summaryrefslogtreecommitdiff
path: root/38126-tei
diff options
context:
space:
mode:
Diffstat (limited to '38126-tei')
-rw-r--r--38126-tei/38126-tei.tei22412
1 files changed, 22412 insertions, 0 deletions
diff --git a/38126-tei/38126-tei.tei b/38126-tei/38126-tei.tei
new file mode 100644
index 0000000..198e478
--- /dev/null
+++ b/38126-tei/38126-tei.tei
@@ -0,0 +1,22412 @@
+<?xml version="1.0" encoding="UTF-8" ?>
+<!DOCTYPE TEI.2 SYSTEM "http://www.gutenberg.org/tei/marcello/0.4/dtd/pgtei.dtd">
+<TEI.2 lang="de">
+ <teiHeader>
+ <fileDesc>
+ <titleStmt>
+ <title>Der Untertan</title>
+ <author><name reg="Mann, Heinrich">Heinrich Mann</name></author>
+ </titleStmt>
+ <publicationStmt>
+ <publisher>Project Gutenberg</publisher>
+ <date><date value="2011-11-24">November 24, 2011</date></date>
+ <idno type='etext-no'>38126</idno>
+ <availability>
+ <p>This eBook is for the use of anyone anywhere
+ at no cost and with almost no restrictions whatsoever.
+ You may copy it, give it away or re-use it under
+ the terms of the Project Gutenberg License online at
+ www.gutenberg.org/license</p>
+ </availability>
+ </publicationStmt>
+ <sourceDesc>
+ <p></p>
+ </sourceDesc>
+ </fileDesc>
+ <encodingDesc>
+ </encodingDesc>
+ <profileDesc>
+ <langUsage>
+ <language id="de" />
+ </langUsage>
+ </profileDesc>
+ <revisionDesc>
+ <change>
+ <date value="2011-11-24">November 24, 2011</date>
+ <respStmt>
+ <resp>Produced by <name>Jana Srna</name>, <name>Jens Sadowski</name>
+ and the Online Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net</resp>
+ </respStmt>
+ <item>Project Gutenberg TEI edition 1</item>
+ </change>
+ </revisionDesc>
+ </teiHeader>
+
+ <pgExtensions>
+ <pgStyleSheet>
+ .antiqua { font-style: italic }
+ .center { text-align: center }
+ .gesperrt { letter-spacing: 0.2em; margin-right: -0.2em }
+ head { text-align: center }
+ </pgStyleSheet>
+ </pgExtensions>
+
+<text lang="de">
+<front>
+ <div>
+ <divGen type="pgheader"/>
+ </div>
+ <div>
+ <divGen type="encodingDesc" />
+ </div>
+<titlePage rend="center; page-break-before: always">
+<pb/><anchor id='Pgf0001'/>
+<docAuthor rend="font-size: x-large">Heinrich Mann</docAuthor>
+ <lb/><lb/>
+<docTitle>
+ <titlePart rend="font-size: xx-large">Der Untertan</titlePart>
+ <lb/><lb/>
+ <titlePart rend="font-size: large">Roman</titlePart>
+</docTitle>
+ <lb/><lb/><lb/><lb/><lb/>
+<docImprint><publisher>Kurt Wolff Verlag</publisher>
+<lb/><pubPlace>Leipzig-Wien</pubPlace></docImprint>
+</titlePage>
+ <div rend="page-break-before: always; center">
+<pb/><anchor id='Pgf0002'/>
+ <p rend="margin-top:3">Der Roman wurde abgeschlossen Anfang Juli 1914</p>
+
+ <p rend="margin-top: 3">Vierundfünfzigstes bis zweiundachtzigstes Tausend</p>
+
+ <p rend="margin-top: 1">Gedruckt in der Spamerschen Buchdruckerei in Leipzig<lb/>
+ Copyright Kurt Wolff Verlag, Leipzig, 1918</p>
+ </div>
+</front>
+<body rend="page-break-before: always"><div>
+<index index="toc" level1="I"/>
+<index index="pdf" level1="I"/>
+<pb n='5'/><anchor id='Pgp0005'/>
+
+<head>I.</head>
+
+<p>
+Diederich Heßling war ein weiches Kind, das am liebsten
+träumte, sich vor allem fürchtete und viel an den
+Ohren litt. Ungern verließ er im Winter die warme Stube,
+im Sommer den engen Garten, der nach den Lumpen
+der Papierfabrik roch und über dessen Goldregen- und
+Fliederbäumen das hölzerne Fachwerk der alten Häuser
+stand. Wenn Diederich vom Märchenbuch, dem geliebten
+Märchenbuch, aufsah, erschrak er manchmal sehr. Neben
+ihm auf der Bank hatte ganz deutlich eine Kröte gesessen,
+halb so groß wie er selbst! Oder an der Mauer dort drüben
+stak bis zum Bauch in der Erde ein Gnom und schielte her!
+</p>
+
+<p>
+Fürchterlicher als Gnom und Kröte war der Vater,
+und obendrein sollte man ihn lieben. Diederich liebte
+ihn. Wenn er genascht oder gelogen hatte, drückte er sich
+so lange schmatzend und scheu wedelnd am Schreibpult
+umher, bis Herr Heßling etwas merkte und den Stock
+von der Wand nahm. Jede nicht herausgekommene Untat
+mischte in Diederichs Ergebenheit und Vertrauen
+einen Zweifel. Als der Vater einmal mit seinem invaliden
+Bein die Treppe herunterfiel, klatschte der Sohn
+wie toll in die Hände – worauf er weglief.
+</p>
+
+<p>
+Kam er nach einer Abstrafung mit gedunsenem Gesicht
+und unter Geheul an der Werkstätte vorbei, dann lachten
+die Arbeiter. Sofort aber streckte Diederich nach ihnen
+die Zunge aus und stampfte. Er war sich bewußt: „Ich
+habe Prügel bekommen, aber von meinem Papa. Ihr
+wäret froh, wenn ihr auch Prügel von ihm bekommen
+könntet. Aber dafür seid ihr viel zu wenig.“
+</p>
+
+<pb n='6'/><anchor id='Pgp0006'/>
+
+<p>
+Er bewegte sich zwischen ihnen wie ein launenhafter
+Pascha; drohte ihnen bald, es dem Vater zu melden, daß
+sie sich Bier holten, und bald ließ er kokett aus sich die
+Stunde herausschmeicheln, zu der Herr Heßling zurückkehren
+sollte. Sie waren auf der Hut vor dem Prinzipal:
+er kannte sie, er hatte selbst gearbeitet. Er war Büttenschöpfer
+gewesen in den alten Mühlen, wo jeder Bogen
+mit der Hand geformt ward; hatte dazwischen alle Kriege
+mitgemacht und nach dem letzten, als jeder Geld fand,
+eine Papiermaschine kaufen können. Ein Holländer und
+eine Schneidemaschine vervollständigten die Einrichtung.
+Er selbst zählte die Bogen nach. Die von den Lumpen
+abgetrennten Knöpfe durften ihm nicht entgehen. Sein
+kleiner Sohn ließ sich oft von den Frauen welche zustecken,
+dafür, daß er die nicht angab, die einige mitnahmen.
+Eines Tages hatte er so viele beisammen, daß ihm der
+Gedanke kam, sie beim Krämer gegen Bonbons umzutauschen.
+Es gelang – aber am Abend kniete Diederich,
+indes er den letzten Malzzucker zerlutscht, sich ins
+Bett und betete, angstgeschüttelt, zu dem schrecklichen
+lieben Gott, er möge das Verbrechen unentdeckt lassen.
+Er brachte es dennoch an den Tag. Dem Vater, der
+immer nur methodisch, Ehrenfestigkeit und Pflicht auf
+dem verwitterten Unteroffiziersgesicht, den Stock geführt
+hatte, zuckte diesmal die Hand, und in die eine Bürste
+seines silberigen Kaiserbartes lief, über die Runzeln hüpfend,
+eine Träne. „Mein Sohn hat gestohlen“, sagte er
+außer Atem, mit dumpfer Stimme, und sah sich das
+Kind an wie einen verdächtigen Eindringling. „Du betrügst
+und stiehlst. Du brauchst nur noch einen Menschen
+totzuschlagen.“
+</p>
+
+<p>
+Frau Heßling wollte Diederich nötigen, vor dem Vater
+<pb n='7'/><anchor id='Pgp0007'/>hinzufallen und ihn um Verzeihung zu bitten, weil der
+Vater seinetwegen geweint habe! Aber Diederichs Instinkt
+sagte ihm, daß dies den Vater nur noch mehr erbost
+haben würde. Mit der gefühlsseligen Art seiner Frau
+war Heßling durchaus nicht einverstanden. Sie verdarb
+das Kind fürs Leben. Übrigens ertappte er sie geradeso
+auf Lügen wie den Diedel. Kein Wunder, da sie Romane
+las! Am Sonnabendabend war nicht immer die
+Wochenarbeit getan, die ihr aufgegeben war. Sie klatschte,
+anstatt sich zu rühren, mit dem Dienstmädchen ... Und
+Heßling wußte noch nicht einmal, daß seine Frau auch
+naschte, gerade wie das Kind. Bei Tisch wagte sie sich
+nicht satt zu essen und schlich nachträglich an den Schrank.
+Hätte sie sich in die Werkstatt getraut, würde sie auch
+Knöpfe gestohlen haben.
+</p>
+
+<p>
+Sie betete mit dem Kind „aus dem Herzen“, nicht nach
+Formeln, und bekam dabei gerötete Wangenknochen.
+Sie schlug es auch, aber Hals über Kopf und verzerrt von
+Rachsucht. Oft war sie dabei im Unrecht. Dann drohte
+Diederich, sie beim Vater zu verklagen; tat so, als ginge
+er ins Kontor, und freute sich irgendwo hinter einer Mauer,
+daß sie nun Angst hatte. Ihre zärtlichen Stunden nützte
+er aus; aber er fühlte gar keine Achtung vor seiner Mutter.
+Ihre Ähnlichkeit mit ihm selbst verbot es ihm. Denn er
+achtete sich selbst nicht, dafür ging er mit einem zu schlechten
+Gewissen durch sein Leben, das vor den Augen des
+Herrn nicht hätte bestehen können.
+</p>
+
+<p>
+Dennoch hatten die beiden von Gemüt überfließende
+Dämmerstunden. Aus den Festen preßten sie gemeinsam
+vermittels Gesang, Klavierspiel und Märchenerzählen
+den letzten Tropfen Stimmung heraus. Als Diederich
+am Christkind zu zweifeln anfing, ließ er sich von der
+<pb n='8'/><anchor id='Pgp0008'/>Mutter bewegen, noch ein Weilchen zu glauben, und er
+fühlte sich dadurch erleichtert, treu und gut. Auch an ein
+Gespenst, droben auf der Burg, glaubte er hartnäckig,
+und der Vater, der hiervon nichts hören wollte, schien zu
+stolz, beinahe strafwürdig. Die Mutter nährte ihn mit
+Märchen. Sie teilte ihm ihre Angst mit vor den neuen,
+belebten Straßen und der Pferdebahn, die hindurchfuhr,
+und führte ihn über den Wall nach der Burg. Dort genossen
+sie das wohlige Grausen.
+</p>
+
+<p>
+Ecke der Meisestraße hinwieder mußte man an einem
+Polizisten vorüber, der, wen er wollte, ins Gefängnis
+abführen konnte! Diederichs Herz klopfte beweglich; wie
+gern hätte er einen weiten Bogen gemacht! Aber dann
+würde der Polizist sein schlechtes Gewissen erkannt und
+ihn aufgegriffen haben. Es war vielmehr geboten, zu
+beweisen, daß man sich rein und ohne Schuld fühlte –
+und mit zitternder Stimme fragte Diederich den Schutzmann
+nach der Uhr.
+</p>
+
+<milestone unit="tb"/>
+
+<p>
+Nach so vielen furchtbaren Gewalten, denen man unterworfen
+war, nach den Märchenkröten, dem Vater, dem
+lieben Gott, dem Burggespenst und der Polizei, nach dem
+Schornsteinfeger, der einen durch den ganzen Schlot
+schleifen konnte, bis man auch ein schwarzer Mann war,
+und dem Doktor, der einen im Hals pinseln durfte und
+schütteln, wenn man schrie – nach allen diesen Gewalten
+geriet nun Diederich unter eine noch furchtbarere, den
+Menschen auf einmal ganz verschlingende: die Schule.
+Diederich betrat sie heulend, und auch die Antworten,
+die er wußte, konnte er nicht geben, weil er heulen mußte.
+Allmählich lernte er den Drang zum Weinen gerade dann
+auszunutzen, wenn er nicht gelernt hatte – denn alle
+<pb n='9'/><anchor id='Pgp0009'/>Angst machte ihn nicht fleißiger oder weniger träumerisch
+– und vermied so, bis die Lehrer sein System durchschaut
+hatten, manche üblen Folgen. Dem ersten, der es durchschaute,
+schenkte er seine ganze Achtung; er war plötzlich
+still und sah ihn, über den gekrümmten und vors Gesicht
+gehaltenen Arm hinweg voll scheuer Hingabe an. Immer
+blieb er den scharfen Lehrern ergeben und willfährig.
+Den gutmütigen spielte er kleine, schwer nachweisbare
+Streiche, deren er sich nicht rühmte. Mit viel größerer
+Genugtuung sprach er von einer Verheerung in den
+Zeugnissen, von einem riesigen Strafgericht. Bei Tisch
+berichtete er: „Heute hat Herr Behnke wieder drei durchgehauen.“
+Und wenn gefragt ward, wen?
+</p>
+
+<p>
+„Einer war ich.“
+</p>
+
+<p>
+Denn Diederich war so beschaffen, daß die Zugehörigkeit
+zu seinem unpersönlichen Ganzen, zu diesem unerbittlichen,
+menschenverachtenden, maschinellen Organismus,
+der das Gymnasium war, ihn beglückte, daß die
+Macht, die kalte Macht, an der er selbst, wenn auch nur
+leidend, teilhatte, sein Stolz war. Am Geburtstag des
+Ordinarius bekränzte man Katheder und Tafel. Diederich
+umwand sogar den Rohrstock.
+</p>
+
+<p>
+Im Lauf der Jahre berührten zwei über Machthaber
+hereingebrochene Katastrophen ihn mit heiligem und
+süßem Schauder. Ein Hilfslehrer ward vor der Klasse
+vom Direktor heruntergemacht und entlassen. Ein Oberlehrer
+ward wahnsinnig. Noch höhere Gewalten, der
+Direktor und das Irrenhaus, waren hier gräßlich mit
+denen abgefahren, die bis eben so hohe Gewalt hatten.
+Von unten, klein aber unversehrt, durfte man die Leichen
+betrachten und aus ihnen eine die eigene Lage mildernde
+Lehre ziehen.
+</p>
+
+<pb n='10'/><anchor id='Pgp0010'/>
+
+<p>
+Die Macht, die ihn in ihrem Räderwerk hatte, vor seinen
+jüngeren Schwestern vertrat Diederich sie. Sie mußten
+nach seinem Diktat schreiben und künstlich noch mehr
+Fehler machen, als ihnen von selbst gelangen, damit er
+mit roter Tinte wüten und Strafen austeilen konnte.
+Sie waren grausam. Die Kleinen schrien – und dann
+war es an Diederich, sich zu demütigen, um nicht verraten
+zu werden.
+</p>
+
+<p>
+Er hatte, den Machthabern nachzuahmen, keinen Menschen
+nötig; ihm genügten Tiere, sogar Dinge. Er stand
+am Rande des Holländers und sah die Trommel die
+Lumpen ausschlagen. „Den hast du weg! Untersteht euch
+noch mal! Infame Bande!“ murmelte Diederich, und in
+seinen blassen Augen glomm es. Plötzlich duckte er sich;
+fast fiel er in das Chlorbad. Der Schritt eines Arbeiters
+hatte ihn aufgestört aus seinem lästerlichen Genuß.
+</p>
+
+<p>
+Denn recht geheuer und seiner Sache gewiß fühlte
+er sich nur, wenn er selbst die Prügel bekam. Kaum je
+widerstand er dem Übel. Höchstens bat er den Kameraden:
+„Nicht auf den Rücken, das ist ungesund.“
+</p>
+
+<p>
+Nicht daß es ihm am Sinn für sein Recht und an Liebe
+zum eigenen Vorteil fehlte. Aber Diederich hielt dafür,
+daß Prügel, die er bekam, dem Schlagenden keinen praktischen
+Gewinn, ihm selbst keinen reellen Verlust zufügten.
+Ernster als diese bloß idealen Werte nahm er die Schaumrolle,
+die der Oberkellner vom „Netziger Hof“ ihm schon
+längst versprochen hatte und mit der er nie herausrückte.
+Diederich machte unzählige Male ernsten Schrittes den
+Geschäftsweg die Meisestraße hinauf zum Markt, um
+seinen befrackten Freund zu mahnen. Als der aber eines
+Tages von seiner Verpflichtung überhaupt nichts mehr
+wissen wollte, erklärte Diederich und stampfte ehrlich
+ent<pb n='11'/><anchor id='Pgp0011'/>rüstet auf: „Jetzt wird mir’s doch zu bunt! Wenn Sie
+nun nicht gleich herausrücken, sag’ ich’s Ihrem Herrn!“
+Darauf lachte Schorsch und brachte die Schaumrolle.
+</p>
+
+<p>
+Das war ein greifbarer Erfolg. Leider konnte Diederich
+ihn nur hastig und in Sorge genießen, denn es war zu
+fürchten, daß Wolfgang Buck, der draußen wartete, darüber
+zukam und den Anteil verlangte, der ihm versprochen
+war. Indes fand er Zeit, sich sauber den Mund zu wischen,
+und vor der Tür brach er in heftige Schimpfreden auf
+Schorsch aus, der ein Schwindler sei und gar keine Schaumrolle
+habe. Diederichs Gerechtigkeitsgefühl, das sich zu
+seinen Gunsten noch eben so kräftig geäußert hatte,
+schwieg vor den Ansprüchen des anderen – die man freilich
+nicht einfach außer acht lassen durfte, dafür war Wolfgangs
+Vater eine viel zu achtunggebietende Persönlichkeit.
+Der alte Herr Buck trug keinen steifen Kragen, sondern
+eine weißseidene Halsbinde und darüber einen
+großen weißen Knebelbart. Wie langsam und majestätisch
+er seinen oben goldenen Stock aufs Pflaster setzte! Und
+er hatte einen Zylinder auf, und unter seinem Überzieher
+sahen häufig Frackschöße hervor, mitten am Tage! Denn
+er ging in Versammlungen, er bekümmerte sich um die
+ganze Stadt. Von der Badeanstalt, vom Gefängnis, von
+allem, was öffentlich war, dachte Diederich: „Das gehört
+dem Herrn Buck.“ Er mußte ungeheuer reich und mächtig
+sein. Alle, auch Herr Heßling, entblößten vor ihm lange
+den Kopf. Seinem Sohn mit Gewalt etwas abzunehmen,
+wäre eine Tat voll unabsehbarer Gefahren gewesen. Um
+von den großen Mächten, die er so sehr verehrte, nicht
+ganz erdrückt zu werden, mußte Diederich leise und listig
+zu Werk gehen.
+</p>
+
+<p>
+Einmal nur, in Untertertia, geschah es, daß Diederich
+<pb n='12'/><anchor id='Pgp0012'/>jede Rücksicht vergaß, sich blindlings betätigte und zum
+siegestrunkenen Unterdrücker ward. Er hatte, wie es
+üblich und geboten war, den einzigen Juden seiner Klasse
+gehänselt, nun aber schritt er zu einer ungewöhnlichen
+Kundgebung. Aus Klötzen, die zum Zeichnen dienten,
+erbaute er auf dem Katheder ein Kreuz und drückte den
+Juden davor in die Knie. Er hielt ihn fest, trotz allem
+Widerstand; er war stark! Was Diederich stark machte,
+war der Beifall ringsum, die Menge, aus der heraus
+Arme ihm halfen, die überwältigende Mehrheit drinnen
+und draußen. Denn durch ihn handelte die Christenheit
+von Netzig. Wie wohl man sich fühlte bei geteilter Verantwortlichkeit
+und einem Schuldbewußtsein, das kollektiv
+war!
+</p>
+
+<p>
+Nach dem Verrauchen des Rausches stellte wohl leichtes
+Bangen sich ein, aber das erste Lehrergesicht, dem Diederich
+begegnete, gab ihm allen Mut zurück; es war voll
+verlegenen Wohlwollens. Andere bewiesen ihm offen
+ihre Zustimmung. Diederich lächelte mit demütigem Einverständnis
+zu ihnen auf. Er bekam es leichter seitdem.
+Die Klasse konnte die Ehrung dem nicht versagen, der
+die Gunst des neuen Ordinarius besaß. Unter ihm brachte
+Diederich es zum Primus und zum geheimen Aufseher.
+Wenigstens die zweite dieser Ehrenstellen behauptete er
+auch später. Er war gut Freund mit allen, lachte, wenn
+sie ihre Streiche ausplauderten, ein ungetrübtes, aber
+herzliches Lachen, als ernster junger Mensch, der Nachsicht
+hat mit dem Leichtsinn – und dann in der Pause,
+wenn er dem Professor das Klassenbuch vorlegte, berichtete
+er. Auch hinterbrachte er die Spitznamen der
+Lehrer und die aufrührerischen Reden, die gegen sie geführt
+worden waren. In seiner Stimme bebte, nun er
+<pb n='13'/><anchor id='Pgp0013'/>sie wiederholte, noch etwas von dem wollüstigen Erschrecken,
+womit er sie, hinter gesenkten Lidern, angehört
+hatte. Denn er spürte, ward irgendwie an den Herrschenden
+gerüttelt, eine gewisse lasterhafte Befriedigung, etwas
+ganz unter sich Bewegendes, fast wie ein Haß, der zu seiner
+Sättigung rasch und verstohlen ein paar Bissen nahm.
+Durch die Anzeige der anderen sühnte er die eigene sündhafte
+Regung.
+</p>
+
+<p>
+Andererseits empfand er gegen die Mitschüler, deren
+Fortkommen seine Tätigkeit in Frage stellte, zumeist keine
+persönliche Abneigung. Er benahm sich als pflichtmäßiger
+Vollstrecker einer harten Notwendigkeit. Nachher konnte
+er zu dem Getroffenen hintreten und ihn, fast ganz aufrichtig,
+beklagen. Einst ward mit seiner Hilfe einer gefaßt,
+der schon längst verdächtig war, alles abzuschreiben. Diederich
+überließ ihm, mit Wissen des Lehrers, eine mathematische
+Aufgabe, die in der Mitte absichtlich gefälscht
+und deren Endergebnis dennoch richtig war. Am Abend
+nach dem Zusammenbruch des Betrügers saßen einige
+Primaner vor dem Tor in einer Gartenwirtschaft, was
+zum Schluß der Turnspiele erlaubt war, und sangen. Diederich
+hatte den Platz neben seinem Opfer gesucht. Einmal,
+als ausgetrunken war, ließ er die Rechte vom Krug
+herab auf die des anderen gleiten, sah ihm treu in die
+Augen und stimmte in Baßtönen, die von Gemüt schleppten,
+ganz allein an:
+</p>
+
+<lg rend="margin-left: 2">
+<l>„Ich hatt’ einen Kameraden,</l>
+<l>Einen bessern findst du nit ...“</l>
+</lg>
+
+<p>
+Übrigens genügte er bei zunehmender Schulpraxis in
+allen Fächern, ohne in einem das Maß des Geforderten
+zu überschreiten, oder auf der Welt irgend etwas zu wissen,
+was nicht im Pensum vorkam. Der deutsche Aufsatz war
+<pb n='14'/><anchor id='Pgp0014'/>ihm das Fremdeste, und wer sich darin auszeichnete,
+gab ihm ein ungeklärtes Mißtrauen ein.
+</p>
+
+<p>
+Seit seiner Versetzung nach Prima galt seine Gymnasialkarriere
+für gesichert, und bei Lehrern und Vater drang
+der Gedanke durch, er solle studieren. Der alte Heßling,
+der 66 und 71 durch das Brandenburger Tor eingezogen
+war, schickte Diederich nach Berlin.
+</p>
+
+<milestone unit="tb"/>
+
+<p>
+Weil er sich aus der Nähe der Friedrichstraße nicht fortgetraute,
+mietete er sein Zimmer droben in der Tieckstraße.
+Jetzt hatte er nur in gerader Linie hinunterzugehen
+und konnte die Universität nicht verfehlen. Er besuchte
+sie, da er nichts anderes vorhatte, täglich zweimal,
+und in der Zwischenzeit weinte er oft vor Heimweh. Er
+schrieb einen Brief an Vater und Mutter und dankte ihnen
+für seine glückliche Kindheit. Ohne Not ging er nur selten
+aus. Kaum, daß er zu essen wagte; er fürchtete, sein Geld
+vor dem Ende des Monats auszugeben. Und immerfort
+mußte er nach der Tasche fassen, ob es noch da sei.
+</p>
+
+<p>
+So verlassen ihm um das Herz war, ging er doch noch
+immer nicht mit dem Brief des Vaters in die Blücherstraße
+zu Herrn Göppel, dem Zellulosefabrikanten, der aus Netzig
+war und auch an Heßling lieferte. Am vierten Sonntag
+besiegte er seine Scheu – und kaum watschelte der gedrungene,
+gerötete Mann, den er schon so oft beim Vater
+im Kontor gesehen hatte, auf ihn zu, da wunderte Diederich
+sich schon, daß er nicht früher gekommen sei. Herr
+Göppel fragte gleich nach ganz Netzig und vor allem nach
+dem alten Buck. Denn obwohl sein Kinnbart nun auch
+ergraut war, hatte er doch, wie Diederich, nur, wie es
+schien, aus anderen Gründen, schon als Knabe den alten
+Buck verehrt. Das war ein Mann: Hut ab! Einer von
+<pb n='15'/><anchor id='Pgp0015'/>denen, die das deutsche Volk hochhalten sollte, höher als
+gewisse Leute, die immer alles mit Blut und Eisen kurieren
+wollten und dafür der Nation riesige Rechnungen
+schrieben. Der alte Buck war schon achtundvierzig dabei
+gewesen, er war sogar zum Tode verurteilt worden.
+„Ja, daß wir hier als freie Männer sitzen können,“ sagte
+Herr Göppel, „das verdanken wir solchen Leuten wie
+dem alten Buck.“ Und er öffnete noch eine Flasche Bier.
+„Heute sollen wir uns mit Kürassierstiefeln treten
+lassen ...“
+</p>
+
+<p>
+Herr Göppel bekannte sich als freisinniger Gegner Bismarcks.
+Diederich bestätigte alles, was Göppel wollte;
+er hatte über den Kanzler, die Freiheit, den jungen Kaiser
+keinerlei Meinung. Da aber ward er peinlich berührt,
+denn ein junges Mädchen war eingetreten, das ihm auf
+den ersten Blick durch Schönheit und Eleganz gleich furchtbar
+erschien.
+</p>
+
+<p>
+„Meine Tochter Agnes“, sagte Herr Göppel.
+</p>
+
+<p>
+Diederich stand da, in seinem faltenreichen Gehrock, als
+magerer Kadett, und war rosig überzogen. Das junge
+Mädchen gab ihm die Hand. Sie wollte wohl nett sein,
+aber was war mit ihr anzufangen? Diederich antwortete
+ja, als sie fragte, ob Berlin ihm gefalle; und als sie fragte,
+ob er schon im Theater gewesen sei, antwortete er nein.
+Er fühlte sich feucht vor Ungemütlichkeit und war fest
+überzeugt, sein Aufbruch sei das einzige, womit er das
+junge Mädchen interessieren könne. Aber wie war von
+hier fortzukommen? Zum Glück stellte ein anderer sich
+ein, ein breiter Mensch, namens Mahlmann, der mit ungeheurer
+Stimme Mecklenburgisch sprach, <hi rend="antiqua">stud. ing.</hi> zu
+sein schien und bei Göppels Zimmerherr sein sollte. Er
+erinnerte Fräulein Agnes an einen Spaziergang, den
+<pb n='16'/><anchor id='Pgp0016'/>sie verabredet hätten. Diederich ward aufgefordert, mitzukommen.
+Entsetzt schützte er einen Bekannten vor, der
+draußen auf ihn warte, und machte sich sofort davon.
+„Gott sei Dank,“ dachte er, während es ihm einen Stich
+gab, „sie hat schon einen.“
+</p>
+
+<p>
+Herr Göppel öffnete ihm im Dunkeln die Flurtür und
+fragte, ob sein Freund auch Berlin kenne. Diederich log,
+der Freund sei Berliner. „Denn wenn Sie es beide nicht
+kennen, kommen Sie noch in den falschen Omnibus. Sie
+haben sich gewiß schon mal verirrt in Berlin.“ Und als
+Diederich es zugab, zeigte Herr Göppel sich befriedigt.
+„Das ist nicht wie in Netzig. Hier laufen Sie gleich halbe
+Tage. Was glauben Sie wohl, wenn Sie von Ihrer Tieckstraße
+bis hierher zum Halleschen Tor gehen, dann sind Sie
+ja schon dreimal durch ganz Netzig gestiegen ... Na, nächsten
+Sonntag kommen Sie nun aber zum Mittagessen!“
+</p>
+
+<p>
+Diederich versprach es. Als es so weit war, hätte er
+lieber abgesagt; nur aus Furcht vor seinem Vater ging
+er hin. Diesmal galt es sogar ein Alleinsein mit dem
+Fräulein zu bestehen. Diederich tat geschäftig und als
+sei er nicht aufgelegt, sich mit ihr zu befassen. Sie wollte
+wieder vom Theater anfangen, aber er schnitt mit rauher
+Stimme ab: er habe für so etwas keine Zeit. Ach ja, ihr
+Papa habe ihr gesagt, Herr Heßling studiere Chemie?
+</p>
+
+<p>
+„Ja. Das ist überhaupt die einzige Wissenschaft, die
+Berechtigung hat“, behauptete Diederich, ohne zu wissen,
+wie er dazu kam.
+</p>
+
+<p>
+Fräulein Göppel ließ ihren Beutel fallen; er bückte
+sich so nachlässig, daß sie ihn wieder hatte, bevor er zur
+Stelle war. Trotzdem sagte sie danke, ganz weich, fast
+beschämt – was Diederich ärgerte. „Kokette Weiber sind
+etwas Gräßliches“, dachte er. Sie suchte in ihrem Beutel.
+</p>
+
+<pb n='17'/><anchor id='Pgp0017'/>
+
+<p>
+„Jetzt hab’ ich es doch verloren. Mein englisches Pflaster
+nämlich. Es blutet wieder.“
+</p>
+
+<p>
+Sie wickelte ihren Finger aus dem Taschentuch. Er hatte
+so sehr die Weiße des Schnees, daß Diederich der Gedanke
+kam, das Blut, das darauf lag, müsse hineinsickern.
+</p>
+
+<p>
+„Ich habe welches“, sagte er, mit einem Ruck.
+</p>
+
+<p>
+Er ergriff ihren Finger, und bevor sie das Blut wegwischen
+konnte, hatte er es abgeleckt.
+</p>
+
+<p>
+„Was machen Sie denn?“
+</p>
+
+<p>
+Er war selbst erschrocken. Er sagte mit streng gefalteten
+Brauen: „O, ich als Chemiker probiere noch ganz andere
+Sachen.“
+</p>
+
+<p>
+Sie lächelte. „Ach ja, Sie sind eine Art Doktor ...
+Wie gut Sie das können“, bemerkte sie und sah ihm beim
+Aufkleben des Pflasters zu.
+</p>
+
+<p>
+„So“, machte er ablehnend, und trat zurück. Ihm war
+es schwül geworden, er dachte: „Wenn man nur nicht
+immer ihre Haut anfassen müßte! Sie ist widerlich weich.“
+Agnes sah an ihm vorbei. Nach einer Pause versuchte sie:
+„Haben wir nicht eigentlich in Netzig gemeinschaftliche
+Verwandte?“ Und sie nötigte ihn, mit ihr ein paar Familien
+durchzugehen. Es stellte sich Vetternschaft heraus.
+</p>
+
+<p>
+„Sie haben auch noch Ihre Mutter, nicht? Dann können
+Sie sich freuen. Meine ist längst tot. Ich werde wohl auch
+nicht lange leben. Man hat so Ahnungen“ – und sie
+lächelte wehmütig und entschuldigend.
+</p>
+
+<p>
+Diederich beschloß schweigend, diese Sentimentalität
+albern zu finden. Noch eine Pause – und wie sie beide
+eilig zum Sprechen ansetzten, kam der Mecklenburger dazwischen.
+Die Hand Diederichs drückte er so kraftvoll,
+daß Diederichs Gesicht sich verzerrte, und zugleich lächelte
+er ihm sieghaft in die Augen. Ohne weiteres zog er einen
+<pb n='18'/><anchor id='Pgp0018'/>Stuhl bis vor Agnes’ Knie und fragte heiter und mit
+Autorität nach allem Möglichen, was nur sie beide anging.
+Diederich war sich selbst überlassen und entdeckte,
+daß Agnes, so in Ruhe betrachtet, viel von ihren Schrecken
+verlor. Eigentlich war sie nicht hübsch. Sie hatte eine
+zu kleine, nach innen gebogene Nase, auf deren freilich
+sehr schmalem Rücken Sommersprossen saßen. Ihre gelbbraunen
+Augen lagen zu nahe beieinander und zuckten,
+wenn sie einen ansah. Die Lippen waren zu schmal, das
+ganze Gesicht war zu schmal. „Wenn sie nicht so viel
+braunrotes Haar über der Stirn hätte und dazu den
+weißen Teint ...“ Auch bereitete es ihm Genugtuung,
+daß der Nagel des Fingers, den er beleckt hatte, nicht
+ganz sauber gewesen war.
+</p>
+
+<p>
+Herr Göppel kam mit seinen drei Schwestern. Eine von
+ihnen hatte Mann und Kinder mit. Der Vater und die
+Tanten umarmten und küßten Agnes. Sie taten es mit
+dringlicher Innigkeit und hatten dabei behutsame Mienen.
+Das junge Mädchen war schlanker und größer als sie alle
+und blickte ein wenig zerstreut auf sie hinab, die eben an
+ihren schmächtigen Schultern hing. Nur ihrem Vater erwiderte
+sie langsam und ernst seinen Kuß. Diederich sah
+dem zu und sah in der Sonne die hellblauen Adern,
+überzogen von roten Haaren, ihre Schläfe kreuzen.
+</p>
+
+<p>
+Er mußte eine der Tanten ins Eßzimmer führen. Der
+Mecklenburger hatte Agnes’ Arm in den seinen gehängt.
+Um den langen Familientisch raschelten die seidenen
+Sonntagskleider. Die Gehröcke wurden über den Knien
+zusammengelegt. Man räusperte sich, die Herren rieben
+die Hände. Dann kam die Suppe.
+</p>
+
+<p>
+Diederich saß von Agnes weit weg und konnte sie nicht
+sehen, wenn er sich nicht vorbeugte – was er sorgfältig
+<pb n='19'/><anchor id='Pgp0019'/>vermied. Da seine Nachbarin ihn in Ruhe ließ, aß er
+große Mengen Kalbsbraten und Blumenkohl. Er hörte
+ausführlich das Essen besprechen und mußte bestätigen,
+daß es schön schmecke. Agnes ward vor dem Salat gewarnt,
+ihr ward zu Rotwein geraten, und sie sollte Auskunft
+geben, ob sie heute morgen Gummischuhe angehabt
+habe. Herr Göppel erzählte, Diederich zugewandt, daß
+er und seine Schwestern vorhin in der Friedrichstraße,
+weiß Gott, auseinander gekommen seien und sich erst im
+Omnibus wiedergefunden hätten. „So etwas kann Ihnen
+in Netzig auch nicht passieren“, rief er voll Stolz über den
+Tisch. Mahlmann und Agnes sprachen von einem Konzert.
+Sie wollte bestimmt hin, ihr Papa werde es schon
+erlauben. Herr Göppel machte zärtliche Einwände, und
+der Chor der Tanten begleitete sie. Agnes müsse früh
+schlafen gehen und bald in gute Luft hinaus; sie habe sich
+im Winter überanstrengt. Sie bestritt es. „Ihr laßt mich
+niemals aus dem Hause. Ihr seid schrecklich.“
+</p>
+
+<p>
+Diederich nahm innerlich Partei für sie. Er hatte eine
+Wallung von Heldentum: er hätte machen wollen, daß
+sie alles dürfte, daß sie glücklich war und es ihm dankte ...
+Da fragte Herr Göppel ihn, ob er in das Konzert wolle,
+„Ich weiß nicht“, sagte er verächtlich und sah Agnes an,
+die sich vorbeugte. „Was ist das für eins? Ich gehe nur
+in Konzerte, wo ich Bier trinken kann.“
+</p>
+
+<p>
+„Sehr vernünftig“, sagte der Schwager des Herrn
+Göppel.
+</p>
+
+<p>
+Agnes hatte sich zurückgezogen und, Diederich bereute
+seinen Ausspruch.
+</p>
+
+<p>
+Aber die Creme, auf die alle gespannt waren, blieb aus.
+Herr Göppel riet seiner Tochter, einmal nachzusehen. Bevor
+sie ihren Kompotteller hingesetzt hatte, war Diederich
+<pb n='20'/><anchor id='Pgp0020'/>aufgesprungen – sein Stuhl flog an die Wand – und
+festen Schritts zur Tür geeilt. „Marie! Der Krehm!“
+rief er hinaus. Rot und ohne jemand anzusehen, ging er
+wieder an seinen Platz. Aber er merkte ganz gut, sie
+blinzelten sich zu. Mahlmann stieß sogar höhnisch den Atem
+aus. Der Schwager äußerte mit künstlicher Harmlosigkeit:
+„Immer galant! So soll es sein.“ Herr Göppel lächelte
+zärtlich zu Agnes hin, die nicht von ihrem Kompott aufsah.
+Diederich stemmte das Knie gegen die Tischplatte,
+daß sie anfing sich zu heben. Er dachte: „Gott, o Gott,
+hätte ich nur das nicht getan!“
+</p>
+
+<p>
+Beim Mahlzeitsagen gab er allen die Hand, nur um
+Agnes drückte er sich herum. Im Berliner Zimmer beim
+Kaffee wählte er seinen Sitz mit Sorgfalt dort, wo Mahlmanns
+breiter Rücken sie ihm verdeckte. Eine der Tanten
+wollte sich seiner annehmen.
+</p>
+
+<p>
+„Was studieren Sie denn, junger Mann?“ fragte sie.
+</p>
+
+<p>
+„Chemie.“
+</p>
+
+<p>
+„Ach so, Physik?“
+</p>
+
+<p>
+„Nein, Chemie.“
+</p>
+
+<p>
+„Ach so.“
+</p>
+
+<p>
+Und so imposant sie angefangen hatte, hierüber kam sie
+nicht hinweg. Diederich nannte sie im stillen eine dumme
+Gans. Die ganze Gesellschaft paßte ihm nicht. Von
+feindseliger Schwermut erfüllt, sah er darein, bis die letzten
+Verwandten aufgebrochen waren. Agnes und ihr
+Vater hatten sie hinausbegleitet. Herr Göppel kehrte
+zurück, erstaunt, den jungen Mann allein noch im Zimmer
+zu finden. Er schwieg forschend, einmal faßte er in die
+Tasche. Als Diederich unvermittelt, ohne um Geld gebeten
+zu haben, Abschied nahm, bekundete Göppel große
+Herzlichkeit. „Meine Tochter werd’ ich von Ihnen
+<pb n='21'/><anchor id='Pgp0021'/>grüßen“, sagte er sogar, und an der Tür, nachdem er ein
+wenig überlegt hatte: „Kommen Sie doch nächsten Sonntag
+wieder!“
+</p>
+
+<p>
+Diederich war fest entschlossen, das Haus nicht mehr zu
+betreten. Dennoch ließ er tags darauf alles stehen und
+liegen, um sich durch die Stadt bis zu einem Geschäft zu
+fragen, wo er für Agnes das Konzertbillett kaufen konnte.
+Vorher mußte er auf den Zetteln, die dort hingen, den
+Namen des Virtuosen herausfinden, den Agnes erwähnt
+hatte. War es der? Hatte er so geklungen? Diederich entschloß
+sich. Als er dann erfuhr, es koste vier Mark fünfzig,
+riß er vor Schrecken die Augen weit auf. So viel Geld,
+um einen zu sehen, der Musik machte! Wenn man nur
+einfach wieder fortgekonnt hätte! Als er bezahlt hatte
+und draußen war, entrüstete er sich zunächst über den
+Schwindel. Dann bedachte er, daß es für Agnes geschehen
+sei, und ward von sich selbst erschüttert. Immer
+weicher und glücklicher ging er durch das Gewühl. Es
+war das erste Geld, das er für einen anderen Menschen
+ausgegeben hatte.
+</p>
+
+<p>
+Er legte das Billett in einen Umschlag, in den er nichts
+weiter legte, und schrieb die Adresse, um sich nicht zu verraten,
+mit Schönschrift. Wie er dann am Briefkasten
+stand, kam Mahlmann daher und lachte höhnisch. Diederich
+fühlte sich durchschaut; er besah die Hand, die er
+aus dem Kasten zurückgezogen hatte. Aber Mahlmann
+bekundete nur die Absicht, sich Diederichs Bude anzusehen.
+Er fand, es sähe drinnen aus wie bei einer älteren Dame.
+Sogar die Kaffeekanne hatte Diederich von zu Hause mitgebracht!
+Diederich schämte sich heiß. Als Mahlmann die
+Chemiebücher verächtlich auf- und zuklappte, schämte
+Diederich sich seines Faches. Der Mecklenburger wälzte
+<pb n='22'/><anchor id='Pgp0022'/>sich ins Sofa und fragte: „Wie gefällt Ihnen denn die
+Göppel? Netter Käfer, was? Nun wird er wieder rot!
+Poussieren Sie doch! Ich trete zurück, wenn Sie Wert
+darauf legen. Ich habe Aussicht bei fünfzehn verschiedenen.“
+</p>
+
+<p>
+Da Diederich nachlässig abwehrte:
+</p>
+
+<p>
+„Sie, da ist nämlich was zu machen. Ich müßte gar
+nichts von Weibern verstehen. Die roten Haare! – und
+haben Sie nicht gemerkt, wie sie einen ansieht, wenn sie
+meint, man weiß es nicht?“
+</p>
+
+<p>
+„Mich nicht“, sagte Diederich noch geringschätziger. „Ich
+pfeife auch darauf.“
+</p>
+
+<p>
+„Ihr Schade!“ Mahlmann lachte tobend – worauf er
+vorschlug, einen Bummel zu machen. Daraus ward eine
+Bierreise. Die ersten Gaslichter sahen sie beide betrunken.
+Etwas später, in der Leipziger Straße, bekam Diederich
+ohne Anlaß von Mahlmann eine mächtige Ohrfeige. Er
+sagte: „Au! Das ist aber doch eine –“ Vor dem Wort
+„Frechheit“ schrak er zurück. Der Mecklenburger klopfte
+ihm auf die Schulter. „Recht freundlich, Kleiner! Alles
+bloß Freundschaft!“ – und überdies nahm er Diederich
+die letzten zehn Mark ab ... Vier Tage später fand er
+ihn schwach vor Hunger und teilte ihm von dem, was er
+inzwischen anderswo gepumpt hatte, großmütig drei
+Mark mit. Am Sonntag bei Göppels – mit weniger
+leerem Magen wäre Diederich vielleicht nicht hingegangen
+– erzählte Mahlmann, daß Heßling all sein Geld
+verlumpt habe und sich heute mal satt essen müsse. Herr
+Göppel und sein Schwager lachten verständnisvoll, aber
+Diederich hätte lieber nie geboren sein wollen, als von
+Agnes so traurig prüfend angesehen werden. Sie verachtete
+ihn! Verzweifelt tröstete er sich. „Es ist alles
+<pb n='23'/><anchor id='Pgp0023'/>eins, sie hat es schon immer getan!“ Da fragte sie, ob
+das Konzertbillett vielleicht von ihm gewesen sei. Alle
+wandten sich ihm zu.
+</p>
+
+<p>
+„Unsinn! Wie sollte ich dazu wohl kommen“, entgegnete
+er so unliebenswürdig, daß sie ihm glaubten. Agnes
+zögerte ein wenig, bevor sie wegsah. Mahlmann bot den
+Damen Pralinees an und stellte die übrigen vor Agnes
+hin. Diederich kümmerte sich nicht um sie. Er aß noch
+mehr als das vorige Mal. Da doch alle meinten, er sei
+nur deswegen da! Als es hieß, der Kaffee solle im Grunewald
+getrunken werden, erfand Diederich sofort eine Verabredung.
+Er setzte sogar hinzu: „Mit jemand, den ich
+unmöglich warten lassen kann.“ Herr Göppel legte ihm
+seine gedrungene Hand auf die Schulter, blinzelte ihn
+aus gesenktem Kopf an und sagte halblaut: „Keine Angst,
+Sie sind natürlich eingeladen.“ Aber Diederich beteuerte
+entrüstet, daß es nicht daran liege. „Na, wenigstens
+kommen Sie wieder, sobald Sie Lust haben“, schloß
+Göppel, und Agnes nickte dazu. Sie schien sogar etwas
+sagen zu wollen, aber Diederich wartete es nicht ab. Er
+ging den Rest des Tages in selbstzufriedener Trauer
+umher, wie nach Vollziehung eines großen Opfers. Am
+Abend in einem überfüllten Bierlokal saß er den Kopf
+aufgestützt und nickte von Zeit zu Zeit auf sein einsames
+Glas hinab, als verstehe er jetzt das Schicksal.
+</p>
+
+<p>
+Was war zu machen gegen die gewalttätige Art, in der
+Mahlmann seine Anleihen aufnahm? Am Sonntag hatte
+dann der Mecklenburger einen Blumenstrauß für Agnes,
+und Diederich, der mit leeren Händen kam, hätte sagen
+können: „Der ist eigentlich von mir, Fräulein.“ Indessen
+schwieg er, mit noch mehr Groll gegen Agnes als gegen
+Mahlmann. Denn Mahlmann forderte zur Bewunderung
+<pb n='24'/><anchor id='Pgp0024'/>heraus, wenn er des Nachts einem Unbekannten nachlief,
+um ihm den Zylinder einzuschlagen – obwohl Diederich
+keineswegs die Warnung verkannte, die solch ein Vorgang
+für ihn selbst enthielt.
+</p>
+
+<p>
+Ende des Monats, zu seinem Geburtstag, bekam er eine
+unvorhergesehene Summe, die seine Mutter ihm erspart
+hatte, und erschien bei Göppels mit einem Bukett, keinem
+zu großen, um sich nicht bloßzustellen, und auch, um Mahlmann
+nicht herauszufordern. Das junge Mädchen hatte,
+wie sie es nahm, ein ergriffenes Gesicht, und Diederich
+lächelte herablassend und verlegen zugleich. Dieser Sonntag
+deuchte ihm unerhört festlich; er war nicht überrascht,
+als man in den Zoologischen Garten gehen wollte.
+</p>
+
+<p>
+Die Gesellschaft rückte aus, nachdem Mahlmann sie
+abgezählt hatte: elf Personen. Alle Frauen unterwegs
+waren, wie Göppels Schwestern, vollständig anders angezogen
+als in der Woche: als seien sie heute von einer
+höheren Klasse oder hätten geerbt. Die Männer trugen
+Gehröcke: nur wenige in Verbindung mit schwarzen
+Hosen, wie Diederich, aber viele mit Strohhüten. Kam
+man durch eine Seitenstraße, war sie breit, gleichförmig
+und leer, ohne einen Menschen, ohne einen Pferdeapfel.
+Einmal doch tanzte ein Kreis kleiner Mädchen in weißen
+Kleidern, schwarzen Strümpfen und ganz behangen mit
+Schleifen, schrill singend, einen Ringelreihen. Gleich
+darauf, in der Verkehrsader, stürmten schwitzende Matronen
+einen Omnibus; und die Gesichter der Kommis,
+die unnachsichtlich mit ihnen um die Plätze rangen, sahen
+neben ihren heftig roten zum Umfallen blaß aus. Alles
+drängte vorwärts, alles stürzte einem Ziel zu, wo endlich
+das Vergnügen anfangen sollte. Alle Mienen sagten
+hart: „Nu los, gearbeitet haben wir genug!“
+</p>
+
+<pb n='25'/><anchor id='Pgp0025'/>
+
+<p>
+Diederich kehrte vor den Damen den Berliner heraus.
+In der Stadtbahn eroberte er ihnen mehrere Sitze. Einen
+Herrn, der im Begriff stand, einen wegzunehmen, hinderte
+er daran, indem er ihn heftig auf den Fuß trat. Der
+Herr schrie: „Flegel!“ Diederich antwortete ihm im
+selben Sinn. Da zeigte es sich, daß Herr Göppel ihn
+kannte, und kaum einander vorgestellt, bekundeten Diederich
+und der andere die ritterlichsten Sitten. Keiner
+wollte sitzen, um den anderen nicht stehen zu lassen.
+</p>
+
+<p>
+Am Tisch im Zoologischen Garten geriet Diederich
+neben Agnes – warum ging heute alles glücklich? –, und
+als sie gleich nach dem Kaffee zu den Tieren wollte, unterstützte
+er sie stürmisch. Er war voll Unternehmungslust.
+Vor dem engen Gang zwischen den Raubtierkäfigen kehrten
+die Damen um. Diederich trug Agnes seine Begleitung
+an. „Da nehmen Sie doch lieber mich mit hinein“,
+sagte Mahlmann. „Wenn wirklich eine Stange losgehen
+sollte –“
+</p>
+
+<p>
+„Dann machen Sie sie auch nicht wieder fest“, entgegnete
+Agnes und trat ein, während Mahlmann sein Gelächter
+<anchor id="corr025"/><corr sic="aufschlug">aufschlug.</corr> Diederich blieb hinter ihr. Ihm war
+bange: vor den Bestien, die von rechts und links auf ihn
+zustürzten, ohne anderen Laut als den des Atems, den
+sie über ihn hinstießen – und vor dem jungen Mädchen,
+dessen Blumenduft ihm voranzog. Ganz hinten wandte
+sie sich um und sagte:
+</p>
+
+<p>
+„Ich mag das Renommieren nicht!“
+</p>
+
+<p>
+„Wirklich?“ fragte Diederich, vor Freude gerührt.
+</p>
+
+<p>
+„Heute sind Sie mal nett“, sagte Agnes; und er:
+</p>
+
+<p>
+„Ich möchte es eigentlich immer sein.“
+</p>
+
+<p>
+„Wirklich?“ – Und jetzt war es an ihrer Stimme, ein
+wenig zu schwanken. Sie sahen einander an, jeder mit
+<pb n='26'/><anchor id='Pgp0026'/>einer Miene, als verdiente er das alles nicht. Das junge
+Mädchen sagte klagend:
+</p>
+
+<p>
+„Die Tiere riechen aber furchtbar.“
+</p>
+
+<p>
+Und sie gingen zurück.
+</p>
+
+<p>
+Mahlmann empfing sie. „Ich wollte nur sehen, ob Sie
+nicht ausreißen würden.“ Dann nahm er Diederich beiseite.
+„Na? Was macht die Kleine? Geht es bei Ihnen
+auch? Ich habe es gleich gesagt, daß es keine Kunst ist.“
+</p>
+
+<p>
+Da Diederich stumm blieb:
+</p>
+
+<p>
+„Sie sind wohl scharf ins Zeug gegangen? Wissen Sie
+was? Ich bin nur noch ein Semester in Berlin: dann
+können Sie mich beerben. Aber so lange warten Sie gefälligst –“
+Auf seinem ungeheuren Rumpf ward sein
+kleiner Kopf plötzlich tückisch anzusehen. „– Freundchen!“
+</p>
+
+<p>
+Und Diederich war entlassen. Er hatte einen heftigen
+Schrecken bekommen und wagte sich gar nicht mehr in
+Agnes’ Nähe. Sie hörte nicht sehr aufmerksam auf Mahlmann,
+sie rief rückwärts: „Papa! Heute ist es schön, heute
+geht es mir aber wirklich gut.“
+</p>
+
+<p>
+Herr Göppel nahm ihren Arm zwischen seine beiden
+Hände und tat, als wollte er fest zudrücken, aber er berührte
+sie kaum. Seine blanken Augen lachten und waren
+feucht. Als die Familie Abschied genommen hatte, versammelte
+er seine Tochter und die beiden jungen Leute
+um sich und erklärte ihnen, der Tag müsse gefeiert werden;
+sie wollten die Linden entlang gehen und nachher irgendwo
+essen.
+</p>
+
+<p>
+„Papa wird leichtsinnig!“ rief Agnes und sah sich nach
+Diederich um. Aber er hielt die Augen gesenkt. In der
+Stadtbahn benahm er sich so ungeschickt, daß er weit von
+den anderen getrennt ward; und im Gedränge der Friedrichsstadt
+blieb er mit Herrn Göppel allein zurück.
+Plötz<pb n='27'/><anchor id='Pgp0027'/>lich hielt Göppel an, tastete verstört auf seinem Magen
+umher und fragte:
+</p>
+
+<p>
+„Wo ist meine Uhr?“
+</p>
+
+<p>
+Sie war fort mitsamt der Kette. Mahlmann sagte:
+</p>
+
+<p>
+„Wie lange sind Sie schon in Berlin, Herr Göppel?“
+</p>
+
+<p>
+„Jawohl!“ – und Göppel wendete sich an Diederich.
+„Dreißig Jahre bin ich hier, aber das ist mir denn doch noch
+nicht passiert.“ Und stolz trotz allem: „Sehen Sie, das
+gibt’s in Netzig überhaupt nicht!“
+</p>
+
+<p>
+Nun mußte man, statt zu essen, auf das Polizeirevier
+und ein Verhör bestehen. Und Agnes hustete. Göppel
+zuckte zusammen. „Wir wären jetzt doch zu müde“, murmelte
+er. Mit künstlicher Jovialität verabschiedete er Diederich,
+der Agnes’ Hand übersah und linkisch den Hut zog.
+Auf einmal, mit überraschender Geschicklichkeit und ehe
+Mahlmann begriff, was vorging, schwang er sich auf einen
+vorbeifahrenden Omnibus. Er war entkommen! Und
+jetzt fingen die Ferien an! Er war alles los! Zu Hause
+freilich warf er die schwersten seiner Chemiebände mit
+Krachen auf den Boden. Er hielt sogar schon die Kaffeekanne
+in der Hand. Aber bei dem Geräusch einer Tür begann
+er sofort, alles wieder aufzulesen. Dann setzte er sich
+still in die Sofaecke, stützte den Kopf und weinte. Wäre
+es nicht vorher so schön gewesen! Er war ihr auf den Leim
+gegangen. So machten es die Mädchen: daß sie manchmal
+mit einem so taten, und dabei wollten sie einen nur
+mit einem Kerl auslachen. Diederich war sich tief bewußt,
+daß er es mit so einem Kerl nicht aufnehmen könne. Er
+sah sich neben Mahlmann und würde es nicht begriffen
+haben, hätte eine sich für ihn entschieden. „Was hab’ ich
+mir nur eingebildet?“ dachte er. „Eine, die sich in mich
+verliebt, muß wirklich dumm sein.“ Er litt große Angst,
+<pb n='28'/><anchor id='Pgp0028'/>der Mecklenburger könne kommen und ihn noch ärger bedrohen.
+„Ich will sie gar nicht mehr. Wäre ich nur schon
+fort!“ Die nächsten Tage saß er in tödlicher Spannung
+bei verschlossener Tür. Kaum war sein Geld da, reiste er.
+</p>
+
+<p>
+Seine Mutter fragte, befremdet und eifersüchtig, was
+er habe. Nach so kurzer Zeit sei er kein Junge mehr. „Ja,
+das Berliner Pflaster!“
+</p>
+
+<p>
+Diederich griff zu, als sie verlangte, er solle an eine
+kleine Universität, nicht wieder nach Berlin. Der Vater
+fand, daß es ein Für und ein Wider gäbe. Diederich
+mußte ihm viel von Göppels berichten. Ob er die Fabrik
+gesehen habe. Und war er bei den anderen Geschäftsfreunden
+gewesen? Herr Heßling wünschte, daß Diederich
+die Ferien benutze, um in der väterlichen Werkstätte den
+Gang der Papierverfertigung kennenzulernen. „Ich
+bin nicht mehr der Jüngste, und mein Granatsplitter hat
+mich auch schon lange nicht so gekitzelt.“
+</p>
+
+<p>
+Diederich entwischte, sobald er konnte, um im Wald von
+Gäbbelchen oder längs des Ruggebaches bei Gohse spazierenzugehen
+und sich mit der Natur eins zu fühlen.
+Denn das konnte er jetzt. Zum erstenmal fiel es ihm auf,
+daß die Hügel dahinten traurig oder wie eine große Sehnsucht
+aussahen, und was als Sonne oder Regen vom
+Himmel fiel, waren Diederichs heiße Liebe und seine
+Tränen. Denn er weinte viel. Er versuchte sogar zu
+dichten.
+</p>
+
+<p>
+Als er einmal die Löwenapotheke betrat, stand hinter
+dem Ladentisch sein Schulkamerad Gottlieb Hornung.
+„Ja, ich spiel’ hier den Sommer über ’n bißchen Apotheker“,
+erklärte er. Er hatte sich sogar schon aus Versehen
+vergiftet und sich dabei nach hinten zusammengerollt wie
+ein Aal. Die ganze Stadt hatte davon gesprochen! Aber
+<pb n='29'/><anchor id='Pgp0029'/>zum Herbst ging er nun nach Berlin, um die Sache wissenschaftlich
+anzufassen. Ob denn in Berlin was los sei. Hocherfreut
+über den Besitz seiner Überlegenheit fing Diederich
+an, mit seinen Berliner Erlebnissen zu prahlen. Der Apotheker
+verhieß: „Wir beide zusammen stellen Berlin auf
+den Kopf.“
+</p>
+
+<p>
+Und Diederich war schwach genug, zuzusagen. Die
+kleine Universität ward verworfen. Am Ende des Sommers
+– Hornung hatte noch einige Tage zu praktizieren
+– kehrte Diederich nach Berlin zurück. Er mied das
+Zimmer in der Tieckstraße. Vor Mahlmann und den
+Göppels flüchtete er bis nach Gesundbrunnen hinaus.
+Dort wartete er auf Hornung. Aber Hornung, der seine
+Abreise gemeldet hatte, blieb aus; und als er endlich kam,
+trug er eine grüngelbrote Mütze. Er war sofort von einem
+Kollegen für eine Verbindung gekeilt worden. Auch Diederich
+sollte ihr beitreten; es waren die Neuteutonen, eine
+hochfeine Korporation, sagte Hornung; allein sechs Pharmazeuten
+waren dabei. Diederich verbarg seinen Schrecken
+unter der Maske der Geringschätzung, aber es half
+nichts. Er solle Hornung nicht blamieren, der von ihm
+gesprochen habe; einen Besuch wenigstens müsse er
+machen.
+</p>
+
+<p>
+„Aber nur einen“, sagte er fest.
+</p>
+
+<p>
+Der eine dauerte, bis Diederich unter dem Tisch lag
+und sie ihn fortschafften. Als er ausgeschlafen hatte, holten
+sie ihn zum Frühschoppen; Diederich war Konkneipant
+geworden.
+</p>
+
+<p>
+Und für diesen Posten fühlte er sich bestimmt. Er sah
+sich in einen großen Kreis von Menschen versetzt, deren
+keiner ihm etwas tat oder etwas anderes von ihm verlangte,
+als daß er trinke. Voll Dankbarkeit und
+Wohl<pb n='30'/><anchor id='Pgp0030'/>wollen erhob er gegen jeden, der ihn dazu anregte, sein
+Glas. Das Trinken und Nichttrinken, das Sitzen, Stehen,
+Sprechen oder Singen hing meistens nicht von ihm selbst
+ab. Alles ward laut kommandiert, und wenn man es
+richtig befolgte, lebte man mit sich und der Welt in Frieden.
+Als Diederich beim Salamander zum ersten Male
+nicht nachklappte, lächelte er in die Runde, beinahe verschämt
+durch die eigene Vollkommenheit!
+</p>
+
+<p>
+Und das war noch nichts gegen seine Sicherheit im
+Gesang! Diederich hatte in der Schule zu den besten Sängern
+gehört und schon in seinem ersten Liederheft die
+Seitenzahlen auswendig gewußt, wo jedes Lied zu finden
+war. Jetzt brauchte er in das Kommersbuch, das auf
+großen Nägeln in der Lache von Bier lag, nur den Finger
+zu schieben, und traf vor allen anderen die Nummer, die
+gesungen werden sollte. Oft hing er den ganzen Abend
+mit Ehrerbietung am Munde des Präses: ob vielleicht
+sein Lieblingsstück daran käme. Dann dröhnte er tapfer:
+„Sie wissen den Teufel, was Freiheit heißt“, hörte neben
+sich den dicken Delitzsch brummen und fühlte sich wohlig
+geborgen in dem Halbdunkel des niedrigen altdeutschen
+Lokals, mit den Mützen an der Wand, angesichts des
+Kranzes geöffneter Münder, die alle dasselbe tranken und
+sangen, bei dem Geruch des Bieres und der Körper, die
+es in der Wärme wieder ausschwitzten. Ihm war, wenn
+es spät ward, als schwitze er mit ihnen allen aus demselben
+Körper. Er war untergegangen in der Korporation, die
+für ihn dachte und wollte. Und er war ein Mann, durfte
+sich selbst hochachten und hatte eine Ehre, weil er dazu
+gehörte! Ihn herausreißen, ihm einzeln etwas anhaben,
+das konnte keiner! Mahlmann hätte sich einmal herwagen
+und es versuchen sollen: zwanzig Mann wären statt
+Die<pb n='31'/><anchor id='Pgp0031'/>derichs gegen ihn aufgestanden! Diederich wünschte ihn
+geradezu herbei, so furchtlos war er. Womöglich sollte
+er mit Göppel kommen, dann mochten sie sehen, was aus
+Diederich geworden war, dann war er gerächt!
+</p>
+
+<p>
+Gleichwohl gab ihm die meiste Sympathie der Harmloseste
+von allen ein, sein Nachbar, der dicke Delitzsch.
+Etwas tief Beruhigendes, Vertrauengestattendes wohnte
+in dieser glatten, weißen und humorvollen Speckmasse,
+die unten breit über die Stuhlränder quoll, in mehreren
+Wülsten die Tischhöhe erreichte und dort, als sei nun das
+Äußerste getan, aufgestützt blieb, ohne eine andere Bewegung
+als das Heben und Hinstellen des Bierglases.
+Delitzsch war, wie niemand sonst, an seinem Platz; wer
+ihn dasitzen sah, vergaß, daß er ihn je auf den Beinen erblickt
+hatte. Er war ausschließlich zum Sitzen am Biertisch
+eingerichtet. Sein Hosenboden, der in jedem anderen
+Zustand tief und melancholisch herabhing, fand nun
+seine wahre Gestalt und blähte sich machtvoll. Erst mit
+Delitzsch’ hinterem Gesicht blühte auch sein vorderes auf.
+Lebensfreude überglänzte es, und er ward witzig.
+</p>
+
+<p>
+Ein Drama entstand, wenn ein junger Fuchs sich den
+Scherz machte, ihm das Bierglas wegzunehmen. Delitzsch
+rührte kein Glied, aber seine Miene, die dem geraubten
+Glase überall hin folgte, enthielt plötzlich den ganzen,
+stürmisch bewegten Ernst des Daseins, und er rief in sächsischem
+Schreitenor: „Junge, daß du mir nischt verschüttest!
+Was entziehst de mir überhaupt mein’ Läbensunterhalt!
+Das ist ’ne ganz gemeine, böswilliche Existenzschädichung,
+und ich kann dich glatt verklaachen!“
+</p>
+
+<p>
+Dauerte der Spaß zu lange, senkten sich Delitzsch’ weiße
+Fettwangen, und er bat, er machte sich klein. Sobald er
+aber das Bier zurück hatte: welche allumfassende
+Aus<pb n='32'/><anchor id='Pgp0032'/>söhnung in seinem Lächeln, welche Verklärung! Er sagte:
+„Du bist doch ä gutes Luder, du sollst läm, prost!“ – trank
+aus und klopfte mit dem Deckel nach dem Korpsdiener:
+„Herr Oberkörper!“
+</p>
+
+<p>
+Nach einigen Stunden geschah es wohl, daß sein Stuhl
+sich mit ihm umdrehte und Delitzsch den Kopf über das
+Becken der Wasserleitung hielt. Das Wasser plätscherte,
+Delitzsch gurgelte erstickt, und ein paar andere stürzten,
+durch seine Laute angeregt, in die Toilette. Noch ein
+wenig sauer von Gesicht, aber schon mit frischer Schelmerei,
+rückte Delitzsch an den Tisch zurück.
+</p>
+
+<p>
+„Na, nu geht’s ja wieder“, sagte er; und: „Wovon habt ’r
+denn geredt, während ich anderweitig beschäftigt war?
+Wißt ihr denn egal nischt wie Weibergeschichten? Was
+koof’ ich mir für die Weiber?“ Immer lauter: „Nich mal
+ä sauern Schoppen kann ’ch mir dafür koofen. Sie, Herr
+Oberkörper!“
+</p>
+
+<p>
+Diederich gab ihm recht. Er hatte die Weiber kennengelernt,
+er war mit ihnen fertig. Unvergleichlich idealere
+Werte enthielt das Bier.
+</p>
+
+<p>
+Das Bier! Der Alkohol! Da saß man und konnte
+immer noch mehr davon haben, das Bier war nicht wie
+kokette Weiber, sondern treu und gemütlich. Beim Bier
+brauchte man nicht zu handeln, nichts zu wollen und zu
+erreichen, wie bei den Weibern. Alles kam von selbst.
+Man schluckte: und da hatte man es schon zu etwas gebracht,
+fühlte sich auf die Höhen des Lebens befördert
+und war ein freier Mann, innerlich frei. Das Lokal hätte
+von Polizisten umstellt sein dürfen: das Bier, das man
+schluckte, verwandelte sich in innere Freiheit. Und man
+hatte sein Examen so gut wie bestanden. Man war „fertig“,
+war Doktor! Man füllte im bürgerlichen Leben eine
+<pb n='33'/><anchor id='Pgp0033'/>Stellung aus, war reich und von Wichtigkeit: Chef einer
+mächtigen Fabrik von Ansichtskarten oder Toilettenpapier.
+Was man mit seiner Lebensarbeit schuf, war in
+tausend Händen. Man breitete sich, vom Biertisch her,
+über die Welt aus, ahnte große Zusammenhänge, ward
+eins mit dem Weltgeist. Ja, das Bier erhob einen so sehr
+über das Selbst, daß man Gott fand!
+</p>
+
+<p>
+Gern hätte er es jahrelang so weitergetrieben. Aber
+die Neuteutonen ließen ihn nicht. Fast vom ersten Tage an
+hatten sie ihm den moralischen und materiellen Wert einer
+völligen Zugehörigkeit zur Verbindung geschildert; allmählich
+aber gingen sie immer unverblümter darauf aus,
+ihn zu keilen. Vergebens berief sich Diederich auf seine
+anerkannte Stellung als Konkneipant, in die er sich eingelebt
+habe und die ihn befriedige. Sie entgegneten, daß
+der Zweck des studentischen Zusammenschlusses, nämlich
+die Erziehung zur Mannhaftigkeit und zum Idealismus,
+durch das Kneipen allein, soviel es auch beitrage, noch
+nicht ganz erfüllt werde. Diederich zitterte; nur zu gut
+erkannte er, worauf dieses hinauslief. Er sollte pauken!
+Schon immer hatte es ihn unheimlich angeweht, wenn sie
+mit ihren Stöcken in der Luft ihm die Schläge vorgeführt
+hatten, die sie einander beigebracht haben wollten; oder
+wenn einer von ihnen eine schwarze Mütze um den Kopf
+hatte und nach Jodoform roch. Jetzt dachte er gepreßt:
+„Warum bin ich dabei geblieben und Konkneipant geworden!
+Nun muß ich ’ran.“
+</p>
+
+<p>
+Er mußte. Aber gleich die ersten Erfahrungen beruhigten
+ihn. Er war so sorgsam eingewickelt, behelmt und
+bebrillt worden, daß ihm unmöglich viel geschehen konnte.
+Da er keinen Grund hatte, den Kommandos nicht gerade
+so willig und gelehrig nachzukommen wie in der Kneipe,
+<pb n='34'/><anchor id='Pgp0034'/>lernte er fechten, schneller als andere. Beim ersten Durchzieher
+ward ihm schwach: über die Wange fühlte er es
+rinnen. Als er dann genäht war, hätte er am liebsten getanzt
+vor Glück. Er warf es sich vor, daß er diesen gutmütigen
+Menschen gefährliche Absichten zugetraut hatte.
+Gerade der, den er am meisten gefürchtet hatte, nahm ihn
+unter seinen Schutz und ward ihm ein wohlgesinnter Erzieher.
+</p>
+
+<p>
+Wiebel war Jurist, was ihm allein schon Diederichs
+Unterordnung gesichert hätte. Nicht ohne Selbstzerknirschung
+sah er die englischen Stoffe an, in die Wiebel sich
+kleidete, und die farbigen Hemden, von denen er immer
+mehrere abwechselnd trug, bis sie alle in die Wäsche
+mußten. Das Beklemmendste aber waren Wiebels Manieren.
+Wenn er mit leichter eleganter Verbeugung Diederich
+zutrank, klappte Diederich – und seine Miene war
+leidend vor Anstrengung – tief zusammen, verschüttete die
+eine Hälfte und verschluckte sich mit der anderen. Wiebel
+sprach mit leiser, arroganter Feudalstimme.
+</p>
+
+<p>
+„Man kann sagen, was man will,“ bemerkte er gern,
+„Formen sind kein leerer Wahn.“
+</p>
+
+<p>
+Für das F in „Formen“ machte er seinen Mund zu
+einem kleinen schwarzen Mausloch und stieß es langsam
+geschwellt heraus. Diederich unterlag jedesmal wieder
+dem Schauer von so viel Vornehmheit. Alles an Wiebel
+dünkte ihm erlesen: daß die rötlichen Barthaare ganz oben
+auf der Lippe wuchsen und seine langen, gekrümmten
+Nägel nach unten gekrümmt, nicht, wie bei Diederich,
+nach oben; der starke männliche Duft, der von Wiebel ausging,
+auch seine abstehenden Ohren, die die Wirkung des
+durchgezogenen Scheitels erhöhten, und die katerhaft in
+Schläfenwulste gebetteten Augen. Diederich hatte das
+<pb n='35'/><anchor id='Pgp0035'/>alles immer nur im unbedingten Gefühl des eigenen Unwertes
+mit angesehen. Seit aber Wiebel ihn anredete
+und sich sogar zu seinem Gönner machte, war es Diederich,
+als sei ihm erst jetzt das Recht auf Dasein bestätigt. Er
+hatte Lust, dankbar zu wedeln. Sein Herz weitete sich
+vor glücklicher Bewunderung. Wenn seine Wünsche sich
+so hoch hinausgewagt hätten, auch er hätte gern solchen
+roten Hals gehabt und immer geschwitzt. Welch ein
+Traum, säuseln zu können wie Wiebel!
+</p>
+
+<p>
+Und nun durfte Diederich ihm dienen, er war sein Leibfuchs!
+Stets wohnte er Wiebels Erwachen bei, suchte ihm
+seine Sachen zusammen – und da Wiebel infolge unregelmäßiger
+Bezahlung mit der Wirtin schlecht stand,
+besorgte Diederich ihm den Kaffee und reinigte ihm die
+Schuhe. Dafür durfte er mitgehen auf allen Wegen.
+Wenn Wiebel ein Bedürfnis verrichtete, hielt Diederich
+draußen Wache, und er wünschte sich nur, seinen Schläger
+da zu haben, um ihn schultern zu können.
+</p>
+
+<p>
+Wiebel hätte es verdient. Die Ehre der Korporation,
+in der auch Diederichs Ehre und sein ganzes Schuldbewußtsein
+wurzelten, am glänzendsten vertrat Wiebel sie.
+Er schlug sich, mit wem man wollte, für die Neuteutonia.
+Er hatte das Ansehen der Verbindung erhöht, denn er
+sollte einst einen Vindoborussen koramiert haben! Auch
+hatte er einen Verwandten beim Zweiten Garde-Grenadierregiment
+Kaiser Franz Joseph; und so oft Wiebel
+seinen Vetter von Klappke erwähnte, machte die ganze
+Neuteutonia eine geschmeichelte Verbeugung. Diederich
+suchte sich einen Wiebel in der Uniform eines Gardeoffiziers
+vorzustellen; aber so viel Vornehmheit war nicht
+auszudenken. Eines Tages dann, wie er mit Gottlieb Hornung,
+weithin duftend, vom täglichen Frisieren kam, stand
+<pb n='36'/><anchor id='Pgp0036'/>an einer Straßenecke Wiebel mit einem Zahlmeister. Kein
+Irrtum: es war ein Zahlmeister – und als Wiebel ihr
+Kommen bemerkte, drehte er ihnen den Rücken. Auch sie
+wendeten und machten sich stumm und stramm davon,
+ohne einander anzusehen und ohne eine Bemerkung.
+Jeder vermutete, daß auch der andere die Ähnlichkeit des
+Zahlmeisters mit Wiebel festgestellt habe. Und vielleicht
+kannten die übrigen schon längst den wahren Sachverhalt?
+Aber allen stand die Ehre der Neuteutonia hoch genug, um
+zu schweigen, ja, um das Erblickte zu vergessen. Als
+Wiebel das nächste Mal „mein Vetter von Klappke“ sagte,
+verbeugten Diederich und Hornung sich mit den anderen,
+geschmeichelt wie je.
+</p>
+
+<p>
+Schon hatte Diederich Selbstbeherrschung gelernt, Beobachtung
+der Formen, Korpsgeist, Eifer für das Höhere.
+Nur mit Mitleid und Widerwillen dachte er an das elende
+Dasein des schweifenden Wilden, das früher das seine gewesen
+war. Jetzt war Ordnung und Pflicht in sein Leben
+gebracht. Zu genau eingehaltenen Stunden erschien er
+auf Wiebels Bude, im Fechtsaal, beim Friseur und zum
+Frühschoppen. Der Nachmittagsbummel leitete zur
+Kneipe über; und jeder Schritt geschah in Korporation,
+unter Aufsicht und mit Wahrung peinlicher Formen und
+gegenseitiger Ehrerbietung, die gemütvolle Derbheit nicht
+ausschloß. Ein Kommilitone, mit dem Diederich bisher
+nur offiziellen Verkehr unterhalten hatte, stieß einst mit
+ihm vor der Toilette zusammen, und obwohl sie beide
+kaum noch gerade stehen konnten, wollte keiner den Vortritt
+annehmen. Lange komplimentierten sie sich – bis sie plötzlich,
+im gleichen Augenblick vom Drang überwältigt, wie
+zwei zusammenprallende Eber durch die Tür brachen, daß
+ihnen die Schulterknochen knackten. Das war der Beginn
+<pb n='37'/><anchor id='Pgp0037'/>einer Freundschaft. In menschlicher Lage einander näher
+gekommen, rückten sie nachher auch am offiziellen Kneiptisch
+zusammen, tranken Schmollis und nannten sich
+„Schweinehund“ und „Nilpferd“.
+</p>
+
+<p>
+Nicht immer zeigte das Verbindungsleben seine heitere
+Seite. Es forderte Opfer; es übte im männlichen Ertragen
+des Schmerzes. Delitzsch selbst, der Quell so mancher
+Heiterkeit, verbreitete Trauer in der Neuteutonia.
+Eines Vormittags, wie Wiebel und Diederich ihn abzuholen
+kamen: er stand am Waschtisch und sagte noch: „Na
+da. Habt ’r heit aach so ä Durscht?“ – plötzlich, ehe sie
+zugreifen konnten, fiel er hin, mitsamt dem Waschgeschirr.
+Wiebel befühlte ihn: Delitzsch regte sich nicht mehr.
+</p>
+
+<p>
+„Herzklaps“, sagte Wiebel kurz. Er ging stramm zur
+Klingel. Diederich hob die Scherben auf und trocknete
+den Boden. Dann trugen sie Delitzsch auf das Bett. Dem
+formlosen Gejammer der Wirtin gegenüber verharrten
+beide in streng kommentmäßiger Haltung. Unterwegs
+zur Erledigung des weiteren – sie marschierten im Takt
+nebeneinander – sagte Wiebel mit straffer Todesverachtung:
+</p>
+
+<p>
+„So was kann jedem von uns passieren. Kneipen ist
+kein Spaß. Das kann sich jeder gesagt sein lassen.“
+</p>
+
+<p>
+Und mit allen anderen fühlte Diederich sich gehoben
+durch Delitzsch’ treue Pflichterfüllung, durch seinen Tod
+auf dem Felde der Ehre. Mit Stolz folgten sie dem Sarge;
+„Neuteutonia sei’s Panier“, stand in jeder Miene. Auf
+dem Friedhof, die umflorten Schläger gesenkt, hatten alle
+das in sich vertiefte Gesicht des Kriegers, den die nächste
+Schlacht dahinraffen kann, wie die vorigen den Kameraden;
+und was der erste Chargierte von dem Geschiedenen
+rühmte: er habe in der Schule der Mannhaftigkeit
+<pb n='38'/><anchor id='Pgp0038'/>und des Idealismus den höchsten Preis errungen, das
+erschütterte jeden, als gälte es ihm selbst.
+</p>
+
+<p>
+Hiermit ging Diederichs Lehrzeit zu Ende, denn Wiebel
+trat aus, um sich auf den Referendar vorzubereiten; und
+fortan hatte Diederich die von ihm übernommenen Grundsätze
+selbständig zu vertreten und sie den Jüngeren einzupflanzen.
+Er tat es im Gefühl hoher Verantwortlichkeit
+und mit Strenge. Wehe dem Fuchs, der es verdient hatte,
+in die Kanne zu steigen. Keine fünf Minuten vergingen,
+und er mußte sich an den Wänden hinaustasten. Das
+Schreckliche geschah, daß einer vor Diederich aus der Tür
+ging. Seine Buße waren acht Tage Bierverschiß. Nicht
+Stolz oder Eigenliebe leiteten Diederich: einzig sein hoher
+Begriff von der Ehre der Korporation. Er selbst war nur
+ein Mensch, also nichts; jedes Recht, sein ganzes Ansehen
+und Gewicht kamen ihm von ihr. Auch körperlich verdankte
+er ihr alles: die Breite seines weißen Gesichts,
+seinen Bauch, der ihn den Füchsen ehrwürdig machte, und
+das Privileg, bei festlichen Anlässen in hohen Stiefeln mit
+Band und Mütze aufzutreten, den Genuß der Uniform!
+Wohl hatte er noch immer einem Leutnant Platz zu
+machen, denn die Körperschaft, der der Leutnant angehörte,
+war offenbar die höhere; aber wenigstens mit
+einem Trambahnschaffner konnte er furchtlos verkehren,
+ohne Gefahr, von ihm angeschnauzt zu werden. Seine
+Männlichkeit stand ihm mit Schmissen, die das Kinn spalteten,
+rissig durch die Wangen fuhren und in den kurz geschorenen
+Schädel hackten, drohend auf dem Gesicht geschrieben
+– und welche Genugtuung, sie täglich und nach
+Belieben einem jeden beweisen zu können! Einmal bot
+sich eine unerwartet glänzende Gelegenheit. Zu dritt,
+mit Gottlieb Hornung und dem Dienstmädchen ihrer
+Wir<pb n='39'/><anchor id='Pgp0039'/>tin, waren sie beim Tanz in Halensee. Seit einigen Monaten
+teilten die Freunde sich eine Wohnung, mit der
+ein ziemlich hübsches Dienstmädchen verbunden war,
+machten ihr beide kleine Geschenke und gingen des Sonntags
+gemeinsam mit ihr aus. Ob Hornung es so weit bei
+ihr gebracht hatte wie er selbst, darüber hatte Diederich
+seine privaten Vermutungen. Offiziell und von Verbindungs
+wegen war es ihm unbekannt.
+</p>
+
+<p>
+Rosa war nicht übel angezogen, auf dem Ball fand sie
+Bewerber. Damit Diederich noch eine Polka bekam, war
+er genötigt, sie daran zu erinnern, daß er ihr die Handschuhe
+gekauft habe. Schon machte er zur Einleitung des
+Tanzes seine korrekte Verbeugung, da drängte sich unversehens
+ein anderer dazwischen und polkte mit Rosa von
+dannen. Betreten sah Diederich ihnen nach, im dunklen
+Gefühl, daß er hier werde einschreiten müssen. Bevor
+er sich aber regte, war ein Mädchen durch die tanzenden
+Paare gestürzt, hatte Rosa geohrfeigt und sie in
+unzarter Weise von ihrem Partner getrennt. Dies sehen
+und auf Rosas Räuber losmarschieren, war für Diederich
+eins.
+</p>
+
+<p>
+„Mein Herr,“ sagte er und sah ihm fest in die Augen,
+„Ihr Benehmen ist unqualifizierbar.“
+</p>
+
+<p>
+Der andere erwiderte:
+</p>
+
+<p>
+„Wennschon.“
+</p>
+
+<p>
+Überrascht von dieser ungewöhnlichen Wendung eines
+offiziellen Gesprächs, stammelte Diederich:
+</p>
+
+<p>
+„Knote.“
+</p>
+
+<p>
+Der andere erwiderte prompt:
+</p>
+
+<p>
+„Schote“ – und lachte dabei. Durch so viel Formlosigkeit
+vollends aus der Fassung gebracht, wollte Diederich
+sich schon verbeugen und abtreten; aber der andere
+<pb n='40'/><anchor id='Pgp0040'/>stieß ihn plötzlich vor den Bauch – und gleich darauf
+wälzten sie sich zusammen am Boden. Umringt von Gekreisch
+und anfeuernden Zurufen kämpften sie, bis man
+sie trennte. Gottlieb Hornung, der Diederichs Klemmer
+suchen half, rief: „Da reißt er aus“ – und war schon hinterher.
+Diederich folgte. Sie sahen den anderen mit einem
+Begleiter gerade noch in eine Droschke steigen und nahmen
+die nächste. Hornung behauptete, die Verbindung dürfe
+das nicht auf sich sitzen lassen. „So was kneift und bekümmert
+sich nicht mal mehr um die Dame.“ Diederich erklärte:
+</p>
+
+<p>
+„Was Rosa betrifft, die ist für mich erledigt.“
+</p>
+
+<p>
+„Für mich auch.“
+</p>
+
+<p>
+Die Fahrt war aufregend. „Ob wir nachkommen? Wir
+haben einen lahmen Gaul.“ „Wenn der Prolet nun nicht
+satisfaktionsfähig ist?“ Man entschied: „Dann hat die
+Sache offiziell nicht stattgefunden.“
+</p>
+
+<p>
+Der erste Wagen hielt im Westen vor einem anständigen
+Haus. Diederich und Hornung trafen ein, wie das Tor
+zugeschlagen ward. Entschlossen postierten sie sich davor.
+Es ward kühl, sie marschierten hin und her vor dem Hause,
+zwanzig Schritte nach links, zwanzig Schritte nach rechts,
+behielten immer die Tür im Auge und wiederholten
+immer dieselben ernsten und weittragenden Reden. Nur
+Pistolen kamen hier in Frage! Diesmal war die Ehre
+der Neuteutonia teuer zu bezahlen! Wenn es nur kein
+Prolet war!
+</p>
+
+<p>
+Endlich kam der Portier zum Vorschein, und sie nahmen
+ihn ins Verhör. Sie suchten ihm die Herren zu beschreiben,
+fanden aber, daß die beiden keine besonderen Kennzeichen
+hatten. Hornung, noch leidenschaftlicher als Diederich,
+blieb dabei, daß man warten müsse, und noch zwei
+Stun<pb n='41'/><anchor id='Pgp0041'/>den lang marschierten sie hin und her, dann bogen aus dem
+Hause zwei Offiziere. Diederich und Hornung rissen
+die Augen auf, ungewiß, ob hier nicht ein Irrtum vorlag.
+Die Offiziere stutzten. Einer schien sogar zu erbleichen.
+Da entschloß Diederich sich. Er trat vor den Erbleichten
+hin.
+</p>
+
+<p>
+„Mein Herr –“
+</p>
+
+<p>
+Die Stimme versagte ihm. Der Leutnant sagte, verlegen:
+„Sie irren sich wohl.“
+</p>
+
+<p>
+Diederich brachte hervor:
+</p>
+
+<p>
+„Durchaus nicht. Ich muß Genugtuung fordern. Sie
+haben sich –“
+</p>
+
+<p>
+„Ich kenne Sie ja gar nicht“, stammelte der Leutnant.
+Aber sein Kamerad flüsterte ihm etwas zu: „So geht das
+nicht“ – er ließ sich von dem anderen die Karte geben,
+legte seine eigene dazu und überreichte sie Diederich. Diederich
+gab die seine her; dann las er: „Albrecht Graf Tauern-Bärenheim“.
+Da nahm er sich nicht mehr die Zeit,
+auch die andere zu lesen, sondern begann kleine, eifrige
+Verbeugungen zu vollführen. Der zweite Offizier wandte
+sich inzwischen an Gottlieb Hornung.
+</p>
+
+<p>
+„Mein Freund hat den Scherz natürlich ganz harmlos
+gemeint. Er wäre selbstverständlich zu jeder Genugtuung
+bereit; ich will nur feststellen, daß eine beleidigende
+Absicht nicht vorliegt.“
+</p>
+
+<p>
+Der andere, den er dabei ansah, hob die Schultern. Diederich
+stammelte: „O danke sehr.“
+</p>
+
+<p>
+„Damit ist die Sache wohl erledigt“, sagte der Freund;
+und die beiden Herren entfernten sich.
+</p>
+
+<p>
+Diederich stand noch da, die Stirn feucht und mit befangenen
+Sinnen. Plötzlich seufzte er tief auf und lächelte
+langsam.
+</p>
+
+<pb n='42'/><anchor id='Pgp0042'/>
+
+<p>
+Nachher auf der Kneipe war die Rede nur von diesem
+Vorfall. Diederich rühmte den Kommilitonen das wahrhaft
+ritterliche Verhalten des Grafen.
+</p>
+
+<p>
+„Ein wirklicher Edelmann verleugnet sich doch nie.“
+</p>
+
+<p>
+Er machte den Mund klein wie ein Mausloch und stieß
+in langsamer Schwellung die Worte hervor:
+</p>
+
+<p>
+„F – formen sind doch kein leerer Wahn.“
+</p>
+
+<p>
+Immer wieder rief er Gottlieb Hornung als Zeugen
+seines großen Augenblickes auf.
+</p>
+
+<p>
+„So gar nichts Steifes, wie? Oh! Auf einen doch immerhin
+gewagten Scherz kommt es solchem Herrn nicht an.
+Eine Haltung dabei: t–hadellos, kann ich euch sagen. Die
+Erklärungen Seiner Erlaucht waren so durchaus befriedigend,
+daß ich meinerseits unmöglich –: Ihr begreift,
+man ist kein Rauhbein.“
+</p>
+
+<p>
+Alle begriffen es und bestätigten Diederich, daß die Neuteutonia
+in dieser Sache durchaus anständig abgeschnitten
+habe. Die Karten der beiden Edelleute wurden bei den
+Füchsen umhergereicht und zwischen den gekreuzten Schlägern
+am Kaiserbild befestigt. Kein Neuteutone, der sich
+heute nicht betrank.
+</p>
+
+<p>
+Damit endete das Semester; aber Diederich und Hornung
+hatten für die Heimreise kein Geld. Das Geld fehlte
+ihnen schon längst für fast alles. Mit Rücksicht auf die
+Pflichten des Verbindungslebens war Diederichs Wechsel
+auf zweihundertfünfzig Mark erhöht worden; und doch
+übermannten ihn die Schulden. Alle Quellen schienen
+ausgepumpt, nur dürres Land sah man, verschmachtend,
+sich dahindehnen – und endlich mußte man wohl, so
+wenig dies Rittern angestanden hätte, über die Zurückforderung
+dessen beraten, was sie selbst im Lauf der Zeiten
+an Kommilitonen verliehen hatten. Gewiß war mancher
+<pb n='43'/><anchor id='Pgp0043'/>alte Herr inzwischen zu großen Geldern gelangt. Hornung
+fand keinen; Diederich verfiel auf Mahlmann.
+</p>
+
+<p>
+„Bei dem geht es“, erklärte er. „Der war bei gar keiner
+Verbindung: ein ganz gemeiner Ruppsack. Dem werd’
+ich mal auf die Bude steigen.“
+</p>
+
+<p>
+Aber als Mahlmann ihn erblickte, brach er ohne weiteres
+in sein riesenhaftes Lachen aus, daß Diederich fast vergessen
+hatte und das ihn sofort unwiderstehlich herabstimmte.
+Mahlmann war taktlos! Er hätte doch fühlen
+sollen, daß hier in seinem Patentbureau mit Diederich
+die ganze Neuteutonia moralisch zugegen war, und hätte
+Diederich um ihretwillen Achtung erweisen sollen. Diederich
+hatte den Eindruck, als sei er aus der kraftspendenden
+Gesamtheit jäh herausgerissen und stehe hier als einzelner
+Mensch vor einem anderen. Eine nicht vorhergesehene,
+unliebsame Lage! Um so unbefangener trug
+er seine Sache vor. Oh! Er wolle kein Geld zurück, das
+würde er einem Kameraden niemals zugemutet haben!
+Mahlmann möge nur so gefällig sein, ihm für einen
+Wechsel zu bürgen. Mahlmann lehnte sich in seinen
+Schreibsessel zurück und sagte breit und selbstverständlich:
+</p>
+
+<p>
+„Nein.“
+</p>
+
+<p>
+Diederich, betroffen:
+</p>
+
+<p>
+„Wieso, nein?“
+</p>
+
+<p>
+„Bürgen ist gegen meine Prinzipien“, erklärte Mahlmann.
+</p>
+
+<p>
+Diederich errötete vor Entrüstung. „Aber ich habe
+doch auch für Sie gebürgt, und dann ist der Wechsel an
+mich gekommen, und ich mußte für Sie hundert Mark
+blechen. Sie haben sich gehütet!“
+</p>
+
+<p>
+„Sehen Sie wohl? Und wenn ich jetzt für Sie bürgen
+wollte, würden Sie auch nicht bezahlen.“
+</p>
+
+<pb n='44'/><anchor id='Pgp0044'/>
+
+<p>
+Diederich riß nur noch die Augen auf.
+</p>
+
+<p>
+„Nein, Freundchen,“ schloß Mahlmann; „wenn ich
+Selbstmord begehen will, brauch’ ich Sie nicht dazu.“
+</p>
+
+<p>
+Diederich faßte sich, er sagte herausfordernd:
+</p>
+
+<p>
+„Sie haben wohl keinen Komment, mein Herr.“
+</p>
+
+<p>
+„Nein“, wiederholte Mahlmann und lachte ungeheuerlich.
+</p>
+
+<p>
+Mit äußerstem Nachdruck stellte Diederich fest: „Dann
+scheinen Sie überhaupt ein Schwindler zu sein. Es soll
+ja gewisse Patentschwindler geben.“
+</p>
+
+<p>
+Mahlmann lachte nicht mehr; die Augen in seinem
+kleinen Kopf waren tückisch geworden, und er stand auf.
+„Nun müssen Sie ’rausgehen“, sagte er, ohne Erregung.
+„Unter uns wäre es wohl Wurst, aber nebenan sitzen
+meine Angestellten, die dürfen so was nicht hören.“
+</p>
+
+<p>
+Er packte Diederich an den Schultern, drehte ihn herum
+und schob ihn vor sich her. Für jeden Versuch, sich loszumachen,
+bekam Diederich einen mächtigen Knuff.
+</p>
+
+<p>
+„Ich fordere Genugtuung“, schrie er, „Sie müssen sich
+mit mir schlagen!“
+</p>
+
+<p>
+„Ich bin schon dabei. Merken Sie es nicht? Dann will
+ich noch einen rufen.“ Er öffnete die Tür. „Friedrich!“
+Und Diederich ward einem Packer überliefert, der ihn die
+Treppe hinabbeförderte. Mahlmann rief ihm nach:
+</p>
+
+<p>
+„Nichts für ungut, Freundchen. Wenn Sie ein andermal
+was auf dem Herzen haben, kommen Sie ruhig
+wieder!“
+</p>
+
+<p>
+Diederich brachte sich in Ordnung und verließ das Haus
+in guter Haltung. Um so schlimmer für Mahlmann, wenn
+er sich so aufführte! Diederich hatte sich nichts vorzuwerfen;
+vor einem Ehrengericht wäre er glänzend dagestanden.
+Etwas höchst Anstößiges blieb es, daß ein
+ein<pb n='45'/><anchor id='Pgp0045'/>zelner sich so viel erlauben konnte; Diederich war gekränkt
+im Namen sämtlicher Korporationen. Andererseits war
+es nicht zu leugnen, daß Mahlmann Diederichs alte Hochachtung
+wieder beträchtlich aufgefrischt hatte. „Ein ganz
+gemeiner Hund“, dachte Diederich. „Aber so muß man
+sein ...“
+</p>
+
+<p>
+Zu Hause lag ein eingeschriebener Brief.
+</p>
+
+<p>
+„Nun können wir fortmachen“, sagte Hornung.
+</p>
+
+<p>
+„Wieso wir? Ich brauch’ mein Geld selbst.“
+</p>
+
+<p>
+„Du machst wohl Spaß. Ich kann hier doch nicht allein
+sitzenbleiben.“
+</p>
+
+<p>
+„Dann such’ dir Gesellschaft!“
+</p>
+
+<p>
+Diederich schlug ein solches Gelächter auf, daß Hornung
+ihn für verrückt hielt. Darauf reiste er wirklich.
+</p>
+
+<p>
+Unterwegs sah er erst, daß der Brief von seiner Mutter
+adressiert war. Das war ungewöhnlich ... Seit ihrer
+letzten Karte, sagte sie, sei es mit seinem Vater noch viel
+schlimmer geworden. Warum Diederich nicht gekommen sei.
+</p>
+
+<p>
+„Wir müssen uns auf das Entsetzlichste gefaßt machen.
+Wenn Du unseren innigst geliebten Papa noch einmal sehen
+willst, o dann säume nicht länger, mein Sohn!“
+</p>
+
+<p>
+Bei dieser Ausdrucksweise ward es Diederich ungemütlich.
+Er entschloß sich, seiner Mutter einfach nicht zu
+glauben. „Weibern glaub’ ich überhaupt nichts, und mit
+Mama ist es nun mal nicht richtig.“
+</p>
+
+<p>
+Trotzdem tat Herr Heßling bei Diederichs Ankunft
+gerade die letzten Atemzüge.
+</p>
+
+<p>
+Von dem Anblick überwältigt, brach Diederich gleich auf
+der Schwelle in ein ganz formloses Geheul aus. Er stolperte
+zum Bett, sein Gesicht war im Augenblick naß wie
+beim Waschen; und mit den Armen tat er lauter kurze
+Flügelschläge und ließ sie machtlos gegen die Hüften
+<pb n='46'/><anchor id='Pgp0046'/>klappen. Plötzlich erkannte er auf der Decke des Vaters
+rechte Hand, kniete hin und küßte sie. Frau Heßling, ganz
+still und klein selbst noch bei den letzten Atemzügen ihres
+Herrn, tat drüben dasselbe mit der linken. Diederich
+dachte daran, wie dieser verkümmerte schwarze Fingernagel
+auf seine Wange zugeflogen war, wenn der Vater
+ihn ohrfeigte; und er weinte laut. Die Prügel gar, als er
+von den Lumpen die Knöpfe gestohlen hatte! Diese Hand
+war schrecklich gewesen; Diederichs Herz krampfte sich, nun
+er sie verlieren sollte. Er fühlte, daß seine Mutter das gleiche
+im Sinn hatte, und sie ahnte seine Gedanken. Auf einmal
+sanken sie einander, über das Bett hinweg, in die Arme.
+</p>
+
+<p>
+Bei den Kondolenzbesuchen hatte Diederich sich zurück.
+Er vertrat vor ganz Netzig, stramm und formensicher, die
+Neuteutonia, sah sich angestaunt und vergaß darüber fast,
+daß er trauerte. Dem alten Herrn Buck ging er bis zur
+äußeren Tür entgegen. Die Beleibtheit des großen Mannes
+von Netzig ward majestätisch in seinem glänzenden
+Gehrock. Würdevoll trug der den umgewendeten Zylinderhut
+vor sich her; und die andere, vom schwarzen Handschuh
+entblößte Hand, die er Diederich reichte, fühlte sich
+überraschend zartfleischig an. Seine blauen Augen drangen
+warm in Diederich ein, und er sagte:
+</p>
+
+<p>
+„Ihr Vater war ein guter Bürger. Junger Mann,
+werden Sie auch einer! Haben Sie immer Achtung vor
+den Rechten Ihrer Mitmenschen! Das gebietet Ihnen
+Ihre eigene Menschenwürde. Ich hoffe, wir werden hier
+in unserer Stadt noch zusammen für das Gemeinwohl
+arbeiten. Sie werden jetzt wohl fertig studieren?“
+</p>
+
+<p>
+Diederich konnte kaum das Ja herausbringen, so sehr
+verstörte ihn die Ehrfurcht. Der alte Buck fragte in leichterem
+Ton:
+</p>
+
+<pb n='47'/><anchor id='Pgp0047'/>
+
+<p>
+„Hat mein Jüngster Sie in Berlin schon aufgesucht?
+Nein? O, das soll er tun. Er studiert jetzt auch dort. Wird
+aber wohl bald sein Jahr abdienen. Haben Sie das schon
+hinter sich?“
+</p>
+
+<p>
+„Nein“ – und Diederich ward sehr rot. Er stammelte
+Entschuldigungen. Es sei ihm bisher ganz unmöglich gewesen,
+das Studium zu unterbrechen. Aber der alte Buck
+zuckte die Achseln, als sei der Gegenstand unerheblich.
+</p>
+
+<p>
+Durch das Testament des Vaters war Diederich neben
+dem alten Buchhalter Sötbier zum Vormund seiner beiden
+Schwestern bestimmt. Sötbier belehrte ihn, daß ein Kapital
+von siebzigtausend Mark da sei, das als Mitgift der
+Mädchen dienen solle. Nicht einmal die Zinsen durften
+angegriffen werden. Der Reingewinn aus der Fabrik
+hatte in den letzten Jahren durchschnittlich neuntausend
+Mark betragen. „Mehr nicht?“ fragte Diederich. Sötbier
+sah ihn an, zuerst entsetzt, dann vorwurfsvoll. Wenn der
+junge Herr sich vorstellen könnte, wie sein seliger Vater
+und Sötbier das Geschäft heraufgearbeitet hätten! Gewiß
+war es ja noch ausdehnungsfähig ...
+</p>
+
+<p>
+„Na, is jut“, sagte Diederich. Er sah, daß hier vieles
+geändert werden müsse. Von einem Viertel von neuntausend
+Mark sollte er leben? Diese Zumutung des Verstorbenen
+empörte ihn. Als seine Mutter behauptete, der
+Selige habe auf dem Sterbebette die Zuversicht geäußert,
+in seinem Sohn Diederich werde er fortleben, und Diederich
+werde sich niemals verheiraten, um immer für die
+Seinen zu sorgen, da brach Diederich aus. „Vater war
+nicht so krankhaft sentimental wie du,“ schrie er, „und er
+log auch nicht.“ Frau Heßling glaubte den Seligen zu
+hören und duckte sich. Dies benutzte Diederich, um seinen
+Monatswechsel um fünfzig Mark erhöhen zu lassen.
+</p>
+
+<pb n='48'/><anchor id='Pgp0048'/>
+
+<p>
+„Zunächst“, sagte er rauh, „hab’ ich mein Jahr abzudienen.
+Das kostet, was es kostet. Mit euren kleinlichen
+Geldgeschichten könnt ihr mir später kommen.“
+</p>
+
+<p>
+Er bestand sogar darauf, in Berlin einzutreten. Der
+Tod des Vaters hatte ihm wilde Freiheitsgefühle gegeben.
+Nachts freilich träumte er, der alte Herr trete aus
+dem Kontor, mit dem ergrauten Gesicht, das er als Leiche
+gehabt hatte – und schwitzend erwachte Diederich.
+</p>
+
+<p>
+Er reiste, versehen mit dem Segen der Mutter. Gottlieb
+Hornung und ihre gemeinsame Rosa konnte er fortan
+nicht brauchen und zog um. Den Neuteutonen zeigte er
+in angemessener Form seine veränderten Lebensumstände
+an. Die Burschenherrlichkeit war vorüber. Der Abschiedskommers!
+Trauersalamander wurden gerieben, die für
+Diederichs alten Herrn bestimmt waren, aber die auch ihm
+und seiner schönsten Blütezeit gelten konnten. Vor lauter
+Hingabe gelangte er unter den Tisch, wie am Abend seiner
+Aufnahme als Konkneipant; und war nun alter Herr.
+</p>
+
+<p>
+Arg verkatert stand er tags darauf, inmitten anderer
+jungen Leute, die alle, wie er selbst, ganz nackt ausgezogen
+waren, vor dem Stabsarzt. Dieser Herr sah angewidert
+über all das männliche Fleisch hin, das ihm unterbreitet
+war; an Diederichs Bauch aber ward sein Blick höhnisch.
+Sofort grinsten alle ringsum, und Diederich blieb nichts
+übrig, als auch seinerseits die Augen auf seinen Bauch
+zu senken, der errötet war ... Der Stabsarzt hatte
+seinen vollen Ernst zurück. Einem, der nicht so scharf
+hörte, wie es Vorschrift war, erging es schlecht, denn man
+kannte die Simulanten! Ein anderer, der noch dazu
+Levysohn hieß, bekam die Lehre: „Wenn Sie mich wieder
+mal hier belästigen, dann waschen Sie sich wenigstens!“
+Bei Diederich hieß es:
+</p>
+
+<pb n='49'/><anchor id='Pgp0049'/>
+
+<p>
+„Ihnen wollen wir das Fett schon wegkurieren. Vier
+Wochen Dienst, und ich garantiere Ihnen, daß Sie aussehen
+wie ein Christenmensch.“
+</p>
+
+<p>
+Damit war er angenommen. Die Ausgemusterten
+fuhren so schnell in ihre Kleider, als brennte die Kaserne.
+Die für tauglich Befundenen sahen einander prüfend von
+der Seite an und entfernten sich zaudernd, als erwarteten
+sie, daß eine schwere Hand sich ihnen auf die Schultern
+lege. Einer, ein Schauspieler mit einem Gesicht, als sei
+ihm alles eins, kehrte um, stellte sich nochmals vor den
+Stabsarzt hin und sagte laut, mit sorgfältiger Aussprache:
+„Ich möchte noch hinzufügen, daß ich homosexuell bin.“
+</p>
+
+<p>
+Der Stabsarzt wich zurück, er war ganz rot. Stimmlos
+sagte er: „Solche Schweine können wir allerdings
+nicht brauchen.“
+</p>
+
+<p>
+Diederich drückte den künftigen Kameraden seine Entrüstung
+aus über ein so schamloses Verfahren. Dann
+sprach er noch den Unteroffizier an, der vorher an der
+Wand seine Körperlänge gemessen hatte, und beteuerte
+ihm, daß er froh sei. Trotzdem schrieb er nach Netzig an
+den praktischen Arzt Dr. Heuteufel, der ihn als Jungen
+im Hals gepinselt hatte: ob der Doktor ihm nicht bescheinigen
+wolle, daß er skrofulös und rachitisch sei. Er könne
+sich doch nicht ruinieren lassen mit der Schinderei. Aber
+die Antwort lautete, er solle nur nicht kneifen, das Dienen
+werde ihm trefflich bekommen. So gab Diederich denn
+sein Zimmer wieder auf und fuhr mit seinem Handkoffer
+in die Kaserne. Wenn man schon vierzehn Tage dort
+wohnen mußte, konnte man so lange die Miete sparen.
+</p>
+
+<p>
+Sofort ging es mit Reckturnen, Springen und anderen
+atemraubenden Dingen an. Kompagnieweise ward man
+in den Korridoren, die „Rayons“ hießen, „abgerichtet“.
+<pb n='50'/><anchor id='Pgp0050'/>Leutnant von Kullerow trug eine unbeteiligte Hochnäsigkeit
+zur Schau, die Einjährigen betrachtete er nie
+anders als mit einem zugekniffenen Auge. Plötzlich schrie
+er: „Abrichter!“ und gab den Unteroffizieren eine Instruktion,
+worauf er sich verachtungsvoll abwandte. Beim
+Exerzieren im Kasernenhof, beim Gliederbilden, Sichzerstreuen
+und Platzwechseln ward weiter nichts beabsichtigt,
+als die „Kerls“ umherzuhetzen. Ja, Diederich
+fühlte wohl, daß alles hier, die Behandlung, die geläufigen
+Ausdrücke, die ganze militärische Tätigkeit vor
+allem darauf hinzielte, die persönliche Würde auf ein
+Mindestmaß herabzusetzen. Und das imponierte ihm;
+es gab ihm, so elend er sich befand, und gerade dann,
+eine tiefe Achtung ein und etwas wie selbstmörderische
+Begeisterung. Prinzip und Ideal war ersichtlich das
+gleiche wie bei den Neuteutonen, nur ward es grausamer
+durchgeführt. Die Pausen der Gemütlichkeit, in denen
+man sich seines Menschentums erinnern durfte, fielen
+fort. Jäh und unabänderlich sank man zur Laus herab,
+zum Bestandteil, zum Rohstoff, an dem ein unermeßlicher
+Wille knetete. Wahnsinn und Verderben wäre es
+gewesen, auch nur im geheimsten Herzen sich aufzulehnen.
+Höchstens konnte man, gegen die eigene Überzeugung,
+sich manchmal drücken. Diederich war beim Laufen gefallen,
+der Fuß tat ihm weh. Nicht, daß er gerade hätte
+hinken müssen, aber er hinkte und durfte, wie die Kompagnie
+„ins Gelände“ marschierte, zurückbleiben. Um
+dies zu erreichen, war er zunächst an den Hauptmann
+selbst herangetreten. „Herr Hauptmann, bitte –“
+Welche Katastrophe! Er hatte in seiner Ahnungslosigkeit
+vorwitzig das Wort an eine Macht gerichtet, von der
+man stumm und auf den Knien des Geistes Befehle
+ent<pb n='51'/><anchor id='Pgp0051'/>gegenzunehmen hatte! Der man sich nur „vorführen“
+lassen konnte! Der Hauptmann donnerte, daß die Unteroffiziere
+zusammenliefen, mit Mienen, in denen das Entsetzen
+vor einer Lästerung stand. Die Folge war, daß
+Diederich stärker hinkte und einen Tag länger vom Dienst
+befreit werden mußte.
+</p>
+
+<p>
+Unteroffizier Vanselow, der für die Untat seines Einjährigen
+verantwortlich war, sagte zu Diederich nur:
+„Das will ein gebildeter Mensch sein!“ Er war es gewohnt,
+daß alles Unheil von den Einjährigen kam.
+Vanselow schlief in ihrem Mannschaftszimmer hinter
+einem Verschlag. Nach dem Lichtlöschen zoteten sie, bis
+der Unteroffizier empört dazwischenschrie: „Das wollen
+gebildete Leute sein!“ Trotz seiner langen Erfahrung
+erwartete er immer noch von den Einjährigen mehr
+Geist und gute Haltung als von den anderen Leuten
+und war immer neu enttäuscht. In Diederich sah er
+keineswegs den Schlimmsten. Das Bier, das einer
+zahlte, entschied nicht allein über Vanselows Meinung.
+Noch mehr sah Vanselow auf den soldatischen Geist
+freudiger Unterwerfung, und den hatte Diederich. In
+der Instruktionsstunde konnte man ihn den anderen als
+Muster vorhalten. Diederich zeigte sich ganz erfüllt von
+den militärischen Idealen der Tapferkeit und der Ehrliebe.
+Was die Abzeichen und die Rangordnung betraf,
+so schien der Sinn dafür ihm angeboren. Vanselow sagte:
+„Jetzt bin ich der Herr Kommandierende General“, und
+auf der Stelle benahm Diederich sich, als glaubte er es.
+Wenn es aber hieß: „Jetzt bin ich ein Mitglied der königlichen
+Familie“, dann war Diederichs Verhalten so, daß es
+dem Unteroffizier ein Lächeln des Größenwahns abnötigte.
+</p>
+
+<p>
+Im Privatgespräch in der Kantine eröffnete Diederich
+<pb n='52'/><anchor id='Pgp0052'/>seinem Vorgesetzten, daß er vom Soldatenleben begeistert
+sei. „Das Aufgehen im großen Ganzen!“ sagte er.
+Er wünsche sich nichts auf der Welt, als ganz dabei zu
+bleiben. Und er war aufrichtig – was aber nicht hinderte,
+daß er am Nachmittag, bei den Übungen „im Gelände“,
+keinen anderen Wunsch mehr kannte, als sich in
+den Graben zu legen und nicht mehr vorhanden zu sein.
+Die Uniform, die ohnedies, aus Rücksichten der Strammheit,
+zu eng geschnitten war, ward nach dem Essen zum
+Marterwerkzeug. Was half es, daß der Hauptmann, bei
+seinen Kommandos, sich unsäglich kühn und kriegerisch
+auf dem Pferd herumsetzte, wenn man selbst, rennend
+und schnaufend, die Suppe unverdaut im Magen schlenkern
+fühlte. Die sachliche Begeisterung, zu der Diederich völlig
+bereit war, mußte zurücktreten hinter der persönlichen Not.
+Der Fuß schmerzte wieder; und Diederich lauschte auf
+den Schmerz, in der angstvollen, mit Selbstverachtung
+verbundenen Hoffnung, es möchte schlimmer werden, so
+schlimm, daß er nicht wieder „ins Gelände“ hinaus mußte,
+daß er vielleicht nicht einmal mehr im Kasernenhof
+üben konnte und daß man genötigt war, ihn zu entlassen!
+</p>
+
+<p>
+Es kam dahin, daß er am Sonntag den alten Herrn eines
+Korpsbruders aufsuchte, der Geheimer Sanitätsrat war.
+Er müsse ihn um seinen Beistand bitten, sagte Diederich,
+rot vor Scham. Er sei begeistert für die Armee, für das
+große Ganze und wäre am liebsten ganz dabei geblieben.
+Man sei da in einem großartigen Betrieb, ein Teil der
+Macht sozusagen und wisse immer, was man zu tun
+habe: das sei ein herrliches Gefühl. Aber der Fuß tue
+nun einmal weh. „Man darf es doch nicht so weit kommen
+lassen, daß er unbrauchbar wird. Schließlich habe
+ich Mutter und Geschwister zu ernähren.“ Der
+Geheim<pb n='53'/><anchor id='Pgp0053'/>rat untersuchte ihn. „Neuteutonia sei’s Panier“, sagte
+er. „Ich kenne zufällig Ihren Oberstabsarzt.“ Hiervon
+war Diederich durch seinen Korpsbruder unterrichtet.
+Er empfahl sich, voll banger Hoffnung.
+</p>
+
+<p>
+Die Hoffnung bewirkte, daß er am nächsten Morgen
+kaum noch auftreten konnte. Er meldete sich krank. „Wer
+sind Sie, was belästigen Sie mich?“ – und der Stabsarzt
+maß ihn. „Sie sehen aus wie das Leben, Ihr Bauch
+ist auch schon kleiner.“ Aber Diederich stand stramm
+und blieb krank; der Vorgesetzte mußte sich zu einer Untersuchung
+herbeilassen. Als er den Fuß zu Gesicht bekam,
+erklärte er, wenn er sich nicht eine Zigarre anzünde,
+werde ihm unwohl werden. Trotzdem war nichts zu
+finden an dem Fuß. Der Stabsarzt stieß ihn entrüstet
+vom Stuhl. „Macht Dienst, Schluß, abtreten“ – und
+Diederich war erledigt. Mitten im Exerzieren aber schrie
+er plötzlich auf und fiel um. Er ward ins „Revier“ gebracht,
+den Aufenthalt der Leichterkrankten, wo es nach
+Volk roch und nichts zu essen gab. Denn die Selbstbeköstigung,
+die den Einjährigen zustand, war hier nur
+schwer zu bewerkstelligen, und von den Rationen der
+anderen bekam er nichts. Vor Hunger meldete er sich
+gesund. Abgeschnitten von menschlichem Schutz, von
+allen sittlichen Rechten der bürgerlichen Welt, trug er
+sein düsteres Geschick; eines Morgens aber, als alle Hoffnung
+schon dahin war, holte man ihn vom Exerzieren
+weg auf das Zimmer des Oberstabsarztes. Dieser hohe
+Vorgesetzte wünschte ihn zu untersuchen. Er hatte einen
+verlegen menschlichen Ton und schlug dann wieder in
+militärische Schroffheit um, die gleichfalls nicht unbefangen
+wirkte. Auch er schien nichts Rechtes zu finden,
+das Ergebnis seines Eingreifens aber klang trotzdem anders.
+<pb n='54'/><anchor id='Pgp0054'/>Diederich sollte nur „vorläufig“ weiter Dienst machen, das
+weitere werde sich schon ergeben. „Bei <hi rend='gesperrt'>dem Fuß</hi> ...“
+</p>
+
+<p>
+Einige Tage später trat ein „Revier“gehilfe an Diederich
+heran und fertigte auf geschwärztem Papier einen
+Abdruck des verhängnisvollen Fußes. Diederich ward genötigt,
+im Revierzimmer zu warten. Der Stabsarzt ging
+eben umher und nahm Gelegenheit, ihm seine volle Verachtung
+auszudrücken. „Nicht mal Plattfuß! Stinkt vor
+Faulheit!“ Da aber ward die Tür aufgestoßen, und der
+Oberstabsarzt, die Mütze auf dem Kopf, hielt seinen Einzug.
+Sein Schritt war fester und zielbewußter als sonst,
+er sah nicht rechts noch links, wortlos stellte er sich vor
+seinem Untergebenen auf, den Blick finster und streng
+auf dessen Mütze. Der Stabsarzt stutzte, er mußte sich
+in eine Lage finden, die ersichtlich die gewohnte Kollegialität
+nicht mehr zuließ. Nun hatte er sie erfaßt, nahm die
+Mütze herunter und stand stramm. Darauf zeigte der
+Vorgesetzte ihm das Papier mit dem Fuß, sprach leise
+und mit einer Betonung, die ihm befahl, etwas zu sehen,
+was nicht da war. Der Stabsarzt blinzelte abwechselnd
+den Vorgesetzten, Diederich und das Papier an. Dann zog
+er die Absätze zusammen: er hatte das Befohlene gesehen.
+</p>
+
+<p>
+Als der Oberstabsarzt fort war, näherte der Stabsarzt
+sich Diederich. Höflich, mit einem leisen Lächeln des
+Einverständnisses, sagte er:
+</p>
+
+<p>
+„Der Fall war natürlich von Anfang an klar. Man
+mußte nur der Leute wegen –. Sie verstehen, die
+Disziplin –.“
+</p>
+
+<p>
+Diederich bekundete durch Strammstehen, daß er alles
+verstehe.
+</p>
+
+<p>
+„Aber“, wiederholte der Stabsarzt, „ich habe natürlich
+gewußt, wie Ihr Fall lag.“
+</p>
+
+<pb n='55'/><anchor id='Pgp0055'/>
+
+<p>
+Diederich dachte: „Wenn du es nicht gewußt hast, jetzt
+weißt du es.“ Laut sagte er:
+</p>
+
+<p>
+„Gestatte mir gehorsamst zu fragen, Herr Stabsarzt:
+Ich werde doch weiterdienen dürfen?“
+</p>
+
+<p>
+„Dafür kann ich Ihnen nicht garantieren“, sagte der
+Stabsarzt und machte kehrt.
+</p>
+
+<p>
+Von schwerem Dienst war Diederich fortan befreit,
+das „Gelände“ sah ihn nicht mehr. Um so williger und
+freudiger war sein Verhalten in der Kaserne. Wenn des
+Abends beim Appell der Hauptmann, die Zigarre im
+Munde und leicht angetrunken, aus dem Kasino kam,
+um für Stiefel, die nicht geschmiert, sondern gewichst
+waren, Mittelarrest zu verhängen: an Diederich fand
+er nichts auszusetzen. Um so unerbittlicher übte er seine
+gerechte Strenge an einem Einjährigen, der nun schon im
+dritten Monat strafweise im Mannschaftszimmer schlafen
+mußte, weil er einst, während der ersten vierzehn Tage,
+nicht dort, sondern zu Hause geschlafen hatte. Er hatte
+damals vierzig Grad Fieber gehabt und wäre, wenn er
+seine Pflicht getan hätte, vielleicht gestorben. Dann wäre
+er eben gestorben! Der Hauptmann hatte, sooft er diesen
+Einjährigen ansah, ein Gesicht voll stolzer Genugtuung.
+Diederich dahinten, klein und unversehrt, dachte: „Siehst
+du wohl? Die Neuteutonia und ein Geheimer Sanitätsrat
+sind mehr wert als vierzig Grad Fieber ...“ Was Diederich
+betraf, so waren die amtlichen Formalitäten eines Tages
+glücklich erfüllt, und der Unteroffizier Vanselow verkündete
+ihm seine Entlassung. Diederich hatte sofort die
+Augen voll Tränen; er drückte Vanselow warm die Hand.
+</p>
+
+<p>
+„Gerade muß mir das passieren, und ich hatte doch“ –
+er schluchzte – „so viel Freudigkeit.“
+</p>
+
+<p>
+Und dann war er „draußen“.
+</p>
+
+<pb n='56'/><anchor id='Pgp0056'/>
+
+<p>
+Vier Wochen lang blieb er zu Hause und büffelte.
+Wenn er zum Essen ging, sah er sich um, ob ein Bekannter
+ihn bemerkte. Endlich mußte er sich den Neuteutonen
+wohl zeigen. Er trat herausfordernd auf.
+</p>
+
+<p>
+„Wer von euch noch nicht dabei war, hat keine Ahnung.
+Ich sage euch, da sieht man die Welt von einem anderen
+Standpunkt. Ich wäre überhaupt dabei geblieben, meine
+Vorgesetzten rieten es mir, ich sei hervorragend qualifiziert.
+Na und da –“
+</p>
+
+<p>
+Er starrte schmerzlich vor sich hin.
+</p>
+
+<p>
+„Das Unglück mit dem Gaul. Das kommt davon,
+wenn man ein zu guter Soldat ist. Der Hauptmann
+läßt einen in seinem Dogcart fahren, damit der Gaul
+mal bewegt wird, und da ist das Unglück passiert. Natürlich
+habe ich den Fuß nicht geschont und zu früh wieder
+Dienst gemacht. Die Sache verschlimmerte sich erheblich,
+der Stabsarzt gab mir anheim, für jede Eventualität
+meine Angehörigen zu benachrichtigen.“
+</p>
+
+<p>
+Dies sagte er knapp und männlich.
+</p>
+
+<p>
+„Da hättet ihr nun den Hauptmann sehen sollen. Täglich
+kam er selbst, nach den größten Märschen, mit bestaubter
+Uniform, wie er war. So was gibt es auch nur
+beim Militär. Wir sind in den bösen Tagen wahre
+Kameraden geworden. Hier die Zigarre ist noch von
+ihm. Und als er mir dann eingestehen mußte, der Stabsarzt
+wolle mich fortschicken, ich kann euch versichern, das
+war einer der Augenblicke im Leben, die man nicht vergißt.
+Der Hauptmann und ich, wir kriegten beide gleichzeitig
+feuchte Augen.“
+</p>
+
+<p>
+Alle waren erschüttert. Diederich sah tapfer um sich.
+</p>
+
+<p>
+„Na, jetzt soll man sich also wieder in das bürgerliche
+Leben hineinfinden. Prost.“
+</p>
+
+<pb n='57'/><anchor id='Pgp0057'/>
+
+<p>
+Er büffelte weiter; und am Sonnabend kneipte er mit
+den Neuteutonen. Auch Wiebel erschien wieder. Er war
+Assessor, auf dem Wege zum Staatsanwalt und sprach
+nur noch von „subversiven Tendenzen“, „Vaterlandsfeinden“
+und auch vom „christlich-sozialen Gedanken“.
+Er erklärte den Füchsen, es sei an der Zeit, sich mit
+Politik zu beschäftigen. Er wisse wohl, daß es nicht für
+vornehm gelte, aber die Gegner zwängen einen dazu.
+Hochfeudale Herren, wie sein Freund, der Assessor von
+Barnim, seien in der Bewegung. Herr von Barnim
+werde demnächst den Neuteutonen die Ehre geben.
+</p>
+
+<p>
+Er kam, und er gewann alle Herzen, denn er benahm
+sich wie gleich zu gleich. Er hatte dunkles, glatt gescheiteltes
+Haar, das Wesen eines pflichteifrigen Beamten,
+sprach sachlich – aber am Schluß seines Vortrages bekam
+er Schwärmeraugen und verabschiedete sich rasch,
+mit warmen Händedrücken. Die Neuteutonen stimmten
+nach seinem Besuch alle darin überein, daß der jüdische
+Liberalismus die Vorfrucht der Sozialdemokratie sei
+und daß die christlichen Deutschen sich um den Hofprediger
+Stöcker zu scharen hätten. Diederich verband, wie die
+anderen, mit dem Wort „Vorfrucht“ keinen deutlichen
+Sinn und verstand unter „Sozialdemokratie“ nur eine
+allgemeine Teilerei. Das genügte ihm auch. Aber Herr
+von Barnim hatte jeden, der nähere Aufklärung wünschte,
+zu sich eingeladen, und Diederich würde es sich nicht verziehen
+haben, wenn er eine so schmeichelhafte Gelegenheit
+versäumt hätte.
+</p>
+
+<p>
+In seiner kalten, altmodischen Junggesellenwohnung
+hielt Herr von Barnim ihm ein Privatissimum. Sein
+politisches Ziel war eine ständische Volksvertretung, wie
+im glücklichen Mittelalter: Ritter, Geistliche,
+Gewerbe<pb n='58'/><anchor id='Pgp0058'/>treibende, Handwerker. Das Handwerk mußte, der
+Kaiser hatte es mit Recht gefordert, wieder auf die Höhe
+kommen, wie vor dem Dreißigjährigen Krieg. Die Innungen
+hatten Gottesfurcht und Sittlichkeit zu pflegen.
+Diederich äußerte sein wärmstes Einverständnis. Es
+entsprach seinen Trieben, als eingetragenes Mitglied
+eines Standes, einer Berufsklasse, nicht persönlich, sondern
+korporativ im Leben Fuß zu fassen. Er sah sich schon
+als Abgeordneter der Papierbranche. Die jüdischen
+Mitbürger freilich schloß Herr von Barnim von seiner
+Ordnung der Dinge aus; waren sie doch das Prinzip
+der Unordnung und Auflösung, des Durcheinanderwerfens,
+der Respektlosigkeit: das Prinzip des Bösen
+selbst. Sein frommes Gesicht zog sich zusammen vom
+Haß, und Diederich fühlte ihn mit.
+</p>
+
+<p>
+„Schließlich“, meinte er, „haben wir doch die Gewalt
+und können sie hinauswerfen. Das deutsche Heer –“
+</p>
+
+<p>
+„Das ist es eben“, stieß Herr von Barnim aus, der
+durch das Zimmer lief. „Haben wir darum den ruhmreichen
+Krieg geführt, daß mein väterliches Gut an einen
+Herrn Frankfurter verkauft wird?“
+</p>
+
+<p>
+Während Diederich noch erschüttert schwieg, klingelte
+es, und Herr von Barnim sagte:
+</p>
+
+<p>
+„Es ist mein Barbier, den will ich mir auch mal vornehmen.“
+</p>
+
+<p>
+Er bemerkte Diederichs Enttäuschung und setzte hinzu:
+</p>
+
+<p>
+„Natürlich rede ich mit solch einem Manne anders. Aber
+jeder von uns muß an seinem Teil der Sozialdemokratie
+Abbruch tun und die kleinen Leute in das Lager unseres
+christlichen Kaisers hinüberziehen. Tun auch Sie das Ihre!“
+</p>
+
+<p>
+Damit war Diederich entlassen. Er hörte den Barbier
+noch sagen:
+</p>
+
+<pb n='59'/><anchor id='Pgp0059'/>
+
+<p>
+„Schon wieder ein alter Kunde, Herr Assessor, der zu
+Liebling hinübergeht, bloß weil Liebling jetzt Marmor
+hat.“
+</p>
+
+<p>
+Wiebel sagte, als Diederich ihm berichtete:
+</p>
+
+<p>
+„Das ist alles schön und gut, und ich habe eine ganz
+bedeutende Verehrung für die ideale Gesinnung meines
+Freundes von Barnim, aber auf die Dauer kommen wir
+damit nicht mehr weiter. Sehen Sie mal, auch Stöcker
+hat im Eispalast seine verdammten Erfahrungen gemacht
+mit der Demokratie, ob sie sich nun christlich nennt oder
+unchristlich. Die Dinge sind zu weit gediehen. Heute heißt
+es bloß noch: losschlagen, solange wir die Macht haben.“
+</p>
+
+<p>
+Und Diederich stimmte erleichtert bei. Herumgehen
+und Christen werben, war ihm gleich ein wenig peinlich
+erschienen.
+</p>
+
+<p>
+„Die Sozialdemokratie nehme ich auf mich, hat der Kaiser
+gesagt.“ Wiebels Augen drohten katerhaft. „Nun, was
+wollen Sie mehr? Das Militär ist darüber instruiert, es
+könne vorkommen, daß es auf die lieben Verwandten
+schießen muß. Also? Ich kann Ihnen mitteilen, mein
+Lieber, wir stehen am Vorabend großer Ereignisse.“
+</p>
+
+<p>
+Da Diederich erregte Neugier zeigte:
+</p>
+
+<p>
+„Was ich durch meinen Vetter von Klappke –.“
+</p>
+
+<p>
+Wiebel machte eine Pause. Diederich zog die Absätze
+zusammen:
+</p>
+
+<p>
+„– in Erfahrung gebracht habe, ist noch nicht für die
+Öffentlichkeit reif. Ich will nur bemerken, daß der gestrige
+Ausspruch Seiner Majestät, die Nörgler möchten gefälligst
+den deutschen Staub von ihren Pantoffeln schütteln,
+eine verteufelt ernst zu nehmende Warnung war.“
+</p>
+
+<p>
+„Tatsächlich? Sie glauben?“ sagte Diederich. „Dann
+ist mein Pech wirklich skandalös, daß ich gerade jetzt aus
+<pb n='60'/><anchor id='Pgp0060'/>dem Dienst Seiner Majestät scheiden mußte. Ich darf
+sagen, daß ich gegen den inneren Feind meine volle
+Pflicht getan haben würde. Auf die Armee, so viel weiß
+ich, kann der Kaiser sich verlassen.“
+</p>
+
+<p>
+Er war in diesen naßkalten Februartagen des Jahres
+1892 viel auf der Straße, in der Erwartung großer
+Ereignisse. Unter den Linden hatte sich etwas verändert,
+man sah noch nicht, was. Berittene Schutzleute hielten
+an den Mündungen der Straßen und warteten auch. Die
+Passanten zeigten einander das Aufgebot der Macht.
+„Die Arbeitslosen!“ Man blieb stehen, um sie ankommen
+zu sehen. Sie kamen vom Norden her, in kleinen
+Abteilungen und im langsamen Marschschritt. Unter den
+Linden zögerten sie, wie verwirrt, berieten sich mit den
+Blicken und lenkten nach dem Schloß ein. Dort standen
+sie, stumm, die Hände in den Taschen, ließen sich von
+den Rädern der Wagen mit Schlamm bespritzen und
+zogen die Schultern hoch unter dem Regen, der auf ihre
+entfärbten Überzieher fiel. Manche von ihnen wandten
+die Köpfe nach vorübergehenden Offizieren, nach den
+Damen in ihren Wagen, nach den langen Pelzen der
+Herren, die von der Burgstraße her schlenderten; und ihre
+Mienen waren ohne Ausdruck, nicht drohend und nicht
+einmal neugierig, nicht, als wollten sie sehen, sondern als
+zeigten sie sich. Andere aber ließen kein Auge von den
+Fenstern des Schlosses. Das Wasser lief über ihre hinaufgewendeten
+Gesichter. Ein Pferd mit einem schreienden
+Schutzmann trieb sie weiter, hinüber oder bis zur nächsten
+Ecke – aber schon standen sie wieder, und die Welt
+schien versunken zwischen diesen breiten hohlen Gesichtern,
+die fahler Abend beschien, und der starren Mauer
+dort hinten, auf der es dunkelte.
+</p>
+
+<pb n='61'/><anchor id='Pgp0061'/>
+
+<p>
+„Ich begreife nicht,“ sagte Diederich, „daß die Polizei
+nicht energischer vorgeht. Das ist doch eine unbotmäßige
+Bande.“
+</p>
+
+<p>
+„Lassen Sie’s gut sein“, erwiderte Wiebel. „Die
+Schutzleute sind genau instruiert. Die Herren da oben
+haben ihre wohlüberlegten Absichten, das können Sie
+mir glauben. Es ist nämlich gar nicht immer zu wünschen,
+daß derartige Fäulniserscheinungen am Staatskörper
+gleich anfangs unterdrückt werden. Man läßt
+sie ausreifen, dann macht man ganze Arbeit!“
+</p>
+
+<p>
+Die Reife, die Wiebel meinte, kam täglich näher, am
+sechsundzwanzigsten schien sie da. Die Demonstrationen
+der Arbeitslosen sahen zielbewußter aus. In eine der
+nördlichen Straßen zurückgetrieben, quollen sie aus der
+nächsten, bevor man ihnen den Weg abschneiden konnte,
+verstärkt wieder hervor. Unter den Linden vereinigten
+sich ihre Züge, rannen, sooft sie getrennt wurden, wieder
+zusammen, erreichten das Schloß, wichen zurück und erreichten
+es noch einmal, stumm und unaufhaltsam wie
+übergetretenes Wasser. Der Wagenverkehr stockte, die
+Fußgänger stauten sich, mit hineingezogen in die langsame
+Überschwemmung, worin der Platz ertrank, in dies
+trübe und mißfarbene Meer der Armen, das zäh dahinrollte,
+dumpfe Laute heraufwälzte und wie Maste untergegangener
+Schiffe die Stangen mit den Bannern hinaufreckte:
+„Brot! Arbeit!“ Ein deutlicheres Grollen, ausbrechend
+aus der Tiefe, jetzt drüben, jetzt hier: „Brot! Arbeit!“
+Anschwellend über die Menge hinrollend, wie aus
+einer Gewitterwolke: „Brot! Arbeit!“ Eine Attacke der Berittenen,
+ein Aufschäumen, Zurückfließen, und Weiberstimmen
+im Lärm, schrill, gleich Signalen: „Brot! Arbeit!“
+</p>
+
+<p>
+Man wird überrannt, vom Friedrichdenkmal fegt es die
+<pb n='62'/><anchor id='Pgp0062'/>Neugierigen hinunter. Aber sie haben aufgerissene Münder;
+aus kleinen Beamten, denen der Weg ins Amt versperrt
+ist, fliegt Staub auf, als würden sie geklopft. Ein
+verzerrtes Gesicht, das Diederich nicht kennt, schreit ihm
+zu: „Es kommt anders! Jetzt geht es gegen die Juden!“
+– und ist untergegangen, bevor ihm einfällt, es war
+Herr von Barnim. Er will ihm nach, wird in einem
+großen Schub weit hinübergeworfen, bis vor das Fenster
+eines Cafés, hört das Klirren der eingedrückten Scheibe,
+einen Arbeiter, der schreit: „Da haben se mich neulich
+’rausgesetzt for meine dreißig Fennje, weil ich keinen
+Zylinderhut hatte“ – und dringt mit ein durch das
+Fenster, zwischen die umgeworfenen Tische, auf den
+Boden, wo man über Scherben fällt, einander die Bäuche
+einstößt und laut zetert. „Niemand mehr ’rein! Wir
+kriegen keine Luft!“ Aber immer mehr steigen ein. „Die
+Polizei drängelt!“ Und die Mitte der Straße sieht man
+frei liegen, gesäubert, wie für einen Triumphzug. Da
+sagt jemand: „Das ist doch Wilhelm!“
+</p>
+
+<p>
+Und Diederich war wieder draußen. Niemand wußte,
+wie es kam, daß man auf einmal marschieren konnte, in
+gedrängter Masse, auf der ganzen Breite der Straße
+und zu beiden Seiten bis an die Flanken des Pferdes,
+worauf der Kaiser saß: er selbst. Man sah ihn an und
+ging mit. Knäuel von Schreienden wurden aufgelöst
+und mitgerissen. Alle sahen ihn an. Dunkles Geschiebe,
+ohne Form, planlos, grenzenlos, und hell darüber ein
+junger Herr im Helm, der Kaiser. Sie sahen: sie hatten
+ihn heruntergeholt aus dem Schloß. Sie hatten: „Brot!
+Arbeit!“ geschrien, bis er gekommen war. Nichts hatte
+sich geändert, als daß er da war – und schon marschierten
+sie, als gehe es auf das Tempelhofer Feld.
+</p>
+
+<pb n='63'/><anchor id='Pgp0063'/>
+
+<p>
+Seitwärts, wo die Reihen dünner waren, sagten
+bürgerlich Gekleidete zu einander: „Na, Gott sei Dank,
+er weiß, was er will!“
+</p>
+
+<p>
+„Was will er denn?“
+</p>
+
+<p>
+„Der Bande zeigen, wer die Macht hat! Im guten hat
+er es mit ihnen versucht. Er ist sogar zu weit gegangen
+in den Erlassen vor zwei Jahren. Sie sind frech geworden.“
+</p>
+
+<p>
+„Angst kennt er nicht, das muß man sagen. Kinder,
+dies ist ein historischer Moment!“
+</p>
+
+<p>
+Diederich hörte es und erschauderte. Der alte Herr,
+der gesprochen hatte, wandte sich auch an ihn. Er hatte
+weiße Bartkoteletts und das Eiserne Kreuz.
+</p>
+
+<p>
+„Junger Mann,“ sagte er, „was unser herrlicher junger
+Kaiser da macht, das werden die Kinder mal aus den
+Schulbüchern lernen. Passen Sie auf!“
+</p>
+
+<p>
+Viele hatten gehobene Brüste und feierliche Mienen.
+Die Herren, die dem Kaiser folgten, blickten mit äußerster
+Entschlossenheit darein, ihre Pferde aber lenkten sie durch
+das Volk, als seien alle die Leute zum Statieren bei einer
+Allerhöchsten Aufführung befohlen; und manchmal schielten
+sie seitwärts, nach dem Eindruck im Publikum. Er
+selbst, der Kaiser, sah nur sich und seine Leistung. Tiefer
+Ernst versteinte seine Züge, sein Auge blitzte hin über
+die Tausende der von ihm Gebannten. Er maß sich mit
+ihnen, der von Gott gesetzte Herr mit den empörerischen
+Knechten! Allein und ungeschützt hatte er sich mitten
+unter sie gewagt, stark nur durch seine Sendung. Sie
+konnten sich an ihm vergreifen, wenn es im Plan des
+Höchsten lag; er brachte seiner heiligen Sache sich selbst
+zum Opfer. War Gott mit ihm, dann sollten sie es sehen!
+Dann bewahrten sie für immer das Gepräge seiner Tat
+und die Erinnerung an ihre Ohnmacht!
+</p>
+
+<pb n='64'/><anchor id='Pgp0064'/>
+
+<p>
+Ein junger Mensch mit einem Künstlerhut ging neben
+Diederich, er sagte: „Kennen wir. Napoleon in Moskau,
+wie er sich solo unter die Bevölkerung mischt.“
+</p>
+
+<p>
+„Das ist doch großartig!“ behauptete Diederich, und
+die Stimme versagte ihm. Der andere zuckte die Achseln.
+</p>
+
+<p>
+„Theater, und nicht mal gut.“
+</p>
+
+<p>
+Diederich sah ihn an, er versuchte zu blitzen wie der Kaiser.
+</p>
+
+<p>
+„Sie sind wohl auch so einer.“
+</p>
+
+<p>
+Er hätte nicht sagen können was für einer. Er fühlte
+nur, daß er hier, zum erstenmal im Leben, die gute Sache
+zu vertreten habe gegen feindliche Bemängelungen. Trotz
+seiner Aufregung sah er sich noch die Schultern des Menschen
+an: sie waren nicht breit. Auch äußerte die Umgebung
+sich mißbilligend. Da ging Diederich vor. Mit seinem
+Bauch drängte er den Feind gegen die Mauer und schlug
+auf den Künstlerhut ein. Andere knufften mit. Der Hut
+lag schon am Boden und bald auch der Mensch. Im
+Weitergehen bemerkte Diederich zu seinen Mitkämpfern:
+</p>
+
+<p>
+„Der hat sicher nicht gedient! Schmisse hat er auch keine!“
+</p>
+
+<p>
+Der alte Herr mit Bartkoteletts und Eisernem Kreuz
+war auch wieder da, er drückte Diederich die Hand.
+</p>
+
+<p>
+„Brav, junger Mann, brav!“
+</p>
+
+<p>
+„Soll man da nicht wütend werden?“ erklärte Diederich,
+noch keuchend. „Wenn der Mensch uns den historischen
+Moment verekeln will?“
+</p>
+
+<p>
+„Sie haben gedient?“ fragte der alte Herr.
+</p>
+
+<p>
+„Ich wäre am liebsten ganz dabei geblieben“, sagte
+Diederich.
+</p>
+
+<p>
+„Na ja, Sedan ist nicht alle Tage“ – der alte Herr
+betupfte sein Eisernes Kreuz. „Das waren wir!“
+</p>
+
+<p>
+Diederich reckte sich, er zeigte auf das bezwungene Volk
+und den Kaiser.
+</p>
+
+<pb n='65'/><anchor id='Pgp0065'/>
+
+<p>
+„Das ist doch gerade so gut wie Sedan!“
+</p>
+
+<p>
+„Na ja“, sagte der alte Herr.
+</p>
+
+<p>
+„Gestatten Sie mal, sehr geehrter Herr“, rief jemand
+und schwenkte sein Notizbuch. „Wir müssen das bringen.
+Stimmungsbild, verstehnse? Sie haben wohl einen Genossen
+verwalkt?“
+</p>
+
+<p>
+„Kleinigkeit“ – Diederich keuchte noch immer.
+„Meinetwegen könnt’ es jetzt gleich losgehen gegen den
+inneren Feind. Unseren Kaiser haben wir mit.“
+</p>
+
+<p>
+„Fein“, sagte der Reporter und schrieb. „In der wildbewegten
+Menge hört man Leute aller Stände der treuesten
+Anhänglichkeit und dem unerschütterlichen Vertrauen
+zu der Allerhöchsten Person Ausdruck geben.“
+</p>
+
+<p>
+„Hurra!“ schrie Diederich, denn alle schrien es; und
+inmitten eines mächtigen Stoßes von Menschen, der
+schrie, gelangte er jäh bis unter das Brandenburger Tor.
+Zwei Schritte vor ihm ritt der Kaiser hindurch. Diederich
+konnte ihm ins Gesicht sehen, in den steinernen Ernst
+und das Blitzen; aber ihm verschwamm es vor den Augen,
+so sehr schrie er. Ein Rausch, höher und herrlicher als
+der, den das Bier vermittelt, hob ihn auf die Fußspitzen,
+trug ihn durch die Luft. Er schwenkte den Hut hoch
+über allen Köpfen, in einer Sphäre der begeisterten
+Raserei, durch einen Himmel, wo unsere äußersten Gefühle
+kreisen. Auf dem Pferd dort, unter dem Tor der
+siegreichen Einmärsche und mit Zügen steinern und
+blitzend ritt die Macht! Die Macht, die über
+uns hingeht und deren Hufe wir küssen! Die
+über Hunger, Trotz und Hohn hingeht! Gegen
+die wir nichts können, weil wir alle sie lieben!
+Die wir im Blut haben, weil wir die Unterwerfung
+darin haben! Ein Atom sind wir von ihr, ein
+<pb n='66'/><anchor id='Pgp0066'/>verschwindendes Molekül von etwas, das sie ausgespuckt
+hat! Jeder einzelne ein Nichts, steigen wir in gegliederten
+Massen als Neuteutonen, als Militär, Beamtentum,
+Kirche und Wissenschaft, als Wirtschaftsorganisation und
+Machtverbände kegelförmig hinan, bis dort oben, wo
+sie selbst steht, steinern und blitzend! Leben in ihr, haben
+teil an ihr, unerbittlich gegen die, die ihr ferner sind,
+und triumphierend, noch wenn sie uns zerschmettert:
+denn so rechtfertigt sie unsere Liebe!
+</p>
+
+<p>
+... Einer der Schutzleute, deren Kette das Tor absperrte,
+stieß Diederich vor die Brust, daß ihm der Atem
+ausblieb; er aber hatte die Augen so voll Siegestaumel,
+als reite er selbst über alle diese Elenden hinweg, die gebändigt
+ihren Hunger verschluckten. Ihm nach! Dem
+Kaiser nach! Alle fühlten wie Diederich. Eine Schutzmannskette
+war zu schwach gegen so viel Gefühl; man
+durchbrach sie. Drüben stand eine zweite. Man mußte
+abbiegen, auf Umwegen den Tiergarten erreichen, einen
+Durchschlupf finden. Wenige fanden ihn; Diederich war
+allein, als er auf den Reitweg hinausstürzte, dem Kaiser
+entgegen, der auch allein war. Ein Mensch im gefährlichsten
+Zustand des Fanatismus, beschmutzt, zerrissen,
+mit Augen wie ein Wilder: der Kaiser vom Pferd herunter,
+blitzte ihn an, er durchbohrte ihn. Diederich riß
+den Hut ab, sein Mund stand weit offen, aber der Schrei
+kam nicht. Da er zu plötzlich anhielt, glitt er aus und
+setzte sich mit Wucht in einen Tümpel, die Beine in die
+Luft, umspritzt von Schmutzwasser. Da lachte der Kaiser.
+Der Mensch war ein Monarchist, ein treuer Untertan!
+Der Kaiser wandte sich nach seinen Begleitern um, schlug
+sich auf den Schenkel und lachte. Diederich aus seinem
+Tümpel sah ihm nach, den Mund noch offen.
+</p>
+
+</div><div rend="page-break-before: always">
+<pb n='67'/><anchor id='Pgp0067'/>
+<index index="toc" level1="II"/>
+<index index="pdf" level1="II"/>
+<head>II.</head>
+
+<p>
+Er reinigte sich notdürftig und kehrte um. Auf einer
+Bank saß eine Dame; Diederich ging ungern vorüber.
+Noch dazu starrte sie ihm entgegen. „Gans“,
+dachte er zornig. Da sah er, daß sie ein tief erschrockenes
+Gesicht hatte, und dann erkannte er Agnes Göppel.
+</p>
+
+<p>
+„Eben bin ich dem Kaiser begegnet“, sagte er sofort.
+</p>
+
+<p>
+„Dem Kaiser?“ fragte sie, wie aus einer anderen Welt.
+Er begann, unter großen, ungewohnten Gesten herauszujagen,
+was ihn erstickte. Unser herrlicher junger Kaiser,
+ganz allein unter rasenden Aufrührern! Ein Café hatten
+sie demoliert, Diederich selbst war drin gewesen! Unter
+den Linden hatte er blutige Kämpfe bestanden für seinen
+Kaiser! Kanonen sollte man auffahren!
+</p>
+
+<p>
+„Die Leute hungern wohl“, sagte Agnes schüchtern.
+„Es sind ja auch Menschen.“
+</p>
+
+<p>
+„Menschen?“ Diederich rollte die Augen. „Der innere
+Feind sind sie!“
+</p>
+
+<p>
+Da er Agnes wieder erschrecken sah, beruhigte er sich
+etwas.
+</p>
+
+<p>
+„Wenn es Ihnen Vergnügen macht, daß wegen des
+Packs alle Straßen abgesperrt werden müssen.“
+</p>
+
+<p>
+Nein, das kam Agnes sehr ungelegen. Sie hatte in der
+Stadt Besorgungen gehabt, und wie sie zurück nach der
+Blücherstraße wollte, ging kein Omnibus mehr, und
+nirgends kam man durch. Sie war zurückgedrängt worden
+bis hierher. Es war kalt und naß, ihr Vater würde
+sich ängstigen; was sollte sie tun? Diederich verhieß ihr,
+er werde es schon machen. Sie gingen zusammen weiter.
+<pb n='68'/><anchor id='Pgp0068'/>Er wußte auf einmal nichts mehr zu sagen und wendete
+den Kopf umher, als suchte er den Weg. Sie waren
+allein zwischen kahlen Bäumen und nassem alten Laub.
+Wo waren die männlichen Hochgefühle von vorhin?
+Diederich empfand Beklommenheit, wie auf seinem letzten
+Spaziergang mit Agnes, als er, von Mahlmann gewarnt,
+auf einen Omnibus sprang, ausriß und verschwand. Gerade
+sagte Agnes: „Sie haben sich aber sehr, sehr lange nicht
+bei uns sehen lassen. Papa hat Ihnen doch geschrieben?“
+</p>
+
+<p>
+Sein eigener Vater sei gestorben, sagte Diederich, betreten.
