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| author | Roger Frank <rfrank@pglaf.org> | 2025-10-14 20:09:38 -0700 |
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diff --git a/38126.txt b/38126.txt new file mode 100644 index 0000000..a194076 --- /dev/null +++ b/38126.txt @@ -0,0 +1,15304 @@ +The Project Gutenberg EBook of Der Untertan by Heinrich Mann + + + +This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with almost no +restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under +the terms of the Project Gutenberg License included with this eBook or +online at http://www.gutenberg.org/license + + + +Title: Der Untertan + +Author: Heinrich Mann + +Release Date: November 24, 2011 [Ebook #38126] + +Language: German + +Character set encoding: US-ASCII + + +***START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DER UNTERTAN*** + + + + + + Heinrich Mann + + Der Untertan + + Roman + + + + + Kurt Wolff Verlag + Leipzig-Wien + + + + + + Der Roman wurde abgeschlossen Anfang Juli 1914 + + + + Vierundfuenfzigstes bis zweiundachtzigstes Tausend + + Gedruckt in der Spamerschen Buchdruckerei in Leipzig + Copyright Kurt Wolff Verlag, Leipzig, 1918 + + + + + + + I. + + +Diederich Hessling war ein weiches Kind, das am liebsten traeumte, sich vor +allem fuerchtete und viel an den Ohren litt. Ungern verliess er im Winter +die warme Stube, im Sommer den engen Garten, der nach den Lumpen der +Papierfabrik roch und ueber dessen Goldregen- und Fliederbaeumen das +hoelzerne Fachwerk der alten Haeuser stand. Wenn Diederich vom Maerchenbuch, +dem geliebten Maerchenbuch, aufsah, erschrak er manchmal sehr. Neben ihm +auf der Bank hatte ganz deutlich eine Kroete gesessen, halb so gross wie er +selbst! Oder an der Mauer dort drueben stak bis zum Bauch in der Erde ein +Gnom und schielte her! + +Fuerchterlicher als Gnom und Kroete war der Vater, und obendrein sollte man +ihn lieben. Diederich liebte ihn. Wenn er genascht oder gelogen hatte, +drueckte er sich so lange schmatzend und scheu wedelnd am Schreibpult +umher, bis Herr Hessling etwas merkte und den Stock von der Wand nahm. Jede +nicht herausgekommene Untat mischte in Diederichs Ergebenheit und +Vertrauen einen Zweifel. Als der Vater einmal mit seinem invaliden Bein +die Treppe herunterfiel, klatschte der Sohn wie toll in die Haende - worauf +er weglief. + +Kam er nach einer Abstrafung mit gedunsenem Gesicht und unter Geheul an +der Werkstaette vorbei, dann lachten die Arbeiter. Sofort aber streckte +Diederich nach ihnen die Zunge aus und stampfte. Er war sich bewusst: "Ich +habe Pruegel bekommen, aber von meinem Papa. Ihr waeret froh, wenn ihr auch +Pruegel von ihm bekommen koenntet. Aber dafuer seid ihr viel zu wenig." + +Er bewegte sich zwischen ihnen wie ein launenhafter Pascha; drohte ihnen +bald, es dem Vater zu melden, dass sie sich Bier holten, und bald liess er +kokett aus sich die Stunde herausschmeicheln, zu der Herr Hessling +zurueckkehren sollte. Sie waren auf der Hut vor dem Prinzipal: er kannte +sie, er hatte selbst gearbeitet. Er war Buettenschoepfer gewesen in den +alten Muehlen, wo jeder Bogen mit der Hand geformt ward; hatte dazwischen +alle Kriege mitgemacht und nach dem letzten, als jeder Geld fand, eine +Papiermaschine kaufen koennen. Ein Hollaender und eine Schneidemaschine +vervollstaendigten die Einrichtung. Er selbst zaehlte die Bogen nach. Die +von den Lumpen abgetrennten Knoepfe durften ihm nicht entgehen. Sein +kleiner Sohn liess sich oft von den Frauen welche zustecken, dafuer, dass er +die nicht angab, die einige mitnahmen. Eines Tages hatte er so viele +beisammen, dass ihm der Gedanke kam, sie beim Kraemer gegen Bonbons +umzutauschen. Es gelang - aber am Abend kniete Diederich, indes er den +letzten Malzzucker zerlutscht, sich ins Bett und betete, angstgeschuettelt, +zu dem schrecklichen lieben Gott, er moege das Verbrechen unentdeckt +lassen. Er brachte es dennoch an den Tag. Dem Vater, der immer nur +methodisch, Ehrenfestigkeit und Pflicht auf dem verwitterten +Unteroffiziersgesicht, den Stock gefuehrt hatte, zuckte diesmal die Hand, +und in die eine Buerste seines silberigen Kaiserbartes lief, ueber die +Runzeln huepfend, eine Traene. "Mein Sohn hat gestohlen", sagte er ausser +Atem, mit dumpfer Stimme, und sah sich das Kind an wie einen verdaechtigen +Eindringling. "Du betruegst und stiehlst. Du brauchst nur noch einen +Menschen totzuschlagen." + +Frau Hessling wollte Diederich noetigen, vor dem Vater hinzufallen und ihn +um Verzeihung zu bitten, weil der Vater seinetwegen geweint habe! Aber +Diederichs Instinkt sagte ihm, dass dies den Vater nur noch mehr erbost +haben wuerde. Mit der gefuehlsseligen Art seiner Frau war Hessling durchaus +nicht einverstanden. Sie verdarb das Kind fuers Leben. Uebrigens ertappte er +sie geradeso auf Luegen wie den Diedel. Kein Wunder, da sie Romane las! Am +Sonnabendabend war nicht immer die Wochenarbeit getan, die ihr aufgegeben +war. Sie klatschte, anstatt sich zu ruehren, mit dem Dienstmaedchen ... Und +Hessling wusste noch nicht einmal, dass seine Frau auch naschte, gerade wie +das Kind. Bei Tisch wagte sie sich nicht satt zu essen und schlich +nachtraeglich an den Schrank. Haette sie sich in die Werkstatt getraut, +wuerde sie auch Knoepfe gestohlen haben. + +Sie betete mit dem Kind "aus dem Herzen", nicht nach Formeln, und bekam +dabei geroetete Wangenknochen. Sie schlug es auch, aber Hals ueber Kopf und +verzerrt von Rachsucht. Oft war sie dabei im Unrecht. Dann drohte +Diederich, sie beim Vater zu verklagen; tat so, als ginge er ins Kontor, +und freute sich irgendwo hinter einer Mauer, dass sie nun Angst hatte. Ihre +zaertlichen Stunden nuetzte er aus; aber er fuehlte gar keine Achtung vor +seiner Mutter. Ihre Aehnlichkeit mit ihm selbst verbot es ihm. Denn er +achtete sich selbst nicht, dafuer ging er mit einem zu schlechten Gewissen +durch sein Leben, das vor den Augen des Herrn nicht haette bestehen koennen. + +Dennoch hatten die beiden von Gemuet ueberfliessende Daemmerstunden. Aus den +Festen pressten sie gemeinsam vermittels Gesang, Klavierspiel und +Maerchenerzaehlen den letzten Tropfen Stimmung heraus. Als Diederich am +Christkind zu zweifeln anfing, liess er sich von der Mutter bewegen, noch +ein Weilchen zu glauben, und er fuehlte sich dadurch erleichtert, treu und +gut. Auch an ein Gespenst, droben auf der Burg, glaubte er hartnaeckig, und +der Vater, der hiervon nichts hoeren wollte, schien zu stolz, beinahe +strafwuerdig. Die Mutter naehrte ihn mit Maerchen. Sie teilte ihm ihre Angst +mit vor den neuen, belebten Strassen und der Pferdebahn, die hindurchfuhr, +und fuehrte ihn ueber den Wall nach der Burg. Dort genossen sie das wohlige +Grausen. + +Ecke der Meisestrasse hinwieder musste man an einem Polizisten vorueber, der, +wen er wollte, ins Gefaengnis abfuehren konnte! Diederichs Herz klopfte +beweglich; wie gern haette er einen weiten Bogen gemacht! Aber dann wuerde +der Polizist sein schlechtes Gewissen erkannt und ihn aufgegriffen haben. +Es war vielmehr geboten, zu beweisen, dass man sich rein und ohne Schuld +fuehlte - und mit zitternder Stimme fragte Diederich den Schutzmann nach +der Uhr. + + + +Nach so vielen furchtbaren Gewalten, denen man unterworfen war, nach den +Maerchenkroeten, dem Vater, dem lieben Gott, dem Burggespenst und der +Polizei, nach dem Schornsteinfeger, der einen durch den ganzen Schlot +schleifen konnte, bis man auch ein schwarzer Mann war, und dem Doktor, der +einen im Hals pinseln durfte und schuetteln, wenn man schrie - nach allen +diesen Gewalten geriet nun Diederich unter eine noch furchtbarere, den +Menschen auf einmal ganz verschlingende: die Schule. Diederich betrat sie +heulend, und auch die Antworten, die er wusste, konnte er nicht geben, weil +er heulen musste. Allmaehlich lernte er den Drang zum Weinen gerade dann +auszunutzen, wenn er nicht gelernt hatte - denn alle Angst machte ihn +nicht fleissiger oder weniger traeumerisch - und vermied so, bis die Lehrer +sein System durchschaut hatten, manche ueblen Folgen. Dem ersten, der es +durchschaute, schenkte er seine ganze Achtung; er war ploetzlich still und +sah ihn, ueber den gekruemmten und vors Gesicht gehaltenen Arm hinweg voll +scheuer Hingabe an. Immer blieb er den scharfen Lehrern ergeben und +willfaehrig. Den gutmuetigen spielte er kleine, schwer nachweisbare +Streiche, deren er sich nicht ruehmte. Mit viel groesserer Genugtuung sprach +er von einer Verheerung in den Zeugnissen, von einem riesigen +Strafgericht. Bei Tisch berichtete er: "Heute hat Herr Behnke wieder drei +durchgehauen." Und wenn gefragt ward, wen? + +"Einer war ich." + +Denn Diederich war so beschaffen, dass die Zugehoerigkeit zu seinem +unpersoenlichen Ganzen, zu diesem unerbittlichen, menschenverachtenden, +maschinellen Organismus, der das Gymnasium war, ihn beglueckte, dass die +Macht, die kalte Macht, an der er selbst, wenn auch nur leidend, +teilhatte, sein Stolz war. Am Geburtstag des Ordinarius bekraenzte man +Katheder und Tafel. Diederich umwand sogar den Rohrstock. + +Im Lauf der Jahre beruehrten zwei ueber Machthaber hereingebrochene +Katastrophen ihn mit heiligem und suessem Schauder. Ein Hilfslehrer ward vor +der Klasse vom Direktor heruntergemacht und entlassen. Ein Oberlehrer ward +wahnsinnig. Noch hoehere Gewalten, der Direktor und das Irrenhaus, waren +hier graesslich mit denen abgefahren, die bis eben so hohe Gewalt hatten. +Von unten, klein aber unversehrt, durfte man die Leichen betrachten und +aus ihnen eine die eigene Lage mildernde Lehre ziehen. + +Die Macht, die ihn in ihrem Raederwerk hatte, vor seinen juengeren +Schwestern vertrat Diederich sie. Sie mussten nach seinem Diktat schreiben +und kuenstlich noch mehr Fehler machen, als ihnen von selbst gelangen, +damit er mit roter Tinte wueten und Strafen austeilen konnte. Sie waren +grausam. Die Kleinen schrien - und dann war es an Diederich, sich zu +demuetigen, um nicht verraten zu werden. + +Er hatte, den Machthabern nachzuahmen, keinen Menschen noetig; ihm genuegten +Tiere, sogar Dinge. Er stand am Rande des Hollaenders und sah die Trommel +die Lumpen ausschlagen. "Den hast du weg! Untersteht euch noch mal! Infame +Bande!" murmelte Diederich, und in seinen blassen Augen glomm es. +Ploetzlich duckte er sich; fast fiel er in das Chlorbad. Der Schritt eines +Arbeiters hatte ihn aufgestoert aus seinem laesterlichen Genuss. + +Denn recht geheuer und seiner Sache gewiss fuehlte er sich nur, wenn er +selbst die Pruegel bekam. Kaum je widerstand er dem Uebel. Hoechstens bat er +den Kameraden: "Nicht auf den Ruecken, das ist ungesund." + +Nicht dass es ihm am Sinn fuer sein Recht und an Liebe zum eigenen Vorteil +fehlte. Aber Diederich hielt dafuer, dass Pruegel, die er bekam, dem +Schlagenden keinen praktischen Gewinn, ihm selbst keinen reellen Verlust +zufuegten. Ernster als diese bloss idealen Werte nahm er die Schaumrolle, +die der Oberkellner vom "Netziger Hof" ihm schon laengst versprochen hatte +und mit der er nie herausrueckte. Diederich machte unzaehlige Male ernsten +Schrittes den Geschaeftsweg die Meisestrasse hinauf zum Markt, um seinen +befrackten Freund zu mahnen. Als der aber eines Tages von seiner +Verpflichtung ueberhaupt nichts mehr wissen wollte, erklaerte Diederich und +stampfte ehrlich entruestet auf: "Jetzt wird mir's doch zu bunt! Wenn Sie +nun nicht gleich herausruecken, sag' ich's Ihrem Herrn!" Darauf lachte +Schorsch und brachte die Schaumrolle. + +Das war ein greifbarer Erfolg. Leider konnte Diederich ihn nur hastig und +in Sorge geniessen, denn es war zu fuerchten, dass Wolfgang Buck, der draussen +wartete, darueber zukam und den Anteil verlangte, der ihm versprochen war. +Indes fand er Zeit, sich sauber den Mund zu wischen, und vor der Tuer brach +er in heftige Schimpfreden auf Schorsch aus, der ein Schwindler sei und +gar keine Schaumrolle habe. Diederichs Gerechtigkeitsgefuehl, das sich zu +seinen Gunsten noch eben so kraeftig geaeussert hatte, schwieg vor den +Anspruechen des anderen - die man freilich nicht einfach ausser acht lassen +durfte, dafuer war Wolfgangs Vater eine viel zu achtunggebietende +Persoenlichkeit. Der alte Herr Buck trug keinen steifen Kragen, sondern +eine weissseidene Halsbinde und darueber einen grossen weissen Knebelbart. Wie +langsam und majestaetisch er seinen oben goldenen Stock aufs Pflaster +setzte! Und er hatte einen Zylinder auf, und unter seinem Ueberzieher sahen +haeufig Frackschoesse hervor, mitten am Tage! Denn er ging in Versammlungen, +er bekuemmerte sich um die ganze Stadt. Von der Badeanstalt, vom Gefaengnis, +von allem, was oeffentlich war, dachte Diederich: "Das gehoert dem Herrn +Buck." Er musste ungeheuer reich und maechtig sein. Alle, auch Herr Hessling, +entbloessten vor ihm lange den Kopf. Seinem Sohn mit Gewalt etwas +abzunehmen, waere eine Tat voll unabsehbarer Gefahren gewesen. Um von den +grossen Maechten, die er so sehr verehrte, nicht ganz erdrueckt zu werden, +musste Diederich leise und listig zu Werk gehen. + +Einmal nur, in Untertertia, geschah es, dass Diederich jede Ruecksicht +vergass, sich blindlings betaetigte und zum siegestrunkenen Unterdruecker +ward. Er hatte, wie es ueblich und geboten war, den einzigen Juden seiner +Klasse gehaenselt, nun aber schritt er zu einer ungewoehnlichen Kundgebung. +Aus Kloetzen, die zum Zeichnen dienten, erbaute er auf dem Katheder ein +Kreuz und drueckte den Juden davor in die Knie. Er hielt ihn fest, trotz +allem Widerstand; er war stark! Was Diederich stark machte, war der +Beifall ringsum, die Menge, aus der heraus Arme ihm halfen, die +ueberwaeltigende Mehrheit drinnen und draussen. Denn durch ihn handelte die +Christenheit von Netzig. Wie wohl man sich fuehlte bei geteilter +Verantwortlichkeit und einem Schuldbewusstsein, das kollektiv war! + +Nach dem Verrauchen des Rausches stellte wohl leichtes Bangen sich ein, +aber das erste Lehrergesicht, dem Diederich begegnete, gab ihm allen Mut +zurueck; es war voll verlegenen Wohlwollens. Andere bewiesen ihm offen ihre +Zustimmung. Diederich laechelte mit demuetigem Einverstaendnis zu ihnen auf. +Er bekam es leichter seitdem. Die Klasse konnte die Ehrung dem nicht +versagen, der die Gunst des neuen Ordinarius besass. Unter ihm brachte +Diederich es zum Primus und zum geheimen Aufseher. Wenigstens die zweite +dieser Ehrenstellen behauptete er auch spaeter. Er war gut Freund mit +allen, lachte, wenn sie ihre Streiche ausplauderten, ein ungetruebtes, aber +herzliches Lachen, als ernster junger Mensch, der Nachsicht hat mit dem +Leichtsinn - und dann in der Pause, wenn er dem Professor das Klassenbuch +vorlegte, berichtete er. Auch hinterbrachte er die Spitznamen der Lehrer +und die aufruehrerischen Reden, die gegen sie gefuehrt worden waren. In +seiner Stimme bebte, nun er sie wiederholte, noch etwas von dem +wolluestigen Erschrecken, womit er sie, hinter gesenkten Lidern, angehoert +hatte. Denn er spuerte, ward irgendwie an den Herrschenden geruettelt, eine +gewisse lasterhafte Befriedigung, etwas ganz unter sich Bewegendes, fast +wie ein Hass, der zu seiner Saettigung rasch und verstohlen ein paar Bissen +nahm. Durch die Anzeige der anderen suehnte er die eigene suendhafte Regung. + +Andererseits empfand er gegen die Mitschueler, deren Fortkommen seine +Taetigkeit in Frage stellte, zumeist keine persoenliche Abneigung. Er benahm +sich als pflichtmaessiger Vollstrecker einer harten Notwendigkeit. Nachher +konnte er zu dem Getroffenen hintreten und ihn, fast ganz aufrichtig, +beklagen. Einst ward mit seiner Hilfe einer gefasst, der schon laengst +verdaechtig war, alles abzuschreiben. Diederich ueberliess ihm, mit Wissen +des Lehrers, eine mathematische Aufgabe, die in der Mitte absichtlich +gefaelscht und deren Endergebnis dennoch richtig war. Am Abend nach dem +Zusammenbruch des Betruegers sassen einige Primaner vor dem Tor in einer +Gartenwirtschaft, was zum Schluss der Turnspiele erlaubt war, und sangen. +Diederich hatte den Platz neben seinem Opfer gesucht. Einmal, als +ausgetrunken war, liess er die Rechte vom Krug herab auf die des anderen +gleiten, sah ihm treu in die Augen und stimmte in Basstoenen, die von Gemuet +schleppten, ganz allein an: + + "Ich hatt' einen Kameraden, + Einen bessern findst du nit ..." + +Uebrigens genuegte er bei zunehmender Schulpraxis in allen Faechern, ohne in +einem das Mass des Geforderten zu ueberschreiten, oder auf der Welt irgend +etwas zu wissen, was nicht im Pensum vorkam. Der deutsche Aufsatz war ihm +das Fremdeste, und wer sich darin auszeichnete, gab ihm ein ungeklaertes +Misstrauen ein. + +Seit seiner Versetzung nach Prima galt seine Gymnasialkarriere fuer +gesichert, und bei Lehrern und Vater drang der Gedanke durch, er solle +studieren. Der alte Hessling, der 66 und 71 durch das Brandenburger Tor +eingezogen war, schickte Diederich nach Berlin. + + + +Weil er sich aus der Naehe der Friedrichstrasse nicht fortgetraute, mietete +er sein Zimmer droben in der Tieckstrasse. Jetzt hatte er nur in gerader +Linie hinunterzugehen und konnte die Universitaet nicht verfehlen. Er +besuchte sie, da er nichts anderes vorhatte, taeglich zweimal, und in der +Zwischenzeit weinte er oft vor Heimweh. Er schrieb einen Brief an Vater +und Mutter und dankte ihnen fuer seine glueckliche Kindheit. Ohne Not ging +er nur selten aus. Kaum, dass er zu essen wagte; er fuerchtete, sein Geld +vor dem Ende des Monats auszugeben. Und immerfort musste er nach der Tasche +fassen, ob es noch da sei. + +So verlassen ihm um das Herz war, ging er doch noch immer nicht mit dem +Brief des Vaters in die Bluecherstrasse zu Herrn Goeppel, dem +Zellulosefabrikanten, der aus Netzig war und auch an Hessling lieferte. Am +vierten Sonntag besiegte er seine Scheu - und kaum watschelte der +gedrungene, geroetete Mann, den er schon so oft beim Vater im Kontor +gesehen hatte, auf ihn zu, da wunderte Diederich sich schon, dass er nicht +frueher gekommen sei. Herr Goeppel fragte gleich nach ganz Netzig und vor +allem nach dem alten Buck. Denn obwohl sein Kinnbart nun auch ergraut war, +hatte er doch, wie Diederich, nur, wie es schien, aus anderen Gruenden, +schon als Knabe den alten Buck verehrt. Das war ein Mann: Hut ab! Einer +von denen, die das deutsche Volk hochhalten sollte, hoeher