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+The Project Gutenberg EBook of Der Untertan by Heinrich Mann
+
+
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with almost no
+restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under
+the terms of the Project Gutenberg License included with this eBook or
+online at http://www.gutenberg.org/license
+
+
+
+Title: Der Untertan
+
+Author: Heinrich Mann
+
+Release Date: November 24, 2011 [Ebook #38126]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: US-ASCII
+
+
+***START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DER UNTERTAN***
+
+
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+ Heinrich Mann
+
+ Der Untertan
+
+ Roman
+
+
+
+
+ Kurt Wolff Verlag
+ Leipzig-Wien
+
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+
+
+ Der Roman wurde abgeschlossen Anfang Juli 1914
+
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+
+ Vierundfuenfzigstes bis zweiundachtzigstes Tausend
+
+ Gedruckt in der Spamerschen Buchdruckerei in Leipzig
+ Copyright Kurt Wolff Verlag, Leipzig, 1918
+
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+ I.
+
+
+Diederich Hessling war ein weiches Kind, das am liebsten traeumte, sich vor
+allem fuerchtete und viel an den Ohren litt. Ungern verliess er im Winter
+die warme Stube, im Sommer den engen Garten, der nach den Lumpen der
+Papierfabrik roch und ueber dessen Goldregen- und Fliederbaeumen das
+hoelzerne Fachwerk der alten Haeuser stand. Wenn Diederich vom Maerchenbuch,
+dem geliebten Maerchenbuch, aufsah, erschrak er manchmal sehr. Neben ihm
+auf der Bank hatte ganz deutlich eine Kroete gesessen, halb so gross wie er
+selbst! Oder an der Mauer dort drueben stak bis zum Bauch in der Erde ein
+Gnom und schielte her!
+
+Fuerchterlicher als Gnom und Kroete war der Vater, und obendrein sollte man
+ihn lieben. Diederich liebte ihn. Wenn er genascht oder gelogen hatte,
+drueckte er sich so lange schmatzend und scheu wedelnd am Schreibpult
+umher, bis Herr Hessling etwas merkte und den Stock von der Wand nahm. Jede
+nicht herausgekommene Untat mischte in Diederichs Ergebenheit und
+Vertrauen einen Zweifel. Als der Vater einmal mit seinem invaliden Bein
+die Treppe herunterfiel, klatschte der Sohn wie toll in die Haende - worauf
+er weglief.
+
+Kam er nach einer Abstrafung mit gedunsenem Gesicht und unter Geheul an
+der Werkstaette vorbei, dann lachten die Arbeiter. Sofort aber streckte
+Diederich nach ihnen die Zunge aus und stampfte. Er war sich bewusst: "Ich
+habe Pruegel bekommen, aber von meinem Papa. Ihr waeret froh, wenn ihr auch
+Pruegel von ihm bekommen koenntet. Aber dafuer seid ihr viel zu wenig."
+
+Er bewegte sich zwischen ihnen wie ein launenhafter Pascha; drohte ihnen
+bald, es dem Vater zu melden, dass sie sich Bier holten, und bald liess er
+kokett aus sich die Stunde herausschmeicheln, zu der Herr Hessling
+zurueckkehren sollte. Sie waren auf der Hut vor dem Prinzipal: er kannte
+sie, er hatte selbst gearbeitet. Er war Buettenschoepfer gewesen in den
+alten Muehlen, wo jeder Bogen mit der Hand geformt ward; hatte dazwischen
+alle Kriege mitgemacht und nach dem letzten, als jeder Geld fand, eine
+Papiermaschine kaufen koennen. Ein Hollaender und eine Schneidemaschine
+vervollstaendigten die Einrichtung. Er selbst zaehlte die Bogen nach. Die
+von den Lumpen abgetrennten Knoepfe durften ihm nicht entgehen. Sein
+kleiner Sohn liess sich oft von den Frauen welche zustecken, dafuer, dass er
+die nicht angab, die einige mitnahmen. Eines Tages hatte er so viele
+beisammen, dass ihm der Gedanke kam, sie beim Kraemer gegen Bonbons
+umzutauschen. Es gelang - aber am Abend kniete Diederich, indes er den
+letzten Malzzucker zerlutscht, sich ins Bett und betete, angstgeschuettelt,
+zu dem schrecklichen lieben Gott, er moege das Verbrechen unentdeckt
+lassen. Er brachte es dennoch an den Tag. Dem Vater, der immer nur
+methodisch, Ehrenfestigkeit und Pflicht auf dem verwitterten
+Unteroffiziersgesicht, den Stock gefuehrt hatte, zuckte diesmal die Hand,
+und in die eine Buerste seines silberigen Kaiserbartes lief, ueber die
+Runzeln huepfend, eine Traene. "Mein Sohn hat gestohlen", sagte er ausser
+Atem, mit dumpfer Stimme, und sah sich das Kind an wie einen verdaechtigen
+Eindringling. "Du betruegst und stiehlst. Du brauchst nur noch einen
+Menschen totzuschlagen."
+
+Frau Hessling wollte Diederich noetigen, vor dem Vater hinzufallen und ihn
+um Verzeihung zu bitten, weil der Vater seinetwegen geweint habe! Aber
+Diederichs Instinkt sagte ihm, dass dies den Vater nur noch mehr erbost
+haben wuerde. Mit der gefuehlsseligen Art seiner Frau war Hessling durchaus
+nicht einverstanden. Sie verdarb das Kind fuers Leben. Uebrigens ertappte er
+sie geradeso auf Luegen wie den Diedel. Kein Wunder, da sie Romane las! Am
+Sonnabendabend war nicht immer die Wochenarbeit getan, die ihr aufgegeben
+war. Sie klatschte, anstatt sich zu ruehren, mit dem Dienstmaedchen ... Und
+Hessling wusste noch nicht einmal, dass seine Frau auch naschte, gerade wie
+das Kind. Bei Tisch wagte sie sich nicht satt zu essen und schlich
+nachtraeglich an den Schrank. Haette sie sich in die Werkstatt getraut,
+wuerde sie auch Knoepfe gestohlen haben.
+
+Sie betete mit dem Kind "aus dem Herzen", nicht nach Formeln, und bekam
+dabei geroetete Wangenknochen. Sie schlug es auch, aber Hals ueber Kopf und
+verzerrt von Rachsucht. Oft war sie dabei im Unrecht. Dann drohte
+Diederich, sie beim Vater zu verklagen; tat so, als ginge er ins Kontor,
+und freute sich irgendwo hinter einer Mauer, dass sie nun Angst hatte. Ihre
+zaertlichen Stunden nuetzte er aus; aber er fuehlte gar keine Achtung vor
+seiner Mutter. Ihre Aehnlichkeit mit ihm selbst verbot es ihm. Denn er
+achtete sich selbst nicht, dafuer ging er mit einem zu schlechten Gewissen
+durch sein Leben, das vor den Augen des Herrn nicht haette bestehen koennen.
+
+Dennoch hatten die beiden von Gemuet ueberfliessende Daemmerstunden. Aus den
+Festen pressten sie gemeinsam vermittels Gesang, Klavierspiel und
+Maerchenerzaehlen den letzten Tropfen Stimmung heraus. Als Diederich am
+Christkind zu zweifeln anfing, liess er sich von der Mutter bewegen, noch
+ein Weilchen zu glauben, und er fuehlte sich dadurch erleichtert, treu und
+gut. Auch an ein Gespenst, droben auf der Burg, glaubte er hartnaeckig, und
+der Vater, der hiervon nichts hoeren wollte, schien zu stolz, beinahe
+strafwuerdig. Die Mutter naehrte ihn mit Maerchen. Sie teilte ihm ihre Angst
+mit vor den neuen, belebten Strassen und der Pferdebahn, die hindurchfuhr,
+und fuehrte ihn ueber den Wall nach der Burg. Dort genossen sie das wohlige
+Grausen.
+
+Ecke der Meisestrasse hinwieder musste man an einem Polizisten vorueber, der,
+wen er wollte, ins Gefaengnis abfuehren konnte! Diederichs Herz klopfte
+beweglich; wie gern haette er einen weiten Bogen gemacht! Aber dann wuerde
+der Polizist sein schlechtes Gewissen erkannt und ihn aufgegriffen haben.
+Es war vielmehr geboten, zu beweisen, dass man sich rein und ohne Schuld
+fuehlte - und mit zitternder Stimme fragte Diederich den Schutzmann nach
+der Uhr.
+
+
+
+Nach so vielen furchtbaren Gewalten, denen man unterworfen war, nach den
+Maerchenkroeten, dem Vater, dem lieben Gott, dem Burggespenst und der
+Polizei, nach dem Schornsteinfeger, der einen durch den ganzen Schlot
+schleifen konnte, bis man auch ein schwarzer Mann war, und dem Doktor, der
+einen im Hals pinseln durfte und schuetteln, wenn man schrie - nach allen
+diesen Gewalten geriet nun Diederich unter eine noch furchtbarere, den
+Menschen auf einmal ganz verschlingende: die Schule. Diederich betrat sie
+heulend, und auch die Antworten, die er wusste, konnte er nicht geben, weil
+er heulen musste. Allmaehlich lernte er den Drang zum Weinen gerade dann
+auszunutzen, wenn er nicht gelernt hatte - denn alle Angst machte ihn
+nicht fleissiger oder weniger traeumerisch - und vermied so, bis die Lehrer
+sein System durchschaut hatten, manche ueblen Folgen. Dem ersten, der es
+durchschaute, schenkte er seine ganze Achtung; er war ploetzlich still und
+sah ihn, ueber den gekruemmten und vors Gesicht gehaltenen Arm hinweg voll
+scheuer Hingabe an. Immer blieb er den scharfen Lehrern ergeben und
+willfaehrig. Den gutmuetigen spielte er kleine, schwer nachweisbare
+Streiche, deren er sich nicht ruehmte. Mit viel groesserer Genugtuung sprach
+er von einer Verheerung in den Zeugnissen, von einem riesigen
+Strafgericht. Bei Tisch berichtete er: "Heute hat Herr Behnke wieder drei
+durchgehauen." Und wenn gefragt ward, wen?
+
+"Einer war ich."
+
+Denn Diederich war so beschaffen, dass die Zugehoerigkeit zu seinem
+unpersoenlichen Ganzen, zu diesem unerbittlichen, menschenverachtenden,
+maschinellen Organismus, der das Gymnasium war, ihn beglueckte, dass die
+Macht, die kalte Macht, an der er selbst, wenn auch nur leidend,
+teilhatte, sein Stolz war. Am Geburtstag des Ordinarius bekraenzte man
+Katheder und Tafel. Diederich umwand sogar den Rohrstock.
+
+Im Lauf der Jahre beruehrten zwei ueber Machthaber hereingebrochene
+Katastrophen ihn mit heiligem und suessem Schauder. Ein Hilfslehrer ward vor
+der Klasse vom Direktor heruntergemacht und entlassen. Ein Oberlehrer ward
+wahnsinnig. Noch hoehere Gewalten, der Direktor und das Irrenhaus, waren
+hier graesslich mit denen abgefahren, die bis eben so hohe Gewalt hatten.
+Von unten, klein aber unversehrt, durfte man die Leichen betrachten und
+aus ihnen eine die eigene Lage mildernde Lehre ziehen.
+
+Die Macht, die ihn in ihrem Raederwerk hatte, vor seinen juengeren
+Schwestern vertrat Diederich sie. Sie mussten nach seinem Diktat schreiben
+und kuenstlich noch mehr Fehler machen, als ihnen von selbst gelangen,
+damit er mit roter Tinte wueten und Strafen austeilen konnte. Sie waren
+grausam. Die Kleinen schrien - und dann war es an Diederich, sich zu
+demuetigen, um nicht verraten zu werden.
+
+Er hatte, den Machthabern nachzuahmen, keinen Menschen noetig; ihm genuegten
+Tiere, sogar Dinge. Er stand am Rande des Hollaenders und sah die Trommel
+die Lumpen ausschlagen. "Den hast du weg! Untersteht euch noch mal! Infame
+Bande!" murmelte Diederich, und in seinen blassen Augen glomm es.
+Ploetzlich duckte er sich; fast fiel er in das Chlorbad. Der Schritt eines
+Arbeiters hatte ihn aufgestoert aus seinem laesterlichen Genuss.
+
+Denn recht geheuer und seiner Sache gewiss fuehlte er sich nur, wenn er
+selbst die Pruegel bekam. Kaum je widerstand er dem Uebel. Hoechstens bat er
+den Kameraden: "Nicht auf den Ruecken, das ist ungesund."
+
+Nicht dass es ihm am Sinn fuer sein Recht und an Liebe zum eigenen Vorteil
+fehlte. Aber Diederich hielt dafuer, dass Pruegel, die er bekam, dem
+Schlagenden keinen praktischen Gewinn, ihm selbst keinen reellen Verlust
+zufuegten. Ernster als diese bloss idealen Werte nahm er die Schaumrolle,
+die der Oberkellner vom "Netziger Hof" ihm schon laengst versprochen hatte
+und mit der er nie herausrueckte. Diederich machte unzaehlige Male ernsten
+Schrittes den Geschaeftsweg die Meisestrasse hinauf zum Markt, um seinen
+befrackten Freund zu mahnen. Als der aber eines Tages von seiner
+Verpflichtung ueberhaupt nichts mehr wissen wollte, erklaerte Diederich und
+stampfte ehrlich entruestet auf: "Jetzt wird mir's doch zu bunt! Wenn Sie
+nun nicht gleich herausruecken, sag' ich's Ihrem Herrn!" Darauf lachte
+Schorsch und brachte die Schaumrolle.
+
+Das war ein greifbarer Erfolg. Leider konnte Diederich ihn nur hastig und
+in Sorge geniessen, denn es war zu fuerchten, dass Wolfgang Buck, der draussen
+wartete, darueber zukam und den Anteil verlangte, der ihm versprochen war.
+Indes fand er Zeit, sich sauber den Mund zu wischen, und vor der Tuer brach
+er in heftige Schimpfreden auf Schorsch aus, der ein Schwindler sei und
+gar keine Schaumrolle habe. Diederichs Gerechtigkeitsgefuehl, das sich zu
+seinen Gunsten noch eben so kraeftig geaeussert hatte, schwieg vor den
+Anspruechen des anderen - die man freilich nicht einfach ausser acht lassen
+durfte, dafuer war Wolfgangs Vater eine viel zu achtunggebietende
+Persoenlichkeit. Der alte Herr Buck trug keinen steifen Kragen, sondern
+eine weissseidene Halsbinde und darueber einen grossen weissen Knebelbart. Wie
+langsam und majestaetisch er seinen oben goldenen Stock aufs Pflaster
+setzte! Und er hatte einen Zylinder auf, und unter seinem Ueberzieher sahen
+haeufig Frackschoesse hervor, mitten am Tage! Denn er ging in Versammlungen,
+er bekuemmerte sich um die ganze Stadt. Von der Badeanstalt, vom Gefaengnis,
+von allem, was oeffentlich war, dachte Diederich: "Das gehoert dem Herrn
+Buck." Er musste ungeheuer reich und maechtig sein. Alle, auch Herr Hessling,
+entbloessten vor ihm lange den Kopf. Seinem Sohn mit Gewalt etwas
+abzunehmen, waere eine Tat voll unabsehbarer Gefahren gewesen. Um von den
+grossen Maechten, die er so sehr verehrte, nicht ganz erdrueckt zu werden,
+musste Diederich leise und listig zu Werk gehen.
+
+Einmal nur, in Untertertia, geschah es, dass Diederich jede Ruecksicht
+vergass, sich blindlings betaetigte und zum siegestrunkenen Unterdruecker
+ward. Er hatte, wie es ueblich und geboten war, den einzigen Juden seiner
+Klasse gehaenselt, nun aber schritt er zu einer ungewoehnlichen Kundgebung.
+Aus Kloetzen, die zum Zeichnen dienten, erbaute er auf dem Katheder ein
+Kreuz und drueckte den Juden davor in die Knie. Er hielt ihn fest, trotz
+allem Widerstand; er war stark! Was Diederich stark machte, war der
+Beifall ringsum, die Menge, aus der heraus Arme ihm halfen, die
+ueberwaeltigende Mehrheit drinnen und draussen. Denn durch ihn handelte die
+Christenheit von Netzig. Wie wohl man sich fuehlte bei geteilter
+Verantwortlichkeit und einem Schuldbewusstsein, das kollektiv war!
+
+Nach dem Verrauchen des Rausches stellte wohl leichtes Bangen sich ein,
+aber das erste Lehrergesicht, dem Diederich begegnete, gab ihm allen Mut
+zurueck; es war voll verlegenen Wohlwollens. Andere bewiesen ihm offen ihre
+Zustimmung. Diederich laechelte mit demuetigem Einverstaendnis zu ihnen auf.
+Er bekam es leichter seitdem. Die Klasse konnte die Ehrung dem nicht
+versagen, der die Gunst des neuen Ordinarius besass. Unter ihm brachte
+Diederich es zum Primus und zum geheimen Aufseher. Wenigstens die zweite
+dieser Ehrenstellen behauptete er auch spaeter. Er war gut Freund mit
+allen, lachte, wenn sie ihre Streiche ausplauderten, ein ungetruebtes, aber
+herzliches Lachen, als ernster junger Mensch, der Nachsicht hat mit dem
+Leichtsinn - und dann in der Pause, wenn er dem Professor das Klassenbuch
+vorlegte, berichtete er. Auch hinterbrachte er die Spitznamen der Lehrer
+und die aufruehrerischen Reden, die gegen sie gefuehrt worden waren. In
+seiner Stimme bebte, nun er sie wiederholte, noch etwas von dem
+wolluestigen Erschrecken, womit er sie, hinter gesenkten Lidern, angehoert
+hatte. Denn er spuerte, ward irgendwie an den Herrschenden geruettelt, eine
+gewisse lasterhafte Befriedigung, etwas ganz unter sich Bewegendes, fast
+wie ein Hass, der zu seiner Saettigung rasch und verstohlen ein paar Bissen
+nahm. Durch die Anzeige der anderen suehnte er die eigene suendhafte Regung.
+
+Andererseits empfand er gegen die Mitschueler, deren Fortkommen seine
+Taetigkeit in Frage stellte, zumeist keine persoenliche Abneigung. Er benahm
+sich als pflichtmaessiger Vollstrecker einer harten Notwendigkeit. Nachher
+konnte er zu dem Getroffenen hintreten und ihn, fast ganz aufrichtig,
+beklagen. Einst ward mit seiner Hilfe einer gefasst, der schon laengst
+verdaechtig war, alles abzuschreiben. Diederich ueberliess ihm, mit Wissen
+des Lehrers, eine mathematische Aufgabe, die in der Mitte absichtlich
+gefaelscht und deren Endergebnis dennoch richtig war. Am Abend nach dem
+Zusammenbruch des Betruegers sassen einige Primaner vor dem Tor in einer
+Gartenwirtschaft, was zum Schluss der Turnspiele erlaubt war, und sangen.
+Diederich hatte den Platz neben seinem Opfer gesucht. Einmal, als
+ausgetrunken war, liess er die Rechte vom Krug herab auf die des anderen
+gleiten, sah ihm treu in die Augen und stimmte in Basstoenen, die von Gemuet
+schleppten, ganz allein an:
+
+ "Ich hatt' einen Kameraden,
+ Einen bessern findst du nit ..."
+
+Uebrigens genuegte er bei zunehmender Schulpraxis in allen Faechern, ohne in
+einem das Mass des Geforderten zu ueberschreiten, oder auf der Welt irgend
+etwas zu wissen, was nicht im Pensum vorkam. Der deutsche Aufsatz war ihm
+das Fremdeste, und wer sich darin auszeichnete, gab ihm ein ungeklaertes
+Misstrauen ein.
+
+Seit seiner Versetzung nach Prima galt seine Gymnasialkarriere fuer
+gesichert, und bei Lehrern und Vater drang der Gedanke durch, er solle
+studieren. Der alte Hessling, der 66 und 71 durch das Brandenburger Tor
+eingezogen war, schickte Diederich nach Berlin.
+
+
+
+Weil er sich aus der Naehe der Friedrichstrasse nicht fortgetraute, mietete
+er sein Zimmer droben in der Tieckstrasse. Jetzt hatte er nur in gerader
+Linie hinunterzugehen und konnte die Universitaet nicht verfehlen. Er
+besuchte sie, da er nichts anderes vorhatte, taeglich zweimal, und in der
+Zwischenzeit weinte er oft vor Heimweh. Er schrieb einen Brief an Vater
+und Mutter und dankte ihnen fuer seine glueckliche Kindheit. Ohne Not ging
+er nur selten aus. Kaum, dass er zu essen wagte; er fuerchtete, sein Geld
+vor dem Ende des Monats auszugeben. Und immerfort musste er nach der Tasche
+fassen, ob es noch da sei.
+
+So verlassen ihm um das Herz war, ging er doch noch immer nicht mit dem
+Brief des Vaters in die Bluecherstrasse zu Herrn Goeppel, dem
+Zellulosefabrikanten, der aus Netzig war und auch an Hessling lieferte. Am
+vierten Sonntag besiegte er seine Scheu - und kaum watschelte der
+gedrungene, geroetete Mann, den er schon so oft beim Vater im Kontor
+gesehen hatte, auf ihn zu, da wunderte Diederich sich schon, dass er nicht
+frueher gekommen sei. Herr Goeppel fragte gleich nach ganz Netzig und vor
+allem nach dem alten Buck. Denn obwohl sein Kinnbart nun auch ergraut war,
+hatte er doch, wie Diederich, nur, wie es schien, aus anderen Gruenden,
+schon als Knabe den alten Buck verehrt. Das war ein Mann: Hut ab! Einer
+von denen, die das deutsche Volk hochhalten sollte, hoeher als gewisse
+Leute, die immer alles mit Blut und Eisen kurieren wollten und dafuer der
+Nation riesige Rechnungen schrieben. Der alte Buck war schon
+achtundvierzig dabei gewesen, er war sogar zum Tode verurteilt worden.
+"Ja, dass wir hier als freie Maenner sitzen koennen," sagte Herr Goeppel, "das
+verdanken wir solchen Leuten wie dem alten Buck." Und er oeffnete noch eine
+Flasche Bier. "Heute sollen wir uns mit Kuerassierstiefeln treten
+lassen ..."
+
+Herr Goeppel bekannte sich als freisinniger Gegner Bismarcks. Diederich
+bestaetigte alles, was Goeppel wollte; er hatte ueber den Kanzler, die
+Freiheit, den jungen Kaiser keinerlei Meinung. Da aber ward er peinlich
+beruehrt, denn ein junges Maedchen war eingetreten, das ihm auf den ersten
+Blick durch Schoenheit und Eleganz gleich furchtbar erschien.
+
+"Meine Tochter Agnes", sagte Herr Goeppel.
+
+Diederich stand da, in seinem faltenreichen Gehrock, als magerer Kadett,
+und war rosig ueberzogen. Das junge Maedchen gab ihm die Hand. Sie wollte
+wohl nett sein, aber was war mit ihr anzufangen? Diederich antwortete ja,
+als sie fragte, ob Berlin ihm gefalle; und als sie fragte, ob er schon im
+Theater gewesen sei, antwortete er nein. Er fuehlte sich feucht vor
+Ungemuetlichkeit und war fest ueberzeugt, sein Aufbruch sei das einzige,
+womit er das junge Maedchen interessieren koenne. Aber wie war von hier
+fortzukommen? Zum Glueck stellte ein anderer sich ein, ein breiter Mensch,
+namens Mahlmann, der mit ungeheurer Stimme Mecklenburgisch sprach, _stud.
+ing._ zu sein schien und bei Goeppels Zimmerherr sein sollte. Er erinnerte
+Fraeulein Agnes an einen Spaziergang, den sie verabredet haetten. Diederich
+ward aufgefordert, mitzukommen. Entsetzt schuetzte er einen Bekannten vor,
+der draussen auf ihn warte, und machte sich sofort davon. "Gott sei Dank,"
+dachte er, waehrend es ihm einen Stich gab, "sie hat schon einen."
+
+Herr Goeppel oeffnete ihm im Dunkeln die Flurtuer und fragte, ob sein Freund
+auch Berlin kenne. Diederich log, der Freund sei Berliner. "Denn wenn Sie
+es beide nicht kennen, kommen Sie noch in den falschen Omnibus. Sie haben
+sich gewiss schon mal verirrt in Berlin." Und als Diederich es zugab,
+zeigte Herr Goeppel sich befriedigt. "Das ist nicht wie in Netzig. Hier
+laufen Sie gleich halbe Tage. Was glauben Sie wohl, wenn Sie von Ihrer
+Tieckstrasse bis hierher zum Halleschen Tor gehen, dann sind Sie ja schon
+dreimal durch ganz Netzig gestiegen ... Na, naechsten Sonntag kommen Sie
+nun aber zum Mittagessen!"
+
+Diederich versprach es. Als es so weit war, haette er lieber abgesagt; nur
+aus Furcht vor seinem Vater ging er hin. Diesmal galt es sogar ein
+Alleinsein mit dem Fraeulein zu bestehen. Diederich tat geschaeftig und als
+sei er nicht aufgelegt, sich mit ihr zu befassen. Sie wollte wieder vom
+Theater anfangen, aber er schnitt mit rauher Stimme ab: er habe fuer so
+etwas keine Zeit. Ach ja, ihr Papa habe ihr gesagt, Herr Hessling studiere
+Chemie?
+
+"Ja. Das ist ueberhaupt die einzige Wissenschaft, die Berechtigung hat",
+behauptete Diederich, ohne zu wissen, wie er dazu kam.
+
+Fraeulein Goeppel liess ihren Beutel fallen; er bueckte sich so nachlaessig,
+dass sie ihn wieder hatte, bevor er zur Stelle war. Trotzdem sagte sie
+danke, ganz weich, fast beschaemt - was Diederich aergerte. "Kokette Weiber
+sind etwas Graessliches", dachte er. Sie suchte in ihrem Beutel.
+
+"Jetzt hab' ich es doch verloren. Mein englisches Pflaster naemlich. Es
+blutet wieder."
+
+Sie wickelte ihren Finger aus dem Taschentuch. Er hatte so sehr die Weisse
+des Schnees, dass Diederich der Gedanke kam, das Blut, das darauf lag,
+muesse hineinsickern.
+
+"Ich habe welches", sagte er, mit einem Ruck.
+
+Er ergriff ihren Finger, und bevor sie das Blut wegwischen konnte, hatte
+er es abgeleckt.
+
+"Was machen Sie denn?"
+
+Er war selbst erschrocken. Er sagte mit streng gefalteten Brauen: "O, ich
+als Chemiker probiere noch ganz andere Sachen."
+
+Sie laechelte. "Ach ja, Sie sind eine Art Doktor ... Wie gut Sie das
+koennen", bemerkte sie und sah ihm beim Aufkleben des Pflasters zu.
+
+"So", machte er ablehnend, und trat zurueck. Ihm war es schwuel geworden, er
+dachte: "Wenn man nur nicht immer ihre Haut anfassen muesste! Sie ist
+widerlich weich." Agnes sah an ihm vorbei. Nach einer Pause versuchte sie:
+"Haben wir nicht eigentlich in Netzig gemeinschaftliche Verwandte?" Und
+sie noetigte ihn, mit ihr ein paar Familien durchzugehen. Es stellte sich
+Vetternschaft heraus.
+
+"Sie haben auch noch Ihre Mutter, nicht? Dann koennen Sie sich freuen.
+Meine ist laengst tot. Ich werde wohl auch nicht lange leben. Man hat so
+Ahnungen" - und sie laechelte wehmuetig und entschuldigend.
+
+Diederich beschloss schweigend, diese Sentimentalitaet albern zu finden.
+Noch eine Pause - und wie sie beide eilig zum Sprechen ansetzten, kam der
+Mecklenburger dazwischen. Die Hand Diederichs drueckte er so kraftvoll, dass
+Diederichs Gesicht sich verzerrte, und zugleich laechelte er ihm sieghaft
+in die Augen. Ohne weiteres zog er einen Stuhl bis vor Agnes' Knie und
+fragte heiter und mit Autoritaet nach allem Moeglichen, was nur sie beide
+anging. Diederich war sich selbst ueberlassen und entdeckte, dass Agnes, so
+in Ruhe betrachtet, viel von ihren Schrecken verlor. Eigentlich war sie
+nicht huebsch. Sie hatte eine zu kleine, nach innen gebogene Nase, auf
+deren freilich sehr schmalem Ruecken Sommersprossen sassen. Ihre gelbbraunen
+Augen lagen zu nahe beieinander und zuckten, wenn sie einen ansah. Die
+Lippen waren zu schmal, das ganze Gesicht war zu schmal. "Wenn sie nicht
+so viel braunrotes Haar ueber der Stirn haette und dazu den weissen
+Teint ..." Auch bereitete es ihm Genugtuung, dass der Nagel des Fingers,
+den er beleckt hatte, nicht ganz sauber gewesen war.
+
+Herr Goeppel kam mit seinen drei Schwestern. Eine von ihnen hatte Mann und
+Kinder mit. Der Vater und die Tanten umarmten und kuessten Agnes. Sie taten
+es mit dringlicher Innigkeit und hatten dabei behutsame Mienen. Das junge
+Maedchen war schlanker und groesser als sie alle und blickte ein wenig
+zerstreut auf sie hinab, die eben an ihren schmaechtigen Schultern hing.
+Nur ihrem Vater erwiderte sie langsam und ernst seinen Kuss. Diederich sah
+dem zu und sah in der Sonne die hellblauen Adern, ueberzogen von roten
+Haaren, ihre Schlaefe kreuzen.
+
+Er musste eine der Tanten ins Esszimmer fuehren. Der Mecklenburger hatte
+Agnes' Arm in den seinen gehaengt. Um den langen Familientisch raschelten
+die seidenen Sonntagskleider. Die Gehroecke wurden ueber den Knien
+zusammengelegt. Man raeusperte sich, die Herren rieben die Haende. Dann kam
+die Suppe.
+
+Diederich sass von Agnes weit weg und konnte sie nicht sehen, wenn er sich
+nicht vorbeugte - was er sorgfaeltig vermied. Da seine Nachbarin ihn in
+Ruhe liess, ass er grosse Mengen Kalbsbraten und Blumenkohl. Er hoerte
+ausfuehrlich das Essen besprechen und musste bestaetigen, dass es schoen
+schmecke. Agnes ward vor dem Salat gewarnt, ihr ward zu Rotwein geraten,
+und sie sollte Auskunft geben, ob sie heute morgen Gummischuhe angehabt
+habe. Herr Goeppel erzaehlte, Diederich zugewandt, dass er und seine
+Schwestern vorhin in der Friedrichstrasse, weiss Gott, auseinander gekommen
+seien und sich erst im Omnibus wiedergefunden haetten. "So etwas kann Ihnen
+in Netzig auch nicht passieren", rief er voll Stolz ueber den Tisch.
+Mahlmann und Agnes sprachen von einem Konzert. Sie wollte bestimmt hin,
+ihr Papa werde es schon erlauben. Herr Goeppel machte zaertliche Einwaende,
+und der Chor der Tanten begleitete sie. Agnes muesse frueh schlafen gehen
+und bald in gute Luft hinaus; sie habe sich im Winter ueberanstrengt. Sie
+bestritt es. "Ihr lasst mich niemals aus dem Hause. Ihr seid schrecklich."
+
+Diederich nahm innerlich Partei fuer sie. Er hatte eine Wallung von
+Heldentum: er haette machen wollen, dass sie alles duerfte, dass sie gluecklich
+war und es ihm dankte ... Da fragte Herr Goeppel ihn, ob er in das Konzert
+wolle, "Ich weiss nicht", sagte er veraechtlich und sah Agnes an, die sich
+vorbeugte. "Was ist das fuer eins? Ich gehe nur in Konzerte, wo ich Bier
+trinken kann."
+
+"Sehr vernuenftig", sagte der Schwager des Herrn Goeppel.
+
+Agnes hatte sich zurueckgezogen und, Diederich bereute seinen Ausspruch.
+
+Aber die Creme, auf die alle gespannt waren, blieb aus. Herr Goeppel riet
+seiner Tochter, einmal nachzusehen. Bevor sie ihren Kompotteller
+hingesetzt hatte, war Diederich aufgesprungen - sein Stuhl flog an die
+Wand - und festen Schritts zur Tuer geeilt. "Marie! Der Krehm!" rief er
+hinaus. Rot und ohne jemand anzusehen, ging er wieder an seinen Platz.
+Aber er merkte ganz gut, sie blinzelten sich zu. Mahlmann stiess sogar
+hoehnisch den Atem aus. Der Schwager aeusserte mit kuenstlicher Harmlosigkeit:
+"Immer galant! So soll es sein." Herr Goeppel laechelte zaertlich zu Agnes
+hin, die nicht von ihrem Kompott aufsah. Diederich stemmte das Knie gegen
+die Tischplatte, dass sie anfing sich zu heben. Er dachte: "Gott, o Gott,
+haette ich nur das nicht getan!"
+
+Beim Mahlzeitsagen gab er allen die Hand, nur um Agnes drueckte er sich
+herum. Im Berliner Zimmer beim Kaffee waehlte er seinen Sitz mit Sorgfalt
+dort, wo Mahlmanns breiter Ruecken sie ihm verdeckte. Eine der Tanten
+wollte sich seiner annehmen.
+
+"Was studieren Sie denn, junger Mann?" fragte sie.
+
+"Chemie."
+
+"Ach so, Physik?"
+
+"Nein, Chemie."
+
+"Ach so."
+
+Und so imposant sie angefangen hatte, hierueber kam sie nicht hinweg.
+Diederich nannte sie im stillen eine dumme Gans. Die ganze Gesellschaft
+passte ihm nicht. Von feindseliger Schwermut erfuellt, sah er darein, bis
+die letzten Verwandten aufgebrochen waren. Agnes und ihr Vater hatten sie
+hinausbegleitet. Herr Goeppel kehrte zurueck, erstaunt, den jungen Mann
+allein noch im Zimmer zu finden. Er schwieg forschend, einmal fasste er in
+die Tasche. Als Diederich unvermittelt, ohne um Geld gebeten zu haben,
+Abschied nahm, bekundete Goeppel grosse Herzlichkeit. "Meine Tochter werd'
+ich von Ihnen gruessen", sagte er sogar, und an der Tuer, nachdem er ein
+wenig ueberlegt hatte: "Kommen Sie doch naechsten Sonntag wieder!"
+
+Diederich war fest entschlossen, das Haus nicht mehr zu betreten. Dennoch
+liess er tags darauf alles stehen und liegen, um sich durch die Stadt bis
+zu einem Geschaeft zu fragen, wo er fuer Agnes das Konzertbillett kaufen
+konnte. Vorher musste er auf den Zetteln, die dort hingen, den Namen des
+Virtuosen herausfinden, den Agnes erwaehnt hatte. War es der? Hatte er so
+geklungen? Diederich entschloss sich. Als er dann erfuhr, es koste vier
+Mark fuenfzig, riss er vor Schrecken die Augen weit auf. So viel Geld, um
+einen zu sehen, der Musik machte! Wenn man nur einfach wieder fortgekonnt
+haette! Als er bezahlt hatte und draussen war, entruestete er sich zunaechst
+ueber den Schwindel. Dann bedachte er, dass es fuer Agnes geschehen sei, und
+ward von sich selbst erschuettert. Immer weicher und gluecklicher ging er
+durch das Gewuehl. Es war das erste Geld, das er fuer einen anderen Menschen
+ausgegeben hatte.
+
+Er legte das Billett in einen Umschlag, in den er nichts weiter legte, und
+schrieb die Adresse, um sich nicht zu verraten, mit Schoenschrift. Wie er
+dann am Briefkasten stand, kam Mahlmann daher und lachte hoehnisch.
+Diederich fuehlte sich durchschaut; er besah die Hand, die er aus dem
+Kasten zurueckgezogen hatte. Aber Mahlmann bekundete nur die Absicht, sich
+Diederichs Bude anzusehen. Er fand, es saehe drinnen aus wie bei einer
+aelteren Dame. Sogar die Kaffeekanne hatte Diederich von zu Hause
+mitgebracht! Diederich schaemte sich heiss. Als Mahlmann die Chemiebuecher
+veraechtlich auf- und zuklappte, schaemte Diederich sich seines Faches. Der
+Mecklenburger waelzte sich ins Sofa und fragte: "Wie gefaellt Ihnen denn die
+Goeppel? Netter Kaefer, was? Nun wird er wieder rot! Poussieren Sie doch!
+Ich trete zurueck, wenn Sie Wert darauf legen. Ich habe Aussicht bei
+fuenfzehn verschiedenen."
+
+Da Diederich nachlaessig abwehrte:
+
+"Sie, da ist naemlich was zu machen. Ich muesste gar nichts von Weibern
+verstehen. Die roten Haare! - und haben Sie nicht gemerkt, wie sie einen
+ansieht, wenn sie meint, man weiss es nicht?"
+
+"Mich nicht", sagte Diederich noch geringschaetziger. "Ich pfeife auch
+darauf."
+
+"Ihr Schade!" Mahlmann lachte tobend - worauf er vorschlug, einen Bummel
+zu machen. Daraus ward eine Bierreise. Die ersten Gaslichter sahen sie
+beide betrunken. Etwas spaeter, in der Leipziger Strasse, bekam Diederich
+ohne Anlass von Mahlmann eine maechtige Ohrfeige. Er sagte: "Au! Das ist
+aber doch eine -" Vor dem Wort "Frechheit" schrak er zurueck. Der
+Mecklenburger klopfte ihm auf die Schulter. "Recht freundlich, Kleiner!
+Alles bloss Freundschaft!" - und ueberdies nahm er Diederich die letzten
+zehn Mark ab ... Vier Tage spaeter fand er ihn schwach vor Hunger und
+teilte ihm von dem, was er inzwischen anderswo gepumpt hatte, grossmuetig
+drei Mark mit. Am Sonntag bei Goeppels - mit weniger leerem Magen waere
+Diederich vielleicht nicht hingegangen - erzaehlte Mahlmann, dass Hessling
+all sein Geld verlumpt habe und sich heute mal satt essen muesse. Herr
+Goeppel und sein Schwager lachten verstaendnisvoll, aber Diederich haette
+lieber nie geboren sein wollen, als von Agnes so traurig pruefend angesehen
+werden. Sie verachtete ihn! Verzweifelt troestete er sich. "Es ist alles
+eins, sie hat es schon immer getan!" Da fragte sie, ob das Konzertbillett
+vielleicht von ihm gewesen sei. Alle wandten sich ihm zu.
+
+"Unsinn! Wie sollte ich dazu wohl kommen", entgegnete er so
+unliebenswuerdig, dass sie ihm glaubten. Agnes zoegerte ein wenig, bevor sie
+wegsah. Mahlmann bot den Damen Pralinees an und stellte die uebrigen vor
+Agnes hin. Diederich kuemmerte sich nicht um sie. Er ass noch mehr als das
+vorige Mal. Da doch alle meinten, er sei nur deswegen da! Als es hiess, der
+Kaffee solle im Grunewald getrunken werden, erfand Diederich sofort eine
+Verabredung. Er setzte sogar hinzu: "Mit jemand, den ich unmoeglich warten
+lassen kann." Herr Goeppel legte ihm seine gedrungene Hand auf die
+Schulter, blinzelte ihn aus gesenktem Kopf an und sagte halblaut: "Keine
+Angst, Sie sind natuerlich eingeladen." Aber Diederich beteuerte entruestet,
+dass es nicht daran liege. "Na, wenigstens kommen Sie wieder, sobald Sie
+Lust haben", schloss Goeppel, und Agnes nickte dazu. Sie schien sogar etwas
+sagen zu wollen, aber Diederich wartete es nicht ab. Er ging den Rest des
+Tages in selbstzufriedener Trauer umher, wie nach Vollziehung eines grossen
+Opfers. Am Abend in einem ueberfuellten Bierlokal sass er den Kopf
+aufgestuetzt und nickte von Zeit zu Zeit auf sein einsames Glas hinab, als
+verstehe er jetzt das Schicksal.
+
+Was war zu machen gegen die gewalttaetige Art, in der Mahlmann seine
+Anleihen aufnahm? Am Sonntag hatte dann der Mecklenburger einen
+Blumenstrauss fuer Agnes, und Diederich, der mit leeren Haenden kam, haette
+sagen koennen: "Der ist eigentlich von mir, Fraeulein." Indessen schwieg er,
+mit noch mehr Groll gegen Agnes als gegen Mahlmann. Denn Mahlmann forderte
+zur Bewunderung heraus, wenn er des Nachts einem Unbekannten nachlief, um
+ihm den Zylinder einzuschlagen - obwohl Diederich keineswegs die Warnung
+verkannte, die solch ein Vorgang fuer ihn selbst enthielt.
+
+Ende des Monats, zu seinem Geburtstag, bekam er eine unvorhergesehene
+Summe, die seine Mutter ihm erspart hatte, und erschien bei Goeppels mit
+einem Bukett, keinem zu grossen, um sich nicht blosszustellen, und auch, um
+Mahlmann nicht herauszufordern. Das junge Maedchen hatte, wie sie es nahm,
+ein ergriffenes Gesicht, und Diederich laechelte herablassend und verlegen
+zugleich. Dieser Sonntag deuchte ihm unerhoert festlich; er war nicht
+ueberrascht, als man in den Zoologischen Garten gehen wollte.
+
+Die Gesellschaft rueckte aus, nachdem Mahlmann sie abgezaehlt hatte: elf
+Personen. Alle Frauen unterwegs waren, wie Goeppels Schwestern, vollstaendig
+anders angezogen als in der Woche: als seien sie heute von einer hoeheren
+Klasse oder haetten geerbt. Die Maenner trugen Gehroecke: nur wenige in
+Verbindung mit schwarzen Hosen, wie Diederich, aber viele mit Strohhueten.
+Kam man durch eine Seitenstrasse, war sie breit, gleichfoermig und leer,
+ohne einen Menschen, ohne einen Pferdeapfel. Einmal doch tanzte ein Kreis
+kleiner Maedchen in weissen Kleidern, schwarzen Struempfen und ganz behangen
+mit Schleifen, schrill singend, einen Ringelreihen. Gleich darauf, in der
+Verkehrsader, stuermten schwitzende Matronen einen Omnibus; und die
+Gesichter der Kommis, die unnachsichtlich mit ihnen um die Plaetze rangen,
+sahen neben ihren heftig roten zum Umfallen blass aus. Alles draengte
+vorwaerts, alles stuerzte einem Ziel zu, wo endlich das Vergnuegen anfangen
+sollte. Alle Mienen sagten hart: "Nu los, gearbeitet haben wir genug!"
+
+Diederich kehrte vor den Damen den Berliner heraus. In der Stadtbahn
+eroberte er ihnen mehrere Sitze. Einen Herrn, der im Begriff stand, einen
+wegzunehmen, hinderte er daran, indem er ihn heftig auf den Fuss trat. Der
+Herr schrie: "Flegel!" Diederich antwortete ihm im selben Sinn. Da zeigte
+es sich, dass Herr Goeppel ihn kannte, und kaum einander vorgestellt,
+bekundeten Diederich und der andere die ritterlichsten Sitten. Keiner
+wollte sitzen, um den anderen nicht stehen zu lassen.
+
+Am Tisch im Zoologischen Garten geriet Diederich neben Agnes - warum ging
+heute alles gluecklich? -, und als sie gleich nach dem Kaffee zu den Tieren
+wollte, unterstuetzte er sie stuermisch. Er war voll Unternehmungslust. Vor
+dem engen Gang zwischen den Raubtierkaefigen kehrten die Damen um.
+Diederich trug Agnes seine Begleitung an. "Da nehmen Sie doch lieber mich
+mit hinein", sagte Mahlmann. "Wenn wirklich eine Stange losgehen sollte -"
+
+"Dann machen Sie sie auch nicht wieder fest", entgegnete Agnes und trat
+ein, waehrend Mahlmann sein Gelaechter aufschlug. Diederich blieb hinter
+ihr. Ihm war bange: vor den Bestien, die von rechts und links auf ihn
+zustuerzten, ohne anderen Laut als den des Atems, den sie ueber ihn
+hinstiessen - und vor dem jungen Maedchen, dessen Blumenduft ihm voranzog.
+Ganz hinten wandte sie sich um und sagte:
+
+"Ich mag das Renommieren nicht!"
+
+"Wirklich?" fragte Diederich, vor Freude geruehrt.
+
+"Heute sind Sie mal nett", sagte Agnes; und er:
+
+"Ich moechte es eigentlich immer sein."
+
+"Wirklich?" - Und jetzt war es an ihrer Stimme, ein wenig zu schwanken.
+Sie sahen einander an, jeder mit einer Miene, als verdiente er das alles
+nicht. Das junge Maedchen sagte klagend:
+
+"Die Tiere riechen aber furchtbar."
+
+Und sie gingen zurueck.
+
+Mahlmann empfing sie. "Ich wollte nur sehen, ob Sie nicht ausreissen
+wuerden." Dann nahm er Diederich beiseite. "Na? Was macht die Kleine? Geht
+es bei Ihnen auch? Ich habe es gleich gesagt, dass es keine Kunst ist."
+
+Da Diederich stumm blieb:
+
+"Sie sind wohl scharf ins Zeug gegangen? Wissen Sie was? Ich bin nur noch
+ein Semester in Berlin: dann koennen Sie mich beerben. Aber so lange warten
+Sie gefaelligst -" Auf seinem ungeheuren Rumpf ward sein kleiner Kopf
+ploetzlich tueckisch anzusehen. "- Freundchen!"
+
+Und Diederich war entlassen. Er hatte einen heftigen Schrecken bekommen
+und wagte sich gar nicht mehr in Agnes' Naehe. Sie hoerte nicht sehr
+aufmerksam auf Mahlmann, sie rief rueckwaerts: "Papa! Heute ist es schoen,
+heute geht es mir aber wirklich gut."
+
+Herr Goeppel nahm ihren Arm zwischen seine beiden Haende und tat, als wollte
+er fest zudruecken, aber er beruehrte sie kaum. Seine blanken Augen lachten
+und waren feucht. Als die Familie Abschied genommen hatte, versammelte er
+seine Tochter und die beiden jungen Leute um sich und erklaerte ihnen, der
+Tag muesse gefeiert werden; sie wollten die Linden entlang gehen und
+nachher irgendwo essen.
+
+"Papa wird leichtsinnig!" rief Agnes und sah sich nach Diederich um. Aber
+er hielt die Augen gesenkt. In der Stadtbahn benahm er sich so
+ungeschickt, dass er weit von den anderen getrennt ward; und im Gedraenge
+der Friedrichsstadt blieb er mit Herrn Goeppel allein zurueck. Ploetzlich
+hielt Goeppel an, tastete verstoert auf seinem Magen umher und fragte:
+
+"Wo ist meine Uhr?"
+
+Sie war fort mitsamt der Kette. Mahlmann sagte:
+
+"Wie lange sind Sie schon in Berlin, Herr Goeppel?"
+
+"Jawohl!" - und Goeppel wendete sich an Diederich. "Dreissig Jahre bin ich
+hier, aber das ist mir denn doch noch nicht passiert." Und stolz trotz
+allem: "Sehen Sie, das gibt's in Netzig ueberhaupt nicht!"
+
+Nun musste man, statt zu essen, auf das Polizeirevier und ein Verhoer
+bestehen. Und Agnes hustete. Goeppel zuckte zusammen. "Wir waeren jetzt doch
+zu muede", murmelte er. Mit kuenstlicher Jovialitaet verabschiedete er
+Diederich, der Agnes' Hand uebersah und linkisch den Hut zog. Auf einmal,
+mit ueberraschender Geschicklichkeit und ehe Mahlmann begriff, was vorging,
+schwang er sich auf einen vorbeifahrenden Omnibus. Er war entkommen! Und
+jetzt fingen die Ferien an! Er war alles los! Zu Hause freilich warf er
+die schwersten seiner Chemiebaende mit Krachen auf den Boden. Er hielt
+sogar schon die Kaffeekanne in der Hand. Aber bei dem Geraeusch einer Tuer
+begann er sofort, alles wieder aufzulesen. Dann setzte er sich still in
+die Sofaecke, stuetzte den Kopf und weinte. Waere es nicht vorher so schoen
+gewesen! Er war ihr auf den Leim gegangen. So machten es die Maedchen: dass
+sie manchmal mit einem so taten, und dabei wollten sie einen nur mit einem
+Kerl auslachen. Diederich war sich tief bewusst, dass er es mit so einem
+Kerl nicht aufnehmen koenne. Er sah sich neben Mahlmann und wuerde es nicht
+begriffen haben, haette eine sich fuer ihn entschieden. "Was hab' ich mir
+nur eingebildet?" dachte er. "Eine, die sich in mich verliebt, muss
+wirklich dumm sein." Er litt grosse Angst, der Mecklenburger koenne kommen
+und ihn noch aerger bedrohen. "Ich will sie gar nicht mehr. Waere ich nur
+schon fort!" Die naechsten Tage sass er in toedlicher Spannung bei
+verschlossener Tuer. Kaum war sein Geld da, reiste er.
+
+Seine Mutter fragte, befremdet und eifersuechtig, was er habe. Nach so
+kurzer Zeit sei er kein Junge mehr. "Ja, das Berliner Pflaster!"
+
+Diederich griff zu, als sie verlangte, er solle an eine kleine
+Universitaet, nicht wieder nach Berlin. Der Vater fand, dass es ein Fuer und
+ein Wider gaebe. Diederich musste ihm viel von Goeppels berichten. Ob er die
+Fabrik gesehen habe. Und war er bei den anderen Geschaeftsfreunden gewesen?
+Herr Hessling wuenschte, dass Diederich die Ferien benutze, um in der
+vaeterlichen Werkstaette den Gang der Papierverfertigung kennenzulernen.
+"Ich bin nicht mehr der Juengste, und mein Granatsplitter hat mich auch
+schon lange nicht so gekitzelt."
+
+Diederich entwischte, sobald er konnte, um im Wald von Gaebbelchen oder
+laengs des Ruggebaches bei Gohse spazierenzugehen und sich mit der Natur
+eins zu fuehlen. Denn das konnte er jetzt. Zum erstenmal fiel es ihm auf,
+dass die Huegel dahinten traurig oder wie eine grosse Sehnsucht aussahen, und
+was als Sonne oder Regen vom Himmel fiel, waren Diederichs heisse Liebe und
+seine Traenen. Denn er weinte viel. Er versuchte sogar zu dichten.
+
+Als er einmal die Loewenapotheke betrat, stand hinter dem Ladentisch sein
+Schulkamerad Gottlieb Hornung. "Ja, ich spiel' hier den Sommer ueber 'n
+bisschen Apotheker", erklaerte er. Er hatte sich sogar schon aus Versehen
+vergiftet und sich dabei nach hinten zusammengerollt wie ein Aal. Die
+ganze Stadt hatte davon gesprochen! Aber zum Herbst ging er nun nach
+Berlin, um die Sache wissenschaftlich anzufassen. Ob denn in Berlin was
+los sei. Hocherfreut ueber den Besitz seiner Ueberlegenheit fing Diederich
+an, mit seinen Berliner Erlebnissen zu prahlen. Der Apotheker verhiess:
+"Wir beide zusammen stellen Berlin auf den Kopf."
+
+Und Diederich war schwach genug, zuzusagen. Die kleine Universitaet ward
+verworfen. Am Ende des Sommers - Hornung hatte noch einige Tage zu
+praktizieren - kehrte Diederich nach Berlin zurueck. Er mied das Zimmer in
+der Tieckstrasse. Vor Mahlmann und den Goeppels fluechtete er bis nach
+Gesundbrunnen hinaus. Dort wartete er auf Hornung. Aber Hornung, der seine
+Abreise gemeldet hatte, blieb aus; und als er endlich kam, trug er eine
+gruengelbrote Muetze. Er war sofort von einem Kollegen fuer eine Verbindung
+gekeilt worden. Auch Diederich sollte ihr beitreten; es waren die
+Neuteutonen, eine hochfeine Korporation, sagte Hornung; allein sechs
+Pharmazeuten waren dabei. Diederich verbarg seinen Schrecken unter der
+Maske der Geringschaetzung, aber es half nichts. Er solle Hornung nicht
+blamieren, der von ihm gesprochen habe; einen Besuch wenigstens muesse er
+machen.
+
+"Aber nur einen", sagte er fest.
+
+Der eine dauerte, bis Diederich unter dem Tisch lag und sie ihn
+fortschafften. Als er ausgeschlafen hatte, holten sie ihn zum
+Fruehschoppen; Diederich war Konkneipant geworden.
+
+Und fuer diesen Posten fuehlte er sich bestimmt. Er sah sich in einen grossen
+Kreis von Menschen versetzt, deren keiner ihm etwas tat oder etwas anderes
+von ihm verlangte, als dass er trinke. Voll Dankbarkeit und Wohlwollen
+erhob er gegen jeden, der ihn dazu anregte, sein Glas. Das Trinken und
+Nichttrinken, das Sitzen, Stehen, Sprechen oder Singen hing meistens nicht
+von ihm selbst ab. Alles ward laut kommandiert, und wenn man es richtig
+befolgte, lebte man mit sich und der Welt in Frieden. Als Diederich beim
+Salamander zum ersten Male nicht nachklappte, laechelte er in die Runde,
+beinahe verschaemt durch die eigene Vollkommenheit!
+
+Und das war noch nichts gegen seine Sicherheit im Gesang! Diederich hatte
+in der Schule zu den besten Saengern gehoert und schon in seinem ersten
+Liederheft die Seitenzahlen auswendig gewusst, wo jedes Lied zu finden war.
+Jetzt brauchte er in das Kommersbuch, das auf grossen Naegeln in der Lache
+von Bier lag, nur den Finger zu schieben, und traf vor allen anderen die
+Nummer, die gesungen werden sollte. Oft hing er den ganzen Abend mit
+Ehrerbietung am Munde des Praeses: ob vielleicht sein Lieblingsstueck daran
+kaeme. Dann droehnte er tapfer: "Sie wissen den Teufel, was Freiheit heisst",
+hoerte neben sich den dicken Delitzsch brummen und fuehlte sich wohlig
+geborgen in dem Halbdunkel des niedrigen altdeutschen Lokals, mit den
+Muetzen an der Wand, angesichts des Kranzes geoeffneter Muender, die alle
+dasselbe tranken und sangen, bei dem Geruch des Bieres und der Koerper, die
+es in der Waerme wieder ausschwitzten. Ihm war, wenn es spaet ward, als
+schwitze er mit ihnen allen aus demselben Koerper. Er war untergegangen in
+der Korporation, die fuer ihn dachte und wollte. Und er war ein Mann,
+durfte sich selbst hochachten und hatte eine Ehre, weil er dazu gehoerte!
+Ihn herausreissen, ihm einzeln etwas anhaben, das konnte keiner! Mahlmann
+haette sich einmal herwagen und es versuchen sollen: zwanzig Mann waeren
+statt Diederichs gegen ihn aufgestanden! Diederich wuenschte ihn geradezu
+herbei, so furchtlos war er. Womoeglich sollte er mit Goeppel kommen, dann
+mochten sie sehen, was aus Diederich geworden war, dann war er geraecht!
+
+Gleichwohl gab ihm die meiste Sympathie der Harmloseste von allen ein,
+sein Nachbar, der dicke Delitzsch. Etwas tief Beruhigendes,
+Vertrauengestattendes wohnte in dieser glatten, weissen und humorvollen
+Speckmasse, die unten breit ueber die Stuhlraender quoll, in mehreren
+Wuelsten die Tischhoehe erreichte und dort, als sei nun das Aeusserste getan,
+aufgestuetzt blieb, ohne eine andere Bewegung als das Heben und Hinstellen
+des Bierglases. Delitzsch war, wie niemand sonst, an seinem Platz; wer ihn
+dasitzen sah, vergass, dass er ihn je auf den Beinen erblickt hatte. Er war
+ausschliesslich zum Sitzen am Biertisch eingerichtet. Sein Hosenboden, der
+in jedem anderen Zustand tief und melancholisch herabhing, fand nun seine
+wahre Gestalt und blaehte sich machtvoll. Erst mit Delitzsch' hinterem
+Gesicht bluehte auch sein vorderes auf. Lebensfreude ueberglaenzte es, und er
+ward witzig.
+
+Ein Drama entstand, wenn ein junger Fuchs sich den Scherz machte, ihm das
+Bierglas wegzunehmen. Delitzsch ruehrte kein Glied, aber seine Miene, die
+dem geraubten Glase ueberall hin folgte, enthielt ploetzlich den ganzen,
+stuermisch bewegten Ernst des Daseins, und er rief in saechsischem
+Schreitenor: "Junge, dass du mir nischt verschuettest! Was entziehst de mir
+ueberhaupt mein' Laebensunterhalt! Das ist 'ne ganz gemeine, boeswilliche
+Existenzschaedichung, und ich kann dich glatt verklaachen!"
+
+Dauerte der Spass zu lange, senkten sich Delitzsch' weisse Fettwangen, und
+er bat, er machte sich klein. Sobald er aber das Bier zurueck hatte: welche
+allumfassende Aussoehnung in seinem Laecheln, welche Verklaerung! Er sagte:
+"Du bist doch ae gutes Luder, du sollst laem, prost!" - trank aus und
+klopfte mit dem Deckel nach dem Korpsdiener: "Herr Oberkoerper!"
+
+Nach einigen Stunden geschah es wohl, dass sein Stuhl sich mit ihm umdrehte
+und Delitzsch den Kopf ueber das Becken der Wasserleitung hielt. Das Wasser
+plaetscherte, Delitzsch gurgelte erstickt, und ein paar andere stuerzten,
+durch seine Laute angeregt, in die Toilette. Noch ein wenig sauer von
+Gesicht, aber schon mit frischer Schelmerei, rueckte Delitzsch an den Tisch
+zurueck.
+
+"Na, nu geht's ja wieder", sagte er; und: "Wovon habt 'r denn geredt,
+waehrend ich anderweitig beschaeftigt war? Wisst ihr denn egal nischt wie
+Weibergeschichten? Was koof' ich mir fuer die Weiber?" Immer lauter: "Nich
+mal ae sauern Schoppen kann 'ch mir dafuer koofen. Sie, Herr Oberkoerper!"
+
+Diederich gab ihm recht. Er hatte die Weiber kennengelernt, er war mit
+ihnen fertig. Unvergleichlich idealere Werte enthielt das Bier.
+
+Das Bier! Der Alkohol! Da sass man und konnte immer noch mehr davon haben,
+das Bier war nicht wie kokette Weiber, sondern treu und gemuetlich. Beim
+Bier brauchte man nicht zu handeln, nichts zu wollen und zu erreichen, wie
+bei den Weibern. Alles kam von selbst. Man schluckte: und da hatte man es
+schon zu etwas gebracht, fuehlte sich auf die Hoehen des Lebens befoerdert
+und war ein freier Mann, innerlich frei. Das Lokal haette von Polizisten
+umstellt sein duerfen: das Bier, das man schluckte, verwandelte sich in
+innere Freiheit. Und man hatte sein Examen so gut wie bestanden. Man war
+"fertig", war Doktor! Man fuellte im buergerlichen Leben eine Stellung aus,
+war reich und von Wichtigkeit: Chef einer maechtigen Fabrik von
+Ansichtskarten oder Toilettenpapier. Was man mit seiner Lebensarbeit
+schuf, war in tausend Haenden. Man breitete sich, vom Biertisch her, ueber
+die Welt aus, ahnte grosse Zusammenhaenge, ward eins mit dem Weltgeist. Ja,
+das Bier erhob einen so sehr ueber das Selbst, dass man Gott fand!
+
+Gern haette er es jahrelang so weitergetrieben. Aber die Neuteutonen liessen
+ihn nicht. Fast vom ersten Tage an hatten sie ihm den moralischen und
+materiellen Wert einer voelligen Zugehoerigkeit zur Verbindung geschildert;
+allmaehlich aber gingen sie immer unverbluemter darauf aus, ihn zu keilen.
+Vergebens berief sich Diederich auf seine anerkannte Stellung als
+Konkneipant, in die er sich eingelebt habe und die ihn befriedige. Sie
+entgegneten, dass der Zweck des studentischen Zusammenschlusses, naemlich
+die Erziehung zur Mannhaftigkeit und zum Idealismus, durch das Kneipen
+allein, soviel es auch beitrage, noch nicht ganz erfuellt werde. Diederich
+zitterte; nur zu gut erkannte er, worauf dieses hinauslief. Er sollte
+pauken! Schon immer hatte es ihn unheimlich angeweht, wenn sie mit ihren
+Stoecken in der Luft ihm die Schlaege vorgefuehrt hatten, die sie einander
+beigebracht haben wollten; oder wenn einer von ihnen eine schwarze Muetze
+um den Kopf hatte und nach Jodoform roch. Jetzt dachte er gepresst: "Warum
+bin ich dabei geblieben und Konkneipant geworden! Nun muss ich 'ran."
+
+Er musste. Aber gleich die ersten Erfahrungen beruhigten ihn. Er war so
+sorgsam eingewickelt, behelmt und bebrillt worden, dass ihm unmoeglich viel
+geschehen konnte. Da er keinen Grund hatte, den Kommandos nicht gerade so
+willig und gelehrig nachzukommen wie in der Kneipe, lernte er fechten,
+schneller als andere. Beim ersten Durchzieher ward ihm schwach: ueber die
+Wange fuehlte er es rinnen. Als er dann genaeht war, haette er am liebsten
+getanzt vor Glueck. Er warf es sich vor, dass er diesen gutmuetigen Menschen
+gefaehrliche Absichten zugetraut hatte. Gerade der, den er am meisten
+gefuerchtet hatte, nahm ihn unter seinen Schutz und ward ihm ein
+wohlgesinnter Erzieher.
+
+Wiebel war Jurist, was ihm allein schon Diederichs Unterordnung gesichert
+haette. Nicht ohne Selbstzerknirschung sah er die englischen Stoffe an, in
+die Wiebel sich kleidete, und die farbigen Hemden, von denen er immer
+mehrere abwechselnd trug, bis sie alle in die Waesche mussten. Das
+Beklemmendste aber waren Wiebels Manieren. Wenn er mit leichter eleganter
+Verbeugung Diederich zutrank, klappte Diederich - und seine Miene war
+leidend vor Anstrengung - tief zusammen, verschuettete die eine Haelfte und
+verschluckte sich mit der anderen. Wiebel sprach mit leiser, arroganter
+Feudalstimme.
+
+"Man kann sagen, was man will," bemerkte er gern, "Formen sind kein leerer
+Wahn."
+
+Fuer das F in "Formen" machte er seinen Mund zu einem kleinen schwarzen
+Mausloch und stiess es langsam geschwellt heraus. Diederich unterlag
+jedesmal wieder dem Schauer von so viel Vornehmheit. Alles an Wiebel
+duenkte ihm erlesen: dass die roetlichen Barthaare ganz oben auf der Lippe
+wuchsen und seine langen, gekruemmten Naegel nach unten gekruemmt, nicht, wie
+bei Diederich, nach oben; der starke maennliche Duft, der von Wiebel
+ausging, auch seine abstehenden Ohren, die die Wirkung des durchgezogenen
+Scheitels erhoehten, und die katerhaft in Schlaefenwulste gebetteten Augen.
+Diederich hatte das alles immer nur im unbedingten Gefuehl des eigenen
+Unwertes mit angesehen. Seit aber Wiebel ihn anredete und sich sogar zu
+seinem Goenner machte, war es Diederich, als sei ihm erst jetzt das Recht
+auf Dasein bestaetigt. Er hatte Lust, dankbar zu wedeln. Sein Herz weitete
+sich vor gluecklicher Bewunderung. Wenn seine Wuensche sich so hoch
+hinausgewagt haetten, auch er haette gern solchen roten Hals gehabt und
+immer geschwitzt. Welch ein Traum, saeuseln zu koennen wie Wiebel!
+
+Und nun durfte Diederich ihm dienen, er war sein Leibfuchs! Stets wohnte
+er Wiebels Erwachen bei, suchte ihm seine Sachen zusammen - und da Wiebel
+infolge unregelmaessiger Bezahlung mit der Wirtin schlecht stand, besorgte
+Diederich ihm den Kaffee und reinigte ihm die Schuhe. Dafuer durfte er
+mitgehen auf allen Wegen. Wenn Wiebel ein Beduerfnis verrichtete, hielt
+Diederich draussen Wache, und er wuenschte sich nur, seinen Schlaeger da zu
+haben, um ihn schultern zu koennen.
+
+Wiebel haette es verdient. Die Ehre der Korporation, in der auch Diederichs
+Ehre und sein ganzes Schuldbewusstsein wurzelten, am glaenzendsten vertrat
+Wiebel sie. Er schlug sich, mit wem man wollte, fuer die Neuteutonia. Er
+hatte das Ansehen der Verbindung erhoeht, denn er sollte einst einen
+Vindoborussen koramiert haben! Auch hatte er einen Verwandten beim Zweiten
+Garde-Grenadierregiment Kaiser Franz Joseph; und so oft Wiebel seinen
+Vetter von Klappke erwaehnte, machte die ganze Neuteutonia eine
+geschmeichelte Verbeugung. Diederich suchte sich einen Wiebel in der
+Uniform eines Gardeoffiziers vorzustellen; aber so viel Vornehmheit war
+nicht auszudenken. Eines Tages dann, wie er mit Gottlieb Hornung, weithin
+duftend, vom taeglichen Frisieren kam, stand an einer Strassenecke Wiebel
+mit einem Zahlmeister. Kein Irrtum: es war ein Zahlmeister - und als
+Wiebel ihr Kommen bemerkte, drehte er ihnen den Ruecken. Auch sie wendeten
+und machten sich stumm und stramm davon, ohne einander anzusehen und ohne
+eine Bemerkung. Jeder vermutete, dass auch der andere die Aehnlichkeit des
+Zahlmeisters mit Wiebel festgestellt habe. Und vielleicht kannten die
+uebrigen schon laengst den wahren Sachverhalt? Aber allen stand die Ehre der
+Neuteutonia hoch genug, um zu schweigen, ja, um das Erblickte zu
+vergessen. Als Wiebel das naechste Mal "mein Vetter von Klappke" sagte,
+verbeugten Diederich und Hornung sich mit den anderen, geschmeichelt wie
+je.
+
+Schon hatte Diederich Selbstbeherrschung gelernt, Beobachtung der Formen,
+Korpsgeist, Eifer fuer das Hoehere. Nur mit Mitleid und Widerwillen dachte
+er an das elende Dasein des schweifenden Wilden, das frueher das seine
+gewesen war. Jetzt war Ordnung und Pflicht in sein Leben gebracht. Zu
+genau eingehaltenen Stunden erschien er auf Wiebels Bude, im Fechtsaal,
+beim Friseur und zum Fruehschoppen. Der Nachmittagsbummel leitete zur
+Kneipe ueber; und jeder Schritt geschah in Korporation, unter Aufsicht und
+mit Wahrung peinlicher Formen und gegenseitiger Ehrerbietung, die
+gemuetvolle Derbheit nicht ausschloss. Ein Kommilitone, mit dem Diederich
+bisher nur offiziellen Verkehr unterhalten hatte, stiess einst mit ihm vor
+der Toilette zusammen, und obwohl sie beide kaum noch gerade stehen
+konnten, wollte keiner den Vortritt annehmen. Lange komplimentierten sie
+sich - bis sie ploetzlich, im gleichen Augenblick vom Drang ueberwaeltigt,
+wie zwei zusammenprallende Eber durch die Tuer brachen, dass ihnen die
+Schulterknochen knackten. Das war der Beginn einer Freundschaft. In
+menschlicher Lage einander naeher gekommen, rueckten sie nachher auch am
+offiziellen Kneiptisch zusammen, tranken Schmollis und nannten sich
+"Schweinehund" und "Nilpferd".
+
+Nicht immer zeigte das Verbindungsleben seine heitere Seite. Es forderte
+Opfer; es uebte im maennlichen Ertragen des Schmerzes. Delitzsch selbst, der
+Quell so mancher Heiterkeit, verbreitete Trauer in der Neuteutonia. Eines
+Vormittags, wie Wiebel und Diederich ihn abzuholen kamen: er stand am
+Waschtisch und sagte noch: "Na da. Habt 'r heit aach so ae Durscht?" -
+ploetzlich, ehe sie zugreifen konnten, fiel er hin, mitsamt dem
+Waschgeschirr. Wiebel befuehlte ihn: Delitzsch regte sich nicht mehr.
+
+"Herzklaps", sagte Wiebel kurz. Er ging stramm zur Klingel. Diederich hob
+die Scherben auf und trocknete den Boden. Dann trugen sie Delitzsch auf
+das Bett. Dem formlosen Gejammer der Wirtin gegenueber verharrten beide in
+streng kommentmaessiger Haltung. Unterwegs zur Erledigung des weiteren - sie
+marschierten im Takt nebeneinander - sagte Wiebel mit straffer
+Todesverachtung:
+
+"So was kann jedem von uns passieren. Kneipen ist kein Spass. Das kann sich
+jeder gesagt sein lassen."
+
+Und mit allen anderen fuehlte Diederich sich gehoben durch Delitzsch' treue
+Pflichterfuellung, durch seinen Tod auf dem Felde der Ehre. Mit Stolz
+folgten sie dem Sarge; "Neuteutonia sei's Panier", stand in jeder Miene.
+Auf dem Friedhof, die umflorten Schlaeger gesenkt, hatten alle das in sich
+vertiefte Gesicht des Kriegers, den die naechste Schlacht dahinraffen kann,
+wie die vorigen den Kameraden; und was der erste Chargierte von dem
+Geschiedenen ruehmte: er habe in der Schule der Mannhaftigkeit und des
+Idealismus den hoechsten Preis errungen, das erschuetterte jeden, als gaelte
+es ihm selbst.
+
+Hiermit ging Diederichs Lehrzeit zu Ende, denn Wiebel trat aus, um sich
+auf den Referendar vorzubereiten; und fortan hatte Diederich die von ihm
+uebernommenen Grundsaetze selbstaendig zu vertreten und sie den Juengeren
+einzupflanzen. Er tat es im Gefuehl hoher Verantwortlichkeit und mit
+Strenge. Wehe dem Fuchs, der es verdient hatte, in die Kanne zu steigen.
+Keine fuenf Minuten vergingen, und er musste sich an den Waenden
+hinaustasten. Das Schreckliche geschah, dass einer vor Diederich aus der
+Tuer ging. Seine Busse waren acht Tage Bierverschiss. Nicht Stolz oder
+Eigenliebe leiteten Diederich: einzig sein hoher Begriff von der Ehre der
+Korporation. Er selbst war nur ein Mensch, also nichts; jedes Recht, sein
+ganzes Ansehen und Gewicht kamen ihm von ihr. Auch koerperlich verdankte er
+ihr alles: die Breite seines weissen Gesichts, seinen Bauch, der ihn den
+Fuechsen ehrwuerdig machte, und das Privileg, bei festlichen Anlaessen in
+hohen Stiefeln mit Band und Muetze aufzutreten, den Genuss der Uniform! Wohl
+hatte er noch immer einem Leutnant Platz zu machen, denn die Koerperschaft,
+der der Leutnant angehoerte, war offenbar die hoehere; aber wenigstens mit
+einem Trambahnschaffner konnte er furchtlos verkehren, ohne Gefahr, von
+ihm angeschnauzt zu werden. Seine Maennlichkeit stand ihm mit Schmissen,
+die das Kinn spalteten, rissig durch die Wangen fuhren und in den kurz
+geschorenen Schaedel hackten, drohend auf dem Gesicht geschrieben - und
+welche Genugtuung, sie taeglich und nach Belieben einem jeden beweisen zu
+koennen! Einmal bot sich eine unerwartet glaenzende Gelegenheit. Zu dritt,
+mit Gottlieb Hornung und dem Dienstmaedchen ihrer Wirtin, waren sie beim
+Tanz in Halensee. Seit einigen Monaten teilten die Freunde sich eine
+Wohnung, mit der ein ziemlich huebsches Dienstmaedchen verbunden war,
+machten ihr beide kleine Geschenke und gingen des Sonntags gemeinsam mit
+ihr aus. Ob Hornung es so weit bei ihr gebracht hatte wie er selbst,
+darueber hatte Diederich seine privaten Vermutungen. Offiziell und von
+Verbindungs wegen war es ihm unbekannt.
+
+Rosa war nicht uebel angezogen, auf dem Ball fand sie Bewerber. Damit
+Diederich noch eine Polka bekam, war er genoetigt, sie daran zu erinnern,
+dass er ihr die Handschuhe gekauft habe. Schon machte er zur Einleitung des
+Tanzes seine korrekte Verbeugung, da draengte sich unversehens ein anderer
+dazwischen und polkte mit Rosa von dannen. Betreten sah Diederich ihnen
+nach, im dunklen Gefuehl, dass er hier werde einschreiten muessen. Bevor er
+sich aber regte, war ein Maedchen durch die tanzenden Paare gestuerzt, hatte
+Rosa geohrfeigt und sie in unzarter Weise von ihrem Partner getrennt. Dies
+sehen und auf Rosas Raeuber losmarschieren, war fuer Diederich eins.
+
+"Mein Herr," sagte er und sah ihm fest in die Augen, "Ihr Benehmen ist
+unqualifizierbar."
+
+Der andere erwiderte:
+
+"Wennschon."
+
+Ueberrascht von dieser ungewoehnlichen Wendung eines offiziellen Gespraechs,
+stammelte Diederich:
+
+"Knote."
+
+Der andere erwiderte prompt:
+
+"Schote" - und lachte dabei. Durch so viel Formlosigkeit vollends aus der
+Fassung gebracht, wollte Diederich sich schon verbeugen und abtreten; aber
+der andere stiess ihn ploetzlich vor den Bauch - und gleich darauf waelzten
+sie sich zusammen am Boden. Umringt von Gekreisch und anfeuernden Zurufen
+kaempften sie, bis man sie trennte. Gottlieb Hornung, der Diederichs
+Klemmer suchen half, rief: "Da reisst er aus" - und war schon hinterher.
+Diederich folgte. Sie sahen den anderen mit einem Begleiter gerade noch in
+eine Droschke steigen und nahmen die naechste. Hornung behauptete, die
+Verbindung duerfe das nicht auf sich sitzen lassen. "So was kneift und
+bekuemmert sich nicht mal mehr um die Dame." Diederich erklaerte:
+
+"Was Rosa betrifft, die ist fuer mich erledigt."
+
+"Fuer mich auch."
+
+Die Fahrt war aufregend. "Ob wir nachkommen? Wir haben einen lahmen Gaul."
+"Wenn der Prolet nun nicht satisfaktionsfaehig ist?" Man entschied: "Dann
+hat die Sache offiziell nicht stattgefunden."
+
+Der erste Wagen hielt im Westen vor einem anstaendigen Haus. Diederich und
+Hornung trafen ein, wie das Tor zugeschlagen ward. Entschlossen postierten
+sie sich davor. Es ward kuehl, sie marschierten hin und her vor dem Hause,
+zwanzig Schritte nach links, zwanzig Schritte nach rechts, behielten immer
+die Tuer im Auge und wiederholten immer dieselben ernsten und weittragenden
+Reden. Nur Pistolen kamen hier in Frage! Diesmal war die Ehre der
+Neuteutonia teuer zu bezahlen! Wenn es nur kein Prolet war!
+
+Endlich kam der Portier zum Vorschein, und sie nahmen ihn ins Verhoer. Sie
+suchten ihm die Herren zu beschreiben, fanden aber, dass die beiden keine
+besonderen Kennzeichen hatten. Hornung, noch leidenschaftlicher als
+Diederich, blieb dabei, dass man warten muesse, und noch zwei Stunden lang
+marschierten sie hin und her, dann bogen aus dem Hause zwei Offiziere.
+Diederich und Hornung rissen die Augen auf, ungewiss, ob hier nicht ein
+Irrtum vorlag. Die Offiziere stutzten. Einer schien sogar zu erbleichen.
+Da entschloss Diederich sich. Er trat vor den Erbleichten hin.
+
+"Mein Herr -"
+
+Die Stimme versagte ihm. Der Leutnant sagte, verlegen: "Sie irren sich
+wohl."
+
+Diederich brachte hervor:
+
+"Durchaus nicht. Ich muss Genugtuung fordern. Sie haben sich -"
+
+"Ich kenne Sie ja gar nicht", stammelte der Leutnant. Aber sein Kamerad
+fluesterte ihm etwas zu: "So geht das nicht" - er liess sich von dem anderen
+die Karte geben, legte seine eigene dazu und ueberreichte sie Diederich.
+Diederich gab die seine her; dann las er: "Albrecht Graf
+Tauern-Baerenheim". Da nahm er sich nicht mehr die Zeit, auch die andere zu
+lesen, sondern begann kleine, eifrige Verbeugungen zu vollfuehren. Der
+zweite Offizier wandte sich inzwischen an Gottlieb Hornung.
+
+"Mein Freund hat den Scherz natuerlich ganz harmlos gemeint. Er waere
+selbstverstaendlich zu jeder Genugtuung bereit; ich will nur feststellen,
+dass eine beleidigende Absicht nicht vorliegt."
+
+Der andere, den er dabei ansah, hob die Schultern. Diederich stammelte: "O
+danke sehr."
+
+"Damit ist die Sache wohl erledigt", sagte der Freund; und die beiden
+Herren entfernten sich.
+
+Diederich stand noch da, die Stirn feucht und mit befangenen Sinnen.
+Ploetzlich seufzte er tief auf und laechelte langsam.
+
+Nachher auf der Kneipe war die Rede nur von diesem Vorfall. Diederich
+ruehmte den Kommilitonen das wahrhaft ritterliche Verhalten des Grafen.
+
+"Ein wirklicher Edelmann verleugnet sich doch nie."
+
+Er machte den Mund klein wie ein Mausloch und stiess in langsamer
+Schwellung die Worte hervor:
+
+"F - formen sind doch kein leerer Wahn."
+
+Immer wieder rief er Gottlieb Hornung als Zeugen seines grossen
+Augenblickes auf.
+
+"So gar nichts Steifes, wie? Oh! Auf einen doch immerhin gewagten Scherz
+kommt es solchem Herrn nicht an. Eine Haltung dabei: t-hadellos, kann ich
+euch sagen. Die Erklaerungen Seiner Erlaucht waren so durchaus
+befriedigend, dass ich meinerseits unmoeglich -: Ihr begreift, man ist kein
+Rauhbein."
+
+Alle begriffen es und bestaetigten Diederich, dass die Neuteutonia in dieser
+Sache durchaus anstaendig abgeschnitten habe. Die Karten der beiden
+Edelleute wurden bei den Fuechsen umhergereicht und zwischen den gekreuzten
+Schlaegern am Kaiserbild befestigt. Kein Neuteutone, der sich heute nicht
+betrank.
+
+Damit endete das Semester; aber Diederich und Hornung hatten fuer die
+Heimreise kein Geld. Das Geld fehlte ihnen schon laengst fuer fast alles.
+Mit Ruecksicht auf die Pflichten des Verbindungslebens war Diederichs
+Wechsel auf zweihundertfuenfzig Mark erhoeht worden; und doch uebermannten
+ihn die Schulden. Alle Quellen schienen ausgepumpt, nur duerres Land sah
+man, verschmachtend, sich dahindehnen - und endlich musste man wohl, so
+wenig dies Rittern angestanden haette, ueber die Zurueckforderung dessen
+beraten, was sie selbst im Lauf der Zeiten an Kommilitonen verliehen
+hatten. Gewiss war mancher alte Herr inzwischen zu grossen Geldern gelangt.
+Hornung fand keinen; Diederich verfiel auf Mahlmann.
+
+"Bei dem geht es", erklaerte er. "Der war bei gar keiner Verbindung: ein
+ganz gemeiner Ruppsack. Dem werd' ich mal auf die Bude steigen."
+
+Aber als Mahlmann ihn erblickte, brach er ohne weiteres in sein
+riesenhaftes Lachen aus, dass Diederich fast vergessen hatte und das ihn
+sofort unwiderstehlich herabstimmte. Mahlmann war taktlos! Er haette doch
+fuehlen sollen, dass hier in seinem Patentbureau mit Diederich die ganze
+Neuteutonia moralisch zugegen war, und haette Diederich um ihretwillen
+Achtung erweisen sollen. Diederich hatte den Eindruck, als sei er aus der
+kraftspendenden Gesamtheit jaeh herausgerissen und stehe hier als einzelner
+Mensch vor einem anderen. Eine nicht vorhergesehene, unliebsame Lage! Um
+so unbefangener trug er seine Sache vor. Oh! Er wolle kein Geld zurueck,
+das wuerde er einem Kameraden niemals zugemutet haben! Mahlmann moege nur so
+gefaellig sein, ihm fuer einen Wechsel zu buergen. Mahlmann lehnte sich in
+seinen Schreibsessel zurueck und sagte breit und selbstverstaendlich:
+
+"Nein."
+
+Diederich, betroffen:
+
+"Wieso, nein?"
+
+"Buergen ist gegen meine Prinzipien", erklaerte Mahlmann.
+
+Diederich erroetete vor Entruestung. "Aber ich habe doch auch fuer Sie
+gebuergt, und dann ist der Wechsel an mich gekommen, und ich musste fuer Sie
+hundert Mark blechen. Sie haben sich gehuetet!"
+
+"Sehen Sie wohl? Und wenn ich jetzt fuer Sie buergen wollte, wuerden Sie auch
+nicht bezahlen."
+
+Diederich riss nur noch die Augen auf.
+
+"Nein, Freundchen," schloss Mahlmann; "wenn ich Selbstmord begehen will,
+brauch' ich Sie nicht dazu."
+
+Diederich fasste sich, er sagte herausfordernd:
+
+"Sie haben wohl keinen Komment, mein Herr."
+
+"Nein", wiederholte Mahlmann und lachte ungeheuerlich.
+
+Mit aeusserstem Nachdruck stellte Diederich fest: "Dann scheinen Sie
+ueberhaupt ein Schwindler zu sein. Es soll ja gewisse Patentschwindler
+geben."
+
+Mahlmann lachte nicht mehr; die Augen in seinem kleinen Kopf waren
+tueckisch geworden, und er stand auf. "Nun muessen Sie 'rausgehen", sagte
+er, ohne Erregung. "Unter uns waere es wohl Wurst, aber nebenan sitzen
+meine Angestellten, die duerfen so was nicht hoeren."
+
+Er packte Diederich an den Schultern, drehte ihn herum und schob ihn vor
+sich her. Fuer jeden Versuch, sich loszumachen, bekam Diederich einen
+maechtigen Knuff.
+
+"Ich fordere Genugtuung", schrie er, "Sie muessen sich mit mir schlagen!"
+
+"Ich bin schon dabei. Merken Sie es nicht? Dann will ich noch einen
+rufen." Er oeffnete die Tuer. "Friedrich!" Und Diederich ward einem Packer
+ueberliefert, der ihn die Treppe hinabbefoerderte. Mahlmann rief ihm nach:
+
+"Nichts fuer ungut, Freundchen. Wenn Sie ein andermal was auf dem Herzen
+haben, kommen Sie ruhig wieder!"
+
+Diederich brachte sich in Ordnung und verliess das Haus in guter Haltung.
+Um so schlimmer fuer Mahlmann, wenn er sich so auffuehrte! Diederich hatte
+sich nichts vorzuwerfen; vor einem Ehrengericht waere er glaenzend
+dagestanden. Etwas hoechst Anstoessiges blieb es, dass ein einzelner sich so
+viel erlauben konnte; Diederich war gekraenkt im Namen saemtlicher
+Korporationen. Andererseits war es nicht zu leugnen, dass Mahlmann
+Diederichs alte Hochachtung wieder betraechtlich aufgefrischt hatte. "Ein
+ganz gemeiner Hund", dachte Diederich. "Aber so muss man sein ..."
+
+Zu Hause lag ein eingeschriebener Brief.
+
+"Nun koennen wir fortmachen", sagte Hornung.
+
+"Wieso wir? Ich brauch' mein Geld selbst."
+
+"Du machst wohl Spass. Ich kann hier doch nicht allein sitzenbleiben."
+
+"Dann such' dir Gesellschaft!"
+
+Diederich schlug ein solches Gelaechter auf, dass Hornung ihn fuer verrueckt
+hielt. Darauf reiste er wirklich.
+
+Unterwegs sah er erst, dass der Brief von seiner Mutter adressiert war. Das
+war ungewoehnlich ... Seit ihrer letzten Karte, sagte sie, sei es mit
+seinem Vater noch viel schlimmer geworden. Warum Diederich nicht gekommen
+sei.
+
+"Wir muessen uns auf das Entsetzlichste gefasst machen. Wenn Du unseren
+innigst geliebten Papa noch einmal sehen willst, o dann saeume nicht
+laenger, mein Sohn!"
+
+Bei dieser Ausdrucksweise ward es Diederich ungemuetlich. Er entschloss
+sich, seiner Mutter einfach nicht zu glauben. "Weibern glaub' ich
+ueberhaupt nichts, und mit Mama ist es nun mal nicht richtig."
+
+Trotzdem tat Herr Hessling bei Diederichs Ankunft gerade die letzten
+Atemzuege.
+
+Von dem Anblick ueberwaeltigt, brach Diederich gleich auf der Schwelle in
+ein ganz formloses Geheul aus. Er stolperte zum Bett, sein Gesicht war im
+Augenblick nass wie beim Waschen; und mit den Armen tat er lauter kurze
+Fluegelschlaege und liess sie machtlos gegen die Hueften klappen. Ploetzlich
+erkannte er auf der Decke des Vaters rechte Hand, kniete hin und kuesste
+sie. Frau Hessling, ganz still und klein selbst noch bei den letzten
+Atemzuegen ihres Herrn, tat drueben dasselbe mit der linken. Diederich
+dachte daran, wie dieser verkuemmerte schwarze Fingernagel auf seine Wange
+zugeflogen war, wenn der Vater ihn ohrfeigte; und er weinte laut. Die
+Pruegel gar, als er von den Lumpen die Knoepfe gestohlen hatte! Diese Hand
+war schrecklich gewesen; Diederichs Herz krampfte sich, nun er sie
+verlieren sollte. Er fuehlte, dass seine Mutter das gleiche im Sinn hatte,
+und sie ahnte seine Gedanken. Auf einmal sanken sie einander, ueber das
+Bett hinweg, in die Arme.
+
+Bei den Kondolenzbesuchen hatte Diederich sich zurueck. Er vertrat vor ganz
+Netzig, stramm und formensicher, die Neuteutonia, sah sich angestaunt und
+vergass darueber fast, dass er trauerte. Dem alten Herrn Buck ging er bis zur
+aeusseren Tuer entgegen. Die Beleibtheit des grossen Mannes von Netzig ward
+majestaetisch in seinem glaenzenden Gehrock. Wuerdevoll trug der den
+umgewendeten Zylinderhut vor sich her; und die andere, vom schwarzen
+Handschuh entbloesste Hand, die er Diederich reichte, fuehlte sich
+ueberraschend zartfleischig an. Seine blauen Augen drangen warm in
+Diederich ein, und er sagte:
+
+"Ihr Vater war ein guter Buerger. Junger Mann, werden Sie auch einer! Haben
+Sie immer Achtung vor den Rechten Ihrer Mitmenschen! Das gebietet Ihnen
+Ihre eigene Menschenwuerde. Ich hoffe, wir werden hier in unserer Stadt
+noch zusammen fuer das Gemeinwohl arbeiten. Sie werden jetzt wohl fertig
+studieren?"
+
+Diederich konnte kaum das Ja herausbringen, so sehr verstoerte ihn die
+Ehrfurcht. Der alte Buck fragte in leichterem Ton:
+
+"Hat mein Juengster Sie in Berlin schon aufgesucht? Nein? O, das soll er
+tun. Er studiert jetzt auch dort. Wird aber wohl bald sein Jahr abdienen.
+Haben Sie das schon hinter sich?"
+
+"Nein" - und Diederich ward sehr rot. Er stammelte Entschuldigungen. Es
+sei ihm bisher ganz unmoeglich gewesen, das Studium zu unterbrechen. Aber
+der alte Buck zuckte die Achseln, als sei der Gegenstand unerheblich.
+
+Durch das Testament des Vaters war Diederich neben dem alten Buchhalter
+Soetbier zum Vormund seiner beiden Schwestern bestimmt. Soetbier belehrte
+ihn, dass ein Kapital von siebzigtausend Mark da sei, das als Mitgift der
+Maedchen dienen solle. Nicht einmal die Zinsen durften angegriffen werden.
+Der Reingewinn aus der Fabrik hatte in den letzten Jahren durchschnittlich
+neuntausend Mark betragen. "Mehr nicht?" fragte Diederich. Soetbier sah ihn
+an, zuerst entsetzt, dann vorwurfsvoll. Wenn der junge Herr sich
+vorstellen koennte, wie sein seliger Vater und Soetbier das Geschaeft
+heraufgearbeitet haetten! Gewiss war es ja noch ausdehnungsfaehig ...
+
+"Na, is jut", sagte Diederich. Er sah, dass hier vieles geaendert werden
+muesse. Von einem Viertel von neuntausend Mark sollte er leben? Diese
+Zumutung des Verstorbenen empoerte ihn. Als seine Mutter behauptete, der
+Selige habe auf dem Sterbebette die Zuversicht geaeussert, in seinem Sohn
+Diederich werde er fortleben, und Diederich werde sich niemals
+verheiraten, um immer fuer die Seinen zu sorgen, da brach Diederich aus.
+"Vater war nicht so krankhaft sentimental wie du," schrie er, "und er log
+auch nicht." Frau Hessling glaubte den Seligen zu hoeren und duckte sich.
+Dies benutzte Diederich, um seinen Monatswechsel um fuenfzig Mark erhoehen
+zu lassen.
+
+"Zunaechst", sagte er rauh, "hab' ich mein Jahr abzudienen. Das kostet, was
+es kostet. Mit euren kleinlichen Geldgeschichten koennt ihr mir spaeter
+kommen."
+
+Er bestand sogar darauf, in Berlin einzutreten. Der Tod des Vaters hatte
+ihm wilde Freiheitsgefuehle gegeben. Nachts freilich traeumte er, der alte
+Herr trete aus dem Kontor, mit dem ergrauten Gesicht, das er als Leiche
+gehabt hatte - und schwitzend erwachte Diederich.
+
+Er reiste, versehen mit dem Segen der Mutter. Gottlieb Hornung und ihre
+gemeinsame Rosa konnte er fortan nicht brauchen und zog um. Den
+Neuteutonen zeigte er in angemessener Form seine veraenderten
+Lebensumstaende an. Die Burschenherrlichkeit war vorueber. Der
+Abschiedskommers! Trauersalamander wurden gerieben, die fuer Diederichs
+alten Herrn bestimmt waren, aber die auch ihm und seiner schoensten
+Bluetezeit gelten konnten. Vor lauter Hingabe gelangte er unter den Tisch,
+wie am Abend seiner Aufnahme als Konkneipant; und war nun alter Herr.
+
+Arg verkatert stand er tags darauf, inmitten anderer jungen Leute, die
+alle, wie er selbst, ganz nackt ausgezogen waren, vor dem Stabsarzt.
+Dieser Herr sah angewidert ueber all das maennliche Fleisch hin, das ihm
+unterbreitet war; an Diederichs Bauch aber ward sein Blick hoehnisch.
+Sofort grinsten alle ringsum, und Diederich blieb nichts uebrig, als auch
+seinerseits die Augen auf seinen Bauch zu senken, der erroetet war ... Der
+Stabsarzt hatte seinen vollen Ernst zurueck. Einem, der nicht so scharf
+hoerte, wie es Vorschrift war, erging es schlecht, denn man kannte die
+Simulanten! Ein anderer, der noch dazu Levysohn hiess, bekam die Lehre:
+"Wenn Sie mich wieder mal hier belaestigen, dann waschen Sie sich
+wenigstens!" Bei Diederich hiess es:
+
+"Ihnen wollen wir das Fett schon wegkurieren. Vier Wochen Dienst, und ich
+garantiere Ihnen, dass Sie aussehen wie ein Christenmensch."
+
+Damit war er angenommen. Die Ausgemusterten fuhren so schnell in ihre
+Kleider, als brennte die Kaserne. Die fuer tauglich Befundenen sahen
+einander pruefend von der Seite an und entfernten sich zaudernd, als
+erwarteten sie, dass eine schwere Hand sich ihnen auf die Schultern lege.
+Einer, ein Schauspieler mit einem Gesicht, als sei ihm alles eins, kehrte
+um, stellte sich nochmals vor den Stabsarzt hin und sagte laut, mit
+sorgfaeltiger Aussprache: "Ich moechte noch hinzufuegen, dass ich homosexuell
+bin."
+
+Der Stabsarzt wich zurueck, er war ganz rot. Stimmlos sagte er: "Solche
+Schweine koennen wir allerdings nicht brauchen."
+
+Diederich drueckte den kuenftigen Kameraden seine Entruestung aus ueber ein so
+schamloses Verfahren. Dann sprach er noch den Unteroffizier an, der vorher
+an der Wand seine Koerperlaenge gemessen hatte, und beteuerte ihm, dass er
+froh sei. Trotzdem schrieb er nach Netzig an den praktischen Arzt Dr.
+Heuteufel, der ihn als Jungen im Hals gepinselt hatte: ob der Doktor ihm
+nicht bescheinigen wolle, dass er skrofuloes und rachitisch sei. Er koenne
+sich doch nicht ruinieren lassen mit der Schinderei. Aber die Antwort
+lautete, er solle nur nicht kneifen, das Dienen werde ihm trefflich
+bekommen. So gab Diederich denn sein Zimmer wieder auf und fuhr mit seinem
+Handkoffer in die Kaserne. Wenn man schon vierzehn Tage dort wohnen musste,
+konnte man so lange die Miete sparen.
+
+Sofort ging es mit Reckturnen, Springen und anderen atemraubenden Dingen
+an. Kompagnieweise ward man in den Korridoren, die "Rayons" hiessen,
+"abgerichtet". Leutnant von Kullerow trug eine unbeteiligte Hochnaesigkeit
+zur Schau, die Einjaehrigen betrachtete er nie anders als mit einem
+zugekniffenen Auge. Ploetzlich schrie er: "Abrichter!" und gab den
+Unteroffizieren eine Instruktion, worauf er sich verachtungsvoll abwandte.
+Beim Exerzieren im Kasernenhof, beim Gliederbilden, Sichzerstreuen und
+Platzwechseln ward weiter nichts beabsichtigt, als die "Kerls"
+umherzuhetzen. Ja, Diederich fuehlte wohl, dass alles hier, die Behandlung,
+die gelaeufigen Ausdruecke, die ganze militaerische Taetigkeit vor allem
+darauf hinzielte, die persoenliche Wuerde auf ein Mindestmass herabzusetzen.
+Und das imponierte ihm; es gab ihm, so elend er sich befand, und gerade
+dann, eine tiefe Achtung ein und etwas wie selbstmoerderische Begeisterung.
+Prinzip und Ideal war ersichtlich das gleiche wie bei den Neuteutonen, nur
+ward es grausamer durchgefuehrt. Die Pausen der Gemuetlichkeit, in denen man
+sich seines Menschentums erinnern durfte, fielen fort. Jaeh und
+unabaenderlich sank man zur Laus herab, zum Bestandteil, zum Rohstoff, an
+dem ein unermesslicher Wille knetete. Wahnsinn und Verderben waere es
+gewesen, auch nur im geheimsten Herzen sich aufzulehnen. Hoechstens konnte
+man, gegen die eigene Ueberzeugung, sich manchmal druecken. Diederich war
+beim Laufen gefallen, der Fuss tat ihm weh. Nicht, dass er gerade haette
+hinken muessen, aber er hinkte und durfte, wie die Kompagnie "ins Gelaende"
+marschierte, zurueckbleiben. Um dies zu erreichen, war er zunaechst an den
+Hauptmann selbst herangetreten. "Herr Hauptmann, bitte -" Welche
+Katastrophe! Er hatte in seiner Ahnungslosigkeit vorwitzig das Wort an
+eine Macht gerichtet, von der man stumm und auf den Knien des Geistes
+Befehle entgegenzunehmen hatte! Der man sich nur "vorfuehren" lassen
+konnte! Der Hauptmann donnerte, dass die Unteroffiziere zusammenliefen, mit
+Mienen, in denen das Entsetzen vor einer Laesterung stand. Die Folge war,
+dass Diederich staerker hinkte und einen Tag laenger vom Dienst befreit
+werden musste.
+
+Unteroffizier Vanselow, der fuer die Untat seines Einjaehrigen
+verantwortlich war, sagte zu Diederich nur: "Das will ein gebildeter
+Mensch sein!" Er war es gewohnt, dass alles Unheil von den Einjaehrigen kam.
+Vanselow schlief in ihrem Mannschaftszimmer hinter einem Verschlag. Nach
+dem Lichtloeschen zoteten sie, bis der Unteroffizier empoert
+dazwischenschrie: "Das wollen gebildete Leute sein!" Trotz seiner langen
+Erfahrung erwartete er immer noch von den Einjaehrigen mehr Geist und gute
+Haltung als von den anderen Leuten und war immer neu enttaeuscht. In
+Diederich sah er keineswegs den Schlimmsten. Das Bier, das einer zahlte,
+entschied nicht allein ueber Vanselows Meinung. Noch mehr sah Vanselow auf
+den soldatischen Geist freudiger Unterwerfung, und den hatte Diederich. In
+der Instruktionsstunde konnte man ihn den anderen als Muster vorhalten.
+Diederich zeigte sich ganz erfuellt von den militaerischen Idealen der
+Tapferkeit und der Ehrliebe. Was die Abzeichen und die Rangordnung betraf,
+so schien der Sinn dafuer ihm angeboren. Vanselow sagte: "Jetzt bin ich der
+Herr Kommandierende General", und auf der Stelle benahm Diederich sich,
+als glaubte er es. Wenn es aber hiess: "Jetzt bin ich ein Mitglied der
+koeniglichen Familie", dann war Diederichs Verhalten so, dass es dem
+Unteroffizier ein Laecheln des Groessenwahns abnoetigte.
+
+Im Privatgespraech in der Kantine eroeffnete Diederich seinem Vorgesetzten,
+dass er vom Soldatenleben begeistert sei. "Das Aufgehen im grossen Ganzen!"
+sagte er. Er wuensche sich nichts auf der Welt, als ganz dabei zu bleiben.
+Und er war aufrichtig - was aber nicht hinderte, dass er am Nachmittag, bei
+den Uebungen "im Gelaende", keinen anderen Wunsch mehr kannte, als sich in
+den Graben zu legen und nicht mehr vorhanden zu sein. Die Uniform, die
+ohnedies, aus Ruecksichten der Strammheit, zu eng geschnitten war, ward
+nach dem Essen zum Marterwerkzeug. Was half es, dass der Hauptmann, bei
+seinen Kommandos, sich unsaeglich kuehn und kriegerisch auf dem Pferd
+herumsetzte, wenn man selbst, rennend und schnaufend, die Suppe unverdaut
+im Magen schlenkern fuehlte. Die sachliche Begeisterung, zu der Diederich
+voellig bereit war, musste zuruecktreten hinter der persoenlichen Not. Der Fuss
+schmerzte wieder; und Diederich lauschte auf den Schmerz, in der
+angstvollen, mit Selbstverachtung verbundenen Hoffnung, es moechte
+schlimmer werden, so schlimm, dass er nicht wieder "ins Gelaende" hinaus
+musste, dass er vielleicht nicht einmal mehr im Kasernenhof ueben konnte und
+dass man genoetigt war, ihn zu entlassen!
+
+Es kam dahin, dass er am Sonntag den alten Herrn eines Korpsbruders
+aufsuchte, der Geheimer Sanitaetsrat war. Er muesse ihn um seinen Beistand
+bitten, sagte Diederich, rot vor Scham. Er sei begeistert fuer die Armee,
+fuer das grosse Ganze und waere am liebsten ganz dabei geblieben. Man sei da
+in einem grossartigen Betrieb, ein Teil der Macht sozusagen und wisse
+immer, was man zu tun habe: das sei ein herrliches Gefuehl. Aber der Fuss
+tue nun einmal weh. "Man darf es doch nicht so weit kommen lassen, dass er
+unbrauchbar wird. Schliesslich habe ich Mutter und Geschwister zu
+ernaehren." Der Geheimrat untersuchte ihn. "Neuteutonia sei's Panier",
+sagte er. "Ich kenne zufaellig Ihren Oberstabsarzt." Hiervon war Diederich
+durch seinen Korpsbruder unterrichtet. Er empfahl sich, voll banger
+Hoffnung.
+
+Die Hoffnung bewirkte, dass er am naechsten Morgen kaum noch auftreten
+konnte. Er meldete sich krank. "Wer sind Sie, was belaestigen Sie mich?" -
+und der Stabsarzt mass ihn. "Sie sehen aus wie das Leben, Ihr Bauch ist
+auch schon kleiner." Aber Diederich stand stramm und blieb krank; der
+Vorgesetzte musste sich zu einer Untersuchung herbeilassen. Als er den Fuss
+zu Gesicht bekam, erklaerte er, wenn er sich nicht eine Zigarre anzuende,
+werde ihm unwohl werden. Trotzdem war nichts zu finden an dem Fuss. Der
+Stabsarzt stiess ihn entruestet vom Stuhl. "Macht Dienst, Schluss, abtreten"
+- und Diederich war erledigt. Mitten im Exerzieren aber schrie er
+ploetzlich auf und fiel um. Er ward ins "Revier" gebracht, den Aufenthalt
+der Leichterkrankten, wo es nach Volk roch und nichts zu essen gab. Denn
+die Selbstbekoestigung, die den Einjaehrigen zustand, war hier nur schwer zu
+bewerkstelligen, und von den Rationen der anderen bekam er nichts. Vor
+Hunger meldete er sich gesund. Abgeschnitten von menschlichem Schutz, von
+allen sittlichen Rechten der buergerlichen Welt, trug er sein duesteres
+Geschick; eines Morgens aber, als alle Hoffnung schon dahin war, holte man
+ihn vom Exerzieren weg auf das Zimmer des Oberstabsarztes. Dieser hohe
+Vorgesetzte wuenschte ihn zu untersuchen. Er hatte einen verlegen
+menschlichen Ton und schlug dann wieder in militaerische Schroffheit um,
+die gleichfalls nicht unbefangen wirkte. Auch er schien nichts Rechtes zu
+finden, das Ergebnis seines Eingreifens aber klang trotzdem anders.
+Diederich sollte nur "vorlaeufig" weiter Dienst machen, das weitere werde
+sich schon ergeben. "Bei _dem Fuss_ ..."
+
+Einige Tage spaeter trat ein "Revier"gehilfe an Diederich heran und
+fertigte auf geschwaerztem Papier einen Abdruck des verhaengnisvollen Fusses.
+Diederich ward genoetigt, im Revierzimmer zu warten. Der Stabsarzt ging
+eben umher und nahm Gelegenheit, ihm seine volle Verachtung auszudruecken.
+"Nicht mal Plattfuss! Stinkt vor Faulheit!" Da aber ward die Tuer
+aufgestossen, und der Oberstabsarzt, die Muetze auf dem Kopf, hielt seinen
+Einzug. Sein Schritt war fester und zielbewusster als sonst, er sah nicht
+rechts noch links, wortlos stellte er sich vor seinem Untergebenen auf,
+den Blick finster und streng auf dessen Muetze. Der Stabsarzt stutzte, er
+musste sich in eine Lage finden, die ersichtlich die gewohnte Kollegialitaet
+nicht mehr zuliess. Nun hatte er sie erfasst, nahm die Muetze herunter und
+stand stramm. Darauf zeigte der Vorgesetzte ihm das Papier mit dem Fuss,
+sprach leise und mit einer Betonung, die ihm befahl, etwas zu sehen, was
+nicht da war. Der Stabsarzt blinzelte abwechselnd den Vorgesetzten,
+Diederich und das Papier an. Dann zog er die Absaetze zusammen: er hatte
+das Befohlene gesehen.
+
+Als der Oberstabsarzt fort war, naeherte der Stabsarzt sich Diederich.
+Hoeflich, mit einem leisen Laecheln des Einverstaendnisses, sagte er:
+
+"Der Fall war natuerlich von Anfang an klar. Man musste nur der Leute wegen
+-. Sie verstehen, die Disziplin -."
+
+Diederich bekundete durch Strammstehen, dass er alles verstehe.
+
+"Aber", wiederholte der Stabsarzt, "ich habe natuerlich gewusst, wie Ihr
+Fall lag."
+
+Diederich dachte: "Wenn du es nicht gewusst hast, jetzt weisst du es." Laut
+sagte er:
+
+"Gestatte mir gehorsamst zu fragen, Herr Stabsarzt: Ich werde doch
+weiterdienen duerfen?"
+
+"Dafuer kann ich Ihnen nicht garantieren", sagte der Stabsarzt und machte
+kehrt.
+
+Von schwerem Dienst war Diederich fortan befreit, das "Gelaende" sah ihn
+nicht mehr. Um so williger und freudiger war sein Verhalten in der
+Kaserne. Wenn des Abends beim Appell der Hauptmann, die Zigarre im Munde
+und leicht angetrunken, aus dem Kasino kam, um fuer Stiefel, die nicht
+geschmiert, sondern gewichst waren, Mittelarrest zu verhaengen: an
+Diederich fand er nichts auszusetzen. Um so unerbittlicher uebte er seine
+gerechte Strenge an einem Einjaehrigen, der nun schon im dritten Monat
+strafweise im Mannschaftszimmer schlafen musste, weil er einst, waehrend der
+ersten vierzehn Tage, nicht dort, sondern zu Hause geschlafen hatte. Er
+hatte damals vierzig Grad Fieber gehabt und waere, wenn er seine Pflicht
+getan haette, vielleicht gestorben. Dann waere er eben gestorben! Der
+Hauptmann hatte, sooft er diesen Einjaehrigen ansah, ein Gesicht voll
+stolzer Genugtuung. Diederich dahinten, klein und unversehrt, dachte:
+"Siehst du wohl? Die Neuteutonia und ein Geheimer Sanitaetsrat sind mehr
+wert als vierzig Grad Fieber ..." Was Diederich betraf, so waren die
+amtlichen Formalitaeten eines Tages gluecklich erfuellt, und der
+Unteroffizier Vanselow verkuendete ihm seine Entlassung. Diederich hatte
+sofort die Augen voll Traenen; er drueckte Vanselow warm die Hand.
+
+"Gerade muss mir das passieren, und ich hatte doch" - er schluchzte - "so
+viel Freudigkeit."
+
+Und dann war er "draussen".
+
+Vier Wochen lang blieb er zu Hause und bueffelte. Wenn er zum Essen ging,
+sah er sich um, ob ein Bekannter ihn bemerkte. Endlich musste er sich den
+Neuteutonen wohl zeigen. Er trat herausfordernd auf.
+
+"Wer von euch noch nicht dabei war, hat keine Ahnung. Ich sage euch, da
+sieht man die Welt von einem anderen Standpunkt. Ich waere ueberhaupt dabei
+geblieben, meine Vorgesetzten rieten es mir, ich sei hervorragend
+qualifiziert. Na und da -"
+
+Er starrte schmerzlich vor sich hin.
+
+"Das Unglueck mit dem Gaul. Das kommt davon, wenn man ein zu guter Soldat
+ist. Der Hauptmann laesst einen in seinem Dogcart fahren, damit der Gaul mal
+bewegt wird, und da ist das Unglueck passiert. Natuerlich habe ich den Fuss
+nicht geschont und zu frueh wieder Dienst gemacht. Die Sache verschlimmerte
+sich erheblich, der Stabsarzt gab mir anheim, fuer jede Eventualitaet meine
+Angehoerigen zu benachrichtigen."
+
+Dies sagte er knapp und maennlich.
+
+"Da haettet ihr nun den Hauptmann sehen sollen. Taeglich kam er selbst, nach
+den groessten Maerschen, mit bestaubter Uniform, wie er war. So was gibt es
+auch nur beim Militaer. Wir sind in den boesen Tagen wahre Kameraden
+geworden. Hier die Zigarre ist noch von ihm. Und als er mir dann
+eingestehen musste, der Stabsarzt wolle mich fortschicken, ich kann euch
+versichern, das war einer der Augenblicke im Leben, die man nicht vergisst.
+Der Hauptmann und ich, wir kriegten beide gleichzeitig feuchte Augen."
+
+Alle waren erschuettert. Diederich sah tapfer um sich.
+
+"Na, jetzt soll man sich also wieder in das buergerliche Leben
+hineinfinden. Prost."
+
+Er bueffelte weiter; und am Sonnabend kneipte er mit den Neuteutonen. Auch
+Wiebel erschien wieder. Er war Assessor, auf dem Wege zum Staatsanwalt und
+sprach nur noch von "subversiven Tendenzen", "Vaterlandsfeinden" und auch
+vom "christlich-sozialen Gedanken". Er erklaerte den Fuechsen, es sei an der
+Zeit, sich mit Politik zu beschaeftigen. Er wisse wohl, dass es nicht fuer
+vornehm gelte, aber die Gegner zwaengen einen dazu. Hochfeudale Herren, wie
+sein Freund, der Assessor von Barnim, seien in der Bewegung. Herr von
+Barnim werde demnaechst den Neuteutonen die Ehre geben.
+
+Er kam, und er gewann alle Herzen, denn er benahm sich wie gleich zu
+gleich. Er hatte dunkles, glatt gescheiteltes Haar, das Wesen eines
+pflichteifrigen Beamten, sprach sachlich - aber am Schluss seines Vortrages
+bekam er Schwaermeraugen und verabschiedete sich rasch, mit warmen
+Haendedruecken. Die Neuteutonen stimmten nach seinem Besuch alle darin
+ueberein, dass der juedische Liberalismus die Vorfrucht der Sozialdemokratie
+sei und dass die christlichen Deutschen sich um den Hofprediger Stoecker zu
+scharen haetten. Diederich verband, wie die anderen, mit dem Wort
+"Vorfrucht" keinen deutlichen Sinn und verstand unter "Sozialdemokratie"
+nur eine allgemeine Teilerei. Das genuegte ihm auch. Aber Herr von Barnim
+hatte jeden, der naehere Aufklaerung wuenschte, zu sich eingeladen, und
+Diederich wuerde es sich nicht verziehen haben, wenn er eine so
+schmeichelhafte Gelegenheit versaeumt haette.
+
+In seiner kalten, altmodischen Junggesellenwohnung hielt Herr von Barnim
+ihm ein Privatissimum. Sein politisches Ziel war eine staendische
+Volksvertretung, wie im gluecklichen Mittelalter: Ritter, Geistliche,
+Gewerbetreibende, Handwerker. Das Handwerk musste, der Kaiser hatte es mit
+Recht gefordert, wieder auf die Hoehe kommen, wie vor dem Dreissigjaehrigen
+Krieg. Die Innungen hatten Gottesfurcht und Sittlichkeit zu pflegen.
+Diederich aeusserte sein waermstes Einverstaendnis. Es entsprach seinen
+Trieben, als eingetragenes Mitglied eines Standes, einer Berufsklasse,
+nicht persoenlich, sondern korporativ im Leben Fuss zu fassen. Er sah sich
+schon als Abgeordneter der Papierbranche. Die juedischen Mitbuerger freilich
+schloss Herr von Barnim von seiner Ordnung der Dinge aus; waren sie doch
+das Prinzip der Unordnung und Aufloesung, des Durcheinanderwerfens, der
+Respektlosigkeit: das Prinzip des Boesen selbst. Sein frommes Gesicht zog
+sich zusammen vom Hass, und Diederich fuehlte ihn mit.
+
+"Schliesslich", meinte er, "haben wir doch die Gewalt und koennen sie
+hinauswerfen. Das deutsche Heer -"
+
+"Das ist es eben", stiess Herr von Barnim aus, der durch das Zimmer lief.
+"Haben wir darum den ruhmreichen Krieg gefuehrt, dass mein vaeterliches Gut
+an einen Herrn Frankfurter verkauft wird?"
+
+Waehrend Diederich noch erschuettert schwieg, klingelte es, und Herr von
+Barnim sagte:
+
+"Es ist mein Barbier, den will ich mir auch mal vornehmen."
+
+Er bemerkte Diederichs Enttaeuschung und setzte hinzu:
+
+"Natuerlich rede ich mit solch einem Manne anders. Aber jeder von uns muss
+an seinem Teil der Sozialdemokratie Abbruch tun und die kleinen Leute in
+das Lager unseres christlichen Kaisers hinueberziehen. Tun auch Sie das
+Ihre!"
+
+Damit war Diederich entlassen. Er hoerte den Barbier noch sagen:
+
+"Schon wieder ein alter Kunde, Herr Assessor, der zu Liebling hinuebergeht,
+bloss weil Liebling jetzt Marmor hat."
+
+Wiebel sagte, als Diederich ihm berichtete:
+
+"Das ist alles schoen und gut, und ich habe eine ganz bedeutende Verehrung
+fuer die ideale Gesinnung meines Freundes von Barnim, aber auf die Dauer
+kommen wir damit nicht mehr weiter. Sehen Sie mal, auch Stoecker hat im
+Eispalast seine verdammten Erfahrungen gemacht mit der Demokratie, ob sie
+sich nun christlich nennt oder unchristlich. Die Dinge sind zu weit
+gediehen. Heute heisst es bloss noch: losschlagen, solange wir die Macht
+haben."
+
+Und Diederich stimmte erleichtert bei. Herumgehen und Christen werben, war
+ihm gleich ein wenig peinlich erschienen.
+
+"Die Sozialdemokratie nehme ich auf mich, hat der Kaiser gesagt." Wiebels
+Augen drohten katerhaft. "Nun, was wollen Sie mehr? Das Militaer ist
+darueber instruiert, es koenne vorkommen, dass es auf die lieben Verwandten
+schiessen muss. Also? Ich kann Ihnen mitteilen, mein Lieber, wir stehen am
+Vorabend grosser Ereignisse."
+
+Da Diederich erregte Neugier zeigte:
+
+"Was ich durch meinen Vetter von Klappke -."
+
+Wiebel machte eine Pause. Diederich zog die Absaetze zusammen:
+
+"- in Erfahrung gebracht habe, ist noch nicht fuer die Oeffentlichkeit reif.
+Ich will nur bemerken, dass der gestrige Ausspruch Seiner Majestaet, die
+Noergler moechten gefaelligst den deutschen Staub von ihren Pantoffeln
+schuetteln, eine verteufelt ernst zu nehmende Warnung war."
+
+"Tatsaechlich? Sie glauben?" sagte Diederich. "Dann ist mein Pech wirklich
+skandaloes, dass ich gerade jetzt aus dem Dienst Seiner Majestaet scheiden
+musste. Ich darf sagen, dass ich gegen den inneren Feind meine volle Pflicht
+getan haben wuerde. Auf die Armee, so viel weiss ich, kann der Kaiser sich
+verlassen."
+
+Er war in diesen nasskalten Februartagen des Jahres 1892 viel auf der
+Strasse, in der Erwartung grosser Ereignisse. Unter den Linden hatte sich
+etwas veraendert, man sah noch nicht, was. Berittene Schutzleute hielten an
+den Muendungen der Strassen und warteten auch. Die Passanten zeigten
+einander das Aufgebot der Macht. "Die Arbeitslosen!" Man blieb stehen, um
+sie ankommen zu sehen. Sie kamen vom Norden her, in kleinen Abteilungen
+und im langsamen Marschschritt. Unter den Linden zoegerten sie, wie
+verwirrt, berieten sich mit den Blicken und lenkten nach dem Schloss ein.
+Dort standen sie, stumm, die Haende in den Taschen, liessen sich von den
+Raedern der Wagen mit Schlamm bespritzen und zogen die Schultern hoch unter
+dem Regen, der auf ihre entfaerbten Ueberzieher fiel. Manche von ihnen
+wandten die Koepfe nach voruebergehenden Offizieren, nach den Damen in ihren
+Wagen, nach den langen Pelzen der Herren, die von der Burgstrasse her
+schlenderten; und ihre Mienen waren ohne Ausdruck, nicht drohend und nicht
+einmal neugierig, nicht, als wollten sie sehen, sondern als zeigten sie
+sich. Andere aber liessen kein Auge von den Fenstern des Schlosses. Das
+Wasser lief ueber ihre hinaufgewendeten Gesichter. Ein Pferd mit einem
+schreienden Schutzmann trieb sie weiter, hinueber oder bis zur naechsten
+Ecke - aber schon standen sie wieder, und die Welt schien versunken
+zwischen diesen breiten hohlen Gesichtern, die fahler Abend beschien, und
+der starren Mauer dort hinten, auf der es dunkelte.
+
+"Ich begreife nicht," sagte Diederich, "dass die Polizei nicht energischer
+vorgeht. Das ist doch eine unbotmaessige Bande."
+
+"Lassen Sie's gut sein", erwiderte Wiebel. "Die Schutzleute sind genau
+instruiert. Die Herren da oben haben ihre wohlueberlegten Absichten, das
+koennen Sie mir glauben. Es ist naemlich gar nicht immer zu wuenschen, dass
+derartige Faeulniserscheinungen am Staatskoerper gleich anfangs unterdrueckt
+werden. Man laesst sie ausreifen, dann macht man ganze Arbeit!"
+
+Die Reife, die Wiebel meinte, kam taeglich naeher, am sechsundzwanzigsten
+schien sie da. Die Demonstrationen der Arbeitslosen sahen zielbewusster
+aus. In eine der noerdlichen Strassen zurueckgetrieben, quollen sie aus der
+naechsten, bevor man ihnen den Weg abschneiden konnte, verstaerkt wieder
+hervor. Unter den Linden vereinigten sich ihre Zuege, rannen, sooft sie
+getrennt wurden, wieder zusammen, erreichten das Schloss, wichen zurueck und
+erreichten es noch einmal, stumm und unaufhaltsam wie uebergetretenes
+Wasser. Der Wagenverkehr stockte, die Fussgaenger stauten sich, mit
+hineingezogen in die langsame Ueberschwemmung, worin der Platz ertrank, in
+dies truebe und missfarbene Meer der Armen, das zaeh dahinrollte, dumpfe
+Laute heraufwaelzte und wie Maste untergegangener Schiffe die Stangen mit
+den Bannern hinaufreckte: "Brot! Arbeit!" Ein deutlicheres Grollen,
+ausbrechend aus der Tiefe, jetzt drueben, jetzt hier: "Brot! Arbeit!"
+Anschwellend ueber die Menge hinrollend, wie aus einer Gewitterwolke:
+"Brot! Arbeit!" Eine Attacke der Berittenen, ein Aufschaeumen,
+Zurueckfliessen, und Weiberstimmen im Laerm, schrill, gleich Signalen: "Brot!
+Arbeit!"
+
+Man wird ueberrannt, vom Friedrichdenkmal fegt es die Neugierigen hinunter.
+Aber sie haben aufgerissene Muender; aus kleinen Beamten, denen der Weg ins
+Amt versperrt ist, fliegt Staub auf, als wuerden sie geklopft. Ein
+verzerrtes Gesicht, das Diederich nicht kennt, schreit ihm zu: "Es kommt
+anders! Jetzt geht es gegen die Juden!" - und ist untergegangen, bevor ihm
+einfaellt, es war Herr von Barnim. Er will ihm nach, wird in einem grossen
+Schub weit hinuebergeworfen, bis vor das Fenster eines Cafes, hoert das
+Klirren der eingedrueckten Scheibe, einen Arbeiter, der schreit: "Da haben
+se mich neulich 'rausgesetzt for meine dreissig Fennje, weil ich keinen
+Zylinderhut hatte" - und dringt mit ein durch das Fenster, zwischen die
+umgeworfenen Tische, auf den Boden, wo man ueber Scherben faellt, einander
+die Baeuche einstoesst und laut zetert. "Niemand mehr 'rein! Wir kriegen
+keine Luft!" Aber immer mehr steigen ein. "Die Polizei draengelt!" Und die
+Mitte der Strasse sieht man frei liegen, gesaeubert, wie fuer einen
+Triumphzug. Da sagt jemand: "Das ist doch Wilhelm!"
+
+Und Diederich war wieder draussen. Niemand wusste, wie es kam, dass man auf
+einmal marschieren konnte, in gedraengter Masse, auf der ganzen Breite der
+Strasse und zu beiden Seiten bis an die Flanken des Pferdes, worauf der
+Kaiser sass: er selbst. Man sah ihn an und ging mit. Knaeuel von Schreienden
+wurden aufgeloest und mitgerissen. Alle sahen ihn an. Dunkles Geschiebe,
+ohne Form, planlos, grenzenlos, und hell darueber ein junger Herr im Helm,
+der Kaiser. Sie sahen: sie hatten ihn heruntergeholt aus dem Schloss. Sie
+hatten: "Brot! Arbeit!" geschrien, bis er gekommen war. Nichts hatte sich
+geaendert, als dass er da war - und schon marschierten sie, als gehe es auf
+das Tempelhofer Feld.
+
+Seitwaerts, wo die Reihen duenner waren, sagten buergerlich Gekleidete zu
+einander: "Na, Gott sei Dank, er weiss, was er will!"
+
+"Was will er denn?"
+
+"Der Bande zeigen, wer die Macht hat! Im guten hat er es mit ihnen
+versucht. Er ist sogar zu weit gegangen in den Erlassen vor zwei Jahren.
+Sie sind frech geworden."
+
+"Angst kennt er nicht, das muss man sagen. Kinder, dies ist ein
+historischer Moment!"
+
+Diederich hoerte es und erschauderte. Der alte Herr, der gesprochen hatte,
+wandte sich auch an ihn. Er hatte weisse Bartkoteletts und das Eiserne
+Kreuz.
+
+"Junger Mann," sagte er, "was unser herrlicher junger Kaiser da macht, das
+werden die Kinder mal aus den Schulbuechern lernen. Passen Sie auf!"
+
+Viele hatten gehobene Brueste und feierliche Mienen. Die Herren, die dem
+Kaiser folgten, blickten mit aeusserster Entschlossenheit darein, ihre
+Pferde aber lenkten sie durch das Volk, als seien alle die Leute zum
+Statieren bei einer Allerhoechsten Auffuehrung befohlen; und manchmal
+schielten sie seitwaerts, nach dem Eindruck im Publikum. Er selbst, der
+Kaiser, sah nur sich und seine Leistung. Tiefer Ernst versteinte seine
+Zuege, sein Auge blitzte hin ueber die Tausende der von ihm Gebannten. Er
+mass sich mit ihnen, der von Gott gesetzte Herr mit den empoererischen
+Knechten! Allein und ungeschuetzt hatte er sich mitten unter sie gewagt,
+stark nur durch seine Sendung. Sie konnten sich an ihm vergreifen, wenn es
+im Plan des Hoechsten lag; er brachte seiner heiligen Sache sich selbst zum
+Opfer. War Gott mit ihm, dann sollten sie es sehen! Dann bewahrten sie fuer
+immer das Gepraege seiner Tat und die Erinnerung an ihre Ohnmacht!
+
+Ein junger Mensch mit einem Kuenstlerhut ging neben Diederich, er sagte:
+"Kennen wir. Napoleon in Moskau, wie er sich solo unter die Bevoelkerung
+mischt."
+
+"Das ist doch grossartig!" behauptete Diederich, und die Stimme versagte
+ihm. Der andere zuckte die Achseln.
+
+"Theater, und nicht mal gut."
+
+Diederich sah ihn an, er versuchte zu blitzen wie der Kaiser.
+
+"Sie sind wohl auch so einer."
+
+Er haette nicht sagen koennen was fuer einer. Er fuehlte nur, dass er hier, zum
+erstenmal im Leben, die gute Sache zu vertreten habe gegen feindliche
+Bemaengelungen. Trotz seiner Aufregung sah er sich noch die Schultern des
+Menschen an: sie waren nicht breit. Auch aeusserte die Umgebung sich
+missbilligend. Da ging Diederich vor. Mit seinem Bauch draengte er den Feind
+gegen die Mauer und schlug auf den Kuenstlerhut ein. Andere knufften mit.
+Der Hut lag schon am Boden und bald auch der Mensch. Im Weitergehen
+bemerkte Diederich zu seinen Mitkaempfern:
+
+"Der hat sicher nicht gedient! Schmisse hat er auch keine!"
+
+Der alte Herr mit Bartkoteletts und Eisernem Kreuz war auch wieder da, er
+drueckte Diederich die Hand.
+
+"Brav, junger Mann, brav!"
+
+"Soll man da nicht wuetend werden?" erklaerte Diederich, noch keuchend.
+"Wenn der Mensch uns den historischen Moment verekeln will?"
+
+"Sie haben gedient?" fragte der alte Herr.
+
+"Ich waere am liebsten ganz dabei geblieben", sagte Diederich.
+
+"Na ja, Sedan ist nicht alle Tage" - der alte Herr betupfte sein Eisernes
+Kreuz. "Das waren wir!"
+
+Diederich reckte sich, er zeigte auf das bezwungene Volk und den Kaiser.
+
+"Das ist doch gerade so gut wie Sedan!"
+
+"Na ja", sagte der alte Herr.
+
+"Gestatten Sie mal, sehr geehrter Herr", rief jemand und schwenkte sein
+Notizbuch. "Wir muessen das bringen. Stimmungsbild, verstehnse? Sie haben
+wohl einen Genossen verwalkt?"
+
+"Kleinigkeit" - Diederich keuchte noch immer. "Meinetwegen koennt' es jetzt
+gleich losgehen gegen den inneren Feind. Unseren Kaiser haben wir mit."
+
+"Fein", sagte der Reporter und schrieb. "In der wildbewegten Menge hoert
+man Leute aller Staende der treuesten Anhaenglichkeit und dem
+unerschuetterlichen Vertrauen zu der Allerhoechsten Person Ausdruck geben."
+
+"Hurra!" schrie Diederich, denn alle schrien es; und inmitten eines
+maechtigen Stosses von Menschen, der schrie, gelangte er jaeh bis unter das
+Brandenburger Tor. Zwei Schritte vor ihm ritt der Kaiser hindurch.
+Diederich konnte ihm ins Gesicht sehen, in den steinernen Ernst und das
+Blitzen; aber ihm verschwamm es vor den Augen, so sehr schrie er. Ein
+Rausch, hoeher und herrlicher als der, den das Bier vermittelt, hob ihn auf
+die Fussspitzen, trug ihn durch die Luft. Er schwenkte den Hut hoch ueber
+allen Koepfen, in einer Sphaere der begeisterten Raserei, durch einen
+Himmel, wo unsere aeussersten Gefuehle kreisen. Auf dem Pferd dort, unter dem
+Tor der siegreichen Einmaersche und mit Zuegen steinern und blitzend ritt
+die Macht! Die Macht, die ueber uns hingeht und deren Hufe wir kuessen! Die
+ueber Hunger, Trotz und Hohn hingeht! Gegen die wir nichts koennen, weil wir
+alle sie lieben! Die wir im Blut haben, weil wir die Unterwerfung darin
+haben! Ein Atom sind wir von ihr, ein verschwindendes Molekuel von etwas,
+das sie ausgespuckt hat! Jeder einzelne ein Nichts, steigen wir in
+gegliederten Massen als Neuteutonen, als Militaer, Beamtentum, Kirche und
+Wissenschaft, als Wirtschaftsorganisation und Machtverbaende kegelfoermig
+hinan, bis dort oben, wo sie selbst steht, steinern und blitzend! Leben in
+ihr, haben teil an ihr, unerbittlich gegen die, die ihr ferner sind, und
+triumphierend, noch wenn sie uns zerschmettert: denn so rechtfertigt sie
+unsere Liebe!
+
+... Einer der Schutzleute, deren Kette das Tor absperrte, stiess Diederich
+vor die Brust, dass ihm der Atem ausblieb; er aber hatte die Augen so voll
+Siegestaumel, als reite er selbst ueber alle diese Elenden hinweg, die
+gebaendigt ihren Hunger verschluckten. Ihm nach! Dem Kaiser nach! Alle
+fuehlten wie Diederich. Eine Schutzmannskette war zu schwach gegen so viel
+Gefuehl; man durchbrach sie. Drueben stand eine zweite. Man musste abbiegen,
+auf Umwegen den Tiergarten erreichen, einen Durchschlupf finden. Wenige
+fanden ihn; Diederich war allein, als er auf den Reitweg hinausstuerzte,
+dem Kaiser entgegen, der auch allein war. Ein Mensch im gefaehrlichsten
+Zustand des Fanatismus, beschmutzt, zerrissen, mit Augen wie ein Wilder:
+der Kaiser vom Pferd herunter, blitzte ihn an, er durchbohrte ihn.
+Diederich riss den Hut ab, sein Mund stand weit offen, aber der Schrei kam
+nicht. Da er zu ploetzlich anhielt, glitt er aus und setzte sich mit Wucht
+in einen Tuempel, die Beine in die Luft, umspritzt von Schmutzwasser. Da
+lachte der Kaiser. Der Mensch war ein Monarchist, ein treuer Untertan! Der
+Kaiser wandte sich nach seinen Begleitern um, schlug sich auf den Schenkel
+und lachte. Diederich aus seinem Tuempel sah ihm nach, den Mund noch offen.
+
+
+
+
+
+ II.
+
+
+Er reinigte sich notduerftig und kehrte um. Auf einer Bank sass eine Dame;
+Diederich ging ungern vorueber. Noch dazu starrte sie ihm entgegen. "Gans",
+dachte er zornig. Da sah er, dass sie ein tief erschrockenes Gesicht hatte,
+und dann erkannte er Agnes Goeppel.
+
+"Eben bin ich dem Kaiser begegnet", sagte er sofort.
+
+"Dem Kaiser?" fragte sie, wie aus einer anderen Welt. Er begann, unter
+grossen, ungewohnten Gesten herauszujagen, was ihn erstickte. Unser
+herrlicher junger Kaiser, ganz allein unter rasenden Aufruehrern! Ein Cafe
+hatten sie demoliert, Diederich selbst war drin gewesen! Unter den Linden
+hatte er blutige Kaempfe bestanden fuer seinen Kaiser! Kanonen sollte man
+auffahren!
+
+"Die Leute hungern wohl", sagte Agnes schuechtern. "Es sind ja auch
+Menschen."
+
+"Menschen?" Diederich rollte die Augen. "Der innere Feind sind sie!"
+
+Da er Agnes wieder erschrecken sah, beruhigte er sich etwas.
+
+"Wenn es Ihnen Vergnuegen macht, dass wegen des Packs alle Strassen
+abgesperrt werden muessen."
+
+Nein, das kam Agnes sehr ungelegen. Sie hatte in der Stadt Besorgungen
+gehabt, und wie sie zurueck nach der Bluecherstrasse wollte, ging kein
+Omnibus mehr, und nirgends kam man durch. Sie war zurueckgedraengt worden
+bis hierher. Es war kalt und nass, ihr Vater wuerde sich aengstigen; was
+sollte sie tun? Diederich verhiess ihr, er werde es schon machen. Sie
+gingen zusammen weiter. Er wusste auf einmal nichts mehr zu sagen und
+wendete den Kopf umher, als suchte er den Weg. Sie waren allein zwischen
+kahlen Baeumen und nassem alten Laub. Wo waren die maennlichen Hochgefuehle
+von vorhin? Diederich empfand Beklommenheit, wie auf seinem letzten
+Spaziergang mit Agnes, als er, von Mahlmann gewarnt, auf einen Omnibus
+sprang, ausriss und verschwand. Gerade sagte Agnes: "Sie haben sich aber
+sehr, sehr lange nicht bei uns sehen lassen. Papa hat Ihnen doch
+geschrieben?"
+
+Sein eigener Vater sei gestorben, sagte Diederich, betreten. Jetzt musste
+Agnes zuerst ihr Beileid ausdruecken, dann fragte sie weiter: warum er
+damals ploetzlich fortgeblieben sei, vor drei Jahren.
+
+"Nicht wahr? Es sind schon fast drei Jahre."
+
+Diederich bekam Festigkeit. Das Verbindungsleben habe ihn voellig in
+Anspruch genommen. Dort herrsche naemlich eine verdammt strenge Zucht. "Und
+dann habe ich meiner Wehrpflicht genuegt."
+
+"Oh!" - Agnes sah ihn an, "was aus Ihnen alles geworden ist! Und jetzt
+sind Sie wohl schon Doktor?"
+
+"Das soll jetzt kommen."
+
+Er sah unzufrieden geradeaus. Seine Schmisse, seine stattliche Breite,
+alle seine wohlerworbene Maennlichkeit: fuer sie war das nichts? Sie
+bemerkte es gar nicht?
+
+"Aber Sie", sagte er plump. In ihr blasses, so schmales Gesicht stieg eine
+ganz duenne Roete, bis auf den Sattel der kleinen eingedrueckten Nase mit den
+Sommersprossen.
+
+"Ja. Mir geht es manchmal nicht gut, aber es wird schon wieder besser
+werden."
+
+Diederich bereute.
+
+"Ich meinte doch natuerlich, dass Sie noch huebscher geworden sind" - und er
+betrachtete ihr rotes Haar, das unter dem Hut hervorquoll, noch dicker als
+frueher, weil ihr Gesicht so klein geworden war. Dabei erinnerte er sich
+seiner Demuetigungen von damals und wie anders die Dinge jetzt lagen.
+Herausfordernd sagte er:
+
+"Wie geht es denn Herrn Mahlmann?"
+
+Agnes bekam eine wegwerfende Miene.
+
+"Denken Sie an den noch? Wenn ich den mal wiedersaehe, waer's mir gleich."
+
+"So? Aber er hat ein Patentbureau und koennte ganz gut heiraten."
+
+"Wennschon."
+
+"Frueher interessierten Sie sich doch fuer ihn."
+
+"Woraus schliessen Sie das?"
+
+"Er schenkte Ihnen immer etwas."
+
+"Ich haette es lieber nicht angenommen; aber dann -" sie sah auf den Weg,
+auf das nasse Laub vom Vorjahr, "dann haette ich auch Ihre Geschenke nicht
+annehmen duerfen."
+
+Darauf schwieg sie erschrocken. Diederich fuehlte, dass etwas Schweres
+geschehen war, und schwieg auch.
+
+"Das war doch nicht der Rede wert," stiess er endlich heraus, "ein paar
+Blumen." Und mit wiedergekehrter Entruestung: "Mahlmann hat Ihnen sogar ein
+Armband geschenkt."
+
+"Ich trage es niemals", sagte Agnes. Er hatte auf einmal Herzklopfen, er
+brachte hervor: "Und wenn es von mir gewesen waere?"
+
+Stille; er hielt den Atem an. Ganz leise kam es von ihr her:
+
+"Dann ja."
+
+Darauf gingen sie ploetzlich rascher und ohne mehr zu sprechen. Sie kamen
+vor das Brandenburger Tor, sahen die Linden bedrohlich von Polizei
+erfuellt, eilten vorbei und bogen in die Dorotheenstrasse. Hier war es wenig
+belebt, Diederich verlangsamte den Schritt, er fing an zu lachen.
+
+"Das ist eigentlich hochkomisch. Was Mahlmann Ihnen naemlich schenkte, war
+mit meinem Geld bezahlt. Er nahm mir ja alles ab, ich war noch ein ganz
+gruener Junge."
+
+Sie blieb stehen. "Oh!" - und sie sah ihn an, ihre goldbraunen Augen
+zitterten. "Das ist schrecklich. Koennen Sie mir das verzeihen?"
+
+Er laechelte ueberlegen. Das seien alte Geschichten, Jugendtorheiten.
+
+"Nein, nein", sagte sie verstoert.
+
+Die Hauptsache, meinte er, sei jetzt, wie sie nach Hause komme. Hier ging
+es schon wieder nicht weiter. Omnibusse waren auch nicht zu sehen. "Es tut
+mir leid, aber Sie werden sich meine Gesellschaft noch laenger gefallen
+lassen muessen. Uebrigens wohne ich gleich hier. Sie koennten mit
+hinaufkommen, da waeren Sie wenigstens im Trockenen. Aber natuerlich, eine
+junge Dame darf das nicht."
+
+Sie hatte noch immer diesen flehenden Blick.