+Jetzt mußte Agnes zuerst ihr Beileid ausdrücken,
+dann fragte sie weiter: warum er damals plötzlich fortgeblieben
+sei, vor drei Jahren.
+</p>
+
+<p>
+„Nicht wahr? Es sind schon fast drei Jahre.“
+</p>
+
+<p>
+Diederich bekam Festigkeit. Das Verbindungsleben
+habe ihn völlig in Anspruch genommen. Dort herrsche
+nämlich eine verdammt strenge Zucht. „Und dann habe
+ich meiner Wehrpflicht genügt.“
+</p>
+
+<p>
+„Oh!“ – Agnes sah ihn an, „was aus Ihnen alles geworden
+ist! Und jetzt sind Sie wohl schon Doktor?“
+</p>
+
+<p>
+„Das soll jetzt kommen.“
+</p>
+
+<p>
+Er sah unzufrieden geradeaus. Seine Schmisse, seine
+stattliche Breite, alle seine wohlerworbene Männlichkeit:
+für sie war das nichts? Sie bemerkte es gar nicht?
+</p>
+
+<p>
+„Aber Sie“, sagte er plump. In ihr blasses, so schmales
+Gesicht stieg eine ganz dünne Röte, bis auf den Sattel
+der kleinen eingedrückten Nase mit den Sommersprossen.
+</p>
+
+<p>
+„Ja. Mir geht es manchmal nicht gut, aber es wird
+schon wieder besser werden.“
+</p>
+
+<p>
+Diederich bereute.
+</p>
+
+<p>
+„Ich meinte doch natürlich, daß Sie noch hübscher geworden
+sind“ – und er betrachtete ihr rotes Haar, das
+<pb n='69'/><anchor id='Pgp0069'/>unter dem Hut hervorquoll, noch dicker als früher, weil
+ihr Gesicht so klein geworden war. Dabei erinnerte er
+sich seiner Demütigungen von damals und wie anders
+die Dinge jetzt lagen. Herausfordernd sagte er:
+</p>
+
+<p>
+„Wie geht es denn Herrn Mahlmann?“
+</p>
+
+<p>
+Agnes bekam eine wegwerfende Miene.
+</p>
+
+<p>
+„Denken Sie an den noch? Wenn ich den mal wiedersähe,
+wär’s mir gleich.“
+</p>
+
+<p>
+„So? Aber er hat ein Patentbureau und könnte ganz
+gut heiraten.“
+</p>
+
+<p>
+„Wennschon.“
+</p>
+
+<p>
+„Früher interessierten Sie sich doch für ihn.“
+</p>
+
+<p>
+„Woraus schließen Sie das?“
+</p>
+
+<p>
+„Er schenkte Ihnen immer etwas.“
+</p>
+
+<p>
+„Ich hätte es lieber nicht angenommen; aber dann –“
+sie sah auf den Weg, auf das nasse Laub vom Vorjahr, „dann
+hätte ich auch Ihre Geschenke nicht annehmen dürfen.“
+</p>
+
+<p>
+Darauf schwieg sie erschrocken. Diederich fühlte, daß
+etwas Schweres geschehen war, und schwieg auch.
+</p>
+
+<p>
+„Das war doch nicht der Rede wert,“ stieß er endlich
+heraus, „ein paar Blumen.“ Und mit wiedergekehrter
+Entrüstung: „Mahlmann hat Ihnen sogar ein Armband
+geschenkt.“
+</p>
+
+<p>
+„Ich trage es niemals“, sagte Agnes. Er hatte auf einmal
+Herzklopfen, er brachte hervor: „Und wenn es von
+mir gewesen wäre?“
+</p>
+
+<p>
+Stille; er hielt den Atem an. Ganz leise kam es von
+ihr her:
+</p>
+
+<p>
+„Dann ja.“
+</p>
+
+<p>
+Darauf gingen sie plötzlich rascher und ohne mehr zu
+sprechen. Sie kamen vor das Brandenburger Tor, sahen
+die Linden bedrohlich von Polizei erfüllt, eilten vorbei und
+<pb n='70'/><anchor id='Pgp0070'/>bogen in die Dorotheenstraße. Hier war es wenig belebt,
+Diederich verlangsamte den Schritt, er fing an zu lachen.
+</p>
+
+<p>
+„Das ist eigentlich hochkomisch. Was Mahlmann Ihnen
+nämlich schenkte, war mit meinem Geld bezahlt. Er nahm
+mir ja alles ab, ich war noch ein ganz grüner Junge.“
+</p>
+
+<p>
+Sie blieb stehen. „Oh!“ – und sie sah ihn an, ihre
+goldbraunen Augen zitterten. „Das ist schrecklich. Können
+Sie mir das verzeihen?“
+</p>
+
+<p>
+Er lächelte überlegen. Das seien alte Geschichten,
+Jugendtorheiten.
+</p>
+
+<p>
+„Nein, nein“, sagte sie verstört.
+</p>
+
+<p>
+Die Hauptsache, meinte er, sei jetzt, wie sie nach Hause
+komme. Hier ging es schon wieder nicht weiter. Omnibusse
+waren auch nicht zu sehen. „Es tut mir leid, aber
+Sie werden sich meine Gesellschaft noch länger gefallen
+lassen müssen. Übrigens wohne ich gleich hier. Sie
+könnten mit hinaufkommen, da wären Sie wenigstens im
+Trockenen. Aber natürlich, eine junge Dame darf das nicht.“
+</p>
+
+<p>
+Sie hatte noch immer diesen flehenden Blick.
+</p>
+
+<p>
+„Sie sind so gut“, sagte sie, stärker atmend. „Sie sind
+so edel.“ Und da sie schon das Haus betraten: „Zu Ihnen
+kann ich doch Vertrauen haben?“
+</p>
+
+<p>
+„Ich weiß, was ich der Ehre meiner Korporation
+schulde“, erklärte Diederich.
+</p>
+
+<p>
+Sie mußten an der Küche vorbei, aber es war niemand
+darin. „Legen Sie doch so lange ab“, sagte Diederich
+gnädig. Er stand da, ohne Agnes anzusehen, und trat,
+während sie den Hut abnahm, von einem Fuß auf den
+anderen.
+</p>
+
+<p>
+„Ich muß die Wirtin suchen, damit sie Tee macht.“ Er
+wandte sich schon nach der Tür, zuckte aber zurück: Agnes
+hatte seine Hand ergriffen und küßte sie! „Aber Fräulein
+<pb n='71'/><anchor id='Pgp0071'/>Agnes“, murmelte er, furchtbar erschrocken, und legte ihr,
+wie tröstend, den Arm um ihre Schulter; da sank sie gegen
+die seine. Er drückte seinen Mund in ihr Haar, ziemlich
+tief, weil er sich dazu verpflichtet fühlte. Unter seinem
+Druck bebte und flog ihr Körper, als würde er geschlagen.
+Er fühlte sich in der dünnen Bluse lau und feucht an.
+Diederich ward es heiß, er küßte Agnes auf den Hals. Und
+plötzlich kam ihr Gesicht auf ihn zu: mit offenem Mund,
+halbgeschlossenen Augen und mit einem Ausdruck, den
+er nie gesehen hatte und der ihm schwindlig machte.
+„Agnes! Agnes, ich liebe dich“, sagte er wie aus tiefer
+Not. Sie antwortete nicht, aus ihrem offenen Mund
+kamen kleine warme Atemstöße, und er fühlte sie fallen,
+er trug sie, die zu zerfließen schien.
+</p>
+
+<p>
+Dann saß sie auf dem Diwan und weinte. „Sei mir
+nicht bös, Agnes“, bat Diederich. Sie sah ihn an mit
+ihren nassen Augen.
+</p>
+
+<p>
+„Ich weine doch vor Glück“, sagte sie. „Ich hab’ so
+lange auf dich gewartet.“
+</p>
+
+<p>
+„Warum?“ fragte sie, da er ihre Bluse schließen wollte.
+„Warum deckst du es schon zu? Findest du es schon
+nicht mehr schön?“
+</p>
+
+<p>
+Er verwahrte sich. „Ich bin mir der übernommenen
+Verantwortung vollkommen bewußt.“
+</p>
+
+<p>
+„Verantwortung?“ sagte Agnes. „Wer hat die? Ich
+habe dich drei Jahre lang geliebt. Du wußtest es ja nicht.
+Es war wohl das Schicksal!“
+</p>
+
+<p>
+Diederich, die Hände in den Taschen, bedachte, daß dies
+das Schicksal der leichtsinnigen Mädchen sei. Andererseits
+empfand er das Bedürfnis, sich ihre Versicherungen
+wiederholen zu lassen. „Also wirklich mich, nur mich hast
+du geliebt?“
+</p>
+
+<pb n='72'/><anchor id='Pgp0072'/>
+
+<p>
+„Ich sah, daß du mir nicht glaubtest. Es war schrecklich,
+als ich merkte, du kamst nicht mehr, und es war aus. Es
+war ganz schrecklich. Ich wollte dir schreiben, ich wollte
+zu dir gehen. Jedesmal verlor ich den Mut, weil du mich
+doch nicht mehr mochtest. Ich kam so herunter, daß Papa
+eine Reise mit mir machen mußte.“
+</p>
+
+<p>
+„Wohin denn?“ fragte Diederich. Aber Agnes antwortete
+nicht, sie zog ihn wieder an sich.
+</p>
+
+<p>
+„Sei lieb mit mir! Ich hab’ nur dich!“
+</p>
+
+<p>
+Diederich dachte verlegen: „Dann hast du nicht viel.“
+Agnes schien ihm verkleinert und sehr im Wert gesunken,
+seit er den Beweis hatte, daß sie ihn liebte. Auch sagte
+er sich, einem Mädchen, das so etwas tat, dürfe man nicht
+alles glauben.
+</p>
+
+<p>
+„Und Mahlmann?“ fragte er höhnisch. „Ein bißchen
+war doch wohl los mit ihm.“ – „Na laß nur“, sagte er,
+da sie sich mit starrem Entsetzen aufrichtete. Er suchte
+gutzumachen. Er sei doch auch noch ganz benommen von
+seinem Glück.
+</p>
+
+<p>
+Sehr langsam zog sie sich an. „Dein Vater wird aber
+gar nicht wissen, was los ist“, meinte Diederich. Sie hob
+nur die Schultern. Als sie fertig war und er schon die
+Tür geöffnet hatte, blieb sie noch stehen und sah in das
+Zimmer zurück, mit einem langen, angstvollen Blick.
+</p>
+
+<p>
+„Vielleicht“, sagte sie, wie zu sich selbst, „komme ich nie
+wieder. Mir ist, als sollte ich heute nacht sterben.“
+</p>
+
+<p>
+„Wieso denn?“ sagte Diederich, peinlich berührt. Statt
+einer Antwort ließ sie sich noch einmal an ihn hinsinken,
+den Mund auf seinem, die Brust auf seiner und von den
+Hüften zu den Füßen wie mit ihm verwachsen. Diederich
+wartete geduldig. Dann löste sie sich, öffnete die Augen
+und sagte:
+</p>
+
+<pb n='73'/><anchor id='Pgp0073'/>
+
+<p>
+„Du mußt nicht denken, daß ich etwas von dir verlange.
+Ich hab’ dich geliebt, nun ist alles gleich.“
+</p>
+
+<p>
+Er bot ihr einen Wagen an, aber sie wollte gehen.
+Unterwegs fragte er nach ihrer Familie und nach anderen
+Bekannten. Erst am Belle-Alliance-Platz ward er unruhig,
+und etwas heiser brachte er hervor:
+</p>
+
+<p>
+„Natürlich denke ich nicht daran, mich meinen Verpflichtungen
+dir gegenüber zu entziehen. Nur vorläufig:
+du verstehst, ich verdiene noch nichts, ich muß erst fertig
+sein und zu Hause mich in den Betrieb einleben ...“
+</p>
+
+<p>
+Agnes erwiderte dankbar und ruhig, als habe man ihr
+ein Kompliment gemacht:
+</p>
+
+<p>
+„Es wäre schön, wenn ich später einmal deine Frau
+werden könnte.“
+</p>
+
+<p>
+Da sie in die Blücherstraße einbogen, blieb er stehen.
+Unsicher meinte er, es sei jetzt wohl besser, wenn er umkehre.
+Sie sagte:
+</p>
+
+<p>
+„Weil uns jemand sehen könnte? Das würde gar nichts
+machen, denn ich muß zu Hause doch erzählen, daß ich
+dir begegnet bin und daß wir im Café zusammen gewartet
+haben, bis die Straßen wieder frei waren.“
+</p>
+
+<p>
+„Na, die kann lügen“, dachte Diederich. Sie setzte hinzu:
+</p>
+
+<p>
+„Für Sonntag bist du zu Mittag geladen, du mußt
+bestimmt kommen.“
+</p>
+
+<p>
+Diesmal war es ihm zuviel, er fuhr auf. „Ich soll –?
+Bei euch soll ich –?“
+</p>
+
+<p>
+Sie lächelte sanft und schlau. „Es geht doch nicht anders.
+Wenn man uns einmal sähe –: willst du denn nicht, daß
+ich wiederkomme?“
+</p>
+
+<p>
+O ja, das wollte er. Trotzdem mußte sie ihm zureden,
+bis er sein Erscheinen versprach. Vor ihrem Hause verabschiedete
+er sich mit einer formellen Verbeugung, kehrte
+<pb n='74'/><anchor id='Pgp0074'/>rasch um und dachte: „So ein Weib ist scheußlich raffiniert.
+Lange tu’ ich da nicht mit.“ Indes bemerkte er mit Unlust,
+daß es Zeit sei, auf die Kneipe zu gehen. Es verlangte
+ihn nach Hause, er wußte nicht, warum. Als er
+dann die Tür seines Zimmers hinter sich zugezogen hatte,
+blieb er davor stehen und starrte in die Dunkelheit. Plötzlich
+reckte er die Arme in die Höhe, wandte das Gesicht
+nach oben und sagte in einem langen Aufatmen:
+</p>
+
+<p>
+„Agnes!“
+</p>
+
+<p>
+Er fühlte sich verwandelt, leicht, wie vom Boden gehoben.
+„Ich bin ganz furchtbar glücklich“, dachte er, und:
+„So schön kommt es im ganzen Leben nicht wieder!“
+Er hatte die Gewißheit, daß er bis jetzt, bis zu dieser Minute,
+alle Dinge falsch angesehen, falsch bewertet hatte.
+Dort hinten kneipten sie nun und machten sich wichtig.
+Juden oder Arbeitslose, was gingen einen die an, warum
+sollte man sie hassen? Diederich fühlte sich bereit, sie zu
+lieben! Hatte er denn wirklich, er selbst, den Tag in
+einem Gewühl von Menschen verbracht, die er für Feinde
+gehalten hatte? Sie waren Menschen: Agnes hatte recht!
+War er selbst es, der jemand um einiger Worte willen
+geschlagen hatte, geprahlt, gelogen, sich töricht abgearbeitet
+und endlich, zerrissen und sinnlos, sich in den Schmutz
+geworfen hatte vor einem Herrn zu Pferd, dem Kaiser,
+der ihn auslachte? Er erkannte, daß er, bis Agnes kam,
+ein hilfloses, bedeutungsloses und armes Leben geführt
+habe. Bestrebungen wie die eines Fremden, Gefühle,
+die ihn beschämten, und niemand, den er liebte – bis
+Agnes kam! „Agnes! Süße Agnes, du weißt ja gar
+nicht, wie ich dich liebhabe!“ Aber sie sollte es wissen.
+Er fühlte, daß er es nie wieder so werde sagen können
+wie in dieser Stunde, und er schrieb einen Brief. Er
+<pb n='75'/><anchor id='Pgp0075'/>schrieb, daß auch er diese drei Jahre immer auf sie gewartet
+habe, und daß er keine Hoffnung gehabt habe,
+weil sie zu schön für ihn sei, zu fein und zu gut; daß er
+sich das mit Mahlmann nur eingeredet habe aus Feigheit
+und aus Trotz; daß sie eine Heilige sei, und nun sie zu
+ihm herabgestiegen, liege er zu ihren Füßen. „Hebe mich
+auf, Agnes, ich kann stark sein, ich fühle es, und ich will
+Dir mein ganzes Leben weihen!“ – Er weinte, drückte
+das Gesicht in das Diwankissen, worin er ihren Duft noch
+spürte, und unter Schluchzen, wie als Kind, schlief er ein.
+</p>
+
+<p>
+Am Morgen freilich war er erstaunt und befremdet, sich
+nicht im Bett zu finden. Sein großes Erlebnis fiel ihm ein,
+ein süßer Stoß ging durch sein Blut, bis zum Herzen. Aber
+auch der Verdacht kam ihm, daß er sich peinliche Übertreibungen
+habe zuschulden kommen lassen. Er las den
+Brief wieder durch: das war alles recht schön, und es konnte
+einen auch wirklich aus der Fassung bringen, wenn man
+auf einmal mit so einem großartigen Mädel ein Verhältnis
+hatte. Wäre sie jetzt nur dagewesen, er hätte zärtlich sein
+wollen! Aber den Brief schickte man doch besser nicht ab.
+Es war unvorsichtig in jeder Beziehung. Am Ende fing
+Vater Göppel ihn ab ... Diederich verschloß den Brief im
+Schreibtisch. „An das Essen hab’ ich gestern überhaupt nicht
+gedacht!“ Er ließ sich ein ausgiebiges Frühstück bringen.
+„Und rauchen wollte ich nicht, damit ihr Geruch nicht verginge.
+Das ist doch Blödsinn. So darf man nicht sein.“
+Er zündete eine Zigarre an und ging ins Laboratorium.
+Was er auf dem Herzen hatte, beschloß er statt in Worte
+– denn so hohe Worte waren unmännlich und unbequem
+– lieber in Musik auszuströmen. Er mietete ein Klavier
+und versuchte sich plötzlich mit viel mehr Glück als in der
+Klavierstunde an Schubert und Beethoven.
+</p>
+
+<pb n='76'/><anchor id='Pgp0076'/>
+
+<p>
+Am Sonntag, wie er bei Göppels klingelte, machte
+Agnes selbst ihm auf. „Das Mädchen kann nicht vom
+Herd fort“, sagte sie; aber den wahren Grund sagte ihr
+Blick. Aus Ratlosigkeit senkte Diederich die Augen auf
+das silberne Armband, womit sie klapperte, als sollte er
+hinsehen.
+</p>
+
+<p>
+„Kennst du es nicht?“ flüsterte Agnes. Er ward rot.
+</p>
+
+<p>
+„Das von Mahlmann?“
+</p>
+
+<p>
+„Das von dir! Ich trag’ es zum erstenmal.“
+</p>
+
+<p>
+Rasch und heiß drückte sie ihm die Hand, dann ging
+die Tür zum Berliner Zimmer auf. Herr Göppel wandte
+sich um. „Na, da ist wohl unser Ausreißer?“ Aber kaum
+erblickte er Diederich, änderte sich seine Miene, er bereute
+seine Vertraulichkeit.
+</p>
+
+<p>
+„Ich hätte Sie, weiß Gott, nicht wiedererkannt, Herr
+Heßling!“
+</p>
+
+<p>
+Diederich sah zu Agnes hinüber, wie um ihr zu sagen:
+„Siehst du? Der merkt es, daß ich kein dummer Junge
+mehr bin.“
+</p>
+
+<p>
+„Bei Ihnen ist ja alles unverändert“, stellte Diederich
+fest und begrüßte Herrn Göppels Schwestern und
+Schwager. In Wahrheit aber fand er alle beträchtlich
+gealtert, besonders Herrn Göppel, der sich weniger munter
+benahm und dem ein kummervolles Fett von den
+Wangen hing. Die Kinder waren nun größer, und irgendwo
+im Zimmer schien eine Person zu fehlen.
+</p>
+
+<p>
+„Ja, ja,“ so schloß Herr Göppel die einleitende Unterhaltung,
+„die Zeit vergeht, aber gute Freunde finden sich
+immer wieder.“
+</p>
+
+<p>
+„Wenn du wüßtest, wie“, dachte Diederich verlegen
+und mit Geringschätzung, indes man zu Tisch ging. Beim
+Kalbsbraten fiel ihm endlich ein, wer damals ihm
+gegen<pb n='77'/><anchor id='Pgp0077'/>über gesessen hatte. Es war die Tante, die ihn so hochtrabend
+gefragt hatte, was er denn studiere, und die nicht
+gewußt hatte, daß Chemie etwas anderes war als Physik.
+Agnes, die er zu seiner Rechten hatte, erklärte ihm, daß
+diese Tante schon seit zwei Jahren tot sei. Diederich
+murmelte sein Beileid, im stillen aber sagte er sich: „Die
+quatscht also auch nicht mehr.“ Ihm kam es vor, als ob
+hier alle bestraft und niedergedrückt seien, ihn selbst nur
+hatte das Schicksal, seinem Wert entsprechend, erhöht.
+Und er streifte Agnes, von oben herab, mit dem Blick des
+Besitzers.
+</p>
+
+<p>
+Die süße Speise ließ auf sich warten, gerade wie damals.
+Agnes wandte unruhig den Kopf nach der Tür, Diederich
+sah ihre schönen blonden Augen verdunkelt, als sei etwas
+Ernstes geschehen. Er hatte plötzlich tiefes Mitgefühl mit ihr,
+eine große Zärtlichkeit. Er stand auf und rief aus der Tür:
+</p>
+
+<p>
+„Marie! Der Krehm!“
+</p>
+
+<p>
+Wie er zurückkam, trank Herr Göppel ihm zu. „Das
+haben Sie früher auch schon gemacht. Sie sind doch hier
+wie’s Kind im Hause. Nicht, Agnes?“ Agnes dankte
+Diederich mit einem Blick, der sein ganzes Herz aufrührte.
+Er mußte sich zusammennehmen, um nicht feuchte Augen
+zu bekommen. Wie wohlwollend die Verwandten ihm
+zulächelten! Der Schwager stieß mit ihm an. Was für
+gute Menschen! Und Agnes, die süße Agnes, liebte ihn!
+Er verdiente so viel nicht! Das Gewissen schlug ihm laut,
+er nahm sich dunkel vor, nachher mit Herrn Göppel zu
+sprechen.
+</p>
+
+<p>
+Leider fing Herr Göppel nach dem Essen wieder von
+den Krawallen an. Wenn wir endlich den Druck der Bismarckschen
+Kürassierstiefel los waren, brauchte man die
+Arbeiter nun nicht mit Dicktun in Reden zu reizen. Der
+<pb n='78'/><anchor id='Pgp0078'/>junge Mann (so nannte Herr Göppel den Kaiser!) redet
+uns noch die Revolution an den Hals ... Diederich sah
+sich veranlaßt, im Namen der Jugend, die fest und treu
+zu ihrem herrlichen jungen Kaiser stehe, solche Nörgeleien
+auf das schärfste zurückzuweisen. Seine Majestät hatten
+es selbst gesagt: „Diejenigen, welche mir behilflich sein
+wollen, herzlich willkommen. Die sich mir entgegenstellen,
+zerschmettere ich.“ Dabei versuchte Diederich zu
+blitzen. Herr Göppel erklärte, er warte es ab.
+</p>
+
+<p>
+„In dieser harten Zeit“, fügte Diederich hinzu, „muß
+jeder seinen Mann stehen.“ Und er setzte sich in Positur
+vor Agnes, die ihn bewunderte.
+</p>
+
+<p>
+„Wieso harte Zeit?“ sagte Herr Göppel. „Sie ist doch
+nur hart, wenn wir uns gegenseitig das Leben schwer
+machen. Ich hab’ mich mit meinen Arbeitern noch immer
+vertragen.“
+</p>
+
+<p>
+Diederich zeigte sich entschlossen, daheim in seinem Betrieb
+eine ganz andere Zucht einzuführen. Sozialdemokraten
+wurden nicht mehr geduldet, und Sonntags gingen
+die Leute zur Kirche! – Das auch noch? meinte Herr
+Göppel. Das könne er von seinen Leuten nicht verlangen,
+wenn er selbst doch bloß am Karfreitag gehe. „Soll ich
+sie beschwindeln? Christentum ist gut; aber was der
+Pastor alles redet, glaubt doch kein Mensch mehr.“ Da
+sah man Diederichs Miene hoch überlegen werden.
+</p>
+
+<p>
+„Mein lieber Herr Göppel, ich kann Ihnen nur sagen:
+Was die Herren da oben und besonders mein verehrter
+Freund, der Assessor von Barnim, zu glauben für richtig
+halten, das glaub’ ich auch – unbesehen. Das kann ich
+Ihnen nur sagen.“
+</p>
+
+<p>
+Der Schwager, der Beamter war, schlug sich plötzlich
+auf Diederichs Seite. Herr Göppel hatte schon einen
+<pb n='79'/><anchor id='Pgp0079'/>roten Kopf, Agnes trat mit dem Kaffee dazwischen. „Na,
+schmecken Ihnen meine Zigarren?“ Herr Göppel klopfte
+Diederich aufs Knie. „Sehen Sie wohl, im Menschlichen
+sind wir einig.“
+</p>
+
+<p>
+Diederich dachte: „Da ich sozusagen zur Familie gehöre.“
+</p>
+
+<p>
+Er ließ von seiner strammen Haltung einiges nach, es
+war noch sehr gemütlich. Herr Göppel wollte wissen,
+wann Diederich „fertig“ werde und Doktor sei, er begriff
+nicht, daß eine chemische Arbeit zwei Jahre und länger
+brauche. Diederich verbreitete sich in Ausdrücken, die niemand
+verstand, über die Schwierigkeiten, zu einer Lösung
+zu gelangen. Er hatte die Empfindung, Herr Göppel warte
+zu einem bestimmten Zweck auf seine Promovierung.
+Auch Agnes schien es zu fühlen, denn sie griff ein und
+lenkte das Gespräch ab. Als Diederich sich verabschiedet
+hatte, ging sie mit hinaus und flüsterte ihm zu:
+</p>
+
+<p>
+„Morgen um drei bei dir.“
+</p>
+
+<p>
+Vor jäher Freude griff er nach ihr und küßte sie, zwischen
+den Türen, während gleich daneben das Mädchen mit
+dem Geschirr rasselte. Sie fragte traurig: „Denkst du
+denn gar nicht daran, was mir passiert, wenn jetzt jemand
+kommt?“ Er war betroffen und verlangte als Zeichen
+ihrer Verzeihung noch einen Kuß. Sie gab ihn.
+</p>
+
+<p>
+Um drei Uhr pflegte Diederich aus dem Café ins Laboratorium
+zurückzukehren. Statt dessen war er schon um
+zwei Uhr wieder in seinem Zimmer. Richtig kam sie noch
+vor drei. „Wir haben es beide nicht erwarten können!
+Wie wir uns liebhaben!“ Es war schöner als das erstemal,
+viel schöner. Keine Träne mehr, keine Furcht; und die
+Sonne schien herein. Diederich breitete Agnes’ Haar in
+der Sonne aus und badete sein Gesicht darin.
+</p>
+
+<pb n='80'/><anchor id='Pgp0080'/>
+
+<p>
+Sie blieb, bis es fast schon zu spät war, die Einkäufe zu
+machen, die sie zu Hause vorgeschützt hatte. Sie mußte
+laufen. Diederich, der mitlief, war sehr besorgt, daß es
+ihr schaden könne. Aber sie lachte, sah rosig aus und nannte
+ihn ihren Bären. Immer endeten nun so die Tage, an
+denen sie kam. Immer waren sie glücklich. Herr Göppel
+stellte fest, daß es Agnes besser gehe als je, und das verjüngte
+ihn selbst. Daher wurden auch die Sonntage jedesmal
+heiterer. Es dauerte bis abends, dann ward Punsch
+gemacht, Diederich mußte Schubert spielen, oder er und
+der Schwager sangen Burschenlieder und Agnes begleitete
+sie. Manchmal sahen sie sich nacheinander um, beiden
+war zumut, als werde ihr Glück gefeiert.
+</p>
+
+<p>
+Es kam vor, daß im Laboratorium der Diener zu Diederich
+hintrat und ihm meldete, draußen sei eine Dame. Er
+stand sofort auf, stolz errötend unter den verständnisvollen
+Blicken der Kollegen. Und dann bummelten sie, gingen
+ins Café, ins Panoptikum; und da Agnes gern Bilder sah,
+erfuhr Diederich auch, daß es Kunstausstellungen gab.
+Agnes liebte es, vor einem Bild, das ihr gefiel, einer sanften,
+festtägigen Landschaft aus schöneren Ländern, lange
+stehenzubleiben, mit halbgeschlossenen Augen, und
+Träume auszutauschen mit Diederich.
+</p>
+
+<p>
+„Sieh nur recht hin, dann merkst du, das ist kein Rahmen,
+es ist ein Tor mit goldenen Stufen, die gehen wir
+hinunter und über den Weg, und biegen die Weißdornbüsche
+weg und steigen in den Kahn. Fühlst du wohl, wie
+er schaukelt? Das kommt, weil wir die Hand durch das
+Wasser schleifen, es ist so warm. Drüben am Berg, der
+weiße Punkt, du weißt schon, es ist unser Haus, dahin
+fahren wir. Siehst du, siehst du?“
+</p>
+
+<p>
+„Ja, ja“, sagte Diederich voll Eifer. Er kniff die Lider
+<pb n='81'/><anchor id='Pgp0081'/>ein und sah alles, was Agnes wollte. Er geriet so sehr
+in Feuer, daß er ihre Hand nahm, um sie zu trocknen.
+Dann setzten sie sich in einen Winkel und sprachen von den
+Reisen, die sie machen wollten, dem sorgenlosen Glück in
+sonniger Ferne, von Liebe ohne Ende. Diederich glaubte,
+was er sagte. Im Grunde wußte er wohl, daß er bestimmt
+sei, zu arbeiten und ein praktisches Leben zu führen,
+ohne viel Muße für Überschwenglichkeiten. Aber
+was er hier sagte, war von einer höheren Wahrheit als
+alles, was er wußte. Der eigentliche Diederich, der, der
+er hätte sein sollen, sprach wahr. – Aber Agnes: wie sie
+nun aufstanden und gingen, war sie blaß und schien müde.
+Ihre schönen blonden Augen hatten einen Glanz, der
+Diederich beklommen machte, und sie fragte leise und
+zitternd:
+</p>
+
+<p>
+„Wenn unser Kahn nun umgeschlagen wäre?“
+</p>
+
+<p>
+„Dann hätte ich dich gerettet!“ sagte Diederich entschlossen.
+</p>
+
+<p>
+„Aber es ist weit vom Ufer, und das Wasser ist schrecklich
+tief.“
+</p>
+
+<p>
+Da er ratlos war:
+</p>
+
+<p>
+„Wir hätten ertrinken müssen. Sag’, wärst du gern mit
+mir gestorben?“
+</p>
+
+<p>
+Diederich sah sie an; dann schloß er die Augen.
+</p>
+
+<p>
+„Ja“, sagte er mit einem Seufzer.
+</p>
+
+<p>
+Nachher aber bereute er ein solches Gespräch. Er hatte
+wohl gemerkt, warum Agnes plötzlich in eine Droschke
+steigen und heimfahren mußte. Sie hatte krampfhafte
+Röte bis in die Stirn gehabt, und er sollte nicht sehen,
+wie sie hustete. Den ganzen Nachmittag bereute Diederich
+nun. Solche Sachen waren ungesund, führten zu
+nichts und machten Ungelegenheiten. Sein Professor
+<pb n='82'/><anchor id='Pgp0082'/>hatte schon von den Besuchen der Dame erfahren. Es
+ging nicht länger, daß sie ihn wegen jeder Laune von seiner
+Arbeit wegholte. Er setzte es ihr schonend auseinander.
+„Du hast wohl recht“, sagte sie darauf. „Ordentliche
+Menschen brauchen feste Stunden. Aber wenn ich nun
+um halb sechs zu dir kommen soll, und am meisten geliebt
+hab’ ich dich schon um vier?“
+</p>
+
+<p>
+Er fühlte Spott heraus, vielleicht sogar Geringschätzung,
+und ward grob. Eine Geliebte, die ihn an seiner Karriere
+hindern wollte, könne er überhaupt nicht brauchen. So
+habe er sich die Sache nicht vorgestellt. Da bat Agnes
+um Verzeihung. Sie wollte ganz bescheiden werden und
+in seinem Zimmer auf ihn warten. Wenn er noch zu tun
+hatte, oh! er brauchte keine Rücksicht zu nehmen. Das
+beschämte Diederich, er ward weich und überließ sich, zusammen
+mit Agnes, den Klagen über eine Welt, in der
+es nicht nur Liebe gab. „Muß es denn sein?“ fragte
+Agnes. „Du hast ein wenig Geld, ich auch. Warum
+Karriere machen und dich abhetzen? Wir könnten es so
+gut haben.“ Diederich sah es ein – nachträglich aber
+nahm er ihr es übel. Nun ließ er sie warten, halb mit
+Absicht. Sogar den Besuch politischer Versammlungen
+erklärte er für eine Pflicht, die der Zusammenkunft mit
+Agnes vorangehe. Eines Abends im Mai, wie er verspätet
+heimkam, traf er vor der Tür einen jungen Mann
+in Einjährigenuniform, der ihn zögernd ansah. „Herr
+Diederich Heßling?“ – „Ach ja,“ stammelte Diederich,
+„Sie – du – Sie sind wohl Herr Wolfgang Buck?“
+</p>
+
+<p>
+Der jüngste Sohn des großen Mannes von Netzig hatte
+sich endlich entschlossen, dem Befehl seines Vaters zu
+folgen und Diederich aufzusuchen. Diederich nahm ihn
+mit hinauf, er fand so schnell keinen Vorwand, um ihn
+<pb n='83'/><anchor id='Pgp0083'/>zu entfernen, und drinnen saß Agnes! Im Flur sprach
+er laut, damit sie es höre und sich verstecke. Mit Bangen
+öffnete er. Im Zimmer war niemand; auch ihr Hut lag
+nicht auf dem Bett; aber Diederich wußte wohl: sie war
+noch soeben dagewesen. Er sah es dem Stuhl an, der
+nicht ganz am Fleck stand, er fühlte es an der Luft, die
+noch leise zu schwingen schien vom Hindurchstreifen ihres
+Kleides. Sie mußte in dem fensterlosen kleinen Gelaß
+sein, wo sein Waschtisch stand. Er schob einen Sessel
+davor und murrte, unwirsch vor Verlegenheit, über die
+Wirtin, die nicht aufräume. Wolfgang Buck meinte, er
+komme wohl ungelegen. „O nein!“ versicherte Diederich.
+Er lud den Gast zum Sitzen ein und brachte Kognak. Buck
+entschuldigte sich wegen der ungewöhnlichen Stunde; der
+Dienst lasse ihm keine Wahl. „Das kennen wir“, sagte
+Diederich; und um Fragen zuvorzukommen, berichtete
+er sofort, daß ein Jahr schon hinter ihm liege. Er sei
+begeistert vom Militär, es sei das Wahre. Wer ganz
+dabei bleiben könnte! Leider riefen ihn Familienpflichten.
+Buck lächelte, ein weiches, skeptisches Lächeln, das
+Diederich mißfiel. „Nun ja, die Offiziere: man ist wenigstens
+unter Leuten mit guten Manieren.“
+</p>
+
+<p>
+„Sie verkehren mit ihnen?“ fragte Diederich, und er
+meinte es höhnisch. Aber Buck erklärte einfach, daß er
+zuweilen in die Offiziersmesse geladen werde. Er zuckte
+die Achseln. „Ich gehe hin, weil ich es für nützlich halte,
+mich in allen Lagern umzusehen. Andererseits verkehre
+ich viel mit Sozialisten.“ Er lächelte wieder. „Manchmal
+möchte ich nämlich General werden und manchmal
+Arbeiterführer. Auf welche Seite ich schließlich fallen
+werde, darauf bin ich selbst neugierig.“ Und er trank das
+zweite Glas Kognak aus. „Ein ekelhafter Mensch“, dachte
+<pb n='84'/><anchor id='Pgp0084'/>Diederich. „Und Agnes in der Dunkelkammer.“ Er
+sagte: „Mit Ihren Mitteln steht es Ihnen ja frei, sich
+in den Reichstag wählen zu lassen oder was Ihnen sonst
+Spaß macht. Ich bin auf praktische Arbeit angewiesen.
+Die Sozialdemokratie betrachte ich übrigens als meinen
+Feind, denn sie ist der Feind des Kaisers.“
+</p>
+
+<p>
+„Wissen Sie das ganz genau?“ fragte darauf Buck.
+„Ich traue eher dem Kaiser eine heimliche Liebe für die
+Sozialdemokratie zu. Er wäre gern selber der erste Arbeiterführer
+geworden. Sie haben nur nicht gewollt.“
+</p>
+
+<p>
+Diederich empörte sich. Das sei beleidigend für Seine
+Majestät. Aber Buck ließ sich nicht stören. „Erinnern Sie
+sich nicht, wie er Bismarck gegenüber gedroht hat, er
+wolle den reichen Leuten seinen militärischen Schutz entziehen?
+Er hat, wenigstens anfangs, gerade solche Rancüne
+gegen die Reichen gehabt wie die Arbeiter – wenn auch
+natürlich aus abweichenden Gründen, weil er sich nämlich
+schwer damit abfindet, daß auch andere Macht haben.“
+</p>
+
+<p>
+Den Ausrufen, die in Diederichs Mienen standen, kam
+Buck zuvor. „Glauben Sie bitte nicht,“ sagte er lebhafter,
+„daß Antipathie aus mir spricht. Es ist im Gegenteil Zärtlichkeit:
+eine Art feindlicher Zärtlichkeit, wenn Sie wollen.“
+</p>
+
+<p>
+„Verstehe ich nicht“, sagte Diederich.
+</p>
+
+<p>
+„Nun ja: wie man sie für jemand hat, bei dem man seine
+eigenen Fehler wiederfindet, oder nennen Sie es Tugenden.
+Jedenfalls sind wir jungen Leute jetzt alle so wie
+unser Kaiser, daß wir nämlich unsere Persönlichkeit ausleben
+möchten und doch ganz gut fühlen, Zukunft hat
+nur die Masse. Einen Bismarck wird es nicht mehr geben
+und auch keinen Lassalle mehr. Vielleicht sind es die Begabteren
+unter uns, die sich das heute noch ableugnen
+möchten. Er jedenfalls möchte es sich ableugnen. Und
+<pb n='85'/><anchor id='Pgp0085'/>wenn einem solche Unmenge Macht in den Schoß gefallen
+ist, wäre es auch wirklich Selbstmord, sich nicht zu
+überschätzen. Aber in tiefster Seele hat er sicher seine
+Zweifel an der Rolle, die er sich zumutet.“
+</p>
+
+<p>
+„Rolle?“ fragte Diederich. Buck merkte es gar nicht.
+</p>
+
+<p>
+„Denn die kann ihn weit führen, da sie in der Welt, wie
+sie heute nun einmal ist, verdammt paradox wirken muß.
+Diese Welt erwartet von keinem einzelnen irgend mehr als
+von seinem Nachbarn. Auf Niveau kommt es an, nicht auf
+Auszeichnung, und am allerwenigsten auf große Männer.“
+</p>
+
+<p>
+„Erlauben Sie!“ Diederich warf sich in die Brust.
+„Und das Deutsche Reich, hätten wir das ohne große
+Männer? Hohenzollern sind immer große Männer.“ –
+Buck verzog schon wieder den Mund, wehmütig und
+skeptisch. „Dann müssen sie sich in acht nehmen. Und
+wir anderen auch. Der Kaiser steht, auf seine Verhältnisse
+übertragen, vor derselben Frage wie ich. Soll ich
+General werden und mein ganzes Leben auf einen Krieg
+einrichten, der voraussichtlich nie mehr geführt werden
+wird? Oder ein womöglich genialer Volksführer, während
+das Volk doch schon so weit ist, daß es auf die Genies
+verzichten kann? Beides wäre Romantik, und Romantik
+führt bekanntlich zum Bankerott.“ Buck trank zwei
+Kognaks nacheinander.
+</p>
+
+<p>
+„Was soll ich also werden?“
+</p>
+
+<p>
+„Ein Alkoholiker“, dachte Diederich. Er fragte sich, ob
+es nicht seine Pflicht sei, Buck einen Krach zu machen.
+Aber Buck trug Uniform! Auch würde der Lärm vielleicht
+Agnes hervorgescheucht haben, und was konnte dann alles
+entstehen! Immerhin beschloß er, sich Bucks Äußerungen
+genau zu merken. Dachte der Mensch mit solchen Gesinnungen
+Karriere zu machen? Diederich erinnerte sich,
+<pb n='86'/><anchor id='Pgp0086'/>daß auf der Schule Bucks deutsche Aufsätze, die zu geistreich
+waren, ihm ein unerklärtes, aber tiefes Mißtrauen
+eingegeben hatten. „Stimmt,“ dachte er, „so ist er geblieben.
+Ein Schöngeist. Die ganze Familie ist so.“ Die
+Frau des alten Buck war eine Jüdin gewesen, die Theater
+gespielt hatte. Und Diederich fühlte sich nachträglich gedemütigt
+durch das herablassende Wohlwollen des alten
+Buck beim Begräbnis seines Vaters. Auch der junge
+demütigte ihn, fortwährend und mit allem: mit seinen
+überlegenen Redensarten, seinen Manieren, seinem Verkehr
+bei den Offizieren. War er ein Herr von Barnim?
+Er war auch nur aus Netzig. „Ich hasse die ganze Familie!“
+Und Diederich betrachtete aus gekniffenen Lidern
+dies fleischige Gesicht mit der weich gebogenen Nase und
+den feucht glänzenden Augen, die sannen. Buck stand auf.
+„Nun, wir sehen uns zu Hause wieder. Nächstes oder
+übernächstes Semester mache ich mein Examen, und was
+bleibt dann weiter übrig, als Rechtsanwalt spielen in
+Netzig ... Und Sie?“ fragte er. Diederich erklärte streng, daß
+er seine Zeit nicht zu verlieren und noch im Sommer seine
+Doktorarbeit abzuschließen denke. Damit führte er Buck hinaus.
+„Ein dummer Kerl bist du doch nur“, dachte er. „Merkst
+gar nicht, daß ich ein Mädchen bei mir habe.“ Er kehrte
+zurück, froh seiner Überlegenheit über Buck und auch über
+Agnes, die im Dunkeln gewartet und nicht gemuckt hatte.
+</p>
+
+<p>
+Wie er aber die Tür öffnete, hing sie über einem Stuhl,
+ihre Brust ging heftig, und mit dem Taschentuch unterdrückte
+sie das Keuchen. Sie sah ihm entgegen, aus geröteten
+Augen. Er sah: sie war da drinnen fast erstickt,
+und sie hatte geweint – indes er hier draußen getrunken
+und unnützes Zeug geredet hatte. Seine erste Regung
+war maßlose Reue. Sie liebte ihn! Da saß sie und liebte
+<pb n='87'/><anchor id='Pgp0087'/>ihn sehr, daß sie alles ertrug! Er war im Begriff, die
+Arme zu erheben, vor sie hinzustürzen und sie weinend
+um Verzeihung zu bitten. Rechtzeitig hielt er sich zurück
+aus Furcht vor der Szene und der sentimentalen Stimmung
+nachher, die ihn wieder mehrere Arbeitstage kostete
+und ihr die Oberhand gab. Er tat ihr nicht den Willen!
+Denn natürlich übertrieb sie absichtlich. So küßte er sie
+flüchtig auf die Stirn und sagte: „Du bist schon da? Ich
+hab’ dich gar nicht kommen gesehen.“ Sie zuckte auf, wie
+um etwas zu erwidern, aber sie schwieg. Darauf erklärte
+er, es sei gerade jemand fortgegangen. „So ein Judenbengel,
+der sich aufspielt! Einfach ekelhaft!“ Diederich
+lief im Zimmer umher. Um Agnes nicht ansehen zu
+müssen, lief er immer schneller und redete immer heftiger.
+„Das sind unsere schlimmsten Feinde! Die mit ihrer
+sogenannten feinen Bildung, die alles antasten, was uns
+Deutschen heilig ist! Solch ein Judenbengel kann froh
+sein, daß wir ihn dulden. Soll er seine Pandekten büffeln
+und die Schnauze halten. Auf seine schöngeistigen
+Schmöker huste ich!“ schrie er noch lauter, mit der Absicht,
+auch Agnes zu kränken. Da sie nicht antwortete,
+nahm er einen neuen Anlauf. „Das kommt aber alles,
+weil jeder mich jetzt zu Hause findet. Immer muß ich
+deinetwegen auf der Bude hocken!“
+</p>
+
+<p>
+Agnes sagte schüchtern: „Wir haben uns schon sechs
+Tage nicht gesehen. Sonntag bist du wieder nicht gekommen.
+Ich fürchte, du hast mich nicht mehr lieb.“ Er
+blieb vor ihr stehen. Von oben herab: „Mein liebes Kind,
+daß ich dich liebhabe, brauch’ ich dir wohl wirklich nicht
+mehr zu versichern. Aber eine andere Frage ist es, ob
+ich darum auch Lust habe, jeden Sonntag deinen Tanten
+beim Häkeln zuzusehen und mit deinem Vater über
+Poli<pb n='88'/><anchor id='Pgp0088'/>tik zu reden, wovon er nichts versteht.“ Agnes senkte den
+Kopf. „Früher war es so schön. Du standest dich schon
+so gut mit Papa.“ Diederich drehte ihr den Rücken zu
+und sah aus dem Fenster. Das war es eben: er fürchtete
+zu gut zu stehen mit Herrn Göppel. Durch seinen Buchhalter,
+den alten Sötbier, wußte er, daß Göppels Geschäft
+bergab ging. Seine Zellulose taugte nichts mehr,
+Sötbier bezog sie nicht mehr von ihm. Da wäre ein
+Schwiegersohn wie Diederich ihm freilich gelegen gekommen.
+Diederich fühlte sich umgarnt von diesen
+Leuten. Auch von Agnes! Er hatte sie im Verdacht, mit
+dem Alten zusammenzustecken. Entrüstet wandte er
+sich ihr wieder zu. „Und dann, liebes Kind, ehrlich gestanden:
+was wir beide tun, nicht wahr, das ist unsere
+Sache, aber deinen Vater lassen wir lieber aus dem Spiel.
+Beziehungen wie die unseren soll man mit Familienfreundschaft
+nicht verquicken. Mein sittliches Gefühl verlangt
+da reinliche Scheidung.“
+</p>
+
+<p>
+Ein Augenblick verging, dann stand Agnes auf, als
+habe sie jetzt begriffen. Sie war tief errötet. Sie ging
+zur Tür. Diederich holte sie ein. „Aber Agnes, so hab’
+ich es doch nicht gemeint. Es war doch nur, weil ich dich
+viel zu sehr achte –. Und ich kann ja auch wiederkommen
+Sonntag.“ Sie ließ ihn reden, mit unbewegter Miene.
+„Nun sei doch wieder gemütlich“, bat er. „Du hast noch
+nicht mal deinen Hut abgenommen.“ Sie tat es. Er
+verlangte, sie solle sich auf den Diwan setzen, und sie setzte
+sich. Sie küßte ihn auch, wie er es wollte. Aber indes
+ihre Lippen lächelten und küßten, blieben ihre Augen
+starr und unbeteiligt. Plötzlich riß sie ihn in ihre Arme:
+er erschrak, er wußte nicht, ob es Haß war. Aber dann
+fühlte er sich heißer geliebt als je.
+</p>
+
+<pb n='89'/><anchor id='Pgp0089'/>
+
+<p>
+„Heute war es aber wirklich schön. Was, meine kleine
+süße Agnes?“ sagte Diederich, zufrieden und gutmütig.
+</p>
+
+<p>
+„Adieu“, sagte sie, hastend nach Schirm und Beutel,
+während er sich erst ankleidete.
+</p>
+
+<p>
+„Du hast es aber eilig.“ – „Weiter kann ich wohl nichts
+für dich tun.“ Sie war schon bei der Tür – plötzlich fiel
+sie mit der Schulter gegen den Pfosten und rührte sich
+nicht mehr. „Was ist denn los?“ Wie Diederich näher
+kam, sah er sie schluchzen. Er berührte sie. „Ja, was hast
+du denn?“ Da ward ihr Weinen laut und krampfhaft.
+Es hörte nicht auf. „Aber Agnes,“ sagte Diederich von
+Zeit zu Zeit, „was ist auf einmal geschehen, wir waren
+doch so vergnügt.“ Und ganz ratlos: „Hab’ ich dir was
+getan?“ Zwischen den Krisen und halb erstickt, brachte
+sie hervor: „Ich kann nicht. Entschuldige.“ Er trug sie
+auf den Diwan. Als es endlich vorbei war, schämte Agnes
+sich. „Verzeih! Ich kann nicht dafür.“ – „Kann denn ich
+dafür?“ – „Nein, nein. Es sind die Nerven. Verzeih!“
+</p>
+
+<p>
+Mitleidig und geduldig brachte er sie bis zu einem Wagen.
+Nachträglich aber erschien ihm auch der Anfall als halbe
+Komödie und als eins der Mittel, die ihn endgültig einfangen
+sollten. Das Gefühl verließ ihn nicht mehr, daß
+Ränke gesponnen wurden gegen seine Freiheit und seine
+Zukunft. Er wehrte sich dagegen vermittels schroffen
+Auftretens, Betonung seiner männlichen Selbständigkeit
+und durch Kälte, sobald die Stimmung weich ward.
+Sonntags bei Göppels war er auf seiner Hut, wie in
+Feindesland: korrekt und unzugänglich. Wann seine Arbeit
+denn nun fertig werde? fragten sie. Er könne die
+Lösung morgen finden oder erst in zwei Jahren, das wisse
+er selbst nicht. Er betonte, daß er auch künftig finanziell
+abhängig von seiner Mutter bleibe. Er werde noch lange
+<pb n='90'/><anchor id='Pgp0090'/>für nichts Zeit haben als einzig für das Geschäft. Und
+da Herr Göppel die idealen Werte des Lebens zu bedenken
+gab, lehnte Diederich barsch ab. „Noch gestern
+hab’ ich meinen Schiller verkauft. Denn ich habe keinen
+Sparren und lass’ mir nichts vormachen.“ Wenn er nach
+solchen Worten Agnes’ stummen und betrübten Blick auf
+sich fühlte, hatte er wohl einen Augenblick die Empfindung,
+als habe nicht er selbst gesprochen, als gehe er im Nebel,
+rede falsch und handle wider Willen. Aber das verging.
+</p>
+
+<p>
+Agnes kam, sooft er sie bestellte, und ging fort, wenn es
+Zeit für ihn war, zu arbeiten oder zu kneipen. Sie verführte
+ihn nicht mehr zu Träumereien vor Bildern, seit
+er einmal an einem Wurstgeschäft angehalten und ihr
+erklärt hatte, daß sei für ihn der schönste Kunstgenuß. Ihm
+selbst fiel es endlich auf das Herz, wie selten sie sich nur
+noch sahen. Er warf ihr vor, daß sie nicht darauf dringe,
+öfter zu kommen. „Früher warst du ganz anders.“ „Ich
+muß warten“, sagte sie. „Worauf?“ „Daß auch du
+wieder so wirst. Oh! Ich weiß ganz sicher, es wird kommen.“
+</p>
+
+<p>
+Er schwieg aus Furcht vor Auseinandersetzungen. Dennoch
+kam es, wie sie gesagt hatte. Seine Arbeit war endlich
+beendet und gutgeheißen, er hatte nur noch eine belanglose
+mündliche Prüfung zu bestehen und war in der
+gehobenen Stimmung einer Lebenswende. Wie Agnes
+ihm ihren Glückwunsch brachte und Rosen dazu, brach
+er in Tränen aus und sagte, daß er sie immer, immer liebhaben
+werde. Sie berichtete, daß Herr Göppel soeben
+eine mehrtägige Geschäftsreise antrete. „Und nun ist das
+Wetter so wunderschön ...“ Diederich fiel sofort ein:
+„Das müssen wir benutzen! Solche Gelegenheit haben
+wir noch nie gehabt!“ Sie beschlossen, aufs Land hinaus
+zu fahren. Agnes wußte von einem Ort namens
+Mitten<pb n='91'/><anchor id='Pgp0091'/>walde; es mußte einsam dort sein und romantisch wie
+der Name. „Den ganzen Tag werden wir beisammen
+sein!“ – „Und die Nacht auch“, setzte Diederich hinzu.
+</p>
+
+<p>
+Schon der Bahnhof, von dem man abfuhr, war entlegen
+und der Zug ganz klein und altmodisch. Sie blieben
+allein in ihrem Wagen; es dunkelte langsam, der Schaffner
+zündete ihnen eine trübe Lampe an, und sie sahen,
+eng umschlungen, stumm und mit großen Augen hinaus
+in das flache, eintönige Ackerland. Da hinausgehen, zu
+Fuß, weit fort, und sich verlieren in der guten Dunkelheit!
+Bei einem Dorf mit einer Handvoll Häuser wären
+sie fast ausgestiegen. Der Schaffner holte sie jovial zurück;
+ob sie denn auf Stroh übernachten wollten. Und
+dann langten sie an. Das Wirtshaus hatte einen großen
+Hof, ein weites Gastzimmer mit Petroleumlampen unter
+der Balkendecke und einen biederen Wirt, der Agnes
+„gnädige Frau“ nannte und schlaue slawische Augen dazu
+machte. Sie waren voll heimlichen Einverständnisses
+und befangen. Nach dem Essen wären sie gern gleich
+hinaufgegangen, wagten es aber nicht und blätterten
+gehorsam in den Zeitschriften, die der Wirt ihnen hinlegte.
+Wie er den Rücken wandte, warfen sie einander
+einen Blick zu, und, husch, waren sie auf der Treppe.
+Noch war kein Licht im Zimmer, die Tür stand noch
+offen, und schon lagen sie einander in den Armen.
+</p>
+
+<p>
+Ganz früh am Morgen schien die Sonne herein. Im
+Hof drunten pickten Hühner und flatterten auf den Tisch
+vor der Laube. „Dort wollen wir frühstücken!“ Sie
+gingen hinab. Wie herrlich warm! Aus der Scheuer
+duftete es köstlich nach Heu. Kaffee und Brot schmeckten
+ihnen frischer als sonst. So frei war einem um das Herz,
+das ganze Leben stand offen. Stundenweit wollten sie
+<pb n='92'/><anchor id='Pgp0092'/>gehen; der Wirt mußte die Straßen und Dörfer nennen.
+Sie lobten freudig sein Haus und seine Betten. Sie seien
+wohl auf der Hochzeitsreise? „Stimmt“ – und sie
+lachten herzhaft.
+</p>
+
+<p>
+Die Pflastersteine der Hauptstraße streckten ihre Spitzen
+nach oben, und die Julisonne färbte sie bunt. Die Häuser
+waren höckrig, schief und so klein, daß die Straße zwischen
+ihnen sich ausnahm wie ein Feld mit Steinen. Die Glocke
+des Krämers klapperte lange hinter den Fremden her.
+Wenige Leute, halb städtisch gekleidet, schlichen durch den
+Schatten und wandten sich um nach Agnes und Diederich,
+die stolze Gesichter machten, denn sie waren die Elegantesten
+hier. Agnes entdeckte das Modengeschäft mit den Hüten
+der feinen Damen. „Nicht zu glauben! Das hat man
+in Berlin vor drei Jahren getragen!“ Dann traten sie
+durch ein Tor, das wacklig aussah, in das Land hinaus. Die
+Felder wurden gemäht. Der Himmel war blau und schwer,
+die Schwalben schwammen darin wie in trägem Wasser.
+Die Bauernhäuser dort drüben waren eingetaucht in
+heißes Flimmern, und ein Wald stand schwarz, mit
+blauen Wegen. Agnes und Diederich faßten sich bei den
+Händen, und ohne Verabredung fingen sie zu singen an:
+ein Lied für wandernde Kinder, das sie noch aus der
+Schule kannten. Diederich machte seine Stimme tief,
+damit Agnes ihn bewundere. Als sie nicht weiter wußten,
+wandten sie einander die Gesichter zu und küßten sich,
+im Gehen.
+</p>
+
+<p>
+„Jetzt seh’ ich erst recht, wie hübsch du bist“, sagte Diederich
+und sah zärtlich in ihr rosiges Gesicht, mit den blonden
+Wimpern um diese blonden, goldgestirnten Augen. „Der
+Sommer steht mir gut“ – und Agnes atmete frei auf,
+daß ihre Hemdbluse geschwellt ward. Schlank ging sie
+<pb n='93'/><anchor id='Pgp0093'/>dahin, mit schmalen Hüften und dem blauen Schleier,
+der ihr nachwehte. Diederich hatte es zu warm, er zog
+den Rock aus, dann auch die Weste, und endlich gestand
+er, daß er sich Schatten wünsche. Sie fanden welchen,
+am Rand eines Feldes, worauf noch das Korn stand,
+und unter einem Akazienbusch, der noch duftete. Agnes
+setzte sich und legte Diederichs Kopf in ihren Schoß.
+Sie spielten noch miteinander und scherzten: plötzlich
+merkte sie, daß er einschlief.
+</p>
+
+<p>
+Er wachte auf, sah um sich, und als er Agnes’ Gesicht
+fand, erglänzte er selig. „Lieber“, sagte sie. „Was du
+für ein gutes, dummes Gesicht machst.“ – „Erlaub’ mal!
+Ich habe doch höchstens fünf Minuten – nein, wahrhaftig,
+eine Stunde hab’ ich geschlafen. Hast du dich gelangweilt?“
+Aber sie war erstaunter als er, daß so viel Zeit
+vergangen war. Seinen Kopf zog er unter der Hand hervor,
+die sie ihm auf das Haar gelegt hatte, als er einschlief.
+</p>
+
+<p>
+Zwischen den Feldern gingen sie zurück. In einem lag
+eine dunkle Masse; und als sie durch die Halme spähten,
+war es ein alter Mann mit einer Pelzkappe, rostroter
+Jacke und Samthosen, die auch schon rötlich waren.
+Seinen Bart hatte er sich, zusammengekrümmt, um die
+Knie gewickelt. Sie bückten sich tiefer, um ihn zu erkennen.
+Da bemerkten sie, daß er sie schon längst aus schwarzen
+Funkelaugen ansah. Unwillkürlich schritten sie schneller
+aus, und in den Blicken, die sie einander zuwandten,
+stand Märchengrauen. Sie blickten umher: sie waren in
+einem weiten, fremden Land, die kleine Stadt dort hinten
+schlief fremdartig in der Sonne, und der Himmel sah
+ihnen aus, als seien sie Tag und Nacht gereist.
+</p>
+
+<p>
+Wie abenteuerlich das Mittagessen in der Laube des
+Wirtshauses, mit der Sonne, den Hühnern, dem offenen
+<pb n='94'/><anchor id='Pgp0094'/>Küchenfenster, aus dem Agnes sich die Teller reichen ließ.
+Wo war die bürgerliche Ordnung der Blücherstraße, wo
+Diederichs angestammter Kneiptisch? „Ich gehe nicht
+wieder fort von hier“, erklärte Diederich. „Dich lass’ ich
+auch nicht fort.“ Und Agnes: „Warum denn auch? Ich
+schreibe meinem Papa und lass’ es ihm durch meine Freundin
+schicken, die in Küstrin verheiratet ist. Dann glaubt er,
+ich bin dort.“
+</p>
+
+<p>
+Später gingen sie nochmals aus, nach der anderen Seite,
+wo Wasser floß und der Horizont von den Flügeln dreier
+Windmühlen umsegelt ward. Im Kanal lag ein Boot;
+sie mieteten es und schwammen dahin. Ein Schwan kam
+ihnen entgegen. Der Schwan und ihr Boot glitten lautlos
+aneinander vorüber. Unter herniederhängenden Büschen
+legte es von selbst an – und Agnes fragte unvermittelt nach
+Diederichs Mutter und seinen Schwestern. Er sagte, daß
+sie immer gut zu ihm gewesen seien, und daß er sie liebhabe.
+Er wollte sich die Bilder der Schwestern schicken
+lassen, sie waren hübsch geworden; oder vielleicht nicht
+hübsch, aber so anständig und sanft. Die eine, Emmi,
+las Gedichte, wie Agnes. Diederich wollte für beide
+sorgen und sie verheiraten. Seine Mutter aber, die behielt
+er bei sich, denn ihr hatte er alles Gute im Leben
+verdankt, bis Agnes gekommen war. Und er erzählte
+von den Dämmerstunden, den Märchen unter den Weihnachtsbäumen
+seiner Kindheit und sogar von dem Gebet
+„aus dem Herzen“. Agnes hörte zu, ganz versunken.
+Endlich seufzte sie auf. „Deine Mutter möchte ich kennenlernen.
+Meine hab’ ich nicht gekannt.“ Er küßte sie, mitleidig,
+achtungsvoll und mit einer dunklen Empfindung
+von schlechtem Gewissen. Er fühlte: jetzt hatte er ein
+Wort zu sprechen, das sie ganz und gar für immer trösten
+<pb n='95'/><anchor id='Pgp0095'/>mußte. Aber er schob es hinaus, er konnte nicht. Agnes
+sah ihn tief an. „Ich weiß,“ sagte sie langsam, „daß du
+im Herzen ein guter Mensch bist. Du mußt nur manchmal
+anders tun.“ Darüber erschrak er. Dann sagte sie, als
+entschuldigte sie sich: „Heute hab ich gar keine Furcht
+vor dir.“
+</p>
+
+<p>
+„Hast du denn sonst Furcht?“ fragte er reumütig. Sie
+sagte:
+</p>
+
+<p>
+„Ich habe mich immer gefürchtet, wenn die Leute recht
+hochgemut und lustig waren. Bei meinen Freundinnen
+früher war es mir oft, als könnte ich mit ihnen nicht
+Schritt halten, und sie müßten es merken und mich verachten.
+Sie merkten es aber nicht. Schon als Kind: ich
+hatte eine Puppe mit großen blauen Glasaugen, und als
+meine Mutter gestorben war, mußte ich nebenan bei
+der Puppe sitzen. Sie sah mich immer starr an mit
+ihren aufgerissenen harten Augen, die sagten mir: Deine
+Mutter ist tot, jetzt werden dich alle so ansehen wie ich.
+Gerne hätte ich sie auf den Rücken gelegt, damit sie die
+Augen schloß. Aber ich wagte es nicht. Hätte ich denn
+auch die Menschen auf den Rücken legen können? Alle
+haben solche Augen, und manchmal –“ sie verbarg ihr
+Gesicht an seiner Schulter, „manchmal sogar du.“
+</p>
+
+<p>
+Der Hals war ihm zugeschnürt, er tastete über ihren
+Nacken, und seine Stimme schwankte. „Agnes! Süße
+Agnes, du weißt gar nicht, wie ich dich liebhabe ... Ich
+hab’ Furcht vor dir gehabt, ja, ich! Drei Jahre lang hab’
+ich mich nach dir gesehnt, aber du warst zu schön für mich,
+zu fein, zu gut ...“ Sein ganzes Herz schmolz; er sagte
+alles, was er ihr nach ihrem ersten Besuch geschrieben
+hatte, in dem Brief, der noch in seinem Schreibtisch lag.
+Sie hatte sich aufgerichtet und hörte ihm zu, entzückt, die
+<pb n='96'/><anchor id='Pgp0096'/>Lippen geöffnet. Sie jubelte leise: „Ich wußte es, so
+bist du, du bist wie ich!“
+</p>
+
+<p>
+„Wir gehören zusammen“, sagte Diederich und preßte
+sie an sich; aber er war erschrocken über seinen Ausruf:
+„Jetzt wartet sie,“ dachte er, „jetzt soll ich sprechen.“ Er
+wollte es, aber er fühlte sich gelähmt. Der Druck seiner
+Arme auf ihrem Rücken ward immer kraftloser ... Sie
+bewegte sich: er wußte, nun wartete sie nicht mehr. Und
+sie lösten sich voneinander, ohne sich anzusehen. Diederich
+schlug plötzlich die Hände vor das Gesicht und schluchzte.
+Sie fragte nicht, weshalb; sie strich ihm tröstend über das
+Haar. Das währte lange.
+</p>
+
+<p>
+Über ihn hinweg, ins Leere, sagte Agnes: „Hab’ ich
+denn geglaubt, daß es dauern würde? Es mußte schlimm
+enden, weil es so schön war.“
+</p>
+
+<p>
+Er fuhr auf, verzweifelt. „Es ist doch nicht aus!“ Sie
+fragte:
+</p>
+
+<p>
+„Glaubst du an das Glück?“
+</p>
+
+<p>
+„Wenn ich dich verlieren soll, nicht mehr!“
+</p>
+
+<p>
+Sie murmelte: „Du wirst fortgehen, hinaus in das
+Leben und mich vergessen.“
+</p>
+
+<p>
+„Lieber sterben!“ – und er zog sie an sich. Sie flüsterte
+an seiner Wange:
+</p>
+
+<p>
+„Sieh, wie breit hier das Wasser ist, ein See. Unser
+Boot hat sich von selbst losgemacht und uns hinausgeführt.
+Weißt du noch, jenes Bild? Und der See, auf dem wir
+schon einmal im Traum fuhren? Wohin wohl?“ Und
+noch leiser: „Wohin mit uns?“
+</p>
+
+<p>
+Er antwortete nicht <anchor id="corr096"/><corr sic="mehr">mehr.</corr> Ganz umschlungen und die
+Lippen aufeinander, senkten sie sich rückwärts immer
+tiefer über das Wasser. Drängte sie ihn? Zog er sie?
+Niemals waren sie so sehr eins gewesen. Diederich fühlte:
+<pb n='97'/><anchor id='Pgp0097'/>nun war es gut. Er war, mit Agnes zu leben, nicht edel
+genug gewesen, nicht gläubig, nicht tapfer genug. Jetzt
+hatte er sie eingeholt, nun war es gut.
+</p>
+
+<p>
+Plötzlich, ein Stoß: sie schnellten in die Höhe. Diederich
+hatte so viel Kraft gebraucht, daß Agnes von ihm fort und
+zu Boden fiel. Er strich sich über die Stirn. „Was haben
+wir denn da?“ – Noch kalt vom Schrecken und als sei er
+beleidigt, sah er weg von ihr. „So unvorsichtig darf man
+nicht sein beim Bootfahren.“ Er ließ sie allein aufstehen,
+griff sogleich nach den Rudern und fuhr zurück. Agnes
+hielt das Gesicht nach dem Ufer gewendet. Einmal wollte
+sie zu ihm hinsehen; aber sein Blick traf sie so mißtrauisch
+und hart, daß sie zusammenfuhr.
+</p>
+
+<p>
+In der sinkenden Dämmerung gingen sie, immer
+schneller, die Landstraße zurück. Zuletzt liefen sie fast. Und
+erst als es dunkel genug war, daß sie ihre Gesichter nicht
+mehr deutlich erkannten, sprachen sie. Morgen früh kam
+Herr Göppel vielleicht heim. Agnes mußte heim ... Wie
+sie beim Wirtshaus ankamen, pfiff in der Ferne schon der
+Zug. „Nicht mal mehr essen kann man!“ sagte Diederich
+mit künstlicher Unzufriedenheit. Hals über Kopf die
+Sachen holen, zahlen und fort. Der Zug fuhr ab, kaum
+daß sie drin waren. Ein Glück, daß sie Atem zu schöpfen
+und die eiligen Geschäfte der letzten Viertelstunde zu besprechen
+hatten. Das letzte Wort darüber war gefallen,
+und nun saß jeder da, allein bei trüber Lampe und betäubt
+wie nach einem großen Mißerfolg. Das dunkle Land
+da draußen, hatte es einmal gelockt und Gutes versprochen?
+Das sollte erst gestern gewesen sein? Man fand nicht
+zurück. Kamen nicht endlich die Lichter der Stadt und
+befreiten einen?
+</p>
+
+<p>
+Bei der Ankunft waren sie darüber einig, daß es sich
+<pb n='98'/><anchor id='Pgp0098'/>nicht verlohne, in denselben Wagen zu steigen. Diederich
+nahm die Trambahn. Hände und Augen streiften sich nur.
+</p>
+
+<milestone unit="tb"/>
+
+<p>
+„Uff!“ machte Diederich, als er allein war. „Das wäre
+erledigt.“ Er sagte sich: „Es hätte ebensogut schief gehen
+können.“ Und mit Empörung: „So eine hysterische Person!“
+Sich selbst würde sie sicher am Boot festgehalten
+haben. Er hätte das Bad allein nehmen müssen. Auf
+den ganzen Trick war sie doch nur verfallen, weil sie
+durchaus geheiratet werden wollte! „Die Weiber sind
+zu gerissen, und sie haben keine Hemmungen, da kommt
+unsereiner nun mal nicht mit. Diesmal hat sie mich, weiß
+Gott, noch ärger an der Nase herumgeführt als damals
+mit Mahlmann. Na, mir soll es eine Lehre für das Leben
+sein. Nun aber Schluß!“ Und festen Schrittes ging er
+zu den Neuteutonen. Fortan verbrachte er jeden Abend
+dort, und am Tage büffelte er für das mündliche Examen,
+aber zur Vorsicht nicht zu Hause, sondern im Laboratorium.
+Wenn er dann heimkam, ward ihm das Steigen
+der Stockwerke schwer, er mußte sich gestehen, daß er Herzklopfen
+habe. Zögernd öffnete er die Zimmertür: – nichts;
+und nachdem ihm anfangs leichter geworden war, kam es
+schließlich doch jedesmal dazu, daß er die Wirtin fragte,
+ob jemand dagewesen sei. Niemand war dagewesen.
+</p>
+
+<p>
+Nach vierzehn Tagen aber kam ein Brief. Er hatte ihn
+geöffnet, bevor er es bedachte. Dann wollte er ihn ungelesen
+in den Schreibtisch werfen – zog ihn aber wieder
+hervor und hielt ihn weit fort vom Gesicht. Hastig, mit
+mißtrauischen Augen griff er hier und da eine Zeile heraus.
+„Ich bin so unglücklich ...“ „Kennen wir!“ antwortete
+Diederich. „Ich wage mich nicht zu Dir ...“
+„Dein Glück!“ „Es ist schrecklich, daß wir uns fremd
+ge<pb n='99'/><anchor id='Pgp0099'/>worden sind ...“ „Wenigstens siehst du es ein.“ „Verzeih
+mir, was geschehen ist, oder ist nichts geschehen?...“
+„Gerade genug!“ „Ich kann nicht weiterleben ...“
+„Fängst du schon wieder an?“ Und er schleuderte das
+Blatt endgültig in die Lade, zu jenem anderen, das er
+in einer zuchtlosen Nacht mit Überschwenglichkeiten bedeckt
+und zum Glück nicht abgeschickt hatte.
+</p>
+
+<p>
+Eine Woche später aber, wie er in der Nacht heimkam,
+hörte er hinter sich Schritte, die besonders klangen. Er
+fuhr herum: eine Gestalt blieb stehen, die Hände ein wenig
+erhoben und leer vor sich hingehalten. Noch während er
+das Haustor aufschloß und eintrat, sah er sie im Halbdunkel
+dastehen. Im Zimmer machte er kein Licht. Er
+schämte sich, indes sie aus dem Dunkel hinaufspähte, das
+Zimmer zu beleuchten, das ihr gehört hatte. Es regnete.
+Wie viele Stunden hatte sie gewartet? Gewiß stand sie
+noch immer dort, mit ihrer letzten Hoffnung. Das war
+nicht auszuhalten! Er wollte das Fenster aufreißen –
+und wich zurück. Einmal fand er sich plötzlich auf der
+Treppe, mit dem Hausschlüssel in der Hand. Gerade gelang
+es ihm noch, umzukehren. Darauf schloß er ab und
+zog sich aus. „Mehr Haltung, mein Lieber!“ Denn diesmal
+wäre man aus der Sache nicht mehr leicht herausgekommen.
+Das Mädel war zweifellos zu bedauern, aber
+schließlich hatte sie es gewollt. „Vor allem habe ich
+Pflichten gegen mich selbst.“ – Am Morgen, schlecht
+ausgeschlafen, nahm er es ihr sogar sehr übel, daß sie
+noch einmal versucht hatte, ihn aus seiner Bahn zu reißen.
+Jetzt, da sie wußte, daß die Prüfung bevorstand! Solche
+Gewissenlosigkeit sah ihr ähnlich. Und durch die nächtliche
+Szene, diese Bettlerrolle im Regen, hatte ihre Gestalt
+nachträglich etwas Verdächtiges und Unheimliches
+<pb n='100'/><anchor id='Pgp0100'/>bekommen. Er betrachtete sie als endgültig gesunken.
+„Auf keinen Fall mehr das geringste!“ beteuerte
+er sich, und er beschloß, noch für den kurzen Rest
+seines Aufenthaltes die Wohnung zu wechseln:
+„selbst wenn es mit einem Geldopfer verbunden sein
+<anchor id="corr100"/><corr sic="sollte">sollte.</corr>“ Glücklicherweise suchte ein Kollege grade ein
+Zimmer; Diederich verlor nichts und zog sofort um, weit
+hinauf nach dem Norden. Kurz darauf bestand er sein
+Examen. Die Neuteutonia feierte ihn mit einem Frühschoppen,
+der bis gegen Abend dauerte. Zu Hause ward
+ihm gesagt, daß in seinem Zimmer ein Herr auf ihn warte.
+„Es wird Wiebel sein,“ dachte Diederich, „er muß mir
+doch Glück wünschen.“ Und von Hoffnung geschwellt:
+„Vielleicht ist es der Assessor von Barnim?“ Er öffnete,
+und er prallte zurück. Denn da stand Herr Göppel.
+</p>
+
+<p>
+Auch er fand nicht gleich Worte. „Nanu, im Frack?“
+sagte er dann, und zögernd: „Waren Sie vielleicht bei mir?“
+</p>
+
+<p>
+„Nein“, sagte Diederich und erschrak aufs neue. „Ich
+habe nur meine Doktorprüfung gemacht.“
+</p>
+
+<p>
+Göppel erwiderte: „Ach so, ich gratuliere.“ Dann
+brachte Diederich hervor: „Wie haben Sie denn meine
+neue Adresse gefunden?“ Und Göppel antwortete:
+„Ihrer früheren Wirtin haben Sie sie allerdings nicht gesagt.
+Aber es gibt ja auch sonst noch Mittel.“ Darauf sahen
+sie einander an. Göppels Stimme war ruhig gewesen,
+aber Diederich fühlte schreckliche Drohungen darin. Er
+hatte den Gedanken an die Katastrophe immer hinausgeschoben,
+und jetzt war sie da. Er mußte sich setzen.
+</p>
+
+<p>
+„Nämlich,“ begann Göppel, „ich komme, weil es Agnes
+gar nicht gut geht.“
+</p>
+
+<p>
+„Oh!“ machte Diederich mit verzweifelter Heuchelei.
+„Was fehlt ihr denn?“ Herr Göppel wiegte bekümmert
+<pb n='101'/><anchor id='Pgp0101'/>den Kopf. „Das Herz will nicht; aber es sind natürlich
+nur die Nerven ... Natürlich“, wiederholte er, nachdem
+er vergeblich gewartet hatte, daß Diederich es wiederhole.
+„Und nun wird sie mir melancholisch vor Langeweile, und
+ich möchte sie aufheitern. Ausgehen darf sie nicht. Aber
+kommen Sie doch mal wieder zu uns, morgen ist Sonntag.“
+</p>
+
+<p>
+„Gerettet!“ fühlte Diederich. „Er weiß nichts.“ Vor
+Freude ward er zum Diplomaten, er kratzte sich den Kopf.
+„Ich hatte es mir schon fest vorgenommen. Aber jetzt muß
+ich dringend nach Haus, unser alter Geschäftsführer ist
+krank. Nicht mal meinen Professoren kann ich Abschiedsbesuche
+machen, morgen früh reise ich gleich ab.“
+</p>
+
+<p>
+Göppel legte ihm die Hand auf das Knie. „Sie sollten
+es sich überlegen, Herr Heßling. Seinen Freunden schuldet
+man manchmal auch was.“
+</p>
+
+<p>
+Er sprach langsam und hatte einen so eindringlichen
+Blick, daß Diederich wegsehen mußte. „Wenn ich nur
+könnte“, stammelte er; Göppel sagte:
+</p>
+
+<p>
+„Sie können. Überhaupt können Sie alles, was hier in
+Frage kommt.“
+</p>
+
+<p>
+„Wieso?“ Diederich erstarrte im Innern. „Sie wissen
+wohl, wieso“, sagte der Vater; und nachdem er seinen
+Stuhl ein Stück zurückgeschoben hatte: „Sie denken doch
+hoffentlich nicht, daß Agnes mich hergeschickt hat? Im
+Gegenteil, ich hab’ ihr versprechen müssen, daß ich gar nichts
+tue und Sie ganz in Ruhe lasse. Aber dann hab’ ich mir
+überlegt, daß es doch eigentlich zu dumm wäre, wenn wir
+beide noch lange umeinander herum gehen wollten, so wie
+wir uns kennen, und wie ich Ihren seligen Vater gekannt
+habe, und bei unserer Geschäftsverbindung und so weiter.“
+</p>
+
+<p>
+Diederich dachte: „Die Geschäftsverbindung ist gelöst,
+mein Bester.“ Er wappnete sich.
+</p>
+
+<pb n='102'/><anchor id='Pgp0102'/>
+
+<p>
+„Ich gehe gar nicht um Sie herum, Herr Göppel.“
+</p>
+
+<p>
+„Na also. Dann ist ja alles in Ordnung. Ich verstehe
+wohl: der Sprung in die Ehe, den tut kein junger Mann,
+besonders heute, ohne erst mal zu scheuen. Aber wenn
+die Geschichte so glatt liegt wie hier, nicht wahr? Unsere
+Branchen greifen ineinander, und wenn Sie Ihr väterliches
+Geschäft ausdehnen wollen, kommt Ihnen Agnes’
+Mitgift sehr gelegen.“ Und in einem Atem weiter, indes
+seine Augen abirrten: „Momentan kann ich zwar nur
+zwölftausend Mark flüssig machen, aber Zellulose kriegen
+Sie, soviel Sie wollen.“
+</p>
+
+<p>
+„Siehst du wohl?“ dachte Diederich. „Und die zwölftausend
+müßtest du dir auch pumpen – wenn du sie noch
+kriegst.“ – „Sie haben mich mißverstanden, Herr Göppel“,
+erklärte er. „Ich denke nicht ans Heiraten. Dazu
+wären zu große Geldmittel nötig.“
+</p>
+
+<p>
+Herr Göppel sagte mit angstvollen Augen und lachte
+dabei: „Ich kann noch ein übriges tun ...“
+</p>
+
+<p>
+„Lassen Sie nur“, sagte Diederich, vornehm abwehrend.
+</p>
+
+<p>
+Göppel ward immer ratloser.
+</p>
+
+<p>
+„Ja, was wollen Sie dann überhaupt?“
+</p>
+
+<p>
+„Ich? Gar nichts. Ich dachte, Sie wollten was, weil
+Sie mich besuchen.“
+</p>
+
+<p>
+Göppel gab sich einen Ruck. „Das geht nicht, lieber
+Heßling. Nach dem, was nun mal vorgefallen ist. Und
+besonders, da es schon so lange dauert.“
+</p>
+
+<p>
+Diederich maß den Vater, er zog die Mundwinkel herab.
+„Sie wußten es also?“
+</p>
+
+<p>
+„Nicht sicher“, murmelte Göppel. Und Diederich, von
+oben:
+</p>
+
+<p>
+„Das hätte ich auch merkwürdig gefunden.“
+</p>
+
+<p>
+„Ich habe eben Vertrauen gehabt zu meiner Tochter.“
+</p>
+
+<pb n='103'/><anchor id='Pgp0103'/>
+
+<p>
+„So irrt man sich“, sagte Diederich, zu allem entschlossen,
+womit er sich wehren konnte. Göppels Stirn fing an,
+sich zu röten. „Zu Ihnen hab’ ich nämlich auch Vertrauen
+gehabt.“
+</p>
+
+<p>
+„Das heißt: Sie hielten mich für naiv.“ Diederich schob
+die Hände in die Hosentaschen und lehnte sich zurück.
+</p>
+
+<p>
+„Nein!“ Göppel sprang auf. „Aber ich hielt Sie nicht
+für den Schubbejack, der Sie sind!“
+</p>
+
+<p>
+Diederich erhob sich mit formvoller Ruhe. „Geben Sie
+Satisfaktion?“ fragte er. Göppel schrie:
+</p>
+
+<p>
+„Das möchten Sie wohl! Die Tochter verführen und
+den Vater abschießen! Dann ist Ihre Ehre komplett!“
+</p>
+
+<p>
+„Davon verstehen Sie nichts!“ Auch Diederich fing an,
+sich aufzuregen. „Ich habe Ihre Tochter nicht verführt.
+Ich habe getan, was sie wollte, und dann war sie nicht
+mehr loszuwerden. Das hat sie von Ihnen.“ Mit Entrüstung:
+„Wer sagt mir, daß Sie sich nicht von Anfang an
+mit ihr verabredet haben? Dies ist eine Falle!“
+</p>
+
+<p>
+Göppel hatte ein Gesicht, als wollte er noch lauter
+schreien. Plötzlich erschrak er, und mit seiner gewöhnlichen
+Stimme, nur daß sie zitterte, sagte er: „Wir geraten zu
+sehr in Feuer, dafür ist die Sache zu wichtig. Ich habe
+Agnes versprochen, daß ich ruhig bleiben will.“
+</p>
+
+<p>
+Diederich lachte höhnisch auf. „Sehen Sie, daß Sie
+schwindeln? Vorhin sagten Sie, Agnes weiß gar nicht,
+daß Sie hier sind.“
+</p>
+
+<p>
+Der Vater lächelte entschuldigend. „Im guten einigt
+man sich schließlich immer. Nicht wahr, mein lieber Heßling?“
+</p>
+
+<p>
+Aber Diederich fand es gefährlich, wieder gut zu werden.
+</p>
+
+<p>
+„Der Teufel ist Ihr lieber Heßling!“ schrie er. „Für
+Sie heiß’ ich Herr Doktor!“
+</p>
+
+<pb n='104'/><anchor id='Pgp0104'/>
+
+<p>
+„Ach so“, machte Göppel, ganz starr. „Es ist wohl das
+erstemal, daß jemand Herr Doktor zu Ihnen sagen muß?
+Na, auf die Gelegenheit können Sie stolz sein.“
+</p>
+
+<p>
+„Wollen Sie vielleicht auch noch meine Standesehre
+antasten?“ Göppel wehrte ab.
+</p>
+
+<p>
+„Gar nichts will ich antasten. Ich frage mich nur, was
+wir Ihnen getan haben, meine Tochter und ich. Müssen
+Sie denn wirklich so viel Geld mithaben?“
+</p>
+
+<p>
+Diederich fühlte sich erröten. Um so entschlossener ging
+er vor.
+</p>
+
+<p>
+„Wenn Sie es durchaus hören wollen: mein moralisches
+Empfinden verbietet mir, ein Mädchen zu heiraten,
+das mir ihre Reinheit nicht mit in die Ehe bringt.“
+</p>
+
+<p>
+Sichtlich wollte Göppel sich nochmals empören; aber
+er konnte nicht mehr, er konnte nur noch das Schluchzen
+unterdrücken.
+</p>
+
+<p>
+„Wenn Sie heute nachmittag den Jammer gesehen
+hätten! Sie hat es mir gestanden, weil sie es nicht mehr
+aushielt. Ich glaube, nicht mal mich liebt sie mehr: nur
+Sie. Was wollen Sie denn, Sie sind doch der erste.“
+</p>
+
+<p>
+„Weiß ich das? Vor mir verkehrte bei Ihnen ein Herr
+namens Mahlmann.“ Und da Göppel zurückwich, als sei
+er vor die Brust gestoßen:
+</p>
+
+<p>
+„Nun ja, kann man das wissen? Wer einmal lügt, dem
+glaubt man nicht.“
+</p>
+
+<p>
+Er sagte noch: „Kein Mensch kann von mir verlangen,
+daß ich so eine zur Mutter meiner Kinder mache. Dafür
+hab’ ich zuviel soziales Gewissen.“ Damit drehte er sich
+um. Er hockte nieder und legte Sachen in den Koffer, der
+geöffnet dastand.
+</p>
+
+<p>
+Hinter sich hörte er den Vater nun wirklich schluchzen –
+und Diederich konnte nicht hindern, daß er selbst gerührt
+<pb n='105'/><anchor id='Pgp0105'/>ward: durch die edel männliche Gesinnung, die er ausgesprochen
+hatte, durch Agnes’ und ihres Vaters Unglück,
+das zu heilen ihm die Pflicht verbot, durch die schmerzliche
+Erinnerung an seine Liebe und all diese Tragik des Schicksals
+... Er hörte, gespannten Herzens, wie Herr Göppel
+die Tür öffnete und schloß, hörte ihn über den Korridor
+schleichen und das Geräusch der Flurtür. Nun war es aus
+– und da ließ Diederich sich vornüber fallen und weinte
+heftig in seinen halbgepackten Koffer hinein. Am Abend
+spielte er Schubert.
+</p>
+
+<p>
+Damit war dem Gemüt Genüge getan, man mußte
+stark sein. Diederich hielt sich vor, ob etwa Wiebel jemals
+so sentimental geworden wäre. Sogar ein Knote ohne
+Komment, wie Mahlmann, hatte Diederich eine Lektion
+in rücksichtsloser Energie erteilt. Daß auch die anderen in
+ihrem Innern vielleicht doch weiche Stellen haben könnten,
+erschien ihm im höchsten Grade unwahrscheinlich. Nur
+er war, von seiner Mutter her, damit behaftet; und ein
+Mädel wie Agnes, die gerade so verrückt war wie seine
+Mutter, würde ihn ganz untauglich gemacht haben für
+diese harte Zeit. Diese harte Zeit: bei dem Wort sah
+Diederich immer die Linden mit dem Gewimmel von
+Arbeitslosen, Frauen, Kindern, von Not, Angst, Aufruhr
+– und das alles gebändigt, bis zum Hurraschreien gebändigt
+durch die Macht, die allumfassende, unmenschliche
+Macht, die mitten darin ihre Hufe wie auf Köpfe setzte,
+steinern und blitzend.
+</p>
+
+<p>
+„Nichts zu machen“, sagte er sich, in begeisterter Unterwerfung.
+„So muß man sein!“ Um so schlimmer für die,
+die nicht so waren: sie kamen eben unter die Hufe. Hatten
+Göppels, Vater und Tochter, irgendeine Forderung an
+ihn? Agnes war großjährig, und ein Kind hatte er ihr
+<pb n='106'/><anchor id='Pgp0106'/>nicht gemacht. Also? „Ich wäre ein Narr, wenn ich zu
+meinem Schaden etwas täte, wozu ich nicht gezwungen
+werden kann. Mir schenkt auch keiner was.“ Diederich
+empfand stolze Freude, wie gut er nun schon erzogen war.
+Die Korporation, der Waffendienst und die Luft des Imperialismus
+hatten ihn erzogen und tauglich gemacht. Er
+versprach sich, zu Haus in Netzig seine wohlerworbenen
+Grundsätze zur Geltung zu bringen und ein Bahnbrecher
+zu sein für den Geist der Zeit. Um diesen Vorsatz auch
+äußerlich an seiner Person kenntlich zu machen, begab er
+sich am Morgen darauf in die Mittelstraße zum Hoffriseur
+Haby und nahm eine Veränderung mit sich vor,
+die er an Offizieren und Herren von Rang jetzt immer
+häufiger beobachtete. Sie war ihm bislang nur zu vornehm
+erschienen, um nachgeahmt zu werden. Er ließ
+vermittels einer Bartbinde seinen Schnurrbart in zwei
+rechten Winkeln hinaufführen. Als es geschehen war,
+kannte er sich im Spiegel kaum wieder. Der von Haaren
+entblößte Mund hatte, besonders wenn man die Lippen
+herabzog, etwas katerhaft Drohendes, und die Spitzen
+des Bartes starrten bis in die Augen, die Diederich selbst
+Furcht erregten, als blitzten sie aus dem Gesicht der Macht.
+</p>
+
+</div><div rend="page-break-before: always">
+<index index="toc" level1="III"/>
+<index index="pdf" level1="III"/>
+<pb n='107'/><anchor id='Pgp0107'/>
+
+<head>III.</head>
+
+<p>
+Um weiteren Belästigungen durch die Familie Göppel
+aus dem Wege zu gehen, reiste er sogleich ab. Die
+Hitze machte das Kupee zu einem unheimlichen Aufenthalt.
+Diederich, der allein war, zog nacheinander den
+Rock, die Weste und die Schuhe aus. Einige Stationen
+vor Netzig stieg noch jemand ein: zwei fremd aussehende
+Damen, die durch den Anblick von Diederichs Flanellhemd
+beleidigt schienen. Er seinerseits fand sie widerwärtig
+elegant. Sie unternahmen es, in einer unverständlichen
+Sprache eine Beschwerde an ihn zu richten,
+worauf er die Achseln zuckte und die Füße in den Socken
+auf die Bank legte. Sie hielten sich die Nase zu und
+stießen Hilferufe aus. Der Schaffner erschien, der Zugführer
+selbst, aber Diederich hielt ihnen sein Billett zweiter
+Klasse hin und verteidigte sein Recht. Er gab dem Beamten
+sogar zu verstehen, er möge sich nur nicht die Zunge
+verbrennen, man könne nie wissen, mit wem man es zu
+tun habe. Als er dann den Sieg erstritten hatte und die
+Damen abgezogen waren, kam statt ihrer eine andere.
+Diederich sah ihr entschlossen entgegen, aber sie zog einfach
+aus ihrem Beutel eine Wurst und aß sie aus der Hand,
+wobei sie ihm zulächelte. Da rüstete er ab, erwiderte,
+breit glänzend, ihre Sympathie und sprach sie an. Es
+stellte sich heraus, daß sie aus Netzig war. Er nannte seinen
+Namen, woraus sie frohlockte, sie seien alte Bekannte!
+„Nun?“ Diederich betrachtete sie forschend: das dicke,
+rosige Gesicht mit dem fleischigen Mund und der kleinen,
+frech eingedrückten Nase; das weißliche Haar, nett glatt
+<pb n='108'/><anchor id='Pgp0108'/>und ordentlich, den Hals, der jung und fett war, und in
+den Halbhandschuhen die Finger, die die Wurst hielten
+und selbst rosigen Würstchen glichen. „Nein,“ entschied
+er, „kennen tu’ ich Sie nicht, aber kolossal appetitlich sind
+Sie. Wie ein frischgewaschenes Schweinchen.“ Und er
+griff ihr um die Taille. Im selben Augenblick hatte er eine
+Ohrfeige. „Die sitzt“, sagte er und rieb sich. „Haben Sie
+mehr solche zu vergeben?“ – „Es langt für alle Frechmöpse.“
+Sie lachte aus der Kehle und zwinkerte ihn
+mit ihren kleinen Augen unzüchtig an. „Ein Stück Wurst
+können Sie haben, aber sonst nichts.“ Ohne zu wollen,
+verglich er ihre Art, sich zu wehren, mit Agnes’ Hilflosigkeit,
+und er sagte sich: „So eine könnte man getrost heiraten.“
+Schließlich nannte sie selbst ihren Vornamen,
+und als er noch immer nicht weiterfand, fragte sie nach
+seinen Schwestern. Plötzlich rief er: „Guste Daimchen!“
+Und beide schüttelten sich vor Freude. „Sie haben mir
+doch immer Knöpfe geschenkt von den Lumpen in Ihrer
+Papierfabrik. Das vergess’ ich Ihnen nie, Herr Doktor!
+Wissen Sie, was ich mit den Knöpfen gemacht hab’? Die
+hab’ ich gesammelt, und wenn meine Mutter mir mal
+Geld für Knöpfe gab, hab’ ich mir Bonbons gekauft.“
+</p>
+
+<p>
+„Praktisch sind Sie auch!“ Diederich war entzückt.
+„Und dann sind Sie immer zu uns über die Gartenmauer
+geklettert, Sie kleine Göre. Hosen hatten Sie meistenteils
+keine an, und wenn der Rock ’raufrutschte, kriegte
+man hinten was zu sehen.“
+</p>
+
+<p>
+Sie kreischte; ein feiner Mann habe für so was kein
+Gedächtnis. „Jetzt muß es aber noch schöner geworden
+sein“, setzte Diederich noch hinzu. Sie ward plötzlich ernst.
+</p>
+
+<p>
+„Jetzt bin ich verlobt.“
+</p>
+
+<p>
+Mit dem Wolfgang Buck war sie verlobt! Diederich
+<pb n='109'/><anchor id='Pgp0109'/>verstummte, mit enttäuschter Miene. Dann erklärte er
+zurückhaltend, er kenne Buck. Sie sagte vorsichtig: „Sie
+meinen wohl, er ist ein bißchen überspannt? Aber die
+Bucks sind auch eine sehr feine Familie. Na ja, in anderen
+Familien ist wieder mehr Geld“, setzte sie hinzu. Hierdurch
+betroffen, sah Diederich sie an. Sie zwinkerte. Er
+wollte eine Frage stellen; aber er hatte den Mut verloren.
+</p>
+
+<p>
+Kurz vor Netzig fragte Fräulein Daimchen: „Und Ihr
+Herz, Herr Doktor, ist noch frei?“
+</p>
+
+<p>
+„Um die Verlobung bin ich noch herumgekommen.“ Er
+nickte gewichtig. „Ach! Das müssen Sie mir erzählen“,
+rief sie. Aber sie fuhren schon ein. „Wir sehen uns hoffentlich
+bald wieder“, schloß Diederich. „Ich kann Ihnen nur
+sagen, ein junger Mann kommt manchmal in verdammt
+brenzlige Sachen hinein. Für ein Ja oder Nein ist das
+Leben verpfuscht.“
+</p>
+
+<p>
+Seine beiden Schwestern standen am Bahnhof. Wie
+sie Guste Daimchen erblickten, verzogen sie zuerst das Gesicht,
+dann aber stürzten sie herbei und halfen das Gepäck
+tragen. Sie erklärten ihren Eifer, kaum daß sie mit
+Diederich allein waren. Guste hatte nämlich geerbt, sie
+war Millionärin! Darum also! Er war erschrocken vor
+Hochachtung.
+</p>
+
+<p>
+Die Schwestern erzählten das Nähere. Ein alter Verwandter
+in Magdeburg hatte Guste all das Geld vermacht,
+dafür, daß sie ihn gepflegt hatte. „Und sie hat es sich verdient,“
+bemerkte Emmi, „er soll zuletzt furchtbar unappetitlich
+gewesen sein.“ Magda setzte hinzu: „Und sonst
+kann man sich natürlich auch noch allerlei denken, denn
+Guste war doch ein ganzes Jahr mit ihm allein.“
+</p>
+
+<p>
+Sofort bekam Diederich einen roten Kopf. „So was
+sagt ein junges Mädchen nicht!“ schrie er entrüstet; und
+<pb n='110'/><anchor id='Pgp0110'/>als Magda beteuerte, das sagten auch Inge Tietz, Meta
+Harnisch und überhaupt alle: „Dann fordere ich euch
+energisch auf, dem Gerede entgegenzutreten.“ Es entstand
+eine Pause; darauf sagte Emmi: „Guste ist nämlich
+schon verlobt.“ – „Das weiß ich“, knurrte Diederich.
+</p>
+
+<p>
+Bekannte kamen ihnen entgegen, Diederich hörte sich
+„Herr Doktor“ nennen, erglänzte stolz dabei und ging
+weiter zwischen Emmi und Magda, die von der Seite
+seine neue Barttracht bewunderten. Zu Hause empfing
+Frau Heßling den Sohn mit ausgebreiteten Armen und
+einem Aufschrei, wie von einer Verschmachtenden, die
+gerade noch gerettet wird. Und was Diederich nicht vorausgesehen
+hatte: auch er weinte. Auf einmal empfand
+er die feierliche Schicksalsstunde, in der er das erstemal
+als wirkliches Haupt der Familie ins Zimmer trat, „fertig“,
+mit dem Doktortitel ausgezeichnet und bestimmt, Fabrik
+und Familie nach seiner überlegenen Einsicht zu lenken.
+Er gab Mutter und Schwestern die Hände, allen zugleich,
+und sagte mit ernster Stimme: „Ich werde mir immer
+bewußt bleiben, daß ich meinem Gott für euch Rechenschaft
+schulde.“
+</p>
+
+<p>
+Aber Frau Heßling war in Unruhe. „Bist du bereit,
+mein Sohn?“ fragte sie. „Unsere Leute erwarten dich.“
+Diederich trank sein Bier aus und ging, an der Spitze der
+Seinen, hinunter. Der Hof war sauber gescheuert, den
+Eingang der Fabrik umrahmten Kränze und beschrieben
+eine Schleife um die Inschrift „Willkommen!“ Davor
+stand der alte Buchhalter Sötbier und sagte: „Na guten
+Tag, Herr Doktor. Ich bin nicht ’raufgekommen, weil ich
+noch was zu tun hatte.“
+</p>
+
+<p>
+„Heute hätten Sie das auch lassen können“, erwiderte
+Diederich und ging an Sötbier vorbei. Drinnen im
+<pb n='111'/><anchor id='Pgp0111'/>Lumpensaal fand er die Leute. Alle standen sie in einem
+Haufen zusammen: die zwölf Arbeiter, die die Papiermaschine,
+den Holländer und die Schneidemaschine bedienten,
+und die drei Kontoristen, samt den Frauen, deren
+Tätigkeit das Sortieren der Lumpen war. Die Männer
+räusperten sich, man fühlte eine Pause, bis mehrere der
+Frauen ein kleines Mädchen hinausschoben, das einen
+Blumenstrauß vor sich hinhielt und mit einer Klarinettenstimme
+dem Herrn Doktor Glück und Willkommen wünschte.
+Diederich nahm mit gnädiger Miene den Strauß; nun
+war es an ihm, sich zu räuspern. Er wandte sich nach den
+Seinen um, dann sah er den Leuten scharf in die Augen,
+allen nacheinander, auch dem schwarzbärtigen Maschinenmeister,
+obwohl der Blick des Mannes ihm peinlich war –
+und begann:
+</p>
+
+<p>
+„Leute! Da ihr meine Untergebenen seid, will ich euch
+nur sagen, daß hier künftig forsch gearbeitet wird. Ich
+bin gewillt, mal Zug in den Betrieb zu bringen. In der
+letzten Zeit, wo hier der Herr gefehlt hat, da hat mancher
+von euch vielleicht gedacht, er kann sich auf die Bärenhaut
+legen. Das ist aber ein gewaltiger Irrtum, ich sage
+das besonders für die alten Leute, die noch von meinem
+seligen Vater her dabei sind.“
+</p>
+
+<p>
+Mit erhobener Stimme, noch schneidiger und abgehackter;
+und dabei sah er den alten Sötbier an:
+</p>
+
+<p>
+„Jetzt habe ich das Steuer selbst in die Hand genommen.
+Mein Kurs ist der richtige, ich führe euch herrlichen Tagen entgegen.
+Diejenigen, welche mir dabei behilflich sein wollen,
+sind mir von Herzen willkommen; diejenigen jedoch, welche
+sich mir bei dieser Arbeit entgegenstellen, zerschmettere ich.“
+</p>
+
+<p>
+Er versuchte, seine Augen blitzen zu lassen, sein Schnurrbart
+sträubte sich noch höher.
+</p>
+
+<pb n='112'/><anchor id='Pgp0112'/>
+
+<p>
+„Einer ist hier der Herr, und das bin ich. Gott und
+meinem Gewissen allein schulde ich Rechenschaft. Ich
+werde euch stets mein väterliches Wohlwollen entgegenbringen,
+Umsturzgelüste aber scheitern an meinem unbeugsamen
+Willen. Sollte sich ein Zusammenhang
+irgendeines von euch –“
+</p>
+
+<p>
+Er faßte den schwarzbärtigen Maschinenmeister ins
+Auge, der ein verdächtiges Gesicht machte.
+</p>
+
+<p>
+„– mit sozialdemokratischen Kreisen herausstellen, so
+zerschneide ich zwischen ihm und mir das Tischtuch. Denn
+für mich ist jeder Sozialdemokrat gleichbedeutend mit
+Feind meines Betriebes und Vaterlandsfeind ... So,
+nun geht wieder an eure Arbeit und überlegt euch, was
+ich euch gesagt habe.“
+</p>
+
+<p>
+Er machte schroff kehrt und ging schnaufend davon. In
+dem Schwindelgefühl, das seine starken Worte ihm erregt
+hatten, erkannte er kein einziges Gesicht mehr. Die Seinen
+folgten ihm, bestürzt und ehrfurchtsvoll, indes die Arbeiter
+einander noch lange stumm ansahen, bevor sie nach den
+Bierflaschen griffen, die zur Feier des Tages bereitstanden.
+</p>
+
+<p>
+Droben legte Diederich vor Mutter und Schwestern
+seine Pläne dar. Die Fabrik war zu vergrößern, das
+hintere Nachbarhaus anzukaufen. Man mußte konkurrenzfähig
+werden. Der Platz an der Sonne! Der alte Klüsing,
+draußen in der Papierfabrik Gausenfeld, bildete sich
+wohl ein, er werde ewig das ganze Geschäft machen?...
+Endlich tat Magda die Frage, woher er denn das Geld
+nehmen wolle; aber Frau Heßling schnitt ihr das vorlaute
+Wort ab. „Dein Bruder weiß das besser als wir.“
+Vorsichtig setzte sie hinzu: „Manches Mädchen wäre glücklich,
+wenn sie sein Herz gewinnen könnte“ – und sie hielt,
+seines Zornes gewärtig, die Hand vor den Mund. Aber
+<pb n='113'/><anchor id='Pgp0113'/>Diederich errötete nur. Da wagte sie, ihn zu umarmen.
+„Es wäre mir ja ein so entsetzlicher Schmerz,“ schluchzte
+sie, „wenn mein Sohn, mein lieber Sohn, aus dem Hause
+ginge. Für eine Witwe ist es doppelt schwer. Die Frau
+Oberinspektor Daimchen kriegt es nun auch zu fühlen,
+denn ihre Guste heiratet ja den Wolfgang Buck.“
+</p>
+
+<p>
+„Oder auch nicht“, sagte Emmi, die Ältere. „Denn der
+Wolfgang soll doch was mit einer Schauspielerin haben.“
+Frau Heßling vergaß ganz, die Tochter zu berufen. „Aber
+wo doch so viel Geld da ist! Eine Million, sagen die Leute!“
+</p>
+
+<p>
+Diederich stieß verachtungsvoll hervor, den Buck kenne
+er, der sei nicht normal. „Es liegt wohl in der Familie. Der
+Alte hat doch auch schon eine Schauspielerin geheiratet.“
+</p>
+
+<p>
+„Man sieht die Folgen“, sagte Emmi. „Denn von seiner
+Tochter, der Frau Lauer, hat man sich allerlei erzählt.“
+</p>
+
+<p>
+„Kinder!“ bat Frau Heßling ängstlich. Aber Diederich
+beruhigte sie.
+</p>
+
+<p>
+„Laß nur, Mutter, es wird Zeit, daß man der Katze die
+Schelle umhängt. Ich stehe auf dem Standpunkt, daß
+die Bucks ihre Stellung hier in der Stadt schon längst
+nicht mehr verdienen. Sie sind eine verrottete Familie.“
+</p>
+
+<p>
+„Die Frau von Moritz, dem Ältesten,“ sagte Magda, „ist
+einfach eine Bäuerin. Neulich waren sie mal in der Stadt,
+er ist auch schon ganz verbauert.“ Emmi empörte sich.
+</p>
+
+<p>
+„Na, und der Bruder des alten Herrn Buck? Immer
+elegant, und die fünf unverheirateten Töchter! Sie lassen
+sich Suppe aus der Volksküche holen, ich weiß es positiv.“
+</p>
+
+<p>
+„Die Volksküche hat ja der Herr Buck gegründet“, erklärte
+Diederich. „Und die Fürsorge für die entlassenen
+Sträflinge auch, und was sonst noch. Ich möchte wissen,
+wann er eigentlich Zeit hat, an seine eigenen Geschäfte zu
+denken.“
+</p>
+
+<pb n='114'/><anchor id='Pgp0114'/>
+
+<p>
+„Es würde mich nicht wundern,“ sagte Frau Heßling,
+„wenn nicht mehr viel da wäre. Obwohl ich vor dem
+Herrn Buck natürlich die größte Hochachtung habe, er ist
+doch so angesehen.“
+</p>
+
+<p>
+Diederich lachte bitter. „Warum eigentlich? In der
+Verehrung des alten Buck sind wir aufgezogen worden.
+Der große Mann von Netzig! Im Jahre achtundvierzig
+zum Tode verurteilt!“
+</p>
+
+<p>
+„Das ist aber auch ein historisches Verdienst, sagte dein
+Vater immer.“
+</p>
+
+<p>
+„Verdienst?“ schrie Diederich. „Wenn ich nur weiß,
+einer ist gegen die Regierung, ist er für mich schon erledigt.
+Und Hochverrat soll ein Verdienst sein?“
+</p>
+
+<p>
+Und er stürzte sich, vor den erstaunten Frauen, in die
+Politik. Diese alten Demokraten, die noch immer das
+Regiment führten, waren nachgerade die Schmach von
+Netzig! Schlapp, unpatriotisch, mit der Regierung zerfallen!
+Ein Hohn auf den Zeitgeist! Weil im Reichstag
+der alte Landgerichtsrat Kühlemann saß, ein Freund des
+berüchtigten Eugen Richter, darum stockte hier das Geschäft,
+und niemand kriegte Geld. Natürlich, für so ein
+freisinniges Nest gab es weder Bahnanschlüsse noch Militär.
+Kein Zuzug, kein Betrieb! Die Herren im Magistrat,
+immer dieselben paar Familien, das kannte man, die
+schoben sich untereinander die Aufträge zu, und für andere
+Leute war nichts da. Die Papierfabrik Gausenfeld hatte
+sämtliche Lieferungen an die Stadt, denn auch ihr Besitzer
+Klüsing gehörte zu der Bande des alten Buck!
+</p>
+
+<p>
+Magda wußte noch etwas. „Neulich ist die Liebhabervorstellung
+im Bürgerkränzchen abgesagt worden, weil
+dem Herrn Buck seine Tochter, Frau Lauer, krank war.
+Das ist doch Popismus.“
+</p>
+
+<pb n='115'/><anchor id='Pgp0115'/>
+
+<p>
+„Nepotismus heißt es“, sagte Diederich streng. Er rollte
+die Augen. „Und dabei ist der Herr Lauer ein Sozialist.
+Aber der Herr Buck mag sich hüten! Wir werden ihm auf
+die Finger sehen!“
+</p>
+
+<p>
+Frau Heßling hob flehend die Hände. „Mein lieber
+Sohn, wenn du jetzt in der Stadt deine Besuche machst,
+versprich mir, daß du auch zum Herrn Buck gehst. Er ist
+nun mal so einflußreich.“
+</p>
+
+<p>
+Aber Diederich versprach nichts. „Andere wollen auch
+’ran!“ rief er.
+</p>
+
+<p>
+Trotzdem schlief er in dieser Nacht unruhig. Schon um
+sieben ging er in die Fabrik hinunter und schlug sofort
+Lärm, weil noch die Bierflaschen von gestern umherlagen.
+„Hier wird nicht gesoffen, hier ist keine Kneipe. Herr
+Sötbier, das steht doch wohl im Reglement.“ – „Reglement?“
+sagte der alte Buchhalter. „Wir haben gar keins.“
+Diederich war sprachlos; er schloß sich mit Sötbier ins
+Kontor ein. „Kein Reglement? Dann wundert mich
+allerdings gar nichts mehr. Was sind das für lächerliche
+Bestellungen, mit denen Sie sich da abgeben?“ – und
+er warf die Briefe auf dem Pult umher. „Es scheint
+höchste Zeit gewesen zu sein, daß ich eingreife. Das Geschäft
+versumpft in Ihren Händen.“
+</p>
+
+<p>
+„Versumpfen, junger Herr?“
+</p>
+
+<p>
+„Ich bin für Sie der Herr Doktor!“ Und er verlangte,
+daß man einfach alle anderen Fabriken unterbieten solle.
+</p>
+
+<p>
+„Das halten wir nicht aus“, sagte Sötbier. „Überhaupt
+wären wir gar nicht imstande, so große Aufträge auszuführen
+wie Gausenfeld.“
+</p>
+
+<p>
+„Und Sie wollen ein Geschäftsmann sein? Dann stellen
+wir eben mehr Maschinen ein.“
+</p>
+
+<p>
+„Das kostet Geld“, sagte Sötbier.
+</p>
+
+<pb n='116'/><anchor id='Pgp0116'/>
+
+<p>
+„Dann nehmen wir welches auf! Ich werde hier
+Schneid hineinbringen. Sie sollen sich wundern. Wenn
+Sie mich nicht unterstützen wollen, mache ich es allein.“
+</p>
+
+<p>
+Sötbier wiegte den Kopf. „Mit Ihrem Vater, junger
+Herr, war ich immer einig. Wir haben zusammen das
+Geschäft in die Höhe gebracht.“
+</p>
+
+<p>
+„Jetzt ist eine andere Zeit, merken Sie sich das. Ich bin
+mein eigener Geschäftsführer.“
+</p>
+
+<p>
+Sötbier seufzte: „Das ist die stürmische Jugend“ –
+indes Diederich schon die Tür zuwarf. Er durchmaß den
+Raum, worin die mechanische Trommel, laut schlagend,
+die Lumpen in Chlor wusch, und wollte das Zimmer des
+großen Kochholländers betreten. Im Eingang kam ihm
+unvermutet der schwarzbärtige Maschinenmeister entgegen.
+Diederich zuckte zusammen, fast hätte er dem
+Arbeiter Platz gemacht. Dafür rannte er ihn mit der
+Schulter beiseite, bevor der Mann ausweichen konnte.
+Schnaufend sah er der Arbeit des Holländers zu, dem
+Drehen der Walze, dem Schneiden der Messer, das den
+Stoff in Fasern zerteilte. Grinsten ihn die Leute, die die
+Maschine bedienten, nicht etwa von der Seite an, weil
+er vor dem schwarzen Kerl erschrocken war? „Der Kerl
+ist ein frecher Hund! Er muß ’raus!“ Ein animalischer
+Haß stieg in Diederich herauf, der Haß seines blonden
+Fleisches gegen den mageren Schwarzen, den Menschen von
+einer anderen Rasse, die er gern für niedriger gehalten
+hätte und die ihm unheimlich schien. Diederich fuhr auf.
+</p>
+
+<p>
+„Die Walze ist falsch gestellt, die Messer arbeiten
+schlecht!“ Da die Leute ihn nur ansahen, schrie er:
+„Maschinenmeister!“ Und als der Schwarzbärtige eintrat:
+„Sehen Sie sich die Schweinerei mal an! Die
+Walze ist viel zu tief auf die Messer gesenkt, sie
+zerschnei<pb n='117'/><anchor id='Pgp0117'/>den mir das ganze Zeug. Ich mache Sie verantwortlich
+für den Schaden!“
+</p>
+
+<p>
+Der Mann beugte sich über die Maschine. „Schaden
+ist keiner da“, sagte er ruhig, aber Diederich wußte schon
+wieder nicht, ob er unter seinem schwarzen Bart nicht
+feixte. Der Blick des Maschinenmeisters hatte etwas
+düster Höhnisches, Diederich ertrug ihn nicht, er gab es
+auf zu blitzen und warf nur die Arme. „Ich mache Sie
+verantwortlich!“
+</p>
+
+<p>
+„Was ist denn los?“ fragte Sötbier, der den Lärm gehört
+hatte. Dann erklärte er dem Herrn, daß der Stoff
+durchaus nicht zu kleinfaserig geschnitten werde, und daß
+es immer so gemacht worden sei. Die Arbeiter nickten
+mit den Köpfen, der Maschinenmeister stand gelassen dabei.
+Diederich fühlte sich einem Kompetenzstreit nicht gewachsen,
+er schrie noch: „Dann wird es künftig gefälligst
+anders gemacht!“ und kehrte plötzlich um.
+</p>
+
+<p>
+Er gelangte in den Lumpensaal, und er gab sich Haltung,
+indem er fachkundig die Frauen überwachte, die auf
+den Siebplatten der langen Tische die Lumpen sortierten.
+Als eine kleine dunkeläugige es unternahm, ihn aus ihrem
+bunten Kopftuch heraus ein wenig anzulächeln, prallte
+sie gegen eine so harte Miene, daß sie erschrak und sich
+duckte. Farbige Fetzen quollen aus den Säcken, das Getuschel
+der Frauen verstummte unter dem Blick des Herrn,
+und in der warmen, dumpfigen Luft war nichts mehr zu
+vernehmen als das leise Rattern der Sensen, die in die
+Tische gerammt, die Knöpfe abschnitten. Aber Diederich,
+der die Heizungsrohre untersuchte, hörte etwas Verdächtiges.
+Er beugte sich hinter einen Haufen Säcke – und
+fuhr zurück, errötet und mit zitterndem Schnurrbart.
+„Nun hört alles auf!“ schrie er, „’rauskommen!“ Ein
+<pb n='118'/><anchor id='Pgp0118'/>junger Arbeiter kroch hervor. „Das Frauenzimmer auch!“
+schrie Diederich. „Wird’s bald?“ Und, als endlich das
+Mädchen sich zeigte, stemmte er die Fäuste in die Hüften.
+Hier ging es ja heiter zu! Seine Fabrik war nicht nur
+eine Kneipe, sondern noch ganz was anderes! Er zeterte,
+daß alles zusammenlief. „Na, Herr Sötbier, dies ist
+wohl auch immer so gemacht worden? Ich gratuliere
+Ihnen zu Ihren Erfolgen. Also die Leute sind gewohnt,
+die Arbeitszeit zu benutzen, um sich hinter den Säcken zu
+amüsieren. Wie kommt der Mann hier herein?“ Es sei
+seine Braut, sagte der junge Mensch. „Braut? Hier gibt
+es keine Braut, hier gibt es nur Arbeiter. Ihr beide stehlt
+mir die Arbeitszeit, die ich euch bezahle. Ihr seid Schweine
+und außerdem Diebe. Ich schmeiß’ euch ’raus, und ich
+zeig’ euch an, wegen öffentlicher Unzucht!“
+</p>
+
+<p>
+Er sah herausfordernd umher.
+</p>
+
+<p>
+„Deutsche Zucht und Sitte verlang’ ich hier. Verstanden?“
+Da traf er den Maschinenmeister. „Und ich werde
+sie durchführen, auch wenn Sie da ein Gesicht schneiden!“
+schrie er.
+</p>
+
+<p>
+„Ich habe kein Gesicht geschnitten“, sagte der Mann
+ruhig. Aber Diederich war nicht länger zu halten. Endlich
+konnte er ihm etwas nachweisen!
+</p>
+
+<p>
+„Ihr Benehmen ist mir schon längst verdächtig! Sie
+tun Ihren Dienst nicht, sonst hätte ich die beiden Leute
+nicht abgefaßt.“
+</p>
+
+<p>
+„Ich bin kein Aufpasser“, warf der Mann dazwischen.
+</p>
+
+<p>
+„Sie sind ein widersetzlicher Bursche, der die ihm unterstellten
+Leute an Zuchtlosigkeit gewöhnt. Sie arbeiten
+für den Umsturz! Wie heißen Sie überhaupt?“
+</p>
+
+<p>
+„Napoleon Fischer“, sagte der Mann. Diederich stockte.
+</p>
+
+<p>
+„Nap–. Auch das noch! Sie sind Sozialdemokrat?“
+</p>
+
+<pb n='119'/><anchor id='Pgp0119'/>
+
+<p>
+„Jawohl.“
+</p>
+
+<p>
+„Dachte ich mir. Sie sind entlassen.“
+</p>
+
+<p>
+Er wandte sich nach den Leuten um: „Merkt euch
+das!“ – und verließ schroff den Raum. Auf dem Hof
+lief Sötbier ihm nach. „Junger Herr!“ Er war in großer
+Aufregung und wollte nichts sagen, bevor sie nicht die
+Tür des Privatkontors hinter sich geschlossen hatten.
+„Junger Herr,“ sagte der Buchhalter, „das geht nicht,
+der Mann ist ein Organisierter.“ – „Deswegen soll er
+’raus“, erwiderte Diederich. Sötbier setzte auseinander,
+daß das nicht gehe, weil dann alle die Arbeit niederlegen
+würden. Diederich wollte es nicht begreifen. Waren
+denn alle organisiert? Nein. Nun also. Aber, erklärte
+Sötbier, sie hatten Furcht vor den Roten, sogar auf die
+alten Leute war kein Verlaß mehr.
+</p>
+
+<p>
+„Ich schmeiß’ sie ’raus!“ rief Diederich. „Samt und
+sonders, mit Kind und Kegel!“
+</p>
+
+<p>
+„Wenn wir dann nur andere kriegten“, sagte Sötbier
+und sah unter seinem grünen Augenschirm mit einem
+dünnen Lächeln dem jungen Herrn zu, der vor Zorn gegen
+die Möbel anrannte. Er schrie:
+</p>
+
+<p>
+„Bin ich in meiner Fabrik der Herr oder nicht? Dann
+will ich doch sehen –“
+</p>
+
+<p>
+Sötbier ließ ihn austoben, dann sagte er: „Herr Doktor
+brauchen dem Fischer gar nichts zu sagen, er geht uns nicht
+fort, er weiß ja, daß wir davon zu viele Scherereien
+hätten.“
+</p>
+
+<p>
+Diederich bäumte sich nochmals auf.
+</p>
+
+<p>
+„So. Ich brauch’ ihn also nicht zu bitten, daß er die
+Gnade hat und bleibt? Der Herr Napoleon! Ich brauch’
+ihn nicht für Sonntag zum Mittagessen einzuladen? Es
+wäre auch zuviel Ehre für mich!“
+</p>
+
+<pb n='120'/><anchor id='Pgp0120'/>
+
+<p>
+Der Kopf war ihm rot angeschwollen, er fand das Zimmer
+zu eng und riß die Tür auf. Der Maschinenmeister ging
+eben vorbei. Diederich sah ihm nach, der Haß gab ihm
+deutlichere Sinneseindrücke als sonst, er bemerkte gleichzeitig
+die krummen, mageren Beine des Menschen, seine knochigen
+Schultern mit den Armen, die vornüberhingen –
+und nun der Maschinenmeister mit den Leuten sprach, sah
+er seine starken Kiefern arbeiten unter dem dünnen schwarzen
+Bart. Wie Diederich dies Mundwerk haßte, und diese
+knotigen Hände! Der schwarze Kerl war längst vorüber,
+und seine Ausdünstung roch Diederich noch immer.
+</p>
+
+<p>
+„Sehn Sie mal, Sötbier, die Vorderflossen hängen ihm
+bis an den Boden. Gleich wird er auf allen vieren laufen
+und Nüsse fressen. Dem Affen werden wir ein Bein
+stellen, verlassen Sie sich darauf! Napoleon! So ein
+Name ist allein schon eine Provokation. Aber er soll sich
+zusammennehmen, denn so viel weiß ich, daß einer von
+uns beiden –“ Diederich rollte die Augen: „– auf dem
+Platz bleiben wird.“
+</p>
+
+<milestone unit="tb"/>
+
+<p>
+Erhobenen Hauptes verließ er die Fabrik. Im schwarzen
+Rock machte er sich auf, um den wichtigsten Herren
+der Stadt die Aufmerksamkeit seines Besuches zu erweisen.
+Von der Meisestraße konnte er, um zum Bürgermeister
+Doktor Scheffelweis in die Schweinichenstraße zu
+gelangen, einfach der Wuchererstraße folgen, die jetzt
+Kaiser-Wilhelm-Straße hieß. Er wollte es auch; im entscheidenden
+Augenblick aber, wie auf eine Verabredung,
+die er vor sich selbst geheimgehalten hätte, bog er dennoch
+in die Fleischhauergrube ein. Die zwei Stufen vor dem
+Hause des alten Herrn Buck waren abgewetzt von den
+Füßen der ganzen Stadt und von den Vorgängern dieser
+<pb n='121'/><anchor id='Pgp0121'/>Füße. Der Klingelzug an der gelben Glastür bewirkte
+drinnen ein langes Rasseln im Leeren. Dann ging dort
+hinten eine Tür auf, und die alte Magd schlich über die
+Diele. Aber sie war noch längst nicht angelangt, da trat
+vorn der Hausherr aus seinem Bureau und öffnete selbst.
+Er zog Diederich, der sich eifrig verbeugte, bei der Hand
+herein.
+</p>
+
+<p>
+„Mein lieber Heßling! Ich habe Sie erwartet, man
+hatte mir Ihre Ankunft berichtet. Willkommen denn in
+Netzig, mein Herr Doktor.“
+</p>
+
+<p>
+Sofort hatte Diederich Tränen in den Augen und
+stammelte:
+</p>
+
+<p>
+„Sie sind zu gütig, Herr Buck. Natürlich habe ich zuerst
+und vor allem Ihnen, Herr Buck, meine Aufwartung
+machen wollen und Ihnen versichern, daß ich immer ganz
+– daß ich immer ganz – zu Ihren Diensten stehe“, schloß
+er, freudig wie ein guter Schüler. Der alte Herr Buck
+hielt ihn noch fest, mit seiner Hand, die warm und dennoch
+leicht und weich war.
+</p>
+
+<p>
+„Dienste –“ er schob Diederich selbst den Sessel zurecht,
+„die wollen Sie doch natürlich nicht mir leisten,
+sondern Ihren Mitbürgern – die es Ihnen danken werden.
+Zum Stadtverordneten werden Ihre Mitbürger Sie
+in kurzem wählen, das glaube ich Ihnen versprechen zu
+können, denn damit belohnen sie eine verdiente Familie.
+Und dann“ – der alte Buck beschrieb eine Gebärde feierlicher
+Freigebigkeit „– verlasse ich mich auf Sie, daß Sie
+es uns recht bald ermöglichen werden, Sie im Magistrat
+zu begrüßen.“
+</p>
+
+<p>
+Diederich verbeugte sich, beglückt lächelnd, als werde er
+schon begrüßt. „Die Gesinnung unserer Stadt,“ fuhr
+Herr Buck fort, „ich sage nicht, daß sie in allen Teilen gut
+<pb n='122'/><anchor id='Pgp0122'/>ist –“ Er versenkte seinen weißen Knebelbart in die
+seidene Halsbinde. „Aber noch ist Raum“ – der Bart
+tauchte wieder auf – „und will’s Gott noch lange, für
+wahrhaft liberale Männer.“
+</p>
+
+<p>
+Diederich beteuerte: „Ich bin selbstverständlich durchaus
+liberal.“
+</p>
+
+<p>
+Darauf strich der alte Buck über die Papiere auf seinem
+Schreibtisch. „Ihr seliger Vater hat mir hier oft gegenüber
+gesessen, und besonders häufig damals, als er die Papiermühle
+errichtete. Dabei konnte ich ihm zu meiner großen
+Freude förderlich sein. Es handelte sich um den Bach,
+der jetzt durch Ihren Hof fließt.“
+</p>
+
+<p>
+Diederich sagte mit tiefer Stimme: „Wie oft, Herr Buck,
+hat mein Vater mir erzählt, daß er den Bach, ohne den
+wir gar nicht existieren könnten, nur Ihnen verdankt.“
+</p>
+
+<p>
+„Nur mir, dürfen Sie nicht sagen, sondern den gerechten
+Zuständen unseres Gemeinwesens, an denen aber –“
+der alte Herr Buck erhob seinen weißen Zeigefinger, er
+sah Diederich tief an, „gewisse Leute und eine gewisse
+Partei manches ändern würden, sobald sie könnten.“
+Stärker und mit Pathos: „Der Feind steht vor dem Tore,
+es heißt zusammenhalten.“
+</p>
+
+<p>
+Er ließ eine Pause verstreichen und sagte in leichterem
+Ton, sogar mit einem kleinen Schmunzeln: „Sind Sie
+nicht, mein werter Herr Doktor, in einer ähnlichen Lage,
+wie damals Ihr Vater? Sie wollen sich vergrößern? Sie
+haben Pläne?“
+</p>
+
+<p>
+„Allerdings.“ Und Diederich setzte eifrig auseinander,
+was alles geschehen müsse. Der Alte hörte ihm aufmerksam
+zu, er nickte, nahm eine Prise ... Endlich sagte er:
+„Ich sehe so viel, daß der Umbau Ihnen nicht nur große
+Kosten, sondern unter Umständen auch Schwierigkeiten
+<pb n='123'/><anchor id='Pgp0123'/>mit der städtischen Baupolizei verursachen wird – mit
+der ich übrigens im Magistrat zu tun habe. Nun überzeugen
+Sie sich, mein lieber Heßling, was hier auf meinem
+Schreibtisch liegt.“
+</p>
+
+<p>
+Da erkannte Diederich einen genauen Aufriß seines
+Grundstückes, samt dem dahinter gelegenen. Sein verblüfftes
+Gesicht bewirkte bei dem alten Buck ein Lächeln
+der Genugtuung. „Ich kann wohl dafür sorgen,“ sagte
+er, „daß keine erschwerenden Umstände eintreten.“ Und
+auf Diederichs Danksagungen: „Wir dienen dem großen
+Ganzen, wenn wir jedem unserer Freunde vorwärtshelfen.
+Denn die Freunde einer Volkspartei sind alle,
+außer den Tyrannen.“
+</p>
+
+<p>
+Nach diesen Worten lehnte der alte Buck sich tiefer in
+den Sessel und faltete die Hände. Seine Miene hatte sich
+entspannt, er wiegte den Kopf wie ein Großvater. „Als
+Kind hatten Sie so schöne blonde Locken“, sagte er.
+</p>
+
+<p>
+Diederich begriff, daß der offizielle Teil des Gespräches
+beendet sei. „Ich weiß noch,“ erlaubte er sich zu sagen,
+„wie ich als kleiner Junge hier ins Haus kam, wenn ich
+mit Ihrem Herrn Sohn Wolfgang Soldaten spielte.“
+</p>
+
+<p>
+„Ja, ja. Und jetzt spielt er wieder Soldat.“
+</p>
+
+<p>
+„Oh! Er ist sehr beliebt bei den Offizieren. Er hat es
+mir selbst gesagt.“
+</p>
+
+<p>
+„Ich wünschte, mein lieber Heßling, er hätte mehr von
+Ihrer praktischen Veranlagung.... Nun, er wird ruhiger
+werden, wenn ich ihn erst verheiratet habe.“
+</p>
+
+<p>
+„Ich glaube,“ sagte Diederich, „daß Ihr Herr Sohn
+etwas Geniales hat. Daher ist er mit nichts zufrieden, er
+weiß nicht, ob er General werden soll oder sonst ein großer
+Mann.“
+</p>
+
+<p>
+„Inzwischen macht er leider dumme Streiche.“ Der
+<pb n='124'/><anchor id='Pgp0124'/>Alte sah aus dem Fenster. Diederich wagte seine Neugier
+nicht zu zeigen.
+</p>
+
+<p>
+„Dumme Streiche? Das kann ich gar nicht glauben,
+denn mir hat er immer imponiert, gerade durch seine Intelligenz.
+Schon früher, seine Aufsätze. Und was er mir
+neulich über unseren Kaiser gesagt hat, daß er eigentlich
+gern der erste Arbeiterführer wäre....“
+</p>
+
+<p>
+„Davor behüte Gott die Arbeiter.“
+</p>
+
+<p>
+„Wieso?“ Diederich war tieferstaunt.
+</p>
+
+<p>
+„Weil es ihnen schlecht bekommen würde. Uns anderen
+ist es auch nicht gut bekommen.“
+</p>
+
+<p>
+„Aber wir haben doch, dank den Hohenzollern, das
+einige Deutsche Reich.“
+</p>
+
+<p>
+„Wir haben es nicht“, sagte der alte Buck und stand ungewöhnlich
+rasch vom Stuhl auf. „Denn wir müßten, um
+unsere Einigkeit zu beweisen, einem eigenen Willen folgen
+können; und können wir’s? Ihr wähnt euch einig,
+weil die Pest der Knechtschaft sich verallgemeinert! Das
+hat Herwegh, ein Überlebender wie ich, im Frühjahr
+Einundsiebzig den Siegestrunkenen zugerufen. Was
+würde er heute sagen!“
+</p>
+
+<p>
+Diederich konnte, vor dieser Stimme aus dem Jenseits,
+nur stammeln: „Ach ja, Sie sind ein Achtundvierziger.“
+</p>
+
+<p>
+„Mein lieber junger Freund, Sie wollen sagen, ein
+Narr und ein Besiegter. Ja! Wir sind besiegt worden, weil
+wir närrisch genug waren, an dieses Volk zu glauben. Wir
+glaubten, es würde alles das selbst vollbringen, was es
+jetzt für den Preis der Unfreiheit von seinen Herren entgegennimmt.
+Wir dachten es mächtig, reich, voll Einsicht
+in seine eigenen Angelegenheiten und der Zukunft ergeben.
+Wir sahen nicht, daß es, ohne politische Bildung,
+deren es weniger hat als alle anderen, bestimmt sei, nach
+<pb n='125'/><anchor id='Pgp0125'/>seinem Aufschwung den Mächten der Vergangenheit anheimzufallen.
+Schon zu unserer Zeit gab es allzu viele,
+die unbekümmert um das Ganze, ihren Privatinteressen
+nachjagten und zufrieden waren, wenn sie in irgendeiner
+Gnadensonne sich wärmend, den unedlen Bedürfnissen
+eines anspruchsvollen Genußlebens genügen konnten.
+Seitdem sind sie Legion geworden, denn die Sorge um
+das öffentliche Wohl ist ihnen abgenommen. Zur Großmacht
+haben eure Herren euch schon gemacht, und indes
+ihr Geld verdient, wie ihr könnt, und es ausgebt, wie ihr
+mögt, werden sie euch – oder vielmehr sich – auch noch
+die Flotte bauen, die wir damals uns selbst gebaut haben
+würden. Unser Dichter damals wußte, was ihr erst jetzt
+lernen sollt: Und in den Furchen, die Kolumb gezogen,
+geht Deutschlands Zukunft auf!“
+</p>
+
+<p>
+„Bismarck hat eben wirklich etwas getan“, sagte Diederich,
+leise triumphierend.
+</p>
+
+<p>
+„Das ist es gerade, daß er es hat tun dürfen! Und dabei
+hat er alles nur faktisch getan, formell aber im Namen
+seines Herrn. Da waren wir Bürger von achtundvierzig
+ehrlicher, das darf ich sagen, denn ich habe damals selbst
+bezahlt, was ich gewagt hatte.“
+</p>
+
+<p>
+„Ich weiß wohl, Sie sind zum Tode verurteilt worden“,
+sagte Diederich, wieder eingeschüchtert.
+</p>
+
+<p>
+„Ich bin verurteilt worden, weil ich die Souveränität
+der Nationalversammlung gegen eine Partikularmacht
+verteidigte und das Volk, das sich in Notwehr befand,
+zum Aufstand führte. So war in unseren Herzen die
+deutsche Einheit: sie war eine Gewissenspflicht, die eigene
+Schuld jedes einzelnen, für die er einstand. Nein! Wir
+huldigten keinem sogenannten Schöpfer der deutschen
+Einheit. Als ich damals, besiegt und verraten, hier oben
+<pb n='126'/><anchor id='Pgp0126'/>im Hause mit meinen letzten Freunden die Soldaten des
+Königs erwartete, da war ich, groß oder gering, ein
+Mensch, der selbst am Ideal schuf: einer aus vielen, aber
+ein Mensch. Wo sind sie heute?“
+</p>
+
+<p>
+Der Alte hielt an und machte ein Gesicht, als lauschte er.
+Diederich war es schwül. Er fühlte, daß er zu dem allen
+nicht länger schweigen dürfe. Er sagte: „Das deutsche
+Volk ist eben, Gott sei Dank, nicht mehr das Volk der
+Denker und Dichter, es strebt modernen und praktischen
+Zielen zu.“ Der Alte kehrte aus seinen Gedanken zurück,
+er deutete nach der Zimmerdecke.
+</p>
+
+<p>
+„Damals war die ganze Stadt bei mir zu Hause. Jetzt
+ist es so einsam wie nie, zuletzt ging noch Wolfgang fort.
+Ich würde alles dahingeben, aber, junger Mann, wir sollen
+Respekt haben vor unserer Vergangenheit – auch
+wenn wir besiegt worden sind.“
+</p>
+
+<p>
+„Zweifellos“, sagte Diederich. „Und dann sind Sie
+immer noch der mächtigste Mann in der Stadt. Die
+Stadt, sagt man immer, gehört dem Herrn Buck.“
+</p>
+
+<p>
+„Das will ich aber gar nicht, ich will, daß sie sich selbst gehört.“
+Er atmete tief aus. „Das ist eine weitläufige Sache,
+Sie werden sie allmählich kennenlernen, wenn Sie Einblick
+in unsere Verwaltung bekommen. Wir werden nämlich
+jeden Tag heftiger bedrängt von der Regierung und ihren
+junkerlichen Auftraggebern. Heute will man uns zwingen,
+den Gutsbesitzern, die uns keine Steuern zahlen, unser Licht
+zu geben, morgen werden wir ihnen Straßen bauen müssen.
+Zuletzt geht es um unsere Selbstverwaltung. Sie werden
+sehen, wir leben in einer belagerten Stadt.“
+</p>
+
+<p>
+<anchor id="corr126"/><corr sic="Diedrich">Diederich</corr> lächelte überlegen. „So schlimm kann es wohl
+nicht sein, denn unser Kaiser ist doch eine so moderne Persönlichkeit.“
+</p>
+
+<pb n='127'/><anchor id='Pgp0127'/>
+
+<p>
+„Nun ja“, sagte der alte Buck. Er erhob sich, wiegte den
+Kopf – und dann zog er es vor, zu schweigen. Er reichte
+Diederich die Hand.
+</p>
+
+<p>
+„Mein lieber Doktor, Ihre Freundschaft wird mir gerade
+so wertvoll sein, als die Ihres Vaters mir war. Nach
+unserer Unterredung habe ich die Hoffnung, daß wir in
+allem einig gehen werden.“
+</p>
+
+<p>
+Unter dem warmen blauen Blick des Alten schlug
+Diederich sich auf die Brust. „Ich bin ein durchaus liberaler
+Mann!“
+</p>
+
+<p>
+„Vor allem warne ich Sie vor dem Regierungspräsidenten
+von Wulckow. Er ist der Feind, der uns hier in die
+Stadt gesetzt worden ist. Der Magistrat unterhält nur die
+unumgänglichen Beziehungen zum Präsidenten. Ich selbst
+habe die Ehre, von dem Herrn nicht gegrüßt zu werden.“
+</p>
+
+<p>
+„Oh!“ machte Diederich, ehrlich erschüttert.
+</p>
+
+<p>
+Der alte Buck öffnete ihm schon die Tür, schien aber
+noch etwas zu überlegen. „Warten Sie!“ Er trat eilig
+zu seiner Bibliothek, bückte sich und tauchte aus einer
+staubigen Tiefe mit einem kleinen, fast quadratischen Buch
+auf. Er steckte es Diederich rasch zu, verstohlenen Glanz
+in seinem Gesicht, das errötet war. „Da, nehmen Sie!
+Es sind meine ‚Sturmglocken‘! Man war auch Dichter –
+damals.“ Und er schob Diederich sanft hinaus.
+</p>
+
+<milestone unit="tb"/>
+
+<p>
+Die Fleischhauergrube stieg beträchtlich an, aber Diederich
+schnaufte nicht nur deshalb. Nachdem er zuerst nur
+eine gewisse Betäubung empfunden hatte, stellte sich
+allmählich das Gefühl heraus, daß er sich habe verblüffen
+lassen. „So ein alter Schwätzer ist doch bloß noch eine
+Vogelscheuche, und mir imponiert er!“ Unbestimmt gedachte
+er der Kinderzeit, als ihm der alte Herr Buck,
+<pb n='128'/><anchor id='Pgp0128'/>der zum Tode verurteilt worden war, ebensoviel Hochachtung
+und ein ähnliches Grausen einflößte wie der
+Polizist an der Ecke oder das Burggespenst. „Werd’ ich
+denn ewig so weich bleiben? Ein anderer hätte sich nicht
+so behandeln lassen!“ Auch konnte es peinliche Folgen
+haben, daß er zu so vielen kompromittierenden Reden
+geschwiegen oder nur matt widersprochen hatte. Er legte
+sich energische Antworten zurecht, für das nächste Mal.
+„Das Ganze war eine Falle! Er hat mich einfangen und
+unschädlich machen wollen ... Aber er soll sehen!“
+Diederich ballte die Faust in der Tasche, indes er stramm
+durch die Kaiser-Wilhelm-Straße ging. „Vorläufig muß
+man sich noch mit ihm verhalten, aber wehe, wenn ich
+der Stärkere bin!“
+</p>
+
+<p>
+Das Haus des Bürgermeisters war mit Ölfarbe neu
+gestrichen, und die Spiegelscheiben glänzten wie je. Ein
+nettes Stubenmädchen empfing ihn. Über eine Treppe
+mit einem freundlichen Knaben aus Biskuit, der eine
+Lampe trug, und durch ein Vorzimmer, worin fast vor
+jedem Möbel ein kleiner Teppich lag, ward Diederich
+in das Eßzimmer geführt. Es war aus hellem Holz mit
+appetitlichen Bildern, zwischen denen der Bürgermeister
+und noch ein Herr beim zweiten Frühstück saßen. Doktor
+Scheffelweis reichte Diederich seine weißliche Hand hin
+und musterte ihn dabei über den Klemmer weg. Trotzdem
+wußte man nie genau, ob er einen ansah, so unbestimmt
+war der Blick seiner Augen, die farblos schienen wie das
+Gesicht und die seitwärts fliehenden, dünnen Bartkoteletts.
+Der Bürgermeister setzte mehrmals zum Sprechen
+an, bis er endlich etwas fand, das man auf alle Fälle
+sagen konnte. „Schöne Schmisse“, sagte er; und zu dem
+anderen Herrn: „Finden Sie nicht?“
+</p>
+
+<pb n='129'/><anchor id='Pgp0129'/>
+
+<p>
+Der andere Herr legte Diederich zunächst große Zurückhaltung
+auf, denn er sah stark jüdisch aus. Aber der
+Bürgermeister stellte vor: „Herr Assessor Jadassohn, von
+der Staatsanwaltschaft“ – was dann allerdings eine
+vollwertige Begrüßung nötig machte.
+</p>
+
+<p>
+„Setzen Sie sich nur gleich,“ sagte der Bürgermeister,
+„wir fangen gerade an.“ Er schenkte Diederich Porter
+ein und legte ihm Lachsschinken vor. „Meine Frau und
+meine Schwiegermutter sind ausgegangen, die Kinder
+in der Schule, dies ist die Stunde des Junggesellen, prost!“
+</p>
+
+<p>
+Der jüdische Herr von der Staatsanwaltschaft hatte
+vorläufig nur für das Stubenmädchen Augen. Während
+sie neben ihm am Tisch zu tun hatte, war seine Hand verschwunden.
+Dann ging sie, und er wollte von öffentlichen
+Angelegenheiten beginnen, aber der Bürgermeister ließ
+sich nicht unterbrechen. „Die beiden Damen kommen vor
+dem Mittagessen nicht zurück, denn meine Schwiegermutter
+ist beim Zahnarzt. Ich kenne das, es kostet Mühe
+mit ihr, und inzwischen gehört uns das Haus.“ Er holte
+einen Likör aus dem Büfett, rühmte ihn, ließ sich seine
+Güte von den Gästen bestätigen und fuhr fort, eintönig
+und vom Kauen unterbrochen, das Idyll seiner Vormittage
+zu preisen. Allmählich ward, in allem Glück,
+seine Miene immer besorgter, er fühlte wohl, das Gespräch
+könne so nicht weitergehen; und nachdem eine
+Minute lang alle geschwiegen hatten, entschloß er sich.
+</p>
+
+<p>
+„Ich darf annehmen, Herr Doktor Heßling –: mein
+Haus liegt ja nicht in nächster Nachbarschaft des Ihren,
+und so würde ich es durchaus begreiflich finden, wenn
+Sie vor mir einige andere Herren aufgesucht hätten.“
+</p>
+
+<p>
+Diederich errötete schon für die Lüge, die er noch nicht
+ausgesprochen hatte. „Es würde herauskommen“, dachte
+<pb n='130'/><anchor id='Pgp0130'/>er noch rechtzeitig, und er sagte: „Tatsächlich habe ich mir
+erlaubt –. Das heißt, natürlich war mein erster Weg zu
+Ihnen, Herr Bürgermeister. Nur im Andenken an meinen
+Vater, der eine so große Verehrung für den alten Herrn
+Buck hatte –“
+</p>
+
+<p>
+„Begreiflich, durchaus begreiflich.“ Der Bürgermeister
+nickte mit Nachdruck. „Herr Buck ist der älteste unter
+unseren verdienten Bürgern und übt daher einen zweifellos
+legitimen Einfluß aus.“
+</p>
+
+<p>
+„Vorläufig noch!“ sagte mit unerwartet scharfer
+Stimme der jüdische Herr von der Staatsanwaltschaft und
+sah Diederich herausfordernd an. Der Bürgermeister
+hatte sich über seinen Käse gebeugt, Diederich fand sich
+schutzlos, er blinzelte. Da der Blick des Herrn durchaus
+ein Bekenntnis verlangte, brachte er etwas hervor von
+„eingefleischtem Respekt“ und führte sogar Kindheitserinnerungen
+an, die es entschuldigen sollten, daß er zuerst
+bei Herrn Buck gewesen war. Dabei betrachtete er
+schreckerfüllt die ungeheuren, roten und weit abstehenden
+Ohren des Herrn von der Staatsanwaltschaft. Dieser
+ließ Diederich fertig stammeln, wie einen Angeklagten,
+der sich verfing; endlich versetzte er schneidend:
+</p>
+
+<p>
+„Der Respekt ist in gewissen Fällen dazu da, daß man
+sich ihn abgewöhnt.“
+</p>
+
+<p>
+Diederich stutzte; dann entschloß er sich zu einem verständnisvollen
+Gelächter. Der Bürgermeister sagte mit
+blassem Lächeln und einer versöhnlichen Geste:
+</p>
+
+<p>
+„Herr Assessor Doktor Jadassohn ist nun einmal gern
+geistreich, – was ich persönlich ganz besonders an ihm
+schätze. In meiner Stellung freilich bin ich genötigt,
+die Dinge objektiv und voraussetzungslos zu betrachten.
+Und da muß ich denn sagen: einerseits ...“
+</p>
+
+<pb n='131'/><anchor id='Pgp0131'/>
+
+<p>
+„Kommen wir gleich zum Andererseits!“ verlangte Assessor
+Jadassohn. „Für mich als Vertreter einer staatlichen Behörde
+wie als überzeugten Anhänger der bestehenden Ordnung
+sind dieser Herr Buck und sein Genosse, der Reichstagsabgeordnete
+Kühlemann, nach ihrer Vergangenheit und
+Gesinnung einfach Umstürzler, und damit fertig. Ich mache
+aus meinem Herzen keine Mördergrube, ich halte das nicht
+für deutsch. Volksküchen gründen, meinetwegen; aber das
+beste Futter für das Volk ist eine gute Gesinnung. Eine
+Idiotenanstalt mag auch ganz nützlich sein.“
+</p>
+
+<p>
+„Aber nur eine kaisertreue!“ ergänzte Diederich. Der
+Bürgermeister machte beschwichtigende Zeichen. „Meine
+Herren!“ flehte er. „Meine Herren! Wenn wir uns denn
+aussprechen sollen, so ist es gewiß richtig, daß bei aller
+bürgerlichen Hochschätzung der genannten Herren andererseits
+doch –“
+</p>
+
+<p>
+„Andererseits!“ wiederholte Jadassohn streng.
+</p>
+
+<p>
+„– das tiefste Bedauern zurückbleibt über unsere leider
+so ungünstigen Beziehungen zu den Vertretern der Staatsregierung
+– wenn ich auch zu bedenken bitte, daß die
+ungewöhnliche Schärfe des Herrn Regierungspräsidenten
+von Wulckow gegenüber den städtischen Behörden –“
+</p>
+
+<p>
+„Gegenüber schlecht gesinnten Körperschaften!“ warf
+Jadassohn ein. Diederich erlaubte sich: „Ich bin ein
+durchaus liberaler Mann, aber das muß ich sagen –“
+</p>
+
+<p>
+„Eine Stadt,“ erklärte der Assessor, „die sich den berechtigten
+Wünschen der Regierung verschließt, darf allerdings
+nicht darüber erstaunen, daß ihr die kalte Schulter
+gezeigt wird.“
+</p>
+
+<p>
+„Von Berlin nach Netzig“, versicherte Diederich,
+„könnte man in der halben Zeit fahren, wenn wir besser
+mit den Herren oben ständen.“
+</p>
+
+<pb n='132'/><anchor id='Pgp0132'/>
+
+<p>
+Der Bürgermeister ließ sie ihr Duett beenden, er war
+bleich und hielt hinter dem Klemmer die Lider gesenkt.
+Plötzlich sah er sie an mit einem dünnen Lächeln.
+</p>
+
+<p>
+„Meine Herren, bemühen Sie sich nicht, ich weiß, daß
+es eine zeitgemäßere Gesinnung gibt als die von den
+städtischen Behörden bekundete. Glauben Sie, bitte, daß
+es nicht mein Verschulden war, wenn an Seine Majestät
+gelegentlich ihrer letzten Anwesenheit in der Provinz,
+während der vorjährigen Manöver, kein Huldigungstelegramm
+geschickt worden ist ...“
+</p>
+
+<p>
+„Die Weigerung des Magistrats war durchaus undeutsch“,
+stellte Jadassohn fest.