als gewisse +Leute, die immer alles mit Blut und Eisen kurieren wollten und dafuer der +Nation riesige Rechnungen schrieben. Der alte Buck war schon +achtundvierzig dabei gewesen, er war sogar zum Tode verurteilt worden. +"Ja, dass wir hier als freie Maenner sitzen koennen," sagte Herr Goeppel, "das +verdanken wir solchen Leuten wie dem alten Buck." Und er oeffnete noch eine +Flasche Bier. "Heute sollen wir uns mit Kuerassierstiefeln treten +lassen ..." + +Herr Goeppel bekannte sich als freisinniger Gegner Bismarcks. Diederich +bestaetigte alles, was Goeppel wollte; er hatte ueber den Kanzler, die +Freiheit, den jungen Kaiser keinerlei Meinung. Da aber ward er peinlich +beruehrt, denn ein junges Maedchen war eingetreten, das ihm auf den ersten +Blick durch Schoenheit und Eleganz gleich furchtbar erschien. + +"Meine Tochter Agnes", sagte Herr Goeppel. + +Diederich stand da, in seinem faltenreichen Gehrock, als magerer Kadett, +und war rosig ueberzogen. Das junge Maedchen gab ihm die Hand. Sie wollte +wohl nett sein, aber was war mit ihr anzufangen? Diederich antwortete ja, +als sie fragte, ob Berlin ihm gefalle; und als sie fragte, ob er schon im +Theater gewesen sei, antwortete er nein. Er fuehlte sich feucht vor +Ungemuetlichkeit und war fest ueberzeugt, sein Aufbruch sei das einzige, +womit er das junge Maedchen interessieren koenne. Aber wie war von hier +fortzukommen? Zum Glueck stellte ein anderer sich ein, ein breiter Mensch, +namens Mahlmann, der mit ungeheurer Stimme Mecklenburgisch sprach, _stud. +ing._ zu sein schien und bei Goeppels Zimmerherr sein sollte. Er erinnerte +Fraeulein Agnes an einen Spaziergang, den sie verabredet haetten. Diederich +ward aufgefordert, mitzukommen. Entsetzt schuetzte er einen Bekannten vor, +der draussen auf ihn warte, und machte sich sofort davon. "Gott sei Dank," +dachte er, waehrend es ihm einen Stich gab, "sie hat schon einen." + +Herr Goeppel oeffnete ihm im Dunkeln die Flurtuer und fragte, ob sein Freund +auch Berlin kenne. Diederich log, der Freund sei Berliner. "Denn wenn Sie +es beide nicht kennen, kommen Sie noch in den falschen Omnibus. Sie haben +sich gewiss schon mal verirrt in Berlin." Und als Diederich es zugab, +zeigte Herr Goeppel sich befriedigt. "Das ist nicht wie in Netzig. Hier +laufen Sie gleich halbe Tage. Was glauben Sie wohl, wenn Sie von Ihrer +Tieckstrasse bis hierher zum Halleschen Tor gehen, dann sind Sie ja schon +dreimal durch ganz Netzig gestiegen ... Na, naechsten Sonntag kommen Sie +nun aber zum Mittagessen!" + +Diederich versprach es. Als es so weit war, haette er lieber abgesagt; nur +aus Furcht vor seinem Vater ging er hin. Diesmal galt es sogar ein +Alleinsein mit dem Fraeulein zu bestehen. Diederich tat geschaeftig und als +sei er nicht aufgelegt, sich mit ihr zu befassen. Sie wollte wieder vom +Theater anfangen, aber er schnitt mit rauher Stimme ab: er habe fuer so +etwas keine Zeit. Ach ja, ihr Papa habe ihr gesagt, Herr Hessling studiere +Chemie? + +"Ja. Das ist ueberhaupt die einzige Wissenschaft, die Berechtigung hat", +behauptete Diederich, ohne zu wissen, wie er dazu kam. + +Fraeulein Goeppel liess ihren Beutel fallen; er bueckte sich so nachlaessig, +dass sie ihn wieder hatte, bevor er zur Stelle war. Trotzdem sagte sie +danke, ganz weich, fast beschaemt - was Diederich aergerte. "Kokette Weiber +sind etwas Graessliches", dachte er. Sie suchte in ihrem Beutel. + +"Jetzt hab' ich es doch verloren. Mein englisches Pflaster naemlich. Es +blutet wieder." + +Sie wickelte ihren Finger aus dem Taschentuch. Er hatte so sehr die Weisse +des Schnees, dass Diederich der Gedanke kam, das Blut, das darauf lag, +muesse hineinsickern. + +"Ich habe welches", sagte er, mit einem Ruck. + +Er ergriff ihren Finger, und bevor sie das Blut wegwischen konnte, hatte +er es abgeleckt. + +"Was machen Sie denn?" + +Er war selbst erschrocken. Er sagte mit streng gefalteten Brauen: "O, ich +als Chemiker probiere noch ganz andere Sachen." + +Sie laechelte. "Ach ja, Sie sind eine Art Doktor ... Wie gut Sie das +koennen", bemerkte sie und sah ihm beim Aufkleben des Pflasters zu. + +"So", machte er ablehnend, und trat zurueck. Ihm war es schwuel geworden, er +dachte: "Wenn man nur nicht immer ihre Haut anfassen muesste! Sie ist +widerlich weich." Agnes sah an ihm vorbei. Nach einer Pause versuchte sie: +"Haben wir nicht eigentlich in Netzig gemeinschaftliche Verwandte?" Und +sie noetigte ihn, mit ihr ein paar Familien durchzugehen. Es stellte sich +Vetternschaft heraus. + +"Sie haben auch noch Ihre Mutter, nicht? Dann koennen Sie sich freuen. +Meine ist laengst tot. Ich werde wohl auch nicht lange leben. Man hat so +Ahnungen" - und sie laechelte wehmuetig und entschuldigend. + +Diederich beschloss schweigend, diese Sentimentalitaet albern zu finden. +Noch eine Pause - und wie sie beide eilig zum Sprechen ansetzten, kam der +Mecklenburger dazwischen. Die Hand Diederichs drueckte er so kraftvoll, dass +Diederichs Gesicht sich verzerrte, und zugleich laechelte er ihm sieghaft +in die Augen. Ohne weiteres zog er einen Stuhl bis vor Agnes' Knie und +fragte heiter und mit Autoritaet nach allem Moeglichen, was nur sie beide +anging. Diederich war sich selbst ueberlassen und entdeckte, dass Agnes, so +in Ruhe betrachtet, viel von ihren Schrecken verlor. Eigentlich war sie +nicht huebsch. Sie hatte eine zu kleine, nach innen gebogene Nase, auf +deren freilich sehr schmalem Ruecken Sommersprossen sassen. Ihre gelbbraunen +Augen lagen zu nahe beieinander und zuckten, wenn sie einen ansah. Die +Lippen waren zu schmal, das ganze Gesicht war zu schmal. "Wenn sie nicht +so viel braunrotes Haar ueber der Stirn haette und dazu den weissen +Teint ..." Auch bereitete es ihm Genugtuung, dass der Nagel des Fingers, +den er beleckt hatte, nicht ganz sauber gewesen war. + +Herr Goeppel kam mit seinen drei Schwestern. Eine von ihnen hatte Mann und +Kinder mit. Der Vater und die Tanten umarmten und kuessten Agnes. Sie taten +es mit dringlicher Innigkeit und hatten dabei behutsame Mienen. Das junge +Maedchen war schlanker und groesser als sie alle und blickte ein wenig +zerstreut auf sie hinab, die eben an ihren schmaechtigen Schultern hing. +Nur ihrem Vater erwiderte sie langsam und ernst seinen Kuss. Diederich sah +dem zu und sah in der Sonne die hellblauen Adern, ueberzogen von roten +Haaren, ihre Schlaefe kreuzen. + +Er musste eine der Tanten ins Esszimmer fuehren. Der Mecklenburger hatte +Agnes' Arm in den seinen gehaengt. Um den langen Familientisch raschelten +die seidenen Sonntagskleider. Die Gehroecke wurden ueber den Knien +zusammengelegt. Man raeusperte sich, die Herren rieben die Haende. Dann kam +die Suppe. + +Diederich sass von Agnes weit weg und konnte sie nicht sehen, wenn er sich +nicht vorbeugte - was er sorgfaeltig vermied. Da seine Nachbarin ihn in +Ruhe liess, ass er grosse Mengen Kalbsbraten und Blumenkohl. Er hoerte +ausfuehrlich das Essen besprechen und musste bestaetigen, dass es schoen +schmecke. Agnes ward vor dem Salat gewarnt, ihr ward zu Rotwein geraten, +und sie sollte Auskunft geben, ob sie heute morgen Gummischuhe angehabt +habe. Herr Goeppel erzaehlte, Diederich zugewandt, dass er und seine +Schwestern vorhin in der Friedrichstrasse, weiss Gott, auseinander gekommen +seien und sich erst im Omnibus wiedergefunden haetten. "So etwas kann Ihnen +in Netzig auch nicht passieren", rief er voll Stolz ueber den Tisch. +Mahlmann und Agnes sprachen von einem Konzert. Sie wollte bestimmt hin, +ihr Papa werde es schon erlauben. Herr Goeppel machte zaertliche Einwaende, +und der Chor der Tanten begleitete sie. Agnes muesse frueh schlafen gehen +und bald in gute Luft hinaus; sie habe sich im Winter ueberanstrengt. Sie +bestritt es. "Ihr lasst mich niemals aus dem Hause. Ihr seid schrecklich." + +Diederich nahm innerlich Partei fuer sie. Er hatte eine Wallung von +Heldentum: er haette machen wollen, dass sie alles duerfte, dass sie gluecklich +war und es ihm dankte ... Da fragte Herr Goeppel ihn, ob er in das Konzert +wolle, "Ich weiss nicht", sagte er veraechtlich und sah Agnes an, die sich +vorbeugte. "Was ist das fuer eins? Ich gehe nur in Konzerte, wo ich Bier +trinken kann." + +"Sehr vernuenftig", sagte der Schwager des Herrn Goeppel. + +Agnes hatte sich zurueckgezogen und, Diederich bereute seinen Ausspruch. + +Aber die Creme, auf die alle gespannt waren, blieb aus. Herr Goeppel riet +seiner Tochter, einmal nachzusehen. Bevor sie ihren Kompotteller +hingesetzt hatte, war Diederich aufgesprungen - sein Stuhl flog an die +Wand - und festen Schritts zur Tuer geeilt. "Marie! Der Krehm!" rief er +hinaus. Rot und ohne jemand anzusehen, ging er wieder an seinen Platz. +Aber er merkte ganz gut, sie blinzelten sich zu. Mahlmann stiess sogar +hoehnisch den Atem aus. Der Schwager aeusserte mit kuenstlicher Harmlosigkeit: +"Immer galant! So soll es sein." Herr Goeppel laechelte zaertlich zu Agnes +hin, die nicht von ihrem Kompott aufsah. Diederich stemmte das Knie gegen +die Tischplatte, dass sie anfing sich zu heben. Er dachte: "Gott, o Gott, +haette ich nur das nicht getan!" + +Beim Mahlzeitsagen gab er allen die Hand, nur um Agnes drueckte er sich +herum. Im Berliner Zimmer beim Kaffee waehlte er seinen Sitz mit Sorgfalt +dort, wo Mahlmanns breiter Ruecken sie ihm verdeckte. Eine der Tanten +wollte sich seiner annehmen. + +"Was studieren Sie denn, junger Mann?" fragte sie. + +"Chemie." + +"Ach so, Physik?" + +"Nein, Chemie." + +"Ach so." + +Und so imposant sie angefangen hatte, hierueber kam sie nicht hinweg. +Diederich nannte sie im stillen eine dumme Gans. Die ganze Gesellschaft +passte ihm nicht. Von feindseliger Schwermut erfuellt, sah er darein, bis +die letzten Verwandten aufgebrochen waren. Agnes und ihr Vater hatten sie +hinausbegleitet. Herr Goeppel kehrte zurueck, erstaunt, den jungen Mann +allein noch im Zimmer zu finden. Er schwieg forschend, einmal fasste er in +die Tasche. Als Diederich unvermittelt, ohne um Geld gebeten zu haben, +Abschied nahm, bekundete Goeppel grosse Herzlichkeit. "Meine Tochter werd' +ich von Ihnen gruessen", sagte er sogar, und an der Tuer, nachdem er ein +wenig ueberlegt hatte: "Kommen Sie doch naechsten Sonntag wieder!" + +Diederich war fest entschlossen, das Haus nicht mehr zu betreten. Dennoch +liess er tags darauf alles stehen und liegen, um sich durch die Stadt bis +zu einem Geschaeft zu fragen, wo er fuer Agnes das Konzertbillett kaufen +konnte. Vorher musste er auf den Zetteln, die dort hingen, den Namen des +Virtuosen herausfinden, den Agnes erwaehnt hatte. War es der? Hatte er so +geklungen? Diederich entschloss sich. Als er dann erfuhr, es koste vier +Mark fuenfzig, riss er vor Schrecken die Augen weit auf. So viel Geld, um +einen zu sehen, der Musik machte! Wenn man nur einfach wieder fortgekonnt +haette! Als er bezahlt hatte und draussen war, entruestete er sich zunaechst +ueber den Schwindel. Dann bedachte er, dass es fuer Agnes geschehen sei, und +ward von sich selbst erschuettert. Immer weicher und gluecklicher ging er +durch das Gewuehl. Es war das erste Geld, das er fuer einen anderen Menschen +ausgegeben hatte. + +Er legte das Billett in einen Umschlag, in den er nichts weiter legte, und +schrieb die Adresse, um sich nicht zu verraten, mit Schoenschrift. Wie er +dann am Briefkasten stand, kam Mahlmann daher und lachte hoehnisch. +Diederich fuehlte sich durchschaut; er besah die Hand, die er aus dem +Kasten zurueckgezogen hatte. Aber Mahlmann bekundete nur die Absicht, sich +Diederichs Bude anzusehen. Er fand, es saehe drinnen aus wie bei einer +aelteren Dame. Sogar die Kaffeekanne hatte Diederich von zu Hause +mitgebracht! Diederich schaemte sich heiss. Als Mahlmann die Chemiebuecher +veraechtlich auf- und zuklappte, schaemte Diederich sich seines Faches. Der +Mecklenburger waelzte sich ins Sofa und fragte: "Wie gefaellt Ihnen denn die +Goeppel? Netter Kaefer, was? Nun wird er wieder rot! Poussieren Sie doch! +Ich trete zurueck, wenn Sie Wert darauf legen. Ich habe Aussicht bei +fuenfzehn verschiedenen." + +Da Diederich nachlaessig abwehrte: + +"Sie, da ist naemlich was zu machen. Ich muesste gar nichts von Weibern +verstehen. Die roten Haare! - und haben Sie nicht gemerkt, wie sie einen +ansieht, wenn sie meint, man weiss es nicht?" + +"Mich nicht", sagte Diederich noch geringschaetziger. "Ich pfeife auch +darauf." + +"Ihr Schade!" Mahlmann lachte tobend - worauf er vorschlug, einen Bummel +zu machen. Daraus ward eine Bierreise. Die ersten Gaslichter sahen sie +beide betrunken. Etwas spaeter, in der Leipziger Strasse, bekam Diederich +ohne Anlass von Mahlmann eine maechtige Ohrfeige. Er sagte: "Au! Das ist +aber doch eine -" Vor dem Wort "Frechheit" schrak er zurueck. Der +Mecklenburger klopfte ihm auf die Schulter. "Recht freundlich, Kleiner! +Alles bloss Freundschaft!" - und ueberdies nahm er Diederich die letzten +zehn Mark ab ... Vier Tage spaeter fand er ihn schwach vor Hunger und +teilte ihm von dem, was er inzwischen anderswo gepumpt hatte, grossmuetig +drei Mark mit. Am Sonntag bei Goeppels - mit weniger leerem Magen waere +Diederich vielleicht nicht hingegangen - erzaehlte Mahlmann, dass Hessling +all sein Geld verlumpt habe und sich heute mal satt essen muesse. Herr +Goeppel und sein Schwager lachten verstaendnisvoll, aber Diederich haette +lieber nie geboren sein wollen, als von Agnes so traurig pruefend angesehen +werden. Sie verachtete ihn! Verzweifelt troestete er sich. "Es ist alles +eins, sie hat es schon immer getan!" Da fragte sie, ob das Konzertbillett +vielleicht von ihm gewesen sei. Alle wandten sich ihm zu. + +"Unsinn! Wie sollte ich dazu wohl kommen", entgegnete er so +unliebenswuerdig, dass sie ihm glaubten. Agnes zoegerte ein wenig, bevor sie +wegsah. Mahlmann bot den Damen Pralinees an und stellte die uebrigen vor +Agnes hin. Diederich kuemmerte sich nicht um sie. Er ass noch mehr als das +vorige Mal. Da doch alle meinten, er sei nur deswegen da! Als es hiess, der +Kaffee solle im Grunewald getrunken werden, erfand Diederich sofort eine +Verabredung. Er setzte sogar hinzu: "Mit jemand, den ich unmoeglich warten +lassen kann." Herr Goeppel legte ihm seine gedrungene Hand auf die +Schulter, blinzelte ihn aus gesenktem Kopf an und sagte halblaut: "Keine +Angst, Sie sind natuerlich eingeladen." Aber Diederich beteuerte entruestet, +dass es nicht daran liege. "Na, wenigstens kommen Sie wieder, sobald Sie +Lust haben", schloss Goeppel, und Agnes nickte dazu. Sie schien sogar etwas +sagen zu wollen, aber Diederich wartete es nicht ab. Er ging den Rest des +Tages in selbstzufriedener Trauer umher, wie nach Vollziehung eines grossen +Opfers. Am Abend in einem ueberfuellten Bierlokal sass er den Kopf +aufgestuetzt und nickte von Zeit zu Zeit auf sein einsames Glas hinab, als +verstehe er jetzt das Schicksal. + +Was war zu machen gegen die gewalttaetige Art, in der Mahlmann seine +Anleihen aufnahm? Am Sonntag hatte dann der Mecklenburger einen +Blumenstrauss fuer Agnes, und Diederich, der mit leeren Haenden kam, haette +sagen koennen: "Der ist eigentlich von mir, Fraeulein." Indessen schwieg er, +mit noch mehr Groll gegen Agnes als gegen Mahlmann. Denn Mahlmann forderte +zur Bewunderung heraus, wenn er des Nachts einem Unbekannten nachlief, um +ihm den Zylinder einzuschlagen - obwohl Diederich keineswegs die Warnung +verkannte, die solch ein Vorgang fuer ihn selbst enthielt. + +Ende des Monats, zu seinem Geburtstag, bekam er eine unvorhergesehene +Summe, die seine Mutter ihm erspart hatte, und erschien bei Goeppels mit +einem Bukett, keinem zu grossen, um sich nicht blosszustellen, und auch, um +Mahlmann nicht herauszufordern. Das junge Maedchen hatte, wie sie es nahm, +ein ergriffenes Gesicht, und Diederich laechelte herablassend und verlegen +zugleich. Dieser Sonntag deuchte ihm unerhoert festlich; er war nicht +ueberrascht, als man in den Zoologischen Garten gehen wollte. + +Die Gesellschaft rueckte aus, nachdem Mahlmann sie abgezaehlt hatte: elf +Personen. Alle Frauen unterwegs waren, wie Goeppels Schwestern, vollstaendig +anders angezogen als in der Woche: als seien sie heute von einer hoeheren +Klasse oder haetten geerbt. Die Maenner trugen Gehroecke: nur wenige in +Verbindung mit schwarzen Hosen, wie Diederich, aber viele mit Strohhueten. +Kam man durch eine Seitenstrasse, war sie breit, gleichfoermig und leer, +ohne einen Menschen, ohne einen Pferdeapfel. Einmal doch tanzte ein Kreis +kleiner Maedchen in weissen Kleidern, schwarzen Struempfen und ganz behangen +mit Schleifen, schrill singend, einen Ringelreihen. Gleich darauf, in der +Verkehrsader, stuermten schwitzende Matronen einen Omnibus; und die +Gesichter der Kommis, die unnachsichtlich mit ihnen um die Plaetze rangen, +sahen neben ihren heftig roten zum Umfallen blass aus. Alles draengte +vorwaerts, alles stuerzte einem Ziel zu, wo endlich das Vergnuegen anfangen +sollte. Alle Mienen sagten hart: "Nu los, gearbeitet haben wir genug!" + +Diederich kehrte vor den Damen den Berliner heraus. In der Stadtbahn +eroberte er ihnen mehrere Sitze. Einen Herrn, der im Begriff stand, einen +wegzunehmen, hinderte er daran, indem er ihn heftig auf den Fuss trat. Der +Herr schrie: "Flegel!" Diederich antwortete ihm im selben Sinn. Da zeigte +es sich, dass Herr Goeppel ihn kannte, und kaum einander vorgestellt, +bekundeten Diederich und der andere die ritterlichsten Sitten. Keiner +wollte sitzen, um den anderen nicht stehen zu lassen. + +Am Tisch im Zoologischen Garten geriet Diederich neben Agnes - warum ging +heute alles gluecklich? -, und als sie gleich nach dem Kaffee zu den Tieren +wollte, unterstuetzte er sie stuermisch. Er war voll Unternehmungslust. Vor +dem engen Gang zwischen den Raubtierkaefigen kehrten die Damen um. +Diederich trug Agnes seine Begleitung an. "Da nehmen Sie doch lieber mich +mit hinein", sagte Mahlmann. "Wenn wirklich eine Stange losgehen sollte -" + +"Dann machen Sie sie auch nicht wieder fest", entgegnete Agnes und trat +ein, waehrend Mahlmann sein Gelaechter aufschlug. Diederich blieb hinter +ihr. Ihm war bange: vor den Bestien, die von rechts und links auf ihn +zustuerzten, ohne anderen Laut als den des Atems, den sie ueber ihn +hinstiessen - und vor dem jungen Maedchen, dessen Blumenduft ihm voranzog. +Ganz hinten wandte sie