+
+"Sie sind so gut", sagte sie, staerker atmend. "Sie sind so edel." Und da
+sie schon das Haus betraten: "Zu Ihnen kann ich doch Vertrauen haben?"
+
+"Ich weiss, was ich der Ehre meiner Korporation schulde", erklaerte
+Diederich.
+
+Sie mussten an der Kueche vorbei, aber es war niemand darin. "Legen Sie doch
+so lange ab", sagte Diederich gnaedig. Er stand da, ohne Agnes anzusehen,
+und trat, waehrend sie den Hut abnahm, von einem Fuss auf den anderen.
+
+"Ich muss die Wirtin suchen, damit sie Tee macht." Er wandte sich schon
+nach der Tuer, zuckte aber zurueck: Agnes hatte seine Hand ergriffen und
+kuesste sie! "Aber Fraeulein Agnes", murmelte er, furchtbar erschrocken, und
+legte ihr, wie troestend, den Arm um ihre Schulter; da sank sie gegen die
+seine. Er drueckte seinen Mund in ihr Haar, ziemlich tief, weil er sich
+dazu verpflichtet fuehlte. Unter seinem Druck bebte und flog ihr Koerper,
+als wuerde er geschlagen. Er fuehlte sich in der duennen Bluse lau und feucht
+an. Diederich ward es heiss, er kuesste Agnes auf den Hals. Und ploetzlich kam
+ihr Gesicht auf ihn zu: mit offenem Mund, halbgeschlossenen Augen und mit
+einem Ausdruck, den er nie gesehen hatte und der ihm schwindlig machte.
+"Agnes! Agnes, ich liebe dich", sagte er wie aus tiefer Not. Sie
+antwortete nicht, aus ihrem offenen Mund kamen kleine warme Atemstoesse, und
+er fuehlte sie fallen, er trug sie, die zu zerfliessen schien.
+
+Dann sass sie auf dem Diwan und weinte. "Sei mir nicht boes, Agnes", bat
+Diederich. Sie sah ihn an mit ihren nassen Augen.
+
+"Ich weine doch vor Glueck", sagte sie. "Ich hab' so lange auf dich
+gewartet."
+
+"Warum?" fragte sie, da er ihre Bluse schliessen wollte. "Warum deckst du
+es schon zu? Findest du es schon nicht mehr schoen?"
+
+Er verwahrte sich. "Ich bin mir der uebernommenen Verantwortung vollkommen
+bewusst."
+
+"Verantwortung?" sagte Agnes. "Wer hat die? Ich habe dich drei Jahre lang
+geliebt. Du wusstest es ja nicht. Es war wohl das Schicksal!"
+
+Diederich, die Haende in den Taschen, bedachte, dass dies das Schicksal der
+leichtsinnigen Maedchen sei. Andererseits empfand er das Beduerfnis, sich
+ihre Versicherungen wiederholen zu lassen. "Also wirklich mich, nur mich
+hast du geliebt?"
+
+"Ich sah, dass du mir nicht glaubtest. Es war schrecklich, als ich merkte,
+du kamst nicht mehr, und es war aus. Es war ganz schrecklich. Ich wollte
+dir schreiben, ich wollte zu dir gehen. Jedesmal verlor ich den Mut, weil
+du mich doch nicht mehr mochtest. Ich kam so herunter, dass Papa eine Reise
+mit mir machen musste."
+
+"Wohin denn?" fragte Diederich. Aber Agnes antwortete nicht, sie zog ihn
+wieder an sich.
+
+"Sei lieb mit mir! Ich hab' nur dich!"
+
+Diederich dachte verlegen: "Dann hast du nicht viel." Agnes schien ihm
+verkleinert und sehr im Wert gesunken, seit er den Beweis hatte, dass sie
+ihn liebte. Auch sagte er sich, einem Maedchen, das so etwas tat, duerfe man
+nicht alles glauben.
+
+"Und Mahlmann?" fragte er hoehnisch. "Ein bisschen war doch wohl los mit
+ihm." - "Na lass nur", sagte er, da sie sich mit starrem Entsetzen
+aufrichtete. Er suchte gutzumachen. Er sei doch auch noch ganz benommen
+von seinem Glueck.
+
+Sehr langsam zog sie sich an. "Dein Vater wird aber gar nicht wissen, was
+los ist", meinte Diederich. Sie hob nur die Schultern. Als sie fertig war
+und er schon die Tuer geoeffnet hatte, blieb sie noch stehen und sah in das
+Zimmer zurueck, mit einem langen, angstvollen Blick.
+
+"Vielleicht", sagte sie, wie zu sich selbst, "komme ich nie wieder. Mir
+ist, als sollte ich heute nacht sterben."
+
+"Wieso denn?" sagte Diederich, peinlich beruehrt. Statt einer Antwort liess
+sie sich noch einmal an ihn hinsinken, den Mund auf seinem, die Brust auf
+seiner und von den Hueften zu den Fuessen wie mit ihm verwachsen. Diederich
+wartete geduldig. Dann loeste sie sich, oeffnete die Augen und sagte:
+
+"Du musst nicht denken, dass ich etwas von dir verlange. Ich hab' dich
+geliebt, nun ist alles gleich."
+
+Er bot ihr einen Wagen an, aber sie wollte gehen. Unterwegs fragte er nach
+ihrer Familie und nach anderen Bekannten. Erst am Belle-Alliance-Platz
+ward er unruhig, und etwas heiser brachte er hervor:
+
+"Natuerlich denke ich nicht daran, mich meinen Verpflichtungen dir
+gegenueber zu entziehen. Nur vorlaeufig: du verstehst, ich verdiene noch
+nichts, ich muss erst fertig sein und zu Hause mich in den Betrieb
+einleben ..."
+
+Agnes erwiderte dankbar und ruhig, als habe man ihr ein Kompliment
+gemacht:
+
+"Es waere schoen, wenn ich spaeter einmal deine Frau werden koennte."
+
+Da sie in die Bluecherstrasse einbogen, blieb er stehen. Unsicher meinte er,
+es sei jetzt wohl besser, wenn er umkehre. Sie sagte:
+
+"Weil uns jemand sehen koennte? Das wuerde gar nichts machen, denn ich muss
+zu Hause doch erzaehlen, dass ich dir begegnet bin und dass wir im Cafe
+zusammen gewartet haben, bis die Strassen wieder frei waren."
+
+"Na, die kann luegen", dachte Diederich. Sie setzte hinzu:
+
+"Fuer Sonntag bist du zu Mittag geladen, du musst bestimmt kommen."
+
+Diesmal war es ihm zuviel, er fuhr auf. "Ich soll -? Bei euch soll ich -?"
+
+Sie laechelte sanft und schlau. "Es geht doch nicht anders. Wenn man uns
+einmal saehe -: willst du denn nicht, dass ich wiederkomme?"
+
+O ja, das wollte er. Trotzdem musste sie ihm zureden, bis er sein
+Erscheinen versprach. Vor ihrem Hause verabschiedete er sich mit einer
+formellen Verbeugung, kehrte rasch um und dachte: "So ein Weib ist
+scheusslich raffiniert. Lange tu' ich da nicht mit." Indes bemerkte er mit
+Unlust, dass es Zeit sei, auf die Kneipe zu gehen. Es verlangte ihn nach
+Hause, er wusste nicht, warum. Als er dann die Tuer seines Zimmers hinter
+sich zugezogen hatte, blieb er davor stehen und starrte in die Dunkelheit.
+Ploetzlich reckte er die Arme in die Hoehe, wandte das Gesicht nach oben und
+sagte in einem langen Aufatmen:
+
+"Agnes!"
+
+Er fuehlte sich verwandelt, leicht, wie vom Boden gehoben. "Ich bin ganz
+furchtbar gluecklich", dachte er, und: "So schoen kommt es im ganzen Leben
+nicht wieder!" Er hatte die Gewissheit, dass er bis jetzt, bis zu dieser
+Minute, alle Dinge falsch angesehen, falsch bewertet hatte. Dort hinten
+kneipten sie nun und machten sich wichtig. Juden oder Arbeitslose, was
+gingen einen die an, warum sollte man sie hassen? Diederich fuehlte sich
+bereit, sie zu lieben! Hatte er denn wirklich, er selbst, den Tag in einem
+Gewuehl von Menschen verbracht, die er fuer Feinde gehalten hatte? Sie waren
+Menschen: Agnes hatte recht! War er selbst es, der jemand um einiger Worte
+willen geschlagen hatte, geprahlt, gelogen, sich toericht abgearbeitet und
+endlich, zerrissen und sinnlos, sich in den Schmutz geworfen hatte vor
+einem Herrn zu Pferd, dem Kaiser, der ihn auslachte? Er erkannte, dass er,
+bis Agnes kam, ein hilfloses, bedeutungsloses und armes Leben gefuehrt
+habe. Bestrebungen wie die eines Fremden, Gefuehle, die ihn beschaemten, und
+niemand, den er liebte - bis Agnes kam! "Agnes! Suesse Agnes, du weisst ja
+gar nicht, wie ich dich liebhabe!" Aber sie sollte es wissen. Er fuehlte,
+dass er es nie wieder so werde sagen koennen wie in dieser Stunde, und er
+schrieb einen Brief. Er schrieb, dass auch er diese drei Jahre immer auf
+sie gewartet habe, und dass er keine Hoffnung gehabt habe, weil sie zu
+schoen fuer ihn sei, zu fein und zu gut; dass er sich das mit Mahlmann nur
+eingeredet habe aus Feigheit und aus Trotz; dass sie eine Heilige sei, und
+nun sie zu ihm herabgestiegen, liege er zu ihren Fuessen. "Hebe mich auf,
+Agnes, ich kann stark sein, ich fuehle es, und ich will Dir mein ganzes
+Leben weihen!" - Er weinte, drueckte das Gesicht in das Diwankissen, worin
+er ihren Duft noch spuerte, und unter Schluchzen, wie als Kind, schlief er
+ein.
+
+Am Morgen freilich war er erstaunt und befremdet, sich nicht im Bett zu
+finden. Sein grosses Erlebnis fiel ihm ein, ein suesser Stoss ging durch sein
+Blut, bis zum Herzen. Aber auch der Verdacht kam ihm, dass er sich
+peinliche Uebertreibungen habe zuschulden kommen lassen. Er las den Brief
+wieder durch: das war alles recht schoen, und es konnte einen auch wirklich
+aus der Fassung bringen, wenn man auf einmal mit so einem grossartigen
+Maedel ein Verhaeltnis hatte. Waere sie jetzt nur dagewesen, er haette
+zaertlich sein wollen! Aber den Brief schickte man doch besser nicht ab. Es
+war unvorsichtig in jeder Beziehung. Am Ende fing Vater Goeppel ihn ab ...
+Diederich verschloss den Brief im Schreibtisch. "An das Essen hab' ich
+gestern ueberhaupt nicht gedacht!" Er liess sich ein ausgiebiges Fruehstueck
+bringen. "Und rauchen wollte ich nicht, damit ihr Geruch nicht verginge.
+Das ist doch Bloedsinn. So darf man nicht sein." Er zuendete eine Zigarre an
+und ging ins Laboratorium. Was er auf dem Herzen hatte, beschloss er statt
+in Worte - denn so hohe Worte waren unmaennlich und unbequem - lieber in
+Musik auszustroemen. Er mietete ein Klavier und versuchte sich ploetzlich
+mit viel mehr Glueck als in der Klavierstunde an Schubert und Beethoven.
+
+Am Sonntag, wie er bei Goeppels klingelte, machte Agnes selbst ihm auf.
+"Das Maedchen kann nicht vom Herd fort", sagte sie; aber den wahren Grund
+sagte ihr Blick. Aus Ratlosigkeit senkte Diederich die Augen auf das
+silberne Armband, womit sie klapperte, als sollte er hinsehen.
+
+"Kennst du es nicht?" fluesterte Agnes. Er ward rot.
+
+"Das von Mahlmann?"
+
+"Das von dir! Ich trag' es zum erstenmal."
+
+Rasch und heiss drueckte sie ihm die Hand, dann ging die Tuer zum Berliner
+Zimmer auf. Herr Goeppel wandte sich um. "Na, da ist wohl unser Ausreisser?"
+Aber kaum erblickte er Diederich, aenderte sich seine Miene, er bereute
+seine Vertraulichkeit.
+
+"Ich haette Sie, weiss Gott, nicht wiedererkannt, Herr Hessling!"
+
+Diederich sah zu Agnes hinueber, wie um ihr zu sagen: "Siehst du? Der merkt
+es, dass ich kein dummer Junge mehr bin."
+
+"Bei Ihnen ist ja alles unveraendert", stellte Diederich fest und begruesste
+Herrn Goeppels Schwestern und Schwager. In Wahrheit aber fand er alle
+betraechtlich gealtert, besonders Herrn Goeppel, der sich weniger munter
+benahm und dem ein kummervolles Fett von den Wangen hing. Die Kinder waren
+nun groesser, und irgendwo im Zimmer schien eine Person zu fehlen.
+
+"Ja, ja," so schloss Herr Goeppel die einleitende Unterhaltung, "die Zeit
+vergeht, aber gute Freunde finden sich immer wieder."
+
+"Wenn du wuesstest, wie", dachte Diederich verlegen und mit Geringschaetzung,
+indes man zu Tisch ging. Beim Kalbsbraten fiel ihm endlich ein, wer damals
+ihm gegenueber gesessen hatte. Es war die Tante, die ihn so hochtrabend
+gefragt hatte, was er denn studiere, und die nicht gewusst hatte, dass
+Chemie etwas anderes war als Physik. Agnes, die er zu seiner Rechten
+hatte, erklaerte ihm, dass diese Tante schon seit zwei Jahren tot sei.
+Diederich murmelte sein Beileid, im stillen aber sagte er sich: "Die
+quatscht also auch nicht mehr." Ihm kam es vor, als ob hier alle bestraft
+und niedergedrueckt seien, ihn selbst nur hatte das Schicksal, seinem Wert
+entsprechend, erhoeht. Und er streifte Agnes, von oben herab, mit dem Blick
+des Besitzers.
+
+Die suesse Speise liess auf sich warten, gerade wie damals. Agnes wandte
+unruhig den Kopf nach der Tuer, Diederich sah ihre schoenen blonden Augen
+verdunkelt, als sei etwas Ernstes geschehen. Er hatte ploetzlich tiefes
+Mitgefuehl mit ihr, eine grosse Zaertlichkeit. Er stand auf und rief aus der
+Tuer:
+
+"Marie! Der Krehm!"
+
+Wie er zurueckkam, trank Herr Goeppel ihm zu. "Das haben Sie frueher auch
+schon gemacht. Sie sind doch hier wie's Kind im Hause. Nicht, Agnes?"
+Agnes dankte Diederich mit einem Blick, der sein ganzes Herz aufruehrte. Er
+musste sich zusammennehmen, um nicht feuchte Augen zu bekommen. Wie
+wohlwollend die Verwandten ihm zulaechelten! Der Schwager stiess mit ihm an.
+Was fuer gute Menschen! Und Agnes, die suesse Agnes, liebte ihn! Er verdiente
+so viel nicht! Das Gewissen schlug ihm laut, er nahm sich dunkel vor,
+nachher mit Herrn Goeppel zu sprechen.
+
+Leider fing Herr Goeppel nach dem Essen wieder von den Krawallen an. Wenn
+wir endlich den Druck der Bismarckschen Kuerassierstiefel los waren,
+brauchte man die Arbeiter nun nicht mit Dicktun in Reden zu reizen. Der
+junge Mann (so nannte Herr Goeppel den Kaiser!) redet uns noch die
+Revolution an den Hals ... Diederich sah sich veranlasst, im Namen der
+Jugend, die fest und treu zu ihrem herrlichen jungen Kaiser stehe, solche
+Noergeleien auf das schaerfste zurueckzuweisen. Seine Majestaet hatten es
+selbst gesagt: "Diejenigen, welche mir behilflich sein wollen, herzlich
+willkommen. Die sich mir entgegenstellen, zerschmettere ich." Dabei
+versuchte Diederich zu blitzen. Herr Goeppel erklaerte, er warte es ab.
+
+"In dieser harten Zeit", fuegte Diederich hinzu, "muss jeder seinen Mann
+stehen." Und er setzte sich in Positur vor Agnes, die ihn bewunderte.
+
+"Wieso harte Zeit?" sagte Herr Goeppel. "Sie ist doch nur hart, wenn wir
+uns gegenseitig das Leben schwer machen. Ich hab' mich mit meinen
+Arbeitern noch immer vertragen."
+
+Diederich zeigte sich entschlossen, daheim in seinem Betrieb eine ganz
+andere Zucht einzufuehren. Sozialdemokraten wurden nicht mehr geduldet, und
+Sonntags gingen die Leute zur Kirche! - Das auch noch? meinte Herr Goeppel.
+Das koenne er von seinen Leuten nicht verlangen, wenn er selbst doch bloss
+am Karfreitag gehe. "Soll ich sie beschwindeln? Christentum ist gut; aber
+was der Pastor alles redet, glaubt doch kein Mensch mehr." Da sah man
+Diederichs Miene hoch ueberlegen werden.
+
+"Mein lieber Herr Goeppel, ich kann Ihnen nur sagen: Was die Herren da oben
+und besonders mein verehrter Freund, der Assessor von Barnim, zu glauben
+fuer richtig halten, das glaub' ich auch - unbesehen. Das kann ich Ihnen
+nur sagen."
+
+Der Schwager, der Beamter war, schlug sich ploetzlich auf Diederichs Seite.
+Herr Goeppel hatte schon einen roten Kopf, Agnes trat mit dem Kaffee
+dazwischen. "Na, schmecken Ihnen meine Zigarren?" Herr Goeppel klopfte
+Diederich aufs Knie. "Sehen Sie wohl, im Menschlichen sind wir einig."
+
+Diederich dachte: "Da ich sozusagen zur Familie gehoere."
+
+Er liess von seiner strammen Haltung einiges nach, es war noch sehr
+gemuetlich. Herr Goeppel wollte wissen, wann Diederich "fertig" werde und
+Doktor sei, er begriff nicht, dass eine chemische Arbeit zwei Jahre und
+laenger brauche. Diederich verbreitete sich in Ausdruecken, die niemand
+verstand, ueber die Schwierigkeiten, zu einer Loesung zu gelangen. Er hatte
+die Empfindung, Herr Goeppel warte zu einem bestimmten Zweck auf seine
+Promovierung. Auch Agnes schien es zu fuehlen, denn sie griff ein und
+lenkte das Gespraech ab. Als Diederich sich verabschiedet hatte, ging sie
+mit hinaus und fluesterte ihm zu:
+
+"Morgen um drei bei dir."
+
+Vor jaeher Freude griff er nach ihr und kuesste sie, zwischen den Tueren,
+waehrend gleich daneben das Maedchen mit dem Geschirr rasselte. Sie fragte
+traurig: "Denkst du denn gar nicht daran, was mir passiert, wenn jetzt
+jemand kommt?" Er war betroffen und verlangte als Zeichen ihrer Verzeihung
+noch einen Kuss. Sie gab ihn.
+
+Um drei Uhr pflegte Diederich aus dem Cafe ins Laboratorium
+zurueckzukehren. Statt dessen war er schon um zwei Uhr wieder in seinem
+Zimmer. Richtig kam sie noch vor drei. "Wir haben es beide nicht erwarten
+koennen! Wie wir uns liebhaben!" Es war schoener als das erstemal, viel
+schoener. Keine Traene mehr, keine Furcht; und die Sonne schien herein.
+Diederich breitete Agnes' Haar in der Sonne aus und badete sein Gesicht
+darin.
+
+Sie blieb, bis es fast schon zu spaet war, die Einkaeufe zu machen, die sie
+zu Hause vorgeschuetzt hatte. Sie musste laufen. Diederich, der mitlief, war
+sehr besorgt, dass es ihr schaden koenne. Aber sie lachte, sah rosig aus und
+nannte ihn ihren Baeren. Immer endeten nun so die Tage, an denen sie kam.
+Immer waren sie gluecklich. Herr Goeppel stellte fest, dass es Agnes besser
+gehe als je, und das verjuengte ihn selbst. Daher wurden auch die Sonntage
+jedesmal heiterer. Es dauerte bis abends, dann ward Punsch gemacht,
+Diederich musste Schubert spielen, oder er und der Schwager sangen
+Burschenlieder und Agnes begleitete sie. Manchmal sahen sie sich
+nacheinander um, beiden war zumut, als werde ihr Glueck gefeiert.
+
+Es kam vor, dass im Laboratorium der Diener zu Diederich hintrat und ihm
+meldete, draussen sei eine Dame. Er stand sofort auf, stolz erroetend unter
+den verstaendnisvollen Blicken der Kollegen. Und dann bummelten sie, gingen
+ins Cafe, ins Panoptikum; und da Agnes gern Bilder sah, erfuhr Diederich
+auch, dass es Kunstausstellungen gab. Agnes liebte es, vor einem Bild, das
+ihr gefiel, einer sanften, festtaegigen Landschaft aus schoeneren Laendern,
+lange stehenzubleiben, mit halbgeschlossenen Augen, und Traeume
+auszutauschen mit Diederich.
+
+"Sieh nur recht hin, dann merkst du, das ist kein Rahmen, es ist ein Tor
+mit goldenen Stufen, die gehen wir hinunter und ueber den Weg, und biegen
+die Weissdornbuesche weg und steigen in den Kahn. Fuehlst du wohl, wie er
+schaukelt? Das kommt, weil wir die Hand durch das Wasser schleifen, es ist
+so warm. Drueben am Berg, der weisse Punkt, du weisst schon, es ist unser
+Haus, dahin fahren wir. Siehst du, siehst du?"
+
+"Ja, ja", sagte Diederich voll Eifer. Er kniff die Lider ein und sah
+alles, was Agnes wollte. Er geriet so sehr in Feuer, dass er ihre Hand
+nahm, um sie zu trocknen. Dann setzten sie sich in einen Winkel und
+sprachen von den Reisen, die sie machen wollten, dem sorgenlosen Glueck in
+sonniger Ferne, von Liebe ohne Ende. Diederich glaubte, was er sagte. Im
+Grunde wusste er wohl, dass er bestimmt sei, zu arbeiten und ein praktisches
+Leben zu fuehren, ohne viel Musse fuer Ueberschwenglichkeiten. Aber was er
+hier sagte, war von einer hoeheren Wahrheit als alles, was er wusste. Der
+eigentliche Diederich, der, der er haette sein sollen, sprach wahr. - Aber
+Agnes: wie sie nun aufstanden und gingen, war sie blass und schien muede.
+Ihre schoenen blonden Augen hatten einen Glanz, der Diederich beklommen
+machte, und sie fragte leise und zitternd:
+
+"Wenn unser Kahn nun umgeschlagen waere?"
+
+"Dann haette ich dich gerettet!" sagte Diederich entschlossen.
+
+"Aber es ist weit vom Ufer, und das Wasser ist schrecklich tief."
+
+Da er ratlos war:
+
+"Wir haetten ertrinken muessen. Sag', waerst du gern mit mir gestorben?"
+
+Diederich sah sie an; dann schloss er die Augen.
+
+"Ja", sagte er mit einem Seufzer.
+
+Nachher aber bereute er ein solches Gespraech. Er hatte wohl gemerkt, warum
+Agnes ploetzlich in eine Droschke steigen und heimfahren musste. Sie hatte
+krampfhafte Roete bis in die Stirn gehabt, und er sollte nicht sehen, wie
+sie hustete. Den ganzen Nachmittag bereute Diederich nun. Solche Sachen
+waren ungesund, fuehrten zu nichts und machten Ungelegenheiten. Sein
+Professor hatte schon von den Besuchen der Dame erfahren. Es ging nicht
+laenger, dass sie ihn wegen jeder Laune von seiner Arbeit wegholte. Er
+setzte es ihr schonend auseinander. "Du hast wohl recht", sagte sie
+darauf. "Ordentliche Menschen brauchen feste Stunden. Aber wenn ich nun um
+halb sechs zu dir kommen soll, und am meisten geliebt hab' ich dich schon
+um vier?"
+
+Er fuehlte Spott heraus, vielleicht sogar Geringschaetzung, und ward grob.
+Eine Geliebte, die ihn an seiner Karriere hindern wollte, koenne er
+ueberhaupt nicht brauchen. So habe er sich die Sache nicht vorgestellt. Da
+bat Agnes um Verzeihung. Sie wollte ganz bescheiden werden und in seinem
+Zimmer auf ihn warten. Wenn er noch zu tun hatte, oh! er brauchte keine
+Ruecksicht zu nehmen. Das beschaemte Diederich, er ward weich und ueberliess
+sich, zusammen mit Agnes, den Klagen ueber eine Welt, in der es nicht nur
+Liebe gab. "Muss es denn sein?" fragte Agnes. "Du hast ein wenig Geld, ich
+auch. Warum Karriere machen und dich abhetzen? Wir koennten es so gut
+haben." Diederich sah es ein - nachtraeglich aber nahm er ihr es uebel. Nun
+liess er sie warten, halb mit Absicht. Sogar den Besuch politischer
+Versammlungen erklaerte er fuer eine Pflicht, die der Zusammenkunft mit
+Agnes vorangehe. Eines Abends im Mai, wie er verspaetet heimkam, traf er
+vor der Tuer einen jungen Mann in Einjaehrigenuniform, der ihn zoegernd
+ansah. "Herr Diederich Hessling?" - "Ach ja," stammelte Diederich, "Sie -
+du - Sie sind wohl Herr Wolfgang Buck?"
+
+Der juengste Sohn des grossen Mannes von Netzig hatte sich endlich
+entschlossen, dem Befehl seines Vaters zu folgen und Diederich
+aufzusuchen. Diederich nahm ihn mit hinauf, er fand so schnell keinen
+Vorwand, um ihn zu entfernen, und drinnen sass Agnes! Im Flur sprach er
+laut, damit sie es hoere und sich verstecke. Mit Bangen oeffnete er. Im
+Zimmer war niemand; auch ihr Hut lag nicht auf dem Bett; aber Diederich
+wusste wohl: sie war noch soeben dagewesen. Er sah es dem Stuhl an, der
+nicht ganz am Fleck stand, er fuehlte es an der Luft, die noch leise zu
+schwingen schien vom Hindurchstreifen ihres Kleides. Sie musste in dem
+fensterlosen kleinen Gelass sein, wo sein Waschtisch stand. Er schob einen
+Sessel davor und murrte, unwirsch vor Verlegenheit, ueber die Wirtin, die
+nicht aufraeume. Wolfgang Buck meinte, er komme wohl ungelegen. "O nein!"
+versicherte Diederich. Er lud den Gast zum Sitzen ein und brachte Kognak.
+Buck entschuldigte sich wegen der ungewoehnlichen Stunde; der Dienst lasse
+ihm keine Wahl. "Das kennen wir", sagte Diederich; und um Fragen
+zuvorzukommen, berichtete er sofort, dass ein Jahr schon hinter ihm liege.
+Er sei begeistert vom Militaer, es sei das Wahre. Wer ganz dabei bleiben
+koennte! Leider riefen ihn Familienpflichten. Buck laechelte, ein weiches,
+skeptisches Laecheln, das Diederich missfiel. "Nun ja, die Offiziere: man
+ist wenigstens unter Leuten mit guten Manieren."
+
+"Sie verkehren mit ihnen?" fragte Diederich, und er meinte es hoehnisch.
+Aber Buck erklaerte einfach, dass er zuweilen in die Offiziersmesse geladen
+werde. Er zuckte die Achseln. "Ich gehe hin, weil ich es fuer nuetzlich
+halte, mich in allen Lagern umzusehen. Andererseits verkehre ich viel mit
+Sozialisten." Er laechelte wieder. "Manchmal moechte ich naemlich General
+werden und manchmal Arbeiterfuehrer. Auf welche Seite ich schliesslich
+fallen werde, darauf bin ich selbst neugierig." Und er trank das zweite
+Glas Kognak aus. "Ein ekelhafter Mensch", dachte Diederich. "Und Agnes in
+der Dunkelkammer." Er sagte: "Mit Ihren Mitteln steht es Ihnen ja frei,
+sich in den Reichstag waehlen zu lassen oder was Ihnen sonst Spass macht.
+Ich bin auf praktische Arbeit angewiesen. Die Sozialdemokratie betrachte
+ich uebrigens als meinen Feind, denn sie ist der Feind des Kaisers."
+
+"Wissen Sie das ganz genau?" fragte darauf Buck. "Ich traue eher dem
+Kaiser eine heimliche Liebe fuer die Sozialdemokratie zu. Er waere gern
+selber der erste Arbeiterfuehrer geworden. Sie haben nur nicht gewollt."
+
+Diederich empoerte sich. Das sei beleidigend fuer Seine Majestaet. Aber Buck
+liess sich nicht stoeren. "Erinnern Sie sich nicht, wie er Bismarck
+gegenueber gedroht hat, er wolle den reichen Leuten seinen militaerischen
+Schutz entziehen? Er hat, wenigstens anfangs, gerade solche Rancuene gegen
+die Reichen gehabt wie die Arbeiter - wenn auch natuerlich aus abweichenden
+Gruenden, weil er sich naemlich schwer damit abfindet, dass auch andere Macht
+haben."
+
+Den Ausrufen, die in Diederichs Mienen standen, kam Buck zuvor. "Glauben
+Sie bitte nicht," sagte er lebhafter, "dass Antipathie aus mir spricht. Es
+ist im Gegenteil Zaertlichkeit: eine Art feindlicher Zaertlichkeit, wenn Sie
+wollen."
+
+"Verstehe ich nicht", sagte Diederich.
+
+"Nun ja: wie man sie fuer jemand hat, bei dem man seine eigenen Fehler
+wiederfindet, oder nennen Sie es Tugenden. Jedenfalls sind wir jungen
+Leute jetzt alle so wie unser Kaiser, dass wir naemlich unsere
+Persoenlichkeit ausleben moechten und doch ganz gut fuehlen, Zukunft hat nur
+die Masse. Einen Bismarck wird es nicht mehr geben und auch keinen
+Lassalle mehr. Vielleicht sind es die Begabteren unter uns, die sich das
+heute noch ableugnen moechten. Er jedenfalls moechte es sich ableugnen. Und
+wenn einem solche Unmenge Macht in den Schoss gefallen ist, waere es auch
+wirklich Selbstmord, sich nicht zu ueberschaetzen. Aber in tiefster Seele
+hat er sicher seine Zweifel an der Rolle, die er sich zumutet."
+
+"Rolle?" fragte Diederich. Buck merkte es gar nicht.
+
+"Denn die kann ihn weit fuehren, da sie in der Welt, wie sie heute nun
+einmal ist, verdammt paradox wirken muss. Diese Welt erwartet von keinem
+einzelnen irgend mehr als von seinem Nachbarn. Auf Niveau kommt es an,
+nicht auf Auszeichnung, und am allerwenigsten auf grosse Maenner."
+
+"Erlauben Sie!" Diederich warf sich in die Brust. "Und das Deutsche Reich,
+haetten wir das ohne grosse Maenner? Hohenzollern sind immer grosse Maenner." -
+Buck verzog schon wieder den Mund, wehmuetig und skeptisch. "Dann muessen
+sie sich in acht nehmen. Und wir anderen auch. Der Kaiser steht, auf seine
+Verhaeltnisse uebertragen, vor derselben Frage wie ich. Soll ich General
+werden und mein ganzes Leben auf einen Krieg einrichten, der
+voraussichtlich nie mehr gefuehrt werden wird? Oder ein womoeglich genialer
+Volksfuehrer, waehrend das Volk doch schon so weit ist, dass es auf die
+Genies verzichten kann? Beides waere Romantik, und Romantik fuehrt
+bekanntlich zum Bankerott." Buck trank zwei Kognaks nacheinander.
+
+"Was soll ich also werden?"
+
+"Ein Alkoholiker", dachte Diederich. Er fragte sich, ob es nicht seine
+Pflicht sei, Buck einen Krach zu machen. Aber Buck trug Uniform! Auch
+wuerde der Laerm vielleicht Agnes hervorgescheucht haben, und was konnte
+dann alles entstehen! Immerhin beschloss er, sich Bucks Aeusserungen genau zu
+merken. Dachte der Mensch mit solchen Gesinnungen Karriere zu machen?
+Diederich erinnerte sich, dass auf der Schule Bucks deutsche Aufsaetze, die
+zu geistreich waren, ihm ein unerklaertes, aber tiefes Misstrauen eingegeben
+hatten. "Stimmt," dachte er, "so ist er geblieben. Ein Schoengeist. Die
+ganze Familie ist so." Die Frau des alten Buck war eine Juedin gewesen, die
+Theater gespielt hatte. Und Diederich fuehlte sich nachtraeglich gedemuetigt
+durch das herablassende Wohlwollen des alten Buck beim Begraebnis seines
+Vaters. Auch der junge demuetigte ihn, fortwaehrend und mit allem: mit
+seinen ueberlegenen Redensarten, seinen Manieren, seinem Verkehr bei den
+Offizieren. War er ein Herr von Barnim? Er war auch nur aus Netzig. "Ich
+hasse die ganze Familie!" Und Diederich betrachtete aus gekniffenen Lidern
+dies fleischige Gesicht mit der weich gebogenen Nase und den feucht
+glaenzenden Augen, die sannen. Buck stand auf. "Nun, wir sehen uns zu Hause
+wieder. Naechstes oder uebernaechstes Semester mache ich mein Examen, und was
+bleibt dann weiter uebrig, als Rechtsanwalt spielen in Netzig ... Und Sie?"
+fragte er. Diederich erklaerte streng, dass er seine Zeit nicht zu verlieren
+und noch im Sommer seine Doktorarbeit abzuschliessen denke. Damit fuehrte er
+Buck hinaus. "Ein dummer Kerl bist du doch nur", dachte er. "Merkst gar
+nicht, dass ich ein Maedchen bei mir habe." Er kehrte zurueck, froh seiner
+Ueberlegenheit ueber Buck und auch ueber Agnes, die im Dunkeln gewartet und
+nicht gemuckt hatte.
+
+Wie er aber die Tuer oeffnete, hing sie ueber einem Stuhl, ihre Brust ging
+heftig, und mit dem Taschentuch unterdrueckte sie das Keuchen. Sie sah ihm
+entgegen, aus geroeteten Augen. Er sah: sie war da drinnen fast erstickt,
+und sie hatte geweint - indes er hier draussen getrunken und unnuetzes Zeug
+geredet hatte. Seine erste Regung war masslose Reue. Sie liebte ihn! Da sass
+sie und liebte ihn sehr, dass sie alles ertrug! Er war im Begriff, die Arme
+zu erheben, vor sie hinzustuerzen und sie weinend um Verzeihung zu bitten.
+Rechtzeitig hielt er sich zurueck aus Furcht vor der Szene und der
+sentimentalen Stimmung nachher, die ihn wieder mehrere Arbeitstage kostete
+und ihr die Oberhand gab. Er tat ihr nicht den Willen! Denn natuerlich
+uebertrieb sie absichtlich. So kuesste er sie fluechtig auf die Stirn und
+sagte: "Du bist schon da? Ich hab' dich gar nicht kommen gesehen." Sie
+zuckte auf, wie um etwas zu erwidern, aber sie schwieg. Darauf erklaerte
+er, es sei gerade jemand fortgegangen. "So ein Judenbengel, der sich
+aufspielt! Einfach ekelhaft!" Diederich lief im Zimmer umher. Um Agnes
+nicht ansehen zu muessen, lief er immer schneller und redete immer
+heftiger. "Das sind unsere schlimmsten Feinde! Die mit ihrer sogenannten
+feinen Bildung, die alles antasten, was uns Deutschen heilig ist! Solch
+ein Judenbengel kann froh sein, dass wir ihn dulden. Soll er seine
+Pandekten bueffeln und die Schnauze halten. Auf seine schoengeistigen
+Schmoeker huste ich!" schrie er noch lauter, mit der Absicht, auch Agnes zu
+kraenken. Da sie nicht antwortete, nahm er einen neuen Anlauf. "Das kommt
+aber alles, weil jeder mich jetzt zu Hause findet. Immer muss ich
+deinetwegen auf der Bude hocken!"
+
+Agnes sagte schuechtern: "Wir haben uns schon sechs Tage nicht gesehen.
+Sonntag bist du wieder nicht gekommen. Ich fuerchte, du hast mich nicht
+mehr lieb." Er blieb vor ihr stehen. Von oben herab: "Mein liebes Kind,
+dass ich dich liebhabe, brauch' ich dir wohl wirklich nicht mehr zu
+versichern. Aber eine andere Frage ist es, ob ich darum auch Lust habe,
+jeden Sonntag deinen Tanten beim Haekeln zuzusehen und mit deinem Vater
+ueber Politik zu reden, wovon er nichts versteht." Agnes senkte den Kopf.
+"Frueher war es so schoen. Du standest dich schon so gut mit Papa."
+Diederich drehte ihr den Ruecken zu und sah aus dem Fenster. Das war es
+eben: er fuerchtete zu gut zu stehen mit Herrn Goeppel. Durch seinen
+Buchhalter, den alten Soetbier, wusste er, dass Goeppels Geschaeft bergab ging.
+Seine Zellulose taugte nichts mehr, Soetbier bezog sie nicht mehr von ihm.
+Da waere ein Schwiegersohn wie Diederich ihm freilich gelegen gekommen.
+Diederich fuehlte sich umgarnt von diesen Leuten. Auch von Agnes! Er hatte
+sie im Verdacht, mit dem Alten zusammenzustecken. Entruestet wandte er sich
+ihr wieder zu. "Und dann, liebes Kind, ehrlich gestanden: was wir beide
+tun, nicht wahr, das ist unsere Sache, aber deinen Vater lassen wir lieber
+aus dem Spiel. Beziehungen wie die unseren soll man mit
+Familienfreundschaft nicht verquicken. Mein sittliches Gefuehl verlangt da
+reinliche Scheidung."
+
+Ein Augenblick verging, dann stand Agnes auf, als habe sie jetzt
+begriffen. Sie war tief erroetet. Sie ging zur Tuer. Diederich holte sie
+ein. "Aber Agnes, so hab' ich es doch nicht gemeint. Es war doch nur, weil
+ich dich viel zu sehr achte -. Und ich kann ja auch wiederkommen Sonntag."
+Sie liess ihn reden, mit unbewegter Miene. "Nun sei doch wieder gemuetlich",
+bat er. "Du hast noch nicht mal deinen Hut abgenommen." Sie tat es. Er
+verlangte, sie solle sich auf den Diwan setzen, und sie setzte sich. Sie
+kuesste ihn auch, wie er es wollte. Aber indes ihre Lippen laechelten und
+kuessten, blieben ihre Augen starr und unbeteiligt. Ploetzlich riss sie ihn in
+ihre Arme: er erschrak, er wusste nicht, ob es Hass war. Aber dann fuehlte er
+sich heisser geliebt als je.
+
+"Heute war es aber wirklich schoen. Was, meine kleine suesse Agnes?" sagte
+Diederich, zufrieden und gutmuetig.
+
+"Adieu", sagte sie, hastend nach Schirm und Beutel, waehrend er sich erst
+ankleidete.
+
+"Du hast es aber eilig." - "Weiter kann ich wohl nichts fuer dich tun." Sie
+war schon bei der Tuer - ploetzlich fiel sie mit der Schulter gegen den
+Pfosten und ruehrte sich nicht mehr. "Was ist denn los?" Wie Diederich
+naeher kam, sah er sie schluchzen. Er beruehrte sie. "Ja, was hast du denn?"
+Da ward ihr Weinen laut und krampfhaft. Es hoerte nicht auf. "Aber Agnes,"
+sagte Diederich von Zeit zu Zeit, "was ist auf einmal geschehen, wir waren
+doch so vergnuegt." Und ganz ratlos: "Hab' ich dir was getan?" Zwischen den
+Krisen und halb erstickt, brachte sie hervor: "Ich kann nicht.
+Entschuldige." Er trug sie auf den Diwan. Als es endlich vorbei war,
+schaemte Agnes sich. "Verzeih! Ich kann nicht dafuer." - "Kann denn ich
+dafuer?" - "Nein, nein. Es sind die Nerven. Verzeih!"
+
+Mitleidig und geduldig brachte er sie bis zu einem Wagen. Nachtraeglich
+aber erschien ihm auch der Anfall als halbe Komoedie und als eins der
+Mittel, die ihn endgueltig einfangen sollten. Das Gefuehl verliess ihn nicht
+mehr, dass Raenke gesponnen wurden gegen seine Freiheit und seine Zukunft.
+Er wehrte sich dagegen vermittels schroffen Auftretens, Betonung seiner
+maennlichen Selbstaendigkeit und durch Kaelte, sobald die Stimmung weich
+ward. Sonntags bei Goeppels war er auf seiner Hut, wie in Feindesland:
+korrekt und unzugaenglich. Wann seine Arbeit denn nun fertig werde? fragten
+sie. Er koenne die Loesung morgen finden oder erst in zwei Jahren, das wisse
+er selbst nicht. Er betonte, dass er auch kuenftig finanziell abhaengig von
+seiner Mutter bleibe. Er werde noch lange fuer nichts Zeit haben als einzig
+fuer das Geschaeft. Und da Herr Goeppel die idealen Werte des Lebens zu
+bedenken gab, lehnte Diederich barsch ab. "Noch gestern hab' ich meinen
+Schiller verkauft. Denn ich habe keinen Sparren und lass' mir nichts
+vormachen." Wenn er nach solchen Worten Agnes' stummen und betruebten Blick
+auf sich fuehlte, hatte er wohl einen Augenblick die Empfindung, als habe
+nicht er selbst gesprochen, als gehe er im Nebel, rede falsch und handle
+wider Willen. Aber das verging.
+
+Agnes kam, sooft er sie bestellte, und ging fort, wenn es Zeit fuer ihn
+war, zu arbeiten oder zu kneipen. Sie verfuehrte ihn nicht mehr zu
+Traeumereien vor Bildern, seit er einmal an einem Wurstgeschaeft angehalten
+und ihr erklaert hatte, dass sei fuer ihn der schoenste Kunstgenuss. Ihm selbst
+fiel es endlich auf das Herz, wie selten sie sich nur noch sahen. Er warf
+ihr vor, dass sie nicht darauf dringe, oefter zu kommen. "Frueher warst du
+ganz anders." "Ich muss warten", sagte sie. "Worauf?" "Dass auch du wieder
+so wirst. Oh! Ich weiss ganz sicher, es wird kommen."
+
+Er schwieg aus Furcht vor Auseinandersetzungen. Dennoch kam es, wie sie
+gesagt hatte. Seine Arbeit war endlich beendet und gutgeheissen, er hatte
+nur noch eine belanglose muendliche Pruefung zu bestehen und war in der
+gehobenen Stimmung einer Lebenswende. Wie Agnes ihm ihren Glueckwunsch
+brachte und Rosen dazu, brach er in Traenen aus und sagte, dass er sie
+immer, immer liebhaben werde. Sie berichtete, dass Herr Goeppel soeben eine
+mehrtaegige Geschaeftsreise antrete. "Und nun ist das Wetter so
+wunderschoen ..." Diederich fiel sofort ein: "Das muessen wir benutzen!
+Solche Gelegenheit haben wir noch nie gehabt!" Sie beschlossen, aufs Land
+hinaus zu fahren. Agnes wusste von einem Ort namens Mittenwalde; es musste
+einsam dort sein und romantisch wie der Name. "Den ganzen Tag werden wir
+beisammen sein!" - "Und die Nacht auch", setzte Diederich hinzu.
+
+Schon der Bahnhof, von dem man abfuhr, war entlegen und der Zug ganz klein
+und altmodisch. Sie blieben allein in ihrem Wagen; es dunkelte langsam,
+der Schaffner zuendete ihnen eine truebe Lampe an, und sie sahen, eng
+umschlungen, stumm und mit grossen Augen hinaus in das flache, eintoenige
+Ackerland. Da hinausgehen, zu Fuss, weit fort, und sich verlieren in der
+guten Dunkelheit! Bei einem Dorf mit einer Handvoll Haeuser waeren sie fast
+ausgestiegen. Der Schaffner holte sie jovial zurueck; ob sie denn auf Stroh
+uebernachten wollten. Und dann langten sie an. Das Wirtshaus hatte einen
+grossen Hof, ein weites Gastzimmer mit Petroleumlampen unter der
+Balkendecke und einen biederen Wirt, der Agnes "gnaedige Frau" nannte und
+schlaue slawische Augen dazu machte. Sie waren voll heimlichen
+Einverstaendnisses und befangen. Nach dem Essen waeren sie gern gleich
+hinaufgegangen, wagten es aber nicht und blaetterten gehorsam in den
+Zeitschriften, die der Wirt ihnen hinlegte. Wie er den Ruecken wandte,
+warfen sie einander einen Blick zu, und, husch, waren sie auf der Treppe.
+Noch war kein Licht im Zimmer, die Tuer stand noch offen, und schon lagen
+sie einander in den Armen.
+
+Ganz frueh am Morgen schien die Sonne herein. Im Hof drunten pickten Huehner
+und flatterten auf den Tisch vor der Laube. "Dort wollen wir fruehstuecken!"
+Sie gingen hinab. Wie herrlich warm! Aus der Scheuer duftete es koestlich
+nach Heu. Kaffee und Brot schmeckten ihnen frischer als sonst. So frei war
+einem um das Herz, das ganze Leben stand offen. Stundenweit wollten sie
+gehen; der Wirt musste die Strassen und Doerfer nennen. Sie lobten freudig
+sein Haus und seine Betten. Sie seien wohl auf der Hochzeitsreise?
+"Stimmt" - und sie lachten herzhaft.
+
+Die Pflastersteine der Hauptstrasse streckten ihre Spitzen nach oben, und
+die Julisonne faerbte sie bunt. Die Haeuser waren hoeckrig, schief und so
+klein, dass die Strasse zwischen ihnen sich ausnahm wie ein Feld mit
+Steinen. Die Glocke des Kraemers klapperte lange hinter den Fremden her.
+Wenige Leute, halb staedtisch gekleidet, schlichen durch den Schatten und
+wandten sich um nach Agnes und Diederich, die stolze Gesichter machten,
+denn sie waren die Elegantesten hier. Agnes entdeckte das Modengeschaeft
+mit den Hueten der feinen Damen. "Nicht zu glauben! Das hat man in Berlin
+vor drei Jahren getragen!" Dann traten sie durch ein Tor, das wacklig
+aussah, in das Land hinaus. Die Felder wurden gemaeht. Der Himmel war blau
+und schwer, die Schwalben schwammen darin wie in traegem Wasser. Die
+Bauernhaeuser dort drueben waren eingetaucht in heisses Flimmern, und ein
+Wald stand schwarz, mit blauen Wegen. Agnes und Diederich fassten sich bei
+den Haenden, und ohne Verabredung fingen sie zu singen an: ein Lied fuer
+wandernde Kinder, das sie noch aus der Schule kannten. Diederich machte
+seine Stimme tief, damit Agnes ihn bewundere. Als sie nicht weiter wussten,
+wandten sie einander die Gesichter zu und kuessten sich, im Gehen.
+
+"Jetzt seh' ich erst recht, wie huebsch du bist", sagte Diederich und sah
+zaertlich in ihr rosiges Gesicht, mit den blonden Wimpern um diese blonden,
+goldgestirnten Augen. "Der Sommer steht mir gut" - und Agnes atmete frei
+auf, dass ihre Hemdbluse geschwellt ward. Schlank ging sie dahin, mit
+schmalen Hueften und dem blauen Schleier, der ihr nachwehte. Diederich
+hatte es zu warm, er zog den Rock aus, dann auch die Weste, und endlich
+gestand er, dass er sich Schatten wuensche. Sie fanden welchen, am Rand
+eines Feldes, worauf noch das Korn stand, und unter einem Akazienbusch,
+der noch duftete. Agnes setzte sich und legte Diederichs Kopf in ihren
+Schoss. Sie spielten noch miteinander und scherzten: ploetzlich merkte sie,
+dass er einschlief.
+
+Er wachte auf, sah um sich, und als er Agnes' Gesicht fand, erglaenzte er
+selig. "Lieber", sagte sie. "Was du fuer ein gutes, dummes Gesicht machst."
+- "Erlaub' mal! Ich habe doch hoechstens fuenf Minuten - nein, wahrhaftig,
+eine Stunde hab' ich geschlafen. Hast du dich gelangweilt?" Aber sie war
+erstaunter als er, dass so viel Zeit vergangen war. Seinen Kopf zog er
+unter der Hand hervor, die sie ihm auf das Haar gelegt hatte, als er
+einschlief.
+
+Zwischen den Feldern gingen sie zurueck. In einem lag eine dunkle Masse;
+und als sie durch die Halme spaehten, war es ein alter Mann mit einer
+Pelzkappe, rostroter Jacke und Samthosen, die auch schon roetlich waren.
+Seinen Bart hatte er sich, zusammengekruemmt, um die Knie gewickelt. Sie
+bueckten sich tiefer, um ihn zu erkennen. Da bemerkten sie, dass er sie
+schon laengst aus schwarzen Funkelaugen ansah. Unwillkuerlich schritten sie
+schneller aus, und in den Blicken, die sie einander zuwandten, stand
+Maerchengrauen. Sie blickten umher: sie waren in einem weiten, fremden
+Land, die kleine Stadt dort hinten schlief fremdartig in der Sonne, und
+der Himmel sah ihnen aus, als seien sie Tag und Nacht gereist.
+
+Wie abenteuerlich das Mittagessen in der Laube des Wirtshauses, mit der
+Sonne, den Huehnern, dem offenen Kuechenfenster, aus dem Agnes sich die
+Teller reichen liess. Wo war die buergerliche Ordnung der Bluecherstrasse, wo
+Diederichs angestammter Kneiptisch? "Ich gehe nicht wieder fort von hier",
+erklaerte Diederich. "Dich lass' ich auch nicht fort." Und Agnes: "Warum
+denn auch? Ich schreibe meinem Papa und lass' es ihm durch meine Freundin
+schicken, die in Kuestrin verheiratet ist. Dann glaubt er, ich bin dort."
+
+Spaeter gingen sie nochmals aus, nach der anderen Seite, wo Wasser floss und
+der Horizont von den Fluegeln dreier Windmuehlen umsegelt ward. Im Kanal lag
+ein Boot; sie mieteten es und schwammen dahin. Ein Schwan kam ihnen
+entgegen. Der Schwan und ihr Boot glitten lautlos aneinander vorueber.
+Unter herniederhaengenden Bueschen legte es von selbst an - und Agnes fragte
+unvermittelt nach Diederichs Mutter und seinen Schwestern. Er sagte, dass
+sie immer gut zu ihm gewesen seien, und dass er sie liebhabe. Er wollte
+sich die Bilder der Schwestern schicken lassen, sie waren huebsch geworden;
+oder vielleicht nicht huebsch, aber so anstaendig und sanft. Die eine, Emmi,
+las Gedichte, wie Agnes. Diederich wollte fuer beide sorgen und sie
+verheiraten. Seine Mutter aber, die behielt er bei sich, denn ihr hatte er
+alles Gute im Leben verdankt, bis Agnes gekommen war. Und er erzaehlte von
+den Daemmerstunden, den Maerchen unter den Weihnachtsbaeumen seiner Kindheit
+und sogar von dem Gebet "aus dem Herzen". Agnes hoerte zu, ganz versunken.
+Endlich seufzte sie auf. "Deine Mutter moechte ich kennenlernen. Meine hab'
+ich nicht gekannt." Er kuesste sie, mitleidig, achtungsvoll und mit einer
+dunklen Empfindung von schlechtem Gewissen. Er fuehlte: jetzt hatte er ein
+Wort zu sprechen, das sie ganz und gar fuer immer troesten musste. Aber er
+schob es hinaus, er konnte nicht. Agnes sah ihn tief an. "Ich weiss," sagte
+sie langsam, "dass du im Herzen ein guter Mensch bist. Du musst nur manchmal
+anders tun." Darueber erschrak er. Dann sagte sie, als entschuldigte sie
+sich: "Heute hab ich gar keine Furcht vor dir."
+
+"Hast du denn sonst Furcht?" fragte er reumuetig. Sie sagte:
+
+"Ich habe mich immer gefuerchtet, wenn die Leute recht hochgemut und lustig
+waren. Bei meinen Freundinnen frueher war es mir oft, als koennte ich mit
+ihnen nicht Schritt halten, und sie muessten es merken und mich verachten.
+Sie merkten es aber nicht. Schon als Kind: ich hatte eine Puppe mit grossen
+blauen Glasaugen, und als meine Mutter gestorben war, musste ich nebenan
+bei der Puppe sitzen. Sie sah mich immer starr an mit ihren aufgerissenen
+harten Augen, die sagten mir: Deine Mutter ist tot, jetzt werden dich alle
+so ansehen wie ich. Gerne haette ich sie auf den Ruecken gelegt, damit sie
+die Augen schloss. Aber ich wagte es nicht. Haette ich denn auch die
+Menschen auf den Ruecken legen koennen? Alle haben solche Augen, und
+manchmal -" sie verbarg ihr Gesicht an seiner Schulter, "manchmal sogar
+du."
+
+Der Hals war ihm zugeschnuert, er tastete ueber ihren Nacken, und seine
+Stimme schwankte. "Agnes! Suesse Agnes, du weisst gar nicht, wie ich dich
+liebhabe ... Ich hab' Furcht vor dir gehabt, ja, ich! Drei Jahre lang hab'
+ich mich nach dir gesehnt, aber du warst zu schoen fuer mich, zu fein, zu
+gut ..." Sein ganzes Herz schmolz; er sagte alles, was er ihr nach ihrem
+ersten Besuch geschrieben hatte, in dem Brief, der noch in seinem
+Schreibtisch lag. Sie hatte sich aufgerichtet und hoerte ihm zu, entzueckt,
+die Lippen geoeffnet. Sie jubelte leise: "Ich wusste es, so bist du, du bist
+wie ich!"
+
+"Wir gehoeren zusammen", sagte Diederich und presste sie an sich; aber er
+war erschrocken ueber seinen Ausruf: "Jetzt wartet sie," dachte er, "jetzt
+soll ich sprechen." Er wollte es, aber er fuehlte sich gelaehmt. Der Druck
+seiner Arme auf ihrem Ruecken ward immer kraftloser ... Sie bewegte sich:
+er wusste, nun wartete sie nicht mehr. Und sie loesten sich voneinander,
+ohne sich anzusehen. Diederich schlug ploetzlich die Haende vor das Gesicht
+und schluchzte. Sie fragte nicht, weshalb; sie strich ihm troestend ueber
+das Haar. Das waehrte lange.
+
+Ueber ihn hinweg, ins Leere, sagte Agnes: "Hab' ich denn geglaubt, dass es
+dauern wuerde? Es musste schlimm enden, weil es so schoen war."
+
+Er fuhr auf, verzweifelt. "Es ist doch nicht aus!" Sie fragte:
+
+"Glaubst du an das Glueck?"
+
+"Wenn ich dich verlieren soll, nicht mehr!"
+
+Sie murmelte: "Du wirst fortgehen, hinaus in das Leben und mich
+vergessen."
+
+"Lieber sterben!" - und er zog sie an sich. Sie fluesterte an seiner Wange:
+
+"Sieh, wie breit hier das Wasser ist, ein See. Unser Boot hat sich von
+selbst losgemacht und uns hinausgefuehrt. Weisst du noch, jenes Bild? Und
+der See, auf dem wir schon einmal im Traum fuhren? Wohin wohl?" Und noch
+leiser: "Wohin mit uns?"
+
+Er antwortete nicht mehr. Ganz umschlungen und die Lippen aufeinander,
+senkten sie sich rueckwaerts immer tiefer ueber das Wasser. Draengte sie ihn?
+Zog er sie? Niemals waren sie so sehr eins gewesen. Diederich fuehlte: nun
+war es gut. Er war, mit Agnes zu leben, nicht edel genug gewesen, nicht
+glaeubig, nicht tapfer genug. Jetzt hatte er sie eingeholt, nun war es gut.
+
+Ploetzlich, ein Stoss: sie schnellten in die Hoehe. Diederich hatte so viel
+Kraft gebraucht, dass Agnes von ihm fort und zu Boden fiel. Er strich sich
+ueber die Stirn. "Was haben wir denn da?" - Noch kalt vom Schrecken und als
+sei er beleidigt, sah er weg von ihr. "So unvorsichtig darf man nicht sein
+beim Bootfahren." Er liess sie allein aufstehen, griff sogleich nach den
+Rudern und fuhr zurueck. Agnes hielt das Gesicht nach dem Ufer gewendet.
+Einmal wollte sie zu ihm hinsehen; aber sein Blick traf sie so misstrauisch
+und hart, dass sie zusammenfuhr.
+
+In der sinkenden Daemmerung gingen sie, immer schneller, die Landstrasse
+zurueck. Zuletzt liefen sie fast. Und erst als es dunkel genug war, dass sie
+ihre Gesichter nicht mehr deutlich erkannten, sprachen sie. Morgen frueh
+kam Herr Goeppel vielleicht heim. Agnes musste heim ... Wie sie beim
+Wirtshaus ankamen, pfiff in der Ferne schon der Zug. "Nicht mal mehr essen
+kann man!" sagte Diederich mit kuenstlicher Unzufriedenheit. Hals ueber Kopf
+die Sachen holen, zahlen und fort. Der Zug fuhr ab, kaum dass sie drin
+waren. Ein Glueck, dass sie Atem zu schoepfen und die eiligen Geschaefte der
+letzten Viertelstunde zu besprechen hatten. Das letzte Wort darueber war
+gefallen, und nun sass jeder da, allein bei trueber Lampe und betaeubt wie
+nach einem grossen Misserfolg. Das dunkle Land da draussen, hatte es einmal
+gelockt und Gutes versprochen? Das sollte erst gestern gewesen sein? Man
+fand nicht zurueck. Kamen nicht endlich die Lichter der Stadt und befreiten
+einen?
+
+Bei der Ankunft waren sie darueber einig, dass es sich nicht verlohne, in
+denselben Wagen zu steigen. Diederich nahm die Trambahn. Haende und Augen
+streiften sich nur.
+
+
+
+"Uff!" machte Diederich, als er allein war. "Das waere erledigt." Er sagte
+sich: "Es haette ebensogut schief gehen koennen." Und mit Empoerung: "So eine
+hysterische Person!" Sich selbst wuerde sie sicher am Boot festgehalten
+haben. Er haette das Bad allein nehmen muessen. Auf den ganzen Trick war sie
+doch nur verfallen, weil sie durchaus geheiratet werden wollte! "Die
+Weiber sind zu gerissen, und sie haben keine Hemmungen, da kommt
+unsereiner nun mal nicht mit. Diesmal hat sie mich, weiss Gott, noch aerger
+an der Nase herumgefuehrt als damals mit Mahlmann. Na, mir soll es eine
+Lehre fuer das Leben sein. Nun aber Schluss!" Und festen Schrittes ging er
+zu den Neuteutonen. Fortan verbrachte er jeden Abend dort, und am Tage
+bueffelte er fuer das muendliche Examen, aber zur Vorsicht nicht zu Hause,
+sondern im Laboratorium. Wenn er dann heimkam, ward ihm das Steigen der
+Stockwerke schwer, er musste sich gestehen, dass er Herzklopfen habe.
+Zoegernd oeffnete er die Zimmertuer: - nichts; und nachdem ihm anfangs
+leichter geworden war, kam es schliesslich doch jedesmal dazu, dass er die
+Wirtin fragte, ob jemand dagewesen sei. Niemand war dagewesen.
+
+Nach vierzehn Tagen aber kam ein Brief. Er hatte ihn geoeffnet, bevor er es
+bedachte. Dann wollte er ihn ungelesen in den Schreibtisch werfen - zog
+ihn aber wieder hervor und hielt ihn weit fort vom Gesicht. Hastig, mit
+misstrauischen Augen griff er hier und da eine Zeile heraus. "Ich bin so
+ungluecklich ..." "Kennen wir!" antwortete Diederich. "Ich wage mich nicht
+zu Dir ..." "Dein Glueck!" "Es ist schrecklich, dass wir uns fremd geworden
+sind ..." "Wenigstens siehst du es ein." "Verzeih mir, was geschehen ist,
+oder ist nichts geschehen?..." "Gerade genug!" "Ich kann nicht
+weiterleben ..." "Faengst du schon wieder an?" Und er schleuderte das Blatt
+endgueltig in die Lade, zu jenem anderen, das er in einer zuchtlosen Nacht
+mit Ueberschwenglichkeiten bedeckt und zum Glueck nicht abgeschickt hatte.
+
+Eine Woche spaeter aber, wie er in der Nacht heimkam, hoerte er hinter sich
+Schritte, die besonders klangen. Er fuhr herum: eine Gestalt blieb stehen,
+die Haende ein wenig erhoben und leer vor sich hingehalten. Noch waehrend er
+das Haustor aufschloss und eintrat, sah er sie im Halbdunkel dastehen. Im
+Zimmer machte er kein Licht. Er schaemte sich, indes sie aus dem Dunkel
+hinaufspaehte, das Zimmer zu beleuchten, das ihr gehoert hatte. Es regnete.
+Wie viele Stunden hatte sie gewartet? Gewiss stand sie noch immer dort, mit
+ihrer letzten Hoffnung. Das war nicht auszuhalten! Er wollte das Fenster
+aufreissen - und wich zurueck. Einmal fand er sich ploetzlich auf der Treppe,
+mit dem Hausschluessel in der Hand. Gerade gelang es ihm noch, umzukehren.
+Darauf schloss er ab und zog sich aus. "Mehr Haltung, mein Lieber!" Denn
+diesmal waere man aus der Sache nicht mehr leicht herausgekommen. Das Maedel
+war zweifellos zu bedauern, aber schliesslich hatte sie es gewollt. "Vor
+allem habe ich Pflichten gegen mich selbst." - Am Morgen, schlecht
+ausgeschlafen, nahm er es ihr sogar sehr uebel, dass sie noch einmal
+versucht hatte, ihn aus seiner Bahn zu reissen. Jetzt, da sie wusste, dass
+die Pruefung bevorstand! Solche Gewissenlosigkeit sah ihr aehnlich. Und
+durch die naechtliche Szene, diese Bettlerrolle im Regen, hatte ihre
+Gestalt nachtraeglich etwas Verdaechtiges und Unheimliches bekommen. Er
+betrachtete sie als endgueltig gesunken. "Auf keinen Fall mehr das
+geringste!" beteuerte er sich, und er beschloss, noch fuer den kurzen Rest
+seines Aufenthaltes die Wohnung zu wechseln: "selbst wenn es mit einem
+Geldopfer verbunden sein sollte." Gluecklicherweise suchte ein Kollege
+grade ein Zimmer; Diederich verlor nichts und zog sofort um, weit hinauf
+nach dem Norden. Kurz darauf bestand er sein Examen. Die Neuteutonia
+feierte ihn mit einem Fruehschoppen, der bis gegen Abend dauerte. Zu Hause
+ward ihm gesagt, dass in seinem Zimmer ein Herr auf ihn warte. "Es wird
+Wiebel sein," dachte Diederich, "er muss mir doch Glueck wuenschen." Und von
+Hoffnung geschwellt: "Vielleicht ist es der Assessor von Barnim?" Er
+oeffnete, und er prallte zurueck. Denn da stand Herr Goeppel.
+
+Auch er fand nicht gleich Worte. "Nanu, im Frack?" sagte er dann, und
+zoegernd: "Waren Sie vielleicht bei mir?"
+
+"Nein", sagte Diederich und erschrak aufs neue. "Ich habe nur meine
+Doktorpruefung gemacht."
+
+Goeppel erwiderte: "Ach so, ich gratuliere." Dann brachte Diederich hervor:
+"Wie haben Sie denn meine neue Adresse gefunden?" Und Goeppel antwortete:
+"Ihrer frueheren Wirtin haben Sie sie allerdings nicht gesagt. Aber es gibt
+ja auch sonst noch Mittel." Darauf sahen sie einander an. Goeppels Stimme
+war ruhig gewesen, aber Diederich fuehlte schreckliche Drohungen darin. Er
+hatte den Gedanken an die Katastrophe immer hinausgeschoben, und jetzt war
+sie da. Er musste sich setzen.
+
+"Naemlich," begann Goeppel, "ich komme, weil es Agnes gar nicht gut geht."
+
+"Oh!" machte Diederich mit verzweifelter Heuchelei. "Was fehlt ihr denn?"
+Herr Goeppel wiegte bekuemmert den Kopf. "Das Herz will nicht; aber es sind
+natuerlich nur die Nerven ... Natuerlich", wiederholte er, nachdem er
+vergeblich gewartet hatte, dass Diederich es wiederhole. "Und nun wird sie
+mir melancholisch vor Langeweile, und ich moechte sie aufheitern. Ausgehen
+darf sie nicht. Aber kommen Sie doch mal wieder zu uns, morgen ist
+Sonntag."
+
+"Gerettet!" fuehlte Diederich. "Er weiss nichts." Vor Freude ward er zum
+Diplomaten, er kratzte sich den Kopf. "Ich hatte es mir schon fest
+vorgenommen. Aber jetzt muss ich dringend nach Haus, unser alter
+Geschaeftsfuehrer ist krank. Nicht mal meinen Professoren kann ich
+Abschiedsbesuche machen, morgen frueh reise ich gleich ab."
+
+Goeppel legte ihm die Hand auf das Knie. "Sie sollten es sich ueberlegen,
+Herr Hessling. Seinen Freunden schuldet man manchmal auch was."
+
+Er sprach langsam und hatte einen so eindringlichen Blick, dass Diederich
+wegsehen musste. "Wenn ich nur koennte", stammelte er; Goeppel sagte:
+
+"Sie koennen. Ueberhaupt koennen Sie alles, was hier in Frage kommt."
+
+"Wieso?" Diederich erstarrte im Innern. "Sie wissen wohl, wieso", sagte
+der Vater; und nachdem er seinen Stuhl ein Stueck zurueckgeschoben hatte:
+"Sie denken doch hoffentlich nicht, dass Agnes mich hergeschickt hat? Im
+Gegenteil, ich hab' ihr versprechen muessen, dass ich gar nichts tue und Sie
+ganz in Ruhe lasse. Aber dann hab' ich mir ueberlegt, dass es doch
+eigentlich zu dumm waere, wenn wir beide noch lange umeinander herum gehen
+wollten, so wie wir uns kennen, und wie ich Ihren seligen Vater gekannt
+habe, und bei unserer Geschaeftsverbindung und so weiter."
+
+Diederich dachte: "Die Geschaeftsverbindung ist geloest, mein Bester." Er
+wappnete sich.
+
+"Ich gehe gar nicht um Sie herum, Herr Goeppel."
+
+"Na also. Dann ist ja alles in Ordnung. Ich verstehe wohl: der Sprung in
+die Ehe, den tut kein junger Mann, besonders heute, ohne erst mal zu
+scheuen. Aber wenn die Geschichte so glatt liegt wie hier, nicht wahr?
+Unsere Branchen greifen ineinander, und wenn Sie Ihr vaeterliches Geschaeft
+ausdehnen wollen, kommt Ihnen Agnes' Mitgift sehr gelegen." Und in einem
+Atem weiter, indes seine Augen abirrten: "Momentan kann ich zwar nur
+zwoelftausend Mark fluessig machen, aber Zellulose kriegen Sie, soviel Sie
+wollen."
+
+"Siehst du wohl?" dachte Diederich. "Und die zwoelftausend muesstest du dir
+auch pumpen - wenn du sie noch kriegst." - "Sie haben mich missverstanden,
+Herr Goeppel", erklaerte er. "Ich denke nicht ans Heiraten. Dazu waeren zu
+grosse Geldmittel noetig."
+
+Herr Goeppel sagte mit angstvollen Augen und lachte dabei: "Ich kann noch
+ein uebriges tun ..."
+
+"Lassen Sie nur", sagte Diederich, vornehm abwehrend.
+
+Goeppel ward immer ratloser.
+
+"Ja, was wollen Sie dann ueberhaupt?"
+
+"Ich? Gar nichts. Ich dachte, Sie wollten was, weil Sie mich besuchen."
+
+Goeppel gab sich einen Ruck. "Das geht nicht, lieber Hessling. Nach dem, was
+nun mal vorgefallen ist. Und besonders, da es schon so lange dauert."
+
+Diederich mass den Vater, er zog die Mundwinkel herab. "Sie wussten es
+also?"
+
+"Nicht sicher", murmelte Goeppel. Und Diederich, von oben:
+
+"Das haette ich auch merkwuerdig gefunden."
+
+"Ich habe eben Vertrauen gehabt zu meiner Tochter."
+
+"So irrt man sich", sagte Diederich, zu allem entschlossen, womit er sich
+wehren konnte. Goeppels Stirn fing an, sich zu roeten. "Zu Ihnen hab' ich
+naemlich auch Vertrauen gehabt."
+
+"Das heisst: Sie hielten mich fuer naiv." Diederich schob die Haende in die
+Hosentaschen und lehnte sich zurueck.
+
+"Nein!" Goeppel sprang auf. "Aber ich hielt Sie nicht fuer den Schubbejack,
+der Sie sind!"
+
+Diederich erhob sich mit formvoller Ruhe. "Geben Sie Satisfaktion?" fragte
+er. Goeppel schrie:
+
+"Das moechten Sie wohl! Die Tochter verfuehren und den Vater abschiessen!
+Dann ist Ihre Ehre komplett!"
+
+"Davon verstehen Sie nichts!" Auch Diederich fing an, sich aufzuregen.
+"Ich habe Ihre Tochter nicht verfuehrt. Ich habe getan, was sie wollte, und
+dann war sie nicht mehr loszuwerden. Das hat sie von Ihnen." Mit
+Entruestung: "Wer sagt mir, dass Sie sich nicht von Anfang an mit ihr
+verabredet haben? Dies ist eine Falle!"
+
+Goeppel hatte ein Gesicht, als wollte er noch lauter schreien. Ploetzlich
+erschrak er, und mit seiner gewoehnlichen Stimme, nur dass sie zitterte,
+sagte er: "Wir geraten zu sehr in Feuer, dafuer ist die Sache zu wichtig.
+Ich habe Agnes versprochen, dass ich ruhig bleiben will."
+
+Diederich lachte hoehnisch auf. "Sehen Sie, dass Sie schwindeln? Vorhin
+sagten Sie, Agnes weiss gar nicht, dass Sie hier sind."
+
+Der Vater laechelte entschuldigend. "Im guten einigt man sich schliesslich
+immer. Nicht wahr, mein lieber Hessling?"
+
+Aber Diederich fand es gefaehrlich, wieder gut zu werden.
+
+"Der Teufel ist Ihr lieber Hessling!" schrie er. "Fuer Sie heiss' ich Herr
+Doktor!"
+
+"Ach so", machte Goeppel, ganz starr. "Es ist wohl das erstemal, dass jemand
+Herr Doktor zu Ihnen sagen muss? Na, auf die Gelegenheit koennen Sie stolz
+sein."
+
+"Wollen Sie vielleicht auch noch meine Standesehre antasten?" Goeppel
+wehrte ab.
+
+"Gar nichts will ich antasten. Ich frage mich nur, was wir Ihnen getan
+haben, meine Tochter und ich. Muessen Sie denn wirklich so viel Geld
+mithaben?"
+
+Diederich fuehlte sich erroeten. Um so entschlossener ging er vor.
+
+"Wenn Sie es durchaus hoeren wollen: mein moralisches Empfinden verbietet
+mir, ein Maedchen zu heiraten, das mir ihre Reinheit nicht mit in die Ehe
+bringt."
+
+Sichtlich wollte Goeppel sich nochmals empoeren; aber er konnte nicht mehr,
+er konnte nur noch das Schluchzen unterdruecken.
+
+"Wenn Sie heute nachmittag den Jammer gesehen haetten! Sie hat es mir
+gestanden, weil sie es nicht mehr aushielt. Ich glaube, nicht mal mich
+liebt sie mehr: nur Sie. Was wollen Sie denn, Sie sind doch der erste."
+
+"Weiss ich das? Vor mir verkehrte bei Ihnen ein Herr namens Mahlmann." Und
+da Goeppel zurueckwich, als sei er vor die Brust gestossen:
+
+"Nun ja, kann man das wissen? Wer einmal luegt, dem glaubt man nicht."
+
+Er sagte noch: "Kein Mensch kann von mir verlangen, dass ich so eine zur
+Mutter meiner Kinder mache. Dafuer hab' ich zuviel soziales Gewissen."
+Damit drehte er sich um. Er hockte nieder und legte Sachen in den Koffer,
+der geoeffnet dastand.
+
+Hinter sich hoerte er den Vater nun wirklich schluchzen - und Diederich
+konnte nicht hindern, dass er selbst geruehrt ward: durch die edel maennliche
+Gesinnung, die er ausgesprochen hatte, durch Agnes' und ihres Vaters
+Unglueck, das zu heilen ihm die Pflicht verbot, durch die schmerzliche
+Erinnerung an seine Liebe und all diese Tragik des Schicksals ... Er
+hoerte, gespannten Herzens, wie Herr Goeppel die Tuer oeffnete und schloss,
+hoerte ihn ueber den Korridor schleichen und das Geraeusch der Flurtuer. Nun
+war es aus - und da liess Diederich sich vornueber fallen und weinte heftig
+in seinen halbgepackten Koffer hinein. Am Abend spielte er Schubert.
+
+Damit war dem Gemuet Genuege getan, man musste stark sein. Diederich hielt
+sich vor, ob etwa Wiebel jemals so sentimental geworden waere. Sogar ein
+Knote ohne Komment, wie Mahlmann, hatte Diederich eine Lektion in
+ruecksichtsloser Energie erteilt. Dass auch die anderen in ihrem Innern
+vielleicht doch weiche Stellen haben koennten, erschien ihm im hoechsten
+Grade unwahrscheinlich. Nur er war, von seiner Mutter her, damit behaftet;
+und ein Maedel wie Agnes, die gerade so verrueckt war wie seine Mutter,
+wuerde ihn ganz untauglich gemacht haben fuer diese harte Zeit. Diese harte
+Zeit: bei dem Wort sah Diederich immer die Linden mit dem Gewimmel von
+Arbeitslosen, Frauen, Kindern, von Not, Angst, Aufruhr - und das alles
+gebaendigt, bis zum Hurraschreien gebaendigt durch die Macht, die
+allumfassende, unmenschliche Macht, die mitten darin ihre Hufe wie auf
+Koepfe setzte, steinern und blitzend.
+
+"Nichts zu machen", sagte er sich, in begeisterter Unterwerfung. "So muss
+man sein!" Um so schlimmer fuer die, die nicht so waren: sie kamen eben
+unter die Hufe. Hatten Goeppels, Vater und Tochter, irgendeine Forderung an
+ihn? Agnes war grossjaehrig, und ein Kind hatte er ihr nicht gemacht. Also?
+"Ich waere ein Narr, wenn ich zu meinem Schaden etwas taete, wozu ich nicht
+gezwungen werden kann. Mir schenkt auch keiner was." Diederich empfand
+stolze Freude, wie gut er nun schon erzogen war. Die Korporation, der
+Waffendienst und die Luft des Imperialismus hatten ihn erzogen und
+tauglich gemacht. Er versprach sich, zu Haus in Netzig seine
+wohlerworbenen Grundsaetze zur Geltung zu bringen und ein Bahnbrecher zu
+sein fuer den Geist der Zeit. Um diesen Vorsatz auch aeusserlich an seiner
+Person kenntlich zu machen, begab er sich am Morgen darauf in die
+Mittelstrasse zum Hoffriseur Haby und nahm eine Veraenderung mit sich vor,
+die er an Offizieren und Herren von Rang jetzt immer haeufiger beobachtete.
+Sie war ihm bislang nur zu vornehm erschienen, um nachgeahmt zu werden. Er
+liess vermittels einer Bartbinde seinen Schnurrbart in zwei rechten Winkeln
+hinauffuehren. Als es geschehen war, kannte er sich im Spiegel kaum wieder.
+Der von Haaren entbloesste Mund hatte, besonders wenn man die Lippen
+herabzog, etwas katerhaft Drohendes, und die Spitzen des Bartes starrten
+bis in die Augen, die Diederich selbst Furcht erregten, als blitzten sie
+aus dem Gesicht der Macht.
+
+
+
+
+
+ III.
+
+
+Um weiteren Belaestigungen durch die Familie Goeppel aus dem Wege zu gehen,
+reiste er sogleich ab. Die Hitze machte das Kupee zu einem unheimlichen
+Aufenthalt. Diederich, der allein war, zog nacheinander den Rock, die
+Weste und die Schuhe aus. Einige Stationen vor Netzig stieg noch jemand
+ein: zwei fremd aussehende Damen, die durch den Anblick von Diederichs
+Flanellhemd beleidigt schienen. Er seinerseits fand sie widerwaertig
+elegant. Sie unternahmen es, in einer unverstaendlichen Sprache eine
+Beschwerde an ihn zu richten, worauf er die Achseln zuckte und die Fuesse in
+den Socken auf die Bank legte. Sie hielten sich die Nase zu und stiessen
+Hilferufe aus. Der Schaffner erschien, der Zugfuehrer selbst, aber
+Diederich hielt ihnen sein Billett zweiter Klasse hin und verteidigte sein
+Recht. Er gab dem Beamten sogar zu verstehen, er moege sich nur nicht die
+Zunge verbrennen, man koenne nie wissen, mit wem man es zu tun habe. Als er
+dann den Sieg erstritten hatte und die Damen abgezogen waren, kam statt
+ihrer eine andere. Diederich sah ihr entschlossen entgegen, aber sie zog
+einfach aus ihrem Beutel eine Wurst und ass sie aus der Hand, wobei sie ihm
+zulaechelte. Da ruestete er ab, erwiderte, breit glaenzend, ihre Sympathie
+und sprach sie an. Es stellte sich heraus, dass sie aus Netzig war. Er
+nannte seinen Namen, woraus sie frohlockte, sie seien alte Bekannte!
+"Nun?" Diederich betrachtete sie forschend: das dicke, rosige Gesicht mit
+dem fleischigen Mund und der kleinen, frech eingedrueckten Nase; das
+weissliche Haar, nett glatt und ordentlich, den Hals, der jung und fett
+war, und in den Halbhandschuhen die Finger, die die Wurst hielten und
+selbst rosigen Wuerstchen glichen. "Nein," entschied er, "kennen tu' ich
+Sie nicht, aber kolossal appetitlich sind Sie. Wie ein frischgewaschenes
+Schweinchen." Und er griff ihr um die Taille. Im selben Augenblick hatte
+er eine Ohrfeige. "Die sitzt", sagte er und rieb sich. "Haben Sie mehr
+solche zu vergeben?" - "Es langt fuer alle Frechmoepse." Sie lachte aus der
+Kehle und zwinkerte ihn mit ihren kleinen Augen unzuechtig an. "Ein Stueck
+Wurst koennen Sie haben, aber sonst nichts." Ohne zu wollen, verglich er
+ihre Art, sich zu wehren, mit Agnes' Hilflosigkeit, und er sagte sich: "So
+eine koennte man getrost heiraten." Schliesslich nannte sie selbst ihren
+Vornamen, und als er noch immer nicht weiterfand, fragte sie nach seinen
+Schwestern. Ploetzlich rief er: "Guste Daimchen!" Und beide schuettelten
+sich vor Freude. "Sie haben mir doch immer Knoepfe geschenkt von den Lumpen
+in Ihrer Papierfabrik. Das vergess' ich Ihnen nie, Herr Doktor! Wissen
+Sie, was ich mit den Knoepfen gemacht hab'? Die hab' ich gesammelt, und
+wenn meine Mutter mir mal Geld fuer Knoepfe gab, hab' ich mir Bonbons
+gekauft."
+
+"Praktisch sind Sie auch!" Diederich war entzueckt. "Und dann sind Sie
+immer zu uns ueber die Gartenmauer geklettert, Sie kleine Goere. Hosen
+hatten Sie meistenteils keine an, und wenn der Rock 'raufrutschte, kriegte
+man hinten was zu sehen."
+
+Sie kreischte; ein feiner Mann habe fuer so was kein Gedaechtnis. "Jetzt muss
+es aber noch schoener geworden sein", setzte Diederich noch hinzu. Sie ward
+ploetzlich ernst.
+
+"Jetzt bin ich verlobt."
+
+Mit dem Wolfgang Buck war sie verlobt! Diederich verstummte, mit
+enttaeuschter Miene. Dann erklaerte er zurueckhaltend, er kenne Buck. Sie
+sagte vorsichtig: "Sie meinen wohl, er ist ein bisschen ueberspannt? Aber
+die Bucks sind auch eine sehr feine Familie. Na ja, in anderen Familien
+ist wieder mehr Geld", setzte sie hinzu. Hierdurch betroffen, sah
+Diederich sie an. Sie zwinkerte. Er wollte eine Frage stellen; aber er
+hatte den Mut verloren.
+
+Kurz vor Netzig fragte Fraeulein Daimchen: "Und Ihr Herz, Herr Doktor, ist
+noch frei?"
+
+"Um die Verlobung bin ich noch herumgekommen." Er nickte gewichtig. "Ach!
+Das muessen Sie mir erzaehlen", rief sie. Aber sie fuhren schon ein. "Wir
+sehen uns hoffentlich bald wieder", schloss Diederich. "Ich kann Ihnen nur
+sagen, ein junger Mann kommt manchmal in verdammt brenzlige Sachen hinein.
+Fuer ein Ja oder Nein ist das Leben verpfuscht."
+
+Seine beiden Schwestern standen am Bahnhof. Wie sie Guste Daimchen
+erblickten, verzogen sie zuerst das Gesicht, dann aber stuerzten sie herbei
+und halfen das Gepaeck tragen. Sie erklaerten ihren Eifer, kaum dass sie mit
+Diederich allein waren. Guste hatte naemlich geerbt, sie war Millionaerin!
+Darum also! Er war erschrocken vor Hochachtung.
+
+Die Schwestern erzaehlten das Naehere. Ein alter Verwandter in Magdeburg
+hatte Guste all das Geld vermacht, dafuer, dass sie ihn gepflegt hatte. "Und
+sie hat es sich verdient," bemerkte Emmi, "er soll zuletzt furchtbar
+unappetitlich gewesen sein." Magda setzte hinzu: "Und sonst kann man sich
+natuerlich auch noch allerlei denken, denn Guste war doch ein ganzes Jahr
+mit ihm allein."
+
+Sofort bekam Diederich einen roten Kopf. "So was sagt ein junges Maedchen
+nicht!" schrie er entruestet; und als Magda beteuerte, das sagten auch Inge
+Tietz, Meta Harnisch und ueberhaupt alle: "Dann fordere ich euch energisch
+auf, dem Gerede entgegenzutreten." Es entstand eine Pause; darauf sagte
+Emmi: "Guste ist naemlich schon verlobt." - "Das weiss ich", knurrte
+Diederich.
+
+Bekannte kamen ihnen entgegen, Diederich hoerte sich "Herr Doktor" nennen,
+erglaenzte stolz dabei und ging weiter zwischen Emmi und Magda, die von der
+Seite seine neue Barttracht bewunderten. Zu Hause empfing Frau Hessling den
+Sohn mit ausgebreiteten Armen und einem Aufschrei, wie von einer
+Verschmachtenden, die gerade noch gerettet wird. Und was Diederich nicht
+vorausgesehen hatte: auch er weinte. Auf einmal empfand er die feierliche
+Schicksalsstunde, in der er das erstemal als wirkliches Haupt der Familie
+ins Zimmer trat, "fertig", mit dem Doktortitel ausgezeichnet und bestimmt,
+Fabrik und Familie nach seiner ueberlegenen Einsicht zu lenken. Er gab
+Mutter und Schwestern die Haende, allen zugleich, und sagte mit ernster
+Stimme: "Ich werde mir immer bewusst bleiben, dass ich meinem Gott fuer euch
+Rechenschaft schulde."
+
+Aber Frau Hessling war in Unruhe. "Bist du bereit, mein Sohn?" fragte sie.
+"Unsere Leute erwarten dich." Diederich trank sein Bier aus und ging, an
+der Spitze der Seinen, hinunter. Der Hof war sauber gescheuert, den
+Eingang der Fabrik umrahmten Kraenze und beschrieben eine Schleife um die
+Inschrift "Willkommen!" Davor stand der alte Buchhalter Soetbier und sagte:
+"Na guten Tag, Herr Doktor. Ich bin nicht 'raufgekommen, weil ich noch was
+zu tun hatte."
+
+"Heute haetten Sie das auch lassen koennen", erwiderte Diederich und ging an
+Soetbier vorbei. Drinnen im Lumpensaal fand er die Leute. Alle standen sie
+in einem Haufen zusammen: die zwoelf Arbeiter, die die Papiermaschine, den
+Hollaender und die Schneidemaschine bedienten, und die drei Kontoristen,
+samt den Frauen, deren Taetigkeit das Sortieren der Lumpen war. Die Maenner
+raeusperten sich, man fuehlte eine Pause, bis mehrere der Frauen ein kleines
+Maedchen hinausschoben, das einen Blumenstrauss vor sich hinhielt und mit
+einer Klarinettenstimme dem Herrn Doktor Glueck und Willkommen wuenschte.
+Diederich nahm mit gnaediger Miene den Strauss; nun war es an ihm, sich zu
+raeuspern. Er wandte sich nach den Seinen um, dann sah er den Leuten scharf
+in die Augen, allen nacheinander, auch dem schwarzbaertigen
+Maschinenmeister, obwohl der Blick des Mannes ihm peinlich war - und
+begann:
+
+"Leute! Da ihr meine Untergebenen seid, will ich euch nur sagen, dass hier
+kuenftig forsch gearbeitet wird. Ich bin gewillt, mal Zug in den Betrieb zu
+bringen. In der letzten Zeit, wo hier der Herr gefehlt hat, da hat mancher
+von euch vielleicht gedacht, er kann sich auf die Baerenhaut legen. Das ist
+aber ein gewaltiger Irrtum, ich sage das besonders fuer die alten Leute,
+die noch von meinem seligen Vater her dabei sind."
+
+Mit erhobener Stimme, noch schneidiger und abgehackter; und dabei sah er
+den alten Soetbier an:
+
+"Jetzt habe ich das Steuer selbst in die Hand genommen. Mein Kurs ist der
+richtige, ich fuehre euch herrlichen Tagen entgegen. Diejenigen, welche mir
+dabei behilflich sein wollen, sind mir von Herzen willkommen; diejenigen
+jedoch, welche sich mir bei dieser Arbeit entgegenstellen, zerschmettere
+ich."
+
+Er versuchte, seine Augen blitzen zu lassen, sein Schnurrbart straeubte
+sich noch hoeher.
+
+"Einer ist hier der Herr, und das bin ich. Gott und meinem Gewissen allein
+schulde ich Rechenschaft. Ich werde euch stets mein vaeterliches Wohlwollen
+entgegenbringen, Umsturzgelueste aber scheitern an meinem unbeugsamen
+Willen. Sollte sich ein Zusammenhang irgendeines von euch -"
+
+Er fasste den schwarzbaertigen Maschinenmeister ins Auge, der ein
+verdaechtiges Gesicht machte.
+
+"- mit sozialdemokratischen Kreisen herausstellen, so zerschneide ich
+zwischen ihm und mir das Tischtuch. Denn fuer mich ist jeder Sozialdemokrat
+gleichbedeutend mit Feind meines Betriebes und Vaterlandsfeind ... So, nun
+geht wieder an eure Arbeit und ueberlegt euch, was ich euch gesagt habe."
+
+Er machte schroff kehrt und ging schnaufend davon. In dem Schwindelgefuehl,
+das seine starken Worte ihm erregt hatten, erkannte er kein einziges
+Gesicht mehr. Die Seinen folgten ihm, bestuerzt und ehrfurchtsvoll, indes
+die Arbeiter einander noch lange stumm ansahen, bevor sie nach den
+Bierflaschen griffen, die zur Feier des Tages bereitstanden.
+
+Droben legte Diederich vor Mutter und Schwestern seine Plaene dar. Die
+Fabrik war zu vergroessern, das hintere Nachbarhaus anzukaufen. Man musste
+konkurrenzfaehig werden. Der Platz an der Sonne! Der alte Kluesing, draussen
+in der Papierfabrik Gausenfeld, bildete sich wohl ein, er werde ewig das
+ganze Geschaeft machen?... Endlich tat Magda die Frage, woher er denn das
+Geld nehmen wolle; aber Frau Hessling schnitt ihr das vorlaute Wort ab.
+"Dein Bruder weiss das besser als wir." Vorsichtig setzte sie hinzu:
+"Manches Maedchen waere gluecklich, wenn sie sein Herz gewinnen koennte" - und
+sie hielt, seines Zornes gewaertig, die Hand vor den Mund. Aber Diederich
+erroetete nur. Da wagte sie, ihn zu umarmen. "Es waere mir ja ein so
+entsetzlicher Schmerz," schluchzte sie, "wenn mein Sohn, mein lieber Sohn,
+aus dem Hause ginge. Fuer eine Witwe ist es doppelt schwer. Die Frau
+Oberinspektor Daimchen kriegt es nun auch zu fuehlen, denn ihre Guste
+heiratet ja den Wolfgang Buck."
+
+"Oder auch nicht", sagte Emmi, die Aeltere. "Denn der Wolfgang soll doch
+was mit einer Schauspielerin haben." Frau Hessling vergass ganz, die Tochter
+zu berufen. "Aber wo doch so viel Geld da ist! Eine Million, sagen die
+Leute!"
+
+Diederich stiess verachtungsvoll hervor, den Buck kenne er, der sei nicht
+normal. "Es liegt wohl in der Familie. Der Alte hat doch auch schon eine
+Schauspielerin geheiratet."
+
+"Man sieht die Folgen", sagte Emmi. "Denn von seiner Tochter, der Frau
+Lauer, hat man sich allerlei erzaehlt."
+
+"Kinder!" bat Frau Hessling aengstlich. Aber Diederich beruhigte sie.
+
+"Lass nur, Mutter, es wird Zeit, dass man der Katze die Schelle umhaengt. Ich
+stehe auf dem Standpunkt, dass die Bucks ihre Stellung hier in der Stadt
+schon laengst nicht mehr verdienen. Sie sind eine verrottete Familie."
+
+"Die Frau von Moritz, dem Aeltesten," sagte Magda, "ist einfach eine
+Baeuerin. Neulich waren sie mal in der Stadt, er ist auch schon ganz
+verbauert." Emmi empoerte sich.
+
+"Na, und der Bruder des alten Herrn Buck? Immer elegant, und die fuenf
+unverheirateten Toechter! Sie lassen sich Suppe aus der Volkskueche holen,
+ich weiss es positiv."
+
+"Die Volkskueche hat ja der Herr Buck gegruendet", erklaerte Diederich. "Und
+die Fuersorge fuer die entlassenen Straeflinge auch, und was sonst noch. Ich
+moechte wissen, wann er eigentlich Zeit hat, an seine eigenen Geschaefte zu
+denken."
+
+"Es wuerde mich nicht wundern," sagte Frau Hessling, "wenn nicht mehr viel
+da waere. Obwohl ich vor dem Herrn Buck natuerlich die groesste Hochachtung
+habe, er ist doch so angesehen."
+
+Diederich lachte bitter. "Warum eigentlich? In der Verehrung des alten
+Buck sind wir aufgezogen worden. Der grosse Mann von Netzig! Im Jahre
+achtundvierzig zum Tode verurteilt!"
+
+"Das ist aber auch ein historisches Verdienst, sagte dein Vater immer."
+
+"Verdienst?" schrie Diederich. "Wenn ich nur weiss, einer ist gegen die
+Regierung, ist er fuer mich schon erledigt. Und Hochverrat soll ein
+Verdienst sein?"
+
+Und er stuerzte sich, vor den erstaunten Frauen, in die Politik. Diese
+alten Demokraten, die noch immer das Regiment fuehrten, waren nachgerade
+die Schmach von Netzig! Schlapp, unpatriotisch, mit der Regierung
+zerfallen! Ein Hohn auf den Zeitgeist! Weil im Reichstag der alte
+Landgerichtsrat Kuehlemann sass, ein Freund des beruechtigten Eugen Richter,
+darum stockte hier das Geschaeft, und niemand kriegte Geld. Natuerlich, fuer
+so ein freisinniges Nest gab es weder Bahnanschluesse noch Militaer. Kein
+Zuzug, kein Betrieb! Die Herren im Magistrat, immer dieselben paar
+Familien, das kannte man, die schoben sich untereinander die Auftraege zu,
+und fuer andere Leute war nichts da. Die Papierfabrik Gausenfeld hatte
+saemtliche Lieferungen an die Stadt, denn auch ihr Besitzer Kluesing gehoerte
+zu der Bande des alten Buck!
+
+Magda wusste noch etwas. "Neulich ist die Liebhabervorstellung im
+Buergerkraenzchen abgesagt worden, weil dem Herrn Buck seine Tochter, Frau
+Lauer, krank war. Das ist doch Popismus."
+
+"Nepotismus heisst es", sagte Diederich streng. Er rollte die Augen. "Und
+dabei ist der Herr Lauer ein Sozialist. Aber der Herr Buck mag sich hueten!
+Wir werden ihm auf die Finger sehen!"
+
+Frau Hessling hob flehend die Haende. "Mein lieber Sohn, wenn du jetzt in
+der Stadt deine Besuche machst, versprich mir, dass du auch zum Herrn Buck
+gehst. Er ist nun mal so einflussreich."
+
+Aber Diederich versprach nichts. "Andere wollen auch 'ran!" rief er.
+
+Trotzdem schlief er in dieser Nacht unruhig. Schon um sieben ging er in
+die Fabrik hinunter und schlug sofort Laerm, weil noch die Bierflaschen von
+gestern umherlagen. "Hier wird nicht gesoffen, hier ist keine Kneipe. Herr
+Soetbier, das steht doch wohl im Reglement." - "Reglement?" sagte der alte
+Buchhalter. "Wir haben gar keins." Diederich war sprachlos; er schloss sich
+mit Soetbier ins Kontor ein. "Kein Reglement? Dann wundert mich allerdings
+gar nichts mehr. Was sind das fuer laecherliche Bestellungen, mit denen Sie
+sich da abgeben?" - und er warf die Briefe auf dem Pult umher. "Es scheint
+hoechste Zeit gewesen zu sein, dass ich eingreife. Das Geschaeft versumpft in
+Ihren Haenden."
+
+"Versumpfen, junger Herr?"
+
+"Ich bin fuer Sie der Herr Doktor!" Und er verlangte, dass man einfach alle
+anderen Fabriken unterbieten solle.
+
+"Das halten wir nicht aus", sagte Soetbier. "Ueberhaupt waeren wir gar nicht
+imstande, so grosse Auftraege auszufuehren wie Gausenfeld."
+
+"Und Sie wollen ein Geschaeftsmann sein? Dann stellen wir eben mehr
+Maschinen ein."
+
+"Das kostet Geld", sagte Soetbier.
+
+"Dann nehmen wir welches auf! Ich werde hier Schneid hineinbringen. Sie
+sollen sich wundern. Wenn Sie mich nicht unterstuetzen wollen, mache ich es
+allein."
+
+Soetbier wiegte den Kopf. "Mit Ihrem Vater, junger Herr, war ich immer
+einig. Wir haben zusammen das Geschaeft in die Hoehe gebracht."
+
+"Jetzt ist eine andere Zeit, merken Sie sich das. Ich bin mein eigener
+Geschaeftsfuehrer."
+
+Soetbier seufzte: "Das ist die stuermische Jugend" - indes Diederich schon
+die Tuer zuwarf. Er durchmass den Raum, worin die mechanische Trommel, laut
+schlagend, die Lumpen in Chlor wusch, und wollte das Zimmer des grossen
+Kochhollaenders betreten. Im Eingang kam ihm unvermutet der schwarzbaertige
+Maschinenmeister entgegen. Diederich zuckte zusammen, fast haette er dem
+Arbeiter Platz gemacht. Dafuer rannte er ihn mit der Schulter beiseite,
+bevor der Mann ausweichen konnte. Schnaufend sah er der Arbeit des
+Hollaenders zu, dem Drehen der Walze, dem Schneiden der Messer, das den
+Stoff in Fasern zerteilte. Grinsten ihn die Leute, die die Maschine
+bedienten, nicht etwa von der Seite an, weil er vor dem schwarzen Kerl
+erschrocken war? "Der Kerl ist ein frecher Hund! Er muss 'raus!" Ein
+animalischer Hass stieg in Diederich herauf, der Hass seines blonden
+Fleisches gegen den mageren Schwarzen, den Menschen von einer anderen
+Rasse, die er gern fuer niedriger gehalten haette und die ihm unheimlich
+schien. Diederich fuhr auf.
+
+"Die Walze ist falsch gestellt, die Messer arbeiten schlecht!" Da die
+Leute ihn nur ansahen, schrie er: "Maschinenmeister!" Und als der
+Schwarzbaertige eintrat: "Sehen Sie sich die Schweinerei mal an! Die Walze
+ist viel zu tief auf die Messer gesenkt, sie zerschneiden mir das ganze
+Zeug. Ich mache Sie verantwortlich fuer den Schaden!"
+
+Der Mann beugte sich ueber die Maschine. "Schaden ist keiner da", sagte er
+ruhig, aber Diederich wusste schon wieder nicht, ob er unter seinem
+schwarzen Bart nicht feixte. Der Blick des Maschinenmeisters hatte etwas
+duester Hoehnisches, Diederich ertrug ihn nicht, er gab es auf zu blitzen
+und warf nur die Arme. "Ich mache Sie verantwortlich!"
+
+"Was ist denn los?" fragte Soetbier, der den Laerm gehoert hatte. Dann
+erklaerte er dem Herrn, dass der Stoff durchaus nicht zu kleinfaserig
+geschnitten werde, und dass es immer so gemacht worden sei. Die Arbeiter
+nickten mit den Koepfen, der Maschinenmeister stand gelassen dabei.
+Diederich fuehlte sich einem Kompetenzstreit nicht gewachsen, er schrie
+noch: "Dann wird es kuenftig gefaelligst anders gemacht!" und kehrte
+ploetzlich um.
+
+Er gelangte in den Lumpensaal, und er gab sich Haltung, indem er
+fachkundig die Frauen ueberwachte, die auf den Siebplatten der langen
+Tische die Lumpen sortierten. Als eine kleine dunkelaeugige es unternahm,
+ihn aus ihrem bunten Kopftuch heraus ein wenig anzulaecheln, prallte sie
+gegen eine so harte Miene, dass sie erschrak und sich duckte. Farbige
+Fetzen quollen aus den Saecken, das Getuschel der Frauen verstummte unter
+dem Blick des Herrn, und in der warmen, dumpfigen Luft war nichts mehr zu
+vernehmen als das leise Rattern der Sensen, die in die Tische gerammt, die
+Knoepfe abschnitten. Aber Diederich, der die Heizungsrohre untersuchte,
+hoerte etwas Verdaechtiges. Er beugte sich hinter einen Haufen Saecke - und
+fuhr zurueck, erroetet und mit zitterndem Schnurrbart. "Nun hoert alles auf!"
+schrie er, "'rauskommen!" Ein junger Arbeiter kroch hervor. "Das
+Frauenzimmer auch!" schrie Diederich. "Wird's bald?" Und, als endlich das
+Maedchen sich zeigte, stemmte er die Faeuste in die Hueften. Hier ging es ja
+heiter zu! Seine Fabrik war nicht nur eine Kneipe, sondern noch ganz was
+anderes! Er zeterte, dass alles zusammenlief. "Na, Herr Soetbier, dies ist
+wohl auch immer so gemacht worden? Ich gratuliere Ihnen zu Ihren Erfolgen.
+Also die Leute sind gewohnt, die Arbeitszeit zu benutzen, um sich hinter
+den Saecken zu amuesieren. Wie kommt der Mann hier herein?" Es sei seine
+Braut, sagte der junge Mensch. "Braut? Hier gibt es keine Braut, hier gibt
+es nur Arbeiter. Ihr beide stehlt mir die Arbeitszeit, die ich euch
+bezahle. Ihr seid Schweine und ausserdem Diebe. Ich schmeiss' euch 'raus,
+und ich zeig' euch an, wegen oeffentlicher Unzucht!"
+
+Er sah herausfordernd umher.
+
+"Deutsche Zucht und Sitte verlang' ich hier. Verstanden?" Da traf er den
+Maschinenmeister. "Und ich werde sie durchfuehren, auch wenn Sie da ein
+Gesicht schneiden!" schrie er.
+
+"Ich habe kein Gesicht geschnitten", sagte der Mann ruhig. Aber Diederich
+war nicht laenger zu halten. Endlich konnte er ihm etwas nachweisen!
+
+"Ihr Benehmen ist mir schon laengst verdaechtig! Sie tun Ihren Dienst nicht,
+sonst haette ich die beiden Leute nicht abgefasst."
+
+"Ich bin kein Aufpasser", warf der Mann dazwischen.
+
+"Sie sind ein widersetzlicher Bursche, der die ihm unterstellten Leute an
+Zuchtlosigkeit gewoehnt. Sie arbeiten fuer den Umsturz! Wie heissen Sie
+ueberhaupt?"
+
+"Napoleon Fischer", sagte der Mann. Diederich stockte.
+
+"Nap-. Auch das noch! Sie sind Sozialdemokrat?"
+
+"Jawohl."
+
+"Dachte ich mir. Sie sind entlassen."
+
+Er wandte sich nach den Leuten um: "Merkt euch das!" - und verliess schroff
+den Raum. Auf dem Hof lief Soetbier ihm nach. "Junger Herr!" Er war in
+grosser Aufregung und wollte nichts sagen, bevor sie nicht die Tuer des
+Privatkontors hinter sich geschlossen hatten. "Junger Herr," sagte der
+Buchhalter, "das geht nicht, der Mann ist ein Organisierter." - "Deswegen
+soll er 'raus", erwiderte Diederich. Soetbier setzte auseinander, dass das
+nicht gehe, weil dann alle die Arbeit niederlegen wuerden. Diederich wollte
+es nicht begreifen. Waren denn alle organisiert? Nein. Nun also. Aber,
+erklaerte Soetbier, sie hatten Furcht vor den Roten, sogar auf die alten
+Leute war kein Verlass mehr.
+
+"Ich schmeiss' sie 'raus!" rief Diederich. "Samt und sonders, mit Kind und
+Kegel!"
+
+"Wenn wir dann nur andere kriegten", sagte Soetbier und sah unter seinem
+gruenen Augenschirm mit einem duennen Laecheln dem jungen Herrn zu, der vor
+Zorn gegen die Moebel anrannte. Er schrie:
+
+"Bin ich in meiner Fabrik der Herr oder nicht? Dann will ich doch sehen -"
+
+Soetbier liess ihn austoben, dann sagte er: "Herr Doktor brauchen dem
+Fischer gar nichts zu sagen, er geht uns nicht fort, er weiss ja, dass wir
+davon zu viele Scherereien haetten."
+
+Diederich baeumte sich nochmals auf.
+
+"So. Ich brauch' ihn also nicht zu bitten, dass er die Gnade hat und
+bleibt? Der Herr Napoleon! Ich brauch' ihn nicht fuer Sonntag zum
+Mittagessen einzuladen? Es waere auch zuviel Ehre fuer mich!"
+
+Der Kopf war ihm rot angeschwollen, er fand das Zimmer zu eng und riss die
+Tuer auf. Der Maschinenmeister ging eben vorbei. Diederich sah ihm nach,
+der Hass gab ihm deutlichere Sinneseindruecke als sonst, er bemerkte
+gleichzeitig die krummen, mageren Beine des Menschen, seine knochigen
+Schultern mit den Armen, die vornueberhingen - und nun der Maschinenmeister
+mit den Leuten sprach, sah er seine starken Kiefern arbeiten unter dem
+duennen schwarzen Bart. Wie Diederich dies Mundwerk hasste, und diese
+knotigen Haende! Der schwarze Kerl war laengst vorueber, und seine
+Ausduenstung roch Diederich noch immer.
+
+"Sehn Sie mal, Soetbier, die Vorderflossen haengen ihm bis an den Boden.
+Gleich wird er auf allen vieren laufen und Nuesse fressen. Dem Affen werden
+wir ein Bein stellen, verlassen Sie sich darauf! Napoleon! So ein Name ist
+allein schon eine Provokation. Aber er soll sich zusammennehmen, denn so
+viel weiss ich, dass einer von uns beiden -" Diederich rollte die Augen: "-
+auf dem Platz bleiben wird."
+
+
+
+Erhobenen Hauptes verliess er die Fabrik. Im schwarzen Rock machte er sich
+auf, um den wichtigsten Herren der Stadt die Aufmerksamkeit seines
+Besuches zu erweisen. Von der Meisestrasse konnte er, um zum Buergermeister
+Doktor Scheffelweis in die Schweinichenstrasse zu gelangen, einfach der
+Wuchererstrasse folgen, die jetzt Kaiser-Wilhelm-Strasse hiess. Er wollte es
+auch; im entscheidenden Augenblick aber, wie auf eine Verabredung, die er
+vor sich selbst geheimgehalten haette, bog er dennoch in die
+Fleischhauergrube ein. Die zwei Stufen vor dem Hause des alten Herrn Buck
+waren abgewetzt von den Fuessen der ganzen Stadt und von den Vorgaengern
+dieser Fuesse. Der Klingelzug an der gelben Glastuer bewirkte drinnen ein
+langes Rasseln im Leeren. Dann ging dort hinten eine Tuer auf, und die alte
+Magd schlich ueber die Diele. Aber sie war noch laengst nicht angelangt, da
+trat vorn der Hausherr aus seinem Bureau und oeffnete selbst. Er zog
+Diederich, der sich eifrig verbeugte, bei der Hand herein.
+
+"Mein lieber Hessling! Ich habe Sie erwartet, man hatte mir Ihre Ankunft
+berichtet. Willkommen denn in Netzig, mein Herr Doktor."
+
+Sofort hatte Diederich Traenen in den Augen und stammelte:
+
+"Sie sind zu guetig, Herr Buck. Natuerlich habe ich zuerst und vor allem
+Ihnen, Herr Buck, meine Aufwartung machen wollen und Ihnen versichern, dass
+ich immer ganz - dass ich immer ganz - zu Ihren Diensten stehe", schloss er,
+freudig wie ein guter Schueler. Der alte Herr Buck hielt ihn noch fest, mit
+seiner Hand, die warm und dennoch leicht und weich war.
+
+"Dienste -" er schob Diederich selbst den Sessel zurecht, "die wollen Sie
+doch natuerlich nicht mir leisten, sondern Ihren Mitbuergern - die es Ihnen
+danken werden. Zum Stadtverordneten werden Ihre Mitbuerger Sie in kurzem
+waehlen, das glaube ich Ihnen versprechen zu koennen, denn damit belohnen
+sie eine verdiente Familie. Und dann" - der alte Buck beschrieb eine
+Gebaerde feierlicher Freigebigkeit "- verlasse ich mich auf Sie, dass Sie es
+uns recht bald ermoeglichen werden, Sie im Magistrat zu begruessen."
+
+Diederich verbeugte sich, beglueckt laechelnd, als werde er schon begruesst.
+"Die Gesinnung unserer Stadt," fuhr Herr Buck fort, "ich sage nicht, dass
+sie in allen Teilen gut ist -" Er versenkte seinen weissen Knebelbart in
+die seidene Halsbinde. "Aber noch ist Raum" - der Bart tauchte wieder auf
+- "und will's Gott noch lange, fuer wahrhaft liberale Maenner."
+
+Diederich beteuerte: "Ich bin selbstverstaendlich durchaus liberal."
+
+Darauf strich der alte Buck ueber die Papiere auf seinem Schreibtisch. "Ihr
+seliger Vater hat mir hier oft gegenueber gesessen, und besonders haeufig
+damals, als er die Papiermuehle errichtete. Dabei konnte ich ihm zu meiner
+grossen Freude foerderlich sein. Es handelte sich um den Bach, der jetzt
+durch Ihren Hof fliesst."
+
+Diederich sagte mit tiefer Stimme: "Wie oft, Herr Buck, hat mein Vater mir
+erzaehlt, dass er den Bach, ohne den wir gar nicht existieren koennten, nur
+Ihnen verdankt."
+
+"Nur mir, duerfen Sie nicht sagen, sondern den gerechten Zustaenden unseres
+Gemeinwesens, an denen aber -" der alte Herr Buck erhob seinen weissen
+Zeigefinger, er sah Diederich tief an, "gewisse Leute und eine gewisse
+Partei manches aendern wuerden, sobald sie koennten." Staerker und mit Pathos:
+"Der Feind steht vor dem Tore, es heisst zusammenhalten."
+
+Er liess eine Pause verstreichen und sagte in leichterem Ton, sogar mit
+einem kleinen Schmunzeln: "Sind Sie nicht, mein werter Herr Doktor, in
+einer aehnlichen Lage, wie damals Ihr Vater? Sie wollen sich vergroessern?
+Sie haben Plaene?"
+
+"Allerdings." Und Diederich setzte eifrig auseinander, was alles geschehen
+muesse. Der Alte hoerte ihm aufmerksam zu, er nickte, nahm eine Prise ...
+Endlich sagte er: "Ich sehe so viel, dass der Umbau Ihnen nicht nur grosse
+Kosten, sondern unter Umstaenden auch Schwierigkeiten mit der staedtischen
+Baupolizei verursachen wird - mit der ich uebrigens im Magistrat zu tun
+habe. Nun ueberzeugen Sie sich, mein lieber Hessling, was hier auf meinem
+Schreibtisch liegt."
+
+Da erkannte Diederich einen genauen Aufriss seines Grundstueckes, samt dem
+dahinter gelegenen. Sein verbluefftes Gesicht bewirkte bei dem alten Buck
+ein Laecheln der Genugtuung. "Ich kann wohl dafuer sorgen," sagte er, "dass
+keine erschwerenden Umstaende eintreten." Und auf Diederichs Danksagungen:
+"Wir dienen dem grossen Ganzen, wenn wir jedem unserer Freunde
+vorwaertshelfen. Denn die Freunde einer Volkspartei sind alle, ausser den
+Tyrannen."
+
+Nach diesen Worten lehnte der alte Buck sich tiefer in den Sessel und
+faltete die Haende. Seine Miene hatte sich entspannt, er wiegte den Kopf
+wie ein Grossvater. "Als Kind hatten Sie so schoene blonde Locken", sagte
+er.
+
+Diederich begriff, dass der offizielle Teil des Gespraeches beendet sei.
+"Ich weiss noch," erlaubte er sich zu sagen, "wie ich als kleiner Junge
+hier ins Haus kam, wenn ich mit Ihrem Herrn Sohn Wolfgang Soldaten
+spielte."
+
+"Ja, ja. Und jetzt spielt er wieder Soldat."
+
+"Oh! Er ist sehr beliebt bei den Offizieren. Er hat es mir selbst gesagt."
+
+"Ich wuenschte, mein lieber Hessling, er haette mehr von Ihrer praktischen
+Veranlagung.... Nun, er wird ruhiger werden, wenn ich ihn erst verheiratet
+habe."
+
+"Ich glaube," sagte Diederich, "dass Ihr Herr Sohn etwas Geniales hat.
+Daher ist er mit nichts zufrieden, er weiss nicht, ob er General werden
+soll oder sonst ein grosser Mann."
+
+"Inzwischen macht er leider dumme Streiche." Der Alte sah aus dem Fenster.
+Diederich wagte seine Neugier nicht zu zeigen.
+
+"Dumme Streiche? Das kann ich gar nicht glauben, denn mir hat er immer
+imponiert, gerade durch seine Intelligenz. Schon frueher, seine Aufsaetze.
+Und was er mir neulich ueber unseren Kaiser gesagt hat, dass er eigentlich
+gern der erste Arbeiterfuehrer waere...."
+
+"Davor behuete Gott die Arbeiter."
+
+"Wieso?" Diederich war tieferstaunt.
+
+"Weil es ihnen schlecht bekommen wuerde. Uns anderen ist es auch nicht gut
+bekommen."
+
+"Aber wir haben doch, dank den Hohenzollern, das einige Deutsche Reich."
+
+"Wir haben es nicht", sagte der alte Buck und stand ungewoehnlich rasch vom
+Stuhl auf. "Denn wir muessten, um unsere Einigkeit zu beweisen, einem
+eigenen Willen folgen koennen; und koennen wir's? Ihr waehnt euch einig, weil
+die Pest der Knechtschaft sich verallgemeinert! Das hat Herwegh, ein
+Ueberlebender wie ich, im Fruehjahr Einundsiebzig den Siegestrunkenen
+zugerufen. Was wuerde er heute sagen!"
+
+Diederich konnte, vor dieser Stimme aus dem Jenseits, nur stammeln: "Ach
+ja, Sie sind ein Achtundvierziger."
+
+"Mein lieber junger Freund, Sie wollen sagen, ein Narr und ein Besiegter.
+Ja! Wir sind besiegt worden, weil wir naerrisch genug waren, an dieses Volk
+zu glauben. Wir glaubten, es wuerde alles das selbst vollbringen, was es
+jetzt fuer den Preis der Unfreiheit von seinen Herren entgegennimmt. Wir
+dachten es maechtig, reich, voll Einsicht in seine eigenen Angelegenheiten
+und der Zukunft ergeben. Wir sahen nicht, dass es, ohne politische Bildung,
+deren es weniger hat als alle anderen, bestimmt sei, nach seinem
+Aufschwung den Maechten der Vergangenheit anheimzufallen. Schon zu unserer
+Zeit gab es allzu viele, die unbekuemmert um das Ganze, ihren
+Privatinteressen nachjagten und zufrieden waren, wenn sie in irgendeiner
+Gnadensonne sich waermend, den unedlen Beduerfnissen eines anspruchsvollen
+Genusslebens genuegen konnten. Seitdem sind sie Legion geworden, denn die
+Sorge um das oeffentliche Wohl ist ihnen abgenommen. Zur Grossmacht haben
+eure Herren euch schon gemacht, und indes ihr Geld verdient, wie ihr
+koennt, und es ausgebt, wie ihr moegt, werden sie euch - oder vielmehr sich
+- auch noch die Flotte bauen, die wir damals uns selbst gebaut haben
+wuerden. Unser Dichter damals wusste, was ihr erst jetzt lernen sollt: Und
+in den Furchen, die Kolumb gezogen, geht Deutschlands Zukunft auf!"
+
+"Bismarck hat eben wirklich etwas getan", sagte Diederich, leise
+triumphierend.
+
+"Das ist es gerade, dass er es hat tun duerfen! Und dabei hat er alles nur
+faktisch getan, formell aber im Namen seines Herrn. Da waren wir Buerger
+von achtundvierzig ehrlicher, das darf ich sagen, denn ich habe damals
+selbst bezahlt, was ich gewagt hatte."
+
+"Ich weiss wohl, Sie sind zum Tode verurteilt worden", sagte Diederich,
+wieder eingeschuechtert.
+
+"Ich bin verurteilt worden, weil ich die Souveraenitaet der
+Nationalversammlung gegen eine Partikularmacht verteidigte und das Volk,
+das sich in Notwehr befand, zum Aufstand fuehrte. So war in unseren Herzen
+die deutsche Einheit: sie war eine Gewissenspflicht, die eigene Schuld
+jedes einzelnen, fuer die er einstand. Nein! Wir huldigten keinem
+sogenannten Schoepfer der deutschen Einheit. Als ich damals, besiegt und
+verraten, hier oben im Hause mit meinen letzten Freunden die Soldaten des
+Koenigs erwartete, da war ich, gross oder gering, ein Mensch, der selbst am
+Ideal schuf: einer aus vielen, aber ein Mensch. Wo sind sie heute?"
+
+Der Alte hielt an und machte ein Gesicht, als lauschte er. Diederich war
+es schwuel. Er fuehlte, dass er zu dem allen nicht laenger schweigen duerfe. Er
+sagte: "Das deutsche Volk ist eben, Gott sei Dank, nicht mehr das Volk der
+Denker und Dichter, es strebt modernen und praktischen Zielen zu." Der
+Alte kehrte aus seinen Gedanken zurueck, er deutete nach der Zimmerdecke.
+
+"Damals war die ganze Stadt bei mir zu Hause. Jetzt ist es so einsam wie
+nie, zuletzt ging noch Wolfgang fort. Ich wuerde alles dahingeben, aber,
+junger Mann, wir sollen Respekt haben vor unserer Vergangenheit - auch
+wenn wir besiegt worden sind."
+
+"Zweifellos", sagte Diederich. "Und dann sind Sie immer noch der
+maechtigste Mann in der Stadt. Die Stadt, sagt man immer, gehoert dem Herrn
+Buck."
+
+"Das will ich aber gar nicht, ich will, dass sie sich selbst gehoert." Er
+atmete tief aus. "Das ist eine weitlaeufige Sache, Sie werden sie
+allmaehlich kennenlernen, wenn Sie Einblick in unsere Verwaltung bekommen.
+Wir werden naemlich jeden Tag heftiger bedraengt von der Regierung und ihren
+junkerlichen Auftraggebern. Heute will man uns zwingen, den Gutsbesitzern,
+die uns keine Steuern zahlen, unser Licht zu geben, morgen werden wir
+ihnen Strassen bauen muessen. Zuletzt geht es um unsere Selbstverwaltung.
+Sie werden sehen, wir leben in einer belagerten Stadt."
+
+Diederich laechelte ueberlegen. "So schlimm kann es wohl nicht sein, denn
+unser Kaiser ist doch eine so moderne Persoenlichkeit."
+
+"Nun ja", sagte der alte Buck. Er erhob sich, wiegte den Kopf - und dann
+zog er es vor, zu schweigen. Er reichte Diederich die Hand.
+
+"Mein lieber Doktor, Ihre Freundschaft wird mir gerade so wertvoll sein,
+als die Ihres Vaters mir war. Nach unserer Unterredung habe ich die
+Hoffnung, dass wir in allem einig gehen werden."
+
+Unter dem warmen blauen Blick des Alten schlug Diederich sich auf die
+Brust. "Ich bin ein durchaus liberaler Mann!"
+
+"Vor allem warne ich Sie vor dem Regierungspraesidenten von Wulckow. Er ist
+der Feind, der uns hier in die Stadt gesetzt worden ist. Der Magistrat
+unterhaelt nur die unumgaenglichen Beziehungen zum Praesidenten. Ich selbst
+habe die Ehre, von dem Herrn nicht gegruesst zu werden."
+
+"Oh!" machte Diederich, ehrlich erschuettert.
+
+Der alte Buck oeffnete ihm schon die Tuer, schien aber noch etwas zu
+ueberlegen. "Warten Sie!" Er trat eilig zu seiner Bibliothek, bueckte sich
+und tauchte aus einer staubigen Tiefe mit einem kleinen, fast
+quadratischen Buch auf. Er steckte es Diederich rasch zu, verstohlenen
+Glanz in seinem Gesicht, das erroetet war. "Da, nehmen Sie! Es sind meine
+'Sturmglocken'! Man war auch Dichter - damals." Und er schob Diederich
+sanft hinaus.
+
+
+
+Die Fleischhauergrube stieg betraechtlich an, aber Diederich schnaufte
+nicht nur deshalb. Nachdem er zuerst nur eine gewisse Betaeubung empfunden
+hatte, stellte sich allmaehlich das Gefuehl heraus, dass er sich habe
+verblueffen lassen. "So ein alter Schwaetzer ist doch bloss noch eine
+Vogelscheuche, und mir imponiert er!" Unbestimmt gedachte er der
+Kinderzeit, als ihm der alte Herr Buck, der zum Tode verurteilt worden
+war, ebensoviel Hochachtung und ein aehnliches Grausen einfloesste wie der
+Polizist an der Ecke oder das Burggespenst. "Werd' ich denn ewig so weich
+bleiben? Ein anderer haette sich nicht so behandeln lassen!" Auch konnte es
+peinliche Folgen haben, dass er zu so vielen kompromittierenden Reden
+geschwiegen oder nur matt widersprochen hatte. Er legte sich energische
+Antworten zurecht, fuer das naechste Mal. "Das Ganze war eine Falle! Er hat
+mich einfangen und unschaedlich machen wollen ... Aber er soll sehen!"
+Diederich ballte die Faust in der Tasche, indes er stramm durch die
+Kaiser-Wilhelm-Strasse ging. "Vorlaeufig muss man sich noch mit ihm
+verhalten, aber wehe, wenn ich der Staerkere bin!"
+
+Das Haus des Buergermeisters war mit Oelfarbe neu gestrichen, und die
+Spiegelscheiben glaenzten wie je. Ein nettes Stubenmaedchen empfing ihn.
+Ueber eine Treppe mit einem freundlichen Knaben aus Biskuit, der eine Lampe
+trug, und durch ein Vorzimmer, worin fast vor jedem Moebel ein kleiner
+Teppich lag, ward Diederich in das Esszimmer gefuehrt. Es war aus hellem
+Holz mit appetitlichen Bildern, zwischen denen der Buergermeister und noch
+ein Herr beim zweiten Fruehstueck sassen. Doktor Scheffelweis reichte
+Diederich seine weissliche Hand hin und musterte ihn dabei ueber den Klemmer
+weg. Trotzdem wusste man nie genau, ob er einen ansah, so unbestimmt war
+der Blick seiner Augen, die farblos schienen wie das Gesicht und die
+seitwaerts fliehenden, duennen Bartkoteletts. Der Buergermeister setzte
+mehrmals zum Sprechen an, bis er endlich etwas fand, das man auf alle
+Faelle sagen konnte. "Schoene Schmisse", sagte er; und zu dem anderen Herrn:
+"Finden Sie nicht?"
+
+Der andere Herr legte Diederich zunaechst grosse Zurueckhaltung auf, denn er
+sah stark juedisch aus. Aber der Buergermeister stellte vor: "Herr Assessor
+Jadassohn, von der Staatsanwaltschaft" - was dann allerdings eine
+vollwertige Begruessung noetig machte.
+
+"Setzen Sie sich nur gleich," sagte der Buergermeister, "wir fangen gerade
+an." Er schenkte Diederich Porter ein und legte ihm Lachsschinken vor.
+"Meine Frau und meine Schwiegermutter sind ausgegangen, die Kinder in der
+Schule, dies ist die Stunde des Junggesellen, prost!"
+
+Der juedische Herr von der Staatsanwaltschaft hatte vorlaeufig nur fuer das
+Stubenmaedchen Augen. Waehrend sie neben ihm am Tisch zu tun hatte, war
+seine Hand verschwunden. Dann ging sie, und er wollte von oeffentlichen
+Angelegenheiten beginnen, aber der Buergermeister liess sich nicht
+unterbrechen. "Die beiden Damen kommen vor dem Mittagessen nicht zurueck,
+denn meine Schwiegermutter ist beim Zahnarzt. Ich kenne das, es kostet
+Muehe mit ihr, und inzwischen gehoert uns das Haus." Er holte einen Likoer
+aus dem Buefett, ruehmte ihn, liess sich seine Guete von den Gaesten bestaetigen
+und fuhr fort, eintoenig und vom Kauen unterbrochen, das Idyll seiner
+Vormittage zu preisen. Allmaehlich ward, in allem Glueck, seine Miene immer
+besorgter, er fuehlte wohl, das Gespraech koenne so nicht weitergehen; und
+nachdem eine Minute lang alle geschwiegen hatten, entschloss er sich.
+
+"Ich darf annehmen, Herr Doktor Hessling -: mein Haus liegt ja nicht in
+naechster Nachbarschaft des Ihren, und so wuerde ich es durchaus begreiflich
+finden, wenn Sie vor mir einige andere Herren aufgesucht haetten."
+
+Diederich erroetete schon fuer die Luege, die er noch nicht ausgesprochen
+hatte. "Es wuerde herauskommen", dachte er noch rechtzeitig, und er sagte:
+"Tatsaechlich habe ich mir erlaubt -. Das heisst, natuerlich war mein erster
+Weg zu Ihnen, Herr Buergermeister. Nur im Andenken an meinen Vater, der
+eine so grosse Verehrung fuer den alten Herrn Buck hatte -"
+
+"Begreiflich, durchaus begreiflich." Der Buergermeister nickte mit
+Nachdruck. "Herr Buck ist der aelteste unter unseren verdienten Buergern und
+uebt daher einen zweifellos legitimen Einfluss aus."
+
+"Vorlaeufig noch!" sagte mit unerwartet scharfer Stimme der juedische Herr
+von der Staatsanwaltschaft und sah Diederich herausfordernd an. Der
+Buergermeister hatte sich ueber seinen Kaese gebeugt, Diederich fand sich
+schutzlos, er blinzelte. Da der Blick des Herrn durchaus ein Bekenntnis
+verlangte, brachte er etwas hervor von "eingefleischtem Respekt" und
+fuehrte sogar Kindheitserinnerungen an, die es entschuldigen sollten, dass
+er zuerst bei Herrn Buck gewesen war. Dabei betrachtete er schreckerfuellt
+die ungeheuren, roten und weit abstehenden Ohren des Herrn von der
+Staatsanwaltschaft. Dieser liess Diederich fertig stammeln, wie einen
+Angeklagten, der sich verfing; endlich versetzte er schneidend:
+
+"Der Respekt ist in gewissen Faellen dazu da, dass man sich ihn abgewoehnt."
+
+Diederich stutzte; dann entschloss er sich zu einem verstaendnisvollen
+Gelaechter. Der Buergermeister sagte mit blassem Laecheln und einer
+versoehnlichen Geste:
+
+"Herr Assessor Doktor Jadassohn ist nun einmal gern geistreich, - was ich
+persoenlich ganz besonders an ihm schaetze. In meiner Stellung freilich bin
+ich genoetigt, die Dinge objektiv und voraussetzungslos zu betrachten. Und
+da muss ich denn sagen: einerseits ..."
+
+"Kommen wir gleich zum Andererseits!" verlangte Assessor Jadassohn. "Fuer
+mich als Vertreter einer staatlichen Behoerde wie als ueberzeugten Anhaenger
+der bestehenden Ordnung sind dieser Herr Buck und sein Genosse, der
+Reichstagsabgeordnete Kuehlemann, nach ihrer Vergangenheit und Gesinnung
+einfach Umstuerzler, und damit fertig. Ich mache aus meinem Herzen keine
+Moerdergrube, ich halte das nicht fuer deutsch. Volkskuechen gruenden,
+meinetwegen; aber das beste Futter fuer das Volk ist eine gute Gesinnung.
+Eine Idiotenanstalt mag auch ganz nuetzlich sein."
+
+"Aber nur eine kaisertreue!" ergaenzte Diederich. Der Buergermeister machte
+beschwichtigende Zeichen. "Meine Herren!" flehte er. "Meine Herren! Wenn
+wir uns denn aussprechen sollen, so ist es gewiss richtig, dass bei aller
+buergerlichen Hochschaetzung der genannten Herren andererseits doch -"
+
+"Andererseits!" wiederholte Jadassohn streng.
+
+"- das tiefste Bedauern zurueckbleibt ueber unsere leider so unguenstigen
+Beziehungen zu den Vertretern der Staatsregierung - wenn ich auch zu
+bedenken bitte, dass die ungewoehnliche Schaerfe des Herrn
+Regierungspraesidenten von Wulckow gegenueber den staedtischen Behoerden -"
+
+"Gegenueber schlecht gesinnten Koerperschaften!" warf Jadassohn ein.
+Diederich erlaubte sich: "Ich bin ein durchaus liberaler Mann, aber das
+muss ich sagen -"
+
+"Eine Stadt," erklaerte der Assessor, "die sich den berechtigten Wuenschen
+der Regierung verschliesst, darf allerdings nicht darueber erstaunen, dass
+ihr die kalte Schulter gezeigt wird."
+
+"Von Berlin nach Netzig", versicherte Diederich, "koennte man in der halben
+Zeit fahren, wenn wir besser mit den Herren oben staenden."
+
+Der Buergermeister liess sie ihr Duett beenden, er war bleich und hielt
+hinter dem Klemmer die Lider gesenkt. Ploetzlich sah er sie an mit einem
+duennen Laecheln.
+
+"Meine Herren, bemuehen Sie sich nicht, ich weiss, dass es eine zeitgemaessere
+Gesinnung gibt als die von den staedtischen Behoerden bekundete. Glauben
+Sie, bitte, dass es nicht mein Verschulden war, wenn an Seine Majestaet
+gelegentlich ihrer letzten Anwesenheit in der Provinz, waehrend der
+vorjaehrigen Manoever, kein Huldigungstelegramm geschickt worden ist ..."
+
+"Die Weigerung des Magistrats war durchaus undeutsch", stellte Jadassohn
+fest.
+
+"Das nationale Banner muss hochgehalten werden", verlangte Diederich. Der
+Buergermeister erhob die Arme.
+
+"Meine Herren, das weiss ich. Aber ich bin nur der Vorsitzende des
+Magistrats und muss leider seine Beschluesse ausfuehren. Aendern Sie die
+Verhaeltnisse! Herr Doktor Jadassohn erinnert sich noch an unseren Streit
+mit der Regierung wegen des sozialdemokratischen Lehrers Rettich. Ich
+konnte den Mann nicht massregeln. Herrn von Wulckow ist bekannt," - der
+Buergermeister kniff ein Auge zu - "dass ich es sonst getan haben wuerde."
+
+Man schwieg eine Weile und betrachtete einander. Jadassohn blies durch die
+Nase, als genuegte ihm das Gehoerte. Aber Diederich konnte nicht laenger an
+sich halten. "Die Vorfrucht der Sozialdemokratie ist der Liberalismus"!
+rief er. "Solche Leute wie Buck, Kuehlemann und Eugen Richter machen unsere
+Arbeiter frech. Mein Betrieb legt mir die schwersten Opfer an Arbeit und
+Verantwortung auf, und dann hab' ich noch Konflikte mit meinen Leuten. Und
+warum? Weil wir nicht einig sind gegen die rote Gefahr und es gewisse
+Arbeitgeber gibt, die im sozialistischen Fahrwasser schwimmen, wie zum
+Beispiel der Schwiegersohn des Herrn Buck. Was seine Fabrik einbringt,
+daran beteiligt der Herr Lauer seine Arbeiter. Das ist unmoralisch!" Hier
+blitzte Diederich. "Denn es untergraebt die Ordnung, und ich stehe auf dem
+Standpunkt, in dieser harten Zeit haben wir Ordnung noetiger als je, und
+darum brauchen wir ein festes Regiment, wie unser herrlicher junger Kaiser
+es fuehrt. Ich erklaere, dass ich in allem fest zu Seiner Majestaet stehe ..."
+Hier machten die beiden anderen Herren eine Verbeugung, die Diederich
+entgegennahm, indes er weiterblitzte. Im Gegensatz zu dem demokratischen
+Mischmasch, an den die absterbende Generation noch glaube, sei der Kaiser
+der Vertreter der Jugend, die persoenlichste Persoenlichkeit, von
+erfreulicher Impulsivitaet und ein hoechst origineller Denker. "Einer soll
+Herr sein! Auf allen Gebieten!" Diederich legte das vollstaendige
+Bekenntnis einer scharfen und schneidigen Gesinnung ab und erklaerte, dass
+mit dem alten freisinnigen Schlendrian auch in Netzig von Grund aus
+aufgeraeumt werden muesse.
+
+"Jetzt kommt eine neue Zeit!"
+
+Jadassohn und der Buergermeister hoerten still zu, bis er alles herausgesagt
+hatte; Jadassohns Ohren wurden dabei noch groesser. Dann kraehte er: "Auch in
+Netzig gibt es kaisertreue Deutsche!" Und Diederich noch lauter: "Die
+aber, die es nicht sind, werden wir uns einmal naeher ansehen. Es wird sich
+zeigen, ob gewissen Familien die Stellung, die sie einnehmen, noch
+zukommt. Vom alten Buck zu schweigen: wer sind denn seine Leute? Die Soehne
+verbauert oder verbummelt, ein Schwiegersohn, der Sozialist ist, und die
+Tochter soll ja -"
+
+Man sah einander an. Der Buergermeister kicherte und roetete sich blass. Vor
+Vergnuegen platzte er aus: "Und die Herren wissen noch gar nicht, dass der
+Bruder des Herrn Buck pleite ist!"
+
+Man aeusserte laermende Genugtuung. Der mit den fuenf eleganten Toechtern! Der
+Vorsitzende der "Harmonie"! Aber zu essen, das wusste Diederich, bekamen
+sie aus der Volkskueche. Daraufhin schenkte der Buergermeister nochmals
+Schnaepse ein und reichte Zigarren. Er zweifelte ploetzlich nicht mehr, dass
+ein Umschwung bevorstehe. "In anderthalb Jahren sind die Neuwahlen zum
+Reichstag. Bis dahin werden die Herren arbeiten muessen."
+
+Diederich schlug vor: "Betrachten wir drei uns schon jetzt als das engere
+Wahlkomitee!"
+
+Jadassohn erklaerte es fuer die erste Notwendigkeit, Fuehlung zu nehmen mit
+dem Herrn Regierungspraesidenten von Wulckow. "Streng vertraulich", setzte
+der Buergermeister hinzu und zwinkerte. Diederich bedauerte, dass die
+"Netziger Zeitung", das groesste Organ der Stadt, sich im freisinnigen
+Fahrwasser bewege. "So ein Judenblatt!" sagte Jadassohn. Wohingegen das
+regierungstreue Kreisblatt in der Stadt fast ohne Einfluss sei. Aber der
+alte Kluesing in Gausenfeld lieferte das Papier fuer beide Blaetter. Es
+schien Diederich nicht unmoeglich, durch ihn, der in der "Netziger Zeitung"
+Geld hatte, ihre Haltung zu beeinflussen. Er musste Angst bekommen, sonst
+das Kreisblatt zu verlieren. "Denn es gibt ja noch eine Papierfabrik in
+Netzig", sagte der Buergermeister und schmunzelte. Da trat das
+Zimmermaedchen ein und verkuendete, sie muesse nun den Tisch zum Mittagessen
+decken; die gnaedige Frau werde gleich zurueck sein - "und auch die Frau
+Hauptmann", setzte sie hinzu. Bei der Nennung dieses Titels erhob der
+Buergermeister sich sofort. Wie er seine Gaeste hinausgeleitete, hielt er
+den Kopf gesenkt und war, trotz der genossenen Schnaepse, ganz milchfarben.
+Auf der Treppe zog er Diederich am Aermel. Jadassohn war zurueckgeblieben,
+und man hoerte das Maedchen leise kreischen. An der Haustuer laeutete es
+schon.
+
+"Mein lieber Herr Doktor," wisperte der Buergermeister, "Sie haben mich
+doch nicht missverstanden. Bei alledem habe ich natuerlich einzig das
+Interesse der Stadt im Auge. Mir liegt es selbstverstaendlich ganz fern,
+irgend etwas zu unternehmen, worin ich mich nicht einig weiss mit den
+Koerperschaften, an deren Spitze zu stehen ich die Ehre habe."
+
+Er blinzelte eindringlich. Bevor Diederich sich besonnen hatte, betraten
+die Damen das Haus, und der Buergermeister liess Diederichs Aermel los, um
+ihnen entgegenzueilen. Seine Frau, verhutzelt und mit Sorgenfalten, hatte
+kaum Zeit, die Herren zu begruessen; sie musste die Kinder trennen, die
+einander pruegelten. Ihre Mutter aber, einen Kopf hoeher und noch
+jugendlich, musterte streng die geroeteten Gesichter der Fruehstuecksgaeste.
+Dann schritt sie junonisch auf den Buergermeister zu, den man kleiner
+werden sah ... Assessor Dr. Jadassohn hatte sich schon von dannen gemacht,
+Diederich vollfuehrte formelle Verbeugungen, die unerwidert blieben, und
+eilte hinterdrein. Ihm war aber beklommen, er sah unruhig auf der Strasse
+umher, hoerte nicht, was Jadassohn sagte, und ploetzlich kehrte er um. Er
+musste mehrmals und heftig laeuten, denn drinnen war grosser Laerm. Die
+Herrschaften standen noch am Fusse der Treppe, auf der die Kinder sich
+schreiend umherstiessen, und sie debattierten. Die Frau Buergermeister
+wuenschte, dass ihr Gatte beim Schuldirektor etwas gegen einen Oberlehrer
+unternehme, der ihren Sohn schlecht behandelte. Dagegen forderte die Frau
+Hauptmann von ihrem Schwiegersohn, er solle den Oberlehrer zum Professor
+ernennen, denn seine Frau habe den groessten Einfluss im Vorstand der
+Bethlehemstiftung fuer gefaehrdete Maedchen. Der Buergermeister beschwor sie
+abwechselnd mit den Haenden. Endlich konnte er ein Wort anbringen.