+</p>
+
+<p>
+„Das nationale Banner muß hochgehalten werden“,
+verlangte Diederich. Der Bürgermeister erhob die Arme.
+</p>
+
+<p>
+„Meine Herren, das weiß ich. Aber ich bin nur der Vorsitzende
+des Magistrats und muß leider seine Beschlüsse
+ausführen. Ändern Sie die Verhältnisse! Herr Doktor
+Jadassohn erinnert sich noch an unseren Streit mit der
+Regierung wegen des sozialdemokratischen Lehrers Rettich.
+Ich konnte den Mann nicht maßregeln. Herrn von
+Wulckow ist bekannt,“ – der Bürgermeister kniff ein Auge
+zu – „daß ich es sonst getan haben würde.“
+</p>
+
+<p>
+Man schwieg eine Weile und betrachtete einander.
+Jadassohn blies durch die Nase, als genügte ihm das Gehörte.
+Aber Diederich konnte nicht länger an sich halten.
+„Die Vorfrucht der Sozialdemokratie ist der Liberalismus“!
+rief er. „Solche Leute wie Buck, Kühlemann und
+Eugen Richter machen unsere Arbeiter frech. Mein Betrieb
+legt mir die schwersten Opfer an Arbeit und Verantwortung
+auf, und dann hab’ ich noch Konflikte mit
+meinen Leuten. Und warum? Weil wir nicht einig sind
+gegen die rote Gefahr und es gewisse Arbeitgeber gibt,
+<pb n='133'/><anchor id='Pgp0133'/>die im sozialistischen Fahrwasser schwimmen, wie zum
+Beispiel der Schwiegersohn des Herrn Buck. Was seine
+Fabrik einbringt, daran beteiligt der Herr Lauer seine
+Arbeiter. Das ist unmoralisch!“ Hier blitzte Diederich.
+„Denn es untergräbt die Ordnung, und ich stehe auf dem
+Standpunkt, in dieser harten Zeit haben wir Ordnung
+nötiger als je, und darum brauchen wir ein festes Regiment,
+wie unser herrlicher junger Kaiser es führt. Ich
+erkläre, daß ich in allem fest zu Seiner Majestät stehe ...“
+Hier machten die beiden anderen Herren eine Verbeugung,
+die Diederich entgegennahm, indes er weiterblitzte.
+Im Gegensatz zu dem demokratischen Mischmasch, an den
+die absterbende Generation noch glaube, sei der Kaiser
+der Vertreter der Jugend, die persönlichste Persönlichkeit,
+von erfreulicher Impulsivität und ein höchst origineller
+Denker. „Einer soll Herr sein! Auf allen Gebieten!“
+Diederich legte das vollständige Bekenntnis einer scharfen
+und schneidigen Gesinnung ab und erklärte, daß mit dem
+alten freisinnigen Schlendrian auch in Netzig von Grund
+aus aufgeräumt werden müsse.
+</p>
+
+<p>
+„Jetzt kommt eine neue Zeit!“
+</p>
+
+<p>
+Jadassohn und der Bürgermeister hörten still zu, bis
+er alles herausgesagt hatte; Jadassohns Ohren wurden
+dabei noch größer. Dann krähte er: „Auch in Netzig gibt
+es kaisertreue Deutsche!“ Und Diederich noch lauter:
+„Die aber, die es nicht sind, werden wir uns einmal näher
+ansehen. Es wird sich zeigen, ob gewissen Familien die
+Stellung, die sie einnehmen, noch zukommt. Vom alten
+Buck zu schweigen: wer sind denn seine Leute? Die
+Söhne verbauert oder verbummelt, ein Schwiegersohn,
+der Sozialist ist, und die Tochter soll ja –“
+</p>
+
+<p>
+Man sah einander an. Der Bürgermeister kicherte und
+<pb n='134'/><anchor id='Pgp0134'/>rötete sich blaß. Vor Vergnügen platzte er aus: „Und die
+Herren wissen noch gar nicht, daß der Bruder des Herrn
+Buck pleite ist!“
+</p>
+
+<p>
+Man äußerte lärmende Genugtuung. Der mit den
+fünf eleganten Töchtern! Der Vorsitzende der „Harmonie“!
+Aber zu essen, das wußte Diederich, bekamen sie
+aus der Volksküche. Daraufhin schenkte der Bürgermeister
+nochmals Schnäpse ein und reichte Zigarren. Er zweifelte
+plötzlich nicht mehr, daß ein Umschwung bevorstehe. „In
+anderthalb Jahren sind die Neuwahlen zum Reichstag.
+Bis dahin werden die Herren arbeiten müssen.“
+</p>
+
+<p>
+Diederich schlug vor: „Betrachten wir drei uns schon
+jetzt als das engere Wahlkomitee!“
+</p>
+
+<p>
+Jadassohn erklärte es für die erste Notwendigkeit, Fühlung
+zu nehmen mit dem Herrn Regierungspräsidenten
+von Wulckow. „Streng vertraulich“, setzte der Bürgermeister
+hinzu und zwinkerte. Diederich bedauerte, daß
+die „Netziger Zeitung“, das größte Organ der Stadt,
+sich im freisinnigen Fahrwasser bewege. „So ein Judenblatt!“
+sagte Jadassohn. Wohingegen das regierungstreue
+Kreisblatt in der Stadt fast ohne Einfluß sei. Aber
+der alte Klüsing in Gausenfeld lieferte das Papier für
+beide Blätter. Es schien Diederich nicht unmöglich, durch
+ihn, der in der „Netziger Zeitung“ Geld hatte, ihre Haltung
+zu beeinflussen. Er mußte Angst bekommen, sonst
+das Kreisblatt zu verlieren. „Denn es gibt ja noch eine
+Papierfabrik in Netzig“, sagte der Bürgermeister und
+schmunzelte. Da trat das Zimmermädchen ein und verkündete,
+sie müsse nun den Tisch zum Mittagessen decken;
+die gnädige Frau werde gleich zurück sein – „und auch
+die Frau Hauptmann“, setzte sie hinzu. Bei der Nennung
+dieses Titels erhob der Bürgermeister sich sofort. Wie
+<pb n='135'/><anchor id='Pgp0135'/>er seine Gäste hinausgeleitete, hielt er den Kopf gesenkt
+und war, trotz der genossenen Schnäpse, ganz milchfarben.
+Auf der Treppe zog er Diederich am Ärmel. Jadassohn
+war zurückgeblieben, und man hörte das Mädchen leise
+kreischen. An der Haustür läutete es schon.
+</p>
+
+<p>
+„Mein lieber Herr Doktor,“ wisperte der Bürgermeister,
+„Sie haben mich doch nicht mißverstanden. Bei alledem
+habe ich natürlich einzig das Interesse der Stadt im Auge.
+Mir liegt es selbstverständlich ganz fern, irgend etwas zu
+unternehmen, worin ich mich nicht einig weiß mit den Körperschaften,
+an deren Spitze zu stehen ich die Ehre habe.“
+</p>
+
+<p>
+Er blinzelte eindringlich. Bevor Diederich sich besonnen
+hatte, betraten die Damen das Haus, und der Bürgermeister
+ließ Diederichs Ärmel los, um ihnen entgegenzueilen.
+Seine Frau, verhutzelt und mit Sorgenfalten,
+hatte kaum Zeit, die Herren zu begrüßen; sie mußte die
+Kinder trennen, die einander prügelten. Ihre Mutter
+aber, einen Kopf höher und noch jugendlich, musterte
+streng die geröteten Gesichter der Frühstücksgäste. Dann
+schritt sie junonisch auf den Bürgermeister zu, den man
+kleiner werden sah ... Assessor Dr. Jadassohn hatte sich
+schon von dannen gemacht, Diederich vollführte formelle
+Verbeugungen, die unerwidert blieben, und eilte hinterdrein.
+Ihm war aber beklommen, er sah unruhig auf der
+Straße umher, hörte nicht, was Jadassohn sagte, und
+plötzlich kehrte er um. Er mußte mehrmals und heftig
+läuten, denn drinnen war großer Lärm. Die Herrschaften
+standen noch am Fuße der Treppe, auf der die Kinder sich
+schreiend umherstießen, und sie debattierten. Die Frau
+Bürgermeister wünschte, daß ihr Gatte beim Schuldirektor
+etwas gegen einen Oberlehrer unternehme, der ihren Sohn
+schlecht behandelte. Dagegen forderte die Frau Hauptmann
+<pb n='136'/><anchor id='Pgp0136'/>von ihrem Schwiegersohn, er solle den Oberlehrer zum
+Professor ernennen, denn seine Frau habe den größten Einfluß
+im Vorstand der Bethlehemstiftung für gefährdete
+Mädchen. Der Bürgermeister beschwor sie abwechselnd
+mit den Händen. Endlich konnte er ein Wort anbringen.
+</p>
+
+<p>
+„Einerseits ...“, sagte er.
+</p>
+
+<p>
+Aber da hatte Diederich ihn am Ärmel ergriffen. Nach
+vielen Entschuldigungen in der Richtung der Damen zog
+er ihn beiseite, und er flüsterte bebend: „Verehrter Herr
+Bürgermeister, es liegt mir daran, Mißverständnissen
+vorzubeugen. Ich darf daher wiederholen, daß ich ein
+durchaus liberaler Mann bin.“
+</p>
+
+<p>
+Doktor Scheffelweis versicherte flüchtig, daß er hiervon
+gerade so überzeugt sei wie von seiner eigenen, gut liberalen
+Gesinnung. Schon ward er abgerufen, und Diederich
+verließ, ein wenig erleichtert, das Haus. Jadassohn erwartete
+ihn grinsend.
+</p>
+
+<p>
+„Sie haben wohl Angst gehabt? Lassen Sie nur! Mit
+unserem Stadtoberhaupt kompromittiert sich niemand,
+er ist immer, wie der liebe Gott, mit den stärksten Bataillonen.
+Heute wollte ich nur feststellen, wie weit er sich
+schon mit Herrn von Wulckow eingelassen hat. Es steht
+nicht übel, wir können uns ein Stück vorwagen.“
+</p>
+
+<p>
+„Vergessen Sie, bitte, nicht,“ sagte Diederich, mit
+Zurückhaltung, „daß ich in der Netziger Bürgerschaft
+zu Hause und natürlich auch liberal bin.“
+</p>
+
+<p>
+Jadassohn sah ihn von der Seite an. „Neuteutonia?“
+fragte er. Und als Diederich sich erstaunt umwandte:
+„Wie geht es denn meinem alten Freund Wiebel?“
+</p>
+
+<p>
+„Sie kennen ihn? Er war mein Leibbursch!“
+</p>
+
+<p>
+„Kennen! Ich habe mit ihm gehangen.“
+</p>
+
+<p>
+Diederich ergriff die Hand, die Jadassohn hinhielt, sie
+<pb n='137'/><anchor id='Pgp0137'/>schüttelten einander kraftvoll. „Na dann!“ „Na also!“
+Und Arm in Arm gingen sie in den Ratskeller, Mittag essen.
+</p>
+
+<milestone unit="tb"/>
+
+<p>
+Dort war es einsam und dämmerig, hinten ward für sie
+das Gas angezündet, und bis die Suppe kam, machten sie
+alte Kommilitonen ausfindig. Der dicke Delitzsch! Diederich
+berichtete mit der Genauigkeit eines Augenzeugen über
+seinen tragischen Tod. Das erste Glas Rauenthaler weihten
+sie still seinem Andenken. Es zeigte sich, daß auch Jadassohn
+die Februarkrawalle mitgemacht und damals die Macht
+verehren gelernt hatte, wie Diederich. „Seine Majestät hat
+einen Mut bewiesen,“ sagte der Assessor, „daß einem
+schwindlig werden konnte. Mehrmals habe ich, weiß Gott,
+geglaubt –.“ Er stockte, sie sahen schaudernd einander in
+die Augen. Um über die entsetzliche Vorstellung hinwegzukommen,
+erhoben sie die Gläser. „Gestatte mir“, sagte
+Jadassohn. „Ziehe gleich mit“, erwiderte Diederich. Und
+Jadassohn: „Werte Lieben mit eingeschlossen.“ Und
+Diederich: „Werde zu Hause davon zu rühmen wissen.“
+</p>
+
+<p>
+Dann ließ sich Jadassohn, obwohl sein Essen kalt ward,
+auf eine ausführliche Würdigung des kaiserlichen Charakters
+ein. Die Philister, Nörgler und Juden mochten an
+ihm aussetzen was sie wollten, alles in allem war unser
+herrlicher junger Kaiser die persönlichste Persönlichkeit,
+von erfreulicher Impulsivität und ein höchst origineller
+Denker. Diederich glaubte dies auch schon festgestellt zu
+haben und nickte befriedigt. Er sagte sich, daß das Äußere
+eines Menschen zuweilen trüge, und daß die deutsche Gesinnung
+nicht notwendig von der Größe der Ohren abhänge.
+Sie leerten ihre Gläser auf den glücklichen Ausgang
+des Kampfes für Thron und Altar, gegen den Umsturz
+in jeder Form und Verkleidung.
+</p>
+
+<pb n='138'/><anchor id='Pgp0138'/>
+
+<p>
+So gelangten sie wieder zu den Zuständen in Netzig.
+Sie waren sich einig darin, daß der neue nationale Geist,
+für den es die Stadt zu erobern galt, kein anderes Programm
+brauche als den Namen Seiner Majestät. Die
+politischen Parteien waren alter Trödel, wie Seine Majestät
+selbst gesagt hatte. „Ich kenne nur zwei Parteien,
+die für mich und die wider mich“, hatte er gesagt, und so
+war es. In Netzig überwog leider noch die Partei, die
+gegen ihn war, aber das sollte sich ändern, und zwar –
+dies war Diederich klar – vermittels des Kriegervereins.
+Jadassohn, der ihm nicht angehörte, übernahm es gleichwohl,
+Diederich mit den leitenden Persönlichkeiten bekannt
+zu machen. Da war vor allem Pastor Zillich, ein Korpsbruder
+von Jadassohn, ein echt deutscher Mann! Gleich
+nachher wollten sie ihn besuchen. Sie tranken auf sein Wohl.
+Auch auf seinen Hauptmann trank Diederich, den Hauptmann,
+der aus einem strengen Vorgesetzten sein bester
+Freund geworden war. „Das Dienstjahr ist doch das Jahr,
+das ich aus meinem Leben am wenigsten missen möchte.“
+Unvermittelt und schon ziemlich gerötet, rief er aus:
+</p>
+
+<p>
+„Und solche erhebenden Erinnerungen möchten diese
+Demokraten uns verekeln!“
+</p>
+
+<p>
+Der alte Buck! Diederich konnte sich plötzlich nicht fassen
+vor Wut, er stammelte: „Am Dienen will solch ein Mensch
+uns hindern, er sagt, wir sind Knechte! Weil er mal Revolution
+gemacht hat –“
+</p>
+
+<p>
+„Das ist ja schon nicht mehr wahr“, sagte Jadassohn.
+</p>
+
+<p>
+„Darum sollen wir uns wohl alle zum Tode verurteilen
+lassen? Hätten sie ihn wenigstens geköpft!... Die
+Hohenzollern sollen uns schlecht bekommen sein!“
+</p>
+
+<p>
+„Ihm sicher“, sagte Jadassohn und tat einen großen Zug.
+</p>
+
+<p>
+„Aber ich stelle fest –“ Diederich rollte die Augen –,
+<pb n='139'/><anchor id='Pgp0139'/>„daß ich all seinen lästerlichen Unfug nur angehört habe,
+um mich darüber zu unterrichten, wes Geistes Kind er
+ist. Ich nehme Sie zum Zeugen, Herr Assessor! Wenn der
+alte Intrigant jemals behaupten sollte, daß ich sein Freund
+bin und seine infamen Majestätsbeleidigungen gebilligt
+habe, dann nehme ich Sie zum Zeugen, daß ich gleich
+heute protestiert habe!“
+</p>
+
+<p>
+Der Schweiß brach ihm aus, denn er dachte an die
+Sache mit der Baukommission und an den Schutz, den
+er bei ihr genießen sollte ... Unvermittelt warf er ein
+Buch auf den Tisch, ein kleines, fast quadratisches Buch,
+und stieß ein Hohngelächter dabei aus.
+</p>
+
+<p>
+„Dichten tut er auch!“
+</p>
+
+<p>
+Jadassohn blätterte. „Turnerlieder. Aus der Gefangenschaft.
+Ein Hoch der Republik! und Am Weiher lag ein
+Jüngling, trübselig anzuschauen ... Stimmt, so waren
+die. Sträflinge versorgen und an den Grundlagen rütteln.
+Sentimentaler Umsturz. Gesinnung verdächtig und Haltung
+schlapp. Da stehen wir, Gott sei Dank, anders da.“
+</p>
+
+<p>
+„Das wollen wir hoffen“, sagte Diederich. „In der
+Verbindung haben wir Mannhaftigkeit und Idealismus
+gelernt, das genügt, da erübrigt sich das Dichten.“
+</p>
+
+<p>
+„Fort mit euren Altarkerzen!“ deklamierte Jadassohn.
+„Das ist etwas für meinen Freund Zillich. Jetzt hat er
+sein Schläfchen hinter sich, wir können losgehen.“
+</p>
+
+<p>
+Sie fanden den Pastor beim Kaffee. Er wollte Frau
+und Tochter sogleich hinausschicken, Jadassohn hielt die
+Hausfrau galant zurück und versuchte auch dem Fräulein
+die Hand zu küssen, aber sie wandte ihm den Rücken. Diederich,
+sehr aufgeheitert, bat die Damen dringend, zu
+bleiben, und ihm gelang es. Er erklärte ihnen, daß Netzig
+nach Berlin beträchtlich still wirke. „Die Damenwelt ist
+<pb n='140'/><anchor id='Pgp0140'/>auch noch zurück. Mein Ehrenwort, gnädiges Fräulein,
+Sie sind hier die erste, die ruhig Unter den Linden spazierengehen
+könnte, und kein Mensch würde merken, daß
+Sie aus Netzig sind.“ Darauf erfuhr er, daß sie wirklich
+einmal in Berlin gewesen war, und sogar bei Ronacher.
+Diederich zog hieraus Vorteil, er erinnerte sie an ein dort
+gehörtes Couplet, das er ihr aber nur ins Ohr sagen
+könne. „Unsre lieben süßen Dam’n, zeigen alles, was sie
+ham’n“ ... Da sie einen dreisten Seitenblick warf,
+streifte er mit dem Bart ihren Hals. Sie sah ihn flehend
+an, worauf er ihr erst recht versicherte, daß sie ein „reizender
+Käfer“ sei. Sie flüchtete mit geschlossenen Augen
+zu ihrer Mutter, die alles überwacht hatte. Der Pastor
+war mit Jadassohn in ernstem Gespräch. Er klagte, daß
+der Kirchenbesuch in Netzig unerhört vernachlässigt werde.
+</p>
+
+<p>
+„Am Sonntag Jubilate: verstehen Sie wohl, am Sonntag
+Jubilate habe ich vor dem Küster und drei alten
+Damen aus dem Jungfrauenstift predigen müssen. Die
+anderen hatten Influenza.“
+</p>
+
+<p>
+Jadassohn sagte: „Bei der lauen, um nicht zu sagen,
+feindseligen Haltung, die die herrschende Partei den kirchlichen
+und religiösen Dingen gegenüber einnimmt, muß
+man sich über die drei alten Damen wundern. Warum
+besuchen sie nicht lieber die freigeistigen Vorträge des
+Doktors Heuteufel?“
+</p>
+
+<p>
+Da schnellte der Pastor vom Stuhl. Sein Bart schien
+aufzuschäumen, so sehr schnob er, und sein Gehrock warf
+wilde Falten. „Herr Assessor!“ brachte er hervor. „Dieser
+Mensch ist mein Schwager, und die Rache ist mein!
+spricht der Herr. Aber obwohl dieser Mensch mein Schwager
+und meiner leiblichen Schwester Mann ist, kann ich
+den Herrn nur anflehen, ja, mit gerungenen Händen
+an<pb n='141'/><anchor id='Pgp0141'/>flehen, daß er von seinem Rachestrahl Gebrauch mache.
+Denn sonst würde er eines Tages genötigt sein, Pech
+und Schwefel auf ganz Netzig regnen zu lassen. Kaffee,
+verstehen Sie, Kaffee gibt Heuteufel den Leuten umsonst,
+damit sie kommen und ihre Seele von ihm fangen lassen.
+Und dann erzählt er ihnen, die Ehe sei kein Sakrament,
+sondern ein Vertrag – als ob ich mir einen Anzug bestelle.“
+– Der Pastor lachte vor Erbitterung.
+</p>
+
+<p>
+„Pfui“, sagte Diederich mit tiefer Stimme. Und indes
+Jadassohn den Pastor seines positiven Christentums versicherte,
+begann Diederich schon wieder, im Schutz eines
+Sessels, sich Käthchen handgreiflich zu nähern. „Fräulein
+Käthchen,“ sagte er dabei, „ich kann Ihnen auf das bestimmteste
+erklären, daß für mich die Ehe tatsächlich ein
+Sakrament ist.“ Käthchen erwiderte:
+</p>
+
+<p>
+„Schämen Sie sich, Herr Doktor.“
+</p>
+
+<p>
+Ihm ward heiß. „Machen Sie nicht solche Augen!“
+</p>
+
+<p>
+Käthchen seufzte. „Sie sind schrecklich raffiniert. Wahrscheinlich
+sind Sie auch nicht besser als der Herr Assessor
+Jadassohn. Ihre Schwestern haben mir schon erzählt,
+was Sie in Berlin alles angestellt haben. Es sind doch
+meine besten Freundinnen.“
+</p>
+
+<p>
+Dann werde man sich doch bald wiedersehen? – Ja,
+in der „Harmonie“. „Aber Sie brauchen nicht zu denken,
+daß ich Ihnen irgendwas glaube. Sie sind ja mit Guste
+Daimchen zusammen am Bahnhof angekommen.“
+</p>
+
+<p>
+Was das beweise, fragte Diederich. Er protestiere
+gegen alle Folgerungen, die man aus dieser rein zufälligen
+Tatsache etwa ziehen wolle. Fräulein Daimchen
+sei übrigens verlobt.
+</p>
+
+<p>
+„Ach die!“ machte Käthchen. „Die geniert das nicht,
+sie ist so gräßlich kokett.“
+</p>
+
+<pb n='142'/><anchor id='Pgp0142'/>
+
+<p>
+Auch die Frau Pastor bestätigte es. Noch heute habe
+sie Guste in Lackschuhen und lila Strümpfen gesehen. Das
+verspreche nichts Gutes. Käthchen verzog den Mund.
+</p>
+
+<p>
+„Na und die Erbschaft –.“
+</p>
+
+<p>
+Dieser Zweifel machte, daß Diederich bestürzt verstummte.
+Der Pastor hatte dem Assessor soeben die Notwendigkeit
+zugegeben, die Lage der christlichen Kirche in Netzig
+einmal näher mit den Herren zu erörtern und verlangte von
+seiner Frau den Mantel und den Hut. Auf der Treppe war
+es schon dunkel. Da die beiden anderen vorangingen, konnte
+Diederich noch einmal Käthchens Hals überfallen. Sie
+sagte ersterbend: „So mit dem Bart kitzeln tut keiner in
+Netzig“ – was ihm zuerst schmeichelte, gleich darauf aber
+gab es ihm peinliche Vermutungen ein. So ließ er Käthchen
+einfach los und verschwand. Jadassohn erwartete ihn
+unten, er sagte leise: „Nur Mut! Der Alte hat nichts gemerkt,
+und die Mutter tut so.“ Er zwinkerte aufdringlich.
+</p>
+
+<p>
+An der Marienkirche vorüber wollten die drei Herren
+den Markt erreichen, der Pastor blieb aber stehen, mit
+einer Kopfbewegung deutete er hinter sich. „Die Herren
+wissen wohl, wie die Gasse heißt, links von der Kirche
+unter dem Bogen? Dies schwarze Loch von einer Gasse,
+oder vielmehr das gewisse Haus darin.“
+</p>
+
+<p>
+„Klein-Berlin“, sagte Jadassohn, denn der Pastor ging
+nicht weiter.
+</p>
+
+<p>
+„Klein-Berlin“, wiederholte er, schmerzlich lächelnd, und
+noch einmal mit der Gebärde heiligen Zornes, so daß
+mehrere Leute sich umsahen: „Klein-Berlin ... Im Schatten
+meiner Kirche! Solch ein Haus! Und der Magistrat
+will mich nicht hören, er spottet meiner. Aber er spottet
+noch eines anderen, –“ damit setzte sich der Pastor wieder
+in Bewegung – „und der lässet seiner nicht spotten.“
+</p>
+
+<pb n='143'/><anchor id='Pgp0143'/>
+
+<p>
+Auch Jadassohn war der Meinung, daß er seiner nicht
+spotten lasse. Diederich aber sah, indes seine Begleiter
+sich ereiferten, vom Rathaus her Guste Daimchen nahen.
+Er neigte formvoll den Hut vor ihr, und sie lächelte
+schnippisch. Ihm fiel auf, daß Käthchen Zillich gerade so
+weißblond war und auch diese kleine, frech eingedrückte
+Nase hatte. Eigentlich war es gleich, ob die oder die.
+Guste freilich zeichnete sich durch eine handliche Breite aus.
+„Und die läßt sich nichts gefallen. Gleich hat man eine Ohrfeige.“
+Er wandte sich um nach Guste: von hinten war sie
+außerordentlich rund und wackelte. In diesem Augenblick
+war es für Diederich entschieden: Die oder keine!
+</p>
+
+<p>
+Die beiden anderen hatten sie nachträglich auch bemerkt.
+</p>
+
+<p>
+„War das nicht das Töchterchen der Frau Oberinspektor
+Daimchen?“ fragte der Pastor; und er setzte hinzu:
+„Unsere Bethlehemstiftung für gefährdete Jungfrauen
+wartet noch immer auf die Zuwendungen der Guten.
+Ob Fräulein Daimchen zu den Guten gehört? Die Leute
+sagen, sie habe eine Million geerbt.“
+</p>
+
+<p>
+Jadassohn beeilte sich, dies für weit übertrieben zu
+erklären. Diederich widersprach; er kenne die Verhältnisse,
+der verstorbene Onkel habe mit Zichorie noch viel
+mehr verdient, als man glaube. Er behauptete es so lange,
+bis der Assessor ihm verhieß, er werde durch das Gericht
+in Magdeburg die Wahrheit in Erfahrung bringen.
+Darauf schwieg Diederich, zufriedengestellt.
+</p>
+
+<p>
+„Übrigens“, sagte Jadassohn, „fällt das Geld doch nur
+an die Bucks, will sagen an den Umsturz.“ Aber Diederich
+wollte auch hierüber besser unterrichtet sein. „Fräulein
+Daimchen und ich sind nämlich zusammen hier angekommen“,
+sagte er versuchsweise. – „Ach so“, machte Jadassohn.
+„Darf man etwa gratulieren?“ Diederich hob die
+<pb n='144'/><anchor id='Pgp0144'/>Achseln wie bei einer Taktlosigkeit. Jadassohn entschuldigte
+sich; er habe nur geglaubt, der junge Buck –.
+</p>
+
+<p>
+„Wolfgang?“ fragte Diederich. „Mit dem war ich in
+Berlin täglich zusammen. Er lebt dort mit einer Schauspielerin.“
+</p>
+
+<p>
+Der Pastor räusperte sich mißbilligend. Da man eben
+auf den Theaterplatz gelangte, sah er streng hinüber.
+Er versetzte:
+</p>
+
+<p>
+„Klein-Berlin liegt wohl bei meiner Kirche, aber doch
+wenigstens in einem dunklen Winkel. Dieser Tempel
+der Sittenlosigkeit brüstet sich auf offenem Platz, und
+unsere Söhne und Töchter –“ er zeigte nach dem Bühneneingang,
+wo einige Mitglieder des Theaters standen –
+„streifen mit dem Ärmel an Buhldirnen!“
+</p>
+
+<p>
+Diederich erklärte dies, mit bekümmerter Miene, für tief
+bedauerlich – während Jadassohn sich über die „Netziger
+Zeitung“ entrüstete, die frohlockt hatte, weil in den Stücken
+der letzten Saison vier uneheliche Kinder vorgekommen
+seien, und die das für einen Fortschritt hielt!
+</p>
+
+<milestone unit="tb"/>
+
+<p>
+Inzwischen bogen sie in die Kaiser-Wilhelm-Straße und
+hatten verschiedene Herren zu grüßen, die eben das Haus
+der Loge betraten. Als sie die tief gezogenen Hüte wieder
+aufgesetzt hatten und vorüber waren, sagte Jadassohn:
+</p>
+
+<p>
+„Man wird sich die Herrschaften merken müssen, die
+den freimaurerischen Unfug noch mitmachen. Seine Majestät
+mißbilligt ihn entschieden.“
+</p>
+
+<p>
+„Von meinem Schwager Heuteufel wundert mich selbst
+das gefährlichste Sektenwesen nicht“, erklärte der Pastor.
+</p>
+
+<p>
+„Nun, und der Herr Lauer?“ meinte Diederich. „Ein
+Mensch, der sich nicht entblödet, seine Arbeiter am Gewinn
+zu beteiligen? Dem ist alles zuzutrauen!“
+</p>
+
+<pb n='145'/><anchor id='Pgp0145'/>
+
+<p>
+„Das Unerhörteste“, behauptete Jadassohn, „ist doch,
+daß Herr Landgerichtsrat Fritzsche sich in dieser Judengesellschaft
+zeigt: ein königlicher Landgerichtsrat Arm in
+Arm mit dem Wucherer Cohn. Wie haißt Cohn“, machte
+Jadassohn und steckte den Daumen unter die Achsel.
+</p>
+
+<p>
+Diederich sagte: „Da er ja mit der Frau Lauer –“ Er
+brach ab und erklärte, dann begreife er allerdings, daß diese
+Leute vor Gericht immer recht bekämen. „Sie halten zusammen
+und schmieden Ränke.“ Pastor Zillich murmelte
+sogar etwas von Orgien, die sie in dem Haus dort feiern
+sollten und bei denen schon unaussprechliche Dinge vorgekommen
+waren. Aber Jadassohn lächelte bedeutsam:
+</p>
+
+<p>
+„Nun, glücklicherweise sieht ihnen Herr von Wulckow
+gerade in die Fenster hinein.“ Und Diederich nickte beifällig
+zu dem Gebäude der Regierung hinüber. Gleich
+daneben, vor dem Bezirkskommando, ging ein Wachtposten
+auf und ab. „Da lacht einem doch das Herz, wenn man
+das Gewehr so eines braven Burschen blinken sieht!“ rief
+Diederich aus. „Damit halten wir die Bande in Schach.“
+</p>
+
+<p>
+Das Gewehr blinkte freilich nicht, denn es ward dunkel.
+Schon schoben sich Abteilungen heimkehrender Arbeiter
+durch das abendliche Gedränge. Jadassohn schlug einen
+Dämmerschoppen bei Klappsch vor, gleich um die Ecke.
+Dort war es gemütlich, zu dieser Stunde kam niemand
+hin. Auch war Klappsch ein Gutgesinnter, der dem Pastor,
+indes seine Tochter das Bier brachte, seinen heißen Dank
+aussprach für die segensreiche Arbeit, die er in der Bibelstunde
+an seinen Jungen vollbringe. Der Älteste hatte
+zwar doch wieder Zucker gestohlen, dafür aber hatte er
+nachts nicht schlafen können, sondern seine Sünde Gott
+so laut gebeichtet, daß Klappsch es hörte und ihn durchprügeln
+konnte. Von da kam das Gespräch auf die
+Be<pb n='146'/><anchor id='Pgp0146'/>amten der Regierung, die Klappsch mit Frühstück versorgte
+und von denen er berichten konnte, wie sie am
+Sonntag die Kirchzeit verbrachten. Jadassohn machte sich
+Notizen, und gleichzeitig verschwand seine Hand hinter
+Fräulein Klappsch. Diederich besprach mit Pastor Zillich
+die Gründung eines christlichen Arbeitervereins. Er verhieß:
+„Wer von meinen Leuten nicht ’rein will, fliegt!“
+Diese Aussichten heiterten den Pastor auf; nachdem
+Fräulein Klappsch mehrmals Bier und Kognak gebracht
+hatte, befand er sich in demselben Zustand hoffnungsvoller
+Entschlossenheit, den seine beiden Gefährten im Laufe
+des Tages erreicht hatten.
+</p>
+
+<p>
+„Mein Schwager Heuteufel“, rief er und schlug auf
+den Tisch, „soll so viel von der Affenverwandtschaft predigen,
+wie er will, ich krieg’ meine Kirche doch wieder voll!“
+</p>
+
+<p>
+„Nicht nur Ihre“, beteuerte Diederich.
+</p>
+
+<p>
+„Na, es gibt nun mal zu viele Kirchen in Netzig“, gestand
+der Pastor. Da sagte Jadassohn schneidend: „Zu
+wenige, Mann Gottes, zu wenige!“ Und er nahm Diederich
+zum Zeugen, wie in Berlin die Dinge sich entwickelt
+hatten. Auch dort standen die Kirchen leer, bis Seine
+Majestät selbst eingegriffen hatte. „Sorgen Sie dafür,“
+hatte er einer Abordnung der städtischen Behörden gesagt,
+„daß in Berlin Kirchen gebaut werden.“ Nun wurden
+sie gebaut, die Religion war wieder aktuell, es kam
+Betrieb hinein. Und alle, der Pastor, der Kneipwirt,
+Jadassohn und Diederich begeisterten sich für die tiefe
+Frömmigkeit des Monarchen. Da fiel ein Schuß.
+</p>
+
+<p>
+„Es hat geknallt!“ Jadassohn sprang zuerst auf, alle
+sahen erbleicht einander an. Vor Diederichs innerem
+Auge erschien blitzschnell das knochige Gesicht Napoleon
+Fischers, seines Maschinenmeisters, mit dem schwarzen
+<pb n='147'/><anchor id='Pgp0147'/>Bart, durch den man die graue Haut sah, und er stammelte:
+„Der Umsturz! Es geht los!“ Draußen war Getrappel
+von Laufenden: auf einmal griffen alle nach ihren
+Hüten und rannten hinaus.
+</p>
+
+<p>
+Die Leute, die sich schon angesammelt hatten, hielten
+in einem scheuen Bogen von der Ecke des Bezirkskommandos
+bis an die Treppe der Freimaurerloge. Drüben,
+wo der Kreis offen stand, lag jemand, das Gesicht nach
+unten, mitten auf der Straße. Und der Soldat, der vorhin
+so munter auf und ab gegangen war, stand jetzt unbeweglich
+vor seinem Schilderhaus. Der Helm hatte
+sich ihm verschoben, man sah, daß er bleich war, den Mund
+offen hatte und auf den Gefallenen hinstierte – indes
+er sein Gewehr beim Lauf hielt und es am Boden schleppen
+ließ. Im Publikum, zumeist Arbeitern und Frauen
+aus dem Volk, ward dumpf gemurrt. Plötzlich sagte eine
+Männerstimme sehr laut: „Oho!“ – und darauf trat tiefe
+Stille ein. Diederich und Jadassohn verständigten sich durch
+einen blassen Blick über das Kritische des Augenblicks.
+</p>
+
+<p>
+Die Straße herunter lief ein Schutzmann und ihm voraus
+ein Mädchen, dessen Rock wehte und das schon von
+weitem rief:
+</p>
+
+<p>
+„Da liegt er! Der Soldat hat geschossen!“
+</p>
+
+<p>
+Sie war angelangt, sie warf sich auf die Knie, sie rüttelte
+den Mann. „Auf! Steh doch auf!“
+</p>
+
+<p>
+Sie wartete. In seinen Füßen schien es zu zucken;
+aber er blieb liegen, Arme und Beine über das Pflaster
+gestreckt. Da schrie sie los: „Karl!“ Es gellte, daß alle
+auffuhren. Frauen schrien mit, mehrere Männer stürzten
+vor, die Fäuste geballt. Die Ansammlung war dichter geworden;
+zwischen den Wagen, die halten mußten, quoll
+Nachschub hervor; und in dem drohenden Gedränge
+<pb n='148'/><anchor id='Pgp0148'/>arbeitete das Mädchen sich ab, unter ihren aufgelösten
+Haaren, die flatterten, und mit verzerrtem, nassem Gesicht,
+woraus wohl Geschrei kam, aber man hörte es nicht,
+der Lärm verschlang es.
+</p>
+
+<p>
+Der einzige Schutzmann drängte mit ausgebreiteten
+Armen die Menge zurück, sie trat sonst auf den Liegenden.
+Er schrie vergebens gegen sie an, tanzte ihr auf den Füßen
+und sah sich, den Kopf verlierend, in der Luft nach Hilfe um.
+</p>
+
+<p>
+Und sie kam. Im Regierungsgebäude ging ein Fenster
+auf, ein großer Bart erschien, und eine Stimme drang
+heraus, eine furchtbare Baßstimme, die jeder, auch wenn
+er sie noch nicht verstand, durch allen Aufruhr dröhnen
+hörte wie fernen Kanonendonner.
+</p>
+
+<p>
+„Wulckow“, sagte Jadassohn. „Na endlich.“
+</p>
+
+<p>
+„Ich verbitte mir das!“ tönte es herunter. „Wer erlaubt
+sich hier vor meinem Hause Lärm zu machen?“ Und
+da es schon ruhiger ward:
+</p>
+
+<p>
+„Wo ist der Posten?“
+</p>
+
+<p>
+Jetzt sahen die meisten erst, daß der Soldat sich in sein
+Schilderhaus zurückgezogen hatte: so tief wie möglich,
+und nur der Gewehrlauf stand hervor.
+</p>
+
+<p>
+„Komm ’raus, mein Sohn!“ befahl der Baß von oben.
+„Du hast deine Pflicht getan. Er hat dich gereizt. Für
+deine Tapferkeit wird Seine Majestät dich belohnen.
+Verstanden?“
+</p>
+
+<p>
+Alle hatten ihn verstanden und waren <anchor id="corr148"/><corr sic="verstummt.">verstummt,</corr> sogar
+das Mädchen. Um so ungeheurer dröhnte er.
+</p>
+
+<p>
+„Zerstreut euch sofort, sonst lass’ ich schießen!“
+</p>
+
+<p>
+Eine Minute, und einige liefen schon. Gruppen von
+Arbeitern lösten sich los, zögerten – und gingen wieder
+ein Stück weiter, mit gesenkten Köpfen. Der Regierungspräsident
+rief noch hinunter:
+</p>
+
+<pb n='149'/><anchor id='Pgp0149'/>
+
+<p>
+„Paschke, holen Sie mal ’n Doktor!“
+</p>
+
+<p>
+Dann klappte er das Fenster wieder zu. Im Eingang
+der Regierung aber ward es lebendig. Plötzlich waren
+Herren da, die kommandierten, eine Menge Schutzleute
+liefen von allen Seiten zusammen, knufften auf das Publikum
+ein, das noch übrig war, und schrien ganz allein.
+Diederich und seine Begleiter, die sich hinter ihre Ecke
+zurückgezogen hatten, sahen drüben auf der Treppe der
+Loge einige Herren stehen. Jetzt machte Doktor Heuteufel
+sich zwischen ihnen Platz. „Ich bin Arzt“, sagte er laut,
+ging rasch über die Straße und beugte sich zu dem Verwundeten.
+Er wendete ihn um, öffnete ihm die Weste
+und legte das Ohr an seine Brust. In diesem Augenblick
+waren alle still, sogar die Schutzleute schrien nicht mehr;
+das Mädchen aber stand da, vorwärts geneigt, die Schultern
+hinaufgezogen wie unter einem drohenden Schlag,
+und die Faust am Herzen geballt, als sei es dies Herz,
+das nun stillstehen sollte.
+</p>
+
+<p>
+Doktor Heuteufel erhob sich. „Der Mann ist tot“, sagte
+er. Gleichzeitig bemerkte er das Mädchen, das schwankte.
+Er griff nach ihr. Aber sie stand schon wieder, sie sah auf
+das Gesicht des Toten nieder und sagte nur: „Karl.“ Noch
+leiser: „Karl.“ Doktor Heuteufel sah umher und fragte:
+„Was soll mit dem Mädchen geschehen?“
+</p>
+
+<p>
+Da trat Jadassohn vor. „Assessor Jadassohn von der
+Staatsanwaltschaft“, sagte er. „Das Mädchen ist abzuführen.
+Da ihr Geliebter den Posten gereizt hat, liegt
+Verdacht vor, daß sie sich an der strafbaren Handlung beteiligt
+hat. Wir werden die Untersuchung einleiten.“
+</p>
+
+<p>
+Zwei Schutzleute, denen er winkte, faßten das Mädchen
+schon an. Doktor Heuteufel erhob die Stimme: „Herr
+Assessor, ich erkläre als Arzt, daß der Zustand des Mädchens
+<pb n='150'/><anchor id='Pgp0150'/>seine Verhaftung nicht zuläßt.“ Jemand sagte: „Führen
+Sie doch auch den Toten ab!“ Aber Jadassohn krähte:
+„Herr Fabrikbesitzer Lauer, ich verbitte mir jede Kritik
+meiner amtlichen Maßnahmen!“
+</p>
+
+<p>
+Diederich inzwischen hatte Zeichen hoher Erregung
+von sich gegeben. „Oh!... Ah!... Aber das ist –.“
+Er war ganz bleich; er setzte an: „Meine Herren ...
+Meine Herren, ich bin in der Lage –. Ich kenne diese
+Leute: jawohl, den Mann und das Mädchen. Doktor
+Heßling mein Name. Beide waren bis heute in meiner
+Fabrik beschäftigt. Ich mußte sie entlassen wegen
+öffentlich begangener unsittlicher Handlungen.“
+</p>
+
+<p>
+„Aha!“ machte Jadassohn. Pastor Zillich rührte sich. „Das
+ist fürwahr der Finger Gottes“, sagte er. Der Fabrikant
+Lauer hatte sich in seinem grauen Spitzbart heftig gerötet,
+seine gedrungene Gestalt ward geschüttelt vom Zorn.
+</p>
+
+<p>
+„Über den Finger Gottes läßt sich streiten. Sicher scheint
+nur, Herr Doktor Heßling, daß der Mann sich zu Ausschreitungen
+hat hinreißen lassen, weil die Entlassung ihm
+zu Herzen gegangen ist. Er hatte eine Frau, vielleicht
+auch Kinder.“
+</p>
+
+<p>
+„Sie waren gar nicht verheiratet“, sagte Diederich,
+seinerseits entrüstet. „Ich weiß es von ihm selbst.“
+</p>
+
+<p>
+„Was ändert das,“ fragte Lauer. Da erhob der Pastor
+die Arme. „Sind wir denn schon so weit,“ rief er, „daß
+es nichts ändert, ob das sittliche Gesetz Gottes befolgt wird
+oder nicht?“
+</p>
+
+<p>
+Lauer erklärte es für unangebracht, auf der Straße und
+im Augenblick, wo jemand mit behördlicher Billigung totgeschossen
+worden sei, über sittliche Gesetze zu debattieren;
+und er wandte sich an das Mädchen, um ihm Arbeit in
+seiner Werkstatt anzubieten. Inzwischen war ein
+Sanitäts<pb n='151'/><anchor id='Pgp0151'/>wagen angelangt; der Tote ward vom Boden aufgenommen.
+Wie man ihn aber hineinschob, fuhr das Mädchen
+aus seiner Starrheit empor, stürzte sich über die Bahre, entriß
+sie, ehe man es sich versah, den Männern, daß sie niederfiel
+– und zusammen mit dem Toten, in ihn verkrampft
+und unter gellendem Geschrei rollte sie auf das Pflaster.
+Mit großer Mühe ward sie von dem Leichnam gelöst
+und in eine Droschke gehoben. Der Assistenzarzt, der
+den Krankenwagen begleitet hatte, fuhr mit ihr fort.
+</p>
+
+<p>
+Auf den Fabrikanten Lauer, der mit Heuteufel und den
+anderen Logenbrüdern weitergehen wollte, trat Jadassohn
+zu, in drohender Haltung. „Einen Augenblick, bitte. Sie
+äußerten da vorhin, daß hier mit behördlicher Billigung
+– ich nehme die Herren zu Zeugen, daß dies Ihr Ausdruck
+war – also mit behördlicher Billigung jemand totgeschossen
+sei. Ich möchte fragen, ob das von Ihrer Seite
+vielleicht eine Mißbilligung der Behörde bedeuten sollte.“
+</p>
+
+<p>
+„Ach so“, machte Lauer und sah ihn an. „Mich möchten
+Sie wohl auch abführen lassen?“
+</p>
+
+<p>
+„Zugleich“, fuhr Jadassohn mit hoher, schneidiger
+Stimme fort, „mache ich Sie darauf aufmerksam, daß
+das Verhalten eines Postens, der ein ihn belästigendes
+Individuum niederschießt, vor wenigen Monaten, nämlich
+im Fall Lück, von maßgebender Stelle als korrekt
+und tapfer bezeichnet und durch Auszeichnungen und
+Gnadenbeweise belohnt worden ist. Hüten Sie sich vor
+einer Kritik der Allerhöchsten Handlungen!“
+</p>
+
+<p>
+„Ich habe keine ausgesprochen,“ sagte Lauer. „Ausgesprochen
+habe ich bis jetzt nur meine Mißbilligung des
+Herrn dort mit dem gefährlichen Schnurrbart.“
+</p>
+
+<p>
+„Wie?“ fragte Diederich, der noch immer die Pflastersteine
+ansah, wo der Erschossene gefallen war und wo ein
+<pb n='152'/><anchor id='Pgp0152'/>wenig Blut lag. Er begriff endlich, daß er herausgefordert
+war.
+</p>
+
+<p>
+„Der Schnurrbart wird von Seiner Majestät getragen!“
+sagte er fest. „Es ist die deutsche Barttracht. Im übrigen
+lehne ich jede Diskussion mit einem Arbeitgeber ab, der
+den Umsturz fördert.“
+</p>
+
+<p>
+Lauer öffnete schon wütend den Mund, obwohl der
+Bruder des alten Buck, Heuteufel, Cohn und Landgerichtsrat
+Fritzsche ihn fortziehen wollten; und neben Diederich
+reckten sich kampfbereit Jadassohn und Pastor Zillich: –
+da erschien im Eilschritt eine Abteilung Infanterie, sperrte
+die Straße ab, die ganz geleert war, und der Leutnant,
+der die Führung hatte, forderte die Herren zum Weitergehen
+auf. Alle gehorchten schleunigst; sie sahen noch,
+wie der Leutnant vor den Wachtposten hintrat und ihm
+die Hand schüttelte.
+</p>
+
+<p>
+„Bravo!“ sagte Jadassohn. Und Doktor Heuteufel: „Morgen
+kommen nun Hauptmann, Major und Oberst dran,
+müssen belobigen und dem Kerl Geldgeschenke machen.“
+</p>
+
+<p>
+„Sehr richtig!“ sagte Jadassohn.
+</p>
+
+<p>
+„Aber –“ Heuteufel blieb stehen. „Meine Herren,
+verständigen wir uns doch. Hat denn das alles einen
+Sinn? Nur weil dieser Bauerntölpel keinen Spaß verstanden
+hat? Ein Witz, ein gutmütiges Lachen nur, und
+er entwaffnet den Arbeiter, der ihn herausfordern möchte,
+seinen Kameraden, einen armen Teufel wie er selbst.
+Statt dessen befiehlt man ihm zu schießen. Und nachher
+kommen die großen Worte.“
+</p>
+
+<p>
+Landgerichtsrat Fritzsche stimmte bei und riet zur
+Mäßigung. Da sagte Diederich, noch bleich und mit einer
+Stimme, die erschauerte:
+</p>
+
+<p>
+„Das Volk muß die Macht fühlen! Das Gefühl der
+<pb n='153'/><anchor id='Pgp0153'/>kaiserlichen Macht ist mit einem Menschenleben nicht zu
+teuer bezahlt!“
+</p>
+
+<p>
+„Wenn es nur nicht Ihres ist“, sagte Heuteufel. Und
+Diederich, die Hand auf der Brust:
+</p>
+
+<p>
+„Wenn es auch meins wäre!“
+</p>
+
+<milestone unit="tb"/>
+
+<p>
+Heuteufel zuckte die Achseln. Während man weiterging,
+versuchte Diederich dem Pastor Zillich, mit dem er ein Stück
+zurückblieb, seine Empfindungen zu erklären. „Für mich“,
+sagte er, schnaufend vor innerer Bewegung, „hat der Vorgang
+etwas direkt Großartiges, sozusagen Majestätisches.
+Daß da einer, der frech wird, einfach abgeschossen werden
+kann, ohne Urteil, auf offener Straße! Bedenken Sie: mitten
+in unserem bürgerlichen Stumpfsinn kommt so was –
+Heroisches vor! Da sieht man doch, was Macht heißt!“
+</p>
+
+<p>
+„Wenn sie von Gottes Gnaden ist“, ergänzte der Pastor.
+</p>
+
+<p>
+„Natürlich. Das ist es eben. Drum hab’ ich geradezu
+eine religiöse Erhebung von der Sache. Man merkt doch
+manchmal, daß es höhere Dinge gibt, Gewalten, denen
+wir alle unterworfen sind. Denn zum Beispiel bei dem
+Berliner Krawall, vorigen Februar, als Seine Majestät
+sich mit so phänomenaler Kaltblütigkeit in den tobenden
+Aufruhr hinauswagten: na, ich sage nur –“ Da die übrigen
+vor dem Ratskeller stehengeblieben waren, erhob
+Diederich die Stimme. „Wenn damals der Kaiser die ganzen
+Linden hätte vom Militär absperren und in uns alle
+hätte ’reinschießen lassen, immer feste ’rein, sag ich ...“
+</p>
+
+<p>
+„Sie hätten Hurra geschrien,“ schloß Doktor Heuteufel.
+</p>
+
+<p>
+„Sie vielleicht nicht?“ fragte Diederich und versuchte
+zu blitzen. „Ich hoffe doch, wir empfinden alle national!“
+</p>
+
+<p>
+Der Fabrikant Lauer wollte schon wieder unvorsichtig entgegnen,
+ward aber zurückgehalten. Statt seiner sagte Cohn:
+</p>
+
+<pb n='154'/><anchor id='Pgp0154'/>
+
+<p>
+„Nun, national bin ich auch. Aber bezahlen wir unsere
+Armee für solche Witze?“ Diederich maß ihn.
+</p>
+
+<p>
+„Ihre Armee, sagen Sie? Herr Warenhausbesitzer
+Cohn hat eine Armee! Haben die Herren gehört?“ Er
+lachte erhaben. „Ich kannte bisher nur die Armee Seiner
+Majestät des Kaisers!“
+</p>
+
+<p>
+Doktor Heuteufel brachte etwas von Volksrechten vor,
+aber Diederich betonte mit abgehackter Kommandostimme,
+daß er keinen Schattenkaiser wünsche. Ein Volk, das die
+straffe Zucht verliere, sei der Verlotterung geweiht ...
+Inzwischen war man im Keller angelangt, Lauer und
+seine Freunde saßen schon. „Na, setzen Sie sich nicht zu
+uns?“ ward Diederich von Doktor Heuteufel gefragt.
+„Schließlich sind wir wohl alle liberale Männer.“ Da
+stellte Diederich fest: „Liberal selbstverständlich. Aber ich
+gehe in den großen nationalen Fragen aufs Ganze. Für
+mich gibt es da nur zwei Parteien, die Seine Majestät
+selbst gekennzeichnet haben: die für ihn und die gegen
+ihn. Und da scheint es mir allerdings, daß an dem Tisch
+der Herren für mich kein Platz ist.“
+</p>
+
+<p>
+Er vollführte eine korrekte Verbeugung und ging
+hinüber zu dem leeren Tisch. Jadassohn und Pastor
+Zillich folgten ihm. Gäste, die in der Nähe saßen, sahen
+sich um; eine allgemeine Stille entstand. Mit dem Rausch
+des Erlebten stieg in Diederich der Plan empor, Sekt
+zu bestellen. Drüben ward geflüstert, dann rückte jemand
+seinen Stuhl, es war Landgerichtsrat Fritzsche. Er verabschiedete
+sich, kam an Diederichs Tisch, um ihm, Jadassohn
+und Zillich die Hände zu schütteln, und ging hinaus.
+</p>
+
+<p>
+„Das wollte ich ihm auch geraten haben“, bemerkte
+Jadassohn. „Er hat die Unhaltbarkeit seiner Lage noch
+rechtzeitig erkannt.“ Diederich sagte: „Eine reinliche
+<pb n='155'/><anchor id='Pgp0155'/>Scheidung war vorzuziehen. Wer in nationaler Beziehung
+ein gutes Gewissen hat, braucht diese Leute wahrhaftig
+nicht zu fürchten.“ Aber Pastor Zillich schien betreten.
+„Der Gerechte muß viel leiden,“ sagte er. „Sie wissen noch
+nicht, wie Heuteufel intrigant ist. Morgen erzählt er Gott
+weiß welche Greuel über uns.“ Da zuckte Diederich zusammen.
+Doktor Heuteufel war eingeweiht in jenen immerhin
+dunklen Punkt seines Lebens, als er vom Militär loszukommen
+wünschte! Er hatte ihm, in einem höhnischen
+Brief, das Krankheitsattest verweigert! Er hielt ihn in der
+Hand, er konnte ihn vernichten! In seinem jähen Schrecken
+befürchtete Diederich sogar Enthüllungen aus seiner Schulzeit,
+als Doktor Heuteufel ihn im Hals gepinselt und ihm
+dabei Feigheit vorgeworfen hatte. Der Schweiß brach
+ihm aus. Um so lauter bestellte er Hummern und Sekt.
+</p>
+
+<p>
+Drüben bei den Logenbrüdern hatte man sich aufs
+neue über den gewaltsamen Tod des jungen Arbeiters
+erregt. Was das Militär und die Junker, die es befehligten,
+sich denn einbildeten! Sie benahmen sich ja wie
+in einem eroberten Land! Und als die Köpfe rot genug
+waren, verstiegen sich die Herren dazu, für das Bürgertum,
+das tatsächlich alle Leistungen liefere, auch die
+Führung im Staat zu verlangen. Herr Lauer wünschte
+zu wissen, was die herrschende Kaste vor anderen Leuten
+eigentlich noch voraus habe. „Nicht einmal die Rasse“,
+behauptete er. „Denn sie sind ja alle verjudet, die Fürstenhäuser
+einbegriffen.“ Und er setzte hinzu: „Womit ich
+meinen Freund Cohn nicht kränken will.“
+</p>
+
+<p>
+Es war Zeit, einzuschreiten: Diederich fühlte es. Schnell
+stürzte er noch ein Glas hinunter, dann stand er auf, trat
+wuchtig bis in die Mitte unter den gotischen Kronleuchter
+und sagte scharf:
+</p>
+
+<pb n='156'/><anchor id='Pgp0156'/>
+
+<p>
+„Herr Fabrikbesitzer Lauer, ich gestatte mir die Frage,
+ob Sie unter den Fürstenhäusern, die nach Ihrer persönlichen
+Meinung verjudet sind, auch deutsche Fürstenhäuser
+verstehen.“
+</p>
+
+<p>
+Lauer erwiderte ruhig, beinahe freundlich: „Gewiß doch.“
+</p>
+
+<p>
+„So“, machte Diederich, und er schöpfte tief Atem, um
+zu seinem großen Schlag auszuholen. Unter der Aufmerksamkeit
+des ganzen Lokals fragte er:
+</p>
+
+<p>
+„Und den verjudeten deutschen Fürstenhäusern rechnen
+Sie auch das eine zu, das ich nicht erst zu nennen brauche?“
+Triumphierend sagte Diederich dies, vollkommen sicher,
+daß nun sein Gegner sich verwirren, stammeln und unter
+den Tisch kriechen werde. Aber er stieß auf einen nicht
+vorauszusehenden Zynismus.
+</p>
+
+<p>
+„Na ja doch“, sagte Lauer.
+</p>
+
+<p>
+Jetzt war es an Diederich, die Haltung zu verlieren vor
+Entsetzen. Er sah umher: ob er denn recht gehört habe.
+Die Gesichter bestätigten es ihm. Da brachte er hervor,
+es werde sich zeigen, welche Folgen diese Äußerung für
+den Herrn Fabrikbesitzer haben werde, und zog sich in leidlicher
+Ordnung in das befreundete Lager zurück. Gleichzeitig
+tauchte Jadassohn wieder auf, der verschwunden
+gewesen war, man wußte nicht wohin.
+</p>
+
+<p>
+„Ich habe dem soeben Vorgefallenen nicht beigewohnt“,
+sagte er sofort. „Ich stelle dies ausdrücklich fest, da es für
+die weitere Entwicklung von Bedeutung sein könnte.“
+Und dann ließ er sich genau berichten. Diederich tat es
+mit Feuer; er nahm es als sein Verdienst in Anspruch,
+dem Feind den Weg abgeschnitten zu haben. „Jetzt
+haben wir ihn in der Hand!“
+</p>
+
+<p>
+„Allerdings,“ bestätigte Jadassohn, der sich Notizen
+gemacht hatte.
+</p>
+
+<pb n='157'/><anchor id='Pgp0157'/>
+
+<p>
+Vom Eingang her nahte auf steifen Beinen ein älterer
+Herr mit grimmiger Miene. Er grüßte nach beiden Seiten
+und schickte sich an, zu den Vertretern des Umsturzes zu
+stoßen. Aber Jadassohn holte ihn noch ein. „Herr Major
+Kunze! Nur ein Wort!“ Er redete halblaut auf ihn ein
+und deutete dabei mit den Augen nach links und rechts.
+Der Major schien im Zweifel. „Sie geben mir Ihr Ehrenwort,
+Herr Assessor,“ sagte er, „daß das tatsächlich behauptet
+wurde?“ Während Jadassohn es ihm gab, trat
+der Bruder des Herrn Buck herbei, lang und elegant,
+lächelte unbedeutend und bot dem Herrn Major für alles
+eine befriedigende Erklärung an. Aber der Major bedauerte;
+für eine solche Äußerung gebe es einfach keine
+Erklärung; und seine Miene ward von erschreckender
+Düsterkeit. Trotzdem sah er noch mit Bedauern nach seinem
+alten Stammtisch hinüber. Da, im entscheidenden
+Moment, hob Diederich die Sektflasche aus dem Kübel.
+Der Major bemerkte es und folgte seinem Pflichtgefühl.
+Jadassohn stellte vor: „Herr Fabrikbesitzer Doktor Heßling.“
+</p>
+
+<p>
+Diederichs Rechte und die des Majors drückten einander
+mit Aufbietung aller Kraft. Fest und bieder blickten die
+Herren sich ins Auge. „Herr Doktor,“ sagte der Major,
+„Sie haben sich als deutscher Mann bewährt.“ Man
+scharrte mit den Füßen, rückte die Stühle zurecht, präsentierte
+voreinander die Gläser, und dann durfte man trinken.
+Diederich bestellte sofort eine neue Flasche. Der Major leerte
+sein Glas, sooft es ihm vollgeschenkt wurde, und zwischen
+den Zügen versicherte er, auch er stehe, was deutsche Treue
+betreffe, seinen Mann. „Wenn mein König mich nun
+auch schon aus seinem aktiven Dienst entlassen hat –“
+</p>
+
+<p>
+„Der Herr Major“, erklärte Jadassohn, „war zuletzt
+beim hiesigen Bezirkskommando.“
+</p>
+
+<pb n='158'/><anchor id='Pgp0158'/>
+
+<p>
+„– ich habe noch das alte Soldatenherz –“ er klopfte
+mit den Fingern darauf – „und unpatriotische Tendenzen
+werde ich stets bekämpfen. Mit Feuer und Schwert!“
+schrie er und ließ die Faust auf den Tisch fallen. Im selben
+Augenblick zog hinter seinem Rücken der Warenhausbesitzer
+Cohn tief den Hut und entfernte sich eilig. Der
+Bruder des Herrn Buck suchte zuerst noch die Toilette auf,
+damit sein Verschwinden einen weniger fluchtartigen
+Charakter trage. „Aha!“ sagte Jadassohn um so lauter.
+„Herr Major, der Feind ist aufgerieben.“ Pastor Zillich
+war noch immer beunruhigt.
+</p>
+
+<p>
+„Heuteufel ist dageblieben. Ich traue ihm nicht.“
+</p>
+
+<p>
+Aber Diederich, der die dritte Flasche bestellte, sah sich
+höhnisch nach Lauer und Doktor Heuteufel um, die vereinsamt
+dasaßen und beschämt ihre Biergläser anstarrten.
+</p>
+
+<p>
+„Wir haben die Macht“, sagte er, „und die Herren dort
+drüben sind sich dessen bewußt. Sie revoltieren schon gar
+nicht mehr, weil der Posten geschossen hat. Sie machen
+Gesichter, als hätten sie Angst, daß sie nun selbst bald drankommen.
+Und sie kommen auch dran!“ Diederich erklärte,
+daß er wegen der vorhin gefallenen Äußerungen
+eine Anzeige gegen den Herrn Lauer bei der Staatsanwaltschaft
+erstatten werde. „Und ich werde dafür sorgen,“
+versicherte Jadassohn, „daß die Anklage erhoben wird.
+Ich persönlich werde sie in der Hauptverhandlung vertreten.
+Die Herren wissen, daß ich als Zeuge nicht in
+Betracht komme, da ich den Vorgängen selbst nicht beigewohnt
+habe.“
+</p>
+
+<p>
+„Wir werden hier den Sumpf mal trocken legen“, sagte
+Diederich, und er fing von dem Kriegerverein an, auf den
+die treudeutsch und kaiserlich gesinnten Männer sich vor
+allem stützen müßten. Der Major nahm eine Amtsmiene
+<pb n='159'/><anchor id='Pgp0159'/>an. Jawohl, er war im Vorstand des Kriegervereins.
+Man diente seinem König immer noch, so gut man konnte.
+Er war auch bereit, Diederich zur Aufnahme vorzuschlagen,
+damit die nationalen Elemente eine Kräftigung erführen.
+Denn bis jetzt, das durfte man sich nicht verhehlen, überwogen
+auch dort die leidigen Demokraten. Man nahm,
+nach der Meinung des Majors, behördlicherseits zu viel
+Rücksicht auf die in Netzig gegebenen Verhältnisse. Er
+selbst würde, wenn er zum Bezirkskommandanten ernannt
+worden wäre, den Herren Reserveoffizieren bei den
+Wahlen auf die Finger gesehen haben, dafür garantierte
+er. „Aber da mein König mir die Möglichkeit leider genommen
+hat –“ Diederich schenkte, um ihn zu trösten,
+frisch ein. Während der Major trank, beugte Jadassohn
+sich zu Diederich und raunte: „Glauben Sie ihm kein
+Wort! Er ist ein schlapper Hund und kriecht vor dem alten
+Buck. Wir müssen ihm imponieren.“
+</p>
+
+<p>
+Diederich tat dies sofort. „Ich habe nämlich mit dem
+Herrn Regierungspräsidenten von Wulckow bereits formelle
+Verabredungen getroffen.“ Und da der Major die
+Augen aufriß:
+</p>
+
+<p>
+„Nächstes Jahr, Herr Major, sind die Reichstagswahlen.
+Da werden wir Gutgesinnten schwere Arbeit haben. Der
+Kampf beginnt schon.“
+</p>
+
+<p>
+„Los!“ sagte der Major ingrimmig. „Prost!“
+</p>
+
+<p>
+„Prost!“ sagte Diederich. „Aber, meine Herren, mögen
+die subversiven Tendenzen im Lande noch so stark sein,
+wir sind stärker, denn wir haben einen Agitator, den die
+Gegner nicht haben, und das ist Seine Majestät.“
+</p>
+
+<p>
+„Bravo!“
+</p>
+
+<p>
+„Seine Majestät hat für alle Teile seines Staates, also
+auch für Netzig, die Forderung aufgestellt, daß die Bürger
+<pb n='160'/><anchor id='Pgp0160'/>endlich aus dem Schlummer erwachen mögen! Und das
+wollen wir auch!“
+</p>
+
+<p>
+Jadassohn, der Major und Pastor Zillich bekundeten
+ihre Wachheit, indem sie auf den Tisch schlugen, Beifall
+riefen und einander zutranken. Der Major schrie: „Zu
+uns Offizieren hat Seine Majestät gesagt: Dies sind die
+Herren, auf die ich mich verlassen kann!“
+</p>
+
+<p>
+„Und zu uns“, schrie Pastor Zillich, „hat er gesagt, wenn
+die Kirche der Fürsten bedürfen wird –“.
+</p>
+
+<p>
+Man durfte allen Zwang ablegen, denn der Keller hatte
+sich längst geleert, Lauer und Heuteufel waren ungesehen
+entkommen, und in den hinteren Bogengewölben brannte
+schon kein Gas mehr.
+</p>
+
+<p>
+„Er hat auch gesagt –“ Diederich blies die Backen feuerrot
+auf, der Schnurrbart stieß ihm in die Augen, aber dennoch
+blitzte er fürchterlich. „Wir stehen im Zeichen des Verkehrs!
+Und so ist es auch! Unter seiner erhabenen Führung
+sind wir fest entschlossen, Geschäfte zu machen!“
+</p>
+
+<p>
+„Und Karriere!“ krähte Jadassohn. „Seine Majestät hat
+gesagt, jeder, der ihm behilflich sein will, ist ihm willkommen.
+Will das jemand vielleicht auf mich nicht mitbeziehen?“
+fragte Jadassohn herausfordernd, mit blutig
+leuchtenden Ohren. Der Major brüllte wieder:
+</p>
+
+<p>
+„Und mein König kann sich totsicher auf mich verlassen.
+Er hat mich zu früh weggeschickt, als ehrlicher deutscher
+Mann sage ich es ihm laut ins Gesicht. Er wird mich noch
+mal bitter nötig haben, wenn es losgeht. Ich denke nicht
+daran, den Rest meines Lebens bloß noch mit Knallbonbons
+zu schießen auf Vereinsbällen. Ich war bei Sedan!“
+</p>
+
+<p>
+„Herrjemersch, und ich doch ooch!“ ertönte es von dünner
+Schreistimme aus unsichtbaren Tiefen, und den Schatten
+der Gewölbe entstieg ein kleiner Greis mit
+flattern<pb n='161'/><anchor id='Pgp0161'/>den weißen Haaren. Er schwankte herbei, seine Brillengläser
+funkelten, seine Backen glühten, und er schrie: „Der
+Herr Major Kunze! Nu da! Alter Kriegskamerad, bei
+Ihnen geht’s ja zu wie dunnemals in Frankreich. Ich
+sag’ es aber immer: gut gelebt und lieber ä paar Jahre
+länger!“ Der Major stellte ihn vor. „Herr Gymnasialprofessor
+Kühnchen.“ Wie es kam, daß er dort hinten im
+Dunkeln vergessen worden sei, darüber äußerte der kleine
+Greis die lebhaftesten Vermutungen. Früher hatte er
+sich in einer Gesellschaft befunden. „Nu muß ich wohl ä
+bißchen eingeschlummert sein, und da sein die verdammten
+Lumichs mir ausgerückt.“ Der Schlaf hatte ihm vom
+Feuer der genossenen Getränke noch nichts genommen,
+er erinnerte, prahlerisch kreischend, den Major an ihre
+gemeinsamen Taten im eisernen Jahr. „Die Franktiröhrs!“
+schrie er, und aus seinem faltigen, zahnlosen
+Munde rann Feuchtigkeit. „Das war Sie eene Bande!
+Wie die Herren mich da sähn, hab’ ich doch noch immer een’
+steifen Finger, da hat mich ä Franktiröhr draufgebissen.
+Bloß weil ich ihm mit meim Säbel ä kleenes bißchen die
+Kehle abschneiden wollte. So eene Gemeinheit von dem
+Kerl!“ Er zeigte den Finger am Tisch umher und erregte
+Ausrufe der Bewunderung. Diederichs begeisterte Gefühle
+freilich mischten sich mit Schrecken, er mußte sich in die
+Lage des Franktiröhrs denken: der kleine leidenschaftliche
+Greis kniete auf seiner Brust und setzte ihm die Klinge an
+den Hals. Er war genötigt, einen Augenblick hinauszugehen.
+</p>
+
+<p>
+Wie er zurückkehrte, gaben der Major und Professor
+Kühnchen, einander überschreiend, den Bericht eines
+wilden Kampfes. Man verstand keinen. Aber Kühnchen
+schrillte immer schärfer durch das Gebrüll des anderen,
+bis er es zum Schweigen gebracht hatte und ungestört
+<pb n='162'/><anchor id='Pgp0162'/>aufschneiden konnte. „Nee, alter Freund, Sie sein ä anschlägscher
+Kopf. Wenn Sie die Treppe ’runterfallen,
+verfehlen Sie keene Stufe. Aber das Feuer damals an
+dem Haus, wo die Franktiröhrs drinne saßen, das hat
+Kühnchen angelegt, da gibt’s nischt. Ich hab’ doch eene
+Kriegslist gebraucht und hab’ mich totgestellt, da ham die
+dummen Luder nischt gemerkt. Und wie’s erscht gebrannt
+hat, nu, versteht sich, da hamse an der Verteidchung des
+Vaterlandes keen’ Geschmack mehr gefunden, und bloß
+noch ’raus, bloß noch Soofgipöh! Da hätten Se nu aber
+uns Deutsche sehen sollen. Von der Mauer hammer sie
+weggeschossen, wie sie ’runterkrabbeln wollten! Luftsprünge
+hamse gemacht wie die Garniggel!“
+</p>
+
+<p>
+Kühnchen mußte seine Erfindung unterbrechen, er kicherte
+durchdringend, indes die Tafelrunde dröhnend lachte.
+</p>
+
+<p>
+Kühnchen erholte sich. „Die falschen Luder hatten uns
+aber auch tückisch gemacht! Und die Weiber! Nee, meine
+Herren, so was Beesartches wie die franzeeschen Weiber,
+das gibt’s Sie nu überhaupt nicht mehr. Heeßes Wasser
+hatten se uns auf die Köppe geschiddet. Nu frag’ ich Sie,
+tut das eene Dame? Wie’s brannte, warfen sie die Kinder
+aus’m Fenster und wollten ooch noch von uns, daß wir
+se auffangen sollten. Hibsch nich, aber dumm! Mit
+unsern Bajonetten hammer die kleenen Luder uffgefangen.
+Und dann die Damen!“ Kühnchen hielt die gichtischen
+Finger gekrümmt wie um einen Gewehrkolben
+und sah dabei nach oben, als gäbe es noch jemand <anchor id="corr162"/><corr sic="aufzuspi ßen">aufzuspießen</corr>.
+Seine Brillengläser funkelten, er log weiter.
+„Zuletzt kam eene ganz Dicke ’ran, die konnte von vorn
+nicht durchs Fenster, drum versuchte se mal, ob’s nicht
+von hinten ginge. Da haste nun aber nicht mit Kühnchen
+gerechnet, mei Schibbchen. Ich nich faul, steiche uf
+<pb n='163'/><anchor id='Pgp0163'/>die Schultern von zwei Kameraden drauf un kitzle sie
+mit meim Bachonedde in ihren dicken franzeeschen –“
+</p>
+
+<p>
+Mehr hörte man nicht, der Beifall war zu laut. Der
+Professor sagte noch: „Jeden Sedang erzähl’ ich die Geschichte
+in ädlen Worten meiner Klasse. Die Jungen solln
+wissen, was sie für Heldenväter gehabt haben.“
+</p>
+
+<p>
+Man war sich einig, daß dies die nationale Gesinnung
+des jungen Geschlechts nur befördern könne, und man
+stieß an mit Kühnchen. Vor lauter Begeisterung hatte
+noch keiner bemerkt, daß ein neuer Gast an den Tisch getreten
+war. Jadassohn sah plötzlich den bescheiden grauen
+Mann im Hohenzollernmantel und winkte ihm gönnerhaft.
+„Na, man immer ’ran, Herr Nothgroschen!“ Diederich
+herrschte ihn an, aus seinen Hochgefühlen heraus.
+„Wer sind Sie?“
+</p>
+
+<p>
+Der Fremde dienerte.
+</p>
+
+<p>
+„Nothgroschen, Redakteur der Netziger Zeitung.“
+</p>
+
+<p>
+„Also Hungerkandidat“, sagte Diederich und blitzte.
+„Verkommene Gymnasiasten, Abiturientenproletariat,
+Gefahr für uns!“
+</p>
+
+<p>
+Alle lachten; der Redakteur lächelte demütig mit.
+</p>
+
+<p>
+„Seine Majestät hat Sie gekennzeichnet“, sagte Diederich.
+„Na, setzen Sie sich!“
+</p>
+
+<p>
+Er schenkte ihm sogar Sekt ein, und Nothgroschen trank
+in dankbarer <anchor id="corr163"/><corr sic="Haltung">Haltung.</corr> Nüchtern und befangen sah er in
+der Gesellschaft umher, deren Selbstbewußtsein durch die
+vielen, leer am Boden stehenden Flaschen so sehr gesteigert
+worden war. Man vergaß ihn sogleich wieder. Er wartete
+geduldig, bis jemand ihn fragte, wieso er denn mitten
+in der Nacht noch hier hereinschneie. „Ich mußte das Blatt
+doch fertig machen“, erklärte er darauf, wichtig wie ein
+kleiner Beamter. „Die Herren wollen morgen früh in
+<pb n='164'/><anchor id='Pgp0164'/>der Zeitung lesen, wie das war mit dem erschossenen
+Arbeiter.“
+</p>
+
+<p>
+„Das wissen wir besser als Sie“, schrie Diederich. „Sie
+saugen sich das ja doch nur aus Ihren Hungerpfoten!“
+</p>
+
+<p>
+Der Redakteur lächelte entschuldigend, und er hörte ergeben
+zu, wie alle durcheinander ihm die Vorgänge darstellten.
+Als der Lärm sich legte, setzte er an. „Da der
+Herr dort –“
+</p>
+
+<p>
+„Doktor Heßling,“ sagte Diederich scharf.
+</p>
+
+<p>
+„Nothgroschen“, murmelte der Redakteur. „Da Sie vorhin
+den Namen des Kaisers erwähnten, wird es die Herren
+interessieren, daß wieder eine Kundgebung vorliegt.“
+</p>
+
+<p>
+„Ich verbitte mir jede Nörgelei!“ heischte Diederich.
+Der Redakteur duckte sich und legte die Hand auf die
+Brust. „Es handelt sich um einen Brief des Kaisers.“
+</p>
+
+<p>
+„Der ist Ihnen wohl wieder mal durch einen infamen
+Vertrauensbruch auf den Schreibtisch geflogen?“ fragte
+Diederich. Nothgroschen stellte beteuernd die Hand vor
+sich hin. „Er ist vom Kaiser selbst zur Veröffentlichung
+bestimmt. Morgen früh werden Sie ihn in der Zeitung
+lesen. Hier ist die Druckfahne!“
+</p>
+
+<p>
+„Legen Sie los, Doktor“, befahl der Major. Diederich
+rief: „Wieso, Doktor? Sind Sie Doktor?“ Aber man
+interessierte sich nur noch für den Brief, man entriß dem
+Redakteur den Zettel. „Bravo!“ rief Jadassohn, der
+noch ziemlich mühelos las. „Seine Majestät bekennt sich
+zum positiven Christentum.“ Pastor Zillich frohlockte
+so heftig, daß sich Schluckauf einstellte. „Das ist was für
+Heuteufel! Endlich kriegt so ein frecher Wissenschaftler,
+huck, was ihm gehört. An die Offenbarungsfrage machen
+sie sich heran. Die versteh’ ja ich kaum, huck, und ich hab’
+Theologie studiert!“ Professor Kühnchen schwenkte die
+<pb n='165'/><anchor id='Pgp0165'/>Blätter hoch in der Luft. „Meine Härn! Wenn ’ch den
+Brief nicht in der Klasse lesen lasse und als Aufsatzthema
+gebe, will’ch nicht mehr Kühnchen heeßen!“
+</p>
+
+<p>
+Diederich war tiefernst. „Jawohl war Hammurabi ein
+Werkzeug Gottes! Ich möchte mal sehen, wer das leugnet!“
+Und er blitzte umher. Nothgroschen krümmte die
+Schultern. „Na, und Kaiser Wilhelm der Große!“ fuhr
+Diederich fort. „Von dem bitte ich es mir ganz energisch
+aus! Wenn der kein Werkzeug Gottes war, dann weiß
+Gott überhaupt nicht, was ’n Werkzeug ist!“
+</p>
+
+<p>
+„Ganz meine Meinung“, versicherte der Major. Glücklicherweise
+widersprach auch sonst niemand, denn Diederich
+war zum Äußersten entschlossen. An den Tisch geklammert,
+stemmte er sich von seinem Stuhl empor. „Aber unser herrlicher
+junger Kaiser?“ fragte er drohend. Von allen Seiten
+antwortete es: „Persönlichkeit ... Impulsiv ... Vielseitig
+... Origineller Denker.“ Diederich war nicht befriedigt.
+</p>
+
+<p>
+„Ich beantrage, daß er auch ein Werkzeug ist!“
+</p>
+
+<p>
+Es ward angenommen.
+</p>
+
+<p>
+„Und ich beantrage ferner, daß wir Seine Majestät
+von unserem Beschluß telegraphisch in Kenntnis setzen!“
+</p>
+
+<p>
+„Ich befürworte den Antrag!“ brüllte der Major. Diederich
+stellte fest: „Einmütige begeisterte Annahme!“ und
+fiel auf seinen Sitz zurück. Kühnchen und Jadassohn
+machten sich gemeinsam an die Abfassung der Depesche.
+Sie lasen vor, sobald sie etwas gefunden hatten.
+</p>
+
+<p>
+„Eine im Ratskeller zu Netzig versammelte Gesellschaft –“
+</p>
+
+<p>
+„Tagende Versammlung“, forderte Diederich. Sie
+fuhren fort:
+</p>
+
+<p>
+„Versammlung national gesinnter Männer –“
+</p>
+
+<p>
+„National, huck, und christlich“, ergänzte Pastor Zillich.
+</p>
+
+<pb n='166'/><anchor id='Pgp0166'/>
+
+<p>
+„Aber wollen die Herren denn wirklich?“ fragte Nothgroschen,
+leise flehend. „Ich dachte, es sei ein Scherz.“
+</p>
+
+<p>
+Da ward Diederich zornig.
+</p>
+
+<p>
+„Wir scherzen nicht mit den heiligsten Gütern! Ich soll
+Ihnen das wohl handgreiflich klarmachen, Sie verkrachter
+Abiturient?“
+</p>
+
+<p>
+Da Nothgroschens Hände den vollkommensten Verzicht
+beteuerten, war Diederich sofort wieder ruhig und sagte:
+„Prost!“ Dagegen schrie der Major, als sollte er platzen.
+„Wir sind die Herren, auf die Seine Majestät sich verlassen
+kann!“ Jadassohn bat um Ruhe und er las.
+</p>
+
+<p>
+„Die im Ratskeller zu Netzig tagende Versammlung national
+und christlich gesinnter Männer entbietet Eurer Majestät
+ihre einmütige begeisterte Huldigung angesichts von Eurer
+Majestät erhebendem Bekenntnis einer geoffenbarten Religion.
+Wir beteuern unseren tiefsten Abscheu vor dem Umsturz
+in jeder Gestalt und sehen in der heute bei uns in Netzig
+erfolgten mutigen Tat eines Postens die erfreuliche Bestätigung,
+daß Eure Majestät nicht weniger als Hammurabi
+und Kaiser Wilhelm der Große das Werkzeug Gottes ist.“
+Man klatschte, und Jadassohn lächelte geschmeichelt.
+</p>
+
+<p>
+„Unterschreiben!“ rief der Major. „Oder hat einer
+der Herren noch etwas zu bemerken?“ Nothgroschen
+räusperte sich. „Nur ein einziges Wort, mit aller gebührenden
+Bescheidenheit.“
+</p>
+
+<p>
+„Das möchte ich mir ausbitten“, sagte Diederich. Der
+Redakteur hatte sich Mut getrunken, er schwankte auf
+seinem Sitz und kicherte ohne Grund.
+</p>
+
+<p>
+„Ich will ja gar nichts gegen den Posten sagen, meine
+Herren. Ich hab’ mir sogar schon immer gedacht, Soldaten
+sind zum Schießen da.“
+</p>
+
+<p>
+„Na also.“
+</p>
+
+<pb n='167'/><anchor id='Pgp0167'/>
+
+<p>
+„Ja, aber wissen wir, ob auch der Kaiser so denkt?“
+</p>
+
+<p>
+„Selbstverständlich! Fall Lück!“
+</p>
+
+<p>
+„Präzedenzfälle – hihi – sind ganz schön, aber wir
+wissen doch alle, daß der Kaiser ein origineller Denker
+und – hihi – impulsiv ist. Er läßt sich nicht gern vorgreifen.
+Wenn ich in der Zeitung schreiben wollte, daß
+Sie, Herr Doktor Heßling, Minister werden sollen, dann
+– hihi – werden Sie es gerade nicht.“
+</p>
+
+<p>
+„Jüdische Verdrehungen!“ rief Jadassohn. Der Redakteur
+entrüstete sich. „Ich schreibe anderthalb Spalten
+Stimmung an jedem hohen Kirchenfest. Der Posten
+aber, der kann auch wegen Mord angeklagt werden. Dann
+sind wir ’reingefallen.“
+</p>
+
+<p>
+Eine Stille folgte. Der Major legte nachdenklich den
+Bleistift aus der Hand. Diederich ergriff ihn. „Sind wir
+nationale Männer?“ Und er unterschrieb wuchtig. Da
+brach Begeisterung aus. Nothgroschen wollte gleich als
+Zweiter drankommen.
+</p>
+
+<p>
+„Aufs Telegraphenamt!“
+</p>
+
+<p>
+Diederich gab Auftrag, daß die Rechnung ihm morgen
+zugestellt werde, und man brach auf. Nothgroschen war
+auf einmal voll ausschweifender Hoffnungen. „Wenn ich
+die kaiserliche Antwort bringen kann, komme ich zu Scherl!“
+</p>
+
+<p>
+Der Major brüllte: „Wir wollen doch mal sehen, ob
+ich noch lange Wohltätigkeitsfeste arrangiere!“
+</p>
+
+<p>
+Pastor Zillich sah die Leute sich in seiner Kirche erdrücken
+und Heuteufel von der Menge gesteinigt. Kühnchen
+schwärmte von Blutbädern in den Straßen von
+Netzig. Jadassohn krähte: „Erlaubt sich vielleicht jemand
+einen Zweifel an meiner Kaisertreue?“ Und Diederich:
+„Der alte Buck soll sich hüten! Klüsing in Gausenfeld
+auch! Wir erwachen aus dem Schlummer!“
+</p>
+
+<pb n='168'/><anchor id='Pgp0168'/>
+
+<p>
+Die Herren hielten sich alle sehr gerade, und manchmal
+schoß einer unvermutet ein Stück vorwärts. Mit
+ihren Stöcken strichen sie tosend über die herabgelassenen
+Rolläden, und im Takt voneinander unabhängig sangen
+sie die Wacht am Rhein. An der Ecke des Landgerichts
+stand ein Schutzmann, aber zu seinem Glück rührte er
+sich nicht. „Wollen Sie vielleicht etwas, Männeken?“
+rief Nothgroschen, der aus Rand und Band war. „Wir
+telegraphieren an den Kaiser!“ Vor dem Postgebäude
+ward Pastor Zillich, der den schwächsten Magen hatte,
+von einem Unglück betroffen. Indes die anderen ihm seine
+Lage zu erleichtern suchten, klingelte Diederich den Beamten
+heraus und gab das Telegramm auf. Als der
+Beamte es gelesen hatte, betrachtete er Diederich zögernd
+– aber Diederich blitzte ihn so furchtbar an, daß er
+zurückschrak und seine Pflicht tat. Diederich inzwischen fuhr
+ohne Zweck fort, zu blitzen und steinern dazustehen: in der
+Haltung des Kaisers, wenn nun ein Flügeladjutant ihm
+die Heldentat des Postens meldete und der Chef des Zivilkabinetts
+ihm die Huldigungsdepesche überbrachte. Diederich
+fühlte den Helm auf seinem Kopf, er schlug gegen den
+Säbel an seiner Seite und sagte: „Ich bin sehr stark!“ Der
+Telegraphist hielt es für eine Reklamation und zählte
+ihm das kleine Geld nochmals vor. Diederich nahm es,
+trat an einen Tisch und warf einige Zeilen auf ein Papier.
+Dann steckte er es zu sich und kehrte zu den Herren zurück.
+</p>
+
+<p>
+Sie hatten für den Pastor eine Droschke beschafft, er
+fuhr soeben fort und winkte weinend aus dem Fenster,
+als sei es für ewig. Jadassohn bog beim Theater um eine
+Ecke, obwohl der Major ihm nachbrüllte, seine Wohnung
+sei doch ganz woanders. Plötzlich war dann auch der
+Major fort, und Diederich gelangte mit Nothgroschen
+<pb n='169'/><anchor id='Pgp0169'/>allein in die Lutherstraße. Vor dem Walhalla-Theater
+war der Redakteur nicht mehr weiter zu bringen, mitten
+in der Nacht wollte er das „elektrische Wunder“ sehen,
+eine Dame, die dort Feuer sprühen sollte. Diederich mußte
+ihm ernstlich vorhalten, daß dies nicht die Stunde für
+solche Frivolitäten sei. Übrigens vergaß Nothgroschen
+das „elektrische Wunder“, sobald er das Haus der „Netziger
+Zeitung“ erblickte. „Aufhalten!“ schrie er. „Die Maschine
+aufhalten! Das Telegramm der nationalen Männer
+muß noch hinein!... Sie wollen es doch morgen früh
+in der Zeitung lesen“, sagte er zu einem vorübergehenden
+Nachtwächter. Da packte Diederich ihn fest am Arm.
+</p>
+
+<p>
+„Nicht nur dieses Telegramm“, sagte er, kurz und leise.
+„Ich habe noch ein anderes.“ Er zog ein Papier aus der
+Tasche. „Der Nachttelegraphist ist ein alter Bekannter
+von mir, er hat es mir anvertraut. Über diese Herkunft
+werden Sie mir strenge Diskretion versprechen, der Mann
+wäre sonst in seiner Stellung bedroht.“
+</p>
+
+<p>
+Da Nothgroschen sofort alles versprach, sagte Diederich,
+ohne das Papier dabei anzusehen:
+</p>
+
+<p>
+„Es ist an das Regimentskommando gerichtet und vom
+Obersten selbst dem Posten mitzuteilen, der heute den
+Arbeiter erschossen hat. Es lautet: Für Deinen auf dem
+Felde der Ehre vor dem inneren Feind bewiesenen Mut
+spreche ich Dir meine kaiserliche Anerkennung aus und
+ernenne Dich zum Gefreiten.... Überzeugen Sie sich“ –
+und Diederich reichte dem Redakteur das Papier hin. Aber
+Nothgroschen sah es nicht an, er starrte nur, wie entgeistert,
+auf Diederich, auf seine steinerne Haltung, den Schnurrbart,
+der ihm in die Augen stach, und die Augen, die blitzten.
+</p>
+
+<p>
+„Jetzt glaubte ich fast –“ stammelte Nothgroschen.
+„Sie haben so viel Ähnlichkeit mit – mit –.“
+</p>
+</div><div rend="page-break-before: always">
+ <index index="toc" level1="IV"/>
+ <index index="pdf" level1="IV"/>
+<pb n='170'/><anchor id='Pgp0170'/>
+
+<head>IV.</head>
+
+<p>
+Diederich würde, wie in der besten Neuteutonenzeit,
+das Mittagessen verschlafen haben, aber die Rechnung
+vom Ratskeller kam, und sie war bedeutend genug,
+daß er aufstehen und ins Kontor gehen mußte. Ihm war
+sehr schlecht, und man machte ihm auch noch Unannehmlichkeiten,
+sogar die Familie. Die Schwestern verlangten
+ihr monatliches Toilettegeld, und als er erklärte, daß er
+es jetzt nicht habe, hielten sie ihm den alten Sötbier vor,
+der es immer gehabt habe. Diesem Versuch einer Auflehnung
+begegnete Diederich energisch. Mit rauher Katerstimme
+setzte er den Mädchen auseinander, sie würden
+sich noch an ganz andere Dinge gewöhnen müssen. Sötbier
+freilich, der habe immer nur hergegeben und die
+Fabrik heruntergewirtschaftet. „Wenn ich euch heute euren
+Anteil auszahlen sollte, würdet ihr euch verflucht wundern,
+wie wenig es wäre.“ Während er dies sagte, empfand
+er es als durchaus unberechtigt, daß er irgend einmal
+sollte gezwungen werden können, die beiden am Geschäft
+zu beteiligen. Man müßte das verhindern können, dachte
+er. Sie dagegen wurden auch noch herausfordernd. „Also
+wir können die Modistin nicht bezahlen, aber der Herr
+Doktor trinkt Sekt für hundertfünfzig Mark.“ Da ward
+Diederich furchtbar anzusehen. Seine Briefe erbrach
+man! Er wurde ausspioniert! Er war nicht der Herr
+im Hause, sondern ein Kommis, ein Neger, der für die
+Damen schuftete, damit sie den ganzen Tag faulenzen
+konnten! Er schrie und stampfte, daß die Gläser klirrten.
+Frau Heßling flehte wimmernd, die Schwestern widersprachen
+nur noch aus Angst, aber Diederich war im Zuge.
+</p>
+
+<pb n='171'/><anchor id='Pgp0171'/>
+
+<p>
+„Was erlaubt ihr euch? Gänse wie ihr? Was wißt ihr,
+ob die hundertfünfzig Mark nicht eine glänzende Kapitalsanlage
+sind. Jawohl, Kapitalsanlage! Meint ihr, ich
+saufe mit den Idioten Sekt, wenn ich nichts von ihnen
+will? Davon wißt ihr hier in Netzig noch nichts, das ist
+der neue Kurs, es ist –“ Er hatte das Wort. „Großzügig
+ist es! Großzügig!“
+</p>
+
+<p>
+Und er warf die Tür hinter sich zu. Frau Heßling ging
+ihm vorsichtig nach, und als er im Wohnzimmer ins Sofa
+gesunken war, nahm sie seine Hand und sagte: „Mein
+lieber Sohn, ich bin mit dir.“ Dabei sah sie ihn an, als
+wollte sie „aus dem Herzen beten“. Diederich verlangte
+einen sauren Hering; und dann beklagte er sich zornig,
+wie schwer es sei, in Netzig den neuen Geist einzuführen.
+Wenigstens hier im Hause sollte man seine Kraft nicht
+untergraben! „Ich habe Großes mit euch vor, aber das
+überlaßt gefälligst meiner besseren Einsicht. Einer muß
+Herr sein. Unternehmungsgeist und Großzügigkeit gehören
+freilich dazu. Sötbier ist dabei nicht zu brauchen. Eine
+Weile lasse ich den Alten noch verschnaufen, dann wird
+er ausgeschifft.“
+</p>
+
+<p>
+Frau Heßling versicherte sanft, ihr lieber Sohn werde
+schon um seiner Mutter willen immer genau wissen, was
+er tun müsse – und dann begab Diederich sich ins Kontor
+und schrieb einen Brief an die Maschinenfabrik Büschli
+Co. in Eschweiler, um bei ihr einen „neuen Patent-Doppel-Holländer,
+System Maier“ zu bestellen. Er ließ den
+Brief offen daliegen und ging hinaus. Wie er zurückkam,
+stand Sötbier vor seinem Pult, und es war kein Zweifel,
+unter seinem grünen Augenschirm weinte er: es tropfte
+auf den Brief. „Sie müssen ihn noch mal abschreiben
+lassen“, sagte Diederich kühl. Da begann Sötbier:
+</p>
+
+<pb n='172'/><anchor id='Pgp0172'/>
+
+<p>
+„Junger Herr, unser alter Holländer ist kein Patent-Holländer,
+aber er stammt noch aus der ersten Zeit des
+alten Herrn; mit ihm hat er angefangen, und mit ihm
+ist er groß geworden ...“
+</p>
+
+<p>
+„Na und ich hege meinerseits den Wunsch, mit meinem
+eigenen Holländer groß zu werden“, sagte Diederich
+schneidend. Sötbier jammerte.
+</p>
+
+<p>
+„Unser alter hat uns noch immer genügt.“
+</p>
+
+<p>
+„Mir nicht.“
+</p>
+
+<p>
+Sötbier schwur, er sei so leistungsfähig wie die allerneuesten,
+die nur durch schwindelhafte Reklame emporgetragen
+würden. Als Diederich hart blieb, öffnete der
+Alte die Tür und rief hinaus: „Fischer! Kommen Sie
+mal her!“ Diederich ward unruhig. „Was wollen Sie
+von dem Menschen. Ich verbitte mir, daß er sich einmischt!“
+Aber Sötbier berief sich auf das Zeugnis des
+Maschinenmeisters, der in den größten Betrieben gearbeitet
+habe. „Nun, Fischer, sagen Sie mal dem Herrn
+Doktor, wie leistungsfähig unser Holländer ist!“ Diederich
+wollte nicht hören, er lief hin und her, überzeugt, der
+Mensch werde die Gelegenheit ergreifen, ihn zu ärgern.
+Statt dessen begann Napoleon Fischer mit einer uneingeschränkten
+Anerkennung von Diederichs Sachverständigkeit,
+und dann sagte er über den alten Holländer alles
+Ungünstige, das sich irgend über ihn denken ließ. Wenn
+man Napoleon Fischer hörte, war er schon nahe daran
+gewesen, zu kündigen, nur weil ihm der alte Holländer
+nicht gefiel. Diederich schnaubte: er habe wahrhaftig
+Glück, daß ihm die wertvolle Kraft des Herrn Fischer nun
+doch erhalten bleibe; aber der Maschinenmeister erklärte
+ihm, ohne sich auf seine Ironie einzulassen, nach der
+Abbildung im Prospekt alle Vorzüge des neuen
+Patent-<pb n='173'/><anchor id='Pgp0173'/>Holländers, vor allem seine höchst bequeme Bedienung.
+„Wenn ich Ihnen nur Arbeit erspare!“ schnaubte Diederich.
+„Sonst wünsch’ ich mir nichts. Danke, Sie können gehen.“
+</p>
+
+<p>
+Als der Maschinenmeister hinaus war, beschäftigten
+Sötbier und Diederich sich eine lange Weile jeder für sich.
+Plötzlich fragte Sötbier: „Und womit sollen wir ihn bezahlen?“
+Diederich war sofort feuerrot: auch er hatte
+die ganze Zeit an nichts weiter gedacht. „Ach was!“
+schrie er. „Bezahlen! Erstens mache ich eine lange Lieferungsfrist
+aus, und dann: wenn ich mir einen so teuren
+Holländer bestelle, meinen Sie vielleicht, ich weiß nicht
+wozu? Nein, mein Lieber, dann muß ich wohl bestimmte
+Aussichten auf baldige Ausdehnung des Geschäftes haben
+– über die ich mich heute noch nicht äußern will.“
+</p>
+
+<p>
+Damit verließ er das Kontor, in strammer Haltung,
+trotz inneren Zweifeln. Dieser Napoleon Fischer hatte
+sich beim Hinausgehen nochmals umgesehen, mit einem
+gewissen Blick, als habe er den Chef gehörig hineingelegt.
+„Umdroht von Feinden,“ dachte Diederich und reckte sich
+noch straffer, „da sind wir erst recht stark. Ich werde sie
+schon zerschmettern.“ Sie sollten erfahren, mit wem sie
+es zu tun hatten; daher führte er einen Gedanken aus,
+der ihm schon beim Erwachen gekommen war: er ging
+zum Doktor Heuteufel. Dieser hielt eben seine Sprechstunde
+ab und ließ ihn warten. Dann empfing er ihn in
+seinem Operationszimmer, wo alles, Geruch und Gegenstände,
+Diederich an frühere, peinliche Besuche erinnerte.
+Doktor Heuteufel nahm die Zeitung vom Tisch, lachte
+kurz und sagte: „Nun, Sie kommen wohl her, um zu
+triumphieren. Gleich zwei Erfolge! Ihre Sekthuldigung
+ist drin – na und die Depesche des Kaisers an den Posten
+läßt von Ihrem Standpunkt aus wohl nichts zu wünschen.“
+</p>
+
+<pb n='174'/><anchor id='Pgp0174'/>
+
+<p>
+„Welche Depesche?“ fragte Diederich. Doktor Heuteufel
+zeigte sie ihm; Diederich las. „Für Deinen auf dem Felde
+der Ehre vor dem inneren Feind bewiesenen Mut spreche
+ich Dir meine kaiserliche Anerkennung aus und ernenne
+Dich zum Gefreiten.“ Wie es hier gedruckt stand, machte
+es ihm den Eindruck vollkommener Echtheit. Er war
+sogar ergriffen; mit männlicher Zurückhaltung sagte er:
+„Das ist jedem national Gesinnten aus dem Herzen gesprochen.“
+Da Heuteufel nur die Achseln zuckte, holte
+Diederich Atem. „Nicht deswegen bin ich hergekommen,
+sondern um unsere beiderseitigen Beziehungen festzulegen.“
+Die seien wohl schon festgelegt, erwiderte Heuteufel.
+„Nein, durchaus noch nicht.“ Diederich versicherte,
+daß er einen ehrenvollen Frieden wünsche. Er sei bereit,
+im Sinne eines wohlverstandenen Liberalismus zu wirken,
+falls man dagegen seine streng nationale und kaisertreue
+Überzeugung achte. Doktor Heuteufel erklärte dies
+einfach für Phrasen: da verlor Diederich die Fassung.
+Dieser Mensch hielt ihn in der Hand; er konnte ihn, mit
+Hilfe eines Dokumentes, als Feigling hinstellen! Das
+höhnische Lächeln in seinem gelben Chinesengesicht, diese
+überlegene Haltung waren eine fortwährende Anspielung.
+Aber er sprach nicht, er ließ das Schwert weiterschweben
+über Diederichs Haupt. Der Zustand mußte
+aufhören! „Ich fordere Sie auf,“ sagte Diederich, heiser
+vor Erregung, „mir meinen Brief zurückzugeben.“ Heuteufel
+tat erstaunt. „Welchen Brief?“ – „Den ich Ihnen
+wegen des Militärs geschrieben habe, als ich dienen sollte.“
+Darauf dachte der Arzt nach.
+</p>
+
+<p>
+„Ach so: weil Sie sich drücken wollten!“
+</p>
+
+<p>
+„Ich dachte mir schon, Sie würden meine unvorsichtigen
+Äußerungen in einem für mich beleidigenden Sinne
+aus<pb n='175'/><anchor id='Pgp0175'/>legen. Ich fordere Sie nochmals zur Rückgabe des Briefes
+auf.“ Und Diederich trat drohend vor. Heuteufel wich nicht.
+</p>
+
+<p>
+„Lassen Sie mich in Ruh’. Ihren Brief hab’ ich nicht
+mehr.“
+</p>
+
+<p>
+„Ich verlange Ihr Ehrenwort.“
+</p>
+
+<p>
+„Das gebe ich nicht auf Befehl.“
+</p>
+
+<p>
+„Dann mache ich Sie auf die Folgen Ihrer illoyalen
+Handlungsweise aufmerksam. Sollten Sie mir mit dem
+Brief bei irgendeiner Gelegenheit Unannehmlichkeiten
+verursachen wollen, so liegt Bruch des Amtsgeheimnisses
+vor. Dann denunziere ich Sie der Ärztekammer,
+stelle Strafantrag gegen Sie und biete allen meinen Einfluß
+auf, um Sie unmöglich zu machen!“ In höchster
+Erregung, fast stimmlos: „Sie sehen mich zum Äußersten
+entschlossen! Zwischen uns gibt es nur noch einen Kampf
+bis aufs Messer!“
+</p>
+
+<p>
+Doktor Heuteufel sah ihn neugierig an, er schüttelte den
+Kopf, sein Chinesenschnurrbart schaukelte, und er sagte:
+„Sie sind heiser.“
+</p>
+
+<p>
+Diederich fuhr zurück, er stammelte: „Was geht Sie
+das an?“
+</p>
+
+<p>
+„Gar nichts“, sagte Heuteufel. „Es interessiert mich nur
+von früher her, weil ich Ihnen so was ja immer vorausgesagt
+habe.“
+</p>
+
+<p>
+„Was denn? Wollen Sie sich gefälligst äußern.“ Aber
+das lehnte Heuteufel ab. Diederich blitzte ihn an. „Ich muß
+Sie energisch auffordern, Ihre ärztliche Pflicht zu tun!“
+</p>
+
+<p>
+Er sei nicht sein Arzt, erwiderte Heuteufel. Darauf
+sank Diederichs herrische Miene zusammen, und er forschte
+klagend. „Manchmal hab’ ich ja Schmerzen im Hals.
+Glauben Sie denn, daß es schlimmer wird? Hab’ ich was
+zu befürchten?“
+</p>
+
+<pb n='176'/><anchor id='Pgp0176'/>
+
+<p>
+„Ich rate Ihnen, einen Spezialisten zu konsultieren.“
+</p>
+
+<p>
+„Sie sind hier doch der einzige! Um Gottes willen,
+Herr Doktor, Sie versündigen sich, ich habe eine Familie
+zu erhalten.“
+</p>
+
+<p>
+„Dann sollten Sie weniger rauchen, auch weniger
+trinken. Gestern abend war es zuviel.“
+</p>
+
+<p>
+„Ach so.“ Diederich richtete sich auf. „Sie gönnen mir
+den Sekt nicht. Und dann wegen der Huldigungsadresse.“
+</p>
+
+<p>
+„Wenn Sie unlautere Motive bei mir vermuten, brauchen
+Sie mich nicht zu fragen.“
+</p>
+
+<p>
+Aber Diederich flehte schon wieder. „Sagen Sie mir
+wenigstens, ob ich Krebs kriegen kann.“
+</p>
+
+<p>
+Heuteufel blieb streng. „Nun, Sie waren schon immer
+skrofulös und rachitisch. Sie hätten nur dienen sollen,
+dann wären Sie nicht so aufgeschwemmt.“
+</p>
+
+<p>
+Schließlich ließ er sich zu einer Untersuchung herbei
+und nahm eine Pinselung des Kehlkopfes vor. Diederich
+erstickte, rollte angstvoll die Augen und umklammerte den
+Arm des Arztes. Heuteufel zog den Pinsel heraus. „So
+komm’ ich natürlich nicht hin.“ Er feixte durch die Nase.
+„Sie sind noch wie früher.“
+</p>
+
+<p>
+Sobald Diederich wieder zu Luft gekommen war,
+machte er sich fort aus dieser Schreckenskammer. Vor
+dem Hause, noch mit Tränen in den Augen, stieß er auf
+den Assessor Jadassohn. „Nanu?“ sagte Jadassohn. „Ist
+Ihnen die Kneiperei nicht bekommen? Und ausgerechnet
+zu Heuteufel gehen Sie?“
+</p>
+
+<p>
+Diederich versicherte, sein Befinden sei glänzend. „Aber
+aufgeregt hab’ ich mich über den Menschen! Ich gehe hin,
+weil ich es als meine Pflicht betrachte, eine befriedigende
+Erklärung zu verlangen für die gestrigen Äußerungen
+dieses Herrn Lauer. Mit Lauer selbst zu verhandeln, hat
+<pb n='177'/><anchor id='Pgp0177'/>für einen Mann von meiner korrekten Gesinnung natürlich
+nichts Verlockendes.“
+</p>
+
+<p>
+Jadassohn schlug vor, in Klappsch’ Bierstube einzutreten.
+</p>
+
+<p>
+„Ich gehe also hin,“ fuhr Diederich drinnen fort, „in
+der Absicht, die ganze Geschichte mit der Besoffenheit
+des betreffenden Herrn zu entschuldigen, schlimmstenfalls
+mit seiner zeitweiligen Geistesumnachtung. Was meinen
+Sie statt dessen? Frech wird der Heuteufel. Markiert
+Überlegenheit. Übt zynische Kritik an unserer Huldigungsadresse
+und, Sie werden es nicht glauben, sogar an dem
+Telegramm Seiner Majestät!“
+</p>
+
+<p>
+„Nun, und?“ fragte Jadassohn, dessen Hand sich mit
+Fräulein Klappsch beschäftigte.
+</p>
+
+<p>
+„Für mich gibt es kein Und mehr! Ich bin mit dem
+Herrn fertig fürs Leben!“ rief Diederich, trotz dem schmerzlichen
+Bewußtsein, daß er am Mittwoch wieder zum Pinseln
+mußte. Jadassohn versetzte schneidend:
+</p>
+
+<p>
+„Aber ich nicht.“ Und da Diederich ihn ansah: „Es gibt
+nämlich eine Behörde, die sich die Königliche Staatsanwaltschaft
+nennt und die für Leute wie diese Herren Lauer
+und Heuteufel ein nicht zu unterschätzendes Interesse
+hegt.“ Damit ließ er Fräulein Klappsch los und bedeutete
+ihr, sie möge verschwinden.
+</p>
+
+<p>
+„Wie meinen Sie das“? fragte Diederich, unheimlich
+berührt.
+</p>
+
+<p>
+„Ich denke Anklage wegen Majestätsbeleidigung zu
+erheben.“
+</p>
+
+<p>
+„Sie?“
+</p>
+
+<p>
+„Jawohl, ich. Staatsanwalt Feifer hat Krankheitsurlaub,
+ich bin dran. Und, wie ich unmittelbar nach dem
+gestrigen Vorfall vor Zeugen festgestellt habe, war ich
+<pb n='178'/><anchor id='Pgp0178'/>bei der Verübung des Deliktes nicht anwesend, bin also
+keineswegs verhindert, in dem Prozeß die Anklagebehörde
+zu vertreten.“
+</p>
+
+<p>
+„Aber wenn niemand die Sache anzeigt!“
+</p>
+
+<p>
+Jadassohn lächelte grausam. „Das haben wir, Gott sei
+Dank, nicht nötig ... Übrigens erinnere ich Sie daran,
+daß Sie selbst gestern abend sich uns als Zeugen anboten.“
+</p>
+
+<p>
+„Davon weiß ich nichts“, sagte Diederich schnell.
+</p>
+
+<p>
+Jadassohn klopfte ihm auf die Schulter. „Sie werden
+sich an alles wieder erinnern, hoffe ich, wenn Sie unter
+Ihrem Eid stehen.“ Da entrüstete Diederich sich. Er
+ward so laut, daß Klappsch diskret in das Zimmer spähte.
+</p>
+
+<p>
+„Herr Assessor, ich muß mich sehr wundern, daß Sie
+private Äußerungen meinerseits –. Sie haben offenbar
+die Absicht, mit Hilfe eines politischen Prozesses schneller
+Staatsanwalt zu werden. Aber ich möchte wissen, was
+mich Ihre Karriere angeht.“
+</p>
+
+<p>
+„Na und mich die Ihre?“ fragte Jadassohn.
+</p>
+
+<p>
+„So. Dann sind wir Gegner?“
+</p>
+
+<p>
+„Ich hoffe, es wird sich vermeiden lassen.“ Und Jadassohn
+setzte ihm auseinander, daß er keinen Grund habe,
+den Prozeß zu fürchten. Sämtliche Zeugen der Vorgänge
+im Ratskeller würden dasselbe aussagen müssen
+wie er selbst: auch Lauers Freunde. Diederich werde sich
+keineswegs zu weit vorwagen ... Das habe er leider
+schon getan, erwiderte Diederich, denn schließlich sei er es,
+der mit Lauer den Krach gehabt habe. Aber Jadassohn
+beruhigte ihn. „Wer fragt danach. Es handelt sich darum,
+ob die inkriminierten Worte von seiten des Herrn Lauer
+gefallen sind. Sie machen, wie die anderen Herren, einfach
+Ihre Aussage, wenn Sie wollen, mit Vorsicht.“
+</p>
+
+<p>
+„Mit großer Vorsicht!“ versicherte Diederich. Und
+an<pb n='179'/><anchor id='Pgp0179'/>gesichts von Jadassohns teuflischer Miene: „Wie komme
+ich dazu, einen anständigen Menschen wie Lauer ins Gefängnis
+zu bringen? Jawohl, einen anständigen Menschen!
+Denn eine politische Gesinnung ist in meinen
+Augen keine Schande!“
+</p>
+
+<p>
+„Besonders nicht bei dem Schwiegersohn des alten
+Buck, den Sie vorläufig noch brauchen“, schloß Jadassohn
+– und Diederich ließ den Kopf sinken. Dieser jüdische
+Streber beutete ihn schamlos aus, und er konnte nichts
+machen! Da sollte man noch an Freundschaft glauben.
+Er sagte sich wieder einmal, daß alle gerissener und brutaler
+im Leben vorgingen als er <anchor id="corr179"/><corr sic="se bst">selbst</corr>. Die große Aufgabe
+war: wie ward man energisch. Er setzte sich stramm hin und
+blitzte. Mehr unternahm er lieber nicht; bei einem Herrn
+von der Staatsanwaltschaft konnte man nie wissen ...
+Übrigens lenkte Jadassohn zu etwas anderem über.
+</p>
+
+<p>
+„Wissen Sie schon, daß in der Regierung und bei uns
+im Gericht ganz sonderbare Gerüchte umgehen – über
+das Telegramm Seiner Majestät an den Regimentskommandeur?
+Der Oberst soll nämlich behaupten, er
+habe gar kein Telegramm bekommen.“
+</p>
+
+<p>
+Diederich behielt, trotz innerem Erbeben, eine feste
+Stimme. „Aber es hat doch in der Zeitung gestanden!“
+Jadassohn grinste zweideutig. „Da steht gar zuviel.“
+Er ließ sich von Klappsch, der seine Glatze wieder in die
+Tür schob, die „Netziger Zeitung“ bringen. „Sehen Sie,
+in der Nummer hier steht überhaupt nichts, was nicht
+auf Seine Majestät Bezug hat. Der Leitartikel beschäftigt
+sich mit dem Allerhöchsten Bekenntnis zum geoffenbarten
+Glauben. Dann kommt das Telegramm an den Obersten,
+dann das Lokale mit der Heldentat des Postens und das Vermischte
+mit drei Anekdoten über die kaiserliche Familie.“
+</p>
+
+<pb n='180'/><anchor id='Pgp0180'/>
+
+<p>
+„Es sind recht rührende Geschichten“, bemerkte Klappsch
+und verdrehte die Augen.
+</p>
+
+<p>
+„Zweifellos!“ beteuerte Jadassohn; und Diederich:
+„Sogar so ein freisinniges Hetzblatt muß die Bedeutung
+Seiner Majestät anerkennen!“
+</p>
+
+<p>
+„Aber bei dem löblichen Eifer wäre es schließlich möglich,
+daß die Redaktion die Allerhöchste Depesche eine
+Nummer zu früh gebracht hat – noch vor ihrer Absendung.“
+„Ausgeschlossen!“ entschied Diederich. „Der
+Stil Seiner Majestät ist unverkennbar.“ Auch Klappsch
+wollte ihn erkennen. Jadassohn gab zu: „Nun ja ...
+Weil man nie wissen kann, darum dementieren wir auch
+nicht. Wenn der Oberst nichts bekommen hat, die Netziger
+Zeitung könnte es ja direkt aus Berlin haben. Wulckow
+hat sich den Redakteur Nothgroschen kommen lassen, aber
+der Kerl verweigert die Aussage. Der Präsident hat gespuckt,
+er ist selbst zu uns gekommen wegen des Zeugniszwangverfahrens
+gegen Nothgroschen. Schließlich haben
+wir davon abgesehen und warten lieber das Dementi
+aus Berlin ab – weil man eben nicht wissen kann.“
+</p>
+
+<p>
+Da Klappsch in die Küche gerufen ward, setzte Jadassohn
+noch hinzu: „Komisch, wie? Allen kommt die Geschichte
+verdächtig vor, aber niemand will vorgehen, weil in diesem
+Fall – in diesem ganz besonderen Fall“ – sagte Jadassohn
+mit perfider Betonung, und seine ganze Miene,
+sogar die Ohren sahen perfid aus, „gerade das Unwahrscheinliche
+am meisten Aussicht hat, Ereignis zu werden.“
+</p>
+
+<p>
+Diederich war starr: nie hätte ihm so schwarzer Verrat
+geträumt. Jadassohn bemerkte sein Entsetzen und verwirrte
+sich, er fing an zu zappeln. „Nu, der Mann hat
+seine Schwächen – Ihnen gesagt.“ Diederich versetzte,
+fremd und drohend: „Gestern abend schienen Sie davon
+<pb n='181'/><anchor id='Pgp0181'/>noch nichts zu wissen.“ Jadassohn entschuldigte sich: der
+Sekt mache natürlich unkritisch. Ob Herr Doktor Heßling
+denn die Begeisterung der übrigen Herren so ernst
+genommen habe. Einen größeren Nörgler als den Major
+Kunze gebe es überhaupt nicht ... Diederich zog sich
+mit seinem Stuhle zurück, ihm ward kalt, als finde er sich
+plötzlich in einer Verbrecherhöhle. Mit äußerster Energie
+sagte er: „Auf die nationale Gesinnung der übrigen Herren
+hoffe ich mich ebenso verlassen zu können wie auf meine
+eigene, an der zu zweifeln ich mir auf das allerbestimmteste
+verbitten müßte.“
+</p>
+
+<p>
+Jadassohn hatte seine schneidige Stimme zurück. „Soll
+das etwa einen Zweifel in bezug auf meine Person involvieren,
+so weise ich ihn mit gebührender Entrüstung
+zurück.“ Krähend, so daß Klappsch in die Tür spähte:
+„Ich bin der Königliche Assessor Doktor Jadassohn und
+stehe auf Wunsch zur Verfügung.“
+</p>
+
+<p>
+Darauf mußte Diederich wohl murmeln, daß er es so
+nicht gemeint habe. Dann aber zahlte er. Die Verabschiedung
+war kühl.
+</p>
+
+<p>
+Auf dem Heimwege schnaufte Diederich. Hätte er sich
+nicht entgegenkommender verhalten sollen mit Jadassohn?
+Für den Fall, daß Nothgroschen redete? Jadassohn
+hatte ihn freilich nötig, in dem Prozeß gegen Lauer! Auf
+alle Fälle war es gut, daß Diederich jetzt Bescheid wußte
+über den wahren Charakter dieses Herrn! „Seine Ohren
+sind mir gleich verdächtig vorgekommen! Wirklich national
+empfinden kann man eben doch nicht mit solchen Ohren.“
+</p>
+
+<p>
+Zu Hause nahm er sogleich den Berliner „Lokal-Anzeiger“
+vor. Da waren schon die Kaiseranekdoten für
+die „Netziger Zeitung“ von morgen. Vielleicht kamen sie
+auch erst übermorgen, für alle war dort nicht Platz. Aber
+<pb n='182'/><anchor id='Pgp0182'/>er suchte weiter; seine Hände zitterten ... Da! Er mußte
+sich setzen. „Ist dir was, mein Sohn?“ fragte Frau Heßling.
+Diederich starrte die Buchstaben an, wie ein Märchen,
+das Wahrheit ward. Da stand es, unter anderen
+unbezweifelten Dingen, in dem einzigen Blatt, das Seine
+Majestät selbst las! Innerlich, in so tiefer Seele, daß er
+es selbst kaum hörte, murmelte Diederich: „Mein Telegramm.“
+Das bange Glück sprengte ihn fast. Konnte es
+sein? Hatte er richtig vorausempfunden, was der Kaiser
+sagen würde? Sein Ohr reichte in diese Ferne? Sein
+Gehirn arbeitete gemeinsam mit –? Die unerhörtesten
+mystischen Beziehungen überwältigten ihn ... Aber das
+Dementi konnte noch kommen, er konnte zurückgeschleudert
+werden in sein Nichts! Diederich verbrachte eine angstvolle
+Nacht, und am Morgen stürzte er sich auf den Lokalanzeiger.
+Die Anekdoten. Die Denkmalsenthüllung.
+Die Rede. „Aus Netzig.“ Da stand von den Ehrungen,
+die dem Gefreiten Emil Pacholke zuteil geworden waren,
+für seinen vor dem inneren Feind bewiesenen Mut. Alle
+Offiziere, der Oberst an der Spitze, hatten ihm die Hand
+gedrückt. Er hatte Geldgeschenke bekommen. „Bekanntlich
+hat der Kaiser den braven Soldaten schon gestern
+telegraphisch zum Gefreiten befördert.“ Da stand es!
+Kein Dementi: eine Bestätigung! Er machte Diederichs
+Worte zu den seinen, und er führte die Handlung aus, die
+Diederich ihm untergelegt hatte!... Diederich breitete
+das Zeitungsblatt weit aus; er sah sich darin wie in einem
+Spiegel, und um seine Schultern lag Hermelin.
+</p>
+
+<milestone unit="tb"/>
+
+<p>
+Diesen Sieg und Diederichs schwindelnde Erhöhung,
+leider durfte kein Wort sie verraten, aber sein Wesen genügte,
+die Straffheit in Haltung und Sprache, das
+<pb n='183'/><anchor id='Pgp0183'/>Herrscherauge. Familie und Werkstatt verstummten um
+ihn her. Sötbier selbst mußte zugeben, daß ein forscherer
+Zug in den Betrieb gekommen sei. Und Napoleon Fischer
+schlich, je aufrechter und heller Diederich dastand, desto
+affenähnlicher vorbei, die Arme nach vorn hängend, mit
+schiefem Blick und den fletschenden Zähnen in seinem
+dünnen schwarzen Bart: als der Geist des gebändigten
+Umsturzes ... Dies war der Moment, gegen Guste
+Daimchen vorzugehen. Diederich machte Besuch.
+</p>
+
+<p>
+Frau Oberinspektor Daimchen empfing ihn zuerst allein,
+auf ihrem alten Plüschsofa, aber in einem braunen Seidenkleid
+mit lauter Schleifen, und die Hände breitete sie,
+rot und geschwollen wie die einer Waschfrau, vor sich hin
+auf ihren Bauch, so daß der Gast die neuen Ringe immer
+vor Augen hatte. Aus Verlegenheit gestand er seine Bewunderung,
+worauf Frau Daimchen sich bereitwillig
+darüber ausließ, daß sie und ihre Guste es nun Gott sei
+Dank zu allem hätten. Sie wüßten nur noch nicht, ob
+sie sich altdeutsch oder Louis käs einrichten sollten. Diederich
+riet lebhaft zu altdeutsch; er habe es in Berlin in
+den feinsten Häusern gesehen. Aber Frau Daimchen war
+mißtrauisch. „Wer weiß, ob Sie so feine Leute wie uns
+schon besucht haben. Lassen Sie man, ich kenne das, wenn
+man so tun muß, als ob man was hat, und hat nichts.“
+Hierauf schwieg Diederich ratlos, und Frau Daimchen
+trommelte sich mit Genugtuung auf den Bauch. Zum Glück
+trat Guste ein, heftig rauschend. Diederich schwang sich
+elastisch aus seinem Fauteuil, sagte schnarrend: „Gnädigstes
+Fräulein!“ und unternahm einen Handkuß. Guste lachte.
+„Reißen Sie sich nur kein Bein aus!“ Aber sie tröstete ihn
+gleich wieder. „Man sieht sofort, was ein feiner Mann ist.
+Der Herr Leutnant von Brietzen macht es auch so.“
+</p>
+
+<pb n='184'/><anchor id='Pgp0184'/>
+
+<p>
+„Ja, ja,“ sagte Frau Daimchen, „bei uns verkehren alle
+Herren Offiziere. Gestern sag’ ich noch zu Guste: Guste,
+sag’ ich, auf jede Sitzgelegenheit können wir eine Freiherrnkrone
+sticken lassen, denn überall hat sich schon einer
+draufgesetzt.“
+</p>
+
+<p>
+Guste verzog den Mund. „Aber was die Familien betrifft
+und sonst überhaupt, ist Netzig doch reichlich spießig. Ich
+glaube, wir ziehen nach Berlin.“ Damit war Frau Daimchen
+nicht einverstanden. „Man soll den Leuten den Gefallen
+nicht tun“, meinte sie. „Die alte Harnisch ist erst heute, wie
+sie mein Seidenkleid gesehen hat, fast zerplatzt.“
+</p>
+
+<p>
+„So ist Mutter nun mal,“ sagte Guste. „Wenn sie
+renommieren kann, ist alles gut. Aber ich denke doch auch
+an meinen Verlobten. Wissen Sie, daß Wolfgang sein
+Staatsexamen gemacht hat? Was soll er hier in Netzig?
+In Berlin kann er mit unserem vielen Geld was werden.“
+Diederich bestätigte: „Er wollte ja schon immer Minister
+oder so was werden.“ Leis höhnisch setzte er hinzu: „Das
+soll ja ganz leicht sein.“
+</p>
+
+<p>
+Guste nahm sofort eine feindliche Haltung ein. „Der
+Sohn vom alten Herrn Buck ist eben nicht jeder“, sagte sie
+spitz. Aber Diederich setzte, weltmännisch überlegen, auseinander,
+daß es heute auf Dinge ankomme, die der Einfluß
+des alten Buck nicht verleihen könne: Persönlichkeit,
+großzügigen Unternehmungsgeist und vor allem eine
+stramm nationale Gesinnung. Das junge Mädchen unterbrach
+ihn nicht mehr, sie sah sogar mit Respekt auf seine kühnen
+Schnurrbartspitzen. Aber das Bewußtsein, Eindruck
+zu machen, riß ihn zu weit fort. „Von alledem habe ich bei
+Herrn Wolfgang Buck noch nichts bemerkt“, sagte er. „Der
+philosophiert und nörgelt, und im übrigen soll er sich
+ziemlich viel amüsieren ... Na,“ schloß er, „seine Mutter
+<pb n='185'/><anchor id='Pgp0185'/>war ja auch eine Schauspielerin.“ Und er sah fort, obwohl
+er fühlte, daß Gustes drohender Blick ihn suchte.
+</p>
+
+<p>
+„Was wollen Sie damit sagen?“ fragte sie. Er tat überrascht.
+</p>
+
+<p>
+„Ich, gar nichts. Ich meinte, wie reiche junge Leute in
+Berlin nun mal leben. Bucks sind doch eine vornehme
+Familie.“
+</p>
+
+<p>
+„Das wollen wir hoffen“, sagte Guste schroff. Frau
+Daimchen, die gegähnt hatte, erinnerte an die Schneiderin,
+Guste sah Diederich erwartungsvoll an, ihm blieb
+nichts übrig, als aufzustehen und seine Verbeugungen zu
+machen. Den Handkuß unternahm er nicht mehr, mit
+Rücksicht auf die gespannte Stimmung. Aber im Vorzimmer
+holte Guste ihn ein. „Wollen Sie es mir jetzt
+vielleicht sagen,“ fragte sie, „was Sie gemeint haben mit
+der Schauspielerin?“
+</p>
+
+<p>
+Er öffnete den Mund, schnappte und schloß ihn wieder,
+stark errötet. Um ein Haar hätte er verraten, was seine
+Schwestern ihm über Wolfgang Buck erzählt hatten. Er
+sagte mit mitleidiger Stimme: „Fräulein Guste, weil wir
+doch so alte Bekannte sind –. Ich wollte nur sagen,
+der Buck ist nichts für Sie. Er ist sozusagen erblich belastet
+von seiner Mutter her. Der Alte war doch auch zum
+Tode verurteilt. Und was ist denn sonst an den Bucks
+noch dran? Glauben Sie mir, man soll in keine Familie
+heiraten, mit der es bergab geht. Das ist Sünde gegen
+sich selbst“, setzte er noch hinzu. Aber Guste hatte die Hände
+in die Hüften gestemmt.
+</p>
+
+<p>
+„Bergab? Und mit Ihnen geht es wohl bergauf?
+Weil Sie sich im Ratskeller betrinken und dann den Leuten
+Krach machen? Die ganze Stadt spricht von Ihnen, und
+Sie möchten einer hochfeinen Familie was anhängen.
+<pb n='186'/><anchor id='Pgp0186'/>Bergab! Wer mein Geld kriegt, mit dem geht es überhaupt
+nicht bergab. Sie sind bloß neidisch, meinen Sie,
+ich weiß das nicht?“ – und sie sah ihn an, die Augen voll
+Tränen der Wut. Ihm war sehr beklommen; er hätte Lust
+gehabt, sich auf die Knie zu werfen, ihr die dicken kleinen
+Finger zu küssen und dann die Tränen aus den Augen, –
+aber ging denn das? Inzwischen zog sie alle rosigen
+Fettpolster ihres Gesichtes herunter zu einem Ausdruck der
+Verachtung, machte kehrt und schlug die Tür zu. Diederich
+stand mit angstklopfendem Herzen noch eine Weile da,
+dann trollte er sich, im Gefühl seiner Kleinheit.
+</p>
+
+<p>
+Er bedachte, daß für ihn hier nichts zu machen gewesen
+sei; die Sache gehe ihn nichts an, Guste sei mit all ihrem
+Geld doch immer nur eine fette Gans, – und das beruhigte
+ihn. Wie dann eines Abends Jadassohn ihm mitteilte,
+was er in Magdeburg beim Gericht erfahren habe,
+da triumphierte Diederich. Fünfzigtausend Mark, das
+war alles! Und deswegen ein Auftreten wie die Gräfinnen?
+Ein Mädchen von dermaßen schwindelhaftem Gebaren
+paßte freilich besser zu den verkommenen Bucks
+als zu einem kernigen und treugesinnten Mann wie Diederich!
+Da war Käthchen Zillich vorzuziehen. Äußerlich
+Guste ähnlich und mit fast ebenso starken Reizen geschmückt,
+empfahl sie sich außerdem durch Gemüt und ein entgegenkommendes
+Wesen. Er kam öfter zum Kaffee und machte
+ihr eifrig den Hof. Sie warnte ihn vor Jadassohn, was
+Diederich als nur zu berechtigt anerkennen mußte. Auch
+sprach sie mit äußerster Mißbilligung von Frau Lauer,
+die mit Landgerichtsrat Fritzsche –. Was Lauers Prozeß
+betraf, war Käthchen Zillich die einzige, die ganz auf
+Diederichs Seite stand.
+</p>
+
+<p>
+Denn diese Sache nahm für Diederich ein drohendes
+<pb n='187'/><anchor id='Pgp0187'/>Gesicht an. Jadassohn hatte erreicht, daß die Staatsanwaltschaft
+durch einen Ermittelungsrichter die Zeugen
+jenes nächtlichen Vorfalls vernehmen ließ; und so zurückhaltend
+Diederich sich vor dem Richter geäußert hatte,
+die anderen machten ihn verantwortlich für ihre Verlegenheiten.
+Die Herren Cohn und Fritzsche wichen ihm aus;
+der Bruder des Herrn Buck, ein so höflicher Mann, vermied
+seinen Gruß; Heuteufel pinselte ihn grausam, lehnte
+aber jedes Privatgespräch ab. An dem Tage, da es bekannt
+ward, daß das Gericht dem Fabrikbesitzer Lauer die
+Anklageschrift zugestellt habe, fand Diederich seinen Tisch
+im Ratskeller leer. Professor Kühnchen zog sich eben den
+Mantel an, Diederich konnte ihn noch am Kragen packen.
+Aber Kühnchen hatte es eilig, er mußte im freisinnigen
+Wählerverein gegen die neue Militärvorlage reden. Er
+entwischte; und Diederich dachte enttäuscht jener sieghaften
+Nacht, als draußen das Blut des inneren Feindes,
+hier aber Sekt geflossen war, und als unter den Nationalgesinnten
+Kühnchen der kriegslustigste gewesen war. Jetzt
+sprach er gegen die Vermehrung unseres ruhmreichen
+Heeres!... Diederich sah, einsam und verlassen, in
+seinen Dämmerschoppen; da erschien Major Kunze.
+</p>
+
+<p>
+„Nanu, Herr Major,“ sagte Diederich mit erzwungener
+Munterkeit, „von Ihnen hört man gar nichts mehr.“
+</p>
+
+<p>
+„Von Ihnen um so mehr.“ Der Major knurrte, blieb
+in Hut und Mantel stehen und sah sich um, wie in einer
+Schneewüste. „Kein Mensch da!“
+</p>
+
+<p>
+„Wenn ich Sie zu einem Glas Wein einladen darf –“
+wagte Diederich zu sagen, aber er kam übel an. „Danke,
+Ihr Sekt liegt mir noch im Magen.“ Der Major bestellte
+Bier und saß da, stumm und mit einem Gesicht zum Fürchten.
+Um nur das schreckliche Schweigen zu beenden,
+<pb n='188'/><anchor id='Pgp0188'/>sagte Diederich drauf los: „Nun, und der Kriegerverein,
+Herr Major? Ich habe immer geglaubt, ich würde einmal
+etwas hören über meine Aufnahme.“
+</p>
+
+<p>
+Der Major sah ihn lange nur an, als wollte er ihn fressen.
+„Ach so. Sie haben geglaubt. Sie haben wohl
+auch geglaubt, es würde mir eine Ehre sein, wenn Sie
+mich in Ihre Skandalaffäre hineinziehen?“
+</p>
+
+<p>
+„Meine?“ stotterte Diederich. Der Major donnerte.
+„Jawohl, Herr! Ihre! Dem Herrn Fabrikbesitzer Lauer
+ist mal ein Wort zu viel ausgerutscht, das kann vorkommen,
+sogar bei alten Soldaten, die sich für ihren König
+haben zu Krüppeln schießen lassen. Sie aber haben den
+Herrn Lauer raffinierterweise zu seinen unbedachten
+Äußerungen verleitet. Das bin ich bereit, vor dem Untersuchungsrichter
+zu bekunden. Den Lauer kenne ich: der
+war in Frankreich mit und ist in unserem Kriegerverein.
+Sie, Herr, wer sind Sie? Weiß ich, ob Sie überhaupt
+gedient haben? Her mit Ihren Papieren!“
+</p>
+
+<p>
+Diederich griff in die Brusttasche. Er würde stramm gestanden
+haben, wenn der Major es befohlen hätte. Der
+Major hielt sich den Militärpaß weit von den Augen fort.
+Plötzlich warf er ihn hin, er feixte grimmig. „Na also. Landsturm
+mit der Waffe. Hab’ ich es nicht gesagt? Plattfüße
+wahrscheinlich.“ Diederich war bleich, bebte bei jedem Wort
+des Majors und hielt beschwörend die Hand vor sich hin.
+„Herr Major, ich gebe Ihnen mein Ehrenwort, daß ich gedient
+habe. Infolge eines Unglücksfalles, der mir nur zur
+Ehre gereicht, mußte ich nach drei Monaten austreten ...“
+</p>
+
+<p>
+„Solche Unglücksfälle kennen wir ... Zahlen!“
+</p>
+
+<p>
+„Sonst wäre ich ganz dabei geblieben“, sagte Diederich
+noch, mit fliegender Stimme. „Ich war mit Leib und
+Seele Soldat, fragen Sie meine Vorgesetzten.“
+</p>
+
+<pb n='189'/><anchor id='Pgp0189'/>
+
+<p>
+„’n Abend.“ Der Major hatte schon den Mantel an.
+„Ich will Ihnen bloß noch sagen, Herr: wer nicht gedient
+hat, den gehen die Majestätsbeleidigungen anderer Leute
+den Teufel an. Majestät legt keinen Wert auf nicht gediente
+Herrschaften ... Grützmacher,“ sagte er zum Wirt,
+„Sie sollten sich Ihr Publikum genauer ansehen. Wegen
+eines Gastes, der mal zuviel da ist, ist nun der Herr Lauer
+beinahe verhaftet worden, und ich muß mit meinem steifen
+Bein zu Gericht als Belastungszeuge und es mit allen
+Leuten verderben. Der Harmonieball ist schon abgesagt,
+ich bin beschäftigungslos, und wenn ich hier zu Ihnen
+komme –“ er warf wieder einen Blick wie über Schneewüsten
+– „ist kein Mensch da. Außer, natürlich, der Denunziant!“
+schrie er noch auf der Treppe.
+</p>
+
+<p>
+„Mein Ehrenwort, Herr Major –“ Diederich lief hinterher,
+„ich habe keine Anzeige erstattet, das Ganze ist ein
+Mißverständnis.“ Der Major war schon draußen, Diederich
+rief ihm nach: „Wenigstens bitte ich um Ihre Diskretion!“
+</p>
+
+<p>
+Er trocknete die Stirn. „Herr Grützmacher, Sie müssen
+doch einsehen –“ sagte er, mit Tränen in der Stimme.
+Da er Wein bestellte, sah der Wirt alles ein.
+</p>
+
+<p>
+Diederich trank und schüttelte wehmütig den Kopf. Diese
+Fehlschläge begriff er nicht. Seine Absichten waren rein gewesen,
+nur die Tücke seiner Feinde verdunkelte sie ... Da
+erschien der Landgerichtsrat Dr. Fritzsche, sah sich zögernd
+um, – und als er Diederich wirklich ganz allein fand, kam
+er zu ihm. „Herr Doktor Heßling,“ sagte er und gab ihm die
+Hand, „Sie sehen ja aus, als ob Ihnen die Ernte verhagelt
+wär.“ In einem großen Betrieb, murmelte Diederich,
+gebe es freilich immer Ärger. Aber da er die mitfühlende
+Miene des anderen sah, erweichte er sich vollends.
+<pb n='190'/><anchor id='Pgp0190'/>„Ihnen kann ich es sagen, Herr Landgerichtsrat, die Sache
+mit dem Herrn Lauer ist mir verdammt unangenehm.“
+</p>
+
+<p>
+„Ihm noch mehr“, sagte Fritzsche, nicht ohne Strenge.
+„Wenn bei ihm nicht jeder Fluchtverdacht ausgeschlossen
+wäre, hätten wir ihn gleich heute verhaften lassen müssen.“
+Er sah Diederich erbleichen und fügte hinzu: „Was sogar
+uns Richtern peinlich gewesen wäre. Schließlich ist man
+Mensch und lebt unter Menschen. Aber natürlich –“ Er
+befestigte seinen Klemmer und machte sein trockenes Gesicht.
+„Das Gesetz muß befolgt werden. Wenn Lauer an
+dem betreffenden Abend – ich selbst hatte das Lokal ja
+schon verlassen – tatsächlich die unerhörten Majestätsbeleidigungen
+geäußert hat, die von der Anklage behauptet
+werden, und für die Sie als Hauptzeuge aufgestellt sind –“
+</p>
+
+<p>
+„Ich?“ Diederich fuhr verzweifelt auf. „Ich habe nichts
+gehört! Kein Wort!“
+</p>
+
+<p>
+„Dagegen spricht Ihre Aussage vor dem Ermittelungsrichter.“
+</p>
+
+<p>
+Diederich verwirrte sich. „Im ersten Moment weiß man
+doch nicht, was man sagen soll. Aber wenn ich mir den
+fraglichen Vorgang jetzt rekonstruiere, dann scheint es mir
+doch, daß wir alle ziemlich stark angeheitert waren. Ich
+besonders.“
+</p>
+
+<p>
+„Sie besonders“, wiederholte Fritzsche.
+</p>
+
+<p>
+„Ja, und da habe ich wohl anzügliche Fragen an Herrn
+Lauer gestellt. Was er mir darauf geantwortet hat, das
+könnte ich jetzt nicht mehr beschwören. Das Ganze war
+doch überhaupt nur ein Scherz.“
+</p>
+
+<p>
+„Ach so: ein Scherz.“ Fritzsche atmete auf. „Ja, aber
+was hindert Sie denn, das einfach dem Richter zu sagen?“
+Er erhob den Finger. „Ohne daß ich natürlich im geringsten
+Ihre Aussage beeinflussen <anchor id="corr190"/><corr sic="möchte.">möchte.“</corr>
+</p>
+
+<pb n='191'/><anchor id='Pgp0191'/>
+
+<p>
+Diederich erhob die Stimme. „Dem Jadassohn vergeß ich
+den Streich nicht!“ Und er berichtete die Machenschaften
+dieses Herrn, der sich während der Szene vorsätzlich entfernt
+habe, um nicht als Zeuge in Betracht zu kommen; der dann
+sofort Material für die Anklage gesammelt, den halb unzurechnungsfähigen
+Zustand der Anwesenden mißbraucht
+und sie von vornherein festgelegt habe mit ihren Aussagen.
+„Herr Lauer und ich, wir halten einander für Ehrenmänner.
+Wie untersteht sich so ein Jude, uns zu verhetzen!“
+</p>
+
+<p>
+Fritzsche erklärte ernst, daß hier nicht Jadassohns Persönlichkeit
+in Betracht komme, sondern nur das Vorgehen
+der Staatsanwaltschaft. Freilich war zuzugeben, daß
+Jadassohn vielleicht zum Übereifer neigte. Mit gedämpfter
+Stimme setzte er hinzu: „Sehen Sie, das ist eben der
+Grund, weshalb wir mit den jüdischen Herren nicht gern
+zusammenarbeiten. Solch ein Herr legt sich nicht die
+Frage vor, welchen Eindruck es auf das Volk machen muß,
+wenn ein gebildeter Mann, ein Arbeitgeber, wegen Majestätsbeleidigungen
+verurteilt wird. Sachliche Bedenken
+verschmäht sein Radikalismus.“
+</p>
+
+<p>
+„Sein jüdischer Radikalismus“, ergänzte Diederich.
+</p>
+
+<p>
+„Er stellt unbedenklich sich selbst in den Vordergrund, –
+womit ich keineswegs leugnen will, daß er auch ein amtliches
+und nationales Interesse wahrzunehmen glaubt.“
+</p>
+
+<p>
+„Wieso denn?“ rief Diederich. „Ein gemeiner Streber,
+der mit unseren heiligsten Gütern spekuliert!“
+</p>
+
+<p>
+„Wenn man sich scharf ausdrücken will –“ Fritzsche
+lächelte befriedigt. Er rückte näher. „Nehmen wir einmal an,
+ich wäre Untersuchungsrichter: es gibt Fälle, in denen man
+gewissermaßen Grund hätte, sein Amt niederzulegen.“
+</p>
+
+<p>
+„Sie sind mit dem Lauerschen Hause eng befreundet“,
+sagte Diederich und nickte bedeutsam. Fritzsche machte sein
+<pb n='192'/><anchor id='Pgp0192'/>weltmännisches Gesicht. „Aber Sie begreifen, damit
+würde ich gewisse Gerüchte ausdrücklich bestätigen.“
+</p>
+
+<p>
+„Das geht nicht“, sagte Diederich. „Es wäre gegen
+den Komment.“
+</p>
+
+<p>
+„Mir bleibt nichts übrig, als meine Pflicht zu tun, ruhig
+und sachlich.“
+</p>
+
+<p>
+„Sachlich sein heißt deutsch sein“, sagte Diederich.
+</p>
+
+<p>
+„Besonders, da ich annehmen darf, daß die Herren
+Zeugen mir meine Aufgabe nicht unnötig erschweren
+werden.“ Diederich legte die Hand auf die Brust. „Herr
+Landgerichtsrat, man kann sich hinreißen lassen, wo es um
+eine große Sache geht. Ich bin eine impulsive Natur.
+Aber ich bleibe mir bewußt, daß ich für alles meinem Gott
+Rechenschaft schulde.“ Er schlug die Augen nieder. Mit
+männlicher Stimme: „Auch ich bin der Reue zugänglich.“
+Dies schien Fritzsche zu genügen, denn er zahlte. Die Herren
+schüttelten einander ernst und verständnisvoll die Hände.
+</p>
+
+<p>
+Schon am Tage darauf ward Diederich vor den Untersuchungsrichter
+geladen und stand vor Fritzsche. „Gott
+sei Dank“, dachte er und machte mit treuherziger Sachlichkeit
+seine Aussagen. Auch Fritzsches einzige Sorge schien
+die Wahrheit zu sein. Die öffentliche Meinung freilich
+blieb bei ihrer Parteilichkeit für den Angeklagten. Von
+der sozialdemokratischen „Volksstimme“ nicht zu reden;
+sie verstieg sich bis zu höhnischen Auslassungen über Diederichs
+Privatleben, hinter denen wohl sicher Napoleon
+Fischer zu suchen war. Aber auch die sonst so ruhige
+„Netziger Zeitung“ gab gerade jetzt eine Ansprache des
+Herrn Lauer an seine Arbeiter wieder, worin der Fabrikbesitzer
+darlegte, daß er den Gewinn seines Unternehmens
+redlich mit allen denen teile, die daran mitgearbeitet
+hatten, ein Viertel den Beamten, ein Viertel den
+Arbei<pb n='193'/><anchor id='Pgp0193'/>tern. In acht Jahren hatten sie außer ihren Löhnen und
+Gehältern die Summe von 130 000 Mark unter sich zu
+verteilen gehabt. Dies machte auf weite Kreise den günstigsten
+Eindruck. Diederich begegnete mißbilligenden Gesichtern.
+Sogar der Redakteur Nothgroschen, den er zur
+Rede stellte, erlaubte sich ein anzügliches Lächeln und
+sagte etwas von sozialen Fortschritten, die man mit nationalen
+Phrasen nicht aufhalte. Besonders peinlich waren
+die geschäftlichen Folgen. Bestellungen, auf die Diederich
+rechnen durfte, blieben aus. Der Warenhausbesitzer Cohn
+teilte ihm ausdrücklich mit, daß er für seine Weihnachtskataloge
+die Papierfabrik Gausenfeld bevorzuge, weil er
+mit Rücksicht auf seine Kunden sich politische Zurückhaltung
+auferlegen müsse. Diederich erschien jetzt ganz früh im
+Bureau, um solche Briefe abzufangen, aber Sötbier war
+immer noch früher da, und das vorwurfsvolle Schweigen
+des alten Prokuristen erhöhte seine Wut. „Ich schmeiß
+den ganzen Krempel hin!“ schrie er. „Sie und die Leute
+sollen dann sehen, wo sie bleiben. Ich mit meinem Doktor
+hab’ morgen einen Direktorposten mit 40 000 Mark!“ –
+„Ich opfere mich für euch!“ schrie er die Arbeiter an,
+wenn sie gegen das Reglement Bier tranken. „Ich zahle
+drauf, nur um keinen zu entlassen.“
+</p>
+
+<p>
+Gegen Weihnacht mußte er dennoch einem Drittel der
+Leute aufsagen; Sötbier rechnete ihm vor, daß die Zahlungsfristen
+zu Beginn des Jahres sonst nicht eingehalten
+werden könnten, „da wir nun mal 2000 Mark als Anzahlung
+für den neuen Holländer aufnehmen mußten“; und
+er blieb dabei, obwohl Diederich nach dem Tintenfaß griff.
+In den Mienen der Übriggebliebenen las er Mißtrauen und
+Geringschätzung. So oft mehrere zusammenstanden, glaubte
+er das Wort „Denunziant“ zu hören. Napoleon Fischers
+<pb n='194'/><anchor id='Pgp0194'/>knotige, schwarzbehaarte Hände hingen weniger tief über
+dem Boden, und es sah aus, als bekäme er sogar Farbe.
+</p>
+
+<p>
+Am letzten Adventsonntag – das Landgericht hatte soeben
+die Eröffnung des Hauptverfahrens beschlossen –
+predigte in der Marienkirche Pastor Zillich über den Text:
+„Liebet eure Feinde.“ Diederich erschrak beim ersten
+Wort. Bald fühlte er, wie auch die Gemeinde unruhig ward.
+„Die Rache ist mein, spricht der Herr“: Pastor Zillich rief
+es sichtlich nach dem Heßlingschen Stuhl hinüber. Emmi
+und Magda versanken ganz darin, Frau Heßling schluchzte.
+Diederich beantwortete drohend die Blicke, die ihn suchten.
+„Wer aber spricht Rache, der ist des Gerichts!“ Da
+wandte sich alles um, und Diederich knickte zusammen.
+</p>
+
+<p>
+Zu Hause machten die Schwestern ihm eine Szene.
+Man behandelte sie schlecht in den Gesellschaften. Nie
+mehr ward der junge Oberlehrer Helferich neben Emmi
+gesetzt, er kümmerte sich nur noch um Meta Harnisch, und
+sie wußte wohl warum. „Weil du ihm zu alt bist“, sagte
+Diederich. „Nein, sondern weil du uns unbeliebt machst!“
+– „Die fünf Töchter vom Bruder des Herrn Buck grüßen
+uns schon nicht mehr!“ rief Magda. Und Diederich: „Ich
+werd’ ihnen fünf Ohrfeigen herunterhauen!“ – „Das
+laß gefälligst! An dem einen Prozeß haben wir genug.“
+Da verlor er die Geduld. „Ihr? Was gehen euch meine
+politischen Kämpfe an?“
+</p>
+
+<p>
+„Alte Jungfern werden wir noch, wegen deiner politischen
+Kämpfe!“
+</p>
+
+<p>
+„Das braucht ihr nicht erst zu werden. Ihr liegt mir
+hier unnütz im Hause umher, ich rackere mich ab für euch,
+und ihr wollt auch noch nörgeln und mir meine heiligsten
+Aufgaben verekeln? Dann schüttelt gefälligst den Staub
+von euren Pantoffeln! Meinetwegen könnt ihr
+Kinder<pb n='195'/><anchor id='Pgp0195'/>mädchen werden!“ Und er schlug die Tür zu, trotz Frau
+Heßlings gerungenen Händen.