sich um und sagte: + +"Ich mag das Renommieren nicht!" + +"Wirklich?" fragte Diederich, vor Freude geruehrt. + +"Heute sind Sie mal nett", sagte Agnes; und er: + +"Ich moechte es eigentlich immer sein." + +"Wirklich?" - Und jetzt war es an ihrer Stimme, ein wenig zu schwanken. +Sie sahen einander an, jeder mit einer Miene, als verdiente er das alles +nicht. Das junge Maedchen sagte klagend: + +"Die Tiere riechen aber furchtbar." + +Und sie gingen zurueck. + +Mahlmann empfing sie. "Ich wollte nur sehen, ob Sie nicht ausreissen +wuerden." Dann nahm er Diederich beiseite. "Na? Was macht die Kleine? Geht +es bei Ihnen auch? Ich habe es gleich gesagt, dass es keine Kunst ist." + +Da Diederich stumm blieb: + +"Sie sind wohl scharf ins Zeug gegangen? Wissen Sie was? Ich bin nur noch +ein Semester in Berlin: dann koennen Sie mich beerben. Aber so lange warten +Sie gefaelligst -" Auf seinem ungeheuren Rumpf ward sein kleiner Kopf +ploetzlich tueckisch anzusehen. "- Freundchen!" + +Und Diederich war entlassen. Er hatte einen heftigen Schrecken bekommen +und wagte sich gar nicht mehr in Agnes' Naehe. Sie hoerte nicht sehr +aufmerksam auf Mahlmann, sie rief rueckwaerts: "Papa! Heute ist es schoen, +heute geht es mir aber wirklich gut." + +Herr Goeppel nahm ihren Arm zwischen seine beiden Haende und tat, als wollte +er fest zudruecken, aber er beruehrte sie kaum. Seine blanken Augen lachten +und waren feucht. Als die Familie Abschied genommen hatte, versammelte er +seine Tochter und die beiden jungen Leute um sich und erklaerte ihnen, der +Tag muesse gefeiert werden; sie wollten die Linden entlang gehen und +nachher irgendwo essen. + +"Papa wird leichtsinnig!" rief Agnes und sah sich nach Diederich um. Aber +er hielt die Augen gesenkt. In der Stadtbahn benahm er sich so +ungeschickt, dass er weit von den anderen getrennt ward; und im Gedraenge +der Friedrichsstadt blieb er mit Herrn Goeppel allein zurueck. Ploetzlich +hielt Goeppel an, tastete verstoert auf seinem Magen umher und fragte: + +"Wo ist meine Uhr?" + +Sie war fort mitsamt der Kette. Mahlmann sagte: + +"Wie lange sind Sie schon in Berlin, Herr Goeppel?" + +"Jawohl!" - und Goeppel wendete sich an Diederich. "Dreissig Jahre bin ich +hier, aber das ist mir denn doch noch nicht passiert." Und stolz trotz +allem: "Sehen Sie, das gibt's in Netzig ueberhaupt nicht!" + +Nun musste man, statt zu essen, auf das Polizeirevier und ein Verhoer +bestehen. Und Agnes hustete. Goeppel zuckte zusammen. "Wir waeren jetzt doch +zu muede", murmelte er. Mit kuenstlicher Jovialitaet verabschiedete er +Diederich, der Agnes' Hand uebersah und linkisch den Hut zog. Auf einmal, +mit ueberraschender Geschicklichkeit und ehe Mahlmann begriff, was vorging, +schwang er sich auf einen vorbeifahrenden Omnibus. Er war entkommen! Und +jetzt fingen die Ferien an! Er war alles los! Zu Hause freilich warf er +die schwersten seiner Chemiebaende mit Krachen auf den Boden. Er hielt +sogar schon die Kaffeekanne in der Hand. Aber bei dem Geraeusch einer Tuer +begann er sofort, alles wieder aufzulesen. Dann setzte er sich still in +die Sofaecke, stuetzte den Kopf und weinte. Waere es nicht vorher so schoen +gewesen! Er war ihr auf den Leim gegangen. So machten es die Maedchen: dass +sie manchmal mit einem so taten, und dabei wollten sie einen nur mit einem +Kerl auslachen. Diederich war sich tief bewusst, dass er es mit so einem +Kerl nicht aufnehmen koenne. Er sah sich neben Mahlmann und wuerde es nicht +begriffen haben, haette eine sich fuer ihn entschieden. "Was hab' ich mir +nur eingebildet?" dachte er. "Eine, die sich in mich verliebt, muss +wirklich dumm sein." Er litt grosse Angst, der Mecklenburger koenne kommen +und ihn noch aerger bedrohen. "Ich will sie gar nicht mehr. Waere ich nur +schon fort!" Die naechsten Tage sass er in toedlicher Spannung bei +verschlossener Tuer. Kaum war sein Geld da, reiste er. + +Seine Mutter fragte, befremdet und eifersuechtig, was er habe. Nach so +kurzer Zeit sei er kein Junge mehr. "Ja, das Berliner Pflaster!" + +Diederich griff zu, als sie verlangte, er solle an eine kleine +Universitaet, nicht wieder nach Berlin. Der Vater fand, dass es ein Fuer und +ein Wider gaebe. Diederich musste ihm viel von Goeppels berichten. Ob er die +Fabrik gesehen habe. Und war er bei den anderen Geschaeftsfreunden gewesen? +Herr Hessling wuenschte, dass Diederich die Ferien benutze, um in der +vaeterlichen Werkstaette den Gang der Papierverfertigung kennenzulernen. +"Ich bin nicht mehr der Juengste, und mein Granatsplitter hat mich auch +schon lange nicht so gekitzelt." + +Diederich entwischte, sobald er konnte, um im Wald von Gaebbelchen oder +laengs des Ruggebaches bei Gohse spazierenzugehen und sich mit der Natur +eins zu fuehlen. Denn das konnte er jetzt. Zum erstenmal fiel es ihm auf, +dass die Huegel dahinten traurig oder wie eine grosse Sehnsucht aussahen, und +was als Sonne oder Regen vom Himmel fiel, waren Diederichs heisse Liebe und +seine Traenen. Denn er weinte viel. Er versuchte sogar zu dichten. + +Als er einmal die Loewenapotheke betrat, stand hinter dem Ladentisch sein +Schulkamerad Gottlieb Hornung. "Ja, ich spiel' hier den Sommer ueber 'n +bisschen Apotheker", erklaerte er. Er hatte sich sogar schon aus Versehen +vergiftet und sich dabei nach hinten zusammengerollt wie ein Aal. Die +ganze Stadt hatte davon gesprochen! Aber zum Herbst ging er nun nach +Berlin, um die Sache wissenschaftlich anzufassen. Ob denn in Berlin was +los sei. Hocherfreut ueber den Besitz seiner Ueberlegenheit fing Diederich +an, mit seinen Berliner Erlebnissen zu prahlen. Der Apotheker verhiess: +"Wir beide zusammen stellen Berlin auf den Kopf." + +Und Diederich war schwach genug, zuzusagen. Die kleine Universitaet ward +verworfen. Am Ende des Sommers - Hornung hatte noch einige Tage zu +praktizieren - kehrte Diederich nach Berlin zurueck. Er mied das Zimmer in +der Tieckstrasse. Vor Mahlmann und den Goeppels fluechtete er bis nach +Gesundbrunnen hinaus. Dort wartete er auf Hornung. Aber Hornung, der seine +Abreise gemeldet hatte, blieb aus; und als er endlich kam, trug er eine +gruengelbrote Muetze. Er war sofort von einem Kollegen fuer eine Verbindung +gekeilt worden. Auch Diederich sollte ihr beitreten; es waren die +Neuteutonen, eine hochfeine Korporation, sagte Hornung; allein sechs +Pharmazeuten waren dabei. Diederich verbarg seinen Schrecken unter der +Maske der Geringschaetzung, aber es half nichts. Er solle Hornung nicht +blamieren, der von ihm gesprochen habe; einen Besuch wenigstens muesse er +machen. + +"Aber nur einen", sagte er fest. + +Der eine dauerte, bis Diederich unter dem Tisch lag und sie ihn +fortschafften. Als er ausgeschlafen hatte, holten sie ihn zum +Fruehschoppen; Diederich war Konkneipant geworden. + +Und fuer diesen Posten fuehlte er sich bestimmt. Er sah sich in einen grossen +Kreis von Menschen versetzt, deren keiner ihm etwas tat oder etwas anderes +von ihm verlangte, als dass er trinke. Voll Dankbarkeit und Wohlwollen +erhob er gegen jeden, der ihn dazu anregte, sein Glas. Das Trinken und +Nichttrinken, das Sitzen, Stehen, Sprechen oder Singen hing meistens nicht +von ihm selbst ab. Alles ward laut kommandiert, und wenn man es richtig +befolgte, lebte man mit sich und der Welt in Frieden. Als Diederich beim +Salamander zum ersten Male nicht nachklappte, laechelte er in die Runde, +beinahe verschaemt durch die eigene Vollkommenheit! + +Und das war noch nichts gegen seine Sicherheit im Gesang! Diederich hatte +in der Schule zu den besten Saengern gehoert und schon in seinem ersten +Liederheft die Seitenzahlen auswendig gewusst, wo jedes Lied zu finden war. +Jetzt brauchte er in das Kommersbuch, das auf grossen Naegeln in der Lache +von Bier lag, nur den Finger zu schieben, und traf vor allen anderen die +Nummer, die gesungen werden sollte. Oft hing er den ganzen Abend mit +Ehrerbietung am Munde des Praeses: ob vielleicht sein Lieblingsstueck daran +kaeme. Dann droehnte er tapfer: "Sie wissen den Teufel, was Freiheit heisst", +hoerte neben sich den dicken Delitzsch brummen und fuehlte sich wohlig +geborgen in dem Halbdunkel des niedrigen altdeutschen Lokals, mit den +Muetzen an der Wand, angesichts des Kranzes geoeffneter Muender, die alle +dasselbe tranken und sangen, bei dem Geruch des Bieres und der Koerper, die +es in der Waerme wieder ausschwitzten. Ihm war, wenn es spaet ward, als +schwitze er mit ihnen allen aus demselben Koerper. Er war untergegangen in +der Korporation, die fuer ihn dachte und wollte. Und er war ein Mann, +durfte sich selbst hochachten und hatte eine Ehre, weil er dazu gehoerte! +Ihn herausreissen, ihm einzeln etwas anhaben, das konnte keiner! Mahlmann +haette sich einmal herwagen und es versuchen sollen: zwanzig Mann waeren +statt Diederichs gegen ihn aufgestanden! Diederich wuenschte ihn geradezu +herbei, so furchtlos war er. Womoeglich sollte er mit Goeppel kommen, dann +mochten sie sehen, was aus Diederich geworden war, dann war er geraecht! + +Gleichwohl gab ihm die meiste Sympathie der Harmloseste von allen ein, +sein Nachbar, der dicke Delitzsch. Etwas tief Beruhigendes, +Vertrauengestattendes wohnte in dieser glatten, weissen und humorvollen +Speckmasse, die unten breit ueber die Stuhlraender quoll, in mehreren +Wuelsten die Tischhoehe erreichte und dort, als sei nun das Aeusserste getan, +aufgestuetzt blieb, ohne eine andere Bewegung als das Heben und Hinstellen +des Bierglases. Delitzsch war, wie niemand sonst, an seinem Platz; wer ihn +dasitzen sah, vergass, dass er ihn je auf den Beinen erblickt hatte. Er war +ausschliesslich zum Sitzen am Biertisch eingerichtet. Sein Hosenboden, der +in jedem anderen Zustand tief und melancholisch herabhing, fand nun seine +wahre Gestalt und blaehte sich machtvoll. Erst mit Delitzsch' hinterem +Gesicht bluehte auch sein vorderes auf. Lebensfreude ueberglaenzte es, und er +ward witzig. + +Ein Drama entstand, wenn ein junger Fuchs sich den Scherz machte, ihm das +Bierglas wegzunehmen. Delitzsch ruehrte kein Glied, aber seine Miene, die +dem geraubten Glase ueberall hin folgte, enthielt ploetzlich den ganzen, +stuermisch bewegten Ernst des Daseins, und er rief in saechsischem +Schreitenor: "Junge, dass du mir nischt verschuettest! Was entziehst de mir +ueberhaupt mein' Laebensunterhalt! Das ist 'ne ganz gemeine, boeswilliche +Existenzschaedichung, und ich kann dich glatt verklaachen!" + +Dauerte der Spass zu lange, senkten sich Delitzsch' weisse Fettwangen, und +er bat, er machte sich klein. Sobald er aber das Bier zurueck hatte: welche +allumfassende Aussoehnung in seinem Laecheln, welche Verklaerung! Er sagte: +"Du bist doch ae gutes Luder, du sollst laem, prost!" - trank aus und +klopfte mit dem Deckel nach dem Korpsdiener: "Herr Oberkoerper!" + +Nach einigen Stunden geschah es wohl, dass sein Stuhl sich mit ihm umdrehte +und Delitzsch den Kopf ueber das Becken der Wasserleitung hielt. Das Wasser +plaetscherte, Delitzsch gurgelte erstickt, und ein paar andere stuerzten, +durch seine Laute angeregt, in die Toilette. Noch ein wenig sauer von +Gesicht, aber schon mit frischer Schelmerei, rueckte Delitzsch an den Tisch +zurueck. + +"Na, nu geht's ja wieder", sagte er; und: "Wovon habt 'r denn geredt, +waehrend ich anderweitig beschaeftigt war? Wisst ihr denn egal nischt wie +Weibergeschichten? Was koof' ich mir fuer die Weiber?" Immer lauter: "Nich +mal ae sauern Schoppen kann 'ch mir dafuer koofen. Sie, Herr Oberkoerper!" + +Diederich gab ihm recht. Er hatte die Weiber kennengelernt, er war mit +ihnen fertig. Unvergleichlich idealere Werte enthielt das Bier. + +Das Bier! Der Alkohol! Da sass man und konnte immer noch mehr davon haben, +das Bier war nicht wie kokette Weiber, sondern treu und gemuetlich. Beim +Bier brauchte man nicht zu handeln, nichts zu wollen und zu erreichen, wie +bei den Weibern. Alles kam von selbst. Man schluckte: und da hatte man es +schon zu etwas gebracht, fuehlte sich auf die Hoehen des Lebens befoerdert +und war ein freier Mann, innerlich frei. Das Lokal haette von Polizisten +umstellt sein duerfen: das Bier, das man schluckte, verwandelte sich in +innere Freiheit. Und man hatte sein Examen so gut wie bestanden. Man war +"fertig", war Doktor! Man fuellte im buergerlichen Leben eine Stellung aus, +war reich und von Wichtigkeit: Chef einer maechtigen Fabrik von +Ansichtskarten oder Toilettenpapier. Was man mit seiner Lebensarbeit +schuf, war in tausend Haenden. Man breitete sich, vom Biertisch her, ueber +die Welt aus, ahnte grosse Zusammenhaenge, ward eins mit dem Weltgeist. Ja, +das Bier erhob einen so sehr ueber das Selbst, dass man Gott fand! + +Gern haette er es jahrelang so weitergetrieben. Aber die Neuteutonen liessen +ihn nicht. Fast vom ersten Tage an hatten sie ihm den moralischen und +materiellen Wert einer voelligen Zugehoerigkeit zur Verbindung geschildert; +allmaehlich aber gingen sie immer unverbluemter darauf aus, ihn zu keilen. +Vergebens berief sich Diederich auf seine anerkannte Stellung als +Konkneipant, in die er sich eingelebt habe und die ihn befriedige. Sie +entgegneten, dass der Zweck des studentischen Zusammenschlusses, naemlich +die Erziehung zur Mannhaftigkeit und zum Idealismus, durch das Kneipen +allein, soviel es auch beitrage, noch nicht ganz erfuellt werde. Diederich +zitterte; nur zu gut erkannte er, worauf dieses hinauslief. Er sollte +pauken! Schon immer hatte es ihn unheimlich angeweht, wenn sie mit ihren +Stoecken in der Luft ihm die Schlaege vorgefuehrt hatten, die sie einander +beigebracht haben wollten; oder wenn einer von ihnen eine schwarze Muetze +um den Kopf hatte und nach Jodoform roch. Jetzt dachte er gepresst: "Warum +bin ich dabei geblieben und Konkneipant geworden! Nun muss ich 'ran." + +Er musste. Aber gleich die ersten Erfahrungen beruhigten ihn. Er war so +sorgsam eingewickelt, behelmt und bebrillt worden, dass ihm unmoeglich viel +geschehen konnte. Da er keinen Grund hatte, den Kommandos nicht gerade so +willig und gelehrig nachzukommen wie in der Kneipe, lernte er fechten, +schneller als andere. Beim ersten Durchzieher ward ihm schwach: ueber die +Wange fuehlte er es rinnen. Als er dann genaeht war, haette er am liebsten +getanzt vor Glueck. Er warf es sich vor, dass er diesen gutmuetigen Menschen +gefaehrliche Absichten zugetraut hatte. Gerade der, den er am meisten +gefuerchtet hatte, nahm ihn unter seinen Schutz und ward ihm ein +wohlgesinnter Erzieher. + +Wiebel war Jurist, was ihm allein schon Diederichs Unterordnung gesichert +haette. Nicht ohne Selbstzerknirschung sah er die englischen Stoffe an, in +die Wiebel sich kleidete, und die farbigen Hemden, von denen er immer +mehrere abwechselnd trug, bis sie alle in die Waesche mussten. Das +Beklemmendste aber waren Wiebels Manieren. Wenn er mit leichter eleganter +Verbeugung Diederich zutrank, klappte Diederich - und seine Miene war +leidend vor Anstrengung - tief zusammen, verschuettete die eine Haelfte und +verschluckte sich mit der anderen. Wiebel sprach mit leiser, arroganter +Feudalstimme. + +"Man kann sagen, was man will," bemerkte er gern, "Formen sind kein leerer +Wahn." + +Fuer das F in "Formen" machte er seinen Mund zu einem kleinen schwarzen +Mausloch und stiess es langsam geschwellt heraus. Diederich unterlag +jedesmal wieder dem Schauer von so viel Vornehmheit. Alles an Wiebel +duenkte ihm erlesen: dass die roetlichen Barthaare ganz oben auf der Lippe +wuchsen und seine langen, gekruemmten Naegel nach unten gekruemmt, nicht, wie +bei Diederich, nach oben; der starke maennliche Duft, der von Wiebel +ausging, auch seine abstehenden Ohren, die die Wirkung des durchgezogenen +Scheitels erhoehten, und die katerhaft in Schlaefenwulste gebetteten Augen. +Diederich hatte das alles immer nur im unbedingten Gefuehl des eigenen +Unwertes mit angesehen. Seit aber Wiebel ihn anredete und sich sogar zu +seinem Goenner machte, war es Diederich, als sei ihm erst jetzt das Recht +auf Dasein bestaetigt. Er hatte Lust, dankbar zu wedeln. Sein Herz weitete +sich vor gluecklicher Bewunderung. Wenn seine Wuensche sich so hoch +hinausgewagt haetten, auch er haette gern solchen roten Hals gehabt und +immer geschwitzt. Welch ein Traum, saeuseln zu koennen wie Wiebel! + +Und nun durfte Diederich ihm dienen, er war sein Leibfuchs! Stets wohnte +er Wiebels Erwachen bei, suchte ihm seine Sachen zusammen - und da Wiebel +infolge unregelmaessiger Bezahlung mit der Wirtin schlecht stand, besorgte +Diederich ihm den Kaffee und reinigte ihm die Schuhe. Dafuer durfte er +mitgehen auf allen Wegen. Wenn Wiebel ein Beduerfnis verrichtete, hielt +Diederich draussen Wache, und er wuenschte sich nur, seinen Schlaeger da zu +haben, um ihn schultern zu koennen. + +Wiebel haette es verdient. Die Ehre der Korporation, in der auch Diederichs +Ehre und sein ganzes Schuldbewusstsein wurzelten, am glaenzendsten vertrat +Wiebel sie. Er schlug sich, mit wem man wollte, fuer die Neuteutonia. Er +hatte das Ansehen der Verbindung erhoeht, denn er sollte einst einen +Vindoborussen koramiert haben! Auch hatte er einen Verwandten beim Zweiten +Garde-Grenadierregiment Kaiser Franz Joseph; und so oft Wiebel seinen +Vetter von Klappke erwaehnte, machte die ganze Neuteutonia eine +geschmeichelte Verbeugung. Diederich suchte sich einen Wiebel in der +Uniform eines Gardeoffiziers vorzustellen; aber so viel Vornehmheit war +nicht auszudenken. Eines Tages dann, wie er mit Gottlieb Hornung, weithin +duftend, vom taeglichen Frisieren kam, stand an einer Strassenecke Wiebel +mit einem Zahlmeister. Kein Irrtum: es war ein Zahlmeister - und als +Wiebel ihr Kommen bemerkte, drehte er ihnen den Ruecken. Auch sie wendeten +und machten sich stumm und stramm davon, ohne einander anzusehen und ohne +eine Bemerkung. Jeder vermutete, dass auch der andere die Aehnlichkeit des +Zahlmeisters mit Wiebel festgestellt habe. Und vielleicht kannten die +uebrigen schon laengst den wahren Sachverhalt? Aber allen stand die Ehre der +Neuteutonia hoch genug, um zu schweigen, ja, um das Erblickte zu +vergessen. Als Wiebel das naechste Mal "mein Vetter von Klappke" sagte, +verbeugten Diederich und Hornung sich mit den anderen, geschmeichelt wie +je. + +Schon hatte Diederich Selbstbeherrschung gelernt, Beobachtung der Formen, +Korpsgeist, Eifer fuer das