+
+"Einerseits ...", sagte er.
+
+Aber da hatte Diederich ihn am Aermel ergriffen. Nach vielen
+Entschuldigungen in der Richtung der Damen zog er ihn beiseite, und er
+fluesterte bebend: "Verehrter Herr Buergermeister, es liegt mir daran,
+Missverstaendnissen vorzubeugen. Ich darf daher wiederholen, dass ich ein
+durchaus liberaler Mann bin."
+
+Doktor Scheffelweis versicherte fluechtig, dass er hiervon gerade so
+ueberzeugt sei wie von seiner eigenen, gut liberalen Gesinnung. Schon ward
+er abgerufen, und Diederich verliess, ein wenig erleichtert, das Haus.
+Jadassohn erwartete ihn grinsend.
+
+"Sie haben wohl Angst gehabt? Lassen Sie nur! Mit unserem Stadtoberhaupt
+kompromittiert sich niemand, er ist immer, wie der liebe Gott, mit den
+staerksten Bataillonen. Heute wollte ich nur feststellen, wie weit er sich
+schon mit Herrn von Wulckow eingelassen hat. Es steht nicht uebel, wir
+koennen uns ein Stueck vorwagen."
+
+"Vergessen Sie, bitte, nicht," sagte Diederich, mit Zurueckhaltung, "dass
+ich in der Netziger Buergerschaft zu Hause und natuerlich auch liberal bin."
+
+Jadassohn sah ihn von der Seite an. "Neuteutonia?" fragte er. Und als
+Diederich sich erstaunt umwandte: "Wie geht es denn meinem alten Freund
+Wiebel?"
+
+"Sie kennen ihn? Er war mein Leibbursch!"
+
+"Kennen! Ich habe mit ihm gehangen."
+
+Diederich ergriff die Hand, die Jadassohn hinhielt, sie schuettelten
+einander kraftvoll. "Na dann!" "Na also!" Und Arm in Arm gingen sie in den
+Ratskeller, Mittag essen.
+
+
+
+Dort war es einsam und daemmerig, hinten ward fuer sie das Gas angezuendet,
+und bis die Suppe kam, machten sie alte Kommilitonen ausfindig. Der dicke
+Delitzsch! Diederich berichtete mit der Genauigkeit eines Augenzeugen ueber
+seinen tragischen Tod. Das erste Glas Rauenthaler weihten sie still seinem
+Andenken. Es zeigte sich, dass auch Jadassohn die Februarkrawalle
+mitgemacht und damals die Macht verehren gelernt hatte, wie Diederich.
+"Seine Majestaet hat einen Mut bewiesen," sagte der Assessor, "dass einem
+schwindlig werden konnte. Mehrmals habe ich, weiss Gott, geglaubt -." Er
+stockte, sie sahen schaudernd einander in die Augen. Um ueber die
+entsetzliche Vorstellung hinwegzukommen, erhoben sie die Glaeser. "Gestatte
+mir", sagte Jadassohn. "Ziehe gleich mit", erwiderte Diederich. Und
+Jadassohn: "Werte Lieben mit eingeschlossen." Und Diederich: "Werde zu
+Hause davon zu ruehmen wissen."
+
+Dann liess sich Jadassohn, obwohl sein Essen kalt ward, auf eine
+ausfuehrliche Wuerdigung des kaiserlichen Charakters ein. Die Philister,
+Noergler und Juden mochten an ihm aussetzen was sie wollten, alles in allem
+war unser herrlicher junger Kaiser die persoenlichste Persoenlichkeit, von
+erfreulicher Impulsivitaet und ein hoechst origineller Denker. Diederich
+glaubte dies auch schon festgestellt zu haben und nickte befriedigt. Er
+sagte sich, dass das Aeussere eines Menschen zuweilen truege, und dass die
+deutsche Gesinnung nicht notwendig von der Groesse der Ohren abhaenge. Sie
+leerten ihre Glaeser auf den gluecklichen Ausgang des Kampfes fuer Thron und
+Altar, gegen den Umsturz in jeder Form und Verkleidung.
+
+So gelangten sie wieder zu den Zustaenden in Netzig. Sie waren sich einig
+darin, dass der neue nationale Geist, fuer den es die Stadt zu erobern galt,
+kein anderes Programm brauche als den Namen Seiner Majestaet. Die
+politischen Parteien waren alter Troedel, wie Seine Majestaet selbst gesagt
+hatte. "Ich kenne nur zwei Parteien, die fuer mich und die wider mich",
+hatte er gesagt, und so war es. In Netzig ueberwog leider noch die Partei,
+die gegen ihn war, aber das sollte sich aendern, und zwar - dies war
+Diederich klar - vermittels des Kriegervereins. Jadassohn, der ihm nicht
+angehoerte, uebernahm es gleichwohl, Diederich mit den leitenden
+Persoenlichkeiten bekannt zu machen. Da war vor allem Pastor Zillich, ein
+Korpsbruder von Jadassohn, ein echt deutscher Mann! Gleich nachher wollten
+sie ihn besuchen. Sie tranken auf sein Wohl. Auch auf seinen Hauptmann
+trank Diederich, den Hauptmann, der aus einem strengen Vorgesetzten sein
+bester Freund geworden war. "Das Dienstjahr ist doch das Jahr, das ich aus
+meinem Leben am wenigsten missen moechte." Unvermittelt und schon ziemlich
+geroetet, rief er aus:
+
+"Und solche erhebenden Erinnerungen moechten diese Demokraten uns
+verekeln!"
+
+Der alte Buck! Diederich konnte sich ploetzlich nicht fassen vor Wut, er
+stammelte: "Am Dienen will solch ein Mensch uns hindern, er sagt, wir sind
+Knechte! Weil er mal Revolution gemacht hat -"
+
+"Das ist ja schon nicht mehr wahr", sagte Jadassohn.
+
+"Darum sollen wir uns wohl alle zum Tode verurteilen lassen? Haetten sie
+ihn wenigstens gekoepft!... Die Hohenzollern sollen uns schlecht bekommen
+sein!"
+
+"Ihm sicher", sagte Jadassohn und tat einen grossen Zug.
+
+"Aber ich stelle fest -" Diederich rollte die Augen -, "dass ich all seinen
+laesterlichen Unfug nur angehoert habe, um mich darueber zu unterrichten, wes
+Geistes Kind er ist. Ich nehme Sie zum Zeugen, Herr Assessor! Wenn der
+alte Intrigant jemals behaupten sollte, dass ich sein Freund bin und seine
+infamen Majestaetsbeleidigungen gebilligt habe, dann nehme ich Sie zum
+Zeugen, dass ich gleich heute protestiert habe!"
+
+Der Schweiss brach ihm aus, denn er dachte an die Sache mit der
+Baukommission und an den Schutz, den er bei ihr geniessen sollte ...
+Unvermittelt warf er ein Buch auf den Tisch, ein kleines, fast
+quadratisches Buch, und stiess ein Hohngelaechter dabei aus.
+
+"Dichten tut er auch!"
+
+Jadassohn blaetterte. "Turnerlieder. Aus der Gefangenschaft. Ein Hoch der
+Republik! und Am Weiher lag ein Juengling, truebselig anzuschauen ...
+Stimmt, so waren die. Straeflinge versorgen und an den Grundlagen ruetteln.
+Sentimentaler Umsturz. Gesinnung verdaechtig und Haltung schlapp. Da stehen
+wir, Gott sei Dank, anders da."
+
+"Das wollen wir hoffen", sagte Diederich. "In der Verbindung haben wir
+Mannhaftigkeit und Idealismus gelernt, das genuegt, da eruebrigt sich das
+Dichten."
+
+"Fort mit euren Altarkerzen!" deklamierte Jadassohn. "Das ist etwas fuer
+meinen Freund Zillich. Jetzt hat er sein Schlaefchen hinter sich, wir
+koennen losgehen."
+
+Sie fanden den Pastor beim Kaffee. Er wollte Frau und Tochter sogleich
+hinausschicken, Jadassohn hielt die Hausfrau galant zurueck und versuchte
+auch dem Fraeulein die Hand zu kuessen, aber sie wandte ihm den Ruecken.
+Diederich, sehr aufgeheitert, bat die Damen dringend, zu bleiben, und ihm
+gelang es. Er erklaerte ihnen, dass Netzig nach Berlin betraechtlich still
+wirke. "Die Damenwelt ist auch noch zurueck. Mein Ehrenwort, gnaediges
+Fraeulein, Sie sind hier die erste, die ruhig Unter den Linden
+spazierengehen koennte, und kein Mensch wuerde merken, dass Sie aus Netzig
+sind." Darauf erfuhr er, dass sie wirklich einmal in Berlin gewesen war,
+und sogar bei Ronacher. Diederich zog hieraus Vorteil, er erinnerte sie an
+ein dort gehoertes Couplet, das er ihr aber nur ins Ohr sagen koenne. "Unsre
+lieben suessen Dam'n, zeigen alles, was sie ham'n" ... Da sie einen dreisten
+Seitenblick warf, streifte er mit dem Bart ihren Hals. Sie sah ihn flehend
+an, worauf er ihr erst recht versicherte, dass sie ein "reizender Kaefer"
+sei. Sie fluechtete mit geschlossenen Augen zu ihrer Mutter, die alles
+ueberwacht hatte. Der Pastor war mit Jadassohn in ernstem Gespraech. Er
+klagte, dass der Kirchenbesuch in Netzig unerhoert vernachlaessigt werde.
+
+"Am Sonntag Jubilate: verstehen Sie wohl, am Sonntag Jubilate habe ich vor
+dem Kuester und drei alten Damen aus dem Jungfrauenstift predigen muessen.
+Die anderen hatten Influenza."
+
+Jadassohn sagte: "Bei der lauen, um nicht zu sagen, feindseligen Haltung,
+die die herrschende Partei den kirchlichen und religioesen Dingen gegenueber
+einnimmt, muss man sich ueber die drei alten Damen wundern. Warum besuchen
+sie nicht lieber die freigeistigen Vortraege des Doktors Heuteufel?"
+
+Da schnellte der Pastor vom Stuhl. Sein Bart schien aufzuschaeumen, so sehr
+schnob er, und sein Gehrock warf wilde Falten. "Herr Assessor!" brachte er
+hervor. "Dieser Mensch ist mein Schwager, und die Rache ist mein! spricht
+der Herr. Aber obwohl dieser Mensch mein Schwager und meiner leiblichen
+Schwester Mann ist, kann ich den Herrn nur anflehen, ja, mit gerungenen
+Haenden anflehen, dass er von seinem Rachestrahl Gebrauch mache. Denn sonst
+wuerde er eines Tages genoetigt sein, Pech und Schwefel auf ganz Netzig
+regnen zu lassen. Kaffee, verstehen Sie, Kaffee gibt Heuteufel den Leuten
+umsonst, damit sie kommen und ihre Seele von ihm fangen lassen. Und dann
+erzaehlt er ihnen, die Ehe sei kein Sakrament, sondern ein Vertrag - als ob
+ich mir einen Anzug bestelle." - Der Pastor lachte vor Erbitterung.
+
+"Pfui", sagte Diederich mit tiefer Stimme. Und indes Jadassohn den Pastor
+seines positiven Christentums versicherte, begann Diederich schon wieder,
+im Schutz eines Sessels, sich Kaethchen handgreiflich zu naehern. "Fraeulein
+Kaethchen," sagte er dabei, "ich kann Ihnen auf das bestimmteste erklaeren,
+dass fuer mich die Ehe tatsaechlich ein Sakrament ist." Kaethchen erwiderte:
+
+"Schaemen Sie sich, Herr Doktor."
+
+Ihm ward heiss. "Machen Sie nicht solche Augen!"
+
+Kaethchen seufzte. "Sie sind schrecklich raffiniert. Wahrscheinlich sind
+Sie auch nicht besser als der Herr Assessor Jadassohn. Ihre Schwestern
+haben mir schon erzaehlt, was Sie in Berlin alles angestellt haben. Es sind
+doch meine besten Freundinnen."
+
+Dann werde man sich doch bald wiedersehen? - Ja, in der "Harmonie". "Aber
+Sie brauchen nicht zu denken, dass ich Ihnen irgendwas glaube. Sie sind ja
+mit Guste Daimchen zusammen am Bahnhof angekommen."
+
+Was das beweise, fragte Diederich. Er protestiere gegen alle Folgerungen,
+die man aus dieser rein zufaelligen Tatsache etwa ziehen wolle. Fraeulein
+Daimchen sei uebrigens verlobt.
+
+"Ach die!" machte Kaethchen. "Die geniert das nicht, sie ist so graesslich
+kokett."
+
+Auch die Frau Pastor bestaetigte es. Noch heute habe sie Guste in
+Lackschuhen und lila Struempfen gesehen. Das verspreche nichts Gutes.
+Kaethchen verzog den Mund.
+
+"Na und die Erbschaft -."
+
+Dieser Zweifel machte, dass Diederich bestuerzt verstummte. Der Pastor hatte
+dem Assessor soeben die Notwendigkeit zugegeben, die Lage der christlichen
+Kirche in Netzig einmal naeher mit den Herren zu eroertern und verlangte von
+seiner Frau den Mantel und den Hut. Auf der Treppe war es schon dunkel. Da
+die beiden anderen vorangingen, konnte Diederich noch einmal Kaethchens
+Hals ueberfallen. Sie sagte ersterbend: "So mit dem Bart kitzeln tut keiner
+in Netzig" - was ihm zuerst schmeichelte, gleich darauf aber gab es ihm
+peinliche Vermutungen ein. So liess er Kaethchen einfach los und verschwand.
+Jadassohn erwartete ihn unten, er sagte leise: "Nur Mut! Der Alte hat
+nichts gemerkt, und die Mutter tut so." Er zwinkerte aufdringlich.
+
+An der Marienkirche vorueber wollten die drei Herren den Markt erreichen,
+der Pastor blieb aber stehen, mit einer Kopfbewegung deutete er hinter
+sich. "Die Herren wissen wohl, wie die Gasse heisst, links von der Kirche
+unter dem Bogen? Dies schwarze Loch von einer Gasse, oder vielmehr das
+gewisse Haus darin."
+
+"Klein-Berlin", sagte Jadassohn, denn der Pastor ging nicht weiter.
+
+"Klein-Berlin", wiederholte er, schmerzlich laechelnd, und noch einmal mit
+der Gebaerde heiligen Zornes, so dass mehrere Leute sich umsahen:
+"Klein-Berlin ... Im Schatten meiner Kirche! Solch ein Haus! Und der
+Magistrat will mich nicht hoeren, er spottet meiner. Aber er spottet noch
+eines anderen, -" damit setzte sich der Pastor wieder in Bewegung - "und
+der laesset seiner nicht spotten."
+
+Auch Jadassohn war der Meinung, dass er seiner nicht spotten lasse.
+Diederich aber sah, indes seine Begleiter sich ereiferten, vom Rathaus her
+Guste Daimchen nahen. Er neigte formvoll den Hut vor ihr, und sie laechelte
+schnippisch. Ihm fiel auf, dass Kaethchen Zillich gerade so weissblond war
+und auch diese kleine, frech eingedrueckte Nase hatte. Eigentlich war es
+gleich, ob die oder die. Guste freilich zeichnete sich durch eine
+handliche Breite aus. "Und die laesst sich nichts gefallen. Gleich hat man
+eine Ohrfeige." Er wandte sich um nach Guste: von hinten war sie
+ausserordentlich rund und wackelte. In diesem Augenblick war es fuer
+Diederich entschieden: Die oder keine!
+
+Die beiden anderen hatten sie nachtraeglich auch bemerkt.
+
+"War das nicht das Toechterchen der Frau Oberinspektor Daimchen?" fragte
+der Pastor; und er setzte hinzu: "Unsere Bethlehemstiftung fuer gefaehrdete
+Jungfrauen wartet noch immer auf die Zuwendungen der Guten. Ob Fraeulein
+Daimchen zu den Guten gehoert? Die Leute sagen, sie habe eine Million
+geerbt."
+
+Jadassohn beeilte sich, dies fuer weit uebertrieben zu erklaeren. Diederich
+widersprach; er kenne die Verhaeltnisse, der verstorbene Onkel habe mit
+Zichorie noch viel mehr verdient, als man glaube. Er behauptete es so
+lange, bis der Assessor ihm verhiess, er werde durch das Gericht in
+Magdeburg die Wahrheit in Erfahrung bringen. Darauf schwieg Diederich,
+zufriedengestellt.
+
+"Uebrigens", sagte Jadassohn, "faellt das Geld doch nur an die Bucks, will
+sagen an den Umsturz." Aber Diederich wollte auch hierueber besser
+unterrichtet sein. "Fraeulein Daimchen und ich sind naemlich zusammen hier
+angekommen", sagte er versuchsweise. - "Ach so", machte Jadassohn. "Darf
+man etwa gratulieren?" Diederich hob die Achseln wie bei einer
+Taktlosigkeit. Jadassohn entschuldigte sich; er habe nur geglaubt, der
+junge Buck -.
+
+"Wolfgang?" fragte Diederich. "Mit dem war ich in Berlin taeglich zusammen.
+Er lebt dort mit einer Schauspielerin."
+
+Der Pastor raeusperte sich missbilligend. Da man eben auf den Theaterplatz
+gelangte, sah er streng hinueber. Er versetzte:
+
+"Klein-Berlin liegt wohl bei meiner Kirche, aber doch wenigstens in einem
+dunklen Winkel. Dieser Tempel der Sittenlosigkeit bruestet sich auf offenem
+Platz, und unsere Soehne und Toechter -" er zeigte nach dem Buehneneingang,
+wo einige Mitglieder des Theaters standen - "streifen mit dem Aermel an
+Buhldirnen!"
+
+Diederich erklaerte dies, mit bekuemmerter Miene, fuer tief bedauerlich -
+waehrend Jadassohn sich ueber die "Netziger Zeitung" entruestete, die
+frohlockt hatte, weil in den Stuecken der letzten Saison vier uneheliche
+Kinder vorgekommen seien, und die das fuer einen Fortschritt hielt!
+
+
+
+Inzwischen bogen sie in die Kaiser-Wilhelm-Strasse und hatten verschiedene
+Herren zu gruessen, die eben das Haus der Loge betraten. Als sie die tief
+gezogenen Huete wieder aufgesetzt hatten und vorueber waren, sagte
+Jadassohn:
+
+"Man wird sich die Herrschaften merken muessen, die den freimaurerischen
+Unfug noch mitmachen. Seine Majestaet missbilligt ihn entschieden."
+
+"Von meinem Schwager Heuteufel wundert mich selbst das gefaehrlichste
+Sektenwesen nicht", erklaerte der Pastor.
+
+"Nun, und der Herr Lauer?" meinte Diederich. "Ein Mensch, der sich nicht
+entbloedet, seine Arbeiter am Gewinn zu beteiligen? Dem ist alles
+zuzutrauen!"
+
+"Das Unerhoerteste", behauptete Jadassohn, "ist doch, dass Herr
+Landgerichtsrat Fritzsche sich in dieser Judengesellschaft zeigt: ein
+koeniglicher Landgerichtsrat Arm in Arm mit dem Wucherer Cohn. Wie haisst
+Cohn", machte Jadassohn und steckte den Daumen unter die Achsel.
+
+Diederich sagte: "Da er ja mit der Frau Lauer -" Er brach ab und erklaerte,
+dann begreife er allerdings, dass diese Leute vor Gericht immer recht
+bekaemen. "Sie halten zusammen und schmieden Raenke." Pastor Zillich
+murmelte sogar etwas von Orgien, die sie in dem Haus dort feiern sollten
+und bei denen schon unaussprechliche Dinge vorgekommen waren. Aber
+Jadassohn laechelte bedeutsam:
+
+"Nun, gluecklicherweise sieht ihnen Herr von Wulckow gerade in die Fenster
+hinein." Und Diederich nickte beifaellig zu dem Gebaeude der Regierung
+hinueber. Gleich daneben, vor dem Bezirkskommando, ging ein Wachtposten auf
+und ab. "Da lacht einem doch das Herz, wenn man das Gewehr so eines braven
+Burschen blinken sieht!" rief Diederich aus. "Damit halten wir die Bande
+in Schach."
+
+Das Gewehr blinkte freilich nicht, denn es ward dunkel. Schon schoben sich
+Abteilungen heimkehrender Arbeiter durch das abendliche Gedraenge.
+Jadassohn schlug einen Daemmerschoppen bei Klappsch vor, gleich um die
+Ecke. Dort war es gemuetlich, zu dieser Stunde kam niemand hin. Auch war
+Klappsch ein Gutgesinnter, der dem Pastor, indes seine Tochter das Bier
+brachte, seinen heissen Dank aussprach fuer die segensreiche Arbeit, die er
+in der Bibelstunde an seinen Jungen vollbringe. Der Aelteste hatte zwar
+doch wieder Zucker gestohlen, dafuer aber hatte er nachts nicht schlafen
+koennen, sondern seine Suende Gott so laut gebeichtet, dass Klappsch es hoerte
+und ihn durchpruegeln konnte. Von da kam das Gespraech auf die Beamten der
+Regierung, die Klappsch mit Fruehstueck versorgte und von denen er berichten
+konnte, wie sie am Sonntag die Kirchzeit verbrachten. Jadassohn machte
+sich Notizen, und gleichzeitig verschwand seine Hand hinter Fraeulein
+Klappsch. Diederich besprach mit Pastor Zillich die Gruendung eines
+christlichen Arbeitervereins. Er verhiess: "Wer von meinen Leuten nicht
+'rein will, fliegt!" Diese Aussichten heiterten den Pastor auf; nachdem
+Fraeulein Klappsch mehrmals Bier und Kognak gebracht hatte, befand er sich
+in demselben Zustand hoffnungsvoller Entschlossenheit, den seine beiden
+Gefaehrten im Laufe des Tages erreicht hatten.
+
+"Mein Schwager Heuteufel", rief er und schlug auf den Tisch, "soll so viel
+von der Affenverwandtschaft predigen, wie er will, ich krieg' meine Kirche
+doch wieder voll!"
+
+"Nicht nur Ihre", beteuerte Diederich.
+
+"Na, es gibt nun mal zu viele Kirchen in Netzig", gestand der Pastor. Da
+sagte Jadassohn schneidend: "Zu wenige, Mann Gottes, zu wenige!" Und er
+nahm Diederich zum Zeugen, wie in Berlin die Dinge sich entwickelt hatten.
+Auch dort standen die Kirchen leer, bis Seine Majestaet selbst eingegriffen
+hatte. "Sorgen Sie dafuer," hatte er einer Abordnung der staedtischen
+Behoerden gesagt, "dass in Berlin Kirchen gebaut werden." Nun wurden sie
+gebaut, die Religion war wieder aktuell, es kam Betrieb hinein. Und alle,
+der Pastor, der Kneipwirt, Jadassohn und Diederich begeisterten sich fuer
+die tiefe Froemmigkeit des Monarchen. Da fiel ein Schuss.
+
+"Es hat geknallt!" Jadassohn sprang zuerst auf, alle sahen erbleicht
+einander an. Vor Diederichs innerem Auge erschien blitzschnell das
+knochige Gesicht Napoleon Fischers, seines Maschinenmeisters, mit dem
+schwarzen Bart, durch den man die graue Haut sah, und er stammelte: "Der
+Umsturz! Es geht los!" Draussen war Getrappel von Laufenden: auf einmal
+griffen alle nach ihren Hueten und rannten hinaus.
+
+Die Leute, die sich schon angesammelt hatten, hielten in einem scheuen
+Bogen von der Ecke des Bezirkskommandos bis an die Treppe der
+Freimaurerloge. Drueben, wo der Kreis offen stand, lag jemand, das Gesicht
+nach unten, mitten auf der Strasse. Und der Soldat, der vorhin so munter
+auf und ab gegangen war, stand jetzt unbeweglich vor seinem Schilderhaus.
+Der Helm hatte sich ihm verschoben, man sah, dass er bleich war, den Mund
+offen hatte und auf den Gefallenen hinstierte - indes er sein Gewehr beim
+Lauf hielt und es am Boden schleppen liess. Im Publikum, zumeist Arbeitern
+und Frauen aus dem Volk, ward dumpf gemurrt. Ploetzlich sagte eine
+Maennerstimme sehr laut: "Oho!" - und darauf trat tiefe Stille ein.
+Diederich und Jadassohn verstaendigten sich durch einen blassen Blick ueber
+das Kritische des Augenblicks.
+
+Die Strasse herunter lief ein Schutzmann und ihm voraus ein Maedchen, dessen
+Rock wehte und das schon von weitem rief:
+
+"Da liegt er! Der Soldat hat geschossen!"
+
+Sie war angelangt, sie warf sich auf die Knie, sie ruettelte den Mann.
+"Auf! Steh doch auf!"
+
+Sie wartete. In seinen Fuessen schien es zu zucken; aber er blieb liegen,
+Arme und Beine ueber das Pflaster gestreckt. Da schrie sie los: "Karl!" Es
+gellte, dass alle auffuhren. Frauen schrien mit, mehrere Maenner stuerzten
+vor, die Faeuste geballt. Die Ansammlung war dichter geworden; zwischen den
+Wagen, die halten mussten, quoll Nachschub hervor; und in dem drohenden
+Gedraenge arbeitete das Maedchen sich ab, unter ihren aufgeloesten Haaren,
+die flatterten, und mit verzerrtem, nassem Gesicht, woraus wohl Geschrei
+kam, aber man hoerte es nicht, der Laerm verschlang es.
+
+Der einzige Schutzmann draengte mit ausgebreiteten Armen die Menge zurueck,
+sie trat sonst auf den Liegenden. Er schrie vergebens gegen sie an, tanzte
+ihr auf den Fuessen und sah sich, den Kopf verlierend, in der Luft nach
+Hilfe um.
+
+Und sie kam. Im Regierungsgebaeude ging ein Fenster auf, ein grosser Bart
+erschien, und eine Stimme drang heraus, eine furchtbare Bassstimme, die
+jeder, auch wenn er sie noch nicht verstand, durch allen Aufruhr droehnen
+hoerte wie fernen Kanonendonner.
+
+"Wulckow", sagte Jadassohn. "Na endlich."
+
+"Ich verbitte mir das!" toente es herunter. "Wer erlaubt sich hier vor
+meinem Hause Laerm zu machen?" Und da es schon ruhiger ward:
+
+"Wo ist der Posten?"
+
+Jetzt sahen die meisten erst, dass der Soldat sich in sein Schilderhaus
+zurueckgezogen hatte: so tief wie moeglich, und nur der Gewehrlauf stand
+hervor.
+
+"Komm 'raus, mein Sohn!" befahl der Bass von oben. "Du hast deine Pflicht
+getan. Er hat dich gereizt. Fuer deine Tapferkeit wird Seine Majestaet dich
+belohnen. Verstanden?"
+
+Alle hatten ihn verstanden und waren verstummt, sogar das Maedchen. Um so
+ungeheurer droehnte er.
+
+"Zerstreut euch sofort, sonst lass' ich schiessen!"
+
+Eine Minute, und einige liefen schon. Gruppen von Arbeitern loesten sich
+los, zoegerten - und gingen wieder ein Stueck weiter, mit gesenkten Koepfen.
+Der Regierungspraesident rief noch hinunter:
+
+"Paschke, holen Sie mal 'n Doktor!"
+
+Dann klappte er das Fenster wieder zu. Im Eingang der Regierung aber ward
+es lebendig. Ploetzlich waren Herren da, die kommandierten, eine Menge
+Schutzleute liefen von allen Seiten zusammen, knufften auf das Publikum
+ein, das noch uebrig war, und schrien ganz allein. Diederich und seine
+Begleiter, die sich hinter ihre Ecke zurueckgezogen hatten, sahen drueben
+auf der Treppe der Loge einige Herren stehen. Jetzt machte Doktor
+Heuteufel sich zwischen ihnen Platz. "Ich bin Arzt", sagte er laut, ging
+rasch ueber die Strasse und beugte sich zu dem Verwundeten. Er wendete ihn
+um, oeffnete ihm die Weste und legte das Ohr an seine Brust. In diesem
+Augenblick waren alle still, sogar die Schutzleute schrien nicht mehr; das
+Maedchen aber stand da, vorwaerts geneigt, die Schultern hinaufgezogen wie
+unter einem drohenden Schlag, und die Faust am Herzen geballt, als sei es
+dies Herz, das nun stillstehen sollte.
+
+Doktor Heuteufel erhob sich. "Der Mann ist tot", sagte er. Gleichzeitig
+bemerkte er das Maedchen, das schwankte. Er griff nach ihr. Aber sie stand
+schon wieder, sie sah auf das Gesicht des Toten nieder und sagte nur:
+"Karl." Noch leiser: "Karl." Doktor Heuteufel sah umher und fragte: "Was
+soll mit dem Maedchen geschehen?"
+
+Da trat Jadassohn vor. "Assessor Jadassohn von der Staatsanwaltschaft",
+sagte er. "Das Maedchen ist abzufuehren. Da ihr Geliebter den Posten gereizt
+hat, liegt Verdacht vor, dass sie sich an der strafbaren Handlung beteiligt
+hat. Wir werden die Untersuchung einleiten."
+
+Zwei Schutzleute, denen er winkte, fassten das Maedchen schon an. Doktor
+Heuteufel erhob die Stimme: "Herr Assessor, ich erklaere als Arzt, dass der
+Zustand des Maedchens seine Verhaftung nicht zulaesst." Jemand sagte: "Fuehren
+Sie doch auch den Toten ab!" Aber Jadassohn kraehte: "Herr Fabrikbesitzer
+Lauer, ich verbitte mir jede Kritik meiner amtlichen Massnahmen!"
+
+Diederich inzwischen hatte Zeichen hoher Erregung von sich gegeben.
+"Oh!... Ah!... Aber das ist -." Er war ganz bleich; er setzte an: "Meine
+Herren ... Meine Herren, ich bin in der Lage -. Ich kenne diese Leute:
+jawohl, den Mann und das Maedchen. Doktor Hessling mein Name. Beide waren
+bis heute in meiner Fabrik beschaeftigt. Ich musste sie entlassen wegen
+oeffentlich begangener unsittlicher Handlungen."
+
+"Aha!" machte Jadassohn. Pastor Zillich ruehrte sich. "Das ist fuerwahr der
+Finger Gottes", sagte er. Der Fabrikant Lauer hatte sich in seinem grauen
+Spitzbart heftig geroetet, seine gedrungene Gestalt ward geschuettelt vom
+Zorn.
+
+"Ueber den Finger Gottes laesst sich streiten. Sicher scheint nur, Herr
+Doktor Hessling, dass der Mann sich zu Ausschreitungen hat hinreissen lassen,
+weil die Entlassung ihm zu Herzen gegangen ist. Er hatte eine Frau,
+vielleicht auch Kinder."
+
+"Sie waren gar nicht verheiratet", sagte Diederich, seinerseits entruestet.
+"Ich weiss es von ihm selbst."
+
+"Was aendert das," fragte Lauer. Da erhob der Pastor die Arme. "Sind wir
+denn schon so weit," rief er, "dass es nichts aendert, ob das sittliche
+Gesetz Gottes befolgt wird oder nicht?"
+
+Lauer erklaerte es fuer unangebracht, auf der Strasse und im Augenblick, wo
+jemand mit behoerdlicher Billigung totgeschossen worden sei, ueber sittliche
+Gesetze zu debattieren; und er wandte sich an das Maedchen, um ihm Arbeit
+in seiner Werkstatt anzubieten. Inzwischen war ein Sanitaetswagen
+angelangt; der Tote ward vom Boden aufgenommen. Wie man ihn aber
+hineinschob, fuhr das Maedchen aus seiner Starrheit empor, stuerzte sich
+ueber die Bahre, entriss sie, ehe man es sich versah, den Maennern, dass sie
+niederfiel - und zusammen mit dem Toten, in ihn verkrampft und unter
+gellendem Geschrei rollte sie auf das Pflaster. Mit grosser Muehe ward sie
+von dem Leichnam geloest und in eine Droschke gehoben. Der Assistenzarzt,
+der den Krankenwagen begleitet hatte, fuhr mit ihr fort.
+
+Auf den Fabrikanten Lauer, der mit Heuteufel und den anderen Logenbruedern
+weitergehen wollte, trat Jadassohn zu, in drohender Haltung. "Einen
+Augenblick, bitte. Sie aeusserten da vorhin, dass hier mit behoerdlicher
+Billigung - ich nehme die Herren zu Zeugen, dass dies Ihr Ausdruck war -
+also mit behoerdlicher Billigung jemand totgeschossen sei. Ich moechte
+fragen, ob das von Ihrer Seite vielleicht eine Missbilligung der Behoerde
+bedeuten sollte."
+
+"Ach so", machte Lauer und sah ihn an. "Mich moechten Sie wohl auch
+abfuehren lassen?"
+
+"Zugleich", fuhr Jadassohn mit hoher, schneidiger Stimme fort, "mache ich
+Sie darauf aufmerksam, dass das Verhalten eines Postens, der ein ihn
+belaestigendes Individuum niederschiesst, vor wenigen Monaten, naemlich im
+Fall Lueck, von massgebender Stelle als korrekt und tapfer bezeichnet und
+durch Auszeichnungen und Gnadenbeweise belohnt worden ist. Hueten Sie sich
+vor einer Kritik der Allerhoechsten Handlungen!"
+
+"Ich habe keine ausgesprochen," sagte Lauer. "Ausgesprochen habe ich bis
+jetzt nur meine Missbilligung des Herrn dort mit dem gefaehrlichen
+Schnurrbart."
+
+"Wie?" fragte Diederich, der noch immer die Pflastersteine ansah, wo der
+Erschossene gefallen war und wo ein wenig Blut lag. Er begriff endlich,
+dass er herausgefordert war.
+
+"Der Schnurrbart wird von Seiner Majestaet getragen!" sagte er fest. "Es
+ist die deutsche Barttracht. Im uebrigen lehne ich jede Diskussion mit
+einem Arbeitgeber ab, der den Umsturz foerdert."
+
+Lauer oeffnete schon wuetend den Mund, obwohl der Bruder des alten Buck,
+Heuteufel, Cohn und Landgerichtsrat Fritzsche ihn fortziehen wollten; und
+neben Diederich reckten sich kampfbereit Jadassohn und Pastor Zillich: -
+da erschien im Eilschritt eine Abteilung Infanterie, sperrte die Strasse
+ab, die ganz geleert war, und der Leutnant, der die Fuehrung hatte,
+forderte die Herren zum Weitergehen auf. Alle gehorchten schleunigst; sie
+sahen noch, wie der Leutnant vor den Wachtposten hintrat und ihm die Hand
+schuettelte.
+
+"Bravo!" sagte Jadassohn. Und Doktor Heuteufel: "Morgen kommen nun
+Hauptmann, Major und Oberst dran, muessen belobigen und dem Kerl
+Geldgeschenke machen."
+
+"Sehr richtig!" sagte Jadassohn.
+
+"Aber -" Heuteufel blieb stehen. "Meine Herren, verstaendigen wir uns doch.
+Hat denn das alles einen Sinn? Nur weil dieser Bauerntoelpel keinen Spass
+verstanden hat? Ein Witz, ein gutmuetiges Lachen nur, und er entwaffnet den
+Arbeiter, der ihn herausfordern moechte, seinen Kameraden, einen armen
+Teufel wie er selbst. Statt dessen befiehlt man ihm zu schiessen. Und
+nachher kommen die grossen Worte."
+
+Landgerichtsrat Fritzsche stimmte bei und riet zur Maessigung. Da sagte
+Diederich, noch bleich und mit einer Stimme, die erschauerte:
+
+"Das Volk muss die Macht fuehlen! Das Gefuehl der kaiserlichen Macht ist mit
+einem Menschenleben nicht zu teuer bezahlt!"
+
+"Wenn es nur nicht Ihres ist", sagte Heuteufel. Und Diederich, die Hand
+auf der Brust:
+
+"Wenn es auch meins waere!"
+
+
+
+Heuteufel zuckte die Achseln. Waehrend man weiterging, versuchte Diederich
+dem Pastor Zillich, mit dem er ein Stueck zurueckblieb, seine Empfindungen
+zu erklaeren. "Fuer mich", sagte er, schnaufend vor innerer Bewegung, "hat
+der Vorgang etwas direkt Grossartiges, sozusagen Majestaetisches. Dass da
+einer, der frech wird, einfach abgeschossen werden kann, ohne Urteil, auf
+offener Strasse! Bedenken Sie: mitten in unserem buergerlichen Stumpfsinn
+kommt so was - Heroisches vor! Da sieht man doch, was Macht heisst!"
+
+"Wenn sie von Gottes Gnaden ist", ergaenzte der Pastor.
+
+"Natuerlich. Das ist es eben. Drum hab' ich geradezu eine religioese
+Erhebung von der Sache. Man merkt doch manchmal, dass es hoehere Dinge gibt,
+Gewalten, denen wir alle unterworfen sind. Denn zum Beispiel bei dem
+Berliner Krawall, vorigen Februar, als Seine Majestaet sich mit so
+phaenomenaler Kaltbluetigkeit in den tobenden Aufruhr hinauswagten: na, ich
+sage nur -" Da die uebrigen vor dem Ratskeller stehengeblieben waren, erhob
+Diederich die Stimme. "Wenn damals der Kaiser die ganzen Linden haette vom
+Militaer absperren und in uns alle haette 'reinschiessen lassen, immer feste
+'rein, sag ich ..."
+
+"Sie haetten Hurra geschrien," schloss Doktor Heuteufel.
+
+"Sie vielleicht nicht?" fragte Diederich und versuchte zu blitzen. "Ich
+hoffe doch, wir empfinden alle national!"
+
+Der Fabrikant Lauer wollte schon wieder unvorsichtig entgegnen, ward aber
+zurueckgehalten. Statt seiner sagte Cohn:
+
+"Nun, national bin ich auch. Aber bezahlen wir unsere Armee fuer solche
+Witze?" Diederich mass ihn.
+
+"Ihre Armee, sagen Sie? Herr Warenhausbesitzer Cohn hat eine Armee! Haben
+die Herren gehoert?" Er lachte erhaben. "Ich kannte bisher nur die Armee
+Seiner Majestaet des Kaisers!"
+
+Doktor Heuteufel brachte etwas von Volksrechten vor, aber Diederich
+betonte mit abgehackter Kommandostimme, dass er keinen Schattenkaiser
+wuensche. Ein Volk, das die straffe Zucht verliere, sei der Verlotterung
+geweiht ... Inzwischen war man im Keller angelangt, Lauer und seine
+Freunde sassen schon. "Na, setzen Sie sich nicht zu uns?" ward Diederich
+von Doktor Heuteufel gefragt. "Schliesslich sind wir wohl alle liberale
+Maenner." Da stellte Diederich fest: "Liberal selbstverstaendlich. Aber ich
+gehe in den grossen nationalen Fragen aufs Ganze. Fuer mich gibt es da nur
+zwei Parteien, die Seine Majestaet selbst gekennzeichnet haben: die fuer ihn
+und die gegen ihn. Und da scheint es mir allerdings, dass an dem Tisch der
+Herren fuer mich kein Platz ist."
+
+Er vollfuehrte eine korrekte Verbeugung und ging hinueber zu dem leeren
+Tisch. Jadassohn und Pastor Zillich folgten ihm. Gaeste, die in der Naehe
+sassen, sahen sich um; eine allgemeine Stille entstand. Mit dem Rausch des
+Erlebten stieg in Diederich der Plan empor, Sekt zu bestellen. Drueben ward
+gefluestert, dann rueckte jemand seinen Stuhl, es war Landgerichtsrat
+Fritzsche. Er verabschiedete sich, kam an Diederichs Tisch, um ihm,
+Jadassohn und Zillich die Haende zu schuetteln, und ging hinaus.
+
+"Das wollte ich ihm auch geraten haben", bemerkte Jadassohn. "Er hat die
+Unhaltbarkeit seiner Lage noch rechtzeitig erkannt." Diederich sagte:
+"Eine reinliche Scheidung war vorzuziehen. Wer in nationaler Beziehung ein
+gutes Gewissen hat, braucht diese Leute wahrhaftig nicht zu fuerchten."
+Aber Pastor Zillich schien betreten. "Der Gerechte muss viel leiden," sagte
+er. "Sie wissen noch nicht, wie Heuteufel intrigant ist. Morgen erzaehlt er
+Gott weiss welche Greuel ueber uns." Da zuckte Diederich zusammen. Doktor
+Heuteufel war eingeweiht in jenen immerhin dunklen Punkt seines Lebens,
+als er vom Militaer loszukommen wuenschte! Er hatte ihm, in einem hoehnischen
+Brief, das Krankheitsattest verweigert! Er hielt ihn in der Hand, er
+konnte ihn vernichten! In seinem jaehen Schrecken befuerchtete Diederich
+sogar Enthuellungen aus seiner Schulzeit, als Doktor Heuteufel ihn im Hals
+gepinselt und ihm dabei Feigheit vorgeworfen hatte. Der Schweiss brach ihm
+aus. Um so lauter bestellte er Hummern und Sekt.
+
+Drueben bei den Logenbruedern hatte man sich aufs neue ueber den gewaltsamen
+Tod des jungen Arbeiters erregt. Was das Militaer und die Junker, die es
+befehligten, sich denn einbildeten! Sie benahmen sich ja wie in einem
+eroberten Land! Und als die Koepfe rot genug waren, verstiegen sich die
+Herren dazu, fuer das Buergertum, das tatsaechlich alle Leistungen liefere,
+auch die Fuehrung im Staat zu verlangen. Herr Lauer wuenschte zu wissen, was
+die herrschende Kaste vor anderen Leuten eigentlich noch voraus habe.
+"Nicht einmal die Rasse", behauptete er. "Denn sie sind ja alle verjudet,
+die Fuerstenhaeuser einbegriffen." Und er setzte hinzu: "Womit ich meinen
+Freund Cohn nicht kraenken will."
+
+Es war Zeit, einzuschreiten: Diederich fuehlte es. Schnell stuerzte er noch
+ein Glas hinunter, dann stand er auf, trat wuchtig bis in die Mitte unter
+den gotischen Kronleuchter und sagte scharf:
+
+"Herr Fabrikbesitzer Lauer, ich gestatte mir die Frage, ob Sie unter den
+Fuerstenhaeusern, die nach Ihrer persoenlichen Meinung verjudet sind, auch
+deutsche Fuerstenhaeuser verstehen."
+
+Lauer erwiderte ruhig, beinahe freundlich: "Gewiss doch."
+
+"So", machte Diederich, und er schoepfte tief Atem, um zu seinem grossen
+Schlag auszuholen. Unter der Aufmerksamkeit des ganzen Lokals fragte er:
+
+"Und den verjudeten deutschen Fuerstenhaeusern rechnen Sie auch das eine zu,
+das ich nicht erst zu nennen brauche?" Triumphierend sagte Diederich dies,
+vollkommen sicher, dass nun sein Gegner sich verwirren, stammeln und unter
+den Tisch kriechen werde. Aber er stiess auf einen nicht vorauszusehenden
+Zynismus.
+
+"Na ja doch", sagte Lauer.
+
+Jetzt war es an Diederich, die Haltung zu verlieren vor Entsetzen. Er sah
+umher: ob er denn recht gehoert habe. Die Gesichter bestaetigten es ihm. Da
+brachte er hervor, es werde sich zeigen, welche Folgen diese Aeusserung fuer
+den Herrn Fabrikbesitzer haben werde, und zog sich in leidlicher Ordnung
+in das befreundete Lager zurueck. Gleichzeitig tauchte Jadassohn wieder
+auf, der verschwunden gewesen war, man wusste nicht wohin.
+
+"Ich habe dem soeben Vorgefallenen nicht beigewohnt", sagte er sofort.
+"Ich stelle dies ausdruecklich fest, da es fuer die weitere Entwicklung von
+Bedeutung sein koennte." Und dann liess er sich genau berichten. Diederich
+tat es mit Feuer; er nahm es als sein Verdienst in Anspruch, dem Feind den
+Weg abgeschnitten zu haben. "Jetzt haben wir ihn in der Hand!"
+
+"Allerdings," bestaetigte Jadassohn, der sich Notizen gemacht hatte.
+
+Vom Eingang her nahte auf steifen Beinen ein aelterer Herr mit grimmiger
+Miene. Er gruesste nach beiden Seiten und schickte sich an, zu den
+Vertretern des Umsturzes zu stossen. Aber Jadassohn holte ihn noch ein.
+"Herr Major Kunze! Nur ein Wort!" Er redete halblaut auf ihn ein und
+deutete dabei mit den Augen nach links und rechts. Der Major schien im
+Zweifel. "Sie geben mir Ihr Ehrenwort, Herr Assessor," sagte er, "dass das
+tatsaechlich behauptet wurde?" Waehrend Jadassohn es ihm gab, trat der
+Bruder des Herrn Buck herbei, lang und elegant, laechelte unbedeutend und
+bot dem Herrn Major fuer alles eine befriedigende Erklaerung an. Aber der
+Major bedauerte; fuer eine solche Aeusserung gebe es einfach keine Erklaerung;
+und seine Miene ward von erschreckender Duesterkeit. Trotzdem sah er noch
+mit Bedauern nach seinem alten Stammtisch hinueber. Da, im entscheidenden
+Moment, hob Diederich die Sektflasche aus dem Kuebel. Der Major bemerkte es
+und folgte seinem Pflichtgefuehl. Jadassohn stellte vor: "Herr
+Fabrikbesitzer Doktor Hessling."
+
+Diederichs Rechte und die des Majors drueckten einander mit Aufbietung
+aller Kraft. Fest und bieder blickten die Herren sich ins Auge. "Herr
+Doktor," sagte der Major, "Sie haben sich als deutscher Mann bewaehrt." Man
+scharrte mit den Fuessen, rueckte die Stuehle zurecht, praesentierte
+voreinander die Glaeser, und dann durfte man trinken. Diederich bestellte
+sofort eine neue Flasche. Der Major leerte sein Glas, sooft es ihm
+vollgeschenkt wurde, und zwischen den Zuegen versicherte er, auch er stehe,
+was deutsche Treue betreffe, seinen Mann. "Wenn mein Koenig mich nun auch
+schon aus seinem aktiven Dienst entlassen hat -"
+
+"Der Herr Major", erklaerte Jadassohn, "war zuletzt beim hiesigen
+Bezirkskommando."
+
+"- ich habe noch das alte Soldatenherz -" er klopfte mit den Fingern
+darauf - "und unpatriotische Tendenzen werde ich stets bekaempfen. Mit
+Feuer und Schwert!" schrie er und liess die Faust auf den Tisch fallen. Im
+selben Augenblick zog hinter seinem Ruecken der Warenhausbesitzer Cohn tief
+den Hut und entfernte sich eilig. Der Bruder des Herrn Buck suchte zuerst
+noch die Toilette auf, damit sein Verschwinden einen weniger fluchtartigen
+Charakter trage. "Aha!" sagte Jadassohn um so lauter. "Herr Major, der
+Feind ist aufgerieben." Pastor Zillich war noch immer beunruhigt.
+
+"Heuteufel ist dageblieben. Ich traue ihm nicht."
+
+Aber Diederich, der die dritte Flasche bestellte, sah sich hoehnisch nach
+Lauer und Doktor Heuteufel um, die vereinsamt dasassen und beschaemt ihre
+Bierglaeser anstarrten.
+
+"Wir haben die Macht", sagte er, "und die Herren dort drueben sind sich
+dessen bewusst. Sie revoltieren schon gar nicht mehr, weil der Posten
+geschossen hat. Sie machen Gesichter, als haetten sie Angst, dass sie nun
+selbst bald drankommen. Und sie kommen auch dran!" Diederich erklaerte, dass
+er wegen der vorhin gefallenen Aeusserungen eine Anzeige gegen den Herrn
+Lauer bei der Staatsanwaltschaft erstatten werde. "Und ich werde dafuer
+sorgen," versicherte Jadassohn, "dass die Anklage erhoben wird. Ich
+persoenlich werde sie in der Hauptverhandlung vertreten. Die Herren wissen,
+dass ich als Zeuge nicht in Betracht komme, da ich den Vorgaengen selbst
+nicht beigewohnt habe."
+
+"Wir werden hier den Sumpf mal trocken legen", sagte Diederich, und er
+fing von dem Kriegerverein an, auf den die treudeutsch und kaiserlich
+gesinnten Maenner sich vor allem stuetzen muessten. Der Major nahm eine
+Amtsmiene an. Jawohl, er war im Vorstand des Kriegervereins. Man diente
+seinem Koenig immer noch, so gut man konnte. Er war auch bereit, Diederich
+zur Aufnahme vorzuschlagen, damit die nationalen Elemente eine Kraeftigung
+erfuehren. Denn bis jetzt, das durfte man sich nicht verhehlen, ueberwogen
+auch dort die leidigen Demokraten. Man nahm, nach der Meinung des Majors,
+behoerdlicherseits zu viel Ruecksicht auf die in Netzig gegebenen
+Verhaeltnisse. Er selbst wuerde, wenn er zum Bezirkskommandanten ernannt
+worden waere, den Herren Reserveoffizieren bei den Wahlen auf die Finger
+gesehen haben, dafuer garantierte er. "Aber da mein Koenig mir die
+Moeglichkeit leider genommen hat -" Diederich schenkte, um ihn zu troesten,
+frisch ein. Waehrend der Major trank, beugte Jadassohn sich zu Diederich
+und raunte: "Glauben Sie ihm kein Wort! Er ist ein schlapper Hund und
+kriecht vor dem alten Buck. Wir muessen ihm imponieren."
+
+Diederich tat dies sofort. "Ich habe naemlich mit dem Herrn
+Regierungspraesidenten von Wulckow bereits formelle Verabredungen
+getroffen." Und da der Major die Augen aufriss:
+
+"Naechstes Jahr, Herr Major, sind die Reichstagswahlen. Da werden wir
+Gutgesinnten schwere Arbeit haben. Der Kampf beginnt schon."
+
+"Los!" sagte der Major ingrimmig. "Prost!"
+
+"Prost!" sagte Diederich. "Aber, meine Herren, moegen die subversiven
+Tendenzen im Lande noch so stark sein, wir sind staerker, denn wir haben
+einen Agitator, den die Gegner nicht haben, und das ist Seine Majestaet."
+
+"Bravo!"
+
+"Seine Majestaet hat fuer alle Teile seines Staates, also auch fuer Netzig,
+die Forderung aufgestellt, dass die Buerger endlich aus dem Schlummer
+erwachen moegen! Und das wollen wir auch!"
+
+Jadassohn, der Major und Pastor Zillich bekundeten ihre Wachheit, indem
+sie auf den Tisch schlugen, Beifall riefen und einander zutranken. Der
+Major schrie: "Zu uns Offizieren hat Seine Majestaet gesagt: Dies sind die
+Herren, auf die ich mich verlassen kann!"
+
+"Und zu uns", schrie Pastor Zillich, "hat er gesagt, wenn die Kirche der
+Fuersten beduerfen wird -".
+
+Man durfte allen Zwang ablegen, denn der Keller hatte sich laengst geleert,
+Lauer und Heuteufel waren ungesehen entkommen, und in den hinteren
+Bogengewoelben brannte schon kein Gas mehr.
+
+"Er hat auch gesagt -" Diederich blies die Backen feuerrot auf, der
+Schnurrbart stiess ihm in die Augen, aber dennoch blitzte er fuerchterlich.
+"Wir stehen im Zeichen des Verkehrs! Und so ist es auch! Unter seiner
+erhabenen Fuehrung sind wir fest entschlossen, Geschaefte zu machen!"
+
+"Und Karriere!" kraehte Jadassohn. "Seine Majestaet hat gesagt, jeder, der
+ihm behilflich sein will, ist ihm willkommen. Will das jemand vielleicht
+auf mich nicht mitbeziehen?" fragte Jadassohn herausfordernd, mit blutig
+leuchtenden Ohren. Der Major bruellte wieder:
+
+"Und mein Koenig kann sich totsicher auf mich verlassen. Er hat mich zu
+frueh weggeschickt, als ehrlicher deutscher Mann sage ich es ihm laut ins
+Gesicht. Er wird mich noch mal bitter noetig haben, wenn es losgeht. Ich
+denke nicht daran, den Rest meines Lebens bloss noch mit Knallbonbons zu
+schiessen auf Vereinsbaellen. Ich war bei Sedan!"
+
+"Herrjemersch, und ich doch ooch!" ertoente es von duenner Schreistimme aus
+unsichtbaren Tiefen, und den Schatten der Gewoelbe entstieg ein kleiner
+Greis mit flatternden weissen Haaren. Er schwankte herbei, seine
+Brillenglaeser funkelten, seine Backen gluehten, und er schrie: "Der Herr
+Major Kunze! Nu da! Alter Kriegskamerad, bei Ihnen geht's ja zu wie
+dunnemals in Frankreich. Ich sag' es aber immer: gut gelebt und lieber ae
+paar Jahre laenger!" Der Major stellte ihn vor. "Herr Gymnasialprofessor
+Kuehnchen." Wie es kam, dass er dort hinten im Dunkeln vergessen worden sei,
+darueber aeusserte der kleine Greis die lebhaftesten Vermutungen. Frueher
+hatte er sich in einer Gesellschaft befunden. "Nu muss ich wohl ae bisschen
+eingeschlummert sein, und da sein die verdammten Lumichs mir ausgerueckt."
+Der Schlaf hatte ihm vom Feuer der genossenen Getraenke noch nichts
+genommen, er erinnerte, prahlerisch kreischend, den Major an ihre
+gemeinsamen Taten im eisernen Jahr. "Die Franktiroehrs!" schrie er, und aus
+seinem faltigen, zahnlosen Munde rann Feuchtigkeit. "Das war Sie eene
+Bande! Wie die Herren mich da saehn, hab' ich doch noch immer een' steifen
+Finger, da hat mich ae Franktiroehr draufgebissen. Bloss weil ich ihm mit
+meim Saebel ae kleenes bisschen die Kehle abschneiden wollte. So eene
+Gemeinheit von dem Kerl!" Er zeigte den Finger am Tisch umher und erregte
+Ausrufe der Bewunderung. Diederichs begeisterte Gefuehle freilich mischten
+sich mit Schrecken, er musste sich in die Lage des Franktiroehrs denken: der
+kleine leidenschaftliche Greis kniete auf seiner Brust und setzte ihm die
+Klinge an den Hals. Er war genoetigt, einen Augenblick hinauszugehen.
+
+Wie er zurueckkehrte, gaben der Major und Professor Kuehnchen, einander
+ueberschreiend, den Bericht eines wilden Kampfes. Man verstand keinen. Aber
+Kuehnchen schrillte immer schaerfer durch das Gebruell des anderen, bis er es
+zum Schweigen gebracht hatte und ungestoert aufschneiden konnte. "Nee,
+alter Freund, Sie sein ae anschlaegscher Kopf. Wenn Sie die Treppe
+'runterfallen, verfehlen Sie keene Stufe. Aber das Feuer damals an dem
+Haus, wo die Franktiroehrs drinne sassen, das hat Kuehnchen angelegt, da
+gibt's nischt. Ich hab' doch eene Kriegslist gebraucht und hab' mich
+totgestellt, da ham die dummen Luder nischt gemerkt. Und wie's erscht
+gebrannt hat, nu, versteht sich, da hamse an der Verteidchung des
+Vaterlandes keen' Geschmack mehr gefunden, und bloss noch 'raus, bloss noch
+Soofgipoeh! Da haetten Se nu aber uns Deutsche sehen sollen. Von der Mauer
+hammer sie weggeschossen, wie sie 'runterkrabbeln wollten! Luftspruenge
+hamse gemacht wie die Garniggel!"
+
+Kuehnchen musste seine Erfindung unterbrechen, er kicherte durchdringend,
+indes die Tafelrunde droehnend lachte.
+
+Kuehnchen erholte sich. "Die falschen Luder hatten uns aber auch tueckisch
+gemacht! Und die Weiber! Nee, meine Herren, so was Beesartches wie die
+franzeeschen Weiber, das gibt's Sie nu ueberhaupt nicht mehr. Heesses Wasser
+hatten se uns auf die Koeppe geschiddet. Nu frag' ich Sie, tut das eene
+Dame? Wie's brannte, warfen sie die Kinder aus'm Fenster und wollten ooch
+noch von uns, dass wir se auffangen sollten. Hibsch nich, aber dumm! Mit
+unsern Bajonetten hammer die kleenen Luder uffgefangen. Und dann die
+Damen!" Kuehnchen hielt die gichtischen Finger gekruemmt wie um einen
+Gewehrkolben und sah dabei nach oben, als gaebe es noch jemand
+aufzuspiessen. Seine Brillenglaeser funkelten, er log weiter. "Zuletzt kam
+eene ganz Dicke 'ran, die konnte von vorn nicht durchs Fenster, drum
+versuchte se mal, ob's nicht von hinten ginge. Da haste nun aber nicht mit
+Kuehnchen gerechnet, mei Schibbchen. Ich nich faul, steiche uf die
+Schultern von zwei Kameraden drauf un kitzle sie mit meim Bachonedde in
+ihren dicken franzeeschen -"
+
+Mehr hoerte man nicht, der Beifall war zu laut. Der Professor sagte noch:
+"Jeden Sedang erzaehl' ich die Geschichte in aedlen Worten meiner Klasse.
+Die Jungen solln wissen, was sie fuer Heldenvaeter gehabt haben."
+
+Man war sich einig, dass dies die nationale Gesinnung des jungen
+Geschlechts nur befoerdern koenne, und man stiess an mit Kuehnchen. Vor lauter
+Begeisterung hatte noch keiner bemerkt, dass ein neuer Gast an den Tisch
+getreten war. Jadassohn sah ploetzlich den bescheiden grauen Mann im
+Hohenzollernmantel und winkte ihm goennerhaft. "Na, man immer 'ran, Herr
+Nothgroschen!" Diederich herrschte ihn an, aus seinen Hochgefuehlen heraus.
+"Wer sind Sie?"
+
+Der Fremde dienerte.
+
+"Nothgroschen, Redakteur der Netziger Zeitung."
+
+"Also Hungerkandidat", sagte Diederich und blitzte. "Verkommene
+Gymnasiasten, Abiturientenproletariat, Gefahr fuer uns!"
+
+Alle lachten; der Redakteur laechelte demuetig mit.
+
+"Seine Majestaet hat Sie gekennzeichnet", sagte Diederich. "Na, setzen Sie
+sich!"
+
+Er schenkte ihm sogar Sekt ein, und Nothgroschen trank in dankbarer
+Haltung. Nuechtern und befangen sah er in der Gesellschaft umher, deren
+Selbstbewusstsein durch die vielen, leer am Boden stehenden Flaschen so
+sehr gesteigert worden war. Man vergass ihn sogleich wieder. Er wartete
+geduldig, bis jemand ihn fragte, wieso er denn mitten in der Nacht noch
+hier hereinschneie. "Ich musste das Blatt doch fertig machen", erklaerte er
+darauf, wichtig wie ein kleiner Beamter. "Die Herren wollen morgen frueh in
+der Zeitung lesen, wie das war mit dem erschossenen Arbeiter."
+
+"Das wissen wir besser als Sie", schrie Diederich. "Sie saugen sich das ja
+doch nur aus Ihren Hungerpfoten!"
+
+Der Redakteur laechelte entschuldigend, und er hoerte ergeben zu, wie alle
+durcheinander ihm die Vorgaenge darstellten. Als der Laerm sich legte,
+setzte er an. "Da der Herr dort -"
+
+"Doktor Hessling," sagte Diederich scharf.
+
+"Nothgroschen", murmelte der Redakteur. "Da Sie vorhin den Namen des
+Kaisers erwaehnten, wird es die Herren interessieren, dass wieder eine
+Kundgebung vorliegt."
+
+"Ich verbitte mir jede Noergelei!" heischte Diederich. Der Redakteur duckte
+sich und legte die Hand auf die Brust. "Es handelt sich um einen Brief des
+Kaisers."
+
+"Der ist Ihnen wohl wieder mal durch einen infamen Vertrauensbruch auf den
+Schreibtisch geflogen?" fragte Diederich. Nothgroschen stellte beteuernd
+die Hand vor sich hin. "Er ist vom Kaiser selbst zur Veroeffentlichung
+bestimmt. Morgen frueh werden Sie ihn in der Zeitung lesen. Hier ist die
+Druckfahne!"
+
+"Legen Sie los, Doktor", befahl der Major. Diederich rief: "Wieso, Doktor?
+Sind Sie Doktor?" Aber man interessierte sich nur noch fuer den Brief, man
+entriss dem Redakteur den Zettel. "Bravo!" rief Jadassohn, der noch
+ziemlich muehelos las. "Seine Majestaet bekennt sich zum positiven
+Christentum." Pastor Zillich frohlockte so heftig, dass sich Schluckauf
+einstellte. "Das ist was fuer Heuteufel! Endlich kriegt so ein frecher
+Wissenschaftler, huck, was ihm gehoert. An die Offenbarungsfrage machen sie
+sich heran. Die versteh' ja ich kaum, huck, und ich hab' Theologie
+studiert!" Professor Kuehnchen schwenkte die Blaetter hoch in der Luft.
+"Meine Haern! Wenn 'ch den Brief nicht in der Klasse lesen lasse und als
+Aufsatzthema gebe, will'ch nicht mehr Kuehnchen heessen!"
+
+Diederich war tiefernst. "Jawohl war Hammurabi ein Werkzeug Gottes! Ich
+moechte mal sehen, wer das leugnet!" Und er blitzte umher. Nothgroschen
+kruemmte die Schultern. "Na, und Kaiser Wilhelm der Grosse!" fuhr Diederich
+fort. "Von dem bitte ich es mir ganz energisch aus! Wenn der kein Werkzeug
+Gottes war, dann weiss Gott ueberhaupt nicht, was 'n Werkzeug ist!"
+
+"Ganz meine Meinung", versicherte der Major. Gluecklicherweise widersprach
+auch sonst niemand, denn Diederich war zum Aeussersten entschlossen. An den
+Tisch geklammert, stemmte er sich von seinem Stuhl empor. "Aber unser
+herrlicher junger Kaiser?" fragte er drohend. Von allen Seiten antwortete
+es: "Persoenlichkeit ... Impulsiv ... Vielseitig ... Origineller Denker."
+Diederich war nicht befriedigt.
+
+"Ich beantrage, dass er auch ein Werkzeug ist!"
+
+Es ward angenommen.
+
+"Und ich beantrage ferner, dass wir Seine Majestaet von unserem Beschluss
+telegraphisch in Kenntnis setzen!"
+
+"Ich befuerworte den Antrag!" bruellte der Major. Diederich stellte fest:
+"Einmuetige begeisterte Annahme!" und fiel auf seinen Sitz zurueck. Kuehnchen
+und Jadassohn machten sich gemeinsam an die Abfassung der Depesche. Sie
+lasen vor, sobald sie etwas gefunden hatten.
+
+"Eine im Ratskeller zu Netzig versammelte Gesellschaft -"
+
+"Tagende Versammlung", forderte Diederich. Sie fuhren fort:
+
+"Versammlung national gesinnter Maenner -"
+
+"National, huck, und christlich", ergaenzte Pastor Zillich.
+
+"Aber wollen die Herren denn wirklich?" fragte Nothgroschen, leise
+flehend. "Ich dachte, es sei ein Scherz."
+
+Da ward Diederich zornig.
+
+"Wir scherzen nicht mit den heiligsten Guetern! Ich soll Ihnen das wohl
+handgreiflich klarmachen, Sie verkrachter Abiturient?"
+
+Da Nothgroschens Haende den vollkommensten Verzicht beteuerten, war
+Diederich sofort wieder ruhig und sagte: "Prost!" Dagegen schrie der
+Major, als sollte er platzen. "Wir sind die Herren, auf die Seine Majestaet
+sich verlassen kann!" Jadassohn bat um Ruhe und er las.
+
+"Die im Ratskeller zu Netzig tagende Versammlung national und christlich
+gesinnter Maenner entbietet Eurer Majestaet ihre einmuetige begeisterte
+Huldigung angesichts von Eurer Majestaet erhebendem Bekenntnis einer
+geoffenbarten Religion. Wir beteuern unseren tiefsten Abscheu vor dem
+Umsturz in jeder Gestalt und sehen in der heute bei uns in Netzig
+erfolgten mutigen Tat eines Postens die erfreuliche Bestaetigung, dass Eure
+Majestaet nicht weniger als Hammurabi und Kaiser Wilhelm der Grosse das
+Werkzeug Gottes ist." Man klatschte, und Jadassohn laechelte geschmeichelt.
+
+"Unterschreiben!" rief der Major. "Oder hat einer der Herren noch etwas zu
+bemerken?" Nothgroschen raeusperte sich. "Nur ein einziges Wort, mit aller
+gebuehrenden Bescheidenheit."
+
+"Das moechte ich mir ausbitten", sagte Diederich. Der Redakteur hatte sich
+Mut getrunken, er schwankte auf seinem Sitz und kicherte ohne Grund.
+
+"Ich will ja gar nichts gegen den Posten sagen, meine Herren. Ich hab' mir
+sogar schon immer gedacht, Soldaten sind zum Schiessen da."
+
+"Na also."
+
+"Ja, aber wissen wir, ob auch der Kaiser so denkt?"
+
+"Selbstverstaendlich! Fall Lueck!"
+
+"Praezedenzfaelle - hihi - sind ganz schoen, aber wir wissen doch alle, dass
+der Kaiser ein origineller Denker und - hihi - impulsiv ist. Er laesst sich
+nicht gern vorgreifen. Wenn ich in der Zeitung schreiben wollte, dass Sie,
+Herr Doktor Hessling, Minister werden sollen, dann - hihi - werden Sie es
+gerade nicht."
+
+"Juedische Verdrehungen!" rief Jadassohn. Der Redakteur entruestete sich.
+"Ich schreibe anderthalb Spalten Stimmung an jedem hohen Kirchenfest. Der
+Posten aber, der kann auch wegen Mord angeklagt werden. Dann sind wir
+'reingefallen."
+
+Eine Stille folgte. Der Major legte nachdenklich den Bleistift aus der
+Hand. Diederich ergriff ihn. "Sind wir nationale Maenner?" Und er
+unterschrieb wuchtig. Da brach Begeisterung aus. Nothgroschen wollte
+gleich als Zweiter drankommen.
+
+"Aufs Telegraphenamt!"
+
+Diederich gab Auftrag, dass die Rechnung ihm morgen zugestellt werde, und
+man brach auf. Nothgroschen war auf einmal voll ausschweifender
+Hoffnungen. "Wenn ich die kaiserliche Antwort bringen kann, komme ich zu
+Scherl!"
+
+Der Major bruellte: "Wir wollen doch mal sehen, ob ich noch lange
+Wohltaetigkeitsfeste arrangiere!"
+
+Pastor Zillich sah die Leute sich in seiner Kirche erdruecken und Heuteufel
+von der Menge gesteinigt. Kuehnchen schwaermte von Blutbaedern in den Strassen
+von Netzig. Jadassohn kraehte: "Erlaubt sich vielleicht jemand einen
+Zweifel an meiner Kaisertreue?" Und Diederich: "Der alte Buck soll sich
+hueten! Kluesing in Gausenfeld auch! Wir erwachen aus dem Schlummer!"
+
+Die Herren hielten sich alle sehr gerade, und manchmal schoss einer
+unvermutet ein Stueck vorwaerts. Mit ihren Stoecken strichen sie tosend ueber
+die herabgelassenen Rollaeden, und im Takt voneinander unabhaengig sangen
+sie die Wacht am Rhein. An der Ecke des Landgerichts stand ein Schutzmann,
+aber zu seinem Glueck ruehrte er sich nicht. "Wollen Sie vielleicht etwas,
+Maenneken?" rief Nothgroschen, der aus Rand und Band war. "Wir
+telegraphieren an den Kaiser!" Vor dem Postgebaeude ward Pastor Zillich,
+der den schwaechsten Magen hatte, von einem Unglueck betroffen. Indes die
+anderen ihm seine Lage zu erleichtern suchten, klingelte Diederich den
+Beamten heraus und gab das Telegramm auf. Als der Beamte es gelesen hatte,
+betrachtete er Diederich zoegernd - aber Diederich blitzte ihn so furchtbar
+an, dass er zurueckschrak und seine Pflicht tat. Diederich inzwischen fuhr
+ohne Zweck fort, zu blitzen und steinern dazustehen: in der Haltung des
+Kaisers, wenn nun ein Fluegeladjutant ihm die Heldentat des Postens meldete
+und der Chef des Zivilkabinetts ihm die Huldigungsdepesche ueberbrachte.
+Diederich fuehlte den Helm auf seinem Kopf, er schlug gegen den Saebel an
+seiner Seite und sagte: "Ich bin sehr stark!" Der Telegraphist hielt es
+fuer eine Reklamation und zaehlte ihm das kleine Geld nochmals vor.
+Diederich nahm es, trat an einen Tisch und warf einige Zeilen auf ein
+Papier. Dann steckte er es zu sich und kehrte zu den Herren zurueck.
+
+Sie hatten fuer den Pastor eine Droschke beschafft, er fuhr soeben fort und
+winkte weinend aus dem Fenster, als sei es fuer ewig. Jadassohn bog beim
+Theater um eine Ecke, obwohl der Major ihm nachbruellte, seine Wohnung sei
+doch ganz woanders. Ploetzlich war dann auch der Major fort, und Diederich
+gelangte mit Nothgroschen allein in die Lutherstrasse. Vor dem
+Walhalla-Theater war der Redakteur nicht mehr weiter zu bringen, mitten in
+der Nacht wollte er das "elektrische Wunder" sehen, eine Dame, die dort
+Feuer spruehen sollte. Diederich musste ihm ernstlich vorhalten, dass dies
+nicht die Stunde fuer solche Frivolitaeten sei. Uebrigens vergass Nothgroschen
+das "elektrische Wunder", sobald er das Haus der "Netziger Zeitung"
+erblickte. "Aufhalten!" schrie er. "Die Maschine aufhalten! Das Telegramm
+der nationalen Maenner muss noch hinein!... Sie wollen es doch morgen frueh
+in der Zeitung lesen", sagte er zu einem voruebergehenden Nachtwaechter. Da
+packte Diederich ihn fest am Arm.
+
+"Nicht nur dieses Telegramm", sagte er, kurz und leise. "Ich habe noch ein
+anderes." Er zog ein Papier aus der Tasche. "Der Nachttelegraphist ist ein
+alter Bekannter von mir, er hat es mir anvertraut. Ueber diese Herkunft
+werden Sie mir strenge Diskretion versprechen, der Mann waere sonst in
+seiner Stellung bedroht."
+
+Da Nothgroschen sofort alles versprach, sagte Diederich, ohne das Papier
+dabei anzusehen:
+
+"Es ist an das Regimentskommando gerichtet und vom Obersten selbst dem
+Posten mitzuteilen, der heute den Arbeiter erschossen hat. Es lautet: Fuer
+Deinen auf dem Felde der Ehre vor dem inneren Feind bewiesenen Mut spreche
+ich Dir meine kaiserliche Anerkennung aus und ernenne Dich zum
+Gefreiten.... Ueberzeugen Sie sich" - und Diederich reichte dem Redakteur
+das Papier hin. Aber Nothgroschen sah es nicht an, er starrte nur, wie
+entgeistert, auf Diederich, auf seine steinerne Haltung, den Schnurrbart,
+der ihm in die Augen stach, und die Augen, die blitzten.
+
+"Jetzt glaubte ich fast -" stammelte Nothgroschen. "Sie haben so viel
+Aehnlichkeit mit - mit -."
+
+
+
+
+
+ IV.
+
+
+Diederich wuerde, wie in der besten Neuteutonenzeit, das Mittagessen
+verschlafen haben, aber die Rechnung vom Ratskeller kam, und sie war
+bedeutend genug, dass er aufstehen und ins Kontor gehen musste. Ihm war sehr
+schlecht, und man machte ihm auch noch Unannehmlichkeiten, sogar die
+Familie. Die Schwestern verlangten ihr monatliches Toilettegeld, und als
+er erklaerte, dass er es jetzt nicht habe, hielten sie ihm den alten Soetbier
+vor, der es immer gehabt habe. Diesem Versuch einer Auflehnung begegnete
+Diederich energisch. Mit rauher Katerstimme setzte er den Maedchen
+auseinander, sie wuerden sich noch an ganz andere Dinge gewoehnen muessen.
+Soetbier freilich, der habe immer nur hergegeben und die Fabrik
+heruntergewirtschaftet. "Wenn ich euch heute euren Anteil auszahlen
+sollte, wuerdet ihr euch verflucht wundern, wie wenig es waere." Waehrend er
+dies sagte, empfand er es als durchaus unberechtigt, dass er irgend einmal
+sollte gezwungen werden koennen, die beiden am Geschaeft zu beteiligen. Man
+muesste das verhindern koennen, dachte er. Sie dagegen wurden auch noch
+herausfordernd. "Also wir koennen die Modistin nicht bezahlen, aber der
+Herr Doktor trinkt Sekt fuer hundertfuenfzig Mark." Da ward Diederich
+furchtbar anzusehen. Seine Briefe erbrach man! Er wurde ausspioniert! Er
+war nicht der Herr im Hause, sondern ein Kommis, ein Neger, der fuer die
+Damen schuftete, damit sie den ganzen Tag faulenzen konnten! Er schrie und
+stampfte, dass die Glaeser klirrten. Frau Hessling flehte wimmernd, die
+Schwestern widersprachen nur noch aus Angst, aber Diederich war im Zuge.
+
+"Was erlaubt ihr euch? Gaense wie ihr? Was wisst ihr, ob die hundertfuenfzig
+Mark nicht eine glaenzende Kapitalsanlage sind. Jawohl, Kapitalsanlage!
+Meint ihr, ich saufe mit den Idioten Sekt, wenn ich nichts von ihnen will?
+Davon wisst ihr hier in Netzig noch nichts, das ist der neue Kurs, es ist
+-" Er hatte das Wort. "Grosszuegig ist es! Grosszuegig!"
+
+Und er warf die Tuer hinter sich zu. Frau Hessling ging ihm vorsichtig nach,
+und als er im Wohnzimmer ins Sofa gesunken war, nahm sie seine Hand und
+sagte: "Mein lieber Sohn, ich bin mit dir." Dabei sah sie ihn an, als
+wollte sie "aus dem Herzen beten". Diederich verlangte einen sauren
+Hering; und dann beklagte er sich zornig, wie schwer es sei, in Netzig den
+neuen Geist einzufuehren. Wenigstens hier im Hause sollte man seine Kraft
+nicht untergraben! "Ich habe Grosses mit euch vor, aber das ueberlasst
+gefaelligst meiner besseren Einsicht. Einer muss Herr sein.
+Unternehmungsgeist und Grosszuegigkeit gehoeren freilich dazu. Soetbier ist
+dabei nicht zu brauchen. Eine Weile lasse ich den Alten noch verschnaufen,
+dann wird er ausgeschifft."
+
+Frau Hessling versicherte sanft, ihr lieber Sohn werde schon um seiner
+Mutter willen immer genau wissen, was er tun muesse - und dann begab
+Diederich sich ins Kontor und schrieb einen Brief an die Maschinenfabrik
+Bueschli Co. in Eschweiler, um bei ihr einen "neuen
+Patent-Doppel-Hollaender, System Maier" zu bestellen. Er liess den Brief
+offen daliegen und ging hinaus. Wie er zurueckkam, stand Soetbier vor seinem
+Pult, und es war kein Zweifel, unter seinem gruenen Augenschirm weinte er:
+es tropfte auf den Brief. "Sie muessen ihn noch mal abschreiben lassen",
+sagte Diederich kuehl. Da begann Soetbier:
+
+"Junger Herr, unser alter Hollaender ist kein Patent-Hollaender, aber er
+stammt noch aus der ersten Zeit des alten Herrn; mit ihm hat er
+angefangen, und mit ihm ist er gross geworden ..."
+
+"Na und ich hege meinerseits den Wunsch, mit meinem eigenen Hollaender gross
+zu werden", sagte Diederich schneidend. Soetbier jammerte.
+
+"Unser alter hat uns noch immer genuegt."
+
+"Mir nicht."
+
+Soetbier schwur, er sei so leistungsfaehig wie die allerneuesten, die nur
+durch schwindelhafte Reklame emporgetragen wuerden. Als Diederich hart
+blieb, oeffnete der Alte die Tuer und rief hinaus: "Fischer! Kommen Sie mal
+her!" Diederich ward unruhig. "Was wollen Sie von dem Menschen. Ich
+verbitte mir, dass er sich einmischt!" Aber Soetbier berief sich auf das
+Zeugnis des Maschinenmeisters, der in den groessten Betrieben gearbeitet
+habe. "Nun, Fischer, sagen Sie mal dem Herrn Doktor, wie leistungsfaehig
+unser Hollaender ist!" Diederich wollte nicht hoeren, er lief hin und her,
+ueberzeugt, der Mensch werde die Gelegenheit ergreifen, ihn zu aergern.
+Statt dessen begann Napoleon Fischer mit einer uneingeschraenkten
+Anerkennung von Diederichs Sachverstaendigkeit, und dann sagte er ueber den
+alten Hollaender alles Unguenstige, das sich irgend ueber ihn denken liess.
+Wenn man Napoleon Fischer hoerte, war er schon nahe daran gewesen, zu
+kuendigen, nur weil ihm der alte Hollaender nicht gefiel. Diederich
+schnaubte: er habe wahrhaftig Glueck, dass ihm die wertvolle Kraft des Herrn
+Fischer nun doch erhalten bleibe; aber der Maschinenmeister erklaerte ihm,
+ohne sich auf seine Ironie einzulassen, nach der Abbildung im Prospekt
+alle Vorzuege des neuen Patent-Hollaenders, vor allem seine hoechst bequeme
+Bedienung. "Wenn ich Ihnen nur Arbeit erspare!" schnaubte Diederich.
+"Sonst wuensch' ich mir nichts. Danke, Sie koennen gehen."
+
+Als der Maschinenmeister hinaus war, beschaeftigten Soetbier und Diederich
+sich eine lange Weile jeder fuer sich. Ploetzlich fragte Soetbier: "Und womit
+sollen wir ihn bezahlen?" Diederich war sofort feuerrot: auch er hatte die
+ganze Zeit an nichts weiter gedacht. "Ach was!" schrie er. "Bezahlen!
+Erstens mache ich eine lange Lieferungsfrist aus, und dann: wenn ich mir
+einen so teuren Hollaender bestelle, meinen Sie vielleicht, ich weiss nicht
+wozu? Nein, mein Lieber, dann muss ich wohl bestimmte Aussichten auf
+baldige Ausdehnung des Geschaeftes haben - ueber die ich mich heute noch
+nicht aeussern will."
+
+Damit verliess er das Kontor, in strammer Haltung, trotz inneren Zweifeln.
+Dieser Napoleon Fischer hatte sich beim Hinausgehen nochmals umgesehen,
+mit einem gewissen Blick, als habe er den Chef gehoerig hineingelegt.
+"Umdroht von Feinden," dachte Diederich und reckte sich noch straffer, "da
+sind wir erst recht stark. Ich werde sie schon zerschmettern." Sie sollten
+erfahren, mit wem sie es zu tun hatten; daher fuehrte er einen Gedanken
+aus, der ihm schon beim Erwachen gekommen war: er ging zum Doktor
+Heuteufel. Dieser hielt eben seine Sprechstunde ab und liess ihn warten.
+Dann empfing er ihn in seinem Operationszimmer, wo alles, Geruch und
+Gegenstaende, Diederich an fruehere, peinliche Besuche erinnerte. Doktor
+Heuteufel nahm die Zeitung vom Tisch, lachte kurz und sagte: "Nun, Sie
+kommen wohl her, um zu triumphieren. Gleich zwei Erfolge! Ihre
+Sekthuldigung ist drin - na und die Depesche des Kaisers an den Posten
+laesst von Ihrem Standpunkt aus wohl nichts zu wuenschen."
+
+"Welche Depesche?" fragte Diederich. Doktor Heuteufel zeigte sie ihm;
+Diederich las. "Fuer Deinen auf dem Felde der Ehre vor dem inneren Feind
+bewiesenen Mut spreche ich Dir meine kaiserliche Anerkennung aus und
+ernenne Dich zum Gefreiten." Wie es hier gedruckt stand, machte es ihm den
+Eindruck vollkommener Echtheit. Er war sogar ergriffen; mit maennlicher
+Zurueckhaltung sagte er: "Das ist jedem national Gesinnten aus dem Herzen
+gesprochen." Da Heuteufel nur die Achseln zuckte, holte Diederich Atem.
+"Nicht deswegen bin ich hergekommen, sondern um unsere beiderseitigen
+Beziehungen festzulegen." Die seien wohl schon festgelegt, erwiderte
+Heuteufel. "Nein, durchaus noch nicht." Diederich versicherte, dass er
+einen ehrenvollen Frieden wuensche. Er sei bereit, im Sinne eines
+wohlverstandenen Liberalismus zu wirken, falls man dagegen seine streng
+nationale und kaisertreue Ueberzeugung achte. Doktor Heuteufel erklaerte
+dies einfach fuer Phrasen: da verlor Diederich die Fassung. Dieser Mensch
+hielt ihn in der Hand; er konnte ihn, mit Hilfe eines Dokumentes, als
+Feigling hinstellen! Das hoehnische Laecheln in seinem gelben
+Chinesengesicht, diese ueberlegene Haltung waren eine fortwaehrende
+Anspielung. Aber er sprach nicht, er liess das Schwert weiterschweben ueber
+Diederichs Haupt. Der Zustand musste aufhoeren! "Ich fordere Sie auf," sagte
+Diederich, heiser vor Erregung, "mir meinen Brief zurueckzugeben."
+Heuteufel tat erstaunt. "Welchen Brief?" - "Den ich Ihnen wegen des
+Militaers geschrieben habe, als ich dienen sollte." Darauf dachte der Arzt
+nach.
+
+"Ach so: weil Sie sich druecken wollten!"
+
+"Ich dachte mir schon, Sie wuerden meine unvorsichtigen Aeusserungen in einem
+fuer mich beleidigenden Sinne auslegen. Ich fordere Sie nochmals zur
+Rueckgabe des Briefes auf." Und Diederich trat drohend vor. Heuteufel wich
+nicht.
+
+"Lassen Sie mich in Ruh'. Ihren Brief hab' ich nicht mehr."
+
+"Ich verlange Ihr Ehrenwort."
+
+"Das gebe ich nicht auf Befehl."
+
+"Dann mache ich Sie auf die Folgen Ihrer illoyalen Handlungsweise
+aufmerksam. Sollten Sie mir mit dem Brief bei irgendeiner Gelegenheit
+Unannehmlichkeiten verursachen wollen, so liegt Bruch des Amtsgeheimnisses
+vor. Dann denunziere ich Sie der Aerztekammer, stelle Strafantrag gegen Sie
+und biete allen meinen Einfluss auf, um Sie unmoeglich zu machen!" In
+hoechster Erregung, fast stimmlos: "Sie sehen mich zum Aeussersten
+entschlossen! Zwischen uns gibt es nur noch einen Kampf bis aufs Messer!"
+
+Doktor Heuteufel sah ihn neugierig an, er schuettelte den Kopf, sein
+Chinesenschnurrbart schaukelte, und er sagte: "Sie sind heiser."
+
+Diederich fuhr zurueck, er stammelte: "Was geht Sie das an?"
+
+"Gar nichts", sagte Heuteufel. "Es interessiert mich nur von frueher her,
+weil ich Ihnen so was ja immer vorausgesagt habe."
+
+"Was denn? Wollen Sie sich gefaelligst aeussern." Aber das lehnte Heuteufel
+ab. Diederich blitzte ihn an. "Ich muss Sie energisch auffordern, Ihre
+aerztliche Pflicht zu tun!"
+
+Er sei nicht sein Arzt, erwiderte Heuteufel. Darauf sank Diederichs
+herrische Miene zusammen, und er forschte klagend. "Manchmal hab' ich ja
+Schmerzen im Hals. Glauben Sie denn, dass es schlimmer wird? Hab' ich was
+zu befuerchten?"
+
+"Ich rate Ihnen, einen Spezialisten zu konsultieren."
+
+"Sie sind hier doch der einzige! Um Gottes willen, Herr Doktor, Sie
+versuendigen sich, ich habe eine Familie zu erhalten."
+
+"Dann sollten Sie weniger rauchen, auch weniger trinken. Gestern abend war
+es zuviel."
+
+"Ach so." Diederich richtete sich auf. "Sie goennen mir den Sekt nicht. Und
+dann wegen der Huldigungsadresse."
+
+"Wenn Sie unlautere Motive bei mir vermuten, brauchen Sie mich nicht zu
+fragen."
+
+Aber Diederich flehte schon wieder. "Sagen Sie mir wenigstens, ob ich
+Krebs kriegen kann."
+
+Heuteufel blieb streng. "Nun, Sie waren schon immer skrofuloes und
+rachitisch. Sie haetten nur dienen sollen, dann waeren Sie nicht so
+aufgeschwemmt."
+
+Schliesslich liess er sich zu einer Untersuchung herbei und nahm eine
+Pinselung des Kehlkopfes vor. Diederich erstickte, rollte angstvoll die
+Augen und umklammerte den Arm des Arztes. Heuteufel zog den Pinsel heraus.
+"So komm' ich natuerlich nicht hin." Er feixte durch die Nase. "Sie sind
+noch wie frueher."
+
+Sobald Diederich wieder zu Luft gekommen war, machte er sich fort aus
+dieser Schreckenskammer. Vor dem Hause, noch mit Traenen in den Augen,
+stiess er auf den Assessor Jadassohn. "Nanu?" sagte Jadassohn. "Ist Ihnen
+die Kneiperei nicht bekommen? Und ausgerechnet zu Heuteufel gehen Sie?"
+
+Diederich versicherte, sein Befinden sei glaenzend. "Aber aufgeregt hab'
+ich mich ueber den Menschen! Ich gehe hin, weil ich es als meine Pflicht
+betrachte, eine befriedigende Erklaerung zu verlangen fuer die gestrigen
+Aeusserungen dieses Herrn Lauer. Mit Lauer selbst zu verhandeln, hat fuer
+einen Mann von meiner korrekten Gesinnung natuerlich nichts Verlockendes."
+
+Jadassohn schlug vor, in Klappsch' Bierstube einzutreten.
+
+"Ich gehe also hin," fuhr Diederich drinnen fort, "in der Absicht, die
+ganze Geschichte mit der Besoffenheit des betreffenden Herrn zu
+entschuldigen, schlimmstenfalls mit seiner zeitweiligen Geistesumnachtung.
+Was meinen Sie statt dessen? Frech wird der Heuteufel. Markiert
+Ueberlegenheit. Uebt zynische Kritik an unserer Huldigungsadresse und, Sie
+werden es nicht glauben, sogar an dem Telegramm Seiner Majestaet!"
+
+"Nun, und?" fragte Jadassohn, dessen Hand sich mit Fraeulein Klappsch
+beschaeftigte.
+
+"Fuer mich gibt es kein Und mehr! Ich bin mit dem Herrn fertig fuers Leben!"
+rief Diederich, trotz dem schmerzlichen Bewusstsein, dass er am Mittwoch
+wieder zum Pinseln musste. Jadassohn versetzte schneidend:
+
+"Aber ich nicht." Und da Diederich ihn ansah: "Es gibt naemlich eine
+Behoerde, die sich die Koenigliche Staatsanwaltschaft nennt und die fuer
+Leute wie diese Herren Lauer und Heuteufel ein nicht zu unterschaetzendes
+Interesse hegt." Damit liess er Fraeulein Klappsch los und bedeutete ihr,
+sie moege verschwinden.
+
+"Wie meinen Sie das"? fragte Diederich, unheimlich beruehrt.
+
+"Ich denke Anklage wegen Majestaetsbeleidigung zu erheben."
+
+"Sie?"
+
+"Jawohl, ich. Staatsanwalt Feifer hat Krankheitsurlaub, ich bin dran. Und,
+wie ich unmittelbar nach dem gestrigen Vorfall vor Zeugen festgestellt
+habe, war ich bei der Veruebung des Deliktes nicht anwesend, bin also
+keineswegs verhindert, in dem Prozess die Anklagebehoerde zu vertreten."
+
+"Aber wenn niemand die Sache anzeigt!"
+
+Jadassohn laechelte grausam. "Das haben wir, Gott sei Dank, nicht noetig ...
+Uebrigens erinnere ich Sie daran, dass Sie selbst gestern abend sich uns als
+Zeugen anboten."
+
+"Davon weiss ich nichts", sagte Diederich schnell.
+
+Jadassohn klopfte ihm auf die Schulter. "Sie werden sich an alles wieder
+erinnern, hoffe ich, wenn Sie unter Ihrem Eid stehen." Da entruestete
+Diederich sich. Er ward so laut, dass Klappsch diskret in das Zimmer
+spaehte.
+
+"Herr Assessor, ich muss mich sehr wundern, dass Sie private Aeusserungen
+meinerseits -. Sie haben offenbar die Absicht, mit Hilfe eines politischen
+Prozesses schneller Staatsanwalt zu werden. Aber ich moechte wissen, was
+mich Ihre Karriere angeht."
+
+"Na und mich die Ihre?" fragte Jadassohn.
+
+"So. Dann sind wir Gegner?"
+
+"Ich hoffe, es wird sich vermeiden lassen." Und Jadassohn setzte ihm
+auseinander, dass er keinen Grund habe, den Prozess zu fuerchten. Saemtliche
+Zeugen der Vorgaenge im Ratskeller wuerden dasselbe aussagen muessen wie er
+selbst: auch Lauers Freunde. Diederich werde sich keineswegs zu weit
+vorwagen ... Das habe er leider schon getan, erwiderte Diederich, denn
+schliesslich sei er es, der mit Lauer den Krach gehabt habe. Aber Jadassohn
+beruhigte ihn. "Wer fragt danach. Es handelt sich darum, ob die
+inkriminierten Worte von seiten des Herrn Lauer gefallen sind. Sie machen,
+wie die anderen Herren, einfach Ihre Aussage, wenn Sie wollen, mit
+Vorsicht."
+
+"Mit grosser Vorsicht!" versicherte Diederich. Und angesichts von
+Jadassohns teuflischer Miene: "Wie komme ich dazu, einen anstaendigen
+Menschen wie Lauer ins Gefaengnis zu bringen? Jawohl, einen anstaendigen
+Menschen! Denn eine politische Gesinnung ist in meinen Augen keine
+Schande!"
+
+"Besonders nicht bei dem Schwiegersohn des alten Buck, den Sie vorlaeufig
+noch brauchen", schloss Jadassohn - und Diederich liess den Kopf sinken.
+Dieser juedische Streber beutete ihn schamlos aus, und er konnte nichts
+machen! Da sollte man noch an Freundschaft glauben. Er sagte sich wieder
+einmal, dass alle gerissener und brutaler im Leben vorgingen als er selbst.
+Die grosse Aufgabe war: wie ward man energisch. Er setzte sich stramm hin
+und blitzte. Mehr unternahm er lieber nicht; bei einem Herrn von der
+Staatsanwaltschaft konnte man nie wissen ... Uebrigens lenkte Jadassohn zu
+etwas anderem ueber.
+
+"Wissen Sie schon, dass in der Regierung und bei uns im Gericht ganz
+sonderbare Geruechte umgehen - ueber das Telegramm Seiner Majestaet an den
+Regimentskommandeur? Der Oberst soll naemlich behaupten, er habe gar kein
+Telegramm bekommen."
+
+Diederich behielt, trotz innerem Erbeben, eine feste Stimme. "Aber es hat
+doch in der Zeitung gestanden!" Jadassohn grinste zweideutig. "Da steht
+gar zuviel." Er liess sich von Klappsch, der seine Glatze wieder in die Tuer
+schob, die "Netziger Zeitung" bringen. "Sehen Sie, in der Nummer hier
+steht ueberhaupt nichts, was nicht auf Seine Majestaet Bezug hat. Der
+Leitartikel beschaeftigt sich mit dem Allerhoechsten Bekenntnis zum
+geoffenbarten Glauben. Dann kommt das Telegramm an den Obersten, dann das
+Lokale mit der Heldentat des Postens und das Vermischte mit drei Anekdoten
+ueber die kaiserliche Familie."
+
+"Es sind recht ruehrende Geschichten", bemerkte Klappsch und verdrehte die
+Augen.
+
+"Zweifellos!" beteuerte Jadassohn; und Diederich: "Sogar so ein
+freisinniges Hetzblatt muss die Bedeutung Seiner Majestaet anerkennen!"
+
+"Aber bei dem loeblichen Eifer waere es schliesslich moeglich, dass die
+Redaktion die Allerhoechste Depesche eine Nummer zu frueh gebracht hat -
+noch vor ihrer Absendung." "Ausgeschlossen!" entschied Diederich. "Der
+Stil Seiner Majestaet ist unverkennbar." Auch Klappsch wollte ihn erkennen.
+Jadassohn gab zu: "Nun ja ... Weil man nie wissen kann, darum dementieren
+wir auch nicht. Wenn der Oberst nichts bekommen hat, die Netziger Zeitung
+koennte es ja direkt aus Berlin haben. Wulckow hat sich den Redakteur
+Nothgroschen kommen lassen, aber der Kerl verweigert die Aussage. Der
+Praesident hat gespuckt, er ist selbst zu uns gekommen wegen des
+Zeugniszwangverfahrens gegen Nothgroschen. Schliesslich haben wir davon
+abgesehen und warten lieber das Dementi aus Berlin ab - weil man eben
+nicht wissen kann."
+
+Da Klappsch in die Kueche gerufen ward, setzte Jadassohn noch hinzu:
+"Komisch, wie? Allen kommt die Geschichte verdaechtig vor, aber niemand
+will vorgehen, weil in diesem Fall - in diesem ganz besonderen Fall" -
+sagte Jadassohn mit perfider Betonung, und seine ganze Miene, sogar die
+Ohren sahen perfid aus, "gerade das Unwahrscheinliche am meisten Aussicht
+hat, Ereignis zu werden."
+
+Diederich war starr: nie haette ihm so schwarzer Verrat getraeumt. Jadassohn
+bemerkte sein Entsetzen und verwirrte sich, er fing an zu zappeln. "Nu,
+der Mann hat seine Schwaechen - Ihnen gesagt." Diederich versetzte, fremd
+und drohend: "Gestern abend schienen Sie davon noch nichts zu wissen."
+Jadassohn entschuldigte sich: der Sekt mache natuerlich unkritisch. Ob Herr
+Doktor Hessling denn die Begeisterung der uebrigen Herren so ernst genommen
+habe. Einen groesseren Noergler als den Major Kunze gebe es ueberhaupt
+nicht ... Diederich zog sich mit seinem Stuhle zurueck, ihm ward kalt, als
+finde er sich ploetzlich in einer Verbrecherhoehle. Mit aeusserster Energie
+sagte er: "Auf die nationale Gesinnung der uebrigen Herren hoffe ich mich
+ebenso verlassen zu koennen wie auf meine eigene, an der zu zweifeln ich
+mir auf das allerbestimmteste verbitten muesste."
+
+Jadassohn hatte seine schneidige Stimme zurueck. "Soll das etwa einen
+Zweifel in bezug auf meine Person involvieren, so weise ich ihn mit
+gebuehrender Entruestung zurueck." Kraehend, so dass Klappsch in die Tuer
+spaehte: "Ich bin der Koenigliche Assessor Doktor Jadassohn und stehe auf
+Wunsch zur Verfuegung."
+
+Darauf musste Diederich wohl murmeln, dass er es so nicht gemeint habe. Dann
+aber zahlte er. Die Verabschiedung war kuehl.
+
+Auf dem Heimwege schnaufte Diederich. Haette er sich nicht
+entgegenkommender verhalten sollen mit Jadassohn? Fuer den Fall, dass
+Nothgroschen redete? Jadassohn hatte ihn freilich noetig, in dem Prozess
+gegen Lauer! Auf alle Faelle war es gut, dass Diederich jetzt Bescheid wusste
+ueber den wahren Charakter dieses Herrn! "Seine Ohren sind mir gleich
+verdaechtig vorgekommen! Wirklich national empfinden kann man eben doch
+nicht mit solchen Ohren."
+
+Zu Hause nahm er sogleich den Berliner "Lokal-Anzeiger" vor. Da waren
+schon die Kaiseranekdoten fuer die "Netziger Zeitung" von morgen.
+Vielleicht kamen sie auch erst uebermorgen, fuer alle war dort nicht Platz.
+Aber er suchte weiter; seine Haende zitterten ... Da! Er musste sich setzen.
+"Ist dir was, mein Sohn?" fragte Frau Hessling. Diederich starrte die
+Buchstaben an, wie ein Maerchen, das Wahrheit ward. Da stand es, unter
+anderen unbezweifelten Dingen, in dem einzigen Blatt, das Seine Majestaet
+selbst las! Innerlich, in so tiefer Seele, dass er es selbst kaum hoerte,
+murmelte Diederich: "Mein Telegramm." Das bange Glueck sprengte ihn fast.
+Konnte es sein? Hatte er richtig vorausempfunden, was der Kaiser sagen
+wuerde? Sein Ohr reichte in diese Ferne? Sein Gehirn arbeitete gemeinsam
+mit -? Die unerhoertesten mystischen Beziehungen ueberwaeltigten ihn ... Aber
+das Dementi konnte noch kommen, er konnte zurueckgeschleudert werden in
+sein Nichts! Diederich verbrachte eine angstvolle Nacht, und am Morgen
+stuerzte er sich auf den Lokalanzeiger. Die Anekdoten. Die
+Denkmalsenthuellung. Die Rede. "Aus Netzig." Da stand von den Ehrungen, die
+dem Gefreiten Emil Pacholke zuteil geworden waren, fuer seinen vor dem
+inneren Feind bewiesenen Mut. Alle Offiziere, der Oberst an der Spitze,
+hatten ihm die Hand gedrueckt. Er hatte Geldgeschenke bekommen.
+"Bekanntlich hat der Kaiser den braven Soldaten schon gestern
+telegraphisch zum Gefreiten befoerdert." Da stand es! Kein Dementi: eine
+Bestaetigung! Er machte Diederichs Worte zu den seinen, und er fuehrte die
+Handlung aus, die Diederich ihm untergelegt hatte!... Diederich breitete
+das Zeitungsblatt weit aus; er sah sich darin wie in einem Spiegel, und um
+seine Schultern lag Hermelin.
+
+
+
+Diesen Sieg und Diederichs schwindelnde Erhoehung, leider durfte kein Wort
+sie verraten, aber sein Wesen genuegte, die Straffheit in Haltung und
+Sprache, das Herrscherauge. Familie und Werkstatt verstummten um ihn her.
+Soetbier selbst musste zugeben, dass ein forscherer Zug in den Betrieb
+gekommen sei. Und Napoleon Fischer schlich, je aufrechter und heller
+Diederich dastand, desto affenaehnlicher vorbei, die Arme nach vorn
+haengend, mit schiefem Blick und den fletschenden Zaehnen in seinem duennen
+schwarzen Bart: als der Geist des gebaendigten Umsturzes ... Dies war der
+Moment, gegen Guste Daimchen vorzugehen. Diederich machte Besuch.
+
+Frau Oberinspektor Daimchen empfing ihn zuerst allein, auf ihrem alten
+Plueschsofa, aber in einem braunen Seidenkleid mit lauter Schleifen, und
+die Haende breitete sie, rot und geschwollen wie die einer Waschfrau, vor
+sich hin auf ihren Bauch, so dass der Gast die neuen Ringe immer vor Augen
+hatte. Aus Verlegenheit gestand er seine Bewunderung, worauf Frau Daimchen
+sich bereitwillig darueber ausliess, dass sie und ihre Guste es nun Gott sei
+Dank zu allem haetten. Sie wuessten nur noch nicht, ob sie sich altdeutsch
+oder Louis kaes einrichten sollten. Diederich riet lebhaft zu altdeutsch;
+er habe es in Berlin in den feinsten Haeusern gesehen. Aber Frau Daimchen
+war misstrauisch. "Wer weiss, ob Sie so feine Leute wie uns schon besucht
+haben. Lassen Sie man, ich kenne das, wenn man so tun muss, als ob man was
+hat, und hat nichts." Hierauf schwieg Diederich ratlos, und Frau Daimchen
+trommelte sich mit Genugtuung auf den Bauch. Zum Glueck trat Guste ein,
+heftig rauschend. Diederich schwang sich elastisch aus seinem Fauteuil,
+sagte schnarrend: "Gnaedigstes Fraeulein!" und unternahm einen Handkuss.
+Guste lachte. "Reissen Sie sich nur kein Bein aus!" Aber sie troestete ihn
+gleich wieder. "Man sieht sofort, was ein feiner Mann ist. Der Herr
+Leutnant von Brietzen macht es auch so."
+
+"Ja, ja," sagte Frau Daimchen, "bei uns verkehren alle Herren Offiziere.
+Gestern sag' ich noch zu Guste: Guste, sag' ich, auf jede Sitzgelegenheit
+koennen wir eine Freiherrnkrone sticken lassen, denn ueberall hat sich schon
+einer draufgesetzt."
+
+Guste verzog den Mund. "Aber was die Familien betrifft und sonst
+ueberhaupt, ist Netzig doch reichlich spiessig. Ich glaube, wir ziehen nach
+Berlin." Damit war Frau Daimchen nicht einverstanden. "Man soll den Leuten
+den Gefallen nicht tun", meinte sie. "Die alte Harnisch ist erst heute,
+wie sie mein Seidenkleid gesehen hat, fast zerplatzt."
+
+"So ist Mutter nun mal," sagte Guste. "Wenn sie renommieren kann, ist
+alles gut. Aber ich denke doch auch an meinen Verlobten. Wissen Sie, dass
+Wolfgang sein Staatsexamen gemacht hat? Was soll er hier in Netzig? In
+Berlin kann er mit unserem vielen Geld was werden." Diederich bestaetigte:
+"Er wollte ja schon immer Minister oder so was werden." Leis hoehnisch
+setzte er hinzu: "Das soll ja ganz leicht sein."
+
+Guste nahm sofort eine feindliche Haltung ein. "Der Sohn vom alten Herrn
+Buck ist eben nicht jeder", sagte sie spitz. Aber Diederich setzte,
+weltmaennisch ueberlegen, auseinander, dass es heute auf Dinge ankomme, die
+der Einfluss des alten Buck nicht verleihen koenne: Persoenlichkeit,
+grosszuegigen Unternehmungsgeist und vor allem eine stramm nationale
+Gesinnung. Das junge Maedchen unterbrach ihn nicht mehr, sie sah sogar mit
+Respekt auf seine kuehnen Schnurrbartspitzen. Aber das Bewusstsein, Eindruck
+zu machen, riss ihn zu weit fort. "Von alledem habe ich bei Herrn Wolfgang
+Buck noch nichts bemerkt", sagte er. "Der philosophiert und noergelt, und
+im uebrigen soll er sich ziemlich viel amuesieren ... Na," schloss er, "seine
+Mutter war ja auch eine Schauspielerin." Und er sah fort, obwohl er
+fuehlte, dass Gustes drohender Blick ihn suchte.
+
+"Was wollen Sie damit sagen?" fragte sie. Er tat ueberrascht.
+
+"Ich, gar nichts. Ich meinte, wie reiche junge Leute in Berlin nun mal
+leben. Bucks sind doch eine vornehme Familie."
+
+"Das wollen wir hoffen", sagte Guste schroff. Frau Daimchen, die gegaehnt
+hatte, erinnerte an die Schneiderin, Guste sah Diederich erwartungsvoll
+an, ihm blieb nichts uebrig, als aufzustehen und seine Verbeugungen zu
+machen. Den Handkuss unternahm er nicht mehr, mit Ruecksicht auf die
+gespannte Stimmung. Aber im Vorzimmer holte Guste ihn ein. "Wollen Sie es
+mir jetzt vielleicht sagen," fragte sie, "was Sie gemeint haben mit der
+Schauspielerin?"
+
+Er oeffnete den Mund, schnappte und schloss ihn wieder, stark erroetet. Um
+ein Haar haette er verraten, was seine Schwestern ihm ueber Wolfgang Buck
+erzaehlt hatten. Er sagte mit mitleidiger Stimme: "Fraeulein Guste, weil wir
+doch so alte Bekannte sind -. Ich wollte nur sagen, der Buck ist nichts
+fuer Sie. Er ist sozusagen erblich belastet von seiner Mutter her. Der Alte
+war doch auch zum Tode verurteilt. Und was ist denn sonst an den Bucks
+noch dran? Glauben Sie mir, man soll in keine Familie heiraten, mit der es
+bergab geht. Das ist Suende gegen sich selbst", setzte er noch hinzu. Aber
+Guste hatte die Haende in die Hueften gestemmt.
+
+"Bergab? Und mit Ihnen geht es wohl bergauf? Weil Sie sich im Ratskeller
+betrinken und dann den Leuten Krach machen? Die ganze Stadt spricht von
+Ihnen, und Sie moechten einer hochfeinen Familie was anhaengen. Bergab! Wer
+mein Geld kriegt, mit dem geht es ueberhaupt nicht bergab. Sie sind bloss
+neidisch, meinen Sie, ich weiss das nicht?" - und sie sah ihn an, die Augen
+voll Traenen der Wut. Ihm war sehr beklommen; er haette Lust gehabt, sich
+auf die Knie zu werfen, ihr die dicken kleinen Finger zu kuessen und dann
+die Traenen aus den Augen, - aber ging denn das? Inzwischen zog sie alle
+rosigen Fettpolster ihres Gesichtes herunter zu einem Ausdruck der
+Verachtung, machte kehrt und schlug die Tuer zu. Diederich stand mit
+angstklopfendem Herzen noch eine Weile da, dann trollte er sich, im Gefuehl
+seiner Kleinheit.
+
+Er bedachte, dass fuer ihn hier nichts zu machen gewesen sei; die Sache gehe
+ihn nichts an, Guste sei mit all ihrem Geld doch immer nur eine fette
+Gans, - und das beruhigte ihn. Wie dann eines Abends Jadassohn ihm
+mitteilte, was er in Magdeburg beim Gericht erfahren habe, da triumphierte
+Diederich. Fuenfzigtausend Mark, das war alles! Und deswegen ein Auftreten
+wie die Graefinnen? Ein Maedchen von dermassen schwindelhaftem Gebaren passte
+freilich besser zu den verkommenen Bucks als zu einem kernigen und
+treugesinnten Mann wie Diederich! Da war Kaethchen Zillich vorzuziehen.
+Aeusserlich Guste aehnlich und mit fast ebenso starken Reizen geschmueckt,
+empfahl sie sich ausserdem durch Gemuet und ein entgegenkommendes Wesen. Er
+kam oefter zum Kaffee und machte ihr eifrig den Hof. Sie warnte ihn vor
+Jadassohn, was Diederich als nur zu berechtigt anerkennen musste. Auch
+sprach sie mit aeusserster Missbilligung von Frau Lauer, die mit
+Landgerichtsrat Fritzsche -. Was Lauers Prozess betraf, war Kaethchen
+Zillich die einzige, die ganz auf Diederichs Seite stand.
+
+Denn diese Sache nahm fuer Diederich ein drohendes Gesicht an. Jadassohn
+hatte erreicht, dass die Staatsanwaltschaft durch einen Ermittelungsrichter
+die Zeugen jenes naechtlichen Vorfalls vernehmen liess; und so zurueckhaltend
+Diederich sich vor dem Richter geaeussert hatte, die anderen machten ihn
+verantwortlich fuer ihre Verlegenheiten. Die Herren Cohn und Fritzsche
+wichen ihm aus; der Bruder des Herrn Buck, ein so hoeflicher Mann, vermied
+seinen Gruss; Heuteufel pinselte ihn grausam, lehnte aber jedes
+Privatgespraech ab. An dem Tage, da es bekannt ward, dass das Gericht dem
+Fabrikbesitzer Lauer die Anklageschrift zugestellt habe, fand Diederich
+seinen Tisch im Ratskeller leer. Professor Kuehnchen zog sich eben den
+Mantel an, Diederich konnte ihn noch am Kragen packen. Aber Kuehnchen hatte
+es eilig, er musste im freisinnigen Waehlerverein gegen die neue
+Militaervorlage reden. Er entwischte; und Diederich dachte enttaeuscht jener
+sieghaften Nacht, als draussen das Blut des inneren Feindes, hier aber Sekt
+geflossen war, und als unter den Nationalgesinnten Kuehnchen der
+kriegslustigste gewesen war. Jetzt sprach er gegen die Vermehrung unseres
+ruhmreichen Heeres!... Diederich sah, einsam und verlassen, in seinen
+Daemmerschoppen; da erschien Major Kunze.
+
+"Nanu, Herr Major," sagte Diederich mit erzwungener Munterkeit, "von Ihnen
+hoert man gar nichts mehr."
+
+"Von Ihnen um so mehr." Der Major knurrte, blieb in Hut und Mantel stehen
+und sah sich um, wie in einer Schneewueste. "Kein Mensch da!"
+
+"Wenn ich Sie zu einem Glas Wein einladen darf -" wagte Diederich zu
+sagen, aber er kam uebel an. "Danke, Ihr Sekt liegt mir noch im Magen." Der
+Major bestellte Bier und sass da, stumm und mit einem Gesicht zum Fuerchten.
+Um nur das schreckliche Schweigen zu beenden, sagte Diederich drauf los:
+"Nun, und der Kriegerverein, Herr Major? Ich habe immer geglaubt, ich
+wuerde einmal etwas hoeren ueber meine Aufnahme."
+
+Der Major sah ihn lange nur an, als wollte er ihn fressen. "Ach so. Sie
+haben geglaubt. Sie haben wohl auch geglaubt, es wuerde mir eine Ehre sein,
+wenn Sie mich in Ihre Skandalaffaere hineinziehen?"
+
+"Meine?" stotterte Diederich. Der Major donnerte. "Jawohl, Herr! Ihre! Dem
+Herrn Fabrikbesitzer Lauer ist mal ein Wort zu viel ausgerutscht, das kann
+vorkommen, sogar bei alten Soldaten, die sich fuer ihren Koenig haben zu
+Krueppeln schiessen lassen. Sie aber haben den Herrn Lauer raffinierterweise
+zu seinen unbedachten Aeusserungen verleitet. Das bin ich bereit, vor dem
+Untersuchungsrichter zu bekunden. Den Lauer kenne ich: der war in
+Frankreich mit und ist in unserem Kriegerverein. Sie, Herr, wer sind Sie?
+Weiss ich, ob Sie ueberhaupt gedient haben? Her mit Ihren Papieren!"
+
+Diederich griff in die Brusttasche. Er wuerde stramm gestanden haben, wenn
+der Major es befohlen haette. Der Major hielt sich den Militaerpass weit von
+den Augen fort. Ploetzlich warf er ihn hin, er feixte grimmig. "Na also.
+Landsturm mit der Waffe. Hab' ich es nicht gesagt? Plattfuesse
+wahrscheinlich." Diederich war bleich, bebte bei jedem Wort des Majors und
+hielt beschwoerend die Hand vor sich hin. "Herr Major, ich gebe Ihnen mein
+Ehrenwort, dass ich gedient habe. Infolge eines Ungluecksfalles, der mir nur
+zur Ehre gereicht, musste ich nach drei Monaten austreten ..."
+
+"Solche Ungluecksfaelle kennen wir ... Zahlen!"
+
+"Sonst waere ich ganz dabei geblieben", sagte Diederich noch, mit
+fliegender Stimme. "Ich war mit Leib und Seele Soldat, fragen Sie meine
+Vorgesetzten."
+
+"'n Abend." Der Major hatte schon den Mantel an. "Ich will Ihnen bloss noch
+sagen, Herr: wer nicht gedient hat, den gehen die Majestaetsbeleidigungen
+anderer Leute den Teufel an. Majestaet legt keinen Wert auf nicht gediente
+Herrschaften ... Gruetzmacher," sagte er zum Wirt, "Sie sollten sich Ihr
+Publikum genauer ansehen. Wegen eines Gastes, der mal zuviel da ist, ist
+nun der Herr Lauer beinahe verhaftet worden, und ich muss mit meinem
+steifen Bein zu Gericht als Belastungszeuge und es mit allen Leuten
+verderben. Der Harmonieball ist schon abgesagt, ich bin beschaeftigungslos,
+und wenn ich hier zu Ihnen komme -" er warf wieder einen Blick wie ueber
+Schneewuesten - "ist kein Mensch da. Ausser, natuerlich, der Denunziant!"
+schrie er noch auf der Treppe.
+
+"Mein Ehrenwort, Herr Major -" Diederich lief hinterher, "ich habe keine
+Anzeige erstattet, das Ganze ist ein Missverstaendnis." Der Major war schon
+draussen, Diederich rief ihm nach: "Wenigstens bitte ich um Ihre
+Diskretion!"
+
+Er trocknete die Stirn. "Herr Gruetzmacher, Sie muessen doch einsehen -"
+sagte er, mit Traenen in der Stimme. Da er Wein bestellte, sah der Wirt
+alles ein.
+
+Diederich trank und schuettelte wehmuetig den Kopf. Diese Fehlschlaege
+begriff er nicht. Seine Absichten waren rein gewesen, nur die Tuecke seiner
+Feinde verdunkelte sie ... Da erschien der Landgerichtsrat Dr. Fritzsche,
+sah sich zoegernd um, - und als er Diederich wirklich ganz allein fand, kam
+er zu ihm. "Herr Doktor Hessling," sagte er und gab ihm die Hand, "Sie
+sehen ja aus, als ob Ihnen die Ernte verhagelt waer." In einem grossen
+Betrieb, murmelte Diederich, gebe es freilich immer Aerger. Aber da er die
+mitfuehlende Miene des anderen sah, erweichte er sich vollends. "Ihnen kann
+ich es sagen, Herr Landgerichtsrat, die Sache mit dem Herrn Lauer ist mir
+verdammt unangenehm."
+
+"Ihm noch mehr", sagte Fritzsche, nicht ohne Strenge. "Wenn bei ihm nicht
+jeder Fluchtverdacht ausgeschlossen waere, haetten wir ihn gleich heute
+verhaften lassen muessen." Er sah Diederich erbleichen und fuegte hinzu:
+"Was sogar uns Richtern peinlich gewesen waere. Schliesslich ist man Mensch
+und lebt unter Menschen. Aber natuerlich -" Er befestigte seinen Klemmer
+und machte sein trockenes Gesicht. "Das Gesetz muss befolgt werden. Wenn
+Lauer an dem betreffenden Abend - ich selbst hatte das Lokal ja schon
+verlassen - tatsaechlich die unerhoerten Majestaetsbeleidigungen geaeussert
+hat, die von der Anklage behauptet werden, und fuer die Sie als Hauptzeuge
+aufgestellt sind -"
+
+"Ich?" Diederich fuhr verzweifelt auf. "Ich habe nichts gehoert! Kein
+Wort!"
+
+"Dagegen spricht Ihre Aussage vor dem Ermittelungsrichter."
+
+Diederich verwirrte sich. "Im ersten Moment weiss man doch nicht, was man
+sagen soll. Aber wenn ich mir den fraglichen Vorgang jetzt rekonstruiere,
+dann scheint es mir doch, dass wir alle ziemlich stark angeheitert waren.
+Ich besonders."
+
+"Sie besonders", wiederholte Fritzsche.
+
+"Ja, und da habe ich wohl anzuegliche Fragen an Herrn Lauer gestellt. Was
+er mir darauf geantwortet hat, das koennte ich jetzt nicht mehr beschwoeren.
+Das Ganze war doch ueberhaupt nur ein Scherz."
+
+"Ach so: ein Scherz." Fritzsche atmete auf. "Ja, aber was hindert Sie
+denn, das einfach dem Richter zu sagen?" Er erhob den Finger. "Ohne dass
+ich natuerlich im geringsten Ihre Aussage beeinflussen moechte."
+
+Diederich erhob die Stimme. "Dem Jadassohn vergess ich den Streich nicht!"
+Und er berichtete die Machenschaften dieses Herrn, der sich waehrend der
+Szene vorsaetzlich entfernt habe, um nicht als Zeuge in Betracht zu kommen;
+der dann sofort Material fuer die Anklage gesammelt, den halb
+unzurechnungsfaehigen Zustand der Anwesenden missbraucht und sie von
+vornherein festgelegt habe mit ihren Aussagen. "Herr Lauer und ich, wir
+halten einander fuer Ehrenmaenner. Wie untersteht sich so ein Jude, uns zu
+verhetzen!"
+
+Fritzsche erklaerte ernst, dass hier nicht Jadassohns Persoenlichkeit in
+Betracht komme, sondern nur das Vorgehen der Staatsanwaltschaft. Freilich
+war zuzugeben, dass Jadassohn vielleicht zum Uebereifer neigte. Mit
+gedaempfter Stimme setzte er hinzu: "Sehen Sie, das ist eben der Grund,
+weshalb wir mit den juedischen Herren nicht gern zusammenarbeiten. Solch
+ein Herr legt sich nicht die Frage vor, welchen Eindruck es auf das Volk
+machen muss, wenn ein gebildeter Mann, ein Arbeitgeber, wegen
+Majestaetsbeleidigungen verurteilt wird. Sachliche Bedenken verschmaeht sein
+Radikalismus."
+
+"Sein juedischer Radikalismus", ergaenzte Diederich.
+
+"Er stellt unbedenklich sich selbst in den Vordergrund, - womit ich
+keineswegs leugnen will, dass er auch ein amtliches und nationales
+Interesse wahrzunehmen glaubt."
+
+"Wieso denn?" rief Diederich. "Ein gemeiner Streber, der mit unseren
+heiligsten Guetern spekuliert!"
+
+"Wenn man sich scharf ausdruecken will -" Fritzsche laechelte befriedigt. Er
+rueckte naeher. "Nehmen wir einmal an, ich waere Untersuchungsrichter: es
+gibt Faelle, in denen man gewissermassen Grund haette, sein Amt
+niederzulegen."
+
+"Sie sind mit dem Lauerschen Hause eng befreundet", sagte Diederich und
+nickte bedeutsam. Fritzsche machte sein weltmaennisches Gesicht. "Aber Sie
+begreifen, damit wuerde ich gewisse Geruechte ausdruecklich bestaetigen."
+
+"Das geht nicht", sagte Diederich. "Es waere gegen den Komment."
+
+"Mir bleibt nichts uebrig, als meine Pflicht zu tun, ruhig und sachlich."
+
+"Sachlich sein heisst deutsch sein", sagte Diederich.
+
+"Besonders, da ich annehmen darf, dass die Herren Zeugen mir meine Aufgabe
+nicht unnoetig erschweren werden." Diederich legte die Hand auf die Brust.
+"Herr Landgerichtsrat, man kann sich hinreissen lassen, wo es um eine grosse
+Sache geht. Ich bin eine impulsive Natur. Aber ich bleibe mir bewusst, dass
+ich fuer alles meinem Gott Rechenschaft schulde." Er schlug die Augen
+nieder. Mit maennlicher Stimme: "Auch ich bin der Reue zugaenglich." Dies
+schien Fritzsche zu genuegen, denn er zahlte. Die Herren schuettelten
+einander ernst und verstaendnisvoll die Haende.
+
+Schon am Tage darauf ward Diederich vor den Untersuchungsrichter geladen
+und stand vor Fritzsche. "Gott sei Dank", dachte er und machte mit
+treuherziger Sachlichkeit seine Aussagen. Auch Fritzsches einzige Sorge
+schien die Wahrheit zu sein. Die oeffentliche Meinung freilich blieb bei
+ihrer Parteilichkeit fuer den Angeklagten. Von der sozialdemokratischen
+"Volksstimme" nicht zu reden; sie verstieg sich bis zu hoehnischen
+Auslassungen ueber Diederichs Privatleben, hinter denen wohl sicher
+Napoleon Fischer zu suchen war. Aber auch die sonst so ruhige "Netziger
+Zeitung" gab gerade jetzt eine Ansprache des Herrn Lauer an seine Arbeiter
+wieder, worin der Fabrikbesitzer darlegte, dass er den Gewinn seines
+Unternehmens redlich mit allen denen teile, die daran mitgearbeitet
+hatten, ein Viertel den Beamten, ein Viertel den Arbeitern. In acht Jahren
+hatten sie ausser ihren Loehnen und Gehaeltern die Summe von 130 000 Mark
+unter sich zu verteilen gehabt. Dies machte auf weite Kreise den
+guenstigsten Eindruck. Diederich begegnete missbilligenden Gesichtern. Sogar
+der Redakteur Nothgroschen, den er zur Rede stellte, erlaubte sich ein
+anzuegliches Laecheln und sagte etwas von sozialen Fortschritten, die man
+mit nationalen Phrasen nicht aufhalte. Besonders peinlich waren die
+geschaeftlichen Folgen. Bestellungen, auf die Diederich rechnen durfte,
+blieben aus. Der Warenhausbesitzer Cohn teilte ihm ausdruecklich mit, dass
+er fuer seine Weihnachtskataloge die Papierfabrik Gausenfeld bevorzuge,
+weil er mit Ruecksicht auf seine Kunden sich politische Zurueckhaltung
+auferlegen muesse. Diederich erschien jetzt ganz frueh im Bureau, um solche
+Briefe abzufangen, aber Soetbier war immer noch frueher da, und das
+vorwurfsvolle Schweigen des alten Prokuristen erhoehte seine Wut. "Ich
+schmeiss den ganzen Krempel hin!" schrie er. "Sie und die Leute sollen dann
+sehen, wo sie bleiben. Ich mit meinem Doktor hab' morgen einen
+Direktorposten mit 40 000 Mark!" - "Ich opfere mich fuer euch!" schrie er
+die Arbeiter an, wenn sie gegen das Reglement Bier tranken. "Ich zahle
+drauf, nur um keinen zu entlassen."
+
+Gegen Weihnacht musste er dennoch einem Drittel der Leute aufsagen; Soetbier
+rechnete ihm vor, dass die Zahlungsfristen zu Beginn des Jahres sonst nicht
+eingehalten werden koennten, "da wir nun mal 2000 Mark als Anzahlung fuer
+den neuen Hollaender aufnehmen mussten"; und er blieb dabei, obwohl
+Diederich nach dem Tintenfass griff. In den Mienen der Uebriggebliebenen las
+er Misstrauen und Geringschaetzung. So oft mehrere zusammenstanden, glaubte
+er das Wort "Denunziant" zu hoeren. Napoleon Fischers knotige,
+schwarzbehaarte Haende hingen weniger tief ueber dem Boden, und es sah aus,
+als bekaeme er sogar Farbe.
+
+Am letzten Adventsonntag - das Landgericht hatte soeben die Eroeffnung des
+Hauptverfahrens beschlossen - predigte in der Marienkirche Pastor Zillich
+ueber den Text: "Liebet eure Feinde." Diederich erschrak beim ersten Wort.
+Bald fuehlte er, wie auch die Gemeinde unruhig ward. "Die Rache ist mein,
+spricht der Herr": Pastor Zillich rief es sichtlich nach dem Hesslingschen
+Stuhl hinueber. Emmi und Magda versanken ganz darin, Frau Hessling
+schluchzte. Diederich beantwortete drohend die Blicke, die ihn suchten.
+"Wer aber spricht Rache, der ist des Gerichts!" Da wandte sich alles um,
+und Diederich knickte zusammen.
+
+Zu Hause machten die Schwestern ihm eine Szene. Man behandelte sie
+schlecht in den Gesellschaften. Nie mehr ward der junge Oberlehrer
+Helferich neben Emmi gesetzt, er kuemmerte sich nur noch um Meta Harnisch,
+und sie wusste wohl warum. "Weil du ihm zu alt bist", sagte Diederich.
+"Nein, sondern weil du uns unbeliebt machst!" - "Die fuenf Toechter vom
+Bruder des Herrn Buck gruessen uns schon nicht mehr!" rief Magda. Und
+Diederich: "Ich werd' ihnen fuenf Ohrfeigen herunterhauen!" - "Das lass
+gefaelligst! An dem einen Prozess haben wir genug." Da verlor er die Geduld.
+"Ihr? Was gehen euch meine politischen Kaempfe an?"
+
+"Alte Jungfern werden wir noch, wegen deiner politischen Kaempfe!"
+
+"Das braucht ihr nicht erst zu werden. Ihr liegt mir hier unnuetz im Hause
+umher, ich rackere mich ab fuer euch, und ihr wollt auch noch noergeln und
+mir meine heiligsten Aufgaben verekeln? Dann schuettelt gefaelligst den
+Staub von euren Pantoffeln! Meinetwegen koennt ihr Kindermaedchen werden!"
+Und er schlug die Tuer zu, trotz Frau Hesslings gerungenen Haenden.
+
+So kamen denn traurige Weihnachten heran. Die Geschwister sprachen nicht
+miteinander; Frau Hessling verliess das verschlossene Zimmer, wo sie den
+Baum schmueckte, nie anders als mit verweinten Augen. Und am heiligen
+Abend, wie sie ihre Kinder hineinfuehrte, sang sie ganz allein und mit
+zitternder Stimme "Stille Nacht". "Dies schenkt Diedel seinen lieben
+Schwestern!" sagte sie und machte ein bittendes Gesicht, damit er sie
+nicht Luegen strafe. Emmi und Magda dankten ihm verlegen, er besah ebenso
+verlegen die Gaben, die angeblich von ihnen kamen. Es tat ihm leid, dass er
+die gewohnte Christbaumfeier der Arbeiter, trotz Soetbiers dringendem Rat,
+abgelehnt hatte, um die unbotmaessige Gesellschaft zu bestrafen. Sonst haette
+er jetzt mit den Leuten zusammensitzen koennen. Hier in der Familie war es
+eine kuenstliche Sache, eine Aufwaermung alter, verbrauchter Stimmung. Echt
+waere sie erst geworden durch eine, die nicht dabei war: Guste ... Der
+Kriegerverein war ihm verschlossen, und im Ratskeller haette er niemand
+gefunden, wenigstens keinen Freund. Diederich erschien sich
+vernachlaessigt, unverstanden und verfolgt. Wie fern lagen die harmlosen
+Zeiten der Neuteutonia, als man in langen, von Wohlwollen beseelten Reihen
+sang und Bier trank. Heute, im rauhen Leben, brachten keine wackeren
+Kommilitonen mehr einander ehrliche Schmisse bei, sondern lauter
+verraeterische Konkurrenten wollten sich gegenseitig an den Hals. "Ich
+passe nicht in diese harte Zeit", dachte Diederich, ass Marzipan von seinem
+Teller und traeumte in die Lichter des Weihnachtsbaumes. "Ich bin doch
+gewiss ein guter Mensch. Warum ziehen sie mich in so haessliche Dinge hinein
+wie dieser Prozess, und schaden mir dadurch auch geschaeftlich, so dass ich,
+ach lieber Gott! den Hollaender, den ich bestellt habe, nicht werde
+bezahlen koennen." Dabei schnitt es ihm kalt durch den Leib, Traenen traten
+ihm in die Augen, und damit die Mutter, die immer aengstlich nach seiner
+sorgenvollen Miene schielte, sie nicht saehe, stahl er sich in das dunkle
+Nebenzimmer. Er stuetzte die Arme auf das Klavier und schluchzte in die
+Haende. Draussen stritten Emmi und Magda um ein paar Handschuhe, und die
+Mutter wagte nicht zu entscheiden, wem sie beschert worden waren.
+Diederich schluchzte. Alles war fehlgeschlagen, in Politik, Geschaeft und
+Liebe. "Was hab' ich denn noch?" Er oeffnete das Klavier. Ihn froestelte, er
+war so unheimlich allein, dass er Angst hatte, ein Geraeusch zu machen. Die
+Toene kamen von selbst, seine Haende wussten es kaum. Aus Volksliedern,
+Beethoven und dem Kommersbuch klang es durcheinander in der Daemmerung, die
+sich traulich davon erwaermte, so dass einem wohlig dumpf im Kopf ward.
+Einmal meinte er, dass eine Hand ihm ueber den Scheitel streife. War es nur
+ein Traum? Nein, denn auf dem Klavier stand ploetzlich ein volles Bierglas.
+Die gute Mutter! Schubert, weiche Biederkeit, Gemuet der Heimat ... Es ward
+still, und er wusste es nicht - bis die Wanduhr schlug: eine Stunde war
+vergangen! "Das war meine Weihnacht", sagte Diederich und ging hinaus zu
+den anderen. Er fuehlte sich getroestet und gekraeftigt. Da die Schwestern
+noch immer wegen der Handschuhe maulten, erklaerte er sie fuer gemuetlos und
+steckte die Handschuhe ein, um sie fuer sich umzutauschen.
+
+
+
+Die ganze Festzeit ward verduestert durch die Sorge wegen des Hollaenders.
+Sechstausend Mark fuer einen neuen Patent-Hollaender System Maier! Das Geld
+war nicht da, und wie die Dinge lagen, nicht zu beschaffen. Es war ein
+unbegreifliches Verhaengnis, ein schaebiger Widerstand von Menschen und
+Dingen, der Diederich erbitterte. Wenn Soetbier nicht dabei war, schlug er
+mit dem Pultdeckel und schleuderte Briefordner in die Ecken. Fuer den neuen
+Herrn, der die Zuegel des Betriebes in seine feste Hand genommen hatte,
+mussten doch ohne weiteres neue Unternehmungen eintreten, die Erfolge
+warteten auf ihn, die Ereignisse hatten sich seiner Persoenlichkeit
+anzupassen!... Nach dem Zorn kam der Kleinmut, Diederich traf Vorkehrungen
+fuer den Fall einer Katastrophe. Er war sanft mit Soetbier: vielleicht
+konnte der Alte noch einmal helfen. Auch demuetigte er sich vor Pastor
+Zillich und bat ihn, den Leuten zu sagen, dass er mit der Predigt, von der
+alle sprachen, nicht auf ihn gezielt habe. Der Pastor versprach es auch,
+mit sichtlicher Reue, unter dem strafenden Blick seiner Gattin, die sein
+Versprechen bekraeftigte. Dann liessen die Eltern Kaethchen mit Diederich
+allein, und er war ihnen in seiner Niedergeschlagenheit so dankbar, dass er
+sich fast erklaert hatte. Kaethchens Jawort, das auf ihren lieben, dicken
+Lippen wartete, waere doch ein Erfolg gewesen, es haette ihm Bundesgenossen
+gebracht gegen die feindliche Welt. Aber der unbezahlbare Hollaender! Er
+wuerde ein Viertel der Mitgift verschlungen haben ... Diederich seufzte, er
+muesse nun wieder ins Geschaeft; und Kaethchen kniff die Lippen zusammen,
+ohne dass das Jawort zur Verwendung gelangt war.
+
+Ein Entschluss musste gefasst werden, denn die Ankunft des Hollaenders stand
+bevor. Diederich sagte zu Soetbier: "Ich rate den Leuten nur, ihn auf Tag
+und Stunde zu liefern, sonst geb' ich ihn ohne Gnade zurueck." Aber Soetbier
+erinnerte an das Gewohnheitsrecht, das den Fabriken einige Tage Spielraum
+lasse. Trotz Diederichs Heftigkeit blieb er dabei. Uebrigens traf die
+Maschine puenktlich ein. Sie war noch nicht ausgepackt, und schon wetterte
+Diederich. "Er ist zu gross! Die Leute haben mir garantiert, dass er kleiner
+sein soll als das alte System. Wozu kaufe ich ihn denn, wenn ich nicht mal
+Raum sparen soll!" Und er ging, sobald der Hollaender aufgestellt war, mit
+dem Metermass um ihn herum. "Er ist zu gross! Ich lass mich nicht
+beschwindeln! Bezeugen Sie mir, Soetbier, dass er zu gross ist!" Aber Soetbier
+klaerte mit unbeirrbarer Rechtlichkeit den Fehler in Diederichs Messungen
+auf. Schnaufend zog Diederich sich zurueck, um einen neuen Angriffsplan zu
+ersinnen. Er rief Napoleon Fischer herbei. "Wo ist denn der Monteur? Haben
+uns die Leute keinen Monteur mitgeschickt?" Und dann entruestete er sich.
+"Ich habe ihn doch bestellt!" log er. "Die Leute scheinen ihr Geschaeft zu
+verstehen. Ich werde mich nicht wundern, wenn ich fuer den Kerl taeglich
+zwoelf Mark bezahlen muss, und er glaenzt durch Abwesenheit. Wer stellt mir
+das Ungluecksding da nun auf?"
+
+Der Maschinenmeister behauptete, er verstehe sich darauf. Diederich bewies
+ihm ploetzlich grosses Wohlwollen. "Sie koennen sich denken: Ihnen zahl' ich
+lieber die Ueberstunden, als dass ich mein Geld fuer den fremden Menschen
+hinauswerfe. Schliesslich sind Sie ein alter Mitarbeiter." Napoleon Fischer
+zog die Brauen hinauf, sagte aber nichts. Diederich beruehrte seine
+Schulter. "Sehen Sie mal, lieber Freund," sagte er halblaut, "ich bin von
+dem Hollaender naemlich enttaeuscht. Auf den Bildern im Prospekt sah er
+anders aus. Die Messerwalze sollte doch viel breiter sein, wo bleibt da
+die groessere Leistungsfaehigkeit, die die Leute uns versprochen haben. Was
+meinen Sie? Halten Sie den Zug fuer gut? Ich fuerchte, der Stoff bleibt
+liegen." Napoleon Fischer sah Diederich an, pruefend, aber schon mit
+Verstaendnis. Man muesse es ausprobieren, meinte er zoegernd. Diederich
+vermied seinen Blick, er tat, als untersuchte er die Maschine. Dabei sagte
+er aufmunternd: "Also schoen. Sie stellen das Ding auf, ich zahle Ihnen die
+Ueberstunden mit fuenfundzwanzig Prozent Aufschlag, und dann tragen Sie in
+Gottes Namen gleich Stoff ein. Wir werden die Bescherung ja sehen."
+
+"Es wird wohl 'ne nette Bescherung sein", sagte der Maschinenmeister mit
+sichtlichem Entgegenkommen. Diederich griff, ehe er es selbst wusste, nach
+seinem Arm, Napoleon Fischer war ein Freund, ein Retter! "Kommen Sie mal
+mit, mein Lieber" - seine Stimme war bewegt. Er fuehrte Napoleon Fischer in
+das Wohnhaus, Frau Hessling musste ihm ein Glas Wein einschenken, und
+Diederich drueckte ihm, ohne hinzusehen, fuenfzig Mark in die Hand. "Ich
+verlass mich auf Sie, Fischer", sagte er. "Wenn ich Sie nicht haette, wuerde
+die Fabrik mich womoeglich hineinlegen. Zweitausend Mark hab' ich den
+Leuten schon in den Rachen geworfen."
+
+"Die muessen sie wieder hergeben", sagte der Maschinenmeister gefaellig.
+Diederich fragte dringend: "Das meinen Sie doch auch?"
+
+Und schon tags darauf, nach der Mittagspause, die er zu Versuchen mit dem
+Hollaender benutzt hatte, teilte Napoleon Fischer seinem Arbeitgeber mit,
+dass die neue Erwerbung nichts tauge. Der Stoff blieb liegen, man musste mit
+dem Ruehrscheit nachhelfen, wie bei jedem Hollaender aeltester Konstruktion.
+"Also der offenbare Schwindel!" rief Diederich. Auch brauchte der
+Hollaender mehr als zwanzig Pferdestaerken. "Das ist vertragswidrig! Muessen
+wir uns das gefallen lassen, Fischer?"
+
+"Das muessen wir uns nicht gefallen lassen", entschied der Maschinenmeister
+und strich mit seiner knotigen Hand ueber sein schwarz behaartes Kinn.
+Diederich sah ihn zum erstenmal fest an.
+
+"Dann koennen Sie mir also bezeugen, dass der Hollaender die bei Bestellung
+vereinbarten Bedingungen nicht erfuellt?"