+</p>
+
+<p>
+So kamen denn traurige Weihnachten heran. Die Geschwister
+sprachen nicht miteinander; Frau Heßling verließ
+das verschlossene Zimmer, wo sie den Baum schmückte,
+nie anders als mit verweinten Augen. Und am heiligen
+Abend, wie sie ihre Kinder hineinführte, sang sie ganz
+allein und mit zitternder Stimme „Stille Nacht“. „Dies
+schenkt Diedel seinen lieben Schwestern!“ sagte sie und
+machte ein bittendes Gesicht, damit er sie nicht Lügen
+strafe. Emmi und Magda dankten ihm verlegen, er besah
+ebenso verlegen die Gaben, die angeblich von ihnen kamen.
+Es tat ihm leid, daß er die gewohnte Christbaumfeier der
+Arbeiter, trotz Sötbiers dringendem Rat, abgelehnt hatte,
+um die unbotmäßige Gesellschaft zu bestrafen. Sonst hätte
+er jetzt mit den Leuten zusammensitzen können. Hier in
+der Familie war es eine künstliche Sache, eine Aufwärmung
+alter, verbrauchter Stimmung. Echt wäre sie erst
+geworden durch eine, die nicht dabei war: Guste ... Der
+Kriegerverein war ihm verschlossen, und im Ratskeller
+hätte er niemand gefunden, wenigstens keinen Freund.
+Diederich erschien sich vernachlässigt, unverstanden und
+verfolgt. Wie fern lagen die harmlosen Zeiten der Neuteutonia,
+als man in langen, von Wohlwollen beseelten
+Reihen sang und Bier trank. Heute, im rauhen Leben,
+brachten keine wackeren Kommilitonen mehr einander
+ehrliche Schmisse bei, sondern lauter verräterische Konkurrenten
+wollten sich gegenseitig an den Hals. „Ich passe
+nicht in diese harte Zeit“, dachte Diederich, aß Marzipan
+von seinem Teller und träumte in die Lichter des Weihnachtsbaumes.
+„Ich bin doch gewiß ein guter Mensch.
+Warum ziehen sie mich in so häßliche Dinge hinein wie
+<pb n='196'/><anchor id='Pgp0196'/>dieser Prozeß, und schaden mir dadurch auch geschäftlich,
+so daß ich, ach lieber Gott! den Holländer, den ich bestellt
+habe, nicht werde bezahlen können.“ Dabei schnitt es
+ihm kalt durch den Leib, Tränen traten ihm in die Augen,
+und damit die Mutter, die immer ängstlich nach seiner
+sorgenvollen Miene schielte, sie nicht sähe, stahl er sich in
+das dunkle Nebenzimmer. Er stützte die Arme auf das
+Klavier und schluchzte in die Hände. Draußen stritten
+Emmi und Magda um ein paar Handschuhe, und die Mutter
+wagte nicht zu entscheiden, wem sie beschert worden
+waren. Diederich schluchzte. Alles war fehlgeschlagen, in
+Politik, Geschäft und Liebe. „Was hab’ ich denn noch?“
+Er öffnete das Klavier. Ihn fröstelte, er war so unheimlich
+allein, daß er Angst hatte, ein Geräusch zu machen.
+Die Töne kamen von selbst, seine Hände wußten es kaum.
+Aus Volksliedern, Beethoven und dem Kommersbuch
+klang es durcheinander in der Dämmerung, die sich traulich
+davon erwärmte, so daß einem wohlig dumpf im
+Kopf ward. Einmal meinte er, daß eine Hand ihm über
+den Scheitel streife. War es nur ein Traum? Nein, denn
+auf dem Klavier stand plötzlich ein volles Bierglas. Die
+gute Mutter! Schubert, weiche Biederkeit, Gemüt der
+Heimat ... Es ward still, und er wußte es nicht – bis
+die Wanduhr schlug: eine Stunde war vergangen! „Das
+war meine Weihnacht“, sagte Diederich und ging hinaus
+zu den anderen. Er fühlte sich getröstet und gekräftigt. Da
+die Schwestern noch immer wegen der Handschuhe maulten,
+erklärte er sie für gemütlos und steckte die Handschuhe
+ein, um sie für sich umzutauschen.
+</p>
+
+<milestone unit="tb"/>
+
+<p>
+Die ganze Festzeit ward verdüstert durch die Sorge
+wegen des Holländers. Sechstausend Mark für einen
+<pb n='197'/><anchor id='Pgp0197'/>neuen Patent-Holländer System Maier! Das Geld war
+nicht da, und wie die Dinge lagen, nicht zu beschaffen.
+Es war ein unbegreifliches Verhängnis, ein schäbiger
+Widerstand von Menschen und Dingen, der Diederich erbitterte.
+Wenn Sötbier nicht dabei war, schlug er mit
+dem Pultdeckel und schleuderte Briefordner in die Ecken.
+Für den neuen Herrn, der die Zügel des Betriebes in
+seine feste Hand genommen hatte, mußten doch ohne weiteres
+neue Unternehmungen eintreten, die Erfolge warteten
+auf ihn, die Ereignisse hatten sich seiner Persönlichkeit
+anzupassen!... Nach dem Zorn kam der Kleinmut,
+Diederich traf Vorkehrungen für den Fall einer Katastrophe.
+Er war sanft mit Sötbier: vielleicht konnte der
+Alte noch einmal helfen. Auch demütigte er sich vor Pastor
+Zillich und bat ihn, den Leuten zu sagen, daß er mit der
+Predigt, von der alle sprachen, nicht auf ihn gezielt habe.
+Der Pastor versprach es auch, mit sichtlicher Reue, unter
+dem strafenden Blick seiner Gattin, die sein Versprechen
+bekräftigte. Dann ließen die Eltern Käthchen mit Diederich
+allein, und er war ihnen in seiner Niedergeschlagenheit
+so dankbar, daß er sich fast erklärt hatte. Käthchens Jawort,
+das auf ihren lieben, dicken Lippen wartete, wäre doch
+ein Erfolg gewesen, es hätte ihm Bundesgenossen gebracht
+gegen die feindliche Welt. Aber der unbezahlbare Holländer!
+Er würde ein Viertel der Mitgift verschlungen haben
+... Diederich seufzte, er müsse nun wieder ins Geschäft;
+und Käthchen kniff die Lippen zusammen, ohne daß das
+Jawort zur Verwendung gelangt war.
+</p>
+
+<p>
+Ein Entschluß mußte gefaßt werden, denn die Ankunft
+des Holländers stand bevor. Diederich sagte zu Sötbier:
+„Ich rate den Leuten nur, ihn auf Tag und Stunde zu
+liefern, sonst geb’ ich ihn ohne Gnade zurück.“ Aber
+Söt<pb n='198'/><anchor id='Pgp0198'/>bier erinnerte an das Gewohnheitsrecht, das den Fabriken
+einige Tage Spielraum lasse. Trotz Diederichs Heftigkeit
+blieb er dabei. Übrigens traf die Maschine pünktlich ein.
+Sie war noch nicht ausgepackt, und schon wetterte Diederich.
+„Er ist zu groß! Die Leute haben mir garantiert,
+daß er kleiner sein soll als das alte System. Wozu kaufe
+ich ihn denn, wenn ich nicht mal Raum sparen soll!“ Und
+er ging, sobald der Holländer aufgestellt war, mit dem
+Metermaß um ihn herum. „Er ist zu groß! Ich laß mich
+nicht beschwindeln! Bezeugen Sie mir, Sötbier, daß er
+zu groß ist!“ Aber Sötbier klärte mit unbeirrbarer Rechtlichkeit
+den Fehler in Diederichs Messungen auf. Schnaufend
+zog Diederich sich zurück, um einen neuen Angriffsplan
+zu ersinnen. Er rief Napoleon Fischer herbei. „Wo ist denn
+der Monteur? Haben uns die Leute keinen Monteur mitgeschickt?“
+Und dann entrüstete er sich. „Ich habe ihn doch
+bestellt!“ log er. „Die Leute scheinen ihr Geschäft zu verstehen.
+Ich werde mich nicht wundern, wenn ich für den Kerl
+täglich zwölf Mark bezahlen muß, und er glänzt durch Abwesenheit.
+Wer stellt mir das Unglücksding da nun auf?“
+</p>
+
+<p>
+Der Maschinenmeister behauptete, er verstehe sich darauf.
+Diederich bewies ihm plötzlich großes Wohlwollen.
+„Sie können sich denken: Ihnen zahl’ ich lieber die Überstunden,
+als daß ich mein Geld für den fremden Menschen
+hinauswerfe. Schließlich sind Sie ein alter Mitarbeiter.“
+Napoleon Fischer zog die Brauen hinauf, sagte aber nichts.
+Diederich berührte seine Schulter. „Sehen Sie mal, lieber
+Freund,“ sagte er halblaut, „ich bin von dem Holländer
+nämlich enttäuscht. Auf den Bildern im Prospekt sah er
+anders aus. Die Messerwalze sollte doch viel breiter sein,
+wo bleibt da die größere Leistungsfähigkeit, die die Leute
+uns versprochen haben. Was meinen Sie? Halten Sie
+<pb n='199'/><anchor id='Pgp0199'/>den Zug für gut? Ich fürchte, der Stoff bleibt liegen.“
+Napoleon Fischer sah Diederich an, prüfend, aber schon
+mit Verständnis. Man müsse es ausprobieren, meinte
+er zögernd. Diederich vermied seinen Blick, er tat, als
+untersuchte er die Maschine. Dabei sagte er aufmunternd:
+„Also schön. Sie stellen das Ding auf, ich zahle Ihnen die
+Überstunden mit fünfundzwanzig Prozent Aufschlag, und
+dann tragen Sie in Gottes Namen gleich Stoff ein. Wir
+werden die Bescherung ja sehen.“
+</p>
+
+<p>
+„Es wird wohl ’ne nette Bescherung sein“, sagte der
+Maschinenmeister mit sichtlichem Entgegenkommen. Diederich
+griff, ehe er es selbst wußte, nach seinem Arm, Napoleon
+Fischer war ein Freund, ein Retter! „Kommen Sie
+mal mit, mein Lieber“ – seine Stimme war bewegt. Er
+führte Napoleon Fischer in das Wohnhaus, Frau Heßling
+mußte ihm ein Glas Wein einschenken, und Diederich drückte
+ihm, ohne hinzusehen, fünfzig Mark in die Hand. „Ich verlaß
+mich auf Sie, Fischer“, sagte er. „Wenn ich Sie nicht hätte,
+würde die Fabrik mich womöglich hineinlegen. Zweitausend
+Mark hab’ ich den Leuten schon in den Rachen geworfen.“
+</p>
+
+<p>
+„Die müssen sie wieder hergeben“, sagte der Maschinenmeister
+gefällig. Diederich fragte dringend: „Das meinen
+Sie doch auch?“
+</p>
+
+<p>
+Und schon tags darauf, nach der Mittagspause, die er zu
+Versuchen mit dem Holländer benutzt hatte, teilte Napoleon
+Fischer seinem Arbeitgeber mit, daß die neue Erwerbung
+nichts tauge. Der Stoff blieb liegen, man mußte
+mit dem Rührscheit nachhelfen, wie bei jedem Holländer
+ältester Konstruktion. „Also der offenbare Schwindel!“
+rief Diederich. Auch brauchte der Holländer mehr als
+zwanzig Pferdestärken. „Das ist vertragswidrig! Müssen
+wir uns das gefallen lassen, Fischer?“
+</p>
+
+<pb n='200'/><anchor id='Pgp0200'/>
+
+<p>
+„Das müssen wir uns nicht gefallen lassen“, entschied
+der Maschinenmeister und strich mit seiner knotigen Hand
+über sein schwarz behaartes Kinn. Diederich sah ihn zum
+erstenmal fest an.
+</p>
+
+<p>
+„Dann können Sie mir also bezeugen, daß der Holländer
+die bei Bestellung vereinbarten Bedingungen nicht
+erfüllt?“
+</p>
+
+<p>
+In Napoleon Fischers schütterem Bart erschien ein
+dünnes Lächeln. „Kann ich“, sagte er. Diederich sah das
+Lächeln. Um so strammer machte er kehrt. „Na, dann
+sollen die Leute mich kennenlernen!“ Sogleich schrieb er
+einen energisch gehaltenen Brief an Büschli &amp; Cie. in
+Eschweiler. Die Antwort kam umgehend. Man begreife
+seine Beanstandungen nicht, der neue Patentholländer
+System Maier sei schon von mehreren Papierfabriken,
+deren Verzeichnis beiliege, aufgestellt und erprobt worden.
+Von einer Zurücknahme und gar von einer Rückerstattung
+der angezahlten 2000 Mark könne daher nicht die Rede
+sein, vielmehr sei der Rest der vertragsmäßigen Kaufsumme
+sofort zu <anchor id="corr200"/><corr sic="erlegen">erlegen.</corr> <corr sic="Diederichs">Diederich</corr> schrieb darauf noch
+entschiedener als das erstemal und drohte mit einer Klage.
+Büschli &amp; Cie. versuchten nun, ihn zu beschwichtigen, sie
+empfahlen eine nochmalige Probe. „Sie haben Angst“,
+sagte Napoleon Fischer, dem Diederich das Schreiben
+zeigte, und er fletschte die Zähne. „Eine Klage können
+sie nicht brauchen, denn ihr Holländer ist noch nicht genügend
+eingeführt.“ „Stimmt“, sagte Diederich. „Wir
+haben die Kerls in der Hand!“ Und mit erbitterter Siegesgewißheit
+lehnte er jeden Vergleich und die angebotene
+Preisermäßigung schroff ab. Als dann mehrere Tage
+lang nichts weiter erfolgte, ward er freilich unruhig. Vielleicht
+warteten sie nun doch seine Klage ab? Vielleicht
+<pb n='201'/><anchor id='Pgp0201'/>strengten sie selbst eine an! Unsicher suchte sein Blick, oftmals
+am Tage, Napoleon Fischer, der ihn von unten erwiderte.
+Sie sprachen nicht mehr miteinander. Wie aber
+Diederich eines Vormittags um elf Uhr beim zweiten
+Frühstück saß, brachte das Mädchen eine Karte: Friedrich
+Kienast, Prokurist der Firma Büschli &amp; Cie., Eschweiler;
+und indes Diederich sie noch hin und her wendete, trat
+der Besucher schon ein. An der Tür blieb er stehen. „Pardon,“
+sagte er, „es muß ein Irrtum sein. Man hat mich hier
+ins Haus gewiesen, aber ich komme nämlich geschäftlich.“
+</p>
+
+<p>
+Diederich hatte sich besonnen. „Ich kann es mir denken,
+aber das macht nichts, bitte, treten Sie doch näher. Doktor
+Heßling ist mein Name. Hier ist meine Mutter und
+meine Schwestern Emmi und Magda.“
+</p>
+
+<p>
+Der Herr trat näher und verbeugte sich vor den Damen.
+„Friedrich Kienast“, murmelte er. Er war groß, blondbärtig
+und trug einen braunen wolligen Jackettanzug. Alle
+drei Damen lächelten hingebend. „Darf ich für den Herrn
+ein Gedeck auflegen?“ fragte Frau Heßling. Und Diederich:
+„Natürlich. Herr Kienast frühstückt doch mit uns?“
+</p>
+
+<p>
+„Ich sage nicht nein“, erklärte der Vertreter von Büschli
+&amp; Cie., und er rieb sich die Hände. Magda legte ihm Bücklinge
+vor, die er schon lobte, während er den ersten Bissen
+noch auf der Gabel hatte.
+</p>
+
+<p>
+Diederich fragte ihn, harmlos lachend:
+</p>
+
+<p>
+„Nüchtern machen Sie wohl auch nicht gern Geschäfte?“
+Herr Kienast lachte auch. „Bei den Geschäften bin ich
+immer nüchtern.“ Diederich schmunzelte. „Na, dann
+werden wir uns wohl einigen.“ „Kommt darauf an, wie“;
+– und Kienasts schelmisch herausfordernde Worte begleitete
+ein Blick an Magda. Sie errötete.
+</p>
+
+<p>
+Diederich schenkte dem Gast Bier ein. „Sie haben wohl
+<pb n='202'/><anchor id='Pgp0202'/>sonst noch was vor in Netzig?“ Worauf Kienast zurückhaltend:
+„Man kann nie wissen.“
+</p>
+
+<p>
+Versuchsweise sagte Diederich: „Bei Klüsing in Gausenfeld
+werden Sie nichts machen, er hat ’ne flaue Zeit.“
+Und da der andere schwieg, dachte Diederich: „Sie haben
+ihn bloß wegen des Holländers hergeschickt, sie können
+keinen Prozeß brauchen!“ Da bemerkte er, daß Magda
+und der Vertreter von Büschli &amp; <anchor id="corr202"/><corr sic="Cie">Cie.</corr> gleichzeitig tranken
+und über die Gläser hinweg einander in die Augen sahen.
+Emmi und Frau Heßling saßen starr <anchor id="corr202a"/><corr sic="dabei">dabei.</corr> Diederich
+beugte sich schnaufend über seinen Teller; – plötzlich aber
+fing er an, das Familienleben zu preisen. „Sie haben
+Glück, mein lieber Herr Kienast, denn das zweite Frühstück
+ist ausgerechnet unsere schönste Stunde am Tage.
+Wenn man so mitten aus der Arbeit hier herauskommt,
+dann merkt man doch wieder mal, daß man sozusagen auch
+Mensch ist. Na, und das braucht man.“
+</p>
+
+<p>
+Kienast bestätigte, daß man es brauche. Frau Heßlings
+Frage, ob er schon verheiratet sei, verneinte er und sah
+dabei auf Magdas Scheitel, denn sie hatte den Kopf gesenkt.
+</p>
+
+<p>
+Diederich stand auf und schlug die Hacken zusammen.
+„Herr Kienast,“ sagte er schnarrend, „ich stehe zu Ihrer
+Verfügung.“
+</p>
+
+<p>
+„Eine Zigarre nimmt Herr Kienast noch“, bat Magda.
+Kienast ließ sie sich von ihr anzünden und hoffte, die
+Damen nochmals begrüßen zu können, – wobei er Magda
+verheißungsvoll anlächelte. Aber im Hof änderte auch er
+vollständig den Ton. „Na ja, das sind auch noch alte,
+enge Lokalitäten“, bemerkte er kalt und wegwerfend. „Sie
+sollten mal unsere Anlagen sehen.“
+</p>
+
+<p>
+„In einem Nest wie Eschweiler,“ erwiderte Diederich,
+genau so verächtlich, „da ist es kein Kunststück. Reißen Sie
+<pb n='203'/><anchor id='Pgp0203'/>mal hier den Häuserblock nieder!“ Und dann rief er im
+schärfsten Befehlston nach dem Maschinenmeister, damit
+er den neuen Holländer in Betrieb setze. Da Napoleon
+Fischer nicht sofort kam, stürmte Diederich hin. „Sie sitzen
+wohl auf Ihren Ohren, Herr?“ Aber sobald er ihm gegenüberstand,
+verstummte sein Geschrei; mit leiser, fliegender
+Stimme, die Augen angestrengt aufgerissen, sagte er:
+„Fischer, ich hab’ es mir überlegt, ich bin mit Ihnen zufrieden,
+vom Ersten ab erhöhe ich Ihr Gehalt auf hundertachtzig
+Mark.“ Darauf nickte Napoleon Fischer kurz und
+verständnisvoll, und sie trennten sich. Sogleich begann Diederich
+wieder zu schreien. Die Leute hatten geraucht! Sie
+behaupteten, es sei nur seine eigene Zigarre, die er rieche.
+Zu dem Vertreter von Büschli &amp; Cie. sagte er: „Übrigens
+bin ich versichert, aber Zucht muß sein. Tadelloser Betrieb,
+wie?“
+</p>
+
+<p>
+„Veraltetes Aggregat“, entgegnete Herr Kienast, mit
+einem lieblosen Blick auf die Maschinen. Diederich versetzte
+höhnisch: „Weiß ich, mein Bester. Aber so gut wie
+Ihr Holländer allemal.“ Trotz Kienasts Protest fuhr er
+fort, die Leistungsfähigkeit der einheimischen Industrie
+herabzusetzen. Mit seiner neuen Einrichtung warte er bis
+zu seiner Reise nach England. Er gehe großzügig vor.
+Seit er selbst an der Spitze des Betriebes stehe, sei das
+Geschäft mächtig im Aufschwung. „Und es ist immer noch
+ausdehnungsfähig.“ Er erfand. „Jetzt hab’ ich Verträge
+mit zwanzig Kreisblättern. Die Berliner Warenhäuser
+machen mich überhaupt wahnsinnig ...“ Kienast unterbrach
+schneidend:
+</p>
+
+<p>
+„Dann haben Sie wohl gerade alles abgeliefert, denn
+ich sehe nirgends fertige Ware.“
+</p>
+
+<p>
+Diederich empörte sich. „Herr! Soll ich Ihnen was
+<pb n='204'/><anchor id='Pgp0204'/>sagen? Erst gestern hab’ ich an sämtliche kleinen Kunden
+ein Rundschreiben geschickt: bis zur Vollendung meines
+Neubaus könne ich nichts mehr liefern.“
+</p>
+
+<p>
+Der Maschinenmeister holte die Herren. Der neue Patentholländer
+war halb gefüllt, aber die Stoffbewegung
+blieb noch sehr schwach, der Arbeiter half mit dem Rührscheit
+nach. Diederich hielt die Uhr in der Hand. „Na also.
+Sie behaupten, in Ihrem Holländer braucht der Stoff für
+einen Umgang zwanzig bis dreißig Sekunden: ich zähle
+schon fünfzig ... Maschinenmeister, den Stoff ablassen ...
+Was ist denn los, das dauert ja ewig!“
+</p>
+
+<p>
+Kienast hatte sich über die Schale gebeugt. Er richtete
+sich auf, er lächelte gewitzigt. „Ja, wenn die Ventile verstopft
+sind ...“ Und mit einem scharfen Blick in die Augen
+Diederichs, die nicht standhielten: „Was sonst noch mit
+dem Holländer angestellt ist, kann ich in der Eile nicht
+sehen.“ Diederich fuhr empor, plötzlich sehr rot. „Wollen
+Sie mir vielleicht insinuieren, daß ich mit meinem Maschinenmeister –?“
+</p>
+
+<p>
+„Ich habe nichts gesagt“, stellte Kienast fest.
+</p>
+
+<p>
+„Das müßte ich mir auch energisch verbitten.“ Diederich
+blitzte. Auf Kienast schien es keinen Eindruck zu
+machen, er behielt seine kalten Augen und das abgefeimte
+Grinsen in seinem am Kinn auseinandergebürsteten Bart.
+Wenn er sich rasiert und den Schnurrbart bis zu den Augenwinkeln
+hinaufgebunden haben würde, er hätte Ähnlichkeit
+mit Diederich bekommen! Er war eine Macht! Um
+so drohender trat Diederich auf. „Mein Maschinenmeister
+ist Sozialdemokrat: daß er mir einen Gefallen tun soll, ist
+lachhaft. Übrigens mache ich, als Reserveoffizier, Sie auf
+die Folgen Ihrer Äußerung aufmerksam!“
+</p>
+
+<p>
+Kienast trat in den Hof hinaus. „Lassen Sie das nur,
+<pb n='205'/><anchor id='Pgp0205'/>Herr Doktor“, sagte er kühl. „In Geschäften bin ich nüchtern,
+das hab’ ich Ihnen schon beim Frühstück gesagt. Jetzt
+brauch’ ich Ihnen nur noch zu wiederholen, daß wir den
+Holländer in tadellosem Zustand geliefert haben und an
+Rücknahme nicht denken.“ – Das werde man sehen, erklärte
+Diederich. Einen Prozeß hielten Büschli &amp; Cie.
+wohl für besonders wirksam, zur Einführung ihres neuen
+Artikels? „Ich werde Ihnen in den Fachblättern noch
+eine besondere Empfehlung mitgeben!“ Darauf Kienast:
+auf Erpressungsversuche gehe er nicht ein. Und Diederich:
+einen satisfaktionsunfähigen Knoten werfe man einfach
+hinaus. – Da erschien drüben im Haustor Magda.
+</p>
+
+<p>
+Sie hatte ihr Pelzjackett von Weihnacht an, und sie
+lächelte rosig. „Die Herren sind noch immer nicht fertig?“
+fragte sie schalkhaft. „Das Wetter ist doch so schön, man
+muß ein bißchen hinaus vor dem Mittagessen. <hi rend='antiqua'>A propos</hi>“,
+sagte sie geläufig. „Mama läßt fragen, ob Herr Kienast
+zum Abendessen kommt.“ Da Kienast erklärte, er müsse
+leider danken, lächelte sie dringlicher. „Und mir würden
+Sie es auch abschlagen?“ Kienast lachte bitter. „Ich
+würde nicht nein sagen, Fräulein. Aber weiß ich denn, ob
+Ihr Herr Bruder –?“ Diederich schnaufte, Magda sah ihn
+flehend an. „Herr Kienast“, brachte er hervor. „Es wird
+mich freuen. Vielleicht, daß wir uns auch noch verständigen.“
+Er hoffe es, sagte Kienast, worauf er sich weltmännisch
+erbot, das Fräulein ein Stück zu begleiten.
+„Wenn mein Bruder nichts dagegen hat“, sagte sie züchtig
+und ironisch. Diederich erlaubte auch dies noch; – und
+dann sah er ihr erstaunt nach, wie sie mit dem Prokuristen
+von Büschli &amp; Cie. abzog. Was die auf einmal alles konnte!
+</p>
+
+<p>
+Wie er zum Mittagessen kam, hörte er drinnen im Wohnzimmer
+die Schwestern mit scharfen Stimmen sprechen.
+<pb n='206'/><anchor id='Pgp0206'/>Emmi warf Magda vor, sie benehme sich schamlos. „So
+macht man es denn doch nicht.“ – „Nein!“ rief Magda.
+„Ich werde dich um Erlaubnis bitten.“ – „Das würde
+gar nichts schaden. Überhaupt bin ich an der Reihe!“ –
+„Hast du sonst noch Sorgen?“ – Und Magda schlug ein
+Hohngelächter an. Da Diederich eintrat, verstummte sie
+sofort. Diederich rollte unzufrieden die Augen; aber Frau
+Heßling hätte nicht nötig gehabt, hinter ihren Töchtern die
+Hände zu ringen: in den Weiberstreit einzugreifen, war
+unter seiner Würde.
+</p>
+
+<p>
+Beim Essen ward von dem Gast gesprochen. Frau Heßling
+rühmte den soliden Eindruck, den er mache. Emmi erklärte:
+wenn so ein Kommis nicht einmal solide sein sollte.
+Mit einer Dame reden könne er überhaupt nicht. Magda
+behauptete entrüstet das Gegenteil. Und da alle auf
+Diederichs Entscheidung warteten, entschloß er sich. Komment
+scheine der Herr freilich nicht viel zu haben. Akademische
+Bildung sei eben nicht zu ersetzen. „Aber als
+tüchtigen Geschäftsmann hab’ ich ihn kennengelernt.“
+Emmi hielt sich nicht mehr.
+</p>
+
+<p>
+„Wenn Magda den Menschen heiraten will, ich erkläre,
+daß ich nicht mit euch verkehre. Das Kompott hat er mit
+dem Messer gegessen!“
+</p>
+
+<p>
+„Sie lügt!“ Magda brach in Schluchzen aus. Diederich
+empfand Mitleid; er herrschte Emmi an:
+</p>
+
+<p>
+„Heirate du bitte einen regierenden Herzog, und dann
+lass’ uns in Ruh’.“
+</p>
+
+<p>
+Da legte Emmi Messer und Gabel hin und ging hinaus.
+Am Abend vor Geschäftsschluß erschien Herr Kienast im
+Bureau. Er trug einen Gehrock, und sein Wesen war eher
+gesellschaftlich als geschäftlich. Beide hielten, in stillem
+Einverständnis, das Gespräch hin, bis der alte Sötbier
+<pb n='207'/><anchor id='Pgp0207'/>seine Sachen zusammenpackte. Als er sich, mit einem mißtrauischen
+Blick, zurückgezogen hatte, sagte Diederich:
+</p>
+
+<p>
+„Den Alten habe ich auf den Aussterbeetat gesetzt. Die
+wichtigeren Sachen mache ich allein.“
+</p>
+
+<p>
+„Na, und haben Sie sich die unsere überlegt?“ fragte
+Kienast.
+</p>
+
+<p>
+„Und Sie?“ erwiderte Diederich. Kienast zwinkerte vertraulich.
+</p>
+
+<p>
+„Meine Vollmacht reicht eigentlich nicht so weit, aber
+ich nehme es auf meine Kappe. Geben Sie den Holländer
+in Gottes Namen zurück. Ein Defekt wird sich doch wohl
+finden.“
+</p>
+
+<p>
+Diederich begriff. Er versprach: „Sie werden ihn finden.“
+Kienast sagte sachlich:
+</p>
+
+<p>
+„Für unser Entgegenkommen verpflichten Sie sich, alle
+Ihre Maschinen vorkommendenfalls nur bei uns zu bestellen.
+Einen Moment!“ bat er, da Diederich auffuhr. „Und
+außerdem ersetzen Sie unsere Unkosten und meine Reise mit
+fünfhundert Mark, die wir von Ihrer Anzahlung abziehen.“
+</p>
+
+<p>
+„Aber hören Sie mal, das ist Wucher!“ Diederichs Gerechtigkeitssinn
+empörte sich laut. Auch Kienast erhob schon
+wieder die Stimme. „Herr Doktor!...“ Diederich faßte
+sich gewaltsam, er legte dem Prokuristen die Hand auf die
+Schulter. „Gehen wir jetzt nur hinauf, die Damen
+warten.“ „Wir hatten uns so weit ganz gut verstanden“,
+meinte Kienast besänftigt. „Die kleine Differenz wird sich
+auch noch aufklären“, verhieß Diederich.
+</p>
+
+<p>
+Droben roch es festlich. Frau Heßling glänzte mit ihrem
+schwarzen Atlaskleid. Durch Magdas Spitzenbluse schimmerte
+mehr hindurch, als sie sonst im Familienkreis zum
+besten gab. Nur Emmis Anzug und Miene waren grau
+und alltäglich. Magda wies dem Gast seinen Platz an und
+<pb n='208'/><anchor id='Pgp0208'/>ließ sich zu seiner Rechten nieder; und als man eben erst
+saß und sich noch räusperte, sagte sie schon, mit fieberhaft
+belebten Augen: „Jetzt sind die Herren aber mit den
+dummen Geschäften fertig.“ Diederich bestätigte, sie seien
+glänzend miteinander fertig geworden. Büschli &amp; Cie.
+seien kulante Leute.
+</p>
+
+<p>
+„Bei unserem Riesenbetrieb“, erklärte der Prokurist.
+„Zwölfhundert Arbeiter und Beamte, eine ganze Stadt
+mit einem eigenen Hotel für die Kunden.“ Er lud Diederich
+ein. „Kommen Sie nur, bei uns leben Sie vornehm
+und umsonst.“ Und da Magda neben ihm an seinen Lippen
+hing, rühmte er seine Stellung, seine Machtbefugnisse,
+die Villa, die er zur Hälfte bewohnte. „Wenn ich
+mich verheirate, kriege ich auch die andere Hälfte.“
+</p>
+
+<p>
+Diederich lachte dröhnend. „Dann wäre es wohl das
+einfachste, Sie heirateten. Na prost!“
+</p>
+
+<p>
+Magda schlug die Augen nieder, und Herr Kienast ging
+zu etwas anderem über. Ob Diederich auch wisse, warum
+er ihm so leicht entgegengekommen sei? „Ihnen, Herr
+Doktor, hab’ ich nämlich gleich angesehen, daß mit Ihnen
+später noch große Sachen zu machen sein werden, – wenn
+es hier jetzt auch noch etwas kleine Verhältnisse sind“, setzte
+er nachsichtig hinzu. Diederich wollte seine Großzügigkeit
+und die Ausdehnungsfähigkeit seines Unternehmens beteuern,
+aber Kienast ließ sich seinen Gedankengang nicht
+abschneiden. Menschenkenntnis sei nämlich seine Spezialität.
+Einen Geschäftsfreund müsse man vor allem auch in
+seinem Heim aufsuchen. „Wenn da alles so wohl bestellt
+ist wie hier –“
+</p>
+
+<p>
+Gerade ward die duftende Gans aufgetragen, nach der
+Frau Heßling schon mehrmals heimlich ausgeblickt hatte.
+Schnell gab sie sich eine Miene, als sei die Gans eine höchst
+<pb n='209'/><anchor id='Pgp0209'/>gewöhnliche Erscheinung. Herr Kienast machte trotzdem
+eine anerkennende Pause. Frau Heßling fragte sich, ob
+sein Blick wirklich auf der Gans oder, hinter ihrem süßen
+Qualm, auf Magdas durchbrochener Bluse ruhe. Jetzt riß
+er sich los und ergriff sein Glas. „Und darum: auf die
+Familie Heßling, auf die verehrte mütterliche Hausfrau
+und ihre blühenden Töchter!“ Magda wölbte die Brust,
+um das Blühen anschaulicher zu machen, und um so flacher
+sah Emmi aus. Auch stieß Herr Kienast zuerst mit Magda an.
+</p>
+
+<p>
+Diederich erwiderte seinen Toast. „Wir sind eine deutsche
+Familie. Wen wir in unser Haus aufgenommen
+haben, den nehmen wir auch in unsere Herzen auf.“ Er
+hatte Tränen in den Augen, indes Magda wieder einmal
+errötete. „Und wenn es auch nur ein bescheidenes Haus
+ist, die Herzen sind treu.“ Er ließ den Gast hochleben, der
+seinerseits versicherte, er sei immer für Bescheidenheit gewesen,
+„besonders in Familien, wo junge Mädchen sind.“
+</p>
+
+<p>
+Frau Heßling griff ein. „Nicht wahr? Woher soll denn
+sonst ein junger Mann den Mut nehmen –? Meine Töchter
+schneidern alles selbst.“ Dies war für Herrn Kienast
+das Stichwort, sich über Magdas Bluse zu beugen behufs
+eingehender Würdigung.
+</p>
+
+<p>
+Zum Nachtisch schälte sie ihm eine Apfelsine und nippte
+ihm zu Ehren vom Tokaier. Wie man dann ins Wohnzimmer
+ging, blieb Diederich, die Arme um seine beiden
+Schwestern geschlungen, in der Tür stehen. „Ja, ja, Herr
+Kienast“, sagte er mit tiefer Stimme. „Das ist der Familienfriede,
+den sehen Sie sich nur an, Herr Kienast!“
+Magda schmiegte sich, ganz Hingebung, an seine Schulter.
+Da Emmi von ihm fortstrebte, bekam sie rückwärts einen
+Stoß. „So geht es immer bei uns zu“, fuhr Diederich fort.
+„Ich arbeite den ganzen Tag für die Meinen, und der
+<pb n='210'/><anchor id='Pgp0210'/>Abend vereint uns dann hier beim Lampenschimmer. Um
+die Leute da draußen und den Klüngel unserer sogenannten
+Gesellschaft bekümmern wir uns so wenig wie möglich,
+wir haben an uns selbst genug.“
+</p>
+
+<p>
+Hier gelang es Emmi, sich loszumachen; man hörte sie
+draußen eine Tür zuschlagen. Ein um so zärtlicheres Bild
+boten Diederich und Magda, wie sie sich am mild beglänzten
+Tisch niederließen. Herr Kienast sah nachdenklich den
+Punsch kommen, den Frau Heßling in mächtiger Bowle
+still lächelnd hereintrug. Indes Magda dem Gast das
+Glas füllte, setzte Diederich auseinander, daß er dank dieser
+Beschränkung auf die stille Häuslichkeit imstande sein werde,
+seine Schwestern einmal gut zu verheiraten. „Denn der
+Aufschwung des Geschäftes kommt den Mädchen zugut, die
+Fabrik gehört ihnen mit, ganz abgesehen von der baren Mitgift;
+na, und wenn dann einer meiner künftigen Schwäger
+auch noch sein Kapital in den Betrieb stecken will –“
+</p>
+
+<p>
+Aber Magda, die Herrn Kienasts Miene besorgt werden
+sah, lenkte ab. Sie fragte ihn nach seiner eigenen Familie
+und ob er denn ganz allein sei. Da bekam er gerührte
+Augen und rückte näher. Diederich saß dabei, trank und
+drehte die Daumen. Mehrmals versuchte er noch teilzunehmen
+an dem Gespräch der beiden, die sich ganz allein
+zu fühlen schienen. „Na, dann haben Sie also glücklich
+Ihren Einjährigen gemacht“, sagte er gönnerhaft und
+wunderte sich dabei über die Zeichen, die Frau Heßling
+hinter dem Rücken der anderen ihm gab. Erst als sie sich
+aus der Tür schlich, begriff er, nahm sein Punschglas und
+ging in das dunkle Nebenzimmer zum Klavier. Er tastete
+ein wenig darauf umher, geriet unversehens in die Burschenlieder
+und sang dröhnend mit: „Sie wissen den Teufel,
+was Freiheit heißt.“ Als er fertig war, horchte er
+<pb n='211'/><anchor id='Pgp0211'/>hinüber; es war drinnen aber so still, als sei man eingeschlafen;
+und obwohl er sich gern wieder etwas aus der
+Bowle geschöpft hätte, stimmte er doch aus Pflichtgefühl
+von neuem an: „Im tiefen Keller sitz’ ich hier.“
+</p>
+
+<p>
+Da, mitten im Vers, fiel ein Stuhl um, und ein lauter
+Schall folgte, dessen Herkunft nicht zu verkennen war. Mit
+einem Sprung war Diederich im Wohnzimmer. „Nanu“,
+sagte er, kräftig und bieder, „Sie scheinen ja ernste Absichten
+zu haben.“ Das Paar löste sich voneinander. „Ich
+sage nicht nein“, erklärte Herr Kienast. Diederich war
+plötzlich heftig bewegt. Aug’ in Auge schüttelte er Kienast
+die Hand, und mit der anderen zog er Magda herbei.
+„Das ist aber eine Überraschung! Herr Kienast, machen
+Sie mein Schwesterchen glücklich. An mir sollt ihr allzeit
+einen guten Bruder haben, so wie ich es bisher gewesen
+bin, das darf ich wohl sagen.“
+</p>
+
+<p>
+Und die Augen wischend, rief er hinaus: „Mutter! Es
+ist was passiert.“ Frau Heßling stand gleich hinter der
+Tür, nur konnte sie, vor übergroßer Bewegung, nicht
+sofort ihre Beine gebrauchen. Auf Diederich gestützt,
+wankte sie herein, fiel Herrn Kienast um den Hals und
+löste sich dort in Tränen auf. Diederich klopfte inzwischen
+an Emmis Zimmer, das verschlossen war. „Emmi, komm
+heraus, es ist was los!“ Sie riß endlich die Tür auf, zornrot
+im Gesicht. „Wozu störst du mich im Schlaf. Ich kann
+mir schon denken, was los ist. Macht eure Unanständigkeiten
+allein!“ Und sie würde wieder zugeschlagen haben,
+hätte nicht Diederich den Fuß in den Spalt gesetzt. Streng
+bedeutete er ihr, für ihr gemütloses Verhalten verdiene
+sie, daß sie selbst nie mehr einen Mann bekomme. Er erlaubte
+ihr nicht einmal, sich anzuziehen, sondern zerrte sie
+mit, wie sie war, in ihrer Matinee, mit aufgelösten Haaren.
+<pb n='212'/><anchor id='Pgp0212'/>Im Flur entwand sie sich ihm. „Du machst uns lächerlich“,
+zischte sie, – und noch vor ihm erschien sie bei den Verlobten,
+den Kopf sehr hoch, mit spöttisch musterndem
+Blick. „Mußte das so spät in der Nacht sein?“ fragte sie.
+„Nun, dem Glücklichen schlägt keine Stunde.“ Kienast
+sah sie an: sie war größer als Magda, ihr Gesicht, das jetzt
+Farbe hatte, sah voller aus in dem offenen Haar, das
+lang und stark war. Kienast behielt ihre Hand länger als
+nötig; sie entzog sie ihm, da wandte er sich von ihr zu
+Magda, mit sichtlichem Zweifel. Emmi ließ auf ihre
+Schwester ein Lächeln des Triumphes fallen, machte
+kehrt und verschwand, hoch aufgerichtet, – indes Magda
+angstvoll nach Kienasts Arm griff. Aber Diederich kam,
+in der Hand ein gefülltes Punschglas, und verlangte mit
+seinem neuen Schwager Bruderschaft zu trinken.
+</p>
+
+<milestone unit="tb"/>
+
+<p>
+Am Morgen holte er ihn aus dem Hotel zum Frühschoppen
+ab. „Bis Mittag bezähme gefälligst deine Sehnsucht
+nach dem Weiblichen. Jetzt müssen wir mal ein Wort
+unter Männern reden.“ In Klappsch’ Bierstube setzte er ihm
+die Lage auseinander: Fünfundzwanzigtausend bar am
+Tage der Hochzeit – die Belege waren jeden Augenblick zu
+sehen – und, gemeinsam mit Emmi, ein Viertel der Fabrik.
+– „Also nur ein Achtel“, stellte Kienast fest; worauf Diederich:
+„Soll ich mich vielleicht umsonst für euch abrackern?“
+Ein unzufriedenes Schweigen entstand.
+</p>
+
+<p>
+Diederich stellte die Stimmung wieder her. „Prost
+Friedrich!“ „Prost Diederich!“ sagte Kienast. Dann
+schien Diederich etwas einzufallen. „Du hast es ja in
+der Hand, deinen Anteil am Geschäft zu erhöhen, wenn
+du Geld einlegst. Wie sieht es denn mit deinen Ersparnissen
+aus? Bei deinem großartigen Gehalt!“ Kienast
+<pb n='213'/><anchor id='Pgp0213'/>erklärte, im Prinzip sage er nicht nein. Aber noch laufe
+sein Vertrag mit Büschli &amp; Cie. Auch habe er in diesem
+Jahr eine beträchtliche Gehaltserhöhung zu erwarten,
+da wäre es ein Verbrechen gegen sich selbst, jetzt zu kündigen.
+„Und wenn ich euch mein Geld gebe, muß ich
+selbst ins Geschäft eintreten. Bei allem Vertrauen, das
+ich dir entgegenbringe, lieber Diederich –“
+</p>
+
+<p>
+Diederich sah es ein. Kienast schlug seinerseits etwas vor.
+„Wenn du einfach die Mitgift auf Fünfzigtausend festsetztest!
+Magda würde dann auf ihren Anteil am Geschäft
+verzichten.“ Dies stieß wieder auf Diederichs unbedingten
+Widerspruch. „Es wäre gegen den letzten Willen meines
+seligen Vaters, der ist mir heilig. Und so großzügig, wie
+ich arbeite, kann in einigen Jahren Magdas Anteil das
+Zehnfache betragen von dem, was du jetzt verlangst. Nie
+werde ich mich dazu hergeben, meine arme Schwester so
+zu schädigen.“ Hierauf feixte der Schwager ein wenig.
+Diederichs Familiensinn ehre ihn, aber mit Großzügigkeit
+allein sei es nicht getan. Und Diederich, merklich gereizt:
+er sei gottlob für seine Geschäftsführung außer Gott nur
+sich selbst verantwortlich. „Fünfundzwanzigtausend bar
+und ein Achtel des Reingewinnes, mehr ist nicht zu holen.“
+Kienast trommelte auf den Tisch. „Ich weiß noch nicht, ob
+ich deine Schwester dafür übernehmen kann“, erklärte er.
+„Mein letztes Wort behalte ich mir noch vor.“ Diederich zuckte
+die Achseln, und sie tranken ihr Bier aus. Kienast kam
+mit zum Essen; Diederich hatte schon gefürchtet, er werde
+sich drücken. Glücklicherweise war Magda noch verführerischer
+hergerichtet als gestern, – „wie wenn sie gewußt
+hätte, es geht ums Ganze“, dachte Diederich, der sie bewunderte.
+Bei der Mehlspeise hatte sie Kienast wieder
+so sehr erwärmt, daß er die Hochzeit in vier Wochen
+<pb n='214'/><anchor id='Pgp0214'/>wünschte. „Dein letztes Wort?“ fragte Diederich neckisch.
+Als Antwort zog Kienast die Ringe aus der Tasche.
+</p>
+
+<p>
+Nach Tisch ging Frau Heßling auf den Fußspitzen aus
+dem Zimmer, wo die Verlobten saßen, und auch Diederich
+wollte sich zurückziehen, aber sie holten ihn zum Spazierengehen.
+„Wohin geht es denn, und wo sind Mutter
+und Emmi?“ Emmi hatte sich geweigert, mitzukommen,
+und darum blieb auch Frau Heßling zu Hause. „Weil es
+sonst schlecht aussehen würde, weißt du“, sagte Magda.
+Diederich stimmte ihrer Einsicht zu. Er wischte ihr sogar
+den Staub fort, der beim Eintritt in die Fabrik an ihrem
+Pelzjackett hängengeblieben war. Er behandelte Magda
+mit Achtung, denn sie hatte Erfolg gehabt.
+</p>
+
+<p>
+Man ging gegen das Rathaus zu. Es schadete nichts,
+nicht wahr, wenn die Leute einen sahen. Der erste freilich,
+dem man gleich in der Meisestraße begegnete, war nur
+Napoleon Fischer. Er fletschte die Zähne vor dem Brautpaar
+und nickte Diederich zu, mit einem Blick, der sagte,
+er wisse Bescheid. Diederich war dunkelrot; er würde den
+Menschen angehalten und ihm auf offener Straße einen
+Krach gemacht haben: aber konnte er? „Es war ein schwerer
+Fehler, daß ich mich mit dem hinterhältigen Proleten auf
+Vertraulichkeiten eingelassen habe! Es wäre auch ohne ihn
+gegangen! Jetzt schleicht er um das Haus, damit ich daran
+denke, daß er mich in der Hand hat. Ich werde noch Erpressungen
+erleben.“ Aber zwischen ihm und dem Maschinenmeister
+war gottlob alles unter vier Augen vor sich gegangen.
+Was Napoleon Fischer über ihn behaupten konnte,
+war Verleumdung. Diederich ließ ihn einfach einsperren.
+Dennoch haßte er ihn für seine Mitwisserschaft, daß ihm
+bei zwanzig Grad Kälte heiß und feucht ward. Er sah
+sich um. Fiel denn kein Ziegelstein auf Napoleon Fischer?
+</p>
+
+<pb n='215'/><anchor id='Pgp0215'/>
+
+<p>
+In der Gerichtsstraße fand Magda, daß der Gang sich
+lohne, denn bei Landgerichtsrat Harnisch standen hinter
+einer Scheibe Meta Harnisch und Inge Tietz, und Magda
+wußte bestimmt, daß sie bei Kienasts Anblick sehr beunruhigte
+Gesichter gemacht hatten. Auf der Kaiser-Wilhelm-Straße
+war heute leider wenig los; höchstens daß
+Major Kunze und Dr. Heuteufel, die in die „Harmonie“
+gingen, von ferne neugierige Gesichter machten. An der
+Ecke der Schweinichenstraße aber trat etwas ein, was
+Diederich nicht vorausgesehen hatte: gleich vor ihnen
+ging Frau Daimchen mit Guste. Magda beschleunigte
+sofort den Schritt und plauderte lebhafter. Richtig drehte
+Guste sich um, und Magda konnte sagen: „Frau Oberinspektor,
+hier stelle ich Ihnen meinen Bräutigam Herrn
+Kienast vor.“ Der Bräutigam ward gemustert und schien
+zu entsprechen, denn Guste, mit der Diederich zwei Schritte
+zurückblieb, fragte nicht ohne Achtung: „Wo haben Sie
+ihn denn hergenommen?“ Diederich scherzte. „Ja, so
+nah wie Sie, findet nicht jede den ihren. Aber dafür solider.“
+– „Fangen Sie schon wieder an?“ rief Guste,
+aber ohne Feindlichkeit. Sie streifte sogar Diederichs Blick
+und seufzte dabei leicht. „Meiner ist ja immer Gott weiß
+wo. Man kommt sich vor wir die reine Witwe.“ Gedankenvoll
+sah sie Magda nach, die an Kienasts Arm hing.
+Diederich gab zu bedenken: „Wer tot ist, kann es auch
+bleiben. Es gibt noch genug Lebendige.“ Dabei drängte
+er Guste bis an die Häuserwand und sah ihr werbend ins
+Gesicht; und wirklich, ihr liebes, dickes Gesicht ward einen
+Augenblick lang gewährend.
+</p>
+
+<p>
+Leider war Schweinichenstraße 77 schon erreicht, und
+man nahm Abschied. Da hinter dem Sachsentor alles aus
+war, kehrten die Geschwister mit Herrn Kienast wieder um.
+<pb n='216'/><anchor id='Pgp0216'/>Magda, die auf dem Arm ihres Verlobten ruhte, sagte
+ermunternd zu Diederich: „Nun, was meinst du?“ –
+worauf er rot ward und schnaufte. „Was ist da zu meinen“,
+brachte er hervor, und Magda lachte.
+</p>
+
+<p>
+In der leeren, stark dämmernden Straße kam ihnen
+jemand entgegen. „Ist das nicht –?“ fragte Diederich,
+ohne Überzeugung. Aber die Figur näherte sich: dick,
+offenbar noch jung, mit einem großen, weichen Hut, sonst
+elegant, und die Füße setzte er einwärts. „Wahrhaftig,
+Wolfgang Buck!“ Er dachte enttäuscht: „Und Guste
+stellt sich, als wäre er am Ende der Welt. Das Lügen muß
+ich ihr austreiben!“
+</p>
+
+<p>
+„Da sind Sie ja“ – der junge Buck schüttelte Diederich
+die Hand. „Das freut mich.“ – „Mich auch“, erwiderte
+Diederich, trotz der Enttäuschung mit Guste, und er machte
+seinen Schwager mit seinem Schulfreund bekannt. Buck
+stattete seine Glückwünsche ab, dann trat er mit Diederich
+hinter die beiden anderen. „Sie wollten gewiß zu Ihrer
+Braut?“ bemerkte Diederich. „Sie ist zu Hause, wir haben
+sie hinbegleitet.“ – „So?“ machte Buck und zuckte die
+Achseln. „Nun, ich finde sie immer noch“, sagte er phlegmatisch.
+„Vorläufig bin ich froh, daß ich Ihnen mal wieder
+begegnet bin. Unser Gespräch in Berlin, unser einziges,
+nicht wahr – es war so anregend.“
+</p>
+
+<p>
+Auch Diederich fand dies jetzt – obwohl es ihn damals
+nur geärgert hatte. Er war ganz belebt durch das Wiedersehen.
+„Ja, meinen Gegenbesuch bin ich Ihnen schuldig
+geblieben. Sie wissen wohl, wieviel einem in Berlin
+immer dazwischen kommt. Hier freilich hat man Zeit.
+Öde, wie? Zu denken, daß man hier sein Leben verbringen
+soll“ – und Diederich zeigte die kahle Häuserreihe
+hinauf. Wolfgang Buck schnupperte mit seiner weich
+ge<pb n='217'/><anchor id='Pgp0217'/>bogenen Nase in die Luft, auf seinen fleischigen Lippen
+schien er sie zu kosten, und er machte tiefsinnende Augen.
+„Ein Leben in Netzig“, sagte er ganz langsam. „Nun ja,
+es kommt darauf hinaus. Unsereiner ist nicht in der Lage,
+bloß für seine Sensationen zu leben. Übrigens gibt es
+auch hier welche.“ Er lächelte verdächtig. „Der Wachtposten
+hat bis sehr hoch hinauf Sensation gemacht.“
+</p>
+
+<p>
+„Ach so –“ Diederich streckte den Bauch vor. „Sie
+wollen schon wieder nörgeln. Ich stelle fest, daß ich in der
+Sache durchaus auf seiten Seiner Majestät stehe.“
+</p>
+
+<p>
+Buck winkte ab. „Lassen Sie nur. Ich kenne ihn.“
+</p>
+
+<p>
+„Ich noch besser“, behauptete Diederich. „Wer ihm, wie
+ich, ganz allein und Aug’ in Auge gegenüber gestanden hat,
+im Tiergarten vorigen Februar, nach dem großen Krawall,
+und dies Auge blitzen gesehen hat, dies Fritzenauge,
+sag’ ich Ihnen: der vertraut auf unsere Zukunft.“
+</p>
+
+<p>
+„Auf unsere Zukunft – weil ein Auge geblitzt hat.“
+Bucks Mund und Wangen sanken schwer melancholisch
+herab. Diederich stieß Luft durch die Nase. „Ich weiß
+schon, Sie glauben in unserer Zeit an keine Persönlichkeit.
+Sonst wären Sie ja Lassalle oder Bismarck geworden.“
+</p>
+
+<p>
+„Schließlich könnte ich es mir leisten. Gewiß. Geradeso
+gut wie er –. Wenn auch weniger begünstigt von den
+äußeren Umständen.“
+</p>
+
+<p>
+Sein Ton ward lebhafter und überzeugter. „Worauf es
+für jeden persönlich ankommt, ist nicht, daß wir in der Welt
+wirklich viel verändern, sondern daß wir uns ein Lebensgefühl
+schaffen, als täten wir es. Dazu ist nur Talent
+nötig, und das hat er.“
+</p>
+
+<p>
+Diederich war beunruhigt, er sah sich um. „Wir sind
+hier zwar unter uns, die Herrschaften dort vor uns haben
+Wichtigeres zu besprechen, aber ich weiß doch nicht –“
+</p>
+
+<pb n='218'/><anchor id='Pgp0218'/>
+
+<p>
+„Daß Sie immer glauben, ich habe was gegen ihn. Er
+ist mir wahrhaftig nicht unsympathischer, als ich mir selbst
+bin. Ich hätte an seiner Stelle den Gefreiten Lück und
+unseren Netziger Wachtposten genau so ernst genommen.
+Wäre das noch eine Macht, die nicht bedroht wäre? Erst
+wenn es einen Umsturz gibt, fühlt man sich. Was würde
+aus ihm, wenn er sich sagen müßte, daß die Sozialdemokratie
+gar nicht ihn meint, sondern höchstens eine etwas
+praktischere Verteilung dessen, was verdient wird.“
+</p>
+
+<p>
+„Oho!“ machte Diederich.
+</p>
+
+<p>
+„Nicht wahr? Das würde Sie empören. Und ihn auch.
+Neben den Ereignissen hergehen, die Entwicklung nicht beherrschen,
+sondern in ihr mit einbegriffen sein: ist das zu
+ertragen?... Im Innern unbeschränkt! – und dabei
+außerstande, auch nur Haß zu erregen anders als durch
+Worte und Gesten. Denn woran halten sich die Nörgler?
+Was ist Ernstliches geschehen? Auch der Fall Lück ist nur
+wieder eine Geste. Sinkt die Hand, ist alles wie zuvor:
+aber Darsteller und Publikum haben eine Sensation gehabt.
+Und nur darauf, mein lieber Heßling, kommt es uns
+allen heute an. Er selbst, den wir meinen, wäre am erstauntesten,
+glauben Sie es mir, wenn der Krieg, den er
+immerfort an die Wand malt, oder die Revolution, die er
+sich hundertmal vorgespielt hat, einmal wirklich ausbräche.“
+</p>
+
+<p>
+„Darauf werden Sie nicht lange zu warten brauchen!“
+rief Diederich. „Und dann sollen Sie sehen, daß alle
+national Gesinnten treu und fest zu ihrem Kaiser stehen!“
+</p>
+
+<p>
+„Gewiß.“ Buck zuckte immer häufiger die Achseln.
+„Das ist die übliche Wendung, wie er selbst sie vorgeschrieben
+hat. Worte laßt ihr euch von ihm vorschreiben, und
+die Gesinnung war nie so gut geregelt, wie sie es jetzt wird.
+Aber Taten? Unsere Zeit, bester Zeitgenosse, ist nicht
+tat<pb n='219'/><anchor id='Pgp0219'/>bereit. Um seine Erlebnisfähigkeit zu üben, muß man vor
+allem leben, und die Tat ist so lebensgefährlich.“
+</p>
+
+<p>
+Diederich richtete sich auf. „Wollen Sie den Vorwurf
+der Feigheit vielleicht in Verbindung bringen mit –?“
+„Ich habe kein moralisches Urteil ausgesprochen. Ich habe
+eine Tatsache der inneren Zeitgeschichte erwähnt, die uns
+alle angeht. Übrigens sind wir zu entschuldigen. Für den
+auf der Bühne Agierenden ist alle Aktion erledigt, denn er
+hat sie durchgeführt. Was will die Wirklichkeit noch von
+ihm? Sie wissen wohl nicht, wen die Geschichte als den
+repräsentativen Typus dieser Zeit nennen wird?“
+</p>
+
+<p>
+„Den Kaiser!“ sagte Diederich.
+</p>
+
+<p>
+„Nein“, sagte Buck. „Den Schauspieler.“
+</p>
+
+<p>
+Da schlug Diederich ein Gelächter an, daß dort vorn das
+Brautpaar auseinanderfuhr und sich umwandte. Aber
+man war auf dem Theaterplatz, es wehte eisig hinüber;
+sie gingen weiter.
+</p>
+
+<p>
+„Na ja,“ brachte Diederich hervor, „ich hätte mir gleich
+sagen können, wie Sie auf das verrückte Zeug gekommen sind.
+Sie haben doch mit dem Theater zu tun.“ Er klopfte Buck
+auf die Schulter. „Sind Sie am Ende schon selbst dabei?“
+</p>
+
+<p>
+Buck bekam unruhige Augen; der Hand, die ihn klopfte,
+entzog er sich mit einer Wendung, die Diederich unkameradschaftlich
+fand. „Ich? Ach nein“, sagte Buck; und nachdem beide
+bis zur Gerichtsstraße unzufrieden geschwiegen
+hatten: „Ach so. Sie wissen noch nicht, warum ich in
+Netzig bin.“
+</p>
+
+<p>
+„Wahrscheinlich Ihrer Braut wegen.“
+</p>
+
+<p>
+„Das wohl auch. Vor allem aber habe ich die Verteidigung
+meines Schwagers Lauer übernommen.“
+</p>
+
+<p>
+„Sie sind –? Im Prozeß Lauer –?“ Es nahm Diederich
+den Atem, er blieb stehen.
+</p>
+
+<pb n='220'/><anchor id='Pgp0220'/>
+
+<p>
+„Nun ja“, sagte Buck und zuckte die Achseln. „Wundert
+Sie das? Seit kurzem bin ich beim Landgericht Netzig als
+Rechtsanwalt zugelassen. Hat mein Vater Ihnen nicht
+davon gesprochen?“
+</p>
+
+<p>
+„Ich sehe Ihren Herrn Vater selten ... Ich gehe nur
+wenig aus. Meine Berufspflichten ... Diese Verlobung ...“
+Diederich verlor sich in Gestammel. „Dann müssen Sie
+ja schon oft –. Wohnen Sie vielleicht schon ganz hier?“
+</p>
+
+<p>
+„Nur vorläufig – glaube ich.“
+</p>
+
+<p>
+Diederich raffte sich zusammen. „Ich muß sagen: ich habe
+Sie schon öfter nicht ganz verstanden – aber so wenig doch
+noch nie wie jetzt, wo Sie mit mir durch halb Netzig gehen.“
+</p>
+
+<p>
+Buck blinzelte ihn an. „Obwohl ich in der Verhandlung
+morgen Verteidiger bin und Sie der Hauptbelastungszeuge?
+Das ist doch nur Zufall. Die Rollen könnten auch
+umgekehrt verteilt sein.“
+</p>
+
+<p>
+„Bitte sehr!“ Diederich entrüstete sich. „Jeder steht
+auf seinem Platz. Wenn Sie vor Ihrem Beruf keine
+Achtung haben –“
+</p>
+
+<p>
+„Achtung? Was heißt das? Ich freue mich auf die Verteidigung,
+das leugne ich nicht. Ich werde loslegen, man
+soll etwas erleben. Ihnen, Herr Doktor, werde ich unangenehme
+Dinge zu sagen haben; Sie werden mir hoffentlich
+nichts übelnehmen, es gehört zu meiner Wirkung.“
+</p>
+
+<p>
+Diederich bekam Furcht. „Erlauben Sie, Herr Rechtsanwalt,
+kennen Sie denn meine Aussage? Sie ist für
+Lauer durchaus nicht ungünstig.“
+</p>
+
+<p>
+„Das lassen Sie meine Sorge sein.“ Bucks Miene ward
+beängstigend ironisch.
+</p>
+
+<p>
+Und damit war man in der Meisestraße. „Der Prozeß!“
+dachte Diederich schnaufend. In den Aufregungen der
+letzten Tage hatte er ihn vergessen, jetzt war es, als sollte
+<pb n='221'/><anchor id='Pgp0221'/>man sich von heute auf morgen beide Beine abschneiden
+lassen. Guste, die falsche Kanaille, hatte ihm also absichtlich
+nichts gesagt von ihrem Verlobten; im letzten Augenblick
+sollte er den Schrecken bekommen!... Diederich verabschiedete
+sich von Buck, bevor sie beim Haus waren. Daß
+nur Kienast nichts merkte! Buck schlug vor, noch irgendwohin
+zu gehen. „Es zieht Sie wohl nicht besonders zu
+Ihrer Braut?“ fragte Diederich. – „Augenblicklich hab’
+ich mehr Lust auf einen Kognak.“ – Diederich lachte höhnisch.
+„Darauf scheinen Sie immer Lust zu haben.“ Damit
+nur Kienast nichts erfahre, kehrte er nochmals mit Buck
+um. „Sehen Sie,“ begann Buck unvermutet, „meine
+Braut: die gehört auch zu meinen Fragen an das Schicksal.“
+Und da Diederich „wieso“ fragte: „Wenn ich nämlich
+wirklich ein Netziger Rechtsanwalt bin, dann ist Guste
+Daimchen bei mir vollkommen an ihrem Platz. Aber weiß
+ich das? Für – andere Fälle, die in meiner Existenz eintreten
+könnten, habe ich nun drüben in Berlin noch eine
+zweite Verbindung ...“
+</p>
+
+<p>
+„Ich habe gehört: eine Schauspielerin.“ Diederich errötete
+für Buck, der das so zynisch eingestand. „Das heißt,“
+stammelte er, „ich will nichts gesagt haben.“
+</p>
+
+<p>
+„Also, Sie wissen“, schloß Buck. „Jetzt ist die Sache die,
+daß ich vorläufig dort hänge und mich um Guste nicht
+so viel bekümmern kann, wie ich müßte. Möchten Sie
+sich da nicht des guten Mädchens ein wenig annehmen?“
+fragte er harmlos und gelassen.
+</p>
+
+<p>
+„Ich soll –“
+</p>
+
+<p>
+„Sozusagen den Kochtopf hier und da ein bißchen umrühren,
+worin ich Wurst und Kohl am Feuer zu stehen
+habe – indes ich selbst noch draußen beschäftigt bin. Wir
+haben doch Sympathie füreinander.“
+</p>
+
+<pb n='222'/><anchor id='Pgp0222'/>
+
+<p>
+„Danke“, sagte Diederich kühl. „So weit reicht meine
+Sympathie allerdings nicht. Beauftragen Sie sonst jemand.
+Ich denke denn doch etwas ernster über das Leben.“
+Und er ließ Buck stehen.
+</p>
+
+<p>
+Außer der Unmoral des Menschen empörte ihn seine
+würdelose Vertraulichkeit, nachdem sie noch soeben in Anschauung
+und Praxis sich wieder einmal als Gegner erwiesen
+hatten. Unleidlich, so einer, aus dem man nicht
+klug ward! „Was hat er morgen gegen mich vor?“
+</p>
+
+<p>
+Daheim machte er sich Luft. „Ein Mensch wie eine Qualle!
+Und von einem geistigen Dünkel! Gott behüte unser Haus
+vor solcher alles zerfressenden Überzeugungslosigkeit; sie
+ist in einer Familie das sichere Zeichen des Niedergangs!“
+Er vergewisserte sich, daß Kienast wirklich noch am Abend
+reisen mußte. „Etwas Aufregendes wird Magda dir nicht
+zu schreiben haben“, sagte er unvermittelt und lachte.
+„Meinetwegen mag in der Stadt Mord und Brand sein,
+ich bleibe in meinem Kontor und bei meiner Familie.“
+</p>
+
+<p>
+Kaum aber war Kienast fort, stellte er sich vor Frau
+Heßling hin. „Nun? Wo ist die Vorladung, die für mich
+gekommen ist auf morgen zu Gericht?“ Sie mußte zugeben,
+daß sie den bedrohlichen Brief unterschlagen habe. „Er
+sollte dir die Feststimmung nicht verderben, mein lieber
+Sohn.“ Aber Diederich ließ keine Beschönigung gelten.
+„Ach was: lieber Sohn. Aus Liebe zu mir wird wohl das
+Essen immer schlechter, außer wenn fremde Leute da sind;
+und das Haushaltungsgeld geht für euren Firlefanz drauf.
+Meint ihr, ich fall’ euch auf den Schwindel ’rein, daß
+Magda ihre Spitzenbluse selbst gemacht haben soll? Das
+könnt ihr dem Esel erzählen!“ Magda erhob Einspruch
+gegen die Beleidigung ihres Verlobten, aber es half ihr
+nicht. „Schweig lieber still! Dein Pelzjackett ist auch
+<pb n='223'/><anchor id='Pgp0223'/>halb gestohlen. Ihr steckt mit dem Dienstmädchen zusammen.
+Wenn ich sie nach Rotwein schicke, bringt sie
+billigeren, und den Rest behaltet ihr ...“
+</p>
+
+<p>
+Die drei Frauen entsetzten sich, worauf Diederich noch
+lauter schrie. Emmi behauptete, er sei bloß darum so wild,
+weil er sich morgen vor der ganzen Stadt blamieren solle.
+Da konnte Diederich nur noch einen Teller auf den Boden
+schleudern. Magda stand auf, ging zur Tür und rief
+zurück: „Ich brauche dich gottlob nicht mehr!“ Sofort war
+Diederich hinterdrein. „Gib bitte acht, was du redest!
+Wenn du endlich einen Mann kriegst, verdankst du es allein
+mir und den Opfern, die ich bringe. Dein Bräutigam hat
+um deine Mitgift geschachert, daß es schon nicht mehr
+schön war. Du bist überhaupt bloß Zugabe!“
+</p>
+
+<p>
+Hier fühlte er eine heftige Ohrfeige, und bevor er zu
+Atem kam, war Magda in ihrem Zimmer und hatte abgesperrt.
+Diederich rieb sich, jäh verstummt, die Wange.
+Dann entrüstete er sich wohl noch; aber eine Art von Genugtuung
+überwog. Die Krisis war vorüber.
+</p>
+
+<milestone unit="tb"/>
+
+<p>
+In der Nacht hatte er sich fest vorgenommen, mit einiger
+Verspätung bei Gericht einzutreffen und durch sein ganzes
+Auftreten zu zeigen, wie wenig die Geschichte ihn angehe.
+Aber es hielt ihn nicht; als er das Verhandlungszimmer,
+das ihm bezeichnet war, betrat, war man dort noch bei
+einer ganz anderen Sache. Jadassohn, der in seiner
+schwarzen Robe einen ungemein drohenden Anblick bot,
+war eben damit beschäftigt, für einen kaum erwachsenen
+Menschen aus dem Volk zwei Jahre Arbeitshaus zu verlangen.
+Das Gericht gewährte ihm freilich nur eins, aber
+der jugendliche Verurteilte brach in ein solches Geheul
+aus, daß es Diederich, angstvoll, wie er selbst gestimmt
+<pb n='224'/><anchor id='Pgp0224'/>war, vor Mitleid übel ward. Er begab sich hinaus und
+betrat eine Toilette, obwohl an der Tür stand: Nur für
+den Herrn Vorsitzenden! Gleich nach ihm erschien auch
+Jadassohn. Wie er Diederich sah, wollte er sich wieder
+zurückziehen, aber Diederich fragte sofort, was das denn
+sei, ein Arbeitshaus, und was so ein Zuhälter dort tue.
+Jadassohn erklärte: „Wenn wir uns darum auch noch
+kümmern müßten!“ und war schon draußen. Diederichs
+Inneres zog sich noch mehr zusammen unter dem Gefühl
+eines schaudererregenden Abgrundes, wie er sich auftat
+zwischen Jadassohn, der hier die Macht vertrat, und ihm
+selbst, der sich zu nahe ihrem Räderwerk gewagt hatte.
+Es war aus frommer Absicht geschehen, in übergroßer
+Verehrung der Macht: gleichviel, jetzt hieß es sich besonnen
+verhalten, damit sie einen nicht ergriff und zermalmte;
+sich ducken und ganz klein machen, bis man ihr vielleicht
+doch noch entrann. Wer erst wieder dem Privatleben gehörte!
+Diederich versprach sich, fortan ganz seinem geringen,
+aber wohlverstandenen Vorteil zu leben.
+</p>
+
+<p>
+Draußen im Korridor standen jetzt Leute: ein minder
+gutes Publikum und auch das beste. Die fünf Töchter
+Buck, herausgeputzt, als sei der Prozeß ihres Schwagers
+Lauer die größte Ehre für die Familie, schnatterten in
+einer Gruppe mit Käthchen Zillich, ihrer Mutter und der
+Frau Bürgermeister Scheffelweis. Die Schwiegermutter
+dagegen ließ den Bürgermeister nicht los, und aus den
+Blicken, die sie nach dem Bruder des Herrn Buck und
+seinen Freunden Cohn und Heuteufel schleuderte, war zu
+ersehen, daß sie ihn gegen die Sache der Bucks einnahm.
+Der Major Kunze, in Uniform, stand mit finsterer Miene
+dabei und enthielt sich jeder Äußerung. Gerade erschien
+auch Pastor Zillich mit Professor Kühnchen; aber beim
+<pb n='225'/><anchor id='Pgp0225'/>Anblick der zahlreichen Gesellschaft blieben sie hinter einem
+Pfeiler. Der Redakteur Nothgroschen seinerseits ging
+grau und unbeachtet von den einen zu den anderen. Vergebens
+suchte Diederich jemand, an den er sich hätte halten
+können. Jetzt bereute er, daß er es den Seinen verboten
+hatte, herzukommen. Er blieb im Dunkeln, hinter der
+Biegung des Korridors, und streckte nur vorsichtig den
+Kopf heraus. Plötzlich zog er ihn zurück: Guste Daimchen
+mit ihrer Mutter! Sie ward sofort von den Töchtern Buck
+umringt, als eine kostbare Verstärkung ihrer Partei.
+Gleichzeitig ging dahinten eine Tür, und Wolfgang Buck
+trat auf, in Barett und Robe, und darunter Lackschuhe,
+die er sehr einwärts setzte. Er lächelte festlich, wie bei
+einem Empfang, gab allen die Hand, und seiner Braut
+küßte er sie. Es werde sehr schön werden, verhieß er; der
+Staatsanwalt sei gut disponiert, er selbst auch. Dann
+begab er sich zu den von ihm geladenen Zeugen, um mit
+ihnen zu flüstern. In diesem Augenblick verstummte man,
+denn in der Mündung der Treppe erschien der Angeklagte
+Herr Lauer und neben ihm seine Frau. Die Bürgermeisterin
+fiel ihr um den Hals: wie sie tapfer sei! „Was ist
+dabei?“ erwiderte sie mit tiefer, klangreicher Stimme.
+„Wir haben uns nichts vorzuwerfen, wie, Karl?“ Lauer
+sagte: „Gewiß nicht, Judith.“ Gerade jetzt aber ging der
+Landgerichtsrat Fritzsche vorbei. Ein Schweigen entstand;
+wie er und die Tochter des alten Buck sich begrüßten,
+blinzelte man einander zu, und die Schwiegermutter
+des Bürgermeisters machte eine Bemerkung, halblaut,
+aber sie war ihr von den Augen zu lesen.
+</p>
+
+<p>
+Diederich auf seinem schattigen Posten war von Wolfgang
+Buck entdeckt worden. Buck zog ihn hervor und führte
+ihn zu seiner Schwester. „Liebe Judith, ich weiß nicht, ob
+<pb n='226'/><anchor id='Pgp0226'/>du schon unseren werten Feind kennst, den Herrn Doktor
+Heßling. Heute wird er uns vernichten.“ Aber Frau
+Lauer lachte nicht, sie erwiderte auch Diederichs Gruß
+nicht, sie sah ihn nur an mit rücksichtsloser Neugier. Es
+war schwer, diesen dunklen Blick auszuhalten, und ward
+noch schwerer, weil sie so schön war. Diederich fühlte, wie
+das Blut ihm ins Gesicht trat, seine Augen irrten ab, er
+stammelte: „Der Herr Rechtsanwalt scherzt wohl. In
+der Sache muß ein Irrtum vorliegen ...“ Da zogen in
+dem weißen Gesicht die Brauen sich zusammen, die Mundwinkel
+sanken ausdrucksvoll herab, und Judith Lauer
+wandte Diederich den Rücken.
+</p>
+
+<p>
+Ein Gerichtsdiener zeigte sich; Wolfgang Buck ging,
+seinen Schwager Lauer zur Seite, in das Verhandlungszimmer;
+und da die Tür nicht eben freigebig geöffnet
+ward, stießen alle einander in Hast hindurch, das minder
+gute Publikum ward von dem besten überwältigt. Die
+Unterröcke der fünf Schwestern Buck rauschten heftig bei
+dem Kampf. Diederich gelangte als letzter hinein und
+mußte sich auf der Zeugenbank neben den Major Kunze
+setzen, der sofort ein Stück wegrückte. Landgerichtsdirektor
+Sprezius, anzusehen wie ein alter wurmiger Geier, erklärte
+von dort oben die Sitzung für eröffnet und rief die
+Zeugen auf, um ihnen den Ernst des Eides in Erinnerung
+zu bringen – wobei Diederich sofort ein Gesicht bekam
+wie ehemals in der Religionsstunde. Landgerichtsrat
+Harnisch ordnete Akten und sah sich im Publikum nach
+seiner Tochter um. Mehr beachtet ward der alte Landgerichtsrat
+Kühlemann, der das Krankenzimmer verlassen
+und seinen Platz zur Linken des Vorsitzenden eingenommen
+hatte. Man fand ihn schlecht aussehen, die Schwiegermutter
+des Bürgermeisters wollte wissen, er werde
+<pb n='227'/><anchor id='Pgp0227'/>sein Reichstagsmandat niederlegen – und wohin ging
+das viele Geld, wenn er starb? Bei den Zeugen drückte
+Pastor Zillich die Hoffnung aus, der Alte werde seine Millionen
+für einen Kirchenbau bestimmen; aber Professor
+Kühnchen bezweifelte es, mit durchdringender Flüsterstimme.
+„Der gibt auch nach’m Tode nischt her, der hat
+immer gedacht, man muß das Seine zusammennähm,
+und womöglich den andern ihr’s auch ...“ Da entließ
+der Vorsitzende die Zeugen aus dem Sitzungssaal.
+</p>
+
+<p>
+Sie fanden sich, da kein Zeugenzimmer vorhanden war,
+im Korridor wieder zusammen. Die Herren Heuteufel,
+Cohn und Buck <hi rend='antiqua'>junior</hi> nahmen eine Fensternische ein;
+Diederich, unter dem wütenden Blick des Majors, dachte
+peinvoll: „Jetzt wird der Angeklagte vernommen. Wüßte
+ich, was er sagt. Ich möchte ihn ebenso gern entlasten wie
+ihr!“ Vergebens versuchte er gegenüber Pastor Zillich
+seine milde Gesinnung zu beteuern: er habe immer gesagt,
+die Sache sei aufgebauscht worden. Zillich wandte sich
+verlegen weg, und Kühnchen pfiff, davonlaufend, durch
+die Zähne: „Na warte nur, mein Schibbchen, dir wer’n
+mer das Handwerk legen.“ Stumm lastete die allgemeine
+Mißbilligung auf Diederich. Endlich erschien der Gerichtsdiener.
+„Herr Doktor Heßling!“
+</p>
+
+<p>
+Diederich riß sich zusammen, um nur in kommentmäßiger
+Haltung an den Zuschauern vorbeizukommen. Er sah
+krampfhaft geradeaus; der Blick der Frau Lauer lag jetzt
+auf ihm! Er schnaufte, und er schwankte ein wenig. Links
+neben dem Beisitzer, der seine Nägel betrachtete, stand
+drohend aufgerichtet Jadassohn. Das Licht des Fensters
+hinter ihm schien durch seine abstehenden Ohren, die blutig
+leuchteten, und seine Miene heischte von Diederichs eine so
+leichenhafte Gefügigkeit, daß Diederichs Blick die Flucht
+<pb n='228'/><anchor id='Pgp0228'/>ergriff. Rechts, vor dem Angeklagten und etwas tiefer,
+fand er Wolfgang Buck sitzen, nachlässig, mit den Fäusten
+auf den fetten Schenkeln, von denen die Robe zurückfiel,
+und so gescheit und aufmunternd anzusehen, als vertrete
+er den Geist des Lichts. Landgerichtsdirektor Sprezius
+sprach Diederich die Eidesformel vor, immer nur zwei
+Worte zur Zeit und mit Herablassung. Diederich schwor
+folgsam; dann sollte er den Hergang der Dinge an jenem
+Abend im Ratskeller berichten. Er begann.
+</p>
+
+<p>
+„Wir waren eine angeregte Gesellschaft, drüben am
+Tisch saßen auch Herren ...“
+</p>
+
+<p>
+Da er schon steckenblieb, ward im Publikum gelacht.
+Sprezius fuhr auf, er hackte mit dem Geierschnabel zu
+und drohte, er werde den Saal räumen lassen. „Sonst
+wissen Sie nichts?“ fragte er unwirsch. Diederich gab zu
+bedenken, infolge geschäftlicher und anderer Aufregungen
+hätten sich ihm die Vorgänge inzwischen etwas verwirrt.
+„Dann werde ich Ihnen zur Auffrischung des Gedächtnisses
+Ihre Aussage vor dem Untersuchungsrichter vorlesen“
+– und der Vorsitzende ließ sich das Protokoll reichen.
+Daraus erfuhr Diederich zu seiner peinlichen Verwunderung,
+er habe vor dem Untersuchungsrichter Landgerichtsrat
+Fritzsche die bestimmte Angabe gemacht, daß
+von seiten des Angeklagten eine schwere Beleidigung
+Seiner Majestät des Kaisers gefallen sei. Was er darüber
+zu äußern habe. „Es kann wohl sein,“ stammelte er; „aber
+es waren viele Herren da. Ob es nun gerade der Angeklagte
+war, der das gesagt hat ...“ Sprezius beugte
+sich über den Richtertisch. „Denken Sie nach, Sie stehen
+hier unter Ihrem Eid. Andere Zeugen werden bekunden,
+daß Sie ganz allein auf den Angeklagten zugetreten sind
+und das betreffende Gespräch mit ihm geführt haben.“ –
+</p>
+
+<pb n='229'/><anchor id='Pgp0229'/>
+
+<p>
+„War ich das?“ fragte Diederich, rot übergossen. Da
+lachte unaufhaltsam der ganze Saal; Jadassohn sogar verzog
+das Gesicht zu einem verachtungsvollen Feixen. Sprezius
+hatte schon den Mund geöffnet, um loszufahren: aber
+Wolfgang Buck stand auf. Sein weiches Gesicht ward mit
+einem sichtbaren Ruck energisch, und er fragte Diederich:
+„Sie waren an dem Abend wohl stark angetrunken?“
+Sofort fielen Staatsanwalt und Vorsitzender über ihn
+her. „Ich beantrage, die Frage nicht zuzulassen!“ rief
+Jadassohn schrill. „Herr Verteidiger,“ krächzte Sprezius,
+„Sie haben nur mir die Frage vorzulegen; ob ich sie dann
+an den Zeugen richte, ist meine Sache!“ Aber die beiden,
+Diederich sah es staunend, hatten einen entschlossenen
+Gegner gefunden. Wolfgang Buck stand da, mit klangvoller
+Rednerstimme beanstandete er das Verhalten des
+Vorsitzenden, das die Rechte der Verteidigung verletze,
+und beantragte Gerichtsbeschluß darüber, ob ihm gemäß
+der Strafprozeßordnung das direkte Fragerecht an den
+Zeugen zustehe. Sprezius hackte vergeblich zu, es blieb
+ihm nichts übrig, als mit den vier Richtern rückwärts im
+Beratungszimmer zu verschwinden. Buck sah sich triumphierend
+um; seine Cousinen bewegten die Hände wie
+zum Applaus; aber auch sein Vater war inzwischen eingetreten,
+und man sah, wie der alte Buck seinem Sohn ein
+Zeichen der Mißbilligung gab. Der Angeklagte seinerseits,
+zornige Erregung im apoplektischen Gesicht, schüttelte seinem
+Verteidiger die Hand. Diederich, der allen Blicken
+ausgesetzt war, gab sich Haltung und hielt Umschau. Aber
+ach, Guste Daimchen wich ihm aus! Nur der alte Buck
+winkte wohlwollend: Diederichs Aussage hatte ihm gefallen.
+Er bemühte sich sogar aus der engen Tribüne heraus,
+um Diederich seine weiche, weiße Hand zu geben.
+<pb n='230'/><anchor id='Pgp0230'/>„Ich danke Ihnen, lieber Freund“, sagte er. „Sie haben
+die Sache so behandelt, wie sie es verdient.“ Und Diederich
+in seiner Verlassenheit bekam feuchte Augen angesichts
+der Güte des großen Mannes. Erst nachdem Herr
+Buck sich wieder auf seinen Platz begeben hatte, fiel es
+Diederich ein, daß er ihm hier ja die Geschäfte besorgte!
+Und auch sein Sohn Wolfgang war durchaus nicht so
+schlapp, wie Diederich gedacht hatte. Die politischen Gespräche
+hatte er augenscheinlich nur geführt, um sie hier
+gegen ihn auszunutzen. Treue, wahre deutsche Treue,
+die gab es in der Welt nicht, auf niemand konnte man sich
+verlassen. „Soll ich mich hier noch lange von allen Seiten
+anöden lassen?“
+</p>
+
+<p>
+Zum Glück kehrte der Gerichtshof zurück. Der alte
+Kühlemann wechselte mit dem alten Buck einen bedauernden
+Blick, und Sprezius verlas, mit merklicher Selbstbeherrschung,
+den Beschluß. Ob der Verteidiger das Recht
+der direkten Fragestellung habe, blieb unentschieden, denn
+die Frage selbst: War der Zeuge damals betrunken gewesen?
+ward als nicht zur Sache gehörig abgelehnt. Darauf
+fragte der Vorsitzende, ob der Herr Staatsanwalt noch
+eine Frage an den Zeugen zu richten habe. „Vorläufig
+nicht,“ sagte Jadassohn mit Geringschätzung, „aber ich
+beantrage, den Zeugen noch nicht zu entlassen.“ Und
+Diederich durfte sich setzen. Jadassohn erhob die Stimme.
+„Außerdem beantrage ich die sofortige Vorladung des
+Untersuchungsrichters Dr. Fritzsche, der darüber aussagen
+soll, wie die Gesinnung des Zeugen Heßling gegen den
+Angeklagten früher war.“ Diederich erschrak – im Zuschauerraum
+aber wandte man sich nach Judith Lauer um:
+sogar die beiden Assessoren am Richtertisch sahen hin ...
+Jadassohn bekam bewilligt, was er wollte.
+</p>
+
+<pb n='231'/><anchor id='Pgp0231'/>
+
+<p>
+Dann wurde Pastor Zillich herbeigeholt, vereidigt und
+sollte seinerseits über die kritische Nacht berichten. Er erklärte,
+die Eindrücke hätten sich damals überstürzt und sein
+christliches Gewissen schwer bedrängt, denn just an jenem
+Abend sei in den Straßen von Netzig Blut geflossen, wenn
+auch zu einem patriotischen Zweck. „Das gehört nicht hierher!“
+entschied Sprezius – und eben jetzt betrat den
+Saal der Regierungspräsident Herr von Wulckow, im
+Jagdanzug, mit großen, kotigen Stiefeln. Alles sah sich
+um, der Vorsitzende machte auf seinem Sitz eine Verbeugung,
+und Pastor Zillich zitterte. Vorsitzender und Staatsanwalt
+drangen abwechselnd auf ihn ein, Jadassohn sagte
+sogar mit einem Ausdruck von entsetzlicher Hinterhältigkeit:
+„Herr Pastor, Sie als Geistlichen brauche ich auf die
+Heiligkeit des Eides, den Sie geleistet haben, nicht besonders
+aufmerksam zu machen.“ Da knickte Zillich ein und
+gab zu, daß er die dem Angeklagten vorgeworfene Äußerung
+allerdings gehört habe. Der Angeklagte sprang auf
+und schlug mit der Faust auf die Bank. „Ich habe den
+Namen des Kaisers gar nicht genannt! Ich habe mich
+gehütet!“ Sein Verteidiger beruhigte ihn mit einem
+Wink und sagte: „Wir werden den Beweis erbringen, daß
+nur die provokatorische Absicht des Zeugen Dr. Heßling
+den Angeklagten zu seinen, hier falsch wiedergegebenen
+Äußerungen veranlaßt hat.“ Vorläufig bitte er den Herrn
+Vorsitzenden, den Zeugen Zillich darüber zu befragen,
+ob er nicht eine Predigt gehalten habe, die ausdrücklich
+gegen die Hetzereien des Zeugen Heßling gerichtet gewesen
+sei. Pastor Zillich stammelte, er habe nur im allgemeinen
+zum Frieden geraten und damit seiner Pflicht
+als Vertreter der Religion genügt. Jetzt wollte Buck etwas
+anderes wissen. „Hat nicht der Zeuge Zillich neuerdings
+<pb n='232'/><anchor id='Pgp0232'/>ein Interesse daran, sich mit dem Hauptbelastungszeugen
+Doktor Heßling gut zu stellen, weil nämlich seine Tochter
+–.“ Schon fuhr Jadassohn dazwischen: er protestiere
+gegen die Stellung der Frage. Sprezius rügte sie als unzulässig,
+und auf der Tribüne entstand ein mißbilligendes
+Gemurmel weiblicher Stimmen. Der Regierungspräsident
+beugte sich über die Bank zum alten Buck und sagte
+deutlich: „Ihr Sohn macht ja nette Zicken!“
+</p>
+
+<p>
+Inzwischen war der Zeuge Kühnchen aufgerufen. Der
+kleine Greis stürmte in den Saal, seine Brillen funkelten;
+schon von der Tür schrie er seine Personalien herüber, und
+die Eidesformel sagte er geläufig her, ohne sie sich vorsprechen
+zu lassen. Dann aber war er zu keiner anderen
+Aussage zu bewegen, als daß an jenem Abend die Wogen
+der nationalen Begeisterung hochgegangen seien. Zuerst
+die glorreiche Tat des Postens! Dann der herrliche Brief
+Seiner Majestät mit dem Bekenntnis zum positiven
+Christentum! „Wie der Krach war mit dem Angeklagten?
+Ja, meine Herren Richter, davon weeß ’ch Sie nischt. Da
+hab’ ’ch grade ä bißchen geschlummert.“ – „Aber nachher
+ist doch von der Sache geredet worden!“ verlangte der
+Vorsitzende. „Ich nicht!“ rief Kühnchen. „Ich hab’ eegal
+von unsern glorreichen Taten im Jahre siebzig gered’t.
+Die Franktiröhrs! hab ’ch gesagt, das war Sie eene Bande.
+Mein steifer Finger, da hat mich ä Franktiröhr draufgebissen,
+bloß weil ich ihm mit mei’m Säbel ä kleenes
+bißchen die Kehle abschneiden wollte! So eene Gemeinheit
+von dem Kerl!“ Und Kühnchen wollte den Finger am
+Richtertisch umherzeigen. „Abtreten!“ krächzte Sprezius;
+und er drohte wieder einmal mit der Räumung des Saals.
+</p>
+
+<p>
+Major Kunze trat auf: steif, wie auf Rädern, und den
+Eid leistete er in einem Ton, als stieße er gegen Sprezius
+<pb n='233'/><anchor id='Pgp0233'/>schwere Beleidigungen aus. Darauf erklärte er kurzweg,
+daß er mit dem ganzen Geseire nichts zu tun habe; er
+sei erst später in den Ratskeller gekommen. „Ich kann nur
+sagen, das Verhalten des Herrn Doktor Heßling riecht mir
+nach Denunziantentum.“
+</p>
+
+<p>
+Aber seit einer Weile roch es im Saal nach etwas anderem.
+Niemand wußte, woher es kam, auf der Tribüne
+mißtraute man einander und rückte, das Taschentuch am
+Munde, diskret vom Nachbar ab. Der Vorsitzende schnupperte
+in die Luft, und der alte Kühlemann, dessen Kinn
+schon längst auf seiner Brust lag, rührte sich im Schlaf.
+</p>
+
+<p>
+Wie Sprezius ihm vorhielt, die Herren, die ihm damals
+die Vorgänge berichtet hätten, seien doch nationale Männer
+gewesen, erwiderte der Major nur, das sei ihm gleich,
+den Herrn Doktor Heßling habe er gar nicht gekannt. Da
+aber trat Jadassohn vor; seine Ohren funkelten; mit einer
+Stimme wie ein Messer sagte er: „Herr Zeuge, ich richte
+an Sie die Frage, ob Sie den Angeklagten nicht vielleicht
+um so besser kennen. Wollen Sie sich darüber äußern, ob
+er Ihnen nicht noch vor acht Tagen hundert Mark geliehen
+hat.“ Vor Schrecken ward es ganz still im Saal,
+und alles starrte auf den Major in Uniform, der dastand
+und an seiner Antwort stammelte. Jadassohns Kühnheit
+machte Eindruck. Unverweilt nutzte er seinen Erfolg aus
+und erreichte von Kunze, daß er zugab, die Entrüstung
+der Nationalgesinnten über Lauers Äußerungen sei echt
+gewesen, auch seine eigene. Zweifellos habe der Angeklagte
+Seine Majestät gemeint. – Hier hielt Wolfgang
+Buck sich nicht mehr. „Da der Herr Vorsitzende unnötig
+findet, es zu rügen, wenn der Herr Staatsanwalt seine
+eigenen Zeugen beleidigt, kann es auch uns gleich sein!“
+Sofort hackte Sprezius nach ihm. „Herr Verteidiger! Das
+<pb n='234'/><anchor id='Pgp0234'/>ist meine Sache, was ich rüge und was nicht!“ – „Eben
+das stelle ich fest“, fuhr Buck unbeirrt fort. „Zur Sache
+selbst behaupten wir nach wie vor und werden durch
+Zeugen beweisen, daß der Angeklagte den Kaiser gar
+nicht gemeint hat.“ „Ich habe mich gehütet!“ rief der
+Angeklagte dazwischen. Buck fuhr fort: „Sollte dies dennoch
+als wahr unterstellt werden, so beantrage ich, den
+Herausgeber des Gothaischen Almanachs darüber als
+Sachverständigen zu vernehmen, welche deutsche Fürsten
+jüdisches Blut haben.“ Damit setzte er sich wieder, befriedigt
+von dem Rauschen der Sensation, das durch den
+Saal ging. Ein dröhnender Baß sagte: „Unerhört!“
+Sprezius wollte schon loshacken, sah aber noch rechtzeitig,
+wer es gewesen war: Wulckow! Sogar Kühlemann war
+davon erwacht. Der Gerichtshof steckte die Köpfe zusammen,
+dann verkündete der Vorsitzende, der Antrag
+des Verteidigers werde abgelehnt, da ein Wahrheitsbeweis
+nicht zulässig sei. Kundgebung der Mißachtung genüge
+zum Tatbestande des Delikts. Buck war geschlagen; seine
+feisten Wangen senkten sich in kindlicher Traurigkeit. Es
+ward gekichert, die Schwiegermutter des Bürgermeisters
+lachte ungeniert. Diederich auf seiner Zeugenbank war
+ihr dankbar. Er fühlte, angstvoll lauschend, wie die öffentliche
+Meinung einlenkte und ganz leise denen näher kam,
+die geschickter waren und die Macht hatten. Er tauschte
+einen Blick mit Jadassohn.
+</p>
+
+<p>
+Der Redakteur Nothgroschen war dran. Grau und unauffällig
+war er plötzlich da und funktionierte glatt, wie ein
+Aussagebeamter. Jeder, der ihn kannte, wunderte sich:
+so sicher hatte er ihn nie gesehen. Er wußte alles, belastete
+den Angeklagten auf das schwerste und redete fließend,
+als sage er einen Leitartikel her; höchstens daß zwischen
+<pb n='235'/><anchor id='Pgp0235'/>den Absätzen der Vorsitzende ihm das Stichwort gab, mit
+Anerkennung, wie einem Musterschüler. Buck, der sich
+erholt hatte, hielt ihm die Stellungnahme der „Netziger
+Zeitung“ für Lauer vor. Darauf erwiderte der Redakteur:
+„Wir sind ein liberales, also unparteiisches Blatt. Wir
+geben die Stimmung wieder. Da aber jetzt und hier die
+Stimmung dem Angeklagten ungünstig ist –.“ Er mußte
+sich draußen im Korridor darüber informiert haben! Buck
+nahm eine ironische Stimme an. „Ich stelle fest, daß der
+Zeuge eine etwas sonderbare Auffassung seiner Eidespflicht
+bekundet.“ Aber Nothgroschen war nicht einzuschüchtern.
+„Ich bin Journalist,“ erklärte er, und er setzte
+hinzu: „Ich bitte den Herrn Vorsitzenden, mich vor Beleidigungen
+des Verteidigers zu schützen.“ Sprezius ließ
+sich nicht bitten; und er entließ den Redakteur in Gnaden.
+</p>
+
+<p>
+Es schlug zwölf; Jadassohn machte den Vorsitzenden aufmerksam,
+daß der Untersuchungsrichter Dr. Fritzsche sich zur
+Verfügung des Gerichts halte. Er ward aufgerufen – und
+kaum, daß er sich in der Tür zeigte, gingen alle Augen hin
+und her zwischen ihm und Judith Lauer. Sie war noch
+bleicher geworden, der schwarze Blick, der ihn zum Richter
+begleitete, vergrößerte sich noch, er bekam etwas stumm
+Eindringliches; aber Fritzsche vermied ihn. Auch ihn fand
+man schlecht aussehend, sein Schritt dagegen bekundete
+Entschlossenheit. Diederich stellte fest, daß er von seinen zwei
+Gesichtern für diese Gelegenheit das trockene gewählt hatte.
+</p>
+
+<p>
+Welche Eindrücke er während der Voruntersuchung von
+dem Zeugen Heßling gewonnen habe? Der Zeuge hatte
+seine Aussage durchaus freiwillig und selbständig gemacht,
+in Form einer durch das frische Erlebnis noch bewegten
+Auseinandersetzung. Die Zuverlässigkeit des Zeugen, die
+Fritzsche an der Hand seiner ferneren Ermittelungen hatte
+<pb n='236'/><anchor id='Pgp0236'/>nachprüfen können, stand außer allem Zweifel. Daß der
+Zeuge heute kein deutliches Erinnerungsbild mehr hatte,
+war nur durch die Erregung des Augenblicks zu erklären ...
+Und der Angeklagte? – Hier hörte man den Saal aufhorchen.
+Fritzsche schluckte hinunter. Auch der Angeklagte
+hatte persönlich einen eher günstigen Eindruck auf ihn
+gemacht, trotz der vielen belastenden Momente.
+</p>
+
+<p>
+„Halten Sie, bei widerstreitenden Zeugenaussagen, den
+Angeklagten des ihm zur Last gelegten Delikts fähig?“
+fragte Sprezius.
+</p>
+
+<p>
+Fritzsche erwiderte: „Der Angeklagte ist ein gebildeter
+Mann; ausdrücklich beleidigende Worte zu gebrauchen,
+wird er sich gehütet haben.“
+</p>
+
+<p>
+„Das sagt der Angeklagte selbst“, bemerkte der Vorsitzende
+streng. Fritzsche sprach schneller. Der Angeklagte
+war durch seine bürgerliche Wirksamkeit gewöhnt, Autorität
+mit fortschrittlichen Neigungen zu verbinden. Er
+hielt sich offenbar für einsichtsvoller und zur Kritik berechtigter
+als die meisten anderen Menschen. Es war also denkbar,
+daß er in gereiztem Zustand – und durch die Erschießung
+des Arbeiters von seiten des Wachtpostens hatte
+er sich gereizt gefühlt – seinen politischen Anschauungen
+einen Ausdruck gab, der, ob äußerlich vielleicht auch einwandfrei,
+die beleidigende Absicht hindurchschimmern ließ.
+</p>
+
+<p>
+Hier sah man den Vorsitzenden und den Staatsanwalt
+aufatmen. Die Landgerichtsräte Harnisch und Kühlemann
+warfen Blicke auf das Publikum, durch das eine lebhafte
+Bewegung ging. Der Assessor links besah auch jetzt noch
+seine Nägel; der rechts aber, ein junger Mann mit nachdenklichem
+Gesicht, beobachtete den Angeklagten, den er
+gleich vor sich hatte. Die Hände des Angeklagten waren
+krampfig um die Brüstung seiner Bank gespannt, und die
+<pb n='237'/><anchor id='Pgp0237'/>Augen, hervortretende braune Augen, richtete er auf seine
+Frau. Sie aber sah unverwandt auf Fritzsche, halbgeöffneten
+Mundes, wie abwesend, mit einem Ausdruck von
+Leiden, Scham und Schwäche. Die Schwiegermutter des
+Bürgermeisters äußerte deutlich: „Und zwei Kinder hat
+sie zu Hause.“ Plötzlich schien Lauer das Geflüster um ihn
+her zu bemerken, alle diese Blicke, die wegsahen, wenn er
+sie streifte. Er sank zusammen, sein stark gerötetes Gesicht
+entleerte sich so jäh vom Blut, daß der junge Assessor erschreckt
+auf seinem Stuhl rückte.
+</p>
+
+<p>
+Diederich, dem es immer wohler ward, war wahrscheinlich
+der einzige, der dem Dialog zwischen dem Vorsitzenden
+und dem Untersuchungsrichter noch folgte. Dieser Fritzsche!
+Niemandem, auch Diederich selbst nicht, war die Sache
+aus guten Gründen anfangs peinlicher gewesen. Hatte er
+nicht auf Diederich als Zeugen eine nahezu pflichtwidrige
+Einwirkung geübt? Und das protokollierte Ergebnis von
+Diederichs Aussage war nun dennoch schwer belastend,
+und Fritzsches eigenes Zeugnis erst recht. Er war nicht
+weniger rücksichtslos vorgegangen als Jadassohn. Seine
+engen und besonderen Beziehungen zum Hause Lauer
+hatten keineswegs vermocht, ihn der Aufgabe zu entfremden,
+die ihm oblag, dem Schutze der Macht. Nichts
+Menschliches hielt stand vor der Macht. Welche Lehre für
+Diederich ... Auch Wolfgang Buck empfing sie, auf
+seine Art. Von unten betrachtete er Fritzsche, mit einer
+Miene, als müßte er sich erbrechen.
+</p>
+
+<p>
+Wie der Untersuchungsrichter mit Drehungen des Körpers,
+die nicht unbefangen wirkten, auf den Ausgang zusteuerte,
+ward lauter geflüstert. Die Schwiegermutter des Bürgermeisters
+sagte, mit dem Lorgnon nach der Frau des Angeklagten
+zielend: „Eine nette Gesellschaft!“ Man widersprach
+<pb n='238'/><anchor id='Pgp0238'/>ihr nicht; man hatte angefangen, die Lauers ihrem Schicksal
+zu überlassen. Guste Daimchen biß sich auf die Lippe, Käthchen
+Zillich schickte einen raschen Senkblick zu Diederich.
+Dr. Scheffelweis beugte sich hinüber zu dem Haupt der
+Familie Buck, drückte ihm die Hand und sagte süß: „Ich
+hoffe, lieber Freund und Gönner, alles wird noch gut.“
+</p>
+
+<p>
+Der Vorsitzende befahl dem Gerichtsdiener: „Lassen Sie
+mal den Zeugen Cohn ’rein!“ Die Reihe war an den
+Entlastungszeugen! Der Vorsitzende schnupperte in die
+Luft. „Hier riecht es aber schlecht“, bemerkte er. „Krecke,
+machen Sie hinten ein Fenster auf!“ Und er suchte mit den
+Augen unter dem minder guten Publikum, das dort oben
+eng gedrängt saß. Dagegen war auf den unteren Bänken
+freier Raum, und der freieste um den Regierungspräsidenten
+von <anchor id="corr238"/><corr sic="Wulckowin">Wulckow in</corr> seiner verschwitzten Jagdjoppe....
+Das geöffnete Fenster, durch das es eisig hereinblies, bewirkte
+Murren unter den auswärtigen Journalisten, die
+dort hinten verstaut saßen. Aber Sprezius richtete nur den
+Schnabel gegen sie: da duckten sie sich in ihre Rockkragen.
+</p>
+
+<p>
+Jadassohn sah siegesgewiß dem Zeugen entgegen.
+Sprezius ließ ihn eine Weile reden, dann räusperte Jadassohn
+sich; er hielt einen Akt in der Hand. „Zeuge Cohn,“
+begann er, „Sie sind Inhaber des unter Ihrem Namen
+bestehenden Warenhauses seit 1889?“ Und unvermittelt:
+„Geben Sie zu, daß gleich damals einer Ihrer Lieferanten,
+ein gewisser Lehmann, sich in Ihren Lokalitäten
+durch Erschießen das Leben genommen hat?“ Und mit
+dämonischer Befriedigung blickte er auf Cohn, denn die
+Wirkung seiner Worte war außerordentlich. Cohn begann
+zu zappeln und nach Luft zu schnappen. „Die alte
+Verleumdung!“ kreischte er. „Er hat es doch gar nicht
+meinetwegen getan! Er war unglücklich verheiratet! Mit
+<pb n='239'/><anchor id='Pgp0239'/>der Geschichte haben die Leute mich schon einmal kaputt
+gemacht, und nun fängt der Mann wieder an!“ Auch der
+Verteidiger protestierte. Sprezius hackte auf Cohn zu.
+Der Herr Staatsanwalt sei kein Mann! Und wegen des
+Ausdrucks Verleumdung nehme das Gericht den Zeugen
+in eine Ordnungsstrafe von fünfzig Mark. Damit war
+Cohn erledigt. Der Bruder des Herrn Buck ward vernommen.
+Ihn fragte Jadassohn geradeheraus: „Zeuge
+Buck, Sie haben ein notorisch schlechtgehendes Geschäft,
+wovon leben Sie?“ Hier entstand ein solches Gemurmel,
+daß Sprezius schnell eingriff: „Herr Staatsanwalt, gehört
+das wirklich zur Sache?“ Aber Jadassohn war allem
+gewachsen. „Herr Vorsitzender, die Anklagebehörde hat
+ein Interesse, den Nachweis zu erbringen, daß der Zeuge
+sich in wirtschaftlicher Abhängigkeit von seinen Verwandten,
+besonders aber von seinem Schwager, dem Angeklagten,
+befindet. Die Glaubwürdigkeit des Zeugen ist danach
+zu bemessen.“ Der lange, elegante Herr Buck stand mit
+gesenktem Kopf da. „Das genügt“, erklärte Jadassohn;
+und Sprezius entließ diesen Zeugen. Seine fünf Töchter
+rückten unter den Blicken der Menge auf ihrer Bank zusammen
+wie eine Lämmerherde im Unwetter. Das minder
+gute Publikum der oberen Reihen lachte feindselig.
+Sprezius bat wohlwollend um Ruhe und ließ sich den
+Zeugen Heuteufel kommen.
+</p>
+
+<p>
+Wie nun Heuteufel die Hand zum Schwur hob, schleuderte
+Jadassohn ihm die seine mit einem dramatischen
+Wurf entgegen.
+</p>
+
+<p>
+„Ich möchte zunächst an den Zeugen die Frage richten,
+ob er zugibt, die das Delikt der Majestätsbeleidigungen
+darstellenden Äußerungen durch seine Zustimmung begünstigt
+und noch verschärft zu haben.“ Heuteufel
+er<pb n='240'/><anchor id='Pgp0240'/>widerte: „Ich gebe gar nichts zu“, – worauf Jadassohn
+ihm seine Aussage im Vorverhör entgegenhielt. Mit erhobener
+Stimme: „Ich beantrage Gerichtsbeschluß darüber,
+daß die Beeidigung dieses Zeugen unterbleiben
+soll, weil er der Teilnahme am Delikt verdächtig ist.“ Noch
+schneidender: „Die Gesinnung des Zeugen darf als gerichtsnotorisch
+gelten. Der Zeuge gehört zu den von Seiner
+Majestät dem Kaiser mit Recht so genannten vaterlandslosen
+Gesellen. Überdies befleißigt er sich in regelmäßigen
+Versammlungen, die er als Sonntagsfeiern für
+freie Menschen bezeichnet, der Verbreitung des krassesten
+Atheismus, wodurch seine Tendenzen gegenüber einem
+christlichen Monarchen ohne weiteres charakterisiert sind.“
+Und Jadassohns Ohren strahlten Feuer aus, wie ein ganzes
+Glaubensbekenntnis. Wolfgang Buck stand auf,
+lächelte skeptisch und meinte, die religiösen Überzeugungen
+des Herrn Staatsanwalts seien offenbar von mönchischer
+Strenge, es könne ihm nicht zugemutet werden, daß er
+einen Nichtchristen für glaubwürdig halte. Das Gericht
+aber werde wohl anderer Meinung sein und den Antrag
+des Staatsanwalts ablehnen. Da wuchs Jadassohn
+furchtbar empor. Wegen der Verhöhnung seiner Person
+beantragte er gegen den Verteidiger eine Ordnungsstrafe
+von hundert Mark! Der Gerichtshof zog sich zur Beratung
+zurück. Sofort brach im Saal ein aufgeregtes Durcheinander
+von Meinungen aus. Dr. Heuteufel schob die Hände
+in die Taschen und maß mit langen Blicken Jadassohn, der,
+dem Schutze des Gerichts entzogen, von Panik ergriffen
+ward und gegen die Wand wich. Diederich war es, der
+ihm zu Hilfe kam, denn er hatte dem Herrn Staatsanwalt
+leise eine wichtige Mitteilung zu machen ... Schon
+kehrten die Richter zurück. Die Beeidigung des Zeugen
+<pb n='241'/><anchor id='Pgp0241'/>Heuteufel ward vorerst ausgesetzt. Der Verteidiger war
+wegen Verhöhnung des Herrn Staatsanwalts in eine Ordnungsstrafe
+von achtzig Mark genommen.
+</p>
+
+<p>
+In das weitere Verhör Heuteufels griff der Verteidiger
+ein, der vom Zeugen wissen wollte, wie er, als intimer
+Bekannter des Angeklagten, sein Familienleben beurteile.
+Heuteufel machte eine Bewegung, durch den Saal rauschte
+es: man hatte verstanden. Aber ob Sprezius die Frage
+zuließ? Er hatte schon den Mund geöffnet, um sie abzulehnen,
+begriff aber noch rechtzeitig, daß man einer
+Sensation nicht ausweichen dürfe – worauf Heuteufel
+den mustergültigen Zuständen im Hause Lauer hohes Lob
+spendete. Jadassohn trank die Worte des Zeugen, bebend
+vor Ungeduld. Endlich konnte er, mit namenlosem Triumph
+in der Stimme, seine Frage stellen. „Will der
+Zeuge sich auch darüber äußern, welcher Art die Weiber
+sind, aus deren Bekanntschaft er persönlich die Kenntnis
+des Familienlebens schöpft, und ob er nicht in einem gewissen
+Hause verkehrt, das im Volksmund Klein-Berlin
+heißt?“ Und noch im Sprechen vergewisserte er sich, daß
+die Damen im Publikum, und gleich ihnen die Richter,
+tief verletzte Gesichter bekamen. Der Hauptentlastungszeuge
+war vernichtet! Heuteufel versuchte noch zu antworten:
+„Der Herr Staatsanwalt wird es wissen. Wir
+sind uns dort wohl begegnet.“ Aber das diente nur dazu,
+daß Sprezius ihm eine Ordnungsstrafe von fünfzig Mark
+auferlegen konnte. „Der Zeuge hat im Saal zu bleiben“,
+entschied der Vorsitzende schließlich. „Das Gericht braucht
+ihn noch zur weiteren Aufklärung des Tatbestandes.“
+Heuteufel äußerte: „Ich meinerseits bin aufgeklärt über
+den Betrieb hier und würde es vorziehen, das Lokal zu
+verlassen.“ Sofort wurden aus den fünfzig Mark hundert.
+</p>
+
+<pb n='242'/><anchor id='Pgp0242'/>
+
+<p>
+Wolfgang Buck sah sich unruhig um. Seine Lippen
+schienen die Stimmung im Saal zu schmecken, sie verzogen
+sich, als äußerte sich die Stimmung in diesem merkwürdigen
+Geruch, der seit das Fenster geschlossen war, sich
+wieder gelagert hatte. Buck sah die Sympathien, die ihn
+hereinbegleitet hatten, zersprengt und abgestumpft, seine
+Kampfmittel unnütz verbraucht; und das Gähnen der vom
+Hunger in die Länge gezogenen Gesichter, die Ungeduld
+der Richter, die nach der Uhr schielten, verhieß ihm nichts
+Gutes. Er sprang auf; retten, was zu retten war! Und
+er machte seine Stimme energisch, um die Vorladung weiterer
+Zeugen für die Nachmittagssitzung zu beantragen.
+„Da der Herr Staatsanwalt es zum System erhebt, die
+Glaubwürdigkeit unserer Zeugen zu bezweifeln, sind wir
+bereit, den guten Leumund des Angeklagten zu beweisen
+durch die Aussagen der ersten Männer von Netzig. Kein
+Geringerer als Herr Bürgermeister Dr. Scheffelweis wird
+dem Gericht die bürgerlichen Verdienste des Angeklagten
+bezeugen. Der Herr Regierungspräsident von Wulckow
+wird nicht umhin können, ihm seine staatsfreundliche und
+kaisertreue Gesinnung zu bestätigen.“
+</p>
+
+<p>
+„Nanu“, sagte dahinten aus dem freien Raum der dröhnende
+Baß. Buck strengte seine Stimme an.
+</p>
+
+<p>
+„Für die sozialen Tugenden des Angeklagten aber
+werden seine sämtlichen Arbeiter eintreten.“
+</p>
+
+<p>
+Und Buck setzte sich, hörbar keuchend. Jadassohn bemerkte
+kalt: „Der Herr Verteidiger beantragt eine Volksabstimmung.“
+Die Richter berieten flüsternd; und Sprezius
+verkündete: das Gericht gebe nur dem Antrage des
+Verteidigers statt, der sich auf die Vernehmung des Bürgermeisters
+Dr. Scheffelweis beziehe. Da der Bürgermeister
+im Saal war, wurde er sogleich aufgerufen.
+</p>
+
+<pb n='243'/><anchor id='Pgp0243'/>
+
+<p>
+Er arbeitete sich aus seiner Bank heraus. Frau und
+Schwiegermutter hielten ihn von beiden Seiten fest und
+gaben ihm hastig Forderungen mit, die einander widersprechen
+mußten, denn der Bürgermeister langte sichtlich
+verstört am Richtertisch an. Welche Gesinnung der Angeklagte
+in der bürgerlichen <anchor id="corr243"/><corr sic="Offentlichkeit">Öffentlichkeit</corr> betätigte?
+Dr. Scheffelweis wußte Gutes darüber zu bekunden. So
+hatte der Angeklagte sich in den städtischen Kollegien eingesetzt
+für die Wiederherstellung des altberühmten Pfaffenhauses,
+wo die Haare aufbewahrt wurden, die bekanntlich
+Dr. Martin Luther dem Teufel aus dem Schwanz
+gerissen hatte. Freilich, auch den Saalbau der „Freien
+Gemeinde“ hatte er unterstützt und dadurch unleugbar
+viel Anstoß erregt. Im Geschäftsleben sodann genoß der
+Angeklagte die allgemeine Achtung; die sozialen Reformen,
+die er in seiner Fabrik eingeführt hatte, wurden vielfach
+bewundert, – wenn freilich auch dagegen eingewendet
+ward, daß sie die Ansprüche der Arbeiter ins ungemessene
+steigerten und so den Umsturz vielleicht doch
+zu befördern geeignet waren. „Würde der Herr Zeuge“,
+fragte der Verteidiger, „den Angeklagten des ihm zur
+Last gelegten Delikts für fähig halten?“ – „Einerseits“,
+erwiderte Scheffelweis, „gewiß nicht.“ – „Aber andererseits?“
+fragte der Staatsanwalt. Der Zeuge erwiderte:
+„Andererseits gewiß.“
+</p>
+
+<p>
+Nach dieser Antwort durfte der Bürgermeister sich zurückziehen;
+seine zwei Damen empfingen ihn, eine so unzufrieden
+wie die andere; und der Vorsitzende schickte sich
+an, die Sitzung aufzuheben, da räusperte Jadassohn sich.
+Er beantragte, nochmals den Zeugen Doktor Heßling zu
+vernehmen, der seine Aussage zu ergänzen wünsche. Sprezius
+klappte mißgelaunt mit den Lidern, das Publikum,
+<pb n='244'/><anchor id='Pgp0244'/>das soeben aus den Bänken herausrutschte, murrte laut;
+– aber Diederich war schon vorgetreten, festen Schrittes,
+und hatte schon mit klarer Stimme zu sprechen begonnen.
+Nach reiflicher Überlegung sei er zu der Einsicht gelangt,
+daß er seine im Vorverhör gemachte Aussage vollinhaltlich
+aufrechterhalten könne; und er wiederholte sie, aber verschärft
+und erweitert. Er fing mit der Erschießung des Arbeiters
+an und gab die kritischen Bemerkungen der Herren
+Lauer und Heuteufel wieder. Die Zuhörer, die das Fortgehen
+vergessen hatten, verfolgten die Schlacht der Gesinnungen
+über die blutbetropfte Kaiser-Wilhelm-Straße bis
+in den Ratskeller, sahen die feindlichen Reihen sich bis zum
+Entscheidungskampf ordnen, Diederich wie mit geschwungenem
+Degen unter den gotischen Kronleuchter vorrücken und
+den Angeklagten herausfordern auf Leben und Tod.
+</p>
+
+<p>
+„Denn, meine Herren Richter, ich leugne es nicht länger,
+ich habe ihn herausgefordert! Wird er das Wort sprechen,
+an dem ich ihn packen kann? Er sprach es und, meine
+Herren Richter, ich habe ihn gepackt und habe damit nur
+meine Pflicht erfüllt und würde sie auch heute wieder
+erfüllen, mögen mir daraus in gesellschaftlicher und geschäftlicher
+Beziehung selbst noch mehr Nachteile erwachsen,
+als ich in der letzten Zeit zu ertragen gehabt habe! Der
+uneigennützige Idealismus, meine Herren Richter, ist ein
+Vorrecht des Deutschen, er wird ihn unentwegt betätigen,
+mag ihm angesichts der Menge der Feinde gelegentlich
+auch der Mut sinken. Als ich vorhin mit meiner Aussage
+noch zögerte, war es nicht nur, wie der Untersuchungsrichter
+mir gütigst zubilligte, eine Verwirrung des Gedächtnisses:
+es war, ich gestehe es, ein vielleicht begreifliches
+Zurückweichen vor der Schwere des Kampfes, den
+ich auf mich nehmen sollte. Aber ich nehme ihn auf mich,
+<pb n='245'/><anchor id='Pgp0245'/>denn kein Geringerer als Seine Majestät unser erhabener
+Kaiser verlangt es von mir ...“ Diederich sprach fließend
+weiter, mit einem Schwung in den Sätzen, der einem den
+Atem nahm. Jadassohn fand, daß der Zeuge anfange, die
+Wirkungen seines Plaidoyers vorwegzunehmen, und
+blickte unruhig auf den Vorsitzenden. Sprezius aber dachte
+offenbar nicht daran, Diederich zu unterbrechen. Mit
+unbewegtem Geierschnabel und ohne die Lider zu klappen,
+sah er auf Diederichs eiserne Miene, worin es drohend
+blitzte. Der alte Kühlemann sogar ließ die Lippe hängen
+und hörte zu. Wolfgang Buck aber: vorgebeugt auf seinem
+Stuhl, spähte er zu Diederich hinauf, gespannt, sachkundig
+und die Augen voll eines feindlichen Entzückens.
+Das war eine Volksrede! Ein Auftritt von bombensicherer
+Wirkung! Ein Schlager! „Mögen unsere Bürger“,
+rief Diederich, „endlich aus dem Schlummer erwachen,
+in dem sie sich so lange gewiegt haben, und nicht bloß dem
+Staat und seinen Organen die Bekämpfung der umwälzenden
+Elemente überlassen, sondern selbst mit Hand anlegen!
+Das ist Befehl Seiner Majestät und, meine Herren
+Richter, da sollte ich zögern? Der Umsturz erhebt das
+Haupt, eine Rotte von Menschen, nicht wert den Namen
+Deutsche zu tragen, wagt es, die geheiligte Person des
+Monarchen in den Staub zu ziehen ...“
+</p>
+
+<p>
+Im minder guten Publikum lachte jemand. Sprezius
+hackte zu und drohte den Lacher in Strafe zu nehmen.
+Jadassohn seufzte. Jetzt war es Sprezius freilich nicht
+mehr möglich, den Zeugen zu unterbrechen.
+</p>
+
+<p>
+In Netzig hatte der kaiserliche Kampfruf bisher leider
+nur zu wenig Widerhall gefunden! Hier verschloß man
+Augen und Ohren vor der Gefahr, man verharrte in den
+veralteten Anschauungen einer spießbürgerlichen
+Demo<pb n='246'/><anchor id='Pgp0246'/>kratie und Humanität, die den vaterlandslosen Feinden
+der göttlichen Weltordnung den Weg ebneten. Eine
+forsche nationale Gesinnung, einen großzügigen Imperialismus
+begriff man hier noch nicht. „Die Aufgabe der
+modern gesinnten Männer ist es, auch Netzig dem neuen
+Geist zu erobern, im Sinne unseres herrlichen jungen
+Kaisers, der jeden Treugesinnten, er sei edel oder unfrei,
+zum Handlanger seines erhabenen Wollens bestellt hat!“
+Und Diederich schloß: „Daher, meine Herren Richter, war
+ich berechtigt, dem Angeklagten, als er nörgeln wollte,
+mit aller Entschiedenheit entgegenzutreten. Ich habe
+ohne persönlichen Groll gehandelt, um der Sache willen.
+Sachlich sein heißt deutsch sein! Und ich meinerseits“ –
+er blitzte zu Lauer hinüber – „bekenne mich zu meinen
+Handlungen, denn sie sind der Ausfluß eines tadellosen
+Lebenswandels, der auch im eigenen Hause auf Ehre hält
+und weder Lüge noch Sittenlosigkeit kennt!“
+</p>
+
+<p>
+Große Bewegung im Saal. Diederich, hingerissen von
+der edlen Gesinnung, die er ausdrückte, berauscht durch
+seine Wirkung, fuhr fort, den Angeklagten anzublitzen. Da
+aber wich er zurück: der Angeklagte, zitternd und wankend,
+stemmte sich am Geländer seiner Bank empor; er hatte
+rollende, blutunterlaufene Augen, und sein Kiefer bewegte
+sich, als habe ihn der Schlag gerührt. „Oh!“ machten weibliche
+Stimmen, voll erwartungsvollen Schauderns. Aber
+der Angeklagte hatte nur Zeit, einige rauhe Laute gegen
+Diederich auszustoßen: sein Verteidiger hatte ihn am Arm
+erfaßt und redete auf ihn ein. Inzwischen verkündete der
+Vorsitzende, daß der Herr Staatsanwalt sein Plaidoyer
+um vier Uhr beginnen werde, und verschwand samt den
+Beisitzern. Diederich, halb betäubt, sah sich auf einmal
+bestürmt von Kühnchen, Zillich, Nothgroschen, die ihn
+<pb n='247'/><anchor id='Pgp0247'/>beglückwünschten. Fremde Leute schüttelten ihm die
+Hand: die Verurteilung sei todsicher, der Lauer dürfe einpacken.
+Der Major Kunze erinnerte den erfolgreichen
+Diederich daran, daß zwischen ihnen niemals eine Meinungsverschiedenheit
+entstanden sei. Auf dem Korridor
+kam ganz nahe an Diederich, den gerade eine Menge
+Damen umgaben, der alte Buck vorüber. Er zog seine
+schwarzen Handschuhe an und sah dabei dem jungen
+Mann ins Gesicht: ohne die Verbeugung zu erwidern,
+die Diederich wider Willen machte, ihm immer ins Gesicht,
+mit einem Blick, prüfend und traurig, so traurig,
+daß auch Diederich, mitten aus seinem Triumph heraus,
+ihm traurig nachsah.
+</p>
+
+<p>
+Plötzlich merkte er, daß die fünf Töchter Buck sich nicht
+entblödeten, ihm Komplimente zu machen. Sie flatterten,
+rauschten und fragten, warum er denn zu der spannenden
+Verhandlung nicht auch seine Schwestern mitgebracht
+habe. Da maß er diese fünf herausgeputzten Gänse, eine
+nach der anderen, von oben bis unten und erklärte ihnen,
+streng und abweisend, es gäbe Dinge, die denn doch ernster
+seien als eine Theatervorstellung. Erstaunt ließen sie ihn
+stehen. Der Korridor leerte sich; zuletzt erschien noch Guste
+Daimchen. Sie machte eine Bewegung auf Diederich zu.
+Aber Wolfgang Buck holte sie ein, lächelnd, als sei nichts
+geschehen; und mit ihm waren der Angeklagte und seine
+Frau. Schnell sandte Guste zu Diederich einen Blick hin,
+der sein Zartgefühl anrief. Er drückte sich hinter einen
+Pfeiler und ließ, indes ihm das Herz klopfte, die Geschlagenen
+vorüber.
+</p>
+
+<p>
+Wie er gehen wollte, trat aus dem Amtszimmer der
+Regierungspräsident, Herr von Wulckow. Diederich stellte
+sich, den Hut in der Hand, am Wege auf, schlug im
+rich<pb n='248'/><anchor id='Pgp0248'/>tigen Augenblick die Hacken zusammen, und wirklich,
+Wulckow blieb stehen. „Na also!“ sagte er aus der Tiefe
+seines Bartes und klopfte Diederich auf die Schulter. „Sie
+haben das Rennen gemacht. Sehr brauchbare Gesinnung.
+Wir sprechen uns noch.“ Und er ging weiter auf
+seinen kotigen Stiefeln, schwenkte den Bauch in der verschwitzten
+Jagdhose und hinterließ, durchdringend wie je,
+diesen Geruch gewalttätiger Männlichkeit, der bei allem,
+was geschah, im Gerichtssaal gelagert hatte.
+</p>
+
+<p>
+Beim Ausgang drunten hielt sich noch immer der Bürgermeister
+auf, mit Frau und Schwiegermutter, die von beiden
+Seiten auf ihn eindrangen, und deren Forderungen er,
+bleich und hoffnungslos, in Einklang zu bringen suchte.
+</p>
+
+<milestone unit="tb"/>
+
+<p>
+Zu Hause wußten sie schon alles. Sie hatten, alle drei,
+im Vestibül auf das Ende der Verhandlung gewartet und
+sich von Meta Harnisch erzählen lassen, was vorging.
+Frau Heßling umarmte ihren Sohn unter stummen
+Tränen. Die Schwestern standen etwas betreten dabei,
+denn noch gestern hatten sie nur Geringschätzung gehabt
+für Diederichs Rolle im Prozeß, die sich nun als so glänzend
+erwies. Aber Diederich, in der schönen Vergeßlichkeit des
+Sieges, ließ Wein zum Essen auftragen, und er erklärte
+ihnen, der heutige Tag sichere für alle Zeit ihre gesellschaftliche
+Stellung in Netzig. „Die fünf Damen Buck
+werden sich hüten, auf der Straße wegzusehen. Sie können
+froh sein, wenn ihr sie zurückgrüßt!“ Die Verurteilung
+des Lauer war, so versicherte Diederich, nur mehr
+eine Formalität. Sie war entschieden, und mit ihr auch
+Diederichs unaufhaltsamer Aufstieg! „Freilich –“ und
+er nickte in sein Glas – „trotz voller Pflichterfüllung hätte
+es schief gehen können, und dann, meine Lieben, das
+<pb n='249'/><anchor id='Pgp0249'/>wollen wir uns nur gestehen, dann wäre ich wahrscheinlich
+aufgeflogen und Magdas Heirat mit!“ Da Magda erbleichte,
+klopfte er ihr den Arm. „Jetzt sind wir fein heraus.“
+Und das Glas erhoben, mit männlicher Festigkeit:
+„Welch eine Wendung durch Gottes Fügung!“ Er ordnete
+an, daß beide sich schön machten und mitkämen. Frau
+Heßling bat um Nachsicht, sie fürchtete zu sehr die Aufregung.
+Diesmal konnte Diederich warten, die Schwestern
+durften sich anziehen, so lange sie mochten. Als sie
+eintrafen, waren schon alle im Saal, aber es waren nicht
+dieselben. Sämtliche Bucks fehlten, und mit ihnen Guste
+Daimchen, Heuteufel, Cohn, die ganze Loge, der freisinnige
+Wahlverein. Sie gaben sich besiegt! Die Stadt
+wußte es, man drängte sich herbei, ihre Niederlage zu
+erleben; das minder gute Publikum war vorgerückt bis
+in die vorderen Bänke. Wer von dem einstigen Klüngel
+sich noch hier fand, Kühnchen und Kunze trugen Sorge,
+daß jeder auf ihren Gesichtern die gute Gesinnung lese.
+Auch einige verdächtige Gestalten freilich saßen dazwischen:
+junge Leute mit müden, aber ausdrucksvollen Mienen,
+samt mehreren auffallenden Mädchen, die unheimlich
+schöne Farben im Gesicht hatten; und alle tauschten Grüße
+mit Wolfgang Buck. Das Stadttheater! Buck hatte sich
+nicht entblödet, sie zu seinem Plaidoyer einzuladen!
+</p>
+
+<p>
+Der Angeklagte wandte hastig den Kopf, sooft jemand
+eintrat. Er wartete auf seine Frau! „Wenn er meint,
+daß sie noch kommt!“ dachte Diederich. Aber da kam sie:
+noch bleicher als heute früh, begrüßte ihren Gatten mit
+einem Blick, der flehend war; setzte sich still an das Ende
+einer Bank und richtete die Augen geradeaus nach dem
+Richtertisch, stumm und stolz, wie ins Schicksal ... Der
+Gerichtshof hatte den Saal betreten. Der Vorsitzende
+<pb n='250'/><anchor id='Pgp0250'/>eröffnete die Sitzung und erteilte das Wort dem Herrn
+Staatsanwalt.
+</p>
+
+<p>
+Jadassohn begann sofort mit äußerster Heftigkeit; nach
+einigen Sätzen fand er schon keine Steigerung mehr und
+wirkte matt; die Mitglieder des Stadttheaters lächelten
+einander geringschätzig zu. Jadassohn bemerkte es, er
+fing an, die Arme zu schwenken, dass die Robe flog; seine
+Stimme überschlug sich, und die Ohren loderten. Die
+geschminkten Mädchen fielen auf die Brüstung ihrer Bank,
+so ausgelassen kicherten sie. „Merkt denn Sprezius
+nichts?“ fragte die Schwiegermutter des Bürgermeisters.
+Aber das Gericht schlief. Diederich in seinem Herzen
+frohlockte; er hatte seine Rache an Jadassohn! Jadassohn
+konnte nichts vorbringen, als womit er selbst schon das
+Rennen gemacht hatte! Es war gemacht, das wußte
+Wulckow, und auch Sprezius wußte es, darum schlief
+er, mit offenen Augen. Jadassohn selbst fühlte es am
+besten; er nahm sich immer unsicherer aus, je geräuschvoller
+er ward. Als er schließlich zwei Jahre Gefängnis
+beantragte, gaben alle, die er gelangweilt hatte, ihm
+unrecht: wie es schien, auch die Richter. Der alte Kühlemann
+schrak auf, mit einem Schnarcher. Sprezius
+klappte mehrmals die Lider, um sich zu ermuntern, und
+dann sagte er: „Der Herr Verteidiger hat das Wort.“
+</p>
+
+<p>
+Wolfgang Buck erhob sich langsam. Seine sonderbaren
+Freunde auf der Tribüne murmelten beifällig, was
+Buck trotz Sprezius’ geschärftem Schnabel in Ruhe abwartete.
+Dann erklärte er leichthin, als werde er mit allem
+in zwei Minuten fertig werden, daß die Beweisaufnahme
+ein dem Angeklagten durchaus günstiges Bild ergeben
+habe. Der Herr Staatsanwalt vertrete mit Unrecht die
+Anschauung, daß die Aussage von Zeugen, die erst infolge
+<pb n='251'/><anchor id='Pgp0251'/>drohender Eingriffe in ihre eigene Existenz schlecht ausgesagt
+hätten, irgendeinen Wert habe. Vielmehr sie habe
+den Wert, daß sie auf geradezu glänzende Weise die Unschuld
+des Angeklagten belege, da so viele als wahrheitsliebend
+bekannte Männer nur durch eine Erpressung –.
+Weiter kam er natürlich nicht. Als der Vorsitzende sich
+beruhigt hatte, fuhr Buck gelassen fort. Wolle man aber
+als erwiesen annehmen, daß der Angeklagte die ihm zur
+Last gelegte Äußerung wirklich getan habe, so entfalle
+hier doch der Begriff der Strafbarkeit; denn der Zeuge
+Doktor Heßling habe offen eingestanden, daß er den Angeklagten
+mit Absicht und Vorbedacht provoziert habe.
+Es frage sich vielmehr, ob nicht eben der Zeuge Heßling,
+durch seine provokatorische Absicht, der eigentliche geistige
+Urheber einer strafbaren Handlung sei, die er mit der unwillkürlichen
+Hilfe eines anderen und unter bewußter Ausnutzung
+seiner Erregung vollführt habe. Der Verteidiger
+empfahl dem Herrn Staatsanwalt die nähere Beschäftigung
+mit dem Zeugen Heßling. Hier wandten viele sich
+nach Diederich um, und ihm ward schwül. Aber die wegwerfende
+Miene des Vorsitzenden ermutigte ihn wieder.
+</p>
+
+<p>
+Buck machte sein Organ milde und warm. Nein, er
+wolle nicht das Unglück des Zeugen Heßling, den er als
+das Opfer eines weit Höheren betrachte. „Warum
+häufen sich in diesen Zeiten die Anklagen wegen Majestätsbeleidigung?
+Man wird sagen: infolge solcher Vorgänge
+wie die Erschießung des Arbeiters. Ich erwidere:
+nein; sondern dank den Reden, die diese Vorgänge begleiten.“
+Sprezius rückte den Kopf, wetzte schon den
+Schnabel, zog sich aber noch zurück. Buck ließ sich nicht
+stören; er machte sein Organ männlich und stark.
+</p>
+
+<p>
+„Drohungen und überspannte Ansprüche auf der einen
+<pb n='252'/><anchor id='Pgp0252'/>Seite zeitigen Zurückweisungen auf der anderen. Der
+Grundsatz: wer nicht für mich ist, ist wider mich, zieht
+eine grelle Grenze zwischen Byzantinern und Majestätsbeleidigern.“
+</p>
+
+<p>
+Da hackte Sprezius zu. „Herr Verteidiger, ich kann
+nicht dulden, daß Sie an Worten des Kaisers hier Kritik
+üben. Wenn Sie damit fortfahren, wird das Gericht Sie
+in Ordnungsstrafe nehmen.“
+</p>
+
+<p>
+„Ich füge mich der Anordnung des Herrn Vorsitzenden“,
+sagte Buck, und die Worte wurden in seinem Munde
+immer runder und gewichtiger. „Ich werde also nicht
+vom Fürsten sprechen, sondern vom Untertan, den er sich
+formt; nicht von Wilhelm dem Zweiten, sondern vom
+Zeugen Heßling. Sie haben ihn gesehen! Ein Durchschnittsmensch
+mit gewöhnlichem Verstand, abhängig von
+Umgebung und Gelegenheit, mutlos, solange hier die
+Dinge schlecht für ihn standen, und von großem Selbstbewußtsein,
+sobald sie sich gewendet hatten.“
+</p>
+
+<p>
+Diederich auf seinem Platz schnaufte. Warum schützte
+Sprezius ihn nicht? Es wäre seine Pflicht gewesen!
+Einen nationalgesinnten Mann ließ er in öffentlicher
+Sitzung verächtlich machen – von wem? Vom Verteidiger,
+dem berufsmäßigen Vertreter der subversiven
+Tendenzen! Da war etwas faul im Staat!... Es begann
+in ihm zu kochen, wenn er Buck ansah. Das war
+der Feind, der Antipode; da gab es nur eins: zerschmettern!
+Diese beleidigende Menschlichkeit in Bucks dickem
+Profil! Man fühlte seine herablassende Liebe zu den
+Worten, die er bildete, um Diederich zu kennzeichnen!
+</p>
+
+<p>
+„Wie er“, sagte Buck, „waren zu jeder Zeit viele Tausende,
+die ihr Geschäft versahen und eine politische Meinung
+hatten. Was hinzukommt und ihn zu einem neuen
+<pb n='253'/><anchor id='Pgp0253'/>Typus macht, ist einzig die Geste: das Prahlerische des
+Auftretens, die Kampfstimmung einer vorgeblichen Persönlichkeit,
+das Wirkenwollen um jeden Preis, wäre er
+auch von anderen zu bezahlen. Die Andersdenkenden
+sollen Feinde der Nation heißen, und wären sie zwei
+Drittel der Nation. Klasseninteressen, mag sein, aber umgelogen
+durch Romantik. Eine romantische Prostration
+vor einem Herrn, der seinem Untertan von seiner Macht
+das Nötige leihen soll, um die noch kleineren niederzuhalten.
+Und da es in Wirklichkeit und im Gesetz weder
+den Herrn noch den Untertan gibt, erhält das öffentliche
+Leben einen Anstrich schlechten Komödiantentums. Die
+Gesinnung trägt Kostüm, Reden fallen, wie von Kreuzrittern,
+indes man Blech erzeugt oder Papier; und das
+Pappschwert wird gezogen für einen Begriff wie den
+der Majestät, den doch kein Mensch mehr, außer in
+Märchenbüchern, ernsthaft erlebt. Majestät ...“ wiederholte
+Buck, das Wort durchschmeckend, und einige Hörer
+schmeckten es mit. Die Leute vom Theater, denen es
+offenbar mehr auf die Worte als auf den Sinn ankam,
+legten die Hand an die Ohren und murmelten beifällig.
+Den anderen sprach Buck zu gewählt, und daß er an keinen
+Dialekt anklang, befremdete. Aber Sprezius war im
+Sessel emporgestiegen, er kreischte beutegierig: „Herr
+Verteidiger, zum letzten Male fordere ich Sie auf, die
+Person des Monarchen nicht in die Debatte zu ziehen.“
+Durch das Publikum lief eine Bewegung. Wie Buck
+den Mund wieder öffnete, versuchte jemand zu klatschen,
+Sprezius hackte noch rechtzeitig zu. Es war eins der
+auffallenden Mädchen gewesen.
+</p>
+
+<p>
+„Erst der Herr Vorsitzende“, sagte Buck, „hat die Person
+des Monarchen genannt. Aber, da sie nun genannt
+<pb n='254'/><anchor id='Pgp0254'/>ist, darf ich, ohne Verlegenheit für das Gericht, feststellen,
+daß diese Person durch die Vollständigkeit, mit der sie
+im heute gegebenen Moment die Tendenzen des Landes
+ausdrückt und darstellt, etwas fast Verehrungswürdiges
+bekommt. Ich will den Kaiser – und der Herr Vorsitzende
+wird es nicht auf sich nehmen, mich zu unterbrechen
+– einen großen Künstler nennen. Kann ich
+mehr tun? Wir alle kennen nichts Höheres ... Ebendarum
+sollte es nicht erlaubt sein, daß jeder mittelmäßige
+Zeitgenosse ihm nachäfft. Im Glanz des Thrones mag
+einer seine zweifellos einzige Persönlichkeit spielen lassen,
+mag reden, ohne daß wir mehr von ihm erwarten
+als Reden, mag blitzen, blenden, den Haß imaginärer
+Rebellen herausfordern und den Beifall eines Parterres,
+das seine bürgerliche Wirklichkeit darüber nicht vergißt ...“
+</p>
+
+<p>
+Diederich erbebte; und alle hatten die Münder offen
+und gespannte Augen, als bewegte Buck sich auf einem
+Seil zwischen zwei Türmen. Ob er stürzte? Sprezius hielt
+den Schnabel gezückt. Aber kein Zug von Ironie zeichnete
+die Miene des Verteidigers: es schwang sich etwas darin
+auf wie eine erbitterte Begeisterung. Plötzlich ließ er die
+Mundwinkel fallen, grau schien es um ihn her zu werden.
+</p>
+
+<p>
+„Aber ein Netziger Papierfabrikant?“ fragte er. Er war
+nicht gestürzt, er hatte wieder Boden unter den Füßen!
+Nun sah alles sich nach Diederich um, und man lächelte
+sogar. Auch Emmi und Magda lächelten. Buck hatte
+seine Wirkung, und Diederich mußte sich leider sagen,
+daß ihr gestriges Gespräch auf der Straße hierfür die
+Generalprobe gewesen sei. Er duckte sich unter dem offenen
+Hohn des Redners.
+</p>
+
+<p>
+„Die Papierfabrikanten neigen heute dazu, sich eine
+Rolle anzumaßen, für die sie nicht fabriziert sind. Zischen
+<pb n='255'/><anchor id='Pgp0255'/>wir sie aus! Sie haben kein Talent! Das ästhetische
+Niveau unseres öffentlichen Lebens, das vom Auftreten
+Wilhelms des Zweiten eine so ruhmreiche Erhöhung erfahren
+hat, kann durch Kräfte wie den Zeugen Heßling
+nur verlieren ... Und mit dem Ästhetischen, meine
+Herren Richter, sinkt oder steigt das Moralische. Erlogene
+Ideale ziehen unlautere Sitten nach sich, dem politischen
+Schwindel folgt der bürgerliche.“
+</p>
+
+<p>
+Buck hatte sein Organ streng gemacht. Zum ersten
+Male erhob er es nun bis zum Pathos.
+</p>
+
+<p>
+„Denn, meine Herren Richter, ich beschränke mich nicht
+auf die mechanistische Doktrin, die der Partei des sogenannten
+Umsturzes so teuer ist. Mehr Veränderung
+als alle Wirtschaftsgesetze erzeugt in der Welt das Beispiel
+eines großen Mannes. Und wehe, wenn es ein
+falsch verstandenes Beispiel war! Dann kann es geschehen,
+daß über das Land sich ein neuer Typus verbreitet, der in
+Härte und Unterdrückung nicht den traurigen Durchgang
+zu menschlicheren Zuständen sieht, sondern den Sinn des
+Lebens selbst. Schwach und friedfertig von Natur, übt er
+sich, eisern zu scheinen, weil in seiner Vorstellung Bismarck
+es war. Und mit unberechtigter Berufung auf einen
+noch Höheren wird er lärmend und unsolide. Kein Zweifel:
+die Siege seiner Eitelkeit werden geschäftlichen Zwecken
+dienen. Zuerst bringt die Komödie seiner Gesinnung
+einen Majestätsbeleidiger ins Gefängnis. Später findet
+sich, was daran zu verdienen ist. Meine Herren Richter!“
+</p>
+
+<p>
+Buck breitete die Arme aus, als solle seine Toga die
+Welt umfassen, er trug die gesammelte Miene eines
+Führers. Und er legte los, mit allem, was er hatte.
+</p>
+
+<p>
+„Sie sind souverän; und Ihre Souveränität ist die erste
+und stärkste. In Ihrer Hand ist das Schicksal des
+einzel<pb n='256'/><anchor id='Pgp0256'/>nen. Sie können ihn in das Leben schicken oder ihn sittlich
+töten – was kein Fürst kann. Die Norm aber der
+Individuen, die Sie gutheißen oder verwerfen, bildet
+ein Geschlecht. Und so haben Sie Macht über unsere Zukunft.
+Bei Ihnen liegt die unermeßliche Verantwortung,
+ob künftig Männer wie der Angeklagte die Gefängnisse
+füllen und Wesen wie der Zeuge Heßling der herrschende
+Teil der Nation sein sollen. Entscheiden Sie sich zwischen
+den beiden! Entscheiden Sie sich zwischen Streberei und
+mutiger Arbeit, zwischen Komödie und Wahrheit!
+Zwischen einem, der, um selbst emporzukommen, Opfer
+verlangt, und dem anderen, der Opfer darbringt, damit
+Menschen es besser haben! Der Angeklagte hat getan,
+was erst wenige vermochten: er hat sich seines Herrentums
+begeben, hat denen, die unter ihm standen, gleiches
+Recht zugebilligt, Behagen und Hoffnungsfreude. Und
+jemand, der in seinem Nächsten so sehr sich selbst achtet,
+sollte fähig sein, von der Person des Kaisers mit Nichtachtung
+zu sprechen?“
+</p>
+
+<p>
+Die Hörer atmeten. Mit neuen Gefühlen blickte man
+auf den Angeklagten, der die Stirn in die Hand stützte, auf
+seine Frau, die starr vor sich hinsah. Mehrere schluchzten.
+Der Vorsitzende sogar hatte eine betretene Miene. Seine
+Lider klappten nicht mehr; mit runden Augen saß er da,
+als hätte Buck ihn eingefangen. Der alte Kühlemann
+nickte achtungsvoll, und an Jadassohn zeigten sich unwillkürliche
+Zuckungen.
+</p>
+
+<p>
+Aber Buck mißbrauchte seinen Erfolg, er ließ sich berauschen.
+„Das Erwachen des Bürgers!“ rief er aus.
+„Die wahrhaft nationale Gesinnung! Die stille Tat eines
+Lauer tut mehr dafür als hundert hallende Monologe
+selbst eines gekrönten Künstlers!“
+</p>
+
+<pb n='257'/><anchor id='Pgp0257'/>
+
+<p>
+Sofort klappte Sprezius wieder; und man sah ihm an,
+er hatte sich besonnen, wie die Dinge eigentlich lagen, und
+versprach sich, nicht zum zweiten Male auf den Leim zu
+gehen. Jadassohn feixte; und im Saal fühlten die meisten,
+der Verteidiger habe verspielt. Unter allgemeiner Unruhe
+ließ der Vorsitzende ihn das Lob des Angeklagten beenden.
+</p>
+
+<p>
+Als Buck sich dann setzte, wollten die Schauspieler
+klatschen; aber Sprezius hackte nicht einmal mehr zu, er
+warf nur einen gelangweilten Blick hin und fragte, ob der
+Herr Staatsanwalt zu replizieren wünsche. Jadassohn verneinte
+geringschätzig, und der Gerichtshof zog sich rasch
+zurück. „Das Urteil wird bald gefunden sein“, sagte Diederich
+mit Achselzucken – obwohl ihm von Bucks Rede noch
+arg beklommen war. „Gott sei Dank!“ sagte die Schwiegermutter
+des Bürgermeisters. „Man sollte nicht glauben,
+daß vor fünf Minuten die Leute noch obenauf waren.“
+Sie wies auf Lauer, der sich das Gesicht trocknete, und auf
+Buck, den wahrhaftig die Schauspieler beglückwünschten.
+</p>
+
+<p>
+Schon kehrten die Richter zurück, und Sprezius verkündete
+das Urteil: sechs Monate Gefängnis – was allen
+die natürlichste Lösung schien. Dazu war noch auf Verlust
+der vom Angeklagten bekleideten öffentlichen Ämter
+erkannt worden.
+</p>
+
+<p>
+Der Vorsitzende begründete das Urteil damit, daß eine
+beleidigende Absicht zum Tatbestande des Delikts nicht
+erforderlich sei. Daher tue auch die Frage, ob eine Provokation
+stattgefunden habe, nichts zur Sache. Im Gegenteil:
+daß der Angeklagte es gewagt habe, vor national gesinnten
+Zeugen so zu sprechen, falle erschwerend ins
+Gewicht. Die Behauptung des Angeklagten, daß er nicht
+den Kaiser gemeint habe, sei vom Gericht für hinfällig
+befunden. „Den Hörern der Rede mußte sich –
+nament<pb n='258'/><anchor id='Pgp0258'/>lich bei ihrer Parteistellung und der ihnen bekannten
+antimonarchischen Richtung des Angeklagten – die Ansicht
+aufdrängen, daß seine Äußerung sich gegen den
+Kaiser richte. Wenn der Angeklagte vorgibt, daß er sich
+wohl gehütet habe, eine Majestätsbeleidigung zu begehen,
+so hat er eben nicht die Beleidigung selbst, sondern nur
+ihre strafrechtlichen Folgen vermeiden wollen.“
+</p>
+
+<p>
+Dies leuchtete allen ein, man fand es von Lauer begreiflich,
+aber hinterlistig. Der Verurteilte ward sofort
+verhaftet; als man auch dies noch miterlebt hatte zerstreute
+man sich, unter Bemerkungen, die ihm nicht günstig
+waren. Nun war es wohl aus mit Lauer, denn was
+sollte in dem halben Jahr, das er absitzen mußte, aus
+seinem Geschäft werden! Infolge des Urteils war er
+auch nicht mehr Stadtverordneter. Er konnte künftig
+weder nützen noch schaden! Dem Buckschen Klüngel,
+der so dick tat, war der Denkzettel zu gönnen. Man sah
+sich nach der Frau des Sträflings um; aber sie war verschwunden.