Hoehere. Nur mit Mitleid und Widerwillen dachte +er an das elende Dasein des schweifenden Wilden, das frueher das seine +gewesen war. Jetzt war Ordnung und Pflicht in sein Leben gebracht. Zu +genau eingehaltenen Stunden erschien er auf Wiebels Bude, im Fechtsaal, +beim Friseur und zum Fruehschoppen. Der Nachmittagsbummel leitete zur +Kneipe ueber; und jeder Schritt geschah in Korporation, unter Aufsicht und +mit Wahrung peinlicher Formen und gegenseitiger Ehrerbietung, die +gemuetvolle Derbheit nicht ausschloss. Ein Kommilitone, mit dem Diederich +bisher nur offiziellen Verkehr unterhalten hatte, stiess einst mit ihm vor +der Toilette zusammen, und obwohl sie beide kaum noch gerade stehen +konnten, wollte keiner den Vortritt annehmen. Lange komplimentierten sie +sich - bis sie ploetzlich, im gleichen Augenblick vom Drang ueberwaeltigt, +wie zwei zusammenprallende Eber durch die Tuer brachen, dass ihnen die +Schulterknochen knackten. Das war der Beginn einer Freundschaft. In +menschlicher Lage einander naeher gekommen, rueckten sie nachher auch am +offiziellen Kneiptisch zusammen, tranken Schmollis und nannten sich +"Schweinehund" und "Nilpferd". + +Nicht immer zeigte das Verbindungsleben seine heitere Seite. Es forderte +Opfer; es uebte im maennlichen Ertragen des Schmerzes. Delitzsch selbst, der +Quell so mancher Heiterkeit, verbreitete Trauer in der Neuteutonia. Eines +Vormittags, wie Wiebel und Diederich ihn abzuholen kamen: er stand am +Waschtisch und sagte noch: "Na da. Habt 'r heit aach so ae Durscht?" - +ploetzlich, ehe sie zugreifen konnten, fiel er hin, mitsamt dem +Waschgeschirr. Wiebel befuehlte ihn: Delitzsch regte sich nicht mehr. + +"Herzklaps", sagte Wiebel kurz. Er ging stramm zur Klingel. Diederich hob +die Scherben auf und trocknete den Boden. Dann trugen sie Delitzsch auf +das Bett. Dem formlosen Gejammer der Wirtin gegenueber verharrten beide in +streng kommentmaessiger Haltung. Unterwegs zur Erledigung des weiteren - sie +marschierten im Takt nebeneinander - sagte Wiebel mit straffer +Todesverachtung: + +"So was kann jedem von uns passieren. Kneipen ist kein Spass. Das kann sich +jeder gesagt sein lassen." + +Und mit allen anderen fuehlte Diederich sich gehoben durch Delitzsch' treue +Pflichterfuellung, durch seinen Tod auf dem Felde der Ehre. Mit Stolz +folgten sie dem Sarge; "Neuteutonia sei's Panier", stand in jeder Miene. +Auf dem Friedhof, die umflorten Schlaeger gesenkt, hatten alle das in sich +vertiefte Gesicht des Kriegers, den die naechste Schlacht dahinraffen kann, +wie die vorigen den Kameraden; und was der erste Chargierte von dem +Geschiedenen ruehmte: er habe in der Schule der Mannhaftigkeit und des +Idealismus den hoechsten Preis errungen, das erschuetterte jeden, als gaelte +es ihm selbst. + +Hiermit ging Diederichs Lehrzeit zu Ende, denn Wiebel trat aus, um sich +auf den Referendar vorzubereiten; und fortan hatte Diederich die von ihm +uebernommenen Grundsaetze selbstaendig zu vertreten und sie den Juengeren +einzupflanzen. Er tat es im Gefuehl hoher Verantwortlichkeit und mit +Strenge. Wehe dem Fuchs, der es verdient hatte, in die Kanne zu steigen. +Keine fuenf Minuten vergingen, und er musste sich an den Waenden +hinaustasten. Das Schreckliche geschah, dass einer vor Diederich aus der +Tuer ging. Seine Busse waren acht Tage Bierverschiss. Nicht Stolz oder +Eigenliebe leiteten Diederich: einzig sein hoher Begriff von der Ehre der +Korporation. Er selbst war nur ein Mensch, also nichts; jedes Recht, sein +ganzes Ansehen und Gewicht kamen ihm von ihr. Auch koerperlich verdankte er +ihr alles: die Breite seines weissen Gesichts, seinen Bauch, der ihn den +Fuechsen ehrwuerdig machte, und das Privileg, bei festlichen Anlaessen in +hohen Stiefeln mit Band und Muetze aufzutreten, den Genuss der Uniform! Wohl +hatte er noch immer einem Leutnant Platz zu machen, denn die Koerperschaft, +der der Leutnant angehoerte, war offenbar die hoehere; aber wenigstens mit +einem Trambahnschaffner konnte er furchtlos verkehren, ohne Gefahr, von +ihm angeschnauzt zu werden. Seine Maennlichkeit stand ihm mit Schmissen, +die das Kinn spalteten, rissig durch die Wangen fuhren und in den kurz +geschorenen Schaedel hackten, drohend auf dem Gesicht geschrieben - und +welche Genugtuung, sie taeglich und nach Belieben einem jeden beweisen zu +koennen! Einmal bot sich eine unerwartet glaenzende Gelegenheit. Zu dritt, +mit Gottlieb Hornung und dem Dienstmaedchen ihrer Wirtin, waren sie beim +Tanz in Halensee. Seit einigen Monaten teilten die Freunde sich eine +Wohnung, mit der ein ziemlich huebsches Dienstmaedchen verbunden war, +machten ihr beide kleine Geschenke und gingen des Sonntags gemeinsam mit +ihr aus. Ob Hornung es so weit bei ihr gebracht hatte wie er selbst, +darueber hatte Diederich seine privaten Vermutungen. Offiziell und von +Verbindungs wegen war es ihm unbekannt. + +Rosa war nicht uebel angezogen, auf dem Ball fand sie Bewerber. Damit +Diederich noch eine Polka bekam, war er genoetigt, sie daran zu erinnern, +dass er ihr die Handschuhe gekauft habe. Schon machte er zur Einleitung des +Tanzes seine korrekte Verbeugung, da draengte sich unversehens ein anderer +dazwischen und polkte mit Rosa von dannen. Betreten sah Diederich ihnen +nach, im dunklen Gefuehl, dass er hier werde einschreiten muessen. Bevor er +sich aber regte, war ein Maedchen durch die tanzenden Paare gestuerzt, hatte +Rosa geohrfeigt und sie in unzarter Weise von ihrem Partner getrennt. Dies +sehen und auf Rosas Raeuber losmarschieren, war fuer Diederich eins. + +"Mein Herr," sagte er und sah ihm fest in die Augen, "Ihr Benehmen ist +unqualifizierbar." + +Der andere erwiderte: + +"Wennschon." + +Ueberrascht von dieser ungewoehnlichen Wendung eines offiziellen Gespraechs, +stammelte Diederich: + +"Knote." + +Der andere erwiderte prompt: + +"Schote" - und lachte dabei. Durch so viel Formlosigkeit vollends aus der +Fassung gebracht, wollte Diederich sich schon verbeugen und abtreten; aber +der andere stiess ihn ploetzlich vor den Bauch - und gleich darauf waelzten +sie sich zusammen am Boden. Umringt von Gekreisch und anfeuernden Zurufen +kaempften sie, bis man sie trennte. Gottlieb Hornung, der Diederichs +Klemmer suchen half, rief: "Da reisst er aus" - und war schon hinterher. +Diederich folgte. Sie sahen den anderen mit einem Begleiter gerade noch in +eine Droschke steigen und nahmen die naechste. Hornung behauptete, die +Verbindung duerfe das nicht auf sich sitzen lassen. "So was kneift und +bekuemmert sich nicht mal mehr um die Dame." Diederich erklaerte: + +"Was Rosa betrifft, die ist fuer mich erledigt." + +"Fuer mich auch." + +Die Fahrt war aufregend. "Ob wir nachkommen? Wir haben einen lahmen Gaul." +"Wenn der Prolet nun nicht satisfaktionsfaehig ist?" Man entschied: "Dann +hat die Sache offiziell nicht stattgefunden." + +Der erste Wagen hielt im Westen vor einem anstaendigen Haus. Diederich und +Hornung trafen ein, wie das Tor zugeschlagen ward. Entschlossen postierten +sie sich davor. Es ward kuehl, sie marschierten hin und her vor dem Hause, +zwanzig Schritte nach links, zwanzig Schritte nach rechts, behielten immer +die Tuer im Auge und wiederholten immer dieselben ernsten und weittragenden +Reden. Nur Pistolen kamen hier in Frage! Diesmal war die Ehre der +Neuteutonia teuer zu bezahlen! Wenn es nur kein Prolet war! + +Endlich kam der Portier zum Vorschein, und sie nahmen ihn ins Verhoer. Sie +suchten ihm die Herren zu beschreiben, fanden aber, dass die beiden keine +besonderen Kennzeichen hatten. Hornung, noch leidenschaftlicher als +Diederich, blieb dabei, dass man warten muesse, und noch zwei Stunden lang +marschierten sie hin und her, dann bogen aus dem Hause zwei Offiziere. +Diederich und Hornung rissen die Augen auf, ungewiss, ob hier nicht ein +Irrtum vorlag. Die Offiziere stutzten. Einer schien sogar zu erbleichen. +Da entschloss Diederich sich. Er trat vor den Erbleichten hin. + +"Mein Herr -" + +Die Stimme versagte ihm. Der Leutnant sagte, verlegen: "Sie irren sich +wohl." + +Diederich brachte hervor: + +"Durchaus nicht. Ich muss Genugtuung fordern. Sie haben sich -" + +"Ich kenne Sie ja gar nicht", stammelte der Leutnant. Aber sein Kamerad +fluesterte ihm etwas zu: "So geht das nicht" - er liess sich von dem anderen +die Karte geben, legte seine eigene dazu und ueberreichte sie Diederich. +Diederich gab die seine her; dann las er: "Albrecht Graf +Tauern-Baerenheim". Da nahm er sich nicht mehr die Zeit, auch die andere zu +lesen, sondern begann kleine, eifrige Verbeugungen zu vollfuehren. Der +zweite Offizier wandte sich inzwischen an Gottlieb Hornung. + +"Mein Freund hat den Scherz natuerlich ganz harmlos gemeint. Er waere +selbstverstaendlich zu jeder Genugtuung bereit; ich will nur feststellen, +dass eine beleidigende Absicht nicht vorliegt." + +Der andere, den er dabei ansah, hob die Schultern. Diederich stammelte: "O +danke sehr." + +"Damit ist die Sache wohl erledigt", sagte der Freund; und die beiden +Herren entfernten sich. + +Diederich stand noch da, die Stirn feucht und mit befangenen Sinnen. +Ploetzlich seufzte er tief auf und laechelte langsam. + +Nachher auf der Kneipe war die Rede nur von diesem Vorfall. Diederich +ruehmte den Kommilitonen das wahrhaft ritterliche Verhalten des Grafen. + +"Ein wirklicher Edelmann verleugnet sich doch nie." + +Er machte den Mund klein wie ein Mausloch und stiess in langsamer +Schwellung die Worte hervor: + +"F - formen sind doch kein leerer Wahn." + +Immer wieder rief er Gottlieb Hornung als Zeugen seines grossen +Augenblickes auf. + +"So gar nichts Steifes, wie? Oh! Auf einen doch immerhin gewagten Scherz +kommt es solchem Herrn nicht an. Eine Haltung dabei: t-hadellos, kann ich +euch sagen. Die Erklaerungen Seiner Erlaucht waren so durchaus +befriedigend, dass ich meinerseits unmoeglich -: Ihr begreift, man ist kein +Rauhbein." + +Alle begriffen es und bestaetigten Diederich, dass die Neuteutonia in dieser +Sache durchaus anstaendig abgeschnitten habe. Die Karten der beiden +Edelleute wurden bei den Fuechsen umhergereicht und zwischen den gekreuzten +Schlaegern am Kaiserbild befestigt. Kein Neuteutone, der sich heute nicht +betrank. + +Damit endete das Semester; aber Diederich und Hornung hatten fuer die +Heimreise kein Geld. Das Geld fehlte ihnen schon laengst fuer fast alles. +Mit Ruecksicht auf die Pflichten des Verbindungslebens war Diederichs +Wechsel auf zweihundertfuenfzig Mark erhoeht worden; und doch uebermannten +ihn die Schulden. Alle Quellen schienen ausgepumpt, nur duerres Land sah +man, verschmachtend, sich dahindehnen - und endlich musste man wohl, so +wenig dies Rittern angestanden haette, ueber die Zurueckforderung dessen +beraten, was sie selbst im Lauf der Zeiten an Kommilitonen verliehen +hatten. Gewiss war mancher alte Herr inzwischen zu grossen Geldern gelangt. +Hornung fand keinen; Diederich verfiel auf Mahlmann. + +"Bei dem geht es", erklaerte er. "Der war bei gar keiner Verbindung: ein +ganz gemeiner Ruppsack. Dem werd' ich mal auf die Bude steigen." + +Aber als Mahlmann ihn erblickte, brach er ohne weiteres in sein +riesenhaftes Lachen aus, dass Diederich fast vergessen hatte und das ihn +sofort unwiderstehlich herabstimmte. Mahlmann war taktlos! Er haette doch +fuehlen sollen, dass hier in seinem Patentbureau mit Diederich die ganze +Neuteutonia moralisch zugegen war, und haette Diederich um ihretwillen +Achtung erweisen sollen. Diederich hatte den Eindruck, als sei er aus der +kraftspendenden Gesamtheit jaeh herausgerissen und stehe hier als einzelner +Mensch vor einem anderen. Eine nicht vorhergesehene, unliebsame Lage! Um +so unbefangener trug er seine Sache vor. Oh! Er wolle kein Geld zurueck, +das wuerde er einem Kameraden niemals zugemutet haben! Mahlmann moege nur so +gefaellig sein, ihm fuer einen Wechsel zu buergen. Mahlmann lehnte sich in +seinen Schreibsessel zurueck und sagte breit und selbstverstaendlich: + +"Nein." + +Diederich, betroffen: + +"Wieso, nein?" + +"Buergen ist gegen meine Prinzipien", erklaerte Mahlmann. + +Diederich erroetete vor Entruestung. "Aber ich habe doch auch fuer Sie +gebuergt, und dann ist der Wechsel an mich gekommen, und ich musste fuer Sie +hundert Mark blechen. Sie haben sich gehuetet!" + +"Sehen Sie wohl? Und wenn ich jetzt fuer Sie buergen wollte, wuerden Sie auch +nicht bezahlen." + +Diederich riss nur noch die Augen auf. + +"Nein, Freundchen," schloss Mahlmann; "wenn ich Selbstmord begehen will, +brauch' ich Sie nicht dazu." + +Diederich fasste sich, er sagte herausfordernd: + +"Sie haben wohl keinen Komment, mein Herr." + +"Nein", wiederholte Mahlmann und lachte ungeheuerlich. + +Mit aeusserstem Nachdruck stellte Diederich fest: "Dann scheinen Sie +ueberhaupt ein Schwindler zu sein. Es soll ja gewisse Patentschwindler +geben." + +Mahlmann lachte nicht mehr; die Augen in seinem kleinen Kopf waren +tueckisch geworden, und er stand auf. "Nun muessen Sie 'rausgehen", sagte +er, ohne Erregung. "Unter uns waere es wohl Wurst, aber nebenan sitzen +meine Angestellten, die duerfen so was nicht hoeren." + +Er packte Diederich an den Schultern, drehte ihn herum und schob ihn vor +sich her. Fuer jeden Versuch, sich loszumachen, bekam Diederich einen +maechtigen Knuff. + +"Ich fordere Genugtuung", schrie er, "Sie muessen sich mit mir schlagen!" + +"Ich bin schon dabei. Merken Sie es nicht? Dann will ich noch einen +rufen." Er oeffnete die Tuer. "Friedrich!" Und Diederich ward einem Packer +ueberliefert, der ihn die Treppe hinabbefoerderte. Mahlmann rief ihm nach: + +"Nichts fuer ungut, Freundchen. Wenn Sie ein andermal was auf dem Herzen +haben, kommen Sie ruhig wieder!" + +Diederich brachte sich in Ordnung und verliess das Haus in guter Haltung. +Um so schlimmer fuer Mahlmann, wenn er sich so auffuehrte! Diederich hatte +sich nichts vorzuwerfen; vor einem Ehrengericht waere er glaenzend +dagestanden. Etwas hoechst Anstoessiges blieb es, dass ein einzelner sich so +viel erlauben konnte; Diederich war gekraenkt im Namen saemtlicher +Korporationen. Andererseits war es nicht zu leugnen, dass Mahlmann +Diederichs alte Hochachtung wieder betraechtlich aufgefrischt hatte. "Ein +ganz gemeiner Hund", dachte Diederich. "Aber so muss man sein ..." + +Zu Hause lag ein eingeschriebener Brief. + +"Nun koennen wir fortmachen", sagte Hornung. + +"Wieso wir? Ich brauch' mein Geld selbst." + +"Du machst wohl Spass. Ich kann hier doch nicht allein sitzenbleiben." + +"Dann such' dir Gesellschaft!" + +Diederich schlug ein solches Gelaechter auf, dass Hornung ihn fuer verrueckt +hielt. Darauf reiste er wirklich. + +Unterwegs sah er erst, dass der Brief von seiner Mutter adressiert war. Das +war ungewoehnlich ... Seit ihrer letzten Karte, sagte sie, sei es mit +seinem Vater noch viel schlimmer geworden. Warum Diederich nicht gekommen +sei. + +"Wir muessen uns auf das Entsetzlichste gefasst machen. Wenn Du unseren +innigst geliebten Papa noch einmal sehen willst, o dann saeume nicht +laenger, mein Sohn!" + +Bei dieser Ausdrucksweise ward es Diederich ungemuetlich. Er entschloss +sich, seiner Mutter einfach nicht zu glauben. "Weibern glaub' ich +ueberhaupt nichts, und mit Mama ist es nun mal nicht richtig." + +Trotzdem tat Herr Hessling bei Diederichs Ankunft gerade die letzten +Atemzuege. + +Von dem Anblick ueberwaeltigt, brach Diederich gleich auf der Schwelle in +ein ganz formloses Geheul aus. Er stolperte zum Bett, sein Gesicht war im +Augenblick nass wie beim Waschen; und mit den Armen tat er lauter kurze +Fluegelschlaege und liess sie machtlos gegen die Hueften klappen. Ploetzlich +erkannte er auf der Decke des Vaters rechte Hand, kniete hin und kuesste +sie. Frau Hessling, ganz still und klein selbst noch bei den letzten +Atemzuegen ihres Herrn, tat drueben dasselbe mit der linken. Diederich +dachte daran, wie dieser verkuemmerte schwarze Fingernagel auf seine Wange +zugeflogen war, wenn der Vater ihn ohrfeigte; und er weinte laut. Die +Pruegel gar, als er von den Lumpen die Knoepfe gestohlen hatte! Diese Hand +war schrecklich gewesen; Diederichs Herz krampfte sich, nun er sie +verlieren sollte. Er fuehlte, dass seine Mutter das gleiche im Sinn hatte, +und sie ahnte seine Gedanken. Auf einmal sanken sie einander, ueber das +Bett hinweg, in die Arme. + +Bei den Kondolenzbesuchen hatte Diederich sich zurueck. Er vertrat vor ganz +Netzig, stramm und formensicher, die Neuteutonia, sah sich angestaunt und +vergass darueber fast, dass er trauerte. Dem alten Herrn Buck ging er bis zur +aeusseren Tuer entgegen. Die Beleibtheit des grossen Mannes von Netzig ward +majestaetisch in seinem glaenzenden Gehrock. Wuerdevoll trug der den +umgewendeten Zylinderhut vor sich her; und die andere, vom schwarzen +Handschuh entbloesste Hand, die er Diederich reichte, fuehlte sich +ueberraschend zartfleischig an. Seine blauen Augen drangen warm in +Diederich ein, und er sagte: + +"Ihr Vater war ein guter Buerger. Junger Mann, werden Sie auch einer! Haben +Sie immer Achtung vor den Rechten Ihrer Mitmenschen! Das gebietet Ihnen +Ihre eigene Menschenwuerde. Ich hoffe, wir werden hier in unserer Stadt +noch zusammen fuer das Gemeinwohl arbeiten. Sie werden jetzt wohl fertig +studieren?" + +Diederich konnte kaum das Ja herausbringen, so sehr verstoerte ihn die +Ehrfurcht. Der alte Buck fragte in leichterem Ton: + +"Hat mein Juengster Sie in Berlin schon aufgesucht? Nein? O, das soll er +tun. Er studiert jetzt auch dort. Wird aber wohl bald sein Jahr abdienen. +Haben Sie das schon hinter sich?" + +"Nein" - und Diederich ward sehr rot. Er stammelte Entschuldigungen. Es +sei ihm bisher ganz unmoeglich gewesen, das Studium zu unterbrechen. Aber +der alte Buck zuckte die Achseln, als sei der Gegenstand unerheblich. + +Durch das Testament des Vaters war Diederich neben dem alten Buchhalter +Soetbier zum Vormund seiner beiden Schwestern bestimmt. Soetbier belehrte +ihn, dass ein Kapital von siebzigtausend Mark da sei, das als Mitgift der +Maedchen dienen solle. Nicht einmal die Zinsen durften angegriffen werden. +Der Reingewinn aus der Fabrik hatte in den letzten Jahren durchschnittlich +neuntausend Mark betragen. "Mehr nicht?" fragte Diederich. Soetbier sah ihn +an, zuerst entsetzt, dann vorwurfsvoll. Wenn der junge Herr sich +vorstellen koennte, wie sein seliger