+
+In Napoleon Fischers schuetterem Bart erschien ein duennes Laecheln. "Kann
+ich", sagte er. Diederich sah das Laecheln. Um so strammer machte er kehrt.
+"Na, dann sollen die Leute mich kennenlernen!" Sogleich schrieb er einen
+energisch gehaltenen Brief an Bueschli & Cie. in Eschweiler. Die Antwort
+kam umgehend. Man begreife seine Beanstandungen nicht, der neue
+Patenthollaender System Maier sei schon von mehreren Papierfabriken, deren
+Verzeichnis beiliege, aufgestellt und erprobt worden. Von einer
+Zuruecknahme und gar von einer Rueckerstattung der angezahlten 2000 Mark
+koenne daher nicht die Rede sein, vielmehr sei der Rest der vertragsmaessigen
+Kaufsumme sofort zu erlegen. Diederich schrieb darauf noch entschiedener
+als das erstemal und drohte mit einer Klage. Bueschli & Cie. versuchten
+nun, ihn zu beschwichtigen, sie empfahlen eine nochmalige Probe. "Sie
+haben Angst", sagte Napoleon Fischer, dem Diederich das Schreiben zeigte,
+und er fletschte die Zaehne. "Eine Klage koennen sie nicht brauchen, denn
+ihr Hollaender ist noch nicht genuegend eingefuehrt." "Stimmt", sagte
+Diederich. "Wir haben die Kerls in der Hand!" Und mit erbitterter
+Siegesgewissheit lehnte er jeden Vergleich und die angebotene
+Preisermaessigung schroff ab. Als dann mehrere Tage lang nichts weiter
+erfolgte, ward er freilich unruhig. Vielleicht warteten sie nun doch seine
+Klage ab? Vielleicht strengten sie selbst eine an! Unsicher suchte sein
+Blick, oftmals am Tage, Napoleon Fischer, der ihn von unten erwiderte. Sie
+sprachen nicht mehr miteinander. Wie aber Diederich eines Vormittags um
+elf Uhr beim zweiten Fruehstueck sass, brachte das Maedchen eine Karte:
+Friedrich Kienast, Prokurist der Firma Bueschli & Cie., Eschweiler; und
+indes Diederich sie noch hin und her wendete, trat der Besucher schon ein.
+An der Tuer blieb er stehen. "Pardon," sagte er, "es muss ein Irrtum sein.
+Man hat mich hier ins Haus gewiesen, aber ich komme naemlich geschaeftlich."
+
+Diederich hatte sich besonnen. "Ich kann es mir denken, aber das macht
+nichts, bitte, treten Sie doch naeher. Doktor Hessling ist mein Name. Hier
+ist meine Mutter und meine Schwestern Emmi und Magda."
+
+Der Herr trat naeher und verbeugte sich vor den Damen. "Friedrich Kienast",
+murmelte er. Er war gross, blondbaertig und trug einen braunen wolligen
+Jackettanzug. Alle drei Damen laechelten hingebend. "Darf ich fuer den Herrn
+ein Gedeck auflegen?" fragte Frau Hessling. Und Diederich: "Natuerlich. Herr
+Kienast fruehstueckt doch mit uns?"
+
+"Ich sage nicht nein", erklaerte der Vertreter von Bueschli & Cie., und er
+rieb sich die Haende. Magda legte ihm Buecklinge vor, die er schon lobte,
+waehrend er den ersten Bissen noch auf der Gabel hatte.
+
+Diederich fragte ihn, harmlos lachend:
+
+"Nuechtern machen Sie wohl auch nicht gern Geschaefte?" Herr Kienast lachte
+auch. "Bei den Geschaeften bin ich immer nuechtern." Diederich schmunzelte.
+"Na, dann werden wir uns wohl einigen." "Kommt darauf an, wie"; - und
+Kienasts schelmisch herausfordernde Worte begleitete ein Blick an Magda.
+Sie erroetete.
+
+Diederich schenkte dem Gast Bier ein. "Sie haben wohl sonst noch was vor
+in Netzig?" Worauf Kienast zurueckhaltend: "Man kann nie wissen."
+
+Versuchsweise sagte Diederich: "Bei Kluesing in Gausenfeld werden Sie
+nichts machen, er hat 'ne flaue Zeit." Und da der andere schwieg, dachte
+Diederich: "Sie haben ihn bloss wegen des Hollaenders hergeschickt, sie
+koennen keinen Prozess brauchen!" Da bemerkte er, dass Magda und der
+Vertreter von Bueschli & Cie. gleichzeitig tranken und ueber die Glaeser
+hinweg einander in die Augen sahen. Emmi und Frau Hessling sassen starr
+dabei. Diederich beugte sich schnaufend ueber seinen Teller; - ploetzlich
+aber fing er an, das Familienleben zu preisen. "Sie haben Glueck, mein
+lieber Herr Kienast, denn das zweite Fruehstueck ist ausgerechnet unsere
+schoenste Stunde am Tage. Wenn man so mitten aus der Arbeit hier
+herauskommt, dann merkt man doch wieder mal, dass man sozusagen auch Mensch
+ist. Na, und das braucht man."
+
+Kienast bestaetigte, dass man es brauche. Frau Hesslings Frage, ob er schon
+verheiratet sei, verneinte er und sah dabei auf Magdas Scheitel, denn sie
+hatte den Kopf gesenkt.
+
+Diederich stand auf und schlug die Hacken zusammen. "Herr Kienast," sagte
+er schnarrend, "ich stehe zu Ihrer Verfuegung."
+
+"Eine Zigarre nimmt Herr Kienast noch", bat Magda. Kienast liess sie sich
+von ihr anzuenden und hoffte, die Damen nochmals begruessen zu koennen, -
+wobei er Magda verheissungsvoll anlaechelte. Aber im Hof aenderte auch er
+vollstaendig den Ton. "Na ja, das sind auch noch alte, enge Lokalitaeten",
+bemerkte er kalt und wegwerfend. "Sie sollten mal unsere Anlagen sehen."
+
+"In einem Nest wie Eschweiler," erwiderte Diederich, genau so veraechtlich,
+"da ist es kein Kunststueck. Reissen Sie mal hier den Haeuserblock nieder!"
+Und dann rief er im schaerfsten Befehlston nach dem Maschinenmeister, damit
+er den neuen Hollaender in Betrieb setze. Da Napoleon Fischer nicht sofort
+kam, stuermte Diederich hin. "Sie sitzen wohl auf Ihren Ohren, Herr?" Aber
+sobald er ihm gegenueberstand, verstummte sein Geschrei; mit leiser,
+fliegender Stimme, die Augen angestrengt aufgerissen, sagte er: "Fischer,
+ich hab' es mir ueberlegt, ich bin mit Ihnen zufrieden, vom Ersten ab
+erhoehe ich Ihr Gehalt auf hundertachtzig Mark." Darauf nickte Napoleon
+Fischer kurz und verstaendnisvoll, und sie trennten sich. Sogleich begann
+Diederich wieder zu schreien. Die Leute hatten geraucht! Sie behaupteten,
+es sei nur seine eigene Zigarre, die er rieche. Zu dem Vertreter von
+Bueschli & Cie. sagte er: "Uebrigens bin ich versichert, aber Zucht muss
+sein. Tadelloser Betrieb, wie?"
+
+"Veraltetes Aggregat", entgegnete Herr Kienast, mit einem lieblosen Blick
+auf die Maschinen. Diederich versetzte hoehnisch: "Weiss ich, mein Bester.
+Aber so gut wie Ihr Hollaender allemal." Trotz Kienasts Protest fuhr er
+fort, die Leistungsfaehigkeit der einheimischen Industrie herabzusetzen.
+Mit seiner neuen Einrichtung warte er bis zu seiner Reise nach England. Er
+gehe grosszuegig vor. Seit er selbst an der Spitze des Betriebes stehe, sei
+das Geschaeft maechtig im Aufschwung. "Und es ist immer noch
+ausdehnungsfaehig." Er erfand. "Jetzt hab' ich Vertraege mit zwanzig
+Kreisblaettern. Die Berliner Warenhaeuser machen mich ueberhaupt
+wahnsinnig ..." Kienast unterbrach schneidend:
+
+"Dann haben Sie wohl gerade alles abgeliefert, denn ich sehe nirgends
+fertige Ware."
+
+Diederich empoerte sich. "Herr! Soll ich Ihnen was sagen? Erst gestern hab'
+ich an saemtliche kleinen Kunden ein Rundschreiben geschickt: bis zur
+Vollendung meines Neubaus koenne ich nichts mehr liefern."
+
+Der Maschinenmeister holte die Herren. Der neue Patenthollaender war halb
+gefuellt, aber die Stoffbewegung blieb noch sehr schwach, der Arbeiter half
+mit dem Ruehrscheit nach. Diederich hielt die Uhr in der Hand. "Na also.
+Sie behaupten, in Ihrem Hollaender braucht der Stoff fuer einen Umgang
+zwanzig bis dreissig Sekunden: ich zaehle schon fuenfzig ...
+Maschinenmeister, den Stoff ablassen ... Was ist denn los, das dauert ja
+ewig!"
+
+Kienast hatte sich ueber die Schale gebeugt. Er richtete sich auf, er
+laechelte gewitzigt. "Ja, wenn die Ventile verstopft sind ..." Und mit
+einem scharfen Blick in die Augen Diederichs, die nicht standhielten: "Was
+sonst noch mit dem Hollaender angestellt ist, kann ich in der Eile nicht
+sehen." Diederich fuhr empor, ploetzlich sehr rot. "Wollen Sie mir
+vielleicht insinuieren, dass ich mit meinem Maschinenmeister -?"
+
+"Ich habe nichts gesagt", stellte Kienast fest.
+
+"Das muesste ich mir auch energisch verbitten." Diederich blitzte. Auf
+Kienast schien es keinen Eindruck zu machen, er behielt seine kalten Augen
+und das abgefeimte Grinsen in seinem am Kinn auseinandergebuersteten Bart.
+Wenn er sich rasiert und den Schnurrbart bis zu den Augenwinkeln
+hinaufgebunden haben wuerde, er haette Aehnlichkeit mit Diederich bekommen!
+Er war eine Macht! Um so drohender trat Diederich auf. "Mein
+Maschinenmeister ist Sozialdemokrat: dass er mir einen Gefallen tun soll,
+ist lachhaft. Uebrigens mache ich, als Reserveoffizier, Sie auf die Folgen
+Ihrer Aeusserung aufmerksam!"
+
+Kienast trat in den Hof hinaus. "Lassen Sie das nur, Herr Doktor", sagte
+er kuehl. "In Geschaeften bin ich nuechtern, das hab' ich Ihnen schon beim
+Fruehstueck gesagt. Jetzt brauch' ich Ihnen nur noch zu wiederholen, dass wir
+den Hollaender in tadellosem Zustand geliefert haben und an Ruecknahme nicht
+denken." - Das werde man sehen, erklaerte Diederich. Einen Prozess hielten
+Bueschli & Cie. wohl fuer besonders wirksam, zur Einfuehrung ihres neuen
+Artikels? "Ich werde Ihnen in den Fachblaettern noch eine besondere
+Empfehlung mitgeben!" Darauf Kienast: auf Erpressungsversuche gehe er
+nicht ein. Und Diederich: einen satisfaktionsunfaehigen Knoten werfe man
+einfach hinaus. - Da erschien drueben im Haustor Magda.
+
+Sie hatte ihr Pelzjackett von Weihnacht an, und sie laechelte rosig. "Die
+Herren sind noch immer nicht fertig?" fragte sie schalkhaft. "Das Wetter
+ist doch so schoen, man muss ein bisschen hinaus vor dem Mittagessen. _A
+propos_", sagte sie gelaeufig. "Mama laesst fragen, ob Herr Kienast zum
+Abendessen kommt." Da Kienast erklaerte, er muesse leider danken, laechelte
+sie dringlicher. "Und mir wuerden Sie es auch abschlagen?" Kienast lachte
+bitter. "Ich wuerde nicht nein sagen, Fraeulein. Aber weiss ich denn, ob Ihr
+Herr Bruder -?" Diederich schnaufte, Magda sah ihn flehend an. "Herr
+Kienast", brachte er hervor. "Es wird mich freuen. Vielleicht, dass wir uns
+auch noch verstaendigen." Er hoffe es, sagte Kienast, worauf er sich
+weltmaennisch erbot, das Fraeulein ein Stueck zu begleiten. "Wenn mein Bruder
+nichts dagegen hat", sagte sie zuechtig und ironisch. Diederich erlaubte
+auch dies noch; - und dann sah er ihr erstaunt nach, wie sie mit dem
+Prokuristen von Bueschli & Cie. abzog. Was die auf einmal alles konnte!
+
+Wie er zum Mittagessen kam, hoerte er drinnen im Wohnzimmer die Schwestern
+mit scharfen Stimmen sprechen. Emmi warf Magda vor, sie benehme sich
+schamlos. "So macht man es denn doch nicht." - "Nein!" rief Magda. "Ich
+werde dich um Erlaubnis bitten." - "Das wuerde gar nichts schaden.
+Ueberhaupt bin ich an der Reihe!" - "Hast du sonst noch Sorgen?" - Und
+Magda schlug ein Hohngelaechter an. Da Diederich eintrat, verstummte sie
+sofort. Diederich rollte unzufrieden die Augen; aber Frau Hessling haette
+nicht noetig gehabt, hinter ihren Toechtern die Haende zu ringen: in den
+Weiberstreit einzugreifen, war unter seiner Wuerde.
+
+Beim Essen ward von dem Gast gesprochen. Frau Hessling ruehmte den soliden
+Eindruck, den er mache. Emmi erklaerte: wenn so ein Kommis nicht einmal
+solide sein sollte. Mit einer Dame reden koenne er ueberhaupt nicht. Magda
+behauptete entruestet das Gegenteil. Und da alle auf Diederichs
+Entscheidung warteten, entschloss er sich. Komment scheine der Herr
+freilich nicht viel zu haben. Akademische Bildung sei eben nicht zu
+ersetzen. "Aber als tuechtigen Geschaeftsmann hab' ich ihn kennengelernt."
+Emmi hielt sich nicht mehr.
+
+"Wenn Magda den Menschen heiraten will, ich erklaere, dass ich nicht mit
+euch verkehre. Das Kompott hat er mit dem Messer gegessen!"
+
+"Sie luegt!" Magda brach in Schluchzen aus. Diederich empfand Mitleid; er
+herrschte Emmi an:
+
+"Heirate du bitte einen regierenden Herzog, und dann lass' uns in Ruh'."
+
+Da legte Emmi Messer und Gabel hin und ging hinaus. Am Abend vor
+Geschaeftsschluss erschien Herr Kienast im Bureau. Er trug einen Gehrock,
+und sein Wesen war eher gesellschaftlich als geschaeftlich. Beide hielten,
+in stillem Einverstaendnis, das Gespraech hin, bis der alte Soetbier seine
+Sachen zusammenpackte. Als er sich, mit einem misstrauischen Blick,
+zurueckgezogen hatte, sagte Diederich:
+
+"Den Alten habe ich auf den Aussterbeetat gesetzt. Die wichtigeren Sachen
+mache ich allein."
+
+"Na, und haben Sie sich die unsere ueberlegt?" fragte Kienast.
+
+"Und Sie?" erwiderte Diederich. Kienast zwinkerte vertraulich.
+
+"Meine Vollmacht reicht eigentlich nicht so weit, aber ich nehme es auf
+meine Kappe. Geben Sie den Hollaender in Gottes Namen zurueck. Ein Defekt
+wird sich doch wohl finden."
+
+Diederich begriff. Er versprach: "Sie werden ihn finden." Kienast sagte
+sachlich:
+
+"Fuer unser Entgegenkommen verpflichten Sie sich, alle Ihre Maschinen
+vorkommendenfalls nur bei uns zu bestellen. Einen Moment!" bat er, da
+Diederich auffuhr. "Und ausserdem ersetzen Sie unsere Unkosten und meine
+Reise mit fuenfhundert Mark, die wir von Ihrer Anzahlung abziehen."
+
+"Aber hoeren Sie mal, das ist Wucher!" Diederichs Gerechtigkeitssinn
+empoerte sich laut. Auch Kienast erhob schon wieder die Stimme. "Herr
+Doktor!..." Diederich fasste sich gewaltsam, er legte dem Prokuristen die
+Hand auf die Schulter. "Gehen wir jetzt nur hinauf, die Damen warten."
+"Wir hatten uns so weit ganz gut verstanden", meinte Kienast besaenftigt.
+"Die kleine Differenz wird sich auch noch aufklaeren", verhiess Diederich.
+
+Droben roch es festlich. Frau Hessling glaenzte mit ihrem schwarzen
+Atlaskleid. Durch Magdas Spitzenbluse schimmerte mehr hindurch, als sie
+sonst im Familienkreis zum besten gab. Nur Emmis Anzug und Miene waren
+grau und alltaeglich. Magda wies dem Gast seinen Platz an und liess sich zu
+seiner Rechten nieder; und als man eben erst sass und sich noch raeusperte,
+sagte sie schon, mit fieberhaft belebten Augen: "Jetzt sind die Herren
+aber mit den dummen Geschaeften fertig." Diederich bestaetigte, sie seien
+glaenzend miteinander fertig geworden. Bueschli & Cie. seien kulante Leute.
+
+"Bei unserem Riesenbetrieb", erklaerte der Prokurist. "Zwoelfhundert
+Arbeiter und Beamte, eine ganze Stadt mit einem eigenen Hotel fuer die
+Kunden." Er lud Diederich ein. "Kommen Sie nur, bei uns leben Sie vornehm
+und umsonst." Und da Magda neben ihm an seinen Lippen hing, ruehmte er
+seine Stellung, seine Machtbefugnisse, die Villa, die er zur Haelfte
+bewohnte. "Wenn ich mich verheirate, kriege ich auch die andere Haelfte."
+
+Diederich lachte droehnend. "Dann waere es wohl das einfachste, Sie
+heirateten. Na prost!"
+
+Magda schlug die Augen nieder, und Herr Kienast ging zu etwas anderem
+ueber. Ob Diederich auch wisse, warum er ihm so leicht entgegengekommen
+sei? "Ihnen, Herr Doktor, hab' ich naemlich gleich angesehen, dass mit Ihnen
+spaeter noch grosse Sachen zu machen sein werden, - wenn es hier jetzt auch
+noch etwas kleine Verhaeltnisse sind", setzte er nachsichtig hinzu.
+Diederich wollte seine Grosszuegigkeit und die Ausdehnungsfaehigkeit seines
+Unternehmens beteuern, aber Kienast liess sich seinen Gedankengang nicht
+abschneiden. Menschenkenntnis sei naemlich seine Spezialitaet. Einen
+Geschaeftsfreund muesse man vor allem auch in seinem Heim aufsuchen. "Wenn
+da alles so wohl bestellt ist wie hier -"
+
+Gerade ward die duftende Gans aufgetragen, nach der Frau Hessling schon
+mehrmals heimlich ausgeblickt hatte. Schnell gab sie sich eine Miene, als
+sei die Gans eine hoechst gewoehnliche Erscheinung. Herr Kienast machte
+trotzdem eine anerkennende Pause. Frau Hessling fragte sich, ob sein Blick
+wirklich auf der Gans oder, hinter ihrem suessen Qualm, auf Magdas
+durchbrochener Bluse ruhe. Jetzt riss er sich los und ergriff sein Glas.
+"Und darum: auf die Familie Hessling, auf die verehrte muetterliche Hausfrau
+und ihre bluehenden Toechter!" Magda woelbte die Brust, um das Bluehen
+anschaulicher zu machen, und um so flacher sah Emmi aus. Auch stiess Herr
+Kienast zuerst mit Magda an.
+
+Diederich erwiderte seinen Toast. "Wir sind eine deutsche Familie. Wen wir
+in unser Haus aufgenommen haben, den nehmen wir auch in unsere Herzen
+auf." Er hatte Traenen in den Augen, indes Magda wieder einmal erroetete.
+"Und wenn es auch nur ein bescheidenes Haus ist, die Herzen sind treu." Er
+liess den Gast hochleben, der seinerseits versicherte, er sei immer fuer
+Bescheidenheit gewesen, "besonders in Familien, wo junge Maedchen sind."
+
+Frau Hessling griff ein. "Nicht wahr? Woher soll denn sonst ein junger Mann
+den Mut nehmen -? Meine Toechter schneidern alles selbst." Dies war fuer
+Herrn Kienast das Stichwort, sich ueber Magdas Bluse zu beugen behufs
+eingehender Wuerdigung.
+
+Zum Nachtisch schaelte sie ihm eine Apfelsine und nippte ihm zu Ehren vom
+Tokaier. Wie man dann ins Wohnzimmer ging, blieb Diederich, die Arme um
+seine beiden Schwestern geschlungen, in der Tuer stehen. "Ja, ja, Herr
+Kienast", sagte er mit tiefer Stimme. "Das ist der Familienfriede, den
+sehen Sie sich nur an, Herr Kienast!" Magda schmiegte sich, ganz
+Hingebung, an seine Schulter. Da Emmi von ihm fortstrebte, bekam sie
+rueckwaerts einen Stoss. "So geht es immer bei uns zu", fuhr Diederich fort.
+"Ich arbeite den ganzen Tag fuer die Meinen, und der Abend vereint uns dann
+hier beim Lampenschimmer. Um die Leute da draussen und den Kluengel unserer
+sogenannten Gesellschaft bekuemmern wir uns so wenig wie moeglich, wir haben
+an uns selbst genug."
+
+Hier gelang es Emmi, sich loszumachen; man hoerte sie draussen eine Tuer
+zuschlagen. Ein um so zaertlicheres Bild boten Diederich und Magda, wie sie
+sich am mild beglaenzten Tisch niederliessen. Herr Kienast sah nachdenklich
+den Punsch kommen, den Frau Hessling in maechtiger Bowle still laechelnd
+hereintrug. Indes Magda dem Gast das Glas fuellte, setzte Diederich
+auseinander, dass er dank dieser Beschraenkung auf die stille Haeuslichkeit
+imstande sein werde, seine Schwestern einmal gut zu verheiraten. "Denn der
+Aufschwung des Geschaeftes kommt den Maedchen zugut, die Fabrik gehoert ihnen
+mit, ganz abgesehen von der baren Mitgift; na, und wenn dann einer meiner
+kuenftigen Schwaeger auch noch sein Kapital in den Betrieb stecken will -"
+
+Aber Magda, die Herrn Kienasts Miene besorgt werden sah, lenkte ab. Sie
+fragte ihn nach seiner eigenen Familie und ob er denn ganz allein sei. Da
+bekam er geruehrte Augen und rueckte naeher. Diederich sass dabei, trank und
+drehte die Daumen. Mehrmals versuchte er noch teilzunehmen an dem Gespraech
+der beiden, die sich ganz allein zu fuehlen schienen. "Na, dann haben Sie
+also gluecklich Ihren Einjaehrigen gemacht", sagte er goennerhaft und
+wunderte sich dabei ueber die Zeichen, die Frau Hessling hinter dem Ruecken
+der anderen ihm gab. Erst als sie sich aus der Tuer schlich, begriff er,
+nahm sein Punschglas und ging in das dunkle Nebenzimmer zum Klavier. Er
+tastete ein wenig darauf umher, geriet unversehens in die Burschenlieder
+und sang droehnend mit: "Sie wissen den Teufel, was Freiheit heisst." Als er
+fertig war, horchte er hinueber; es war drinnen aber so still, als sei man
+eingeschlafen; und obwohl er sich gern wieder etwas aus der Bowle
+geschoepft haette, stimmte er doch aus Pflichtgefuehl von neuem an: "Im
+tiefen Keller sitz' ich hier."
+
+Da, mitten im Vers, fiel ein Stuhl um, und ein lauter Schall folgte,
+dessen Herkunft nicht zu verkennen war. Mit einem Sprung war Diederich im
+Wohnzimmer. "Nanu", sagte er, kraeftig und bieder, "Sie scheinen ja ernste
+Absichten zu haben." Das Paar loeste sich voneinander. "Ich sage nicht
+nein", erklaerte Herr Kienast. Diederich war ploetzlich heftig bewegt. Aug'
+in Auge schuettelte er Kienast die Hand, und mit der anderen zog er Magda
+herbei. "Das ist aber eine Ueberraschung! Herr Kienast, machen Sie mein
+Schwesterchen gluecklich. An mir sollt ihr allzeit einen guten Bruder
+haben, so wie ich es bisher gewesen bin, das darf ich wohl sagen."
+
+Und die Augen wischend, rief er hinaus: "Mutter! Es ist was passiert."
+Frau Hessling stand gleich hinter der Tuer, nur konnte sie, vor uebergrosser
+Bewegung, nicht sofort ihre Beine gebrauchen. Auf Diederich gestuetzt,
+wankte sie herein, fiel Herrn Kienast um den Hals und loeste sich dort in
+Traenen auf. Diederich klopfte inzwischen an Emmis Zimmer, das verschlossen
+war. "Emmi, komm heraus, es ist was los!" Sie riss endlich die Tuer auf,
+zornrot im Gesicht. "Wozu stoerst du mich im Schlaf. Ich kann mir schon
+denken, was los ist. Macht eure Unanstaendigkeiten allein!" Und sie wuerde
+wieder zugeschlagen haben, haette nicht Diederich den Fuss in den Spalt
+gesetzt. Streng bedeutete er ihr, fuer ihr gemuetloses Verhalten verdiene
+sie, dass sie selbst nie mehr einen Mann bekomme. Er erlaubte ihr nicht
+einmal, sich anzuziehen, sondern zerrte sie mit, wie sie war, in ihrer
+Matinee, mit aufgeloesten Haaren. Im Flur entwand sie sich ihm. "Du machst
+uns laecherlich", zischte sie, - und noch vor ihm erschien sie bei den
+Verlobten, den Kopf sehr hoch, mit spoettisch musterndem Blick. "Musste das
+so spaet in der Nacht sein?" fragte sie. "Nun, dem Gluecklichen schlaegt
+keine Stunde." Kienast sah sie an: sie war groesser als Magda, ihr Gesicht,
+das jetzt Farbe hatte, sah voller aus in dem offenen Haar, das lang und
+stark war. Kienast behielt ihre Hand laenger als noetig; sie entzog sie ihm,
+da wandte er sich von ihr zu Magda, mit sichtlichem Zweifel. Emmi liess auf
+ihre Schwester ein Laecheln des Triumphes fallen, machte kehrt und
+verschwand, hoch aufgerichtet, - indes Magda angstvoll nach Kienasts Arm
+griff. Aber Diederich kam, in der Hand ein gefuelltes Punschglas, und
+verlangte mit seinem neuen Schwager Bruderschaft zu trinken.
+
+
+
+Am Morgen holte er ihn aus dem Hotel zum Fruehschoppen ab. "Bis Mittag
+bezaehme gefaelligst deine Sehnsucht nach dem Weiblichen. Jetzt muessen wir
+mal ein Wort unter Maennern reden." In Klappsch' Bierstube setzte er ihm
+die Lage auseinander: Fuenfundzwanzigtausend bar am Tage der Hochzeit - die
+Belege waren jeden Augenblick zu sehen - und, gemeinsam mit Emmi, ein
+Viertel der Fabrik. - "Also nur ein Achtel", stellte Kienast fest; worauf
+Diederich: "Soll ich mich vielleicht umsonst fuer euch abrackern?" Ein
+unzufriedenes Schweigen entstand.
+
+Diederich stellte die Stimmung wieder her. "Prost Friedrich!" "Prost
+Diederich!" sagte Kienast. Dann schien Diederich etwas einzufallen. "Du
+hast es ja in der Hand, deinen Anteil am Geschaeft zu erhoehen, wenn du Geld
+einlegst. Wie sieht es denn mit deinen Ersparnissen aus? Bei deinem
+grossartigen Gehalt!" Kienast erklaerte, im Prinzip sage er nicht nein. Aber
+noch laufe sein Vertrag mit Bueschli & Cie. Auch habe er in diesem Jahr
+eine betraechtliche Gehaltserhoehung zu erwarten, da waere es ein Verbrechen
+gegen sich selbst, jetzt zu kuendigen. "Und wenn ich euch mein Geld gebe,
+muss ich selbst ins Geschaeft eintreten. Bei allem Vertrauen, das ich dir
+entgegenbringe, lieber Diederich -"
+
+Diederich sah es ein. Kienast schlug seinerseits etwas vor. "Wenn du
+einfach die Mitgift auf Fuenfzigtausend festsetztest! Magda wuerde dann auf
+ihren Anteil am Geschaeft verzichten." Dies stiess wieder auf Diederichs
+unbedingten Widerspruch. "Es waere gegen den letzten Willen meines seligen
+Vaters, der ist mir heilig. Und so grosszuegig, wie ich arbeite, kann in
+einigen Jahren Magdas Anteil das Zehnfache betragen von dem, was du jetzt
+verlangst. Nie werde ich mich dazu hergeben, meine arme Schwester so zu
+schaedigen." Hierauf feixte der Schwager ein wenig. Diederichs Familiensinn
+ehre ihn, aber mit Grosszuegigkeit allein sei es nicht getan. Und Diederich,
+merklich gereizt: er sei gottlob fuer seine Geschaeftsfuehrung ausser Gott nur
+sich selbst verantwortlich. "Fuenfundzwanzigtausend bar und ein Achtel des
+Reingewinnes, mehr ist nicht zu holen." Kienast trommelte auf den Tisch.
+"Ich weiss noch nicht, ob ich deine Schwester dafuer uebernehmen kann",
+erklaerte er. "Mein letztes Wort behalte ich mir noch vor." Diederich
+zuckte die Achseln, und sie tranken ihr Bier aus. Kienast kam mit zum
+Essen; Diederich hatte schon gefuerchtet, er werde sich druecken.
+Gluecklicherweise war Magda noch verfuehrerischer hergerichtet als gestern,
+- "wie wenn sie gewusst haette, es geht ums Ganze", dachte Diederich, der
+sie bewunderte. Bei der Mehlspeise hatte sie Kienast wieder so sehr
+erwaermt, dass er die Hochzeit in vier Wochen wuenschte. "Dein letztes Wort?"
+fragte Diederich neckisch. Als Antwort zog Kienast die Ringe aus der
+Tasche.
+
+Nach Tisch ging Frau Hessling auf den Fussspitzen aus dem Zimmer, wo die
+Verlobten sassen, und auch Diederich wollte sich zurueckziehen, aber sie
+holten ihn zum Spazierengehen. "Wohin geht es denn, und wo sind Mutter und
+Emmi?" Emmi hatte sich geweigert, mitzukommen, und darum blieb auch Frau
+Hessling zu Hause. "Weil es sonst schlecht aussehen wuerde, weisst du", sagte
+Magda. Diederich stimmte ihrer Einsicht zu. Er wischte ihr sogar den Staub
+fort, der beim Eintritt in die Fabrik an ihrem Pelzjackett haengengeblieben
+war. Er behandelte Magda mit Achtung, denn sie hatte Erfolg gehabt.
+
+Man ging gegen das Rathaus zu. Es schadete nichts, nicht wahr, wenn die
+Leute einen sahen. Der erste freilich, dem man gleich in der Meisestrasse
+begegnete, war nur Napoleon Fischer. Er fletschte die Zaehne vor dem
+Brautpaar und nickte Diederich zu, mit einem Blick, der sagte, er wisse
+Bescheid. Diederich war dunkelrot; er wuerde den Menschen angehalten und
+ihm auf offener Strasse einen Krach gemacht haben: aber konnte er? "Es war
+ein schwerer Fehler, dass ich mich mit dem hinterhaeltigen Proleten auf
+Vertraulichkeiten eingelassen habe! Es waere auch ohne ihn gegangen! Jetzt
+schleicht er um das Haus, damit ich daran denke, dass er mich in der Hand
+hat. Ich werde noch Erpressungen erleben." Aber zwischen ihm und dem
+Maschinenmeister war gottlob alles unter vier Augen vor sich gegangen. Was
+Napoleon Fischer ueber ihn behaupten konnte, war Verleumdung. Diederich
+liess ihn einfach einsperren. Dennoch hasste er ihn fuer seine
+Mitwisserschaft, dass ihm bei zwanzig Grad Kaelte heiss und feucht ward. Er
+sah sich um. Fiel denn kein Ziegelstein auf Napoleon Fischer?
+
+In der Gerichtsstrasse fand Magda, dass der Gang sich lohne, denn bei
+Landgerichtsrat Harnisch standen hinter einer Scheibe Meta Harnisch und
+Inge Tietz, und Magda wusste bestimmt, dass sie bei Kienasts Anblick sehr
+beunruhigte Gesichter gemacht hatten. Auf der Kaiser-Wilhelm-Strasse war
+heute leider wenig los; hoechstens dass Major Kunze und Dr. Heuteufel, die
+in die "Harmonie" gingen, von ferne neugierige Gesichter machten. An der
+Ecke der Schweinichenstrasse aber trat etwas ein, was Diederich nicht
+vorausgesehen hatte: gleich vor ihnen ging Frau Daimchen mit Guste. Magda
+beschleunigte sofort den Schritt und plauderte lebhafter. Richtig drehte
+Guste sich um, und Magda konnte sagen: "Frau Oberinspektor, hier stelle
+ich Ihnen meinen Braeutigam Herrn Kienast vor." Der Braeutigam ward
+gemustert und schien zu entsprechen, denn Guste, mit der Diederich zwei
+Schritte zurueckblieb, fragte nicht ohne Achtung: "Wo haben Sie ihn denn
+hergenommen?" Diederich scherzte. "Ja, so nah wie Sie, findet nicht jede
+den ihren. Aber dafuer solider." - "Fangen Sie schon wieder an?" rief
+Guste, aber ohne Feindlichkeit. Sie streifte sogar Diederichs Blick und
+seufzte dabei leicht. "Meiner ist ja immer Gott weiss wo. Man kommt sich
+vor wir die reine Witwe." Gedankenvoll sah sie Magda nach, die an Kienasts
+Arm hing. Diederich gab zu bedenken: "Wer tot ist, kann es auch bleiben.
+Es gibt noch genug Lebendige." Dabei draengte er Guste bis an die
+Haeuserwand und sah ihr werbend ins Gesicht; und wirklich, ihr liebes,
+dickes Gesicht ward einen Augenblick lang gewaehrend.
+
+Leider war Schweinichenstrasse 77 schon erreicht, und man nahm Abschied. Da
+hinter dem Sachsentor alles aus war, kehrten die Geschwister mit Herrn
+Kienast wieder um. Magda, die auf dem Arm ihres Verlobten ruhte, sagte
+ermunternd zu Diederich: "Nun, was meinst du?" - worauf er rot ward und
+schnaufte. "Was ist da zu meinen", brachte er hervor, und Magda lachte.
+
+In der leeren, stark daemmernden Strasse kam ihnen jemand entgegen. "Ist das
+nicht -?" fragte Diederich, ohne Ueberzeugung. Aber die Figur naeherte sich:
+dick, offenbar noch jung, mit einem grossen, weichen Hut, sonst elegant,
+und die Fuesse setzte er einwaerts. "Wahrhaftig, Wolfgang Buck!" Er dachte
+enttaeuscht: "Und Guste stellt sich, als waere er am Ende der Welt. Das
+Luegen muss ich ihr austreiben!"
+
+"Da sind Sie ja" - der junge Buck schuettelte Diederich die Hand. "Das
+freut mich." - "Mich auch", erwiderte Diederich, trotz der Enttaeuschung
+mit Guste, und er machte seinen Schwager mit seinem Schulfreund bekannt.
+Buck stattete seine Glueckwuensche ab, dann trat er mit Diederich hinter die
+beiden anderen. "Sie wollten gewiss zu Ihrer Braut?" bemerkte Diederich.
+"Sie ist zu Hause, wir haben sie hinbegleitet." - "So?" machte Buck und
+zuckte die Achseln. "Nun, ich finde sie immer noch", sagte er
+phlegmatisch. "Vorlaeufig bin ich froh, dass ich Ihnen mal wieder begegnet
+bin. Unser Gespraech in Berlin, unser einziges, nicht wahr - es war so
+anregend."
+
+Auch Diederich fand dies jetzt - obwohl es ihn damals nur geaergert hatte.
+Er war ganz belebt durch das Wiedersehen. "Ja, meinen Gegenbesuch bin ich
+Ihnen schuldig geblieben. Sie wissen wohl, wieviel einem in Berlin immer
+dazwischen kommt. Hier freilich hat man Zeit. Oede, wie? Zu denken, dass man
+hier sein Leben verbringen soll" - und Diederich zeigte die kahle
+Haeuserreihe hinauf. Wolfgang Buck schnupperte mit seiner weich gebogenen
+Nase in die Luft, auf seinen fleischigen Lippen schien er sie zu kosten,
+und er machte tiefsinnende Augen. "Ein Leben in Netzig", sagte er ganz
+langsam. "Nun ja, es kommt darauf hinaus. Unsereiner ist nicht in der
+Lage, bloss fuer seine Sensationen zu leben. Uebrigens gibt es auch hier
+welche." Er laechelte verdaechtig. "Der Wachtposten hat bis sehr hoch hinauf
+Sensation gemacht."
+
+"Ach so -" Diederich streckte den Bauch vor. "Sie wollen schon wieder
+noergeln. Ich stelle fest, dass ich in der Sache durchaus auf seiten Seiner
+Majestaet stehe."
+
+Buck winkte ab. "Lassen Sie nur. Ich kenne ihn."
+
+"Ich noch besser", behauptete Diederich. "Wer ihm, wie ich, ganz allein
+und Aug' in Auge gegenueber gestanden hat, im Tiergarten vorigen Februar,
+nach dem grossen Krawall, und dies Auge blitzen gesehen hat, dies
+Fritzenauge, sag' ich Ihnen: der vertraut auf unsere Zukunft."
+
+"Auf unsere Zukunft - weil ein Auge geblitzt hat." Bucks Mund und Wangen
+sanken schwer melancholisch herab. Diederich stiess Luft durch die Nase.
+"Ich weiss schon, Sie glauben in unserer Zeit an keine Persoenlichkeit.
+Sonst waeren Sie ja Lassalle oder Bismarck geworden."
+
+"Schliesslich koennte ich es mir leisten. Gewiss. Geradeso gut wie er -. Wenn
+auch weniger beguenstigt von den aeusseren Umstaenden."
+
+Sein Ton ward lebhafter und ueberzeugter. "Worauf es fuer jeden persoenlich
+ankommt, ist nicht, dass wir in der Welt wirklich viel veraendern, sondern
+dass wir uns ein Lebensgefuehl schaffen, als taeten wir es. Dazu ist nur
+Talent noetig, und das hat er."
+
+Diederich war beunruhigt, er sah sich um. "Wir sind hier zwar unter uns,
+die Herrschaften dort vor uns haben Wichtigeres zu besprechen, aber ich
+weiss doch nicht -"
+
+"Dass Sie immer glauben, ich habe was gegen ihn. Er ist mir wahrhaftig
+nicht unsympathischer, als ich mir selbst bin. Ich haette an seiner Stelle
+den Gefreiten Lueck und unseren Netziger Wachtposten genau so ernst
+genommen. Waere das noch eine Macht, die nicht bedroht waere? Erst wenn es
+einen Umsturz gibt, fuehlt man sich. Was wuerde aus ihm, wenn er sich sagen
+muesste, dass die Sozialdemokratie gar nicht ihn meint, sondern hoechstens
+eine etwas praktischere Verteilung dessen, was verdient wird."
+
+"Oho!" machte Diederich.
+
+"Nicht wahr? Das wuerde Sie empoeren. Und ihn auch. Neben den Ereignissen
+hergehen, die Entwicklung nicht beherrschen, sondern in ihr mit
+einbegriffen sein: ist das zu ertragen?... Im Innern unbeschraenkt! - und
+dabei ausserstande, auch nur Hass zu erregen anders als durch Worte und
+Gesten. Denn woran halten sich die Noergler? Was ist Ernstliches geschehen?
+Auch der Fall Lueck ist nur wieder eine Geste. Sinkt die Hand, ist alles
+wie zuvor: aber Darsteller und Publikum haben eine Sensation gehabt. Und
+nur darauf, mein lieber Hessling, kommt es uns allen heute an. Er selbst,
+den wir meinen, waere am erstauntesten, glauben Sie es mir, wenn der Krieg,
+den er immerfort an die Wand malt, oder die Revolution, die er sich
+hundertmal vorgespielt hat, einmal wirklich ausbraeche."
+
+"Darauf werden Sie nicht lange zu warten brauchen!" rief Diederich. "Und
+dann sollen Sie sehen, dass alle national Gesinnten treu und fest zu ihrem
+Kaiser stehen!"
+
+"Gewiss." Buck zuckte immer haeufiger die Achseln. "Das ist die uebliche
+Wendung, wie er selbst sie vorgeschrieben hat. Worte lasst ihr euch von ihm
+vorschreiben, und die Gesinnung war nie so gut geregelt, wie sie es jetzt
+wird. Aber Taten? Unsere Zeit, bester Zeitgenosse, ist nicht tatbereit. Um
+seine Erlebnisfaehigkeit zu ueben, muss man vor allem leben, und die Tat ist
+so lebensgefaehrlich."
+
+Diederich richtete sich auf. "Wollen Sie den Vorwurf der Feigheit
+vielleicht in Verbindung bringen mit -?" "Ich habe kein moralisches Urteil
+ausgesprochen. Ich habe eine Tatsache der inneren Zeitgeschichte erwaehnt,
+die uns alle angeht. Uebrigens sind wir zu entschuldigen. Fuer den auf der
+Buehne Agierenden ist alle Aktion erledigt, denn er hat sie durchgefuehrt.
+Was will die Wirklichkeit noch von ihm? Sie wissen wohl nicht, wen die
+Geschichte als den repraesentativen Typus dieser Zeit nennen wird?"
+
+"Den Kaiser!" sagte Diederich.
+
+"Nein", sagte Buck. "Den Schauspieler."
+
+Da schlug Diederich ein Gelaechter an, dass dort vorn das Brautpaar
+auseinanderfuhr und sich umwandte. Aber man war auf dem Theaterplatz, es
+wehte eisig hinueber; sie gingen weiter.
+
+"Na ja," brachte Diederich hervor, "ich haette mir gleich sagen koennen, wie
+Sie auf das verrueckte Zeug gekommen sind. Sie haben doch mit dem Theater
+zu tun." Er klopfte Buck auf die Schulter. "Sind Sie am Ende schon selbst
+dabei?"
+
+Buck bekam unruhige Augen; der Hand, die ihn klopfte, entzog er sich mit
+einer Wendung, die Diederich unkameradschaftlich fand. "Ich? Ach nein",
+sagte Buck; und nachdem beide bis zur Gerichtsstrasse unzufrieden
+geschwiegen hatten: "Ach so. Sie wissen noch nicht, warum ich in Netzig
+bin."
+
+"Wahrscheinlich Ihrer Braut wegen."
+
+"Das wohl auch. Vor allem aber habe ich die Verteidigung meines Schwagers
+Lauer uebernommen."
+
+"Sie sind -? Im Prozess Lauer -?" Es nahm Diederich den Atem, er blieb
+stehen.
+
+"Nun ja", sagte Buck und zuckte die Achseln. "Wundert Sie das? Seit kurzem
+bin ich beim Landgericht Netzig als Rechtsanwalt zugelassen. Hat mein
+Vater Ihnen nicht davon gesprochen?"
+
+"Ich sehe Ihren Herrn Vater selten ... Ich gehe nur wenig aus. Meine
+Berufspflichten ... Diese Verlobung ..." Diederich verlor sich in
+Gestammel. "Dann muessen Sie ja schon oft -. Wohnen Sie vielleicht schon
+ganz hier?"
+
+"Nur vorlaeufig - glaube ich."
+
+Diederich raffte sich zusammen. "Ich muss sagen: ich habe Sie schon oefter
+nicht ganz verstanden - aber so wenig doch noch nie wie jetzt, wo Sie mit
+mir durch halb Netzig gehen."
+
+Buck blinzelte ihn an. "Obwohl ich in der Verhandlung morgen Verteidiger
+bin und Sie der Hauptbelastungszeuge? Das ist doch nur Zufall. Die Rollen
+koennten auch umgekehrt verteilt sein."
+
+"Bitte sehr!" Diederich entruestete sich. "Jeder steht auf seinem Platz.
+Wenn Sie vor Ihrem Beruf keine Achtung haben -"
+
+"Achtung? Was heisst das? Ich freue mich auf die Verteidigung, das leugne
+ich nicht. Ich werde loslegen, man soll etwas erleben. Ihnen, Herr Doktor,
+werde ich unangenehme Dinge zu sagen haben; Sie werden mir hoffentlich
+nichts uebelnehmen, es gehoert zu meiner Wirkung."
+
+Diederich bekam Furcht. "Erlauben Sie, Herr Rechtsanwalt, kennen Sie denn
+meine Aussage? Sie ist fuer Lauer durchaus nicht unguenstig."
+
+"Das lassen Sie meine Sorge sein." Bucks Miene ward beaengstigend ironisch.
+
+Und damit war man in der Meisestrasse. "Der Prozess!" dachte Diederich
+schnaufend. In den Aufregungen der letzten Tage hatte er ihn vergessen,
+jetzt war es, als sollte man sich von heute auf morgen beide Beine
+abschneiden lassen. Guste, die falsche Kanaille, hatte ihm also
+absichtlich nichts gesagt von ihrem Verlobten; im letzten Augenblick
+sollte er den Schrecken bekommen!... Diederich verabschiedete sich von
+Buck, bevor sie beim Haus waren. Dass nur Kienast nichts merkte! Buck
+schlug vor, noch irgendwohin zu gehen. "Es zieht Sie wohl nicht besonders
+zu Ihrer Braut?" fragte Diederich. - "Augenblicklich hab' ich mehr Lust
+auf einen Kognak." - Diederich lachte hoehnisch. "Darauf scheinen Sie immer
+Lust zu haben." Damit nur Kienast nichts erfahre, kehrte er nochmals mit
+Buck um. "Sehen Sie," begann Buck unvermutet, "meine Braut: die gehoert
+auch zu meinen Fragen an das Schicksal." Und da Diederich "wieso" fragte:
+"Wenn ich naemlich wirklich ein Netziger Rechtsanwalt bin, dann ist Guste
+Daimchen bei mir vollkommen an ihrem Platz. Aber weiss ich das? Fuer -
+andere Faelle, die in meiner Existenz eintreten koennten, habe ich nun
+drueben in Berlin noch eine zweite Verbindung ..."
+
+"Ich habe gehoert: eine Schauspielerin." Diederich erroetete fuer Buck, der
+das so zynisch eingestand. "Das heisst," stammelte er, "ich will nichts
+gesagt haben."
+
+"Also, Sie wissen", schloss Buck. "Jetzt ist die Sache die, dass ich
+vorlaeufig dort haenge und mich um Guste nicht so viel bekuemmern kann, wie
+ich muesste. Moechten Sie sich da nicht des guten Maedchens ein wenig
+annehmen?" fragte er harmlos und gelassen.
+
+"Ich soll -"
+
+"Sozusagen den Kochtopf hier und da ein bisschen umruehren, worin ich Wurst
+und Kohl am Feuer zu stehen habe - indes ich selbst noch draussen
+beschaeftigt bin. Wir haben doch Sympathie fuereinander."
+
+"Danke", sagte Diederich kuehl. "So weit reicht meine Sympathie allerdings
+nicht. Beauftragen Sie sonst jemand. Ich denke denn doch etwas ernster
+ueber das Leben." Und er liess Buck stehen.
+
+Ausser der Unmoral des Menschen empoerte ihn seine wuerdelose
+Vertraulichkeit, nachdem sie noch soeben in Anschauung und Praxis sich
+wieder einmal als Gegner erwiesen hatten. Unleidlich, so einer, aus dem
+man nicht klug ward! "Was hat er morgen gegen mich vor?"
+
+Daheim machte er sich Luft. "Ein Mensch wie eine Qualle! Und von einem
+geistigen Duenkel! Gott behuete unser Haus vor solcher alles zerfressenden
+Ueberzeugungslosigkeit; sie ist in einer Familie das sichere Zeichen des
+Niedergangs!" Er vergewisserte sich, dass Kienast wirklich noch am Abend
+reisen musste. "Etwas Aufregendes wird Magda dir nicht zu schreiben haben",
+sagte er unvermittelt und lachte. "Meinetwegen mag in der Stadt Mord und
+Brand sein, ich bleibe in meinem Kontor und bei meiner Familie."
+
+Kaum aber war Kienast fort, stellte er sich vor Frau Hessling hin. "Nun? Wo
+ist die Vorladung, die fuer mich gekommen ist auf morgen zu Gericht?" Sie
+musste zugeben, dass sie den bedrohlichen Brief unterschlagen habe. "Er
+sollte dir die Feststimmung nicht verderben, mein lieber Sohn." Aber
+Diederich liess keine Beschoenigung gelten. "Ach was: lieber Sohn. Aus Liebe
+zu mir wird wohl das Essen immer schlechter, ausser wenn fremde Leute da
+sind; und das Haushaltungsgeld geht fuer euren Firlefanz drauf. Meint ihr,
+ich fall' euch auf den Schwindel 'rein, dass Magda ihre Spitzenbluse selbst
+gemacht haben soll? Das koennt ihr dem Esel erzaehlen!" Magda erhob
+Einspruch gegen die Beleidigung ihres Verlobten, aber es half ihr nicht.
+"Schweig lieber still! Dein Pelzjackett ist auch halb gestohlen. Ihr
+steckt mit dem Dienstmaedchen zusammen. Wenn ich sie nach Rotwein schicke,
+bringt sie billigeren, und den Rest behaltet ihr ..."
+
+Die drei Frauen entsetzten sich, worauf Diederich noch lauter schrie. Emmi
+behauptete, er sei bloss darum so wild, weil er sich morgen vor der ganzen
+Stadt blamieren solle. Da konnte Diederich nur noch einen Teller auf den
+Boden schleudern. Magda stand auf, ging zur Tuer und rief zurueck: "Ich
+brauche dich gottlob nicht mehr!" Sofort war Diederich hinterdrein. "Gib
+bitte acht, was du redest! Wenn du endlich einen Mann kriegst, verdankst
+du es allein mir und den Opfern, die ich bringe. Dein Braeutigam hat um
+deine Mitgift geschachert, dass es schon nicht mehr schoen war. Du bist
+ueberhaupt bloss Zugabe!"
+
+Hier fuehlte er eine heftige Ohrfeige, und bevor er zu Atem kam, war Magda
+in ihrem Zimmer und hatte abgesperrt. Diederich rieb sich, jaeh verstummt,
+die Wange. Dann entruestete er sich wohl noch; aber eine Art von Genugtuung
+ueberwog. Die Krisis war vorueber.
+
+
+
+In der Nacht hatte er sich fest vorgenommen, mit einiger Verspaetung bei
+Gericht einzutreffen und durch sein ganzes Auftreten zu zeigen, wie wenig
+die Geschichte ihn angehe. Aber es hielt ihn nicht; als er das
+Verhandlungszimmer, das ihm bezeichnet war, betrat, war man dort noch bei
+einer ganz anderen Sache. Jadassohn, der in seiner schwarzen Robe einen
+ungemein drohenden Anblick bot, war eben damit beschaeftigt, fuer einen kaum
+erwachsenen Menschen aus dem Volk zwei Jahre Arbeitshaus zu verlangen. Das
+Gericht gewaehrte ihm freilich nur eins, aber der jugendliche Verurteilte
+brach in ein solches Geheul aus, dass es Diederich, angstvoll, wie er
+selbst gestimmt war, vor Mitleid uebel ward. Er begab sich hinaus und
+betrat eine Toilette, obwohl an der Tuer stand: Nur fuer den Herrn
+Vorsitzenden! Gleich nach ihm erschien auch Jadassohn. Wie er Diederich
+sah, wollte er sich wieder zurueckziehen, aber Diederich fragte sofort, was
+das denn sei, ein Arbeitshaus, und was so ein Zuhaelter dort tue. Jadassohn
+erklaerte: "Wenn wir uns darum auch noch kuemmern muessten!" und war schon
+draussen. Diederichs Inneres zog sich noch mehr zusammen unter dem Gefuehl
+eines schaudererregenden Abgrundes, wie er sich auftat zwischen Jadassohn,
+der hier die Macht vertrat, und ihm selbst, der sich zu nahe ihrem
+Raederwerk gewagt hatte. Es war aus frommer Absicht geschehen, in
+uebergrosser Verehrung der Macht: gleichviel, jetzt hiess es sich besonnen
+verhalten, damit sie einen nicht ergriff und zermalmte; sich ducken und
+ganz klein machen, bis man ihr vielleicht doch noch entrann. Wer erst
+wieder dem Privatleben gehoerte! Diederich versprach sich, fortan ganz
+seinem geringen, aber wohlverstandenen Vorteil zu leben.
+
+Draussen im Korridor standen jetzt Leute: ein minder gutes Publikum und
+auch das beste. Die fuenf Toechter Buck, herausgeputzt, als sei der Prozess
+ihres Schwagers Lauer die groesste Ehre fuer die Familie, schnatterten in
+einer Gruppe mit Kaethchen Zillich, ihrer Mutter und der Frau Buergermeister
+Scheffelweis. Die Schwiegermutter dagegen liess den Buergermeister nicht
+los, und aus den Blicken, die sie nach dem Bruder des Herrn Buck und
+seinen Freunden Cohn und Heuteufel schleuderte, war zu ersehen, dass sie
+ihn gegen die Sache der Bucks einnahm. Der Major Kunze, in Uniform, stand
+mit finsterer Miene dabei und enthielt sich jeder Aeusserung. Gerade
+erschien auch Pastor Zillich mit Professor Kuehnchen; aber beim Anblick der
+zahlreichen Gesellschaft blieben sie hinter einem Pfeiler. Der Redakteur
+Nothgroschen seinerseits ging grau und unbeachtet von den einen zu den
+anderen. Vergebens suchte Diederich jemand, an den er sich haette halten
+koennen. Jetzt bereute er, dass er es den Seinen verboten hatte,
+herzukommen. Er blieb im Dunkeln, hinter der Biegung des Korridors, und
+streckte nur vorsichtig den Kopf heraus. Ploetzlich zog er ihn zurueck:
+Guste Daimchen mit ihrer Mutter! Sie ward sofort von den Toechtern Buck
+umringt, als eine kostbare Verstaerkung ihrer Partei. Gleichzeitig ging
+dahinten eine Tuer, und Wolfgang Buck trat auf, in Barett und Robe, und
+darunter Lackschuhe, die er sehr einwaerts setzte. Er laechelte festlich,
+wie bei einem Empfang, gab allen die Hand, und seiner Braut kuesste er sie.
+Es werde sehr schoen werden, verhiess er; der Staatsanwalt sei gut
+disponiert, er selbst auch. Dann begab er sich zu den von ihm geladenen
+Zeugen, um mit ihnen zu fluestern. In diesem Augenblick verstummte man,
+denn in der Muendung der Treppe erschien der Angeklagte Herr Lauer und
+neben ihm seine Frau. Die Buergermeisterin fiel ihr um den Hals: wie sie
+tapfer sei! "Was ist dabei?" erwiderte sie mit tiefer, klangreicher
+Stimme. "Wir haben uns nichts vorzuwerfen, wie, Karl?" Lauer sagte: "Gewiss
+nicht, Judith." Gerade jetzt aber ging der Landgerichtsrat Fritzsche
+vorbei. Ein Schweigen entstand; wie er und die Tochter des alten Buck sich
+begruessten, blinzelte man einander zu, und die Schwiegermutter des
+Buergermeisters machte eine Bemerkung, halblaut, aber sie war ihr von den
+Augen zu lesen.
+
+Diederich auf seinem schattigen Posten war von Wolfgang Buck entdeckt
+worden. Buck zog ihn hervor und fuehrte ihn zu seiner Schwester. "Liebe
+Judith, ich weiss nicht, ob du schon unseren werten Feind kennst, den Herrn
+Doktor Hessling. Heute wird er uns vernichten." Aber Frau Lauer lachte
+nicht, sie erwiderte auch Diederichs Gruss nicht, sie sah ihn nur an mit
+ruecksichtsloser Neugier. Es war schwer, diesen dunklen Blick auszuhalten,
+und ward noch schwerer, weil sie so schoen war. Diederich fuehlte, wie das
+Blut ihm ins Gesicht trat, seine Augen irrten ab, er stammelte: "Der Herr
+Rechtsanwalt scherzt wohl. In der Sache muss ein Irrtum vorliegen ..." Da
+zogen in dem weissen Gesicht die Brauen sich zusammen, die Mundwinkel
+sanken ausdrucksvoll herab, und Judith Lauer wandte Diederich den Ruecken.
+
+Ein Gerichtsdiener zeigte sich; Wolfgang Buck ging, seinen Schwager Lauer
+zur Seite, in das Verhandlungszimmer; und da die Tuer nicht eben freigebig
+geoeffnet ward, stiessen alle einander in Hast hindurch, das minder gute
+Publikum ward von dem besten ueberwaeltigt. Die Unterroecke der fuenf
+Schwestern Buck rauschten heftig bei dem Kampf. Diederich gelangte als
+letzter hinein und musste sich auf der Zeugenbank neben den Major Kunze
+setzen, der sofort ein Stueck wegrueckte. Landgerichtsdirektor Sprezius,
+anzusehen wie ein alter wurmiger Geier, erklaerte von dort oben die Sitzung
+fuer eroeffnet und rief die Zeugen auf, um ihnen den Ernst des Eides in
+Erinnerung zu bringen - wobei Diederich sofort ein Gesicht bekam wie
+ehemals in der Religionsstunde. Landgerichtsrat Harnisch ordnete Akten und
+sah sich im Publikum nach seiner Tochter um. Mehr beachtet ward der alte
+Landgerichtsrat Kuehlemann, der das Krankenzimmer verlassen und seinen
+Platz zur Linken des Vorsitzenden eingenommen hatte. Man fand ihn schlecht
+aussehen, die Schwiegermutter des Buergermeisters wollte wissen, er werde
+sein Reichstagsmandat niederlegen - und wohin ging das viele Geld, wenn er
+starb? Bei den Zeugen drueckte Pastor Zillich die Hoffnung aus, der Alte
+werde seine Millionen fuer einen Kirchenbau bestimmen; aber Professor
+Kuehnchen bezweifelte es, mit durchdringender Fluesterstimme. "Der gibt auch
+nach'm Tode nischt her, der hat immer gedacht, man muss das Seine
+zusammennaehm, und womoeglich den andern ihr's auch ..." Da entliess der
+Vorsitzende die Zeugen aus dem Sitzungssaal.
+
+Sie fanden sich, da kein Zeugenzimmer vorhanden war, im Korridor wieder
+zusammen. Die Herren Heuteufel, Cohn und Buck _junior_ nahmen eine
+Fensternische ein; Diederich, unter dem wuetenden Blick des Majors, dachte
+peinvoll: "Jetzt wird der Angeklagte vernommen. Wuesste ich, was er sagt.
+Ich moechte ihn ebenso gern entlasten wie ihr!" Vergebens versuchte er
+gegenueber Pastor Zillich seine milde Gesinnung zu beteuern: er habe immer
+gesagt, die Sache sei aufgebauscht worden. Zillich wandte sich verlegen
+weg, und Kuehnchen pfiff, davonlaufend, durch die Zaehne: "Na warte nur,
+mein Schibbchen, dir wer'n mer das Handwerk legen." Stumm lastete die
+allgemeine Missbilligung auf Diederich. Endlich erschien der
+Gerichtsdiener. "Herr Doktor Hessling!"
+
+Diederich riss sich zusammen, um nur in kommentmaessiger Haltung an den
+Zuschauern vorbeizukommen. Er sah krampfhaft geradeaus; der Blick der Frau
+Lauer lag jetzt auf ihm! Er schnaufte, und er schwankte ein wenig. Links
+neben dem Beisitzer, der seine Naegel betrachtete, stand drohend
+aufgerichtet Jadassohn. Das Licht des Fensters hinter ihm schien durch
+seine abstehenden Ohren, die blutig leuchteten, und seine Miene heischte
+von Diederichs eine so leichenhafte Gefuegigkeit, dass Diederichs Blick die
+Flucht ergriff. Rechts, vor dem Angeklagten und etwas tiefer, fand er
+Wolfgang Buck sitzen, nachlaessig, mit den Faeusten auf den fetten
+Schenkeln, von denen die Robe zurueckfiel, und so gescheit und aufmunternd
+anzusehen, als vertrete er den Geist des Lichts. Landgerichtsdirektor
+Sprezius sprach Diederich die Eidesformel vor, immer nur zwei Worte zur
+Zeit und mit Herablassung. Diederich schwor folgsam; dann sollte er den
+Hergang der Dinge an jenem Abend im Ratskeller berichten. Er begann.
+
+"Wir waren eine angeregte Gesellschaft, drueben am Tisch sassen auch
+Herren ..."
+
+Da er schon steckenblieb, ward im Publikum gelacht. Sprezius fuhr auf, er
+hackte mit dem Geierschnabel zu und drohte, er werde den Saal raeumen
+lassen. "Sonst wissen Sie nichts?" fragte er unwirsch. Diederich gab zu
+bedenken, infolge geschaeftlicher und anderer Aufregungen haetten sich ihm
+die Vorgaenge inzwischen etwas verwirrt. "Dann werde ich Ihnen zur
+Auffrischung des Gedaechtnisses Ihre Aussage vor dem Untersuchungsrichter
+vorlesen" - und der Vorsitzende liess sich das Protokoll reichen. Daraus
+erfuhr Diederich zu seiner peinlichen Verwunderung, er habe vor dem
+Untersuchungsrichter Landgerichtsrat Fritzsche die bestimmte Angabe
+gemacht, dass von seiten des Angeklagten eine schwere Beleidigung Seiner
+Majestaet des Kaisers gefallen sei. Was er darueber zu aeussern habe. "Es kann
+wohl sein," stammelte er; "aber es waren viele Herren da. Ob es nun gerade
+der Angeklagte war, der das gesagt hat ..." Sprezius beugte sich ueber den
+Richtertisch. "Denken Sie nach, Sie stehen hier unter Ihrem Eid. Andere
+Zeugen werden bekunden, dass Sie ganz allein auf den Angeklagten zugetreten
+sind und das betreffende Gespraech mit ihm gefuehrt haben." -
+
+"War ich das?" fragte Diederich, rot uebergossen. Da lachte unaufhaltsam
+der ganze Saal; Jadassohn sogar verzog das Gesicht zu einem
+verachtungsvollen Feixen. Sprezius hatte schon den Mund geoeffnet, um
+loszufahren: aber Wolfgang Buck stand auf. Sein weiches Gesicht ward mit
+einem sichtbaren Ruck energisch, und er fragte Diederich: "Sie waren an
+dem Abend wohl stark angetrunken?" Sofort fielen Staatsanwalt und
+Vorsitzender ueber ihn her. "Ich beantrage, die Frage nicht zuzulassen!"
+rief Jadassohn schrill. "Herr Verteidiger," kraechzte Sprezius, "Sie haben
+nur mir die Frage vorzulegen; ob ich sie dann an den Zeugen richte, ist
+meine Sache!" Aber die beiden, Diederich sah es staunend, hatten einen
+entschlossenen Gegner gefunden. Wolfgang Buck stand da, mit klangvoller
+Rednerstimme beanstandete er das Verhalten des Vorsitzenden, das die
+Rechte der Verteidigung verletze, und beantragte Gerichtsbeschluss darueber,
+ob ihm gemaess der Strafprozessordnung das direkte Fragerecht an den Zeugen
+zustehe. Sprezius hackte vergeblich zu, es blieb ihm nichts uebrig, als mit
+den vier Richtern rueckwaerts im Beratungszimmer zu verschwinden. Buck sah
+sich triumphierend um; seine Cousinen bewegten die Haende wie zum Applaus;
+aber auch sein Vater war inzwischen eingetreten, und man sah, wie der alte
+Buck seinem Sohn ein Zeichen der Missbilligung gab. Der Angeklagte
+seinerseits, zornige Erregung im apoplektischen Gesicht, schuettelte seinem
+Verteidiger die Hand. Diederich, der allen Blicken ausgesetzt war, gab
+sich Haltung und hielt Umschau. Aber ach, Guste Daimchen wich ihm aus! Nur
+der alte Buck winkte wohlwollend: Diederichs Aussage hatte ihm gefallen.
+Er bemuehte sich sogar aus der engen Tribuene heraus, um Diederich seine
+weiche, weisse Hand zu geben. "Ich danke Ihnen, lieber Freund", sagte er.
+"Sie haben die Sache so behandelt, wie sie es verdient." Und Diederich in
+seiner Verlassenheit bekam feuchte Augen angesichts der Guete des grossen
+Mannes. Erst nachdem Herr Buck sich wieder auf seinen Platz begeben hatte,
+fiel es Diederich ein, dass er ihm hier ja die Geschaefte besorgte! Und auch
+sein Sohn Wolfgang war durchaus nicht so schlapp, wie Diederich gedacht
+hatte. Die politischen Gespraeche hatte er augenscheinlich nur gefuehrt, um
+sie hier gegen ihn auszunutzen. Treue, wahre deutsche Treue, die gab es in
+der Welt nicht, auf niemand konnte man sich verlassen. "Soll ich mich hier
+noch lange von allen Seiten anoeden lassen?"
+
+Zum Glueck kehrte der Gerichtshof zurueck. Der alte Kuehlemann wechselte mit
+dem alten Buck einen bedauernden Blick, und Sprezius verlas, mit
+merklicher Selbstbeherrschung, den Beschluss. Ob der Verteidiger das Recht
+der direkten Fragestellung habe, blieb unentschieden, denn die Frage
+selbst: War der Zeuge damals betrunken gewesen? ward als nicht zur Sache
+gehoerig abgelehnt. Darauf fragte der Vorsitzende, ob der Herr Staatsanwalt
+noch eine Frage an den Zeugen zu richten habe. "Vorlaeufig nicht," sagte
+Jadassohn mit Geringschaetzung, "aber ich beantrage, den Zeugen noch nicht
+zu entlassen." Und Diederich durfte sich setzen. Jadassohn erhob die
+Stimme. "Ausserdem beantrage ich die sofortige Vorladung des
+Untersuchungsrichters Dr. Fritzsche, der darueber aussagen soll, wie die
+Gesinnung des Zeugen Hessling gegen den Angeklagten frueher war." Diederich
+erschrak - im Zuschauerraum aber wandte man sich nach Judith Lauer um:
+sogar die beiden Assessoren am Richtertisch sahen hin ... Jadassohn bekam
+bewilligt, was er wollte.
+
+Dann wurde Pastor Zillich herbeigeholt, vereidigt und sollte seinerseits
+ueber die kritische Nacht berichten. Er erklaerte, die Eindruecke haetten sich
+damals ueberstuerzt und sein christliches Gewissen schwer bedraengt, denn
+just an jenem Abend sei in den Strassen von Netzig Blut geflossen, wenn
+auch zu einem patriotischen Zweck. "Das gehoert nicht hierher!" entschied
+Sprezius - und eben jetzt betrat den Saal der Regierungspraesident Herr von
+Wulckow, im Jagdanzug, mit grossen, kotigen Stiefeln. Alles sah sich um,
+der Vorsitzende machte auf seinem Sitz eine Verbeugung, und Pastor Zillich
+zitterte. Vorsitzender und Staatsanwalt drangen abwechselnd auf ihn ein,
+Jadassohn sagte sogar mit einem Ausdruck von entsetzlicher
+Hinterhaeltigkeit: "Herr Pastor, Sie als Geistlichen brauche ich auf die
+Heiligkeit des Eides, den Sie geleistet haben, nicht besonders aufmerksam
+zu machen." Da knickte Zillich ein und gab zu, dass er die dem Angeklagten
+vorgeworfene Aeusserung allerdings gehoert habe. Der Angeklagte sprang auf
+und schlug mit der Faust auf die Bank. "Ich habe den Namen des Kaisers gar
+nicht genannt! Ich habe mich gehuetet!" Sein Verteidiger beruhigte ihn mit
+einem Wink und sagte: "Wir werden den Beweis erbringen, dass nur die
+provokatorische Absicht des Zeugen Dr. Hessling den Angeklagten zu seinen,
+hier falsch wiedergegebenen Aeusserungen veranlasst hat." Vorlaeufig bitte er
+den Herrn Vorsitzenden, den Zeugen Zillich darueber zu befragen, ob er
+nicht eine Predigt gehalten habe, die ausdruecklich gegen die Hetzereien
+des Zeugen Hessling gerichtet gewesen sei. Pastor Zillich stammelte, er
+habe nur im allgemeinen zum Frieden geraten und damit seiner Pflicht als
+Vertreter der Religion genuegt. Jetzt wollte Buck etwas anderes wissen.
+"Hat nicht der Zeuge Zillich neuerdings ein Interesse daran, sich mit dem
+Hauptbelastungszeugen Doktor Hessling gut zu stellen, weil naemlich seine
+Tochter -." Schon fuhr Jadassohn dazwischen: er protestiere gegen die
+Stellung der Frage. Sprezius ruegte sie als unzulaessig, und auf der Tribuene
+entstand ein missbilligendes Gemurmel weiblicher Stimmen. Der
+Regierungspraesident beugte sich ueber die Bank zum alten Buck und sagte
+deutlich: "Ihr Sohn macht ja nette Zicken!"
+
+Inzwischen war der Zeuge Kuehnchen aufgerufen. Der kleine Greis stuermte in
+den Saal, seine Brillen funkelten; schon von der Tuer schrie er seine
+Personalien herueber, und die Eidesformel sagte er gelaeufig her, ohne sie
+sich vorsprechen zu lassen. Dann aber war er zu keiner anderen Aussage zu
+bewegen, als dass an jenem Abend die Wogen der nationalen Begeisterung
+hochgegangen seien. Zuerst die glorreiche Tat des Postens! Dann der
+herrliche Brief Seiner Majestaet mit dem Bekenntnis zum positiven
+Christentum! "Wie der Krach war mit dem Angeklagten? Ja, meine Herren
+Richter, davon weess 'ch Sie nischt. Da hab' 'ch grade ae bisschen
+geschlummert." - "Aber nachher ist doch von der Sache geredet worden!"
+verlangte der Vorsitzende. "Ich nicht!" rief Kuehnchen. "Ich hab' eegal von
+unsern glorreichen Taten im Jahre siebzig gered't. Die Franktiroehrs! hab
+'ch gesagt, das war Sie eene Bande. Mein steifer Finger, da hat mich ae
+Franktiroehr draufgebissen, bloss weil ich ihm mit mei'm Saebel ae kleenes
+bisschen die Kehle abschneiden wollte! So eene Gemeinheit von dem Kerl!"
+Und Kuehnchen wollte den Finger am Richtertisch umherzeigen. "Abtreten!"
+kraechzte Sprezius; und er drohte wieder einmal mit der Raeumung des Saals.
+
+Major Kunze trat auf: steif, wie auf Raedern, und den Eid leistete er in
+einem Ton, als stiesse er gegen Sprezius schwere Beleidigungen aus. Darauf
+erklaerte er kurzweg, dass er mit dem ganzen Geseire nichts zu tun habe; er
+sei erst spaeter in den Ratskeller gekommen. "Ich kann nur sagen, das
+Verhalten des Herrn Doktor Hessling riecht mir nach Denunziantentum."
+
+Aber seit einer Weile roch es im Saal nach etwas anderem. Niemand wusste,
+woher es kam, auf der Tribuene misstraute man einander und rueckte, das
+Taschentuch am Munde, diskret vom Nachbar ab. Der Vorsitzende schnupperte
+in die Luft, und der alte Kuehlemann, dessen Kinn schon laengst auf seiner
+Brust lag, ruehrte sich im Schlaf.
+
+Wie Sprezius ihm vorhielt, die Herren, die ihm damals die Vorgaenge
+berichtet haetten, seien doch nationale Maenner gewesen, erwiderte der Major
+nur, das sei ihm gleich, den Herrn Doktor Hessling habe er gar nicht
+gekannt. Da aber trat Jadassohn vor; seine Ohren funkelten; mit einer
+Stimme wie ein Messer sagte er: "Herr Zeuge, ich richte an Sie die Frage,
+ob Sie den Angeklagten nicht vielleicht um so besser kennen. Wollen Sie
+sich darueber aeussern, ob er Ihnen nicht noch vor acht Tagen hundert Mark
+geliehen hat." Vor Schrecken ward es ganz still im Saal, und alles starrte
+auf den Major in Uniform, der dastand und an seiner Antwort stammelte.
+Jadassohns Kuehnheit machte Eindruck. Unverweilt nutzte er seinen Erfolg
+aus und erreichte von Kunze, dass er zugab, die Entruestung der
+Nationalgesinnten ueber Lauers Aeusserungen sei echt gewesen, auch seine
+eigene. Zweifellos habe der Angeklagte Seine Majestaet gemeint. - Hier
+hielt Wolfgang Buck sich nicht mehr. "Da der Herr Vorsitzende unnoetig
+findet, es zu ruegen, wenn der Herr Staatsanwalt seine eigenen Zeugen
+beleidigt, kann es auch uns gleich sein!" Sofort hackte Sprezius nach ihm.
+"Herr Verteidiger! Das ist meine Sache, was ich ruege und was nicht!" -
+"Eben das stelle ich fest", fuhr Buck unbeirrt fort. "Zur Sache selbst
+behaupten wir nach wie vor und werden durch Zeugen beweisen, dass der
+Angeklagte den Kaiser gar nicht gemeint hat." "Ich habe mich gehuetet!"
+rief der Angeklagte dazwischen. Buck fuhr fort: "Sollte dies dennoch als
+wahr unterstellt werden, so beantrage ich, den Herausgeber des Gothaischen
+Almanachs darueber als Sachverstaendigen zu vernehmen, welche deutsche
+Fuersten juedisches Blut haben." Damit setzte er sich wieder, befriedigt von
+dem Rauschen der Sensation, das durch den Saal ging. Ein droehnender Bass
+sagte: "Unerhoert!" Sprezius wollte schon loshacken, sah aber noch
+rechtzeitig, wer es gewesen war: Wulckow! Sogar Kuehlemann war davon
+erwacht. Der Gerichtshof steckte die Koepfe zusammen, dann verkuendete der
+Vorsitzende, der Antrag des Verteidigers werde abgelehnt, da ein
+Wahrheitsbeweis nicht zulaessig sei. Kundgebung der Missachtung genuege zum
+Tatbestande des Delikts. Buck war geschlagen; seine feisten Wangen senkten
+sich in kindlicher Traurigkeit. Es ward gekichert, die Schwiegermutter des
+Buergermeisters lachte ungeniert. Diederich auf seiner Zeugenbank war ihr
+dankbar. Er fuehlte, angstvoll lauschend, wie die oeffentliche Meinung
+einlenkte und ganz leise denen naeher kam, die geschickter waren und die
+Macht hatten. Er tauschte einen Blick mit Jadassohn.
+
+Der Redakteur Nothgroschen war dran. Grau und unauffaellig war er ploetzlich
+da und funktionierte glatt, wie ein Aussagebeamter. Jeder, der ihn kannte,
+wunderte sich: so sicher hatte er ihn nie gesehen. Er wusste alles,
+belastete den Angeklagten auf das schwerste und redete fliessend, als sage
+er einen Leitartikel her; hoechstens dass zwischen den Absaetzen der
+Vorsitzende ihm das Stichwort gab, mit Anerkennung, wie einem
+Musterschueler. Buck, der sich erholt hatte, hielt ihm die Stellungnahme
+der "Netziger Zeitung" fuer Lauer vor. Darauf erwiderte der Redakteur: "Wir
+sind ein liberales, also unparteiisches Blatt. Wir geben die Stimmung
+wieder. Da aber jetzt und hier die Stimmung dem Angeklagten unguenstig ist
+-." Er musste sich draussen im Korridor darueber informiert haben! Buck nahm
+eine ironische Stimme an. "Ich stelle fest, dass der Zeuge eine etwas
+sonderbare Auffassung seiner Eidespflicht bekundet." Aber Nothgroschen war
+nicht einzuschuechtern. "Ich bin Journalist," erklaerte er, und er setzte
+hinzu: "Ich bitte den Herrn Vorsitzenden, mich vor Beleidigungen des
+Verteidigers zu schuetzen." Sprezius liess sich nicht bitten; und er entliess
+den Redakteur in Gnaden.
+
+Es schlug zwoelf; Jadassohn machte den Vorsitzenden aufmerksam, dass der
+Untersuchungsrichter Dr. Fritzsche sich zur Verfuegung des Gerichts halte.
+Er ward aufgerufen - und kaum, dass er sich in der Tuer zeigte, gingen alle
+Augen hin und her zwischen ihm und Judith Lauer. Sie war noch bleicher
+geworden, der schwarze Blick, der ihn zum Richter begleitete, vergroesserte
+sich noch, er bekam etwas stumm Eindringliches; aber Fritzsche vermied
+ihn. Auch ihn fand man schlecht aussehend, sein Schritt dagegen bekundete
+Entschlossenheit. Diederich stellte fest, dass er von seinen zwei
+Gesichtern fuer diese Gelegenheit das trockene gewaehlt hatte.
+
+Welche Eindruecke er waehrend der Voruntersuchung von dem Zeugen Hessling
+gewonnen habe? Der Zeuge hatte seine Aussage durchaus freiwillig und
+selbstaendig gemacht, in Form einer durch das frische Erlebnis noch
+bewegten Auseinandersetzung. Die Zuverlaessigkeit des Zeugen, die Fritzsche
+an der Hand seiner ferneren Ermittelungen hatte nachpruefen koennen, stand
+ausser allem Zweifel. Dass der Zeuge heute kein deutliches Erinnerungsbild
+mehr hatte, war nur durch die Erregung des Augenblicks zu erklaeren ... Und
+der Angeklagte? - Hier hoerte man den Saal aufhorchen. Fritzsche schluckte
+hinunter. Auch der Angeklagte hatte persoenlich einen eher guenstigen
+Eindruck auf ihn gemacht, trotz der vielen belastenden Momente.
+
+"Halten Sie, bei widerstreitenden Zeugenaussagen, den Angeklagten des ihm
+zur Last gelegten Delikts faehig?" fragte Sprezius.
+
+Fritzsche erwiderte: "Der Angeklagte ist ein gebildeter Mann; ausdruecklich
+beleidigende Worte zu gebrauchen, wird er sich gehuetet haben."
+
+"Das sagt der Angeklagte selbst", bemerkte der Vorsitzende streng.
+Fritzsche sprach schneller. Der Angeklagte war durch seine buergerliche
+Wirksamkeit gewoehnt, Autoritaet mit fortschrittlichen Neigungen zu
+verbinden. Er hielt sich offenbar fuer einsichtsvoller und zur Kritik
+berechtigter als die meisten anderen Menschen. Es war also denkbar, dass er
+in gereiztem Zustand - und durch die Erschiessung des Arbeiters von seiten
+des Wachtpostens hatte er sich gereizt gefuehlt - seinen politischen
+Anschauungen einen Ausdruck gab, der, ob aeusserlich vielleicht auch
+einwandfrei, die beleidigende Absicht hindurchschimmern liess.
+
+Hier sah man den Vorsitzenden und den Staatsanwalt aufatmen. Die
+Landgerichtsraete Harnisch und Kuehlemann warfen Blicke auf das Publikum,
+durch das eine lebhafte Bewegung ging. Der Assessor links besah auch jetzt
+noch seine Naegel; der rechts aber, ein junger Mann mit nachdenklichem
+Gesicht, beobachtete den Angeklagten, den er gleich vor sich hatte. Die
+Haende des Angeklagten waren krampfig um die Bruestung seiner Bank gespannt,
+und die Augen, hervortretende braune Augen, richtete er auf seine Frau.
+Sie aber sah unverwandt auf Fritzsche, halbgeoeffneten Mundes, wie
+abwesend, mit einem Ausdruck von Leiden, Scham und Schwaeche. Die
+Schwiegermutter des Buergermeisters aeusserte deutlich: "Und zwei Kinder hat
+sie zu Hause." Ploetzlich schien Lauer das Gefluester um ihn her zu
+bemerken, alle diese Blicke, die wegsahen, wenn er sie streifte. Er sank
+zusammen, sein stark geroetetes Gesicht entleerte sich so jaeh vom Blut, dass
+der junge Assessor erschreckt auf seinem Stuhl rueckte.
+
+Diederich, dem es immer wohler ward, war wahrscheinlich der einzige, der
+dem Dialog zwischen dem Vorsitzenden und dem Untersuchungsrichter noch
+folgte. Dieser Fritzsche! Niemandem, auch Diederich selbst nicht, war die
+Sache aus guten Gruenden anfangs peinlicher gewesen. Hatte er nicht auf
+Diederich als Zeugen eine nahezu pflichtwidrige Einwirkung geuebt? Und das
+protokollierte Ergebnis von Diederichs Aussage war nun dennoch schwer
+belastend, und Fritzsches eigenes Zeugnis erst recht. Er war nicht weniger
+ruecksichtslos vorgegangen als Jadassohn. Seine engen und besonderen
+Beziehungen zum Hause Lauer hatten keineswegs vermocht, ihn der Aufgabe zu
+entfremden, die ihm oblag, dem Schutze der Macht. Nichts Menschliches
+hielt stand vor der Macht. Welche Lehre fuer Diederich ... Auch Wolfgang
+Buck empfing sie, auf seine Art. Von unten betrachtete er Fritzsche, mit
+einer Miene, als muesste er sich erbrechen.
+
+Wie der Untersuchungsrichter mit Drehungen des Koerpers, die nicht
+unbefangen wirkten, auf den Ausgang zusteuerte, ward lauter gefluestert.
+Die Schwiegermutter des Buergermeisters sagte, mit dem Lorgnon nach der
+Frau des Angeklagten zielend: "Eine nette Gesellschaft!" Man widersprach
+ihr nicht; man hatte angefangen, die Lauers ihrem Schicksal zu ueberlassen.
+Guste Daimchen biss sich auf die Lippe, Kaethchen Zillich schickte einen
+raschen Senkblick zu Diederich. Dr. Scheffelweis beugte sich hinueber zu
+dem Haupt der Familie Buck, drueckte ihm die Hand und sagte suess: "Ich
+hoffe, lieber Freund und Goenner, alles wird noch gut."
+
+Der Vorsitzende befahl dem Gerichtsdiener: "Lassen Sie mal den Zeugen Cohn
+'rein!" Die Reihe war an den Entlastungszeugen! Der Vorsitzende
+schnupperte in die Luft. "Hier riecht es aber schlecht", bemerkte er.
+"Krecke, machen Sie hinten ein Fenster auf!" Und er suchte mit den Augen
+unter dem minder guten Publikum, das dort oben eng gedraengt sass. Dagegen
+war auf den unteren Baenken freier Raum, und der freieste um den
+Regierungspraesidenten von Wulckow in seiner verschwitzten Jagdjoppe....
+Das geoeffnete Fenster, durch das es eisig hereinblies, bewirkte Murren
+unter den auswaertigen Journalisten, die dort hinten verstaut sassen. Aber
+Sprezius richtete nur den Schnabel gegen sie: da duckten sie sich in ihre
+Rockkragen.
+
+Jadassohn sah siegesgewiss dem Zeugen entgegen. Sprezius liess ihn eine
+Weile reden, dann raeusperte Jadassohn sich; er hielt einen Akt in der
+Hand. "Zeuge Cohn," begann er, "Sie sind Inhaber des unter Ihrem Namen
+bestehenden Warenhauses seit 1889?" Und unvermittelt: "Geben Sie zu, dass
+gleich damals einer Ihrer Lieferanten, ein gewisser Lehmann, sich in Ihren
+Lokalitaeten durch Erschiessen das Leben genommen hat?" Und mit daemonischer
+Befriedigung blickte er auf Cohn, denn die Wirkung seiner Worte war
+ausserordentlich. Cohn begann zu zappeln und nach Luft zu schnappen. "Die
+alte Verleumdung!" kreischte er. "Er hat es doch gar nicht meinetwegen
+getan! Er war ungluecklich verheiratet! Mit der Geschichte haben die Leute
+mich schon einmal kaputt gemacht, und nun faengt der Mann wieder an!" Auch
+der Verteidiger protestierte. Sprezius hackte auf Cohn zu. Der Herr
+Staatsanwalt sei kein Mann! Und wegen des Ausdrucks Verleumdung nehme das
+Gericht den Zeugen in eine Ordnungsstrafe von fuenfzig Mark. Damit war Cohn
+erledigt. Der Bruder des Herrn Buck ward vernommen. Ihn fragte Jadassohn
+geradeheraus: "Zeuge Buck, Sie haben ein notorisch schlechtgehendes
+Geschaeft, wovon leben Sie?" Hier entstand ein solches Gemurmel, dass
+Sprezius schnell eingriff: "Herr Staatsanwalt, gehoert das wirklich zur
+Sache?" Aber Jadassohn war allem gewachsen. "Herr Vorsitzender, die
+Anklagebehoerde hat ein Interesse, den Nachweis zu erbringen, dass der Zeuge
+sich in wirtschaftlicher Abhaengigkeit von seinen Verwandten, besonders
+aber von seinem Schwager, dem Angeklagten, befindet. Die Glaubwuerdigkeit
+des Zeugen ist danach zu bemessen." Der lange, elegante Herr Buck stand
+mit gesenktem Kopf da. "Das genuegt", erklaerte Jadassohn; und Sprezius
+entliess diesen Zeugen. Seine fuenf Toechter rueckten unter den Blicken der
+Menge auf ihrer Bank zusammen wie eine Laemmerherde im Unwetter. Das minder
+gute Publikum der oberen Reihen lachte feindselig. Sprezius bat
+wohlwollend um Ruhe und liess sich den Zeugen Heuteufel kommen.
+
+Wie nun Heuteufel die Hand zum Schwur hob, schleuderte Jadassohn ihm die
+seine mit einem dramatischen Wurf entgegen.
+
+"Ich moechte zunaechst an den Zeugen die Frage richten, ob er zugibt, die
+das Delikt der Majestaetsbeleidigungen darstellenden Aeusserungen durch seine
+Zustimmung beguenstigt und noch verschaerft zu haben." Heuteufel erwiderte:
+"Ich gebe gar nichts zu", - worauf Jadassohn ihm seine Aussage im
+Vorverhoer entgegenhielt. Mit erhobener Stimme: "Ich beantrage
+Gerichtsbeschluss darueber, dass die Beeidigung dieses Zeugen unterbleiben
+soll, weil er der Teilnahme am Delikt verdaechtig ist." Noch schneidender:
+"Die Gesinnung des Zeugen darf als gerichtsnotorisch gelten. Der Zeuge
+gehoert zu den von Seiner Majestaet dem Kaiser mit Recht so genannten
+vaterlandslosen Gesellen. Ueberdies befleissigt er sich in regelmaessigen
+Versammlungen, die er als Sonntagsfeiern fuer freie Menschen bezeichnet,
+der Verbreitung des krassesten Atheismus, wodurch seine Tendenzen
+gegenueber einem christlichen Monarchen ohne weiteres charakterisiert
+sind." Und Jadassohns Ohren strahlten Feuer aus, wie ein ganzes
+Glaubensbekenntnis. Wolfgang Buck stand auf, laechelte skeptisch und
+meinte, die religioesen Ueberzeugungen des Herrn Staatsanwalts seien
+offenbar von moenchischer Strenge, es koenne ihm nicht zugemutet werden, dass
+er einen Nichtchristen fuer glaubwuerdig halte. Das Gericht aber werde wohl
+anderer Meinung sein und den Antrag des Staatsanwalts ablehnen. Da wuchs
+Jadassohn furchtbar empor. Wegen der Verhoehnung seiner Person beantragte
+er gegen den Verteidiger eine Ordnungsstrafe von hundert Mark! Der
+Gerichtshof zog sich zur Beratung zurueck. Sofort brach im Saal ein
+aufgeregtes Durcheinander von Meinungen aus. Dr. Heuteufel schob die Haende
+in die Taschen und mass mit langen Blicken Jadassohn, der, dem Schutze des
+Gerichts entzogen, von Panik ergriffen ward und gegen die Wand wich.
+Diederich war es, der ihm zu Hilfe kam, denn er hatte dem Herrn
+Staatsanwalt leise eine wichtige Mitteilung zu machen ... Schon kehrten
+die Richter zurueck. Die Beeidigung des Zeugen Heuteufel ward vorerst
+ausgesetzt. Der Verteidiger war wegen Verhoehnung des Herrn Staatsanwalts
+in eine Ordnungsstrafe von achtzig Mark genommen.
+
+In das weitere Verhoer Heuteufels griff der Verteidiger ein, der vom Zeugen
+wissen wollte, wie er, als intimer Bekannter des Angeklagten, sein
+Familienleben beurteile. Heuteufel machte eine Bewegung, durch den Saal
+rauschte es: man hatte verstanden. Aber ob Sprezius die Frage zuliess? Er
+hatte schon den Mund geoeffnet, um sie abzulehnen, begriff aber noch
+rechtzeitig, dass man einer Sensation nicht ausweichen duerfe - worauf
+Heuteufel den mustergueltigen Zustaenden im Hause Lauer hohes Lob spendete.
+Jadassohn trank die Worte des Zeugen, bebend vor Ungeduld. Endlich konnte
+er, mit namenlosem Triumph in der Stimme, seine Frage stellen. "Will der
+Zeuge sich auch darueber aeussern, welcher Art die Weiber sind, aus deren
+Bekanntschaft er persoenlich die Kenntnis des Familienlebens schoepft, und
+ob er nicht in einem gewissen Hause verkehrt, das im Volksmund
+Klein-Berlin heisst?" Und noch im Sprechen vergewisserte er sich, dass die
+Damen im Publikum, und gleich ihnen die Richter, tief verletzte Gesichter
+bekamen. Der Hauptentlastungszeuge war vernichtet! Heuteufel versuchte
+noch zu antworten: "Der Herr Staatsanwalt wird es wissen. Wir sind uns
+dort wohl begegnet." Aber das diente nur dazu, dass Sprezius ihm eine
+Ordnungsstrafe von fuenfzig Mark auferlegen konnte. "Der Zeuge hat im Saal
+zu bleiben", entschied der Vorsitzende schliesslich. "Das Gericht braucht
+ihn noch zur weiteren Aufklaerung des Tatbestandes." Heuteufel aeusserte:
+"Ich meinerseits bin aufgeklaert ueber den Betrieb hier und wuerde es
+vorziehen, das Lokal zu verlassen." Sofort wurden aus den fuenfzig Mark
+hundert.
+
+Wolfgang Buck sah sich unruhig um. Seine Lippen schienen die Stimmung im
+Saal zu schmecken, sie verzogen sich, als aeusserte sich die Stimmung in
+diesem merkwuerdigen Geruch, der seit das Fenster geschlossen war, sich
+wieder gelagert hatte. Buck sah die Sympathien, die ihn hereinbegleitet
+hatten, zersprengt und abgestumpft, seine Kampfmittel unnuetz verbraucht;
+und das Gaehnen der vom Hunger in die Laenge gezogenen Gesichter, die
+Ungeduld der Richter, die nach der Uhr schielten, verhiess ihm nichts
+Gutes. Er sprang auf; retten, was zu retten war! Und er machte seine
+Stimme energisch, um die Vorladung weiterer Zeugen fuer die
+Nachmittagssitzung zu beantragen. "Da der Herr Staatsanwalt es zum System
+erhebt, die Glaubwuerdigkeit unserer Zeugen zu bezweifeln, sind wir bereit,
+den guten Leumund des Angeklagten zu beweisen durch die Aussagen der
+ersten Maenner von Netzig. Kein Geringerer als Herr Buergermeister Dr.
+Scheffelweis wird dem Gericht die buergerlichen Verdienste des Angeklagten
+bezeugen. Der Herr Regierungspraesident von Wulckow wird nicht umhin
+koennen, ihm seine staatsfreundliche und kaisertreue Gesinnung zu
+bestaetigen."
+
+"Nanu", sagte dahinten aus dem freien Raum der droehnende Bass. Buck
+strengte seine Stimme an.
+
+"Fuer die sozialen Tugenden des Angeklagten aber werden seine saemtlichen
+Arbeiter eintreten."
+
+Und Buck setzte sich, hoerbar keuchend. Jadassohn bemerkte kalt: "Der Herr
+Verteidiger beantragt eine Volksabstimmung." Die Richter berieten
+fluesternd; und Sprezius verkuendete: das Gericht gebe nur dem Antrage des
+Verteidigers statt, der sich auf die Vernehmung des Buergermeisters Dr.
+Scheffelweis beziehe. Da der Buergermeister im Saal war, wurde er sogleich
+aufgerufen.
+
+Er arbeitete sich aus seiner Bank heraus. Frau und Schwiegermutter hielten
+ihn von beiden Seiten fest und gaben ihm hastig Forderungen mit, die
+einander widersprechen mussten, denn der Buergermeister langte sichtlich
+verstoert am Richtertisch an. Welche Gesinnung der Angeklagte in der
+buergerlichen Oeffentlichkeit betaetigte? Dr. Scheffelweis wusste Gutes
+darueber zu bekunden. So hatte der Angeklagte sich in den staedtischen
+Kollegien eingesetzt fuer die Wiederherstellung des altberuehmten
+Pfaffenhauses, wo die Haare aufbewahrt wurden, die bekanntlich Dr. Martin
+Luther dem Teufel aus dem Schwanz gerissen hatte. Freilich, auch den
+Saalbau der "Freien Gemeinde" hatte er unterstuetzt und dadurch unleugbar
+viel Anstoss erregt. Im Geschaeftsleben sodann genoss der Angeklagte die
+allgemeine Achtung; die sozialen Reformen, die er in seiner Fabrik
+eingefuehrt hatte, wurden vielfach bewundert, - wenn freilich auch dagegen
+eingewendet ward, dass sie die Ansprueche der Arbeiter ins ungemessene
+steigerten und so den Umsturz vielleicht doch zu befoerdern geeignet waren.
+"Wuerde der Herr Zeuge", fragte der Verteidiger, "den Angeklagten des ihm
+zur Last gelegten Delikts fuer faehig halten?" - "Einerseits", erwiderte
+Scheffelweis, "gewiss nicht." - "Aber andererseits?" fragte der
+Staatsanwalt. Der Zeuge erwiderte: "Andererseits gewiss."
+
+Nach dieser Antwort durfte der Buergermeister sich zurueckziehen; seine zwei
+Damen empfingen ihn, eine so unzufrieden wie die andere; und der
+Vorsitzende schickte sich an, die Sitzung aufzuheben, da raeusperte
+Jadassohn sich. Er beantragte, nochmals den Zeugen Doktor Hessling zu
+vernehmen, der seine Aussage zu ergaenzen wuensche. Sprezius klappte
+missgelaunt mit den Lidern, das Publikum, das soeben aus den Baenken
+herausrutschte, murrte laut; - aber Diederich war schon vorgetreten,
+festen Schrittes, und hatte schon mit klarer Stimme zu sprechen begonnen.
+Nach reiflicher Ueberlegung sei er zu der Einsicht gelangt, dass er seine im
+Vorverhoer gemachte Aussage vollinhaltlich aufrechterhalten koenne; und er
+wiederholte sie, aber verschaerft und erweitert. Er fing mit der
+Erschiessung des Arbeiters an und gab die kritischen Bemerkungen der Herren
+Lauer und Heuteufel wieder. Die Zuhoerer, die das Fortgehen vergessen
+hatten, verfolgten die Schlacht der Gesinnungen ueber die blutbetropfte
+Kaiser-Wilhelm-Strasse bis in den Ratskeller, sahen die feindlichen Reihen
+sich bis zum Entscheidungskampf ordnen, Diederich wie mit geschwungenem
+Degen unter den gotischen Kronleuchter vorruecken und den Angeklagten
+herausfordern auf Leben und Tod.
+
+"Denn, meine Herren Richter, ich leugne es nicht laenger, ich habe ihn
+herausgefordert! Wird er das Wort sprechen, an dem ich ihn packen kann? Er
+sprach es und, meine Herren Richter, ich habe ihn gepackt und habe damit
+nur meine Pflicht erfuellt und wuerde sie auch heute wieder erfuellen, moegen
+mir daraus in gesellschaftlicher und geschaeftlicher Beziehung selbst noch
+mehr Nachteile erwachsen, als ich in der letzten Zeit zu ertragen gehabt
+habe! Der uneigennuetzige Idealismus, meine Herren Richter, ist ein
+Vorrecht des Deutschen, er wird ihn unentwegt betaetigen, mag ihm
+angesichts der Menge der Feinde gelegentlich auch der Mut sinken. Als ich
+vorhin mit meiner Aussage noch zoegerte, war es nicht nur, wie der
+Untersuchungsrichter mir guetigst zubilligte, eine Verwirrung des
+Gedaechtnisses: es war, ich gestehe es, ein vielleicht begreifliches
+Zurueckweichen vor der Schwere des Kampfes, den ich auf mich nehmen sollte.
+Aber ich nehme ihn auf mich, denn kein Geringerer als Seine Majestaet unser
+erhabener Kaiser verlangt es von mir ..." Diederich sprach fliessend
+weiter, mit einem Schwung in den Saetzen, der einem den Atem nahm.
+Jadassohn fand, dass der Zeuge anfange, die Wirkungen seines Plaidoyers
+vorwegzunehmen, und blickte unruhig auf den Vorsitzenden. Sprezius aber
+dachte offenbar nicht daran, Diederich zu unterbrechen. Mit unbewegtem
+Geierschnabel und ohne die Lider zu klappen, sah er auf Diederichs eiserne
+Miene, worin es drohend blitzte. Der alte Kuehlemann sogar liess die Lippe
+haengen und hoerte zu. Wolfgang Buck aber: vorgebeugt auf seinem Stuhl,
+spaehte er zu Diederich hinauf, gespannt, sachkundig und die Augen voll
+eines feindlichen Entzueckens. Das war eine Volksrede! Ein Auftritt von
+bombensicherer Wirkung! Ein Schlager! "Moegen unsere Buerger", rief
+Diederich, "endlich aus dem Schlummer erwachen, in dem sie sich so lange
+gewiegt haben, und nicht bloss dem Staat und seinen Organen die Bekaempfung
+der umwaelzenden Elemente ueberlassen, sondern selbst mit Hand anlegen! Das
+ist Befehl Seiner Majestaet und, meine Herren Richter, da sollte ich
+zoegern? Der Umsturz erhebt das Haupt, eine Rotte von Menschen, nicht wert
+den Namen Deutsche zu tragen, wagt es, die geheiligte Person des Monarchen
+in den Staub zu ziehen ..."
+
+Im minder guten Publikum lachte jemand. Sprezius hackte zu und drohte den
+Lacher in Strafe zu nehmen. Jadassohn seufzte. Jetzt war es Sprezius
+freilich nicht mehr moeglich, den Zeugen zu unterbrechen.
+
+In Netzig hatte der kaiserliche Kampfruf bisher leider nur zu wenig
+Widerhall gefunden! Hier verschloss man Augen und Ohren vor der Gefahr, man
+verharrte in den veralteten Anschauungen einer spiessbuergerlichen
+Demokratie und Humanitaet, die den vaterlandslosen Feinden der goettlichen
+Weltordnung den Weg ebneten. Eine forsche nationale Gesinnung, einen
+grosszuegigen Imperialismus begriff man hier noch nicht. "Die Aufgabe der
+modern gesinnten Maenner ist es, auch Netzig dem neuen Geist zu erobern, im
+Sinne unseres herrlichen jungen Kaisers, der jeden Treugesinnten, er sei
+edel oder unfrei, zum Handlanger seines erhabenen Wollens bestellt hat!"
+Und Diederich schloss: "Daher, meine Herren Richter, war ich berechtigt,
+dem Angeklagten, als er noergeln wollte, mit aller Entschiedenheit
+entgegenzutreten. Ich habe ohne persoenlichen Groll gehandelt, um der Sache
+willen. Sachlich sein heisst deutsch sein! Und ich meinerseits" - er
+blitzte zu Lauer hinueber - "bekenne mich zu meinen Handlungen, denn sie
+sind der Ausfluss eines tadellosen Lebenswandels, der auch im eigenen Hause
+auf Ehre haelt und weder Luege noch Sittenlosigkeit kennt!"
+
+Grosse Bewegung im Saal. Diederich, hingerissen von der edlen Gesinnung,
+die er ausdrueckte, berauscht durch seine Wirkung, fuhr fort, den
+Angeklagten anzublitzen. Da aber wich er zurueck: der Angeklagte, zitternd
+und wankend, stemmte sich am Gelaender seiner Bank empor; er hatte
+rollende, blutunterlaufene Augen, und sein Kiefer bewegte sich, als habe
+ihn der Schlag geruehrt. "Oh!" machten weibliche Stimmen, voll
+erwartungsvollen Schauderns. Aber der Angeklagte hatte nur Zeit, einige
+rauhe Laute gegen Diederich auszustossen: sein Verteidiger hatte ihn am Arm
+erfasst und redete auf ihn ein. Inzwischen verkuendete der Vorsitzende, dass
+der Herr Staatsanwalt sein Plaidoyer um vier Uhr beginnen werde, und
+verschwand samt den Beisitzern. Diederich, halb betaeubt, sah sich auf
+einmal bestuermt von Kuehnchen, Zillich, Nothgroschen, die ihn
+beglueckwuenschten. Fremde Leute schuettelten ihm die Hand: die Verurteilung
+sei todsicher, der Lauer duerfe einpacken. Der Major Kunze erinnerte den
+erfolgreichen Diederich daran, dass zwischen ihnen niemals eine
+Meinungsverschiedenheit entstanden sei. Auf dem Korridor kam ganz nahe an
+Diederich, den gerade eine Menge Damen umgaben, der alte Buck vorueber. Er
+zog seine schwarzen Handschuhe an und sah dabei dem jungen Mann ins
+Gesicht: ohne die Verbeugung zu erwidern, die Diederich wider Willen
+machte, ihm immer ins Gesicht, mit einem Blick, pruefend und traurig, so
+traurig, dass auch Diederich, mitten aus seinem Triumph heraus, ihm traurig
+nachsah.
+
+Ploetzlich merkte er, dass die fuenf Toechter Buck sich nicht entbloedeten, ihm
+Komplimente zu machen. Sie flatterten, rauschten und fragten, warum er
+denn zu der spannenden Verhandlung nicht auch seine Schwestern mitgebracht
+habe. Da mass er diese fuenf herausgeputzten Gaense, eine nach der anderen,
+von oben bis unten und erklaerte ihnen, streng und abweisend, es gaebe
+Dinge, die denn doch ernster seien als eine Theatervorstellung. Erstaunt
+liessen sie ihn stehen. Der Korridor leerte sich; zuletzt erschien noch
+Guste Daimchen. Sie machte eine Bewegung auf Diederich zu. Aber Wolfgang
+Buck holte sie ein, laechelnd, als sei nichts geschehen; und mit ihm waren
+der Angeklagte und seine Frau. Schnell sandte Guste zu Diederich einen
+Blick hin, der sein Zartgefuehl anrief. Er drueckte sich hinter einen
+Pfeiler und liess, indes ihm das Herz klopfte, die Geschlagenen vorueber.
+
+Wie er gehen wollte, trat aus dem Amtszimmer der Regierungspraesident, Herr
+von Wulckow. Diederich stellte sich, den Hut in der Hand, am Wege auf,
+schlug im richtigen Augenblick die Hacken zusammen, und wirklich, Wulckow
+blieb stehen. "Na also!" sagte er aus der Tiefe seines Bartes und klopfte
+Diederich auf die Schulter. "Sie haben das Rennen gemacht. Sehr brauchbare
+Gesinnung. Wir sprechen uns noch." Und er ging weiter auf seinen kotigen
+Stiefeln, schwenkte den Bauch in der verschwitzten Jagdhose und
+hinterliess, durchdringend wie je, diesen Geruch gewalttaetiger
+Maennlichkeit, der bei allem, was geschah, im Gerichtssaal gelagert hatte.
+
+Beim Ausgang drunten hielt sich noch immer der Buergermeister auf, mit Frau
+und Schwiegermutter, die von beiden Seiten auf ihn eindrangen, und deren
+Forderungen er, bleich und hoffnungslos, in Einklang zu bringen suchte.
+
+
+
+Zu Hause wussten sie schon alles. Sie hatten, alle drei, im Vestibuel auf
+das Ende der Verhandlung gewartet und sich von Meta Harnisch erzaehlen
+lassen, was vorging. Frau Hessling umarmte ihren Sohn unter stummen Traenen.
+Die Schwestern standen etwas betreten dabei, denn noch gestern hatten sie
+nur Geringschaetzung gehabt fuer Diederichs Rolle im Prozess, die sich nun
+als so glaenzend erwies. Aber Diederich, in der schoenen Vergesslichkeit des
+Sieges, liess Wein zum Essen auftragen, und er erklaerte ihnen, der heutige
+Tag sichere fuer alle Zeit ihre gesellschaftliche Stellung in Netzig. "Die
+fuenf Damen Buck werden sich hueten, auf der Strasse wegzusehen. Sie koennen
+froh sein, wenn ihr sie zurueckgruesst!" Die Verurteilung des Lauer war, so
+versicherte Diederich, nur mehr eine Formalitaet. Sie war entschieden, und
+mit ihr auch Diederichs unaufhaltsamer Aufstieg! "Freilich -" und er
+nickte in sein Glas - "trotz voller Pflichterfuellung haette es schief gehen
+koennen, und dann, meine Lieben, das wollen wir uns nur gestehen, dann waere
+ich wahrscheinlich aufgeflogen und Magdas Heirat mit!" Da Magda
+erbleichte, klopfte er ihr den Arm. "Jetzt sind wir fein heraus." Und das
+Glas erhoben, mit maennlicher Festigkeit: "Welch eine Wendung durch Gottes
+Fuegung!" Er ordnete an, dass beide sich schoen machten und mitkaemen. Frau
+Hessling bat um Nachsicht, sie fuerchtete zu sehr die Aufregung. Diesmal
+konnte Diederich warten, die Schwestern durften sich anziehen, so lange
+sie mochten. Als sie eintrafen, waren schon alle im Saal, aber es waren
+nicht dieselben. Saemtliche Bucks fehlten, und mit ihnen Guste Daimchen,
+Heuteufel, Cohn, die ganze Loge, der freisinnige Wahlverein. Sie gaben
+sich besiegt! Die Stadt wusste es, man draengte sich herbei, ihre Niederlage
+zu erleben; das minder gute Publikum war vorgerueckt bis in die vorderen
+Baenke. Wer von dem einstigen Kluengel sich noch hier fand, Kuehnchen und
+Kunze trugen Sorge, dass jeder auf ihren Gesichtern die gute Gesinnung
+lese. Auch einige verdaechtige Gestalten freilich sassen dazwischen: junge
+Leute mit mueden, aber ausdrucksvollen Mienen, samt mehreren auffallenden
+Maedchen, die unheimlich schoene Farben im Gesicht hatten; und alle
+tauschten Gruesse mit Wolfgang Buck. Das Stadttheater! Buck hatte sich nicht
+entbloedet, sie zu seinem Plaidoyer einzuladen!
+
+Der Angeklagte wandte hastig den Kopf, sooft jemand eintrat. Er wartete
+auf seine Frau! "Wenn er meint, dass sie noch kommt!" dachte Diederich.
+Aber da kam sie: noch bleicher als heute frueh, begruesste ihren Gatten mit
+einem Blick, der flehend war; setzte sich still an das Ende einer Bank und
+richtete die Augen geradeaus nach dem Richtertisch, stumm und stolz, wie
+ins Schicksal ... Der Gerichtshof hatte den Saal betreten. Der Vorsitzende
+eroeffnete die Sitzung und erteilte das Wort dem Herrn Staatsanwalt.
+
+Jadassohn begann sofort mit aeusserster Heftigkeit; nach einigen Saetzen fand
+er schon keine Steigerung mehr und wirkte matt; die Mitglieder des
+Stadttheaters laechelten einander geringschaetzig zu. Jadassohn bemerkte es,
+er fing an, die Arme zu schwenken, dass die Robe flog; seine Stimme
+ueberschlug sich, und die Ohren loderten. Die geschminkten Maedchen fielen
+auf die Bruestung ihrer Bank, so ausgelassen kicherten sie. "Merkt denn
+Sprezius nichts?" fragte die Schwiegermutter des Buergermeisters. Aber das
+Gericht schlief. Diederich in seinem Herzen frohlockte; er hatte seine
+Rache an Jadassohn! Jadassohn konnte nichts vorbringen, als womit er
+selbst schon das Rennen gemacht hatte! Es war gemacht, das wusste Wulckow,
+und auch Sprezius wusste es, darum schlief er, mit offenen Augen. Jadassohn
+selbst fuehlte es am besten; er nahm sich immer unsicherer aus, je
+geraeuschvoller er ward. Als er schliesslich zwei Jahre Gefaengnis
+beantragte, gaben alle, die er gelangweilt hatte, ihm unrecht: wie es
+schien, auch die Richter. Der alte Kuehlemann schrak auf, mit einem
+Schnarcher. Sprezius klappte mehrmals die Lider, um sich zu ermuntern, und
+dann sagte er: "Der Herr Verteidiger hat das Wort."
+
+Wolfgang Buck erhob sich langsam. Seine sonderbaren Freunde auf der
+Tribuene murmelten beifaellig, was Buck trotz Sprezius' geschaerftem Schnabel
+in Ruhe abwartete. Dann erklaerte er leichthin, als werde er mit allem in
+zwei Minuten fertig werden, dass die Beweisaufnahme ein dem Angeklagten
+durchaus guenstiges Bild ergeben habe. Der Herr Staatsanwalt vertrete mit
+Unrecht die Anschauung, dass die Aussage von Zeugen, die erst infolge
+drohender Eingriffe in ihre eigene Existenz schlecht ausgesagt haetten,
+irgendeinen Wert habe. Vielmehr sie habe den Wert, dass sie auf geradezu
+glaenzende Weise die Unschuld des Angeklagten belege, da so viele als
+wahrheitsliebend bekannte Maenner nur durch eine Erpressung -. Weiter kam
+er natuerlich nicht. Als der Vorsitzende sich beruhigt hatte, fuhr Buck
+gelassen fort. Wolle man aber als erwiesen annehmen, dass der Angeklagte
+die ihm zur Last gelegte Aeusserung wirklich getan habe, so entfalle hier
+doch der Begriff der Strafbarkeit; denn der Zeuge Doktor Hessling habe
+offen eingestanden, dass er den Angeklagten mit Absicht und Vorbedacht
+provoziert habe. Es frage sich vielmehr, ob nicht eben der Zeuge Hessling,
+durch seine provokatorische Absicht, der eigentliche geistige Urheber
+einer strafbaren Handlung sei, die er mit der unwillkuerlichen Hilfe eines
+anderen und unter bewusster Ausnutzung seiner Erregung vollfuehrt habe. Der
+Verteidiger empfahl dem Herrn Staatsanwalt die naehere Beschaeftigung mit
+dem Zeugen Hessling. Hier wandten viele sich nach Diederich um, und ihm
+ward schwuel. Aber die wegwerfende Miene des Vorsitzenden ermutigte ihn
+wieder.
+
+Buck machte sein Organ milde und warm. Nein, er wolle nicht das Unglueck
+des Zeugen Hessling, den er als das Opfer eines weit Hoeheren betrachte.
+"Warum haeufen sich in diesen Zeiten die Anklagen wegen
+Majestaetsbeleidigung? Man wird sagen: infolge solcher Vorgaenge wie die
+Erschiessung des Arbeiters. Ich erwidere: nein; sondern dank den Reden, die
+diese Vorgaenge begleiten." Sprezius rueckte den Kopf, wetzte schon den
+Schnabel, zog sich aber noch zurueck. Buck liess sich nicht stoeren; er
+machte sein Organ maennlich und stark.
+
+"Drohungen und ueberspannte Ansprueche auf der einen Seite zeitigen
+Zurueckweisungen auf der anderen. Der Grundsatz: wer nicht fuer mich ist,
+ist wider mich, zieht eine grelle Grenze zwischen Byzantinern und
+Majestaetsbeleidigern."
+
+Da hackte Sprezius zu. "Herr Verteidiger, ich kann nicht dulden, dass Sie
+an Worten des Kaisers hier Kritik ueben. Wenn Sie damit fortfahren, wird
+das Gericht Sie in Ordnungsstrafe nehmen."
+
+"Ich fuege mich der Anordnung des Herrn Vorsitzenden", sagte Buck, und die
+Worte wurden in seinem Munde immer runder und gewichtiger. "Ich werde also
+nicht vom Fuersten sprechen, sondern vom Untertan, den er sich formt; nicht
+von Wilhelm dem Zweiten, sondern vom Zeugen Hessling. Sie haben ihn
+gesehen! Ein Durchschnittsmensch mit gewoehnlichem Verstand, abhaengig von
+Umgebung und Gelegenheit, mutlos, solange hier die Dinge schlecht fuer ihn
+standen, und von grossem Selbstbewusstsein, sobald sie sich gewendet
+hatten."
+
+Diederich auf seinem Platz schnaufte. Warum schuetzte Sprezius ihn nicht?
+Es waere seine Pflicht gewesen! Einen nationalgesinnten Mann liess er in
+oeffentlicher Sitzung veraechtlich machen - von wem? Vom Verteidiger, dem
+berufsmaessigen Vertreter der subversiven Tendenzen! Da war etwas faul im
+Staat!... Es begann in ihm zu kochen, wenn er Buck ansah. Das war der
+Feind, der Antipode; da gab es nur eins: zerschmettern! Diese beleidigende
+Menschlichkeit in Bucks dickem Profil! Man fuehlte seine herablassende
+Liebe zu den Worten, die er bildete, um Diederich zu kennzeichnen!
+
+"Wie er", sagte Buck, "waren zu jeder Zeit viele Tausende, die ihr
+Geschaeft versahen und eine politische Meinung hatten. Was hinzukommt und
+ihn zu einem neuen Typus macht, ist einzig die Geste: das Prahlerische des
+Auftretens, die Kampfstimmung einer vorgeblichen Persoenlichkeit, das
+Wirkenwollen um jeden Preis, waere er auch von anderen zu bezahlen. Die
+Andersdenkenden sollen Feinde der Nation heissen, und waeren sie zwei
+Drittel der Nation. Klasseninteressen, mag sein, aber umgelogen durch
+Romantik. Eine romantische Prostration vor einem Herrn, der seinem
+Untertan von seiner Macht das Noetige leihen soll, um die noch kleineren
+niederzuhalten. Und da es in Wirklichkeit und im Gesetz weder den Herrn
+noch den Untertan gibt, erhaelt das oeffentliche Leben einen Anstrich
+schlechten Komoediantentums. Die Gesinnung traegt Kostuem, Reden fallen, wie
+von Kreuzrittern, indes man Blech erzeugt oder Papier; und das Pappschwert
+wird gezogen fuer einen Begriff wie den der Majestaet, den doch kein Mensch
+mehr, ausser in Maerchenbuechern, ernsthaft erlebt. Majestaet ..." wiederholte
+Buck, das Wort durchschmeckend, und einige Hoerer schmeckten es mit. Die
+Leute vom Theater, denen es offenbar mehr auf die Worte als auf den Sinn
+ankam, legten die Hand an die Ohren und murmelten beifaellig. Den anderen
+sprach Buck zu gewaehlt, und dass er an keinen Dialekt anklang, befremdete.
+Aber Sprezius war im Sessel emporgestiegen, er kreischte beutegierig:
+"Herr Verteidiger, zum letzten Male fordere ich Sie auf, die Person des
+Monarchen nicht in die Debatte zu ziehen." Durch das Publikum lief eine
+Bewegung. Wie Buck den Mund wieder oeffnete, versuchte jemand zu klatschen,
+Sprezius hackte noch rechtzeitig zu. Es war eins der auffallenden Maedchen
+gewesen.
+
+"Erst der Herr Vorsitzende", sagte Buck, "hat die Person des Monarchen
+genannt. Aber, da sie nun genannt ist, darf ich, ohne Verlegenheit fuer das
+Gericht, feststellen, dass diese Person durch die Vollstaendigkeit, mit der
+sie im heute gegebenen Moment die Tendenzen des Landes ausdrueckt und
+darstellt, etwas fast Verehrungswuerdiges bekommt. Ich will den Kaiser -
+und der Herr Vorsitzende wird es nicht auf sich nehmen, mich zu
+unterbrechen - einen grossen Kuenstler nennen. Kann ich mehr tun? Wir alle
+kennen nichts Hoeheres ... Ebendarum sollte es nicht erlaubt sein, dass
+jeder mittelmaessige Zeitgenosse ihm nachaefft. Im Glanz des Thrones mag
+einer seine zweifellos einzige Persoenlichkeit spielen lassen, mag reden,
+ohne dass wir mehr von ihm erwarten als Reden, mag blitzen, blenden, den
+Hass imaginaerer Rebellen herausfordern und den Beifall eines Parterres, das
+seine buergerliche Wirklichkeit darueber nicht vergisst ..."
+
+Diederich erbebte; und alle hatten die Muender offen und gespannte Augen,
+als bewegte Buck sich auf einem Seil zwischen zwei Tuermen. Ob er stuerzte?
+Sprezius hielt den Schnabel gezueckt. Aber kein Zug von Ironie zeichnete
+die Miene des Verteidigers: es schwang sich etwas darin auf wie eine
+erbitterte Begeisterung. Ploetzlich liess er die Mundwinkel fallen, grau
+schien es um ihn her zu werden.
+
+"Aber ein Netziger Papierfabrikant?" fragte er. Er war nicht gestuerzt, er
+hatte wieder Boden unter den Fuessen! Nun sah alles sich nach Diederich um,
+und man laechelte sogar. Auch Emmi und Magda laechelten. Buck hatte seine
+Wirkung, und Diederich musste sich leider sagen, dass ihr gestriges Gespraech
+auf der Strasse hierfuer die Generalprobe gewesen sei. Er duckte sich unter
+dem offenen Hohn des Redners.
+
+"Die Papierfabrikanten neigen heute dazu, sich eine Rolle anzumassen, fuer
+die sie nicht fabriziert sind. Zischen wir sie aus! Sie haben kein Talent!
+Das aesthetische Niveau unseres oeffentlichen Lebens, das vom Auftreten
+Wilhelms des Zweiten eine so ruhmreiche Erhoehung erfahren hat, kann durch
+Kraefte wie den Zeugen Hessling nur verlieren ... Und mit dem Aesthetischen,
+meine Herren Richter, sinkt oder steigt das Moralische. Erlogene Ideale
+ziehen unlautere Sitten nach sich, dem politischen Schwindel folgt der
+buergerliche."
+
+Buck hatte sein Organ streng gemacht. Zum ersten Male erhob er es nun bis
+zum Pathos.
+
+"Denn, meine Herren Richter, ich beschraenke mich nicht auf die
+mechanistische Doktrin, die der Partei des sogenannten Umsturzes so teuer
+ist. Mehr Veraenderung als alle Wirtschaftsgesetze erzeugt in der Welt das
+Beispiel eines grossen Mannes. Und wehe, wenn es ein falsch verstandenes
+Beispiel war! Dann kann es geschehen, dass ueber das Land sich ein neuer
+Typus verbreitet, der in Haerte und Unterdrueckung nicht den traurigen
+Durchgang zu menschlicheren Zustaenden sieht, sondern den Sinn des Lebens
+selbst. Schwach und friedfertig von Natur, uebt er sich, eisern zu
+scheinen, weil in seiner Vorstellung Bismarck es war. Und mit
+unberechtigter Berufung auf einen noch Hoeheren wird er laermend und
+unsolide. Kein Zweifel: die Siege seiner Eitelkeit werden geschaeftlichen
+Zwecken dienen. Zuerst bringt die Komoedie seiner Gesinnung einen
+Majestaetsbeleidiger ins Gefaengnis. Spaeter findet sich, was daran zu
+verdienen ist. Meine Herren Richter!"
+
+Buck breitete die Arme aus, als solle seine Toga die Welt umfassen, er
+trug die gesammelte Miene eines Fuehrers. Und er legte los, mit allem, was
+er hatte.
+
+"Sie sind souveraen; und Ihre Souveraenitaet ist die erste und staerkste. In
+Ihrer Hand ist das Schicksal des einzelnen. Sie koennen ihn in das Leben
+schicken oder ihn sittlich toeten - was kein Fuerst kann. Die Norm aber der
+Individuen, die Sie gutheissen oder verwerfen, bildet ein Geschlecht. Und
+so haben Sie Macht ueber unsere Zukunft. Bei Ihnen liegt die unermessliche
+Verantwortung, ob kuenftig Maenner wie der Angeklagte die Gefaengnisse fuellen
+und Wesen wie der Zeuge Hessling der herrschende Teil der Nation sein
+sollen. Entscheiden Sie sich zwischen den beiden! Entscheiden Sie sich
+zwischen Streberei und mutiger Arbeit, zwischen Komoedie und Wahrheit!
+Zwischen einem, der, um selbst emporzukommen, Opfer verlangt, und dem
+anderen, der Opfer darbringt, damit Menschen es besser haben! Der
+Angeklagte hat getan, was erst wenige vermochten: er hat sich seines
+Herrentums begeben, hat denen, die unter ihm standen, gleiches Recht
+zugebilligt, Behagen und Hoffnungsfreude. Und jemand, der in seinem
+Naechsten so sehr sich selbst achtet, sollte faehig sein, von der Person des
+Kaisers mit Nichtachtung zu sprechen?"
+
+Die Hoerer atmeten. Mit neuen Gefuehlen blickte man auf den Angeklagten, der
+die Stirn in die Hand stuetzte, auf seine Frau, die starr vor sich hinsah.
+Mehrere schluchzten. Der Vorsitzende sogar hatte eine betretene Miene.
+Seine Lider klappten nicht mehr; mit runden Augen sass er da, als haette
+Buck ihn eingefangen. Der alte Kuehlemann nickte achtungsvoll, und an
+Jadassohn zeigten sich unwillkuerliche Zuckungen.
+
+Aber Buck missbrauchte seinen Erfolg, er liess sich berauschen. "Das
+Erwachen des Buergers!" rief er aus. "Die wahrhaft nationale Gesinnung! Die
+stille Tat eines Lauer tut mehr dafuer als hundert hallende Monologe selbst
+eines gekroenten Kuenstlers!"
+
+Sofort klappte Sprezius wieder; und man sah ihm an, er hatte sich
+besonnen, wie die Dinge eigentlich lagen, und versprach sich, nicht zum
+zweiten Male auf den Leim zu gehen. Jadassohn feixte; und im Saal fuehlten
+die meisten, der Verteidiger habe verspielt. Unter allgemeiner Unruhe liess
+der Vorsitzende ihn das Lob des Angeklagten beenden.
+
+Als Buck sich dann setzte, wollten die Schauspieler klatschen; aber
+Sprezius hackte nicht einmal mehr zu, er warf nur einen gelangweilten
+Blick hin und fragte, ob der Herr Staatsanwalt zu replizieren wuensche.
+Jadassohn verneinte geringschaetzig, und der Gerichtshof zog sich rasch
+zurueck. "Das Urteil wird bald gefunden sein", sagte Diederich mit
+Achselzucken - obwohl ihm von Bucks Rede noch arg beklommen war. "Gott sei
+Dank!" sagte die Schwiegermutter des Buergermeisters. "Man sollte nicht
+glauben, dass vor fuenf Minuten die Leute noch obenauf waren." Sie wies auf
+Lauer, der sich das Gesicht trocknete, und auf Buck, den wahrhaftig die
+Schauspieler beglueckwuenschten.
+
+Schon kehrten die Richter zurueck, und Sprezius verkuendete das Urteil:
+sechs Monate Gefaengnis - was allen die natuerlichste Loesung schien. Dazu
+war noch auf Verlust der vom Angeklagten bekleideten oeffentlichen Aemter
+erkannt worden.
+
+Der Vorsitzende begruendete das Urteil damit, dass eine beleidigende Absicht
+zum Tatbestande des Delikts nicht erforderlich sei. Daher tue auch die
+Frage, ob eine Provokation stattgefunden habe, nichts zur Sache. Im
+Gegenteil: dass der Angeklagte es gewagt habe, vor national gesinnten
+Zeugen so zu sprechen, falle erschwerend ins Gewicht. Die Behauptung des
+Angeklagten, dass er nicht den Kaiser gemeint habe, sei vom Gericht fuer
+hinfaellig befunden. "Den Hoerern der Rede musste sich - namentlich bei ihrer
+Parteistellung und der ihnen bekannten antimonarchischen Richtung des
+Angeklagten - die Ansicht aufdraengen, dass seine Aeusserung sich gegen den
+Kaiser richte. Wenn der Angeklagte vorgibt, dass er sich wohl gehuetet habe,
+eine Majestaetsbeleidigung zu begehen, so hat er eben nicht die Beleidigung
+selbst, sondern nur ihre strafrechtlichen Folgen vermeiden wollen."
+
+Dies leuchtete allen ein, man fand es von Lauer begreiflich, aber
+hinterlistig. Der Verurteilte ward sofort verhaftet; als man auch dies
+noch miterlebt hatte zerstreute man sich, unter Bemerkungen, die ihm nicht
+guenstig waren. Nun war es wohl aus mit Lauer, denn was sollte in dem
+halben Jahr, das er absitzen musste, aus seinem Geschaeft werden! Infolge
+des Urteils war er auch nicht mehr Stadtverordneter. Er konnte kuenftig
+weder nuetzen noch schaden! Dem Buckschen Kluengel, der so dick tat, war der
+Denkzettel zu goennen. Man sah sich nach der Frau des Straeflings um; aber
+sie war verschwunden. "Nicht einmal die Hand hat sie ihm gegeben! Nette
+Verhaeltnisse!"
+
+
+
+Aber in den Tagen, die folgten, geschahen Dinge, die zu noch herberen
+Urteilen noetigten. Judith Lauer hatte sofort ihre Koffer gepackt und war
+nach dem Sueden gereist. Nach dem Sueden! - indes ihr leiblicher Mann dort
+oben in der Vogtei sass, mit einer Wache unter seinem Gitterfenster. Und -
+ein auffallendes Zusammentreffen!
+
+Landgerichtsrat Fritzsche nahm ploetzlich Urlaub. Eine Karte von ihm aus
+Genua gelangte an Doktor Heuteufel, der sie umherzeigte: wahrscheinlich,
+um sein eigenes Benehmen in Vergessenheit zu bringen. Es waere kaum noch
+noetig gewesen, die Lauerschen Dienstboten und die armen verlassenen Kinder
+auszuforschen: man wusste Bescheid! Der Skandal war so gross, dass die
+"Netziger Zeitung" eingriff, mit einer an die oberen Zehntausend
+gerichteten Warnung, nicht den umstuerzlerischen Tendenzen durch
+Zuegellosigkeit entgegenzukommen. In einem zweiten Artikel legte
+Nothgroschen dar, dass man unrecht tue, Reformen, wie die in Lauers Betrieb
+eingefuehrten, besonders zu ruehmen. Denn was hatten die Arbeiter von der
+Beteiligung? Im Durchschnitt, nach Lauers eigenen Aufstellungen, noch
+nicht achtzig Mark im Jahr. Das konnte man ihnen auch in Form eines
+Weihnachtsgeschenkes zuwenden! Aber freilich, dann war es keine
+Demonstration mehr gegen die bestehende Gesellschaftsordnung! Dann hatte
+auch die vom Gericht festgestellte antimonarchische Gesinnung des
+Fabrikherrn nichts dabei zu gewinnen! Und wenn Herr Lauer auf den Dank der
+Arbeiter gezaehlt hatte, konnte er sich jetzt eines Besseren belehren:
+vorausgesetzt, so fuegte Nothgroschen hinzu, dass er im Gefaengnis das
+sozialdemokratische Blatt zu lesen bekam. Denn das warf ihm vor, dass er
+durch seine leichtsinnige Majestaetsbeleidigung mehrere hundert
+Arbeiterfamilien in ihrer Existenz gefaehrdet habe.
+
+Die "Netziger Zeitung" trug der veraenderten Lage noch in anderer, sehr
+bezeichnender Weise Rechnung. Ihr Direktor Tietz wandte sich an das
+Hesslingsche Werk wegen eines Teils der Papierlieferung. Die Auflage sei
+gestiegen und Gausenfeld zur Zeit ueberlastet. Diederich sagte sich sofort,
+dass dahinter der alte Kluesing selbst stecke. Er war beteiligt an der
+Zeitung, ohne ihn geschah dort nichts. Wenn der etwas aus der Hand liess,
+fuerchtete er offenbar, sonst noch mehr zu verlieren. Die Kreisblaetter! Die
+Lieferungen fuer die Regierung! Angst vor Wulckow, das war es. Dass
+Diederich durch seine Zeugenaussage den Praesidenten auf sich aufmerksam
+gemacht hatte, musste der Alte wohl erfahren haben - obwohl er kaum mehr in
+die Stadt kam. Die alte Papierspinne dort hinten in ihrem Netz, das ueber
+die Provinz und noch weiter gespannt war, witterte Gefahr und ward
+unruhig. "Er moechte mich abspeisen mit der 'Netziger Zeitung'! Aber so
+billig tun wir's nicht. In dieser harten Zeit! Hat er 'ne Ahnung von
+meiner Grosszuegigkeit. Wenn ich erst Wulckow hinter mir habe: - ich beerbe
+ihn einfach!" sagte Diederich laut, mit einem Schlag auf das Schreibpult,
+so dass Soetbier emporschrak. "Hueten Sie sich vor Aufregungen!" hoehnte
+Diederich. "In Ihren Jahren, Soetbier! Ich gebe zu, frueher haben Sie
+manches geleistet fuer die Firma. Aber die Geschichte mit dem Hollaender war
+schlimm; da haben Sie mich entmutigt, und jetzt haette ich ihn noetig fuer
+die 'Netziger Zeitung'. Sie sollten sich ausruhen, es gelingt nichts
+mehr."
+
+Zu den Folgen, die der Prozess fuer Diederich hatte, gehoerte auch ein Brief
+des Majors Kunze. Dieser wuenschte ein bedauerliches Missverstaendnis
+aufzuklaeren und teilte mit, dass der Aufnahme des hochverdienten Herrn
+Doktors in den Kriegerverein nichts mehr im Wege stehe. Diederich, geruehrt
+durch seinen Triumph, haette am liebsten gleich die beiden Haende des alten
+Soldaten ergriffen. Gluecklicherweise erkundigte er sich und erfuhr, dass
+der Brief auf Herrn von Wulckow selbst zurueckzufuehren war! Der
+Regierungspraesident hatte den Kriegerverein mit seinem Besuch beehrt und
+sich gewundert, den Doktor Hessling nicht dort zu finden. Da ward Diederich
+es inne, was fuer eine Macht er war. Er handelte demgemaess. Er antwortete
+auf die private Eroeffnung des Majors durch ein offizielles Schreiben an
+den Verein und forderte den persoenlichen Besuch von zwei Mitgliedern des
+Vorstandes, der Herren Major Kunze und Professor Kuehnchen. Sie kamen auch;
+Diederich empfing sie, zwischen Geschaeftsbesuchen, die er absichtlich auf
+diese Stunde gelegt hatte, in seinem Bureau und diktierte ihnen die
+Adresse, von deren Ueberreichung er die Annahme ihres ehrenvollen Antrags
+abhaengig machte. Darin liess er sich bestaetigen, dass er, mit glaenzender
+Unerschrockenheit allen Verleumdungen trotzend, seine treudeutsche und
+kaisertreue Gesinnung bewaehrt habe. Durch sein Eingreifen sei es gelungen,
+den vaterlandslosen Elementen Netzigs eine empfindliche Schlappe
+beizubringen. Aus einem unter den groessten persoenlichen Opfern gefuehrten
+Kampf sei Diederich als lauterer, echt deutscher Charakter hervorgegangen.
+
+Bei der Feier seiner Aufnahme verlas Kunze die Adresse, und Diederich,
+Traenen in der Stimme, bekannte sich unwuerdig, so viel Lob
+entgegenzunehmen. Wenn in Netzig die nationale Sache Fortschritte mache,
+so sei dies, naechst Gott, einem Hoeheren zu danken, dessen erhabene
+Weisungen er seinerseits in freudigem Gehorsam ausfuehre ... Alle, auch
+Kunze und Kuehnchen, waren bewegt. Es war ein grosser Abend. Diederich
+stiftete einen Pokal - und er hielt eine Rede, worin er die
+Schwierigkeiten beruehrte, denen die neue Militaervorlage im Reichstage
+begegnete. "Einzig unser scharfes Schwert", rief Diederich aus, "sichert
+unsere Stellung in der Welt, und es scharf zu erhalten, ist der Beruf
+Seiner Majestaet des Kaisers! Wenn der Kaiser ruft, wird es herausfliegen
+aus der Scheide! Die Gesellschaft im Reichstag, die da was dreinreden
+will, mag sich hueten, dass es sie nicht zuerst trifft! Mit Seiner Majestaet
+ist nicht zu spassen, meine Herren, das kann ich Ihnen nur sagen."
+Diederich blitzte, und er nickte schwerwiegend, als wuesste er manches. Im
+selben Augenblick kam ihm wirklich ein Einfall. "Neulich auf dem
+Brandenburgischen Provinziallandtag hat der Kaiser dem Reichstag den
+Standpunkt klargemacht. Er hat gesagt: 'Wenn die Kerls mir meine Soldaten
+nicht bewilligen, raeum' ich die ganze Bude aus!'" - Das Wort erregte
+Begeisterung; und als Diederich allen, die ihm zutranken, nachgekommen
+war, haette er nicht mehr sagen koennen, ob es von ihm selbst war oder nicht
+doch vom Kaiser. Schauer der Macht stroemten aus dem Wort auf ihn ein, als
+waere es echt gewesen ... Tags darauf stand es in der "Netziger Zeitung"
+und schon am Abend im "Lokal-Anzeiger". Schlechtgesinnte Blaetter
+verlangten ein Dementi, aber es blieb aus.
+
+
+
+
+
+ V.
+
+
+Noch schwellten solche Hochgefuehle Diederichs Brust, da bekamen Emmi und
+Magda eine Einladung von Frau von Wulckow, nachmittags zum Tee. Es konnte
+nur wegen des Stueckes sein, das die Regierungspraesidentin beim naechsten
+Fest der "Harmonie" auffuehren liess. Emmi und Magda sollten Rollen
+bekommen. Freudegeroetet kehrten sie heim: Frau von Wulckow war ueberaus
+gnaedig gewesen; eigenhaendig hatte sie ihnen immer wieder Kuchen auf den
+Teller gelegt. Inge Tietz mochte platzen. Offiziere spielten mit! Man
+brauchte besondere Toiletten; wenn Diederich vielleicht glaubte, dass sie
+mit ihren fuenfzig Mark -. Aber Diederich eroeffnete ihnen einen
+unbegrenzten Kredit. Nichts von dem, was sie kauften, fand er schoen genug.
+Das Wohnzimmer lag voll von Baendern und kuenstlichen Blumen, die Maedchen
+verloren den Kopf, weil Diederich ihnen dreinredete: da kam Besuch, Guste
+Daimchen.
+
+"Ich habe doch der gluecklichen Braut noch gar nicht richtig gratuliert",
+sagte sie und versuchte goennerhaft zu laecheln; aber ihre Augen gingen
+besorgt ueber die Baender und Blumen. "Das ist wohl auch fuer das dumme
+Stueck?" fragte sie. "Wolfgang hat davon gehoert, er sagt, es ist unerhoert
+dumm." Magda erwiderte: "Dir muss er es doch sagen, weil du nicht
+mitspielst." Und Diederich erklaerte: "Damit entschuldigt er sich dafuer,
+dass Sie seinetwegen bei Wulckows nicht eingeladen werden." Guste lachte
+geringschaetzig. "Auf Wulckows verzichten wir, aber zum Harmonieball gehen
+wir gerade." Diederich fragte: "Wollen Sie den ersten Eindruck des
+Prozesses nicht lieber voruebergehen lassen?" Er sah sie teilnehmend an.
