur der Vorsitzende +des Magistrats und muß leider seine Beschlüsse +ausführen. Ändern Sie die Verhältnisse! Herr Doktor +Jadassohn erinnert sich noch an unseren Streit mit der +Regierung wegen des sozialdemokratischen Lehrers Rettich. +Ich konnte den Mann nicht maßregeln. Herrn von +Wulckow ist bekannt,“ – der Bürgermeister kniff ein Auge +zu – „daß ich es sonst getan haben würde.“ +</p> + +<p> +Man schwieg eine Weile und betrachtete einander. +Jadassohn blies durch die Nase, als genügte ihm das Gehörte. +Aber Diederich konnte nicht länger an sich halten. +„Die Vorfrucht der Sozialdemokratie ist der Liberalismus“! +rief er. „Solche Leute wie Buck, Kühlemann und +Eugen Richter machen unsere Arbeiter frech. Mein Betrieb +legt mir die schwersten Opfer an Arbeit und Verantwortung +auf, und dann hab’ ich noch Konflikte mit +meinen Leuten. Und warum? Weil wir nicht einig sind +gegen die rote Gefahr und es gewisse Arbeitgeber gibt, +<pb n='133'/><anchor id='Pgp0133'/>die im sozialistischen Fahrwasser schwimmen, wie zum +Beispiel der Schwiegersohn des Herrn Buck. Was seine +Fabrik einbringt, daran beteiligt der Herr Lauer seine +Arbeiter. Das ist unmoralisch!“ Hier blitzte Diederich. +„Denn es untergräbt die Ordnung, und ich stehe auf dem +Standpunkt, in dieser harten Zeit haben wir Ordnung +nötiger als je, und darum brauchen wir ein festes Regiment, +wie unser herrlicher junger Kaiser es führt. Ich +erkläre, daß ich in allem fest zu Seiner Majestät stehe ...“ +Hier machten die beiden anderen Herren eine Verbeugung, +die Diederich entgegennahm, indes er weiterblitzte. +Im Gegensatz zu dem demokratischen Mischmasch, an den +die absterbende Generation noch glaube, sei der Kaiser +der Vertreter der Jugend, die persönlichste Persönlichkeit, +von erfreulicher Impulsivität und ein höchst origineller +Denker. „Einer soll Herr sein! Auf allen Gebieten!“ +Diederich legte das vollständige Bekenntnis einer scharfen +und schneidigen Gesinnung ab und erklärte, daß mit dem +alten freisinnigen Schlendrian auch in Netzig von Grund +aus aufgeräumt werden müsse. +</p> + +<p> +„Jetzt kommt eine neue Zeit!“ +</p> + +<p> +Jadassohn und der Bürgermeister hörten still zu, bis +er alles herausgesagt hatte; Jadassohns Ohren wurden +dabei noch größer. Dann krähte er: „Auch in Netzig gibt +es kaisertreue Deutsche!“ Und Diederich noch lauter: +„Die aber, die es nicht sind, werden wir uns einmal näher +ansehen. Es wird sich zeigen, ob gewissen Familien die +Stellung, die sie einnehmen, noch zukommt. Vom alten +Buck zu schweigen: wer sind denn seine Leute? Die +Söhne verbauert oder verbummelt, ein Schwiegersohn, +der Sozialist ist, und die Tochter soll ja –“ +</p> + +<p> +Man sah einander an. Der Bürgermeister kicherte und +<pb n='134'/><anchor id='Pgp0134'/>rötete sich blaß. Vor Vergnügen platzte er aus: „Und die +Herren wissen noch gar nicht, daß der Bruder des Herrn +Buck pleite ist!“ +</p> + +<p> +Man äußerte lärmende Genugtuung. Der mit den +fünf eleganten Töchtern! Der Vorsitzende der „Harmonie“! +Aber zu essen, das wußte Diederich, bekamen sie +aus der Volksküche. Daraufhin schenkte der Bürgermeister +nochmals Schnäpse ein und reichte Zigarren. Er zweifelte +plötzlich nicht mehr, daß ein Umschwung bevorstehe. „In +anderthalb Jahren sind die Neuwahlen zum Reichstag. +Bis dahin werden die Herren arbeiten müssen.“ +</p> + +<p> +Diederich schlug vor: „Betrachten wir drei uns schon +jetzt als das engere Wahlkomitee!“ +</p> + +<p> +Jadassohn erklärte es für die erste Notwendigkeit, Fühlung +zu nehmen mit dem Herrn Regierungspräsidenten +von Wulckow. „Streng vertraulich“, setzte der Bürgermeister +hinzu und zwinkerte. Diederich bedauerte, daß +die „Netziger Zeitung“, das größte Organ der Stadt, +sich im freisinnigen Fahrwasser bewege. „So ein Judenblatt!“ +sagte Jadassohn. Wohingegen das regierungstreue +Kreisblatt in der Stadt fast ohne Einfluß sei. Aber +der alte Klüsing in Gausenfeld lieferte das Papier für +beide Blätter. Es schien Diederich nicht unmöglich, durch +ihn, der in der „Netziger Zeitung“ Geld hatte, ihre Haltung +zu beeinflussen. Er mußte Angst bekommen, sonst +das Kreisblatt zu verlieren. „Denn es gibt ja noch eine +Papierfabrik in Netzig“, sagte der Bürgermeister und +schmunzelte. Da trat das Zimmermädchen ein und verkündete, +sie müsse nun den Tisch zum Mittagessen decken; +die gnädige Frau werde gleich zurück sein – „und auch +die Frau Hauptmann“, setzte sie hinzu. Bei der Nennung +dieses Titels erhob der Bürgermeister sich sofort. Wie +<pb n='135'/><anchor id='Pgp0135'/>er seine Gäste hinausgeleitete, hielt er den Kopf gesenkt +und war, trotz der genossenen Schnäpse, ganz milchfarben. +Auf der Treppe zog er Diederich am Ärmel. Jadassohn +war zurückgeblieben, und man hörte das Mädchen leise +kreischen. An der Haustür läutete es schon. +</p> + +<p> +„Mein lieber Herr Doktor,“ wisperte der Bürgermeister, +„Sie haben mich doch nicht mißverstanden. Bei alledem +habe ich natürlich einzig das Interesse der Stadt im Auge. +Mir liegt es selbstverständlich ganz fern, irgend etwas zu +unternehmen, worin ich mich nicht einig weiß mit den Körperschaften, +an deren Spitze zu stehen ich die Ehre habe.“ +</p> + +<p> +Er blinzelte eindringlich. Bevor Diederich sich besonnen +hatte, betraten die Damen das Haus, und der Bürgermeister +ließ Diederichs Ärmel los, um ihnen entgegenzueilen. +Seine Frau, verhutzelt und mit Sorgenfalten, +hatte kaum Zeit, die Herren zu begrüßen; sie mußte die +Kinder trennen, die einander prügelten. Ihre Mutter +aber, einen Kopf höher und noch jugendlich, musterte +streng die geröteten Gesichter der Frühstücksgäste. Dann +schritt sie junonisch auf den Bürgermeister zu, den man +kleiner werden sah ... Assessor Dr. Jadassohn hatte sich +schon von dannen gemacht, Diederich vollführte formelle +Verbeugungen, die unerwidert blieben, und eilte hinterdrein. +Ihm war aber beklommen, er sah unruhig auf der +Straße umher, hörte nicht, was Jadassohn sagte, und +plötzlich kehrte er um. Er mußte mehrmals und heftig +läuten, denn drinnen war großer Lärm. Die Herrschaften +standen noch am Fuße der Treppe, auf der die Kinder sich +schreiend umherstießen, und sie debattierten. Die Frau +Bürgermeister wünschte, daß ihr Gatte beim Schuldirektor +etwas gegen einen Oberlehrer unternehme, der ihren Sohn +schlecht behandelte. Dagegen forderte die Frau Hauptmann +<pb n='136'/><anchor id='Pgp0136'/>von ihrem Schwiegersohn, er solle den Oberlehrer zum +Professor ernennen, denn seine Frau habe den größten Einfluß +im Vorstand der Bethlehemstiftung für gefährdete +Mädchen. Der Bürgermeister beschwor sie abwechselnd +mit den Händen. Endlich konnte er ein Wort anbringen. +</p> + +<p> +„Einerseits ...“, sagte er. +</p> + +<p> +Aber da hatte Diederich ihn am Ärmel ergriffen. Nach +vielen Entschuldigungen in der Richtung der Damen zog +er ihn beiseite, und er flüsterte bebend: „Verehrter Herr +Bürgermeister, es liegt mir daran, Mißverständnissen +vorzubeugen. Ich darf daher wiederholen, daß ich ein +durchaus liberaler Mann bin.“ +</p> + +<p> +Doktor Scheffelweis versicherte flüchtig, daß er hiervon +gerade so überzeugt sei wie von seiner eigenen, gut liberalen +Gesinnung. Schon ward er abgerufen, und Diederich +verließ, ein wenig erleichtert, das Haus. Jadassohn erwartete +ihn grinsend. +</p> + +<p> +„Sie haben wohl Angst gehabt? Lassen Sie nur! Mit +unserem Stadtoberhaupt kompromittiert sich niemand, +er ist immer, wie der liebe Gott, mit den stärksten Bataillonen. +Heute wollte ich nur feststellen, wie weit er sich +schon mit Herrn von Wulckow eingelassen hat. Es steht +nicht übel, wir können uns ein Stück vorwagen.“ +</p> + +<p> +„Vergessen Sie, bitte, nicht,“ sagte Diederich, mit +Zurückhaltung, „daß ich in der Netziger Bürgerschaft +zu Hause und natürlich auch liberal bin.“ +</p> + +<p> +Jadassohn sah ihn von der Seite an. „Neuteutonia?“ +fragte er. Und als Diederich sich erstaunt umwandte: +„Wie geht es denn meinem alten Freund Wiebel?“ +</p> + +<p> +„Sie kennen ihn? Er war mein Leibbursch!“ +</p> + +<p> +„Kennen! Ich habe mit ihm gehangen.“ +</p> + +<p> +Diederich ergriff die Hand, die Jadassohn hinhielt, sie +<pb n='137'/><anchor id='Pgp0137'/>schüttelten einander kraftvoll. „Na dann!“ „Na also!“ +Und Arm in Arm gingen sie in den Ratskeller, Mittag essen. +</p> + +<milestone unit="tb"/> + +<p> +Dort war es einsam und dämmerig, hinten ward für sie +das Gas angezündet, und bis die Suppe kam, machten sie +alte Kommilitonen ausfindig. Der dicke Delitzsch! Diederich +berichtete mit der Genauigkeit eines Augenzeugen über +seinen tragischen Tod. Das erste Glas Rauenthaler weihten +sie still seinem Andenken. Es zeigte sich, daß auch Jadassohn +die Februarkrawalle mitgemacht und damals die Macht +verehren gelernt hatte, wie Diederich. „Seine Majestät hat +einen Mut bewiesen,“ sagte der Assessor, „daß einem +schwindlig werden konnte. Mehrmals habe ich, weiß Gott, +geglaubt –.“ Er stockte, sie sahen schaudernd einander in +die Augen. Um über die entsetzliche Vorstellung hinwegzukommen, +erhoben sie die Gläser. „Gestatte mir“, sagte +Jadassohn. „Ziehe gleich mit“, erwiderte Diederich. Und +Jadassohn: „Werte Lieben mit eingeschlossen.“ Und +Diederich: „Werde zu Hause davon zu rühmen wissen.“ +</p> + +<p> +Dann ließ sich Jadassohn, obwohl sein Essen kalt ward, +auf eine ausführliche Würdigung des kaiserlichen Charakters +ein. Die Philister, Nörgler und Juden mochten an +ihm aussetzen was sie wollten, alles in allem war unser +herrlicher junger Kaiser die persönlichste Persönlichkeit, +von erfreulicher Impulsivität und ein höchst origineller +Denker. Diederich glaubte dies auch schon festgestellt zu +haben und nickte befriedigt. Er sagte sich, daß das Äußere +eines Menschen zuweilen trüge, und daß die deutsche Gesinnung +nicht notwendig von der Größe der Ohren abhänge. +Sie leerten ihre Gläser auf den glücklichen Ausgang +des Kampfes für Thron und Altar, gegen den Umsturz +in jeder Form und Verkleidung. +</p> + +<pb n='138'/><anchor id='Pgp0138'/> + +<p> +So gelangten sie wieder zu den Zuständen in Netzig. +Sie waren sich einig darin, daß der neue nationale Geist, +für den es die Stadt zu erobern galt, kein anderes Programm +brauche als den Namen Seiner Majestät. Die +politischen Parteien waren alter Trödel, wie Seine Majestät +selbst gesagt hatte. „Ich kenne nur zwei Parteien, +die für mich und die wider mich“, hatte er gesagt, und so +war es. In Netzig überwog leider noch die Partei, die +gegen ihn war, aber das sollte sich ändern, und zwar – +dies war Diederich klar – vermittels des Kriegervereins. +Jadassohn, der ihm nicht angehörte, übernahm es gleichwohl, +Diederich mit den leitenden Persönlichkeiten bekannt +zu machen. Da war vor allem Pastor Zillich, ein Korpsbruder +von Jadassohn, ein echt deutscher Mann! Gleich +nachher wollten sie ihn besuchen. Sie tranken auf sein Wohl. +Auch auf seinen Hauptmann trank Diederich, den Hauptmann, +der aus einem strengen Vorgesetzten sein bester +Freund geworden war. „Das Dienstjahr ist doch das Jahr, +das ich aus meinem Leben am wenigsten missen möchte.“ +Unvermittelt und schon ziemlich gerötet, rief er aus: +</p> + +<p> +„Und solche erhebenden Erinnerungen möchten diese +Demokraten uns verekeln!“ +</p> + +<p> +Der alte Buck! Diederich konnte sich plötzlich nicht fassen +vor Wut, er stammelte: „Am Dienen will solch ein Mensch +uns hindern, er sagt, wir sind Knechte! Weil er mal Revolution +gemacht hat –“ +</p> + +<p> +„Das ist ja schon nicht mehr wahr“, sagte Jadassohn. +</p> + +<p> +„Darum sollen wir uns wohl alle zum Tode verurteilen +lassen? Hätten sie ihn wenigstens geköpft!... Die +Hohenzollern sollen uns schlecht bekommen sein!“ +</p> + +<p> +„Ihm sicher“, sagte Jadassohn und tat einen großen Zug. +</p> + +<p> +„Aber ich stelle fest –“ Diederich rollte die Augen –, +<pb n='139'/><anchor id='Pgp0139'/>„daß ich all seinen lästerlichen Unfug nur angehört habe, +um mich darüber zu unterrichten, wes Geistes Kind er +ist. Ich nehme Sie zum Zeugen, Herr Assessor! Wenn der +alte Intrigant jemals behaupten sollte, daß ich sein Freund +bin und seine infamen Majestätsbeleidigungen gebilligt +habe, dann nehme ich Sie zum Zeugen, daß ich gleich +heute protestiert habe!“ +</p> + +<p> +Der Schweiß brach ihm aus, denn er dachte an die +Sache mit der Baukommission und an den Schutz, den +er bei ihr genießen sollte ... Unvermittelt warf er ein +Buch auf den Tisch, ein kleines, fast quadratisches Buch, +und stieß ein Hohngelächter dabei aus. +</p> + +<p> +„Dichten tut er auch!“ +</p> + +<p> +Jadassohn blätterte. „Turnerlieder. Aus der Gefangenschaft. +Ein Hoch der Republik! und Am Weiher lag ein +Jüngling, trübselig anzuschauen ... Stimmt, so waren +die. Sträflinge versorgen und an den Grundlagen rütteln. +Sentimentaler Umsturz. Gesinnung verdächtig und Haltung +schlapp. Da stehen wir, Gott sei Dank, anders da.“ +</p> + +<p> +„Das wollen wir hoffen“, sagte Diederich. „In der +Verbindung haben wir Mannhaftigkeit und Idealismus +gelernt, das genügt, da erübrigt sich das Dichten.“ +</p> + +<p> +„Fort mit euren Altarkerzen!“ deklamierte Jadassohn. +„Das ist etwas für meinen Freund Zillich. Jetzt hat er +sein Schläfchen hinter sich, wir können losgehen.“ +</p> + +<p> +Sie fanden den Pastor beim Kaffee. Er wollte Frau +und Tochter sogleich hinausschicken, Jadassohn hielt die +Hausfrau galant zurück und versuchte auch dem Fräulein +die Hand zu küssen, aber sie wandte ihm den Rücken. Diederich, +sehr aufgeheitert, bat die Damen dringend, zu +bleiben, und ihm gelang es. Er erklärte ihnen, daß Netzig +nach Berlin beträchtlich still wirke. „Die Damenwelt ist +<pb n='140'/><anchor id='Pgp0140'/>auch noch zurück. Mein Ehrenwort, gnädiges Fräulein, +Sie sind hier die erste, die ruhig Unter den Linden spazierengehen +könnte, und kein Mensch würde merken, daß +Sie aus Netzig sind.“ Darauf erfuhr er, daß sie wirklich +einmal in Berlin gewesen war, und sogar bei Ronacher. +Diederich zog hieraus Vorteil, er erinnerte sie an ein dort +gehörtes Couplet, das er ihr aber nur ins Ohr sagen +könne. „Unsre lieben süßen Dam’n, zeigen alles, was sie +ham’n“ ... Da sie einen dreisten Seitenblick warf, +streifte er mit dem Bart ihren Hals. Sie sah ihn flehend +an, worauf er ihr erst recht versicherte, daß sie ein „reizender +Käfer“ sei. Sie flüchtete mit geschlossenen Augen +zu ihrer Mutter, die alles überwacht hatte. Der Pastor +war mit Jadassohn in ernstem Gespräch. Er klagte, daß +der Kirchenbesuch in Netzig unerhört vernachlässigt werde. +</p> + +<p> +„Am Sonntag Jubilate: verstehen Sie wohl, am Sonntag +Jubilate habe ich vor dem Küster und drei alten +Damen aus dem Jungfrauenstift predigen müssen. Die +anderen hatten Influenza.“ +</p> + +<p> +Jadassohn sagte: „Bei der lauen, um nicht zu sagen, +feindseligen Haltung, die die herrschende Partei den kirchlichen +und religiösen Dingen gegenüber einnimmt, muß +man sich über die drei alten Damen wundern. Warum +besuchen sie nicht lieber die freigeistigen Vorträge des +Doktors Heuteufel?“ +</p> + +<p> +Da schnellte der Pastor vom Stuhl. Sein Bart schien +aufzuschäumen, so sehr schnob er, und sein Gehrock warf +wilde Falten. „Herr Assessor!“ brachte er hervor. „Dieser +Mensch ist mein Schwager, und die Rache ist mein! +spricht der Herr. Aber obwohl dieser Mensch mein Schwager +und meiner leiblichen Schwester Mann ist, kann ich +den Herrn nur anflehen, ja, mit gerungenen Händen +an<pb n='141'/><anchor id='Pgp0141'/>flehen, daß er von seinem Rachestrahl Gebrauch mache. +Denn sonst würde er eines Tages genötigt sein, Pech +und Schwefel auf ganz Netzig regnen zu lassen. Kaffee, +verstehen Sie, Kaffee gibt Heuteufel den Leuten umsonst, +damit sie kommen und ihre Seele von ihm fangen lassen. +Und dann erzählt er ihnen, die Ehe sei kein Sakrament, +sondern ein Vertrag – als ob ich mir einen Anzug bestelle.“ +– Der Pastor lachte vor Erbitterung. +</p> + +<p> +„Pfui“, sagte Diederich mit tiefer Stimme. Und indes +Jadassohn den Pastor seines positiven Christentums versicherte, +begann Diederich schon wieder, im Schutz eines +Sessels, sich Käthchen handgreiflich zu nähern. „Fräulein +Käthchen,“ sagte er dabei, „ich kann Ihnen auf das bestimmteste +erklären, daß für mich die Ehe tatsächlich ein +Sakrament ist.“ Käthchen erwiderte: +</p> + +<p> +„Schämen Sie sich, Herr Doktor.“ +</p> + +<p> +Ihm ward heiß. „Machen Sie nicht solche Augen!“ +</p> + +<p> +Käthchen seufzte. „Sie sind schrecklich raffiniert. Wahrscheinlich +sind Sie auch nicht besser als der Herr Assessor +Jadassohn. Ihre Schwestern haben mir schon erzählt, +was Sie in Berlin alles angestellt haben. Es sind doch +meine besten Freundinnen.“ +</p> + +<p> +Dann werde man sich doch bald wiedersehen? – Ja, +in der „Harmonie“. „Aber Sie brauchen nicht zu denken, +daß ich Ihnen irgendwas glaube. Sie sind ja mit Guste +Daimchen zusammen am Bahnhof angekommen.“ +</p> + +<p> +Was das beweise, fragte Diederich. Er protestiere +gegen alle Folgerungen, die man aus dieser rein zufälligen +Tatsache etwa ziehen wolle. Fräulein Daimchen +sei übrigens verlobt. +</p> + +<p> +„Ach die!“ machte Käthchen. „Die geniert das nicht, +sie ist so gräßlich kokett.“ +</p> + +<pb n='142'/><anchor id='Pgp0142'/> + +<p> +Auch die Frau Pastor bestätigte es. Noch heute habe +sie Guste in Lackschuhen und lila Strümpfen gesehen. Das +verspreche nichts Gutes. Käthchen verzog den Mund. +</p> + +<p> +„Na und die Erbschaft –.“ +</p> + +<p> +Dieser Zweifel machte, daß Diederich bestürzt verstummte. +Der Pastor hatte dem Assessor soeben die Notwendigkeit +zugegeben, die Lage der christlichen Kirche in Netzig +einmal näher mit den Herren zu erörtern und verlangte von +seiner Frau den Mantel und den Hut. Auf der Treppe war +es schon dunkel. Da die beiden anderen vorangingen, konnte +Diederich noch einmal Käthchens Hals überfallen. Sie +sagte ersterbend: „So mit dem Bart kitzeln tut keiner in +Netzig“ – was ihm zuerst schmeichelte, gleich darauf aber +gab es ihm peinliche Vermutungen ein. So ließ er Käthchen +einfach los und verschwand. Jadassohn erwartete ihn +unten, er sagte leise: „Nur Mut! Der Alte hat nichts gemerkt, +und die Mutter tut so.“ Er zwinkerte aufdringlich. +</p> + +<p> +An der Marienkirche vorüber wollten die drei Herren +den Markt erreichen, der Pastor blieb aber stehen, mit +einer Kopfbewegung deutete er hinter sich. „Die Herren +wissen wohl, wie die Gasse heißt, links von der Kirche +unter dem Bogen? Dies schwarze Loch von einer Gasse, +oder vielmehr das gewisse Haus darin.“ +</p> + +<p> +„Klein-Berlin“, sagte Jadassohn, denn der Pastor ging +nicht weiter. +</p> + +<p> +„Klein-Berlin“, wiederholte er, schmerzlich lächelnd, und +noch einmal mit der Gebärde heiligen Zornes, so daß +mehrere Leute sich umsahen: „Klein-Berlin ... Im Schatten +meiner Kirche! Solch ein Haus! Und der Magistrat +will mich nicht hören, er spottet meiner. Aber er spottet +noch eines anderen, –“ damit setzte sich der Pastor wieder +in Bewegung – „und der lässet seiner nicht spotten.“ +</p> + +<pb n='143'/><anchor id='Pgp0143'/> + +<p> +Auch Jadassohn war der Meinung, daß er seiner nicht +spotten lasse. Diederich aber sah, indes seine Begleiter +sich ereiferten, vom Rathaus her Guste Daimchen nahen. +Er neigte formvoll den Hut vor ihr, und sie lächelte +schnippisch. Ihm fiel auf, daß Käthchen Zillich gerade so +weißblond war und auch diese kleine, frech eingedrückte +Nase hatte. Eigentlich war es gleich, ob die oder die. +Guste freilich zeichnete sich durch eine handliche Breite aus. +„Und die läßt sich nichts gefallen. Gleich hat man eine Ohrfeige.“ +Er wandte sich um nach Guste: von hinten war sie +außerordentlich rund und wackelte. In diesem Augenblick +war es für Diederich entschieden: Die oder keine! +</p> + +<p> +Die beiden anderen hatten sie nachträglich auch bemerkt. +</p> + +<p> +„War das nicht das Töchterchen der Frau Oberinspektor +Daimchen?“ fragte der Pastor; und er setzte hinzu: +„Unsere Bethlehemstiftung für gefährdete Jungfrauen +wartet noch immer auf die Zuwendungen der Guten. +Ob Fräulein Daimchen zu den Guten gehört? Die Leute +sagen, sie habe eine Million geerbt.“ +</p> + +<p> +Jadassohn beeilte sich, dies für weit übertrieben zu +erklären. Diederich widersprach; er kenne die Verhältnisse, +der verstorbene Onkel habe mit Zichorie noch viel +mehr verdient, als man glaube. Er behauptete es so lange, +bis der Assessor ihm verhieß, er werde durch das Gericht +in Magdeburg die Wahrheit in Erfahrung bringen. +Darauf schwieg Diederich, zufriedengestellt. +</p> + +<p> +„Übrigens“, sagte Jadassohn, „fällt das Geld doch nur +an die Bucks, will sagen an den Umsturz.“ Aber Diederich +wollte auch hierüber besser unterrichtet sein. „Fräulein +Daimchen und ich sind nämlich zusammen hier angekommen“, +sagte er versuchsweise. – „Ach so“, machte Jadassohn. +„Darf man etwa gratulieren?“ Diederich hob die +<pb n='144'/><anchor id='Pgp0144'/>Achseln wie bei einer Taktlosigkeit. Jadassohn entschuldigte +sich; er habe nur geglaubt, der junge Buck –. +</p> + +<p> +„Wolfgang?“ fragte Diederich. „Mit dem war ich in +Berlin täglich zusammen. Er lebt dort mit einer Schauspielerin.“ +</p> + +<p> +Der Pastor räusperte sich mißbilligend. Da man eben +auf den Theaterplatz gelangte, sah er streng hinüber. +Er versetzte: +</p> + +<p> +„Klein-Berlin liegt wohl bei meiner Kirche, aber doch +wenigstens in einem dunklen Winkel. Dieser Tempel +der Sittenlosigkeit brüstet sich auf offenem Platz, und +unsere Söhne und Töchter –“ er zeigte nach dem Bühneneingang, +wo einige Mitglieder des Theaters standen – +„streifen mit dem Ärmel an Buhldirnen!“ +</p> + +<p> +Diederich erklärte dies, mit bekümmerter Miene, für tief +bedauerlich – während Jadassohn sich über die „Netziger +Zeitung“ entrüstete, die frohlockt hatte, weil in den Stücken +der letzten Saison vier uneheliche Kinder vorgekommen +seien, und die das für einen Fortschritt hielt! +</p> + +<milestone unit="tb"/> + +<p> +Inzwischen bogen sie in die Kaiser-Wilhelm-Straße und +hatten verschiedene Herren zu grüßen, die eben das Haus +der Loge betraten. Als sie die tief gezogenen Hüte wieder +aufgesetzt hatten und vorüber waren, sagte Jadassohn: +</p> + +<p> +„Man wird sich die Herrschaften merken müssen, die +den freimaurerischen Unfug noch mitmachen. Seine Majestät +mißbilligt ihn entschieden.“ +</p> + +<p> +„Von meinem Schwager Heuteufel wundert mich selbst +das gefährlichste Sektenwesen nicht“, erklärte der Pastor. +</p> + +<p> +„Nun, und der Herr Lauer?“ meinte Diederich. „Ein +Mensch, der sich nicht entblödet, seine Arbeiter am Gewinn +zu beteiligen? Dem ist alles zuzutrauen!“ +</p> + +<pb n='145'/><anchor id='Pgp0145'/> + +<p> +„Das Unerhörteste“, behauptete Jadassohn, „ist doch, +daß Herr Landgerichtsrat Fritzsche sich in dieser Judengesellschaft +zeigt: ein königlicher Landgerichtsrat Arm in +Arm mit dem Wucherer Cohn. Wie haißt Cohn“, machte +Jadassohn und steckte den Daumen unter die Achsel. +</p> + +<p> +Diederich sagte: „Da er ja mit der Frau Lauer –“ Er +brach ab und erklärte, dann begreife er allerdings, daß diese +Leute vor Gericht immer recht bekämen. „Sie halten zusammen +und schmieden Ränke.“ Pastor Zillich murmelte +sogar etwas von Orgien, die sie in dem Haus dort feiern +sollten und bei denen schon unaussprechliche Dinge vorgekommen +waren. Aber Jadassohn lächelte bedeutsam: +</p> + +<p> +„Nun, glücklicherweise sieht ihnen Herr von Wulckow +gerade in die Fenster hinein.“ Und Diederich nickte beifällig +zu dem Gebäude der Regierung hinüber. Gleich +daneben, vor dem Bezirkskommando, ging ein Wachtposten +auf und ab. „Da lacht einem doch das Herz, wenn man +das Gewehr so eines braven Burschen blinken sieht!“ rief +Diederich aus. „Damit halten wir die Bande in Schach.“ +</p> + +<p> +Das Gewehr blinkte freilich nicht, denn es ward dunkel. +Schon schoben sich Abteilungen heimkehrender Arbeiter +durch das abendliche Gedränge. Jadassohn schlug einen +Dämmerschoppen bei Klappsch vor, gleich um die Ecke. +Dort war es gemütlich, zu dieser Stunde kam niemand +hin. Auch war Klappsch ein Gutgesinnter, der dem Pastor, +indes seine Tochter das Bier brachte, seinen heißen Dank +aussprach für die segensreiche Arbeit, die er in der Bibelstunde +an seinen Jungen vollbringe. Der Älteste hatte +zwar doch wieder Zucker gestohlen, dafür aber hatte er +nachts nicht schlafen können, sondern seine Sünde Gott +so laut gebeichtet, daß Klappsch es hörte und ihn durchprügeln +konnte. Von da kam das Gespräch auf die +Be<pb n='146'/><anchor id='Pgp0146'/>amten der Regierung, die Klappsch mit Frühstück versorgte +und von denen er berichten konnte, wie sie am +Sonntag die Kirchzeit verbrachten. Jadassohn machte sich +Notizen, und gleichzeitig verschwand seine Hand hinter +Fräulein Klappsch. Diederich besprach mit Pastor Zillich +die Gründung eines christlichen Arbeitervereins. Er verhieß: +„Wer von meinen Leuten nicht ’rein will, fliegt!“ +Diese Aussichten heiterten den Pastor auf; nachdem +Fräulein Klappsch mehrmals Bier und Kognak gebracht +hatte, befand er sich in demselben Zustand hoffnungsvoller +Entschlossenheit, den seine beiden Gefährten im Laufe +des Tages erreicht hatten. +</p> + +<p> +„Mein Schwager Heuteufel“, rief er und schlug auf +den Tisch, „soll so viel von der Affenverwandtschaft predigen, +wie er will, ich krieg’ meine Kirche doch wieder voll!“ +</p> + +<p> +„Nicht nur Ihre“, beteuerte Diederich. +</p> + +<p> +„Na, es gibt nun mal zu viele Kirchen in Netzig“, gestand +der Pastor. Da sagte Jadassohn schneidend: „Zu +wenige, Mann Gottes, zu wenige!“ Und er nahm Diederich +zum Zeugen, wie in Berlin die Dinge sich entwickelt +hatten. Auch dort standen die Kirchen leer, bis Seine +Majestät selbst eingegriffen hatte. „Sorgen Sie dafür,“ +hatte er einer Abordnung der städtischen Behörden gesagt, +„daß in Berlin Kirchen gebaut werden.“ Nun wurden +sie gebaut, die Religion war wieder aktuell, es kam +Betrieb hinein. Und alle, der Pastor, der Kneipwirt, +Jadassohn und Diederich begeisterten sich für die tiefe +Frömmigkeit des Monarchen. Da fiel ein Schuß. +</p> + +<p> +„Es hat geknallt!“ Jadassohn sprang zuerst auf, alle +sahen erbleicht einander an. Vor Diederichs innerem +Auge erschien blitzschnell das knochige Gesicht Napoleon +Fischers, seines Maschinenmeisters, mit dem schwarzen +<pb n='147'/><anchor id='Pgp0147'/>Bart, durch den man die graue Haut sah, und er stammelte: +„Der Umsturz! Es geht los!“ Draußen war Getrappel +von Laufenden: auf einmal griffen alle nach ihren +Hüten und rannten hinaus. +</p> + +<p> +Die Leute, die sich schon angesammelt hatten, hielten +in einem scheuen Bogen von der Ecke des Bezirkskommandos +bis an die Treppe der Freimaurerloge. Drüben, +wo der Kreis offen stand, lag jemand, das Gesicht nach +unten, mitten auf der Straße. Und der Soldat, der vorhin +so munter auf und ab gegangen war, stand jetzt unbeweglich +vor seinem Schilderhaus. Der Helm hatte +sich ihm verschoben, man sah, daß er bleich war, den Mund +offen hatte und auf den Gefallenen hinstierte – indes +er sein Gewehr beim Lauf hielt und es am Boden schleppen +ließ. Im Publikum, zumeist Arbeitern und Frauen +aus dem Volk, ward dumpf gemurrt. Plötzlich sagte eine +Männerstimme sehr laut: „Oho!“ – und darauf trat tiefe +Stille ein. Diederich und Jadassohn verständigten sich durch +einen blassen Blick über das Kritische des Augenblicks. +</p> + +<p> +Die Straße herunter lief ein Schutzmann und ihm voraus +ein Mädchen, dessen Rock wehte und das schon von +weitem rief: +</p> + +<p> +„Da liegt er! Der Soldat hat geschossen!“ +</p> + +<p> +Sie war angelangt, sie warf sich auf die Knie, sie rüttelte +den Mann. „Auf! Steh doch auf!“ +</p> + +<p> +Sie wartete. In seinen Füßen schien es zu zucken; +aber er blieb liegen, Arme und Beine über das Pflaster +gestreckt. Da schrie sie los: „Karl!“ Es gellte, daß alle +auffuhren. Frauen schrien mit, mehrere Männer stürzten +vor, die Fäuste geballt. Die Ansammlung war dichter geworden; +zwischen den Wagen, die halten mußten, quoll +Nachschub hervor; und in dem drohenden Gedränge +<pb n='148'/><anchor id='Pgp0148'/>arbeitete das Mädchen sich ab, unter ihren aufgelösten +Haaren, die flatterten, und mit verzerrtem, nassem Gesicht, +woraus wohl Geschrei kam, aber man hörte es nicht, +der Lärm verschlang es. +</p> + +<p> +Der einzige Schutzmann drängte mit ausgebreiteten +Armen die Menge zurück, sie trat sonst auf den Liegenden. +Er schrie vergebens gegen sie an, tanzte ihr auf den Füßen +und sah sich, den Kopf verlierend, in der Luft nach Hilfe um. +</p> + +<p> +Und sie kam. Im Regierungsgebäude ging ein Fenster +auf, ein großer Bart erschien, und eine Stimme drang +heraus, eine furchtbare Baßstimme, die jeder, auch wenn +er sie noch nicht verstand, durch allen Aufruhr dröhnen +hörte wie fernen Kanonendonner. +</p> + +<p> +„Wulckow“, sagte Jadassohn. „Na endlich.“ +</p> + +<p> +„Ich verbitte mir das!“ tönte es herunter. „Wer erlaubt +sich hier vor meinem Hause Lärm zu machen?“ Und +da es schon ruhiger ward: +</p> + +<p> +„Wo ist der Posten?“ +</p> + +<p> +Jetzt sahen die meisten erst, daß der Soldat sich in sein +Schilderhaus zurückgezogen hatte: so tief wie möglich, +und nur der Gewehrlauf stand hervor. +</p> + +<p> +„Komm ’raus, mein Sohn!“ befahl der Baß von oben. +„Du hast deine Pflicht getan. Er hat dich gereizt. Für +deine Tapferkeit wird Seine Majestät dich belohnen. +Verstanden?“ +</p> + +<p> +Alle hatten ihn verstanden und waren <anchor id="corr148"/><corr sic="verstummt.">verstummt,</corr> sogar +das Mädchen. Um so ungeheurer dröhnte er. +</p> + +<p> +„Zerstreut euch sofort, sonst lass’ ich schießen!“ +</p> + +<p> +Eine Minute, und einige liefen schon. Gruppen von +Arbeitern lösten sich los, zögerten – und gingen wieder +ein Stück weiter, mit gesenkten Köpfen. Der Regierungspräsident +rief noch hinunter: +</p> + +<pb n='149'/><anchor id='Pgp0149'/> + +<p> +„Paschke, holen Sie mal ’n Doktor!“ +</p> + +<p> +Dann klappte er das Fenster wieder zu. Im Eingang +der Regierung aber ward es lebendig. Plötzlich waren +Herren da, die kommandierten, eine Menge Schutzleute +liefen von allen Seiten zusammen, knufften auf das Publikum +ein, das noch übrig war, und schrien ganz allein. +Diederich und seine Begleiter, die sich hinter ihre Ecke +zurückgezogen hatten, sahen drüben auf der Treppe der +Loge einige Herren stehen. Jetzt machte Doktor Heuteufel +sich zwischen ihnen Platz. „Ich bin Arzt“, sagte er laut, +ging rasch über die Straße und beugte sich zu dem Verwundeten. +Er wendete ihn um, öffnete ihm die Weste +und legte das Ohr an seine Brust. In diesem Augenblick +waren alle still, sogar die Schutzleute schrien nicht mehr; +das Mädchen aber stand da, vorwärts geneigt, die Schultern +hinaufgezogen wie unter einem drohenden Schlag, +und die Faust am Herzen geballt, als sei es dies Herz, +das nun stillstehen sollte. +</p> + +<p> +Doktor Heuteufel erhob sich. „Der Mann ist tot“, sagte +er. Gleichzeitig bemerkte er das Mädchen, das schwankte. +Er griff nach ihr. Aber sie stand schon wieder, sie sah auf +das Gesicht des Toten nieder und sagte nur: „Karl.“ Noch +leiser: „Karl.“ Doktor Heuteufel sah umher und fragte: +„Was soll mit dem Mädchen geschehen?“ +</p> + +<p> +Da trat Jadassohn vor. „Assessor Jadassohn von der +Staatsanwaltschaft“, sagte er. „Das Mädchen ist abzuführen. +Da ihr Geliebter den Posten gereizt hat, liegt +Verdacht vor, daß sie sich an der strafbaren Handlung beteiligt +hat. Wir werden die Untersuchung einleiten.“ +</p> + +<p> +Zwei Schutzleute, denen er winkte, faßten das Mädchen +schon an. Doktor Heuteufel erhob die Stimme: „Herr +Assessor, ich erkläre als Arzt, daß der Zustand des Mädchens +<pb n='150'/><anchor id='Pgp0150'/>seine Verhaftung nicht zuläßt.“ Jemand sagte: „Führen +Sie doch auch den Toten ab!“ Aber Jadassohn krähte: +„Herr Fabrikbesitzer Lauer, ich verbitte mir jede Kritik +meiner amtlichen Maßnahmen!“ +</p> + +<p> +Diederich inzwischen hatte Zeichen hoher Erregung +von sich gegeben. „Oh!... Ah!... Aber das ist –.“ +Er war ganz bleich; er setzte an: „Meine Herren ... +Meine Herren, ich bin in der Lage –. Ich kenne diese +Leute: jawohl, den Mann und das Mädchen. Doktor +Heßling mein Name. Beide waren bis heute in meiner +Fabrik beschäftigt. Ich mußte sie entlassen wegen +öffentlich begangener unsittlicher Handlungen.“ +</p> + +<p> +„Aha!“ machte Jadassohn. Pastor Zillich rührte sich. „Das +ist fürwahr der Finger Gottes“, sagte er. Der Fabrikant +Lauer hatte sich in seinem grauen Spitzbart heftig gerötet, +seine gedrungene Gestalt ward geschüttelt vom Zorn. +</p> + +<p> +„Über den Finger Gottes läßt sich streiten. Sicher scheint +nur, Herr Doktor Heßling, daß der Mann sich zu Ausschreitungen +hat hinreißen lassen, weil die Entlassung ihm +zu Herzen gegangen ist. Er hatte eine Frau, vielleicht +auch Kinder.“ +</p> + +<p> +„Sie waren gar nicht verheiratet“, sagte Diederich, +seinerseits entrüstet. „Ich weiß es von ihm selbst.“ +</p> + +<p> +„Was ändert das,“ fragte Lauer. Da erhob der Pastor +die Arme. „Sind wir denn schon so weit,“ rief er, „daß +es nichts ändert, ob das sittliche Gesetz Gottes befolgt wird +oder nicht?“ +</p> + +<p> +Lauer erklärte es für unangebracht, auf der Straße und +im Augenblick, wo jemand mit behördlicher Billigung totgeschossen +worden sei, über sittliche Gesetze zu debattieren; +und er wandte sich an das Mädchen, um ihm Arbeit in +seiner Werkstatt anzubieten. Inzwischen war ein +Sanitäts<pb n='151'/><anchor id='Pgp0151'/>wagen angelangt; der Tote ward vom Boden aufgenommen. +Wie man ihn aber hineinschob, fuhr das Mädchen +aus seiner Starrheit empor, stürzte sich über die Bahre, entriß +sie, ehe man es sich versah, den Männern, daß sie niederfiel +– und zusammen mit dem Toten, in ihn verkrampft +und unter gellendem Geschrei rollte sie auf das Pflaster. +Mit großer Mühe ward sie von dem Leichnam gelöst +und in eine Droschke gehoben. Der Assistenzarzt, der +den Krankenwagen begleitet hatte, fuhr mit ihr fort. +</p> + +<p> +Auf den Fabrikanten Lauer, der mit Heuteufel und den +anderen Logenbrüdern weitergehen wollte, trat Jadassohn +zu, in drohender Haltung. „Einen Augenblick, bitte. Sie +äußerten da vorhin, daß hier mit behördlicher Billigung +– ich nehme die Herren zu Zeugen, daß dies Ihr Ausdruck +war – also mit behördlicher Billigung jemand totgeschossen +sei. Ich möchte fragen, ob das von Ihrer Seite +vielleicht eine Mißbilligung der Behörde bedeuten sollte.“ +</p> + +<p> +„Ach so“, machte Lauer und sah ihn an. „Mich möchten +Sie wohl auch abführen lassen?“ +</p> + +<p> +„Zugleich“, fuhr Jadassohn mit hoher, schneidiger +Stimme fort, „mache ich Sie darauf aufmerksam, daß +das Verhalten eines Postens, der ein ihn belästigendes +Individuum niederschießt, vor wenigen Monaten, nämlich +im Fall Lück, von maßgebender Stelle als korrekt +und tapfer bezeichnet und durch Auszeichnungen und +Gnadenbeweise belohnt worden ist. Hüten Sie sich vor +einer Kritik der Allerhöchsten Handlungen!“ +</p> + +<p> +„Ich habe keine ausgesprochen,“ sagte Lauer. „Ausgesprochen +habe ich bis jetzt nur meine Mißbilligung des +Herrn dort mit dem gefährlichen Schnurrbart.“ +</p> + +<p> +„Wie?“ fragte Diederich, der noch immer die Pflastersteine +ansah, wo der Erschossene gefallen war und wo ein +<pb n='152'/><anchor id='Pgp0152'/>wenig Blut lag. Er begriff endlich, daß er herausgefordert +war. +</p> + +<p> +„Der Schnurrbart wird von Seiner Majestät getragen!“ +sagte er fest. „Es ist die deutsche Barttracht. Im übrigen +lehne ich jede Diskussion mit einem Arbeitgeber ab, der +den Umsturz fördert.“ +</p> + +<p> +Lauer öffnete schon wütend den Mund, obwohl der +Bruder des alten Buck, Heuteufel, Cohn und Landgerichtsrat +Fritzsche ihn fortziehen wollten; und neben Diederich +reckten sich kampfbereit Jadassohn und Pastor Zillich: – +da erschien im Eilschritt eine Abteilung Infanterie, sperrte +die Straße ab, die ganz geleert war, und der Leutnant, +der die Führung hatte, forderte die Herren zum Weitergehen +auf. Alle gehorchten schleunigst; sie sahen noch, +wie der Leutnant vor den Wachtposten hintrat und ihm +die Hand schüttelte. +</p> + +<p> +„Bravo!“ sagte Jadassohn. Und Doktor Heuteufel: „Morgen +kommen nun Hauptmann, Major und Oberst dran, +müssen belobigen und dem Kerl Geldgeschenke machen.“ +</p> + +<p> +„Sehr richtig!“ sagte Jadassohn. +</p> + +<p> +„Aber –“ Heuteufel blieb stehen. „Meine Herren, +verständigen wir uns doch. Hat denn das alles einen +Sinn? Nur weil dieser Bauerntölpel keinen Spaß verstanden +hat? Ein Witz, ein gutmütiges Lachen nur, und +er entwaffnet den Arbeiter, der ihn herausfordern möchte, +seinen Kameraden, einen armen Teufel wie er selbst. +Statt dessen befiehlt man ihm zu schießen. Und nachher +kommen die großen Worte.“ +</p> + +<p> +Landgerichtsrat Fritzsche stimmte bei und riet zur +Mäßigung. Da sagte Diederich, noch bleich und mit einer +Stimme, die erschauerte: +</p> + +<p> +„Das Volk muß die Macht fühlen! Das Gefühl der +<pb n='153'/><anchor id='Pgp0153'/>kaiserlichen Macht ist mit einem Menschenleben nicht zu +teuer bezahlt!“ +</p> + +<p> +„Wenn es nur nicht Ihres ist“, sagte Heuteufel. Und +Diederich, die Hand auf der Brust: +</p> + +<p> +„Wenn es auch meins wäre!“ +</p> + +<milestone unit="tb"/> + +<p> +Heuteufel zuckte die Achseln. Während man weiterging, +versuchte Diederich dem Pastor Zillich, mit dem er ein Stück +zurückblieb, seine Empfindungen zu erklären. „Für mich“, +sagte er, schnaufend vor innerer Bewegung, „hat der Vorgang +etwas direkt Großartiges, sozusagen Majestätisches. +Daß da einer, der frech wird, einfach abgeschossen werden +kann, ohne Urteil, auf offener Straße! Bedenken Sie: mitten +in unserem bürgerlichen Stumpfsinn kommt so was – +Heroisches vor! Da sieht man doch, was Macht heißt!“ +</p> + +<p> +„Wenn sie von Gottes Gnaden ist“, ergänzte der Pastor. +</p> + +<p> +„Natürlich. Das ist es eben. Drum hab’ ich geradezu +eine religiöse Erhebung von der Sache. Man merkt doch +manchmal, daß es höhere Dinge gibt, Gewalten, denen +wir alle unterworfen sind. Denn zum Beispiel bei dem +Berliner Krawall, vorigen Februar, als Seine Majestät +sich mit so phänomenaler Kaltblütigkeit in den tobenden +Aufruhr hinauswagten: na, ich sage nur –“ Da die übrigen +vor dem Ratskeller stehengeblieben waren, erhob +Diederich die Stimme. „Wenn damals der Kaiser die ganzen +Linden hätte vom Militär absperren und in uns alle +hätte ’reinschießen lassen, immer feste ’rein, sag ich ...“ +</p> + +<p> +„Sie hätten Hurra geschrien,“ schloß Doktor Heuteufel. +</p> + +<p> +„Sie vielleicht nicht?“ fragte Diederich und versuchte +zu blitzen. „Ich hoffe doch, wir empfinden alle national!“ +</p> + +<p> +Der Fabrikant Lauer wollte schon wieder unvorsichtig entgegnen, +ward aber zurückgehalten. Statt seiner sagte Cohn: +</p> + +<pb n='154'/><anchor id='Pgp0154'/> + +<p> +„Nun, national bin ich auch. Aber bezahlen wir unsere +Armee für solche Witze?“ Diederich maß ihn. +</p> + +<p> +„Ihre Armee, sagen Sie? Herr Warenhausbesitzer +Cohn hat eine Armee! Haben die Herren gehört?“ Er +lachte erhaben. „Ich kannte bisher nur die Armee Seiner +Majestät des Kaisers!“ +</p> + +<p> +Doktor Heuteufel brachte etwas von Volksrechten vor, +aber Diederich betonte mit abgehackter Kommandostimme, +daß er keinen Schattenkaiser wünsche. Ein Volk, das die +straffe Zucht verliere, sei der Verlotterung geweiht ... +Inzwischen war man im Keller angelangt, Lauer und +seine Freunde saßen schon. „Na, setzen Sie sich nicht zu +uns?“ ward Diederich von Doktor Heuteufel gefragt. +„Schließlich sind wir wohl alle liberale Männer.“ Da +stellte Diederich fest: „Liberal selbstverständlich. Aber ich +gehe in den großen nationalen Fragen aufs Ganze. Für +mich gibt es da nur zwei Parteien, die Seine Majestät +selbst gekennzeichnet haben: die für ihn und die gegen +ihn. Und da scheint es mir allerdings, daß an dem Tisch +der Herren für mich kein Platz ist.“ +</p> + +<p> +Er vollführte eine korrekte Verbeugung und ging +hinüber zu dem leeren Tisch. Jadassohn und Pastor +Zillich folgten ihm. Gäste, die in der Nähe saßen, sahen +sich um; eine allgemeine Stille entstand. Mit dem Rausch +des Erlebten stieg in Diederich der Plan empor, Sekt +zu bestellen. Drüben ward geflüstert, dann rückte jemand +seinen Stuhl, es war Landgerichtsrat Fritzsche. Er verabschiedete +sich, kam an Diederichs Tisch, um ihm, Jadassohn +und Zillich die Hände zu schütteln, und ging hinaus. +</p> + +<p> +„Das wollte ich ihm auch geraten haben“, bemerkte +Jadassohn. „Er hat die Unhaltbarkeit seiner Lage noch +rechtzeitig erkannt.“ Diederich sagte: „Eine reinliche +<pb n='155'/><anchor id='Pgp0155'/>Scheidung war vorzuziehen. Wer in nationaler Beziehung +ein gutes Gewissen hat, braucht diese Leute wahrhaftig +nicht zu fürchten.“ Aber Pastor Zillich schien betreten. +„Der Gerechte muß viel leiden,“ sagte er. „Sie wissen noch +nicht, wie Heuteufel intrigant ist. Morgen erzählt er Gott +weiß welche Greuel über uns.“ Da zuckte Diederich zusammen. +Doktor Heuteufel war eingeweiht in jenen immerhin +dunklen Punkt seines Lebens, als er vom Militär loszukommen +wünschte! Er hatte ihm, in einem höhnischen +Brief, das Krankheitsattest verweigert! Er hielt ihn in der +Hand, er konnte ihn vernichten! In seinem jähen Schrecken +befürchtete Diederich sogar Enthüllungen aus seiner Schulzeit, +als Doktor Heuteufel ihn im Hals gepinselt und ihm +dabei Feigheit vorgeworfen hatte. Der Schweiß brach +ihm aus. Um so lauter bestellte er Hummern und Sekt. +</p> + +<p> +Drüben bei den Logenbrüdern hatte man sich aufs +neue über den gewaltsamen Tod des jungen Arbeiters +erregt. Was das Militär und die Junker, die es befehligten, +sich denn einbildeten! Sie benahmen sich ja wie +in einem eroberten Land! Und als die Köpfe rot genug +waren, verstiegen sich die Herren dazu, für das Bürgertum, +das tatsächlich alle Leistungen liefere, auch die +Führung im Staat zu verlangen. Herr Lauer wünschte +zu wissen, was die herrschende Kaste vor anderen Leuten +eigentlich noch voraus habe. „Nicht einmal die Rasse“, +behauptete er. „Denn sie sind ja alle verjudet, die Fürstenhäuser +einbegriffen.“ Und er setzte hinzu: „Womit ich +meinen Freund Cohn nicht kränken will.“ +</p> + +<p> +Es war Zeit, einzuschreiten: Diederich fühlte es. Schnell +stürzte er noch ein Glas hinunter, dann stand er auf, trat +wuchtig bis in die Mitte unter den gotischen Kronleuchter +und sagte scharf: +</p> + +<pb n='156'/><anchor id='Pgp0156'/> + +<p> +„Herr Fabrikbesitzer Lauer, ich gestatte mir die Frage, +ob Sie unter den Fürstenhäusern, die nach Ihrer persönlichen +Meinung verjudet sind, auch deutsche Fürstenhäuser +verstehen.“ +</p> + +<p> +Lauer erwiderte ruhig, beinahe freundlich: „Gewiß doch.“ +</p> + +<p> +„So“, machte Diederich, und er schöpfte tief Atem, um +zu seinem großen Schlag auszuholen. Unter der Aufmerksamkeit +des ganzen Lokals fragte er: +</p> + +<p> +„Und den verjudeten deutschen Fürstenhäusern rechnen +Sie auch das eine zu, das ich nicht erst zu nennen brauche?“ +Triumphierend sagte Diederich dies, vollkommen sicher, +daß nun sein Gegner sich verwirren, stammeln und unter +den Tisch kriechen werde. Aber er stieß auf einen nicht +vorauszusehenden Zynismus. +</p> + +<p> +„Na ja doch“, sagte Lauer. +</p> + +<p> +Jetzt war es an Diederich, die Haltung zu verlieren vor +Entsetzen. Er sah umher: ob er denn recht gehört habe. +Die Gesichter bestätigten es ihm. Da brachte er hervor, +es werde sich zeigen, welche Folgen diese Äußerung für +den Herrn Fabrikbesitzer haben werde, und zog sich in leidlicher +Ordnung in das befreundete Lager zurück. Gleichzeitig +tauchte Jadassohn wieder auf, der verschwunden +gewesen war, man wußte nicht wohin. +</p> + +<p> +„Ich habe dem soeben Vorgefallenen nicht beigewohnt“, +sagte er sofort. „Ich stelle dies ausdrücklich fest, da es für +die weitere Entwicklung von Bedeutung sein könnte.“ +Und dann ließ er sich genau berichten. Diederich tat es +mit Feuer; er nahm es als sein Verdienst in Anspruch, +dem Feind den Weg abgeschnitten zu haben. „Jetzt +haben wir ihn in der Hand!“ +</p> + +<p> +„Allerdings,“ bestätigte Jadassohn, der sich Notizen +gemacht hatte. +</p> + +<pb n='157'/><anchor id='Pgp0157'/> + +<p> +Vom Eingang her nahte auf steifen Beinen ein älterer +Herr mit grimmiger Miene. Er grüßte nach beiden Seiten +und schickte sich an, zu den Vertretern des Umsturzes zu +stoßen. Aber Jadassohn holte ihn noch ein. „Herr Major +Kunze! Nur ein Wort!“ Er redete halblaut auf ihn ein +und deutete dabei mit den Augen nach links und rechts. +Der Major schien im Zweifel. „Sie geben mir Ihr Ehrenwort, +Herr Assessor,“ sagte er, „daß das tatsächlich behauptet +wurde?“ Während Jadassohn es ihm gab, trat +der Bruder des Herrn Buck herbei, lang und elegant, +lächelte unbedeutend und bot dem Herrn Major für alles +eine befriedigende Erklärung an. Aber der Major bedauerte; +für eine solche Äußerung gebe es einfach keine +Erklärung; und seine Miene ward von erschreckender +Düsterkeit. Trotzdem sah er noch mit Bedauern nach seinem +alten Stammtisch hinüber. Da, im entscheidenden +Moment, hob Diederich die Sektflasche aus dem Kübel. +Der Major bemerkte es und folgte seinem Pflichtgefühl. +Jadassohn stellte vor: „Herr Fabrikbesitzer Doktor Heßling.“ +</p> + +<p> +Diederichs Rechte und die des Majors drückten einander +mit Aufbietung aller Kraft. Fest und bieder blickten die +Herren sich ins Auge. „Herr Doktor,“ sagte der Major, +„Sie haben sich als deutscher Mann bewährt.“ Man +scharrte mit den Füßen, rückte die Stühle zurecht, präsentierte +voreinander die Gläser, und dann durfte man trinken. +Diederich bestellte sofort eine neue Flasche. Der Major leerte +sein Glas, sooft es ihm vollgeschenkt wurde, und zwischen +den Zügen versicherte er, auch er stehe, was deutsche Treue +betreffe, seinen Mann. „Wenn mein König mich nun +auch schon aus seinem aktiven Dienst entlassen hat –“ +</p> + +<p> +„Der Herr Major“, erklärte Jadassohn, „war zuletzt +beim hiesigen Bezirkskommando.“ +</p> + +<pb n='158'/><anchor id='Pgp0158'/> + +<p> +„– ich habe noch das alte Soldatenherz –“ er klopfte +mit den Fingern darauf – „und unpatriotische Tendenzen +werde ich stets bekämpfen. Mit Feuer und Schwert!“ +schrie er und ließ die Faust auf den Tisch fallen. Im selben +Augenblick zog hinter seinem Rücken der Warenhausbesitzer +Cohn tief den Hut und entfernte sich eilig. Der +Bruder des Herrn Buck suchte zuerst noch die Toilette auf, +damit sein Verschwinden einen weniger fluchtartigen +Charakter trage. „Aha!“ sagte Jadassohn um so lauter. +„Herr Major, der Feind ist aufgerieben.“ Pastor Zillich +war noch immer beunruhigt. +</p> + +<p> +„Heuteufel ist dageblieben. Ich traue ihm nicht.“ +</p> + +<p> +Aber Diederich, der die dritte Flasche bestellte, sah sich +höhnisch nach Lauer und Doktor Heuteufel um, die vereinsamt +dasaßen und beschämt ihre Biergläser anstarrten. +</p> + +<p> +„Wir haben die Macht“, sagte er, „und die Herren dort +drüben sind sich dessen bewußt. Sie revoltieren schon gar +nicht mehr, weil der Posten geschossen hat. Sie machen +Gesichter, als hätten sie Angst, daß sie nun selbst bald drankommen. +Und sie kommen auch dran!“ Diederich erklärte, +daß er wegen der vorhin gefallenen Äußerungen +eine Anzeige gegen den Herrn Lauer bei der Staatsanwaltschaft +erstatten werde. „Und ich werde dafür sorgen,“ +versicherte Jadassohn, „daß die Anklage erhoben wird. +Ich persönlich werde sie in der Hauptverhandlung vertreten. +Die Herren wissen, daß ich als Zeuge nicht in +Betracht komme, da ich den Vorgängen selbst nicht beigewohnt +habe.“ +</p> + +<p> +„Wir werden hier den Sumpf mal trocken legen“, sagte +Diederich, und er fing von dem Kriegerverein an, auf den +die treudeutsch und kaiserlich gesinnten Männer sich vor +allem stützen müßten. Der Major nahm eine Amtsmiene +<pb n='159'/><anchor id='Pgp0159'/>an. Jawohl, er war im Vorstand des Kriegervereins. +Man diente seinem König immer noch, so gut man konnte. +Er war auch bereit, Diederich zur Aufnahme vorzuschlagen, +damit die nationalen Elemente eine Kräftigung erführen. +Denn bis jetzt, das durfte man sich nicht verhehlen, überwogen +auch dort die leidigen Demokraten. Man nahm, +nach der Meinung des Majors, behördlicherseits zu viel +Rücksicht auf die in Netzig gegebenen Verhältnisse. Er +selbst würde, wenn er zum Bezirkskommandanten ernannt +worden wäre, den Herren Reserveoffizieren bei den +Wahlen auf die Finger gesehen haben, dafür garantierte +er. „Aber da mein König mir die Möglichkeit leider genommen +hat –“ Diederich schenkte, um ihn zu trösten, +frisch ein. Während der Major trank, beugte Jadassohn +sich zu Diederich und raunte: „Glauben Sie ihm kein +Wort! Er ist ein schlapper Hund und kriecht vor dem alten +Buck. Wir müssen ihm imponieren.“ +</p> + +<p> +Diederich tat dies sofort. „Ich habe nämlich mit dem +Herrn Regierungspräsidenten von Wulckow bereits formelle +Verabredungen getroffen.“ Und da der Major die +Augen aufriß: +</p> + +<p> +„Nächstes Jahr, Herr Major, sind die Reichstagswahlen. +Da werden wir Gutgesinnten schwere Arbeit haben. Der +Kampf beginnt schon.“ +</p> + +<p> +„Los!“ sagte der Major ingrimmig. „Prost!“ +</p> + +<p> +„Prost!“ sagte Diederich. „Aber, meine Herren, mögen +die subversiven Tendenzen im Lande noch so stark sein, +wir sind stärker, denn wir haben einen Agitator, den die +Gegner nicht haben, und das ist Seine Majestät.“ +</p> + +<p> +„Bravo!“ +</p> + +<p> +„Seine Majestät hat für alle Teile seines Staates, also +auch für Netzig, die Forderung aufgestellt, daß die Bürger +<pb n='160'/><anchor id='Pgp0160'/>endlich aus dem Schlummer erwachen mögen! Und das +wollen wir auch!“ +</p> + +<p> +Jadassohn, der Major und Pastor Zillich bekundeten +ihre Wachheit, indem sie auf den Tisch schlugen, Beifall +riefen und einander zutranken. Der Major schrie: „Zu +uns Offizieren hat Seine Majestät gesagt: Dies sind die +Herren, auf die ich mich verlassen kann!“ +</p> + +<p> +„Und zu uns“, schrie Pastor Zillich, „hat er gesagt, wenn +die Kirche der Fürsten bedürfen wird –“. +</p> + +<p> +Man durfte allen Zwang ablegen, denn der Keller hatte +sich längst geleert, Lauer und Heuteufel waren ungesehen +entkommen, und in den hinteren Bogengewölben brannte +schon kein Gas mehr. +</p> + +<p> +„Er hat auch gesagt –“ Diederich blies die Backen feuerrot +auf, der Schnurrbart stieß ihm in die Augen, aber dennoch +blitzte er fürchterlich. „Wir stehen im Zeichen des Verkehrs! +Und so ist es auch! Unter seiner erhabenen Führung +sind wir fest entschlossen, Geschäfte zu machen!“ +</p> + +<p> +„Und Karriere!“ krähte Jadassohn. „Seine Majestät hat +gesagt, jeder, der ihm behilflich sein will, ist ihm willkommen. +Will das jemand vielleicht auf mich nicht mitbeziehen?“ +fragte Jadassohn herausfordernd, mit blutig +leuchtenden Ohren. Der Major brüllte wieder: +</p> + +<p> +„Und mein König kann sich totsicher auf mich verlassen. +Er hat mich zu früh weggeschickt, als ehrlicher deutscher +Mann sage ich es ihm laut ins Gesicht. Er wird mich noch +mal bitter nötig haben, wenn es losgeht. Ich denke nicht +daran, den Rest meines Lebens bloß noch mit Knallbonbons +zu schießen auf Vereinsbällen. Ich war bei Sedan!“ +</p> + +<p> +„Herrjemersch, und ich doch ooch!“ ertönte es von dünner +Schreistimme aus unsichtbaren Tiefen, und den Schatten +der Gewölbe entstieg ein kleiner Greis mit +flattern<pb n='161'/><anchor id='Pgp0161'/>den weißen Haaren. Er schwankte herbei, seine Brillengläser +funkelten, seine Backen glühten, und er schrie: „Der +Herr Major Kunze! Nu da! Alter Kriegskamerad, bei +Ihnen geht’s ja zu wie dunnemals in Frankreich. Ich +sag’ es aber immer: gut gelebt und lieber ä paar Jahre +länger!“ Der Major stellte ihn vor. „Herr Gymnasialprofessor +Kühnchen.“ Wie es kam, daß er dort hinten im +Dunkeln vergessen worden sei, darüber äußerte der kleine +Greis die lebhaftesten Vermutungen. Früher hatte er +sich in einer Gesellschaft befunden. „Nu muß ich wohl ä +bißchen eingeschlummert sein, und da sein die verdammten +Lumichs mir ausgerückt.“ Der Schlaf hatte ihm vom +Feuer der genossenen Getränke noch nichts genommen, +er erinnerte, prahlerisch kreischend, den Major an ihre +gemeinsamen Taten im eisernen Jahr. „Die Franktiröhrs!“ +schrie er, und aus seinem faltigen, zahnlosen +Munde rann Feuchtigkeit. „Das war Sie eene Bande! +Wie die Herren mich da sähn, hab’ ich doch noch immer een’ +steifen Finger, da hat mich ä Franktiröhr draufgebissen. +Bloß weil ich ihm mit meim Säbel ä kleenes bißchen die +Kehle abschneiden wollte. So eene Gemeinheit von dem +Kerl!“ Er zeigte den Finger am Tisch umher und erregte +Ausrufe der Bewunderung. Diederichs begeisterte Gefühle +freilich mischten sich mit Schrecken, er mußte sich in die +Lage des Franktiröhrs denken: der kleine leidenschaftliche +Greis kniete auf seiner Brust und setzte ihm die Klinge an +den Hals. Er war genötigt, einen Augenblick hinauszugehen. +</p> + +<p> +Wie er zurückkehrte, gaben der Major und Professor +Kühnchen, einander überschreiend, den Bericht eines +wilden Kampfes. Man verstand keinen. Aber Kühnchen +schrillte immer schärfer durch das Gebrüll des anderen, +bis er es zum Schweigen gebracht hatte und ungestört +<pb n='162'/><anchor id='Pgp0162'/>aufschneiden konnte. „Nee, alter Freund, Sie sein ä anschlägscher +Kopf. Wenn Sie die Treppe ’runterfallen, +verfehlen Sie keene Stufe. Aber das Feuer damals an +dem Haus, wo die Franktiröhrs drinne saßen, das hat +Kühnchen angelegt, da gibt’s nischt. Ich hab’ doch eene +Kriegslist gebraucht und hab’ mich totgestellt, da ham die +dummen Luder nischt gemerkt. Und wie’s erscht gebrannt +hat, nu, versteht sich, da hamse an der Verteidchung des +Vaterlandes keen’ Geschmack mehr gefunden, und bloß +noch ’raus, bloß noch Soofgipöh! Da hätten Se nu aber +uns Deutsche sehen sollen. Von der Mauer hammer sie +weggeschossen, wie sie ’runterkrabbeln wollten! Luftsprünge +hamse gemacht wie die Garniggel!“ +</p> + +<p> +Kühnchen mußte seine Erfindung unterbrechen, er kicherte +durchdringend, indes die Tafelrunde dröhnend lachte. +</p> + +<p> +Kühnchen erholte sich. „Die falschen Luder hatten uns +aber auch tückisch gemacht! Und die Weiber! Nee, meine +Herren, so was Beesartches wie die franzeeschen Weiber, +das gibt’s Sie nu überhaupt nicht mehr. Heeßes Wasser +hatten se uns auf die Köppe geschiddet. Nu frag’ ich Sie, +tut das eene Dame? Wie’s brannte, warfen sie die Kinder +aus’m Fenster und wollten ooch noch von uns, daß wir +se auffangen sollten. Hibsch nich, aber dumm! Mit +unsern Bajonetten hammer die kleenen Luder uffgefangen. +Und dann die Damen!“ Kühnchen hielt die gichtischen +Finger gekrümmt wie um einen Gewehrkolben +und sah dabei nach oben, als gäbe es noch jemand <anchor id="corr162"/><corr sic="aufzuspi ßen">aufzuspießen</corr>. +Seine Brillengläser funkelten, er log weiter. +„Zuletzt kam eene ganz Dicke ’ran, die konnte von vorn +nicht durchs Fenster, drum versuchte se mal, ob’s nicht +von hinten ginge. Da haste nun aber nicht mit Kühnchen +gerechnet, mei Schibbchen. Ich nich faul, steiche uf +<pb n='163'/><anchor id='Pgp0163'/>die Schultern von zwei Kameraden drauf un kitzle sie +mit meim Bachonedde in ihren dicken franzeeschen –“ +</p> + +<p> +Mehr hörte man nicht, der Beifall war zu laut. Der +Professor sagte noch: „Jeden Sedang erzähl’ ich die Geschichte +in ädlen Worten meiner Klasse. Die Jungen solln +wissen, was sie für Heldenväter gehabt haben.“ +</p> + +<p> +Man war sich einig, daß dies die nationale Gesinnung +des jungen Geschlechts nur befördern könne, und man +stieß an mit Kühnchen. Vor lauter Begeisterung hatte +noch keiner bemerkt, daß ein neuer Gast an den Tisch getreten +war. Jadassohn sah plötzlich den bescheiden grauen +Mann im Hohenzollernmantel und winkte ihm gönnerhaft. +„Na, man immer ’ran, Herr Nothgroschen!“ Diederich +herrschte ihn an, aus seinen Hochgefühlen heraus. +„Wer sind Sie?“ +</p> + +<p> +Der Fremde dienerte. +</p> + +<p> +„Nothgroschen, Redakteur der Netziger Zeitung.“ +</p> + +<p> +„Also Hungerkandidat“, sagte Diederich und blitzte. +„Verkommene Gymnasiasten, Abiturientenproletariat, +Gefahr für uns!“ +</p> + +<p> +Alle lachten; der Redakteur lächelte demütig mit. +</p> + +<p> +„Seine Majestät hat Sie gekennzeichnet“, sagte Diederich. +„Na, setzen Sie sich!“ +</p> + +<p> +Er schenkte ihm sogar Sekt ein, und Nothgroschen trank +in dankbarer <anchor id="corr163"/><corr sic="Haltung">Haltung.</corr> Nüchtern und befangen sah er in +der Gesellschaft umher, deren Selbstbewußtsein durch die +vielen, leer am Boden stehenden Flaschen so sehr gesteigert +worden war. Man vergaß ihn sogleich wieder. Er wartete +geduldig, bis jemand ihn fragte, wieso er denn mitten +in der Nacht noch hier hereinschneie. „Ich mußte das Blatt +doch fertig machen“, erklärte er darauf, wichtig wie ein +kleiner Beamter. „Die Herren wollen morgen früh in +<pb n='164'/><anchor id='Pgp0164'/>der Zeitung lesen, wie das war mit dem erschossenen +Arbeiter.“ +</p> + +<p> +„Das wissen wir besser als Sie“, schrie Diederich. „Sie +saugen sich das ja doch nur aus Ihren Hungerpfoten!“ +</p> + +<p> +Der Redakteur lächelte entschuldigend, und er hörte ergeben +zu, wie alle durcheinander ihm die Vorgänge darstellten. +Als der Lärm sich legte, setzte er an. „Da der +Herr dort –“ +</p> + +<p> +„Doktor Heßling,“ sagte Diederich scharf. +</p> + +<p> +„Nothgroschen“, murmelte der Redakteur. „Da Sie vorhin +den Namen des Kaisers erwähnten, wird es die Herren +interessieren, daß wieder eine Kundgebung vorliegt.“ +</p> + +<p> +„Ich verbitte mir jede Nörgelei!“ heischte Diederich. +Der Redakteur duckte sich und legte die Hand auf die +Brust. „Es handelt sich um einen Brief des Kaisers.“ +</p> + +<p> +„Der ist Ihnen wohl wieder mal durch einen infamen +Vertrauensbruch auf den Schreibtisch geflogen?“ fragte +Diederich. Nothgroschen stellte beteuernd die Hand vor +sich hin. „Er ist vom Kaiser selbst zur Veröffentlichung +bestimmt. Morgen früh werden Sie ihn in der Zeitung +lesen. Hier ist die Druckfahne!“ +</p> + +<p> +„Legen Sie los, Doktor“, befahl der Major. Diederich +rief: „Wieso, Doktor? Sind Sie Doktor?“ Aber man +interessierte sich nur noch für den Brief, man entriß dem +Redakteur den Zettel. „Bravo!“ rief Jadassohn, der +noch ziemlich mühelos las. „Seine Majestät bekennt sich +zum positiven Christentum.“ Pastor Zillich frohlockte +so heftig, daß sich Schluckauf einstellte. „Das ist was für +Heuteufel! Endlich kriegt so ein frecher Wissenschaftler, +huck, was ihm gehört. An die Offenbarungsfrage machen +sie sich heran. Die versteh’ ja ich kaum, huck, und ich hab’ +Theologie studiert!“ Professor Kühnchen schwenkte die +<pb n='165'/><anchor id='Pgp0165'/>Blätter hoch in der Luft. „Meine Härn! Wenn ’ch den +Brief nicht in der Klasse lesen lasse und als Aufsatzthema +gebe, will’ch nicht mehr Kühnchen heeßen!“ +</p> + +<p> +Diederich war tiefernst. „Jawohl war Hammurabi ein +Werkzeug Gottes! Ich möchte mal sehen, wer das leugnet!“ +Und er blitzte umher. Nothgroschen krümmte die +Schultern. „Na, und Kaiser Wilhelm der Große!“ fuhr +Diederich fort. „Von dem bitte ich es mir ganz energisch +aus! Wenn der kein Werkzeug Gottes war, dann weiß +Gott überhaupt nicht, was ’n Werkzeug ist!“ +</p> + +<p> +„Ganz meine Meinung“, versicherte der Major. Glücklicherweise +widersprach auch sonst niemand, denn Diederich +war zum Äußersten entschlossen. An den Tisch geklammert, +stemmte er sich von seinem Stuhl empor. „Aber unser herrlicher +junger Kaiser?“ fragte er drohend. Von allen Seiten +antwortete es: „Persönlichkeit ... Impulsiv ... Vielseitig +... Origineller Denker.“ Diederich war nicht befriedigt. +</p> + +<p> +„Ich beantrage, daß er auch ein Werkzeug ist!“ +</p> + +<p> +Es ward angenommen. +</p> + +<p> +„Und ich beantrage ferner, daß wir Seine Majestät +von unserem Beschluß telegraphisch in Kenntnis setzen!“ +</p> + +<p> +„Ich befürworte den Antrag!“ brüllte der Major. Diederich +stellte fest: „Einmütige begeisterte Annahme!“ und +fiel auf seinen Sitz zurück. Kühnchen und Jadassohn +machten sich gemeinsam an die Abfassung der Depesche. +Sie lasen vor, sobald sie etwas gefunden hatten. +</p> + +<p> +„Eine im Ratskeller zu Netzig versammelte Gesellschaft –“ +</p> + +<p> +„Tagende Versammlung“, forderte Diederich. Sie +fuhren fort: +</p> + +<p> +„Versammlung national gesinnter Männer –“ +</p> + +<p> +„National, huck, und christlich“, ergänzte Pastor Zillich. +</p> + +<pb n='166'/><anchor id='Pgp0166'/> + +<p> +„Aber wollen die Herren denn wirklich?“ fragte Nothgroschen, +leise flehend. „Ich dachte, es sei ein Scherz.“ +</p> + +<p> +Da ward Diederich zornig. +</p> + +<p> +„Wir scherzen nicht mit den heiligsten Gütern! Ich soll +Ihnen das wohl handgreiflich klarmachen, Sie verkrachter +Abiturient?“ +</p> + +<p> +Da Nothgroschens Hände den vollkommensten Verzicht +beteuerten, war Diederich sofort wieder ruhig und sagte: +„Prost!“ Dagegen schrie der Major, als sollte er platzen. +„Wir sind die Herren, auf die Seine Majestät sich verlassen +kann!“ Jadassohn bat um Ruhe und er las. +</p> + +<p> +„Die im Ratskeller zu Netzig tagende Versammlung national +und christlich gesinnter Männer entbietet Eurer Majestät +ihre einmütige begeisterte Huldigung angesichts von Eurer +Majestät erhebendem Bekenntnis einer geoffenbarten Religion. +Wir beteuern unseren tiefsten Abscheu vor dem Umsturz +in jeder Gestalt und sehen in der heute bei uns in Netzig +erfolgten mutigen Tat eines Postens die erfreuliche Bestätigung, +daß Eure Majestät nicht weniger als Hammurabi +und Kaiser Wilhelm der Große das Werkzeug Gottes ist.“ +Man klatschte, und Jadassohn lächelte geschmeichelt. +</p> + +<p> +„Unterschreiben!“ rief der Major. „Oder hat einer +der Herren noch etwas zu bemerken?“ Nothgroschen +räusperte sich. „Nur ein einziges Wort, mit aller gebührenden +Bescheidenheit.“ +</p> + +<p> +„Das möchte ich mir ausbitten“, sagte Diederich. Der +Redakteur hatte sich Mut getrunken, er schwankte auf +seinem Sitz und kicherte ohne Grund. +</p> + +<p> +„Ich will ja gar nichts gegen den Posten sagen, meine +Herren. Ich hab’ mir sogar schon immer gedacht, Soldaten +sind zum Schießen da.“ +</p> + +<p> +„Na also.“ +</p> + +<pb n='167'/><anchor id='Pgp0167'/> + +<p> +„Ja, aber wissen wir, ob auch der Kaiser so denkt?“ +</p> + +<p> +„Selbstverständlich! Fall Lück!“ +</p> + +<p> +„Präzedenzfälle – hihi – sind ganz schön, aber wir +wissen doch alle, daß der Kaiser ein origineller Denker +und – hihi – impulsiv ist. Er läßt sich nicht gern vorgreifen. +Wenn ich in der Zeitung schreiben wollte, daß +Sie, Herr Doktor Heßling, Minister werden sollen, dann +– hihi – werden Sie es gerade nicht.“ +</p> + +<p> +„Jüdische Verdrehungen!“ rief Jadassohn. Der Redakteur +entrüstete sich. „Ich schreibe anderthalb Spalten +Stimmung an jedem hohen Kirchenfest. Der Posten +aber, der kann auch wegen Mord angeklagt werden. Dann +sind wir ’reingefallen.“ +</p> + +<p> +Eine Stille folgte. Der Major legte nachdenklich den +Bleistift aus der Hand. Diederich ergriff ihn. „Sind wir +nationale Männer?“ Und er unterschrieb wuchtig. Da +brach Begeisterung aus. Nothgroschen wollte gleich als +Zweiter drankommen. +</p> + +<p> +„Aufs Telegraphenamt!“ +</p> + +<p> +Diederich gab Auftrag, daß die Rechnung ihm morgen +zugestellt werde, und man brach auf. Nothgroschen war +auf einmal voll ausschweifender Hoffnungen. „Wenn ich +die kaiserliche Antwort bringen kann, komme ich zu Scherl!“ +</p> + +<p> +Der Major brüllte: „Wir wollen doch mal sehen, ob +ich noch lange Wohltätigkeitsfeste arrangiere!“ +</p> + +<p> +Pastor Zillich sah die Leute sich in seiner Kirche erdrücken +und Heuteufel von der Menge gesteinigt. Kühnchen +schwärmte von Blutbädern in den Straßen von +Netzig. Jadassohn krähte: „Erlaubt sich vielleicht jemand +einen Zweifel an meiner Kaisertreue?“ Und Diederich: +„Der alte Buck soll sich hüten! Klüsing in Gausenfeld +auch! Wir erwachen aus dem Schlummer!“ +</p> + +<pb n='168'/><anchor id='Pgp0168'/> + +<p> +Die Herren hielten sich alle sehr gerade, und manchmal +schoß einer unvermutet ein Stück vorwärts. Mit +ihren Stöcken strichen sie tosend über die herabgelassenen +Rolläden, und im Takt voneinander unabhängig sangen +sie die Wacht am Rhein. An der Ecke des Landgerichts +stand ein Schutzmann, aber zu seinem Glück rührte er +sich nicht. „Wollen Sie vielleicht etwas, Männeken?“ +rief Nothgroschen, der aus Rand und Band war. „Wir +telegraphieren an den Kaiser!“ Vor dem Postgebäude +ward Pastor Zillich, der den schwächsten Magen hatte, +von einem Unglück betroffen. Indes die anderen ihm seine +Lage zu erleichtern suchten, klingelte Diederich den Beamten +heraus und gab das Telegramm auf. Als der +Beamte es gelesen hatte, betrachtete er Diederich zögernd +– aber Diederich blitzte ihn so furchtbar an, daß er +zurückschrak und seine Pflicht tat. Diederich inzwischen fuhr +ohne Zweck fort, zu blitzen und steinern dazustehen: in der +Haltung des Kaisers, wenn nun ein Flügeladjutant ihm +die Heldentat des Postens meldete und der Chef des Zivilkabinetts +ihm die Huldigungsdepesche überbrachte. Diederich +fühlte den Helm auf seinem Kopf, er schlug gegen den +Säbel an seiner Seite und sagte: „Ich bin sehr stark!“ Der +Telegraphist hielt es für eine Reklamation und zählte +ihm das kleine Geld nochmals vor. Diederich nahm es, +trat an einen Tisch und warf einige Zeilen auf ein Papier. +Dann steckte er es zu sich und kehrte zu den Herren zurück. +</p> + +<p> +Sie hatten für den Pastor eine Droschke beschafft, er +fuhr soeben fort und winkte weinend aus dem Fenster, +als sei es für ewig. Jadassohn bog beim Theater um eine +Ecke, obwohl der Major ihm nachbrüllte, seine Wohnung +sei doch ganz woanders. Plötzlich war dann auch der +Major fort, und Diederich gelangte mit Nothgroschen +<pb n='169'/><anchor id='Pgp0169'/>allein in die Lutherstraße. Vor dem Walhalla-Theater +war der Redakteur nicht mehr weiter zu bringen, mitten +in der Nacht wollte er das „elektrische Wunder“ sehen, +eine Dame, die dort Feuer sprühen sollte. Diederich mußte +ihm ernstlich vorhalten, daß dies nicht die Stunde für +solche Frivolitäten sei. Übrigens vergaß Nothgroschen +das „elektrische Wunder“, sobald er das Haus der „Netziger +Zeitung“ erblickte. „Aufhalten!“ schrie er. „Die Maschine +aufhalten! Das Telegramm der nationalen Männer +muß noch hinein!... Sie wollen es doch morgen früh +in der Zeitung lesen“, sagte er zu einem vorübergehenden +Nachtwächter. Da packte Diederich ihn fest am Arm. +</p> + +<p> +„Nicht nur dieses Telegramm“, sagte er, kurz und leise. +„Ich habe noch ein anderes.“ Er zog ein Papier aus der +Tasche. „Der Nachttelegraphist ist ein alter Bekannter +von mir, er hat es mir anvertraut. Über diese Herkunft +werden Sie mir strenge Diskretion versprechen, der Mann +wäre sonst in seiner Stellung bedroht.“ +</p> + +<p> +Da Nothgroschen sofort alles versprach, sagte Diederich, +ohne das Papier dabei anzusehen: +</p> + +<p> +„Es ist an das Regimentskommando gerichtet und vom +Obersten selbst dem Posten mitzuteilen, der heute den +Arbeiter erschossen hat. Es lautet: Für Deinen auf dem +Felde der Ehre vor dem inneren Feind bewiesenen Mut +spreche ich Dir meine kaiserliche Anerkennung aus und +ernenne Dich zum Gefreiten.... Überzeugen Sie sich“ – +und Diederich reichte dem Redakteur das Papier hin. Aber +Nothgroschen sah es nicht an, er starrte nur, wie entgeistert, +auf Diederich, auf seine steinerne Haltung, den Schnurrbart, +der ihm in die Augen stach, und die Augen, die blitzten. +</p> + +<p> +„Jetzt glaubte ich fast –“ stammelte Nothgroschen. +„Sie haben so viel Ähnlichkeit mit – mit –.“ +</p> +</div><div rend="page-break-before: always"> + <index index="toc" level1="IV"/> + <index index="pdf" level1="IV"/> +<pb n='170'/><anchor id='Pgp0170'/> + +<head>IV.</head> + +<p> +Diederich würde, wie in der besten Neuteutonenzeit, +das Mittagessen verschlafen haben, aber die Rechnung +vom Ratskeller kam, und sie war bedeutend genug, +daß er aufstehen und ins Kontor gehen mußte. Ihm war +sehr schlecht, und man machte ihm auch noch Unannehmlichkeiten, +sogar die Familie. Die Schwestern verlangten +ihr monatliches Toilettegeld, und als er erklärte, daß er +es jetzt nicht habe, hielten sie ihm den alten Sötbier vor, +der es immer gehabt habe. Diesem Versuch einer Auflehnung +begegnete Diederich energisch. Mit rauher Katerstimme +setzte er den Mädchen auseinander, sie würden +sich noch an ganz andere Dinge gewöhnen müssen. Sötbier +freilich, der habe immer nur hergegeben und die +Fabrik heruntergewirtschaftet. „Wenn ich euch heute euren +Anteil auszahlen sollte, würdet ihr euch verflucht wundern, +wie wenig es wäre.“ Während er dies sagte, empfand +er es als durchaus unberechtigt, daß er irgend einmal +sollte gezwungen werden können, die beiden am Geschäft +zu beteiligen. Man müßte das verhindern können, dachte +er. Sie dagegen wurden auch noch herausfordernd. „Also +wir können die Modistin nicht bezahlen, aber der Herr +Doktor trinkt Sekt für hundertfünfzig Mark.“ Da ward +Diederich furchtbar anzusehen. Seine Briefe erbrach +man! Er wurde ausspioniert! Er war nicht der Herr +im Hause, sondern ein Kommis, ein Neger, der für die +Damen schuftete, damit sie den ganzen Tag faulenzen +konnten! Er schrie und stampfte, daß die Gläser klirrten. +Frau Heßling flehte wimmernd, die Schwestern widersprachen +nur noch aus Angst, aber Diederich war im Zuge. +</p> + +<pb n='171'/><anchor id='Pgp0171'/> + +<p> +„Was erlaubt ihr euch? Gänse wie ihr? Was wißt ihr, +ob die hundertfünfzig Mark nicht eine glänzende Kapitalsanlage +sind. Jawohl, Kapitalsanlage! Meint ihr, ich +saufe mit den Idioten Sekt, wenn ich nichts von ihnen +will? Davon wißt ihr hier in Netzig noch nichts, das ist +der neue Kurs, es ist –“ Er hatte das Wort. „Großzügig +ist es! Großzügig!“ +</p> + +<p> +Und er warf die Tür hinter sich zu. Frau Heßling ging +ihm vorsichtig nach, und als er im Wohnzimmer ins Sofa +gesunken war, nahm sie seine Hand und sagte: „Mein +lieber Sohn, ich bin mit dir.“ Dabei sah sie ihn an, als +wollte sie „aus dem Herzen beten“. Diederich verlangte +einen sauren Hering; und dann beklagte er sich zornig, +wie schwer es sei, in Netzig den neuen Geist einzuführen. +Wenigstens hier im Hause sollte man seine Kraft nicht +untergraben! „Ich habe Großes mit euch vor, aber das +überlaßt gefälligst meiner besseren Einsicht. Einer muß +Herr sein. Unternehmungsgeist und Großzügigkeit gehören +freilich dazu. Sötbier ist dabei nicht zu brauchen. Eine +Weile lasse ich den Alten noch verschnaufen, dann wird +er ausgeschifft.“ +</p> + +<p> +Frau Heßling versicherte sanft, ihr lieber Sohn werde +schon um seiner Mutter willen immer genau wissen, was +er tun müsse – und dann begab Diederich sich ins Kontor +und schrieb einen Brief an die Maschinenfabrik Büschli +Co. in Eschweiler, um bei ihr einen „neuen Patent-Doppel-Holländer, +System Maier“ zu bestellen. Er ließ den +Brief offen daliegen und ging hinaus. Wie er zurückkam, +stand Sötbier vor seinem Pult, und es war kein Zweifel, +unter seinem grünen Augenschirm weinte er: es tropfte +auf den Brief. „Sie müssen ihn noch mal abschreiben +lassen“, sagte Diederich kühl. Da begann Sötbier: +</p> + +<pb n='172'/><anchor id='Pgp0172'/> + +<p> +„Junger Herr, unser alter Holländer ist kein Patent-Holländer, +aber er stammt noch aus der ersten Zeit des +alten Herrn; mit ihm hat er angefangen, und mit ihm +ist er groß geworden ...“ +</p> + +<p> +„Na und ich hege meinerseits den Wunsch, mit meinem +eigenen Holländer groß zu werden“, sagte Diederich +schneidend. Sötbier jammerte. +</p> + +<p> +„Unser alter hat uns noch immer genügt.“ +</p> + +<p> +„Mir nicht.“ +</p> + +<p> +Sötbier schwur, er sei so leistungsfähig wie die allerneuesten, +die nur durch schwindelhafte Reklame emporgetragen +würden. Als Diederich hart blieb, öffnete der +Alte die Tür und rief hinaus: „Fischer! Kommen Sie +mal her!“ Diederich ward unruhig. „Was wollen Sie +von dem Menschen. Ich verbitte mir, daß er sich einmischt!“ +Aber Sötbier berief sich auf das Zeugnis des +Maschinenmeisters, der in den größten Betrieben gearbeitet +habe. „Nun, Fischer, sagen Sie mal dem Herrn +Doktor, wie leistungsfähig unser Holländer ist!“ Diederich +wollte nicht hören, er lief hin und her, überzeugt, der +Mensch werde die Gelegenheit ergreifen, ihn zu ärgern. +Statt dessen begann Napoleon Fischer mit einer uneingeschränkten +Anerkennung von Diederichs Sachverständigkeit, +und dann sagte er über den alten Holländer alles +Ungünstige, das sich irgend über ihn denken ließ. Wenn +man Napoleon Fischer hörte, war er schon nahe daran +gewesen, zu kündigen, nur weil ihm der alte Holländer +nicht gefiel. Diederich schnaubte: er habe wahrhaftig +Glück, daß ihm die wertvolle Kraft des Herrn Fischer nun +doch erhalten bleibe; aber der Maschinenmeister erklärte +ihm, ohne sich auf seine Ironie einzulassen, nach der +Abbildung im Prospekt alle Vorzüge des neuen +Patent-<pb n='173'/><anchor id='Pgp0173'/>Holländers, vor allem seine höchst bequeme Bedienung. +„Wenn ich Ihnen nur Arbeit erspare!“ schnaubte Diederich. +„Sonst wünsch’ ich mir nichts. Danke, Sie können gehen.“ +</p> + +<p> +Als der Maschinenmeister hinaus war, beschäftigten +Sötbier und Diederich sich eine lange Weile jeder für sich. +Plötzlich fragte Sötbier: „Und womit sollen wir ihn bezahlen?“ +Diederich war sofort feuerrot: auch er hatte +die ganze Zeit an nichts weiter gedacht. „Ach was!“ +schrie er. „Bezahlen! Erstens mache ich eine lange Lieferungsfrist +aus, und dann: wenn ich mir einen so teuren +Holländer bestelle, meinen Sie vielleicht, ich weiß nicht +wozu? Nein, mein Lieber, dann muß ich wohl bestimmte +Aussichten auf baldige Ausdehnung des Geschäftes haben +– über die ich mich heute noch nicht äußern will.“ +</p> + +<p> +Damit verließ er das Kontor, in strammer Haltung, +trotz inneren Zweifeln. Dieser Napoleon Fischer hatte +sich beim Hinausgehen nochmals umgesehen, mit einem +gewissen Blick, als habe er den Chef gehörig hineingelegt. +„Umdroht von Feinden,“ dachte Diederich und reckte sich +noch straffer, „da sind wir erst recht stark. Ich werde sie +schon zerschmettern.“ Sie sollten erfahren, mit wem sie +es zu tun hatten; daher führte er einen Gedanken aus, +der ihm schon beim Erwachen gekommen war: er ging +zum Doktor Heuteufel. Dieser hielt eben seine Sprechstunde +ab und ließ ihn warten. Dann empfing er ihn in +seinem Operationszimmer, wo alles, Geruch und Gegenstände, +Diederich an frühere, peinliche Besuche erinnerte. +Doktor Heuteufel nahm die Zeitung vom Tisch, lachte +kurz und sagte: „Nun, Sie kommen wohl her, um zu +triumphieren. Gleich zwei Erfolge! Ihre Sekthuldigung +ist drin – na und die Depesche des Kaisers an den Posten +läßt von Ihrem Standpunkt aus wohl nichts zu wünschen.“ +</p> + +<pb n='174'/><anchor id='Pgp0174'/> + +<p> +„Welche Depesche?“ fragte Diederich. Doktor Heuteufel +zeigte sie ihm; Diederich las. „Für Deinen auf dem Felde +der Ehre vor dem inneren Feind bewiesenen Mut spreche +ich Dir meine kaiserliche Anerkennung aus und ernenne +Dich zum Gefreiten.“ Wie es hier gedruckt stand, machte +es ihm den Eindruck vollkommener Echtheit. Er war +sogar ergriffen; mit männlicher Zurückhaltung sagte er: +„Das ist jedem national Gesinnten aus dem Herzen gesprochen.“ +Da Heuteufel nur die Achseln zuckte, holte +Diederich Atem. „Nicht deswegen bin ich hergekommen, +sondern um unsere beiderseitigen Beziehungen festzulegen.“ +Die seien wohl schon festgelegt, erwiderte Heuteufel. +„Nein, durchaus noch nicht.“ Diederich versicherte, +daß er einen ehrenvollen Frieden wünsche. Er sei bereit, +im Sinne eines wohlverstandenen Liberalismus zu wirken, +falls man dagegen seine streng nationale und kaisertreue +Überzeugung achte. Doktor Heuteufel erklärte dies +einfach für Phrasen: da verlor Diederich die Fassung. +Dieser Mensch hielt ihn in der Hand; er konnte ihn, mit +Hilfe eines Dokumentes, als Feigling hinstellen! Das +höhnische Lächeln in seinem gelben Chinesengesicht, diese +überlegene Haltung waren eine fortwährende Anspielung. +Aber er sprach nicht, er ließ das Schwert weiterschweben +über Diederichs Haupt. Der Zustand mußte +aufhören! „Ich fordere Sie auf,“ sagte Diederich, heiser +vor Erregung, „mir meinen Brief zurückzugeben.“ Heuteufel +tat erstaunt. „Welchen Brief?“ – „Den ich Ihnen +wegen des Militärs geschrieben habe, als ich dienen sollte.“ +Darauf dachte der Arzt nach. +</p> + +<p> +„Ach so: weil Sie sich drücken wollten!“ +</p> + +<p> +„Ich dachte mir schon, Sie würden meine unvorsichtigen +Äußerungen in einem für mich beleidigenden Sinne +aus<pb n='175'/><anchor id='Pgp0175'/>legen. Ich fordere Sie nochmals zur Rückgabe des Briefes +auf.“ Und Diederich trat drohend vor. Heuteufel wich nicht. +</p> + +<p> +„Lassen Sie mich in Ruh’. Ihren Brief hab’ ich nicht +mehr.“ +</p> + +<p> +„Ich verlange Ihr Ehrenwort.“ +</p> + +<p> +„Das gebe ich nicht auf Befehl.“ +</p> + +<p> +„Dann mache ich Sie auf die Folgen Ihrer illoyalen +Handlungsweise aufmerksam. Sollten Sie mir mit dem +Brief bei irgendeiner Gelegenheit Unannehmlichkeiten +verursachen wollen, so liegt Bruch des Amtsgeheimnisses +vor. Dann denunziere ich Sie der Ärztekammer, +stelle Strafantrag gegen Sie und biete allen meinen Einfluß +auf, um Sie unmöglich zu machen!“ In höchster +Erregung, fast stimmlos: „Sie sehen mich zum Äußersten +entschlossen! Zwischen uns gibt es nur noch einen Kampf +bis aufs Messer!“ +</p> + +<p> +Doktor Heuteufel sah ihn neugierig an, er schüttelte den +Kopf, sein Chinesenschnurrbart schaukelte, und er sagte: +„Sie sind heiser.“ +</p> + +<p> +Diederich fuhr zurück, er stammelte: „Was geht Sie +das an?“ +</p> + +<p> +„Gar nichts“, sagte Heuteufel. „Es interessiert mich nur +von früher her, weil ich Ihnen so was ja immer vorausgesagt +habe.“ +</p> + +<p> +„Was denn? Wollen Sie sich gefälligst äußern.“ Aber +das lehnte Heuteufel ab. Diederich blitzte ihn an. „Ich muß +Sie energisch auffordern, Ihre ärztliche Pflicht zu tun!“ +</p> + +<p> +Er sei nicht sein Arzt, erwiderte Heuteufel. Darauf +sank Diederichs herrische Miene zusammen, und er forschte +klagend. „Manchmal hab’ ich ja Schmerzen im Hals. +Glauben Sie denn, daß es schlimmer wird? Hab’ ich was +zu befürchten?“ +</p> + +<pb n='176'/><anchor id='Pgp0176'/> + +<p> +„Ich rate Ihnen, einen Spezialisten zu konsultieren.“ +</p> + +<p> +„Sie sind hier doch der einzige! Um Gottes willen, +Herr Doktor, Sie versündigen sich, ich habe eine Familie +zu erhalten.“ +</p> + +<p> +„Dann sollten Sie weniger rauchen, auch weniger +trinken. Gestern abend war es zuviel.“ +</p> + +<p> +„Ach so.“ Diederich richtete sich auf. „Sie gönnen mir +den Sekt nicht. Und dann wegen der Huldigungsadresse.“ +</p> + +<p> +„Wenn Sie unlautere Motive bei mir vermuten, brauchen +Sie mich nicht zu fragen.“ +</p> + +<p> +Aber Diederich flehte schon wieder. „Sagen Sie mir +wenigstens, ob ich Krebs kriegen kann.“ +</p> + +<p> +Heuteufel blieb streng. „Nun, Sie waren schon immer +skrofulös und rachitisch. Sie hätten nur dienen sollen, +dann wären Sie nicht so aufgeschwemmt.“ +</p> + +<p> +Schließlich ließ er sich zu einer Untersuchung herbei +und nahm eine Pinselung des Kehlkopfes vor. Diederich +erstickte, rollte angstvoll die Augen und umklammerte den +Arm des Arztes. Heuteufel zog den Pinsel heraus. „So +komm’ ich natürlich nicht hin.“ Er feixte durch die Nase. +„Sie sind noch wie früher.“ +</p> + +<p> +Sobald Diederich wieder zu Luft gekommen war, +machte er sich fort aus dieser Schreckenskammer. Vor +dem Hause, noch mit Tränen in den Augen, stieß er auf +den Assessor Jadassohn. „Nanu?“ sagte Jadassohn. „Ist +Ihnen die Kneiperei nicht bekommen? Und ausgerechnet +zu Heuteufel gehen Sie?“ +</p> + +<p> +Diederich versicherte, sein Befinden sei glänzend. „Aber +aufgeregt hab’ ich mich über den Menschen! Ich gehe hin, +weil ich es als meine Pflicht betrachte, eine befriedigende +Erklärung zu verlangen für die gestrigen Äußerungen +dieses Herrn Lauer. Mit Lauer selbst zu verhandeln, hat +<pb n='177'/><anchor id='Pgp0177'/>für einen Mann von meiner korrekten Gesinnung natürlich +nichts Verlockendes.“ +</p> + +<p> +Jadassohn schlug vor, in Klappsch’ Bierstube einzutreten. +</p> + +<p> +„Ich gehe also hin,“ fuhr Diederich drinnen fort, „in +der Absicht, die ganze Geschichte mit der Besoffenheit +des betreffenden Herrn zu entschuldigen, schlimmstenfalls +mit seiner zeitweiligen Geistesumnachtung. Was meinen +Sie statt dessen? Frech wird der Heuteufel. Markiert +Überlegenheit. Übt zynische Kritik an unserer Huldigungsadresse +und, Sie werden es nicht glauben, sogar an dem +Telegramm Seiner Majestät!“ +</p> + +<p> +„Nun, und?“ fragte Jadassohn, dessen Hand sich mit +Fräulein Klappsch beschäftigte. +</p> + +<p> +„Für mich gibt es kein Und mehr! Ich bin mit dem +Herrn fertig fürs Leben!“ rief Diederich, trotz dem schmerzlichen +Bewußtsein, daß er am Mittwoch wieder zum Pinseln +mußte. Jadassohn versetzte schneidend: +</p> + +<p> +„Aber ich nicht.“ Und da Diederich ihn ansah: „Es gibt +nämlich eine Behörde, die sich die Königliche Staatsanwaltschaft +nennt und die für Leute wie diese Herren Lauer +und Heuteufel ein nicht zu unterschätzendes Interesse +hegt.“ Damit ließ er Fräulein Klappsch los und bedeutete +ihr, sie möge verschwinden. +</p> + +<p> +„Wie meinen Sie das“? fragte Diederich, unheimlich +berührt. +</p> + +<p> +„Ich denke Anklage wegen Majestätsbeleidigung zu +erheben.“ +</p> + +<p> +„Sie?“ +</p> + +<p> +„Jawohl, ich. Staatsanwalt Feifer hat Krankheitsurlaub, +ich bin dran. Und, wie ich unmittelbar nach dem +gestrigen Vorfall vor Zeugen festgestellt habe, war ich +<pb n='178'/><anchor id='Pgp0178'/>bei der Verübung des Deliktes nicht anwesend, bin also +keineswegs verhindert, in dem Prozeß die Anklagebehörde +zu vertreten.“ +</p> + +<p> +„Aber wenn niemand die Sache anzeigt!“ +</p> + +<p> +Jadassohn lächelte grausam. „Das haben wir, Gott sei +Dank, nicht nötig ... Übrigens erinnere ich Sie daran, +daß Sie selbst gestern abend sich uns als Zeugen anboten.“ +</p> + +<p> +„Davon weiß ich nichts“, sagte Diederich schnell. +</p> + +<p> +Jadassohn klopfte ihm auf die Schulter. „Sie werden +sich an alles wieder erinnern, hoffe ich, wenn Sie unter +Ihrem Eid stehen.“ Da entrüstete Diederich sich. Er +ward so laut, daß Klappsch diskret in das Zimmer spähte. +</p> + +<p> +„Herr Assessor, ich muß mich sehr wundern, daß Sie +private Äußerungen meinerseits –. Sie haben offenbar +die Absicht, mit Hilfe eines politischen Prozesses schneller +Staatsanwalt zu werden. Aber ich möchte wissen, was +mich Ihre Karriere angeht.“ +</p> + +<p> +„Na und mich die Ihre?“ fragte Jadassohn. +</p> + +<p> +„So. Dann sind wir Gegner?“ +</p> + +<p> +„Ich hoffe, es wird sich vermeiden lassen.“ Und Jadassohn +setzte ihm auseinander, daß er keinen Grund habe, +den Prozeß zu fürchten. Sämtliche Zeugen der Vorgänge +im Ratskeller würden dasselbe aussagen müssen +wie er selbst: auch Lauers Freunde. Diederich werde sich +keineswegs zu weit vorwagen ... Das habe er leider +schon getan, erwiderte Diederich, denn schließlich sei er es, +der mit Lauer den Krach gehabt habe. Aber Jadassohn +beruhigte ihn. „Wer fragt danach. Es handelt sich darum, +ob die inkriminierten Worte von seiten des Herrn Lauer +gefallen sind. Sie machen, wie die anderen Herren, einfach +Ihre Aussage, wenn Sie wollen, mit Vorsicht.“ +</p> + +<p> +„Mit großer Vorsicht!“ versicherte Diederich. Und +an<pb n='179'/><anchor id='Pgp0179'/>gesichts von Jadassohns teuflischer Miene: „Wie komme +ich dazu, einen anständigen Menschen wie Lauer ins Gefängnis +zu bringen? Jawohl, einen anständigen Menschen! +Denn eine politische Gesinnung ist in meinen +Augen keine Schande!“ +</p> + +<p> +„Besonders nicht bei dem Schwiegersohn des alten +Buck, den Sie vorläufig noch brauchen“, schloß Jadassohn +– und Diederich ließ den Kopf sinken. Dieser jüdische +Streber beutete ihn schamlos aus, und er konnte nichts +machen! Da sollte man noch an Freundschaft glauben. +Er sagte sich wieder einmal, daß alle gerissener und brutaler +im Leben vorgingen als er <anchor id="corr179"/><corr sic="se bst">selbst</corr>. Die große Aufgabe +war: wie ward man energisch. Er setzte sich stramm hin und +blitzte. Mehr unternahm er lieber nicht; bei einem Herrn +von der Staatsanwaltschaft konnte man nie wissen ... +Übrigens lenkte Jadassohn zu etwas anderem über. +</p> + +<p> +„Wissen Sie schon, daß in der Regierung und bei uns +im Gericht ganz sonderbare Gerüchte umgehen – über +das Telegramm Seiner Majestät an den Regimentskommandeur? +Der Oberst soll nämlich behaupten, er +habe gar kein Telegramm bekommen.“ +</p> + +<p> +Diederich behielt, trotz innerem Erbeben, eine feste +Stimme. „Aber es hat doch in der Zeitung gestanden!“ +Jadassohn grinste zweideutig. „Da steht gar zuviel.“ +Er ließ sich von Klappsch, der seine Glatze wieder in die +Tür schob, die „Netziger Zeitung“ bringen. „Sehen Sie, +in der Nummer hier steht überhaupt nichts, was nicht +auf Seine Majestät Bezug hat. Der Leitartikel beschäftigt +sich mit dem Allerhöchsten Bekenntnis zum geoffenbarten +Glauben. Dann kommt das Telegramm an den Obersten, +dann das Lokale mit der Heldentat des Postens und das Vermischte +mit drei Anekdoten über die kaiserliche Familie.“ +</p> + +<pb n='180'/><anchor id='Pgp0180'/> + +<p> +„Es sind recht rührende Geschichten“, bemerkte Klappsch +und verdrehte die Augen. +</p> + +<p> +„Zweifellos!“ beteuerte Jadassohn; und Diederich: +„Sogar so ein freisinniges Hetzblatt muß die Bedeutung +Seiner Majestät anerkennen!“ +</p> + +<p> +„Aber bei dem löblichen Eifer wäre es schließlich möglich, +daß die Redaktion die Allerhöchste Depesche eine +Nummer zu früh gebracht hat – noch vor ihrer Absendung.“ +„Ausgeschlossen!“ entschied Diederich. „Der +Stil Seiner Majestät ist unverkennbar.