Vater und Soetbier das Geschaeft +heraufgearbeitet haetten! Gewiss war es ja noch ausdehnungsfaehig ... + +"Na, is jut", sagte Diederich. Er sah, dass hier vieles geaendert werden +muesse. Von einem Viertel von neuntausend Mark sollte er leben? Diese +Zumutung des Verstorbenen empoerte ihn. Als seine Mutter behauptete, der +Selige habe auf dem Sterbebette die Zuversicht geaeussert, in seinem Sohn +Diederich werde er fortleben, und Diederich werde sich niemals +verheiraten, um immer fuer die Seinen zu sorgen, da brach Diederich aus. +"Vater war nicht so krankhaft sentimental wie du," schrie er, "und er log +auch nicht." Frau Hessling glaubte den Seligen zu hoeren und duckte sich. +Dies benutzte Diederich, um seinen Monatswechsel um fuenfzig Mark erhoehen +zu lassen. + +"Zunaechst", sagte er rauh, "hab' ich mein Jahr abzudienen. Das kostet, was +es kostet. Mit euren kleinlichen Geldgeschichten koennt ihr mir spaeter +kommen." + +Er bestand sogar darauf, in Berlin einzutreten. Der Tod des Vaters hatte +ihm wilde Freiheitsgefuehle gegeben. Nachts freilich traeumte er, der alte +Herr trete aus dem Kontor, mit dem ergrauten Gesicht, das er als Leiche +gehabt hatte - und schwitzend erwachte Diederich. + +Er reiste, versehen mit dem Segen der Mutter. Gottlieb Hornung und ihre +gemeinsame Rosa konnte er fortan nicht brauchen und zog um. Den +Neuteutonen zeigte er in angemessener Form seine veraenderten +Lebensumstaende an. Die Burschenherrlichkeit war vorueber. Der +Abschiedskommers! Trauersalamander wurden gerieben, die fuer Diederichs +alten Herrn bestimmt waren, aber die auch ihm und seiner schoensten +Bluetezeit gelten konnten. Vor lauter Hingabe gelangte er unter den Tisch, +wie am Abend seiner Aufnahme als Konkneipant; und war nun alter Herr. + +Arg verkatert stand er tags darauf, inmitten anderer jungen Leute, die +alle, wie er selbst, ganz nackt ausgezogen waren, vor dem Stabsarzt. +Dieser Herr sah angewidert ueber all das maennliche Fleisch hin, das ihm +unterbreitet war; an Diederichs Bauch aber ward sein Blick hoehnisch. +Sofort grinsten alle ringsum, und Diederich blieb nichts uebrig, als auch +seinerseits die Augen auf seinen Bauch zu senken, der erroetet war ... Der +Stabsarzt hatte seinen vollen Ernst zurueck. Einem, der nicht so scharf +hoerte, wie es Vorschrift war, erging es schlecht, denn man kannte die +Simulanten! Ein anderer, der noch dazu Levysohn hiess, bekam die Lehre: +"Wenn Sie mich wieder mal hier belaestigen, dann waschen Sie sich +wenigstens!" Bei Diederich hiess es: + +"Ihnen wollen wir das Fett schon wegkurieren. Vier Wochen Dienst, und ich +garantiere Ihnen, dass Sie aussehen wie ein Christenmensch." + +Damit war er angenommen. Die Ausgemusterten fuhren so schnell in ihre +Kleider, als brennte die Kaserne. Die fuer tauglich Befundenen sahen +einander pruefend von der Seite an und entfernten sich zaudernd, als +erwarteten sie, dass eine schwere Hand sich ihnen auf die Schultern lege. +Einer, ein Schauspieler mit einem Gesicht, als sei ihm alles eins, kehrte +um, stellte sich nochmals vor den Stabsarzt hin und sagte laut, mit +sorgfaeltiger Aussprache: "Ich moechte noch hinzufuegen, dass ich homosexuell +bin." + +Der Stabsarzt wich zurueck, er war ganz rot. Stimmlos sagte er: "Solche +Schweine koennen wir allerdings nicht brauchen." + +Diederich drueckte den kuenftigen Kameraden seine Entruestung aus ueber ein so +schamloses Verfahren. Dann sprach er noch den Unteroffizier an, der vorher +an der Wand seine Koerperlaenge gemessen hatte, und beteuerte ihm, dass er +froh sei. Trotzdem schrieb er nach Netzig an den praktischen Arzt Dr. +Heuteufel, der ihn als Jungen im Hals gepinselt hatte: ob der Doktor ihm +nicht bescheinigen wolle, dass er skrofuloes und rachitisch sei. Er koenne +sich doch nicht ruinieren lassen mit der Schinderei. Aber die Antwort +lautete, er solle nur nicht kneifen, das Dienen werde ihm trefflich +bekommen. So gab Diederich denn sein Zimmer wieder auf und fuhr mit seinem +Handkoffer in die Kaserne. Wenn man schon vierzehn Tage dort wohnen musste, +konnte man so lange die Miete sparen. + +Sofort ging es mit Reckturnen, Springen und anderen atemraubenden Dingen +an. Kompagnieweise ward man in den Korridoren, die "Rayons" hiessen, +"abgerichtet". Leutnant von Kullerow trug eine unbeteiligte Hochnaesigkeit +zur Schau, die Einjaehrigen betrachtete er nie anders als mit einem +zugekniffenen Auge. Ploetzlich schrie er: "Abrichter!" und gab den +Unteroffizieren eine Instruktion, worauf er sich verachtungsvoll abwandte. +Beim Exerzieren im Kasernenhof, beim Gliederbilden, Sichzerstreuen und +Platzwechseln ward weiter nichts beabsichtigt, als die "Kerls" +umherzuhetzen. Ja, Diederich fuehlte wohl, dass alles hier, die Behandlung, +die gelaeufigen Ausdruecke, die ganze militaerische Taetigkeit vor allem +darauf hinzielte, die persoenliche Wuerde auf ein Mindestmass herabzusetzen. +Und das imponierte ihm; es gab ihm, so elend er sich befand, und gerade +dann, eine tiefe Achtung ein und etwas wie selbstmoerderische Begeisterung. +Prinzip und Ideal war ersichtlich das gleiche wie bei den Neuteutonen, nur +ward es grausamer durchgefuehrt. Die Pausen der Gemuetlichkeit, in denen man +sich seines Menschentums erinnern durfte, fielen fort. Jaeh und +unabaenderlich sank man zur Laus herab, zum Bestandteil, zum Rohstoff, an +dem ein unermesslicher Wille knetete. Wahnsinn und Verderben waere es +gewesen, auch nur im geheimsten Herzen sich aufzulehnen. Hoechstens konnte +man, gegen die eigene Ueberzeugung, sich manchmal druecken. Diederich war +beim Laufen gefallen, der Fuss tat ihm weh. Nicht, dass er gerade haette +hinken muessen, aber er hinkte und durfte, wie die Kompagnie "ins Gelaende" +marschierte, zurueckbleiben. Um dies zu erreichen, war er zunaechst an den +Hauptmann selbst herangetreten. "Herr Hauptmann, bitte -" Welche +Katastrophe! Er hatte in seiner Ahnungslosigkeit vorwitzig das Wort an +eine Macht gerichtet, von der man stumm und auf den Knien des Geistes +Befehle entgegenzunehmen hatte! Der man sich nur "vorfuehren" lassen +konnte! Der Hauptmann donnerte, dass die Unteroffiziere zusammenliefen, mit +Mienen, in denen das Entsetzen vor einer Laesterung stand. Die Folge war, +dass Diederich staerker hinkte und einen Tag laenger vom Dienst befreit +werden musste. + +Unteroffizier Vanselow, der fuer die Untat seines Einjaehrigen +verantwortlich war, sagte zu Diederich nur: "Das will ein gebildeter +Mensch sein!" Er war es gewohnt, dass alles Unheil von den Einjaehrigen kam. +Vanselow schlief in ihrem Mannschaftszimmer hinter einem Verschlag. Nach +dem Lichtloeschen zoteten sie, bis der Unteroffizier empoert +dazwischenschrie: "Das wollen gebildete Leute sein!" Trotz seiner langen +Erfahrung erwartete er immer noch von den Einjaehrigen mehr Geist und gute +Haltung als von den anderen Leuten und war immer neu enttaeuscht. In +Diederich sah er keineswegs den Schlimmsten. Das Bier, das einer zahlte, +entschied nicht allein ueber Vanselows Meinung. Noch mehr sah Vanselow auf +den soldatischen Geist freudiger Unterwerfung, und den hatte Diederich. In +der Instruktionsstunde konnte man ihn den anderen als Muster vorhalten. +Diederich zeigte sich ganz erfuellt von den militaerischen Idealen der +Tapferkeit und der Ehrliebe. Was die Abzeichen und die Rangordnung betraf, +so schien der Sinn dafuer ihm angeboren. Vanselow sagte: "Jetzt bin ich der +Herr Kommandierende General", und auf der Stelle benahm Diederich sich, +als glaubte er es. Wenn es aber hiess: "Jetzt bin ich ein Mitglied der +koeniglichen Familie", dann war Diederichs Verhalten so, dass es dem +Unteroffizier ein Laecheln des Groessenwahns abnoetigte. + +Im Privatgespraech in der Kantine eroeffnete Diederich seinem Vorgesetzten, +dass er vom Soldatenleben begeistert sei. "Das Aufgehen im grossen Ganzen!" +sagte er. Er wuensche sich nichts auf der Welt, als ganz dabei zu bleiben. +Und er war aufrichtig - was aber nicht hinderte, dass er am Nachmittag, bei +den Uebungen "im Gelaende", keinen anderen Wunsch mehr kannte, als sich in +den Graben zu legen und nicht mehr vorhanden zu sein. Die Uniform, die +ohnedies, aus Ruecksichten der Strammheit, zu eng geschnitten war, ward +nach dem Essen zum Marterwerkzeug. Was half es, dass der Hauptmann, bei +seinen Kommandos, sich unsaeglich kuehn und kriegerisch auf dem Pferd +herumsetzte, wenn man selbst, rennend und schnaufend, die Suppe unverdaut +im Magen schlenkern fuehlte. Die sachliche Begeisterung, zu der Diederich +voellig bereit war, musste zuruecktreten hinter der persoenlichen Not. Der Fuss +schmerzte wieder; und Diederich lauschte auf den Schmerz, in der +angstvollen, mit Selbstverachtung verbundenen Hoffnung, es moechte +schlimmer werden, so schlimm, dass er nicht wieder "ins Gelaende" hinaus +musste, dass er vielleicht nicht einmal mehr im Kasernenhof ueben konnte und +dass man genoetigt war, ihn zu entlassen! + +Es kam dahin, dass er am Sonntag den alten Herrn eines Korpsbruders +aufsuchte, der Geheimer Sanitaetsrat war. Er muesse ihn um seinen Beistand +bitten, sagte Diederich, rot vor Scham. Er sei begeistert fuer die Armee, +fuer das grosse Ganze und waere am liebsten ganz dabei geblieben. Man sei da +in einem grossartigen Betrieb, ein Teil der Macht sozusagen und wisse +immer, was man zu tun habe: das sei ein herrliches Gefuehl. Aber der Fuss +tue nun einmal weh. "Man darf es doch nicht so weit kommen lassen, dass er +unbrauchbar wird. Schliesslich habe ich Mutter und Geschwister zu +ernaehren." Der Geheimrat untersuchte ihn. "Neuteutonia sei's Panier", +sagte er. "Ich kenne zufaellig Ihren Oberstabsarzt." Hiervon war Diederich +durch seinen Korpsbruder unterrichtet. Er empfahl sich, voll banger +Hoffnung. + +Die Hoffnung bewirkte, dass er am naechsten Morgen kaum noch auftreten +konnte. Er meldete sich krank. "Wer sind Sie, was belaestigen Sie mich?" - +und der Stabsarzt mass ihn. "Sie sehen aus wie das Leben, Ihr Bauch ist +auch schon kleiner." Aber Diederich stand stramm und blieb krank; der +Vorgesetzte musste sich zu einer Untersuchung herbeilassen. Als er den Fuss +zu Gesicht bekam, erklaerte er, wenn er sich nicht eine Zigarre anzuende, +werde ihm unwohl werden. Trotzdem war nichts zu finden an dem Fuss. Der +Stabsarzt stiess ihn entruestet vom Stuhl. "Macht Dienst, Schluss, abtreten" +- und Diederich war erledigt. Mitten im Exerzieren aber schrie er +ploetzlich auf und fiel um. Er ward ins "Revier" gebracht, den Aufenthalt +der Leichterkrankten, wo es nach Volk roch und nichts zu essen gab. Denn +die Selbstbekoestigung, die den Einjaehrigen zustand, war hier nur schwer zu +bewerkstelligen, und von den Rationen der anderen bekam er nichts. Vor +Hunger meldete er sich gesund. Abgeschnitten von menschlichem Schutz, von +allen sittlichen Rechten der buergerlichen Welt, trug er sein duesteres +Geschick; eines Morgens aber, als alle Hoffnung schon dahin war, holte man +ihn vom Exerzieren weg auf das Zimmer des Oberstabsarztes. Dieser hohe +Vorgesetzte wuenschte ihn zu untersuchen. Er hatte einen verlegen +menschlichen Ton und schlug dann wieder in militaerische Schroffheit um, +die gleichfalls nicht unbefangen wirkte. Auch er schien nichts Rechtes zu +finden, das Ergebnis seines Eingreifens aber klang trotzdem anders. +Diederich sollte nur "vorlaeufig" weiter Dienst machen, das weitere werde +sich schon ergeben. "Bei _dem Fuss_ ..." + +Einige Tage spaeter trat ein "Revier"gehilfe an Diederich heran und +fertigte auf geschwaerztem Papier einen Abdruck des verhaengnisvollen Fusses. +Diederich ward genoetigt, im Revierzimmer zu warten. Der Stabsarzt ging +eben umher und nahm Gelegenheit, ihm seine volle Verachtung auszudruecken. +"Nicht mal Plattfuss! Stinkt vor Faulheit!" Da aber ward die Tuer +aufgestossen, und der Oberstabsarzt, die Muetze auf dem Kopf, hielt seinen +Einzug. Sein Schritt war fester und zielbewusster als sonst, er sah nicht +rechts noch links, wortlos stellte er sich vor seinem Untergebenen auf, +den Blick finster und streng auf dessen Muetze. Der Stabsarzt stutzte, er +musste sich in eine Lage finden, die ersichtlich die gewohnte Kollegialitaet +nicht mehr zuliess. Nun hatte er sie erfasst, nahm die Muetze herunter und +stand stramm. Darauf zeigte der Vorgesetzte ihm das Papier mit dem Fuss, +sprach leise und mit einer Betonung, die ihm befahl, etwas zu sehen, was +nicht da war. Der Stabsarzt blinzelte abwechselnd den Vorgesetzten, +Diederich und das Papier an. Dann zog er die Absaetze zusammen: er hatte +das Befohlene gesehen. + +Als der Oberstabsarzt fort war, naeherte der Stabsarzt sich Diederich. +Hoeflich, mit einem leisen Laecheln des Einverstaendnisses, sagte er: + +"Der Fall war natuerlich von Anfang an klar. Man musste nur der Leute wegen +-. Sie verstehen, die Disziplin -." + +Diederich bekundete durch Strammstehen, dass er alles verstehe. + +"Aber", wiederholte der Stabsarzt, "ich habe natuerlich gewusst, wie Ihr +Fall lag." + +Diederich dachte: "Wenn du es nicht gewusst hast, jetzt weisst du es." Laut +sagte er: + +"Gestatte mir gehorsamst zu fragen, Herr Stabsarzt: Ich werde doch +weiterdienen duerfen?" + +"Dafuer kann ich Ihnen nicht garantieren", sagte der Stabsarzt und machte +kehrt. + +Von schwerem Dienst war Diederich fortan befreit, das "Gelaende" sah ihn +nicht mehr. Um so williger und freudiger war sein Verhalten in der +Kaserne. Wenn des Abends beim Appell der Hauptmann, die Zigarre im Munde +und leicht angetrunken, aus dem Kasino kam, um fuer Stiefel, die nicht +geschmiert, sondern gewichst waren, Mittelarrest zu verhaengen: an +Diederich fand er nichts auszusetzen. Um so unerbittlicher uebte er seine +gerechte Strenge an einem Einjaehrigen, der nun schon im dritten Monat +strafweise im Mannschaftszimmer schlafen musste, weil er einst, waehrend der +ersten vierzehn Tage, nicht dort, sondern zu Hause geschlafen hatte. Er +hatte damals vierzig Grad Fieber gehabt und waere, wenn er seine Pflicht +getan haette, vielleicht gestorben. Dann waere er eben gestorben! Der +Hauptmann hatte, sooft er diesen Einjaehrigen ansah, ein Gesicht voll +stolzer Genugtuung. Diederich dahinten, klein und unversehrt, dachte: +"Siehst du wohl? Die Neuteutonia und ein Geheimer Sanitaetsrat sind mehr +wert als vierzig Grad Fieber ..." Was Diederich betraf, so waren die +amtlichen Formalitaeten eines Tages gluecklich erfuellt, und der +Unteroffizier Vanselow verkuendete ihm seine Entlassung. Diederich hatte +sofort die Augen voll Traenen; er drueckte Vanselow warm die Hand. + +"Gerade muss mir das passieren, und ich hatte doch" - er schluchzte - "so +viel Freudigkeit." + +Und dann war er "draussen". + +Vier Wochen lang blieb er zu Hause und bueffelte. Wenn er zum Essen ging, +sah er sich um, ob ein Bekannter ihn bemerkte. Endlich musste er sich den +Neuteutonen wohl zeigen. Er trat herausfordernd auf. + +"Wer von euch noch nicht dabei war, hat keine Ahnung. Ich sage euch, da +sieht man die Welt von einem anderen Standpunkt. Ich waere ueberhaupt dabei +geblieben, meine Vorgesetzten rieten es mir, ich sei hervorragend +qualifiziert. Na und da -" + +Er starrte schmerzlich vor sich hin. + +"Das Unglueck mit dem Gaul. Das kommt davon, wenn man ein zu guter Soldat +ist. Der Hauptmann laesst einen in seinem Dogcart fahren, damit der Gaul mal +bewegt wird, und da ist das Unglueck passiert. Natuerlich habe ich den Fuss +nicht geschont und zu frueh wieder Dienst gemacht. Die Sache verschlimmerte +sich erheblich, der Stabsarzt gab mir anheim, fuer jede Eventualitaet meine +Angehoerigen zu benachrichtigen." + +Dies sagte er knapp und maennlich. + +"Da haettet ihr nun den Hauptmann sehen sollen. Taeglich kam er selbst, nach +den groessten Maerschen, mit bestaubter Uniform, wie er war. So was gibt es +auch nur beim Militaer. Wir sind in den boesen Tagen wahre Kameraden +geworden. Hier die Zigarre ist noch von ihm. Und als er mir dann +eingestehen musste, der Stabsarzt wolle mich fortschicken, ich kann euch +versichern, das war einer der Augenblicke im Leben, die man nicht vergisst. +Der Hauptmann und ich, wir kriegten beide gleichzeitig feuchte Augen." + +Alle waren erschuettert. Diederich sah tapfer um sich. + +"Na, jetzt soll man sich also wieder in das buergerliche Leben +hineinfinden. Prost." + +Er bueffelte weiter; und am Sonnabend kneipte er mit den Neuteutonen. Auch +Wiebel erschien wieder. Er war Assessor, auf dem Wege zum Staatsanwalt und +sprach nur noch von "subversiven Tendenzen", "Vaterlandsfeinden" und auch +vom "christlich-sozialen Gedanken". Er erklaerte den Fuechsen, es sei an der +Zeit, sich mit Politik zu beschaeftigen. Er wisse wohl, dass es nicht fuer +vornehm gelte, aber die Gegner zwaengen einen dazu. Hochfeudale Herren, wie +sein Freund, der Assessor von Barnim, seien in der Bewegung. Herr von +Barnim werde demnaechst den Neuteutonen die Ehre geben. + +Er kam, und er gewann alle Herzen, denn er benahm sich wie gleich zu +gleich. Er hatte dunkles, glatt gescheiteltes Haar, das Wesen eines +pflichteifrigen Beamten, sprach sachlich - aber am Schluss seines Vortrages +bekam er Schwaermeraugen und verabschiedete sich rasch, mit warmen +Haendedruecken. Die Neuteutonen stimmten nach seinem Besuch alle darin +ueberein, dass der juedische Liberalismus die Vorfrucht der Sozialdemokratie +sei und dass die christlichen Deutschen sich um den Hofprediger Stoecker zu +scharen haetten. Diederich verband, wie die anderen, mit dem Wort +"Vorfrucht" keinen deutlichen Sinn und verstand unter "Sozialdemokratie" +nur eine allgemeine Teilerei. Das genuegte ihm auch. Aber Herr von Barnim +hatte jeden, der naehere Aufklaerung wuenschte, zu sich eingeladen, und +Diederich wuerde es sich nicht verziehen haben, wenn er eine so +schmeichelhafte Gelegenheit versaeumt haette. + +In seiner kalten, altmodischen Junggesellenwohnung hielt Herr von Barnim +ihm ein Privatissimum. Sein politisches Ziel war eine staendische +Volksvertretung, wie im gluecklichen Mittelalter: Ritter, Geistliche, +Gewerbetreibende, Handwerker. Das Handwerk musste, der Kaiser hatte es mit +Recht gefordert, wieder auf die Hoehe kommen, wie vor dem Dreissigjaehrigen +Krieg. Die Innungen hatten Gottesfurcht und Sittlichkeit zu pflegen. +Diederich aeusserte sein waermstes Einverstaendnis. Es entsprach seinen +Trieben, als