+"Liebes Fraeulein Guste, wir sind so alte Bekannte, ich darf Sie wohl
+darauf hinweisen, dass Ihre Verbindung mit den Bucks Ihnen jetzt in der
+Gesellschaft nicht gerade nuetzt." - Guste zuckte mit den Augen, man sah,
+sie hatte sich das schon selbst gedacht. Magda bemerkte: "Gott sei Dank,
+mit meinem Kienast ist es nicht so." Worauf Emmi: "Aber Herr Buck ist
+interessanter. Neulich bei seiner Rede hab' ich geweint, wie im Theater."
+- "Und ueberhaupt!" rief Guste ermutigt. "Erst gestern hat er mir diese
+Tasche geschenkt." Sie hielt den vergoldeten Sack empor, nach dem Emmi und
+Magda schon lange schielten. Magda sagte spitz: "Er hat wohl viel verdient
+mit der Verteidigung. Kienast und ich, wir sind fuer Sparsamkeit." Aber
+Guste hatte ihre Genugtuung gehabt. "Dann will ich auch nicht laenger
+stoeren", sagte sie.
+
+Diederich begleitete sie hinunter. "Ich bringe Sie nach Haus, wenn Sie
+artig sind," sagte er, "aber vorher muss ich noch einen Blick in die Fabrik
+tun. Gleich wird Schicht gemacht." - "Ich kann ja mitgehen", meinte Guste.
+Um ihr zu imponieren, fuehrte er sie geradeswegs zu der grossen
+Papiermaschine. "So was haben Sie wohl noch nicht gesehen?" Und mit
+Wichtigkeit erlaeuterte er ihr das System von Bassins, Walzen und
+Zylindern, worueber hin, durch die ganze Laenge des Saales, die Masse floss:
+zuerst waesserig, dann immer trockener - und am Ende der Maschine lief auf
+grossen Rollen das fertige Papier ... Guste schuettelte den Kopf. "Nein so
+was! Und der Krach, den sie macht! Und die Hitze hier!" Diederich, mit
+seiner Wirkung noch nicht zufrieden, fand einen Grund, um die Arbeiter
+anzudonnern; und wie Napoleon Fischer dazukam, war nur er schuld! Beide
+schrien gegen den Laerm der Maschine an, Guste verstand nichts; aber
+Diederichs geheime Angst sah in dem duennen Bart des Maschinenmeisters
+immer das gewisse Grinsen, das an seine Mitwisserschaft in der
+Angelegenheit des Hollaenders erinnerte und die offene Verleugnung jeder
+Autoritaet war. Je heftiger Diederich sich gebaerdete, desto ruhiger ward
+der andere. Diese Ruhe war Aufruhr! Schnaufend und bebend oeffnete
+Diederich die Tuer zum Packraum und liess Guste eintreten. "Der Mann ist
+Sozialdemokrat!" erklaerte er. "So ein Kerl waere imstande, hier Feuer zu
+legen. Aber ich entlass' ihn nicht: nun gerade nicht! Wollen sehen, wer
+der Staerkere ist. Die Sozialdemokratie nehme ich auf mich!" Und da Guste
+ihn bewundernd ansah: "Das haetten Sie wohl nicht gedacht, auf was fuer
+einem gefahrvollen Posten unsereiner steht. Furchtlos und treu, ist mein
+Wahlspruch. Sehen Sie, ich verteidige hier unsere heiligsten nationalen
+Gueter geradeso gut wie unser Kaiser. Dazu gehoert mehr Mut, als wenn einer
+vor Gericht schoene Reden haelt."
+
+Guste sah es ein, sie hatte eine andaechtige Miene. "Hier ist es kuehler,"
+bemerkte sie, "wenn man aus der Hoelle nebenan kommt. Die Frauen hier
+koennen froh sein." - "Die?" erwiderte Diederich. "Die haben es wie im
+Paradies!" Er fuehrte Guste zu dem Tisch: eine der Frauen sortierte die
+Bogen, eine zweite pruefte nach, und die dritte zaehlte immerfort bis
+fuenfhundert. Alles ging mit unerklaerlicher Schnelligkeit; die Bogen flogen
+ununterbrochen einander nach, wie von selbst und ohne Widerstand gegen die
+arbeitenden Haende, die im endlos ueber sie hingehenden Papier sich
+aufzuloesen schienen: Haende und Arme, die Frau selbst, ihre Augen, ihr
+Gehirn, ihr Herz. Das alles war da und lebte, damit die Bogen flogen ...
+Guste gaehnte - indes Diederich erklaerte, dass diese Weiber, die im Akkord
+arbeiteten, sich schaendliche Nachlaessigkeiten zuschulden kommen liessen. Er
+wollte schon dazwischenfahren, weil ein Bogen mitflog, woran eine Ecke
+fehlte. Aber Guste sagte ploetzlich mit einer Art von Trotz: "Sie brauchen
+sich uebrigens nicht einzubilden, dass Kaethchen Zillich sich fuer Sie
+besonders interessiert ... Wenigstens nicht mehr als fuer gewisse andere
+Leute", setzte sie hinzu; und auf seine verwirrte Frage, was sie denn
+meine, laechelte sie bloss anzueglich. "Ich muss Sie doch bitten", wiederholte
+er. Darauf nahm Guste ihre goennerhafte Miene an. "Ich sage es nur zu Ihrem
+Besten. Denn Sie scheinen nichts zu merken? Mit Assessor Jadassohn zum
+Beispiel? Aber Kaethchen ist ueberhaupt so eine." Jetzt lachte Guste laut,
+so begossen sah Diederich aus. Sie ging weiter, und er folgte. "Mit
+Jadassohn?" forschte er angstvoll. Da hoerte der Laerm der Maschine auf, die
+Glocke ging, die den Schluss der Arbeit anzeigte, und ueber den Hof
+entfernten sich schon Arbeiter. Diederich zuckte die Achseln. "Was
+Fraeulein Zillich macht, laesst mich kalt", erklaerte er. "Hoechstens um den
+alten Pastor tut es mir leid, wenn sie wirklich so eine ist. Wissen Sie
+das denn genauer?" Guste sah weg. "Ueberzeugen Sie sich doch selbst!"
+Worauf Diederich geschmeichelt lachte.
+
+"Lassen Sie das Gas brennen!" rief er dem Maschinenmeister zu, der
+vorbeiging. "Ich drehe selbst ab." Gerade ward der Lumpensaal weit
+geoeffnet fuer die Fortgehenden. "Oh!" rief Guste, "dort drinnen ist es aber
+romantisch!" Denn sie erblickte dahinten in der Daemmerung lauter bunte
+Flecken aus grauen Huegeln und darueber einen Wald von Aesten. "Ach", sagte
+sie im Naehertreten. "Ich dachte, weil es hier schon so dunkel ist ... Das
+sind ja bloss Lumpensaecke und Heizungsrohre." Und sie verzog das Gesicht.
+Diederich jagte die Arbeiterinnen empor, die trotz der Betriebsordnung
+sich auf den Saecken ausruhten. Mehrere, kaum, dass die Arbeit fortgelegt
+war, strickten schon, andere assen. "Das koennte euch passen", schnaubte er.
+"Waerme schinden auf meine Kosten! Raus!" Sie standen langsam auf, ohne ein
+Wort, ohne Widerstand in der Miene; und vorbei an der fremden Dame, nach
+der alle dumpf neugierig den Kopf wandten, trabten sie in ihren
+Maennerschuhen hinaus, schwerfaellig wie eine Herde und umgeben von dem
+Dunst, worin sie lebten. Diederich behielt jede scharf im Auge, bis sie
+draussen war. "Fischer!" schrie er ploetzlich. "Was hat die Dicke da unterm
+Tuch?" Der Maschinenmeister erklaerte mit seinem zweideutigen Grinsen: "Das
+ist nur, weil sie was erwartet", - worauf Diederich unzufrieden den Ruecken
+wandte. Er belehrte Guste. "Ich glaubte, ich haette eine erwischt. Sie
+stehlen naemlich Lumpen. Jawohl. Sie machen Kinderkleider draus." Und da
+Guste die Nase ruempfte: "Das ist doch zu gut fuer die Proletenkinder!"
+
+Mit den Spitzen ihrer Handschuhe hob Guste einen der Fetzen vom Boden.
+Ploetzlich hatte Diederich ihr Handgelenk gefangen und kuesste es gierig, im
+Spalt des Handschuhs. Erschreckt sah sie sich um. "Ach so, alle Leute sind
+schon fort." Sie lachte selbstsicher. "Ich hab' mir doch gleich gedacht,
+was Sie jetzt noch in der Fabrik zu tun haben." Diederich machte ein
+herausforderndes Gesicht. "Na und Sie? Warum sind Sie ueberhaupt gekommen
+heute? Sie haben wohl gemerkt, dass ich doch nicht so ohne bin? Freilich
+Ihr Wolfgang -. Jeder kann sich nicht so blamieren wie er, neulich vor
+Gericht." Darauf sagte Guste entruestet: "Seien Sie nur ganz still, Sie
+werden doch nie so ein feiner Mann wie er." Aber ihre Augen sagten etwas
+anderes. Diederich sah es; erregt lachte er auf. "Wie der es eilig hat mit
+Ihnen! Wissen Sie auch, wofuer er Sie ansieht? Fuer einen Kochtopf mit Wurst
+und Kohl, und ich soll ihn umruehren!" - "Jetzt luegen Sie", sagte Guste
+vernichtend; aber Diederich war im Zuge. "Ihm ist naemlich nicht genug
+Wurst und Kohl drin. - Anfangs hat er natuerlich auch gedacht, Sie haetten
+eine Million geerbt. Aber fuer fuenfzigtausend Mark ist solch ein feiner
+Mann nicht zu haben." Da kochte Guste auf. Diederich fuhr zurueck, so
+gefaehrlich sah es aus. "Fuenfzigtausend! Ihnen ist gewiss nicht wohl? Wie
+komme ich dazu, dass ich mir das muss sagen lassen! Wo ich bare
+dreihundertfuenfzigtausend auf der Bank zu liegen hab', in richtiggehenden
+Papieren! Fuenfzigtausend! Wer so etwas Ehrenruehriges von mir herumerzaehlt,
+den kann ich ueberhaupt belangen!" Sie hatte Traenen in den Augen; Diederich
+stammelte Entschuldigungen. "Lassen Sie nur" - und Guste benutzte ihr
+Taschentuch. "Wolfgang weiss genau, woran er bei mir ist. Aber Sie selbst,
+Sie haben den Schwindel geglaubt. Darum waren Sie auch so frech!" rief
+sie. Ihre rosigen Fettpolster zitterten vor Zorn, und die kleine
+eingedrueckte Nase war ganz weiss geworden. Er sammelte sich. "Daran sehen
+Sie doch, dass Sie mir auch ohne Geld gefallen", gab er zu bedenken. Sie
+biss sich auf die Lippen. "Wer weiss", sagte sie mit einem Blick von unten,
+schmollend und unsicher. "Fuer Leute, wie Sie, sind fuenfzigtausend auch
+schon Geld."
+
+Er hielt es fuer angezeigt, eine Pause zu machen. Sie zog aus ihrem
+goldenen Beutel den Puderquast, und sie setzte sich. "Ich bin wirklich
+ganz echauffiert von Ihrem Betragen!" Aber sie lachte wieder. "Haben Sie
+mir vielleicht sonst noch etwas zu zeigen in Ihrer sogenannten Fabrik?" Er
+nickte bedeutsam. "Wissen Sie wohl, wo Sie jetzt sitzen?" - "Na, auf einem
+Lumpensack." - "Aber auf was fuer einem! In dieser Ecke, hinter den Saecken
+hier hab' ich mal einen Arbeiter und ein Maedchen ertappt, wie sie gerade:
+Sie verstehen. Natuerlich sind beide geflogen; und am Abend, jawohl, am
+selben Abend -" er hob den Zeigefinger, in seinen Augen entstand ein
+Schauder hoeherer Dinge - "haben sie den Kerl totgeschossen, und das
+Maedchen ist verrueckt geworden." Guste sprang auf. "War das -? Ach Gott,
+das war der Arbeiter, der den Wachtposten gereizt hat ...? Also hinter den
+Saecken haben sie -?" Ihre Augen gingen ueber die Saecke, als suchte sie Blut
+darauf. Sie hatte sich nahe zu Diederich gefluechtet. Ploetzlich sahen sie
+einander in die Augen: darin bewegten sich die gleichen abgruendigen
+Schauder, des Lasters oder des Uebersinnlichen. Sie atmeten hoerbar einander
+an. Guste schloss, eine Sekunde lang, die Lider: da plumpsten sie auch
+schon beide auf die Saecke, rollten, ineinander verwickelt, hinab und durch
+den dunkeln Raum dahinter, schlugen um sich, keuchten und prusteten, als
+seien sie dort unten am Ertrinken.
+
+Guste zuerst erreichte wieder das Licht. Den Fuss, an dem er sie festhalten
+wollte, stiess sie ihm ins Gesicht und sprang heraus, dass es krachte. Als
+Diederich sich gluecklich ihr nachgearbeitet hatte, standen sie da und
+schnauften. Gustes Busen, Diederichs Bauch gingen beide im Sturm. Sie
+erlangte vor ihm die Sprache zurueck. "Das muessen Sie mit 'ner andern
+versuchen! Wie komm' ich ueberhaupt dazu!" Immer erbitterter: "Ich hab'
+Ihnen doch gesagt, dass es dreihundertfuenfzigtausend sind!" Diederich
+bewegte die Hand, um auszudruecken, dass er seinen Missgriff zugebe. Aber
+Guste schrie auf: "Und wie ich aussehe! Soll ich so vielleicht durch die
+Stadt gehen?" Er erschrak aufs neue und lachte ratlos. Sie stampfte auf.
+"Haben Sie denn keine Buerste?" Gehorsam machte er sich auf den Weg; Guste
+rief ihm nach: "Dass gefaelligst Ihre Schwestern nichts merken! Sonst reden
+morgen die Leute von mir!" Er ging nur bis an das Kontor. Wie er
+zurueckkehrte, sass Guste wieder auf dem Sack, das Gesicht in den Haenden,
+und durch ihre lieben, dicken Finger rannen Traenen. Diederich blieb
+stehen, hoerte ihrem Wimmern zu, und auf einmal begann er auch zu weinen.
+Mit troestender Hand buerstete er sie ab. "Es ist doch nichts geschehen",
+wiederholte er. Guste stand auf. "Das waere auch noch schoener", - und sie
+musterte ihn mit Ironie. Da fasste auch Diederich Mut. "Ihr Herr Braeutigam
+braucht es ja nicht zu wissen", bemerkte er. Und Guste: "Wenn schon!" -
+wobei sie sich auf die Lippen biss.
+
+Betroffen durch dies Wort buerstete er schweigend weiter, zuerst sie, dann
+sich, indes Guste ihre Kleider glaettete. "Nun los!" sagte sie. "Eine
+Papierfabrik sehe ich mir so bald nicht wieder an." Er spaehte ihr unter
+den Hut. "Wer weiss", sagte er. "Denn dass Sie Ihren Buck lieben, das glaub'
+ich Ihnen seit fuenf Minuten nicht mehr." Schnell rief Guste: "O doch!" Und
+ohne Pause fragte sie: "Was bedeutet denn das Zeug hier?"
+
+Er erklaerte: "Das ist der Sandfang, durch die Rinne schwemmen wir die
+Lumpen; Knoepfe und so weiter bleiben zurueck, wie Sie sehen. Die Leute
+haben natuerlich wieder nicht aufgeraeumt." Mit der Schirmspitze stocherte
+sie in dem Haufen; er setzte hinzu: "Im Jahr behalten wir mehrere Saecke
+Ueberbleibsel!" - "Und was ist das da?" fragte Guste und griff rasch hin,
+nach etwas, das glaenzte. Diederich riss die Augen auf. "Ein Brillantknopf!"
+Sie liess ihn funkeln. "Echt sogar! Wenn Sie oefter so was finden, ist Ihr
+Geschaeft nicht so uebel." Diederich sagte zweifelnd: "Den muss ich natuerlich
+abliefern." Sie lachte. "An wen denn? Die Abfaelle gehoeren doch Ihnen!" Er
+lachte auch. "Na, nicht gerade die Brillanten. Wir werden schon noch
+ausfindig machen, wer uns das geliefert hat." Guste sah ihn von unten an.
+"Sie sind schoen dumm", sagte sie. Er erwiderte mit Ueberzeugung: "Nein!
+Sondern ich bin ein Ehrenmann!" Darauf hob sie nur die Schultern. Langsam
+zog sie den linken Handschuh aus und legte sich den Brillanten auf den
+kleinen Finger. "Er muss als Ring gefasst werden!" rief sie aus, wie
+erleuchtet, betrachtete versunken ihre Hand und seufzte. "Na, sollen ihn
+andere Leute finden!" - und unvermutet warf sie den Knopf zurueck in die
+Lumpen. "Sind Sie verrueckt?" Diederich bueckte sich, sah ihn nicht gleich
+und liess sich schnaufend auf die Knie. In der Hast warf er alles
+durcheinander. "Gott sei Dank!" Er hielt ihr den Brillanten hin; aber
+Guste nahm ihn nicht. "Ich goenne ihn dem Arbeiter, der ihn morgen zuerst
+sieht. Der steckt ihn ein, darauf koennen Sie sich verlassen, der ist nicht
+so dumm." - "Ich auch nicht", erklaerte Diederich. "Denn wahrscheinlich
+waere der Stein doch weggeworfen worden. Unter solchen Umstaenden brauche
+ich es nicht fuer inkorrekt zu halten -." Er legte den Brillanten wieder
+auf ihren Finger. "Und wenn es auch inkorrekt waere, er steht Ihnen so
+gut." Guste sagte ueberrascht: "Wieso? Wollen Sie ihn mir denn schenken?"
+Er stammelte: "Sie haben ihn ja gefunden, da muss ich wohl." Da jubelte
+Guste. "Das wird mein schoenster Ring!" - "Warum?" fragte Diederich, voll
+banger Hoffnung. Guste sagte ausweichend: "Ueberhaupt ..." Und mit einem
+ploetzlichen Blick: "Weil er nichts kostet, wissen Sie." Hierueber erroetete
+Diederich, und sie sahen einander blinzelnd in die Augen.
+
+"Ach Herr Gott!" rief Guste ploetzlich. "Es muss schrecklich spaet sein.
+Schon sieben? Was sag' ich nur meiner Mutter?... Ich weiss, ich sag' ihr,
+ich hab' bei einem Troedler den Brillanten entdeckt, und er hat gedacht, er
+ist unecht, und hat bloss fuenfzig Pfennig verlangt!" Sie oeffnete ihren
+goldenen Sack und liess den Knopf hineinfallen. "Also adieu ... Aber Sie
+sehen aus! Wenigstens muessen Sie sich die Krawatte binden." Im Sprechen
+tat sie es schon selbst. Er fuehlte ihre warmen Haende unter seinem Kinn;
+ihre feuchten, dicken Lippen bewegten sich ganz nahe. Ihm ward heiss, er
+hielt den Atem zurueck. "So", machte Guste und brach ernstlich auf. "Ich
+drehe nur das Gas ab", rief er ihr nach. "Warten Sie doch!" - "Ich warte
+schon", antwortete sie von draussen; - aber als er auf den Hof trat, war
+sie fort. Verdutzt sperrte er die Fabrik zu und redete laut dabei vor sich
+hin. "Nun sag' mir einer, ist das Instinkt oder Berechnung?" Er schuettelte
+sorgenvoll den Kopf ueber das ewige Raetsel der Weiblichkeit, das in Guste
+verkoerpert war.
+
+
+
+Vielleicht, so sagte sich Diederich, ging es vorwaerts mit Guste, freilich
+ging es langsam. Die Ereignisse, die sich um den Prozess gruppierten,
+hatten ihr Eindruck gemacht, aber noch nicht genug. Auch hoerte er nichts
+mehr von Wulckow. Nach dem so viel versprechenden Schritt des
+Regierungspraesidenten beim Kriegerverein wartete Diederich unbedingt auf
+weiteres: eine Heranziehung, eine vertrauliche Verwendung, er wusste nicht
+wie und was. Der Harmonieball konnte es bringen; warum hatten sonst die
+Schwestern Rollen bekommen im Stueck der Praesidentin. Nur dauerte alles zu
+lange fuer Diederichs Tatenlust. Es war eine Zeit voll Unruhe und Drang.
+Man quoll ueber von Hoffnungen, Aussichten, Plaenen; in jeden Tag, der
+anfing, haette man das alles auf einmal ergiessen wollen; und wenn er aus
+war, war er leer geblieben. Ein Trieb nach Bewegung erfasste Diederich.
+Mehrmals versaeumte er den Stammtisch und ging spazieren, ohne Ziel und ins
+Freie, was sonst nicht vorkam. Er kehrte dem Mittelpunkt der Stadt den
+Ruecken, stapfte mit dem Schritt eines von Tatkraft schweren Mannes die
+abendlich leere Meisestrasse zu Ende, durchmass die lange Gaebbelchenstrasse,
+mit den vorstaedtischen Gasthaeusern, bei denen Fuhrleute ein- oder
+ausspannten, und kam auch unter der Vogtei vorbei. Dort oben sass, bewacht
+von einem Gitterfenster und einem Soldaten, der Herr Lauer, der sich dies
+nicht hatte traeumen lassen. "Hochmut kommt vor dem Fall", dachte
+Diederich. "Wie man sich bettet, so liegt man." Und obwohl er den
+Ereignissen, die den Fabrikbesitzer in die Vogtei gefuehrt hatten, nicht
+ganz fremd war, schien Lauer ihm jetzt ein Wesen mit einem Kainsmal, ein
+unheimlicher Gesell. Einmal glaubte er im Hof des Gefaengnisses eine
+Gestalt zu bemerken. Es war schon zu dunkel, aber vielleicht -? Ein
+Gruseln ueberlief Diederich, und er enteilte.
+
+Hinter dem Burgtor fuehrte die Landstrasse zu dem Huegel mit der
+Schweinichenburg, wo einst der kleine Diederich gemeinsam mit Frau Hessling
+das Grausen vor dem Burggespenst genossen hatte. Solche Kindereien lagen
+ihm jetzt fern; - vielmehr bog er jedesmal, bald hinter dem Tor, in die
+Gausenfelder Strasse ein. Er hatte es sich nicht vorgenommen und tat es nur
+zoegernd, denn es waere ihm nicht lieb gewesen, wenn jemand ihn auf diesem
+Wege ueberrascht haette. Aber es liess ihn nicht: die grosse Papierfabrik zog
+ihn an wie ein verbotenes Paradies, er musste ihr auf einige Schritte
+nahekommen, sie umkreisen, ueber ihre Mauer schnueffeln ... Eines Abends
+ward Diederich aus dieser Taetigkeit aufgeschreckt durch Stimmen, die im
+Dunkeln schon ganz nahe waren. Kaum dass er noch Zeit behielt, sich in den
+Graben zu kauern. Und waehrend die Leute, wahrscheinlich Angestellte der
+Fabrik, die sich verspaetet hatten, an seinem Versteck vorueberkamen,
+drueckte Diederich die Augen zu, aus Furcht, und auch weil er fuehlte, ihr
+begehrliches Funkeln haette ihn verraten koennen.
+
+Als er schon wieder beim Burgtor war, hatte er noch immer Herzklopfen und
+sah sich nach einem Glas Bier um. Gleich im Winkel des Tores stand der
+"Gruene Engel", eins der niedersten Gasthaeuser, krumm vor Alter, schmutzig
+und uebel beleumdet. Soeben verschwand in dem gewoelbten Gang eine
+Frauensperson. Diederich, von jaeher Abenteuerlust gepackt, drang
+hinterdrein. Wie sie das roetliche Licht einer Stallaterne durchschreiten
+musste, wollte die Person ihr Gesicht, das verschleiert war, auch noch mit
+dem Muff bedecken; aber Diederich hatte sie schon erkannt. "Guten Abend,
+Fraeulein Zillich!" - "Guten Abend, Herr Doktor!" Und da standen sie beide
+mit offenem Munde. Kaethchen Zillich war die erste, die etwas
+hervorbrachte, von Kindern, die hier im Hause wohnten, und die sie in die
+Sonntagsschule ihres Vaters bringen sollte. Diederich setzte zum Sprechen
+an, aber sie redete weiter, immer hastiger. Nein, die Kinder wohnten
+eigentlich nicht hier, aber ihre Eltern verkehrten in der Schenke, und die
+Eltern durften nichts wissen von der Sonntagsschule, denn sie waren
+Sozialdemokraten ... Sie faselte; und Diederich, der zuerst nur an sein
+eigenes schlechtes Gewissen gedacht hatte, ward darauf hingewiesen, dass
+Kaethchen in einer noch viel verdaechtigeren Lage sei. Er ersparte es sich
+also, seine Anwesenheit im "Gruenen Engel" zu erklaeren, und schlug einfach
+vor, dann koenne man in der Gaststube auf die Kinder warten. Kaethchen
+weigerte sich angstvoll, irgend etwas zu verzehren, aber Diederich
+bestellte aus eigener Machtvollkommenheit auch fuer sie Bier. "Prost!"
+sagte er, und in seiner Miene lag die ironische Erinnerung daran, dass sie
+bei ihrer letzten Zusammenkunft im traulichen Wohnzimmer des Pfarrhauses
+sich beinahe verlobt haetten. Kaethchen ward unter ihrem Schleier rot und
+blass und verschuettete ihr Bier. Immerfort flatterte sie kraftlos vom Stuhl
+auf und wollte fort; aber Diederich hatte sie hinter den Tisch in die Ecke
+geschoben und sass breit davor. "Nun muessen die Kinder aber gleich kommen!"
+sagte er gutmuetig. Statt ihrer kam Jadassohn: ploetzlich stand er da und
+sah versteinert aus. Auch die beiden anderen regten sich nicht. "Also
+doch!" dachte Diederich. Jadassohn schien etwas Aehnliches zu denken;
+keiner der Herren fand Worte. Kaethchen begann wieder von Kindern und
+Sonntagsschulen. Sie sprach flehend und weinte fast. Jadassohn hoerte ihr
+mit Missbilligung zu, er liess sogar die Bemerkung fallen, gewisse
+Geschichten seien ihm zu verwickelt, - und er blickte inquisitorisch auf
+Diederich.
+
+"Im Grunde", versetzte Diederich, "ist es doch einfach. Fraeulein Zillich
+sucht hier nach Kindern, und wir beide helfen ihr."
+
+"Ob sie eins kriegt, kann man nicht wissen", ergaenzte Jadassohn
+schneidend; da sagte Kaethchen: "Und von wem auch nicht."
+
+Die Herren setzten die Glaeser hin. Kaethchen hatte es aufgegeben zu weinen,
+sie schob sogar den Schleier hinauf und sah mit merkwuerdig hellen Augen
+von einem zum andern. Ihre Stimme hatte etwas Offenes, Unverbluemtes
+bekommen. "Na ja, wenn Sie nun doch mal beide da sind", setzte sie hinzu,
+indes sie aus Jadassohns Dose eine Zigarette nahm; und dann leerte sie auf
+einen Zug den Kognak, der vor Diederich stand. Jetzt war es an Diederich,
+nach Fassung zu ringen. Jadassohn schien nicht unbekannt mit Kaethchens
+anderem Gesicht. Die beiden fuhren fort, Doppelsinnigkeiten auszutauschen,
+bis Diederich sich gegen Kaethchen entruestete. "Heute lernt man Sie aber
+gruendlich kennen!" rief er und schlug auf den Tisch. Sofort hatte Kaethchen
+ihr Damengesicht zurueck. "Was meinen Sie eigentlich, Herr Doktor?"
+Jadassohn ergaenzte: "Ich nehme an, dass Sie der Ehre der Dame nicht zu nahe
+treten wollen!" - "Ich meine nur," stammelte Diederich, "so gefaellt
+Fraeulein Zillich mir viel besser." Er rollte die Augen vor Ratlosigkeit.
+"Neulich, wie wir uns beinahe verlobt haetten, hat sie mir nicht halb so
+gefallen." Da lachte Kaethchen los: ein Gelaechter, ganz frei aus dem
+Herzen, wie Diederich es auch noch nicht kannte. Ihm ward warm dabei, er
+lachte mit, Jadassohn auch, alle drei waelzten sich lachend auf ihren
+Stuehlen umher und riefen nach mehr Kognak.
+
+"Nun muss ich aber gehen," sagte Kaethchen, "sonst kommt Papa vor mir nach
+Haus. Er hat Krankenbesuche gemacht; dabei verteilt er immer solche
+Bilder." Sie zog zwei bunte Bildchen aus ihrer ledernen Tasche. "Da haben
+Sie auch welche." Jadassohn bekam die Suenderin Magdalena, Diederich das
+Lamm mit dem Hirten; er war nicht zufrieden. "Ich will auch eine
+Suenderin." Kaethchen suchte, fand aber keine mehr. "Also bleibt es bei dem
+Schaf", entschied sie, und man zog ab, Kaethchen in der Mitte eingehaengt.
+Ruckweise und in weitem Bogen schwenkten alle drei sich durch die schlecht
+beleuchtete Gaebbelchenstrasse dahin, wobei sie ein Kirchenlied sangen, das
+Kaethchen angestimmt hatte. An einer Ecke erklaerte sie, eilen zu muessen,
+und verschwand in der Seitengasse. "Adieu Schaf!" rief sie Diederich zu,
+der ihr vergeblich nachstrebte. Jadassohn hielt ihn fest, und ploetzlich
+nahm er seine staatserhaltende Stimme an, um Diederich zu ueberzeugen, dass
+dies alles nur ein zufaelliger Scherz sei. "Es liegt durchaus nichts
+Missverstaendliches vor, das moechte ich feststellen."
+
+"Ich denke nicht daran, hier etwas misszuverstehen", sagte Diederich.
+
+"Und wenn ich", fuhr Jadassohn fort, "den Vorzug haette, von der Familie
+Zillich fuer eine naehere Verbindung in Aussicht genommen zu sein, dieser
+Vorfall wuerde mich keineswegs abhalten. Ich folge nur einer Ehrenpflicht,
+wenn ich dies ausspreche."
+
+Diederich erwiderte: "Ich weiss Ihr korrektes Verhalten voll und ganz zu
+wuerdigen." Darauf schlugen die Herren die Absaetze zusammen, schuettelten
+einander die Haende und trennten sich.
+
+Kaethchen und Jadassohn hatten beim Abschied ein Zeichen ausgetauscht;
+Diederich war ueberzeugt, sie wuerden sich gleich jetzt wieder im "Gruenen
+Engel" zusammenfinden. Er oeffnete den Winterrock, ein Hochgefuehl schwellte
+ihn, weil er eine boesartige Falle aufgedeckt und sich streng kommentmaessig
+aus der Sache gezogen hatte. Er empfand eine gewisse Achtung und Sympathie
+fuer Jadassohn. Auch er selbst wuerde so gehandelt haben! Unter Maennern
+verstaendigte man sich. Aber so ein Weib! Kaethchens anderes Gesicht, die
+Pfarrerstochter, der unvermutet das entfesselte Weib ins Gesicht gestiegen
+war, dies tueckische Doppelwesen, so fremd der Biederkeit, die Diederich am
+Grunde seines eigenen Herzens wusste: es erschuetterte ihn wie ein Blick ins
+Bodenlose. Er knoepfte den Rock wieder zu. Es gab also noch andere Welten
+ausserhalb der buergerlichen, als nur die, worin jetzt der Herr Lauer lebte.
+
+Schnaufend setzte er sich zum Abendessen. Seine Stimmung schien so
+bedrohlich, dass die drei Frauen Schweigen bewahrten. Frau Hessling nahm
+ihren Mut zusammen. "Schmeckt es dir nicht, mein lieber Sohn?" Anstatt
+einer Antwort herrschte Diederich die Schwestern an. "Mit Kaethchen Zillich
+verkehrt ihr nicht mehr!" Da sie ihn ansahen, erroetete er und stiess
+drohend aus: "Sie ist eine Verworfene!" Aber sie verzogen nur den Mund;
+und auch die furchtbaren Andeutungen, in denen er sich polternd erging,
+schienen sie nicht weiter aufzuregen. "Du sprichst wohl von Jadassohn?"
+fragte Magda endlich, ganz gelassen. Diederich fuhr zurueck. Sie waren also
+eingeweiht und mitverschworen: alle Weiber wahrscheinlich. Auch Guste
+Daimchen! Die hatte schon einmal davon angefangen. Er musste sich die Stirn
+trocknen. Magda sagte: "Wenn du vielleicht ernste Absichten gehabt hast
+bei Kaethchen, uns hast du ja nicht gefragt", worauf Diederich, um sein
+Ansehen zu verteidigen, dem Tisch einen Stoss gab, dass alle aufkreischten.
+Er verbitte sich derartige Zumutungen, schrie er. Es gebe hoffentlich noch
+anstaendige Maedchen. Frau Hessling bat zitternd: "Du brauchst ja nur deine
+Schwestern anzusehen, mein lieber Sohn." Und Diederich sah sie wirklich
+an; er blinzelte, und er ueberlegte zum erstenmal, nicht ohne Bangen, was
+diese beiden weiblichen Wesen, die seine Schwestern waren, bisher wohl mit
+ihrem Leben angefangen hatten ... "Ach was," entschied er und richtete
+sich stramm auf, "euch zieht man einfach die Kandare fester. Wenn ich eine
+Frau habe, die soll sich wundern!" Da die Maedchen einander zulaechelten,
+erschrak er, denn er hatte an Guste Daimchen gedacht, und vielleicht
+dachten auch sie mit ihrem Laecheln an Guste? Zu trauen war keiner. Er sah
+Guste vor sich, weissblond, mit dem dicken, rosigen Gesicht. Ihre
+fleischigen Lippen oeffneten sich, sie streckte ihm die Zunge heraus. Das
+hatte vorhin Kaethchen Zillich getan, als sie ihm "Adieu Schaf!" zurief,
+und Guste, die ihr im Typus so aehnlich war, wuerde mit ausgestreckter Zunge
+und in halbbetrunkenem Zustand genau so ausgesehen haben!
+
+Magda sagte eben: "Kaethchen ist schoen dumm; aber begreiflich ist es ja,
+wenn man so lange warten muss und keiner kommt."
+
+Sofort griff Emmi ein. "Wen meinst du, bitte? Wenn Kaethchen sich mit
+irgendeinem Kienast begnuegt haette, wuerde sie wohl auch nicht mehr warten."
+
+Magda, im Bewusstsein, die Tatsachen fuer sich zu haben, blaehte einfach ihre
+Bluse auf und schwieg.
+
+"Ueberhaupt", Emmi warf die Serviette hin und erhob sich. "Wie kannst du
+das gleich glauben, was die Maenner von Kaethchen reden. Das ist
+abscheulich, sollen wir denn alle wehrlos sein gegen ihren Klatsch?"
+Empoert liess sie sich in der Ecke nieder und begann zu lesen. Magda hob nur
+die Schultern - indes Diederich angstvoll und vergeblich nach einem
+Uebergang suchte, um zu fragen, ob vielleicht auch Guste Daimchen -? Bei
+einer so langen Verlobung -? "Es gibt Situationen," aeusserte er, "wo es
+nicht mehr Klatsch ist." Da schleuderte Emmi auch das Buch hin.
+
+"Und wenn schon! Kaethchen tut, was sie will! Wir Maedchen haben ebensogut
+wie ihr das Recht, unsere Individualitaet auszuleben! Die Maenner sollen
+froh sein, wenn sie uns dann nachher noch kriegen!"
+
+Diederich stand auf. "Das will ich in meinem Hause nicht hoeren", sagte er
+ernst, und er blitzte Magda so lange an, bis sie nicht mehr lachte.
+
+Frau Hessling brachte ihm die Zigarre. "Von meinem Diedel weiss ich ganz
+genau, dass er so eine niemals heiraten wird;" - sie streichelte ihn
+troestend. Er versetzte mit Nachdruck: "Ich kann mir nicht denken, Mutter,
+dass ein echter deutscher Mann das jemals getan hat."
+
+Sie schmeichelte. "O, alle sind nicht so ideal wie mein lieber Sohn.
+Manche denken materieller und nehmen mit dem Geld auch mal was in den
+Kauf, worueber die Leute reden." Unter seinem gebieterischen Blick
+schwatzte sie angstvoll weiter. "Zum Beispiel Daimchen. Gott, nun er ist
+tot, und es kann ihm gleich sein, aber seinerzeit hat man doch viel
+geredet." Jetzt sahen alle drei Kinder sie fordernd an. "Na ja," erklaerte
+sie schuechtern. "Das mit Frau Daimchen und dem Herrn Buck. Guste kam doch
+zu frueh."
+
+Nach diesem Ausspruch musste Frau Hessling sich hinter den Ofenschirm
+zurueckziehen, denn alle drei drangen gleichzeitig auf sie ein. "Das ist
+das Neueste!" riefen Emmi und Magda. "Also wie war die Geschichte!"
+Wogegen Diederich donnernd dem Weiberklatsch Einhalt gebot. "Wenn wir
+deinen Maennerklatsch angehoert haben!" riefen die Schwestern und suchten
+ihn fortzudraengen von dem Ofenschirm. Die Mutter sah haenderingend in das
+Handgemenge. "Ich habe doch nichts gesagt, Kinder! Nur damals sagten es
+alle, und der Herr Buck hat der Frau Daimchen doch auch die Mitgift
+geschenkt."
+
+"Also daher!" rief Magda. "So sehen in der Familie Daimchen die Erbonkel
+aus! Daher die goldenen Taschen!"
+
+Diederich verteidigte Gustes Erbschaft. "Sie kommt aus Magdeburg!"
+
+"Und der Braeutigam?" fragte Emmi. "Kommt der auch aus Magdeburg?"
+
+Ploetzlich verstummten alle und sahen einander an, wie betaeubt. Dann kehrte
+Emmi ganz still auf das Sofa zurueck, sie nahm sogar das Buch wieder auf.
+Magda fing an, den Tisch abzuraeumen. Auf den Ofenschirm, hinter dem Frau
+Hessling sich duckte, schritt Diederich zu. "Siehst du nun, Mutter, wohin
+es fuehrt, wenn man seine Zunge nicht huetet? Du willst doch wohl nicht
+behaupten, dass Wolfgang Buck seine eigene Schwester heiratet." Wimmernd
+kam es aus der Tiefe: "Ich kann doch nichts dafuer, mein lieber Sohn. Ich
+dachte schon laengst nicht mehr an die alte Geschichte, und es ist ja auch
+nicht sicher. Kein lebender Mensch weiss mehr etwas." Aus ihrem Buch heraus
+warf Emmi dazwischen: "Der alte Herr Buck wird wohl wissen, wo er jetzt
+das Geld fuer seinen Sohn holt." Und in das Tischtuch hinein, das sie
+faltete, sagte Magda: "Es soll manches vorkommen." Da hob Diederich die
+Arme, als habe er die Absicht, den Himmel anzurufen. Rechtzeitig
+unterdrueckte er aber das Entsetzen, das ihn uebermannen wollte. "Bin ich
+denn hier unter Raeuber und Moerder gefallen?" fragte er sachlich und ging
+in strammer Haltung zur Tuer. Dort wandte er sich um. "Ich kann euch
+natuerlich nicht hindern, eure feine Wissenschaft in die Stadt
+hinauszuposaunen. Was mich betrifft, ich werde erklaeren, dass ich mit euch
+nichts mehr zu tun habe. In die Zeitung werde ich es setzen!" Und er ging
+ab.
+
+Er vermied den Ratskeller und bedachte einsam bei Klappsch eine Welt, in
+der solche Greuel umgingen. Dagegen war mit kommentmaessigem Verhalten
+freilich nicht aufzukommen. Wer den Bucks ihren schaendlichen Raub abjagen
+wollte, durfte auch vor starken Mitteln nicht zurueckschrecken. "Mit
+gepanzerter Faust", sagte er ernst in sein Bier hinein; und das
+Deckelklappen, womit er das vierte Glas herbeirief, klang wie
+Schwertgeklirr ... Nach einer Weile verlor seine Haltung an Haerte;
+Bedenken kamen. Sein Eingreifen wuerde immerhin bewirken, dass die ganze
+Stadt mit den Fingern auf Guste Daimchen zeigte. Kein Mann, der halbwegs
+Komment hatte, heiratete solch ein Maedchen noch. Diederichs eigenstes
+Empfinden sagte es ihm, seine eingewurzelte Erziehung zur Mannhaftigkeit
+und zum Idealismus. Schade! Schade um Gustes dreihundertfuenfzigtausend
+Mark, die nun herrenlos und ohne Bestimmung waren. Die Gelegenheit waere
+guenstig gewesen, ihnen eine zu geben ... Diederich schuettelte den Gedanken
+mit Entruestung ab. Er erfuellte nur seine Pflicht! Ein Verbrechen galt es
+zu verhindern. Das Weib mochte dann sehen, wo es blieb im Kampf der
+Maenner. Was lag an einem dieser Geschoepfe, die ihrerseits, Diederich hatte
+es erfahren, jedes Verrates faehig waren. Nur noch des fuenften Glases
+bedurfte es, und sein Entschluss stand fest.
+
+Beim Morgenkaffee bekundete er ein grosses Interesse fuer die Toiletten der
+Schwestern zum Harmonieball. Zwei Tage nur mehr, und noch nichts fertig!
+Die Hausschneiderin war so selten zu haben gewesen, sie naehte jetzt bei
+Bucks, Tietz', Harnischs und ueberall. Die grosse Inanspruchnahme dieses
+Maedchens schien Diederich geradezu mit Bewunderung zu erfuellen. Er erbot
+sich, selbst hinzugehen und sie, koste es was es wolle, zur Stelle zu
+schaffen. Nicht ohne Muehe gelang es ihm. Zum zweiten Fruehstueck begab er
+sich alsdann so geraeuschlos, dass nebenan im Wohnzimmer das Gespraech nicht
+gestoert ward. Gerade erging sich die Hausschneiderin in Anspielungen auf
+einen Skandal, der bestimmt sei, alles Dagewesene in den Schatten zu
+stellen. Die Schwestern schienen ganz ahnungslos, und als endlich Namen
+fielen, zeigten sie sich entsetzt und unglaeubig. Frau Hessling beklagte es
+am lautesten, dass Fraeulein Gehritz so etwas auch nur denken koenne. Die
+Schneiderin beteuerte dagegen, in der ganzen Stadt wisse man es schon.
+Soeben komme sie von der Buergermeisterin Scheffelweis, deren Mutter
+geradezu verlangt habe, dass ihr Schwiegersohn einschreite! Dennoch machte
+es ihr Muehe, die Damen zu ueberzeugen. Diederich hatte den Vorgang eher
+umgekehrt erwartet. Er war zufrieden mit den Seinen. Aber hatten denn die
+Waende tatsaechlich Ohren gehabt? Man war zu glauben versucht, dass ein
+Geruecht, in einem verschlossenen Zimmer ausgebrochen, mit dem Rauch des
+Ofens hinaus und ueber die ganze Stadt zog.
+
+Beruhigt war er trotzdem noch nicht. Er sagte sich, dass das gesunde
+Empfinden des arbeitenden Volkes unter Umstaenden ein Faktor sei, den man
+billigen und sogar benutzen koenne. Bis zum Mittagessen ging er um Napoleon
+Fischer herum: da - es laeutete schon - entstand bei der Satiniermaschine
+ein gellendes Geschrei, und Diederich und der Maschinenmeister, die
+gleichzeitig hinstuerzten, zogen gemeinsam den Arm einer jungen Arbeiterin
+heraus, der von einer Stahlwalze ergriffen worden war. Er troff von
+schwarzem Blut, Diederich liess sofort nach dem staedtischen Krankenhaus
+telephonieren. Inzwischen, so uebel der Anblick des Armes ihm machte, blieb
+er selbst dabei, waehrend der Person ein Notverband angelegt ward. Sie sah
+zu, leise wimmernd und mit Augen, weich im Entsetzen, wie ein junges Tier,
+das getroffen ist. Diederichs menschenfreundliche Fragen nach ihren
+haeuslichen Verhaeltnissen verstand sie nicht. Napoleon Fischer antwortete
+fuer sie. Ihr Vater war durchgegangen, die Mutter bettlaegerig; das Maedchen
+ernaehrte sich und ihre zwei kleinen Geschwister. Sie war erst vierzehn
+Jahre alt. - Das sehe man ihr nicht an, meinte Diederich. Uebrigens seien
+die Arbeiterinnen oft genug vor der Maschine gewarnt worden. "Sie hat sich
+das Unglueck selbst zuzuschreiben, ich bin zu nichts verpflichtet. Na,"
+sagte er milder, "nun kommen Sie mal mit, Fischer!"
+
+Im Kontor schenkte er zwei Kognaks ein. "Das kann man brauchen auf den
+Schrecken ... Sagen Sie ehrlich, Fischer, glauben Sie, dass ich zahlen muss?
+Die Schutzvorrichtung an der Maschine halten Sie doch wohl fuer genuegend?"
+Und da der Maschinenmeister die Achseln zuckte: "Sie wollen sagen, ich
+kann es auf einen Prozess ankommen lassen? Das tue ich aber nicht, ich
+zahle gleich."
+
+Napoleon Fischer zeigte verstaendnislos sein grosses gelbes Gebiss, und
+Diederich fuhr fort: "Ja, so bin ich. Sie dachten wohl, das koennte bloss
+der Herr Lauer? Was den betrifft, so sind Sie ja jetzt durch Ihr eigenes
+Parteiblatt ueber seine Arbeiterfreundlichkeit aufgeklaert. Ich lasse mich
+freilich nicht wegen Majestaetsbeleidigung einsperren und mache dadurch
+meine Arbeiter brotlos; ich suche mir praktischere Mittel aus, um meine
+soziale Gesinnung zu bekunden." Er machte eine feierliche Pause. "Und
+darum habe ich mich entschlossen, dem Maedchen die ganze Zeit, die es im
+Krankenhaus liegt, seinen Lohn weiterzuzahlen. Wieviel ist es denn?"
+fragte er rasch.
+
+"Eine Mark fuenfzig", sagte Napoleon Fischer.
+
+"Na ja ... Soll sie acht Wochen liegen. Soll sie zwoelf Wochen liegen ...
+Ewig natuerlich geht es nicht."
+
+"Sie ist erst vierzehn", sagte Napoleon Fischer, von unten. "Sie kann
+Schadenersatz verlangen." Diederich erschrak, er schnaufte.
+
+Napoleon Fischer hatte schon wieder sein unbestimmbares Grinsen aufgesetzt
+und sah seinem Arbeitgeber auf die Faust, die angstvoll in der Tasche
+geballt war. Diederich zog sie hervor. "Nun setzen Sie die Leute von
+meinem hochherzigen Entschluss in Kenntnis! Das passt Ihnen wohl nicht in
+den Kram? Die Gemeinheiten der Kapitalisten erzaehlt ihr euch natuerlich
+lieber. In euren Versammlungen schwingt ihr jetzt wahrscheinlich grosse
+Reden ueber Herrn Buck."
+
+Napoleon Fischer sah verstaendnislos aus, was Diederich nicht beachtete.
+"Ich finde es wohl auch nicht eben schoen," fuhr er fort, "wenn jemand
+seinen Sohn ausgerechnet das Maedchen heiraten laesst, mit dessen Mutter er
+selbst was gehabt hat, und zwar vor der Geburt der Tochter ... Aber -"
+
+In Napoleon Fischers Gesicht begann es zu arbeiten.
+
+"Aber!" wiederholte Diederich stark. "Ich waere durchaus nicht
+einverstanden, wenn meine Leute sich deswegen den Mund verrenken, und wenn
+Sie, Fischer, nun vielleicht die Arbeiter gegen die staedtischen Behoerden
+aufhetzen, weil ein Magistratsrat etwas getan hat, was ihm keiner beweisen
+kann." Seine Faust schlug entruestet durch die Luft. "Mir hat man schon
+nachgesagt, dass ich den Prozess gegen Lauer angezettelt habe. Ich will an
+nichts schuld sein, meine Leute sollen sich ruhig halten."
+
+Seine Stimme ward vertraulicher, er neigte sich naeher zu dem anderen hin.
+"Na, und weil ich Ihren Einfluss kenne, Fischer ..."
+
+Ploetzlich war seine Hand offen, und auf ihrer Flaeche lagen drei grosse
+Goldstuecke.
+
+Napoleon Fischer sah sie und verzerrte das Gesicht, als erblickte er den
+Teufel. "Nein!" rief er, "und abermals nein! Meine Ueberzeugung kann ich
+nicht verraten! Fuer allen Mammon der Welt nicht!"
+
+Er hatte rote Augen und kreischte. Diederich wich zurueck; so nahe hatte er
+dem Umsturz noch nie ins Gesicht gesehen. "Die Wahrheit muss ans Licht!"
+kreischte Napoleon Fischer. "Dafuer werden wir Proletarier sorgen: Das
+koennen Sie nicht verhindern, Herr Doktor! Die Schandtaten der besitzenden
+Klassen ..."
+
+Diederich hielt ihm schnell noch einen Kognak hin. "Fischer," sagte er
+eindringlich, "das Geld biete ich Ihnen dafuer, dass mein Name in der Sache
+nicht genannt wird." Aber Napoleon Fischer wehrte ab; ein hoher Stolz
+erschien in seiner Miene.
+
+"Zeugniszwang, Herr Doktor, ueben wir nicht. Wir nicht. Wer uns mit
+Agitationsstoff versorgt, hat nichts zu fuerchten."
+
+"Dann ist alles in Ordnung", sagte Diederich erleichtert. "Ich wusste
+schon, Fischer, dass Sie ein grosser Politiker sind. Und darum, wegen des
+Maedchens, ich meine die verunglueckte Arbeiterin -. Ich habe Ihnen soeben
+mit meiner Mitteilung ueber die Buckschen Schweinereien einen Gefallen
+getan ..."
+
+Napoleon Fischer grinste geschmeichelt. "Weil Herr Doktor sagen, dass ich
+ein grosser Politiker bin ... Ich will von dem Schadenersatz weiter nicht
+reden. Intimitaeten aus den ersten Kreisen sind fuer uns doch wichtiger als
+-"
+
+"- als so ein Maedchen", ergaenzte Diederich. "Sie denken immer als
+Politiker."
+
+"Immer", bestaetigte Napoleon Fischer. "Mahlzeit, Herr Doktor."
+
+Er zog sich zurueck - indes Diederich feststellte, dass die proletarische
+Politik ihre Vorzuege habe. Er schob seine drei Goldstuecke wieder in die
+Tasche.
+
+
+
+Am Abend des naechsten Tages waren alle Spiegel des Hauses im Wohnzimmer
+zusammengetragen. Emmi, Magda und Inge Tietz drehten sich dazwischen
+umher, bis ihnen die Haelse schmerzten; dann liessen sie sich nervoes auf den
+Rand eines Stuhles nieder. "Mein Gott, es ist doch Zeit!" Aber Diederich
+war fest entschlossen, nicht wieder zu frueh zu kommen, wie beim Prozess
+Lauer. Die ganze Wirkung der Persoenlichkeit ging zum Teufel, wenn man zu
+frueh da war. Als sie endlich gingen, entschuldigte Inge Tietz sich
+nochmals bei Frau Hessling, dass sie ihr den Platz im Wagen wegnehme.
+Nochmals sagte Frau Hessling: "Ach Gott, es ist gern geschehen. Ich alte
+Frau bin zu schwach fuer so was Grosses. Geniesst ihr es nur, Kinder!" Und
+sie umarmte unter Traenen ihre Toechter, die kuehl abwehrten. Denn sie
+wussten, dass die Mutter bloss Angst hatte, weil jetzt ueberall von nichts
+weiter gesprochen wurde als von der furchtbaren Klatschgeschichte, an der
+sie selbst schuld war.
+
+Im Wagen fing Inge gleich wieder davon an. "Na, Bucks und Daimchens!
+Gespannt bin ich bloss, ob sie heute die edle Dreistigkeit haben und da
+sind." Magda sagte ruhig: "Das muessen sie wohl. Sonst geben sie ja zu, dass
+es wahr ist." - "Wennschon", erklaerte Emmi. "Ich finde, dass das ihre Sache
+ist. Ich rege mich darueber nicht auf." - "Ich auch nicht", setzte
+Diederich hinzu. "Ich habe es eigentlich erst heute abend von Ihnen
+gehoert, Fraeulein Tietz."
+
+Hierueber geriet Inge Tietz ausser sich. So leicht duerfe man den Skandal
+denn doch nicht nehmen. Ob er glaube, dass sie sich das Ganze ausgedacht
+habe. "Die Bucks haben schon laengst Butter auf dem Kopf wegen der Sache:
+das wissen ihre eigenen Dienstboten." - "Also Dienstbotenklatsch", sagte
+Diederich, waehrend er einen kleinen Stoss erwiderte, den Magda ihm mit dem
+Knie gab. Dann musste man schon aussteigen und die Stufen hinuntergehen,
+die den neuen Teil der Kaiser-Wilhelm-Strasse mit der tief gelegenen alten
+Riekestrasse verbanden. Diederich fluchte; denn es begann zu regnen, die
+Ballschuhe wurden nass; auch standen vor dem Festlokal Proleten, die
+feindselig gafften. Haette man nicht, als der ganze Stadtteil hoeher gelegt
+wurde, auch dieses Geruempel niederreissen koennen? Das historische
+Harmoniehaus hatte erhalten werden sollen - als ob die Stadt nicht die
+Mittel gehabt haette, in zentraler Lage ein modernes, erstklassiges
+Gesellschaftsgebaeude zu bauen. In dem alten Kasten roch es ja nach Moder!
+Und gleich beim Eingang kicherten immer die Damen, weil eine Statue der
+Freundschaft dastand, die zwar eine hohe Peruecke, aber sonst nichts
+anhatte. "Vorsicht," sagte Diederich auf der Treppe, "sonst brechen wir
+ein." Denn die beiden duennen Bogen der Treppe griffen durch die Luft wie
+zwei vom Alter abgemagerte Arme. Das braune Rosa ihres Holzes war blass
+geworden. Droben aber, wo sie sich vereinigten, laechelte auf dem Gelaender
+aus seinem blanken Marmorgesicht noch immer der bezopfte Buergermeister,
+der dies alles der Stadt hinterlassen hatte und der ein Buck gewesen war.
+Diederich sah ungnaedig an ihm vorbei.
+
+In der tiefen Spiegelgalerie war es ganz still; eine einzelne Dame nur
+hielt sich dahinten auf, sie schien durch einen Tuerspalt in den Festsaal
+zu spaehen - und ploetzlich wurden die Maedchen von Entsetzen ergriffen: die
+Vorstellung hatte begonnen! Magda stuerzte durch die Galerie und brach in
+Weinen aus. Da drehte die Dame sich um, mit dem Finger auf den Lippen. Es
+war Frau von Wulckow, die Dichterin. Sie laechelte erregt und fluesterte:
+"Es geht gut, mein Stueck gefaellt. Sie kommen gerade rechtzeitig, Fraeulein
+Hessling, gehen Sie nur und kleiden sich um." Ach ja! Emmi und Magda hatten
+erst im zweiten Akt zu tun. Auch Diederich hatte den Kopf verloren. Indes
+die Schwestern mit Inge Tietz, die ihnen helfen sollte, durch die
+Nebenraeume nach der Garderobe eilten, stellte er sich der Praesidentin vor
+und blieb ratlos stehen. "Jetzt duerfen Sie nicht hinein, es wuerde stoeren",
+sagte sie. Diederich stammelte Entschuldigungen, und dann rollte er die
+Augen, wobei er zwischen den gemalten Ranken der halb erblindeten
+Wandspiegel seinem geheimnisvoll blassen Abbild begegnete. Der zartgelbe
+Lack der Waende zeigte launische Spruenge, und auf den Panneaus starben die
+Farben der Blumen und Gesichter ... Frau von Wulckow schloss eine kleine
+Tuer, durch die jemand einzutreten schien, eine Schaeferin mit ihrem
+bebaenderten Stab. Sie schloss die Tuer ganz vorsichtig, damit nur die
+Vorstellung nicht gestoert werde, aber es flog doch ein wenig Staub auf,
+als sei es Puder aus dem Haar der gemalten Schaeferin.
+
+"Dies Haus ist so romantisch", fluesterte Frau von Wulckow. "Finden Sie
+nicht auch, Herr Doktor? Wenn man sich hier im Spiegel sieht, glaubt man
+einen Reifrock anzuhaben" - worauf Diederich, immer ratloser, ihr
+Haengekleid ansah. Die entbloessten Schultern waren hohl und nach vorn
+gebogen, die Haare von slawischem Weissblond, und Frau von Wulckow trug
+einen Zwicker.
+
+"Sie passen hier glaenzend herein, Frau Praesidentin ... Frau Graefin",
+verbesserte er und sah sich mit einem Laecheln belohnt fuer seine kuehne
+Schmeichelei. Nicht jeder wuerde Frau von Wulckow so treffsicher daran
+erinnert haben, dass sie eine geborene Graefin Zuesewitz war!
+
+"Tatsaechlich", bemerkte sie, "sollte man kaum glauben, dass dies Haus
+seinerzeit nicht fuer eine wirklich vornehme Gesellschaft gebaut worden
+ist, sondern nur fuer die guten Netziger Buerger." Sie laechelte nachsichtig.
+
+"Ja, das ist komisch", bestaetigte Diederich mit einem Kratzfuss. "Aber
+heute koennen sich zweifellos nur Frau Graefin hier ganz zu Hause fuehlen."
+
+"Sie haben gewiss Sinn fuer das Schoene", vermutete Frau von Wulckow; und da
+Diederich es bestaetigte, erklaerte sie, dann duerfe er den ersten Akt doch
+nicht ganz versaeumen, sondern muesse durch den Tuerspalt sehen. Sie selbst
+trat schon laengst von einem Fuss auf den anderen. Sie wies mit dem Faecher
+nach der Buehne. "Herr Major Kunze wird gleich abgehen. Er ist ja nicht
+besonders gut, aber was wollen Sie, er sitzt im Vorstand der Harmonie und
+hat den Leuten die kuenstlerische Bedeutung meines Werkes erst zum
+Verstaendnis gebracht." Indes Diederich den Major unschwer wiedererkannte,
+denn er hatte sich gar nicht veraendert, erlaeuterte die Dichterin ihm mit
+fliegender Gelaeufigkeit die Vorgaenge. Das junge Bauernmaedchen, mit dem
+Kunze sich unterhielt, war seine natuerliche Tochter, also eine
+Grafentochter, weshalb das Stueck denn auch "Die heimliche Graefin" hiess.
+Gerade klaerte Kunze sie, baerbeissig wie immer, ueber diesen Umstand auf.
+Auch eroeffnete er ihr, er werde sie mit einem armen Vetter verheiraten und
+ihr die Haelfte seiner Besitztuemer vererben. Hierueber herrschte, als er
+abgegangen war, laute Freude bei dem Maedchen und ihrer Pflegemutter, der
+braven Paechtersfrau.
+
+"Wer ist denn die schreckliche Person?" fragte Diederich, bevor er es
+bedacht hatte. Frau von Wulckow war erstaunt.
+
+"Es ist doch die komische Alte vom Stadttheater. Wir hatten sonst niemand
+fuer die Rolle; aber meine Nichte spielt ganz gern mit ihr."
+
+Und Diederich erschrak; mit der schrecklichen Person hatte er die Nichte
+gemeint. "Das Fraeulein Nichte ist ganz reizend", beteuerte er schnell und
+blinzelte entzueckt nach dem dicken roten Gesicht, das gleich auf den
+Schultern sass - und es waren Wulckows Schultern! "Talent hat sie aber
+auch", setzte er der Sicherheit wegen hinzu. Frau von Wulckow wisperte:
+"Passen Sie nur auf" - und da kam aus der Kulisse Assessor Jadassohn.
+Welch eine Ueberraschung! Er hatte ganz neue Buegelfalten und trug in seinem
+imposant geschweiften Cutaway eine riesenhafte Plastronkrawatte mit einem
+roten Funkelstein von entsprechendem Umfang. Aber so sehr der Stein auch
+funkelte, Jadassohns Ohren ueberstrahlten ihn. Da sein Kopf frisch
+geschoren und sehr platt war, standen die Ohren frei heraus und
+beleuchteten wie zwei Lampen seine festliche Pracht. Er spreizte die gelb
+behandschuhten Haende, als plaedierte er fuer viele Jahre Zuchthaus; und
+tatsaechlich sagte er der Nichte, die geradezu konsterniert schien, und der
+heulenden komischen Alten die peinlichsten Dinge ... Frau von Wulckow
+wisperte: "Er ist ein schlechter Charakter."
+
+"Und ob", sagte Diederich mit Ueberzeugung.
+
+"Kennen Sie denn mein Stueck?"
+
+"Ach so. Nein. Aber ich sehe schon, was er will."
+
+Naemlich Jadassohn der der Sohn und Erbe des alten Grafen Kunze war, hatte
+gelauscht und war durchaus nicht gesonnen, die Haelfte seiner ihm von Gott
+verliehenen Besitztuemer an die Nichte abzutreten. Er verlangte
+gebieterisch, dass sie augenblicklich das Feld raeume; widrigenfalls er sie
+als Erbschleicherin verhaften und Kunze entmuendigen lassen werde.
+
+"Das ist eine Gemeinheit", bemerkte Diederich. "Sie ist doch seine
+Schwester." Die Dichterin erklaerte ihm:
+
+"Nun ja. Aber andererseits hat er recht, wenn er ein Fideikommiss aus den
+Guetern machen will. Er arbeitet eben fuer das ganze Geschlecht, mag auch
+der einzelne zu kurz kommen. Fuer die heimliche Graefin ist das natuerlich
+tragisch."
+
+"Wenn man es recht bedenkt -", Diederich war hocherfreut. Dieser
+aristokratische Gesichtspunkt kam auch ihm selbst zustatten, wenn er keine
+Neigung fuehlte, Magda bei ihrer Verheiratung am Geschaeft zu beteiligen.
+
+"Frau Graefin, Ihr Stueck ist erstklassig", sagte er, durchdrungen. Aber da
+zog Frau von Wulckow ihn angstvoll am Arm: im Publikum entstanden
+Geraeusche, es scharrte, schnupfte sich aus und kicherte. "Er uebertreibt",
+stoehnte die Dichterin. "Ich habe es ihm immer gesagt."
+
+Denn Jadassohn fuehrte sich wirklich unerhoert auf. Die Nichte samt der
+komischen Alten klemmte er hinter den Tisch ein und fuellte mit den
+tobenden Bekundungen seiner graeflichen Persoenlichkeit die ganze Buehne. Je
+mehr das Haus ihn missbilligte, desto herausfordernder lebte er dort oben
+sich aus. Jetzt zischte man sogar; ja, mehrere wandten sich nach der Tuer
+um, hinter der Frau von Wulckow bebte, und zischten. Vielleicht geschah es
+nur, weil die Tuer kreischte - aber die Dichterin fuhr zurueck, sie verlor
+den Zwicker und tastete in hilflosem Entsetzen durch die Luft, bis
+Diederich ihn ihr zurueckbrachte. Er versuchte, sie zu troesten. "Es hat
+nichts zu sagen, Jadassohn geht doch hoffentlich bald ab?" Sie horchte
+durch die geschlossene Tuer. "Ja, Gott sei Dank", plapperte sie, und die
+Zaehne schlugen ihr aufeinander. "Jetzt ist er fertig, jetzt flieht meine
+Nichte mit der komischen Alten, und dann kommt Kunze wieder mit dem
+Leutnant, wissen Sie."
+
+"Ein Leutnant spielt auch mit?" fragte Diederich achtungsvoll.
+
+"Ja, das heisst, er ist noch auf dem Gymnasium, er ist ein Sohn des Herrn
+Landgerichtsdirektors Sprezius: der arme Verwandte, wissen Sie, den der
+alte Graf seiner Tochter zum Mann geben will. Er verspricht dem Alten, dass
+er die heimliche Graefin in der ganzen Welt suchen wird."
+
+"Sehr begreiflich", sagte Diederich. "Es liegt in seinem eigenen
+Interesse."
+
+"Sie werden sehen, er ist ein edler Mensch."
+
+"Aber Jadassohn, wenn ich mir die Bemerkung erlauben darf, Frau Graefin,
+den haetten Sie nicht mitspielen lassen sollen", sagte Diederich
+vorwurfsvoll und mit heimlicher Genugtuung. "Schon wegen der Ohren."
+
+Frau von Wulckow sagte niedergeschlagen:
+
+"Ich dachte nicht, dass sie auf der Buehne so wirken wuerden. Glauben Sie
+nun, dass es ein Misserfolg wird?"
+
+"Frau Graefin!" Diederich legte die Hand auf das Herz. "Ein Stueck wie die
+'heimliche Graefin' ist nicht so leicht Umzubringen!"
+
+"Nicht wahr? Es kommt beim Theater doch wohl auf die kuenstlerische
+Bedeutung an."
+
+"Gewiss. Freilich, so ein Paar Ohren haben auch viel Einfluss" - und
+Diederich machte ein bedenkliches Gesicht.
+
+Frau von Wulckow rief flehend aus:
+
+"Wo doch der zweite Akt noch viel besser ist! Er spielt in einer protzigen
+Fabrikantenfamilie, und die heimliche Graefin dient dort als Stubenmaedchen.
+Dann ist da ein Klavierlehrer, kein feiner Mensch, eine der Toechter hat er
+sogar gekuesst, und nun macht er der Graefin einen Heiratsantrag, den sie
+natuerlich weit von sich weist. Ein Klavierlehrer! Wie koennte sie!"
+
+Diederich bestaetigte, es sei ausgeschlossen.
+
+"Aber nun sehen Sie, wie tragisch: die Tochter, die sich von dem
+Klavierlehrer hat kuessen lassen, verlobt sich auf einem Ball mit einem
+Leutnant, und wie der Leutnant ins Haus kommt, da ist es derselbe
+Leutnant, der -"
+
+"O Gott, Frau Graefin!" Diederich streckte schuetzend die Haende vor, ganz
+erregt durch so viele Verwicklungen. "Wie kommen Sie nur auf all die
+Geschichten?"
+
+Die Dichterin laechelte leidenschaftlich.
+
+"Ja, naemlich das ist das Interessanteste: Nachher weiss man es nicht mehr.
+Es geht so geheimnisvoll zu im Gemuet! Manchmal denke ich mir, ich muss es
+geerbt haben."
+
+"Haben Sie denn so viele Dichter in Ihrer werten Familie?"
+
+"Das nicht. Aber wenn nicht mein grosser Vorfahre die Schlacht bei
+Kroechenwerda gewonnen haette, wer weiss, ob ich die 'heimliche Graefin'
+geschrieben haben wuerde. Es kommt schliesslich immer auf das Blut an!"
+
+Bei dem Namen der Schlacht machte Diederich einen Kratzfuss, und er wagte
+nichts mehr zu fragen.
+
+"Jetzt muss gleich der Vorhang fallen", sagte Frau von Wulckow. "Hoeren Sie
+etwas?"
+
+Er hoerte nichts; nur fuer die Dichterin gab es nicht Tuer noch Waende. "Jetzt
+schwoert der Leutnant der fernen Graefin die ewige Treue", fluesterte sie.
+"So"; und alles Blut wich ihr aus dem Gesicht. Gleich darauf schoss es
+heftig zurueck; man klatschte: nicht stuermisch; aber man klatschte. Die Tuer
+ward von drinnen geoeffnet. Dort hinten rollte nochmals der Vorhang hinauf,
+und da der junge Sprezius und die Wulckowsche Nichte hervorkamen, ward der
+Beifall lebhafter. Ploetzlich schnellte aus der Kulisse Jadassohn, pflanzte
+sich vor die beiden und machte Miene, den Erfolg einzuheimsen - worauf
+gezischt ward. Frau von Wulckow wandte sich entruestet ab. Der
+Schwiegermutter des Buergermeisters Scheffelweis und der Landgerichtsraetin
+Harnisch, die ihr Glueck wuenschten, erklaerte sie: "Herr Assessor Jadassohn
+ist als Staatsanwalt unmoeglich. Ich werde es meinem Mann sagen."
+
+Die Damen gaben den Ausspruch sofort weiter und hatten viel Erfolg damit.
+Ploetzlich war die Spiegelgalerie voll von Gruppen, die ueber Jadassohns
+Ohren herfielen. "Die Praesidentin hat recht wacker gedichtet; nur
+Jadassohns Ohren -." Als man hoerte, dass Jadassohn im zweiten Akt nicht
+mehr wiederkomme, war man doch enttaeuscht. Wolfgang Buck ging mit Guste
+Daimchen auf Diederich zu. "Haben Sie gehoert?" fragte er. "Jadassohn soll
+eine Amtshandlung vornehmen und seine Ohren konfiszieren." Diederich sagte
+missbilligend: "Ich mache keine Witze, wenn es jemandem schlecht geht." Und
+dabei ueberwachte er eifrig die Blicke, die Buck und seine Begleiterin
+trafen. Alle Mienen lebten auf, wenn sie die beiden erblickten; Jadassohn
+war vergessen. Vom Ausgang trug die duenne Schreistimme des Professor
+Kuehnchen etwas durch den Wirrwarr, das klang wie "Affenschande". Da die
+Pastorin Zillich ihm beschwichtigend die Hand auf den Arm legte, wandte er
+sich her, und jetzt verstand man es deutlich: "Eine ausgewachsene
+Affenschande ist es!"
+
+Guste sah sich um; sie bekam Schlitzaugen. "Dort sprechen sie auch davon",
+sagte sie geheimnisvoll.
+
+"Wovon?" stammelte Diederich.
+
+"Wir wissen schon. Und wer es aufgebracht hat, weiss ich auch."
+
+Hier brach Diederich der Schweiss aus. "Was haben Sie denn?" fragte Guste.
+Buck, der durch die Seitentuer nach dem Buefett schielte, sagte
+phlegmatisch:
+
+"Hessling ist ein vorsichtiger Politiker, er hoert nicht gern mit an, dass
+der Buergermeister zwar einerseits ein guter Ehemann ist, aber andererseits
+auch seiner Schwiegermutter nichts abschlagen kann."
+
+Sofort ward Diederich dunkelrot.
+
+"Das ist eine Gemeinheit! Wie kann jemand sich solch eine Gemeinheit
+ausdenken!"
+
+Guste kicherte heftig. Buck blieb unbewegt. "Erstens scheint es Tatsache
+zu sein, denn die Frau Buergermeister hat die beiden ueberrascht und sich
+einer Freundin anvertraut. Dann aber lag es ja auf der Hand."
+
+Guste brachte hervor: "Na Sie, Herr Doktor, waeren natuerlich nie darauf
+gekommen." Dabei blinzelte sie verliebt ihrem Verlobten zu. Diederich
+blitzte. "Aha!" sagte er stramm. "Jetzt weiss ich freilich genug." Und er
+drehte ihnen den Ruecken. Sie erfanden also selbst Gemeinheiten, noch dazu
+ueber den Buergermeister! Diederich durfte den Kopf hoch tragen. Er stiess zu
+der Gruppe Kuehnchens, die sich nach dem Buefett hin bewegte und ein
+Kielwasser von sittlicher Entruestung hinterliess. Die Schwiegermutter des
+Buergermeisters schwur mit rotem Gesicht, "diese Gesellschaft" werde ihr
+Haus kuenftig nur noch von aussen sehen, und mehrere Damen schlossen sich
+ihrem Vorsatz an, trotz Abraten des Warenhausbesitzers Herrn Cohn, der bis
+auf weiteres alles in Zweifel zog, weil eine derartige sittliche
+Entgleisung bei einem bewaehrten alten Liberalen wie dem Herrn Buck ganz
+ausgeschlossen erscheine. Professor Kuehnchen war vielmehr der Meinung, dass
+ein zu weit gehender Radikalismus auch die Moral gefaehrde. Selbst Doktor
+Heuteufel, der doch die Sonntagsfeiern fuer freie Menschen veranstaltete,
+machte die Bemerkung, an Familiensinn, man koenne auch sagen Nepotismus,
+habe es dem alten Buck niemals gefehlt. "Beispiele dafuer liegen Ihnen
+allen auf der Zunge. Und dass er jetzt, um das Geld in der Familie zu
+erhalten, sich anschickt, seine unehelichen Kinder mit seinen ehelichen zu
+verheiraten, das, meine Herrschaften, wuerde ich aerztlich als greisenhafte
+Ausschreitung einer frueher noch beherrschten Naturanlage diagnostizieren."
+Hierbei bekamen die Damen erschreckte Gesichter, und die Pastorin Zillich
+schickte ihr Kaethchen in die Garderobe nach ihrem Schnupftuch.
+
+Auf ihrem Wege kam Kaethchen an Guste Daimchen vorbei, aber sie begruesste
+sie nicht, sondern schlug die Augen nieder; da machte Guste ein betretenes
+Gesicht. Am Buefett bemerkte man es und aeusserte Missbilligung, vermischt mit
+Mitleid. Guste musste nun eben erfahren, was es hiess, sich ueber die
+oeffentliche Moral hinwegzusetzen. Mochte ihr zugebilligt werden, dass sie
+vielleicht getaeuscht und schlecht beeinflusst sei: Frau Oberinspektor
+Daimchen aber, die wusste doch wohl Bescheid, und sie war gewarnt! Die
+Schwiegermutter des Buergermeisters berichtete von ihrem Besuch bei Gustes
+Mutter und von ihren vergeblichen Anstrengungen, durch Anklopfen ein
+Gestaendnis hervorzulocken aus der verhaerteten alten Frau, der eine
+legitime Verbindung mit dem Hause Buck wohl einen Jugendtraum erfuellte!...
+
+"Na, und der Herr Rechtsanwalt Buck!" kreischte Kuehnchen. Tatsaechlich, wen
+wollte dieser Herr glauben machen, dass er ueber die neue Schande, die seine
+Familie traf, nicht genau unterrichtet sei? Waren ihm die Verbrechen im
+Hause Lauer etwa unbekannt gewesen? Und doch sah man ihn nicht zoegern, die
+schmutzige Waesche seiner Schwester und seines Schwagers oeffentlich vor
+Gericht auszubreiten, nur um von sich reden zu machen! Doktor Heuteufel,
+den es noch immer draengte, seine eigene Haltung im Prozess nachtraeglich zu
+verbessern, erklaerte: "Das ist kein Verteidiger, das ist ein Komoediant!"
+Und als Diederich zu bedenken gab, Buck habe nun einmal gewisse, wenn auch
+anfechtbare Ueberzeugungen in Politik und Moral, da ward ihm erwidert:
+"Herr Doktor, Sie sind sein Freund. Dass Sie fuer ihn eintreten, spricht zu
+Ihren Gunsten, aber Sie machen uns nichts weiss;" - worauf Diederich sich
+zurueckzog, mit bekuemmerter Miene, aber nicht ohne einen Blick auf den
+Redakteur Nothgroschen, der bescheiden an einer Schinkensemmel kaute und
+alles hoerte.
+
+Ploetzlich entstand eine Stille, denn drinnen, nahe der Buehne, erblickte
+man den alten Herrn Buck in einem Kreis junger Maedchen. Es schien, er
+erklaerte ihnen die Malereien an den Waenden, das Leben von ehemals, das
+verblichen und heiter den ganzen Saal umgab, mit dem Umkreis der Stadt,
+wie sie gewesen war, mit verschwundenen Wiesen und Gaerten und den Menschen
+allen, laermend einst als Herren hier in diesem Festhaus, nun aber in
+hingetaeuschte Tiefen gebannt vor dem Geschlecht, das eben jetzt laermte ...
+Jetzt sah es gar aus, als ahmten sie, die Maedchen und der Alte, den
+Figuren nach. Gerade ueber ihnen war das Burgtor abgebildet, und ein Herr
+in Peruecke und Amtskette trat heraus, derselbe, der aus Marmor zu Haeupten
+der Treppe stand. In dem lieblichen Gehoelz voller Blumen aber, das damals
+wohl dort, statt der Papierfabrik Gausenfeld, geblueht hatte, tanzten ihm
+helle Kinder entgegen, warfen einen Kranz ueber ihn und wollten ihn damit
+umherdrehen. Der Widerschein von rosigen kleinen Wolken fiel auf sein
+glueckliches Gesicht. So gluecklich laechelte in diesem Augenblick auch der
+alte Buck, liess sich von den Maedchen hin und her ziehen und war von ihnen
+gefangen, wie in einem lebenden Kranz. Seine Sorglosigkeit war
+unbegreiflich, sie war aufreizend. Hatte er schon sein Gewissen bis zu dem
+Grade abgestumpft, dass er seine natuerliche Tochter -: "_Unsere_ Toechter
+sind eben doch keine natuerlichen Kinder", sagte Frau Warenhausbesitzer
+Cohn. "Meine Sidonie mit Guste Daimchen Arm in Arm!"... Buck und seine
+jungen Freundinnen merkten gar nicht, dass sie sich am Ende eines leeren
+Raumes befanden. Vorn bildete feindliches Publikum eine Mauer; die Augen
+fingen zu funkeln an, und der Mut wuchs. "Die Familie ist die laengste Zeit
+obenauf gewesen! Einen haben sie schon in der Vogtei, gleich kommt Nummer
+zwei!"... "Das ist ja der reinste Rattenfaenger!" murrte es; und drueben:
+"Ich sehe es nicht noch laenger mit an!" Jaeh entrangen sich zwei Damen dem
+allgemeinen Druck, nahmen einen Anlauf und durchkreuzten den leeren Raum.
+Frau Rat Harnisch, die in ihrer roten Samtschleppe dahinkugelte, traf am
+Ziel puenktlich auf die gelbe Frau Cohn, mit demselben Griff bemaechtigte
+die eine sich ihrer Sidonie, die andere ihrer Meta, und welch eine
+Genugtuung, als sie wieder anlangten! "Ich war einer Ohnmacht nahe", sagte
+die Pastorin Zillich, da nun gottlob auch Kaethchen sich einfand.
+
+Die gute Laune kehrte zurueck, man scherzte ueber den alten Suender und
+verglich ihn mit dem Grafen im Stueck der Praesidentin. Freilich, Guste war
+keine heimliche Graefin; in einer Dichtung konnte man, der Praesidentin zu
+gefallen, mit solchen Zustaenden sympathisieren. Uebrigens waren sie dort
+noch ertraeglich, denn die Graefin sollte nur ihren Vetter heiraten, waehrend
+Guste -!
+
+Der alte Buck, der niemand mehr um sich sah, als seine kuenftige
+Schwiegertochter und eine seiner Nichten, bekam eine fragende Miene; ja,
+unter den Blicken, die ihn in seiner Verlassenheit musterten, ward er
+sichtlich verlegen. Man machte einander darauf aufmerksam; - und Diederich
+sogar fragte sich, ob Frau Hesslings alte Skandalgeschichte denn etwa gar
+wahr sei? Da er das Phantom, das er selbst in die Welt geschickt hatte,
+hier einen Koerper annehmen und immer drohender um sich greifen sah, war
+ihm selber bange geworden. Diesmal galt es nicht irgendeinem Lauer, es
+galt dem alten Herrn Buck, der ehrwuerdigsten Figur aus Diederichs
+Kindertagen, dem grossen Mann der Stadt, der Verkoerperung ihres
+Buergersinnes, dem zum Tode Verurteilten von Achtundvierzig! Im eigenen
+Herzen fuehlte Diederich ein Straeuben gegen sein Unterfangen. Auch schien
+es Wahnwitz; ein Streich wie dieser zerschmetterte den Alten noch laengst
+nicht. Kam es aber heraus, wer der Urheber war, dann musste Diederich
+darauf gefasst sein, dass alle sich gegen ihn wendeten ... Gleichwohl blieb
+es ein Streich, und er hatte getroffen. Jetzt war es nicht mehr bloss die
+Familie, die broeckelte und an dem Alten als Last hing: der Bruder vor dem
+Bankerott, der Schwiegersohn im Gefaengnis, die Tochter auf Reisen mit
+einem Liebhaber, und von den Soehnen einer verbauert, der andere verdaechtig
+durch Gesinnung und Lebensfuehrung, - jetzt schwankte er, zum ersten Male,
+selbst. Herunter mit ihm, damit Diederich hinaufkam! Trotzdem war es
+Diederich bange bis in den Leib hinein, er machte sich auf, um die
+Nebenraeume zu besuchen.
+
+Er lief, denn es klingelte schon zum zweiten Akt: da stiess er mit der
+Schwiegermutter des Buergermeisters zusammen, die es aus einem anderen
+Grund ebenso eilig hatte. Sie kam gerade noch rechtzeitig, um zu
+verhindern, dass ihr Schwiegersohn, gelenkt von seiner Frau, sich auf den
+alten Buck zu bewege und ihn mit seiner Autoritaet decke. "Mit deiner
+Autoritaet als Buergermeister, einen solchen Skandal!" Sie war heiser vor
+Aufregung. Die Frau aber mit ihrer grellen kleinen Stimme blieb dabei, die
+Bucks seien nun einmal die feinsten Leute hier, und noch gestern habe
+Milli Buck ihr ein fabelhaftes Schnittmuster gegeben. Mit versteckten
+Pueffen trieb jede ihn nach ihrer Seite; er gab ihnen abwechselnd recht,
+seine blassen Bartkotelettes flohen nach links und nach rechts, und er
+hatte Augen wie ein Hase. Die Voruebergehenden stiessen einander an und
+wiederholten fluesternd als einen Witz, was Diederich durch Wolfgang Buck
+wusste. Angesichts so wichtiger Vorgaenge vergass er seine Leibschmerzen,
+blieb stehen und beschrieb einen herausfordernden Gruss. Der Buergermeister
+gab sich Haltung, verliess seine Damen, er streckte Diederich die Hand hin.
+"Mein lieber Doktor Hessling, es freut mich, das ist einmal ein gelungenes
+Fest, wie?"
+
+Aber Diederich zeigte sich gar nicht geneigt, auf die nichtssagende
+Herzlichkeit einzugehen, die Doktor Scheffelweis so sehr liebte. Er
+richtete sich auf wie das Verhaengnis und blitzte.
+
+"Herr Buergermeister, ich fuehle mich nicht berechtigt, Sie im unklaren zu
+lassen ueber gewisse Dinge, die -"
+
+"Die?" fragte Doktor Scheffelweis, erbleicht.
+
+"Die vorgehen", sagte Diederich nicht ohne Haerte. Der Buergermeister bat um
+Erbarmen. "Ich weiss doch schon. Es ist die fatale Geschichte mit unserem
+allverehrten - ich wollte sagen, die Schweinerei des alten Buck",
+fluesterte er vertraulich. Diederich blieb kalt.
+
+"Es ist mehr. Sie duerfen sich nicht laenger taeuschen, Herr Buergermeister:
+es betrifft Sie selbst."
+
+"Junger Mann, ich muss doch bitten ..."
+
+"Ich stehe Ihnen zur Verfuegung, Herr Buergermeister!"
+
+Doktor Scheffelweis irrte, wenn er hoffte, dieser Kelch sei durch
+Aufbegehren besser abzuwenden als durch Flehen! Er war in Diederichs Hand;
+die Spiegelgalerie hatte sich geleert, auch die beiden Damen verschwanden
+dahinten im Gedraenge.
+
+"Buck und Genossen fuehren einen Gegenschlag", sagte Diederich sachlich.
+"Sie sind entlarvt und raechen sich."
+
+"An mir?" Der Buergermeister huepfte auf.
+
+"Verleumdungen, ich wiederhole: infame Verleumdungen werden gegen Sie
+gerichtet. Kein Mensch wuerde sie glauben, aber in diesen Zeiten der
+politischen Kaempfe -"
+
+Er beendete nicht, sondern hob die Schultern. Doktor Scheffelweis war
+sichtlich kleiner geworden. Er wollte Diederich ansehen, irrte aber ab. Da
+bekam Diederich die Stimme des Gerichts.
+
+"Herr Buergermeister! Sie erinnern sich an unsere erste Unterredung in
+Ihrem Hause, mit Herrn Assessor Jadassohn. Ich habe Sie schon damals
+darauf vorbereitet, dass ein neuer Geist in die Stadt einziehen werde. Die
+schlappe demokratische Gesinnung hat abgewirtschaftet! Stramm national muss
+man heut sein! Sie waren gewarnt!"
+
+Doktor Scheffelweis stand Rede.
+
+"Ich war innerlich schon immer auf Ihrer Seite, lieber Freund: um so mehr,
+als ich ein besonderer Verehrer Seiner Majestaet bin. Unser herrlicher
+junger Kaiser ist ein so origineller Denker ... impulsiv ... und ..."
+
+"Die persoenlichste Persoenlichkeit", ergaenzte Diederich streng.
+
+Der Buergermeister sprach nach: "Persoenlichkeit ... Aber ich in meiner
+Stellung, die nach beiden Seiten blickt, kann Ihnen auch heute nur
+wiederholen: Schaffen Sie neue Tatsachen!"
+
+"Und mein Prozess? Ich habe die Feinde Seiner Majestaet glatt
+zerschmettert!"
+
+"Ich habe Ihnen nichts in den Weg gelegt. Ich habe Sie sogar
+beglueckwuenscht."
+
+"Mir nicht bekannt."
+
+"Wenigstens im stillen."
+
+"Heute muss man sich offen entscheiden, Herr Buergermeister. Seine Majestaet
+haben es selbst gesagt: wer nicht fuer mich ist, ist wider mich! Unsere
+Buerger sollen endlich aus dem Schlummer erwachen und bei der Bekaempfung
+der umwaelzenden Elemente selbst mit Hand anlegen!"
+
+Hier schlug Doktor Scheffelweis die Augen nieder. Um so gebieterischer
+reckte sich Diederich.
+
+"Wo aber bleibt der Buergermeister?" fragte er, und seine Frage klang in
+einer drohenden Stille so lange nach, bis Doktor Scheffelweis sich
+entschloss, ihn anzublinzeln. Zum Sprechen brachte er es nicht; Diederichs
+Erscheinung, blitzend, gestraeubt und blond gedunsen, verschlug ihm die
+Rede. In fliegender Verwirrung dachte er: "Einerseits - andererseits" -
+und blinzelte immerfort das Bild der neuen Jugend an, die wusste, was sie
+wollte, den Vertreter der harten Zeit, die nun kam!
+
+Diederich, mit herabgezogenen Mundwinkeln, nahm die Huldigung entgegen. Er
+genoss einen der Augenblicke, in denen er mehr bedeutete als sich selbst,
+und im Geiste eines Hoeheren handelte. Der Buergermeister war laenger als er,
+aber Diederich sah auf ihn hinunter, als haette er gethront. "Naechstens
+haben wir Stadtverordnetenwahlen: da kommt es nun ganz auf Sie an",
+aeusserte er gnaedig und knapp. "Der Prozess Lauer hat einen Umschwung der
+oeffentlichen Meinung bewirkt. Die Leute haben Angst vor mir. Wer mir
+behilflich sein will, ist mir willkommen; wer sich mir entgegenstellt -"
+
+Den Nachsatz wartete Doktor Scheffelweis nicht ab. "Ich bin ganz Ihrer
+Meinung," fluesterte er beflissen, "Freunde des Herrn Buck duerfen nicht
+mehr gewaehlt werden."
+
+"Das liegt in Ihrem eigensten Interesse. Bei den Schlechtgesinnten
+untergraebt man Ihren guten Ruf, Herr Buergermeister! Koennten Sie es heute
+ueberleben, dass die Gutgesinnten den abscheulichen Verleumdungen nicht mehr
+widersprechen?" Eine Pause, in der Doktor Scheffelweis zitterte; dann
+wiederholte Diederich, ermutigend: "Es kommt nur auf Sie an." - Der
+Buergermeister murmelte: "Ihre Energie und anstaendige Gesinnung in Ehren -"
+
+"Meine hochanstaendige Gesinnung!"
+
+"Freilich ... Aber Sie sind ein politischer Heisssporn, mein junger Freund.
+Die Stadt ist noch nicht reif fuer Sie. Wie wollen Sie mit ihr fertig
+werden?"
+
+Statt einer Antwort trat Diederich ploetzlich zurueck und machte einen
+Kratzfuss. Im Eingang stand Wulckow.
+
+Er kam herbei unter elastischem Schwenken des Bauches, legte seine
+schwarze Tatze dem Doktor Scheffelweis auf die Schulter und sagte
+droehnend: "Na, Buergermeisterchen, so solo hier? Ihre Stadtverordneten
+haben Sie wohl hinausgeworfen?" - worauf Doktor Scheffelweis bleich
+mitlachte. Aber Diederich sah sich heftig besorgt nach der Saaltuer um, die
+noch offen stand. Er trat vor Wulckow hin, so dass der Praesident von
+drinnen nicht zu sehen war, und fluesterte ihm einige Worte zu, infolge
+deren der Praesident sich abwandte und seine Kleider ordnete. Dann sagte er
+zu Diederich: "Sie sind wirklich sehr brauchbar, Doktorchen."
+
+Diederich laechelte geschmeichelt. "Ihre Anerkennung, Herr Praesident, macht
+mich gluecklich."
+
+Wulckow aeusserte gnaedig: "Sie koennen gewiss auch sonst noch allerlei. Wir
+muessen mal drueber reden." Er streckte den Kopf vor, braunfleckig, mit
+slawischen Backenknochen, und glotzte Diederich an aus den Mongolenfalten
+seiner Augen, die voll einer warmbluetigen, schalkhaften Gewaltsamkeit
+waren: - glotzte, bis Diederich schnaufte. Dieser Erfolg schien Wulckow zu
+befriedigen. Er buerstete vor dem Spiegel seinen Bart, zerdrueckte ihn aber
+sogleich wieder auf dem Frackhemd, weil er den Kopf wie ein Stier trug,
+und sagte: "Nu los! Der Klimbim ist wohl schon im Gange?" Und in der Mitte
+zwischen Diederich und dem Buergermeister schickte er sich an, mit Wucht
+die Vorstellung zu stoeren: da kam vom Buefett her eine duenne Stimme:
+
+"Ach Gott, Ottochen!"
+
+"Na, da ist sie", brummte Wulckow, und er ging seiner Frau entgegen.
+"Dachte mir schon, wenn es zum Klappen kommt, scheut sie. Mehr
+Reitergeist, meine beste Frieda!"
+
+"Ach Gott, Ottochen, ich habe nun mal solche grauenhafte Angst." Zu den
+beiden anderen Herrn gewandt plauderte sie gelaeufig, wenn auch bebend.
+"Ich weiss wohl, man sollte freudigeren Herzens in die Schlacht gehen."
+
+"Besonders," sagte Diederich schlagfertig, "wenn sie im voraus gewonnen
+ist." Und er verneigte sich ritterlich. Frau von Wulckow beruehrte ihn mit
+dem Faecher.
+
+"Herr Doktor Hessling hat mir naemlich schon waehrend des ersten Aktes hier
+draussen Gesellschaft geleistet. Er hat Sinn fuer das Schoene, er gibt einem
+sogar nuetzliche Winke."
+
+"Hab' ich gemerkt", sagte Wulckow; und indes Diederich abwechselnd ihm und
+seiner Frau dankerfuellte Kratzfuesse machte, setzte der Praesident hinzu:
+"Bleiben wir lieber gleich beim Buefett."
+
+"Das war auch mein Schlachtplan", plauderte Frau von Wulckow. "Um so mehr,
+als ich jetzt festgestellt habe, dass man hier eine kleine Tuer nach dem
+Saal oeffnen kann. So erfreut man sich der von den Ereignissen unberuehrten
+Isoliertheit, die ich nun einmal brauche, und bleibt dennoch _au fait_."
+
+"Buergermeisterchen," sagte Wulckow und schnalzte, "den Hummersalat sollten
+Sie sich auch kaufen." Er zog Doktor Scheffelweis am Ohr und setzte hinzu:
+"In der Sache mit dem staedtischen Arbeitsnachweis hat der Magistrat mal
+wieder eine jammervolle Rolle gespielt."
+
+Der Buergermeister ass gehorsam und hoerte gehorsam zu - indes Diederich
+neben Frau von Wulckow nach der Buehne ausspaehte. Dort hatte Magda Hessling
+Klavierstunde, und der Lehrer, ein dunkellockiger Virtuose, kuesste sie
+feurig, was sie nicht uebel zu vermerken schien. "Kienast duerfte das nicht
+sehen", dachte Diederich, aber auch im eigenen Namen fuehlte er sich
+gekraenkt. Er aeusserte:
+
+"Finden Frau Graefin nicht doch, dass der Klavierlehrer zu naturalistisch
+spielt?"
+
+Die Dichterin erwiderte befremdet: "Ganz so lag es in meiner Intention."
+
+"Ich meinte auch nur", sagte Diederich unsicher - und dann erschrak er,
+denn in der Tuer erschien Frau Hessling oder eine Dame, die ihr aehnlich sah.
+Emmi kam auch, und das Paar war ertappt, man schrie und weinte. Um so
+lauter sprach Wulckow.
+
+"Nee, Buergermeister. Auf den alten Buck koennen Sie sich diesmal nicht
+'rausreden. Wenn er damals den staedtischen Arbeitsnachweis durchgedrueckt
+hat: die Anwendung tut es, die ist Ihre Sache."
+
+Doktor Scheffelweis wollte etwas vorbringen, aber Magda schrie, sie denke
+nicht daran, den Menschen zu heiraten, dafuer sei das Dienstmaedchen gut
+genug. Die Dichterin bemerkte:
+
+"Das muss sie noch ordinaerer bringen. Es sind doch Parvenues."
+
+Und Diederich laechelte zustimmend, obwohl er arg betreten war durch diese
+Zustaende in einem Heim, das dem seinen glich. Innerlich gab er Emmi recht,
+die erklaerte, der Skandal muesse sogleich aus der Welt geschafft werden,
+und die das Dienstmaedchen hereinrief. Aber wie das Maedchen sich zeigte,
+verdammt, da war es die heimliche Graefin! In die Stille, die ihr Auftreten
+bewirkte, toente Wulckows Bassstimme.
+
+"Bleiben Sie mir mal weg mit dem Schwindel von Ihren sozialen Pflichten.
+Die Landwirtschaft ruinieren soll sozial sein?"
+
+Im Publikum wandten mehrere sich um; die Dichterin wisperte angstvoll:
+"Ottochen, um Gottes willen!"
+
+"Was ist denn los?" Er trat in die Tuer. "Nun sollen sie mal zischen!"
+
+Niemand zischte. Er wandte sich wieder dem Buergermeister zu:
+
+"Mit Ihrem Arbeitsnachweis ziehen Sie unsereinem, der im Osten beguetert
+ist, die Arbeiter fort, das ist mal sicher. Und ferner: Sie haben sogar
+Vertreter der Arbeiter in Ihrem miserablen Arbeitsnachweis - und dabei
+vermitteln Sie auch fuer die Landwirtschaft. Wohin steuern Sie also? Nach
+der Koalition der Landarbeiter. Sehen Sie wohl, Buergermeisterchen?" Seine
+Tatze fiel auf Doktor Scheffelweis' nachgiebige Schulter. "Wir kommen
+Ihnen hinter die Schliche. Wird nicht geduldet!"
+
+Auf der Buehne sprach die Wulckowsche Nichte ins Publikum, denn die
+Fabrikantenfamilie durfte nichts hoeren.
+
+"Wie? Ich, ein Grafenkind, einen Klavierlehrer heiraten? Das sei ferne von
+mir. Wenn die Leute mir auch eine Ausstattung versprechen, fuer Geld moegen
+andere sich erniedrigen. Ich aber weiss, was ich meiner edlen Geburt
+schuldig bin!"
+
+Hier ward applaudiert. Frau Harnisch und Frau Tietz sah man Traenen
+fortwischen, die der Edelsinn der Graefin ihnen hatte entquellen lassen.
+Aber die fortgewischten Traenen kamen wieder, als die Nichte sagte:
+
+"Doch ach! Wo finde ich als Dienstmaedchen einen ebenso Hochgeborenen."
+
+Der Buergermeister musste eine Erwiderung gewagt haben, denn Wulckow
+grollte: "Dafuer, dass es weniger Arbeitslose gibt, will ich nicht bluten.
+Mein Geld ist mein Geld."
+
+Da konnte Diederich sich nicht laenger enthalten, ihm mit einem Kratzfuss zu
+danken. Aber auch die Dichterin bezog mit Recht seinen Kratzfuss auf sich.
+
+"Ich weiss," sagte sie, selbst geruehrt, "die Stelle ist mir gelungen."
+
+"Das ist Kunst, die zum Herzen spricht", stellte Diederich fest. Da Magda
+und Emmi das Klavier und die Tueren zuschlugen, ergaenzte er: "Und
+hochdramatisch." Hierauf nach der anderen Seite:
+
+"Naechste Woche werden zwei Stadtverordnete gewaehlt fuer Lauer und Buck
+junior. Gut, dass der von selbst geht." Wulckow sagte: "Dann sorgen Sie nur
+dafuer, dass anstaendige Leute 'reinkommen. Sie sollen ja mit der 'Netziger
+Zeitung' gut stehen."
+
+Diederich daempfte vertraulich die Stimme. "Ich halte mich vorlaeufig noch
+zurueck, Herr Praesident. Fuer die nationale Sache ist es besser."
+
+"Sieh mal an", sagte Wulckow; und wirklich sah er Diederich durchdringend
+an. "Sie moechten sich wohl selbst waehlen lassen?" fragte er.
+
+"Ich wuerde das Opfer bringen. Unsere staedtischen Koerperschaften haben zu
+wenig Mitglieder, die in nationaler Beziehung zuverlaessig sind."
+
+"Und was wollen Sie machen, wenn Sie drin sind?"
+
+"Dafuer sorgen, dass der Arbeitsnachweis aufhoert."
+
+"Na ja," sagte Wulckow, "als nationaler Mann."
+
+"Ich als Offizier," sagte auf der Buehne der Leutnant, "kann nicht dulden,
+liebe Magda, dass dieses Maedchen, wenn es auch nur eine arme Dienstmagd
+ist, irgendwie misshandelt wird."
+
+Der Leutnant aus dem ersten Akt, der arme Vetter, der die heimliche Graefin
+haette heiraten sollen, er war Magdas Verlobter! Man fuehlte die Zuschauer
+vor Spannung beben. Die Dichterin bemerkte es selbst. "Die Erfindung ist
+aber auch meine starke Seite", sagte sie zu Diederich, der tatsaechlich
+verbluefft war. Doktor Scheffelweis hatte keine Zeit, sich den Emotionen
+der dramatischen Dichtung zu ueberlassen; er sah sich gefaehrdet.
+
+"Niemand", beteuerte er, "wuerde freudiger einen Geist -" Wulckow
+unterbrach ihn.
+
+"Kennen wir, Buergermeisterchen. Freudig begruessen koennen Sie, wenn's nichts
+kostet."
+
+Diederich setzte hinzu: "Aber einen glatten Strich ziehen zwischen
+Kaisertreuen und Umsturz!"
+
+Der Buergermeister hob flehend die Arme. "Meine Herren! Verkennen Sie mich
+nicht, ich bin zu allem bereit. Aber mit dem Strich ist nicht geholfen,
+denn bei uns hier bedeutet er bloss, dass fast alle, die nicht freisinnig
+waehlen, sozialdemokratisch waehlen."
+
+Wulckow stiess ein wuetendes Grunzen aus, worauf er sich eine Wurst vom
+Buefett langte. Diederich war es, der eiserne Zuversicht bekundete.
+
+"Wenn die guten Wahlen nicht von selbst kommen, muessen sie eben gemacht
+werden!"
+
+"Aber womit?" sagte Wulckow.
+
+Die Wulckowsche Nichte ihrerseits rief ins Publikum:
+
+"Er muss doch sehen, dass ich eine Graefin bin, er, der demselben edlen
+Stamme entsprossen ist!"
+
+"Oh! Frau Graefin!" sagte Diederich. "Jetzt bin ich wirklich neugierig, ob
+er es sieht."
+
+"Selbstverstaendlich", erwiderte die Dichterin. "Sie erkennen einander doch
+schon an den besseren Manieren."
+
+In der Tat warfen der Leutnant und die Nichte sich Blicke zu, weil Emmi
+und Magda samt Frau Hessling einen Kaese mit dem Messer assen. Diederich
+behielt den Mund offen. Im Publikum bewirkte das ungebildete Betragen der
+Fabrikantenfamilie die freudigste Stimmung. Die Toechter Buck, Frau Cohn
+und Guste Daimchen, alle jubelten. Auch Wulckow ward aufmerksam; er sog
+sich das Fett von den Fingern und sagte:
+
+"Frieda, du bist fein 'raus, sie lachen."
+
+Wirklich bluehte die Dichterin erstaunlich auf. Ihre Augen hinter dem
+Zwicker glaenzten wirr, sie seufzte, ihr Busen wallte, es hielt sie nicht
+laenger auf ihrem Stuhl. Sie wagte sich halb heraus aus dem Buefettzimmer;
+sofort wandten viele sich nach ihr um, mit neugierigen Gesichtern, und die
+Schwiegermutter des Buergermeisters gab ihr Zeichen. Frau von Wulckow rief
+fieberhaft ueber die Schulter:
+
+"Meine Herren, die Schlacht ist gewonnen!"
+
+"Wenn es bei uns auch so schnell ginge", sagte ihr Gatte. "Na, also,
+Doktor, wie wollen Sie den Netzigern die Kandare anlegen?"
+
+"Herr Praesident!" Diederich drueckte die Hand aufs Herz. "Netzig wird
+kaisertreu, dafuer buerge ich Ihnen mit allem, was ich bin und habe!"
+
+"Schoen", sagte Wulckow.
+
+"Denn", fuhr Diederich fort, "wir haben einen Agitator, den ich als
+erstklassig bezeichnen moechte: jawohl, erstklassig", wiederholte er und
+umfasste mit dem Wort alles Grosse; "und das ist Seine Majestaet selbst!"
+
+Doktor Scheffelweis sammelte sich eilig. "Die persoenlichste
+Persoenlichkeit", brachte er hervor. "Originell. Impulsiv."
+
+"Na ja", sagte Wulckow. Er stemmte die Faeuste auf die Knie und glotzte
+dazwischen auf den Boden, in der Haltung eines sorgenvollen
+Menschenfressers. Auf einmal merkten die beiden anderen, dass er sie von
+unten schief ansah.
+
+"Meine Herren" - er stockte wieder - "na, ich will Ihnen mal was sagen.
+Ich glaube, der Reichstag wird aufgeloest."
+
+Diederich und Doktor Scheffelweis streckten die Koepfe vor, sie wisperten.
+"Herr Praesident wissen -?"
+
+"Der Kriegsminister war neulich mit mir auf der Jagd, bei meinem Vetter
+Herrn von Quitzin."
+
+Diederich machte einen Kratzfuss. Er stammelte, er wusste selbst nicht was.
+Er hatte es vorausgesagt! Schon bei seiner Aufnahme in den Kriegerverein
+hatte er eine Rede Seiner Majestaet wiedergegeben, - und hatte er sie nur
+wiedergegeben? Darin kam ausdruecklich vor: "Ich raeume die ganze Bude aus!"
+Und nun sollte es geschehen, ganz so, als handelte er selbst. Es ueberlief
+ihn mystisch ... Wulckow sagte inzwischen:
+
+"Die Herren Eugen Richter und Konsorten passen uns nicht mehr. Wenn sie
+die Militaervorlage nicht schlucken, ist Schluss"; - und Wulckow strich sich
+mit der Faust ueber den Mund, als beginne das Fressen.
+
+Diederich fasste sich. "Das ist - das ist grosszuegig! Das ist ganz sicher
+die persoenliche Initiative Seiner Majestaet!" Doktor Scheffelweis war
+erbleicht. "Dann sind schon wieder Reichstagswahlen? Und ich war so froh,
+dass wir unseren bewaehrten Abgeordneten hatten ..." Er erschrak noch mehr.
+"Das heisst, natuerlich, Kuehlemann ist auch ein Freund des Herrn
+Richter ..."
+
+"Ein Noergler!" schnaubte Diederich. "Ein vaterlandsloser Geselle!" Er
+rollte die Augen. "Herr Praesident! Diesmal ist es aus in Netzig mit den
+Leuten. Lassen Sie mich nur erst Stadtverordneter sein, Herr
+Buergermeister!" "Was dann?" fragte Wulckow. Diederich wusste es nicht.
+Gluecklicherweise entstand im Saal ein Zwischenfall; Stuehle wurden gerueckt,
+und jemand liess sich die grosse Tuer oeffnen: Kuehlemann selbst war es. Der
+Greis schleppte seine schwere kranke Masse eilig durch die Spiegelgalerie.
+Am Buefett fand man, seit dem Prozess sei er noch mehr verfallen.
+
+"Er haette Lauer lieber freigesprochen, die anderen Richter haben ihn
+ueberstimmt", sagte Diederich. Doktor Scheffelweis meinte: "Nierensteine
+fuehren wohl schliesslich zur Aufloesung." Worauf Wulckow humoristisch: "Na,
+und im Reichstag sind wir seine Nierensteine."
+
+Der Buergermeister lachte gefaellig. Aber Diederich riss die Augen auf. Er
+naeherte sich dem Ohr des Praesidenten und raunte:
+
+"Sein Testament!"
+
+"Was ist damit?"
+
+"Er hat die Stadt zum Erben eingesetzt", erklaerte Doktor Scheffelweis
+wichtig. "Wahrscheinlich bauen wir von dem Geld ein Saeuglingsheim."
+
+"Bauen Sie?" Diederich feixte verachtungsvoll. "Einen nationaleren Zweck
+koennen Sie sich wohl nicht denken?"
+
+"Ach so." Wulckow nickte Diederich anerkennend zu. "Wieviel Pinke hat er
+denn?"
+
+"Eine halbe Million wenigstens", sagte der Buergermeister, und er
+beteuerte: "Ich waere gluecklich, wenn es zu machen waere, dass -"
+
+"Es ist glatt zu machen", behauptete Diederich.
+
+Da hoerte man draussen im Saal ein Lachen, das ganz verschieden klang von
+dem vorigen. Es kam aus ungehemmter Brust und drueckte sicherlich
+Schadenfreude aus. Auch zog die Dichterin sich fluchtartig bis hinter das
+Buefett zurueck; ja, sie schien bereit, hineinzukriechen. "Grundguetiger
+Gott!" wimmerte sie. "Alles ist verloren." "Nanu?" machte ihr Gatte und
+stellte sich drohend in die Tuer. Aber selbst dieses konnte die Heiterkeit
+nicht mehr aufhalten. Magda hatte zu der Graefin gesagt: "Spute dich, du
+dumme Landpomeranze, dass der Herr Leutnant den Kaffee kriegt." Eine andere
+Stimme verbesserte "Tee", Magda wiederholte "Kaffee", die andere blieb bei
+ihrer Meinung und Magda auch. Das Publikum hatte erfasst, dass ein
+Missverstaendnis zwischen ihr und der Souffleuse vorlag. Uebrigens griff der
+Leutnant mit Glueck ein, er schlug die Sporen aneinander und sagte: "Ich
+bitte um beides" - worauf das Lachen einen nachsichtigeren Charakter
+annahm. Aber die Dichterin war empoert. "Das Publikum! Es ist und bleibt
+eine Bestie!" knirschte sie.
+
+"Schiefgehen kann es immer", sagte Wulckow - und blinzelte Diederich an.
+
+Diederich erwiderte ebenso bedeutsam: "Wenn man einander versteht, Herr
+Praesident, dann nicht."
+
+Hierauf hielt er es fuer besser, sich ganz der Dichterin und ihrem Werk zu
+widmen. Mochte der Buergermeister inzwischen seine Freunde verraten und
+sich fuer die Wahlen auf alle Wuensche Wulckows verpflichten!
+
+"Meine Schwester ist eine Gans", erklaerte Diederich. "Ich werde ihr
+nachher die Meinung sagen!"
+
+Frau von Wulckow laechelte wegwerfend. "Das arme Ding, sie tut, was sie
+kann. Von seiten der Leute aber ist es wahrhaftig eine unertraegliche
+Arroganz und Undankbarkeit. Noch soeben hat man sie erhoben und fuer das
+Ideale begeistert!"
+
+Diederich sagte durchdrungen: "Frau Graefin, diese bittere Erfahrung machen
+Sie nicht allein. So ist es ueberall im oeffentlichen Leben." Denn er dachte
+an die allgemeinen Hochgefuehle damals nach seinem Zusammenstoss mit dem
+Majestaetsbeleidiger und an die Pruefungen, die dann gefolgt waren.
+"Schliesslich triumphiert doch die gute Sache!" stellte er fest.
+
+"Nicht wahr?" sagte sie mit einem Laecheln, das wie aus Wolken brach. "Das
+Gute, Wahre, Schoene."
+
+Sie reichte ihm die schmale Rechte; "ich glaube, mein Freund, wir
+verstehen uns" - und Diederich, des Augenblicks bewusst, drueckte kuehn die
+Lippen darauf, mit einem Kratzfuss. Er legte die Hand an das Herz und
+brachte gepresst aus der Tiefe: "Glauben Sie mir, Frau Graefin ..."
+
+Die Nichte und der junge Sprezius waren jetzt allein geblieben, hatten
+sich als erniedrigte Graefin und armer Vetter erkannt, wussten nun, dass sie
+einander bestimmt waren, und schwaermten gemeinsam von kuenftigem Glanz,
+wenn sie unter goldener Decke mit anderen Ausgezeichneten, demuetig stolz,
+von der Sonne der Majestaet beschienen sein wuerden ... Da hoerte Diederich
+die Dichterin aufseufzen.
+
+"Ihnen kann ich es sagen", seufzte sie. "Ich entbehre hier doch sehr den
+Hof. Wenn man, wie ich, von Geburt dem Hofadel angehoert -. Und nun -."
+
+Hinter ihrem Zwicker sah Diederich zwei Traenen perlen. Dieser Blick in die
+Tragik der Grossen erschuetterte ihn so sehr, dass er strammstand. "Frau
+Graefin!" sagte er, verhalten und stossweise. "Die heimliche Graefin sind
+also -" Er erschrak und schwieg.
+
+Die bleiche Stimme des Buergermeisters war eben dabei, dem Praesidenten zu
+verraten, dass Kuehlemann nicht wieder kandidieren werde, und dass die
+Freisinnigen den Doktor Heuteufel aufstellen wollten. Er war mit Wulckow
+darin einig, dass man Gegenmassregeln treffen muesse, solange noch niemand
+die Aufloesung des Reichstages erwartete ...
+
+Diederich wagte endlich wieder, leise und schonend:
+
+"Frau Graefin, aber, nicht wahr, es wird alles gut? Sie kriegen sich doch?"
+
+Frau von Wulckow, mit Takt und Selbstbeherrschung, schraenkte die
+Vertraulichkeit des Gefuehls schon wieder ein. In leichtem Plauderton
+erklaerte sie:
+
+"Mein Gott, lieber Doktor, was wollen Sie, die leidige Geldfrage! Es ist
+wohl unmoeglich, dass die jungen Leute zusammen gluecklich werden."
+
+"Sie koennen doch prozessieren!" rief Diederich, in seinem Rechtsgefuehl
+gekraenkt. Aber Frau von Wulckow verzog die Nase. "_Fi donc!_ Das wuerde zur
+Folge haben, dass der junge Graf, also Jadassohn, seinen Vater entmuendigen
+liesse. Im dritten Akt, den Sie noch sehen werden, droht er dem Leutnant
+damit in einer Szene, die mir, glaube ich, gelungen ist. Soll der Leutnant
+das auf sich nehmen? Und die Zerstueckelung des Familienbesitzes? In Ihren
+Kreisen ginge es vielleicht. Aber bei uns ist eben manches nicht moeglich."
+
+Diederich verneigte sich. "Dort oben herrschen natuerlich Begriffe, die
+sich unserem Urteil entziehen. Und dem der Gerichte wohl auch", setzte er
+hinzu. Die Dichterin laechelte milde.
+
+"Sehen Sie, und so verzichtet der Leutnant ganz korrekterweise auf die
+heimliche Graefin und heiratet die Fabrikantentochter."
+
+"Magda?"
+
+"Jawohl. Und die heimliche Graefin den Klavierlehrer. So wollen es die
+hoeheren Maechte, lieber Herr Doktor, denen wir -" ihre Stimme verdunkelte
+sich ein wenig - "uns nun einmal zu beugen haben."
+
+Diederich hatte noch einen Zweifel, aeusserte ihn aber nicht. Der Leutnant
+haette die heimliche Graefin auch ohne Geld heiraten sollen, es wuerde
+Diederich tief befriedigt haben in seinem weichen und idyllischen Herzen.
+Aber ach! diese harte Zeit dachte anders.
+
+
+
+Der Vorhang fiel, das Publikum entrang sich langsam seiner Ergriffenheit,
+dann spendete es um so waermeren Beifall dem Dienstmaedchen und dem
+Leutnant, die, es liess sich leider voraussehen, das schwere Geschick,
+nicht hoffaehig zu sein, wohl noch laenger wuerden tragen muessen.
+
+"Es ist wirklich ein Elend!" seufzten Frau Harnisch und Frau Cohn.
+
+Beim Buefett sagte Wulckow, am Ende seiner Beratungen mit dem
+Buergermeister:
+
+"Wir bringen der Bande noch Gesinnung bei!"
+
+Dann liess er seine Tatze schwer auf Diederichs Schulter fallen. "Na,
+Doktorchen, hat meine Frau Sie schon zum Tee geladen?"
+
+"Selbstverstaendlich, und kommen Sie recht bald!" Die Praesidentin hielt ihm
+die Hand zum Kuss hin, und Diederich entfernte sich beglueckt. Wulckow
+selbst wollte ihn wiedersehen! Mit Diederich zusammen wollte er Netzig
+erobern!
+
+Indes die Praesidentin in der Spiegelgalerie Cercle hielt und Glueckwuensche
+entgegennahm, bearbeitete Diederich die Stimmung. Heuteufel, Cohn,
+Harnisch und noch einige andere Herren erschwerten es ihm, denn sie gaben,
+wenn auch vorsichtig, zu verstehen, dass sie das Ganze fuer Quatsch hielten.
+Diederich war genoetigt, ihnen Andeutungen ueber den durchaus grosszuegigen
+dritten Akt zu machen, damit sie verstummten. Dem Redakteur Nothgroschen
+diktierte er ausfuehrlich, was er von der Dichterin wusste, denn
+Nothgroschen musste fort, die Zeitung sollte in Druck gehen. "Wenn Sie aber
+Bloedsinn schreiben, Sie Zeilenschinder, schlag' ich Ihnen Ihren Wisch um
+die Ohren!" - worauf Nothgroschen dankte und sich empfahl. Professor
+Kuehnchen seinerseits, der gehorcht hatte, ergriff Diederich bei einem
+Knopf und kreischte: "Sie, mein Bester! Eens haetten Se nu aber unserm
+Klatschdirektor ooch noch erzaehlen koennen!" Der Redakteur, der sich nennen
+hoerte, kehrte zurueck, und Kuehnchen fuhr fort: "Naemlich, dass die herrliche
+Schoepfung unserer allverehrten Praesidentin schon mal ist vorausgeahnt
+worden, und zwar von keinem Geringeren als von unserem Altmeister Goethe
+in seiner Natuerlichen Tochter. Nun, und das ist denn doch wohl das
+Hoechste, was sich zum Ruhme der Dichterin sagen laesst!"
+
+Diederich hatte Bedenken ueber die Zweckmaessigkeit von Kuehnchens Entdeckung,
+fand es aber unnoetig, sie ihm mitzuteilen. Der kleine Greis strebte schon,
+mit flatternden Haaren, durch das Gedraenge; schon sah man, wie er vor Frau
+von Wulckow den Boden scharrte und ihr das Ergebnis seiner vergleichenden
+Forschung vortrug. Freilich, ein Fiasko, wie er es erlitt, hatte auch
+Diederich nicht vorausgesehen. Die Dichterin sagte eiskalt: "Was Sie da
+bemerken, Herr Professor, kann nur auf Verwechselung beruhen. Ist die
+Natuerliche Tochter ueberhaupt von Goethe?" fragte sie und ruempfte
+misstrauisch die Nase. Kuehnchen beteuerte es, aber es half ihm nichts.
+
+"Jedenfalls haben Sie in der Zeitschrift 'Das traute Heim' einen Roman von
+mir gelesen, und den habe ich nun dramatisiert. Meine Schoepfungen sind
+saemtlich Originalarbeiten. Die Herren -" sie musterte den Kreis - "wollen
+boeswilligen Geruechten entgegentreten."
+
+Damit war Kuehnchen entlassen, trat ab und schnappte nach Luft. Diederich
+erinnerte ihn, im Ton eines geringschaetzigen Erbarmens, an Nothgroschen,
+der mit seiner gefaehrlichen Information schon von dannen war; und Kuehnchen
+stuerzte hinterdrein, um das Schlimmste zu verhueten.
+
+Wie Diederich den Kopf wandte, hatte im Saal das Bild sich veraendert:
+nicht nur die Praesidentin, auch der alte Buck hielt Cercle. Es war
+erstaunlich, aber man lernte die Menschen kennen. Sie ertrugen es nicht,
+dass sie vorhin ihren Instinkten freien Lauf gelassen hatten; mit
+beteuerndem Gesicht machte einer nach dem anderen sich an den Alten heran
+und wollte es nicht gewesen sein. So gross war, noch nach schweren
+Erschuetterungen, die Macht des Bestehenden, von alters her Anerkannten!
+Diederich selbst fand es angezeigt, nicht in auffaelliger Weise hinter der
+Mehrheit zurueckzubleiben. Nachdem er sich vergewissert hatte, dass Wulckow
+schon fort war, machte er seine Aufwartung. Der Alte sass eben allein in
+dem Polstersessel, der fuer ihn ganz vorn bei der Buehne stand; er liess
+seine weisse Hand merkwuerdig zart ueber die Lehne haengen und blickte zu
+Diederich hinauf.
+
+"Da sind Sie, mein lieber Hessling. Ich habe es oft bedauert, dass Sie nicht
+kamen" - ganz schlicht und nachsichtig. Diederich fuehlte sofort wieder
+Traenen heraufsteigen. Er gab ihm die Hand hin, freute sich, dass der Herr
+Buck sie ein wenig laenger in der seinen behielt, und stammelte etwas von
+Geschaeften, Sorgen und "um ehrlich zu sein" - denn ein jaehes Beduerfnis
+nach Ehrlichkeit erfasste ihn - von Bedenken und Hemmungen.
+
+"Es ist schoen von Ihnen," sagte darauf der Alte, "dass Sie mich das nicht
+nur erraten lassen, sondern es mir eingestehen. Sie sind jung und handeln
+wohl unter den Antrieben, denen die Geister heute gehorchen. In die
+Unduldsamkeit des Alters will ich nicht verfallen."
+
+Da schlug Diederich die Augen nieder. Er hatte verstanden: dies war die
+Verzeihung fuer den Prozess, der dem Schwiegersohn des Alten die buergerliche
+Ehre gekostet hatte; und ihm ward schwuel unter so viel Milde - und so viel
+Nichtachtung. Der Alte freilich sagte:
+
+"Ich achte den Kampf und kenne ihn zu gut, um jemand zu hassen, der gegen
+die Meinen kaempft." Worauf Diederich, von Furcht ergriffen, dies moechte zu
+weit fuehren, sich aufs Leugnen verlegte. Er wisse selbst nicht -. Man
+komme in Sachen hinein -. Der Alte erleichterte es ihm. "Ich weiss: Sie
+suchen und haben sich selbst noch nicht gefunden."
+
+Er tauchte seinen weissen Knebelbart in die seidene Halsbinde. Als er ihn
+wieder hervorholte, begriff Diederich, dass etwas Neues kam.
+
+"Sie haben das Haus hinter dem Ihren nun doch nicht gekauft", sagte der
+Herr Buck. "Ihre Plaene haben sich wohl geaendert?"
+
+Diederich dachte: "Er weiss alles", und sah schon seine heimlichsten
+Berechnungen enthuellt.
+
+Der Alte laechelte schlau und guetig. "Sollten Sie etwa Ihre Fabrik zunaechst
+verlegen und erst dann erweitern wollen? Ich koennte mir denken, dass Sie
+Ihr Grundstueck zu verkaufen wuenschen und nur auf eine gewisse Gelegenheit
+warten - die auch ich in Betracht ziehe", setzte er hinzu, und mit einem
+Blick: "Die Stadt hat vor, ein Saeuglingsheim zu errichten."
+
+"Alter Hund!" dachte Diederich. "Er spekuliert auf den Tod seines besten
+Freundes!" Gleichzeitig aber kam ihm die Erleuchtung, was er Wulckow
+vorzuschlagen habe, um Netzig zu erobern!... Er schnaufte.
+
+"Durchaus nicht, Herr Buck. Mein vaeterliches Erbstueck geb' ich nicht her!"
+
+Da nahm der Alte nochmals seine Hand. "Ich bin kein Versucher", sagte er.
+"Ihre Pietaet ehrt Sie."
+
+"Esel", dachte Diederich.
+
+"So werden wir uns eben ein anderes Terrain suchen. Ja, vielleicht werden
+Sie dabei mitwirken. Uneigennuetzigen Gemeinsinn, lieber Hessling, lassen
+wir uns nicht entgehen - auch nicht, wenn er einen Augenblick in falscher
+Richtung zu wirken scheint."
+
+Er stand auf.
+
+"Wollen Sie Stadtverordneter werden, so haben Sie meine Unterstuetzung."
+
+Diederich starrte, ohne zu begreifen. Die Augen des Alten waren blau und
+tief, und er bot Diederich eben das Ehrenamt an, um das Diederich seinen
+Schwiegersohn gebracht hatte. Sollte man nun ausspucken oder sich
+verkriechen? Diederich zog es vor, die Absaetze zusammenzuschlagen und
+korrekt seinen Dank abzustatten.
+
+"Sie sehen," erwiderte der Alte, "der Gemeinsinn schlaegt Bruecken von jung
+und alt und sogar bis zu denen, die nicht mehr da sind."
+
+Er fuehrte die Hand im Halbkreis ueber die Waende und ueber das Geschlecht von
+einst, das verblichen und heiter aus ihrer gemalten Tiefe trat. Er
+laechelte den jungen Maedchen in Reifroecken zu und zugleich auch einer
+seiner Nichten und Meta Harnisch, die voruebergingen. Als er das Gesicht
+dem alten Buergermeister zuwendete, der zwischen Blumen und Kindern aus dem
+Stadttor schritt, bemerkte Diederich die grosse Aehnlichkeit der beiden. Der
+alte Buck wies auf den und jenen aus der gemalten Versammlung.
+
+"Von dem da hab' ich viel gehoert. Diese Dame kannte ich noch. Sieht der
+Geistliche nicht aus wie Pastor Zillich? Nein, unter uns kann es keine
+ernstliche Entfremdung geben, wir sind einander seit langem verpflichtet
+zum guten Willen und gemeinsamen Fortschritt, schon durch jene da, die uns
+die 'Harmonie' hinterliessen."
+
+"Nette Harmonie", dachte Diederich und sah umher, wie er fortgelange. Der
+Alte hatte sich, nach seiner Gewohnheit, einen Uebergang gemacht von den
+Geschaeften zum sentimentalen Schwatz. "Immer kommt der Literat heraus",
+dachte Diederich.
+
+Gerade gingen Guste Daimchen und Inge Tietz vorbei. Guste hatte sich
+eingehaengt, und Inge prahlte mit dem, was sie hinter den Kulissen erlebt
+hatte. "Unsere Angst, als sie immer sagten: Tee, Kaffee, Kaffee, Tee."
+Guste behauptete: "Das naechste Mal schreibt Wolfgang ein viel schoeneres
+Stueck, und ich spiele mit." Da machte Inge sich los, sie bekam eine scheu
+ablehnende Miene. "So?" sagte sie; und Gustes dickes Gesicht verlor
+ploetzlich seinen harmlosen Eifer. "Warum etwa nicht?" fragte sie,
+weinerlich empoert. "Was hast du nun wieder?"
+
+Diederich, der es ihr haette sagen koennen, wandte sich schleunig zum alten
+Buck zurueck. Der schwatzte weiter.
+
+"Dieselben Freunde, damals wie jetzt; und auch die Feinde sind da. Schon
+recht verwischt, der eiserne Ritter, der Kinderschreck dort in seiner
+Nische am Tor. Don Antonio Manrique, grausamer Reitergeneral, der du im
+Dreissigjaehrigen Krieg unser armes Netzig gebrandschatzt hast: wenn nun
+nicht die Riekestrasse nach dir hiesse, wohin waere dann selbst der letzte
+Klang von dir verweht?... Auch einer, dem unser Freisinn nicht gefiel und
+der uns zu vertilgen dachte."
+
+Ploetzlich schuettelte den Alten ein stilles Kichern. Er nahm Diederich bei
+der Hand.
+
+"Hat er nicht Aehnlichkeit mit unserem Herrn von Wulckow?"
+
+Diederichs Miene ward hierauf noch korrekter, aber der Alte bemerkte es
+nicht, er war nun einmal aufgeraeumt, ihm fiel noch etwas ein. Er winkte
+Diederich hinter eine Pflanzengruppe und zeigte ihm an der Wand zwei
+Figuren, einen jungen Schaefer, der sehnsuechtig die Arme oeffnete, und
+jenseits eines Baches eine Schaeferin, die sich anschickte,
+hinueberzuspringen. Der Alte wisperte: "Was meinen Sie, werden die beiden
+zueinander kommen? Das wissen nicht viele mehr. Ich weiss es noch." Er sah
+sich um, ob niemand ihn beachte, und ploetzlich oeffnete er eine kleine Tuer,
+die man nie gefunden haben wuerde. Die Schaeferin auf der Tuer bewegte sich
+dem Liebenden entgegen. Noch ein wenig, und hinter der Tuer im Dunkeln
+musste sie ihm wohl in den Armen liegen ... Der Alte wies in das Zimmer,
+das er aufgedeckt hatte. "Es heisst das Liebeskabinett." Laternenschein von
+irgendeinem Hof fiel durch das Fenster ohne Vorhang; er beglaenzte den
+Spiegel und das duennbeinige Kanapee. Der Alte zog die dumpfe Luft ein, die
+nach wer weiss wie langer Zeit herausstroemte, er laechelte verloren. Und
+dann schloss er die kleine Tuer.
+
+Aber Diederich, den dies nur maessig interessierte, sah etwas kommen, das
+weit mehr Anregung versprach. Es war der Landgerichtsrat Fritzsche: denn
+er war da. Sein Urlaub war wohl zu Ende, er war zurueck aus dem Sueden, und
+er hatte sich eingefunden, wenn auch etwas verspaetet und wenn auch ohne
+Judith Lauer, deren Urlaub ja noch dauerte, solange ihr Gatte in der
+Vogtei sass. Wo er mit Drehungen des Koerpers, die nicht unbefangen wirkten,
+hindurchkam, ward gefluestert, und jeder, den er begruesste, lugte verstohlen
+nach dem alten Herrn Buck. Fritzsche sah wohl, dass er in der Sache etwas
+tun muesse; er gab sich einen Ruck und ging los. Der Alte, noch eben
+ahnungslos, fand ihn ploetzlich vor sich. Er ward vollkommen weiss;
+Diederich erschrak und streckte schon die Arme aus. Aber es geschah
+nichts, der Alte hatte sich zurueck. Er stand da, so steif, dass sein Ruecken
+sich aushoehlte, und blickte kuehl und unverwandt auf den Mann, der seine
+Tochter entfuehrt hatte.
+
+"Schon zurueck, Herr Landgerichtsrat?" sagte er laut.
+
+Fritzsche versuchte jovial zu lachen. "Schoeneres Wetter war dort unten,
+Herr Stadtrat. Na und die Kunst!"
+
+"Davon haben wir hier nur einen Widerschein" - und der Alte wies, ohne den
+anderen aus den Augen zu lassen, ueber die Waende. Seine Haltung machte
+Eindruck auf die meisten, die von dort hinten seine Schwaeche belauerten.
+Er hielt stand und repraesentierte, in einer Lage, die einige
+Hemmungslosigkeit immerhin erklaert haben wuerde. Er repraesentierte das alte
+Ansehen, er allein fuer die zerfallende Familie, fuer das Gefolge, das schon
+ausblieb. In diesem Augenblick gewann er, statt so vieles Verlorenen,
+manche Sympathien ... Diederich hoerte ihn noch sagen, foermlich und klar:
+"Ich habe es durchgesetzt, dass unser moderner Strassenzug eine andere
+Richtung bekam, bloss um dies Haus zu erhalten und diese Malereien. Sie
+haben nur den Wert von Schilderungen, mag sein. Aber ein Gebilde, das
+seiner Zeit und ihren Sitten Dauer verleihen moechte, kann hoffen, selbst
+zu dauern." Dann drueckte Diederich sich, er schaemte sich fuer Fritzsche.
+
+
+
+Die Schwiegermutter des Buergermeisters fragte ihn, was der Alte ueber die
+"Heimliche Graefin" geaeussert habe. Diederich dachte nach, und er musste
+gestehen, er habe das Stueck gar nicht erwaehnt. Beide waren enttaeuscht.
+
+Indes bemerkte er, dass Kaethchen Zillich spoettisch hersah, und gerade sie
+hatte sich nichts zu erlauben. "Nun, Fraeulein Kaethchen", sagte er recht
+laut. "Was denken Sie ueber den gruenen Engel?" Sie erwiderte noch lauter:
+"Der gruene Engel? Sind Sie das?" Und sie lachte ihm ins Gesicht. "Sie
+sollten wirklich vorsichtiger sein", meinte er stirnrunzelnd. "Ich fuehle
+mich geradezu verpflichtet, Ihren Herrn Vater aufmerksam zu machen."
+
+"Papa!" rief Kaethchen sofort. Diederich erschrak. Gluecklicherweise hoerte
+Pastor Zillich nicht.
+
+"Natuerlich hab' ich meinem Papa gleich neulich von unserem kleinen Ausflug
+erzaehlt. Was macht es denn, es waren doch nur Sie."
+
+Sie ging zu weit. Diederich schnaufte. "Na und fuer Liebhaber schoener Ohren
+war auch noch Jadassohn da." Da er sah, dass es sie traf, setzte er hinzu:
+"Das naechste Mal im gruenen Engel streichen wir sie ihm gruen an, das macht
+Stimmung."
+
+"Wenn Sie meinen, dass es auf die Ohren ankommt." Dabei drueckte Kaethchens
+Blick eine so schrankenlose Verachtung aus, dass Diederich den Entschluss
+fasste, mit allen Mitteln einzuschreiten. Sie befanden sich bei der
+Pflanzengruppe. "Was glauben Sie?" fragte er. "Wird die Schaeferin ueber den
+Bach springen und den Schaefer gluecklich machen?"
+
+"Schaf", sagte sie. Diederich ueberhoerte es, ging hin und tastete an der
+Wand umher. Nun hatte er die Tuer. "Sehen Sie? Sie springt."
+
+Kaethchen kam naeher, neugierig streckte sie ihren Hals in das geheime
+Zimmer. Da hatte sie einen Stoss und war ganz drinnen. Diederich warf die
+Tuer zu, er fiel stumm ueber Kaethchen her, mit wildem Schnaufen.
+
+"Lassen Sie mich hinaus, ich kratze!" rief sie und wollte kreischen. Aber
+sie musste lachen, was sie wehrlos machte und dem Sofa immer naeher brachte.
+Der Kampf mit ihren entbloessten Armen und Schultern versetzte ihn vollends
+ausser sich. "Jawohl," keuchte er, "jetzt kommt was." Bei jedem Strich
+Boden, den er gewann, wiederholte er: "Jetzt kommt was. Bin ich noch ein
+Schaf? Aha, wenn man denkt, ein Maedchen ist anstaendig, und man hat
+ehrliche Absichten, ist man ein Schaf. Jetzt kommt was." Mit einem letzten
+Ruck schleuderte er sie hin. "Au", sagte sie; und vor Lachen erstickend:
+"Was kommt denn jetzt?"
+
+Ploetzlich ward ihre Verteidigung ernst. Sie rang sich hervor; der Streifen
+Gaslicht, den das kahle Fenster hereinliess, beschien ihre Unordnung; und
+ihr Gesicht, von der Anstrengung wie geschwollen, war nach der Tuer
+gerichtet. Er wandte den Kopf: da stand Guste Daimchen. Sie starrte
+entgeistert her, Kaethchen quollen die Augen heraus, und Diederich, auf dem
+Sofa kniend, verrenkte sich den Hals ... Endlich zog Guste die Tuer an, sie
+ging entschlossen auf Kaethchen zu.
+
+"Du gemeines Luder!" sagte sie aus tiefem Innern.
+
+"Selber eins!" sagte Kaethchen, schnell gefasst. Da schnappte Guste nur noch
+nach Luft. Von Kaethchen sah sie zu Diederich, ratlos und so empoert, dass
+ihr Blick sich mit feuchtem Glanz fuellte. Er versicherte: "Fraeulein Guste,
+es handelt sich um einen Scherz"; aber er kam schlecht an, Guste brach
+los. "Sie kenn' ich, von Ihnen kann ich es mir denken."
+
+"So, du kennst ihn", bemerkte Kaethchen hoehnisch. Sie stand auf, indes
+Guste ihr noch naeher rueckte. Diederich seinerseits ergriff die
+Gelegenheit, gab seiner Haltung Wuerde und trat zurueck, um die Damen unter
+sich die Sache erledigen zu lassen.
+
+"Dass ich so was muss mit ansehen!" rief Guste; und Kaethchen: "Du hast gar
+nichts gesehen! Wozu siehst du es dir ueberhaupt an?"
+
+Diederich begann gleichfalls dies auffallend zu finden, zumal da Guste
+schwieg. Kaethchen gewann sichtlich die Oberhand. Sie warf den Kopf zurueck
+und sagte: "Von dir finde ich es ueberhaupt sonderbar. Wer so viel Butter
+auf dem Kopf hat wie du!"
+
+Sofort zeigte Guste sich tief beunruhigt. "Ich?" fragte sie gedehnt. "Was
+tu' ich denn?"
+
+Kaethchen zierte sich ploetzlich - indes Diederich vom Schrecken gepackt
+ward.
+
+"Das wirst du wohl selbst wissen. Mir ist es zu peinlich."
+
+"Ich weiss gar nichts", sagte Guste klagend.
+
+"So was haette man gedacht, das es gar nicht gibt", sagte Kaethchen und
+ruempfte die Nase. Guste verlor die Geduld. "Nun bitte ich es mir aber aus!
+Was habt ihr alle?"
+
+Diederich schlug vor: "Es ist doch wohl besser, wenn wir jetzt das Lokal
+verlassen." Aber Guste stampfte auf.
+
+"Keinen Schritt tu' ich, bis ich es weiss. Den ganzen Abend merke ich
+schon, dass sie mich anglotzen, als ob ich einen toten Fisch verschluckt
+habe."
+
+Kaethchen wandte sich weg. "Na, da siehst du es. Sei froh, dass sie dich
+nicht hinauswerfen mitsamt deinem Halbbruder Wolfgang."
+
+"Mit wem?... Mein Halbbruder ... Wieso Halbbruder?"
+
+In einer tiefen Stille keuchte Guste leise und irrte mit den Augen umher.
+Auf einmal hatte sie begriffen. "So eine Gemeinheit!" rief sie entsetzt.
+Ueber Kaethchens Mienen breitete sich ein Laecheln des Genusses aus.
+Diederich seinerseits wehrte beteuernd ab. Guste streckte den Finger aus
+gegen Kaethchen. "Das habt ihr Maedchen euch ausgedacht! Ihr seid mir
+neidisch wegen meinem Geld!"
+
+"Poeh", machte Kaethchen. "Dein Geld wollen wir ueberhaupt nicht, wenn so was
+dabei ist."
+
+"Es ist doch nicht wahr!" Guste kreischte auf. Ploetzlich fiel sie vornueber
+auf das Sofa und wimmerte. "Ach Gott, ach Gott, was haben wir da
+angerichtet."
+
+"Siehst du wohl", sagte Kaethchen, frei von Mitleid.
+
+Guste schluchzte immer lauter; Diederich beruehrte ihre Schulter. "Fraeulein
+Guste, Sie wollen doch nicht, dass die Leute kommen." Er suchte nach einem
+Trost. "So was kann man nie wissen. Aehnlich sehen Sie sich nicht."