“ Auch Klappsch +wollte ihn erkennen. Jadassohn gab zu: „Nun ja ... +Weil man nie wissen kann, darum dementieren wir auch +nicht. Wenn der Oberst nichts bekommen hat, die Netziger +Zeitung könnte es ja direkt aus Berlin haben. Wulckow +hat sich den Redakteur Nothgroschen kommen lassen, aber +der Kerl verweigert die Aussage. Der Präsident hat gespuckt, +er ist selbst zu uns gekommen wegen des Zeugniszwangverfahrens +gegen Nothgroschen. Schließlich haben +wir davon abgesehen und warten lieber das Dementi +aus Berlin ab – weil man eben nicht wissen kann.“ +</p> + +<p> +Da Klappsch in die Küche gerufen ward, setzte Jadassohn +noch hinzu: „Komisch, wie? Allen kommt die Geschichte +verdächtig vor, aber niemand will vorgehen, weil in diesem +Fall – in diesem ganz besonderen Fall“ – sagte Jadassohn +mit perfider Betonung, und seine ganze Miene, +sogar die Ohren sahen perfid aus, „gerade das Unwahrscheinliche +am meisten Aussicht hat, Ereignis zu werden.“ +</p> + +<p> +Diederich war starr: nie hätte ihm so schwarzer Verrat +geträumt. Jadassohn bemerkte sein Entsetzen und verwirrte +sich, er fing an zu zappeln. „Nu, der Mann hat +seine Schwächen – Ihnen gesagt.“ Diederich versetzte, +fremd und drohend: „Gestern abend schienen Sie davon +<pb n='181'/><anchor id='Pgp0181'/>noch nichts zu wissen.“ Jadassohn entschuldigte sich: der +Sekt mache natürlich unkritisch. Ob Herr Doktor Heßling +denn die Begeisterung der übrigen Herren so ernst +genommen habe. Einen größeren Nörgler als den Major +Kunze gebe es überhaupt nicht ... Diederich zog sich +mit seinem Stuhle zurück, ihm ward kalt, als finde er sich +plötzlich in einer Verbrecherhöhle. Mit äußerster Energie +sagte er: „Auf die nationale Gesinnung der übrigen Herren +hoffe ich mich ebenso verlassen zu können wie auf meine +eigene, an der zu zweifeln ich mir auf das allerbestimmteste +verbitten müßte.“ +</p> + +<p> +Jadassohn hatte seine schneidige Stimme zurück. „Soll +das etwa einen Zweifel in bezug auf meine Person involvieren, +so weise ich ihn mit gebührender Entrüstung +zurück.“ Krähend, so daß Klappsch in die Tür spähte: +„Ich bin der Königliche Assessor Doktor Jadassohn und +stehe auf Wunsch zur Verfügung.“ +</p> + +<p> +Darauf mußte Diederich wohl murmeln, daß er es so +nicht gemeint habe. Dann aber zahlte er. Die Verabschiedung +war kühl. +</p> + +<p> +Auf dem Heimwege schnaufte Diederich. Hätte er sich +nicht entgegenkommender verhalten sollen mit Jadassohn? +Für den Fall, daß Nothgroschen redete? Jadassohn +hatte ihn freilich nötig, in dem Prozeß gegen Lauer! Auf +alle Fälle war es gut, daß Diederich jetzt Bescheid wußte +über den wahren Charakter dieses Herrn! „Seine Ohren +sind mir gleich verdächtig vorgekommen! Wirklich national +empfinden kann man eben doch nicht mit solchen Ohren.“ +</p> + +<p> +Zu Hause nahm er sogleich den Berliner „Lokal-Anzeiger“ +vor. Da waren schon die Kaiseranekdoten für +die „Netziger Zeitung“ von morgen. Vielleicht kamen sie +auch erst übermorgen, für alle war dort nicht Platz. Aber +<pb n='182'/><anchor id='Pgp0182'/>er suchte weiter; seine Hände zitterten ... Da! Er mußte +sich setzen. „Ist dir was, mein Sohn?“ fragte Frau Heßling. +Diederich starrte die Buchstaben an, wie ein Märchen, +das Wahrheit ward. Da stand es, unter anderen +unbezweifelten Dingen, in dem einzigen Blatt, das Seine +Majestät selbst las! Innerlich, in so tiefer Seele, daß er +es selbst kaum hörte, murmelte Diederich: „Mein Telegramm.“ +Das bange Glück sprengte ihn fast. Konnte es +sein? Hatte er richtig vorausempfunden, was der Kaiser +sagen würde? Sein Ohr reichte in diese Ferne? Sein +Gehirn arbeitete gemeinsam mit –? Die unerhörtesten +mystischen Beziehungen überwältigten ihn ... Aber das +Dementi konnte noch kommen, er konnte zurückgeschleudert +werden in sein Nichts! Diederich verbrachte eine angstvolle +Nacht, und am Morgen stürzte er sich auf den Lokalanzeiger. +Die Anekdoten. Die Denkmalsenthüllung. +Die Rede. „Aus Netzig.“ Da stand von den Ehrungen, +die dem Gefreiten Emil Pacholke zuteil geworden waren, +für seinen vor dem inneren Feind bewiesenen Mut. Alle +Offiziere, der Oberst an der Spitze, hatten ihm die Hand +gedrückt. Er hatte Geldgeschenke bekommen. „Bekanntlich +hat der Kaiser den braven Soldaten schon gestern +telegraphisch zum Gefreiten befördert.“ Da stand es! +Kein Dementi: eine Bestätigung! Er machte Diederichs +Worte zu den seinen, und er führte die Handlung aus, die +Diederich ihm untergelegt hatte!... Diederich breitete +das Zeitungsblatt weit aus; er sah sich darin wie in einem +Spiegel, und um seine Schultern lag Hermelin. +</p> + +<milestone unit="tb"/> + +<p> +Diesen Sieg und Diederichs schwindelnde Erhöhung, +leider durfte kein Wort sie verraten, aber sein Wesen genügte, +die Straffheit in Haltung und Sprache, das +<pb n='183'/><anchor id='Pgp0183'/>Herrscherauge. Familie und Werkstatt verstummten um +ihn her. Sötbier selbst mußte zugeben, daß ein forscherer +Zug in den Betrieb gekommen sei. Und Napoleon Fischer +schlich, je aufrechter und heller Diederich dastand, desto +affenähnlicher vorbei, die Arme nach vorn hängend, mit +schiefem Blick und den fletschenden Zähnen in seinem +dünnen schwarzen Bart: als der Geist des gebändigten +Umsturzes ... Dies war der Moment, gegen Guste +Daimchen vorzugehen. Diederich machte Besuch. +</p> + +<p> +Frau Oberinspektor Daimchen empfing ihn zuerst allein, +auf ihrem alten Plüschsofa, aber in einem braunen Seidenkleid +mit lauter Schleifen, und die Hände breitete sie, +rot und geschwollen wie die einer Waschfrau, vor sich hin +auf ihren Bauch, so daß der Gast die neuen Ringe immer +vor Augen hatte. Aus Verlegenheit gestand er seine Bewunderung, +worauf Frau Daimchen sich bereitwillig +darüber ausließ, daß sie und ihre Guste es nun Gott sei +Dank zu allem hätten. Sie wüßten nur noch nicht, ob +sie sich altdeutsch oder Louis käs einrichten sollten. Diederich +riet lebhaft zu altdeutsch; er habe es in Berlin in +den feinsten Häusern gesehen. Aber Frau Daimchen war +mißtrauisch. „Wer weiß, ob Sie so feine Leute wie uns +schon besucht haben. Lassen Sie man, ich kenne das, wenn +man so tun muß, als ob man was hat, und hat nichts.“ +Hierauf schwieg Diederich ratlos, und Frau Daimchen +trommelte sich mit Genugtuung auf den Bauch. Zum Glück +trat Guste ein, heftig rauschend. Diederich schwang sich +elastisch aus seinem Fauteuil, sagte schnarrend: „Gnädigstes +Fräulein!“ und unternahm einen Handkuß. Guste lachte. +„Reißen Sie sich nur kein Bein aus!“ Aber sie tröstete ihn +gleich wieder. „Man sieht sofort, was ein feiner Mann ist. +Der Herr Leutnant von Brietzen macht es auch so.“ +</p> + +<pb n='184'/><anchor id='Pgp0184'/> + +<p> +„Ja, ja,“ sagte Frau Daimchen, „bei uns verkehren alle +Herren Offiziere. Gestern sag’ ich noch zu Guste: Guste, +sag’ ich, auf jede Sitzgelegenheit können wir eine Freiherrnkrone +sticken lassen, denn überall hat sich schon einer +draufgesetzt.“ +</p> + +<p> +Guste verzog den Mund. „Aber was die Familien betrifft +und sonst überhaupt, ist Netzig doch reichlich spießig. Ich +glaube, wir ziehen nach Berlin.“ Damit war Frau Daimchen +nicht einverstanden. „Man soll den Leuten den Gefallen +nicht tun“, meinte sie. „Die alte Harnisch ist erst heute, wie +sie mein Seidenkleid gesehen hat, fast zerplatzt.“ +</p> + +<p> +„So ist Mutter nun mal,“ sagte Guste. „Wenn sie +renommieren kann, ist alles gut. Aber ich denke doch auch +an meinen Verlobten. Wissen Sie, daß Wolfgang sein +Staatsexamen gemacht hat? Was soll er hier in Netzig? +In Berlin kann er mit unserem vielen Geld was werden.“ +Diederich bestätigte: „Er wollte ja schon immer Minister +oder so was werden.“ Leis höhnisch setzte er hinzu: „Das +soll ja ganz leicht sein.“ +</p> + +<p> +Guste nahm sofort eine feindliche Haltung ein. „Der +Sohn vom alten Herrn Buck ist eben nicht jeder“, sagte sie +spitz. Aber Diederich setzte, weltmännisch überlegen, auseinander, +daß es heute auf Dinge ankomme, die der Einfluß +des alten Buck nicht verleihen könne: Persönlichkeit, +großzügigen Unternehmungsgeist und vor allem eine +stramm nationale Gesinnung. Das junge Mädchen unterbrach +ihn nicht mehr, sie sah sogar mit Respekt auf seine kühnen +Schnurrbartspitzen. Aber das Bewußtsein, Eindruck +zu machen, riß ihn zu weit fort. „Von alledem habe ich bei +Herrn Wolfgang Buck noch nichts bemerkt“, sagte er. „Der +philosophiert und nörgelt, und im übrigen soll er sich +ziemlich viel amüsieren ... Na,“ schloß er, „seine Mutter +<pb n='185'/><anchor id='Pgp0185'/>war ja auch eine Schauspielerin.“ Und er sah fort, obwohl +er fühlte, daß Gustes drohender Blick ihn suchte. +</p> + +<p> +„Was wollen Sie damit sagen?“ fragte sie. Er tat überrascht. +</p> + +<p> +„Ich, gar nichts. Ich meinte, wie reiche junge Leute in +Berlin nun mal leben. Bucks sind doch eine vornehme +Familie.“ +</p> + +<p> +„Das wollen wir hoffen“, sagte Guste schroff. Frau +Daimchen, die gegähnt hatte, erinnerte an die Schneiderin, +Guste sah Diederich erwartungsvoll an, ihm blieb +nichts übrig, als aufzustehen und seine Verbeugungen zu +machen. Den Handkuß unternahm er nicht mehr, mit +Rücksicht auf die gespannte Stimmung. Aber im Vorzimmer +holte Guste ihn ein. „Wollen Sie es mir jetzt +vielleicht sagen,“ fragte sie, „was Sie gemeint haben mit +der Schauspielerin?“ +</p> + +<p> +Er öffnete den Mund, schnappte und schloß ihn wieder, +stark errötet. Um ein Haar hätte er verraten, was seine +Schwestern ihm über Wolfgang Buck erzählt hatten. Er +sagte mit mitleidiger Stimme: „Fräulein Guste, weil wir +doch so alte Bekannte sind –. Ich wollte nur sagen, +der Buck ist nichts für Sie. Er ist sozusagen erblich belastet +von seiner Mutter her. Der Alte war doch auch zum +Tode verurteilt. Und was ist denn sonst an den Bucks +noch dran? Glauben Sie mir, man soll in keine Familie +heiraten, mit der es bergab geht. Das ist Sünde gegen +sich selbst“, setzte er noch hinzu. Aber Guste hatte die Hände +in die Hüften gestemmt. +</p> + +<p> +„Bergab? Und mit Ihnen geht es wohl bergauf? +Weil Sie sich im Ratskeller betrinken und dann den Leuten +Krach machen? Die ganze Stadt spricht von Ihnen, und +Sie möchten einer hochfeinen Familie was anhängen. +<pb n='186'/><anchor id='Pgp0186'/>Bergab! Wer mein Geld kriegt, mit dem geht es überhaupt +nicht bergab. Sie sind bloß neidisch, meinen Sie, +ich weiß das nicht?“ – und sie sah ihn an, die Augen voll +Tränen der Wut. Ihm war sehr beklommen; er hätte Lust +gehabt, sich auf die Knie zu werfen, ihr die dicken kleinen +Finger zu küssen und dann die Tränen aus den Augen, – +aber ging denn das? Inzwischen zog sie alle rosigen +Fettpolster ihres Gesichtes herunter zu einem Ausdruck der +Verachtung, machte kehrt und schlug die Tür zu. Diederich +stand mit angstklopfendem Herzen noch eine Weile da, +dann trollte er sich, im Gefühl seiner Kleinheit. +</p> + +<p> +Er bedachte, daß für ihn hier nichts zu machen gewesen +sei; die Sache gehe ihn nichts an, Guste sei mit all ihrem +Geld doch immer nur eine fette Gans, – und das beruhigte +ihn. Wie dann eines Abends Jadassohn ihm mitteilte, +was er in Magdeburg beim Gericht erfahren habe, +da triumphierte Diederich. Fünfzigtausend Mark, das +war alles! Und deswegen ein Auftreten wie die Gräfinnen? +Ein Mädchen von dermaßen schwindelhaftem Gebaren +paßte freilich besser zu den verkommenen Bucks +als zu einem kernigen und treugesinnten Mann wie Diederich! +Da war Käthchen Zillich vorzuziehen. Äußerlich +Guste ähnlich und mit fast ebenso starken Reizen geschmückt, +empfahl sie sich außerdem durch Gemüt und ein entgegenkommendes +Wesen. Er kam öfter zum Kaffee und machte +ihr eifrig den Hof. Sie warnte ihn vor Jadassohn, was +Diederich als nur zu berechtigt anerkennen mußte. Auch +sprach sie mit äußerster Mißbilligung von Frau Lauer, +die mit Landgerichtsrat Fritzsche –. Was Lauers Prozeß +betraf, war Käthchen Zillich die einzige, die ganz auf +Diederichs Seite stand. +</p> + +<p> +Denn diese Sache nahm für Diederich ein drohendes +<pb n='187'/><anchor id='Pgp0187'/>Gesicht an. Jadassohn hatte erreicht, daß die Staatsanwaltschaft +durch einen Ermittelungsrichter die Zeugen +jenes nächtlichen Vorfalls vernehmen ließ; und so zurückhaltend +Diederich sich vor dem Richter geäußert hatte, +die anderen machten ihn verantwortlich für ihre Verlegenheiten. +Die Herren Cohn und Fritzsche wichen ihm aus; +der Bruder des Herrn Buck, ein so höflicher Mann, vermied +seinen Gruß; Heuteufel pinselte ihn grausam, lehnte +aber jedes Privatgespräch ab. An dem Tage, da es bekannt +ward, daß das Gericht dem Fabrikbesitzer Lauer die +Anklageschrift zugestellt habe, fand Diederich seinen Tisch +im Ratskeller leer. Professor Kühnchen zog sich eben den +Mantel an, Diederich konnte ihn noch am Kragen packen. +Aber Kühnchen hatte es eilig, er mußte im freisinnigen +Wählerverein gegen die neue Militärvorlage reden. Er +entwischte; und Diederich dachte enttäuscht jener sieghaften +Nacht, als draußen das Blut des inneren Feindes, +hier aber Sekt geflossen war, und als unter den Nationalgesinnten +Kühnchen der kriegslustigste gewesen war. Jetzt +sprach er gegen die Vermehrung unseres ruhmreichen +Heeres!... Diederich sah, einsam und verlassen, in +seinen Dämmerschoppen; da erschien Major Kunze. +</p> + +<p> +„Nanu, Herr Major,“ sagte Diederich mit erzwungener +Munterkeit, „von Ihnen hört man gar nichts mehr.“ +</p> + +<p> +„Von Ihnen um so mehr.“ Der Major knurrte, blieb +in Hut und Mantel stehen und sah sich um, wie in einer +Schneewüste. „Kein Mensch da!“ +</p> + +<p> +„Wenn ich Sie zu einem Glas Wein einladen darf –“ +wagte Diederich zu sagen, aber er kam übel an. „Danke, +Ihr Sekt liegt mir noch im Magen.“ Der Major bestellte +Bier und saß da, stumm und mit einem Gesicht zum Fürchten. +Um nur das schreckliche Schweigen zu beenden, +<pb n='188'/><anchor id='Pgp0188'/>sagte Diederich drauf los: „Nun, und der Kriegerverein, +Herr Major? Ich habe immer geglaubt, ich würde einmal +etwas hören über meine Aufnahme.“ +</p> + +<p> +Der Major sah ihn lange nur an, als wollte er ihn fressen. +„Ach so. Sie haben geglaubt. Sie haben wohl +auch geglaubt, es würde mir eine Ehre sein, wenn Sie +mich in Ihre Skandalaffäre hineinziehen?“ +</p> + +<p> +„Meine?“ stotterte Diederich. Der Major donnerte. +„Jawohl, Herr! Ihre! Dem Herrn Fabrikbesitzer Lauer +ist mal ein Wort zu viel ausgerutscht, das kann vorkommen, +sogar bei alten Soldaten, die sich für ihren König +haben zu Krüppeln schießen lassen. Sie aber haben den +Herrn Lauer raffinierterweise zu seinen unbedachten +Äußerungen verleitet. Das bin ich bereit, vor dem Untersuchungsrichter +zu bekunden. Den Lauer kenne ich: der +war in Frankreich mit und ist in unserem Kriegerverein. +Sie, Herr, wer sind Sie? Weiß ich, ob Sie überhaupt +gedient haben? Her mit Ihren Papieren!“ +</p> + +<p> +Diederich griff in die Brusttasche. Er würde stramm gestanden +haben, wenn der Major es befohlen hätte. Der +Major hielt sich den Militärpaß weit von den Augen fort. +Plötzlich warf er ihn hin, er feixte grimmig. „Na also. Landsturm +mit der Waffe. Hab’ ich es nicht gesagt? Plattfüße +wahrscheinlich.“ Diederich war bleich, bebte bei jedem Wort +des Majors und hielt beschwörend die Hand vor sich hin. +„Herr Major, ich gebe Ihnen mein Ehrenwort, daß ich gedient +habe. Infolge eines Unglücksfalles, der mir nur zur +Ehre gereicht, mußte ich nach drei Monaten austreten ...“ +</p> + +<p> +„Solche Unglücksfälle kennen wir ... Zahlen!“ +</p> + +<p> +„Sonst wäre ich ganz dabei geblieben“, sagte Diederich +noch, mit fliegender Stimme. „Ich war mit Leib und +Seele Soldat, fragen Sie meine Vorgesetzten.“ +</p> + +<pb n='189'/><anchor id='Pgp0189'/> + +<p> +„’n Abend.“ Der Major hatte schon den Mantel an. +„Ich will Ihnen bloß noch sagen, Herr: wer nicht gedient +hat, den gehen die Majestätsbeleidigungen anderer Leute +den Teufel an. Majestät legt keinen Wert auf nicht gediente +Herrschaften ... Grützmacher,“ sagte er zum Wirt, +„Sie sollten sich Ihr Publikum genauer ansehen. Wegen +eines Gastes, der mal zuviel da ist, ist nun der Herr Lauer +beinahe verhaftet worden, und ich muß mit meinem steifen +Bein zu Gericht als Belastungszeuge und es mit allen +Leuten verderben. Der Harmonieball ist schon abgesagt, +ich bin beschäftigungslos, und wenn ich hier zu Ihnen +komme –“ er warf wieder einen Blick wie über Schneewüsten +– „ist kein Mensch da. Außer, natürlich, der Denunziant!“ +schrie er noch auf der Treppe. +</p> + +<p> +„Mein Ehrenwort, Herr Major –“ Diederich lief hinterher, +„ich habe keine Anzeige erstattet, das Ganze ist ein +Mißverständnis.“ Der Major war schon draußen, Diederich +rief ihm nach: „Wenigstens bitte ich um Ihre Diskretion!“ +</p> + +<p> +Er trocknete die Stirn. „Herr Grützmacher, Sie müssen +doch einsehen –“ sagte er, mit Tränen in der Stimme. +Da er Wein bestellte, sah der Wirt alles ein. +</p> + +<p> +Diederich trank und schüttelte wehmütig den Kopf. Diese +Fehlschläge begriff er nicht. Seine Absichten waren rein gewesen, +nur die Tücke seiner Feinde verdunkelte sie ... Da +erschien der Landgerichtsrat Dr. Fritzsche, sah sich zögernd +um, – und als er Diederich wirklich ganz allein fand, kam +er zu ihm. „Herr Doktor Heßling,“ sagte er und gab ihm die +Hand, „Sie sehen ja aus, als ob Ihnen die Ernte verhagelt +wär.“ In einem großen Betrieb, murmelte Diederich, +gebe es freilich immer Ärger. Aber da er die mitfühlende +Miene des anderen sah, erweichte er sich vollends. +<pb n='190'/><anchor id='Pgp0190'/>„Ihnen kann ich es sagen, Herr Landgerichtsrat, die Sache +mit dem Herrn Lauer ist mir verdammt unangenehm.“ +</p> + +<p> +„Ihm noch mehr“, sagte Fritzsche, nicht ohne Strenge. +„Wenn bei ihm nicht jeder Fluchtverdacht ausgeschlossen +wäre, hätten wir ihn gleich heute verhaften lassen müssen.“ +Er sah Diederich erbleichen und fügte hinzu: „Was sogar +uns Richtern peinlich gewesen wäre. Schließlich ist man +Mensch und lebt unter Menschen. Aber natürlich –“ Er +befestigte seinen Klemmer und machte sein trockenes Gesicht. +„Das Gesetz muß befolgt werden. Wenn Lauer an +dem betreffenden Abend – ich selbst hatte das Lokal ja +schon verlassen – tatsächlich die unerhörten Majestätsbeleidigungen +geäußert hat, die von der Anklage behauptet +werden, und für die Sie als Hauptzeuge aufgestellt sind –“ +</p> + +<p> +„Ich?“ Diederich fuhr verzweifelt auf. „Ich habe nichts +gehört! Kein Wort!“ +</p> + +<p> +„Dagegen spricht Ihre Aussage vor dem Ermittelungsrichter.“ +</p> + +<p> +Diederich verwirrte sich. „Im ersten Moment weiß man +doch nicht, was man sagen soll. Aber wenn ich mir den +fraglichen Vorgang jetzt rekonstruiere, dann scheint es mir +doch, daß wir alle ziemlich stark angeheitert waren. Ich +besonders.“ +</p> + +<p> +„Sie besonders“, wiederholte Fritzsche. +</p> + +<p> +„Ja, und da habe ich wohl anzügliche Fragen an Herrn +Lauer gestellt. Was er mir darauf geantwortet hat, das +könnte ich jetzt nicht mehr beschwören. Das Ganze war +doch überhaupt nur ein Scherz.“ +</p> + +<p> +„Ach so: ein Scherz.“ Fritzsche atmete auf. „Ja, aber +was hindert Sie denn, das einfach dem Richter zu sagen?“ +Er erhob den Finger. „Ohne daß ich natürlich im geringsten +Ihre Aussage beeinflussen <anchor id="corr190"/><corr sic="möchte.">möchte.“</corr> +</p> + +<pb n='191'/><anchor id='Pgp0191'/> + +<p> +Diederich erhob die Stimme. „Dem Jadassohn vergeß ich +den Streich nicht!“ Und er berichtete die Machenschaften +dieses Herrn, der sich während der Szene vorsätzlich entfernt +habe, um nicht als Zeuge in Betracht zu kommen; der dann +sofort Material für die Anklage gesammelt, den halb unzurechnungsfähigen +Zustand der Anwesenden mißbraucht +und sie von vornherein festgelegt habe mit ihren Aussagen. +„Herr Lauer und ich, wir halten einander für Ehrenmänner. +Wie untersteht sich so ein Jude, uns zu verhetzen!“ +</p> + +<p> +Fritzsche erklärte ernst, daß hier nicht Jadassohns Persönlichkeit +in Betracht komme, sondern nur das Vorgehen +der Staatsanwaltschaft. Freilich war zuzugeben, daß +Jadassohn vielleicht zum Übereifer neigte. Mit gedämpfter +Stimme setzte er hinzu: „Sehen Sie, das ist eben der +Grund, weshalb wir mit den jüdischen Herren nicht gern +zusammenarbeiten. Solch ein Herr legt sich nicht die +Frage vor, welchen Eindruck es auf das Volk machen muß, +wenn ein gebildeter Mann, ein Arbeitgeber, wegen Majestätsbeleidigungen +verurteilt wird. Sachliche Bedenken +verschmäht sein Radikalismus.“ +</p> + +<p> +„Sein jüdischer Radikalismus“, ergänzte Diederich. +</p> + +<p> +„Er stellt unbedenklich sich selbst in den Vordergrund, – +womit ich keineswegs leugnen will, daß er auch ein amtliches +und nationales Interesse wahrzunehmen glaubt.“ +</p> + +<p> +„Wieso denn?“ rief Diederich. „Ein gemeiner Streber, +der mit unseren heiligsten Gütern spekuliert!“ +</p> + +<p> +„Wenn man sich scharf ausdrücken will –“ Fritzsche +lächelte befriedigt. Er rückte näher. „Nehmen wir einmal an, +ich wäre Untersuchungsrichter: es gibt Fälle, in denen man +gewissermaßen Grund hätte, sein Amt niederzulegen.“ +</p> + +<p> +„Sie sind mit dem Lauerschen Hause eng befreundet“, +sagte Diederich und nickte bedeutsam. Fritzsche machte sein +<pb n='192'/><anchor id='Pgp0192'/>weltmännisches Gesicht. „Aber Sie begreifen, damit +würde ich gewisse Gerüchte ausdrücklich bestätigen.“ +</p> + +<p> +„Das geht nicht“, sagte Diederich. „Es wäre gegen +den Komment.“ +</p> + +<p> +„Mir bleibt nichts übrig, als meine Pflicht zu tun, ruhig +und sachlich.“ +</p> + +<p> +„Sachlich sein heißt deutsch sein“, sagte Diederich. +</p> + +<p> +„Besonders, da ich annehmen darf, daß die Herren +Zeugen mir meine Aufgabe nicht unnötig erschweren +werden.“ Diederich legte die Hand auf die Brust. „Herr +Landgerichtsrat, man kann sich hinreißen lassen, wo es um +eine große Sache geht. Ich bin eine impulsive Natur. +Aber ich bleibe mir bewußt, daß ich für alles meinem Gott +Rechenschaft schulde.“ Er schlug die Augen nieder. Mit +männlicher Stimme: „Auch ich bin der Reue zugänglich.“ +Dies schien Fritzsche zu genügen, denn er zahlte. Die Herren +schüttelten einander ernst und verständnisvoll die Hände. +</p> + +<p> +Schon am Tage darauf ward Diederich vor den Untersuchungsrichter +geladen und stand vor Fritzsche. „Gott +sei Dank“, dachte er und machte mit treuherziger Sachlichkeit +seine Aussagen. Auch Fritzsches einzige Sorge schien +die Wahrheit zu sein. Die öffentliche Meinung freilich +blieb bei ihrer Parteilichkeit für den Angeklagten. Von +der sozialdemokratischen „Volksstimme“ nicht zu reden; +sie verstieg sich bis zu höhnischen Auslassungen über Diederichs +Privatleben, hinter denen wohl sicher Napoleon +Fischer zu suchen war. Aber auch die sonst so ruhige +„Netziger Zeitung“ gab gerade jetzt eine Ansprache des +Herrn Lauer an seine Arbeiter wieder, worin der Fabrikbesitzer +darlegte, daß er den Gewinn seines Unternehmens +redlich mit allen denen teile, die daran mitgearbeitet +hatten, ein Viertel den Beamten, ein Viertel den +Arbei<pb n='193'/><anchor id='Pgp0193'/>tern. In acht Jahren hatten sie außer ihren Löhnen und +Gehältern die Summe von 130 000 Mark unter sich zu +verteilen gehabt. Dies machte auf weite Kreise den günstigsten +Eindruck. Diederich begegnete mißbilligenden Gesichtern. +Sogar der Redakteur Nothgroschen, den er zur +Rede stellte, erlaubte sich ein anzügliches Lächeln und +sagte etwas von sozialen Fortschritten, die man mit nationalen +Phrasen nicht aufhalte. Besonders peinlich waren +die geschäftlichen Folgen. Bestellungen, auf die Diederich +rechnen durfte, blieben aus. Der Warenhausbesitzer Cohn +teilte ihm ausdrücklich mit, daß er für seine Weihnachtskataloge +die Papierfabrik Gausenfeld bevorzuge, weil er +mit Rücksicht auf seine Kunden sich politische Zurückhaltung +auferlegen müsse. Diederich erschien jetzt ganz früh im +Bureau, um solche Briefe abzufangen, aber Sötbier war +immer noch früher da, und das vorwurfsvolle Schweigen +des alten Prokuristen erhöhte seine Wut. „Ich schmeiß +den ganzen Krempel hin!“ schrie er. „Sie und die Leute +sollen dann sehen, wo sie bleiben. Ich mit meinem Doktor +hab’ morgen einen Direktorposten mit 40 000 Mark!“ – +„Ich opfere mich für euch!“ schrie er die Arbeiter an, +wenn sie gegen das Reglement Bier tranken. „Ich zahle +drauf, nur um keinen zu entlassen.“ +</p> + +<p> +Gegen Weihnacht mußte er dennoch einem Drittel der +Leute aufsagen; Sötbier rechnete ihm vor, daß die Zahlungsfristen +zu Beginn des Jahres sonst nicht eingehalten +werden könnten, „da wir nun mal 2000 Mark als Anzahlung +für den neuen Holländer aufnehmen mußten“; und +er blieb dabei, obwohl Diederich nach dem Tintenfaß griff. +In den Mienen der Übriggebliebenen las er Mißtrauen und +Geringschätzung. So oft mehrere zusammenstanden, glaubte +er das Wort „Denunziant“ zu hören. Napoleon Fischers +<pb n='194'/><anchor id='Pgp0194'/>knotige, schwarzbehaarte Hände hingen weniger tief über +dem Boden, und es sah aus, als bekäme er sogar Farbe. +</p> + +<p> +Am letzten Adventsonntag – das Landgericht hatte soeben +die Eröffnung des Hauptverfahrens beschlossen – +predigte in der Marienkirche Pastor Zillich über den Text: +„Liebet eure Feinde.“ Diederich erschrak beim ersten +Wort. Bald fühlte er, wie auch die Gemeinde unruhig ward. +„Die Rache ist mein, spricht der Herr“: Pastor Zillich rief +es sichtlich nach dem Heßlingschen Stuhl hinüber. Emmi +und Magda versanken ganz darin, Frau Heßling schluchzte. +Diederich beantwortete drohend die Blicke, die ihn suchten. +„Wer aber spricht Rache, der ist des Gerichts!“ Da +wandte sich alles um, und Diederich knickte zusammen. +</p> + +<p> +Zu Hause machten die Schwestern ihm eine Szene. +Man behandelte sie schlecht in den Gesellschaften. Nie +mehr ward der junge Oberlehrer Helferich neben Emmi +gesetzt, er kümmerte sich nur noch um Meta Harnisch, und +sie wußte wohl warum. „Weil du ihm zu alt bist“, sagte +Diederich. „Nein, sondern weil du uns unbeliebt machst!“ +– „Die fünf Töchter vom Bruder des Herrn Buck grüßen +uns schon nicht mehr!“ rief Magda. Und Diederich: „Ich +werd’ ihnen fünf Ohrfeigen herunterhauen!“ – „Das +laß gefälligst! An dem einen Prozeß haben wir genug.“ +Da verlor er die Geduld. „Ihr? Was gehen euch meine +politischen Kämpfe an?“ +</p> + +<p> +„Alte Jungfern werden wir noch, wegen deiner politischen +Kämpfe!“ +</p> + +<p> +„Das braucht ihr nicht erst zu werden. Ihr liegt mir +hier unnütz im Hause umher, ich rackere mich ab für euch, +und ihr wollt auch noch nörgeln und mir meine heiligsten +Aufgaben verekeln? Dann schüttelt gefälligst den Staub +von euren Pantoffeln! Meinetwegen könnt ihr +Kinder<pb n='195'/><anchor id='Pgp0195'/>mädchen werden!“ Und er schlug die Tür zu, trotz Frau +Heßlings gerungenen Händen. +</p> + +<p> +So kamen denn traurige Weihnachten heran. Die Geschwister +sprachen nicht miteinander; Frau Heßling verließ +das verschlossene Zimmer, wo sie den Baum schmückte, +nie anders als mit verweinten Augen. Und am heiligen +Abend, wie sie ihre Kinder hineinführte, sang sie ganz +allein und mit zitternder Stimme „Stille Nacht“. „Dies +schenkt Diedel seinen lieben Schwestern!“ sagte sie und +machte ein bittendes Gesicht, damit er sie nicht Lügen +strafe. Emmi und Magda dankten ihm verlegen, er besah +ebenso verlegen die Gaben, die angeblich von ihnen kamen. +Es tat ihm leid, daß er die gewohnte Christbaumfeier der +Arbeiter, trotz Sötbiers dringendem Rat, abgelehnt hatte, +um die unbotmäßige Gesellschaft zu bestrafen. Sonst hätte +er jetzt mit den Leuten zusammensitzen können. Hier in +der Familie war es eine künstliche Sache, eine Aufwärmung +alter, verbrauchter Stimmung. Echt wäre sie erst +geworden durch eine, die nicht dabei war: Guste ... Der +Kriegerverein war ihm verschlossen, und im Ratskeller +hätte er niemand gefunden, wenigstens keinen Freund. +Diederich erschien sich vernachlässigt, unverstanden und +verfolgt. Wie fern lagen die harmlosen Zeiten der Neuteutonia, +als man in langen, von Wohlwollen beseelten +Reihen sang und Bier trank. Heute, im rauhen Leben, +brachten keine wackeren Kommilitonen mehr einander +ehrliche Schmisse bei, sondern lauter verräterische Konkurrenten +wollten sich gegenseitig an den Hals. „Ich passe +nicht in diese harte Zeit“, dachte Diederich, aß Marzipan +von seinem Teller und träumte in die Lichter des Weihnachtsbaumes. +„Ich bin doch gewiß ein guter Mensch. +Warum ziehen sie mich in so häßliche Dinge hinein wie +<pb n='196'/><anchor id='Pgp0196'/>dieser Prozeß, und schaden mir dadurch auch geschäftlich, +so daß ich, ach lieber Gott! den Holländer, den ich bestellt +habe, nicht werde bezahlen können.“ Dabei schnitt es +ihm kalt durch den Leib, Tränen traten ihm in die Augen, +und damit die Mutter, die immer ängstlich nach seiner +sorgenvollen Miene schielte, sie nicht sähe, stahl er sich in +das dunkle Nebenzimmer. Er stützte die Arme auf das +Klavier und schluchzte in die Hände. Draußen stritten +Emmi und Magda um ein paar Handschuhe, und die Mutter +wagte nicht zu entscheiden, wem sie beschert worden +waren. Diederich schluchzte. Alles war fehlgeschlagen, in +Politik, Geschäft und Liebe. „Was hab’ ich denn noch?“ +Er öffnete das Klavier. Ihn fröstelte, er war so unheimlich +allein, daß er Angst hatte, ein Geräusch zu machen. +Die Töne kamen von selbst, seine Hände wußten es kaum. +Aus Volksliedern, Beethoven und dem Kommersbuch +klang es durcheinander in der Dämmerung, die sich traulich +davon erwärmte, so daß einem wohlig dumpf im +Kopf ward. Einmal meinte er, daß eine Hand ihm über +den Scheitel streife. War es nur ein Traum? Nein, denn +auf dem Klavier stand plötzlich ein volles Bierglas. Die +gute Mutter! Schubert, weiche Biederkeit, Gemüt der +Heimat ... Es ward still, und er wußte es nicht – bis +die Wanduhr schlug: eine Stunde war vergangen! „Das +war meine Weihnacht“, sagte Diederich und ging hinaus +zu den anderen. Er fühlte sich getröstet und gekräftigt. Da +die Schwestern noch immer wegen der Handschuhe maulten, +erklärte er sie für gemütlos und steckte die Handschuhe +ein, um sie für sich umzutauschen. +</p> + +<milestone unit="tb"/> + +<p> +Die ganze Festzeit ward verdüstert durch die Sorge +wegen des Holländers. Sechstausend Mark für einen +<pb n='197'/><anchor id='Pgp0197'/>neuen Patent-Holländer System Maier! Das Geld war +nicht da, und wie die Dinge lagen, nicht zu beschaffen. +Es war ein unbegreifliches Verhängnis, ein schäbiger +Widerstand von Menschen und Dingen, der Diederich erbitterte. +Wenn Sötbier nicht dabei war, schlug er mit +dem Pultdeckel und schleuderte Briefordner in die Ecken. +Für den neuen Herrn, der die Zügel des Betriebes in +seine feste Hand genommen hatte, mußten doch ohne weiteres +neue Unternehmungen eintreten, die Erfolge warteten +auf ihn, die Ereignisse hatten sich seiner Persönlichkeit +anzupassen!... Nach dem Zorn kam der Kleinmut, +Diederich traf Vorkehrungen für den Fall einer Katastrophe. +Er war sanft mit Sötbier: vielleicht konnte der +Alte noch einmal helfen. Auch demütigte er sich vor Pastor +Zillich und bat ihn, den Leuten zu sagen, daß er mit der +Predigt, von der alle sprachen, nicht auf ihn gezielt habe. +Der Pastor versprach es auch, mit sichtlicher Reue, unter +dem strafenden Blick seiner Gattin, die sein Versprechen +bekräftigte. Dann ließen die Eltern Käthchen mit Diederich +allein, und er war ihnen in seiner Niedergeschlagenheit +so dankbar, daß er sich fast erklärt hatte. Käthchens Jawort, +das auf ihren lieben, dicken Lippen wartete, wäre doch +ein Erfolg gewesen, es hätte ihm Bundesgenossen gebracht +gegen die feindliche Welt. Aber der unbezahlbare Holländer! +Er würde ein Viertel der Mitgift verschlungen haben +... Diederich seufzte, er müsse nun wieder ins Geschäft; +und Käthchen kniff die Lippen zusammen, ohne daß das +Jawort zur Verwendung gelangt war. +</p> + +<p> +Ein Entschluß mußte gefaßt werden, denn die Ankunft +des Holländers stand bevor. Diederich sagte zu Sötbier: +„Ich rate den Leuten nur, ihn auf Tag und Stunde zu +liefern, sonst geb’ ich ihn ohne Gnade zurück.“ Aber +Söt<pb n='198'/><anchor id='Pgp0198'/>bier erinnerte an das Gewohnheitsrecht, das den Fabriken +einige Tage Spielraum lasse. Trotz Diederichs Heftigkeit +blieb er dabei. Übrigens traf die Maschine pünktlich ein. +Sie war noch nicht ausgepackt, und schon wetterte Diederich. +„Er ist zu groß! Die Leute haben mir garantiert, +daß er kleiner sein soll als das alte System. Wozu kaufe +ich ihn denn, wenn ich nicht mal Raum sparen soll!“ Und +er ging, sobald der Holländer aufgestellt war, mit dem +Metermaß um ihn herum. „Er ist zu groß! Ich laß mich +nicht beschwindeln! Bezeugen Sie mir, Sötbier, daß er +zu groß ist!“ Aber Sötbier klärte mit unbeirrbarer Rechtlichkeit +den Fehler in Diederichs Messungen auf. Schnaufend +zog Diederich sich zurück, um einen neuen Angriffsplan +zu ersinnen. Er rief Napoleon Fischer herbei. „Wo ist denn +der Monteur? Haben uns die Leute keinen Monteur mitgeschickt?“ +Und dann entrüstete er sich. „Ich habe ihn doch +bestellt!“ log er. „Die Leute scheinen ihr Geschäft zu verstehen. +Ich werde mich nicht wundern, wenn ich für den Kerl +täglich zwölf Mark bezahlen muß, und er glänzt durch Abwesenheit. +Wer stellt mir das Unglücksding da nun auf?“ +</p> + +<p> +Der Maschinenmeister behauptete, er verstehe sich darauf. +Diederich bewies ihm plötzlich großes Wohlwollen. +„Sie können sich denken: Ihnen zahl’ ich lieber die Überstunden, +als daß ich mein Geld für den fremden Menschen +hinauswerfe. Schließlich sind Sie ein alter Mitarbeiter.“ +Napoleon Fischer zog die Brauen hinauf, sagte aber nichts. +Diederich berührte seine Schulter. „Sehen Sie mal, lieber +Freund,“ sagte er halblaut, „ich bin von dem Holländer +nämlich enttäuscht. Auf den Bildern im Prospekt sah er +anders aus. Die Messerwalze sollte doch viel breiter sein, +wo bleibt da die größere Leistungsfähigkeit, die die Leute +uns versprochen haben. Was meinen Sie? Halten Sie +<pb n='199'/><anchor id='Pgp0199'/>den Zug für gut? Ich fürchte, der Stoff bleibt liegen.“ +Napoleon Fischer sah Diederich an, prüfend, aber schon +mit Verständnis. Man müsse es ausprobieren, meinte +er zögernd. Diederich vermied seinen Blick, er tat, als +untersuchte er die Maschine. Dabei sagte er aufmunternd: +„Also schön. Sie stellen das Ding auf, ich zahle Ihnen die +Überstunden mit fünfundzwanzig Prozent Aufschlag, und +dann tragen Sie in Gottes Namen gleich Stoff ein. Wir +werden die Bescherung ja sehen.“ +</p> + +<p> +„Es wird wohl ’ne nette Bescherung sein“, sagte der +Maschinenmeister mit sichtlichem Entgegenkommen. Diederich +griff, ehe er es selbst wußte, nach seinem Arm, Napoleon +Fischer war ein Freund, ein Retter! „Kommen Sie +mal mit, mein Lieber“ – seine Stimme war bewegt. Er +führte Napoleon Fischer in das Wohnhaus, Frau Heßling +mußte ihm ein Glas Wein einschenken, und Diederich drückte +ihm, ohne hinzusehen, fünfzig Mark in die Hand. „Ich verlaß +mich auf Sie, Fischer“, sagte er. „Wenn ich Sie nicht hätte, +würde die Fabrik mich womöglich hineinlegen. Zweitausend +Mark hab’ ich den Leuten schon in den Rachen geworfen.“ +</p> + +<p> +„Die müssen sie wieder hergeben“, sagte der Maschinenmeister +gefällig. Diederich fragte dringend: „Das meinen +Sie doch auch?“ +</p> + +<p> +Und schon tags darauf, nach der Mittagspause, die er zu +Versuchen mit dem Holländer benutzt hatte, teilte Napoleon +Fischer seinem Arbeitgeber mit, daß die neue Erwerbung +nichts tauge. Der Stoff blieb liegen, man mußte +mit dem Rührscheit nachhelfen, wie bei jedem Holländer +ältester Konstruktion. „Also der offenbare Schwindel!“ +rief Diederich. Auch brauchte der Holländer mehr als +zwanzig Pferdestärken. „Das ist vertragswidrig! Müssen +wir uns das gefallen lassen, Fischer?“ +</p> + +<pb n='200'/><anchor id='Pgp0200'/> + +<p> +„Das müssen wir uns nicht gefallen lassen“, entschied +der Maschinenmeister und strich mit seiner knotigen Hand +über sein schwarz behaartes Kinn. Diederich sah ihn zum +erstenmal fest an. +</p> + +<p> +„Dann können Sie mir also bezeugen, daß der Holländer +die bei Bestellung vereinbarten Bedingungen nicht +erfüllt?“ +</p> + +<p> +In Napoleon Fischers schütterem Bart erschien ein +dünnes Lächeln. „Kann ich“, sagte er. Diederich sah das +Lächeln. Um so strammer machte er kehrt. „Na, dann +sollen die Leute mich kennenlernen!“ Sogleich schrieb er +einen energisch gehaltenen Brief an Büschli & Cie. in +Eschweiler. Die Antwort kam umgehend. Man begreife +seine Beanstandungen nicht, der neue Patentholländer +System Maier sei schon von mehreren Papierfabriken, +deren Verzeichnis beiliege, aufgestellt und erprobt worden. +Von einer Zurücknahme und gar von einer Rückerstattung +der angezahlten 2000 Mark könne daher nicht die Rede +sein, vielmehr sei der Rest der vertragsmäßigen Kaufsumme +sofort zu <anchor id="corr200"/><corr sic="erlegen">erlegen.</corr> <corr sic="Diederichs">Diederich</corr> schrieb darauf noch +entschiedener als das erstemal und drohte mit einer Klage. +Büschli & Cie. versuchten nun, ihn zu beschwichtigen, sie +empfahlen eine nochmalige Probe. „Sie haben Angst“, +sagte Napoleon Fischer, dem Diederich das Schreiben +zeigte, und er fletschte die Zähne. „Eine Klage können +sie nicht brauchen, denn ihr Holländer ist noch nicht genügend +eingeführt.“ „Stimmt“, sagte Diederich. „Wir +haben die Kerls in der Hand!“ Und mit erbitterter Siegesgewißheit +lehnte er jeden Vergleich und die angebotene +Preisermäßigung schroff ab. Als dann mehrere Tage +lang nichts weiter erfolgte, ward er freilich unruhig. Vielleicht +warteten sie nun doch seine Klage ab? Vielleicht +<pb n='201'/><anchor id='Pgp0201'/>strengten sie selbst eine an! Unsicher suchte sein Blick, oftmals +am Tage, Napoleon Fischer, der ihn von unten erwiderte. +Sie sprachen nicht mehr miteinander. Wie aber +Diederich eines Vormittags um elf Uhr beim zweiten +Frühstück saß, brachte das Mädchen eine Karte: Friedrich +Kienast, Prokurist der Firma Büschli & Cie., Eschweiler; +und indes Diederich sie noch hin und her wendete, trat +der Besucher schon ein. An der Tür blieb er stehen. „Pardon,“ +sagte er, „es muß ein Irrtum sein. Man hat mich hier +ins Haus gewiesen, aber ich komme nämlich geschäftlich.“ +</p> + +<p> +Diederich hatte sich besonnen. „Ich kann es mir denken, +aber das macht nichts, bitte, treten Sie doch näher. Doktor +Heßling ist mein Name. Hier ist meine Mutter und +meine Schwestern Emmi und Magda.“ +</p> + +<p> +Der Herr trat näher und verbeugte sich vor den Damen. +„Friedrich Kienast“, murmelte er. Er war groß, blondbärtig +und trug einen braunen wolligen Jackettanzug. Alle +drei Damen lächelten hingebend. „Darf ich für den Herrn +ein Gedeck auflegen?“ fragte Frau Heßling. Und Diederich: +„Natürlich. Herr Kienast frühstückt doch mit uns?“ +</p> + +<p> +„Ich sage nicht nein“, erklärte der Vertreter von Büschli +& Cie., und er rieb sich die Hände. Magda legte ihm Bücklinge +vor, die er schon lobte, während er den ersten Bissen +noch auf der Gabel hatte. +</p> + +<p> +Diederich fragte ihn, harmlos lachend: +</p> + +<p> +„Nüchtern machen Sie wohl auch nicht gern Geschäfte?“ +Herr Kienast lachte auch. „Bei den Geschäften bin ich +immer nüchtern.“ Diederich schmunzelte. „Na, dann +werden wir uns wohl einigen.“ „Kommt darauf an, wie“; +– und Kienasts schelmisch herausfordernde Worte begleitete +ein Blick an Magda. Sie errötete. +</p> + +<p> +Diederich schenkte dem Gast Bier ein. „Sie haben wohl +<pb n='202'/><anchor id='Pgp0202'/>sonst noch was vor in Netzig?“ Worauf Kienast zurückhaltend: +„Man kann nie wissen.“ +</p> + +<p> +Versuchsweise sagte Diederich: „Bei Klüsing in Gausenfeld +werden Sie nichts machen, er hat ’ne flaue Zeit.“ +Und da der andere schwieg, dachte Diederich: „Sie haben +ihn bloß wegen des Holländers hergeschickt, sie können +keinen Prozeß brauchen!“ Da bemerkte er, daß Magda +und der Vertreter von Büschli & <anchor id="corr202"/><corr sic="Cie">Cie.</corr> gleichzeitig tranken +und über die Gläser hinweg einander in die Augen sahen. +Emmi und Frau Heßling saßen starr <anchor id="corr202a"/><corr sic="dabei">dabei.</corr> Diederich +beugte sich schnaufend über seinen Teller; – plötzlich aber +fing er an, das Familienleben zu preisen. „Sie haben +Glück, mein lieber Herr Kienast, denn das zweite Frühstück +ist ausgerechnet unsere schönste Stunde am Tage. +Wenn man so mitten aus der Arbeit hier herauskommt, +dann merkt man doch wieder mal, daß man sozusagen auch +Mensch ist. Na, und das braucht man.“ +</p> + +<p> +Kienast bestätigte, daß man es brauche. Frau Heßlings +Frage, ob er schon verheiratet sei, verneinte er und sah +dabei auf Magdas Scheitel, denn sie hatte den Kopf gesenkt. +</p> + +<p> +Diederich stand auf und schlug die Hacken zusammen. +„Herr Kienast,“ sagte er schnarrend, „ich stehe zu Ihrer +Verfügung.“ +</p> + +<p> +„Eine Zigarre nimmt Herr Kienast noch“, bat Magda. +Kienast ließ sie sich von ihr anzünden und hoffte, die +Damen nochmals begrüßen zu können, – wobei er Magda +verheißungsvoll anlächelte. Aber im Hof änderte auch er +vollständig den Ton. „Na ja, das sind auch noch alte, +enge Lokalitäten“, bemerkte er kalt und wegwerfend. „Sie +sollten mal unsere Anlagen sehen.“ +</p> + +<p> +„In einem Nest wie Eschweiler,“ erwiderte Diederich, +genau so verächtlich, „da ist es kein Kunststück. Reißen Sie +<pb n='203'/><anchor id='Pgp0203'/>mal hier den Häuserblock nieder!“ Und dann rief er im +schärfsten Befehlston nach dem Maschinenmeister, damit +er den neuen Holländer in Betrieb setze. Da Napoleon +Fischer nicht sofort kam, stürmte Diederich hin. „Sie sitzen +wohl auf Ihren Ohren, Herr?“ Aber sobald er ihm gegenüberstand, +verstummte sein Geschrei; mit leiser, fliegender +Stimme, die Augen angestrengt aufgerissen, sagte er: +„Fischer, ich hab’ es mir überlegt, ich bin mit Ihnen zufrieden, +vom Ersten ab erhöhe ich Ihr Gehalt auf hundertachtzig +Mark.“ Darauf nickte Napoleon Fischer kurz und +verständnisvoll, und sie trennten sich. Sogleich begann Diederich +wieder zu schreien. Die Leute hatten geraucht! Sie +behaupteten, es sei nur seine eigene Zigarre, die er rieche. +Zu dem Vertreter von Büschli & Cie. sagte er: „Übrigens +bin ich versichert, aber Zucht muß sein. Tadelloser Betrieb, +wie?“ +</p> + +<p> +„Veraltetes Aggregat“, entgegnete Herr Kienast, mit +einem lieblosen Blick auf die Maschinen. Diederich versetzte +höhnisch: „Weiß ich, mein Bester. Aber so gut wie +Ihr Holländer allemal.“ Trotz Kienasts Protest fuhr er +fort, die Leistungsfähigkeit der einheimischen Industrie +herabzusetzen. Mit seiner neuen Einrichtung warte er bis +zu seiner Reise nach England. Er gehe großzügig vor. +Seit er selbst an der Spitze des Betriebes stehe, sei das +Geschäft mächtig im Aufschwung. „Und es ist immer noch +ausdehnungsfähig.“ Er erfand. „Jetzt hab’ ich Verträge +mit zwanzig Kreisblättern. Die Berliner Warenhäuser +machen mich überhaupt wahnsinnig ...“ Kienast unterbrach +schneidend: +</p> + +<p> +„Dann haben Sie wohl gerade alles abgeliefert, denn +ich sehe nirgends fertige Ware.“ +</p> + +<p> +Diederich empörte sich. „Herr! Soll ich Ihnen was +<pb n='204'/><anchor id='Pgp0204'/>sagen? Erst gestern hab’ ich an sämtliche kleinen Kunden +ein Rundschreiben geschickt: bis zur Vollendung meines +Neubaus könne ich nichts mehr liefern.“ +</p> + +<p> +Der Maschinenmeister holte die Herren. Der neue Patentholländer +war halb gefüllt, aber die Stoffbewegung +blieb noch sehr schwach, der Arbeiter half mit dem Rührscheit +nach. Diederich hielt die Uhr in der Hand. „Na also. +Sie behaupten, in Ihrem Holländer braucht der Stoff für +einen Umgang zwanzig bis dreißig Sekunden: ich zähle +schon fünfzig ... Maschinenmeister, den Stoff ablassen ... +Was ist denn los, das dauert ja ewig!“ +</p> + +<p> +Kienast hatte sich über die Schale gebeugt. Er richtete +sich auf, er lächelte gewitzigt. „Ja, wenn die Ventile verstopft +sind ...“ Und mit einem scharfen Blick in die Augen +Diederichs, die nicht standhielten: „Was sonst noch mit +dem Holländer angestellt ist, kann ich in der Eile nicht +sehen.“ Diederich fuhr empor, plötzlich sehr rot. „Wollen +Sie mir vielleicht insinuieren, daß ich mit meinem Maschinenmeister –?“ +</p> + +<p> +„Ich habe nichts gesagt“, stellte Kienast fest. +</p> + +<p> +„Das müßte ich mir auch energisch verbitten.“ Diederich +blitzte. Auf Kienast schien es keinen Eindruck zu +machen, er behielt seine kalten Augen und das abgefeimte +Grinsen in seinem am Kinn auseinandergebürsteten Bart. +Wenn er sich rasiert und den Schnurrbart bis zu den Augenwinkeln +hinaufgebunden haben würde, er hätte Ähnlichkeit +mit Diederich bekommen! Er war eine Macht! Um +so drohender trat Diederich auf. „Mein Maschinenmeister +ist Sozialdemokrat: daß er mir einen Gefallen tun soll, ist +lachhaft. Übrigens mache ich, als Reserveoffizier, Sie auf +die Folgen Ihrer Äußerung aufmerksam!“ +</p> + +<p> +Kienast trat in den Hof hinaus. „Lassen Sie das nur, +<pb n='205'/><anchor id='Pgp0205'/>Herr Doktor“, sagte er kühl. „In Geschäften bin ich nüchtern, +das hab’ ich Ihnen schon beim Frühstück gesagt. Jetzt +brauch’ ich Ihnen nur noch zu wiederholen, daß wir den +Holländer in tadellosem Zustand geliefert haben und an +Rücknahme nicht denken.“ – Das werde man sehen, erklärte +Diederich. Einen Prozeß hielten Büschli & Cie. +wohl für besonders wirksam, zur Einführung ihres neuen +Artikels? „Ich werde Ihnen in den Fachblättern noch +eine besondere Empfehlung mitgeben!“ Darauf Kienast: +auf Erpressungsversuche gehe er nicht ein. Und Diederich: +einen satisfaktionsunfähigen Knoten werfe man einfach +hinaus. – Da erschien drüben im Haustor Magda. +</p> + +<p> +Sie hatte ihr Pelzjackett von Weihnacht an, und sie +lächelte rosig. „Die Herren sind noch immer nicht fertig?“ +fragte sie schalkhaft. „Das Wetter ist doch so schön, man +muß ein bißchen hinaus vor dem Mittagessen. <hi rend='antiqua'>A propos</hi>“, +sagte sie geläufig. „Mama läßt fragen, ob Herr Kienast +zum Abendessen kommt.“ Da Kienast erklärte, er müsse +leider danken, lächelte sie dringlicher. „Und mir würden +Sie es auch abschlagen?“ Kienast lachte bitter. „Ich +würde nicht nein sagen, Fräulein. Aber weiß ich denn, ob +Ihr Herr Bruder –?“ Diederich schnaufte, Magda sah ihn +flehend an. „Herr Kienast“, brachte er hervor. „Es wird +mich freuen. Vielleicht, daß wir uns auch noch verständigen.“ +Er hoffe es, sagte Kienast, worauf er sich weltmännisch +erbot, das Fräulein ein Stück zu begleiten. +„Wenn mein Bruder nichts dagegen hat“, sagte sie züchtig +und ironisch. Diederich erlaubte auch dies noch; – und +dann sah er ihr erstaunt nach, wie sie mit dem Prokuristen +von Büschli & Cie. abzog. Was die auf einmal alles konnte! +</p> + +<p> +Wie er zum Mittagessen kam, hörte er drinnen im Wohnzimmer +die Schwestern mit scharfen Stimmen sprechen. +<pb n='206'/><anchor id='Pgp0206'/>Emmi warf Magda vor, sie benehme sich schamlos. „So +macht man es denn doch nicht.“ – „Nein!“ rief Magda. +„Ich werde dich um Erlaubnis bitten.“ – „Das würde +gar nichts schaden. Überhaupt bin ich an der Reihe!“ – +„Hast du sonst noch Sorgen?“ – Und Magda schlug ein +Hohngelächter an. Da Diederich eintrat, verstummte sie +sofort. Diederich rollte unzufrieden die Augen; aber Frau +Heßling hätte nicht nötig gehabt, hinter ihren Töchtern die +Hände zu ringen: in den Weiberstreit einzugreifen, war +unter seiner Würde. +</p> + +<p> +Beim Essen ward von dem Gast gesprochen. Frau Heßling +rühmte den soliden Eindruck, den er mache. Emmi erklärte: +wenn so ein Kommis nicht einmal solide sein sollte. +Mit einer Dame reden könne er überhaupt nicht. Magda +behauptete entrüstet das Gegenteil. Und da alle auf +Diederichs Entscheidung warteten, entschloß er sich. Komment +scheine der Herr freilich nicht viel zu haben. Akademische +Bildung sei eben nicht zu ersetzen. „Aber als +tüchtigen Geschäftsmann hab’ ich ihn kennengelernt.“ +Emmi hielt sich nicht mehr. +</p> + +<p> +„Wenn Magda den Menschen heiraten will, ich erkläre, +daß ich nicht mit euch verkehre. Das Kompott hat er mit +dem Messer gegessen!“ +</p> + +<p> +„Sie lügt!“ Magda brach in Schluchzen aus. Diederich +empfand Mitleid; er herrschte Emmi an: +</p> + +<p> +„Heirate du bitte einen regierenden Herzog, und dann +lass’ uns in Ruh’.“ +</p> + +<p> +Da legte Emmi Messer und Gabel hin und ging hinaus. +Am Abend vor Geschäftsschluß erschien Herr Kienast im +Bureau. Er trug einen Gehrock, und sein Wesen war eher +gesellschaftlich als geschäftlich. Beide hielten, in stillem +Einverständnis, das Gespräch hin, bis der alte Sötbier +<pb n='207'/><anchor id='Pgp0207'/>seine Sachen zusammenpackte. Als er sich, mit einem mißtrauischen +Blick, zurückgezogen hatte, sagte Diederich: +</p> + +<p> +„Den Alten habe ich auf den Aussterbeetat gesetzt. Die +wichtigeren Sachen mache ich allein.“ +</p> + +<p> +„Na, und haben Sie sich die unsere überlegt?“ fragte +Kienast. +</p> + +<p> +„Und Sie?“ erwiderte Diederich. Kienast zwinkerte vertraulich. +</p> + +<p> +„Meine Vollmacht reicht eigentlich nicht so weit, aber +ich nehme es auf meine Kappe. Geben Sie den Holländer +in Gottes Namen zurück. Ein Defekt wird sich doch wohl +finden.“ +</p> + +<p> +Diederich begriff. Er versprach: „Sie werden ihn finden.“ +Kienast sagte sachlich: +</p> + +<p> +„Für unser Entgegenkommen verpflichten Sie sich, alle +Ihre Maschinen vorkommendenfalls nur bei uns zu bestellen. +Einen Moment!“ bat er, da Diederich auffuhr. „Und +außerdem ersetzen Sie unsere Unkosten und meine Reise mit +fünfhundert Mark, die wir von Ihrer Anzahlung abziehen.“ +</p> + +<p> +„Aber hören Sie mal, das ist Wucher!“ Diederichs Gerechtigkeitssinn +empörte sich laut. Auch Kienast erhob schon +wieder die Stimme. „Herr Doktor!...“ Diederich faßte +sich gewaltsam, er legte dem Prokuristen die Hand auf die +Schulter. „Gehen wir jetzt nur hinauf, die Damen +warten.“ „Wir hatten uns so weit ganz gut verstanden“, +meinte Kienast besänftigt. „Die kleine Differenz wird sich +auch noch aufklären“, verhieß Diederich. +</p> + +<p> +Droben roch es festlich. Frau Heßling glänzte mit ihrem +schwarzen Atlaskleid. Durch Magdas Spitzenbluse schimmerte +mehr hindurch, als sie sonst im Familienkreis zum +besten gab. Nur Emmis Anzug und Miene waren grau +und alltäglich. Magda wies dem Gast seinen Platz an und +<pb n='208'/><anchor id='Pgp0208'/>ließ sich zu seiner Rechten nieder; und als man eben erst +saß und sich noch räusperte, sagte sie schon, mit fieberhaft +belebten Augen: „Jetzt sind die Herren aber mit den +dummen Geschäften fertig.“ Diederich bestätigte, sie seien +glänzend miteinander fertig geworden. Büschli & Cie. +seien kulante Leute. +</p> + +<p> +„Bei unserem Riesenbetrieb“, erklärte der Prokurist. +„Zwölfhundert Arbeiter und Beamte, eine ganze Stadt +mit einem eigenen Hotel für die Kunden.“ Er lud Diederich +ein. „Kommen Sie nur, bei uns leben Sie vornehm +und umsonst.“ Und da Magda neben ihm an seinen Lippen +hing, rühmte er seine Stellung, seine Machtbefugnisse, +die Villa, die er zur Hälfte bewohnte. „Wenn ich +mich verheirate, kriege ich auch die andere Hälfte.“ +</p> + +<p> +Diederich lachte dröhnend. „Dann wäre es wohl das +einfachste, Sie heirateten. Na prost!“ +</p> + +<p> +Magda schlug die Augen nieder, und Herr Kienast ging +zu etwas anderem über. Ob Diederich auch wisse, warum +er ihm so leicht entgegengekommen sei? „Ihnen, Herr +Doktor, hab’ ich nämlich gleich angesehen, daß mit Ihnen +später noch große Sachen zu machen sein werden, – wenn +es hier jetzt auch noch etwas kleine Verhältnisse sind“, setzte +er nachsichtig hinzu. Diederich wollte seine Großzügigkeit +und die Ausdehnungsfähigkeit seines Unternehmens beteuern, +aber Kienast ließ sich seinen Gedankengang nicht +abschneiden. Menschenkenntnis sei nämlich seine Spezialität. +Einen Geschäftsfreund müsse man vor allem auch in +seinem Heim aufsuchen. „Wenn da alles so wohl bestellt +ist wie hier –“ +</p> + +<p> +Gerade ward die duftende Gans aufgetragen, nach der +Frau Heßling schon mehrmals heimlich ausgeblickt hatte. +Schnell gab sie sich eine Miene, als sei die Gans eine höchst +<pb n='209'/><anchor id='Pgp0209'/>gewöhnliche Erscheinung. Herr Kienast machte trotzdem +eine anerkennende Pause. Frau Heßling fragte sich, ob +sein Blick wirklich auf der Gans oder, hinter ihrem süßen +Qualm, auf Magdas durchbrochener Bluse ruhe. Jetzt riß +er sich los und ergriff sein Glas. „Und darum: auf die +Familie Heßling, auf die verehrte mütterliche Hausfrau +und ihre blühenden Töchter!“ Magda wölbte die Brust, +um das Blühen anschaulicher zu machen, und um so flacher +sah Emmi aus. Auch stieß Herr Kienast zuerst mit Magda an. +</p> + +<p> +Diederich erwiderte seinen Toast. „Wir sind eine deutsche +Familie. Wen wir in unser Haus aufgenommen +haben, den nehmen wir auch in unsere Herzen auf.“ Er +hatte Tränen in den Augen, indes Magda wieder einmal +errötete. „Und wenn es auch nur ein bescheidenes Haus +ist, die Herzen sind treu.“ Er ließ den Gast hochleben, der +seinerseits versicherte, er sei immer für Bescheidenheit gewesen, +„besonders in Familien, wo junge Mädchen sind.“ +</p> + +<p> +Frau Heßling griff ein. „Nicht wahr? Woher soll denn +sonst ein junger Mann den Mut nehmen –? Meine Töchter +schneidern alles selbst.“ Dies war für Herrn Kienast +das Stichwort, sich über Magdas Bluse zu beugen behufs +eingehender Würdigung. +</p> + +<p> +Zum Nachtisch schälte sie ihm eine Apfelsine und nippte +ihm zu Ehren vom Tokaier. Wie man dann ins Wohnzimmer +ging, blieb Diederich, die Arme um seine beiden +Schwestern geschlungen, in der Tür stehen. „Ja, ja, Herr +Kienast“, sagte er mit tiefer Stimme. „Das ist der Familienfriede, +den sehen Sie sich nur an, Herr Kienast!“ +Magda schmiegte sich, ganz Hingebung, an seine Schulter. +Da Emmi von ihm fortstrebte, bekam sie rückwärts einen +Stoß. „So geht es immer bei uns zu“, fuhr Diederich fort. +„Ich arbeite den ganzen Tag für die Meinen, und der +<pb n='210'/><anchor id='Pgp0210'/>Abend vereint uns dann hier beim Lampenschimmer. Um +die Leute da draußen und den Klüngel unserer sogenannten +Gesellschaft bekümmern wir uns so wenig wie möglich, +wir haben an uns selbst genug.“ +</p> + +<p> +Hier gelang es Emmi, sich loszumachen; man hörte sie +draußen eine Tür zuschlagen. Ein um so zärtlicheres Bild +boten Diederich und Magda, wie sie sich am mild beglänzten +Tisch niederließen. Herr Kienast sah nachdenklich den +Punsch kommen, den Frau Heßling in mächtiger Bowle +still lächelnd hereintrug. Indes Magda dem Gast das +Glas füllte, setzte Diederich auseinander, daß er dank dieser +Beschränkung auf die stille Häuslichkeit imstande sein werde, +seine Schwestern einmal gut zu verheiraten. „Denn der +Aufschwung des Geschäftes kommt den Mädchen zugut, die +Fabrik gehört ihnen mit, ganz abgesehen von der baren Mitgift; +na, und wenn dann einer meiner künftigen Schwäger +auch noch sein Kapital in den Betrieb stecken will –“ +</p> + +<p> +Aber Magda, die Herrn Kienasts Miene besorgt werden +sah, lenkte ab. Sie fragte ihn nach seiner eigenen Familie +und ob er denn ganz allein sei. Da bekam er gerührte +Augen und rückte näher. Diederich saß dabei, trank und +drehte die Daumen. Mehrmals versuchte er noch teilzunehmen +an dem Gespräch der beiden, die sich ganz allein +zu fühlen schienen. „Na, dann haben Sie also glücklich +Ihren Einjährigen gemacht“, sagte er gönnerhaft und +wunderte sich dabei über die Zeichen, die Frau Heßling +hinter dem Rücken der anderen ihm gab. Erst als sie sich +aus der Tür schlich, begriff er, nahm sein Punschglas und +ging in das dunkle Nebenzimmer zum Klavier. Er tastete +ein wenig darauf umher, geriet unversehens in die Burschenlieder +und sang dröhnend mit: „Sie wissen den Teufel, +was Freiheit heißt.“ Als er fertig war, horchte er +<pb n='211'/><anchor id='Pgp0211'/>hinüber; es war drinnen aber so still, als sei man eingeschlafen; +und obwohl er sich gern wieder etwas aus der +Bowle geschöpft hätte, stimmte er doch aus Pflichtgefühl +von neuem an: „Im tiefen Keller sitz’ ich hier.“ +</p> + +<p> +Da, mitten im Vers, fiel ein Stuhl um, und ein lauter +Schall folgte, dessen Herkunft nicht zu verkennen war. Mit +einem Sprung war Diederich im Wohnzimmer. „Nanu“, +sagte er, kräftig und bieder, „Sie scheinen ja ernste Absichten +zu haben.“ Das Paar löste sich voneinander. „Ich +sage nicht nein“, erklärte Herr Kienast. Diederich war +plötzlich heftig bewegt. Aug’ in Auge schüttelte er Kienast +die Hand, und mit der anderen zog er Magda herbei. +„Das ist aber eine Überraschung! Herr Kienast, machen +Sie mein Schwesterchen glücklich. An mir sollt ihr allzeit +einen guten Bruder haben, so wie ich es bisher gewesen +bin, das darf ich wohl sagen.“ +</p> + +<p> +Und die Augen wischend, rief er hinaus: „Mutter! Es +ist was passiert.“ Frau Heßling stand gleich hinter der +Tür, nur konnte sie, vor übergroßer Bewegung, nicht +sofort ihre Beine gebrauchen. Auf Diederich gestützt, +wankte sie herein, fiel Herrn Kienast um den Hals und +löste sich dort in Tränen auf. Diederich klopfte inzwischen +an Emmis Zimmer, das verschlossen war. „Emmi, komm +heraus, es ist was los!“ Sie riß endlich die Tür auf, zornrot +im Gesicht. „Wozu störst du mich im Schlaf. Ich kann +mir schon denken, was los ist. Macht eure Unanständigkeiten +allein!“ Und sie würde wieder zugeschlagen haben, +hätte nicht Diederich den Fuß in den Spalt gesetzt. Streng +bedeutete er ihr, für ihr gemütloses Verhalten verdiene +sie, daß sie selbst nie mehr einen Mann bekomme. Er erlaubte +ihr nicht einmal, sich anzuziehen, sondern zerrte sie +mit, wie sie war, in ihrer Matinee, mit aufgelösten Haaren. +<pb n='212'/><anchor id='Pgp0212'/>Im Flur entwand sie sich ihm. „Du machst uns lächerlich“, +zischte sie, – und noch vor ihm erschien sie bei den Verlobten, +den Kopf sehr hoch, mit spöttisch musterndem +Blick. „Mußte das so spät in der Nacht sein?“ fragte sie. +„Nun, dem Glücklichen schlägt keine Stunde.“ Kienast +sah sie an: sie war größer als Magda, ihr Gesicht, das jetzt +Farbe hatte, sah voller aus in dem offenen Haar, das +lang und stark war. Kienast behielt ihre Hand länger als +nötig; sie entzog sie ihm, da wandte er sich von ihr zu +Magda, mit sichtlichem Zweifel. Emmi ließ auf ihre +Schwester ein Lächeln des Triumphes fallen, machte +kehrt und verschwand, hoch aufgerichtet, – indes Magda +angstvoll nach Kienasts Arm griff. Aber Diederich kam, +in der Hand ein gefülltes Punschglas, und verlangte mit +seinem neuen Schwager Bruderschaft zu trinken. +</p> + +<milestone unit="tb"/> + +<p> +Am Morgen holte er ihn aus dem Hotel zum Frühschoppen +ab. „Bis Mittag bezähme gefälligst deine Sehnsucht +nach dem Weiblichen. Jetzt müssen wir mal ein Wort +unter Männern reden.“ In Klappsch’ Bierstube setzte er ihm +die Lage auseinander: Fünfundzwanzigtausend bar am +Tage der Hochzeit – die Belege waren jeden Augenblick zu +sehen – und, gemeinsam mit Emmi, ein Viertel der Fabrik. +– „Also nur ein Achtel“, stellte Kienast fest; worauf Diederich: +„Soll ich mich vielleicht umsonst für euch abrackern?“ +Ein unzufriedenes Schweigen entstand. +</p> + +<p> +Diederich stellte die Stimmung wieder her. „Prost +Friedrich!“ „Prost Diederich!“ sagte Kienast. Dann +schien Diederich etwas einzufallen. „Du hast es ja in +der Hand, deinen Anteil am Geschäft zu erhöhen, wenn +du Geld einlegst. Wie sieht es denn mit deinen Ersparnissen +aus? Bei deinem großartigen Gehalt!“ Kienast +<pb n='213'/><anchor id='Pgp0213'/>erklärte, im Prinzip sage er nicht nein. Aber noch laufe +sein Vertrag mit Büschli & Cie. Auch habe er in diesem +Jahr eine beträchtliche Gehaltserhöhung zu erwarten, +da wäre es ein Verbrechen gegen sich selbst, jetzt zu kündigen. +„Und wenn ich euch mein Geld gebe, muß ich +selbst ins Geschäft eintreten. Bei allem Vertrauen, das +ich dir entgegenbringe, lieber Diederich –“ +</p> + +<p> +Diederich sah es ein. Kienast schlug seinerseits etwas vor. +„Wenn du einfach die Mitgift auf Fünfzigtausend festsetztest! +Magda würde dann auf ihren Anteil am Geschäft +verzichten.“ Dies stieß wieder auf Diederichs unbedingten +Widerspruch. „Es wäre gegen den letzten Willen meines +seligen Vaters, der ist mir heilig. Und so großzügig, wie +ich arbeite, kann in einigen Jahren Magdas Anteil das +Zehnfache betragen von dem, was du jetzt verlangst. Nie +werde ich mich dazu hergeben, meine arme Schwester so +zu schädigen.“ Hierauf feixte der Schwager ein wenig. +Diederichs Familiensinn ehre ihn, aber mit Großzügigkeit +allein sei es nicht getan. Und Diederich, merklich gereizt: +er sei gottlob für seine Geschäftsführung außer Gott nur +sich selbst verantwortlich. „Fünfundzwanzigtausend bar +und ein Achtel des Reingewinnes, mehr ist nicht zu holen.“ +Kienast trommelte auf den Tisch. „Ich weiß noch nicht, ob +ich deine Schwester dafür übernehmen kann“, erklärte er. +„Mein letztes Wort behalte ich mir noch vor.“ Diederich zuckte +die Achseln, und sie tranken ihr Bier aus. Kienast kam +mit zum Essen; Diederich hatte schon gefürchtet, er werde +sich drücken. Glücklicherweise war Magda noch verführerischer +hergerichtet als gestern, – „wie wenn sie gewußt +hätte, es geht ums Ganze“, dachte Diederich, der sie bewunderte. +Bei der Mehlspeise hatte sie Kienast wieder +so sehr erwärmt, daß er die Hochzeit in vier Wochen +<pb n='214'/><anchor id='Pgp0214'/>wünschte. „Dein letztes Wort?“ fragte Diederich neckisch. +Als Antwort zog Kienast die Ringe aus der Tasche. +</p> + +<p> +Nach Tisch ging Frau Heßling auf den Fußspitzen aus +dem Zimmer, wo die Verlobten saßen, und auch Diederich +wollte sich zurückziehen, aber sie holten ihn zum Spazierengehen. +„Wohin geht es denn, und wo sind Mutter +und Emmi?“ Emmi hatte sich geweigert, mitzukommen, +und darum blieb auch Frau Heßling zu Hause. „Weil es +sonst schlecht aussehen würde, weißt du“, sagte Magda. +Diederich stimmte ihrer Einsicht zu. Er wischte ihr sogar +den Staub fort, der beim Eintritt in die Fabrik an ihrem +Pelzjackett hängengeblieben war. Er behandelte Magda +mit Achtung, denn sie hatte Erfolg gehabt. +</p> + +<p> +Man ging gegen das Rathaus zu. Es schadete nichts, +nicht wahr, wenn die Leute einen sahen. Der erste freilich, +dem man gleich in der Meisestraße begegnete, war nur +Napoleon Fischer. Er fletschte die Zähne vor dem Brautpaar +und nickte Diederich zu, mit einem Blick, der sagte, +er wisse Bescheid. Diederich war dunkelrot; er würde den +Menschen angehalten und ihm auf offener Straße einen +Krach gemacht haben: aber konnte er? „Es war ein schwerer +Fehler, daß ich mich mit dem hinterhältigen Proleten auf +Vertraulichkeiten eingelassen habe! Es wäre auch ohne ihn +gegangen! Jetzt schleicht er um das Haus, damit ich daran +denke, daß er mich in der Hand hat. Ich werde noch Erpressungen +erleben.“ Aber zwischen ihm und dem Maschinenmeister +war gottlob alles unter vier Augen vor sich gegangen. +Was Napoleon Fischer über ihn behaupten konnte, +war Verleumdung. Diederich ließ ihn einfach einsperren. +Dennoch haßte er ihn für seine Mitwisserschaft, daß ihm +bei zwanzig Grad Kälte heiß und feucht ward. Er sah +sich um. Fiel denn kein Ziegelstein auf Napoleon Fischer? +</p> + +<pb n='215'/><anchor id='Pgp0215'/> + +<p> +In der Gerichtsstraße fand Magda, daß der Gang sich +lohne, denn bei Landgerichtsrat Harnisch standen hinter +einer Scheibe Meta Harnisch und Inge Tietz, und Magda +wußte bestimmt, daß sie bei Kienasts Anblick sehr beunruhigte +Gesichter gemacht hatten. Auf der Kaiser-Wilhelm-Straße +war heute leider wenig los; höchstens daß +Major Kunze und Dr. Heuteufel, die in die „Harmonie“ +gingen, von ferne neugierige Gesichter machten. An der +Ecke der Schweinichenstraße aber trat etwas ein, was +Diederich nicht vorausgesehen hatte: gleich vor ihnen +ging Frau Daimchen mit Guste. Magda beschleunigte +sofort den Schritt und plauderte lebhafter. Richtig drehte +Guste sich um, und Magda konnte sagen: „Frau Oberinspektor, +hier stelle ich Ihnen meinen Bräutigam Herrn +Kienast vor.“ Der Bräutigam ward gemustert und schien +zu entsprechen, denn Guste, mit der Diederich zwei Schritte +zurückblieb, fragte nicht ohne Achtung: „Wo haben Sie +ihn denn hergenommen?“ Diederich scherzte. „Ja, so +nah wie Sie, findet nicht jede den ihren. Aber dafür solider.“ +– „Fangen Sie schon wieder an?“ rief Guste, +aber ohne Feindlichkeit. Sie streifte sogar Diederichs Blick +und seufzte dabei leicht. „Meiner ist ja immer Gott weiß +wo. Man kommt sich vor wir die reine Witwe.“ Gedankenvoll +sah sie Magda nach, die an Kienasts Arm hing. +Diederich gab zu bedenken: „Wer tot ist, kann es auch +bleiben. Es gibt noch genug Lebendige.“ Dabei drängte +er Guste bis an die Häuserwand und sah ihr werbend ins +Gesicht; und wirklich, ihr liebes, dickes Gesicht ward einen +Augenblick lang gewährend. +</p> + +<p> +Leider war Schweinichenstraße 77 schon erreicht, und +man nahm Abschied. Da hinter dem Sachsentor alles aus +war, kehrten die Geschwister mit Herrn Kienast wieder um. +<pb n='216'/><anchor id='Pgp0216'/>Magda, die auf dem Arm ihres Verlobten ruhte, sagte +ermunternd zu Diederich: „Nun, was meinst du?“ – +worauf er rot ward und schnaufte. „Was ist da zu meinen“, +brachte er hervor, und Magda lachte. +</p> + +<p> +In der leeren, stark dämmernden Straße kam ihnen +jemand entgegen. „Ist das nicht –?“ fragte Diederich, +ohne Überzeugung. Aber die Figur näherte sich: dick, +offenbar noch jung, mit einem großen, weichen Hut, sonst +elegant, und die Füße setzte er einwärts. „Wahrhaftig, +Wolfgang Buck!“ Er dachte enttäuscht: „Und Guste +stellt sich, als wäre er am Ende der Welt. Das Lügen muß +ich ihr austreiben!“ +</p> + +<p> +„Da sind Sie ja“ – der junge Buck schüttelte Diederich +die Hand. „Das freut mich.“ – „Mich auch“, erwiderte +Diederich, trotz der Enttäuschung mit Guste, und er machte +seinen Schwager mit seinem Schulfreund bekannt. Buck +stattete seine Glückwünsche ab, dann trat er mit Diederich +hinter die beiden anderen. „Sie wollten gewiß zu Ihrer +Braut?“ bemerkte Diederich. „Sie ist zu Hause, wir haben +sie hinbegleitet.“ – „So?“ machte Buck und zuckte die +Achseln. „Nun, ich finde sie immer noch“, sagte er phlegmatisch. +„Vorläufig bin ich froh, daß ich Ihnen mal wieder +begegnet bin. Unser Gespräch in Berlin, unser einziges, +nicht wahr – es war so anregend.“ +</p> + +<p> +Auch Diederich fand dies jetzt – obwohl es ihn damals +nur geärgert hatte. Er war ganz belebt durch das Wiedersehen. +„Ja, meinen Gegenbesuch bin ich Ihnen schuldig +geblieben. Sie wissen wohl, wieviel einem in Berlin +immer dazwischen kommt. Hier freilich hat man Zeit. +Öde, wie? Zu denken, daß man hier sein Leben verbringen +soll“ – und Diederich zeigte die kahle Häuserreihe +hinauf. Wolfgang Buck schnupperte mit seiner weich +ge<pb n='217'/><anchor id='Pgp0217'/>bogenen Nase in die Luft, auf seinen fleischigen Lippen +schien er sie zu kosten, und er machte tiefsinnende Augen. +„Ein Leben in Netzig“, sagte er ganz langsam. „Nun ja, +es kommt darauf hinaus. Unsereiner ist nicht in der Lage, +bloß für seine Sensationen zu leben. Übrigens gibt es +auch hier welche.“ Er lächelte verdächtig. „Der Wachtposten +hat bis sehr hoch hinauf Sensation gemacht.“ +</p> + +<p> +„Ach so –“ Diederich streckte den Bauch vor. „Sie +wollen schon wieder nörgeln. Ich stelle fest, daß ich in der +Sache durchaus auf seiten Seiner Majestät stehe.“ +</p> + +<p> +Buck winkte ab. „Lassen Sie nur. Ich kenne ihn.“ +</p> + +<p> +„Ich noch besser“, behauptete Diederich. „Wer ihm, wie +ich, ganz allein und Aug’ in Auge gegenüber gestanden hat, +im Tiergarten vorigen Februar, nach dem großen Krawall, +und dies Auge blitzen gesehen hat, dies Fritzenauge, +sag’ ich Ihnen: der vertraut auf unsere Zukunft.“ +</p> + +<p> +„Auf unsere Zukunft – weil ein Auge geblitzt hat.“ +Bucks Mund und Wangen sanken schwer melancholisch +herab. Diederich stieß Luft durch die Nase. „Ich weiß +schon, Sie glauben in unserer Zeit an keine Persönlichkeit. +Sonst wären Sie ja Lassalle oder Bismarck geworden.“ +</p> + +<p> +„Schließlich könnte ich es mir leisten. Gewiß. Geradeso +gut wie er –. Wenn auch weniger begünstigt von den +äußeren Umständen.“ +</p> + +<p> +Sein Ton ward lebhafter und überzeugter. „Worauf es +für jeden persönlich ankommt, ist nicht, daß wir in der Welt +wirklich viel verändern, sondern daß wir uns ein Lebensgefühl +schaffen, als täten wir es. Dazu ist nur Talent +nötig, und das hat er.“ +</p> + +<p> +Diederich war beunruhigt, er sah sich um. „Wir sind +hier zwar unter uns, die Herrschaften dort vor uns haben +Wichtigeres zu besprechen, aber ich weiß doch nicht –“ +</p> + +<pb n='218'/><anchor id='Pgp0218'/> + +<p> +„Daß Sie immer glauben, ich habe was gegen ihn. Er +ist mir wahrhaftig nicht unsympathischer, als ich mir selbst +bin. Ich hätte an seiner Stelle den Gefreiten Lück und +unseren Netziger Wachtposten genau so ernst genommen. +Wäre das noch eine Macht, die nicht bedroht wäre? Erst +wenn es einen Umsturz gibt, fühlt man sich. Was würde +aus ihm, wenn er sich sagen müßte, daß die Sozialdemokratie +gar nicht ihn meint, sondern höchstens eine etwas +praktischere Verteilung dessen, was verdient wird.“ +</p> + +<p> +„Oho!“ machte Diederich. +</p> + +<p> +„Nicht wahr? Das würde Sie empören. Und ihn auch. +Neben den Ereignissen hergehen, die Entwicklung nicht beherrschen, +sondern in ihr mit einbegriffen sein: ist das zu +ertragen?... Im Innern unbeschränkt! – und dabei +außerstande, auch nur Haß zu erregen anders als durch +Worte und Gesten. Denn woran halten sich die Nörgler? +Was ist Ernstliches geschehen? Auch der Fall Lück ist nur +wieder eine Geste. Sinkt die Hand, ist alles wie zuvor: +aber Darsteller und Publikum haben eine Sensation gehabt. +Und nur darauf, mein lieber Heßling, kommt es uns +allen heute an. Er selbst, den wir meinen, wäre am erstauntesten, +glauben Sie es mir, wenn der Krieg, den er +immerfort an die Wand malt, oder die Revolution, die er +sich hundertmal vorgespielt hat, einmal wirklich ausbräche.“ +</p> + +<p> +„Darauf werden Sie nicht lange zu warten brauchen!“ +rief Diederich. „Und dann sollen Sie sehen, daß alle +national Gesinnten treu und fest zu ihrem Kaiser stehen!“ +</p> + +<p> +„Gewiß.“ Buck zuckte immer häufiger die Achseln. +„Das ist die übliche Wendung, wie er selbst sie vorgeschrieben +hat. Worte laßt ihr euch von ihm vorschreiben, und +die Gesinnung war nie so gut geregelt, wie sie es jetzt wird. +Aber Taten? Unsere Zeit, bester Zeitgenosse, ist nicht +tat<pb n='219'/><anchor id='Pgp0219'/>bereit. Um seine Erlebnisfähigkeit zu üben, muß man vor +allem leben, und die Tat ist so lebensgefährlich.“ +</p> + +<p> +Diederich richtete sich auf. „Wollen Sie den Vorwurf +der Feigheit vielleicht in Verbindung bringen mit –?“ +„Ich habe kein moralisches Urteil ausgesprochen. Ich habe +eine Tatsache der inneren Zeitgeschichte erwähnt, die uns +alle angeht. Übrigens sind wir zu entschuldigen. Für den +auf der Bühne Agierenden ist alle Aktion erledigt, denn er +hat sie durchgeführt. Was will die Wirklichkeit noch von +ihm? Sie wissen wohl nicht, wen die Geschichte als den +repräsentativen Typus dieser Zeit nennen wird?“ +</p> + +<p> +„Den Kaiser!“ sagte Diederich. +</p> + +<p> +„Nein“, sagte Buck. „Den Schauspieler.“ +</p> + +<p> +Da schlug Diederich ein Gelächter an, daß dort vorn das +Brautpaar auseinanderfuhr und sich umwandte. Aber +man war auf dem Theaterplatz, es wehte eisig hinüber; +sie gingen weiter. +</p> + +<p> +„Na ja,“ brachte Diederich hervor, „ich hätte mir gleich +sagen können, wie Sie auf das verrückte Zeug gekommen sind. +Sie haben doch mit dem Theater zu tun.“ Er klopfte Buck +auf die Schulter. „Sind Sie am Ende schon selbst dabei?“ +</p> + +<p> +Buck bekam unruhige Augen; der Hand, die ihn klopfte, +entzog er sich mit einer Wendung, die Diederich unkameradschaftlich +fand. „Ich? Ach nein“, sagte Buck; und nachdem beide +bis zur Gerichtsstraße unzufrieden geschwiegen +hatten: „Ach so. Sie wissen noch nicht, warum ich in +Netzig bin.“ +</p> + +<p> +„Wahrscheinlich Ihrer Braut wegen.“ +</p> + +<p> +„Das wohl auch. Vor allem aber habe ich die Verteidigung +meines Schwagers Lauer übernommen.“ +</p> + +<p> +„Sie sind –? Im Prozeß Lauer –?“ Es nahm Diederich +den Atem, er blieb stehen. +</p> + +<pb n='220'/><anchor id='Pgp0220'/> + +<p> +„Nun ja“, sagte Buck und zuckte die Achseln. „Wundert +Sie das? Seit kurzem bin ich beim Landgericht Netzig als +Rechtsanwalt zugelassen. Hat mein Vater Ihnen nicht +davon gesprochen?“ +</p> + +<p> +„Ich sehe Ihren Herrn Vater selten ... Ich gehe nur +wenig aus. Meine Berufspflichten ... Diese Verlobung ...“ +Diederich verlor sich in Gestammel. „Dann müssen Sie +ja schon oft –. Wohnen Sie vielleicht schon ganz hier?“ +</p> + +<p> +„Nur vorläufig – glaube ich.“ +</p> + +<p> +Diederich raffte sich zusammen. „Ich muß sagen: ich habe +Sie schon öfter nicht ganz verstanden – aber so wenig doch +noch nie wie jetzt, wo Sie mit mir durch halb Netzig gehen.“ +</p> + +<p> +Buck blinzelte ihn an. „Obwohl ich in der Verhandlung +morgen Verteidiger bin und Sie der Hauptbelastungszeuge? +Das ist doch nur Zufall. Die Rollen könnten auch +umgekehrt verteilt sein.“ +</p> + +<p> +„Bitte sehr!“ Diederich entrüstete sich. „Jeder steht +auf seinem Platz. Wenn Sie vor Ihrem Beruf keine +Achtung haben –“ +</p> + +<p> +„Achtung? Was heißt das? Ich freue mich auf die Verteidigung, +das leugne ich nicht. Ich werde loslegen, man +soll etwas erleben. Ihnen, Herr Doktor, werde ich unangenehme +Dinge zu sagen haben; Sie werden mir hoffentlich +nichts übelnehmen, es gehört zu meiner Wirkung.“ +</p> + +<p> +Diederich bekam Furcht. „Erlauben Sie, Herr Rechtsanwalt, +kennen Sie denn meine Aussage? Sie ist für +Lauer durchaus nicht ungünstig.“ +</p> + +<p> +„Das lassen Sie meine Sorge sein.“ Bucks Miene ward +beängstigend ironisch. +</p> + +<p> +Und damit war man in der Meisestraße. „Der Prozeß!“ +dachte Diederich schnaufend. In den Aufregungen der +letzten Tage hatte er ihn vergessen, jetzt war es, als sollte +<pb n='221'/><anchor id='Pgp0221'/>man sich von heute auf morgen beide Beine abschneiden +lassen. Guste, die falsche Kanaille, hatte ihm also absichtlich +nichts gesagt von ihrem Verlobten; im letzten Augenblick +sollte er den Schrecken bekommen!... Diederich verabschiedete +sich von Buck, bevor sie beim Haus waren. Daß +nur Kienast nichts merkte! Buck schlug vor, noch irgendwohin +zu gehen. „Es zieht Sie wohl nicht besonders zu +Ihrer Braut?“ fragte Diederich. – „Augenblicklich hab’ +ich mehr Lust auf einen Kognak.“ – Diederich lachte höhnisch. +„Darauf scheinen Sie immer Lust zu haben.“ Damit +nur Kienast nichts erfahre, kehrte er nochmals mit Buck +um. „Sehen Sie,“ begann Buck unvermutet, „meine +Braut: die gehört auch zu meinen Fragen an das Schicksal.“ +Und da Diederich „wieso“ fragte: „Wenn ich nämlich +wirklich ein Netziger Rechtsanwalt bin, dann ist Guste +Daimchen bei mir vollkommen an ihrem Platz. Aber weiß +ich das? Für – andere Fälle, die in meiner Existenz eintreten +könnten, habe ich nun drüben in Berlin noch eine +zweite Verbindung ...“ +</p> + +<p> +„Ich habe gehört: eine Schauspielerin.“ Diederich errötete +für Buck, der das so zynisch eingestand. „Das heißt,“ +stammelte er, „ich will nichts gesagt haben.“ +</p> + +<p> +„Also, Sie wissen“, schloß Buck. „Jetzt ist die Sache die, +daß ich vorläufig dort hänge und mich um Guste nicht +so viel bekümmern kann, wie ich müßte. Möchten Sie +sich da nicht des guten Mädchens ein wenig annehmen?“ +fragte er harmlos und gelassen. +</p> + +<p> +„Ich soll –“ +</p> + +<p> +„Sozusagen den Kochtopf hier und da ein bißchen umrühren, +worin ich Wurst und Kohl am Feuer zu stehen +habe – indes ich selbst noch draußen beschäftigt bin. Wir +haben doch Sympathie füreinander.“ +</p> + +<pb n='222'/><anchor id='Pgp0222'/> + +<p> +„Danke“, sagte Diederich kühl. „So weit reicht meine +Sympathie allerdings nicht. Beauftragen Sie sonst jemand. +Ich denke denn doch etwas ernster über das Leben.“ +Und er ließ Buck stehen. +</p> + +<p> +Außer der Unmoral des Menschen empörte ihn seine +würdelose Vertraulichkeit, nachdem sie noch soeben in Anschauung +und Praxis sich wieder einmal als Gegner erwiesen +hatten. Unleidlich, so einer, aus dem man nicht +klug ward! „Was hat er morgen gegen mich vor?“ +</p> + +<p> +Daheim machte er sich Luft. „Ein Mensch wie eine Qualle! +Und von einem geistigen Dünkel! Gott behüte unser Haus +vor solcher alles zerfressenden Überzeugungslosigkeit; sie +ist in einer Familie das sichere Zeichen des Niedergangs!“ +Er vergewisserte sich, daß Kienast wirklich noch am Abend +reisen mußte. „Etwas Aufregendes wird Magda dir nicht +zu schreiben haben“, sagte er unvermittelt und lachte. +„Meinetwegen mag in der Stadt Mord und Brand sein, +ich bleibe in meinem Kontor und bei meiner Familie.“ +</p> + +<p> +Kaum aber war Kienast fort, stellte er sich vor Frau +Heßling hin. „Nun? Wo ist die Vorladung, die für mich +gekommen ist auf morgen zu Gericht?“ Sie mußte zugeben, +daß sie den bedrohlichen Brief unterschlagen habe. „Er +sollte dir die Feststimmung nicht verderben, mein lieber +Sohn.“ Aber Diederich ließ keine Beschönigung gelten. +„Ach was: lieber Sohn. Aus Liebe zu mir wird wohl das +Essen immer schlechter, außer wenn fremde Leute da sind; +und das Haushaltungsgeld geht für euren Firlefanz drauf. +Meint ihr, ich fall’ euch auf den Schwindel ’rein, daß +Magda ihre Spitzenbluse selbst gemacht haben soll? Das +könnt ihr dem Esel erzählen!“ Magda erhob Einspruch +gegen die Beleidigung ihres Verlobten, aber es half ihr +nicht. „Schweig lieber still! Dein Pelzjackett ist auch +<pb n='223'/><anchor id='Pgp0223'/>halb gestohlen. Ihr steckt mit dem Dienstmädchen zusammen. +Wenn ich sie nach Rotwein schicke, bringt sie +billigeren, und den Rest behaltet ihr ...“ +</p> + +<p> +Die drei Frauen entsetzten sich, worauf Diederich noch +lauter schrie. Emmi behauptete, er sei bloß darum so wild, +weil er sich morgen vor der ganzen Stadt blamieren solle. +Da konnte Diederich nur noch einen Teller auf den Boden +schleudern. Magda stand auf, ging zur Tür und rief +zurück: „Ich brauche dich gottlob nicht mehr!“ Sofort war +Diederich hinterdrein. „Gib bitte acht, was du redest! +Wenn du endlich einen Mann kriegst, verdankst du es allein +mir und den Opfern, die ich bringe. Dein Bräutigam hat +um deine Mitgift geschachert, daß es schon nicht mehr +schön war. Du bist überhaupt bloß Zugabe!“ +</p> + +<p> +Hier fühlte er eine heftige Ohrfeige, und bevor er zu +Atem kam, war Magda in ihrem Zimmer und hatte abgesperrt. +Diederich rieb sich, jäh verstummt, die Wange. +Dann entrüstete er sich wohl noch; aber eine Art von Genugtuung +überwog. Die Krisis war vorüber. +</p> + +<milestone unit="tb"/> + +<p> +In der Nacht hatte er sich fest vorgenommen, mit einiger +Verspätung bei Gericht einzutreffen und durch sein ganzes +Auftreten zu zeigen, wie wenig die Geschichte ihn angehe. +Aber es hielt ihn nicht; als er das Verhandlungszimmer, +das ihm bezeichnet war, betrat, war man dort noch bei +einer ganz anderen Sache. Jadassohn, der in seiner +schwarzen Robe einen ungemein drohenden Anblick bot, +war eben damit beschäftigt, für einen kaum erwachsenen +Menschen aus dem Volk zwei Jahre Arbeitshaus zu verlangen. +Das Gericht gewährte ihm freilich nur eins, aber +der jugendliche Verurteilte brach in ein solches Geheul +aus, daß es Diederich, angstvoll, wie er selbst gestimmt +<pb n='224'/><anchor id='Pgp0224'/>war, vor Mitleid übel ward. Er begab sich hinaus und +betrat eine Toilette, obwohl an der Tür stand: Nur für +den Herrn Vorsitzenden! Gleich nach ihm erschien auch +Jadassohn. Wie er Diederich sah, wollte er sich wieder +zurückziehen, aber Diederich fragte sofort, was das denn +sei, ein Arbeitshaus, und was so ein Zuhälter dort tue. +Jadassohn erklärte: „Wenn wir uns darum auch noch +kümmern müßten!“ und war schon draußen. Diederichs +Inneres zog sich noch mehr zusammen unter dem Gefühl +eines schaudererregenden Abgrundes, wie er sich auftat +zwischen Jadassohn, der hier die Macht vertrat, und ihm +selbst, der sich zu nahe ihrem Räderwerk gewagt hatte. +Es war aus frommer Absicht geschehen, in übergroßer +Verehrung der Macht: gleichviel, jetzt hieß es sich besonnen +verhalten, damit sie einen nicht ergriff und zermalmte; +sich ducken und ganz klein machen, bis man ihr vielleicht +doch noch entrann. Wer erst wieder dem Privatleben gehörte! +Diederich versprach sich, fortan ganz seinem geringen, +aber wohlverstandenen Vorteil zu leben. +</p> + +<p> +Draußen im Korridor standen jetzt Leute: ein minder +gutes Publikum und auch das beste. Die fünf Töchter +Buck, herausgeputzt, als sei der Prozeß ihres Schwagers +Lauer die größte Ehre für die Familie, schnatterten in +einer Gruppe mit Käthchen Zillich, ihrer Mutter und der +Frau Bürgermeister Scheffelweis. Die Schwiegermutter +dagegen ließ den Bürgermeister nicht los, und aus den +Blicken, die sie nach dem Bruder des Herrn Buck und +seinen Freunden Cohn und Heuteufel schleuderte, war zu +ersehen, daß sie ihn gegen die Sache der Bucks einnahm. +Der Major Kunze, in Uniform, stand mit finsterer Miene +dabei und enthielt sich jeder Äußerung. Gerade erschien +auch Pastor Zillich mit Professor Kühnchen; aber beim +<pb n='225'/><anchor id='Pgp0225'/>Anblick der zahlreichen Gesellschaft blieben sie hinter einem +Pfeiler. Der Redakteur Nothgroschen seinerseits ging +grau und unbeachtet von den einen zu den anderen. Vergebens +suchte Diederich jemand, an den er sich hätte halten +können. Jetzt bereute er, daß er es den Seinen verboten +hatte, herzukommen. Er blieb im Dunkeln, hinter der +Biegung des Korridors, und streckte nur vorsichtig den +Kopf heraus. Plötzlich zog er ihn zurück: Guste Daimchen +mit ihrer Mutter! Sie ward sofort von den Töchtern Buck +umringt, als eine kostbare Verstärkung ihrer Partei. +Gleichzeitig ging dahinten eine Tür, und Wolfgang Buck +trat auf, in Barett und Robe, und darunter Lackschuhe, +die er sehr einwärts setzte. Er lächelte festlich, wie bei +einem Empfang, gab allen die Hand, und seiner Braut +küßte er sie. Es werde sehr schön werden, verhieß er; der +Staatsanwalt sei gut disponiert, er selbst auch. Dann +begab er sich zu den von ihm geladenen Zeugen, um mit +ihnen zu flüstern. In diesem Augenblick verstummte man, +denn in der Mündung der Treppe erschien der Angeklagte +Herr Lauer und neben ihm seine Frau. Die Bürgermeisterin +fiel ihr um den Hals: wie sie tapfer sei! „Was ist +dabei?“ erwiderte sie mit tiefer, klangreicher Stimme. +„Wir haben uns nichts vorzuwerfen, wie, Karl?“ Lauer +sagte: „Gewiß nicht, Judith.“ Gerade jetzt aber ging der +Landgerichtsrat Fritzsche vorbei. Ein Schweigen entstand; +wie er und die Tochter des alten Buck sich begrüßten, +blinzelte man einander zu, und die Schwiegermutter +des Bürgermeisters machte eine Bemerkung, halblaut, +aber sie war ihr von den Augen zu lesen. +</p> + +<p> +Diederich auf seinem schattigen Posten war von Wolfgang +Buck entdeckt worden. Buck zog ihn hervor und führte +ihn zu seiner Schwester. „Liebe Judith, ich weiß nicht, ob +<pb n='226'/><anchor id='Pgp0226'/>du schon unseren werten Feind kennst, den Herrn Doktor +Heßling. Heute wird er uns vernichten.“ Aber Frau +Lauer lachte nicht, sie erwiderte auch Diederichs Gruß +nicht, sie sah ihn nur an mit rücksichtsloser Neugier. Es +war schwer, diesen dunklen Blick auszuhalten, und ward +noch schwerer, weil sie so schön war. Diederich fühlte, wie +das Blut ihm ins Gesicht trat, seine Augen irrten ab, er +stammelte: „Der Herr Rechtsanwalt scherzt wohl. In +der Sache muß ein Irrtum vorliegen ...“ Da zogen in +dem weißen Gesicht die Brauen sich zusammen, die Mundwinkel +sanken ausdrucksvoll herab, und Judith Lauer +wandte Diederich den Rücken. +</p> + +<p> +Ein Gerichtsdiener zeigte sich; Wolfgang Buck ging, +seinen Schwager Lauer zur Seite, in das Verhandlungszimmer; +und da die Tür nicht eben freigebig geöffnet +ward, stießen alle einander in Hast hindurch, das minder +gute Publikum ward von dem besten überwältigt. Die +Unterröcke der fünf Schwestern Buck rauschten heftig bei +dem Kampf. Diederich gelangte als letzter hinein und +mußte sich auf der Zeugenbank neben den Major Kunze +setzen, der sofort ein Stück wegrückte. Landgerichtsdirektor +Sprezius, anzusehen wie ein alter wurmiger Geier, erklärte +von dort oben die Sitzung für eröffnet und rief die +Zeugen auf, um ihnen den Ernst des Eides in Erinnerung +zu bringen – wobei Diederich sofort ein Gesicht bekam +wie ehemals in der Religionsstunde. Landgerichtsrat +Harnisch ordnete Akten und sah sich im Publikum nach +seiner Tochter um. Mehr beachtet ward der alte Landgerichtsrat +Kühlemann, der das Krankenzimmer verlassen +und seinen Platz zur Linken des Vorsitzenden eingenommen +hatte. Man fand ihn schlecht aussehen, die Schwiegermutter +des Bürgermeisters wollte wissen, er werde +<pb n='227'/><anchor id='Pgp0227'/>sein Reichstagsmandat niederlegen – und wohin ging +das viele Geld, wenn er starb? Bei den Zeugen drückte +Pastor Zillich die Hoffnung aus, der Alte werde seine Millionen +für einen Kirchenbau bestimmen; aber Professor +Kühnchen bezweifelte es, mit durchdringender Flüsterstimme. +„Der gibt auch nach’m Tode nischt her, der hat +immer gedacht, man muß das Seine zusammennähm, +und womöglich den andern ihr’s auch ...“ Da entließ +der Vorsitzende die Zeugen aus dem Sitzungssaal. +</p> + +<p> +Sie fanden sich, da kein Zeugenzimmer vorhanden war, +im Korridor wieder zusammen. Die Herren Heuteufel, +Cohn und Buck <hi rend='antiqua'>junior</hi> nahmen eine Fensternische ein; +Diederich, unter dem wütenden Blick des Majors, dachte +peinvoll: „Jetzt wird der Angeklagte vernommen. Wüßte +ich, was er sagt. Ich möchte ihn ebenso gern entlasten wie +ihr!