eingetragenes Mitglied eines Standes, einer Berufsklasse, +nicht persoenlich, sondern korporativ im Leben Fuss zu fassen. Er sah sich +schon als Abgeordneter der Papierbranche. Die juedischen Mitbuerger freilich +schloss Herr von Barnim von seiner Ordnung der Dinge aus; waren sie doch +das Prinzip der Unordnung und Aufloesung, des Durcheinanderwerfens, der +Respektlosigkeit: das Prinzip des Boesen selbst. Sein frommes Gesicht zog +sich zusammen vom Hass, und Diederich fuehlte ihn mit. + +"Schliesslich", meinte er, "haben wir doch die Gewalt und koennen sie +hinauswerfen. Das deutsche Heer -" + +"Das ist es eben", stiess Herr von Barnim aus, der durch das Zimmer lief. +"Haben wir darum den ruhmreichen Krieg gefuehrt, dass mein vaeterliches Gut +an einen Herrn Frankfurter verkauft wird?" + +Waehrend Diederich noch erschuettert schwieg, klingelte es, und Herr von +Barnim sagte: + +"Es ist mein Barbier, den will ich mir auch mal vornehmen." + +Er bemerkte Diederichs Enttaeuschung und setzte hinzu: + +"Natuerlich rede ich mit solch einem Manne anders. Aber jeder von uns muss +an seinem Teil der Sozialdemokratie Abbruch tun und die kleinen Leute in +das Lager unseres christlichen Kaisers hinueberziehen. Tun auch Sie das +Ihre!" + +Damit war Diederich entlassen. Er hoerte den Barbier noch sagen: + +"Schon wieder ein alter Kunde, Herr Assessor, der zu Liebling hinuebergeht, +bloss weil Liebling jetzt Marmor hat." + +Wiebel sagte, als Diederich ihm berichtete: + +"Das ist alles schoen und gut, und ich habe eine ganz bedeutende Verehrung +fuer die ideale Gesinnung meines Freundes von Barnim, aber auf die Dauer +kommen wir damit nicht mehr weiter. Sehen Sie mal, auch Stoecker hat im +Eispalast seine verdammten Erfahrungen gemacht mit der Demokratie, ob sie +sich nun christlich nennt oder unchristlich. Die Dinge sind zu weit +gediehen. Heute heisst es bloss noch: losschlagen, solange wir die Macht +haben." + +Und Diederich stimmte erleichtert bei. Herumgehen und Christen werben, war +ihm gleich ein wenig peinlich erschienen. + +"Die Sozialdemokratie nehme ich auf mich, hat der Kaiser gesagt." Wiebels +Augen drohten katerhaft. "Nun, was wollen Sie mehr? Das Militaer ist +darueber instruiert, es koenne vorkommen, dass es auf die lieben Verwandten +schiessen muss. Also? Ich kann Ihnen mitteilen, mein Lieber, wir stehen am +Vorabend grosser Ereignisse." + +Da Diederich erregte Neugier zeigte: + +"Was ich durch meinen Vetter von Klappke -." + +Wiebel machte eine Pause. Diederich zog die Absaetze zusammen: + +"- in Erfahrung gebracht habe, ist noch nicht fuer die Oeffentlichkeit reif. +Ich will nur bemerken, dass der gestrige Ausspruch Seiner Majestaet, die +Noergler moechten gefaelligst den deutschen Staub von ihren Pantoffeln +schuetteln, eine verteufelt ernst zu nehmende Warnung war." + +"Tatsaechlich? Sie glauben?" sagte Diederich. "Dann ist mein Pech wirklich +skandaloes, dass ich gerade jetzt aus dem Dienst Seiner Majestaet scheiden +musste. Ich darf sagen, dass ich gegen den inneren Feind meine volle Pflicht +getan haben wuerde. Auf die Armee, so viel weiss ich, kann der Kaiser sich +verlassen." + +Er war in diesen nasskalten Februartagen des Jahres 1892 viel auf der +Strasse, in der Erwartung grosser Ereignisse. Unter den Linden hatte sich +etwas veraendert, man sah noch nicht, was. Berittene Schutzleute hielten an +den Muendungen der Strassen und warteten auch. Die Passanten zeigten +einander das Aufgebot der Macht. "Die Arbeitslosen!" Man blieb stehen, um +sie ankommen zu sehen. Sie kamen vom Norden her, in kleinen Abteilungen +und im langsamen Marschschritt. Unter den Linden zoegerten sie, wie +verwirrt, berieten sich mit den Blicken und lenkten nach dem Schloss ein. +Dort standen sie, stumm, die Haende in den Taschen, liessen sich von den +Raedern der Wagen mit Schlamm bespritzen und zogen die Schultern hoch unter +dem Regen, der auf ihre entfaerbten Ueberzieher fiel. Manche von ihnen +wandten die Koepfe nach voruebergehenden Offizieren, nach den Damen in ihren +Wagen, nach den langen Pelzen der Herren, die von der Burgstrasse her +schlenderten; und ihre Mienen waren ohne Ausdruck, nicht drohend und nicht +einmal neugierig, nicht, als wollten sie sehen, sondern als zeigten sie +sich. Andere aber liessen kein Auge von den Fenstern des Schlosses. Das +Wasser lief ueber ihre hinaufgewendeten Gesichter. Ein Pferd mit einem +schreienden Schutzmann trieb sie weiter, hinueber oder bis zur naechsten +Ecke - aber schon standen sie wieder, und die Welt schien versunken +zwischen diesen breiten hohlen Gesichtern, die fahler Abend beschien, und +der starren Mauer dort hinten, auf der es dunkelte. + +"Ich begreife nicht," sagte Diederich, "dass die Polizei nicht energischer +vorgeht. Das ist doch eine unbotmaessige Bande." + +"Lassen Sie's gut sein", erwiderte Wiebel. "Die Schutzleute sind genau +instruiert. Die Herren da oben haben ihre wohlueberlegten Absichten, das +koennen Sie mir glauben. Es ist naemlich gar nicht immer zu wuenschen, dass +derartige Faeulniserscheinungen am Staatskoerper gleich anfangs unterdrueckt +werden. Man laesst sie ausreifen, dann macht man ganze Arbeit!" + +Die Reife, die Wiebel meinte, kam taeglich naeher, am sechsundzwanzigsten +schien sie da. Die Demonstrationen der Arbeitslosen sahen zielbewusster +aus. In eine der noerdlichen Strassen zurueckgetrieben, quollen sie aus der +naechsten, bevor man ihnen den Weg abschneiden konnte, verstaerkt wieder +hervor. Unter den Linden vereinigten sich ihre Zuege, rannen, sooft sie +getrennt wurden, wieder zusammen, erreichten das Schloss, wichen zurueck und +erreichten es noch einmal, stumm und unaufhaltsam wie uebergetretenes +Wasser. Der Wagenverkehr stockte, die Fussgaenger stauten sich, mit +hineingezogen in die langsame Ueberschwemmung, worin der Platz ertrank, in +dies truebe und missfarbene Meer der Armen, das zaeh dahinrollte, dumpfe +Laute heraufwaelzte und wie Maste untergegangener Schiffe die Stangen mit +den Bannern hinaufreckte: "Brot! Arbeit!" Ein deutlicheres Grollen, +ausbrechend aus der Tiefe, jetzt drueben, jetzt hier: "Brot! Arbeit!" +Anschwellend ueber die Menge hinrollend, wie aus einer Gewitterwolke: +"Brot! Arbeit!" Eine Attacke der Berittenen, ein Aufschaeumen, +Zurueckfliessen, und Weiberstimmen im Laerm, schrill, gleich Signalen: "Brot! +Arbeit!" + +Man wird ueberrannt, vom Friedrichdenkmal fegt es die Neugierigen hinunter. +Aber sie haben aufgerissene Muender; aus kleinen Beamten, denen der Weg ins +Amt versperrt ist, fliegt Staub auf, als wuerden sie geklopft. Ein +verzerrtes Gesicht, das Diederich nicht kennt, schreit ihm zu: "Es kommt +anders! Jetzt geht es gegen die Juden!" - und ist untergegangen, bevor ihm +einfaellt, es war Herr von Barnim. Er will ihm nach, wird in einem grossen +Schub weit hinuebergeworfen, bis vor das Fenster eines Cafes, hoert das +Klirren der eingedrueckten Scheibe, einen Arbeiter, der schreit: "Da haben +se mich neulich 'rausgesetzt for meine dreissig Fennje, weil ich keinen +Zylinderhut hatte" - und dringt mit ein durch das Fenster, zwischen die +umgeworfenen Tische, auf den Boden, wo man ueber Scherben faellt, einander +die Baeuche einstoesst und laut zetert. "Niemand mehr 'rein! Wir kriegen +keine Luft!" Aber immer mehr steigen ein. "Die Polizei draengelt!" Und die +Mitte der Strasse sieht man frei liegen, gesaeubert, wie fuer einen +Triumphzug. Da sagt jemand: "Das ist doch Wilhelm!" + +Und Diederich war wieder draussen. Niemand wusste, wie es kam, dass man auf +einmal marschieren konnte, in gedraengter Masse, auf der ganzen Breite der +Strasse und zu beiden Seiten bis an die Flanken des Pferdes, worauf der +Kaiser sass: er selbst. Man sah ihn an und ging mit. Knaeuel von Schreienden +wurden aufgeloest und mitgerissen. Alle sahen ihn an. Dunkles Geschiebe, +ohne Form, planlos, grenzenlos, und hell darueber ein junger Herr im Helm, +der Kaiser. Sie sahen: sie hatten ihn heruntergeholt aus dem Schloss. Sie +hatten: "Brot! Arbeit!" geschrien, bis er gekommen war. Nichts hatte sich +geaendert, als dass er da war - und schon marschierten sie, als gehe es auf +das Tempelhofer Feld. + +Seitwaerts, wo die Reihen duenner waren, sagten buergerlich Gekleidete zu +einander: "Na, Gott sei Dank, er weiss, was er will!" + +"Was will er denn?" + +"Der Bande zeigen, wer die Macht hat! Im guten hat er es mit ihnen +versucht. Er ist sogar zu weit gegangen in den Erlassen vor zwei Jahren. +Sie sind frech geworden." + +"Angst kennt er nicht, das muss man sagen. Kinder, dies ist ein +historischer Moment!" + +Diederich hoerte es und erschauderte. Der alte Herr, der gesprochen hatte, +wandte sich auch an ihn. Er hatte weisse Bartkoteletts und das Eiserne +Kreuz. + +"Junger Mann," sagte er, "was unser herrlicher junger Kaiser da macht, das +werden die Kinder mal aus den Schulbuechern lernen. Passen Sie auf!" + +Viele hatten gehobene Brueste und feierliche Mienen. Die Herren, die dem +Kaiser folgten, blickten mit aeusserster Entschlossenheit darein, ihre +Pferde aber lenkten sie durch das Volk, als seien alle die Leute zum +Statieren bei einer Allerhoechsten Auffuehrung befohlen; und manchmal +schielten sie seitwaerts, nach dem Eindruck im Publikum. Er selbst, der +Kaiser, sah nur sich und seine Leistung. Tiefer Ernst versteinte seine +Zuege, sein Auge blitzte hin ueber die Tausende der von ihm Gebannten. Er +mass sich mit ihnen, der von Gott gesetzte Herr mit den empoererischen +Knechten! Allein und ungeschuetzt hatte er sich mitten unter sie gewagt, +stark nur durch seine Sendung. Sie konnten sich an ihm vergreifen, wenn es +im Plan des Hoechsten lag; er brachte seiner heiligen Sache sich selbst zum +Opfer. War Gott mit ihm, dann sollten sie es sehen! Dann bewahrten sie fuer +immer das Gepraege seiner Tat und die Erinnerung an ihre Ohnmacht! + +Ein junger Mensch mit einem Kuenstlerhut ging neben Diederich, er sagte: +"Kennen wir. Napoleon in Moskau, wie er sich solo unter die Bevoelkerung +mischt." + +"Das ist doch grossartig!" behauptete Diederich, und die Stimme versagte +ihm. Der andere zuckte die Achseln. + +"Theater, und nicht mal gut." + +Diederich sah ihn an, er versuchte zu blitzen wie der Kaiser. + +"Sie sind wohl auch so einer." + +Er haette nicht sagen koennen was fuer einer. Er fuehlte nur, dass er hier, zum +erstenmal im Leben, die gute Sache zu vertreten habe gegen feindliche +Bemaengelungen. Trotz seiner Aufregung sah er sich noch die Schultern des +Menschen an: sie waren nicht breit. Auch aeusserte die Umgebung sich +missbilligend. Da ging Diederich vor. Mit seinem Bauch draengte er den Feind +gegen die Mauer und schlug auf den Kuenstlerhut ein. Andere knufften mit. +Der Hut lag schon am Boden und bald auch der Mensch. Im Weitergehen +bemerkte Diederich zu seinen Mitkaempfern: + +"Der hat sicher nicht gedient! Schmisse hat er auch keine!" + +Der alte Herr mit Bartkoteletts und Eisernem Kreuz war auch wieder da, er +drueckte Diederich die Hand. + +"Brav, junger Mann, brav!" + +"Soll man da nicht wuetend werden?" erklaerte Diederich, noch keuchend. +"Wenn der Mensch uns den historischen Moment verekeln will?" + +"Sie haben gedient?" fragte der alte Herr. + +"Ich waere am liebsten ganz dabei geblieben", sagte Diederich. + +"Na ja, Sedan ist nicht alle Tage" - der alte Herr betupfte sein Eisernes +Kreuz. "Das waren wir!" + +Diederich reckte sich, er zeigte auf das bezwungene Volk und den Kaiser. + +"Das ist doch gerade so gut wie Sedan!" + +"Na ja", sagte der alte Herr. + +"Gestatten Sie mal, sehr geehrter Herr", rief jemand und schwenkte sein +Notizbuch. "Wir muessen das bringen. Stimmungsbild, verstehnse? Sie haben +wohl einen Genossen verwalkt?" + +"Kleinigkeit" - Diederich keuchte noch immer. "Meinetwegen koennt' es jetzt +gleich losgehen gegen den inneren Feind. Unseren Kaiser haben wir mit." + +"Fein", sagte der Reporter und schrieb. "In der wildbewegten Menge hoert +man Leute aller Staende der treuesten Anhaenglichkeit und dem +unerschuetterlichen Vertrauen zu der Allerhoechsten Person Ausdruck geben." + +"Hurra!" schrie Diederich, denn alle schrien es; und inmitten eines +maechtigen Stosses von Menschen, der schrie, gelangte er jaeh bis unter das +Brandenburger Tor. Zwei Schritte vor ihm ritt der Kaiser hindurch. +Diederich konnte ihm ins Gesicht sehen, in den steinernen Ernst und das +Blitzen; aber ihm verschwamm es vor den Augen, so sehr schrie er. Ein +Rausch, hoeher und herrlicher als der, den das Bier vermittelt, hob ihn auf +die Fussspitzen, trug ihn durch die Luft. Er schwenkte den Hut hoch ueber +allen Koepfen, in einer Sphaere der begeisterten Raserei, durch einen +Himmel, wo unsere aeussersten Gefuehle kreisen. Auf dem Pferd dort, unter dem +Tor der siegreichen Einmaersche und mit Zuegen steinern und blitzend ritt +die Macht! Die Macht, die ueber uns hingeht und deren Hufe wir kuessen! Die +ueber Hunger, Trotz und Hohn hingeht! Gegen die wir nichts koennen, weil wir +alle sie lieben! Die wir im Blut haben, weil wir die Unterwerfung darin +haben! Ein Atom sind wir von ihr, ein verschwindendes Molekuel von etwas, +das sie ausgespuckt hat! Jeder einzelne ein Nichts, steigen wir in +gegliederten Massen als Neuteutonen, als Militaer, Beamtentum, Kirche und +Wissenschaft, als Wirtschaftsorganisation und Machtverbaende kegelfoermig +hinan, bis dort oben, wo sie selbst steht, steinern und blitzend! Leben in +ihr, haben teil an ihr, unerbittlich gegen die, die ihr ferner sind, und +triumphierend, noch wenn sie uns zerschmettert: denn so rechtfertigt sie +unsere Liebe! + +... Einer der Schutzleute, deren Kette das Tor absperrte, stiess Diederich +vor die Brust, dass ihm der Atem ausblieb; er aber hatte die Augen so voll +Siegestaumel, als reite er selbst ueber alle diese Elenden hinweg, die +gebaendigt ihren Hunger verschluckten. Ihm nach! Dem Kaiser nach! Alle +fuehlten wie Diederich. Eine Schutzmannskette war zu schwach gegen so viel +Gefuehl; man durchbrach sie. Drueben stand eine zweite. Man musste abbiegen, +auf Umwegen den Tiergarten erreichen, einen Durchschlupf finden. Wenige +fanden ihn; Diederich war allein, als er auf den Reitweg hinausstuerzte, +dem Kaiser entgegen, der auch allein war. Ein Mensch im gefaehrlichsten +Zustand des Fanatismus, beschmutzt, zerrissen, mit Augen wie ein Wilder: +der Kaiser vom Pferd herunter, blitzte ihn an, er durchbohrte ihn. +Diederich riss den Hut ab, sein Mund stand weit offen, aber der Schrei kam +nicht. Da er zu ploetzlich anhielt, glitt er aus und setzte sich mit Wucht +in einen Tuempel, die Beine in die Luft, umspritzt von Schmutzwasser. Da +lachte der Kaiser. Der Mensch war ein Monarchist, ein treuer Untertan! Der +Kaiser wandte sich nach seinen Begleitern um, schlug sich auf den Schenkel +und lachte. Diederich aus seinem Tuempel sah ihm nach, den Mund noch offen. + + + + + + II. + + +Er reinigte sich notduerftig und kehrte um. Auf einer Bank sass eine Dame; +Diederich ging ungern vorueber. Noch dazu starrte sie ihm entgegen. "Gans", +dachte er zornig. Da sah er, dass sie ein tief erschrockenes Gesicht hatte, +und dann erkannte er Agnes Goeppel. + +"Eben bin ich dem Kaiser begegnet", sagte er sofort. + +"Dem Kaiser?" fragte sie, wie aus einer anderen Welt. Er begann, unter +grossen, ungewohnten Gesten herauszujagen, was ihn erstickte. Unser +herrlicher junger Kaiser, ganz allein unter rasenden Aufruehrern! Ein Cafe +hatten sie demoliert, Diederich selbst war drin gewesen! Unter den Linden +hatte er blutige Kaempfe bestanden fuer seinen Kaiser! Kanonen sollte man +auffahren! + +"Die Leute hungern wohl", sagte Agnes schuechtern. "Es sind ja auch +Menschen." + +"Menschen?" Diederich rollte die Augen. "Der innere Feind sind sie!" + +Da er Agnes wieder erschrecken sah, beruhigte er sich etwas. + +"Wenn es Ihnen Vergnuegen macht, dass wegen des Packs alle Strassen +abgesperrt werden muessen." + +Nein, das kam Agnes sehr ungelegen. Sie hatte in der Stadt Besorgungen +gehabt, und wie sie zurueck nach der Bluecherstrasse wollte, ging kein +Omnibus mehr, und nirgends kam man durch. Sie war zurueckgedraengt worden +bis hierher. Es war kalt und nass, ihr Vater wuerde sich aengstigen; was +sollte sie tun? Diederich verhiess ihr, er werde es schon machen. Sie +gingen zusammen weiter. Er wusste auf einmal nichts mehr zu sagen und +wendete den Kopf umher, als suchte er den Weg. Sie waren allein zwischen +kahlen Baeumen und nassem alten Laub. Wo waren die maennlichen Hochgefuehle +von vorhin? Diederich empfand Beklommenheit, wie auf seinem letzten +Spaziergang mit Agnes, als er, von Mahlmann gewarnt, auf einen Omnibus +sprang, ausriss und verschwand. Gerade sagte Agnes: "Sie haben sich aber +sehr, sehr lange nicht bei uns sehen lassen. Papa hat Ihnen doch +geschrieben?" + +Sein eigener Vater sei gestorben, sagte Diederich, betreten. Jetzt musste +Agnes zuerst ihr Beileid ausdruecken, dann fragte sie weiter: warum er +damals ploetzlich fortgeblieben sei, vor drei Jahren. + +"Nicht wahr? Es sind schon fast drei Jahre." + +Diederich bekam Festigkeit. Das Verbindungsleben habe ihn voellig in +Anspruch genommen. Dort herrsche naemlich eine verdammt strenge Zucht. "Und +dann habe ich meiner Wehrpflicht genuegt." + +"Oh!" - Agnes sah ihn an, "was aus Ihnen alles geworden ist! Und jetzt +sind Sie wohl schon Doktor?" + +"Das soll jetzt kommen." + +Er sah unzufrieden geradeaus. Seine Schmisse, seine stattliche Breite, +alle seine wohlerworbene Maennlichkeit: fuer sie war das nichts? Sie +bemerkte es gar nicht? + +"Aber Sie", sagte er plump. In ihr blasses, so schmales Gesicht stieg eine +ganz duenne Roete, bis auf den Sattel der kleinen eingedrueckten Nase mit den +Sommersprossen. + +"Ja. Mir geht es manchmal nicht gut, aber es wird schon wieder besser +werden." + +Diederich bereute. + +"Ich meinte doch natuerlich, dass Sie noch huebscher geworden sind" - und er +betrachtete ihr rotes Haar, das unter dem Hut hervorquoll, noch dicker als +frueher, weil ihr Gesicht so klein geworden war. Dabei erinnerte er sich +seiner Demuetigungen von damals und wie anders die Dinge jetzt lagen. +Herausfordernd sagte er: + +"Wie geht es denn Herrn Mahlmann?" + +Agnes bekam eine wegwerfende Miene. + +"Denken Sie an den noch? Wenn ich den mal wiedersaehe, waer's mir gleich." + +"So? Aber er hat ein Patentbureau und