+„Nicht einmal die Hand hat sie ihm gegeben!
+Nette Verhältnisse!“
+</p>
+
+<milestone unit="tb"/>
+
+<p>
+Aber in den Tagen, die folgten, geschahen Dinge, die
+zu noch herberen Urteilen nötigten. Judith Lauer hatte
+sofort ihre Koffer gepackt und war nach dem Süden gereist.
+Nach dem Süden! – indes ihr leiblicher Mann dort oben
+in der Vogtei saß, mit einer Wache unter seinem Gitterfenster.
+Und – ein auffallendes Zusammentreffen!
+</p>
+
+<p>
+Landgerichtsrat Fritzsche nahm plötzlich Urlaub. Eine
+Karte von ihm aus Genua gelangte an Doktor Heuteufel,
+der sie umherzeigte: wahrscheinlich, um sein eigenes Benehmen
+in Vergessenheit zu bringen. Es wäre kaum
+<pb n='259'/><anchor id='Pgp0259'/>noch nötig gewesen, die Lauerschen Dienstboten und die
+armen verlassenen Kinder auszuforschen: man wußte Bescheid!
+Der Skandal war so groß, daß die „Netziger Zeitung“
+eingriff, mit einer an die oberen Zehntausend gerichteten
+Warnung, nicht den umstürzlerischen Tendenzen
+durch Zügellosigkeit entgegenzukommen. In einem zweiten
+Artikel legte Nothgroschen dar, daß man unrecht tue,
+Reformen, wie die in Lauers Betrieb eingeführten, besonders
+zu rühmen. Denn was hatten die Arbeiter von
+der Beteiligung? Im Durchschnitt, nach Lauers eigenen
+Aufstellungen, noch nicht achtzig Mark im Jahr. Das
+konnte man ihnen auch in Form eines Weihnachtsgeschenkes
+zuwenden! Aber freilich, dann war es keine
+Demonstration mehr gegen die bestehende Gesellschaftsordnung!
+Dann hatte auch die vom Gericht festgestellte
+antimonarchische Gesinnung des Fabrikherrn nichts dabei
+zu gewinnen! Und wenn Herr Lauer auf den Dank
+der Arbeiter gezählt hatte, konnte er sich jetzt eines Besseren
+belehren: vorausgesetzt, so fügte Nothgroschen hinzu,
+daß er im Gefängnis das sozialdemokratische Blatt
+zu lesen bekam. Denn das warf ihm vor, daß er durch
+seine leichtsinnige Majestätsbeleidigung mehrere hundert
+Arbeiterfamilien in ihrer Existenz gefährdet habe.
+</p>
+
+<p>
+Die „Netziger Zeitung“ trug der veränderten Lage noch
+in anderer, sehr bezeichnender Weise Rechnung. Ihr
+Direktor Tietz wandte sich an das Heßlingsche Werk wegen
+eines Teils der Papierlieferung. Die Auflage sei gestiegen
+und Gausenfeld zur Zeit überlastet. Diederich sagte
+sich sofort, daß dahinter der alte Klüsing selbst stecke. Er
+war beteiligt an der Zeitung, ohne ihn geschah dort nichts.
+Wenn der etwas aus der Hand ließ, fürchtete er offenbar,
+sonst noch mehr zu verlieren. Die Kreisblätter! Die
+<pb n='260'/><anchor id='Pgp0260'/>Lieferungen für die Regierung! Angst vor Wulckow, das
+war es. Daß Diederich durch seine Zeugenaussage den
+Präsidenten auf sich aufmerksam gemacht hatte, mußte
+der Alte wohl erfahren haben – obwohl er kaum mehr
+in die Stadt kam. Die alte Papierspinne dort hinten
+in ihrem Netz, das über die Provinz und noch weiter gespannt
+war, witterte Gefahr und ward unruhig. „Er
+möchte mich abspeisen mit der ‚Netziger Zeitung‘! Aber
+so billig tun wir’s nicht. In dieser harten Zeit! Hat er
+’ne Ahnung von meiner Großzügigkeit. Wenn ich erst
+Wulckow hinter mir habe: – ich beerbe ihn einfach!“
+sagte Diederich laut, mit einem Schlag auf das Schreibpult,
+so daß Sötbier emporschrak. „Hüten Sie sich vor
+Aufregungen!“ höhnte Diederich. „In Ihren Jahren,
+Sötbier! Ich gebe zu, früher haben Sie manches geleistet
+für die Firma. Aber die Geschichte mit dem Holländer
+war schlimm; da haben Sie mich entmutigt, und
+jetzt hätte ich ihn nötig für die ‚Netziger Zeitung‘. Sie
+sollten sich ausruhen, es gelingt nichts mehr.“
+</p>
+
+<p>
+Zu den Folgen, die der Prozeß für Diederich hatte, gehörte
+auch ein Brief des Majors Kunze. Dieser wünschte
+ein bedauerliches Mißverständnis aufzuklären und teilte
+mit, daß der Aufnahme des hochverdienten Herrn Doktors
+in den Kriegerverein nichts mehr im Wege stehe. Diederich,
+gerührt durch seinen Triumph, hätte am liebsten
+gleich die beiden Hände des alten Soldaten ergriffen.
+Glücklicherweise erkundigte er sich und erfuhr, daß der
+Brief auf Herrn von Wulckow selbst zurückzuführen war!
+Der Regierungspräsident hatte den Kriegerverein mit
+seinem Besuch beehrt und sich gewundert, den Doktor
+Heßling nicht dort zu finden. Da ward Diederich es inne,
+was für eine Macht er war. Er handelte demgemäß. Er
+<pb n='261'/><anchor id='Pgp0261'/>antwortete auf die private Eröffnung des Majors durch
+ein offizielles Schreiben an den Verein und forderte den
+persönlichen Besuch von zwei Mitgliedern des Vorstandes,
+der Herren Major Kunze und Professor Kühnchen.
+Sie kamen auch; Diederich empfing sie, zwischen Geschäftsbesuchen,
+die er absichtlich auf diese Stunde gelegt
+hatte, in seinem Bureau und diktierte ihnen die Adresse,
+von deren Überreichung er die Annahme ihres ehrenvollen
+Antrags abhängig machte. Darin ließ er sich bestätigen,
+daß er, mit glänzender Unerschrockenheit allen
+Verleumdungen trotzend, seine treudeutsche und kaisertreue
+Gesinnung bewährt habe. Durch sein Eingreifen sei
+es gelungen, den vaterlandslosen Elementen Netzigs eine
+empfindliche Schlappe beizubringen. Aus einem unter den
+größten persönlichen Opfern geführten Kampf sei Diederich
+als lauterer, echt deutscher Charakter hervorgegangen.
+</p>
+
+<p>
+Bei der Feier seiner Aufnahme verlas Kunze die
+Adresse, und Diederich, Tränen in der Stimme, bekannte
+sich unwürdig, so viel Lob entgegenzunehmen. Wenn in
+Netzig die nationale Sache Fortschritte mache, so sei dies,
+nächst Gott, einem Höheren zu danken, dessen erhabene
+Weisungen er seinerseits in freudigem Gehorsam ausführe
+... Alle, auch Kunze und Kühnchen, waren bewegt.
+Es war ein großer Abend. Diederich stiftete einen
+Pokal – und er hielt eine Rede, worin er die Schwierigkeiten
+berührte, denen die neue Militärvorlage im Reichstage
+begegnete. „Einzig unser scharfes Schwert“, rief
+Diederich aus, „sichert unsere Stellung in der Welt, und
+es scharf zu erhalten, ist der Beruf Seiner Majestät des
+Kaisers! Wenn der Kaiser ruft, wird es herausfliegen aus
+der Scheide! Die Gesellschaft im Reichstag, die da was
+dreinreden will, mag sich hüten, daß es sie nicht zuerst
+<pb n='262'/><anchor id='Pgp0262'/>trifft! Mit Seiner Majestät ist nicht zu spaßen, meine
+Herren, das kann ich Ihnen nur sagen.“ Diederich blitzte,
+und er nickte schwerwiegend, als wüßte er manches. Im
+selben Augenblick kam ihm wirklich ein Einfall. „Neulich
+auf dem Brandenburgischen Provinziallandtag hat der
+Kaiser dem Reichstag den Standpunkt klargemacht. Er
+hat gesagt: ‚Wenn die Kerls mir meine Soldaten nicht
+bewilligen, räum’ ich die ganze Bude aus!‘“ – Das
+Wort erregte Begeisterung; und als Diederich allen, die
+ihm zutranken, nachgekommen war, hätte er nicht mehr
+sagen können, ob es von ihm selbst war oder nicht doch
+vom Kaiser. Schauer der Macht strömten aus dem Wort
+auf ihn ein, als wäre es echt gewesen ... Tags darauf
+stand es in der „Netziger Zeitung“ und schon am Abend
+im „Lokal-Anzeiger“. Schlechtgesinnte Blätter verlangten
+ein Dementi, aber es blieb aus.
+</p>
+
+</div><div rend="page-break-before: always">
+ <index index="toc" level1="V"/>
+ <index index="pdf" level1="V"/>
+<pb n='263'/><anchor id='Pgp0263'/>
+
+<head>V.</head>
+
+<p>
+Noch schwellten solche Hochgefühle Diederichs Brust,
+da bekamen Emmi und Magda eine Einladung von
+Frau von Wulckow, nachmittags zum Tee. Es konnte nur
+wegen des Stückes sein, das die Regierungspräsidentin
+beim nächsten Fest der „Harmonie“ aufführen ließ.
+Emmi und Magda sollten Rollen bekommen. Freudegerötet
+kehrten sie heim: Frau von Wulckow war überaus
+gnädig gewesen; eigenhändig hatte sie ihnen immer
+wieder Kuchen auf den Teller gelegt. Inge Tietz mochte
+platzen. Offiziere spielten mit! Man brauchte besondere
+Toiletten; wenn Diederich vielleicht glaubte, daß sie mit
+ihren fünfzig Mark –. Aber Diederich eröffnete ihnen
+einen unbegrenzten Kredit. Nichts von dem, was sie
+kauften, fand er schön genug. Das Wohnzimmer lag voll
+von Bändern und künstlichen Blumen, die Mädchen verloren
+den Kopf, weil Diederich ihnen dreinredete: da
+kam Besuch, Guste Daimchen.
+</p>
+
+<p>
+„Ich habe doch der glücklichen Braut noch gar nicht
+richtig gratuliert“, sagte sie und versuchte gönnerhaft zu
+lächeln; aber ihre Augen gingen besorgt über die Bänder
+und Blumen. „Das ist wohl auch für das dumme Stück?“
+fragte sie. „Wolfgang hat davon gehört, er sagt, es ist
+unerhört dumm.“ Magda erwiderte: „Dir muß er es
+doch sagen, weil du nicht mitspielst.“ Und Diederich erklärte:
+„Damit entschuldigt er sich dafür, daß Sie seinetwegen
+bei Wulckows nicht eingeladen werden.“ Guste
+lachte geringschätzig. „Auf Wulckows verzichten wir, aber
+zum Harmonieball gehen wir gerade.“ Diederich fragte:
+<pb n='264'/><anchor id='Pgp0264'/>„Wollen Sie den ersten Eindruck des Prozesses nicht lieber
+vorübergehen lassen?“ Er sah sie teilnehmend an.
+„Liebes Fräulein Guste, wir sind so alte Bekannte, ich
+darf Sie wohl darauf hinweisen, daß Ihre Verbindung
+mit den Bucks Ihnen jetzt in der Gesellschaft nicht gerade
+nützt.“ – Guste zuckte mit den Augen, man sah, sie hatte
+sich das schon selbst gedacht. Magda bemerkte: „Gott sei
+Dank, mit meinem Kienast ist es nicht so.“ Worauf Emmi:
+„Aber Herr Buck ist interessanter. Neulich bei seiner Rede
+hab’ ich geweint, wie im Theater.“ – „Und überhaupt!“
+rief Guste ermutigt. „Erst gestern hat er mir diese Tasche
+geschenkt.“ Sie hielt den vergoldeten Sack empor, nach
+dem Emmi und Magda schon lange schielten. Magda
+sagte spitz: „Er hat wohl viel verdient mit der Verteidigung.
+Kienast und ich, wir sind für Sparsamkeit.“ Aber
+Guste hatte ihre Genugtuung gehabt. „Dann will ich auch
+nicht länger stören“, sagte sie.
+</p>
+
+<p>
+Diederich begleitete sie hinunter. „Ich bringe Sie nach
+Haus, wenn Sie artig sind,“ sagte er, „aber vorher muß
+ich noch einen Blick in die Fabrik tun. Gleich wird Schicht
+gemacht.“ – „Ich kann ja mitgehen“, meinte Guste. Um
+ihr zu imponieren, führte er sie geradeswegs zu der
+großen Papiermaschine. „So was haben Sie wohl noch
+nicht gesehen?“ Und mit Wichtigkeit erläuterte er ihr das
+System von Bassins, Walzen und Zylindern, worüber
+hin, durch die ganze Länge des Saales, die Masse floß:
+zuerst wässerig, dann immer trockener – und am Ende
+der Maschine lief auf großen Rollen das fertige Papier ...
+Guste schüttelte den Kopf. „Nein so was! Und der Krach,
+den sie macht! Und die Hitze hier!“ Diederich, mit seiner
+Wirkung noch nicht zufrieden, fand einen Grund, um die
+Arbeiter anzudonnern; und wie Napoleon Fischer
+dazu<pb n='265'/><anchor id='Pgp0265'/>kam, war nur er schuld! Beide schrien gegen den Lärm
+der Maschine an, Guste verstand nichts; aber Diederichs
+geheime Angst sah in dem dünnen Bart des Maschinenmeisters
+immer das gewisse Grinsen, das an seine Mitwisserschaft
+in der Angelegenheit des Holländers erinnerte
+und die offene Verleugnung jeder Autorität war. Je
+heftiger Diederich sich gebärdete, desto ruhiger ward der
+andere. Diese Ruhe war Aufruhr! Schnaufend und
+bebend öffnete Diederich die Tür zum Packraum und ließ
+Guste eintreten. „Der Mann ist Sozialdemokrat!“ erklärte
+er. „So ein Kerl wäre imstande, hier Feuer zu
+legen. Aber ich entlass’ ihn nicht: nun gerade nicht!
+Wollen sehen, wer der Stärkere ist. Die Sozialdemokratie
+nehme ich auf mich!“ Und da Guste ihn bewundernd
+ansah: „Das hätten Sie wohl nicht gedacht, auf was für
+einem gefahrvollen Posten unsereiner steht. Furchtlos
+und treu, ist mein Wahlspruch. Sehen Sie, ich verteidige
+hier unsere heiligsten nationalen Güter geradeso
+gut wie unser Kaiser. Dazu gehört mehr Mut, als wenn
+einer vor Gericht schöne Reden hält.“
+</p>
+
+<p>
+Guste sah es ein, sie hatte eine andächtige Miene. „Hier
+ist es kühler,“ bemerkte sie, „wenn man aus der Hölle
+nebenan kommt. Die Frauen hier können froh sein.“ –
+„Die?“ erwiderte Diederich. „Die haben es wie im
+Paradies!“ Er führte Guste zu dem Tisch: eine der
+Frauen sortierte die Bogen, eine zweite prüfte nach, und
+die dritte zählte immerfort bis fünfhundert. Alles ging
+mit unerklärlicher Schnelligkeit; die Bogen flogen ununterbrochen
+einander nach, wie von selbst und ohne
+Widerstand gegen die arbeitenden Hände, die im endlos
+über sie hingehenden Papier sich aufzulösen schienen:
+Hände und Arme, die Frau selbst, ihre Augen, ihr Gehirn,
+<pb n='266'/><anchor id='Pgp0266'/>ihr Herz. Das alles war da und lebte, damit die Bogen
+flogen ... Guste gähnte – indes Diederich erklärte,
+daß diese Weiber, die im Akkord arbeiteten, sich schändliche
+Nachlässigkeiten zuschulden kommen ließen. Er wollte
+schon dazwischenfahren, weil ein Bogen mitflog, woran
+eine Ecke fehlte. Aber Guste sagte plötzlich mit einer Art
+von Trotz: „Sie brauchen sich übrigens nicht einzubilden,
+daß Käthchen Zillich sich für Sie besonders interessiert ...
+Wenigstens nicht mehr als für gewisse andere Leute“,
+setzte sie hinzu; und auf seine verwirrte Frage, was sie
+denn meine, lächelte sie bloß anzüglich. „Ich muß Sie
+doch bitten“, wiederholte er. Darauf nahm Guste ihre
+gönnerhafte Miene an. „Ich sage es nur zu Ihrem Besten.
+Denn Sie scheinen nichts zu merken? Mit Assessor Jadassohn
+zum Beispiel? Aber Käthchen ist überhaupt so
+eine.“ Jetzt lachte Guste laut, so begossen sah Diederich
+aus. Sie ging weiter, und er folgte. „Mit Jadassohn?“
+forschte er angstvoll. Da hörte der Lärm der Maschine
+auf, die Glocke ging, die den Schluß der Arbeit anzeigte,
+und über den Hof entfernten sich schon Arbeiter. Diederich
+zuckte die Achseln. „Was Fräulein Zillich macht,
+läßt mich kalt“, erklärte er. „Höchstens um den alten
+Pastor tut es mir leid, wenn sie wirklich so eine ist. Wissen
+Sie das denn genauer?“ Guste sah weg. „Überzeugen Sie
+sich doch selbst!“ Worauf Diederich geschmeichelt lachte.
+</p>
+
+<p>
+„Lassen Sie das Gas brennen!“ rief er dem Maschinenmeister
+zu, der vorbeiging. „Ich drehe selbst ab.“ Gerade
+ward der Lumpensaal weit geöffnet für die Fortgehenden.
+„Oh!“ rief Guste, „dort drinnen ist es aber romantisch!“
+Denn sie erblickte dahinten in der Dämmerung
+lauter bunte Flecken aus grauen Hügeln und darüber
+einen Wald von Ästen. „Ach“, sagte sie im Nähertreten.
+<pb n='267'/><anchor id='Pgp0267'/>„Ich dachte, weil es hier schon so dunkel ist ... Das sind
+ja bloß Lumpensäcke und Heizungsrohre.“ Und sie verzog
+das Gesicht. Diederich jagte die Arbeiterinnen empor,
+die trotz der Betriebsordnung sich auf den Säcken ausruhten.
+Mehrere, kaum, daß die Arbeit fortgelegt war,
+strickten schon, andere aßen. „Das könnte euch passen“,
+schnaubte er. „Wärme schinden auf meine Kosten!
+Raus!“ Sie standen langsam auf, ohne ein Wort, ohne
+Widerstand in der Miene; und vorbei an der fremden
+Dame, nach der alle dumpf neugierig den Kopf wandten,
+trabten sie in ihren Männerschuhen hinaus, schwerfällig
+wie eine Herde und umgeben von dem Dunst, worin sie
+lebten. Diederich behielt jede scharf im Auge, bis sie
+draußen war. „Fischer!“ schrie er plötzlich. „Was hat
+die Dicke da unterm Tuch?“ Der Maschinenmeister erklärte
+mit seinem zweideutigen Grinsen: „Das ist nur,
+weil sie was erwartet“, – worauf Diederich unzufrieden
+den Rücken wandte. Er belehrte Guste. „Ich glaubte, ich
+hätte eine erwischt. Sie stehlen nämlich Lumpen. Jawohl.
+Sie machen Kinderkleider draus.“ Und da Guste die Nase
+rümpfte: „Das ist doch zu gut für die Proletenkinder!“
+</p>
+
+<p>
+Mit den Spitzen ihrer Handschuhe hob Guste einen der
+Fetzen vom Boden. Plötzlich hatte Diederich ihr Handgelenk
+gefangen und küßte es gierig, im Spalt des Handschuhs.
+Erschreckt sah sie sich um. „Ach so, alle Leute sind
+schon fort.“ Sie lachte selbstsicher. „Ich hab’ mir doch
+gleich gedacht, was Sie jetzt noch in der Fabrik zu tun
+haben.“ Diederich machte ein herausforderndes Gesicht.
+„Na und Sie? Warum sind Sie überhaupt gekommen
+heute? Sie haben wohl gemerkt, daß ich doch nicht so
+ohne bin? Freilich Ihr Wolfgang –. Jeder kann sich
+nicht so blamieren wie er, neulich vor Gericht.“ Darauf
+<pb n='268'/><anchor id='Pgp0268'/>sagte Guste entrüstet: „Seien Sie nur ganz still, Sie
+werden doch nie so ein feiner Mann wie er.“ Aber ihre
+Augen sagten etwas anderes. Diederich sah es; erregt
+lachte er auf. „Wie der es eilig hat mit Ihnen! Wissen
+Sie auch, wofür er Sie ansieht? Für einen Kochtopf
+mit Wurst und Kohl, und ich soll ihn umrühren!“ –
+„Jetzt lügen Sie“, sagte Guste vernichtend; aber Diederich
+war im Zuge. „Ihm ist nämlich nicht genug Wurst
+und Kohl drin. – Anfangs hat er natürlich auch gedacht,
+Sie hätten eine Million geerbt. Aber für fünfzigtausend
+Mark ist solch ein feiner Mann nicht zu haben.“ Da kochte
+Guste auf. Diederich fuhr zurück, so gefährlich sah es aus.
+„Fünfzigtausend! Ihnen ist gewiß nicht wohl? Wie
+komme ich dazu, daß ich mir das muß sagen lassen! Wo
+ich bare dreihundertfünfzigtausend auf der Bank zu
+liegen hab’, in richtiggehenden Papieren! Fünfzigtausend!
+Wer so etwas Ehrenrühriges von mir herumerzählt,
+den kann ich überhaupt belangen!“ Sie hatte
+Tränen in den Augen; Diederich stammelte Entschuldigungen.
+„Lassen Sie nur“ – und Guste benutzte ihr
+Taschentuch. „Wolfgang weiß genau, woran er bei mir ist.
+Aber Sie selbst, Sie haben den Schwindel geglaubt. Darum
+waren Sie auch so frech!“ rief sie. Ihre rosigen Fettpolster
+zitterten vor Zorn, und die kleine eingedrückte Nase war
+ganz weiß geworden. Er sammelte sich. „Daran sehen Sie
+doch, daß Sie mir auch ohne Geld gefallen“, gab er zu
+bedenken. Sie biß sich auf die Lippen. „Wer weiß“, sagte
+sie mit einem Blick von unten, schmollend und unsicher.
+„Für Leute, wie Sie, sind fünfzigtausend auch schon Geld.“
+</p>
+
+<p>
+Er hielt es für angezeigt, eine Pause zu machen. Sie
+zog aus ihrem goldenen Beutel den Puderquast, und sie
+setzte sich. „Ich bin wirklich ganz echauffiert von Ihrem
+<pb n='269'/><anchor id='Pgp0269'/>Betragen!“ Aber sie lachte wieder. „Haben Sie mir
+vielleicht sonst noch etwas zu zeigen in Ihrer sogenannten
+Fabrik?“ Er nickte bedeutsam. „Wissen Sie wohl, wo
+Sie jetzt sitzen?“ – „Na, auf einem Lumpensack.“ –
+„Aber auf was für einem! In dieser Ecke, hinter den
+Säcken hier hab’ ich mal einen Arbeiter und ein Mädchen
+ertappt, wie sie gerade: Sie verstehen. Natürlich sind
+beide geflogen; und am Abend, jawohl, am selben Abend –“
+er hob den Zeigefinger, in seinen Augen entstand ein
+Schauder höherer Dinge – „haben sie den Kerl totgeschossen,
+und das Mädchen ist verrückt geworden.“
+Guste sprang auf. „War das –? Ach Gott, das war der
+Arbeiter, der den Wachtposten gereizt hat ...? Also
+hinter den Säcken haben sie –?“ Ihre Augen gingen
+über die Säcke, als suchte sie Blut darauf. Sie hatte sich
+nahe zu Diederich geflüchtet. Plötzlich sahen sie einander
+in die Augen: darin bewegten sich die gleichen abgründigen
+Schauder, des Lasters oder des Übersinnlichen. Sie
+atmeten hörbar einander an. Guste schloß, eine Sekunde
+lang, die Lider: da plumpsten sie auch schon beide auf die
+Säcke, rollten, ineinander verwickelt, hinab und durch
+den dunkeln Raum dahinter, schlugen um sich, keuchten
+und prusteten, als seien sie dort unten am Ertrinken.
+</p>
+
+<p>
+Guste zuerst erreichte wieder das Licht. Den Fuß, an
+dem er sie festhalten wollte, stieß sie ihm ins Gesicht und
+sprang heraus, daß es krachte. Als Diederich sich glücklich
+ihr nachgearbeitet hatte, standen sie da und schnauften.
+Gustes Busen, Diederichs Bauch gingen beide im Sturm.
+Sie erlangte vor ihm die Sprache zurück. „Das müssen
+Sie mit ’ner andern versuchen! Wie komm’ ich überhaupt
+dazu!“ Immer erbitterter: „Ich hab’ Ihnen doch gesagt,
+daß es dreihundertfünfzigtausend sind!“ Diederich
+be<pb n='270'/><anchor id='Pgp0270'/>wegte die Hand, um auszudrücken, daß er seinen Mißgriff
+zugebe. Aber Guste schrie auf: „Und wie ich aussehe!
+Soll ich so vielleicht durch die Stadt gehen?“ Er erschrak
+aufs neue und lachte ratlos. Sie stampfte auf.
+„Haben Sie denn keine Bürste?“ Gehorsam machte er
+sich auf den Weg; Guste rief ihm nach: „Daß gefälligst
+Ihre Schwestern nichts merken! Sonst reden morgen
+die Leute von mir!“ Er ging nur bis an das Kontor.
+Wie er zurückkehrte, saß Guste wieder auf dem Sack, das
+Gesicht in den Händen, und durch ihre lieben, dicken Finger
+rannen Tränen. Diederich blieb stehen, hörte ihrem
+Wimmern zu, und auf einmal begann er auch zu weinen.
+Mit tröstender Hand bürstete er sie ab. „Es ist doch
+nichts geschehen“, wiederholte er. Guste stand auf. „Das
+wäre auch noch schöner“, – und sie musterte ihn mit
+Ironie. Da faßte auch Diederich Mut. „Ihr Herr Bräutigam
+braucht es ja nicht zu wissen“, bemerkte er. Und
+Guste: „Wenn schon!“ – wobei sie sich auf die Lippen biß.
+</p>
+
+<p>
+Betroffen durch dies Wort bürstete er schweigend
+weiter, zuerst sie, dann sich, indes Guste ihre Kleider
+glättete. „Nun los!“ sagte sie. „Eine Papierfabrik sehe
+ich mir so bald nicht wieder an.“ Er spähte ihr unter den
+Hut. „Wer weiß“, sagte er. „Denn daß Sie Ihren Buck
+lieben, das glaub’ ich Ihnen seit fünf Minuten nicht
+mehr.“ Schnell rief Guste: „O doch!“ Und ohne Pause
+fragte sie: „Was bedeutet denn das Zeug hier?“
+</p>
+
+<p>
+Er erklärte: „Das ist der Sandfang, durch die Rinne
+schwemmen wir die Lumpen; Knöpfe und so weiter
+bleiben zurück, wie Sie sehen. Die Leute haben natürlich
+wieder nicht aufgeräumt.“ Mit der Schirmspitze stocherte
+sie in dem Haufen; er setzte hinzu: „Im Jahr behalten wir
+mehrere Säcke Überbleibsel!“ – „Und was ist das da?“
+<pb n='271'/><anchor id='Pgp0271'/>fragte Guste und griff rasch hin, nach etwas, das glänzte.
+Diederich riß die Augen auf. „Ein Brillantknopf!“ Sie
+ließ ihn funkeln. „Echt sogar! Wenn Sie öfter so was
+finden, ist Ihr Geschäft nicht so übel.“ Diederich sagte
+zweifelnd: „Den muß ich natürlich abliefern.“ Sie
+lachte. „An wen denn? Die Abfälle gehören doch Ihnen!“
+Er lachte auch. „Na, nicht gerade die Brillanten. Wir
+werden schon noch ausfindig machen, wer uns das geliefert
+hat.“ Guste sah ihn von unten an. „Sie sind schön
+dumm“, sagte sie. Er erwiderte mit Überzeugung: „Nein!
+Sondern ich bin ein Ehrenmann!“ Darauf hob sie nur
+die Schultern. Langsam zog sie den linken Handschuh
+aus und legte sich den Brillanten auf den kleinen Finger.
+„Er muß als Ring gefaßt werden!“ rief sie aus, wie erleuchtet,
+betrachtete versunken ihre Hand und seufzte.
+„Na, sollen ihn andere Leute finden!“ – und unvermutet
+warf sie den Knopf zurück in die Lumpen. „Sind Sie
+verrückt?“ Diederich bückte sich, sah ihn nicht gleich und
+ließ sich schnaufend auf die Knie. In der Hast warf er
+alles durcheinander. „Gott sei Dank!“ Er hielt ihr den
+Brillanten hin; aber Guste nahm ihn nicht. „Ich gönne
+ihn dem Arbeiter, der ihn morgen zuerst sieht. Der steckt
+ihn ein, darauf können Sie sich verlassen, der ist nicht so
+dumm.“ – „Ich auch nicht“, erklärte Diederich. „Denn
+wahrscheinlich wäre der Stein doch weggeworfen worden.
+Unter solchen Umständen brauche ich es nicht für inkorrekt
+zu halten –.“ Er legte den Brillanten wieder auf ihren
+Finger. „Und wenn es auch inkorrekt wäre, er steht
+Ihnen so gut.“ Guste sagte überrascht: „Wieso? Wollen
+Sie ihn mir denn schenken?“ Er stammelte: „Sie haben ihn
+ja gefunden, da muß ich wohl.“ Da jubelte Guste. „Das
+wird mein schönster Ring!“ – „Warum?“ fragte Diederich,
+<pb n='272'/><anchor id='Pgp0272'/>voll banger Hoffnung. Guste sagte ausweichend: „Überhaupt
+...“ Und mit einem plötzlichen Blick: „Weil er
+nichts kostet, wissen Sie.“ Hierüber errötete Diederich,
+und sie sahen einander blinzelnd in die Augen.
+</p>
+
+<p>
+„Ach Herr Gott!“ rief Guste plötzlich. „Es muß schrecklich
+spät sein. Schon sieben? Was sag’ ich nur meiner
+Mutter?... Ich weiß, ich sag’ ihr, ich hab’ bei einem
+Trödler den Brillanten entdeckt, und er hat gedacht, er
+ist unecht, und hat bloß fünfzig Pfennig verlangt!“ Sie
+öffnete ihren goldenen Sack und ließ den Knopf hineinfallen.
+„Also adieu ... Aber Sie sehen aus! Wenigstens
+müssen Sie sich die Krawatte binden.“ Im Sprechen
+tat sie es schon selbst. Er fühlte ihre warmen Hände unter
+seinem Kinn; ihre feuchten, dicken Lippen bewegten
+sich ganz nahe. Ihm ward heiß, er hielt den Atem zurück.
+„So“, machte Guste und brach ernstlich auf. „Ich
+drehe nur das Gas ab“, rief er ihr nach. „Warten Sie
+doch!“ – „Ich warte schon“, antwortete sie von draußen;
+– aber als er auf den Hof trat, war sie fort. Verdutzt
+sperrte er die Fabrik zu und redete laut dabei vor sich
+hin. „Nun sag’ mir einer, ist das Instinkt oder Berechnung?“
+Er schüttelte sorgenvoll den Kopf über das ewige
+Rätsel der Weiblichkeit, das in Guste verkörpert war.
+</p>
+
+<milestone unit="tb"/>
+
+<p>
+Vielleicht, so sagte sich Diederich, ging es vorwärts mit
+Guste, freilich ging es langsam. Die Ereignisse, die sich
+um den Prozeß gruppierten, hatten ihr Eindruck gemacht,
+aber noch nicht genug. Auch hörte er nichts mehr von
+Wulckow. Nach dem so viel versprechenden Schritt des
+Regierungspräsidenten beim Kriegerverein wartete Diederich
+unbedingt auf weiteres: eine Heranziehung, eine
+vertrauliche Verwendung, er wußte nicht wie und was.
+<pb n='273'/><anchor id='Pgp0273'/>Der Harmonieball konnte es bringen; warum hatten sonst
+die Schwestern Rollen bekommen im Stück der Präsidentin.
+Nur dauerte alles zu lange für Diederichs Tatenlust.
+Es war eine Zeit voll Unruhe und Drang. Man
+quoll über von Hoffnungen, Aussichten, Plänen; in
+jeden Tag, der anfing, hätte man das alles auf einmal
+ergießen wollen; und wenn er aus war, war er leer geblieben.
+Ein Trieb nach Bewegung erfaßte Diederich.
+Mehrmals versäumte er den Stammtisch und ging
+spazieren, ohne Ziel und ins Freie, was sonst nicht vorkam.
+Er kehrte dem Mittelpunkt der Stadt den Rücken,
+stapfte mit dem Schritt eines von Tatkraft schweren Mannes
+die abendlich leere Meisestraße zu Ende, durchmaß
+die lange Gäbbelchenstraße, mit den vorstädtischen Gasthäusern,
+bei denen Fuhrleute ein- oder ausspannten, und
+kam auch unter der Vogtei vorbei. Dort oben saß, bewacht
+von einem Gitterfenster und einem Soldaten, der
+Herr Lauer, der sich dies nicht hatte träumen lassen.
+„Hochmut kommt vor dem Fall“, dachte Diederich. „Wie
+man sich bettet, so liegt man.“ Und obwohl er den Ereignissen,
+die den Fabrikbesitzer in die Vogtei geführt
+hatten, nicht ganz fremd war, schien Lauer ihm jetzt ein
+Wesen mit einem Kainsmal, ein unheimlicher Gesell.
+Einmal glaubte er im Hof des Gefängnisses eine Gestalt
+zu bemerken. Es war schon zu dunkel, aber vielleicht –?
+Ein Gruseln überlief Diederich, und er enteilte.
+</p>
+
+<p>
+Hinter dem Burgtor führte die Landstraße zu dem
+Hügel mit der Schweinichenburg, wo einst der kleine
+Diederich gemeinsam mit Frau Heßling das Grausen vor
+dem Burggespenst genossen hatte. Solche Kindereien
+lagen ihm jetzt fern; – vielmehr bog er jedesmal, bald
+hinter dem Tor, in die Gausenfelder Straße ein. Er hatte
+<pb n='274'/><anchor id='Pgp0274'/>es sich nicht vorgenommen und tat es nur zögernd, denn
+es wäre ihm nicht lieb gewesen, wenn jemand ihn auf
+diesem Wege überrascht hätte. Aber es ließ ihn nicht:
+die große Papierfabrik zog ihn an wie ein verbotenes
+Paradies, er mußte ihr auf einige Schritte nahekommen,
+sie umkreisen, über ihre Mauer schnüffeln ... Eines
+Abends ward Diederich aus dieser Tätigkeit aufgeschreckt
+durch Stimmen, die im Dunkeln schon ganz nahe waren.
+Kaum daß er noch Zeit behielt, sich in den Graben zu
+kauern. Und während die Leute, wahrscheinlich Angestellte
+der Fabrik, die sich verspätet hatten, an seinem
+Versteck vorüberkamen, drückte Diederich die Augen zu,
+aus Furcht, und auch weil er fühlte, ihr begehrliches Funkeln
+hätte ihn verraten können.
+</p>
+
+<p>
+Als er schon wieder beim Burgtor war, hatte er noch
+immer Herzklopfen und sah sich nach einem Glas Bier
+um. Gleich im Winkel des Tores stand der „Grüne
+Engel“, eins der niedersten Gasthäuser, krumm vor Alter,
+schmutzig und übel beleumdet. Soeben verschwand in dem
+gewölbten Gang eine Frauensperson. Diederich, von
+jäher Abenteuerlust gepackt, drang hinterdrein. Wie sie
+das rötliche Licht einer Stallaterne durchschreiten mußte,
+wollte die Person ihr Gesicht, das verschleiert war, auch
+noch mit dem Muff bedecken; aber Diederich hatte sie
+schon erkannt. „Guten Abend, Fräulein Zillich!“ –
+„Guten Abend, Herr Doktor!“ Und da standen sie beide
+mit offenem Munde. Käthchen Zillich war die erste, die
+etwas hervorbrachte, von Kindern, die hier im Hause
+wohnten, und die sie in die Sonntagsschule ihres Vaters
+bringen sollte. Diederich setzte zum Sprechen an, aber
+sie redete weiter, immer hastiger. Nein, die Kinder
+wohnten eigentlich nicht hier, aber ihre Eltern verkehrten
+<pb n='275'/><anchor id='Pgp0275'/>in der Schenke, und die Eltern durften nichts wissen von
+der Sonntagsschule, denn sie waren Sozialdemokraten ...
+Sie faselte; und Diederich, der zuerst nur an sein eigenes
+schlechtes Gewissen gedacht hatte, ward darauf hingewiesen,
+daß Käthchen in einer noch viel verdächtigeren
+Lage sei. Er ersparte es sich also, seine Anwesenheit im
+„Grünen Engel“ zu erklären, und schlug einfach vor,
+dann könne man in der Gaststube auf die Kinder warten.
+Käthchen weigerte sich angstvoll, irgend etwas zu verzehren,
+aber Diederich bestellte aus eigener Machtvollkommenheit
+auch für sie Bier. „Prost!“ sagte er, und
+in seiner Miene lag die ironische Erinnerung daran, daß
+sie bei ihrer letzten Zusammenkunft im traulichen Wohnzimmer
+des Pfarrhauses sich beinahe verlobt hätten.
+Käthchen ward unter ihrem Schleier rot und blaß und
+verschüttete ihr Bier. Immerfort flatterte sie kraftlos
+vom Stuhl auf und wollte fort; aber Diederich hatte sie
+hinter den Tisch in die Ecke geschoben und saß breit davor.
+„Nun müssen die Kinder aber gleich kommen!“ sagte er
+gutmütig. Statt ihrer kam Jadassohn: plötzlich stand er
+da und sah versteinert aus. Auch die beiden anderen
+regten sich nicht. „Also doch!“ dachte Diederich. Jadassohn
+schien etwas Ähnliches zu denken; keiner der Herren fand
+Worte. Käthchen begann wieder von Kindern und Sonntagsschulen.
+Sie sprach flehend und weinte fast. Jadassohn
+hörte ihr mit Mißbilligung zu, er ließ sogar die Bemerkung
+fallen, gewisse Geschichten seien ihm zu verwickelt,
+– und er blickte inquisitorisch auf Diederich.
+</p>
+
+<p>
+„Im Grunde“, versetzte Diederich, „ist es doch einfach.
+Fräulein Zillich sucht hier nach Kindern, und wir beide
+helfen ihr.“
+</p>
+
+<p>
+„Ob sie eins kriegt, kann man nicht wissen“, ergänzte
+<pb n='276'/><anchor id='Pgp0276'/>Jadassohn schneidend; da sagte Käthchen: „Und von wem
+auch nicht.“
+</p>
+
+<p>
+Die Herren setzten die Gläser hin. Käthchen hatte es
+aufgegeben zu weinen, sie schob sogar den Schleier hinauf
+und sah mit merkwürdig hellen Augen von einem
+zum andern. Ihre Stimme hatte etwas Offenes, Unverblümtes
+bekommen. „Na ja, wenn Sie nun doch mal
+beide da sind“, setzte sie hinzu, indes sie aus Jadassohns
+Dose eine Zigarette nahm; und dann leerte sie auf einen
+Zug den Kognak, der vor Diederich stand. Jetzt war es
+an Diederich, nach Fassung zu ringen. Jadassohn schien
+nicht unbekannt mit Käthchens anderem Gesicht. Die
+beiden fuhren fort, Doppelsinnigkeiten auszutauschen,
+bis Diederich sich gegen Käthchen entrüstete. „Heute
+lernt man Sie aber gründlich kennen!“ rief er und schlug
+auf den Tisch. Sofort hatte Käthchen ihr Damengesicht
+zurück. „Was meinen Sie eigentlich, Herr Doktor?“
+Jadassohn ergänzte: „Ich nehme an, daß Sie der Ehre
+der Dame nicht zu nahe treten wollen!“ – „Ich meine
+nur,“ stammelte Diederich, „so gefällt Fräulein Zillich
+mir viel besser.“ Er rollte die Augen vor Ratlosigkeit.
+„Neulich, wie wir uns beinahe verlobt hätten, hat sie
+mir nicht halb so gefallen.“ Da lachte Käthchen los: ein
+Gelächter, ganz frei aus dem Herzen, wie Diederich es
+auch noch nicht kannte. Ihm ward warm dabei, er
+lachte mit, Jadassohn auch, alle drei wälzten sich lachend
+auf ihren Stühlen umher und riefen nach mehr Kognak.
+</p>
+
+<p>
+„Nun muß ich aber gehen,“ sagte Käthchen, „sonst
+kommt Papa vor mir nach Haus. Er hat Krankenbesuche
+gemacht; dabei verteilt er immer solche Bilder.“ Sie
+zog zwei bunte Bildchen aus ihrer ledernen Tasche.
+„Da haben Sie auch welche.“ Jadassohn bekam die
+<pb n='277'/><anchor id='Pgp0277'/>Sünderin Magdalena, Diederich das Lamm mit dem
+Hirten; er war nicht zufrieden. „Ich will auch eine
+Sünderin.“ Käthchen suchte, fand aber keine mehr.
+„Also bleibt es bei dem Schaf“, entschied sie, und man
+zog ab, Käthchen in der Mitte eingehängt. Ruckweise
+und in weitem Bogen schwenkten alle drei sich durch die
+schlecht beleuchtete Gäbbelchenstraße dahin, wobei sie
+ein Kirchenlied sangen, das Käthchen angestimmt hatte.
+An einer Ecke erklärte sie, eilen zu müssen, und verschwand
+in der Seitengasse. „Adieu Schaf!“ rief sie Diederich zu,
+der ihr vergeblich nachstrebte. Jadassohn hielt ihn fest,
+und plötzlich nahm er seine staatserhaltende Stimme an,
+um Diederich zu überzeugen, daß dies alles nur ein zufälliger
+Scherz sei. „Es liegt durchaus nichts Mißverständliches
+vor, das möchte ich feststellen.“
+</p>
+
+<p>
+„Ich denke nicht daran, hier etwas mißzuverstehen“,
+sagte Diederich.
+</p>
+
+<p>
+„Und wenn ich“, fuhr Jadassohn fort, „den Vorzug
+hätte, von der Familie Zillich für eine nähere Verbindung
+in Aussicht genommen zu sein, dieser Vorfall würde
+mich keineswegs abhalten. Ich folge nur einer Ehrenpflicht,
+wenn ich dies ausspreche.“
+</p>
+
+<p>
+Diederich erwiderte: „Ich weiß Ihr korrektes Verhalten
+voll und ganz zu würdigen.“ Darauf schlugen die
+Herren die Absätze zusammen, schüttelten einander die
+Hände und trennten sich.
+</p>
+
+<p>
+Käthchen und Jadassohn hatten beim Abschied ein Zeichen
+ausgetauscht; Diederich war überzeugt, sie würden sich gleich
+jetzt wieder im „Grünen Engel“ zusammenfinden. Er öffnete
+den Winterrock, ein Hochgefühl schwellte ihn, weil
+er eine bösartige Falle aufgedeckt und sich streng kommentmäßig
+aus der Sache gezogen hatte. Er empfand eine
+<pb n='278'/><anchor id='Pgp0278'/>gewisse Achtung und Sympathie für Jadassohn. Auch
+er selbst würde so gehandelt haben! Unter Männern verständigte
+man sich. Aber so ein Weib! Käthchens anderes
+Gesicht, die Pfarrerstochter, der unvermutet das entfesselte
+Weib ins Gesicht gestiegen war, dies tückische Doppelwesen,
+so fremd der Biederkeit, die Diederich am Grunde
+seines eigenen Herzens wußte: es erschütterte ihn wie
+ein Blick ins Bodenlose. Er knöpfte den Rock wieder zu.
+Es gab also noch andere Welten außerhalb der bürgerlichen,
+als nur die, worin jetzt der Herr Lauer lebte.
+</p>
+
+<p>
+Schnaufend setzte er sich zum Abendessen. Seine Stimmung
+schien so bedrohlich, daß die drei Frauen Schweigen
+bewahrten. Frau Heßling nahm ihren Mut zusammen.
+„Schmeckt es dir nicht, mein lieber Sohn?“ Anstatt einer
+Antwort herrschte Diederich die Schwestern an. „Mit
+Käthchen Zillich verkehrt ihr nicht mehr!“ Da sie ihn
+ansahen, errötete er und stieß drohend aus: „Sie ist
+eine Verworfene!“ Aber sie verzogen nur den Mund;
+und auch die furchtbaren Andeutungen, in denen er sich
+polternd erging, schienen sie nicht weiter aufzuregen.
+„Du sprichst wohl von Jadassohn?“ fragte Magda endlich,
+ganz gelassen. Diederich fuhr zurück. Sie waren
+also eingeweiht und mitverschworen: alle Weiber wahrscheinlich.
+Auch Guste Daimchen! Die hatte schon einmal
+davon angefangen. Er mußte sich die Stirn trocknen.
+Magda sagte: „Wenn du vielleicht ernste Absichten gehabt
+hast bei Käthchen, uns hast du ja nicht gefragt“, worauf
+Diederich, um sein Ansehen zu verteidigen, dem Tisch
+einen Stoß gab, daß alle aufkreischten. Er verbitte sich
+derartige Zumutungen, schrie er. Es gebe hoffentlich noch
+anständige Mädchen. Frau Heßling bat zitternd: „Du
+brauchst ja nur deine Schwestern anzusehen, mein lieber
+<pb n='279'/><anchor id='Pgp0279'/>Sohn.“ Und Diederich sah sie wirklich an; er blinzelte, und
+er überlegte zum erstenmal, nicht ohne Bangen, was diese
+beiden weiblichen Wesen, die seine Schwestern waren, bisher
+wohl mit ihrem Leben angefangen hatten ... „Ach
+was,“ entschied er und richtete sich stramm auf, „euch zieht
+man einfach die Kandare fester. Wenn ich eine Frau habe,
+die soll sich wundern!“ Da die Mädchen einander zulächelten,
+erschrak er, denn er hatte an Guste Daimchen gedacht,
+und vielleicht dachten auch sie mit ihrem Lächeln an
+Guste? Zu trauen war keiner. Er sah Guste vor sich, weißblond,
+mit dem dicken, rosigen Gesicht. Ihre fleischigen
+Lippen öffneten sich, sie streckte ihm die Zunge heraus.
+Das hatte vorhin Käthchen Zillich getan, als sie ihm
+„Adieu Schaf!“ zurief, und Guste, die ihr im Typus so
+ähnlich war, würde mit ausgestreckter Zunge und in
+halbbetrunkenem Zustand genau so ausgesehen haben!
+</p>
+
+<p>
+Magda sagte eben: „Käthchen ist schön dumm; aber
+begreiflich ist es ja, wenn man so lange warten muß und
+keiner kommt.“
+</p>
+
+<p>
+Sofort griff Emmi ein. „Wen meinst du, bitte? Wenn
+Käthchen sich mit irgendeinem Kienast begnügt hätte,
+würde sie wohl auch nicht mehr warten.“
+</p>
+
+<p>
+Magda, im Bewußtsein, die Tatsachen für sich zu haben,
+blähte einfach ihre Bluse auf und schwieg.
+</p>
+
+<p>
+„Überhaupt“, Emmi warf die Serviette hin und erhob
+sich. „Wie kannst du das gleich glauben, was die Männer
+von Käthchen reden. Das ist abscheulich, sollen wir denn
+alle wehrlos sein gegen ihren Klatsch?“ Empört ließ
+sie sich in der Ecke nieder und begann zu lesen. Magda
+hob nur die Schultern – indes Diederich angstvoll und
+vergeblich nach einem Übergang suchte, um zu fragen,
+ob vielleicht auch Guste Daimchen –? Bei einer so
+<pb n='280'/><anchor id='Pgp0280'/>langen Verlobung –? „Es gibt Situationen,“ äußerte
+er, „wo es nicht mehr Klatsch ist.“ Da schleuderte Emmi
+auch das Buch hin.
+</p>
+
+<p>
+„Und wenn schon! Käthchen tut, was sie will! Wir
+Mädchen haben ebensogut wie ihr das Recht, unsere
+Individualität auszuleben! Die Männer sollen froh sein,
+wenn sie uns dann nachher noch kriegen!“
+</p>
+
+<p>
+Diederich stand auf. „Das will ich in meinem Hause
+nicht hören“, sagte er ernst, und er blitzte Magda so lange
+an, bis sie nicht mehr lachte.
+</p>
+
+<p>
+Frau Heßling brachte ihm die Zigarre. „Von meinem
+Diedel weiß ich ganz genau, daß er so eine niemals heiraten
+wird;“ – sie streichelte ihn tröstend. Er versetzte
+mit Nachdruck: „Ich kann mir nicht denken, Mutter, daß
+ein echter deutscher Mann das jemals getan hat.“
+</p>
+
+<p>
+Sie schmeichelte. „O, alle sind nicht so ideal wie mein
+lieber Sohn. Manche denken materieller und nehmen mit
+dem Geld auch mal was in den Kauf, worüber die Leute
+reden.“ Unter seinem gebieterischen Blick schwatzte sie angstvoll
+weiter. „Zum Beispiel Daimchen. Gott, nun er ist tot,
+und es kann ihm gleich sein, aber seinerzeit hat man doch
+viel geredet.“ Jetzt sahen alle drei Kinder sie fordernd an.
+„Na ja,“ erklärte sie schüchtern. „Das mit Frau Daimchen
+und dem Herrn Buck. Guste kam doch zu früh.“
+</p>
+
+<p>
+Nach diesem Ausspruch mußte Frau Heßling sich hinter
+den Ofenschirm zurückziehen, denn alle drei drangen gleichzeitig
+auf sie ein. „Das ist das Neueste!“ riefen Emmi und
+Magda. „Also wie war die Geschichte!“ Wogegen Diederich
+donnernd dem Weiberklatsch Einhalt gebot. „Wenn
+wir deinen Männerklatsch angehört haben!“ riefen die
+Schwestern und suchten ihn fortzudrängen von dem Ofenschirm.
+Die Mutter sah händeringend in das
+Handge<pb n='281'/><anchor id='Pgp0281'/>menge. „Ich habe doch nichts gesagt, Kinder! Nur damals
+sagten es alle, und der Herr Buck hat der Frau Daimchen
+doch auch die Mitgift geschenkt.“
+</p>
+
+<p>
+„Also daher!“ rief Magda. „So sehen in der Familie
+Daimchen die Erbonkel aus! Daher die goldenen Taschen!“
+</p>
+
+<p>
+Diederich verteidigte Gustes Erbschaft. „Sie kommt
+aus Magdeburg!“
+</p>
+
+<p>
+„Und der Bräutigam?“ fragte Emmi. „Kommt der
+auch aus Magdeburg?“
+</p>
+
+<p>
+Plötzlich verstummten alle und sahen einander an, wie
+betäubt. Dann kehrte Emmi ganz still auf das Sofa zurück,
+sie nahm sogar das Buch wieder auf. Magda fing
+an, den Tisch abzuräumen. Auf den Ofenschirm, hinter
+dem Frau Heßling sich duckte, schritt Diederich zu. „Siehst
+du nun, Mutter, wohin es führt, wenn man seine Zunge
+nicht hütet? Du willst doch wohl nicht behaupten, daß
+Wolfgang Buck seine eigene Schwester heiratet.“ Wimmernd
+kam es aus der Tiefe: „Ich kann doch nichts dafür,
+mein lieber Sohn. Ich dachte schon längst nicht mehr an
+die alte Geschichte, und es ist ja auch nicht sicher. Kein
+lebender Mensch weiß mehr etwas.“ Aus ihrem Buch
+heraus warf Emmi dazwischen: „Der alte Herr Buck wird
+wohl wissen, wo er jetzt das Geld für seinen Sohn holt.“
+Und in das Tischtuch hinein, das sie faltete, sagte Magda:
+„Es soll manches vorkommen.“ Da hob Diederich die
+Arme, als habe er die Absicht, den Himmel anzurufen.
+Rechtzeitig unterdrückte er aber das Entsetzen, das ihn
+übermannen wollte. „Bin ich denn hier unter Räuber
+und Mörder gefallen?“ fragte er sachlich und ging in
+strammer Haltung zur Tür. Dort wandte er sich um. „Ich
+kann euch natürlich nicht hindern, eure feine Wissenschaft
+in die Stadt hinauszuposaunen. Was mich betrifft, ich
+<pb n='282'/><anchor id='Pgp0282'/>werde erklären, daß ich mit euch nichts mehr zu tun habe.
+In die Zeitung werde ich es setzen!“ Und er ging ab.
+</p>
+
+<p>
+Er vermied den Ratskeller und bedachte einsam bei
+Klappsch eine Welt, in der solche Greuel umgingen. Dagegen
+war mit kommentmäßigem Verhalten freilich nicht
+aufzukommen. Wer den Bucks ihren schändlichen Raub abjagen
+wollte, durfte auch vor starken Mitteln nicht zurückschrecken.
+„Mit gepanzerter Faust“, sagte er ernst in sein
+Bier hinein; und das Deckelklappen, womit er das vierte
+Glas herbeirief, klang wie Schwertgeklirr ... Nach einer
+Weile verlor seine Haltung an Härte; Bedenken kamen.
+Sein Eingreifen würde immerhin bewirken, daß die ganze
+Stadt mit den Fingern auf Guste Daimchen zeigte. Kein
+Mann, der halbwegs Komment hatte, heiratete solch ein
+Mädchen noch. Diederichs eigenstes Empfinden sagte es
+ihm, seine eingewurzelte Erziehung zur Mannhaftigkeit und
+zum Idealismus. Schade! Schade um Gustes dreihundertfünfzigtausend
+Mark, die nun herrenlos und ohne Bestimmung
+waren. Die Gelegenheit wäre günstig gewesen,
+ihnen eine zu geben ... Diederich schüttelte den Gedanken
+mit Entrüstung ab. Er erfüllte nur seine Pflicht! Ein
+Verbrechen galt es zu verhindern. Das Weib mochte
+dann sehen, wo es blieb im Kampf der Männer. Was
+lag an einem dieser Geschöpfe, die ihrerseits, Diederich
+hatte es erfahren, jedes Verrates fähig waren. Nur
+noch des fünften Glases bedurfte es, und sein Entschluß
+stand fest.
+</p>
+
+<p>
+Beim Morgenkaffee bekundete er ein großes Interesse
+für die Toiletten der Schwestern zum Harmonieball.
+Zwei Tage nur mehr, und noch nichts fertig! Die Hausschneiderin
+war so selten zu haben gewesen, sie nähte jetzt
+bei Bucks, Tietz’, Harnischs und überall. Die große
+In<pb n='283'/><anchor id='Pgp0283'/>anspruchnahme dieses Mädchens schien Diederich geradezu
+mit Bewunderung zu erfüllen. Er erbot sich, selbst hinzugehen
+und sie, koste es was es wolle, zur Stelle zu schaffen.
+Nicht ohne Mühe gelang es ihm. Zum zweiten Frühstück
+begab er sich alsdann so geräuschlos, daß nebenan im
+Wohnzimmer das Gespräch nicht gestört ward. Gerade
+erging sich die Hausschneiderin in Anspielungen auf einen
+Skandal, der bestimmt sei, alles Dagewesene in den Schatten
+zu stellen. Die Schwestern schienen ganz ahnungslos,
+und als endlich Namen fielen, zeigten sie sich entsetzt und
+ungläubig. Frau Heßling beklagte es am lautesten, daß
+Fräulein Gehritz so etwas auch nur denken könne. Die
+Schneiderin beteuerte dagegen, in der ganzen Stadt wisse
+man es schon. Soeben komme sie von der Bürgermeisterin
+Scheffelweis, deren Mutter geradezu verlangt habe, daß
+ihr Schwiegersohn einschreite! Dennoch machte es ihr
+Mühe, die Damen zu überzeugen. Diederich hatte den
+Vorgang eher umgekehrt erwartet. Er war zufrieden mit
+den Seinen. Aber hatten denn die Wände tatsächlich Ohren
+gehabt? Man war zu glauben versucht, daß ein Gerücht,
+in einem verschlossenen Zimmer ausgebrochen, mit dem
+Rauch des Ofens hinaus und über die ganze Stadt zog.
+</p>
+
+<p>
+Beruhigt war er trotzdem noch nicht. Er sagte sich, daß
+das gesunde Empfinden des arbeitenden Volkes unter
+Umständen ein Faktor sei, den man billigen und sogar
+benutzen könne. Bis zum Mittagessen ging er um Napoleon
+Fischer herum: da – es läutete schon – entstand bei
+der Satiniermaschine ein gellendes Geschrei, und Diederich
+und der Maschinenmeister, die gleichzeitig hinstürzten,
+zogen gemeinsam den Arm einer jungen Arbeiterin
+heraus, der von einer Stahlwalze ergriffen worden war.
+Er troff von schwarzem Blut, Diederich ließ sofort nach
+<pb n='284'/><anchor id='Pgp0284'/>dem städtischen Krankenhaus telephonieren. Inzwischen,
+so übel der Anblick des Armes ihm machte, blieb er selbst
+dabei, während der Person ein Notverband angelegt
+ward. Sie sah zu, leise wimmernd und mit Augen, weich
+im Entsetzen, wie ein junges Tier, das getroffen ist. Diederichs
+menschenfreundliche Fragen nach ihren häuslichen
+Verhältnissen verstand sie nicht. Napoleon Fischer antwortete
+für sie. Ihr Vater war durchgegangen, die Mutter
+bettlägerig; das Mädchen ernährte sich und ihre zwei kleinen
+Geschwister. Sie war erst vierzehn Jahre alt. –
+Das sehe man ihr nicht an, meinte Diederich. Übrigens
+seien die Arbeiterinnen oft genug vor der Maschine gewarnt
+worden. „Sie hat sich das Unglück selbst zuzuschreiben,
+ich bin zu nichts verpflichtet. Na,“ sagte er
+milder, „nun kommen Sie mal mit, Fischer!“
+</p>
+
+<p>
+Im Kontor schenkte er zwei Kognaks ein. „Das kann
+man brauchen auf den Schrecken ... Sagen Sie ehrlich,
+Fischer, glauben Sie, daß ich zahlen muß? Die Schutzvorrichtung
+an der Maschine halten Sie doch wohl für
+genügend?“ Und da der Maschinenmeister die Achseln
+zuckte: „Sie wollen sagen, ich kann es auf einen Prozeß
+ankommen lassen? Das tue ich aber nicht, ich zahle gleich.“
+</p>
+
+<p>
+Napoleon Fischer zeigte verständnislos sein großes
+gelbes Gebiß, und Diederich fuhr fort: „Ja, so bin ich.
+Sie dachten wohl, das könnte bloß der Herr Lauer? Was
+den betrifft, so sind Sie ja jetzt durch Ihr eigenes Parteiblatt
+über seine Arbeiterfreundlichkeit aufgeklärt. Ich
+lasse mich freilich nicht wegen Majestätsbeleidigung einsperren
+und mache dadurch meine Arbeiter brotlos; ich
+suche mir praktischere Mittel aus, um meine soziale Gesinnung
+zu bekunden.“ Er machte eine feierliche Pause.
+„Und darum habe ich mich entschlossen, dem Mädchen die
+<pb n='285'/><anchor id='Pgp0285'/>ganze Zeit, die es im Krankenhaus liegt, seinen Lohn
+weiterzuzahlen. Wieviel ist es denn?“ fragte er rasch.
+</p>
+
+<p>
+„Eine Mark fünfzig“, sagte Napoleon Fischer.
+</p>
+
+<p>
+„Na ja ... Soll sie acht Wochen liegen. Soll sie zwölf
+Wochen liegen ... Ewig natürlich geht es nicht.“
+</p>
+
+<p>
+„Sie ist erst vierzehn“, sagte Napoleon Fischer, von
+unten. „Sie kann Schadenersatz verlangen.“ Diederich
+erschrak, er schnaufte.
+</p>
+
+<p>
+Napoleon Fischer hatte schon wieder sein unbestimmbares
+Grinsen aufgesetzt und sah seinem Arbeitgeber auf
+die Faust, die angstvoll in der Tasche geballt war. Diederich
+zog sie hervor. „Nun setzen Sie die Leute von
+meinem hochherzigen Entschluß in Kenntnis! Das paßt
+Ihnen wohl nicht in den Kram? Die Gemeinheiten der
+Kapitalisten erzählt ihr euch natürlich lieber. In euren
+Versammlungen schwingt ihr jetzt wahrscheinlich große
+Reden über Herrn Buck.“
+</p>
+
+<p>
+Napoleon Fischer sah verständnislos aus, was Diederich
+nicht beachtete. „Ich finde es wohl auch nicht eben schön,“
+fuhr er fort, „wenn jemand seinen Sohn ausgerechnet das
+Mädchen heiraten läßt, mit dessen Mutter er selbst was gehabt
+hat, und zwar vor der Geburt der Tochter ... Aber –“
+</p>
+
+<p>
+In Napoleon Fischers Gesicht begann es zu arbeiten.
+</p>
+
+<p>
+„Aber!“ wiederholte Diederich stark. „Ich wäre durchaus
+nicht einverstanden, wenn meine Leute sich deswegen
+den Mund verrenken, und wenn Sie, Fischer, nun vielleicht
+die Arbeiter gegen die städtischen Behörden aufhetzen,
+weil ein Magistratsrat etwas getan hat, was ihm keiner
+beweisen kann.“ Seine Faust schlug entrüstet durch die
+Luft. „Mir hat man schon nachgesagt, daß ich den Prozeß
+gegen Lauer angezettelt habe. Ich will an nichts schuld
+sein, meine Leute sollen sich ruhig halten.“
+</p>
+
+<pb n='286'/><anchor id='Pgp0286'/>
+
+<p>
+Seine Stimme ward vertraulicher, er neigte sich näher
+zu dem anderen hin. „Na, und weil ich Ihren Einfluß
+kenne, Fischer ...“
+</p>
+
+<p>
+Plötzlich war seine Hand offen, und auf ihrer Fläche
+lagen drei große Goldstücke.
+</p>
+
+<p>
+Napoleon Fischer sah sie und verzerrte das Gesicht, als
+erblickte er den Teufel. „Nein!“ rief er, „und abermals
+nein! Meine Überzeugung kann ich nicht verraten! Für
+allen Mammon der Welt nicht!“
+</p>
+
+<p>
+Er hatte rote Augen und kreischte. Diederich wich
+zurück; so nahe hatte er dem Umsturz noch nie ins Gesicht
+gesehen. „Die Wahrheit muß ans Licht!“ kreischte Napoleon
+Fischer. „Dafür werden wir Proletarier sorgen:
+Das können Sie nicht verhindern, Herr Doktor! Die
+Schandtaten der besitzenden Klassen ...“
+</p>
+
+<p>
+Diederich hielt ihm schnell noch einen Kognak hin.
+„Fischer,“ sagte er eindringlich, „das Geld biete ich Ihnen
+dafür, daß mein Name in der Sache nicht genannt wird.“
+Aber Napoleon Fischer wehrte ab; ein hoher Stolz erschien
+in seiner Miene.
+</p>
+
+<p>
+„Zeugniszwang, Herr Doktor, üben wir nicht. Wir nicht.
+Wer uns mit Agitationsstoff versorgt, hat nichts zu fürchten.“
+</p>
+
+<p>
+„Dann ist alles in Ordnung“, sagte Diederich erleichtert.
+„Ich wußte schon, Fischer, daß Sie ein großer Politiker
+sind. Und darum, wegen des Mädchens, ich meine die
+verunglückte Arbeiterin –. Ich habe Ihnen soeben mit
+meiner Mitteilung über die Buckschen Schweinereien
+einen Gefallen getan ...“
+</p>
+
+<p>
+Napoleon Fischer grinste geschmeichelt. „Weil Herr Doktor
+sagen, daß ich ein großer Politiker bin ... Ich will
+von dem Schadenersatz weiter nicht reden. Intimitäten
+aus den ersten Kreisen sind für uns doch wichtiger als –“
+</p>
+
+<pb n='287'/><anchor id='Pgp0287'/>
+
+<p>
+„– als so ein Mädchen“, ergänzte Diederich. „Sie
+denken immer als Politiker.“
+</p>
+
+<p>
+„Immer“, bestätigte Napoleon Fischer. „Mahlzeit,
+Herr Doktor.“
+</p>
+
+<p>
+Er zog sich zurück – indes Diederich feststellte, daß
+die proletarische Politik ihre Vorzüge habe. Er schob seine
+drei Goldstücke wieder in die Tasche.
+</p>
+
+<milestone unit="tb"/>
+
+<p>
+Am Abend des nächsten Tages waren alle Spiegel des
+Hauses im Wohnzimmer zusammengetragen. Emmi,
+Magda und Inge Tietz drehten sich dazwischen umher,
+bis ihnen die Hälse schmerzten; dann ließen sie sich nervös
+auf den Rand eines Stuhles nieder. „Mein Gott, es ist
+doch Zeit!“ Aber Diederich war fest entschlossen, nicht
+wieder zu früh zu kommen, wie beim Prozeß Lauer. Die
+ganze Wirkung der Persönlichkeit ging zum Teufel, wenn
+man zu früh da war. Als sie endlich gingen, entschuldigte
+Inge Tietz sich nochmals bei Frau Heßling, daß sie ihr
+den Platz im Wagen wegnehme. Nochmals sagte Frau
+Heßling: „Ach Gott, es ist gern geschehen. Ich alte Frau
+bin zu schwach für so was Großes. Genießt ihr es nur,
+Kinder!“ Und sie umarmte unter Tränen ihre Töchter,
+die kühl abwehrten. Denn sie wußten, daß die Mutter
+bloß Angst hatte, weil jetzt überall von nichts weiter gesprochen
+wurde als von der furchtbaren Klatschgeschichte,
+an der sie selbst schuld war.
+</p>
+
+<p>
+Im Wagen fing Inge gleich wieder davon an. „Na, Bucks
+und Daimchens! Gespannt bin ich bloß, ob sie heute die
+edle Dreistigkeit haben und da sind.“ Magda sagte ruhig:
+„Das müssen sie wohl. Sonst geben sie ja zu, daß es wahr
+ist.“ – „Wennschon“, erklärte Emmi. „Ich finde, daß das
+ihre Sache ist. Ich rege mich darüber nicht auf.“ – „Ich
+<pb n='288'/><anchor id='Pgp0288'/>auch nicht“, setzte Diederich hinzu. „Ich habe es eigentlich
+erst heute abend von Ihnen gehört, Fräulein Tietz.“
+</p>
+
+<p>
+Hierüber geriet Inge Tietz außer sich. So leicht dürfe
+man den Skandal denn doch nicht nehmen. Ob er glaube,
+daß sie sich das Ganze ausgedacht habe. „Die Bucks haben
+schon längst Butter auf dem Kopf wegen der Sache: das
+wissen ihre eigenen Dienstboten.“ – „Also Dienstbotenklatsch“,
+sagte Diederich, während er einen kleinen Stoß
+erwiderte, den Magda ihm mit dem Knie gab. Dann
+mußte man schon aussteigen und die Stufen hinuntergehen,
+die den neuen Teil der Kaiser-Wilhelm-Straße
+mit der tief gelegenen alten Riekestraße verbanden. Diederich
+fluchte; denn es begann zu regnen, die Ballschuhe
+wurden naß; auch standen vor dem Festlokal Proleten,
+die feindselig gafften. Hätte man nicht, als der ganze Stadtteil
+höher gelegt wurde, auch dieses Gerümpel niederreißen
+können? Das historische Harmoniehaus hatte erhalten
+werden sollen – als ob die Stadt nicht die Mittel
+gehabt hätte, in zentraler Lage ein modernes, erstklassiges
+Gesellschaftsgebäude zu bauen. In dem alten Kasten
+roch es ja nach Moder! Und gleich beim Eingang kicherten
+immer die Damen, weil eine Statue der Freundschaft
+dastand, die zwar eine hohe Perücke, aber sonst nichts anhatte.
+„Vorsicht,“ sagte Diederich auf der Treppe, „sonst
+brechen wir ein.“ Denn die beiden dünnen Bogen der
+Treppe griffen durch die Luft wie zwei vom Alter abgemagerte
+Arme. Das braune Rosa ihres Holzes war
+blaß geworden. Droben aber, wo sie sich vereinigten,
+lächelte auf dem Geländer aus seinem blanken Marmorgesicht
+noch immer der bezopfte Bürgermeister, der dies
+alles der Stadt hinterlassen hatte und der ein Buck gewesen
+war. Diederich sah ungnädig an ihm vorbei.
+</p>
+
+<pb n='289'/><anchor id='Pgp0289'/>
+
+<p>
+In der tiefen Spiegelgalerie war es ganz still; eine einzelne
+Dame nur hielt sich dahinten auf, sie schien durch
+einen Türspalt in den Festsaal zu spähen – und plötzlich
+wurden die Mädchen von Entsetzen ergriffen: die Vorstellung
+hatte begonnen! Magda stürzte durch die Galerie
+und brach in Weinen aus. Da drehte die Dame sich um, mit
+dem Finger auf den Lippen. Es war Frau von Wulckow,
+die Dichterin. Sie lächelte erregt und flüsterte: „Es
+geht gut, mein Stück gefällt. Sie kommen gerade rechtzeitig,
+Fräulein Heßling, gehen Sie nur und kleiden sich
+um.“ Ach ja! Emmi und Magda hatten erst im zweiten
+Akt zu tun. Auch Diederich hatte den Kopf verloren.
+Indes die Schwestern mit Inge Tietz, die ihnen helfen
+sollte, durch die Nebenräume nach der Garderobe eilten,
+stellte er sich der Präsidentin vor und blieb ratlos stehen.
+„Jetzt dürfen Sie nicht hinein, es würde stören“, sagte sie.
+Diederich stammelte Entschuldigungen, und dann rollte
+er die Augen, wobei er zwischen den gemalten Ranken der
+halb erblindeten Wandspiegel seinem geheimnisvoll blassen
+Abbild begegnete. Der zartgelbe Lack der Wände zeigte
+launische Sprünge, und auf den Panneaus starben die
+Farben der Blumen und Gesichter ... Frau von Wulckow
+schloß eine kleine Tür, durch die jemand einzutreten schien,
+eine Schäferin mit ihrem bebänderten Stab. Sie schloß
+die Tür ganz vorsichtig, damit nur die Vorstellung nicht
+gestört werde, aber es flog doch ein wenig Staub auf,
+als sei es Puder aus dem Haar der gemalten Schäferin.
+</p>
+
+<p>
+„Dies Haus ist so romantisch“, flüsterte Frau von Wulckow.
+„Finden Sie nicht auch, Herr Doktor? Wenn man
+sich hier im Spiegel sieht, glaubt man einen Reifrock
+anzuhaben“ – worauf Diederich, immer ratloser, ihr
+Hängekleid ansah. Die entblößten Schultern waren hohl
+<pb n='290'/><anchor id='Pgp0290'/>und nach vorn gebogen, die Haare von slawischem Weißblond,
+und Frau von Wulckow trug einen Zwicker.
+</p>
+
+<p>
+„Sie passen hier glänzend herein, Frau Präsidentin ...
+Frau Gräfin“, verbesserte er und sah sich mit einem Lächeln
+belohnt für seine kühne Schmeichelei. Nicht jeder würde
+Frau von Wulckow so treffsicher daran erinnert haben,
+daß sie eine geborene Gräfin Züsewitz war!
+</p>
+
+<p>
+„Tatsächlich“, bemerkte sie, „sollte man kaum glauben,
+daß dies Haus seinerzeit nicht für eine wirklich vornehme
+Gesellschaft gebaut worden ist, sondern nur für die guten
+Netziger Bürger.“ Sie lächelte nachsichtig.
+</p>
+
+<p>
+„Ja, das ist komisch“, bestätigte Diederich mit einem
+Kratzfuß. „Aber heute können sich zweifellos nur Frau
+Gräfin hier ganz zu Hause fühlen.“
+</p>
+
+<p>
+„Sie haben gewiß Sinn für das Schöne“, vermutete
+Frau von Wulckow; und da Diederich es bestätigte, erklärte
+sie, dann dürfe er den ersten Akt doch nicht ganz
+versäumen, sondern müsse durch den Türspalt sehen.
+Sie selbst trat schon längst von einem Fuß auf den anderen.
+Sie wies mit dem Fächer nach der Bühne. „Herr Major
+Kunze wird gleich abgehen. Er ist ja nicht besonders gut,
+aber was wollen Sie, er sitzt im Vorstand der Harmonie
+und hat den Leuten die künstlerische Bedeutung meines
+Werkes erst zum Verständnis gebracht.“ Indes Diederich
+den Major unschwer wiedererkannte, denn er hatte sich
+gar nicht verändert, erläuterte die Dichterin ihm mit fliegender
+Geläufigkeit die Vorgänge. Das junge Bauernmädchen,
+mit dem Kunze sich unterhielt, war seine natürliche
+Tochter, also eine Grafentochter, weshalb das Stück denn
+auch „Die heimliche Gräfin“ hieß. Gerade klärte Kunze sie,
+bärbeißig wie immer, über diesen Umstand auf. Auch eröffnete
+er ihr, er werde sie mit einem armen Vetter
+verhei<pb n='291'/><anchor id='Pgp0291'/>raten und ihr die Hälfte seiner Besitztümer vererben. Hierüber
+herrschte, als er abgegangen war, laute Freude bei dem
+Mädchen und ihrer Pflegemutter, der braven Pächtersfrau.
+</p>
+
+<p>
+„Wer ist denn die schreckliche Person?“ fragte Diederich,
+bevor er es bedacht hatte. Frau von Wulckow
+war erstaunt.
+</p>
+
+<p>
+„Es ist doch die komische Alte vom Stadttheater. Wir
+hatten sonst niemand für die Rolle; aber meine Nichte
+spielt ganz gern mit ihr.“
+</p>
+
+<p>
+Und Diederich erschrak; mit der schrecklichen Person
+hatte er die Nichte gemeint. „Das Fräulein Nichte ist
+ganz reizend“, beteuerte er schnell und blinzelte entzückt
+nach dem dicken roten Gesicht, das gleich auf den Schultern
+saß – und es waren Wulckows Schultern! „Talent
+hat sie aber auch“, setzte er der Sicherheit wegen hinzu.
+Frau von Wulckow wisperte: „Passen Sie nur auf“ –
+und da kam aus der Kulisse Assessor Jadassohn. Welch
+eine Überraschung! Er hatte ganz neue Bügelfalten und
+trug in seinem imposant geschweiften Cutaway eine
+riesenhafte Plastronkrawatte mit einem roten Funkelstein
+von entsprechendem Umfang. Aber so sehr der Stein
+auch funkelte, Jadassohns Ohren überstrahlten ihn. Da sein
+Kopf frisch geschoren und sehr platt war, standen die Ohren
+frei heraus und beleuchteten wie zwei Lampen seine festliche
+Pracht. Er spreizte die gelb behandschuhten Hände, als
+plädierte er für viele Jahre Zuchthaus; und tatsächlich sagte
+er der Nichte, die geradezu konsterniert schien, und der
+heulenden komischen Alten die peinlichsten Dinge ... Frau
+von Wulckow wisperte: „Er ist ein schlechter Charakter.“
+</p>
+
+<p>
+„Und ob“, sagte Diederich mit Überzeugung.
+</p>
+
+<p>
+„Kennen Sie denn mein Stück?“
+</p>
+
+<p>
+„Ach so. Nein. Aber ich sehe schon, was er will.“
+</p>
+
+<pb n='292'/><anchor id='Pgp0292'/>
+
+<p>
+Nämlich Jadassohn der der Sohn und Erbe des alten
+Grafen Kunze war, hatte gelauscht und war durchaus
+nicht gesonnen, die Hälfte seiner ihm von Gott verliehenen
+Besitztümer an die Nichte abzutreten. Er verlangte gebieterisch,
+daß sie augenblicklich das Feld räume; widrigenfalls
+er sie als Erbschleicherin verhaften und Kunze entmündigen
+lassen werde.
+</p>
+
+<p>
+„Das ist eine Gemeinheit“, bemerkte Diederich. „Sie
+ist doch seine Schwester.“ Die Dichterin erklärte ihm:
+</p>
+
+<p>
+„Nun ja. Aber andererseits hat er recht, wenn er ein Fideikommiß
+aus den Gütern machen will. Er arbeitet eben für
+das ganze Geschlecht, mag auch der einzelne zu kurz kommen.
+Für die heimliche Gräfin ist das natürlich tragisch.“
+</p>
+
+<p>
+„Wenn man es recht bedenkt –“, Diederich war hocherfreut.
+Dieser aristokratische Gesichtspunkt kam auch ihm
+selbst zustatten, wenn er keine Neigung fühlte, Magda
+bei ihrer Verheiratung am Geschäft zu beteiligen.
+</p>
+
+<p>
+„Frau Gräfin, Ihr Stück ist erstklassig“, sagte er, durchdrungen.
+Aber da zog Frau von Wulckow ihn angstvoll
+am Arm: im Publikum entstanden Geräusche, es scharrte,
+schnupfte sich aus und kicherte. „Er übertreibt“, stöhnte
+die Dichterin. „Ich habe es ihm immer gesagt.“
+</p>
+
+<p>
+Denn Jadassohn führte sich wirklich unerhört auf. Die
+Nichte samt der komischen Alten klemmte er hinter den
+Tisch ein und füllte mit den tobenden Bekundungen seiner
+gräflichen Persönlichkeit die ganze Bühne. Je mehr das
+Haus ihn mißbilligte, desto herausfordernder lebte er dort
+oben sich aus. Jetzt zischte man sogar; ja, mehrere wandten
+sich nach der Tür um, hinter der Frau von Wulckow bebte,
+und zischten. Vielleicht geschah es nur, weil die Tür
+kreischte – aber die Dichterin fuhr zurück, sie verlor den
+Zwicker und tastete in hilflosem Entsetzen durch die Luft,
+<pb n='293'/><anchor id='Pgp0293'/>bis Diederich ihn ihr zurückbrachte. Er versuchte, sie zu
+trösten. „Es hat nichts zu sagen, Jadassohn geht doch
+hoffentlich bald ab?“ Sie horchte durch die geschlossene
+Tür. „Ja, Gott sei Dank“, plapperte sie, und die Zähne
+schlugen ihr aufeinander. „Jetzt ist er fertig, jetzt flieht
+meine Nichte mit der komischen Alten, und dann kommt
+Kunze wieder mit dem Leutnant, wissen Sie.“
+</p>
+
+<p>
+„Ein Leutnant spielt auch mit?“ fragte Diederich
+achtungsvoll.
+</p>
+
+<p>
+„Ja, das heißt, er ist noch auf dem Gymnasium, er ist
+ein Sohn des Herrn Landgerichtsdirektors Sprezius: der
+arme Verwandte, wissen Sie, den der alte Graf seiner Tochter
+zum Mann geben will. Er verspricht dem Alten, daß er
+die heimliche Gräfin in der ganzen Welt suchen wird.“
+</p>
+
+<p>
+„Sehr begreiflich“, sagte Diederich. „Es liegt in seinem
+eigenen Interesse.“
+</p>
+
+<p>
+„Sie werden sehen, er ist ein edler Mensch.“
+</p>
+
+<p>
+„Aber Jadassohn, wenn ich mir die Bemerkung erlauben
+darf, Frau Gräfin, den hätten Sie nicht mitspielen
+lassen sollen“, sagte Diederich vorwurfsvoll und
+mit heimlicher Genugtuung. „Schon wegen der Ohren.“
+</p>
+
+<p>
+Frau von Wulckow sagte niedergeschlagen:
+</p>
+
+<p>
+„Ich dachte nicht, daß sie auf der Bühne so wirken würden.
+Glauben Sie nun, daß es ein Mißerfolg wird?“
+</p>
+
+<p>
+„Frau Gräfin!“ Diederich legte die Hand auf das Herz.
+„Ein Stück wie die ‚heimliche Gräfin‘ ist nicht so leicht
+Umzubringen!“
+</p>
+
+<p>
+„Nicht wahr? Es kommt beim Theater doch wohl auf
+die künstlerische Bedeutung an.“
+</p>
+
+<p>
+„Gewiß. Freilich, so ein Paar Ohren haben auch viel
+Einfluß“ – und Diederich machte ein bedenkliches Gesicht.
+</p>
+
+<p>
+Frau von Wulckow rief flehend aus:
+</p>
+
+<pb n='294'/><anchor id='Pgp0294'/>
+
+<p>
+„Wo doch der zweite Akt noch viel besser ist! Er spielt
+in einer protzigen Fabrikantenfamilie, und die heimliche
+Gräfin dient dort als Stubenmädchen. Dann ist da ein
+Klavierlehrer, kein feiner Mensch, eine der Töchter hat
+er sogar geküßt, und nun macht er der Gräfin einen Heiratsantrag,
+den sie natürlich weit von sich weist. Ein Klavierlehrer!
+Wie könnte sie!“
+</p>
+
+<p>
+Diederich bestätigte, es sei ausgeschlossen.
+</p>
+
+<p>
+„Aber nun sehen Sie, wie tragisch: die Tochter, die
+sich von dem Klavierlehrer hat küssen lassen, verlobt sich
+auf einem Ball mit einem Leutnant, und wie der Leutnant
+ins Haus kommt, da ist es derselbe Leutnant, der –“
+</p>
+
+<p>
+„O Gott, Frau Gräfin!“ Diederich streckte schützend
+die Hände vor, ganz erregt durch so viele Verwicklungen.
+„Wie kommen Sie nur auf all die Geschichten?“
+</p>
+
+<p>
+Die Dichterin lächelte leidenschaftlich.
+</p>
+
+<p>
+„Ja, nämlich das ist das Interessanteste: Nachher weiß
+man es nicht mehr. Es geht so geheimnisvoll zu im Gemüt!
+Manchmal denke ich mir, ich muß es geerbt haben.“
+</p>
+
+<p>
+„Haben Sie denn so viele Dichter in Ihrer werten Familie?“
+</p>
+
+<p>
+„Das nicht. Aber wenn nicht mein großer Vorfahre
+die Schlacht bei Kröchenwerda gewonnen hätte, wer weiß,
+ob ich die ‚heimliche Gräfin‘ geschrieben haben würde.
+Es kommt schließlich immer auf das Blut an!“
+</p>
+
+<p>
+Bei dem Namen der Schlacht machte Diederich einen
+Kratzfuß, und er wagte nichts mehr zu fragen.
+</p>
+
+<p>
+„Jetzt muß gleich der Vorhang fallen“, sagte Frau von
+Wulckow. „Hören Sie etwas?“
+</p>
+
+<p>
+Er hörte nichts; nur für die Dichterin gab es nicht Tür
+noch Wände. „Jetzt schwört der Leutnant der fernen
+Gräfin die ewige Treue“, flüsterte sie. „So“; und alles
+<pb n='295'/><anchor id='Pgp0295'/>Blut wich ihr aus dem Gesicht. Gleich darauf schoß es
+heftig zurück; man klatschte: nicht stürmisch; aber man
+klatschte. Die Tür ward von drinnen geöffnet. Dort
+hinten rollte nochmals der Vorhang hinauf, und da der
+junge Sprezius und die Wulckowsche Nichte hervorkamen,
+ward der Beifall lebhafter. Plötzlich schnellte aus der
+Kulisse Jadassohn, pflanzte sich vor die beiden und machte
+Miene, den Erfolg einzuheimsen – worauf gezischt ward.
+Frau von Wulckow wandte sich entrüstet ab. Der Schwiegermutter
+des Bürgermeisters Scheffelweis und der
+Landgerichtsrätin Harnisch, die ihr Glück wünschten, erklärte
+sie: „Herr Assessor Jadassohn ist als Staatsanwalt
+unmöglich. Ich werde es meinem Mann sagen.“
+</p>
+
+<p>
+Die Damen gaben den Ausspruch sofort weiter und
+hatten viel Erfolg damit. Plötzlich war die Spiegelgalerie
+voll von Gruppen, die über Jadassohns Ohren herfielen.
+„Die Präsidentin hat recht wacker gedichtet; nur Jadassohns
+Ohren –.“ Als man hörte, daß Jadassohn im
+zweiten Akt nicht mehr wiederkomme, war man doch enttäuscht.
+Wolfgang Buck ging mit Guste Daimchen auf
+Diederich zu. „Haben Sie gehört?“ fragte er. „Jadassohn
+soll eine Amtshandlung vornehmen und seine Ohren konfiszieren.“
+Diederich sagte mißbilligend: „Ich mache keine
+Witze, wenn es jemandem schlecht geht.“ Und dabei überwachte
+er eifrig die Blicke, die Buck und seine Begleiterin
+trafen. Alle Mienen lebten auf, wenn sie die beiden erblickten;
+Jadassohn war vergessen. Vom Ausgang trug
+die dünne Schreistimme des Professor Kühnchen etwas
+durch den Wirrwarr, das klang wie „Affenschande“. Da
+die Pastorin Zillich ihm beschwichtigend die Hand auf den
+Arm legte, wandte er sich her, und jetzt verstand man
+es deutlich: „Eine ausgewachsene Affenschande ist es!“
+</p>
+
+<pb n='296'/><anchor id='Pgp0296'/>
+
+<p>
+Guste sah sich um; sie bekam Schlitzaugen. „Dort
+sprechen sie auch davon“, sagte sie geheimnisvoll.
+</p>
+
+<p>
+„Wovon?“ stammelte Diederich.
+</p>
+
+<p>
+„Wir wissen schon. Und wer es aufgebracht hat, weiß
+ich auch.“
+</p>
+
+<p>
+Hier brach Diederich der Schweiß aus. „Was haben
+Sie denn?“ fragte Guste. Buck, der durch die Seitentür
+nach dem Büfett schielte, sagte phlegmatisch:
+</p>
+
+<p>
+„Heßling ist ein vorsichtiger Politiker, er hört nicht gern
+mit an, daß der Bürgermeister zwar einerseits ein guter
+Ehemann ist, aber andererseits auch seiner Schwiegermutter
+nichts abschlagen kann.“
+</p>
+
+<p>
+Sofort ward Diederich dunkelrot.
+</p>
+
+<p>
+„Das ist eine Gemeinheit! Wie kann jemand sich solch
+eine Gemeinheit ausdenken!“
+</p>
+
+<p>
+Guste kicherte heftig. Buck blieb unbewegt. „Erstens
+scheint es Tatsache zu sein, denn die Frau Bürgermeister
+hat die beiden überrascht und sich einer Freundin anvertraut.
+Dann aber lag es ja auf der Hand.“
+</p>
+
+<p>
+Guste brachte hervor: „Na Sie, Herr Doktor, wären
+natürlich nie darauf gekommen.“ Dabei blinzelte sie
+verliebt ihrem Verlobten zu. Diederich blitzte. „Aha!“
+sagte er stramm. „Jetzt weiß ich freilich genug.“ Und er
+drehte ihnen den Rücken. Sie erfanden also selbst Gemeinheiten,
+noch dazu über den Bürgermeister! Diederich
+durfte den Kopf hoch tragen. Er stieß zu der Gruppe
+Kühnchens, die sich nach dem Büfett hin bewegte und ein
+Kielwasser von sittlicher Entrüstung hinterließ. Die
+Schwiegermutter des Bürgermeisters schwur mit rotem
+Gesicht, „diese Gesellschaft“ werde ihr Haus künftig nur noch
+von außen sehen, und mehrere Damen schlossen sich ihrem
+Vorsatz an, trotz Abraten des Warenhausbesitzers Herrn
+<pb n='297'/><anchor id='Pgp0297'/>Cohn, der bis auf weiteres alles in Zweifel zog, weil eine
+derartige sittliche Entgleisung bei einem bewährten alten
+Liberalen wie dem Herrn Buck ganz ausgeschlossen erscheine.
+Professor Kühnchen war vielmehr der Meinung,
+daß ein zu weit gehender Radikalismus auch die Moral
+gefährde. Selbst Doktor Heuteufel, der doch die Sonntagsfeiern
+für freie Menschen veranstaltete, machte die Bemerkung,
+an Familiensinn, man könne auch sagen Nepotismus,
+habe es dem alten Buck niemals gefehlt. „Beispiele
+dafür liegen Ihnen allen auf der Zunge. Und daß er jetzt,
+um das Geld in der Familie zu erhalten, sich anschickt, seine
+unehelichen Kinder mit seinen ehelichen zu verheiraten,
+das, meine Herrschaften, würde ich ärztlich als greisenhafte
+Ausschreitung einer früher noch beherrschten Naturanlage
+diagnostizieren.“ Hierbei bekamen die Damen erschreckte
+Gesichter, und die Pastorin Zillich schickte ihr
+Käthchen in die Garderobe nach ihrem Schnupftuch.
+</p>
+
+<p>
+Auf ihrem Wege kam Käthchen an Guste Daimchen
+vorbei, aber sie begrüßte sie nicht, sondern schlug die Augen
+nieder; da machte Guste ein betretenes Gesicht. Am Büfett
+bemerkte man es und äußerte Mißbilligung, vermischt
+mit Mitleid. Guste mußte nun eben erfahren, was es
+hieß, sich über die öffentliche Moral hinwegzusetzen.
+Mochte ihr zugebilligt werden, daß sie vielleicht getäuscht
+und schlecht beeinflußt sei: Frau Oberinspektor Daimchen
+aber, die wußte doch wohl Bescheid, und sie war gewarnt!
+Die Schwiegermutter des Bürgermeisters berichtete von
+ihrem Besuch bei Gustes Mutter und von ihren vergeblichen
+Anstrengungen, durch Anklopfen ein Geständnis
+hervorzulocken aus der verhärteten alten Frau, der eine
+legitime Verbindung mit dem Hause Buck wohl einen
+Jugendtraum erfüllte!...
+</p>
+
+<pb n='298'/><anchor id='Pgp0298'/>
+
+<p>
+„Na, und der Herr Rechtsanwalt Buck!“ kreischte Kühnchen.
+Tatsächlich, wen wollte dieser Herr glauben machen,
+daß er über die neue Schande, die seine Familie traf,
+nicht genau unterrichtet sei? Waren ihm die Verbrechen
+im Hause Lauer etwa unbekannt gewesen? Und doch sah
+man ihn nicht zögern, die schmutzige Wäsche seiner Schwester
+und seines Schwagers öffentlich vor Gericht auszubreiten,
+nur um von sich reden zu machen! Doktor Heuteufel,
+den es noch immer drängte, seine eigene Haltung
+im Prozeß nachträglich zu verbessern, erklärte: „Das ist
+kein Verteidiger, das ist ein Komödiant!“ Und als Diederich
+zu bedenken gab, Buck habe nun einmal gewisse,
+wenn auch anfechtbare Überzeugungen in Politik und
+Moral, da ward ihm erwidert: „Herr Doktor, Sie sind sein
+Freund. Daß Sie für ihn eintreten, spricht zu Ihren Gunsten,
+aber Sie machen uns nichts weiß;“ – worauf Diederich
+sich zurückzog, mit bekümmerter Miene, aber nicht
+ohne einen Blick auf den Redakteur Nothgroschen, der bescheiden
+an einer Schinkensemmel kaute und alles hörte.
+</p>
+
+<p>
+Plötzlich entstand eine Stille, denn drinnen, nahe der
+Bühne, erblickte man den alten Herrn Buck in einem Kreis
+junger Mädchen. Es schien, er erklärte ihnen die Malereien
+an den Wänden, das Leben von ehemals, das verblichen
+und heiter den ganzen Saal umgab, mit dem Umkreis
+der Stadt, wie sie gewesen war, mit verschwundenen
+Wiesen und Gärten und den Menschen allen, lärmend einst
+als Herren hier in diesem Festhaus, nun aber in hingetäuschte
+Tiefen gebannt vor dem Geschlecht, das eben jetzt
+lärmte ... Jetzt sah es gar aus, als ahmten sie, die Mädchen
+und der Alte, den Figuren nach. Gerade über ihnen
+war das Burgtor abgebildet, und ein Herr in Perücke und
+Amtskette trat heraus, derselbe, der aus Marmor zu
+<pb n='299'/><anchor id='Pgp0299'/>Häupten der Treppe stand. In dem lieblichen Gehölz
+voller Blumen aber, das damals wohl dort, statt der
+Papierfabrik Gausenfeld, geblüht hatte, tanzten ihm
+helle Kinder entgegen, warfen einen Kranz über ihn und
+wollten ihn damit umherdrehen. Der Widerschein von
+rosigen kleinen Wolken fiel auf sein glückliches Gesicht.
+So glücklich lächelte in diesem Augenblick auch der alte
+Buck, ließ sich von den Mädchen hin und her ziehen und
+war von ihnen gefangen, wie in einem lebenden Kranz.
+Seine Sorglosigkeit war unbegreiflich, sie war aufreizend.
+Hatte er schon sein Gewissen bis zu dem Grade
+abgestumpft, daß er seine natürliche Tochter –: „<hi rend='gesperrt'>Unsere</hi>
+Töchter sind eben doch keine natürlichen Kinder“, sagte
+Frau Warenhausbesitzer Cohn. „Meine Sidonie mit
+Guste Daimchen Arm in Arm!“... Buck und seine jungen
+Freundinnen merkten gar nicht, daß sie sich am Ende
+eines leeren Raumes befanden. Vorn bildete feindliches
+Publikum eine Mauer; die Augen fingen zu funkeln an,
+und der Mut wuchs. „Die Familie ist die längste Zeit
+obenauf gewesen! Einen haben sie schon in der Vogtei,
+gleich kommt Nummer zwei!“... „Das ist ja der reinste
+Rattenfänger!“ murrte es; und drüben: „Ich sehe es nicht
+noch länger mit an!“ Jäh entrangen sich zwei Damen
+dem allgemeinen Druck, nahmen einen Anlauf und durchkreuzten
+den leeren Raum. Frau Rat Harnisch, die in
+ihrer roten Samtschleppe dahinkugelte, traf am Ziel pünktlich
+auf die gelbe Frau Cohn, mit demselben Griff bemächtigte
+die eine sich ihrer Sidonie, die andere ihrer Meta,
+und welch eine Genugtuung, als sie wieder anlangten!
+„Ich war einer Ohnmacht nahe“, sagte die Pastorin
+Zillich, da nun gottlob auch Käthchen sich einfand.
+</p>
+
+<p>
+Die gute Laune kehrte zurück, man scherzte über den
+<pb n='300'/><anchor id='Pgp0300'/>alten Sünder und verglich ihn mit dem Grafen im Stück
+der Präsidentin. Freilich, Guste war keine heimliche
+Gräfin; in einer Dichtung konnte man, der Präsidentin
+zu gefallen, mit solchen Zuständen sympathisieren. Übrigens
+waren sie dort noch erträglich, denn die Gräfin
+sollte nur ihren Vetter heiraten, während Guste –!
+</p>
+
+<p>
+Der alte Buck, der niemand mehr um sich sah, als seine
+künftige Schwiegertochter und eine seiner Nichten, bekam
+eine fragende Miene; ja, unter den Blicken, die ihn
+in seiner Verlassenheit musterten, ward er sichtlich verlegen.
+Man machte einander darauf aufmerksam; –
+und Diederich sogar fragte sich, ob Frau Heßlings alte
+Skandalgeschichte denn etwa gar wahr sei? Da er das
+Phantom, das er selbst in die Welt geschickt hatte, hier
+einen Körper annehmen und immer drohender um sich
+greifen sah, war ihm selber bange geworden. Diesmal
+galt es nicht irgendeinem Lauer, es galt dem alten Herrn
+Buck, der ehrwürdigsten Figur aus Diederichs Kindertagen,
+dem großen Mann der Stadt, der Verkörperung ihres
+Bürgersinnes, dem zum Tode Verurteilten von Achtundvierzig!
+Im eigenen Herzen fühlte Diederich ein Sträuben
+gegen sein Unterfangen. Auch schien es Wahnwitz; ein
+Streich wie dieser zerschmetterte den Alten noch längst
+nicht. Kam es aber heraus, wer der Urheber war, dann
+mußte Diederich darauf gefaßt sein, daß alle sich gegen ihn
+wendeten ... Gleichwohl blieb es ein Streich, und er hatte
+getroffen. Jetzt war es nicht mehr bloß die Familie, die
+bröckelte und an dem Alten als Last hing: der Bruder vor
+dem Bankerott, der Schwiegersohn im Gefängnis, die Tochter
+auf Reisen mit einem Liebhaber, und von den Söhnen
+einer verbauert, der andere verdächtig durch Gesinnung und
+Lebensführung, – jetzt schwankte er, zum ersten Male,
+<pb n='301'/><anchor id='Pgp0301'/>selbst. Herunter mit ihm, damit Diederich hinaufkam!
+Trotzdem war es Diederich bange bis in den Leib hinein,
+er machte sich auf, um die Nebenräume zu besuchen.
+</p>
+
+<p>
+Er lief, denn es klingelte schon zum zweiten Akt: da
+stieß er mit der Schwiegermutter des Bürgermeisters zusammen,
+die es aus einem anderen Grund ebenso eilig
+hatte. Sie kam gerade noch rechtzeitig, um zu verhindern,
+daß ihr Schwiegersohn, gelenkt von seiner Frau, sich auf
+den alten Buck zu bewege und ihn mit seiner Autorität
+decke. „Mit deiner Autorität als Bürgermeister, einen
+solchen Skandal!“ Sie war heiser vor Aufregung. Die
+Frau aber mit ihrer grellen kleinen Stimme blieb dabei,
+die Bucks seien nun einmal die feinsten Leute hier, und
+noch gestern habe Milli Buck ihr ein fabelhaftes Schnittmuster
+gegeben. Mit versteckten Püffen trieb jede ihn nach
+ihrer Seite; er gab ihnen abwechselnd recht, seine blassen
+Bartkotelettes flohen nach links und nach rechts, und er
+hatte Augen wie ein Hase. Die Vorübergehenden stießen
+einander an und wiederholten flüsternd als einen Witz, was
+Diederich durch Wolfgang Buck wußte. Angesichts so wichtiger
+Vorgänge vergaß er seine Leibschmerzen, blieb stehen
+und beschrieb einen herausfordernden Gruß. Der Bürgermeister
+gab sich Haltung, verließ seine Damen, er streckte
+Diederich die Hand hin. „Mein lieber Doktor Heßling,
+es freut mich, das ist einmal ein gelungenes Fest, wie?“
+</p>
+
+<p>
+Aber Diederich zeigte sich gar nicht geneigt, auf die nichtssagende
+Herzlichkeit einzugehen, die Doktor Scheffelweis so
+sehr liebte. Er richtete sich auf wie das Verhängnis und blitzte.
+</p>
+
+<p>
+„Herr Bürgermeister, ich fühle mich nicht berechtigt,
+Sie im unklaren zu lassen über gewisse Dinge, die –“
+</p>
+
+<p>
+„Die?“ fragte Doktor Scheffelweis, erbleicht.
+</p>
+
+<p>
+„Die vorgehen“, sagte Diederich nicht ohne Härte. Der
+<pb n='302'/><anchor id='Pgp0302'/>Bürgermeister bat um Erbarmen. „Ich weiß doch schon.
+Es ist die fatale Geschichte mit unserem allverehrten –
+ich wollte sagen, die Schweinerei des alten Buck“, flüsterte
+er vertraulich. Diederich blieb kalt.
+</p>
+
+<p>
+„Es ist mehr. Sie dürfen sich nicht länger täuschen, Herr
+Bürgermeister: es betrifft Sie selbst.“
+</p>
+
+<p>
+„Junger Mann, ich muß doch bitten ...“
+</p>
+
+<p>
+„Ich stehe Ihnen zur Verfügung, Herr Bürgermeister!“
+</p>
+
+<p>
+Doktor Scheffelweis irrte, wenn er hoffte, dieser Kelch
+sei durch Aufbegehren besser abzuwenden als durch Flehen!
+Er war in Diederichs Hand; die Spiegelgalerie hatte
+sich geleert, auch die beiden Damen verschwanden dahinten
+im Gedränge.
+</p>
+
+<p>
+„Buck und Genossen führen einen Gegenschlag“, sagte
+Diederich sachlich. „Sie sind entlarvt und rächen sich.“
+</p>
+
+<p>
+„An mir?“ Der Bürgermeister hüpfte auf.
+</p>
+
+<p>
+„Verleumdungen, ich wiederhole: infame Verleumdungen
+werden gegen Sie gerichtet. Kein Mensch würde sie
+glauben, aber in diesen Zeiten der politischen Kämpfe –“
+</p>
+
+<p>
+Er beendete nicht, sondern hob die Schultern. Doktor
+Scheffelweis war sichtlich kleiner geworden. Er wollte
+Diederich ansehen, irrte aber ab. Da bekam Diederich die
+Stimme des Gerichts.
+</p>
+
+<p>
+„Herr Bürgermeister! Sie erinnern sich an unsere erste
+Unterredung in Ihrem Hause, mit Herrn Assessor Jadassohn.
+Ich habe Sie schon damals darauf vorbereitet, daß
+ein neuer Geist in die Stadt einziehen werde. Die schlappe
+demokratische Gesinnung hat abgewirtschaftet! Stramm
+national muß man heut sein! Sie waren gewarnt!“
+</p>
+
+<p>
+Doktor Scheffelweis stand Rede.
+</p>
+
+<p>
+„Ich war innerlich schon immer auf Ihrer Seite, lieber
+Freund: um so mehr, als ich ein besonderer Verehrer
+<pb n='303'/><anchor id='Pgp0303'/>Seiner Majestät bin. Unser herrlicher junger Kaiser ist
+ein so origineller Denker ... impulsiv ... und ...“
+</p>
+
+<p>
+„Die persönlichste Persönlichkeit“, ergänzte Diederich
+streng.
+</p>
+
+<p>
+Der Bürgermeister sprach nach: „Persönlichkeit ...
+Aber ich in meiner Stellung, die nach beiden Seiten
+blickt, kann Ihnen auch heute nur wiederholen: Schaffen
+Sie neue Tatsachen!“
+</p>
+
+<p>
+„Und mein Prozeß? Ich habe die Feinde Seiner Majestät
+glatt zerschmettert!“
+</p>
+
+<p>
+„Ich habe Ihnen nichts in den Weg gelegt. Ich habe
+Sie sogar beglückwünscht.“
+</p>
+
+<p>
+„Mir nicht bekannt.“
+</p>
+
+<p>
+„Wenigstens im stillen.“
+</p>
+
+<p>
+„Heute muß man sich offen entscheiden, Herr Bürgermeister.
+Seine Majestät haben es selbst gesagt: wer nicht
+für mich ist, ist wider mich! Unsere Bürger sollen endlich
+aus dem Schlummer erwachen und bei der Bekämpfung
+der umwälzenden Elemente selbst mit Hand anlegen!“
+</p>
+
+<p>
+Hier schlug Doktor Scheffelweis die Augen nieder. Um
+so gebieterischer reckte sich Diederich.
+</p>
+
+<p>
+„Wo aber bleibt der Bürgermeister?“ fragte er, und
+seine Frage klang in einer drohenden Stille so lange nach,
+bis Doktor Scheffelweis sich entschloß, ihn anzublinzeln.
+Zum Sprechen brachte er es nicht; Diederichs Erscheinung,
+blitzend, gesträubt und blond gedunsen, verschlug
+ihm die Rede. In fliegender Verwirrung dachte er:
+„Einerseits – andererseits“ – und blinzelte immerfort
+das Bild der neuen Jugend an, die wußte, was sie wollte,
+den Vertreter der harten Zeit, die nun kam!
+</p>
+
+<p>
+Diederich, mit herabgezogenen Mundwinkeln, nahm die
+Huldigung entgegen. Er genoß einen der Augenblicke,
+<pb n='304'/><anchor id='Pgp0304'/>in denen er mehr bedeutete als sich selbst, und im Geiste
+eines Höheren handelte. Der Bürgermeister war länger
+als er, aber Diederich sah auf ihn hinunter, als hätte er
+gethront. „Nächstens haben wir Stadtverordnetenwahlen:
+da kommt es nun ganz auf Sie an“, äußerte er gnädig
+und knapp. „Der Prozeß Lauer hat einen Umschwung der
+öffentlichen Meinung bewirkt. Die Leute haben Angst vor
+mir. Wer mir behilflich sein will, ist mir willkommen; wer
+sich mir entgegenstellt –“
+</p>
+
+<p>
+Den Nachsatz wartete Doktor Scheffelweis nicht ab. „Ich
+bin ganz Ihrer Meinung,“ flüsterte er beflissen, „Freunde
+des Herrn Buck dürfen nicht mehr gewählt werden.“
+</p>
+
+<p>
+„Das liegt in Ihrem eigensten Interesse. Bei den
+Schlechtgesinnten untergräbt man Ihren guten Ruf, Herr
+Bürgermeister! Könnten Sie es heute überleben, daß die
+Gutgesinnten den abscheulichen Verleumdungen nicht mehr
+widersprechen?“ Eine Pause, in der Doktor Scheffelweis
+zitterte; dann wiederholte Diederich, ermutigend: „Es
+kommt nur auf Sie an.“ – Der Bürgermeister murmelte:
+„Ihre Energie und anständige Gesinnung in Ehren –“
+</p>
+
+<p>
+„Meine hochanständige Gesinnung!“
+</p>
+
+<p>
+„Freilich ... Aber Sie sind ein politischer Heißsporn,
+mein junger Freund. Die Stadt ist noch nicht reif für
+Sie. Wie wollen Sie mit ihr fertig werden?“
+</p>
+
+<p>
+Statt einer Antwort trat Diederich plötzlich zurück und
+machte einen Kratzfuß. Im Eingang stand Wulckow.
+</p>
+
+<p>
+Er kam herbei unter elastischem Schwenken des Bauches,
+legte seine schwarze Tatze dem Doktor Scheffelweis auf die
+Schulter und sagte dröhnend: „Na, Bürgermeisterchen, so
+solo hier? Ihre Stadtverordneten haben Sie wohl hinausgeworfen?“
+– worauf Doktor Scheffelweis bleich mitlachte.
+Aber Diederich sah sich heftig besorgt nach der Saaltür um,
+<pb n='305'/><anchor id='Pgp0305'/>die noch offen stand. Er trat vor Wulckow hin, so daß der
+Präsident von drinnen nicht zu sehen war, und flüsterte ihm
+einige Worte zu, infolge deren der Präsident sich abwandte
+und seine Kleider ordnete. Dann sagte er zu Diederich:
+„Sie sind wirklich sehr brauchbar, Doktorchen.“
+</p>
+
+<p>
+Diederich lächelte geschmeichelt. „Ihre Anerkennung,
+Herr Präsident, macht mich glücklich.“
+</p>
+
+<p>
+Wulckow äußerte gnädig: „Sie können gewiß auch sonst
+noch allerlei. Wir müssen mal drüber reden.“ Er streckte
+den Kopf vor, braunfleckig, mit slawischen Backenknochen,
+und glotzte Diederich an aus den Mongolenfalten seiner
+Augen, die voll einer warmblütigen, schalkhaften Gewaltsamkeit
+waren: – glotzte, bis Diederich schnaufte. Dieser
+Erfolg schien Wulckow zu befriedigen. Er bürstete vor dem
+Spiegel seinen Bart, zerdrückte ihn aber sogleich wieder auf
+dem Frackhemd, weil er den Kopf wie ein Stier trug, und
+sagte: „Nu los! Der Klimbim ist wohl schon im Gange?“
+Und in der Mitte zwischen Diederich und dem Bürgermeister
+schickte er sich an, mit Wucht die Vorstellung zu
+stören: da kam vom Büfett her eine dünne Stimme:
+</p>
+
+<p>
+„Ach Gott, Ottochen!“
+</p>
+
+<p>
+„Na, da ist sie“, brummte Wulckow, und er ging seiner
+Frau entgegen. „Dachte mir schon, wenn es zum Klappen
+kommt, scheut sie. Mehr Reitergeist, meine beste Frieda!“
+</p>
+
+<p>
+„Ach Gott, Ottochen, ich habe nun mal solche grauenhafte
+Angst.“ Zu den beiden anderen Herrn gewandt plauderte
+sie geläufig, wenn auch bebend. „Ich weiß wohl, man
+sollte freudigeren Herzens in die Schlacht gehen.“
+</p>
+
+<p>
+„Besonders,“ sagte Diederich schlagfertig, „wenn sie
+im voraus gewonnen ist.“ Und er verneigte sich ritterlich.
+Frau von Wulckow berührte ihn mit dem Fächer.
+</p>
+
+<p>
+„Herr Doktor Heßling hat mir nämlich schon während
+<pb n='306'/><anchor id='Pgp0306'/>des ersten Aktes hier draußen Gesellschaft geleistet. Er hat
+Sinn für das Schöne, er gibt einem sogar nützliche Winke.“
+</p>
+
+<p>
+„Hab’ ich gemerkt“, sagte Wulckow; und indes Diederich
+abwechselnd ihm und seiner Frau dankerfüllte Kratzfüße
+machte, setzte der Präsident hinzu: „Bleiben wir lieber
+gleich beim Büfett.“
+</p>
+
+<p>
+„Das war auch mein Schlachtplan“, plauderte Frau von
+Wulckow. „Um so mehr, als ich jetzt festgestellt habe, daß man
+hier eine kleine Tür nach dem Saal öffnen kann. So erfreut
+man sich der von den Ereignissen unberührten Isoliertheit,
+die ich nun einmal brauche, und bleibt dennoch <foreign rend="antiqua">au fait</foreign>.“
+</p>
+
+<p>
+„Bürgermeisterchen,“ sagte Wulckow und schnalzte, „den
+Hummersalat sollten Sie sich auch kaufen.“ Er zog Doktor
+Scheffelweis am Ohr und setzte hinzu: „In der Sache
+mit dem städtischen Arbeitsnachweis hat der Magistrat
+mal wieder eine jammervolle Rolle gespielt.“
+</p>
+
+<p>
+Der Bürgermeister aß gehorsam und hörte gehorsam
+zu – indes Diederich neben Frau von Wulckow nach der
+Bühne ausspähte. Dort hatte Magda Heßling Klavierstunde,
+und der Lehrer, ein dunkellockiger Virtuose, küßte
+sie feurig, was sie nicht übel zu vermerken schien. „Kienast
+dürfte das nicht sehen“, dachte Diederich, aber auch
+im eigenen Namen fühlte er sich gekränkt. Er äußerte:
+</p>
+
+<p>
+„Finden Frau Gräfin nicht doch, daß der Klavierlehrer
+zu naturalistisch spielt?“
+</p>
+
+<p>
+Die Dichterin erwiderte befremdet: „Ganz so lag es in
+meiner Intention.“
+</p>
+
+<p>
+„Ich meinte auch nur“, sagte Diederich unsicher – und
+dann erschrak er, denn in der Tür erschien Frau Heßling
+oder eine Dame, die ihr ähnlich sah. Emmi kam auch,
+und das Paar war ertappt, man schrie und weinte. Um
+so lauter sprach Wulckow.
+</p>
+
+<pb n='307'/><anchor id='Pgp0307'/>
+
+<p>
+„Nee, Bürgermeister. Auf den alten Buck können Sie
+sich diesmal nicht ’rausreden. Wenn er damals den städtischen
+Arbeitsnachweis durchgedrückt hat: die Anwendung
+tut es, die ist Ihre Sache.“
+</p>
+
+<p>
+Doktor Scheffelweis wollte etwas vorbringen, aber
+Magda schrie, sie denke nicht daran, den Menschen zu
+heiraten, dafür sei das Dienstmädchen gut genug. Die
+Dichterin bemerkte:
+</p>
+
+<p>
+„Das muß sie noch ordinärer bringen. Es sind doch
+Parvenüs.“
+</p>
+
+<p>
+Und Diederich lächelte zustimmend, obwohl er arg betreten
+war durch diese Zustände in einem Heim, das dem seinen
+glich. Innerlich gab er Emmi recht, die erklärte, der Skandal
+müsse sogleich aus der Welt geschafft werden, und die das
+Dienstmädchen hereinrief. Aber wie das Mädchen sich zeigte,
+verdammt, da war es die heimliche Gräfin! In die Stille,
+die ihr Auftreten bewirkte, tönte Wulckows Baßstimme.
+</p>
+
+<p>
+„Bleiben Sie mir mal weg mit dem Schwindel von
+Ihren sozialen Pflichten. Die Landwirtschaft ruinieren
+soll sozial sein?“
+</p>
+
+<p>
+Im Publikum wandten mehrere sich um; die Dichterin
+wisperte angstvoll: „Ottochen, um Gottes willen!“
+</p>
+
+<p>
+„Was ist denn los?“ Er trat in die Tür. „Nun sollen
+sie mal zischen!“
+</p>
+
+<p>
+Niemand zischte. Er wandte sich wieder dem Bürgermeister
+zu:
+</p>
+
+<p>
+„Mit Ihrem Arbeitsnachweis ziehen Sie unsereinem,
+der im Osten begütert ist, die Arbeiter fort, das ist mal
+sicher. Und ferner: Sie haben sogar Vertreter der Arbeiter
+in Ihrem miserablen Arbeitsnachweis – und dabei vermitteln
+Sie auch für die Landwirtschaft. Wohin steuern
+Sie also? Nach der Koalition der Landarbeiter. Sehen
+<pb n='308'/><anchor id='Pgp0308'/>Sie wohl, Bürgermeisterchen?“ Seine Tatze fiel auf
+Doktor Scheffelweis’ nachgiebige Schulter. „Wir kommen
+Ihnen hinter die Schliche. Wird nicht geduldet!“
+</p>
+
+<p>
+Auf der Bühne sprach die Wulckowsche Nichte ins Publikum,
+denn die Fabrikantenfamilie durfte nichts hören.
+</p>
+
+<p>
+„Wie? Ich, ein Grafenkind, einen Klavierlehrer heiraten?
+Das sei ferne von mir. Wenn die Leute mir auch
+eine Ausstattung versprechen, für Geld mögen andere
+sich erniedrigen. Ich aber weiß, was ich meiner edlen
+Geburt schuldig bin!“
+</p>
+
+<p>
+Hier ward applaudiert. Frau Harnisch und Frau Tietz
+sah man Tränen fortwischen, die der Edelsinn der Gräfin
+ihnen hatte entquellen lassen. Aber die fortgewischten
+Tränen kamen wieder, als die Nichte sagte:
+</p>
+
+<p>
+„Doch ach! Wo finde ich als Dienstmädchen einen ebenso
+Hochgeborenen.“
+</p>
+
+<p>
+Der Bürgermeister mußte eine Erwiderung gewagt
+haben, denn Wulckow grollte: „Dafür, daß es weniger
+Arbeitslose gibt, will ich nicht bluten. Mein Geld ist mein
+Geld.“
+</p>
+
+<p>
+Da konnte Diederich sich nicht länger enthalten, ihm
+mit einem Kratzfuß zu danken. Aber auch die Dichterin
+bezog mit Recht seinen Kratzfuß auf sich.
+</p>
+
+<p>
+„Ich weiß,“ sagte sie, selbst gerührt, „die Stelle ist mir
+gelungen.“
+</p>
+
+<p>
+„Das ist Kunst, die zum Herzen spricht“, stellte Diederich
+fest. Da Magda und Emmi das Klavier und die Türen
+zuschlugen, ergänzte er: „Und hochdramatisch.“ Hierauf
+nach der anderen Seite:
+</p>
+
+<p>
+„Nächste Woche werden zwei Stadtverordnete gewählt
+für Lauer und Buck junior. Gut, daß der von selbst geht.“
+Wulckow sagte: „Dann sorgen Sie nur dafür, daß
+an<pb n='309'/><anchor id='Pgp0309'/>ständige Leute ’reinkommen. Sie sollen ja mit der ‚Netziger
+Zeitung‘ gut stehen.“
+</p>
+
+<p>
+Diederich dämpfte vertraulich die Stimme. „Ich halte
+mich vorläufig noch zurück, Herr Präsident. Für die nationale
+Sache ist es besser.“
+</p>
+
+<p>
+„Sieh mal an“, sagte Wulckow; und wirklich sah er
+Diederich durchdringend an. „Sie möchten sich wohl
+selbst wählen lassen?“ fragte er.
+</p>
+
+<p>
+„Ich würde das Opfer bringen. Unsere städtischen
+Körperschaften haben zu wenig Mitglieder, die in nationaler
+Beziehung zuverlässig sind.“
+</p>
+
+<p>
+„Und was wollen Sie machen, wenn Sie drin sind?“
+</p>
+
+<p>
+„Dafür sorgen, daß der Arbeitsnachweis aufhört.“
+</p>
+
+<p>
+„Na ja,“ sagte Wulckow, „als nationaler Mann.“
+</p>
+
+<p>
+„Ich als Offizier,“ sagte auf der Bühne der Leutnant,
+„kann nicht dulden, liebe Magda, daß dieses Mädchen,
+wenn es auch nur eine arme Dienstmagd ist, irgendwie
+mißhandelt wird.“
+</p>
+
+<p>
+Der Leutnant aus dem ersten Akt, der arme Vetter, der
+die heimliche Gräfin hätte heiraten sollen, er war Magdas
+Verlobter! Man fühlte die Zuschauer vor Spannung
+beben. Die Dichterin bemerkte es selbst. „Die Erfindung
+ist aber auch meine starke Seite“, sagte sie zu Diederich,
+der tatsächlich verblüfft war. Doktor Scheffelweis hatte
+keine Zeit, sich den Emotionen der dramatischen Dichtung
+zu überlassen; er sah sich gefährdet.
+</p>
+
+<p>
+„Niemand“, beteuerte er, „würde freudiger einen
+Geist –“ Wulckow unterbrach ihn.
+</p>
+
+<p>
+„Kennen wir, Bürgermeisterchen. Freudig begrüßen
+können Sie, wenn’s nichts kostet.“
+</p>
+
+<p>
+Diederich setzte hinzu: „Aber einen glatten Strich ziehen
+zwischen Kaisertreuen und Umsturz!“
+</p>
+
+<pb n='310'/><anchor id='Pgp0310'/>
+
+<p>
+Der Bürgermeister hob flehend die Arme. „Meine
+Herren! Verkennen Sie mich nicht, ich bin zu allem bereit.
+Aber mit dem Strich ist nicht geholfen, denn bei uns hier
+bedeutet er bloß, daß fast alle, die nicht freisinnig wählen,
+sozialdemokratisch wählen.“
+</p>
+
+<p>
+Wulckow stieß ein wütendes Grunzen aus, worauf er
+sich eine Wurst vom Büfett langte. Diederich war es,
+der eiserne Zuversicht bekundete.
+</p>
+
+<p>
+„Wenn die guten Wahlen nicht von selbst kommen,
+müssen sie eben gemacht werden!“
+</p>
+
+<p>
+„Aber womit?“ sagte Wulckow.
+</p>
+
+<p>
+Die Wulckowsche Nichte ihrerseits rief ins Publikum:
+</p>
+
+<p>
+„Er muß doch sehen, daß ich eine Gräfin bin, er, der
+demselben edlen Stamme entsprossen ist!“
+</p>
+
+<p>
+„Oh! Frau Gräfin!“ sagte Diederich. „Jetzt bin ich
+wirklich neugierig, ob er es sieht.“
+</p>
+
+<p>
+„Selbstverständlich“, erwiderte die Dichterin. „Sie erkennen
+einander doch schon an den besseren Manieren.“
+</p>
+
+<p>
+In der Tat warfen der Leutnant und die Nichte sich
+Blicke zu, weil Emmi und Magda samt Frau Heßling
+einen Käse mit dem Messer aßen. Diederich behielt den
+Mund offen. Im Publikum bewirkte das ungebildete
+Betragen der Fabrikantenfamilie die freudigste Stimmung.
+Die Töchter Buck, Frau Cohn und Guste Daimchen,
+alle jubelten. Auch Wulckow ward aufmerksam; er
+sog sich das Fett von den Fingern und sagte:
+</p>
+
+<p>
+„Frieda, du bist fein ’raus, sie lachen.“
+</p>
+
+<p>
+Wirklich blühte die Dichterin erstaunlich auf. Ihre
+Augen hinter dem Zwicker glänzten wirr, sie seufzte, ihr
+Busen wallte, es hielt sie nicht länger auf ihrem Stuhl.
+Sie wagte sich halb heraus aus dem Büfettzimmer; sofort
+wandten viele sich nach ihr um, mit neugierigen Gesichtern,
+<pb n='311'/><anchor id='Pgp0311'/>und die Schwiegermutter des Bürgermeisters gab ihr Zeichen.
+Frau von Wulckow rief fieberhaft über die Schulter:
+</p>
+
+<p>
+„Meine Herren, die Schlacht ist gewonnen!“
+</p>
+
+<p>
+„Wenn es bei uns auch so schnell ginge“, sagte ihr
+Gatte. „Na, also, Doktor, wie wollen Sie den Netzigern
+die Kandare anlegen?“
+</p>
+
+<p>
+„Herr Präsident!“ Diederich drückte die Hand aufs
+Herz. „Netzig wird kaisertreu, dafür bürge ich Ihnen mit
+allem, was ich bin und habe!“
+</p>
+
+<p>
+„Schön“, sagte Wulckow.
+</p>
+
+<p>
+„Denn“, fuhr Diederich fort, „wir haben einen Agitator,
+den ich als erstklassig bezeichnen möchte: jawohl,
+erstklassig“, wiederholte er und umfaßte mit dem Wort
+alles Große; „und das ist Seine Majestät selbst!“
+</p>
+
+<p>
+Doktor Scheffelweis sammelte sich eilig. „Die persönlichste
+Persönlichkeit“, brachte er hervor. „Originell.
+Impulsiv.“
+</p>
+
+<p>
+„Na ja“, sagte Wulckow. Er stemmte die Fäuste auf die
+Knie und glotzte dazwischen auf den Boden, in der Haltung
+eines sorgenvollen Menschenfressers. Auf einmal merkten
+die beiden anderen, daß er sie von unten schief ansah.
+</p>
+
+<p>
+„Meine Herren“ – er stockte wieder – „na, ich will
+Ihnen mal was sagen. Ich glaube, der Reichstag wird
+aufgelöst.“
+</p>
+
+<p>
+Diederich und Doktor Scheffelweis streckten die Köpfe
+vor, sie wisperten. „Herr Präsident wissen –?“
+</p>
+
+<p>
+„Der Kriegsminister war neulich mit mir auf der Jagd,
+bei meinem Vetter Herrn von Quitzin.“
+</p>
+
+<p>
+Diederich machte einen Kratzfuß. Er stammelte, er
+wußte selbst nicht was. Er hatte es vorausgesagt! Schon
+bei seiner Aufnahme in den Kriegerverein hatte er eine
+Rede Seiner Majestät wiedergegeben, – und hatte er
+<pb n='312'/><anchor id='Pgp0312'/>sie nur wiedergegeben? Darin kam ausdrücklich vor:
+„Ich räume die ganze Bude aus!“ Und nun sollte es geschehen,
+ganz so, als handelte er selbst. Es überlief ihn
+mystisch ... Wulckow sagte inzwischen:
+</p>
+
+<p>
+„Die Herren Eugen Richter und Konsorten passen uns
+nicht mehr. Wenn sie die Militärvorlage nicht schlucken,
+ist Schluß“; – und Wulckow strich sich mit der Faust über
+den Mund, als beginne das Fressen.
+</p>
+
+<p>
+Diederich faßte sich. „Das ist – das ist großzügig!
+Das ist ganz sicher die persönliche Initiative Seiner
+Majestät!“ Doktor Scheffelweis war erbleicht. „Dann
+sind schon wieder Reichstagswahlen? Und ich war so
+froh, daß wir unseren bewährten Abgeordneten hatten ...“
+Er erschrak noch mehr. „Das heißt, natürlich, Kühlemann
+ist auch ein Freund des Herrn Richter ...“
+</p>
+
+<p>
+„Ein Nörgler!“ schnaubte Diederich. „Ein vaterlandsloser
+Geselle!“ Er rollte die Augen. „Herr Präsident!
+Diesmal ist es aus in Netzig mit den Leuten. Lassen Sie
+mich nur erst Stadtverordneter sein, Herr Bürgermeister!“
+„Was dann?“ fragte Wulckow. Diederich wußte es nicht.
+Glücklicherweise entstand im Saal ein Zwischenfall;
+Stühle wurden gerückt, und jemand ließ sich die große Tür
+öffnen: Kühlemann selbst war es. Der Greis schleppte
+seine schwere kranke Masse eilig durch die Spiegelgalerie.
+Am Büfett fand man, seit dem Prozeß sei er noch mehr
+verfallen.
+</p>
+
+<p>
+„Er hätte Lauer lieber freigesprochen, die anderen
+Richter haben ihn überstimmt“, sagte Diederich. Doktor
+Scheffelweis meinte: „Nierensteine führen wohl schließlich
+zur Auflösung.“ Worauf Wulckow humoristisch: „Na,
+und im Reichstag sind wir seine Nierensteine.“
+</p>
+
+<p>
+Der Bürgermeister lachte gefällig. Aber Diederich riß
+<pb n='313'/><anchor id='Pgp0313'/>die Augen auf. Er näherte sich dem Ohr des Präsidenten
+und raunte:
+</p>
+
+<p>
+„Sein Testament!“
+</p>
+
+<p>
+„Was ist damit?“
+</p>
+
+<p>
+„Er hat die Stadt zum Erben eingesetzt“, erklärte Doktor
+Scheffelweis wichtig. „Wahrscheinlich bauen wir von
+dem Geld ein Säuglingsheim.“
+</p>
+
+<p>
+„Bauen Sie?“ Diederich feixte verachtungsvoll. „Einen
+nationaleren Zweck können Sie sich wohl nicht denken?“
+</p>
+
+<p>
+„Ach so.“ Wulckow nickte Diederich anerkennend zu.
+„Wieviel Pinke hat er denn?“
+</p>
+
+<p>
+„Eine halbe Million wenigstens“, sagte der Bürgermeister,
+und er beteuerte: „Ich wäre glücklich, wenn es zu
+machen wäre, daß –“
+</p>
+
+<p>
+„Es ist glatt zu machen“, behauptete Diederich.
+</p>
+
+<p>
+Da hörte man draußen im Saal ein Lachen, das ganz
+verschieden klang von dem vorigen. Es kam aus ungehemmter
+Brust und drückte sicherlich Schadenfreude aus.
+Auch zog die Dichterin sich fluchtartig bis hinter das Büfett
+zurück; ja, sie schien bereit, hineinzukriechen. „Grundgütiger
+Gott!“ wimmerte sie. „Alles ist verloren.“ „Nanu?“
+machte ihr Gatte und stellte sich drohend in die Tür.
+Aber selbst dieses konnte die Heiterkeit nicht mehr aufhalten.
+Magda hatte zu der Gräfin gesagt: „Spute dich,
+du dumme Landpomeranze, daß der Herr Leutnant
+den Kaffee kriegt.“ Eine andere Stimme verbesserte
+„Tee“, Magda wiederholte „Kaffee“, die andere blieb
+bei ihrer Meinung und Magda auch. Das Publikum hatte
+erfaßt, daß ein Mißverständnis zwischen ihr und der
+Souffleuse vorlag. Übrigens griff der Leutnant mit Glück
+ein, er schlug die Sporen aneinander und sagte: „Ich bitte
+um beides“ – worauf das Lachen einen nachsichtigeren
+<pb n='314'/><anchor id='Pgp0314'/>Charakter annahm. Aber die Dichterin war empört. „Das
+Publikum! Es ist und bleibt eine Bestie!“ knirschte sie.
+</p>
+
+<p>
+„Schiefgehen kann es immer“, sagte Wulckow – und
+blinzelte Diederich an.
+</p>
+
+<p>
+Diederich erwiderte ebenso bedeutsam: „Wenn man
+einander versteht, Herr Präsident, dann nicht.“
+</p>
+
+<p>
+Hierauf hielt er es für besser, sich ganz der Dichterin
+und ihrem Werk zu widmen. Mochte der Bürgermeister
+inzwischen seine Freunde verraten und sich für die Wahlen
+auf alle Wünsche Wulckows verpflichten!
+</p>
+
+<p>
+„Meine Schwester ist eine Gans“, erklärte Diederich.
+„Ich werde ihr nachher die Meinung sagen!“
+</p>
+
+<p>
+Frau von Wulckow lächelte wegwerfend. „Das arme
+Ding, sie tut, was sie kann. Von seiten der Leute aber ist
+es wahrhaftig eine unerträgliche Arroganz und Undankbarkeit.
+Noch soeben hat man sie erhoben und für das
+Ideale begeistert!“
+</p>
+
+<p>
+Diederich sagte durchdrungen: „Frau Gräfin, diese
+bittere Erfahrung machen Sie nicht allein. So ist es überall
+im öffentlichen Leben.“ Denn er dachte an die allgemeinen
+Hochgefühle damals nach seinem Zusammenstoß
+mit dem Majestätsbeleidiger und an die Prüfungen,
+die dann gefolgt waren. „Schließlich triumphiert doch
+die gute Sache!“ stellte er fest.
+</p>
+
+<p>
+„Nicht wahr?“ sagte sie mit einem Lächeln, das wie aus
+Wolken brach. „Das Gute, Wahre, Schöne.“
+</p>
+
+<p>
+Sie reichte ihm die schmale Rechte; „ich glaube, mein
+Freund, wir verstehen uns“ – und Diederich, des Augenblicks
+bewußt, drückte kühn die Lippen darauf, mit einem
+Kratzfuß. Er legte die Hand an das Herz und brachte gepreßt
+aus der Tiefe: „Glauben Sie mir, Frau Gräfin ...“
+</p>
+
+<p>
+Die Nichte und der junge Sprezius waren jetzt allein
+ge<pb n='315'/><anchor id='Pgp0315'/>blieben, hatten sich als erniedrigte Gräfin und armer Vetter
+erkannt, wußten nun, daß sie einander bestimmt waren,
+und schwärmten gemeinsam von künftigem Glanz, wenn
+sie unter goldener Decke mit anderen Ausgezeichneten, demütig
+stolz, von der Sonne der Majestät beschienen sein
+würden ... Da hörte Diederich die Dichterin aufseufzen.
+</p>
+
+<p>
+„Ihnen kann ich es sagen“, seufzte sie. „Ich entbehre
+hier doch sehr den Hof. Wenn man, wie ich, von Geburt
+dem Hofadel angehört –. Und nun –.“
+</p>
+
+<p>
+Hinter ihrem Zwicker sah Diederich zwei Tränen perlen.
+Dieser Blick in die Tragik der Großen erschütterte
+ihn so sehr, daß er strammstand. „Frau Gräfin!“ sagte
+er, verhalten und stoßweise. „Die heimliche Gräfin sind
+also –“ Er erschrak und schwieg.
+</p>
+
+<p>
+Die bleiche Stimme des Bürgermeisters war eben dabei,
+dem <anchor id="corr315"/><corr sic="Präs denten">Präsidenten</corr> zu verraten, daß Kühlemann nicht wieder
+kandidieren werde, und daß die Freisinnigen den Doktor
+Heuteufel aufstellen wollten. Er war mit Wulckow darin
+einig, daß man Gegenmaßregeln treffen müsse, solange
+noch niemand die Auflösung des Reichstages erwartete ...
+</p>
+
+<p>
+Diederich wagte endlich wieder, leise und schonend:
+</p>
+
+<p>
+„Frau Gräfin, aber, nicht wahr, es wird alles gut?
+Sie kriegen sich doch?“
+</p>
+
+<p>
+Frau von Wulckow, mit Takt und Selbstbeherrschung,
+schränkte die Vertraulichkeit des Gefühls schon wieder
+ein. In leichtem Plauderton erklärte sie:
+</p>
+
+<p>
+„Mein Gott, lieber Doktor, was wollen Sie, die leidige
+Geldfrage! Es ist wohl unmöglich, daß die jungen Leute
+zusammen glücklich werden.“
+</p>
+
+<p>
+„Sie können doch prozessieren!“ rief Diederich, in
+seinem Rechtsgefühl gekränkt. Aber Frau von Wulckow
+verzog die Nase. „<hi rend='antiqua'>Fi donc!</hi> Das würde zur Folge haben,
+<pb n='316'/><anchor id='Pgp0316'/>daß der junge Graf, also Jadassohn, seinen Vater entmündigen
+ließe. Im dritten Akt, den Sie noch sehen werden,
+droht er dem Leutnant damit in einer Szene, die
+mir, glaube ich, gelungen ist. Soll der Leutnant das auf
+sich nehmen? Und die Zerstückelung des Familienbesitzes?
+In Ihren Kreisen ginge es vielleicht. Aber bei uns ist
+eben manches nicht möglich.“
+</p>
+
+<p>
+Diederich verneigte sich. „Dort oben herrschen natürlich
+Begriffe, die sich unserem Urteil entziehen. Und dem der
+Gerichte wohl auch“, setzte er hinzu. Die Dichterin lächelte
+milde.
+</p>
+
+<p>
+„Sehen Sie, und so verzichtet der Leutnant ganz korrekterweise
+auf die heimliche Gräfin und heiratet die
+<anchor id="corr316"/><corr sic="Fabrikantentochter.">Fabrikantentochter.“</corr>
+</p>
+
+<p>
+„Magda?“
+</p>
+
+<p>
+„Jawohl. Und die heimliche Gräfin den Klavierlehrer.
+So wollen es die höheren Mächte, lieber Herr Doktor,
+denen wir –“ ihre Stimme verdunkelte sich ein wenig –
+„uns nun einmal zu beugen haben.“
+</p>
+
+<p>
+Diederich hatte noch einen Zweifel, äußerte ihn aber
+nicht. Der Leutnant hätte die heimliche Gräfin auch ohne
+Geld heiraten sollen, es würde Diederich tief befriedigt
+haben in seinem weichen und idyllischen Herzen. Aber
+ach! diese harte Zeit dachte anders.
+</p>
+
+<milestone unit="tb"/>
+
+<p>
+Der Vorhang fiel, das Publikum entrang sich langsam
+seiner Ergriffenheit, dann spendete es um so wärmeren
+Beifall dem Dienstmädchen und dem Leutnant, die, es
+ließ sich leider voraussehen, das schwere Geschick, nicht hoffähig
+zu sein, wohl noch länger würden tragen müssen.
+</p>
+
+<p>
+„Es ist wirklich ein Elend!“ seufzten Frau Harnisch und
+Frau Cohn.
+</p>
+
+<pb n='317'/><anchor id='Pgp0317'/>
+
+<p>
+Beim Büfett sagte Wulckow, am Ende seiner Beratungen
+mit dem Bürgermeister:
+</p>
+
+<p>
+„Wir bringen der Bande noch Gesinnung bei!“
+</p>
+
+<p>
+Dann ließ er seine Tatze schwer auf Diederichs Schulter
+fallen. „Na, Doktorchen, hat meine Frau Sie schon zum
+Tee geladen?“
+</p>
+
+<p>
+„Selbstverständlich, und kommen Sie recht bald!“ Die
+Präsidentin hielt ihm die Hand zum Kuß hin, und Diederich
+entfernte sich beglückt. Wulckow selbst wollte ihn wiedersehen!
+Mit Diederich zusammen wollte er Netzig erobern!
+</p>
+
+<p>
+Indes die Präsidentin in der Spiegelgalerie Cercle
+hielt und Glückwünsche entgegennahm, bearbeitete Diederich
+die Stimmung. Heuteufel, Cohn, Harnisch und noch
+einige andere Herren erschwerten es ihm, denn sie gaben,
+wenn auch vorsichtig, zu verstehen, daß sie das Ganze für
+Quatsch hielten. Diederich war genötigt, ihnen Andeutungen
+über den durchaus großzügigen dritten Akt zu
+machen, damit sie verstummten. Dem Redakteur Nothgroschen
+diktierte er ausführlich, was er von der Dichterin
+wußte, denn Nothgroschen mußte fort, die Zeitung sollte in
+Druck gehen. „Wenn Sie aber Blödsinn schreiben, Sie Zeilenschinder,
+schlag’ ich Ihnen Ihren Wisch um die Ohren!“
+– worauf Nothgroschen dankte und sich empfahl. Professor
+Kühnchen seinerseits, der gehorcht hatte, ergriff Diederich
+bei einem Knopf und kreischte: „Sie, mein Bester! Eens
+hätten Se nu aber unserm Klatschdirektor ooch noch erzählen
+können!“ Der Redakteur, der sich nennen hörte,
+kehrte zurück, und Kühnchen fuhr fort: „Nämlich, daß die
+herrliche Schöpfung unserer allverehrten Präsidentin schon
+mal ist vorausgeahnt worden, und zwar von keinem Geringeren
+als von unserem Altmeister Goethe in seiner
+<pb n='318'/><anchor id='Pgp0318'/>Natürlichen Tochter. Nun, und das ist denn doch wohl das
+Höchste, was sich zum Ruhme der Dichterin sagen läßt!“
+</p>
+
+<p>
+Diederich hatte Bedenken über die Zweckmäßigkeit von
+Kühnchens Entdeckung, fand es aber unnötig, sie ihm
+mitzuteilen. Der kleine Greis strebte schon, mit flatternden
+Haaren, durch das Gedränge; schon sah man, wie er
+vor Frau von Wulckow den Boden scharrte und ihr das
+Ergebnis seiner vergleichenden Forschung vortrug. Freilich,
+ein Fiasko, wie er es erlitt, hatte auch Diederich nicht
+vorausgesehen. Die Dichterin sagte eiskalt: „Was Sie
+da bemerken, Herr Professor, kann nur auf Verwechselung
+beruhen. Ist die Natürliche Tochter überhaupt von Goethe?“
+fragte sie und rümpfte mißtrauisch die Nase. Kühnchen
+beteuerte es, aber es half ihm nichts.
+</p>
+
+<p>
+„Jedenfalls haben Sie in der Zeitschrift ‚Das traute
+Heim‘ einen Roman von mir gelesen, und den habe ich
+nun dramatisiert. Meine Schöpfungen sind sämtlich
+Originalarbeiten. Die Herren –“ sie musterte den Kreis
+– „wollen böswilligen Gerüchten entgegentreten.“
+</p>
+
+<p>
+Damit war Kühnchen entlassen, trat ab und schnappte
+nach Luft. Diederich erinnerte ihn, im Ton eines geringschätzigen
+Erbarmens, an Nothgroschen, der mit seiner gefährlichen
+Information schon von dannen war; und Kühnchen
+stürzte hinterdrein, um das Schlimmste zu verhüten.
+</p>
+
+<p>
+Wie Diederich den Kopf wandte, hatte im Saal das
+Bild sich verändert: nicht nur die Präsidentin, auch der
+alte Buck hielt Cercle. Es war erstaunlich, aber man lernte
+die Menschen kennen. Sie ertrugen es nicht, daß sie vorhin
+ihren Instinkten freien Lauf gelassen hatten; mit beteuerndem
+Gesicht machte einer nach dem anderen sich
+an den Alten heran und wollte es nicht gewesen sein.
+So groß war, noch nach schweren Erschütterungen, die
+<pb n='319'/><anchor id='Pgp0319'/>Macht des Bestehenden, von alters her Anerkannten!
+Diederich selbst fand es angezeigt, nicht in auffälliger
+Weise hinter der Mehrheit zurückzubleiben. Nachdem er
+sich vergewissert hatte, daß Wulckow schon fort war,
+machte er seine Aufwartung. Der Alte saß eben allein
+in dem Polstersessel, der für ihn ganz vorn bei der Bühne
+stand; er ließ seine weiße Hand merkwürdig zart über die
+Lehne hängen und blickte zu Diederich hinauf.
+</p>
+
+<p>
+„Da sind Sie, mein lieber Heßling. Ich habe es oft
+bedauert, daß Sie nicht kamen“ – ganz schlicht und nachsichtig.
+Diederich fühlte sofort wieder Tränen heraufsteigen.
+Er gab ihm die Hand hin, freute sich, daß der
+Herr Buck sie ein wenig länger in der seinen behielt, und
+stammelte etwas von Geschäften, Sorgen und „um ehrlich
+zu sein“ – denn ein jähes Bedürfnis nach Ehrlichkeit
+erfaßte ihn – von Bedenken und Hemmungen.
+</p>
+
+<p>
+„Es ist schön von Ihnen,“ sagte darauf der Alte, „daß
+Sie mich das nicht nur erraten lassen, sondern es mir eingestehen.
+Sie sind jung und handeln wohl unter den Antrieben,
+denen die Geister heute gehorchen. In die Unduldsamkeit
+des Alters will ich nicht verfallen.“
+</p>
+
+<p>
+Da schlug Diederich die Augen nieder. Er hatte verstanden:
+dies war die Verzeihung für den Prozeß, der
+dem Schwiegersohn des Alten die bürgerliche Ehre gekostet
+hatte; und ihm ward schwül unter so viel Milde –
+und so viel Nichtachtung. Der Alte freilich sagte:
+</p>
+
+<p>
+„Ich achte den Kampf und kenne ihn zu gut, um jemand
+zu hassen, der gegen die Meinen kämpft.“ Worauf Diederich,
+von Furcht ergriffen, dies möchte zu weit führen, sich
+aufs Leugnen verlegte. Er wisse selbst nicht –. Man komme
+in Sachen hinein –. Der Alte erleichterte es ihm. „Ich
+weiß: Sie suchen und haben sich selbst noch nicht gefunden.“
+</p>
+
+<pb n='320'/><anchor id='Pgp0320'/>
+
+<p>
+Er tauchte seinen weißen Knebelbart in die seidene
+Halsbinde. Als er ihn wieder hervorholte, begriff Diederich,
+daß etwas Neues kam.
+</p>
+
+<p>
+„Sie haben das Haus hinter dem Ihren nun doch nicht
+gekauft“, sagte der Herr Buck. „Ihre Pläne haben sich
+wohl geändert?“
+</p>
+
+<p>
+Diederich dachte: „Er weiß alles“, und sah schon seine
+heimlichsten Berechnungen enthüllt.
+</p>
+
+<p>
+Der Alte lächelte schlau und gütig. „Sollten Sie etwa
+Ihre Fabrik zunächst verlegen und erst dann erweitern
+wollen? Ich könnte mir denken, daß Sie Ihr Grundstück
+zu verkaufen wünschen und nur auf eine gewisse Gelegenheit
+warten – die auch ich in Betracht ziehe“, setzte er
+hinzu, und mit einem Blick: „Die Stadt hat vor, ein Säuglingsheim
+zu errichten.“
+</p>
+
+<p>
+„Alter Hund!“ dachte Diederich. „Er spekuliert auf
+den Tod seines besten Freundes!“ Gleichzeitig aber kam
+ihm die Erleuchtung, was er Wulckow vorzuschlagen habe,
+um Netzig zu erobern!... Er schnaufte.
+</p>
+
+<p>
+„Durchaus nicht, Herr Buck. Mein väterliches Erbstück
+geb’ ich nicht her!“
+</p>
+
+<p>
+Da nahm der Alte nochmals seine Hand. „Ich bin kein
+Versucher“, sagte er. „Ihre Pietät ehrt Sie.“
+</p>
+
+<p>
+„Esel“, dachte Diederich.
+</p>
+
+<p>
+„So werden wir uns eben ein anderes Terrain suchen.
+Ja, vielleicht werden Sie dabei mitwirken. Uneigennützigen
+Gemeinsinn, lieber Heßling, lassen wir uns nicht
+entgehen – auch nicht, wenn er einen Augenblick in
+falscher Richtung zu wirken scheint.“
+</p>
+
+<p>
+Er stand auf.
+</p>
+
+<p>
+„Wollen Sie Stadtverordneter werden, so haben Sie
+meine Unterstützung.“
+</p>
+
+<pb n='321'/><anchor id='Pgp0321'/>
+
+<p>
+Diederich starrte, ohne zu begreifen. Die Augen des
+Alten waren blau und tief, und er bot Diederich eben das
+Ehrenamt an, um das Diederich seinen Schwiegersohn
+gebracht hatte. Sollte man nun ausspucken oder sich verkriechen?
+Diederich zog es vor, die Absätze zusammenzuschlagen
+und korrekt seinen Dank abzustatten.
+</p>
+
+<p>
+„Sie sehen,“ erwiderte der Alte, „der Gemeinsinn
+schlägt Brücken von jung und alt und sogar bis zu
+denen, die nicht mehr da sind.“
+</p>
+
+<p>
+Er führte die Hand im Halbkreis über die Wände und
+über das Geschlecht von einst, das verblichen und heiter aus
+ihrer gemalten Tiefe trat. Er lächelte den jungen Mädchen
+in Reifröcken zu und zugleich auch einer seiner Nichten
+und Meta Harnisch, die vorübergingen. Als er das Gesicht
+dem alten Bürgermeister zuwendete, der zwischen Blumen
+und Kindern aus dem Stadttor schritt, bemerkte Diederich
+die große Ähnlichkeit der beiden. Der alte Buck wies auf
+den und jenen aus der gemalten Versammlung.
+</p>
+
+<p>
+„Von dem da hab’ ich viel gehört. Diese Dame kannte
+ich noch. Sieht der Geistliche nicht aus wie Pastor Zillich?
+Nein, unter uns kann es keine ernstliche Entfremdung
+geben, wir sind einander seit langem verpflichtet zum guten
+Willen und gemeinsamen Fortschritt, schon durch jene
+da, die uns die ‚Harmonie‘ hinterließen.“
+</p>
+
+<p>
+„Nette Harmonie“, dachte Diederich und sah umher, wie
+er fortgelange. Der Alte hatte sich, nach seiner Gewohnheit,
+einen Übergang gemacht von den Geschäften zum
+sentimentalen Schwatz. „Immer kommt der Literat
+heraus“, dachte Diederich.