“ Vergebens versuchte er gegenüber Pastor Zillich +seine milde Gesinnung zu beteuern: er habe immer gesagt, +die Sache sei aufgebauscht worden. Zillich wandte sich +verlegen weg, und Kühnchen pfiff, davonlaufend, durch +die Zähne: „Na warte nur, mein Schibbchen, dir wer’n +mer das Handwerk legen.“ Stumm lastete die allgemeine +Mißbilligung auf Diederich. Endlich erschien der Gerichtsdiener. +„Herr Doktor Heßling!“ +</p> + +<p> +Diederich riß sich zusammen, um nur in kommentmäßiger +Haltung an den Zuschauern vorbeizukommen. Er sah +krampfhaft geradeaus; der Blick der Frau Lauer lag jetzt +auf ihm! Er schnaufte, und er schwankte ein wenig. Links +neben dem Beisitzer, der seine Nägel betrachtete, stand +drohend aufgerichtet Jadassohn. Das Licht des Fensters +hinter ihm schien durch seine abstehenden Ohren, die blutig +leuchteten, und seine Miene heischte von Diederichs eine so +leichenhafte Gefügigkeit, daß Diederichs Blick die Flucht +<pb n='228'/><anchor id='Pgp0228'/>ergriff. Rechts, vor dem Angeklagten und etwas tiefer, +fand er Wolfgang Buck sitzen, nachlässig, mit den Fäusten +auf den fetten Schenkeln, von denen die Robe zurückfiel, +und so gescheit und aufmunternd anzusehen, als vertrete +er den Geist des Lichts. Landgerichtsdirektor Sprezius +sprach Diederich die Eidesformel vor, immer nur zwei +Worte zur Zeit und mit Herablassung. Diederich schwor +folgsam; dann sollte er den Hergang der Dinge an jenem +Abend im Ratskeller berichten. Er begann. +</p> + +<p> +„Wir waren eine angeregte Gesellschaft, drüben am +Tisch saßen auch Herren ...“ +</p> + +<p> +Da er schon steckenblieb, ward im Publikum gelacht. +Sprezius fuhr auf, er hackte mit dem Geierschnabel zu +und drohte, er werde den Saal räumen lassen. „Sonst +wissen Sie nichts?“ fragte er unwirsch. Diederich gab zu +bedenken, infolge geschäftlicher und anderer Aufregungen +hätten sich ihm die Vorgänge inzwischen etwas verwirrt. +„Dann werde ich Ihnen zur Auffrischung des Gedächtnisses +Ihre Aussage vor dem Untersuchungsrichter vorlesen“ +– und der Vorsitzende ließ sich das Protokoll reichen. +Daraus erfuhr Diederich zu seiner peinlichen Verwunderung, +er habe vor dem Untersuchungsrichter Landgerichtsrat +Fritzsche die bestimmte Angabe gemacht, daß +von seiten des Angeklagten eine schwere Beleidigung +Seiner Majestät des Kaisers gefallen sei. Was er darüber +zu äußern habe. „Es kann wohl sein,“ stammelte er; „aber +es waren viele Herren da. Ob es nun gerade der Angeklagte +war, der das gesagt hat ...“ Sprezius beugte +sich über den Richtertisch. „Denken Sie nach, Sie stehen +hier unter Ihrem Eid. Andere Zeugen werden bekunden, +daß Sie ganz allein auf den Angeklagten zugetreten sind +und das betreffende Gespräch mit ihm geführt haben.“ – +</p> + +<pb n='229'/><anchor id='Pgp0229'/> + +<p> +„War ich das?“ fragte Diederich, rot übergossen. Da +lachte unaufhaltsam der ganze Saal; Jadassohn sogar verzog +das Gesicht zu einem verachtungsvollen Feixen. Sprezius +hatte schon den Mund geöffnet, um loszufahren: aber +Wolfgang Buck stand auf. Sein weiches Gesicht ward mit +einem sichtbaren Ruck energisch, und er fragte Diederich: +„Sie waren an dem Abend wohl stark angetrunken?“ +Sofort fielen Staatsanwalt und Vorsitzender über ihn +her. „Ich beantrage, die Frage nicht zuzulassen!“ rief +Jadassohn schrill. „Herr Verteidiger,“ krächzte Sprezius, +„Sie haben nur mir die Frage vorzulegen; ob ich sie dann +an den Zeugen richte, ist meine Sache!“ Aber die beiden, +Diederich sah es staunend, hatten einen entschlossenen +Gegner gefunden. Wolfgang Buck stand da, mit klangvoller +Rednerstimme beanstandete er das Verhalten des +Vorsitzenden, das die Rechte der Verteidigung verletze, +und beantragte Gerichtsbeschluß darüber, ob ihm gemäß +der Strafprozeßordnung das direkte Fragerecht an den +Zeugen zustehe. Sprezius hackte vergeblich zu, es blieb +ihm nichts übrig, als mit den vier Richtern rückwärts im +Beratungszimmer zu verschwinden. Buck sah sich triumphierend +um; seine Cousinen bewegten die Hände wie +zum Applaus; aber auch sein Vater war inzwischen eingetreten, +und man sah, wie der alte Buck seinem Sohn ein +Zeichen der Mißbilligung gab. Der Angeklagte seinerseits, +zornige Erregung im apoplektischen Gesicht, schüttelte seinem +Verteidiger die Hand. Diederich, der allen Blicken +ausgesetzt war, gab sich Haltung und hielt Umschau. Aber +ach, Guste Daimchen wich ihm aus! Nur der alte Buck +winkte wohlwollend: Diederichs Aussage hatte ihm gefallen. +Er bemühte sich sogar aus der engen Tribüne heraus, +um Diederich seine weiche, weiße Hand zu geben. +<pb n='230'/><anchor id='Pgp0230'/>„Ich danke Ihnen, lieber Freund“, sagte er. „Sie haben +die Sache so behandelt, wie sie es verdient.“ Und Diederich +in seiner Verlassenheit bekam feuchte Augen angesichts +der Güte des großen Mannes. Erst nachdem Herr +Buck sich wieder auf seinen Platz begeben hatte, fiel es +Diederich ein, daß er ihm hier ja die Geschäfte besorgte! +Und auch sein Sohn Wolfgang war durchaus nicht so +schlapp, wie Diederich gedacht hatte. Die politischen Gespräche +hatte er augenscheinlich nur geführt, um sie hier +gegen ihn auszunutzen. Treue, wahre deutsche Treue, +die gab es in der Welt nicht, auf niemand konnte man sich +verlassen. „Soll ich mich hier noch lange von allen Seiten +anöden lassen?“ +</p> + +<p> +Zum Glück kehrte der Gerichtshof zurück. Der alte +Kühlemann wechselte mit dem alten Buck einen bedauernden +Blick, und Sprezius verlas, mit merklicher Selbstbeherrschung, +den Beschluß. Ob der Verteidiger das Recht +der direkten Fragestellung habe, blieb unentschieden, denn +die Frage selbst: War der Zeuge damals betrunken gewesen? +ward als nicht zur Sache gehörig abgelehnt. Darauf +fragte der Vorsitzende, ob der Herr Staatsanwalt noch +eine Frage an den Zeugen zu richten habe. „Vorläufig +nicht,“ sagte Jadassohn mit Geringschätzung, „aber ich +beantrage, den Zeugen noch nicht zu entlassen.“ Und +Diederich durfte sich setzen. Jadassohn erhob die Stimme. +„Außerdem beantrage ich die sofortige Vorladung des +Untersuchungsrichters Dr. Fritzsche, der darüber aussagen +soll, wie die Gesinnung des Zeugen Heßling gegen den +Angeklagten früher war.“ Diederich erschrak – im Zuschauerraum +aber wandte man sich nach Judith Lauer um: +sogar die beiden Assessoren am Richtertisch sahen hin ... +Jadassohn bekam bewilligt, was er wollte. +</p> + +<pb n='231'/><anchor id='Pgp0231'/> + +<p> +Dann wurde Pastor Zillich herbeigeholt, vereidigt und +sollte seinerseits über die kritische Nacht berichten. Er erklärte, +die Eindrücke hätten sich damals überstürzt und sein +christliches Gewissen schwer bedrängt, denn just an jenem +Abend sei in den Straßen von Netzig Blut geflossen, wenn +auch zu einem patriotischen Zweck. „Das gehört nicht hierher!“ +entschied Sprezius – und eben jetzt betrat den +Saal der Regierungspräsident Herr von Wulckow, im +Jagdanzug, mit großen, kotigen Stiefeln. Alles sah sich +um, der Vorsitzende machte auf seinem Sitz eine Verbeugung, +und Pastor Zillich zitterte. Vorsitzender und Staatsanwalt +drangen abwechselnd auf ihn ein, Jadassohn sagte +sogar mit einem Ausdruck von entsetzlicher Hinterhältigkeit: +„Herr Pastor, Sie als Geistlichen brauche ich auf die +Heiligkeit des Eides, den Sie geleistet haben, nicht besonders +aufmerksam zu machen.“ Da knickte Zillich ein und +gab zu, daß er die dem Angeklagten vorgeworfene Äußerung +allerdings gehört habe. Der Angeklagte sprang auf +und schlug mit der Faust auf die Bank. „Ich habe den +Namen des Kaisers gar nicht genannt! Ich habe mich +gehütet!“ Sein Verteidiger beruhigte ihn mit einem +Wink und sagte: „Wir werden den Beweis erbringen, daß +nur die provokatorische Absicht des Zeugen Dr. Heßling +den Angeklagten zu seinen, hier falsch wiedergegebenen +Äußerungen veranlaßt hat.“ Vorläufig bitte er den Herrn +Vorsitzenden, den Zeugen Zillich darüber zu befragen, +ob er nicht eine Predigt gehalten habe, die ausdrücklich +gegen die Hetzereien des Zeugen Heßling gerichtet gewesen +sei. Pastor Zillich stammelte, er habe nur im allgemeinen +zum Frieden geraten und damit seiner Pflicht +als Vertreter der Religion genügt. Jetzt wollte Buck etwas +anderes wissen. „Hat nicht der Zeuge Zillich neuerdings +<pb n='232'/><anchor id='Pgp0232'/>ein Interesse daran, sich mit dem Hauptbelastungszeugen +Doktor Heßling gut zu stellen, weil nämlich seine Tochter +–.“ Schon fuhr Jadassohn dazwischen: er protestiere +gegen die Stellung der Frage. Sprezius rügte sie als unzulässig, +und auf der Tribüne entstand ein mißbilligendes +Gemurmel weiblicher Stimmen. Der Regierungspräsident +beugte sich über die Bank zum alten Buck und sagte +deutlich: „Ihr Sohn macht ja nette Zicken!“ +</p> + +<p> +Inzwischen war der Zeuge Kühnchen aufgerufen. Der +kleine Greis stürmte in den Saal, seine Brillen funkelten; +schon von der Tür schrie er seine Personalien herüber, und +die Eidesformel sagte er geläufig her, ohne sie sich vorsprechen +zu lassen. Dann aber war er zu keiner anderen +Aussage zu bewegen, als daß an jenem Abend die Wogen +der nationalen Begeisterung hochgegangen seien. Zuerst +die glorreiche Tat des Postens! Dann der herrliche Brief +Seiner Majestät mit dem Bekenntnis zum positiven +Christentum! „Wie der Krach war mit dem Angeklagten? +Ja, meine Herren Richter, davon weeß ’ch Sie nischt. Da +hab’ ’ch grade ä bißchen geschlummert.“ – „Aber nachher +ist doch von der Sache geredet worden!“ verlangte der +Vorsitzende. „Ich nicht!“ rief Kühnchen. „Ich hab’ eegal +von unsern glorreichen Taten im Jahre siebzig gered’t. +Die Franktiröhrs! hab ’ch gesagt, das war Sie eene Bande. +Mein steifer Finger, da hat mich ä Franktiröhr draufgebissen, +bloß weil ich ihm mit mei’m Säbel ä kleenes +bißchen die Kehle abschneiden wollte! So eene Gemeinheit +von dem Kerl!“ Und Kühnchen wollte den Finger am +Richtertisch umherzeigen. „Abtreten!“ krächzte Sprezius; +und er drohte wieder einmal mit der Räumung des Saals. +</p> + +<p> +Major Kunze trat auf: steif, wie auf Rädern, und den +Eid leistete er in einem Ton, als stieße er gegen Sprezius +<pb n='233'/><anchor id='Pgp0233'/>schwere Beleidigungen aus. Darauf erklärte er kurzweg, +daß er mit dem ganzen Geseire nichts zu tun habe; er +sei erst später in den Ratskeller gekommen. „Ich kann nur +sagen, das Verhalten des Herrn Doktor Heßling riecht mir +nach Denunziantentum.“ +</p> + +<p> +Aber seit einer Weile roch es im Saal nach etwas anderem. +Niemand wußte, woher es kam, auf der Tribüne +mißtraute man einander und rückte, das Taschentuch am +Munde, diskret vom Nachbar ab. Der Vorsitzende schnupperte +in die Luft, und der alte Kühlemann, dessen Kinn +schon längst auf seiner Brust lag, rührte sich im Schlaf. +</p> + +<p> +Wie Sprezius ihm vorhielt, die Herren, die ihm damals +die Vorgänge berichtet hätten, seien doch nationale Männer +gewesen, erwiderte der Major nur, das sei ihm gleich, +den Herrn Doktor Heßling habe er gar nicht gekannt. Da +aber trat Jadassohn vor; seine Ohren funkelten; mit einer +Stimme wie ein Messer sagte er: „Herr Zeuge, ich richte +an Sie die Frage, ob Sie den Angeklagten nicht vielleicht +um so besser kennen. Wollen Sie sich darüber äußern, ob +er Ihnen nicht noch vor acht Tagen hundert Mark geliehen +hat.“ Vor Schrecken ward es ganz still im Saal, +und alles starrte auf den Major in Uniform, der dastand +und an seiner Antwort stammelte. Jadassohns Kühnheit +machte Eindruck. Unverweilt nutzte er seinen Erfolg aus +und erreichte von Kunze, daß er zugab, die Entrüstung +der Nationalgesinnten über Lauers Äußerungen sei echt +gewesen, auch seine eigene. Zweifellos habe der Angeklagte +Seine Majestät gemeint. – Hier hielt Wolfgang +Buck sich nicht mehr. „Da der Herr Vorsitzende unnötig +findet, es zu rügen, wenn der Herr Staatsanwalt seine +eigenen Zeugen beleidigt, kann es auch uns gleich sein!“ +Sofort hackte Sprezius nach ihm. „Herr Verteidiger! Das +<pb n='234'/><anchor id='Pgp0234'/>ist meine Sache, was ich rüge und was nicht!“ – „Eben +das stelle ich fest“, fuhr Buck unbeirrt fort. „Zur Sache +selbst behaupten wir nach wie vor und werden durch +Zeugen beweisen, daß der Angeklagte den Kaiser gar +nicht gemeint hat.“ „Ich habe mich gehütet!“ rief der +Angeklagte dazwischen. Buck fuhr fort: „Sollte dies dennoch +als wahr unterstellt werden, so beantrage ich, den +Herausgeber des Gothaischen Almanachs darüber als +Sachverständigen zu vernehmen, welche deutsche Fürsten +jüdisches Blut haben.“ Damit setzte er sich wieder, befriedigt +von dem Rauschen der Sensation, das durch den +Saal ging. Ein dröhnender Baß sagte: „Unerhört!“ +Sprezius wollte schon loshacken, sah aber noch rechtzeitig, +wer es gewesen war: Wulckow! Sogar Kühlemann war +davon erwacht. Der Gerichtshof steckte die Köpfe zusammen, +dann verkündete der Vorsitzende, der Antrag +des Verteidigers werde abgelehnt, da ein Wahrheitsbeweis +nicht zulässig sei. Kundgebung der Mißachtung genüge +zum Tatbestande des Delikts. Buck war geschlagen; seine +feisten Wangen senkten sich in kindlicher Traurigkeit. Es +ward gekichert, die Schwiegermutter des Bürgermeisters +lachte ungeniert. Diederich auf seiner Zeugenbank war +ihr dankbar. Er fühlte, angstvoll lauschend, wie die öffentliche +Meinung einlenkte und ganz leise denen näher kam, +die geschickter waren und die Macht hatten. Er tauschte +einen Blick mit Jadassohn. +</p> + +<p> +Der Redakteur Nothgroschen war dran. Grau und unauffällig +war er plötzlich da und funktionierte glatt, wie ein +Aussagebeamter. Jeder, der ihn kannte, wunderte sich: +so sicher hatte er ihn nie gesehen. Er wußte alles, belastete +den Angeklagten auf das schwerste und redete fließend, +als sage er einen Leitartikel her; höchstens daß zwischen +<pb n='235'/><anchor id='Pgp0235'/>den Absätzen der Vorsitzende ihm das Stichwort gab, mit +Anerkennung, wie einem Musterschüler. Buck, der sich +erholt hatte, hielt ihm die Stellungnahme der „Netziger +Zeitung“ für Lauer vor. Darauf erwiderte der Redakteur: +„Wir sind ein liberales, also unparteiisches Blatt. Wir +geben die Stimmung wieder. Da aber jetzt und hier die +Stimmung dem Angeklagten ungünstig ist –.“ Er mußte +sich draußen im Korridor darüber informiert haben! Buck +nahm eine ironische Stimme an. „Ich stelle fest, daß der +Zeuge eine etwas sonderbare Auffassung seiner Eidespflicht +bekundet.“ Aber Nothgroschen war nicht einzuschüchtern. +„Ich bin Journalist,“ erklärte er, und er setzte +hinzu: „Ich bitte den Herrn Vorsitzenden, mich vor Beleidigungen +des Verteidigers zu schützen.“ Sprezius ließ +sich nicht bitten; und er entließ den Redakteur in Gnaden. +</p> + +<p> +Es schlug zwölf; Jadassohn machte den Vorsitzenden aufmerksam, +daß der Untersuchungsrichter Dr. Fritzsche sich zur +Verfügung des Gerichts halte. Er ward aufgerufen – und +kaum, daß er sich in der Tür zeigte, gingen alle Augen hin +und her zwischen ihm und Judith Lauer. Sie war noch +bleicher geworden, der schwarze Blick, der ihn zum Richter +begleitete, vergrößerte sich noch, er bekam etwas stumm +Eindringliches; aber Fritzsche vermied ihn. Auch ihn fand +man schlecht aussehend, sein Schritt dagegen bekundete +Entschlossenheit. Diederich stellte fest, daß er von seinen zwei +Gesichtern für diese Gelegenheit das trockene gewählt hatte. +</p> + +<p> +Welche Eindrücke er während der Voruntersuchung von +dem Zeugen Heßling gewonnen habe? Der Zeuge hatte +seine Aussage durchaus freiwillig und selbständig gemacht, +in Form einer durch das frische Erlebnis noch bewegten +Auseinandersetzung. Die Zuverlässigkeit des Zeugen, die +Fritzsche an der Hand seiner ferneren Ermittelungen hatte +<pb n='236'/><anchor id='Pgp0236'/>nachprüfen können, stand außer allem Zweifel. Daß der +Zeuge heute kein deutliches Erinnerungsbild mehr hatte, +war nur durch die Erregung des Augenblicks zu erklären ... +Und der Angeklagte? – Hier hörte man den Saal aufhorchen. +Fritzsche schluckte hinunter. Auch der Angeklagte +hatte persönlich einen eher günstigen Eindruck auf ihn +gemacht, trotz der vielen belastenden Momente. +</p> + +<p> +„Halten Sie, bei widerstreitenden Zeugenaussagen, den +Angeklagten des ihm zur Last gelegten Delikts fähig?“ +fragte Sprezius. +</p> + +<p> +Fritzsche erwiderte: „Der Angeklagte ist ein gebildeter +Mann; ausdrücklich beleidigende Worte zu gebrauchen, +wird er sich gehütet haben.“ +</p> + +<p> +„Das sagt der Angeklagte selbst“, bemerkte der Vorsitzende +streng. Fritzsche sprach schneller. Der Angeklagte +war durch seine bürgerliche Wirksamkeit gewöhnt, Autorität +mit fortschrittlichen Neigungen zu verbinden. Er +hielt sich offenbar für einsichtsvoller und zur Kritik berechtigter +als die meisten anderen Menschen. Es war also denkbar, +daß er in gereiztem Zustand – und durch die Erschießung +des Arbeiters von seiten des Wachtpostens hatte +er sich gereizt gefühlt – seinen politischen Anschauungen +einen Ausdruck gab, der, ob äußerlich vielleicht auch einwandfrei, +die beleidigende Absicht hindurchschimmern ließ. +</p> + +<p> +Hier sah man den Vorsitzenden und den Staatsanwalt +aufatmen. Die Landgerichtsräte Harnisch und Kühlemann +warfen Blicke auf das Publikum, durch das eine lebhafte +Bewegung ging. Der Assessor links besah auch jetzt noch +seine Nägel; der rechts aber, ein junger Mann mit nachdenklichem +Gesicht, beobachtete den Angeklagten, den er +gleich vor sich hatte. Die Hände des Angeklagten waren +krampfig um die Brüstung seiner Bank gespannt, und die +<pb n='237'/><anchor id='Pgp0237'/>Augen, hervortretende braune Augen, richtete er auf seine +Frau. Sie aber sah unverwandt auf Fritzsche, halbgeöffneten +Mundes, wie abwesend, mit einem Ausdruck von +Leiden, Scham und Schwäche. Die Schwiegermutter des +Bürgermeisters äußerte deutlich: „Und zwei Kinder hat +sie zu Hause.“ Plötzlich schien Lauer das Geflüster um ihn +her zu bemerken, alle diese Blicke, die wegsahen, wenn er +sie streifte. Er sank zusammen, sein stark gerötetes Gesicht +entleerte sich so jäh vom Blut, daß der junge Assessor erschreckt +auf seinem Stuhl rückte. +</p> + +<p> +Diederich, dem es immer wohler ward, war wahrscheinlich +der einzige, der dem Dialog zwischen dem Vorsitzenden +und dem Untersuchungsrichter noch folgte. Dieser Fritzsche! +Niemandem, auch Diederich selbst nicht, war die Sache +aus guten Gründen anfangs peinlicher gewesen. Hatte er +nicht auf Diederich als Zeugen eine nahezu pflichtwidrige +Einwirkung geübt? Und das protokollierte Ergebnis von +Diederichs Aussage war nun dennoch schwer belastend, +und Fritzsches eigenes Zeugnis erst recht. Er war nicht +weniger rücksichtslos vorgegangen als Jadassohn. Seine +engen und besonderen Beziehungen zum Hause Lauer +hatten keineswegs vermocht, ihn der Aufgabe zu entfremden, +die ihm oblag, dem Schutze der Macht. Nichts +Menschliches hielt stand vor der Macht. Welche Lehre für +Diederich ... Auch Wolfgang Buck empfing sie, auf +seine Art. Von unten betrachtete er Fritzsche, mit einer +Miene, als müßte er sich erbrechen. +</p> + +<p> +Wie der Untersuchungsrichter mit Drehungen des Körpers, +die nicht unbefangen wirkten, auf den Ausgang zusteuerte, +ward lauter geflüstert. Die Schwiegermutter des Bürgermeisters +sagte, mit dem Lorgnon nach der Frau des Angeklagten +zielend: „Eine nette Gesellschaft!“ Man widersprach +<pb n='238'/><anchor id='Pgp0238'/>ihr nicht; man hatte angefangen, die Lauers ihrem Schicksal +zu überlassen. Guste Daimchen biß sich auf die Lippe, Käthchen +Zillich schickte einen raschen Senkblick zu Diederich. +Dr. Scheffelweis beugte sich hinüber zu dem Haupt der +Familie Buck, drückte ihm die Hand und sagte süß: „Ich +hoffe, lieber Freund und Gönner, alles wird noch gut.“ +</p> + +<p> +Der Vorsitzende befahl dem Gerichtsdiener: „Lassen Sie +mal den Zeugen Cohn ’rein!“ Die Reihe war an den +Entlastungszeugen! Der Vorsitzende schnupperte in die +Luft. „Hier riecht es aber schlecht“, bemerkte er. „Krecke, +machen Sie hinten ein Fenster auf!“ Und er suchte mit den +Augen unter dem minder guten Publikum, das dort oben +eng gedrängt saß. Dagegen war auf den unteren Bänken +freier Raum, und der freieste um den Regierungspräsidenten +von <anchor id="corr238"/><corr sic="Wulckowin">Wulckow in</corr> seiner verschwitzten Jagdjoppe.... +Das geöffnete Fenster, durch das es eisig hereinblies, bewirkte +Murren unter den auswärtigen Journalisten, die +dort hinten verstaut saßen. Aber Sprezius richtete nur den +Schnabel gegen sie: da duckten sie sich in ihre Rockkragen. +</p> + +<p> +Jadassohn sah siegesgewiß dem Zeugen entgegen. +Sprezius ließ ihn eine Weile reden, dann räusperte Jadassohn +sich; er hielt einen Akt in der Hand. „Zeuge Cohn,“ +begann er, „Sie sind Inhaber des unter Ihrem Namen +bestehenden Warenhauses seit 1889?“ Und unvermittelt: +„Geben Sie zu, daß gleich damals einer Ihrer Lieferanten, +ein gewisser Lehmann, sich in Ihren Lokalitäten +durch Erschießen das Leben genommen hat?“ Und mit +dämonischer Befriedigung blickte er auf Cohn, denn die +Wirkung seiner Worte war außerordentlich. Cohn begann +zu zappeln und nach Luft zu schnappen. „Die alte +Verleumdung!“ kreischte er. „Er hat es doch gar nicht +meinetwegen getan! Er war unglücklich verheiratet! Mit +<pb n='239'/><anchor id='Pgp0239'/>der Geschichte haben die Leute mich schon einmal kaputt +gemacht, und nun fängt der Mann wieder an!“ Auch der +Verteidiger protestierte. Sprezius hackte auf Cohn zu. +Der Herr Staatsanwalt sei kein Mann! Und wegen des +Ausdrucks Verleumdung nehme das Gericht den Zeugen +in eine Ordnungsstrafe von fünfzig Mark. Damit war +Cohn erledigt. Der Bruder des Herrn Buck ward vernommen. +Ihn fragte Jadassohn geradeheraus: „Zeuge +Buck, Sie haben ein notorisch schlechtgehendes Geschäft, +wovon leben Sie?“ Hier entstand ein solches Gemurmel, +daß Sprezius schnell eingriff: „Herr Staatsanwalt, gehört +das wirklich zur Sache?“ Aber Jadassohn war allem +gewachsen. „Herr Vorsitzender, die Anklagebehörde hat +ein Interesse, den Nachweis zu erbringen, daß der Zeuge +sich in wirtschaftlicher Abhängigkeit von seinen Verwandten, +besonders aber von seinem Schwager, dem Angeklagten, +befindet. Die Glaubwürdigkeit des Zeugen ist danach +zu bemessen.“ Der lange, elegante Herr Buck stand mit +gesenktem Kopf da. „Das genügt“, erklärte Jadassohn; +und Sprezius entließ diesen Zeugen. Seine fünf Töchter +rückten unter den Blicken der Menge auf ihrer Bank zusammen +wie eine Lämmerherde im Unwetter. Das minder +gute Publikum der oberen Reihen lachte feindselig. +Sprezius bat wohlwollend um Ruhe und ließ sich den +Zeugen Heuteufel kommen. +</p> + +<p> +Wie nun Heuteufel die Hand zum Schwur hob, schleuderte +Jadassohn ihm die seine mit einem dramatischen +Wurf entgegen. +</p> + +<p> +„Ich möchte zunächst an den Zeugen die Frage richten, +ob er zugibt, die das Delikt der Majestätsbeleidigungen +darstellenden Äußerungen durch seine Zustimmung begünstigt +und noch verschärft zu haben.“ Heuteufel +er<pb n='240'/><anchor id='Pgp0240'/>widerte: „Ich gebe gar nichts zu“, – worauf Jadassohn +ihm seine Aussage im Vorverhör entgegenhielt. Mit erhobener +Stimme: „Ich beantrage Gerichtsbeschluß darüber, +daß die Beeidigung dieses Zeugen unterbleiben +soll, weil er der Teilnahme am Delikt verdächtig ist.“ Noch +schneidender: „Die Gesinnung des Zeugen darf als gerichtsnotorisch +gelten. Der Zeuge gehört zu den von Seiner +Majestät dem Kaiser mit Recht so genannten vaterlandslosen +Gesellen. Überdies befleißigt er sich in regelmäßigen +Versammlungen, die er als Sonntagsfeiern für +freie Menschen bezeichnet, der Verbreitung des krassesten +Atheismus, wodurch seine Tendenzen gegenüber einem +christlichen Monarchen ohne weiteres charakterisiert sind.“ +Und Jadassohns Ohren strahlten Feuer aus, wie ein ganzes +Glaubensbekenntnis. Wolfgang Buck stand auf, +lächelte skeptisch und meinte, die religiösen Überzeugungen +des Herrn Staatsanwalts seien offenbar von mönchischer +Strenge, es könne ihm nicht zugemutet werden, daß er +einen Nichtchristen für glaubwürdig halte. Das Gericht +aber werde wohl anderer Meinung sein und den Antrag +des Staatsanwalts ablehnen. Da wuchs Jadassohn +furchtbar empor. Wegen der Verhöhnung seiner Person +beantragte er gegen den Verteidiger eine Ordnungsstrafe +von hundert Mark! Der Gerichtshof zog sich zur Beratung +zurück. Sofort brach im Saal ein aufgeregtes Durcheinander +von Meinungen aus. Dr. Heuteufel schob die Hände +in die Taschen und maß mit langen Blicken Jadassohn, der, +dem Schutze des Gerichts entzogen, von Panik ergriffen +ward und gegen die Wand wich. Diederich war es, der +ihm zu Hilfe kam, denn er hatte dem Herrn Staatsanwalt +leise eine wichtige Mitteilung zu machen ... Schon +kehrten die Richter zurück. Die Beeidigung des Zeugen +<pb n='241'/><anchor id='Pgp0241'/>Heuteufel ward vorerst ausgesetzt. Der Verteidiger war +wegen Verhöhnung des Herrn Staatsanwalts in eine Ordnungsstrafe +von achtzig Mark genommen. +</p> + +<p> +In das weitere Verhör Heuteufels griff der Verteidiger +ein, der vom Zeugen wissen wollte, wie er, als intimer +Bekannter des Angeklagten, sein Familienleben beurteile. +Heuteufel machte eine Bewegung, durch den Saal rauschte +es: man hatte verstanden. Aber ob Sprezius die Frage +zuließ? Er hatte schon den Mund geöffnet, um sie abzulehnen, +begriff aber noch rechtzeitig, daß man einer +Sensation nicht ausweichen dürfe – worauf Heuteufel +den mustergültigen Zuständen im Hause Lauer hohes Lob +spendete. Jadassohn trank die Worte des Zeugen, bebend +vor Ungeduld. Endlich konnte er, mit namenlosem Triumph +in der Stimme, seine Frage stellen. „Will der +Zeuge sich auch darüber äußern, welcher Art die Weiber +sind, aus deren Bekanntschaft er persönlich die Kenntnis +des Familienlebens schöpft, und ob er nicht in einem gewissen +Hause verkehrt, das im Volksmund Klein-Berlin +heißt?“ Und noch im Sprechen vergewisserte er sich, daß +die Damen im Publikum, und gleich ihnen die Richter, +tief verletzte Gesichter bekamen. Der Hauptentlastungszeuge +war vernichtet! Heuteufel versuchte noch zu antworten: +„Der Herr Staatsanwalt wird es wissen. Wir +sind uns dort wohl begegnet.“ Aber das diente nur dazu, +daß Sprezius ihm eine Ordnungsstrafe von fünfzig Mark +auferlegen konnte. „Der Zeuge hat im Saal zu bleiben“, +entschied der Vorsitzende schließlich. „Das Gericht braucht +ihn noch zur weiteren Aufklärung des Tatbestandes.“ +Heuteufel äußerte: „Ich meinerseits bin aufgeklärt über +den Betrieb hier und würde es vorziehen, das Lokal zu +verlassen.“ Sofort wurden aus den fünfzig Mark hundert. +</p> + +<pb n='242'/><anchor id='Pgp0242'/> + +<p> +Wolfgang Buck sah sich unruhig um. Seine Lippen +schienen die Stimmung im Saal zu schmecken, sie verzogen +sich, als äußerte sich die Stimmung in diesem merkwürdigen +Geruch, der seit das Fenster geschlossen war, sich +wieder gelagert hatte. Buck sah die Sympathien, die ihn +hereinbegleitet hatten, zersprengt und abgestumpft, seine +Kampfmittel unnütz verbraucht; und das Gähnen der vom +Hunger in die Länge gezogenen Gesichter, die Ungeduld +der Richter, die nach der Uhr schielten, verhieß ihm nichts +Gutes. Er sprang auf; retten, was zu retten war! Und +er machte seine Stimme energisch, um die Vorladung weiterer +Zeugen für die Nachmittagssitzung zu beantragen. +„Da der Herr Staatsanwalt es zum System erhebt, die +Glaubwürdigkeit unserer Zeugen zu bezweifeln, sind wir +bereit, den guten Leumund des Angeklagten zu beweisen +durch die Aussagen der ersten Männer von Netzig. Kein +Geringerer als Herr Bürgermeister Dr. Scheffelweis wird +dem Gericht die bürgerlichen Verdienste des Angeklagten +bezeugen. Der Herr Regierungspräsident von Wulckow +wird nicht umhin können, ihm seine staatsfreundliche und +kaisertreue Gesinnung zu bestätigen.“ +</p> + +<p> +„Nanu“, sagte dahinten aus dem freien Raum der dröhnende +Baß. Buck strengte seine Stimme an. +</p> + +<p> +„Für die sozialen Tugenden des Angeklagten aber +werden seine sämtlichen Arbeiter eintreten.“ +</p> + +<p> +Und Buck setzte sich, hörbar keuchend. Jadassohn bemerkte +kalt: „Der Herr Verteidiger beantragt eine Volksabstimmung.“ +Die Richter berieten flüsternd; und Sprezius +verkündete: das Gericht gebe nur dem Antrage des +Verteidigers statt, der sich auf die Vernehmung des Bürgermeisters +Dr. Scheffelweis beziehe. Da der Bürgermeister +im Saal war, wurde er sogleich aufgerufen. +</p> + +<pb n='243'/><anchor id='Pgp0243'/> + +<p> +Er arbeitete sich aus seiner Bank heraus. Frau und +Schwiegermutter hielten ihn von beiden Seiten fest und +gaben ihm hastig Forderungen mit, die einander widersprechen +mußten, denn der Bürgermeister langte sichtlich +verstört am Richtertisch an. Welche Gesinnung der Angeklagte +in der bürgerlichen <anchor id="corr243"/><corr sic="Offentlichkeit">Öffentlichkeit</corr> betätigte? +Dr. Scheffelweis wußte Gutes darüber zu bekunden. So +hatte der Angeklagte sich in den städtischen Kollegien eingesetzt +für die Wiederherstellung des altberühmten Pfaffenhauses, +wo die Haare aufbewahrt wurden, die bekanntlich +Dr. Martin Luther dem Teufel aus dem Schwanz +gerissen hatte. Freilich, auch den Saalbau der „Freien +Gemeinde“ hatte er unterstützt und dadurch unleugbar +viel Anstoß erregt. Im Geschäftsleben sodann genoß der +Angeklagte die allgemeine Achtung; die sozialen Reformen, +die er in seiner Fabrik eingeführt hatte, wurden vielfach +bewundert, – wenn freilich auch dagegen eingewendet +ward, daß sie die Ansprüche der Arbeiter ins ungemessene +steigerten und so den Umsturz vielleicht doch +zu befördern geeignet waren. „Würde der Herr Zeuge“, +fragte der Verteidiger, „den Angeklagten des ihm zur +Last gelegten Delikts für fähig halten?“ – „Einerseits“, +erwiderte Scheffelweis, „gewiß nicht.“ – „Aber andererseits?“ +fragte der Staatsanwalt. Der Zeuge erwiderte: +„Andererseits gewiß.“ +</p> + +<p> +Nach dieser Antwort durfte der Bürgermeister sich zurückziehen; +seine zwei Damen empfingen ihn, eine so unzufrieden +wie die andere; und der Vorsitzende schickte sich +an, die Sitzung aufzuheben, da räusperte Jadassohn sich. +Er beantragte, nochmals den Zeugen Doktor Heßling zu +vernehmen, der seine Aussage zu ergänzen wünsche. Sprezius +klappte mißgelaunt mit den Lidern, das Publikum, +<pb n='244'/><anchor id='Pgp0244'/>das soeben aus den Bänken herausrutschte, murrte laut; +– aber Diederich war schon vorgetreten, festen Schrittes, +und hatte schon mit klarer Stimme zu sprechen begonnen. +Nach reiflicher Überlegung sei er zu der Einsicht gelangt, +daß er seine im Vorverhör gemachte Aussage vollinhaltlich +aufrechterhalten könne; und er wiederholte sie, aber verschärft +und erweitert. Er fing mit der Erschießung des Arbeiters +an und gab die kritischen Bemerkungen der Herren +Lauer und Heuteufel wieder. Die Zuhörer, die das Fortgehen +vergessen hatten, verfolgten die Schlacht der Gesinnungen +über die blutbetropfte Kaiser-Wilhelm-Straße bis +in den Ratskeller, sahen die feindlichen Reihen sich bis zum +Entscheidungskampf ordnen, Diederich wie mit geschwungenem +Degen unter den gotischen Kronleuchter vorrücken und +den Angeklagten herausfordern auf Leben und Tod. +</p> + +<p> +„Denn, meine Herren Richter, ich leugne es nicht länger, +ich habe ihn herausgefordert! Wird er das Wort sprechen, +an dem ich ihn packen kann? Er sprach es und, meine +Herren Richter, ich habe ihn gepackt und habe damit nur +meine Pflicht erfüllt und würde sie auch heute wieder +erfüllen, mögen mir daraus in gesellschaftlicher und geschäftlicher +Beziehung selbst noch mehr Nachteile erwachsen, +als ich in der letzten Zeit zu ertragen gehabt habe! Der +uneigennützige Idealismus, meine Herren Richter, ist ein +Vorrecht des Deutschen, er wird ihn unentwegt betätigen, +mag ihm angesichts der Menge der Feinde gelegentlich +auch der Mut sinken. Als ich vorhin mit meiner Aussage +noch zögerte, war es nicht nur, wie der Untersuchungsrichter +mir gütigst zubilligte, eine Verwirrung des Gedächtnisses: +es war, ich gestehe es, ein vielleicht begreifliches +Zurückweichen vor der Schwere des Kampfes, den +ich auf mich nehmen sollte. Aber ich nehme ihn auf mich, +<pb n='245'/><anchor id='Pgp0245'/>denn kein Geringerer als Seine Majestät unser erhabener +Kaiser verlangt es von mir ...“ Diederich sprach fließend +weiter, mit einem Schwung in den Sätzen, der einem den +Atem nahm. Jadassohn fand, daß der Zeuge anfange, die +Wirkungen seines Plaidoyers vorwegzunehmen, und +blickte unruhig auf den Vorsitzenden. Sprezius aber dachte +offenbar nicht daran, Diederich zu unterbrechen. Mit +unbewegtem Geierschnabel und ohne die Lider zu klappen, +sah er auf Diederichs eiserne Miene, worin es drohend +blitzte. Der alte Kühlemann sogar ließ die Lippe hängen +und hörte zu. Wolfgang Buck aber: vorgebeugt auf seinem +Stuhl, spähte er zu Diederich hinauf, gespannt, sachkundig +und die Augen voll eines feindlichen Entzückens. +Das war eine Volksrede! Ein Auftritt von bombensicherer +Wirkung! Ein Schlager! „Mögen unsere Bürger“, +rief Diederich, „endlich aus dem Schlummer erwachen, +in dem sie sich so lange gewiegt haben, und nicht bloß dem +Staat und seinen Organen die Bekämpfung der umwälzenden +Elemente überlassen, sondern selbst mit Hand anlegen! +Das ist Befehl Seiner Majestät und, meine Herren +Richter, da sollte ich zögern? Der Umsturz erhebt das +Haupt, eine Rotte von Menschen, nicht wert den Namen +Deutsche zu tragen, wagt es, die geheiligte Person des +Monarchen in den Staub zu ziehen ...“ +</p> + +<p> +Im minder guten Publikum lachte jemand. Sprezius +hackte zu und drohte den Lacher in Strafe zu nehmen. +Jadassohn seufzte. Jetzt war es Sprezius freilich nicht +mehr möglich, den Zeugen zu unterbrechen. +</p> + +<p> +In Netzig hatte der kaiserliche Kampfruf bisher leider +nur zu wenig Widerhall gefunden! Hier verschloß man +Augen und Ohren vor der Gefahr, man verharrte in den +veralteten Anschauungen einer spießbürgerlichen +Demo<pb n='246'/><anchor id='Pgp0246'/>kratie und Humanität, die den vaterlandslosen Feinden +der göttlichen Weltordnung den Weg ebneten. Eine +forsche nationale Gesinnung, einen großzügigen Imperialismus +begriff man hier noch nicht. „Die Aufgabe der +modern gesinnten Männer ist es, auch Netzig dem neuen +Geist zu erobern, im Sinne unseres herrlichen jungen +Kaisers, der jeden Treugesinnten, er sei edel oder unfrei, +zum Handlanger seines erhabenen Wollens bestellt hat!“ +Und Diederich schloß: „Daher, meine Herren Richter, war +ich berechtigt, dem Angeklagten, als er nörgeln wollte, +mit aller Entschiedenheit entgegenzutreten. Ich habe +ohne persönlichen Groll gehandelt, um der Sache willen. +Sachlich sein heißt deutsch sein! Und ich meinerseits“ – +er blitzte zu Lauer hinüber – „bekenne mich zu meinen +Handlungen, denn sie sind der Ausfluß eines tadellosen +Lebenswandels, der auch im eigenen Hause auf Ehre hält +und weder Lüge noch Sittenlosigkeit kennt!“ +</p> + +<p> +Große Bewegung im Saal. Diederich, hingerissen von +der edlen Gesinnung, die er ausdrückte, berauscht durch +seine Wirkung, fuhr fort, den Angeklagten anzublitzen. Da +aber wich er zurück: der Angeklagte, zitternd und wankend, +stemmte sich am Geländer seiner Bank empor; er hatte +rollende, blutunterlaufene Augen, und sein Kiefer bewegte +sich, als habe ihn der Schlag gerührt. „Oh!“ machten weibliche +Stimmen, voll erwartungsvollen Schauderns. Aber +der Angeklagte hatte nur Zeit, einige rauhe Laute gegen +Diederich auszustoßen: sein Verteidiger hatte ihn am Arm +erfaßt und redete auf ihn ein. Inzwischen verkündete der +Vorsitzende, daß der Herr Staatsanwalt sein Plaidoyer +um vier Uhr beginnen werde, und verschwand samt den +Beisitzern. Diederich, halb betäubt, sah sich auf einmal +bestürmt von Kühnchen, Zillich, Nothgroschen, die ihn +<pb n='247'/><anchor id='Pgp0247'/>beglückwünschten. Fremde Leute schüttelten ihm die +Hand: die Verurteilung sei todsicher, der Lauer dürfe einpacken. +Der Major Kunze erinnerte den erfolgreichen +Diederich daran, daß zwischen ihnen niemals eine Meinungsverschiedenheit +entstanden sei. Auf dem Korridor +kam ganz nahe an Diederich, den gerade eine Menge +Damen umgaben, der alte Buck vorüber. Er zog seine +schwarzen Handschuhe an und sah dabei dem jungen +Mann ins Gesicht: ohne die Verbeugung zu erwidern, +die Diederich wider Willen machte, ihm immer ins Gesicht, +mit einem Blick, prüfend und traurig, so traurig, +daß auch Diederich, mitten aus seinem Triumph heraus, +ihm traurig nachsah. +</p> + +<p> +Plötzlich merkte er, daß die fünf Töchter Buck sich nicht +entblödeten, ihm Komplimente zu machen. Sie flatterten, +rauschten und fragten, warum er denn zu der spannenden +Verhandlung nicht auch seine Schwestern mitgebracht +habe. Da maß er diese fünf herausgeputzten Gänse, eine +nach der anderen, von oben bis unten und erklärte ihnen, +streng und abweisend, es gäbe Dinge, die denn doch ernster +seien als eine Theatervorstellung. Erstaunt ließen sie ihn +stehen. Der Korridor leerte sich; zuletzt erschien noch Guste +Daimchen. Sie machte eine Bewegung auf Diederich zu. +Aber Wolfgang Buck holte sie ein, lächelnd, als sei nichts +geschehen; und mit ihm waren der Angeklagte und seine +Frau. Schnell sandte Guste zu Diederich einen Blick hin, +der sein Zartgefühl anrief. Er drückte sich hinter einen +Pfeiler und ließ, indes ihm das Herz klopfte, die Geschlagenen +vorüber. +</p> + +<p> +Wie er gehen wollte, trat aus dem Amtszimmer der +Regierungspräsident, Herr von Wulckow. Diederich stellte +sich, den Hut in der Hand, am Wege auf, schlug im +rich<pb n='248'/><anchor id='Pgp0248'/>tigen Augenblick die Hacken zusammen, und wirklich, +Wulckow blieb stehen. „Na also!“ sagte er aus der Tiefe +seines Bartes und klopfte Diederich auf die Schulter. „Sie +haben das Rennen gemacht. Sehr brauchbare Gesinnung. +Wir sprechen uns noch.“ Und er ging weiter auf +seinen kotigen Stiefeln, schwenkte den Bauch in der verschwitzten +Jagdhose und hinterließ, durchdringend wie je, +diesen Geruch gewalttätiger Männlichkeit, der bei allem, +was geschah, im Gerichtssaal gelagert hatte. +</p> + +<p> +Beim Ausgang drunten hielt sich noch immer der Bürgermeister +auf, mit Frau und Schwiegermutter, die von beiden +Seiten auf ihn eindrangen, und deren Forderungen er, +bleich und hoffnungslos, in Einklang zu bringen suchte. +</p> + +<milestone unit="tb"/> + +<p> +Zu Hause wußten sie schon alles. Sie hatten, alle drei, +im Vestibül auf das Ende der Verhandlung gewartet und +sich von Meta Harnisch erzählen lassen, was vorging. +Frau Heßling umarmte ihren Sohn unter stummen +Tränen. Die Schwestern standen etwas betreten dabei, +denn noch gestern hatten sie nur Geringschätzung gehabt +für Diederichs Rolle im Prozeß, die sich nun als so glänzend +erwies. Aber Diederich, in der schönen Vergeßlichkeit des +Sieges, ließ Wein zum Essen auftragen, und er erklärte +ihnen, der heutige Tag sichere für alle Zeit ihre gesellschaftliche +Stellung in Netzig. „Die fünf Damen Buck +werden sich hüten, auf der Straße wegzusehen. Sie können +froh sein, wenn ihr sie zurückgrüßt!“ Die Verurteilung +des Lauer war, so versicherte Diederich, nur mehr +eine Formalität. Sie war entschieden, und mit ihr auch +Diederichs unaufhaltsamer Aufstieg! „Freilich –“ und +er nickte in sein Glas – „trotz voller Pflichterfüllung hätte +es schief gehen können, und dann, meine Lieben, das +<pb n='249'/><anchor id='Pgp0249'/>wollen wir uns nur gestehen, dann wäre ich wahrscheinlich +aufgeflogen und Magdas Heirat mit!“ Da Magda erbleichte, +klopfte er ihr den Arm. „Jetzt sind wir fein heraus.“ +Und das Glas erhoben, mit männlicher Festigkeit: +„Welch eine Wendung durch Gottes Fügung!“ Er ordnete +an, daß beide sich schön machten und mitkämen. Frau +Heßling bat um Nachsicht, sie fürchtete zu sehr die Aufregung. +Diesmal konnte Diederich warten, die Schwestern +durften sich anziehen, so lange sie mochten. Als sie +eintrafen, waren schon alle im Saal, aber es waren nicht +dieselben. Sämtliche Bucks fehlten, und mit ihnen Guste +Daimchen, Heuteufel, Cohn, die ganze Loge, der freisinnige +Wahlverein. Sie gaben sich besiegt! Die Stadt +wußte es, man drängte sich herbei, ihre Niederlage zu +erleben; das minder gute Publikum war vorgerückt bis +in die vorderen Bänke. Wer von dem einstigen Klüngel +sich noch hier fand, Kühnchen und Kunze trugen Sorge, +daß jeder auf ihren Gesichtern die gute Gesinnung lese. +Auch einige verdächtige Gestalten freilich saßen dazwischen: +junge Leute mit müden, aber ausdrucksvollen Mienen, +samt mehreren auffallenden Mädchen, die unheimlich +schöne Farben im Gesicht hatten; und alle tauschten Grüße +mit Wolfgang Buck. Das Stadttheater! Buck hatte sich +nicht entblödet, sie zu seinem Plaidoyer einzuladen! +</p> + +<p> +Der Angeklagte wandte hastig den Kopf, sooft jemand +eintrat. Er wartete auf seine Frau! „Wenn er meint, +daß sie noch kommt!“ dachte Diederich. Aber da kam sie: +noch bleicher als heute früh, begrüßte ihren Gatten mit +einem Blick, der flehend war; setzte sich still an das Ende +einer Bank und richtete die Augen geradeaus nach dem +Richtertisch, stumm und stolz, wie ins Schicksal ... Der +Gerichtshof hatte den Saal betreten. Der Vorsitzende +<pb n='250'/><anchor id='Pgp0250'/>eröffnete die Sitzung und erteilte das Wort dem Herrn +Staatsanwalt. +</p> + +<p> +Jadassohn begann sofort mit äußerster Heftigkeit; nach +einigen Sätzen fand er schon keine Steigerung mehr und +wirkte matt; die Mitglieder des Stadttheaters lächelten +einander geringschätzig zu. Jadassohn bemerkte es, er +fing an, die Arme zu schwenken, dass die Robe flog; seine +Stimme überschlug sich, und die Ohren loderten. Die +geschminkten Mädchen fielen auf die Brüstung ihrer Bank, +so ausgelassen kicherten sie. „Merkt denn Sprezius +nichts?“ fragte die Schwiegermutter des Bürgermeisters. +Aber das Gericht schlief. Diederich in seinem Herzen +frohlockte; er hatte seine Rache an Jadassohn! Jadassohn +konnte nichts vorbringen, als womit er selbst schon das +Rennen gemacht hatte! Es war gemacht, das wußte +Wulckow, und auch Sprezius wußte es, darum schlief +er, mit offenen Augen. Jadassohn selbst fühlte es am +besten; er nahm sich immer unsicherer aus, je geräuschvoller +er ward. Als er schließlich zwei Jahre Gefängnis +beantragte, gaben alle, die er gelangweilt hatte, ihm +unrecht: wie es schien, auch die Richter. Der alte Kühlemann +schrak auf, mit einem Schnarcher. Sprezius +klappte mehrmals die Lider, um sich zu ermuntern, und +dann sagte er: „Der Herr Verteidiger hat das Wort.“ +</p> + +<p> +Wolfgang Buck erhob sich langsam. Seine sonderbaren +Freunde auf der Tribüne murmelten beifällig, was +Buck trotz Sprezius’ geschärftem Schnabel in Ruhe abwartete. +Dann erklärte er leichthin, als werde er mit allem +in zwei Minuten fertig werden, daß die Beweisaufnahme +ein dem Angeklagten durchaus günstiges Bild ergeben +habe. Der Herr Staatsanwalt vertrete mit Unrecht die +Anschauung, daß die Aussage von Zeugen, die erst infolge +<pb n='251'/><anchor id='Pgp0251'/>drohender Eingriffe in ihre eigene Existenz schlecht ausgesagt +hätten, irgendeinen Wert habe. Vielmehr sie habe +den Wert, daß sie auf geradezu glänzende Weise die Unschuld +des Angeklagten belege, da so viele als wahrheitsliebend +bekannte Männer nur durch eine Erpressung –. +Weiter kam er natürlich nicht. Als der Vorsitzende sich +beruhigt hatte, fuhr Buck gelassen fort. Wolle man aber +als erwiesen annehmen, daß der Angeklagte die ihm zur +Last gelegte Äußerung wirklich getan habe, so entfalle +hier doch der Begriff der Strafbarkeit; denn der Zeuge +Doktor Heßling habe offen eingestanden, daß er den Angeklagten +mit Absicht und Vorbedacht provoziert habe. +Es frage sich vielmehr, ob nicht eben der Zeuge Heßling, +durch seine provokatorische Absicht, der eigentliche geistige +Urheber einer strafbaren Handlung sei, die er mit der unwillkürlichen +Hilfe eines anderen und unter bewußter Ausnutzung +seiner Erregung vollführt habe. Der Verteidiger +empfahl dem Herrn Staatsanwalt die nähere Beschäftigung +mit dem Zeugen Heßling. Hier wandten viele sich +nach Diederich um, und ihm ward schwül. Aber die wegwerfende +Miene des Vorsitzenden ermutigte ihn wieder. +</p> + +<p> +Buck machte sein Organ milde und warm. Nein, er +wolle nicht das Unglück des Zeugen Heßling, den er als +das Opfer eines weit Höheren betrachte. „Warum +häufen sich in diesen Zeiten die Anklagen wegen Majestätsbeleidigung? +Man wird sagen: infolge solcher Vorgänge +wie die Erschießung des Arbeiters. Ich erwidere: +nein; sondern dank den Reden, die diese Vorgänge begleiten.“ +Sprezius rückte den Kopf, wetzte schon den +Schnabel, zog sich aber noch zurück. Buck ließ sich nicht +stören; er machte sein Organ männlich und stark. +</p> + +<p> +„Drohungen und überspannte Ansprüche auf der einen +<pb n='252'/><anchor id='Pgp0252'/>Seite zeitigen Zurückweisungen auf der anderen. Der +Grundsatz: wer nicht für mich ist, ist wider mich, zieht +eine grelle Grenze zwischen Byzantinern und Majestätsbeleidigern.“ +</p> + +<p> +Da hackte Sprezius zu. „Herr Verteidiger, ich kann +nicht dulden, daß Sie an Worten des Kaisers hier Kritik +üben. Wenn Sie damit fortfahren, wird das Gericht Sie +in Ordnungsstrafe nehmen.“ +</p> + +<p> +„Ich füge mich der Anordnung des Herrn Vorsitzenden“, +sagte Buck, und die Worte wurden in seinem Munde +immer runder und gewichtiger. „Ich werde also nicht +vom Fürsten sprechen, sondern vom Untertan, den er sich +formt; nicht von Wilhelm dem Zweiten, sondern vom +Zeugen Heßling. Sie haben ihn gesehen! Ein Durchschnittsmensch +mit gewöhnlichem Verstand, abhängig von +Umgebung und Gelegenheit, mutlos, solange hier die +Dinge schlecht für ihn standen, und von großem Selbstbewußtsein, +sobald sie sich gewendet hatten.“ +</p> + +<p> +Diederich auf seinem Platz schnaufte. Warum schützte +Sprezius ihn nicht? Es wäre seine Pflicht gewesen! +Einen nationalgesinnten Mann ließ er in öffentlicher +Sitzung verächtlich machen – von wem? Vom Verteidiger, +dem berufsmäßigen Vertreter der subversiven +Tendenzen! Da war etwas faul im Staat!... Es begann +in ihm zu kochen, wenn er Buck ansah. Das war +der Feind, der Antipode; da gab es nur eins: zerschmettern! +Diese beleidigende Menschlichkeit in Bucks dickem +Profil! Man fühlte seine herablassende Liebe zu den +Worten, die er bildete, um Diederich zu kennzeichnen! +</p> + +<p> +„Wie er“, sagte Buck, „waren zu jeder Zeit viele Tausende, +die ihr Geschäft versahen und eine politische Meinung +hatten. Was hinzukommt und ihn zu einem neuen +<pb n='253'/><anchor id='Pgp0253'/>Typus macht, ist einzig die Geste: das Prahlerische des +Auftretens, die Kampfstimmung einer vorgeblichen Persönlichkeit, +das Wirkenwollen um jeden Preis, wäre er +auch von anderen zu bezahlen. Die Andersdenkenden +sollen Feinde der Nation heißen, und wären sie zwei +Drittel der Nation. Klasseninteressen, mag sein, aber umgelogen +durch Romantik. Eine romantische Prostration +vor einem Herrn, der seinem Untertan von seiner Macht +das Nötige leihen soll, um die noch kleineren niederzuhalten. +Und da es in Wirklichkeit und im Gesetz weder +den Herrn noch den Untertan gibt, erhält das öffentliche +Leben einen Anstrich schlechten Komödiantentums. Die +Gesinnung trägt Kostüm, Reden fallen, wie von Kreuzrittern, +indes man Blech erzeugt oder Papier; und das +Pappschwert wird gezogen für einen Begriff wie den +der Majestät, den doch kein Mensch mehr, außer in +Märchenbüchern, ernsthaft erlebt. Majestät ...“ wiederholte +Buck, das Wort durchschmeckend, und einige Hörer +schmeckten es mit. Die Leute vom Theater, denen es +offenbar mehr auf die Worte als auf den Sinn ankam, +legten die Hand an die Ohren und murmelten beifällig. +Den anderen sprach Buck zu gewählt, und daß er an keinen +Dialekt anklang, befremdete. Aber Sprezius war im +Sessel emporgestiegen, er kreischte beutegierig: „Herr +Verteidiger, zum letzten Male fordere ich Sie auf, die +Person des Monarchen nicht in die Debatte zu ziehen.“ +Durch das Publikum lief eine Bewegung. Wie Buck +den Mund wieder öffnete, versuchte jemand zu klatschen, +Sprezius hackte noch rechtzeitig zu. Es war eins der +auffallenden Mädchen gewesen. +</p> + +<p> +„Erst der Herr Vorsitzende“, sagte Buck, „hat die Person +des Monarchen genannt. Aber, da sie nun genannt +<pb n='254'/><anchor id='Pgp0254'/>ist, darf ich, ohne Verlegenheit für das Gericht, feststellen, +daß diese Person durch die Vollständigkeit, mit der sie +im heute gegebenen Moment die Tendenzen des Landes +ausdrückt und darstellt, etwas fast Verehrungswürdiges +bekommt. Ich will den Kaiser – und der Herr Vorsitzende +wird es nicht auf sich nehmen, mich zu unterbrechen +– einen großen Künstler nennen. Kann ich +mehr tun? Wir alle kennen nichts Höheres ... Ebendarum +sollte es nicht erlaubt sein, daß jeder mittelmäßige +Zeitgenosse ihm nachäfft. Im Glanz des Thrones mag +einer seine zweifellos einzige Persönlichkeit spielen lassen, +mag reden, ohne daß wir mehr von ihm erwarten +als Reden, mag blitzen, blenden, den Haß imaginärer +Rebellen herausfordern und den Beifall eines Parterres, +das seine bürgerliche Wirklichkeit darüber nicht vergißt ...“ +</p> + +<p> +Diederich erbebte; und alle hatten die Münder offen +und gespannte Augen, als bewegte Buck sich auf einem +Seil zwischen zwei Türmen. Ob er stürzte? Sprezius hielt +den Schnabel gezückt. Aber kein Zug von Ironie zeichnete +die Miene des Verteidigers: es schwang sich etwas darin +auf wie eine erbitterte Begeisterung. Plötzlich ließ er die +Mundwinkel fallen, grau schien es um ihn her zu werden. +</p> + +<p> +„Aber ein Netziger Papierfabrikant?“ fragte er. Er war +nicht gestürzt, er hatte wieder Boden unter den Füßen! +Nun sah alles sich nach Diederich um, und man lächelte +sogar. Auch Emmi und Magda lächelten. Buck hatte +seine Wirkung, und Diederich mußte sich leider sagen, +daß ihr gestriges Gespräch auf der Straße hierfür die +Generalprobe gewesen sei. Er duckte sich unter dem offenen +Hohn des Redners. +</p> + +<p> +„Die Papierfabrikanten neigen heute dazu, sich eine +Rolle anzumaßen, für die sie nicht fabriziert sind. Zischen +<pb n='255'/><anchor id='Pgp0255'/>wir sie aus! Sie haben kein Talent! Das ästhetische +Niveau unseres öffentlichen Lebens, das vom Auftreten +Wilhelms des Zweiten eine so ruhmreiche Erhöhung erfahren +hat, kann durch Kräfte wie den Zeugen Heßling +nur verlieren ... Und mit dem Ästhetischen, meine +Herren Richter, sinkt oder steigt das Moralische. Erlogene +Ideale ziehen unlautere Sitten nach sich, dem politischen +Schwindel folgt der bürgerliche.“ +</p> + +<p> +Buck hatte sein Organ streng gemacht. Zum ersten +Male erhob er es nun bis zum Pathos. +</p> + +<p> +„Denn, meine Herren Richter, ich beschränke mich nicht +auf die mechanistische Doktrin, die der Partei des sogenannten +Umsturzes so teuer ist. Mehr Veränderung +als alle Wirtschaftsgesetze erzeugt in der Welt das Beispiel +eines großen Mannes. Und wehe, wenn es ein +falsch verstandenes Beispiel war! Dann kann es geschehen, +daß über das Land sich ein neuer Typus verbreitet, der in +Härte und Unterdrückung nicht den traurigen Durchgang +zu menschlicheren Zuständen sieht, sondern den Sinn des +Lebens selbst. Schwach und friedfertig von Natur, übt er +sich, eisern zu scheinen, weil in seiner Vorstellung Bismarck +es war. Und mit unberechtigter Berufung auf einen +noch Höheren wird er lärmend und unsolide. Kein Zweifel: +die Siege seiner Eitelkeit werden geschäftlichen Zwecken +dienen. Zuerst bringt die Komödie seiner Gesinnung +einen Majestätsbeleidiger ins Gefängnis. Später findet +sich, was daran zu verdienen ist. Meine Herren Richter!“ +</p> + +<p> +Buck breitete die Arme aus, als solle seine Toga die +Welt umfassen, er trug die gesammelte Miene eines +Führers. Und er legte los, mit allem, was er hatte. +</p> + +<p> +„Sie sind souverän; und Ihre Souveränität ist die erste +und stärkste. In Ihrer Hand ist das Schicksal des +einzel<pb n='256'/><anchor id='Pgp0256'/>nen. Sie können ihn in das Leben schicken oder ihn sittlich +töten – was kein Fürst kann. Die Norm aber der +Individuen, die Sie gutheißen oder verwerfen, bildet +ein Geschlecht. Und so haben Sie Macht über unsere Zukunft. +Bei Ihnen liegt die unermeßliche Verantwortung, +ob künftig Männer wie der Angeklagte die Gefängnisse +füllen und Wesen wie der Zeuge Heßling der herrschende +Teil der Nation sein sollen. Entscheiden Sie sich zwischen +den beiden! Entscheiden Sie sich zwischen Streberei und +mutiger Arbeit, zwischen Komödie und Wahrheit! +Zwischen einem, der, um selbst emporzukommen, Opfer +verlangt, und dem anderen, der Opfer darbringt, damit +Menschen es besser haben! Der Angeklagte hat getan, +was erst wenige vermochten: er hat sich seines Herrentums +begeben, hat denen, die unter ihm standen, gleiches +Recht zugebilligt, Behagen und Hoffnungsfreude. Und +jemand, der in seinem Nächsten so sehr sich selbst achtet, +sollte fähig sein, von der Person des Kaisers mit Nichtachtung +zu sprechen?“ +</p> + +<p> +Die Hörer atmeten. Mit neuen Gefühlen blickte man +auf den Angeklagten, der die Stirn in die Hand stützte, auf +seine Frau, die starr vor sich hinsah. Mehrere schluchzten. +Der Vorsitzende sogar hatte eine betretene Miene. Seine +Lider klappten nicht mehr; mit runden Augen saß er da, +als hätte Buck ihn eingefangen. Der alte Kühlemann +nickte achtungsvoll, und an Jadassohn zeigten sich unwillkürliche +Zuckungen. +</p> + +<p> +Aber Buck mißbrauchte seinen Erfolg, er ließ sich berauschen. +„Das Erwachen des Bürgers!“ rief er aus. +„Die wahrhaft nationale Gesinnung! Die stille Tat eines +Lauer tut mehr dafür als hundert hallende Monologe +selbst eines gekrönten Künstlers!“ +</p> + +<pb n='257'/><anchor id='Pgp0257'/> + +<p> +Sofort klappte Sprezius wieder; und man sah ihm an, +er hatte sich besonnen, wie die Dinge eigentlich lagen, und +versprach sich, nicht zum zweiten Male auf den Leim zu +gehen. Jadassohn feixte; und im Saal fühlten die meisten, +der Verteidiger habe verspielt. Unter allgemeiner Unruhe +ließ der Vorsitzende ihn das Lob des Angeklagten beenden. +</p> + +<p> +Als Buck sich dann setzte, wollten die Schauspieler +klatschen; aber Sprezius hackte nicht einmal mehr zu, er +warf nur einen gelangweilten Blick hin und fragte, ob der +Herr Staatsanwalt zu replizieren wünsche. Jadassohn verneinte +geringschätzig, und der Gerichtshof zog sich rasch +zurück. „Das Urteil wird bald gefunden sein“, sagte Diederich +mit Achselzucken – obwohl ihm von Bucks Rede noch +arg beklommen war. „Gott sei Dank!“ sagte die Schwiegermutter +des Bürgermeisters. „Man sollte nicht glauben, +daß vor fünf Minuten die Leute noch obenauf waren.“ +Sie wies auf Lauer, der sich das Gesicht trocknete, und auf +Buck, den wahrhaftig die Schauspieler beglückwünschten. +</p> + +<p> +Schon kehrten die Richter zurück, und Sprezius verkündete +das Urteil: sechs Monate Gefängnis – was allen +die natürlichste Lösung schien. Dazu war noch auf Verlust +der vom Angeklagten bekleideten öffentlichen Ämter +erkannt worden. +</p> + +<p> +Der Vorsitzende begründete das Urteil damit, daß eine +beleidigende Absicht zum Tatbestande des Delikts nicht +erforderlich sei. Daher tue auch die Frage, ob eine Provokation +stattgefunden habe, nichts zur Sache. Im Gegenteil: +daß der Angeklagte es gewagt habe, vor national gesinnten +Zeugen so zu sprechen, falle erschwerend ins +Gewicht. Die Behauptung des Angeklagten, daß er nicht +den Kaiser gemeint habe, sei vom Gericht für hinfällig +befunden. „Den Hörern der Rede mußte sich – +nament<pb n='258'/><anchor id='Pgp0258'/>lich bei ihrer Parteistellung und der ihnen bekannten +antimonarchischen Richtung des Angeklagten – die Ansicht +aufdrängen, daß seine Äußerung sich gegen den +Kaiser richte. Wenn der Angeklagte vorgibt, daß er sich +wohl gehütet habe, eine Majestätsbeleidigung zu begehen, +so hat er eben nicht die Beleidigung selbst, sondern nur +ihre strafrechtlichen Folgen vermeiden wollen.“ +</p> + +<p> +Dies leuchtete allen ein, man fand es von Lauer begreiflich, +aber hinterlistig. Der Verurteilte ward sofort +verhaftet; als man auch dies noch miterlebt hatte zerstreute +man sich, unter Bemerkungen, die ihm nicht günstig +waren. Nun war es wohl aus mit Lauer, denn was +sollte in dem halben Jahr, das er absitzen mußte, aus +seinem Geschäft werden! Infolge des Urteils war er +auch nicht mehr Stadtverordneter. Er konnte künftig +weder nützen noch schaden! Dem Buckschen Klüngel, +der so dick tat, war der Denkzettel zu gönnen. Man sah +sich nach der Frau des Sträflings um; aber sie war verschwunden. +„Nicht einmal die Hand hat sie ihm gegeben! +Nette Verhältnisse!“ +</p> + +<milestone unit="tb"/> + +<p> +Aber in den Tagen, die folgten, geschahen Dinge, die +zu noch herberen Urteilen nötigten. Judith Lauer hatte +sofort ihre Koffer gepackt und war nach dem Süden gereist. +Nach dem Süden! – indes ihr leiblicher Mann dort oben +in der Vogtei saß, mit einer Wache unter seinem Gitterfenster. +Und – ein auffallendes Zusammentreffen! +</p> + +<p> +Landgerichtsrat Fritzsche nahm plötzlich Urlaub. Eine +Karte von ihm aus Genua gelangte an Doktor Heuteufel, +der sie umherzeigte: wahrscheinlich, um sein eigenes Benehmen +in Vergessenheit zu bringen. Es wäre kaum +<pb n='259'/><anchor id='Pgp0259'/>noch nötig gewesen, die Lauerschen Dienstboten und die +armen verlassenen Kinder auszuforschen: man wußte Bescheid! +Der Skandal war so groß, daß die „Netziger Zeitung“ +eingriff, mit einer an die oberen Zehntausend gerichteten +Warnung, nicht den umstürzlerischen Tendenzen +durch Zügellosigkeit entgegenzukommen. In einem zweiten +Artikel legte Nothgroschen dar, daß man unrecht tue, +Reformen, wie die in Lauers Betrieb eingeführten, besonders +zu rühmen. Denn was hatten die Arbeiter von +der Beteiligung? Im Durchschnitt, nach Lauers eigenen +Aufstellungen, noch nicht achtzig Mark im Jahr. Das +konnte man ihnen auch in Form eines Weihnachtsgeschenkes +zuwenden! Aber freilich, dann war es keine +Demonstration mehr gegen die bestehende Gesellschaftsordnung! +Dann hatte auch die vom Gericht festgestellte +antimonarchische Gesinnung des Fabrikherrn nichts dabei +zu gewinnen! Und wenn Herr Lauer auf den Dank +der Arbeiter gezählt hatte, konnte er sich jetzt eines Besseren +belehren: vorausgesetzt, so fügte Nothgroschen hinzu, +daß er im Gefängnis das sozialdemokratische Blatt +zu lesen bekam. Denn das warf ihm vor, daß er durch +seine leichtsinnige Majestätsbeleidigung mehrere hundert +Arbeiterfamilien in ihrer Existenz gefährdet habe. +</p> + +<p> +Die „Netziger Zeitung“ trug der veränderten Lage noch +in anderer, sehr bezeichnender Weise Rechnung. Ihr +Direktor Tietz wandte sich an das Heßlingsche Werk wegen +eines Teils der Papierlieferung. Die Auflage sei gestiegen +und Gausenfeld zur Zeit überlastet. Diederich sagte +sich sofort, daß dahinter der alte Klüsing selbst stecke. Er +war beteiligt an der Zeitung, ohne ihn geschah dort nichts. +Wenn der etwas aus der Hand ließ, fürchtete er offenbar, +sonst noch mehr zu verlieren. Die Kreisblätter! Die +<pb n='260'/><anchor id='Pgp0260'/>Lieferungen für die Regierung! Angst vor Wulckow, das +war es. Daß Diederich durch seine Zeugenaussage den +Präsidenten auf sich aufmerksam gemacht hatte, mußte +der Alte wohl erfahren haben – obwohl er kaum mehr +in die Stadt kam. Die alte Papierspinne dort hinten +in ihrem Netz, das über die Provinz und noch weiter gespannt +war, witterte Gefahr und ward unruhig. „Er +möchte mich abspeisen mit der ‚Netziger Zeitung‘! Aber +so billig tun wir’s nicht. In dieser harten Zeit! Hat er +’ne Ahnung von meiner Großzügigkeit. Wenn ich erst +Wulckow hinter mir habe: – ich beerbe ihn einfach!“ +sagte Diederich laut, mit einem Schlag auf das Schreibpult, +so daß Sötbier emporschrak. „Hüten Sie sich vor +Aufregungen!“ höhnte Diederich. „In Ihren Jahren, +Sötbier! Ich gebe zu, früher haben Sie manches geleistet +für die Firma. Aber die Geschichte mit dem Holländer +war schlimm; da haben Sie mich entmutigt, und +jetzt hätte ich ihn nötig für die ‚Netziger Zeitung‘. Sie +sollten sich ausruhen, es gelingt nichts mehr.“ +</p> + +<p> +Zu den Folgen, die der Prozeß für Diederich hatte, gehörte +auch ein Brief des Majors Kunze. Dieser wünschte +ein bedauerliches Mißverständnis aufzuklären und teilte +mit, daß der Aufnahme des hochverdienten Herrn Doktors +in den Kriegerverein nichts mehr im Wege stehe. Diederich, +gerührt durch seinen Triumph, hätte am liebsten +gleich die beiden Hände des alten Soldaten ergriffen. +Glücklicherweise erkundigte er sich und erfuhr, daß der +Brief auf Herrn von Wulckow selbst zurückzuführen war! +Der Regierungspräsident hatte den Kriegerverein mit +seinem Besuch beehrt und sich gewundert, den Doktor +Heßling nicht dort zu finden. Da ward Diederich es inne, +was für eine Macht er war. Er handelte demgemäß. Er +<pb n='261'/><anchor id='Pgp0261'/>antwortete auf die private Eröffnung des Majors durch +ein offizielles Schreiben an den Verein und forderte den +persönlichen Besuch von zwei Mitgliedern des Vorstandes, +der Herren Major Kunze und Professor Kühnchen. +Sie kamen auch; Diederich empfing sie, zwischen Geschäftsbesuchen, +die er absichtlich auf diese Stunde gelegt +hatte, in seinem Bureau und diktierte ihnen die Adresse, +von deren Überreichung er die Annahme ihres ehrenvollen +Antrags abhängig machte. Darin ließ er sich bestätigen, +daß er, mit glänzender Unerschrockenheit allen +Verleumdungen trotzend, seine treudeutsche und kaisertreue +Gesinnung bewährt habe. Durch sein Eingreifen sei +es gelungen, den vaterlandslosen Elementen Netzigs eine +empfindliche Schlappe beizubringen. Aus einem unter den +größten persönlichen Opfern geführten Kampf sei Diederich +als lauterer, echt deutscher Charakter hervorgegangen. +</p> + +<p> +Bei der Feier seiner Aufnahme verlas Kunze die +Adresse, und Diederich, Tränen in der Stimme, bekannte +sich unwürdig, so viel Lob entgegenzunehmen. Wenn in +Netzig die nationale Sache Fortschritte mache, so sei dies, +nächst Gott, einem Höheren zu danken, dessen erhabene +Weisungen er seinerseits in freudigem Gehorsam ausführe +... Alle, auch Kunze und Kühnchen, waren bewegt. +Es war ein großer Abend. Diederich stiftete einen +Pokal – und er hielt eine Rede, worin er die Schwierigkeiten +berührte, denen die neue Militärvorlage im Reichstage +begegnete. „Einzig unser scharfes Schwert“, rief +Diederich aus, „sichert unsere Stellung in der Welt, und +es scharf zu erhalten, ist der Beruf Seiner Majestät des +Kaisers! Wenn der Kaiser ruft, wird es herausfliegen aus +der Scheide! Die Gesellschaft im Reichstag, die da was +dreinreden will, mag sich hüten, daß es sie nicht zuerst +<pb n='262'/><anchor id='Pgp0262'/>trifft! Mit Seiner Majestät ist nicht zu spaßen, meine +Herren, das kann ich Ihnen nur sagen.“ Diederich blitzte, +und er nickte schwerwiegend, als wüßte er manches. Im +selben Augenblick kam ihm wirklich ein Einfall. „Neulich +auf dem Brandenburgischen Provinziallandtag hat der +Kaiser dem Reichstag den Standpunkt klargemacht. Er +hat gesagt: ‚Wenn die Kerls mir meine Soldaten nicht +bewilligen, räum’ ich die ganze Bude aus!‘“ – Das +Wort erregte Begeisterung; und als Diederich allen, die +ihm zutranken, nachgekommen war, hätte er nicht mehr +sagen können, ob es von ihm selbst war oder nicht doch +vom Kaiser. Schauer der Macht strömten aus dem Wort +auf ihn ein, als wäre es echt gewesen ... Tags darauf +stand es in der „Netziger Zeitung“ und schon am Abend +im „Lokal-Anzeiger“. Schlechtgesinnte Blätter verlangten +ein Dementi, aber es blieb aus. +</p> + +</div><div rend="page-break-before: always"> + <index index="toc" level1="V"/> + <index index="pdf" level1="V"/> +<pb n='263'/><anchor id='Pgp0263'/> + +<head>V.</head> + +<p> +Noch schwellten solche Hochgefühle Diederichs Brust, +da bekamen Emmi und Magda eine Einladung von +Frau von Wulckow, nachmittags zum Tee. Es konnte nur +wegen des Stückes sein, das die Regierungspräsidentin +beim nächsten Fest der „Harmonie“ aufführen ließ. +Emmi und Magda sollten Rollen bekommen. Freudegerötet +kehrten sie heim: Frau von Wulckow war überaus +gnädig gewesen; eigenhändig hatte sie ihnen immer +wieder Kuchen auf den Teller gelegt. Inge Tietz mochte +platzen. Offiziere spielten mit! Man brauchte besondere +Toiletten; wenn Diederich vielleicht glaubte, daß sie mit +ihren fünfzig Mark –. Aber Diederich eröffnete ihnen +einen unbegrenzten Kredit. Nichts von dem, was sie +kauften, fand er schön genug. Das Wohnzimmer lag voll +von Bändern und künstlichen Blumen, die Mädchen verloren +den Kopf, weil Diederich ihnen dreinredete: da +kam Besuch, Guste Daimchen. +</p> + +<p> +„Ich habe doch der glücklichen Braut noch gar nicht +richtig gratuliert“, sagte sie und versuchte gönnerhaft zu +lächeln; aber ihre Augen gingen besorgt über die Bänder +und Blumen. „Das ist wohl auch für das dumme Stück?“ +fragte sie. „Wolfgang hat davon gehört, er sagt, es ist +unerhört dumm.“ Magda erwiderte: „Dir muß er es +doch sagen, weil du nicht mitspielst.“ Und Diederich erklärte: +„Damit entschuldigt er sich dafür, daß Sie seinetwegen +bei Wulckows nicht eingeladen werden.“ Guste +lachte geringschätzig. „Auf Wulckows verzichten wir, aber +zum Harmonieball gehen wir gerade.“ Diederich fragte: +<pb n='264'/><anchor id='Pgp0264'/>„Wollen Sie den ersten Eindruck des Prozesses nicht lieber +vorübergehen lassen?“ Er sah sie teilnehmend an. +„Liebes Fräulein Guste, wir sind so alte Bekannte, ich +darf Sie wohl darauf hinweisen, daß Ihre Verbindung +mit den Bucks Ihnen jetzt in der Gesellschaft nicht gerade +nützt.“ – Guste zuckte mit den Augen, man sah, sie hatte +sich das schon selbst gedacht. Magda bemerkte: „Gott sei +Dank, mit meinem Kienast ist es nicht so.“ Worauf Emmi: +„Aber Herr Buck ist interessanter. Neulich bei seiner Rede +hab’ ich geweint, wie im Theater.“ – „Und überhaupt!“ +rief Guste ermutigt. „Erst gestern hat er mir diese Tasche +geschenkt.“ Sie hielt den vergoldeten Sack empor, nach +dem Emmi und Magda schon lange schielten. Magda +sagte spitz: „Er hat wohl viel verdient mit der Verteidigung. +Kienast und ich, wir sind für Sparsamkeit.“ Aber +Guste hatte ihre Genugtuung gehabt. „Dann will ich auch +nicht länger stören“, sagte sie. +</p> + +<p> +Diederich begleitete sie hinunter. „Ich bringe Sie nach +Haus, wenn Sie artig sind,“ sagte er, „aber vorher muß +ich noch einen Blick in die Fabrik tun. Gleich wird Schicht +gemacht.“ – „Ich kann ja mitgehen“, meinte Guste. Um +ihr zu imponieren, führte er sie geradeswegs zu der +großen Papiermaschine. „So was haben Sie wohl noch +nicht gesehen?“ Und mit Wichtigkeit erläuterte er ihr das +System von Bassins, Walzen und Zylindern, worüber +hin, durch die ganze Länge des Saales, die Masse floß: +zuerst wässerig, dann immer trockener – und am Ende +der Maschine lief auf großen Rollen das fertige Papier ... +Guste schüttelte den Kopf. „Nein so was! Und der Krach, +den sie macht! Und die Hitze hier!“ Diederich, mit seiner +Wirkung noch nicht zufrieden, fand einen Grund, um die +Arbeiter anzudonnern; und wie Napoleon Fischer +dazu<pb n='265'/><anchor id='Pgp0265'/>kam, war nur er schuld! Beide schrien gegen den Lärm +der Maschine an, Guste verstand nichts; aber Diederichs +geheime Angst sah in dem dünnen Bart des Maschinenmeisters +immer das gewisse Grinsen, das an seine Mitwisserschaft +in der Angelegenheit des Holländers erinnerte +und die offene Verleugnung jeder Autorität war. Je +heftiger Diederich sich gebärdete, desto ruhiger ward der +andere. Diese Ruhe war Aufruhr! Schnaufend und +bebend öffnete Diederich die Tür zum Packraum und ließ +Guste eintreten. „Der Mann ist Sozialdemokrat!“ erklärte +er. „So ein Kerl wäre imstande, hier Feuer zu +legen. Aber ich entlass’ ihn nicht: nun gerade nicht! +Wollen sehen, wer der Stärkere ist. Die Sozialdemokratie +nehme ich auf mich!“ Und da Guste ihn bewundernd +ansah: „Das hätten Sie wohl nicht gedacht, auf was für +einem gefahrvollen Posten unsereiner steht. Furchtlos +und treu, ist mein Wahlspruch. Sehen Sie, ich verteidige +hier unsere heiligsten nationalen Güter geradeso +gut wie unser Kaiser. Dazu gehört mehr Mut, als wenn +einer vor Gericht schöne Reden hält.“ +</p> + +<p> +Guste sah es ein, sie hatte eine andächtige Miene. „Hier +ist es kühler,“ bemerkte sie, „wenn man aus der Hölle +nebenan kommt. Die Frauen hier können froh sein.“ – +„Die?“ erwiderte Diederich. „Die haben es wie im +Paradies!“ Er führte Guste zu dem Tisch: eine der +Frauen sortierte die Bogen, eine zweite prüfte nach, und +die dritte zählte immerfort bis fünfhundert. Alles ging +mit unerklärlicher Schnelligkeit; die Bogen flogen ununterbrochen +einander nach, wie von selbst und ohne +Widerstand gegen die arbeitenden Hände, die im endlos +über sie hingehenden Papier sich aufzulösen schienen: +Hände und Arme, die Frau selbst, ihre Augen, ihr Gehirn, +<pb n='266'/><anchor id='Pgp0266'/>ihr Herz. Das alles war da und lebte, damit die Bogen +flogen ... Guste gähnte – indes Diederich erklärte, +daß diese Weiber, die im Akkord arbeiteten, sich schändliche +Nachlässigkeiten zuschulden kommen ließen. Er wollte +schon dazwischenfahren, weil ein Bogen mitflog, woran +eine Ecke fehlte. Aber Guste sagte plötzlich mit einer Art +von Trotz: „Sie brauchen sich übrigens nicht einzubilden, +daß Käthchen Zillich sich für Sie besonders interessiert ... +Wenigstens nicht mehr als für gewisse andere Leute“, +setzte sie hinzu; und auf seine verwirrte Frage, was sie +denn meine, lächelte sie bloß anzüglich. „Ich muß Sie +doch bitten“, wiederholte er. Darauf nahm Guste ihre +gönnerhafte Miene an. „Ich sage es nur zu Ihrem Besten. +Denn Sie scheinen nichts zu merken? Mit Assessor Jadassohn +zum Beispiel? Aber Käthchen ist überhaupt so +eine.“ Jetzt lachte Guste laut, so begossen sah Diederich +aus. Sie ging weiter, und er folgte. „Mit Jadassohn?“ +forschte er angstvoll. Da hörte der Lärm der Maschine +auf, die Glocke ging, die den Schluß der Arbeit anzeigte, +und über den Hof entfernten sich schon Arbeiter. Diederich +zuckte die Achseln. „Was Fräulein Zillich macht, +läßt mich kalt“, erklärte er. „Höchstens um den alten +Pastor tut es mir leid, wenn sie wirklich so eine ist. Wissen +Sie das denn genauer?“ Guste sah weg. „Überzeugen Sie +sich doch selbst!“ Worauf Diederich geschmeichelt lachte. +</p> + +<p> +„Lassen Sie das Gas brennen!“ rief er dem Maschinenmeister +zu, der vorbeiging. „Ich drehe selbst ab.“ Gerade +ward der Lumpensaal weit geöffnet für die Fortgehenden. +„Oh!“ rief Guste, „dort drinnen ist es aber romantisch!“ +Denn sie erblickte dahinten in der Dämmerung +lauter bunte Flecken aus grauen Hügeln und darüber +einen Wald von Ästen. „Ach“, sagte sie im Nähertreten. +<pb n='267'/><anchor id='Pgp0267'/>„Ich dachte, weil es hier schon so dunkel ist ... Das sind +ja bloß Lumpensäcke und Heizungsrohre.“ Und sie verzog +das Gesicht. Diederich jagte die Arbeiterinnen empor, +die trotz der Betriebsordnung sich auf den Säcken ausruhten. +Mehrere, kaum, daß die Arbeit fortgelegt war, +strickten schon, andere aßen. „Das könnte euch passen“, +schnaubte er. „Wärme schinden auf meine Kosten! +Raus!“ Sie standen langsam auf, ohne ein Wort, ohne +Widerstand in der Miene; und vorbei an der fremden +Dame, nach der alle dumpf neugierig den Kopf wandten, +trabten sie in ihren Männerschuhen hinaus, schwerfällig +wie eine Herde und umgeben von dem Dunst, worin sie +lebten. Diederich behielt jede scharf im Auge, bis sie +draußen war. „Fischer!“ schrie er plötzlich. „Was hat +die Dicke da unterm Tuch?“ Der Maschinenmeister erklärte +mit seinem zweideutigen Grinsen: „Das ist nur, +weil sie was erwartet“, – worauf Diederich unzufrieden +den Rücken wandte. Er belehrte Guste. „Ich glaubte, ich +hätte eine erwischt. Sie stehlen nämlich Lumpen. Jawohl. +Sie machen Kinderkleider draus.“ Und da Guste die Nase +rümpfte: „Das ist doch zu gut für die Proletenkinder!“ +</p> + +<p> +Mit den Spitzen ihrer Handschuhe hob Guste einen der +Fetzen vom Boden. Plötzlich hatte Diederich ihr Handgelenk +gefangen und küßte es gierig, im Spalt des Handschuhs. +Erschreckt sah sie sich um. „Ach so, alle Leute sind +schon fort.“ Sie lachte selbstsicher. „Ich hab’ mir doch +gleich gedacht, was Sie jetzt noch in der Fabrik zu tun +haben.“ Diederich machte ein herausforderndes Gesicht. +„Na und Sie? Warum sind Sie überhaupt gekommen +heute? Sie haben wohl gemerkt, daß ich doch nicht so +ohne bin? Freilich Ihr Wolfgang –. Jeder kann sich +nicht so blamieren wie er, neulich vor Gericht.“ Darauf +<pb n='268'/><anchor id='Pgp0268'/>sagte Guste entrüstet: „Seien Sie nur ganz still, Sie +werden doch nie so ein feiner Mann wie er.“ Aber ihre +Augen sagten etwas anderes. Diederich sah es; erregt +lachte er auf. „Wie der es eilig hat mit Ihnen! Wissen +Sie auch, wofür er Sie ansieht? Für einen Kochtopf +mit Wurst und Kohl, und ich soll ihn umrühren!“ – +„Jetzt lügen Sie“, sagte Guste vernichtend; aber Diederich +war im Zuge. „Ihm ist nämlich nicht genug Wurst +und Kohl drin. – Anfangs hat er natürlich auch gedacht, +Sie hätten eine Million geerbt. Aber für fünfzigtausend +Mark ist solch ein feiner Mann nicht zu haben.“ Da kochte +Guste auf. Diederich fuhr zurück, so gefährlich sah es aus. +„Fünfzigtausend! Ihnen ist gewiß nicht wohl? Wie +komme ich dazu, daß ich mir das muß sagen lassen! Wo +ich bare dreihundertfünfzigtausend auf der Bank zu +liegen hab’, in richtiggehenden Papieren! Fünfzigtausend! +Wer so etwas Ehrenrühriges von mir herumerzählt, +den kann ich überhaupt belangen!“ Sie hatte +Tränen in den Augen; Diederich stammelte Entschuldigungen. +„Lassen Sie nur“ – und Guste benutzte ihr +Taschentuch. „Wolfgang weiß genau, woran er bei mir ist. +Aber Sie selbst, Sie haben den Schwindel geglaubt. Darum +waren Sie auch so frech!“ rief sie. Ihre rosigen Fettpolster +zitterten vor Zorn, und die kleine eingedrückte Nase war +ganz weiß geworden. Er sammelte sich. „Daran sehen Sie +doch, daß Sie mir auch ohne Geld gefallen“, gab er zu +bedenken. Sie biß sich auf die Lippen. „Wer weiß“, sagte +sie mit einem Blick von unten, schmollend und unsicher. +„Für Leute, wie Sie, sind fünfzigtausend auch schon Geld.“ +</p> + +<p> +Er hielt es für angezeigt, eine Pause zu machen. Sie +zog aus ihrem goldenen Beutel den Puderquast, und sie +setzte sich. „Ich bin wirklich ganz echauffiert von Ihrem +<pb n='269'/><anchor id='Pgp0269'/>Betragen!“ Aber sie lachte wieder. „Haben Sie mir +vielleicht sonst noch etwas zu zeigen in Ihrer sogenannten +Fabrik?“ Er nickte bedeutsam. „Wissen Sie wohl, wo +Sie jetzt sitzen?“ – „Na, auf einem Lumpensack.“ – +„Aber auf was für einem! In dieser Ecke, hinter den +Säcken hier hab’ ich mal einen Arbeiter und ein Mädchen +ertappt, wie sie gerade: Sie verstehen. Natürlich sind +beide geflogen; und am Abend, jawohl, am selben Abend –“ +er hob den Zeigefinger, in seinen Augen entstand ein +Schauder höherer Dinge – „haben sie den Kerl totgeschossen, +und das Mädchen ist verrückt geworden.“ +Guste sprang auf. „War das –? Ach Gott, das war der +Arbeiter, der den Wachtposten gereizt hat ...? Also +hinter den Säcken haben sie –?“ Ihre Augen gingen +über die Säcke, als suchte sie Blut darauf. Sie hatte sich +nahe zu Diederich geflüchtet. Plötzlich sahen sie einander +in die Augen: darin bewegten sich die gleichen abgründigen +Schauder, des Lasters oder des Übersinnlichen. Sie +atmeten hörbar einander an. Guste schloß, eine Sekunde +lang, die Lider: da plumpsten sie auch schon beide auf die +Säcke, rollten, ineinander verwickelt, hinab und durch +den dunkeln Raum dahinter, schlugen um sich, keuchten +und prusteten, als seien sie dort unten am Ertrinken. +</p> + +<p> +Guste zuerst erreichte wieder das Licht. Den Fuß, an +dem er sie festhalten wollte, stieß sie ihm ins Gesicht und +sprang heraus, daß es krachte. Als Diederich sich glücklich +ihr nachgearbeitet hatte, standen sie da und schnauften. +Gustes Busen, Diederichs Bauch gingen beide im Sturm. +Sie erlangte vor ihm die Sprache zurück. „Das müssen +Sie mit ’ner andern versuchen! Wie komm’ ich überhaupt +dazu!“ Immer erbitterter: „Ich hab’ Ihnen doch gesagt, +daß es dreihundertfünfzigtausend sind!“ Diederich +be<pb n='270'/><anchor id='Pgp0270'/>wegte die Hand, um auszudrücken, daß er seinen Mißgriff +zugebe. Aber Guste schrie auf: „Und wie ich aussehe! +Soll ich so vielleicht durch die Stadt gehen?“ Er erschrak +aufs neue und lachte ratlos. Sie stampfte auf. +„Haben Sie denn keine Bürste?“ Gehorsam machte er +sich auf den Weg; Guste rief ihm nach: „Daß gefälligst +Ihre Schwestern nichts merken! Sonst reden morgen +die Leute von mir!“ Er ging nur bis an das Kontor. +Wie er zurückkehrte, saß Guste wieder auf dem Sack, das +Gesicht in den Händen, und durch ihre lieben, dicken Finger +rannen Tränen. Diederich blieb stehen, hörte ihrem +Wimmern zu, und auf einmal begann er auch zu weinen. +Mit tröstender Hand bürstete er sie ab. „Es ist doch +nichts geschehen“, wiederholte er. Guste stand auf. „Das +wäre auch noch schöner“, – und sie musterte ihn mit +Ironie. Da faßte auch Diederich Mut. „Ihr Herr Bräutigam +braucht es ja nicht zu wissen“, bemerkte er. Und +Guste: „Wenn schon!“ – wobei sie sich auf die Lippen biß. +</p> + +<p> +Betroffen durch dies Wort bürstete er schweigend +weiter, zuerst sie, dann sich, indes Guste ihre Kleider +glättete. „Nun los!“ sagte sie. „Eine Papierfabrik sehe +ich mir so bald nicht wieder an.“ Er spähte ihr unter den +Hut. „Wer weiß“, sagte er. „Denn daß Sie Ihren Buck +lieben, das glaub’ ich Ihnen seit fünf Minuten nicht +mehr.“ Schnell rief Guste: „O doch!“ Und ohne Pause +fragte sie: „Was bedeutet denn das Zeug hier?“ +</p> + +<p> +Er erklärte: „Das ist der Sandfang, durch die Rinne +schwemmen wir die Lumpen; Knöpfe und so weiter +bleiben zurück, wie Sie sehen. Die Leute haben natürlich +wieder nicht aufgeräumt.“ Mit der Schirmspitze stocherte +sie in dem Haufen; er setzte hinzu: „Im Jahr behalten wir +mehrere Säcke Überbleibsel!“ – „Und was ist das da?“ +<pb n='271'/><anchor id='Pgp0271'/>fragte Guste und griff rasch hin, nach etwas, das glänzte. +Diederich riß die Augen auf. „Ein Brillantknopf!“ Sie +ließ ihn funkeln. „Echt sogar! Wenn Sie öfter so was +finden, ist Ihr Geschäft nicht so übel.“ Diederich sagte +zweifelnd: „Den muß ich natürlich abliefern.“ Sie +lachte. „An wen denn? Die Abfälle gehören doch Ihnen!“ +Er lachte auch. „Na, nicht gerade die Brillanten. Wir +werden schon noch ausfindig machen, wer uns das geliefert +hat.“ Guste sah ihn von unten an. „Sie sind schön +dumm“, sagte sie. Er erwiderte mit Überzeugung: „Nein! +Sondern ich bin ein Ehrenmann!“ Darauf hob sie nur +die Schultern. Langsam zog sie den linken Handschuh +aus und legte sich den Brillanten auf den kleinen Finger. +„Er muß als Ring gefaßt werden!“ rief sie aus, wie erleuchtet, +betrachtete versunken ihre Hand und seufzte. +„Na, sollen ihn andere Leute finden!“ – und unvermutet +warf sie den Knopf zurück in die Lumpen. „Sind Sie +verrückt?“ Diederich bückte sich, sah ihn nicht gleich und +ließ sich schnaufend auf die Knie. In der Hast warf er +alles durcheinander. „Gott sei Dank!“ Er hielt ihr den +Brillanten hin; aber Guste nahm ihn nicht. „Ich gönne +ihn dem Arbeiter, der ihn morgen zuerst sieht. Der steckt +ihn ein, darauf können Sie sich verlassen, der ist nicht so +dumm.“ – „Ich auch nicht“, erklärte Diederich. „Denn +wahrscheinlich wäre der Stein doch weggeworfen worden. +Unter solchen Umständen brauche ich es nicht für inkorrekt +zu halten –.“ Er legte den Brillanten wieder auf ihren +Finger. „Und wenn es auch inkorrekt wäre, er steht +Ihnen so gut.“ Guste sagte überrascht: „Wieso? Wollen +Sie ihn mir denn schenken?“ Er stammelte: „Sie haben ihn +ja gefunden, da muß ich wohl.“ Da jubelte Guste. „Das +wird mein schönster Ring!“ – „Warum?“ fragte Diederich, +<pb n='272'/><anchor id='Pgp0272'/>voll banger Hoffnung. Guste sagte ausweichend: „Überhaupt +...“ Und mit einem plötzlichen Blick: „Weil er +nichts kostet, wissen Sie.“ Hierüber errötete Diederich, +und sie sahen einander blinzelnd in die Augen. +</p> + +<p> +„Ach Herr Gott!“ rief Guste plötzlich. „Es muß schrecklich +spät sein. Schon sieben? Was sag’ ich nur meiner +Mutter?... Ich weiß, ich sag’ ihr, ich hab’ bei einem +Trödler den Brillanten entdeckt, und er hat gedacht, er +ist unecht, und hat bloß fünfzig Pfennig verlangt!“ Sie +öffnete ihren goldenen Sack und ließ den Knopf hineinfallen. +„Also adieu ... Aber Sie sehen aus! Wenigstens +müssen Sie sich die Krawatte binden.“ Im Sprechen +tat sie es schon selbst. Er fühlte ihre warmen Hände unter +seinem Kinn; ihre feuchten, dicken Lippen bewegten +sich ganz nahe. Ihm ward heiß, er hielt den Atem zurück. +„So“, machte Guste und brach ernstlich auf. „Ich +drehe nur das Gas ab“, rief er ihr nach. „Warten Sie +doch!“ – „Ich warte schon“, antwortete sie von draußen; +– aber als er auf den Hof trat, war sie fort. Verdutzt +sperrte er die Fabrik zu und redete laut dabei vor sich +hin. „Nun sag’ mir einer, ist das Instinkt oder Berechnung?“ +Er schüttelte sorgenvoll den Kopf über das ewige +Rätsel der Weiblichkeit, das in Guste verkörpert war. +</p> + +<milestone unit="tb"/> + +<p> +Vielleicht, so sagte sich Diederich, ging es vorwärts mit +Guste, freilich ging es langsam. Die Ereignisse, die sich +um den Prozeß gruppierten, hatten ihr Eindruck gemacht, +aber noch nicht genug. Auch hörte er nichts mehr von +Wulckow. Nach dem so viel versprechenden Schritt des +Regierungspräsidenten beim Kriegerverein wartete Diederich +unbedingt auf weiteres: eine Heranziehung, eine +vertrauliche Verwendung, er wußte nicht wie und was. +<pb n='273'/><anchor id='Pgp0273'/>Der Harmonieball konnte es bringen; warum hatten sonst +die Schwestern Rollen bekommen im Stück der Präsidentin. +Nur dauerte alles zu lange für Diederichs Tatenlust. +Es war eine Zeit voll Unruhe und Drang. Man +quoll über von Hoffnungen, Aussichten, Plänen; in +jeden Tag, der anfing, hätte man das alles auf einmal +ergießen wollen; und wenn er aus war, war er leer geblieben. +Ein Trieb nach Bewegung erfaßte Diederich. +Mehrmals versäumte er den Stammtisch und ging +spazieren, ohne Ziel und ins Freie, was sonst nicht vorkam. +Er kehrte dem Mittelpunkt der Stadt den Rücken, +stapfte mit dem Schritt eines von Tatkraft schweren Mannes +die abendlich leere Meisestraße zu Ende, durchmaß +die lange Gäbbelchenstraße, mit den vorstädtischen Gasthäusern, +bei denen Fuhrleute ein- oder ausspannten, und +kam auch unter der Vogtei vorbei. Dort oben saß, bewacht +von einem Gitterfenster und einem Soldaten, der +Herr Lauer, der sich dies nicht hatte träumen lassen. +„Hochmut kommt vor dem Fall“, dachte Diederich. „Wie +man sich bettet, so liegt man.“ Und obwohl er den Ereignissen, +die den Fabrikbesitzer in die Vogtei geführt +hatten, nicht ganz fremd war, schien Lauer ihm jetzt ein +Wesen mit einem Kainsmal, ein unheimlicher Gesell. +Einmal glaubte er im Hof des Gefängnisses eine Gestalt +zu bemerken. Es war schon zu dunkel, aber vielleicht –? +Ein Gruseln überlief Diederich, und er enteilte. +</p> + +<p> +Hinter dem Burgtor führte die Landstraße zu dem +Hügel mit der Schweinichenburg, wo einst der kleine +Diederich gemeinsam mit Frau Heßling das Grausen vor +dem Burggespenst genossen hatte. Solche Kindereien +lagen ihm jetzt fern; – vielmehr bog er jedesmal, bald +hinter dem Tor, in die Gausenfelder Straße ein. Er hatte +<pb n='274'/><anchor id='Pgp0274'/>es sich nicht vorgenommen und tat es nur zögernd, denn +es wäre ihm nicht lieb gewesen, wenn jemand ihn auf +diesem Wege überrascht hätte. Aber es ließ ihn nicht: +die große Papierfabrik zog ihn an wie ein verbotenes +Paradies, er mußte ihr auf einige Schritte nahekommen, +sie umkreisen, über ihre Mauer schnüffeln ... Eines +Abends ward Diederich aus dieser Tätigkeit aufgeschreckt +durch Stimmen, die im Dunkeln schon ganz nahe waren. +Kaum daß er noch Zeit behielt, sich in den Graben zu +kauern. Und während die Leute, wahrscheinlich Angestellte +der Fabrik, die sich verspätet hatten, an seinem +Versteck vorüberkamen, drückte Diederich die Augen zu, +aus Furcht, und auch weil er fühlte, ihr begehrliches Funkeln +hätte ihn verraten können. +</p> + +<p> +Als er schon wieder beim Burgtor war, hatte er noch +immer Herzklopfen und sah sich nach einem Glas Bier +um. Gleich im Winkel des Tores stand der „Grüne +Engel“, eins der niedersten Gasthäuser, krumm vor Alter, +schmutzig und übel beleumdet. Soeben verschwand in dem +gewölbten Gang eine Frauensperson. Diederich, von +jäher Abenteuerlust gepackt, drang hinterdrein. Wie sie +das rötliche Licht einer Stallaterne durchschreiten mußte, +wollte die Person ihr Gesicht, das verschleiert war, auch +noch mit dem Muff bedecken; aber Diederich hatte sie +schon erkannt. „Guten Abend, Fräulein Zillich!“ – +„Guten Abend, Herr Doktor!“ Und da standen sie beide +mit offenem Munde. Käthchen Zillich war die erste, die +etwas hervorbrachte, von Kindern, die hier im Hause +wohnten, und die sie in die Sonntagsschule ihres Vaters +bringen sollte. Diederich setzte zum Sprechen an, aber +sie redete weiter, immer hastiger. Nein, die Kinder +wohnten eigentlich nicht hier, aber ihre Eltern verkehrten +<pb n='275'/><anchor id='Pgp0275'/>in der Schenke, und die Eltern durften nichts wissen von +der Sonntagsschule, denn sie waren Sozialdemokraten ... +Sie faselte; und Diederich, der zuerst nur an sein eigenes +schlechtes Gewissen gedacht hatte, ward darauf hingewiesen, +daß Käthchen in einer noch viel verdächtigeren +Lage sei. Er ersparte es sich also, seine Anwesenheit im +„Grünen Engel“ zu erklären, und schlug einfach vor, +dann könne man in der Gaststube auf die Kinder warten. +Käthchen weigerte sich angstvoll, irgend etwas zu verzehren, +aber Diederich bestellte aus eigener Machtvollkommenheit +auch für sie Bier. „Prost!