+
+Aber der Trost wirkte anstachelnd auf Guste. Sie sprang auf und ging zum
+Angriff ueber. "Du - du bist ueberhaupt eine feine Nummer", zischte sie
+Kaethchen zu. "Von dir sag' ich, was ich gesehen habe!"
+
+"Das werden sie dir glauben! So einer glaubt keiner mehr was. Von mir weiss
+jeder, dass ich anstaendig bin."
+
+"Anstaendig! Streich dir wenigstens das Kleid glatt!"
+
+"So gemein wie du -"
+
+"Bist bloss noch du!"
+
+Hierueber erschraken beide, brachen ab und verharrten einander gegenueber,
+Hass und Angst in ihren dicken Gesichtern, die sich so sehr glichen; und
+die Buesten nach vorn, die Schultern hinauf, die Arme in die Hueften
+gestemmt, sahen sie aus, als sollten ihnen die duftigen Ballkleider vom
+Leibe platzen. Guste unternahm noch einen Vorstoss. "Ich sag' es doch!"
+
+Da sprengte Kaethchen die letzte Fessel. "Dann mach' aber schnell, sonst
+komm' ich frueher und erzaehl' allen, dass nicht du, sondern ich hier die Tuer
+hab' aufgemacht und hab' euch beide ertappt."
+
+Da hierauf Guste nur noch mit den Lidern klappte, setzte Kaethchen,
+ploetzlich selbst ernuechtert, hinzu: "Nun ja, das bin ich mir doch
+schuldig. Bei dir kommt es nicht mehr darauf an."
+
+Aber Diederichs Blick war Gustes begegnet, verstaendigte sich mit ihr und
+glitt hinunter, bis er auf ihrem kleinen Finger den Brillanten traf, den
+sie gemeinsam aus den Lumpen gezogen hatten. Da laechelte Diederich
+ritterlich, und Guste, tief erroetet, trat so nahe zu ihm, als lehnte sie
+sich an. Kaethchen schlich zur Tuer. Ueber Gustes Schulter geneigt, sagte
+Diederich leise: "Ihr Verlobter laesst Sie aber lange allein." - "Ach der",
+erwiderte sie. Er senkte das Gesicht noch ein wenig und drueckte es auf
+ihre Schulter. Sie hielt ganz still. "Schade", sagte er und zog sich so
+unerwartet zurueck, dass Guste ausglitt. Sie begriff auf einmal, dass ihre
+Lage sich wesentlich veraendert hatte. Ihr Geld war nicht mehr Trumpf, es
+war entwertet, ein Mann wie Diederich war mehr wert. Sofort bekam sie
+einen Blick wie eine Huendin. Diederich sagte gemessen: "An der Stelle
+Ihres Verlobten wuerde ich allerdings anders vorgehen."
+
+Kaethchen zog mit aeusserster Behutsamkeit die Tuer wieder an, sie kehrte
+zurueck, den Finger auf den Lippen.
+
+"Wisst ihr was? Das Theater hat wieder angefangen - schon lange, glaube
+ich."
+
+"O Gott!" sagte Guste; und Diederich:
+
+"Na, dann sitzen wir in der Falle."
+
+Er suchte die Waende ab nach einem Ausgang; er rueckte sogar das Sofa fort.
+Da keiner zu finden war, entruestete er sich.
+
+"Hier ist tatsaechlich eine Falle. Und um der alten Baracke willen hat der
+Herr Buck den ganzen Strassenzug verlegt. Er soll es noch erleben, dass ich
+sie ihm einreisse! Bloss erst Stadtverordneter sein!"
+
+Kaethchen kicherte. "Was schnauben Sie denn so? Hier ist es doch ganz
+gemuetlich. Jetzt koennen wir machen, was wir wollen." Und sie sprang ueber
+das Sofa. Da gab Guste sich einen Ruck und wollte auch hinueber. Sie blieb
+aber haengen. Diederich fing sie auf. Auch Kaethchen haengte sich an ihn. Er
+zwinkerte beiden zu. "Also was machen wir?" Kaethchen sagte: "Das muessen
+Sie wissen. Wir drei kennen uns ja nun." - "Und zu verlieren haben wir
+auch nichts mehr", sagte Guste. Dann platzten sie alle aus.
+
+Aber Kaethchen entsetzte sich. "Kinder! In dem Spiegel seh' ich aus wie
+meine tote Grossmutter."
+
+"Er ist ganz schwarz."
+
+"Und ganz bekritzelt."
+
+Sie legten die Gesichter darauf, um im fahlen Gaslicht die Ausrufe und
+Kosenamen zu lesen, die zusammen mit alten Jahreszahlen in den Umrissen
+verschlungener Herzen standen, auf eingeritzten Vasen, Amoretten und sogar
+ueber Graebern. "Auf der Urne hier unten, nein so was!" sagte Kaethchen.
+"'Erst jetzt sollen wir leiden' ... Warum? Weil sie hier drinnen waren?
+Die waren wohl verrueckt."
+
+"Wir sind nicht verrueckt", behauptete Diederich. "Fraeulein Guste, Sie
+haben doch einen Brillanten." Er zeichnete drei Herzen, versah sie mit
+einer Inschrift und liess die Maedchen das Werk entraetseln. Da sie sich
+kreischend abwandten, sagte er stolz: "Wozu heisst dies das
+Liebeskabinett."
+
+Ploetzlich stiess Guste einen Schreckensruf aus. "Hier sieht jemand zu!"
+
+Hinter dem Spiegel hervor streckte sich ein geisterbleicher Kopf!...
+Kaethchen war schon bei der Tuer. "Kommen Sie wieder her", rief Diederich.
+"Es ist bloss gemalt."
+
+Der Spiegel hatte sich auf einer Seite von der Wand geloest, man konnte ihn
+noch weiter umwenden: da trat die ganze Figur heraus.
+
+"Es ist die Schaeferin, die draussen ueber den Bach springt!"
+
+"Jetzt hat sie es hinter sich", sagte Diederich; denn die Schaeferin sass da
+und weinte. Auf der Rueckseite des Spiegels aber entfernte sich der
+Schaefer.
+
+"Und dort kommt man hinaus!" Diederich wies auf einen erleuchteten Spalt,
+er tastete, die Tapete oeffnete sich.
+
+"Dies ist der Ausgang, wenn man es hinter sich hat", bemerkte er und ging
+voraus. Ihm im Ruecken sagte Kaethchen spoettisch:
+
+"Ich habe gar nichts hinter mir."
+
+Und Guste wehmuetig: "Ich auch nicht."
+
+
+
+Diederich ueberhoerte dies, er stellte fest, dass man sich in einem der
+kleinen Salons hinter dem Buefett befand. Eilends erreichte er die
+Spiegelgalerie und verlor sich unauffaellig in der Menge, die soeben aus
+dem Saal quoll. Man war erfuellt von dem tragischen Schicksal der
+heimlichen Graefin, die nun also doch den Klavierlehrer geheiratet hatte.
+Frau Harnisch, Frau Cohn, die Schwiegermutter des Buergermeisters, alle
+hatten verweinte Augen; Jadassohn, der, schon abgeschminkt, Lorbeeren
+einzusammeln kam, ward von den Damen nicht gut aufgenommen. "Sie sind
+schuld, Herr Assessor, dass es so gekommen ist! Schliesslich war sie doch
+Ihre leibliche Schwester." - "Pardon, meine Damen!" Und Jadassohn
+verteidigte seinen Standpunkt als legitimer Erbe der graeflichen
+Besitzungen. Da sagte Meta Harnisch:
+
+"Aber so herausfordernd brauchten Sie nicht auszusehen."
+
+Sofort richteten sich alle Blicke auf seine Ohren; man kicherte; und
+Jadassohn, der vergeblich kraehte, was denn los sei, ward von Diederich
+unter den Arm genommen. Diederich, das suesse Pochen der Rache im Herzen,
+fuehrte ihn eben dorthin, wo die Regierungspraesidentin unter lebhafter
+Anerkennung seiner Verdienste um ihr Werk sich vom Major Kunze
+verabschiedete. Kaum aber dass sie Jadassohn erblickte, drehte sie einfach
+den Ruecken. Jadassohn blieb am Boden haften, Diederich brachte ihn nicht
+mehr weiter. "Was ist denn?" fragte er heuchlerisch. "Ach ja, die
+Praesidentin. Sie haben ihr nicht gefallen. Sie sollen auch nicht
+Staatsanwalt werden. Man sah Ihre Ohren zu sehr."
+
+Was aber Diederich auch erwartet hatte, diese Spottgeburt einer Grimasse
+hatte er nicht erwartet! Wo war die hochgemute Schneidigkeit, der
+Jadassohn sein Leben geweiht hatte? "Ich sage es ja", aeusserte er nur, ganz
+leise; aber man glaubte einen grauenvollen Aufschrei zu hoeren ... Dann kam
+er in Bewegung, tanzte am Fleck umher und redete. "Sie koennen lachen, mein
+Bester! Sie wissen nicht, was Sie an Ihrem Gesicht haben. Ihr Gesicht,
+nichts weiter, und in zehn Jahren bin ich Minister."
+
+"Na, na", sagte Diederich. Er setzte hinzu: "Das ganze Gesicht brauchen
+Sie nicht einmal: bloss die Ohren."
+
+"Wollen Sie sie mir verkaufen?" fragte Jadassohn und sah ihn an, dass
+Diederich erschrak. "Kann man das?" fragte er unsicher. Jadassohn ging
+schon, unter zynischem Lachen, auf Heuteufel zu. "Sie sind doch Spezialist
+fuer Ohren, Herr Doktor ..."
+
+Heuteufel erklaerte ihm, dass tatsaechlich, wenn auch bisher nur in Paris,
+Operationen ausgefuehrt wuerden, durch die man Ohren auf die Haelfte ihres
+Umfanges herunterbringe. "Wozu gleich das Ganze weg?" sagte Heuteufel.
+"Die Haelfte koennen Sie ruhig behalten." Jadassohn hatte seine Haltung
+zurueck. "Grossartiger Witz! Erzaehl' ich bei Gericht. Sie Gauner!" Und er
+klopfte Heuteufel auf den Bauch.
+
+Diederich inzwischen wandte sich seinen Schwestern zu, die, zum Ball
+umgekleidet, aus der Garderobe kamen. Sie wurden allerseits mit Beifall
+begruesst und berichteten von ihren Eindruecken auf der Buehne. "Tee - Kaffee:
+Gott, war das aufregend!" sagte Magda. Auch Diederich als Bruder nahm
+Glueckwuensche entgegen. Er schritt zwischen ihnen, Magda hatte sich in ihn
+eingehaengt, Emmis Arm dagegen musste er gewaltsam festhalten. Sie zischte:
+"Lass die Komoedie"; und er schnob ihr zu, zwischen Lachen und Gruessen: "Du
+hast zwar bloss die kleine Rolle gehabt, aber sei froh, wenn du ueberhaupt
+mal was vorstellst. Sieh Magda an!" Denn Magda schmiegte sich gefaellig an
+ihn, sie schien bereit, das Glueck der einigen Familie so lange spazieren
+zu fuehren, als er es irgend wuenschte. "Kleine," sagte er mit zaertlicher
+Achtung, "du hast Erfolg gehabt. Aber ich kann dir versichern, ich auch."
+Er gab ihr sogar Schmeicheleien. "Du siehst heute suess aus. Fuer Kienast
+bist du fast zu schade." Als dann noch die Regierungspraesidentin, schon im
+Fortgehen, ihnen gnaedig zuwinkte, begegneten die Geschwister auf ihrem Weg
+nur den ergebensten Gesichtern. Der Saal war ausgeraeumt; hinter der
+Palmengruppe ward eine Polonaese angestimmt. Diederich machte seine
+korrekteste Verbeugung vor Magda und schritt mit ihr zum Tanz,
+triumphierend, gleich nach dem Major Kunze, der fuehrte. So zogen sie an
+Guste Daimchen vorueber, die sass. Sie sass neben dem verwachsenen Fraeulein
+Kuehnchen und sah ihnen nach, als habe sie Pruegel bekommen. Ihr Anblick
+beruehrte Diederich fast so unheimlich, wie der des Herrn Lauer in der
+Vogtei.
+
+"Die arme Guste!" sagte Magda. Diederich runzelte die Brauen. "Ja ja, das
+kommt davon."
+
+"Aber eigentlich" - und Magda blinzelte von unten, "woher kommt es denn?"
+
+"Das ist gleich, mein Kind, jetzt ist es mal so."
+
+"Diedel, du solltest sie nachher doch zum Walzer bitten."
+
+"Das darf ich nicht. Man muss wissen, was man sich selbst schuldet."
+
+Dann verliess er sogleich den Saal. Soeben holte der junge Sprezius, der
+jetzt nicht mehr Leutnant, sondern wieder Primaner war, das verwachsene
+Fraeulein Kuehnchen von der Wand weg. Er nahm wohl Ruecksicht auf ihren
+Vater. Guste Daimchen blieb sitzen ... Diederich machte einen Gang durch
+die Seitenzimmer, wo aeltere Herren Karten spielten, bekam eine lange Nase
+von Kaethchen Zillich, die er hinter einer Tuer mit einem Schauspieler
+ueberraschte, und gelangte zum Buefett. Dort sass an einem Tischchen Wolfgang
+Buck und zeichnete in sein Notizbuch die Muetter, die um den Saal herum
+warteten.
+
+"Sehr talentvoll", sagte Diederich. "Haben Sie auch schon Ihr Fraeulein
+Braut portraetiert?"
+
+"In der Beziehung interessiert sie mich nicht," erwiderte Buck, so
+phlegmatisch, dass Diederich Zweifel kamen, ob seine Erlebnisse mit Guste
+im Liebeskabinett ihren Verlobten interessiert haben wuerden.
+
+"Mit Ihnen weiss man ueberhaupt nicht", sagte er enttaeuscht.
+
+"Mit Ihnen weiss man immer", sagte Buck. "Damals vor Gericht, waehrend Ihres
+grossen Monologes, haette ich Sie zeichnen moegen."
+
+"Ihr Plaedoyer hat mir genuegt; es war ein Versuch, wenn auch
+gluecklicherweise ein misslungener, meine Person und mein Wirken vor der
+breitesten Oeffentlichkeit in Misskredit zu bringen und veraechtlich zu
+machen!"
+
+Diederich blitzte, Buck bemerkte es erstaunt. "Mir scheint, Sie sind
+beleidigt. Und ich habe es doch so gut gesagt." Er bewegte den Kopf und
+laechelte, grueblerisch und entzueckt. "Wollen wir nicht 'ne Flasche Sekt
+zusammen trinken?" fragte er.
+
+Diederich meinte: "Ob ich nun gerade mit Ihnen -." Aber er gab nach. "Das
+Gericht hat durch sein Urteil festgestellt, dass Ihre Vorwuerfe sich nicht
+allein gegen mich, sondern gegen alle national gesinnten Maenner richteten.
+Damit sehe ich die Sache als erledigt an."
+
+"Dann also Heidsieck?" fragte Buck. Er noetigte Diederich, mit ihm
+anzustossen. "Das werden Sie doch zugeben, bester Hessling, so eingehend wie
+ich, hat sich mit Ihnen ueberhaupt noch niemand beschaeftigt ... Jetzt kann
+ich es Ihnen sagen: Ihre Rolle vor Gericht hat mich mehr interessiert als
+meine eigene. Spaeter, zu Hause vor meinem Spiegel, habe ich sie Ihnen
+nachgespielt."
+
+"Meine Rolle? Sie wollen wohl sagen, meine Ueberzeugung. Freilich, fuer Sie
+ist der repraesentative Typus von heute der Schauspieler."
+
+"Das sagte ich mit Beziehung auf - einen anderen. Aber Sie sehen, wieviel
+naeher ich es habe zu der Beobachtung ... Wenn ich morgen nicht die
+Waschfrau zu verteidigen haette, die bei Wulckows Unterhosen gestohlen
+haben soll, vielleicht wuerde ich den Hamlet spielen. Prost!"
+
+"Prost. Dazu brauchen Sie allerdings keine Ueberzeugungen!"
+
+"Gott, ich habe auch welche. Aber immer dieselben?... Sie wuerden mir also
+das Theater anraten?" fragte Buck. Diederich hatte schon den Mund
+geoeffnet, um es ihm anzuraten, da trat Guste ein, und Diederich erroetete,
+denn er hatte bei Bucks Frage an sie gedacht. Buck sagte traeumerisch:
+"Inzwischen wuerde mein Topf mit Wurst und Kohl mir ueberkochen, und es ist
+doch ein so gutes Gericht." Aber Guste, auf leisen Sohlen, legte ihm von
+rueckwaerts die Haende auf die Augen und fragte: "Wer ist das?" - "Da ist er
+ja," sagte Buck und gab ihr einen Klaps.
+
+"Die Herren unterhalten sich wohl gut? Soll ich wieder gehen?" fragte
+Guste. Diederich beeilte sich, ihr einen Stuhl zu holen; aber in
+Wirklichkeit waere er lieber mit Buck allein gewesen; der fiebrige Glanz in
+Gustes Augen versprach nichts Gutes. Sie redete gelaeufiger als sonst.
+
+"Ihr passt eigentlich grossartig zueinander, bloss dass ihr so foermlich tut."
+
+Buck sagte: "Das ist die gegenseitige Achtung." Diederich stutzte, und
+dann machte er eine Bemerkung, die ihn selbst in Erstaunen setzte.
+"Eigentlich - sooft ich mich von Ihrem Herrn Braeutigam trenne, hab' ich
+Wut auf ihn; beim naechsten Wiedersehen aber freu' ich mich." Er richtete
+sich auf. "Wenn ich naemlich noch kein national gesinnter Mann waere, wuerde
+er mich dazu machen."
+
+"Und wenn ich es waere," sagte Buck, weich laechelnd, "wuerde er es mir
+abgewoehnen. Das ist der Reiz."
+
+Aber Guste hatte sichtlich andere Sorgen; sie war erbleicht und schluckte
+hinunter.
+
+"Jetzt sag' ich dir was, Wolfgang. Wetten, dass du umfaellst?"
+
+"Herr Rose, Ihren Hennessy!" rief Buck. Waehrend er Kognak mit Sekt
+mischte, umklammerte Diederich Gustes Arm; und da die Ballmusik gerade
+sehr laut war, fluesterte er beschwoerend: "Sie werden doch keine Dummheiten
+machen?" Sie lachte wegwerfend. "Doktor Hessling hat Angst! Er findet die
+Geschichte zu gemein, ich finde sie bloss ulkig." Und laut lachend: "Was
+sagst du? Dein Vater soll mit meiner Mutter: du verstehst. Und
+infolgedessen sollen wir: du verstehst?"
+
+Buck bewegte langsam den Kopf; und dann verzog er den Mund. "Wenn schon."
+Da lachte Guste nicht mehr.
+
+"Wieso, wenn schon?"
+
+"Nun, wenn die Netziger an so etwas glauben, muss es bei ihnen wohl alle
+Tage vorkommen, tut also nichts."
+
+"Redensarten machen den Kohl nicht fett", entschied Guste. Diederich
+glaubte sich denn doch verwahren zu muessen.
+
+"Ueberall koennen Fehltritte vorkommen. Aber ueber die Meinung seiner
+Mitmenschen setzt niemand sich ungestraft hinweg."
+
+Guste bemerkte: "Er glaubt immer, er ist zu gut fuer diese Welt." Und
+Diederich: "Dies ist eine harte Zeit. Wer sich nicht wehrt, muss dran
+glauben." Da rief Guste voll schmerzlicher Begeisterung:
+
+"Doktor Hessling ist nicht wie du! Er hat mich verteidigt! Ich hab' den
+Beweis, dass ich es weiss, von Meta Harnisch, weil sie schliesslich hat
+muessen den Mund auftun. Er war ueberhaupt der einzige, der mich hat
+verteidigt. Er an deiner Stelle taete sich die Leute kaufen, die sich
+unterstehen und verklatschen mich!"
+
+Diederich bestaetigte es durch Nicken. Buck drehte immerfort sein Glas und
+spiegelte sich darin. Ploetzlich liess er es los.
+
+"Wer sagt euch denn, dass ich mir nicht auch ganz gern einmal einen kaufen
+wuerde - einen herausgreifen, ohne besondere Auswahl, weil doch alle so
+ziemlich gleich dumm und gemein sind?" Dabei kniff er die Augen zu. Guste
+hob die nackten Schultern.
+
+"So was sagt man, aber sie sind gar nicht so dumm, sie wissen, was sie
+wollen ... Der Duemmere ist der Kluegere", schloss sie herausfordernd, und
+Diederich nickte mit Ironie. Da sah Buck ihn an, aus Augen, die auf einmal
+wie irrsinnig waren. Die Faeuste bewegte er mit krampfigem Zittern um
+seinen Hals her. "Wenn ich aber -" er war ploetzlich ganz heiser - "wenn
+ich den einen am Kragen haette, von dem ich wuesste, er zettelt alles an, er
+fasst in seiner Person zusammen, was an allen haesslich und schlecht ist: ihn
+am Kragen haette, der das Gesamtbild waere alles Unmenschlichen, alles
+Untermenschlichen -." Diederich, weiss wie sein Frackhemd, drueckte sich
+seitwaerts vom Stuhl herunter und wich schrittweise zurueck. Guste schrie
+auf, sie stob panikartig nach der Wand. "Es ist der Kognak!" rief
+Diederich ihr zu ... Aber Bucks Blicke, die zwischen ihnen beiden, voll
+des graesslichsten Unheils, umherrollten, packten unvermittelt ein. Er
+zwinkerte, er glaenzte heiter.
+
+"An die Mischung bin ich leider gewoehnt", erklaerte er.
+
+"Es ist nur, damit ihr seht, wir koennen auch das."
+
+Diederich setzte sich polternd wieder hin. "Sie sind doch nur ein
+Komoediant", sagte er entruestet.
+
+"Finden Sie?" fragte Buck und glaenzte noch heller. Guste ruempfte die Nase.
+"Na dann amuesiert euch weiter", aeusserte sie und wollte gehen. Aber der
+Landgerichtsrat Fritzsche war da, er verbeugte sich vor ihr und auch vor
+Buck. Ob der Herr Rechtsanwalt gestatte, dass er mit dem Fraeulein Braut den
+Kotillon tanze. Er sprach aeusserst hoeflich, beschwichtigend gewissermassen.
+Buck antwortete nicht, er faltete die Brauen. Guste indessen hatte schon
+Fritzsches Arm genommen.
+
+Buck sah ihnen nach, eine Falte zwischen den Brauen, selbstvergessen. "Ja
+ja," dachte Diederich, "erfreulich ist es nicht, wenn man einem Herrn
+begegnet, der mit Ihrer Schwester, mein Bester, eine Vergnuegungsreise
+gemacht hat, und dann holt er einem die Braut vom Tisch weg, und du kannst
+nichts machen, weil sonst der Skandal noch groesser wird, weil naemlich
+unsere Verlobung selbst schon ein Skandal ist ..."
+
+Aufschreckend sagte Buck: "Wissen Sie, dass ich erst jetzt rechte Lust
+bekomme, Fraeulein Daimchen zu ehelichen? Ich hielt die Sache fuer - nicht
+sehr sensationell; aber die Einwohner von Netzig machen geradezu eine
+Pikanterie daraus."
+
+Diederich war starr ueber diese Wirkung. "Wenn Sie finden", brachte er
+hervor.
+
+"Warum nicht? Sie und ich, wir beiden Gegenpole, fuehren doch hier die
+vorgeschrittenen Tendenzen der moralfreien Epoche ein. Wir machen Betrieb.
+Der Geist der Zeit geht hier noch in Filzschuhen ueber die Strasse."
+
+"Wir werden ihm Sporen anlegen", verhiess Diederich.
+
+"Prost!"
+
+"Prost! Aber _meine_ Sporen" - Diederich blitzte. "Ihre Skepsis und Ihre
+schlappe Gesinnung sind nicht zeitgemaess. Mit" - er blies durch die Nase -
+"mit Geist ist heute nichts zu machen. Die nationale Tat" - ein
+Faustschlag auf den Tisch - "hat die Zukunft!"
+
+Buck darauf mit verzeihendem Laecheln: "Die Zukunft? Das ist eben die
+Verwechslung. Die nationale Tat hat abgehaust, im Lauf von hundert Jahren.
+Was wir erleben und noch erleben sollen, sind ihre Zuckungen und ihr
+Leichengeruch. Es wird keine gute Luft sein."
+
+"Von Ihnen habe ich nichts anderes erwartet, als dass Sie das Heiligste in
+den Schmutz ziehen!"
+
+"Heilig! Unantastbar! Sagen wir gleich ewig! Nicht wahr? Ausserhalb der
+Ideale eures Nationalismus wird nie, nie wieder gelebt werden. Frueher, mag
+sein, in der dunkeln Periode der Geschichte, die euch noch nicht kannte.
+Jetzt aber seid ihr da, und die Welt ist angelangt. Duenkel und Hass der
+Nationen, das ist das Ziel, darueber hinaus geht es nicht."
+
+"Wir leben in einer harten Zeit", bestaetigte Diederich ernst.
+
+"Weniger hart als verkalkt ... Ich bin nicht ueberzeugt, dass die Menschen,
+deren Dasein in den Dreissigjaehrigen Krieg fiel, an die Unabaenderlichkeit
+ihres auch nicht weichen Zustandes geglaubt haben. Und ich bin ueberzeugt,
+dass die Rokokowillkuer von denen, die ihr unterlagen, fuer ueberwindbar
+gehalten worden ist, sonst haetten sie nicht die Revolution gemacht. Wo
+ist, in den Raeumen der Geschichte, die wir seelisch noch betreten koennen,
+die Zeit, die sich in Permanenz erklaert und aufgetrumpft haette vor der
+Ewigkeit mit ihrer traurigen Beschraenktheit. Die jeden nicht ganz in ihr
+Befangenen aberglaeubisch bemaekelt haette. Nicht national gesinnt sein
+erregt bei euch noch mehr Grauen als Hass! Aber die vaterlandslosen
+Gesellen sind euch auf den Fersen. Dort im Saal, sehen Sie sie?"
+
+Diederich verschuettete seinen Sekt, so schnell fuhr er herum. War denn
+Napoleon Fischer eingedrungen, mit den Genossen?... Buck lachte stumm und
+innig. "Bemuehen Sie sich nicht, ich meine nur das stille Volk auf den
+Waenden. Warum scheinen sie so heiter? Was gibt ihnen das Recht auf
+Blumenwege, leichten Schritt und Harmonie? Ah! Ihr Freunde!" Ueber die
+Tanzenden hinweg schwenkte Buck sein Glas. "Ihr Freunde der Menschheit und
+jeder guten Zukunft, weitherzig und unbekannt mit der duesteren Selbstsucht
+eines nationalen Vetternbundes: Weltseelen ihr, kehrt wieder! Selbst unter
+uns noch erwarten euch einige!"
+
+Er trank aus, Diederich bemerkte mit Verachtung, dass er weinte. Uebrigens
+bekam er sogleich eine schlaue Miene. "Ihr aber, Zeitgenossen, wisst wohl
+nicht, was der alte Buergermeister, der da hinten zwischen den Amtspersonen
+und Schaeferinnen rosig laechelt, als Schleife ueber der Brust traegt? Die
+Farben sind verblichen; ihr denkt wohl, es sind die euren? Es ist aber die
+franzoesische Trikolore. Sie war neu damals und nicht die eines Landes,
+sondern der allgemeinen Morgenroete. Sie zu tragen, war beste Gesinnung; es
+war, wie ihr sagen wuerdet, streng korrekt. Prost!"
+
+Aber Diederich war verstohlen mit seinem Stuhl davongerueckt und spaehte
+umher, ob niemand hoere. "Sie sind ja besoffen," murmelte er; und um die
+Situation zu retten, rief er: "Herr Rose! Noch eine Flasche!" Darauf
+setzte er sich achtunggebietend zurecht.
+
+"Sie scheinen nicht daran zu denken, dass seitdem ein Bismarck da war!"
+
+"Nicht nur einer", sagte Buck. "Von allen Seiten ist Europa in diesen
+nationalen Durchgang getrieben worden. Nehmen wir an, er war nicht zu
+vermeiden. Nach ihm werden bessere Gefilde kommen ... Aber seid ihr eurem
+Bismarck etwa gefolgt, solange er im Recht war? Ihr habt euch zerren
+lassen, ihr habt mit ihm im Konflikt gelebt. Erst jetzt, da ihr ueber ihn
+hinaus sein solltet, haengt ihr euch an seinen kraftlosen Schatten! Denn
+euer nationaler Stoffwechsel ist entmutigend langsam. Bis ihr begriffen
+habt, dass ein grosser Mann da ist, hat er schon aufgehoert, gross zu sein."
+
+"Sie werden ihn kennenlernen!" verhiess Diederich. "Blut und Eisen bleibt
+die wirksamste Kur! Macht geht vor Recht!" Der Kopf schwoll ihm rot an bei
+diesen Glaubenssaetzen. Aber auch Buck regte sich auf.
+
+"Die Macht! Die Macht laesst sich nicht ewig auf Bajonetten davontragen wie
+eine aufgespiesste Wurst. Die einzige reale Macht ist heute der Friede!
+Spielt euch die Komoedie der Gewalt vor! Prahlt gegen eingebildete Feinde
+draussen und im Innern! Taten, gluecklicherweise, sind euch nicht erlaubt!"
+
+"Nicht erlaubt?" Diederich blies, als sollte Feuer kommen. "Seine Majestaet
+hat gesagt: Lieber lassen wir unsere gesamten achtzehn Armeekorps und
+zweiundvierzig Millionen Einwohner auf der Strecke ..."
+
+"Denn wo der deutsche Aar -!" rief Buck, mit jaehem Schwung; und noch
+wilder: "Nicht Parlamentsbeschluesse! Die einzige Saeule ist das Heer!"
+
+Diederich gab ihm nichts nach. "Ihr seid berufen, mich in erster Linie vor
+dem aeusseren und inneren Feind zu schuetzen!"
+
+"Einer hochverraeterischen Schar zu wehren!" schrie Buck.
+
+"Eine Rotte von Menschen -"
+
+Diederich fiel ein: "- nicht wert, den Namen Deutsche zu tragen!"
+
+Und beide einstimmig: "Verwandte und Brueder niederschiessen!"
+
+Taenzer, die sich am Buefett erfrischten, wurden aufmerksam auf ihr
+Geschrei, sie holten auch ihre Damen herbei, um ihnen den Anblick eines
+heldenhaften Rausches zu verschaffen. Sogar die Kartenspieler streckten
+die Koepfe herein; und alle bestaunten Diederich und seinen Partner, die
+auf ihren Stuehlen schwankend und an den Tisch geklammert mit glasigen
+Augen und entbloessten Gebissen einander starke Worte ins Gesicht
+schleuderten.
+
+"Einen Feind, und der ist mein Feind!"
+
+"Einer nur ist Herr im Reich, keinen anderen dulde ich!"
+
+"Ich kann sehr unangenehm sein!"
+
+Die Stimmen ueberschlugen sich.
+
+"Falsche Humanitaet!"
+
+"Vaterlandslose Feinde der goettlichen Weltordnung!"
+
+"Muessen ausgerottet werden bis auf den letzten Stumpf!"
+
+Eine Flasche flog gegen die Wand.
+
+"Zerschmettere ich!"
+
+"Deutschen Staub!... Pantoffeln!... Herrliche Tage!"
+
+Hier glitt durch die Zuschauer ein Wesen mit verbundenen Augen: Guste
+Daimchen, die sich auf diese Weise einen Herrn suchen sollte. Von
+rueckwaerts betastete sie Diederich und wollte ihn zum Aufstehen bewegen. Er
+machte sich steif und wiederholte drohend: "Herrliche Tage!" Sie riss das
+Tuch herunter, starrte ihn angstvoll an und holte seine Schwestern. Auch
+Buck sah ein, dass es angezeigt sei, aufzubrechen. Unauffaellig stuetzte er
+den Freund beim Abgang, konnte aber nicht verhindern, dass Diederich in der
+Tuer sich nochmals umwandte, der tanzenden, gaffenden Menge zu,
+gebieterisch aufgereckt, wenn auch verglast und ohne Blitzen.
+
+"Zerschmettere ich!"
+
+Dann ward er hinunter und in den Wagen befoerdert.
+
+
+
+Als er gegen Mittag mit schweren Kopfschmerzen das Familienzimmer betrat,
+war er sehr erstaunt, dass Emmi es entruestet verliess. Aber Magda brauchte
+ihm nur einige vorsichtige Andeutungen zu machen, da wusste er schon
+wieder, um was es sich handelte. "Hab' ich das wirklich gemacht? Na ja,
+ich gebe zu, es waren Damen dabei. Es gibt verschiedene Arten, sich als
+deutscher Mann zu zeigen: bei den Damen ist es wieder eine andere ...
+Natuerlich beeilt man sich in solchem Fall, die Sache in der loyalsten und
+korrektesten Weise beizulegen."
+
+Obwohl er kaum aus den Augen sehen konnte, war ihm klar, was zu geschehen
+hatte. Indes ein zweispaenniger Paradewagen herbeigeholt ward, bekleidete
+er sich mit Gehrock, weisser Krawatte und Zylinder; dann ueberreichte er dem
+Kutscher die von Magda aufgesetzte Liste und fuhr los. Ueberall verlangte
+er nach den Damen; manche schreckte er vom Mittagessen auf; - und ohne
+deutlich zu erkennen, ob er Frau Harnisch, Frau Daimchen oder Frau Tietz
+vor sich habe, sagte er mit rauher Katerstimme her:
+
+"Ich gebe zu ... Als deutscher Mann, bei Damen ... Loyalste und
+korrekteste Weise ..."
+
+Um halb zwei war er zurueck und liess sich aufseufzend zum Essen nieder.
+"Die Sache ist beigelegt."
+
+Der Nachmittag gehoerte einer schwierigeren Aufgabe. Diederich liess
+Napoleon Fischer hinauf in seine Privatwohnung kommen.
+
+"Herr Fischer," sagte er und wies ihm einen Stuhl an, "ich empfange Sie
+hier und nicht in meinem Bureau, weil den Herrn Soetbier unsere
+Angelegenheiten nichts angehen. Es betrifft naemlich die Politik."
+
+Napoleon Fischer nickte, als habe er sich dies schon gedacht. Er schien an
+solche vertraulichen Unterredungen nunmehr gewoehnt, auf Diederichs ersten
+Wink griff er sogleich in die Zigarrenkiste; er schlug sogar das Bein
+ueber. Diederich war weit weniger sicher; er schnaufte - und dann entschloss
+er sich, ohne Umschweife, mit brutaler Ehrlichkeit auf sein Ziel
+loszugehen. Bismarck hatte es auch so gemacht.
+
+"Ich will naemlich Stadtverordneter werden," erklaerte er, "und dazu brauche
+ich Sie."
+
+Der Maschinenmeister warf ihm einen Blick von unten zu. "Ich Sie auch",
+sagte er. "Denn ich will auch Stadtverordneter werden."
+
+"Nanu, na hoeren Sie mal! Ich war auf manches gefasst ..."
+
+"Sie hatten wohl schon wieder ein paar Doppelkronen in der Hand?" - und
+der Proletarier fletschte die gelben Zaehne. Er versteckte sein Grinsen gar
+nicht mehr. Diederich begriff, dass in Wahlsachen weniger leicht mit ihm zu
+reden sein werde als ueber eine geschundene Arbeiterin. "Naemlich, Herr
+Doktor," begann Napoleon, "den einen von den beiden Sitzen hat meine
+Partei bombensicher. Den anderen kriegen wahrscheinlich die Freisinnigen.
+Wenn Sie die 'rausschmeissen wollen, brauchen Sie uns."
+
+"So weit seh' ich es ein", sagte Diederich. "Ich habe zwar auch den alten
+Buck fuer mich. Aber seine Leute sind vielleicht nicht alle so
+vertrauensselig, dass sie mich waehlen, wenn ich mich als Freisinniger
+aufstellen lasse. Sicherer ist es, ich vertrage mich auch mit Ihnen."
+
+"Und ich hab' auch schon 'ne Ahnung, wieso Sie das machen koennen",
+erklaerte Napoleon. "Weil ich naemlich schon laengst 'n Auge auf Herrn Doktor
+habe, ob er nun nicht bald in die politische Arena 'reinsteigt."
+
+Napoleon blies Ringe, so sehr war er auf der Hoehe!
+
+"Ihr Prozess, Herr Doktor, und dann das mit dem Kriegerverein und so, das
+war alles ganz schoen, als Reklame. Aber fuer einen Politiker heisst es doch
+immer: wie viele Stimmen krieg' ich."
+
+Napoleon teilte aus dem Schatz seiner Erfahrungen mit! Als er vom
+"nationalen Rummel" sprach, wollte Diederich protestieren; aber Napoleon
+fertigte ihn schnell ab.
+
+"Was wollen Sie denn? Wir in unserer Partei haben gewissermassen allerhand
+Achtung vor dem nationalen Rummel. Bessere Geschaefte sind allemal damit zu
+machen als mit dem Freisinn. Die buergerliche Demokratie faehrt bald in
+einer einzigen Droschke ab."
+
+"Und die vermoebeln wir ihr auch noch!" rief Diederich. Die Bundesgenossen
+lachten vor Vergnuegen. Diederich holte eine Flasche Bier.
+
+"A-ber", machte der Sozialdemokrat; und er rueckte mit seiner Bedingung
+heraus: ein Gewerkschaftshaus, bei dessen Bau die Partei von der Stadt zu
+unterstuetzen war! ... Diederich sprang vom Stuhl. "Und das erdreisten Sie
+sich von einem nationalen Mann zu verlangen?"
+
+Der andere blieb gelassen und ironisch. "Wenn wir dem nationalen Mann
+nicht helfen, dass er gewaehlt wird, wo bleibt dann der nationale Mann?" -
+Und Diederich mochte sich empoeren oder um Gnade flehen, er musste auf ein
+Blatt Papier schreiben, dass er fuer das Gewerkschaftshaus nicht nur selbst
+stimmen, sondern auch die ihm nahestehenden Stadtverordneten bearbeiten
+werde. Darauf erklaerte er barsch die Unterredung fuer beendet und nahm dem
+Maschinenmeister die Bierflasche aus der Hand. Aber Napoleon Fischer
+zwinkerte. Ueberhaupt duerfe der Herr Doktor froh sein, dass er mit ihm und
+nicht mit dem Parteibudiker Rille verhandele. Denn Rille, der fuer seine
+eigene Wahl agitiere, waere zu dem Kompromiss nicht zu haben gewesen. Und in
+der Partei seien die Meinungen geteilt; Diederich habe also allen Grund,
+in der ihm nahestehenden Presse etwas fuer die Kandidatur Fischer zu tun.
+"Wenn fremde Leute, zum Beispiel Rille, sollten die Nase in Ihre
+Geschichten stecken, Herr Doktor, dafuer werden Sie sich wohl bedanken. Bei
+uns beiden ist es was anderes. Wir haben schon mehr Dreck zusammen
+verscharrt."
+
+Damit ging er und ueberliess Diederich seinen Gefuehlen. "Schon mehr Dreck
+zusammen verscharrt!" dachte Diederich, und Angstschauer kreuzten sich in
+ihm mit Wallungen des Zorns. Das durfte der Hund ihm sagen, sein eigener
+Kuli, den er jeden Augenblick auf die Strasse werfen konnte! Vielmehr,
+leider ging das nicht, denn es war wahr, sie hatten Dreck verscharrt. Der
+Hollaender! Die geschundene Arbeiterin! Eine Vertraulichkeit zog die andere
+nach sich: jetzt waren Diederich und sein Prolet nicht nur im Betrieb
+aufeinander angewiesen, sondern auch politisch. Am liebsten haette
+Diederich mit dem Parteibudiker Rille angebunden; aber dann war zu
+fuerchten, dass Napoleon Fischer in seiner Rachsucht auspackte, was er
+wusste. Diederich sah sich genoetigt, ihm auch noch gegen Rille zu helfen.
+"Aber" - er schuettelte die Faust gegen die Zimmerdecke - "wir sprechen uns
+wieder. Und wenn es zehn Jahre dauert, die Abrechnung kommt!"
+
+Hiernach oblag es ihm, dem alten Herrn Buck einen Besuch zu machen und
+sein biedermaennisches und schoengeistiges Gerede mit Ergebenheit anzuhoeren.
+Dafuer ward er Kandidat der freisinnigen Partei ... In der "Netziger
+Zeitung", die in einem warmen Artikel Herrn Doktor Hessling als Mensch,
+Buerger und Politiker den Waehlern empfahl, ward gleich darunter, wenn auch
+in kleinerem Druck, die Aufstellung des Arbeiters Fischer scharf
+beanstandet. Die sozialdemokratische Partei verfuegte, man musste es leider
+zugeben, ueber genug selbstaendige Gewerbetreibende, sie brauchte den
+buergerlichen Stadtverordneten nicht den kollegialen Verkehr mit einem
+gewoehnlichen Arbeiter zuzumuten. Sollte insbesondere Herr Doktor Hessling
+im Schosse der staedtischen Koerperschaft seinem eigenen Maschinenmeister
+begegnen?
+
+Dieser Ausfall des buergerlichen Blattes stellte unter den Sozialdemokraten
+volle Einmuetigkeit her; sogar Rille musste sich fuer Napoleon erklaeren, -
+der mit Glanz durch das Ziel ging. Diederich bekam von der Partei, die ihn
+aufstellte, nur die Haelfte der Stimmen, aber ihn retteten die Genossen.
+Die beiden Gewaehlten wurden gemeinsam in die Versammlung eingefuehrt.
+Buergermeister Doktor Scheffelweis beglueckwuenschte sie, mit dem Hinweis,
+dass einerseits der taetige Buerger, andererseits der emporstrebende Arbeiter
+-. Und schon in der naechsten Sitzung griff Diederich in die Verhandlungen
+ein.
+
+Zur Debatte stand die Kanalisation der Gaebbelchenstrasse. Eine
+betraechtliche Anzahl jener alten Vorstadthaeuser befand sich noch heute, am
+Ende des neunzehnten Jahrhunderts, im wenig ruehmlichen Besitz von
+Abortgruben, deren Ausduenstungen zuzeiten die ganze Gegend ueberschwemmten.
+Bei seinem Besuch im "Gruenen Engel" hatte Diederich die Wahrnehmung
+gemacht. So wandte er sich denn mit Nachdruck gegen die finanztechnischen
+Bedenken des Magistratsvertreters. Eine Forderung der Kulturehre duerfe
+kleinlichen Ruecksichten nicht weichen. "Deutschtum heisst Kultur!" rief
+Diederich aus. "Meine Herren! Das hat kein Geringerer gesagt als Seine
+Majestaet der Kaiser. Und bei anderer Gelegenheit hat Seine Majestaet das
+Wort gesprochen: Die Schweinerei muss ein Ende nehmen. Wo nur immer
+grosszuegig vorgegangen wird, da leuchtet uns das erhabene Beispiel Seiner
+Majestaet voran, und darum, meine Herren -"
+
+"Hurra!" rief eine Stimme links, und Diederich begegnete dem Grinsen
+Napoleon Fischers. Da reckte er sich auf, er blitzte.
+
+"Sehr richtig!" versetzte er schneidend. "Ich kann nicht besser schliessen.
+Seine Majestaet der Kaiser hurra, hurra, hurra!"
+
+Verbluefftes Schweigen, - aber da die Sozialdemokraten lachten, riefen
+rechts einige hurra. Doktor Heuteufel warf die Frage dazwischen, ob der
+merkwuerdige Zusammenhang, in den Herr Doktor Hessling die Person des
+Kaisers gebracht habe, nicht eigentlich eine Majestaetsbeleidigung
+darstelle. Aber der Vorsitzende klingelte schnell. In der Presse jedoch
+ward weiter debattiert. Die "Volksstimme" behauptete, Herr Hessling trage
+in die Stadtverordnetenversammlung den Geist des uebelsten Byzantinismus,
+wohingegen die "Netziger Zeitung" seine Rede als die erfrischende Tat
+eines unbefangenen Patrioten bezeichnete. Dass es sich aber um einen
+wahrhaft bedeutsamen Vorgang handelte, ward erst klar, als es im "Berliner
+Lokal-Anzeiger" stand. Das Blatt Seiner Majestaet war ueber das mutige
+Auftreten des Netziger Stadtverordneten Doktor Hessling des Lobes voll. Es
+stellte mit Genugtuung fest, dass der neue, entschlossen nationale Geist,
+fuer den der Kaiser eintrete, nunmehr auch im Lande Fortschritte mache. Die
+kaiserliche Mahnung werde befolgt, der Buerger erwache aus dem Schlummer,
+die Scheidung zwischen denen fuer ihn und denen wider ihn vollziehe sich.
+"Moechten viele wackere Vertreter unserer Staedte dem Beispiel des Doktor
+Hessling folgen!"
+
+Diese Nummer des Lokal-Anzeigers trug Diederich schon acht Tage lang auf
+dem Herzen, da schlich er sich um die stillste Vormittagsstunde, unter
+Vermeidung der Kaiser-Wilhelm-Strasse, von rueckwaerts in die Bierstube von
+Klappsch, wo er Gesellschaft fand: Napoleon Fischer und der Parteiwirt
+Rille. Obwohl das Lokal ganz leer war, zogen die drei sich in den
+aeussersten Winkel zurueck; Fraeulein Klappsch ward, kaum dass sie das Bier
+gebracht hatte, hinausgeschickt; und Klappsch selbst, der an der Tuer
+horchte, hoerte nur tuscheln. Er versuchte die Klappe zu Hilfe zu nehmen,
+durch die er bei staerkerem Besuch die Glaeser hineinreichte; aber Rille,
+der damit Bescheid wusste, schlug sie ihm vor der Nase zu. Immerhin hatte
+der Wirt bemerkt, dass Doktor Hessling aufgesprungen war und im Begriff
+schien, wegzugehen. Dazu werde er als nationaler Mann niemals die Hand
+bieten!... Spaeter aber wollte Fraeulein Klappsch, die zum Zahlen gerufen
+ward, doch ein Papier gesehen haben, das von allen drei unterschrieben
+war.
+
+
+
+Denselben Tag nachmittags hatten Emmi und Magda eine Einladung zum Tee bei
+Frau von Wulckow, und Diederich begleitete sie. Erhobenen Hauptes
+schritten die Geschwister ueber die Kaiser-Wilhelm-Strasse, Diederich
+lueftete kuehl den Zylinder vor den Herren, die von den Stufen der
+Freimaurerloge erstaunt zusahen, wie er das Gebaeude der Regierung betrat.
+Den Wachtposten begruesste er mit einer jovialen Handbewegung. Droben in der
+Garderobe stiess man auf Offiziere und ihre Damen, denen die beiden
+Fraeulein Hessling schon bekannt waren. Die Sporen zusammenschlagend, zog
+der Leutnant von Brietzen Emmi den Mantel aus, und sie dankte ihm ueber die
+Schulter, wie eine Graefin. Sodann trat sie Diederich auf den Fuss, damit er
+merke, auf welchen heissen Boden er versetzt sei. Und wirklich, als man nun
+Herrn von Brietzen den Vortritt in den Salon aufgenoetigt, vor der
+Praesidentin entzueckte Kratzfuesse ausgefuehrt hatte und mit allen bekannt
+geworden war: welche Aufgabe, so ehrenvoll wie gefaehrlich, auf einem
+Stuehlchen zwischen Damenkleider eingeengt, die Teetasse im Gleichgewicht
+zu erhalten, waehrend man Kuchenteller weitergab, und mit dem Kuchen ein
+huldigendes Laecheln zu spenden und beim Essen ein schmelzendes Wort ueber
+die so gelungene Auffuehrung der "Heimlichen Graefin" zu liefern, ein
+maennlich anerkennendes fuer die grosszuegige Verwaltungstaetigkeit des
+Praesidenten, ein gewichtiges ueber Umsturz und Kaisertreue - und dabei noch
+den Wulckowschen Hund zu fuettern, der bettelte! An die anspruchslose
+Gesellschaft des Ratskellers oder des Kriegervereins durfte man hier nicht
+denken; es hiess mit aufreibendem Laecheln in die wasserhellen Augen des
+Hauptmanns von Koeckeritz starren, dessen Glatze weiss, dessen Gesicht von
+der Mitte der Stirn abwaerts feuerrot war und der vom Exerzierplatz
+erzaehlte. Und wenn einem vor Gespanntheit auf die Frage, ob man gedient
+habe, schon der Schweiss ausbrach, erlebte man es unversehens, dass die Dame
+neben einem, die ihr weissblondes Haar glatt ueber den Kopf hinaufkaemmte und
+eine sonnenverbrannte Nase hatte, von Pferden zu sprechen anfing ...
+Diesmal ward Diederich durch Emmi gerettet, denn Emmi, unterstuetzt von
+Herrn von Brietzen, mit dem sie geradezu auf vertrautem Fuss zu stehen
+schien, griff gewandt in das Pferdegespraech ein, gebrauchte fachmaennische
+Ausdruecke, ja, schreckte nicht davor zurueck, von Ritten ins Gelaende zu
+phantasieren, die sie auf dem Gut einer Tante unternommen haben wollte.
+Als der Leutnant sich dann erbot, mit ihr auszureiten, schuetzte sie die
+arme Frau Hessling vor, die es nicht erlaube. Diederich erkannte Emmi nicht
+wieder. Ihre unheimlichen Talente liessen Magda, der es doch gelungen war,
+sich zu verloben, hier ganz im Schatten. Nicht ohne Bangen ward Diederich,
+wie nach seiner Rueckkehr aus dem "gruenen Engel", sich der unberechenbaren
+Wege bewusst, die ein Maedchen, wenn man es nicht sah -. Da bemerkte er, dass
+er eine Frage der Praesidentin ueberhoert hatte, und dass man schwieg, weil er
+antworten sollte. Er suchte in der Luft umher nach Hilfe, stiess aber nur
+auf den unerbittlichen Blick eines grossen Bildnisses, bleich und steinern,
+in roter Husarenuniform, eine Hand auf der Huefte, der Schnurrbart an den
+Augenwinkeln, und der Blick ueber die Schulter hinweg kalt blitzend!
+Diederich erbebte, er verschluckte sich mit Tee, Herr von Brietzen klopfte
+ihm den Ruecken.
+
+Eine Dame, die bisher nur immer gegessen hatte, sollte jetzt singen. Im
+Musikzimmer hatte man sich gruppiert. Diederich, an der Tuer, zog
+verstohlen die Uhr, da huestelte hinter ihm die Praesidentin. "Ich weiss
+wohl, lieber Doktor, dass Sie nicht uns und unserer leichten, ich moechte
+sagen allzu leichten Konversation Ihre Zeit opfern, die so ernsten
+Pflichten gehoert. Mein Mann erwartet Sie, kommen Sie nur." Den Finger auf
+den Lippen ging sie voran, ueber einen Gang, durch ein leeres Vorzimmer ...
+Ganz leise klopfte sie. Da keine Antwort kam, sah sie aengstlich auf
+Diederich, dem auch nicht wohl war. "Ottochen", versuchte sie, zaertlich an
+die verschlossene Tuer geschmiegt. Nach einer Weile des Lauschens erhob
+sich drinnen die fuerchterliche Bassstimme: "Hier ist kein Ottochen! Sag'
+den Schafskoepfen, Sie sollen ihren Tee allein saufen!" - "Er ist so sehr
+beschaeftigt", fluesterte Frau von Wulckow, ein wenig bleicher. "Die
+Schlechtgesinnten untergraben seine Gesundheit ... Leider muss ich mich
+jetzt meinen Gaesten widmen, der Diener soll Sie anmelden." Und sie
+entschwebte.
+
+Diederich wartete vergeblich auf den Diener, lange Minuten. Dann aber trat
+der Wulckowsche Hund ein, schritt riesenhaft und voll Verachtung an
+Diederich vorbei und kratzte an der Tuer. Sofort ertoente es drinnen:
+"Schnaps! Komm herein!" - worauf die Dogge die Tuer aufklinkte. Da sie
+vergass, sie wieder zu schliessen, erlaubte Diederich sich, mit
+hineinzuschluepfen. Herr von Wulckow sass in einer Rauchwolke am
+Schreibtisch, er wendete den ungeheuren Ruecken her.
+
+"Guten Tag, Herr Praesident", sagte Diederich, mit einem Kratzfuss. "Na nu,
+quatschst du auch schon, Schnaps?" fragte Wulckow, ohne sich umzusehen. Er
+faltete ein Papier, zuendete langsam eine neue Zigarre an ... "Jetzt kommt
+es", dachte Diederich. Aber dann begann Wulckow etwas anderes zu
+schreiben. Interesse an Diederich nahm nur der Hund. Offenbar fand er den
+Gast hier noch weniger am Platz, seine Verachtung ging in Feindseligkeit
+ueber; mit gefletschten Zaehnen beschnupperte er Diederichs Hose, fast war
+es kein Schnuppern mehr. Diederich tanzte, so geraeuschlos wie moeglich, von
+einem Fuss auf den anderen, und die Dogge knurrte drohend aber leise, wohl
+wissend, ihr Herr koennte es sonst nicht weiter kommen lassen. Endlich
+gelang es Diederich, zwischen sich und seinen Feind einen Stuhl zu
+bringen, an den geklammert er sich umherdrehte, bald langsamer, bald
+schneller, und immer auf der Hut vor Schnaps' Seitenspruengen. Einmal sah
+er Wulckow den Kopf ein wenig wenden und glaubte ihn schmunzeln zu sehen.
+Dann hatte der Hund genug von dem Spiel, er ging zum Herrn und liess sich
+streicheln; und neben Wulckows Stuhl hingelagert, mass er mit kuehnen
+Jaegerblicken Diederich, der sich den Schweiss wischte.
+
+"Gemeines Vieh!" dachte Diederich - und ploetzlich wallte es auf in ihm.
+Empoerung und der dicke Qualm verschlugen ihm den Atem, er dachte, mit
+unterdruecktem Keuchen: "Wer bin ich, dass ich mir das bieten lassen muss?
+Mein letzter Maschinenschmierer laesst sich das von mir nicht bieten. Ich
+bin Doktor. Ich bin Stadtverordneter! Dieser ungebildete Flegel hat mich
+noetiger als ich ihn!" Alles, was er heute nachmittag erlebt hatte, nahm
+den uebelsten Sinn an. Man hatte ihn verhoehnt, der Bengel von Leutnant
+hatte ihm den Ruecken geklopft! Diese Kommisskoepfe und adeligen Puten hatten
+die ganze Zeit von ihren albernen Angelegenheiten geredet und ihn wie dumm
+dabei sitzen lassen! "Und wer bezahlt die frechen Hungerleider? Wir!"
+Gesinnung und Gefuehle, alles stuerzte in Diederichs Brust auf einmal
+zusammen, und aus den Truemmern schlug wild die Lohe des Hasses.
+"Menschenschinder! Saebelrassler! Hochnaesiges Pack!... Wenn wir mal Schluss
+machen mit der ganzen Bande -!" Die Faeuste ballten sich ihm von selbst, in
+einem Anfall stummer Raserei sah er alles niedergeworfen, zerstoben: die
+Herren des Staates, Heer, Beamtentum, alle Machtverbaende und sie selbst,
+die Macht! Die Macht, die ueber uns hingeht und deren Hufe wir kuessen!
+Gegen die wir nichts koennen, weil wir alle sie lieben! Die wir im Blut
+haben, weil wir die Unterwerfung darin haben! Ein Atom sind wir von ihr,
+ein verschwindendes Molekuel von etwas, das sie ausgespuckt hat!... Von der
+Wand dort, hinter blauen Wolken, sah eisern hernieder ihr bleiches
+Gesicht, eisern, gestraeubt, blitzend: Diederich aber, in wuester
+Selbstvergessenheit, hob die Faust.
+
+Da knurrte der Wulckowsche Hund, unter dem Praesidenten hervor aber kam ein
+donnerndes Geraeusch, ein lang hinrollendes Geknatter - und Diederich
+erschrak tief. Er verstand nicht, was dies fuer ein Anfall gewesen war. Das
+Gebaeude der Ordnung, wieder aufgerichtet in seiner Brust, zitterte nur
+noch leise. Der Herr Regierungspraesident hatte wichtige Staatsgeschaefte.
+Man wartete eben, bis er einen bemerkte; dann bekundete man gute Gesinnung
+und sorgte fuer gute Geschaefte ...
+
+"Na, Doktorchen?" sagte Herr von Wulckow und drehte seinen Sessel herum.
+"Was ist mit Ihnen los? Sie werden ja der reine Staatsmann. Setzen Sie
+sich mal auf diesen Ehrenplatz."
+
+"Ich darf mir schmeicheln", stammelte Diederich. "Einiges habe ich schon
+erreicht fuer die nationale Sache."
+
+Wulckow blies ihm einen maechtigen Rauchkegel ins Gesicht, dann kam er ihm
+ganz nahe mit seinen warmbluetigen, zynischen Augen und ihrer
+Mongolenfalte. "Sie haben erstens erreicht, Doktorchen, dass Sie
+Stadtverordneter geworden sind. Wie, das wollen wir auf sich beruhen
+lassen. Jedenfalls konnten Sie es brauchen, denn Ihr Geschaeft soll ja 'ne
+ziemlich faule Karre sein." Da Diederich zusammenzuckte, lachte Wulckow
+droehnend. "Lassen Sie nur, Sie sind mein Mann. Was meinen Sie, das ich da
+geschrieben habe?" Das grosse Blatt Papier verschwand unter der Pranke, die
+er darauf legte. "Da verlange ich vom Minister einen kleinen Piepmatz fuer
+einen gewissen Doktor Hessling, in Anerkennung seiner Verdienste um die
+gute Gesinnung in Netzig ... Fuer so nett haben Sie mich wohl gar nicht
+gehalten?" setzte er hinzu, denn Diederich, mit einer Miene, geblendet und
+wie mit Bloedheit geschlagen, machte von seinem Stuhl herab immerfort
+Verbeugungen. "Ich weiss tatsaechlich nicht", brachte er hervor. "Meine
+bescheidenen Verdienste -"
+
+"Aller Anfang ist schwer", sagte Wulckow. "Es soll auch nur eine
+Aufmunterung sein. Ihre Haltung im Prozess Lauer war nicht uebel. Na und Ihr
+Kaiserhoch in der Kanalisationsdebatte hat die antimonarchische Presse
+ganz aus dem Haeuschen gebracht. Schon an drei Orten im Lande ist deshalb
+Anklage wegen Majestaetsbeleidigung erhoben. Da muessen wir uns Ihnen wohl
+erkenntlich zeigen."
+
+Diederich rief aus: "Mein schoenster Lohn ist es, dass der Lokal-Anzeiger
+meinen schlichtbuergerlichen Namen vor die Allerhoechsten Augen selbst
+gebracht hat!"
+
+"Na, nu nehmen Sie sich mal 'ne Zigarre", schloss Wulckow; und Diederich
+begriff, dass jetzt die Geschaefte kamen. Schon inmitten der Hochgefuehle
+waren ihm Zweifel aufgestiegen, ob Wulckows Gnade vor allem anderen nicht
+eine ganz besondere Ursache habe. Er sagte versuchsweise:
+
+"Fuer die Bahn nach Ratzenhausen wird die Stadt nun doch wohl den Beitrag
+bewilligen."
+
+Wulckow streckte den Kopf vor. "Ihr Glueck. Wir haben sonst ein billigeres
+Projekt, darauf wird Netzig ueberhaupt nicht beruehrt. Also sorgen Sie
+dafuer, dass die Leute Vernunft annehmen. Unter der Bedingung duerft ihr dann
+dem Rittergut Quitzin euer Licht liefern."
+
+"Das will der Magistrat auch nicht." Diederich bat mit den Haenden um
+Nachsicht. "Die Stadt hat Schaden dabei, und Herr von Quitzin zahlt uns
+keine Steuern ... Aber jetzt bin ich Stadtverordneter, und als nationaler
+Mann -"
+
+"Das moechte ich mir ausbitten. Mein Vetter Herr von Quitzin baut sich
+sonst einfach ein Elektrizitaetswerk, das hat er billig, was glauben Sie,
+zwei Minister kommen bei ihm zur Jagd - und dann unterbietet er euch hier
+in Netzig selbst."
+
+Diederich richtete sich auf. "Ich bin entschlossen, Herr Praesident, allen
+Anfeindungen zum Trotz in Netzig das nationale Banner hochzuhalten."
+Hierauf, mit gedaempfter Stimme: "Einen Feind koennen wir uebrigens
+loswerden: einen besonders schlimmen, jawohl, den alten Kluesing in
+Gausenfeld."
+
+"Der?" Wulckow feixte veraechtlich. "Der frisst mir aus der Hand. Er liefert
+Papier fuer die Kreisblaetter."
+
+"Wissen Sie, ob er fuer schlechte Blaetter nicht noch mehr liefert? Darueber,
+Herr Praesident verzeihen, bin ich doch wohl besser informiert."
+
+"Die Netziger Zeitung ist jetzt in nationaler Beziehung zuverlaessiger
+geworden."
+
+"Und zwar -" Diederich nickte gewichtig, "seit dem Tage, an dem der alte
+Kluesing mir, Herr Praesident, einen Teil der Papierlieferung hat anbieten
+lassen. Gausenfeld sei ueberlastet. Natuerlich hatte er Angst, dass ich mich
+an einem nationalen Konkurrenzblatt beteilige. Und vielleicht hatte er
+auch Angst -" eine bedeutsame Pause - "dass der Herr Praesident das Papier
+fuer die Kreisblaetter lieber bei einem nationalen Werk bestellt."
+
+"Also - Sie liefern jetzt fuer die Netziger Zeitung?"
+
+"Niemals, Herr Praesident, werde ich meine nationale Gesinnung so sehr
+verleugnen, dass ich an eine Zeitung liefere, solange noch freisinniges
+Geld drin ist."
+
+"Na schoen." Wulckow stemmte die Faeuste auf die Schenkel. "Jetzt brauchen
+Sie nichts mehr zu sagen. Sie wollen bei der Netziger Zeitung das Ganze.
+Die Kreisblaetter wollen Sie auch. Wahrscheinlich auch die
+Papierlieferungen fuer die Regierung. Sonst noch was?"
+
+Und Diederich, sachlich:
+
+"Herr Praesident, ich bin nicht wie Kluesing, mit dem Umsturz mach' ich
+keine Geschaefte. Wenn Sie, Herr Praesident, auch als Vorstand der
+Bibelgesellschaft mein Unternehmen stuetzen wollten, ich darf sagen, die
+nationale Sache wuerde nur gewinnen."
+
+"Na schoen", wiederholte Wulckow und zwinkerte. Diederich spielte seinen
+Trumpf aus.
+
+"Herr Praesident! Unter Kluesing ist Gausenfeld eine Brutstaette des
+Umsturzes. Bei seinen achthundert Arbeitern ist nicht einer dabei, der
+anders waehlt als sozialdemokratisch."
+
+"Na und bei Ihnen?"
+
+Diederich schlug sich auf die Brust. "Gott ist mein Zeuge, dass ich lieber
+noch heute die Bude zumache und mit den Meinen ins Elend hinausziehe, als
+dass ich einen einzigen Mann bei mir dulde, von dem ich weiss, er ist nicht
+kaisertreu."
+
+"Sehr brauchbare Gesinnung", sagte Wulckow. Diederich sah ihn mit blauen
+Augen an. "Ich nehme nur gediente Leute, vierzig haben den Krieg
+mitgemacht. Jugendliche beschaeftige ich gar nicht mehr, seit der
+Geschichte mit dem Arbeiter, den der Wachtposten auf dem Felde der Ehre,
+wie Seine Majestaet festzustellen geruhten, niedergestreckt hat, nachdem
+der Kerl mit seiner Braut hinter meinen Lumpen -"
+
+Wulckow winkte ab. "Ihre Sorge, Doktorchen!"
+
+Diederich liess sich seinen Entwurf nicht verderben. "Unter meinen Lumpen
+darf kein Umsturz vorkommen. Mit Ihren Lumpen, ich meine in der Politik,
+ist es anders. Da koennen wir den Umsturz brauchen, damit aus den
+freisinnigen Lumpen weisses, kaisertreues Papier wird." Und er machte eine
+tief bedeutungsvolle Miene. Wulckow schien nicht verbluefft, er schmunzelte
+furchtbar.
+
+"Doktorchen, ich bin auch nicht von gestern. Legen Sie los, was haben Sie
+mit Ihrem Maschinenmeister ausgeknobelt?"
+
+Da er Diederich wanken sah, fuhr Wulckow fort: "Das ist auch einer von den
+Altgedienten, wie, Herr Stadtverordneter?"
+
+Diederich schluckte, er sah, dass es keinen Umweg mehr gab. "Herr
+Praesident", sagte er mit einem Entschluss; und dann leise und hastig: "Der
+Mann will in den Reichstag, und vom nationalen Standpunkt ist er besser
+als Heuteufel. Denn erstens werden viele Freisinnige vor Schreck national
+werden, und zweitens kriegen wir, wenn Napoleon Fischer gewaehlt wird, in
+Netzig ein Kaiser-Wilhelm-Denkmal. Ich habe es schriftlich."
+
+Er breitete ein Papier hin vor den Praesidenten. Wulckow las, dann stand er
+auf, warf den Stuhl mit dem Fuss fort und ging, Rauch ausstossend, durch das
+Zimmer. "Also Kuehlemann kratzt ab, und von seiner halben Million baut die
+Stadt kein Saeuglingsheim, sondern ein Kaiser-Wilhelm-Denkmal." Er blieb
+stehen. "Merken Sie sich das, mein Lieber, in Ihrem eigensten Interesse!
+Wenn Netzig nachher einen Sozialdemokraten im Reichstag, aber keinen
+Wilhelm den Grossen hat, dann lernen Sie mich kennen. Ich mache Frikassee
+aus Ihnen! Ich schlag' Sie so klein, dass Sie nicht mal mehr im
+Saeuglingsheim Aufnahme finden!"
+
+Diederich war mitsamt seinem Stuhl zurueckgewichen bis an die Wand. "Herr
+Praesident! Alles, was ich bin, meine ganze Zukunft setze ich ein fuer diese
+grosse nationale Sache. Auch mir kann etwas Menschliches passieren ..."
+
+"Dann gnade Ihnen Gott!"
+
+"Wenn nun Kuehlemanns Nierensteine sich doch noch verziehen?"
+
+"Sie haben die Verantwortung! Um meinen Kopf geht es auch!" Wulckow liess
+sich krachend auf seinen Sitz fallen. Er rauchte wuetend. Als die Wolken
+zergingen, hatte er sich aufgeheitert. "Was ich Ihnen auf dem Harmoniefest
+gesagt habe, dabei bleibt es. Dieser Reichstag macht es nicht mehr lange,
+arbeiten Sie vor in der Stadt. Helfen Sie mir gegen Buck, ich helfe Ihnen
+gegen Kluesing."
+
+"Herr Praesident!" Wulckows Laecheln schuf in Diederich einen Ueberschwang
+von Hoffnung, er konnte nicht an sich halten. "Wenn Sie es ihn unter der
+Hand wissen liessen, dass Sie ihm eventuell die Auftraege entziehen! An die
+grosse Glocke haengt er es nicht, das brauchen Sie nicht zu fuerchten; aber
+er wird seine Anstalten treffen. Vielleicht verhandelt er -"
+
+"Mit seinem Nachfolger", schloss Wulckow. Da musste Diederich aufspringen
+und seinerseits durch das Zimmer laufen. "Wenn Sie wuessten, Herr
+Praesident ... Gausenfeld ist sozusagen eine Maschine mit
+Tausendpferdekraft, und die steht da und verrostet, weil der Strom fehlt,
+ich will sagen, der moderne, grosszuegige Geist!"
+
+"Den scheinen Sie zu haben", meinte Wulckow.
+
+"Im Dienst der nationalen Sache", beteuerte Diederich. Er kehrte zurueck.
+"Das Kaiser-Wilhelm-Denkmal-Komitee wird sich gluecklich schaetzen, wenn es
+uns gelingen wuerde, dass Sie so gut sind, Herr Praesident, und bekunden der
+Sache Ihr geschaetztes Interesse durch Annahme des Ehrenvorsitzes."
+
+"Gemacht", sagte Wulckow.
+
+"Die aufopfernde Taetigkeit seines Herrn Ehrenvorsitzenden wird das Komitee
+entsprechend zu wuerdigen wissen."
+
+"Erklaeren Sie sich mal naeher!" In Wulckows Stimme grollte es unheilvoll,
+aber Diederich bei seiner Angeregtheit ueberhoerte es.
+
+"Die Idee hat bereits zu gewissen Eroerterungen im Schosse des Komitees
+gefuehrt. Man wuenscht das Denkmal in frequentester Lage zu errichten und
+mit einem Volkspark zu umgeben, damit naemlich die unloesbare Verbindung von
+Herrscher und Volk sinnfaellig in die Erscheinung tritt. Da haben wir nun
+im Zentrum der Stadt an ein groesseres Grundstueck gedacht; auch die
+Nachbargebaeude waeren zu haben; es ist in der Meisestrasse."
+
+"Soso. Meisestrasse." Wulckows Brauen hatten sich gewitterhaft
+zusammengezogen. Diederich erschrak, aber es gab kein Halten mehr.
+
+"Der Gedanke ist aufgetaucht, dass wir uns, noch bevor die Stadt der Sache
+naeher tritt, die betreffenden Grundstuecke sichern und unbefugten
+Spekulationen zuvorkommen sollen. Unser Herr Ehrenvorsitzender haette
+natuerlich das erste Anrecht ..."
+
+Nach diesem Wort wich Diederich zurueck, der Sturm brach los. "Herr! Fuer
+wen halten Sie mich? Bin ich Ihr Geschaeftsagent? Das ist unerhoert, das war
+noch nicht da! So ein Koofmich mutet dem Koeniglichen Regierungspraesidenten
+zu, er soll seine schmutzigen Geschaefte mitmachen!"
+
+Wulckow droehnte uebermenschlich, er drang mit seiner gewaltigen Koerperwaerme
+und mit seinem persoenlichen Geruch gegen Diederich vor, der sich rueckwaerts
+bewegte. Auch der Hund war aufgestanden und ging klaeffend zum Angriff
+ueber. Das Zimmer war auf einmal erfuellt von Graus und Getoese.
+
+"Sie machen sich einer schweren Beamtenbeleidigung schuldig, Herr!" schrie
+Wulckow, und Diederich, der hinter sich nach der Tuer tastete, hatte nur
+Vermutungen darueber, wer ihm frueher an der Kehle sitzen werde, der Hund
+oder der Praesident. Seine angstvoll irrenden Augen trafen das bleiche
+Gesicht, das von der Wand herab drohte und blitzte. Nun hatte er sie an
+der Kehle, die Macht! Vermessen hatte er sich, mit der Macht auf
+vertrautem Fuss zu verkehren. Das war sein Verderben, sie brach ueber ihn
+herein mit dem Entsetzen eines Weltuntergangs ... Die Tuer hinter dem
+Schreibtisch ging auf, jemand in Polizeiuniform trat ein. Den
+schlotternden Diederich ueberraschte er nicht mehr. Wulckow ward durch die
+Gegenwart der Uniform auf einen neuen furchtbaren Gedanken gebracht. "Ich
+kann Sie augenblicklich verhaften lassen, Sie Jammerprinz, wegen
+versuchter Beamtenbestechung, wegen Bestechungsversuch an einer Behoerde,
+an der obersten Behoerde des Regierungsbezirks! Ich bringe Sie ins
+Zuchthaus, ich ruiniere Sie fuer Ihr Leben!"
+
+Auf den Herrn von der Polizei schien dieses Juengste Gericht nicht entfernt
+den Eindruck zu machen wie auf Diederich. Er legte das Papier, das er
+brachte, auf den Schreibtisch nieder und verschwand. Uebrigens drehte auch
+Wulckow sich ploetzlich um; er zuendete seine Zigarre wieder an, Diederich
+war nicht mehr da fuer ihn. Und auch Schnaps liess von ihm ab, als sei er
+Luft. Da wagte Diederich es, die Haende zu falten.
+
+"Herr Praesident," fluesterte er wankend, "Herr Praesident, erlauben Herr
+Praesident, dass ich feststellen darf, es liegt ein, darf ich feststellen,
+tief bedauerliches Missverstaendnis vor. Nie wuerde ich, bei meiner
+wohlbekannten nationalen Gesinnung -. Wie koennte ich!"
+
+Er wartete, aber niemand bekuemmerte sich um ihn.
+
+"Wenn ich auf meinen Vorteil saehe," begann er wieder, um etwas
+vernehmlicher, "anstatt dass ich immer nur das nationale Interesse im Auge
+habe, dann waere ich heute nicht hier, dann waere ich bei dem Herrn Buck.
+Denn der Herr Buck, jawohl, der hat mir zugemutet, ich soll mein
+Grundstueck an die Stadt verkaufen, fuer das freisinnige Saeuglingsheim. Aber
+das Ansinnen hab' ich mit Entruestung zurueckgewiesen und habe den geraden
+Weg gefunden zu Ihnen, Herr Praesident. Denn besser, hab' ich gesagt, das
+Denkmal Kaiser Wilhelms des Grossen im Herzen als das Saeuglingsheim in der
+Tasche, hab' ich gesagt und sag' es auch hier mit lauter Stimme!"
+
+Da Diederich in der Tat die Stimme erhob, wandte Wulckow sich ihm zu.
+"Sind Sie noch immer da?" fragte er. Und Diederich, aufs neue ersterbend:
+"Herr Praesident -"
+
+"Was wollen Sie noch? Ich kenne Sie ueberhaupt nicht. Habe nie mit Ihnen
+verhandelt."
+
+"Herr Praesident, im nationalen Interesse -"
+
+"Mit Grundstuecksspekulanten verhandele ich nicht. Verkaufen Sie Ihr
+Grundstueck, und dalli; nachher koennen wir reden."
+
+Diederich, erblasst, mit dem Gefuehl, als werde er an der Wand zerquetscht:
+"In dem Fall bleibt es bei unseren Bedingungen? Der Orden? Der Wink an
+Kluesing? Der Ehrenvorsitz?"
+
+Wulckow zog eine Grimasse. "Meinetwegen. Aber sofort verkaufen!"
+
+Diederich rang nach Atem. "Ich bringe das Opfer!" erklaerte er. "Denn das
+Hoechste, was der kaisertreue Mann hat, meine kaisertreue Gesinnung, muss
+ueber jedem Verdacht stehen."
+
+"Na ja", sagte Wulckow, indes Diederich sich zurueckzog, stolz auf seinen
+Abgang, wenn auch beengt durch die Empfindung, dass der Praesident ihn als
+Bundesgenossen nicht lieber ertrug als er selbst seinen Maschinenmeister.
+
+Im Salon fand er Emmi und Magda ganz allein in einem Prachtwerk blaetternd.
+Die Gaeste waren fort, und auch Frau von Wulckow hatte sie verlassen, weil
+sie sich anziehen musste zur Soiree bei der Frau Oberst von Haffke. "Meine
+Unterredung mit dem Praesidenten ist fuer beide Teile durchaus befriedigend
+verlaufen", stellte Diederich fest; und draussen auf der Strasse: "Da sieht
+man es, was es heisst, wenn zwei loyale Maenner verhandeln. In dem heutigen
+verjudeten Geschaeftsbetrieb kennt man das gar nicht mehr."
+
+Emmi, gleichfalls sehr angeregt, erklaerte, dass sie Reitstunden nehmen
+werde. "Wenn ich dir das Geld gebe", sagte Diederich, aber nur der Ordnung
+wegen, denn er war stolz auf Emmi. "Hat Leutnant von Brietzen nicht
+Schwestern?" bemerkte er. "Du solltest bekannt werden und uns Einladungen
+verschaffen zur naechsten Soiree der Frau Oberst." Gerade ging drueben der
+Oberst vorbei. Diederich sah ihm lange nach. "Ich weiss wohl," sagte er,
+"man soll sich nicht umdrehen; aber das ist nun mal das Hoechste, es zieht
+einen hin!"
+
+
+
+Dennoch hatte der Vertrag mit Wulckow nur seine Sorgen vergroessert. Der
+handgreiflichen Verpflichtung, sein Haus zu verkaufen, stand nichts
+gegenueber als Hoffnungen und Aussichten: nebelhafte Aussichten, allzu
+kuehne Hoffnungen ... Es fror; Diederich ging am Sonntag in den Stadtpark,
+wo es schon dunkelte, und auf einem einsamen Pfad begegnete er Wolfgang
+Buck.
+
+"Ich habe mich nun doch entschlossen", erklaerte Buck. "Ich gehe zur
+Buehne."
+
+"Und Ihre buergerliche Stellung? Und Ihre Heirat?"
+
+"Ich habe es versucht, aber das Theater ist vorzuziehen. Es wird dort
+weniger Komoedie gespielt, wissen Sie, man ist ehrlicher bei der Sache.
+Auch sind die Weiber schoener."
+
+"Das ist kein Standpunkt", erwiderte Diederich. Aber Buck war es ernst.
+"Ich muss zugeben, das Geruecht ueber Guste und mich hat mir Spass gemacht.
+Andererseits: so bloedsinnig es ist, es ist nun einmal da, das Maedchen
+leidet darunter, ich kann sie nicht laenger kompromittieren."
+
+Diederich widmete ihm einen abschaetzigen Seitenblick, denn er hatte den
+Eindruck, Buck nahm das Geruecht zum Vorwand, um sich zu druecken. "Sie
+werden wohl wissen," versetzte er streng, "was Sie da anrichten. Ein
+anderer nimmt sie jetzt natuerlich auch nicht mehr leicht. Es gehoert schon
+verdammt viel ritterliche Gesinnung dazu."
+
+Buck bestaetigte dies. "Fuer einen wirklich modernen, grosszuegigen Mann",
+sagte er bedeutungsvoll, "muesste es eine besondere Genugtuung sein, ein
+Maedchen unter solchen Umstaenden zu sich hinaufzuziehen und fuer sie
+einzutreten. Hier, wo auch Geld ist, wuerde zweifellos der Edelmut zuletzt
+das Feld behaupten. Denken Sie an das Gottesgericht im Lohengrin."
+
+"Wieso, Lohengrin?"
+
+Hierauf antwortete Buck nicht mehr; da sie das Sachsentor erreicht hatten,
+ward er unruhig. "Kommen Sie mit hinein?" fragte er. - "Wo denn hinein?" -
+"Gleich hier, Schweinichenstrasse 77. Ich muss es ihr doch sagen, Sie
+koennten vielleicht -." Da pfiff Diederich durch die Zaehne.
+
+"Sie sind wirklich -. Sie haben ihr noch nichts gesagt? Vorher erzaehlen
+Sie es in der Stadt umher? Ihre Sache, mein Bester, aber mich lassen Sie
+aus dem Spiel, den Braeuten anderer Leute pflege ich nicht die Verlobung zu
+kuendigen."
+
+"Machen Sie eine Ausnahme", bat Buck. "Mir werden Szenen im Leben so
+schwer."
+
+"Ich habe Grundsaetze", sagte Diederich. Buck lenkte ein.
+
+"Sie brauchen nichts zu sagen; Sie sollen mir nur in einer stummen Rolle
+als moralische Unterstuetzung dienen."
+
+"Moralisch?" fragte Diederich.
+
+"Als Vertreter sozusagen des verhaengnisvollen Geruechtes."
+
+"Was wollen Sie damit sagen?"
+
+"Ich scherze. Da sind wir, kommen Sie."
+
+Und Diederich, betroffen durch Bucks letzte Wendung, ging wortlos mit.
+
+Frau Daimchen war ausgegangen, und Guste liess auf sich warten. Buck ging
+nachzusehen, was sie mache. Endlich kam sie, aber allein. "War nicht auch
+Wolfgang da?" fragte sie.
+
+Buck war ausgerissen!
+
+"Das begreife ich nicht", sagte Diederich. "Er hatte doch etwas ganz
+Dringendes bei Ihnen vor."
+
+Hierauf erroetete Guste. Diederich wandte sich der Tuer zu. "Dann empfehle
+ich mich auch."
+
+"Was wollte er denn?" forschte sie. "Das kommt bei ihm doch nicht oft vor,
+dass er etwas will. Und wozu bringt er Sie mit?"
+
+"Das sehe ich auch nicht ein. Ich darf sogar sagen, dass ich es entschieden
+missbillige, wenn er sich bei einer solchen Gelegenheit Zeugen nimmt. Meine
+Schuld ist es nicht, adieu."
+
+Aber je verlegener er sie ansah, desto dringender ward sie.
+
+"Ich muss es ablehnen," verriet er schliesslich, "dass ich mir mit den
+Angelegenheiten Dritter soll den Mund verbrennen, noch dazu, wenn der
+Dritte durchgeht und entzieht sich seinen naechstliegenden
+Verpflichtungen."
+
+Gustes aufgerissene Augen sahen die Worte einzeln aus Diederichs Mund
+hervorkommen. Als das letzte gefallen war, verharrte sie einen Augenblick
+reglos, und dann warf sie die Haende vor das Gesicht. Sie schluchzte, man
+sah ihre Wangen aufquellen und die Traenen ihr durch die Finger rinnen. Sie
+hatte kein Schnupftuch; Diederich lieh es ihr, betreten durch ihren
+Schmerz. "Schliesslich", meinte er, "ist ja so viel nicht an ihm verloren."
+Da aber empoerte sich Guste. "Das sagen Sie! Sie sind derjenige welcher und
+haben immer gegen ihn gehetzt. Dass er ausgerechnet Sie muss herschicken,
+das kommt mir mehr wie sonderbar vor."
+
+"Wie meinen Sie das, bitte?" verlangte Diederich seinerseits. "Sie mussten
+wohl reichlich so genau wissen wie ich, geehrtes Fraeulein, was Sie von dem
+betreffenden Herrn zu erwarten hatten. Denn wo die Gesinnung schlapp ist,
+ist alles schlapp."
+
+Da sie ihn hoehnisch musterte, versetzte er um so strenger:
+
+"Ich habe Ihnen alles richtig vorausgesagt."
+
+"Weil es Ihnen so passte", erwiderte sie giftig. Und Diederich, mit Ironie:
+"Er hat mich doch selbst angestellt, dass ich seinen Kochtopf sollte
+umruehren. Und wenn der Kochtopf nicht in braune Lappen eingewickelt
+gewesen waere, haette er ihn schon laengst ueberkochen lassen."
+
+Da rang es sich los aus Guste. "Haben Sie 'ne Ahnung! Das ist es ja, das
+kann und kann ich ihm nicht verzeihen, dass ihm immer _alles_ wurscht war,
+sogar mein Geld!"
+
+Diederich war erschuettert. "Mit so einem soll man sich nicht einlassen",
+stellte er fest. "Die haben keinen Halt und laufen einem durch die
+Finger." Er nickte gewichtig. "Wem das Geld wurscht ist, der versteht das
+Leben nicht."
+
+Guste laechelte blass. "Dann verstehen Sie es glaenzend."
+
+"Das wollen wir hoffen", sagte er. Sie kam naeher zu ihm, durch ihre
+letzten Traenen blinzelte sie ihn an.
+
+"Recht haben Sie ja nun behalten. Was meinen Sie wohl, das ich mir daraus
+mache?" Sie verzog den Mund. "Ich hab' ihn doch ueberhaupt nicht geliebt.
+Bloss auf die Gelegenheit hab' ich gewartet, dass ich ihn loswerde. Nun ist
+er so gemein und geht von selbst ... Dann machen wir es ohne ihn", setzte
+sie hinzu, mit einem verlockenden Blick. Aber Diederich nahm nur sein
+Schnupftuch zurueck, fuer alles andere schien er zu danken. Guste begriff,
+dass er noch ebenso streng dachte, wie damals im Liebeskabinett; um so
+demuetiger verhielt sie sich.
+
+"Sie spielen gewiss auf meine Lage an, wo ich nun drin bin."
+
+Er lehnte ab. "Ich habe nichts gesagt." Guste klagte still. "Wenn die
+Leute Gemeinheiten ueber mich reden, dafuer kann ich doch nicht!"
+
+"Ich auch nicht."
+
+Guste senkte den Kopf. "Na ja, ich muss es wohl einsehen. So eine wie ich
+verdient nicht mehr, dass ein wirklich feiner Mann mit ernsten Ansichten
+vom Leben sie noch nimmt." Und dabei schielte sie von unten nach der
+Wirkung.
+
+Diederich schnaufte. "Es kann auch sein -", begann er und machte eine
+Pause. Guste atmete nicht. "Nehmen wir einmal an," sagte er mit
+schneidender Betonung, "jemand hat im Gegenteil die allerernstesten
+Ansichten vom Leben, und er empfindet modern und grosszuegig, und im vollen
+Gefuehl der Verantwortlichkeit gegen sich selbst sowohl als gegen seine
+kuenftigen Kinder, wie gegen Kaiser und Vaterland uebernimmt er den Schutz
+des wehrlosen Weibes und zieht es zu sich empor."
+
+Gustes Miene war immer frommer geworden. Sie lehnte die Handflaechen
+aneinander und sah ihn mit schiefem Kopf innig flehend an. Dies schien
+noch nicht zu genuegen, er verlangte offenbar etwas ganz Besonderes: und so
+fiel Guste plumps auf die Knie. Da nahte Diederich ihr gnaedig. "So soll es
+sein", sagte er und blitzte.
+
+Hier trat Frau Daimchen ein. "Nanu," bemerkte sie, "was ist denn los?" Und
+Guste, mit Geistesgegenwart: "Ach Gott, Mutter, wir suchen meinen Ring", -
+worauf auch Frau Daimchen sich am Boden niederliess. Diederich wollte nicht
+zurueckstehen. Nach einer Weile stummen Umherkriechens rief Guste: "Hat ihm
+schon!" Sie stand entschlossen auf.
+
+"Dass du es nur weisst, Mutter, ich habe mich veraendert."
+
+Frau Daimchen, noch ausser Atem, begriff nicht sogleich. Guste und
+Diederich vereinten ihre Anstrengungen, um sie aufzuklaeren. Schliesslich
+gestand sie, dass sie selbst, weil die Leute nun einmal redeten, an so
+etwas schon gedacht habe. "Wolfgang war sowieso 'n bisschen zu
+miesepeterig, ausser er hatte was getrunken. Bloss die Familie, dagegen
+kommen Hesslings nicht auf."
+
+Das werde sie sehen, behauptete Diederich; und er kuendigte an, dass nichts
+abgemacht sei, solange das Praktische auch nicht stimmte. Die Ausweise
+ueber Gustes Mitgift mussten herbei, dann verlangte er Guetergemeinschaft -
+und was er nachher mit dem Gelde anfing, da durfte niemand hineinreden!
+Bei jedem Widerspruch hielt er den Tuergriff schon in der Hand, und
+jedesmal sprach Guste leise und angstvoll zu ihrer Mutter: "Soll denn
+morgen die ganze Stadt sich den Mund verrenken, weil ich den einen los
+bin, und der andere ist auch gleich wieder weg?"
+
+Als alles stimmte, ward Diederich jovial. Er ass zu Abend mit den Damen und
+wollte schon, ohne lange zu fragen, das Dienstmaedchen nach dem
+Verlobungssekt schicken. Dies kraenkte Frau Daimchen, denn natuerlich hatte
+sie welchen im Hause, das verlangten die Herren Offiziere, die bei ihr
+verkehrten. "Ueberhaupt haben Sie mehr Glueck als Verstand, denn den Herrn
+Leutnant von Brietzen haette Guste auch gekriegt." Darauf lachte Diederich
+wohlgemut. Alles ging gut. Fuer ihn das viele Geld, und der Leutnant von
+Brietzen fuer Emmi!... Man ward sehr lustig; bei der zweiten Flasche
+taumelte das Brautpaar auf seinen Stuehlen immer einer gegen den anderen,
+ihre Fuesse waren umeinandergewickelt bis zum Knie, und Diederichs Hand
+beschaeftigte sich unten. Drueben drehte Frau Daimchen die Daumen. Ploetzlich
+verursachte Diederich ein donnerndes Geraeusch und erklaerte sofort, er
+uebernehme dafuer die volle Verantwortung, es sei in aristokratischen
+Kreisen ueblich, er verkehre bei Wulckows.
+
+Welche Ueberraschung, als Netzig den Umschwung der Dinge erfuhr! Auf die
+Erkundigungen der Gratulanten erwiderte Diederich, was er mit den
+anderthalb Millionen seiner Frau beginnen werde, sei ganz ungewiss.
+Vielleicht ziehe er nach Berlin, fuer grosszuegige Unternehmungen sei es das
+Angezeigte. Seine Fabrik jedenfalls denke er bei Gelegenheit zu verkaufen.
+"Die Papierindustrie macht ueberhaupt eine Krise durch; diese mitten in
+Netzig gelegene Klitsche hat in meinen Verhaeltnissen keinen Sinn mehr."
+
+Daheim gab es eitel Sonnenschein. Die Schwestern erhielten ein erhoehtes
+Taschengeld, und seiner Mutter gestattete Diederich so viele Ruehrszenen
+und Umarmungen, als sie sich irgend wuenschen konnte; ja, er nahm willig
+ihren Segen entgegen. Guste, so oft sie kam, trat in der Rolle einer Fee
+auf, die Arme voll Blumen, Bonbons, silbernen Beuteln. An ihrer Seite
+schien Diederich ueber Blumen zu wandeln. Die Tage entschwebten himmlisch
+leicht, unter Einkaeufen, Sektfruehstuecken und den Brautvisiten, einen
+vornehmen Lohndiener auf dem Bock, und drinnen im Wagen die Verlobten
+anregend miteinander beschaeftigt.
+
+Die schoene Laune, die mit ihrem Dasein spielte, fuehrte sie eines Abends in
+den Lohengrin. Die beiden Muetter hatten sich dazu verstehen muessen, zu
+Hause zu bleiben; es war der feste Wille des Brautpaares, der
+Schicklichkeit zum Trotz allein in einer Proszeniumsloge zu sitzen. Das
+breite rote Plueschsofa an der Wand, wo man nicht gesehen werden konnte,
+war eingedrueckt und fleckig, es hatte etwas Reizvoll-Fragwuerdiges. Guste
+wollte wissen, dass diese Loge eigentlich den Herren Offizieren gehoerte,
+und dass sie hier Besuche von Schauspielerinnen empfingen!
+
+"Ueber die Schauspielerinnen sind wir gluecklich hinaus", erklaerte
+Diederich, und er liess durchblicken, dass er allerdings bis vor kurzem mit
+einer gewissen Dame vom Theater, die er natuerlich nicht nennen koenne -.
+Gustes fieberhafte Fragen wurden rechtzeitig unterbrochen durch das
+Klopfen des Kapellmeisters. Sie nahmen ihre Plaetze ein.
+
+"Haehnisch ist noch wabbeliger geworden", bemerkte Guste sogleich, und sie
+nickte nach dem Dirigenten hinab. Er machte auf Diederich einen
+hochkuenstlerischen, wenn auch ungesunden Eindruck. Schwarze, verwirrte
+Haarstraehnen wippten, indes er mit allen seinen Gliedmassen den Takt
+schlug, ueber seinem grossen grauen Gesicht, dessen Fettsaecke mitwippten;
+und in Frack und Hose wogte es rhythmisch. Im Orchester war grosser
+Betrieb, dennoch gab Diederich zu verstehen, dass er auf Ouvertueren keinen
+Wert lege. Ueberhaupt, meinte Guste, wenn man den Lohengrin in Berlin
+kannte! Der Vorhang ging auf, und schon kicherte sie verachtungsvoll.
+"Gott, die Ortrud! Sie hat einen Schlafrock und ein Frontkorsett!"
+Diederich hielt sich mehr an den Koenig unter der Eiche, der sichtlich die
+prominenteste Persoenlichkeit war. Sein Auftreten wirkte nicht besonders
+schneidig; Wulckow brachte Bass und Vollbart entschieden besser zur
+Geltung; aber was er aeusserte, war vom nationalen Standpunkt aus zu
+begruessen. "Des Reiches Ehr' zu wahren, ob Ost, ob West." Bravo! So oft er
+das Wort deutsch sang, reckte er die Hand hinauf, und die Musik
+bekraeftigte es ihrerseits. Auch sonst unterstrich sie einem markig, was
+man hoeren sollte. Markig, das war das Wort. Diederich wuenschte sich, er
+haette zu seiner Rede in der Kanalisationsdebatte eine solche Musik gehabt.
+Der Heerrufer dagegen stimmte ihn wehmuetig, denn er glich aufs Haar dem
+dicken Delitzsch in all seiner verflossenen Bierehrlichkeit. Infolgedessen
+sah Diederich die Gesichter der Mannen naeher an und fand ueberall
+Neuteutonen. Sie hatten groessere Baeuche und Baerte bekommen und sich gegen
+die harte Zeit mit Blech geruestet. Auch schienen nicht alle sich in
+guenstigen Lebensumstaenden zu befinden; die Edlen sahen aus wie mittlere
+Beamte des Mittelalters, mit Ledergesichtern und Knickebeinen, die Unedlen
+noch weniger glaenzend; aber der Verkehr mit ihnen waere unzweifelhaft in
+tadellosen Formen verlaufen. Ueberhaupt ward Diederich gewahr, dass man sich
+in dieser Oper sogleich wie zu Hause fuehlte. Schilder und Schwerter, viel
+rasselndes Blech, kaisertreue Gesinnung, Ha und Heil und hochgehaltene
+Banner, und die deutsche Eiche: man haette mitspielen moegen.
+
+Was den weiblichen Teil der Brabanter Gesellschaft betraf, der liess
+freilich zu wuenschen. Guste stellte spoettische Fragen: welche es denn nun
+sei, mit der er -. "Vielleicht die Ziege in dem Haengekleid? Oder die dicke
+Kuh mit dem Goldreifen zwischen den Hoernern?" Und Diederich war nicht weit
+davon entfernt, sich fuer die schwarze Dame mit dem Frontkorsett zu
+entscheiden, als er noch rechtzeitig bemerkte, dass eben sie in der ganzen
+Angelegenheit nicht einwandfrei dastand. Ihr Gatte Telramund schien
+zunaechst noch leidlich Komment zu haben, aber eine hoechst ueble
+Klatschgeschichte spielte offenbar auch hier mit. Leider war die deutsche
+Treue, selbst wo sie ein so glaenzendes Bild darbot, bedroht von den
+juedischen Machenschaften der dunkelhaarigen Rasse.
+
+Beim Auftreten Elsas war es ohne weiteres klar, auf welcher Seite man
+Klasse voraussetzen durfte. Der biedere Koenig haette es nicht noetig gehabt,
+die Sache dermassen objektiv zu behandeln: Elsas ausgesprochen germanischer
+Typ, ihr wallendes blondes Haar, ihr gutrassiges Benehmen boten von
+vornherein gewisse Garantien. Diederich fasste sie ins Auge, sie sah
+herauf, sie laechelte lieblich. Darauf griff er nach dem Opernglas, aber
+Guste entriss es ihm. "Also die Meree ist es?" zischte sie; und da er
+vielsagend laechelte: "Einen feinen Geschmack hast du, ich kann mich
+geschmeichelt fuehlen. Die ausgemergelte Juedin!" - "Juedin?" - "Die Meree,
+selbstredend, sie heisst doch Meseritz, und vierzig Jahre ist sie alt." -
+Betreten nahm er das Glas, das Guste ihm hoehnisch anbot, und ueberzeugte
+sich. Na ja, die Welt des Scheins. Enttaeuscht lehnte Diederich sich
+zurueck. Dennoch konnte er nicht hindern, dass Elsas keusche Vorahnung
+weiblicher Lustempfindungen ihn gerade so sehr ruehrte wie den Koenig und
+die Edlen. Das Gottesgericht schien auch ihm ein hervorragend praktischer
+Ausweg, auf die Weise ward niemand kompromittiert. Dass die Edlen sich auf
+die faule Sache nicht einlassen wuerden, war freilich vorherzusehen. Man
+musste schon mit etwas Ausserordentlichem rechnen; die Musik tat das ihre,
+sie machte einen geradezu auf alles gefasst. Diederich hatte den Mund offen
+und so dummselige Augen, dass Guste heimlich einen Lachkrampf bekam. Jetzt
+war er so weit, alle waren so weit, jetzt konnte Lohengrin kommen. Er kam,
+funkelte, schickte den Zauberschwan fort, funkelte noch betoerender.
+Mannen, Edle und der Koenig unterlagen alle derselben Verblueffung wie
+Diederich. Nicht umsonst gab es hoehere Maechte.... Ja, die allerhoechste
+Macht verkoerperte sich hier, zauberhaft blitzend. Ob Schwanen- oder
+Adlerhelm: Elsa wusste wohl, warum sie plumps vor ihm auf die Knie fiel.
+Diederich seinerseits blitzte Guste an, ihr verging das Lachen. Auch sie
+hatte erfahren, wie es war, wenn alle einen verklatschten, und den ersten
+war man los und konnte sich nirgends mehr sehen lassen und haette ueberhaupt
+wegziehen muessen: und da kam der Held und Retter und machte sich aus der
+ganzen Geschichte nichts und nahm einen doch! "So soll es sein!" sagte
+Diederich und nickte auf die kniefaellige Elsa hinab - indes Guste, die
+Lider gesenkt, in reuevoller Unterwerfung gegen seine Schulter fiel.
+
+Das weitere konnte man an den Fingern abzaehlen. Telramund machte sich
+einfach unmoeglich. Gegen die Macht unternahm man eben nichts. Zu ihrem
+Repraesentanten Lohengrin verhielt sich sogar der Koenig hoechstens wie ein
+besserer Bundesfuerst. Er sang seinem Vorgesetzten die Siegeshymne mit. Der
+Hort der guten Gesinnung ward schwungvoll gefeiert, die Umstuerzler mochten
+den deutschen Staub von ihren Pantoffeln schuetteln.
+
+Der zweite Akt - Guste ass noch immer, sanft hingegeben, Pralinees -
+brachte zunaechst in erhebender Weise den Gegensatz zur Anschauung zwischen
+dem glanzvollen, ohne Misston verlaufenden Fest der Gutgesinnten in den
+vornehm erleuchteten Raeumen des Palastes, und den beiden dunkeln Empoerern,
+die stark heruntergekommen auf dem Pflaster lagen. "Erhebe dich, Genossin
+meiner Schmach", meinte Diederich bei passender Gelegenheit selbst schon
+angewendet zu haben. Er verband Ortrud mit gewissen persoenlichen
+Erinnerungen: ein ganz gemeines Luder, darueber war nichts zu sagen; aber
+irgendwas regte sich in ihm, wenn sie ihren Kerl einwickelte und unter
+sich hatte. Er traeumte.... Vor Elsa, der dummen Gans, mit der sie machte
+was sie wollte, hatte Ortrud das gewisse Etwas voraus, das die energischen
+und strengen Damen haben. Elsa freilich konnte man heiraten. Er schielte
+nach Guste. "Es gibt ein Glueck, das ohne Reu", bemerkte Elsa; und
+Diederich zu Guste: "Das wollen wir hoffen."
+
+Den frisch ausgeschlafenen Edlen und Mannen wurde sodann durch den dicken
+Delitzsch eroeffnet, dass sie Dank Gottes Gnade einen neuen Landesfuersten
+bekommen hatten. Gestern standen sie noch treu und bieder zu Telramund,
+heute waren sie biedere, treue Untertanen Lohengrins. Sie erlaubten sich
+keine Meinung und schluckten jede Vorlage. "Den Reichstag bringen wir auch
+noch so weit", gelobte Diederich.
+
+Wie aber Ortrud vor Elsa in das Muenster treten wollte, empoerte sich Guste.
+"Das hat sie nun nicht noetig, darueber aergere ich mich immer. Wo sie doch
+nichts mehr hat, und ueberhaupt." - "Juedische Frechheit", murmelte
+Diederich. Uebrigens konnte er nicht umhin, Lohengrin, gelinde gesagt,
+unvorsichtig zu finden, als er es glatt in Elsas Hand legte, ob er seinen
+Namen verraten und dadurch das ganze Geschaeft in Frage stellen sollte oder
+nicht. So viel durfte man Weibern nicht zumuten. Und wozu? Den Mannen
+brauchte er nicht erst zu beweisen, dass er, trotz dem Noergler Telramund,
+reine Haende und keinen Fleck auf der Weste habe: ihre nationale Gesinnung
+war durchaus unverdaechtig.
+
+Guste verhiess ihm, im dritten Akt kaeme das Allerschoenste, aber dafuer muesse
+sie durchaus noch Pralinees haben. Als man sie hatte, stieg der
+Hochzeitsmarsch, und Diederich sang ihn mit. Die Mannen im Festzuge
+verloren entschieden ohne Blech und Banner, auch Lohengrin haette sich
+besser nicht im Wams gezeigt. Diederich ward bei seinem Anblick wieder
+einmal von dem Wert der Uniform durchdrungen. Die Damen waren gluecklich
+fort, mit ihren Stimmen wie saure Milch. Aber der Koenig! Er konnte nicht
+wegfinden von dem Brautpaar, biederte sich an und schien am liebsten als
+Zuschauer dableiben zu wollen. Diederich, dem der Koenig schon immer zu
+konziliant gewesen war fuer diese harte Zeit, nannte ihn jetzt einfach eine
+Nulpe.
+
+Endlich fand er die Tuer, Lohengrin und Elsa machten sich auf dem Sofa an
+die "Wonnen, die nur Gott verleiht". Zuerst umschlangen sie sich nur oben,
+die unteren Koerperteile sassen nach Moeglichkeit voneinander entfernt. Je
+mehr sie aber sangen, um so naeher rutschten sie heran, - wobei ihre
+Gesichter sich haeufig auf Haehnisch richteten. Haehnisch und sein Orchester
+schienen ihnen einzuheizen: es war begreiflich, denn auch Diederich und
+Guste in ihrer stillen Loge schnauften leise und sahen einander an mit
+erhitzten Augen. Die Gefuehle gingen den Weg der Zauberklaenge, die Haehnisch
+mit wogenden Gliedern hervorlockte, und die Haende folgten ihnen. Diederich
+liess die seine zwischen Gustes Stuhl und ihrem Ruecken hinabgleiten,
+umspannte sie unten und murmelte betoert: "Wie ich das zum erstenmal
+gesehen habe, gleich hab' ich gesagt, die oder keine!"
+
+Aber da wurden sie aus dem Zauberbann gerissen durch einen Zwischenfall,
+der bestimmt schien, die Kunstfreunde Netzigs noch lange zu beschaeftigen.
+Lohengrin zeigte sein Jaegerhemd! Eben stimmte er an: "Atmest du nicht mit
+mir die suessen Duefte", da kam es hinten aus dem Wams hervor, das aufging.
+Bis Elsa ihn, sichtlich erregt, zugeknoepft hatte, herrschte im Hause
+lebhafte Unruhe; dann erlag es wieder dem Zauberbann. Guste freilich, die
+sich mit einem Pralinee verschluckt hatte, stiess auf ein Bedenken. "Wie
+lange traegt er das Hemd schon? Und ueberhaupt, er hat doch nichts mit, der
+Schwan ist mit seinem Gepaeck abgeschwommen!" Diederich verwies ihr
+ernstlich das Nachdenken. "Du bist gerade so eine Gans wie Elsa", stellte
+er fest. Denn Elsa war im Begriff, sich alles zu verderben, weil sie es
+nicht lassen konnte, ihren Mann nach seinen politischen Geheimnissen zu
+fragen. Der Umsturz ward vollends zerschmettert, denn Telramunds feiges
+Attentat misslang durch Gottes Fuegung; aber die Weiber, dies musste
+Diederich sich sagen, wirkten, wenn man ihnen nicht die Kandare fest
+anzog, eher noch subversiver.
+
+Nach der Verwandlung ward dies vollends klar. Eiche, Banner, alles
+nationale Zubehoer war wieder da; und "fuer deutsches Land das deutsche
+Schwert, so sei des Reiches Kraft bewaehrt": bravo! Aber Lohengrin schien
+nun wirklich entschlossen, sich aus dem oeffentlichen Leben zurueckzuziehen.
+"Ueberall wurde an mir gezweifelt", durfte auch er sagen. Nacheinander
+klagte er den toten Telramund und die ohnmaechtige Elsa an. Da keins von
+beiden ihm widersprach, haette er ohne weiteres recht behalten; dazu kam
+aber noch, dass er tatsaechlich in der Rangliste obenan stand. Denn jetzt
+gab er sich zu erkennen. Die Nennung seines Namens rief bei der ganzen
+Versammlung, die noch nie von ihm gehoert hatte, eine ungeheure Bewegung
+hervor. Die Mannen konnten sich gar nicht beruhigen; alles andere schienen
+sie erwartet zu haben, nur nicht, dass er Lohengrin hiess. Um so dringlicher
+ersuchten sie den geliebten Herrscher, von dem folgenschweren Schritt der
+Abdankung diesmal noch abzusehen. Aber Lohengrin blieb heiser und
+unnahbar. Uebrigens wartete schon der Schwan. Eine letzte Frechheit Ortruds
+brach ihr zur allgemeinen Genugtuung den Hals. Leider deckte gleich darauf
+auch Elsa das Schlachtfeld, das Lohengrin, statt des entzauberten Schwans
+von einer kraeftigen Taube gezogen, hinter sich liess. Dafuer war der junge,
+soeben eingetroffene Gottfried in drei Tagen der dritte Landesfuerst, dem
+Edle und Mannen, treu und bieder wie immer, ihre Huldigung darbrachten.
+
+"Das kommt davon", bemerkte Diederich, indes er Guste in den Mantel half.
+Alle diese Katastrophen, die Wesensaeusserungen der Macht waren, hatten ihn
+erhoben und tief befriedigt. "Wovon kommt es denn", meinte Guste, zum
+Widersprechen aufgelegt. "Bloss weil sie wissen will, wer er ist? Das kann
+sie wohl verlangen, das ist nicht mehr wie anstaendig." - "Es hat einen
+hoeheren Sinn", erklaerte ihr Diederich streng. "Die Geschichte mit dem
+Gral, das soll heissen, der allerhoechste Herr ist naechst Gott nur seinem
+Gewissen verantwortlich. Na und wir wieder ihm. Wenn das Interesse Seiner
+Majestaet in Betracht kommt, kannst du machen was du willst, ich sage
+nichts, und eventuell -." Eine Handbewegung gab zu verstehen, dass auch er,
+in einen derartigen Konflikt gestellt, Guste unbedenklich dahinopfern
+wuerde. Dies erboste Guste. "Das ist ja Mord! Wie komm' ich dazu, dass ich
+muss draufgehen, weil Lohengrin ein temperamentloser Hammel ist. Nicht
+einmal in der Hochzeitsnacht hat Elsa von ihm was gemerkt!" Und Guste
+ruempfte die Nase, wie damals beim Verlassen des Liebeskabinetts, wo auch
+nichts geschehen war.
+
+Auf dem Heimweg versoehnten sich die Verlobten. "Das ist die Kunst, die wir
+brauchen!" rief Diederich aus. "Das ist deutsche Kunst!" Denn hier
+erschienen ihm, in Text und Musik, alle nationalen Forderungen erfuellt.
+Empoerung war hier dasselbe wie Verbrechen, das Bestehende, Legitime ward
+glanzvoll gefeiert, auf Adel und Gottesgnadentum der hoechste Wert gelegt,
+und das Volk, ein von den Ereignissen ewig ueberraschter Chor, schlug sich
+willig gegen die Feinde seiner Herren. Der kriegerische Unterbau und die
+mystischen Spitzen, beides war gewahrt. Auch wirkte es bekannt und
+sympathisch, dass in dieser Schoepfung der schoenere und geliebtere Teil der
+Mann war. "Ich fuehl' das Herze mir vergehn, schau ich den wonniglichen
+Mann", sangen auch die Maenner samt dem Koenig. So war denn die Musik an
+ihrem Teil der maennlichen Wonne voll, war heldisch, wenn sie ueppig war,
+und kaisertreu noch in der Brunst. Wer widerstand da? Tausend Auffuehrungen
+einer solchen Oper, und es gab niemand mehr, der nicht national war!
+Diederich sprach es aus: "Das Theater ist auch eine meiner Waffen." Kaum
+ein Majestaetsbeleidigungsprozess konnte die Buerger so gruendlich aus dem
+Schlummer ruetteln. "Ich habe den Lauer in die Vogtei gebracht, aber wer
+den Lohengrin geschrieben hat, vor dem nehm' ich den Hut ab." Er schlug
+ein Zustimmungstelegramm an Wagner vor. Guste musste ihn aufklaeren, es sei
+nicht mehr zu machen. Einmal auf so hohem Gedankenflug begriffen, aeusserte
+sich Diederich ueber die Kunst im allgemeinen. Unter den Kuensten gab es
+eine Rangordnung. "Die hoechste ist die Musik, daher ist es die deutsche
+Kunst. Dann kommt das Drama."
+
+"Warum?" fragte Guste.
+
+"Weil man es manchmal in Musik setzen kann, und weil man es nicht zu lesen
+braucht, und ueberhaupt."
+
+"Und was kommt dann?"
+
+"Die Portraetmalerei natuerlich, wegen der Kaiserbilder. Das uebrige ist
+nicht so wichtig."
+
+"Und der Roman?"
+
+"Der ist keine Kunst. Wenigstens Gott sei Dank keine deutsche: das sagt
+schon der Name."
+
+
+
+Und dann war der Hochzeitstag da. Denn beide hatten Eile: Guste wegen der
+Leute, Diederich aus Gruenden der Politik. Um mehr Eindruck zu machen,
+hatte man beschlossen, dass Magda und Kienast am gleichen Tage heiraten
+sollten. Kienast war eingetroffen, und Diederich betrachtete ihn manchmal
+mit Unruhe, weil Kienast sich den Bart hatte abnehmen lassen, den
+Schnurrbart an den Augenwinkeln trug und auch schon blitzte. In den
+Verhandlungen ueber Magdas Gewinnanteil zeigte er einen schreckenerregenden
+Geschaeftsgeist. Diederich, nicht ohne Besorgnis wegen des Ausgangs der
+Sache, wenn auch entschlossen, seine Pflicht gegen sich selbst restlos zu
+erfuellen, vertiefte sich jetzt oefter in seine Geschaeftsbuecher ... Sogar am
+Morgen vor seiner Trauung und schon im Frack, sass er im Kontor; da ward
+eine Karte gebracht: Karnauke, Premierleutnant a. D. "Was kann der wollen,
+Soetbier?" Der alte Buchhalter wusste es auch nicht. Na egal. "Einen
+Offizier kann ich nicht abweisen." Und Diederich ging selbst zur Tuer.
+
+In der Tuer aber erschien ein ungewoehnlich strammer Herr in einem
+gruenlichen Sommermantel, der troff, und den er am Halse fest geschlossen
+trug. Unter seinen spitzen Lackschuhen entstand sofort eine Lache, von
+seinem gruenen Agrarierhuetchen, das er merkwuerdigerweise aufbehielt,
+regnete es. "Zunaechst wollen wir uns mal trocken legen", versetzte der
+Herr und begab sich, bevor Diederich zustimmte, zum Ofen. Hier sagte er
+schnarrend: "Verkaufen, was? Klemme, was?" Diederich begriff nicht
+sogleich; dann warf er einen unruhigen Blick auf Soetbier. Der Alte hatte
+sich wieder an seinen Brief gemacht. "Herr Premierleutnant haben sich
+gewiss in der Hausnummer geirrt", bemerkte Diederich schonend; aber es half
+nichts. "Quatsch. Weiss Bescheid. Nur keine Fisimatenten. Hoeherer Befehl.
+Schnauze halten und verkaufen, sonst gnade Gott."
+
+Diese Sprache war zu auffallend; Diederich konnte nicht laenger uebersehen,
+dass trotz der militaerischen Vergangenheit des Herrn seine ungeheure
+Strammheit nicht echt war und dass seine Augen verglast waren. In dem
+Augenblick, als Diederich dies feststellte, nahm der Herr sein gruenes
+Agrarierhuetchen vom Kopf und entleerte es seines Wassers auf Diederichs
+Frackhemd. Dies veranlasste Diederich zu einem Protest, aber der Herr nahm
+ihn sehr uebel. "Ich stehe Ihnen zur Verfuegung", schnarrte er. "Die Herren
+von Quitzin und von Wulckow werden in meinem Auftrag mit Ihnen reden."
+Dabei zwinkerte er angestrengt - und Diederich, dem ein schrecklicher
+Verdacht kam, vergass seinen Zorn, er war einzig bedacht, den
+Premierleutnant aus der Tuer zu draengen. "Wir sprechen draussen", raunte er
+ihm zu, und nach der anderen Seite zu Soetbier: "Der Herr ist sinnlos
+betrunken, ich muss sehen, wie ich ihn los werde." Aber Soetbier hatte die
+Lippen zusammengepresst, die Stirn gefaltet und kehrte diesmal nicht zu
+seinem Brief zurueck.
+
+Der Herr ging geradeswegs in den Regen hinaus, Diederich folgte ihm.
+"Deswegen keine Feindschaft, reden kann man doch." Erst nachdem auch er
+durchnaesst war, gelang es ihm, den Herrn wieder ins Haus zu lotsen. Durch
+den leeren Maschinenraum schrie der Premierleutnant: "Glas Schnaps! Kaufe
+alles, Schnaps mit!" Obwohl die Arbeiter zur Feier seiner Hochzeit frei
+hatten, sah Diederich sich angstvoll um; er oeffnete den Verschlag, wo die
+Chlorsaecke lagen, und befoerderte mit verzweifeltem Schub den Herrn hinein.
+Es stank furchtbar; der Herr nieste mehrmals, worauf er sagte: "Karnauke
+mein Name, warum stinken Sie so?"
+
+"Haben Sie einen Hintermann?" fragte Diederich. Der Herr nahm auch das
+uebel. "Was wollen Sie damit sagen?... Ach so, kaufe, was Platz hat."
+Diederichs Blick folgend, betrachtete er sein triefendes Sommermaentelchen.
+"Momentane Verlegenheit", schnarrte er. "Vermittle Kavalieren.
+Ehrensache."
+
+"Was bietet Ihr Auftraggeber?"
+
+"Hundertzwanzig die Kiste."
+
+Und wie Diederich sich entsetzte oder empoerte: zweihunderttausend sei sein
+Grundstueck wert, der Premierleutnant blieb dabei: "Hundertzwanzig die
+Kiste."
+
+"Nicht zu machen" - Diederich vollfuehrte eine unvorsichtige Bewegung nach
+dem Ausgang, worauf der Herr ernstlich gegen ihn vorging. Diederich musste
+ringen, fiel auf einen Chlorsack und der Herr ueber ihn. "Stehen Sie auf,"
+keuchte Diederich, "hier werden wir gebleicht." Der Premierleutnant heulte
+auf, als brennte es ihm schon durch die Kleider, - und ploetzlich hatte er
+seine stramme Haltung zurueck. Er zwinkerte. "Praesident von Wulckow eklig
+hinterher, dass Sie verkaufen, sonst kein Geschaeft mit ihm zu machen.
+Vetter Quitzin arrondiert Besitz hier herum. Rechnet bestimmt auf Ihr
+Entgegenkommen. Hundertzwanzig die Kiste." Diederich, bleicher als waere er
+im Chlor liegengeblieben, versuchte noch: "Hundertfuenfzig", - aber die
+Stimme versagte ihm. Das war mehr, als man loyalerweise fassen konnte!
+Wulckow starrend von Beamtenehre, unbestechlich wie das Juengste
+Gericht!... Mit einem trostlosen Blick ueberflog er nochmals die Gestalt
+dieses Karnauke, Premierleutnants a. D. Den schickte Wulckow, dem lieferte
+er sich aus! Haette man nicht neulich, unter vier Augen, mit aller
+gebotenen Vorsicht und gegenseitigen Achtung das Geschaeft verhandeln
+koennen? Aber diese Junker konnten nur den Leuten an die Kehle springen;
+auf Geschaefte verstanden sie sich noch immer nicht. "Gehen Sie nur voran
+zum Notar," raunte Diederich, "ich komme gleich." Er liess ihn hinaus. Wie
+er aber selbst fort wollte, stand da der alte Soetbier, noch immer mit den
+gekniffenen Lippen. "Was wuenschen Sie?" Diederich war ermattet.
+
+"Junger Herr," begann der Alte hohl, "was Sie jetzt vorhaben, dafuer kann
+ich nicht mehr die Verantwortung tragen."
+
+"Wird nicht verlangt." Diederich gab sich Haltung. "Ich weiss allein, was
+ich tue." Der Alte hob beschwoerend die Haende.
+
+"Sie wissen es nicht, junger Herr! Unsere Lebensarbeit von Ihrem seligen
+Vater und mir, die verteidige ich! Dass wir das Geschaeft aufgebaut haben
+mit Fleiss und solider Arbeit, dadurch sind Sie gross geworden. Und wenn Sie
+mal teure Maschinen kaufen und mal die Auftraege ablehnen, das ist ein
+Zickzackkurs, damit bringen Sie das Geschaeft herunter. Und jetzt verkaufen
+Sie das alte Haus!"
+
+"Sie haben an der Tuer gehorcht. Wenn etwas geschieht, ohne dass Sie dabei
+sind, das vertragen Sie noch immer nicht recht. Erkaelten Sie sich hier nur
+nicht." Diederich hoehnte.
+
+"Sie duerfen es nicht verkaufen!" jammerte Soetbier. "Ich kann nicht
+zusehen, wie der Sohn und Erbe meines alten Herrn die solide Grundlage der
+Firma untergraebt und treibt Grossmannspolitik."
+
+Diederich mass ihn mitleidig. "Grosszuegigkeit war zu Ihrer Zeit noch nicht
+erfunden, Soetbier. Heute wagt man was. Betrieb ist die Hauptsache. Spaeter
+werden Sie sehen, wozu es gut war, dass ich das Haus verkaufe."
+
+"Ja, das werden Sie auch erst spaeter sehen. Vielleicht wenn Sie bankerott
+sind oder wenn Ihnen Ihr Schwager Herr Kienast einen Prozess anhaengt. Sie
+haben gewisse Manipulationen gemacht zum Schaden Ihrer Schwestern und
+Ihrer Mutter! Wenn ich dem Herrn Kienast manches sagen wollte -: bloss dass
+ich Pietaet habe, sonst koennte ich Sie ins Unglueck bringen!"
+
+Der Alte war ausser sich. Er kreischte, Traenen der Wut in den roten Lidern.
+Diederich trat nahe an ihn hin, er hielt ihm die geballte Hand unter die
+Nase. "Das versuchen Sie mal! Ich beweise glatt, dass Sie die Firma
+bestohlen haben, und zwar schon immer. Meinen Sie, ich habe keine
+Vorkehrungen getroffen?"
+
+Auch der Alte erhob seine zitternde Faust. Sie schnaubten sich an; Soetbier
+rollte blutige Augaepfel, Diederich blitzte. Dann trat der Alte zurueck.
+"Nein, so soll es nicht kommen. Ich war immer ein treuer Diener meines
+alten Herrn. Mein Gewissen gebietet mir, seinem Nachfolger meine bewaehrte
+Kraft so lange als moeglich zu erhalten."
+
+"Das koennte Ihnen passen", sagte Diederich hart und kalt. "Seien Sie froh,
+wenn ich Sie nicht direkt hinauswerfe. Schreiben Sie nur gleich Ihr
+Entlassungsgesuch, es ist schon bewilligt." Und er schritt von dannen.
+
+Beim Notar verlangte er, dass in den Kaufvertrag als Kaeufer "Unbekannt"
+gesetzt werde. Karnauke feixte. "Unbekannt ist gut. Wir kennen doch Herrn
+von Quitzin." Darauf laechelte auch der Notar. "Ich sehe," sagte er, "Herr
+von Quitzin arrondiert sich. Bislang gehoerte ihm in der Meisestrasse nur
+die kleine Kneipe zum Huhn. Aber wegen der beiden Grundstuecke hinter dem
+Ihren, Herr Doktor, verhandelt er auch schon. Dann grenzt er an den
+Stadtpark und hat Platz fuer riesige Anlagen."
+
+Diederich zitterte schon wieder. Leise bat er den Notar um Diskretion,
+solange es gehe. Dann nahm er Abschied, er habe keine Zeit zu verlieren.
+"Weiss ich", sagte der Premierleutnant und hielt ihn fest. "Freudentag.
+Fruehstueck Hotel Reichshof. Bin geruestet." Er oeffnete das gruene Maentelchen
+und zeigte auf seinen zerknitterten Gesellschaftsanzug. Diederich sah ihn
+entsetzt an, er versuchte sich zu wehren; aber der Leutnant drohte wieder
+mit seinen Zeugen.
+
+Die Braut wartete schon laengst, die beiden Muetter trockneten ihr die
+Traenen, unter dem anzueglichen Laecheln der anwesenden Damen. Auch dieser
+Braeutigam ging durch! Magda und Kienast waren empoert; und zwischen
+Schweinichenstrasse und Meisestrasse liefen Boten ... Endlich! Diederich war
+da, wenn auch in seinem alten Frack. Er gab nicht einmal Erklaerungen. Am
+Standesamt und in der Kirche wirkte er verstoert. Allerseits bemerkte man,
+auf einer so zustande gekommenen Verbindung ruhe kein Segen. Auch Pastor
+Zillich erwaehnte in seiner Ansprache, dass der irdische Besitz etwas
+Vergaengliches sei. Man begriff seine Enttaeuschung. Kaethchen war gar nicht
+erschienen.
+
+Beim Hochzeitsfruehstueck sass Diederich schweigend und sichtlich noch anders
+beschaeftigt. Selbst das Essen vergass er oft und stierte in die Luft.
+Einzig der Premierleutnant Karnauke hatte die Gabe, seine Aufmerksamkeit
+zu wecken. Freilich tat der Leutnant das Seine; schon nach der Suppe
+brachte er einen Toast auf die Braut aus, mit Anspielungen, denen die
+Versammlung nach Massgabe ihres bisherigen Weingenusses noch nicht
+gewachsen war. Mehr beunruhigt ward Diederich durch gewisse andere
+Wendungen Karnaukes, die er mit Zwinkern nach seinem Platz begleitete und
+die leider auch Kienast nachdenklich stimmten. Der Zeitpunkt, den
+Diederich mit Herzklopfen voraussah, trat ein: Kienast stand auf und bat
+ihn um ein Wort unter vier Augen ... Da aber klingelte der Premierleutnant
+heftig ans Glas, stramm schnellte er vom Sitz. Der schon vorgeschrittene
+Laerm des Festes brach jaeh ab; man sah an Karnaukes gespitzten Fingern ein
+blaues Band haengen und darunter ein Kreuz, dessen Rand golden funkelte ...
+Ah! und Tumult und Glueckwuensche. Diederich reichte beide Haende hin, eine
+Seligkeit, kaum zu ertragen, flutete ihm vom Herzen in den Hals, er redete
+von selbst und bevor er wusste was. "Seine Majestaet ... Unerhoerte Gnade ...
+Bescheidene Verdienste, nie wankende Treue ..." Er dienerte, er legte, wie
+Karnauke ihm das Kreuz ueberreichte, die Hand auf das Herz, schloss die
+Augen und versank: so als staende vor ihm ein anderer, der Geber selbst.
+Unter der Gnadensonne fuehlte Diederich, dies war die Rettung und der Sieg.
+Wulckow hielt den Pakt. Die Macht hielt Diederich den Pakt! Der
+Kronenorden vierter Klasse blitzte, und es ward Ereignis, das Denkmal
+Wilhelm des Grossen und Gausenfeld, Geschaeft und Ruhm!
+
+Der Aufbruch draengte. Kienast, immerhin bewegt und eingeschuechtert, bekam
+einige Worte allgemeinen Inhalts hingeworfen, von herrlichen Tagen, denen
+er entgegengefuehrt werden sollte, von grossen Dingen, die man mit ihm und
+der ganzen Familie vorhabe - und fort war Diederich mit Guste.
+
+Sie bestiegen die erste Klasse, er spendete drei Mark und zog die Vorhaenge
+zu. Sein von Glueck beschwingter Tatendrang litt keinen Aufschub, Guste
+haette so viel Temperament nie erwartet. "Du bist doch nicht wie
+Lohengrin", bemerkte sie. Als sie aber schon hinglitt und die Augen
+schloss, richtete Diederich sich nochmals auf. Eisern stand er vor ihr,
+ordenbehangen, eisern und blitzend. "Bevor wir zur Sache selbst
+schreiten," sagte er abgehackt, "gedenken wir Seiner Majestaet unseres
+allergnaedigsten Kaisers. Denn die Sache hat den hoeheren Zweck, dass wir
+Seiner Majestaet Ehre machen und tuechtige Soldaten liefern."
+
+"Oh!" machte Guste, von dem Gefunkel auf seiner Brust entrueckt in hoeheren
+Glanz. "Bist - du - das - Diederich?"
+
+
+
+
+
+ VI.
+
+
+Herr und Frau Doktor Hessling aus Netzig sahen einander stumm an im Lift
+des Zuericher Hotels, denn man fuhr sie in den vierten Stock. Dies war das
+Ergebnis des Blickes, den der Geschaeftsfuehrer schnell und schonend ueber
+sie hingefuehrt hatte. Diederich fuellte gehorsam den Meldezettel aus; erst
+als der Oberkellner fort war, aeusserte er seine Entruestung ueber den Betrieb
+hier und ueber Zuerich. Sie ward immer lauter und verdichtete sich zu dem
+Vorsatz, an Baedeker zu schreiben. Da diese Vergeltung indes zu wenig
+greifbar schien, machte er kehrt gegen Guste: ihr Hut sei schuld. Guste
+wieder schob es auf Diederichs Hohenzollernmantel. So stuerzten sie denn
+zum Lunch mit hochroten Koepfen. An der Tuer machten sie halt und schnauften
+unter den Blicken der Gaeste, Diederich im Smoking, Guste aber mit einem
+Hut, der Baender, Federn und Schnalle, alles auf einmal, hatte und der
+unzweifelhaft in die Beletage gehoerte. Ihr Bekannter, der Oberkellner,
+fuehrte sie im Triumph zu ihren Plaetzen.
+
+Mit Zuerich und auch mit dem Hotel versoehnten sie sich am Abend. Denn
+erstens war das Zimmer im vierten Stock nicht ehrenvoll, aber billig; und
+dann hing gerade gegenueber den Betten des Ehepaares eine fast lebensgrosse
+Odaliske, der braeunliche Leib hinschwellend auf ueppigem Polster, mit den
+Haenden unter dem Kopf, feuchtes Schmachten im schwarzen Spalt der Augen.
+In der Mitte war sie von dem Rahmen zerschnitten, was dem Ehepaar Anlass zu
+Scherzen gab. Am naechsten Tage gingen sie umher mit Blei in den Lidern,
+verschlangen riesige Mahlzeiten und fragten sich nur, was erst geschehen
+waere, wenn die Odaliske nicht in der Mitte zerschnitten, sondern ganz
+gewesen waere. Aus Muedigkeit versaeumten sie den Zug und kehrten am Abend,
+so frueh wie moeglich, in ihr billiges und aufreibendes Zimmer zurueck. Ein
+Ende dieser Art zu leben war nicht absehbar; da las Diederich mit seinen
+schweren Lidern in der Zeitung, dass der Kaiser unterwegs nach Rom sei zum
+Besuch des Koenigs von Italien. Ein Schlag, er war aufgewacht. Elastisch
+bewegte er sich zum Portier, ins Bureau, an den Lift; und mochte Guste
+jammern, dass ihr schwindlig werde, die Koffer waren schon fertig,
+Diederich schleifte Guste schon hinaus. "Muss es denn sein?" klagte sie,
+"wo doch das Bett so gut ist!" Aber Diederich hinterliess nur noch einen
+hoehnischen Blick fuer die Odaliske. "Amuesieren Sie sich weiter gut, meine
+Gnaedigste!"
+
+Vor Aufregung schlief er lange nicht. Guste schnarchte friedlich an seiner
+Schulter, indes Diederich, durch die Nacht sausend, bedachte, wie nun auf
+einer anderen Linie, aber nicht weniger sausend, demselben Ziel der Kaiser
+selbst entgegenfuhr. Der Kaiser und Diederich machten ein Wettrennen! Und
+da Diederich schon mehrmals im Leben hatte Gedanken aeussern duerfen, die auf
+mystische Art mit denen des Allerhoechsten Herrn zusammenzufallen schienen,
+vielleicht wusste Seine Majestaet zu dieser Stunde um Diederich: wusste, dass
+sein treuer Untertan ihm zur Seite ueber die Alpen zog, um den feigen
+Welschen mal klarzumachen, was Kaisertreue heisst. Er blitzte die Schlaefer
+auf der anderen Bank an, kleine schwarze Leute, deren Gesichter im Schlaf
+verfallen aussahen. Germanische Reckenhaftigkeit sollten sie kennenlernen!
+
+Frueh in Mailand und mittags in Florenz stiegen Reisende aus, was Diederich
+nicht begriff. Er versuchte, ohne merklichen Erfolg, den Uebriggebliebenen
+beizubringen, welches Ereignis sie in Rom erwarte. Zwei Amerikaner zeigten
+sich empfaenglicher, worauf Diederich triumphierend: "Na, Sie beneiden uns
+wohl auch um unseren Kaiser!" Da sahen die Amerikaner einander an, mit
+einer stummen Frage, die ergebnislos blieb.
+
+Vor Rom ging Diederichs Aufregung in wilden Taetigkeitsdrang ueber. Den
+Finger in einem Sprachfuehrer, lief er dem Zugpersonal nach und suchte in
+Erfahrung zu bringen, wer frueher ankommen werde, sein Kaiser oder er.
+Gustes Leidenschaft hatte sich an der des Gatten entzuendet. "Diedel!" rief
+sie. "Ich bin imstande und werf' ihm meinen Reiseschleier auf den Weg,
+damit dass er darueber geht, und die Rosen von meinem Hut schmeiss' ich auch
+hin!" - "Wenn er dich aber sieht und du machst ihm Eindruck?" fragte
+Diederich und laechelte fieberhaft. Gustes Busen begann zu wogen, sie
+senkte die Lider. Diederich, der keuchte, riss sich los aus der furchtbaren
+Spannung. "Meine Mannesehre ist mir heilig, was ich hiermit feststelle. In
+diesem Falle aber -" Und er schloss mit einer knappen Geste.
+
+Da kam man an - aber ganz anders, als die Gatten es ertraeumt hatten. In
+groesster Verwirrung wurden die Reisenden von Beamten aus dem Bahnhof
+gedraengt, bis an den Rand eines weiten Platzes und in die Strassen
+dahinter, die sofort wieder abgesperrt wurden. Aber Diederich, in
+entfesselter Begeisterung, durchbrach die Schranken. Guste, die entsetzt
+die Arme reckte, liess er mit allem Handgepaeck dastehen und stuerzte
+drauflos. Schon war er inmitten des Platzes; zwei Soldaten mit Federhueten
+jagten ihm nach, dass ihre bunten Frackschoesse flogen. Da schritten die
+Bahnhofsrampe mehrere Herren herab, und alsbald fuhr ein Wagen auf
+Diederich zu. Diederich schwenkte den Hut, er bruellte auf, dass die Herren
+im Wagen ihr Gespraech unterbrachen. Der rechts neigte sich vor - und sie
+sahen einander an, Diederich und sein Kaiser. Der Kaiser laechelte kalt
+pruefend mit den Augenfalten, und die Falten am Mund liess er ein wenig
+herab. Diederich lief ein Stueck mit, die Augen weit aufgerissen, immer
+schreiend und den Hut schwenkend, und einige Sekunden lang waren sie,
+indes ringsum dahinten eine fremde Menge ihnen Beifall klatschte, in der
+Mitte des leeren Platzes und unter einem knallblauen Himmel ganz
+miteinander allein, der Kaiser und sein Untertan.
+
+Schon verschwand der Wagen drueben in der beflaggten Strasse, die Hochrufe
+schwollen schon ab in der Ferne, und Diederich, der aufseufzte und die
+Augen schloss, setzte den Hut wieder auf.
+
+Guste winkte ihn krampfhaft herbei, und die Leute, die noch umherstanden,
+klatschten ihm zu, mit Gesichtern voll heiteren Wohlwollens. Auch die
+Soldaten, die vorhin ihn verfolgt hatten, lachten nun. Einer von ihnen
+ging in seiner Teilnahme so weit, dass er einen Kutscher herbeirief. Wie er
+abfuhr, gruesste Diederich die Menge. "Sie sind wie die Kinder", erklaerte er
+seiner Gattin. "Na, aber auch entsprechend schlapp", setzte er hinzu, und
+er gestand: "In Berlin waere das denn doch nicht gegangen ... Wenn ich an
+den Krawall Unter den Linden denke, der Betrieb war 'n bisschen schaerfer."
+Und er setzte sich zurecht, um am Hotel vorzufahren. Dank seiner Haltung
+bekamen sie ein Zimmer im zweiten Stock.
+
+Die erste Morgensonne aber sah Diederich schon wieder in den Strassen. "Der
+Kaiser steht frueh auf", hatte er Guste bedeutet, die nur aus den Kissen
+grunzte. Uebrigens konnte er sie nicht brauchen bei seiner Aufgabe. Den
+Finger auf dem Plan der Stadt, gelangte er bis vor den Quirinal und
+stellte sich hin. Der stille Platz war hellgolden von schraegen Strahlen,
+grell und wuchtig im leeren Himmel stand der Palast - und gegenueber
+Diederich, der Majestaet gewaertig, auf vorgestreckter Brust den Kronenorden
+vierter Klasse. Die Treppen herauf aus der Stadt trippelte eine
+Ziegenherde und verschwand hinter dem Brunnen und den riesigen
+Rossebaendigern. Diederich sah sich nicht um. Zwei Stunden vergingen, die
+Passanten wurden haeufiger, eine Schildwache war hinter ihrem Haus
+hervorgekommen, in einem der beiden Portale bewegte sich ein Portier, und
+mehrere Personen gingen ein oder aus. Diederich ward unruhig. Er machte
+sich naeher an die Fassade heran, strich langsam vorbei, gespannt ins
+Innere spaehend. Bei seinem dritten Erscheinen fuehrte der Portier, ein
+wenig zoegernd, die Hand an den Hut. Als Diederich stehenblieb und
+zurueckgruesste, ward er vertraulich. "Alles in Ordnung", sagte er hinter der
+Hand; und Diederich nahm die Meldung mit einer Miene des Einverstaendnisses
+entgegen. Es schien ihm nur natuerlich, dass man ihn ueber das Wohlergehen
+seines Kaisers unterrichtete. Seine Fragen, wann der Kaiser ausfahren
+werde und wohin, wurden anstandslos beantwortet. Der Portier verfiel von
+selbst darauf, dass Diederich, um den Kaiser zu begleiten, einen Wagen
+brauchen werde, und er schickte danach. Inzwischen hatte ein Haeuflein
+Neugieriger sich gebildet, und dann trat der Portier beiseite; hinter
+einem Vorreiter, im offenen Wagen, erschien, unter dem Blitzen seines
+Adlerhelms, der blonde Herr des Nordens. Diederichs Hut flog schon,
+Diederich schrie, wie aus der Pistole geschossen, auf italienisch: "Es
+lebe der Kaiser!" Und gefaellig schrie das Haeuflein mit ... Diederich aber,
+ein Sprung in den Einspaenner, der bereitstand, und los, hinterdrein, den
+Kutscher angefeuert mit rauhem Schrei und geschwungenem Trinkgeld. Und
+sieh: schon hielt er, dahinten nahte erst der Allerhoechste Wagen. Als der
+Kaiser ausstieg, war wieder ein Haeuflein da, und wiederum schrie Diederich
+auf italienisch ... Wache gehalten vor dem Haus, worin sein Kaiser weilte!