+</p>
+
+<p>
+Gerade gingen Guste Daimchen und Inge Tietz vorbei.
+Guste hatte sich eingehängt, und Inge prahlte mit dem,
+was sie hinter den Kulissen erlebt hatte. „Unsere Angst,
+<pb n='322'/><anchor id='Pgp0322'/>als sie immer sagten: Tee, Kaffee, Kaffee, Tee.“ Guste
+behauptete: „Das nächste Mal schreibt Wolfgang ein viel
+schöneres Stück, und ich spiele mit.“ Da machte Inge
+sich los, sie bekam eine scheu ablehnende Miene. „So?“
+sagte sie; und Gustes dickes Gesicht verlor plötzlich seinen
+harmlosen Eifer. „Warum etwa nicht?“ fragte sie, weinerlich
+empört. „Was hast du nun wieder?“
+</p>
+
+<p>
+Diederich, der es ihr hätte sagen können, wandte sich
+schleunig zum alten Buck zurück. Der schwatzte weiter.
+</p>
+
+<p>
+„Dieselben Freunde, damals wie jetzt; und auch die
+Feinde sind da. Schon recht verwischt, der eiserne Ritter,
+der Kinderschreck dort in seiner Nische am Tor. Don Antonio
+Manrique, grausamer Reitergeneral, der du im
+Dreißigjährigen Krieg unser armes Netzig gebrandschatzt
+hast: wenn nun nicht die Riekestraße nach dir hieße, wohin
+wäre dann selbst der letzte Klang von dir verweht?...
+Auch einer, dem unser Freisinn nicht gefiel und der uns
+zu vertilgen dachte.“
+</p>
+
+<p>
+Plötzlich schüttelte den Alten ein stilles Kichern. Er
+nahm Diederich bei der Hand.
+</p>
+
+<p>
+„Hat er nicht Ähnlichkeit mit unserem Herrn von
+Wulckow?“
+</p>
+
+<p>
+Diederichs Miene ward hierauf noch korrekter, aber der
+Alte bemerkte es nicht, er war nun einmal aufgeräumt,
+ihm fiel noch etwas ein. Er winkte Diederich hinter eine
+Pflanzengruppe und zeigte ihm an der Wand zwei
+Figuren, einen jungen Schäfer, der sehnsüchtig die Arme
+öffnete, und jenseits eines Baches eine Schäferin, die
+sich anschickte, hinüberzuspringen. Der Alte wisperte:
+„Was meinen Sie, werden die beiden zueinander kommen?
+Das wissen nicht viele mehr. Ich weiß es noch.“
+Er sah sich um, ob niemand ihn beachte, und plötzlich
+öff<pb n='323'/><anchor id='Pgp0323'/>nete er eine kleine Tür, die man nie gefunden haben würde.
+Die Schäferin auf der Tür bewegte sich dem Liebenden
+entgegen. Noch ein wenig, und hinter der Tür im Dunkeln
+mußte sie ihm wohl in den Armen liegen ... Der
+Alte wies in das Zimmer, das er aufgedeckt hatte. „Es
+heißt das Liebeskabinett.“ Laternenschein von irgendeinem
+Hof fiel durch das Fenster ohne Vorhang; er beglänzte
+den Spiegel und das dünnbeinige Kanapee. Der
+Alte zog die dumpfe Luft ein, die nach wer weiß wie langer
+Zeit herausströmte, er lächelte verloren. Und dann schloß
+er die kleine Tür.
+</p>
+
+<p>
+Aber Diederich, den dies nur mäßig interessierte, sah
+etwas kommen, das weit mehr Anregung versprach. Es
+war der Landgerichtsrat Fritzsche: denn er war da. Sein
+Urlaub war wohl zu Ende, er war zurück aus dem Süden,
+und er hatte sich eingefunden, wenn auch etwas verspätet
+und wenn auch ohne Judith Lauer, deren Urlaub ja noch
+dauerte, solange ihr Gatte in der Vogtei saß. Wo er mit
+Drehungen des Körpers, die nicht unbefangen wirkten,
+hindurchkam, ward geflüstert, und jeder, den er begrüßte,
+lugte verstohlen nach dem alten Herrn Buck. Fritzsche
+sah wohl, daß er in der Sache etwas tun müsse; er gab
+sich einen Ruck und ging los. Der Alte, noch eben ahnungslos,
+fand ihn plötzlich vor sich. Er ward vollkommen weiß;
+Diederich erschrak und streckte schon die Arme aus. Aber
+es geschah nichts, der Alte hatte sich zurück. Er stand da, so
+steif, daß sein Rücken sich aushöhlte, und blickte kühl und unverwandt
+auf den Mann, der seine Tochter entführt hatte.
+</p>
+
+<p>
+„Schon zurück, Herr Landgerichtsrat?“ sagte er laut.
+</p>
+
+<p>
+Fritzsche versuchte jovial zu lachen. „Schöneres Wetter
+war dort unten, Herr Stadtrat. Na und die Kunst!“
+</p>
+
+<p>
+„Davon haben wir hier nur einen Widerschein“ –
+<pb n='324'/><anchor id='Pgp0324'/>und der Alte wies, ohne den anderen aus den Augen zu
+lassen, über die Wände. Seine Haltung machte Eindruck
+auf die meisten, die von dort hinten seine Schwäche belauerten.
+Er hielt stand und repräsentierte, in einer Lage,
+die einige Hemmungslosigkeit immerhin erklärt haben
+würde. Er repräsentierte das alte Ansehen, er allein für
+die zerfallende Familie, für das Gefolge, das schon ausblieb.
+In diesem Augenblick gewann er, statt so vieles
+Verlorenen, manche Sympathien ... Diederich hörte
+ihn noch sagen, förmlich und klar: „Ich habe es durchgesetzt,
+daß unser moderner Straßenzug eine andere
+Richtung bekam, bloß um dies Haus zu erhalten und diese
+Malereien. Sie haben nur den Wert von Schilderungen,
+mag sein. Aber ein Gebilde, das seiner Zeit und ihren Sitten
+Dauer verleihen möchte, kann hoffen, selbst zu dauern.“
+Dann drückte Diederich sich, er schämte sich für Fritzsche.
+</p>
+
+<milestone unit="tb"/>
+
+<p>
+Die Schwiegermutter des Bürgermeisters fragte ihn,
+was der Alte über die „Heimliche Gräfin“ geäußert habe.
+Diederich dachte nach, und er mußte gestehen, er habe das
+Stück gar nicht erwähnt. Beide waren enttäuscht.
+</p>
+
+<p>
+Indes bemerkte er, daß Käthchen Zillich spöttisch hersah,
+und gerade sie hatte sich nichts zu erlauben. „Nun, Fräulein
+Käthchen“, sagte er recht laut. „Was denken Sie über
+den grünen Engel?“ Sie erwiderte noch lauter: „Der
+grüne Engel? Sind Sie das?“ Und sie lachte ihm ins
+Gesicht. „Sie sollten wirklich vorsichtiger sein“, meinte
+er stirnrunzelnd. „Ich fühle mich geradezu verpflichtet,
+Ihren Herrn Vater aufmerksam zu machen.“
+</p>
+
+<p>
+„Papa!“ rief Käthchen sofort. Diederich erschrak.
+Glücklicherweise hörte Pastor Zillich nicht.
+</p>
+
+<p>
+„Natürlich hab’ ich meinem Papa gleich neulich von
+<pb n='325'/><anchor id='Pgp0325'/>unserem kleinen Ausflug erzählt. Was macht es denn,
+es waren doch nur Sie.“
+</p>
+
+<p>
+Sie ging zu weit. Diederich schnaufte. „Na und für
+Liebhaber schöner Ohren war auch noch Jadassohn da.“
+Da er sah, daß es sie traf, setzte er hinzu: „Das nächste Mal
+im grünen Engel streichen wir sie ihm grün an, das macht
+Stimmung.“
+</p>
+
+<p>
+„Wenn Sie meinen, daß es auf die Ohren ankommt.“
+Dabei drückte Käthchens Blick eine so schrankenlose Verachtung
+aus, daß Diederich den Entschluß faßte, mit allen
+Mitteln einzuschreiten. Sie befanden sich bei der Pflanzengruppe.
+„Was glauben Sie?“ fragte er. „Wird die
+Schäferin über den Bach springen und den Schäfer glücklich
+machen?“
+</p>
+
+<p>
+„Schaf“, sagte sie. Diederich überhörte es, ging hin
+und tastete an der Wand umher. Nun hatte er die Tür.
+„Sehen Sie? Sie springt.“
+</p>
+
+<p>
+Käthchen kam näher, neugierig streckte sie ihren Hals
+in das geheime Zimmer. Da hatte sie einen Stoß und
+war ganz drinnen. Diederich warf die Tür zu, er fiel
+stumm über Käthchen her, mit wildem Schnaufen.
+</p>
+
+<p>
+„Lassen Sie mich hinaus, ich kratze!“ rief sie und wollte
+kreischen. Aber sie mußte lachen, was sie wehrlos machte
+und dem Sofa immer näher brachte. Der Kampf mit
+ihren entblößten Armen und Schultern versetzte ihn vollends
+außer sich. „Jawohl,“ keuchte er, „jetzt kommt was.“
+Bei jedem Strich Boden, den er gewann, wiederholte er:
+„Jetzt kommt was. Bin ich noch ein Schaf? Aha, wenn
+man denkt, ein Mädchen ist anständig, und man hat ehrliche
+Absichten, ist man ein Schaf. Jetzt kommt was.“
+Mit einem letzten Ruck schleuderte er sie hin. „Au“, sagte
+sie; und vor Lachen erstickend: „Was kommt denn jetzt?“
+</p>
+
+<pb n='326'/><anchor id='Pgp0326'/>
+
+<p>
+Plötzlich ward ihre Verteidigung ernst. Sie rang sich
+hervor; der Streifen Gaslicht, den das kahle Fenster
+hereinließ, beschien ihre Unordnung; und ihr Gesicht,
+von der Anstrengung wie geschwollen, war nach der Tür
+gerichtet. Er wandte den Kopf: da stand Guste Daimchen.
+Sie starrte entgeistert her, Käthchen quollen die
+Augen heraus, und Diederich, auf dem Sofa kniend, verrenkte
+sich den Hals ... Endlich zog Guste die Tür an,
+sie ging entschlossen auf Käthchen zu.
+</p>
+
+<p>
+„Du gemeines Luder!“ sagte sie aus tiefem Innern.
+</p>
+
+<p>
+„Selber eins!“ sagte Käthchen, schnell gefaßt. Da
+schnappte Guste nur noch nach Luft. Von Käthchen sah
+sie zu Diederich, ratlos und so empört, daß ihr Blick sich
+mit feuchtem Glanz füllte. Er versicherte: „Fräulein
+Guste, es handelt sich um einen Scherz“; aber er kam
+schlecht an, Guste brach los. „Sie kenn’ ich, von Ihnen
+kann ich es mir denken.“
+</p>
+
+<p>
+„So, du kennst ihn“, bemerkte Käthchen höhnisch. Sie
+stand auf, indes Guste ihr noch näher rückte. Diederich
+seinerseits ergriff die Gelegenheit, gab seiner Haltung
+Würde und trat zurück, um die Damen unter sich die Sache
+erledigen zu lassen.
+</p>
+
+<p>
+„Daß ich so was muß mit ansehen!“ rief Guste; und
+Käthchen: „Du hast gar nichts gesehen! Wozu siehst du
+es dir überhaupt an?“
+</p>
+
+<p>
+Diederich begann gleichfalls dies auffallend zu finden,
+zumal da Guste schwieg. Käthchen gewann sichtlich die
+Oberhand. Sie warf den Kopf zurück und sagte: „Von
+dir finde ich es überhaupt sonderbar. Wer so viel Butter
+auf dem Kopf hat wie du!“
+</p>
+
+<p>
+Sofort zeigte Guste sich tief beunruhigt. „Ich?“ fragte
+sie gedehnt. „Was tu’ ich denn?“
+</p>
+
+<pb n='327'/><anchor id='Pgp0327'/>
+
+<p>
+Käthchen zierte sich plötzlich – indes Diederich vom
+Schrecken gepackt ward.
+</p>
+
+<p>
+„Das wirst du wohl selbst wissen. Mir ist es zu peinlich.“
+</p>
+
+<p>
+„Ich weiß gar nichts“, sagte Guste klagend.
+</p>
+
+<p>
+„So was hätte man gedacht, das es gar nicht gibt“,
+sagte Käthchen und rümpfte die Nase. Guste verlor die Geduld.
+„Nun bitte ich es mir aber aus! Was habt ihr alle?“
+</p>
+
+<p>
+Diederich schlug vor: „Es ist doch wohl besser, wenn wir
+jetzt das Lokal verlassen.“ Aber Guste stampfte auf.
+</p>
+
+<p>
+„Keinen Schritt tu’ ich, bis ich es weiß. Den ganzen
+Abend merke ich schon, daß sie mich anglotzen, als ob ich
+einen toten Fisch verschluckt habe.“
+</p>
+
+<p>
+Käthchen wandte sich weg. „Na, da siehst du es. Sei
+froh, daß sie dich nicht hinauswerfen mitsamt deinem
+Halbbruder Wolfgang.“
+</p>
+
+<p>
+„Mit wem?... Mein Halbbruder ... Wieso Halbbruder?“
+</p>
+
+<p>
+In einer tiefen Stille keuchte Guste leise und irrte mit
+den Augen umher. Auf einmal hatte sie begriffen. „So
+eine Gemeinheit!“ rief sie entsetzt. Über Käthchens Mienen
+breitete sich ein Lächeln des Genusses aus. Diederich
+seinerseits wehrte beteuernd ab. Guste streckte den Finger
+aus gegen Käthchen. „Das habt ihr Mädchen euch ausgedacht!
+Ihr seid mir neidisch wegen meinem Geld!“
+</p>
+
+<p>
+„Pöh“, machte Käthchen. „Dein Geld wollen wir überhaupt
+nicht, wenn so was dabei ist.“
+</p>
+
+<p>
+„Es ist doch nicht wahr!“ Guste kreischte auf. Plötzlich
+fiel sie vornüber auf das Sofa und wimmerte. „Ach Gott,
+ach Gott, was haben wir da angerichtet.“
+</p>
+
+<p>
+„Siehst du wohl“, sagte Käthchen, frei von Mitleid.
+</p>
+
+<p>
+Guste schluchzte immer lauter; Diederich berührte ihre
+Schulter. „Fräulein Guste, Sie wollen doch nicht, daß
+<pb n='328'/><anchor id='Pgp0328'/>die Leute kommen.“ Er suchte nach einem Trost. „So
+was kann man nie wissen. Ähnlich sehen Sie sich nicht.“
+</p>
+
+<p>
+Aber der Trost wirkte anstachelnd auf Guste. Sie
+sprang auf und ging zum Angriff über. „Du – du bist
+überhaupt eine feine Nummer“, zischte sie Käthchen zu.
+„Von dir sag’ ich, was ich gesehen habe!“
+</p>
+
+<p>
+„Das werden sie dir glauben! So einer glaubt keiner
+mehr was. Von mir weiß jeder, daß ich anständig bin.“
+</p>
+
+<p>
+„Anständig! Streich dir wenigstens das Kleid glatt!“
+</p>
+
+<p>
+„So gemein wie du –“
+</p>
+
+<p>
+„Bist bloß noch du!“
+</p>
+
+<p>
+Hierüber erschraken beide, brachen ab und verharrten
+einander gegenüber, Haß und Angst in ihren dicken Gesichtern,
+die sich so sehr glichen; und die Büsten nach vorn,
+die Schultern hinauf, die Arme in die Hüften gestemmt,
+sahen sie aus, als sollten ihnen die duftigen Ballkleider
+vom Leibe platzen. Guste unternahm noch einen Vorstoß.
+„Ich sag’ es doch!“
+</p>
+
+<p>
+Da sprengte Käthchen die letzte Fessel. „Dann mach’
+aber schnell, sonst komm’ ich früher und erzähl’ allen, daß
+nicht du, sondern ich hier die Tür hab’ aufgemacht und
+hab’ euch beide ertappt.“
+</p>
+
+<p>
+Da hierauf Guste nur noch mit den Lidern klappte,
+setzte Käthchen, plötzlich selbst ernüchtert, hinzu: „Nun
+ja, das bin ich mir doch schuldig. Bei dir kommt es nicht
+mehr darauf an.“
+</p>
+
+<p>
+Aber Diederichs Blick war Gustes begegnet, verständigte
+sich mit ihr und glitt hinunter, bis er auf ihrem kleinen
+Finger den Brillanten traf, den sie gemeinsam aus
+den Lumpen gezogen hatten. Da lächelte Diederich ritterlich,
+und Guste, tief errötet, trat so nahe zu ihm, als lehnte
+sie sich an. Käthchen schlich zur Tür. Über Gustes
+Schul<pb n='329'/><anchor id='Pgp0329'/>ter geneigt, sagte Diederich leise: „Ihr Verlobter läßt
+Sie aber lange allein.“ – „Ach der“, erwiderte sie. Er
+senkte das Gesicht noch ein wenig und drückte es auf ihre
+Schulter. Sie hielt ganz still. „Schade“, sagte er und zog
+sich so unerwartet zurück, daß Guste ausglitt. Sie begriff
+auf einmal, daß ihre Lage sich wesentlich verändert hatte.
+Ihr Geld war nicht mehr Trumpf, es war entwertet,
+ein Mann wie Diederich war mehr wert. Sofort bekam
+sie einen Blick wie eine Hündin. Diederich sagte gemessen:
+„An der Stelle Ihres Verlobten würde ich allerdings
+anders vorgehen.“
+</p>
+
+<p>
+Käthchen zog mit äußerster Behutsamkeit die Tür
+wieder an, sie kehrte zurück, den Finger auf den Lippen.
+</p>
+
+<p>
+„Wißt ihr was? Das Theater hat wieder angefangen –
+schon lange, glaube ich.“
+</p>
+
+<p>
+„O Gott!“ sagte Guste; und Diederich:
+</p>
+
+<p>
+„Na, dann sitzen wir in der Falle.“
+</p>
+
+<p>
+Er suchte die Wände ab nach einem Ausgang; er rückte sogar
+das Sofa fort. Da keiner zu finden war, entrüstete er sich.
+</p>
+
+<p>
+„Hier ist tatsächlich eine Falle. Und um der alten Baracke
+willen hat der Herr Buck den ganzen Straßenzug
+verlegt. Er soll es noch erleben, daß ich sie ihm einreiße!
+Bloß erst Stadtverordneter sein!“
+</p>
+
+<p>
+Käthchen kicherte. „Was schnauben Sie denn so? Hier
+ist es doch ganz gemütlich. Jetzt können wir machen, was
+wir wollen.“ Und sie sprang über das Sofa. Da gab
+Guste sich einen Ruck und wollte auch hinüber. Sie blieb
+aber hängen. Diederich fing sie auf. Auch Käthchen hängte
+sich an ihn. Er zwinkerte beiden zu. „Also was machen
+wir?“ Käthchen sagte: „Das müssen Sie wissen. Wir drei
+kennen uns ja nun.“ – „Und zu verlieren haben wir auch
+nichts mehr“, sagte Guste. Dann platzten sie alle aus.
+</p>
+
+<pb n='330'/><anchor id='Pgp0330'/>
+
+<p>
+Aber Käthchen entsetzte sich. „Kinder! In dem Spiegel
+seh’ ich aus wie meine tote Großmutter.“
+</p>
+
+<p>
+„Er ist ganz schwarz.“
+</p>
+
+<p>
+„Und ganz bekritzelt.“
+</p>
+
+<p>
+Sie legten die Gesichter darauf, um im fahlen Gaslicht
+die Ausrufe und Kosenamen zu lesen, die zusammen mit
+alten Jahreszahlen in den Umrissen verschlungener Herzen
+standen, auf eingeritzten Vasen, Amoretten und sogar
+über Gräbern. „Auf der Urne hier unten, nein so was!“
+sagte Käthchen. „‚Erst jetzt sollen wir leiden‘ ... Warum?
+Weil sie hier drinnen waren? Die waren wohl verrückt.“
+</p>
+
+<p>
+„Wir sind nicht verrückt“, behauptete Diederich. „Fräulein
+Guste, Sie haben doch einen Brillanten.“ Er zeichnete
+drei Herzen, versah sie mit einer Inschrift und ließ die Mädchen
+das Werk enträtseln. Da sie sich kreischend abwandten,
+sagte er stolz: „Wozu heißt dies das Liebeskabinett.“
+</p>
+
+<p>
+Plötzlich stieß Guste einen Schreckensruf aus. „Hier
+sieht jemand zu!“
+</p>
+
+<p>
+Hinter dem Spiegel hervor streckte sich ein geisterbleicher
+Kopf!... Käthchen war schon bei der Tür. „Kommen
+Sie wieder her“, rief Diederich. „Es ist bloß gemalt.“
+</p>
+
+<p>
+Der Spiegel hatte sich auf einer Seite von der Wand
+gelöst, man konnte ihn noch weiter umwenden: da trat
+die ganze Figur heraus.
+</p>
+
+<p>
+„Es ist die Schäferin, die draußen über den Bach
+springt!“
+</p>
+
+<p>
+„Jetzt hat sie es hinter sich“, sagte Diederich; denn die
+Schäferin saß da und weinte. Auf der Rückseite des Spiegels
+aber entfernte sich der Schäfer.
+</p>
+
+<p>
+„Und dort kommt man hinaus!“ Diederich wies auf
+einen erleuchteten Spalt, er tastete, die Tapete öffnete sich.
+</p>
+
+<p>
+„Dies ist der Ausgang, wenn man es hinter sich hat“,
+<pb n='331'/><anchor id='Pgp0331'/>bemerkte er und ging voraus. Ihm im Rücken sagte Käthchen
+spöttisch:
+</p>
+
+<p>
+„Ich habe gar nichts hinter mir.“
+</p>
+
+<p>
+Und Guste wehmütig: „Ich auch nicht.“
+</p>
+
+<milestone unit="tb"/>
+
+<p>
+Diederich überhörte dies, er stellte fest, daß man sich in
+einem der kleinen Salons hinter dem Büfett befand.
+Eilends erreichte er die Spiegelgalerie und verlor sich
+unauffällig in der Menge, die soeben aus dem Saal quoll.
+Man war erfüllt von dem tragischen Schicksal der heimlichen
+Gräfin, die nun also doch den Klavierlehrer geheiratet
+hatte. Frau Harnisch, Frau Cohn, die Schwiegermutter
+des Bürgermeisters, alle hatten verweinte Augen;
+Jadassohn, der, schon abgeschminkt, Lorbeeren einzusammeln
+kam, ward von den Damen nicht gut aufgenommen.
+„Sie sind schuld, Herr Assessor, daß es so gekommen ist!
+Schließlich war sie doch Ihre leibliche Schwester.“ –
+„Pardon, meine Damen!“ Und Jadassohn verteidigte
+seinen Standpunkt als legitimer Erbe der gräflichen
+Besitzungen. Da sagte Meta Harnisch:
+</p>
+
+<p>
+„Aber so herausfordernd brauchten Sie nicht auszusehen.“
+</p>
+
+<p>
+Sofort richteten sich alle Blicke auf seine Ohren; man
+kicherte; und Jadassohn, der vergeblich krähte, was denn
+los sei, ward von Diederich unter den Arm genommen.
+Diederich, das süße Pochen der Rache im Herzen, führte
+ihn eben dorthin, wo die Regierungspräsidentin unter
+lebhafter Anerkennung seiner Verdienste um ihr Werk
+sich vom Major Kunze verabschiedete. Kaum aber daß sie
+Jadassohn erblickte, drehte sie einfach den Rücken. Jadassohn
+blieb am Boden haften, Diederich brachte ihn nicht mehr
+weiter. „Was ist denn?“ fragte er heuchlerisch. „Ach ja, die
+<pb n='332'/><anchor id='Pgp0332'/>Präsidentin. Sie haben ihr nicht gefallen. Sie sollen auch
+nicht Staatsanwalt werden. Man sah Ihre Ohren zu sehr.“
+</p>
+
+<p>
+Was aber Diederich auch erwartet hatte, diese Spottgeburt
+einer Grimasse hatte er nicht erwartet! Wo war
+die hochgemute Schneidigkeit, der Jadassohn sein Leben
+geweiht hatte? „Ich sage es ja“, äußerte er nur, ganz
+leise; aber man glaubte einen grauenvollen Aufschrei zu
+hören ... Dann kam er in Bewegung, tanzte am Fleck
+umher und redete. „Sie können lachen, mein Bester! Sie
+wissen nicht, was Sie an Ihrem Gesicht haben. Ihr Gesicht,
+nichts weiter, und in zehn Jahren bin ich Minister.“
+</p>
+
+<p>
+„Na, na“, sagte Diederich. Er setzte hinzu: „Das ganze
+Gesicht brauchen Sie nicht einmal: bloß die Ohren.“
+</p>
+
+<p>
+„Wollen Sie sie mir verkaufen?“ fragte Jadassohn
+und sah ihn an, daß Diederich erschrak. „Kann man das?“
+fragte er unsicher. Jadassohn ging schon, unter zynischem
+Lachen, auf Heuteufel zu. „Sie sind doch Spezialist für
+Ohren, Herr Doktor ...“
+</p>
+
+<p>
+Heuteufel erklärte ihm, daß tatsächlich, wenn auch bisher
+nur in Paris, Operationen ausgeführt würden, durch die
+man Ohren auf die Hälfte ihres Umfanges herunterbringe.
+„Wozu gleich das Ganze weg?“ sagte Heuteufel.
+„Die Hälfte können Sie ruhig behalten.“ Jadassohn hatte
+seine Haltung zurück. „Großartiger Witz! Erzähl’ ich bei Gericht.
+Sie Gauner!“ Und er klopfte Heuteufel auf den Bauch.
+</p>
+
+<p>
+Diederich inzwischen wandte sich seinen Schwestern
+zu, die, zum Ball umgekleidet, aus der Garderobe kamen.
+Sie wurden allerseits mit Beifall begrüßt und berichteten
+von ihren Eindrücken auf der Bühne. „Tee – Kaffee:
+Gott, war das aufregend!“ sagte Magda. Auch Diederich
+als Bruder nahm Glückwünsche entgegen. Er schritt
+zwischen ihnen, Magda hatte sich in ihn eingehängt,
+<pb n='333'/><anchor id='Pgp0333'/>Emmis Arm dagegen mußte er gewaltsam festhalten.
+Sie zischte: „Laß die Komödie“; und er schnob ihr zu,
+zwischen Lachen und Grüßen: „Du hast zwar bloß die
+kleine Rolle gehabt, aber sei froh, wenn du überhaupt
+mal was vorstellst. Sieh Magda an!“ Denn Magda
+schmiegte sich gefällig an ihn, sie schien bereit, das Glück
+der einigen Familie so lange spazieren zu führen, als
+er es irgend wünschte. „Kleine,“ sagte er mit zärtlicher
+Achtung, „du hast Erfolg gehabt. Aber ich kann dir versichern,
+ich auch.“ Er gab ihr sogar Schmeicheleien. „Du
+siehst heute süß aus. Für Kienast bist du fast zu schade.“
+Als dann noch die Regierungspräsidentin, schon im Fortgehen,
+ihnen gnädig zuwinkte, begegneten die Geschwister
+auf ihrem Weg nur den ergebensten Gesichtern. Der Saal
+war ausgeräumt; hinter der Palmengruppe ward eine
+Polonäse angestimmt. Diederich machte seine korrekteste
+Verbeugung vor Magda und schritt mit ihr zum Tanz,
+triumphierend, gleich nach dem Major Kunze, der führte.
+So zogen sie an Guste Daimchen vorüber, die saß. Sie
+saß neben dem verwachsenen Fräulein Kühnchen und sah
+ihnen nach, als habe sie Prügel bekommen. Ihr Anblick
+berührte Diederich fast so unheimlich, wie der des Herrn
+Lauer in der Vogtei.
+</p>
+
+<p>
+„Die arme Guste!“ sagte Magda. Diederich runzelte
+die Brauen. „Ja ja, das kommt davon.“
+</p>
+
+<p>
+„Aber eigentlich“ – und Magda blinzelte von unten,
+„woher kommt es denn?“
+</p>
+
+<p>
+„Das ist gleich, mein Kind, jetzt ist es mal so.“
+</p>
+
+<p>
+„Diedel, du solltest sie nachher doch zum Walzer bitten.“
+</p>
+
+<p>
+„Das darf ich nicht. Man muß wissen, was man sich
+selbst schuldet.“
+</p>
+
+<p>
+Dann verließ er sogleich den Saal. Soeben holte der
+<pb n='334'/><anchor id='Pgp0334'/>junge Sprezius, der jetzt nicht mehr Leutnant, sondern
+wieder Primaner war, das verwachsene Fräulein Kühnchen
+von der Wand weg. Er nahm wohl Rücksicht auf
+ihren Vater. Guste Daimchen blieb sitzen ... Diederich
+machte einen Gang durch die Seitenzimmer, wo ältere
+Herren Karten spielten, bekam eine lange Nase von Käthchen
+Zillich, die er hinter einer Tür mit einem Schauspieler
+überraschte, und gelangte zum Büfett. Dort saß
+an einem Tischchen Wolfgang Buck und zeichnete in sein
+Notizbuch die Mütter, die um den Saal herum warteten.
+</p>
+
+<p>
+„Sehr talentvoll“, sagte Diederich. „Haben Sie auch
+schon Ihr Fräulein Braut porträtiert?“
+</p>
+
+<p>
+„In der Beziehung interessiert sie mich nicht,“ erwiderte
+Buck, so phlegmatisch, daß Diederich Zweifel kamen, ob
+seine Erlebnisse mit Guste im Liebeskabinett ihren Verlobten
+interessiert haben würden.
+</p>
+
+<p>
+„Mit Ihnen weiß man überhaupt nicht“, sagte er enttäuscht.
+</p>
+
+<p>
+„Mit Ihnen weiß man immer“, sagte Buck. „Damals
+vor Gericht, während Ihres großen Monologes, hätte ich
+Sie zeichnen mögen.“
+</p>
+
+<p>
+„Ihr Plädoyer hat mir genügt; es war ein Versuch,
+wenn auch glücklicherweise ein mißlungener, meine Person
+und mein Wirken vor der breitesten Öffentlichkeit in Mißkredit
+zu bringen und verächtlich zu machen!“
+</p>
+
+<p>
+Diederich blitzte, Buck bemerkte es erstaunt. „Mir
+scheint, Sie sind beleidigt. Und ich habe es doch so gut
+gesagt.“ Er bewegte den Kopf und lächelte, grüblerisch
+und entzückt. „Wollen wir nicht ’ne Flasche Sekt zusammen
+trinken?“ fragte er.
+</p>
+
+<p>
+Diederich meinte: „Ob ich nun gerade mit Ihnen –.“
+Aber er gab nach. „Das Gericht hat durch sein Urteil
+<pb n='335'/><anchor id='Pgp0335'/>festgestellt, daß Ihre Vorwürfe sich nicht allein gegen mich,
+sondern gegen alle national gesinnten Männer richteten.
+Damit sehe ich die Sache als erledigt an.“
+</p>
+
+<p>
+„Dann also Heidsieck?“ fragte Buck. Er nötigte Diederich,
+mit ihm anzustoßen. „Das werden Sie doch zugeben,
+bester Heßling, so eingehend wie ich, hat sich mit Ihnen
+überhaupt noch niemand beschäftigt ... Jetzt kann ich
+es Ihnen sagen: Ihre Rolle vor Gericht hat mich mehr
+interessiert als meine eigene. Später, zu Hause vor meinem
+Spiegel, habe ich sie Ihnen nachgespielt.“
+</p>
+
+<p>
+„Meine Rolle? Sie wollen wohl sagen, meine Überzeugung.
+Freilich, für Sie ist der repräsentative Typus
+von heute der Schauspieler.“
+</p>
+
+<p>
+„Das sagte ich mit Beziehung auf – einen anderen.
+Aber Sie sehen, wieviel näher ich es habe zu der Beobachtung
+... Wenn ich morgen nicht die Waschfrau zu verteidigen
+hätte, die bei Wulckows Unterhosen gestohlen
+haben soll, vielleicht würde ich den Hamlet spielen. Prost!“
+</p>
+
+<p>
+„Prost. Dazu brauchen Sie allerdings keine Überzeugungen!“
+</p>
+
+<p>
+„Gott, ich habe auch welche. Aber immer dieselben?...
+Sie würden mir also das Theater anraten?“ fragte Buck.
+Diederich hatte schon den Mund geöffnet, um es ihm anzuraten,
+da trat Guste ein, und Diederich errötete, denn
+er hatte bei Bucks Frage an sie gedacht. Buck sagte träumerisch:
+„Inzwischen würde mein Topf mit Wurst und
+Kohl mir überkochen, und es ist doch ein so gutes Gericht.“
+Aber Guste, auf leisen Sohlen, legte ihm von rückwärts
+die Hände auf die Augen und fragte: „Wer ist das?“ –
+„Da ist er ja,“ sagte Buck und gab ihr einen Klaps.
+</p>
+
+<p>
+„Die Herren unterhalten sich wohl gut? Soll ich wieder
+gehen?“ fragte Guste. Diederich beeilte sich, ihr einen
+<pb n='336'/><anchor id='Pgp0336'/>Stuhl zu holen; aber in Wirklichkeit wäre er lieber mit
+Buck allein gewesen; der fiebrige Glanz in Gustes Augen
+versprach nichts Gutes. Sie redete geläufiger als sonst.
+</p>
+
+<p>
+„Ihr paßt eigentlich großartig zueinander, bloß daß
+ihr so förmlich tut.“
+</p>
+
+<p>
+Buck sagte: „Das ist die gegenseitige Achtung.“ Diederich
+stutzte, und dann machte er eine Bemerkung, die ihn
+selbst in Erstaunen setzte. „Eigentlich – sooft ich mich von
+Ihrem Herrn Bräutigam trenne, hab’ ich Wut auf ihn;
+beim nächsten Wiedersehen aber freu’ ich mich.“ Er
+richtete sich auf. „Wenn ich nämlich noch kein national gesinnter
+Mann wäre, würde er mich dazu machen.“
+</p>
+
+<p>
+„Und wenn ich es wäre,“ sagte Buck, weich lächelnd,
+„würde er es mir abgewöhnen. Das ist der Reiz.“
+</p>
+
+<p>
+Aber Guste hatte sichtlich andere Sorgen; sie war erbleicht
+und schluckte hinunter.
+</p>
+
+<p>
+„Jetzt sag’ ich dir was, Wolfgang. Wetten, daß du
+umfällst?“
+</p>
+
+<p>
+„Herr Rose, Ihren Hennessy!“ rief Buck. Während er
+Kognak mit Sekt mischte, umklammerte Diederich Gustes
+Arm; und da die Ballmusik gerade sehr laut war, flüsterte
+er beschwörend: „Sie werden doch keine Dummheiten
+machen?“ Sie lachte wegwerfend. „Doktor Heßling hat
+Angst! Er findet die Geschichte zu gemein, ich finde sie
+bloß ulkig.“ Und laut lachend: „Was sagst du? Dein
+Vater soll mit meiner Mutter: du verstehst. Und infolgedessen
+sollen wir: du verstehst?“
+</p>
+
+<p>
+Buck bewegte langsam den Kopf; und dann verzog er
+den Mund. „Wenn schon.“ Da lachte Guste nicht mehr.
+</p>
+
+<p>
+„Wieso, wenn schon?“
+</p>
+
+<p>
+„Nun, wenn die Netziger an so etwas glauben, muß es
+bei ihnen wohl alle Tage vorkommen, tut also nichts.“
+</p>
+
+<pb n='337'/><anchor id='Pgp0337'/>
+
+<p>
+„Redensarten machen den Kohl nicht fett“, entschied
+Guste. Diederich glaubte sich denn doch verwahren zu
+müssen.
+</p>
+
+<p>
+„Überall können Fehltritte vorkommen. Aber über die
+Meinung seiner Mitmenschen setzt niemand sich ungestraft
+hinweg.“
+</p>
+
+<p>
+<anchor id="corr337"/><corr sic="(überflüssiges Anführungszeichen)">Guste</corr> bemerkte: <corr sic="(fehlendes Anführungszeichen)">„Er</corr> glaubt immer, er ist zu gut für
+diese Welt.“ Und Diederich: „Dies ist eine harte Zeit.
+Wer sich nicht wehrt, muß dran glauben.“ Da rief Guste
+voll schmerzlicher Begeisterung:
+</p>
+
+<p>
+„Doktor Heßling ist nicht wie du! Er hat mich verteidigt!
+Ich hab’ den Beweis, daß ich es weiß, von Meta
+Harnisch, weil sie schließlich hat müssen den Mund auftun.
+Er war überhaupt der einzige, der mich hat verteidigt.
+Er an deiner Stelle täte sich die Leute kaufen, die
+sich unterstehen und verklatschen mich!“
+</p>
+
+<p>
+Diederich bestätigte es durch Nicken. Buck drehte immerfort
+sein Glas und spiegelte sich darin. Plötzlich ließ er
+es los.
+</p>
+
+<p>
+„Wer sagt euch denn, daß ich mir nicht auch ganz gern
+einmal einen kaufen würde – einen herausgreifen, ohne
+besondere Auswahl, weil doch alle so ziemlich gleich dumm
+und gemein sind?“ Dabei kniff er die Augen zu. Guste
+hob die nackten Schultern.
+</p>
+
+<p>
+„So was sagt man, aber sie sind gar nicht so dumm, sie
+wissen, was sie wollen ... Der Dümmere ist der Klügere“,
+schloß sie herausfordernd, und Diederich nickte mit Ironie.
+Da sah Buck ihn an, aus Augen, die auf einmal wie irrsinnig
+waren. Die Fäuste bewegte er mit krampfigem
+Zittern um seinen Hals her. „Wenn ich aber –“ er war
+plötzlich ganz heiser – „wenn ich den einen am Kragen
+hätte, von dem ich wüßte, er zettelt alles an, er faßt in
+<pb n='338'/><anchor id='Pgp0338'/>seiner Person zusammen, was an allen häßlich und schlecht
+ist: ihn am Kragen hätte, der das Gesamtbild wäre alles
+Unmenschlichen, alles Untermenschlichen –.“ Diederich,
+weiß wie sein Frackhemd, drückte sich seitwärts vom Stuhl
+herunter und wich schrittweise zurück. Guste schrie auf,
+sie stob panikartig nach der Wand. „Es ist der Kognak!“
+rief Diederich ihr zu ... Aber Bucks Blicke, die zwischen
+ihnen beiden, voll des gräßlichsten Unheils, umherrollten,
+packten unvermittelt ein. Er zwinkerte, er glänzte heiter.
+</p>
+
+<p>
+„An die Mischung bin ich leider gewöhnt“, erklärte er.
+</p>
+
+<p>
+„Es ist nur, damit ihr seht, wir können auch das.“
+</p>
+
+<p>
+Diederich setzte sich polternd wieder hin. „Sie sind
+doch nur ein Komödiant“, sagte er entrüstet.
+</p>
+
+<p>
+„Finden Sie?“ fragte Buck und glänzte noch heller.
+Guste rümpfte die Nase. „Na dann amüsiert euch weiter“,
+äußerte sie und wollte gehen. Aber der Landgerichtsrat
+Fritzsche war da, er verbeugte sich vor ihr und auch vor
+Buck. Ob der Herr Rechtsanwalt gestatte, daß er mit dem
+Fräulein Braut den Kotillon tanze. Er sprach äußerst
+höflich, beschwichtigend gewissermaßen. Buck antwortete
+nicht, er faltete die Brauen. Guste indessen hatte schon
+Fritzsches Arm genommen.
+</p>
+
+<p>
+Buck sah ihnen nach, eine Falte zwischen den Brauen,
+selbstvergessen. „Ja ja,“ dachte Diederich, „erfreulich
+ist es nicht, wenn man einem Herrn begegnet, der mit
+Ihrer Schwester, mein Bester, eine Vergnügungsreise
+gemacht hat, und dann holt er einem die Braut vom Tisch
+weg, und du kannst nichts machen, weil sonst der Skandal
+noch größer wird, weil nämlich unsere Verlobung selbst
+schon ein Skandal ist ...“
+</p>
+
+<p>
+Aufschreckend sagte Buck: „Wissen Sie, daß ich erst jetzt
+rechte Lust bekomme, Fräulein Daimchen zu ehelichen?
+<pb n='339'/><anchor id='Pgp0339'/>Ich hielt die Sache für – nicht sehr sensationell; aber die
+Einwohner von Netzig machen geradezu eine Pikanterie
+daraus.“
+</p>
+
+<p>
+Diederich war starr über diese Wirkung. „Wenn Sie
+finden“, brachte er hervor.
+</p>
+
+<p>
+„Warum nicht? Sie und ich, wir beiden Gegenpole,
+führen doch hier die vorgeschrittenen Tendenzen der
+moralfreien Epoche ein. Wir machen Betrieb. Der Geist
+der Zeit geht hier noch in Filzschuhen über die Straße.“
+</p>
+
+<p>
+„Wir werden ihm Sporen anlegen“, verhieß Diederich.
+</p>
+
+<p>
+„Prost!“
+</p>
+
+<p>
+„Prost! Aber <hi rend='gesperrt'>meine</hi> Sporen“ – Diederich blitzte.
+„Ihre Skepsis und Ihre schlappe Gesinnung sind nicht
+zeitgemäß. Mit“ – er blies durch die Nase – „mit Geist
+ist heute nichts zu machen. Die nationale Tat“ – ein
+Faustschlag auf den Tisch – „hat die Zukunft!“
+</p>
+
+<p>
+Buck darauf mit verzeihendem Lächeln: „Die Zukunft?
+Das ist eben die Verwechslung. Die nationale Tat hat
+abgehaust, im Lauf von hundert Jahren. Was wir erleben
+und noch erleben sollen, sind ihre Zuckungen und
+ihr Leichengeruch. Es wird keine gute Luft sein.“
+</p>
+
+<p>
+„Von Ihnen habe ich nichts anderes erwartet, als daß
+Sie das Heiligste in den Schmutz ziehen!“
+</p>
+
+<p>
+„Heilig! Unantastbar! Sagen wir gleich ewig! Nicht
+wahr? Außerhalb der Ideale eures Nationalismus wird
+nie, nie wieder gelebt werden. Früher, mag sein, in der
+dunkeln Periode der Geschichte, die euch noch nicht kannte.
+Jetzt aber seid ihr da, und die Welt ist angelangt. Dünkel
+und Haß der Nationen, das ist das Ziel, darüber hinaus
+geht es nicht.“
+</p>
+
+<p>
+„Wir leben in einer harten Zeit“, bestätigte Diederich
+ernst.
+</p>
+
+<pb n='340'/><anchor id='Pgp0340'/>
+
+<p>
+„Weniger hart als verkalkt ... Ich bin nicht überzeugt,
+daß die Menschen, deren Dasein in den Dreißigjährigen
+Krieg fiel, an die Unabänderlichkeit ihres auch nicht weichen
+Zustandes geglaubt haben. Und ich bin überzeugt,
+daß die Rokokowillkür von denen, die ihr unterlagen, für
+überwindbar gehalten worden ist, sonst hätten sie nicht
+die Revolution gemacht. Wo ist, in den Räumen der Geschichte,
+die wir seelisch noch betreten können, die Zeit, die
+sich in Permanenz erklärt und aufgetrumpft hätte vor der
+Ewigkeit mit ihrer traurigen Beschränktheit. Die jeden
+nicht ganz in ihr Befangenen abergläubisch bemäkelt hätte.
+Nicht national gesinnt sein erregt bei euch noch mehr
+Grauen als Haß! Aber die vaterlandslosen Gesellen
+sind euch auf den Fersen. Dort im Saal, sehen Sie sie?“
+</p>
+
+<p>
+Diederich verschüttete seinen Sekt, so schnell fuhr er
+herum. War denn Napoleon Fischer eingedrungen, mit
+den Genossen?... Buck lachte stumm und innig. „Bemühen
+Sie sich nicht, ich meine nur das stille Volk auf
+den Wänden. Warum scheinen sie so heiter? Was gibt
+ihnen das Recht auf Blumenwege, leichten Schritt und
+Harmonie? Ah! Ihr Freunde!“ Über die Tanzenden
+hinweg schwenkte Buck sein Glas. „Ihr Freunde der
+Menschheit und jeder guten Zukunft, weitherzig und unbekannt
+mit der düsteren Selbstsucht eines nationalen
+Vetternbundes: Weltseelen ihr, kehrt wieder! Selbst
+unter uns noch erwarten euch einige!“
+</p>
+
+<p>
+Er trank aus, Diederich bemerkte mit Verachtung, daß
+er weinte. Übrigens bekam er sogleich eine schlaue Miene.
+„Ihr aber, Zeitgenossen, wißt wohl nicht, was der alte
+Bürgermeister, der da hinten zwischen den Amtspersonen
+und Schäferinnen rosig lächelt, als Schleife über der Brust
+trägt? Die Farben sind verblichen; ihr denkt wohl, es sind
+<pb n='341'/><anchor id='Pgp0341'/>die euren? Es ist aber die französische Trikolore. Sie war
+neu damals und nicht die eines Landes, sondern der allgemeinen
+Morgenröte. Sie zu tragen, war beste Gesinnung;
+es war, wie ihr sagen würdet, streng korrekt. Prost!“
+</p>
+
+<p>
+Aber Diederich war verstohlen mit seinem Stuhl davongerückt
+und spähte umher, ob niemand höre. „Sie
+sind ja besoffen,“ murmelte er; und um die Situation zu
+retten, rief er: „Herr Rose! Noch eine Flasche!“ Darauf
+setzte er sich achtunggebietend zurecht.
+</p>
+
+<p>
+„Sie scheinen nicht daran zu denken, daß seitdem ein
+Bismarck da war!“
+</p>
+
+<p>
+„Nicht nur einer“, sagte Buck. „Von allen Seiten ist
+Europa in diesen nationalen Durchgang getrieben worden.
+Nehmen wir an, er war nicht zu vermeiden. Nach ihm werden
+bessere Gefilde kommen ... Aber seid ihr eurem Bismarck
+etwa gefolgt, solange er im Recht war? Ihr habt euch
+zerren lassen, ihr habt mit ihm im Konflikt gelebt. Erst jetzt,
+da ihr über ihn hinaus sein solltet, hängt ihr euch an seinen
+kraftlosen Schatten! Denn euer nationaler Stoffwechsel
+ist entmutigend langsam. Bis ihr begriffen habt, daß ein
+großer Mann da ist, hat er schon aufgehört, groß zu sein.“
+</p>
+
+<p>
+„Sie werden ihn kennenlernen!“ verhieß Diederich.
+„Blut und Eisen bleibt die wirksamste Kur! Macht geht
+vor Recht!“ Der Kopf schwoll ihm rot an bei diesen
+Glaubenssätzen. Aber auch Buck regte sich auf.
+</p>
+
+<p>
+„Die Macht! Die Macht läßt sich nicht ewig auf Bajonetten
+davontragen wie eine aufgespießte Wurst. Die einzige
+reale Macht ist heute der Friede! Spielt euch die
+Komödie der Gewalt vor! Prahlt gegen eingebildete
+Feinde draußen und im Innern! Taten, glücklicherweise,
+sind euch nicht erlaubt!“
+</p>
+
+<p>
+„Nicht erlaubt?“ Diederich blies, als sollte Feuer
+kom<pb n='342'/><anchor id='Pgp0342'/>men. „Seine Majestät hat gesagt: Lieber lassen wir
+unsere gesamten achtzehn Armeekorps und zweiundvierzig
+Millionen Einwohner auf der Strecke ...“
+</p>
+
+<p>
+„Denn wo der deutsche Aar –!“ rief Buck, mit jähem
+Schwung; und noch wilder: „Nicht Parlamentsbeschlüsse!
+Die einzige Säule ist das Heer!“
+</p>
+
+<p>
+Diederich gab ihm nichts nach. „Ihr seid berufen, mich in
+erster Linie vor dem äußeren und inneren Feind zu schützen!“
+</p>
+
+<p>
+„Einer hochverräterischen Schar zu wehren!“ schrie Buck.
+</p>
+
+<p>
+„Eine Rotte von Menschen –“
+</p>
+
+<p>
+Diederich fiel ein: „– nicht wert, den Namen Deutsche
+zu tragen!“
+</p>
+
+<p>
+Und beide einstimmig: „Verwandte und Brüder niederschießen!“
+</p>
+
+<p>
+Tänzer, die sich am Büfett erfrischten, wurden aufmerksam
+auf ihr Geschrei, sie holten auch ihre Damen
+herbei, um ihnen den Anblick eines heldenhaften Rausches
+zu verschaffen. Sogar die Kartenspieler streckten die
+Köpfe herein; und alle bestaunten Diederich und seinen
+Partner, die auf ihren Stühlen schwankend und an den
+Tisch geklammert mit glasigen Augen und entblößten Gebissen
+einander starke Worte ins Gesicht schleuderten.
+</p>
+
+<p>
+„Einen Feind, und der ist mein Feind!“
+</p>
+
+<p>
+„Einer nur ist Herr im Reich, keinen anderen dulde ich!“
+</p>
+
+<p>
+„Ich kann sehr unangenehm sein!“
+</p>
+
+<p>
+Die Stimmen überschlugen sich.
+</p>
+
+<p>
+„Falsche Humanität!“
+</p>
+
+<p>
+„Vaterlandslose Feinde der göttlichen Weltordnung!“
+</p>
+
+<p>
+„Müssen ausgerottet werden bis auf den letzten Stumpf!“
+</p>
+
+<p>
+Eine Flasche flog gegen die Wand.
+</p>
+
+<p>
+„Zerschmettere ich!“
+</p>
+
+<p>
+„Deutschen Staub!... Pantoffeln!... Herrliche Tage!“
+</p>
+
+<pb n='343'/><anchor id='Pgp0343'/>
+
+<p>
+Hier glitt durch die Zuschauer ein Wesen mit verbundenen
+Augen: Guste Daimchen, die sich auf diese Weise
+einen Herrn suchen sollte. Von rückwärts betastete sie
+Diederich und wollte ihn zum Aufstehen bewegen. Er
+machte sich steif und wiederholte drohend: „Herrliche
+Tage!“ Sie riß das Tuch herunter, starrte ihn angstvoll
+an und holte seine Schwestern. Auch Buck sah ein, daß
+es angezeigt sei, aufzubrechen. Unauffällig stützte er den
+Freund beim Abgang, konnte aber nicht verhindern, daß
+Diederich in der Tür sich nochmals umwandte, der tanzenden,
+gaffenden Menge zu, gebieterisch aufgereckt, wenn
+auch verglast und ohne Blitzen.
+</p>
+
+<p>
+„Zerschmettere ich!“
+</p>
+
+<p>
+Dann ward er hinunter und in den Wagen befördert.
+</p>
+
+<milestone unit="tb"/>
+
+<p>
+Als er gegen Mittag mit schweren Kopfschmerzen das
+Familienzimmer betrat, war er sehr erstaunt, daß Emmi
+es entrüstet verließ. Aber Magda brauchte ihm nur einige
+vorsichtige Andeutungen zu machen, da wußte er schon
+wieder, um was es sich handelte. „Hab’ ich das wirklich
+gemacht? Na ja, ich gebe zu, es waren Damen dabei.
+Es gibt verschiedene Arten, sich als deutscher Mann zu
+zeigen: bei den Damen ist es wieder eine andere ... Natürlich
+beeilt man sich in solchem Fall, die Sache in der
+loyalsten und korrektesten Weise beizulegen.“
+</p>
+
+<p>
+Obwohl er kaum aus den Augen sehen konnte, war ihm
+klar, was zu geschehen hatte. Indes ein zweispänniger
+Paradewagen herbeigeholt ward, bekleidete er sich mit
+Gehrock, weißer Krawatte und Zylinder; dann überreichte
+er dem Kutscher die von Magda aufgesetzte Liste und fuhr
+los. Überall verlangte er nach den Damen; manche
+schreckte er vom Mittagessen auf; – und ohne deutlich zu
+<pb n='344'/><anchor id='Pgp0344'/>erkennen, ob er Frau Harnisch, Frau Daimchen oder Frau
+Tietz vor sich habe, sagte er mit rauher Katerstimme her:
+</p>
+
+<p>
+„Ich gebe zu ... Als deutscher Mann, bei Damen ...
+Loyalste und korrekteste Weise ...“
+</p>
+
+<p>
+Um halb zwei war er zurück und ließ sich aufseufzend
+zum Essen nieder. „Die Sache ist beigelegt.“
+</p>
+
+<p>
+Der Nachmittag gehörte einer schwierigeren Aufgabe.
+Diederich ließ Napoleon Fischer hinauf in seine Privatwohnung
+kommen.
+</p>
+
+<p>
+„Herr Fischer,“ sagte er und wies ihm einen Stuhl an,
+„ich empfange Sie hier und nicht in meinem Bureau,
+weil den Herrn Sötbier unsere Angelegenheiten nichts
+angehen. Es betrifft nämlich die Politik.“
+</p>
+
+<p>
+Napoleon Fischer nickte, als habe er sich dies schon gedacht.
+Er schien an solche vertraulichen Unterredungen nunmehr
+gewöhnt, auf Diederichs ersten Wink griff er sogleich
+in die Zigarrenkiste; er schlug sogar das Bein über. Diederich
+war weit weniger sicher; er schnaufte – und dann entschloß
+er sich, ohne Umschweife, mit brutaler Ehrlichkeit auf
+sein Ziel loszugehen. Bismarck hatte es auch so gemacht.
+</p>
+
+<p>
+„Ich will nämlich Stadtverordneter werden,“ erklärte
+er, „und dazu brauche ich Sie.“
+</p>
+
+<p>
+Der Maschinenmeister warf ihm einen Blick von unten
+zu. „Ich Sie auch“, sagte er. „Denn ich will auch Stadtverordneter
+werden.“
+</p>
+
+<p>
+„Nanu, na hören Sie mal! Ich war auf manches gefaßt ...“
+</p>
+
+<p>
+„Sie hatten wohl schon wieder ein paar Doppelkronen
+in der Hand?“ – und der Proletarier fletschte die gelben
+Zähne. Er versteckte sein Grinsen gar nicht mehr. Diederich
+begriff, daß in Wahlsachen weniger leicht mit ihm zu
+reden sein werde als über eine geschundene Arbeiterin.
+<pb n='345'/><anchor id='Pgp0345'/>„Nämlich, Herr Doktor,“ begann Napoleon, „den einen
+von den beiden Sitzen hat meine Partei bombensicher.
+Den anderen kriegen wahrscheinlich die Freisinnigen.
+Wenn Sie die ’rausschmeißen wollen, brauchen Sie uns.“
+</p>
+
+<p>
+„So weit seh’ ich es ein“, sagte Diederich. „Ich habe
+zwar auch den alten Buck für mich. Aber seine Leute sind
+vielleicht nicht alle so vertrauensselig, daß sie mich wählen,
+wenn ich mich als Freisinniger aufstellen lasse. Sicherer
+ist es, ich vertrage mich auch mit Ihnen.“
+</p>
+
+<p>
+„Und ich hab’ auch schon ’ne Ahnung, wieso Sie das
+machen können“, erklärte Napoleon. „Weil ich nämlich
+schon längst ’n Auge auf Herrn Doktor habe, ob er nun
+nicht bald in die politische Arena ’reinsteigt.“
+</p>
+
+<p>
+Napoleon blies Ringe, so sehr war er auf der Höhe!
+</p>
+
+<p>
+„Ihr Prozeß, Herr Doktor, und dann das mit dem
+Kriegerverein und so, das war alles ganz schön, als
+Reklame. Aber für einen Politiker heißt es doch immer:
+wie viele Stimmen krieg’ ich.“
+</p>
+
+<p>
+Napoleon teilte aus dem Schatz seiner Erfahrungen mit!
+Als er vom „nationalen Rummel“ sprach, wollte Diederich
+protestieren; aber Napoleon fertigte ihn schnell ab.
+</p>
+
+<p>
+„Was wollen Sie denn? Wir in unserer Partei haben
+gewissermaßen allerhand Achtung vor dem nationalen
+Rummel. Bessere Geschäfte sind allemal damit zu machen
+als mit dem Freisinn. Die bürgerliche Demokratie fährt
+bald in einer einzigen Droschke ab.“
+</p>
+
+<p>
+„Und die vermöbeln wir ihr auch noch!“ rief Diederich.
+Die Bundesgenossen lachten vor Vergnügen. Diederich
+holte eine Flasche Bier.
+</p>
+
+<p>
+„A–ber“, machte der Sozialdemokrat; und er rückte
+mit seiner Bedingung heraus: ein Gewerkschaftshaus, bei
+dessen Bau die Partei von der Stadt zu unterstützen war!
+<pb n='346'/><anchor id='Pgp0346'/>... Diederich sprang vom Stuhl. „Und das erdreisten
+Sie sich von einem nationalen Mann zu verlangen?“
+</p>
+
+<p>
+Der andere blieb gelassen und ironisch. „Wenn wir
+dem nationalen Mann nicht helfen, daß er gewählt wird,
+wo bleibt dann der nationale Mann?“ – Und Diederich
+mochte sich empören oder um Gnade flehen, er mußte
+auf ein Blatt Papier schreiben, daß er für das Gewerkschaftshaus
+nicht nur selbst stimmen, sondern auch die ihm
+nahestehenden Stadtverordneten bearbeiten werde. Darauf
+erklärte er barsch die Unterredung für beendet und
+nahm dem Maschinenmeister die Bierflasche aus der
+Hand. Aber Napoleon Fischer zwinkerte. Überhaupt dürfe
+der Herr Doktor froh sein, daß er mit ihm und nicht mit
+dem Parteibudiker Rille verhandele. Denn Rille, der für
+seine eigene Wahl agitiere, wäre zu dem Kompromiß nicht
+zu haben gewesen. Und in der Partei seien die Meinungen
+geteilt; Diederich habe also allen Grund, in der ihm
+nahestehenden Presse etwas für die Kandidatur Fischer
+zu tun. „Wenn fremde Leute, zum Beispiel Rille, sollten
+die Nase in Ihre Geschichten stecken, Herr Doktor, dafür
+werden Sie sich wohl bedanken. Bei uns beiden ist es
+was anderes. Wir haben schon mehr Dreck zusammen
+verscharrt.“
+</p>
+
+<p>
+Damit ging er und überließ Diederich seinen Gefühlen.
+„Schon mehr Dreck zusammen verscharrt!“ dachte Diederich,
+und Angstschauer kreuzten sich in ihm mit Wallungen
+des Zorns. Das durfte der Hund ihm sagen, sein eigener
+Kuli, den er jeden Augenblick auf die Straße werfen
+konnte! Vielmehr, leider ging das nicht, denn es war
+wahr, sie hatten Dreck verscharrt. Der Holländer! Die
+geschundene Arbeiterin! Eine Vertraulichkeit zog die
+andere nach sich: jetzt waren Diederich und sein Prolet
+<pb n='347'/><anchor id='Pgp0347'/>nicht nur im Betrieb aufeinander angewiesen, sondern
+auch politisch. Am liebsten hätte Diederich mit dem Parteibudiker
+Rille angebunden; aber dann war zu fürchten,
+daß Napoleon Fischer in seiner Rachsucht auspackte, was
+er wußte. Diederich sah sich genötigt, ihm auch noch gegen
+Rille zu helfen. „Aber“ – er schüttelte die Faust gegen
+die Zimmerdecke – „wir sprechen uns wieder. Und wenn
+es zehn Jahre dauert, die Abrechnung kommt!“
+</p>
+
+<p>
+Hiernach oblag es ihm, dem alten Herrn Buck einen Besuch
+zu machen und sein biedermännisches und schöngeistiges
+Gerede mit Ergebenheit anzuhören. Dafür ward
+er Kandidat der freisinnigen Partei ... In der „Netziger
+Zeitung“, die in einem warmen Artikel Herrn Doktor
+Heßling als Mensch, Bürger und Politiker den Wählern
+empfahl, ward gleich darunter, wenn auch in kleinerem
+Druck, die Aufstellung des Arbeiters Fischer scharf beanstandet.
+Die sozialdemokratische Partei verfügte, man
+mußte es leider zugeben, über genug selbständige Gewerbetreibende,
+sie brauchte den bürgerlichen Stadtverordneten
+nicht den kollegialen Verkehr mit einem
+gewöhnlichen Arbeiter zuzumuten. Sollte insbesondere
+Herr Doktor Heßling im Schoße der städtischen Körperschaft
+seinem eigenen Maschinenmeister begegnen?
+</p>
+
+<p>
+Dieser Ausfall des bürgerlichen Blattes stellte unter den
+Sozialdemokraten volle Einmütigkeit her; sogar Rille
+mußte sich für Napoleon erklären, – der mit Glanz durch
+das Ziel ging. Diederich bekam von der Partei, die ihn
+aufstellte, nur die Hälfte der Stimmen, aber ihn retteten
+die Genossen. Die beiden Gewählten wurden gemeinsam
+in die Versammlung eingeführt. Bürgermeister Doktor
+Scheffelweis beglückwünschte sie, mit dem Hinweis, daß
+einerseits der tätige Bürger, andererseits der
+empor<pb n='348'/><anchor id='Pgp0348'/>strebende Arbeiter –. Und schon in der nächsten Sitzung
+griff Diederich in die Verhandlungen ein.
+</p>
+
+<p>
+Zur Debatte stand die Kanalisation der Gäbbelchenstraße.
+Eine beträchtliche Anzahl jener alten Vorstadthäuser
+befand sich noch heute, am Ende des neunzehnten
+Jahrhunderts, im wenig rühmlichen Besitz von Abortgruben,
+deren Ausdünstungen zuzeiten die ganze Gegend
+überschwemmten. Bei seinem Besuch im „Grünen Engel“
+hatte Diederich die Wahrnehmung gemacht. So wandte
+er sich denn mit Nachdruck gegen die finanztechnischen Bedenken
+des Magistratsvertreters. Eine Forderung der
+Kulturehre dürfe kleinlichen Rücksichten nicht weichen.
+„Deutschtum heißt Kultur!“ rief Diederich aus. „Meine
+Herren! Das hat kein Geringerer gesagt als Seine Majestät
+der Kaiser. Und bei anderer Gelegenheit hat Seine
+Majestät das Wort gesprochen: Die Schweinerei muß ein
+Ende nehmen. Wo nur immer großzügig vorgegangen
+wird, da leuchtet uns das erhabene Beispiel Seiner
+Majestät voran, und darum, meine Herren –“
+</p>
+
+<p>
+„Hurra!“ rief eine Stimme links, und Diederich begegnete
+dem Grinsen Napoleon Fischers. Da reckte er
+sich auf, er blitzte.
+</p>
+
+<p>
+„Sehr richtig!“ versetzte er schneidend. „Ich kann nicht
+besser schließen. Seine Majestät der Kaiser hurra, hurra,
+hurra!“
+</p>
+
+<p>
+Verblüfftes Schweigen, – aber da die Sozialdemokraten
+lachten, riefen rechts einige hurra. Doktor Heuteufel
+warf die Frage dazwischen, ob der merkwürdige
+Zusammenhang, in den Herr Doktor Heßling die Person
+des Kaisers gebracht habe, nicht eigentlich eine Majestätsbeleidigung
+darstelle. Aber der Vorsitzende klingelte
+schnell. In der Presse jedoch ward weiter debattiert. Die
+<pb n='349'/><anchor id='Pgp0349'/>„Volksstimme“ behauptete, Herr Heßling trage in die
+Stadtverordnetenversammlung den Geist des übelsten
+Byzantinismus, wohingegen die „Netziger Zeitung“ seine
+Rede als die erfrischende Tat eines unbefangenen Patrioten
+bezeichnete. Daß es sich aber um einen wahrhaft bedeutsamen
+Vorgang handelte, ward erst klar, als es im
+„Berliner Lokal-Anzeiger“ stand. Das Blatt Seiner
+Majestät war über das mutige Auftreten des Netziger
+Stadtverordneten Doktor Heßling des Lobes voll. Es
+stellte mit Genugtuung fest, daß der neue, entschlossen
+nationale Geist, für den der Kaiser eintrete, nunmehr
+auch im Lande Fortschritte mache. Die kaiserliche Mahnung
+werde befolgt, der Bürger erwache aus dem Schlummer,
+die Scheidung zwischen denen für ihn und denen
+wider ihn vollziehe sich. „Möchten viele wackere Vertreter
+unserer Städte dem Beispiel des Doktor Heßling folgen!“
+</p>
+
+<p>
+Diese Nummer des Lokal-Anzeigers trug Diederich
+schon acht Tage lang auf dem Herzen, da schlich er sich
+um die stillste Vormittagsstunde, unter Vermeidung der
+Kaiser-Wilhelm-Straße, von rückwärts in die Bierstube
+von Klappsch, wo er Gesellschaft fand: Napoleon Fischer
+und der Parteiwirt Rille. Obwohl das Lokal ganz leer
+war, zogen die drei sich in den äußersten Winkel zurück;
+Fräulein Klappsch ward, kaum daß sie das Bier gebracht
+hatte, hinausgeschickt; und Klappsch selbst, der an der Tür
+horchte, hörte nur tuscheln. Er versuchte die Klappe zu Hilfe
+zu nehmen, durch die er bei stärkerem Besuch die Gläser
+hineinreichte; aber Rille, der damit Bescheid wußte, schlug
+sie ihm vor der Nase zu. Immerhin hatte der Wirt bemerkt,
+daß Doktor Heßling aufgesprungen war und im Begriff
+schien, wegzugehen. Dazu werde er als nationaler Mann
+niemals die Hand bieten!... Später aber wollte Fräulein
+<pb n='350'/><anchor id='Pgp0350'/>Klappsch, die zum Zahlen gerufen ward, doch ein Papier
+gesehen haben, das von allen drei unterschrieben war.
+</p>
+
+<milestone unit="tb"/>
+
+<p>
+Denselben Tag nachmittags hatten Emmi und Magda
+eine Einladung zum Tee bei Frau von Wulckow, und
+Diederich begleitete sie. Erhobenen Hauptes schritten die
+Geschwister über die Kaiser-Wilhelm-Straße, Diederich
+lüftete kühl den Zylinder vor den Herren, die von den
+Stufen der Freimaurerloge erstaunt zusahen, wie er das
+Gebäude der Regierung betrat. Den Wachtposten begrüßte
+er mit einer jovialen Handbewegung. Droben in
+der Garderobe stieß man auf Offiziere und ihre Damen,
+denen die beiden Fräulein Heßling schon bekannt waren.
+Die Sporen zusammenschlagend, zog der Leutnant von
+Brietzen Emmi den Mantel aus, und sie dankte ihm über
+die Schulter, wie eine Gräfin. Sodann trat sie Diederich
+auf den Fuß, damit er merke, auf welchen heißen Boden
+er versetzt sei. Und wirklich, als man nun Herrn von
+Brietzen den Vortritt in den Salon aufgenötigt, vor der
+Präsidentin entzückte Kratzfüße ausgeführt hatte und
+mit allen bekannt geworden war: welche Aufgabe, so
+ehrenvoll wie gefährlich, auf einem Stühlchen zwischen
+Damenkleider eingeengt, die Teetasse im Gleichgewicht
+zu erhalten, während man Kuchenteller weitergab, und
+mit dem Kuchen ein huldigendes Lächeln zu spenden und
+beim Essen ein schmelzendes Wort über die so gelungene
+Aufführung der „Heimlichen Gräfin“ zu liefern, ein
+männlich anerkennendes für die großzügige Verwaltungstätigkeit
+des Präsidenten, ein gewichtiges über
+Umsturz und Kaisertreue – und dabei noch den Wulckowschen
+Hund zu füttern, der bettelte! An die anspruchslose
+Gesellschaft des Ratskellers oder des Kriegervereins durfte
+<pb n='351'/><anchor id='Pgp0351'/>man hier nicht denken; es hieß mit aufreibendem Lächeln
+in die wasserhellen Augen des Hauptmanns von Köckeritz
+starren, dessen Glatze weiß, dessen Gesicht von der Mitte
+der Stirn abwärts feuerrot war und der vom Exerzierplatz
+erzählte. Und wenn einem vor Gespanntheit auf die
+Frage, ob man gedient habe, schon der Schweiß ausbrach,
+erlebte man es unversehens, daß die Dame neben einem,
+die ihr weißblondes Haar glatt über den Kopf hinaufkämmte
+und eine sonnenverbrannte Nase hatte, von
+Pferden zu sprechen anfing ... Diesmal ward Diederich
+durch Emmi gerettet, denn Emmi, unterstützt von Herrn
+von Brietzen, mit dem sie geradezu auf vertrautem Fuß
+zu stehen schien, griff gewandt in das Pferdegespräch ein,
+gebrauchte fachmännische Ausdrücke, ja, schreckte nicht davor
+zurück, von Ritten ins Gelände zu phantasieren, die
+sie auf dem Gut einer Tante unternommen haben wollte.
+Als der Leutnant sich dann erbot, mit ihr auszureiten,
+schützte sie die arme Frau Heßling vor, die es nicht erlaube.
+Diederich erkannte Emmi nicht wieder. Ihre unheimlichen
+Talente ließen Magda, der es doch gelungen war, sich zu
+verloben, hier ganz im Schatten. Nicht ohne Bangen
+ward Diederich, wie nach seiner Rückkehr aus dem „grünen
+Engel“, sich der unberechenbaren Wege bewußt, die ein
+Mädchen, wenn man es nicht sah –. Da bemerkte er, daß
+er eine Frage der Präsidentin überhört hatte, und daß man
+schwieg, weil er antworten sollte. Er suchte in der Luft
+umher nach Hilfe, stieß aber nur auf den unerbittlichen
+Blick eines großen Bildnisses, bleich und steinern, in roter
+Husarenuniform, eine Hand auf der Hüfte, der Schnurrbart
+an den Augenwinkeln, und der Blick über die Schulter
+hinweg kalt blitzend! Diederich erbebte, er verschluckte
+sich mit Tee, Herr von Brietzen klopfte ihm den Rücken.
+</p>
+
+<pb n='352'/><anchor id='Pgp0352'/>
+
+<p>
+Eine Dame, die bisher nur immer gegessen hatte, sollte
+jetzt singen. Im Musikzimmer hatte man sich gruppiert.
+Diederich, an der Tür, zog verstohlen die Uhr, da hüstelte
+hinter ihm die Präsidentin. „Ich weiß wohl, lieber Doktor,
+daß Sie nicht uns und unserer leichten, ich möchte
+sagen allzu leichten Konversation Ihre Zeit opfern, die
+so ernsten Pflichten gehört. Mein Mann erwartet Sie,
+kommen Sie nur.“ Den Finger auf den Lippen ging sie
+voran, über einen Gang, durch ein leeres Vorzimmer ...
+Ganz leise klopfte sie. Da keine Antwort kam, sah sie ängstlich
+auf Diederich, dem auch nicht wohl war. „Ottochen“,
+versuchte sie, zärtlich an die verschlossene Tür geschmiegt.
+Nach einer Weile des Lauschens erhob sich drinnen die
+fürchterliche Baßstimme: „Hier ist kein Ottochen! Sag’
+den Schafsköpfen, Sie sollen ihren Tee allein saufen!“ –
+„Er ist so sehr beschäftigt“, flüsterte Frau von Wulckow, ein
+wenig bleicher. „Die Schlechtgesinnten untergraben seine
+Gesundheit ... Leider muß ich mich jetzt meinen Gästen widmen,
+der Diener soll Sie anmelden.“ Und sie entschwebte.
+</p>
+
+<p>
+Diederich wartete vergeblich auf den Diener, lange Minuten.
+Dann aber trat der Wulckowsche Hund ein, schritt
+riesenhaft und voll Verachtung an Diederich vorbei und
+kratzte an der Tür. Sofort ertönte es drinnen: „Schnaps!
+Komm herein!“ – worauf die Dogge die Tür aufklinkte.
+Da sie vergaß, sie wieder zu schließen, erlaubte Diederich
+sich, mit hineinzuschlüpfen. Herr von Wulckow saß in
+einer Rauchwolke am Schreibtisch, er wendete den ungeheuren
+Rücken her.
+</p>
+
+<p>
+„Guten Tag, Herr Präsident“, sagte Diederich, mit
+einem Kratzfuß. „Na nu, quatschst du auch schon, Schnaps?“
+fragte Wulckow, ohne sich umzusehen. Er faltete ein
+Papier, zündete langsam eine neue Zigarre an ... „Jetzt
+<pb n='353'/><anchor id='Pgp0353'/>kommt es“, dachte Diederich. Aber dann begann Wulckow
+etwas anderes zu schreiben. Interesse an Diederich nahm
+nur der Hund. Offenbar fand er den Gast hier noch
+weniger am Platz, seine Verachtung ging in Feindseligkeit
+über; mit gefletschten Zähnen beschnupperte er Diederichs
+Hose, fast war es kein Schnuppern mehr. Diederich
+tanzte, so geräuschlos wie möglich, von einem Fuß
+auf den anderen, und die Dogge knurrte drohend aber
+leise, wohl wissend, ihr Herr könnte es sonst nicht weiter
+kommen lassen. Endlich gelang es Diederich, zwischen sich
+und seinen Feind einen Stuhl zu bringen, an den geklammert
+er sich umherdrehte, bald langsamer, bald schneller,
+und immer auf der Hut vor Schnaps’ Seitensprüngen. Einmal
+sah er Wulckow den Kopf ein wenig wenden und glaubte
+ihn schmunzeln zu sehen. Dann hatte der Hund genug
+von dem Spiel, er ging zum Herrn und ließ sich streicheln;
+und neben Wulckows Stuhl hingelagert, maß er mit
+kühnen Jägerblicken Diederich, der sich den Schweiß wischte.
+</p>
+
+<p>
+„Gemeines Vieh!“ dachte Diederich – und plötzlich
+wallte es auf in ihm. Empörung und der dicke Qualm
+verschlugen ihm den Atem, er dachte, mit unterdrücktem
+Keuchen: „Wer bin ich, daß ich mir das bieten lassen muß?
+Mein letzter Maschinenschmierer läßt sich das von mir
+nicht bieten. Ich bin Doktor. Ich bin Stadtverordneter!
+Dieser ungebildete Flegel hat mich nötiger als ich ihn!“
+Alles, was er heute nachmittag erlebt hatte, nahm den
+übelsten Sinn an. Man hatte ihn verhöhnt, der Bengel
+von Leutnant hatte ihm den Rücken geklopft! Diese
+Kommißköpfe und adeligen Puten hatten die ganze Zeit
+von ihren albernen Angelegenheiten geredet und ihn wie
+dumm dabei sitzen lassen! „Und wer bezahlt die frechen
+Hungerleider? Wir!“ Gesinnung und Gefühle, alles
+<pb n='354'/><anchor id='Pgp0354'/>stürzte in Diederichs Brust auf einmal zusammen, und
+aus den Trümmern schlug wild die Lohe des Hasses.
+„Menschenschinder! Säbelraßler! Hochnäsiges Pack!...
+Wenn wir mal Schluß machen mit der ganzen Bande –!“
+Die Fäuste ballten sich ihm von selbst, in einem Anfall
+stummer Raserei sah er alles niedergeworfen, zerstoben:
+die Herren des Staates, Heer, Beamtentum, alle Machtverbände
+und sie selbst, die Macht! Die Macht, die über
+uns hingeht und deren Hufe wir küssen! Gegen die wir
+nichts können, weil wir alle sie lieben! Die wir im Blut
+haben, weil wir die Unterwerfung darin haben! Ein
+Atom sind wir von ihr, ein verschwindendes Molekül von
+etwas, das sie ausgespuckt hat!... Von der Wand dort,
+hinter blauen Wolken, sah eisern hernieder ihr bleiches
+Gesicht, eisern, gesträubt, blitzend: Diederich aber, in
+wüster Selbstvergessenheit, hob die Faust.
+</p>
+
+<p>
+Da knurrte der Wulckowsche Hund, unter dem Präsidenten
+hervor aber kam ein donnerndes Geräusch, ein
+lang hinrollendes Geknatter – und Diederich erschrak
+tief. Er verstand nicht, was dies für ein Anfall gewesen
+war. Das Gebäude der Ordnung, wieder aufgerichtet
+in seiner Brust, zitterte nur noch leise. Der Herr Regierungspräsident
+hatte wichtige Staatsgeschäfte. Man
+wartete eben, bis er einen bemerkte; dann bekundete man
+gute Gesinnung und sorgte für gute Geschäfte ...
+</p>
+
+<p>
+„Na, Doktorchen?“ sagte Herr von Wulckow und drehte
+seinen Sessel herum. „Was ist mit Ihnen los? Sie
+werden ja der reine Staatsmann. Setzen Sie sich mal auf
+diesen Ehrenplatz.“
+</p>
+
+<p>
+„Ich darf mir schmeicheln“, stammelte Diederich.
+„Einiges habe ich schon erreicht für die nationale Sache.“
+</p>
+
+<p>
+Wulckow blies ihm einen mächtigen Rauchkegel ins
+<pb n='355'/><anchor id='Pgp0355'/>Gesicht, dann kam er ihm ganz nahe mit seinen warmblütigen,
+zynischen Augen und ihrer Mongolenfalte. „Sie
+haben erstens erreicht, Doktorchen, daß Sie Stadtverordneter
+geworden sind. Wie, das wollen wir auf sich
+beruhen lassen. Jedenfalls konnten Sie es brauchen, denn
+Ihr Geschäft soll ja ’ne ziemlich faule Karre sein.“ Da
+Diederich zusammenzuckte, lachte Wulckow dröhnend.
+„Lassen Sie nur, Sie sind mein Mann. Was meinen
+Sie, das ich da geschrieben habe?“ Das große Blatt
+Papier verschwand unter der Pranke, die er darauf legte.
+„Da verlange ich vom Minister einen kleinen Piepmatz
+für einen gewissen Doktor Heßling, in Anerkennung seiner
+Verdienste um die gute Gesinnung in Netzig ... Für so
+nett haben Sie mich wohl gar nicht gehalten?“ setzte er
+hinzu, denn Diederich, mit einer Miene, geblendet und wie
+mit Blödheit geschlagen, machte von seinem Stuhl herab
+immerfort Verbeugungen. „Ich weiß tatsächlich nicht“,
+brachte er hervor. „Meine bescheidenen Verdienste –“
+</p>
+
+<p>
+„Aller Anfang ist schwer“, sagte Wulckow. „Es soll auch
+nur eine Aufmunterung sein. Ihre Haltung im Prozeß
+Lauer war nicht übel. Na und Ihr Kaiserhoch in der
+Kanalisationsdebatte hat die antimonarchische Presse ganz
+aus dem Häuschen gebracht. Schon an drei Orten im Lande
+ist deshalb Anklage wegen Majestätsbeleidigung erhoben.
+Da müssen wir uns Ihnen wohl erkenntlich zeigen.“
+</p>
+
+<p>
+Diederich rief aus: „Mein schönster Lohn ist es, daß der
+Lokal-Anzeiger meinen schlichtbürgerlichen Namen vor
+die Allerhöchsten Augen selbst gebracht hat!“
+</p>
+
+<p>
+„Na, nu nehmen Sie sich mal ’ne Zigarre“, schloß
+Wulckow; und Diederich begriff, daß jetzt die Geschäfte
+kamen. Schon inmitten der Hochgefühle waren ihm
+Zweifel aufgestiegen, ob Wulckows Gnade vor allem
+<pb n='356'/><anchor id='Pgp0356'/>anderen nicht eine ganz besondere Ursache habe. Er sagte
+versuchsweise:
+</p>
+
+<p>
+„Für die Bahn nach Ratzenhausen wird die Stadt nun
+doch wohl den Beitrag bewilligen.“
+</p>
+
+<p>
+Wulckow streckte den Kopf vor. „Ihr Glück. Wir haben
+sonst ein billigeres Projekt, darauf wird Netzig überhaupt
+nicht berührt. Also sorgen Sie dafür, daß die Leute Vernunft
+annehmen. Unter der Bedingung dürft ihr dann
+dem Rittergut Quitzin euer Licht liefern.“
+</p>
+
+<p>
+„Das will der Magistrat auch nicht.“ Diederich bat mit
+den Händen um Nachsicht. „Die Stadt hat Schaden dabei,
+und Herr von Quitzin zahlt uns keine Steuern ... Aber
+jetzt bin ich Stadtverordneter, und als nationaler Mann –“
+</p>
+
+<p>
+„Das möchte ich mir ausbitten. Mein Vetter Herr von
+Quitzin baut sich sonst einfach ein Elektrizitätswerk, das
+hat er billig, was glauben Sie, zwei Minister kommen bei
+ihm zur Jagd – und dann unterbietet er euch hier in
+Netzig selbst.“
+</p>
+
+<p>
+Diederich richtete sich auf. „Ich bin entschlossen, Herr
+Präsident, allen Anfeindungen zum Trotz in Netzig das
+nationale Banner hochzuhalten.“ Hierauf, mit gedämpfter
+Stimme: „Einen Feind können wir übrigens
+loswerden: einen besonders schlimmen, jawohl, den alten
+Klüsing in Gausenfeld.“
+</p>
+
+<p>
+„Der?“ Wulckow feixte verächtlich. „Der frißt mir aus
+der Hand. Er liefert Papier für die Kreisblätter.“
+</p>
+
+<p>
+„Wissen Sie, ob er für schlechte Blätter nicht noch mehr
+liefert? Darüber, Herr Präsident verzeihen, bin ich doch
+wohl besser informiert.“
+</p>
+
+<p>
+„Die Netziger Zeitung ist jetzt in nationaler Beziehung
+zuverlässiger geworden.“
+</p>
+
+<p>
+„Und zwar –“ Diederich nickte gewichtig, „seit dem
+<pb n='357'/><anchor id='Pgp0357'/>Tage, an dem der alte Klüsing mir, Herr Präsident, einen
+Teil der Papierlieferung hat anbieten lassen. Gausenfeld
+sei überlastet. Natürlich hatte er Angst, daß ich mich
+an einem nationalen Konkurrenzblatt beteilige. Und vielleicht
+hatte er auch Angst –“ eine bedeutsame Pause –
+„daß der Herr Präsident das Papier für die Kreisblätter
+lieber bei einem nationalen Werk bestellt.“
+</p>
+
+<p>
+„Also – Sie liefern jetzt für die Netziger Zeitung?“
+</p>
+
+<p>
+„Niemals, Herr Präsident, werde ich meine nationale
+Gesinnung so sehr verleugnen, daß ich an eine Zeitung
+liefere, solange noch freisinniges Geld drin ist.“
+</p>
+
+<p>
+„Na schön.“ Wulckow stemmte die Fäuste auf die
+Schenkel. „Jetzt brauchen Sie nichts mehr zu sagen. Sie
+wollen bei der Netziger Zeitung das Ganze. Die Kreisblätter
+wollen Sie auch. Wahrscheinlich auch die Papierlieferungen
+für die Regierung. Sonst noch was?“
+</p>
+
+<p>
+Und Diederich, sachlich:
+</p>
+
+<p>
+„Herr Präsident, ich bin nicht wie Klüsing, mit dem
+Umsturz mach’ ich keine Geschäfte. Wenn Sie, Herr Präsident,
+auch als Vorstand der Bibelgesellschaft mein
+Unternehmen stützen wollten, ich darf sagen, die nationale
+Sache würde nur gewinnen.“
+</p>
+
+<p>
+„Na schön“, wiederholte Wulckow und zwinkerte. Diederich
+spielte seinen Trumpf aus.
+</p>
+
+<p>
+„Herr Präsident! Unter Klüsing ist Gausenfeld eine
+Brutstätte des Umsturzes. Bei seinen achthundert Arbeitern
+ist nicht einer dabei, der anders wählt als sozialdemokratisch.“
+</p>
+
+<p>
+„Na und bei Ihnen?“
+</p>
+
+<p>
+Diederich schlug sich auf die Brust. „Gott ist mein
+Zeuge, daß ich lieber noch heute die Bude zumache und
+mit den Meinen ins Elend hinausziehe, als daß ich einen
+<pb n='358'/><anchor id='Pgp0358'/>einzigen Mann bei mir dulde, von dem ich weiß, er ist
+nicht kaisertreu.“
+</p>
+
+<p>
+„Sehr brauchbare Gesinnung“, sagte Wulckow. Diederich
+sah ihn mit blauen Augen an. „Ich nehme nur gediente
+Leute, vierzig haben den Krieg mitgemacht.
+Jugendliche beschäftige ich gar nicht mehr, seit der Geschichte
+mit dem Arbeiter, den der Wachtposten auf dem
+Felde der Ehre, wie Seine Majestät festzustellen geruhten,
+niedergestreckt hat, nachdem der Kerl mit seiner Braut
+hinter meinen Lumpen –“
+</p>
+
+<p>
+Wulckow winkte ab. „Ihre Sorge, Doktorchen!“
+</p>
+
+<p>
+Diederich ließ sich seinen Entwurf nicht verderben.
+„Unter meinen Lumpen darf kein Umsturz vorkommen.
+Mit Ihren Lumpen, ich meine in der Politik, ist es anders.
+Da können wir den Umsturz brauchen, damit
+aus den freisinnigen Lumpen weißes, kaisertreues Papier
+wird.“ Und er machte eine tief bedeutungsvolle Miene.
+Wulckow schien nicht verblüfft, er schmunzelte furchtbar.
+</p>
+
+<p>
+„Doktorchen, ich bin auch nicht von gestern. Legen Sie
+los, was haben Sie mit Ihrem Maschinenmeister ausgeknobelt?“
+</p>
+
+<p>
+Da er Diederich wanken sah, fuhr Wulckow fort: „Das
+ist auch einer von den Altgedienten, wie, Herr Stadtverordneter?“
+</p>
+
+<p>
+Diederich schluckte, er sah, daß es keinen Umweg mehr
+gab. „Herr Präsident“, sagte er mit einem Entschluß;
+und dann leise und hastig: „Der Mann will in den Reichstag,
+und vom nationalen Standpunkt ist er besser als
+Heuteufel. Denn erstens werden viele Freisinnige vor
+Schreck national werden, und zweitens kriegen wir,
+wenn Napoleon Fischer gewählt wird, in Netzig ein
+Kaiser-Wilhelm-Denkmal. Ich habe es schriftlich.“
+</p>
+
+<pb n='359'/><anchor id='Pgp0359'/>
+
+<p>
+Er breitete ein Papier hin vor den Präsidenten.
+Wulckow las, dann stand er auf, warf den Stuhl mit dem
+Fuß fort und ging, Rauch ausstoßend, durch das Zimmer.
+„Also Kühlemann kratzt ab, und von seiner halben Million
+baut die Stadt kein Säuglingsheim, sondern ein Kaiser-Wilhelm-Denkmal.“
+Er blieb stehen. „Merken Sie sich das, mein
+Lieber, in Ihrem eigensten Interesse! Wenn Netzig nachher
+einen Sozialdemokraten im Reichstag, aber keinen Wilhelm
+den Großen hat, dann lernen Sie mich kennen. Ich
+mache Frikassee aus Ihnen! Ich schlag’ Sie so klein, daß
+Sie nicht mal mehr im Säuglingsheim Aufnahme finden!“
+</p>
+
+<p>
+Diederich war mitsamt seinem Stuhl zurückgewichen
+bis an die Wand. „Herr Präsident! Alles, was ich bin,
+meine ganze Zukunft setze ich ein für diese große nationale
+Sache. Auch mir kann etwas Menschliches passieren ...“
+</p>
+
+<p>
+„Dann gnade Ihnen Gott!“
+</p>
+
+<p>
+„Wenn nun Kühlemanns Nierensteine sich doch noch
+verziehen?“
+</p>
+
+<p>
+„Sie haben die Verantwortung! Um meinen Kopf geht
+es auch!“ Wulckow ließ sich krachend auf seinen Sitz fallen.
+Er rauchte wütend. Als die Wolken zergingen, hatte er
+sich aufgeheitert. „Was ich Ihnen auf dem Harmoniefest
+gesagt habe, dabei bleibt es. Dieser Reichstag macht es
+nicht mehr lange, arbeiten Sie vor in der Stadt. Helfen
+Sie mir gegen Buck, ich helfe Ihnen gegen Klüsing.“
+</p>
+
+<p>
+„Herr Präsident!“ Wulckows Lächeln schuf in Diederich
+einen Überschwang von Hoffnung, er konnte nicht
+an sich halten. „Wenn Sie es ihn unter der Hand wissen
+ließen, daß Sie ihm eventuell die Aufträge entziehen!
+An die große Glocke hängt er es nicht, das brauchen Sie
+nicht zu fürchten; aber er wird seine Anstalten treffen.
+Vielleicht verhandelt er –“
+</p>
+
+<pb n='360'/><anchor id='Pgp0360'/>
+
+<p>
+„Mit seinem Nachfolger“, schloß Wulckow. Da mußte
+Diederich aufspringen und seinerseits durch das Zimmer
+laufen. „Wenn Sie wüßten, Herr Präsident ... Gausenfeld
+ist sozusagen eine Maschine mit Tausendpferdekraft,
+und die steht da und verrostet, weil der Strom fehlt, ich
+will sagen, der moderne, großzügige Geist!“
+</p>
+
+<p>
+„Den scheinen Sie zu haben“, meinte Wulckow.
+</p>
+
+<p>
+„Im Dienst der nationalen Sache“, beteuerte Diederich.
+Er kehrte zurück. „Das Kaiser-Wilhelm-Denkmal-Komitee
+wird sich glücklich schätzen, wenn es uns gelingen würde, daß
+Sie so gut sind, Herr Präsident, und bekunden der Sache Ihr
+geschätztes Interesse durch Annahme des Ehrenvorsitzes.“
+</p>
+
+<p>
+„Gemacht“, sagte Wulckow.
+</p>
+
+<p>
+„Die aufopfernde Tätigkeit seines Herrn Ehrenvorsitzenden
+wird das Komitee entsprechend zu würdigen wissen.“
+</p>
+
+<p>
+„Erklären Sie sich mal näher!“ In Wulckows Stimme
+grollte es unheilvoll, aber Diederich bei seiner Angeregtheit
+überhörte es.
+</p>
+
+<p>
+„Die Idee hat bereits zu gewissen Erörterungen im
+Schoße des Komitees geführt. Man wünscht das Denkmal
+in frequentester Lage zu errichten und mit einem
+Volkspark zu umgeben, damit nämlich die unlösbare Verbindung
+von Herrscher und Volk sinnfällig in die Erscheinung
+tritt. Da haben wir nun im Zentrum der Stadt
+an ein größeres Grundstück gedacht; auch die Nachbargebäude
+wären zu haben; es ist in der Meisestraße.“
+</p>
+
+<p>
+„Soso. Meisestraße.“ Wulckows Brauen hatten sich
+gewitterhaft zusammengezogen. Diederich erschrak, aber
+es gab kein Halten mehr.
+</p>
+
+<p>
+„Der Gedanke ist aufgetaucht, daß wir uns, noch bevor
+die Stadt der Sache näher tritt, die betreffenden Grundstücke
+sichern und unbefugten Spekulationen zuvorkommen
+<pb n='361'/><anchor id='Pgp0361'/>sollen. Unser Herr Ehrenvorsitzender hätte natürlich das
+erste Anrecht ...“
+</p>
+
+<p>
+Nach diesem Wort wich Diederich zurück, der Sturm brach
+los. „Herr! Für wen halten Sie mich? Bin ich Ihr Geschäftsagent?
+Das ist unerhört, das war noch nicht da! So
+ein Koofmich mutet dem Königlichen Regierungspräsidenten
+zu, er soll seine schmutzigen Geschäfte mitmachen!“
+</p>
+
+<p>
+Wulckow dröhnte übermenschlich, er drang mit seiner
+gewaltigen Körperwärme und mit seinem persönlichen
+Geruch gegen Diederich vor, der sich rückwärts bewegte.
+Auch der Hund war aufgestanden und ging kläffend zum
+Angriff über. Das Zimmer war auf einmal erfüllt von
+Graus und Getöse.
+</p>
+
+<p>
+„Sie machen sich einer schweren Beamtenbeleidigung
+schuldig, Herr!“ schrie Wulckow, und Diederich, der hinter
+sich nach der Tür tastete, hatte nur Vermutungen darüber,
+wer ihm früher an der Kehle sitzen werde, der Hund
+oder der Präsident. Seine angstvoll irrenden Augen
+trafen das bleiche Gesicht, das von der Wand herab drohte
+und blitzte. Nun hatte er sie an der Kehle, die Macht!
+Vermessen hatte er sich, mit der Macht auf vertrautem
+Fuß zu verkehren. Das war sein Verderben, sie brach
+über ihn herein mit dem Entsetzen eines Weltuntergangs
+... Die Tür hinter dem Schreibtisch ging auf, jemand in
+Polizeiuniform trat ein. Den schlotternden Diederich
+überraschte er nicht mehr. Wulckow ward durch die Gegenwart
+der Uniform auf einen neuen furchtbaren Gedanken
+gebracht. „Ich kann Sie augenblicklich verhaften lassen,
+Sie Jammerprinz, wegen versuchter Beamtenbestechung,
+wegen Bestechungsversuch an einer Behörde, an der
+obersten Behörde des Regierungsbezirks! Ich bringe Sie
+ins Zuchthaus, ich ruiniere Sie für Ihr Leben!“
+</p>
+
+<pb n='362'/><anchor id='Pgp0362'/>
+
+<p>
+Auf den Herrn von der Polizei schien dieses Jüngste
+Gericht nicht entfernt den Eindruck zu machen wie auf
+Diederich. Er legte das Papier, das er brachte, auf den
+Schreibtisch nieder und verschwand. Übrigens drehte
+auch Wulckow sich plötzlich um; er zündete seine Zigarre
+wieder an, Diederich war nicht mehr da für ihn. Und auch
+Schnaps ließ von ihm ab, als sei er Luft. Da wagte Diederich
+es, die Hände zu falten.
+</p>
+
+<p>
+„Herr Präsident,“ flüsterte er wankend, „Herr Präsident,
+erlauben Herr Präsident, daß ich feststellen darf, es
+liegt ein, darf ich feststellen, tief bedauerliches Mißverständnis
+vor. Nie würde ich, bei meiner wohlbekannten
+nationalen Gesinnung –. Wie könnte ich!“
+</p>
+
+<p>
+Er wartete, aber niemand bekümmerte sich um ihn.
+</p>
+
+<p>
+„Wenn ich auf meinen Vorteil sähe,“ begann er wieder,
+um etwas vernehmlicher, „anstatt daß ich immer nur das
+nationale Interesse im Auge habe, dann wäre ich heute
+nicht hier, dann wäre ich bei dem Herrn Buck. Denn der
+Herr Buck, jawohl, der hat mir zugemutet, ich soll mein
+Grundstück an die Stadt verkaufen, für das freisinnige
+Säuglingsheim. Aber das Ansinnen hab’ ich mit Entrüstung
+zurückgewiesen und habe den geraden Weg gefunden
+zu Ihnen, Herr Präsident. Denn besser, hab’ ich
+gesagt, das Denkmal Kaiser Wilhelms des Großen im
+Herzen als das Säuglingsheim in der Tasche, hab’ ich
+gesagt und sag’ es auch hier mit lauter Stimme!“
+</p>
+
+<p>
+Da Diederich in der Tat die Stimme erhob, wandte
+Wulckow sich ihm zu. „Sind Sie noch immer da?“ fragte
+er. Und Diederich, aufs neue ersterbend: „Herr Präsident –“
+</p>
+
+<p>
+„Was wollen Sie noch? Ich kenne Sie überhaupt
+nicht. Habe nie mit Ihnen verhandelt.“
+</p>
+
+<p>
+„Herr Präsident, im nationalen Interesse –“
+</p>
+
+<pb n='363'/><anchor id='Pgp0363'/>
+
+<p>
+„Mit Grundstücksspekulanten verhandele ich nicht.
+Verkaufen Sie Ihr Grundstück, und dalli; nachher können
+wir reden.“
+</p>
+
+<p>
+Diederich, erblaßt, mit dem Gefühl, als werde er an
+der Wand zerquetscht: „In dem Fall bleibt es bei unseren
+Bedingungen? Der Orden? Der Wink an Klüsing? Der
+Ehrenvorsitz?“
+</p>
+
+<p>
+Wulckow zog eine Grimasse. „Meinetwegen. Aber sofort
+verkaufen!“
+</p>
+
+<p>
+Diederich rang nach Atem. „Ich bringe das Opfer!“
+erklärte er. „Denn das Höchste, was der kaisertreue Mann
+hat, meine kaisertreue Gesinnung, muß über jedem Verdacht
+stehen.“
+</p>
+
+<p>
+„Na ja“, sagte Wulckow, indes Diederich sich zurückzog,
+stolz auf seinen Abgang, wenn auch beengt durch die
+Empfindung, daß der Präsident ihn als Bundesgenossen
+nicht lieber ertrug als er selbst seinen Maschinenmeister.
+</p>
+
+<p>
+Im Salon fand er Emmi und Magda ganz allein in
+einem Prachtwerk blätternd. Die Gäste waren fort, und
+auch Frau von Wulckow hatte sie verlassen, weil sie sich
+anziehen mußte zur Soiree bei der Frau Oberst von
+Haffke. „Meine Unterredung mit dem Präsidenten ist
+für beide Teile durchaus befriedigend verlaufen“, stellte
+Diederich fest; und draußen auf der Straße: „Da sieht
+man es, was es heißt, wenn zwei loyale Männer verhandeln.
+In dem heutigen verjudeten Geschäftsbetrieb
+kennt man das gar nicht mehr.“
+</p>
+
+<p>
+Emmi, gleichfalls sehr angeregt, erklärte, daß sie Reitstunden
+nehmen werde. „Wenn ich dir das Geld gebe“,
+sagte Diederich, aber nur der Ordnung wegen, denn er
+war stolz auf Emmi. „Hat Leutnant von Brietzen nicht
+Schwestern?“ bemerkte er. „Du solltest bekannt werden
+<pb n='364'/><anchor id='Pgp0364'/>und uns Einladungen verschaffen zur nächsten Soiree
+der Frau Oberst.“ Gerade ging drüben der Oberst vorbei.
+Diederich sah ihm lange nach. „Ich weiß wohl,“
+sagte er, „man soll sich nicht umdrehen; aber das ist nun
+mal das Höchste, es zieht einen hin!“
+</p>
+
+<milestone unit="tb"/>
+
+<p>
+Dennoch hatte der Vertrag mit Wulckow nur seine
+Sorgen vergrößert. Der handgreiflichen Verpflichtung,
+sein Haus zu verkaufen, stand nichts gegenüber als Hoffnungen
+und Aussichten: nebelhafte Aussichten, allzu
+kühne Hoffnungen ... Es fror; Diederich ging am Sonntag
+in den Stadtpark, wo es schon dunkelte, und auf einem
+einsamen Pfad begegnete er Wolfgang Buck.
+</p>
+
+<p>
+„Ich habe mich nun doch entschlossen“, erklärte Buck.
+„Ich gehe zur Bühne.“
+</p>
+
+<p>
+„Und Ihre bürgerliche Stellung? Und Ihre Heirat?“
+</p>
+
+<p>
+„Ich habe es versucht, aber das Theater ist vorzuziehen.
+Es wird dort weniger Komödie gespielt, wissen Sie, man
+ist ehrlicher bei der Sache. Auch sind die Weiber schöner.“
+</p>
+
+<p>
+„Das ist kein Standpunkt“, erwiderte Diederich. Aber
+Buck war es ernst. „Ich muß zugeben, das Gerücht über
+Guste und mich hat mir Spaß gemacht. Andererseits: so
+blödsinnig es ist, es ist nun einmal da, das Mädchen leidet
+darunter, ich kann sie nicht länger kompromittieren.“
+</p>
+
+<p>
+Diederich widmete ihm einen abschätzigen Seitenblick,
+denn er hatte den Eindruck, Buck nahm das Gerücht zum
+Vorwand, um sich zu drücken. „Sie werden wohl wissen,“
+versetzte er streng, „was Sie da anrichten. Ein anderer
+nimmt sie jetzt natürlich auch nicht mehr leicht. Es gehört
+schon verdammt viel ritterliche Gesinnung dazu.“
+</p>
+
+<p>
+Buck bestätigte dies. „Für einen wirklich modernen,
+großzügigen Mann“, sagte er bedeutungsvoll, „müßte
+<pb n='365'/><anchor id='Pgp0365'/>es eine besondere Genugtuung sein, ein Mädchen unter
+solchen Umständen zu sich hinaufzuziehen und für sie einzutreten.
+Hier, wo auch Geld ist, würde zweifellos der
+Edelmut zuletzt das Feld behaupten. Denken Sie an das
+Gottesgericht im Lohengrin.“
+</p>
+
+<p>
+„Wieso, Lohengrin?“
+</p>
+
+<p>
+Hierauf antwortete Buck nicht mehr; da sie das Sachsentor
+erreicht hatten, ward er unruhig. „Kommen Sie mit
+hinein?“ fragte er. – „Wo denn hinein?“ – „Gleich hier,
+Schweinichenstraße 77. Ich muß es ihr doch sagen, Sie
+könnten vielleicht –.“ Da pfiff Diederich durch die Zähne.
+</p>
+
+<p>
+„Sie sind wirklich –. Sie haben ihr noch nichts gesagt?
+Vorher erzählen Sie es in der Stadt umher? Ihre Sache,
+mein Bester, aber mich lassen Sie aus dem Spiel, den
+Bräuten anderer Leute pflege ich nicht die Verlobung zu
+kündigen.“
+</p>
+
+<p>
+„Machen Sie eine Ausnahme“, bat Buck. „Mir werden
+Szenen im Leben so schwer.“
+</p>
+
+<p>
+„Ich habe Grundsätze“, sagte Diederich. Buck lenkte ein.
+</p>
+
+<p>
+„Sie brauchen nichts zu sagen; Sie sollen mir nur in
+einer stummen Rolle als moralische Unterstützung dienen.“
+</p>
+
+<p>
+„Moralisch?“ fragte Diederich.
+</p>
+
+<p>
+„Als Vertreter sozusagen des verhängnisvollen Gerüchtes.“
+</p>
+
+<p>
+„Was wollen Sie damit sagen?“
+</p>
+
+<p>
+„Ich scherze. Da sind wir, kommen Sie.“
+</p>
+
+<p>
+Und Diederich, betroffen durch Bucks letzte Wendung,
+ging wortlos mit.
+</p>
+
+<p>
+Frau Daimchen war ausgegangen, und Guste ließ auf sich
+warten. Buck ging nachzusehen, was sie mache. Endlich kam
+sie, aber allein. „War nicht auch Wolfgang da?“ fragte sie.
+</p>
+
+<p>
+Buck war ausgerissen!
+</p>
+
+<pb n='366'/><anchor id='Pgp0366'/>
+
+<p>
+„Das begreife ich nicht“, sagte Diederich. „Er hatte doch
+etwas ganz Dringendes bei Ihnen vor.“
+</p>
+
+<p>
+Hierauf errötete Guste. Diederich wandte sich der Tür
+zu. „Dann empfehle ich mich auch.“
+</p>
+
+<p>
+„Was wollte er denn?“ forschte sie. „Das kommt bei
+ihm doch nicht oft vor, daß er etwas will. Und wozu
+bringt er Sie mit?“
+</p>
+
+<p>
+„Das sehe ich auch nicht ein. Ich darf sogar sagen, daß ich
+es entschieden mißbillige, wenn er sich bei einer solchen Gelegenheit
+Zeugen nimmt. Meine Schuld ist es nicht, adieu.“
+</p>
+
+<p>
+Aber je verlegener er sie ansah, desto dringender ward sie.
+</p>
+
+<p>
+„Ich muß es ablehnen,“ verriet er schließlich, „daß ich
+mir mit den Angelegenheiten Dritter soll den Mund verbrennen,
+noch dazu, wenn der Dritte durchgeht und entzieht
+sich seinen nächstliegenden Verpflichtungen.“
+</p>
+
+<p>
+Gustes aufgerissene Augen sahen die Worte einzeln aus
+Diederichs Mund hervorkommen. Als das letzte gefallen
+war, verharrte sie einen Augenblick reglos, und dann warf
+sie die Hände vor das Gesicht. Sie schluchzte, man sah ihre
+Wangen aufquellen und die Tränen ihr durch die Finger
+rinnen. Sie hatte kein Schnupftuch; Diederich lieh es ihr,
+betreten durch ihren Schmerz. „Schließlich“, meinte er, „ist
+ja so viel nicht an ihm verloren.“ Da aber empörte sich
+Guste. „Das sagen Sie! Sie sind derjenige welcher und
+haben immer gegen ihn gehetzt. Daß er ausgerechnet Sie
+muß herschicken, das kommt mir mehr wie sonderbar vor.“
+</p>
+
+<p>
+„Wie meinen Sie das, bitte?“ verlangte Diederich
+seinerseits. „Sie mußten wohl reichlich so genau wissen
+wie ich, geehrtes Fräulein, was Sie von dem betreffenden
+Herrn zu erwarten hatten. Denn wo die Gesinnung
+schlapp ist, ist alles schlapp.“
+</p>
+
+<p>
+Da sie ihn höhnisch musterte, versetzte er um so strenger:
+</p>
+
+<pb n='367'/><anchor id='Pgp0367'/>
+
+<p>
+„Ich habe Ihnen alles richtig vorausgesagt.“
+</p>
+
+<p>
+„Weil es Ihnen so paßte“, erwiderte sie giftig. Und
+Diederich, mit Ironie: „Er hat mich doch selbst angestellt,
+daß ich seinen Kochtopf sollte umrühren. Und wenn der
+Kochtopf nicht in braune Lappen eingewickelt gewesen
+wäre, hätte er ihn schon längst überkochen lassen.“
+</p>
+
+<p>
+Da rang es sich los aus Guste. „Haben Sie ’ne Ahnung!
+Das ist es ja, das kann und kann ich ihm nicht verzeihen,
+daß ihm immer <hi rend='gesperrt'>alles</hi> wurscht war, sogar mein Geld!“
+</p>
+
+<p>
+Diederich war erschüttert. „Mit so einem soll man sich
+nicht einlassen“, stellte er fest. „Die haben keinen Halt
+und laufen einem durch die Finger.“ Er nickte gewichtig.
+„Wem das Geld wurscht ist, der versteht das Leben
+nicht.“
+</p>
+
+<p>
+Guste lächelte blaß. „Dann verstehen Sie es glänzend.“
+</p>
+
+<p>
+„Das wollen wir hoffen“, sagte er. Sie kam näher zu
+ihm, durch ihre letzten Tränen blinzelte sie ihn an.
+</p>
+
+<p>
+„Recht haben Sie ja nun behalten. Was meinen Sie
+wohl, das ich mir daraus mache?“ Sie verzog den Mund.
+„Ich hab’ ihn doch überhaupt nicht geliebt. Bloß auf die
+Gelegenheit hab’ ich gewartet, daß ich ihn loswerde. Nun
+ist er so gemein und geht von selbst ... Dann machen wir
+es ohne ihn“, setzte sie hinzu, mit einem verlockenden
+Blick. Aber Diederich nahm nur sein Schnupftuch zurück,
+für alles andere schien er zu danken. Guste begriff, daß
+er noch ebenso streng dachte, wie damals im Liebeskabinett;
+um so demütiger verhielt sie sich.
+</p>
+
+<p>
+„Sie spielen gewiß auf meine Lage an, wo ich nun drin
+bin.“
+</p>
+
+<p>
+Er lehnte ab. „Ich habe nichts gesagt.“ Guste klagte
+still. „Wenn die Leute Gemeinheiten über mich reden,
+dafür kann ich doch nicht!“
+</p>
+
+<pb n='368'/><anchor id='Pgp0368'/>
+
+<p>
+„Ich auch nicht.“
+</p>
+
+<p>
+Guste senkte den Kopf. „Na ja, ich muß es wohl einsehen.
+So eine wie ich verdient nicht mehr, daß ein wirklich feiner
+Mann mit ernsten Ansichten vom Leben sie noch nimmt.“
+Und dabei schielte sie von unten nach der Wirkung.
+</p>
+
+<p>
+Diederich schnaufte. „Es kann auch sein –“, begann er
+und machte eine Pause. Guste atmete nicht. „Nehmen
+wir einmal an,“ sagte er mit schneidender Betonung, „jemand
+hat im Gegenteil die allerernstesten Ansichten vom
+Leben, und er empfindet modern und großzügig, und im
+vollen Gefühl der Verantwortlichkeit gegen sich selbst sowohl
+als gegen seine künftigen Kinder, wie gegen Kaiser
+und Vaterland übernimmt er den Schutz des wehrlosen
+Weibes und zieht es zu sich empor.“
+</p>
+
+<p>
+Gustes Miene war immer frommer geworden. Sie
+lehnte die Handflächen aneinander und sah ihn mit
+schiefem Kopf innig flehend an. Dies schien noch nicht
+zu genügen, er verlangte offenbar etwas ganz Besonderes:
+und so fiel Guste plumps auf die Knie. Da nahte
+Diederich ihr gnädig. „So soll es sein“, sagte er und
+blitzte.
+</p>
+
+<p>
+Hier trat Frau Daimchen ein. „Nanu,“ bemerkte sie, „was
+ist denn los?“ Und Guste, mit Geistesgegenwart: „Ach Gott,
+Mutter, wir suchen meinen Ring“, – worauf auch Frau
+Daimchen sich am Boden niederließ. Diederich wollte nicht
+zurückstehen. Nach einer Weile stummen Umherkriechens
+rief Guste: „Hat ihm schon!“ Sie stand entschlossen auf.
+</p>
+
+<p>
+„Daß du es nur weißt, Mutter, ich habe mich verändert.“
+</p>
+
+<p>
+Frau Daimchen, noch außer Atem, begriff nicht sogleich.
+Guste und Diederich vereinten ihre Anstrengungen, um
+sie aufzuklären. Schließlich gestand sie, daß sie selbst,
+weil die Leute nun einmal redeten, an so etwas schon
+<pb n='369'/><anchor id='Pgp0369'/>gedacht habe. „Wolfgang war sowieso ’n bißchen zu
+miesepeterig, außer er hatte was getrunken. Bloß die
+Familie, dagegen kommen Heßlings nicht auf.“
+</p>
+
+<p>
+Das werde sie sehen, behauptete Diederich; und er kündigte
+an, daß nichts abgemacht sei, solange das Praktische
+auch nicht stimmte. Die Ausweise über Gustes Mitgift
+mußten herbei, dann verlangte er Gütergemeinschaft –
+und was er nachher mit dem Gelde anfing, da durfte niemand
+hineinreden! Bei jedem Widerspruch hielt er den
+Türgriff schon in der Hand, und jedesmal sprach Guste
+leise und angstvoll zu ihrer Mutter: „Soll denn morgen
+die ganze Stadt sich den Mund verrenken, weil ich den
+einen los bin, und der andere ist auch gleich wieder weg?“
+</p>
+
+<p>
+Als alles stimmte, ward Diederich jovial. Er aß zu
+Abend mit den Damen und wollte schon, ohne lange zu
+fragen, das Dienstmädchen nach dem Verlobungssekt
+schicken. Dies kränkte Frau Daimchen, denn natürlich hatte
+sie welchen im Hause, das verlangten die Herren Offiziere,
+die bei ihr verkehrten. „Überhaupt haben Sie mehr Glück
+als Verstand, denn den Herrn Leutnant von Brietzen
+hätte Guste auch gekriegt.“ Darauf lachte Diederich wohlgemut.
+Alles ging gut. Für ihn das viele Geld, und der
+Leutnant von Brietzen für Emmi!... Man ward sehr
+lustig; bei der zweiten Flasche taumelte das Brautpaar
+auf seinen Stühlen immer einer gegen den anderen, ihre
+Füße waren umeinandergewickelt bis zum Knie, und
+Diederichs Hand beschäftigte sich unten. Drüben drehte
+Frau Daimchen die Daumen. Plötzlich verursachte Diederich
+ein donnerndes Geräusch und erklärte sofort, er
+übernehme dafür die volle Verantwortung, es sei in
+aristokratischen Kreisen üblich, er verkehre bei Wulckows.
+</p>
+
+<pb n='370'/><anchor id='Pgp0370'/>
+
+<p>
+Welche Überraschung, als Netzig den Umschwung der
+Dinge erfuhr! Auf die Erkundigungen der Gratulanten
+erwiderte Diederich, was er mit den anderthalb Millionen
+seiner Frau beginnen werde, sei ganz ungewiß. Vielleicht
+ziehe er nach Berlin, für großzügige Unternehmungen sei
+es das Angezeigte. Seine Fabrik jedenfalls denke er bei
+Gelegenheit zu verkaufen. „Die Papierindustrie macht
+überhaupt eine Krise durch; diese mitten in Netzig gelegene
+Klitsche hat in meinen Verhältnissen keinen Sinn mehr.“
+</p>
+
+<p>
+Daheim gab es eitel Sonnenschein. Die Schwestern erhielten
+ein erhöhtes Taschengeld, und seiner Mutter gestattete
+Diederich so viele Rührszenen und Umarmungen,
+als sie sich irgend wünschen konnte; ja, er nahm willig ihren
+Segen entgegen. Guste, so oft sie kam, trat in der Rolle
+einer Fee auf, die Arme voll Blumen, Bonbons, silbernen
+Beuteln. An ihrer Seite schien Diederich über Blumen zu
+wandeln. Die Tage entschwebten himmlisch leicht, unter
+Einkäufen, Sektfrühstücken und den Brautvisiten, einen
+vornehmen Lohndiener auf dem Bock, und drinnen im
+Wagen die Verlobten anregend miteinander beschäftigt.
+</p>
+
+<p>
+Die schöne Laune, die mit ihrem Dasein spielte, führte
+sie eines Abends in den Lohengrin. Die beiden Mütter
+hatten sich dazu verstehen müssen, zu Hause zu bleiben;
+es war der feste Wille des Brautpaares, der Schicklichkeit
+zum Trotz allein in einer Proszeniumsloge zu sitzen. Das
+breite rote Plüschsofa an der Wand, wo man nicht gesehen
+werden konnte, war eingedrückt und fleckig, es hatte
+etwas Reizvoll-Fragwürdiges. Guste wollte wissen, daß
+diese Loge eigentlich den Herren Offizieren gehörte, und
+daß sie hier Besuche von Schauspielerinnen empfingen!
+</p>
+
+<p>
+„Über die Schauspielerinnen sind wir glücklich hinaus“,
+erklärte Diederich, und er ließ durchblicken, daß er allerdings
+<pb n='371'/><anchor id='Pgp0371'/>bis vor kurzem mit einer gewissen Dame vom Theater, die
+er natürlich nicht nennen könne –. Gustes fieberhafte
+Fragen wurden rechtzeitig unterbrochen durch das Klopfen
+des Kapellmeisters. Sie nahmen ihre Plätze ein.
+</p>
+
+<p>
+„Hähnisch ist noch wabbeliger geworden“, bemerkte
+Guste sogleich, und sie nickte nach dem Dirigenten hinab.
+Er machte auf Diederich einen hochkünstlerischen, wenn
+auch ungesunden Eindruck. Schwarze, verwirrte Haarsträhnen
+wippten, indes er mit allen seinen Gliedmaßen
+den Takt schlug, über seinem großen grauen Gesicht, dessen
+Fettsäcke mitwippten; und in Frack und Hose wogte es
+rhythmisch. Im Orchester war großer Betrieb, dennoch
+gab Diederich zu verstehen, daß er auf Ouvertüren keinen
+Wert lege. Überhaupt, meinte Guste, wenn man den
+Lohengrin in Berlin kannte! Der Vorhang ging auf, und
+schon kicherte sie verachtungsvoll. „Gott, die Ortrud! Sie
+hat einen Schlafrock und ein Frontkorsett!“ Diederich
+hielt sich mehr an den König unter der Eiche, der sichtlich
+die prominenteste Persönlichkeit war. Sein Auftreten
+wirkte nicht besonders schneidig; Wulckow brachte Baß
+und Vollbart entschieden besser zur Geltung; aber was
+er äußerte, war vom nationalen Standpunkt aus zu begrüßen.
+„Des Reiches Ehr’ zu wahren, ob Ost, ob West.“
+Bravo! So oft er das Wort deutsch sang, reckte er die
+Hand hinauf, und die Musik bekräftigte es ihrerseits. Auch
+sonst unterstrich sie einem markig, was man hören sollte.
+Markig, das war das Wort. Diederich wünschte sich, er
+hätte zu seiner Rede in der Kanalisationsdebatte eine
+solche Musik gehabt. Der Heerrufer dagegen stimmte ihn
+wehmütig, denn er glich aufs Haar dem dicken Delitzsch
+in all seiner verflossenen Bierehrlichkeit. Infolgedessen
+sah Diederich die Gesichter der Mannen näher an und
+<pb n='372'/><anchor id='Pgp0372'/>fand überall Neuteutonen. Sie hatten größere Bäuche
+und Bärte bekommen und sich gegen die harte Zeit mit
+Blech gerüstet. Auch schienen nicht alle sich in günstigen
+Lebensumständen zu befinden; die Edlen sahen aus wie
+mittlere Beamte des Mittelalters, mit Ledergesichtern
+und Knickebeinen, die Unedlen noch weniger glänzend;
+aber der Verkehr mit ihnen wäre unzweifelhaft in tadellosen
+Formen verlaufen. Überhaupt ward Diederich gewahr,
+daß man sich in dieser Oper sogleich wie zu Hause
+fühlte. Schilder und Schwerter, viel rasselndes Blech, kaisertreue
+Gesinnung, Ha und Heil und hochgehaltene Banner,
+und die deutsche Eiche: man hätte mitspielen mögen.
+</p>
+
+<p>
+Was den weiblichen Teil der Brabanter Gesellschaft betraf,
+der ließ freilich zu wünschen. Guste stellte spöttische
+Fragen: welche es denn nun sei, mit der er –. „Vielleicht
+die Ziege in dem Hängekleid? Oder die dicke Kuh mit
+dem Goldreifen zwischen den Hörnern?“ Und Diederich
+war nicht weit davon entfernt, sich für die schwarze Dame
+mit dem Frontkorsett zu entscheiden, als er noch rechtzeitig
+bemerkte, daß eben sie in der ganzen Angelegenheit
+nicht einwandfrei dastand. Ihr Gatte Telramund schien
+zunächst noch leidlich Komment zu haben, aber eine höchst
+üble Klatschgeschichte spielte offenbar auch hier mit.
+Leider war die deutsche Treue, selbst wo sie ein so glänzendes
+Bild darbot, bedroht von den jüdischen Machenschaften
+der dunkelhaarigen Rasse.
+</p>
+
+<p>
+Beim Auftreten Elsas war es ohne weiteres klar, auf
+welcher Seite man Klasse voraussetzen durfte. Der biedere
+König hätte es nicht nötig gehabt, die Sache dermaßen
+objektiv zu behandeln: Elsas ausgesprochen germanischer
+Typ, ihr wallendes blondes Haar, ihr gutrassiges Benehmen
+boten von vornherein gewisse Garantien.
+Diede<pb n='373'/><anchor id='Pgp0373'/>rich faßte sie ins Auge, sie sah herauf, sie lächelte lieblich.
+Darauf griff er nach dem Opernglas, aber Guste entriß
+es ihm. „Also die Merée ist es?“ zischte sie; und da er
+vielsagend lächelte: „Einen feinen Geschmack hast du, ich
+kann mich geschmeichelt fühlen. Die ausgemergelte Jüdin!“
+– „Jüdin?“ – „Die Merée, selbstredend, sie heißt
+doch Meseritz, und vierzig Jahre ist sie alt.“ – Betreten
+nahm er das Glas, das Guste ihm höhnisch anbot, und
+überzeugte sich. Na ja, die Welt des Scheins. Enttäuscht
+lehnte Diederich sich zurück. Dennoch konnte er nicht hindern,
+daß Elsas keusche Vorahnung weiblicher Lustempfindungen
+ihn gerade so sehr rührte wie den König und
+die Edlen. Das Gottesgericht schien auch ihm ein hervorragend
+praktischer Ausweg, auf die Weise ward niemand
+kompromittiert. Daß die Edlen sich auf die faule Sache
+nicht einlassen würden, war freilich vorherzusehen. Man
+mußte schon mit etwas Außerordentlichem rechnen; die
+Musik tat das ihre, sie machte einen geradezu auf alles
+gefaßt. Diederich hatte den Mund offen und so dummselige
+Augen, daß Guste heimlich einen Lachkrampf bekam.
+Jetzt war er so weit, alle waren so weit, jetzt konnte Lohengrin
+kommen. Er kam, funkelte, schickte den Zauberschwan
+fort, funkelte noch betörender. Mannen, Edle und der
+König unterlagen alle derselben Verblüffung wie Diederich.
+Nicht umsonst gab es höhere Mächte.... Ja, die
+allerhöchste Macht verkörperte sich hier, zauberhaft blitzend.
+Ob Schwanen- oder Adlerhelm: Elsa wußte wohl, warum
+sie plumps vor ihm auf die Knie fiel. Diederich seinerseits
+blitzte Guste an, ihr verging das Lachen. Auch sie
+hatte erfahren, wie es war, wenn alle einen verklatschten,
+und den ersten war man los und konnte sich nirgends mehr
+sehen lassen und hätte überhaupt wegziehen müssen: und
+<pb n='374'/><anchor id='Pgp0374'/>da kam der Held und Retter und machte sich aus der
+ganzen Geschichte nichts und nahm einen doch! „So soll
+es sein!“ sagte Diederich und nickte auf die kniefällige
+Elsa hinab – indes Guste, die Lider gesenkt, in reuevoller
+Unterwerfung gegen seine Schulter fiel.
+</p>
+
+<p>
+Das weitere konnte man an den Fingern abzählen.
+Telramund machte sich einfach unmöglich. Gegen die
+Macht unternahm man eben nichts. Zu ihrem Repräsentanten
+Lohengrin verhielt sich sogar der König höchstens
+wie ein besserer Bundesfürst. Er sang seinem Vorgesetzten
+die Siegeshymne mit. Der Hort der guten Gesinnung
+ward schwungvoll gefeiert, die Umstürzler mochten den
+deutschen Staub von ihren Pantoffeln schütteln.
+</p>
+
+<p>
+Der zweite Akt – Guste aß noch immer, sanft hingegeben,
+Pralinees – brachte zunächst in erhebender
+Weise den Gegensatz zur Anschauung zwischen dem glanzvollen,
+ohne Mißton verlaufenden Fest der Gutgesinnten
+in den vornehm erleuchteten Räumen des Palastes, und
+den beiden dunkeln Empörern, die stark heruntergekommen
+auf dem Pflaster lagen. „Erhebe dich, Genossin
+meiner Schmach“, meinte Diederich bei passender Gelegenheit
+selbst schon angewendet zu haben. Er verband
+Ortrud mit gewissen persönlichen Erinnerungen: ein ganz
+gemeines Luder, darüber war nichts zu sagen; aber irgendwas
+regte sich in ihm, wenn sie ihren Kerl einwickelte und
+unter sich hatte. Er träumte.... Vor Elsa, der dummen
+Gans, mit der sie machte was sie wollte, hatte Ortrud das
+gewisse Etwas voraus, das die energischen und strengen
+Damen haben. Elsa freilich konnte man heiraten. Er schielte
+nach Guste. „Es gibt ein Glück, das ohne Reu“, bemerkte
+Elsa; und Diederich zu Guste: „Das wollen wir hoffen.“
+</p>
+
+<p>
+Den frisch ausgeschlafenen Edlen und Mannen wurde
+<pb n='375'/><anchor id='Pgp0375'/>sodann durch den dicken Delitzsch eröffnet, daß sie Dank
+Gottes Gnade einen neuen Landesfürsten bekommen
+hatten. Gestern standen sie noch treu und bieder zu Telramund,
+heute waren sie biedere, treue Untertanen Lohengrins.
+Sie erlaubten sich keine Meinung und schluckten
+jede Vorlage. „Den Reichstag bringen wir auch noch so
+weit“, gelobte Diederich.
+</p>
+
+<p>
+Wie aber Ortrud vor Elsa in das Münster treten wollte,
+empörte sich Guste. „Das hat sie nun nicht nötig, darüber
+ärgere ich mich immer. Wo sie doch nichts mehr hat, und
+überhaupt.“ – „Jüdische Frechheit“, murmelte Diederich.
+Übrigens konnte er nicht umhin, Lohengrin, gelinde gesagt,
+unvorsichtig zu finden, als er es glatt in Elsas Hand
+legte, ob er seinen Namen verraten und dadurch das ganze
+Geschäft in Frage stellen sollte oder nicht. So viel durfte
+man Weibern nicht zumuten. Und wozu? Den Mannen
+brauchte er nicht erst zu beweisen, daß er, trotz dem Nörgler
+Telramund, reine Hände und keinen Fleck auf der Weste
+habe: ihre nationale Gesinnung war durchaus unverdächtig.
+</p>
+
+<p>
+Guste verhieß ihm, im dritten Akt käme das Allerschönste,
+aber dafür müsse sie durchaus noch Pralinees
+haben. Als man sie hatte, stieg der Hochzeitsmarsch, und
+Diederich sang ihn mit. Die Mannen im Festzuge verloren
+entschieden ohne Blech und Banner, auch Lohengrin
+hätte sich besser nicht im Wams gezeigt. Diederich ward bei
+seinem Anblick wieder einmal von dem Wert der Uniform
+durchdrungen. Die Damen waren glücklich fort, mit ihren
+Stimmen wie saure Milch. Aber der König! Er konnte
+nicht wegfinden von dem Brautpaar, biederte sich an und
+schien am liebsten als Zuschauer dableiben zu wollen. Diederich,
+dem der König schon immer zu konziliant gewesen
+war für diese harte Zeit, nannte ihn jetzt einfach eine Nulpe.
+</p>
+
+<pb n='376'/><anchor id='Pgp0376'/>
+
+<p>
+Endlich fand er die Tür, Lohengrin und Elsa machten
+sich auf dem Sofa an die „Wonnen, die nur Gott verleiht“.
+Zuerst umschlangen sie sich nur oben, die unteren Körperteile
+saßen nach Möglichkeit voneinander entfernt. Je mehr
+sie aber sangen, um so näher rutschten sie heran, – wobei
+ihre Gesichter sich häufig auf Hähnisch richteten. Hähnisch
+und sein Orchester schienen ihnen einzuheizen: es war begreiflich,
+denn auch Diederich und Guste in ihrer stillen
+Loge schnauften leise und sahen einander an mit erhitzten
+Augen. Die Gefühle gingen den Weg der Zauberklänge,
+die Hähnisch mit wogenden Gliedern hervorlockte, und die
+Hände folgten ihnen. Diederich ließ die seine zwischen
+Gustes Stuhl und ihrem Rücken hinabgleiten, umspannte
+sie unten und murmelte betört: „Wie ich das zum erstenmal
+gesehen habe, gleich hab’ ich gesagt, die oder keine!“
+</p>
+
+<p>
+Aber da wurden sie aus dem Zauberbann gerissen durch
+einen Zwischenfall, der bestimmt schien, die Kunstfreunde
+Netzigs noch lange zu beschäftigen. Lohengrin zeigte sein
+Jägerhemd! Eben stimmte er an: „Atmest du nicht mit
+mir die süßen Düfte“, da kam es hinten aus dem Wams
+hervor, das aufging. Bis Elsa ihn, sichtlich erregt, zugeknöpft
+hatte, herrschte im Hause lebhafte Unruhe; dann
+erlag es wieder dem Zauberbann. Guste freilich, die sich
+mit einem Pralinee verschluckt hatte, stieß auf ein Bedenken.
+„Wie lange trägt er das Hemd schon? Und überhaupt,
+er hat doch nichts mit, der Schwan ist mit seinem
+Gepäck abgeschwommen!“ Diederich verwies ihr ernstlich
+das Nachdenken. „Du bist gerade so eine Gans wie Elsa“,
+stellte er fest. Denn Elsa war im Begriff, sich alles zu verderben,
+weil sie es nicht lassen konnte, ihren Mann nach
+seinen politischen Geheimnissen zu fragen. Der Umsturz
+ward vollends zerschmettert, denn Telramunds feiges
+<pb n='377'/><anchor id='Pgp0377'/>Attentat mißlang durch Gottes Fügung; aber die Weiber,
+dies mußte Diederich sich sagen, wirkten, wenn man ihnen
+nicht die Kandare fest anzog, eher noch subversiver.
+</p>
+
+<p>
+Nach der Verwandlung ward dies vollends klar. Eiche,
+Banner, alles nationale Zubehör war wieder da; und „für
+deutsches Land das deutsche Schwert, so sei des Reiches
+Kraft bewährt“: bravo! Aber Lohengrin schien nun wirklich
+entschlossen, sich aus dem öffentlichen Leben zurückzuziehen.
+„Überall wurde an mir gezweifelt“, durfte auch
+er sagen. Nacheinander klagte er den toten Telramund
+und die ohnmächtige Elsa an. Da keins von beiden ihm
+widersprach, hätte er ohne weiteres recht behalten; dazu
+kam aber noch, daß er tatsächlich in der Rangliste obenan
+stand. Denn jetzt gab er sich zu erkennen. Die Nennung
+seines Namens rief bei der ganzen Versammlung, die noch
+nie von ihm gehört hatte, eine ungeheure Bewegung hervor.
+Die Mannen konnten sich gar nicht beruhigen; alles
+andere schienen sie erwartet zu haben, nur nicht, daß er
+Lohengrin hieß. Um so dringlicher ersuchten sie den geliebten
+Herrscher, von dem folgenschweren Schritt der Abdankung
+diesmal noch abzusehen. Aber Lohengrin blieb
+heiser und unnahbar. Übrigens wartete schon der Schwan.
+Eine letzte Frechheit Ortruds brach ihr zur allgemeinen Genugtuung
+den Hals. Leider deckte gleich darauf auch Elsa
+das Schlachtfeld, das Lohengrin, statt des entzauberten
+Schwans von einer kräftigen Taube gezogen, hinter sich ließ.
+Dafür war der junge, soeben eingetroffene Gottfried in drei
+Tagen der dritte Landesfürst, dem Edle und Mannen,
+treu und bieder wie immer, ihre Huldigung darbrachten.
+</p>
+
+<p>
+„Das kommt davon“, bemerkte Diederich, indes er Guste
+in den Mantel half. Alle diese Katastrophen, die Wesensäußerungen
+der Macht waren, hatten ihn erhoben und tief
+<pb n='378'/><anchor id='Pgp0378'/>befriedigt. „Wovon kommt es denn“, meinte Guste, zum
+Widersprechen aufgelegt. „Bloß weil sie wissen will, wer
+er ist? Das kann sie wohl verlangen, das ist nicht mehr wie
+anständig.“ – „Es hat einen höheren Sinn“, erklärte ihr
+Diederich streng. „Die Geschichte mit dem Gral, das soll
+heißen, der allerhöchste Herr ist nächst Gott nur seinem
+Gewissen verantwortlich. Na und wir wieder ihm. Wenn
+das Interesse Seiner Majestät in Betracht kommt, kannst du
+machen was du willst, ich sage nichts, und eventuell –.“
+Eine Handbewegung gab zu verstehen, daß auch er, in einen
+derartigen Konflikt gestellt, Guste unbedenklich dahinopfern
+würde. Dies erboste Guste. „Das ist ja Mord!
+Wie komm’ ich dazu, daß ich muß draufgehen, weil Lohengrin
+ein temperamentloser Hammel ist. Nicht einmal in
+der Hochzeitsnacht hat Elsa von ihm was gemerkt!“ Und
+Guste rümpfte die Nase, wie damals beim Verlassen des
+Liebeskabinetts, wo auch nichts geschehen war.
+</p>
+
+<p>
+Auf dem Heimweg versöhnten sich die Verlobten. „Das
+ist die Kunst, die wir brauchen!“ rief Diederich aus. „Das
+ist deutsche Kunst!“ Denn hier erschienen ihm, in Text
+und Musik, alle nationalen Forderungen erfüllt. Empörung
+war hier dasselbe wie Verbrechen, das Bestehende,
+Legitime ward glanzvoll gefeiert, auf Adel und Gottesgnadentum
+der höchste Wert gelegt, und das Volk, ein
+von den Ereignissen ewig überraschter Chor, schlug sich
+willig gegen die Feinde seiner Herren. Der kriegerische
+Unterbau und die mystischen Spitzen, beides war gewahrt.
+Auch wirkte es bekannt und sympathisch, daß in dieser
+Schöpfung der schönere und geliebtere Teil der Mann
+war. „Ich fühl’ das Herze mir vergehn, schau ich den
+wonniglichen Mann“, sangen auch die Männer samt dem
+König. So war denn die Musik an ihrem Teil der
+männ<pb n='379'/><anchor id='Pgp0379'/>lichen Wonne voll, war heldisch, wenn sie üppig war, und
+kaisertreu noch in der Brunst. Wer widerstand da? Tausend
+Aufführungen einer solchen Oper, und es gab niemand
+mehr, der nicht national war! Diederich sprach es
+aus: „Das Theater ist auch eine meiner Waffen.“ Kaum
+ein Majestätsbeleidigungsprozeß konnte die Bürger so
+gründlich aus dem Schlummer rütteln. „Ich habe den
+Lauer in die Vogtei gebracht, aber wer den Lohengrin
+geschrieben hat, vor dem nehm’ ich den Hut ab.“ Er schlug
+ein Zustimmungstelegramm an Wagner vor. Guste
+mußte ihn aufklären, es sei nicht mehr zu machen. Einmal
+auf so hohem Gedankenflug begriffen, äußerte sich
+Diederich über die Kunst im allgemeinen. Unter den Künsten
+gab es eine Rangordnung. „Die höchste ist die Musik,
+daher ist es die deutsche Kunst. Dann kommt das Drama.“
+</p>
+
+<p>
+„Warum?“ fragte Guste.
+</p>
+
+<p>
+„Weil man es manchmal in Musik setzen kann, und weil
+man es nicht zu lesen braucht, und überhaupt.“
+</p>
+
+<p>
+„Und was kommt dann?“
+</p>
+
+<p>
+„Die Porträtmalerei natürlich, wegen der Kaiserbilder.
+Das übrige ist nicht so wichtig.“
+</p>
+
+<p>
+„Und der Roman?“
+</p>
+
+<p>
+„Der ist keine Kunst. Wenigstens Gott sei Dank keine
+deutsche: das sagt schon der Name.“
+</p>
+
+<milestone unit="tb"/>
+
+<p>
+Und dann war der Hochzeitstag da. Denn beide hatten
+Eile: Guste wegen der Leute, Diederich aus Gründen der
+Politik. Um mehr Eindruck zu machen, hatte man beschlossen,
+daß Magda und Kienast am gleichen Tage heiraten
+sollten. Kienast war eingetroffen, und Diederich betrachtete
+ihn manchmal mit Unruhe, weil Kienast sich den
+Bart hatte abnehmen lassen, den Schnurrbart an den
+<pb n='380'/><anchor id='Pgp0380'/>Augenwinkeln trug und auch schon blitzte. In den Verhandlungen
+über Magdas Gewinnanteil zeigte er einen schreckenerregenden
+Geschäftsgeist. Diederich, nicht ohne Besorgnis
+wegen des Ausgangs der Sache, wenn auch entschlossen,
+seine Pflicht gegen sich selbst restlos zu erfüllen, vertiefte sich
+jetzt öfter in seine Geschäftsbücher ... Sogar am Morgen
+vor seiner Trauung und schon im Frack, saß er im Kontor;
+da ward eine Karte gebracht: Karnauke, Premierleutnant
+a. D. „Was kann der wollen, Sötbier?“ Der alte Buchhalter
+wußte es auch nicht. Na egal. „Einen Offizier kann
+ich nicht abweisen.“ Und Diederich ging selbst zur Tür.
+</p>
+
+<p>
+In der Tür aber erschien ein ungewöhnlich strammer
+Herr in einem grünlichen Sommermantel, der troff, und
+den er am Halse fest geschlossen trug. Unter seinen spitzen
+Lackschuhen entstand sofort eine Lache, von seinem grünen
+Agrarierhütchen, das er merkwürdigerweise aufbehielt,
+regnete es. „Zunächst wollen wir uns mal trocken legen“,
+versetzte der Herr und begab sich, bevor Diederich zustimmte,
+zum Ofen. Hier sagte er schnarrend: „Verkaufen,
+was? Klemme, was?“ Diederich begriff nicht sogleich;
+dann warf er einen unruhigen Blick auf Sötbier. Der
+Alte hatte sich wieder an seinen Brief gemacht. „Herr
+Premierleutnant haben sich gewiß in der Hausnummer
+geirrt“, bemerkte Diederich schonend; aber es half nichts.
+„Quatsch. Weiß Bescheid. Nur keine Fisimatenten. Höherer
+Befehl. Schnauze halten und verkaufen, sonst gnade Gott.“
+</p>
+
+<p>
+Diese Sprache war zu auffallend; Diederich konnte
+nicht länger übersehen, daß trotz der militärischen Vergangenheit
+des Herrn seine ungeheure Strammheit nicht
+echt war und daß seine Augen verglast waren. In dem
+Augenblick, als Diederich dies feststellte, nahm der Herr
+sein grünes Agrarierhütchen vom Kopf und entleerte es
+<pb n='381'/><anchor id='Pgp0381'/>seines Wassers auf Diederichs Frackhemd. Dies veranlaßte
+Diederich zu einem Protest, aber der Herr nahm ihn
+sehr übel. „Ich stehe Ihnen zur Verfügung“, schnarrte er.
+„Die Herren von Quitzin und von Wulckow werden in
+meinem Auftrag mit Ihnen reden.“ Dabei zwinkerte er
+angestrengt – und Diederich, dem ein schrecklicher Verdacht
+kam, vergaß seinen Zorn, er war einzig bedacht, den
+Premierleutnant aus der Tür zu drängen. „Wir sprechen
+draußen“, raunte er ihm zu, und nach der anderen Seite
+zu Sötbier: „Der Herr ist sinnlos betrunken, ich muß sehen,
+wie ich ihn los werde.“ Aber Sötbier hatte die Lippen zusammengepreßt,
+die Stirn gefaltet und kehrte diesmal
+nicht zu seinem Brief zurück.
+</p>
+
+<p>
+Der Herr ging geradeswegs in den Regen hinaus, Diederich
+folgte ihm. „Deswegen keine Feindschaft, reden kann
+man doch.“ Erst nachdem auch er durchnäßt war, gelang es
+ihm, den Herrn wieder ins Haus zu lotsen. Durch den leeren
+Maschinenraum schrie der Premierleutnant: „Glas
+Schnaps! Kaufe alles, Schnaps mit!“ Obwohl die Arbeiter
+zur Feier seiner Hochzeit frei hatten, sah Diederich sich angstvoll
+um; er öffnete den Verschlag, wo die Chlorsäcke lagen,
+und beförderte mit verzweifeltem Schub den Herrn hinein.
+Es stank furchtbar; der Herr nieste mehrmals, worauf er
+sagte: „Karnauke mein Name, warum stinken Sie so?“
+</p>
+
+<p>
+„Haben Sie einen Hintermann?“ fragte Diederich. Der
+Herr nahm auch das übel. „Was wollen Sie damit sagen?...
+Ach so, kaufe, was Platz hat.“ Diederichs Blick folgend,
+betrachtete er sein triefendes Sommermäntelchen.
+„Momentane Verlegenheit“, schnarrte er. „Vermittle
+Kavalieren. Ehrensache.“
+</p>
+
+<p>
+„Was bietet Ihr Auftraggeber?“
+</p>
+
+<p>
+„Hundertzwanzig die Kiste.“
+</p>
+
+<pb n='382'/><anchor id='Pgp0382'/>
+
+<p>
+Und wie Diederich sich entsetzte oder empörte: zweihunderttausend
+sei sein Grundstück wert, der Premierleutnant
+blieb dabei: „Hundertzwanzig die Kiste.“
+</p>
+
+<p>
+„Nicht zu machen“ – Diederich vollführte eine unvorsichtige
+Bewegung nach dem Ausgang, worauf der Herr
+ernstlich gegen ihn vorging. Diederich mußte ringen, fiel
+auf einen Chlorsack und der Herr über ihn. „Stehen Sie
+auf,“ keuchte Diederich, „hier werden wir gebleicht.“ Der
+Premierleutnant heulte auf, als brennte es ihm schon
+durch die Kleider, – und plötzlich hatte er seine stramme
+Haltung zurück. Er zwinkerte. „Präsident von Wulckow
+eklig hinterher, daß Sie verkaufen, sonst kein Geschäft mit
+ihm zu machen. Vetter Quitzin arrondiert Besitz hier
+herum. Rechnet bestimmt auf Ihr Entgegenkommen.
+Hundertzwanzig die Kiste.“ Diederich, bleicher als wäre
+er im Chlor liegengeblieben, versuchte noch: „Hundertfünfzig“,
+– aber die Stimme versagte ihm. Das war mehr,
+als man loyalerweise fassen konnte! Wulckow starrend von
+Beamtenehre, unbestechlich wie das Jüngste Gericht!...
+Mit einem trostlosen Blick überflog er nochmals die Gestalt
+dieses Karnauke, Premierleutnants a. D. Den schickte
+Wulckow, dem lieferte er sich aus! Hätte man nicht neulich,
+unter vier Augen, mit aller gebotenen Vorsicht und gegenseitigen
+Achtung das Geschäft verhandeln können? Aber
+diese Junker konnten nur den Leuten an die Kehle springen;
+auf Geschäfte verstanden sie sich noch immer nicht. „Gehen
+Sie nur voran zum Notar,“ raunte Diederich, „ich komme
+gleich.“ Er ließ ihn hinaus. Wie er aber selbst fort wollte,
+stand da der alte Sötbier, noch immer mit den gekniffenen
+Lippen. „Was wünschen Sie?“ Diederich war ermattet.
+</p>
+
+<p>
+„Junger Herr,“ begann der Alte hohl, „was Sie jetzt vorhaben,
+dafür kann ich nicht mehr die Verantwortung tragen.“
+</p>
+
+<pb n='383'/><anchor id='Pgp0383'/>
+
+<p>
+„Wird nicht verlangt.“ Diederich gab sich Haltung. „Ich
+weiß allein, was ich tue.“ Der Alte hob beschwörend die
+Hände.
+</p>
+
+<p>
+„Sie wissen es nicht, junger Herr! Unsere Lebensarbeit
+von Ihrem seligen Vater und mir, die verteidige ich! Daß
+wir das Geschäft aufgebaut haben mit Fleiß und solider
+Arbeit, dadurch sind Sie groß geworden. Und wenn Sie
+mal teure Maschinen kaufen und mal die Aufträge ablehnen,
+das ist ein Zickzackkurs, damit bringen Sie das
+Geschäft herunter. Und jetzt verkaufen Sie das alte Haus!“
+</p>
+
+<p>
+„Sie haben an der Tür gehorcht. Wenn etwas geschieht,
+ohne daß Sie dabei sind, das vertragen Sie noch immer
+nicht recht. Erkälten Sie sich hier nur nicht.“ Diederich
+höhnte.
+</p>
+
+<p>
+„Sie dürfen es nicht verkaufen!“ jammerte Sötbier.
+„Ich kann nicht zusehen, wie der Sohn und Erbe meines
+alten Herrn die solide Grundlage der Firma untergräbt
+und treibt Großmannspolitik.“
+</p>
+
+<p>
+Diederich maß ihn mitleidig. „Großzügigkeit war zu
+Ihrer Zeit noch nicht erfunden, Sötbier. Heute wagt man
+was. Betrieb ist die Hauptsache. Später werden Sie
+sehen, wozu es gut war, daß ich das Haus verkaufe.“
+</p>
+
+<p>
+„Ja, das werden Sie auch erst später sehen. Vielleicht
+wenn Sie bankerott sind oder wenn Ihnen Ihr Schwager
+Herr Kienast einen Prozeß anhängt. Sie haben gewisse
+Manipulationen gemacht zum Schaden Ihrer Schwestern
+und Ihrer Mutter! Wenn ich dem Herrn Kienast manches
+sagen wollte –: bloß daß ich Pietät habe, sonst könnte ich
+Sie ins Unglück bringen!“
+</p>
+
+<p>
+Der Alte war außer sich. Er kreischte, Tränen der Wut
+in den roten Lidern. Diederich trat nahe an ihn hin, er
+hielt ihm die geballte Hand unter die Nase. „Das
+ver<pb n='384'/><anchor id='Pgp0384'/>suchen Sie mal! Ich beweise glatt, daß Sie die Firma
+bestohlen haben, und zwar schon immer. Meinen Sie, ich
+habe keine Vorkehrungen getroffen?“
+</p>
+
+<p>
+Auch der Alte erhob seine zitternde Faust. Sie schnaubten
+sich an; Sötbier rollte blutige Augäpfel, Diederich
+blitzte. Dann trat der Alte zurück. „Nein, so soll es nicht
+kommen. Ich war immer ein treuer Diener meines alten
+Herrn. Mein Gewissen gebietet mir, seinem Nachfolger
+meine bewährte Kraft so lange als möglich zu erhalten.“
+</p>
+
+<p>
+„Das könnte Ihnen passen“, sagte Diederich hart und
+kalt. „Seien Sie froh, wenn ich Sie nicht direkt hinauswerfe.
+Schreiben Sie nur gleich Ihr Entlassungsgesuch,
+es ist schon bewilligt.“ Und er schritt von dannen.