“ sagte er, und +in seiner Miene lag die ironische Erinnerung daran, daß +sie bei ihrer letzten Zusammenkunft im traulichen Wohnzimmer +des Pfarrhauses sich beinahe verlobt hätten. +Käthchen ward unter ihrem Schleier rot und blaß und +verschüttete ihr Bier. Immerfort flatterte sie kraftlos +vom Stuhl auf und wollte fort; aber Diederich hatte sie +hinter den Tisch in die Ecke geschoben und saß breit davor. +„Nun müssen die Kinder aber gleich kommen!“ sagte er +gutmütig. Statt ihrer kam Jadassohn: plötzlich stand er +da und sah versteinert aus. Auch die beiden anderen +regten sich nicht. „Also doch!“ dachte Diederich. Jadassohn +schien etwas Ähnliches zu denken; keiner der Herren fand +Worte. Käthchen begann wieder von Kindern und Sonntagsschulen. +Sie sprach flehend und weinte fast. Jadassohn +hörte ihr mit Mißbilligung zu, er ließ sogar die Bemerkung +fallen, gewisse Geschichten seien ihm zu verwickelt, +– und er blickte inquisitorisch auf Diederich. +</p> + +<p> +„Im Grunde“, versetzte Diederich, „ist es doch einfach. +Fräulein Zillich sucht hier nach Kindern, und wir beide +helfen ihr.“ +</p> + +<p> +„Ob sie eins kriegt, kann man nicht wissen“, ergänzte +<pb n='276'/><anchor id='Pgp0276'/>Jadassohn schneidend; da sagte Käthchen: „Und von wem +auch nicht.“ +</p> + +<p> +Die Herren setzten die Gläser hin. Käthchen hatte es +aufgegeben zu weinen, sie schob sogar den Schleier hinauf +und sah mit merkwürdig hellen Augen von einem +zum andern. Ihre Stimme hatte etwas Offenes, Unverblümtes +bekommen. „Na ja, wenn Sie nun doch mal +beide da sind“, setzte sie hinzu, indes sie aus Jadassohns +Dose eine Zigarette nahm; und dann leerte sie auf einen +Zug den Kognak, der vor Diederich stand. Jetzt war es +an Diederich, nach Fassung zu ringen. Jadassohn schien +nicht unbekannt mit Käthchens anderem Gesicht. Die +beiden fuhren fort, Doppelsinnigkeiten auszutauschen, +bis Diederich sich gegen Käthchen entrüstete. „Heute +lernt man Sie aber gründlich kennen!“ rief er und schlug +auf den Tisch. Sofort hatte Käthchen ihr Damengesicht +zurück. „Was meinen Sie eigentlich, Herr Doktor?“ +Jadassohn ergänzte: „Ich nehme an, daß Sie der Ehre +der Dame nicht zu nahe treten wollen!“ – „Ich meine +nur,“ stammelte Diederich, „so gefällt Fräulein Zillich +mir viel besser.“ Er rollte die Augen vor Ratlosigkeit. +„Neulich, wie wir uns beinahe verlobt hätten, hat sie +mir nicht halb so gefallen.“ Da lachte Käthchen los: ein +Gelächter, ganz frei aus dem Herzen, wie Diederich es +auch noch nicht kannte. Ihm ward warm dabei, er +lachte mit, Jadassohn auch, alle drei wälzten sich lachend +auf ihren Stühlen umher und riefen nach mehr Kognak. +</p> + +<p> +„Nun muß ich aber gehen,“ sagte Käthchen, „sonst +kommt Papa vor mir nach Haus. Er hat Krankenbesuche +gemacht; dabei verteilt er immer solche Bilder.“ Sie +zog zwei bunte Bildchen aus ihrer ledernen Tasche. +„Da haben Sie auch welche.“ Jadassohn bekam die +<pb n='277'/><anchor id='Pgp0277'/>Sünderin Magdalena, Diederich das Lamm mit dem +Hirten; er war nicht zufrieden. „Ich will auch eine +Sünderin.“ Käthchen suchte, fand aber keine mehr. +„Also bleibt es bei dem Schaf“, entschied sie, und man +zog ab, Käthchen in der Mitte eingehängt. Ruckweise +und in weitem Bogen schwenkten alle drei sich durch die +schlecht beleuchtete Gäbbelchenstraße dahin, wobei sie +ein Kirchenlied sangen, das Käthchen angestimmt hatte. +An einer Ecke erklärte sie, eilen zu müssen, und verschwand +in der Seitengasse. „Adieu Schaf!“ rief sie Diederich zu, +der ihr vergeblich nachstrebte. Jadassohn hielt ihn fest, +und plötzlich nahm er seine staatserhaltende Stimme an, +um Diederich zu überzeugen, daß dies alles nur ein zufälliger +Scherz sei. „Es liegt durchaus nichts Mißverständliches +vor, das möchte ich feststellen.“ +</p> + +<p> +„Ich denke nicht daran, hier etwas mißzuverstehen“, +sagte Diederich. +</p> + +<p> +„Und wenn ich“, fuhr Jadassohn fort, „den Vorzug +hätte, von der Familie Zillich für eine nähere Verbindung +in Aussicht genommen zu sein, dieser Vorfall würde +mich keineswegs abhalten. Ich folge nur einer Ehrenpflicht, +wenn ich dies ausspreche.“ +</p> + +<p> +Diederich erwiderte: „Ich weiß Ihr korrektes Verhalten +voll und ganz zu würdigen.“ Darauf schlugen die +Herren die Absätze zusammen, schüttelten einander die +Hände und trennten sich. +</p> + +<p> +Käthchen und Jadassohn hatten beim Abschied ein Zeichen +ausgetauscht; Diederich war überzeugt, sie würden sich gleich +jetzt wieder im „Grünen Engel“ zusammenfinden. Er öffnete +den Winterrock, ein Hochgefühl schwellte ihn, weil +er eine bösartige Falle aufgedeckt und sich streng kommentmäßig +aus der Sache gezogen hatte. Er empfand eine +<pb n='278'/><anchor id='Pgp0278'/>gewisse Achtung und Sympathie für Jadassohn. Auch +er selbst würde so gehandelt haben! Unter Männern verständigte +man sich. Aber so ein Weib! Käthchens anderes +Gesicht, die Pfarrerstochter, der unvermutet das entfesselte +Weib ins Gesicht gestiegen war, dies tückische Doppelwesen, +so fremd der Biederkeit, die Diederich am Grunde +seines eigenen Herzens wußte: es erschütterte ihn wie +ein Blick ins Bodenlose. Er knöpfte den Rock wieder zu. +Es gab also noch andere Welten außerhalb der bürgerlichen, +als nur die, worin jetzt der Herr Lauer lebte. +</p> + +<p> +Schnaufend setzte er sich zum Abendessen. Seine Stimmung +schien so bedrohlich, daß die drei Frauen Schweigen +bewahrten. Frau Heßling nahm ihren Mut zusammen. +„Schmeckt es dir nicht, mein lieber Sohn?“ Anstatt einer +Antwort herrschte Diederich die Schwestern an. „Mit +Käthchen Zillich verkehrt ihr nicht mehr!“ Da sie ihn +ansahen, errötete er und stieß drohend aus: „Sie ist +eine Verworfene!“ Aber sie verzogen nur den Mund; +und auch die furchtbaren Andeutungen, in denen er sich +polternd erging, schienen sie nicht weiter aufzuregen. +„Du sprichst wohl von Jadassohn?“ fragte Magda endlich, +ganz gelassen. Diederich fuhr zurück. Sie waren +also eingeweiht und mitverschworen: alle Weiber wahrscheinlich. +Auch Guste Daimchen! Die hatte schon einmal +davon angefangen. Er mußte sich die Stirn trocknen. +Magda sagte: „Wenn du vielleicht ernste Absichten gehabt +hast bei Käthchen, uns hast du ja nicht gefragt“, worauf +Diederich, um sein Ansehen zu verteidigen, dem Tisch +einen Stoß gab, daß alle aufkreischten. Er verbitte sich +derartige Zumutungen, schrie er. Es gebe hoffentlich noch +anständige Mädchen. Frau Heßling bat zitternd: „Du +brauchst ja nur deine Schwestern anzusehen, mein lieber +<pb n='279'/><anchor id='Pgp0279'/>Sohn.“ Und Diederich sah sie wirklich an; er blinzelte, und +er überlegte zum erstenmal, nicht ohne Bangen, was diese +beiden weiblichen Wesen, die seine Schwestern waren, bisher +wohl mit ihrem Leben angefangen hatten ... „Ach +was,“ entschied er und richtete sich stramm auf, „euch zieht +man einfach die Kandare fester. Wenn ich eine Frau habe, +die soll sich wundern!“ Da die Mädchen einander zulächelten, +erschrak er, denn er hatte an Guste Daimchen gedacht, +und vielleicht dachten auch sie mit ihrem Lächeln an +Guste? Zu trauen war keiner. Er sah Guste vor sich, weißblond, +mit dem dicken, rosigen Gesicht. Ihre fleischigen +Lippen öffneten sich, sie streckte ihm die Zunge heraus. +Das hatte vorhin Käthchen Zillich getan, als sie ihm +„Adieu Schaf!“ zurief, und Guste, die ihr im Typus so +ähnlich war, würde mit ausgestreckter Zunge und in +halbbetrunkenem Zustand genau so ausgesehen haben! +</p> + +<p> +Magda sagte eben: „Käthchen ist schön dumm; aber +begreiflich ist es ja, wenn man so lange warten muß und +keiner kommt.“ +</p> + +<p> +Sofort griff Emmi ein. „Wen meinst du, bitte? Wenn +Käthchen sich mit irgendeinem Kienast begnügt hätte, +würde sie wohl auch nicht mehr warten.“ +</p> + +<p> +Magda, im Bewußtsein, die Tatsachen für sich zu haben, +blähte einfach ihre Bluse auf und schwieg. +</p> + +<p> +„Überhaupt“, Emmi warf die Serviette hin und erhob +sich. „Wie kannst du das gleich glauben, was die Männer +von Käthchen reden. Das ist abscheulich, sollen wir denn +alle wehrlos sein gegen ihren Klatsch?“ Empört ließ +sie sich in der Ecke nieder und begann zu lesen. Magda +hob nur die Schultern – indes Diederich angstvoll und +vergeblich nach einem Übergang suchte, um zu fragen, +ob vielleicht auch Guste Daimchen –? Bei einer so +<pb n='280'/><anchor id='Pgp0280'/>langen Verlobung –? „Es gibt Situationen,“ äußerte +er, „wo es nicht mehr Klatsch ist.“ Da schleuderte Emmi +auch das Buch hin. +</p> + +<p> +„Und wenn schon! Käthchen tut, was sie will! Wir +Mädchen haben ebensogut wie ihr das Recht, unsere +Individualität auszuleben! Die Männer sollen froh sein, +wenn sie uns dann nachher noch kriegen!“ +</p> + +<p> +Diederich stand auf. „Das will ich in meinem Hause +nicht hören“, sagte er ernst, und er blitzte Magda so lange +an, bis sie nicht mehr lachte. +</p> + +<p> +Frau Heßling brachte ihm die Zigarre. „Von meinem +Diedel weiß ich ganz genau, daß er so eine niemals heiraten +wird;“ – sie streichelte ihn tröstend. Er versetzte +mit Nachdruck: „Ich kann mir nicht denken, Mutter, daß +ein echter deutscher Mann das jemals getan hat.“ +</p> + +<p> +Sie schmeichelte. „O, alle sind nicht so ideal wie mein +lieber Sohn. Manche denken materieller und nehmen mit +dem Geld auch mal was in den Kauf, worüber die Leute +reden.“ Unter seinem gebieterischen Blick schwatzte sie angstvoll +weiter. „Zum Beispiel Daimchen. Gott, nun er ist tot, +und es kann ihm gleich sein, aber seinerzeit hat man doch +viel geredet.“ Jetzt sahen alle drei Kinder sie fordernd an. +„Na ja,“ erklärte sie schüchtern. „Das mit Frau Daimchen +und dem Herrn Buck. Guste kam doch zu früh.“ +</p> + +<p> +Nach diesem Ausspruch mußte Frau Heßling sich hinter +den Ofenschirm zurückziehen, denn alle drei drangen gleichzeitig +auf sie ein. „Das ist das Neueste!“ riefen Emmi und +Magda. „Also wie war die Geschichte!“ Wogegen Diederich +donnernd dem Weiberklatsch Einhalt gebot. „Wenn +wir deinen Männerklatsch angehört haben!“ riefen die +Schwestern und suchten ihn fortzudrängen von dem Ofenschirm. +Die Mutter sah händeringend in das +Handge<pb n='281'/><anchor id='Pgp0281'/>menge. „Ich habe doch nichts gesagt, Kinder! Nur damals +sagten es alle, und der Herr Buck hat der Frau Daimchen +doch auch die Mitgift geschenkt.“ +</p> + +<p> +„Also daher!“ rief Magda. „So sehen in der Familie +Daimchen die Erbonkel aus! Daher die goldenen Taschen!“ +</p> + +<p> +Diederich verteidigte Gustes Erbschaft. „Sie kommt +aus Magdeburg!“ +</p> + +<p> +„Und der Bräutigam?“ fragte Emmi. „Kommt der +auch aus Magdeburg?“ +</p> + +<p> +Plötzlich verstummten alle und sahen einander an, wie +betäubt. Dann kehrte Emmi ganz still auf das Sofa zurück, +sie nahm sogar das Buch wieder auf. Magda fing +an, den Tisch abzuräumen. Auf den Ofenschirm, hinter +dem Frau Heßling sich duckte, schritt Diederich zu. „Siehst +du nun, Mutter, wohin es führt, wenn man seine Zunge +nicht hütet? Du willst doch wohl nicht behaupten, daß +Wolfgang Buck seine eigene Schwester heiratet.“ Wimmernd +kam es aus der Tiefe: „Ich kann doch nichts dafür, +mein lieber Sohn. Ich dachte schon längst nicht mehr an +die alte Geschichte, und es ist ja auch nicht sicher. Kein +lebender Mensch weiß mehr etwas.“ Aus ihrem Buch +heraus warf Emmi dazwischen: „Der alte Herr Buck wird +wohl wissen, wo er jetzt das Geld für seinen Sohn holt.“ +Und in das Tischtuch hinein, das sie faltete, sagte Magda: +„Es soll manches vorkommen.“ Da hob Diederich die +Arme, als habe er die Absicht, den Himmel anzurufen. +Rechtzeitig unterdrückte er aber das Entsetzen, das ihn +übermannen wollte. „Bin ich denn hier unter Räuber +und Mörder gefallen?“ fragte er sachlich und ging in +strammer Haltung zur Tür. Dort wandte er sich um. „Ich +kann euch natürlich nicht hindern, eure feine Wissenschaft +in die Stadt hinauszuposaunen. Was mich betrifft, ich +<pb n='282'/><anchor id='Pgp0282'/>werde erklären, daß ich mit euch nichts mehr zu tun habe. +In die Zeitung werde ich es setzen!“ Und er ging ab. +</p> + +<p> +Er vermied den Ratskeller und bedachte einsam bei +Klappsch eine Welt, in der solche Greuel umgingen. Dagegen +war mit kommentmäßigem Verhalten freilich nicht +aufzukommen. Wer den Bucks ihren schändlichen Raub abjagen +wollte, durfte auch vor starken Mitteln nicht zurückschrecken. +„Mit gepanzerter Faust“, sagte er ernst in sein +Bier hinein; und das Deckelklappen, womit er das vierte +Glas herbeirief, klang wie Schwertgeklirr ... Nach einer +Weile verlor seine Haltung an Härte; Bedenken kamen. +Sein Eingreifen würde immerhin bewirken, daß die ganze +Stadt mit den Fingern auf Guste Daimchen zeigte. Kein +Mann, der halbwegs Komment hatte, heiratete solch ein +Mädchen noch. Diederichs eigenstes Empfinden sagte es +ihm, seine eingewurzelte Erziehung zur Mannhaftigkeit und +zum Idealismus. Schade! Schade um Gustes dreihundertfünfzigtausend +Mark, die nun herrenlos und ohne Bestimmung +waren. Die Gelegenheit wäre günstig gewesen, +ihnen eine zu geben ... Diederich schüttelte den Gedanken +mit Entrüstung ab. Er erfüllte nur seine Pflicht! Ein +Verbrechen galt es zu verhindern. Das Weib mochte +dann sehen, wo es blieb im Kampf der Männer. Was +lag an einem dieser Geschöpfe, die ihrerseits, Diederich +hatte es erfahren, jedes Verrates fähig waren. Nur +noch des fünften Glases bedurfte es, und sein Entschluß +stand fest. +</p> + +<p> +Beim Morgenkaffee bekundete er ein großes Interesse +für die Toiletten der Schwestern zum Harmonieball. +Zwei Tage nur mehr, und noch nichts fertig! Die Hausschneiderin +war so selten zu haben gewesen, sie nähte jetzt +bei Bucks, Tietz’, Harnischs und überall. Die große +In<pb n='283'/><anchor id='Pgp0283'/>anspruchnahme dieses Mädchens schien Diederich geradezu +mit Bewunderung zu erfüllen. Er erbot sich, selbst hinzugehen +und sie, koste es was es wolle, zur Stelle zu schaffen. +Nicht ohne Mühe gelang es ihm. Zum zweiten Frühstück +begab er sich alsdann so geräuschlos, daß nebenan im +Wohnzimmer das Gespräch nicht gestört ward. Gerade +erging sich die Hausschneiderin in Anspielungen auf einen +Skandal, der bestimmt sei, alles Dagewesene in den Schatten +zu stellen. Die Schwestern schienen ganz ahnungslos, +und als endlich Namen fielen, zeigten sie sich entsetzt und +ungläubig. Frau Heßling beklagte es am lautesten, daß +Fräulein Gehritz so etwas auch nur denken könne. Die +Schneiderin beteuerte dagegen, in der ganzen Stadt wisse +man es schon. Soeben komme sie von der Bürgermeisterin +Scheffelweis, deren Mutter geradezu verlangt habe, daß +ihr Schwiegersohn einschreite! Dennoch machte es ihr +Mühe, die Damen zu überzeugen. Diederich hatte den +Vorgang eher umgekehrt erwartet. Er war zufrieden mit +den Seinen. Aber hatten denn die Wände tatsächlich Ohren +gehabt? Man war zu glauben versucht, daß ein Gerücht, +in einem verschlossenen Zimmer ausgebrochen, mit dem +Rauch des Ofens hinaus und über die ganze Stadt zog. +</p> + +<p> +Beruhigt war er trotzdem noch nicht. Er sagte sich, daß +das gesunde Empfinden des arbeitenden Volkes unter +Umständen ein Faktor sei, den man billigen und sogar +benutzen könne. Bis zum Mittagessen ging er um Napoleon +Fischer herum: da – es läutete schon – entstand bei +der Satiniermaschine ein gellendes Geschrei, und Diederich +und der Maschinenmeister, die gleichzeitig hinstürzten, +zogen gemeinsam den Arm einer jungen Arbeiterin +heraus, der von einer Stahlwalze ergriffen worden war. +Er troff von schwarzem Blut, Diederich ließ sofort nach +<pb n='284'/><anchor id='Pgp0284'/>dem städtischen Krankenhaus telephonieren. Inzwischen, +so übel der Anblick des Armes ihm machte, blieb er selbst +dabei, während der Person ein Notverband angelegt +ward. Sie sah zu, leise wimmernd und mit Augen, weich +im Entsetzen, wie ein junges Tier, das getroffen ist. Diederichs +menschenfreundliche Fragen nach ihren häuslichen +Verhältnissen verstand sie nicht. Napoleon Fischer antwortete +für sie. Ihr Vater war durchgegangen, die Mutter +bettlägerig; das Mädchen ernährte sich und ihre zwei kleinen +Geschwister. Sie war erst vierzehn Jahre alt. – +Das sehe man ihr nicht an, meinte Diederich. Übrigens +seien die Arbeiterinnen oft genug vor der Maschine gewarnt +worden. „Sie hat sich das Unglück selbst zuzuschreiben, +ich bin zu nichts verpflichtet. Na,“ sagte er +milder, „nun kommen Sie mal mit, Fischer!“ +</p> + +<p> +Im Kontor schenkte er zwei Kognaks ein. „Das kann +man brauchen auf den Schrecken ... Sagen Sie ehrlich, +Fischer, glauben Sie, daß ich zahlen muß? Die Schutzvorrichtung +an der Maschine halten Sie doch wohl für +genügend?“ Und da der Maschinenmeister die Achseln +zuckte: „Sie wollen sagen, ich kann es auf einen Prozeß +ankommen lassen? Das tue ich aber nicht, ich zahle gleich.“ +</p> + +<p> +Napoleon Fischer zeigte verständnislos sein großes +gelbes Gebiß, und Diederich fuhr fort: „Ja, so bin ich. +Sie dachten wohl, das könnte bloß der Herr Lauer? Was +den betrifft, so sind Sie ja jetzt durch Ihr eigenes Parteiblatt +über seine Arbeiterfreundlichkeit aufgeklärt. Ich +lasse mich freilich nicht wegen Majestätsbeleidigung einsperren +und mache dadurch meine Arbeiter brotlos; ich +suche mir praktischere Mittel aus, um meine soziale Gesinnung +zu bekunden.“ Er machte eine feierliche Pause. +„Und darum habe ich mich entschlossen, dem Mädchen die +<pb n='285'/><anchor id='Pgp0285'/>ganze Zeit, die es im Krankenhaus liegt, seinen Lohn +weiterzuzahlen. Wieviel ist es denn?“ fragte er rasch. +</p> + +<p> +„Eine Mark fünfzig“, sagte Napoleon Fischer. +</p> + +<p> +„Na ja ... Soll sie acht Wochen liegen. Soll sie zwölf +Wochen liegen ... Ewig natürlich geht es nicht.“ +</p> + +<p> +„Sie ist erst vierzehn“, sagte Napoleon Fischer, von +unten. „Sie kann Schadenersatz verlangen.“ Diederich +erschrak, er schnaufte. +</p> + +<p> +Napoleon Fischer hatte schon wieder sein unbestimmbares +Grinsen aufgesetzt und sah seinem Arbeitgeber auf +die Faust, die angstvoll in der Tasche geballt war. Diederich +zog sie hervor. „Nun setzen Sie die Leute von +meinem hochherzigen Entschluß in Kenntnis! Das paßt +Ihnen wohl nicht in den Kram? Die Gemeinheiten der +Kapitalisten erzählt ihr euch natürlich lieber. In euren +Versammlungen schwingt ihr jetzt wahrscheinlich große +Reden über Herrn Buck.“ +</p> + +<p> +Napoleon Fischer sah verständnislos aus, was Diederich +nicht beachtete. „Ich finde es wohl auch nicht eben schön,“ +fuhr er fort, „wenn jemand seinen Sohn ausgerechnet das +Mädchen heiraten läßt, mit dessen Mutter er selbst was gehabt +hat, und zwar vor der Geburt der Tochter ... Aber –“ +</p> + +<p> +In Napoleon Fischers Gesicht begann es zu arbeiten. +</p> + +<p> +„Aber!“ wiederholte Diederich stark. „Ich wäre durchaus +nicht einverstanden, wenn meine Leute sich deswegen +den Mund verrenken, und wenn Sie, Fischer, nun vielleicht +die Arbeiter gegen die städtischen Behörden aufhetzen, +weil ein Magistratsrat etwas getan hat, was ihm keiner +beweisen kann.“ Seine Faust schlug entrüstet durch die +Luft. „Mir hat man schon nachgesagt, daß ich den Prozeß +gegen Lauer angezettelt habe. Ich will an nichts schuld +sein, meine Leute sollen sich ruhig halten.“ +</p> + +<pb n='286'/><anchor id='Pgp0286'/> + +<p> +Seine Stimme ward vertraulicher, er neigte sich näher +zu dem anderen hin. „Na, und weil ich Ihren Einfluß +kenne, Fischer ...“ +</p> + +<p> +Plötzlich war seine Hand offen, und auf ihrer Fläche +lagen drei große Goldstücke. +</p> + +<p> +Napoleon Fischer sah sie und verzerrte das Gesicht, als +erblickte er den Teufel. „Nein!“ rief er, „und abermals +nein! Meine Überzeugung kann ich nicht verraten! Für +allen Mammon der Welt nicht!“ +</p> + +<p> +Er hatte rote Augen und kreischte. Diederich wich +zurück; so nahe hatte er dem Umsturz noch nie ins Gesicht +gesehen. „Die Wahrheit muß ans Licht!“ kreischte Napoleon +Fischer. „Dafür werden wir Proletarier sorgen: +Das können Sie nicht verhindern, Herr Doktor! Die +Schandtaten der besitzenden Klassen ...“ +</p> + +<p> +Diederich hielt ihm schnell noch einen Kognak hin. +„Fischer,“ sagte er eindringlich, „das Geld biete ich Ihnen +dafür, daß mein Name in der Sache nicht genannt wird.“ +Aber Napoleon Fischer wehrte ab; ein hoher Stolz erschien +in seiner Miene. +</p> + +<p> +„Zeugniszwang, Herr Doktor, üben wir nicht. Wir nicht. +Wer uns mit Agitationsstoff versorgt, hat nichts zu fürchten.“ +</p> + +<p> +„Dann ist alles in Ordnung“, sagte Diederich erleichtert. +„Ich wußte schon, Fischer, daß Sie ein großer Politiker +sind. Und darum, wegen des Mädchens, ich meine die +verunglückte Arbeiterin –. Ich habe Ihnen soeben mit +meiner Mitteilung über die Buckschen Schweinereien +einen Gefallen getan ...“ +</p> + +<p> +Napoleon Fischer grinste geschmeichelt. „Weil Herr Doktor +sagen, daß ich ein großer Politiker bin ... Ich will +von dem Schadenersatz weiter nicht reden. Intimitäten +aus den ersten Kreisen sind für uns doch wichtiger als –“ +</p> + +<pb n='287'/><anchor id='Pgp0287'/> + +<p> +„– als so ein Mädchen“, ergänzte Diederich. „Sie +denken immer als Politiker.“ +</p> + +<p> +„Immer“, bestätigte Napoleon Fischer. „Mahlzeit, +Herr Doktor.“ +</p> + +<p> +Er zog sich zurück – indes Diederich feststellte, daß +die proletarische Politik ihre Vorzüge habe. Er schob seine +drei Goldstücke wieder in die Tasche. +</p> + +<milestone unit="tb"/> + +<p> +Am Abend des nächsten Tages waren alle Spiegel des +Hauses im Wohnzimmer zusammengetragen. Emmi, +Magda und Inge Tietz drehten sich dazwischen umher, +bis ihnen die Hälse schmerzten; dann ließen sie sich nervös +auf den Rand eines Stuhles nieder. „Mein Gott, es ist +doch Zeit!“ Aber Diederich war fest entschlossen, nicht +wieder zu früh zu kommen, wie beim Prozeß Lauer. Die +ganze Wirkung der Persönlichkeit ging zum Teufel, wenn +man zu früh da war. Als sie endlich gingen, entschuldigte +Inge Tietz sich nochmals bei Frau Heßling, daß sie ihr +den Platz im Wagen wegnehme. Nochmals sagte Frau +Heßling: „Ach Gott, es ist gern geschehen. Ich alte Frau +bin zu schwach für so was Großes. Genießt ihr es nur, +Kinder!“ Und sie umarmte unter Tränen ihre Töchter, +die kühl abwehrten. Denn sie wußten, daß die Mutter +bloß Angst hatte, weil jetzt überall von nichts weiter gesprochen +wurde als von der furchtbaren Klatschgeschichte, +an der sie selbst schuld war. +</p> + +<p> +Im Wagen fing Inge gleich wieder davon an. „Na, Bucks +und Daimchens! Gespannt bin ich bloß, ob sie heute die +edle Dreistigkeit haben und da sind.“ Magda sagte ruhig: +„Das müssen sie wohl. Sonst geben sie ja zu, daß es wahr +ist.“ – „Wennschon“, erklärte Emmi. „Ich finde, daß das +ihre Sache ist. Ich rege mich darüber nicht auf.“ – „Ich +<pb n='288'/><anchor id='Pgp0288'/>auch nicht“, setzte Diederich hinzu. „Ich habe es eigentlich +erst heute abend von Ihnen gehört, Fräulein Tietz.“ +</p> + +<p> +Hierüber geriet Inge Tietz außer sich. So leicht dürfe +man den Skandal denn doch nicht nehmen. Ob er glaube, +daß sie sich das Ganze ausgedacht habe. „Die Bucks haben +schon längst Butter auf dem Kopf wegen der Sache: das +wissen ihre eigenen Dienstboten.“ – „Also Dienstbotenklatsch“, +sagte Diederich, während er einen kleinen Stoß +erwiderte, den Magda ihm mit dem Knie gab. Dann +mußte man schon aussteigen und die Stufen hinuntergehen, +die den neuen Teil der Kaiser-Wilhelm-Straße +mit der tief gelegenen alten Riekestraße verbanden. Diederich +fluchte; denn es begann zu regnen, die Ballschuhe +wurden naß; auch standen vor dem Festlokal Proleten, +die feindselig gafften. Hätte man nicht, als der ganze Stadtteil +höher gelegt wurde, auch dieses Gerümpel niederreißen +können? Das historische Harmoniehaus hatte erhalten +werden sollen – als ob die Stadt nicht die Mittel +gehabt hätte, in zentraler Lage ein modernes, erstklassiges +Gesellschaftsgebäude zu bauen. In dem alten Kasten +roch es ja nach Moder! Und gleich beim Eingang kicherten +immer die Damen, weil eine Statue der Freundschaft +dastand, die zwar eine hohe Perücke, aber sonst nichts anhatte. +„Vorsicht,“ sagte Diederich auf der Treppe, „sonst +brechen wir ein.“ Denn die beiden dünnen Bogen der +Treppe griffen durch die Luft wie zwei vom Alter abgemagerte +Arme. Das braune Rosa ihres Holzes war +blaß geworden. Droben aber, wo sie sich vereinigten, +lächelte auf dem Geländer aus seinem blanken Marmorgesicht +noch immer der bezopfte Bürgermeister, der dies +alles der Stadt hinterlassen hatte und der ein Buck gewesen +war. Diederich sah ungnädig an ihm vorbei. +</p> + +<pb n='289'/><anchor id='Pgp0289'/> + +<p> +In der tiefen Spiegelgalerie war es ganz still; eine einzelne +Dame nur hielt sich dahinten auf, sie schien durch +einen Türspalt in den Festsaal zu spähen – und plötzlich +wurden die Mädchen von Entsetzen ergriffen: die Vorstellung +hatte begonnen! Magda stürzte durch die Galerie +und brach in Weinen aus. Da drehte die Dame sich um, mit +dem Finger auf den Lippen. Es war Frau von Wulckow, +die Dichterin. Sie lächelte erregt und flüsterte: „Es +geht gut, mein Stück gefällt. Sie kommen gerade rechtzeitig, +Fräulein Heßling, gehen Sie nur und kleiden sich +um.“ Ach ja! Emmi und Magda hatten erst im zweiten +Akt zu tun. Auch Diederich hatte den Kopf verloren. +Indes die Schwestern mit Inge Tietz, die ihnen helfen +sollte, durch die Nebenräume nach der Garderobe eilten, +stellte er sich der Präsidentin vor und blieb ratlos stehen. +„Jetzt dürfen Sie nicht hinein, es würde stören“, sagte sie. +Diederich stammelte Entschuldigungen, und dann rollte +er die Augen, wobei er zwischen den gemalten Ranken der +halb erblindeten Wandspiegel seinem geheimnisvoll blassen +Abbild begegnete. Der zartgelbe Lack der Wände zeigte +launische Sprünge, und auf den Panneaus starben die +Farben der Blumen und Gesichter ... Frau von Wulckow +schloß eine kleine Tür, durch die jemand einzutreten schien, +eine Schäferin mit ihrem bebänderten Stab. Sie schloß +die Tür ganz vorsichtig, damit nur die Vorstellung nicht +gestört werde, aber es flog doch ein wenig Staub auf, +als sei es Puder aus dem Haar der gemalten Schäferin. +</p> + +<p> +„Dies Haus ist so romantisch“, flüsterte Frau von Wulckow. +„Finden Sie nicht auch, Herr Doktor? Wenn man +sich hier im Spiegel sieht, glaubt man einen Reifrock +anzuhaben“ – worauf Diederich, immer ratloser, ihr +Hängekleid ansah. Die entblößten Schultern waren hohl +<pb n='290'/><anchor id='Pgp0290'/>und nach vorn gebogen, die Haare von slawischem Weißblond, +und Frau von Wulckow trug einen Zwicker. +</p> + +<p> +„Sie passen hier glänzend herein, Frau Präsidentin ... +Frau Gräfin“, verbesserte er und sah sich mit einem Lächeln +belohnt für seine kühne Schmeichelei. Nicht jeder würde +Frau von Wulckow so treffsicher daran erinnert haben, +daß sie eine geborene Gräfin Züsewitz war! +</p> + +<p> +„Tatsächlich“, bemerkte sie, „sollte man kaum glauben, +daß dies Haus seinerzeit nicht für eine wirklich vornehme +Gesellschaft gebaut worden ist, sondern nur für die guten +Netziger Bürger.“ Sie lächelte nachsichtig. +</p> + +<p> +„Ja, das ist komisch“, bestätigte Diederich mit einem +Kratzfuß. „Aber heute können sich zweifellos nur Frau +Gräfin hier ganz zu Hause fühlen.“ +</p> + +<p> +„Sie haben gewiß Sinn für das Schöne“, vermutete +Frau von Wulckow; und da Diederich es bestätigte, erklärte +sie, dann dürfe er den ersten Akt doch nicht ganz +versäumen, sondern müsse durch den Türspalt sehen. +Sie selbst trat schon längst von einem Fuß auf den anderen. +Sie wies mit dem Fächer nach der Bühne. „Herr Major +Kunze wird gleich abgehen. Er ist ja nicht besonders gut, +aber was wollen Sie, er sitzt im Vorstand der Harmonie +und hat den Leuten die künstlerische Bedeutung meines +Werkes erst zum Verständnis gebracht.“ Indes Diederich +den Major unschwer wiedererkannte, denn er hatte sich +gar nicht verändert, erläuterte die Dichterin ihm mit fliegender +Geläufigkeit die Vorgänge. Das junge Bauernmädchen, +mit dem Kunze sich unterhielt, war seine natürliche +Tochter, also eine Grafentochter, weshalb das Stück denn +auch „Die heimliche Gräfin“ hieß. Gerade klärte Kunze sie, +bärbeißig wie immer, über diesen Umstand auf. Auch eröffnete +er ihr, er werde sie mit einem armen Vetter +verhei<pb n='291'/><anchor id='Pgp0291'/>raten und ihr die Hälfte seiner Besitztümer vererben. Hierüber +herrschte, als er abgegangen war, laute Freude bei dem +Mädchen und ihrer Pflegemutter, der braven Pächtersfrau. +</p> + +<p> +„Wer ist denn die schreckliche Person?“ fragte Diederich, +bevor er es bedacht hatte. Frau von Wulckow +war erstaunt. +</p> + +<p> +„Es ist doch die komische Alte vom Stadttheater. Wir +hatten sonst niemand für die Rolle; aber meine Nichte +spielt ganz gern mit ihr.“ +</p> + +<p> +Und Diederich erschrak; mit der schrecklichen Person +hatte er die Nichte gemeint. „Das Fräulein Nichte ist +ganz reizend“, beteuerte er schnell und blinzelte entzückt +nach dem dicken roten Gesicht, das gleich auf den Schultern +saß – und es waren Wulckows Schultern! „Talent +hat sie aber auch“, setzte er der Sicherheit wegen hinzu. +Frau von Wulckow wisperte: „Passen Sie nur auf“ – +und da kam aus der Kulisse Assessor Jadassohn. Welch +eine Überraschung! Er hatte ganz neue Bügelfalten und +trug in seinem imposant geschweiften Cutaway eine +riesenhafte Plastronkrawatte mit einem roten Funkelstein +von entsprechendem Umfang. Aber so sehr der Stein +auch funkelte, Jadassohns Ohren überstrahlten ihn. Da sein +Kopf frisch geschoren und sehr platt war, standen die Ohren +frei heraus und beleuchteten wie zwei Lampen seine festliche +Pracht. Er spreizte die gelb behandschuhten Hände, als +plädierte er für viele Jahre Zuchthaus; und tatsächlich sagte +er der Nichte, die geradezu konsterniert schien, und der +heulenden komischen Alten die peinlichsten Dinge ... Frau +von Wulckow wisperte: „Er ist ein schlechter Charakter.“ +</p> + +<p> +„Und ob“, sagte Diederich mit Überzeugung. +</p> + +<p> +„Kennen Sie denn mein Stück?“ +</p> + +<p> +„Ach so. Nein. Aber ich sehe schon, was er will.“ +</p> + +<pb n='292'/><anchor id='Pgp0292'/> + +<p> +Nämlich Jadassohn der der Sohn und Erbe des alten +Grafen Kunze war, hatte gelauscht und war durchaus +nicht gesonnen, die Hälfte seiner ihm von Gott verliehenen +Besitztümer an die Nichte abzutreten. Er verlangte gebieterisch, +daß sie augenblicklich das Feld räume; widrigenfalls +er sie als Erbschleicherin verhaften und Kunze entmündigen +lassen werde. +</p> + +<p> +„Das ist eine Gemeinheit“, bemerkte Diederich. „Sie +ist doch seine Schwester.“ Die Dichterin erklärte ihm: +</p> + +<p> +„Nun ja. Aber andererseits hat er recht, wenn er ein Fideikommiß +aus den Gütern machen will. Er arbeitet eben für +das ganze Geschlecht, mag auch der einzelne zu kurz kommen. +Für die heimliche Gräfin ist das natürlich tragisch.“ +</p> + +<p> +„Wenn man es recht bedenkt –“, Diederich war hocherfreut. +Dieser aristokratische Gesichtspunkt kam auch ihm +selbst zustatten, wenn er keine Neigung fühlte, Magda +bei ihrer Verheiratung am Geschäft zu beteiligen. +</p> + +<p> +„Frau Gräfin, Ihr Stück ist erstklassig“, sagte er, durchdrungen. +Aber da zog Frau von Wulckow ihn angstvoll +am Arm: im Publikum entstanden Geräusche, es scharrte, +schnupfte sich aus und kicherte. „Er übertreibt“, stöhnte +die Dichterin. „Ich habe es ihm immer gesagt.“ +</p> + +<p> +Denn Jadassohn führte sich wirklich unerhört auf. Die +Nichte samt der komischen Alten klemmte er hinter den +Tisch ein und füllte mit den tobenden Bekundungen seiner +gräflichen Persönlichkeit die ganze Bühne. Je mehr das +Haus ihn mißbilligte, desto herausfordernder lebte er dort +oben sich aus. Jetzt zischte man sogar; ja, mehrere wandten +sich nach der Tür um, hinter der Frau von Wulckow bebte, +und zischten. Vielleicht geschah es nur, weil die Tür +kreischte – aber die Dichterin fuhr zurück, sie verlor den +Zwicker und tastete in hilflosem Entsetzen durch die Luft, +<pb n='293'/><anchor id='Pgp0293'/>bis Diederich ihn ihr zurückbrachte. Er versuchte, sie zu +trösten. „Es hat nichts zu sagen, Jadassohn geht doch +hoffentlich bald ab?“ Sie horchte durch die geschlossene +Tür. „Ja, Gott sei Dank“, plapperte sie, und die Zähne +schlugen ihr aufeinander. „Jetzt ist er fertig, jetzt flieht +meine Nichte mit der komischen Alten, und dann kommt +Kunze wieder mit dem Leutnant, wissen Sie.“ +</p> + +<p> +„Ein Leutnant spielt auch mit?“ fragte Diederich +achtungsvoll. +</p> + +<p> +„Ja, das heißt, er ist noch auf dem Gymnasium, er ist +ein Sohn des Herrn Landgerichtsdirektors Sprezius: der +arme Verwandte, wissen Sie, den der alte Graf seiner Tochter +zum Mann geben will. Er verspricht dem Alten, daß er +die heimliche Gräfin in der ganzen Welt suchen wird.“ +</p> + +<p> +„Sehr begreiflich“, sagte Diederich. „Es liegt in seinem +eigenen Interesse.“ +</p> + +<p> +„Sie werden sehen, er ist ein edler Mensch.“ +</p> + +<p> +„Aber Jadassohn, wenn ich mir die Bemerkung erlauben +darf, Frau Gräfin, den hätten Sie nicht mitspielen +lassen sollen“, sagte Diederich vorwurfsvoll und +mit heimlicher Genugtuung. „Schon wegen der Ohren.“ +</p> + +<p> +Frau von Wulckow sagte niedergeschlagen: +</p> + +<p> +„Ich dachte nicht, daß sie auf der Bühne so wirken würden. +Glauben Sie nun, daß es ein Mißerfolg wird?“ +</p> + +<p> +„Frau Gräfin!“ Diederich legte die Hand auf das Herz. +„Ein Stück wie die ‚heimliche Gräfin‘ ist nicht so leicht +Umzubringen!“ +</p> + +<p> +„Nicht wahr? Es kommt beim Theater doch wohl auf +die künstlerische Bedeutung an.“ +</p> + +<p> +„Gewiß. Freilich, so ein Paar Ohren haben auch viel +Einfluß“ – und Diederich machte ein bedenkliches Gesicht. +</p> + +<p> +Frau von Wulckow rief flehend aus: +</p> + +<pb n='294'/><anchor id='Pgp0294'/> + +<p> +„Wo doch der zweite Akt noch viel besser ist! Er spielt +in einer protzigen Fabrikantenfamilie, und die heimliche +Gräfin dient dort als Stubenmädchen. Dann ist da ein +Klavierlehrer, kein feiner Mensch, eine der Töchter hat +er sogar geküßt, und nun macht er der Gräfin einen Heiratsantrag, +den sie natürlich weit von sich weist. Ein Klavierlehrer! +Wie könnte sie!“ +</p> + +<p> +Diederich bestätigte, es sei ausgeschlossen. +</p> + +<p> +„Aber nun sehen Sie, wie tragisch: die Tochter, die +sich von dem Klavierlehrer hat küssen lassen, verlobt sich +auf einem Ball mit einem Leutnant, und wie der Leutnant +ins Haus kommt, da ist es derselbe Leutnant, der –“ +</p> + +<p> +„O Gott, Frau Gräfin!“ Diederich streckte schützend +die Hände vor, ganz erregt durch so viele Verwicklungen. +„Wie kommen Sie nur auf all die Geschichten?“ +</p> + +<p> +Die Dichterin lächelte leidenschaftlich. +</p> + +<p> +„Ja, nämlich das ist das Interessanteste: Nachher weiß +man es nicht mehr. Es geht so geheimnisvoll zu im Gemüt! +Manchmal denke ich mir, ich muß es geerbt haben.“ +</p> + +<p> +„Haben Sie denn so viele Dichter in Ihrer werten Familie?“ +</p> + +<p> +„Das nicht. Aber wenn nicht mein großer Vorfahre +die Schlacht bei Kröchenwerda gewonnen hätte, wer weiß, +ob ich die ‚heimliche Gräfin‘ geschrieben haben würde. +Es kommt schließlich immer auf das Blut an!“ +</p> + +<p> +Bei dem Namen der Schlacht machte Diederich einen +Kratzfuß, und er wagte nichts mehr zu fragen. +</p> + +<p> +„Jetzt muß gleich der Vorhang fallen“, sagte Frau von +Wulckow. „Hören Sie etwas?“ +</p> + +<p> +Er hörte nichts; nur für die Dichterin gab es nicht Tür +noch Wände. „Jetzt schwört der Leutnant der fernen +Gräfin die ewige Treue“, flüsterte sie. „So“; und alles +<pb n='295'/><anchor id='Pgp0295'/>Blut wich ihr aus dem Gesicht. Gleich darauf schoß es +heftig zurück; man klatschte: nicht stürmisch; aber man +klatschte. Die Tür ward von drinnen geöffnet. Dort +hinten rollte nochmals der Vorhang hinauf, und da der +junge Sprezius und die Wulckowsche Nichte hervorkamen, +ward der Beifall lebhafter. Plötzlich schnellte aus der +Kulisse Jadassohn, pflanzte sich vor die beiden und machte +Miene, den Erfolg einzuheimsen – worauf gezischt ward. +Frau von Wulckow wandte sich entrüstet ab. Der Schwiegermutter +des Bürgermeisters Scheffelweis und der +Landgerichtsrätin Harnisch, die ihr Glück wünschten, erklärte +sie: „Herr Assessor Jadassohn ist als Staatsanwalt +unmöglich. Ich werde es meinem Mann sagen.“ +</p> + +<p> +Die Damen gaben den Ausspruch sofort weiter und +hatten viel Erfolg damit. Plötzlich war die Spiegelgalerie +voll von Gruppen, die über Jadassohns Ohren herfielen. +„Die Präsidentin hat recht wacker gedichtet; nur Jadassohns +Ohren –.“ Als man hörte, daß Jadassohn im +zweiten Akt nicht mehr wiederkomme, war man doch enttäuscht. +Wolfgang Buck ging mit Guste Daimchen auf +Diederich zu. „Haben Sie gehört?“ fragte er. „Jadassohn +soll eine Amtshandlung vornehmen und seine Ohren konfiszieren.“ +Diederich sagte mißbilligend: „Ich mache keine +Witze, wenn es jemandem schlecht geht.“ Und dabei überwachte +er eifrig die Blicke, die Buck und seine Begleiterin +trafen. Alle Mienen lebten auf, wenn sie die beiden erblickten; +Jadassohn war vergessen. Vom Ausgang trug +die dünne Schreistimme des Professor Kühnchen etwas +durch den Wirrwarr, das klang wie „Affenschande“. Da +die Pastorin Zillich ihm beschwichtigend die Hand auf den +Arm legte, wandte er sich her, und jetzt verstand man +es deutlich: „Eine ausgewachsene Affenschande ist es!“ +</p> + +<pb n='296'/><anchor id='Pgp0296'/> + +<p> +Guste sah sich um; sie bekam Schlitzaugen. „Dort +sprechen sie auch davon“, sagte sie geheimnisvoll. +</p> + +<p> +„Wovon?“ stammelte Diederich. +</p> + +<p> +„Wir wissen schon. Und wer es aufgebracht hat, weiß +ich auch.“ +</p> + +<p> +Hier brach Diederich der Schweiß aus. „Was haben +Sie denn?“ fragte Guste. Buck, der durch die Seitentür +nach dem Büfett schielte, sagte phlegmatisch: +</p> + +<p> +„Heßling ist ein vorsichtiger Politiker, er hört nicht gern +mit an, daß der Bürgermeister zwar einerseits ein guter +Ehemann ist, aber andererseits auch seiner Schwiegermutter +nichts abschlagen kann.“ +</p> + +<p> +Sofort ward Diederich dunkelrot. +</p> + +<p> +„Das ist eine Gemeinheit! Wie kann jemand sich solch +eine Gemeinheit ausdenken!“ +</p> + +<p> +Guste kicherte heftig. Buck blieb unbewegt. „Erstens +scheint es Tatsache zu sein, denn die Frau Bürgermeister +hat die beiden überrascht und sich einer Freundin anvertraut. +Dann aber lag es ja auf der Hand.“ +</p> + +<p> +Guste brachte hervor: „Na Sie, Herr Doktor, wären +natürlich nie darauf gekommen.“ Dabei blinzelte sie +verliebt ihrem Verlobten zu. Diederich blitzte. „Aha!“ +sagte er stramm. „Jetzt weiß ich freilich genug.“ Und er +drehte ihnen den Rücken. Sie erfanden also selbst Gemeinheiten, +noch dazu über den Bürgermeister! Diederich +durfte den Kopf hoch tragen. Er stieß zu der Gruppe +Kühnchens, die sich nach dem Büfett hin bewegte und ein +Kielwasser von sittlicher Entrüstung hinterließ. Die +Schwiegermutter des Bürgermeisters schwur mit rotem +Gesicht, „diese Gesellschaft“ werde ihr Haus künftig nur noch +von außen sehen, und mehrere Damen schlossen sich ihrem +Vorsatz an, trotz Abraten des Warenhausbesitzers Herrn +<pb n='297'/><anchor id='Pgp0297'/>Cohn, der bis auf weiteres alles in Zweifel zog, weil eine +derartige sittliche Entgleisung bei einem bewährten alten +Liberalen wie dem Herrn Buck ganz ausgeschlossen erscheine. +Professor Kühnchen war vielmehr der Meinung, +daß ein zu weit gehender Radikalismus auch die Moral +gefährde. Selbst Doktor Heuteufel, der doch die Sonntagsfeiern +für freie Menschen veranstaltete, machte die Bemerkung, +an Familiensinn, man könne auch sagen Nepotismus, +habe es dem alten Buck niemals gefehlt. „Beispiele +dafür liegen Ihnen allen auf der Zunge. Und daß er jetzt, +um das Geld in der Familie zu erhalten, sich anschickt, seine +unehelichen Kinder mit seinen ehelichen zu verheiraten, +das, meine Herrschaften, würde ich ärztlich als greisenhafte +Ausschreitung einer früher noch beherrschten Naturanlage +diagnostizieren.“ Hierbei bekamen die Damen erschreckte +Gesichter, und die Pastorin Zillich schickte ihr +Käthchen in die Garderobe nach ihrem Schnupftuch. +</p> + +<p> +Auf ihrem Wege kam Käthchen an Guste Daimchen +vorbei, aber sie begrüßte sie nicht, sondern schlug die Augen +nieder; da machte Guste ein betretenes Gesicht. Am Büfett +bemerkte man es und äußerte Mißbilligung, vermischt +mit Mitleid. Guste mußte nun eben erfahren, was es +hieß, sich über die öffentliche Moral hinwegzusetzen. +Mochte ihr zugebilligt werden, daß sie vielleicht getäuscht +und schlecht beeinflußt sei: Frau Oberinspektor Daimchen +aber, die wußte doch wohl Bescheid, und sie war gewarnt! +Die Schwiegermutter des Bürgermeisters berichtete von +ihrem Besuch bei Gustes Mutter und von ihren vergeblichen +Anstrengungen, durch Anklopfen ein Geständnis +hervorzulocken aus der verhärteten alten Frau, der eine +legitime Verbindung mit dem Hause Buck wohl einen +Jugendtraum erfüllte!... +</p> + +<pb n='298'/><anchor id='Pgp0298'/> + +<p> +„Na, und der Herr Rechtsanwalt Buck!“ kreischte Kühnchen. +Tatsächlich, wen wollte dieser Herr glauben machen, +daß er über die neue Schande, die seine Familie traf, +nicht genau unterrichtet sei? Waren ihm die Verbrechen +im Hause Lauer etwa unbekannt gewesen? Und doch sah +man ihn nicht zögern, die schmutzige Wäsche seiner Schwester +und seines Schwagers öffentlich vor Gericht auszubreiten, +nur um von sich reden zu machen! Doktor Heuteufel, +den es noch immer drängte, seine eigene Haltung +im Prozeß nachträglich zu verbessern, erklärte: „Das ist +kein Verteidiger, das ist ein Komödiant!“ Und als Diederich +zu bedenken gab, Buck habe nun einmal gewisse, +wenn auch anfechtbare Überzeugungen in Politik und +Moral, da ward ihm erwidert: „Herr Doktor, Sie sind sein +Freund. Daß Sie für ihn eintreten, spricht zu Ihren Gunsten, +aber Sie machen uns nichts weiß;“ – worauf Diederich +sich zurückzog, mit bekümmerter Miene, aber nicht +ohne einen Blick auf den Redakteur Nothgroschen, der bescheiden +an einer Schinkensemmel kaute und alles hörte. +</p> + +<p> +Plötzlich entstand eine Stille, denn drinnen, nahe der +Bühne, erblickte man den alten Herrn Buck in einem Kreis +junger Mädchen. Es schien, er erklärte ihnen die Malereien +an den Wänden, das Leben von ehemals, das verblichen +und heiter den ganzen Saal umgab, mit dem Umkreis +der Stadt, wie sie gewesen war, mit verschwundenen +Wiesen und Gärten und den Menschen allen, lärmend einst +als Herren hier in diesem Festhaus, nun aber in hingetäuschte +Tiefen gebannt vor dem Geschlecht, das eben jetzt +lärmte ... Jetzt sah es gar aus, als ahmten sie, die Mädchen +und der Alte, den Figuren nach. Gerade über ihnen +war das Burgtor abgebildet, und ein Herr in Perücke und +Amtskette trat heraus, derselbe, der aus Marmor zu +<pb n='299'/><anchor id='Pgp0299'/>Häupten der Treppe stand. In dem lieblichen Gehölz +voller Blumen aber, das damals wohl dort, statt der +Papierfabrik Gausenfeld, geblüht hatte, tanzten ihm +helle Kinder entgegen, warfen einen Kranz über ihn und +wollten ihn damit umherdrehen. Der Widerschein von +rosigen kleinen Wolken fiel auf sein glückliches Gesicht. +So glücklich lächelte in diesem Augenblick auch der alte +Buck, ließ sich von den Mädchen hin und her ziehen und +war von ihnen gefangen, wie in einem lebenden Kranz. +Seine Sorglosigkeit war unbegreiflich, sie war aufreizend. +Hatte er schon sein Gewissen bis zu dem Grade +abgestumpft, daß er seine natürliche Tochter –: „<hi rend='gesperrt'>Unsere</hi> +Töchter sind eben doch keine natürlichen Kinder“, sagte +Frau Warenhausbesitzer Cohn. „Meine Sidonie mit +Guste Daimchen Arm in Arm!“... Buck und seine jungen +Freundinnen merkten gar nicht, daß sie sich am Ende +eines leeren Raumes befanden. Vorn bildete feindliches +Publikum eine Mauer; die Augen fingen zu funkeln an, +und der Mut wuchs. „Die Familie ist die längste Zeit +obenauf gewesen! Einen haben sie schon in der Vogtei, +gleich kommt Nummer zwei!“... „Das ist ja der reinste +Rattenfänger!“ murrte es; und drüben: „Ich sehe es nicht +noch länger mit an!“ Jäh entrangen sich zwei Damen +dem allgemeinen Druck, nahmen einen Anlauf und durchkreuzten +den leeren Raum. Frau Rat Harnisch, die in +ihrer roten Samtschleppe dahinkugelte, traf am Ziel pünktlich +auf die gelbe Frau Cohn, mit demselben Griff bemächtigte +die eine sich ihrer Sidonie, die andere ihrer Meta, +und welch eine Genugtuung, als sie wieder anlangten! +„Ich war einer Ohnmacht nahe“, sagte die Pastorin +Zillich, da nun gottlob auch Käthchen sich einfand. +</p> + +<p> +Die gute Laune kehrte zurück, man scherzte über den +<pb n='300'/><anchor id='Pgp0300'/>alten Sünder und verglich ihn mit dem Grafen im Stück +der Präsidentin. Freilich, Guste war keine heimliche +Gräfin; in einer Dichtung konnte man, der Präsidentin +zu gefallen, mit solchen Zuständen sympathisieren. Übrigens +waren sie dort noch erträglich, denn die Gräfin +sollte nur ihren Vetter heiraten, während Guste –! +</p> + +<p> +Der alte Buck, der niemand mehr um sich sah, als seine +künftige Schwiegertochter und eine seiner Nichten, bekam +eine fragende Miene; ja, unter den Blicken, die ihn +in seiner Verlassenheit musterten, ward er sichtlich verlegen. +Man machte einander darauf aufmerksam; – +und Diederich sogar fragte sich, ob Frau Heßlings alte +Skandalgeschichte denn etwa gar wahr sei? Da er das +Phantom, das er selbst in die Welt geschickt hatte, hier +einen Körper annehmen und immer drohender um sich +greifen sah, war ihm selber bange geworden. Diesmal +galt es nicht irgendeinem Lauer, es galt dem alten Herrn +Buck, der ehrwürdigsten Figur aus Diederichs Kindertagen, +dem großen Mann der Stadt, der Verkörperung ihres +Bürgersinnes, dem zum Tode Verurteilten von Achtundvierzig! +Im eigenen Herzen fühlte Diederich ein Sträuben +gegen sein Unterfangen. Auch schien es Wahnwitz; ein +Streich wie dieser zerschmetterte den Alten noch längst +nicht. Kam es aber heraus, wer der Urheber war, dann +mußte Diederich darauf gefaßt sein, daß alle sich gegen ihn +wendeten ... Gleichwohl blieb es ein Streich, und er hatte +getroffen. Jetzt war es nicht mehr bloß die Familie, die +bröckelte und an dem Alten als Last hing: der Bruder vor +dem Bankerott, der Schwiegersohn im Gefängnis, die Tochter +auf Reisen mit einem Liebhaber, und von den Söhnen +einer verbauert, der andere verdächtig durch Gesinnung und +Lebensführung, – jetzt schwankte er, zum ersten Male, +<pb n='301'/><anchor id='Pgp0301'/>selbst. Herunter mit ihm, damit Diederich hinaufkam! +Trotzdem war es Diederich bange bis in den Leib hinein, +er machte sich auf, um die Nebenräume zu besuchen. +</p> + +<p> +Er lief, denn es klingelte schon zum zweiten Akt: da +stieß er mit der Schwiegermutter des Bürgermeisters zusammen, +die es aus einem anderen Grund ebenso eilig +hatte. Sie kam gerade noch rechtzeitig, um zu verhindern, +daß ihr Schwiegersohn, gelenkt von seiner Frau, sich auf +den alten Buck zu bewege und ihn mit seiner Autorität +decke. „Mit deiner Autorität als Bürgermeister, einen +solchen Skandal!“ Sie war heiser vor Aufregung. Die +Frau aber mit ihrer grellen kleinen Stimme blieb dabei, +die Bucks seien nun einmal die feinsten Leute hier, und +noch gestern habe Milli Buck ihr ein fabelhaftes Schnittmuster +gegeben. Mit versteckten Püffen trieb jede ihn nach +ihrer Seite; er gab ihnen abwechselnd recht, seine blassen +Bartkotelettes flohen nach links und nach rechts, und er +hatte Augen wie ein Hase. Die Vorübergehenden stießen +einander an und wiederholten flüsternd als einen Witz, was +Diederich durch Wolfgang Buck wußte. Angesichts so wichtiger +Vorgänge vergaß er seine Leibschmerzen, blieb stehen +und beschrieb einen herausfordernden Gruß. Der Bürgermeister +gab sich Haltung, verließ seine Damen, er streckte +Diederich die Hand hin. „Mein lieber Doktor Heßling, +es freut mich, das ist einmal ein gelungenes Fest, wie?“ +</p> + +<p> +Aber Diederich zeigte sich gar nicht geneigt, auf die nichtssagende +Herzlichkeit einzugehen, die Doktor Scheffelweis so +sehr liebte. Er richtete sich auf wie das Verhängnis und blitzte. +</p> + +<p> +„Herr Bürgermeister, ich fühle mich nicht berechtigt, +Sie im unklaren zu lassen über gewisse Dinge, die –“ +</p> + +<p> +„Die?“ fragte Doktor Scheffelweis, erbleicht. +</p> + +<p> +„Die vorgehen“, sagte Diederich nicht ohne Härte. Der +<pb n='302'/><anchor id='Pgp0302'/>Bürgermeister bat um Erbarmen. „Ich weiß doch schon. +Es ist die fatale Geschichte mit unserem allverehrten – +ich wollte sagen, die Schweinerei des alten Buck“, flüsterte +er vertraulich. Diederich blieb kalt. +</p> + +<p> +„Es ist mehr. Sie dürfen sich nicht länger täuschen, Herr +Bürgermeister: es betrifft Sie selbst.“ +</p> + +<p> +„Junger Mann, ich muß doch bitten ...“ +</p> + +<p> +„Ich stehe Ihnen zur Verfügung, Herr Bürgermeister!“ +</p> + +<p> +Doktor Scheffelweis irrte, wenn er hoffte, dieser Kelch +sei durch Aufbegehren besser abzuwenden als durch Flehen! +Er war in Diederichs Hand; die Spiegelgalerie hatte +sich geleert, auch die beiden Damen verschwanden dahinten +im Gedränge. +</p> + +<p> +„Buck und Genossen führen einen Gegenschlag“, sagte +Diederich sachlich. „Sie sind entlarvt und rächen sich.“ +</p> + +<p> +„An mir?“ Der Bürgermeister hüpfte auf. +</p> + +<p> +„Verleumdungen, ich wiederhole: infame Verleumdungen +werden gegen Sie gerichtet. Kein Mensch würde sie +glauben, aber in diesen Zeiten der politischen Kämpfe –“ +</p> + +<p> +Er beendete nicht, sondern hob die Schultern. Doktor +Scheffelweis war sichtlich kleiner geworden. Er wollte +Diederich ansehen, irrte aber ab. Da bekam Diederich die +Stimme des Gerichts. +</p> + +<p> +„Herr Bürgermeister! Sie erinnern sich an unsere erste +Unterredung in Ihrem Hause, mit Herrn Assessor Jadassohn. +Ich habe Sie schon damals darauf vorbereitet, daß +ein neuer Geist in die Stadt einziehen werde. Die schlappe +demokratische Gesinnung hat abgewirtschaftet! Stramm +national muß man heut sein! Sie waren gewarnt!“ +</p> + +<p> +Doktor Scheffelweis stand Rede. +</p> + +<p> +„Ich war innerlich schon immer auf Ihrer Seite, lieber +Freund: um so mehr, als ich ein besonderer Verehrer +<pb n='303'/><anchor id='Pgp0303'/>Seiner Majestät bin. Unser herrlicher junger Kaiser ist +ein so origineller Denker ... impulsiv ... und ...“ +</p> + +<p> +„Die persönlichste Persönlichkeit“, ergänzte Diederich +streng. +</p> + +<p> +Der Bürgermeister sprach nach: „Persönlichkeit ... +Aber ich in meiner Stellung, die nach beiden Seiten +blickt, kann Ihnen auch heute nur wiederholen: Schaffen +Sie neue Tatsachen!“ +</p> + +<p> +„Und mein Prozeß? Ich habe die Feinde Seiner Majestät +glatt zerschmettert!“ +</p> + +<p> +„Ich habe Ihnen nichts in den Weg gelegt. Ich habe +Sie sogar beglückwünscht.“ +</p> + +<p> +„Mir nicht bekannt.“ +</p> + +<p> +„Wenigstens im stillen.“ +</p> + +<p> +„Heute muß man sich offen entscheiden, Herr Bürgermeister. +Seine Majestät haben es selbst gesagt: wer nicht +für mich ist, ist wider mich! Unsere Bürger sollen endlich +aus dem Schlummer erwachen und bei der Bekämpfung +der umwälzenden Elemente selbst mit Hand anlegen!“ +</p> + +<p> +Hier schlug Doktor Scheffelweis die Augen nieder. Um +so gebieterischer reckte sich Diederich. +</p> + +<p> +„Wo aber bleibt der Bürgermeister?“ fragte er, und +seine Frage klang in einer drohenden Stille so lange nach, +bis Doktor Scheffelweis sich entschloß, ihn anzublinzeln. +Zum Sprechen brachte er es nicht; Diederichs Erscheinung, +blitzend, gesträubt und blond gedunsen, verschlug +ihm die Rede. In fliegender Verwirrung dachte er: +„Einerseits – andererseits“ – und blinzelte immerfort +das Bild der neuen Jugend an, die wußte, was sie wollte, +den Vertreter der harten Zeit, die nun kam! +</p> + +<p> +Diederich, mit herabgezogenen Mundwinkeln, nahm die +Huldigung entgegen. Er genoß einen der Augenblicke, +<pb n='304'/><anchor id='Pgp0304'/>in denen er mehr bedeutete als sich selbst, und im Geiste +eines Höheren handelte. Der Bürgermeister war länger +als er, aber Diederich sah auf ihn hinunter, als hätte er +gethront. „Nächstens haben wir Stadtverordnetenwahlen: +da kommt es nun ganz auf Sie an“, äußerte er gnädig +und knapp. „Der Prozeß Lauer hat einen Umschwung der +öffentlichen Meinung bewirkt. Die Leute haben Angst vor +mir. Wer mir behilflich sein will, ist mir willkommen; wer +sich mir entgegenstellt –“ +</p> + +<p> +Den Nachsatz wartete Doktor Scheffelweis nicht ab. „Ich +bin ganz Ihrer Meinung,“ flüsterte er beflissen, „Freunde +des Herrn Buck dürfen nicht mehr gewählt werden.“ +</p> + +<p> +„Das liegt in Ihrem eigensten Interesse. Bei den +Schlechtgesinnten untergräbt man Ihren guten Ruf, Herr +Bürgermeister! Könnten Sie es heute überleben, daß die +Gutgesinnten den abscheulichen Verleumdungen nicht mehr +widersprechen?“ Eine Pause, in der Doktor Scheffelweis +zitterte; dann wiederholte Diederich, ermutigend: „Es +kommt nur auf Sie an.“ – Der Bürgermeister murmelte: +„Ihre Energie und anständige Gesinnung in Ehren –“ +</p> + +<p> +„Meine hochanständige Gesinnung!“ +</p> + +<p> +„Freilich ... Aber Sie sind ein politischer Heißsporn, +mein junger Freund. Die Stadt ist noch nicht reif für +Sie. Wie wollen Sie mit ihr fertig werden?“ +</p> + +<p> +Statt einer Antwort trat Diederich plötzlich zurück und +machte einen Kratzfuß. Im Eingang stand Wulckow. +</p> + +<p> +Er kam herbei unter elastischem Schwenken des Bauches, +legte seine schwarze Tatze dem Doktor Scheffelweis auf die +Schulter und sagte dröhnend: „Na, Bürgermeisterchen, so +solo hier? Ihre Stadtverordneten haben Sie wohl hinausgeworfen?“ +– worauf Doktor Scheffelweis bleich mitlachte. +Aber Diederich sah sich heftig besorgt nach der Saaltür um, +<pb n='305'/><anchor id='Pgp0305'/>die noch offen stand. Er trat vor Wulckow hin, so daß der +Präsident von drinnen nicht zu sehen war, und flüsterte ihm +einige Worte zu, infolge deren der Präsident sich abwandte +und seine Kleider ordnete. Dann sagte er zu Diederich: +„Sie sind wirklich sehr brauchbar, Doktorchen.“ +</p> + +<p> +Diederich lächelte geschmeichelt. „Ihre Anerkennung, +Herr Präsident, macht mich glücklich.“ +</p> + +<p> +Wulckow äußerte gnädig: „Sie können gewiß auch sonst +noch allerlei. Wir müssen mal drüber reden.“ Er streckte +den Kopf vor, braunfleckig, mit slawischen Backenknochen, +und glotzte Diederich an aus den Mongolenfalten seiner +Augen, die voll einer warmblütigen, schalkhaften Gewaltsamkeit +waren: – glotzte, bis Diederich schnaufte. Dieser +Erfolg schien Wulckow zu befriedigen. Er bürstete vor dem +Spiegel seinen Bart, zerdrückte ihn aber sogleich wieder auf +dem Frackhemd, weil er den Kopf wie ein Stier trug, und +sagte: „Nu los! Der Klimbim ist wohl schon im Gange?“ +Und in der Mitte zwischen Diederich und dem Bürgermeister +schickte er sich an, mit Wucht die Vorstellung zu +stören: da kam vom Büfett her eine dünne Stimme: +</p> + +<p> +„Ach Gott, Ottochen!“ +</p> + +<p> +„Na, da ist sie“, brummte Wulckow, und er ging seiner +Frau entgegen. „Dachte mir schon, wenn es zum Klappen +kommt, scheut sie. Mehr Reitergeist, meine beste Frieda!“ +</p> + +<p> +„Ach Gott, Ottochen, ich habe nun mal solche grauenhafte +Angst.“ Zu den beiden anderen Herrn gewandt plauderte +sie geläufig, wenn auch bebend. „Ich weiß wohl, man +sollte freudigeren Herzens in die Schlacht gehen.“ +</p> + +<p> +„Besonders,“ sagte Diederich schlagfertig, „wenn sie +im voraus gewonnen ist.“ Und er verneigte sich ritterlich. +Frau von Wulckow berührte ihn mit dem Fächer. +</p> + +<p> +„Herr Doktor Heßling hat mir nämlich schon während +<pb n='306'/><anchor id='Pgp0306'/>des ersten Aktes hier draußen Gesellschaft geleistet. Er hat +Sinn für das Schöne, er gibt einem sogar nützliche Winke.“ +</p> + +<p> +„Hab’ ich gemerkt“, sagte Wulckow; und indes Diederich +abwechselnd ihm und seiner Frau dankerfüllte Kratzfüße +machte, setzte der Präsident hinzu: „Bleiben wir lieber +gleich beim Büfett.“ +</p> + +<p> +„Das war auch mein Schlachtplan“, plauderte Frau von +Wulckow. „Um so mehr, als ich jetzt festgestellt habe, daß man +hier eine kleine Tür nach dem Saal öffnen kann. So erfreut +man sich der von den Ereignissen unberührten Isoliertheit, +die ich nun einmal brauche, und bleibt dennoch <foreign rend="antiqua">au fait</foreign>.“ +</p> + +<p> +„Bürgermeisterchen,“ sagte Wulckow und schnalzte, „den +Hummersalat sollten Sie sich auch kaufen.“ Er zog Doktor +Scheffelweis am Ohr und setzte hinzu: „In der Sache +mit dem städtischen Arbeitsnachweis hat der Magistrat +mal wieder eine jammervolle Rolle gespielt.“ +</p> + +<p> +Der Bürgermeister aß gehorsam und hörte gehorsam +zu – indes Diederich neben Frau von Wulckow nach der +Bühne ausspähte. Dort hatte Magda Heßling Klavierstunde, +und der Lehrer, ein dunkellockiger Virtuose, küßte +sie feurig, was sie nicht übel zu vermerken schien. „Kienast +dürfte das nicht sehen“, dachte Diederich, aber auch +im eigenen Namen fühlte er sich gekränkt. Er äußerte: +</p> + +<p> +„Finden Frau Gräfin nicht doch, daß der Klavierlehrer +zu naturalistisch spielt?“ +</p> + +<p> +Die Dichterin erwiderte befremdet: „Ganz so lag es in +meiner Intention.“ +</p> + +<p> +„Ich meinte auch nur“, sagte Diederich unsicher – und +dann erschrak er, denn in der Tür erschien Frau Heßling +oder eine Dame, die ihr ähnlich sah. Emmi kam auch, +und das Paar war ertappt, man schrie und weinte. Um +so lauter sprach Wulckow. +</p> + +<pb n='307'/><anchor id='Pgp0307'/> + +<p> +„Nee, Bürgermeister. Auf den alten Buck können Sie +sich diesmal nicht ’rausreden. Wenn er damals den städtischen +Arbeitsnachweis durchgedrückt hat: die Anwendung +tut es, die ist Ihre Sache.“ +</p> + +<p> +Doktor Scheffelweis wollte etwas vorbringen, aber +Magda schrie, sie denke nicht daran, den Menschen zu +heiraten, dafür sei das Dienstmädchen gut genug. Die +Dichterin bemerkte: +</p> + +<p> +„Das muß sie noch ordinärer bringen. Es sind doch +Parvenüs.“ +</p> + +<p> +Und Diederich lächelte zustimmend, obwohl er arg betreten +war durch diese Zustände in einem Heim, das dem seinen +glich. Innerlich gab er Emmi recht, die erklärte, der Skandal +müsse sogleich aus der Welt geschafft werden, und die das +Dienstmädchen hereinrief. Aber wie das Mädchen sich zeigte, +verdammt, da war es die heimliche Gräfin! In die Stille, +die ihr Auftreten bewirkte, tönte Wulckows Baßstimme. +</p> + +<p> +„Bleiben Sie mir mal weg mit dem Schwindel von +Ihren sozialen Pflichten. Die Landwirtschaft ruinieren +soll sozial sein?“ +</p> + +<p> +Im Publikum wandten mehrere sich um; die Dichterin +wisperte angstvoll: „Ottochen, um Gottes willen!“ +</p> + +<p> +„Was ist denn los?“ Er trat in die Tür. „Nun sollen +sie mal zischen!“ +</p> + +<p> +Niemand zischte. Er wandte sich wieder dem Bürgermeister +zu: +</p> + +<p> +„Mit Ihrem Arbeitsnachweis ziehen Sie unsereinem, +der im Osten begütert ist, die Arbeiter fort, das ist mal +sicher. Und ferner: Sie haben sogar Vertreter der Arbeiter +in Ihrem miserablen Arbeitsnachweis – und dabei vermitteln +Sie auch für die Landwirtschaft. Wohin steuern +Sie also? Nach der Koalition der Landarbeiter. Sehen +<pb n='308'/><anchor id='Pgp0308'/>Sie wohl, Bürgermeisterchen?“ Seine Tatze fiel auf +Doktor Scheffelweis’ nachgiebige Schulter. „Wir kommen +Ihnen hinter die Schliche. Wird nicht geduldet!“ +</p> + +<p> +Auf der Bühne sprach die Wulckowsche Nichte ins Publikum, +denn die Fabrikantenfamilie durfte nichts hören. +</p> + +<p> +„Wie? Ich, ein Grafenkind, einen Klavierlehrer heiraten? +Das sei ferne von mir. Wenn die Leute mir auch +eine Ausstattung versprechen, für Geld mögen andere +sich erniedrigen. Ich aber weiß, was ich meiner edlen +Geburt schuldig bin!“ +</p> + +<p> +Hier ward applaudiert. Frau Harnisch und Frau Tietz +sah man Tränen fortwischen, die der Edelsinn der Gräfin +ihnen hatte entquellen lassen. Aber die fortgewischten +Tränen kamen wieder, als die Nichte sagte: +</p> + +<p> +„Doch ach! Wo finde ich als Dienstmädchen einen ebenso +Hochgeborenen.“ +</p> + +<p> +Der Bürgermeister mußte eine Erwiderung gewagt +haben, denn Wulckow grollte: „Dafür, daß es weniger +Arbeitslose gibt, will ich nicht bluten. Mein Geld ist mein +Geld.“ +</p> + +<p> +Da konnte Diederich sich nicht länger enthalten, ihm +mit einem Kratzfuß zu danken. Aber auch die Dichterin +bezog mit Recht seinen Kratzfuß auf sich. +</p> + +<p> +„Ich weiß,“ sagte sie, selbst gerührt, „die Stelle ist mir +gelungen.“ +</p> + +<p> +„Das ist Kunst, die zum Herzen spricht“, stellte Diederich +fest. Da Magda und Emmi das Klavier und die Türen +zuschlugen, ergänzte er: „Und hochdramatisch.“ Hierauf +nach der anderen Seite: +</p> + +<p> +„Nächste Woche werden zwei Stadtverordnete gewählt +für Lauer und Buck junior. Gut, daß der von selbst geht.“ +Wulckow sagte: „Dann sorgen Sie nur dafür, daß +an<pb n='309'/><anchor id='Pgp0309'/>ständige Leute ’reinkommen. Sie sollen ja mit der ‚Netziger +Zeitung‘ gut stehen.“ +</p> + +<p> +Diederich dämpfte vertraulich die Stimme. „Ich halte +mich vorläufig noch zurück, Herr Präsident. Für die nationale +Sache ist es besser.“ +</p> + +<p> +„Sieh mal an“, sagte Wulckow; und wirklich sah er +Diederich durchdringend an. „Sie möchten sich wohl +selbst wählen lassen?“ fragte er. +</p> + +<p> +„Ich würde das Opfer bringen. Unsere städtischen +Körperschaften haben zu wenig Mitglieder, die in nationaler +Beziehung zuverlässig sind.“ +</p> + +<p> +„Und was wollen Sie machen, wenn Sie drin sind?“ +</p> + +<p> +„Dafür sorgen, daß der Arbeitsnachweis aufhört.“ +</p> + +<p> +„Na ja,“ sagte Wulckow, „als nationaler Mann.“ +</p> + +<p> +„Ich als Offizier,“ sagte auf der Bühne der Leutnant, +„kann nicht dulden, liebe Magda, daß dieses Mädchen, +wenn es auch nur eine arme Dienstmagd ist, irgendwie +mißhandelt wird.“ +</p> + +<p> +Der Leutnant aus dem ersten Akt, der arme Vetter, der +die heimliche Gräfin hätte heiraten sollen, er war Magdas +Verlobter! Man fühlte die Zuschauer vor Spannung +beben. Die Dichterin bemerkte es selbst. „Die Erfindung +ist aber auch meine starke Seite“, sagte sie zu Diederich, +der tatsächlich verblüfft war. Doktor Scheffelweis hatte +keine Zeit, sich den Emotionen der dramatischen Dichtung +zu überlassen; er sah sich gefährdet. +</p> + +<p> +„Niemand“, beteuerte er, „würde freudiger einen +Geist –“ Wulckow unterbrach ihn. +</p> + +<p> +„Kennen wir, Bürgermeisterchen. Freudig begrüßen +können Sie, wenn’s nichts kostet.“ +</p> + +<p> +Diederich setzte hinzu: „Aber einen glatten Strich ziehen +zwischen Kaisertreuen und Umsturz!“ +</p> + +<pb n='310'/><anchor id='Pgp0310'/> + +<p> +Der Bürgermeister hob flehend die Arme. „Meine +Herren! Verkennen Sie mich nicht, ich bin zu allem bereit. +Aber mit dem Strich ist nicht geholfen, denn bei uns hier +bedeutet er bloß, daß fast alle, die nicht freisinnig wählen, +sozialdemokratisch wählen.“ +</p> + +<p> +Wulckow stieß ein wütendes Grunzen aus, worauf er +sich eine Wurst vom Büfett langte. Diederich war es, +der eiserne Zuversicht bekundete. +</p> + +<p> +„Wenn die guten Wahlen nicht von selbst kommen, +müssen sie eben gemacht werden!“ +</p> + +<p> +„Aber womit?“ sagte Wulckow. +</p> + +<p> +Die Wulckowsche Nichte ihrerseits rief ins Publikum: +</p> + +<p> +„Er muß doch sehen, daß ich eine Gräfin bin, er, der +demselben edlen Stamme entsprossen ist!“ +</p> + +<p> +„Oh! Frau Gräfin!“ sagte Diederich. „Jetzt bin ich +wirklich neugierig, ob er es sieht.“ +</p> + +<p> +„Selbstverständlich“, erwiderte die Dichterin. „Sie erkennen +einander doch schon an den besseren Manieren.“ +</p> + +<p> +In der Tat warfen der Leutnant und die Nichte sich +Blicke zu, weil Emmi und Magda samt Frau Heßling +einen Käse mit dem Messer aßen. Diederich behielt den +Mund offen. Im Publikum bewirkte das ungebildete +Betragen der Fabrikantenfamilie die freudigste Stimmung. +Die Töchter Buck, Frau Cohn und Guste Daimchen, +alle jubelten. Auch Wulckow ward aufmerksam; er +sog sich das Fett von den Fingern und sagte: +</p> + +<p> +„Frieda, du bist fein ’raus, sie lachen.“ +</p> + +<p> +Wirklich blühte die Dichterin erstaunlich auf. Ihre +Augen hinter dem Zwicker glänzten wirr, sie seufzte, ihr +Busen wallte, es hielt sie nicht länger auf ihrem Stuhl. +Sie wagte sich halb heraus aus dem Büfettzimmer; sofort +wandten viele sich nach ihr um, mit neugierigen Gesichtern, +<pb n='311'/><anchor id='Pgp0311'/>und die Schwiegermutter des Bürgermeisters gab ihr Zeichen. +Frau von Wulckow rief fieberhaft über die Schulter: +</p> + +<p> +„Meine Herren, die Schlacht ist gewonnen!“ +</p> + +<p> +„Wenn es bei uns auch so schnell ginge“, sagte ihr +Gatte. „Na, also, Doktor, wie wollen Sie den Netzigern +die Kandare anlegen?“ +</p> + +<p> +„Herr Präsident!“ Diederich drückte die Hand aufs +Herz. „Netzig wird kaisertreu, dafür bürge ich Ihnen mit +allem, was ich bin und habe!“ +</p> + +<p> +„Schön“, sagte Wulckow. +</p> + +<p> +„Denn“, fuhr Diederich fort, „wir haben einen Agitator, +den ich als erstklassig bezeichnen möchte: jawohl, +erstklassig“, wiederholte er und umfaßte mit dem Wort +alles Große; „und das ist Seine Majestät selbst!“ +</p> + +<p> +Doktor Scheffelweis sammelte sich eilig. „Die persönlichste +Persönlichkeit“, brachte er hervor. „Originell. +Impulsiv.“ +</p> + +<p> +„Na ja“, sagte Wulckow. Er stemmte die Fäuste auf die +Knie und glotzte dazwischen auf den Boden, in der Haltung +eines sorgenvollen Menschenfressers. Auf einmal merkten +die beiden anderen, daß er sie von unten schief ansah. +</p> + +<p> +„Meine Herren“ – er stockte wieder – „na, ich will +Ihnen mal was sagen. Ich glaube, der Reichstag wird +aufgelöst.“ +</p> + +<p> +Diederich und Doktor Scheffelweis streckten die Köpfe +vor, sie wisperten. „Herr Präsident wissen –?“ +</p> + +<p> +„Der Kriegsminister war neulich mit mir auf der Jagd, +bei meinem Vetter Herrn von Quitzin.“ +</p> + +<p> +Diederich machte einen Kratzfuß. Er stammelte, er +wußte selbst nicht was. Er hatte es vorausgesagt! Schon +bei seiner Aufnahme in den Kriegerverein hatte er eine +Rede Seiner Majestät wiedergegeben, – und hatte er +<pb n='312'/><anchor id='Pgp0312'/>sie nur wiedergegeben? Darin kam ausdrücklich vor: +„Ich räume die ganze Bude aus!“ Und nun sollte es geschehen, +ganz so, als handelte er selbst. Es überlief ihn +mystisch ... Wulckow sagte inzwischen: +</p> + +<p> +„Die Herren Eugen Richter und Konsorten passen uns +nicht mehr. Wenn sie die Militärvorlage nicht schlucken, +ist Schluß“; – und Wulckow strich sich mit der Faust über +den Mund, als beginne das Fressen. +</p> + +<p> +Diederich faßte sich. „Das ist – das ist großzügig! +Das ist ganz sicher die persönliche Initiative Seiner +Majestät!“ Doktor Scheffelweis war erbleicht. „Dann +sind schon wieder Reichstagswahlen? Und ich war so +froh, daß wir unseren bewährten Abgeordneten hatten ...“ +Er erschrak noch mehr. „Das heißt, natürlich, Kühlemann +ist auch ein Freund des Herrn Richter ...“ +</p> + +<p> +„Ein Nörgler!“ schnaubte Diederich. „Ein vaterlandsloser +Geselle!“ Er rollte die Augen. „Herr Präsident! +Diesmal ist es aus in Netzig mit den Leuten. Lassen Sie +mich nur erst Stadtverordneter sein, Herr Bürgermeister!“ +„Was dann?“ fragte Wulckow. Diederich wußte es nicht. +Glücklicherweise entstand im Saal ein Zwischenfall; +Stühle wurden gerückt, und jemand ließ sich die große Tür +öffnen: Kühlemann selbst war es. Der Greis schleppte +seine schwere kranke Masse eilig durch die Spiegelgalerie. +Am Büfett fand man, seit dem Prozeß sei er noch mehr +verfallen. +</p> + +<p> +„Er hätte Lauer lieber freigesprochen, die anderen +Richter haben ihn überstimmt“, sagte Diederich. Doktor +Scheffelweis meinte: „Nierensteine führen wohl schließlich +zur Auflösung.“ Worauf Wulckow humoristisch: „Na, +und im Reichstag sind wir seine Nierensteine.“ +</p> + +<p> +Der Bürgermeister lachte gefällig. Aber Diederich riß +<pb n='313'/><anchor id='Pgp0313'/>die Augen auf. Er näherte sich dem Ohr des Präsidenten +und raunte: +</p> + +<p> +„Sein Testament!“ +</p> + +<p> +„Was ist damit?“ +</p> + +<p> +„Er hat die Stadt zum Erben eingesetzt“, erklärte Doktor +Scheffelweis wichtig. „Wahrscheinlich bauen wir von +dem Geld ein Säuglingsheim.“ +</p> + +<p> +„Bauen Sie?“ Diederich feixte verachtungsvoll. „Einen +nationaleren Zweck können Sie sich wohl nicht denken?“ +</p> + +<p> +„Ach so.“ Wulckow nickte Diederich anerkennend zu. +„Wieviel Pinke hat er denn?“ +</p> + +<p> +„Eine halbe Million wenigstens“, sagte der Bürgermeister, +und er beteuerte: „Ich wäre glücklich, wenn es zu +machen wäre, daß –“ +</p> + +<p> +„Es ist glatt zu machen“, behauptete Diederich. +</p> + +<p> +Da hörte man draußen im Saal ein Lachen, das ganz +verschieden klang von dem vorigen. Es kam aus ungehemmter +Brust und drückte sicherlich Schadenfreude aus. +Auch zog die Dichterin sich fluchtartig bis hinter das Büfett +zurück; ja, sie schien bereit, hineinzukriechen. „Grundgütiger +Gott!“ wimmerte sie. „Alles ist verloren.“ „Nanu?“ +machte ihr Gatte und stellte sich drohend in die Tür. +Aber selbst dieses konnte die Heiterkeit nicht mehr aufhalten. +Magda hatte zu der Gräfin gesagt: „Spute dich, +du dumme Landpomeranze, daß der Herr Leutnant +den Kaffee kriegt.“ Eine andere Stimme verbesserte +„Tee“, Magda wiederholte „Kaffee“, die andere blieb +bei ihrer Meinung und Magda auch. Das Publikum hatte +erfaßt, daß ein Mißverständnis zwischen ihr und der +Souffleuse vorlag. Übrigens griff der Leutnant mit Glück +ein, er schlug die Sporen aneinander und sagte: „Ich bitte +um beides“ – worauf das Lachen einen nachsichtigeren +<pb n='314'/><anchor id='Pgp0314'/>Charakter annahm. Aber die Dichterin war empört. „Das +Publikum! Es ist und bleibt eine Bestie!“ knirschte sie. +</p> + +<p> +„Schiefgehen kann es immer“, sagte Wulckow – und +blinzelte Diederich an. +</p> + +<p> +Diederich erwiderte ebenso bedeutsam: „Wenn man +einander versteht, Herr Präsident, dann nicht.“ +</p> + +<p> +Hierauf hielt er es für besser, sich ganz der Dichterin +und ihrem Werk zu widmen. Mochte der Bürgermeister +inzwischen seine Freunde verraten und sich für die Wahlen +auf alle Wünsche Wulckows verpflichten! +</p> + +<p> +„Meine Schwester ist eine Gans“, erklärte Diederich. +„Ich werde ihr nachher die Meinung sagen!“ +</p> + +<p> +Frau von Wulckow lächelte wegwerfend. „Das arme +Ding, sie tut, was sie kann. Von seiten der Leute aber ist +es wahrhaftig eine unerträgliche Arroganz und Undankbarkeit. +Noch soeben hat man sie erhoben und für das +Ideale begeistert!“ +</p> + +<p> +Diederich sagte durchdrungen: „Frau Gräfin, diese +bittere Erfahrung machen Sie nicht allein. So ist es überall +im öffentlichen Leben.“ Denn er dachte an die allgemeinen +Hochgefühle damals nach seinem Zusammenstoß +mit dem Majestätsbeleidiger und an die Prüfungen, +die dann gefolgt waren. „Schließlich triumphiert doch +die gute Sache!“ stellte er fest. +</p> + +<p> +„Nicht wahr?“ sagte sie mit einem Lächeln, das wie aus +Wolken brach. „Das Gute, Wahre, Schöne.“ +</p> + +<p> +Sie reichte ihm die schmale Rechte; „ich glaube, mein +Freund, wir verstehen uns“ – und Diederich, des Augenblicks +bewußt, drückte kühn die Lippen darauf, mit einem +Kratzfuß. Er legte die Hand an das Herz und brachte gepreßt +aus der Tiefe: „Glauben Sie mir, Frau Gräfin ...“ +</p> + +<p> +Die Nichte und der junge Sprezius waren jetzt allein +ge<pb n='315'/><anchor id='Pgp0315'/>blieben, hatten sich als erniedrigte Gräfin und armer Vetter +erkannt, wußten nun, daß sie einander bestimmt waren, +und schwärmten gemeinsam von künftigem Glanz, wenn +sie unter goldener Decke mit anderen Ausgezeichneten, demütig +stolz, von der Sonne der Majestät beschienen sein +würden ... Da hörte Diederich die Dichterin aufseufzen. +</p> + +<p> +„Ihnen kann ich es sagen“, seufzte sie. „Ich entbehre +hier doch sehr den Hof. Wenn man, wie ich, von Geburt +dem Hofadel angehört –. Und nun –.“ +</p> + +<p> +Hinter ihrem Zwicker sah Diederich zwei Tränen perlen. +Dieser Blick in die Tragik der Großen erschütterte +ihn so sehr, daß er strammstand. „Frau Gräfin!“ sagte +er, verhalten und stoßweise. „Die heimliche Gräfin sind +also –“ Er erschrak und schwieg. +</p> + +<p> +Die bleiche Stimme des Bürgermeisters war eben dabei, +dem <anchor id="corr315"/><corr sic="Präs denten">Präsidenten</corr> zu verraten, daß Kühlemann nicht wieder +kandidieren werde, und daß die Freisinnigen den Doktor +Heuteufel aufstellen wollten. Er war mit Wulckow darin +einig, daß man Gegenmaßregeln treffen müsse, solange +noch niemand die Auflösung des Reichstages erwartete ... +</p> + +<p> +Diederich wagte endlich wieder, leise und schonend: +</p> + +<p> +„Frau Gräfin, aber, nicht wahr, es wird alles gut? +Sie kriegen sich doch?“ +</p> + +<p> +Frau von Wulckow, mit Takt und Selbstbeherrschung, +schränkte die Vertraulichkeit des Gefühls schon wieder +ein. In leichtem Plauderton erklärte sie: +</p> + +<p> +„Mein Gott, lieber Doktor, was wollen Sie, die leidige +Geldfrage! Es ist wohl unmöglich, daß die jungen Leute +zusammen glücklich werden.“ +</p> + +<p> +„Sie können doch prozessieren!“ rief Diederich, in +seinem Rechtsgefühl gekränkt. Aber Frau von Wulckow +verzog die Nase. „<hi rend='antiqua'>Fi donc!</hi> Das würde zur Folge haben, +<pb n='316'/><anchor id='Pgp0316'/>daß der junge Graf, also Jadassohn, seinen Vater entmündigen +ließe. Im dritten Akt, den Sie noch sehen werden, +droht er dem Leutnant damit in einer Szene, die +mir, glaube ich, gelungen ist. Soll der Leutnant das auf +sich nehmen? Und die Zerstückelung des Familienbesitzes? +In Ihren Kreisen ginge es vielleicht. Aber bei uns ist +eben manches nicht möglich.“ +</p> + +<p> +Diederich verneigte sich. „Dort oben herrschen natürlich +Begriffe, die sich unserem Urteil entziehen. Und dem der +Gerichte wohl auch“, setzte er hinzu. Die Dichterin lächelte +milde. +</p> + +<p> +„Sehen Sie, und so verzichtet der Leutnant ganz korrekterweise +auf die heimliche Gräfin und heiratet die +<anchor id="corr316"/><corr sic="Fabrikantentochter.">Fabrikantentochter.“</corr> +</p> + +<p> +„Magda?“ +</p> + +<p> +„Jawohl. Und die heimliche Gräfin den Klavierlehrer. +So wollen es die höheren Mächte, lieber Herr Doktor, +denen wir –“ ihre Stimme verdunkelte sich ein wenig – +„uns nun einmal zu beugen haben.“ +</p> + +<p> +Diederich hatte noch einen Zweifel, äußerte ihn aber +nicht. Der Leutnant hätte die heimliche Gräfin auch ohne +Geld heiraten sollen, es würde Diederich tief befriedigt +haben in seinem weichen und idyllischen Herzen. Aber +ach! diese harte Zeit dachte anders. +</p> + +<milestone unit="tb"/> + +<p> +Der Vorhang fiel, das Publikum entrang sich langsam +seiner Ergriffenheit, dann spendete es um so wärmeren +Beifall dem Dienstmädchen und dem Leutnant, die, es +ließ sich leider voraussehen, das schwere Geschick, nicht hoffähig +zu sein, wohl noch länger würden tragen müssen. +</p> + +<p> +„Es ist wirklich ein Elend!“ seufzten Frau Harnisch und +Frau Cohn. +</p> + +<pb n='317'/><anchor id='Pgp0317'/> + +<p> +Beim Büfett sagte Wulckow, am Ende seiner Beratungen +mit dem Bürgermeister: +</p> + +<p> +„Wir bringen der Bande noch Gesinnung bei!“ +</p> + +<p> +Dann ließ er seine Tatze schwer auf Diederichs Schulter +fallen. „Na, Doktorchen, hat meine Frau Sie schon zum +Tee geladen?“ +</p> + +<p> +„Selbstverständlich, und kommen Sie recht bald!“ Die +Präsidentin hielt ihm die Hand zum Kuß hin, und Diederich +entfernte sich beglückt. Wulckow selbst wollte ihn wiedersehen! +Mit Diederich zusammen wollte er Netzig erobern! +</p> + +<p> +Indes die Präsidentin in der Spiegelgalerie Cercle +hielt und Glückwünsche entgegennahm, bearbeitete Diederich +die Stimmung. Heuteufel, Cohn, Harnisch und noch +einige andere Herren erschwerten es ihm, denn sie gaben, +wenn auch vorsichtig, zu verstehen, daß sie das Ganze für +Quatsch hielten. Diederich war genötigt, ihnen Andeutungen +über den durchaus großzügigen dritten Akt zu +machen, damit sie verstummten. Dem Redakteur Nothgroschen +diktierte er ausführlich, was er von der Dichterin +wußte, denn Nothgroschen mußte fort, die Zeitung sollte in +Druck gehen. „Wenn Sie aber Blödsinn schreiben, Sie Zeilenschinder, +schlag’ ich Ihnen Ihren Wisch um die Ohren!“ +– worauf Nothgroschen dankte und sich empfahl. Professor +Kühnchen seinerseits, der gehorcht hatte, ergriff Diederich +bei einem Knopf und kreischte: „Sie, mein Bester! Eens +hätten Se nu aber unserm Klatschdirektor ooch noch erzählen +können!“ Der Redakteur, der sich nennen hörte, +kehrte zurück, und Kühnchen fuhr fort: „Nämlich, daß die +herrliche Schöpfung unserer allverehrten Präsidentin schon +mal ist vorausgeahnt worden, und zwar von keinem Geringeren +als von unserem Altmeister Goethe in seiner +<pb n='318'/><anchor id='Pgp0318'/>Natürlichen Tochter. Nun, und das ist denn doch wohl das +Höchste, was sich zum Ruhme der Dichterin sagen läßt!“ +</p> + +<p> +Diederich hatte Bedenken über die Zweckmäßigkeit von +Kühnchens Entdeckung, fand es aber unnötig, sie ihm +mitzuteilen. Der kleine Greis strebte schon, mit flatternden +Haaren, durch das Gedränge; schon sah man, wie er +vor Frau von Wulckow den Boden scharrte und ihr das +Ergebnis seiner vergleichenden Forschung vortrug. Freilich, +ein Fiasko, wie er es erlitt, hatte auch Diederich nicht +vorausgesehen. Die Dichterin sagte eiskalt: „Was Sie +da bemerken, Herr Professor, kann nur auf Verwechselung +beruhen. Ist die Natürliche Tochter überhaupt von Goethe?“ +fragte sie und rümpfte mißtrauisch die Nase. Kühnchen +beteuerte es, aber es half ihm nichts. +</p> + +<p> +„Jedenfalls haben Sie in der Zeitschrift ‚Das traute +Heim‘ einen Roman von mir gelesen, und den habe ich +nun dramatisiert. Meine Schöpfungen sind sämtlich +Originalarbeiten. Die Herren –“ sie musterte den Kreis +– „wollen böswilligen Gerüchten entgegentreten.“ +</p> + +<p> +Damit war Kühnchen entlassen, trat ab und schnappte +nach Luft. Diederich erinnerte ihn, im Ton eines geringschätzigen +Erbarmens, an Nothgroschen, der mit seiner gefährlichen +Information schon von dannen war; und Kühnchen +stürzte hinterdrein, um das Schlimmste zu verhüten. +</p> + +<p> +Wie Diederich den Kopf wandte, hatte im Saal das +Bild sich verändert: nicht nur die Präsidentin, auch der +alte Buck hielt Cercle. Es war erstaunlich, aber man lernte +die Menschen kennen. Sie ertrugen es nicht, daß sie vorhin +ihren Instinkten freien Lauf gelassen hatten; mit beteuerndem +Gesicht machte einer nach dem anderen sich +an den Alten heran und wollte es nicht gewesen sein. +So groß war, noch nach schweren Erschütterungen, die +<pb n='319'/><anchor id='Pgp0319'/>Macht des Bestehenden, von alters her Anerkannten! +Diederich selbst fand es angezeigt, nicht in auffälliger +Weise hinter der Mehrheit zurückzubleiben. Nachdem er +sich vergewissert hatte, daß Wulckow schon fort war, +machte er seine Aufwartung. Der Alte saß eben allein +in dem Polstersessel, der für ihn ganz vorn bei der Bühne +stand; er ließ seine weiße Hand merkwürdig zart über die +Lehne hängen und blickte zu Diederich hinauf. +</p> + +<p> +„Da sind Sie, mein lieber Heßling. Ich habe es oft +bedauert, daß Sie nicht kamen“ – ganz schlicht und nachsichtig. +Diederich fühlte sofort wieder Tränen heraufsteigen. +Er gab ihm die Hand hin, freute sich, daß der +Herr Buck sie ein wenig länger in der seinen behielt, und +stammelte etwas von Geschäften, Sorgen und „um ehrlich +zu sein“ – denn ein jähes Bedürfnis nach Ehrlichkeit +erfaßte ihn – von Bedenken und Hemmungen. +</p> + +<p> +„Es ist schön von Ihnen,“ sagte darauf der Alte, „daß +Sie mich das nicht nur erraten lassen, sondern es mir eingestehen. +Sie sind jung und handeln wohl unter den Antrieben, +denen die Geister heute gehorchen. In die Unduldsamkeit +des Alters will ich nicht verfallen.“ +</p> + +<p> +Da schlug Diederich die Augen nieder. Er hatte verstanden: +dies war die Verzeihung für den Prozeß, der +dem Schwiegersohn des Alten die bürgerliche Ehre gekostet +hatte; und ihm ward schwül unter so viel Milde – +und so viel Nichtachtung. Der Alte freilich sagte: +</p> + +<p> +„Ich achte den Kampf und kenne ihn zu gut, um jemand +zu hassen, der gegen die Meinen kämpft.“ Worauf Diederich, +von Furcht ergriffen, dies möchte zu weit führen, sich +aufs Leugnen verlegte. Er wisse selbst nicht –. Man komme +in Sachen hinein –. Der Alte erleichterte es ihm. „Ich +weiß: Sie suchen und haben sich selbst noch nicht gefunden.“ +</p> + +<pb n='320'/><anchor id='Pgp0320'/> + +<p> +Er tauchte seinen weißen Knebelbart in die seidene +Halsbinde. Als er ihn wieder hervorholte, begriff Diederich, +daß etwas Neues kam. +</p> + +<p> +„Sie haben das Haus hinter dem Ihren nun doch nicht +gekauft“, sagte der Herr Buck. „Ihre Pläne haben sich +wohl geändert?“ +</p> + +<p> +Diederich dachte: „Er weiß alles“, und sah schon seine +heimlichsten Berechnungen enthüllt. +</p> + +<p> +Der Alte lächelte schlau und gütig. „Sollten Sie etwa +Ihre Fabrik zunächst verlegen und erst dann erweitern +wollen? Ich könnte mir denken, daß Sie Ihr Grundstück +zu verkaufen wünschen und nur auf eine gewisse Gelegenheit +warten – die auch ich in Betracht ziehe“, setzte er +hinzu, und mit einem Blick: „Die Stadt hat vor, ein Säuglingsheim +zu errichten.“ +</p> + +<p> +„Alter Hund!“ dachte Diederich. „Er spekuliert auf +den Tod seines besten Freundes!“ Gleichzeitig aber kam +ihm die Erleuchtung, was er Wulckow vorzuschlagen habe, +um Netzig zu erobern!... Er schnaufte. +</p> + +<p> +„Durchaus nicht, Herr Buck. Mein väterliches Erbstück +geb’ ich nicht her!“ +</p> + +<p> +Da nahm der Alte nochmals seine Hand. „Ich bin kein +Versucher“, sagte er. „Ihre Pietät ehrt Sie.“ +</p> + +<p> +„Esel“, dachte Diederich. +</p> + +<p> +„So werden wir uns eben ein anderes Terrain suchen. +Ja, vielleicht werden Sie dabei mitwirken. Uneigennützigen +Gemeinsinn, lieber Heßling, lassen wir uns nicht +entgehen – auch nicht, wenn er einen Augenblick in +falscher Richtung zu wirken scheint.“ +</p> + +<p> +Er stand auf. +</p> + +<p> +„Wollen Sie Stadtverordneter werden, so haben Sie +meine Unterstützung.“ +</p> + +<pb n='321'/><anchor id='Pgp0321'/> + +<p> +Diederich starrte, ohne zu begreifen. Die Augen des +Alten waren blau und tief, und er bot Diederich eben das +Ehrenamt an, um das Diederich seinen Schwiegersohn +gebracht hatte. Sollte man nun ausspucken oder sich verkriechen? +Diederich zog es vor, die Absätze zusammenzuschlagen +und korrekt seinen Dank abzustatten. +</p> + +<p> +„Sie sehen,“ erwiderte der Alte, „der Gemeinsinn +schlägt Brücken von jung und alt und sogar bis zu +denen, die nicht mehr da sind.“ +</p> + +<p> +Er führte die Hand im Halbkreis über die Wände und +über das Geschlecht von einst, das verblichen und heiter aus +ihrer gemalten Tiefe trat. Er lächelte den jungen Mädchen +in Reifröcken zu und zugleich auch einer seiner Nichten +und Meta Harnisch, die vorübergingen. Als er das Gesicht +dem alten Bürgermeister zuwendete, der zwischen Blumen +und Kindern aus dem Stadttor schritt, bemerkte Diederich +die große Ähnlichkeit der beiden. Der alte Buck wies auf +den und jenen aus der gemalten Versammlung. +</p> + +<p> +„Von dem da hab’ ich viel gehört. Diese Dame kannte +ich noch. Sieht der Geistliche nicht aus wie Pastor Zillich? +Nein, unter uns kann es keine ernstliche Entfremdung +geben, wir sind einander seit langem verpflichtet zum guten +Willen und gemeinsamen Fortschritt, schon durch jene +da, die uns die ‚Harmonie‘ hinterließen.“ +</p> + +<p> +„Nette Harmonie“, dachte Diederich und sah umher, wie +er fortgelange. Der Alte hatte sich, nach seiner Gewohnheit, +einen Übergang gemacht von den Geschäften zum +sentimentalen Schwatz. „Immer kommt der Literat +heraus“, dachte Diederich. +</p> + +<p> +Gerade gingen Guste Daimchen und Inge Tietz vorbei. +Guste hatte sich eingehängt, und Inge prahlte mit dem, +was sie hinter den Kulissen erlebt hatte. „Unsere Angst, +<pb n='322'/><anchor id='Pgp0322'/>als sie immer sagten: Tee, Kaffee, Kaffee, Tee.“ Guste +behauptete: „Das nächste Mal schreibt Wolfgang ein viel +schöneres Stück, und ich spiele mit.“ Da machte Inge +sich los, sie bekam eine scheu ablehnende Miene. „So?“ +sagte sie; und Gustes dickes Gesicht verlor plötzlich seinen +harmlosen Eifer. „Warum etwa nicht?“ fragte sie, weinerlich +empört. „Was hast du nun wieder?“ +</p> + +<p> +Diederich, der es ihr hätte sagen können, wandte sich +schleunig zum alten Buck zurück. Der schwatzte weiter. +</p> + +<p> +„Dieselben Freunde, damals wie jetzt; und auch die +Feinde sind da. Schon recht verwischt, der eiserne Ritter, +der Kinderschreck dort in seiner Nische am Tor. Don Antonio +Manrique, grausamer Reitergeneral, der du im +Dreißigjährigen Krieg unser armes Netzig gebrandschatzt +hast: wenn nun nicht die Riekestraße nach dir hieße, wohin +wäre dann selbst der letzte Klang von dir verweht?... +Auch einer, dem unser Freisinn nicht gefiel und der uns +zu vertilgen dachte.“ +</p> + +<p> +Plötzlich schüttelte den Alten ein stilles Kichern. Er +nahm Diederich bei der Hand. +</p> + +<p> +„Hat er nicht Ähnlichkeit mit unserem Herrn von +Wulckow?“ +</p> + +<p> +Diederichs Miene ward hierauf noch korrekter, aber der +Alte bemerkte es nicht, er war nun einmal aufgeräumt, +ihm fiel noch etwas ein. Er winkte Diederich hinter eine +Pflanzengruppe und zeigte ihm an der Wand zwei +Figuren, einen jungen Schäfer, der sehnsüchtig die Arme +öffnete, und jenseits eines Baches eine Schäferin, die +sich anschickte, hinüberzuspringen. Der Alte wisperte: +„Was meinen Sie, werden die beiden zueinander kommen? +Das wissen nicht viele mehr. Ich weiß es noch.“ +Er sah sich um, ob niemand ihn beachte, und plötzlich +öff<pb n='323'/><anchor id='Pgp0323'/>nete er eine kleine Tür, die man nie gefunden haben würde. +Die Schäferin auf der Tür bewegte sich dem Liebenden +entgegen. Noch ein wenig, und hinter der Tür im Dunkeln +mußte sie ihm wohl in den Armen liegen ... Der +Alte wies in das Zimmer, das er aufgedeckt hatte. „Es +heißt das Liebeskabinett.