+Die Brust heraus und angeblitzt, wer sich in die Naehe traute! Nach zehn
+Minuten war das Haeuflein neu vervollstaendigt, der Wagen entrollte dem Tor,
+und Diederich: "Es lebe der Kaiser!" - und, im Echo des Haeufleins,
+wildbrausend zurueck zum Quirinal. Wache. Der Kaiser im Tschako. Das
+Haeuflein. Ein neues Ziel, eine neue Rueckkehr, eine neue Uniform, und
+wieder Diederich, und wieder jubelnder Empfang. So ging es weiter, und nie
+hatte Diederich ein schoeneres Leben gekannt. Sein Freund, der Portier,
+unterrichtete ihn zuverlaessig, wohin man fuhr. Auch kam es vor, dass ein
+salutierender Beamter ihm eine Meldung machte, die er herablassend
+entgegennahm, oder dass einer Direktiven zu erbitten schien - und dann
+erteilte Diederich sie in unbestimmter Form, aber gebieterisch. Die Sonne
+stieg hoch und hoeher; vor den brennenden Marmorquadern der Fassaden,
+hinter denen sein Kaiser weltumspannende Unterredungen pflog, litt
+Diederich, ohne zu wanken, Hitze und Durst. So stramm er sich hielt, war
+es ihm doch, als sinke sein Bauch unter der Last des Mittags bis auf das
+Pflaster herab und als schmelze ihm auf der Brust sein Kronenorden vierter
+Klasse ... Der Kutscher, der immer haeufiger die naechste Kneipe betrat,
+empfand endlich Bewunderung fuer das heldenhafte Pflichtgefuehl des
+Deutschen und brachte ihm Wein mit. Neues Feuer in den Adern, machten sich
+beide an das naechste Rennen. Denn die kaiserlichen Renner liefen scharf;
+um ihnen vorauszukommen, musste man Gassen durchjagen, die aussahen wie
+Kanaele und deren spaerliche Passanten sich schreckensvoll gegen die Mauer
+drueckten; oder es hiess aussteigen und Hals ueber Kopf eine Treppe nehmen.
+Dann aber stand Diederich puenktlich an der Spitze seines Haeufleins, sah
+die siebente Uniform aussteigen und schrie. Und dann wandte der Kaiser den
+Kopf und laechelte. Er erkannte ihn wieder, seinen Untertan! Den, der
+schrie, den, der immer schon da war, wie Swinegel. Diederich, federnd vor
+Hochgefuehl ueber die Allerhoechste Aufmerksamkeit, blitzte das Volk an, in
+dessen Mienen heiteres Wohlwollen stand.
+
+Erst die Versicherung des Portiers, dass Seine Majestaet nun fruehstuecke,
+erlaubte es Diederich, sich Gustes zu erinnern. "Wie siehst du aus!" rief
+sie bei seinem Anblick und zog sich gegen die Wand zurueck. Denn er war rot
+wie eine Tomate, voellig aufgeweicht, und sein Blick war hell und wild wie
+der eines germanischen Kriegers der Vorzeit auf einem Eroberungszuge durch
+Welschland. "Dies ist ein grosser Tag fuer die nationale Sache!" versetzte
+er mit Wucht. "Seine Majestaet und ich, wir machen moralische Eroberungen!"
+Wie er dastand! Guste vergass ihren Schrecken und den Aerger ueber das lange
+Warten: sie kam herbei mit liebevollen Armen, und demuetig rankte sie sich
+an ihm hinauf.
+
+Aber kaum das Stuendchen zum Essen goennte Diederich sich. Er wusste wohl,
+nach dem Mittagsmahl ruhte der Kaiser; dann hiess es, unter seinen Fenstern
+Wache stehen und nicht weichen. Er wich nicht; und der Erfolg zeigte, wie
+recht er tat. Denn noch hielt er seinen Posten, dem Portal gegenueber,
+nicht achtzig Minuten lang besetzt, als es geschah, dass ein verdaechtig
+aussehendes Individuum unter Benutzung einer kurzen Abwesenheit des
+Portiers sich einschlich, sich hinter eine Saeule drueckte und im lauernden
+Schatten Plaene barg, die nicht anders sein konnten als unheilvoll. Da aber
+Diederich! Wie den Sturm und mit Kriegsgeschrei sah man ihn ueber den Platz
+tosen. Aufgescheuchtes Volk stuerzte sofort hinterdrein, die Wache eilte
+herbei, im Portal lief Dienerschaft zusammen - und alle bewunderten
+Diederich, wie er einen, der sich versteckt hatte, wild ringend
+hervorzerrte. Die beiden schlugen dermassen um sich, dass nicht einmal die
+bewaffnete Macht an sie herankam. Ploetzlich sah man Diederichs Gegner, dem
+es gelungen war, den rechten Arm zu befreien, eine Buechse schwingen.
+Atemlose Sekunden - dann tobte die aufheulende Panik dem Ausgang zu. Eine
+Bombe! Er wirft!... Er hatte schon geworfen. In der Erwartung des Knalles
+lagen die naechsten, im voraus wimmernd, am Boden. Diederich aber: weiss auf
+Gesicht, Schultern und Brust stand er da und nieste. Es roch stark nach
+Pfefferminz. Die Kuehnsten kehrten um und untersuchten ihn mit der Nase;
+ein Soldat unter wallenden Federn betupfte ihn mit dem benetzten Finger
+und kostete. Diederich verstand wohl, was er hierauf der Menge mitteilte
+und weshalb sogleich in alle Gesichter das heitere Wohlwollen
+zurueckkehrte, denn seit einem Augenblick blieb ihm selbst kein Zweifel
+mehr darueber, dass er mit Zahnpulver beworfen war. Dessenungeachtet behielt
+er die Gefahr im Auge, der der Kaiser, dank seiner Wachsamkeit, vielleicht
+entronnen war. Der Attentaeter suchte - ganz vergebens - an ihm vorbei das
+Weite zu gewinnen: Diederichs eiserne Faust ueberlieferte ihn den
+Polizeiwaechtern. Diese stellten fest, dass es sich um einen Deutschen
+handelte, und baten Diederich, ihn zu inquirieren. Er unterzog sich der
+Aufgabe, trotz dem Zahnpulver, das ihn bedeckte, mit hoechster Korrektheit.
+Die Antworten des Menschen, der bezeichnenderweise Kuenstler war, hatten
+keine ausgesprochen politische Faerbung, verrieten aber durch ihre
+abgrundtiefe Respektlosigkeit und Unmoral nur zu wohl die Tendenzen des
+Umsturzes, weshalb Diederich seine Verhaftung dringend empfahl. Die
+Waechter fuehrten ihn ab, nicht ohne vor Diederich zu salutieren, der nur
+noch Zeit hatte, sich von seinem Freunde, dem Portier, abbuersten zu
+lassen. Denn schon war der Kaiser gemeldet; Diederichs persoenlicher Dienst
+begann wieder.
+
+Sein Dienst fuehrte ihn rastlos umher bis in die Nacht und endlich vor das
+Gebaeude der deutschen Botschaft, wo Seine Majestaet Empfang hielt. Ein
+laengerer Aufenthalt des Allerhoechsten Herrn gab Diederich Gelegenheit,
+beim naechsten Wirt seine Stimmung zu erhoehen. Er erklomm vor der Tuer einen
+Stuhl und richtete an das Volk eine Ansprache, die von nationalem Geiste
+getragen war und der schlappen Bande die Vorzuege eines strammen Regiments
+klarmachte und eines Kaisers, der kein Schattenkaiser war ... Sie sahen
+ihn, rot ueberstrahlt vom Licht der offenen Becken, die vor dem Palaste des
+Deutschen Reiches loderten, auf seinem Stuhl den eckig behaarten Mund
+aufreissen, sahen ihn blitzen und wie von Eisen starren - was ihnen
+offenbar genuegte, um ihn zu verstehen, denn sie jubelten, klatschten und
+liessen den Kaiser leben, sooft Diederich ihn leben liess. Mit einem Ernst,
+der nicht ohne Drohung war, nahm Diederich fuer seinen Herrn und die
+furchtbare Macht seines Herrn die Huldigungen des Auslandes entgegen,
+worauf er von dem Stuhl herabkletterte und wieder zum Wein ging. Mehrere
+Landsleute, kaum weniger angeregt als er, tranken ihm zu und kamen nach in
+heimischer Weise. Einer entfaltete eine Abendzeitung mit einem riesigen
+Bild des Kaisers und las den Bericht eines Zwischenfalles vor, den im
+Portal des Quirinals ein Deutscher hervorgerufen hatte. Nur durch die
+Geistesgegenwart eines Beamten im persoenlichen Dienst des Kaisers war
+Schlimmeres verhindert worden; und auch das Bildnis dieses Beamten war
+dabei. Diederich erkannte ihn wohl. Wenn die Aehnlichkeit auch nur
+allgemeiner Natur und der Name arg entstellt war, der Umfang des Gesichtes
+und der Schnurrbart stimmten. So sah denn Diederich den Kaiser und sich
+selbst auf dem gleichen Zeitungsblatt vereinigt, den Kaiser samt seinem
+Untertan der Welt zur Bewunderung dargeboten. Es war zu viel. Feuchten
+Auges richtete Diederich sich auf und stimmte die Wacht am Rhein an. Der
+Wein, der so billig war, und die Begeisterung, die immer neu genaehrt ward,
+bewirkten, dass die Kunde, der Kaiser verlasse die Botschaft, Diederich
+nicht mehr in korrekter Haltung fand. Er tat gleichwohl alles, was er noch
+vermochte, um seiner Pflicht zu genuegen. Er schoss im Zickzack das Kapitol
+hinab, stolperte und rollte ueber die Stufen weiter. Drunten in der Gasse
+holten seine Zechgenossen ihn ein, er stand mit dem Gesicht der Mauer
+zugekehrt ... Fackelschein und Hufschlag: der Kaiser! Die anderen
+schwankten hinterdrein, Diederich aber, kein Komment half ihm mehr, glitt
+hin, wo er stand. Zwei staedtische Waechter fanden ihn, an die Mauer
+gelehnt, in einer Lache sitzen. Sie erkannten den Beamten im persoenlichen
+Dienst des Deutschen Kaisers, und voll tiefer Besorgnisse beugten sie sich
+ueber ihn. Gleich darauf aber sahen sie einander an und brachen in
+ungeheure Froehlichkeit aus. Der persoenliche Beamte war gottlob nicht tot,
+denn er schnarchte; und die Lache, in der er sass, war kein Blut.
+
+Am naechsten Abend, bei der Galavorstellung im Theater, sah der Kaiser
+ungewoehnlich ernst aus. Diederich bemerkte es, er sagte zu Guste: "Jetzt
+weiss ich doch, wozu ich das viele Geld hab' ausgegeben. Pass auf, wir
+erleben einen historischen Moment!" Und seine Ahnung betrog ihn nicht. Die
+Abendblaetter verbreiteten sich im Theater, und man erfuhr, der Kaiser
+werde noch nachts abreisen, und er habe seinen Reichstag aufgeloest!
+Diederich, ebenso ernst wie der Kaiser, erklaerte allen, die in der Naehe
+sassen, die Schwere des Ereignisses. Der Umsturz hatte sich nicht
+entbloedet, die Militaervorlage abzulehnen! Die Nationalgesinnten gingen fuer
+ihren Kaiser in einen Kampf auf Leben und Tod! Er selbst werde mit dem
+naechsten Zuge nach Hause fahren, versicherte er, worauf man ihm sofort den
+Zug nannte ... Wer nicht zufrieden war, war Guste. "Endlich ist man mal
+woanders, und, Gott sei Dank, hat man es und kann sich was leisten. Wie
+komm' ich dazu, dass ich mich soll zwei Tage im Hotel mopsen und dann
+gleich wieder retour, bloss wegen -." Der Blick, den sie nach der
+kaiserlichen Loge schleuderte, war so voll von Auflehnung, dass Diederich
+mit aeusserster Strenge einschritt. Guste ward ihrerseits laut; ringsum
+zischte man, und als Diederich den Widersachern blitzend die Stirne bot,
+sah er sich von ihnen veranlasst, mit Guste aufzubrechen, noch bevor ihr
+Zug ging. "Komment hat das Pack nun mal nicht", stellte er draussen fest
+und schnaufte stark. "Ueberhaupt, was ist hier los, moecht' ich mal wissen.
+Schoenes Wetter, na ja ... Na, nu sieh dir wenigstens noch das alte Zeug
+an, das da 'rumsteht!" heischte er. Guste, wieder gebaendigt, sagte
+klagend: "Ich geniess' es ja." Und dann fuhren sie in gemessenem Abstand
+hinter dem Zug des Kaisers her. Guste, die in der Eile ihre Schwaemme und
+Buersten vergessen hatte, wollte immer aussteigen. Damit sie
+sechsunddreissig Stunden Geduld hatte, musste Diederich ihr unermuedlich die
+nationale Sache vorhalten. Trotzdem waren, als sie endlich in Netzig Fuss
+fasste, ihre erste Sorge die Schwaemme. Am Sonntag hatte man ankommen
+muessen! Zum Glueck war wenigstens die Loewenapotheke offen. Indes Diederich
+vor dem Bahnhof auf die Koffer wartete, ging Guste schon hinueber. Da sie
+aber nicht zurueckkam, folgte er ihr.
+
+
+
+Die Tuer der Apotheke stand halb offen, drei junge Burschen spaehten hinein
+und waelzten sich. Diederich, der ueber sie wegsah, erstarrte vor Staunen -
+denn drinnen hinter dem Ladentisch schritt, die Arme gekreuzt und mit
+duesterem Blick, hin und her sein alter Freund und Kommilitone Gottlieb
+Hornung. Guste sagte gerade: "Nun bin ich doch gespannt, ob ich bald meine
+Zahnbuerste kriege", da kam Gottlieb Hornung hinter dem Ladentisch hervor,
+die Arme immer verschraenkt und Guste in seinen duesterm Blick fassend. "Sie
+werden meiner Miene angesehen haben," begann er mit Rednerstimme, "dass ich
+weder in der Lage noch gewillt bin, Ihnen eine Zahnbuerste zu verkaufen." -
+"Nanu!" machte Guste und wich zurueck. "Aber Sie haben doch das ganze Glas
+hier voll." Gottlieb Hornung laechelte wie Luzifer. "Der Onkel dort oben" -
+er warf den Kopf zurueck und zeigte mit dem Kinn nach der Decke, hinter der
+wohl sein Prinzipal hauste - "der kann hier feilbieten, was ihm beliebt.
+Ich fuehle mich dadurch nicht beruehrt. Ich habe nicht sechs Semester
+studiert und einer hochfeinen Korporation angehoert, damit ich mich jetzt
+hier hinstelle und Zahnbuersten verkaufe." - "Wozu sind Sie denn da?"
+fragte Guste, merklich eingeschuechtert. Da versetzte Hornung, majestaetisch
+rollend: "Ich bin fuer die Rezeptur da!" Und Guste fuehlte wohl, sie sei
+zurueckgeschlagen; sie wandte sich zum Gehen. Eins fiel ihr doch noch ein.
+"Mit den Schwaemmen waere es wohl dasselbe?" - "Ganz dasselbe", bestaetigte
+Hornung. Hierauf hatte Guste offenbar gewartet, um sich ernstlich zu
+entruesten. Sie streckte den Busen vor und wollte loslegen; Diederich hatte
+aber noch Zeit, dazwischenzutreten. Er gab dem Freunde recht darin, dass
+die Wuerde der Neuteutonia zu wahren und ihr Banner hochzuhalten sei. Wenn
+jemand trotzdem einen Schwamm brauchte, konnte er ihn sich am Ende selbst
+nehmen und den Betrag hinlegen - was Diederich hiermit tat. Gottlieb
+Hornung ging inzwischen beiseite und pfiff, als sei er allein. Sodann
+bekundete Diederich seine Teilnahme an dem bisherigen Ergehen des
+Freundes. Leider war viel Missgeschick dabei; denn da Hornung niemals
+Schwaemme und Zahnbuersten hatte verkaufen wollen, war er schon aus fuenf
+Apotheken entlassen worden. Dennoch war er entschlossen, weiter fuer seine
+Ueberzeugung einzustehen, auf die Gefahr, dass es ihn auch hier wieder seine
+Stellung kostete. "Da sieh dir einen echten Neuteutonen an!" sagte
+Diederich zu Guste, und sie sah ihn sich an.
+
+Diederich hielt seinerseits nicht laenger zurueck mit dem, was er erlebt und
+erreicht hatte. Er machte auf seinen Orden aufmerksam, drehte Guste vor
+Hornung rundherum und nannte die Ziffer ihres Vermoegens. Der Kaiser,
+dessen Feinde und Beleidiger dank Diederich hinter Schloss und Riegel
+sassen, war in Rom ganz kuerzlich und gleichfalls dank Diederich einer
+persoenlichen Gefahr entronnen. Die Zeitungen sprachen, um eine Panik an
+den Hoefen und an der Boerse zu vermeiden, nur von dem Bubenstreich eines
+Halbwahnsinnigen, "aber im Vertrauen gesagt, ich habe Anlass, zu glauben,
+dass ein weitverzweigtes Komplott bestanden hat. Du wirst verstehen,
+Hornung, dass das nationale Interesse die groesste Zurueckhaltung gebietet,
+denn du bist sicher auch ein national gesinnter Mann." Hornung war es
+natuerlich, und so konnte Diederich sich ueber die hochwichtige Aufgabe
+verbreiten, die ihn genoetigt hatte, von seiner Hochzeitsreise ploetzlich
+zurueckzukehren. Es galt, in Netzig den nationalen Kandidaten
+durchzubringen! Die Schwierigkeiten durfte man sich nicht verhehlen.
+Netzig war eine Hochburg des Freisinns, der Umsturz ruettelte an den
+Grundlagen.... Hier begann Guste zu drohen, dass sie mit dem Gepaeck nach
+Hause fahren werde. Diederich konnte den Freund nur noch dringend
+einladen, ihn gleich heute abend zu besuchen, er habe dringend mit ihm zu
+reden. Wie er in den Wagen stieg, sah er einen der Schlingel, die draussen
+gewartet hatten, die Apotheke betreten und eine Zahnbuerste verlangen.
+Diederich bedachte, dass Gottlieb Hornung eben vermoege seiner
+aristokratischen Richtung, die ihm beim Verkauf von Schwaemmen und
+Zahnbuersten so hinderlich war, im Kampf gegen die Demokratie ein
+wertvoller Bundesgenosse werden koenne. Aber dies war die geringste seiner
+schleunigen Sorgen. Der alten Frau Hessling wurden nur schnell ein paar
+Traenen erlaubt, dann musste sie wieder in das obere Stockwerk hinauf, wo
+frueher nur das Dienstmaedchen und die nasse Waesche untergebracht waren und
+wohin Diederich jetzt seine Mutter und Emmi beseitigt hatte. Den Russ von
+der Reise noch im Bart, begab er sich hintenherum zum Praesidenten von
+Wulckow, liess darauf, nicht weniger unauffaellig, Napoleon Fischer zu sich
+kommen und hatte inzwischen schon Schritte getan, um ohne Verzug eine
+Zusammenkunft mit Kunze, Kuehnchen und Zillich zu bewirken.
+
+Der Sonntagnachmittag erschwerte das Unternehmen; der Major konnte nur mit
+Muehe seiner Kegelpartie entrissen werden, den Pastor musste man an einem
+Familienausflug mit Kaethchen und Assessor Jadassohn verhindern, und der
+Professor befand sich in den Haenden seiner beiden Pensionaere, die ihn
+schon halb betrunken gemacht hatten. Schliesslich gelang es, alle im Lokal
+des Kriegervereins zusammenzutreiben, und Diederich eroeffnete ihnen ohne
+weiteren Zeitverlust, dass ein nationaler Kandidat aufgestellt werden muesse
+und dass nach Lage der Dinge nur einer in Frage komme, naemlich Herr Major
+Kunze. "Hurra!" rief Kuehnchen ohne weiteres, aber die Miene des Majors zog
+sich noch gewitterhafter zusammen. Ob man ihn denn fuer naiv halte,
+knirschte er hervor. Ob man glaube, er lechze nach einer Blamage. "Ein
+nationaler Kandidat in Netzig, was dem passiert, darauf bin ich nicht
+neugierig. Wenn alles so gewiss waere wie der nationale Durchfall!"
+Diederich liess dies keineswegs gelten. "Wir haben den Kriegerverein, den
+wollen die Herren in Rechnung stellen. Der Kriegerverein ist eine
+unschaetzbare Operationsbasis. Von ihr aus schlagen wir uns in gerader
+Linie durch, wenn ich so sagen darf, bis zum Kaiser-Wilhelm-Denkmal, und
+dort wird die Schlacht gewonnen." "Hurra!" schrie Kuehnchen wieder, die
+beiden anderen aber wuenschten doch zu wissen, was es mit dem Denkmal sei,
+und Diederich weihte sie ein in seine Erfindung - wobei er lieber darueber
+hinwegging, dass das Denkmal der Gegenstand eines Paktes zwischen ihm und
+Napoleon Fischer sei. Das freisinnige Saeuglingsheim, so viel verriet er,
+war nicht populaer, eine Menge Waehler liessen sich zu der nationalen Sache
+herueberziehen, wenn man ihnen aus dem Nachlass des alten Kuehlemann ein
+Kaiser-Wilhelm-Denkmal versprach. Erstens wurden dabei mehr Handwerker
+beschaeftigt, und dann kam Betrieb in die Stadt, die Einweihung solch eines
+Denkmals zog weite Kreise, Netzig hatte Aussicht, seinen schlechten Ruf
+als demokratischer Sumpf zu verlieren und in die Gnadensonne zu ruecken.
+Dabei dachte Diederich an seinen Pakt mit Wulckow, ueber den er auch lieber
+hinging. "Dem Manne aber, der so unendlich viel fuer uns alle erreicht und
+errungen hat" - er zeigte schwungvoll auf Kunze - "dem Manne wird unsere
+liebe alte Stadt ganz sicher auch dereinst ein Denkmal setzen. Er und
+Kaiser Wilhelm der Grosse werden einander anblicken -" "Und die Zunge
+zeigen", schloss der Major, der bei seinem Unglauben verharrte. "Wenn Sie
+meinen, die Netziger warten nur auf den grossen Mann, der sie mit
+klingendem Spiel in das nationale Lager fuehrt, warum spielen Sie dann
+nicht selbst den grossen Mann?" Und er bohrte sich in Diederichs Augen.
+Aber Diederich riss sie nur noch ehrlicher auf; er legte die Hand auf das
+Herz. "Herr Major! Meine wohlbekannte kaisertreue Gesinnung hat mir schon
+schwerere Pruefungen auferlegt als eine Kandidatur fuer den Reichstag, und
+die Pruefungen, das darf ich sagen, hab' ich bestanden! Dabei hab' ich mich
+nicht gescheut, als Vorkaempfer der guten Sache, allen Hass der
+Schlechtgesinnten auf meine Person zu laden, und hab' es mir dadurch
+unmoeglich gemacht, die Frucht meiner Opfer selbst einzustecken. Mich
+wuerden die Netziger nicht waehlen, meine Sache werden sie waehlen, und darum
+trete ich zurueck, denn sachlich sein heisst deutsch sein, und lasse Ihnen,
+Herr Major, neidlos die Ehren und die Freuden!" Allgemeine Bewegung.
+Kuehnchens Bravo klang traenenfeucht, der Pastor nickte weihevoll, und Kunze
+starrte, sichtlich erschuettert, unter den Tisch. Diederich aber fuehlte
+sich leicht und gut, er hatte sein Herz sprechen lassen, und es hatte
+Treue, Opfersinn und mannhaften Idealismus ausgedrueckt. Diederichs blond
+behaarte Hand streckte sich ueber den Tisch, und die braun behaarte des
+Majors schlug zoegernd, doch kraeftig hinein.
+
+Nach dem Herzen freilich ergriff bei allen vier Maennern wieder die
+Vernunft das Wort. Der Major erkundigte sich, ob Diederich bereit sei, ihn
+zu entschaedigen fuer die ideellen und materiellen Verluste, von denen er
+bedroht sei, falls er gegen den Kandidaten des freisinnigen Kluengels in
+die Schranken trete und ihm unterliege. "Sehen Sie wohl!" - und er reckte
+den Finger gegen Diederich, der angesichts dieser Geradlinigkeit nicht
+gleich Worte fand. "So ganz koscher kommt Ihnen die nationale Sache auch
+nicht vor, und dass Sie mich durchaus 'rankriegen wollen, wie ich Sie
+kenne, Herr Doktor, haengt das mit irgendwelchen Fisimatenten Ihrerseits
+zusammen, von denen ich als gerader Soldat gottlob nichts verstehe."
+Hierauf beeilte Diederich sich, dem geraden Soldaten einen Orden zu
+versprechen, und da er sein Einverstaendnis mit Wulckow durchblicken liess,
+war der nationale Kandidat endlich rueckhaltlos gewonnen.... Inzwischen
+aber hatte Pastor Zillich es sich ueberlegt, ob seine Stellung in der Stadt
+es ihm erlaube, den Vorsitz des nationalen Wahlkomitees zu uebernehmen.
+Sollte er die Zwietracht in seine Gemeinde tragen? Sein leiblicher
+Schwager Heuteufel war der Kandidat der Liberalen! Freilich, wenn man
+statt des Denkmals eine Kirche gebaut haette! "Denn wahrlich, Gotteshaeuser
+tun mehr denn je not, und meine liebe Kirche von Sankt Marien wird von der
+Stadt so sehr vernachlaessigt, dass sie heute oder morgen mir und meinen
+Christen auf den Kopf fallen kann." Ohne Saeumen verbuergte Diederich sich
+fuer alle gewuenschten Reparaturen. Zur Bedingung machte er nur, dass der
+Pastor von den Vertrauensstellungen der neuen Partei alle diejenigen
+Elemente fernhalte, die schon durch gewisse Aeusserlichkeiten berechtigte
+Zweifel an der Echtheit ihrer nationalen Gesinnung erregten. "Ohne in
+Familienverhaeltnisse eingreifen zu wollen", setzte Diederich hinzu und sah
+Kaethchens Vater an, der offenbar begriffen hatte, denn er muckte nicht....
+Aber auch Kuehnchen, der laengst nicht mehr hurra schrie, meldete sich. Die
+beiden anderen hatten ihn, waehrend sie selbst sprachen, nur mit Gewalt auf
+seinem Sitz festgehalten; kaum dass sie ihn losliessen, riss er stuermisch die
+Debatte an sich. Wo musste die nationale Gesinnung vor allem wurzeln? In
+der Jugend? Wie aber war das moeglich, wenn der Rektor des Gymnasiums ein
+Freund des Herrn Buck war. "Da kann ich mir die Schwindsucht an den Hals
+reden von unseren glorreichen Taten im Jahre siebzig..." Genug, Kuehnchen
+wollte Rektor werden, und Diederich bewilligte es ihm grossmuetig.
+
+Nachdem dermassen die politische Haltung auf der gesunden Grundlage der
+Interessen festgelegt war, konnte man sich mit gutem Gewissen der
+Begeisterung hingeben, die, wie Pastor Zillich erklaerte, von Gott kam und
+auch der besten Sache erst die hoehere Weihe lieh, und so begab man sich in
+den Ratskeller.
+
+In aller Fruehe, als die vier Herren heimgingen, klebten an den Mauern
+zwischen den weissen Wahlaufrufen Heuteufels und den roten des Genossen
+Fischer die schwarzweissrot geraenderten Plakate, die Herrn Major Kunze als
+Kandidaten der "Partei des Kaisers" empfahlen. Diederich pflanzte sich so
+fest, als es ihm moeglich war, davor auf und las mit schneidiger
+Tenorstimme. "Vaterlandslose Gesellen des aufgeloesten Reichstages haben es
+gewagt, unserem herrlichen Kaiser die Machtmittel zu versagen, deren er
+zur Groesse des Reiches bedarf.... Wollen uns des grossen Monarchen wuerdig
+erweisen und seine Feinde zerschmettern! Einziges Programm: Der Kaiser!
+Die fuer mich und die wider mich: Umsturz und Partei des Kaisers!"
+Kuehnchen, Zillich und Kunze bekraeftigten alles mit Geschrei; und da einige
+Arbeiter, die in die Fabrik gingen, erstaunt stehenblieben, drehte
+Diederich sich um und erlaeuterte ihnen das nationale Manifest. "Leute!"
+rief er. "Ihr wisst gar nicht, was ihr fuer ein Schwein habt, dass ihr
+Deutsche seid. Denn um unseren Kaiser beneidet uns die ganze Welt, habe
+mich soeben im Ausland persoenlich davon ueberzeugt." Hier schlug Kuehnchen
+mit der Faust auf dem Anschlagbrett einen Tusch, und die vier Herren
+schrien hurra, indes die Arbeiter ihnen zusahen. "Wollt ihr, dass euer
+Kaiser euch Kolonien schenkt?" fragte Diederich sie. "Na also. Dann
+schaerft ihm gefaelligst das Schwert! Waehlt keinen vaterlandslosen Gesellen,
+das verbitte ich mir, sondern einzig den Kandidaten des Kaisers, Herrn
+Major Kunze: sonst garantiere ich euch keinen Augenblick fuer unsere
+Stellung in der Welt, und es kann euch passieren, dass ihr mit zwanzig Mark
+weniger Lohn alle vierzehn Tage nach Haus geht!" Hier sahen die Arbeiter
+stumm einander an, und dann setzten sie sich wieder in Bewegung.
+
+Aber auch die Herren verloren keine Zeit. Kunze selbst ging auf steifen
+Beinen an die Aufgabe, den Mitgliedern des Kriegervereins den Standpunkt
+klarzumachen. "Wenn die Kerls glauben," erklaerte er, "sie koennen kuenftig
+noch den freien Gewerkschaften angehoeren! Den Freisinn treiben wir ihnen
+auch aus! Von heute ab greift 'ne schaerfere Tonart Platz!" Pastor Zillich
+verhiess eine verwandte Taetigkeit in den christlichen Vereinen, indes
+Kuehnchen zum voraus von der frischen Begeisterung seiner Primaner
+schwaermte, die auf Fahrraedern die Stadt durcheilen und Waehler
+herbeischleppen sollten. Das rastloseste Pflichtgefuehl aber beseelte doch
+Diederich. Er verschmaehte jede Ruhe; seiner Gattin, die im Bett lag und
+ihn mit Vorwuerfen empfing, erwiderte er blitzend: "Mein Kaiser hat ans
+Schwert geschlagen, und wenn mein Kaiser ans Schwert schlaegt, dann gibt es
+keine ehelichen Pflichten mehr. Verstanden?" Worauf Guste sich schroff
+herumwarf und das mit ihren hinteren Reizen ausgefuellte Federbett wie
+einen Turm zwischen sich und den Ungefaelligen stellte. Diederich
+unterdrueckte das Bedauern, das ihn beschleichen wollte, und schrieb
+ungesaeumt einen Warnruf gegen das freisinnige Saeuglingsheim. Die "Netziger
+Zeitung" brachte ihn auch, obwohl sie vor zwei Tagen aus der Feder des
+Herrn Doktors Heuteufel eine ueberaus warme Empfehlung des Saeuglingsheims
+gebracht hatte. Denn, wie der Redakteur Nothgroschen hinzusetzte, das
+Organ des gebildeten Buergertums war es seinen Abonnenten schuldig, an jede
+neu auftauchende Idee vor allem den Pruefstein seines Kulturgewissens zu
+legen. Und dies tat Diederich in geradezu vernichtender Weise. Fuer wen war
+so ein Saeuglingsheim naturgemaess in erster Linie bestimmt? Fuer die
+unehelichen Kinder. Was beguenstigte es also? Das Laster. Hatten wir das
+noetig? Nicht die Spur; "denn wir sind Gott sei Dank nicht in der traurigen
+Lage der Franzosen, die durch die Folgen ihrer demokratischen
+Zuchtlosigkeit schon so gut wie auf den Aussterbeetat gesetzt sind. Die
+moegen uneheliche Geburten preiskroenen, weil sie sonst keine Soldaten mehr
+haben. Wir aber sind nicht angefault, wir erfreuen uns eines
+unerschoepflichen Nachwuchses! Wir sind das Salz der Erde!" Und Diederich
+rechnete den Abonnenten der "Netziger Zeitung" vor, bis wann sie und
+ihresgleichen hundert Millionen betragen wuerden, und wie lange es
+hoechstens noch dauern koenne, bis die Erde deutsch sei.
+
+Hiermit waren, nach der Meinung des nationalen Komitees, die
+Vorbereitungen getroffen fuer die erste Wahlversammlung der "Partei des
+Kaisers". Sie sollte bei Klappsch sein, der seinen Saal patriotisch
+aufgemacht hatte. In Tannenkraenzen gluehten Transparente: "Der Wille des
+Koenigs ist das hoechste Gebot." "Es gibt fuer euch nur einen Feind, und der
+ist mein Feind." "Die Sozialdemokratie nehme ich auf mich." "Mein Kurs ist
+der richtige." "Buerger, erwacht aus dem Schlummer!" Fuer das Erwachen
+sorgten Klappsch und Fraeulein Klappsch, indem sie ueberall immer frisches
+Bier hinstellte, ohne so peinlich wie sonst die Bierfilze aufzuhaeufen. So
+ward Kunze, als der Vorsitzende, Pastor Zillich, ihn der Versammlung
+vorstellte, schon mit Stimmung aufgenommen. Diederich freilich, hinter der
+Rauchwolke, in der das Bureau sass, machte die unliebsame Bemerkung, dass
+auch Heuteufel, Cohn und einige von ihrem Anhang in den Saal gelangt
+waren. Er stellte Gottlieb Hornung zur Rede, denn Hornung hatte die
+Aufsicht. Aber er wollte sich nichts sagen lassen, er war gereizt, es
+hatte ihn zu grosse Muehe gekostet, die Leute zusammenzutreiben. So viele
+Lieferanten wie das Kaiser-Wilhelm-Denkmal dank seiner Agitation nun schon
+hatte, konnte die Stadt nie bezahlen, und wenn der alte Kuehlemann dreimal
+starb! Geschwollene Haende hatte Hornung von den Begruessungen all der
+neubekehrten Patrioten! Zumutungen hatten sie an ihn gestellt! Dass er sich
+mit einem Drogisten assoziieren sollte, war noch das wenigste. Aber
+Gottlieb Hornung protestierte gegen diesen demokratischen Mangel an
+Distanz. Der Besitzer der Loewenapotheke hatte ihm soeben gekuendigt, und er
+war entschlossener als je, weder Schwaemme noch Zahnbuersten zu
+verkaufen.... Inzwischen stammelte Kunze an seiner Kandidatenrede. Denn
+seine finstere Miene taeuschte Diederich nicht darueber, dass der Major
+dessen, was er sagen wollte, durchaus nicht sicher war und dass der
+Wahlkampf ihn befangener machte, als der Ernstfall es getan haben wuerde.
+Er sagte: "Meine Herren, das Heer ist die einzige Saeule", da jedoch einer
+aus der Gegend Heuteufels dazwischenrief: "Schon faul!", verwirrte Kunze
+sich sogleich und setzte hinzu: "Aber wer bezahlt es? Der Buerger." Worauf
+die um Heuteufel Bravo riefen. Hierdurch in eine falsche Richtung
+gedraengt, erklaerte Kunze: "Darum sind wir alle Saeulen, das duerfen wir wohl
+verlangen, und wehe dem Monarchen -" "Sehr richtig!" antworteten
+freisinnige Stimmen, und die gutglaeubigen Patrioten schrien mit. Der Major
+wischte sich den Schweiss; ohne sein Zutun nahm seine Rede einen Verlauf,
+als hielte er sie im liberalen Verein. Diederich zog ihn von hinten am
+Rockschoss, er beschwor ihn, Schluss zu machen, aber Kunze versuchte es
+vergebens: den Uebergang zur Wahlparole der "Partei des Kaisers" fand er
+nicht. Am Ende verlor er die Geduld, ward jaeh dunkelrot und stiess mit
+unvermittelter Wildheit hervor: "Ausrotten bis auf den letzten Stumpf!
+Hurra!" Der Kriegerverein donnerte Beifall. Wo nicht mitgeschrien wurde,
+erschienen auf Diederichs Wink eilends Klappsch oder Fraeulein Klappsch.
+
+Zur Diskussion meldete sich alsbald Doktor Heuteufel, aber Gottlieb
+Hornung kam ihm zuvor. Diederich fuer seine Person blieb lieber im
+Hintergrund, hinter der Rauchwolke des Praesidiums. Er hatte Hornung zehn
+Mark versprochen, und Hornung war nicht in der Lage, sie auszuschlagen.
+Knirschend trat er an den Rand der Buehne und erlaeuterte die Rede des
+verehrten Herrn Majors dahin, dass das Heer, fuer das wir alle zu jedem
+Opfer bereit seien, unser Bollwerk gegen die Schlammflut der Demokratie
+sei. "Die Demokratie ist die Weltanschauung der Halbgebildeten", stellte
+der Apotheker fest. "Die Wissenschaft hat sie ueberwunden." "Sehr richtig!"
+rief jemand; es war der Drogist, der sich mit ihm assoziieren wollte.
+"Herren und Knechte wird es immer geben!" bestimmte Gottlieb Hornung,
+"denn in der Natur ist es auch so. Und es ist dass einzig Wahre, denn jeder
+muss ueber sich einen haben, vor dem er Angst hat, und einen unter sich, der
+vor ihm Angst hat. Wohin kaemen wir sonst! Wenn der erste beste sich
+einbildet, er ist ganz fuer sich selbst was und alle sind gleich! Wehe dem
+Volk, dessen ueberkommene, ehrwuerdige Formen sich erst in den
+demokratischen Mischmasch aufloesen, und wo der zersetzende Standpunkt der
+Persoenlichkeit das Uebergewicht bekommt!" Hier verschraenkte Gottlieb
+Hornung die Arme und schob den Nacken vor. "Ich," rief er, "der ich einer
+hochfeinen Verbindung angehoert habe und den freudigen Blutverlust fuer die
+Ehre der Farben kenne, ich bedanke mich dafuer, dass ich Zahnbuersten
+verkaufen soll!"
+
+"Und Schwaemme auch nicht?" fragte jemand.
+
+"Auch nicht!" entschied Hornung. "Ich verbitte mir ganz energisch, dass
+noch mal einer kommt. Man soll immer wissen, wen man vor sich hat. Jedem
+das Seine. Und in diesem Sinne geben wir unsere Stimme nur einem
+Kandidaten, der dem Kaiser so viel Soldaten bewilligt, als er haben will.
+Denn entweder haben wir einen Kaiser oder nicht!"
+
+Damit trat Gottlieb Hornung zurueck und sah, den Unterkiefer vorgeschoben,
+aus gefalteten Brauen in das Beifallsgebrause. Der Kriegerverein liess es
+sich nicht nehmen, mit geschwungenen Bierglaesern an ihm und Kunze
+vorbeizudefilieren. Kunze nahm Haendedruecke entgegen, Hornung stand ehern
+da - und Diederich konnte nicht umhin, mit Bitterkeit zu empfinden, dass
+diese beiden zweitklassigen Persoenlichkeiten den Vorteil hatten von einer
+Gelegenheit, die sein Werk war. Er musste ihnen die Volksgunst des
+Augenblicks wohl lassen, denn er wusste besser als die beiden Gimpel, wo
+dies hinauswollte. Da der nationale Kandidat am Ende nur dazu da war, eine
+Hilfstruppe fuer Napoleon Fischer anzuwerben, tat man gut daran, sich nicht
+selbst hinauszustellen. Heuteufel freilich legte es darauf an, Diederich
+hervorzulocken. Der Vorsitzende, Pastor Zillich, konnte ihm das Wort nicht
+laenger verweigern, sofort begann er vom Saeuglingsheim. Das Saeuglingsheim
+sei eine Sache des sozialen Gewissens und der Humanitaet. Was aber sei das
+Kaiser-Wilhelm-Denkmal? Eine Spekulation, und die Eitelkeit sei noch der
+anstaendigste der Triebe, auf die spekuliert werde.... Die Lieferanten dort
+unten hoerten zu in einer Stille voll peinlicher Gefuehle, denen hier und da
+ein dumpfes Murren entstieg. Diederich bebte. "Es gibt Leute," behauptete
+Heuteufel, "denen es auf hundert Millionen mehr fuer das Militaer nicht
+ankommt, denn sie wissen schon, womit sie es fuer ihre Person wieder
+hereinbringen." Da schnellte Diederich auf: "Ich bitte ums Wort!" und mit
+Bravo! Hoho! Abtreten! explodierten die Gefuehle der Lieferanten. Sie
+groelten, bis Heuteufel fort war und Diederich dastand.
+
+Diederich wartete lange, bevor das Meer der nationalen Empoerung sich
+beruhigte. Dann begann er. "Meine Herren!" "Bravo!" schrien die
+Lieferanten, und Diederich musste weiter warten in der Atmosphaere
+gleichgestimmter Gemueter, worin das Atmen ihm leicht war. Als sie ihn
+reden liessen, gab er der allgemeinen Empoerung Worte, dass der Vorredner es
+habe wagen koennen, die Versammlung in ihrer nationalen Gesinnung zu
+verdaechtigen. "Unerhoert!" riefen die Lieferanten. "Das beweist uns nur,"
+rief Diederich, "wie zeitgemaess die Gruendung der 'Partei des Kaisers' war!
+Der Kaiser selbst hat befohlen, dass alle diejenigen sich
+zusammenschliessen, die, ob edel oder unfrei, ihn von der Pest des
+Umsturzes befreien wollen. Das wollen wir, und darum steht unsere
+nationale und kaisertreue Gesinnung hoch ueber den Verdaechtigungen derer,
+die selbst bloss eine Vorfrucht des Umsturzes sind!" Noch bevor der Beifall
+losbrechen konnte, sagte Heuteufel sehr deutlich: "Abwarten! Stichwahl!"
+Und obwohl die Lieferanten sogleich alles weitere im Getoese ihrer Haende
+erstickten, fand Diederich doch schon in diesen zwei Worten so gefaehrliche
+Andeutungen versteckt, dass er schnell ablenkte. Das Saeuglingsheim war ein
+weniger verfaengliches Gebiet. Wie? Eine Sache des sozialen Gewissens
+sollte es sein? Ein Ausfluss des Lasters war es! "Wir Deutschen ueberlassen
+so was den Franzosen, die ein sterbendes Volk sind!" Diederich brauchte
+nur seinen Artikel aus der "Netziger Zeitung" herzusagen. Der vom Pastor
+Zillich geleitete Juenglingsverein sowie die christlichen Handlungsgehilfen
+klatschten bei jedem Wort. "Der Germane ist keusch!" rief Diederich,
+"darum haben wir im Jahre siebzig gesiegt!" Jetzt war die Reihe am
+Kriegerverein, von Begeisterung zu droehnen. Hinter dem Tisch des
+Vorstandes sprang Kuehnchen auf, schwenkte seine Zigarre und kreischte: "Nu
+verklobben mer sie bald noch emal!" Diederich hob sich auf die Zehen.
+"Meine Herren!" schrie er angestrengt in die nationalen Wogen, "das
+Kaiser-Wilhelm-Denkmal soll eine Huldigung fuer den erhabenen Grossvater
+sein, den wir, ich darf es sagen, alle fast wie einen Heiligen verehren,
+und zugleich ein Versprechen an den erhabenen Enkel, unseren herrlichen
+jungen Kaiser, dass wir so bleiben wollen wie wir sind, naemlich keusch,
+freiheitsliebend, wahrhaftig, treu und tapfer!"
+
+Hier waren wieder die Lieferanten nicht mehr zu halten. Selbstvergessen
+schwelgten sie im Idealen - und auch Diederich war sich keiner weltlichen
+Hintergedanken mehr bewusst, nicht seines Paktes mit Wulckow, nicht seiner
+Verschwoerung mit Napoleon Fischer, noch seiner dunkeln Absichten fuer die
+Stichwahl. Reine Begeisterung entfuehrte seine Seele auf einen Flug, von
+dem ihr schwindelte. Erst nach einer Weile konnte er wieder schreien.
+"Abzuweisen und mit aller Schaerfe hinter die ihnen gebuehrenden Schranken
+zurueckzudaemmen sind daher die Anwuerfe derer, die weiter nichts wollen, als
+uns verweichlichen mit ihrer falschen Humanitaet!" - "Wo haben Sie Ihre
+echte sitzen?" fragte die Stimme Heuteufels und stachelte dadurch die
+nationale Gesinnung der Versammelten so hoch auf, dass Diederich nur noch
+stellenweise zu hoeren war. Man verstand, er wollte keinen ewigen Frieden,
+denn das war ein Traum und nicht einmal ein schoener. Dagegen wollte er
+eine spartanische Zucht der Rasse. Bloedsinnige und Sittlichkeitsverbrecher
+waren durch einen chirurgischen Eingriff an der Fortpflanzung zu
+verhindern. Bei diesem Punkt verliess Heuteufel mit den Seinen das Lokal.
+Von der Tuer rief er noch her: "Den Umsturz kastrieren Sie auch!" Diederich
+antwortete: "Machen wir, wenn Sie noch lange noergeln!" "Machen wir!" toente
+es zurueck von allen Seiten. Alle waren ploetzlich auf den Fuessen, prosteten,
+jauchzten und vermischten ihre Hochgefuehle. Diederich, umbraust von
+Huldigungen, wankend unter dem Ansturm treudeutscher Haende, die die seinen
+schuetteln wollten, und nationaler Bierglaeser, die mit ihm anstiessen, sah
+von seiner Buehne in den Saal hinaus, der seinem durch Rausch getruebten
+Blick weiter und hoeher schien. Aus den hoechsten Tabakswolken gluehten ihn
+mystisch die Gebote seines Herrn an: "Der Wille des Koenigs!" "Mein Feind!"
+"Mein Kurs!" Er wollte sie in das brausende Volk hineinschreien - aber er
+griff sich an die Kehle, kein Ton kam mehr: Diederich war stockheiser. Da
+sah er sich voll Sorge nach Heuteufel um, der leider fort war. "Ich haette
+ihn nicht so reizen sollen. Jetzt gnade mir Gott, wenn er mich pinselt."
+
+
+
+Die schlimmste Rache Heuteufels war, dass er Diederich das Ausgehen verbot.
+Draussen tobte der Kampf taeglich wilder, und alle standen in der Zeitung,
+weil alle redeten: Pastor Zillich sogar und selbst der Redakteur
+Nothgroschen, zu schweigen von Kuehnchen, der ueberall zugleich redete. Nur
+Diederich in seinem neu altdeutsch moeblierten Salon gurgelte stumm. Von
+der Estrade beim Fenster sahen drei Bronzefiguren in zweidrittel
+Lebensgroesse ihm zu: der Kaiser, die Kaiserin und der Trompeter von
+Saeckingen. Sie waren ein Gelegenheitskauf bei Cohn gewesen; obwohl Cohn
+das Hesslingsche Papier abbestellt hatte und noch immer nicht national
+empfand, hatte Diederich sie in seiner Einrichtung nicht missen wollen.
+Guste warf sie ihm vor, wenn er ihren Hut zu teuer fand.
+
+Guste begann in letzter Zeit launisch zu werden, auch kamen ihr
+Uebelkeiten, waehrend deren sie sich im Schlafzimmer von der alten Frau
+Hessling pflegen liess. Sobald es ihr besser ging, erinnerte sie die Alte
+daran, dass hier eigentlich alles mit ihrem Geld bezahlt war. Frau Hessling
+verfehlte nicht, die Heirat mit ihrem Diedel als eine wahre Gnade
+hinzustellen fuer Guste, in ihrer damaligen Lage. Zum Schluss war Guste rot
+aufgeblaeht und schnaufte, Frau Hessling aber vergoss Traenen. Diederich hatte
+den Nutzen davon, denn beide waren nachher mit ihm die Liebe selbst, in
+der Absicht, ihn, der nichts ahnte, auf ihre Seite zu bringen.
+
+Was Emmi betraf, so schlug sie, ihrer Gewohnheit folgend, einfach die Tuer
+zu und ging hinauf in ihr Zimmer, das eine schraege Decke hatte. Guste sann
+darauf, sie auch daraus noch zu vertreiben. Wo sollte man bei Regen die
+Waesche trocknen. Wenn Emmi, weil sie nichts hatte, keinen Mann fand, musste
+man sie eben unter ihrem Stande verheiraten, mit einem braven Handwerker!
+Aber freilich, Emmi spielte sich auf die Feinste in der Familie hinaus,
+sie verkehrte mit Brietzens.... Denn dies erbitterte Guste am meisten,
+Emmi ward zu den Fraeulein von Brietzen eingeladen - obwohl diese das Haus
+nie betreten hatten. Ihr Bruder, der Leutnant, wuerde Guste, von den
+Soupers bei ihrer Mutter her, wenigstens einen Besuch geschuldet haben,
+aber nur der zweite Stock des Hesslingschen Hauses ward von ihm fuer wuerdig
+befunden, es war nachgerade auffallend.... Ihre gesellschaftlichen Erfolge
+behueteten Emmi freilich nicht vor Tagen grosser Niedergeschlagenheit; dann
+verliess sie ihr Zimmer nicht einmal zu den Mahlzeiten, die gemeinsam
+waren. Einmal ging Guste, aus Mitgefuehl und Langeweile, hinauf zu ihr,
+Emmi schloss aber, wie sie sie sah, die Augen, sie lag in ihrer
+hinfliessenden Matinee bleich und starr da. Guste, die keine Antwort bekam,
+versuchte es ihrerseits mit Vertraulichkeiten ueber Diederich und ueber
+ihren Zustand. Da zog Emmis starres Gesicht sich jaeh zusammen, sie waelzte
+sich auf einen ihrer Arme, und mit dem anderen winkte sie heftig nach der
+Tuer. Guste blieb den Ausdruck ihrer Empoerung nicht schuldig; Emmi, jaeh
+aufgesprungen, gab ihrem Wunsch, alleinzubleiben, die deutlichsten Worte;
+und als die alte Frau Hessling hinzukam, war es schon beschlossene Sache,
+dass die beiden Teile der Familie kuenftig getrennt essen wuerden. Diederich,
+dem Guste vorweinte, war peinlich beruehrt von den Weibergeschichten. Zum
+Glueck kam ihm ein Gedanke, der geeignet schien, zunaechst mal Ruhe zu
+schaffen. Da er wieder ueber ein wenig Stimme verfuegte, ging er gleich zu
+Emmi und verkuendete ihr seinen Entschluss, sie fuer einige Zeit nach
+Eschweiler zu schicken, zu Magda. Erstaunlicherweise lehnte sie ab. Da er
+nicht nachliess, wollte sie aufbegehren, ward aber ploetzlich wie von Angst
+befallen und begann leise und instaendig zu bitten, dass sie dableiben
+duerfe. Diederich, dem, er wusste nicht was, ans Herz griff, liess ratlos die
+Augen umhergehen, und dann zog er sich zurueck.
+
+Am Tage darauf erschien Emmi, als sei nichts geschehen, beim Mittagessen,
+frisch geroetet und in bester Laune. Guste, die um so zurueckhaltender
+blieb, warf Diederich Blicke zu. Er glaubte zu verstehen; er erhob sein
+Glas gegen Emmi und sagte schalkhaft: "Prost, Frau von Brietzen". Da
+erblasste Emmi. "Mach' dich nicht laecherlich!" rief sie zornig, warf die
+Serviette hin und schlug die Tuer zu. "Nanu", knurrte Diederich; aber Guste
+hob nur die Schultern. Erst als die alte Frau Hessling fort war, sah sie
+Diederich merkwuerdig in die Augen und fragte: "Glaubst du wirklich?" Er
+erschrak, machte aber ein fragendes Gesicht. "Ich meine," erklaerte Guste,
+"dann koennte mich der Herr Leutnant wenigstens auf der Strasse gruessen. Aber
+heute hat er einen Bogen gemacht." Diederich bezeichnete dies als Unsinn.
+Guste erwiderte: "Wenn ich es mir bloss einbilde, dann bilde ich mir noch
+mehr ein, weil ich naemlich in der Nacht schon oefter was durchs Haus
+schleichen gehoert habe, und heute sagte auch Minna -." Weiter kam Guste
+nicht. "Aha!" Diederich schnob. "Mit den Dienstboten steckst du zusammen!
+Das tat Mutter auch immer. Aber ich kann dir nur sagen, dass ich das nicht
+dulde. Ueber der Ehre meines Hauses wache ich allein, dazu brauche ich
+weder Minna noch dich, und wenn ihr anderer Meinung seid, dann seht lieber
+gleich beide zu, dass ihr die Tuer wiederfindet, wo ihr hereingekommen
+seid!" Vor dieser mannhaften Haltung konnte Guste sich freilich nur
+ducken, aber sie laechelte ihm von unten nach, wie er davonging.
+
+Diederich seinerseits war froh, durch sein festes Auftreten die Sache aus
+der Welt geschafft zu haben. Denn noch verwickelter, als es in diesen
+Zeiten schon war, durfte das Leben nicht werden. Seine Heiserkeit, die ihn
+leider nun drei Tage lang dem Kampfe fernhielt, war von den Feinden nicht
+unbenutzt gelassen. Ja, Napoleon Fischer hatte ihn noch heute morgen davon
+unterrichtet, dass die "Partei des Kaisers" ihm zu stark werde und dass sie
+neuerdings zu viel gegen die Sozialdemokratie hetze. Unter diesen
+Umstaenden -. Um ihn zu beruhigen, hatte Diederich ihm versprechen muessen,
+gleich heute werde er die uebernommenen Verpflichtungen erfuellen und von
+den Stadtverordneten das sozialdemokratische Gewerkschaftshaus
+verlangen.... So begab er sich, durchaus noch nicht hergestellt, in die
+Versammlung - und hier musste er erleben, dass der Antrag betreffend das
+Gewerkschaftshaus soeben eingebracht worden war, und zwar von den Herren
+Cohn und Genossen. Die Liberalen stimmten dafuer, er ging durch, so glatt,
+als sei er der erste beste. Diederich, der den nationalen Verrat der Cohn
+und Genossen laut geisseln wollte, konnte nur bellen: der tueckische Streich
+hatte ihn abermals der Stimme beraubt. Kaum heimgekehrt, liess er sich
+Napoleon Fischer kommen.
+
+"Sie sind entlassen!" bellte Diederich. Der Maschinenmeister grinste
+verdaechtig. "Schoen", sagte er und wollte abziehen.
+
+"Halt!" bellte Diederich. "Wenn Sie meinen, Sie kommen so leicht los.
+Gehen Sie mit dem Freisinn zusammen, dann verlassen Sie sich darauf, dass
+ich unseren Vertrag bekanntmache! Sie sollen was erleben!"
+
+"Politik ist Politik", bemerkte Napoleon Fischer achselzuckend. Und da
+Diederich vor so viel Zynismus nicht einmal mehr bellen konnte, trat
+Napoleon Fischer vertraulich naeher, fast haette er Diederich auf die
+Schulter geklopft. "Herr Doktor," sagte er wohlwollend, "tun Sie doch nur
+nicht so. Wir beide: - na ja, ich sage bloss, wir beide ..." Und sein
+Grinsen war so voll Mahnungen, dass Diederich erschauerte. Schnell bot er
+Napoleon Fischer eine Zigarre an. Fischer rauchte und sagte:
+
+"Wenn einer von uns beiden erst anfaengt zu reden, wo hoert dann der andere
+auf! Hab' ich recht, Herr Doktor? Aber wir sind doch keine alten
+Seichtbeutel, die immer gleich mit allem herausmuessen, wie zum Beispiel
+der Herr Buck."
+
+"Wieso?" fragte Diederich tonlos und fiel von einer Angst in die andere.
+Der Maschinenmeister tat erstaunt. "Das wissen Sie nicht? Der Herr Buck
+erzaehlt doch ueberall, dass Sie den nationalen Rummel nicht so schlimm
+meinen. Sie moechten bloss Gausenfeld billig haben, und denken, Sie kriegen
+es billiger, wenn Kluesing Angst wegen gewisser Auftraege hat, weil er nicht
+national ist."
+
+"Das sagt er?" fragte Diederich, zu Stein geworden.
+
+"Das sagt er", wiederholte Fischer. "Und er sagt auch, er tut Ihnen den
+Gefallen und spricht fuer Sie mit Kluesing. Dann werden Sie sich wohl wieder
+beruhigen, sagt er."
+
+Da wich der Bann von Diederich. "Fischer!" versetzte er mit kurzem Gebell.
+"Merken Sie sich, was jetzt kommt. Den alten Buck werden Sie noch im
+Rinnstein stehen und betteln sehen. Jawohl! Dafuer werd' ich sorgen,
+Fischer. Adieu."
+
+Napoleon Fischer war hinaus, aber Diederich bellte noch lange, im Zimmer
+umherstampfend, vor sich hin. Der Schuft, der falsche Biedermann! Hinter
+allen Widerstaenden stak der alte Buck, Diederich hatte es immer geahnt.
+Der Antrag Cohn und Genossen war sein Werk gewesen - und jetzt die infame
+Verleumdung mit Gausenfeld. Diederichs ganzes Innere baeumte sich auf, in
+der Unbestechlichkeit seiner kaisertreuen Gesinnung. "Und woher weiss er
+es?" dachte er mit zornigem Entsetzen. "Hat Wulckow mich verkauft? Sie
+glauben wohl alle schon, ich treibe doppeltes Spiel?" Denn Kunze und die
+anderen waren ihm heute merklich abgekuehlt erschienen; sie hielten es
+scheinbar nicht mehr fuer noetig, ihn einzuweihen in das, was vorging?
+Diederich gehoerte nicht dem Komitee an, er hatte der Sache das Opfer
+seines persoenlichen Ehrgeizes gebracht. War er darum vielleicht nicht der
+eigentliche Gruender der Partei des Kaisers?... Verrat ueberall, Intrigen,
+feindseliger Verdacht - und nirgends schlichte deutsche Treue.
+
+Da er nur bellen konnte, musste er in der naechsten Wahlversammlung hilflos
+zusehen, wie Zillich - es war klar, aus welchem persoenlichen Interesse -
+Jadassohn reden liess, und wie Jadassohn stuermischen Beifall erntete, als
+er gegen die Elenden und die vaterlandslosen Gesellen loszog, die Napoleon
+Fischer waehlen wuerden. Diederich bemitleidete dieses wenig staatsmaennische
+Vorgehen, er wusste sich Jadassohn hoch ueberlegen. Andererseits war es
+nicht zu verkennen, dass Jadassohn, je weiter er sich durch seinen Erfolg
+hinreissen liess, desto lautere Zustimmung bei gewissen Zuhoerern fand, die
+keineswegs national anmuteten, sondern sichtlich zu Cohn und Heuteufel
+gehoerten. Sie waren in verdaechtiger Menge erschienen - und Diederich,
+ueberreizt durch die Fallen ringsum, sah am Ursprung auch dieses Manoevers
+wieder den Erzfeind stehen, ihn, der ueberall das Boese lenkte, den alten
+Buck.
+
+Der alte Buck hatte blaue Augen, ein menschenfreundliches Laecheln, und er
+war der falscheste Hund von allen, die die Gutgesinnten umdrohten. Der
+Gedanke an den alten Buck hielt Diederich noch im Traum besessen. Am
+folgenden Abend unter der Familienlampe gab er den Seinen keine Antworten;
+er fuehrte eingebildete Streiche gegen den alten Buck. Besonders erbitterte
+es ihn, dass er den Alten fuer einen schon zahnlosen Schwaetzer gehalten
+hatte, und jetzt zeigte er die Zaehne. Nach all seinen humanitaeren
+Redensarten wirkte es auf Diederich wie eine Herausforderung, dass er sich
+nun doch nicht einfach fressen liess. Die heuchlerische Milde, mit der er
+getan hatte, als verzeihe er Diederich den Ruin seines Schwiegersohnes!
+Wozu hatte er ihn protegiert und in die Stadtverordnetenversammlung
+gebracht? Nur damit Diederich sich Bloessen gebe und leichter zu fassen sei.
+Die Frage des Alten damals, ob Diederich der Stadt sein Grundstueck
+verkaufen wolle, stellte sich jetzt als die gefaehrlichste Falle heraus.
+Diederich fuehlte sich durchschaut von jeher; ihm war jetzt, als sei bei
+seiner geheimen Unterredung mit dem Praesidenten von Wulckow der alte Buck,
+unsichtbar im Tabaksqualm, dabei gewesen; und als Diederich, in einer
+dunklen Winternacht an Gausenfeld hinangeschlichen, sich in den Graben
+geduckt und die Augen, die vielleicht funkelten, geschlossen hatte, da war
+droben der alte Buck vorbeigegangen und hatte zu ihm hinabgespaeht ... Im
+Geiste sah Diederich den Alten sich ueber ihn beugen und die weisse, weiche
+Hand hinhalten, um ihm aus dem Graben zu helfen. Die Guete in seinen Zuegen
+war krasser Hohn, sie war das Unertraeglichste. Er dachte Diederich kirre
+zu machen und mit seinen Schlichen leise zurueckzuleiten wie einen
+verlorenen Sohn. Aber man sollte sehen, wer schliesslich die Treber frass!
+
+"Was hast du, mein lieber Sohn?" fragte Frau Hessling, denn Diederich hatte
+vor Hass und Angst schwer aufgestoehnt. Er erschrak; in diesem Augenblick
+betrat Emmi das Zimmer, sie hatte es, so meinte Diederich, schon mehrmals
+betreten - ging zum Fenster, streckte den Kopf hinaus, seufzte, als sei
+sie allein, und begab sich auf den Rueckweg. Guste sah ihr nach; wie Emmi
+an Diederich vorbeikam, umfasste Gustes spoettischer Blick sie beide, und
+Diederich erschrak noch tiefer: denn dies war das Laecheln des Umsturzes,
+das er an Napoleon Fischer kannte. So laechelte Guste. Vor Schrecken
+runzelte er die Stirn und rief barsch: "Was gibt es!" Schleunigst verkroch
+sich Guste in ihre Flickerei, Emmi aber blieb stehen und sah ihn mit den
+entgeisterten Augen an, die sie jetzt manchmal hatte. "Was ist mit dir?"
+fragte er, und da sie stumm blieb: "Wen suchst du auf der Strasse?" Sie hob
+nur die Schultern, in ihrer Miene geschah gar nichts. "Nun?" wiederholte
+er leiser; denn ihr Blick, ihre Haltung, die merkwuerdig unbeteiligt und
+dadurch ueberlegen schienen, erschwerten es ihm, laut zu sein. Sie liess
+sich endlich herbei zu sprechen.
+
+"Es haette sein koennen, dass die beiden Fraeulein von Brietzen noch gekommen
+waeren."
+
+"Am spaeten Abend?" fragte Diederich. Da sagte Guste: "Weil wir an die Ehre
+doch gewoehnt sind. Und ueberhaupt, sie sind schon gestern mit ihrer Mama
+abgereist. Wenn sie einem nicht adieu sagen, weil sie einen gar nicht
+kennen, braucht man bloss an der Villa vorbeizugehen."
+
+"Wie?" machte Emmi.
+
+"Na gewiss doch!" Und das Gesicht ueberglaenzt, triumphierend liess Guste das
+Ganze los. "Der Leutnant reist auch bald hinterher. Er ist doch versetzt."
+Eine Pause, ein Blick. "Er hat sich versetzen lassen."
+
+"Du luegst", sagte Emmi. Sie hatte gewankt, man sah, wie sie sich steif
+machte. Den Kopf sehr hoch, wandte sie sich ab und liess hinter sich den
+Vorhang fallen. Im Zimmer war Stille. Die alte Frau Hessling auf ihrem Sofa
+faltete die Haende, Guste sah herausfordernd Diederich nach, der schnaufend
+umherlief. Als er wieder bei der Tuer war, gab er sich einen Ruck. Durch
+den Spalt erblickte er Emmi, die im Esszimmer auf einem Stuhl sass oder
+hing, zusammengekruemmt, als habe man sie gebunden und dort hingeworfen.
+Sie zuckte, dann kehrte sie das Gesicht der Lampe zu; vorhin war es ganz
+weiss gewesen und war jetzt stark geroetet, der Blick sah nichts - und
+ploetzlich sprang sie auf, fuhr los wie gebrannt, und mit zornigen,
+unsicheren Schritten stuermte sie fort, sich anschlagend, ohne Schmerz zu
+fuehlen, fort, wie in Nebel hinein, wie in Qualm ... Diederich drehte sich
+in steigender Angst nach Frau und Mutter um. Da Guste zur Respektlosigkeit
+geneigt schien, raffte er den gewohnten Komment zusammen und stampfte
+stramm hinter Emmi her.
+
+Noch hatte er nicht die Treppe erreicht, und droben ward schon heftig die
+Tuer versperrt, mit Schluessel und Riegel. Da begann Diederichs Herz so
+stark zu klopfen, dass er anhalten musste. Als er hinaufgelangt war, blieb
+ihm nur noch eine schwache, atemlose Stimme, um Einlass zu verlangen. Keine
+Antwort, aber er hoerte etwas klirren auf dem Waschtisch, - und ploetzlich
+schwenkte er die Arme, schrie, schlug gegen die Tuer und schrie unfoermlich.
+Vor seinem eigenen Laerm hoerte er nicht, wie sie oeffnete, und schrie noch,
+als sie schon vor ihm stand. "Was willst du?" fragte sie zornig, worauf
+Diederich sich sammelte. Von der Treppe spaehten mit fragendem Entsetzen
+Frau Hessling und Guste hinauf. "Unten bleiben!" befahl er, und er draengte
+Emmi in das Zimmer zurueck. Er schloss die Tuer. "Das brauchen die anderen
+nicht zu riechen", sagte er knapp, und er nahm aus der Waschschuessel einen
+kleinen Schwamm, der von Chloroform troff. Er hielt ihn mit gestrecktem
+Arm von sich fort und heischte: "Woher hast du das?" Sie warf den Kopf
+zurueck und sah ihn an, sagte aber nichts. Je laenger dies dauerte, um so
+weniger wichtig fuehlte Diederich die Frage werden, die doch von Rechts
+wegen die erste war. Schliesslich ging er einfach zum Fenster und warf den
+Schwamm in den dunklen Hof. Es platschte, er war in den Bach gefallen.
+Diederich seufzte erleichtert.
+
+Jetzt hatte Emmi eine Frage. "Was fuehrst du hier eigentlich auf? Lass mich
+gefaelligst machen, was ich will!"
+
+Dies kam ihm unerwartet. "Ja, was - was willst du denn?"
+
+Sie sah weg, sie sagte achselzuckend: "Dir kann es gleich sein."
+
+"Na, hoere mal!" Diederich empoerte sich. "Wenn du vor deinem himmlischen
+Richter dich nicht mehr genierst, was ich persoenlich durchaus missbillige:
+ein bisschen Ruecksicht koenntest du wohl auch auf uns hier nehmen. Man ist
+nicht allein auf der Welt."
+
+Ihre Gleichgueltigkeit verletzte ihn ernstlich. "Einen Skandal in meinem
+Hause verbitte ich mir! Ich bin der erste, den es trifft."
+
+Ploetzlich sah sie ihn an. "Und ich?"
+
+Er schnappte. "Meine Ehre -!" Aber er hoerte gleich wieder auf; ihre Miene,
+die er nie so ausdrucksvoll gekannt hatte, klagte und hoehnte zugleich. In
+seiner Verwirrung ging er zur Tuer. Hier fiel ihm ein, was das Gegebene
+sei.
+
+"Im uebrigen werde ich meinerseits als Bruder und Ehrenmann natuerlich voll
+und ganz meine Pflicht tun. Ich darf erwarten, dass du dir inzwischen die
+aeusserste Zurueckhaltung auferlegst." Mit einem Blick nach der
+Waschschuessel, aus der noch immer der Geruch kam.
+
+"Dein Ehrenwort!"
+
+"Lass mich in Ruhe", sagte Emmi. Da kehrte Diederich zurueck.
+
+"Du scheinst dir des Ernstes der Lage denn doch nicht bewusst zu sein. Du
+hast, wenn das, was ich fuerchten muss, wahr ist -"
+
+"Es ist wahr", sagte Emmi.
+
+"Dann hast du nicht nur deine eigene Existenz, zum mindesten deine
+gesellschaftliche, in Frage gestellt, sondern eine ganze Familie mit
+Schande bedeckt. Und wenn ich nun im Namen von Pflicht und Ehre vor dich
+hintrete -"
+
+"Dann ist es auch noch so", sagte Emmi.
+
+Er erschrak; er setzte an, um seinen Abscheu zu bekunden vor so viel
+Zynismus, aber in Emmis Gesicht stand zu deutlich, was alles sie
+durchschaut und abgetan hinter sich liess. Vor der Ueberlegenheit ihrer
+Verzweiflung kam Diederich ein Schaudern an. In ihm zersprang es wie
+kuenstliche Federn. Die Beine wurden ihm weich, er setzte sich und brachte
+hervor: "So sag' mir doch nur -. Ich will dir auch -." Er sah an Emmis
+Erscheinung hin, das Wort Verzeihen blieb ihm stecken. "Ich will dir
+helfen", sagte er. Sie sagte muede: "Wie willst du das wohl machen?" und
+sie lehnte sich drueben an die Wand.
+
+Er sah vor sich nieder. "Du musst mir freilich einige Aufklaerungen geben:
+ich meine, ueber gewisse Einzelheiten. Ich vermute, dass es schon seit
+deinen Reitstunden dauert?..."
+
+Sie liess ihn weiter vermuten, sie bestaetigte nicht, noch widersprach sie -
+wie er aber zu ihr aufsah, hatte sie weich geoeffnete Lippen, und ihr Blick
+hing an ihm mit Staunen. Er begriff, dass sie staunte, weil er vieles, das
+sie allein getragen hatte, ihr abnahm, indem er es aussprach. Ein
+unbekannter Stolz erfasste sein Herz, er stand auf und sagte vertraulich:
+"Verlass dich auf mich. Gleich morgen frueh gehe ich hin."
+
+Sie bewegte leise und angstvoll den Kopf.
+
+"Du kennst das nicht. Es ist aus."
+
+Da machte er seine Stimme wohlgemut. "Ganz wehrlos sind wir auch nicht!
+Ich moechte doch sehen!"
+
+Zum Abschied gab er ihr die Hand. Sie rief ihn nochmals zurueck.
+
+"Du wirst ihn fordern?" Sie riss die Augen auf und hielt die Hand vor den
+Mund.
+
+"Wieso?" machte Diederich, denn hieran hatte er nicht mehr gedacht.
+
+"Schwoere mir, dass du ihn nicht forderst!"
+
+Er versprach es. Zugleich erroetete er, denn er haette gern noch gewusst, fuer
+wen sie fuerchtete, fuer ihn oder fuer den anderen. Dem anderen wuerde er es
+nicht gegoennt haben. Aber er unterdrueckte die Frage, weil die Antwort ihr
+peinlich sein konnte; und er verliess das Zimmer beinahe auf den
+Fussspitzen.
+
+Die beiden Frauen, die noch immer drunten warteten, schickte er streng zu
+Bett. Er selbst legte sich erst dann neben Guste, als sie schon schlief.
+Er hatte zu bedenken, wie er morgen auftreten wuerde. Natuerlich imponieren!
+Zweifel am Ausgang der Sache ueberhaupt nicht zulassen! Aber anstatt seiner
+eigenen, schneidigen Gestalt erschien vor Diederichs Geist immer wieder
+ein gedrungener Mann mit blanken bekuemmerten Augen, der bat, aufbrauste
+und ganz zusammenbrach: Herr Goeppel, Agnes Goeppels Vater. Jetzt verstand
+Diederich in banger Seele, wie damals dem Vater zumute gewesen war. "Du
+kennst das nicht", meinte Emmi. Er kannte es - weil er es zugefuegt hatte.
+
+"Gott bewahre!" sagte er laut und waelzte sich herum. "Ich lasse mich auf
+die Sache nicht ein. Emmi hat doch nur geblufft mit dem Chloroform. Die
+Weiber sind raffiniert genug dafuer. Ich werf' sie hinaus, wie es sich
+gehoert!" Da stand vor ihm auf regnerischer Strasse Agnes und starrte, das
+Gesicht weiss von Gaslicht, zu seinem Fenster hinauf. Er deckte das Bettuch
+ueber seine Augen. "Ich kann sie nicht auf die Strasse jagen!" Es ward
+Morgen, und er sah verwundert, was mit ihm geschehen war.
+
+"Ein Leutnant steht frueh auf", dachte er und entwischte, bevor Guste wach
+wurde. Hinter dem Sachsentor die Gaerten zwitscherten und dufteten zum
+Fruehlingshimmel. Die Villen, noch verschlossen, sahen frisch gewaschen aus
+und als seien lauter Neuvermaehlte hineingezogen. "Wer weiss," dachte
+Diederich und atmete die gute Luft ein, "vielleicht ist es gar nicht
+schwer. Es gibt anstaendige Menschen. Auch liegen die Dinge doch wesentlich
+guenstiger als -" Er liess den Gedanken lieber fallen. Dort hinten hielt ein
+Wagen - vor welchem Haus denn? Also doch. Das Gitter stand offen, auch die
+Tuer. Der Bursche kam ihm entgegen. "Lassen Sie nur," sagte Diederich, "ich
+sehe den Herrn Leutnant schon." Denn im Zimmer geradeaus packte Herr von
+Brietzen einen Koffer. "So frueh?" fragte er, liess den Deckel des Koffers
+fallen und klemmte sich den Finger ein. "Verdammt." Diederich dachte
+entmutigt: "Er ist auch beim Packen."
+
+"Welchem Zufall verdanke ich denn -" begann Herr von Brietzen, aber
+Diederich machte, ohne es zu wollen, eine Bewegung, des Sinnes, dass dies
+unnuetz sei. Trotzdem natuerlich leugnete Herr von Brietzen. Er leugnete
+sogar laenger als damals Diederich, und Diederich erkannte dies innerlich
+an, denn wenn es auf die Ehre eines Maedchens ankam, hatte ein Leutnant
+immerhin noch um einige Grade genauer zu sein als ein Neuteutone. Als man
+endlich ueber die Lage der Dinge im reinen war, stellte Herr von Brietzen
+sich dem Bruder sofort zur Verfuegung, was von ihm gewiss nicht anders zu
+erwarten war. Aber Diederich, trotz seinem tiefen Bangen, erwiderte mit
+heiterer Stirn, er hoffe, eine Austragung mit den Waffen eruebrige sich,
+wenn naemlich Herr von Brietzen -. Und Herr von Brietzen machte eben das
+Gesicht, das Diederich vorhergesehen hatte, und brauchte eben die
+Ausreden, die in Diederichs Geist schon erklungen waren. In die Enge
+getrieben, sagte er den Satz, den Diederich vor allem fuerchtete und der,
+er sah es ein, nicht zu vermeiden war. Ein Maedchen, das ihre Ehre nicht
+mehr hatte, machte man nicht zur Mutter seiner Kinder! Diederich
+antwortete darauf, was Herr Goeppel geantwortet hatte, niedergeschlagen wie
+Herr Goeppel. Den rechten Zorn fand er erst, als er an seine grosse Drohung
+gelangte, die Drohung, von der er sich schon seit gestern den Erfolg
+versprach.
+
+"Angesichts Ihrer unritterlichen Weigerung, Herr Leutnant, sehe ich mich
+leider veranlasst, Ihren Oberst von der Sache in Kenntnis zu setzen."
+
+Wirklich schien Herr von Brietzen peinlich getroffen. Er fragte unsicher:
+"Was wollen Sie damit erreichen? Dass ich eine Moralpredigt kriege? Na
+schoen. Im uebrigen aber -" Herr von Brietzen festigte sich wieder, "was
+Ritterlichkeit ist, darueber denkt der Oberst denn doch wohl etwas anders
+als ein Herr, der sich nicht schlaegt."
+
+Da aber stieg Diederich. Herr von Brietzen moege gefaelligst seine Zunge
+hueten, sonst koenne es ihm passieren, dass er es mit der Neuteutonia zu tun
+bekomme! Ihm, Diederich, sei der freudige Blutverlust fuer die Ehre der
+Farben durch seine Schmisse bescheinigt! Er wolle dem Herrn Leutnant
+wuenschen, dass er einmal in den Fall komme, einen Grafen von
+Tauern-Baerenheim zu fordern! "Ich hab' ihn glatt gefordert!" Und im selben
+Atem behauptete er, dass er so einem frechen Junker noch lange nicht das
+Recht einraeume, einen buergerlichen Mann und Familienvater nur so
+abzuschiessen. "Die Schwester verfuehren und den Bruder abschiessen, das
+moechten Sie wohl!" rief er, ausser sich. Herr von Brietzen, in einem
+aehnlichen Zustand wie Diederich, sprach davon, dem Koofmich von seinem
+Burschen die Fresse einschlagen zu lassen; und da der Bursche schon
+bereitstand, raeumte Diederich das Feld, aber nicht ohne einen letzten
+Schuss. "Wenn Sie meinen, fuer Ihre Frechheiten bewilligen wir Ihnen auch
+noch die Militaervorlage! Sie sollen sehen, was Umsturz ist!"
+
+Draussen in der einsamen Allee wuetete er weiter, zeigte dem unsichtbaren
+Feinde die Faust und stiess Drohungen aus. "Das kann euch schlecht
+bekommen! Wenn wir mal Schluss machen!" Ploetzlich bemerkte er, dass die
+Gaerten noch immer zum Fruehlingshimmel zwitscherten und dufteten, und es
+ward ihm klar, selbst die Natur, mochte sie schmeicheln oder die Zaehne
+zeigen, war ohne Einfluss auf die Macht, die Macht ueber uns, die ganz
+unerschuetterlich ist. Mit dem Umsturz war leicht drohen; aber das
+Kaiser-Wilhelm-Denkmal? Wulckow und Gausenfeld? Wer treten wollte, musste
+sich treten lassen, das war das eherne Gesetz der Macht. Diederich, nach
+seinem Anfall von Auflehnung, fuehlte schon wieder den heimlichen Schauer
+dessen, den sie tritt ... Ein Wagen kam von dort hinten: Herr von Brietzen
+mit seinem Koffer. Diederich, ehe er es bedachte, machte halb Front,
+bereit zu gruessen. Aber Herr von Brietzen sah weg. Diederich freute sich,
+trotz allem, des frischen und ritterlichen jungen Offiziers. "Den macht
+uns niemand nach", stellte er fest.
+
+Freilich, nun er die Meisestrasse betrat, ward ihm beklommen. Von weitem
+sah er Emmi nach ihm ausspaehen. Ihm fiel auf einmal ein, was sie in der
+vergangenen Stunde, die ihr Schicksal entschied, durchgemacht haben musste.
+Arme Emmi, nun war es entschieden. Die Macht war wohl erhebend, aber wenn
+es die eigene Schwester traf -. "Ich habe nicht gewusst, dass es mir so
+nahegehen wuerde." Er nickte hinauf, so ermunternd wie moeglich. Sie war
+viel schmaler geworden, warum sah das niemand? Unter ihrem blass
+flimmernden Haar hatte sie grosse schlaflose Augen, ihre Lippe zitterte,
+als er ihr zuwinkte; auch das fing er auf in seiner scharfsichtigen Angst.
+Die Treppe hinauf schlich er fast. Im ersten Stock kam sie aus dem Zimmer
+und ging vor ihm her in den zweiten. Oben drehte sie sich um - und als sie
+sein Gesicht gesehen hatte, ging sie hinein ohne eine Frage, ging bis zum
+Fenster und blieb abgewendet stehen. Er raffte sich zusammen, er sagte
+laut: "Oh! noch ist nichts verloren." Darauf erschrak er und schloss die
+Augen. Da er aufstoehnte, wandte sie sich um, kam langsam herbei und legte,
+um mitzuweinen, den Kopf an seine Schulter.
+
+Nachher hatte er einen Auftritt mit Guste, die hetzen wollte. Diederich
+sagte ihr auf den Kopf zu, dass sie Emmis Unglueck nur missbrauche, um sich
+zu raechen fuer die ihr nicht gerade guenstigen Umstaende, unter denen sie
+selbst geheiratet worden war. "Emmi laeuft wenigstens keinem nach." Guste
+kreischte auf. "Bin ich dir vielleicht nachgelaufen?" Er schnitt ab.
+"Ueberhaupt ist sie meine Schwester!" ... Und da sie nun unter seinem
+Schutz lebte, fing er an, sie interessant zu finden und ihr eine
+ungewoehnliche Achtung zu erweisen. Nach dem Essen kuesste er ihr die Hand,
+mochte Guste grinsen. Er verglich die beiden; wieviel gemeiner war Guste!
+Magda selbst, die er bevorzugt hatte, weil sie Erfolg gehabt hatte, kam in
+seiner Erinnerung nicht mehr auf gegen die verlassene Emmi. Denn Emmi war
+durch ihr Unglueck feiner und gewissermassen ungreifbarer geworden. Wenn
+ihre Hand so bleich und abwesend dalag und Emmi stumm in sich versenkt war
+wie in einen unbekannten Abgrund, fuehlte Diederich sich beruehrt von der
+Ahnung einer tieferen Welt. Die Eigenschaft als Gefallene, unheimlich und
+veraechtlich bei jeder anderen, um Emmi, Diederichs Schwester, legte sie
+eine Luft von seltsamem Schimmer und fragwuerdiger Anziehung. Glaenzender
+zugleich und ruehrender war nun Emmi.
+
+Der Leutnant, der das alles veranlasst hatte, verlor erheblich gegen sie -
+und mit ihm die Macht, in deren Namen er triumphiert hatte. Diederich
+erfuhr, dass sie manchmal einen gemeinen und niedrigen Anblick bieten
+koenne: die Macht und alles, was in ihren Spuren ging, Erfolg, Ehre,
+Gesinnung. Er sah Emmi an und musste zweifeln an dem Wert dessen, was er
+erreicht hatte oder noch erstrebte: Gustes und ihres Geldes, des Denkmals,
+der hohen Gunst, Gausenfelds, der Auszeichnungen und Aemter. Er sah Emmi an
+und dachte auch an Agnes. Agnes, die Weichheit und Liebe in ihm gepflegt
+hatte, sie war in seinem Leben das Wahre gewesen, er haette es festhalten
+sollen! Wo war sie jetzt? Tot? Er sass manchmal da, den Kopf in den Haenden.
+Was hatte er nun? Was hatte man vom Dienst der Macht? Wieder einmal
+versagte alles, alle verrieten ihn, missbrauchten seine reinsten Absichten,
+und der alte Buck beherrschte die Lage. Agnes, die nichts vermochte als
+leiden, es beschlich ihn, als ob sie gesiegt habe. Er schrieb nach Berlin
+und erkundigte sich nach ihr. Sie war verheiratet und leidlich gesund. Das
+erleichterte ihn, aber irgendwie enttaeuschte es ihn auch.
+
+
+
+Aber waehrend er, den Kopf in den Haenden, dasass, kam der Wahltag herbei.
+Erfuellt von der Eitelkeit der Dinge, hatte Diederich von allem, was
+vorging, nichts mehr sehen wollen, auch nicht, dass die Miene seines
+Maschinenmeisters immer feindlicher ward. Am Sonntag der Wahl,
+fruehmorgens, als Diederich noch im Bett lag, trat Napoleon Fischer bei ihm
+ein. Ohne sich im geringsten zu entschuldigen, begann er: "Ein ernstes
+Wort in letzter Stunde, Herr Doktor!" Diesmal war er es, der Verrat
+witterte und sich auf den Pakt berief. "Ihre Politik, Herr Doktor, hat ein
+doppeltes Gesicht. Uns haben Sie Versprechungen gemacht, und loyal, wie
+wir sind, haben wir gegen Sie nicht agitiert, sondern bloss gegen den
+Freisinn."
+
+"Wir auch", behauptete Diederich.
+
+"Das glauben Sie selbst nicht. Sie haben sich bei Heuteufel angebiedert.
+Er hat Ihnen Ihr Denkmal schon bewilligt. Wenn Sie nicht gleich heute mit
+fliegenden Fahnen zu ihm uebergehen, dann tun Sie es sicher bei der
+Stichwahl und treiben schnoeden Volksverrat."
+
+Napoleon Fischer tat, die Arme verschraenkt, noch einen langen Schritt auf
+das Bett zu. "Sie sollen bloss wissen, Herr Doktor, dass wir die Augen offen
+halten."
+
+Diederich sah sich in seinem Bett hilflos dem politischen Gegner
+ausgeliefert. Er suchte ihn zu besaenftigen. "Ich weiss, Fischer, Sie sind
+ein grosser Politiker. Sie sollten in den Reichstag kommen."
+
+"Stimmt." Napoleon blinzte von unten. "Denn wenn ich nicht hineinkomme,
+dann geht in Netzig in mehreren Betrieben ein Streik los. Einen von den
+Betrieben kennen Sie ziemlich genau, Herr Doktor." Er machte kehrt. Von
+der Tuer her fasste er Diederich, der vor Schreck ganz in die Federn
+gerutscht war, nochmals ins Auge. "Und darum hoch die internationale
+Sozialdemokratie!" rief er und ging ab.
+
+Diederich rief aus seinen Federn: "Seine Majestaet, der Kaiser hurra!" Dann
+aber blieb nichts uebrig, als der Lage ins Gesicht zu sehen. Sie sah
+drohend genug aus. Schwer von Ahnungen eilte er auf die Strasse, in den
+Kriegerverein, zu Klappsch, und ueberall musste er erkennen, dass in den
+Tagen seiner Mutlosigkeit die tueckische Taktik des alten Buck weitere
+Erfolge zu verzeichnen gehabt hatte. Die Partei des Kaisers war verwaessert
+durch Zulauf aus den Reihen des Freisinns und der Abstand Kunzes von
+Heuteufel unbetraechtlich gegen die Kluft zwischen ihm und Napoleon
+Fischer. Pastor Zillich, der mit seinem Schwager Heuteufel einen
+verschaemten Gruss austauschte, erklaerte, dass die Partei des Kaisers mit
+ihrem Erfolg zufrieden sein duerfe, denn sicher habe sie dem Kandidaten des
+Freisinns, wenn er schliesslich siege, das nationale Gewissen gestaerkt. Da
+Professor Kuehnchen sich aehnlich aeusserte, war der Verdacht nicht von der
+Hand zu weisen, dass ihnen die von Diederich und Wulckow erpressten
+Versprechungen noch nicht genuegten, und dass sie sich durch weitere
+persoenliche Vorteile vom alten Buck hatten gewinnen lassen. Der Korruption
+des demokratischen Kluengels war alles zuzutrauen! Was Kunze betraf, so
+wollte er auf jeden Fall selbst gewaehlt werden, notfalls mit Hilfe der
+Freisinnigen. Ihn hatte sein Ehrgeiz korrumpiert, er hatte ihn schon dahin
+gebracht, zu versprechen, dass er fuer das Saeuglingsheim eintreten werde!
+Diederich entruestete sich; Heuteufel sei hundertmal schlimmer als
+irgendein Prolet; und er spielte auf die duesteren Folgen an, die eine so
+unpatriotische Haltung haben muesse. Leider durfte er nicht deutlicher
+werden - und vor sich das Bild des Streiks, im Herzen schon die Truemmer
+des Kaiser-Wilhelm-Denkmals, Gausenfelds, aller seiner Traeume, lief er im
+Regen umher zwischen den Wahllokalen und schleppte gutgesinnte Waehler
+herbei, im vollen Bewusstsein, dass ihre Kaisertreue den Weg verfehlte und
+den schlimmsten Feinden des Kaisers helfe. Abends bei Klappsch,
+kotbespritzt bis an den Hals und fiebrig entrueckt durch den Laerm des
+langen Tages, durch das viele Bier und das Nahen der Entscheidung, vernahm
+er das Ergebnis: gegen achttausend Stimmen fuer Heuteufel, sechstausend und
+einige fuer Napoleon Fischer, Kunze aber hatte
+dreitausendsechshundertzweiundsiebzig. Stichwahl zwischen Heuteufel und
+Fischer. "Hurra!" schrie Diederich, denn nichts war verloren und Zeit war
+gewonnen.
+
+Mit starkem Schritt ging er von dannen, den Schwur im Herzen, dass er
+fortan das Aeusserste tun werde, um die nationale Sache noch zu retten. Es
+eilte, denn Pastor Zillich haette am liebsten sofort alle Mauern mit
+Zetteln bedeckt, die den Anhaengern der Partei des Kaisers empfahlen, in
+der Stichwahl fuer Heuteufel zu stimmen. Kunze freilich gab sich der eitlen
+Hoffnung hin, Heuteufel werde ihm zu Gefallen zuruecktreten. Welche
+Verblendung! Gleich am Morgen las man die weissen Zettel, auf denen der
+Freisinn heuchlerisch erklaerte, national sei auch er, die nationale
+Gesinnung sei nicht das Privileg einer Minderheit, und darum -. Der Trick
+des alten Buck enthuellte sich vollends; wenn nicht die ganze Partei des
+Kaisers in den Schoss des Freisinns zurueckkehren sollte, hiess es handeln.
+Maechtig von Energie gespannt, traf Diederich von seinen Erkundigungen
+heimkehrend, im Hausflur auf Emmi, die einen Schleier vor dem Gesicht
+hatte und sich bewegte, als sei alles gleich. "Danke," dachte er, "es ist
+durchaus nicht gleich. Wohin kaemen wir." Und er gruesste Emmi verstohlen und
+mit einer Art von Scheu.
+
+Er zog sich in sein Bureau zurueck, aus dem der alte Soetbier verschwunden
+war und wo nun Diederich, sein eigener Prokurist und nur seinem Gott
+verantwortlich, seine folgenschweren Entschluesse fasste. Er trat zum
+Telephon, er verlangte Gausenfeld. Da ging die Tuer auf, der Brieftraeger
+legte seinen Packen hin, und Diederich sah obenauf: Gausenfeld. Er haengte
+wieder ein, er betrachtete, nickend wie das Schicksal, den Brief. Schon
+gemacht. Der Alte hatte ohne Worte begriffen, dass er seinen Freunden Buck
+und Konsorten kein Geld mehr geben duerfe, und dass man noetigenfalls
+imstande sei, ihn persoenlich verantwortlich zu machen. Gelassen zerriss
+Diederich den Umschlag - aber nach zwei Zeilen las er fliegend. Was fuer
+eine Ueberraschung! Kluesing wollte verkaufen! Er war alt, er sah seinen
+natuerlichen Nachfolger in Diederich!
+
+Was hiess dies? Diederich setzte sich in die Ecke und dachte tief. Es hiess
+vor allem, dass Wulckow schon eingegriffen hatte. Der Alte war in blasser
+Angst wegen der Regierungsauftraege, und der Streik, mit dem Napoleon
+Fischer drohte, gab ihm den Rest. Wo war die Zeit, als er sich aus der
+Klemme zu ziehen glaubte, wenn er Diederich einen Teil des Papiers fuer die
+"Netziger Zeitung" anbot. Jetzt bot er ihm ganz Gausenfeld an! "Man ist
+eine Macht", stellte Diederich fest - und es ging ihm auf, dass Kluesings
+Zumutung, die Fabrik zu kaufen und richtig nach ihrem Wert zu bezahlen,
+wie die Dinge lagen, einfach laecherlich sei. Worauf er wirklich laut
+lachte ... Da nahm er wahr, dass am Schlusse des Briefes, nach der
+Unterschrift, noch etwas stand, ein Zusatz, kleiner geschrieben als das
+uebrige und so unscheinbar, dass Diederich ihn vorhin uebersehen hatte. Er
+entzifferte - und der Mund ging ihm von selbst auf. Ploetzlich tat er einen
+Sprung. "Na also!" rief er frohlockend durch sein einsames Bureau. "Da
+haben wir sie!" Hierauf bemerkte er tiefernst: "Es ist schauerlich. Ein
+Abgrund." Er las noch einmal, Wort fuer Wort, den verhaengnisvollen Zusatz,
+legte den Brief in den Geldschrank und schloss mit hartem Griff. Dort innen
+schlummerte nun das Gift fuer Buck und die Seinen - geliefert von ihrem
+Freund. Nicht nur, dass Kluesing sie nicht mehr mit Geld versah, er verriet
+sie auch. Aber sie hatten es verdient, das konnte man sagen; eine solche
+Verderbnis hatte wahrscheinlich selbst Kluesing angeekelt. Wer da noch
+Schonung uebte, machte sich mitschuldig. Diederich pruefte sich. "Schonung
+waere geradezu ein Verbrechen. Sehe jeder, wo er bleibe! Hier heisst es
+ruecksichtslos vorgehen. Dem Geschwuer die Maske herunterreissen und es mit
+eisernem Besen auskehren! Ich uebernehme es im Interesse des oeffentlichen
+Wohles, meine Pflicht als nationaler Mann schreibt es mir vor. Es ist nun
+mal eine harte Zeit!"
+
+Den Abend darauf war eine grosse oeffentliche Volksversammlung, einberufen
+vom freisinnigen Wahlkomitee in den Riesensaal der "Walhalla". Mit der
+regen Hilfe Gottlieb Hornungs hatte Diederich Vorsorge getroffen, dass die
+Waehler Heuteufels keineswegs unter sich blieben. Er selbst fand es unnuetz,
+die Programmrede des Kandidaten mit anzuhoeren; er ging hin, als schon die
+Diskussion begonnen haben musste. Gleich im Vorraum stiess er auf Kunze, der
+in uebler Verfassung war. "Ausrangierter Schlagetot!" rief er. "Sehen Sie
+mich an, Herr, und sagen Sie mir, ob so ein Mann aussieht, der sich das
+sagen laesst!" Da er vor Aufregung sich nicht weiter erklaeren konnte, loeste
+Kuehnchen ihn ab. "Zu mir haette Heuteufel das sagen sollen!" schrie er. "Da
+haette er nun aber Kuehnchen kennengelernt!" Diederich empfahl dem Major
+dringend, seinen Gegner zu verklagen. Aber Kunze brauchte keinen Ansporn
+mehr, er vermass sich, Heuteufel ganz einfach in die Pfanne zu hauen. Auch
+dies war Diederich recht, und er stimmte lebhaft zu, als Kunze erkennen
+liess, dass er unter diesen Umstaenden lieber mit dem aergsten Umsturz gehe
+als mit dem Freisinn. Hiergegen aeusserten Kuehnchen und auch Pastor Zillich,
+der hinzukam, ihre Bedenken. Die Reichsfeinde - und die Partei des
+Kaisers! "Bestochene Feiglinge!" sagte Diederichs Blick - indes der Major
+fortfuhr, Rache zu schnauben. Blutige Traenen sollte die Bande weinen! "Und
+zwar noch heute abend", verhiess darauf Diederich mit einer so eisernen
+Bestimmtheit, dass alle stutzten. Er machte eine Pause und blitzte jeden
+einzeln an. "Was wuerden Sie sagen, Herr Pastor, wenn ich Ihren Freunden
+vom Freisinn gewisse Machenschaften nachwiese ..." Pastor Zillich war
+erbleicht, Diederich ging zu Kuehnchen ueber. "Betruegerische Manipulationen
+mit oeffentlichen Geldern ..." Kuehnchen huepfte. "Nu leg' sich eener lang
+hin!" rief er schreckensvoll. Kunze aber bruellte auf. "An mein Herz!" und
+er riss Diederich in seine Arme. "Ich bin ein schlichter Soldat",
+versicherte er. "Die Schale mag rauh sein, aber der Kern ist echt.
+Beweisen Sie den Kanaillen ihre Schurkerei, und Major Kunze ist Ihr
+Freund, als ob Sie mit ihm im Feuer gestanden haetten bei Marslatuhr!"
+
+Der Major hatte Traenen in den Augen, Diederich auch. Und so hochgespannt
+wie ihre beiden Seelen war die Stimmung im Saal. Der Eintretende sah
+ueberall Arme in die Luft fahren, die aus blauem Dunst bestand, und hier
+und dort schrie eine Brust: "Pfui!" "Sehr richtig!" oder "Gemeinheit!" Der
+Wahlkampf war auf der Hoehe, Diederich stuerzte sich hinein, mit unerhoerter
+Erbitterung, denn vor dem Bureau, das der alte Buck in Person leitete, wer
+stand am Rand der Buehne und redete? Soetbier, Diederichs entlassener
+Prokurist! Aus Rache hielt Soetbier eine Hetzrede, worin er ueber die
+Arbeiterfreundlichkeit gewisser Herren auf das abfaelligste urteilte. Sie
+sei nichts als ein demagogischer Kniff, womit man, um gewisser
+persoenlicher Vorteile willen, das Buergertum spalten und dem Umsturz Waehler
+zutreiben wolle. Frueher habe der Betreffende im Gegenteil gesagt: Wer
+Knecht ist, soll Knecht bleiben. "Pfui!" riefen die Organisierten.
+Diederich stiess um sich, bis er unter der Buehne stand. "Gemeine
+Verleumdung!" schrie er Soetbier ins Gesicht. "Schaemen Sie sich, seit Ihrer
+Entlassung sind Sie unter die Noergler gegangen!" Der von Kunze
+kommandierte Kriegerverein bruellte wie ein Mann: "Gemeinheit!" und "Hoert,
+hoert!" - indes die Organisierten pfiffen und Soetbier eine zitterige Faust
+machte gegen Diederich, der ihm drohte, er werde ihn einsperren lassen. Da
+erhob der alte Buck sich und klingelte.
+
+Als man wieder hoeren konnte, sagte er mit weicher Stimme, die anschwoll
+und erwaermte: "Mitbuerger! Wollt doch dem persoenlichen Ehrgeiz einzelner
+nicht Nahrung gewaehren, indem ihr ihn ernst nehmt! Was sind hier Personen?
+Was selbst Klassen? Es geht um das Volk, dazu gehoeren alle, nur die Herren
+nicht. Wir muessen zusammenhalten, wir Buerger duerfen nicht immer aufs neue
+den Fehler begehen, der schon in meiner Jugend begangen wurde, dass wir
+unser Heil den Bajonetten anvertrauen, sobald auch die Arbeiter ihr Recht
+wollen. Dass wir den Arbeitern niemals ihr Recht geben wollten, das hat den
+Herren die Macht verschafft, auch uns das unsere zu nehmen."
+
+"Sehr wahr!"
+
+"Das Volk, wir alle haben angesichts der uns abgeforderten
+Heeresvermehrung die vielleicht letzte Gelegenheit, unsere Freiheit zu
+behaupten gegen Herren, die uns nur noch ruesten, damit wir unfrei sind.
+Wer Knecht ist, soll Knecht bleiben, das wird nicht nur euch Arbeitern
+gesagt: das sagen die Herren, deren Macht wir immer teurer bezahlen
+sollen, uns allen!"
+
+"Sehr wahr! Bravo! Keinen Mann und keinen Groschen!" Inmitten bewegter
+Zustimmung setzte der alte Buck sich. Diederich, dem aeussersten Kampf nahe
+und im voraus schweisstriefend, sandte noch einen Blick durch den Saal und
+bemerkte Gottlieb Hornung, der die Lieferanten des Kaiser-Wilhelm-Denkmals
+befehligte. Pastor Zillich bewegte sich unter den christlichen Juenglingen,
+der Kriegerverein war um Kunze geschart: da zog Diederich blank. "Der
+Erbfeind erhebt wieder mal das Haupt!" schrie er mit Todesverachtung. "Ein
+Vaterlandsverraeter, wer unserem herrlichen Kaiser versagt, was er" - "Hu,
+hu!" riefen die Vaterlandsverraeter; aber Diederich, unter den
+Beifallssalven der Gutgesinnten, schrie weiter, wenn ihm auch die Stimme
+ueberschnappte. "Ein franzoesischer General hat Revanche verlangt!" Vom
+Bureau her fragte jemand: "Wieviel hat er aus Berlin dafuer bekommen?"
+Worauf man lachte - indes Diederich mit den Armen hinaufgriff, als wollte
+er in die Luft steigen. "Schimmernde Wehr! Blut und Eisen! Mannhafte
+Ideale! Starkes Kaisertum!" Seine Kraftworte stiessen rasselnd aneinander,
+umlaermt vom Getoese der Gutgesinnten. "Festes Regiment! Bollwerk gegen die
+Schlammflut der Demokratie!"
+
+"Ihr Bollwerk heisst Wulckow!" rief wieder die Stimme vom Bureau. Diederich
+fuhr herum, er erkannte Heuteufel. "Wollen Sie sagen, die Regierung Seiner
+Majestaet -?"
+
+"Auch ein Bollwerk!" sagte Heuteufel. Diederich reckte den Finger nach
+ihm. "Sie haben den Kaiser beleidigt!" rief er mit aeusserster
+Schneidigkeit. Aber hinter ihm kreischte jemand: "Spitzel!" Es war
+Napoleon Fischer, und seine Genossen wiederholten es aus rauhen Kehlen.
+Sie waren aufgesprungen, sie umringten Diederich in unglueckverheissender
+Weise. "Er provoziert schon wieder! Er will noch einen ins Loch bringen!
+'raus!" Und Diederich ward angepackt. Angstverzerrt wand er den Hals, den
+schwielige Faeuste beengten, nach dem Vorsitzenden hin und flehte erstickt
+um Hilfe. Der alte Buck gewaehrte sie ihm, er klingelte anhaltend, und er
+schickte sogar einige junge Leute aus, damit sie Diederich von seinen
+Feinden erretteten. Kaum dass er sich ruehren konnte, schwang Diederich den
+Finger gegen den alten Buck. "Die demokratische Korruption!" schrie er,
+tanzend vor Leidenschaft. "Ich will sie ihm beweisen!" "Bravo! Reden
+lassen!" - und das Lager der nationalen Maenner setzte sich in Bewegung,
+ueberrannte die Tische und mass sich Aug' in Auge mit dem Umsturz. Ein
+Handgemenge schien bevorzustehen: schon fasste der Polizeileutnant dort
+oben seinen Helm an, um sich damit zu bedecken; es war ein kritischer
+Moment - da hoerte man von der Buehne herab befehlen: "Ruhe! Er soll
+sprechen!" Und es ward fast still, man hatte einen Zorn vernommen, groesser
+als irgendeiner hier. Der alte Buck, heraufgewachsen hinter seinem Tisch
+dort oben, war kein wuerdiger Greis mehr, er schien schlanker vor Kraft,
+vom Hass war er bleich, und einen Blick schnellte er gegen Diederich: der
+Atem stockte einem.
+
+"Er soll sprechen!" wiederholte der Alte. "Auch Verraeter haben das Wort,
+bevor sie abgeurteilt werden. So sehen die Verraeter an der Nation aus. Sie
+haben sich nur aeusserlich veraendert seit den Zeiten, da mein Geschlecht
+kaempfte, fiel, ins Gefaengnis und auf die Richtstaette ging."
+
+"Haha", machte hier Gottlieb Hornung, voll ueberlegenen Spottes. Zu seinem
+Unglueck sass er im Armbereich eines starken Arbeiters, der so furchtbar
+nach ihm ausholte, dass Hornung, noch bevor der Schlag ihn traf, umfiel
+mitsamt seinem Stuhl.
+
+"Schon damals", rief der Alte, "gab es solche, die statt der Ehre den
+Nutzen waehlten und denen keine Herrschaft demuetigend schien, wenn sie sie
+bereicherte. Der sklavische Materialismus, Frucht und Mittel jeder
+Tyrannei, er war es, dem wir unterlagen, und auch ihr, Mitbuerger -"
+
+Der Alte breitete die Arme aus, er spannte sich zu dem letzten Schrei
+seines Gewissens.
+
+"Mitbuerger, auch ihr lauft heute Gefahr, von ihm verraten und seine Beute
+zu werden! Dieser Mensch soll sprechen."
+
+"Nein!"
+
+"Er soll sprechen. Dann aber fragt ihn, wieviel eine Gesinnung, die
+national zu nennen er die Stirn hat, in barem Gelde betraegt. Fragt ihn,
+wem er sein Haus verkauft hat, zu welchem Zweck und mit welchem Nutzen!"
+
+"Wulckow!" Der Ruf kam von der Buehne, aber der Saal nahm ihn auf.
+Diederich, gebieterische Faeuste hinter sich, gelangte nicht ganz
+freiwillig die Stufen zur Buehne hinauf. Dort sah er ratsuchend umher: der
+alte Buck sass regungslos, die Hand geballt auf dem Knie und liess ihn nicht
+aus dem Auge; Heuteufel, Cohn, alle Herren des Bureaus erwarteten mit
+kalter Gier im Gesicht seinen Zusammenbruch; und "Wulckow!" rief der Saal
+ihm zu, "Wulckow!" Er stammelte etwas von Verleumdung, das Herz flog ihm,
+einen Augenblick schloss er die Augen, in der Hoffnung, er werde umfallen
+und der Sache ueberhoben sein. Aber er fiel nicht um - und als nichts
+anderes mehr moeglich war, kam ihm ein ungeheurer Mut. Er griff an seine
+Brusttasche, seiner Waffe sicher, und er mass kampfesfreudig den Feind,
+jenen tueckischen Alten, der nun endlich die Maske des vaeterlichen Goenners
+verloren hatte und seinen Hass bekannte. Diederich blitzte ihn an, er stiess
+vor ihm beide Faeuste gegen den Boden. Dann trat er kraftvoll vor den Saal
+her.
+
+"Wollen Sie was verdienen?" bruellte er wie ein Ausrufer in den Tumult -
+und es ward still, wie auf ein Zauberwort. "Jeder kann bei mir verdienen!"
+bruellte Diederich; mit unverminderter Gewalt. "Jedem, der mir nachweist,
+wieviel ich am Verkauf meines Hauses verdient habe, zahle ich ebensoviel!"
+
+Hierauf schien niemand gefasst. Die Lieferanten zuerst riefen "Bravo", dann
+entschlossen sich auch die Christen und die Krieger, aber ohne rechte
+Zuversicht, denn es ward wieder "Wulckow!" gerufen, noch dazu nach dem
+Takt von Bierglaesern, die man auf die Tische stiess. Diederich erkannte,
+dass dies ein vorbereiteter Streich war, der nicht nur ihm, sondern weit
+hoeheren Maechten galt. Er sah sich unruhig um, und wirklich zueckte der
+Polizeileutnant schon wieder den Helm. Diederich bedeutete ihm mit der
+Hand, dass er es schon machen werde, und er bruellte:
+
+"Nicht Wulckow, ganz andere Leute! Das freisinnige Saeuglingsheim! Dafuer
+haette ich mein Haus hergeben sollen, das ist mir nahegelegt worden, ich
+kann es beschwoeren. Ich als nationaler Mann habe mich energisch gewehrt
+gegen die Zumutung, die Stadt zu betruegen und den Raub zu teilen mit einem
+gewissenlosen Magistratsrat!"
+
+"Sie luegen!" rief der alte Buck und stand flammend da. Aber Diederich
+flammte noch hoeher, im Vollgefuehl seines Rechtes und seiner sittlichen
+Sendung. Er griff in die Brusttasche, und vor dem tausendkoepfigen Drachen
+dort unten, der ihn anspritzte: "Luegner! Schwindler!" schwenkte er
+furchtlos seinen Schein. "Beweis!" bruellte er und schwenkte so lange, bis
+sie hoerten.
+
+"Bei mir ist es nicht geglueckt, aber in Gausenfeld. Jawohl, Mitbuerger! In
+Gausenfeld ... Wieso? Gleich. Zwei Herren von der freisinnigen Partei sind
+beim Besitzer gewesen und haben das Vorkaufsrecht verlangt auf ein
+gewisses Terrain, fuer den Fall, dass das Saeuglingsheim dorthin kommt."
+
+"Namen! Namen!"
+
+Diederich schlug sich auf die Brust, auch zum letzten bereit. Kluesing
+hatte ihm alles verraten, nur nicht die Namen. Blitzend fasste er die
+Herren des Vorstandes ins Auge; einer schien zu erbleichen. "Wer wagt,
+gewinnt", dachte Diederich, und er bruellte:
+
+"Der eine ist Herr Warenhausbesitzer Cohn!"
+
+Und er trat ab, mit der Miene erfuellter Pflicht. Drunten nahm Kunze ihn
+entgegen und kuesste ihn selbstvergessen rechts und links ins Gesicht, wozu
+die Nationalgesinnten klatschten. Die anderen schrien: "Beweis!" oder
+"Schwindel!" Aber "Cohn soll reden!", das wollten alle, Cohn konnte sich
+den Anforderungen unmoeglich entziehen. Der alte Buck sah ihn an, starr,
+mit einem sichtbaren Zittern der Wangen; und dann erteilte er ihm von
+selbst das Wort. Cohn, von Heuteufel mit einem Stoss versehen, kam ohne
+rechte Ueberzeugung hinter dem langen Tisch des Komitees hervor, schleppte
+die Fuesse nach und hatte unguenstig gewirkt, noch bevor er anfing. Er
+laechelte entschuldigend. "Meine Herren, das werden Sie dem Herrn Vorredner
+doch nicht glauben," sagte er so sanft, dass fast niemand es verstand.
+Dennoch meinte Cohn schon zu weit gegangen zu sein. "Ich will den Herrn
+Vorredner nicht geradezu dementieren, aber so war es denn doch nicht."
+
+"Aha! Er gibt es zu!" - und jaeh brach ein Aufruhr los, dass Cohn, auf
+nichts vorbereitet, einen Sprung rueckwaerts tat. Der Saal war nur noch ein
+Fuchteln und Schaeumen. Schon fielen da und dort Gegner uebereinander her.
+"Hurra!" kreischte Kuehnchen und sauste durch die Reihen mit flatterndem
+Haar, die Faeuste geschwungen, anfeuernd zur Metzelei ... Auch auf der
+Buehne war alles auf den Beinen, ausser dem Polizeileutnant. Der alte Buck
+hatte den Platz des Vorsitzenden verlassen, und abgekehrt von dem Volk,
+ueber das der letzte Schrei seines Gewissens vergebens hingegangen war,
+abseits und allein, richtete er die Augen dorthin, wo niemand sah, dass sie
+weinten. Heuteufel sprach entruestet auf den Polizeileutnant ein, der sich
+von seinem Stuhl nicht ruehrte, ward aber darueber belehrt, dass der Beamte
+allein entscheide, ob und wann er aufloese. Es brauchte nicht gerade in dem
+Augenblick zu geschehen, wo es fuer den Freisinn schlecht stand! Worauf
+Heuteufel zum Tisch ging und die Glocke fuehrte. Dazu schrie er: "Der
+zweite Name!" Und da alle Herren auf der Buehne mitschrien, hoerte man es
+endlich und Heuteufel konnte fortfahren.
+
+"Der zweite, der in Gausenfeld war, ist Herr Landgerichtsrat Kuehlemann!
+Stimmt. Kuehlemann selbst. Derselbe Kuehlemann, aus dessen Nachlass das
+Saeuglingsheim gebaut werden soll. Will jemand behaupten, Kuehlemann
+bestiehlt seinen eigenen Nachlass? Na also!" - und Heuteufel zuckte die
+Achseln, woraus beifaellig gelacht ward. Nicht lange; die Leidenschaften
+pfauchten schon wieder. "Beweise! Kuehlemann soll selbst reden! Diebe!"
+Herr Kuehlemann sei schwerkrank, erklaerte Heuteufel. Man werde hinschicken,
+man telephoniere schon. "Auweh", raunte Kunze seinem Freunde Diederich zu.
+"Wenn Kuehlemann es war, sind wir fertig und koennen einpacken." "Noch lange
+nicht!" verhiess Diederich, tollkuehn. Pastor Zillich seinerseits setzte
+seine Hoffnung nur mehr auf den Finger Gottes. Diederich in seiner
+Tollkuehnheit sagte: "Brauchen wir gar nicht!" - und er machte sich ueber
+einen Zweifler her, dem er zuredete. Die Gutgesinnten reizte er zu
+entschiedener Stellungnahme, ja, er drueckte Sozialdemokraten die Hand, um
+ihren Hass gegen die buergerliche Korruption zu verstaerken - und ueberall
+hielt er den Leuten Kluesings Brief vor die Augen. Er schlug so heftig mit
+dem Handruecken auf das Papier, dass niemand lesen konnte, und rief: "Steht
+da Kuehlemann? Da steht Buck! Wenn Kuehlemann noch japsen kann, wird er
+zugeben muessen, dass er es nicht war. Buck war es!"
+
+Dabei ueberwachte er dennoch die Buehne, wo es merkwuerdig still geworden
+war. Die Herren des Komitees liefen durcheinander, aber sie fluesterten
+nur. Den alten Buck sah man nicht mehr. "Was ist los?" Auch im Saal ward
+es ruhiger, noch wusste man nicht, warum. Ploetzlich hiess es: "Kuehlemann
+soll tot sein." Diederich fuehlte es mehr, als dass er es hoerte. Er gab es
+ploetzlich auf, zu reden und sich abzuarbeiten. Vor Spannung schnitt er
+Gesichter. Wenn jemand ihn fragte, antwortete er nicht, er vernahm ringsum
+ein wesenloses Gewirr von Lauten und wusste nicht mehr deutlich, wo er war.
+Dann kam aber Gottlieb Hornung und sagte: "Er ist weiss Gott tot. Ich war
+oben, sie haben telephoniert. Im Moment ist er gestorben."
+
+"Im richtigen Moment", sagte Diederich und sah sich um, erstaunt, als
+erwachte er. "Der Finger Gottes hat sich wieder mal bewaehrt", stellte
+Pastor Zillich fest, und Diederich ward sich bewusst, dass dieser Finger
+doch nicht zu verachten war. Wie, wenn er dem Schicksal einen anderen Lauf
+angewiesen haette?... Die Parteien im Saale loesten sich auf; das Eingreifen
+des Todes in die Politik machte aus den Parteien Leute; sie sprachen
+gedaempft und verzogen sich. Als er schon draussen war, erfuhr Diederich
+noch, der alte Buck habe eine Ohnmacht erlitten.
+
+
+
+Die "Netziger Zeitung" berichtete ueber die "tragisch verlaufene
+Wahlversammlung" und schloss daran einen ehrenvollen Nachruf fuer den
+hochverdienten Mitbuerger Kuehlemann. Den Verblichenen traf kein Makel, wenn
+etwa Dinge vorgefallen waren, die der Aufklaerung bedurften ... Das weitere
+geschah, nachdem Diederich und Napoleon Fischer eine Besprechung unter
+vier Augen gehabt hatten. Noch am Abend vor der Wahl hielt die "Partei des
+Kaisers" eine Versammlung ab, von der die Gegner nicht ausgeschlossen
+waren. Diederich trat auf und geisselte mit flammenden Worten die
+demokratische Korruption und ihr Haupt in Netzig, das mit Namen zu nennen
+die Pflicht eines kaisertreuen Mannes sei - aber er nannte es doch lieber
+nicht. "Denn, meine Herren, das Hochgefuehl schwellt mir die Brust, dass ich
+mich verdient mache um unseren herrlichen Kaiser, wenn ich seinem
+gefaehrlichsten Feinde die Maske abreisse und Ihnen beweise, dass er auch nur
+verdienen will." Hier kam ihm ein Einfall, oder war es eine Erinnerung, er
+wusste nicht. "Seine Majestaet haben das erhabene Wort gesprochen: 'Mein
+afrikanisches Kolonialreich fuer einen Haftbefehl gegen Eugen Richter!' Ich
+aber, meine Herren, liefere Seiner Majestaet die naechsten Freunde
+Richters!" Er liess die Begeisterung verrauschen; dann, mit verhaeltnismaessig
+gedaempfter Stimme: "Und darum, meine Herren, habe ich besondere Gruende, zu
+vermuten, was man an hoher, sehr hoher Stelle von der Partei des Kaisers
+erwartet." Er griff an seine Brusttasche, als truege er dort auch diesmal
+die Entscheidung; und ploetzlich aus voller Lunge: "Wer jetzt noch seine
+Stimme dem Freisinnigen gibt, der ist kein kaisertreuer Mann!" Da die
+Versammlung dies einsah, machte Napoleon Fischer, der zugegen war, den
+Versuch, sie auf die gebotenen Konsequenzen ihrer Haltung hinzuweisen.
+Sofort fuhr Diederich dazwischen. Die nationalen Waehler wuerden schweren
+Herzens ihre Pflicht tun und das kleinere Uebel waehlen. "Aber ich bin der
+erste, der jedes Paktieren mit dem Umsturz weit von sich weist!" Er schlug
+so lange auf das Rednerpult, bis Napoleon in der Versenkung verschwand.
+Und dass Diederichs Entruestung echt war, ersah man in der Fruehe des
+Stichwahltages aus der sozialdemokratischen "Volksstimme", die unter
+hoehnischen Ausfaellen gegen Diederich selbst alles wiedergab, was er ueber
+den alten Buck gesagt hatte, und zwar nannte sie den Namen. "Hessling faellt
+hinein," sagten die Waehler, "denn jetzt muss Buck ihn verklagen." Aber
+viele antworteten: "Buck faellt hinein, der andere weiss zuviel." Auch die
+Freisinnigen, soweit sie der Vernunft zugaenglich waren, fanden jetzt, es
+sei an der Zeit, vorsichtig zu werden. Wenn die Nationalen, mit denen
+nicht zu spassen schien, nun einmal meinten, man solle fuer den
+Sozialdemokraten stimmen -. Und war der Sozialdemokrat erst gewaehlt, dann
+war es gut, dass man ihn mitgewaehlt hatte, sonst ward man noch boykottiert
+von den Arbeitern ... Die Entscheidung aber fiel nachmittags um drei. In
+der Kaiser-Wilhelm-Strasse erscholl Alarmgeblaese, alles stuerzte an die
+Fenster und unter die Ladentueren, um zu sehen, wo es brenne. Es war der
+Kriegerverein in Uniform, der herbeimarschierte. Seine Fahne zeigte ihm
+den Weg der Ehre. Kuehnchen, der das Kommando fuehrte, hatte die Pickelhaube
+wild im Nacken sitzen und schwang auf furchterregende Weise seinen Degen.
+Diederich in Reih' und Glied stapfte mit und freute sich der Zuversicht,
+dass nun in Reih' und Glied, nach Kommandos und auf mechanischem Wege alles
+Weitere sich abwickeln werde. Man brauchte nur zu stapfen, und aus dem
+alten Buck ward Kompott gemacht unter dem Taktschritt der Macht!... Am
+anderen Ende der Strasse holte man die neue Fahne ab und empfing sie, bei
+schmetternder Musik, mit stolzem Hurra. Unabsehbar verlaengert durch die
+Werbungen des Patriotismus erreichte der Zug das Klappsche'sche Lokal.
+Hier ward in Sektionen eingeschwenkt, und Kuehnchen befahl "Kueren". Der
+Wahlvorstand, an seiner Spitze Pastor Zillich, wartete schon, festlich
+gekleidet, im Hausflur. Kuehnchen kommandierte mit Kampfgeschrei: "Auf,
+Kameraden, zur Wahl! Wir waehlen Fischer!" - worauf es vom rechten Fluegel
+ab, unter schmetternder Musik, in das Wahllokal ging. Dem Kriegerverein
+aber folgte der ganze Zug. Klappsch, der auf so viel Begeisterung nicht
+vorbereitet war, hatte schon kein Bier mehr. Zuletzt, als die nationale
+Sache alles abgeworfen zu haben schien, dessen sie faehig war, kam noch,
+von Hurra empfangen, der Buergermeister Doktor Scheffelweis. Er liess sich
+ganz offenkundig den roten Zettel in die Hand druecken, und bei der
+Rueckkehr von der Urne sah man ihn freudig bewegt. "Endlich!" sagte er und
+drueckte Diederich die Hand. "Heute haben wir den Drachen besiegt."
+Diederich erwiderte schonungslos: "Sie, Herr Buergermeister? Sie stecken
+noch halb in seinem Rachen. Dass er Sie nur nicht mitnimmt, jetzt wo er
+verreckt!" Waehrend Doktor Scheffelweis erbleichte, stieg wieder ein Hurra.
+Wulckow!...
+
+Fuenftausend und mehr Stimmen fuer Fischer! Heuteufel mit kaum dreitausend
+war fortgefegt von der nationalen Woge, und in den Reichstag zog der
+Sozialdemokrat. Die "Netziger Zeitung" stellte einen Sieg der "Partei des
+Kaisers" fest, denn ihr verdanke man es, dass eine Hochburg des Freisinns
+gefallen sei - womit aber Nothgroschen weder grosse Befriedigung noch
+lauten Widerspruch weckte. Die eingetretene Tatsache fanden alle
+natuerlich, aber gleichgueltig. Nach dem Rummel der Wahlzeit hiess es nun
+wieder Geld verdienen. Das Kaiser-Wilhelm-Denkmal, noch soeben der
+Mittelpunkt eines Buergerkrieges, regte keinen mehr auf. Der alte Kuehlemann
+hatte der Stadt sechshunderttausend Mark fuer gemeinnuetzige Zwecke
+vermacht, sehr anstaendig. Saeuglingsheim oder Kaiser-Wilhelm-Denkmal, es
+war wie Schwamm oder Zahnbuerste, wenn man zu Gottlieb Hornung kam. In der
+entscheidenden Sitzung der Stadtverordneten zeigte es sich, dass die
+Sozialdemokraten fuer das Denkmal waren, also schoen. Irgend jemand schlug
+vor, gleich ein Komitee zu bilden und dem Herrn Regierungspraesidenten von
+Wulckow den Ehrenvorsitz anzubieten. Hier erhob sich Heuteufel, den seine
+Niederlage wohl doch geaergert hatte, und aeusserte Bedenken, ob der
+Regierungspraesident, der einem gewissen Grundstuecksgeschaeft nicht
+fernstehe, sich selbst fuer berufen halten werde, das Grundstueck
+mitzubestimmen, auf dem das Denkmal stehen solle. Man schmunzelte und
+zwinkerte ein wenig; und Diederich, dem es kalt durch den Leib schnitt,
+wartete, ob jetzt der Skandal kam. Er wartete still, mit einem
+verstohlenen Kitzel, wie es der Macht ergehen werde, nun jemand ruettelte.
+Er haette nicht sagen koennen, was er sich wuenschte. Da nichts kam, erhob er
+sich stramm und protestierte, ohne uebertriebene Anstrengung, gegen eine
+Unterstellung, die er schon einmal oeffentlich widerlegt habe. Die andere
+Seite dagegen habe die ihr zur Last gelegten Missbraeuche bisher nicht im
+mindesten entkraeftet. "Troesten Sie sich," erwiderte Heuteufel, "Sie werden
+es bald erleben. Die Klage ist schon eingereicht."
+
+Dies bewirkte immerhin eine Bewegung. Der Eindruck ward freilich
+abgeschwaecht, als Heuteufel gestehen musste, dass sein Freund Buck nicht den
+Stadtverordneten Doktor Hessling, sondern nur die "Volksstimme" verklagt
+habe. "Hessling weiss zuviel", wiederholte man - und neben Wulckow, dem der
+Ehrenvorsitz zufiel, ward Diederich zum Vorsitzenden des
+Kaiser-Wilhelm-Denkmal-Komitees ernannt. Im Magistrat fanden diese
+Beschluesse in dem Buergermeister Doktor Scheffelweis einen warmen
+Fuersprecher, und sie gingen durch, wobei der alte Buck durch Abwesenheit
+glaenzte. Wenn er seine Sache selbst nicht hoeher einschaetzte! Heuteufel
+sagte: "Soll er sich die Schweinereien, die er nicht verhindern kann, auch
+noch persoenlich ansehen?" Aber damit schadete Heuteufel nur sich selbst.
+Da der alte Buck nun in kurzer Zeit zwei Niederlagen erlitten hatte, sah
+man voraus, der Prozess gegen die "Volksstimme" werde seine dritte sein.
+Die Aussage, die man vor Gericht zu machen haben wuerde, passte jeder schon
+im voraus den gegebenen Umstaenden an. Hessling war natuerlich zu weit
+gegangen, sagten vernuenftig Denkende. Der alte Buck, den alle von jeher
+kannten, war kein Schwindler und Gauner. Eine Unvorsichtigkeit waere ihm
+vielleicht zuzutrauen gewesen, besonders jetzt, wo er die Schulden seines
+Bruders bezahlte und selbst schon das Wasser an der Kehle hatte. Ob er nun
+wirklich mit Cohn bei Kluesing gewesen war wegen des Terrains? Ein gutes
+Geschaeft: - es haette nur nicht herauskommen duerfen! Und warum musste
+Kuehlemann genau in der Minute abkratzen, wo er seinen Freund haette
+freischwoeren sollen! So viel Pech bedeutete etwas. Herr Tietz, der
+kaufmaennische Leiter der "Netziger Zeitung", der in Gausenfeld ein und aus
+ging, sagte ausdruecklich, man begehe nur ein Verbrechen gegen sich selbst,
+wenn man fuer Leute eintrete, die augenscheinlich ausgespielt haetten. Auch
+machte Tietz darauf aufmerksam, dass der alte Kluesing, der mit einem Wort
+die ganze Sache haette beenden koennen, sich huetete zu reden. Er war krank,
+nur seinetwegen musste die Verhandlung auf unbestimmte Zeit vertagt werden.
+
+Was ihn aber nicht abhielt, seine Fabrik zu verkaufen. Dies war das
+Neueste, dies waren die "einschneidenden Veraenderungen in einem grossen,
+fuer das wirtschaftliche Leben Netzigs hochbedeutsamen Unternehmen", von
+denen die "Netziger Zeitung" dunkel meldete. Kluesing war mit einem
+Berliner Konsortium in Verbindung getreten. Diederich, gefragt, warum er
+nicht mittue, zeigte den Brief vor, worin Kluesing ihm, frueher als jedem
+anderen, den Kauf angeboten hatte. "Und zwar unter Bedingungen, die nie
+wiederkommen", setzte er hinzu. "Leider bin ich stark engagiert bei meinem
+Schwager in Eschweiler, ich weiss nicht einmal, ob ich nicht von Netzig
+wegziehen muss." Aber als Sachverstaendiger erklaerte er auf Befragen
+Nothgroschens, der seine Antwort veroeffentlichte, dass der Prospekt eher
+noch hinter der Wahrheit zurueckbleibe. Gausenfeld sei tatsaechlich eine
+Goldgrube; der Ankauf der Aktien, die an der Boerse zugelassen seien, koenne
+nur auf das waermste empfohlen werden. Tatsaechlich wurden die Aktien in
+Netzig stark gefragt. Wie sachlich und von persoenlichem Interesse
+unbeeinflusst Diederichs Urteil gewesen war, zeigte sich bei einer
+besonderen Gelegenheit, als naemlich der alte Buck Geld suchte. Denn er war
+so weit; seine Familie und sein Gemeinsinn hatten ihn gluecklich so weit
+gebracht, dass auch seine Freunde nicht mehr mitgingen. Da griff Diederich
+ein. Er gab dem Alten zweite Hypothek fuer sein Haus in der
+Fleischhauergrube. "Er muss es verzweifelt noetig gehabt haben", bemerkte
+Diederich, sooft er davon erzaehlte. "Wenn er es von mir, seinem
+entschiedensten politischen Gegner, annimmt! Wer haette das frueher von ihm
+gedacht!" Und Diederich sah gedankenvoll in das Schicksal ... Er setzte
+hinzu, das Haus werde ihm teuer zu stehen kommen, wenn es ihm zufalle.
+Freilich, aus dem seinen muesse er bald heraus. Und auch dies zeigte, dass
+er auf Gausenfeld nicht rechnete ... "Aber", erklaerte Diederich, "der Alte
+ist nicht auf Rosen gebettet, wer weiss, wie sein Prozess ausgeht - und
+gerade weil ich ihn politisch bekaempfen muss, wollte ich zeigen - Sie
+verstehen." Man verstand, und man beglueckwuenschte Diederich zu seinem mehr
+als korrekten Verhalten. Diederich wehrte ab. "Er hat mir Mangel an
+Idealismus vorgeworfen, das durfte ich nicht auf mir sitzen lassen."
+Maennliche Ruehrung zitterte in seiner Stimme.
+
+Die Schicksale nahmen ihren Lauf; und wenn man manche auf
+Terrainschwierigkeiten stossen sah, durfte man um so freudiger anerkennen,
+dass das eigene glatt ging. Diederich erfuhr dies so recht an dem Tage, als
+Napoleon Fischer nach Berlin reiste, um die Militaervorlage abzulehnen. Die
+"Volksstimme" hatte eine Massendemonstration angekuendigt, der Bahnhof
+sollte polizeilich besetzt sein; Pflicht eines nationalen Mannes war es,
+dabei zu sein. Unterwegs stiess Diederich auf Jadassohn. Man begruesste
+einander so foermlich, wie die kuehl gewordenen Beziehungen es vorschrieben.
+"Sie wollen sich auch den Klimbim ansehen?" fragte Diederich.
+
+"Ich gehe in Urlaub - nach Paris." Tatsaechlich trug Jadassohn Kniehosen.
+Er setzte hinzu: "Schon um den politischen Dummheiten auszuweichen, die
+hier begangen worden sind."
+
+Diederich beschloss, vornehm hinwegzuhoeren ueber die Veraergerung eines
+Menschen, der keinen Erfolg gehabt hatte. "Man dachte eigentlich," sagte
+er, "Sie wuerden jetzt Ernst machen."
+
+"Ich? Wieso?"
+
+"Fraeulein Zillich ist freilich fort zu ihrer Tante."
+
+"Tante ist gut", Jadassohn feixte. "Und man dachte. Sie wohl auch?"
+
+"Mich lassen Sie nur aus dem Spiel." Diederich machte ein Gesicht voll
+Einverstaendnis. "Aber wieso ist Tante gut? Wo ist sie denn hin?"
+
+"Durchgegangen", sagte Jadassohn. Da blieb Diederich denn doch stehen und
+schnaufte. Kaethchen Zillich durchgegangen! In was fuer Abenteuer haette man
+verwickelt werden koennen!... Jadassohn sagte weltmaennisch:
+
+"Nun ja, nach Berlin. Die guten Eltern haben noch keine Ahnung. Ich bin
+weiter nicht boese mit ihr, Sie verstehen, es musste mal zum Klappen
+kommen."
+
+"So oder so", ergaenzte Diederich, der sich gefasst hatte.
+
+"Lieber so als so", berichtigte Jadassohn; worauf Diederich, vertraulich
+die Stimme gesenkt: "Jetzt kann ich es Ihnen ja sagen, mir kam das Maedchen
+schon immer so vor, als ob sie bei Ihnen auch nicht sauer werden wuerde."
+
+Aber Jadassohn verwahrte sich, nicht ohne Eigenliebe. "Was glauben Sie
+denn? Ich selbst habe ihr Empfehlungen mitgegeben. Passen Sie auf, sie
+macht Karriere in Berlin."
+
+"Daran zweifle ich nicht." Diederich zwinkerte. "Ich kenne ihre
+Qualitaeten ... Sie allerdings haben mich fuer naiv gehalten." Jadassohns
+Abwehr liess er nicht gelten. "Sie haben mich fuer naiv gehalten. Und zur
+selben Zeit bin ich Ihnen verdammt ins Gehege gekommen, jetzt kann ich es
+ja sagen." Er berichtete dem anderen, der immer unruhiger ward, sein
+Erlebnis mit Kaethchen im Liebeskabinett - berichtete es so vollstaendig,
+wie es in Wahrheit nicht stattgefunden hatte. Mit einem Laecheln
+befriedigter Rache sah er auf Jadassohn, der sichtlich im Zweifel war, ob
+hier der Ehrenpunkt Platz greifen muesse. Schliesslich entschied er sich
+dafuer, Diederich auf die Schulter zu klopfen, und man zog in
+freundschaftlicher Weise die gebotenen Schluesse. "Die Sache bleibt
+natuerlich streng unter uns ... So ein Maedchen muss man auch gerecht
+beurteilen, denn woher soll die bessere Lebewelt sich ergaenzen ... Die
+Adresse? Aber nur Ihnen. Kommt man dann mal nach Berlin, so weiss man doch,
+woran man ist." "Es haette sogar einen gewissen Reiz", bemerkte Diederich,
+in sich hineinblickend; und da Jadassohn sein Gepaeck sah, nahmen sie
+Abschied. "Die Politik hat uns leider etwas auseinander gebracht, aber im
+Menschlichen findet man sich, Gott sei Dank, wieder. Viel Vergnuegen in
+Paris."
+
+"Vergnuegen kommt nicht in Frage." Jadassohn wandte sich um, mit einem
+Gesicht, als sei er im Begriff, jemand hineinzulegen. Da er Diederichs
+beunruhigte Miene sah, kam er zurueck. "In vier Wochen", sagte er
+merkwuerdig ernst und gefasst, "werden Sie es selbst sehen. Vielleicht ist
+es vorzuziehen, wenn Sie die Oeffentlichkeit schon jetzt darauf
+vorbereiten." Diederich, ergriffen wider Willen, fragte: "Was haben Sie
+vor?" Und Jadassohn, bedeutungsschwer, mit dem Laecheln eines opfervollen
+Entschlusses: "Ich stehe im Begriff, meine aeussere Erscheinung in Einklang
+zu bringen mit meinen nationalen Ueberzeugungen" ... Als Diederich den Sinn
+dieser Worte erfasst hatte, konnte er nur noch eine achtungsvolle
+Verbeugung machen; Jadassohn war schon fort. Dahinten flammten, nun er die
+Halle betrat, seine Ohren noch einmal - das letztemal! - auf, wie zwei
+Kirchenfenster im Abendschein.
+
+Auf den Bahnhof zu rueckte eine Gruppe von Maennern, in deren Mitte eine
+Standarte schwebte. Einige Schutzleute kamen nicht eben leichtfuessig die
+Treppe herab und stellten sich ihnen entgegen. Alsbald stimmte die Gruppe
+die Internationale an. Gleichwohl ward ihr Ansturm von den Vertretern der
+Macht erfolgreich zurueckgeschlagen. Mehrere kamen freilich durch und
+scharten sich um Napoleon Fischer, der, langatmig wie er war, seine
+bestickte Reisetasche beinahe am Boden schleppte. Beim Buefett erfrischte
+man sich nach diesen, in der Julisonne fuer die Sache des Umsturzes
+bestandenen Strapazen. Dann versuchte Napoleon Fischer auf dem Bahnsteig,
+da der Zug ohnedies Verspaetung hatte, eine Ansprache zu halten; aber ein
+Polizist untersagte es dem Abgeordneten. Napoleon setzte die bestickte
+Tasche hin und fletschte die Zaehne. Wie Diederich ihn kannte, war er im
+Begriff, einen Widerstand gegen die Staatsgewalt zu begehen. Zu seinem
+Glueck fuhr der Zug ein - und erst jetzt ward Diederich auf einen
+untersetzten Herrn aufmerksam, der sich aber abwandte, wenn man um ihn
+herumging. Er hielt einen grossen Blumenstrauss vor sich hin und sah dem Zug
+entgegen. Diederich kannte doch diese Schultern ... Das ging mit dem
+Teufel zu! Aus einem Coupe gruesste Judith Lauer, ihr Mann half ihr
+herunter, ja, er ueberreichte ihr den Blumenstrauss, und sie nahm ihn mit
+dem ernsten Laecheln, das sie hatte. Wie die beiden sich nach dem Ausgang
+wandten, ging Diederich ihnen schleunigst aus dem Weg, und er schnaufte
+dabei. Mit dem Teufel ging es nicht zu, Lauers Zeit war einfach herum, er
+war wieder frei. Nicht dass von ihm etwas zu fuerchten stand, immerhin musste
+man sich erst wieder daran gewoehnen, ihn draussen zu wissen ... Und mit
+einem Bukett holte er sie ab! Wusste er denn nichts? Er hatte doch Zeit
+gehabt, nachzudenken. Und sie, die zu ihm zurueckkehrte, nachdem er fertig
+gesessen hatte! Es gab Verhaeltnisse, von denen man sich als anstaendiger
+Mensch nichts traeumen liess. Uebrigens stand Diederich den Dingen nicht
+naeher als jeder andere; er hatte damals nur seine Pflicht getan. "Alle
+werden dieselbe peinliche Empfindung haben wie ich. Man wird ihm
+allerseits zu verstehen geben, dass er am besten zu Hause bleibt ... Denn
+wie man sich bettet, liegt man." Kaethchen Zillich hatte es begriffen und
+die richtige Folgerung gezogen. Was ihr recht war, konnte gewissen anderen
+Leuten billig sein, nicht nur dem Herrn Lauer.