+</p>
+
+<p>
+Beim Notar verlangte er, daß in den Kaufvertrag als
+Käufer „Unbekannt“ gesetzt werde. Karnauke feixte. „Unbekannt
+ist gut. Wir kennen doch Herrn von Quitzin.“
+Darauf lächelte auch der Notar. „Ich sehe,“ sagte er,
+„Herr von Quitzin arrondiert sich. Bislang gehörte ihm
+in der Meisestraße nur die kleine Kneipe zum Huhn. Aber
+wegen der beiden Grundstücke hinter dem Ihren, Herr
+Doktor, verhandelt er auch schon. Dann grenzt er an
+den Stadtpark und hat Platz für riesige Anlagen.“
+</p>
+
+<p>
+Diederich zitterte schon wieder. Leise bat er den Notar
+um Diskretion, solange es gehe. Dann nahm er Abschied,
+er habe keine Zeit zu verlieren. „Weiß ich“, sagte der
+Premierleutnant und hielt ihn fest. „Freudentag. Frühstück
+Hotel Reichshof. Bin gerüstet.“ Er öffnete das
+grüne Mäntelchen und zeigte auf seinen zerknitterten
+Gesellschaftsanzug. Diederich sah ihn entsetzt an, er versuchte
+sich zu wehren; aber der Leutnant drohte wieder
+mit seinen Zeugen.
+</p>
+
+<p>
+Die Braut wartete schon längst, die beiden Mütter
+<pb n='385'/><anchor id='Pgp0385'/>trockneten ihr die Tränen, unter dem anzüglichen Lächeln
+der anwesenden Damen. Auch dieser Bräutigam ging
+durch! Magda und Kienast waren empört; und zwischen
+Schweinichenstraße und Meisestraße liefen Boten ...
+Endlich! Diederich war da, wenn auch in seinem alten
+Frack. Er gab nicht einmal Erklärungen. Am Standesamt
+und in der Kirche wirkte er verstört. Allerseits bemerkte
+man, auf einer so zustande gekommenen Verbindung
+ruhe kein Segen. Auch Pastor Zillich erwähnte in
+seiner Ansprache, daß der irdische Besitz etwas Vergängliches
+sei. Man begriff seine Enttäuschung. Käthchen war
+gar nicht erschienen.
+</p>
+
+<p>
+Beim Hochzeitsfrühstück saß Diederich schweigend und
+sichtlich noch anders beschäftigt. Selbst das Essen vergaß
+er oft und stierte in die Luft. Einzig der Premierleutnant
+Karnauke hatte die Gabe, seine Aufmerksamkeit zu wecken.
+Freilich tat der Leutnant das Seine; schon nach der Suppe
+brachte er einen Toast auf die Braut aus, mit Anspielungen,
+denen die Versammlung nach Maßgabe ihres
+bisherigen Weingenusses noch nicht gewachsen war. Mehr
+beunruhigt ward Diederich durch gewisse andere Wendungen
+Karnaukes, die er mit Zwinkern nach seinem Platz
+begleitete und die leider auch Kienast nachdenklich stimmten.
+Der Zeitpunkt, den Diederich mit Herzklopfen voraussah,
+trat ein: Kienast stand auf und bat ihn um ein
+Wort unter vier Augen ... Da aber klingelte der Premierleutnant
+heftig ans Glas, stramm schnellte er vom
+Sitz. Der schon vorgeschrittene Lärm des Festes brach
+jäh ab; man sah an Karnaukes gespitzten Fingern ein
+blaues Band hängen und darunter ein Kreuz, dessen
+Rand golden funkelte ... Ah! und Tumult und Glückwünsche.
+Diederich reichte beide Hände hin, eine
+Selig<pb n='386'/><anchor id='Pgp0386'/>keit, kaum zu ertragen, flutete ihm vom Herzen in den
+Hals, er redete von selbst und bevor er wußte was. „Seine
+Majestät ... Unerhörte Gnade ... Bescheidene Verdienste,
+nie wankende Treue ...“ Er dienerte, er legte,
+wie Karnauke ihm das Kreuz überreichte, die Hand auf
+das Herz, schloß die Augen und versank: so als stände vor
+ihm ein anderer, der Geber selbst. Unter der Gnadensonne
+fühlte Diederich, dies war die Rettung und der
+Sieg. Wulckow hielt den Pakt. Die Macht hielt Diederich
+den Pakt! Der Kronenorden vierter Klasse blitzte, und
+es ward Ereignis, das Denkmal Wilhelm des Großen
+und Gausenfeld, Geschäft und Ruhm!
+</p>
+
+<p>
+Der Aufbruch drängte. Kienast, immerhin bewegt und
+eingeschüchtert, bekam einige Worte allgemeinen Inhalts
+hingeworfen, von herrlichen Tagen, denen er entgegengeführt
+werden sollte, von großen Dingen, die man mit
+ihm und der ganzen Familie vorhabe – und fort war
+Diederich mit Guste.
+</p>
+
+<p>
+Sie bestiegen die erste Klasse, er spendete drei Mark und
+zog die Vorhänge zu. Sein von Glück beschwingter
+Tatendrang litt keinen Aufschub, Guste hätte so viel Temperament
+nie erwartet. „Du bist doch nicht wie Lohengrin“,
+bemerkte sie. Als sie aber schon hinglitt und die
+Augen schloß, richtete Diederich sich nochmals auf. Eisern
+stand er vor ihr, ordenbehangen, eisern und blitzend. „Bevor
+wir zur Sache selbst schreiten,“ sagte er abgehackt, „gedenken
+wir Seiner Majestät unseres allergnädigsten Kaisers.
+Denn die Sache hat den höheren Zweck, daß wir Seiner
+Majestät Ehre machen und tüchtige Soldaten liefern.“
+</p>
+
+<p>
+„Oh!“ machte Guste, von dem Gefunkel auf seiner
+Brust entrückt in höheren Glanz. „Bist – du – das –
+Diederich?“
+</p>
+
+</div><div rend="page-break-before: always">
+ <index index="toc" level1="VI"/>
+ <index index="pdf" level1="VI"/>
+<pb n='387'/><anchor id='Pgp0387'/>
+
+<head>VI.</head>
+
+<p>
+Herr und Frau Doktor Heßling aus Netzig sahen einander
+stumm an im Lift des Züricher Hotels, denn
+man fuhr sie in den vierten Stock. Dies war das Ergebnis
+des Blickes, den der Geschäftsführer schnell und schonend
+über sie hingeführt hatte. Diederich füllte gehorsam
+den Meldezettel aus; erst als der Oberkellner fort war,
+äußerte er seine Entrüstung über den Betrieb hier und
+über Zürich. Sie ward immer lauter und verdichtete sich
+zu dem Vorsatz, an Baedeker zu schreiben. Da diese Vergeltung
+indes zu wenig greifbar schien, machte er kehrt
+gegen Guste: ihr Hut sei schuld. Guste wieder schob es
+auf Diederichs Hohenzollernmantel. So stürzten sie denn
+zum Lunch mit hochroten Köpfen. An der Tür machten
+sie halt und schnauften unter den Blicken der Gäste, Diederich
+im Smoking, Guste aber mit einem Hut, der Bänder,
+Federn und Schnalle, alles auf einmal, hatte und der
+unzweifelhaft in die Beletage gehörte. Ihr Bekannter,
+der Oberkellner, führte sie im Triumph zu ihren Plätzen.
+</p>
+
+<p>
+Mit Zürich und auch mit dem Hotel versöhnten sie sich
+am Abend. Denn erstens war das Zimmer im vierten
+Stock nicht ehrenvoll, aber billig; und dann hing gerade
+gegenüber den Betten des Ehepaares eine fast lebensgroße
+Odaliske, der bräunliche Leib hinschwellend auf
+üppigem Polster, mit den Händen unter dem Kopf, feuchtes
+Schmachten im schwarzen Spalt der Augen. In der
+Mitte war sie von dem Rahmen zerschnitten, was dem
+Ehepaar Anlaß zu Scherzen gab. Am nächsten Tage
+gingen sie umher mit Blei in den Lidern, verschlangen
+<pb n='388'/><anchor id='Pgp0388'/>riesige Mahlzeiten und fragten sich nur, was erst geschehen
+wäre, wenn die Odaliske nicht in der Mitte zerschnitten,
+sondern ganz gewesen wäre. Aus Müdigkeit versäumten
+sie den Zug und kehrten am Abend, so früh wie möglich,
+in ihr billiges und aufreibendes Zimmer zurück. Ein Ende
+dieser Art zu leben war nicht absehbar; da las Diederich
+mit seinen schweren Lidern in der Zeitung, daß der Kaiser
+unterwegs nach Rom sei zum Besuch des Königs von
+Italien. Ein Schlag, er war aufgewacht. Elastisch bewegte
+er sich zum Portier, ins Bureau, an den Lift; und mochte
+Guste jammern, daß ihr schwindlig werde, die Koffer
+waren schon fertig, Diederich schleifte Guste schon hinaus.
+„Muß es denn sein?“ klagte sie, „wo doch das Bett so gut
+ist!“ Aber Diederich hinterließ nur noch einen höhnischen
+Blick für die Odaliske. „Amüsieren Sie sich weiter gut,
+meine Gnädigste!“
+</p>
+
+<p>
+Vor Aufregung schlief er lange nicht. Guste schnarchte
+friedlich an seiner Schulter, indes Diederich, durch die
+Nacht sausend, bedachte, wie nun auf einer anderen Linie,
+aber nicht weniger sausend, demselben Ziel der Kaiser
+selbst entgegenfuhr. Der Kaiser und Diederich machten
+ein Wettrennen! Und da Diederich schon mehrmals im
+Leben hatte Gedanken äußern dürfen, die auf mystische
+Art mit denen des Allerhöchsten Herrn zusammenzufallen
+schienen, vielleicht wußte Seine Majestät zu dieser Stunde
+um Diederich: wußte, daß sein treuer Untertan ihm zur
+Seite über die Alpen zog, um den feigen Welschen mal
+klarzumachen, was Kaisertreue heißt. Er blitzte die Schläfer
+auf der anderen Bank an, kleine schwarze Leute,
+deren Gesichter im Schlaf verfallen aussahen. Germanische
+Reckenhaftigkeit sollten sie kennenlernen!
+</p>
+
+<p>
+Früh in Mailand und mittags in Florenz stiegen
+Rei<pb n='389'/><anchor id='Pgp0389'/>sende aus, was Diederich nicht begriff. Er versuchte, ohne
+merklichen Erfolg, den Übriggebliebenen beizubringen,
+welches Ereignis sie in Rom erwarte. Zwei Amerikaner
+zeigten sich empfänglicher, worauf Diederich triumphierend:
+„Na, Sie beneiden uns wohl auch um unseren
+Kaiser!“ Da sahen die Amerikaner einander an, mit einer
+stummen Frage, die ergebnislos blieb.
+</p>
+
+<p>
+Vor Rom ging Diederichs Aufregung in wilden Tätigkeitsdrang
+über. Den Finger in einem Sprachführer, lief
+er dem Zugpersonal nach und suchte in Erfahrung zu
+bringen, wer früher ankommen werde, sein Kaiser oder er.
+Gustes Leidenschaft hatte sich an der des Gatten entzündet.
+„Diedel!“ rief sie. „Ich bin imstande und werf’ ihm
+meinen Reiseschleier auf den Weg, damit daß er darüber
+geht, und die Rosen von meinem Hut schmeiß’ ich auch
+hin!“ – „Wenn er dich aber sieht und du machst ihm Eindruck?“
+fragte Diederich und lächelte fieberhaft. Gustes
+Busen begann zu wogen, sie senkte die Lider. Diederich, der
+keuchte, riß sich los aus der furchtbaren Spannung. „Meine
+Mannesehre ist mir heilig, was ich hiermit feststelle. In
+diesem Falle aber –“ Und er schloß mit einer knappen Geste.
+</p>
+
+<p>
+Da kam man an – aber ganz anders, als die Gatten es
+erträumt hatten. In größter Verwirrung wurden die
+Reisenden von Beamten aus dem Bahnhof gedrängt, bis
+an den Rand eines weiten Platzes und in die Straßen
+dahinter, die sofort wieder abgesperrt wurden. Aber Diederich,
+in entfesselter Begeisterung, durchbrach die Schranken.
+Guste, die entsetzt die Arme reckte, ließ er mit allem
+Handgepäck dastehen und stürzte drauflos. Schon war er
+inmitten des Platzes; zwei Soldaten mit Federhüten
+jagten ihm nach, daß ihre bunten Frackschöße flogen. Da
+schritten die Bahnhofsrampe mehrere Herren herab, und
+<pb n='390'/><anchor id='Pgp0390'/>alsbald fuhr ein Wagen auf Diederich zu. Diederich
+schwenkte den Hut, er brüllte auf, daß die Herren im
+Wagen ihr Gespräch unterbrachen. Der rechts neigte sich
+vor – und sie sahen einander an, Diederich und sein
+Kaiser. Der Kaiser lächelte kalt prüfend mit den Augenfalten,
+und die Falten am Mund ließ er ein wenig herab.
+Diederich lief ein Stück mit, die Augen weit aufgerissen,
+immer schreiend und den Hut schwenkend, und einige Sekunden
+lang waren sie, indes ringsum dahinten eine
+fremde Menge ihnen Beifall klatschte, in der Mitte des
+leeren Platzes und unter einem knallblauen Himmel ganz
+miteinander allein, der Kaiser und sein Untertan.
+</p>
+
+<p>
+Schon verschwand der Wagen drüben in der beflaggten
+Straße, die Hochrufe schwollen schon ab in der Ferne, und
+Diederich, der aufseufzte und die Augen schloß, setzte den
+Hut wieder auf.
+</p>
+
+<p>
+Guste winkte ihn krampfhaft herbei, und die Leute, die
+noch umherstanden, klatschten ihm zu, mit Gesichtern voll
+heiteren Wohlwollens. Auch die Soldaten, die vorhin ihn
+verfolgt hatten, lachten nun. Einer von ihnen ging in
+seiner Teilnahme so weit, daß er einen Kutscher herbeirief.
+Wie er abfuhr, grüßte Diederich die Menge. „Sie
+sind wie die Kinder“, erklärte er seiner Gattin. „Na, aber
+auch entsprechend schlapp“, setzte er hinzu, und er gestand:
+„In Berlin wäre das denn doch nicht gegangen ... Wenn
+ich an den Krawall Unter den Linden denke, der Betrieb
+war ’n bißchen schärfer.“ Und er setzte sich zurecht, um
+am Hotel vorzufahren. Dank seiner Haltung bekamen
+sie ein Zimmer im zweiten Stock.
+</p>
+
+<p>
+Die erste Morgensonne aber sah Diederich schon wieder
+in den Straßen. „Der Kaiser steht früh auf“, hatte er
+Guste bedeutet, die nur aus den Kissen grunzte. Übrigens
+<pb n='391'/><anchor id='Pgp0391'/>konnte er sie nicht brauchen bei seiner Aufgabe. Den
+Finger auf dem Plan der Stadt, gelangte er bis vor den
+Quirinal und stellte sich hin. Der stille Platz war hellgolden
+von schrägen Strahlen, grell und wuchtig im leeren
+Himmel stand der Palast – und gegenüber Diederich,
+der Majestät gewärtig, auf vorgestreckter Brust den Kronenorden
+vierter Klasse. Die Treppen herauf aus der
+Stadt trippelte eine Ziegenherde und verschwand hinter
+dem Brunnen und den riesigen Rossebändigern. Diederich
+sah sich nicht um. Zwei Stunden vergingen, die Passanten
+wurden häufiger, eine Schildwache war hinter
+ihrem Haus hervorgekommen, in einem der beiden Portale
+bewegte sich ein Portier, und mehrere Personen
+gingen ein oder aus. Diederich ward unruhig. Er machte
+sich näher an die Fassade heran, strich langsam vorbei, gespannt
+ins Innere spähend. Bei seinem dritten Erscheinen
+führte der Portier, ein wenig zögernd, die Hand an den
+Hut. Als Diederich stehenblieb und zurückgrüßte, ward
+er vertraulich. „Alles in Ordnung“, sagte er hinter der
+Hand; und Diederich nahm die Meldung mit einer Miene
+des Einverständnisses entgegen. Es schien ihm nur natürlich,
+daß man ihn über das Wohlergehen seines Kaisers
+unterrichtete. Seine Fragen, wann der Kaiser ausfahren
+werde und wohin, wurden anstandslos beantwortet. Der
+Portier verfiel von selbst darauf, daß Diederich, um den
+Kaiser zu begleiten, einen Wagen brauchen werde, und
+er schickte danach. Inzwischen hatte ein Häuflein Neugieriger
+sich gebildet, und dann trat der Portier beiseite;
+hinter einem Vorreiter, im offenen Wagen, erschien, unter
+dem Blitzen seines Adlerhelms, der blonde Herr des Nordens.
+Diederichs Hut flog schon, Diederich schrie, wie aus
+der Pistole geschossen, auf italienisch: „Es lebe der
+<pb n='392'/><anchor id='Pgp0392'/>Kaiser!“ Und gefällig schrie das Häuflein mit ... Diederich
+aber, ein Sprung in den Einspänner, der bereitstand,
+und los, hinterdrein, den Kutscher angefeuert mit
+rauhem Schrei und geschwungenem Trinkgeld. Und sieh:
+schon hielt er, dahinten nahte erst der Allerhöchste Wagen.
+Als der Kaiser ausstieg, war wieder ein Häuflein da, und
+wiederum schrie Diederich auf italienisch ... Wache gehalten
+vor dem Haus, worin sein Kaiser weilte! Die Brust
+heraus und angeblitzt, wer sich in die Nähe traute! Nach
+zehn Minuten war das Häuflein neu vervollständigt, der
+Wagen entrollte dem Tor, und Diederich: „Es lebe der
+Kaiser!“ – und, im Echo des Häufleins, wildbrausend
+zurück zum Quirinal. Wache. Der Kaiser im Tschako.
+Das Häuflein. Ein neues Ziel, eine neue Rückkehr, eine
+neue Uniform, und wieder Diederich, und wieder jubelnder
+Empfang. So ging es weiter, und nie hatte Diederich
+ein schöneres Leben gekannt. Sein Freund, der Portier,
+unterrichtete ihn zuverlässig, wohin man fuhr. Auch kam
+es vor, daß ein salutierender Beamter ihm eine Meldung
+machte, die er herablassend entgegennahm, oder daß einer
+Direktiven zu erbitten schien – und dann erteilte Diederich
+sie in unbestimmter Form, aber gebieterisch. Die
+Sonne stieg hoch und höher; vor den brennenden Marmorquadern
+der Fassaden, hinter denen sein Kaiser
+weltumspannende Unterredungen pflog, litt Diederich,
+ohne zu wanken, Hitze und Durst. So stramm er sich hielt,
+war es ihm doch, als sinke sein Bauch unter der Last des
+Mittags bis auf das Pflaster herab und als schmelze ihm
+auf der Brust sein Kronenorden vierter Klasse ... Der
+Kutscher, der immer häufiger die nächste Kneipe betrat,
+empfand endlich Bewunderung für das heldenhafte
+Pflichtgefühl des Deutschen und brachte ihm Wein mit.
+<pb n='393'/><anchor id='Pgp0393'/>Neues Feuer in den Adern, machten sich beide an das
+nächste Rennen. Denn die kaiserlichen Renner liefen
+scharf; um ihnen vorauszukommen, mußte man Gassen
+durchjagen, die aussahen wie Kanäle und deren spärliche
+Passanten sich schreckensvoll gegen die Mauer drückten;
+oder es hieß aussteigen und Hals über Kopf eine Treppe
+nehmen. Dann aber stand Diederich pünktlich an der
+Spitze seines Häufleins, sah die siebente Uniform aussteigen
+und schrie. Und dann wandte der Kaiser den Kopf
+und lächelte. Er erkannte ihn wieder, seinen Untertan!
+Den, der schrie, den, der immer schon da war, wie Swinegel.
+Diederich, federnd vor Hochgefühl über die Allerhöchste
+Aufmerksamkeit, blitzte das Volk an, in dessen
+Mienen heiteres Wohlwollen stand.
+</p>
+
+<p>
+Erst die Versicherung des Portiers, daß Seine Majestät
+nun frühstücke, erlaubte es Diederich, sich Gustes zu erinnern.
+„Wie siehst du aus!“ rief sie bei seinem Anblick
+und zog sich gegen die Wand zurück. Denn er war rot
+wie eine Tomate, völlig aufgeweicht, und sein Blick war
+hell und wild wie der eines germanischen Kriegers der
+Vorzeit auf einem Eroberungszuge durch Welschland.
+„Dies ist ein großer Tag für die nationale Sache!“ versetzte
+er mit Wucht. „Seine Majestät und ich, wir machen
+moralische Eroberungen!“ Wie er dastand! Guste vergaß
+ihren Schrecken und den Ärger über das lange Warten:
+sie kam herbei mit liebevollen Armen, und demütig rankte
+sie sich an ihm hinauf.
+</p>
+
+<p>
+Aber kaum das Stündchen zum Essen gönnte Diederich
+sich. Er wußte wohl, nach dem Mittagsmahl ruhte der
+Kaiser; dann hieß es, unter seinen Fenstern Wache stehen
+und nicht weichen. Er wich nicht; und der Erfolg zeigte,
+wie recht er tat. Denn noch hielt er seinen Posten, dem
+<pb n='394'/><anchor id='Pgp0394'/>Portal gegenüber, nicht achtzig Minuten lang besetzt, als
+es geschah, daß ein verdächtig aussehendes Individuum
+unter Benutzung einer kurzen Abwesenheit des Portiers
+sich einschlich, sich hinter eine Säule drückte und im lauernden
+Schatten Pläne barg, die nicht anders sein konnten
+als unheilvoll. Da aber Diederich! Wie den Sturm und
+mit Kriegsgeschrei sah man ihn über den Platz tosen. Aufgescheuchtes
+Volk stürzte sofort hinterdrein, die Wache eilte
+herbei, im Portal lief Dienerschaft zusammen – und alle
+bewunderten Diederich, wie er einen, der sich versteckt
+hatte, wild ringend hervorzerrte. Die beiden schlugen dermaßen
+um sich, daß nicht einmal die bewaffnete Macht an
+sie herankam. Plötzlich sah man Diederichs Gegner, dem
+es gelungen war, den rechten Arm zu befreien, eine
+Büchse schwingen. Atemlose Sekunden – dann tobte
+die aufheulende Panik dem Ausgang zu. Eine Bombe!
+Er wirft!... Er hatte schon geworfen. In der Erwartung
+des Knalles lagen die nächsten, im voraus wimmernd,
+am Boden. Diederich aber: weiß auf Gesicht, Schultern
+und Brust stand er da und nieste. Es roch stark nach Pfefferminz.
+Die Kühnsten kehrten um und untersuchten ihn
+mit der Nase; ein Soldat unter wallenden Federn betupfte
+ihn mit dem benetzten Finger und kostete. Diederich
+verstand wohl, was er hierauf der Menge mitteilte
+und weshalb sogleich in alle Gesichter das heitere Wohlwollen
+zurückkehrte, denn seit einem Augenblick blieb ihm
+selbst kein Zweifel mehr darüber, daß er mit Zahnpulver
+beworfen war. Dessenungeachtet behielt er die Gefahr
+im Auge, der der Kaiser, dank seiner Wachsamkeit, vielleicht
+entronnen war. Der Attentäter suchte – ganz vergebens
+– an ihm vorbei das Weite zu gewinnen: Diederichs
+eiserne Faust überlieferte ihn den Polizeiwächtern.
+<pb n='395'/><anchor id='Pgp0395'/>Diese stellten fest, daß es sich um einen Deutschen handelte,
+und baten Diederich, ihn zu inquirieren. Er unterzog sich
+der Aufgabe, trotz dem Zahnpulver, das ihn bedeckte, mit
+höchster Korrektheit. Die Antworten des Menschen, der
+bezeichnenderweise Künstler war, hatten keine ausgesprochen
+politische Färbung, verrieten aber durch ihre abgrundtiefe
+Respektlosigkeit und Unmoral nur zu wohl die
+Tendenzen des Umsturzes, weshalb Diederich seine Verhaftung
+dringend empfahl. Die Wächter führten ihn ab,
+nicht ohne vor Diederich zu salutieren, der nur noch Zeit
+hatte, sich von seinem Freunde, dem Portier, abbürsten
+zu lassen. Denn schon war der Kaiser gemeldet; Diederichs
+persönlicher Dienst begann wieder.
+</p>
+
+<p>
+Sein Dienst führte ihn rastlos umher bis in die Nacht
+und endlich vor das Gebäude der deutschen Botschaft, wo
+Seine Majestät Empfang hielt. Ein längerer Aufenthalt
+des Allerhöchsten Herrn gab Diederich Gelegenheit, beim
+nächsten Wirt seine Stimmung zu erhöhen. Er erklomm
+vor der Tür einen Stuhl und richtete an das Volk eine
+Ansprache, die von nationalem Geiste getragen war und
+der schlappen Bande die Vorzüge eines strammen Regiments
+klarmachte und eines Kaisers, der kein Schattenkaiser
+war ... Sie sahen ihn, rot überstrahlt vom Licht
+der offenen Becken, die vor dem Palaste des Deutschen
+Reiches loderten, auf seinem Stuhl den eckig behaarten
+Mund aufreißen, sahen ihn blitzen und wie von Eisen
+starren – was ihnen offenbar genügte, um ihn zu verstehen,
+denn sie jubelten, klatschten und ließen den Kaiser
+leben, sooft Diederich ihn leben ließ. Mit einem Ernst,
+der nicht ohne Drohung war, nahm Diederich für seinen
+Herrn und die furchtbare Macht seines Herrn die Huldigungen
+des Auslandes entgegen, worauf er von dem
+<pb n='396'/><anchor id='Pgp0396'/>Stuhl herabkletterte und wieder zum Wein ging. Mehrere
+Landsleute, kaum weniger angeregt als er, tranken
+ihm zu und kamen nach in heimischer Weise. Einer entfaltete
+eine Abendzeitung mit einem riesigen Bild des
+Kaisers und las den Bericht eines Zwischenfalles vor, den
+im Portal des Quirinals ein Deutscher hervorgerufen
+hatte. Nur durch die Geistesgegenwart eines Beamten
+im persönlichen Dienst des Kaisers war Schlimmeres verhindert
+worden; und auch das Bildnis dieses Beamten
+war dabei. Diederich erkannte ihn wohl. Wenn die Ähnlichkeit
+auch nur allgemeiner Natur und der Name arg
+entstellt war, der Umfang des Gesichtes und der Schnurrbart
+stimmten. So sah denn Diederich den Kaiser und
+sich selbst auf dem gleichen Zeitungsblatt vereinigt, den
+Kaiser samt seinem Untertan der Welt zur Bewunderung
+dargeboten. Es war zu viel. Feuchten Auges richtete Diederich
+sich auf und stimmte die Wacht am Rhein an. Der
+Wein, der so billig war, und die Begeisterung, die immer
+neu genährt ward, bewirkten, daß die Kunde, der Kaiser
+verlasse die Botschaft, Diederich nicht mehr in korrekter
+Haltung fand. Er tat gleichwohl alles, was er noch vermochte,
+um seiner Pflicht zu genügen. Er schoß im Zickzack
+das Kapitol hinab, stolperte und rollte über die Stufen
+weiter. Drunten in der Gasse holten seine Zechgenossen
+ihn ein, er stand mit dem Gesicht der Mauer zugekehrt
+... Fackelschein und Hufschlag: der Kaiser! Die
+anderen schwankten hinterdrein, Diederich aber, kein Komment
+half ihm mehr, glitt hin, wo er stand. Zwei städtische
+Wächter fanden ihn, an die Mauer gelehnt, in einer
+Lache sitzen. Sie erkannten den Beamten im persönlichen
+Dienst des Deutschen Kaisers, und voll tiefer Besorgnisse
+beugten sie sich über ihn. Gleich darauf aber sahen sie
+<pb n='397'/><anchor id='Pgp0397'/>einander an und brachen in ungeheure Fröhlichkeit aus.
+Der persönliche Beamte war gottlob nicht tot, denn er
+schnarchte; und die Lache, in der er saß, war kein Blut.
+</p>
+
+<p>
+Am nächsten Abend, bei der Galavorstellung im Theater,
+sah der Kaiser ungewöhnlich ernst aus. Diederich
+bemerkte es, er sagte zu Guste: „Jetzt weiß ich doch, wozu
+ich das viele Geld hab’ ausgegeben. Paß auf, wir erleben
+einen historischen Moment!“ Und seine Ahnung betrog
+ihn nicht. Die Abendblätter verbreiteten sich im Theater,
+und man erfuhr, der Kaiser werde noch nachts abreisen,
+und er habe seinen Reichstag aufgelöst! Diederich, ebenso
+ernst wie der Kaiser, erklärte allen, die in der Nähe saßen,
+die Schwere des Ereignisses. Der Umsturz hatte sich nicht
+entblödet, die Militärvorlage abzulehnen! Die Nationalgesinnten
+gingen für ihren Kaiser in einen Kampf auf
+Leben und Tod! Er selbst werde mit dem nächsten Zuge
+nach Hause fahren, versicherte er, worauf man ihm sofort
+den Zug nannte ... Wer nicht zufrieden war, war Guste.
+„Endlich ist man mal woanders, und, Gott sei Dank, hat
+man es und kann sich was leisten. Wie komm’ ich dazu,
+daß ich mich soll zwei Tage im Hotel mopsen und dann
+gleich wieder retour, bloß wegen –.“ Der Blick, den sie
+nach der kaiserlichen Loge schleuderte, war so voll von
+Auflehnung, daß Diederich mit äußerster Strenge einschritt.
+Guste ward ihrerseits laut; ringsum zischte man,
+und als Diederich den Widersachern blitzend die Stirne
+bot, sah er sich von ihnen veranlaßt, mit Guste aufzubrechen,
+noch bevor ihr Zug ging. „Komment hat das
+Pack nun mal nicht“, stellte er draußen fest und schnaufte
+stark. „Überhaupt, was ist hier los, möcht’ ich mal wissen.
+Schönes Wetter, na ja ... Na, nu sieh dir wenigstens
+noch das alte Zeug an, das da ’rumsteht!“ heischte er.
+<pb n='398'/><anchor id='Pgp0398'/>Guste, wieder gebändigt, sagte klagend: „Ich genieß’ es
+ja.“ Und dann fuhren sie in gemessenem Abstand hinter
+dem Zug des Kaisers her. Guste, die in der Eile ihre
+Schwämme und Bürsten vergessen hatte, wollte immer
+aussteigen. Damit sie sechsunddreißig Stunden Geduld
+hatte, mußte Diederich ihr unermüdlich die nationale
+Sache vorhalten. Trotzdem waren, als sie endlich in Netzig
+Fuß faßte, ihre erste Sorge die Schwämme. Am Sonntag
+hatte man ankommen müssen! Zum Glück war
+wenigstens die Löwenapotheke offen. Indes Diederich vor
+dem Bahnhof auf die Koffer wartete, ging Guste schon
+hinüber. Da sie aber nicht zurückkam, folgte er ihr.
+</p>
+
+<milestone unit="tb"/>
+
+<p>
+Die Tür der Apotheke stand halb offen, drei junge Burschen
+spähten hinein und wälzten sich. Diederich, der über
+sie wegsah, erstarrte vor Staunen – denn drinnen hinter
+dem Ladentisch schritt, die Arme gekreuzt und mit düsterem
+Blick, hin und her sein alter Freund und Kommilitone
+Gottlieb Hornung. Guste sagte gerade: „Nun bin ich doch
+gespannt, ob ich bald meine Zahnbürste kriege“, da kam
+Gottlieb Hornung hinter dem Ladentisch hervor, die
+Arme immer verschränkt und Guste in seinen düsterm
+Blick fassend. „Sie werden meiner Miene angesehen
+haben,“ begann er mit Rednerstimme, „daß ich weder in
+der Lage noch gewillt bin, Ihnen eine Zahnbürste zu
+verkaufen.“ – „Nanu!“ machte Guste und wich zurück.
+„Aber Sie haben doch das ganze Glas hier voll.“ Gottlieb
+Hornung lächelte wie Luzifer. „Der Onkel dort oben“
+– er warf den Kopf zurück und zeigte mit dem Kinn nach
+der Decke, hinter der wohl sein Prinzipal hauste – „der
+kann hier feilbieten, was ihm beliebt. Ich fühle mich dadurch
+nicht berührt. Ich habe nicht sechs Semester studiert
+<pb n='399'/><anchor id='Pgp0399'/>und einer hochfeinen Korporation angehört, damit ich
+mich jetzt hier hinstelle und Zahnbürsten verkaufe.“ –
+„Wozu sind Sie denn da?“ fragte Guste, merklich eingeschüchtert.
+Da versetzte Hornung, majestätisch rollend:
+„Ich bin für die Rezeptur da!“ Und Guste fühlte wohl,
+sie sei zurückgeschlagen; sie wandte sich zum Gehen. Eins
+fiel ihr doch noch ein. „Mit den Schwämmen wäre es
+wohl dasselbe?“ – „Ganz dasselbe“, bestätigte Hornung.
+Hierauf hatte Guste offenbar gewartet, um sich ernstlich
+zu entrüsten. Sie streckte den Busen vor und wollte loslegen;
+Diederich hatte aber noch Zeit, dazwischenzutreten.
+Er gab dem Freunde recht darin, daß die Würde der Neuteutonia
+zu wahren und ihr Banner hochzuhalten sei.
+Wenn jemand trotzdem einen Schwamm brauchte, konnte
+er ihn sich am Ende selbst nehmen und den Betrag hinlegen
+– was Diederich hiermit tat. Gottlieb Hornung
+ging inzwischen beiseite und pfiff, als sei er allein. Sodann
+bekundete Diederich seine Teilnahme an dem bisherigen
+Ergehen des Freundes. Leider war viel Mißgeschick
+dabei; denn da Hornung niemals Schwämme und
+Zahnbürsten hatte verkaufen wollen, war er schon aus
+fünf Apotheken entlassen worden. Dennoch war er entschlossen,
+weiter für seine Überzeugung einzustehen, auf
+die Gefahr, daß es ihn auch hier wieder seine Stellung
+kostete. „Da sieh dir einen echten Neuteutonen an!“ sagte
+Diederich zu Guste, und sie sah ihn sich an.
+</p>
+
+<p>
+Diederich hielt seinerseits nicht länger zurück mit dem,
+was er erlebt und erreicht hatte. Er machte auf seinen
+Orden aufmerksam, drehte Guste vor Hornung rundherum
+und nannte die Ziffer ihres Vermögens. Der Kaiser,
+dessen Feinde und Beleidiger dank Diederich hinter Schloß
+und Riegel saßen, war in Rom ganz kürzlich und
+gleich<pb n='400'/><anchor id='Pgp0400'/>falls dank Diederich einer persönlichen Gefahr entronnen.
+Die Zeitungen sprachen, um eine Panik an den Höfen und
+an der Börse zu vermeiden, nur von dem Bubenstreich
+eines Halbwahnsinnigen, „aber im Vertrauen gesagt, ich
+habe Anlaß, zu glauben, daß ein weitverzweigtes Komplott
+bestanden hat. Du wirst verstehen, Hornung, daß
+das nationale Interesse die größte Zurückhaltung gebietet,
+denn du bist sicher auch ein national gesinnter
+Mann.“ Hornung war es natürlich, und so konnte Diederich
+sich über die hochwichtige Aufgabe verbreiten, die
+ihn genötigt hatte, von seiner Hochzeitsreise plötzlich
+zurückzukehren. Es galt, in Netzig den nationalen Kandidaten
+durchzubringen! Die Schwierigkeiten durfte man
+sich nicht verhehlen. Netzig war eine Hochburg des Freisinns,
+der Umsturz rüttelte an den Grundlagen.... Hier
+begann Guste zu drohen, daß sie mit dem Gepäck nach
+Hause fahren werde. Diederich konnte den Freund nur
+noch dringend einladen, ihn gleich heute abend zu besuchen,
+er habe dringend mit ihm zu reden. Wie er in den
+Wagen stieg, sah er einen der Schlingel, die draußen gewartet
+hatten, die Apotheke betreten und eine Zahnbürste
+verlangen. Diederich bedachte, daß Gottlieb Hornung
+eben vermöge seiner aristokratischen Richtung, die ihm
+beim Verkauf von Schwämmen und Zahnbürsten so hinderlich
+war, im Kampf gegen die Demokratie ein wertvoller
+Bundesgenosse werden könne. Aber dies war die
+geringste seiner schleunigen Sorgen. Der alten Frau
+Heßling wurden nur schnell ein paar Tränen erlaubt,
+dann mußte sie wieder in das obere Stockwerk hinauf,
+wo früher nur das Dienstmädchen und die nasse Wäsche
+untergebracht waren und wohin Diederich jetzt seine
+Mutter und Emmi beseitigt hatte. Den Ruß von der
+<pb n='401'/><anchor id='Pgp0401'/>Reise noch im Bart, begab er sich hintenherum zum Präsidenten
+von Wulckow, ließ darauf, nicht weniger unauffällig,
+Napoleon Fischer zu sich kommen und hatte inzwischen
+schon Schritte getan, um ohne Verzug eine Zusammenkunft
+mit Kunze, Kühnchen und Zillich zu bewirken.
+</p>
+
+<p>
+Der Sonntagnachmittag erschwerte das Unternehmen;
+der Major konnte nur mit Mühe seiner Kegelpartie entrissen
+werden, den Pastor mußte man an einem Familienausflug
+mit Käthchen und Assessor Jadassohn verhindern,
+und der Professor befand sich in den Händen seiner beiden
+Pensionäre, die ihn schon halb betrunken gemacht hatten.
+Schließlich gelang es, alle im Lokal des Kriegervereins
+zusammenzutreiben, und Diederich eröffnete ihnen ohne
+weiteren Zeitverlust, daß ein nationaler Kandidat aufgestellt
+werden müsse und daß nach Lage der Dinge nur
+einer in Frage komme, nämlich Herr Major Kunze.
+„Hurra!“ rief Kühnchen ohne weiteres, aber die Miene
+des Majors zog sich noch gewitterhafter zusammen. Ob
+man ihn denn für naiv halte, knirschte er hervor. Ob man
+glaube, er lechze nach einer Blamage. „Ein nationaler
+Kandidat in Netzig, was dem passiert, darauf bin ich nicht
+neugierig. Wenn alles so gewiß wäre wie der nationale
+Durchfall!“ Diederich ließ dies keineswegs gelten. „Wir
+haben den Kriegerverein, den wollen die Herren in Rechnung
+stellen. Der Kriegerverein ist eine unschätzbare
+Operationsbasis. Von ihr aus schlagen wir uns in gerader
+Linie durch, wenn ich so sagen darf, bis zum Kaiser-Wilhelm-Denkmal,
+und dort wird die Schlacht gewonnen.“
+„Hurra!“ schrie Kühnchen wieder, die beiden anderen
+aber wünschten doch zu wissen, was es mit dem Denkmal
+sei, und Diederich weihte sie ein in seine Erfindung –
+wobei er lieber darüber hinwegging, daß das Denkmal
+<pb n='402'/><anchor id='Pgp0402'/>der Gegenstand eines Paktes zwischen ihm und Napoleon
+Fischer sei. Das freisinnige Säuglingsheim, so viel verriet
+er, war nicht populär, eine Menge Wähler ließen sich
+zu der nationalen Sache herüberziehen, wenn man ihnen
+aus dem Nachlaß des alten Kühlemann ein Kaiser-Wilhelm-Denkmal
+versprach. Erstens wurden dabei mehr
+Handwerker beschäftigt, und dann kam Betrieb in die
+Stadt, die Einweihung solch eines Denkmals zog weite
+Kreise, Netzig hatte Aussicht, seinen schlechten Ruf als
+demokratischer Sumpf zu verlieren und in die Gnadensonne
+zu rücken. Dabei dachte Diederich an seinen Pakt
+mit Wulckow, über den er auch lieber hinging. „Dem
+Manne aber, der so unendlich viel für uns alle erreicht
+und errungen hat“ – er zeigte schwungvoll auf Kunze –
+„dem Manne wird unsere liebe alte Stadt ganz sicher auch
+dereinst ein Denkmal setzen. Er und Kaiser Wilhelm der
+Große werden einander anblicken –“ „Und die Zunge
+zeigen“, schloß der Major, der bei seinem Unglauben verharrte.
+„Wenn Sie meinen, die Netziger warten nur auf
+den großen Mann, der sie mit klingendem Spiel in das
+nationale Lager führt, warum spielen Sie dann nicht
+selbst den großen Mann?“ Und er bohrte sich in Diederichs
+Augen. Aber Diederich riß sie nur noch ehrlicher auf;
+er legte die Hand auf das Herz. „Herr Major! Meine wohlbekannte
+kaisertreue Gesinnung hat mir schon schwerere
+Prüfungen auferlegt als eine Kandidatur für den Reichstag,
+und die Prüfungen, das darf ich sagen, hab’ ich bestanden!
+Dabei hab’ ich mich nicht gescheut, als Vorkämpfer
+der guten Sache, allen Haß der Schlechtgesinnten
+auf meine Person zu laden, und hab’ es mir dadurch unmöglich
+gemacht, die Frucht meiner Opfer selbst einzustecken.
+Mich würden die Netziger nicht wählen, meine Sache
+<pb n='403'/><anchor id='Pgp0403'/>werden sie wählen, und darum trete ich zurück, denn sachlich
+sein heißt deutsch sein, und lasse Ihnen, Herr Major, neidlos
+die Ehren und die Freuden!“ Allgemeine Bewegung.
+Kühnchens Bravo klang tränenfeucht, der Pastor nickte
+weihevoll, und Kunze starrte, sichtlich erschüttert, unter den
+Tisch. Diederich aber fühlte sich leicht und gut, er hatte sein
+Herz sprechen lassen, und es hatte Treue, Opfersinn und
+mannhaften Idealismus ausgedrückt. Diederichs blond
+behaarte Hand streckte sich über den Tisch, und die braun
+behaarte des Majors schlug zögernd, doch kräftig hinein.
+</p>
+
+<p>
+Nach dem Herzen freilich ergriff bei allen vier Männern
+wieder die Vernunft das Wort. Der Major erkundigte
+sich, ob Diederich bereit sei, ihn zu entschädigen für die
+ideellen und materiellen Verluste, von denen er bedroht
+sei, falls er gegen den Kandidaten des freisinnigen Klüngels
+in die Schranken trete und ihm unterliege. „Sehen
+Sie wohl!“ – und er reckte den Finger gegen Diederich,
+der angesichts dieser Geradlinigkeit nicht gleich Worte fand.
+„So ganz koscher kommt Ihnen die nationale Sache auch
+nicht vor, und daß Sie mich durchaus ’rankriegen wollen,
+wie ich Sie kenne, Herr Doktor, hängt das mit irgendwelchen
+Fisimatenten Ihrerseits zusammen, von denen
+ich als gerader Soldat gottlob nichts verstehe.“ Hierauf
+beeilte Diederich sich, dem geraden Soldaten einen Orden
+zu versprechen, und da er sein Einverständnis mit Wulckow
+durchblicken ließ, war der nationale Kandidat endlich rückhaltlos
+gewonnen.... Inzwischen aber hatte Pastor
+Zillich es sich überlegt, ob seine Stellung in der Stadt es
+ihm erlaube, den Vorsitz des nationalen Wahlkomitees
+zu übernehmen. Sollte er die Zwietracht in seine Gemeinde
+tragen? Sein leiblicher Schwager Heuteufel war
+der Kandidat der Liberalen! Freilich, wenn man statt
+<pb n='404'/><anchor id='Pgp0404'/>des Denkmals eine Kirche gebaut hätte! „Denn wahrlich,
+Gotteshäuser tun mehr denn je not, und meine liebe Kirche
+von Sankt Marien wird von der Stadt so sehr vernachlässigt,
+daß sie heute oder morgen mir und meinen Christen
+auf den Kopf fallen kann.“ Ohne Säumen verbürgte
+Diederich sich für alle gewünschten Reparaturen. Zur
+Bedingung machte er nur, daß der Pastor von den Vertrauensstellungen
+der neuen Partei alle diejenigen Elemente
+fernhalte, die schon durch gewisse Äußerlichkeiten
+berechtigte Zweifel an der Echtheit ihrer nationalen Gesinnung
+erregten. „Ohne in Familienverhältnisse eingreifen
+zu wollen“, setzte Diederich hinzu und sah Käthchens
+Vater an, der offenbar begriffen hatte, denn er
+muckte nicht.... Aber auch Kühnchen, der längst nicht
+mehr hurra schrie, meldete sich. Die beiden anderen hatten
+ihn, während sie selbst sprachen, nur mit Gewalt auf seinem
+Sitz festgehalten; kaum daß sie ihn losließen, riß er stürmisch
+die Debatte an sich. Wo mußte die nationale Gesinnung
+vor allem wurzeln? In der Jugend? Wie aber
+war das möglich, wenn der Rektor des Gymnasiums ein
+Freund des Herrn Buck war. „Da kann ich mir die
+Schwindsucht an den Hals reden von unseren glorreichen
+Taten im Jahre siebzig...“ Genug, Kühnchen wollte
+Rektor werden, und Diederich bewilligte es ihm großmütig.
+</p>
+
+<p>
+Nachdem dermaßen die politische Haltung auf der gesunden
+Grundlage der Interessen festgelegt war, konnte
+man sich mit gutem Gewissen der Begeisterung hingeben,
+die, wie Pastor Zillich erklärte, von Gott kam und auch der
+besten Sache erst die höhere Weihe lieh, und so begab man
+sich in den Ratskeller.
+</p>
+
+<p>
+In aller Frühe, als die vier Herren heimgingen, klebten
+an den Mauern zwischen den weißen Wahlaufrufen
+Heu<pb n='405'/><anchor id='Pgp0405'/>teufels und den roten des Genossen Fischer die schwarzweißrot
+geränderten Plakate, die Herrn Major Kunze
+als Kandidaten der „Partei des Kaisers“ empfahlen. Diederich
+pflanzte sich so fest, als es ihm möglich war, davor
+auf und las mit schneidiger Tenorstimme. „Vaterlandslose
+Gesellen des aufgelösten Reichstages haben es gewagt,
+unserem herrlichen Kaiser die Machtmittel zu versagen,
+deren er zur Größe des Reiches bedarf.... Wollen
+uns des großen Monarchen würdig erweisen und seine
+Feinde zerschmettern! Einziges Programm: Der Kaiser!
+Die für mich und die wider mich: Umsturz und Partei
+des Kaisers!“ Kühnchen, Zillich und Kunze bekräftigten
+alles mit Geschrei; und da einige Arbeiter, die in die
+Fabrik gingen, erstaunt stehenblieben, drehte Diederich
+sich um und erläuterte ihnen das nationale Manifest.
+„Leute!“ rief er. „Ihr wißt gar nicht, was ihr für ein
+Schwein habt, daß ihr Deutsche seid. Denn um unseren
+Kaiser beneidet uns die ganze Welt, habe mich soeben im
+Ausland persönlich davon überzeugt.“ Hier schlug Kühnchen
+mit der Faust auf dem Anschlagbrett einen Tusch,
+und die vier Herren schrien hurra, indes die Arbeiter ihnen
+zusahen. „Wollt ihr, daß euer Kaiser euch Kolonien
+schenkt?“ fragte Diederich sie. „Na also. Dann schärft
+ihm gefälligst das Schwert! Wählt keinen vaterlandslosen
+Gesellen, das verbitte ich mir, sondern einzig den Kandidaten
+des Kaisers, Herrn Major Kunze: sonst garantiere
+ich euch keinen Augenblick für unsere Stellung in der
+Welt, und es kann euch passieren, daß ihr mit zwanzig
+Mark weniger Lohn alle vierzehn Tage nach Haus geht!“
+Hier sahen die Arbeiter stumm einander an, und dann
+setzten sie sich wieder in Bewegung.
+</p>
+
+<p>
+Aber auch die Herren verloren keine Zeit. Kunze selbst
+<pb n='406'/><anchor id='Pgp0406'/>ging auf steifen Beinen an die Aufgabe, den Mitgliedern
+des Kriegervereins den Standpunkt klarzumachen. „Wenn
+die Kerls glauben,“ erklärte er, „sie können künftig noch
+den freien Gewerkschaften angehören! Den Freisinn
+treiben wir ihnen auch aus! Von heute ab greift ’ne
+schärfere Tonart Platz!“ Pastor Zillich verhieß eine verwandte
+Tätigkeit in den christlichen Vereinen, indes Kühnchen
+zum voraus von der frischen Begeisterung seiner
+Primaner schwärmte, die auf Fahrrädern die Stadt durcheilen
+und Wähler herbeischleppen sollten. Das rastloseste
+Pflichtgefühl aber beseelte doch Diederich. Er verschmähte
+jede Ruhe; seiner Gattin, die im Bett lag und ihn mit
+Vorwürfen empfing, erwiderte er blitzend: „Mein Kaiser
+hat ans Schwert geschlagen, und wenn mein Kaiser ans
+Schwert schlägt, dann gibt es keine ehelichen Pflichten
+mehr. Verstanden?“ Worauf Guste sich schroff herumwarf
+und das mit ihren hinteren Reizen ausgefüllte Federbett
+wie einen Turm zwischen sich und den Ungefälligen
+stellte. Diederich unterdrückte das Bedauern, das ihn
+beschleichen wollte, und schrieb ungesäumt einen Warnruf
+gegen das freisinnige Säuglingsheim. Die „Netziger Zeitung“
+brachte ihn auch, obwohl sie vor zwei Tagen aus
+der Feder des Herrn Doktors Heuteufel eine überaus
+warme Empfehlung des Säuglingsheims gebracht hatte.
+Denn, wie der Redakteur Nothgroschen hinzusetzte, das
+Organ des gebildeten Bürgertums war es seinen Abonnenten
+schuldig, an jede neu auftauchende Idee vor allem
+den Prüfstein seines Kulturgewissens zu legen. Und dies
+tat Diederich in geradezu vernichtender Weise. Für wen
+war so ein Säuglingsheim naturgemäß in erster Linie
+bestimmt? Für die unehelichen Kinder. Was begünstigte
+es also? Das Laster. Hatten wir das nötig? Nicht die
+<pb n='407'/><anchor id='Pgp0407'/>Spur; „denn wir sind Gott sei Dank nicht in der traurigen
+Lage der Franzosen, die durch die Folgen ihrer demokratischen
+Zuchtlosigkeit schon so gut wie auf den Aussterbeetat
+gesetzt sind. Die mögen uneheliche Geburten
+preiskrönen, weil sie sonst keine Soldaten mehr haben.
+Wir aber sind nicht angefault, wir erfreuen uns eines
+unerschöpflichen Nachwuchses! Wir sind das Salz der
+Erde!“ Und Diederich rechnete den Abonnenten der
+„Netziger Zeitung“ vor, bis wann sie und ihresgleichen
+hundert Millionen betragen würden, und wie lange es
+höchstens noch dauern könne, bis die Erde deutsch sei.
+</p>
+
+<p>
+Hiermit waren, nach der Meinung des nationalen Komitees,
+die Vorbereitungen getroffen für die erste Wahlversammlung
+der „Partei des Kaisers“. Sie sollte bei
+Klappsch sein, der seinen Saal patriotisch aufgemacht
+hatte. In Tannenkränzen glühten Transparente: „Der
+Wille des Königs ist das höchste Gebot.“ „Es gibt für
+euch nur einen Feind, und der ist mein Feind.“ „Die
+Sozialdemokratie nehme ich auf mich.“ „Mein Kurs ist
+der richtige.“ „Bürger, erwacht aus dem Schlummer!“
+Für das Erwachen sorgten Klappsch und Fräulein
+Klappsch, indem sie überall immer frisches Bier hinstellte,
+ohne so peinlich wie sonst die Bierfilze aufzuhäufen. So
+ward Kunze, als der Vorsitzende, Pastor Zillich, ihn der
+Versammlung vorstellte, schon mit Stimmung aufgenommen.
+Diederich freilich, hinter der Rauchwolke, in
+der das Bureau saß, machte die unliebsame Bemerkung,
+daß auch Heuteufel, Cohn und einige von ihrem Anhang
+in den Saal gelangt waren. Er stellte Gottlieb Hornung
+zur Rede, denn Hornung hatte die Aufsicht. Aber er
+wollte sich nichts sagen lassen, er war gereizt, es hatte ihn
+zu große Mühe gekostet, die Leute zusammenzutreiben.
+<pb n='408'/><anchor id='Pgp0408'/>So viele Lieferanten wie das Kaiser-Wilhelm-Denkmal
+dank seiner Agitation nun schon hatte, konnte die Stadt
+nie bezahlen, und wenn der alte Kühlemann dreimal
+starb! Geschwollene Hände hatte Hornung von den Begrüßungen
+all der neubekehrten Patrioten! Zumutungen
+hatten sie an ihn gestellt! Daß er sich mit einem Drogisten
+assoziieren sollte, war noch das wenigste. Aber Gottlieb
+Hornung protestierte gegen diesen demokratischen Mangel
+an Distanz. Der Besitzer der Löwenapotheke hatte ihm
+soeben gekündigt, und er war entschlossener als je, weder
+Schwämme noch Zahnbürsten zu verkaufen.... Inzwischen
+stammelte Kunze an seiner Kandidatenrede.
+Denn seine finstere Miene täuschte Diederich nicht darüber,
+daß der Major dessen, was er sagen wollte, durchaus
+nicht sicher war und daß der Wahlkampf ihn befangener
+machte, als der Ernstfall es getan haben würde. Er sagte:
+„Meine Herren, das Heer ist die einzige Säule“, da
+jedoch einer aus der Gegend Heuteufels dazwischenrief:
+„Schon faul!“, verwirrte Kunze sich sogleich und setzte
+hinzu: „Aber wer bezahlt es? Der Bürger.“ Worauf die
+um Heuteufel Bravo riefen. Hierdurch in eine falsche
+Richtung gedrängt, erklärte Kunze: „Darum sind wir alle
+Säulen, das dürfen wir wohl verlangen, und wehe dem
+Monarchen –“ „Sehr richtig!“ antworteten freisinnige
+Stimmen, und die gutgläubigen Patrioten schrien mit.
+Der Major wischte sich den Schweiß; ohne sein Zutun
+nahm seine Rede einen Verlauf, als hielte er sie im liberalen
+Verein. Diederich zog ihn von hinten am Rockschoß,
+er beschwor ihn, Schluß zu machen, aber Kunze
+versuchte es vergebens: den Übergang zur Wahlparole
+der „Partei des Kaisers“ fand er nicht. Am Ende verlor
+er die Geduld, ward jäh dunkelrot und stieß mit
+unver<pb n='409'/><anchor id='Pgp0409'/>mittelter Wildheit hervor: „Ausrotten bis auf den letzten
+Stumpf! Hurra!“ Der Kriegerverein donnerte Beifall.
+Wo nicht mitgeschrien wurde, erschienen auf Diederichs
+Wink eilends Klappsch oder Fräulein Klappsch.
+</p>
+
+<p>
+Zur Diskussion meldete sich alsbald Doktor Heuteufel,
+aber Gottlieb Hornung kam ihm zuvor. Diederich für
+seine Person blieb lieber im Hintergrund, hinter der Rauchwolke
+des Präsidiums. Er hatte Hornung zehn Mark
+versprochen, und Hornung war nicht in der Lage, sie
+auszuschlagen. Knirschend trat er an den Rand der Bühne
+und erläuterte die Rede des verehrten Herrn Majors
+dahin, daß das Heer, für das wir alle zu jedem Opfer bereit
+seien, unser Bollwerk gegen die Schlammflut der
+Demokratie sei. „Die Demokratie ist die Weltanschauung
+der Halbgebildeten“, stellte der Apotheker fest. „Die
+Wissenschaft hat sie überwunden.“ „Sehr richtig!“ rief
+jemand; es war der Drogist, der sich mit ihm assoziieren
+wollte. „Herren und Knechte wird es immer geben!“
+bestimmte Gottlieb Hornung, „denn in der Natur ist es
+auch so. Und es ist daß einzig Wahre, denn jeder muß
+über sich einen haben, vor dem er Angst hat, und einen
+unter sich, der vor ihm Angst hat. Wohin kämen wir sonst!
+Wenn der erste beste sich einbildet, er ist ganz für sich
+selbst was und alle sind gleich! Wehe dem Volk, dessen
+überkommene, ehrwürdige Formen sich erst in den demokratischen
+Mischmasch auflösen, und wo der zersetzende
+Standpunkt der Persönlichkeit das Übergewicht bekommt!“
+Hier verschränkte Gottlieb Hornung die Arme und schob
+den Nacken vor. „Ich,“ rief er, „der ich einer hochfeinen
+Verbindung angehört habe und den freudigen Blutverlust
+für die Ehre der Farben kenne, ich bedanke mich
+dafür, daß ich Zahnbürsten verkaufen soll!“
+</p>
+
+<pb n='410'/><anchor id='Pgp0410'/>
+
+<p>
+„Und Schwämme auch nicht?“ fragte jemand.
+</p>
+
+<p>
+„Auch nicht!“ entschied Hornung. „Ich verbitte mir ganz
+energisch, daß noch mal einer kommt. Man soll immer wissen,
+wen man vor sich hat. Jedem das Seine. Und in diesem
+Sinne geben wir unsere Stimme nur einem Kandidaten,
+der dem Kaiser so viel Soldaten bewilligt, als er haben
+will. Denn entweder haben wir einen Kaiser oder nicht!“
+</p>
+
+<p>
+Damit trat Gottlieb Hornung zurück und sah, den
+Unterkiefer vorgeschoben, aus gefalteten Brauen in das
+Beifallsgebrause. Der Kriegerverein ließ es sich nicht
+nehmen, mit geschwungenen Biergläsern an ihm und
+Kunze vorbeizudefilieren. Kunze nahm Händedrücke entgegen,
+Hornung stand ehern da – und Diederich konnte
+nicht umhin, mit Bitterkeit zu empfinden, daß diese beiden
+zweitklassigen Persönlichkeiten den Vorteil hatten von
+einer Gelegenheit, die sein Werk war. Er mußte ihnen
+die Volksgunst des Augenblicks wohl lassen, denn er wußte
+besser als die beiden Gimpel, wo dies hinauswollte. Da
+der nationale Kandidat am Ende nur dazu da war, eine
+Hilfstruppe für Napoleon Fischer anzuwerben, tat man
+gut daran, sich nicht selbst hinauszustellen. Heuteufel
+freilich legte es darauf an, Diederich hervorzulocken. Der
+Vorsitzende, Pastor Zillich, konnte ihm das Wort nicht
+länger verweigern, sofort begann er vom Säuglingsheim.
+Das Säuglingsheim sei eine Sache des sozialen Gewissens
+und der Humanität. Was aber sei das Kaiser-Wilhelm-Denkmal?
+Eine Spekulation, und die Eitelkeit sei noch
+der anständigste der Triebe, auf die spekuliert werde....
+Die Lieferanten dort unten hörten zu in einer Stille voll
+peinlicher Gefühle, denen hier und da ein dumpfes Murren
+entstieg. Diederich bebte. „Es gibt Leute,“ behauptete
+Heuteufel, „denen es auf hundert Millionen mehr für das
+<pb n='411'/><anchor id='Pgp0411'/>Militär nicht ankommt, denn sie wissen schon, womit sie es
+für ihre Person wieder hereinbringen.“ Da schnellte Diederich
+auf: „Ich bitte ums Wort!“ und mit Bravo! Hoho!
+Abtreten! explodierten die Gefühle der Lieferanten. Sie
+grölten, bis Heuteufel fort war und Diederich dastand.
+</p>
+
+<p>
+Diederich wartete lange, bevor das Meer der nationalen
+Empörung sich beruhigte. Dann begann er. „Meine
+Herren!“ „Bravo!“ schrien die Lieferanten, und Diederich
+mußte weiter warten in der Atmosphäre gleichgestimmter
+Gemüter, worin das Atmen ihm leicht war. Als sie
+ihn reden ließen, gab er der allgemeinen Empörung
+Worte, daß der Vorredner es habe wagen können, die
+Versammlung in ihrer nationalen Gesinnung zu verdächtigen.
+„Unerhört!“ riefen die Lieferanten. „Das beweist
+uns nur,“ rief Diederich, „wie zeitgemäß die Gründung
+der ‚Partei des Kaisers‘ war! Der Kaiser selbst hat befohlen,
+daß alle diejenigen sich zusammenschließen, die,
+ob edel oder unfrei, ihn von der Pest des Umsturzes befreien
+wollen. Das wollen wir, und darum steht unsere
+nationale und kaisertreue Gesinnung hoch über den Verdächtigungen
+derer, die selbst bloß eine Vorfrucht des Umsturzes
+sind!“ Noch bevor der Beifall losbrechen konnte,
+sagte Heuteufel sehr deutlich: „Abwarten! Stichwahl!“
+Und obwohl die Lieferanten sogleich alles weitere im Getöse
+ihrer Hände erstickten, fand Diederich doch schon in
+diesen zwei Worten so gefährliche Andeutungen versteckt,
+daß er schnell ablenkte. Das Säuglingsheim war ein
+weniger verfängliches Gebiet. Wie? Eine Sache des
+sozialen Gewissens sollte es sein? Ein Ausfluß des Lasters
+war es! „Wir Deutschen überlassen so was den Franzosen,
+die ein sterbendes Volk sind!“ Diederich brauchte
+nur seinen Artikel aus der „Netziger Zeitung“ herzusagen.
+<pb n='412'/><anchor id='Pgp0412'/>Der vom Pastor Zillich geleitete Jünglingsverein sowie
+die christlichen Handlungsgehilfen klatschten bei jedem
+Wort. „Der Germane ist keusch!“ rief Diederich, „darum
+haben wir im Jahre siebzig gesiegt!“ Jetzt war die Reihe
+am Kriegerverein, von Begeisterung zu dröhnen. Hinter
+dem Tisch des Vorstandes sprang Kühnchen auf, schwenkte
+seine Zigarre und kreischte: „Nu verklobben mer sie bald
+noch emal!“ Diederich hob sich auf die Zehen. „Meine
+Herren!“ schrie er angestrengt in die nationalen Wogen,
+„das Kaiser-Wilhelm-Denkmal soll eine Huldigung für den
+erhabenen Großvater sein, den wir, ich darf es sagen, alle
+fast wie einen Heiligen verehren, und zugleich ein Versprechen
+an den erhabenen Enkel, unseren herrlichen jungen
+Kaiser, daß wir so bleiben wollen wie wir sind, nämlich
+keusch, freiheitsliebend, wahrhaftig, treu und tapfer!“
+</p>
+
+<p>
+Hier waren wieder die Lieferanten nicht mehr zu halten.
+Selbstvergessen schwelgten sie im Idealen – und auch
+Diederich war sich keiner weltlichen Hintergedanken mehr
+bewußt, nicht seines Paktes mit Wulckow, nicht seiner Verschwörung
+mit Napoleon Fischer, noch seiner dunkeln Absichten
+für die Stichwahl. Reine Begeisterung entführte
+seine Seele auf einen Flug, von dem ihr schwindelte. Erst
+nach einer Weile konnte er wieder schreien. „Abzuweisen
+und mit aller Schärfe hinter die ihnen gebührenden
+Schranken zurückzudämmen sind daher die Anwürfe derer,
+die weiter nichts wollen, als uns verweichlichen mit ihrer
+falschen Humanität!“ – „Wo haben Sie Ihre echte
+sitzen?“ fragte die Stimme Heuteufels und stachelte dadurch
+die nationale Gesinnung der Versammelten so hoch
+auf, daß Diederich nur noch stellenweise zu hören war.
+Man verstand, er wollte keinen ewigen Frieden, denn
+das war ein Traum und nicht einmal ein schöner.
+Da<pb n='413'/><anchor id='Pgp0413'/>gegen wollte er eine spartanische Zucht der Rasse. Blödsinnige
+und Sittlichkeitsverbrecher waren durch einen
+chirurgischen Eingriff an der Fortpflanzung zu verhindern.
+Bei diesem Punkt verließ Heuteufel mit den Seinen
+das Lokal. Von der Tür rief er noch her: „Den Umsturz
+kastrieren Sie auch!“ Diederich antwortete: „Machen
+wir, wenn Sie noch lange nörgeln!“ „Machen wir!“
+tönte es zurück von allen Seiten. Alle waren plötzlich
+auf den Füßen, prosteten, jauchzten und vermischten ihre
+Hochgefühle. Diederich, umbraust von Huldigungen,
+wankend unter dem Ansturm treudeutscher Hände, die die
+seinen schütteln wollten, und nationaler Biergläser, die
+mit ihm anstießen, sah von seiner Bühne in den Saal
+hinaus, der seinem durch Rausch getrübten Blick weiter
+und höher schien. Aus den höchsten Tabakswolken glühten
+ihn mystisch die Gebote seines Herrn an: „Der Wille des
+Königs!“ „Mein Feind!“ „Mein Kurs!“ Er wollte sie
+in das brausende Volk hineinschreien – aber er griff sich
+an die Kehle, kein Ton kam mehr: Diederich war stockheiser.
+Da sah er sich voll Sorge nach Heuteufel um, der
+leider fort war. „Ich hätte ihn nicht so reizen sollen. Jetzt
+gnade mir Gott, wenn er mich pinselt.“
+</p>
+
+<milestone unit="tb"/>
+
+<p>
+Die schlimmste Rache Heuteufels war, daß er Diederich
+das Ausgehen verbot. Draußen tobte der Kampf täglich
+wilder, und alle standen in der Zeitung, weil alle redeten:
+Pastor Zillich sogar und selbst der Redakteur Nothgroschen,
+zu schweigen von Kühnchen, der überall zugleich redete.
+Nur Diederich in seinem neu altdeutsch möblierten Salon
+gurgelte stumm. Von der Estrade beim Fenster sahen
+drei Bronzefiguren in zweidrittel Lebensgröße ihm zu:
+der Kaiser, die Kaiserin und der Trompeter von Säckingen.
+<pb n='414'/><anchor id='Pgp0414'/>Sie waren ein Gelegenheitskauf bei Cohn gewesen;
+obwohl Cohn das Heßlingsche Papier abbestellt hatte und
+noch immer nicht national empfand, hatte Diederich sie
+in seiner Einrichtung nicht missen wollen. Guste warf
+sie ihm vor, wenn er ihren Hut zu teuer fand.
+</p>
+
+<p>
+Guste begann in letzter Zeit launisch zu werden, auch
+kamen ihr Übelkeiten, während deren sie sich im Schlafzimmer
+von der alten Frau Heßling pflegen ließ. Sobald
+es ihr besser ging, erinnerte sie die Alte daran, daß hier
+eigentlich alles mit ihrem Geld bezahlt war. Frau Heßling
+verfehlte nicht, die Heirat mit ihrem Diedel als eine
+wahre Gnade hinzustellen für Guste, in ihrer damaligen
+Lage. Zum Schluß war Guste rot aufgebläht und
+schnaufte, Frau Heßling aber vergoß Tränen. Diederich
+hatte den Nutzen davon, denn beide waren nachher mit
+ihm die Liebe selbst, in der Absicht, ihn, der nichts ahnte,
+auf ihre Seite zu bringen.
+</p>
+
+<p>
+Was Emmi betraf, so schlug sie, ihrer Gewohnheit folgend,
+einfach die Tür zu und ging hinauf in ihr Zimmer,
+das eine schräge Decke hatte. Guste sann darauf, sie auch
+daraus noch zu vertreiben. Wo sollte man bei Regen die
+Wäsche trocknen. Wenn Emmi, weil sie nichts hatte,
+keinen Mann fand, mußte man sie eben unter ihrem
+Stande verheiraten, mit einem braven Handwerker!
+Aber freilich, Emmi spielte sich auf die Feinste in der Familie
+hinaus, sie verkehrte mit Brietzens.... Denn dies
+erbitterte Guste am meisten, Emmi ward zu den Fräulein
+von Brietzen eingeladen – obwohl diese das Haus
+nie betreten hatten. Ihr Bruder, der Leutnant, würde
+Guste, von den Soupers bei ihrer Mutter her, wenigstens
+einen Besuch geschuldet haben, aber nur der zweite Stock
+des Heßlingschen Hauses ward von ihm für würdig
+be<pb n='415'/><anchor id='Pgp0415'/>funden, es war nachgerade auffallend.... Ihre gesellschaftlichen
+Erfolge behüteten Emmi freilich nicht vor
+Tagen großer Niedergeschlagenheit; dann verließ sie ihr
+Zimmer nicht einmal zu den Mahlzeiten, die gemeinsam
+waren. Einmal ging Guste, aus Mitgefühl und Langeweile,
+hinauf zu ihr, Emmi schloß aber, wie sie sie sah, die
+Augen, sie lag in ihrer hinfließenden Matinee bleich und
+starr da. Guste, die keine Antwort bekam, versuchte es
+ihrerseits mit Vertraulichkeiten über Diederich und über
+ihren Zustand. Da zog Emmis starres Gesicht sich jäh
+zusammen, sie wälzte sich auf einen ihrer Arme, und mit
+dem anderen winkte sie heftig nach der Tür. Guste blieb
+den Ausdruck ihrer Empörung nicht schuldig; Emmi, jäh
+aufgesprungen, gab ihrem Wunsch, alleinzubleiben, die
+deutlichsten Worte; und als die alte Frau Heßling hinzukam,
+war es schon beschlossene Sache, daß die beiden
+Teile der Familie künftig getrennt essen würden. Diederich,
+dem Guste vorweinte, war peinlich berührt von
+den Weibergeschichten. Zum Glück kam ihm ein Gedanke,
+der geeignet schien, zunächst mal Ruhe zu schaffen. Da er
+wieder über ein wenig Stimme verfügte, ging er gleich zu
+Emmi und verkündete ihr seinen Entschluß, sie für einige
+Zeit nach Eschweiler zu schicken, zu Magda. Erstaunlicherweise
+lehnte sie ab. Da er nicht nachließ, wollte sie aufbegehren,
+ward aber plötzlich wie von Angst befallen und
+begann leise und inständig zu bitten, daß sie dableiben dürfe.
+Diederich, dem, er wußte nicht was, ans Herz griff, ließ ratlos
+die Augen umhergehen, und dann zog er sich zurück.
+</p>
+
+<p>
+Am Tage darauf erschien Emmi, als sei nichts geschehen,
+beim Mittagessen, frisch gerötet und in bester Laune.
+Guste, die um so zurückhaltender blieb, warf Diederich
+Blicke zu. Er glaubte zu verstehen; er erhob sein Glas
+<pb n='416'/><anchor id='Pgp0416'/>gegen Emmi und sagte schalkhaft: „Prost, Frau von
+Brietzen“. Da erblaßte Emmi. „Mach’ dich nicht lächerlich!“
+rief sie zornig, warf die Serviette hin und schlug die
+Tür zu. „Nanu“, knurrte Diederich; aber Guste hob nur
+die Schultern. Erst als die alte Frau Heßling fort war,
+sah sie Diederich merkwürdig in die Augen und fragte:
+„Glaubst du wirklich?“ Er erschrak, machte aber ein fragendes
+Gesicht. „Ich meine,“ erklärte Guste, „dann
+könnte mich der Herr Leutnant wenigstens auf der Straße
+grüßen. Aber heute hat er einen Bogen gemacht.“ Diederich
+bezeichnete dies als Unsinn. Guste erwiderte:
+„Wenn ich es mir bloß einbilde, dann bilde ich mir noch
+mehr ein, weil ich nämlich in der Nacht schon öfter was
+durchs Haus schleichen gehört habe, und heute sagte auch
+Minna –.“ Weiter kam Guste nicht. „Aha!“ Diederich
+schnob. „Mit den Dienstboten steckst du zusammen! Das
+tat Mutter auch immer. Aber ich kann dir nur sagen,
+daß ich das nicht dulde. Über der Ehre meines Hauses
+wache ich allein, dazu brauche ich weder Minna noch dich,
+und wenn ihr anderer Meinung seid, dann seht lieber
+gleich beide zu, daß ihr die Tür wiederfindet, wo ihr hereingekommen
+seid!“ Vor dieser mannhaften Haltung
+konnte Guste sich freilich nur ducken, aber sie lächelte ihm
+von unten nach, wie er davonging.
+</p>
+
+<p>
+Diederich seinerseits war froh, durch sein festes Auftreten
+die Sache aus der Welt geschafft zu haben. Denn noch
+verwickelter, als es in diesen Zeiten schon war, durfte das
+Leben nicht werden. Seine Heiserkeit, die ihn leider nun
+drei Tage lang dem Kampfe fernhielt, war von den Feinden
+nicht unbenutzt gelassen. Ja, Napoleon Fischer hatte
+ihn noch heute morgen davon unterrichtet, daß die „Partei
+des Kaisers“ ihm zu stark werde und daß sie neuerdings
+<pb n='417'/><anchor id='Pgp0417'/>zu viel gegen die Sozialdemokratie hetze. Unter diesen
+Umständen –. Um ihn zu beruhigen, hatte Diederich
+ihm versprechen müssen, gleich heute werde er die übernommenen
+Verpflichtungen erfüllen und von den Stadtverordneten
+das sozialdemokratische Gewerkschaftshaus
+verlangen.... So begab er sich, durchaus noch nicht hergestellt,
+in die Versammlung – und hier mußte er erleben,
+daß der Antrag betreffend das Gewerkschaftshaus
+soeben eingebracht worden war, und zwar von den Herren
+Cohn und Genossen. Die Liberalen stimmten dafür, er
+ging durch, so glatt, als sei er der erste beste. Diederich,
+der den nationalen Verrat der Cohn und Genossen laut
+geißeln wollte, konnte nur bellen: der tückische Streich
+hatte ihn abermals der Stimme beraubt. Kaum heimgekehrt,
+ließ er sich Napoleon Fischer kommen.
+</p>
+
+<p>
+„Sie sind entlassen!“ bellte Diederich. Der Maschinenmeister
+grinste verdächtig. „Schön“, sagte er und wollte
+abziehen.
+</p>
+
+<p>
+„Halt!“ bellte Diederich. „Wenn Sie meinen, Sie
+kommen so leicht los. Gehen Sie mit dem Freisinn zusammen,
+dann verlassen Sie sich darauf, daß ich unseren
+Vertrag bekanntmache! Sie sollen was erleben!“
+</p>
+
+<p>
+„Politik ist Politik“, bemerkte Napoleon Fischer achselzuckend.
+Und da Diederich vor so viel Zynismus nicht
+einmal mehr bellen konnte, trat Napoleon Fischer vertraulich
+näher, fast hätte er Diederich auf die Schulter
+geklopft. „Herr Doktor,“ sagte er wohlwollend, „tun Sie
+doch nur nicht so. Wir beide: – na ja, ich sage bloß, wir
+beide ...“ Und sein Grinsen war so voll Mahnungen, daß
+Diederich erschauerte. Schnell bot er Napoleon Fischer
+eine Zigarre an. Fischer rauchte und sagte:
+</p>
+
+<p>
+„Wenn einer von uns beiden erst anfängt zu reden, wo
+<pb n='418'/><anchor id='Pgp0418'/>hört dann der andere auf! Hab’ ich recht, Herr Doktor? Aber
+wir sind doch keine alten Seichtbeutel, die immer gleich
+mit allem herausmüssen, wie zum Beispiel der Herr Buck.“
+</p>
+
+<p>
+„Wieso?“ fragte Diederich tonlos und fiel von einer
+Angst in die andere. Der Maschinenmeister tat erstaunt.
+„Das wissen Sie nicht? Der Herr Buck erzählt doch überall,
+daß Sie den nationalen Rummel nicht so schlimm
+meinen. Sie möchten bloß Gausenfeld billig haben, und
+denken, Sie kriegen es billiger, wenn Klüsing Angst wegen
+gewisser Aufträge hat, weil er nicht national ist.“
+</p>
+
+<p>
+„Das sagt er?“ fragte Diederich, zu Stein geworden.
+</p>
+
+<p>
+„Das sagt er“, wiederholte Fischer. „Und er sagt auch, er
+tut Ihnen den Gefallen und spricht für Sie mit Klüsing.
+Dann werden Sie sich wohl wieder beruhigen, sagt er.“
+</p>
+
+<p>
+Da wich der Bann von Diederich. „Fischer!“ versetzte er
+mit kurzem Gebell. „Merken Sie sich, was jetzt kommt. Den
+alten Buck werden Sie noch im Rinnstein stehen und betteln
+sehen. Jawohl! Dafür werd’ ich sorgen, Fischer. Adieu.“
+</p>
+
+<p>
+Napoleon Fischer war hinaus, aber Diederich bellte
+noch lange, im Zimmer umherstampfend, vor sich hin.
+Der Schuft, der falsche Biedermann! Hinter allen Widerständen
+stak der alte Buck, Diederich hatte es immer geahnt.
+Der Antrag Cohn und Genossen war sein Werk
+gewesen – und jetzt die infame Verleumdung mit Gausenfeld.
+Diederichs ganzes Innere bäumte sich auf, in der
+Unbestechlichkeit seiner kaisertreuen Gesinnung. „Und
+woher weiß er es?“ dachte er mit zornigem Entsetzen.
+„Hat Wulckow mich verkauft? Sie glauben wohl alle
+schon, ich treibe doppeltes Spiel?“ Denn Kunze und die
+anderen waren ihm heute merklich abgekühlt erschienen;
+sie hielten es scheinbar nicht mehr für nötig, ihn einzuweihen
+in das, was vorging? Diederich gehörte nicht dem
+<pb n='419'/><anchor id='Pgp0419'/>Komitee an, er hatte der Sache das Opfer seines persönlichen
+Ehrgeizes gebracht. War er darum vielleicht nicht
+der eigentliche Gründer der Partei des Kaisers?...
+Verrat überall, Intrigen, feindseliger Verdacht – und
+nirgends schlichte deutsche Treue.
+</p>
+
+<p>
+Da er nur bellen konnte, mußte er in der nächsten Wahlversammlung
+hilflos zusehen, wie Zillich – es war klar,
+aus welchem persönlichen Interesse – Jadassohn reden
+ließ, und wie Jadassohn stürmischen Beifall erntete, als
+er gegen die Elenden und die vaterlandslosen Gesellen
+loszog, die Napoleon Fischer wählen würden. Diederich
+bemitleidete dieses wenig staatsmännische Vorgehen, er
+wußte sich Jadassohn hoch überlegen. Andererseits war
+es nicht zu verkennen, daß Jadassohn, je weiter er sich
+durch seinen Erfolg hinreißen ließ, desto lautere Zustimmung
+bei gewissen Zuhörern fand, die keineswegs national
+anmuteten, sondern sichtlich zu Cohn und Heuteufel
+gehörten. Sie waren in verdächtiger Menge erschienen –
+und Diederich, überreizt durch die Fallen ringsum, sah
+am Ursprung auch dieses Manövers wieder den Erzfeind
+stehen, ihn, der überall das Böse lenkte, den alten Buck.
+</p>
+
+<p>
+Der alte Buck hatte blaue Augen, ein menschenfreundliches
+Lächeln, und er war der falscheste Hund von allen,
+die die Gutgesinnten umdrohten. Der Gedanke an den
+alten Buck hielt Diederich noch im Traum besessen. Am
+folgenden Abend unter der Familienlampe gab er den
+Seinen keine Antworten; er führte eingebildete Streiche
+gegen den alten Buck. Besonders erbitterte es ihn, daß
+er den Alten für einen schon zahnlosen Schwätzer gehalten
+hatte, und jetzt zeigte er die Zähne. Nach all seinen humanitären
+Redensarten wirkte es auf Diederich wie eine
+Herausforderung, daß er sich nun doch nicht einfach fressen
+<pb n='420'/><anchor id='Pgp0420'/>ließ. Die heuchlerische Milde, mit der er getan hatte, als
+verzeihe er Diederich den Ruin seines Schwiegersohnes!
+Wozu hatte er ihn protegiert und in die Stadtverordnetenversammlung
+gebracht? Nur damit Diederich sich Blößen
+gebe und leichter zu fassen sei. Die Frage des Alten damals,
+ob Diederich der Stadt sein Grundstück verkaufen wolle,
+stellte sich jetzt als die gefährlichste Falle heraus. Diederich
+fühlte sich durchschaut von jeher; ihm war jetzt, als sei
+bei seiner geheimen Unterredung mit dem Präsidenten
+von Wulckow der alte Buck, unsichtbar im Tabaksqualm,
+dabei gewesen; und als Diederich, in einer dunklen Winternacht
+an Gausenfeld hinangeschlichen, sich in den Graben
+geduckt und die Augen, die vielleicht funkelten, geschlossen
+hatte, da war droben der alte Buck vorbeigegangen und
+hatte zu ihm hinabgespäht ... Im Geiste sah Diederich
+den Alten sich über ihn beugen und die weiße, weiche
+Hand hinhalten, um ihm aus dem Graben zu helfen. Die
+Güte in seinen Zügen war krasser Hohn, sie war das Unerträglichste.
+Er dachte Diederich kirre zu machen und mit
+seinen Schlichen leise zurückzuleiten wie einen verlorenen
+Sohn. Aber man sollte sehen, wer schließlich die Treber fraß!
+</p>
+
+<p>
+„Was hast du, mein lieber Sohn?“ fragte Frau Heßling,
+denn Diederich hatte vor Haß und Angst schwer aufgestöhnt.
+Er erschrak; in diesem Augenblick betrat Emmi
+das Zimmer, sie hatte es, so meinte Diederich, schon mehrmals
+betreten – ging zum Fenster, streckte den Kopf hinaus,
+seufzte, als sei sie allein, und begab sich auf den Rückweg.
+Guste sah ihr nach; wie Emmi an Diederich vorbeikam,
+umfaßte Gustes spöttischer Blick sie beide, und Diederich
+erschrak noch tiefer: denn dies war das Lächeln des Umsturzes,
+das er an Napoleon Fischer kannte. So lächelte
+Guste. Vor Schrecken runzelte er die Stirn und rief
+<pb n='421'/><anchor id='Pgp0421'/>barsch: „Was gibt es!“ Schleunigst verkroch sich Guste in
+ihre Flickerei, Emmi aber blieb stehen und sah ihn mit den
+entgeisterten Augen an, die sie jetzt manchmal hatte. „Was
+ist mit dir?“ fragte er, und da sie stumm blieb: „Wen suchst
+du auf der Straße?“ Sie hob nur die Schultern, in ihrer
+Miene geschah gar nichts. „Nun?“ wiederholte er leiser;
+denn ihr Blick, ihre Haltung, die merkwürdig unbeteiligt
+und dadurch überlegen schienen, erschwerten es ihm, laut
+zu sein. Sie ließ sich endlich herbei zu sprechen.
+</p>
+
+<p>
+„Es hätte sein können, daß die beiden Fräulein von
+Brietzen noch gekommen wären.“
+</p>
+
+<p>
+„Am späten Abend?“ fragte Diederich. Da sagte Guste:
+„Weil wir an die Ehre doch gewöhnt sind. Und überhaupt,
+sie sind schon gestern mit ihrer Mama abgereist. Wenn sie
+einem nicht adieu sagen, weil sie einen gar nicht kennen,
+braucht man bloß an der Villa vorbeizugehen.“
+</p>
+
+<p>
+„Wie?“ machte Emmi.
+</p>
+
+<p>
+„Na gewiß doch!“ Und das Gesicht überglänzt, triumphierend
+ließ Guste das Ganze los. „Der Leutnant reist
+auch bald hinterher. Er ist doch versetzt.“ Eine Pause,
+ein Blick. „Er hat sich versetzen lassen.“
+</p>
+
+<p>
+„Du lügst“, sagte Emmi. Sie hatte gewankt, man sah,
+wie sie sich steif machte. Den Kopf sehr hoch, wandte sie
+sich ab und ließ hinter sich den Vorhang fallen. Im Zimmer
+war Stille. Die alte Frau Heßling auf ihrem Sofa
+faltete die Hände, Guste sah herausfordernd Diederich
+nach, der schnaufend umherlief. Als er wieder bei der
+Tür war, gab er sich einen Ruck. Durch den Spalt erblickte
+er Emmi, die im Eßzimmer auf einem Stuhl saß
+oder hing, zusammengekrümmt, als habe man sie gebunden
+und dort hingeworfen. Sie zuckte, dann kehrte sie
+das Gesicht der Lampe zu; vorhin war es ganz weiß
+ge<pb n='422'/><anchor id='Pgp0422'/>wesen und war jetzt stark gerötet, der Blick sah nichts – und
+plötzlich sprang sie auf, fuhr los wie gebrannt, und mit
+zornigen, unsicheren Schritten stürmte sie fort, sich anschlagend,
+ohne Schmerz zu fühlen, fort, wie in Nebel
+hinein, wie in Qualm ... Diederich drehte sich in steigender
+Angst nach Frau und Mutter um. Da Guste zur
+Respektlosigkeit geneigt schien, raffte er den gewohnten
+Komment zusammen und stampfte stramm hinter Emmi her.
+</p>
+
+<p>
+Noch hatte er nicht die Treppe erreicht, und droben
+ward schon heftig die Tür versperrt, mit Schlüssel und
+Riegel. Da begann Diederichs Herz so stark zu klopfen,
+daß er anhalten mußte. Als er hinaufgelangt war, blieb
+ihm nur noch eine schwache, atemlose Stimme, um Einlaß
+zu verlangen. Keine Antwort, aber er hörte etwas
+klirren auf dem Waschtisch, – und plötzlich schwenkte er
+die Arme, schrie, schlug gegen die Tür und schrie unförmlich.
+Vor seinem eigenen Lärm hörte er nicht, wie sie
+öffnete, und schrie noch, als sie schon vor ihm stand. „Was
+willst du?“ fragte sie zornig, worauf Diederich sich sammelte.
+Von der Treppe spähten mit fragendem Entsetzen
+Frau Heßling und Guste hinauf. „Unten bleiben!“ befahl
+er, und er drängte Emmi in das Zimmer zurück. Er schloß
+die Tür. „Das brauchen die anderen nicht zu riechen“, sagte
+er knapp, und er nahm aus der Waschschüssel einen kleinen
+Schwamm, der von Chloroform troff. Er hielt ihn mit
+gestrecktem Arm von sich fort und heischte: „Woher hast du
+das?“ Sie warf den Kopf zurück und sah ihn an, sagte aber
+nichts. Je länger dies dauerte, um so weniger wichtig fühlte
+Diederich die Frage werden, die doch von Rechts wegen
+die erste war. Schließlich ging er einfach zum Fenster und
+warf den Schwamm in den dunklen Hof. Es platschte, er
+war in den Bach gefallen. Diederich seufzte erleichtert.
+</p>
+
+<pb n='423'/><anchor id='Pgp0423'/>
+
+<p>
+Jetzt hatte Emmi eine Frage. „Was führst du hier eigentlich
+auf? Laß mich gefälligst machen, was ich will!“
+</p>
+
+<p>
+Dies kam ihm unerwartet. „Ja, was – was willst
+du denn?“
+</p>
+
+<p>
+Sie sah weg, sie sagte achselzuckend: „Dir kann es gleich
+sein.“
+</p>
+
+<p>
+„Na, höre mal!“ Diederich empörte sich. „Wenn du
+vor deinem himmlischen Richter dich nicht mehr genierst,
+was ich persönlich durchaus mißbillige: ein bißchen Rücksicht
+könntest du wohl auch auf uns hier nehmen. Man
+ist nicht allein auf der Welt.“
+</p>
+
+<p>
+Ihre Gleichgültigkeit verletzte ihn ernstlich. „Einen
+Skandal in meinem Hause verbitte ich mir! Ich bin der
+erste, den es trifft.“
+</p>
+
+<p>
+Plötzlich sah sie ihn an. „Und ich?“
+</p>
+
+<p>
+Er schnappte. „Meine Ehre –!“ Aber er hörte gleich
+wieder auf; ihre Miene, die er nie so ausdrucksvoll gekannt
+hatte, klagte und höhnte zugleich. In seiner Verwirrung
+ging er zur Tür. Hier fiel ihm ein, was das
+Gegebene sei.
+</p>
+
+<p>
+„Im übrigen werde ich meinerseits als Bruder und
+Ehrenmann natürlich voll und ganz meine Pflicht tun.
+Ich darf erwarten, daß du dir inzwischen die äußerste
+Zurückhaltung auferlegst.“ Mit einem Blick nach der
+Waschschüssel, aus der noch immer der Geruch kam.
+</p>
+
+<p>
+„Dein Ehrenwort!“
+</p>
+
+<p>
+„Laß mich in Ruhe“, sagte Emmi. Da kehrte Diederich
+zurück.
+</p>
+
+<p>
+„Du scheinst dir des Ernstes der Lage denn doch nicht
+bewußt zu sein. Du hast, wenn das, was ich fürchten muß,
+wahr ist –“
+</p>
+
+<p>
+„Es ist wahr“, sagte Emmi.
+</p>
+
+<pb n='424'/><anchor id='Pgp0424'/>
+
+<p>
+„Dann hast du nicht nur deine eigene Existenz, zum
+mindesten deine gesellschaftliche, in Frage gestellt, sondern
+eine ganze Familie mit Schande bedeckt. Und wenn ich
+nun im Namen von Pflicht und Ehre vor dich hintrete –“
+</p>
+
+<p>
+„Dann ist es auch noch so“, sagte Emmi.
+</p>
+
+<p>
+Er erschrak; er setzte an, um seinen Abscheu zu bekunden
+vor so viel Zynismus, aber in Emmis Gesicht stand zu
+deutlich, was alles sie durchschaut und abgetan hinter
+sich ließ. Vor der Überlegenheit ihrer Verzweiflung
+kam Diederich ein Schaudern an. In ihm zersprang es
+wie künstliche Federn. Die Beine wurden ihm weich,
+er setzte sich und brachte hervor: „So sag’ mir doch nur –.
+Ich will dir auch –.“ Er sah an Emmis Erscheinung hin,
+das Wort Verzeihen blieb ihm stecken. „Ich will dir
+helfen“, sagte er. Sie sagte müde: „Wie willst du das
+wohl machen?“ und sie lehnte sich drüben an die Wand.
+</p>
+
+<p>
+Er sah vor sich nieder. „Du mußt mir freilich einige
+Aufklärungen geben: ich meine, über gewisse Einzelheiten.
+Ich vermute, daß es schon seit deinen Reitstunden
+dauert?...“
+</p>
+
+<p>
+Sie ließ ihn weiter vermuten, sie bestätigte nicht, noch
+widersprach sie – wie er aber zu ihr aufsah, hatte sie
+weich geöffnete Lippen, und ihr Blick hing an ihm mit
+Staunen. Er begriff, daß sie staunte, weil er vieles, das
+sie allein getragen hatte, ihr abnahm, indem er es aussprach.
+Ein unbekannter Stolz erfaßte sein Herz, er stand
+auf und sagte vertraulich: „Verlaß dich auf mich. Gleich
+morgen früh gehe ich hin.“
+</p>
+
+<p>
+Sie bewegte leise und angstvoll den Kopf.
+</p>
+
+<p>
+„Du kennst das nicht. Es ist aus.“
+</p>
+
+<p>
+Da machte er seine Stimme wohlgemut. „Ganz wehrlos
+sind wir auch nicht! Ich möchte doch sehen!“
+</p>
+
+<pb n='425'/><anchor id='Pgp0425'/>
+
+<p>
+Zum Abschied gab er ihr die Hand. Sie rief ihn nochmals
+zurück.
+</p>
+
+<p>
+„Du wirst ihn fordern?“ Sie riß die Augen auf und
+hielt die Hand vor den Mund.
+</p>
+
+<p>
+„Wieso?“ machte Diederich, denn hieran hatte er nicht
+mehr gedacht.
+</p>
+
+<p>
+„Schwöre mir, daß du ihn nicht forderst!“
+</p>
+
+<p>
+Er versprach es. Zugleich errötete er, denn er hätte
+gern noch gewußt, für wen sie fürchtete, für ihn oder für
+den anderen. Dem anderen würde er es nicht gegönnt
+haben. Aber er unterdrückte die Frage, weil die Antwort
+ihr peinlich sein konnte; und er verließ das Zimmer beinahe
+auf den Fußspitzen.
+</p>
+
+<p>
+Die beiden Frauen, die noch immer drunten warteten,
+schickte er streng zu Bett. Er selbst legte sich erst dann
+neben Guste, als sie schon schlief. Er hatte zu bedenken,
+wie er morgen auftreten würde. Natürlich imponieren!
+Zweifel am Ausgang der Sache überhaupt nicht zulassen!
+Aber anstatt seiner eigenen, schneidigen Gestalt erschien
+vor Diederichs Geist immer wieder ein gedrungener Mann
+mit blanken bekümmerten Augen, der bat, aufbrauste und
+ganz zusammenbrach: Herr Göppel, Agnes Göppels Vater.
+Jetzt verstand Diederich in banger Seele, wie damals dem
+Vater zumute gewesen war. „Du kennst das nicht“,
+meinte Emmi. Er kannte es – weil er es zugefügt hatte.
+</p>
+
+<p>
+„Gott bewahre!“ sagte er laut und wälzte sich herum.
+„Ich lasse mich auf die Sache nicht ein. Emmi hat doch
+nur geblufft mit dem Chloroform. Die Weiber sind raffiniert
+genug dafür. Ich werf’ sie hinaus, wie es sich gehört!“
+Da stand vor ihm auf regnerischer Straße Agnes
+und starrte, das Gesicht weiß von Gaslicht, zu seinem
+Fenster hinauf. Er deckte das Bettuch über seine Augen.
+<pb n='426'/><anchor id='Pgp0426'/>„Ich kann sie nicht auf die Straße jagen!“ Es ward Morgen,
+und er sah verwundert, was mit ihm geschehen war.
+</p>
+
+<p>
+„Ein Leutnant steht früh auf“, dachte er und entwischte,
+bevor Guste wach wurde. Hinter dem Sachsentor die
+Gärten zwitscherten und dufteten zum Frühlingshimmel.
+Die Villen, noch verschlossen, sahen frisch gewaschen aus
+und als seien lauter Neuvermählte hineingezogen. „Wer
+weiß,“ dachte Diederich und atmete die gute Luft ein,
+„vielleicht ist es gar nicht schwer. Es gibt anständige
+Menschen. Auch liegen die Dinge doch wesentlich günstiger
+als –“ Er ließ den Gedanken lieber fallen. Dort
+hinten hielt ein Wagen – vor welchem Haus denn? Also
+doch. Das Gitter stand offen, auch die Tür. Der Bursche
+kam ihm entgegen. „Lassen Sie nur,“ sagte Diederich,
+„ich sehe den Herrn Leutnant schon.“ Denn im Zimmer
+geradeaus packte Herr von Brietzen einen Koffer. „So
+früh?“ fragte er, ließ den Deckel des Koffers fallen und
+klemmte sich den Finger ein. „Verdammt.“ Diederich
+dachte entmutigt: „Er ist auch beim Packen.“
+</p>
+
+<p>
+„Welchem Zufall verdanke ich denn –“ begann Herr
+von Brietzen, aber Diederich machte, ohne es zu wollen,
+eine Bewegung, des Sinnes, daß dies unnütz sei. Trotzdem
+natürlich leugnete Herr von Brietzen. Er leugnete
+sogar länger als damals Diederich, und Diederich erkannte
+dies innerlich an, denn wenn es auf die Ehre eines Mädchens
+ankam, hatte ein Leutnant immerhin noch um einige
+Grade genauer zu sein als ein Neuteutone. Als man endlich
+über die Lage der Dinge im reinen war, stellte Herr
+von Brietzen sich dem Bruder sofort zur Verfügung, was
+von ihm gewiß nicht anders zu erwarten war. Aber Diederich,
+trotz seinem tiefen Bangen, erwiderte mit heiterer
+Stirn, er hoffe, eine Austragung mit den Waffen
+er<pb n='427'/><anchor id='Pgp0427'/>übrige sich, wenn nämlich Herr von Brietzen –. Und
+Herr von Brietzen machte eben das Gesicht, das Diederich
+vorhergesehen hatte, und brauchte eben die Ausreden,
+die in Diederichs Geist schon erklungen waren. In die
+Enge getrieben, sagte er den Satz, den Diederich vor allem
+fürchtete und der, er sah es ein, nicht zu vermeiden war.
+Ein Mädchen, das ihre Ehre nicht mehr hatte, machte man
+nicht zur Mutter seiner Kinder! Diederich antwortete
+darauf, was Herr Göppel geantwortet hatte, niedergeschlagen
+wie Herr Göppel. Den rechten Zorn fand er erst,
+als er an seine große Drohung gelangte, die Drohung,
+von der er sich schon seit gestern den Erfolg versprach.
+</p>
+
+<p>
+„Angesichts Ihrer unritterlichen Weigerung, Herr
+Leutnant, sehe ich mich leider veranlaßt, Ihren Oberst
+von der Sache in Kenntnis zu setzen.“
+</p>
+
+<p>
+Wirklich schien Herr von Brietzen peinlich getroffen.
+Er fragte unsicher: „Was wollen Sie damit erreichen?
+Daß ich eine Moralpredigt kriege? Na schön. Im übrigen
+aber –“ Herr von Brietzen festigte sich wieder, „was Ritterlichkeit
+ist, darüber denkt der Oberst denn doch wohl
+etwas anders als ein Herr, der sich nicht schlägt.“
+</p>
+
+<p>
+Da aber stieg Diederich. Herr von Brietzen möge gefälligst
+seine Zunge hüten, sonst könne es ihm passieren,
+daß er es mit der Neuteutonia zu tun bekomme! Ihm,
+Diederich, sei der freudige Blutverlust für die Ehre der
+Farben durch seine Schmisse bescheinigt! Er wolle dem
+Herrn Leutnant wünschen, daß er einmal in den Fall
+komme, einen Grafen von Tauern-Bärenheim zu fordern!
+„Ich hab’ ihn glatt gefordert!“ Und im selben
+Atem behauptete er, daß er so einem frechen Junker noch
+lange nicht das Recht einräume, einen bürgerlichen Mann
+und Familienvater nur so abzuschießen. „Die Schwester
+<pb n='428'/><anchor id='Pgp0428'/>verführen und den Bruder abschießen, das möchten Sie
+wohl!“ rief er, außer sich. Herr von Brietzen, in einem ähnlichen
+Zustand wie Diederich, sprach davon, dem Koofmich
+von seinem Burschen die Fresse einschlagen zu lassen; und
+da der Bursche schon bereitstand, räumte Diederich das Feld,
+aber nicht ohne einen letzten Schuß. „Wenn Sie meinen,
+für Ihre Frechheiten bewilligen wir Ihnen auch noch die
+Militärvorlage! Sie sollen sehen, was Umsturz ist!“
+</p>
+
+<p>
+Draußen in der einsamen Allee wütete er weiter, zeigte
+dem unsichtbaren Feinde die Faust und stieß Drohungen
+aus. „Das kann euch schlecht bekommen! Wenn wir
+mal Schluß machen!“ Plötzlich bemerkte er, daß die
+Gärten noch immer zum Frühlingshimmel zwitscherten
+und dufteten, und es ward ihm klar, selbst die Natur,
+mochte sie schmeicheln oder die Zähne zeigen, war ohne
+Einfluß auf die Macht, die Macht über uns, die ganz unerschütterlich
+ist. Mit dem Umsturz war leicht drohen;
+aber das Kaiser-Wilhelm-Denkmal? Wulckow und Gausenfeld?
+Wer treten wollte, mußte sich treten lassen, das
+war das eherne Gesetz der Macht. Diederich, nach seinem
+Anfall von Auflehnung, fühlte schon wieder den heimlichen
+Schauer dessen, den sie tritt ... Ein Wagen kam
+von dort hinten: Herr von Brietzen mit seinem Koffer.
+Diederich, ehe er es bedachte, machte halb Front, bereit
+zu grüßen. Aber Herr von Brietzen sah weg. Diederich
+freute sich, trotz allem, des frischen und ritterlichen jungen
+Offiziers. „Den macht uns niemand nach“, stellte er fest.
+</p>
+
+<p>
+Freilich, nun er die Meisestraße betrat, ward ihm beklommen.
+Von weitem sah er Emmi nach ihm ausspähen.
+Ihm fiel auf einmal ein, was sie in der vergangenen
+Stunde, die ihr Schicksal entschied, durchgemacht
+haben mußte. Arme Emmi, nun war es entschieden.
+<pb n='429'/><anchor id='Pgp0429'/>Die Macht war wohl erhebend, aber wenn es die eigene
+Schwester traf –. „Ich habe nicht gewußt, daß es mir so
+nahegehen würde.“ Er nickte hinauf, so ermunternd wie
+möglich. Sie war viel schmaler geworden, warum sah
+das niemand? Unter ihrem blaß flimmernden Haar hatte
+sie große schlaflose Augen, ihre Lippe zitterte, als er ihr
+zuwinkte; auch das fing er auf in seiner scharfsichtigen
+Angst. Die Treppe hinauf schlich er fast. Im ersten Stock
+kam sie aus dem Zimmer und ging vor ihm her in den
+zweiten. Oben drehte sie sich um – und als sie sein Gesicht
+gesehen hatte, ging sie hinein ohne eine Frage, ging
+bis zum Fenster und blieb abgewendet stehen. Er raffte
+sich zusammen, er sagte laut: „Oh! noch ist nichts verloren.“
+Darauf erschrak er und schloß die Augen. Da er
+aufstöhnte, wandte sie sich um, kam langsam herbei und
+legte, um mitzuweinen, den Kopf an seine Schulter.
+</p>
+
+<p>
+Nachher hatte er einen Auftritt mit Guste, die hetzen
+wollte. Diederich sagte ihr auf den Kopf zu, daß sie
+Emmis Unglück nur mißbrauche, um sich zu rächen für
+die ihr nicht gerade günstigen Umstände, unter denen sie
+selbst geheiratet worden war. „Emmi läuft wenigstens
+keinem nach.“ Guste kreischte auf. „Bin ich dir vielleicht
+nachgelaufen?“ Er schnitt ab. „Überhaupt ist sie meine
+Schwester!“ ... Und da sie nun unter seinem Schutz
+lebte, fing er an, sie interessant zu finden und ihr eine
+ungewöhnliche Achtung zu erweisen. Nach dem Essen küßte
+er ihr die Hand, mochte Guste grinsen. Er verglich die
+beiden; wieviel gemeiner war Guste! Magda selbst, die er
+bevorzugt hatte, weil sie Erfolg gehabt hatte, kam in seiner
+Erinnerung nicht mehr auf gegen die verlassene Emmi.
+Denn Emmi war durch ihr Unglück feiner und gewissermaßen
+ungreifbarer geworden. Wenn ihre Hand so bleich
+<pb n='430'/><anchor id='Pgp0430'/>und abwesend dalag und Emmi stumm in sich versenkt war
+wie in einen unbekannten Abgrund, fühlte Diederich sich
+berührt von der Ahnung einer tieferen Welt. Die Eigenschaft
+als Gefallene, unheimlich und verächtlich bei jeder
+anderen, um Emmi, Diederichs Schwester, legte sie eine
+Luft von seltsamem Schimmer und fragwürdiger Anziehung.
+Glänzender zugleich und rührender war nun Emmi.
+</p>
+
+<p>
+Der Leutnant, der das alles veranlaßt hatte, verlor erheblich
+gegen sie – und mit ihm die Macht, in deren Namen
+er triumphiert hatte. Diederich erfuhr, daß sie manchmal
+einen gemeinen und niedrigen Anblick bieten könne:
+die Macht und alles, was in ihren Spuren ging, Erfolg,
+Ehre, Gesinnung. Er sah Emmi an und mußte zweifeln
+an dem Wert dessen, was er erreicht hatte oder noch erstrebte:
+Gustes und ihres Geldes, des Denkmals, der
+hohen Gunst, Gausenfelds, der Auszeichnungen und
+Ämter. Er sah Emmi an und dachte auch an Agnes.
+Agnes, die Weichheit und Liebe in ihm gepflegt hatte, sie
+war in seinem Leben das Wahre gewesen, er hätte es
+festhalten sollen! Wo war sie jetzt? Tot? Er saß manchmal
+da, den Kopf in den Händen. Was hatte er nun?
+Was hatte man vom Dienst der Macht? Wieder einmal versagte
+alles, alle verrieten ihn, mißbrauchten seine reinsten
+Absichten, und der alte Buck beherrschte die Lage. Agnes,
+die nichts vermochte als leiden, es beschlich ihn, als ob sie
+gesiegt habe. Er schrieb nach Berlin und erkundigte sich
+nach ihr. Sie war verheiratet und leidlich gesund. Das
+erleichterte ihn, aber irgendwie enttäuschte es ihn auch.
+</p>
+
+<milestone unit="tb"/>
+
+<p>
+Aber während er, den Kopf in den Händen, dasaß, kam
+der Wahltag herbei. Erfüllt von der Eitelkeit der Dinge,
+hatte Diederich von allem, was vorging, nichts mehr sehen
+<pb n='431'/><anchor id='Pgp0431'/>wollen, auch nicht, daß die Miene seines Maschinenmeisters
+immer feindlicher ward. Am Sonntag der Wahl, frühmorgens,
+als Diederich noch im Bett lag, trat Napoleon
+Fischer bei ihm ein. Ohne sich im geringsten zu entschuldigen,
+begann er: „Ein ernstes Wort in letzter Stunde,
+Herr Doktor!“ Diesmal war er es, der Verrat witterte
+und sich auf den Pakt berief. „Ihre Politik, Herr Doktor,
+hat ein doppeltes Gesicht. Uns haben Sie Versprechungen
+gemacht, und loyal, wie wir sind, haben wir gegen Sie
+nicht agitiert, sondern bloß gegen den Freisinn.“
+</p>
+
+<p>
+„Wir auch“, behauptete Diederich.
+</p>
+
+<p>
+„Das glauben Sie selbst nicht. Sie haben sich bei Heuteufel
+angebiedert. Er hat Ihnen Ihr Denkmal schon bewilligt.
+Wenn Sie nicht gleich heute mit fliegenden Fahnen
+zu ihm übergehen, dann tun Sie es sicher bei der Stichwahl
+und treiben schnöden Volksverrat.“
+</p>
+
+<p>
+Napoleon Fischer tat, die Arme verschränkt, noch einen
+langen Schritt auf das Bett zu. „Sie sollen bloß wissen,
+Herr Doktor, daß wir die Augen offen halten.“
+</p>
+
+<p>
+Diederich sah sich in seinem Bett hilflos dem politischen
+Gegner ausgeliefert. Er suchte ihn zu besänftigen.
+„Ich weiß, Fischer, Sie sind ein großer Politiker. Sie
+sollten in den Reichstag kommen.“
+</p>
+
+<p>
+„Stimmt.“ Napoleon blinzte von unten. „Denn wenn
+ich nicht hineinkomme, dann geht in Netzig in mehreren
+Betrieben ein Streik los. Einen von den Betrieben kennen
+Sie ziemlich genau, Herr Doktor.“ Er machte kehrt. Von
+der Tür her faßte er Diederich, der vor Schreck ganz in die
+Federn gerutscht war, nochmals ins Auge. „Und darum hoch
+die internationale Sozialdemokratie!“ rief er und ging ab.
+</p>
+
+<p>
+Diederich rief aus seinen Federn: „Seine Majestät,
+der Kaiser hurra!“ Dann aber blieb nichts übrig, als
+<pb n='432'/><anchor id='Pgp0432'/>der Lage ins Gesicht zu sehen. Sie sah drohend genug
+aus. Schwer von Ahnungen eilte er auf die Straße, in
+den Kriegerverein, zu Klappsch, und überall mußte er
+erkennen, daß in den Tagen seiner Mutlosigkeit die tückische
+Taktik des alten Buck weitere Erfolge zu verzeichnen
+gehabt hatte. Die Partei des Kaisers war verwässert
+durch Zulauf aus den Reihen des Freisinns und der Abstand
+Kunzes von Heuteufel unbeträchtlich gegen die Kluft
+zwischen ihm und Napoleon Fischer. Pastor Zillich, der
+mit seinem Schwager Heuteufel einen verschämten Gruß
+austauschte, erklärte, daß die Partei des Kaisers mit ihrem
+Erfolg zufrieden sein dürfe, denn sicher habe sie dem Kandidaten
+des Freisinns, wenn er schließlich siege, das
+nationale Gewissen gestärkt. Da Professor Kühnchen sich
+ähnlich äußerte, war der Verdacht nicht von der Hand zu
+weisen, daß ihnen die von Diederich und Wulckow erpreßten
+Versprechungen noch nicht genügten, und daß
+sie sich durch weitere persönliche Vorteile vom alten Buck
+hatten gewinnen lassen. Der Korruption des demokratischen
+Klüngels war alles zuzutrauen! Was Kunze
+betraf, so wollte er auf jeden Fall selbst gewählt werden,
+notfalls mit Hilfe der Freisinnigen. Ihn hatte sein Ehrgeiz
+korrumpiert, er hatte ihn schon dahin gebracht, zu
+versprechen, daß er für das Säuglingsheim eintreten
+werde! Diederich entrüstete sich; Heuteufel sei hundertmal
+schlimmer als irgendein Prolet; und er spielte auf
+die düsteren Folgen an, die eine so unpatriotische Haltung
+haben müsse. Leider durfte er nicht deutlicher werden –
+und vor sich das Bild des Streiks, im Herzen schon die
+Trümmer des Kaiser-Wilhelm-Denkmals, Gausenfelds,
+aller seiner Träume, lief er im Regen umher zwischen den
+Wahllokalen und schleppte gutgesinnte Wähler herbei,
+<pb n='433'/><anchor id='Pgp0433'/>im vollen Bewußtsein, daß ihre Kaisertreue den Weg
+verfehlte und den schlimmsten Feinden des Kaisers helfe.
+Abends bei Klappsch, kotbespritzt bis an den Hals und fiebrig
+entrückt durch den Lärm des langen Tages, durch das
+viele Bier und das Nahen der Entscheidung, vernahm er
+das Ergebnis: gegen achttausend Stimmen für Heuteufel,
+sechstausend und einige für Napoleon Fischer, Kunze aber
+hatte dreitausendsechshundertzweiundsiebzig. Stichwahl
+zwischen Heuteufel und Fischer. „Hurra!“ schrie Diederich,
+denn nichts war verloren und Zeit war gewonnen.
+</p>
+
+<p>
+Mit starkem Schritt ging er von dannen, den Schwur
+im Herzen, daß er fortan das Äußerste tun werde, um die
+nationale Sache noch zu retten. Es eilte, denn Pastor
+Zillich hätte am liebsten sofort alle Mauern mit Zetteln
+bedeckt, die den Anhängern der Partei des Kaisers empfahlen,
+in der Stichwahl für Heuteufel zu stimmen. Kunze
+freilich gab sich der eitlen Hoffnung hin, Heuteufel werde
+ihm zu Gefallen zurücktreten. Welche Verblendung!
+Gleich am Morgen las man die weißen Zettel, auf denen
+der Freisinn heuchlerisch erklärte, national sei auch er,
+die nationale Gesinnung sei nicht das Privileg einer Minderheit,
+und darum –. Der Trick des alten Buck enthüllte
+sich vollends; wenn nicht die ganze Partei des Kaisers
+in den Schoß des Freisinns zurückkehren sollte, hieß es
+handeln. Mächtig von Energie gespannt, traf Diederich
+von seinen Erkundigungen heimkehrend, im Hausflur
+auf Emmi, die einen Schleier vor dem Gesicht hatte und
+sich bewegte, als sei alles gleich. „Danke,“ dachte er, „es
+ist durchaus nicht gleich. Wohin kämen wir.“ Und er
+grüßte Emmi verstohlen und mit einer Art von Scheu.
+</p>
+
+<p>
+Er zog sich in sein Bureau zurück, aus dem der alte Sötbier
+verschwunden war und wo nun Diederich, sein eigener
+<pb n='434'/><anchor id='Pgp0434'/>Prokurist und nur seinem Gott verantwortlich, seine folgenschweren
+Entschlüsse faßte. Er trat zum Telephon, er
+verlangte Gausenfeld. Da ging die Tür auf, der Briefträger
+legte seinen Packen hin, und Diederich sah obenauf:
+Gausenfeld. Er hängte wieder ein, er betrachtete,
+nickend wie das Schicksal, den Brief. Schon gemacht.
+Der Alte hatte ohne Worte begriffen, daß er seinen Freunden
+Buck und Konsorten kein Geld mehr geben dürfe,
+und daß man nötigenfalls imstande sei, ihn persönlich
+verantwortlich zu machen. Gelassen zerriß Diederich den
+Umschlag – aber nach zwei Zeilen las er fliegend. Was
+für eine Überraschung! Klüsing wollte verkaufen! Er
+war alt, er sah seinen natürlichen Nachfolger in Diederich!
+</p>
+
+<p>
+Was hieß dies? Diederich setzte sich in die Ecke und
+dachte tief. Es hieß vor allem, daß Wulckow schon eingegriffen
+hatte. Der Alte war in blasser Angst wegen
+der Regierungsaufträge, und der Streik, mit dem Napoleon
+Fischer drohte, gab ihm den Rest. Wo war die
+Zeit, als er sich aus der Klemme zu ziehen glaubte, wenn
+er Diederich einen Teil des Papiers für die „Netziger Zeitung“
+anbot. Jetzt bot er ihm ganz Gausenfeld an! „Man
+ist eine Macht“, stellte Diederich fest – und es ging ihm
+auf, daß Klüsings Zumutung, die Fabrik zu kaufen und
+richtig nach ihrem Wert zu bezahlen, wie die Dinge lagen,
+einfach lächerlich sei. Worauf er wirklich laut lachte ...
+Da nahm er wahr, daß am Schlusse des Briefes, nach der
+Unterschrift, noch etwas stand, ein Zusatz, kleiner geschrieben
+als das übrige und so unscheinbar, daß Diederich
+ihn vorhin übersehen hatte. Er entzifferte – und der
+Mund ging ihm von selbst auf. Plötzlich tat er einen
+Sprung. „Na also!“ rief er frohlockend durch sein einsames
+Bureau. „Da haben wir sie!“ Hierauf bemerkte
+<pb n='435'/><anchor id='Pgp0435'/>er tiefernst: „Es ist schauerlich. Ein Abgrund.“ Er las
+noch einmal, Wort für Wort, den verhängnisvollen Zusatz,
+legte den Brief in den Geldschrank und schloß mit
+hartem Griff. Dort innen schlummerte nun das Gift für
+Buck und die Seinen – geliefert von ihrem Freund.
+Nicht nur, daß Klüsing sie nicht mehr mit Geld versah,
+er verriet sie auch. Aber sie hatten es verdient, das konnte
+man sagen; eine solche Verderbnis hatte wahrscheinlich
+selbst Klüsing angeekelt. Wer da noch Schonung übte,
+machte sich mitschuldig. Diederich prüfte sich. „Schonung
+wäre geradezu ein Verbrechen. Sehe jeder, wo er bleibe!
+Hier heißt es rücksichtslos vorgehen. Dem Geschwür die
+Maske herunterreißen und es mit eisernem Besen auskehren!
+Ich übernehme es im Interesse des öffentlichen
+Wohles, meine Pflicht als nationaler Mann schreibt es
+mir vor. Es ist nun mal eine harte Zeit!“
+</p>
+
+<p>
+Den Abend darauf war eine große öffentliche Volksversammlung,
+einberufen vom freisinnigen Wahlkomitee
+in den Riesensaal der „Walhalla“. Mit der regen Hilfe
+Gottlieb Hornungs hatte Diederich Vorsorge getroffen,
+daß die Wähler Heuteufels keineswegs unter sich blieben.
+Er selbst fand es unnütz, die Programmrede des Kandidaten
+mit anzuhören; er ging hin, als schon die Diskussion
+begonnen haben mußte. Gleich im Vorraum stieß er auf
+Kunze, der in übler Verfassung war. „Ausrangierter
+Schlagetot!“ rief er. „Sehen Sie mich an, Herr, und
+sagen Sie mir, ob so ein Mann aussieht, der sich das sagen
+läßt!“ Da er vor Aufregung sich nicht weiter erklären
+konnte, löste Kühnchen ihn ab. „Zu mir hätte Heuteufel
+das sagen sollen!“ schrie er. „Da hätte er nun aber
+Kühnchen kennengelernt!“ Diederich empfahl dem Major
+dringend, seinen Gegner zu verklagen. Aber Kunze
+<pb n='436'/><anchor id='Pgp0436'/>brauchte keinen Ansporn mehr, er vermaß sich, Heuteufel
+ganz einfach in die Pfanne zu hauen. Auch dies war Diederich
+recht, und er stimmte lebhaft zu, als Kunze erkennen
+ließ, daß er unter diesen Umständen lieber mit dem ärgsten
+Umsturz gehe als mit dem Freisinn. Hiergegen äußerten
+Kühnchen und auch Pastor Zillich, der hinzukam, ihre
+Bedenken. Die Reichsfeinde – und die Partei des
+Kaisers! „Bestochene Feiglinge!“ sagte Diederichs Blick
+– indes der Major fortfuhr, Rache zu schnauben. Blutige
+Tränen sollte die Bande weinen! „Und zwar noch heute
+abend“, verhieß darauf Diederich mit einer so eisernen
+Bestimmtheit, daß alle stutzten. Er machte eine Pause
+und blitzte jeden einzeln an. „Was würden Sie sagen,
+Herr Pastor, wenn ich Ihren Freunden vom Freisinn
+gewisse Machenschaften nachwiese ...“ Pastor Zillich
+war erbleicht, Diederich ging zu Kühnchen über. „Betrügerische
+Manipulationen mit öffentlichen Geldern ...“
+Kühnchen hüpfte. „Nu leg’ sich eener lang hin!“ rief er
+schreckensvoll. Kunze aber brüllte auf. „An mein Herz!“
+und er riß Diederich in seine Arme. „Ich bin ein schlichter
+Soldat“, versicherte er. „Die Schale mag rauh sein, aber
+der Kern ist echt. Beweisen Sie den Kanaillen ihre Schurkerei,
+und Major Kunze ist Ihr Freund, als ob Sie mit
+ihm im Feuer gestanden hätten bei Marslatuhr!“
+</p>
+
+<p>
+Der Major hatte Tränen in den Augen, Diederich auch.
+Und so hochgespannt wie ihre beiden Seelen war die
+Stimmung im Saal. Der Eintretende sah überall Arme
+in die Luft fahren, die aus blauem Dunst bestand, und
+hier und dort schrie eine Brust: „Pfui!“ „Sehr richtig!“
+oder „Gemeinheit!“ Der Wahlkampf war auf der Höhe,
+Diederich stürzte sich hinein, mit unerhörter Erbitterung,
+denn vor dem Bureau, das der alte Buck in Person leitete,
+<pb n='437'/><anchor id='Pgp0437'/>wer stand am Rand der Bühne und redete? Sötbier,
+Diederichs entlassener Prokurist! Aus Rache hielt Sötbier
+eine Hetzrede, worin er über die Arbeiterfreundlichkeit
+gewisser Herren auf das abfälligste urteilte. Sie sei nichts
+als ein demagogischer Kniff, womit man, um gewisser
+persönlicher Vorteile willen, das Bürgertum spalten und
+dem Umsturz Wähler zutreiben wolle. Früher habe der
+Betreffende im Gegenteil gesagt: Wer Knecht ist, soll
+Knecht bleiben. „Pfui!“ riefen die Organisierten. Diederich
+stieß um sich, bis er unter der Bühne stand. „Gemeine
+Verleumdung!“ schrie er Sötbier ins Gesicht.
+„Schämen Sie sich, seit Ihrer Entlassung sind Sie unter
+die Nörgler gegangen!“ Der von Kunze kommandierte
+Kriegerverein brüllte wie ein Mann: „Gemeinheit!“
+und „Hört, hört!“ – indes die Organisierten pfiffen und
+Sötbier eine zitterige Faust machte gegen Diederich, der
+ihm drohte, er werde ihn einsperren lassen. Da erhob der
+alte Buck sich und klingelte.
+</p>
+
+<p>
+Als man wieder hören konnte, sagte er mit weicher
+Stimme, die anschwoll und erwärmte: „Mitbürger!
+Wollt doch dem persönlichen Ehrgeiz einzelner nicht
+Nahrung gewähren, indem ihr ihn ernst nehmt! Was sind
+hier Personen? Was selbst Klassen? Es geht um das
+Volk, dazu gehören alle, nur die Herren nicht. Wir müssen
+zusammenhalten, wir Bürger dürfen nicht immer aufs
+neue den Fehler begehen, der schon in meiner Jugend begangen
+wurde, daß wir unser Heil den Bajonetten anvertrauen,
+sobald auch die Arbeiter ihr Recht wollen.
+Daß wir den Arbeitern niemals ihr Recht geben wollten,
+das hat den Herren die Macht verschafft, auch uns das
+unsere zu nehmen.“
+</p>
+
+<p>
+„Sehr wahr!“
+</p>
+
+<pb n='438'/><anchor id='Pgp0438'/>
+
+<p>
+„Das Volk, wir alle haben angesichts der uns abgeforderten
+Heeresvermehrung die vielleicht letzte Gelegenheit,
+unsere Freiheit zu behaupten gegen Herren, die uns
+nur noch rüsten, damit wir unfrei sind. Wer Knecht ist, soll
+Knecht bleiben, das wird nicht nur euch Arbeitern gesagt:
+das sagen die Herren, deren Macht wir immer teurer bezahlen
+sollen, uns allen!“
+</p>
+
+<p>
+„Sehr wahr! Bravo! Keinen Mann und keinen Groschen!“
+Inmitten bewegter Zustimmung setzte der alte
+Buck sich. Diederich, dem äußersten Kampf nahe und im
+voraus schweißtriefend, sandte noch einen Blick durch den
+Saal und bemerkte Gottlieb Hornung, der die Lieferanten
+des Kaiser-Wilhelm-Denkmals befehligte. Pastor
+Zillich bewegte sich unter den christlichen Jünglingen, der
+Kriegerverein war um Kunze geschart: da zog Diederich
+blank. „Der Erbfeind erhebt wieder mal das Haupt!“
+schrie er mit Todesverachtung. „Ein Vaterlandsverräter,
+wer unserem herrlichen Kaiser versagt, was er“ – „Hu,
+hu!“ riefen die Vaterlandsverräter; aber Diederich, unter
+den Beifallssalven der Gutgesinnten, schrie weiter, wenn
+ihm auch die Stimme überschnappte. „Ein französischer
+General hat Revanche verlangt!“ Vom Bureau her fragte
+jemand: „Wieviel hat er aus Berlin dafür bekommen?“
+Worauf man lachte – indes Diederich mit den Armen
+hinaufgriff, als wollte er in die Luft steigen. „Schimmernde
+Wehr! Blut und Eisen! Mannhafte Ideale! Starkes
+Kaisertum!“ Seine Kraftworte stießen rasselnd aneinander,
+umlärmt vom Getöse der Gutgesinnten. „Festes Regiment!
+Bollwerk gegen die Schlammflut der Demokratie!“
+</p>
+
+<p>
+„Ihr Bollwerk heißt Wulckow!“ rief wieder die Stimme
+vom Bureau. Diederich fuhr herum, er erkannte Heuteufel.
+„Wollen Sie sagen, die Regierung Seiner Majestät –?“
+</p>
+
+<pb n='439'/><anchor id='Pgp0439'/>
+
+<p>
+„Auch ein Bollwerk!“ sagte Heuteufel. Diederich reckte
+den Finger nach ihm. „Sie haben den Kaiser beleidigt!“
+rief er mit äußerster Schneidigkeit. Aber hinter ihm kreischte
+jemand: „Spitzel!“ Es war Napoleon Fischer, und seine
+Genossen wiederholten es aus rauhen Kehlen. Sie waren
+aufgesprungen, sie umringten Diederich in unglückverheißender
+Weise. „Er provoziert schon wieder! Er will
+noch einen ins Loch bringen! ’raus!“ Und Diederich
+ward angepackt. Angstverzerrt wand er den Hals, den
+schwielige Fäuste beengten, nach dem Vorsitzenden hin
+und flehte erstickt um Hilfe. Der alte Buck gewährte sie
+ihm, er klingelte anhaltend, und er schickte sogar einige
+junge Leute aus, damit sie Diederich von seinen Feinden
+erretteten. Kaum daß er sich rühren konnte, schwang
+Diederich den Finger gegen den alten Buck. „Die demokratische
+Korruption!“ schrie er, tanzend vor Leidenschaft.
+„Ich will sie ihm beweisen!“ „Bravo! Reden
+lassen!“ – und das Lager der nationalen Männer setzte
+sich in Bewegung, überrannte die Tische und maß sich
+Aug’ in Auge mit dem Umsturz. Ein Handgemenge
+schien bevorzustehen: schon faßte der Polizeileutnant
+dort oben seinen Helm an, um sich damit zu bedecken; es
+war ein kritischer Moment – da hörte man von der Bühne
+herab befehlen: „Ruhe! Er soll sprechen!“ Und es ward
+fast still, man hatte einen Zorn vernommen, größer als
+irgendeiner hier. Der alte Buck, heraufgewachsen hinter
+seinem Tisch dort oben, war kein würdiger Greis mehr, er
+schien schlanker vor Kraft, vom Haß war er bleich, und einen
+Blick schnellte er gegen Diederich: der Atem stockte einem.
+</p>
+
+<p>
+„Er soll sprechen!“ wiederholte der Alte. „Auch Verräter
+haben das Wort, bevor sie abgeurteilt werden. So
+sehen die Verräter an der Nation aus. Sie haben sich
+<pb n='440'/><anchor id='Pgp0440'/>nur äußerlich verändert seit den Zeiten, da mein Geschlecht
+kämpfte, fiel, ins Gefängnis und auf die Richtstätte ging.“
+</p>
+
+<p>
+„Haha“, machte hier Gottlieb Hornung, voll überlegenen
+Spottes. Zu seinem Unglück saß er im Armbereich
+eines starken Arbeiters, der so furchtbar nach ihm ausholte,
+daß Hornung, noch bevor der Schlag ihn traf, umfiel mitsamt
+seinem Stuhl.
+</p>
+
+<p>
+„Schon damals“, rief der Alte, „gab es solche, die statt
+der Ehre den Nutzen wählten und denen keine Herrschaft
+demütigend schien, wenn sie sie bereicherte. Der sklavische
+Materialismus, Frucht und Mittel jeder Tyrannei, er
+war es, dem wir unterlagen, und auch ihr, Mitbürger –“
+</p>
+
+<p>
+Der Alte breitete die Arme aus, er spannte sich zu dem
+letzten Schrei seines Gewissens.
+</p>
+
+<p>
+„Mitbürger, auch ihr lauft heute Gefahr, von ihm verraten
+und seine Beute zu werden! Dieser Mensch soll sprechen.“
+</p>
+
+<p>
+„Nein!“
+</p>
+
+<p>
+„Er soll sprechen. Dann aber fragt ihn, wieviel eine
+Gesinnung, die national zu nennen er die Stirn hat, in
+barem Gelde beträgt. Fragt ihn, wem er sein Haus verkauft
+hat, zu welchem Zweck und mit welchem Nutzen!“
+</p>
+
+<p>
+„Wulckow!“ Der Ruf kam von der Bühne, aber der
+Saal nahm ihn auf. Diederich, gebieterische Fäuste hinter
+sich, gelangte nicht ganz freiwillig die Stufen zur Bühne
+hinauf. Dort sah er ratsuchend umher: der alte Buck
+saß regungslos, die Hand geballt auf dem Knie und ließ
+ihn nicht aus dem Auge; Heuteufel, Cohn, alle Herren
+des Bureaus erwarteten mit kalter Gier im Gesicht seinen
+Zusammenbruch; und „Wulckow!“ rief der Saal ihm zu,
+„Wulckow!“ Er stammelte etwas von Verleumdung, das
+Herz flog ihm, einen Augenblick schloß er die Augen, in
+der Hoffnung, er werde umfallen und der Sache
+über<pb n='441'/><anchor id='Pgp0441'/>hoben sein. Aber er fiel nicht um – und als nichts anderes
+mehr möglich war, kam ihm ein ungeheurer Mut. Er
+griff an seine Brusttasche, seiner Waffe sicher, und er maß
+kampfesfreudig den Feind, jenen tückischen Alten, der
+nun endlich die Maske des väterlichen Gönners verloren
+hatte und seinen Haß bekannte. Diederich blitzte ihn an,
+er stieß vor ihm beide Fäuste gegen den Boden. Dann
+trat er kraftvoll vor den Saal her.
+</p>
+
+<p>
+„Wollen Sie was verdienen?“ brüllte er wie ein Ausrufer
+in den Tumult – und es ward still, wie auf ein
+Zauberwort. „Jeder kann bei mir verdienen!“ brüllte
+Diederich; mit unverminderter Gewalt. „Jedem, der
+mir nachweist, wieviel ich am Verkauf meines Hauses verdient
+habe, zahle ich ebensoviel!“
+</p>
+
+<p>
+Hierauf schien niemand gefaßt. Die Lieferanten zuerst
+riefen „Bravo“, dann entschlossen sich auch die Christen
+und die Krieger, aber ohne rechte Zuversicht, denn es ward
+wieder „Wulckow!“ gerufen, noch dazu nach dem Takt
+von Biergläsern, die man auf die Tische stieß. Diederich
+erkannte, daß dies ein vorbereiteter Streich war, der nicht
+nur ihm, sondern weit höheren Mächten galt. Er sah sich
+unruhig um, und wirklich zückte der Polizeileutnant schon
+wieder den Helm. Diederich bedeutete ihm mit der Hand,
+daß er es schon machen werde, und er brüllte:
+</p>
+
+<p>
+„Nicht Wulckow, ganz andere Leute! Das freisinnige
+Säuglingsheim! Dafür hätte ich mein Haus hergeben
+sollen, das ist mir nahegelegt worden, ich kann es beschwören.
+Ich als nationaler Mann habe mich energisch gewehrt
+gegen die Zumutung, die Stadt zu betrügen und den
+Raub zu teilen mit einem gewissenlosen Magistratsrat!“
+</p>
+
+<p>
+„Sie lügen!“ rief der alte Buck und stand flammend da.
+Aber Diederich flammte noch höher, im Vollgefühl seines
+<pb n='442'/><anchor id='Pgp0442'/>Rechtes und seiner sittlichen Sendung. Er griff in die
+Brusttasche, und vor dem tausendköpfigen Drachen dort
+unten, der ihn anspritzte: „Lügner! Schwindler!“
+schwenkte er furchtlos seinen Schein. „Beweis!“ brüllte
+er und schwenkte so lange, bis sie hörten.
+</p>
+
+<p>
+„Bei mir ist es nicht geglückt, aber in Gausenfeld. Jawohl,
+Mitbürger! In Gausenfeld ... Wieso? Gleich.
+Zwei Herren von der freisinnigen Partei sind beim Besitzer
+gewesen und haben das Vorkaufsrecht verlangt auf
+ein gewisses Terrain, für den Fall, daß das Säuglingsheim
+dorthin kommt.“
+</p>
+
+<p>
+„Namen! Namen!“
+</p>
+
+<p>
+Diederich schlug sich auf die Brust, auch zum letzten
+bereit. Klüsing hatte ihm alles verraten, nur nicht die
+Namen. Blitzend faßte er die Herren des Vorstandes ins
+Auge; einer schien zu erbleichen. „Wer wagt, gewinnt“,
+dachte Diederich, und er brüllte:
+</p>
+
+<p>
+„Der eine ist Herr Warenhausbesitzer Cohn!“
+</p>
+
+<p>
+Und er trat ab, mit der Miene erfüllter Pflicht. Drunten
+nahm Kunze ihn entgegen und küßte ihn selbstvergessen
+rechts und links ins Gesicht, wozu die Nationalgesinnten
+klatschten. Die anderen schrien: „Beweis!“
+oder „Schwindel!“ Aber „Cohn soll reden!“, das wollten
+alle, Cohn konnte sich den Anforderungen unmöglich entziehen.
+Der alte Buck sah ihn an, starr, mit einem sichtbaren
+Zittern der Wangen; und dann erteilte er ihm von
+selbst das Wort. Cohn, von Heuteufel mit einem Stoß
+versehen, kam ohne rechte Überzeugung hinter dem langen
+Tisch des Komitees hervor, schleppte die Füße nach und
+hatte ungünstig gewirkt, noch bevor er anfing. Er lächelte
+entschuldigend. „Meine Herren, das werden Sie dem Herrn
+Vorredner doch nicht glauben,“ sagte er so sanft, daß fast
+<pb n='443'/><anchor id='Pgp0443'/>niemand es verstand. Dennoch meinte Cohn schon zu weit
+gegangen zu sein. „Ich will den Herrn Vorredner nicht
+geradezu dementieren, aber so war es denn doch nicht.“
+</p>
+
+<p>
+„Aha! Er gibt es zu!“ – und jäh brach ein Aufruhr
+los, daß Cohn, auf nichts vorbereitet, einen Sprung rückwärts
+tat. Der Saal war nur noch ein Fuchteln und
+Schäumen. Schon fielen da und dort Gegner übereinander
+her. „Hurra!“ kreischte Kühnchen und sauste durch
+die Reihen mit flatterndem Haar, die Fäuste geschwungen,
+anfeuernd zur Metzelei ... Auch auf der Bühne war alles
+auf den Beinen, außer dem Polizeileutnant. Der alte
+Buck hatte den Platz des Vorsitzenden verlassen, und abgekehrt
+von dem Volk, über das der letzte Schrei seines
+Gewissens vergebens hingegangen war, abseits und allein,
+richtete er die Augen dorthin, wo niemand sah, daß sie
+weinten. Heuteufel sprach entrüstet auf den Polizeileutnant
+ein, der sich von seinem Stuhl nicht rührte, ward aber
+darüber belehrt, daß der Beamte allein entscheide, ob
+und wann er auflöse. Es brauchte nicht gerade in dem
+Augenblick zu geschehen, wo es für den Freisinn schlecht
+stand! Worauf Heuteufel zum Tisch ging und die Glocke
+führte. Dazu schrie er: „Der zweite Name!“ Und da
+alle Herren auf der Bühne mitschrien, hörte man es endlich
+und Heuteufel konnte fortfahren.
+</p>
+
+<p>
+„Der zweite, der in Gausenfeld war, ist Herr Landgerichtsrat
+Kühlemann! Stimmt. Kühlemann selbst.
+Derselbe Kühlemann, aus dessen Nachlaß das Säuglingsheim
+gebaut werden soll. Will jemand behaupten,
+Kühlemann bestiehlt seinen eigenen Nachlaß? Na also!“
+– und Heuteufel zuckte die Achseln, woraus beifällig
+gelacht ward. Nicht lange; die Leidenschaften pfauchten
+schon wieder. „Beweise! Kühlemann soll selbst reden!
+<pb n='444'/><anchor id='Pgp0444'/>Diebe!“ Herr Kühlemann sei schwerkrank, erklärte Heuteufel.
+Man werde hinschicken, man telephoniere schon.
+„Auweh“, raunte Kunze seinem Freunde Diederich zu.
+„Wenn Kühlemann es war, sind wir fertig und können
+einpacken.“ „Noch lange nicht!“ verhieß Diederich, tollkühn.
+Pastor Zillich seinerseits setzte seine Hoffnung nur
+mehr auf den Finger Gottes. Diederich in seiner Tollkühnheit
+sagte: „Brauchen wir gar nicht!“ – und er
+machte sich über einen Zweifler her, dem er zuredete.
+Die Gutgesinnten reizte er zu entschiedener Stellungnahme,
+ja, er drückte Sozialdemokraten die Hand, um
+ihren Haß gegen die bürgerliche Korruption zu verstärken
+– und überall hielt er den Leuten Klüsings Brief
+vor die Augen. Er schlug so heftig mit dem Handrücken
+auf das Papier, daß niemand lesen konnte, und rief:
+„Steht da Kühlemann? Da steht Buck! Wenn Kühlemann
+noch japsen kann, wird er zugeben müssen, daß er
+es nicht war. Buck war es!“
+</p>
+
+<p>
+Dabei überwachte er dennoch die Bühne, wo es merkwürdig
+still geworden war. Die Herren des Komitees
+liefen durcheinander, aber sie flüsterten nur. Den alten
+Buck sah man nicht mehr. „Was ist los?“ Auch im Saal
+ward es ruhiger, noch wußte man nicht, warum. Plötzlich
+hieß es: „Kühlemann soll tot sein.“ Diederich fühlte es
+mehr, als daß er es hörte. Er gab es plötzlich auf, zu reden
+und sich abzuarbeiten. Vor Spannung schnitt er Gesichter.
+Wenn jemand ihn fragte, antwortete er nicht, er vernahm
+ringsum ein wesenloses Gewirr von Lauten und wußte
+nicht mehr deutlich, wo er war. Dann kam aber Gottlieb
+Hornung und sagte: „Er ist weiß Gott tot. Ich war oben,
+sie haben telephoniert. Im Moment ist er gestorben.“
+</p>
+
+<p>
+„Im richtigen Moment“, sagte Diederich und sah sich
+<pb n='445'/><anchor id='Pgp0445'/>um, erstaunt, als erwachte er. „Der Finger Gottes hat
+sich wieder mal bewährt“, stellte Pastor Zillich fest, und
+Diederich ward sich bewußt, daß dieser Finger doch nicht
+zu verachten war. Wie, wenn er dem Schicksal einen anderen
+Lauf angewiesen hätte?... Die Parteien im Saale
+lösten sich auf; das Eingreifen des Todes in die Politik
+machte aus den Parteien Leute; sie sprachen gedämpft
+und verzogen sich. Als er schon draußen war, erfuhr Diederich
+noch, der alte Buck habe eine Ohnmacht erlitten.
+</p>
+
+<milestone unit="tb"/>
+
+<p>
+Die „Netziger Zeitung“ berichtete über die „tragisch
+verlaufene Wahlversammlung“ und schloß daran einen
+ehrenvollen Nachruf für den hochverdienten Mitbürger
+Kühlemann. Den Verblichenen traf kein Makel, wenn
+etwa Dinge vorgefallen waren, die der Aufklärung bedurften
+... Das weitere geschah, nachdem Diederich
+und Napoleon Fischer eine Besprechung unter vier Augen
+gehabt hatten. Noch am Abend vor der Wahl hielt die
+„Partei des Kaisers“ eine Versammlung ab, von der die
+Gegner nicht ausgeschlossen waren. Diederich trat auf
+und geißelte mit flammenden Worten die demokratische
+Korruption und ihr Haupt in Netzig, das mit Namen zu
+nennen die Pflicht eines kaisertreuen Mannes sei –
+aber er nannte es doch lieber nicht. „Denn, meine Herren,
+das Hochgefühl schwellt mir die Brust, daß ich mich verdient
+mache um unseren herrlichen Kaiser, wenn ich seinem
+gefährlichsten Feinde die Maske abreiße und Ihnen beweise,
+daß er auch nur verdienen will.“ Hier kam ihm ein
+Einfall, oder war es eine Erinnerung, er wußte nicht.
+„Seine Majestät haben das erhabene Wort gesprochen:
+‚Mein afrikanisches Kolonialreich für einen Haftbefehl
+gegen Eugen Richter!‘ Ich aber, meine Herren, liefere
+<pb n='446'/><anchor id='Pgp0446'/>Seiner Majestät die nächsten Freunde Richters!“ Er
+ließ die Begeisterung verrauschen; dann, mit verhältnismäßig
+gedämpfter Stimme: „Und darum, meine Herren,
+habe ich besondere Gründe, zu vermuten, was man an
+hoher, sehr hoher Stelle von der Partei des Kaisers erwartet.“
+Er griff an seine Brusttasche, als trüge er dort
+auch diesmal die Entscheidung; und plötzlich aus voller
+Lunge: „Wer jetzt noch seine Stimme dem Freisinnigen
+gibt, der ist kein kaisertreuer Mann!“ Da die Versammlung
+dies einsah, machte Napoleon Fischer, der zugegen
+war, den Versuch, sie auf die gebotenen Konsequenzen
+ihrer Haltung hinzuweisen. Sofort fuhr Diederich dazwischen.
+Die nationalen Wähler würden schweren Herzens
+ihre Pflicht tun und das kleinere Übel wählen. „Aber
+ich bin der erste, der jedes Paktieren mit dem Umsturz
+weit von sich weist!“ Er schlug so lange auf das Rednerpult,
+bis Napoleon in der Versenkung verschwand. Und
+daß Diederichs Entrüstung echt war, ersah man in der
+Frühe des Stichwahltages aus der sozialdemokratischen
+„Volksstimme“, die unter höhnischen Ausfällen gegen
+Diederich selbst alles wiedergab, was er über den alten
+Buck gesagt hatte, und zwar nannte sie den Namen. „Heßling
+fällt hinein,“ sagten die Wähler, „denn jetzt muß
+Buck ihn verklagen.“ Aber viele antworteten: „Buck
+fällt hinein, der andere weiß zuviel.“ Auch die Freisinnigen,
+soweit sie der Vernunft zugänglich waren,
+fanden jetzt, es sei an der Zeit, vorsichtig zu werden.
+Wenn die Nationalen, mit denen nicht zu spaßen schien,
+nun einmal meinten, man solle für den Sozialdemokraten
+stimmen –. Und war der Sozialdemokrat erst gewählt,
+dann war es gut, daß man ihn mitgewählt hatte,
+sonst ward man noch boykottiert von den Arbeitern ...
+<pb n='447'/><anchor id='Pgp0447'/>Die Entscheidung aber fiel nachmittags um drei. In der
+Kaiser-Wilhelm-Straße erscholl Alarmgebläse, alles stürzte
+an die Fenster und unter die Ladentüren, um zu sehen,
+wo es brenne. Es war der Kriegerverein in Uniform,
+der herbeimarschierte. Seine Fahne zeigte ihm den Weg
+der Ehre. Kühnchen, der das Kommando führte, hatte
+die Pickelhaube wild im Nacken sitzen und schwang auf
+furchterregende Weise seinen Degen. Diederich in Reih’
+und Glied stapfte mit und freute sich der Zuversicht, daß
+nun in Reih’ und Glied, nach Kommandos und auf mechanischem
+Wege alles Weitere sich abwickeln werde. Man
+brauchte nur zu stapfen, und aus dem alten Buck ward
+Kompott gemacht unter dem Taktschritt der Macht!...
+Am anderen Ende der Straße holte man die neue Fahne
+ab und empfing sie, bei schmetternder Musik, mit stolzem
+Hurra. Unabsehbar verlängert durch die Werbungen des
+Patriotismus erreichte der Zug das Klappsche’sche Lokal.
+Hier ward in Sektionen eingeschwenkt, und Kühnchen befahl
+„Küren“. Der Wahlvorstand, an seiner Spitze Pastor
+Zillich, wartete schon, festlich gekleidet, im Hausflur.
+Kühnchen kommandierte mit Kampfgeschrei: „Auf,
+Kameraden, zur Wahl! Wir wählen Fischer!“ – worauf
+es vom rechten Flügel ab, unter schmetternder Musik,
+in das Wahllokal ging. Dem Kriegerverein aber folgte
+der ganze Zug. Klappsch, der auf so viel Begeisterung
+nicht vorbereitet war, hatte schon kein Bier mehr. Zuletzt,
+als die nationale Sache alles abgeworfen zu haben
+schien, dessen sie fähig war, kam noch, von Hurra empfangen,
+der Bürgermeister Doktor Scheffelweis. Er ließ
+sich ganz offenkundig den roten Zettel in die Hand drücken,
+und bei der Rückkehr von der Urne sah man ihn freudig
+bewegt. „Endlich!“ sagte er und drückte Diederich die Hand.
+<pb n='448'/><anchor id='Pgp0448'/>„Heute haben wir den Drachen besiegt.“ Diederich erwiderte
+schonungslos: „Sie, Herr Bürgermeister? Sie
+stecken noch halb in seinem Rachen. Daß er Sie nur nicht
+mitnimmt, jetzt wo er verreckt!“ Während Doktor Scheffelweis
+erbleichte, stieg wieder ein Hurra. Wulckow!...
+</p>
+
+<p>
+Fünftausend und mehr Stimmen für Fischer! Heuteufel
+mit kaum dreitausend war fortgefegt von der
+nationalen Woge, und in den Reichstag zog der Sozialdemokrat.
+Die „Netziger Zeitung“ stellte einen Sieg der
+„Partei des Kaisers“ fest, denn ihr verdanke man es,
+daß eine Hochburg des Freisinns gefallen sei – womit
+aber Nothgroschen weder große Befriedigung noch lauten
+Widerspruch weckte. Die eingetretene Tatsache fanden
+alle natürlich, aber gleichgültig. Nach dem Rummel der
+Wahlzeit hieß es nun wieder Geld verdienen. Das Kaiser-Wilhelm-Denkmal,
+noch soeben der Mittelpunkt eines
+Bürgerkrieges, regte keinen mehr auf. Der alte Kühlemann
+hatte der Stadt sechshunderttausend Mark für gemeinnützige
+Zwecke vermacht, sehr anständig. Säuglingsheim
+oder Kaiser-Wilhelm-Denkmal, es war wie
+Schwamm oder Zahnbürste, wenn man zu Gottlieb Hornung
+kam. In der entscheidenden Sitzung der Stadtverordneten
+zeigte es sich, daß die Sozialdemokraten für
+das Denkmal waren, also schön. Irgend jemand schlug
+vor, gleich ein Komitee zu bilden und dem Herrn Regierungspräsidenten
+von Wulckow den Ehrenvorsitz anzubieten.
+Hier erhob sich Heuteufel, den seine Niederlage
+wohl doch geärgert hatte, und äußerte Bedenken, ob der
+Regierungspräsident, der einem gewissen Grundstücksgeschäft
+nicht fernstehe, sich selbst für berufen halten
+werde, das Grundstück mitzubestimmen, auf dem das Denkmal
+stehen solle. Man schmunzelte und zwinkerte ein
+<pb n='449'/><anchor id='Pgp0449'/>wenig; und Diederich, dem es kalt durch den Leib schnitt,
+wartete, ob jetzt der Skandal kam. Er wartete still, mit
+einem verstohlenen Kitzel, wie es der Macht ergehen
+werde, nun jemand rüttelte. Er hätte nicht sagen können,
+was er sich wünschte. Da nichts kam, erhob er sich stramm
+und protestierte, ohne übertriebene Anstrengung, gegen
+eine Unterstellung, die er schon einmal öffentlich widerlegt
+habe. Die andere Seite dagegen habe die ihr zur
+Last gelegten Mißbräuche bisher nicht im mindesten entkräftet.