“ Laternenschein von irgendeinem +Hof fiel durch das Fenster ohne Vorhang; er beglänzte +den Spiegel und das dünnbeinige Kanapee. Der +Alte zog die dumpfe Luft ein, die nach wer weiß wie langer +Zeit herausströmte, er lächelte verloren. Und dann schloß +er die kleine Tür. +</p> + +<p> +Aber Diederich, den dies nur mäßig interessierte, sah +etwas kommen, das weit mehr Anregung versprach. Es +war der Landgerichtsrat Fritzsche: denn er war da. Sein +Urlaub war wohl zu Ende, er war zurück aus dem Süden, +und er hatte sich eingefunden, wenn auch etwas verspätet +und wenn auch ohne Judith Lauer, deren Urlaub ja noch +dauerte, solange ihr Gatte in der Vogtei saß. Wo er mit +Drehungen des Körpers, die nicht unbefangen wirkten, +hindurchkam, ward geflüstert, und jeder, den er begrüßte, +lugte verstohlen nach dem alten Herrn Buck. Fritzsche +sah wohl, daß er in der Sache etwas tun müsse; er gab +sich einen Ruck und ging los. Der Alte, noch eben ahnungslos, +fand ihn plötzlich vor sich. Er ward vollkommen weiß; +Diederich erschrak und streckte schon die Arme aus. Aber +es geschah nichts, der Alte hatte sich zurück. Er stand da, so +steif, daß sein Rücken sich aushöhlte, und blickte kühl und unverwandt +auf den Mann, der seine Tochter entführt hatte. +</p> + +<p> +„Schon zurück, Herr Landgerichtsrat?“ sagte er laut. +</p> + +<p> +Fritzsche versuchte jovial zu lachen. „Schöneres Wetter +war dort unten, Herr Stadtrat. Na und die Kunst!“ +</p> + +<p> +„Davon haben wir hier nur einen Widerschein“ – +<pb n='324'/><anchor id='Pgp0324'/>und der Alte wies, ohne den anderen aus den Augen zu +lassen, über die Wände. Seine Haltung machte Eindruck +auf die meisten, die von dort hinten seine Schwäche belauerten. +Er hielt stand und repräsentierte, in einer Lage, +die einige Hemmungslosigkeit immerhin erklärt haben +würde. Er repräsentierte das alte Ansehen, er allein für +die zerfallende Familie, für das Gefolge, das schon ausblieb. +In diesem Augenblick gewann er, statt so vieles +Verlorenen, manche Sympathien ... Diederich hörte +ihn noch sagen, förmlich und klar: „Ich habe es durchgesetzt, +daß unser moderner Straßenzug eine andere +Richtung bekam, bloß um dies Haus zu erhalten und diese +Malereien. Sie haben nur den Wert von Schilderungen, +mag sein. Aber ein Gebilde, das seiner Zeit und ihren Sitten +Dauer verleihen möchte, kann hoffen, selbst zu dauern.“ +Dann drückte Diederich sich, er schämte sich für Fritzsche. +</p> + +<milestone unit="tb"/> + +<p> +Die Schwiegermutter des Bürgermeisters fragte ihn, +was der Alte über die „Heimliche Gräfin“ geäußert habe. +Diederich dachte nach, und er mußte gestehen, er habe das +Stück gar nicht erwähnt. Beide waren enttäuscht. +</p> + +<p> +Indes bemerkte er, daß Käthchen Zillich spöttisch hersah, +und gerade sie hatte sich nichts zu erlauben. „Nun, Fräulein +Käthchen“, sagte er recht laut. „Was denken Sie über +den grünen Engel?“ Sie erwiderte noch lauter: „Der +grüne Engel? Sind Sie das?“ Und sie lachte ihm ins +Gesicht. „Sie sollten wirklich vorsichtiger sein“, meinte +er stirnrunzelnd. „Ich fühle mich geradezu verpflichtet, +Ihren Herrn Vater aufmerksam zu machen.“ +</p> + +<p> +„Papa!“ rief Käthchen sofort. Diederich erschrak. +Glücklicherweise hörte Pastor Zillich nicht. +</p> + +<p> +„Natürlich hab’ ich meinem Papa gleich neulich von +<pb n='325'/><anchor id='Pgp0325'/>unserem kleinen Ausflug erzählt. Was macht es denn, +es waren doch nur Sie.“ +</p> + +<p> +Sie ging zu weit. Diederich schnaufte. „Na und für +Liebhaber schöner Ohren war auch noch Jadassohn da.“ +Da er sah, daß es sie traf, setzte er hinzu: „Das nächste Mal +im grünen Engel streichen wir sie ihm grün an, das macht +Stimmung.“ +</p> + +<p> +„Wenn Sie meinen, daß es auf die Ohren ankommt.“ +Dabei drückte Käthchens Blick eine so schrankenlose Verachtung +aus, daß Diederich den Entschluß faßte, mit allen +Mitteln einzuschreiten. Sie befanden sich bei der Pflanzengruppe. +„Was glauben Sie?“ fragte er. „Wird die +Schäferin über den Bach springen und den Schäfer glücklich +machen?“ +</p> + +<p> +„Schaf“, sagte sie. Diederich überhörte es, ging hin +und tastete an der Wand umher. Nun hatte er die Tür. +„Sehen Sie? Sie springt.“ +</p> + +<p> +Käthchen kam näher, neugierig streckte sie ihren Hals +in das geheime Zimmer. Da hatte sie einen Stoß und +war ganz drinnen. Diederich warf die Tür zu, er fiel +stumm über Käthchen her, mit wildem Schnaufen. +</p> + +<p> +„Lassen Sie mich hinaus, ich kratze!“ rief sie und wollte +kreischen. Aber sie mußte lachen, was sie wehrlos machte +und dem Sofa immer näher brachte. Der Kampf mit +ihren entblößten Armen und Schultern versetzte ihn vollends +außer sich. „Jawohl,“ keuchte er, „jetzt kommt was.“ +Bei jedem Strich Boden, den er gewann, wiederholte er: +„Jetzt kommt was. Bin ich noch ein Schaf? Aha, wenn +man denkt, ein Mädchen ist anständig, und man hat ehrliche +Absichten, ist man ein Schaf. Jetzt kommt was.“ +Mit einem letzten Ruck schleuderte er sie hin. „Au“, sagte +sie; und vor Lachen erstickend: „Was kommt denn jetzt?“ +</p> + +<pb n='326'/><anchor id='Pgp0326'/> + +<p> +Plötzlich ward ihre Verteidigung ernst. Sie rang sich +hervor; der Streifen Gaslicht, den das kahle Fenster +hereinließ, beschien ihre Unordnung; und ihr Gesicht, +von der Anstrengung wie geschwollen, war nach der Tür +gerichtet. Er wandte den Kopf: da stand Guste Daimchen. +Sie starrte entgeistert her, Käthchen quollen die +Augen heraus, und Diederich, auf dem Sofa kniend, verrenkte +sich den Hals ... Endlich zog Guste die Tür an, +sie ging entschlossen auf Käthchen zu. +</p> + +<p> +„Du gemeines Luder!“ sagte sie aus tiefem Innern. +</p> + +<p> +„Selber eins!“ sagte Käthchen, schnell gefaßt. Da +schnappte Guste nur noch nach Luft. Von Käthchen sah +sie zu Diederich, ratlos und so empört, daß ihr Blick sich +mit feuchtem Glanz füllte. Er versicherte: „Fräulein +Guste, es handelt sich um einen Scherz“; aber er kam +schlecht an, Guste brach los. „Sie kenn’ ich, von Ihnen +kann ich es mir denken.“ +</p> + +<p> +„So, du kennst ihn“, bemerkte Käthchen höhnisch. Sie +stand auf, indes Guste ihr noch näher rückte. Diederich +seinerseits ergriff die Gelegenheit, gab seiner Haltung +Würde und trat zurück, um die Damen unter sich die Sache +erledigen zu lassen. +</p> + +<p> +„Daß ich so was muß mit ansehen!“ rief Guste; und +Käthchen: „Du hast gar nichts gesehen! Wozu siehst du +es dir überhaupt an?“ +</p> + +<p> +Diederich begann gleichfalls dies auffallend zu finden, +zumal da Guste schwieg. Käthchen gewann sichtlich die +Oberhand. Sie warf den Kopf zurück und sagte: „Von +dir finde ich es überhaupt sonderbar. Wer so viel Butter +auf dem Kopf hat wie du!“ +</p> + +<p> +Sofort zeigte Guste sich tief beunruhigt. „Ich?“ fragte +sie gedehnt. „Was tu’ ich denn?“ +</p> + +<pb n='327'/><anchor id='Pgp0327'/> + +<p> +Käthchen zierte sich plötzlich – indes Diederich vom +Schrecken gepackt ward. +</p> + +<p> +„Das wirst du wohl selbst wissen. Mir ist es zu peinlich.“ +</p> + +<p> +„Ich weiß gar nichts“, sagte Guste klagend. +</p> + +<p> +„So was hätte man gedacht, das es gar nicht gibt“, +sagte Käthchen und rümpfte die Nase. Guste verlor die Geduld. +„Nun bitte ich es mir aber aus! Was habt ihr alle?“ +</p> + +<p> +Diederich schlug vor: „Es ist doch wohl besser, wenn wir +jetzt das Lokal verlassen.“ Aber Guste stampfte auf. +</p> + +<p> +„Keinen Schritt tu’ ich, bis ich es weiß. Den ganzen +Abend merke ich schon, daß sie mich anglotzen, als ob ich +einen toten Fisch verschluckt habe.“ +</p> + +<p> +Käthchen wandte sich weg. „Na, da siehst du es. Sei +froh, daß sie dich nicht hinauswerfen mitsamt deinem +Halbbruder Wolfgang.“ +</p> + +<p> +„Mit wem?... Mein Halbbruder ... Wieso Halbbruder?“ +</p> + +<p> +In einer tiefen Stille keuchte Guste leise und irrte mit +den Augen umher. Auf einmal hatte sie begriffen. „So +eine Gemeinheit!“ rief sie entsetzt. Über Käthchens Mienen +breitete sich ein Lächeln des Genusses aus. Diederich +seinerseits wehrte beteuernd ab. Guste streckte den Finger +aus gegen Käthchen. „Das habt ihr Mädchen euch ausgedacht! +Ihr seid mir neidisch wegen meinem Geld!“ +</p> + +<p> +„Pöh“, machte Käthchen. „Dein Geld wollen wir überhaupt +nicht, wenn so was dabei ist.“ +</p> + +<p> +„Es ist doch nicht wahr!“ Guste kreischte auf. Plötzlich +fiel sie vornüber auf das Sofa und wimmerte. „Ach Gott, +ach Gott, was haben wir da angerichtet.“ +</p> + +<p> +„Siehst du wohl“, sagte Käthchen, frei von Mitleid. +</p> + +<p> +Guste schluchzte immer lauter; Diederich berührte ihre +Schulter. „Fräulein Guste, Sie wollen doch nicht, daß +<pb n='328'/><anchor id='Pgp0328'/>die Leute kommen.“ Er suchte nach einem Trost. „So +was kann man nie wissen. Ähnlich sehen Sie sich nicht.“ +</p> + +<p> +Aber der Trost wirkte anstachelnd auf Guste. Sie +sprang auf und ging zum Angriff über. „Du – du bist +überhaupt eine feine Nummer“, zischte sie Käthchen zu. +„Von dir sag’ ich, was ich gesehen habe!“ +</p> + +<p> +„Das werden sie dir glauben! So einer glaubt keiner +mehr was. Von mir weiß jeder, daß ich anständig bin.“ +</p> + +<p> +„Anständig! Streich dir wenigstens das Kleid glatt!“ +</p> + +<p> +„So gemein wie du –“ +</p> + +<p> +„Bist bloß noch du!“ +</p> + +<p> +Hierüber erschraken beide, brachen ab und verharrten +einander gegenüber, Haß und Angst in ihren dicken Gesichtern, +die sich so sehr glichen; und die Büsten nach vorn, +die Schultern hinauf, die Arme in die Hüften gestemmt, +sahen sie aus, als sollten ihnen die duftigen Ballkleider +vom Leibe platzen. Guste unternahm noch einen Vorstoß. +„Ich sag’ es doch!“ +</p> + +<p> +Da sprengte Käthchen die letzte Fessel. „Dann mach’ +aber schnell, sonst komm’ ich früher und erzähl’ allen, daß +nicht du, sondern ich hier die Tür hab’ aufgemacht und +hab’ euch beide ertappt.“ +</p> + +<p> +Da hierauf Guste nur noch mit den Lidern klappte, +setzte Käthchen, plötzlich selbst ernüchtert, hinzu: „Nun +ja, das bin ich mir doch schuldig. Bei dir kommt es nicht +mehr darauf an.“ +</p> + +<p> +Aber Diederichs Blick war Gustes begegnet, verständigte +sich mit ihr und glitt hinunter, bis er auf ihrem kleinen +Finger den Brillanten traf, den sie gemeinsam aus +den Lumpen gezogen hatten. Da lächelte Diederich ritterlich, +und Guste, tief errötet, trat so nahe zu ihm, als lehnte +sie sich an. Käthchen schlich zur Tür. Über Gustes +Schul<pb n='329'/><anchor id='Pgp0329'/>ter geneigt, sagte Diederich leise: „Ihr Verlobter läßt +Sie aber lange allein.“ – „Ach der“, erwiderte sie. Er +senkte das Gesicht noch ein wenig und drückte es auf ihre +Schulter. Sie hielt ganz still. „Schade“, sagte er und zog +sich so unerwartet zurück, daß Guste ausglitt. Sie begriff +auf einmal, daß ihre Lage sich wesentlich verändert hatte. +Ihr Geld war nicht mehr Trumpf, es war entwertet, +ein Mann wie Diederich war mehr wert. Sofort bekam +sie einen Blick wie eine Hündin. Diederich sagte gemessen: +„An der Stelle Ihres Verlobten würde ich allerdings +anders vorgehen.“ +</p> + +<p> +Käthchen zog mit äußerster Behutsamkeit die Tür +wieder an, sie kehrte zurück, den Finger auf den Lippen. +</p> + +<p> +„Wißt ihr was? Das Theater hat wieder angefangen – +schon lange, glaube ich.“ +</p> + +<p> +„O Gott!“ sagte Guste; und Diederich: +</p> + +<p> +„Na, dann sitzen wir in der Falle.“ +</p> + +<p> +Er suchte die Wände ab nach einem Ausgang; er rückte sogar +das Sofa fort. Da keiner zu finden war, entrüstete er sich. +</p> + +<p> +„Hier ist tatsächlich eine Falle. Und um der alten Baracke +willen hat der Herr Buck den ganzen Straßenzug +verlegt. Er soll es noch erleben, daß ich sie ihm einreiße! +Bloß erst Stadtverordneter sein!“ +</p> + +<p> +Käthchen kicherte. „Was schnauben Sie denn so? Hier +ist es doch ganz gemütlich. Jetzt können wir machen, was +wir wollen.“ Und sie sprang über das Sofa. Da gab +Guste sich einen Ruck und wollte auch hinüber. Sie blieb +aber hängen. Diederich fing sie auf. Auch Käthchen hängte +sich an ihn. Er zwinkerte beiden zu. „Also was machen +wir?“ Käthchen sagte: „Das müssen Sie wissen. Wir drei +kennen uns ja nun.“ – „Und zu verlieren haben wir auch +nichts mehr“, sagte Guste. Dann platzten sie alle aus. +</p> + +<pb n='330'/><anchor id='Pgp0330'/> + +<p> +Aber Käthchen entsetzte sich. „Kinder! In dem Spiegel +seh’ ich aus wie meine tote Großmutter.“ +</p> + +<p> +„Er ist ganz schwarz.“ +</p> + +<p> +„Und ganz bekritzelt.“ +</p> + +<p> +Sie legten die Gesichter darauf, um im fahlen Gaslicht +die Ausrufe und Kosenamen zu lesen, die zusammen mit +alten Jahreszahlen in den Umrissen verschlungener Herzen +standen, auf eingeritzten Vasen, Amoretten und sogar +über Gräbern. „Auf der Urne hier unten, nein so was!“ +sagte Käthchen. „‚Erst jetzt sollen wir leiden‘ ... Warum? +Weil sie hier drinnen waren? Die waren wohl verrückt.“ +</p> + +<p> +„Wir sind nicht verrückt“, behauptete Diederich. „Fräulein +Guste, Sie haben doch einen Brillanten.“ Er zeichnete +drei Herzen, versah sie mit einer Inschrift und ließ die Mädchen +das Werk enträtseln. Da sie sich kreischend abwandten, +sagte er stolz: „Wozu heißt dies das Liebeskabinett.“ +</p> + +<p> +Plötzlich stieß Guste einen Schreckensruf aus. „Hier +sieht jemand zu!“ +</p> + +<p> +Hinter dem Spiegel hervor streckte sich ein geisterbleicher +Kopf!... Käthchen war schon bei der Tür. „Kommen +Sie wieder her“, rief Diederich. „Es ist bloß gemalt.“ +</p> + +<p> +Der Spiegel hatte sich auf einer Seite von der Wand +gelöst, man konnte ihn noch weiter umwenden: da trat +die ganze Figur heraus. +</p> + +<p> +„Es ist die Schäferin, die draußen über den Bach +springt!“ +</p> + +<p> +„Jetzt hat sie es hinter sich“, sagte Diederich; denn die +Schäferin saß da und weinte. Auf der Rückseite des Spiegels +aber entfernte sich der Schäfer. +</p> + +<p> +„Und dort kommt man hinaus!“ Diederich wies auf +einen erleuchteten Spalt, er tastete, die Tapete öffnete sich. +</p> + +<p> +„Dies ist der Ausgang, wenn man es hinter sich hat“, +<pb n='331'/><anchor id='Pgp0331'/>bemerkte er und ging voraus. Ihm im Rücken sagte Käthchen +spöttisch: +</p> + +<p> +„Ich habe gar nichts hinter mir.“ +</p> + +<p> +Und Guste wehmütig: „Ich auch nicht.“ +</p> + +<milestone unit="tb"/> + +<p> +Diederich überhörte dies, er stellte fest, daß man sich in +einem der kleinen Salons hinter dem Büfett befand. +Eilends erreichte er die Spiegelgalerie und verlor sich +unauffällig in der Menge, die soeben aus dem Saal quoll. +Man war erfüllt von dem tragischen Schicksal der heimlichen +Gräfin, die nun also doch den Klavierlehrer geheiratet +hatte. Frau Harnisch, Frau Cohn, die Schwiegermutter +des Bürgermeisters, alle hatten verweinte Augen; +Jadassohn, der, schon abgeschminkt, Lorbeeren einzusammeln +kam, ward von den Damen nicht gut aufgenommen. +„Sie sind schuld, Herr Assessor, daß es so gekommen ist! +Schließlich war sie doch Ihre leibliche Schwester.“ – +„Pardon, meine Damen!“ Und Jadassohn verteidigte +seinen Standpunkt als legitimer Erbe der gräflichen +Besitzungen. Da sagte Meta Harnisch: +</p> + +<p> +„Aber so herausfordernd brauchten Sie nicht auszusehen.“ +</p> + +<p> +Sofort richteten sich alle Blicke auf seine Ohren; man +kicherte; und Jadassohn, der vergeblich krähte, was denn +los sei, ward von Diederich unter den Arm genommen. +Diederich, das süße Pochen der Rache im Herzen, führte +ihn eben dorthin, wo die Regierungspräsidentin unter +lebhafter Anerkennung seiner Verdienste um ihr Werk +sich vom Major Kunze verabschiedete. Kaum aber daß sie +Jadassohn erblickte, drehte sie einfach den Rücken. Jadassohn +blieb am Boden haften, Diederich brachte ihn nicht mehr +weiter. „Was ist denn?“ fragte er heuchlerisch. „Ach ja, die +<pb n='332'/><anchor id='Pgp0332'/>Präsidentin. Sie haben ihr nicht gefallen. Sie sollen auch +nicht Staatsanwalt werden. Man sah Ihre Ohren zu sehr.“ +</p> + +<p> +Was aber Diederich auch erwartet hatte, diese Spottgeburt +einer Grimasse hatte er nicht erwartet! Wo war +die hochgemute Schneidigkeit, der Jadassohn sein Leben +geweiht hatte? „Ich sage es ja“, äußerte er nur, ganz +leise; aber man glaubte einen grauenvollen Aufschrei zu +hören ... Dann kam er in Bewegung, tanzte am Fleck +umher und redete. „Sie können lachen, mein Bester! Sie +wissen nicht, was Sie an Ihrem Gesicht haben. Ihr Gesicht, +nichts weiter, und in zehn Jahren bin ich Minister.“ +</p> + +<p> +„Na, na“, sagte Diederich. Er setzte hinzu: „Das ganze +Gesicht brauchen Sie nicht einmal: bloß die Ohren.“ +</p> + +<p> +„Wollen Sie sie mir verkaufen?“ fragte Jadassohn +und sah ihn an, daß Diederich erschrak. „Kann man das?“ +fragte er unsicher. Jadassohn ging schon, unter zynischem +Lachen, auf Heuteufel zu. „Sie sind doch Spezialist für +Ohren, Herr Doktor ...“ +</p> + +<p> +Heuteufel erklärte ihm, daß tatsächlich, wenn auch bisher +nur in Paris, Operationen ausgeführt würden, durch die +man Ohren auf die Hälfte ihres Umfanges herunterbringe. +„Wozu gleich das Ganze weg?“ sagte Heuteufel. +„Die Hälfte können Sie ruhig behalten.“ Jadassohn hatte +seine Haltung zurück. „Großartiger Witz! Erzähl’ ich bei Gericht. +Sie Gauner!“ Und er klopfte Heuteufel auf den Bauch. +</p> + +<p> +Diederich inzwischen wandte sich seinen Schwestern +zu, die, zum Ball umgekleidet, aus der Garderobe kamen. +Sie wurden allerseits mit Beifall begrüßt und berichteten +von ihren Eindrücken auf der Bühne. „Tee – Kaffee: +Gott, war das aufregend!“ sagte Magda. Auch Diederich +als Bruder nahm Glückwünsche entgegen. Er schritt +zwischen ihnen, Magda hatte sich in ihn eingehängt, +<pb n='333'/><anchor id='Pgp0333'/>Emmis Arm dagegen mußte er gewaltsam festhalten. +Sie zischte: „Laß die Komödie“; und er schnob ihr zu, +zwischen Lachen und Grüßen: „Du hast zwar bloß die +kleine Rolle gehabt, aber sei froh, wenn du überhaupt +mal was vorstellst. Sieh Magda an!“ Denn Magda +schmiegte sich gefällig an ihn, sie schien bereit, das Glück +der einigen Familie so lange spazieren zu führen, als +er es irgend wünschte. „Kleine,“ sagte er mit zärtlicher +Achtung, „du hast Erfolg gehabt. Aber ich kann dir versichern, +ich auch.“ Er gab ihr sogar Schmeicheleien. „Du +siehst heute süß aus. Für Kienast bist du fast zu schade.“ +Als dann noch die Regierungspräsidentin, schon im Fortgehen, +ihnen gnädig zuwinkte, begegneten die Geschwister +auf ihrem Weg nur den ergebensten Gesichtern. Der Saal +war ausgeräumt; hinter der Palmengruppe ward eine +Polonäse angestimmt. Diederich machte seine korrekteste +Verbeugung vor Magda und schritt mit ihr zum Tanz, +triumphierend, gleich nach dem Major Kunze, der führte. +So zogen sie an Guste Daimchen vorüber, die saß. Sie +saß neben dem verwachsenen Fräulein Kühnchen und sah +ihnen nach, als habe sie Prügel bekommen. Ihr Anblick +berührte Diederich fast so unheimlich, wie der des Herrn +Lauer in der Vogtei. +</p> + +<p> +„Die arme Guste!“ sagte Magda. Diederich runzelte +die Brauen. „Ja ja, das kommt davon.“ +</p> + +<p> +„Aber eigentlich“ – und Magda blinzelte von unten, +„woher kommt es denn?“ +</p> + +<p> +„Das ist gleich, mein Kind, jetzt ist es mal so.“ +</p> + +<p> +„Diedel, du solltest sie nachher doch zum Walzer bitten.“ +</p> + +<p> +„Das darf ich nicht. Man muß wissen, was man sich +selbst schuldet.“ +</p> + +<p> +Dann verließ er sogleich den Saal. Soeben holte der +<pb n='334'/><anchor id='Pgp0334'/>junge Sprezius, der jetzt nicht mehr Leutnant, sondern +wieder Primaner war, das verwachsene Fräulein Kühnchen +von der Wand weg. Er nahm wohl Rücksicht auf +ihren Vater. Guste Daimchen blieb sitzen ... Diederich +machte einen Gang durch die Seitenzimmer, wo ältere +Herren Karten spielten, bekam eine lange Nase von Käthchen +Zillich, die er hinter einer Tür mit einem Schauspieler +überraschte, und gelangte zum Büfett. Dort saß +an einem Tischchen Wolfgang Buck und zeichnete in sein +Notizbuch die Mütter, die um den Saal herum warteten. +</p> + +<p> +„Sehr talentvoll“, sagte Diederich. „Haben Sie auch +schon Ihr Fräulein Braut porträtiert?“ +</p> + +<p> +„In der Beziehung interessiert sie mich nicht,“ erwiderte +Buck, so phlegmatisch, daß Diederich Zweifel kamen, ob +seine Erlebnisse mit Guste im Liebeskabinett ihren Verlobten +interessiert haben würden. +</p> + +<p> +„Mit Ihnen weiß man überhaupt nicht“, sagte er enttäuscht. +</p> + +<p> +„Mit Ihnen weiß man immer“, sagte Buck. „Damals +vor Gericht, während Ihres großen Monologes, hätte ich +Sie zeichnen mögen.“ +</p> + +<p> +„Ihr Plädoyer hat mir genügt; es war ein Versuch, +wenn auch glücklicherweise ein mißlungener, meine Person +und mein Wirken vor der breitesten Öffentlichkeit in Mißkredit +zu bringen und verächtlich zu machen!“ +</p> + +<p> +Diederich blitzte, Buck bemerkte es erstaunt. „Mir +scheint, Sie sind beleidigt. Und ich habe es doch so gut +gesagt.“ Er bewegte den Kopf und lächelte, grüblerisch +und entzückt. „Wollen wir nicht ’ne Flasche Sekt zusammen +trinken?“ fragte er. +</p> + +<p> +Diederich meinte: „Ob ich nun gerade mit Ihnen –.“ +Aber er gab nach. „Das Gericht hat durch sein Urteil +<pb n='335'/><anchor id='Pgp0335'/>festgestellt, daß Ihre Vorwürfe sich nicht allein gegen mich, +sondern gegen alle national gesinnten Männer richteten. +Damit sehe ich die Sache als erledigt an.“ +</p> + +<p> +„Dann also Heidsieck?“ fragte Buck. Er nötigte Diederich, +mit ihm anzustoßen. „Das werden Sie doch zugeben, +bester Heßling, so eingehend wie ich, hat sich mit Ihnen +überhaupt noch niemand beschäftigt ... Jetzt kann ich +es Ihnen sagen: Ihre Rolle vor Gericht hat mich mehr +interessiert als meine eigene. Später, zu Hause vor meinem +Spiegel, habe ich sie Ihnen nachgespielt.“ +</p> + +<p> +„Meine Rolle? Sie wollen wohl sagen, meine Überzeugung. +Freilich, für Sie ist der repräsentative Typus +von heute der Schauspieler.“ +</p> + +<p> +„Das sagte ich mit Beziehung auf – einen anderen. +Aber Sie sehen, wieviel näher ich es habe zu der Beobachtung +... Wenn ich morgen nicht die Waschfrau zu verteidigen +hätte, die bei Wulckows Unterhosen gestohlen +haben soll, vielleicht würde ich den Hamlet spielen. Prost!“ +</p> + +<p> +„Prost. Dazu brauchen Sie allerdings keine Überzeugungen!“ +</p> + +<p> +„Gott, ich habe auch welche. Aber immer dieselben?... +Sie würden mir also das Theater anraten?“ fragte Buck. +Diederich hatte schon den Mund geöffnet, um es ihm anzuraten, +da trat Guste ein, und Diederich errötete, denn +er hatte bei Bucks Frage an sie gedacht. Buck sagte träumerisch: +„Inzwischen würde mein Topf mit Wurst und +Kohl mir überkochen, und es ist doch ein so gutes Gericht.“ +Aber Guste, auf leisen Sohlen, legte ihm von rückwärts +die Hände auf die Augen und fragte: „Wer ist das?“ – +„Da ist er ja,“ sagte Buck und gab ihr einen Klaps. +</p> + +<p> +„Die Herren unterhalten sich wohl gut? Soll ich wieder +gehen?“ fragte Guste. Diederich beeilte sich, ihr einen +<pb n='336'/><anchor id='Pgp0336'/>Stuhl zu holen; aber in Wirklichkeit wäre er lieber mit +Buck allein gewesen; der fiebrige Glanz in Gustes Augen +versprach nichts Gutes. Sie redete geläufiger als sonst. +</p> + +<p> +„Ihr paßt eigentlich großartig zueinander, bloß daß +ihr so förmlich tut.“ +</p> + +<p> +Buck sagte: „Das ist die gegenseitige Achtung.“ Diederich +stutzte, und dann machte er eine Bemerkung, die ihn +selbst in Erstaunen setzte. „Eigentlich – sooft ich mich von +Ihrem Herrn Bräutigam trenne, hab’ ich Wut auf ihn; +beim nächsten Wiedersehen aber freu’ ich mich.“ Er +richtete sich auf. „Wenn ich nämlich noch kein national gesinnter +Mann wäre, würde er mich dazu machen.“ +</p> + +<p> +„Und wenn ich es wäre,“ sagte Buck, weich lächelnd, +„würde er es mir abgewöhnen. Das ist der Reiz.“ +</p> + +<p> +Aber Guste hatte sichtlich andere Sorgen; sie war erbleicht +und schluckte hinunter. +</p> + +<p> +„Jetzt sag’ ich dir was, Wolfgang. Wetten, daß du +umfällst?“ +</p> + +<p> +„Herr Rose, Ihren Hennessy!“ rief Buck. Während er +Kognak mit Sekt mischte, umklammerte Diederich Gustes +Arm; und da die Ballmusik gerade sehr laut war, flüsterte +er beschwörend: „Sie werden doch keine Dummheiten +machen?“ Sie lachte wegwerfend. „Doktor Heßling hat +Angst! Er findet die Geschichte zu gemein, ich finde sie +bloß ulkig.“ Und laut lachend: „Was sagst du? Dein +Vater soll mit meiner Mutter: du verstehst. Und infolgedessen +sollen wir: du verstehst?“ +</p> + +<p> +Buck bewegte langsam den Kopf; und dann verzog er +den Mund. „Wenn schon.“ Da lachte Guste nicht mehr. +</p> + +<p> +„Wieso, wenn schon?“ +</p> + +<p> +„Nun, wenn die Netziger an so etwas glauben, muß es +bei ihnen wohl alle Tage vorkommen, tut also nichts.“ +</p> + +<pb n='337'/><anchor id='Pgp0337'/> + +<p> +„Redensarten machen den Kohl nicht fett“, entschied +Guste. Diederich glaubte sich denn doch verwahren zu +müssen. +</p> + +<p> +„Überall können Fehltritte vorkommen. Aber über die +Meinung seiner Mitmenschen setzt niemand sich ungestraft +hinweg.“ +</p> + +<p> +<anchor id="corr337"/><corr sic="(überflüssiges Anführungszeichen)">Guste</corr> bemerkte: <corr sic="(fehlendes Anführungszeichen)">„Er</corr> glaubt immer, er ist zu gut für +diese Welt.“ Und Diederich: „Dies ist eine harte Zeit. +Wer sich nicht wehrt, muß dran glauben.“ Da rief Guste +voll schmerzlicher Begeisterung: +</p> + +<p> +„Doktor Heßling ist nicht wie du! Er hat mich verteidigt! +Ich hab’ den Beweis, daß ich es weiß, von Meta +Harnisch, weil sie schließlich hat müssen den Mund auftun. +Er war überhaupt der einzige, der mich hat verteidigt. +Er an deiner Stelle täte sich die Leute kaufen, die +sich unterstehen und verklatschen mich!“ +</p> + +<p> +Diederich bestätigte es durch Nicken. Buck drehte immerfort +sein Glas und spiegelte sich darin. Plötzlich ließ er +es los. +</p> + +<p> +„Wer sagt euch denn, daß ich mir nicht auch ganz gern +einmal einen kaufen würde – einen herausgreifen, ohne +besondere Auswahl, weil doch alle so ziemlich gleich dumm +und gemein sind?“ Dabei kniff er die Augen zu. Guste +hob die nackten Schultern. +</p> + +<p> +„So was sagt man, aber sie sind gar nicht so dumm, sie +wissen, was sie wollen ... Der Dümmere ist der Klügere“, +schloß sie herausfordernd, und Diederich nickte mit Ironie. +Da sah Buck ihn an, aus Augen, die auf einmal wie irrsinnig +waren. Die Fäuste bewegte er mit krampfigem +Zittern um seinen Hals her. „Wenn ich aber –“ er war +plötzlich ganz heiser – „wenn ich den einen am Kragen +hätte, von dem ich wüßte, er zettelt alles an, er faßt in +<pb n='338'/><anchor id='Pgp0338'/>seiner Person zusammen, was an allen häßlich und schlecht +ist: ihn am Kragen hätte, der das Gesamtbild wäre alles +Unmenschlichen, alles Untermenschlichen –.“ Diederich, +weiß wie sein Frackhemd, drückte sich seitwärts vom Stuhl +herunter und wich schrittweise zurück. Guste schrie auf, +sie stob panikartig nach der Wand. „Es ist der Kognak!“ +rief Diederich ihr zu ... Aber Bucks Blicke, die zwischen +ihnen beiden, voll des gräßlichsten Unheils, umherrollten, +packten unvermittelt ein. Er zwinkerte, er glänzte heiter. +</p> + +<p> +„An die Mischung bin ich leider gewöhnt“, erklärte er. +</p> + +<p> +„Es ist nur, damit ihr seht, wir können auch das.“ +</p> + +<p> +Diederich setzte sich polternd wieder hin. „Sie sind +doch nur ein Komödiant“, sagte er entrüstet. +</p> + +<p> +„Finden Sie?“ fragte Buck und glänzte noch heller. +Guste rümpfte die Nase. „Na dann amüsiert euch weiter“, +äußerte sie und wollte gehen. Aber der Landgerichtsrat +Fritzsche war da, er verbeugte sich vor ihr und auch vor +Buck. Ob der Herr Rechtsanwalt gestatte, daß er mit dem +Fräulein Braut den Kotillon tanze. Er sprach äußerst +höflich, beschwichtigend gewissermaßen. Buck antwortete +nicht, er faltete die Brauen. Guste indessen hatte schon +Fritzsches Arm genommen. +</p> + +<p> +Buck sah ihnen nach, eine Falte zwischen den Brauen, +selbstvergessen. „Ja ja,“ dachte Diederich, „erfreulich +ist es nicht, wenn man einem Herrn begegnet, der mit +Ihrer Schwester, mein Bester, eine Vergnügungsreise +gemacht hat, und dann holt er einem die Braut vom Tisch +weg, und du kannst nichts machen, weil sonst der Skandal +noch größer wird, weil nämlich unsere Verlobung selbst +schon ein Skandal ist ...“ +</p> + +<p> +Aufschreckend sagte Buck: „Wissen Sie, daß ich erst jetzt +rechte Lust bekomme, Fräulein Daimchen zu ehelichen? +<pb n='339'/><anchor id='Pgp0339'/>Ich hielt die Sache für – nicht sehr sensationell; aber die +Einwohner von Netzig machen geradezu eine Pikanterie +daraus.“ +</p> + +<p> +Diederich war starr über diese Wirkung. „Wenn Sie +finden“, brachte er hervor. +</p> + +<p> +„Warum nicht? Sie und ich, wir beiden Gegenpole, +führen doch hier die vorgeschrittenen Tendenzen der +moralfreien Epoche ein. Wir machen Betrieb. Der Geist +der Zeit geht hier noch in Filzschuhen über die Straße.“ +</p> + +<p> +„Wir werden ihm Sporen anlegen“, verhieß Diederich. +</p> + +<p> +„Prost!“ +</p> + +<p> +„Prost! Aber <hi rend='gesperrt'>meine</hi> Sporen“ – Diederich blitzte. +„Ihre Skepsis und Ihre schlappe Gesinnung sind nicht +zeitgemäß. Mit“ – er blies durch die Nase – „mit Geist +ist heute nichts zu machen. Die nationale Tat“ – ein +Faustschlag auf den Tisch – „hat die Zukunft!“ +</p> + +<p> +Buck darauf mit verzeihendem Lächeln: „Die Zukunft? +Das ist eben die Verwechslung. Die nationale Tat hat +abgehaust, im Lauf von hundert Jahren. Was wir erleben +und noch erleben sollen, sind ihre Zuckungen und +ihr Leichengeruch. Es wird keine gute Luft sein.“ +</p> + +<p> +„Von Ihnen habe ich nichts anderes erwartet, als daß +Sie das Heiligste in den Schmutz ziehen!“ +</p> + +<p> +„Heilig! Unantastbar! Sagen wir gleich ewig! Nicht +wahr? Außerhalb der Ideale eures Nationalismus wird +nie, nie wieder gelebt werden. Früher, mag sein, in der +dunkeln Periode der Geschichte, die euch noch nicht kannte. +Jetzt aber seid ihr da, und die Welt ist angelangt. Dünkel +und Haß der Nationen, das ist das Ziel, darüber hinaus +geht es nicht.“ +</p> + +<p> +„Wir leben in einer harten Zeit“, bestätigte Diederich +ernst. +</p> + +<pb n='340'/><anchor id='Pgp0340'/> + +<p> +„Weniger hart als verkalkt ... Ich bin nicht überzeugt, +daß die Menschen, deren Dasein in den Dreißigjährigen +Krieg fiel, an die Unabänderlichkeit ihres auch nicht weichen +Zustandes geglaubt haben. Und ich bin überzeugt, +daß die Rokokowillkür von denen, die ihr unterlagen, für +überwindbar gehalten worden ist, sonst hätten sie nicht +die Revolution gemacht. Wo ist, in den Räumen der Geschichte, +die wir seelisch noch betreten können, die Zeit, die +sich in Permanenz erklärt und aufgetrumpft hätte vor der +Ewigkeit mit ihrer traurigen Beschränktheit. Die jeden +nicht ganz in ihr Befangenen abergläubisch bemäkelt hätte. +Nicht national gesinnt sein erregt bei euch noch mehr +Grauen als Haß! Aber die vaterlandslosen Gesellen +sind euch auf den Fersen. Dort im Saal, sehen Sie sie?“ +</p> + +<p> +Diederich verschüttete seinen Sekt, so schnell fuhr er +herum. War denn Napoleon Fischer eingedrungen, mit +den Genossen?... Buck lachte stumm und innig. „Bemühen +Sie sich nicht, ich meine nur das stille Volk auf +den Wänden. Warum scheinen sie so heiter? Was gibt +ihnen das Recht auf Blumenwege, leichten Schritt und +Harmonie? Ah! Ihr Freunde!“ Über die Tanzenden +hinweg schwenkte Buck sein Glas. „Ihr Freunde der +Menschheit und jeder guten Zukunft, weitherzig und unbekannt +mit der düsteren Selbstsucht eines nationalen +Vetternbundes: Weltseelen ihr, kehrt wieder! Selbst +unter uns noch erwarten euch einige!“ +</p> + +<p> +Er trank aus, Diederich bemerkte mit Verachtung, daß +er weinte. Übrigens bekam er sogleich eine schlaue Miene. +„Ihr aber, Zeitgenossen, wißt wohl nicht, was der alte +Bürgermeister, der da hinten zwischen den Amtspersonen +und Schäferinnen rosig lächelt, als Schleife über der Brust +trägt? Die Farben sind verblichen; ihr denkt wohl, es sind +<pb n='341'/><anchor id='Pgp0341'/>die euren? Es ist aber die französische Trikolore. Sie war +neu damals und nicht die eines Landes, sondern der allgemeinen +Morgenröte. Sie zu tragen, war beste Gesinnung; +es war, wie ihr sagen würdet, streng korrekt. Prost!“ +</p> + +<p> +Aber Diederich war verstohlen mit seinem Stuhl davongerückt +und spähte umher, ob niemand höre. „Sie +sind ja besoffen,“ murmelte er; und um die Situation zu +retten, rief er: „Herr Rose! Noch eine Flasche!“ Darauf +setzte er sich achtunggebietend zurecht. +</p> + +<p> +„Sie scheinen nicht daran zu denken, daß seitdem ein +Bismarck da war!“ +</p> + +<p> +„Nicht nur einer“, sagte Buck. „Von allen Seiten ist +Europa in diesen nationalen Durchgang getrieben worden. +Nehmen wir an, er war nicht zu vermeiden. Nach ihm werden +bessere Gefilde kommen ... Aber seid ihr eurem Bismarck +etwa gefolgt, solange er im Recht war? Ihr habt euch +zerren lassen, ihr habt mit ihm im Konflikt gelebt. Erst jetzt, +da ihr über ihn hinaus sein solltet, hängt ihr euch an seinen +kraftlosen Schatten! Denn euer nationaler Stoffwechsel +ist entmutigend langsam. Bis ihr begriffen habt, daß ein +großer Mann da ist, hat er schon aufgehört, groß zu sein.“ +</p> + +<p> +„Sie werden ihn kennenlernen!“ verhieß Diederich. +„Blut und Eisen bleibt die wirksamste Kur! Macht geht +vor Recht!“ Der Kopf schwoll ihm rot an bei diesen +Glaubenssätzen. Aber auch Buck regte sich auf. +</p> + +<p> +„Die Macht! Die Macht läßt sich nicht ewig auf Bajonetten +davontragen wie eine aufgespießte Wurst. Die einzige +reale Macht ist heute der Friede! Spielt euch die +Komödie der Gewalt vor! Prahlt gegen eingebildete +Feinde draußen und im Innern! Taten, glücklicherweise, +sind euch nicht erlaubt!“ +</p> + +<p> +„Nicht erlaubt?“ Diederich blies, als sollte Feuer +kom<pb n='342'/><anchor id='Pgp0342'/>men. „Seine Majestät hat gesagt: Lieber lassen wir +unsere gesamten achtzehn Armeekorps und zweiundvierzig +Millionen Einwohner auf der Strecke ...“ +</p> + +<p> +„Denn wo der deutsche Aar –!“ rief Buck, mit jähem +Schwung; und noch wilder: „Nicht Parlamentsbeschlüsse! +Die einzige Säule ist das Heer!“ +</p> + +<p> +Diederich gab ihm nichts nach. „Ihr seid berufen, mich in +erster Linie vor dem äußeren und inneren Feind zu schützen!“ +</p> + +<p> +„Einer hochverräterischen Schar zu wehren!“ schrie Buck. +</p> + +<p> +„Eine Rotte von Menschen –“ +</p> + +<p> +Diederich fiel ein: „– nicht wert, den Namen Deutsche +zu tragen!“ +</p> + +<p> +Und beide einstimmig: „Verwandte und Brüder niederschießen!“ +</p> + +<p> +Tänzer, die sich am Büfett erfrischten, wurden aufmerksam +auf ihr Geschrei, sie holten auch ihre Damen +herbei, um ihnen den Anblick eines heldenhaften Rausches +zu verschaffen. Sogar die Kartenspieler streckten die +Köpfe herein; und alle bestaunten Diederich und seinen +Partner, die auf ihren Stühlen schwankend und an den +Tisch geklammert mit glasigen Augen und entblößten Gebissen +einander starke Worte ins Gesicht schleuderten. +</p> + +<p> +„Einen Feind, und der ist mein Feind!“ +</p> + +<p> +„Einer nur ist Herr im Reich, keinen anderen dulde ich!“ +</p> + +<p> +„Ich kann sehr unangenehm sein!“ +</p> + +<p> +Die Stimmen überschlugen sich. +</p> + +<p> +„Falsche Humanität!“ +</p> + +<p> +„Vaterlandslose Feinde der göttlichen Weltordnung!“ +</p> + +<p> +„Müssen ausgerottet werden bis auf den letzten Stumpf!“ +</p> + +<p> +Eine Flasche flog gegen die Wand. +</p> + +<p> +„Zerschmettere ich!“ +</p> + +<p> +„Deutschen Staub!... Pantoffeln!... Herrliche Tage!“ +</p> + +<pb n='343'/><anchor id='Pgp0343'/> + +<p> +Hier glitt durch die Zuschauer ein Wesen mit verbundenen +Augen: Guste Daimchen, die sich auf diese Weise +einen Herrn suchen sollte. Von rückwärts betastete sie +Diederich und wollte ihn zum Aufstehen bewegen. Er +machte sich steif und wiederholte drohend: „Herrliche +Tage!“ Sie riß das Tuch herunter, starrte ihn angstvoll +an und holte seine Schwestern. Auch Buck sah ein, daß +es angezeigt sei, aufzubrechen. Unauffällig stützte er den +Freund beim Abgang, konnte aber nicht verhindern, daß +Diederich in der Tür sich nochmals umwandte, der tanzenden, +gaffenden Menge zu, gebieterisch aufgereckt, wenn +auch verglast und ohne Blitzen. +</p> + +<p> +„Zerschmettere ich!“ +</p> + +<p> +Dann ward er hinunter und in den Wagen befördert. +</p> + +<milestone unit="tb"/> + +<p> +Als er gegen Mittag mit schweren Kopfschmerzen das +Familienzimmer betrat, war er sehr erstaunt, daß Emmi +es entrüstet verließ. Aber Magda brauchte ihm nur einige +vorsichtige Andeutungen zu machen, da wußte er schon +wieder, um was es sich handelte. „Hab’ ich das wirklich +gemacht? Na ja, ich gebe zu, es waren Damen dabei. +Es gibt verschiedene Arten, sich als deutscher Mann zu +zeigen: bei den Damen ist es wieder eine andere ... Natürlich +beeilt man sich in solchem Fall, die Sache in der +loyalsten und korrektesten Weise beizulegen.“ +</p> + +<p> +Obwohl er kaum aus den Augen sehen konnte, war ihm +klar, was zu geschehen hatte. Indes ein zweispänniger +Paradewagen herbeigeholt ward, bekleidete er sich mit +Gehrock, weißer Krawatte und Zylinder; dann überreichte +er dem Kutscher die von Magda aufgesetzte Liste und fuhr +los. Überall verlangte er nach den Damen; manche +schreckte er vom Mittagessen auf; – und ohne deutlich zu +<pb n='344'/><anchor id='Pgp0344'/>erkennen, ob er Frau Harnisch, Frau Daimchen oder Frau +Tietz vor sich habe, sagte er mit rauher Katerstimme her: +</p> + +<p> +„Ich gebe zu ... Als deutscher Mann, bei Damen ... +Loyalste und korrekteste Weise ...“ +</p> + +<p> +Um halb zwei war er zurück und ließ sich aufseufzend +zum Essen nieder. „Die Sache ist beigelegt.“ +</p> + +<p> +Der Nachmittag gehörte einer schwierigeren Aufgabe. +Diederich ließ Napoleon Fischer hinauf in seine Privatwohnung +kommen. +</p> + +<p> +„Herr Fischer,“ sagte er und wies ihm einen Stuhl an, +„ich empfange Sie hier und nicht in meinem Bureau, +weil den Herrn Sötbier unsere Angelegenheiten nichts +angehen. Es betrifft nämlich die Politik.“ +</p> + +<p> +Napoleon Fischer nickte, als habe er sich dies schon gedacht. +Er schien an solche vertraulichen Unterredungen nunmehr +gewöhnt, auf Diederichs ersten Wink griff er sogleich +in die Zigarrenkiste; er schlug sogar das Bein über. Diederich +war weit weniger sicher; er schnaufte – und dann entschloß +er sich, ohne Umschweife, mit brutaler Ehrlichkeit auf +sein Ziel loszugehen. Bismarck hatte es auch so gemacht. +</p> + +<p> +„Ich will nämlich Stadtverordneter werden,“ erklärte +er, „und dazu brauche ich Sie.“ +</p> + +<p> +Der Maschinenmeister warf ihm einen Blick von unten +zu. „Ich Sie auch“, sagte er. „Denn ich will auch Stadtverordneter +werden.“ +</p> + +<p> +„Nanu, na hören Sie mal! Ich war auf manches gefaßt ...“ +</p> + +<p> +„Sie hatten wohl schon wieder ein paar Doppelkronen +in der Hand?“ – und der Proletarier fletschte die gelben +Zähne. Er versteckte sein Grinsen gar nicht mehr. Diederich +begriff, daß in Wahlsachen weniger leicht mit ihm zu +reden sein werde als über eine geschundene Arbeiterin. +<pb n='345'/><anchor id='Pgp0345'/>„Nämlich, Herr Doktor,“ begann Napoleon, „den einen +von den beiden Sitzen hat meine Partei bombensicher. +Den anderen kriegen wahrscheinlich die Freisinnigen. +Wenn Sie die ’rausschmeißen wollen, brauchen Sie uns.“ +</p> + +<p> +„So weit seh’ ich es ein“, sagte Diederich. „Ich habe +zwar auch den alten Buck für mich. Aber seine Leute sind +vielleicht nicht alle so vertrauensselig, daß sie mich wählen, +wenn ich mich als Freisinniger aufstellen lasse. Sicherer +ist es, ich vertrage mich auch mit Ihnen.“ +</p> + +<p> +„Und ich hab’ auch schon ’ne Ahnung, wieso Sie das +machen können“, erklärte Napoleon. „Weil ich nämlich +schon längst ’n Auge auf Herrn Doktor habe, ob er nun +nicht bald in die politische Arena ’reinsteigt.“ +</p> + +<p> +Napoleon blies Ringe, so sehr war er auf der Höhe! +</p> + +<p> +„Ihr Prozeß, Herr Doktor, und dann das mit dem +Kriegerverein und so, das war alles ganz schön, als +Reklame. Aber für einen Politiker heißt es doch immer: +wie viele Stimmen krieg’ ich.“ +</p> + +<p> +Napoleon teilte aus dem Schatz seiner Erfahrungen mit! +Als er vom „nationalen Rummel“ sprach, wollte Diederich +protestieren; aber Napoleon fertigte ihn schnell ab. +</p> + +<p> +„Was wollen Sie denn? Wir in unserer Partei haben +gewissermaßen allerhand Achtung vor dem nationalen +Rummel. Bessere Geschäfte sind allemal damit zu machen +als mit dem Freisinn. Die bürgerliche Demokratie fährt +bald in einer einzigen Droschke ab.“ +</p> + +<p> +„Und die vermöbeln wir ihr auch noch!“ rief Diederich. +Die Bundesgenossen lachten vor Vergnügen. Diederich +holte eine Flasche Bier. +</p> + +<p> +„A–ber“, machte der Sozialdemokrat; und er rückte +mit seiner Bedingung heraus: ein Gewerkschaftshaus, bei +dessen Bau die Partei von der Stadt zu unterstützen war! +<pb n='346'/><anchor id='Pgp0346'/>... Diederich sprang vom Stuhl. „Und das erdreisten +Sie sich von einem nationalen Mann zu verlangen?“ +</p> + +<p> +Der andere blieb gelassen und ironisch. „Wenn wir +dem nationalen Mann nicht helfen, daß er gewählt wird, +wo bleibt dann der nationale Mann?“ – Und Diederich +mochte sich empören oder um Gnade flehen, er mußte +auf ein Blatt Papier schreiben, daß er für das Gewerkschaftshaus +nicht nur selbst stimmen, sondern auch die ihm +nahestehenden Stadtverordneten bearbeiten werde. Darauf +erklärte er barsch die Unterredung für beendet und +nahm dem Maschinenmeister die Bierflasche aus der +Hand. Aber Napoleon Fischer zwinkerte. Überhaupt dürfe +der Herr Doktor froh sein, daß er mit ihm und nicht mit +dem Parteibudiker Rille verhandele. Denn Rille, der für +seine eigene Wahl agitiere, wäre zu dem Kompromiß nicht +zu haben gewesen. Und in der Partei seien die Meinungen +geteilt; Diederich habe also allen Grund, in der ihm +nahestehenden Presse etwas für die Kandidatur Fischer +zu tun. „Wenn fremde Leute, zum Beispiel Rille, sollten +die Nase in Ihre Geschichten stecken, Herr Doktor, dafür +werden Sie sich wohl bedanken. Bei uns beiden ist es +was anderes. Wir haben schon mehr Dreck zusammen +verscharrt.“ +</p> + +<p> +Damit ging er und überließ Diederich seinen Gefühlen. +„Schon mehr Dreck zusammen verscharrt!“ dachte Diederich, +und Angstschauer kreuzten sich in ihm mit Wallungen +des Zorns. Das durfte der Hund ihm sagen, sein eigener +Kuli, den er jeden Augenblick auf die Straße werfen +konnte! Vielmehr, leider ging das nicht, denn es war +wahr, sie hatten Dreck verscharrt. Der Holländer! Die +geschundene Arbeiterin! Eine Vertraulichkeit zog die +andere nach sich: jetzt waren Diederich und sein Prolet +<pb n='347'/><anchor id='Pgp0347'/>nicht nur im Betrieb aufeinander angewiesen, sondern +auch politisch. Am liebsten hätte Diederich mit dem Parteibudiker +Rille angebunden; aber dann war zu fürchten, +daß Napoleon Fischer in seiner Rachsucht auspackte, was +er wußte. Diederich sah sich genötigt, ihm auch noch gegen +Rille zu helfen. „Aber“ – er schüttelte die Faust gegen +die Zimmerdecke – „wir sprechen uns wieder. Und wenn +es zehn Jahre dauert, die Abrechnung kommt!“ +</p> + +<p> +Hiernach oblag es ihm, dem alten Herrn Buck einen Besuch +zu machen und sein biedermännisches und schöngeistiges +Gerede mit Ergebenheit anzuhören. Dafür ward +er Kandidat der freisinnigen Partei ... In der „Netziger +Zeitung“, die in einem warmen Artikel Herrn Doktor +Heßling als Mensch, Bürger und Politiker den Wählern +empfahl, ward gleich darunter, wenn auch in kleinerem +Druck, die Aufstellung des Arbeiters Fischer scharf beanstandet. +Die sozialdemokratische Partei verfügte, man +mußte es leider zugeben, über genug selbständige Gewerbetreibende, +sie brauchte den bürgerlichen Stadtverordneten +nicht den kollegialen Verkehr mit einem +gewöhnlichen Arbeiter zuzumuten. Sollte insbesondere +Herr Doktor Heßling im Schoße der städtischen Körperschaft +seinem eigenen Maschinenmeister begegnen? +</p> + +<p> +Dieser Ausfall des bürgerlichen Blattes stellte unter den +Sozialdemokraten volle Einmütigkeit her; sogar Rille +mußte sich für Napoleon erklären, – der mit Glanz durch +das Ziel ging. Diederich bekam von der Partei, die ihn +aufstellte, nur die Hälfte der Stimmen, aber ihn retteten +die Genossen. Die beiden Gewählten wurden gemeinsam +in die Versammlung eingeführt. Bürgermeister Doktor +Scheffelweis beglückwünschte sie, mit dem Hinweis, daß +einerseits der tätige Bürger, andererseits der +empor<pb n='348'/><anchor id='Pgp0348'/>strebende Arbeiter –. Und schon in der nächsten Sitzung +griff Diederich in die Verhandlungen ein. +</p> + +<p> +Zur Debatte stand die Kanalisation der Gäbbelchenstraße. +Eine beträchtliche Anzahl jener alten Vorstadthäuser +befand sich noch heute, am Ende des neunzehnten +Jahrhunderts, im wenig rühmlichen Besitz von Abortgruben, +deren Ausdünstungen zuzeiten die ganze Gegend +überschwemmten. Bei seinem Besuch im „Grünen Engel“ +hatte Diederich die Wahrnehmung gemacht. So wandte +er sich denn mit Nachdruck gegen die finanztechnischen Bedenken +des Magistratsvertreters. Eine Forderung der +Kulturehre dürfe kleinlichen Rücksichten nicht weichen. +„Deutschtum heißt Kultur!“ rief Diederich aus. „Meine +Herren! Das hat kein Geringerer gesagt als Seine Majestät +der Kaiser. Und bei anderer Gelegenheit hat Seine +Majestät das Wort gesprochen: Die Schweinerei muß ein +Ende nehmen. Wo nur immer großzügig vorgegangen +wird, da leuchtet uns das erhabene Beispiel Seiner +Majestät voran, und darum, meine Herren –“ +</p> + +<p> +„Hurra!“ rief eine Stimme links, und Diederich begegnete +dem Grinsen Napoleon Fischers. Da reckte er +sich auf, er blitzte. +</p> + +<p> +„Sehr richtig!“ versetzte er schneidend. „Ich kann nicht +besser schließen. Seine Majestät der Kaiser hurra, hurra, +hurra!“ +</p> + +<p> +Verblüfftes Schweigen, – aber da die Sozialdemokraten +lachten, riefen rechts einige hurra. Doktor Heuteufel +warf die Frage dazwischen, ob der merkwürdige +Zusammenhang, in den Herr Doktor Heßling die Person +des Kaisers gebracht habe, nicht eigentlich eine Majestätsbeleidigung +darstelle. Aber der Vorsitzende klingelte +schnell. In der Presse jedoch ward weiter debattiert. Die +<pb n='349'/><anchor id='Pgp0349'/>„Volksstimme“ behauptete, Herr Heßling trage in die +Stadtverordnetenversammlung den Geist des übelsten +Byzantinismus, wohingegen die „Netziger Zeitung“ seine +Rede als die erfrischende Tat eines unbefangenen Patrioten +bezeichnete. Daß es sich aber um einen wahrhaft bedeutsamen +Vorgang handelte, ward erst klar, als es im +„Berliner Lokal-Anzeiger“ stand. Das Blatt Seiner +Majestät war über das mutige Auftreten des Netziger +Stadtverordneten Doktor Heßling des Lobes voll. Es +stellte mit Genugtuung fest, daß der neue, entschlossen +nationale Geist, für den der Kaiser eintrete, nunmehr +auch im Lande Fortschritte mache. Die kaiserliche Mahnung +werde befolgt, der Bürger erwache aus dem Schlummer, +die Scheidung zwischen denen für ihn und denen +wider ihn vollziehe sich. „Möchten viele wackere Vertreter +unserer Städte dem Beispiel des Doktor Heßling folgen!“ +</p> + +<p> +Diese Nummer des Lokal-Anzeigers trug Diederich +schon acht Tage lang auf dem Herzen, da schlich er sich +um die stillste Vormittagsstunde, unter Vermeidung der +Kaiser-Wilhelm-Straße, von rückwärts in die Bierstube +von Klappsch, wo er Gesellschaft fand: Napoleon Fischer +und der Parteiwirt Rille. Obwohl das Lokal ganz leer +war, zogen die drei sich in den äußersten Winkel zurück; +Fräulein Klappsch ward, kaum daß sie das Bier gebracht +hatte, hinausgeschickt; und Klappsch selbst, der an der Tür +horchte, hörte nur tuscheln. Er versuchte die Klappe zu Hilfe +zu nehmen, durch die er bei stärkerem Besuch die Gläser +hineinreichte; aber Rille, der damit Bescheid wußte, schlug +sie ihm vor der Nase zu. Immerhin hatte der Wirt bemerkt, +daß Doktor Heßling aufgesprungen war und im Begriff +schien, wegzugehen. Dazu werde er als nationaler Mann +niemals die Hand bieten!... Später aber wollte Fräulein +<pb n='350'/><anchor id='Pgp0350'/>Klappsch, die zum Zahlen gerufen ward, doch ein Papier +gesehen haben, das von allen drei unterschrieben war. +</p> + +<milestone unit="tb"/> + +<p> +Denselben Tag nachmittags hatten Emmi und Magda +eine Einladung zum Tee bei Frau von Wulckow, und +Diederich begleitete sie. Erhobenen Hauptes schritten die +Geschwister über die Kaiser-Wilhelm-Straße, Diederich +lüftete kühl den Zylinder vor den Herren, die von den +Stufen der Freimaurerloge erstaunt zusahen, wie er das +Gebäude der Regierung betrat. Den Wachtposten begrüßte +er mit einer jovialen Handbewegung. Droben in +der Garderobe stieß man auf Offiziere und ihre Damen, +denen die beiden Fräulein Heßling schon bekannt waren. +Die Sporen zusammenschlagend, zog der Leutnant von +Brietzen Emmi den Mantel aus, und sie dankte ihm über +die Schulter, wie eine Gräfin. Sodann trat sie Diederich +auf den Fuß, damit er merke, auf welchen heißen Boden +er versetzt sei. Und wirklich, als man nun Herrn von +Brietzen den Vortritt in den Salon aufgenötigt, vor der +Präsidentin entzückte Kratzfüße ausgeführt hatte und +mit allen bekannt geworden war: welche Aufgabe, so +ehrenvoll wie gefährlich, auf einem Stühlchen zwischen +Damenkleider eingeengt, die Teetasse im Gleichgewicht +zu erhalten, während man Kuchenteller weitergab, und +mit dem Kuchen ein huldigendes Lächeln zu spenden und +beim Essen ein schmelzendes Wort über die so gelungene +Aufführung der „Heimlichen Gräfin“ zu liefern, ein +männlich anerkennendes für die großzügige Verwaltungstätigkeit +des Präsidenten, ein gewichtiges über +Umsturz und Kaisertreue – und dabei noch den Wulckowschen +Hund zu füttern, der bettelte! An die anspruchslose +Gesellschaft des Ratskellers oder des Kriegervereins durfte +<pb n='351'/><anchor id='Pgp0351'/>man hier nicht denken; es hieß mit aufreibendem Lächeln +in die wasserhellen Augen des Hauptmanns von Köckeritz +starren, dessen Glatze weiß, dessen Gesicht von der Mitte +der Stirn abwärts feuerrot war und der vom Exerzierplatz +erzählte. Und wenn einem vor Gespanntheit auf die +Frage, ob man gedient habe, schon der Schweiß ausbrach, +erlebte man es unversehens, daß die Dame neben einem, +die ihr weißblondes Haar glatt über den Kopf hinaufkämmte +und eine sonnenverbrannte Nase hatte, von +Pferden zu sprechen anfing ... Diesmal ward Diederich +durch Emmi gerettet, denn Emmi, unterstützt von Herrn +von Brietzen, mit dem sie geradezu auf vertrautem Fuß +zu stehen schien, griff gewandt in das Pferdegespräch ein, +gebrauchte fachmännische Ausdrücke, ja, schreckte nicht davor +zurück, von Ritten ins Gelände zu phantasieren, die +sie auf dem Gut einer Tante unternommen haben wollte. +Als der Leutnant sich dann erbot, mit ihr auszureiten, +schützte sie die arme Frau Heßling vor, die es nicht erlaube. +Diederich erkannte Emmi nicht wieder. Ihre unheimlichen +Talente ließen Magda, der es doch gelungen war, sich zu +verloben, hier ganz im Schatten. Nicht ohne Bangen +ward Diederich, wie nach seiner Rückkehr aus dem „grünen +Engel“, sich der unberechenbaren Wege bewußt, die ein +Mädchen, wenn man es nicht sah –. Da bemerkte er, daß +er eine Frage der Präsidentin überhört hatte, und daß man +schwieg, weil er antworten sollte. Er suchte in der Luft +umher nach Hilfe, stieß aber nur auf den unerbittlichen +Blick eines großen Bildnisses, bleich und steinern, in roter +Husarenuniform, eine Hand auf der Hüfte, der Schnurrbart +an den Augenwinkeln, und der Blick über die Schulter +hinweg kalt blitzend! Diederich erbebte, er verschluckte +sich mit Tee, Herr von Brietzen klopfte ihm den Rücken. +</p> + +<pb n='352'/><anchor id='Pgp0352'/> + +<p> +Eine Dame, die bisher nur immer gegessen hatte, sollte +jetzt singen. Im Musikzimmer hatte man sich gruppiert. +Diederich, an der Tür, zog verstohlen die Uhr, da hüstelte +hinter ihm die Präsidentin. „Ich weiß wohl, lieber Doktor, +daß Sie nicht uns und unserer leichten, ich möchte +sagen allzu leichten Konversation Ihre Zeit opfern, die +so ernsten Pflichten gehört. Mein Mann erwartet Sie, +kommen Sie nur.“ Den Finger auf den Lippen ging sie +voran, über einen Gang, durch ein leeres Vorzimmer ... +Ganz leise klopfte sie. Da keine Antwort kam, sah sie ängstlich +auf Diederich, dem auch nicht wohl war. „Ottochen“, +versuchte sie, zärtlich an die verschlossene Tür geschmiegt. +Nach einer Weile des Lauschens erhob sich drinnen die +fürchterliche Baßstimme: „Hier ist kein Ottochen! Sag’ +den Schafsköpfen, Sie sollen ihren Tee allein saufen!“ – +„Er ist so sehr beschäftigt“, flüsterte Frau von Wulckow, ein +wenig bleicher. „Die Schlechtgesinnten untergraben seine +Gesundheit ... Leider muß ich mich jetzt meinen Gästen widmen, +der Diener soll Sie anmelden.“ Und sie entschwebte. +</p> + +<p> +Diederich wartete vergeblich auf den Diener, lange Minuten. +Dann aber trat der Wulckowsche Hund ein, schritt +riesenhaft und voll Verachtung an Diederich vorbei und +kratzte an der Tür. Sofort ertönte es drinnen: „Schnaps! +Komm herein!“ – worauf die Dogge die Tür aufklinkte. +Da sie vergaß, sie wieder zu schließen, erlaubte Diederich +sich, mit hineinzuschlüpfen. Herr von Wulckow saß in +einer Rauchwolke am Schreibtisch, er wendete den ungeheuren +Rücken her. +</p> + +<p> +„Guten Tag, Herr Präsident“, sagte Diederich, mit +einem Kratzfuß. „Na nu, quatschst du auch schon, Schnaps?“ +fragte Wulckow, ohne sich umzusehen. Er faltete ein +Papier, zündete langsam eine neue Zigarre an ... „Jetzt +<pb n='353'/><anchor id='Pgp0353'/>kommt es“, dachte Diederich. Aber dann begann Wulckow +etwas anderes zu schreiben. Interesse an Diederich nahm +nur der Hund. Offenbar fand er den Gast hier noch +weniger am Platz, seine Verachtung ging in Feindseligkeit +über; mit gefletschten Zähnen beschnupperte er Diederichs +Hose, fast war es kein Schnuppern mehr. Diederich +tanzte, so geräuschlos wie möglich, von einem Fuß +auf den anderen, und die Dogge knurrte drohend aber +leise, wohl wissend, ihr Herr könnte es sonst nicht weiter +kommen lassen. Endlich gelang es Diederich, zwischen sich +und seinen Feind einen Stuhl zu bringen, an den geklammert +er sich umherdrehte, bald langsamer, bald schneller, +und immer auf der Hut vor Schnaps’ Seitensprüngen. Einmal +sah er Wulckow den Kopf ein wenig wenden und glaubte +ihn schmunzeln zu sehen. Dann hatte der Hund genug +von dem Spiel, er ging zum Herrn und ließ sich streicheln; +und neben Wulckows Stuhl hingelagert, maß er mit +kühnen Jägerblicken Diederich, der sich den Schweiß wischte. +</p> + +<p> +„Gemeines Vieh!“ dachte Diederich – und plötzlich +wallte es auf in ihm. Empörung und der dicke Qualm +verschlugen ihm den Atem, er dachte, mit unterdrücktem +Keuchen: „Wer bin ich, daß ich mir das bieten lassen muß? +Mein letzter Maschinenschmierer läßt sich das von mir +nicht bieten. Ich bin Doktor. Ich bin Stadtverordneter! +Dieser ungebildete Flegel hat mich nötiger als ich ihn!“ +Alles, was er heute nachmittag erlebt hatte, nahm den +übelsten Sinn an. Man hatte ihn verhöhnt, der Bengel +von Leutnant hatte ihm den Rücken geklopft! Diese +Kommißköpfe und adeligen Puten hatten die ganze Zeit +von ihren albernen Angelegenheiten geredet und ihn wie +dumm dabei sitzen lassen! „Und wer bezahlt die frechen +Hungerleider? Wir!“ Gesinnung und Gefühle, alles +<pb n='354'/><anchor id='Pgp0354'/>stürzte in Diederichs Brust auf einmal zusammen, und +aus den Trümmern schlug wild die Lohe des Hasses. +„Menschenschinder! Säbelraßler! Hochnäsiges Pack!... +Wenn wir mal Schluß machen mit der ganzen Bande –!“ +Die Fäuste ballten sich ihm von selbst, in einem Anfall +stummer Raserei sah er alles niedergeworfen, zerstoben: +die Herren des Staates, Heer, Beamtentum, alle Machtverbände +und sie selbst, die Macht! Die Macht, die über +uns hingeht und deren Hufe wir küssen! Gegen die wir +nichts können, weil wir alle sie lieben! Die wir im Blut +haben, weil wir die Unterwerfung darin haben! Ein +Atom sind wir von ihr, ein verschwindendes Molekül von +etwas, das sie ausgespuckt hat!... Von der Wand dort, +hinter blauen Wolken, sah eisern hernieder ihr bleiches +Gesicht, eisern, gesträubt, blitzend: Diederich aber, in +wüster Selbstvergessenheit, hob die Faust. +</p> + +<p> +Da knurrte der Wulckowsche Hund, unter dem Präsidenten +hervor aber kam ein donnerndes Geräusch, ein +lang hinrollendes Geknatter – und Diederich erschrak +tief. Er verstand nicht, was dies für ein Anfall gewesen +war. Das Gebäude der Ordnung, wieder aufgerichtet +in seiner Brust, zitterte nur noch leise. Der Herr Regierungspräsident +hatte wichtige Staatsgeschäfte. Man +wartete eben, bis er einen bemerkte; dann bekundete man +gute Gesinnung und sorgte für gute Geschäfte ... +</p> + +<p> +„Na, Doktorchen?“ sagte Herr von Wulckow und drehte +seinen Sessel herum. „Was ist mit Ihnen los? Sie +werden ja der reine Staatsmann. Setzen Sie sich mal auf +diesen Ehrenplatz.“ +</p> + +<p> +„Ich darf mir schmeicheln“, stammelte Diederich. +„Einiges habe ich schon erreicht für die nationale Sache.“ +</p> + +<p> +Wulckow blies ihm einen mächtigen Rauchkegel ins +<pb n='355'/><anchor id='Pgp0355'/>Gesicht, dann kam er ihm ganz nahe mit seinen warmblütigen, +zynischen Augen und ihrer Mongolenfalte. „Sie +haben erstens erreicht, Doktorchen, daß Sie Stadtverordneter +geworden sind. Wie, das wollen wir auf sich +beruhen lassen. Jedenfalls konnten Sie es brauchen, denn +Ihr Geschäft soll ja ’ne ziemlich faule Karre sein.“ Da +Diederich zusammenzuckte, lachte Wulckow dröhnend. +„Lassen Sie nur, Sie sind mein Mann. Was meinen +Sie, das ich da geschrieben habe?“ Das große Blatt +Papier verschwand unter der Pranke, die er darauf legte. +„Da verlange ich vom Minister einen kleinen Piepmatz +für einen gewissen Doktor Heßling, in Anerkennung seiner +Verdienste um die gute Gesinnung in Netzig ... Für so +nett haben Sie mich wohl gar nicht gehalten?“ setzte er +hinzu, denn Diederich, mit einer Miene, geblendet und wie +mit Blödheit geschlagen, machte von seinem Stuhl herab +immerfort Verbeugungen. „Ich weiß tatsächlich nicht“, +brachte er hervor. „Meine bescheidenen Verdienste –“ +</p> + +<p> +„Aller Anfang ist schwer“, sagte Wulckow. „Es soll auch +nur eine Aufmunterung sein. Ihre Haltung im Prozeß +Lauer war nicht übel. Na und Ihr Kaiserhoch in der +Kanalisationsdebatte hat die antimonarchische Presse ganz +aus dem Häuschen gebracht. Schon an drei Orten im Lande +ist deshalb Anklage wegen Majestätsbeleidigung erhoben. +Da müssen wir uns Ihnen wohl erkenntlich zeigen.“ +</p> + +<p> +Diederich rief aus: „Mein schönster Lohn ist es, daß der +Lokal-Anzeiger meinen schlichtbürgerlichen Namen vor +die Allerhöchsten Augen selbst gebracht hat!“ +</p> + +<p> +„Na, nu nehmen Sie sich mal ’ne Zigarre“, schloß +Wulckow; und Diederich begriff, daß jetzt die Geschäfte +kamen. Schon inmitten der Hochgefühle waren ihm +Zweifel aufgestiegen, ob Wulckows Gnade vor allem +<pb n='356'/><anchor id='Pgp0356'/>anderen nicht eine ganz besondere Ursache habe. Er sagte +versuchsweise: +</p> + +<p> +„Für die Bahn nach Ratzenhausen wird die Stadt nun +doch wohl den Beitrag bewilligen.“ +</p> + +<p> +Wulckow streckte den Kopf vor. „Ihr Glück. Wir haben +sonst ein billigeres Projekt, darauf wird Netzig überhaupt +nicht berührt. Also sorgen Sie dafür, daß die Leute Vernunft +annehmen. Unter der Bedingung dürft ihr dann +dem Rittergut Quitzin euer Licht liefern.“ +</p> + +<p> +„Das will der Magistrat auch nicht.“ Diederich bat mit +den Händen um Nachsicht. „Die Stadt hat Schaden dabei, +und Herr von Quitzin zahlt uns keine Steuern ... Aber +jetzt bin ich Stadtverordneter, und als nationaler Mann –“ +</p> + +<p> +„Das möchte ich mir ausbitten. Mein Vetter Herr von +Quitzin baut sich sonst einfach ein Elektrizitätswerk, das +hat er billig, was glauben Sie, zwei Minister kommen bei +ihm zur Jagd – und dann unterbietet er euch hier in +Netzig selbst.“ +</p> + +<p> +Diederich richtete sich auf. „Ich bin entschlossen, Herr +Präsident, allen Anfeindungen zum Trotz in Netzig das +nationale Banner hochzuhalten.“ Hierauf, mit gedämpfter +Stimme: „Einen Feind können wir übrigens +loswerden: einen besonders schlimmen, jawohl, den alten +Klüsing in Gausenfeld.“ +</p> + +<p> +„Der?“ Wulckow feixte verächtlich. „Der frißt mir aus +der Hand. Er liefert Papier für die Kreisblätter.“ +</p> + +<p> +„Wissen Sie, ob er für schlechte Blätter nicht noch mehr +liefert? Darüber, Herr Präsident verzeihen, bin ich doch +wohl besser informiert.“ +</p> + +<p> +„Die Netziger Zeitung ist jetzt in nationaler Beziehung +zuverlässiger geworden.“ +</p> + +<p> +„Und zwar –“ Diederich nickte gewichtig, „seit dem +<pb n='357'/><anchor id='Pgp0357'/>Tage, an dem der alte Klüsing mir, Herr Präsident, einen +Teil der Papierlieferung hat anbieten lassen. Gausenfeld +sei überlastet. Natürlich hatte er Angst, daß ich mich +an einem nationalen Konkurrenzblatt beteilige. Und vielleicht +hatte er auch Angst –“ eine bedeutsame Pause – +„daß der Herr Präsident das Papier für die Kreisblätter +lieber bei einem nationalen Werk bestellt.“ +</p> + +<p> +„Also – Sie liefern jetzt für die Netziger Zeitung?“ +</p> + +<p> +„Niemals, Herr Präsident, werde ich meine nationale +Gesinnung so sehr verleugnen, daß ich an eine Zeitung +liefere, solange noch freisinniges Geld drin ist.“ +</p> + +<p> +„Na schön.“ Wulckow stemmte die Fäuste auf die +Schenkel. „Jetzt brauchen Sie nichts mehr zu sagen. Sie +wollen bei der Netziger Zeitung das Ganze. Die Kreisblätter +wollen Sie auch. Wahrscheinlich auch die Papierlieferungen +für die Regierung. Sonst noch was?“ +</p> + +<p> +Und Diederich, sachlich: +</p> + +<p> +„Herr Präsident, ich bin nicht wie Klüsing, mit dem +Umsturz mach’ ich keine Geschäfte. Wenn Sie, Herr Präsident, +auch als Vorstand der Bibelgesellschaft mein +Unternehmen stützen wollten, ich darf sagen, die nationale +Sache würde nur gewinnen.“ +</p> + +<p> +„Na schön“, wiederholte Wulckow und zwinkerte. Diederich +spielte seinen Trumpf aus. +</p> + +<p> +„Herr Präsident! Unter Klüsing ist Gausenfeld eine +Brutstätte des Umsturzes. Bei seinen achthundert Arbeitern +ist nicht einer dabei, der anders wählt als sozialdemokratisch.“ +</p> + +<p> +„Na und bei Ihnen?“ +</p> + +<p> +Diederich schlug sich auf die Brust. „Gott ist mein +Zeuge, daß ich lieber noch heute die Bude zumache und +mit den Meinen ins Elend hinausziehe, als daß ich einen +<pb n='358'/><anchor id='Pgp0358'/>einzigen Mann bei mir dulde, von dem ich weiß, er ist +nicht kaisertreu.“ +</p> + +<p> +„Sehr brauchbare Gesinnung“, sagte Wulckow. Diederich +sah ihn mit blauen Augen an. „Ich nehme nur gediente +Leute, vierzig haben den Krieg mitgemacht. +Jugendliche beschäftige ich gar nicht mehr, seit der Geschichte +mit dem Arbeiter, den der Wachtposten auf dem +Felde der Ehre, wie Seine Majestät festzustellen geruhten, +niedergestreckt hat, nachdem der Kerl mit seiner Braut +hinter meinen Lumpen –“ +</p> + +<p> +Wulckow winkte ab. „Ihre Sorge, Doktorchen!“ +</p> + +<p> +Diederich ließ sich seinen Entwurf nicht verderben. +„Unter meinen Lumpen darf kein Umsturz vorkommen. +Mit Ihren Lumpen, ich meine in der Politik, ist es anders. +Da können wir den Umsturz brauchen, damit +aus den freisinnigen Lumpen weißes, kaisertreues Papier +wird.“ Und er machte eine tief bedeutungsvolle Miene. +Wulckow schien nicht verblüfft, er schmunzelte furchtbar. +</p> + +<p> +„Doktorchen, ich bin auch nicht von gestern. Legen Sie +los, was haben Sie mit Ihrem Maschinenmeister ausgeknobelt?“ +</p> + +<p> +Da er Diederich wanken sah, fuhr Wulckow fort: „Das +ist auch einer von den Altgedienten, wie, Herr Stadtverordneter?“ +</p> + +<p> +Diederich schluckte, er sah, daß es keinen Umweg mehr +gab. „Herr Präsident“, sagte er mit einem Entschluß; +und dann leise und hastig: „Der Mann will in den Reichstag, +und vom nationalen Standpunkt ist er besser als +Heuteufel. Denn erstens werden viele Freisinnige vor +Schreck national werden, und zweitens kriegen wir, +wenn Napoleon Fischer gewählt wird, in Netzig ein +Kaiser-Wilhelm-Denkmal. Ich habe es schriftlich.“ +</p> + +<pb n='359'/><anchor id='Pgp0359'/> + +<p> +Er breitete ein Papier hin vor den Präsidenten. +Wulckow las, dann stand er auf, warf den Stuhl mit dem +Fuß fort und ging, Rauch ausstoßend, durch das Zimmer. +„Also Kühlemann kratzt ab, und von seiner halben Million +baut die Stadt kein Säuglingsheim, sondern ein Kaiser-Wilhelm-Denkmal.“ +Er blieb stehen. „Merken Sie sich das, mein +Lieber, in Ihrem eigensten Interesse! Wenn Netzig nachher +einen Sozialdemokraten im Reichstag, aber keinen Wilhelm +den Großen hat, dann lernen Sie mich kennen. Ich +mache Frikassee aus Ihnen! Ich schlag’ Sie so klein, daß +Sie nicht mal mehr im Säuglingsheim Aufnahme finden!“ +</p> + +<p> +Diederich war mitsamt seinem Stuhl zurückgewichen +bis an die Wand. „Herr Präsident! Alles, was ich bin, +meine ganze Zukunft setze ich ein für diese große nationale +Sache. Auch mir kann etwas Menschliches passieren ...“ +</p> + +<p> +„Dann gnade Ihnen Gott!“ +</p> + +<p> +„Wenn nun Kühlemanns Nierensteine sich doch noch +verziehen?“ +</p> + +<p> +„Sie haben die Verantwortung! Um meinen Kopf geht +es auch!“ Wulckow ließ sich krachend auf seinen Sitz fallen. +Er rauchte wütend. Als die Wolken zergingen, hatte er +sich aufgeheitert. „Was ich Ihnen auf dem Harmoniefest +gesagt habe, dabei bleibt es. Dieser Reichstag macht es +nicht mehr lange, arbeiten Sie vor in der Stadt. Helfen +Sie mir gegen Buck, ich helfe Ihnen gegen Klüsing.“ +</p> + +<p> +„Herr Präsident!“ Wulckows Lächeln schuf in Diederich +einen Überschwang von Hoffnung, er konnte nicht +an sich halten. „Wenn Sie es ihn unter der Hand wissen +ließen, daß Sie ihm eventuell die Aufträge entziehen! +An die große Glocke hängt er es nicht, das brauchen Sie +nicht zu fürchten; aber er wird seine Anstalten treffen. +Vielleicht verhandelt er –“ +</p> + +<pb n='360'/><anchor id='Pgp0360'/> + +<p> +„Mit seinem Nachfolger“, schloß Wulckow. Da mußte +Diederich aufspringen und seinerseits durch das Zimmer +laufen. „Wenn Sie wüßten, Herr Präsident ... Gausenfeld +ist sozusagen eine Maschine mit Tausendpferdekraft, +und die steht da und verrostet, weil der Strom fehlt, ich +will sagen, der moderne, großzügige Geist!“ +</p> + +<p> +„Den scheinen Sie zu haben“, meinte Wulckow. +</p> + +<p> +„Im Dienst der nationalen Sache“, beteuerte Diederich. +Er kehrte zurück. „Das Kaiser-Wilhelm-Denkmal-Komitee +wird sich glücklich schätzen, wenn es uns gelingen würde, daß +Sie so gut sind, Herr Präsident, und bekunden der Sache Ihr +geschätztes Interesse durch Annahme des Ehrenvorsitzes.“ +</p> + +<p> +„Gemacht“, sagte Wulckow. +</p> + +<p> +„Die aufopfernde Tätigkeit seines Herrn Ehrenvorsitzenden +wird das Komitee entsprechend zu würdigen wissen.“ +</p> + +<p> +„Erklären Sie sich mal näher!“ In Wulckows Stimme +grollte es unheilvoll, aber Diederich bei seiner Angeregtheit +überhörte es. +</p> + +<p> +„Die Idee hat bereits zu gewissen Erörterungen im +Schoße des Komitees geführt. Man wünscht das Denkmal +in frequentester Lage zu errichten und mit einem +Volkspark zu umgeben, damit nämlich die unlösbare Verbindung +von Herrscher und Volk sinnfällig in die Erscheinung +tritt. Da haben wir nun im Zentrum der Stadt +an ein größeres Grundstück gedacht; auch die Nachbargebäude +wären zu haben; es ist in der Meisestraße.“ +</p> + +<p> +„Soso. Meisestraße.“ Wulckows Brauen hatten sich +gewitterhaft zusammengezogen. Diederich erschrak, aber +es gab kein Halten mehr. +</p> + +<p> +„Der Gedanke ist aufgetaucht, daß wir uns, noch bevor +die Stadt der Sache näher tritt, die betreffenden Grundstücke +sichern und unbefugten Spekulationen zuvorkommen +<pb n='361'/><anchor id='Pgp0361'/>sollen. Unser Herr Ehrenvorsitzender hätte natürlich das +erste Anrecht ...“ +</p> + +<p> +Nach diesem Wort wich Diederich zurück, der Sturm brach +los. „Herr! Für wen halten Sie mich? Bin ich Ihr Geschäftsagent? +Das ist unerhört, das war noch nicht da! So +ein Koofmich mutet dem Königlichen Regierungspräsidenten +zu, er soll seine schmutzigen Geschäfte mitmachen!“ +</p> + +<p> +Wulckow dröhnte übermenschlich, er drang mit seiner +gewaltigen Körperwärme und mit seinem persönlichen +Geruch gegen Diederich vor, der sich rückwärts bewegte. +Auch der Hund war aufgestanden und ging kläffend zum +Angriff über. Das Zimmer war auf einmal erfüllt von +Graus und Getöse. +</p> + +<p> +„Sie machen sich einer schweren Beamtenbeleidigung +schuldig, Herr!“ schrie Wulckow, und Diederich, der hinter +sich nach der Tür tastete, hatte nur Vermutungen darüber, +wer ihm früher an der Kehle sitzen werde, der Hund +oder der Präsident. Seine angstvoll irrenden Augen +trafen das bleiche Gesicht, das von der Wand herab drohte +und blitzte. Nun hatte er sie an der Kehle, die Macht! +Vermessen hatte er sich, mit der Macht auf vertrautem +Fuß zu verkehren. Das war sein Verderben, sie brach +über ihn herein mit dem Entsetzen eines Weltuntergangs +... Die Tür hinter dem Schreibtisch ging auf, jemand in +Polizeiuniform trat ein. Den schlotternden Diederich +überraschte er nicht mehr. Wulckow ward durch die Gegenwart +der Uniform auf einen neuen furchtbaren Gedanken +gebracht. „Ich kann Sie augenblicklich verhaften lassen, +Sie Jammerprinz, wegen versuchter Beamtenbestechung, +wegen Bestechungsversuch an einer Behörde, an der +obersten Behörde des Regierungsbezirks! Ich bringe Sie +ins Zuchthaus, ich ruiniere Sie für Ihr Leben!“ +</p> + +<pb n='362'/><anchor id='Pgp0362'/> + +<p> +Auf den Herrn von der Polizei schien dieses Jüngste +Gericht nicht entfernt den Eindruck zu machen wie auf +Diederich. Er legte das Papier, das er brachte, auf den +Schreibtisch nieder und verschwand. Übrigens drehte +auch Wulckow sich plötzlich um; er zündete seine Zigarre +wieder an, Diederich war nicht mehr da für ihn. Und auch +Schnaps ließ von ihm ab, als sei er Luft. Da wagte Diederich +es, die Hände zu falten. +</p> + +<p> +„Herr Präsident,“ flüsterte er wankend, „Herr Präsident, +erlauben Herr Präsident, daß ich feststellen darf, es +liegt ein, darf ich feststellen, tief bedauerliches Mißverständnis +vor. Nie würde ich, bei meiner wohlbekannten +nationalen Gesinnung –. Wie könnte ich!“ +</p> + +<p> +Er wartete, aber niemand bekümmerte sich um ihn. +</p> + +<p> +„Wenn ich auf meinen Vorteil sähe,“ begann er wieder, +um etwas vernehmlicher, „anstatt daß ich immer nur das +nationale Interesse im Auge habe, dann wäre ich heute +nicht hier, dann wäre ich bei dem Herrn Buck. Denn der +Herr Buck, jawohl, der hat mir zugemutet, ich soll mein +Grundstück an die Stadt verkaufen, für das freisinnige +Säuglingsheim. Aber das Ansinnen hab’ ich mit Entrüstung +zurückgewiesen und habe den geraden Weg gefunden +zu Ihnen, Herr Präsident. Denn besser, hab’ ich +gesagt, das Denkmal Kaiser Wilhelms des Großen im +Herzen als das Säuglingsheim in der Tasche, hab’ ich +gesagt und sag’ es auch hier mit lauter Stimme!“ +</p> + +<p> +Da Diederich in der Tat die Stimme erhob, wandte +Wulckow sich ihm zu. „Sind Sie noch immer da?“ fragte +er. Und Diederich, aufs neue ersterbend: „Herr Präsident –“ +</p> + +<p> +„Was wollen Sie noch? Ich kenne Sie überhaupt +nicht. Habe nie mit Ihnen verhandelt.“ +</p> + +<p> +„Herr Präsident, im nationalen Interesse –“ +</p> + +<pb n='363'/><anchor id='Pgp0363'/> + +<p> +„Mit Grundstücksspekulanten verhandele ich nicht. +Verkaufen Sie Ihr Grundstück, und dalli; nachher können +wir reden.“ +</p> + +<p> +Diederich, erblaßt, mit dem Gefühl, als werde er an +der Wand zerquetscht: „In dem Fall bleibt es bei unseren +Bedingungen? Der Orden? Der Wink an Klüsing? Der +Ehrenvorsitz?“ +</p> + +<p> +Wulckow zog eine Grimasse. „Meinetwegen. Aber sofort +verkaufen!“ +</p> + +<p> +Diederich rang nach Atem. „Ich bringe das Opfer!“ +erklärte er. „Denn das Höchste, was der kaisertreue Mann +hat, meine kaisertreue Gesinnung, muß über jedem Verdacht +stehen.“ +</p> + +<p> +„Na ja“, sagte Wulckow, indes Diederich sich zurückzog, +stolz auf seinen Abgang, wenn auch beengt durch die +Empfindung, daß der Präsident ihn als Bundesgenossen +nicht lieber ertrug als er selbst seinen Maschinenmeister. +</p> + +<p> +Im Salon fand er Emmi und Magda ganz allein in +einem Prachtwerk blätternd. Die Gäste waren fort, und +auch Frau von Wulckow hatte sie verlassen, weil sie sich +anziehen mußte zur Soiree bei der Frau Oberst von +Haffke. „Meine Unterredung mit dem Präsidenten ist +für beide Teile durchaus befriedigend verlaufen“, stellte +Diederich fest; und draußen auf der Straße: „Da sieht +man es, was es heißt, wenn zwei loyale Männer verhandeln. +In dem heutigen verjudeten Geschäftsbetrieb +kennt man das gar nicht mehr.“ +</p> + +<p> +Emmi, gleichfalls sehr angeregt, erklärte, daß sie Reitstunden +nehmen werde. „Wenn ich dir das Geld gebe“, +sagte Diederich, aber nur der Ordnung wegen, denn er +war stolz auf Emmi. „Hat Leutnant von Brietzen nicht +Schwestern?“ bemerkte er. „Du solltest bekannt werden +<pb n='364'/><anchor id='Pgp0364'/>und uns Einladungen verschaffen zur nächsten Soiree +der Frau Oberst.“ Gerade ging drüben der Oberst vorbei. +Diederich sah ihm lange nach. „Ich weiß wohl,“ +sagte er, „man soll sich nicht umdrehen; aber das ist nun +mal das Höchste, es zieht einen hin!“ +</p> + +<milestone unit="tb"/> + +<p> +Dennoch hatte der Vertrag mit Wulckow nur seine +Sorgen vergrößert. Der handgreiflichen Verpflichtung, +sein Haus zu verkaufen, stand nichts gegenüber als Hoffnungen +und Aussichten: nebelhafte Aussichten, allzu +kühne Hoffnungen ... Es fror; Diederich ging am Sonntag +in den Stadtpark, wo es schon dunkelte, und auf einem +einsamen Pfad begegnete er Wolfgang Buck. +</p> + +<p> +„Ich habe mich nun doch entschlossen“, erklärte Buck. +„Ich gehe zur Bühne.“ +</p> + +<p> +„Und Ihre bürgerliche Stellung? Und Ihre Heirat?“ +</p> + +<p> +„Ich habe es versucht, aber das Theater ist vorzuziehen. +Es wird dort weniger Komödie gespielt, wissen Sie, man +ist ehrlicher bei der Sache. Auch sind die Weiber schöner.“ +</p> + +<p> +„Das ist kein Standpunkt“, erwiderte Diederich. Aber +Buck war es ernst. „Ich muß zugeben, das Gerücht über +Guste und mich hat mir Spaß gemacht. Andererseits: so +blödsinnig es ist, es ist nun einmal da, das Mädchen leidet +darunter, ich kann sie nicht länger kompromittieren.“ +</p> + +<p> +Diederich widmete ihm einen abschätzigen Seitenblick, +denn er hatte den Eindruck, Buck nahm das Gerücht zum +Vorwand, um sich zu drücken. „Sie werden wohl wissen,“ +versetzte er streng, „was Sie da anrichten. Ein anderer +nimmt sie jetzt natürlich auch nicht mehr leicht. Es gehört +schon verdammt viel ritterliche Gesinnung dazu.“ +</p> + +<p> +Buck bestätigte dies. „Für einen wirklich modernen, +großzügigen Mann“, sagte er bedeutungsvoll, „müßte +<pb n='365'/><anchor id='Pgp0365'/>es eine besondere Genugtuung sein, ein Mädchen unter +solchen Umständen zu sich hinaufzuziehen und für sie einzutreten. +Hier, wo auch Geld ist, würde zweifellos der +Edelmut zuletzt das Feld behaupten. Denken Sie an das +Gottesgericht im Lohengrin.“ +</p> + +<p> +„Wieso, Lohengrin?“ +</p> + +<p> +Hierauf antwortete Buck nicht mehr; da sie das Sachsentor +erreicht hatten, ward er unruhig. „Kommen Sie mit +hinein?“ fragte er. – „Wo denn hinein?“ – „Gleich hier, +Schweinichenstraße 77. Ich muß es ihr doch sagen, Sie +könnten vielleicht –.“ Da pfiff Diederich durch die Zähne. +</p> + +<p> +„Sie sind wirklich –. Sie haben ihr noch nichts gesagt? +Vorher erzählen Sie es in der Stadt umher? Ihre Sache, +mein Bester, aber mich lassen Sie aus dem Spiel, den +Bräuten anderer Leute pflege ich nicht die Verlobung zu +kündigen.“ +</p> + +<p> +„Machen Sie eine Ausnahme“, bat Buck. „Mir werden +Szenen im Leben so schwer.“ +</p> + +<p> +„Ich habe Grundsätze“, sagte Diederich. Buck lenkte ein. +</p> + +<p> +„Sie brauchen nichts zu sagen; Sie sollen mir nur in +einer stummen Rolle als moralische Unterstützung dienen.“ +</p> + +<p> +„Moralisch?“ fragte Diederich. +</p> + +<p> +„Als Vertreter sozusagen des verhängnisvollen Gerüchtes.“ +</p> + +<p> +„Was wollen Sie damit sagen?“ +</p> + +<p> +„Ich scherze. Da sind wir, kommen Sie.“ +</p> + +<p> +Und Diederich, betroffen durch Bucks letzte Wendung, +ging wortlos mit. +</p> + +<p> +Frau Daimchen war ausgegangen, und Guste ließ auf sich +warten. Buck ging nachzusehen, was sie mache. Endlich kam +sie, aber allein. „War nicht auch Wolfgang da?“ fragte sie. +</p> + +<p> +Buck war ausgerissen! +</p> + +<pb n='366'/><anchor id='Pgp0366'/> + +<p> +„Das begreife ich nicht“, sagte Diederich. „Er hatte doch +etwas ganz Dringendes bei Ihnen vor.“ +</p> + +<p> +Hierauf errötete Guste. Diederich wandte sich der Tür +zu. „Dann empfehle ich mich auch.“ +</p> + +<p> +„Was wollte er denn?“ forschte sie. „Das kommt bei +ihm doch nicht oft vor, daß er etwas will. Und wozu +bringt er Sie mit?“ +</p> + +<p> +„Das sehe ich auch nicht ein. Ich darf sogar sagen, daß ich +es entschieden mißbillige, wenn er sich bei einer solchen Gelegenheit +Zeugen nimmt. Meine Schuld ist es nicht, adieu.“ +</p> + +<p> +Aber je verlegener er sie ansah, desto dringender ward sie. +</p> + +<p> +„Ich muß es ablehnen,“ verriet er schließlich, „daß ich +mir mit den Angelegenheiten Dritter soll den Mund verbrennen, +noch dazu, wenn der Dritte durchgeht und entzieht +sich seinen nächstliegenden Verpflichtungen.“ +</p> + +<p> +Gustes aufgerissene Augen sahen die Worte einzeln aus +Diederichs Mund hervorkommen. Als das letzte gefallen +war, verharrte sie einen Augenblick reglos, und dann warf +sie die Hände vor das Gesicht. Sie schluchzte, man sah ihre +Wangen aufquellen und die Tränen ihr durch die Finger +rinnen. Sie hatte kein Schnupftuch; Diederich lieh es ihr, +betreten durch ihren Schmerz. „Schließlich“, meinte er, „ist +ja so viel nicht an ihm verloren.“ Da aber empörte sich +Guste. „Das sagen Sie! Sie sind derjenige welcher und +haben immer gegen ihn gehetzt. Daß er ausgerechnet Sie +muß herschicken, das kommt mir mehr wie sonderbar vor.“ +</p> + +<p> +„Wie meinen Sie das, bitte?“ verlangte Diederich +seinerseits. „Sie mußten wohl reichlich so genau wissen +wie ich, geehrtes Fräulein, was Sie von dem betreffenden +Herrn zu erwarten hatten. Denn wo die Gesinnung +schlapp ist, ist alles schlapp.“ +</p> + +<p> +Da sie ihn höhnisch musterte, versetzte er um so strenger: +</p> + +<pb n='367'/><anchor id='Pgp0367'/> + +<p> +„Ich habe Ihnen alles richtig vorausgesagt.“ +</p> + +<p> +„Weil es Ihnen so paßte“, erwiderte sie giftig. Und +Diederich, mit Ironie: „Er hat mich doch selbst angestellt, +daß ich seinen Kochtopf sollte umrühren. Und wenn der +Kochtopf nicht in braune Lappen eingewickelt gewesen +wäre, hätte er ihn schon längst überkochen lassen.“ +</p> + +<p> +Da rang es sich los aus Guste. „Haben Sie ’ne Ahnung! +Das ist es ja, das kann und kann ich ihm nicht verzeihen, +daß ihm immer <hi rend='gesperrt'>alles</hi> wurscht war, sogar mein Geld!“ +</p> + +<p> +Diederich war erschüttert. „Mit so einem soll man sich +nicht einlassen“, stellte er fest. „Die haben keinen Halt +und laufen einem durch die Finger.“ Er nickte gewichtig. +„Wem das Geld wurscht ist, der versteht das Leben +nicht.“ +</p> + +<p> +Guste lächelte blaß. „Dann verstehen Sie es glänzend.“ +</p> + +<p> +„Das wollen wir hoffen“, sagte er. Sie kam näher zu +ihm, durch ihre letzten Tränen blinzelte sie ihn an. +</p> + +<p> +„Recht haben Sie ja nun behalten. Was meinen Sie +wohl, das ich mir daraus mache?“ Sie verzog den Mund. +„Ich hab’ ihn doch überhaupt nicht geliebt. Bloß auf die +Gelegenheit hab’ ich gewartet, daß ich ihn loswerde. Nun +ist er so gemein und geht von selbst ... Dann machen wir +es ohne ihn“, setzte sie hinzu, mit einem verlockenden +Blick. Aber Diederich nahm nur sein Schnupftuch zurück, +für alles andere schien er zu danken. Guste begriff, daß +er noch ebenso streng dachte, wie damals im Liebeskabinett; +um so demütiger verhielt sie sich. +</p> + +<p> +„Sie spielen gewiß auf meine Lage an, wo ich nun drin +bin.“ +</p> + +<p> +Er lehnte ab. „Ich habe nichts gesagt.“ Guste klagte +still. „Wenn die Leute Gemeinheiten über mich reden, +dafür kann ich doch nicht!“ +</p> + +<pb n='368'/><anchor id='Pgp0368'/> + +<p> +„Ich auch nicht.“ +</p> + +<p> +Guste senkte den Kopf. „Na ja, ich muß es wohl einsehen. +So eine wie ich verdient nicht mehr, daß ein wirklich feiner +Mann mit ernsten Ansichten vom Leben sie noch nimmt.“ +Und dabei schielte sie von unten nach der Wirkung. +</p> + +<p> +Diederich schnaufte. „Es kann auch sein –“, begann er +und machte eine Pause. Guste atmete nicht. „Nehmen +wir einmal an,“ sagte er mit schneidender Betonung, „jemand +hat im Gegenteil die allerernstesten Ansichten vom +Leben, und er empfindet modern und großzügig, und im +vollen Gefühl der Verantwortlichkeit gegen sich selbst sowohl +als gegen seine künftigen Kinder, wie gegen Kaiser +und Vaterland übernimmt er den Schutz des wehrlosen +Weibes und zieht es zu sich empor.“ +</p> + +<p> +Gustes Miene war immer frommer geworden. Sie +lehnte die Handflächen aneinander und sah ihn mit +schiefem Kopf innig flehend an. Dies schien noch nicht +zu genügen, er verlangte offenbar etwas ganz Besonderes: +und so fiel Guste plumps auf die Knie. Da nahte +Diederich ihr gnädig. „So soll es sein“, sagte er und +blitzte. +</p> + +<p> +Hier trat Frau Daimchen ein. „Nanu,“ bemerkte sie, „was +ist denn los?“ Und Guste, mit Geistesgegenwart: „Ach Gott, +Mutter, wir suchen meinen Ring“, – worauf auch Frau +Daimchen sich am Boden niederließ. Diederich wollte nicht +zurückstehen. Nach einer Weile stummen Umherkriechens +rief Guste: „Hat ihm schon!“ Sie stand entschlossen auf. +</p> + +<p> +„Daß du es nur weißt, Mutter, ich habe mich verändert.“ +</p> + +<p> +Frau Daimchen, noch außer Atem, begriff nicht sogleich. +Guste und Diederich vereinten ihre Anstrengungen, um +sie aufzuklären. Schließlich gestand sie, daß sie selbst, +weil die Leute nun einmal redeten, an so etwas schon +<pb n='369'/><anchor id='Pgp0369'/>gedacht habe. „Wolfgang war sowieso ’n bißchen zu +miesepeterig, außer er hatte was getrunken. Bloß die +Familie, dagegen kommen Heßlings nicht auf.“ +</p> + +<p> +Das werde sie sehen, behauptete Diederich; und er kündigte +an, daß nichts abgemacht sei, solange das Praktische +auch nicht stimmte. Die Ausweise über Gustes Mitgift +mußten herbei, dann verlangte er Gütergemeinschaft – +und was er nachher mit dem Gelde anfing, da durfte niemand +hineinreden! Bei jedem Widerspruch hielt er den +Türgriff schon in der Hand, und jedesmal sprach Guste +leise und angstvoll zu ihrer Mutter: „Soll denn morgen +die ganze Stadt sich den Mund verrenken, weil ich den +einen los bin, und der andere ist auch gleich wieder weg?“ +</p> + +<p> +Als alles stimmte, ward Diederich jovial. Er aß zu +Abend mit den Damen und wollte schon, ohne lange zu +fragen, das Dienstmädchen nach dem Verlobungssekt +schicken. Dies kränkte Frau Daimchen, denn natürlich hatte +sie welchen im Hause, das verlangten die Herren Offiziere, +die bei ihr verkehrten. „Überhaupt haben Sie mehr Glück +als Verstand, denn den Herrn Leutnant von Brietzen +hätte Guste auch gekriegt.“ Darauf lachte Diederich wohlgemut. +Alles ging gut. Für ihn das viele Geld, und der +Leutnant von Brietzen für Emmi!... Man ward sehr +lustig; bei der zweiten Flasche taumelte das Brautpaar +auf seinen Stühlen immer einer gegen den anderen, ihre +Füße waren umeinandergewickelt bis zum Knie, und +Diederichs Hand beschäftigte sich unten. Drüben drehte +Frau Daimchen die Daumen. Plötzlich verursachte Diederich +ein donnerndes Geräusch und erklärte sofort, er +übernehme dafür die volle Verantwortung, es sei in +aristokratischen Kreisen üblich, er verkehre bei Wulckows. +</p> + +<pb n='370'/><anchor id='Pgp0370'/> + +<p> +Welche Überraschung, als Netzig den Umschwung der +Dinge erfuhr! Auf die Erkundigungen der Gratulanten +erwiderte Diederich, was er mit den anderthalb Millionen +seiner Frau beginnen werde, sei ganz ungewiß. Vielleicht +ziehe er nach Berlin, für großzügige Unternehmungen sei +es das Angezeigte. Seine Fabrik jedenfalls denke er bei +Gelegenheit zu verkaufen. „Die Papierindustrie macht +überhaupt eine Krise durch; diese mitten in Netzig gelegene +Klitsche hat in meinen Verhältnissen keinen Sinn mehr.“ +</p> + +<p> +Daheim gab es eitel Sonnenschein. Die Schwestern erhielten +ein erhöhtes Taschengeld, und seiner Mutter gestattete +Diederich so viele Rührszenen und Umarmungen, +als sie sich irgend wünschen konnte; ja, er nahm willig ihren +Segen entgegen. Guste, so oft sie kam, trat in der Rolle +einer Fee auf, die Arme voll Blumen, Bonbons, silbernen +Beuteln. An ihrer Seite schien Diederich über Blumen zu +wandeln. Die Tage entschwebten himmlisch leicht, unter +Einkäufen, Sektfrühstücken und den Brautvisiten, einen +vornehmen Lohndiener auf dem Bock, und drinnen im +Wagen die Verlobten anregend miteinander beschäftigt. +</p> + +<p> +Die schöne Laune, die mit ihrem Dasein spielte, führte +sie eines Abends in den Lohengrin. Die beiden Mütter +hatten sich dazu verstehen müssen, zu Hause zu bleiben; +es war der feste Wille des Brautpaares, der Schicklichkeit +zum Trotz allein in einer Proszeniumsloge zu sitzen. Das +breite rote Plüschsofa an der Wand, wo man nicht gesehen +werden konnte, war eingedrückt und fleckig, es hatte +etwas Reizvoll-Fragwürdiges. Guste wollte wissen, daß +diese Loge eigentlich den Herren Offizieren gehörte, und +daß sie hier Besuche von Schauspielerinnen empfingen! +</p> + +<p> +„Über die Schauspielerinnen sind wir glücklich hinaus“, +erklärte Diederich, und er ließ durchblicken, daß er allerdings +<pb n='371'/><anchor id='Pgp0371'/>bis vor kurzem mit einer gewissen Dame vom Theater, die +er natürlich nicht nennen könne –. Gustes fieberhafte +Fragen wurden rechtzeitig unterbrochen durch das Klopfen +des Kapellmeisters. Sie nahmen ihre Plätze ein. +</p> + +<p> +„Hähnisch ist noch wabbeliger geworden“, bemerkte +Guste sogleich, und sie nickte nach dem Dirigenten hinab. +Er machte auf Diederich einen hochkünstlerischen, wenn +auch ungesunden Eindruck. Schwarze, verwirrte Haarsträhnen +wippten, indes er mit allen seinen Gliedmaßen +den Takt schlug, über seinem großen grauen Gesicht, dessen +Fettsäcke mitwippten; und in Frack und Hose wogte es +rhythmisch. Im Orchester war großer Betrieb, dennoch +gab Diederich zu verstehen, daß er auf Ouvertüren keinen +Wert lege. Überhaupt, meinte Guste, wenn man den +Lohengrin in Berlin kannte! Der Vorhang ging auf, und +schon kicherte sie verachtungsvoll. „Gott, die Ortrud! Sie +hat einen Schlafrock und ein Frontkorsett!