+
+Diederich selbst, der von achtungsvollen Gruessen geleitet durch die Stadt
+schritt, nahm jetzt auf die natuerlichste Weise den Platz ein, den seine
+Verdienste ihm bereitet hatten. Durch diese harte Zeit hatte er sich nun
+so weit hindurchgekaempft, dass bloss noch die Fruechte zu pfluecken waren. Die
+anderen hatten angefangen an ihn zu glauben: alsbald kannte auch er keinen
+Zweifel mehr ... Ueber Gausenfeld liefen neuerdings unguenstige Geruechte um,
+und die Aktien fielen. Woher wusste man, dass die Regierung der Fabrik ihre
+Auftraege entzogen und sie dem Hesslingschen Werk uebertragen hatte?
+Diederich hatte nichts verlauten lassen, aber man wusste es, noch bevor die
+Arbeiterentlassungen kamen, die die "Netziger Zeitung" so sehr bedauerte.
+Der alte Buck, als Vorsitzender des Aufsichtsrates, musste sie leider
+persoenlich anregen, was ihm allgemein schadete. Die Regierung ging
+wahrscheinlich nur wegen des alten Buck so scharf vor. Es war ein Fehler
+gewesen, ihn zum Vorsitzenden zu waehlen. Ueberhaupt haette er mit dem Geld,
+das Hessling ihm anstaendigerweise gegeben hatte, lieber Schulden bezahlen
+sollen, statt Gausenfelder Aktien zu kaufen. Diederich selbst aeusserte
+ueberall diese Ansicht. "Wer haette das frueher von ihm gedacht!" bemerkte er
+auch hierzu wieder, und wieder tat er einen gedankenvollen Blick in das
+Schicksal. "Man sieht, wozu einer imstande ist, der den Boden unter den
+Fuessen verliert." Worauf jeder den beklemmenden Eindruck mitnahm, der alte
+Buck werde auch ihn selbst, als Aktionaer von Gausenfeld, in seinen Ruin
+hineinreissen. Denn die Aktien fielen. Infolge der Entlassungen drohte ein
+Streik: sie fielen noch tiefer ... Hier machte Kienast sich Freunde.
+Kienast war unvermutet in Netzig eingetroffen, zur Erholung, wie er sagte.
+Keiner gestand es gern dem anderen ein, dass er Gausenfelder hatte und
+hereingefallen war. Kienast hinterbrachte es dem, dass jener schon verkauft
+habe. Seine persoenliche Meinung war, dass es hohe Zeit sei. Ein Makler, den
+er uebrigens nicht kannte, sass dann und wann im Cafe und kaufte. Einige
+Monate spaeter brachte die Zeitung ein taegliches Inserat des Bankhauses
+Sanft & Co. Wer noch Gausenfelder hatte, konnte sie hier muehelos abstossen.
+Tatsaechlich besass zu Anfang des Herbstes kein Mensch mehr die faulen
+Papiere. Dagegen ging das Gerede, Hessling und Gausenfeld sollten
+fusioniert werden. Diederich zeigte sich verwundert. "Und der alte Herr
+Buck?" fragte er. "Als Vorsitzender des Aufsichtsrates wird er wohl noch
+mitreden wollen. Oder hat er selbst schon verkauft?" - "Der hat mehr
+Sorgen", hiess es dann. Denn in seiner Beleidigungssache gegen die
+"Volksstimme" war jetzt die Verhandlung anberaumt. "Er wird wohl
+hineinfliegen", meinte man; und Diederich, mit vollkommener Sachlichkeit:
+"Schade um ihn. Dann hat er in seinem letzten Aufsichtsrat gesessen."
+
+In diesem Vorgefuehl gingen alle zu der Verhandlung. Die auftretenden
+Zeugen erinnerten sich nicht. Kluesing hatte schon laengst zu jedem vom
+Verkauf der Fabrik gesprochen. Hatte er von jenem Terrain besonders
+gesprochen? Und hatte er als den Unterhaendler den alten Buck genannt? Dies
+alles blieb zweifelhaft. In den Kreisen der Stadtverordneten war bekannt
+gewesen, dass das Grundstueck in Frage komme fuer das damals in Aussicht
+genommene Saeuglingsheim. War Buck dafuer gewesen? Jedenfalls nicht dagegen.
+Mehreren war es aufgefallen, wie lebhaft er sich fuer den Platz
+interessierte. Kluesing selbst, der noch immer krank war, hatte in seiner
+kommissarischen Vernehmung ausgesagt, sein Freund Buck sei bis vor kurzem
+bei ihm ein und aus gegangen. Wenn Buck ihm von dem Vorkaufsrecht auf das
+Terrain gesprochen haben sollte, so habe er dies keinesfalls in einem fuer
+Buck ehrenruehrigen Sinne aufgefasst ... Der Klaeger Buck wuenschte
+festgestellt zu sehen, dass der verstorbene Kuehlemann es gewesen sei, der
+mit Kluesing verhandelt habe: Kuehlemann selbst, der Spender des Geldes.
+Aber die Feststellung misslang, Kluesings Aussage war unentschieden auch
+hierin. Dass Cohn es behauptete, war nicht wesentlich, da Cohn ein
+Interesse hatte, seinen eigenen Besuch in Gausenfeld harmlos erscheinen zu
+lassen. Als gewichtigster Zeuge blieb Diederich uebrig, dem Kluesing
+geschrieben und der gleich darauf mit ihm eine Unterredung gehabt hatte.
+War damals ein Name gefallen? Er sagte aus:
+
+"Mir lag nicht daran, den oder jenen Namen zu erfahren. Ich stelle fest,
+dass ich, was alle Zeugen bestaetigen, niemals oeffentlich den Namen des
+Herrn Buck genannt habe. Mein Interesse in der Sache war einzig das der
+Stadt, die nicht durch einzelne geschaedigt werden sollte. Ich bin fuer die
+politische Moral eingetreten. Persoenliche Gehaessigkeit liegt mir fern, und
+es wuerde mir leid tun, wenn der Herr Klaeger aus dieser Verhandlung nicht
+ganz vorwurfsfrei hervorgehen sollte."
+
+Seinen Worten folgte ein anerkennendes Gemurmel. Nur Buck schien
+unzufrieden; er fuhr auf, rot im Gesicht ... Diederich sollte nun angeben,
+welches seine persoenliche Auffassung der Sache sei. Er setzte an: da trat
+Buck vor, straff aufgerichtet, und seine Augen flammten wieder, wie in der
+tragisch verlaufenen Wahlversammlung.
+
+"Ich erlasse es dem Herrn Zeugen, ein schonendes Gutachten abzugeben ueber
+meine Person und mein Leben. Er ist nicht der Mann dazu. Seine Erfolge
+sind mit anderen Mitteln erreicht als die meinen, und sie haben einen
+anderen Gegenstand. Mein Haus war immer jedem offen und zugaenglich, auch
+dem Herrn Zeugen. Mein Leben gehoert seit mehr als fuenfzig Jahren nicht
+mir, es gehoert einem Gedanken, den zu meiner Zeit mehrere hatten, der
+Gerechtigkeit und dem Wohl aller. Ich war vermoegend, als ich in die
+Oeffentlichkeit trat. Wenn ich sie verlasse, werde ich arm sein. Ich
+brauche keine Verteidigung!"
+
+Er schwieg, sein Gesicht zitterte noch - aber Diederich zuckte nur die
+Achseln. Auf welche Erfolge berief sich der Alte? Er hatte schon laengst
+keine mehr und brachte nun hohle Worte vor, auf die niemand eine Hypothek
+gab. Er tat erhaben und befand sich schon unter den Raedern. Konnte ein
+Mensch seine Lage so sehr verkennen? "Wenn einer von uns den anderen von
+oben herab zu behandeln hat -" Und Diederich blitzte. Er blitzte den
+Alten, der vergebens flammte, einfach nieder, und diesmal endgueltig,
+mitsamt der Gerechtigkeit und dem Wohl aller. Zuerst das eigene Wohl - und
+gerecht war die Sache, die Erfolg hatte!... Er fuehlte deutlich, dass dies
+fuer alle feststand. Auch der Alte fuehlte es, er setzte sich wieder, er
+bekam runde Schultern, in seine Miene trat etwas wie Scham. Zu den
+Schoeffen gewendet, sagte er: "Ich verlange keine Ausnahmestellung, ich
+unterwerfe mich dem Urteil meiner Mitbuerger."
+
+Worauf denn Diederich, als sei nichts geschehen, in seiner Aussage
+fortfuhr. Sie war wirklich sehr schonend und machte den besten Eindruck.
+Seit dem Prozess Lauer fand man ihn durchaus guenstig veraendert; er hatte an
+ueberlegener Ruhe gewonnen, was freilich kein Kunststueck hiess, da er jetzt
+ein gemachter Mann und fein heraus war. Gerade schlug es Mittag, und im
+Saal verbreitete sich summend das Neueste aus der "Netziger Zeitung": es
+war Tatsache, Hessling, Grossaktionaer von Gausenfeld, war als
+Generaldirektor berufen worden ... Neugierig musterte man ihn - und ihm
+gegenueber den alten Buck, auf dessen Kosten er Seide gesponnen hatte. Die
+zwanzigtausend, die er dem Alten zuletzt noch geliehen hatte, bekam er nun
+mit hundert Prozent zurueck, und war noch edel. Dass der Alte sich fuer das
+Geld gerade Gausenfelder gekauft hatte, wirkte wie ein guter Witz von
+Hessling und troestete im Augenblick manchen ueber den eigenen Verlust. Bei
+Diederichs Abgang schwieg man an seinem Wege. Die Gruesse drueckten Achtung
+in dem Grade aus, wo sie in Unterwuerfigkeit uebergeht. Die Hereingefallenen
+gruessten den Erfolg.
+
+Mit dem alten Buck verfuhren sie unwirscher. Als der Vorsitzende das
+Urteil verkuendete, ward geklatscht. Nur fuenfzig Mark fuer den Redakteur der
+"Volksstimme"! Der Beweis war nicht vollstaendig erbracht, guter Glaube
+ward zugebilligt. Vernichtend fuer den Klaeger, sagten die Juristen - und
+wie Buck das Gerichtsgebaeude verliess, wichen auch die Freunde ihm aus.
+Kleine Leute, die an Gausenfeld ihre Ersparnisse verloren hatten,
+schuettelten die Faeuste hinter ihm her. Und allen brachte dieser Spruch des
+Gerichts die Erleuchtung, dass sie mit ihrer Meinung ueber den alten Buck
+eigentlich schon laengst fertig waren. Ein Geschaeft wie das mit dem Terrain
+fuer das Saeuglingsheim musste wenigstens gluecken: das Wort war von Hessling,
+und es stimmte. Aber daran lag es: dem alten Buck war seiner Lebtage kein
+Geschaeft geglueckt. Er duenkte sich was Wunder, wenn er als Stadtvater und
+Parteifuehrer mit Schulden abschnitt. Faule Kunden gab es noch mehr! Der
+geschaeftlichen Fragwuerdigkeit aber entsprach die moralische, dafuer zeugte
+die nie recht aufgeklaerte Geschichte mit der Verlobung seines Sohnes,
+desselben, der sich jetzt beim Theater umhertrieb. Und Bucks Politik? Eine
+internationale Gesinnung, immer nur Opfer fordern fuer demagogische Zwecke,
+aber wie Hund und Katz' mit der Regierung, was dann wieder auf die
+Geschaefte zurueckwirkte: das war die Politik eines Menschen, der nichts
+mehr zu verlieren hat und dem es an gutbuergerlicher Muendelsicherheit
+gebricht. Entruestet erkannte man, dass man sich auf Gedeih und Verderb in
+der Hand eines Abenteurers befunden hatte. Ihn unschaedlich zu machen, war
+der allgemeine Herzenswunsch. Da er von selbst aus dem vernichtenden
+Urteil die Folgerungen nicht zog, mussten andere sie ihm nahelegen. Das
+Verwaltungsrecht enthielt doch wohl eine Bestimmung, wonach ein
+Gemeindebeamter sich durch sein Verhalten in und ausser dem Amte der
+Achtung, die dieses erfordert, wuerdig zu erweisen hatte. Ob der alte Buck
+diese Bestimmung erfuellte? Die Frage aufwerfen, hiess sie verneinen, wie
+die "Netziger Zeitung", ohne natuerlich seinen Namen zu nennen,
+feststellte. Aber es musste erst so weit kommen, dass die
+Stadtverordnetenversammlung mit der Angelegenheit befasst ward. Da endlich,
+einen Tag vor der Debatte, nahm der hartgesottene Alte Vernunft an und
+legte sein Amt als Stadtrat nieder. Seine politischen Freunde konnten ihn
+hiernach, bei Gefahr, die letzten Anhaenger zu verlieren, nicht laenger an
+der Spitze der Partei lassen. Er machte es ihnen nicht leicht, wie es
+schien; mehrfache Besuche bei ihm und ein sanfter Druck waren noetig, bevor
+in der Zeitung sein Brief erschien: das Wohl der Demokratie sei ihm
+wichtiger als seins. Da ihr, unter der Einwirkung von Leidenschaften, die
+er fuer vergaenglich halten wolle, jetzt Schaden drohe durch seinen Namen,
+trete er zurueck. "Wenn es dem Ganzen nuetzen kann, bin ich bereit, den
+ungerechten Makel, den der getaeuschte Volkswille mir auferlegt, zu tragen,
+im Glauben an die ewige Gerechtigkeit des Volkes, das ihn dereinst wieder
+von mir nehmen wird."
+
+Dies fasste man als Heuchelei und Ueberhebung auf; die Wohlmeinenden
+entschuldigten es mit Greisenhaftigkeit. Uebrigens hatte, was er schrieb
+oder nicht schrieb, keinen Belang mehr, denn was war er noch? Leute, die
+ihm Stellungen oder Gewinn verdankten, sahen ihm ploetzlich ins Gesicht,
+ohne an den Hut zu fassen. Manche lachten und machten laute Bemerkungen:
+es waren die, denen er nichts zu befehlen gehabt hatte und die dennoch
+voll Ergebenheit gewesen waren, solange er das allgemeine Ansehen genoss.
+Statt der alten Freunde aber, die auf seinem taeglichen Spaziergang sich
+niemals vorfanden, kamen neue, seltsame. Sie begegneten ihm, wenn er
+heimkehrte und es schon daemmerte, und es war etwa ein kleiner
+Geschaeftsmann mit gehetzten Augen, dem der Bankerott im Nacken sass, oder
+ein duesterer Trunkenbold, oder irgendein die Haeuser entlang streichender
+Schatten. Diese sahen ihm, den Schritt verlangsamend, entgegen mit scheuer
+oder frecher Vertraulichkeit. Sie rueckten wohl zoegernd ihre Kopfbedeckung,
+dann winkte der alte Buck ihnen zu, und auch die Hand, die hingehalten
+ward, nahm er, ganz gleich welche.
+
+Da die Zeit verging, beachtete auch der Hass ihn nicht mehr. Wer mit
+Absicht weggesehen hatte, ging nun gleichgueltig vorbei, und manchmal
+gruesste er wieder, aus alter Gewohnheit. Ein Vater, der seinen jungen Sohn
+bei sich hatte, bekam eine nachdenkliche Miene, und waren sie vorueber,
+erklaerte er dem Kinde: "Hast du den alten Herrn gesehen, der da so allein
+hinschleicht und niemand ansieht? Dann merke dir fuer dein Leben, was aus
+einem Menschen die Schande machen kann." Und das Kind ward fortan beim
+Anblick des alten Buck von einem geheimnisvollen Grauen ueberlaufen, gleich
+wie das erwachsene Geschlecht, als es klein war, bei seinem Anblick einen
+unerklaerten Stolz gefuehlt hatte. Junge Leute freilich gab es, die der
+herrschenden Meinung nicht folgten. Manchmal, wenn der Alte das Haus
+verliess, war eben die Schule aus. Die Herden der Heranwachsenden trabten
+davon, ehrfuerchtig machten sie ihren Lehrern Platz, und Kuehnchen, jetzt
+rueckhaltlos national, oder Pastor Zillich, sittenstrenger als je seit dem
+Unglueck mit Kaethchen, eilten hindurch, ohne einen Blick fuer den
+Gefallenen. Da blieben am Wege diese wenigen jungen Leute stehen, jeder
+fuer sich, wie es schien, und aus eigenem Antrieb. Ihre Stirnen sahen
+weniger glatt aus als die meisten; sie hatten Ausdruck in den Augen, nun
+sie Kuehnchen und Zillich den Ruecken kehrten und vor dem alten Buck den
+Kopf entbloessten. Unwillkuerlich hielt er dann den Schritt an und sah in
+diese zukunftstraechtigen Gesichter, noch einmal voll der Hoffnung, mit der
+er sein Leben lang in alle Menschengesichter gesehen hatte.
+
+
+
+Diederich inzwischen hatte wahrhaftig keine Zeit, viel Aufmerksamkeit zu
+wenden an nebensaechliche Begleiterscheinungen seines Aufstiegs. Die
+"Netziger Zeitung", jetzt unbedingt zu Diederichs Verfuegung, stellte fest,
+dass Herr Buck selbst es gewesen sei, der, noch bevor er den Vorsitz im
+Aufsichtsrat niederlegte, die Berufung des Herrn Doktor Hessling zum
+Generaldirektor befuerworten musste. An der Tatsache spuerte mancher einen
+eigenartigen Geschmack. Doch gab Nothgroschen zu bedenken, dass Herr
+Generaldirektor Doktor Hessling sich ein grosses und unbestrittenes
+Verdienst um die Allgemeinheit erworben habe. Ohne ihn, der mehr als die
+Haelfte der Aktien in aller Stille an sich gebracht hatte, waeren sie
+sicherlich immer tiefer gefallen, und gar manche Familie verdankte es nur
+Herrn Doktor Hessling, dass sie vor dem Zusammenbruch bewahrt blieb. Der
+Streik war durch die Energie des neuen Generaldirektors gluecklich
+beschworen. Seine nationale und kaisertreue Gesinnung buergte dafuer, dass
+die Regierungssonne kuenftig ueber Gausenfeld nicht mehr untergehen werde.
+Kurz, herrliche Zeiten brachen nun an fuer das wirtschaftliche Leben
+Netzigs und besonders fuer die Papierindustrie - zumal das Geruecht von
+einer Fusion des Hesslingschen Werkes mit Gausenfeld, wie aus sicherer
+Quelle verlautete, auf Wahrheit beruhte. Nothgroschen konnte verraten, dass
+Herr Doktor Hessling nur unter dieser Bedingung sich habe bewegen lassen,
+die Leitung Gausenfelds zu uebernehmen.
+
+Tatsaechlich hatte Diederich nichts so Eiliges zu tun, als das
+Aktienkapital erhoehen zu lassen. Fuer das neue Kapital ward das Hesslingsche
+Werk erworben. Diederich hatte ein glaenzendes Geschaeft gemacht. Seine
+erste Regierungshandlung hatte der Erfolg gekroent, er war Herr der Lage,
+mit seinem Aufsichtsrat aus gefuegigen Maennern, und konnte daran gehen, der
+inneren Organisation des Unternehmens seinen Herrscherwillen aufzudruecken.
+Gleich anfangs versammelte er sein ganzes Volk von Arbeitern und
+Angestellten. "Einige von euch", sagte er, "kennen mich schon, vom
+Hesslingschen Werk her. Na, und ihr anderen sollt mich kennenlernen! Wer
+mir behilflich sein will, ist willkommen, aber Umsturz wird nicht
+geduldet! Vor noch nicht zwei Jahren hab' ich das einem kleinen Teil von
+euch gesagt, und jetzt seht euch an, wie viele ich jetzt unter meinem
+Befehle habe. Ihr koennt stolz auf einen solchen Herrn sein! Verlasst euch
+auf mich, ich werde es mir angelegen sein lassen, euern nationalen Sinn zu
+wecken und euch zu treuen Anhaengern der bestehenden Ordnung zu machen."
+Und er verhiess ihnen eigene Wohnhaeuser, Krankenunterstuetzungen, billige
+Lebensmittel. "Sozialistische Umtriebe aber verbitte ich mir! Wer in
+Zukunft anders waehlt, als ich will, fliegt!" Auch dem Unglauben, sagte
+Diederich, sei er zu steuern entschlossen; jeden Sonntag werde er sich
+ueberzeugen, wer in der Kirche sei und wer nicht. "Solange in der Welt die
+unerloeste Suende herrscht, wird es Krieg und Hass, Neid und Zwietracht
+geben. Und darum: einer muss Herr sein!"
+
+Um diesen obersten Grundsatz zur Geltung zu bringen, wurden alle Raeume der
+Fabrik bedeckt mit Inschriften, die ihn verkuendeten. Durchgang verboten!
+Wasserholen mit den Eimern der Feuerloeschapparate verboten!
+Flaschenbierholen erst recht verboten, denn Diederich hatte nicht
+versaeumt, mit einer Brauerei einen Vertrag zu schliessen, der ihm Vorteile
+sicherte vom Konsum seiner Leute ... Essen, Schlafen, Rauchen, Kinder
+mitbringen, "Poussieren, Schaekern, Knutschen, ueberhaupt jede Unzucht"
+strengstens verboten! In den Arbeiterhaeusern waren, noch bevor sie
+wirklich dastanden, Pflegekinder verboten. Ein in freier Liebe
+dahinlebendes Paar, das unter Kluesing zehn Jahre lang sich der Entdeckung
+zu entziehen gewusst hatte, wurde feierlich entlassen. Dieser Vorfall war
+fuer Diederich sogar der Anlass, ein neues Mittel zur sittlichen Hebung des
+Volkes zu verwenden. An den geeigneten Orten liess er ein in Gausenfeld
+selbst erzeugtes Papier aufhaengen, bei dessen Benutzung niemand umhin
+konnte, die moralischen oder staatserhaltenden Maximen zu beachten, mit
+denen es bedruckt war. Zuweilen hoerte er die Arbeiter einen von hoher
+Stelle stammenden Ausspruch einander zurufen, von dem sie auf diesem Wege
+ueberzeugt worden waren, oder sie sangen ein patriotisches Lied, das sich
+ihnen bei derselben Gelegenheit eingepraegt hatte. Ermutigt durch diese
+Erfolge, brachte Diederich seine Erfindung in den Handel. Sie trat unter
+dem Zeichen "Weltmacht" auf, und wirklich trug sie, wie eine grosszuegige
+Reklame es verkuendete, deutschen Geist, gestuetzt auf deutsche Technik,
+siegreich durch die Welt.
+
+Alle Konfliktsstoffe zwischen Herrn und Arbeitern konnten auch diese
+erzieherischen Papiere nicht entfernen. Eines Tages sah Diederich sich
+veranlasst, bekanntzugeben, dass er vom Versicherungsgeld nur
+Zahnbehandlung, nicht aber auch Zahnersatz bezahlen werde. Ein Mann hatte
+sich ein ganzes Gebiss verfertigen lassen! Da Diederich sich auf seine,
+freilich erst nachtraeglich erlassene Bekanntmachung berief, prozessierte
+der Mann und bekam abenteuerlicherweise sogar recht. Hierdurch in seinem
+Glauben an die herrschende Ordnung erschuettert, ward er zum Aufwiegler,
+verkam sittlich und waere unter anderen Umstaenden unbedingt entlassen
+worden. So aber konnte Diederich sich nicht entschliessen, das Gebiss, das
+ihn teuer zu stehen kam, dahinzugeben, und behielt daher auch den Mann....
+Die ganze Angelegenheit, er verhehlte es sich nicht, war dem Geiste der
+Arbeiterschaft nicht zutraeglich. Hinzu kam die Einwirkung gefaehrlicher
+politischer Ereignisse. Als im neu eroeffneten Reichstagsgebaeude mehrere
+sozialdemokratische Abgeordnete beim Kaiserhoch sitzengeblieben waren, da
+konnte man nicht mehr zweifeln, die Notwendigkeit einer Umsturzvorlage war
+bewiesen. Diederich machte in der Oeffentlichkeit dafuer Stimmung; seine
+Leute bereitete er darauf in einer Ansprache vor, die sie mit duesterem
+Schweigen aufnahmen. Die Mehrheit des Reichstages war gewissenlos genug,
+die Vorlage abzulehnen, und der Erfolg liess nicht warten, ein
+Industrieller ward ermordet. Ermordet! Ein Industrieller! Der Moerder
+behauptete kein Sozialdemokrat zu sein, aber das kannte Diederich von
+seinen eigenen Leuten her; und der Ermordete sollte arbeiterfreundlich
+gewesen sein, aber das kannte Diederich an sich selbst. Tage- und
+wochenlang oeffnete er keine Tuer ohne Bangen vor einem dahinter schon
+gezueckten Messer. Sein Bureau erhielt Selbstschuesse, und gemeinsam mit
+Guste kroch er jeden Abend durch das Schlafzimmer und suchte. Seine
+Telegramme an den Kaiser, mochten sie von der Stadtverordnetenversammlung
+ausgehen, vom Vorstand der "Partei des Kaisers", vom Unternehmerverband
+oder vom Kriegerverein: die Telegramme, mit denen Diederich den
+Allerhoechsten Herrn ueberschuettete, schrien nach Hilfe gegen die von den
+Sozialisten angefachte Revolutionsbewegung, der wieder ein Opfer mehr
+erlegen war; nach Befreiung von dieser Pest, nach schleunigen gesetzlichen
+Massnahmen, militaerischem Schutz der Autoritaet und des Eigentums, nach
+Zuchthausstrafen fuer Streikende, die jemand abhielten zu arbeiten.... Die
+"Netziger Zeitung", die alles dies puenktlich wiedergab, vergass aber
+keinesfalls hinzuzufuegen, wie sehr gerade Herr Generaldirektor Doktor
+Hessling sich verdient mache um den sozialen Frieden und die
+Arbeiterfuersorge. Jedes von Diederich neuerbaute Arbeiterhaus fuehrte
+Nothgroschen stark geschmeichelt im Bilde vor und schrieb dazu einen
+hochgestimmten Artikel. Mochten gewisse andere Arbeitgeber, deren Einfluss
+in Netzig gluecklicherweise nicht mehr in Frage kam, unter ihren
+Angestellten subversive Tendenzen schueren, indem sie sie am Gewinn
+beteiligten. Die von Herrn Generaldirektor Doktor Hessling vertretenen
+Grundsaetze zeitigten zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer das denkbar
+beste Verhaeltnis, wie Seine Majestaet der Kaiser es ueberall in der
+deutschen Industrie zu sehen wuenschten. Ein kraeftiger Widerstand gegen die
+unberechtigten Forderungen der Arbeiter sowie eine Koalition der
+Arbeitgeber gehoerten bekanntlich gleichfalls zum sozialen Programm des
+Kaisers, das mit zu verwirklichen ein Ruhmestitel des Herrn
+Generaldirektor Doktor Hessling war. - Und daneben stand Diederichs Bild.
+
+Solche Anerkennung spornte zu immer eifrigerer Betaetigung an - trotz der
+unerloesten Suende, die ihre verheerende Wirkung uebrigens nicht nur
+geschaeftlich, sondern auch in der Familie aeusserte. Hier war es leider
+Kienast, der Neid und Zwietracht saete. Er behauptete, dass ohne ihn und
+seine unauffaellige Vermittlung beim Ankauf der Aktien Diederich seine
+glaenzende Stellung gar nicht erlangt haben wuerde. Worauf Diederich
+erwiderte, dass Kienast durch einen seinen Mitteln entsprechenden
+Aktienbesitz entschaedigt sei. Dies erkannte der Schwager nicht an,
+vielmehr vermass er sich, fuer seine pietaetlosen Ansprueche eine rechtliche
+Grundlage gefunden zu haben. War er nicht als Gatte Magdas der
+Mitbesitzer, zu einem Achtel ihres Wertes, der alten Hesslingschen Fabrik
+gewesen? Die Fabrik war verkauft, Diederich hatte bares Geld und
+Gausenfelder Vorzugsaktien dafuer bekommen. Kienast verlangte ein Achtel
+der Kapitalrente und der jaehrlichen Dividende der Vorzugsaktien. Auf
+dieses unerhoerte Ansinnen erwiderte Diederich mit aller Energie, dass er
+weder seinem Schwager noch seiner Schwester irgend etwas mehr schuldig
+sei. "Ich war nur verpflichtet, euch euren Anteil vom jaehrlichen Gewinn
+meiner Fabrik zu zahlen. Meine Fabrik ist verkauft. Gausenfeld gehoert
+nicht mir, sondern einer Aktiengesellschaft. Was das Kapital betrifft, das
+ist mein Privatvermoegen. Ihr habt nichts zu fordern." - Kienast nannte
+dies einen offenen Raub, Diederich, durch die eigenen Argumente vollkommen
+ueberzeugt, sprach von Erpressung, und dann folgte ein Prozess.
+
+Der Prozess dauerte drei Jahre. Er ward mit immer wachsender Erbitterung
+gefuehrt, besonders von seiten Kienasts, der, um sich ihm ganz zu widmen,
+seine Stellung in Eschweiler aufgab und mit Magda nach Netzig zog. Als
+Hauptzeugen gegen Diederich hatte er den alten Soetbier aufgestellt, der in
+seiner Rachsucht nun wirklich beweisen wollte, dass Diederich schon frueher
+an seine Verwandten nicht die ihnen zustehenden Summen abgefuehrt habe.
+Auch verfiel Kienast darauf, gewisse Punkte in Diederichs Vergangenheit
+mit Hilfe des jetzigen Abgeordneten Napoleon Fischer aufhellen zu wollen:
+was ihm freilich niemals recht gelang. Immerhin aber ward Diederich durch
+dieses Vorgehen genoetigt, zu verschiedenen Malen groessere Betraege fuer die
+sozialdemokratische Parteikasse zu erlegen. Und er durfte es sich sagen,
+sein persoenlicher Verlust schmerzte ihn weniger als der Abbruch, den
+dergestalt die nationale Sache erlitt ... Guste, deren Blick so weit nicht
+reichte, schuerte den Streit der Maenner mehr aus weiblichen Motiven. Ihr
+Erstes war ein Maedchen, und sie verzieh Magda ihren Jungen nicht. Magda,
+die den Geldsachen anfangs nur ein laues Interesse entgegengebracht hatte,
+leitete den Beginn der Feindseligkeiten von dem Tage her, als Emmi mit
+einem aus Berlin bezogenen unerhoerten Hut erschien. Magda stellte fest,
+dass Emmi jetzt von Diederich in der empoerendsten Weise bevorzugt wurde.
+Emmi bewohnte in Gausenfeld ein eigenes Appartement, wo sie Tees gab. Die
+Hoehe ihres Toilettegeldes stellte eine Unverschaemtheit gegen die
+verheiratete Schwester dar. Magda musste sehen, dass der Vorrang, den ihre
+Verheiratung ihr eingetragen hatte, sich in das Gegenteil verkehrte; und
+sie beschuldigte Diederich, er habe sich ihrer, vor dem Anbruch seiner
+Glanzzeit, heimtueckisch entledigt. Wenn Emmi auch jetzt noch keinen Mann
+fand, schien dies besondere Gruende zu haben - die man sich in Netzig denn
+auch ins Ohr sagte. Magda sah kein Hindernis, sie laut auszusprechen.
+Durch Inge Tietz erfuhr man es in Gausenfeld; aber Inge brachte zugleich
+eine Waffe gegen die Verleumderin mit, weil sie naemlich bei Kienasts der
+Hebamme begegnet war, und das erste Kind war kaum ein halbes Jahr. Ein
+furchtbarer Aufruhr trat hierauf ein, telephonische Beschimpfungen von
+Haus zu Haus, Drohungen mit gerichtlicher Klage, wofuer man Stoff sammelte,
+indem jede der beiden Frauen das Zimmermaedchen der anderen anwarb.
+
+Und bald nachdem Diederich und Kienast mit maennlicher Besonnenheit den
+aeussersten Familienskandal fuer diesmal noch verhuetet hatten, brach er
+dennoch aus. Guste und Diederich bekamen anonyme Briefe, die sie vor jedem
+Dritten und sogar voreinander verstecken mussten, so grenzenlos frivol war
+ihr Inhalt. Noch dazu illustrierten ihn Zeichnungen, die jedes erlaubte
+Mass einer wenn auch realistischen Kunst ueberschritten. Puenktlich jeden
+Morgen lagen die harmlos grauen Umschlaege auf dem Fruehstueckstisch, und
+jeder liess den seinen verschwinden, wobei man tat, als habe man den des
+anderen nicht bemerkt. Eines Tages freilich war es aus mit dem
+Versteckenspiel, denn Magda hatte die Kuehnheit, in Gausenfeld zu
+erscheinen, versehen mit einem Packen ganz gleichartiger Briefe, die sie
+selbst erhalten haben wollte. Dies fand Guste zu stark. "Du wirst wohl
+wissen, wer sie dir schreibt!" brachte sie hervor, erstickt und rot
+angelaufen. Magda sagte, sie koenne es sich denken, und darum sei sie
+gekommen. "Wenn du es noetig hast," erwiderte Guste und zischte, "dass du
+dir selbst musst solche Briefe schreiben, damit du in Stimmung kommst, dann
+schreib' sie wenigstens anderen Leuten nicht, die es nicht noetig haben!"
+Magda protestierte und stiess ihrerseits, gruen im Gesicht, Beschuldigungen
+aus. Aber Guste war zum Telephon gestuerzt, sie rief Diederich aus dem
+Bureau herbei; dann lief sie fort und kehrte mit einem Packen Briefe
+zurueck. Gegenueber trat Diederich ein und hatte seinen auch schon dabei.
+Als die drei interessanten Sammlungen wirkungsvoll ausgebreitet auf dem
+Tisch lagen, sahen die drei Verwandten entgeistert einander an. Dann
+fassten sie sich und schrien alle gleichzeitig dieselben Anklagen. Um nicht
+an Boden zu verlieren, rief Magda das Zeugnis ihres Mannes an, der
+gleichfalls heimgesucht sei. Guste behauptete, auch bei Emmi etwas gesehen
+zu haben. Emmi ward geholt und gestand unschwer in ihrer wegwerfenden Art,
+dass auch ihr die Post solche Schweinereien gebracht habe. Die meisten habe
+sie vernichtet. Die alte Frau Hessling sogar war nicht verschont geblieben!
+Sie leugnete zwar weinend, solange es ging, ward aber ueberfuehrt ... Da
+dies alles die Angelegenheit nur erweiterte, aber nicht klaerte, trennte
+man sich beiderseits mit Drohungen, die innerlich haltlos, aber keineswegs
+ohne Schrecken waren. Um ihre Stellung zu befestigen, hielt jede der
+Parteien Umschau nach Bundesgenossen, wobei sich zunaechst herausstellte,
+dass auch Inge Tietz zu den Empfaengern der unpassenden Darbietungen
+gehoerte. Was hiernach zu vermuten stand, bestaetigte sich. Der unheimliche
+Briefschreiber hatte ueberall in das Privatleben eingegriffen, sogar bei
+Pastor Zillich, ja beim Buergermeister und den Seinen. Soweit man blickte,
+hatte er um das Haus Hessling und alle guten Haeuser, die ihm nahestanden,
+eine Atmosphaere der krassesten Obszoenitaet geschaffen. Wochenlang wagte
+Guste sich nicht hinaus. Ihr und Diederichs Argwohn warf sich
+entsetzensvoll von dem auf jenen. In ganz Netzig traute keiner mehr dem
+Vertrautesten. Der Tag kam und die Fruehstuecksstunde, da im Schoss der
+Familie Hessling der Verdacht die letzten Grenzen verletzte. Ein Dokument,
+unbeirrbar wie noch keins, zitterte in Gustes Hand; es hielt Augenblicke
+fest, die in ihrer Eigentuemlichkeit nur ihr und ihrem Gatten, tief
+verschwiegen, bewusst waren. Kein Dritter ahnte dies, sonst hoerte alles
+auf. Dann aber?... Guste sandte ueber den Kaffeetisch einen pruefenden Blick
+zu Diederich: in seiner Hand zitterte das gleiche Papier, und auch sein
+Blick pruefte. Schnell schlugen beide, schreckengepackt, die Augen nieder.
+
+Der Verraeter war ueberall. Wo niemand sonst war, da war er ein zweites Ich.
+Durch ihn ward in nie geahnter Weise alle buergerliche Ehrbarkeit in Frage
+gestellt. Dank seiner Taetigkeit waere in Netzig jedes moralische
+Selbstgefuehl und alle gegenseitige Achtung zum Untergang verurteilt
+gewesen, haette man nicht, wie auf allseitige Verabredung, Gegenmassregeln
+getroffen, die sie wiederherstellten. Die tausendfaeltigen Aengste,
+unterirdisch fortarbeitend nach einem Ausweg, liefen zusammen von allen
+Seiten, schufen mit der Kraft der vereinigten Angst den Kanal, der ans
+Licht fuehrte, und konnten endlich ihre dunkeln Fluten ergiessen ueber einen
+Mann. Gottlieb Hornung wusste nicht, wie ihm geschah. Unter vier Augen mit
+Diederich hatte er nach seiner Weise gross getan und sich gewisser Briefe
+geruehmt, die er geschrieben haben wollte. Auf Diederichs strenge
+Vorhaltungen bemerkte er nur, solche Briefe schriebe doch jetzt jeder, es
+sei Mode, ein Gesellschaftsspiel - was Diederich sofort gebuehrend
+zurueckwies. Er nahm aus der Unterredung den Eindruck mit, sein alter
+Freund und Kommilitone Gottlieb Hornung, der schon so manche nuetzlichen
+Dienste geleistet hatte, sei ganz geeignet, auch hier einen zu leisten,
+waere es selbst unfreiwillig; weshalb er ihn pflichtgemaess anzeigte. Und als
+Hornung erst einmal laut genannt war, zeigte es sich, dass er schon laengst
+ueberall verdaechtigt war. Er hatte waehrend der Wahlen zahlreiche Einblicke
+erhalten, war uebrigens aus Netzig und ohne Verwandte, was ihm den Unfug
+offenbar erleichtert hatte. Hinzu kam sein Verzweiflungskampf um das
+Recht, weder Schwaemme noch Zahnbuersten zu verkaufen; dieser Kampf
+verbitterte ihn zusehends, er hatte ihm gewisse hoehnische Aeusserungen
+entrissen, ueber Herrschaften, die die Schwaemme wohl nicht nur aussen noetig
+haetten, und bei denen mit Zaehneputzen noch nichts geschehen sei. Er ward
+angeklagt und gab in mehreren Faellen seine Urheberschaft ohne weiteres zu.
+In den meisten freilich leugnete er sie um so kraeftiger, aber dafuer gab es
+Schreibsachverstaendige. Gegenueber der Meinung eines Zeugen wie Heuteufel,
+der von einer Epidemie sprach und behauptete, ein einzelner sei zu schwach
+fuer diesen ungeheuren Haufen Mist, standen alle uebrigen Aussagen, stand
+der oeffentliche Wille. Auf das gluecklichste vertrat ihn Jadassohn, der
+seit seiner Rueckkehr aus Paris kleinere Ohren hatte und zum Staatsanwalt
+befoerdert war. Der Erfolg und das Bewusstsein, einwandfrei dazustehen,
+hatten ihn sogar Maessigung gelehrt; er sah ein, dass Ruecksicht auf das grosse
+Ganze es gebiete, den Stimmen Gehoer zu schenken, die Hornung fuer nervoes
+ueberreizt ausgaben. Am bestimmtesten tat dies Diederich, der fuer seinen
+ungluecklichen Jugendfreund in jeder Weise eintrat. Hornung kam mit einem
+Aufenthalt im Sanatorium davon, und als er herausdurfte, versah Diederich
+ihn, wenn er nur Netzig verliess, mit Mitteln, die ihn gegen die Schwaemme
+und Zahnbuersten fuer einige Zeit wappneten. Auf die Dauer freilich waren
+sie wohl die Staerkeren, und ein gutes Ende liess sich kaum vorhersagen fuer
+Gottlieb Hornung.... Natuerlich hoerten, sobald er wohlverwahrt in der
+Anstalt sass, die Briefe auf. Oder wenigstens liess man sich, wenn noch
+einer kam, nichts mehr merken, die Affaere war abgetan.
+
+
+
+Diederich durfte wieder sagen: "Mein Haus ist meine Burg." Die Familie,
+nicht laenger schmutzigen Eingriffen ausgesetzt, bluehte auf das reinste
+empor. Nach Gretchen, die 1894 geboren ward, und Horst, von 1895, folgte
+1896 Kraft. Diederich, ein gerechter Vater, legte jedem der Kinder, noch
+bevor es da war, ein Konto an und trug vorerst die Kosten der Ausstattung
+und der Hebamme ein. Seine Auffassung vom Eheleben war die strengste.
+Horst kam nicht ohne Muehe zur Welt. Als es vorueber war, erklaerte Diederich
+seiner Gattin, dass er, vor die Wahl gestellt, sie glatt haette sterben
+lassen. "So peinlich es mir gewesen waere", setzte er hinzu. "Aber die
+Rasse ist wichtiger, und fuer meine Soehne bin ich dem Kaiser
+verantwortlich." Die Frauen waren der Kinder wegen da, Frivolitaeten und
+Ungehoerigkeiten versagte Diederich ihnen, war aber nicht abgeneigt, ihnen
+Erhebung und Erholung zu goennen. "Halte dich an die drei grossen G",
+bedeutete er Guste. "Gott, Gafee und Goeren." Auf dem rotgewuerfelten
+Tischtuch, mit Reichsadler und Kaiserkrone in den Wuerfeln, lag neben der
+Kaffeekanne immer die Bibel, und Guste war gehalten, jeden Morgen daraus
+vorzulesen. Am Sonntag ging man zur Kirche. "Es ist oben erwuenscht", sagte
+Diederich ernst, wenn Guste sich straeubte. Wie Diederich in der Furcht
+seines Herrn, hatte Guste in der Furcht des ihren zu leben. Beim Eintritt
+ins Zimmer war es ihr bewusst, dass dem Gatten der Vortritt gebuehre. Die
+Kinder wieder mussten ihr selbst die Ehre erweisen, und der Teckel Maenne
+hatte alle zu Vorgesetzten. Beim Essen dann oblag es Hund und Kindern,
+sich schweigend zu verhalten; Gustes Sache war es, aus den Stirnfalten des
+Gatten zu ersehen, ob es geboten sei, dass man ihn ungestoert lasse, oder
+aber ihm durch Geplauder die Sorgen verscheuche. Gewisse Gerichte wurden
+nur fuer den Hausherrn aufgetragen, und Diederich warf an guten Tagen ein
+Stueck davon ueber den Tisch, um herzlich lachend zuzusehn, wer es
+erwischte, Gretchen, Guste oder Maenne. Sein Nachmittagsschlaf war oefters
+durch eine Verdauungsstoerung beschwert; Gustes Pflicht erheischte dann,
+ihm warme Bauchbinden anzulegen. Diederich verhiess ihr, aechzend und schwer
+beaengstet, dass er sein Testament machen und einen Vormund einsetzen werde.
+Guste werde kein Geld in die Hand bekommen. "Ich hab' fuer meine Soehne
+gearbeitet, aber nicht, damit du dich nachher amuesierst!" Guste machte
+geltend, ihr eigenes Vermoegen sei die Grundlage von allem, aber sie kam
+schoen an ... Freilich, wenn Guste den Schnupfen hatte, durfte sie nicht
+erwarten, dass Diederich nun seinerseits ihre Pflege uebernahm. Sie hatte
+sich dann nach Moeglichkeit von ihm fernzuhalten, denn Diederich war
+entschlossen, keine Bazillen zu dulden. Die Fabrik betrat er nur mit
+desinfizierenden Tabletten im Munde; und eines Nachts entstand grosser
+Laerm, weil die Koechin an Influenza erkrankt war und vierzig Grad Fieber
+hatte. "Sofort aus dem Hause mit der Schweinerei!" befahl Diederich; und
+als sie fort war, irrte er noch lange, keimtoetende Fluessigkeiten
+verspritzend, durch die Wohnung.
+
+Am Abend bei der Lektuere des "Lokal-Anzeigers" erklaerte er seiner Gattin
+immer wieder, dass leben nicht notwendig sei, wohl aber schiffahren - was
+Guste schon darum einsah, weil auch sie die Kaiserin Friedrich nicht
+mochte, die uns bekanntlich an England verriet, ganz abgesehen von
+gewissen haeuslichen Zustaenden in Schloss Friedrichskron, die Guste lebhaft
+missbilligte. Gegen England brauchten wir eine starke Flotte; es musste
+unbedingt zerschmettert werden, es war der aergste Feind des Kaisers. Und
+warum? Man wusste es in Netzig ganz genau: nur weil Seine Majestaet einst in
+angeregter Laune dem Prinzen von Wales dort, wo es am verlockendsten
+erschien, einen freundschaftlichen Schlag versetzt hatte. Ausserdem kamen
+aus England gewisse feine Papiersorten, deren Einfuhr durch einen
+siegreichen Krieg am sichersten abgestellt worden waere. Ueber die Zeitung
+hinweg sagte Diederich zu Guste: "So wie ich England hasse, hat nur
+Friedrich der Grosse dies Volk von Dieben und Haendlern gehasst. Das ist ein
+Wort Seiner Majestaet, und ich unterschreibe es." Er unterschrieb jedes
+Wort in jeder Rede des Kaisers, und zwar in der ersten, staerkeren Form,
+nicht in der abgeschwaechten, die sie am Tage darauf annahmen. Alle diese
+Kernworte deutschen und zeitgemaessen Wesens - Diederich lebte und webte in
+ihnen, wie in Ausstrahlungen seiner eigenen Natur, sein Gedaechtnis
+bewahrte sie, als habe er sie selbst gesprochen. Manchmal hatte er sie
+wirklich schon gesprochen. Andere untermischte er bei oeffentlichen
+Gelegenheiten seinen eigenen Erfindungen, und weder er noch ein anderer
+unterschied, was von ihm kam und was von einem Hoeheren ... "Dies ist suess",
+sagte Guste, die das Vermischte las. "Der Dreizack gehoert in unsere
+Faust", behauptete Diederich unbeirrt, indes Guste ein Erlebnis der
+Kaiserin zum besten gab, das sie tief befriedigte. In Hubertusstock gefiel
+sich die hohe Frau in einfacher, beinahe buergerlicher Kleidung. Ein
+Brieftraeger, dem sie sich auf der Landstrasse zu erkennen gab, hatte ihr
+nicht geglaubt, dass sie es sei, und sie ausgelacht. Nachher war er
+vernichtet auf die Knie gesunken und hatte eine Mark erhalten. Dies
+entzueckte auch Diederich - wie es ihm andererseits an das Herz griff, dass
+der Kaiser am Weihnachtsabend auf die Strasse ging, um mit 57 Mark
+neugepraegten Geldes den Armen Berlins ein frohes Fest zu bereiten - und
+wie es ihn ahnungsvoll erschauern liess, dass Seine Majestaet Ehrenbailli des
+Maltheserordens geworden war. Welten, nie geahnt, erschloss der
+"Lokal-Anzeiger", und dann wieder brachte er einem die Allerhoechsten
+Herrschaften gemuetlich nahe. Im Erker dort die dreiviertel lebensgrossen
+Bronzefiguren der Majestaeten schienen laechelnd naeher zu ruecken, und den
+Trompeter von Saeckingen, der sie begleitete, hoerte man traulich blasen.
+"Himmlisch muss es bei Kaisers sein," meinte Guste, "wenn grosse Waesche ist.
+Sie haben hundert Leute zum Waschen!" Wohingegen Diederich von tiefem
+Wohlgefallen erfuellt ward durch die Teckel des Kaisers, die vor den
+Schleppen der Hofdamen keine Achtung zu haben brauchten. Der Plan reifte
+in ihm, bei seiner naechsten Soiree seinem Maenne volle diesbezuegliche
+Freiheit zu erteilen. Freilich, schon auf der folgenden Spalte machte ein
+Telegramm ihm ernste Sorge, weil es noch immer nicht feststand, ob der
+Kaiser und der Zar sich treffen wuerden. "Wenn es nicht bald kommt," sagte
+er gewichtig, "muessen wir uns auf alles gefasst machen. Die Weltgeschichte
+laesst nicht mit sich spassen." Gern hielt er sich laenger bei drohenden
+Katastrophen auf, denn "die deutsche Seele ist ernst, fast tragisch",
+stellte er fest.
+
+Aber Guste zeigte keine Teilnahme mehr, sie gaehnte immer haeufiger. Unter
+dem strafenden Blick des Gatten schien sie sich an eine Pflicht zu
+erinnern, sie machte herausfordernde Schlitzaugen und bedraengte ihn sogar
+mit ihren Knien. Er wollte noch einen nationalen Gedanken aeussern, da sagte
+Guste mit ungewohnt strenger Stimme "Quatsch"; Diederich aber, weit
+entfernt, diesen Uebergriff zu bestrafen, blinzelte sie an, als erwartete
+er noch mehr ... Da er sie unten zu umspannen versuchte, verscheuchte sie
+vollends ihre Muedigkeit, und ploetzlich hatte er eine maechtige Ohrfeige -
+worauf er nichts erwiderte, sondern aufstand und sich schnaufend hinter
+einen Vorhang drueckte. Und als er wieder in das Licht kam, zeigte es sich,
+dass seine Augen keineswegs blitzten, sondern voll Angst und dunkeln
+Verlangens standen ... Dies schien Guste die letzten Bedenken zu nehmen.
+Sie erhob sich; indes sie in fesselloser Weise mit den Hueften schaukelte,
+begann sie ihrerseits heftig zu blitzen, und den wurstfoermigen Finger
+gebieterisch gegen den Boden gestreckt, zischte sie: "Auf die Knie,
+elender Schklafe!" Und Diederich tat, was sie heischte! In einer
+unerhoerten und wahnwitzigen Umkehrung aller Gesetze durfte Guste ihm
+befehlen: "Du sollst meine herrliche Gestalt anbeten!" - und dann auf den
+Ruecken gelagert, liess er sich von ihr in den Bauch treten. Freilich
+unterbrach sie sich inmitten dieser Taetigkeit und fragte ploetzlich ohne
+ihr grausames Pathos und streng sachlich: "Haste genug?" Diederich ruehrte
+sich nicht; sofort ward Guste wieder ganz Herrin. "Ich bin die Herrin, du
+bist der Untertan", versicherte sie ausdruecklich. "Aufgestanden! Marsch!"
+- und sie stiess ihn mit ihren Gruebchenfaeusten vor sich her nach dem
+ehelichen Schlafgemach. "Freu' dich!" verhiess sie ihm schon, da gelang es
+Diederich, zu entwischen und das Licht abzudrehen. Im Dunkeln, versagenden
+Herzens vernahm er, wie Guste dort hinten ihm die wenigst anstaendigen
+Namen gab, wobei sie freilich schon wieder gaehnte. Etwas spaeter lag sie
+vielleicht schon und schlief - Diederich aber, noch immer des Aeussersten
+gewaertig, kroch auf allen Vieren die Estrade hinan und versteckte sich
+hinter dem bronzenen Kaiser ...
+
+Regelmaessig nach solchen naechtlichen Phantasien liess er sich am Morgen das
+Wirtschaftsbuch vorlegen, und wehe, wenn Gustes Rechnung nicht glatt
+aufging. Durch ein fuerchterliches Strafgericht in Gegenwart aller
+Dienstboten setzte Diederich ihrem kurzen Machtduenkel, falls sie noch eine
+Erinnerung daran bewahrte, ein jaehes Ende. Autoritaet und Sitte
+triumphierten wieder. Auch sonst war dafuer gesorgt, dass die ehelichen
+Beziehungen nicht allzusehr zum Vorteil Gustes ausschlugen, denn jeden
+zweiten, dritten Abend, manchmal noch oefter, ging Diederich fort - zum
+Stammtisch in den Ratskeller, wie er sagte, aber das stimmte nicht
+immer ... Am Stammtisch war Diederichs Platz unter einem gotischen Bogen,
+in dem zu lesen stand: "Je schoener die Kneip', desto schlimmer das Weib,
+je schlimmer das Weib, desto schoener die Kneip'." Und auch die kernigen
+alten Sinnsprueche in den uebrigen Bogen raechten einen in wohltuender Weise
+fuer die Zugestaendnisse, die man, durch die Natur genoetigt, der Frau daheim
+zuweilen machte. "Wer nicht liebt Wein und Gesang, verdient ein Weib sein
+Leben lang", oder "Behuet euch Gott vor Schmerz und Wunden, vor boesen
+Weibern und boesen Hunden". Dagegen las, wer zwischen Jadassohn und
+Heuteufel die Augen zur Decke erhob: "Friedliche Rast am traulichen Herd,
+und an der Wand ein schneidiges Schwert. Nach alter Sitt' in deutscher
+Mitt', kommt trinkt euch aller Sorgen quitt". Was allerseits geschah, ohne
+Unterschied der Konfession und Partei. Denn auch Cohn und Heuteufel samt
+ihren naeheren Freunden und Gesinnungsgenossen hatten im Lauf der Zeit sich
+eingefunden, einer nach dem anderen und ohne viel Aufsehen, weil es eben
+auf die Dauer niemandem moeglich war, den Erfolg zu bestreiten oder zu
+uebersehen, der den nationalen Gedanken befluegelte und immer hoeher trug.
+Das Verhaeltnis Heuteufels zu seinem Schwager Zillich litt nach wie vor
+unter Misshelligkeiten. Zwischen den Weltanschauungen lagen denn doch
+unuebersteigbare Schranken, und "in seine religioesen Ueberzeugungen laesst
+sich der Deutsche nicht hineinreden", wie man auf beiden Seiten
+feststellte. In der Politik dagegen war bekanntlich jede Ideologie vom
+Uebel. Seinerzeit im Frankfurter Parlament hatten gewisse hochbedeutende
+Maenner gesessen, aber es waren noch keine Realpolitiker gewesen, und darum
+hatten sie nichts als Unsinn gemacht, wie Diederich bemerkte. Uebrigens
+milde gestimmt durch seine Erfolge, gab er zu, dass das Deutschland der
+Dichter und Denker vielleicht auch seine Berechtigung gehabt habe. "Aber
+es war doch nur eine Vorstufe, unsere geistigen Leistungen heute liegen
+auf dem Gebiet der Industrie und Technik. Der Erfolg beweist." Heuteufel
+musste es zugeben. Seine Aeusserungen ueber den Kaiser, ueber Wirksamkeit und
+Bedeutung Seiner Majestaet klangen wesentlich zurueckhaltender als ehedem;
+bei jedem neuen Auftreten des allerhoechsten Redners stutzte er, versuchte
+zu noergeln und liess doch erkennen, dass er am liebsten sich einfach
+angeschlossen haette. Der entschiedene Liberalismus, dies ward nachgerade
+allgemein anerkannt, konnte nur gewinnen, wenn auch er sich mit der
+Energie des nationalen Gedankens erfuellte, wenn er positiv mitarbeitete
+und bei zielbewusstem Hochhalten des freiheitlichen Banners doch den
+Feinden, die uns den Platz in der Sonne nicht goennten, ein unerbittliches
+_quos ego_ zurief. Denn nicht nur unser Erbfeind Frankreich erhob immer
+aufs neue das Haupt: auch die Abrechnung mit den unverschaemten Englaendern
+rueckte naeher! Die Flotte, fuer deren Ausbau die geniale Propaganda unseres
+genialen Kaisers unermuedlich wirkte, tat uns bitter not, und unsere
+Zukunft lag tatsaechlich auf dem Wasser, diese Erkenntnis gewann immer mehr
+an Boden. Rings um den Stammtisch griff die Idee der Flotte Platz und ward
+zur lodernden Flamme, die immer neu mit deutschem Wein genaehrt, ihrem
+Schoepfer huldigte. Die Flotte, diese Schiffe, verblueffende Maschinen
+buergerlicher Erfindung, die in Betrieb gesetzt, Weltmacht produzierten,
+genau wie in Gausenfeld gewisse Maschinen ein gewisses "Weltmacht"
+benanntes Papier produzierten, sie lag Diederich mehr als alles am Herzen,
+und Cohn wie Heuteufel wurden dem nationalen Gedanken vor allem durch die
+Flotte gewonnen: Eine Landung in England war der Traum, der unter den
+gotischen Gewoelben des Ratskellers nebelte. Die Augen funkelten, und die
+Beschiessung Londons ward verhandelt. Die Beschiessung von Paris war eine
+Begleiterscheinung und vollendete die Plaene, die Gott mit uns vorhatte.
+Denn "die christlichen Kanonen tun gute Arbeit", wie Pastor Zillich sagte.
+Nur Major Kunze bezweifelte dies, er erging sich in den duestersten
+Voraussagen. Seit er, Kunze, von dem Genossen Fischer besiegt worden war,
+hielt er jede Niederlage fuer moeglich. Aber er blieb der einzige Noergler.
+Wer am meisten triumphierte, war Kuehnchen. Die Taten, die der schreckliche
+kleine Greis einst im grossen Krieg vollfuehrt hatte, jetzt endlich, ein
+Vierteljahrhundert spaeter, fanden sie ihre wahre Bestaetigung in der
+allgemeinen Gesinnung. "Die Saat," sagte er, "die wir dunnemals gesaet
+haben, na nu geht se auf. Dass meine alten Augen das noch sehen duerfen!" -
+und dann schlief er ein bei seiner dritten Flasche.
+
+Im ganzen erfreulich gestaltete sich auch Diederichs Verhaeltnis zu
+Jadassohn. Die ehemaligen Rivalen, beide gereift und in die Sphaere der
+gesaettigten Existenzen vorgerueckt, beeintraechtigten einander weder
+politisch noch am Stammtisch, und auch nicht in jener verschwiegenen
+Villa, die Diederich an dem Abend der Woche aufsuchte, wo er ohne Gustes
+Wissen dem Stammtisch fernblieb. Sie lag vor dem Sachsentor, es war die
+ehemals von Brietzensche Villa, und sie ward bewohnt von einer einzelnen
+Dame, die selten oeffentlich gesehen ward und dann niemals zu Fuss. In einer
+Proszeniumsloge der "Walhalla" sass sie zuweilen in grosser Aufmachung, ward
+allgemein durch die Opernglaeser betrachtet, aber von niemand gegruesst; und
+ihrerseits verhielt sie sich wie eine Koenigin, die ihr Inkognito wahrt.
+Natuerlich wusste trotz der Aufmachung alle Welt, das war Kaethchen Zillich,
+die, in Berlin fuer ihren Beruf vorgebildet, ihn in der von Brietzenschen
+Villa nunmehr erfolgreich ausuebte. Auch verkannte niemand, dass dieser
+Tatbestand nicht geeignet schien, das Ansehen des Pastors Zillich zu
+heben. Die Gemeinde nahm schweres Aergernis, zu schweigen von den Spoettern,
+die entzueckt waren. Um eine Katastrophe abzuwenden, beantragte der Pastor
+bei der Polizei die Beseitigung des Uebels, stiess aber auf einen
+Widerstand, der nur erklaerlich schien, wenn man gewisse Zusammenhaenge
+annahm zwischen der Villa von Brietzen und den hoechsten Stellen der Stadt.
+An der irdischen Gerechtigkeit nicht weniger als an der goettlichen
+verzweifelnd, schwor der Vater, das Amt des Richters selbst zu uebernehmen,
+und wirklich sollte er eines Nachmittags, als sie noch im Bette lag, die
+verlorene Tochter einer Zuechtigung unterzogen haben. Nur der Mutter, die
+ihm, alles ahnend, gefolgt war, verdankte Kaethchen ihr nacktes Leben, wie
+die Gemeinde behauptete. Der Mutter sagte man eine verwerfliche Schwaeche
+nach fuer die Tochter in ihrem suendigen Glanz. Was Pastor Zillich betraf,
+so erklaerte er von der Kanzel herab Kaethchen fuer tot und verfault, wodurch
+er sich vor dem Einschreiten des Konsistoriums rettete. Mit der Zeit
+verstaerkte die ihm widerfahrene Pruefung seine Autoritaet ... Diederich
+seinerseits kannte von den Herren, die an Kaethchens Lebenswandel mit
+Einlagen beteiligt waren, offiziell nur Jadassohn, obwohl Jadassohn von
+allen die kleinsten Einlagen machte, Diederich vermutete sogar, gar keine.
+Jadassohns Beziehungen zu Kaethchen lagen eben, noch von frueher her, als
+Hypothek auf dem Unternehmen. So nahm Diederich keinen Anstand, die
+Sorgen, die es ihm machte, mit Jadassohn zu besprechen. Die beiden rueckten
+am Stammtisch in der Nische zusammen, die die Inschrift trug: "Was einem
+Mann zur Lust ein minnig Weiblein braet, gar wohl geraet"; und mit der
+gebotenen Ruecksicht auf Pastor Zillich, der nicht weit davon ueber die
+christlichen Kanonen handelte, besprachen sie die Angelegenheiten der
+Villa von Brietzen. Diederich beklagte sich ueber Kaethchens unersaettliche
+Ansprueche an seine Kasse, von Jadassohn erwartete er einen guenstigen
+Einfluss auf sie in dieser Beziehung. Aber Jadassohn fragte nur: "Wozu
+haben Sie sie denn? Sie soll doch Geld kosten?" Und dies war auch wieder
+richtig. Denn nach seiner ersten kurzen Genugtuung, Kaethchen auf diesem
+Wege doch noch erworben zu haben, betrachtete Diederich sie nachgerade nur
+mehr als einen Posten, einen stattlichen Posten auf seinem Reklamekonto.
+"Meine Stellung," sagte er zu Jadassohn, "erfordert eine grosszuegige
+Repraesentation. Sonst wuerde ich, offen gestanden, das ganze Geschaeft
+fallen lassen, denn unter uns, Kaethchen bietet nicht genug." Hier laechelte
+Jadassohn beredsam, sagte aber nichts. "Ueberhaupt," fuhr Diederich fort,
+"ist sie dasselbe Genre wie meine Frau, und meine Frau" - er hielt die
+Hand vor - "ist leistungsfaehiger. Sehen Sie, gegen sein Gemuet kann man
+nichts machen, nach jedem Abstecher in die Villa von Brietzen kommt es mir
+vor, als ob ich meiner Frau etwas schulde. Lachen Sie nur, tatsaechlich
+schenke ich ihr dann immer was. Wenn es ihr nur nicht auffaellt!" Jadassohn
+lachte mit noch mehr Grund, als Diederich meinte; denn er hatte es schon
+laengst fuer seine sittliche Pflicht gehalten, Frau Generaldirektor Hessling
+aufzuklaeren ueber diese Zusammenhaenge.
+
+Im Politischen ergab sich fuer Diederich und Jadassohn ein aehnlich
+erspriessliches Zusammenwirken wie bei Kaethchen; denn gemeinsam beeiferten
+sie sich, die Stadt von Schlechtgesinnten zu reinigen, besonders von
+solchen, die die Pest der Majestaetsbeleidigungen weiter verbreiteten.
+Diederich mit seinen vielfachen Beziehungen machte sie ausfindig, worauf
+Jadassohn sie ans Messer lieferte. Nach dem Erscheinen des Sanges an Aegir
+gestaltete sich ihre Taetigkeit besonders fruchtbar. In Diederichs eigenem
+Hause nannte die Klavierlehrerin, die mit Guste uebte, den Sang an Aegir
+einen -! In das, was sie gesagt hatte, flog sie selbst ... Wolfgang Buck
+sogar, der neuerdings wieder in Netzig weilte, erklaerte die Verurteilung
+fuer durchaus angemessen, denn sie befriedige das monarchische Gefuehl.
+"Einen Freispruch haette das Volk nicht verstanden", sagte er am
+Stammtisch. "Die Monarchie ist unter den politischen Regimen eben das, was
+in der Liebe die strengen und energischen Damen sind. Wer dementsprechend
+veranlagt ist, verlangt, dass etwas geschieht, und mit Milde ist ihm nicht
+gedient." Hier erroetete Diederich ... Leider bekundete Buck solche
+Gesinnungen nur, solange er nuechtern war. Spaeterhin gab er durch seine von
+frueher her sattsam bekannte Art, die heiligsten Gueter in den Schmutz zu
+ziehen, Gelegenheit genug, ihn aus jeder anstaendigen Gesellschaft
+auszuschliessen. Diederich war es, der ihn vor diesem Schicksal bewahrte.
+Er verteidigte seinen Freund. "Die Herren muessen bedenken, er ist erblich
+belastet, denn die Familie weist Anzeichen einer schon ziemlich weit
+vorgeschrittenen Degeneration auf. Andererseits spricht es fuer einen
+gesunden Kern in ihm, dass das Schauspielerdasein ihn denn doch nicht
+befriedigt hat und dass er zu seinem Beruf als Rechtsanwalt zurueckgefunden
+hat." Man erwiderte, es sei verdaechtig, wenn Buck sich ueber seine fast
+dreijaehrigen Erfahrungen beim Theater so voellig ausschweige. War er
+ueberhaupt noch satisfaktionsfaehig? Diese Frage konnte Diederich nicht
+beantworten; es war ein logisch nicht begruendeter, aber tiefsitzender
+Drang, der ihn dem Sohn des alten Buck immer wieder naeherte. Immer wieder
+nahm er mit Eifer eine Unterredung auf, die doch jedesmal schroff abbrach,
+nachdem sie die schaerfsten Gegensaetze blossgelegt hatte. Er fuehrte Buck
+sogar in sein Heim ein, erlebte dabei aber eine Ueberraschung. Denn wenn
+Buck anfangs wohl nur einem besonders guten Kognak zuliebe kam, bald kam
+er sichtlich wegen Emmi. Die beiden verstanden sich ueber Diederich hinweg
+und in einer Art, die ihn befremdete. Sie fuehrten spitze und scharfe
+Gespraeche, anscheinend ohne das Gemuet oder die anderen Faktoren, die der
+Verkehr der Geschlechter normalerweise in Betrieb setzte; und senkten sie
+die Stimmen und wurden vertraulich, fand Diederich sie vollends
+unheimlich. Er hatte nur die Wahl, ob er dazwischenfahren und korrekte
+Verhaeltnisse herstellen oder aber das Zimmer verlassen sollte. Zu seinem
+eigenen Erstaunen entschied er sich fuer das letztere. "Sie haben beide
+sozusagen ihre Schicksale gehabt, wenn die Schicksale auch danach waren",
+sagte er sich mit der Ueberlegenheit, die ihm zukam, und ohne viel darauf
+zu achten, dass er im Grunde stolz war auf Emmi, stolz, weil Emmi, seine
+eigene Schwester, fein genug, besonders genug, ja, fragwuerdig genug
+schien, um sich mit Wolfgang Buck zu verstaendigen. "Wer weiss", dachte er
+zoegernd, und dann entschlossen: "Warum nicht! Bismarck hat es auch so
+gemacht, mit Oesterreich. Zuerst niedergeworfen, dann ein Buendnis!"
+
+Aus diesen noch dunklen Ueberlegungen heraus widmete Diederich auch dem
+Vater Wolfgangs wieder ein gewisses Interesse. Der alte Buck, von einem
+Herzleiden befallen, kam nur mehr selten zum Vorschein, und dann stand er
+die meiste Zeit vor irgendeinem Schaufenster, scheinbar in die Auslage
+vertieft, in Wirklichkeit aber einzig bemueht, zu verbergen, dass er nicht
+atmen konnte. Was dachte er? Wie urteilte er ueber die neue geschaeftliche
+Bluete Netzigs, den nationalen Aufschwung und ueber die, die jetzt die Macht
+hatten? War er ueberzeugt und auch innerlich besiegt? Es kam vor, dass
+Generaldirektor Doktor Hessling, der maechtigste Mann der Buergerschaft, sich
+heimlich in ein Haustor drueckte, um dann ungesehen hinterdrein zu
+schleichen hinter diesem einflusslosen, schon halb vergessenen Alten: er
+auf seiner Hoehe raetselhaft beunruhigt durch einen Sterbenden ... Da der
+alte Buck seine Hypothekenzinsen nur noch mit Verspaetung zahlte, schlug
+Diederich dem Sohn vor, er wolle das Haus uebernehmen. Natuerlich duerfe der
+alte Herr es bewohnen, solange er lebe. Auch die Einrichtung wollte
+Diederich kaufen und sogleich bezahlen. Wolfgang bestimmte den Vater,
+anzunehmen.
+
+Inzwischen ging der 22. Maerz vorueber, Wilhelm der Grosse war hundert Jahre
+alt geworden, und sein Denkmal stand noch immer nicht im Volkspark. Die
+Interpellationen in der Stadtverordnetenversammlung nahmen kein Ende,
+mehrmals waren unter schweren Kaempfen Nachtragskredite bewilligt und
+wieder ueberschritten worden. Der schwerste Schlag hatte die Gemeinde
+getroffen, als Seine Majestaet den hoechstseligen Grossvater als Fussgaenger
+ablehnten und ein Reiterstandbild befahlen. Diederich, von Ungeduld
+getrieben, ging des oefteren am Abend in die Meisestrasse, um sich vom Stand
+der Arbeiten zu ueberzeugen. Es war Mai und peinlich warm noch in der
+Daemmerung, aber auf dem leeren, neu angepflanzten Areal des Volksparkes
+ging ein Luftzug. Diederich sann wieder einmal mit gereizten Gefuehlen dem
+glaenzenden Geschaeft nach, das der Rittergutsbesitzer Herr von Quitzin hier
+gemacht hatte. Der hatte es bequem gehabt! Grundstuecksgeschaefte waren kein
+Kunststueck, wenn der Vetter Regierungspraesident war. Die Stadt musste ihm
+einfach das Ganze abnehmen fuer das Kaiser-Wilhelm-Denkmal und musste
+zahlen, was er verlangte ... Da tauchten zwei Gestalten auf; Diederich sah
+rechtzeitig, wer es war und zog sich ins Gebuesch zurueck.
+
+"Hier laesst sich atmen", sagte der alte Buck. Sein Sohn erwiderte:
+
+"Wenn einem hier nicht die Lust dazu vergeht. Sie haben anderthalb
+Millionen Schulden gemacht, um dieses Muellager zu schaffen." Und er zeigte
+auf den unfertigen Aufbau von steinernen Sockeln, Adlern, Rundbaenken,
+Loewen, Tempeln und Figuren. Die Adler setzten fluegelschlagend ihre Krallen
+in den noch leeren Sockel, andere Exemplare nisteten wieder auf jenen, die
+Rundbaenke symmetrisch unterbrechenden Tempeln; dort holten aber auch Loewen
+zum Sprung aus nach dem Vordergrund, wo ohnehin Aufregung genug herrschte
+durch flatternde Fahnen und heftig agierende Menschen. Napoleon der
+Dritte, in der geknickten Haltung von Wilhelmshoehe die Rueckwand des
+Sockels zierend, als Besiegter hinter dem Triumphwagen, war ueberdies immer
+in Gefahr, von einem Loewen angefallen zu werden, der gerade hinter ihm,
+auf der Treppe des Monuments, seinen schlimmsten Buckel machte -
+wohingegen Bismarck und die anderen Paladine, mitten im Tierkaefig wie zu
+Hause, vom Fuss des Sockels mit allen Haenden hinauflangten, um mit
+anzugreifen bei den Taten des noch abwesenden Herrschers.
+
+"Wer muesste nun dort oben einhersprengen?" fragte Wolfgang Buck. "Der Alte
+war nur ein Vorlaeufer. Dies mystisch-heroische Spektakel wird nachher mit
+Ketten von uns abgesperrt sein, und wir werden zu gaffen haben: was von
+allem der Endzweck war. Theater, und kein gutes."
+
+Nach einer Weile - die Daemmerung graute - sagte der Vater: "Und du, mein
+Sohn? Auch dir schien es einmal der Endzweck, zu spielen."
+
+"Wie meinem ganzen Geschlecht. Mehr koennen wir nicht. Wir sollten uns
+leicht und klein nehmen heute, es ist die sicherste Haltung angesichts der
+Zukunft; und ich sage nicht, dass es mehr war als Eitelkeit, weshalb ich
+die Buehne wieder verlassen habe. Laecherlich, Vater, ich bin gegangen, weil
+einmal, als ich spielte, ein Polizeipraesident geweint hatte. Aber bedenke
+auch, ob dies ertraeglich war. Feinheiten letzten Grades, Einsicht in
+Herzen, hohe Moral, Modernitaet des Intellektes und der Seele stelle ich
+fuer Menschen dar, die meinesgleichen scheinen, weil sie mir zuwinken und
+betroffene Gesichter haben. Nachher aber liefern sie Revolutionaere aus und
+schiessen auf Streikende. Denn mein Polizeipraesident steht fuer alle."
+
+Hier wandte Buck sich genau dem Busch zu, der Diederich barg.
+
+"Kunst bleibt euch Kunst, und alles Ungestuem des Geistes ruehrt nie an euer
+Leben. Den Tag, an dem die Meister eurer Kultur dies begriffen haetten wie
+ich, wuerden sie euch, wie ich, allein lassen mit euren wilden Tieren." Und
+er zeigte nach den Loewen und Adlern. Auch der Alte sah auf das Denkmal; er
+sagte:
+
+"Sie sind sehr maechtig geworden; aber durch ihre Macht ist in die Welt
+weder mehr Geist noch mehr Guete gekommen. Also war es umsonst. Auch wir
+waren scheinbar umsonst da." Er blickte auf den Sohn. "Dennoch duerft ihr
+ihnen das Feld nicht lassen."
+
+Wolfgang seufzte schwer. "Worauf hoffen, Vater? Sie hueten sich, die Dinge
+auf die Spitze zu treiben, wie jene Privilegierten vor der Revolution. Aus
+der Geschichte haben sie leider Maessigung gelernt. Ihre soziale
+Gesetzgebung baut vor und korrumpiert. Sie saettigt das Volk gerade so
+weit, dass es ihm sich nicht mehr verlohnt, ernstlich zu kaempfen, um Brot,
+geschweige Freiheit. Wer zeugt noch gegen sie?"
+
+Da reckte der Alte sich auf, seine Stimme ward noch einmal klangvoll. "Der
+Geist der Menschheit", sagte er, und nach einer Pause, da der Junge den
+Kopf gesenkt hielt:
+
+"Du musst ihm glauben, mein Sohn. Wenn die Katastrophe, der sie
+auszuweichen denken, vorueber sein wird, sei gewiss, die Menschheit wird
+das, worauf die erste Revolution folgte, nicht scham- und vernunftloser
+nennen, als die Zustaende, die die unseren waren."
+
+Er sagte leise wie aus der Ferne: "Der wuerde nicht gelebt haben, der nur
+in der Gegenwart lebte."
+
+Ploetzlich schien es, als schwankte er. Der Sohn griff rasch hin, und an
+seinem Arm, zusammengesunken und stockenden Schrittes, verschwand der Alte
+im Dunkel. Diederich aber, der auf anderen Wegen enteilte, hatte das
+Gefuehl, aus einem boesen, wenn auch groesstenteils unbegreiflichen Traum zu
+kommen, worin an den Grundlagen geruettelt worden war. Und trotz dem
+Unwirklichen, das alles Gehoerte an sich hatte, schien hier tiefer
+geruettelt worden zu sein, als je der ihm bekannte Umsturz ruettelte. Dem
+einen dieser beiden waren die Tage gezaehlt, der andere hatte auch nicht
+viel vor sich, aber Diederich fuehlte, es waere besser gewesen, sie haetten
+einen gesunden Laerm im Lande geschlagen, als dass sie hier im Dunkeln diese
+Dinge fluesterten, die doch nur von Geist und Zukunft handelten.
+
+
+
+In der Gegenwart gab es freilich greifbarere Angelegenheiten. Gemeinsam
+mit dem Schoepfer des Denkmals entwarf Diederich das kuenstlerische
+Arrangement fuer die Feier der Enthuellung - wobei der Schoepfer mehr
+Entgegenkommen bewies, als man von ihm erwartet haben wuerde. Ueberhaupt
+kehrte er bis jetzt nur die guten Seiten seines Berufes hervor, naemlich
+Genie und vornehme Gesinnung, waehrend er sich im uebrigen durchaus korrekt
+und geschaeftstuechtig zeigte. Der junge Mann, ein Neffe des Buergermeisters
+Doktor Scheffelweis, lieferte ein Beispiel dafuer, dass es, veralteter
+Vorurteile ungeachtet, ueberall Anstaendigkeit gibt, und dass noch kein Grund
+zum Verzweifeln ist, wenn ein junger Mensch fuer ein Brotstudium zu faul
+ist und Kuenstler wird. Als er das erstemal von Berlin nach Netzig
+zurueckkehrte, trug er noch eine Samtjacke und zog der Familie nur
+Unannehmlichkeiten zu; aber bei seinem zweiten Besuch besass er schon einen
+Zylinder, und nicht lange, so ward er von Seiner Majestaet entdeckt und
+durfte fuer die Siegesallee das wohlgetroffene Bildnis des Markgrafen Hatto
+des Gewaltigen schaffen, nebst den Bildnissen seiner beiden bedeutendsten
+Zeitgenossen, des Moenches Tassilo, der an einem Tage hundert Liter Bier
+trinken konnte, und des Ritters Klitzenzitz, der die Berliner robotten
+lehrte, wenn sie ihn dann auch haengten. Auf die Verdienste des Ritters
+Klitzenzitz hatten Seine Majestaet den Oberbuergermeister noch besonders
+aufmerksam gemacht, was wieder guenstig zurueckgewirkt hatte auf die
+Karriere des Bildhauers. Man konnte nicht Zuvorkommenheit genug haben fuer
+einen Mann, auf dem ein unmittelbarer Strahl der Gnadensonne lag;
+Diederich stellte ihm sein Haus zur Verfuegung, er mietete ihm auch das
+Reitpferd, das der Kuenstler brauchte, um seine Kraefte spielen zu lassen -
+und welche Aussichten, als der beruehmte Gast die ersten Zeichenversuche
+des kleinen Horst vielversprechend nannte! Diederich bestimmte stehenden
+Fusses Horst der Kunst, dieser so zeitgemaessen Laufbahn.
+
+Wulckow, der keinen Sinn fuer die Kunst hatte und sich mit dem Guenstling
+Seiner Majestaet nicht zu stellen wusste, bekam vom Denkmalskomitee die
+Ehrengabe von 2000 Mark, auf die er als Ehrenvorsitzender das Recht hatte;
+die bei der Enthuellung zu haltende Festrede aber uebertrug das Komitee
+seinem ordentlichen Vorsitzenden, dem geistigen Schoepfer des Denkmals und
+Begruender der nationalen Bewegung, die zu seiner Errichtung gefuehrt hatte,
+Herrn Stadtverordneten Generaldirektor Doktor Hessling, bravo! Diederich,
+bewegt und geschwellt, sah sich am Fusse neuer Erhoehungen. Der
+Oberpraesident selbst ward erwartet, vor der hohen Exzellenz sollte
+Diederich reden, welche Folgen versprach das! Wulckow freilich schickte
+sich an, sie zu hintertreiben; gereizt, weil ausgeschaltet, weigerte er
+sich sogar, auf der Tribuene der offiziellen Damen auch Guste zuzulassen.
+Diederich hatte dieserhalb mit ihm einen Auftritt, der erregt verlief,
+aber ohne Ergebnis blieb. Heftig schnaufend kehrte er zu Guste heim. "Es
+bleibt dabei, du sollst keine offizielle Dame sein. Man wird ja sehen, wer
+offizieller ist, du oder er! Er soll dich noch bitten! Ich hab' ihn Gott
+sei Dank nicht mehr noetig, aber er vielleicht mich." - Und so kam es, denn
+als das naechste Heft der "Woche" erschien, was brachte es ausser den
+gewohnten Kaiserbildern? Zwei Portraetaufnahmen, die eine den Schoepfer des
+Netziger Kaiser-Wilhelm-Denkmals darstellend, wie er gerade an seinem Werk
+den letzten Hammerschlag tat, die andere aber den Vorsitzenden des
+Komitees und seine Gattin, Diederich samt Guste. Von Wulckow nichts - was
+allgemein bemerkt und als Zeichen angesehen ward, dass seine Stellung
+erschuettert sei. Er selbst musste es fuehlen, denn er tat Schritte, um doch
+noch in die "Woche" zu kommen. Er suchte Diederich auf, aber Diederich
+liess sich verleugnen. Der Kuenstler seinerseits brauchte Ausfluechte. Da
+geschah es tatsaechlich, dass Wulckow auf der Strasse an Guste herantrat. Die
+Geschichte mit dem Platz bei den offiziellen Damen sei ein
+Missverstaendnis ... "Schoen hat er gemacht wie unser Maenne", berichtete
+Guste. "Aber nun gerade nicht!" entschied Diederich, und er nahm keinen
+Anstand, die Geschichte umherzuerzaehlen. "Soll man sich Zwang antun,"
+sagte er zu Wolfgang Buck, "wo der Mann doch geliefert ist? Herr Oberst
+von Haffke gibt ihn auch schon auf." Kuehn setzte er hinzu: "Jetzt sieht
+er, es gibt noch andere Maechte. Wulckow hat es zu seinem Schaden nicht
+verstanden, sich beizeiten den modernen Lebensbedingungen einer
+grosszuegigen Oeffentlichkeit anzupassen, die dem heutigen Kurs ihren Stempel
+aufdruecken." - "Absolutismus, gemildert durch Reklamesucht", ergaenzte
+Buck.
+
+Angesichts des Wulckowschen Niederganges fand Diederich jenen
+Grundstueckshandel, der ihn selbst so sehr benachteiligt hatte, immer
+anstoessiger. Seine Entruestung nahm einen solchen Umfang an, dass der Besuch,
+den gerade jetzt der Reichstagsabgeordnete Fischer in Netzig machte, fuer
+Diederich zur wahrhaft befreienden Gelegenheit ward. Parlamentarismus und
+Immunitaet hatten doch ihr Gutes! Denn Napoleon Fischer stellte sich
+umgehend im Reichstag hin und enthuellte. Er enthuellte, ohne dass ihm das
+geringste geschehen konnte, die Schiebungen des Regierungspraesidenten von
+Wulckow in Netzig, seinen Riesengewinn am Grundstueck des
+Kaiser-Wilhelm-Denkmals, der nach Napoleon Fischers Behauptung von der
+Stadt erpresst war, und das Ehrengeschenk von angeblich 5000 Mark, dem er
+den Titel "Schmiergeld" gab. Der Zeitung zufolge bemaechtigte hier der
+Volksvertreter sich ungeheure Erregung. Freilich galt sie nicht Wulckow,
+sondern dem Enthueller. Wuetend verlangte man Beweise und Zeugen; Diederich
+zitterte, in der naechsten Zeile konnte sein Name kommen. Zum Glueck kam er
+nicht, Napoleon Fischer blieb sich der Pflicht seines Amtes bewusst. Statt
+dessen redete der Minister, er ueberliess den unerhoerten, leider unter dem
+Schutze der Immunitaet begangenen Angriff auf einen Abwesenden, der sich
+nicht verteidigen konnte, dem Urteil des Hauses. Das Haus urteilte, indem
+es dem Herrn Minister Beifall klatschte. Parlamentarisch war der Fall
+erledigt, es eruebrigte nur noch, dass auch die Presse ihren Abscheu aeusserte
+und, soweit sie nicht einwandfrei gesinnt war, ganz leicht dabei mit dem
+Auge zwinkerte. Mehrere sozialdemokratische Blaetter, die die Vorsicht
+ausser acht gelassen hatten, mussten ihren verantwortlichen Redakteur den
+Gerichten ausliefern, so auch die Netziger "Volksstimme". Diederich
+benutzte diesen Anlass, um zwischen sich und denen, die an dem Herrn
+Regierungspraesidenten hatten zweifeln koennen, glatt das Tischtuch zu
+zerschneiden. Er und Guste machten Besuch bei Wulckows. "Ich weiss aus
+erster Quelle," sagte er nachher, "dem Mann ist die groesste Zukunft gewiss.
+Er war neulich auf der Jagd mit Majestaet und hat einen grossartigen Witz
+gerissen." Acht Tage spaeter brachte die "Woche" ein ganzseitiges Bildnis,
+Glatze und Bart auf der einen Haelfte, ein Bauch auf der anderen, und dazu
+die Unterschrift: "Regierungspraesident von Wulckow, der geistige Schoepfer
+des Netziger Kaiser-Wilhelm-Denkmals, gegen den kuerzlich ein allgemein als
+empoerend empfundener Angriff im Reichstag erfolgte und dessen Ernennung
+zum Oberpraesidenten bevorsteht" ... Das Bild des Generaldirektors Hessling
+mit Frau hatte nur eine Viertelseite eingenommen. Diederich ueberzeugte
+sich, dass der gebuehrende Abstand wiederhergestellt war. Die Macht blieb,
+auch unter den modernen Lebensbedingungen einer grosszuegigen
+Oeffentlichkeit, unangreifbar wie je - was ihn trotz allem tief
+befriedigte. Er ward hierdurch innerlich auf das guenstigste vorbereitet
+fuer seine Festrede.
+
+Sie war entstanden in den ehrgeizigen Gesichten vom Schlaf gemiedener
+Naechte und bei regem Gedankenaustausch mit Wolfgang Buck und besonders mit
+Kaethchen Zillich, die fuer die Groesse des kommenden Ereignisses ein
+merkwuerdig klares Verstaendnis zeigte. Am Schicksalstage, als Diederich,
+das Herz klopfend gegen die Niederschrift seiner Rede, um halb elf mit
+seiner Gattin beim Festplatz anfuhr, bot der Platz einen noch wenig
+belebten, aber um so besser geordneten Anblick. Vor allem, der
+Militaerkordon war schon gezogen! - und gelangte man auch nur nach
+Gewaehrung aller Garantien hindurch, so lag doch eben hierin eine
+feierliche Erhebung angesichts des nicht privilegierten Volkes, das hinter
+unseren Soldaten und am Fuss einer grossen schwarzen Brandmauer in der Sonne
+die schwitzenden Haelse reckte. Die Tribuenen, links und rechts von den
+langen weissen Tuechern, hinter denen man Wilhelm den Grossen vermuten
+durfte, empfingen den Schatten ihrer Zeltdaecher sowie zahlreicher Fahnen.
+Links die Herren Offiziere waren, wie Diederich feststellte, durch ihre
+ins Blut uebergegangene Disziplin befaehigt, sich und ihre Damen ohne fremde
+Hilfe einzurichten; alle Strenge der polizeilichen Ueberwachung war nach
+rechts verlegt, wo das Zivil sich um die Sitze balgte. Auch Guste gab sich
+nicht zufrieden mit dem ihren, einzig das offizielle Festzelt gegenueber
+dem Denkmal schien ihr wuerdig, sie aufzunehmen, sie war eine offizielle
+Dame, Wulckow hatte es anerkannt. Diederich musste hin mit ihr, wenn er
+kein Feigling war, aber natuerlich ward sein tollkuehner Angriff so
+nachdruecklich zurueckgewiesen, wie er es vorausgesehen hatte. Der Form
+wegen und damit Guste nicht an ihm zweifelte, verwahrte er sich gegen den
+Ton des Polizeileutnants und waere beinahe verhaftet worden. Sein
+Kronenorden vierter Klasse, seine schwarzweissrote Schaerpe und die Rede,
+die er vorzeigte, retteten ihn gerade noch, konnten aber keineswegs, weder
+vor der Welt noch vor ihm selbst, als vollwertiger Ersatz gelten fuer die
+Uniform. Sie, die einzige wirkliche Ehre, gebrach ihm nun einmal, und
+Diederich musste auch hier wieder bemerken, dass man ohne Uniform, trotz
+sonstiger Erstklassigkeit, doch mit schlechtem Gewissen durchs Leben ging.
+
+Im Zustand der Aufloesung trat das Ehepaar Hessling seinen allseitig
+bemerkten Rueckzug an, Guste blaeulich geschwollen in ihren Federn, Spitzen
+und Brillanten. Diederich schnaufend und nach Kraeften den Bauch mit der
+Schaerpe vorgestreckt, als breitete er die Nationalfarben ueber seine
+Niederlage. So mussten sie hindurch zwischen dem Kriegerverein, der,
+Eichenkraenze um die Zylinderhuete, unterhalb der Militaertribuene stand, an
+seiner Spitze Kuehnchen als Landwehrleutnant, und den Ehrenjungfrauen
+drueben, weiss mit schwarzweissroten Schaerpen und befehligt von Pastor
+Zillich im Talar. Nun sie aber anlangten, wer sass, in der Haltung einer
+Koenigin, auf Gustes Stuhl? Man war starr: Kaethchen Zillich. Hier fuehlte
+Diederich sich denn doch bemuessigt, seinerseits ein Machtwort zu sprechen.
+"Die Dame hat sich geirrt, der Platz ist nicht fuer die Dame", sagte er,
+keineswegs zu Kaethchen Zillich, die er fuer ebenso fremd wie zweideutig zu
+halten schien, sondern zu dem Aufsichtsbeamten - und haetten ihm auch nicht
+die menschlichen Laute ringsum recht gegeben, Diederich stand hier fuer die
+stummen Gewalten von Ordnung, Sitte und Gesetz, eher waere die Tribuene
+eingestuerzt, als dass Kaethchen Zillich auf ihr verblieb ... Dennoch geschah
+das Ausserordentliche, dass der Beamte unter Kaethchens ironischem Laecheln
+die Achseln zuckte, und selbst der Schutzmann, den Diederich anrief, gab
+nur einen weiteren unbegreiflichen Stuetzpunkt ab fuer den Uebergriff der
+Unmoral. Diederich, betaeubt vor einer Welt, deren Betrieb gestoert schien,
+liess es geschehen, dass Guste abgeschoben ward nach einer Sitzreihe ganz
+oben, wobei sie mit Kaethchen Zillich einige die Gegensaetze betonende Worte
+wechselte. Der Meinungsaustausch griff schon auf Unbeteiligte ueber und
+drohte auszuarten: da schmetterte Musik los, der Einzugsmarsch der Gaeste
+auf der Wartburg, und wirklich bezogen sie das offizielle Zelt, voran
+Wulckow, unverkennbar trotz seiner roten Husarenuniform, zwischen einem
+Herrn in Frack und Ordensstern und einem hohen General. War es moeglich?
+Noch zwei hohe Generale! Und ihre Adjutanten, Uniformen in allen Farben,
+Sternenblitzen und ein Wuchs! "Wer ist der Gelbe, der Lange?" forschte
+Guste innig. "Ist das ein schoener Mann!" - "Wollen Sie mich gefaelligst
+nicht treten!" verlangte Diederich, denn auch sein Nachbar war
+aufgesprungen, alle verrenkten sich, fieberten und schwelgten. "Sieh sie
+dir an, Guste! Emmi ist eine Gans, dass sie nicht mitwollte. Das ist das
+einzige, erstklassige Theater, es ist das Hoechste, da kann man nichts
+machen!" - "Aber der mit den gelben Aufschlaegen!" schwaermte Guste. "Der
+Schlanke! Der muss ein echter Aristokrat sein, das seh' ich gleich."
+Diederich lachte wolluestig. "Da ist ueberhaupt keiner dabei, der nicht ein
+echter Aristokrat ist, darauf kannst du Gift nehmen. Wenn ich dir sage,
+ein Fluegeladjutant Seiner Majestaet ist hier!" - "Der Gelbe!" - "Persoenlich
+hier!"
+
+Man suchte sich zurecht. "Der Fluegeladjutant! Zwei Divisionsgenerale,
+Donnerwetter!" Und die schneidige Anmut der Begruessungen; sogar der
+Buergermeister Doktor Scheffelweis ward aus seinem bescheidenen Hintergrund
+gezogen und durfte in seiner Train-Reserveleutnantsuniform stramm stehen
+vor seinen hohen Vorgesetzten. Herr von Quitzin als Ulan besichtigte durch
+sein Monokel den Grund und Boden der Veranstaltung, der voruebergehend ihm
+selbst gehoert hatte. Wulckow aber, der rote Husar, brachte die volle
+Bedeutung eines Regierungspraesidenten erst jetzt zur Geltung, wo er
+salutierend das gewaltige, von Schnueren umrahmte Profil seiner unteren
+Koerperteile hervorkehrte. "Das sind die Saeulen unserer Macht!" rief
+Diederich in die wuchtigen Klaenge des Einzugsmarsches. "Solange wir solche
+Herren haben, werden wir der Schrecken der ganzen Welt sein!" Und voll
+ueberwaeltigenden Dranges, in der Meinung, seine Stunde sei da, stuerzte er
+hinunter, nach dem Rednerpodium. Aber der Schutzmann, der es bewachte,
+trat ihm entgegen. "Nee, nee, Sie komm' noch nich'ran", sagte der
+Schutzmann. Jaeh in seinem Schwunge gehemmt, stiess Diederich gegen einen
+Aufsichtsbeamten, der ihm nachgesetzt hatte: derselbe wie vorhin, ein
+Magistratsdiener, der ihm versicherte, er wisse wohl, der Platz der Dame
+mit den gelben Haaren gehoere dem Herrn Stadtverordneten, "aber auf hoeheren
+Befehl hat ihn die Dame gekriegt". Das weitere verriet der Mann in
+ersterbendem Fluesterton, und Diederich entliess ihn mit einer Bewegung, die
+sagte: "Dann allerdings." Der Fluegeladjutant Seiner Majestaet! Dann
+allerdings! Diederich ueberlegte, ob es nicht geboten sei, umzukehren und
+Kaethchen Zillich oeffentlich seine Huldigung zu entbieten.
+
+Er kam nicht mehr dazu, Oberst von Haffke kommandierte der Fahnenkompagnie
+Ruehrt euch, und auch Kuehnchen liess seine Krieger sich ruehren; hinter dem
+Festzelt intonierte die Regimentsmusik: Vortreten zum Beten. Dies geschah,
+sowohl von seiten der Ehrenjungfrauen wie des Kriegervereins. Kuehnchen in
+seiner historischen Landwehruniform, die ausser vom Eisernen Kreuz von
+einem ruhmreichen Flicken geziert ward - denn hier war eine franzoesische
+Kugel hindurchgegangen, traf inmitten des Gelaendes auf Pastor Zillich in
+seinem Talar - auch die Fahnenkompagnie fand sich ein, und man gab unter
+dem Vortritt Zillichs dem alten Alliierten die Ehre. Auf der Ziviltribuene
+ward das Publikum von den Beamten gehalten, sich zu erheben, die Herren
+Offiziere taten es von selbst. Ueberdies stimmte die Kapelle "Ein' feste
+Burg" an. Zillich schien trotzdem noch irgend etwas vorzuhaben, aber der
+Oberpraesident, offenbar in der Annahme, dass der alte Alliierte nun genug
+habe, liess sich, gelblichen Gesichts, auf seinen Sessel nieder, rechts von
+ihm der bluehende Fluegeladjutant, links die Divisionsgenerale. Als die
+ganze Versammlung im offiziellen Zelt nach den ihr innewohnenden Gesetzen
+gruppiert war, sah man den Regierungspraesidenten von Wulckow einen Wink
+erteilen, infolgedessen ein Schutzmann sich in Bewegung setzte. Er begab
+sich zu seinem Kollegen, der das Rednerpodium bewachte, worauf dieser das
+Wort an Diederich richtete. "Na, nu komm Se man 'ran", sagte der
+Schutzmann.
+
+Diederich gab acht, dass er beim Hinaufsteigen nicht stolperte, denn die
+Beine waren ihm ploetzlich weich geworden, auch sah er verschwommen. Nach
+einigem Schnaufen unterschied er im kahlen Umkreis ein Baeumchen, das keine
+Blaetter hatte, aber mit schwarzweissroten Blueten aus Papier uebersaet war.
+Der Anblick des Baeumchens gab ihm Gedaechtnis und Kraft zurueck; er begann.
+
+"Eure Exzellenzen! Hoechste, hohe und geehrte Herren!
+
+Hundert Jahre sind es, dass der grosse Kaiser, dessen Denkmal der Enthuellung
+harrt durch den Vertreter Seiner Majestaet, uns und dem Vaterlande
+geschenkt ward; gleichzeitig aber - das macht diese Stunde noch
+bedeutsamer - ist fast ein Jahrzehnt vergangen, seit sein grosser Enkel den
+Thron bestiegen hat! Wie sollten wir da nicht vor allem auf die grosse
+Zeit, die wir selbst miterleben durften, einen stolzen und dankbaren
+Rueckblick werfen."
+
+Diederich warf ihn. Er feierte abwechselnd den beispiellosen Aufschwung
+der Wirtschaft und des nationalen Gedankens. Laengere Zeit verweilte er
+beim Ozean. "Der Ozean ist unentbehrlich fuer Deutschlands Groesse. Der Ozean
+beweist uns, dass auf ihm und jenseits von ihm ohne Deutschland und ohne
+den Deutschen Kaiser keine Entscheidung mehr fallen darf, denn das
+Weltgeschaeft ist heute das Hauptgeschaeft!" Aber nicht nur vom
+geschaeftlichen Standpunkt, noch mehr geistig und sittlich war der
+Aufschwung ein beispielloser zu nennen. Wie sah es denn frueher aus mit
+uns? Diederich entwarf ein wenig schmeichelhaftes Bild des aelteren
+Geschlechts, das durch eine einseitige humanitaere Bildung zu zuchtlosen
+Anschauungen verfuehrt, in nationaler Hinsicht noch keinen Komment gehabt
+hatte. Wenn das jetzt gruendlich anders geworden war, wenn wir, im
+berechtigten Selbstgefuehl, das tuechtigste Volk Europas und der Welt zu
+sein, von Noerglern und Elenden abgesehen, nur noch eine einzige nationale
+Partei bildeten, wem verdankten wir es? Allein Seiner Majestaet, antwortete
+Diederich. "Er hat den Buerger aus dem Schlummer geruettelt, sein erhabenes
+Beispiel hat uns zu dem gemacht, was wir sind!" - wobei Diederich sich auf
+die Brust schlug. "Seine Persoenlichkeit, seine einzige, unvergleichliche
+Persoenlichkeit ist stark genug, dass wir allesamt uns efeuartig an ihr
+emporranken duerfen!" rief er aus, obwohl es nicht in seinem Entwurf stand.
+"Was Seine Majestaet der Kaiser zum Wohl des deutschen Volkes beschliesst,
+dabei wollen wir ihm jubelnd behilflich sein, ob wir nun edel sind oder
+unfrei. Auch der einfache Mann aus der Werkstatt ist willkommen!" fuegte er
+wieder aus dem Stegreif hinzu, jaeh inspiriert durch den Geruch des
+schwitzenden Volkes hinter dem Militaerkordon; denn der Wind, der aufkam,
+trug ihn her.
+
+"In staunender Weise ertuechtigt, voll hoher sittlicher Kraft zu positiver
+Betaetigung, und in unserer blanken Wehr der Schrecken aller Feinde, die
+uns neidisch umdrohen, so sind wir die Elite unter den Nationen und
+bezeichnen eine zum ersten Male erreichte Hoehe germanischer Herrenkultur,
+die bestimmt niemals und von niemandem, er sei wer er sei, wird ueberboten
+werden koennen!"
+
+Hier sah man den Oberpraesidenten mit dem Kopf nicken, indes der
+Fluegeladjutant die Haende gegeneinander bewegte: da brachen die Tribuenen in
+Beifall aus. Bei den Zivilisten wehten Taschentuecher, Guste liess es im
+Wind flattern, und, trotz der Unstimmigkeit von vorhin, auch Kaethchen
+Zillich. Diederich, im Herzen leicht wie die wehenden Taschentuecher, nahm
+seinen hohen Flug wieder auf.
+
+"Eine solche, nie dagewesene Bluete aber erreicht ein Herrenvolk nicht in
+einem schlaffen, faulen Frieden: nein, sondern unser alter Alliierter hat
+es fuer notwendig gehalten, das deutsche Gold im Feuer zu bewahren. Durch
+den Schmelzofen von Jena und Tilsit haben wir hindurchgemusst, und
+schliesslich ist es uns doch gelungen, siegreich ueberall unsere Fahnen
+aufzupflanzen und auf dem Schlachtfelde die deutsche Kaiserkrone zu
+schmieden!"
+
+Und er erinnerte an das pruefungsreiche Leben Wilhelms des Grossen, woraus
+wir, wie Diederich feststellte, erkannten, dass der Weltenschoepfer das Volk
+im Auge behaelt, das er sich erwaehlt hat, und sich auch das entsprechende
+Instrument baut. Der grosse Kaiser seinerseits hatte sich hierueber niemals
+Irrtuemern hingegeben, dies ward besonders deutlich in dem grossen
+historischen Augenblick, wo er als Koenig von Gottes Gnaden, das Zepter in
+der einen und das Reichsschwert in der anderen Hand, nur Gott die Ehre gab
+und von ihm die Krone nahm. In erhabenem Pflichtgefuehl hatte er es weit
+von sich gewiesen, dem Volk die Ehre zu geben und vom Volk die Krone zu
+nehmen, und nicht zurueckgeschreckt war er vor der furchtbaren
+Verantwortung gegenueber Gott allein, von der kein Minister, kein Parlament
+ihn hatte entbinden koennen! Diederichs Stimme bebte ergriffen. "Dies
+erkennt das Volk denn auch an, indem es die Persoenlichkeit des
+dahingegangenen Kaisers geradezu vergoettert. Hat er doch Erfolg gehabt;
+und wo der Erfolg ist, da ist Gott! Im Mittelalter waere Wilhelm der Grosse
+heilig gesprochen worden. Heute setzen wir ihm ein erstklassiges Denkmal!"
+
+Wieder nickte der Oberpraesident und loeste damit wieder ungestueme
+Zustimmung aus. Die Sonne war fort, es wehte kaelter; und als sei er
+angeregt durch den verduesterten Himmel, ging Diederich zu einer
+tiefernsten Frage ueber.
+
+"Wer hat sich ihm nun in den Weg gestellt, vor seinem hohen Ziel? Wer war
+der Feind des grossen Kaisers und seines kaisertreuen Volkes? Der von ihm
+gluecklich zerschmetterte Napoleon hatte seine Krone nicht von Gott,
+sondern vom Volk, daher! Das gibt dem Richterspruch der Geschichte erst
+seinen ewigen, ueberwaeltigenden Sinn!" Hier unternahm Diederich es, zu
+malen, wie es in dem demokratisch verseuchten, daher von Gott verlassenen
+Reich Napoleons des Dritten ausgesehen habe. Der in leerer Religiositaet
+versteckte krasse Materialismus hatte den unbedenklichsten Geschaeftssinn
+grossgezogen, Missachtung des Geistes schloss ihr natuerliches Buendnis mit
+niederer Genussgier. Der Nerv der Oeffentlichkeit war Reklamesucht, und
+jeden Augenblick schlug sie um in Verfolgungssucht. Im Aeussern nur auf das
+Prestige gestellt, im Innern nur auf die Polizei, ohne andern Glauben als
+die Gewalt, trachtete man nach nichts als nach Theaterwirkung, trieb
+ruhmredigen Pomp mit der vergangenen Heldenepoche, und der einzige Gipfel,
+den man wirklich erreichte, war der des Chauvinismus ... "Von all dem
+wissen wir nichts!" rief Diederich und reckte die Hand gegen den Zeugen
+dort oben. "Darum kann es mit uns nie und nimmer das Ende mit Schrecken
+nehmen, das dem Kaiserreich unseres Erbfeindes vorbehalten war!"
+
+An dieser Stelle blitzte es: zwischen dem Militaerkordon und der
+Brandmauer, in der Gegend, wo das Volk zu vermuten war, durchzuckte es
+grell die schwarze Wolke, und ein Donnerschlag folgte, der entschieden zu
+weit ging. Die Herren im offiziellen Zelt bekamen missbilligende Mienen,
+und der Oberpraesident hatte gezuckt. Auf der Offizierstribuene litt
+selbstverstaendlich die Haltung nicht im geringsten, beim Zivil machte sich
+immerhin eine gewisse Unruhe merklich. Diederich brachte das Gekreisch zum
+Verstummen, denn er rief, gleichfalls donnernd: "Unser alter Alliierter
+bezeugt es! Wir sind nicht so! Wir sind ernst, treu und wahr! Deutsch
+sein, heisst eine Sache um ihrer selbst willen tun! Wer von uns haette je
+aus seiner Gesinnung ein Geschaeft gemacht? Wo gar waeren die bestechlichen
+Beamten? Biederkeit des Mannes eint hier sich weiblicher Reine, denn das
+Weibliche zieht uns hinan, nicht ist es uns Werkzeug unedlen Vergnuegens.
+Das strahlende Bild echt deutschen Wesens aber erhebt sich auf dem Boden
+des Christentums, und das ist der einzig richtige Boden, denn jede
+heidnische Kultur, mag sie noch so schoen und herrlich sein, wird bei der
+ersten Katastrophe erliegen; und die Seele deutschen Wesens ist die
+Verehrung der Macht, der ueberlieferten und von Gott geweihten Macht, gegen
+die man nichts machen kann. Darum sollen wir nach wie vor die hoechste
+Pflicht in der Verteidigung des Vaterlandes sehen, die hoechste Ehre im
+Rock des Koenigs und die hoechste Arbeit im Waffenhandwerk!"
+
+Der Donner grollte, wenn auch eingeschuechtert, wie es schien, durch
+Diederichs immer gewaltigere Stimme; dagegen fielen Tropfen, die man
+einzeln hoerte, so schwer waren sie.
+
+"Aus dem Lande des Erbfeindes," schrie Diederich, "waelzt sich immer wieder
+die Schlammflut der Demokratie her, und nur deutsche Mannhaftigkeit und
+deutscher Idealismus sind der Damm, der sich ihr entgegenstellt. Die
+vaterlandslosen Feinde der goettlichen Weltordnung aber, die unsere
+staatliche Ordnung untergraben wollen, die sind auszurotten bis auf den
+letzten Stumpf, damit, wenn wir dereinst zum himmlischen Appell berufen
+werden, dass dann ein jeder mit gutem Gewissen vor seinen Gott und seinen
+alten Kaiser treten kann, und wenn er gefragt wird, ob er aus ganzem
+Herzen fuer des Reiches Wohl mitgearbeitet habe, er an seine Brust schlagen
+und offen sagen darf: Ja!"
+
+Wobei Diederich sich einen solchen Schlag auf die Brust versetzte, dass ihm
+die Luft ausblieb. Die notgedrungene Pause, die er eintreten liess,
+benutzte die Ziviltribuene, um durch Unruhe zu bekunden, dass sie seine Rede
+fuer beendet halte; denn das Gewitter stand jetzt genau ueber den Koepfen der
+Festversammlung, und im schwefelgelben Licht, einzeln, langsam und als
+warnten sie, klopften immerfort diese eigrossen Regentropfen ... Diederich
+hatte wieder Luft.
+
+"Wenn jetzt die Huelle faellt," begann er mit neuem Schwung, "wenn zum Gruss
+die Fahnen und Standarten sich neigen, die Degen sich senken und Bajonette
+im Praesentiergriff blitzen -" Da krachte es im Himmel so ungeheuerlich,
+dass Diederich sich duckte und, bevor er es sich versah, unter seinem Pult
+hockte. Zum Glueck kam er wieder hervor, ohne dass sein Verschwinden bemerkt
+worden waere, denn allen war es aehnlich ergangen. Kaum dass noch jemand
+hoerte, wie Diederich Seine Exzellenz den Herrn Oberpraesidenten bat, er
+moege geruhen zu befehlen, dass die Huelle falle. Immerhin trat der
+Oberpraesident vor das offizielle Zelt hinaus, er war gelber als es seine
+Natur war, das Funkeln seines Sterns war erloschen, und er sagte schwach:
+"Im Namen Seiner Majestaet befehle ich: die Huelle falle" - woraus sie fiel.
+Auch ertoente die Wacht am Rhein. Und der Anblick Wilhelms des Grossen, wie
+er durch die Luft ritt, in der Haltung eines Familienvaters, aber umringt
+von allen Furchtbarkeiten der Macht, staehlte die Untertanen noch einmal
+gegen die Drohungen von oben, das Kaiserhoch des Oberpraesidenten fand
+lebhaften Widerhall. Freilich, die Klaenge von Heil dir im Siegerkranz
+gaben Seiner Exzellenz das Zeichen, dass sie sich nun bis an den Fuss des
+Denkmals zu begeben, es zu besichtigen und den Schoepfer, der schon
+wartete, durch eine Anrede auszuzeichnen hatten. Jeder begriff es, dass der
+hohe Herr zweifelnd den Blick zum Himmel richtete; aber, wie nicht anders
+zu erwarten stand, siegte sein Pflichtgefuehl, und siegte um so glaenzender,
+als er der einzige Herr im Frack war unter so vielen tapferen Militaers. Er
+wagte sich kuehn hinaus, hin ging er unter den grossen langsamen Tropfen,
+und mit ihm Ulanen, Kuerassiere, Husaren und Train ... Schon war die
+Inschrift "Wilhelm der Grosse" zur Kenntnis genommen worden, der Schoepfer,
+durch eine Anrede ausgezeichnet, bekam seinen Orden, und gerade sollte
+auch der geistige Schoepfer Hessling vorgestellt und geschmueckt werden, da
+platzte der Himmel. Er platzte ganz und auf einmal, mit einer Heftigkeit,
+die einem lange verhaltenen Ausbruch glich. Bevor noch die Herren sich
+umgedreht hatten, standen sie im Wasser bis an die Knoechel, Seiner
+Exzellenz lief es aus Aermeln und Hosen. Die Tribuenen verschwanden hinter
+Stuerzen Wassers, wie auf fern wogendem Meer erkannte man, dass die
+Zeltdaecher sich gesenkt hatten unter der Wucht des Wolkenbruches, in ihren
+nassen Umschlingungen waelzten links und rechts sich schreiende Massen. Die
+Herren Offiziere machten gegen die Elemente von der blanken Waffe
+Gebrauch, durch Schnitte in das Segeltuch bahnten sie sich den Ausweg. Das
+Zivil gelangte nur als graue Wickelschlange hinab, die mit wilden
+Zuckungen im ueberschwemmten Gelaende badete. Unter solchen Umstaenden sah
+der Oberpraesident es ein, dass der weitere Verlauf des Festprogramms aus
+Zweckmaessigkeitsgruenden zu unterbleiben habe. Blitzeumlodert und
+wasserspritzend wie ein Springbrunnen, trat er einen beschleunigten
+Rueckzug an, und ihm nach der Fluegeladjutant, die beiden Divisionsgenerale,
+Dragoner, Husaren, Ulanen und Train. Unterwegs erinnerten Seine Exzellenz
+sich des noch immer an ihrem Finger haengenden Ordens fuer den geistigen
+Schoepfer, und pflichttreu bis zum Aeussersten, aber bestrebt, jeden
+Aufenthalt zu vermeiden, haendigten sie ihn, laufend und wasserspritzend,
+dem Praesidenten von Wulckow aus. Wulckow seinerseits begegnete einem
+Schutzmann, der den Ereignissen noch standhielt, und betraute ihn mit der
+Uebergabe der Allerhoechsten Auszeichnung, worauf der Schutzmann durch Sturm
+und Grausen irrte, auf der Suche nach Diederich. Schliesslich fand er ihn
+unter dem Rednerpult im Wasser hockend. "Da hamse 'n Willemsorden", sagte
+der Schutzmann und machte, dass er weiterkam, denn gerade schlug ein Blitz
+ein, so nahe, als sollte er die Verleihung des Ordens verhindern.
+Diederich hatte nur geseufzt.
+
+Als er es endlich unternahm, mit einer Gesichtshaelfte auf die Erde zu
+spaehen, war der Umsturz auf ihr noch immer im Wachsen. Drueben die grosse
+schwarze Brandmauer klaffte und ging daran, umzufallen, samt dem Haus
+dahinter. Ueber einen Knaeuel von Geschoepfen in jagendem Geisterlicht,
+schwefelgelb und blau, baeumten sich die Pferde der Paradekutschen und
+nahmen Reissaus. Gluecklich das nicht privilegierte Volk, das draussen und
+ueber alle Berge war; die Besitzenden und Gebildeten dagegen waren in der
+Lage, dass sie auf ihren Koepfen schon die fliegenden Truemmer des Umsturzes
+fuehlten, samt dem Feuer von oben. Kein Wunder, wenn die Umstaende ihr
+Verhalten bestimmten und manche Damen, in nicht kommentmaessiger Weise vom
+Ausgang zurueckgestossen, schlankweg uebereinander rollten. Nur ihrer
+Tapferkeit vertrauend, machten die Herren Offiziere gegen jeden, der sich
+ihnen entgegenstellte, von ihren Machtmitteln Gebrauch - indes
+Fahnentuecher, losgerissen im Sturm von den Ueberresten der Tribuenen und des
+offiziellen Zeltes, schwarzweissrot durch die Luft sausten, den Kaempfern um
+die Ohren. Dazu, hoffnungslos wie die Dinge standen, spielte die
+Regimentsmusik immer weiter Heil dir im Siegerkranz, spielte selbst nach
+der Durchbrechung des Militaerkordons und der Weltordnung, spielte wie auf
+einem untergehenden Schiff dem Entsetzen auf und der Aufloesung. Ein neuer
+Anlauf des Orkans warf auch sie auseinander - und Diederich, die Augen
+zugedrueckt und schwindelnd des Endes von allem gewaertig, tauchte zurueck in
+die kuehle Tiefe seines Rednerpultes, das er umklammerte wie das letzte auf
+Erden. Sein Abschiedsblick aber hatte umfasst, was ueber alle Begriffe war:
+das Gehege, das schwarzweissrot behangene rund um den Volkspark,
+zusammengebrochen, niedergelegt durch das Gewicht der auf ihm Lastenden,
+und dann dies Drunter und Drueber, dies Umeinanderkugeln, Sichaufhaeufen und
+Abrutschen, dies Kopfstehen und Dem-anderen-sich-ins-Gesicht-Setzen - und
+dies Gefegtwerden von den Peitschen der Hoehe, unter Stroemen Feuers, diesen
+Kehraus, wie der einer betrunkenen Maskerade, Kehraus von Edel und Unfrei,
+vornehmstem Rock und aus dem Schlummer erwachtem Buerger, einzigen Saeulen,
+gottgesandten Maennern, idealen Guetern, Husaren, Ulanen, Dragonern und
+Train!
+
+Aber die apokalyptischen Reiter flogen weiter; Diederich merkte es, sie
+hatten nur ein Manoever abgehalten fuer den Juengsten Tag, der Ernstfall war
+es nicht. Unter Vorbehalt verliess er seine Zuflucht und stellte fest, dass
+es nur noch goss, und dass Kaiser Wilhelm der Grosse noch da war, mit allem
+Zubehoer der Macht. Diederich hatte die ganze Zeit das Gefuehl gehabt, das
+Denkmal sei zerschmettert und weggeschwommen. Der Festplatz freilich sah
+aus wie eine wueste Erinnerung, keine Seele belebte seine Truemmer. Doch, da
+hinten bewegte sich eine, sie trug sogar Ulanenuniform: Herr von Quitzin,
+der das eingestuerzte Haus besichtigte. Dem Blitz erlegen, rauchte es
+hinter den Resten seiner grossen schwarzen Brandmauer; und in der Flucht
+aller hatte nur Herr von Quitzin standgehalten, denn ihn staerkte ein
+Gedanke. Diederich sah ihm ins Herz. "Das Haus", dachte Herr von Quitzin,
+"haetten wir auch noch loswerden sollen an das Pack. Aber nicht zu machen
+gewesen, haben es mit aller Gewalt nicht durchgedrueckt. Na nu kriege ich
+die Versicherung. Es gibt einen Gott." Und dann ging er der Feuerwehr
+entgegen, die zum Glueck nicht mehr wesentlich eingreifen konnte in das
+Geschaeft.
+
+Auch Diederich, durch das Beispiel ermutigt, machte sich auf den Weg. Er
+hatte seinen Hut verloren, am Boden seiner Schuhe schlenkerte Wasser, und
+in der rueckwaertigen Erweiterung der Beinkleider trug er eine Pfuetze mit
+sich herum. Da ein Wagen nicht erreichbar schien, beschloss er, die innere
+Stadt zu durchqueren. Die Winkel der alten Strassen fingen den Wind ab, ihm
+ward es waermer. "Von einem Katarrh ist nicht die Rede. Guste soll mir aber
+doch einen Wickel um den Bauch machen. Wenn sie nur gefaelligst keine
+Influenza ins Haus einschleppt!" Nach dieser Sorge erinnerte er sich
+seines Ordens: "Der Wilhelms-Orden, Stiftung Seiner Majestaet, wird nur
+verliehen fuer hervorragende Verdienste um die Wohlfahrt und Veredelung des
+Volkes ... Den haben wir!" sagte Diederich laut in der leeren Gasse. "Und
+wenn es Dynamit regnet!" Der Umsturz der Macht von seiten der Natur war
+ein Versuch mit unzulaenglichen Mitteln gewesen. Diederich zeigte dem
+Himmel seinen Wilhelms-Orden und sagte "Etsch" - worauf er ihn sich
+ansteckte, neben den Kronenorden vierter Klasse.
+
+In der Fleischhauergrube hielten mehrere Fuhrwerke: merkwuerdig, vor dem
+Haus des alten Buck. Eins war noch dazu ein Landwagen. Sollte etwa -?
+Diederich spaehte in das Haus: die glaeserne Flurtuer stand
+ausserordentlicherweise offen, so als wuerde jemand erwartet, der selten
+kam. Feierlich still die weite Diele, nur, wie er an der Kueche
+vorbeischlich, ein Wimmern: die alte Magd, mit dem Gesicht auf den Armen.
+"Also ist es so weit" - und ploetzlich ward Diederich von einem Schauer
+angeruehrt, er blieb stehen, bereit, den Rueckzug anzutreten. "Dabei habe
+ich nichts zu tun ... Doch! Dabei habe ich zu tun, denn hier ist jedes
+Stueck mein, ich habe die Pflicht, dafuer zu sorgen, dass sie mir nachher
+nichts forttragen." Aber nicht nur dies draengte ihn vorwaerts;
+Schwierigeres und Tieferes kuendigte sich an mit Schnaufen und
+Bauchklemmen. Gehaltenen Schrittes erstieg er die flachen alten Stufen und
+dachte: "Respekt vor einem tapferen Feind, wenn er das Feld der Ehre
+deckt! Gott hat gerichtet, ja, ja, so geht es, keiner kann sagen, ob er
+nicht eines Tages -. Na hoeren Sie, es gibt denn doch Unterschiede, eine
+Sache ist gut oder nicht gut. Und fuer den Ruhm der guten Sache soll man
+nichts versaeumen, unser alter Kaiser hat sich wahrscheinlich auch
+zusammennehmen muessen, als er nach Wilhelmshoehe zu dem gaenzlich erledigten
+Napoleon ging."
+
+Hier war er schon im Zwischengeschoss und betrat vorsichtig den langen
+Gang, an dessen Ende die Tuer offen, auch hier wieder offen stand. Sich
+gegen die Wand druecken, und einen Blick hinein. Ein Bett, mit dem Fuss
+hergewendet, darin lehnte an gehaeuften Kissen der alte Buck und schien
+nicht bei sich. Kein Laut; war er denn allein? Behutsam auf die Gegenseite
+- nun sah man die verhaengten Fenster und davor im Halbkreis die Familie:
+dem Bett zunaechst Judith Lauer ganz starr, dann Wolfgang mit einem
+Gesicht, das niemand erwartet haette; zwischen den Fenstern die
+zusammengedraengte Herde der fuenf Toechter neben dem bankerotten Vater, der
+nicht einmal mehr elegant war; weiterhin der verbauerte Sohn mit seiner
+stumpfblickenden Frau, und endlich Lauer, der gesessen hatte. Mit gutem
+Grund hielten alle sich so still; zu dieser Stunde verloren sie die letzte
+Aussicht, noch einmal mitzureden! Sie waren obenauf gewesen und hatten
+sich in Sicherheit gewiegt, solange der Alte standhielt. Er war gefallen,
+und sie mit, er verschwand, und sie alle mit. Er hatte immer nur auf
+Flugsand gestanden, da er nicht auf der Macht stand. Nichtig Ziele, die
+fortfuehrten von der Macht! Fruchtlos der Geist, denn nichts hinterliess er
+als Verfall! Verblendung jeder Ehrgeiz, der nicht Faeuste hatte und Geld in
+den Faeusten!
+
+Woher aber dies Gesicht, das Wolfgang hatte? Es sah nicht aus wie Trauer,
+obwohl Traenen aus seinen dort hinueberverlangenden Augen fielen; es sah aus
+wie Neid, gramvoller Neid. Was hatten die anderen? Judith Lauer, deren
+Brauen sich dunkel zusammenzogen, ihr Mann, der aufseufzte - und die Frau
+des Aeltesten sogar faltete vor dem Gesicht ihre Arbeiterinnenhaende.
+Diederich, in entschlossener Haltung, stellte sich mitten vor die Tuer. Es
+war dunkel im Gang, die da sahen nicht, und mochten sie; aber der Alte?
+Sein Gesicht war genau hierhergerichtet, und wo es hinsah, ahnte man
+dennoch mehr als hier war, Erscheinungen, die niemand ihm verstellen
+konnte. Ihren Widerschein in seinen ueberraschten Augen, oeffnete er auf den
+Kissen langsam die Arme, versuchte sie zu heben, hob, bewegte sie, winkend
+und empfangend - wen doch? Wie viele wohl, mit so langem Winken und
+Empfangen? Ein ganzes Volk, sollte man glauben, und welchen Wesens, dass es
+durch sein Kommen dies geisterhafte Glueck hervorrief in den Zuegen des
+alten Buck?
+
+Da erschrak er, als sei er einem Fremden begegnet, der Grauen mitbrachte:
+erschrak und rang nach Atem. Diederich, ihm gegenueber, machte sich noch
+strammer, woelbte die schwarzweissrote Schaerpe, streckte die Orden vor, und
+fuer alle Faelle blitzte er. Der Alte liess auf einmal den Kopf fallen, tief
+vornueber fiel er ganz, wie gebrochen. Die Seinen schrien auf. Vom
+Entsetzen gedaempft, rief die Frau des Aeltesten: "Er hat etwas gesehen! Er
+hat den Teufel gesehen!" Judith Lauer stand langsam auf und schloss die
+Tuer. Diederich war schon entwichen.
+
+
+
+
+
+
+ BEMERKUNGEN ZUR TEXTGESTALT
+
+
+Die Originalausgabe ist in Fraktur gesetzt. Einzelne Woerter aus fremden
+Sprachen in Antiqua (bis auf den Titel "Dr.") und gesperrt gesetzte
+Passagen sind hier durch Unterstrich (_) gekennzeichnet.
+
+Inkonsistente Zeichensetzung, insbesondere bei woertlicher Rede, und
+Schreibweisenvariationen wurden nicht veraendert, bis auf folgende
+offensichtliche Druckfehler:
+
+ Seite 25: Punkt ergaenzt hinter "aufschlug"
+ Seite 96: Punkt ergaenzt hinter "mehr"
+ Seite 100: Punkt ergaenzt hinter "sollte"
+ Seite 126: "Diedrich" geaendert in "Diederich"
+ Seite 148: Punkt geaendert in Komma hinter "verstummt"
+ Seite 162: "aufzuspi ssen" geaendert in "aufzuspiessen"
+ Seite 163: Punkt ergaenzt hinter "Haltung"
+ Seite 179: "se bst" geaendert in "selbst"
+ Seite 190: Anfuehrungszeichen ergaenzt hinter "moechte."
+ Seite 200: Punkt ergaenzt hinter "erlegen", "Diederichs" geaendert in
+ "Diederich"
+ Seite 202: Punkt ergaenzt hinter "Cie" und hinter "dabei"
+ Seite 238: "Wulckowin" geaendert in "Wulckow in"
+ Seite 243: "Offentlichkeit" geaendert in "Oeffentlichkeit"
+ Seite 315: "Praes denten" geaendert in "Praesidenten"
+ Seite 316: Anfuehrungszeichen ergaenzt hinter "Fabrikantentochter."
+ Seite 337: Anfuehrungszeichen entfernt vor "Guste" und ergaenzt vor
+ "Er"
+ Seite 474: Anfuehrungszeichen ergaenzt hinter "grossen G"
+
+
+
+
+
+***END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DER UNTERTAN***
+
+
+
+ CREDITS
+
+
+November 24, 2011
+
+ Project Gutenberg TEI edition 1
+ Produced by Jana Srna, Jens Sadowski and the Online
+ Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net
+
+
+
+ A WORD FROM PROJECT GUTENBERG
+
+
+This file should be named 38126.txt or 38126.zip.
+
+This and all associated files of various formats will be found in:
+
+
+ http://www.gutenberg.org/dirs/3/8/1/2/38126/
+
+
+Updated editions will replace the previous one -- the old editions will be
+renamed.
+
+Creating the works from public domain print editions means that no one
+owns a United States copyright in these works, so the Foundation (and
+you!) can copy and distribute it in the United States without permission
+and without paying copyright royalties. Special rules, set forth in the
+General Terms of Use part of this license, apply to copying and
+distributing Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic works to protect the Project
+Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} concept and trademark. Project Gutenberg is a registered
+trademark, and may not be used if you charge for the eBooks, unless you
+receive specific permission. If you do not charge anything for copies of
+this eBook, complying with the rules is very easy. You may use this eBook
+for nearly any purpose such as creation of derivative works, reports,
+performances and research. They may be modified and printed and given away
+-- you may do practically _anything_ with public domain eBooks.
+Redistribution is subject to the trademark license, especially commercial
+redistribution.
+
+
+
+ THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE
+
+
+_Please read this before you distribute or use this work._
+
+To protect the Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} mission of promoting the free
+distribution of electronic works, by using or distributing this work (or
+any other work associated in any way with the phrase "Project Gutenberg"),
+you agree to comply with all the terms of the Full Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~}
+License (available with this file or online at
+http://www.gutenberg.org/license).
+
+
+ Section 1.
+
+
+General Terms of Use & Redistributing Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic works
+
+
+ 1.A.
+
+
+By reading or using any part of this Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic work,
+you indicate that you have read, understand, agree to and accept all the
+terms of this license and intellectual property (trademark/copyright)
+agreement. If you do not agree to abide by all the terms of this
+agreement, you must cease using and return or destroy all copies of
+Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic works in your possession. If you paid a fee
+for obtaining a copy of or access to a Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic work
+and you do not agree to be bound by the terms of this agreement, you may
+obtain a refund from the person or entity to whom you paid the fee as set
+forth in paragraph 1.E.8.
+
+
+ 1.B.
+
+
+"Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be used on or
+associated in any way with an electronic work by people who agree to be
+bound by the terms of this agreement. There are a few things that you can
+do with most Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic works even without complying
+with the full terms of this agreement. See paragraph 1.C below. There are
+a lot of things you can do with Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic works if you
+follow the terms of this agreement and help preserve free future access to
+Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic works. See paragraph 1.E below.
+
+
+ 1.C.
+
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation" or
+PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
+Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic works. Nearly all the individual works in the
+collection are in the public domain in the United States. If an individual
+work is in the public domain in the United States and you are located in
+the United States, we do not claim a right to prevent you from copying,
+distributing, performing, displaying or creating derivative works based on
+the work as long as all references to Project Gutenberg are removed. Of
+course, we hope that you will support the Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} mission of
+promoting free access to electronic works by freely sharing Project
+Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} works in compliance with the terms of this agreement for
+keeping the Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} name associated with the work. You can
+easily comply with the terms of this agreement by keeping this work in the
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+ 1.D.
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+The copyright laws of the place where you are located also govern what you
+can do with this work. Copyright laws in most countries are in a constant
+state of change. If you are outside the United States, check the laws of
+your country in addition to the terms of this agreement before
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+derivative works based on this work or any other Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} work.
+The Foundation makes no representations concerning the copyright status of
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+
+ 1.E.
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+
+Unless you have removed all references to Project Gutenberg:
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+ 1.E.1.
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+The following sentence, with active links to, or other immediate access
+to, the full Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} License must appear prominently whenever
+any copy of a Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} work (any work on which the phrase
+"Project Gutenberg" appears, or with which the phrase "Project Gutenberg"
+is associated) is accessed, displayed, performed, viewed, copied or
+distributed:
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+ This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+ almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away
+ or re-use it under the terms of the Project Gutenberg License
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+ 1.E.2.
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+public domain (does not contain a notice indicating that it is posted with
+permission of the copyright holder), the work can be copied and
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+charges. If you are redistributing or providing access to a work with the
+phrase "Project Gutenberg" associated with or appearing on the work, you
+must comply either with the requirements of paragraphs 1.E.1 through 1.E.7
+or obtain permission for the use of the work and the Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~}
+trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or 1.E.9.
+
+
+ 1.E.3.
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+If an individual Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic work is posted with the
+permission of the copyright holder, your use and distribution must comply
+with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any additional terms imposed
+by the copyright holder. Additional terms will be linked to the Project
+Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} License for all works posted with the permission of the
+copyright holder found at the beginning of this work.
+
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+terms from this work, or any files containing a part of this work or any
+other work associated with Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~}.
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+Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this electronic
+work, or any part of this electronic work, without prominently displaying
+the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with active links or immediate
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+You may convert to and distribute this work in any binary, compressed,
+marked up, nonproprietary or proprietary form, including any word
+processing or hypertext form. However, if you provide access to or
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+"Plain Vanilla ASCII" or other format used in the official version posted
+on the official Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} web site (http://www.gutenberg.org),
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+
+ 1.E.7.
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+ the use of Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} works calculated using the method you
+ already use to calculate your applicable taxes. The fee is owed to
+ the owner of the Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} trademark, but he has agreed to
+ donate royalties under this paragraph to the Project Gutenberg
+ Literary Archive Foundation. Royalty payments must be paid within 60
+ days following each date on which you prepare (or are legally
+ required to prepare) your periodic tax returns. Royalty payments
+ should be clearly marked as such and sent to the Project Gutenberg
+ Literary Archive Foundation at the address specified in Section 4,
+ "Information about donations to the Project Gutenberg Literary
+ Archive Foundation."
+
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+ you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he
+ does not agree to the terms of the full Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} License.
+ You must require such a user to return or destroy all copies of the
+ works possessed in a physical medium and discontinue all use of and
+ all access to other copies of Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} works.
+
+ - You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of
+ any money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
+ electronic work is discovered and reported to you within 90 days of
+ receipt of the work.
+
+ - You comply with all other terms of this agreement for free
+ distribution of Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} works.
+
+
+ 1.E.9.
+
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+If you wish to charge a fee or distribute a Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic
+work or group of works on different terms than are set forth in this
+agreement, you must obtain permission in writing from both the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael Hart, the owner of the
+Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} trademark. Contact the Foundation as set forth in
+Section 3 below.
+
+
+ 1.F.
+
+
+ 1.F.1.
+
+
+Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable effort to
+identify, do copyright research on, transcribe and proofread public domain
+works in creating the Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} collection. Despite these
+efforts, Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic works, and the medium on which they
+may be stored, may contain "Defects," such as, but not limited to,
+incomplete, inaccurate or corrupt data, transcription errors, a copyright
+or other intellectual property infringement, a defective or damaged disk
+or other medium, a computer virus, or computer codes that damage or cannot
+be read by your equipment.
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+
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+Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation, the owner of the Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~}
+trademark, and any other party distributing a Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~}
+electronic work under this agreement, disclaim all liability to you for
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+NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH
+OF CONTRACT EXCEPT THOSE PROVIDED IN PARAGRAPH F3. YOU AGREE THAT THE
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+WILL NOT BE LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL,
+PUNITIVE OR INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY
+OF SUCH DAMAGE.
+
+
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+electronic work within 90 days of receiving it, you can receive a refund
+of the money (if any) you paid for it by sending a written explanation to
+the person you received the work from. If you received the work on a
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+The person or entity that provided you with the defective work may elect
+to provide a replacement copy in lieu of a refund. If you received the
+work electronically, the person or entity providing it to you may choose
+to give you a second opportunity to receive the work electronically in
+lieu of a refund. If the second copy is also defective, you may demand a
+refund in writing without further opportunities to fix the problem.
+
+
+ 1.F.4.
+
+
+Except for the limited right of replacement or refund set forth in
+paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS,' WITH NO OTHER
+WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO
+WARRANTIES OF MERCHANTIBILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.
+
+
+ 1.F.5.
+
+
+Some states do not allow disclaimers of certain implied warranties or the
+exclusion or limitation of certain types of damages. If any disclaimer or
+limitation set forth in this agreement violates the law of the state
+applicable to this agreement, the agreement shall be interpreted to make
+the maximum disclaimer or limitation permitted by the applicable state
+law. The invalidity or unenforceability of any provision of this agreement
+shall not void the remaining provisions.
+
+
+ 1.F.6.
+
+
+INDEMNITY -- You agree to indemnify and hold the Foundation, the trademark
+owner, any agent or employee of the Foundation, anyone providing copies of
+Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic works in accordance with this agreement, and
+any volunteers associated with the production, promotion and distribution
+of Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic works, harmless from all liability, costs
+and expenses, including legal fees, that arise directly or indirectly from
+any of the following which you do or cause to occur: (a) distribution of
+this or any Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} work, (b) alteration, modification, or
+additions or deletions to any Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} work, and (c) any Defect
+you cause.
+
+
+ Section 2.
+
+
+ Information about the Mission of Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~}
+
+
+Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} is synonymous with the free distribution of electronic
+works in formats readable by the widest variety of computers including
+obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists because of the
+efforts of hundreds of volunteers and donations from people in all walks
+of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the assistance
+they need, is critical to reaching Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~}'s goals and ensuring
+that the Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} collection will remain freely available for
+generations to come. In 2001, the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation was created to provide a secure and permanent future for
+Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} and future generations. To learn more about the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation and how your efforts and donations
+can help, see Sections 3 and 4 and the Foundation web page at
+http://www.pglaf.org.
+
+
+ Section 3.
+
+
+ Information about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the state of
+Mississippi and granted tax exempt status by the Internal Revenue Service.
+The Foundation's EIN or federal tax identification number is 64-6221541.
+Its 501(c)(3) letter is posted at
+http://www.gutenberg.org/fundraising/pglaf. Contributions to the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation are tax deductible to the full
+extent permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr.
+S. Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at 809 North
+1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact information
+can be found at the Foundation's web site and official page at
+http://www.pglaf.org
+
+For additional contact information:
+
+
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+
+ Section 4.
+
+
+ Information about Donations to the Project Gutenberg Literary Archive
+ Foundation
+
+
+Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} depends upon and cannot survive without wide spread
+public support and donations to carry out its mission of increasing the
+number of public domain and licensed works that can be freely distributed
+in machine readable form accessible by the widest array of equipment
+including outdated equipment. Many small donations ($1 to $5,000) are
+particularly important to maintaining tax exempt status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United States.
+Compliance requirements are not uniform and it takes a considerable
+effort, much paperwork and many fees to meet and keep up with these
+requirements. We do not solicit donations in locations where we have not
+received written confirmation of compliance. To SEND DONATIONS or
+determine the status of compliance for any particular state visit
+http://www.gutenberg.org/fundraising/donate
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we have
+not met the solicitation requirements, we know of no prohibition against
+accepting unsolicited donations from donors in such states who approach us
+with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make any
+statements concerning tax treatment of donations received from outside the
+United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation methods
+and addresses. Donations are accepted in a number of other ways including
+checks, online payments and credit card donations. To donate, please
+visit: http://www.gutenberg.org/fundraising/donate
+
+
+ Section 5.
+
+
+ General Information About Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic works.
+
+
+Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~}
+concept of a library of electronic works that could be freely shared with
+anyone. For thirty years, he produced and distributed Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~}
+eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} eBooks are often created from several printed editions,
+all of which are confirmed as Public Domain in the U.S. unless a copyright
+notice is included. Thus, we do not necessarily keep eBooks in compliance
+with any particular paper edition.
+
+Each eBook is in a subdirectory of the same number as the eBook's eBook
+number, often in several formats including plain vanilla ASCII, compressed
+(zipped), HTML and others.
+
+Corrected _editions_ of our eBooks replace the old file and take over the
+old filename and etext number. The replaced older file is renamed.
+_Versions_ based on separate sources are treated as new eBooks receiving
+new filenames and etext numbers.
+
+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
+
+
+ http://www.gutenberg.org
+
+
+This Web site includes information about Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~}, including how
+to make donations to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation,
+how to help produce our new eBooks, and how to subscribe to our email
+newsletter to hear about new eBooks.
+
+
+
+
+
+
+***FINIS***
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