+„Trösten Sie sich,“ erwiderte Heuteufel, „Sie
+werden es bald erleben. Die Klage ist schon eingereicht.“
+</p>
+
+<p>
+Dies bewirkte immerhin eine Bewegung. Der Eindruck
+ward freilich abgeschwächt, als Heuteufel gestehen
+mußte, daß sein Freund Buck nicht den Stadtverordneten
+Doktor Heßling, sondern nur die „Volksstimme“ verklagt
+habe. „Heßling weiß zuviel“, wiederholte man – und
+neben Wulckow, dem der Ehrenvorsitz zufiel, ward Diederich
+zum Vorsitzenden des Kaiser-Wilhelm-Denkmal-Komitees
+ernannt. Im Magistrat fanden diese Beschlüsse
+in dem Bürgermeister Doktor Scheffelweis einen warmen
+Fürsprecher, und sie gingen durch, wobei der alte Buck
+durch Abwesenheit glänzte. Wenn er seine Sache selbst
+nicht höher einschätzte! Heuteufel sagte: „Soll er sich
+die Schweinereien, die er nicht verhindern kann, auch noch
+persönlich ansehen?“ Aber damit schadete Heuteufel nur
+sich selbst. Da der alte Buck nun in kurzer Zeit zwei Niederlagen
+erlitten hatte, sah man voraus, der Prozeß gegen
+die „Volksstimme“ werde seine dritte sein. Die Aussage,
+die man vor Gericht zu machen haben würde, paßte jeder
+schon im voraus den gegebenen Umständen an. Heßling
+war natürlich zu weit gegangen, sagten vernünftig Denkende.
+Der alte Buck, den alle von jeher kannten, war
+<pb n='450'/><anchor id='Pgp0450'/>kein Schwindler und Gauner. Eine Unvorsichtigkeit
+wäre ihm vielleicht zuzutrauen gewesen, besonders jetzt,
+wo er die Schulden seines Bruders bezahlte und selbst
+schon das Wasser an der Kehle hatte. Ob er nun wirklich
+mit Cohn bei Klüsing gewesen war wegen des Terrains?
+Ein gutes Geschäft: – es hätte nur nicht herauskommen
+dürfen! Und warum mußte Kühlemann genau in der
+Minute abkratzen, wo er seinen Freund hätte freischwören
+sollen! So viel Pech bedeutete etwas. Herr Tietz, der kaufmännische
+Leiter der „Netziger Zeitung“, der in Gausenfeld
+ein und aus ging, sagte ausdrücklich, man begehe nur
+ein Verbrechen gegen sich selbst, wenn man für Leute eintrete,
+die augenscheinlich ausgespielt hätten. Auch machte
+Tietz darauf aufmerksam, daß der alte Klüsing, der mit
+einem Wort die ganze Sache hätte beenden können, sich
+hütete zu reden. Er war krank, nur seinetwegen mußte
+die Verhandlung auf unbestimmte Zeit vertagt werden.
+</p>
+
+<p>
+Was ihn aber nicht abhielt, seine Fabrik zu verkaufen.
+Dies war das Neueste, dies waren die „einschneidenden
+Veränderungen in einem großen, für das wirtschaftliche
+Leben Netzigs hochbedeutsamen Unternehmen“, von
+denen die „Netziger Zeitung“ dunkel meldete. Klüsing war
+mit einem Berliner Konsortium in Verbindung getreten.
+Diederich, gefragt, warum er nicht mittue, zeigte den
+Brief vor, worin Klüsing ihm, früher als jedem anderen,
+den Kauf angeboten hatte. „Und zwar unter Bedingungen,
+die nie wiederkommen“, setzte er hinzu. „Leider bin
+ich stark engagiert bei meinem Schwager in Eschweiler,
+ich weiß nicht einmal, ob ich nicht von Netzig wegziehen
+muß.“ Aber als Sachverständiger erklärte er auf Befragen
+Nothgroschens, der seine Antwort veröffentlichte, daß
+der Prospekt eher noch hinter der Wahrheit zurückbleibe.
+<pb n='451'/><anchor id='Pgp0451'/>Gausenfeld sei tatsächlich eine Goldgrube; der Ankauf
+der Aktien, die an der Börse zugelassen seien, könne nur
+auf das wärmste empfohlen werden. Tatsächlich wurden
+die Aktien in Netzig stark gefragt. Wie sachlich und von
+persönlichem Interesse unbeeinflußt Diederichs Urteil
+gewesen war, zeigte sich bei einer besonderen Gelegenheit,
+als nämlich der alte Buck Geld suchte. Denn er war
+so weit; seine Familie und sein Gemeinsinn hatten ihn
+glücklich so weit gebracht, daß auch seine Freunde nicht
+mehr mitgingen. Da griff Diederich ein. Er gab dem
+Alten zweite Hypothek für sein Haus in der Fleischhauergrube.
+„Er muß es verzweifelt nötig gehabt haben“, bemerkte
+Diederich, sooft er davon erzählte. „Wenn er es von
+mir, seinem entschiedensten politischen Gegner, annimmt!
+Wer hätte das früher von ihm gedacht!“ Und Diederich
+sah gedankenvoll in das Schicksal ... Er setzte hinzu, das
+Haus werde ihm teuer zu stehen kommen, wenn es ihm
+zufalle. Freilich, aus dem seinen müsse er bald heraus.
+Und auch dies zeigte, daß er auf Gausenfeld nicht rechnete ...
+„Aber“, erklärte Diederich, „der Alte ist nicht auf Rosen
+gebettet, wer weiß, wie sein Prozeß ausgeht – und gerade
+weil ich ihn politisch bekämpfen muß, wollte ich zeigen –
+Sie verstehen.“ Man verstand, und man beglückwünschte
+Diederich zu seinem mehr als korrekten Verhalten. Diederich
+wehrte ab. „Er hat mir Mangel an Idealismus vorgeworfen,
+das durfte ich nicht auf mir sitzen lassen.“ Männliche
+Rührung zitterte in seiner Stimme.
+</p>
+
+<p>
+Die Schicksale nahmen ihren Lauf; und wenn man
+manche auf Terrainschwierigkeiten stoßen sah, durfte man
+um so freudiger anerkennen, daß das eigene glatt ging.
+Diederich erfuhr dies so recht an dem Tage, als Napoleon
+Fischer nach Berlin reiste, um die Militärvorlage
+abzu<pb n='452'/><anchor id='Pgp0452'/>lehnen. Die „Volksstimme“ hatte eine Massendemonstration
+angekündigt, der Bahnhof sollte polizeilich besetzt
+sein; Pflicht eines nationalen Mannes war es, dabei zu
+sein. Unterwegs stieß Diederich auf Jadassohn. Man
+begrüßte einander so förmlich, wie die kühl gewordenen
+Beziehungen es vorschrieben. „Sie wollen sich auch den
+Klimbim ansehen?“ fragte Diederich.
+</p>
+
+<p>
+„Ich gehe in Urlaub – nach Paris.“ Tatsächlich trug
+Jadassohn Kniehosen. Er setzte hinzu: „Schon um den
+politischen Dummheiten auszuweichen, die hier begangen
+worden sind.“
+</p>
+
+<p>
+Diederich beschloß, vornehm hinwegzuhören über die
+Verärgerung eines Menschen, der keinen Erfolg gehabt
+hatte. „Man dachte eigentlich,“ sagte er, „Sie würden
+jetzt Ernst machen.“
+</p>
+
+<p>
+„Ich? Wieso?“
+</p>
+
+<p>
+„Fräulein Zillich ist freilich fort zu ihrer Tante.“
+</p>
+
+<p>
+„Tante ist gut“, Jadassohn feixte. „Und man dachte.
+Sie wohl auch?“
+</p>
+
+<p>
+„Mich lassen Sie nur aus dem Spiel.“ Diederich
+machte ein Gesicht voll Einverständnis. „Aber wieso ist
+Tante gut? Wo ist sie denn hin?“
+</p>
+
+<p>
+„Durchgegangen“, sagte Jadassohn. Da blieb Diederich
+denn doch stehen und schnaufte. Käthchen Zillich durchgegangen!
+In was für Abenteuer hätte man verwickelt
+werden können!... Jadassohn sagte weltmännisch:
+</p>
+
+<p>
+„Nun ja, nach Berlin. Die guten Eltern haben noch
+keine Ahnung. Ich bin weiter nicht böse mit ihr, Sie verstehen,
+es mußte mal zum Klappen kommen.“
+</p>
+
+<p>
+„So oder so“, ergänzte Diederich, der sich gefaßt hatte.
+</p>
+
+<p>
+„Lieber so als so“, berichtigte Jadassohn; worauf
+Diederich, vertraulich die Stimme gesenkt: „Jetzt kann
+<pb n='453'/><anchor id='Pgp0453'/>ich es Ihnen ja sagen, mir kam das Mädchen schon immer
+so vor, als ob sie bei Ihnen auch nicht sauer werden würde.“
+</p>
+
+<p>
+Aber Jadassohn verwahrte sich, nicht ohne Eigenliebe.
+„Was glauben Sie denn? Ich selbst habe ihr Empfehlungen
+mitgegeben. Passen Sie auf, sie macht Karriere
+in Berlin.“
+</p>
+
+<p>
+„Daran zweifle ich nicht.“ Diederich zwinkerte. „Ich
+kenne ihre Qualitäten ... Sie allerdings haben mich für
+naiv gehalten.“ Jadassohns Abwehr ließ er nicht gelten.
+„Sie haben mich für naiv gehalten. Und zur selben Zeit
+bin ich Ihnen verdammt ins Gehege gekommen, jetzt kann
+ich es ja sagen.“ Er berichtete dem anderen, der immer unruhiger
+ward, sein Erlebnis mit Käthchen im Liebeskabinett
+– berichtete es so vollständig, wie es in Wahrheit
+nicht stattgefunden hatte. Mit einem Lächeln befriedigter
+Rache sah er auf Jadassohn, der sichtlich im Zweifel war,
+ob hier der Ehrenpunkt Platz greifen müsse. Schließlich
+entschied er sich dafür, Diederich auf die Schulter zu klopfen,
+und man zog in freundschaftlicher Weise die gebotenen
+Schlüsse. „Die Sache bleibt natürlich streng unter uns ...
+So ein Mädchen muß man auch gerecht beurteilen, denn
+woher soll die bessere Lebewelt sich ergänzen ... Die
+Adresse? Aber nur Ihnen. Kommt man dann mal nach
+Berlin, so weiß man doch, woran man ist.“ „Es hätte
+sogar einen gewissen Reiz“, bemerkte Diederich, in sich
+hineinblickend; und da Jadassohn sein Gepäck sah, nahmen
+sie Abschied. „Die Politik hat uns leider etwas auseinander
+gebracht, aber im Menschlichen findet man sich,
+Gott sei Dank, wieder. Viel Vergnügen in Paris.“
+</p>
+
+<p>
+„Vergnügen kommt nicht in Frage.“ Jadassohn wandte
+sich um, mit einem Gesicht, als sei er im Begriff, jemand
+hineinzulegen. Da er Diederichs beunruhigte Miene sah,
+<pb n='454'/><anchor id='Pgp0454'/>kam er zurück. „In vier Wochen“, sagte er merkwürdig ernst
+und gefaßt, „werden Sie es selbst sehen. Vielleicht ist es
+vorzuziehen, wenn Sie die Öffentlichkeit schon jetzt darauf
+vorbereiten.“ Diederich, ergriffen wider Willen, fragte:
+„Was haben Sie vor?“ Und Jadassohn, bedeutungsschwer,
+mit dem Lächeln eines opfervollen Entschlusses: „Ich stehe
+im Begriff, meine äußere Erscheinung in Einklang zu
+bringen mit meinen nationalen Überzeugungen“ ... Als
+Diederich den Sinn dieser Worte erfaßt hatte, konnte
+er nur noch eine achtungsvolle Verbeugung machen;
+Jadassohn war schon fort. Dahinten flammten, nun er
+die Halle betrat, seine Ohren noch einmal – das letztemal!
+– auf, wie zwei Kirchenfenster im Abendschein.
+</p>
+
+<p>
+Auf den Bahnhof zu rückte eine Gruppe von Männern,
+in deren Mitte eine Standarte schwebte. Einige Schutzleute
+kamen nicht eben leichtfüßig die Treppe herab und
+stellten sich ihnen entgegen. Alsbald stimmte die Gruppe
+die Internationale an. Gleichwohl ward ihr Ansturm
+von den Vertretern der Macht erfolgreich zurückgeschlagen.
+Mehrere kamen freilich durch und scharten sich um Napoleon
+Fischer, der, langatmig wie er war, seine bestickte
+Reisetasche beinahe am Boden schleppte. Beim Büfett
+erfrischte man sich nach diesen, in der Julisonne für die
+Sache des Umsturzes bestandenen Strapazen. Dann versuchte
+Napoleon Fischer auf dem Bahnsteig, da der Zug
+ohnedies Verspätung hatte, eine Ansprache zu halten;
+aber ein Polizist untersagte es dem Abgeordneten. Napoleon
+setzte die bestickte Tasche hin und fletschte die Zähne.
+Wie Diederich ihn kannte, war er im Begriff, einen Widerstand
+gegen die Staatsgewalt zu begehen. Zu seinem
+Glück fuhr der Zug ein – und erst jetzt ward Diederich
+auf einen untersetzten Herrn aufmerksam, der sich aber
+<pb n='455'/><anchor id='Pgp0455'/>abwandte, wenn man um ihn herumging. Er hielt einen
+großen Blumenstrauß vor sich hin und sah dem Zug entgegen.
+Diederich kannte doch diese Schultern ... Das
+ging mit dem Teufel zu! Aus einem Coupé grüßte Judith
+Lauer, ihr Mann half ihr herunter, ja, er überreichte ihr
+den Blumenstrauß, und sie nahm ihn mit dem ernsten
+Lächeln, das sie hatte. Wie die beiden sich nach dem Ausgang
+wandten, ging Diederich ihnen schleunigst aus dem
+Weg, und er schnaufte dabei. Mit dem Teufel ging es
+nicht zu, Lauers Zeit war einfach herum, er war wieder
+frei. Nicht daß von ihm etwas zu fürchten stand, immerhin
+mußte man sich erst wieder daran gewöhnen, ihn
+draußen zu wissen ... Und mit einem Bukett holte er
+sie ab! Wußte er denn nichts? Er hatte doch Zeit gehabt,
+nachzudenken. Und sie, die zu ihm zurückkehrte, nachdem er
+fertig gesessen hatte! Es gab Verhältnisse, von denen man
+sich als anständiger Mensch nichts träumen ließ. Übrigens
+stand Diederich den Dingen nicht näher als jeder andere;
+er hatte damals nur seine Pflicht getan. „Alle werden
+dieselbe peinliche Empfindung haben wie ich. Man wird
+ihm allerseits zu verstehen geben, daß er am besten zu
+Hause bleibt ... Denn wie man sich bettet, liegt man.“
+Käthchen Zillich hatte es begriffen und die richtige Folgerung
+gezogen. Was ihr recht war, konnte gewissen
+anderen Leuten billig sein, nicht nur dem Herrn Lauer.
+</p>
+
+<p>
+Diederich selbst, der von achtungsvollen Grüßen geleitet
+durch die Stadt schritt, nahm jetzt auf die natürlichste
+Weise den Platz ein, den seine Verdienste ihm bereitet
+hatten. Durch diese harte Zeit hatte er sich nun so
+weit hindurchgekämpft, daß bloß noch die Früchte zu
+pflücken waren. Die anderen hatten angefangen an ihn
+zu glauben: alsbald kannte auch er keinen Zweifel mehr ...
+<pb n='456'/><anchor id='Pgp0456'/>Über Gausenfeld liefen neuerdings ungünstige Gerüchte
+um, und die Aktien fielen. Woher wußte man, daß die
+Regierung der Fabrik ihre Aufträge entzogen und sie
+dem Heßlingschen Werk übertragen hatte? Diederich
+hatte nichts verlauten lassen, aber man wußte es, noch
+bevor die Arbeiterentlassungen kamen, die die „Netziger
+Zeitung“ so sehr bedauerte. Der alte Buck, als Vorsitzender
+des Aufsichtsrates, mußte sie leider persönlich anregen,
+was ihm allgemein schadete. Die Regierung ging wahrscheinlich
+nur wegen des alten Buck so scharf vor. Es war
+ein Fehler gewesen, ihn zum Vorsitzenden zu wählen.
+Überhaupt hätte er mit dem Geld, das Heßling ihm anständigerweise
+gegeben hatte, lieber Schulden bezahlen
+sollen, statt Gausenfelder Aktien zu kaufen. Diederich
+selbst äußerte überall diese Ansicht. „Wer hätte das früher
+von ihm gedacht!“ bemerkte er auch hierzu wieder, und
+wieder tat er einen gedankenvollen Blick in das Schicksal.
+„Man sieht, wozu einer imstande ist, der den Boden unter
+den Füßen verliert.“ Worauf jeder den beklemmenden
+Eindruck mitnahm, der alte Buck werde auch ihn selbst,
+als Aktionär von Gausenfeld, in seinen Ruin hineinreißen.
+Denn die Aktien fielen. Infolge der Entlassungen drohte
+ein Streik: sie fielen noch tiefer ... Hier machte Kienast
+sich Freunde. Kienast war unvermutet in Netzig eingetroffen,
+zur Erholung, wie er sagte. Keiner gestand es
+gern dem anderen ein, daß er Gausenfelder hatte und
+hereingefallen war. Kienast hinterbrachte es dem, daß
+jener schon verkauft habe. Seine persönliche Meinung
+war, daß es hohe Zeit sei. Ein Makler, den er übrigens
+nicht kannte, saß dann und wann im Café und kaufte.
+Einige Monate später brachte die Zeitung ein tägliches
+Inserat des Bankhauses Sanft &amp; Co. Wer noch
+Gausen<pb n='457'/><anchor id='Pgp0457'/>felder hatte, konnte sie hier mühelos abstoßen. Tatsächlich
+besaß zu Anfang des Herbstes kein Mensch mehr die faulen
+Papiere. Dagegen ging das Gerede, Heßling und Gausenfeld
+sollten fusioniert werden. Diederich zeigte sich verwundert.
+„Und der alte Herr Buck?“ fragte er. „Als Vorsitzender
+des Aufsichtsrates wird er wohl noch mitreden
+wollen. Oder hat er selbst schon verkauft?“ – „Der hat mehr
+Sorgen“, hieß es dann. Denn in seiner Beleidigungssache
+gegen die „Volksstimme“ war jetzt die Verhandlung anberaumt.
+„Er wird wohl hineinfliegen“, meinte man; und
+Diederich, mit vollkommener Sachlichkeit: „Schade um
+ihn. Dann hat er in seinem letzten Aufsichtsrat gesessen.“
+</p>
+
+<p>
+In diesem Vorgefühl gingen alle zu der Verhandlung.
+Die auftretenden Zeugen erinnerten sich nicht. Klüsing
+hatte schon längst zu jedem vom Verkauf der Fabrik gesprochen.
+Hatte er von jenem Terrain besonders gesprochen?
+Und hatte er als den Unterhändler den alten Buck
+genannt? Dies alles blieb zweifelhaft. In den Kreisen
+der Stadtverordneten war bekannt gewesen, daß das
+Grundstück in Frage komme für das damals in Aussicht
+genommene Säuglingsheim. War Buck dafür gewesen?
+Jedenfalls nicht dagegen. Mehreren war es aufgefallen,
+wie lebhaft er sich für den Platz interessierte. Klüsing
+selbst, der noch immer krank war, hatte in seiner kommissarischen
+Vernehmung ausgesagt, sein Freund Buck sei
+bis vor kurzem bei ihm ein und aus gegangen. Wenn
+Buck ihm von dem Vorkaufsrecht auf das Terrain gesprochen
+haben sollte, so habe er dies keinesfalls in einem
+für Buck ehrenrührigen Sinne aufgefaßt ... Der Kläger
+Buck wünschte festgestellt zu sehen, daß der verstorbene
+Kühlemann es gewesen sei, der mit Klüsing verhandelt
+habe: Kühlemann selbst, der Spender des Geldes. Aber die
+<pb n='458'/><anchor id='Pgp0458'/>Feststellung mißlang, Klüsings Aussage war unentschieden
+auch hierin. Daß Cohn es behauptete, war nicht wesentlich,
+da Cohn ein Interesse hatte, seinen eigenen Besuch in
+Gausenfeld harmlos erscheinen zu lassen. Als gewichtigster
+Zeuge blieb Diederich übrig, dem Klüsing geschrieben
+und der gleich darauf mit ihm eine Unterredung gehabt
+hatte. War damals ein Name gefallen? Er sagte aus:
+</p>
+
+<p>
+„Mir lag nicht daran, den oder jenen Namen zu erfahren.
+Ich stelle fest, daß ich, was alle Zeugen bestätigen,
+niemals öffentlich den Namen des Herrn Buck genannt
+habe. Mein Interesse in der Sache war einzig das der
+Stadt, die nicht durch einzelne geschädigt werden sollte.
+Ich bin für die politische Moral eingetreten. Persönliche
+Gehässigkeit liegt mir fern, und es würde mir leid tun,
+wenn der Herr Kläger aus dieser Verhandlung nicht ganz
+vorwurfsfrei hervorgehen sollte.“
+</p>
+
+<p>
+Seinen Worten folgte ein anerkennendes Gemurmel.
+Nur Buck schien unzufrieden; er fuhr auf, rot im Gesicht ...
+Diederich sollte nun angeben, welches seine persönliche
+Auffassung der Sache sei. Er setzte an: da trat Buck vor,
+straff aufgerichtet, und seine Augen flammten wieder, wie
+in der tragisch verlaufenen Wahlversammlung.
+</p>
+
+<p>
+„Ich erlasse es dem Herrn Zeugen, ein schonendes Gutachten
+abzugeben über meine Person und mein Leben.
+Er ist nicht der Mann dazu. Seine Erfolge sind mit anderen
+Mitteln erreicht als die meinen, und sie haben
+einen anderen Gegenstand. Mein Haus war immer jedem
+offen und zugänglich, auch dem Herrn Zeugen. Mein
+Leben gehört seit mehr als fünfzig Jahren nicht mir,
+es gehört einem Gedanken, den zu meiner Zeit mehrere
+hatten, der Gerechtigkeit und dem Wohl aller. Ich war
+vermögend, als ich in die Öffentlichkeit trat. Wenn ich
+<pb n='459'/><anchor id='Pgp0459'/>sie verlasse, werde ich arm sein. Ich brauche keine Verteidigung!“
+</p>
+
+<p>
+Er schwieg, sein Gesicht zitterte noch – aber Diederich
+zuckte nur die Achseln. Auf welche Erfolge berief sich der
+Alte? Er hatte schon längst keine mehr und brachte nun
+hohle Worte vor, auf die niemand eine Hypothek gab.
+Er tat erhaben und befand sich schon unter den Rädern.
+Konnte ein Mensch seine Lage so sehr verkennen? „Wenn
+einer von uns den anderen von oben herab zu behandeln
+hat –“ Und Diederich blitzte. Er blitzte den Alten,
+der vergebens flammte, einfach nieder, und diesmal
+endgültig, mitsamt der Gerechtigkeit und dem Wohl aller.
+Zuerst das eigene Wohl – und gerecht war die Sache,
+die Erfolg hatte!... Er fühlte deutlich, daß dies für alle
+feststand. Auch der Alte fühlte es, er setzte sich wieder,
+er bekam runde Schultern, in seine Miene trat etwas wie
+Scham. Zu den Schöffen gewendet, sagte er: „Ich verlange
+keine Ausnahmestellung, ich unterwerfe mich dem
+Urteil meiner Mitbürger.“
+</p>
+
+<p>
+Worauf denn Diederich, als sei nichts geschehen, in
+seiner Aussage fortfuhr. Sie war wirklich sehr schonend
+und machte den besten Eindruck. Seit dem Prozeß Lauer
+fand man ihn durchaus günstig verändert; er hatte an
+überlegener Ruhe gewonnen, was freilich kein Kunststück
+hieß, da er jetzt ein gemachter Mann und fein heraus war.
+Gerade schlug es Mittag, und im Saal verbreitete sich summend
+das Neueste aus der „Netziger Zeitung“: es war
+Tatsache, Heßling, Großaktionär von Gausenfeld, war
+als Generaldirektor berufen worden ... Neugierig
+musterte man ihn – und ihm gegenüber den alten Buck,
+auf dessen Kosten er Seide gesponnen hatte. Die zwanzigtausend,
+die er dem Alten zuletzt noch geliehen hatte, bekam
+<pb n='460'/><anchor id='Pgp0460'/>er nun mit hundert Prozent zurück, und war noch edel. Daß
+der Alte sich für das Geld gerade Gausenfelder gekauft
+hatte, wirkte wie ein guter Witz von Heßling und tröstete
+im Augenblick manchen über den eigenen Verlust. Bei
+Diederichs Abgang schwieg man an seinem Wege. Die Grüße
+drückten Achtung in dem Grade aus, wo sie in Unterwürfigkeit
+übergeht. Die Hereingefallenen grüßten den Erfolg.
+</p>
+
+<p>
+Mit dem alten Buck verfuhren sie unwirscher. Als der
+Vorsitzende das Urteil verkündete, ward geklatscht. Nur
+fünfzig Mark für den Redakteur der „Volksstimme“!
+Der Beweis war nicht vollständig erbracht, guter Glaube
+ward zugebilligt. Vernichtend für den Kläger, sagten die
+Juristen – und wie Buck das Gerichtsgebäude verließ,
+wichen auch die Freunde ihm aus. Kleine Leute, die an
+Gausenfeld ihre Ersparnisse verloren hatten, schüttelten
+die Fäuste hinter ihm her. Und allen brachte dieser Spruch
+des Gerichts die Erleuchtung, daß sie mit ihrer Meinung
+über den alten Buck eigentlich schon längst fertig waren.
+Ein Geschäft wie das mit dem Terrain für das Säuglingsheim
+mußte wenigstens glücken: das Wort war von Heßling,
+und es stimmte. Aber daran lag es: dem alten Buck
+war seiner Lebtage kein Geschäft geglückt. Er dünkte sich
+was Wunder, wenn er als Stadtvater und Parteiführer
+mit Schulden abschnitt. Faule Kunden gab es noch mehr!
+Der geschäftlichen Fragwürdigkeit aber entsprach die
+moralische, dafür zeugte die nie recht aufgeklärte Geschichte
+mit der Verlobung seines Sohnes, desselben, der sich jetzt
+beim Theater umhertrieb. Und Bucks Politik? Eine
+internationale Gesinnung, immer nur Opfer fordern für
+demagogische Zwecke, aber wie Hund und Katz’ mit der Regierung,
+was dann wieder auf die Geschäfte zurückwirkte:
+das war die Politik eines Menschen, der nichts mehr zu
+<pb n='461'/><anchor id='Pgp0461'/>verlieren hat und dem es an gutbürgerlicher Mündelsicherheit
+gebricht. Entrüstet erkannte man, daß man sich
+auf Gedeih und Verderb in der Hand eines Abenteurers
+befunden hatte. Ihn unschädlich zu machen, war der
+allgemeine Herzenswunsch. Da er von selbst aus dem vernichtenden
+Urteil die Folgerungen nicht zog, mußten
+andere sie ihm nahelegen. Das Verwaltungsrecht enthielt
+doch wohl eine Bestimmung, wonach ein Gemeindebeamter
+sich durch sein Verhalten in und außer dem Amte
+der Achtung, die dieses erfordert, würdig zu erweisen
+hatte. Ob der alte Buck diese Bestimmung erfüllte? Die
+Frage aufwerfen, hieß sie verneinen, wie die „Netziger
+Zeitung“, ohne natürlich seinen Namen zu nennen, feststellte.
+Aber es mußte erst so weit kommen, daß die Stadtverordnetenversammlung
+mit der Angelegenheit befaßt
+ward. Da endlich, einen Tag vor der Debatte, nahm
+der hartgesottene Alte Vernunft an und legte sein Amt
+als Stadtrat nieder. Seine politischen Freunde konnten
+ihn hiernach, bei Gefahr, die letzten Anhänger zu verlieren,
+nicht länger an der Spitze der Partei lassen. Er machte
+es ihnen nicht leicht, wie es schien; mehrfache Besuche bei
+ihm und ein sanfter Druck waren nötig, bevor in der
+Zeitung sein Brief erschien: das Wohl der Demokratie
+sei ihm wichtiger als seins. Da ihr, unter der Einwirkung
+von Leidenschaften, die er für vergänglich halten wolle,
+jetzt Schaden drohe durch seinen Namen, trete er zurück.
+„Wenn es dem Ganzen nützen kann, bin ich bereit, den
+ungerechten Makel, den der getäuschte Volkswille mir auferlegt,
+zu tragen, im Glauben an die ewige Gerechtigkeit
+des Volkes, das ihn dereinst wieder von mir nehmen wird.“
+</p>
+
+<p>
+Dies faßte man als Heuchelei und Überhebung auf; die
+Wohlmeinenden entschuldigten es mit Greisenhaftigkeit.
+<pb n='462'/><anchor id='Pgp0462'/>Übrigens hatte, was er schrieb oder nicht schrieb, keinen
+Belang mehr, denn was war er noch? Leute, die ihm
+Stellungen oder Gewinn verdankten, sahen ihm plötzlich
+ins Gesicht, ohne an den Hut zu fassen. Manche lachten
+und machten laute Bemerkungen: es waren die, denen
+er nichts zu befehlen gehabt hatte und die dennoch voll
+Ergebenheit gewesen waren, solange er das allgemeine
+Ansehen genoß. Statt der alten Freunde aber, die auf
+seinem täglichen Spaziergang sich niemals vorfanden,
+kamen neue, seltsame. Sie begegneten ihm, wenn er heimkehrte
+und es schon dämmerte, und es war etwa ein kleiner
+Geschäftsmann mit gehetzten Augen, dem der Bankerott im
+Nacken saß, oder ein düsterer Trunkenbold, oder irgendein
+die Häuser entlang streichender Schatten. Diese sahen ihm,
+den Schritt verlangsamend, entgegen mit scheuer oder
+frecher Vertraulichkeit. Sie rückten wohl zögernd ihre Kopfbedeckung,
+dann winkte der alte Buck ihnen zu, und auch die
+Hand, die hingehalten ward, nahm er, ganz gleich welche.
+</p>
+
+<p>
+Da die Zeit verging, beachtete auch der Haß ihn nicht
+mehr. Wer mit Absicht weggesehen hatte, ging nun gleichgültig
+vorbei, und manchmal grüßte er wieder, aus alter
+Gewohnheit. Ein Vater, der seinen jungen Sohn bei
+sich hatte, bekam eine nachdenkliche Miene, und waren
+sie vorüber, erklärte er dem Kinde: „Hast du den alten
+Herrn gesehen, der da so allein hinschleicht und niemand
+ansieht? Dann merke dir für dein Leben, was aus einem
+Menschen die Schande machen kann.“ Und das Kind
+ward fortan beim Anblick des alten Buck von einem geheimnisvollen
+Grauen überlaufen, gleich wie das erwachsene
+Geschlecht, als es klein war, bei seinem Anblick
+einen unerklärten Stolz gefühlt hatte. Junge Leute freilich
+gab es, die der herrschenden Meinung nicht folgten.
+<pb n='463'/><anchor id='Pgp0463'/>Manchmal, wenn der Alte das Haus verließ, war eben
+die Schule aus. Die Herden der Heranwachsenden trabten
+davon, ehrfürchtig machten sie ihren Lehrern Platz,
+und Kühnchen, jetzt rückhaltlos national, oder Pastor
+Zillich, sittenstrenger als je seit dem Unglück mit Käthchen,
+eilten hindurch, ohne einen Blick für den Gefallenen.
+Da blieben am Wege diese wenigen jungen Leute stehen,
+jeder für sich, wie es schien, und aus eigenem Antrieb.
+Ihre Stirnen sahen weniger glatt aus als die meisten; sie
+hatten Ausdruck in den Augen, nun sie Kühnchen und
+Zillich den Rücken kehrten und vor dem alten Buck den
+Kopf entblößten. Unwillkürlich hielt er dann den Schritt
+an und sah in diese zukunftsträchtigen Gesichter, noch einmal
+voll der Hoffnung, mit der er sein Leben lang in
+alle Menschengesichter gesehen hatte.
+</p>
+
+<milestone unit="tb"/>
+
+<p>
+Diederich inzwischen hatte wahrhaftig keine Zeit, viel
+Aufmerksamkeit zu wenden an nebensächliche Begleiterscheinungen
+seines Aufstiegs. Die „Netziger Zeitung“,
+jetzt unbedingt zu Diederichs Verfügung, stellte fest, daß
+Herr Buck selbst es gewesen sei, der, noch bevor er den
+Vorsitz im Aufsichtsrat niederlegte, die Berufung des Herrn
+Doktor Heßling zum Generaldirektor befürworten mußte.
+An der Tatsache spürte mancher einen eigenartigen Geschmack.
+Doch gab Nothgroschen zu bedenken, daß Herr
+Generaldirektor Doktor Heßling sich ein großes und unbestrittenes
+Verdienst um die Allgemeinheit erworben habe.
+Ohne ihn, der mehr als die Hälfte der Aktien in aller
+Stille an sich gebracht hatte, wären sie sicherlich immer
+tiefer gefallen, und gar manche Familie verdankte es nur
+Herrn Doktor Heßling, daß sie vor dem Zusammenbruch bewahrt
+blieb. Der Streik war durch die Energie des neuen
+<pb n='464'/><anchor id='Pgp0464'/>Generaldirektors glücklich beschworen. Seine nationale
+und kaisertreue Gesinnung bürgte dafür, daß die Regierungssonne
+künftig über Gausenfeld nicht mehr untergehen
+werde. Kurz, herrliche Zeiten brachen nun an für
+das wirtschaftliche Leben Netzigs und besonders für die
+Papierindustrie – zumal das Gerücht von einer Fusion
+des Heßlingschen Werkes mit Gausenfeld, wie aus sicherer
+Quelle verlautete, auf Wahrheit beruhte. Nothgroschen
+konnte verraten, daß Herr Doktor Heßling nur unter dieser
+Bedingung sich habe bewegen lassen, die Leitung Gausenfelds
+zu übernehmen.
+</p>
+
+<p>
+Tatsächlich hatte Diederich nichts so Eiliges zu tun, als
+das Aktienkapital erhöhen zu lassen. Für das neue
+Kapital ward das Heßlingsche Werk erworben. Diederich
+hatte ein glänzendes Geschäft gemacht. Seine erste Regierungshandlung
+hatte der Erfolg gekrönt, er war Herr
+der Lage, mit seinem Aufsichtsrat aus gefügigen Männern,
+und konnte daran gehen, der inneren Organisation
+des Unternehmens seinen Herrscherwillen aufzudrücken.
+Gleich anfangs versammelte er sein ganzes Volk von
+Arbeitern und Angestellten. „Einige von euch“, sagte er,
+„kennen mich schon, vom Heßlingschen Werk her. Na,
+und ihr anderen sollt mich kennenlernen! Wer mir behilflich
+sein will, ist willkommen, aber Umsturz wird nicht
+geduldet! Vor noch nicht zwei Jahren hab’ ich das einem
+kleinen Teil von euch gesagt, und jetzt seht euch an, wie
+viele ich jetzt unter meinem Befehle habe. Ihr könnt stolz
+auf einen solchen Herrn sein! Verlaßt euch auf mich,
+ich werde es mir angelegen sein lassen, euern nationalen
+Sinn zu wecken und euch zu treuen Anhängern der bestehenden
+Ordnung zu machen.“ Und er verhieß ihnen
+eigene Wohnhäuser, Krankenunterstützungen, billige
+<pb n='465'/><anchor id='Pgp0465'/>Lebensmittel. „Sozialistische Umtriebe aber verbitte ich
+mir! Wer in Zukunft anders wählt, als ich will, fliegt!“
+Auch dem Unglauben, sagte Diederich, sei er zu steuern
+entschlossen; jeden Sonntag werde er sich überzeugen,
+wer in der Kirche sei und wer nicht. „Solange in der Welt
+die unerlöste Sünde herrscht, wird es Krieg und Haß, Neid
+und Zwietracht geben. Und darum: einer muß Herr sein!“
+</p>
+
+<p>
+Um diesen obersten Grundsatz zur Geltung zu bringen,
+wurden alle Räume der Fabrik bedeckt mit Inschriften,
+die ihn verkündeten. Durchgang verboten! Wasserholen
+mit den Eimern der Feuerlöschapparate verboten!
+Flaschenbierholen erst recht verboten, denn Diederich
+hatte nicht versäumt, mit einer Brauerei einen Vertrag
+zu schließen, der ihm Vorteile sicherte vom Konsum seiner
+Leute ... Essen, Schlafen, Rauchen, Kinder mitbringen,
+„Poussieren, Schäkern, Knutschen, überhaupt jede Unzucht“
+strengstens verboten! In den Arbeiterhäusern waren,
+noch bevor sie wirklich dastanden, Pflegekinder verboten.
+Ein in freier Liebe dahinlebendes Paar, das unter Klüsing
+zehn Jahre lang sich der Entdeckung zu entziehen gewußt
+hatte, wurde feierlich entlassen. Dieser Vorfall war für
+Diederich sogar der Anlaß, ein neues Mittel zur sittlichen
+Hebung des Volkes zu verwenden. An den geeigneten
+Orten ließ er ein in Gausenfeld selbst erzeugtes Papier
+aufhängen, bei dessen Benutzung niemand umhin konnte,
+die moralischen oder staatserhaltenden Maximen zu beachten,
+mit denen es bedruckt war. Zuweilen hörte er die
+Arbeiter einen von hoher Stelle stammenden Ausspruch
+einander zurufen, von dem sie auf diesem Wege überzeugt
+worden waren, oder sie sangen ein patriotisches Lied,
+das sich ihnen bei derselben Gelegenheit eingeprägt hatte.
+Ermutigt durch diese Erfolge, brachte Diederich seine
+Er<pb n='466'/><anchor id='Pgp0466'/>findung in den Handel. Sie trat unter dem Zeichen
+„Weltmacht“ auf, und wirklich trug sie, wie eine großzügige
+Reklame es verkündete, deutschen Geist, gestützt
+auf deutsche Technik, siegreich durch die Welt.
+</p>
+
+<p>
+Alle Konfliktsstoffe zwischen Herrn und Arbeitern
+konnten auch diese erzieherischen Papiere nicht entfernen.
+Eines Tages sah Diederich sich veranlaßt, bekanntzugeben,
+daß er vom Versicherungsgeld nur Zahnbehandlung,
+nicht aber auch Zahnersatz bezahlen werde. Ein Mann
+hatte sich ein ganzes Gebiß verfertigen lassen! Da Diederich
+sich auf seine, freilich erst nachträglich erlassene Bekanntmachung
+berief, prozessierte der Mann und bekam
+abenteuerlicherweise sogar recht. Hierdurch in seinem
+Glauben an die herrschende Ordnung erschüttert, ward
+er zum Aufwiegler, verkam sittlich und wäre unter anderen
+Umständen unbedingt entlassen worden. So aber konnte
+Diederich sich nicht entschließen, das Gebiß, das ihn teuer
+zu stehen kam, dahinzugeben, und behielt daher auch den
+Mann.... Die ganze Angelegenheit, er verhehlte es sich
+nicht, war dem Geiste der Arbeiterschaft nicht zuträglich.
+Hinzu kam die Einwirkung gefährlicher politischer Ereignisse.
+Als im neu eröffneten Reichstagsgebäude mehrere
+sozialdemokratische Abgeordnete beim Kaiserhoch sitzengeblieben
+waren, da konnte man nicht mehr zweifeln,
+die Notwendigkeit einer Umsturzvorlage war bewiesen.
+Diederich machte in der Öffentlichkeit dafür Stimmung;
+seine Leute bereitete er darauf in einer Ansprache vor,
+die sie mit düsterem Schweigen aufnahmen. Die Mehrheit
+des Reichstages war gewissenlos genug, die Vorlage
+abzulehnen, und der Erfolg ließ nicht warten, ein Industrieller
+ward ermordet. Ermordet! Ein Industrieller!
+Der Mörder behauptete kein Sozialdemokrat zu sein, aber
+<pb n='467'/><anchor id='Pgp0467'/>das kannte Diederich von seinen eigenen Leuten her; und
+der Ermordete sollte arbeiterfreundlich gewesen sein, aber
+das kannte Diederich an sich selbst. Tage- und wochenlang
+öffnete er keine Tür ohne Bangen vor einem dahinter
+schon gezückten Messer. Sein Bureau erhielt Selbstschüsse,
+und gemeinsam mit Guste kroch er jeden Abend durch das
+Schlafzimmer und suchte. Seine Telegramme an den
+Kaiser, mochten sie von der Stadtverordnetenversammlung
+ausgehen, vom Vorstand der „Partei des Kaisers“,
+vom Unternehmerverband oder vom Kriegerverein: die
+Telegramme, mit denen Diederich den Allerhöchsten
+Herrn überschüttete, schrien nach Hilfe gegen die von den
+Sozialisten angefachte Revolutionsbewegung, der wieder
+ein Opfer mehr erlegen war; nach Befreiung von dieser
+Pest, nach schleunigen gesetzlichen Maßnahmen, militärischem
+Schutz der Autorität und des Eigentums, nach
+Zuchthausstrafen für Streikende, die jemand abhielten
+zu arbeiten.... Die „Netziger Zeitung“, die alles dies
+pünktlich wiedergab, vergaß aber keinesfalls hinzuzufügen,
+wie sehr gerade Herr Generaldirektor Doktor Heßling
+sich verdient mache um den sozialen Frieden und die
+Arbeiterfürsorge. Jedes von Diederich neuerbaute Arbeiterhaus
+führte Nothgroschen stark geschmeichelt im
+Bilde vor und schrieb dazu einen hochgestimmten Artikel.
+Mochten gewisse andere Arbeitgeber, deren Einfluß in
+Netzig glücklicherweise nicht mehr in Frage kam, unter
+ihren Angestellten subversive Tendenzen schüren, indem
+sie sie am Gewinn beteiligten. Die von Herrn Generaldirektor
+Doktor Heßling vertretenen Grundsätze zeitigten
+zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer das denkbar beste
+Verhältnis, wie Seine Majestät der Kaiser es überall
+in der deutschen Industrie zu sehen wünschten. Ein
+kräf<pb n='468'/><anchor id='Pgp0468'/>tiger Widerstand gegen die unberechtigten Forderungen
+der Arbeiter sowie eine Koalition der Arbeitgeber gehörten
+bekanntlich gleichfalls zum sozialen Programm des
+Kaisers, das mit zu verwirklichen ein Ruhmestitel des
+Herrn Generaldirektor Doktor Heßling war. – Und daneben
+stand Diederichs Bild.
+</p>
+
+<p>
+Solche Anerkennung spornte zu immer eifrigerer Betätigung
+an – trotz der unerlösten Sünde, die ihre verheerende
+Wirkung übrigens nicht nur geschäftlich, sondern
+auch in der Familie äußerte. Hier war es leider Kienast,
+der Neid und Zwietracht säte. Er behauptete, daß ohne
+ihn und seine unauffällige Vermittlung beim Ankauf
+der Aktien Diederich seine glänzende Stellung gar nicht
+erlangt haben würde. Worauf Diederich erwiderte, daß
+Kienast durch einen seinen Mitteln entsprechenden Aktienbesitz
+entschädigt sei. Dies erkannte der Schwager nicht
+an, vielmehr vermaß er sich, für seine pietätlosen Ansprüche
+eine rechtliche Grundlage gefunden zu haben.
+War er nicht als Gatte Magdas der Mitbesitzer, zu einem
+Achtel ihres Wertes, der alten Heßlingschen Fabrik gewesen?
+Die Fabrik war verkauft, Diederich hatte bares
+Geld und Gausenfelder Vorzugsaktien dafür bekommen.
+Kienast verlangte ein Achtel der Kapitalrente und der
+jährlichen Dividende der Vorzugsaktien. Auf dieses unerhörte
+Ansinnen erwiderte Diederich mit aller Energie,
+daß er weder seinem Schwager noch seiner Schwester
+irgend etwas mehr schuldig sei. „Ich war nur verpflichtet,
+euch euren Anteil vom jährlichen Gewinn meiner Fabrik
+zu zahlen. Meine Fabrik ist verkauft. Gausenfeld gehört
+nicht mir, sondern einer Aktiengesellschaft. Was das Kapital
+betrifft, das ist mein Privatvermögen. Ihr habt nichts zu
+fordern.“ – Kienast nannte dies einen offenen Raub,
+Die<pb n='469'/><anchor id='Pgp0469'/>derich, durch die eigenen Argumente vollkommen überzeugt,
+sprach von Erpressung, und dann folgte ein Prozeß.
+</p>
+
+<p>
+Der Prozeß dauerte drei Jahre. Er ward mit immer
+wachsender Erbitterung geführt, besonders von seiten
+Kienasts, der, um sich ihm ganz zu widmen, seine Stellung
+in Eschweiler aufgab und mit Magda nach Netzig zog.
+Als Hauptzeugen gegen Diederich hatte er den alten Sötbier
+aufgestellt, der in seiner Rachsucht nun wirklich beweisen
+wollte, daß Diederich schon früher an seine Verwandten
+nicht die ihnen zustehenden Summen abgeführt
+habe. Auch verfiel Kienast darauf, gewisse Punkte in
+Diederichs Vergangenheit mit Hilfe des jetzigen Abgeordneten
+Napoleon Fischer aufhellen zu wollen: was ihm
+freilich niemals recht gelang. Immerhin aber ward Diederich
+durch dieses Vorgehen genötigt, zu verschiedenen
+Malen größere Beträge für die sozialdemokratische Parteikasse
+zu erlegen. Und er durfte es sich sagen, sein persönlicher
+Verlust schmerzte ihn weniger als der Abbruch,
+den dergestalt die nationale Sache erlitt ... Guste, deren
+Blick so weit nicht reichte, schürte den Streit der Männer
+mehr aus weiblichen Motiven. Ihr Erstes war ein Mädchen,
+und sie verzieh Magda ihren Jungen nicht. Magda,
+die den Geldsachen anfangs nur ein laues Interesse entgegengebracht
+hatte, leitete den Beginn der Feindseligkeiten
+von dem Tage her, als Emmi mit einem aus Berlin
+bezogenen unerhörten Hut erschien. Magda stellte fest,
+daß Emmi jetzt von Diederich in der empörendsten Weise
+bevorzugt wurde. Emmi bewohnte in Gausenfeld ein
+eigenes Appartement, wo sie Tees gab. Die Höhe ihres
+Toilettegeldes stellte eine Unverschämtheit gegen die
+verheiratete Schwester dar. Magda mußte sehen, daß
+der Vorrang, den ihre Verheiratung ihr eingetragen hatte,
+<pb n='470'/><anchor id='Pgp0470'/>sich in das Gegenteil verkehrte; und sie beschuldigte Diederich,
+er habe sich ihrer, vor dem Anbruch seiner Glanzzeit,
+heimtückisch entledigt. Wenn Emmi auch jetzt noch keinen
+Mann fand, schien dies besondere Gründe zu haben –
+die man sich in Netzig denn auch ins Ohr sagte. Magda
+sah kein Hindernis, sie laut auszusprechen. Durch Inge
+Tietz erfuhr man es in Gausenfeld; aber Inge brachte
+zugleich eine Waffe gegen die Verleumderin mit, weil
+sie nämlich bei Kienasts der Hebamme begegnet war,
+und das erste Kind war kaum ein halbes Jahr. Ein furchtbarer
+Aufruhr trat hierauf ein, telephonische Beschimpfungen
+von Haus zu Haus, Drohungen mit gerichtlicher
+Klage, wofür man Stoff sammelte, indem jede der beiden
+Frauen das Zimmermädchen der anderen anwarb.
+</p>
+
+<p>
+Und bald nachdem Diederich und Kienast mit männlicher
+Besonnenheit den äußersten Familienskandal für
+diesmal noch verhütet hatten, brach er dennoch aus.
+Guste und Diederich bekamen anonyme Briefe, die sie
+vor jedem Dritten und sogar voreinander verstecken mußten,
+so grenzenlos frivol war ihr Inhalt. Noch dazu illustrierten
+ihn Zeichnungen, die jedes erlaubte Maß einer
+wenn auch realistischen Kunst überschritten. Pünktlich
+jeden Morgen lagen die harmlos grauen Umschläge auf
+dem Frühstückstisch, und jeder ließ den seinen verschwinden,
+wobei man tat, als habe man den des anderen nicht bemerkt.
+Eines Tages freilich war es aus mit dem Versteckenspiel,
+denn Magda hatte die Kühnheit, in Gausenfeld
+zu erscheinen, versehen mit einem Packen ganz gleichartiger
+Briefe, die sie selbst erhalten haben wollte. Dies
+fand Guste zu stark. „Du wirst wohl wissen, wer sie dir
+schreibt!“ brachte sie hervor, erstickt und rot angelaufen.
+Magda sagte, sie könne es sich denken, und darum sei
+<pb n='471'/><anchor id='Pgp0471'/>sie gekommen. „Wenn du es nötig hast,“ erwiderte Guste
+und zischte, „daß du dir selbst mußt solche Briefe schreiben,
+damit du in Stimmung kommst, dann schreib’ sie wenigstens
+anderen Leuten nicht, die es nicht nötig haben!“ Magda
+protestierte und stieß ihrerseits, grün im Gesicht, Beschuldigungen
+aus. Aber Guste war zum Telephon gestürzt,
+sie rief Diederich aus dem Bureau herbei; dann lief
+sie fort und kehrte mit einem Packen Briefe zurück. Gegenüber
+trat Diederich ein und hatte seinen auch schon dabei.
+Als die drei interessanten Sammlungen wirkungsvoll
+ausgebreitet auf dem Tisch lagen, sahen die drei Verwandten
+entgeistert einander an. Dann faßten sie sich
+und schrien alle gleichzeitig dieselben Anklagen. Um nicht
+an Boden zu verlieren, rief Magda das Zeugnis ihres
+Mannes an, der gleichfalls heimgesucht sei. Guste behauptete,
+auch bei Emmi etwas gesehen zu haben. Emmi
+ward geholt und gestand unschwer in ihrer wegwerfenden
+Art, daß auch ihr die Post solche Schweinereien gebracht
+habe. Die meisten habe sie vernichtet. Die alte Frau
+Heßling sogar war nicht verschont geblieben! Sie leugnete
+zwar weinend, solange es ging, ward aber überführt
+... Da dies alles die Angelegenheit nur erweiterte,
+aber nicht klärte, trennte man sich beiderseits mit Drohungen,
+die innerlich haltlos, aber keineswegs ohne Schrecken
+waren. Um ihre Stellung zu befestigen, hielt jede der
+Parteien Umschau nach Bundesgenossen, wobei sich zunächst
+herausstellte, daß auch Inge Tietz zu den Empfängern
+der unpassenden Darbietungen gehörte. Was hiernach
+zu vermuten stand, bestätigte sich. Der unheimliche
+Briefschreiber hatte überall in das Privatleben eingegriffen,
+sogar bei Pastor Zillich, ja beim Bürgermeister
+und den Seinen. Soweit man blickte, hatte er um das
+<pb n='472'/><anchor id='Pgp0472'/>Haus Heßling und alle guten Häuser, die ihm nahestanden,
+eine Atmosphäre der krassesten Obszönität geschaffen.
+Wochenlang wagte Guste sich nicht hinaus. Ihr und
+Diederichs Argwohn warf sich entsetzensvoll von dem auf
+jenen. In ganz Netzig traute keiner mehr dem Vertrautesten.
+Der Tag kam und die Frühstücksstunde, da im Schoß
+der Familie Heßling der Verdacht die letzten Grenzen verletzte.
+Ein Dokument, unbeirrbar wie noch keins, zitterte in
+Gustes Hand; es hielt Augenblicke fest, die in ihrer Eigentümlichkeit
+nur ihr und ihrem Gatten, tief verschwiegen,
+bewußt waren. Kein Dritter ahnte dies, sonst hörte alles
+auf. Dann aber?... Guste sandte über den Kaffeetisch
+einen prüfenden Blick zu Diederich: in seiner Hand zitterte
+das gleiche Papier, und auch sein Blick prüfte. Schnell
+schlugen beide, schreckengepackt, die Augen nieder.
+</p>
+
+<p>
+Der Verräter war überall. Wo niemand sonst war, da
+war er ein zweites Ich. Durch ihn ward in nie geahnter
+Weise alle bürgerliche Ehrbarkeit in Frage gestellt. Dank
+seiner Tätigkeit wäre in Netzig jedes moralische Selbstgefühl
+und alle gegenseitige Achtung zum Untergang
+verurteilt gewesen, hätte man nicht, wie auf allseitige
+Verabredung, Gegenmaßregeln getroffen, die sie wiederherstellten.
+Die tausendfältigen Ängste, unterirdisch fortarbeitend
+nach einem Ausweg, liefen zusammen von allen
+Seiten, schufen mit der Kraft der vereinigten Angst den
+Kanal, der ans Licht führte, und konnten endlich ihre
+dunkeln Fluten ergießen über einen Mann. Gottlieb
+Hornung wußte nicht, wie ihm geschah. Unter vier Augen
+mit Diederich hatte er nach seiner Weise groß getan und
+sich gewisser Briefe gerühmt, die er geschrieben haben
+wollte. Auf Diederichs strenge Vorhaltungen bemerkte
+er nur, solche Briefe schriebe doch jetzt jeder, es sei Mode,
+<pb n='473'/><anchor id='Pgp0473'/>ein Gesellschaftsspiel – was Diederich sofort gebührend
+zurückwies. Er nahm aus der Unterredung den Eindruck
+mit, sein alter Freund und Kommilitone Gottlieb Hornung,
+der schon so manche nützlichen Dienste geleistet
+hatte, sei ganz geeignet, auch hier einen zu leisten, wäre
+es selbst unfreiwillig; weshalb er ihn pflichtgemäß anzeigte.
+Und als Hornung erst einmal laut genannt war,
+zeigte es sich, daß er schon längst überall verdächtigt war.
+Er hatte während der Wahlen zahlreiche Einblicke erhalten,
+war übrigens aus Netzig und ohne Verwandte, was
+ihm den Unfug offenbar erleichtert hatte. Hinzu kam sein
+Verzweiflungskampf um das Recht, weder Schwämme
+noch Zahnbürsten zu verkaufen; dieser Kampf verbitterte
+ihn zusehends, er hatte ihm gewisse höhnische Äußerungen
+entrissen, über Herrschaften, die die Schwämme
+wohl nicht nur außen nötig hätten, und bei denen mit
+Zähneputzen noch nichts geschehen sei. Er ward angeklagt
+und gab in mehreren Fällen seine Urheberschaft
+ohne weiteres zu. In den meisten freilich leugnete er
+sie um so kräftiger, aber dafür gab es Schreibsachverständige.
+Gegenüber der Meinung eines Zeugen wie Heuteufel,
+der von einer Epidemie sprach und behauptete,
+ein einzelner sei zu schwach für diesen ungeheuren Haufen
+Mist, standen alle übrigen Aussagen, stand der öffentliche
+Wille. Auf das glücklichste vertrat ihn Jadassohn, der seit
+seiner Rückkehr aus Paris kleinere Ohren hatte und zum
+Staatsanwalt befördert war. Der Erfolg und das Bewußtsein,
+einwandfrei dazustehen, hatten ihn sogar Mäßigung
+gelehrt; er sah ein, daß Rücksicht auf das große Ganze
+es gebiete, den Stimmen Gehör zu schenken, die Hornung
+für nervös überreizt ausgaben. Am bestimmtesten tat
+dies Diederich, der für seinen unglücklichen Jugendfreund
+<pb n='474'/><anchor id='Pgp0474'/>in jeder Weise eintrat. Hornung kam mit einem Aufenthalt
+im Sanatorium davon, und als er herausdurfte,
+versah Diederich ihn, wenn er nur Netzig verließ, mit
+Mitteln, die ihn gegen die Schwämme und Zahnbürsten
+für einige Zeit wappneten. Auf die Dauer freilich waren
+sie wohl die Stärkeren, und ein gutes Ende ließ sich kaum
+vorhersagen für Gottlieb Hornung.... Natürlich hörten,
+sobald er wohlverwahrt in der Anstalt saß, die Briefe auf.
+Oder wenigstens ließ man sich, wenn noch einer kam, nichts
+mehr merken, die Affäre war abgetan.
+</p>
+
+<milestone unit="tb"/>
+
+<p>
+Diederich durfte wieder sagen: „Mein Haus ist meine
+Burg.“ Die Familie, nicht länger schmutzigen Eingriffen
+ausgesetzt, blühte auf das reinste empor. Nach Gretchen,
+die 1894 geboren ward, und Horst, von 1895, folgte 1896
+Kraft. Diederich, ein gerechter Vater, legte jedem der
+Kinder, noch bevor es da war, ein Konto an und trug vorerst
+die Kosten der Ausstattung und der Hebamme ein.
+Seine Auffassung vom Eheleben war die strengste. Horst
+kam nicht ohne Mühe zur Welt. Als es vorüber war,
+erklärte Diederich seiner Gattin, daß er, vor die Wahl
+gestellt, sie glatt hätte sterben lassen. „So peinlich es mir
+gewesen wäre“, setzte er hinzu. „Aber die Rasse ist wichtiger,
+und für meine Söhne bin ich dem Kaiser verantwortlich.“
+Die Frauen waren der Kinder wegen da,
+Frivolitäten und Ungehörigkeiten versagte Diederich
+ihnen, war aber nicht abgeneigt, ihnen Erhebung und
+Erholung zu gönnen. „Halte dich an die drei <anchor id="corr474"/><corr sic="großen G">großen G“</corr>,
+bedeutete er Guste. „Gott, Gafee und Gören.“ Auf dem
+rotgewürfelten Tischtuch, mit Reichsadler und Kaiserkrone
+in den Würfeln, lag neben der Kaffeekanne immer
+die Bibel, und Guste war gehalten, jeden Morgen daraus
+<pb n='475'/><anchor id='Pgp0475'/>vorzulesen. Am Sonntag ging man zur Kirche. „Es
+ist oben erwünscht“, sagte Diederich ernst, wenn Guste
+sich sträubte. Wie Diederich in der Furcht seines Herrn,
+hatte Guste in der Furcht des ihren zu leben. Beim Eintritt
+ins Zimmer war es ihr bewußt, daß dem Gatten
+der Vortritt gebühre. Die Kinder wieder mußten ihr
+selbst die Ehre erweisen, und der Teckel Männe hatte alle
+zu Vorgesetzten. Beim Essen dann oblag es Hund und
+Kindern, sich schweigend zu verhalten; Gustes Sache war
+es, aus den Stirnfalten des Gatten zu ersehen, ob es
+geboten sei, daß man ihn ungestört lasse, oder aber ihm
+durch Geplauder die Sorgen verscheuche. Gewisse Gerichte
+wurden nur für den Hausherrn aufgetragen, und
+Diederich warf an guten Tagen ein Stück davon über
+den Tisch, um herzlich lachend zuzusehn, wer es erwischte,
+Gretchen, Guste oder Männe. Sein Nachmittagsschlaf
+war öfters durch eine Verdauungsstörung beschwert;
+Gustes Pflicht erheischte dann, ihm warme Bauchbinden
+anzulegen. Diederich verhieß ihr, ächzend und schwer
+beängstet, daß er sein Testament machen und einen Vormund
+einsetzen werde. Guste werde kein Geld in die Hand
+bekommen. „Ich hab’ für meine Söhne gearbeitet, aber
+nicht, damit du dich nachher amüsierst!“ Guste machte
+geltend, ihr eigenes Vermögen sei die Grundlage von
+allem, aber sie kam schön an ... Freilich, wenn Guste
+den Schnupfen hatte, durfte sie nicht erwarten, daß Diederich
+nun seinerseits ihre Pflege übernahm. Sie hatte sich
+dann nach Möglichkeit von ihm fernzuhalten, denn Diederich
+war entschlossen, keine Bazillen zu dulden. Die Fabrik
+betrat er nur mit desinfizierenden Tabletten im Munde;
+und eines Nachts entstand großer Lärm, weil die Köchin
+an Influenza erkrankt war und vierzig Grad Fieber hatte.
+<pb n='476'/><anchor id='Pgp0476'/>„Sofort aus dem Hause mit der Schweinerei!“ befahl
+Diederich; und als sie fort war, irrte er noch lange, keimtötende
+Flüssigkeiten verspritzend, durch die Wohnung.
+</p>
+
+<p>
+Am Abend bei der Lektüre des „Lokal-Anzeigers“ erklärte
+er seiner Gattin immer wieder, daß leben nicht notwendig
+sei, wohl aber schiffahren – was Guste schon
+darum einsah, weil auch sie die Kaiserin Friedrich nicht
+mochte, die uns bekanntlich an England verriet, ganz abgesehen
+von gewissen häuslichen Zuständen in Schloß
+Friedrichskron, die Guste lebhaft mißbilligte. Gegen England
+brauchten wir eine starke Flotte; es mußte unbedingt
+zerschmettert werden, es war der ärgste Feind des Kaisers.
+Und warum? Man wußte es in Netzig ganz genau:
+nur weil Seine Majestät einst in angeregter Laune dem
+Prinzen von Wales dort, wo es am verlockendsten erschien,
+einen freundschaftlichen Schlag versetzt hatte. Außerdem
+kamen aus England gewisse feine Papiersorten, deren
+Einfuhr durch einen siegreichen Krieg am sichersten abgestellt
+worden wäre. Über die Zeitung hinweg sagte
+Diederich zu Guste: „So wie ich England hasse, hat nur
+Friedrich der Große dies Volk von Dieben und Händlern
+gehaßt. Das ist ein Wort Seiner Majestät, und ich unterschreibe
+es.“ Er unterschrieb jedes Wort in jeder Rede
+des Kaisers, und zwar in der ersten, stärkeren Form, nicht
+in der abgeschwächten, die sie am Tage darauf annahmen.
+Alle diese Kernworte deutschen und zeitgemäßen Wesens
+– Diederich lebte und webte in ihnen, wie in Ausstrahlungen
+seiner eigenen Natur, sein Gedächtnis bewahrte
+sie, als habe er sie selbst gesprochen. Manchmal hatte er
+sie wirklich schon gesprochen. Andere untermischte er bei
+öffentlichen Gelegenheiten seinen eigenen Erfindungen,
+und weder er noch ein anderer unterschied, was von ihm
+<pb n='477'/><anchor id='Pgp0477'/>kam und was von einem Höheren ... „Dies ist süß“,
+sagte Guste, die das Vermischte las. „Der Dreizack gehört
+in unsere Faust“, behauptete Diederich unbeirrt,
+indes Guste ein Erlebnis der Kaiserin zum besten gab,
+das sie tief befriedigte. In Hubertusstock gefiel sich die
+hohe Frau in einfacher, beinahe bürgerlicher Kleidung.
+Ein Briefträger, dem sie sich auf der Landstraße zu erkennen
+gab, hatte ihr nicht geglaubt, daß sie es sei, und
+sie ausgelacht. Nachher war er vernichtet auf die Knie
+gesunken und hatte eine Mark erhalten. Dies entzückte
+auch Diederich – wie es ihm andererseits an das Herz
+griff, daß der Kaiser am Weihnachtsabend auf die Straße
+ging, um mit 57 Mark neugeprägten Geldes den Armen
+Berlins ein frohes Fest zu bereiten – und wie es ihn
+ahnungsvoll erschauern ließ, daß Seine Majestät Ehrenbailli
+des Maltheserordens geworden war. Welten, nie
+geahnt, erschloß der „Lokal-Anzeiger“, und dann wieder
+brachte er einem die Allerhöchsten Herrschaften gemütlich
+nahe. Im Erker dort die dreiviertel lebensgroßen Bronzefiguren
+der Majestäten schienen lächelnd näher zu rücken,
+und den Trompeter von Säckingen, der sie begleitete,
+hörte man traulich blasen. „Himmlisch muß es bei Kaisers
+sein,“ meinte Guste, „wenn große Wäsche ist. Sie haben
+hundert Leute zum Waschen!“ Wohingegen Diederich
+von tiefem Wohlgefallen erfüllt ward durch die Teckel
+des Kaisers, die vor den Schleppen der Hofdamen keine
+Achtung zu haben brauchten. Der Plan reifte in ihm,
+bei seiner nächsten Soiree seinem Männe volle diesbezügliche
+Freiheit zu erteilen. Freilich, schon auf der folgenden
+Spalte machte ein Telegramm ihm ernste Sorge, weil
+es noch immer nicht feststand, ob der Kaiser und der Zar
+sich treffen würden. „Wenn es nicht bald kommt,“ sagte
+<pb n='478'/><anchor id='Pgp0478'/>er gewichtig, „müssen wir uns auf alles gefaßt machen.
+Die Weltgeschichte läßt nicht mit sich spaßen.“ Gern hielt
+er sich länger bei drohenden Katastrophen auf, denn „die
+deutsche Seele ist ernst, fast tragisch“, stellte er fest.
+</p>
+
+<p>
+Aber Guste zeigte keine Teilnahme mehr, sie gähnte
+immer häufiger. Unter dem strafenden Blick des Gatten
+schien sie sich an eine Pflicht zu erinnern, sie machte
+herausfordernde Schlitzaugen und bedrängte ihn sogar
+mit ihren Knien. Er wollte noch einen nationalen Gedanken
+äußern, da sagte Guste mit ungewohnt strenger
+Stimme „Quatsch“; Diederich aber, weit entfernt, diesen
+Übergriff zu bestrafen, blinzelte sie an, als erwartete er
+noch mehr ... Da er sie unten zu umspannen versuchte,
+verscheuchte sie vollends ihre Müdigkeit, und plötzlich
+hatte er eine mächtige Ohrfeige – worauf er nichts erwiderte,
+sondern aufstand und sich schnaufend hinter einen
+Vorhang drückte. Und als er wieder in das Licht kam,
+zeigte es sich, daß seine Augen keineswegs blitzten, sondern
+voll Angst und dunkeln Verlangens standen ...
+Dies schien Guste die letzten Bedenken zu nehmen. Sie
+erhob sich; indes sie in fesselloser Weise mit den Hüften
+schaukelte, begann sie ihrerseits heftig zu blitzen, und den
+wurstförmigen Finger gebieterisch gegen den Boden gestreckt,
+zischte sie: „Auf die Knie, elender Schklafe!“ Und
+Diederich tat, was sie heischte! In einer unerhörten und
+wahnwitzigen Umkehrung aller Gesetze durfte Guste ihm
+befehlen: „Du sollst meine herrliche Gestalt anbeten!“ –
+und dann auf den Rücken gelagert, ließ er sich von ihr
+in den Bauch treten. Freilich unterbrach sie sich inmitten
+dieser Tätigkeit und fragte plötzlich ohne ihr grausames
+Pathos und streng sachlich: „Haste genug?“ Diederich
+rührte sich nicht; sofort ward Guste wieder ganz Herrin.
+<pb n='479'/><anchor id='Pgp0479'/>„Ich bin die Herrin, du bist der Untertan“, versicherte
+sie ausdrücklich. „Aufgestanden! Marsch!“ – und sie
+stieß ihn mit ihren Grübchenfäusten vor sich her nach dem
+ehelichen Schlafgemach. „Freu’ dich!“ verhieß sie ihm
+schon, da gelang es Diederich, zu entwischen und das Licht
+abzudrehen. Im Dunkeln, versagenden Herzens vernahm
+er, wie Guste dort hinten ihm die wenigst anständigen
+Namen gab, wobei sie freilich schon wieder gähnte.
+Etwas später lag sie vielleicht schon und schlief – Diederich
+aber, noch immer des Äußersten gewärtig, kroch auf
+allen Vieren die Estrade hinan und versteckte sich hinter
+dem bronzenen Kaiser ...
+</p>
+
+<p>
+Regelmäßig nach solchen nächtlichen Phantasien ließ
+er sich am Morgen das Wirtschaftsbuch vorlegen, und
+wehe, wenn Gustes Rechnung nicht glatt aufging. Durch
+ein fürchterliches Strafgericht in Gegenwart aller Dienstboten
+setzte Diederich ihrem kurzen Machtdünkel, falls
+sie noch eine Erinnerung daran bewahrte, ein jähes Ende.
+Autorität und Sitte triumphierten wieder. Auch sonst
+war dafür gesorgt, daß die ehelichen Beziehungen nicht
+allzusehr zum Vorteil Gustes ausschlugen, denn jeden
+zweiten, dritten Abend, manchmal noch öfter, ging Diederich
+fort – zum Stammtisch in den Ratskeller, wie er
+sagte, aber das stimmte nicht immer ... Am Stammtisch
+war Diederichs Platz unter einem gotischen Bogen, in
+dem zu lesen stand: „Je schöner die Kneip’, desto schlimmer
+das Weib, je schlimmer das Weib, desto schöner die Kneip’.“
+Und auch die kernigen alten Sinnsprüche in den übrigen
+Bogen rächten einen in wohltuender Weise für die Zugeständnisse,
+die man, durch die Natur genötigt, der Frau
+daheim zuweilen machte. „Wer nicht liebt Wein und Gesang,
+verdient ein Weib sein Leben lang“, oder „Behüt
+<pb n='480'/><anchor id='Pgp0480'/>euch Gott vor Schmerz und Wunden, vor bösen Weibern
+und bösen Hunden“. Dagegen las, wer zwischen Jadassohn
+und Heuteufel die Augen zur Decke erhob: „Friedliche
+Rast am traulichen Herd, und an der Wand ein schneidiges
+Schwert. Nach alter Sitt’ in deutscher Mitt’, kommt
+trinkt euch aller Sorgen quitt“. Was allerseits geschah,
+ohne Unterschied der Konfession und Partei. Denn auch
+Cohn und Heuteufel samt ihren näheren Freunden und
+Gesinnungsgenossen hatten im Lauf der Zeit sich eingefunden,
+einer nach dem anderen und ohne viel Aufsehen,
+weil es eben auf die Dauer niemandem möglich
+war, den Erfolg zu bestreiten oder zu übersehen, der den
+nationalen Gedanken beflügelte und immer höher trug.
+Das Verhältnis Heuteufels zu seinem Schwager Zillich
+litt nach wie vor unter Mißhelligkeiten. Zwischen den
+Weltanschauungen lagen denn doch unübersteigbare
+Schranken, und „in seine religiösen Überzeugungen läßt
+sich der Deutsche nicht hineinreden“, wie man auf beiden
+Seiten feststellte. In der Politik dagegen war bekanntlich
+jede Ideologie vom Übel. Seinerzeit im Frankfurter
+Parlament hatten gewisse hochbedeutende Männer gesessen,
+aber es waren noch keine Realpolitiker gewesen,
+und darum hatten sie nichts als Unsinn gemacht, wie Diederich
+bemerkte. Übrigens milde gestimmt durch seine
+Erfolge, gab er zu, daß das Deutschland der Dichter und
+Denker vielleicht auch seine Berechtigung gehabt habe.
+„Aber es war doch nur eine Vorstufe, unsere geistigen
+Leistungen heute liegen auf dem Gebiet der Industrie
+und Technik. Der Erfolg beweist.“ Heuteufel mußte es
+zugeben. Seine Äußerungen über den Kaiser, über Wirksamkeit
+und Bedeutung Seiner Majestät klangen wesentlich
+zurückhaltender als ehedem; bei jedem neuen
+Auf<pb n='481'/><anchor id='Pgp0481'/>treten des allerhöchsten Redners stutzte er, versuchte zu
+nörgeln und ließ doch erkennen, daß er am liebsten sich
+einfach angeschlossen hätte. Der entschiedene Liberalismus,
+dies ward nachgerade allgemein anerkannt, konnte
+nur gewinnen, wenn auch er sich mit der Energie des nationalen
+Gedankens erfüllte, wenn er positiv mitarbeitete
+und bei zielbewußtem Hochhalten des freiheitlichen Banners
+doch den Feinden, die uns den Platz in der Sonne
+nicht gönnten, ein unerbittliches <foreign rend="antiqua">quos ego</foreign> zurief. Denn
+nicht nur unser Erbfeind Frankreich erhob immer aufs
+neue das Haupt: auch die Abrechnung mit den unverschämten
+Engländern rückte näher! Die Flotte, für deren
+Ausbau die geniale Propaganda unseres genialen Kaisers
+unermüdlich wirkte, tat uns bitter not, und unsere Zukunft
+lag tatsächlich auf dem Wasser, diese Erkenntnis
+gewann immer mehr an Boden. Rings um den Stammtisch
+griff die Idee der Flotte Platz und ward zur lodernden
+Flamme, die immer neu mit deutschem Wein genährt,
+ihrem Schöpfer huldigte. Die Flotte, diese Schiffe,
+verblüffende Maschinen bürgerlicher Erfindung, die in
+Betrieb gesetzt, Weltmacht produzierten, genau wie in
+Gausenfeld gewisse Maschinen ein gewisses „Weltmacht“
+benanntes Papier produzierten, sie lag Diederich mehr
+als alles am Herzen, und Cohn wie Heuteufel wurden
+dem nationalen Gedanken vor allem durch die Flotte
+gewonnen: Eine Landung in England war der Traum,
+der unter den gotischen Gewölben des Ratskellers nebelte.
+Die Augen funkelten, und die Beschießung Londons ward
+verhandelt. Die Beschießung von Paris war eine Begleiterscheinung
+und vollendete die Pläne, die Gott mit
+uns vorhatte. Denn „die christlichen Kanonen tun gute
+Arbeit“, wie Pastor Zillich sagte. Nur Major Kunze
+be<pb n='482'/><anchor id='Pgp0482'/>zweifelte dies, er erging sich in den düstersten Voraussagen.
+Seit er, Kunze, von dem Genossen Fischer besiegt
+worden war, hielt er jede Niederlage für möglich.
+Aber er blieb der einzige Nörgler. Wer am meisten
+triumphierte, war Kühnchen. Die Taten, die der schreckliche
+kleine Greis einst im großen Krieg vollführt hatte,
+jetzt endlich, ein Vierteljahrhundert später, fanden sie
+ihre wahre Bestätigung in der allgemeinen Gesinnung.
+„Die Saat,“ sagte er, „die wir dunnemals gesät haben, na
+nu geht se auf. Daß meine alten Augen das noch sehen
+dürfen!“ – und dann schlief er ein bei seiner dritten Flasche.
+</p>
+
+<p>
+Im ganzen erfreulich gestaltete sich auch Diederichs
+Verhältnis zu Jadassohn. Die ehemaligen Rivalen, beide
+gereift und in die Sphäre der gesättigten Existenzen vorgerückt,
+beeinträchtigten einander weder politisch noch
+am Stammtisch, und auch nicht in jener verschwiegenen
+Villa, die Diederich an dem Abend der Woche aufsuchte,
+wo er ohne Gustes Wissen dem Stammtisch fernblieb.
+Sie lag vor dem Sachsentor, es war die ehemals von
+Brietzensche Villa, und sie ward bewohnt von einer einzelnen
+Dame, die selten öffentlich gesehen ward und dann
+niemals zu Fuß. In einer Proszeniumsloge der „Walhalla“
+saß sie zuweilen in großer Aufmachung, ward allgemein
+durch die Operngläser betrachtet, aber von niemand
+gegrüßt; und ihrerseits verhielt sie sich wie eine
+Königin, die ihr Inkognito wahrt. Natürlich wußte trotz
+der Aufmachung alle Welt, das war Käthchen Zillich,
+die, in Berlin für ihren Beruf vorgebildet, ihn in der
+von Brietzenschen Villa nunmehr erfolgreich ausübte.
+Auch verkannte niemand, daß dieser Tatbestand nicht
+geeignet schien, das Ansehen des Pastors Zillich zu heben.
+Die Gemeinde nahm schweres Ärgernis, zu schweigen
+<pb n='483'/><anchor id='Pgp0483'/>von den Spöttern, die entzückt waren. Um eine Katastrophe
+abzuwenden, beantragte der Pastor bei der Polizei
+die Beseitigung des Übels, stieß aber auf einen Widerstand,
+der nur erklärlich schien, wenn man gewisse Zusammenhänge
+annahm zwischen der Villa von Brietzen
+und den höchsten Stellen der Stadt. An der irdischen Gerechtigkeit
+nicht weniger als an der göttlichen verzweifelnd,
+schwor der Vater, das Amt des Richters selbst zu übernehmen,
+und wirklich sollte er eines Nachmittags, als
+sie noch im Bette lag, die verlorene Tochter einer Züchtigung
+unterzogen haben. Nur der Mutter, die ihm, alles
+ahnend, gefolgt war, verdankte Käthchen ihr nacktes
+Leben, wie die Gemeinde behauptete. Der Mutter
+sagte man eine verwerfliche Schwäche nach für die Tochter
+in ihrem sündigen Glanz. Was Pastor Zillich betraf,
+so erklärte er von der Kanzel herab Käthchen für tot und
+verfault, wodurch er sich vor dem Einschreiten des Konsistoriums
+rettete. Mit der Zeit verstärkte die ihm widerfahrene
+Prüfung seine Autorität ... Diederich seinerseits
+kannte von den Herren, die an Käthchens Lebenswandel
+mit Einlagen beteiligt waren, offiziell nur Jadassohn,
+obwohl Jadassohn von allen die kleinsten Einlagen
+machte, Diederich vermutete sogar, gar keine. Jadassohns
+Beziehungen zu Käthchen lagen eben, noch von früher
+her, als Hypothek auf dem Unternehmen. So nahm Diederich
+keinen Anstand, die Sorgen, die es ihm machte, mit
+Jadassohn zu besprechen. Die beiden rückten am Stammtisch
+in der Nische zusammen, die die Inschrift trug: „Was
+einem Mann zur Lust ein minnig Weiblein brät, gar wohl
+gerät“; und mit der gebotenen Rücksicht auf Pastor Zillich,
+der nicht weit davon über die christlichen Kanonen handelte,
+besprachen sie die Angelegenheiten der Villa von
+<pb n='484'/><anchor id='Pgp0484'/>Brietzen. Diederich beklagte sich über Käthchens unersättliche
+Ansprüche an seine Kasse, von Jadassohn erwartete
+er einen günstigen Einfluß auf sie in dieser Beziehung.
+Aber Jadassohn fragte nur: „Wozu haben Sie
+sie denn? Sie soll doch Geld kosten?“ Und dies war auch
+wieder richtig. Denn nach seiner ersten kurzen Genugtuung,
+Käthchen auf diesem Wege doch noch erworben
+zu haben, betrachtete Diederich sie nachgerade nur mehr
+als einen Posten, einen stattlichen Posten auf seinem
+Reklamekonto. „Meine Stellung,“ sagte er zu Jadassohn,
+„erfordert eine großzügige Repräsentation. Sonst
+würde ich, offen gestanden, das ganze Geschäft fallen
+lassen, denn unter uns, Käthchen bietet nicht genug.“ Hier
+lächelte Jadassohn beredsam, sagte aber nichts. „Überhaupt,“
+fuhr Diederich fort, „ist sie dasselbe Genre wie
+meine Frau, und meine Frau“ – er hielt die Hand vor –
+„ist leistungsfähiger. Sehen Sie, gegen sein Gemüt kann
+man nichts machen, nach jedem Abstecher in die Villa
+von Brietzen kommt es mir vor, als ob ich meiner Frau
+etwas schulde. Lachen Sie nur, tatsächlich schenke ich
+ihr dann immer was. Wenn es ihr nur nicht auffällt!“
+Jadassohn lachte mit noch mehr Grund, als Diederich
+meinte; denn er hatte es schon längst für seine sittliche
+Pflicht gehalten, Frau Generaldirektor Heßling aufzuklären
+über diese Zusammenhänge.
+</p>
+
+<p>
+Im Politischen ergab sich für Diederich und Jadassohn
+ein ähnlich ersprießliches Zusammenwirken wie bei
+Käthchen; denn gemeinsam beeiferten sie sich, die Stadt
+von Schlechtgesinnten zu reinigen, besonders von solchen,
+die die Pest der Majestätsbeleidigungen weiter verbreiteten.
+Diederich mit seinen vielfachen Beziehungen machte
+sie ausfindig, worauf Jadassohn sie ans Messer lieferte.
+<pb n='485'/><anchor id='Pgp0485'/>Nach dem Erscheinen des Sanges an Aegir gestaltete sich
+ihre Tätigkeit besonders fruchtbar. In Diederichs eigenem
+Hause nannte die Klavierlehrerin, die mit Guste übte, den
+Sang an Aegir einen –! In das, was sie gesagt hatte,
+flog sie selbst ... Wolfgang Buck sogar, der neuerdings
+wieder in Netzig weilte, erklärte die Verurteilung für
+durchaus angemessen, denn sie befriedige das monarchische
+Gefühl. „Einen Freispruch hätte das Volk nicht verstanden“,
+sagte er am Stammtisch. „Die Monarchie ist unter
+den politischen Regimen eben das, was in der Liebe die
+strengen und energischen Damen sind. Wer dementsprechend
+veranlagt ist, verlangt, daß etwas geschieht,
+und mit Milde ist ihm nicht gedient.“ Hier errötete Diederich
+... Leider bekundete Buck solche Gesinnungen nur,
+solange er nüchtern war. Späterhin gab er durch seine
+von früher her sattsam bekannte Art, die heiligsten Güter
+in den Schmutz zu ziehen, Gelegenheit genug, ihn aus
+jeder anständigen Gesellschaft auszuschließen. Diederich
+war es, der ihn vor diesem Schicksal bewahrte. Er verteidigte
+seinen Freund. „Die Herren müssen bedenken,
+er ist erblich belastet, denn die Familie weist Anzeichen
+einer schon ziemlich weit vorgeschrittenen Degeneration
+auf. Andererseits spricht es für einen gesunden Kern
+in ihm, daß das Schauspielerdasein ihn denn doch nicht
+befriedigt hat und daß er zu seinem Beruf als Rechtsanwalt
+zurückgefunden hat.“ Man erwiderte, es sei verdächtig,
+wenn Buck sich über seine fast dreijährigen Erfahrungen
+beim Theater so völlig ausschweige. War er
+überhaupt noch satisfaktionsfähig? Diese Frage konnte
+Diederich nicht beantworten; es war ein logisch nicht begründeter,
+aber tiefsitzender Drang, der ihn dem Sohn
+des alten Buck immer wieder näherte. Immer wieder
+<pb n='486'/><anchor id='Pgp0486'/>nahm er mit Eifer eine Unterredung auf, die doch jedesmal
+schroff abbrach, nachdem sie die schärfsten Gegensätze
+bloßgelegt hatte. Er führte Buck sogar in sein Heim ein,
+erlebte dabei aber eine Überraschung. Denn wenn Buck
+anfangs wohl nur einem besonders guten Kognak zuliebe
+kam, bald kam er sichtlich wegen Emmi. Die beiden verstanden
+sich über Diederich hinweg und in einer Art,
+die ihn befremdete. Sie führten spitze und scharfe Gespräche,
+anscheinend ohne das Gemüt oder die anderen
+Faktoren, die der Verkehr der Geschlechter normalerweise
+in Betrieb setzte; und senkten sie die Stimmen und
+wurden vertraulich, fand Diederich sie vollends unheimlich.
+Er hatte nur die Wahl, ob er dazwischenfahren und
+korrekte Verhältnisse herstellen oder aber das Zimmer
+verlassen sollte. Zu seinem eigenen Erstaunen entschied
+er sich für das letztere. „Sie haben beide sozusagen ihre
+Schicksale gehabt, wenn die Schicksale auch danach waren“,
+sagte er sich mit der Überlegenheit, die ihm zukam, und
+ohne viel darauf zu achten, daß er im Grunde stolz war
+auf Emmi, stolz, weil Emmi, seine eigene Schwester, fein
+genug, besonders genug, ja, fragwürdig genug schien,
+um sich mit Wolfgang Buck zu verständigen. „Wer weiß“,
+dachte er zögernd, und dann entschlossen: „Warum nicht!
+Bismarck hat es auch so gemacht, mit Österreich. Zuerst
+niedergeworfen, dann ein Bündnis!“
+</p>
+
+<p>
+Aus diesen noch dunklen Überlegungen heraus widmete
+Diederich auch dem Vater Wolfgangs wieder ein gewisses
+Interesse. Der alte Buck, von einem Herzleiden befallen,
+kam nur mehr selten zum Vorschein, und dann stand
+er die meiste Zeit vor irgendeinem Schaufenster, scheinbar
+in die Auslage vertieft, in Wirklichkeit aber einzig
+bemüht, zu verbergen, daß er nicht atmen konnte. Was
+<pb n='487'/><anchor id='Pgp0487'/>dachte er? Wie urteilte er über die neue geschäftliche Blüte
+Netzigs, den nationalen Aufschwung und über die, die jetzt
+die Macht hatten? War er überzeugt und auch innerlich
+besiegt? Es kam vor, daß Generaldirektor Doktor Heßling,
+der mächtigste Mann der Bürgerschaft, sich heimlich
+in ein Haustor drückte, um dann ungesehen hinterdrein zu
+schleichen hinter diesem einflußlosen, schon halb vergessenen
+Alten: er auf seiner Höhe rätselhaft beunruhigt durch einen
+Sterbenden ... Da der alte Buck seine Hypothekenzinsen
+nur noch mit Verspätung zahlte, schlug Diederich dem
+Sohn vor, er wolle das Haus übernehmen. Natürlich
+dürfe der alte Herr es bewohnen, solange er lebe. Auch
+die Einrichtung wollte Diederich kaufen und sogleich bezahlen.
+Wolfgang bestimmte den Vater, anzunehmen.
+</p>
+
+<p>
+Inzwischen ging der 22. März vorüber, Wilhelm der
+Große war hundert Jahre alt geworden, und sein Denkmal
+stand noch immer nicht im Volkspark. Die Interpellationen
+in der Stadtverordnetenversammlung nahmen kein
+Ende, mehrmals waren unter schweren Kämpfen Nachtragskredite
+bewilligt und wieder überschritten worden.
+Der schwerste Schlag hatte die Gemeinde getroffen, als
+Seine Majestät den höchstseligen Großvater als Fußgänger
+ablehnten und ein Reiterstandbild befahlen. Diederich,
+von Ungeduld getrieben, ging des öfteren am Abend in
+die Meisestraße, um sich vom Stand der Arbeiten zu
+überzeugen. Es war Mai und peinlich warm noch in der
+Dämmerung, aber auf dem leeren, neu angepflanzten
+Areal des Volksparkes ging ein Luftzug. Diederich sann
+wieder einmal mit gereizten Gefühlen dem glänzenden
+Geschäft nach, das der Rittergutsbesitzer Herr von Quitzin
+hier gemacht hatte. Der hatte es bequem gehabt! Grundstücksgeschäfte
+waren kein Kunststück, wenn der Vetter
+<pb n='488'/><anchor id='Pgp0488'/>Regierungspräsident war. Die Stadt mußte ihm einfach
+das Ganze abnehmen für das Kaiser-Wilhelm-Denkmal
+und mußte zahlen, was er verlangte ... Da tauchten
+zwei Gestalten auf; Diederich sah rechtzeitig, wer es
+war und zog sich ins Gebüsch zurück.
+</p>
+
+<p>
+„Hier läßt sich atmen“, sagte der alte Buck. Sein Sohn
+erwiderte:
+</p>
+
+<p>
+„Wenn einem hier nicht die Lust dazu vergeht. Sie
+haben anderthalb Millionen Schulden gemacht, um dieses
+Müllager zu schaffen.“ Und er zeigte auf den unfertigen
+Aufbau von steinernen Sockeln, Adlern, Rundbänken,
+Löwen, Tempeln und Figuren. Die Adler setzten flügelschlagend
+ihre Krallen in den noch leeren Sockel, andere
+Exemplare nisteten wieder auf jenen, die Rundbänke
+symmetrisch unterbrechenden Tempeln; dort holten aber
+auch Löwen zum Sprung aus nach dem Vordergrund,
+wo ohnehin Aufregung genug herrschte durch flatternde
+Fahnen und heftig agierende Menschen. Napoleon der
+Dritte, in der geknickten Haltung von Wilhelmshöhe die
+Rückwand des Sockels zierend, als Besiegter hinter dem
+Triumphwagen, war überdies immer in Gefahr, von
+einem Löwen angefallen zu werden, der gerade hinter
+ihm, auf der Treppe des Monuments, seinen schlimmsten
+Buckel machte – wohingegen Bismarck und die anderen
+Paladine, mitten im Tierkäfig wie zu Hause, vom Fuß
+des Sockels mit allen Händen hinauflangten, um mit
+anzugreifen bei den Taten des noch abwesenden Herrschers.
+</p>
+
+<p>
+„Wer müßte nun dort oben einhersprengen?“ fragte
+Wolfgang Buck. „Der Alte war nur ein Vorläufer. Dies
+mystisch-heroische Spektakel wird nachher mit Ketten von
+uns abgesperrt sein, und wir werden zu gaffen haben: was
+von allem der Endzweck war. Theater, und kein gutes.“
+</p>
+
+<pb n='489'/><anchor id='Pgp0489'/>
+
+<p>
+Nach einer Weile – die Dämmerung graute – sagte
+der Vater: „Und du, mein Sohn? Auch dir schien es
+einmal der Endzweck, zu spielen.“
+</p>
+
+<p>
+„Wie meinem ganzen Geschlecht. Mehr können wir
+nicht. Wir sollten uns leicht und klein nehmen heute, es
+ist die sicherste Haltung angesichts der Zukunft; und ich
+sage nicht, daß es mehr war als Eitelkeit, weshalb ich die
+Bühne wieder verlassen habe. Lächerlich, Vater, ich bin
+gegangen, weil einmal, als ich spielte, ein Polizeipräsident
+geweint hatte. Aber bedenke auch, ob dies erträglich
+war. Feinheiten letzten Grades, Einsicht in Herzen, hohe
+Moral, Modernität des Intellektes und der Seele stelle
+ich für Menschen dar, die meinesgleichen scheinen, weil
+sie mir zuwinken und betroffene Gesichter haben. Nachher
+aber liefern sie Revolutionäre aus und schießen auf
+Streikende. Denn mein Polizeipräsident steht für alle.“
+</p>
+
+<p>
+Hier wandte Buck sich genau dem Busch zu, der Diederich
+barg.
+</p>
+
+<p>
+„Kunst bleibt euch Kunst, und alles Ungestüm des
+Geistes rührt nie an euer Leben. Den Tag, an dem die
+Meister eurer Kultur dies begriffen hätten wie ich,
+würden sie euch, wie ich, allein lassen mit euren wilden
+Tieren.“ Und er zeigte nach den Löwen und Adlern.
+Auch der Alte sah auf das Denkmal; er sagte:
+</p>
+
+<p>
+„Sie sind sehr mächtig geworden; aber durch ihre Macht
+ist in die Welt weder mehr Geist noch mehr Güte gekommen.
+Also war es umsonst. Auch wir waren scheinbar
+umsonst da.“ Er blickte auf den Sohn. „Dennoch dürft
+ihr ihnen das Feld nicht lassen.“
+</p>
+
+<p>
+Wolfgang seufzte schwer. „Worauf hoffen, Vater?
+Sie hüten sich, die Dinge auf die Spitze zu treiben, wie
+jene Privilegierten vor der Revolution. Aus der Geschichte
+<pb n='490'/><anchor id='Pgp0490'/>haben sie leider Mäßigung gelernt. Ihre soziale Gesetzgebung
+baut vor und korrumpiert. Sie sättigt das Volk
+gerade so weit, daß es ihm sich nicht mehr verlohnt, ernstlich
+zu kämpfen, um Brot, geschweige Freiheit. Wer
+zeugt noch gegen sie?“
+</p>
+
+<p>
+Da reckte der Alte sich auf, seine Stimme ward noch einmal
+klangvoll. „Der Geist der Menschheit“, sagte er, und
+nach einer Pause, da der Junge den Kopf gesenkt hielt:
+</p>
+
+<p>
+„Du mußt ihm glauben, mein Sohn. Wenn die Katastrophe,
+der sie auszuweichen denken, vorüber sein wird,
+sei gewiß, die Menschheit wird das, worauf die erste Revolution
+folgte, nicht scham- und vernunftloser nennen,
+als die Zustände, die die unseren waren.“
+</p>
+
+<p>
+Er sagte leise wie aus der Ferne: „Der würde nicht
+gelebt haben, der nur in der Gegenwart lebte.“
+</p>
+
+<p>
+Plötzlich schien es, als schwankte er. Der Sohn griff rasch
+hin, und an seinem Arm, zusammengesunken und stockenden
+Schrittes, verschwand der Alte im Dunkel. Diederich
+aber, der auf anderen Wegen enteilte, hatte das Gefühl,
+aus einem bösen, wenn auch größtenteils unbegreiflichen
+Traum zu kommen, worin an den Grundlagen gerüttelt
+worden war. Und trotz dem Unwirklichen, das alles Gehörte
+an sich hatte, schien hier tiefer gerüttelt worden zu
+sein, als je der ihm bekannte Umsturz rüttelte. Dem einen
+dieser beiden waren die Tage gezählt, der andere hatte
+auch nicht viel vor sich, aber Diederich fühlte, es wäre besser
+gewesen, sie hätten einen gesunden Lärm im Lande geschlagen,
+als daß sie hier im Dunkeln diese Dinge flüsterten,
+die doch nur von Geist und Zukunft handelten.
+</p>
+
+<milestone unit="tb"/>
+
+<p>
+In der Gegenwart gab es freilich greifbarere Angelegenheiten.
+Gemeinsam mit dem Schöpfer des Denkmals
+ent<pb n='491'/><anchor id='Pgp0491'/>warf Diederich das künstlerische Arrangement für die
+Feier der Enthüllung – wobei der Schöpfer mehr Entgegenkommen
+bewies, als man von ihm erwartet haben
+würde. Überhaupt kehrte er bis jetzt nur die guten Seiten
+seines Berufes hervor, nämlich Genie und vornehme Gesinnung,
+während er sich im übrigen durchaus korrekt und
+geschäftstüchtig zeigte. Der junge Mann, ein Neffe des
+Bürgermeisters Doktor Scheffelweis, lieferte ein Beispiel
+dafür, daß es, veralteter Vorurteile ungeachtet, überall
+Anständigkeit gibt, und daß noch kein Grund zum Verzweifeln
+ist, wenn ein junger Mensch für ein Brotstudium
+zu faul ist und Künstler wird. Als er das erstemal von
+Berlin nach Netzig zurückkehrte, trug er noch eine Samtjacke
+und zog der Familie nur Unannehmlichkeiten zu;
+aber bei seinem zweiten Besuch besaß er schon einen
+Zylinder, und nicht lange, so ward er von Seiner Majestät
+entdeckt und durfte für die Siegesallee das wohlgetroffene
+Bildnis des Markgrafen Hatto des Gewaltigen
+schaffen, nebst den Bildnissen seiner beiden bedeutendsten
+Zeitgenossen, des Mönches Tassilo, der an einem Tage hundert
+Liter Bier trinken konnte, und des Ritters Klitzenzitz,
+der die Berliner robotten lehrte, wenn sie ihn dann auch
+hängten. Auf die Verdienste des Ritters Klitzenzitz hatten
+Seine Majestät den Oberbürgermeister noch besonders aufmerksam
+gemacht, was wieder günstig zurückgewirkt hatte
+auf die Karriere des Bildhauers. Man konnte nicht Zuvorkommenheit
+genug haben für einen Mann, auf dem ein
+unmittelbarer Strahl der Gnadensonne lag; Diederich
+stellte ihm sein Haus zur Verfügung, er mietete ihm auch
+das Reitpferd, das der Künstler brauchte, um seine Kräfte
+spielen zu lassen – und welche Aussichten, als der berühmte
+Gast die ersten Zeichenversuche des kleinen Horst
+<pb n='492'/><anchor id='Pgp0492'/>vielversprechend nannte! Diederich bestimmte stehenden
+Fußes Horst der Kunst, dieser so zeitgemäßen Laufbahn.
+</p>
+
+<p>
+Wulckow, der keinen Sinn für die Kunst hatte und sich
+mit dem Günstling Seiner Majestät nicht zu stellen
+wußte, bekam vom Denkmalskomitee die Ehrengabe von
+2000 Mark, auf die er als Ehrenvorsitzender das Recht
+hatte; die bei der Enthüllung zu haltende Festrede aber
+übertrug das Komitee seinem ordentlichen Vorsitzenden,
+dem geistigen Schöpfer des Denkmals und Begründer
+der nationalen Bewegung, die zu seiner Errichtung geführt
+hatte, Herrn Stadtverordneten Generaldirektor
+Doktor Heßling, bravo! Diederich, bewegt und geschwellt,
+sah sich am Fuße neuer Erhöhungen. Der Oberpräsident
+selbst ward erwartet, vor der hohen Exzellenz sollte Diederich
+reden, welche Folgen versprach das! Wulckow freilich
+schickte sich an, sie zu hintertreiben; gereizt, weil ausgeschaltet,
+weigerte er sich sogar, auf der Tribüne der
+offiziellen Damen auch Guste zuzulassen. Diederich hatte
+dieserhalb mit ihm einen Auftritt, der erregt verlief, aber
+ohne Ergebnis blieb. Heftig schnaufend kehrte er zu Guste
+heim. „Es bleibt dabei, du sollst keine offizielle Dame
+sein. Man wird ja sehen, wer offizieller ist, du oder er!
+Er soll dich noch bitten! Ich hab’ ihn Gott sei Dank nicht
+mehr nötig, aber er vielleicht mich.“ – Und so kam es,
+denn als das nächste Heft der „Woche“ erschien, was
+brachte es außer den gewohnten Kaiserbildern? Zwei
+Porträtaufnahmen, die eine den Schöpfer des Netziger
+Kaiser-Wilhelm-Denkmals darstellend, wie er gerade an
+seinem Werk den letzten Hammerschlag tat, die andere aber
+den Vorsitzenden des Komitees und seine Gattin, Diederich
+samt Guste. Von Wulckow nichts – was allgemein
+bemerkt und als Zeichen angesehen ward, daß seine
+Stel<pb n='493'/><anchor id='Pgp0493'/>lung erschüttert sei. Er selbst mußte es fühlen, denn er
+tat Schritte, um doch noch in die „Woche“ zu kommen.
+Er suchte Diederich auf, aber Diederich ließ sich verleugnen.
+Der Künstler seinerseits brauchte Ausflüchte. Da
+geschah es tatsächlich, daß Wulckow auf der Straße an
+Guste herantrat. Die Geschichte mit dem Platz bei den
+offiziellen Damen sei ein Mißverständnis ... „Schön hat er
+gemacht wie unser Männe“, berichtete Guste. „Aber nun
+gerade nicht!“ entschied Diederich, und er nahm keinen
+Anstand, die Geschichte umherzuerzählen. „Soll man sich
+Zwang antun,“ sagte er zu Wolfgang Buck, „wo der Mann
+doch geliefert ist? Herr Oberst von Haffke gibt ihn auch
+schon auf.“ Kühn setzte er hinzu: „Jetzt sieht er, es gibt
+noch andere Mächte. Wulckow hat es zu seinem Schaden
+nicht verstanden, sich beizeiten den modernen Lebensbedingungen
+einer großzügigen Öffentlichkeit anzupassen, die
+dem heutigen Kurs ihren Stempel aufdrücken.“ – „Absolutismus,
+gemildert durch Reklamesucht“, ergänzte Buck.
+</p>
+
+<p>
+Angesichts des Wulckowschen Niederganges fand Diederich
+jenen Grundstückshandel, der ihn selbst so sehr benachteiligt
+hatte, immer anstößiger. Seine Entrüstung nahm
+einen solchen Umfang an, daß der Besuch, den gerade
+jetzt der Reichstagsabgeordnete Fischer in Netzig machte,
+für Diederich zur wahrhaft befreienden Gelegenheit
+ward. Parlamentarismus und Immunität hatten doch
+ihr Gutes! Denn Napoleon Fischer stellte sich umgehend
+im Reichstag hin und enthüllte. Er enthüllte, ohne daß
+ihm das geringste geschehen konnte, die Schiebungen des
+Regierungspräsidenten von Wulckow in Netzig, seinen
+Riesengewinn am Grundstück des Kaiser-Wilhelm-Denkmals,
+der nach Napoleon Fischers Behauptung von der
+Stadt erpreßt war, und das Ehrengeschenk von angeblich
+<pb n='494'/><anchor id='Pgp0494'/>5000 Mark, dem er den Titel „Schmiergeld“ gab. Der
+Zeitung zufolge bemächtigte hier der Volksvertreter sich
+ungeheure Erregung. Freilich galt sie nicht Wulckow,
+sondern dem Enthüller. Wütend verlangte man Beweise
+und Zeugen; Diederich zitterte, in der nächsten Zeile
+konnte sein Name kommen. Zum Glück kam er nicht,
+Napoleon Fischer blieb sich der Pflicht seines Amtes bewußt.
+Statt dessen redete der Minister, er überließ den
+unerhörten, leider unter dem Schutze der Immunität
+begangenen Angriff auf einen Abwesenden, der sich nicht
+verteidigen konnte, dem Urteil des Hauses. Das Haus
+urteilte, indem es dem Herrn Minister Beifall klatschte.
+Parlamentarisch war der Fall erledigt, es erübrigte nur
+noch, daß auch die Presse ihren Abscheu äußerte und,
+soweit sie nicht einwandfrei gesinnt war, ganz leicht dabei
+mit dem Auge zwinkerte. Mehrere sozialdemokratische
+Blätter, die die Vorsicht außer acht gelassen hatten,
+mußten ihren verantwortlichen Redakteur den Gerichten
+ausliefern, so auch die Netziger „Volksstimme“. Diederich
+benutzte diesen Anlaß, um zwischen sich und denen,
+die an dem Herrn Regierungspräsidenten hatten zweifeln
+können, glatt das Tischtuch zu zerschneiden. Er und Guste
+machten Besuch bei Wulckows. „Ich weiß aus erster Quelle,“
+sagte er nachher, „dem Mann ist die größte Zukunft
+gewiß. Er war neulich auf der Jagd mit Majestät und
+hat einen großartigen Witz gerissen.“ Acht Tage später
+brachte die „Woche“ ein ganzseitiges Bildnis, Glatze und
+Bart auf der einen Hälfte, ein Bauch auf der anderen, und
+dazu die Unterschrift: „Regierungspräsident von Wulckow,
+der geistige Schöpfer des Netziger Kaiser-Wilhelm-Denkmals,
+gegen den kürzlich ein allgemein als empörend empfundener
+Angriff im Reichstag erfolgte und dessen
+Ernenn<pb n='495'/><anchor id='Pgp0495'/>ung zum Oberpräsidenten bevorsteht“ ... Das Bild des
+Generaldirektors Heßling mit Frau hatte nur eine Viertelseite
+eingenommen. Diederich überzeugte sich, daß der gebührende
+Abstand wiederhergestellt war. Die Macht blieb,
+auch unter den modernen Lebensbedingungen einer großzügigen
+Öffentlichkeit, unangreifbar wie je – was ihn trotz
+allem tief befriedigte. Er ward hierdurch innerlich auf das
+günstigste vorbereitet für seine Festrede.
+</p>
+
+<p>
+Sie war entstanden in den ehrgeizigen Gesichten vom
+Schlaf gemiedener Nächte und bei regem Gedankenaustausch
+mit Wolfgang Buck und besonders mit Käthchen
+Zillich, die für die Größe des kommenden Ereignisses
+ein merkwürdig klares Verständnis zeigte. Am Schicksalstage,
+als Diederich, das Herz klopfend gegen die Niederschrift
+seiner Rede, um halb elf mit seiner Gattin
+beim Festplatz anfuhr, bot der Platz einen noch wenig belebten,
+aber um so besser geordneten Anblick. Vor allem,
+der Militärkordon war schon gezogen! – und gelangte
+man auch nur nach Gewährung aller Garantien hindurch,
+so lag doch eben hierin eine feierliche Erhebung angesichts
+des nicht privilegierten Volkes, das hinter unseren Soldaten
+und am Fuß einer großen schwarzen Brandmauer
+in der Sonne die schwitzenden Hälse reckte. Die Tribünen,
+links und rechts von den langen weißen Tüchern,
+hinter denen man Wilhelm den Großen vermuten durfte,
+empfingen den Schatten ihrer Zeltdächer sowie zahlreicher
+Fahnen. Links die Herren Offiziere waren, wie Diederich
+feststellte, durch ihre ins Blut übergegangene Disziplin
+befähigt, sich und ihre Damen ohne fremde Hilfe einzurichten;
+alle Strenge der polizeilichen Überwachung war
+nach rechts verlegt, wo das Zivil sich um die Sitze balgte.
+Auch Guste gab sich nicht zufrieden mit dem ihren, einzig
+<pb n='496'/><anchor id='Pgp0496'/>das offizielle Festzelt gegenüber dem Denkmal schien
+ihr würdig, sie aufzunehmen, sie war eine offizielle Dame,
+Wulckow hatte es anerkannt. Diederich mußte hin mit
+ihr, wenn er kein Feigling war, aber natürlich ward sein
+tollkühner Angriff so nachdrücklich zurückgewiesen, wie
+er es vorausgesehen hatte. Der Form wegen und damit
+Guste nicht an ihm zweifelte, verwahrte er sich gegen
+den Ton des Polizeileutnants und wäre beinahe verhaftet
+worden. Sein Kronenorden vierter Klasse, seine
+schwarzweißrote Schärpe und die Rede, die er vorzeigte,
+retteten ihn gerade noch, konnten aber keineswegs, weder
+vor der Welt noch vor ihm selbst, als vollwertiger Ersatz
+gelten für die Uniform. Sie, die einzige wirkliche Ehre,
+gebrach ihm nun einmal, und Diederich mußte auch hier
+wieder bemerken, daß man ohne Uniform, trotz sonstiger
+Erstklassigkeit, doch mit schlechtem Gewissen durchs Leben
+ging.
+</p>
+
+<p>
+Im Zustand der Auflösung trat das Ehepaar Heßling
+seinen allseitig bemerkten Rückzug an, Guste bläulich geschwollen
+in ihren Federn, Spitzen und Brillanten. Diederich
+schnaufend und nach Kräften den Bauch mit der
+Schärpe vorgestreckt, als breitete er die Nationalfarben
+über seine Niederlage. So mußten sie hindurch zwischen
+dem Kriegerverein, der, Eichenkränze um die Zylinderhüte,
+unterhalb der Militärtribüne stand, an seiner Spitze
+Kühnchen als Landwehrleutnant, und den Ehrenjungfrauen
+drüben, weiß mit schwarzweißroten Schärpen
+und befehligt von Pastor Zillich im Talar. Nun sie aber
+anlangten, wer saß, in der Haltung einer Königin, auf
+Gustes Stuhl? Man war starr: Käthchen Zillich. Hier
+fühlte Diederich sich denn doch bemüßigt, seinerseits ein
+Machtwort zu sprechen. „Die Dame hat sich geirrt, der
+<pb n='497'/><anchor id='Pgp0497'/>Platz ist nicht für die Dame“, sagte er, keineswegs zu
+Käthchen Zillich, die er für ebenso fremd wie zweideutig
+zu halten schien, sondern zu dem Aufsichtsbeamten –
+und hätten ihm auch nicht die menschlichen Laute ringsum
+recht gegeben, Diederich stand hier für die stummen Gewalten
+von Ordnung, Sitte und Gesetz, eher wäre die
+Tribüne eingestürzt, als daß Käthchen Zillich auf ihr verblieb
+... Dennoch geschah das Außerordentliche, daß
+der Beamte unter Käthchens ironischem Lächeln die
+Achseln zuckte, und selbst der Schutzmann, den Diederich
+anrief, gab nur einen weiteren unbegreiflichen Stützpunkt
+ab für den Übergriff der Unmoral. Diederich,
+betäubt vor einer Welt, deren Betrieb gestört schien, ließ
+es geschehen, daß Guste abgeschoben ward nach einer Sitzreihe
+ganz oben, wobei sie mit Käthchen Zillich einige
+die Gegensätze betonende Worte wechselte. Der Meinungsaustausch
+griff schon auf Unbeteiligte über und
+drohte auszuarten: da schmetterte Musik los, der Einzugsmarsch
+der Gäste auf der Wartburg, und wirklich bezogen
+sie das offizielle Zelt, voran Wulckow, unverkennbar trotz
+seiner roten Husarenuniform, zwischen einem Herrn in
+Frack und Ordensstern und einem hohen General. War
+es möglich? Noch zwei hohe Generale! Und ihre Adjutanten,
+Uniformen in allen Farben, Sternenblitzen
+und ein Wuchs! „Wer ist der Gelbe, der Lange?“ forschte
+Guste innig. „Ist das ein schöner Mann!“ – „Wollen
+Sie mich gefälligst nicht treten!“ verlangte Diederich,
+denn auch sein Nachbar war aufgesprungen, alle verrenkten
+sich, fieberten und schwelgten. „Sieh sie dir an, Guste!
+Emmi ist eine Gans, daß sie nicht mitwollte. Das ist
+das einzige, erstklassige Theater, es ist das Höchste, da
+kann man nichts machen!“ – „Aber der mit den gelben
+<pb n='498'/><anchor id='Pgp0498'/>Aufschlägen!“ schwärmte Guste. „Der Schlanke! Der
+muß ein echter Aristokrat sein, das seh’ ich gleich.“ Diederich
+lachte wollüstig. „Da ist überhaupt keiner dabei,
+der nicht ein echter Aristokrat ist, darauf kannst du Gift
+nehmen. Wenn ich dir sage, ein Flügeladjutant Seiner
+Majestät ist hier!“ – „Der Gelbe!“ – „Persönlich
+hier!“
+</p>
+
+<p>
+Man suchte sich zurecht. „Der Flügeladjutant! Zwei
+Divisionsgenerale, Donnerwetter!“ Und die schneidige
+Anmut der Begrüßungen; sogar der Bürgermeister Doktor
+Scheffelweis ward aus seinem bescheidenen Hintergrund
+gezogen und durfte in seiner Train-Reserveleutnantsuniform
+stramm stehen vor seinen hohen Vorgesetzten.
+Herr von Quitzin als Ulan besichtigte durch sein Monokel
+den Grund und Boden der Veranstaltung, der vorübergehend
+ihm selbst gehört hatte. Wulckow aber, der rote
+Husar, brachte die volle Bedeutung eines Regierungspräsidenten
+erst jetzt zur Geltung, wo er salutierend das
+gewaltige, von Schnüren umrahmte Profil seiner unteren
+Körperteile hervorkehrte. „Das sind die Säulen
+unserer Macht!“ rief Diederich in die wuchtigen Klänge
+des Einzugsmarsches. „Solange wir solche Herren haben,
+werden wir der Schrecken der ganzen Welt sein!“ Und
+voll überwältigenden Dranges, in der Meinung, seine
+Stunde sei da, stürzte er hinunter, nach dem Rednerpodium.
+Aber der Schutzmann, der es bewachte, trat
+ihm entgegen. „Nee, nee, Sie komm’ noch nich’ran“,
+sagte der Schutzmann. Jäh in seinem Schwunge gehemmt,
+stieß Diederich gegen einen Aufsichtsbeamten, der ihm
+nachgesetzt hatte: derselbe wie vorhin, ein Magistratsdiener,
+der ihm versicherte, er wisse wohl, der Platz der
+Dame mit den gelben Haaren gehöre dem Herrn
+Stadt<pb n='499'/><anchor id='Pgp0499'/>verordneten, „aber auf höheren Befehl hat ihn die Dame
+gekriegt“. Das weitere verriet der Mann in ersterbendem
+Flüsterton, und Diederich entließ ihn mit einer Bewegung,
+die sagte: „Dann allerdings.“ Der Flügeladjutant Seiner
+Majestät! Dann allerdings! Diederich überlegte, ob es
+nicht geboten sei, umzukehren und Käthchen Zillich öffentlich
+seine Huldigung zu entbieten.
+</p>
+
+<p>
+Er kam nicht mehr dazu, Oberst von Haffke kommandierte
+der Fahnenkompagnie Rührt euch, und auch Kühnchen
+ließ seine Krieger sich rühren; hinter dem Festzelt
+intonierte die Regimentsmusik: Vortreten zum Beten.
+Dies geschah, sowohl von seiten der Ehrenjungfrauen wie
+des Kriegervereins. Kühnchen in seiner historischen Landwehruniform,
+die außer vom Eisernen Kreuz von einem
+ruhmreichen Flicken geziert ward – denn hier war eine
+französische Kugel hindurchgegangen, traf inmitten des
+Geländes auf Pastor Zillich in seinem Talar – auch die
+Fahnenkompagnie fand sich ein, und man gab unter dem
+Vortritt Zillichs dem alten Alliierten die Ehre. Auf der
+Ziviltribüne ward das Publikum von den Beamten gehalten,
+sich zu erheben, die Herren Offiziere taten es von
+selbst. Überdies stimmte die Kapelle „Ein’ feste Burg“ an.
+Zillich schien trotzdem noch irgend etwas vorzuhaben, aber
+der Oberpräsident, offenbar in der Annahme, daß der alte
+Alliierte nun genug habe, ließ sich, gelblichen Gesichts,
+auf seinen Sessel nieder, rechts von ihm der blühende
+Flügeladjutant, links die Divisionsgenerale. Als die
+ganze Versammlung im offiziellen Zelt nach den ihr innewohnenden
+Gesetzen gruppiert war, sah man den Regierungspräsidenten
+von Wulckow einen Wink erteilen, infolgedessen
+ein Schutzmann sich in Bewegung setzte. Er
+begab sich zu seinem Kollegen, der das Rednerpodium
+<pb n='500'/><anchor id='Pgp0500'/>bewachte, worauf dieser das Wort an Diederich richtete.
+„Na, nu komm Se man ’ran“, sagte der Schutzmann.
+</p>
+
+<p>
+Diederich gab acht, daß er beim Hinaufsteigen nicht stolperte,
+denn die Beine waren ihm plötzlich weich geworden,
+auch sah er verschwommen. Nach einigem Schnaufen
+unterschied er im kahlen Umkreis ein Bäumchen, das keine
+Blätter hatte, aber mit schwarzweißroten Blüten aus
+Papier übersät war. Der Anblick des Bäumchens gab
+ihm Gedächtnis und Kraft zurück; er begann.
+</p>
+
+<p>
+„Eure Exzellenzen! Höchste, hohe und geehrte Herren!
+</p>
+
+<p>
+Hundert Jahre sind es, daß der große Kaiser, dessen
+Denkmal der Enthüllung harrt durch den Vertreter Seiner
+Majestät, uns und dem Vaterlande geschenkt ward; gleichzeitig
+aber – das macht diese Stunde noch bedeutsamer
+– ist fast ein Jahrzehnt vergangen, seit sein großer Enkel
+den Thron bestiegen hat! Wie sollten wir da nicht vor
+allem auf die große Zeit, die wir selbst miterleben durften,
+einen stolzen und dankbaren Rückblick werfen.“
+</p>
+
+<p>
+Diederich warf ihn. Er feierte abwechselnd den beispiellosen
+Aufschwung der Wirtschaft und des nationalen Gedankens.
+Längere Zeit verweilte er beim Ozean. „Der
+Ozean ist unentbehrlich für Deutschlands Größe. Der
+Ozean beweist uns, daß auf ihm und jenseits von ihm ohne
+Deutschland und ohne den Deutschen Kaiser keine Entscheidung
+mehr fallen darf, denn das Weltgeschäft ist heute
+das Hauptgeschäft!“ Aber nicht nur vom geschäftlichen
+Standpunkt, noch mehr geistig und sittlich war der Aufschwung
+ein beispielloser zu nennen. Wie sah es denn
+früher aus mit uns? Diederich entwarf ein wenig schmeichelhaftes
+Bild des älteren Geschlechts, das durch eine
+einseitige humanitäre Bildung zu zuchtlosen Anschauungen
+verführt, in nationaler Hinsicht noch keinen Komment
+<pb n='501'/><anchor id='Pgp0501'/>gehabt hatte. Wenn das jetzt gründlich anders geworden
+war, wenn wir, im berechtigten Selbstgefühl, das tüchtigste
+Volk Europas und der Welt zu sein, von Nörglern
+und Elenden abgesehen, nur noch eine einzige nationale
+Partei bildeten, wem verdankten wir es? Allein Seiner
+Majestät, antwortete Diederich. „Er hat den Bürger
+aus dem Schlummer gerüttelt, sein erhabenes Beispiel
+hat uns zu dem gemacht, was wir sind!“ – wobei Diederich
+sich auf die Brust schlug. „Seine Persönlichkeit,
+seine einzige, unvergleichliche Persönlichkeit ist stark genug,
+daß wir allesamt uns efeuartig an ihr emporranken
+dürfen!“ rief er aus, obwohl es nicht in seinem Entwurf
+stand. „Was Seine Majestät der Kaiser zum Wohl des
+deutschen Volkes beschließt, dabei wollen wir ihm jubelnd
+behilflich sein, ob wir nun edel sind oder unfrei. Auch der
+einfache Mann aus der Werkstatt ist willkommen!“ fügte
+er wieder aus dem Stegreif hinzu, jäh inspiriert durch
+den Geruch des schwitzenden Volkes hinter dem Militärkordon;
+denn der Wind, der aufkam, trug ihn her.
+</p>
+
+<p>
+„In staunender Weise ertüchtigt, voll hoher sittlicher
+Kraft zu positiver Betätigung, und in unserer blanken
+Wehr der Schrecken aller Feinde, die uns neidisch umdrohen,
+so sind wir die Elite unter den Nationen und bezeichnen
+eine zum ersten Male erreichte Höhe germanischer
+Herrenkultur, die bestimmt niemals und von niemandem,
+er sei wer er sei, wird überboten werden können!“
+</p>
+
+<p>
+Hier sah man den Oberpräsidenten mit dem Kopf
+nicken, indes der Flügeladjutant die Hände gegeneinander
+bewegte: da brachen die Tribünen in Beifall aus. Bei
+den Zivilisten wehten Taschentücher, Guste ließ es im
+Wind flattern, und, trotz der Unstimmigkeit von vorhin,
+auch Käthchen Zillich. Diederich, im Herzen leicht wie
+<pb n='502'/><anchor id='Pgp0502'/>die wehenden Taschentücher, nahm seinen hohen Flug
+wieder auf.
+</p>
+
+<p>
+„Eine solche, nie dagewesene Blüte aber erreicht ein
+Herrenvolk nicht in einem schlaffen, faulen Frieden: nein,
+sondern unser alter Alliierter hat es für notwendig gehalten,
+das deutsche Gold im Feuer zu bewahren. Durch
+den Schmelzofen von Jena und Tilsit haben wir hindurchgemußt,
+und schließlich ist es uns doch gelungen, siegreich
+überall unsere Fahnen aufzupflanzen und auf dem
+Schlachtfelde die deutsche Kaiserkrone zu schmieden!“
+</p>
+
+<p>
+Und er erinnerte an das prüfungsreiche Leben Wilhelms
+des Großen, woraus wir, wie Diederich feststellte, erkannten,
+daß der Weltenschöpfer das Volk im Auge behält,
+das er sich erwählt hat, und sich auch das entsprechende
+Instrument baut. Der große Kaiser seinerseits hatte sich
+hierüber niemals Irrtümern hingegeben, dies ward besonders
+deutlich in dem großen historischen Augenblick,
+wo er als König von Gottes Gnaden, das Zepter in der
+einen und das Reichsschwert in der anderen Hand, nur
+Gott die Ehre gab und von ihm die Krone nahm. In erhabenem
+Pflichtgefühl hatte er es weit von sich gewiesen,
+dem Volk die Ehre zu geben und vom Volk die Krone zu
+nehmen, und nicht zurückgeschreckt war er vor der furchtbaren
+Verantwortung gegenüber Gott allein, von der kein
+Minister, kein Parlament ihn hatte entbinden können!
+Diederichs Stimme bebte ergriffen. „Dies erkennt das
+Volk denn auch an, indem es die Persönlichkeit des dahingegangenen
+Kaisers geradezu vergöttert. Hat er doch
+Erfolg gehabt; und wo der Erfolg ist, da ist Gott! Im
+Mittelalter wäre Wilhelm der Große heilig gesprochen
+worden. Heute setzen wir ihm ein erstklassiges Denkmal!“
+</p>
+
+<p>
+Wieder nickte der Oberpräsident und löste damit wieder
+<pb n='503'/><anchor id='Pgp0503'/>ungestüme Zustimmung aus. Die Sonne war fort, es
+wehte kälter; und als sei er angeregt durch den verdüsterten
+Himmel, ging Diederich zu einer tiefernsten Frage über.
+</p>
+
+<p>
+„Wer hat sich ihm nun in den Weg gestellt, vor seinem
+hohen Ziel? Wer war der Feind des großen Kaisers und
+seines kaisertreuen Volkes? Der von ihm glücklich zerschmetterte
+Napoleon hatte seine Krone nicht von Gott,
+sondern vom Volk, daher! Das gibt dem Richterspruch
+der Geschichte erst seinen ewigen, überwältigenden Sinn!“
+Hier unternahm Diederich es, zu malen, wie es in dem
+demokratisch verseuchten, daher von Gott verlassenen Reich
+Napoleons des Dritten ausgesehen habe. Der in leerer
+Religiosität versteckte krasse Materialismus hatte den unbedenklichsten
+Geschäftssinn großgezogen, Mißachtung des
+Geistes schloß ihr natürliches Bündnis mit niederer Genußgier.
+Der Nerv der Öffentlichkeit war Reklamesucht, und
+jeden Augenblick schlug sie um in Verfolgungssucht. Im
+Äußern nur auf das Prestige gestellt, im Innern nur auf die
+Polizei, ohne andern Glauben als die Gewalt, trachtete man
+nach nichts als nach Theaterwirkung, trieb ruhmredigen
+Pomp mit der vergangenen Heldenepoche, und der einzige
+Gipfel, den man wirklich erreichte, war der des Chauvinismus
+... „Von all dem wissen wir nichts!“ rief Diederich und
+reckte die Hand gegen den Zeugen dort oben. „Darum kann
+es mit uns nie und nimmer das Ende mit Schrecken nehmen,
+das dem Kaiserreich unseres Erbfeindes vorbehalten war!“
+</p>
+
+<p>
+An dieser Stelle blitzte es: zwischen dem Militärkordon
+und der Brandmauer, in der Gegend, wo das Volk zu vermuten
+war, durchzuckte es grell die schwarze Wolke, und
+ein Donnerschlag folgte, der entschieden zu weit ging.
+Die Herren im offiziellen Zelt bekamen mißbilligende
+Mienen, und der Oberpräsident hatte gezuckt. Auf der
+<pb n='504'/><anchor id='Pgp0504'/>Offizierstribüne litt selbstverständlich die Haltung nicht
+im geringsten, beim Zivil machte sich immerhin eine gewisse
+Unruhe merklich. Diederich brachte das Gekreisch
+zum Verstummen, denn er rief, gleichfalls donnernd:
+„Unser alter Alliierter bezeugt es! Wir sind nicht so! Wir
+sind ernst, treu und wahr! Deutsch sein, heißt eine Sache
+um ihrer selbst willen tun! Wer von uns hätte je aus
+seiner Gesinnung ein Geschäft gemacht? Wo gar wären
+die bestechlichen Beamten? Biederkeit des Mannes eint
+hier sich weiblicher Reine, denn das Weibliche zieht uns
+hinan, nicht ist es uns Werkzeug unedlen Vergnügens.
+Das strahlende Bild echt deutschen Wesens aber erhebt
+sich auf dem Boden des Christentums, und das ist der
+einzig richtige Boden, denn jede heidnische Kultur, mag
+sie noch so schön und herrlich sein, wird bei der ersten Katastrophe
+erliegen; und die Seele deutschen Wesens ist
+die Verehrung der Macht, der überlieferten und von Gott
+geweihten Macht, gegen die man nichts machen kann.
+Darum sollen wir nach wie vor die höchste Pflicht in der Verteidigung
+des Vaterlandes sehen, die höchste Ehre im Rock
+des Königs und die höchste Arbeit im Waffenhandwerk!“
+</p>
+
+<p>
+Der Donner grollte, wenn auch eingeschüchtert, wie es
+schien, durch Diederichs immer gewaltigere Stimme; dagegen
+fielen Tropfen, die man einzeln hörte, so schwer
+waren sie.
+</p>
+
+<p>
+„Aus dem Lande des Erbfeindes,“ schrie Diederich,
+„wälzt sich immer wieder die Schlammflut der Demokratie
+her, und nur deutsche Mannhaftigkeit und deutscher
+Idealismus sind der Damm, der sich ihr entgegenstellt. Die
+vaterlandslosen Feinde der göttlichen Weltordnung aber,
+die unsere staatliche Ordnung untergraben wollen, die sind
+auszurotten bis auf den letzten Stumpf, damit, wenn wir
+<pb n='505'/><anchor id='Pgp0505'/>dereinst zum himmlischen Appell berufen werden, daß dann
+ein jeder mit gutem Gewissen vor seinen Gott und seinen
+alten Kaiser treten kann, und wenn er gefragt wird, ob er
+aus ganzem Herzen für des Reiches Wohl mitgearbeitet
+habe, er an seine Brust schlagen und offen sagen darf: Ja!“
+</p>
+
+<p>
+Wobei Diederich sich einen solchen Schlag auf die Brust
+versetzte, daß ihm die Luft ausblieb. Die notgedrungene
+Pause, die er eintreten ließ, benutzte die Ziviltribüne, um
+durch Unruhe zu bekunden, daß sie seine Rede für beendet
+halte; denn das Gewitter stand jetzt genau über den Köpfen
+der Festversammlung, und im schwefelgelben Licht, einzeln,
+langsam und als warnten sie, klopften immerfort diese
+eigroßen Regentropfen ... Diederich hatte wieder Luft.
+</p>
+
+<p>
+„Wenn jetzt die Hülle fällt,“ begann er mit neuem
+Schwung, „wenn zum Gruß die Fahnen und Standarten
+sich neigen, die Degen sich senken und Bajonette im Präsentiergriff
+blitzen –“ Da krachte es im Himmel so ungeheuerlich,
+daß Diederich sich duckte und, bevor er es sich
+versah, unter seinem Pult hockte. Zum Glück kam er
+wieder hervor, ohne daß sein Verschwinden bemerkt
+worden wäre, denn allen war es ähnlich ergangen. Kaum
+daß noch jemand hörte, wie Diederich Seine Exzellenz
+den Herrn Oberpräsidenten bat, er möge geruhen zu befehlen,
+daß die Hülle falle. Immerhin trat der Oberpräsident
+vor das offizielle Zelt hinaus, er war gelber als es
+seine Natur war, das Funkeln seines Sterns war erloschen,
+und er sagte schwach: „Im Namen Seiner Majestät befehle
+ich: die Hülle falle“ – woraus sie fiel. Auch ertönte
+die Wacht am Rhein. Und der Anblick Wilhelms des
+Großen, wie er durch die Luft ritt, in der Haltung eines
+Familienvaters, aber umringt von allen Furchtbarkeiten
+der Macht, stählte die Untertanen noch einmal gegen die
+<pb n='506'/><anchor id='Pgp0506'/>Drohungen von oben, das Kaiserhoch des Oberpräsidenten
+fand lebhaften Widerhall. Freilich, die Klänge von Heil
+dir im Siegerkranz gaben Seiner Exzellenz das Zeichen,
+daß sie sich nun bis an den Fuß des Denkmals zu begeben,
+es zu besichtigen und den Schöpfer, der schon wartete,
+durch eine Anrede auszuzeichnen hatten. Jeder begriff
+es, daß der hohe Herr zweifelnd den Blick zum Himmel
+richtete; aber, wie nicht anders zu erwarten stand, siegte
+sein Pflichtgefühl, und siegte um so glänzender, als er der
+einzige Herr im Frack war unter so vielen tapferen Militärs.
+Er wagte sich kühn hinaus, hin ging er unter den
+großen langsamen Tropfen, und mit ihm Ulanen, Kürassiere,
+Husaren und Train ... Schon war die Inschrift
+„Wilhelm der Große“ zur Kenntnis genommen worden,
+der Schöpfer, durch eine Anrede ausgezeichnet, bekam
+seinen Orden, und gerade sollte auch der geistige Schöpfer
+Heßling vorgestellt und geschmückt werden, da platzte der
+Himmel. Er platzte ganz und auf einmal, mit einer Heftigkeit,
+die einem lange verhaltenen Ausbruch glich. Bevor
+noch die Herren sich umgedreht hatten, standen sie
+im Wasser bis an die Knöchel, Seiner Exzellenz lief es aus
+Ärmeln und Hosen. Die Tribünen verschwanden hinter
+Stürzen Wassers, wie auf fern wogendem Meer erkannte
+man, daß die Zeltdächer sich gesenkt hatten unter der
+Wucht des Wolkenbruches, in ihren nassen Umschlingungen
+wälzten links und rechts sich schreiende Massen. Die Herren
+Offiziere machten gegen die Elemente von der blanken
+Waffe Gebrauch, durch Schnitte in das Segeltuch bahnten
+sie sich den Ausweg. Das Zivil gelangte nur als graue
+Wickelschlange hinab, die mit wilden Zuckungen im überschwemmten
+Gelände badete. Unter solchen Umständen
+sah der Oberpräsident es ein, daß der weitere Verlauf
+<pb n='507'/><anchor id='Pgp0507'/>des Festprogramms aus Zweckmäßigkeitsgründen zu
+unterbleiben habe. Blitzeumlodert und wasserspritzend
+wie ein Springbrunnen, trat er einen beschleunigten Rückzug
+an, und ihm nach der Flügeladjutant, die beiden Divisionsgenerale,
+Dragoner, Husaren, Ulanen und Train.
+Unterwegs erinnerten Seine Exzellenz sich des noch immer
+an ihrem Finger hängenden Ordens für den geistigen
+Schöpfer, und pflichttreu bis zum Äußersten, aber bestrebt,
+jeden Aufenthalt zu vermeiden, händigten sie ihn, laufend
+und wasserspritzend, dem Präsidenten von Wulckow aus.
+Wulckow seinerseits begegnete einem Schutzmann, der den
+Ereignissen noch standhielt, und betraute ihn mit der Übergabe
+der Allerhöchsten Auszeichnung, worauf der Schutzmann
+durch Sturm und Grausen irrte, auf der Suche nach
+Diederich. Schließlich fand er ihn unter dem Rednerpult im
+Wasser hockend. „Da hamse ’n Willemsorden“, sagte der
+Schutzmann und machte, daß er weiterkam, denn gerade
+schlug ein Blitz ein, so nahe, als sollte er die Verleihung
+des Ordens verhindern. Diederich hatte nur geseufzt.
+</p>
+
+<p>
+Als er es endlich unternahm, mit einer Gesichtshälfte
+auf die Erde zu spähen, war der Umsturz auf ihr noch
+immer im Wachsen. Drüben die große schwarze Brandmauer
+klaffte und ging daran, umzufallen, samt dem
+Haus dahinter. Über einen Knäuel von Geschöpfen in
+jagendem Geisterlicht, schwefelgelb und blau, bäumten
+sich die Pferde der Paradekutschen und nahmen Reißaus.
+Glücklich das nicht privilegierte Volk, das draußen und
+über alle Berge war; die Besitzenden und Gebildeten dagegen
+waren in der Lage, daß sie auf ihren Köpfen schon
+die fliegenden Trümmer des Umsturzes fühlten, samt dem
+Feuer von oben. Kein Wunder, wenn die Umstände ihr
+Verhalten bestimmten und manche Damen, in nicht
+kom<pb n='508'/><anchor id='Pgp0508'/>mentmäßiger Weise vom Ausgang zurückgestoßen, schlankweg
+übereinander rollten. Nur ihrer Tapferkeit vertrauend,
+machten die Herren Offiziere gegen jeden, der sich
+ihnen entgegenstellte, von ihren Machtmitteln Gebrauch
+– indes Fahnentücher, losgerissen im Sturm von den
+Überresten der Tribünen und des offiziellen Zeltes,
+schwarzweißrot durch die Luft sausten, den Kämpfern
+um die Ohren. Dazu, hoffnungslos wie die Dinge standen,
+spielte die Regimentsmusik immer weiter Heil dir
+im Siegerkranz, spielte selbst nach der Durchbrechung des
+Militärkordons und der Weltordnung, spielte wie auf
+einem untergehenden Schiff dem Entsetzen auf und der
+Auflösung. Ein neuer Anlauf des Orkans warf auch sie
+auseinander – und Diederich, die Augen zugedrückt und
+schwindelnd des Endes von allem gewärtig, tauchte zurück
+in die kühle Tiefe seines Rednerpultes, das er umklammerte
+wie das letzte auf Erden. Sein Abschiedsblick aber
+hatte umfaßt, was über alle Begriffe war: das Gehege,
+das schwarzweißrot behangene rund um den Volkspark,
+zusammengebrochen, niedergelegt durch das Gewicht der
+auf ihm Lastenden, und dann dies Drunter und Drüber,
+dies Umeinanderkugeln, Sichaufhäufen und Abrutschen,
+dies Kopfstehen und Dem-anderen-sich-ins-Gesicht-Setzen
+– und dies Gefegtwerden von den Peitschen
+der Höhe, unter Strömen Feuers, diesen Kehraus, wie der
+einer betrunkenen Maskerade, Kehraus von Edel und Unfrei,
+vornehmstem Rock und aus dem Schlummer erwachtem
+Bürger, einzigen Säulen, gottgesandten Männern,
+idealen Gütern, Husaren, Ulanen, Dragonern und Train!
+</p>
+
+<p>
+Aber die apokalyptischen Reiter flogen weiter; Diederich
+merkte es, sie hatten nur ein Manöver abgehalten für
+den Jüngsten Tag, der Ernstfall war es nicht. Unter
+Vor<pb n='509'/><anchor id='Pgp0509'/>behalt verließ er seine Zuflucht und stellte fest, daß es nur
+noch goß, und daß Kaiser Wilhelm der Große noch da war,
+mit allem Zubehör der Macht. Diederich hatte die ganze
+Zeit das Gefühl gehabt, das Denkmal sei zerschmettert
+und weggeschwommen. Der Festplatz freilich sah aus wie
+eine wüste Erinnerung, keine Seele belebte seine Trümmer.
+Doch, da hinten bewegte sich eine, sie trug sogar
+Ulanenuniform: Herr von Quitzin, der das eingestürzte
+Haus besichtigte. Dem Blitz erlegen, rauchte es hinter
+den Resten seiner großen schwarzen Brandmauer; und
+in der Flucht aller hatte nur Herr von Quitzin standgehalten,
+denn ihn stärkte ein Gedanke. Diederich sah ihm
+ins Herz. „Das Haus“, dachte Herr von Quitzin, „hätten
+wir auch noch loswerden sollen an das Pack. Aber nicht
+zu machen gewesen, haben es mit aller Gewalt nicht durchgedrückt.
+Na nu kriege ich die Versicherung. Es gibt einen
+Gott.“ Und dann ging er der Feuerwehr entgegen, die
+zum Glück nicht mehr wesentlich eingreifen konnte in das
+Geschäft.
+</p>
+
+<p>
+Auch Diederich, durch das Beispiel ermutigt, machte sich
+auf den Weg. Er hatte seinen Hut verloren, am Boden
+seiner Schuhe schlenkerte Wasser, und in der rückwärtigen
+Erweiterung der Beinkleider trug er eine Pfütze mit sich
+herum. Da ein Wagen nicht erreichbar schien, beschloß er,
+die innere Stadt zu durchqueren. Die Winkel der alten
+Straßen fingen den Wind ab, ihm ward es wärmer. „Von
+einem Katarrh ist nicht die Rede. Guste soll mir aber doch
+einen Wickel um den Bauch machen. Wenn sie nur gefälligst
+keine Influenza ins Haus einschleppt!“ Nach dieser
+Sorge erinnerte er sich seines Ordens: „Der Wilhelms-Orden,
+Stiftung Seiner Majestät, wird nur verliehen für
+hervorragende Verdienste um die Wohlfahrt und
+Ver<pb n='510'/><anchor id='Pgp0510'/>edelung des Volkes ... Den haben wir!“ sagte Diederich
+laut in der leeren Gasse. „Und wenn es Dynamit regnet!“
+Der Umsturz der Macht von seiten der Natur war ein
+Versuch mit unzulänglichen Mitteln gewesen. Diederich
+zeigte dem Himmel seinen Wilhelms-Orden und sagte
+„Etsch“ – worauf er ihn sich ansteckte, neben den Kronenorden
+vierter Klasse.
+</p>
+
+<p>
+In der Fleischhauergrube hielten mehrere Fuhrwerke:
+merkwürdig, vor dem Haus des alten Buck. Eins war
+noch dazu ein Landwagen. Sollte etwa –? Diederich
+spähte in das Haus: die gläserne Flurtür stand außerordentlicherweise
+offen, so als würde jemand erwartet, der
+selten kam. Feierlich still die weite Diele, nur, wie er an
+der Küche vorbeischlich, ein Wimmern: die alte Magd,
+mit dem Gesicht auf den Armen. „Also ist es so weit“ –
+und plötzlich ward Diederich von einem Schauer angerührt,
+er blieb stehen, bereit, den Rückzug anzutreten. „Dabei
+habe ich nichts zu tun ... Doch! Dabei habe ich zu tun,
+denn hier ist jedes Stück mein, ich habe die Pflicht, dafür
+zu sorgen, daß sie mir nachher nichts forttragen.“ Aber
+nicht nur dies drängte ihn vorwärts; Schwierigeres und
+Tieferes kündigte sich an mit Schnaufen und Bauchklemmen.
+Gehaltenen Schrittes erstieg er die flachen
+alten Stufen und dachte: „Respekt vor einem tapferen
+Feind, wenn er das Feld der Ehre deckt! Gott hat gerichtet,
+ja, ja, so geht es, keiner kann sagen, ob er nicht
+eines Tages –. Na hören Sie, es gibt denn doch Unterschiede,
+eine Sache ist gut oder nicht gut. Und für den
+Ruhm der guten Sache soll man nichts versäumen, unser
+alter Kaiser hat sich wahrscheinlich auch zusammennehmen
+müssen, als er nach Wilhelmshöhe zu dem gänzlich erledigten
+Napoleon ging.“
+</p>
+
+<pb n='511'/><anchor id='Pgp0511'/>
+
+<p>
+Hier war er schon im Zwischengeschoß und betrat vorsichtig
+den langen Gang, an dessen Ende die Tür offen,
+auch hier wieder offen stand. Sich gegen die Wand
+drücken, und einen Blick hinein. Ein Bett, mit dem Fuß
+hergewendet, darin lehnte an gehäuften Kissen der alte
+Buck und schien nicht bei sich. Kein Laut; war er denn
+allein? Behutsam auf die Gegenseite – nun sah man
+die verhängten Fenster und davor im Halbkreis die Familie:
+dem Bett zunächst Judith Lauer ganz starr, dann
+Wolfgang mit einem Gesicht, das niemand erwartet
+hätte; zwischen den Fenstern die zusammengedrängte
+Herde der fünf Töchter neben dem bankerotten Vater,
+der nicht einmal mehr elegant war; weiterhin der verbauerte
+Sohn mit seiner stumpfblickenden Frau, und
+endlich Lauer, der gesessen hatte. Mit gutem Grund
+hielten alle sich so still; zu dieser Stunde verloren sie die
+letzte Aussicht, noch einmal mitzureden! Sie waren
+obenauf gewesen und hatten sich in Sicherheit gewiegt,
+solange der Alte standhielt. Er war gefallen, und sie mit,
+er verschwand, und sie alle mit. Er hatte immer nur auf
+Flugsand gestanden, da er nicht auf der Macht stand.
+Nichtig Ziele, die fortführten von der Macht! Fruchtlos
+der Geist, denn nichts hinterließ er als Verfall! Verblendung
+jeder Ehrgeiz, der nicht Fäuste hatte und Geld in
+den Fäusten!
+</p>
+
+<p>
+Woher aber dies Gesicht, das Wolfgang hatte? Es sah
+nicht aus wie Trauer, obwohl Tränen aus seinen dort
+hinüberverlangenden Augen fielen; es sah aus wie Neid,
+gramvoller Neid. Was hatten die anderen? Judith Lauer,
+deren Brauen sich dunkel zusammenzogen, ihr Mann, der
+aufseufzte – und die Frau des Ältesten sogar faltete vor
+dem Gesicht ihre Arbeiterinnenhände. Diederich, in
+ent<pb n='512'/><anchor id='Pgp0512'/>schlossener Haltung, stellte sich mitten vor die Tür. Es
+war dunkel im Gang, die da sahen nicht, und mochten sie;
+aber der Alte? Sein Gesicht war genau hierhergerichtet,
+und wo es hinsah, ahnte man dennoch mehr als hier war,
+Erscheinungen, die niemand ihm verstellen konnte. Ihren
+Widerschein in seinen überraschten Augen, öffnete er auf
+den Kissen langsam die Arme, versuchte sie zu heben, hob,
+bewegte sie, winkend und empfangend – wen doch?
+Wie viele wohl, mit so langem Winken und Empfangen?
+Ein ganzes Volk, sollte man glauben, und welchen Wesens,
+daß es durch sein Kommen dies geisterhafte Glück hervorrief
+in den Zügen des alten Buck?
+</p>
+
+<p>
+Da erschrak er, als sei er einem Fremden begegnet, der
+Grauen mitbrachte: erschrak und rang nach Atem. Diederich,
+ihm gegenüber, machte sich noch strammer, wölbte
+die schwarzweißrote Schärpe, streckte die Orden vor,
+und für alle Fälle blitzte er. Der Alte ließ auf einmal
+den Kopf fallen, tief vornüber fiel er ganz, wie gebrochen.
+Die Seinen schrien auf. Vom Entsetzen gedämpft, rief
+die Frau des Ältesten: „Er hat etwas gesehen! Er hat
+den Teufel gesehen!“ Judith Lauer stand langsam auf
+und schloß die Tür. Diederich war schon entwichen.
+</p>
+ </div></body>
+ <back>
+ <div rend="page-break-before:right; x-class: boxed">
+ <index index="toc"/><index index="pdf"/>
+ <head>Bemerkungen zur Textgestalt</head>
+
+ <pgIf output="txt">
+ <then>
+ <p>Die Originalausgabe ist in Fraktur gesetzt. Einzelne Wörter aus
+ fremden Sprachen in Antiqua (bis auf den Titel „Dr.“) und gesperrt gesetzte Passagen
+ sind hier durch Unterstrich (_) gekennzeichnet.</p>
+ </then>
+ <else>
+ <p>Die Originalausgabe ist in Fraktur gesetzt. In Antiqua gesetzt sind in ihr
+ einzelne Wörter aus
+ fremden Sprachen (hier kursiv wiedergegeben, bis auf den Titel „Dr.“).</p>
+ </else>
+ </pgIf>
+ <p>Inkonsistente Zeichensetzung, insbesondere bei wörtlicher Rede, und Schreibweisenvariationen
+ wurden nicht verändert, bis auf folgende offensichtliche Druckfehler:</p>
+
+ <list>
+ <item><ref target="corr025">Seite 25</ref>: Punkt ergänzt hinter „aufschlug“</item>
+ <item><ref target="corr096">Seite 96</ref>: Punkt ergänzt hinter „mehr“</item>
+ <item><ref target="corr100">Seite 100</ref>: Punkt ergänzt hinter „sollte“</item>
+ <item><ref target="corr126">Seite 126</ref>: „Diedrich“ geändert in „Diederich“</item>
+ <item><ref target="corr148">Seite 148</ref>: Punkt geändert in Komma hinter „verstummt“</item>
+ <item><ref target="corr162">Seite 162</ref>: „aufzuspi ßen“ geändert in „aufzuspießen“</item>
+ <item><ref target="corr163">Seite 163</ref>: Punkt ergänzt hinter „Haltung“</item>
+ <item><ref target="corr179">Seite 179</ref>: „se bst“ geändert in „selbst“</item>
+ <item><ref target="corr190">Seite 190</ref>: Anführungszeichen ergänzt hinter „möchte.“</item>
+ <item><ref target="corr200">Seite 200</ref>: Punkt ergänzt hinter „erlegen“,
+ „Diederichs“ geändert in „Diederich“</item>
+ <item><ref target="corr202">Seite 202</ref>: Punkt ergänzt hinter „Cie“
+ und hinter <ref target="corr202a">„dabei“</ref></item>
+ <item><ref target="corr238">Seite 238</ref>: „Wulckowin“ geändert in „Wulckow in“</item>
+ <item><ref target="corr243">Seite 243</ref>: „Offentlichkeit“ geändert in „Öffentlichkeit“</item>
+ <item><ref target="corr315">Seite 315</ref>: „Präs denten“ geändert in „Präsidenten“</item>
+ <item><ref target="corr316">Seite 316</ref>: Anführungszeichen ergänzt hinter „Fabrikantentochter.“</item>
+ <item><ref target="corr337">Seite 337</ref>: Anführungszeichen entfernt vor „Guste“
+ und ergänzt vor „Er“</item>
+ <item><ref target="corr474">Seite 474</ref>: Anführungszeichen ergänzt hinter „großen G“</item>
+ </list>
+ </div>
+ <div rend="page-break-before: right">
+ <divGen type="pgfooter" />
+ </div>
+ </back>
+ </text>
+</TEI.2>