“ Diederich +hielt sich mehr an den König unter der Eiche, der sichtlich +die prominenteste Persönlichkeit war. Sein Auftreten +wirkte nicht besonders schneidig; Wulckow brachte Baß +und Vollbart entschieden besser zur Geltung; aber was +er äußerte, war vom nationalen Standpunkt aus zu begrüßen. +„Des Reiches Ehr’ zu wahren, ob Ost, ob West.“ +Bravo! So oft er das Wort deutsch sang, reckte er die +Hand hinauf, und die Musik bekräftigte es ihrerseits. Auch +sonst unterstrich sie einem markig, was man hören sollte. +Markig, das war das Wort. Diederich wünschte sich, er +hätte zu seiner Rede in der Kanalisationsdebatte eine +solche Musik gehabt. Der Heerrufer dagegen stimmte ihn +wehmütig, denn er glich aufs Haar dem dicken Delitzsch +in all seiner verflossenen Bierehrlichkeit. Infolgedessen +sah Diederich die Gesichter der Mannen näher an und +<pb n='372'/><anchor id='Pgp0372'/>fand überall Neuteutonen. Sie hatten größere Bäuche +und Bärte bekommen und sich gegen die harte Zeit mit +Blech gerüstet. Auch schienen nicht alle sich in günstigen +Lebensumständen zu befinden; die Edlen sahen aus wie +mittlere Beamte des Mittelalters, mit Ledergesichtern +und Knickebeinen, die Unedlen noch weniger glänzend; +aber der Verkehr mit ihnen wäre unzweifelhaft in tadellosen +Formen verlaufen. Überhaupt ward Diederich gewahr, +daß man sich in dieser Oper sogleich wie zu Hause +fühlte. Schilder und Schwerter, viel rasselndes Blech, kaisertreue +Gesinnung, Ha und Heil und hochgehaltene Banner, +und die deutsche Eiche: man hätte mitspielen mögen. +</p> + +<p> +Was den weiblichen Teil der Brabanter Gesellschaft betraf, +der ließ freilich zu wünschen. Guste stellte spöttische +Fragen: welche es denn nun sei, mit der er –. „Vielleicht +die Ziege in dem Hängekleid? Oder die dicke Kuh mit +dem Goldreifen zwischen den Hörnern?“ Und Diederich +war nicht weit davon entfernt, sich für die schwarze Dame +mit dem Frontkorsett zu entscheiden, als er noch rechtzeitig +bemerkte, daß eben sie in der ganzen Angelegenheit +nicht einwandfrei dastand. Ihr Gatte Telramund schien +zunächst noch leidlich Komment zu haben, aber eine höchst +üble Klatschgeschichte spielte offenbar auch hier mit. +Leider war die deutsche Treue, selbst wo sie ein so glänzendes +Bild darbot, bedroht von den jüdischen Machenschaften +der dunkelhaarigen Rasse. +</p> + +<p> +Beim Auftreten Elsas war es ohne weiteres klar, auf +welcher Seite man Klasse voraussetzen durfte. Der biedere +König hätte es nicht nötig gehabt, die Sache dermaßen +objektiv zu behandeln: Elsas ausgesprochen germanischer +Typ, ihr wallendes blondes Haar, ihr gutrassiges Benehmen +boten von vornherein gewisse Garantien. +Diede<pb n='373'/><anchor id='Pgp0373'/>rich faßte sie ins Auge, sie sah herauf, sie lächelte lieblich. +Darauf griff er nach dem Opernglas, aber Guste entriß +es ihm. „Also die Merée ist es?“ zischte sie; und da er +vielsagend lächelte: „Einen feinen Geschmack hast du, ich +kann mich geschmeichelt fühlen. Die ausgemergelte Jüdin!“ +– „Jüdin?“ – „Die Merée, selbstredend, sie heißt +doch Meseritz, und vierzig Jahre ist sie alt.“ – Betreten +nahm er das Glas, das Guste ihm höhnisch anbot, und +überzeugte sich. Na ja, die Welt des Scheins. Enttäuscht +lehnte Diederich sich zurück. Dennoch konnte er nicht hindern, +daß Elsas keusche Vorahnung weiblicher Lustempfindungen +ihn gerade so sehr rührte wie den König und +die Edlen. Das Gottesgericht schien auch ihm ein hervorragend +praktischer Ausweg, auf die Weise ward niemand +kompromittiert. Daß die Edlen sich auf die faule Sache +nicht einlassen würden, war freilich vorherzusehen. Man +mußte schon mit etwas Außerordentlichem rechnen; die +Musik tat das ihre, sie machte einen geradezu auf alles +gefaßt. Diederich hatte den Mund offen und so dummselige +Augen, daß Guste heimlich einen Lachkrampf bekam. +Jetzt war er so weit, alle waren so weit, jetzt konnte Lohengrin +kommen. Er kam, funkelte, schickte den Zauberschwan +fort, funkelte noch betörender. Mannen, Edle und der +König unterlagen alle derselben Verblüffung wie Diederich. +Nicht umsonst gab es höhere Mächte.... Ja, die +allerhöchste Macht verkörperte sich hier, zauberhaft blitzend. +Ob Schwanen- oder Adlerhelm: Elsa wußte wohl, warum +sie plumps vor ihm auf die Knie fiel. Diederich seinerseits +blitzte Guste an, ihr verging das Lachen. Auch sie +hatte erfahren, wie es war, wenn alle einen verklatschten, +und den ersten war man los und konnte sich nirgends mehr +sehen lassen und hätte überhaupt wegziehen müssen: und +<pb n='374'/><anchor id='Pgp0374'/>da kam der Held und Retter und machte sich aus der +ganzen Geschichte nichts und nahm einen doch! „So soll +es sein!“ sagte Diederich und nickte auf die kniefällige +Elsa hinab – indes Guste, die Lider gesenkt, in reuevoller +Unterwerfung gegen seine Schulter fiel. +</p> + +<p> +Das weitere konnte man an den Fingern abzählen. +Telramund machte sich einfach unmöglich. Gegen die +Macht unternahm man eben nichts. Zu ihrem Repräsentanten +Lohengrin verhielt sich sogar der König höchstens +wie ein besserer Bundesfürst. Er sang seinem Vorgesetzten +die Siegeshymne mit. Der Hort der guten Gesinnung +ward schwungvoll gefeiert, die Umstürzler mochten den +deutschen Staub von ihren Pantoffeln schütteln. +</p> + +<p> +Der zweite Akt – Guste aß noch immer, sanft hingegeben, +Pralinees – brachte zunächst in erhebender +Weise den Gegensatz zur Anschauung zwischen dem glanzvollen, +ohne Mißton verlaufenden Fest der Gutgesinnten +in den vornehm erleuchteten Räumen des Palastes, und +den beiden dunkeln Empörern, die stark heruntergekommen +auf dem Pflaster lagen. „Erhebe dich, Genossin +meiner Schmach“, meinte Diederich bei passender Gelegenheit +selbst schon angewendet zu haben. Er verband +Ortrud mit gewissen persönlichen Erinnerungen: ein ganz +gemeines Luder, darüber war nichts zu sagen; aber irgendwas +regte sich in ihm, wenn sie ihren Kerl einwickelte und +unter sich hatte. Er träumte.... Vor Elsa, der dummen +Gans, mit der sie machte was sie wollte, hatte Ortrud das +gewisse Etwas voraus, das die energischen und strengen +Damen haben. Elsa freilich konnte man heiraten. Er schielte +nach Guste. „Es gibt ein Glück, das ohne Reu“, bemerkte +Elsa; und Diederich zu Guste: „Das wollen wir hoffen.“ +</p> + +<p> +Den frisch ausgeschlafenen Edlen und Mannen wurde +<pb n='375'/><anchor id='Pgp0375'/>sodann durch den dicken Delitzsch eröffnet, daß sie Dank +Gottes Gnade einen neuen Landesfürsten bekommen +hatten. Gestern standen sie noch treu und bieder zu Telramund, +heute waren sie biedere, treue Untertanen Lohengrins. +Sie erlaubten sich keine Meinung und schluckten +jede Vorlage. „Den Reichstag bringen wir auch noch so +weit“, gelobte Diederich. +</p> + +<p> +Wie aber Ortrud vor Elsa in das Münster treten wollte, +empörte sich Guste. „Das hat sie nun nicht nötig, darüber +ärgere ich mich immer. Wo sie doch nichts mehr hat, und +überhaupt.“ – „Jüdische Frechheit“, murmelte Diederich. +Übrigens konnte er nicht umhin, Lohengrin, gelinde gesagt, +unvorsichtig zu finden, als er es glatt in Elsas Hand +legte, ob er seinen Namen verraten und dadurch das ganze +Geschäft in Frage stellen sollte oder nicht. So viel durfte +man Weibern nicht zumuten. Und wozu? Den Mannen +brauchte er nicht erst zu beweisen, daß er, trotz dem Nörgler +Telramund, reine Hände und keinen Fleck auf der Weste +habe: ihre nationale Gesinnung war durchaus unverdächtig. +</p> + +<p> +Guste verhieß ihm, im dritten Akt käme das Allerschönste, +aber dafür müsse sie durchaus noch Pralinees +haben. Als man sie hatte, stieg der Hochzeitsmarsch, und +Diederich sang ihn mit. Die Mannen im Festzuge verloren +entschieden ohne Blech und Banner, auch Lohengrin +hätte sich besser nicht im Wams gezeigt. Diederich ward bei +seinem Anblick wieder einmal von dem Wert der Uniform +durchdrungen. Die Damen waren glücklich fort, mit ihren +Stimmen wie saure Milch. Aber der König! Er konnte +nicht wegfinden von dem Brautpaar, biederte sich an und +schien am liebsten als Zuschauer dableiben zu wollen. Diederich, +dem der König schon immer zu konziliant gewesen +war für diese harte Zeit, nannte ihn jetzt einfach eine Nulpe. +</p> + +<pb n='376'/><anchor id='Pgp0376'/> + +<p> +Endlich fand er die Tür, Lohengrin und Elsa machten +sich auf dem Sofa an die „Wonnen, die nur Gott verleiht“. +Zuerst umschlangen sie sich nur oben, die unteren Körperteile +saßen nach Möglichkeit voneinander entfernt. Je mehr +sie aber sangen, um so näher rutschten sie heran, – wobei +ihre Gesichter sich häufig auf Hähnisch richteten. Hähnisch +und sein Orchester schienen ihnen einzuheizen: es war begreiflich, +denn auch Diederich und Guste in ihrer stillen +Loge schnauften leise und sahen einander an mit erhitzten +Augen. Die Gefühle gingen den Weg der Zauberklänge, +die Hähnisch mit wogenden Gliedern hervorlockte, und die +Hände folgten ihnen. Diederich ließ die seine zwischen +Gustes Stuhl und ihrem Rücken hinabgleiten, umspannte +sie unten und murmelte betört: „Wie ich das zum erstenmal +gesehen habe, gleich hab’ ich gesagt, die oder keine!“ +</p> + +<p> +Aber da wurden sie aus dem Zauberbann gerissen durch +einen Zwischenfall, der bestimmt schien, die Kunstfreunde +Netzigs noch lange zu beschäftigen. Lohengrin zeigte sein +Jägerhemd! Eben stimmte er an: „Atmest du nicht mit +mir die süßen Düfte“, da kam es hinten aus dem Wams +hervor, das aufging. Bis Elsa ihn, sichtlich erregt, zugeknöpft +hatte, herrschte im Hause lebhafte Unruhe; dann +erlag es wieder dem Zauberbann. Guste freilich, die sich +mit einem Pralinee verschluckt hatte, stieß auf ein Bedenken. +„Wie lange trägt er das Hemd schon? Und überhaupt, +er hat doch nichts mit, der Schwan ist mit seinem +Gepäck abgeschwommen!“ Diederich verwies ihr ernstlich +das Nachdenken. „Du bist gerade so eine Gans wie Elsa“, +stellte er fest. Denn Elsa war im Begriff, sich alles zu verderben, +weil sie es nicht lassen konnte, ihren Mann nach +seinen politischen Geheimnissen zu fragen. Der Umsturz +ward vollends zerschmettert, denn Telramunds feiges +<pb n='377'/><anchor id='Pgp0377'/>Attentat mißlang durch Gottes Fügung; aber die Weiber, +dies mußte Diederich sich sagen, wirkten, wenn man ihnen +nicht die Kandare fest anzog, eher noch subversiver. +</p> + +<p> +Nach der Verwandlung ward dies vollends klar. Eiche, +Banner, alles nationale Zubehör war wieder da; und „für +deutsches Land das deutsche Schwert, so sei des Reiches +Kraft bewährt“: bravo! Aber Lohengrin schien nun wirklich +entschlossen, sich aus dem öffentlichen Leben zurückzuziehen. +„Überall wurde an mir gezweifelt“, durfte auch +er sagen. Nacheinander klagte er den toten Telramund +und die ohnmächtige Elsa an. Da keins von beiden ihm +widersprach, hätte er ohne weiteres recht behalten; dazu +kam aber noch, daß er tatsächlich in der Rangliste obenan +stand. Denn jetzt gab er sich zu erkennen. Die Nennung +seines Namens rief bei der ganzen Versammlung, die noch +nie von ihm gehört hatte, eine ungeheure Bewegung hervor. +Die Mannen konnten sich gar nicht beruhigen; alles +andere schienen sie erwartet zu haben, nur nicht, daß er +Lohengrin hieß. Um so dringlicher ersuchten sie den geliebten +Herrscher, von dem folgenschweren Schritt der Abdankung +diesmal noch abzusehen. Aber Lohengrin blieb +heiser und unnahbar. Übrigens wartete schon der Schwan. +Eine letzte Frechheit Ortruds brach ihr zur allgemeinen Genugtuung +den Hals. Leider deckte gleich darauf auch Elsa +das Schlachtfeld, das Lohengrin, statt des entzauberten +Schwans von einer kräftigen Taube gezogen, hinter sich ließ. +Dafür war der junge, soeben eingetroffene Gottfried in drei +Tagen der dritte Landesfürst, dem Edle und Mannen, +treu und bieder wie immer, ihre Huldigung darbrachten. +</p> + +<p> +„Das kommt davon“, bemerkte Diederich, indes er Guste +in den Mantel half. Alle diese Katastrophen, die Wesensäußerungen +der Macht waren, hatten ihn erhoben und tief +<pb n='378'/><anchor id='Pgp0378'/>befriedigt. „Wovon kommt es denn“, meinte Guste, zum +Widersprechen aufgelegt. „Bloß weil sie wissen will, wer +er ist? Das kann sie wohl verlangen, das ist nicht mehr wie +anständig.“ – „Es hat einen höheren Sinn“, erklärte ihr +Diederich streng. „Die Geschichte mit dem Gral, das soll +heißen, der allerhöchste Herr ist nächst Gott nur seinem +Gewissen verantwortlich. Na und wir wieder ihm. Wenn +das Interesse Seiner Majestät in Betracht kommt, kannst du +machen was du willst, ich sage nichts, und eventuell –.“ +Eine Handbewegung gab zu verstehen, daß auch er, in einen +derartigen Konflikt gestellt, Guste unbedenklich dahinopfern +würde. Dies erboste Guste. „Das ist ja Mord! +Wie komm’ ich dazu, daß ich muß draufgehen, weil Lohengrin +ein temperamentloser Hammel ist. Nicht einmal in +der Hochzeitsnacht hat Elsa von ihm was gemerkt!“ Und +Guste rümpfte die Nase, wie damals beim Verlassen des +Liebeskabinetts, wo auch nichts geschehen war. +</p> + +<p> +Auf dem Heimweg versöhnten sich die Verlobten. „Das +ist die Kunst, die wir brauchen!“ rief Diederich aus. „Das +ist deutsche Kunst!“ Denn hier erschienen ihm, in Text +und Musik, alle nationalen Forderungen erfüllt. Empörung +war hier dasselbe wie Verbrechen, das Bestehende, +Legitime ward glanzvoll gefeiert, auf Adel und Gottesgnadentum +der höchste Wert gelegt, und das Volk, ein +von den Ereignissen ewig überraschter Chor, schlug sich +willig gegen die Feinde seiner Herren. Der kriegerische +Unterbau und die mystischen Spitzen, beides war gewahrt. +Auch wirkte es bekannt und sympathisch, daß in dieser +Schöpfung der schönere und geliebtere Teil der Mann +war. „Ich fühl’ das Herze mir vergehn, schau ich den +wonniglichen Mann“, sangen auch die Männer samt dem +König. So war denn die Musik an ihrem Teil der +männ<pb n='379'/><anchor id='Pgp0379'/>lichen Wonne voll, war heldisch, wenn sie üppig war, und +kaisertreu noch in der Brunst. Wer widerstand da? Tausend +Aufführungen einer solchen Oper, und es gab niemand +mehr, der nicht national war! Diederich sprach es +aus: „Das Theater ist auch eine meiner Waffen.“ Kaum +ein Majestätsbeleidigungsprozeß konnte die Bürger so +gründlich aus dem Schlummer rütteln. „Ich habe den +Lauer in die Vogtei gebracht, aber wer den Lohengrin +geschrieben hat, vor dem nehm’ ich den Hut ab.“ Er schlug +ein Zustimmungstelegramm an Wagner vor. Guste +mußte ihn aufklären, es sei nicht mehr zu machen. Einmal +auf so hohem Gedankenflug begriffen, äußerte sich +Diederich über die Kunst im allgemeinen. Unter den Künsten +gab es eine Rangordnung. „Die höchste ist die Musik, +daher ist es die deutsche Kunst. Dann kommt das Drama.“ +</p> + +<p> +„Warum?“ fragte Guste. +</p> + +<p> +„Weil man es manchmal in Musik setzen kann, und weil +man es nicht zu lesen braucht, und überhaupt.“ +</p> + +<p> +„Und was kommt dann?“ +</p> + +<p> +„Die Porträtmalerei natürlich, wegen der Kaiserbilder. +Das übrige ist nicht so wichtig.“ +</p> + +<p> +„Und der Roman?“ +</p> + +<p> +„Der ist keine Kunst. Wenigstens Gott sei Dank keine +deutsche: das sagt schon der Name.“ +</p> + +<milestone unit="tb"/> + +<p> +Und dann war der Hochzeitstag da. Denn beide hatten +Eile: Guste wegen der Leute, Diederich aus Gründen der +Politik. Um mehr Eindruck zu machen, hatte man beschlossen, +daß Magda und Kienast am gleichen Tage heiraten +sollten. Kienast war eingetroffen, und Diederich betrachtete +ihn manchmal mit Unruhe, weil Kienast sich den +Bart hatte abnehmen lassen, den Schnurrbart an den +<pb n='380'/><anchor id='Pgp0380'/>Augenwinkeln trug und auch schon blitzte. In den Verhandlungen +über Magdas Gewinnanteil zeigte er einen schreckenerregenden +Geschäftsgeist. Diederich, nicht ohne Besorgnis +wegen des Ausgangs der Sache, wenn auch entschlossen, +seine Pflicht gegen sich selbst restlos zu erfüllen, vertiefte sich +jetzt öfter in seine Geschäftsbücher ... Sogar am Morgen +vor seiner Trauung und schon im Frack, saß er im Kontor; +da ward eine Karte gebracht: Karnauke, Premierleutnant +a. D. „Was kann der wollen, Sötbier?“ Der alte Buchhalter +wußte es auch nicht. Na egal. „Einen Offizier kann +ich nicht abweisen.“ Und Diederich ging selbst zur Tür. +</p> + +<p> +In der Tür aber erschien ein ungewöhnlich strammer +Herr in einem grünlichen Sommermantel, der troff, und +den er am Halse fest geschlossen trug. Unter seinen spitzen +Lackschuhen entstand sofort eine Lache, von seinem grünen +Agrarierhütchen, das er merkwürdigerweise aufbehielt, +regnete es. „Zunächst wollen wir uns mal trocken legen“, +versetzte der Herr und begab sich, bevor Diederich zustimmte, +zum Ofen. Hier sagte er schnarrend: „Verkaufen, +was? Klemme, was?“ Diederich begriff nicht sogleich; +dann warf er einen unruhigen Blick auf Sötbier. Der +Alte hatte sich wieder an seinen Brief gemacht. „Herr +Premierleutnant haben sich gewiß in der Hausnummer +geirrt“, bemerkte Diederich schonend; aber es half nichts. +„Quatsch. Weiß Bescheid. Nur keine Fisimatenten. Höherer +Befehl. Schnauze halten und verkaufen, sonst gnade Gott.“ +</p> + +<p> +Diese Sprache war zu auffallend; Diederich konnte +nicht länger übersehen, daß trotz der militärischen Vergangenheit +des Herrn seine ungeheure Strammheit nicht +echt war und daß seine Augen verglast waren. In dem +Augenblick, als Diederich dies feststellte, nahm der Herr +sein grünes Agrarierhütchen vom Kopf und entleerte es +<pb n='381'/><anchor id='Pgp0381'/>seines Wassers auf Diederichs Frackhemd. Dies veranlaßte +Diederich zu einem Protest, aber der Herr nahm ihn +sehr übel. „Ich stehe Ihnen zur Verfügung“, schnarrte er. +„Die Herren von Quitzin und von Wulckow werden in +meinem Auftrag mit Ihnen reden.“ Dabei zwinkerte er +angestrengt – und Diederich, dem ein schrecklicher Verdacht +kam, vergaß seinen Zorn, er war einzig bedacht, den +Premierleutnant aus der Tür zu drängen. „Wir sprechen +draußen“, raunte er ihm zu, und nach der anderen Seite +zu Sötbier: „Der Herr ist sinnlos betrunken, ich muß sehen, +wie ich ihn los werde.“ Aber Sötbier hatte die Lippen zusammengepreßt, +die Stirn gefaltet und kehrte diesmal +nicht zu seinem Brief zurück. +</p> + +<p> +Der Herr ging geradeswegs in den Regen hinaus, Diederich +folgte ihm. „Deswegen keine Feindschaft, reden kann +man doch.“ Erst nachdem auch er durchnäßt war, gelang es +ihm, den Herrn wieder ins Haus zu lotsen. Durch den leeren +Maschinenraum schrie der Premierleutnant: „Glas +Schnaps! Kaufe alles, Schnaps mit!“ Obwohl die Arbeiter +zur Feier seiner Hochzeit frei hatten, sah Diederich sich angstvoll +um; er öffnete den Verschlag, wo die Chlorsäcke lagen, +und beförderte mit verzweifeltem Schub den Herrn hinein. +Es stank furchtbar; der Herr nieste mehrmals, worauf er +sagte: „Karnauke mein Name, warum stinken Sie so?“ +</p> + +<p> +„Haben Sie einen Hintermann?“ fragte Diederich. Der +Herr nahm auch das übel. „Was wollen Sie damit sagen?... +Ach so, kaufe, was Platz hat.“ Diederichs Blick folgend, +betrachtete er sein triefendes Sommermäntelchen. +„Momentane Verlegenheit“, schnarrte er. „Vermittle +Kavalieren. Ehrensache.“ +</p> + +<p> +„Was bietet Ihr Auftraggeber?“ +</p> + +<p> +„Hundertzwanzig die Kiste.“ +</p> + +<pb n='382'/><anchor id='Pgp0382'/> + +<p> +Und wie Diederich sich entsetzte oder empörte: zweihunderttausend +sei sein Grundstück wert, der Premierleutnant +blieb dabei: „Hundertzwanzig die Kiste.“ +</p> + +<p> +„Nicht zu machen“ – Diederich vollführte eine unvorsichtige +Bewegung nach dem Ausgang, worauf der Herr +ernstlich gegen ihn vorging. Diederich mußte ringen, fiel +auf einen Chlorsack und der Herr über ihn. „Stehen Sie +auf,“ keuchte Diederich, „hier werden wir gebleicht.“ Der +Premierleutnant heulte auf, als brennte es ihm schon +durch die Kleider, – und plötzlich hatte er seine stramme +Haltung zurück. Er zwinkerte. „Präsident von Wulckow +eklig hinterher, daß Sie verkaufen, sonst kein Geschäft mit +ihm zu machen. Vetter Quitzin arrondiert Besitz hier +herum. Rechnet bestimmt auf Ihr Entgegenkommen. +Hundertzwanzig die Kiste.“ Diederich, bleicher als wäre +er im Chlor liegengeblieben, versuchte noch: „Hundertfünfzig“, +– aber die Stimme versagte ihm. Das war mehr, +als man loyalerweise fassen konnte! Wulckow starrend von +Beamtenehre, unbestechlich wie das Jüngste Gericht!... +Mit einem trostlosen Blick überflog er nochmals die Gestalt +dieses Karnauke, Premierleutnants a. D. Den schickte +Wulckow, dem lieferte er sich aus! Hätte man nicht neulich, +unter vier Augen, mit aller gebotenen Vorsicht und gegenseitigen +Achtung das Geschäft verhandeln können? Aber +diese Junker konnten nur den Leuten an die Kehle springen; +auf Geschäfte verstanden sie sich noch immer nicht. „Gehen +Sie nur voran zum Notar,“ raunte Diederich, „ich komme +gleich.“ Er ließ ihn hinaus. Wie er aber selbst fort wollte, +stand da der alte Sötbier, noch immer mit den gekniffenen +Lippen. „Was wünschen Sie?“ Diederich war ermattet. +</p> + +<p> +„Junger Herr,“ begann der Alte hohl, „was Sie jetzt vorhaben, +dafür kann ich nicht mehr die Verantwortung tragen.“ +</p> + +<pb n='383'/><anchor id='Pgp0383'/> + +<p> +„Wird nicht verlangt.“ Diederich gab sich Haltung. „Ich +weiß allein, was ich tue.“ Der Alte hob beschwörend die +Hände. +</p> + +<p> +„Sie wissen es nicht, junger Herr! Unsere Lebensarbeit +von Ihrem seligen Vater und mir, die verteidige ich! Daß +wir das Geschäft aufgebaut haben mit Fleiß und solider +Arbeit, dadurch sind Sie groß geworden. Und wenn Sie +mal teure Maschinen kaufen und mal die Aufträge ablehnen, +das ist ein Zickzackkurs, damit bringen Sie das +Geschäft herunter. Und jetzt verkaufen Sie das alte Haus!“ +</p> + +<p> +„Sie haben an der Tür gehorcht. Wenn etwas geschieht, +ohne daß Sie dabei sind, das vertragen Sie noch immer +nicht recht. Erkälten Sie sich hier nur nicht.“ Diederich +höhnte. +</p> + +<p> +„Sie dürfen es nicht verkaufen!“ jammerte Sötbier. +„Ich kann nicht zusehen, wie der Sohn und Erbe meines +alten Herrn die solide Grundlage der Firma untergräbt +und treibt Großmannspolitik.“ +</p> + +<p> +Diederich maß ihn mitleidig. „Großzügigkeit war zu +Ihrer Zeit noch nicht erfunden, Sötbier. Heute wagt man +was. Betrieb ist die Hauptsache. Später werden Sie +sehen, wozu es gut war, daß ich das Haus verkaufe.“ +</p> + +<p> +„Ja, das werden Sie auch erst später sehen. Vielleicht +wenn Sie bankerott sind oder wenn Ihnen Ihr Schwager +Herr Kienast einen Prozeß anhängt. Sie haben gewisse +Manipulationen gemacht zum Schaden Ihrer Schwestern +und Ihrer Mutter! Wenn ich dem Herrn Kienast manches +sagen wollte –: bloß daß ich Pietät habe, sonst könnte ich +Sie ins Unglück bringen!“ +</p> + +<p> +Der Alte war außer sich. Er kreischte, Tränen der Wut +in den roten Lidern. Diederich trat nahe an ihn hin, er +hielt ihm die geballte Hand unter die Nase. „Das +ver<pb n='384'/><anchor id='Pgp0384'/>suchen Sie mal! Ich beweise glatt, daß Sie die Firma +bestohlen haben, und zwar schon immer. Meinen Sie, ich +habe keine Vorkehrungen getroffen?“ +</p> + +<p> +Auch der Alte erhob seine zitternde Faust. Sie schnaubten +sich an; Sötbier rollte blutige Augäpfel, Diederich +blitzte. Dann trat der Alte zurück. „Nein, so soll es nicht +kommen. Ich war immer ein treuer Diener meines alten +Herrn. Mein Gewissen gebietet mir, seinem Nachfolger +meine bewährte Kraft so lange als möglich zu erhalten.“ +</p> + +<p> +„Das könnte Ihnen passen“, sagte Diederich hart und +kalt. „Seien Sie froh, wenn ich Sie nicht direkt hinauswerfe. +Schreiben Sie nur gleich Ihr Entlassungsgesuch, +es ist schon bewilligt.“ Und er schritt von dannen. +</p> + +<p> +Beim Notar verlangte er, daß in den Kaufvertrag als +Käufer „Unbekannt“ gesetzt werde. Karnauke feixte. „Unbekannt +ist gut. Wir kennen doch Herrn von Quitzin.“ +Darauf lächelte auch der Notar. „Ich sehe,“ sagte er, +„Herr von Quitzin arrondiert sich. Bislang gehörte ihm +in der Meisestraße nur die kleine Kneipe zum Huhn. Aber +wegen der beiden Grundstücke hinter dem Ihren, Herr +Doktor, verhandelt er auch schon. Dann grenzt er an +den Stadtpark und hat Platz für riesige Anlagen.“ +</p> + +<p> +Diederich zitterte schon wieder. Leise bat er den Notar +um Diskretion, solange es gehe. Dann nahm er Abschied, +er habe keine Zeit zu verlieren. „Weiß ich“, sagte der +Premierleutnant und hielt ihn fest. „Freudentag. Frühstück +Hotel Reichshof. Bin gerüstet.“ Er öffnete das +grüne Mäntelchen und zeigte auf seinen zerknitterten +Gesellschaftsanzug. Diederich sah ihn entsetzt an, er versuchte +sich zu wehren; aber der Leutnant drohte wieder +mit seinen Zeugen. +</p> + +<p> +Die Braut wartete schon längst, die beiden Mütter +<pb n='385'/><anchor id='Pgp0385'/>trockneten ihr die Tränen, unter dem anzüglichen Lächeln +der anwesenden Damen. Auch dieser Bräutigam ging +durch! Magda und Kienast waren empört; und zwischen +Schweinichenstraße und Meisestraße liefen Boten ... +Endlich! Diederich war da, wenn auch in seinem alten +Frack. Er gab nicht einmal Erklärungen. Am Standesamt +und in der Kirche wirkte er verstört. Allerseits bemerkte +man, auf einer so zustande gekommenen Verbindung +ruhe kein Segen. Auch Pastor Zillich erwähnte in +seiner Ansprache, daß der irdische Besitz etwas Vergängliches +sei. Man begriff seine Enttäuschung. Käthchen war +gar nicht erschienen. +</p> + +<p> +Beim Hochzeitsfrühstück saß Diederich schweigend und +sichtlich noch anders beschäftigt. Selbst das Essen vergaß +er oft und stierte in die Luft. Einzig der Premierleutnant +Karnauke hatte die Gabe, seine Aufmerksamkeit zu wecken. +Freilich tat der Leutnant das Seine; schon nach der Suppe +brachte er einen Toast auf die Braut aus, mit Anspielungen, +denen die Versammlung nach Maßgabe ihres +bisherigen Weingenusses noch nicht gewachsen war. Mehr +beunruhigt ward Diederich durch gewisse andere Wendungen +Karnaukes, die er mit Zwinkern nach seinem Platz +begleitete und die leider auch Kienast nachdenklich stimmten. +Der Zeitpunkt, den Diederich mit Herzklopfen voraussah, +trat ein: Kienast stand auf und bat ihn um ein +Wort unter vier Augen ... Da aber klingelte der Premierleutnant +heftig ans Glas, stramm schnellte er vom +Sitz. Der schon vorgeschrittene Lärm des Festes brach +jäh ab; man sah an Karnaukes gespitzten Fingern ein +blaues Band hängen und darunter ein Kreuz, dessen +Rand golden funkelte ... Ah! und Tumult und Glückwünsche. +Diederich reichte beide Hände hin, eine +Selig<pb n='386'/><anchor id='Pgp0386'/>keit, kaum zu ertragen, flutete ihm vom Herzen in den +Hals, er redete von selbst und bevor er wußte was. „Seine +Majestät ... Unerhörte Gnade ... Bescheidene Verdienste, +nie wankende Treue ...“ Er dienerte, er legte, +wie Karnauke ihm das Kreuz überreichte, die Hand auf +das Herz, schloß die Augen und versank: so als stände vor +ihm ein anderer, der Geber selbst. Unter der Gnadensonne +fühlte Diederich, dies war die Rettung und der +Sieg. Wulckow hielt den Pakt. Die Macht hielt Diederich +den Pakt! Der Kronenorden vierter Klasse blitzte, und +es ward Ereignis, das Denkmal Wilhelm des Großen +und Gausenfeld, Geschäft und Ruhm! +</p> + +<p> +Der Aufbruch drängte. Kienast, immerhin bewegt und +eingeschüchtert, bekam einige Worte allgemeinen Inhalts +hingeworfen, von herrlichen Tagen, denen er entgegengeführt +werden sollte, von großen Dingen, die man mit +ihm und der ganzen Familie vorhabe – und fort war +Diederich mit Guste. +</p> + +<p> +Sie bestiegen die erste Klasse, er spendete drei Mark und +zog die Vorhänge zu. Sein von Glück beschwingter +Tatendrang litt keinen Aufschub, Guste hätte so viel Temperament +nie erwartet. „Du bist doch nicht wie Lohengrin“, +bemerkte sie. Als sie aber schon hinglitt und die +Augen schloß, richtete Diederich sich nochmals auf. Eisern +stand er vor ihr, ordenbehangen, eisern und blitzend. „Bevor +wir zur Sache selbst schreiten,“ sagte er abgehackt, „gedenken +wir Seiner Majestät unseres allergnädigsten Kaisers. +Denn die Sache hat den höheren Zweck, daß wir Seiner +Majestät Ehre machen und tüchtige Soldaten liefern.“ +</p> + +<p> +„Oh!“ machte Guste, von dem Gefunkel auf seiner +Brust entrückt in höheren Glanz. „Bist – du – das – +Diederich?“ +</p> + +</div><div rend="page-break-before: always"> + <index index="toc" level1="VI"/> + <index index="pdf" level1="VI"/> +<pb n='387'/><anchor id='Pgp0387'/> + +<head>VI.</head> + +<p> +Herr und Frau Doktor Heßling aus Netzig sahen einander +stumm an im Lift des Züricher Hotels, denn +man fuhr sie in den vierten Stock. Dies war das Ergebnis +des Blickes, den der Geschäftsführer schnell und schonend +über sie hingeführt hatte. Diederich füllte gehorsam +den Meldezettel aus; erst als der Oberkellner fort war, +äußerte er seine Entrüstung über den Betrieb hier und +über Zürich. Sie ward immer lauter und verdichtete sich +zu dem Vorsatz, an Baedeker zu schreiben. Da diese Vergeltung +indes zu wenig greifbar schien, machte er kehrt +gegen Guste: ihr Hut sei schuld. Guste wieder schob es +auf Diederichs Hohenzollernmantel. So stürzten sie denn +zum Lunch mit hochroten Köpfen. An der Tür machten +sie halt und schnauften unter den Blicken der Gäste, Diederich +im Smoking, Guste aber mit einem Hut, der Bänder, +Federn und Schnalle, alles auf einmal, hatte und der +unzweifelhaft in die Beletage gehörte. Ihr Bekannter, +der Oberkellner, führte sie im Triumph zu ihren Plätzen. +</p> + +<p> +Mit Zürich und auch mit dem Hotel versöhnten sie sich +am Abend. Denn erstens war das Zimmer im vierten +Stock nicht ehrenvoll, aber billig; und dann hing gerade +gegenüber den Betten des Ehepaares eine fast lebensgroße +Odaliske, der bräunliche Leib hinschwellend auf +üppigem Polster, mit den Händen unter dem Kopf, feuchtes +Schmachten im schwarzen Spalt der Augen. In der +Mitte war sie von dem Rahmen zerschnitten, was dem +Ehepaar Anlaß zu Scherzen gab. Am nächsten Tage +gingen sie umher mit Blei in den Lidern, verschlangen +<pb n='388'/><anchor id='Pgp0388'/>riesige Mahlzeiten und fragten sich nur, was erst geschehen +wäre, wenn die Odaliske nicht in der Mitte zerschnitten, +sondern ganz gewesen wäre. Aus Müdigkeit versäumten +sie den Zug und kehrten am Abend, so früh wie möglich, +in ihr billiges und aufreibendes Zimmer zurück. Ein Ende +dieser Art zu leben war nicht absehbar; da las Diederich +mit seinen schweren Lidern in der Zeitung, daß der Kaiser +unterwegs nach Rom sei zum Besuch des Königs von +Italien. Ein Schlag, er war aufgewacht. Elastisch bewegte +er sich zum Portier, ins Bureau, an den Lift; und mochte +Guste jammern, daß ihr schwindlig werde, die Koffer +waren schon fertig, Diederich schleifte Guste schon hinaus. +„Muß es denn sein?“ klagte sie, „wo doch das Bett so gut +ist!“ Aber Diederich hinterließ nur noch einen höhnischen +Blick für die Odaliske. „Amüsieren Sie sich weiter gut, +meine Gnädigste!“ +</p> + +<p> +Vor Aufregung schlief er lange nicht. Guste schnarchte +friedlich an seiner Schulter, indes Diederich, durch die +Nacht sausend, bedachte, wie nun auf einer anderen Linie, +aber nicht weniger sausend, demselben Ziel der Kaiser +selbst entgegenfuhr. Der Kaiser und Diederich machten +ein Wettrennen! Und da Diederich schon mehrmals im +Leben hatte Gedanken äußern dürfen, die auf mystische +Art mit denen des Allerhöchsten Herrn zusammenzufallen +schienen, vielleicht wußte Seine Majestät zu dieser Stunde +um Diederich: wußte, daß sein treuer Untertan ihm zur +Seite über die Alpen zog, um den feigen Welschen mal +klarzumachen, was Kaisertreue heißt. Er blitzte die Schläfer +auf der anderen Bank an, kleine schwarze Leute, +deren Gesichter im Schlaf verfallen aussahen. Germanische +Reckenhaftigkeit sollten sie kennenlernen! +</p> + +<p> +Früh in Mailand und mittags in Florenz stiegen +Rei<pb n='389'/><anchor id='Pgp0389'/>sende aus, was Diederich nicht begriff. Er versuchte, ohne +merklichen Erfolg, den Übriggebliebenen beizubringen, +welches Ereignis sie in Rom erwarte. Zwei Amerikaner +zeigten sich empfänglicher, worauf Diederich triumphierend: +„Na, Sie beneiden uns wohl auch um unseren +Kaiser!“ Da sahen die Amerikaner einander an, mit einer +stummen Frage, die ergebnislos blieb. +</p> + +<p> +Vor Rom ging Diederichs Aufregung in wilden Tätigkeitsdrang +über. Den Finger in einem Sprachführer, lief +er dem Zugpersonal nach und suchte in Erfahrung zu +bringen, wer früher ankommen werde, sein Kaiser oder er. +Gustes Leidenschaft hatte sich an der des Gatten entzündet. +„Diedel!“ rief sie. „Ich bin imstande und werf’ ihm +meinen Reiseschleier auf den Weg, damit daß er darüber +geht, und die Rosen von meinem Hut schmeiß’ ich auch +hin!“ – „Wenn er dich aber sieht und du machst ihm Eindruck?“ +fragte Diederich und lächelte fieberhaft. Gustes +Busen begann zu wogen, sie senkte die Lider. Diederich, der +keuchte, riß sich los aus der furchtbaren Spannung. „Meine +Mannesehre ist mir heilig, was ich hiermit feststelle. In +diesem Falle aber –“ Und er schloß mit einer knappen Geste. +</p> + +<p> +Da kam man an – aber ganz anders, als die Gatten es +erträumt hatten. In größter Verwirrung wurden die +Reisenden von Beamten aus dem Bahnhof gedrängt, bis +an den Rand eines weiten Platzes und in die Straßen +dahinter, die sofort wieder abgesperrt wurden. Aber Diederich, +in entfesselter Begeisterung, durchbrach die Schranken. +Guste, die entsetzt die Arme reckte, ließ er mit allem +Handgepäck dastehen und stürzte drauflos. Schon war er +inmitten des Platzes; zwei Soldaten mit Federhüten +jagten ihm nach, daß ihre bunten Frackschöße flogen. Da +schritten die Bahnhofsrampe mehrere Herren herab, und +<pb n='390'/><anchor id='Pgp0390'/>alsbald fuhr ein Wagen auf Diederich zu. Diederich +schwenkte den Hut, er brüllte auf, daß die Herren im +Wagen ihr Gespräch unterbrachen. Der rechts neigte sich +vor – und sie sahen einander an, Diederich und sein +Kaiser. Der Kaiser lächelte kalt prüfend mit den Augenfalten, +und die Falten am Mund ließ er ein wenig herab. +Diederich lief ein Stück mit, die Augen weit aufgerissen, +immer schreiend und den Hut schwenkend, und einige Sekunden +lang waren sie, indes ringsum dahinten eine +fremde Menge ihnen Beifall klatschte, in der Mitte des +leeren Platzes und unter einem knallblauen Himmel ganz +miteinander allein, der Kaiser und sein Untertan. +</p> + +<p> +Schon verschwand der Wagen drüben in der beflaggten +Straße, die Hochrufe schwollen schon ab in der Ferne, und +Diederich, der aufseufzte und die Augen schloß, setzte den +Hut wieder auf. +</p> + +<p> +Guste winkte ihn krampfhaft herbei, und die Leute, die +noch umherstanden, klatschten ihm zu, mit Gesichtern voll +heiteren Wohlwollens. Auch die Soldaten, die vorhin ihn +verfolgt hatten, lachten nun. Einer von ihnen ging in +seiner Teilnahme so weit, daß er einen Kutscher herbeirief. +Wie er abfuhr, grüßte Diederich die Menge. „Sie +sind wie die Kinder“, erklärte er seiner Gattin. „Na, aber +auch entsprechend schlapp“, setzte er hinzu, und er gestand: +„In Berlin wäre das denn doch nicht gegangen ... Wenn +ich an den Krawall Unter den Linden denke, der Betrieb +war ’n bißchen schärfer.“ Und er setzte sich zurecht, um +am Hotel vorzufahren. Dank seiner Haltung bekamen +sie ein Zimmer im zweiten Stock. +</p> + +<p> +Die erste Morgensonne aber sah Diederich schon wieder +in den Straßen. „Der Kaiser steht früh auf“, hatte er +Guste bedeutet, die nur aus den Kissen grunzte. Übrigens +<pb n='391'/><anchor id='Pgp0391'/>konnte er sie nicht brauchen bei seiner Aufgabe. Den +Finger auf dem Plan der Stadt, gelangte er bis vor den +Quirinal und stellte sich hin. Der stille Platz war hellgolden +von schrägen Strahlen, grell und wuchtig im leeren +Himmel stand der Palast – und gegenüber Diederich, +der Majestät gewärtig, auf vorgestreckter Brust den Kronenorden +vierter Klasse. Die Treppen herauf aus der +Stadt trippelte eine Ziegenherde und verschwand hinter +dem Brunnen und den riesigen Rossebändigern. Diederich +sah sich nicht um. Zwei Stunden vergingen, die Passanten +wurden häufiger, eine Schildwache war hinter +ihrem Haus hervorgekommen, in einem der beiden Portale +bewegte sich ein Portier, und mehrere Personen +gingen ein oder aus. Diederich ward unruhig. Er machte +sich näher an die Fassade heran, strich langsam vorbei, gespannt +ins Innere spähend. Bei seinem dritten Erscheinen +führte der Portier, ein wenig zögernd, die Hand an den +Hut. Als Diederich stehenblieb und zurückgrüßte, ward +er vertraulich. „Alles in Ordnung“, sagte er hinter der +Hand; und Diederich nahm die Meldung mit einer Miene +des Einverständnisses entgegen. Es schien ihm nur natürlich, +daß man ihn über das Wohlergehen seines Kaisers +unterrichtete. Seine Fragen, wann der Kaiser ausfahren +werde und wohin, wurden anstandslos beantwortet. Der +Portier verfiel von selbst darauf, daß Diederich, um den +Kaiser zu begleiten, einen Wagen brauchen werde, und +er schickte danach. Inzwischen hatte ein Häuflein Neugieriger +sich gebildet, und dann trat der Portier beiseite; +hinter einem Vorreiter, im offenen Wagen, erschien, unter +dem Blitzen seines Adlerhelms, der blonde Herr des Nordens. +Diederichs Hut flog schon, Diederich schrie, wie aus +der Pistole geschossen, auf italienisch: „Es lebe der +<pb n='392'/><anchor id='Pgp0392'/>Kaiser!“ Und gefällig schrie das Häuflein mit ... Diederich +aber, ein Sprung in den Einspänner, der bereitstand, +und los, hinterdrein, den Kutscher angefeuert mit +rauhem Schrei und geschwungenem Trinkgeld. Und sieh: +schon hielt er, dahinten nahte erst der Allerhöchste Wagen. +Als der Kaiser ausstieg, war wieder ein Häuflein da, und +wiederum schrie Diederich auf italienisch ... Wache gehalten +vor dem Haus, worin sein Kaiser weilte! Die Brust +heraus und angeblitzt, wer sich in die Nähe traute! Nach +zehn Minuten war das Häuflein neu vervollständigt, der +Wagen entrollte dem Tor, und Diederich: „Es lebe der +Kaiser!“ – und, im Echo des Häufleins, wildbrausend +zurück zum Quirinal. Wache. Der Kaiser im Tschako. +Das Häuflein. Ein neues Ziel, eine neue Rückkehr, eine +neue Uniform, und wieder Diederich, und wieder jubelnder +Empfang. So ging es weiter, und nie hatte Diederich +ein schöneres Leben gekannt. Sein Freund, der Portier, +unterrichtete ihn zuverlässig, wohin man fuhr. Auch kam +es vor, daß ein salutierender Beamter ihm eine Meldung +machte, die er herablassend entgegennahm, oder daß einer +Direktiven zu erbitten schien – und dann erteilte Diederich +sie in unbestimmter Form, aber gebieterisch. Die +Sonne stieg hoch und höher; vor den brennenden Marmorquadern +der Fassaden, hinter denen sein Kaiser +weltumspannende Unterredungen pflog, litt Diederich, +ohne zu wanken, Hitze und Durst. So stramm er sich hielt, +war es ihm doch, als sinke sein Bauch unter der Last des +Mittags bis auf das Pflaster herab und als schmelze ihm +auf der Brust sein Kronenorden vierter Klasse ... Der +Kutscher, der immer häufiger die nächste Kneipe betrat, +empfand endlich Bewunderung für das heldenhafte +Pflichtgefühl des Deutschen und brachte ihm Wein mit. +<pb n='393'/><anchor id='Pgp0393'/>Neues Feuer in den Adern, machten sich beide an das +nächste Rennen. Denn die kaiserlichen Renner liefen +scharf; um ihnen vorauszukommen, mußte man Gassen +durchjagen, die aussahen wie Kanäle und deren spärliche +Passanten sich schreckensvoll gegen die Mauer drückten; +oder es hieß aussteigen und Hals über Kopf eine Treppe +nehmen. Dann aber stand Diederich pünktlich an der +Spitze seines Häufleins, sah die siebente Uniform aussteigen +und schrie. Und dann wandte der Kaiser den Kopf +und lächelte. Er erkannte ihn wieder, seinen Untertan! +Den, der schrie, den, der immer schon da war, wie Swinegel. +Diederich, federnd vor Hochgefühl über die Allerhöchste +Aufmerksamkeit, blitzte das Volk an, in dessen +Mienen heiteres Wohlwollen stand. +</p> + +<p> +Erst die Versicherung des Portiers, daß Seine Majestät +nun frühstücke, erlaubte es Diederich, sich Gustes zu erinnern. +„Wie siehst du aus!“ rief sie bei seinem Anblick +und zog sich gegen die Wand zurück. Denn er war rot +wie eine Tomate, völlig aufgeweicht, und sein Blick war +hell und wild wie der eines germanischen Kriegers der +Vorzeit auf einem Eroberungszuge durch Welschland. +„Dies ist ein großer Tag für die nationale Sache!“ versetzte +er mit Wucht. „Seine Majestät und ich, wir machen +moralische Eroberungen!“ Wie er dastand! Guste vergaß +ihren Schrecken und den Ärger über das lange Warten: +sie kam herbei mit liebevollen Armen, und demütig rankte +sie sich an ihm hinauf. +</p> + +<p> +Aber kaum das Stündchen zum Essen gönnte Diederich +sich. Er wußte wohl, nach dem Mittagsmahl ruhte der +Kaiser; dann hieß es, unter seinen Fenstern Wache stehen +und nicht weichen. Er wich nicht; und der Erfolg zeigte, +wie recht er tat. Denn noch hielt er seinen Posten, dem +<pb n='394'/><anchor id='Pgp0394'/>Portal gegenüber, nicht achtzig Minuten lang besetzt, als +es geschah, daß ein verdächtig aussehendes Individuum +unter Benutzung einer kurzen Abwesenheit des Portiers +sich einschlich, sich hinter eine Säule drückte und im lauernden +Schatten Pläne barg, die nicht anders sein konnten +als unheilvoll. Da aber Diederich! Wie den Sturm und +mit Kriegsgeschrei sah man ihn über den Platz tosen. Aufgescheuchtes +Volk stürzte sofort hinterdrein, die Wache eilte +herbei, im Portal lief Dienerschaft zusammen – und alle +bewunderten Diederich, wie er einen, der sich versteckt +hatte, wild ringend hervorzerrte. Die beiden schlugen dermaßen +um sich, daß nicht einmal die bewaffnete Macht an +sie herankam. Plötzlich sah man Diederichs Gegner, dem +es gelungen war, den rechten Arm zu befreien, eine +Büchse schwingen. Atemlose Sekunden – dann tobte +die aufheulende Panik dem Ausgang zu. Eine Bombe! +Er wirft!... Er hatte schon geworfen. In der Erwartung +des Knalles lagen die nächsten, im voraus wimmernd, +am Boden. Diederich aber: weiß auf Gesicht, Schultern +und Brust stand er da und nieste. Es roch stark nach Pfefferminz. +Die Kühnsten kehrten um und untersuchten ihn +mit der Nase; ein Soldat unter wallenden Federn betupfte +ihn mit dem benetzten Finger und kostete. Diederich +verstand wohl, was er hierauf der Menge mitteilte +und weshalb sogleich in alle Gesichter das heitere Wohlwollen +zurückkehrte, denn seit einem Augenblick blieb ihm +selbst kein Zweifel mehr darüber, daß er mit Zahnpulver +beworfen war. Dessenungeachtet behielt er die Gefahr +im Auge, der der Kaiser, dank seiner Wachsamkeit, vielleicht +entronnen war. Der Attentäter suchte – ganz vergebens +– an ihm vorbei das Weite zu gewinnen: Diederichs +eiserne Faust überlieferte ihn den Polizeiwächtern. +<pb n='395'/><anchor id='Pgp0395'/>Diese stellten fest, daß es sich um einen Deutschen handelte, +und baten Diederich, ihn zu inquirieren. Er unterzog sich +der Aufgabe, trotz dem Zahnpulver, das ihn bedeckte, mit +höchster Korrektheit. Die Antworten des Menschen, der +bezeichnenderweise Künstler war, hatten keine ausgesprochen +politische Färbung, verrieten aber durch ihre abgrundtiefe +Respektlosigkeit und Unmoral nur zu wohl die +Tendenzen des Umsturzes, weshalb Diederich seine Verhaftung +dringend empfahl. Die Wächter führten ihn ab, +nicht ohne vor Diederich zu salutieren, der nur noch Zeit +hatte, sich von seinem Freunde, dem Portier, abbürsten +zu lassen. Denn schon war der Kaiser gemeldet; Diederichs +persönlicher Dienst begann wieder. +</p> + +<p> +Sein Dienst führte ihn rastlos umher bis in die Nacht +und endlich vor das Gebäude der deutschen Botschaft, wo +Seine Majestät Empfang hielt. Ein längerer Aufenthalt +des Allerhöchsten Herrn gab Diederich Gelegenheit, beim +nächsten Wirt seine Stimmung zu erhöhen. Er erklomm +vor der Tür einen Stuhl und richtete an das Volk eine +Ansprache, die von nationalem Geiste getragen war und +der schlappen Bande die Vorzüge eines strammen Regiments +klarmachte und eines Kaisers, der kein Schattenkaiser +war ... Sie sahen ihn, rot überstrahlt vom Licht +der offenen Becken, die vor dem Palaste des Deutschen +Reiches loderten, auf seinem Stuhl den eckig behaarten +Mund aufreißen, sahen ihn blitzen und wie von Eisen +starren – was ihnen offenbar genügte, um ihn zu verstehen, +denn sie jubelten, klatschten und ließen den Kaiser +leben, sooft Diederich ihn leben ließ. Mit einem Ernst, +der nicht ohne Drohung war, nahm Diederich für seinen +Herrn und die furchtbare Macht seines Herrn die Huldigungen +des Auslandes entgegen, worauf er von dem +<pb n='396'/><anchor id='Pgp0396'/>Stuhl herabkletterte und wieder zum Wein ging. Mehrere +Landsleute, kaum weniger angeregt als er, tranken +ihm zu und kamen nach in heimischer Weise. Einer entfaltete +eine Abendzeitung mit einem riesigen Bild des +Kaisers und las den Bericht eines Zwischenfalles vor, den +im Portal des Quirinals ein Deutscher hervorgerufen +hatte. Nur durch die Geistesgegenwart eines Beamten +im persönlichen Dienst des Kaisers war Schlimmeres verhindert +worden; und auch das Bildnis dieses Beamten +war dabei. Diederich erkannte ihn wohl. Wenn die Ähnlichkeit +auch nur allgemeiner Natur und der Name arg +entstellt war, der Umfang des Gesichtes und der Schnurrbart +stimmten. So sah denn Diederich den Kaiser und +sich selbst auf dem gleichen Zeitungsblatt vereinigt, den +Kaiser samt seinem Untertan der Welt zur Bewunderung +dargeboten. Es war zu viel. Feuchten Auges richtete Diederich +sich auf und stimmte die Wacht am Rhein an. Der +Wein, der so billig war, und die Begeisterung, die immer +neu genährt ward, bewirkten, daß die Kunde, der Kaiser +verlasse die Botschaft, Diederich nicht mehr in korrekter +Haltung fand. Er tat gleichwohl alles, was er noch vermochte, +um seiner Pflicht zu genügen. Er schoß im Zickzack +das Kapitol hinab, stolperte und rollte über die Stufen +weiter. Drunten in der Gasse holten seine Zechgenossen +ihn ein, er stand mit dem Gesicht der Mauer zugekehrt +... Fackelschein und Hufschlag: der Kaiser! Die +anderen schwankten hinterdrein, Diederich aber, kein Komment +half ihm mehr, glitt hin, wo er stand. Zwei städtische +Wächter fanden ihn, an die Mauer gelehnt, in einer +Lache sitzen. Sie erkannten den Beamten im persönlichen +Dienst des Deutschen Kaisers, und voll tiefer Besorgnisse +beugten sie sich über ihn. Gleich darauf aber sahen sie +<pb n='397'/><anchor id='Pgp0397'/>einander an und brachen in ungeheure Fröhlichkeit aus. +Der persönliche Beamte war gottlob nicht tot, denn er +schnarchte; und die Lache, in der er saß, war kein Blut. +</p> + +<p> +Am nächsten Abend, bei der Galavorstellung im Theater, +sah der Kaiser ungewöhnlich ernst aus. Diederich +bemerkte es, er sagte zu Guste: „Jetzt weiß ich doch, wozu +ich das viele Geld hab’ ausgegeben. Paß auf, wir erleben +einen historischen Moment!“ Und seine Ahnung betrog +ihn nicht. Die Abendblätter verbreiteten sich im Theater, +und man erfuhr, der Kaiser werde noch nachts abreisen, +und er habe seinen Reichstag aufgelöst! Diederich, ebenso +ernst wie der Kaiser, erklärte allen, die in der Nähe saßen, +die Schwere des Ereignisses. Der Umsturz hatte sich nicht +entblödet, die Militärvorlage abzulehnen! Die Nationalgesinnten +gingen für ihren Kaiser in einen Kampf auf +Leben und Tod! Er selbst werde mit dem nächsten Zuge +nach Hause fahren, versicherte er, worauf man ihm sofort +den Zug nannte ... Wer nicht zufrieden war, war Guste. +„Endlich ist man mal woanders, und, Gott sei Dank, hat +man es und kann sich was leisten. Wie komm’ ich dazu, +daß ich mich soll zwei Tage im Hotel mopsen und dann +gleich wieder retour, bloß wegen –.“ Der Blick, den sie +nach der kaiserlichen Loge schleuderte, war so voll von +Auflehnung, daß Diederich mit äußerster Strenge einschritt. +Guste ward ihrerseits laut; ringsum zischte man, +und als Diederich den Widersachern blitzend die Stirne +bot, sah er sich von ihnen veranlaßt, mit Guste aufzubrechen, +noch bevor ihr Zug ging. „Komment hat das +Pack nun mal nicht“, stellte er draußen fest und schnaufte +stark. „Überhaupt, was ist hier los, möcht’ ich mal wissen. +Schönes Wetter, na ja ... Na, nu sieh dir wenigstens +noch das alte Zeug an, das da ’rumsteht!“ heischte er. +<pb n='398'/><anchor id='Pgp0398'/>Guste, wieder gebändigt, sagte klagend: „Ich genieß’ es +ja.“ Und dann fuhren sie in gemessenem Abstand hinter +dem Zug des Kaisers her. Guste, die in der Eile ihre +Schwämme und Bürsten vergessen hatte, wollte immer +aussteigen. Damit sie sechsunddreißig Stunden Geduld +hatte, mußte Diederich ihr unermüdlich die nationale +Sache vorhalten. Trotzdem waren, als sie endlich in Netzig +Fuß faßte, ihre erste Sorge die Schwämme. Am Sonntag +hatte man ankommen müssen! Zum Glück war +wenigstens die Löwenapotheke offen. Indes Diederich vor +dem Bahnhof auf die Koffer wartete, ging Guste schon +hinüber. Da sie aber nicht zurückkam, folgte er ihr. +</p> + +<milestone unit="tb"/> + +<p> +Die Tür der Apotheke stand halb offen, drei junge Burschen +spähten hinein und wälzten sich. Diederich, der über +sie wegsah, erstarrte vor Staunen – denn drinnen hinter +dem Ladentisch schritt, die Arme gekreuzt und mit düsterem +Blick, hin und her sein alter Freund und Kommilitone +Gottlieb Hornung. Guste sagte gerade: „Nun bin ich doch +gespannt, ob ich bald meine Zahnbürste kriege“, da kam +Gottlieb Hornung hinter dem Ladentisch hervor, die +Arme immer verschränkt und Guste in seinen düsterm +Blick fassend. „Sie werden meiner Miene angesehen +haben,“ begann er mit Rednerstimme, „daß ich weder in +der Lage noch gewillt bin, Ihnen eine Zahnbürste zu +verkaufen.“ – „Nanu!“ machte Guste und wich zurück. +„Aber Sie haben doch das ganze Glas hier voll.“ Gottlieb +Hornung lächelte wie Luzifer. „Der Onkel dort oben“ +– er warf den Kopf zurück und zeigte mit dem Kinn nach +der Decke, hinter der wohl sein Prinzipal hauste – „der +kann hier feilbieten, was ihm beliebt. Ich fühle mich dadurch +nicht berührt. Ich habe nicht sechs Semester studiert +<pb n='399'/><anchor id='Pgp0399'/>und einer hochfeinen Korporation angehört, damit ich +mich jetzt hier hinstelle und Zahnbürsten verkaufe.“ – +„Wozu sind Sie denn da?“ fragte Guste, merklich eingeschüchtert. +Da versetzte Hornung, majestätisch rollend: +„Ich bin für die Rezeptur da!“ Und Guste fühlte wohl, +sie sei zurückgeschlagen; sie wandte sich zum Gehen. Eins +fiel ihr doch noch ein. „Mit den Schwämmen wäre es +wohl dasselbe?“ – „Ganz dasselbe“, bestätigte Hornung. +Hierauf hatte Guste offenbar gewartet, um sich ernstlich +zu entrüsten. Sie streckte den Busen vor und wollte loslegen; +Diederich hatte aber noch Zeit, dazwischenzutreten. +Er gab dem Freunde recht darin, daß die Würde der Neuteutonia +zu wahren und ihr Banner hochzuhalten sei. +Wenn jemand trotzdem einen Schwamm brauchte, konnte +er ihn sich am Ende selbst nehmen und den Betrag hinlegen +– was Diederich hiermit tat. Gottlieb Hornung +ging inzwischen beiseite und pfiff, als sei er allein. Sodann +bekundete Diederich seine Teilnahme an dem bisherigen +Ergehen des Freundes. Leider war viel Mißgeschick +dabei; denn da Hornung niemals Schwämme und +Zahnbürsten hatte verkaufen wollen, war er schon aus +fünf Apotheken entlassen worden. Dennoch war er entschlossen, +weiter für seine Überzeugung einzustehen, auf +die Gefahr, daß es ihn auch hier wieder seine Stellung +kostete. „Da sieh dir einen echten Neuteutonen an!“ sagte +Diederich zu Guste, und sie sah ihn sich an. +</p> + +<p> +Diederich hielt seinerseits nicht länger zurück mit dem, +was er erlebt und erreicht hatte. Er machte auf seinen +Orden aufmerksam, drehte Guste vor Hornung rundherum +und nannte die Ziffer ihres Vermögens. Der Kaiser, +dessen Feinde und Beleidiger dank Diederich hinter Schloß +und Riegel saßen, war in Rom ganz kürzlich und +gleich<pb n='400'/><anchor id='Pgp0400'/>falls dank Diederich einer persönlichen Gefahr entronnen. +Die Zeitungen sprachen, um eine Panik an den Höfen und +an der Börse zu vermeiden, nur von dem Bubenstreich +eines Halbwahnsinnigen, „aber im Vertrauen gesagt, ich +habe Anlaß, zu glauben, daß ein weitverzweigtes Komplott +bestanden hat. Du wirst verstehen, Hornung, daß +das nationale Interesse die größte Zurückhaltung gebietet, +denn du bist sicher auch ein national gesinnter +Mann.“ Hornung war es natürlich, und so konnte Diederich +sich über die hochwichtige Aufgabe verbreiten, die +ihn genötigt hatte, von seiner Hochzeitsreise plötzlich +zurückzukehren. Es galt, in Netzig den nationalen Kandidaten +durchzubringen! Die Schwierigkeiten durfte man +sich nicht verhehlen. Netzig war eine Hochburg des Freisinns, +der Umsturz rüttelte an den Grundlagen.... Hier +begann Guste zu drohen, daß sie mit dem Gepäck nach +Hause fahren werde. Diederich konnte den Freund nur +noch dringend einladen, ihn gleich heute abend zu besuchen, +er habe dringend mit ihm zu reden. Wie er in den +Wagen stieg, sah er einen der Schlingel, die draußen gewartet +hatten, die Apotheke betreten und eine Zahnbürste +verlangen. Diederich bedachte, daß Gottlieb Hornung +eben vermöge seiner aristokratischen Richtung, die ihm +beim Verkauf von Schwämmen und Zahnbürsten so hinderlich +war, im Kampf gegen die Demokratie ein wertvoller +Bundesgenosse werden könne. Aber dies war die +geringste seiner schleunigen Sorgen. Der alten Frau +Heßling wurden nur schnell ein paar Tränen erlaubt, +dann mußte sie wieder in das obere Stockwerk hinauf, +wo früher nur das Dienstmädchen und die nasse Wäsche +untergebracht waren und wohin Diederich jetzt seine +Mutter und Emmi beseitigt hatte. Den Ruß von der +<pb n='401'/><anchor id='Pgp0401'/>Reise noch im Bart, begab er sich hintenherum zum Präsidenten +von Wulckow, ließ darauf, nicht weniger unauffällig, +Napoleon Fischer zu sich kommen und hatte inzwischen +schon Schritte getan, um ohne Verzug eine Zusammenkunft +mit Kunze, Kühnchen und Zillich zu bewirken. +</p> + +<p> +Der Sonntagnachmittag erschwerte das Unternehmen; +der Major konnte nur mit Mühe seiner Kegelpartie entrissen +werden, den Pastor mußte man an einem Familienausflug +mit Käthchen und Assessor Jadassohn verhindern, +und der Professor befand sich in den Händen seiner beiden +Pensionäre, die ihn schon halb betrunken gemacht hatten. +Schließlich gelang es, alle im Lokal des Kriegervereins +zusammenzutreiben, und Diederich eröffnete ihnen ohne +weiteren Zeitverlust, daß ein nationaler Kandidat aufgestellt +werden müsse und daß nach Lage der Dinge nur +einer in Frage komme, nämlich Herr Major Kunze. +„Hurra!“ rief Kühnchen ohne weiteres, aber die Miene +des Majors zog sich noch gewitterhafter zusammen. Ob +man ihn denn für naiv halte, knirschte er hervor. Ob man +glaube, er lechze nach einer Blamage. „Ein nationaler +Kandidat in Netzig, was dem passiert, darauf bin ich nicht +neugierig. Wenn alles so gewiß wäre wie der nationale +Durchfall!“ Diederich ließ dies keineswegs gelten. „Wir +haben den Kriegerverein, den wollen die Herren in Rechnung +stellen. Der Kriegerverein ist eine unschätzbare +Operationsbasis. Von ihr aus schlagen wir uns in gerader +Linie durch, wenn ich so sagen darf, bis zum Kaiser-Wilhelm-Denkmal, +und dort wird die Schlacht gewonnen.“ +„Hurra!“ schrie Kühnchen wieder, die beiden anderen +aber wünschten doch zu wissen, was es mit dem Denkmal +sei, und Diederich weihte sie ein in seine Erfindung – +wobei er lieber darüber hinwegging, daß das Denkmal +<pb n='402'/><anchor id='Pgp0402'/>der Gegenstand eines Paktes zwischen ihm und Napoleon +Fischer sei. Das freisinnige Säuglingsheim, so viel verriet +er, war nicht populär, eine Menge Wähler ließen sich +zu der nationalen Sache herüberziehen, wenn man ihnen +aus dem Nachlaß des alten Kühlemann ein Kaiser-Wilhelm-Denkmal +versprach. Erstens wurden dabei mehr +Handwerker beschäftigt, und dann kam Betrieb in die +Stadt, die Einweihung solch eines Denkmals zog weite +Kreise, Netzig hatte Aussicht, seinen schlechten Ruf als +demokratischer Sumpf zu verlieren und in die Gnadensonne +zu rücken. Dabei dachte Diederich an seinen Pakt +mit Wulckow, über den er auch lieber hinging. „Dem +Manne aber, der so unendlich viel für uns alle erreicht +und errungen hat“ – er zeigte schwungvoll auf Kunze – +„dem Manne wird unsere liebe alte Stadt ganz sicher auch +dereinst ein Denkmal setzen. Er und Kaiser Wilhelm der +Große werden einander anblicken –“ „Und die Zunge +zeigen“, schloß der Major, der bei seinem Unglauben verharrte. +„Wenn Sie meinen, die Netziger warten nur auf +den großen Mann, der sie mit klingendem Spiel in das +nationale Lager führt, warum spielen Sie dann nicht +selbst den großen Mann?“ Und er bohrte sich in Diederichs +Augen. Aber Diederich riß sie nur noch ehrlicher auf; +er legte die Hand auf das Herz. „Herr Major! Meine wohlbekannte +kaisertreue Gesinnung hat mir schon schwerere +Prüfungen auferlegt als eine Kandidatur für den Reichstag, +und die Prüfungen, das darf ich sagen, hab’ ich bestanden! +Dabei hab’ ich mich nicht gescheut, als Vorkämpfer +der guten Sache, allen Haß der Schlechtgesinnten +auf meine Person zu laden, und hab’ es mir dadurch unmöglich +gemacht, die Frucht meiner Opfer selbst einzustecken. +Mich würden die Netziger nicht wählen, meine Sache +<pb n='403'/><anchor id='Pgp0403'/>werden sie wählen, und darum trete ich zurück, denn sachlich +sein heißt deutsch sein, und lasse Ihnen, Herr Major, neidlos +die Ehren und die Freuden!“ Allgemeine Bewegung. +Kühnchens Bravo klang tränenfeucht, der Pastor nickte +weihevoll, und Kunze starrte, sichtlich erschüttert, unter den +Tisch. Diederich aber fühlte sich leicht und gut, er hatte sein +Herz sprechen lassen, und es hatte Treue, Opfersinn und +mannhaften Idealismus ausgedrückt. Diederichs blond +behaarte Hand streckte sich über den Tisch, und die braun +behaarte des Majors schlug zögernd, doch kräftig hinein. +</p> + +<p> +Nach dem Herzen freilich ergriff bei allen vier Männern +wieder die Vernunft das Wort. Der Major erkundigte +sich, ob Diederich bereit sei, ihn zu entschädigen für die +ideellen und materiellen Verluste, von denen er bedroht +sei, falls er gegen den Kandidaten des freisinnigen Klüngels +in die Schranken trete und ihm unterliege. „Sehen +Sie wohl!“ – und er reckte den Finger gegen Diederich, +der angesichts dieser Geradlinigkeit nicht gleich Worte fand. +„So ganz koscher kommt Ihnen die nationale Sache auch +nicht vor, und daß Sie mich durchaus ’rankriegen wollen, +wie ich Sie kenne, Herr Doktor, hängt das mit irgendwelchen +Fisimatenten Ihrerseits zusammen, von denen +ich als gerader Soldat gottlob nichts verstehe.“ Hierauf +beeilte Diederich sich, dem geraden Soldaten einen Orden +zu versprechen, und da er sein Einverständnis mit Wulckow +durchblicken ließ, war der nationale Kandidat endlich rückhaltlos +gewonnen.... Inzwischen aber hatte Pastor +Zillich es sich überlegt, ob seine Stellung in der Stadt es +ihm erlaube, den Vorsitz des nationalen Wahlkomitees +zu übernehmen. Sollte er die Zwietracht in seine Gemeinde +tragen? Sein leiblicher Schwager Heuteufel war +der Kandidat der Liberalen! Freilich, wenn man statt +<pb n='404'/><anchor id='Pgp0404'/>des Denkmals eine Kirche gebaut hätte! „Denn wahrlich, +Gotteshäuser tun mehr denn je not, und meine liebe Kirche +von Sankt Marien wird von der Stadt so sehr vernachlässigt, +daß sie heute oder morgen mir und meinen Christen +auf den Kopf fallen kann.“ Ohne Säumen verbürgte +Diederich sich für alle gewünschten Reparaturen. Zur +Bedingung machte er nur, daß der Pastor von den Vertrauensstellungen +der neuen Partei alle diejenigen Elemente +fernhalte, die schon durch gewisse Äußerlichkeiten +berechtigte Zweifel an der Echtheit ihrer nationalen Gesinnung +erregten. „Ohne in Familienverhältnisse eingreifen +zu wollen“, setzte Diederich hinzu und sah Käthchens +Vater an, der offenbar begriffen hatte, denn er +muckte nicht.... Aber auch Kühnchen, der längst nicht +mehr hurra schrie, meldete sich. Die beiden anderen hatten +ihn, während sie selbst sprachen, nur mit Gewalt auf seinem +Sitz festgehalten; kaum daß sie ihn losließen, riß er stürmisch +die Debatte an sich. Wo mußte die nationale Gesinnung +vor allem wurzeln? In der Jugend? Wie aber +war das möglich, wenn der Rektor des Gymnasiums ein +Freund des Herrn Buck war. „Da kann ich mir die +Schwindsucht an den Hals reden von unseren glorreichen +Taten im Jahre siebzig...“ Genug, Kühnchen wollte +Rektor werden, und Diederich bewilligte es ihm großmütig. +</p> + +<p> +Nachdem dermaßen die politische Haltung auf der gesunden +Grundlage der Interessen festgelegt war, konnte +man sich mit gutem Gewissen der Begeisterung hingeben, +die, wie Pastor Zillich erklärte, von Gott kam und auch der +besten Sache erst die höhere Weihe lieh, und so begab man +sich in den Ratskeller. +</p> + +<p> +In aller Frühe, als die vier Herren heimgingen, klebten +an den Mauern zwischen den weißen Wahlaufrufen +Heu<pb n='405'/><anchor id='Pgp0405'/>teufels und den roten des Genossen Fischer die schwarzweißrot +geränderten Plakate, die Herrn Major Kunze +als Kandidaten der „Partei des Kaisers“ empfahlen. Diederich +pflanzte sich so fest, als es ihm möglich war, davor +auf und las mit schneidiger Tenorstimme. „Vaterlandslose +Gesellen des aufgelösten Reichstages haben es gewagt, +unserem herrlichen Kaiser die Machtmittel zu versagen, +deren er zur Größe des Reiches bedarf.... Wollen +uns des großen Monarchen würdig erweisen und seine +Feinde zerschmettern! Einziges Programm: Der Kaiser! +Die für mich und die wider mich: Umsturz und Partei +des Kaisers!“ Kühnchen, Zillich und Kunze bekräftigten +alles mit Geschrei; und da einige Arbeiter, die in die +Fabrik gingen, erstaunt stehenblieben, drehte Diederich +sich um und erläuterte ihnen das nationale Manifest. +„Leute!“ rief er. „Ihr wißt gar nicht, was ihr für ein +Schwein habt, daß ihr Deutsche seid. Denn um unseren +Kaiser beneidet uns die ganze Welt, habe mich soeben im +Ausland persönlich davon überzeugt.“ Hier schlug Kühnchen +mit der Faust auf dem Anschlagbrett einen Tusch, +und die vier Herren schrien hurra, indes die Arbeiter ihnen +zusahen. „Wollt ihr, daß euer Kaiser euch Kolonien +schenkt?“ fragte Diederich sie. „Na also. Dann schärft +ihm gefälligst das Schwert! Wählt keinen vaterlandslosen +Gesellen, das verbitte ich mir, sondern einzig den Kandidaten +des Kaisers, Herrn Major Kunze: sonst garantiere +ich euch keinen Augenblick für unsere Stellung in der +Welt, und es kann euch passieren, daß ihr mit zwanzig +Mark weniger Lohn alle vierzehn Tage nach Haus geht!“ +Hier sahen die Arbeiter stumm einander an, und dann +setzten sie sich wieder in Bewegung. +</p> + +<p> +Aber auch die Herren verloren keine Zeit. Kunze selbst +<pb n='406'/><anchor id='Pgp0406'/>ging auf steifen Beinen an die Aufgabe, den Mitgliedern +des Kriegervereins den Standpunkt klarzumachen. „Wenn +die Kerls glauben,“ erklärte er, „sie können künftig noch +den freien Gewerkschaften angehören! Den Freisinn +treiben wir ihnen auch aus! Von heute ab greift ’ne +schärfere Tonart Platz!“ Pastor Zillich verhieß eine verwandte +Tätigkeit in den christlichen Vereinen, indes Kühnchen +zum voraus von der frischen Begeisterung seiner +Primaner schwärmte, die auf Fahrrädern die Stadt durcheilen +und Wähler herbeischleppen sollten. Das rastloseste +Pflichtgefühl aber beseelte doch Diederich. Er verschmähte +jede Ruhe; seiner Gattin, die im Bett lag und ihn mit +Vorwürfen empfing, erwiderte er blitzend: „Mein Kaiser +hat ans Schwert geschlagen, und wenn mein Kaiser ans +Schwert schlägt, dann gibt es keine ehelichen Pflichten +mehr. Verstanden?“ Worauf Guste sich schroff herumwarf +und das mit ihren hinteren Reizen ausgefüllte Federbett +wie einen Turm zwischen sich und den Ungefälligen +stellte. Diederich unterdrückte das Bedauern, das ihn +beschleichen wollte, und schrieb ungesäumt einen Warnruf +gegen das freisinnige Säuglingsheim. Die „Netziger Zeitung“ +brachte ihn auch, obwohl sie vor zwei Tagen aus +der Feder des Herrn Doktors Heuteufel eine überaus +warme Empfehlung des Säuglingsheims gebracht hatte. +Denn, wie der Redakteur Nothgroschen hinzusetzte, das +Organ des gebildeten Bürgertums war es seinen Abonnenten +schuldig, an jede neu auftauchende Idee vor allem +den Prüfstein seines Kulturgewissens zu legen. Und dies +tat Diederich in geradezu vernichtender Weise. Für wen +war so ein Säuglingsheim naturgemäß in erster Linie +bestimmt? Für die unehelichen Kinder. Was begünstigte +es also? Das Laster. Hatten wir das nötig? Nicht die +<pb n='407'/><anchor id='Pgp0407'/>Spur; „denn wir sind Gott sei Dank nicht in der traurigen +Lage der Franzosen, die durch die Folgen ihrer demokratischen +Zuchtlosigkeit schon so gut wie auf den Aussterbeetat +gesetzt sind. Die mögen uneheliche Geburten +preiskrönen, weil sie sonst keine Soldaten mehr haben. +Wir aber sind nicht angefault, wir erfreuen uns eines +unerschöpflichen Nachwuchses! Wir sind das Salz der +Erde!“ Und Diederich rechnete den Abonnenten der +„Netziger Zeitung“ vor, bis wann sie und ihresgleichen +hundert Millionen betragen würden, und wie lange es +höchstens noch dauern könne, bis die Erde deutsch sei. +</p> + +<p> +Hiermit waren, nach der Meinung des nationalen Komitees, +die Vorbereitungen getroffen für die erste Wahlversammlung +der „Partei des Kaisers“. Sie sollte bei +Klappsch sein, der seinen Saal patriotisch aufgemacht +hatte. In Tannenkränzen glühten Transparente: „Der +Wille des Königs ist das höchste Gebot.“ „Es gibt für +euch nur einen Feind, und der ist mein Feind.“ „Die +Sozialdemokratie nehme ich auf mich.“ „Mein Kurs ist +der richtige.“ „Bürger, erwacht aus dem Schlummer!“ +Für das Erwachen sorgten Klappsch und Fräulein +Klappsch, indem sie überall immer frisches Bier hinstellte, +ohne so peinlich wie sonst die Bierfilze aufzuhäufen. So +ward Kunze, als der Vorsitzende, Pastor Zillich, ihn der +Versammlung vorstellte, schon mit Stimmung aufgenommen. +Diederich freilich, hinter der Rauchwolke, in +der das Bureau saß, machte die unliebsame Bemerkung, +daß auch Heuteufel, Cohn und einige von ihrem Anhang +in den Saal gelangt waren. Er stellte Gottlieb Hornung +zur Rede, denn Hornung hatte die Aufsicht. Aber er +wollte sich nichts sagen lassen, er war gereizt, es hatte ihn +zu große Mühe gekostet, die Leute zusammenzutreiben. +<pb n='408'/><anchor id='Pgp0408'/>So viele Lieferanten wie das Kaiser-Wilhelm-Denkmal +dank seiner Agitation nun schon hatte, konnte die Stadt +nie bezahlen, und wenn der alte Kühlemann dreimal +starb! Geschwollene Hände hatte Hornung von den Begrüßungen +all der neubekehrten Patrioten! Zumutungen +hatten sie an ihn gestellt! Daß er sich mit einem Drogisten +assoziieren sollte, war noch das wenigste. Aber Gottlieb +Hornung protestierte gegen diesen demokratischen Mangel +an Distanz. Der Besitzer der Löwenapotheke hatte ihm +soeben gekündigt, und er war entschlossener als je, weder +Schwämme noch Zahnbürsten zu verkaufen.... Inzwischen +stammelte Kunze an seiner Kandidatenrede. +Denn seine finstere Miene täuschte Diederich nicht darüber, +daß der Major dessen, was er sagen wollte, durchaus +nicht sicher war und daß der Wahlkampf ihn befangener +machte, als der Ernstfall es getan haben würde. Er sagte: +„Meine Herren, das Heer ist die einzige Säule“, da +jedoch einer aus der Gegend Heuteufels dazwischenrief: +„Schon faul!“, verwirrte Kunze sich sogleich und setzte +hinzu: „Aber wer bezahlt es? Der Bürger.“ Worauf die +um Heuteufel Bravo riefen. Hierdurch in eine falsche +Richtung gedrängt, erklärte Kunze: „Darum sind wir alle +Säulen, das dürfen wir wohl verlangen, und wehe dem +Monarchen –“ „Sehr richtig!“ antworteten freisinnige +Stimmen, und die gutgläubigen Patrioten schrien mit. +Der Major wischte sich den Schweiß; ohne sein Zutun +nahm seine Rede einen Verlauf, als hielte er sie im liberalen +Verein. Diederich zog ihn von hinten am Rockschoß, +er beschwor ihn, Schluß zu machen, aber Kunze +versuchte es vergebens: den Übergang zur Wahlparole +der „Partei des Kaisers“ fand er nicht. Am Ende verlor +er die Geduld, ward jäh dunkelrot und stieß mit +unver<pb n='409'/><anchor id='Pgp0409'/>mittelter Wildheit hervor: „Ausrotten bis auf den letzten +Stumpf! Hurra!“ Der Kriegerverein donnerte Beifall. +Wo nicht mitgeschrien wurde, erschienen auf Diederichs +Wink eilends Klappsch oder Fräulein Klappsch. +</p> + +<p> +Zur Diskussion meldete sich alsbald Doktor Heuteufel, +aber Gottlieb Hornung kam ihm zuvor. Diederich für +seine Person blieb lieber im Hintergrund, hinter der Rauchwolke +des Präsidiums. Er hatte Hornung zehn Mark +versprochen, und Hornung war nicht in der Lage, sie +auszuschlagen. Knirschend trat er an den Rand der Bühne +und erläuterte die Rede des verehrten Herrn Majors +dahin, daß das Heer, für das wir alle zu jedem Opfer bereit +seien, unser Bollwerk gegen die Schlammflut der +Demokratie sei. „Die Demokratie ist die Weltanschauung +der Halbgebildeten“, stellte der Apotheker fest. „Die +Wissenschaft hat sie überwunden.“ „Sehr richtig!“ rief +jemand; es war der Drogist, der sich mit ihm assoziieren +wollte. „Herren und Knechte wird es immer geben!“ +bestimmte Gottlieb Hornung, „denn in der Natur ist es +auch so. Und es ist daß einzig Wahre, denn jeder muß +über sich einen haben, vor dem er Angst hat, und einen +unter sich, der vor ihm Angst hat. Wohin kämen wir sonst! +Wenn der erste beste sich einbildet, er ist ganz für sich +selbst was und alle sind gleich! Wehe dem Volk, dessen +überkommene, ehrwürdige Formen sich erst in den demokratischen +Mischmasch auflösen, und wo der zersetzende +Standpunkt der Persönlichkeit das Übergewicht bekommt!“ +Hier verschränkte Gottlieb Hornung die Arme und schob +den Nacken vor. „Ich,“ rief er, „der ich einer hochfeinen +Verbindung angehört habe und den freudigen Blutverlust +für die Ehre der Farben kenne, ich bedanke mich +dafür, daß ich Zahnbürsten verkaufen soll!“ +</p> + +<pb n='410'/><anchor id='Pgp0410'/> + +<p> +„Und Schwämme auch nicht?“ fragte jemand. +</p> + +<p> +„Auch nicht!“ entschied Hornung. „Ich verbitte mir ganz +energisch, daß noch mal einer kommt. Man soll immer wissen, +wen man vor sich hat. Jedem das Seine. Und in diesem +Sinne geben wir unsere Stimme nur einem Kandidaten, +der dem Kaiser so viel Soldaten bewilligt, als er haben +will. Denn entweder haben wir einen Kaiser oder nicht!“ +</p> + +<p> +Damit trat Gottlieb Hornung zurück und sah, den +Unterkiefer vorgeschoben, aus gefalteten Brauen in das +Beifallsgebrause. Der Kriegerverein ließ es sich nicht +nehmen, mit geschwungenen Biergläsern an ihm und +Kunze vorbeizudefilieren. Kunze nahm Händedrücke entgegen, +Hornung stand ehern da – und Diederich konnte +nicht umhin, mit Bitterkeit zu empfinden, daß diese beiden +zweitklassigen Persönlichkeiten den Vorteil hatten von +einer Gelegenheit, die sein Werk war. Er mußte ihnen +die Volksgunst des Augenblicks wohl lassen, denn er wußte +besser als die beiden Gimpel, wo dies hinauswollte. Da +der nationale Kandidat am Ende nur dazu da war, eine +Hilfstruppe für Napoleon Fischer anzuwerben, tat man +gut daran, sich nicht selbst hinauszustellen. Heuteufel +freilich legte es darauf an, Diederich hervorzulocken. Der +Vorsitzende, Pastor Zillich, konnte ihm das Wort nicht +länger verweigern, sofort begann er vom Säuglingsheim. +Das Säuglingsheim sei eine Sache des sozialen Gewissens +und der Humanität. Was aber sei das Kaiser-Wilhelm-Denkmal? +Eine Spekulation, und die Eitelkeit sei noch +der anständigste der Triebe, auf die spekuliert werde.... +Die Lieferanten dort unten hörten zu in einer Stille voll +peinlicher Gefühle, denen hier und da ein dumpfes Murren +entstieg. Diederich bebte. „Es gibt Leute,“ behauptete +Heuteufel, „denen es auf hundert Millionen mehr für das +<pb n='411'/><anchor id='Pgp0411'/>Militär nicht ankommt, denn sie wissen schon, womit sie es +für ihre Person wieder hereinbringen.“ Da schnellte Diederich +auf: „Ich bitte ums Wort!“ und mit Bravo! Hoho! +Abtreten! explodierten die Gefühle der Lieferanten. Sie +grölten, bis Heuteufel fort war und Diederich dastand. +</p> + +<p> +Diederich wartete lange, bevor das Meer der nationalen +Empörung sich beruhigte. Dann begann er. „Meine +Herren!“ „Bravo!“ schrien die Lieferanten, und Diederich +mußte weiter warten in der Atmosphäre gleichgestimmter +Gemüter, worin das Atmen ihm leicht war. Als sie +ihn reden ließen, gab er der allgemeinen Empörung +Worte, daß der Vorredner es habe wagen können, die +Versammlung in ihrer nationalen Gesinnung zu verdächtigen. +„Unerhört!“ riefen die Lieferanten. „Das beweist +uns nur,“ rief Diederich, „wie zeitgemäß die Gründung +der ‚Partei des Kaisers‘ war! Der Kaiser selbst hat befohlen, +daß alle diejenigen sich zusammenschließen, die, +ob edel oder unfrei, ihn von der Pest des Umsturzes befreien +wollen. Das wollen wir, und darum steht unsere +nationale und kaisertreue Gesinnung hoch über den Verdächtigungen +derer, die selbst bloß eine Vorfrucht des Umsturzes +sind!“ Noch bevor der Beifall losbrechen konnte, +sagte Heuteufel sehr deutlich: „Abwarten! Stichwahl!“ +Und obwohl die Lieferanten sogleich alles weitere im Getöse +ihrer Hände erstickten, fand Diederich doch schon in +diesen zwei Worten so gefährliche Andeutungen versteckt, +daß er schnell ablenkte. Das Säuglingsheim war ein +weniger verfängliches Gebiet. Wie? Eine Sache des +sozialen Gewissens sollte es sein? Ein Ausfluß des Lasters +war es! „Wir Deutschen überlassen so was den Franzosen, +die ein sterbendes Volk sind!“ Diederich brauchte +nur seinen Artikel aus der „Netziger Zeitung“ herzusagen. +<pb n='412'/><anchor id='Pgp0412'/>Der vom Pastor Zillich geleitete Jünglingsverein sowie +die christlichen Handlungsgehilfen klatschten bei jedem +Wort. „Der Germane ist keusch!“ rief Diederich, „darum +haben wir im Jahre siebzig gesiegt!“ Jetzt war die Reihe +am Kriegerverein, von Begeisterung zu dröhnen. Hinter +dem Tisch des Vorstandes sprang Kühnchen auf, schwenkte +seine Zigarre und kreischte: „Nu verklobben mer sie bald +noch emal!“ Diederich hob sich auf die Zehen. „Meine +Herren!“ schrie er angestrengt in die nationalen Wogen, +„das Kaiser-Wilhelm-Denkmal soll eine Huldigung für den +erhabenen Großvater sein, den wir, ich darf es sagen, alle +fast wie einen Heiligen verehren, und zugleich ein Versprechen +an den erhabenen Enkel, unseren herrlichen jungen +Kaiser, daß wir so bleiben wollen wie wir sind, nämlich +keusch, freiheitsliebend, wahrhaftig, treu und tapfer!“ +</p> + +<p> +Hier waren wieder die Lieferanten nicht mehr zu halten. +Selbstvergessen schwelgten sie im Idealen – und auch +Diederich war sich keiner weltlichen Hintergedanken mehr +bewußt, nicht seines Paktes mit Wulckow, nicht seiner Verschwörung +mit Napoleon Fischer, noch seiner dunkeln Absichten +für die Stichwahl. Reine Begeisterung entführte +seine Seele auf einen Flug, von dem ihr schwindelte. Erst +nach einer Weile konnte er wieder schreien. „Abzuweisen +und mit aller Schärfe hinter die ihnen gebührenden +Schranken zurückzudämmen sind daher die Anwürfe derer, +die weiter nichts wollen, als uns verweichlichen mit ihrer +falschen Humanität!“ – „Wo haben Sie Ihre echte +sitzen?“ fragte die Stimme Heuteufels und stachelte dadurch +die nationale Gesinnung der Versammelten so hoch +auf, daß Diederich nur noch stellenweise zu hören war. +Man verstand, er wollte keinen ewigen Frieden, denn +das war ein Traum und nicht einmal ein schöner. +Da<pb n='413'/><anchor id='Pgp0413'/>gegen wollte er eine spartanische Zucht der Rasse. Blödsinnige +und Sittlichkeitsverbrecher waren durch einen +chirurgischen Eingriff an der Fortpflanzung zu verhindern. +Bei diesem Punkt verließ Heuteufel mit den Seinen +das Lokal. Von der Tür rief er noch her: „Den Umsturz +kastrieren Sie auch!“ Diederich antwortete: „Machen +wir, wenn Sie noch lange nörgeln!“ „Machen wir!“ +tönte es zurück von allen Seiten. Alle waren plötzlich +auf den Füßen, prosteten, jauchzten und vermischten ihre +Hochgefühle. Diederich, umbraust von Huldigungen, +wankend unter dem Ansturm treudeutscher Hände, die die +seinen schütteln wollten, und nationaler Biergläser, die +mit ihm anstießen, sah von seiner Bühne in den Saal +hinaus, der seinem durch Rausch getrübten Blick weiter +und höher schien. Aus den höchsten Tabakswolken glühten +ihn mystisch die Gebote seines Herrn an: „Der Wille des +Königs!“ „Mein Feind!“ „Mein Kurs!“ Er wollte sie +in das brausende Volk hineinschreien – aber er griff sich +an die Kehle, kein Ton kam mehr: Diederich war stockheiser. +Da sah er sich voll Sorge nach Heuteufel um, der +leider fort war. „Ich hätte ihn nicht so reizen sollen. Jetzt +gnade mir Gott, wenn er mich pinselt.“ +</p> + +<milestone unit="tb"/> + +<p> +Die schlimmste Rache Heuteufels war, daß er Diederich +das Ausgehen verbot. Draußen tobte der Kampf täglich +wilder, und alle standen in der Zeitung, weil alle redeten: +Pastor Zillich sogar und selbst der Redakteur Nothgroschen, +zu schweigen von Kühnchen, der überall zugleich redete. +Nur Diederich in seinem neu altdeutsch möblierten Salon +gurgelte stumm. Von der Estrade beim Fenster sahen +drei Bronzefiguren in zweidrittel Lebensgröße ihm zu: +der Kaiser, die Kaiserin und der Trompeter von Säckingen. +<pb n='414'/><anchor id='Pgp0414'/>Sie waren ein Gelegenheitskauf bei Cohn gewesen; +obwohl Cohn das Heßlingsche Papier abbestellt hatte und +noch immer nicht national empfand, hatte Diederich sie +in seiner Einrichtung nicht missen wollen. Guste warf +sie ihm vor, wenn er ihren Hut zu teuer fand. +</p> + +<p> +Guste begann in letzter Zeit launisch zu werden, auch +kamen ihr Übelkeiten, während deren sie sich im Schlafzimmer +von der alten Frau Heßling pflegen ließ. Sobald +es ihr besser ging, erinnerte sie die Alte daran, daß hier +eigentlich alles mit ihrem Geld bezahlt war. Frau Heßling +verfehlte nicht, die Heirat mit ihrem Diedel als eine +wahre Gnade hinzustellen für Guste, in ihrer damaligen +Lage. Zum Schluß war Guste rot aufgebläht und +schnaufte, Frau Heßling aber vergoß Tränen. Diederich +hatte den Nutzen davon, denn beide waren nachher mit +ihm die Liebe selbst, in der Absicht, ihn, der nichts ahnte, +auf ihre Seite zu bringen. +</p> + +<p> +Was Emmi betraf, so schlug sie, ihrer Gewohnheit folgend, +einfach die Tür zu und ging hinauf in ihr Zimmer, +das eine schräge Decke hatte. Guste sann darauf, sie auch +daraus noch zu vertreiben. Wo sollte man bei Regen die +Wäsche trocknen. Wenn Emmi, weil sie nichts hatte, +keinen Mann fand, mußte man sie eben unter ihrem +Stande verheiraten, mit einem braven Handwerker! +Aber freilich, Emmi spielte sich auf die Feinste in der Familie +hinaus, sie verkehrte mit Brietzens.... Denn dies +erbitterte Guste am meisten, Emmi ward zu den Fräulein +von Brietzen eingeladen – obwohl diese das Haus +nie betreten hatten. Ihr Bruder, der Leutnant, würde +Guste, von den Soupers bei ihrer Mutter her, wenigstens +einen Besuch geschuldet haben, aber nur der zweite Stock +des Heßlingschen Hauses ward von ihm für würdig +be<pb n='415'/><anchor id='Pgp0415'/>funden, es war nachgerade auffallend.... Ihre gesellschaftlichen +Erfolge behüteten Emmi freilich nicht vor +Tagen großer Niedergeschlagenheit; dann verließ sie ihr +Zimmer nicht einmal zu den Mahlzeiten, die gemeinsam +waren. Einmal ging Guste, aus Mitgefühl und Langeweile, +hinauf zu ihr, Emmi schloß aber, wie sie sie sah, die +Augen, sie lag in ihrer hinfließenden Matinee bleich und +starr da. Guste, die keine Antwort bekam, versuchte es +ihrerseits mit Vertraulichkeiten über Diederich und über +ihren Zustand. Da zog Emmis starres Gesicht sich jäh +zusammen, sie wälzte sich auf einen ihrer Arme, und mit +dem anderen winkte sie heftig nach der Tür. Guste blieb +den Ausdruck ihrer Empörung nicht schuldig; Emmi, jäh +aufgesprungen, gab ihrem Wunsch, alleinzubleiben, die +deutlichsten Worte; und als die alte Frau Heßling hinzukam, +war es schon beschlossene Sache, daß die beiden +Teile der Familie künftig getrennt essen würden. Diederich, +dem Guste vorweinte, war peinlich berührt von +den Weibergeschichten. Zum Glück kam ihm ein Gedanke, +der geeignet schien, zunächst mal Ruhe zu schaffen. Da er +wieder über ein wenig Stimme verfügte, ging er gleich zu +Emmi und verkündete ihr seinen Entschluß, sie für einige +Zeit nach Eschweiler zu schicken, zu Magda. Erstaunlicherweise +lehnte sie ab. Da er nicht nachließ, wollte sie aufbegehren, +ward aber plötzlich wie von Angst befallen und +begann leise und inständig zu bitten, daß sie dableiben dürfe. +Diederich, dem, er wußte nicht was, ans Herz griff, ließ ratlos +die Augen umhergehen, und dann zog er sich zurück. +</p> + +<p> +Am Tage darauf erschien Emmi, als sei nichts geschehen, +beim Mittagessen, frisch gerötet und in bester Laune. +Guste, die um so zurückhaltender blieb, warf Diederich +Blicke zu. Er glaubte zu verstehen; er erhob sein Glas +<pb n='416'/><anchor id='Pgp0416'/>gegen Emmi und sagte schalkhaft: „Prost, Frau von +Brietzen“. Da erblaßte Emmi. „Mach’ dich nicht lächerlich!“ +rief sie zornig, warf die Serviette hin und schlug die +Tür zu. „Nanu“, knurrte Diederich; aber Guste hob nur +die Schultern. Erst als die alte Frau Heßling fort war, +sah sie Diederich merkwürdig in die Augen und fragte: +„Glaubst du wirklich?“ Er erschrak, machte aber ein fragendes +Gesicht. „Ich meine,“ erklärte Guste, „dann +könnte mich der Herr Leutnant wenigstens auf der Straße +grüßen. Aber heute hat er einen Bogen gemacht.“ Diederich +bezeichnete dies als Unsinn. Guste erwiderte: +„Wenn ich es mir bloß einbilde, dann bilde ich mir noch +mehr ein, weil ich nämlich in der Nacht schon öfter was +durchs Haus schleichen gehört habe, und heute sagte auch +Minna –.“ Weiter kam Guste nicht. „Aha!“ Diederich +schnob. „Mit den Dienstboten steckst du zusammen! Das +tat Mutter auch immer. Aber ich kann dir nur sagen, +daß ich das nicht dulde. Über der Ehre meines Hauses +wache ich allein, dazu brauche ich weder Minna noch dich, +und wenn ihr anderer Meinung seid, dann seht lieber +gleich beide zu, daß ihr die Tür wiederfindet, wo ihr hereingekommen +seid!“ Vor dieser mannhaften Haltung +konnte Guste sich freilich nur ducken, aber sie lächelte ihm +von unten nach, wie er davonging. +</p> + +<p> +Diederich seinerseits war froh, durch sein festes Auftreten +die Sache aus der Welt geschafft zu haben. Denn noch +verwickelter, als es in diesen Zeiten schon war, durfte das +Leben nicht werden. Seine Heiserkeit, die ihn leider nun +drei Tage lang dem Kampfe fernhielt, war von den Feinden +nicht unbenutzt gelassen. Ja, Napoleon Fischer hatte +ihn noch heute morgen davon unterrichtet, daß die „Partei +des Kaisers“ ihm zu stark werde und daß sie neuerdings +<pb n='417'/><anchor id='Pgp0417'/>zu viel gegen die Sozialdemokratie hetze. Unter diesen +Umständen –. Um ihn zu beruhigen, hatte Diederich +ihm versprechen müssen, gleich heute werde er die übernommenen +Verpflichtungen erfüllen und von den Stadtverordneten +das sozialdemokratische Gewerkschaftshaus +verlangen.... So begab er sich, durchaus noch nicht hergestellt, +in die Versammlung – und hier mußte er erleben, +daß der Antrag betreffend das Gewerkschaftshaus +soeben eingebracht worden war, und zwar von den Herren +Cohn und Genossen. Die Liberalen stimmten dafür, er +ging durch, so glatt, als sei er der erste beste. Diederich, +der den nationalen Verrat der Cohn und Genossen laut +geißeln wollte, konnte nur bellen: der tückische Streich +hatte ihn abermals der Stimme beraubt. Kaum heimgekehrt, +ließ er sich Napoleon Fischer kommen. +</p> + +<p> +„Sie sind entlassen!“ bellte Diederich. Der Maschinenmeister +grinste verdächtig. „Schön“, sagte er und wollte +abziehen. +</p> + +<p> +„Halt!“ bellte Diederich. „Wenn Sie meinen, Sie +kommen so leicht los. Gehen Sie mit dem Freisinn zusammen, +dann verlassen Sie sich darauf, daß ich unseren +Vertrag bekanntmache! Sie sollen was erleben!“ +</p> + +<p> +„Politik ist Politik“, bemerkte Napoleon Fischer achselzuckend. +Und da Diederich vor so viel Zynismus nicht +einmal mehr bellen konnte, trat Napoleon Fischer vertraulich +näher, fast hätte er Diederich auf die Schulter +geklopft. „Herr Doktor,“ sagte er wohlwollend, „tun Sie +doch nur nicht so. Wir beide: – na ja, ich sage bloß, wir +beide ...“ Und sein Grinsen war so voll Mahnungen, daß +Diederich erschauerte. Schnell bot er Napoleon Fischer +eine Zigarre an. Fischer rauchte und sagte: +</p> + +<p> +„Wenn einer von uns beiden erst anfängt zu reden, wo +<pb n='418'/><anchor id='Pgp0418'/>hört dann der andere auf! Hab’ ich recht, Herr Doktor? Aber +wir sind doch keine alten Seichtbeutel, die immer gleich +mit allem herausmüssen, wie zum Beispiel der Herr Buck.“ +</p> + +<p> +„Wieso?“ fragte Diederich tonlos und fiel von einer +Angst in die andere. Der Maschinenmeister tat erstaunt. +„Das wissen Sie nicht? Der Herr Buck erzählt doch überall, +daß Sie den nationalen Rummel nicht so schlimm +meinen. Sie möchten bloß Gausenfeld billig haben, und +denken, Sie kriegen es billiger, wenn Klüsing Angst wegen +gewisser Aufträge hat, weil er nicht national ist.“ +</p> + +<p> +„Das sagt er?“ fragte Diederich, zu Stein geworden. +</p> + +<p> +„Das sagt er“, wiederholte Fischer. „Und er sagt auch, er +tut Ihnen den Gefallen und spricht für Sie mit Klüsing. +Dann werden Sie sich wohl wieder beruhigen, sagt er.“ +</p> + +<p> +Da wich der Bann von Diederich. „Fischer!“ versetzte er +mit kurzem Gebell. „Merken Sie sich, was jetzt kommt. Den +alten Buck werden Sie noch im Rinnstein stehen und betteln +sehen. Jawohl! Dafür werd’ ich sorgen, Fischer. Adieu.“ +</p> + +<p> +Napoleon Fischer war hinaus, aber Diederich bellte +noch lange, im Zimmer umherstampfend, vor sich hin. +Der Schuft, der falsche Biedermann! Hinter allen Widerständen +stak der alte Buck, Diederich hatte es immer geahnt. +Der Antrag Cohn und Genossen war sein Werk +gewesen – und jetzt die infame Verleumdung mit Gausenfeld. +Diederichs ganzes Innere bäumte sich auf, in der +Unbestechlichkeit seiner kaisertreuen Gesinnung. „Und +woher weiß er es?“ dachte er mit zornigem Entsetzen. +„Hat Wulckow mich verkauft? Sie glauben wohl alle +schon, ich treibe doppeltes Spiel?“ Denn Kunze und die +anderen waren ihm heute merklich abgekühlt erschienen; +sie hielten es scheinbar nicht mehr für nötig, ihn einzuweihen +in das, was vorging? Diederich gehörte nicht dem +<pb n='419'/><anchor id='Pgp0419'/>Komitee an, er hatte der Sache das Opfer seines persönlichen +Ehrgeizes gebracht. War er darum vielleicht nicht +der eigentliche Gründer der Partei des Kaisers?... +Verrat überall, Intrigen, feindseliger Verdacht – und +nirgends schlichte deutsche Treue. +</p> + +<p> +Da er nur bellen konnte, mußte er in der nächsten Wahlversammlung +hilflos zusehen, wie Zillich – es war klar, +aus welchem persönlichen Interesse – Jadassohn reden +ließ, und wie Jadassohn stürmischen Beifall erntete, als +er gegen die Elenden und die vaterlandslosen Gesellen +loszog, die Napoleon Fischer wählen würden. Diederich +bemitleidete dieses wenig staatsmännische Vorgehen, er +wußte sich Jadassohn hoch überlegen. Andererseits war +es nicht zu verkennen, daß Jadassohn, je weiter er sich +durch seinen Erfolg hinreißen ließ, desto lautere Zustimmung +bei gewissen Zuhörern fand, die keineswegs national +anmuteten, sondern sichtlich zu Cohn und Heuteufel +gehörten. Sie waren in verdächtiger Menge erschienen – +und Diederich, überreizt durch die Fallen ringsum, sah +am Ursprung auch dieses Manövers wieder den Erzfeind +stehen, ihn, der überall das Böse lenkte, den alten Buck. +</p> + +<p> +Der alte Buck hatte blaue Augen, ein menschenfreundliches +Lächeln, und er war der falscheste Hund von allen, +die die Gutgesinnten umdrohten. Der Gedanke an den +alten Buck hielt Diederich noch im Traum besessen. Am +folgenden Abend unter der Familienlampe gab er den +Seinen keine Antworten; er führte eingebildete Streiche +gegen den alten Buck. Besonders erbitterte es ihn, daß +er den Alten für einen schon zahnlosen Schwätzer gehalten +hatte, und jetzt zeigte er die Zähne. Nach all seinen humanitären +Redensarten wirkte es auf Diederich wie eine +Herausforderung, daß er sich nun doch nicht einfach fressen +<pb n='420'/><anchor id='Pgp0420'/>ließ. Die heuchlerische Milde, mit der er getan hatte, als +verzeihe er Diederich den Ruin seines Schwiegersohnes! +Wozu hatte er ihn protegiert und in die Stadtverordnetenversammlung +gebracht? Nur damit Diederich sich Blößen +gebe und leichter zu fassen sei. Die Frage des Alten damals, +ob Diederich der Stadt sein Grundstück verkaufen wolle, +stellte sich jetzt als die gefährlichste Falle heraus. Diederich +fühlte sich durchschaut von jeher; ihm war jetzt, als sei +bei seiner geheimen Unterredung mit dem Präsidenten +von Wulckow der alte Buck, unsichtbar im Tabaksqualm, +dabei gewesen; und als Diederich, in einer dunklen Winternacht +an Gausenfeld hinangeschlichen, sich in den Graben +geduckt und die Augen, die vielleicht funkelten, geschlossen +hatte, da war droben der alte Buck vorbeigegangen und +hatte zu ihm hinabgespäht ... Im Geiste sah Diederich +den Alten sich über ihn beugen und die weiße, weiche +Hand hinhalten, um ihm aus dem Graben zu helfen. Die +Güte in seinen Zügen war krasser Hohn, sie war das Unerträglichste. +Er dachte Diederich kirre zu machen und mit +seinen Schlichen leise zurückzuleiten wie einen verlorenen +Sohn. Aber man sollte sehen, wer schließlich die Treber fraß! +</p> + +<p> +„Was hast du, mein lieber Sohn?“ fragte Frau Heßling, +denn Diederich hatte vor Haß und Angst schwer aufgestöhnt. +Er erschrak; in diesem Augenblick betrat Emmi +das Zimmer, sie hatte es, so meinte Diederich, schon mehrmals +betreten – ging zum Fenster, streckte den Kopf hinaus, +seufzte, als sei sie allein, und begab sich auf den Rückweg. +Guste sah ihr nach; wie Emmi an Diederich vorbeikam, +umfaßte Gustes spöttischer Blick sie beide, und Diederich +erschrak noch tiefer: denn dies war das Lächeln des Umsturzes, +das er an Napoleon Fischer kannte. So lächelte +Guste. Vor Schrecken runzelte er die Stirn und rief +<pb n='421'/><anchor id='Pgp0421'/>barsch: „Was gibt es!“ Schleunigst verkroch sich Guste in +ihre Flickerei, Emmi aber blieb stehen und sah ihn mit den +entgeisterten Augen an, die sie jetzt manchmal hatte. „Was +ist mit dir?“ fragte er, und da sie stumm blieb: „Wen suchst +du auf der Straße?“ Sie hob nur die Schultern, in ihrer +Miene geschah gar nichts. „Nun?“ wiederholte er leiser; +denn ihr Blick, ihre Haltung, die merkwürdig unbeteiligt +und dadurch überlegen schienen, erschwerten es ihm, laut +zu sein. Sie ließ sich endlich herbei zu sprechen. +</p> + +<p> +„Es hätte sein können, daß die beiden Fräulein von +Brietzen noch gekommen wären.“ +</p> + +<p> +„Am späten Abend?“ fragte Diederich. Da sagte Guste: +„Weil wir an die Ehre doch gewöhnt sind. Und überhaupt, +sie sind schon gestern mit ihrer Mama abgereist. Wenn sie +einem nicht adieu sagen, weil sie einen gar nicht kennen, +braucht man bloß an der Villa vorbeizugehen.“ +</p> + +<p> +„Wie?“ machte Emmi. +</p> + +<p> +„Na gewiß doch!“ Und das Gesicht überglänzt, triumphierend +ließ Guste das Ganze los. „Der Leutnant reist +auch bald hinterher. Er ist doch versetzt.“ Eine Pause, +ein Blick. „Er hat sich versetzen lassen.“ +</p> + +<p> +„Du lügst“, sagte Emmi. Sie hatte gewankt, man sah, +wie sie sich steif machte. Den Kopf sehr hoch, wandte sie +sich ab und ließ hinter sich den Vorhang fallen. Im Zimmer +war Stille. Die alte Frau Heßling auf ihrem Sofa +faltete die Hände, Guste sah herausfordernd Diederich +nach, der schnaufend umherlief. Als er wieder bei der +Tür war, gab er sich einen Ruck. Durch den Spalt erblickte +er Emmi, die im Eßzimmer auf einem Stuhl saß +oder hing, zusammengekrümmt, als habe man sie gebunden +und dort hingeworfen. Sie zuckte, dann kehrte sie +das Gesicht der Lampe zu; vorhin war es ganz weiß +ge<pb n='422'/><anchor id='Pgp0422'/>wesen und war jetzt stark gerötet, der Blick sah nichts – und +plötzlich sprang sie auf, fuhr los wie gebrannt, und mit +zornigen, unsicheren Schritten stürmte sie fort, sich anschlagend, +ohne Schmerz zu fühlen, fort, wie in Nebel +hinein, wie in Qualm ... Diederich drehte sich in steigender +Angst nach Frau und Mutter um. Da Guste zur +Respektlosigkeit geneigt schien, raffte er den gewohnten +Komment zusammen und stampfte stramm hinter Emmi her. +</p> + +<p> +Noch hatte er nicht die Treppe erreicht, und droben +ward schon heftig die Tür versperrt, mit Schlüssel und +Riegel. Da begann Diederichs Herz so stark zu klopfen, +daß er anhalten mußte. Als er hinaufgelangt war, blieb +ihm nur noch eine schwache, atemlose Stimme, um Einlaß +zu verlangen. Keine Antwort, aber er hörte etwas +klirren auf dem Waschtisch, – und plötzlich schwenkte er +die Arme, schrie, schlug gegen die Tür und schrie unförmlich. +Vor seinem eigenen Lärm hörte er nicht, wie sie +öffnete, und schrie noch, als sie schon vor ihm stand. „Was +willst du?“ fragte sie zornig, worauf Diederich sich sammelte. +Von der Treppe spähten mit fragendem Entsetzen +Frau Heßling und Guste hinauf. „Unten bleiben!“ befahl +er, und er drängte Emmi in das Zimmer zurück. Er schloß +die Tür. „Das brauchen die anderen nicht zu riechen“, sagte +er knapp, und er nahm aus der Waschschüssel einen kleinen +Schwamm, der von Chloroform troff. Er hielt ihn mit +gestrecktem Arm von sich fort und heischte: „Woher hast du +das?“ Sie warf den Kopf zurück und sah ihn an, sagte aber +nichts. Je länger dies dauerte, um so weniger wichtig fühlte +Diederich die Frage werden, die doch von Rechts wegen +die erste war. Schließlich ging er einfach zum Fenster und +warf den Schwamm in den dunklen Hof. Es platschte, er +war in den Bach gefallen. Diederich seufzte erleichtert. +</p> + +<pb n='423'/><anchor id='Pgp0423'/> + +<p> +Jetzt hatte Emmi eine Frage. „Was führst du hier eigentlich +auf? Laß mich gefälligst machen, was ich will!“ +</p> + +<p> +Dies kam ihm unerwartet. „Ja, was – was willst +du denn?“ +</p> + +<p> +Sie sah weg, sie sagte achselzuckend: „Dir kann es gleich +sein.“ +</p> + +<p> +„Na, höre mal!“ Diederich empörte sich. „Wenn du +vor deinem himmlischen Richter dich nicht mehr genierst, +was ich persönlich durchaus mißbillige: ein bißchen Rücksicht +könntest du wohl auch auf uns hier nehmen. Man +ist nicht allein auf der Welt.“ +</p> + +<p> +Ihre Gleichgültigkeit verletzte ihn ernstlich. „Einen +Skandal in meinem Hause verbitte ich mir! Ich bin der +erste, den es trifft.“ +</p> + +<p> +Plötzlich sah sie ihn an. „Und ich?“ +</p> + +<p> +Er schnappte. „Meine Ehre –!“ Aber er hörte gleich +wieder auf; ihre Miene, die er nie so ausdrucksvoll gekannt +hatte, klagte und höhnte zugleich. In seiner Verwirrung +ging er zur Tür. Hier fiel ihm ein, was das +Gegebene sei. +</p> + +<p> +„Im übrigen werde ich meinerseits als Bruder und +Ehrenmann natürlich voll und ganz meine Pflicht tun. +Ich darf erwarten, daß du dir inzwischen die äußerste +Zurückhaltung auferlegst.“ Mit einem Blick nach der +Waschschüssel, aus der noch immer der Geruch kam. +</p> + +<p> +„Dein Ehrenwort!“ +</p> + +<p> +„Laß mich in Ruhe“, sagte Emmi. Da kehrte Diederich +zurück. +</p> + +<p> +„Du scheinst dir des Ernstes der Lage denn doch nicht +bewußt zu sein. Du hast, wenn das, was ich fürchten muß, +wahr ist –“ +</p> + +<p> +„Es ist wahr“, sagte Emmi. +</p> + +<pb n='424'/><anchor id='Pgp0424'/> + +<p> +„Dann hast du nicht nur deine eigene Existenz, zum +mindesten deine gesellschaftliche, in Frage gestellt, sondern +eine ganze Familie mit Schande bedeckt. Und wenn ich +nun im Namen von Pflicht und Ehre vor dich hintrete –“ +</p> + +<p> +„Dann ist es auch noch so“, sagte Emmi. +</p> + +<p> +Er erschrak; er setzte an, um seinen Abscheu zu bekunden +vor so viel Zynismus, aber in Emmis Gesicht stand zu +deutlich, was alles sie durchschaut und abgetan hinter +sich ließ. Vor der Überlegenheit ihrer Verzweiflung +kam Diederich ein Schaudern an. In ihm zersprang es +wie künstliche Federn. Die Beine wurden ihm weich, +er setzte sich und brachte hervor: „So sag’ mir doch nur –. +Ich will dir auch –.“ Er sah an Emmis Erscheinung hin, +das Wort Verzeihen blieb ihm stecken. „Ich will dir +helfen“, sagte er. Sie sagte müde: „Wie willst du das +wohl machen?“ und sie lehnte sich drüben an die Wand. +</p> + +<p> +Er sah vor sich nieder. „Du mußt mir freilich einige +Aufklärungen geben: ich meine, über gewisse Einzelheiten. +Ich vermute, daß es schon seit deinen Reitstunden +dauert?...“ +</p> + +<p> +Sie ließ ihn weiter vermuten, sie bestätigte nicht, noch +widersprach sie – wie er aber zu ihr aufsah, hatte sie +weich geöffnete Lippen, und ihr Blick hing an ihm mit +Staunen. Er begriff, daß sie staunte, weil er vieles, das +sie allein getragen hatte, ihr abnahm, indem er es aussprach. +Ein unbekannter Stolz erfaßte sein Herz, er stand +auf und sagte vertraulich: „Verlaß dich auf mich. Gleich +morgen früh gehe ich hin.“ +</p> + +<p> +Sie bewegte leise und angstvoll den Kopf. +</p> + +<p> +„Du kennst das nicht. Es ist aus.“ +</p> + +<p> +Da machte er seine Stimme wohlgemut. „Ganz wehrlos +sind wir auch nicht! Ich möchte doch sehen!“ +</p> + +<pb n='425'/><anchor id='Pgp0425'/> + +<p> +Zum Abschied gab er ihr die Hand. Sie rief ihn nochmals +zurück. +</p> + +<p> +„Du wirst ihn fordern?“ Sie riß die Augen auf und +hielt die Hand vor den Mund. +</p> + +<p> +„Wieso?“ machte Diederich, denn hieran hatte er nicht +mehr gedacht. +</p> + +<p> +„Schwöre mir, daß du ihn nicht forderst!“ +</p> + +<p> +Er versprach es. Zugleich errötete er, denn er hätte +gern noch gewußt, für wen sie fürchtete, für ihn oder für +den anderen. Dem anderen würde er es nicht gegönnt +haben. Aber er unterdrückte die Frage, weil die Antwort +ihr peinlich sein konnte; und er verließ das Zimmer beinahe +auf den Fußspitzen. +</p> + +<p> +Die beiden Frauen, die noch immer drunten warteten, +schickte er streng zu Bett. Er selbst legte sich erst dann +neben Guste, als sie schon schlief. Er hatte zu bedenken, +wie er morgen auftreten würde. Natürlich imponieren! +Zweifel am Ausgang der Sache überhaupt nicht zulassen! +Aber anstatt seiner eigenen, schneidigen Gestalt erschien +vor Diederichs Geist immer wieder ein gedrungener Mann +mit blanken bekümmerten Augen, der bat, aufbrauste und +ganz zusammenbrach: Herr Göppel, Agnes Göppels Vater. +Jetzt verstand Diederich in banger Seele, wie damals dem +Vater zumute gewesen war. „Du kennst das nicht“, +meinte Emmi. Er kannte es – weil er es zugefügt hatte. +</p> + +<p> +„Gott bewahre!“ sagte er laut und wälzte sich herum. +„Ich lasse mich auf die Sache nicht ein. Emmi hat doch +nur geblufft mit dem Chloroform. Die Weiber sind raffiniert +genug dafür. Ich werf’ sie hinaus, wie es sich gehört!“ +Da stand vor ihm auf regnerischer Straße Agnes +und starrte, das Gesicht weiß von Gaslicht, zu seinem +Fenster hinauf. Er deckte das Bettuch über seine Augen. +<pb n='426'/><anchor id='Pgp0426'/>„Ich kann sie nicht auf die Straße jagen!“ Es ward Morgen, +und er sah verwundert, was mit ihm geschehen war. +</p> + +<p> +„Ein Leutnant steht früh auf“, dachte er und entwischte, +bevor Guste wach wurde. Hinter dem Sachsentor die +Gärten zwitscherten und dufteten zum Frühlingshimmel. +Die Villen, noch verschlossen, sahen frisch gewaschen aus +und als seien lauter Neuvermählte hineingezogen. „Wer +weiß,“ dachte Diederich und atmete die gute Luft ein, +„vielleicht ist es gar nicht schwer. Es gibt anständige +Menschen. Auch liegen die Dinge doch wesentlich günstiger +als –“ Er ließ den Gedanken lieber fallen. Dort +hinten hielt ein Wagen – vor welchem Haus denn? Also +doch. Das Gitter stand offen, auch die Tür. Der Bursche +kam ihm entgegen. „Lassen Sie nur,“ sagte Diederich, +„ich sehe den Herrn Leutnant schon.“ Denn im Zimmer +geradeaus packte Herr von Brietzen einen Koffer. „So +früh?“ fragte er, ließ den Deckel des Koffers fallen und +klemmte sich den Finger ein. „Verdammt.“ Diederich +dachte entmutigt: „Er ist auch beim Packen.“ +</p> + +<p> +„Welchem Zufall verdanke ich denn –“ begann Herr +von Brietzen, aber Diederich machte, ohne es zu wollen, +eine Bewegung, des Sinnes, daß dies unnütz sei. Trotzdem +natürlich leugnete Herr von Brietzen. Er leugnete +sogar länger als damals Diederich, und Diederich erkannte +dies innerlich an, denn wenn es auf die Ehre eines Mädchens +ankam, hatte ein Leutnant immerhin noch um einige +Grade genauer zu sein als ein Neuteutone. Als man endlich +über die Lage der Dinge im reinen war, stellte Herr +von Brietzen sich dem Bruder sofort zur Verfügung, was +von ihm gewiß nicht anders zu erwarten war. Aber Diederich, +trotz seinem tiefen Bangen, erwiderte mit heiterer +Stirn, er hoffe, eine Austragung mit den Waffen +er<pb n='427'/><anchor id='Pgp0427'/>übrige sich, wenn nämlich Herr von Brietzen –. Und +Herr von Brietzen machte eben das Gesicht, das Diederich +vorhergesehen hatte, und brauchte eben die Ausreden, +die in Diederichs Geist schon erklungen waren. In die +Enge getrieben, sagte er den Satz, den Diederich vor allem +fürchtete und der, er sah es ein, nicht zu vermeiden war. +Ein Mädchen, das ihre Ehre nicht mehr hatte, machte man +nicht zur Mutter seiner Kinder! Diederich antwortete +darauf, was Herr Göppel geantwortet hatte, niedergeschlagen +wie Herr Göppel. Den rechten Zorn fand er erst, +als er an seine große Drohung gelangte, die Drohung, +von der er sich schon seit gestern den Erfolg versprach. +</p> + +<p> +„Angesichts Ihrer unritterlichen Weigerung, Herr +Leutnant, sehe ich mich leider veranlaßt, Ihren Oberst +von der Sache in Kenntnis zu setzen.“ +</p> + +<p> +Wirklich schien Herr von Brietzen peinlich getroffen. +Er fragte unsicher: „Was wollen Sie damit erreichen? +Daß ich eine Moralpredigt kriege? Na schön. Im übrigen +aber –“ Herr von Brietzen festigte sich wieder, „was Ritterlichkeit +ist, darüber denkt der Oberst denn doch wohl +etwas anders als ein Herr, der sich nicht schlägt.“ +</p> + +<p> +Da aber stieg Diederich. Herr von Brietzen möge gefälligst +seine Zunge hüten, sonst könne es ihm passieren, +daß er es mit der Neuteutonia zu tun bekomme! Ihm, +Diederich, sei der freudige Blutverlust für die Ehre der +Farben durch seine Schmisse bescheinigt! Er wolle dem +Herrn Leutnant wünschen, daß er einmal in den Fall +komme, einen Grafen von Tauern-Bärenheim zu fordern! +„Ich hab’ ihn glatt gefordert!“ Und im selben +Atem behauptete er, daß er so einem frechen Junker noch +lange nicht das Recht einräume, einen bürgerlichen Mann +und Familienvater nur so abzuschießen. „Die Schwester +<pb n='428'/><anchor id='Pgp0428'/>verführen und den Bruder abschießen, das möchten Sie +wohl!“ rief er, außer sich. Herr von Brietzen, in einem ähnlichen +Zustand wie Diederich, sprach davon, dem Koofmich +von seinem Burschen die Fresse einschlagen zu lassen; und +da der Bursche schon bereitstand, räumte Diederich das Feld, +aber nicht ohne einen letzten Schuß. „Wenn Sie meinen, +für Ihre Frechheiten bewilligen wir Ihnen auch noch die +Militärvorlage! Sie sollen sehen, was Umsturz ist!“ +</p> + +<p> +Draußen in der einsamen Allee wütete er weiter, zeigte +dem unsichtbaren Feinde die Faust und stieß Drohungen +aus. „Das kann euch schlecht bekommen! Wenn wir +mal Schluß machen!“ Plötzlich bemerkte er, daß die +Gärten noch immer zum Frühlingshimmel zwitscherten +und dufteten, und es ward ihm klar, selbst die Natur, +mochte sie schmeicheln oder die Zähne zeigen, war ohne +Einfluß auf die Macht, die Macht über uns, die ganz unerschütterlich +ist. Mit dem Umsturz war leicht drohen; +aber das Kaiser-Wilhelm-Denkmal? Wulckow und Gausenfeld? +Wer treten wollte, mußte sich treten lassen, das +war das eherne Gesetz der Macht. Diederich, nach seinem +Anfall von Auflehnung, fühlte schon wieder den heimlichen +Schauer dessen, den sie tritt ... Ein Wagen kam +von dort hinten: Herr von Brietzen mit seinem Koffer. +Diederich, ehe er es bedachte, machte halb Front, bereit +zu grüßen. Aber Herr von Brietzen sah weg. Diederich +freute sich, trotz allem, des frischen und ritterlichen jungen +Offiziers. „Den macht uns niemand nach“, stellte er fest. +</p> + +<p> +Freilich, nun er die Meisestraße betrat, ward ihm beklommen. +Von weitem sah er Emmi nach ihm ausspähen. +Ihm fiel auf einmal ein, was sie in der vergangenen +Stunde, die ihr Schicksal entschied, durchgemacht +haben mußte. Arme Emmi, nun war es entschieden. +<pb n='429'/><anchor id='Pgp0429'/>Die Macht war wohl erhebend, aber wenn es die eigene +Schwester traf –. „Ich habe nicht gewußt, daß es mir so +nahegehen würde.“ Er nickte hinauf, so ermunternd wie +möglich. Sie war viel schmaler geworden, warum sah +das niemand? Unter ihrem blaß flimmernden Haar hatte +sie große schlaflose Augen, ihre Lippe zitterte, als er ihr +zuwinkte; auch das fing er auf in seiner scharfsichtigen +Angst. Die Treppe hinauf schlich er fast. Im ersten Stock +kam sie aus dem Zimmer und ging vor ihm her in den +zweiten. Oben drehte sie sich um – und als sie sein Gesicht +gesehen hatte, ging sie hinein ohne eine Frage, ging +bis zum Fenster und blieb abgewendet stehen. Er raffte +sich zusammen, er sagte laut: „Oh! noch ist nichts verloren.“ +Darauf erschrak er und schloß die Augen. Da er +aufstöhnte, wandte sie sich um, kam langsam herbei und +legte, um mitzuweinen, den Kopf an seine Schulter. +</p> + +<p> +Nachher hatte er einen Auftritt mit Guste, die hetzen +wollte. Diederich sagte ihr auf den Kopf zu, daß sie +Emmis Unglück nur mißbrauche, um sich zu rächen für +die ihr nicht gerade günstigen Umstände, unter denen sie +selbst geheiratet worden war. „Emmi läuft wenigstens +keinem nach.“ Guste kreischte auf. „Bin ich dir vielleicht +nachgelaufen?“ Er schnitt ab. „Überhaupt ist sie meine +Schwester!“ ... Und da sie nun unter seinem Schutz +lebte, fing er an, sie interessant zu finden und ihr eine +ungewöhnliche Achtung zu erweisen. Nach dem Essen küßte +er ihr die Hand, mochte Guste grinsen. Er verglich die +beiden; wieviel gemeiner war Guste! Magda selbst, die er +bevorzugt hatte, weil sie Erfolg gehabt hatte, kam in seiner +Erinnerung nicht mehr auf gegen die verlassene Emmi. +Denn Emmi war durch ihr Unglück feiner und gewissermaßen +ungreifbarer geworden. Wenn ihre Hand so bleich +<pb n='430'/><anchor id='Pgp0430'/>und abwesend dalag und Emmi stumm in sich versenkt war +wie in einen unbekannten Abgrund, fühlte Diederich sich +berührt von der Ahnung einer tieferen Welt. Die Eigenschaft +als Gefallene, unheimlich und verächtlich bei jeder +anderen, um Emmi, Diederichs Schwester, legte sie eine +Luft von seltsamem Schimmer und fragwürdiger Anziehung. +Glänzender zugleich und rührender war nun Emmi. +</p> + +<p> +Der Leutnant, der das alles veranlaßt hatte, verlor erheblich +gegen sie – und mit ihm die Macht, in deren Namen +er triumphiert hatte. Diederich erfuhr, daß sie manchmal +einen gemeinen und niedrigen Anblick bieten könne: +die Macht und alles, was in ihren Spuren ging, Erfolg, +Ehre, Gesinnung. Er sah Emmi an und mußte zweifeln +an dem Wert dessen, was er erreicht hatte oder noch erstrebte: +Gustes und ihres Geldes, des Denkmals, der +hohen Gunst, Gausenfelds, der Auszeichnungen und +Ämter. Er sah Emmi an und dachte auch an Agnes. +Agnes, die Weichheit und Liebe in ihm gepflegt hatte, sie +war in seinem Leben das Wahre gewesen, er hätte es +festhalten sollen! Wo war sie jetzt? Tot? Er saß manchmal +da, den Kopf in den Händen. Was hatte er nun? +Was hatte man vom Dienst der Macht? Wieder einmal versagte +alles, alle verrieten ihn, mißbrauchten seine reinsten +Absichten, und der alte Buck beherrschte die Lage. Agnes, +die nichts vermochte als leiden, es beschlich ihn, als ob sie +gesiegt habe. Er schrieb nach Berlin und erkundigte sich +nach ihr. Sie war verheiratet und leidlich gesund. Das +erleichterte ihn, aber irgendwie enttäuschte es ihn auch. +</p> + +<milestone unit="tb"/> + +<p> +Aber während er, den Kopf in den Händen, dasaß, kam +der Wahltag herbei. Erfüllt von der Eitelkeit der Dinge, +hatte Diederich von allem, was vorging, nichts mehr sehen +<pb n='431'/><anchor id='Pgp0431'/>wollen, auch nicht, daß die Miene seines Maschinenmeisters +immer feindlicher ward. Am Sonntag der Wahl, frühmorgens, +als Diederich noch im Bett lag, trat Napoleon +Fischer bei ihm ein. Ohne sich im geringsten zu entschuldigen, +begann er: „Ein ernstes Wort in letzter Stunde, +Herr Doktor!“ Diesmal war er es, der Verrat witterte +und sich auf den Pakt berief. „Ihre Politik, Herr Doktor, +hat ein doppeltes Gesicht. Uns haben Sie Versprechungen +gemacht, und loyal, wie wir sind, haben wir gegen Sie +nicht agitiert, sondern bloß gegen den Freisinn.“ +</p> + +<p> +„Wir auch“, behauptete Diederich. +</p> + +<p> +„Das glauben Sie selbst nicht. Sie haben sich bei Heuteufel +angebiedert. Er hat Ihnen Ihr Denkmal schon bewilligt. +Wenn Sie nicht gleich heute mit fliegenden Fahnen +zu ihm übergehen, dann tun Sie es sicher bei der Stichwahl +und treiben schnöden Volksverrat.“ +</p> + +<p> +Napoleon Fischer tat, die Arme verschränkt, noch einen +langen Schritt auf das Bett zu. „Sie sollen bloß wissen, +Herr Doktor, daß wir die Augen offen halten.“ +</p> + +<p> +Diederich sah sich in seinem Bett hilflos dem politischen +Gegner ausgeliefert. Er suchte ihn zu besänftigen. +„Ich weiß, Fischer, Sie sind ein großer Politiker. Sie +sollten in den Reichstag kommen.“ +</p> + +<p> +„Stimmt.“ Napoleon blinzte von unten. „Denn wenn +ich nicht hineinkomme, dann geht in Netzig in mehreren +Betrieben ein Streik los. Einen von den Betrieben kennen +Sie ziemlich genau, Herr Doktor.“ Er machte kehrt. Von +der Tür her faßte er Diederich, der vor Schreck ganz in die +Federn gerutscht war, nochmals ins Auge. „Und darum hoch +die internationale Sozialdemokratie!“ rief er und ging ab. +</p> + +<p> +Diederich rief aus seinen Federn: „Seine Majestät, +der Kaiser hurra!“ Dann aber blieb nichts übrig, als +<pb n='432'/><anchor id='Pgp0432'/>der Lage ins Gesicht zu sehen. Sie sah drohend genug +aus. Schwer von Ahnungen eilte er auf die Straße, in +den Kriegerverein, zu Klappsch, und überall mußte er +erkennen, daß in den Tagen seiner Mutlosigkeit die tückische +Taktik des alten Buck weitere Erfolge zu verzeichnen +gehabt hatte. Die Partei des Kaisers war verwässert +durch Zulauf aus den Reihen des Freisinns und der Abstand +Kunzes von Heuteufel unbeträchtlich gegen die Kluft +zwischen ihm und Napoleon Fischer. Pastor Zillich, der +mit seinem Schwager Heuteufel einen verschämten Gruß +austauschte, erklärte, daß die Partei des Kaisers mit ihrem +Erfolg zufrieden sein dürfe, denn sicher habe sie dem Kandidaten +des Freisinns, wenn er schließlich siege, das +nationale Gewissen gestärkt. Da Professor Kühnchen sich +ähnlich äußerte, war der Verdacht nicht von der Hand zu +weisen, daß ihnen die von Diederich und Wulckow erpreßten +Versprechungen noch nicht genügten, und daß +sie sich durch weitere persönliche Vorteile vom alten Buck +hatten gewinnen lassen. Der Korruption des demokratischen +Klüngels war alles zuzutrauen! Was Kunze +betraf, so wollte er auf jeden Fall selbst gewählt werden, +notfalls mit Hilfe der Freisinnigen. Ihn hatte sein Ehrgeiz +korrumpiert, er hatte ihn schon dahin gebracht, zu +versprechen, daß er für das Säuglingsheim eintreten +werde! Diederich entrüstete sich; Heuteufel sei hundertmal +schlimmer als irgendein Prolet; und er spielte auf +die düsteren Folgen an, die eine so unpatriotische Haltung +haben müsse. Leider durfte er nicht deutlicher werden – +und vor sich das Bild des Streiks, im Herzen schon die +Trümmer des Kaiser-Wilhelm-Denkmals, Gausenfelds, +aller seiner Träume, lief er im Regen umher zwischen den +Wahllokalen und schleppte gutgesinnte Wähler herbei, +<pb n='433'/><anchor id='Pgp0433'/>im vollen Bewußtsein, daß ihre Kaisertreue den Weg +verfehlte und den schlimmsten Feinden des Kaisers helfe. +Abends bei Klappsch, kotbespritzt bis an den Hals und fiebrig +entrückt durch den Lärm des langen Tages, durch das +viele Bier und das Nahen der Entscheidung, vernahm er +das Ergebnis: gegen achttausend Stimmen für Heuteufel, +sechstausend und einige für Napoleon Fischer, Kunze aber +hatte dreitausendsechshundertzweiundsiebzig. Stichwahl +zwischen Heuteufel und Fischer. „Hurra!“ schrie Diederich, +denn nichts war verloren und Zeit war gewonnen. +</p> + +<p> +Mit starkem Schritt ging er von dannen, den Schwur +im Herzen, daß er fortan das Äußerste tun werde, um die +nationale Sache noch zu retten. Es eilte, denn Pastor +Zillich hätte am liebsten sofort alle Mauern mit Zetteln +bedeckt, die den Anhängern der Partei des Kaisers empfahlen, +in der Stichwahl für Heuteufel zu stimmen. Kunze +freilich gab sich der eitlen Hoffnung hin, Heuteufel werde +ihm zu Gefallen zurücktreten. Welche Verblendung! +Gleich am Morgen las man die weißen Zettel, auf denen +der Freisinn heuchlerisch erklärte, national sei auch er, +die nationale Gesinnung sei nicht das Privileg einer Minderheit, +und darum –. Der Trick des alten Buck enthüllte +sich vollends; wenn nicht die ganze Partei des Kaisers +in den Schoß des Freisinns zurückkehren sollte, hieß es +handeln. Mächtig von Energie gespannt, traf Diederich +von seinen Erkundigungen heimkehrend, im Hausflur +auf Emmi, die einen Schleier vor dem Gesicht hatte und +sich bewegte, als sei alles gleich. „Danke,“ dachte er, „es +ist durchaus nicht gleich. Wohin kämen wir.“ Und er +grüßte Emmi verstohlen und mit einer Art von Scheu. +</p> + +<p> +Er zog sich in sein Bureau zurück, aus dem der alte Sötbier +verschwunden war und wo nun Diederich, sein eigener +<pb n='434'/><anchor id='Pgp0434'/>Prokurist und nur seinem Gott verantwortlich, seine folgenschweren +Entschlüsse faßte. Er trat zum Telephon, er +verlangte Gausenfeld. Da ging die Tür auf, der Briefträger +legte seinen Packen hin, und Diederich sah obenauf: +Gausenfeld. Er hängte wieder ein, er betrachtete, +nickend wie das Schicksal, den Brief. Schon gemacht. +Der Alte hatte ohne Worte begriffen, daß er seinen Freunden +Buck und Konsorten kein Geld mehr geben dürfe, +und daß man nötigenfalls imstande sei, ihn persönlich +verantwortlich zu machen. Gelassen zerriß Diederich den +Umschlag – aber nach zwei Zeilen las er fliegend. Was +für eine Überraschung! Klüsing wollte verkaufen! Er +war alt, er sah seinen natürlichen Nachfolger in Diederich! +</p> + +<p> +Was hieß dies? Diederich setzte sich in die Ecke und +dachte tief. Es hieß vor allem, daß Wulckow schon eingegriffen +hatte. Der Alte war in blasser Angst wegen +der Regierungsaufträge, und der Streik, mit dem Napoleon +Fischer drohte, gab ihm den Rest. Wo war die +Zeit, als er sich aus der Klemme zu ziehen glaubte, wenn +er Diederich einen Teil des Papiers für die „Netziger Zeitung“ +anbot. Jetzt bot er ihm ganz Gausenfeld an! „Man +ist eine Macht“, stellte Diederich fest – und es ging ihm +auf, daß Klüsings Zumutung, die Fabrik zu kaufen und +richtig nach ihrem Wert zu bezahlen, wie die Dinge lagen, +einfach lächerlich sei. Worauf er wirklich laut lachte ... +Da nahm er wahr, daß am Schlusse des Briefes, nach der +Unterschrift, noch etwas stand, ein Zusatz, kleiner geschrieben +als das übrige und so unscheinbar, daß Diederich +ihn vorhin übersehen hatte. Er entzifferte – und der +Mund ging ihm von selbst auf. Plötzlich tat er einen +Sprung. „Na also!“ rief er frohlockend durch sein einsames +Bureau. „Da haben wir sie!“ Hierauf bemerkte +<pb n='435'/><anchor id='Pgp0435'/>er tiefernst: „Es ist schauerlich. Ein Abgrund.“ Er las +noch einmal, Wort für Wort, den verhängnisvollen Zusatz, +legte den Brief in den Geldschrank und schloß mit +hartem Griff. Dort innen schlummerte nun das Gift für +Buck und die Seinen – geliefert von ihrem Freund. +Nicht nur, daß Klüsing sie nicht mehr mit Geld versah, +er verriet sie auch. Aber sie hatten es verdient, das konnte +man sagen; eine solche Verderbnis hatte wahrscheinlich +selbst Klüsing angeekelt. Wer da noch Schonung übte, +machte sich mitschuldig. Diederich prüfte sich. „Schonung +wäre geradezu ein Verbrechen. Sehe jeder, wo er bleibe! +Hier heißt es rücksichtslos vorgehen. Dem Geschwür die +Maske herunterreißen und es mit eisernem Besen auskehren! +Ich übernehme es im Interesse des öffentlichen +Wohles, meine Pflicht als nationaler Mann schreibt es +mir vor. Es ist nun mal eine harte Zeit!“ +</p> + +<p> +Den Abend darauf war eine große öffentliche Volksversammlung, +einberufen vom freisinnigen Wahlkomitee +in den Riesensaal der „Walhalla“. Mit der regen Hilfe +Gottlieb Hornungs hatte Diederich Vorsorge getroffen, +daß die Wähler Heuteufels keineswegs unter sich blieben. +Er selbst fand es unnütz, die Programmrede des Kandidaten +mit anzuhören; er ging hin, als schon die Diskussion +begonnen haben mußte. Gleich im Vorraum stieß er auf +Kunze, der in übler Verfassung war. „Ausrangierter +Schlagetot!“ rief er. „Sehen Sie mich an, Herr, und +sagen Sie mir, ob so ein Mann aussieht, der sich das sagen +läßt!“ Da er vor Aufregung sich nicht weiter erklären +konnte, löste Kühnchen ihn ab. „Zu mir hätte Heuteufel +das sagen sollen!“ schrie er. „Da hätte er nun aber +Kühnchen kennengelernt!“ Diederich empfahl dem Major +dringend, seinen Gegner zu verklagen. Aber Kunze +<pb n='436'/><anchor id='Pgp0436'/>brauchte keinen Ansporn mehr, er vermaß sich, Heuteufel +ganz einfach in die Pfanne zu hauen. Auch dies war Diederich +recht, und er stimmte lebhaft zu, als Kunze erkennen +ließ, daß er unter diesen Umständen lieber mit dem ärgsten +Umsturz gehe als mit dem Freisinn. Hiergegen äußerten +Kühnchen und auch Pastor Zillich, der hinzukam, ihre +Bedenken. Die Reichsfeinde – und die Partei des +Kaisers! „Bestochene Feiglinge!“ sagte Diederichs Blick +– indes der Major fortfuhr, Rache zu schnauben. Blutige +Tränen sollte die Bande weinen! „Und zwar noch heute +abend“, verhieß darauf Diederich mit einer so eisernen +Bestimmtheit, daß alle stutzten. Er machte eine Pause +und blitzte jeden einzeln an. „Was würden Sie sagen, +Herr Pastor, wenn ich Ihren Freunden vom Freisinn +gewisse Machenschaften nachwiese ...“ Pastor Zillich +war erbleicht, Diederich ging zu Kühnchen über. „Betrügerische +Manipulationen mit öffentlichen Geldern ...“ +Kühnchen hüpfte. „Nu leg’ sich eener lang hin!“ rief er +schreckensvoll. Kunze aber brüllte auf. „An mein Herz!“ +und er riß Diederich in seine Arme. „Ich bin ein schlichter +Soldat“, versicherte er. „Die Schale mag rauh sein, aber +der Kern ist echt. Beweisen Sie den Kanaillen ihre Schurkerei, +und Major Kunze ist Ihr Freund, als ob Sie mit +ihm im Feuer gestanden hätten bei Marslatuhr!“ +</p> + +<p> +Der Major hatte Tränen in den Augen, Diederich auch. +Und so hochgespannt wie ihre beiden Seelen war die +Stimmung im Saal. Der Eintretende sah überall Arme +in die Luft fahren, die aus blauem Dunst bestand, und +hier und dort schrie eine Brust: „Pfui!“ „Sehr richtig!“ +oder „Gemeinheit!“ Der Wahlkampf war auf der Höhe, +Diederich stürzte sich hinein, mit unerhörter Erbitterung, +denn vor dem Bureau, das der alte Buck in Person leitete, +<pb n='437'/><anchor id='Pgp0437'/>wer stand am Rand der Bühne und redete? Sötbier, +Diederichs entlassener Prokurist! Aus Rache hielt Sötbier +eine Hetzrede, worin er über die Arbeiterfreundlichkeit +gewisser Herren auf das abfälligste urteilte. Sie sei nichts +als ein demagogischer Kniff, womit man, um gewisser +persönlicher Vorteile willen, das Bürgertum spalten und +dem Umsturz Wähler zutreiben wolle. Früher habe der +Betreffende im Gegenteil gesagt: Wer Knecht ist, soll +Knecht bleiben. „Pfui!“ riefen die Organisierten. Diederich +stieß um sich, bis er unter der Bühne stand. „Gemeine +Verleumdung!“ schrie er Sötbier ins Gesicht. +„Schämen Sie sich, seit Ihrer Entlassung sind Sie unter +die Nörgler gegangen!“ Der von Kunze kommandierte +Kriegerverein brüllte wie ein Mann: „Gemeinheit!“ +und „Hört, hört!“ – indes die Organisierten pfiffen und +Sötbier eine zitterige Faust machte gegen Diederich, der +ihm drohte, er werde ihn einsperren lassen. Da erhob der +alte Buck sich und klingelte. +</p> + +<p> +Als man wieder hören konnte, sagte er mit weicher +Stimme, die anschwoll und erwärmte: „Mitbürger! +Wollt doch dem persönlichen Ehrgeiz einzelner nicht +Nahrung gewähren, indem ihr ihn ernst nehmt! Was sind +hier Personen? Was selbst Klassen? Es geht um das +Volk, dazu gehören alle, nur die Herren nicht. Wir müssen +zusammenhalten, wir Bürger dürfen nicht immer aufs +neue den Fehler begehen, der schon in meiner Jugend begangen +wurde, daß wir unser Heil den Bajonetten anvertrauen, +sobald auch die Arbeiter ihr Recht wollen. +Daß wir den Arbeitern niemals ihr Recht geben wollten, +das hat den Herren die Macht verschafft, auch uns das +unsere zu nehmen.“ +</p> + +<p> +„Sehr wahr!“ +</p> + +<pb n='438'/><anchor id='Pgp0438'/> + +<p> +„Das Volk, wir alle haben angesichts der uns abgeforderten +Heeresvermehrung die vielleicht letzte Gelegenheit, +unsere Freiheit zu behaupten gegen Herren, die uns +nur noch rüsten, damit wir unfrei sind. Wer Knecht ist, soll +Knecht bleiben, das wird nicht nur euch Arbeitern gesagt: +das sagen die Herren, deren Macht wir immer teurer bezahlen +sollen, uns allen!“ +</p> + +<p> +„Sehr wahr! Bravo! Keinen Mann und keinen Groschen!“ +Inmitten bewegter Zustimmung setzte der alte +Buck sich. Diederich, dem äußersten Kampf nahe und im +voraus schweißtriefend, sandte noch einen Blick durch den +Saal und bemerkte Gottlieb Hornung, der die Lieferanten +des Kaiser-Wilhelm-Denkmals befehligte. Pastor +Zillich bewegte sich unter den christlichen Jünglingen, der +Kriegerverein war um Kunze geschart: da zog Diederich +blank. „Der Erbfeind erhebt wieder mal das Haupt!“ +schrie er mit Todesverachtung. „Ein Vaterlandsverräter, +wer unserem herrlichen Kaiser versagt, was er“ – „Hu, +hu!“ riefen die Vaterlandsverräter; aber Diederich, unter +den Beifallssalven der Gutgesinnten, schrie weiter, wenn +ihm auch die Stimme überschnappte. „Ein französischer +General hat Revanche verlangt!“ Vom Bureau her fragte +jemand: „Wieviel hat er aus Berlin dafür bekommen?“ +Worauf man lachte – indes Diederich mit den Armen +hinaufgriff, als wollte er in die Luft steigen. „Schimmernde +Wehr! Blut und Eisen! Mannhafte Ideale! Starkes +Kaisertum!“ Seine Kraftworte stießen rasselnd aneinander, +umlärmt vom Getöse der Gutgesinnten. „Festes Regiment! +Bollwerk gegen die Schlammflut der Demokratie!“ +</p> + +<p> +„Ihr Bollwerk heißt Wulckow!“ rief wieder die Stimme +vom Bureau. Diederich fuhr herum, er erkannte Heuteufel. +„Wollen Sie sagen, die Regierung Seiner Majestät –?“ +</p> + +<pb n='439'/><anchor id='Pgp0439'/> + +<p> +„Auch ein Bollwerk!“ sagte Heuteufel. Diederich reckte +den Finger nach ihm. „Sie haben den Kaiser beleidigt!“ +rief er mit äußerster Schneidigkeit. Aber hinter ihm kreischte +jemand: „Spitzel!“ Es war Napoleon Fischer, und seine +Genossen wiederholten es aus rauhen Kehlen. Sie waren +aufgesprungen, sie umringten Diederich in unglückverheißender +Weise. „Er provoziert schon wieder! Er will +noch einen ins Loch bringen! ’raus!“ Und Diederich +ward angepackt. Angstverzerrt wand er den Hals, den +schwielige Fäuste beengten, nach dem Vorsitzenden hin +und flehte erstickt um Hilfe. Der alte Buck gewährte sie +ihm, er klingelte anhaltend, und er schickte sogar einige +junge Leute aus, damit sie Diederich von seinen Feinden +erretteten. Kaum daß er sich rühren konnte, schwang +Diederich den Finger gegen den alten Buck. „Die demokratische +Korruption!“ schrie er, tanzend vor Leidenschaft. +„Ich will sie ihm beweisen!“ „Bravo! Reden +lassen!“ – und das Lager der nationalen Männer setzte +sich in Bewegung, überrannte die Tische und maß sich +Aug’ in Auge mit dem Umsturz. Ein Handgemenge +schien bevorzustehen: schon faßte der Polizeileutnant +dort oben seinen Helm an, um sich damit zu bedecken; es +war ein kritischer Moment – da hörte man von der Bühne +herab befehlen: „Ruhe! Er soll sprechen!“ Und es ward +fast still, man hatte einen Zorn vernommen, größer als +irgendeiner hier. Der alte Buck, heraufgewachsen hinter +seinem Tisch dort oben, war kein würdiger Greis mehr, er +schien schlanker vor Kraft, vom Haß war er bleich, und einen +Blick schnellte er gegen Diederich: der Atem stockte einem. +</p> + +<p> +„Er soll sprechen!“ wiederholte der Alte. „Auch Verräter +haben das Wort, bevor sie abgeurteilt werden. So +sehen die Verräter an der Nation aus. Sie haben sich +<pb n='440'/><anchor id='Pgp0440'/>nur äußerlich verändert seit den Zeiten, da mein Geschlecht +kämpfte, fiel, ins Gefängnis und auf die Richtstätte ging.“ +</p> + +<p> +„Haha“, machte hier Gottlieb Hornung, voll überlegenen +Spottes. Zu seinem Unglück saß er im Armbereich +eines starken Arbeiters, der so furchtbar nach ihm ausholte, +daß Hornung, noch bevor der Schlag ihn traf, umfiel mitsamt +seinem Stuhl. +</p> + +<p> +„Schon damals“, rief der Alte, „gab es solche, die statt +der Ehre den Nutzen wählten und denen keine Herrschaft +demütigend schien, wenn sie sie bereicherte. Der sklavische +Materialismus, Frucht und Mittel jeder Tyrannei, er +war es, dem wir unterlagen, und auch ihr, Mitbürger –“ +</p> + +<p> +Der Alte breitete die Arme aus, er spannte sich zu dem +letzten Schrei seines Gewissens. +</p> + +<p> +„Mitbürger, auch ihr lauft heute Gefahr, von ihm verraten +und seine Beute zu werden! Dieser Mensch soll sprechen.“ +</p> + +<p> +„Nein!“ +</p> + +<p> +„Er soll sprechen. Dann aber fragt ihn, wieviel eine +Gesinnung, die national zu nennen er die Stirn hat, in +barem Gelde beträgt. Fragt ihn, wem er sein Haus verkauft +hat, zu welchem Zweck und mit welchem Nutzen!“ +</p> + +<p> +„Wulckow!“ Der Ruf kam von der Bühne, aber der +Saal nahm ihn auf. Diederich, gebieterische Fäuste hinter +sich, gelangte nicht ganz freiwillig die Stufen zur Bühne +hinauf. Dort sah er ratsuchend umher: der alte Buck +saß regungslos, die Hand geballt auf dem Knie und ließ +ihn nicht aus dem Auge; Heuteufel, Cohn, alle Herren +des Bureaus erwarteten mit kalter Gier im Gesicht seinen +Zusammenbruch; und „Wulckow!“ rief der Saal ihm zu, +„Wulckow!“ Er stammelte etwas von Verleumdung, das +Herz flog ihm, einen Augenblick schloß er die Augen, in +der Hoffnung, er werde umfallen und der Sache +über<pb n='441'/><anchor id='Pgp0441'/>hoben sein. Aber er fiel nicht um – und als nichts anderes +mehr möglich war, kam ihm ein ungeheurer Mut. Er +griff an seine Brusttasche, seiner Waffe sicher, und er maß +kampfesfreudig den Feind, jenen tückischen Alten, der +nun endlich die Maske des väterlichen Gönners verloren +hatte und seinen Haß bekannte. Diederich blitzte ihn an, +er stieß vor ihm beide Fäuste gegen den Boden. Dann +trat er kraftvoll vor den Saal her. +</p> + +<p> +„Wollen Sie was verdienen?“ brüllte er wie ein Ausrufer +in den Tumult – und es ward still, wie auf ein +Zauberwort. „Jeder kann bei mir verdienen!“ brüllte +Diederich; mit unverminderter Gewalt. „Jedem, der +mir nachweist, wieviel ich am Verkauf meines Hauses verdient +habe, zahle ich ebensoviel!“ +</p> + +<p> +Hierauf schien niemand gefaßt. Die Lieferanten zuerst +riefen „Bravo“, dann entschlossen sich auch die Christen +und die Krieger, aber ohne rechte Zuversicht, denn es ward +wieder „Wulckow!“ gerufen, noch dazu nach dem Takt +von Biergläsern, die man auf die Tische stieß. Diederich +erkannte, daß dies ein vorbereiteter Streich war, der nicht +nur ihm, sondern weit höheren Mächten galt. Er sah sich +unruhig um, und wirklich zückte der Polizeileutnant schon +wieder den Helm. Diederich bedeutete ihm mit der Hand, +daß er es schon machen werde, und er brüllte: +</p> + +<p> +„Nicht Wulckow, ganz andere Leute! Das freisinnige +Säuglingsheim! Dafür hätte ich mein Haus hergeben +sollen, das ist mir nahegelegt worden, ich kann es beschwören. +Ich als nationaler Mann habe mich energisch gewehrt +gegen die Zumutung, die Stadt zu betrügen und den +Raub zu teilen mit einem gewissenlosen Magistratsrat!“ +</p> + +<p> +„Sie lügen!“ rief der alte Buck und stand flammend da. +Aber Diederich flammte noch höher, im Vollgefühl seines +<pb n='442'/><anchor id='Pgp0442'/>Rechtes und seiner sittlichen Sendung. Er griff in die +Brusttasche, und vor dem tausendköpfigen Drachen dort +unten, der ihn anspritzte: „Lügner! Schwindler!“ +schwenkte er furchtlos seinen Schein. „Beweis!“ brüllte +er und schwenkte so lange, bis sie hörten. +</p> + +<p> +„Bei mir ist es nicht geglückt, aber in Gausenfeld. Jawohl, +Mitbürger! In Gausenfeld ... Wieso? Gleich. +Zwei Herren von der freisinnigen Partei sind beim Besitzer +gewesen und haben das Vorkaufsrecht verlangt auf +ein gewisses Terrain, für den Fall, daß das Säuglingsheim +dorthin kommt.“ +</p> + +<p> +„Namen! Namen!“ +</p> + +<p> +Diederich schlug sich auf die Brust, auch zum letzten +bereit. Klüsing hatte ihm alles verraten, nur nicht die +Namen. Blitzend faßte er die Herren des Vorstandes ins +Auge; einer schien zu erbleichen. „Wer wagt, gewinnt“, +dachte Diederich, und er brüllte: +</p> + +<p> +„Der eine ist Herr Warenhausbesitzer Cohn!“ +</p> + +<p> +Und er trat ab, mit der Miene erfüllter Pflicht. Drunten +nahm Kunze ihn entgegen und küßte ihn selbstvergessen +rechts und links ins Gesicht, wozu die Nationalgesinnten +klatschten. Die anderen schrien: „Beweis!“ +oder „Schwindel!“ Aber „Cohn soll reden!“, das wollten +alle, Cohn konnte sich den Anforderungen unmöglich entziehen. +Der alte Buck sah ihn an, starr, mit einem sichtbaren +Zittern der Wangen; und dann erteilte er ihm von +selbst das Wort. Cohn, von Heuteufel mit einem Stoß +versehen, kam ohne rechte Überzeugung hinter dem langen +Tisch des Komitees hervor, schleppte die Füße nach und +hatte ungünstig gewirkt, noch bevor er anfing. Er lächelte +entschuldigend. „Meine Herren, das werden Sie dem Herrn +Vorredner doch nicht glauben,“ sagte er so sanft, daß fast +<pb n='443'/><anchor id='Pgp0443'/>niemand es verstand. Dennoch meinte Cohn schon zu weit +gegangen zu sein. „Ich will den Herrn Vorredner nicht +geradezu dementieren, aber so war es denn doch nicht.“ +</p> + +<p> +„Aha! Er gibt es zu!“ – und jäh brach ein Aufruhr +los, daß Cohn, auf nichts vorbereitet, einen Sprung rückwärts +tat. Der Saal war nur noch ein Fuchteln und +Schäumen. Schon fielen da und dort Gegner übereinander +her. „Hurra!“ kreischte Kühnchen und sauste durch +die Reihen mit flatterndem Haar, die Fäuste geschwungen, +anfeuernd zur Metzelei ... Auch auf der Bühne war alles +auf den Beinen, außer dem Polizeileutnant. Der alte +Buck hatte den Platz des Vorsitzenden verlassen, und abgekehrt +von dem Volk, über das der letzte Schrei seines +Gewissens vergebens hingegangen war, abseits und allein, +richtete er die Augen dorthin, wo niemand sah, daß sie +weinten. Heuteufel sprach entrüstet auf den Polizeileutnant +ein, der sich von seinem Stuhl nicht rührte, ward aber +darüber belehrt, daß der Beamte allein entscheide, ob +und wann er auflöse. Es brauchte nicht gerade in dem +Augenblick zu geschehen, wo es für den Freisinn schlecht +stand! Worauf Heuteufel zum Tisch ging und die Glocke +führte. Dazu schrie er: „Der zweite Name!“ Und da +alle Herren auf der Bühne mitschrien, hörte man es endlich +und Heuteufel konnte fortfahren. +</p> + +<p> +„Der zweite, der in Gausenfeld war, ist Herr Landgerichtsrat +Kühlemann! Stimmt. Kühlemann selbst. +Derselbe Kühlemann, aus dessen Nachlaß das Säuglingsheim +gebaut werden soll. Will jemand behaupten, +Kühlemann bestiehlt seinen eigenen Nachlaß? Na also!“ +– und Heuteufel zuckte die Achseln, woraus beifällig +gelacht ward. Nicht lange; die Leidenschaften pfauchten +schon wieder. „Beweise! Kühlemann soll selbst reden! +<pb n='444'/><anchor id='Pgp0444'/>Diebe!“ Herr Kühlemann sei schwerkrank, erklärte Heuteufel. +Man werde hinschicken, man telephoniere schon. +„Auweh“, raunte Kunze seinem Freunde Diederich zu. +„Wenn Kühlemann es war, sind wir fertig und können +einpacken.“ „Noch lange nicht!“ verhieß Diederich, tollkühn. +Pastor Zillich seinerseits setzte seine Hoffnung nur +mehr auf den Finger Gottes. Diederich in seiner Tollkühnheit +sagte: „Brauchen wir gar nicht!“ – und er +machte sich über einen Zweifler her, dem er zuredete. +Die Gutgesinnten reizte er zu entschiedener Stellungnahme, +ja, er drückte Sozialdemokraten die Hand, um +ihren Haß gegen die bürgerliche Korruption zu verstärken +– und überall hielt er den Leuten Klüsings Brief +vor die Augen. Er schlug so heftig mit dem Handrücken +auf das Papier, daß niemand lesen konnte, und rief: +„Steht da Kühlemann? Da steht Buck! Wenn Kühlemann +noch japsen kann, wird er zugeben müssen, daß er +es nicht war. Buck war es!“ +</p> + +<p> +Dabei überwachte er dennoch die Bühne, wo es merkwürdig +still geworden war. Die Herren des Komitees +liefen durcheinander, aber sie flüsterten nur. Den alten +Buck sah man nicht mehr. „Was ist los?“ Auch im Saal +ward es ruhiger, noch wußte man nicht, warum. Plötzlich +hieß es: „Kühlemann soll tot sein.“ Diederich fühlte es +mehr, als daß er es hörte. Er gab es plötzlich auf, zu reden +und sich abzuarbeiten. Vor Spannung schnitt er Gesichter. +Wenn jemand ihn fragte, antwortete er nicht, er vernahm +ringsum ein wesenloses Gewirr von Lauten und wußte +nicht mehr deutlich, wo er war. Dann kam aber Gottlieb +Hornung und sagte: „Er ist weiß Gott tot. Ich war oben, +sie haben telephoniert. Im Moment ist er gestorben.“ +</p> + +<p> +„Im richtigen Moment“, sagte Diederich und sah sich +<pb n='445'/><anchor id='Pgp0445'/>um, erstaunt, als erwachte er. „Der Finger Gottes hat +sich wieder mal bewährt“, stellte Pastor Zillich fest, und +Diederich ward sich bewußt, daß dieser Finger doch nicht +zu verachten war. Wie, wenn er dem Schicksal einen anderen +Lauf angewiesen hätte?... Die Parteien im Saale +lösten sich auf; das Eingreifen des Todes in die Politik +machte aus den Parteien Leute; sie sprachen gedämpft +und verzogen sich. Als er schon draußen war, erfuhr Diederich +noch, der alte Buck habe eine Ohnmacht erlitten. +</p> + +<milestone unit="tb"/> + +<p> +Die „Netziger Zeitung“ berichtete über die „tragisch +verlaufene Wahlversammlung“ und schloß daran einen +ehrenvollen Nachruf für den hochverdienten Mitbürger +Kühlemann. Den Verblichenen traf kein Makel, wenn +etwa Dinge vorgefallen waren, die der Aufklärung bedurften +... Das weitere geschah, nachdem Diederich +und Napoleon Fischer eine Besprechung unter vier Augen +gehabt hatten. Noch am Abend vor der Wahl hielt die +„Partei des Kaisers“ eine Versammlung ab, von der die +Gegner nicht ausgeschlossen waren. Diederich trat auf +und geißelte mit flammenden Worten die demokratische +Korruption und ihr Haupt in Netzig, das mit Namen zu +nennen die Pflicht eines kaisertreuen Mannes sei – +aber er nannte es doch lieber nicht. „Denn, meine Herren, +das Hochgefühl schwellt mir die Brust, daß ich mich verdient +mache um unseren herrlichen Kaiser, wenn ich seinem +gefährlichsten Feinde die Maske abreiße und Ihnen beweise, +daß er auch nur verdienen will.“ Hier kam ihm ein +Einfall, oder war es eine Erinnerung, er wußte nicht. +„Seine Majestät haben das erhabene Wort gesprochen: +‚Mein afrikanisches Kolonialreich für einen Haftbefehl +gegen Eugen Richter!‘ Ich aber, meine Herren, liefere +<pb n='446'/><anchor id='Pgp0446'/>Seiner Majestät die nächsten Freunde Richters!“ Er +ließ die Begeisterung verrauschen; dann, mit verhältnismäßig +gedämpfter Stimme: „Und darum, meine Herren, +habe ich besondere Gründe, zu vermuten, was man an +hoher, sehr hoher Stelle von der Partei des Kaisers erwartet.“ +Er griff an seine Brusttasche, als trüge er dort +auch diesmal die Entscheidung; und plötzlich aus voller +Lunge: „Wer jetzt noch seine Stimme dem Freisinnigen +gibt, der ist kein kaisertreuer Mann!“ Da die Versammlung +dies einsah, machte Napoleon Fischer, der zugegen +war, den Versuch, sie auf die gebotenen Konsequenzen +ihrer Haltung hinzuweisen. Sofort fuhr Diederich dazwischen. +Die nationalen Wähler würden schweren Herzens +ihre Pflicht tun und das kleinere Übel wählen. „Aber +ich bin der erste, der jedes Paktieren mit dem Umsturz +weit von sich weist!“ Er schlug so lange auf das Rednerpult, +bis Napoleon in der Versenkung verschwand. Und +daß Diederichs Entrüstung echt war, ersah man in der +Frühe des Stichwahltages aus der sozialdemokratischen +„Volksstimme“, die unter höhnischen Ausfällen gegen +Diederich selbst alles wiedergab, was er über den alten +Buck gesagt hatte, und zwar nannte sie den Namen. „Heßling +fällt hinein,“ sagten die Wähler, „denn jetzt muß +Buck ihn verklagen.“ Aber viele antworteten: „Buck +fällt hinein, der andere weiß zuviel.“ Auch die Freisinnigen, +soweit sie der Vernunft zugänglich waren, +fanden jetzt, es sei an der Zeit, vorsichtig zu werden. +Wenn die Nationalen, mit denen nicht zu spaßen schien, +nun einmal meinten, man solle für den Sozialdemokraten +stimmen –. Und war der Sozialdemokrat erst gewählt, +dann war es gut, daß man ihn mitgewählt hatte, +sonst ward man noch boykottiert von den Arbeitern ... +<pb n='447'/><anchor id='Pgp0447'/>Die Entscheidung aber fiel nachmittags um drei. In der +Kaiser-Wilhelm-Straße erscholl Alarmgebläse, alles stürzte +an die Fenster und unter die Ladentüren, um zu sehen, +wo es brenne. Es war der Kriegerverein in Uniform, +der herbeimarschierte. Seine Fahne zeigte ihm den Weg +der Ehre. Kühnchen, der das Kommando führte, hatte +die Pickelhaube wild im Nacken sitzen und schwang auf +furchterregende Weise seinen Degen. Diederich in Reih’ +und Glied stapfte mit und freute sich der Zuversicht, daß +nun in Reih’ und Glied, nach Kommandos und auf mechanischem +Wege alles Weitere sich abwickeln werde. Man +brauchte nur zu stapfen, und aus dem alten Buck ward +Kompott gemacht unter dem Taktschritt der Macht!... +Am anderen Ende der Straße holte man die neue Fahne +ab und empfing sie, bei schmetternder Musik, mit stolzem +Hurra. Unabsehbar verlängert durch die Werbungen des +Patriotismus erreichte der Zug das Klappsche’sche Lokal. +Hier ward in Sektionen eingeschwenkt, und Kühnchen befahl +„Küren“. Der Wahlvorstand, an seiner Spitze Pastor +Zillich, wartete schon, festlich gekleidet, im Hausflur. +Kühnchen kommandierte mit Kampfgeschrei: „Auf, +Kameraden, zur Wahl! Wir wählen Fischer!“ – worauf +es vom rechten Flügel ab, unter schmetternder Musik, +in das Wahllokal ging. Dem Kriegerverein aber folgte +der ganze Zug. Klappsch, der auf so viel Begeisterung +nicht vorbereitet war, hatte schon kein Bier mehr. Zuletzt, +als die nationale Sache alles abgeworfen zu haben +schien, dessen sie fähig war, kam noch, von Hurra empfangen, +der Bürgermeister Doktor Scheffelweis. Er ließ +sich ganz offenkundig den roten Zettel in die Hand drücken, +und bei der Rückkehr von der Urne sah man ihn freudig +bewegt. „Endlich!“ sagte er und drückte Diederich die Hand. +<pb n='448'/><anchor id='Pgp0448'/>„Heute haben wir den Drachen besiegt.“ Diederich erwiderte +schonungslos: „Sie, Herr Bürgermeister? Sie +stecken noch halb in seinem Rachen. Daß er Sie nur nicht +mitnimmt, jetzt wo er verreckt!“ Während Doktor Scheffelweis +erbleichte, stieg wieder ein Hurra. Wulckow!... +</p> + +<p> +Fünftausend und mehr Stimmen für Fischer! Heuteufel +mit kaum dreitausend war fortgefegt von der +nationalen Woge, und in den Reichstag zog der Sozialdemokrat. +Die „Netziger Zeitung“ stellte einen Sieg der +„Partei des Kaisers“ fest, denn ihr verdanke man es, +daß eine Hochburg des Freisinns gefallen sei – womit +aber Nothgroschen weder große Befriedigung noch lauten +Widerspruch weckte. Die eingetretene Tatsache fanden +alle natürlich, aber gleichgültig. Nach dem Rummel der +Wahlzeit hieß es nun wieder Geld verdienen. Das Kaiser-Wilhelm-Denkmal, +noch soeben der Mittelpunkt eines +Bürgerkrieges, regte keinen mehr auf. Der alte Kühlemann +hatte der Stadt sechshunderttausend Mark für gemeinnützige +Zwecke vermacht, sehr anständig. Säuglingsheim +oder Kaiser-Wilhelm-Denkmal, es war wie +Schwamm oder Zahnbürste, wenn man zu Gottlieb Hornung +kam. In der entscheidenden Sitzung der Stadtverordneten +zeigte es sich, daß die Sozialdemokraten für +das Denkmal waren, also schön. Irgend jemand schlug +vor, gleich ein Komitee zu bilden und dem Herrn Regierungspräsidenten +von Wulckow den Ehrenvorsitz anzubieten. +Hier erhob sich Heuteufel, den seine Niederlage +wohl doch geärgert hatte, und äußerte Bedenken, ob der +Regierungspräsident, der einem gewissen Grundstücksgeschäft +nicht fernstehe, sich selbst für berufen halten +werde, das Grundstück mitzubestimmen, auf dem das Denkmal +stehen solle. Man schmunzelte und zwinkerte ein +<pb n='449'/><anchor id='Pgp0449'/>wenig; und Diederich, dem es kalt durch den Leib schnitt, +wartete, ob jetzt der Skandal kam. Er wartete still, mit +einem verstohlenen Kitzel, wie es der Macht ergehen +werde, nun jemand rüttelte. Er hätte nicht sagen können, +was er sich wünschte. Da nichts kam, erhob er sich stramm +und protestierte, ohne übertriebene Anstrengung, gegen +eine Unterstellung, die er schon einmal öffentlich widerlegt +habe. Die andere Seite dagegen habe die ihr zur +Last gelegten Mißbräuche bisher nicht im mindesten entkräftet. +„Trösten Sie sich,“ erwiderte Heuteufel, „Sie +werden es bald erleben. Die Klage ist schon eingereicht.“ +</p> + +<p> +Dies bewirkte immerhin eine Bewegung. Der Eindruck +ward freilich abgeschwächt, als Heuteufel gestehen +mußte, daß sein Freund Buck nicht den Stadtverordneten +Doktor Heßling, sondern nur die „Volksstimme“ verklagt +habe. „Heßling weiß zuviel“, wiederholte man – und +neben Wulckow, dem der Ehrenvorsitz zufiel, ward Diederich +zum Vorsitzenden des Kaiser-Wilhelm-Denkmal-Komitees +ernannt. Im Magistrat fanden diese Beschlüsse +in dem Bürgermeister Doktor Scheffelweis einen warmen +Fürsprecher, und sie gingen durch, wobei der alte Buck +durch Abwesenheit glänzte. Wenn er seine Sache selbst +nicht höher einschätzte! Heuteufel sagte: „Soll er sich +die Schweinereien, die er nicht verhindern kann, auch noch +persönlich ansehen?“ Aber damit schadete Heuteufel nur +sich selbst. Da der alte Buck nun in kurzer Zeit zwei Niederlagen +erlitten hatte, sah man voraus, der Prozeß gegen +die „Volksstimme“ werde seine dritte sein. Die Aussage, +die man vor Gericht zu machen haben würde, paßte jeder +schon im voraus den gegebenen Umständen an. Heßling +war natürlich zu weit gegangen, sagten vernünftig Denkende. +Der alte Buck, den alle von jeher kannten, war +<pb n='450'/><anchor id='Pgp0450'/>kein Schwindler und Gauner. Eine Unvorsichtigkeit +wäre ihm vielleicht zuzutrauen gewesen, besonders jetzt, +wo er die Schulden seines Bruders bezahlte und selbst +schon das Wasser an der Kehle hatte. Ob er nun wirklich +mit Cohn bei Klüsing gewesen war wegen des Terrains? +Ein gutes Geschäft: – es hätte nur nicht herauskommen +dürfen! Und warum mußte Kühlemann genau in der +Minute abkratzen, wo er seinen Freund hätte freischwören +sollen! So viel Pech bedeutete etwas. Herr Tietz, der kaufmännische +Leiter der „Netziger Zeitung“, der in Gausenfeld +ein und aus ging, sagte ausdrücklich, man begehe nur +ein Verbrechen gegen sich selbst, wenn man für Leute eintrete, +die augenscheinlich ausgespielt hätten. Auch machte +Tietz darauf aufmerksam, daß der alte Klüsing, der mit +einem Wort die ganze Sache hätte beenden können, sich +hütete zu reden. Er war krank, nur seinetwegen mußte +die Verhandlung auf unbestimmte Zeit vertagt werden. +</p> + +<p> +Was ihn aber nicht abhielt, seine Fabrik zu verkaufen. +Dies war das Neueste, dies waren die „einschneidenden +Veränderungen in einem großen, für das wirtschaftliche +Leben Netzigs hochbedeutsamen Unternehmen“, von +denen die „Netziger Zeitung“ dunkel meldete. Klüsing war +mit einem Berliner Konsortium in Verbindung getreten. +Diederich, gefragt, warum er nicht mittue, zeigte den +Brief vor, worin Klüsing ihm, früher als jedem anderen, +den Kauf angeboten hatte. „Und zwar unter Bedingungen, +die nie wiederkommen“, setzte er hinzu. „Leider bin +ich stark engagiert bei meinem Schwager in Eschweiler, +ich weiß nicht einmal, ob ich nicht von Netzig wegziehen +muß.“ Aber als Sachverständiger erklärte er auf Befragen +Nothgroschens, der seine Antwort veröffentlichte, daß +der Prospekt eher noch hinter der Wahrheit zurückbleibe. +<pb n='451'/><anchor id='Pgp0451'/>Gausenfeld sei tatsächlich eine Goldgrube; der Ankauf +der Aktien, die an der Börse zugelassen seien, könne nur +auf das wärmste empfohlen werden. Tatsächlich wurden +die Aktien in Netzig stark gefragt. Wie sachlich und von +persönlichem Interesse unbeeinflußt Diederichs Urteil +gewesen war, zeigte sich bei einer besonderen Gelegenheit, +als nämlich der alte Buck Geld suchte. Denn er war +so weit; seine Familie und sein Gemeinsinn hatten ihn +glücklich so weit gebracht, daß auch seine Freunde nicht +mehr mitgingen. Da griff Diederich ein. Er gab dem +Alten zweite Hypothek für sein Haus in der Fleischhauergrube. +„Er muß es verzweifelt nötig gehabt haben“, bemerkte +Diederich, sooft er davon erzählte. „Wenn er es von +mir, seinem entschiedensten politischen Gegner, annimmt! +Wer hätte das früher von ihm gedacht!“ Und Diederich +sah gedankenvoll in das Schicksal ... Er setzte hinzu, das +Haus werde ihm teuer zu stehen kommen, wenn es ihm +zufalle. Freilich, aus dem seinen müsse er bald heraus. +Und auch dies zeigte, daß er auf Gausenfeld nicht rechnete ... +„Aber“, erklärte Diederich, „der Alte ist nicht auf Rosen +gebettet, wer weiß, wie sein Prozeß ausgeht – und gerade +weil ich ihn politisch bekämpfen muß, wollte ich zeigen – +Sie verstehen.“ Man verstand, und man beglückwünschte +Diederich zu seinem mehr als korrekten Verhalten. Diederich +wehrte ab. „Er hat mir Mangel an Idealismus vorgeworfen, +das durfte ich nicht auf mir sitzen lassen.“ Männliche +Rührung zitterte in seiner Stimme. +</p> + +<p> +Die Schicksale nahmen ihren Lauf; und wenn man +manche auf Terrainschwierigkeiten stoßen sah, durfte man +um so freudiger anerkennen, daß das eigene glatt ging. +Diederich erfuhr dies so recht an dem Tage, als Napoleon +Fischer nach Berlin reiste, um die Militärvorlage +abzu<pb n='452'/><anchor id='Pgp0452'/>lehnen. Die „Volksstimme“ hatte eine Massendemonstration +angekündigt, der Bahnhof sollte polizeilich besetzt +sein; Pflicht eines nationalen Mannes war es, dabei zu +sein. Unterwegs stieß Diederich auf Jadassohn. Man +begrüßte einander so förmlich, wie die kühl gewordenen +Beziehungen es vorschrieben. „Sie wollen sich auch den +Klimbim ansehen?“ fragte Diederich. +</p> + +<p> +„Ich gehe in Urlaub – nach Paris.“ Tatsächlich trug +Jadassohn Kniehosen. Er setzte hinzu: „Schon um den +politischen Dummheiten auszuweichen, die hier begangen +worden sind.“ +</p> + +<p> +Diederich beschloß, vornehm hinwegzuhören über die +Verärgerung eines Menschen, der keinen Erfolg gehabt +hatte. „Man dachte eigentlich,“ sagte er, „Sie würden +jetzt Ernst machen.“ +</p> + +<p> +„Ich? Wieso?“ +</p> + +<p> +„Fräulein Zillich ist freilich fort zu ihrer Tante.“ +</p> + +<p> +„Tante ist gut“, Jadassohn feixte. „Und man dachte. +Sie wohl auch?“ +</p> + +<p> +„Mich lassen Sie nur aus dem Spiel.“ Diederich +machte ein Gesicht voll Einverständnis. „Aber wieso ist +Tante gut? Wo ist sie denn hin?“ +</p> + +<p> +„Durchgegangen“, sagte Jadassohn. Da blieb Diederich +denn doch stehen und schnaufte. Käthchen Zillich durchgegangen! +In was für Abenteuer hätte man verwickelt +werden können!... Jadassohn sagte weltmännisch: +</p> + +<p> +„Nun ja, nach Berlin. Die guten Eltern haben noch +keine Ahnung. Ich bin weiter nicht böse mit ihr, Sie verstehen, +es mußte mal zum Klappen kommen.“ +</p> + +<p> +„So oder so“, ergänzte Diederich, der sich gefaßt hatte. +</p> + +<p> +„Lieber so als so“, berichtigte Jadassohn; worauf +Diederich, vertraulich die Stimme gesenkt: „Jetzt kann +<pb n='453'/><anchor id='Pgp0453'/>ich es Ihnen ja sagen, mir kam das Mädchen schon immer +so vor, als ob sie bei Ihnen auch nicht sauer werden würde.“ +</p> + +<p> +Aber Jadassohn verwahrte sich, nicht ohne Eigenliebe. +„Was glauben Sie denn? Ich selbst habe ihr Empfehlungen +mitgegeben. Passen Sie auf, sie macht Karriere +in Berlin.“ +</p> + +<p> +„Daran zweifle ich nicht.“ Diederich zwinkerte. „Ich +kenne ihre Qualitäten ... Sie allerdings haben mich für +naiv gehalten.“ Jadassohns Abwehr ließ er nicht gelten. +„Sie haben mich für naiv gehalten. Und zur selben Zeit +bin ich Ihnen verdammt ins Gehege gekommen, jetzt kann +ich es ja sagen.“ Er berichtete dem anderen, der immer unruhiger +ward, sein Erlebnis mit Käthchen im Liebeskabinett +– berichtete es so vollständig, wie es in Wahrheit +nicht stattgefunden hatte. Mit einem Lächeln befriedigter +Rache sah er auf Jadassohn, der sichtlich im Zweifel war, +ob hier der Ehrenpunkt Platz greifen müsse. Schließlich +entschied er sich dafür, Diederich auf die Schulter zu klopfen, +und man zog in freundschaftlicher Weise die gebotenen +Schlüsse. „Die Sache bleibt natürlich streng unter uns ... +So ein Mädchen muß man auch gerecht beurteilen, denn +woher soll die bessere Lebewelt sich ergänzen ... Die +Adresse? Aber nur Ihnen. Kommt man dann mal nach +Berlin, so weiß man doch, woran man ist.“ „Es hätte +sogar einen gewissen Reiz“, bemerkte Diederich, in sich +hineinblickend; und da Jadassohn sein Gepäck sah, nahmen +sie Abschied. „Die Politik hat uns leider etwas auseinander +gebracht, aber im Menschlichen findet man sich, +Gott sei Dank, wieder. Viel Vergnügen in Paris.“ +</p> + +<p> +„Vergnügen kommt nicht in Frage.“ Jadassohn wandte +sich um, mit einem Gesicht, als sei er im Begriff, jemand +hineinzulegen. Da er Diederichs beunruhigte Miene sah, +<pb n='454'/><anchor id='Pgp0454'/>kam er zurück. „In vier Wochen“, sagte er merkwürdig ernst +und gefaßt, „werden Sie es selbst sehen. Vielleicht ist es +vorzuziehen, wenn Sie die Öffentlichkeit schon jetzt darauf +vorbereiten.“ Diederich, ergriffen wider Willen, fragte: +„Was haben Sie vor?“ Und Jadassohn, bedeutungsschwer, +mit dem Lächeln eines opfervollen Entschlusses: „Ich stehe +im Begriff, meine äußere Erscheinung in Einklang zu +bringen mit meinen nationalen Überzeugungen“ ... Als +Diederich den Sinn dieser Worte erfaßt hatte, konnte +er nur noch eine achtungsvolle Verbeugung machen; +Jadassohn war schon fort. Dahinten flammten, nun er +die Halle betrat, seine Ohren noch einmal – das letztemal! +– auf, wie zwei Kirchenfenster im Abendschein. +</p> + +<p> +Auf den Bahnhof zu rückte eine Gruppe von Männern, +in deren Mitte eine Standarte schwebte. Einige Schutzleute +kamen nicht eben leichtfüßig die Treppe herab und +stellten sich ihnen entgegen. Alsbald stimmte die Gruppe +die Internationale an. Gleichwohl ward ihr Ansturm +von den Vertretern der Macht erfolgreich zurückgeschlagen. +Mehrere kamen freilich durch und scharten sich um Napoleon +Fischer, der, langatmig wie er war, seine bestickte +Reisetasche beinahe am Boden schleppte. Beim Büfett +erfrischte man sich nach diesen, in der Julisonne für die +Sache des Umsturzes bestandenen Strapazen. Dann versuchte +Napoleon Fischer auf dem Bahnsteig, da der Zug +ohnedies Verspätung hatte, eine Ansprache zu halten; +aber ein Polizist untersagte es dem Abgeordneten. Napoleon +setzte die bestickte Tasche hin und fletschte die Zähne. +Wie Diederich ihn kannte, war er im Begriff, einen Widerstand +gegen die Staatsgewalt zu begehen. Zu seinem +Glück fuhr der Zug ein – und erst jetzt ward Diederich +auf einen untersetzten Herrn aufmerksam, der sich aber +<pb n='455'/><anchor id='Pgp0455'/>abwandte, wenn man um ihn herumging. Er hielt einen +großen Blumenstrauß vor sich hin und sah dem Zug entgegen. +Diederich kannte doch diese Schultern ... Das +ging mit dem Teufel zu! Aus einem Coupé grüßte Judith +Lauer, ihr Mann half ihr herunter, ja, er überreichte ihr +den Blumenstrauß, und sie nahm ihn mit dem ernsten +Lächeln, das sie hatte. Wie die beiden sich nach dem Ausgang +wandten, ging Diederich ihnen schleunigst aus dem +Weg, und er schnaufte dabei. Mit dem Teufel ging es +nicht zu, Lauers Zeit war einfach herum, er war wieder +frei. Nicht daß von ihm etwas zu fürchten stand, immerhin +mußte man sich erst wieder daran gewöhnen, ihn +draußen zu wissen ... Und mit einem Bukett holte er +sie ab! Wußte er denn nichts? Er hatte doch Zeit gehabt, +nachzudenken. Und sie, die zu ihm zurückkehrte, nachdem er +fertig gesessen hatte! Es gab Verhältnisse, von denen man +sich als anständiger Mensch nichts träumen ließ. Übrigens +stand Diederich den Dingen nicht näher als jeder andere; +er hatte damals nur seine Pflicht getan. „Alle werden +dieselbe peinliche Empfindung haben wie ich. Man wird +ihm allerseits zu verstehen geben, daß er am besten zu +Hause bleibt ... Denn wie man sich bettet, liegt man.“ +Käthchen Zillich hatte es begriffen und die richtige Folgerung +gezogen. Was ihr recht war, konnte gewissen +anderen Leuten billig sein, nicht nur dem Herrn Lauer. +</p> + +<p> +Diederich selbst, der von achtungsvollen Grüßen geleitet +durch die Stadt schritt, nahm jetzt auf die natürlichste +Weise den Platz ein, den seine Verdienste ihm bereitet +hatten. Durch diese harte Zeit hatte er sich nun so +weit hindurchgekämpft, daß bloß noch die Früchte zu +pflücken waren. Die anderen hatten angefangen an ihn +zu glauben: alsbald kannte auch er keinen Zweifel mehr ... +<pb n='456'/><anchor id='Pgp0456'/>Über Gausenfeld liefen neuerdings ungünstige Gerüchte +um, und die Aktien fielen. Woher wußte man, daß die +Regierung der Fabrik ihre Aufträge entzogen und sie +dem Heßlingschen Werk übertragen hatte? Diederich +hatte nichts verlauten lassen, aber man wußte es, noch +bevor die Arbeiterentlassungen kamen, die die „Netziger +Zeitung“ so sehr bedauerte. Der alte Buck, als Vorsitzender +des Aufsichtsrates, mußte sie leider persönlich anregen, +was ihm allgemein schadete. Die Regierung ging wahrscheinlich +nur wegen des alten Buck so scharf vor. Es war +ein Fehler gewesen, ihn zum Vorsitzenden zu wählen. +Überhaupt hätte er mit dem Geld, das Heßling ihm anständigerweise +gegeben hatte, lieber Schulden bezahlen +sollen, statt Gausenfelder Aktien zu kaufen. Diederich +selbst äußerte überall diese Ansicht. „Wer hätte das früher +von ihm gedacht!“ bemerkte er auch hierzu wieder, und +wieder tat er einen gedankenvollen Blick in das Schicksal. +„Man sieht, wozu einer imstande ist, der den Boden unter +den Füßen verliert.“ Worauf jeder den beklemmenden +Eindruck mitnahm, der alte Buck werde auch ihn selbst, +als Aktionär von Gausenfeld, in seinen Ruin hineinreißen. +Denn die Aktien fielen. Infolge der Entlassungen drohte +ein Streik: sie fielen noch tiefer ... Hier machte Kienast +sich Freunde. Kienast war unvermutet in Netzig eingetroffen, +zur Erholung, wie er sagte. Keiner gestand es +gern dem anderen ein, daß er Gausenfelder hatte und +hereingefallen war. Kienast hinterbrachte es dem, daß +jener schon verkauft habe. Seine persönliche Meinung +war, daß es hohe Zeit sei. Ein Makler, den er übrigens +nicht kannte, saß dann und wann im Café und kaufte. +Einige Monate später brachte die Zeitung ein tägliches +Inserat des Bankhauses Sanft & Co. Wer noch +Gausen<pb n='457'/><anchor id='Pgp0457'/>felder hatte, konnte sie hier mühelos abstoßen. Tatsächlich +besaß zu Anfang des Herbstes kein Mensch mehr die faulen +Papiere. Dagegen ging das Gerede, Heßling und Gausenfeld +sollten fusioniert werden. Diederich zeigte sich verwundert. +„Und der alte Herr Buck?“ fragte er. „Als Vorsitzender +des Aufsichtsrates wird er wohl noch mitreden +wollen. Oder hat er selbst schon verkauft?“ – „Der hat mehr +Sorgen“, hieß es dann. Denn in seiner Beleidigungssache +gegen die „Volksstimme“ war jetzt die Verhandlung anberaumt. +„Er wird wohl hineinfliegen“, meinte man; und +Diederich, mit vollkommener Sachlichkeit: „Schade um +ihn. Dann hat er in seinem letzten Aufsichtsrat gesessen.“ +</p> + +<p> +In diesem Vorgefühl gingen alle zu der Verhandlung. +Die auftretenden Zeugen erinnerten sich nicht. Klüsing +hatte schon längst zu jedem vom Verkauf der Fabrik gesprochen. +Hatte er von jenem Terrain besonders gesprochen? +Und hatte er als den Unterhändler den alten Buck +genannt? Dies alles blieb zweifelhaft. In den Kreisen +der Stadtverordneten war bekannt gewesen, daß das +Grundstück in Frage komme für das damals in Aussicht +genommene Säuglingsheim. War Buck dafür gewesen? +Jedenfalls nicht dagegen. Mehreren war es aufgefallen, +wie lebhaft er sich für den Platz interessierte. Klüsing +selbst, der noch immer krank war, hatte in seiner kommissarischen +Vernehmung ausgesagt, sein Freund Buck sei +bis vor kurzem bei ihm ein und aus gegangen. Wenn +Buck ihm von dem Vorkaufsrecht auf das Terrain gesprochen +haben sollte, so habe er dies keinesfalls in einem +für Buck ehrenrührigen Sinne aufgefaßt ... Der Kläger +Buck wünschte festgestellt zu sehen, daß der verstorbene +Kühlemann es gewesen sei, der mit Klüsing verhandelt +habe: Kühlemann selbst, der Spender des Geldes. Aber die +<pb n='458'/><anchor id='Pgp0458'/>Feststellung mißlang, Klüsings Aussage war unentschieden +auch hierin. Daß Cohn es behauptete, war nicht wesentlich, +da Cohn ein Interesse hatte, seinen eigenen Besuch in +Gausenfeld harmlos erscheinen zu lassen. Als gewichtigster +Zeuge blieb Diederich übrig, dem Klüsing geschrieben +und der gleich darauf mit ihm eine Unterredung gehabt +hatte. War damals ein Name gefallen? Er sagte aus: +</p> + +<p> +„Mir lag nicht daran, den oder jenen Namen zu erfahren. +Ich stelle fest, daß ich, was alle Zeugen bestätigen, +niemals öffentlich den Namen des Herrn Buck genannt +habe. Mein Interesse in der Sache war einzig das der +Stadt, die nicht durch einzelne geschädigt werden sollte. +Ich bin für die politische Moral eingetreten. Persönliche +Gehässigkeit liegt mir fern, und es würde mir leid tun, +wenn der Herr Kläger aus dieser Verhandlung nicht ganz +vorwurfsfrei hervorgehen sollte.“ +</p> + +<p> +Seinen Worten folgte ein anerkennendes Gemurmel. +Nur Buck schien unzufrieden; er fuhr auf, rot im Gesicht ... +Diederich sollte nun angeben, welches seine persönliche +Auffassung der Sache sei. Er setzte an: da trat Buck vor, +straff aufgerichtet, und seine Augen flammten wieder, wie +in der tragisch verlaufenen Wahlversammlung. +</p> + +<p> +„Ich erlasse es dem Herrn Zeugen, ein schonendes Gutachten +abzugeben über meine Person und mein Leben. +Er ist nicht der Mann dazu. Seine Erfolge sind mit anderen +Mitteln erreicht als die meinen, und sie haben +einen anderen Gegenstand. Mein Haus war immer jedem +offen und zugänglich, auch dem Herrn Zeugen. Mein +Leben gehört seit mehr als fünfzig Jahren nicht mir, +es gehört einem Gedanken, den zu meiner Zeit mehrere +hatten, der Gerechtigkeit und dem Wohl aller. Ich war +vermögend, als ich in die Öffentlichkeit trat. Wenn ich +<pb n='459'/><anchor id='Pgp0459'/>sie verlasse, werde ich arm sein. Ich brauche keine Verteidigung!“ +</p> + +<p> +Er schwieg, sein Gesicht zitterte noch – aber Diederich +zuckte nur die Achseln. Auf welche Erfolge berief sich der +Alte? Er hatte schon längst keine mehr und brachte nun +hohle Worte vor, auf die niemand eine Hypothek gab. +Er tat erhaben und befand sich schon unter den Rädern. +Konnte ein Mensch seine Lage so sehr verkennen? „Wenn +einer von uns den anderen von oben herab zu behandeln +hat –“ Und Diederich blitzte. Er blitzte den Alten, +der vergebens flammte, einfach nieder, und diesmal +endgültig, mitsamt der Gerechtigkeit und dem Wohl aller. +Zuerst das eigene Wohl – und gerecht war die Sache, +die Erfolg hatte!... Er fühlte deutlich, daß dies für alle +feststand. Auch der Alte fühlte es, er setzte sich wieder, +er bekam runde Schultern, in seine Miene trat etwas wie +Scham. Zu den Schöffen gewendet, sagte er: „Ich verlange +keine Ausnahmestellung, ich unterwerfe mich dem +Urteil meiner Mitbürger.“ +</p> + +<p> +Worauf denn Diederich, als sei nichts geschehen, in +seiner Aussage fortfuhr. Sie war wirklich sehr schonend +und machte den besten Eindruck. Seit dem Prozeß Lauer +fand man ihn durchaus günstig verändert; er hatte an +überlegener Ruhe gewonnen, was freilich kein Kunststück +hieß, da er jetzt ein gemachter Mann und fein heraus war. +Gerade schlug es Mittag, und im Saal verbreitete sich summend +das Neueste aus der „Netziger Zeitung“: es war +Tatsache, Heßling, Großaktionär von Gausenfeld, war +als Generaldirektor berufen worden ... Neugierig +musterte man ihn – und ihm gegenüber den alten Buck, +auf dessen Kosten er Seide gesponnen hatte. Die zwanzigtausend, +die er dem Alten zuletzt noch geliehen hatte, bekam +<pb n='460'/><anchor id='Pgp0460'/>er nun mit hundert Prozent zurück, und war noch edel. Daß +der Alte sich für das Geld gerade Gausenfelder gekauft +hatte, wirkte wie ein guter Witz von Heßling und tröstete +im Augenblick manchen über den eigenen Verlust. Bei +Diederichs Abgang schwieg man an seinem Wege. Die Grüße +drückten Achtung in dem Grade aus, wo sie in Unterwürfigkeit +übergeht. Die Hereingefallenen grüßten den Erfolg. +</p> + +<p> +Mit dem alten Buck verfuhren sie unwirscher. Als der +Vorsitzende das Urteil verkündete, ward geklatscht. Nur +fünfzig Mark für den Redakteur der „Volksstimme“! +Der Beweis war nicht vollständig erbracht, guter Glaube +ward zugebilligt. Vernichtend für den Kläger, sagten die +Juristen – und wie Buck das Gerichtsgebäude verließ, +wichen auch die Freunde ihm aus. Kleine Leute, die an +Gausenfeld ihre Ersparnisse verloren hatten, schüttelten +die Fäuste hinter ihm her. Und allen brachte dieser Spruch +des Gerichts die Erleuchtung, daß sie mit ihrer Meinung +über den alten Buck eigentlich schon längst fertig waren. +Ein Geschäft wie das mit dem Terrain für das Säuglingsheim +mußte wenigstens glücken: das Wort war von Heßling, +und es stimmte. Aber daran lag es: dem alten Buck +war seiner Lebtage kein Geschäft geglückt. Er dünkte sich +was Wunder, wenn er als Stadtvater und Parteiführer +mit Schulden abschnitt. Faule Kunden gab es noch mehr! +Der geschäftlichen Fragwürdigkeit aber entsprach die +moralische, dafür zeugte die nie recht aufgeklärte Geschichte +mit der Verlobung seines Sohnes, desselben, der sich jetzt +beim Theater umhertrieb. Und Bucks Politik? Eine +internationale Gesinnung, immer nur Opfer fordern für +demagogische Zwecke, aber wie Hund und Katz’ mit der Regierung, +was dann wieder auf die Geschäfte zurückwirkte: +das war die Politik eines Menschen, der nichts mehr zu +<pb n='461'/><anchor id='Pgp0461'/>verlieren hat und dem es an gutbürgerlicher Mündelsicherheit +gebricht. Entrüstet erkannte man, daß man sich +auf Gedeih und Verderb in der Hand eines Abenteurers +befunden hatte. Ihn unschädlich zu machen, war der +allgemeine Herzenswunsch. Da er von selbst aus dem vernichtenden +Urteil die Folgerungen nicht zog, mußten +andere sie ihm nahelegen. Das Verwaltungsrecht enthielt +doch wohl eine Bestimmung, wonach ein Gemeindebeamter +sich durch sein Verhalten in und außer dem Amte +der Achtung, die dieses erfordert, würdig zu erweisen +hatte. Ob der alte Buck diese Bestimmung erfüllte? Die +Frage aufwerfen, hieß sie verneinen, wie die „Netziger +Zeitung“, ohne natürlich seinen Namen zu nennen, feststellte. +Aber es mußte erst so weit kommen, daß die Stadtverordnetenversammlung +mit der Angelegenheit befaßt +ward. Da endlich, einen Tag vor der Debatte, nahm +der hartgesottene Alte Vernunft an und legte sein Amt +als Stadtrat nieder. Seine politischen Freunde konnten +ihn hiernach, bei Gefahr, die letzten Anhänger zu verlieren, +nicht länger an der Spitze der Partei lassen. Er machte +es ihnen nicht leicht, wie es schien; mehrfache Besuche bei +ihm und ein sanfter Druck waren nötig, bevor in der +Zeitung sein Brief erschien: das Wohl der Demokratie +sei ihm wichtiger als seins. Da ihr, unter der Einwirkung +von Leidenschaften, die er für vergänglich halten wolle, +jetzt Schaden drohe durch seinen Namen, trete er zurück. +„Wenn es dem Ganzen nützen kann, bin ich bereit, den +ungerechten Makel, den der getäuschte Volkswille mir auferlegt, +zu tragen, im Glauben an die ewige Gerechtigkeit +des Volkes, das ihn dereinst wieder von mir nehmen wird.“ +</p> + +<p> +Dies faßte man als Heuchelei und Überhebung auf; die +Wohlmeinenden entschuldigten es mit Greisenhaftigkeit. +<pb n='462'/><anchor id='Pgp0462'/>Übrigens hatte, was er schrieb oder nicht schrieb, keinen +Belang mehr, denn was war er noch? Leute, die ihm +Stellungen oder Gewinn verdankten, sahen ihm plötzlich +ins Gesicht, ohne an den Hut zu fassen. Manche lachten +und machten laute Bemerkungen: es waren die, denen +er nichts zu befehlen gehabt hatte und die dennoch voll +Ergebenheit gewesen waren, solange er das allgemeine +Ansehen genoß. Statt der alten Freunde aber, die auf +seinem täglichen Spaziergang sich niemals vorfanden, +kamen neue, seltsame. Sie begegneten ihm, wenn er heimkehrte +und es schon dämmerte, und es war etwa ein kleiner +Geschäftsmann mit gehetzten Augen, dem der Bankerott im +Nacken saß, oder ein düsterer Trunkenbold, oder irgendein +die Häuser entlang streichender Schatten. Diese sahen ihm, +den Schritt verlangsamend, entgegen mit scheuer oder +frecher Vertraulichkeit. Sie rückten wohl zögernd ihre Kopfbedeckung, +dann winkte der alte Buck ihnen zu, und auch die +Hand, die hingehalten ward, nahm er, ganz gleich welche. +</p> + +<p> +Da die Zeit verging, beachtete auch der Haß ihn nicht +mehr. Wer mit Absicht weggesehen hatte, ging nun gleichgültig +vorbei, und manchmal grüßte er wieder, aus alter +Gewohnheit. Ein Vater, der seinen jungen Sohn bei +sich hatte, bekam eine nachdenkliche Miene, und waren +sie vorüber, erklärte er dem Kinde: „Hast du den alten +Herrn gesehen, der da so allein hinschleicht und niemand +ansieht? Dann merke dir für dein Leben, was aus einem +Menschen die Schande machen kann.“ Und das Kind +ward fortan beim Anblick des alten Buck von einem geheimnisvollen +Grauen überlaufen, gleich wie das erwachsene +Geschlecht, als es klein war, bei seinem Anblick +einen unerklärten Stolz gefühlt hatte. Junge Leute freilich +gab es, die der herrschenden Meinung nicht folgten. +<pb n='463'/><anchor id='Pgp0463'/>Manchmal, wenn der Alte das Haus verließ, war eben +die Schule aus. Die Herden der Heranwachsenden trabten +davon, ehrfürchtig machten sie ihren Lehrern Platz, +und Kühnchen, jetzt rückhaltlos national, oder Pastor +Zillich, sittenstrenger als je seit dem Unglück mit Käthchen, +eilten hindurch, ohne einen Blick für den Gefallenen. +Da blieben am Wege diese wenigen jungen Leute stehen, +jeder für sich, wie es schien, und aus eigenem Antrieb. +Ihre Stirnen sahen weniger glatt aus als die meisten; sie +hatten Ausdruck in den Augen, nun sie Kühnchen und +Zillich den Rücken kehrten und vor dem alten Buck den +Kopf entblößten. Unwillkürlich hielt er dann den Schritt +an und sah in diese zukunftsträchtigen Gesichter, noch einmal +voll der Hoffnung, mit der er sein Leben lang in +alle Menschengesichter gesehen hatte. +</p> + +<milestone unit="tb"/> + +<p> +Diederich inzwischen hatte wahrhaftig keine Zeit, viel +Aufmerksamkeit zu wenden an nebensächliche Begleiterscheinungen +seines Aufstiegs. Die „Netziger Zeitung“, +jetzt unbedingt zu Diederichs Verfügung, stellte fest, daß +Herr Buck selbst es gewesen sei, der, noch bevor er den +Vorsitz im Aufsichtsrat niederlegte, die Berufung des Herrn +Doktor Heßling zum Generaldirektor befürworten mußte. +An der Tatsache spürte mancher einen eigenartigen Geschmack. +Doch gab Nothgroschen zu bedenken, daß Herr +Generaldirektor Doktor Heßling sich ein großes und unbestrittenes +Verdienst um die Allgemeinheit erworben habe. +Ohne ihn, der mehr als die Hälfte der Aktien in aller +Stille an sich gebracht hatte, wären sie sicherlich immer +tiefer gefallen, und gar manche Familie verdankte es nur +Herrn Doktor Heßling, daß sie vor dem Zusammenbruch bewahrt +blieb. Der Streik war durch die Energie des neuen +<pb n='464'/><anchor id='Pgp0464'/>Generaldirektors glücklich beschworen. Seine nationale +und kaisertreue Gesinnung bürgte dafür, daß die Regierungssonne +künftig über Gausenfeld nicht mehr untergehen +werde. Kurz, herrliche Zeiten brachen nun an für +das wirtschaftliche Leben Netzigs und besonders für die +Papierindustrie – zumal das Gerücht von einer Fusion +des Heßlingschen Werkes mit Gausenfeld, wie aus sicherer +Quelle verlautete, auf Wahrheit beruhte. Nothgroschen +konnte verraten, daß Herr Doktor Heßling nur unter dieser +Bedingung sich habe bewegen lassen, die Leitung Gausenfelds +zu übernehmen. +</p> + +<p> +Tatsächlich hatte Diederich nichts so Eiliges zu tun, als +das Aktienkapital erhöhen zu lassen. Für das neue +Kapital ward das Heßlingsche Werk erworben. Diederich +hatte ein glänzendes Geschäft gemacht. Seine erste Regierungshandlung +hatte der Erfolg gekrönt, er war Herr +der Lage, mit seinem Aufsichtsrat aus gefügigen Männern, +und konnte daran gehen, der inneren Organisation +des Unternehmens seinen Herrscherwillen aufzudrücken. +Gleich anfangs versammelte er sein ganzes Volk von +Arbeitern und Angestellten. „Einige von euch“, sagte er, +„kennen mich schon, vom Heßlingschen Werk her. Na, +und ihr anderen sollt mich kennenlernen! Wer mir behilflich +sein will, ist willkommen, aber Umsturz wird nicht +geduldet! Vor noch nicht zwei Jahren hab’ ich das einem +kleinen Teil von euch gesagt, und jetzt seht euch an, wie +viele ich jetzt unter meinem Befehle habe. Ihr könnt stolz +auf einen solchen Herrn sein! Verlaßt euch auf mich, +ich werde es mir angelegen sein lassen, euern nationalen +Sinn zu wecken und euch zu treuen Anhängern der bestehenden +Ordnung zu machen.“ Und er verhieß ihnen +eigene Wohnhäuser, Krankenunterstützungen, billige +<pb n='465'/><anchor id='Pgp0465'/>Lebensmittel. „Sozialistische Umtriebe aber verbitte ich +mir! Wer in Zukunft anders wählt, als ich will, fliegt!“ +Auch dem Unglauben, sagte Diederich, sei er zu steuern +entschlossen; jeden Sonntag werde er sich überzeugen, +wer in der Kirche sei und wer nicht. „Solange in der Welt +die unerlöste Sünde herrscht, wird es Krieg und Haß, Neid +und Zwietracht geben. Und darum: einer muß Herr sein!“ +</p> + +<p> +Um diesen obersten Grundsatz zur Geltung zu bringen, +wurden alle Räume der Fabrik bedeckt mit Inschriften, +die ihn verkündeten. Durchgang verboten! Wasserholen +mit den Eimern der Feuerlöschapparate verboten! +Flaschenbierholen erst recht verboten, denn Diederich +hatte nicht versäumt, mit einer Brauerei einen Vertrag +zu schließen, der ihm Vorteile sicherte vom Konsum seiner +Leute ... Essen, Schlafen, Rauchen, Kinder mitbringen, +„Poussieren, Schäkern, Knutschen, überhaupt jede Unzucht“ +strengstens verboten! In den Arbeiterhäusern waren, +noch bevor sie wirklich dastanden, Pflegekinder verboten. +Ein in freier Liebe dahinlebendes Paar, das unter Klüsing +zehn Jahre lang sich der Entdeckung zu entziehen gewußt +hatte, wurde feierlich entlassen. Dieser Vorfall war für +Diederich sogar der Anlaß, ein neues Mittel zur sittlichen +Hebung des Volkes zu verwenden. An den geeigneten +Orten ließ er ein in Gausenfeld selbst erzeugtes Papier +aufhängen, bei dessen Benutzung niemand umhin konnte, +die moralischen oder staatserhaltenden Maximen zu beachten, +mit denen es bedruckt war. Zuweilen hörte er die +Arbeiter einen von hoher Stelle stammenden Ausspruch +einander zurufen, von dem sie auf diesem Wege überzeugt +worden waren, oder sie sangen ein patriotisches Lied, +das sich ihnen bei derselben Gelegenheit eingeprägt hatte. +Ermutigt durch diese Erfolge, brachte Diederich seine +Er<pb n='466'/><anchor id='Pgp0466'/>findung in den Handel. Sie trat unter dem Zeichen +„Weltmacht“ auf, und wirklich trug sie, wie eine großzügige +Reklame es verkündete, deutschen Geist, gestützt +auf deutsche Technik, siegreich durch die Welt. +</p> + +<p> +Alle Konfliktsstoffe zwischen Herrn und Arbeitern +konnten auch diese erzieherischen Papiere nicht entfernen. +Eines Tages sah Diederich sich veranlaßt, bekanntzugeben, +daß er vom Versicherungsgeld nur Zahnbehandlung, +nicht aber auch Zahnersatz bezahlen werde. Ein Mann +hatte sich ein ganzes Gebiß verfertigen lassen! Da Diederich +sich auf seine, freilich erst nachträglich erlassene Bekanntmachung +berief, prozessierte der Mann und bekam +abenteuerlicherweise sogar recht. Hierdurch in seinem +Glauben an die herrschende Ordnung erschüttert, ward +er zum Aufwiegler, verkam sittlich und wäre unter anderen +Umständen unbedingt entlassen worden. So aber konnte +Diederich sich nicht entschließen, das Gebiß, das ihn teuer +zu stehen kam, dahinzugeben, und behielt daher auch den +Mann.... Die ganze Angelegenheit, er verhehlte es sich +nicht, war dem Geiste der Arbeiterschaft nicht zuträglich. +Hinzu kam die Einwirkung gefährlicher politischer Ereignisse. +Als im neu eröffneten Reichstagsgebäude mehrere +sozialdemokratische Abgeordnete beim Kaiserhoch sitzengeblieben +waren, da konnte man nicht mehr zweifeln, +die Notwendigkeit einer Umsturzvorlage war bewiesen. +Diederich machte in der Öffentlichkeit dafür Stimmung; +seine Leute bereitete er darauf in einer Ansprache vor, +die sie mit düsterem Schweigen aufnahmen. Die Mehrheit +des Reichstages war gewissenlos genug, die Vorlage +abzulehnen, und der Erfolg ließ nicht warten, ein Industrieller +ward ermordet. Ermordet! Ein Industrieller! +Der Mörder behauptete kein Sozialdemokrat zu sein, aber +<pb n='467'/><anchor id='Pgp0467'/>das kannte Diederich von seinen eigenen Leuten her; und +der Ermordete sollte arbeiterfreundlich gewesen sein, aber +das kannte Diederich an sich selbst. Tage- und wochenlang +öffnete er keine Tür ohne Bangen vor einem dahinter +schon gezückten Messer. Sein Bureau erhielt Selbstschüsse, +und gemeinsam mit Guste kroch er jeden Abend durch das +Schlafzimmer und suchte. Seine Telegramme an den +Kaiser, mochten sie von der Stadtverordnetenversammlung +ausgehen, vom Vorstand der „Partei des Kaisers“, +vom Unternehmerverband oder vom Kriegerverein: die +Telegramme, mit denen Diederich den Allerhöchsten +Herrn überschüttete, schrien nach Hilfe gegen die von den +Sozialisten angefachte Revolutionsbewegung, der wieder +ein Opfer mehr erlegen war; nach Befreiung von dieser +Pest, nach schleunigen gesetzlichen Maßnahmen, militärischem +Schutz der Autorität und des Eigentums, nach +Zuchthausstrafen für Streikende, die jemand abhielten +zu arbeiten.... Die „Netziger Zeitung“, die alles dies +pünktlich wiedergab, vergaß aber keinesfalls hinzuzufügen, +wie sehr gerade Herr Generaldirektor Doktor Heßling +sich verdient mache um den sozialen Frieden und die +Arbeiterfürsorge. Jedes von Diederich neuerbaute Arbeiterhaus +führte Nothgroschen stark geschmeichelt im +Bilde vor und schrieb dazu einen hochgestimmten Artikel. +Mochten gewisse andere Arbeitgeber, deren Einfluß in +Netzig glücklicherweise nicht mehr in Frage kam, unter +ihren Angestellten subversive Tendenzen schüren, indem +sie sie am Gewinn beteiligten. Die von Herrn Generaldirektor +Doktor Heßling vertretenen Grundsätze zeitigten +zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer das denkbar beste +Verhältnis, wie Seine Majestät der Kaiser es überall +in der deutschen Industrie zu sehen wünschten. Ein +kräf<pb n='468'/><anchor id='Pgp0468'/>tiger Widerstand gegen die unberechtigten Forderungen +der Arbeiter sowie eine Koalition der Arbeitgeber gehörten +bekanntlich gleichfalls zum sozialen Programm des +Kaisers, das mit zu verwirklichen ein Ruhmestitel des +Herrn Generaldirektor Doktor Heßling war. – Und daneben +stand Diederichs Bild. +</p> + +<p> +Solche Anerkennung spornte zu immer eifrigerer Betätigung +an – trotz der unerlösten Sünde, die ihre verheerende +Wirkung übrigens nicht nur geschäftlich, sondern +auch in der Familie äußerte. Hier war es leider Kienast, +der Neid und Zwietracht säte. Er behauptete, daß ohne +ihn und seine unauffällige Vermittlung beim Ankauf +der Aktien Diederich seine glänzende Stellung gar nicht +erlangt haben würde. Worauf Diederich erwiderte, daß +Kienast durch einen seinen Mitteln entsprechenden Aktienbesitz +entschädigt sei. Dies erkannte der Schwager nicht +an, vielmehr vermaß er sich, für seine pietätlosen Ansprüche +eine rechtliche Grundlage gefunden zu haben. +War er nicht als Gatte Magdas der Mitbesitzer, zu einem +Achtel ihres Wertes, der alten Heßlingschen Fabrik gewesen? +Die Fabrik war verkauft, Diederich hatte bares +Geld und Gausenfelder Vorzugsaktien dafür bekommen. +Kienast verlangte ein Achtel der Kapitalrente und der +jährlichen Dividende der Vorzugsaktien. Auf dieses unerhörte +Ansinnen erwiderte Diederich mit aller Energie, +daß er weder seinem Schwager noch seiner Schwester +irgend etwas mehr schuldig sei. „Ich war nur verpflichtet, +euch euren Anteil vom jährlichen Gewinn meiner Fabrik +zu zahlen. Meine Fabrik ist verkauft. Gausenfeld gehört +nicht mir, sondern einer Aktiengesellschaft. Was das Kapital +betrifft, das ist mein Privatvermögen. Ihr habt nichts zu +fordern.“ – Kienast nannte dies einen offenen Raub, +Die<pb n='469'/><anchor id='Pgp0469'/>derich, durch die eigenen Argumente vollkommen überzeugt, +sprach von Erpressung, und dann folgte ein Prozeß. +</p> + +<p> +Der Prozeß dauerte drei Jahre. Er ward mit immer +wachsender Erbitterung geführt, besonders von seiten +Kienasts, der, um sich ihm ganz zu widmen, seine Stellung +in Eschweiler aufgab und mit Magda nach Netzig zog. +Als Hauptzeugen gegen Diederich hatte er den alten Sötbier +aufgestellt, der in seiner Rachsucht nun wirklich beweisen +wollte, daß Diederich schon früher an seine Verwandten +nicht die ihnen zustehenden Summen abgeführt +habe. Auch verfiel Kienast darauf, gewisse Punkte in +Diederichs Vergangenheit mit Hilfe des jetzigen Abgeordneten +Napoleon Fischer aufhellen zu wollen: was ihm +freilich niemals recht gelang. Immerhin aber ward Diederich +durch dieses Vorgehen genötigt, zu verschiedenen +Malen größere Beträge für die sozialdemokratische Parteikasse +zu erlegen. Und er durfte es sich sagen, sein persönlicher +Verlust schmerzte ihn weniger als der Abbruch, +den dergestalt die nationale Sache erlitt ... Guste, deren +Blick so weit nicht reichte, schürte den Streit der Männer +mehr aus weiblichen Motiven. Ihr Erstes war ein Mädchen, +und sie verzieh Magda ihren Jungen nicht. Magda, +die den Geldsachen anfangs nur ein laues Interesse entgegengebracht +hatte, leitete den Beginn der Feindseligkeiten +von dem Tage her, als Emmi mit einem aus Berlin +bezogenen unerhörten Hut erschien. Magda stellte fest, +daß Emmi jetzt von Diederich in der empörendsten Weise +bevorzugt wurde. Emmi bewohnte in Gausenfeld ein +eigenes Appartement, wo sie Tees gab. Die Höhe ihres +Toilettegeldes stellte eine Unverschämtheit gegen die +verheiratete Schwester dar. Magda mußte sehen, daß +der Vorrang, den ihre Verheiratung ihr eingetragen hatte, +<pb n='470'/><anchor id='Pgp0470'/>sich in das Gegenteil verkehrte; und sie beschuldigte Diederich, +er habe sich ihrer, vor dem Anbruch seiner Glanzzeit, +heimtückisch entledigt. Wenn Emmi auch jetzt noch keinen +Mann fand, schien dies besondere Gründe zu haben – +die man sich in Netzig denn auch ins Ohr sagte. Magda +sah kein Hindernis, sie laut auszusprechen. Durch Inge +Tietz erfuhr man es in Gausenfeld; aber Inge brachte +zugleich eine Waffe gegen die Verleumderin mit, weil +sie nämlich bei Kienasts der Hebamme begegnet war, +und das erste Kind war kaum ein halbes Jahr. Ein furchtbarer +Aufruhr trat hierauf ein, telephonische Beschimpfungen +von Haus zu Haus, Drohungen mit gerichtlicher +Klage, wofür man Stoff sammelte, indem jede der beiden +Frauen das Zimmermädchen der anderen anwarb. +</p> + +<p> +Und bald nachdem Diederich und Kienast mit männlicher +Besonnenheit den äußersten Familienskandal für +diesmal noch verhütet hatten, brach er dennoch aus. +Guste und Diederich bekamen anonyme Briefe, die sie +vor jedem Dritten und sogar voreinander verstecken mußten, +so grenzenlos frivol war ihr Inhalt. Noch dazu illustrierten +ihn Zeichnungen, die jedes erlaubte Maß einer +wenn auch realistischen Kunst überschritten. Pünktlich +jeden Morgen lagen die harmlos grauen Umschläge auf +dem Frühstückstisch, und jeder ließ den seinen verschwinden, +wobei man tat, als habe man den des anderen nicht bemerkt. +Eines Tages freilich war es aus mit dem Versteckenspiel, +denn Magda hatte die Kühnheit, in Gausenfeld +zu erscheinen, versehen mit einem Packen ganz gleichartiger +Briefe, die sie selbst erhalten haben wollte. Dies +fand Guste zu stark. „Du wirst wohl wissen, wer sie dir +schreibt!“ brachte sie hervor, erstickt und rot angelaufen. +Magda sagte, sie könne es sich denken, und darum sei +<pb n='471'/><anchor id='Pgp0471'/>sie gekommen. „Wenn du es nötig hast,“ erwiderte Guste +und zischte, „daß du dir selbst mußt solche Briefe schreiben, +damit du in Stimmung kommst, dann schreib’ sie wenigstens +anderen Leuten nicht, die es nicht nötig haben!“ Magda +protestierte und stieß ihrerseits, grün im Gesicht, Beschuldigungen +aus. Aber Guste war zum Telephon gestürzt, +sie rief Diederich aus dem Bureau herbei; dann lief +sie fort und kehrte mit einem Packen Briefe zurück. Gegenüber +trat Diederich ein und hatte seinen auch schon dabei. +Als die drei interessanten Sammlungen wirkungsvoll +ausgebreitet auf dem Tisch lagen, sahen die drei Verwandten +entgeistert einander an. Dann faßten sie sich +und schrien alle gleichzeitig dieselben Anklagen. Um nicht +an Boden zu verlieren, rief Magda das Zeugnis ihres +Mannes an, der gleichfalls heimgesucht sei. Guste behauptete, +auch bei Emmi etwas gesehen zu haben. Emmi +ward geholt und gestand unschwer in ihrer wegwerfenden +Art, daß auch ihr die Post solche Schweinereien gebracht +habe. Die meisten habe sie vernichtet. Die alte Frau +Heßling sogar war nicht verschont geblieben! Sie leugnete +zwar weinend, solange es ging, ward aber überführt +... Da dies alles die Angelegenheit nur erweiterte, +aber nicht klärte, trennte man sich beiderseits mit Drohungen, +die innerlich haltlos, aber keineswegs ohne Schrecken +waren. Um ihre Stellung zu befestigen, hielt jede der +Parteien Umschau nach Bundesgenossen, wobei sich zunächst +herausstellte, daß auch Inge Tietz zu den Empfängern +der unpassenden Darbietungen gehörte. Was hiernach +zu vermuten stand, bestätigte sich. Der unheimliche +Briefschreiber hatte überall in das Privatleben eingegriffen, +sogar bei Pastor Zillich, ja beim Bürgermeister +und den Seinen. Soweit man blickte, hatte er um das +<pb n='472'/><anchor id='Pgp0472'/>Haus Heßling und alle guten Häuser, die ihm nahestanden, +eine Atmosphäre der krassesten Obszönität geschaffen. +Wochenlang wagte Guste sich nicht hinaus. Ihr und +Diederichs Argwohn warf sich entsetzensvoll von dem auf +jenen. In ganz Netzig traute keiner mehr dem Vertrautesten. +Der Tag kam und die Frühstücksstunde, da im Schoß +der Familie Heßling der Verdacht die letzten Grenzen verletzte. +Ein Dokument, unbeirrbar wie noch keins, zitterte in +Gustes Hand; es hielt Augenblicke fest, die in ihrer Eigentümlichkeit +nur ihr und ihrem Gatten, tief verschwiegen, +bewußt waren. Kein Dritter ahnte dies, sonst hörte alles +auf. Dann aber?... Guste sandte über den Kaffeetisch +einen prüfenden Blick zu Diederich: in seiner Hand zitterte +das gleiche Papier, und auch sein Blick prüfte. Schnell +schlugen beide, schreckengepackt, die Augen nieder. +</p> + +<p> +Der Verräter war überall. Wo niemand sonst war, da +war er ein zweites Ich. Durch ihn ward in nie geahnter +Weise alle bürgerliche Ehrbarkeit in Frage gestellt. Dank +seiner Tätigkeit wäre in Netzig jedes moralische Selbstgefühl +und alle gegenseitige Achtung zum Untergang +verurteilt gewesen, hätte man nicht, wie auf allseitige +Verabredung, Gegenmaßregeln getroffen, die sie wiederherstellten. +Die tausendfältigen Ängste, unterirdisch fortarbeitend +nach einem Ausweg, liefen zusammen von allen +Seiten, schufen mit der Kraft der vereinigten Angst den +Kanal, der ans Licht führte, und konnten endlich ihre +dunkeln Fluten ergießen über einen Mann. Gottlieb +Hornung wußte nicht, wie ihm geschah. Unter vier Augen +mit Diederich hatte er nach seiner Weise groß getan und +sich gewisser Briefe gerühmt, die er geschrieben haben +wollte. Auf Diederichs strenge Vorhaltungen bemerkte +er nur, solche Briefe schriebe doch jetzt jeder, es sei Mode, +<pb n='473'/><anchor id='Pgp0473'/>ein Gesellschaftsspiel – was Diederich sofort gebührend +zurückwies. Er nahm aus der Unterredung den Eindruck +mit, sein alter Freund und Kommilitone Gottlieb Hornung, +der schon so manche nützlichen Dienste geleistet +hatte, sei ganz geeignet, auch hier einen zu leisten, wäre +es selbst unfreiwillig; weshalb er ihn pflichtgemäß anzeigte. +Und als Hornung erst einmal laut genannt war, +zeigte es sich, daß er schon längst überall verdächtigt war. +Er hatte während der Wahlen zahlreiche Einblicke erhalten, +war übrigens aus Netzig und ohne Verwandte, was +ihm den Unfug offenbar erleichtert hatte. Hinzu kam sein +Verzweiflungskampf um das Recht, weder Schwämme +noch Zahnbürsten zu verkaufen; dieser Kampf verbitterte +ihn zusehends, er hatte ihm gewisse höhnische Äußerungen +entrissen, über Herrschaften, die die Schwämme +wohl nicht nur außen nötig hätten, und bei denen mit +Zähneputzen noch nichts geschehen sei. Er ward angeklagt +und gab in mehreren Fällen seine Urheberschaft +ohne weiteres zu. In den meisten freilich leugnete er +sie um so kräftiger, aber dafür gab es Schreibsachverständige. +Gegenüber der Meinung eines Zeugen wie Heuteufel, +der von einer Epidemie sprach und behauptete, +ein einzelner sei zu schwach für diesen ungeheuren Haufen +Mist, standen alle übrigen Aussagen, stand der öffentliche +Wille. Auf das glücklichste vertrat ihn Jadassohn, der seit +seiner Rückkehr aus Paris kleinere Ohren hatte und zum +Staatsanwalt befördert war. Der Erfolg und das Bewußtsein, +einwandfrei dazustehen, hatten ihn sogar Mäßigung +gelehrt; er sah ein, daß Rücksicht auf das große Ganze +es gebiete, den Stimmen Gehör zu schenken, die Hornung +für nervös überreizt ausgaben. Am bestimmtesten tat +dies Diederich, der für seinen unglücklichen Jugendfreund +<pb n='474'/><anchor id='Pgp0474'/>in jeder Weise eintrat. Hornung kam mit einem Aufenthalt +im Sanatorium davon, und als er herausdurfte, +versah Diederich ihn, wenn er nur Netzig verließ, mit +Mitteln, die ihn gegen die Schwämme und Zahnbürsten +für einige Zeit wappneten. Auf die Dauer freilich waren +sie wohl die Stärkeren, und ein gutes Ende ließ sich kaum +vorhersagen für Gottlieb Hornung.... Natürlich hörten, +sobald er wohlverwahrt in der Anstalt saß, die Briefe auf. +Oder wenigstens ließ man sich, wenn noch einer kam, nichts +mehr merken, die Affäre war abgetan. +</p> + +<milestone unit="tb"/> + +<p> +Diederich durfte wieder sagen: „Mein Haus ist meine +Burg.“ Die Familie, nicht länger schmutzigen Eingriffen +ausgesetzt, blühte auf das reinste empor. Nach Gretchen, +die 1894 geboren ward, und Horst, von 1895, folgte 1896 +Kraft. Diederich, ein gerechter Vater, legte jedem der +Kinder, noch bevor es da war, ein Konto an und trug vorerst +die Kosten der Ausstattung und der Hebamme ein. +Seine Auffassung vom Eheleben war die strengste. Horst +kam nicht ohne Mühe zur Welt. Als es vorüber war, +erklärte Diederich seiner Gattin, daß er, vor die Wahl +gestellt, sie glatt hätte sterben lassen. „So peinlich es mir +gewesen wäre“, setzte er hinzu. „Aber die Rasse ist wichtiger, +und für meine Söhne bin ich dem Kaiser verantwortlich.“ +Die Frauen waren der Kinder wegen da, +Frivolitäten und Ungehörigkeiten versagte Diederich +ihnen, war aber nicht abgeneigt, ihnen Erhebung und +Erholung zu gönnen. „Halte dich an die drei <anchor id="corr474"/><corr sic="großen G">großen G“</corr>, +bedeutete er Guste. „Gott, Gafee und Gören.“ Auf dem +rotgewürfelten Tischtuch, mit Reichsadler und Kaiserkrone +in den Würfeln, lag neben der Kaffeekanne immer +die Bibel, und Guste war gehalten, jeden Morgen daraus +<pb n='475'/><anchor id='Pgp0475'/>vorzulesen. Am Sonntag ging man zur Kirche. „Es +ist oben erwünscht“, sagte Diederich ernst, wenn Guste +sich sträubte. Wie Diederich in der Furcht seines Herrn, +hatte Guste in der Furcht des ihren zu leben. Beim Eintritt +ins Zimmer war es ihr bewußt, daß dem Gatten +der Vortritt gebühre. Die Kinder wieder mußten ihr +selbst die Ehre erweisen, und der Teckel Männe hatte alle +zu Vorgesetzten. Beim Essen dann oblag es Hund und +Kindern, sich schweigend zu verhalten; Gustes Sache war +es, aus den Stirnfalten des Gatten zu ersehen, ob es +geboten sei, daß man ihn ungestört lasse, oder aber ihm +durch Geplauder die Sorgen verscheuche. Gewisse Gerichte +wurden nur für den Hausherrn aufgetragen, und +Diederich warf an guten Tagen ein Stück davon über +den Tisch, um herzlich lachend zuzusehn, wer es erwischte, +Gretchen, Guste oder Männe. Sein Nachmittagsschlaf +war öfters durch eine Verdauungsstörung beschwert; +Gustes Pflicht erheischte dann, ihm warme Bauchbinden +anzulegen. Diederich verhieß ihr, ächzend und schwer +beängstet, daß er sein Testament machen und einen Vormund +einsetzen werde. Guste werde kein Geld in die Hand +bekommen. „Ich hab’ für meine Söhne gearbeitet, aber +nicht, damit du dich nachher amüsierst!“ Guste machte +geltend, ihr eigenes Vermögen sei die Grundlage von +allem, aber sie kam schön an ... Freilich, wenn Guste +den Schnupfen hatte, durfte sie nicht erwarten, daß Diederich +nun seinerseits ihre Pflege übernahm. Sie hatte sich +dann nach Möglichkeit von ihm fernzuhalten, denn Diederich +war entschlossen, keine Bazillen zu dulden. Die Fabrik +betrat er nur mit desinfizierenden Tabletten im Munde; +und eines Nachts entstand großer Lärm, weil die Köchin +an Influenza erkrankt war und vierzig Grad Fieber hatte. +<pb n='476'/><anchor id='Pgp0476'/>„Sofort aus dem Hause mit der Schweinerei!“ befahl +Diederich; und als sie fort war, irrte er noch lange, keimtötende +Flüssigkeiten verspritzend, durch die Wohnung. +</p> + +<p> +Am Abend bei der Lektüre des „Lokal-Anzeigers“ erklärte +er seiner Gattin immer wieder, daß leben nicht notwendig +sei, wohl aber schiffahren – was Guste schon +darum einsah, weil auch sie die Kaiserin Friedrich nicht +mochte, die uns bekanntlich an England verriet, ganz abgesehen +von gewissen häuslichen Zuständen in Schloß +Friedrichskron, die Guste lebhaft mißbilligte. Gegen England +brauchten wir eine starke Flotte; es mußte unbedingt +zerschmettert werden, es war der ärgste Feind des Kaisers. +Und warum? Man wußte es in Netzig ganz genau: +nur weil Seine Majestät einst in angeregter Laune dem +Prinzen von Wales dort, wo es am verlockendsten erschien, +einen freundschaftlichen Schlag versetzt hatte. Außerdem +kamen aus England gewisse feine Papiersorten, deren +Einfuhr durch einen siegreichen Krieg am sichersten abgestellt +worden wäre. Über die Zeitung hinweg sagte +Diederich zu Guste: „So wie ich England hasse, hat nur +Friedrich der Große dies Volk von Dieben und Händlern +gehaßt. Das ist ein Wort Seiner Majestät, und ich unterschreibe +es.“ Er unterschrieb jedes Wort in jeder Rede +des Kaisers, und zwar in der ersten, stärkeren Form, nicht +in der abgeschwächten, die sie am Tage darauf annahmen. +Alle diese Kernworte deutschen und zeitgemäßen Wesens +– Diederich lebte und webte in ihnen, wie in Ausstrahlungen +seiner eigenen Natur, sein Gedächtnis bewahrte +sie, als habe er sie selbst gesprochen. Manchmal hatte er +sie wirklich schon gesprochen. Andere untermischte er bei +öffentlichen Gelegenheiten seinen eigenen Erfindungen, +und weder er noch ein anderer unterschied, was von ihm +<pb n='477'/><anchor id='Pgp0477'/>kam und was von einem Höheren ... „Dies ist süß“, +sagte Guste, die das Vermischte las. „Der Dreizack gehört +in unsere Faust“, behauptete Diederich unbeirrt, +indes Guste ein Erlebnis der Kaiserin zum besten gab, +das sie tief befriedigte. In Hubertusstock gefiel sich die +hohe Frau in einfacher, beinahe bürgerlicher Kleidung. +Ein Briefträger, dem sie sich auf der Landstraße zu erkennen +gab, hatte ihr nicht geglaubt, daß sie es sei, und +sie ausgelacht. Nachher war er vernichtet auf die Knie +gesunken und hatte eine Mark erhalten. Dies entzückte +auch Diederich – wie es ihm andererseits an das Herz +griff, daß der Kaiser am Weihnachtsabend auf die Straße +ging, um mit 57 Mark neugeprägten Geldes den Armen +Berlins ein frohes Fest zu bereiten – und wie es ihn +ahnungsvoll erschauern ließ, daß Seine Majestät Ehrenbailli +des Maltheserordens geworden war. Welten, nie +geahnt, erschloß der „Lokal-Anzeiger“, und dann wieder +brachte er einem die Allerhöchsten Herrschaften gemütlich +nahe. Im Erker dort die dreiviertel lebensgroßen Bronzefiguren +der Majestäten schienen lächelnd näher zu rücken, +und den Trompeter von Säckingen, der sie begleitete, +hörte man traulich blasen. „Himmlisch muß es bei Kaisers +sein,“ meinte Guste, „wenn große Wäsche ist. Sie haben +hundert Leute zum Waschen!“ Wohingegen Diederich +von tiefem Wohlgefallen erfüllt ward durch die Teckel +des Kaisers, die vor den Schleppen der Hofdamen keine +Achtung zu haben brauchten. Der Plan reifte in ihm, +bei seiner nächsten Soiree seinem Männe volle diesbezügliche +Freiheit zu erteilen. Freilich, schon auf der folgenden +Spalte machte ein Telegramm ihm ernste Sorge, weil +es noch immer nicht feststand, ob der Kaiser und der Zar +sich treffen würden. „Wenn es nicht bald kommt,“ sagte +<pb n='478'/><anchor id='Pgp0478'/>er gewichtig, „müssen wir uns auf alles gefaßt machen. +Die Weltgeschichte läßt nicht mit sich spaßen.“ Gern hielt +er sich länger bei drohenden Katastrophen auf, denn „die +deutsche Seele ist ernst, fast tragisch“, stellte er fest. +</p> + +<p> +Aber Guste zeigte keine Teilnahme mehr, sie gähnte +immer häufiger. Unter dem strafenden Blick des Gatten +schien sie sich an eine Pflicht zu erinnern, sie machte +herausfordernde Schlitzaugen und bedrängte ihn sogar +mit ihren Knien. Er wollte noch einen nationalen Gedanken +äußern, da sagte Guste mit ungewohnt strenger +Stimme „Quatsch“; Diederich aber, weit entfernt, diesen +Übergriff zu bestrafen, blinzelte sie an, als erwartete er +noch mehr ... Da er sie unten zu umspannen versuchte, +verscheuchte sie vollends ihre Müdigkeit, und plötzlich +hatte er eine mächtige Ohrfeige – worauf er nichts erwiderte, +sondern aufstand und sich schnaufend hinter einen +Vorhang drückte. Und als er wieder in das Licht kam, +zeigte es sich, daß seine Augen keineswegs blitzten, sondern +voll Angst und dunkeln Verlangens standen ... +Dies schien Guste die letzten Bedenken zu nehmen. Sie +erhob sich; indes sie in fesselloser Weise mit den Hüften +schaukelte, begann sie ihrerseits heftig zu blitzen, und den +wurstförmigen Finger gebieterisch gegen den Boden gestreckt, +zischte sie: „Auf die Knie, elender Schklafe!“ Und +Diederich tat, was sie heischte! In einer unerhörten und +wahnwitzigen Umkehrung aller Gesetze durfte Guste ihm +befehlen: „Du sollst meine herrliche Gestalt anbeten!“ – +und dann auf den Rücken gelagert, ließ er sich von ihr +in den Bauch treten. Freilich unterbrach sie sich inmitten +dieser Tätigkeit und fragte plötzlich ohne ihr grausames +Pathos und streng sachlich: „Haste genug?“ Diederich +rührte sich nicht; sofort ward Guste wieder ganz Herrin. +<pb n='479'/><anchor id='Pgp0479'/>„Ich bin die Herrin, du bist der Untertan“, versicherte +sie ausdrücklich. „Aufgestanden! Marsch!“ – und sie +stieß ihn mit ihren Grübchenfäusten vor sich her nach dem +ehelichen Schlafgemach. „Freu’ dich!“ verhieß sie ihm +schon, da gelang es Diederich, zu entwischen und das Licht +abzudrehen. Im Dunkeln, versagenden Herzens vernahm +er, wie Guste dort hinten ihm die wenigst anständigen +Namen gab, wobei sie freilich schon wieder gähnte. +Etwas später lag sie vielleicht schon und schlief – Diederich +aber, noch immer des Äußersten gewärtig, kroch auf +allen Vieren die Estrade hinan und versteckte sich hinter +dem bronzenen Kaiser ... +</p> + +<p> +Regelmäßig nach solchen nächtlichen Phantasien ließ +er sich am Morgen das Wirtschaftsbuch vorlegen, und +wehe, wenn Gustes Rechnung nicht glatt aufging. Durch +ein fürchterliches Strafgericht in Gegenwart aller Dienstboten +setzte Diederich ihrem kurzen Machtdünkel, falls +sie noch eine Erinnerung daran bewahrte, ein jähes Ende. +Autorität und Sitte triumphierten wieder. Auch sonst +war dafür gesorgt, daß die ehelichen Beziehungen nicht +allzusehr zum Vorteil Gustes ausschlugen, denn jeden +zweiten, dritten Abend, manchmal noch öfter, ging Diederich +fort – zum Stammtisch in den Ratskeller, wie er +sagte, aber das stimmte nicht immer ... Am Stammtisch +war Diederichs Platz unter einem gotischen Bogen, in +dem zu lesen stand: „Je schöner die Kneip’, desto schlimmer +das Weib, je schlimmer das Weib, desto schöner die Kneip’.“ +Und auch die kernigen alten Sinnsprüche in den übrigen +Bogen rächten einen in wohltuender Weise für die Zugeständnisse, +die man, durch die Natur genötigt, der Frau +daheim zuweilen machte. „Wer nicht liebt Wein und Gesang, +verdient ein Weib sein Leben lang“, oder „Behüt +<pb n='480'/><anchor id='Pgp0480'/>euch Gott vor Schmerz und Wunden, vor bösen Weibern +und bösen Hunden“. Dagegen las, wer zwischen Jadassohn +und Heuteufel die Augen zur Decke erhob: „Friedliche +Rast am traulichen Herd, und an der Wand ein schneidiges +Schwert. Nach alter Sitt’ in deutscher Mitt’, kommt +trinkt euch aller Sorgen quitt“. Was allerseits geschah, +ohne Unterschied der Konfession und Partei. Denn auch +Cohn und Heuteufel samt ihren näheren Freunden und +Gesinnungsgenossen hatten im Lauf der Zeit sich eingefunden, +einer nach dem anderen und ohne viel Aufsehen, +weil es eben auf die Dauer niemandem möglich +war, den Erfolg zu bestreiten oder zu übersehen, der den +nationalen Gedanken beflügelte und immer höher trug. +Das Verhältnis Heuteufels zu seinem Schwager Zillich +litt nach wie vor unter Mißhelligkeiten. Zwischen den +Weltanschauungen lagen denn doch unübersteigbare +Schranken, und „in seine religiösen Überzeugungen läßt +sich der Deutsche nicht hineinreden“, wie man auf beiden +Seiten feststellte. In der Politik dagegen war bekanntlich +jede Ideologie vom Übel. Seinerzeit im Frankfurter +Parlament hatten gewisse hochbedeutende Männer gesessen, +aber es waren noch keine Realpolitiker gewesen, +und darum hatten sie nichts als Unsinn gemacht, wie Diederich +bemerkte. Übrigens milde gestimmt durch seine +Erfolge, gab er zu, daß das Deutschland der Dichter und +Denker vielleicht auch seine Berechtigung gehabt habe. +„Aber es war doch nur eine Vorstufe, unsere geistigen +Leistungen heute liegen auf dem Gebiet der Industrie +und Technik. Der Erfolg beweist.“ Heuteufel mußte es +zugeben. Seine Äußerungen über den Kaiser, über Wirksamkeit +und Bedeutung Seiner Majestät klangen wesentlich +zurückhaltender als ehedem; bei jedem neuen +Auf<pb n='481'/><anchor id='Pgp0481'/>treten des allerhöchsten Redners stutzte er, versuchte zu +nörgeln und ließ doch erkennen, daß er am liebsten sich +einfach angeschlossen hätte. Der entschiedene Liberalismus, +dies ward nachgerade allgemein anerkannt, konnte +nur gewinnen, wenn auch er sich mit der Energie des nationalen +Gedankens erfüllte, wenn er positiv mitarbeitete +und bei zielbewußtem Hochhalten des freiheitlichen Banners +doch den Feinden, die uns den Platz in der Sonne +nicht gönnten, ein unerbittliches <foreign rend="antiqua">quos ego</foreign> zurief. Denn +nicht nur unser Erbfeind Frankreich erhob immer aufs +neue das Haupt: auch die Abrechnung mit den unverschämten +Engländern rückte näher! Die Flotte, für deren +Ausbau die geniale Propaganda unseres genialen Kaisers +unermüdlich wirkte, tat uns bitter not, und unsere Zukunft +lag tatsächlich auf dem Wasser, diese Erkenntnis +gewann immer mehr an Boden. Rings um den Stammtisch +griff die Idee der Flotte Platz und ward zur lodernden +Flamme, die immer neu mit deutschem Wein genährt, +ihrem Schöpfer huldigte. Die Flotte, diese Schiffe, +verblüffende Maschinen bürgerlicher Erfindung, die in +Betrieb gesetzt, Weltmacht produzierten, genau wie in +Gausenfeld gewisse Maschinen ein gewisses „Weltmacht“ +benanntes Papier produzierten, sie lag Diederich mehr +als alles am Herzen, und Cohn wie Heuteufel wurden +dem nationalen Gedanken vor allem durch die Flotte +gewonnen: Eine Landung in England war der Traum, +der unter den gotischen Gewölben des Ratskellers nebelte. +Die Augen funkelten, und die Beschießung Londons ward +verhandelt. Die Beschießung von Paris war eine Begleiterscheinung +und vollendete die Pläne, die Gott mit +uns vorhatte. Denn „die christlichen Kanonen tun gute +Arbeit“, wie Pastor Zillich sagte. Nur Major Kunze +be<pb n='482'/><anchor id='Pgp0482'/>zweifelte dies, er erging sich in den düstersten Voraussagen. +Seit er, Kunze, von dem Genossen Fischer besiegt +worden war, hielt er jede Niederlage für möglich. +Aber er blieb der einzige Nörgler. Wer am meisten +triumphierte, war Kühnchen. Die Taten, die der schreckliche +kleine Greis einst im großen Krieg vollführt hatte, +jetzt endlich, ein Vierteljahrhundert später, fanden sie +ihre wahre Bestätigung in der allgemeinen Gesinnung. +„Die Saat,“ sagte er, „die wir dunnemals gesät haben, na +nu geht se auf. Daß meine alten Augen das noch sehen +dürfen!“ – und dann schlief er ein bei seiner dritten Flasche. +</p> + +<p> +Im ganzen erfreulich gestaltete sich auch Diederichs +Verhältnis zu Jadassohn. Die ehemaligen Rivalen, beide +gereift und in die Sphäre der gesättigten Existenzen vorgerückt, +beeinträchtigten einander weder politisch noch +am Stammtisch, und auch nicht in jener verschwiegenen +Villa, die Diederich an dem Abend der Woche aufsuchte, +wo er ohne Gustes Wissen dem Stammtisch fernblieb. +Sie lag vor dem Sachsentor, es war die ehemals von +Brietzensche Villa, und sie ward bewohnt von einer einzelnen +Dame, die selten öffentlich gesehen ward und dann +niemals zu Fuß. In einer Proszeniumsloge der „Walhalla“ +saß sie zuweilen in großer Aufmachung, ward allgemein +durch die Operngläser betrachtet, aber von niemand +gegrüßt; und ihrerseits verhielt sie sich wie eine +Königin, die ihr Inkognito wahrt. Natürlich wußte trotz +der Aufmachung alle Welt, das war Käthchen Zillich, +die, in Berlin für ihren Beruf vorgebildet, ihn in der +von Brietzenschen Villa nunmehr erfolgreich ausübte. +Auch verkannte niemand, daß dieser Tatbestand nicht +geeignet schien, das Ansehen des Pastors Zillich zu heben. +Die Gemeinde nahm schweres Ärgernis, zu schweigen +<pb n='483'/><anchor id='Pgp0483'/>von den Spöttern, die entzückt waren. Um eine Katastrophe +abzuwenden, beantragte der Pastor bei der Polizei +die Beseitigung des Übels, stieß aber auf einen Widerstand, +der nur erklärlich schien, wenn man gewisse Zusammenhänge +annahm zwischen der Villa von Brietzen +und den höchsten Stellen der Stadt. An der irdischen Gerechtigkeit +nicht weniger als an der göttlichen verzweifelnd, +schwor der Vater, das Amt des Richters selbst zu übernehmen, +und wirklich sollte er eines Nachmittags, als +sie noch im Bette lag, die verlorene Tochter einer Züchtigung +unterzogen haben. Nur der Mutter, die ihm, alles +ahnend, gefolgt war, verdankte Käthchen ihr nacktes +Leben, wie die Gemeinde behauptete. Der Mutter +sagte man eine verwerfliche Schwäche nach für die Tochter +in ihrem sündigen Glanz. Was Pastor Zillich betraf, +so erklärte er von der Kanzel herab Käthchen für tot und +verfault, wodurch er sich vor dem Einschreiten des Konsistoriums +rettete. Mit der Zeit verstärkte die ihm widerfahrene +Prüfung seine Autorität ... Diederich seinerseits +kannte von den Herren, die an Käthchens Lebenswandel +mit Einlagen beteiligt waren, offiziell nur Jadassohn, +obwohl Jadassohn von allen die kleinsten Einlagen +machte, Diederich vermutete sogar, gar keine. Jadassohns +Beziehungen zu Käthchen lagen eben, noch von früher +her, als Hypothek auf dem Unternehmen. So nahm Diederich +keinen Anstand, die Sorgen, die es ihm machte, mit +Jadassohn zu besprechen. Die beiden rückten am Stammtisch +in der Nische zusammen, die die Inschrift trug: „Was +einem Mann zur Lust ein minnig Weiblein brät, gar wohl +gerät“; und mit der gebotenen Rücksicht auf Pastor Zillich, +der nicht weit davon über die christlichen Kanonen handelte, +besprachen sie die Angelegenheiten der Villa von +<pb n='484'/><anchor id='Pgp0484'/>Brietzen. Diederich beklagte sich über Käthchens unersättliche +Ansprüche an seine Kasse, von Jadassohn erwartete +er einen günstigen Einfluß auf sie in dieser Beziehung. +Aber Jadassohn fragte nur: „Wozu haben Sie +sie denn? Sie soll doch Geld kosten?“ Und dies war auch +wieder richtig. Denn nach seiner ersten kurzen Genugtuung, +Käthchen auf diesem Wege doch noch erworben +zu haben, betrachtete Diederich sie nachgerade nur mehr +als einen Posten, einen stattlichen Posten auf seinem +Reklamekonto. „Meine Stellung,“ sagte er zu Jadassohn, +„erfordert eine großzügige Repräsentation. Sonst +würde ich, offen gestanden, das ganze Geschäft fallen +lassen, denn unter uns, Käthchen bietet nicht genug.“ Hier +lächelte Jadassohn beredsam, sagte aber nichts. „Überhaupt,“ +fuhr Diederich fort, „ist sie dasselbe Genre wie +meine Frau, und meine Frau“ – er hielt die Hand vor – +„ist leistungsfähiger. Sehen Sie, gegen sein Gemüt kann +man nichts machen, nach jedem Abstecher in die Villa +von Brietzen kommt es mir vor, als ob ich meiner Frau +etwas schulde. Lachen Sie nur, tatsächlich schenke ich +ihr dann immer was. Wenn es ihr nur nicht auffällt!“ +Jadassohn lachte mit noch mehr Grund, als Diederich +meinte; denn er hatte es schon längst für seine sittliche +Pflicht gehalten, Frau Generaldirektor Heßling aufzuklären +über diese Zusammenhänge. +</p> + +<p> +Im Politischen ergab sich für Diederich und Jadassohn +ein ähnlich ersprießliches Zusammenwirken wie bei +Käthchen; denn gemeinsam beeiferten sie sich, die Stadt +von Schlechtgesinnten zu reinigen, besonders von solchen, +die die Pest der Majestätsbeleidigungen weiter verbreiteten. +Diederich mit seinen vielfachen Beziehungen machte +sie ausfindig, worauf Jadassohn sie ans Messer lieferte. +<pb n='485'/><anchor id='Pgp0485'/>Nach dem Erscheinen des Sanges an Aegir gestaltete sich +ihre Tätigkeit besonders fruchtbar. In Diederichs eigenem +Hause nannte die Klavierlehrerin, die mit Guste übte, den +Sang an Aegir einen –! In das, was sie gesagt hatte, +flog sie selbst ... Wolfgang Buck sogar, der neuerdings +wieder in Netzig weilte, erklärte die Verurteilung für +durchaus angemessen, denn sie befriedige das monarchische +Gefühl. „Einen Freispruch hätte das Volk nicht verstanden“, +sagte er am Stammtisch. „Die Monarchie ist unter +den politischen Regimen eben das, was in der Liebe die +strengen und energischen Damen sind. Wer dementsprechend +veranlagt ist, verlangt, daß etwas geschieht, +und mit Milde ist ihm nicht gedient.“ Hier errötete Diederich +... Leider bekundete Buck solche Gesinnungen nur, +solange er nüchtern war. Späterhin gab er durch seine +von früher her sattsam bekannte Art, die heiligsten Güter +in den Schmutz zu ziehen, Gelegenheit genug, ihn aus +jeder anständigen Gesellschaft auszuschließen. Diederich +war es, der ihn vor diesem Schicksal bewahrte. Er verteidigte +seinen Freund. „Die Herren müssen bedenken, +er ist erblich belastet, denn die Familie weist Anzeichen +einer schon ziemlich weit vorgeschrittenen Degeneration +auf. Andererseits spricht es für einen gesunden Kern +in ihm, daß das Schauspielerdasein ihn denn doch nicht +befriedigt hat und daß er zu seinem Beruf als Rechtsanwalt +zurückgefunden hat.“ Man erwiderte, es sei verdächtig, +wenn Buck sich über seine fast dreijährigen Erfahrungen +beim Theater so völlig ausschweige. War er +überhaupt noch satisfaktionsfähig? Diese Frage konnte +Diederich nicht beantworten; es war ein logisch nicht begründeter, +aber tiefsitzender Drang, der ihn dem Sohn +des alten Buck immer wieder näherte. Immer wieder +<pb n='486'/><anchor id='Pgp0486'/>nahm er mit Eifer eine Unterredung auf, die doch jedesmal +schroff abbrach, nachdem sie die schärfsten Gegensätze +bloßgelegt hatte. Er führte Buck sogar in sein Heim ein, +erlebte dabei aber eine Überraschung. Denn wenn Buck +anfangs wohl nur einem besonders guten Kognak zuliebe +kam, bald kam er sichtlich wegen Emmi. Die beiden verstanden +sich über Diederich hinweg und in einer Art, +die ihn befremdete. Sie führten spitze und scharfe Gespräche, +anscheinend ohne das Gemüt oder die anderen +Faktoren, die der Verkehr der Geschlechter normalerweise +in Betrieb setzte; und senkten sie die Stimmen und +wurden vertraulich, fand Diederich sie vollends unheimlich. +Er hatte nur die Wahl, ob er dazwischenfahren und +korrekte Verhältnisse herstellen oder aber das Zimmer +verlassen sollte. Zu seinem eigenen Erstaunen entschied +er sich für das letztere. „Sie haben beide sozusagen ihre +Schicksale gehabt, wenn die Schicksale auch danach waren“, +sagte er sich mit der Überlegenheit, die ihm zukam, und +ohne viel darauf zu achten, daß er im Grunde stolz war +auf Emmi, stolz, weil Emmi, seine eigene Schwester, fein +genug, besonders genug, ja, fragwürdig genug schien, +um sich mit Wolfgang Buck zu verständigen. „Wer weiß“, +dachte er zögernd, und dann entschlossen: „Warum nicht! +Bismarck hat es auch so gemacht, mit Österreich. Zuerst +niedergeworfen, dann ein Bündnis!“ +</p> + +<p> +Aus diesen noch dunklen Überlegungen heraus widmete +Diederich auch dem Vater Wolfgangs wieder ein gewisses +Interesse. Der alte Buck, von einem Herzleiden befallen, +kam nur mehr selten zum Vorschein, und dann stand +er die meiste Zeit vor irgendeinem Schaufenster, scheinbar +in die Auslage vertieft, in Wirklichkeit aber einzig +bemüht, zu verbergen, daß er nicht atmen konnte. Was +<pb n='487'/><anchor id='Pgp0487'/>dachte er? Wie urteilte er über die neue geschäftliche Blüte +Netzigs, den nationalen Aufschwung und über die, die jetzt +die Macht hatten? War er überzeugt und auch innerlich +besiegt? Es kam vor, daß Generaldirektor Doktor Heßling, +der mächtigste Mann der Bürgerschaft, sich heimlich +in ein Haustor drückte, um dann ungesehen hinterdrein zu +schleichen hinter diesem einflußlosen, schon halb vergessenen +Alten: er auf seiner Höhe rätselhaft beunruhigt durch einen +Sterbenden ... Da der alte Buck seine Hypothekenzinsen +nur noch mit Verspätung zahlte, schlug Diederich dem +Sohn vor, er wolle das Haus übernehmen. Natürlich +dürfe der alte Herr es bewohnen, solange er lebe. Auch +die Einrichtung wollte Diederich kaufen und sogleich bezahlen. +Wolfgang bestimmte den Vater, anzunehmen. +</p> + +<p> +Inzwischen ging der 22. März vorüber, Wilhelm der +Große war hundert Jahre alt geworden, und sein Denkmal +stand noch immer nicht im Volkspark. Die Interpellationen +in der Stadtverordnetenversammlung nahmen kein +Ende, mehrmals waren unter schweren Kämpfen Nachtragskredite +bewilligt und wieder überschritten worden. +Der schwerste Schlag hatte die Gemeinde getroffen, als +Seine Majestät den höchstseligen Großvater als Fußgänger +ablehnten und ein Reiterstandbild befahlen. Diederich, +von Ungeduld getrieben, ging des öfteren am Abend in +die Meisestraße, um sich vom Stand der Arbeiten zu +überzeugen. Es war Mai und peinlich warm noch in der +Dämmerung, aber auf dem leeren, neu angepflanzten +Areal des Volksparkes ging ein Luftzug. Diederich sann +wieder einmal mit gereizten Gefühlen dem glänzenden +Geschäft nach, das der Rittergutsbesitzer Herr von Quitzin +hier gemacht hatte. Der hatte es bequem gehabt! Grundstücksgeschäfte +waren kein Kunststück, wenn der Vetter +<pb n='488'/><anchor id='Pgp0488'/>Regierungspräsident war. Die Stadt mußte ihm einfach +das Ganze abnehmen für das Kaiser-Wilhelm-Denkmal +und mußte zahlen, was er verlangte ... Da tauchten +zwei Gestalten auf; Diederich sah rechtzeitig, wer es +war und zog sich ins Gebüsch zurück. +</p> + +<p> +„Hier läßt sich atmen“, sagte der alte Buck. Sein Sohn +erwiderte: +</p> + +<p> +„Wenn einem hier nicht die Lust dazu vergeht. Sie +haben anderthalb Millionen Schulden gemacht, um dieses +Müllager zu schaffen.“ Und er zeigte auf den unfertigen +Aufbau von steinernen Sockeln, Adlern, Rundbänken, +Löwen, Tempeln und Figuren. Die Adler setzten flügelschlagend +ihre Krallen in den noch leeren Sockel, andere +Exemplare nisteten wieder auf jenen, die Rundbänke +symmetrisch unterbrechenden Tempeln; dort holten aber +auch Löwen zum Sprung aus nach dem Vordergrund, +wo ohnehin Aufregung genug herrschte durch flatternde +Fahnen und heftig agierende Menschen. Napoleon der +Dritte, in der geknickten Haltung von Wilhelmshöhe die +Rückwand des Sockels zierend, als Besiegter hinter dem +Triumphwagen, war überdies immer in Gefahr, von +einem Löwen angefallen zu werden, der gerade hinter +ihm, auf der Treppe des Monuments, seinen schlimmsten +Buckel machte – wohingegen Bismarck und die anderen +Paladine, mitten im Tierkäfig wie zu Hause, vom Fuß +des Sockels mit allen Händen hinauflangten, um mit +anzugreifen bei den Taten des noch abwesenden Herrschers. +</p> + +<p> +„Wer müßte nun dort oben einhersprengen?“ fragte +Wolfgang Buck. „Der Alte war nur ein Vorläufer. Dies +mystisch-heroische Spektakel wird nachher mit Ketten von +uns abgesperrt sein, und wir werden zu gaffen haben: was +von allem der Endzweck war. Theater, und kein gutes.“ +</p> + +<pb n='489'/><anchor id='Pgp0489'/> + +<p> +Nach einer Weile – die Dämmerung graute – sagte +der Vater: „Und du, mein Sohn? Auch dir schien es +einmal der Endzweck, zu spielen.“ +</p> + +<p> +„Wie meinem ganzen Geschlecht. Mehr können wir +nicht. Wir sollten uns leicht und klein nehmen heute, es +ist die sicherste Haltung angesichts der Zukunft; und ich +sage nicht, daß es mehr war als Eitelkeit, weshalb ich die +Bühne wieder verlassen habe. Lächerlich, Vater, ich bin +gegangen, weil einmal, als ich spielte, ein Polizeipräsident +geweint hatte. Aber bedenke auch, ob dies erträglich +war. Feinheiten letzten Grades, Einsicht in Herzen, hohe +Moral, Modernität des Intellektes und der Seele stelle +ich für Menschen dar, die meinesgleichen scheinen, weil +sie mir zuwinken und betroffene Gesichter haben. Nachher +aber liefern sie Revolutionäre aus und schießen auf +Streikende. Denn mein Polizeipräsident steht für alle.“ +</p> + +<p> +Hier wandte Buck sich genau dem Busch zu, der Diederich +barg. +</p> + +<p> +„Kunst bleibt euch Kunst, und alles Ungestüm des +Geistes rührt nie an euer Leben. Den Tag, an dem die +Meister eurer Kultur dies begriffen hätten wie ich, +würden sie euch, wie ich, allein lassen mit euren wilden +Tieren.“ Und er zeigte nach den Löwen und Adlern. +Auch der Alte sah auf das Denkmal; er sagte: +</p> + +<p> +„Sie sind sehr mächtig geworden; aber durch ihre Macht +ist in die Welt weder mehr Geist noch mehr Güte gekommen. +Also war es umsonst. Auch wir waren scheinbar +umsonst da.“ Er blickte auf den Sohn. „Dennoch dürft +ihr ihnen das Feld nicht lassen.“ +</p> + +<p> +Wolfgang seufzte schwer. „Worauf hoffen, Vater? +Sie hüten sich, die Dinge auf die Spitze zu treiben, wie +jene Privilegierten vor der Revolution. Aus der Geschichte +<pb n='490'/><anchor id='Pgp0490'/>haben sie leider Mäßigung gelernt. Ihre soziale Gesetzgebung +baut vor und korrumpiert. Sie sättigt das Volk +gerade so weit, daß es ihm sich nicht mehr verlohnt, ernstlich +zu kämpfen, um Brot, geschweige Freiheit. Wer +zeugt noch gegen sie?“ +</p> + +<p> +Da reckte der Alte sich auf, seine Stimme ward noch einmal +klangvoll. „Der Geist der Menschheit“, sagte er, und +nach einer Pause, da der Junge den Kopf gesenkt hielt: +</p> + +<p> +„Du mußt ihm glauben, mein Sohn. Wenn die Katastrophe, +der sie auszuweichen denken, vorüber sein wird, +sei gewiß, die Menschheit wird das, worauf die erste Revolution +folgte, nicht scham- und vernunftloser nennen, +als die Zustände, die die unseren waren.“ +</p> + +<p> +Er sagte leise wie aus der Ferne: „Der würde nicht +gelebt haben, der nur in der Gegenwart lebte.“ +</p> + +<p> +Plötzlich schien es, als schwankte er. Der Sohn griff rasch +hin, und an seinem Arm, zusammengesunken und stockenden +Schrittes, verschwand der Alte im Dunkel. Diederich +aber, der auf anderen Wegen enteilte, hatte das Gefühl, +aus einem bösen, wenn auch größtenteils unbegreiflichen +Traum zu kommen, worin an den Grundlagen gerüttelt +worden war. Und trotz dem Unwirklichen, das alles Gehörte +an sich hatte, schien hier tiefer gerüttelt worden zu +sein, als je der ihm bekannte Umsturz rüttelte. Dem einen +dieser beiden waren die Tage gezählt, der andere hatte +auch nicht viel vor sich, aber Diederich fühlte, es wäre besser +gewesen, sie hätten einen gesunden Lärm im Lande geschlagen, +als daß sie hier im Dunkeln diese Dinge flüsterten, +die doch nur von Geist und Zukunft handelten. +</p> + +<milestone unit="tb"/> + +<p> +In der Gegenwart gab es freilich greifbarere Angelegenheiten. +Gemeinsam mit dem Schöpfer des Denkmals +ent<pb n='491'/><anchor id='Pgp0491'/>warf Diederich das künstlerische Arrangement für die +Feier der Enthüllung – wobei der Schöpfer mehr Entgegenkommen +bewies, als man von ihm erwartet haben +würde. Überhaupt kehrte er bis jetzt nur die guten Seiten +seines Berufes hervor, nämlich Genie und vornehme Gesinnung, +während er sich im übrigen durchaus korrekt und +geschäftstüchtig zeigte. Der junge Mann, ein Neffe des +Bürgermeisters Doktor Scheffelweis, lieferte ein Beispiel +dafür, daß es, veralteter Vorurteile ungeachtet, überall +Anständigkeit gibt, und daß noch kein Grund zum Verzweifeln +ist, wenn ein junger Mensch für ein Brotstudium +zu faul ist und Künstler wird. Als er das erstemal von +Berlin nach Netzig zurückkehrte, trug er noch eine Samtjacke +und zog der Familie nur Unannehmlichkeiten zu; +aber bei seinem zweiten Besuch besaß er schon einen +Zylinder, und nicht lange, so ward er von Seiner Majestät +entdeckt und durfte für die Siegesallee das wohlgetroffene +Bildnis des Markgrafen Hatto des Gewaltigen +schaffen, nebst den Bildnissen seiner beiden bedeutendsten +Zeitgenossen, des Mönches Tassilo, der an einem Tage hundert +Liter Bier trinken konnte, und des Ritters Klitzenzitz, +der die Berliner robotten lehrte, wenn sie ihn dann auch +hängten. Auf die Verdienste des Ritters Klitzenzitz hatten +Seine Majestät den Oberbürgermeister noch besonders aufmerksam +gemacht, was wieder günstig zurückgewirkt hatte +auf die Karriere des Bildhauers. Man konnte nicht Zuvorkommenheit +genug haben für einen Mann, auf dem ein +unmittelbarer Strahl der Gnadensonne lag; Diederich +stellte ihm sein Haus zur Verfügung, er mietete ihm auch +das Reitpferd, das der Künstler brauchte, um seine Kräfte +spielen zu lassen – und welche Aussichten, als der berühmte +Gast die ersten Zeichenversuche des kleinen Horst +<pb n='492'/><anchor id='Pgp0492'/>vielversprechend nannte! Diederich bestimmte stehenden +Fußes Horst der Kunst, dieser so zeitgemäßen Laufbahn. +</p> + +<p> +Wulckow, der keinen Sinn für die Kunst hatte und sich +mit dem Günstling Seiner Majestät nicht zu stellen +wußte, bekam vom Denkmalskomitee die Ehrengabe von +2000 Mark, auf die er als Ehrenvorsitzender das Recht +hatte; die bei der Enthüllung zu haltende Festrede aber +übertrug das Komitee seinem ordentlichen Vorsitzenden, +dem geistigen Schöpfer des Denkmals und Begründer +der nationalen Bewegung, die zu seiner Errichtung geführt +hatte, Herrn Stadtverordneten Generaldirektor +Doktor Heßling, bravo! Diederich, bewegt und geschwellt, +sah sich am Fuße neuer Erhöhungen. Der Oberpräsident +selbst ward erwartet, vor der hohen Exzellenz sollte Diederich +reden, welche Folgen versprach das! Wulckow freilich +schickte sich an, sie zu hintertreiben; gereizt, weil ausgeschaltet, +weigerte er sich sogar, auf der Tribüne der +offiziellen Damen auch Guste zuzulassen. Diederich hatte +dieserhalb mit ihm einen Auftritt, der erregt verlief, aber +ohne Ergebnis blieb. Heftig schnaufend kehrte er zu Guste +heim. „Es bleibt dabei, du sollst keine offizielle Dame +sein. Man wird ja sehen, wer offizieller ist, du oder er! +Er soll dich noch bitten! Ich hab’ ihn Gott sei Dank nicht +mehr nötig, aber er vielleicht mich.“ – Und so kam es, +denn als das nächste Heft der „Woche“ erschien, was +brachte es außer den gewohnten Kaiserbildern? Zwei +Porträtaufnahmen, die eine den Schöpfer des Netziger +Kaiser-Wilhelm-Denkmals darstellend, wie er gerade an +seinem Werk den letzten Hammerschlag tat, die andere aber +den Vorsitzenden des Komitees und seine Gattin, Diederich +samt Guste. Von Wulckow nichts – was allgemein +bemerkt und als Zeichen angesehen ward, daß seine +Stel<pb n='493'/><anchor id='Pgp0493'/>lung erschüttert sei. Er selbst mußte es fühlen, denn er +tat Schritte, um doch noch in die „Woche“ zu kommen. +Er suchte Diederich auf, aber Diederich ließ sich verleugnen. +Der Künstler seinerseits brauchte Ausflüchte. Da +geschah es tatsächlich, daß Wulckow auf der Straße an +Guste herantrat. Die Geschichte mit dem Platz bei den +offiziellen Damen sei ein Mißverständnis ... „Schön hat er +gemacht wie unser Männe“, berichtete Guste. „Aber nun +gerade nicht!“ entschied Diederich, und er nahm keinen +Anstand, die Geschichte umherzuerzählen. „Soll man sich +Zwang antun,“ sagte er zu Wolfgang Buck, „wo der Mann +doch geliefert ist? Herr Oberst von Haffke gibt ihn auch +schon auf.“ Kühn setzte er hinzu: „Jetzt sieht er, es gibt +noch andere Mächte. Wulckow hat es zu seinem Schaden +nicht verstanden, sich beizeiten den modernen Lebensbedingungen +einer großzügigen Öffentlichkeit anzupassen, die +dem heutigen Kurs ihren Stempel aufdrücken.“ – „Absolutismus, +gemildert durch Reklamesucht“, ergänzte Buck. +</p> + +<p> +Angesichts des Wulckowschen Niederganges fand Diederich +jenen Grundstückshandel, der ihn selbst so sehr benachteiligt +hatte, immer anstößiger. Seine Entrüstung nahm +einen solchen Umfang an, daß der Besuch, den gerade +jetzt der Reichstagsabgeordnete Fischer in Netzig machte, +für Diederich zur wahrhaft befreienden Gelegenheit +ward. Parlamentarismus und Immunität hatten doch +ihr Gutes! Denn Napoleon Fischer stellte sich umgehend +im Reichstag hin und enthüllte. Er enthüllte, ohne daß +ihm das geringste geschehen konnte, die Schiebungen des +Regierungspräsidenten von Wulckow in Netzig, seinen +Riesengewinn am Grundstück des Kaiser-Wilhelm-Denkmals, +der nach Napoleon Fischers Behauptung von der +Stadt erpreßt war, und das Ehrengeschenk von angeblich +<pb n='494'/><anchor id='Pgp0494'/>5000 Mark, dem er den Titel „Schmiergeld“ gab. Der +Zeitung zufolge bemächtigte hier der Volksvertreter sich +ungeheure Erregung. Freilich galt sie nicht Wulckow, +sondern dem Enthüller. Wütend verlangte man Beweise +und Zeugen; Diederich zitterte, in der nächsten Zeile +konnte sein Name kommen. Zum Glück kam er nicht, +Napoleon Fischer blieb sich der Pflicht seines Amtes bewußt. +Statt dessen redete der Minister, er überließ den +unerhörten, leider unter dem Schutze der Immunität +begangenen Angriff auf einen Abwesenden, der sich nicht +verteidigen konnte, dem Urteil des Hauses. Das Haus +urteilte, indem es dem Herrn Minister Beifall klatschte. +Parlamentarisch war der Fall erledigt, es erübrigte nur +noch, daß auch die Presse ihren Abscheu äußerte und, +soweit sie nicht einwandfrei gesinnt war, ganz leicht dabei +mit dem Auge zwinkerte. Mehrere sozialdemokratische +Blätter, die die Vorsicht außer acht gelassen hatten, +mußten ihren verantwortlichen Redakteur den Gerichten +ausliefern, so auch die Netziger „Volksstimme“. Diederich +benutzte diesen Anlaß, um zwischen sich und denen, +die an dem Herrn Regierungspräsidenten hatten zweifeln +können, glatt das Tischtuch zu zerschneiden. Er und Guste +machten Besuch bei Wulckows. „Ich weiß aus erster Quelle,“ +sagte er nachher, „dem Mann ist die größte Zukunft +gewiß. Er war neulich auf der Jagd mit Majestät und +hat einen großartigen Witz gerissen.“ Acht Tage später +brachte die „Woche“ ein ganzseitiges Bildnis, Glatze und +Bart auf der einen Hälfte, ein Bauch auf der anderen, und +dazu die Unterschrift: „Regierungspräsident von Wulckow, +der geistige Schöpfer des Netziger Kaiser-Wilhelm-Denkmals, +gegen den kürzlich ein allgemein als empörend empfundener +Angriff im Reichstag erfolgte und dessen +Ernenn<pb n='495'/><anchor id='Pgp0495'/>ung zum Oberpräsidenten bevorsteht“ ... Das Bild des +Generaldirektors Heßling mit Frau hatte nur eine Viertelseite +eingenommen. Diederich überzeugte sich, daß der gebührende +Abstand wiederhergestellt war. Die Macht blieb, +auch unter den modernen Lebensbedingungen einer großzügigen +Öffentlichkeit, unangreifbar wie je – was ihn trotz +allem tief befriedigte. Er ward hierdurch innerlich auf das +günstigste vorbereitet für seine Festrede. +</p> + +<p> +Sie war entstanden in den ehrgeizigen Gesichten vom +Schlaf gemiedener Nächte und bei regem Gedankenaustausch +mit Wolfgang Buck und besonders mit Käthchen +Zillich, die für die Größe des kommenden Ereignisses +ein merkwürdig klares Verständnis zeigte. Am Schicksalstage, +als Diederich, das Herz klopfend gegen die Niederschrift +seiner Rede, um halb elf mit seiner Gattin +beim Festplatz anfuhr, bot der Platz einen noch wenig belebten, +aber um so besser geordneten Anblick. Vor allem, +der Militärkordon war schon gezogen! – und gelangte +man auch nur nach Gewährung aller Garantien hindurch, +so lag doch eben hierin eine feierliche Erhebung angesichts +des nicht privilegierten Volkes, das hinter unseren Soldaten +und am Fuß einer großen schwarzen Brandmauer +in der Sonne die schwitzenden Hälse reckte. Die Tribünen, +links und rechts von den langen weißen Tüchern, +hinter denen man Wilhelm den Großen vermuten durfte, +empfingen den Schatten ihrer Zeltdächer sowie zahlreicher +Fahnen. Links die Herren Offiziere waren, wie Diederich +feststellte, durch ihre ins Blut übergegangene Disziplin +befähigt, sich und ihre Damen ohne fremde Hilfe einzurichten; +alle Strenge der polizeilichen Überwachung war +nach rechts verlegt, wo das Zivil sich um die Sitze balgte. +Auch Guste gab sich nicht zufrieden mit dem ihren, einzig +<pb n='496'/><anchor id='Pgp0496'/>das offizielle Festzelt gegenüber dem Denkmal schien +ihr würdig, sie aufzunehmen, sie war eine offizielle Dame, +Wulckow hatte es anerkannt. Diederich mußte hin mit +ihr, wenn er kein Feigling war, aber natürlich ward sein +tollkühner Angriff so nachdrücklich zurückgewiesen, wie +er es vorausgesehen hatte. Der Form wegen und damit +Guste nicht an ihm zweifelte, verwahrte er sich gegen +den Ton des Polizeileutnants und wäre beinahe verhaftet +worden. Sein Kronenorden vierter Klasse, seine +schwarzweißrote Schärpe und die Rede, die er vorzeigte, +retteten ihn gerade noch, konnten aber keineswegs, weder +vor der Welt noch vor ihm selbst, als vollwertiger Ersatz +gelten für die Uniform. Sie, die einzige wirkliche Ehre, +gebrach ihm nun einmal, und Diederich mußte auch hier +wieder bemerken, daß man ohne Uniform, trotz sonstiger +Erstklassigkeit, doch mit schlechtem Gewissen durchs Leben +ging. +</p> + +<p> +Im Zustand der Auflösung trat das Ehepaar Heßling +seinen allseitig bemerkten Rückzug an, Guste bläulich geschwollen +in ihren Federn, Spitzen und Brillanten. Diederich +schnaufend und nach Kräften den Bauch mit der +Schärpe vorgestreckt, als breitete er die Nationalfarben +über seine Niederlage. So mußten sie hindurch zwischen +dem Kriegerverein, der, Eichenkränze um die Zylinderhüte, +unterhalb der Militärtribüne stand, an seiner Spitze +Kühnchen als Landwehrleutnant, und den Ehrenjungfrauen +drüben, weiß mit schwarzweißroten Schärpen +und befehligt von Pastor Zillich im Talar. Nun sie aber +anlangten, wer saß, in der Haltung einer Königin, auf +Gustes Stuhl? Man war starr: Käthchen Zillich. Hier +fühlte Diederich sich denn doch bemüßigt, seinerseits ein +Machtwort zu sprechen. „Die Dame hat sich geirrt, der +<pb n='497'/><anchor id='Pgp0497'/>Platz ist nicht für die Dame“, sagte er, keineswegs zu +Käthchen Zillich, die er für ebenso fremd wie zweideutig +zu halten schien, sondern zu dem Aufsichtsbeamten – +und hätten ihm auch nicht die menschlichen Laute ringsum +recht gegeben, Diederich stand hier für die stummen Gewalten +von Ordnung, Sitte und Gesetz, eher wäre die +Tribüne eingestürzt, als daß Käthchen Zillich auf ihr verblieb +... Dennoch geschah das Außerordentliche, daß +der Beamte unter Käthchens ironischem Lächeln die +Achseln zuckte, und selbst der Schutzmann, den Diederich +anrief, gab nur einen weiteren unbegreiflichen Stützpunkt +ab für den Übergriff der Unmoral. Diederich, +betäubt vor einer Welt, deren Betrieb gestört schien, ließ +es geschehen, daß Guste abgeschoben ward nach einer Sitzreihe +ganz oben, wobei sie mit Käthchen Zillich einige +die Gegensätze betonende Worte wechselte. Der Meinungsaustausch +griff schon auf Unbeteiligte über und +drohte auszuarten: da schmetterte Musik los, der Einzugsmarsch +der Gäste auf der Wartburg, und wirklich bezogen +sie das offizielle Zelt, voran Wulckow, unverkennbar trotz +seiner roten Husarenuniform, zwischen einem Herrn in +Frack und Ordensstern und einem hohen General. War +es möglich? Noch zwei hohe Generale! Und ihre Adjutanten, +Uniformen in allen Farben, Sternenblitzen +und ein Wuchs! „Wer ist der Gelbe, der Lange?“ forschte +Guste innig. „Ist das ein schöner Mann!“ – „Wollen +Sie mich gefälligst nicht treten!“ verlangte Diederich, +denn auch sein Nachbar war aufgesprungen, alle verrenkten +sich, fieberten und schwelgten. „Sieh sie dir an, Guste! +Emmi ist eine Gans, daß sie nicht mitwollte. Das ist +das einzige, erstklassige Theater, es ist das Höchste, da +kann man nichts machen!“ – „Aber der mit den gelben +<pb n='498'/><anchor id='Pgp0498'/>Aufschlägen!“ schwärmte Guste. „Der Schlanke! Der +muß ein echter Aristokrat sein, das seh’ ich gleich.“ Diederich +lachte wollüstig. „Da ist überhaupt keiner dabei, +der nicht ein echter Aristokrat ist, darauf kannst du Gift +nehmen. Wenn ich dir sage, ein Flügeladjutant Seiner +Majestät ist hier!“ – „Der Gelbe!“ – „Persönlich +hier!“ +</p> + +<p> +Man suchte sich zurecht. „Der Flügeladjutant! Zwei +Divisionsgenerale, Donnerwetter!“ Und die schneidige +Anmut der Begrüßungen; sogar der Bürgermeister Doktor +Scheffelweis ward aus seinem bescheidenen Hintergrund +gezogen und durfte in seiner Train-Reserveleutnantsuniform +stramm stehen vor seinen hohen Vorgesetzten. +Herr von Quitzin als Ulan besichtigte durch sein Monokel +den Grund und Boden der Veranstaltung, der vorübergehend +ihm selbst gehört hatte. Wulckow aber, der rote +Husar, brachte die volle Bedeutung eines Regierungspräsidenten +erst jetzt zur Geltung, wo er salutierend das +gewaltige, von Schnüren umrahmte Profil seiner unteren +Körperteile hervorkehrte. „Das sind die Säulen +unserer Macht!“ rief Diederich in die wuchtigen Klänge +des Einzugsmarsches. „Solange wir solche Herren haben, +werden wir der Schrecken der ganzen Welt sein!“ Und +voll überwältigenden Dranges, in der Meinung, seine +Stunde sei da, stürzte er hinunter, nach dem Rednerpodium. +Aber der Schutzmann, der es bewachte, trat +ihm entgegen. „Nee, nee, Sie komm’ noch nich’ran“, +sagte der Schutzmann. Jäh in seinem Schwunge gehemmt, +stieß Diederich gegen einen Aufsichtsbeamten, der ihm +nachgesetzt hatte: derselbe wie vorhin, ein Magistratsdiener, +der ihm versicherte, er wisse wohl, der Platz der +Dame mit den gelben Haaren gehöre dem Herrn +Stadt<pb n='499'/><anchor id='Pgp0499'/>verordneten, „aber auf höheren Befehl hat ihn die Dame +gekriegt“. Das weitere verriet der Mann in ersterbendem +Flüsterton, und Diederich entließ ihn mit einer Bewegung, +die sagte: „Dann allerdings.“ Der Flügeladjutant Seiner +Majestät! Dann allerdings! Diederich überlegte, ob es +nicht geboten sei, umzukehren und Käthchen Zillich öffentlich +seine Huldigung zu entbieten. +</p> + +<p> +Er kam nicht mehr dazu, Oberst von Haffke kommandierte +der Fahnenkompagnie Rührt euch, und auch Kühnchen +ließ seine Krieger sich rühren; hinter dem Festzelt +intonierte die Regimentsmusik: Vortreten zum Beten. +Dies geschah, sowohl von seiten der Ehrenjungfrauen wie +des Kriegervereins. Kühnchen in seiner historischen Landwehruniform, +die außer vom Eisernen Kreuz von einem +ruhmreichen Flicken geziert ward – denn hier war eine +französische Kugel hindurchgegangen, traf inmitten des +Geländes auf Pastor Zillich in seinem Talar – auch die +Fahnenkompagnie fand sich ein, und man gab unter dem +Vortritt Zillichs dem alten Alliierten die Ehre. Auf der +Ziviltribüne ward das Publikum von den Beamten gehalten, +sich zu erheben, die Herren Offiziere taten es von +selbst. Überdies stimmte die Kapelle „Ein’ feste Burg“ an. +Zillich schien trotzdem noch irgend etwas vorzuhaben, aber +der Oberpräsident, offenbar in der Annahme, daß der alte +Alliierte nun genug habe, ließ sich, gelblichen Gesichts, +auf seinen Sessel nieder, rechts von ihm der blühende +Flügeladjutant, links die Divisionsgenerale. Als die +ganze Versammlung im offiziellen Zelt nach den ihr innewohnenden +Gesetzen gruppiert war, sah man den Regierungspräsidenten +von Wulckow einen Wink erteilen, infolgedessen +ein Schutzmann sich in Bewegung setzte. Er +begab sich zu seinem Kollegen, der das Rednerpodium +<pb n='500'/><anchor id='Pgp0500'/>bewachte, worauf dieser das Wort an Diederich richtete. +„Na, nu komm Se man ’ran“, sagte der Schutzmann. +</p> + +<p> +Diederich gab acht, daß er beim Hinaufsteigen nicht stolperte, +denn die Beine waren ihm plötzlich weich geworden, +auch sah er verschwommen. Nach einigem Schnaufen +unterschied er im kahlen Umkreis ein Bäumchen, das keine +Blätter hatte, aber mit schwarzweißroten Blüten aus +Papier übersät war. Der Anblick des Bäumchens gab +ihm Gedächtnis und Kraft zurück; er begann. +</p> + +<p> +„Eure Exzellenzen! Höchste, hohe und geehrte Herren! +</p> + +<p> +Hundert Jahre sind es, daß der große Kaiser, dessen +Denkmal der Enthüllung harrt durch den Vertreter Seiner +Majestät, uns und dem Vaterlande geschenkt ward; gleichzeitig +aber – das macht diese Stunde noch bedeutsamer +– ist fast ein Jahrzehnt vergangen, seit sein großer Enkel +den Thron bestiegen hat! Wie sollten wir da nicht vor +allem auf die große Zeit, die wir selbst miterleben durften, +einen stolzen und dankbaren Rückblick werfen.“ +</p> + +<p> +Diederich warf ihn. Er feierte abwechselnd den beispiellosen +Aufschwung der Wirtschaft und des nationalen Gedankens. +Längere Zeit verweilte er beim Ozean. „Der +Ozean ist unentbehrlich für Deutschlands Größe. Der +Ozean beweist uns, daß auf ihm und jenseits von ihm ohne +Deutschland und ohne den Deutschen Kaiser keine Entscheidung +mehr fallen darf, denn das Weltgeschäft ist heute +das Hauptgeschäft!“ Aber nicht nur vom geschäftlichen +Standpunkt, noch mehr geistig und sittlich war der Aufschwung +ein beispielloser zu nennen. Wie sah es denn +früher aus mit uns? Diederich entwarf ein wenig schmeichelhaftes +Bild des älteren Geschlechts, das durch eine +einseitige humanitäre Bildung zu zuchtlosen Anschauungen +verführt, in nationaler Hinsicht noch keinen Komment +<pb n='501'/><anchor id='Pgp0501'/>gehabt hatte. Wenn das jetzt gründlich anders geworden +war, wenn wir, im berechtigten Selbstgefühl, das tüchtigste +Volk Europas und der Welt zu sein, von Nörglern +und Elenden abgesehen, nur noch eine einzige nationale +Partei bildeten, wem verdankten wir es? Allein Seiner +Majestät, antwortete Diederich. „Er hat den Bürger +aus dem Schlummer gerüttelt, sein erhabenes Beispiel +hat uns zu dem gemacht, was wir sind!“ – wobei Diederich +sich auf die Brust schlug. „Seine Persönlichkeit, +seine einzige, unvergleichliche Persönlichkeit ist stark genug, +daß wir allesamt uns efeuartig an ihr emporranken +dürfen!“ rief er aus, obwohl es nicht in seinem Entwurf +stand. „Was Seine Majestät der Kaiser zum Wohl des +deutschen Volkes beschließt, dabei wollen wir ihm jubelnd +behilflich sein, ob wir nun edel sind oder unfrei. Auch der +einfache Mann aus der Werkstatt ist willkommen!“ fügte +er wieder aus dem Stegreif hinzu, jäh inspiriert durch +den Geruch des schwitzenden Volkes hinter dem Militärkordon; +denn der Wind, der aufkam, trug ihn her. +</p> + +<p> +„In staunender Weise ertüchtigt, voll hoher sittlicher +Kraft zu positiver Betätigung, und in unserer blanken +Wehr der Schrecken aller Feinde, die uns neidisch umdrohen, +so sind wir die Elite unter den Nationen und bezeichnen +eine zum ersten Male erreichte Höhe germanischer +Herrenkultur, die bestimmt niemals und von niemandem, +er sei wer er sei, wird überboten werden können!“ +</p> + +<p> +Hier sah man den Oberpräsidenten mit dem Kopf +nicken, indes der Flügeladjutant die Hände gegeneinander +bewegte: da brachen die Tribünen in Beifall aus. Bei +den Zivilisten wehten Taschentücher, Guste ließ es im +Wind flattern, und, trotz der Unstimmigkeit von vorhin, +auch Käthchen Zillich. Diederich, im Herzen leicht wie +<pb n='502'/><anchor id='Pgp0502'/>die wehenden Taschentücher, nahm seinen hohen Flug +wieder auf. +</p> + +<p> +„Eine solche, nie dagewesene Blüte aber erreicht ein +Herrenvolk nicht in einem schlaffen, faulen Frieden: nein, +sondern unser alter Alliierter hat es für notwendig gehalten, +das deutsche Gold im Feuer zu bewahren. Durch +den Schmelzofen von Jena und Tilsit haben wir hindurchgemußt, +und schließlich ist es uns doch gelungen, siegreich +überall unsere Fahnen aufzupflanzen und auf dem +Schlachtfelde die deutsche Kaiserkrone zu schmieden!“ +</p> + +<p> +Und er erinnerte an das prüfungsreiche Leben Wilhelms +des Großen, woraus wir, wie Diederich feststellte, erkannten, +daß der Weltenschöpfer das Volk im Auge behält, +das er sich erwählt hat, und sich auch das entsprechende +Instrument baut. Der große Kaiser seinerseits hatte sich +hierüber niemals Irrtümern hingegeben, dies ward besonders +deutlich in dem großen historischen Augenblick, +wo er als König von Gottes Gnaden, das Zepter in der +einen und das Reichsschwert in der anderen Hand, nur +Gott die Ehre gab und von ihm die Krone nahm. In erhabenem +Pflichtgefühl hatte er es weit von sich gewiesen, +dem Volk die Ehre zu geben und vom Volk die Krone zu +nehmen, und nicht zurückgeschreckt war er vor der furchtbaren +Verantwortung gegenüber Gott allein, von der kein +Minister, kein Parlament ihn hatte entbinden können! +Diederichs Stimme bebte ergriffen. „Dies erkennt das +Volk denn auch an, indem es die Persönlichkeit des dahingegangenen +Kaisers geradezu vergöttert. Hat er doch +Erfolg gehabt; und wo der Erfolg ist, da ist Gott! Im +Mittelalter wäre Wilhelm der Große heilig gesprochen +worden. Heute setzen wir ihm ein erstklassiges Denkmal!“ +</p> + +<p> +Wieder nickte der Oberpräsident und löste damit wieder +<pb n='503'/><anchor id='Pgp0503'/>ungestüme Zustimmung aus. Die Sonne war fort, es +wehte kälter; und als sei er angeregt durch den verdüsterten +Himmel, ging Diederich zu einer tiefernsten Frage über. +</p> + +<p> +„Wer hat sich ihm nun in den Weg gestellt, vor seinem +hohen Ziel? Wer war der Feind des großen Kaisers und +seines kaisertreuen Volkes? Der von ihm glücklich zerschmetterte +Napoleon hatte seine Krone nicht von Gott, +sondern vom Volk, daher! Das gibt dem Richterspruch +der Geschichte erst seinen ewigen, überwältigenden Sinn!“ +Hier unternahm Diederich es, zu malen, wie es in dem +demokratisch verseuchten, daher von Gott verlassenen Reich +Napoleons des Dritten ausgesehen habe. Der in leerer +Religiosität versteckte krasse Materialismus hatte den unbedenklichsten +Geschäftssinn großgezogen, Mißachtung des +Geistes schloß ihr natürliches Bündnis mit niederer Genußgier. +Der Nerv der Öffentlichkeit war Reklamesucht, und +jeden Augenblick schlug sie um in Verfolgungssucht. Im +Äußern nur auf das Prestige gestellt, im Innern nur auf die +Polizei, ohne andern Glauben als die Gewalt, trachtete man +nach nichts als nach Theaterwirkung, trieb ruhmredigen +Pomp mit der vergangenen Heldenepoche, und der einzige +Gipfel, den man wirklich erreichte, war der des Chauvinismus +... „Von all dem wissen wir nichts!“ rief Diederich und +reckte die Hand gegen den Zeugen dort oben. „Darum kann +es mit uns nie und nimmer das Ende mit Schrecken nehmen, +das dem Kaiserreich unseres Erbfeindes vorbehalten war!“ +</p> + +<p> +An dieser Stelle blitzte es: zwischen dem Militärkordon +und der Brandmauer, in der Gegend, wo das Volk zu vermuten +war, durchzuckte es grell die schwarze Wolke, und +ein Donnerschlag folgte, der entschieden zu weit ging. +Die Herren im offiziellen Zelt bekamen mißbilligende +Mienen, und der Oberpräsident hatte gezuckt. Auf der +<pb n='504'/><anchor id='Pgp0504'/>Offizierstribüne litt selbstverständlich die Haltung nicht +im geringsten, beim Zivil machte sich immerhin eine gewisse +Unruhe merklich. Diederich brachte das Gekreisch +zum Verstummen, denn er rief, gleichfalls donnernd: +„Unser alter Alliierter bezeugt es! Wir sind nicht so! Wir +sind ernst, treu und wahr! Deutsch sein, heißt eine Sache +um ihrer selbst willen tun! Wer von uns hätte je aus +seiner Gesinnung ein Geschäft gemacht? Wo gar wären +die bestechlichen Beamten? Biederkeit des Mannes eint +hier sich weiblicher Reine, denn das Weibliche zieht uns +hinan, nicht ist es uns Werkzeug unedlen Vergnügens. +Das strahlende Bild echt deutschen Wesens aber erhebt +sich auf dem Boden des Christentums, und das ist der +einzig richtige Boden, denn jede heidnische Kultur, mag +sie noch so schön und herrlich sein, wird bei der ersten Katastrophe +erliegen; und die Seele deutschen Wesens ist +die Verehrung der Macht, der überlieferten und von Gott +geweihten Macht, gegen die man nichts machen kann. +Darum sollen wir nach wie vor die höchste Pflicht in der Verteidigung +des Vaterlandes sehen, die höchste Ehre im Rock +des Königs und die höchste Arbeit im Waffenhandwerk!“ +</p> + +<p> +Der Donner grollte, wenn auch eingeschüchtert, wie es +schien, durch Diederichs immer gewaltigere Stimme; dagegen +fielen Tropfen, die man einzeln hörte, so schwer +waren sie. +</p> + +<p> +„Aus dem Lande des Erbfeindes,“ schrie Diederich, +„wälzt sich immer wieder die Schlammflut der Demokratie +her, und nur deutsche Mannhaftigkeit und deutscher +Idealismus sind der Damm, der sich ihr entgegenstellt. Die +vaterlandslosen Feinde der göttlichen Weltordnung aber, +die unsere staatliche Ordnung untergraben wollen, die sind +auszurotten bis auf den letzten Stumpf, damit, wenn wir +<pb n='505'/><anchor id='Pgp0505'/>dereinst zum himmlischen Appell berufen werden, daß dann +ein jeder mit gutem Gewissen vor seinen Gott und seinen +alten Kaiser treten kann, und wenn er gefragt wird, ob er +aus ganzem Herzen für des Reiches Wohl mitgearbeitet +habe, er an seine Brust schlagen und offen sagen darf: Ja!“ +</p> + +<p> +Wobei Diederich sich einen solchen Schlag auf die Brust +versetzte, daß ihm die Luft ausblieb. Die notgedrungene +Pause, die er eintreten ließ, benutzte die Ziviltribüne, um +durch Unruhe zu bekunden, daß sie seine Rede für beendet +halte; denn das Gewitter stand jetzt genau über den Köpfen +der Festversammlung, und im schwefelgelben Licht, einzeln, +langsam und als warnten sie, klopften immerfort diese +eigroßen Regentropfen ... Diederich hatte wieder Luft. +</p> + +<p> +„Wenn jetzt die Hülle fällt,“ begann er mit neuem +Schwung, „wenn zum Gruß die Fahnen und Standarten +sich neigen, die Degen sich senken und Bajonette im Präsentiergriff +blitzen –“ Da krachte es im Himmel so ungeheuerlich, +daß Diederich sich duckte und, bevor er es sich +versah, unter seinem Pult hockte. Zum Glück kam er +wieder hervor, ohne daß sein Verschwinden bemerkt +worden wäre, denn allen war es ähnlich ergangen. Kaum +daß noch jemand hörte, wie Diederich Seine Exzellenz +den Herrn Oberpräsidenten bat, er möge geruhen zu befehlen, +daß die Hülle falle. Immerhin trat der Oberpräsident +vor das offizielle Zelt hinaus, er war gelber als es +seine Natur war, das Funkeln seines Sterns war erloschen, +und er sagte schwach: „Im Namen Seiner Majestät befehle +ich: die Hülle falle“ – woraus sie fiel. Auch ertönte +die Wacht am Rhein. Und der Anblick Wilhelms des +Großen, wie er durch die Luft ritt, in der Haltung eines +Familienvaters, aber umringt von allen Furchtbarkeiten +der Macht, stählte die Untertanen noch einmal gegen die +<pb n='506'/><anchor id='Pgp0506'/>Drohungen von oben, das Kaiserhoch des Oberpräsidenten +fand lebhaften Widerhall. Freilich, die Klänge von Heil +dir im Siegerkranz gaben Seiner Exzellenz das Zeichen, +daß sie sich nun bis an den Fuß des Denkmals zu begeben, +es zu besichtigen und den Schöpfer, der schon wartete, +durch eine Anrede auszuzeichnen hatten. Jeder begriff +es, daß der hohe Herr zweifelnd den Blick zum Himmel +richtete; aber, wie nicht anders zu erwarten stand, siegte +sein Pflichtgefühl, und siegte um so glänzender, als er der +einzige Herr im Frack war unter so vielen tapferen Militärs. +Er wagte sich kühn hinaus, hin ging er unter den +großen langsamen Tropfen, und mit ihm Ulanen, Kürassiere, +Husaren und Train ... Schon war die Inschrift +„Wilhelm der Große“ zur Kenntnis genommen worden, +der Schöpfer, durch eine Anrede ausgezeichnet, bekam +seinen Orden, und gerade sollte auch der geistige Schöpfer +Heßling vorgestellt und geschmückt werden, da platzte der +Himmel. Er platzte ganz und auf einmal, mit einer Heftigkeit, +die einem lange verhaltenen Ausbruch glich. Bevor +noch die Herren sich umgedreht hatten, standen sie +im Wasser bis an die Knöchel, Seiner Exzellenz lief es aus +Ärmeln und Hosen. Die Tribünen verschwanden hinter +Stürzen Wassers, wie auf fern wogendem Meer erkannte +man, daß die Zeltdächer sich gesenkt hatten unter der +Wucht des Wolkenbruches, in ihren nassen Umschlingungen +wälzten links und rechts sich schreiende Massen. Die Herren +Offiziere machten gegen die Elemente von der blanken +Waffe Gebrauch, durch Schnitte in das Segeltuch bahnten +sie sich den Ausweg. Das Zivil gelangte nur als graue +Wickelschlange hinab, die mit wilden Zuckungen im überschwemmten +Gelände badete. Unter solchen Umständen +sah der Oberpräsident es ein, daß der weitere Verlauf +<pb n='507'/><anchor id='Pgp0507'/>des Festprogramms aus Zweckmäßigkeitsgründen zu +unterbleiben habe. Blitzeumlodert und wasserspritzend +wie ein Springbrunnen, trat er einen beschleunigten Rückzug +an, und ihm nach der Flügeladjutant, die beiden Divisionsgenerale, +Dragoner, Husaren, Ulanen und Train. +Unterwegs erinnerten Seine Exzellenz sich des noch immer +an ihrem Finger hängenden Ordens für den geistigen +Schöpfer, und pflichttreu bis zum Äußersten, aber bestrebt, +jeden Aufenthalt zu vermeiden, händigten sie ihn, laufend +und wasserspritzend, dem Präsidenten von Wulckow aus. +Wulckow seinerseits begegnete einem Schutzmann, der den +Ereignissen noch standhielt, und betraute ihn mit der Übergabe +der Allerhöchsten Auszeichnung, worauf der Schutzmann +durch Sturm und Grausen irrte, auf der Suche nach +Diederich. Schließlich fand er ihn unter dem Rednerpult im +Wasser hockend. „Da hamse ’n Willemsorden“, sagte der +Schutzmann und machte, daß er weiterkam, denn gerade +schlug ein Blitz ein, so nahe, als sollte er die Verleihung +des Ordens verhindern. Diederich hatte nur geseufzt. +</p> + +<p> +Als er es endlich unternahm, mit einer Gesichtshälfte +auf die Erde zu spähen, war der Umsturz auf ihr noch +immer im Wachsen. Drüben die große schwarze Brandmauer +klaffte und ging daran, umzufallen, samt dem +Haus dahinter. Über einen Knäuel von Geschöpfen in +jagendem Geisterlicht, schwefelgelb und blau, bäumten +sich die Pferde der Paradekutschen und nahmen Reißaus. +Glücklich das nicht privilegierte Volk, das draußen und +über alle Berge war; die Besitzenden und Gebildeten dagegen +waren in der Lage, daß sie auf ihren Köpfen schon +die fliegenden Trümmer des Umsturzes fühlten, samt dem +Feuer von oben. Kein Wunder, wenn die Umstände ihr +Verhalten bestimmten und manche Damen, in nicht +kom<pb n='508'/><anchor id='Pgp0508'/>mentmäßiger Weise vom Ausgang zurückgestoßen, schlankweg +übereinander rollten. Nur ihrer Tapferkeit vertrauend, +machten die Herren Offiziere gegen jeden, der sich +ihnen entgegenstellte, von ihren Machtmitteln Gebrauch +– indes Fahnentücher, losgerissen im Sturm von den +Überresten der Tribünen und des offiziellen Zeltes, +schwarzweißrot durch die Luft sausten, den Kämpfern +um die Ohren. Dazu, hoffnungslos wie die Dinge standen, +spielte die Regimentsmusik immer weiter Heil dir +im Siegerkranz, spielte selbst nach der Durchbrechung des +Militärkordons und der Weltordnung, spielte wie auf +einem untergehenden Schiff dem Entsetzen auf und der +Auflösung. Ein neuer Anlauf des Orkans warf auch sie +auseinander – und Diederich, die Augen zugedrückt und +schwindelnd des Endes von allem gewärtig, tauchte zurück +in die kühle Tiefe seines Rednerpultes, das er umklammerte +wie das letzte auf Erden. Sein Abschiedsblick aber +hatte umfaßt, was über alle Begriffe war: das Gehege, +das schwarzweißrot behangene rund um den Volkspark, +zusammengebrochen, niedergelegt durch das Gewicht der +auf ihm Lastenden, und dann dies Drunter und Drüber, +dies Umeinanderkugeln, Sichaufhäufen und Abrutschen, +dies Kopfstehen und Dem-anderen-sich-ins-Gesicht-Setzen +– und dies Gefegtwerden von den Peitschen +der Höhe, unter Strömen Feuers, diesen Kehraus, wie der +einer betrunkenen Maskerade, Kehraus von Edel und Unfrei, +vornehmstem Rock und aus dem Schlummer erwachtem +Bürger, einzigen Säulen, gottgesandten Männern, +idealen Gütern, Husaren, Ulanen, Dragonern und Train! +</p> + +<p> +Aber die apokalyptischen Reiter flogen weiter; Diederich +merkte es, sie hatten nur ein Manöver abgehalten für +den Jüngsten Tag, der Ernstfall war es nicht. Unter +Vor<pb n='509'/><anchor id='Pgp0509'/>behalt verließ er seine Zuflucht und stellte fest, daß es nur +noch goß, und daß Kaiser Wilhelm der Große noch da war, +mit allem Zubehör der Macht. Diederich hatte die ganze +Zeit das Gefühl gehabt, das Denkmal sei zerschmettert +und weggeschwommen. Der Festplatz freilich sah aus wie +eine wüste Erinnerung, keine Seele belebte seine Trümmer. +Doch, da hinten bewegte sich eine, sie trug sogar +Ulanenuniform: Herr von Quitzin, der das eingestürzte +Haus besichtigte. Dem Blitz erlegen, rauchte es hinter +den Resten seiner großen schwarzen Brandmauer; und +in der Flucht aller hatte nur Herr von Quitzin standgehalten, +denn ihn stärkte ein Gedanke. Diederich sah ihm +ins Herz. „Das Haus“, dachte Herr von Quitzin, „hätten +wir auch noch loswerden sollen an das Pack. Aber nicht +zu machen gewesen, haben es mit aller Gewalt nicht durchgedrückt. +Na nu kriege ich die Versicherung. Es gibt einen +Gott.“ Und dann ging er der Feuerwehr entgegen, die +zum Glück nicht mehr wesentlich eingreifen konnte in das +Geschäft. +</p> + +<p> +Auch Diederich, durch das Beispiel ermutigt, machte sich +auf den Weg. Er hatte seinen Hut verloren, am Boden +seiner Schuhe schlenkerte Wasser, und in der rückwärtigen +Erweiterung der Beinkleider trug er eine Pfütze mit sich +herum. Da ein Wagen nicht erreichbar schien, beschloß er, +die innere Stadt zu durchqueren. Die Winkel der alten +Straßen fingen den Wind ab, ihm ward es wärmer. „Von +einem Katarrh ist nicht die Rede. Guste soll mir aber doch +einen Wickel um den Bauch machen. Wenn sie nur gefälligst +keine Influenza ins Haus einschleppt!“ Nach dieser +Sorge erinnerte er sich seines Ordens: „Der Wilhelms-Orden, +Stiftung Seiner Majestät, wird nur verliehen für +hervorragende Verdienste um die Wohlfahrt und +Ver<pb n='510'/><anchor id='Pgp0510'/>edelung des Volkes ... Den haben wir!“ sagte Diederich +laut in der leeren Gasse. „Und wenn es Dynamit regnet!“ +Der Umsturz der Macht von seiten der Natur war ein +Versuch mit unzulänglichen Mitteln gewesen. Diederich +zeigte dem Himmel seinen Wilhelms-Orden und sagte +„Etsch“ – worauf er ihn sich ansteckte, neben den Kronenorden +vierter Klasse. +</p> + +<p> +In der Fleischhauergrube hielten mehrere Fuhrwerke: +merkwürdig, vor dem Haus des alten Buck. Eins war +noch dazu ein Landwagen. Sollte etwa –? Diederich +spähte in das Haus: die gläserne Flurtür stand außerordentlicherweise +offen, so als würde jemand erwartet, der +selten kam. Feierlich still die weite Diele, nur, wie er an +der Küche vorbeischlich, ein Wimmern: die alte Magd, +mit dem Gesicht auf den Armen. „Also ist es so weit“ – +und plötzlich ward Diederich von einem Schauer angerührt, +er blieb stehen, bereit, den Rückzug anzutreten. „Dabei +habe ich nichts zu tun ... Doch! Dabei habe ich zu tun, +denn hier ist jedes Stück mein, ich habe die Pflicht, dafür +zu sorgen, daß sie mir nachher nichts forttragen.“ Aber +nicht nur dies drängte ihn vorwärts; Schwierigeres und +Tieferes kündigte sich an mit Schnaufen und Bauchklemmen. +Gehaltenen Schrittes erstieg er die flachen +alten Stufen und dachte: „Respekt vor einem tapferen +Feind, wenn er das Feld der Ehre deckt! Gott hat gerichtet, +ja, ja, so geht es, keiner kann sagen, ob er nicht +eines Tages –. Na hören Sie, es gibt denn doch Unterschiede, +eine Sache ist gut oder nicht gut. Und für den +Ruhm der guten Sache soll man nichts versäumen, unser +alter Kaiser hat sich wahrscheinlich auch zusammennehmen +müssen, als er nach Wilhelmshöhe zu dem gänzlich erledigten +Napoleon ging.“ +</p> + +<pb n='511'/><anchor id='Pgp0511'/> + +<p> +Hier war er schon im Zwischengeschoß und betrat vorsichtig +den langen Gang, an dessen Ende die Tür offen, +auch hier wieder offen stand. Sich gegen die Wand +drücken, und einen Blick hinein. Ein Bett, mit dem Fuß +hergewendet, darin lehnte an gehäuften Kissen der alte +Buck und schien nicht bei sich. Kein Laut; war er denn +allein? Behutsam auf die Gegenseite – nun sah man +die verhängten Fenster und davor im Halbkreis die Familie: +dem Bett zunächst Judith Lauer ganz starr, dann +Wolfgang mit einem Gesicht, das niemand erwartet +hätte; zwischen den Fenstern die zusammengedrängte +Herde der fünf Töchter neben dem bankerotten Vater, +der nicht einmal mehr elegant war; weiterhin der verbauerte +Sohn mit seiner stumpfblickenden Frau, und +endlich Lauer, der gesessen hatte. Mit gutem Grund +hielten alle sich so still; zu dieser Stunde verloren sie die +letzte Aussicht, noch einmal mitzureden! Sie waren +obenauf gewesen und hatten sich in Sicherheit gewiegt, +solange der Alte standhielt. Er war gefallen, und sie mit, +er verschwand, und sie alle mit. Er hatte immer nur auf +Flugsand gestanden, da er nicht auf der Macht stand. +Nichtig Ziele, die fortführten von der Macht! Fruchtlos +der Geist, denn nichts hinterließ er als Verfall! Verblendung +jeder Ehrgeiz, der nicht Fäuste hatte und Geld in +den Fäusten! +</p> + +<p> +Woher aber dies Gesicht, das Wolfgang hatte? Es sah +nicht aus wie Trauer, obwohl Tränen aus seinen dort +hinüberverlangenden Augen fielen; es sah aus wie Neid, +gramvoller Neid. Was hatten die anderen? Judith Lauer, +deren Brauen sich dunkel zusammenzogen, ihr Mann, der +aufseufzte – und die Frau des Ältesten sogar faltete vor +dem Gesicht ihre Arbeiterinnenhände. Diederich, in +ent<pb n='512'/><anchor id='Pgp0512'/>schlossener Haltung, stellte sich mitten vor die Tür. Es +war dunkel im Gang, die da sahen nicht, und mochten sie; +aber der Alte? Sein Gesicht war genau hierhergerichtet, +und wo es hinsah, ahnte man dennoch mehr als hier war, +Erscheinungen, die niemand ihm verstellen konnte. Ihren +Widerschein in seinen überraschten Augen, öffnete er auf +den Kissen langsam die Arme, versuchte sie zu heben, hob, +bewegte sie, winkend und empfangend – wen doch? +Wie viele wohl, mit so langem Winken und Empfangen? +Ein ganzes Volk, sollte man glauben, und welchen Wesens, +daß es durch sein Kommen dies geisterhafte Glück hervorrief +in den Zügen des alten Buck? +</p> + +<p> +Da erschrak er, als sei er einem Fremden begegnet, der +Grauen mitbrachte: erschrak und rang nach Atem. Diederich, +ihm gegenüber, machte sich noch strammer, wölbte +die schwarzweißrote Schärpe, streckte die Orden vor, +und für alle Fälle blitzte er. Der Alte ließ auf einmal +den Kopf fallen, tief vornüber fiel er ganz, wie gebrochen. +Die Seinen schrien auf. Vom Entsetzen gedämpft, rief +die Frau des Ältesten: „Er hat etwas gesehen! Er hat +den Teufel gesehen!“ Judith Lauer stand langsam auf +und schloß die Tür. Diederich war schon entwichen. +</p> + </div></body> + <back> + <div rend="page-break-before:right; x-class: boxed"> + <index index="toc"/><index index="pdf"/> + <head>Bemerkungen zur Textgestalt</head> + + <pgIf output="txt"> + <then> + <p>Die Originalausgabe ist in Fraktur gesetzt. Einzelne Wörter aus + fremden Sprachen in Antiqua (bis auf den Titel „Dr.“) und gesperrt gesetzte Passagen + sind hier durch Unterstrich (_) gekennzeichnet.</p> + </then> + <else> + <p>Die Originalausgabe ist in Fraktur gesetzt. 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