koennte ganz gut heiraten." + +"Wennschon." + +"Frueher interessierten Sie sich doch fuer ihn." + +"Woraus schliessen Sie das?" + +"Er schenkte Ihnen immer etwas." + +"Ich haette es lieber nicht angenommen; aber dann -" sie sah auf den Weg, +auf das nasse Laub vom Vorjahr, "dann haette ich auch Ihre Geschenke nicht +annehmen duerfen." + +Darauf schwieg sie erschrocken. Diederich fuehlte, dass etwas Schweres +geschehen war, und schwieg auch. + +"Das war doch nicht der Rede wert," stiess er endlich heraus, "ein paar +Blumen." Und mit wiedergekehrter Entruestung: "Mahlmann hat Ihnen sogar ein +Armband geschenkt." + +"Ich trage es niemals", sagte Agnes. Er hatte auf einmal Herzklopfen, er +brachte hervor: "Und wenn es von mir gewesen waere?" + +Stille; er hielt den Atem an. Ganz leise kam es von ihr her: + +"Dann ja." + +Darauf gingen sie ploetzlich rascher und ohne mehr zu sprechen. Sie kamen +vor das Brandenburger Tor, sahen die Linden bedrohlich von Polizei +erfuellt, eilten vorbei und bogen in die Dorotheenstrasse. Hier war es wenig +belebt, Diederich verlangsamte den Schritt, er fing an zu lachen. + +"Das ist eigentlich hochkomisch. Was Mahlmann Ihnen naemlich schenkte, war +mit meinem Geld bezahlt. Er nahm mir ja alles ab, ich war noch ein ganz +gruener Junge." + +Sie blieb stehen. "Oh!" - und sie sah ihn an, ihre goldbraunen Augen +zitterten. "Das ist schrecklich. Koennen Sie mir das verzeihen?" + +Er laechelte ueberlegen. Das seien alte Geschichten, Jugendtorheiten. + +"Nein, nein", sagte sie verstoert. + +Die Hauptsache, meinte er, sei jetzt, wie sie nach Hause komme. Hier ging +es schon wieder nicht weiter. Omnibusse waren auch nicht zu sehen. "Es tut +mir leid, aber Sie werden sich meine Gesellschaft noch laenger gefallen +lassen muessen. Uebrigens wohne ich gleich hier. Sie koennten mit +hinaufkommen, da waeren Sie wenigstens im Trockenen. Aber natuerlich, eine +junge Dame darf das nicht." + +Sie hatte noch immer diesen flehenden Blick. + +"Sie sind so gut", sagte sie, staerker atmend. "Sie sind so edel." Und da +sie schon das Haus betraten: "Zu Ihnen kann ich doch Vertrauen haben?" + +"Ich weiss, was ich der Ehre meiner Korporation schulde", erklaerte +Diederich. + +Sie mussten an der Kueche vorbei, aber es war niemand darin. "Legen Sie doch +so lange ab", sagte Diederich gnaedig. Er stand da, ohne Agnes anzusehen, +und trat, waehrend sie den Hut abnahm, von einem Fuss auf den anderen. + +"Ich muss die Wirtin suchen, damit sie Tee macht." Er wandte sich schon +nach der Tuer, zuckte aber zurueck: Agnes hatte seine Hand ergriffen und +kuesste sie! "Aber Fraeulein Agnes", murmelte er, furchtbar erschrocken, und +legte ihr, wie troestend, den Arm um ihre Schulter; da sank sie gegen die +seine. Er drueckte seinen Mund in ihr Haar, ziemlich tief, weil er sich +dazu verpflichtet fuehlte. Unter seinem Druck bebte und flog ihr Koerper, +als wuerde er geschlagen. Er fuehlte sich in der duennen Bluse lau und feucht +an. Diederich ward es heiss, er kuesste Agnes auf den Hals. Und ploetzlich kam +ihr Gesicht auf ihn zu: mit offenem Mund, halbgeschlossenen Augen und mit +einem Ausdruck, den er nie gesehen hatte und der ihm schwindlig machte. +"Agnes! Agnes, ich liebe dich", sagte er wie aus tiefer Not. Sie +antwortete nicht, aus ihrem offenen Mund kamen kleine warme Atemstoesse, und +er fuehlte sie fallen, er trug sie, die zu zerfliessen schien. + +Dann sass sie auf dem Diwan und weinte. "Sei mir nicht boes, Agnes", bat +Diederich. Sie sah ihn an mit ihren nassen Augen. + +"Ich weine doch vor Glueck", sagte sie. "Ich hab' so lange auf dich +gewartet." + +"Warum?" fragte sie, da er ihre Bluse schliessen wollte. "Warum deckst du +es schon zu? Findest du es schon nicht mehr schoen?" + +Er verwahrte sich. "Ich bin mir der uebernommenen Verantwortung vollkommen +bewusst." + +"Verantwortung?" sagte Agnes. "Wer hat die? Ich habe dich drei Jahre lang +geliebt. Du wusstest es ja nicht. Es war wohl das Schicksal!" + +Diederich, die Haende in den Taschen, bedachte, dass dies das Schicksal der +leichtsinnigen Maedchen sei. Andererseits empfand er das Beduerfnis, sich +ihre Versicherungen wiederholen zu lassen. "Also wirklich mich, nur mich +hast du geliebt?" + +"Ich sah, dass du mir nicht glaubtest. Es war schrecklich, als ich merkte, +du kamst nicht mehr, und es war aus. Es war ganz schrecklich. Ich wollte +dir schreiben, ich wollte zu dir gehen. Jedesmal verlor ich den Mut, weil +du mich doch nicht mehr mochtest. Ich kam so herunter, dass Papa eine Reise +mit mir machen musste." + +"Wohin denn?" fragte Diederich. Aber Agnes antwortete nicht, sie zog ihn +wieder an sich. + +"Sei lieb mit mir! Ich hab' nur dich!" + +Diederich dachte verlegen: "Dann hast du nicht viel." Agnes schien ihm +verkleinert und sehr im Wert gesunken, seit er den Beweis hatte, dass sie +ihn liebte. Auch sagte er sich, einem Maedchen, das so etwas tat, duerfe man +nicht alles glauben. + +"Und Mahlmann?" fragte er hoehnisch. "Ein bisschen war doch wohl los mit +ihm." - "Na lass nur", sagte er, da sie sich mit starrem Entsetzen +aufrichtete. Er suchte gutzumachen. Er sei doch auch noch ganz benommen +von seinem Glueck. + +Sehr langsam zog sie sich an. "Dein Vater wird aber gar nicht wissen, was +los ist", meinte Diederich. Sie hob nur die Schultern. Als sie fertig war +und er schon die Tuer geoeffnet hatte, blieb sie noch stehen und sah in das +Zimmer zurueck, mit einem langen, angstvollen Blick. + +"Vielleicht", sagte sie, wie zu sich selbst, "komme ich nie wieder. Mir +ist, als sollte ich heute nacht sterben." + +"Wieso denn?" sagte Diederich, peinlich beruehrt. Statt einer Antwort liess +sie sich noch einmal an ihn hinsinken, den Mund auf seinem, die Brust auf +seiner und von den Hueften zu den Fuessen wie mit ihm verwachsen. Diederich +wartete geduldig. Dann loeste sie sich, oeffnete die Augen und sagte: + +"Du musst nicht denken, dass ich etwas von dir verlange. Ich hab' dich +geliebt, nun ist alles gleich." + +Er bot ihr einen Wagen an, aber sie wollte gehen. Unterwegs fragte er nach +ihrer Familie und nach anderen Bekannten. Erst am Belle-Alliance-Platz +ward er unruhig, und etwas heiser brachte er hervor: + +"Natuerlich denke ich nicht daran, mich meinen Verpflichtungen dir +gegenueber zu entziehen. Nur vorlaeufig: du verstehst, ich verdiene noch +nichts, ich muss erst fertig sein und zu Hause mich in den Betrieb +einleben ..." + +Agnes erwiderte dankbar und ruhig, als habe man ihr ein Kompliment +gemacht: + +"Es waere schoen, wenn ich spaeter einmal deine Frau werden koennte." + +Da sie in die Bluecherstrasse einbogen, blieb er stehen. Unsicher meinte er, +es sei jetzt wohl besser, wenn er umkehre. Sie sagte: + +"Weil uns jemand sehen koennte? Das wuerde gar nichts machen, denn ich muss +zu Hause doch erzaehlen, dass ich dir begegnet bin und dass wir im Cafe +zusammen gewartet haben, bis die Strassen wieder frei waren." + +"Na, die kann luegen", dachte Diederich. Sie setzte hinzu: + +"Fuer Sonntag bist du zu Mittag geladen, du musst bestimmt kommen." + +Diesmal war es ihm zuviel, er fuhr auf. "Ich soll -? Bei euch soll ich -?" + +Sie laechelte sanft und schlau. "Es geht doch nicht anders. Wenn man uns +einmal saehe -: willst du denn nicht, dass ich wiederkomme?" + +O ja, das wollte er. Trotzdem musste sie ihm zureden, bis er sein +Erscheinen versprach. Vor ihrem Hause verabschiedete er sich mit einer +formellen Verbeugung, kehrte rasch um und dachte: "So ein Weib ist +scheusslich raffiniert. Lange tu' ich da nicht mit." Indes bemerkte er mit +Unlust, dass es Zeit sei, auf die Kneipe zu gehen. Es verlangte ihn nach +Hause, er wusste nicht, warum. Als er dann die Tuer seines Zimmers hinter +sich zugezogen hatte, blieb er davor stehen und starrte in die Dunkelheit. +Ploetzlich reckte er die Arme in die Hoehe, wandte das Gesicht nach oben und +sagte in einem langen Aufatmen: + +"Agnes!" + +Er fuehlte sich verwandelt, leicht, wie vom Boden gehoben. "Ich bin ganz +furchtbar gluecklich", dachte er, und: "So schoen kommt es im ganzen Leben +nicht wieder!" Er hatte die Gewissheit, dass er bis jetzt, bis zu dieser +Minute, alle Dinge falsch angesehen, falsch bewertet hatte. Dort hinten +kneipten sie nun und machten sich wichtig. Juden oder Arbeitslose, was +gingen einen die an, warum sollte man sie hassen? Diederich fuehlte sich +bereit, sie zu lieben! Hatte er denn wirklich, er selbst, den Tag in einem +Gewuehl von Menschen verbracht, die er fuer Feinde gehalten hatte? Sie waren +Menschen: Agnes hatte recht! War er selbst es, der jemand um einiger Worte +willen geschlagen hatte, geprahlt, gelogen, sich toericht abgearbeitet und +endlich, zerrissen und sinnlos, sich in den Schmutz geworfen hatte vor +einem Herrn zu Pferd, dem Kaiser, der ihn auslachte? Er erkannte, dass er, +bis Agnes kam, ein hilfloses, bedeutungsloses und armes Leben gefuehrt +habe. Bestrebungen wie die eines Fremden, Gefuehle, die ihn beschaemten, und +niemand, den er liebte - bis Agnes kam! "Agnes! Suesse Agnes, du weisst ja +gar nicht, wie ich dich liebhabe!" Aber sie sollte es wissen. Er fuehlte, +dass er es nie wieder so werde sagen koennen wie in dieser Stunde, und er +schrieb einen Brief. Er schrieb, dass auch er diese drei Jahre immer auf +sie gewartet habe, und dass er keine Hoffnung gehabt habe, weil sie zu +schoen fuer ihn sei, zu fein und zu gut; dass er sich das mit Mahlmann nur +eingeredet habe aus Feigheit und aus Trotz; dass sie eine Heilige sei, und +nun sie zu ihm herabgestiegen, liege er zu ihren Fuessen. "Hebe mich auf, +Agnes, ich kann stark sein, ich fuehle es, und ich will Dir mein ganzes +Leben weihen!" - Er weinte, drueckte das Gesicht in das Diwankissen, worin +er ihren Duft noch spuerte, und unter Schluchzen, wie als Kind, schlief er +ein. + +Am Morgen freilich war er erstaunt und befremdet, sich nicht im Bett zu +finden. Sein grosses Erlebnis fiel ihm ein, ein suesser Stoss ging durch sein +Blut, bis zum Herzen. Aber auch der Verdacht kam ihm, dass er sich +peinliche Uebertreibungen habe zuschulden kommen lassen. Er las den Brief +wieder durch: das war alles recht schoen, und es konnte einen auch wirklich +aus der Fassung bringen, wenn man auf einmal mit so einem grossartigen +Maedel ein Verhaeltnis hatte. Waere sie jetzt nur dagewesen, er haette +zaertlich sein wollen! Aber den Brief schickte man doch besser nicht ab. Es +war unvorsichtig in jeder Beziehung. Am Ende fing Vater Goeppel ihn ab ... +Diederich verschloss den Brief im Schreibtisch. "An das Essen hab' ich +gestern ueberhaupt nicht gedacht!" Er liess sich ein ausgiebiges Fruehstueck +bringen. "Und rauchen wollte ich nicht, damit ihr Geruch nicht verginge. +Das ist doch Bloedsinn. So darf man nicht sein." Er zuendete eine Zigarre an +und ging ins Laboratorium. Was er auf dem Herzen hatte, beschloss er statt +in Worte - denn so hohe Worte waren unmaennlich und unbequem - lieber in +Musik auszustroemen. Er mietete ein Klavier und versuchte sich ploetzlich +mit viel mehr Glueck als in der Klavierstunde an Schubert und Beethoven. + +Am Sonntag, wie er bei Goeppels klingelte, machte Agnes selbst ihm auf. +"Das Maedchen kann nicht vom Herd fort", sagte sie; aber den wahren Grund +sagte ihr Blick. Aus Ratlosigkeit senkte Diederich die Augen auf das +silberne Armband, womit sie klapperte, als sollte er hinsehen. + +"Kennst du es nicht?" fluesterte Agnes. Er ward rot. + +"Das von Mahlmann?" + +"Das von dir! Ich trag' es zum erstenmal." + +Rasch und heiss drueckte sie ihm die Hand, dann ging die Tuer zum Berliner +Zimmer auf. Herr Goeppel wandte sich um. "Na, da ist wohl unser Ausreisser?" +Aber kaum erblickte er Diederich, aenderte sich seine Miene, er bereute +seine Vertraulichkeit. + +"Ich haette Sie, weiss Gott, nicht wiedererkannt, Herr Hessling!" + +Diederich sah zu Agnes hinueber, wie um ihr zu sagen: "Siehst du? Der merkt +es, dass ich kein dummer Junge mehr bin." + +"Bei Ihnen ist ja alles unveraendert", stellte Diederich fest und begruesste +Herrn Goeppels Schwestern und Schwager. In Wahrheit aber fand er alle +betraechtlich gealtert, besonders Herrn Goeppel, der sich weniger munter +benahm und dem ein kummervolles Fett von den Wangen hing. Die Kinder waren +nun groesser, und irgendwo im Zimmer schien eine Person zu fehlen. + +"Ja, ja," so schloss Herr Goeppel die einleitende Unterhaltung, "die Zeit +vergeht, aber gute Freunde finden sich immer wieder." + +"Wenn du wuesstest, wie", dachte Diederich verlegen und mit Geringschaetzung, +indes man zu Tisch ging. Beim Kalbsbraten fiel ihm endlich ein, wer damals +ihm gegenueber gesessen hatte. Es war die Tante, die ihn so hochtrabend +gefragt hatte, was er denn studiere, und die nicht gewusst hatte, dass +Chemie etwas anderes war als Physik. Agnes, die er zu seiner Rechten +hatte, erklaerte ihm, dass diese Tante schon seit zwei Jahren tot sei. +Diederich murmelte sein Beileid, im stillen aber sagte er sich: "Die +quatscht also auch nicht mehr." Ihm kam es vor, als ob hier alle bestraft +und niedergedrueckt seien, ihn selbst nur hatte das Schicksal, seinem Wert +entsprechend, erhoeht. Und er streifte Agnes, von oben herab, mit dem Blick +des Besitzers. + +Die suesse Speise liess auf sich warten, gerade wie damals. Agnes wandte +unruhig den Kopf nach der Tuer, Diederich sah ihre schoenen blonden Augen +verdunkelt, als sei etwas Ernstes geschehen. Er hatte ploetzlich tiefes +Mitgefuehl mit ihr, eine grosse Zaertlichkeit. Er stand auf und rief aus der +Tuer: + +"Marie! Der Krehm!" + +Wie er zurueckkam, trank Herr Goeppel ihm zu. "Das haben Sie frueher auch +schon gemacht. Sie sind doch hier wie's Kind im Hause. Nicht, Agnes?" +Agnes dankte Diederich mit einem Blick, der sein ganzes Herz aufruehrte. Er +musste sich zusammennehmen, um nicht feuchte Augen zu bekommen. Wie +wohlwollend die Verwandten ihm zulaechelten! Der Schwager stiess mit ihm an. +Was fuer gute Menschen! Und Agnes, die suesse Agnes, liebte ihn! Er verdiente +so viel nicht! Das Gewissen schlug ihm laut, er nahm sich dunkel vor, +nachher mit Herrn Goeppel zu sprechen. + +Leider fing Herr Goeppel nach dem Essen wieder von den Krawallen an. Wenn +wir endlich den Druck der Bismarckschen Kuerassierstiefel los waren, +brauchte man die Arbeiter nun nicht mit Dicktun in Reden zu reizen. Der +junge Mann (so nannte Herr Goeppel den Kaiser!) redet uns noch die +Revolution an den Hals ... Diederich sah sich veranlasst, im Namen der +Jugend, die fest und treu zu ihrem herrlichen jungen Kaiser stehe, solche +Noergeleien auf das schaerfste zurueckzuweisen. Seine Majestaet hatten es +selbst gesagt: "Diejenigen, welche mir behilflich sein wollen, herzlich +willkommen. Die sich mir entgegenstellen, zerschmettere ich." Dabei +versuchte Diederich zu blitzen. Herr Goeppel erklaerte, er warte es ab. + +"In dieser harten Zeit", fuegte Diederich hinzu, "muss jeder seinen Mann +stehen." Und er setzte sich in Positur vor Agnes, die ihn bewunderte. + +"Wieso harte Zeit?" sagte Herr Goeppel. "Sie ist doch nur hart, wenn wir +uns gegenseitig das Leben schwer machen. Ich hab' mich mit meinen +Arbeitern noch immer vertragen." + +Diederich zeigte sich entschlossen, daheim in seinem Betrieb eine ganz +andere Zucht einzufuehren. Sozialdemokraten wurden nicht mehr geduldet, und +Sonntags gingen die Leute zur Kirche! - Das auch noch? meinte Herr Goeppel. +Das koenne er von seinen Leuten nicht verlangen, wenn er selbst doch bloss +am Karfreitag gehe. "Soll ich sie beschwindeln? Christentum ist gut; aber +was der Pastor alles redet, glaubt doch kein Mensch mehr." Da sah man +Diederichs Miene hoch ueberlegen werden. + +"Mein lieber Herr Goeppel, ich kann Ihnen nur sagen: Was die Herren da oben +und besonders mein verehrter Freund, der Assessor von Barnim, zu glauben +fuer richtig halten, das glaub' ich auch - unbesehen. Das kann ich Ihnen +nur sagen." + +Der Schwager, der Beamter war, schlug sich ploetzlich auf Diederichs Seite. +Herr Goeppel hatte schon einen roten Kopf, Agnes trat mit dem Kaffee +dazwischen. "Na, schmecken Ihnen meine Zigarren?" Herr Goeppel klopfte +Diederich aufs Knie. "Sehen Sie wohl, im Menschlichen sind wir einig." + +Diederich dachte: "Da ich sozusagen zur Familie gehoere." + +Er liess von seiner strammen Haltung einiges nach, es war noch sehr +gemuetlich. Herr Goeppel wollte wissen, wann Diederich "fertig" werde und +Doktor sei, er begriff nicht, dass eine chemische Arbeit zwei Jahre und +laenger brauche. Diederich verbreitete sich in Ausdruecken, die niemand +verstand, ueber die Schwierigkeiten, zu einer Loesung zu gelangen. Er hatte +die Empfindung, Herr Goeppel warte zu einem bestimmten Zweck auf seine +Promovierung. Auch Agnes schien es zu fuehlen, denn sie griff ein und +lenkte das Gespraech ab. Als Diederich sich verabschiedet hatte, ging sie +mit hinaus und fluesterte ihm zu: + +"Morgen um drei bei dir." + +Vor jaeher Freude griff er nach ihr und kuesste sie, zwischen den Tueren, +waehrend gleich daneben das Maedchen mit dem Geschirr rasselte. Sie fragte +traurig: "Denkst du denn gar nicht daran, was mir passiert, wenn jetzt +jemand kommt?" Er war betroffen und verlangte als Zeichen ihrer Verzeihung +noch einen Kuss. Sie gab ihn. + +Um drei Uhr pflegte Diederich aus dem Cafe ins Laboratorium +zurueckzukehren. Statt dessen war er schon um zwei Uhr wieder in seinem +Zimmer. Richtig kam sie noch vor drei. "Wir haben es beide nicht erwarten +koennen! Wie wir uns liebhaben!" Es war schoener als das erstemal, viel +schoener. Keine Traene mehr, keine Furcht; und die Sonne schien herein. +Diederich breitete Agnes' Haar in der Sonne aus und badete sein Gesicht +darin. + +Sie blieb, bis es fast schon zu spaet war, die Einkaeufe zu machen, die sie +zu Hause vorgeschuetzt hatte. Sie musste laufen. Diederich, der mitlief, war +sehr besorgt, dass es ihr schaden koenne. Aber sie lachte, sah rosig aus und +nannte ihn ihren Baeren. Immer endeten nun so die Tage, an denen sie kam. +Immer waren sie gluecklich. Herr Goeppel stellte fest, dass es Agnes besser +gehe als je, und das verjuengte ihn selbst. Daher wurden auch die Sonntage +jedesmal heiterer. Es dauerte bis abends, dann ward Punsch gemacht, +Diederich musste Schubert spielen, oder er und der Schwager sangen +Burschenlieder und Agnes begleitete sie. Manchmal sahen sie sich +nacheinander um, beiden war zumut, als werde ihr Glueck gefeiert. + +Es kam vor, dass im Laboratorium der Diener zu Diederich hintrat und ihm +meldete, draussen sei eine Dame. Er stand sofort auf, stolz erroetend unter +den verstaendnisvollen Blicken der Kollegen. Und dann bummelten sie, gingen +ins Cafe, ins Panoptikum; und da Agnes gern Bilder sah, erfuhr Diederich +auch, dass es Kunstausstellungen gab. Agnes liebte es, vor einem Bild, das +ihr gefiel, einer sanften, festtaegigen Landschaft aus schoeneren Laendern, +lange stehenzubleiben, mit halbgeschlossenen Augen, und Traeume +auszutauschen mit Diederich. + +"Sieh nur recht hin, dann merkst du, das ist kein Rahmen, es ist ein Tor +mit goldenen Stufen, die gehen wir hinunter und ueber den Weg, und biegen +die Weissdornbuesche weg und steigen in den Kahn. Fuehlst du wohl, wie er +schaukelt? Das kommt, weil wir die Hand durch das Wasser schleifen, es ist +so warm. Drueben am Berg, der weisse Punkt, du weisst schon, es ist unser +Haus, dahin fahren wir. Siehst du, siehst du?" + +"Ja, ja", sagte Diederich voll Eifer. Er kniff die Lider ein und sah +alles, was Agnes wollte. Er geriet so sehr in Feuer, dass er ihre Hand +nahm, um sie zu trocknen. Dann setzten sie sich in einen Winkel und +sprachen von den Reisen, die sie machen wollten, dem sorgenlosen Glueck in +sonniger Ferne, von Liebe ohne Ende. Diederich glaubte, was er sagte. Im +Grunde wusste er wohl, dass er bestimmt sei, zu arbeiten und ein praktisches +Leben zu fuehren, ohne viel Musse fuer Ueberschwenglichkeiten. Aber was er +hier sagte, war von einer hoeheren Wahrheit als alles, was er wusste. Der +eigentliche Diederich, der, der er haette sein sollen, sprach wahr. - Aber +Agnes: wie sie nun aufstanden und gingen, war sie blass und schien muede. +Ihre schoenen blonden Augen hatten einen Glanz, der Diederich beklommen +machte, und sie fragte leise und zitternd: + +"Wenn unser Kahn nun umgeschlagen waere?" + +"Dann haette ich dich gerettet!" sagte Diederich entschlossen. + +"Aber es ist weit vom Ufer, und das Wasser ist schrecklich tief." + +Da er ratlos war: + +"Wir haetten ertrinken muessen. Sag', waerst du gern mit mir gestorben?" + +Diederich sah sie an; dann schloss er die Augen. + +"Ja", sagte er mit einem Seufzer. + +Nachher aber bereute er ein solches Gespraech. Er hatte wohl gemerkt, warum +Agnes ploetzlich in eine Droschke steigen und heimfahren musste. Sie hatte +krampfhafte Roete bis in die Stirn gehabt, und er sollte nicht sehen, wie +sie hustete. Den ganzen Nachmittag bereute Diederich nun. Solche Sachen +waren ungesund, fuehrten zu nichts und machten Ungelegenheiten. Sein +Professor hatte schon von den Besuchen der Dame erfahren. Es ging nicht +laenger, dass sie ihn wegen jeder Laune von seiner Arbeit wegholte. Er +setzte es ihr schonend auseinander. "Du hast wohl recht", sagte sie +darauf. "Ordentliche Menschen brauchen feste Stunden. Aber wenn ich nun um +halb sechs zu dir kommen soll, und am meisten geliebt hab' ich dich schon +um vier?" + +Er fuehlte Spott heraus, vielleicht sogar Geringschaetzung, und ward grob. +Eine Geliebte, die ihn an seiner Karriere hindern wollte, koenne er +ueberhaupt nicht brauchen. So habe er sich die Sache nicht vorgestellt. Da +bat Agnes um Verzeihung. Sie wollte ganz bescheiden werden und in seinem +Zimmer auf ihn warten. Wenn er noch zu tun hatte, oh! er brauchte keine +Ruecksicht zu nehmen. Das beschaemte Diederich, er ward weich und ueberliess +sich, zusammen mit Agnes, den Klagen ueber eine Welt, in der es nicht nur +Liebe gab. "Muss es denn sein?" fragte Agnes. "Du hast ein wenig Geld, ich +auch. Warum Karriere machen und dich abhetzen? Wir koennten es so gut +haben." Diederich sah es ein - nachtraeglich aber nahm er ihr es uebel. Nun +liess er sie warten, halb mit Absicht. Sogar den Besuch politischer +Versammlungen erklaerte er fuer eine Pflicht, die der Zusammenkunft mit +Agnes vorangehe. Eines Abends im Mai, wie er verspaetet heimkam, traf er +vor der Tuer einen jungen Mann in Einjaehrigenuniform, der ihn zoegernd +ansah. "Herr Diederich Hessling?" - "Ach ja," stammelte Diederich, "Sie - +du - Sie sind wohl Herr Wolfgang Buck?" + +Der juengste Sohn des grossen Mannes von Netzig hatte sich endlich +entschlossen, dem Befehl seines Vaters zu folgen und Diederich +aufzusuchen. Diederich nahm ihn mit hinauf, er fand so schnell keinen +Vorwand, um ihn zu entfernen, und drinnen sass Agnes! Im Flur sprach er +laut, damit sie es hoere und sich verstecke. Mit Bangen oeffnete er. Im +Zimmer war niemand; auch ihr Hut lag nicht auf dem Bett; aber Diederich +wusste wohl: sie war noch soeben dagewesen. Er sah es dem Stuhl an, der +nicht ganz am Fleck stand, er fuehlte es an der Luft, die noch leise zu +schwingen schien vom Hindurchstreifen ihres Kleides. Sie musste in dem +fensterlosen kleinen Gelass sein, wo sein Waschtisch stand. Er schob einen +Sessel davor und murrte, unwirsch vor Verlegenheit, ueber die Wirtin, die +nicht aufraeume. Wolfgang Buck meinte, er komme wohl ungelegen. "O nein!" +versicherte Diederich. Er lud den Gast zum Sitzen ein und brachte Kognak. +Buck entschuldigte sich wegen der ungewoehnlichen Stunde; der Dienst lasse +ihm keine Wahl. "Das kennen wir", sagte Diederich; und um Fragen +zuvorzukommen, berichtete er sofort, dass ein Jahr schon hinter ihm liege. +Er sei begeistert vom Militaer, es sei das Wahre. Wer ganz dabei bleiben +koennte! Leider riefen ihn Familienpflichten. Buck laechelte, ein weiches, +skeptisches Laecheln, das Diederich missfiel. "Nun ja, die Offiziere: man +ist wenigstens unter Leuten mit guten Manieren." + +"Sie verkehren mit ihnen?" fragte Diederich, und er meinte es hoehnisch. +Aber Buck erklaerte einfach, dass er zuweilen in die Offiziersmesse geladen +werde. Er zuckte die Achseln. "Ich gehe hin, weil ich es fuer nuetzlich +halte, mich in allen Lagern umzusehen. Andererseits verkehre ich viel mit +Sozialisten." Er laechelte wieder. "Manchmal moechte ich naemlich General +werden und manchmal Arbeiterfuehrer. Auf welche Seite ich schliesslich +fallen werde, darauf bin ich selbst neugierig." Und er trank das zweite +Glas Kognak aus. "Ein ekelhafter Mensch", dachte Diederich. "Und Agnes in +der Dunkelkammer." Er sagte: "Mit Ihren Mitteln steht es Ihnen ja frei, +sich in den Reichstag waehlen zu lassen oder was Ihnen sonst Spass macht. +Ich bin auf praktische Arbeit angewiesen. Die Sozialdemokratie betrachte +ich uebrigens als meinen Feind, denn sie ist der Feind des Kaisers." + +"Wissen Sie das ganz genau?" fragte darauf Buck. "Ich traue eher dem +Kaiser eine heimliche Liebe fuer die Sozialdemokratie zu. Er waere gern +selber der erste Arbeiterfuehrer geworden. Sie haben nur nicht gewollt." + +Diederich empoerte sich. Das sei beleidigend fuer Seine Majestaet. Aber Buck +liess sich nicht stoeren. "Erinnern Sie sich nicht, wie er Bismarck +gegenueber gedroht hat, er wolle den reichen Leuten seinen militaerischen +Schutz entziehen? Er hat, wenigstens anfangs, gerade solche Rancuene gegen +die Reichen gehabt wie die Arbeiter - wenn auch natuerlich aus abweichenden +Gruenden, weil er sich naemlich schwer damit abfindet, dass auch andere Macht +haben." + +Den Ausrufen, die in Diederichs Mienen standen, kam Buck zuvor. "Glauben +Sie bitte nicht," sagte er lebhafter, "dass Antipathie aus mir spricht. Es +ist im Gegenteil Zaertlichkeit: eine Art feindlicher Zaertlichkeit, wenn Sie +wollen." + +"Verstehe ich nicht", sagte Diederich. + +"Nun ja: wie man sie fuer jemand hat, bei dem man seine eigenen Fehler +wiederfindet, oder nennen Sie es Tugenden. Jedenfalls sind wir jungen +Leute jetzt alle so wie unser Kaiser, dass wir naemlich unsere +Persoenlichkeit ausleben moechten und doch ganz gut fuehlen, Zukunft hat nur +die Masse. Einen Bismarck wird es nicht mehr geben und auch keinen +Lassalle mehr. Vielleicht sind es die Begabteren unter uns, die sich das +heute noch ableugnen moechten. Er jedenfalls moechte es sich ableugnen. Und +wenn einem solche Unmenge Macht in den Schoss gefallen ist, waere es auch +wirklich Selbstmord, sich nicht zu ueberschaetzen. Aber in tiefster Seele +hat er sicher seine Zweifel an der Rolle, die er sich zumutet." + +"Rolle?" fragte Diederich. Buck merkte es gar nicht. + +"Denn die kann ihn weit fuehren, da sie in der Welt, wie sie heute nun +einmal ist, verdammt paradox wirken muss. Diese Welt erwartet von keinem +einzelnen irgend mehr als von seinem Nachbarn. Auf Niveau kommt es an, +nicht auf Auszeichnung, und am allerwenigsten auf grosse Maenner." + +"Erlauben Sie!" Diederich warf sich in die Brust. "Und das Deutsche Reich, +haetten wir das ohne grosse Maenner? Hohenzollern sind immer grosse Maenner." - +Buck verzog schon wieder den Mund, wehmuetig und skeptisch. "Dann muessen +sie sich in acht nehmen. Und wir anderen auch. Der Kaiser steht, auf seine +Verhaeltnisse uebertragen, vor derselben Frage wie ich. Soll ich General +werden und mein ganzes Leben auf einen Krieg einrichten, der +voraussichtlich nie mehr gefuehrt werden wird? Oder ein womoeglich genialer +Volksfuehrer, waehrend das Volk doch schon so weit ist, dass es auf die +Genies verzichten kann? Beides waere Romantik, und Romantik fuehrt +bekanntlich zum Bankerott." Buck trank zwei Kognaks nacheinander. + +"Was soll ich also werden?" + +"Ein Alkoholiker", dachte Diederich. Er fragte sich, ob es nicht seine +Pflicht sei, Buck einen Krach zu machen. Aber Buck trug Uniform! Auch +wuerde der Laerm vielleicht Agnes hervorgescheucht haben, und was konnte +dann alles entstehen! Immerhin beschloss er, sich Bucks Aeusserungen genau zu +merken. Dachte der Mensch mit solchen Gesinnungen Karriere zu machen? +Diederich erinnerte sich, dass auf der Schule Bucks deutsche Aufsaetze, die +zu geistreich waren, ihm ein unerklaertes, aber tiefes Misstrauen eingegeben +hatten. "Stimmt," dachte er, "so ist er geblieben. Ein Schoengeist. Die +ganze Familie ist so." Die Frau des alten Buck war eine Juedin gewesen, die +Theater gespielt hatte. Und Diederich fuehlte sich nachtraeglich gedemuetigt +durch das herablassende Wohlwollen des alten Buck beim Begraebnis seines +Vaters. Auch der junge demuetigte ihn, fortwaehrend und mit allem: mit +seinen ueberlegenen Redensarten, seinen Manieren, seinem Verkehr bei den +Offizieren. War er ein Herr von Barnim? Er war auch nur aus Netzig. "Ich +hasse die ganze Familie!" Und Diederich betrachtete aus gekniffenen Lidern +dies fleischige Gesicht mit der weich gebogenen Nase und den feucht +glaenzenden Augen, die sannen. Buck stand auf. "Nun, wir sehen uns zu Hause +wieder. Naechstes oder uebernaechstes Semester mache ich mein Examen, und was +bleibt dann weiter uebrig, als Rechtsanwalt spielen in Netzig ... Und Sie?" +fragte er. Diederich erklaerte streng, dass er seine Zeit nicht zu verlieren +und noch im Sommer seine Doktorarbeit abzuschliessen denke. Damit fuehrte er +Buck hinaus. "Ein dummer Kerl bist du doch nur", dachte er. "Merkst gar +nicht, dass ich ein Maedchen bei mir habe." Er kehrte zurueck, froh seiner +Ueberlegenheit ueber Buck und auch ueber Agnes, die im Dunkeln gewartet und +nicht gemuckt hatte. + +Wie er aber die Tuer oeffnete, hing sie ueber einem Stuhl, ihre Brust ging +heftig, und mit dem Taschentuch unterdrueckte sie das Keuchen. Sie sah ihm +entgegen, aus geroeteten Augen. Er sah: sie war da drinnen fast erstickt, +und sie hatte geweint - indes er hier draussen getrunken und unnuetzes Zeug +geredet hatte. Seine erste Regung war masslose Reue. Sie liebte ihn! Da sass +sie und liebte ihn sehr, dass sie alles ertrug! Er war im Begriff, die Arme +zu erheben, vor sie hinzustuerzen und sie weinend um Verzeihung zu bitten. +Rechtzeitig hielt er sich zurueck aus Furcht vor der Szene und der +sentimentalen Stimmung nachher, die ihn wieder mehrere Arbeitstage kostete +und ihr die Oberhand gab. Er tat ihr nicht den Willen! Denn natuerlich +uebertrieb sie absichtlich. So kuesste er sie fluechtig auf die Stirn und +sagte: "Du bist schon da? Ich hab' dich gar nicht kommen gesehen." Sie +zuckte auf, wie um etwas zu erwidern, aber sie schwieg. Darauf erklaerte +er, es sei gerade jemand fortgegangen. "So ein Judenbengel, der sich +aufspielt! Einfach ekelhaft!" Diederich lief im Zimmer umher. Um Agnes +nicht ansehen zu muessen, lief er immer schneller und redete immer +heftiger. "Das sind unsere schlimmsten Feinde! Die mit ihrer sogenannten +feinen Bildung, die alles antasten, was uns Deutschen heilig ist! Solch +ein Judenbengel kann froh sein, dass wir ihn dulden. Soll er seine +Pandekten bueffeln und die Schnauze halten. Auf seine schoengeistigen +Schmoeker huste ich!" schrie er noch lauter, mit der Absicht, auch Agnes zu +kraenken. Da sie nicht antwortete, nahm er einen neuen Anlauf. "Das kommt +aber alles, weil jeder mich jetzt zu Hause findet. Immer muss ich +deinetwegen auf der Bude hocken!" + +Agnes sagte schuechtern: "Wir haben uns schon sechs Tage nicht gesehen. +Sonntag bist du wieder nicht gekommen. Ich fuerchte, du hast mich nicht +mehr lieb." Er blieb vor ihr stehen. Von oben herab: "Mein liebes Kind, +dass ich dich liebhabe, brauch' ich dir wohl wirklich nicht mehr zu +versichern. Aber eine andere Frage ist es, ob ich darum auch Lust habe, +jeden Sonntag deinen Tanten beim Haekeln zuzusehen und mit deinem Vater +ueber Politik zu reden, wovon er nichts versteht." Agnes senkte den Kopf. +"Frueher war es so schoen. Du standest dich schon so gut mit Papa." +Diederich drehte ihr den Ruecken zu und sah aus dem Fenster. Das war es +eben: er fuerchtete zu gut zu stehen mit Herrn Goeppel. Durch seinen +Buchhalter, den alten Soetbier, wusste er, dass Goeppels Geschaeft bergab ging. +Seine Zellulose taugte nichts mehr, Soetbier bezog sie nicht mehr von ihm. +Da waere ein Schwiegersohn wie Diederich ihm freilich gelegen gekommen. +Diederich fuehlte sich umgarnt von diesen Leuten. Auch von Agnes! Er hatte +sie im Verdacht, mit dem Alten zusammenzustecken. Entruestet wandte er sich +ihr wieder zu. "Und dann, liebes Kind, ehrlich gestanden: was wir beide +tun, nicht wahr, das ist unsere Sache, aber deinen Vater lassen wir lieber +aus dem Spiel. Beziehungen wie die unseren soll man mit +Familienfreundschaft nicht verquicken. Mein sittliches Gefuehl verlangt da +reinliche Scheidung." + +Ein Augenblick verging, dann stand Agnes auf, als habe sie jetzt +begriffen. Sie war tief erroetet. Sie ging zur Tuer. Diederich holte sie +ein. "Aber Agnes, so hab' ich es doch nicht gemeint. Es war doch nur, weil +ich dich viel zu sehr achte -. Und ich kann ja auch wiederkommen Sonntag." +Sie liess ihn reden, mit unbewegter Miene. "Nun sei doch wieder gemuetlich", +bat er. "Du hast noch nicht mal deinen Hut abgenommen." Sie tat es. Er +verlangte, sie solle sich auf den Diwan setzen, und sie setzte sich. Sie +kuesste ihn auch, wie er es wollte. Aber indes ihre Lippen laechelten und +kuessten, blieben ihre Augen starr und unbeteiligt. Ploetzlich riss sie ihn in +ihre Arme: er erschrak, er wusste nicht, ob es Hass war. Aber dann fuehlte er +sich heisser geliebt als je. + +"Heute war es aber wirklich schoen. Was, meine kleine suesse Agnes?" sagte +Diederich, zufrieden und gutmuetig. + +"Adieu", sagte sie, hastend nach Schirm und Beutel, waehrend er sich erst +ankleidete. + +"Du hast es aber eilig." - "Weiter kann ich wohl nichts fuer dich tun." Sie +war schon bei der Tuer - ploetzlich fiel sie mit der Schulter gegen den +Pfosten und ruehrte sich nicht mehr. "Was ist denn los?" Wie Diederich +naeher kam, sah er sie schluchzen. Er beruehrte sie. "Ja, was hast du denn?" +Da ward ihr Weinen laut und krampfhaft. Es hoerte nicht auf. "Aber Agnes," +sagte Diederich von Zeit zu Zeit, "was ist auf einmal geschehen, wir waren +doch so vergnuegt." Und ganz ratlos: "Hab' ich dir was getan?" Zwischen den +Krisen und halb erstickt, brachte sie hervor: "Ich kann nicht. +Entschuldige." Er trug sie auf den Diwan. Als es endlich vorbei war, +schaemte Agnes sich. "Verzeih! Ich kann nicht dafuer." - "Kann denn ich +dafuer?" - "Nein, nein. Es sind die Nerven. Verzeih!" + +Mitleidig und geduldig brachte er sie bis zu einem Wagen. Nachtraeglich +aber erschien ihm auch der Anfall als halbe Komoedie und als eins der +Mittel, die ihn endgueltig einfangen sollten. Das Gefuehl verliess ihn nicht +mehr, dass Raenke gesponnen wurden gegen seine Freiheit und seine Zukunft. +Er wehrte sich dagegen vermittels schroffen Auftretens, Betonung seiner +maennlichen Selbstaendigkeit und durch Kaelte, sobald die Stimmung weich +ward. Sonntags bei Goeppels war er auf seiner Hut, wie in Feindesland: +korrekt und unzugaenglich. Wann seine Arbeit denn nun fertig werde? fragten +sie. Er koenne die Loesung morgen finden oder erst in zwei Jahren, das wisse +er selbst nicht. Er betonte, dass er auch kuenftig finanziell abhaengig von +seiner Mutter bleibe. Er werde noch lange fuer nichts Zeit haben als einzig +fuer das Geschaeft. Und da Herr Goeppel die idealen Werte des Lebens zu +bedenken gab, lehnte Diederich barsch ab. "Noch gestern hab' ich meinen +Schiller verkauft. Denn ich habe keinen Sparren und lass' mir nichts +vormachen." Wenn er nach solchen Worten Agnes' stummen und betruebten Blick +auf sich fuehlte, hatte er wohl einen Augenblick die Empfindung, als habe +nicht er selbst gesprochen, als gehe er im Nebel, rede falsch und handle +wider Willen. Aber das verging. + +Agnes kam, sooft er sie bestellte, und ging fort, wenn es Zeit fuer ihn +war, zu arbeiten oder zu kneipen. Sie verfuehrte ihn nicht mehr zu +Traeumereien vor Bildern, seit er einmal an einem Wurstgeschaeft angehalten +und ihr erklaert hatte, dass sei fuer ihn der schoenste Kunstgenuss. Ihm selbst +fiel es endlich auf das Herz, wie selten sie sich nur noch sahen. Er warf +ihr vor, dass sie nicht darauf dringe, oefter zu kommen. "Frueher warst du +ganz anders." "Ich muss warten", sagte sie. "Worauf?" "Dass auch du wieder +so wirst. Oh! Ich weiss ganz sicher, es wird kommen." + +Er schwieg aus Furcht vor Auseinandersetzungen. Dennoch kam es, wie sie +gesagt hatte. Seine Arbeit war endlich beendet und gutgeheissen, er hatte +nur noch eine belanglose muendliche Pruefung zu bestehen und war in der +gehobenen Stimmung einer Lebenswende. Wie Agnes ihm ihren Glueckwunsch +brachte und Rosen dazu, brach er in Traenen aus und sagte, dass er sie +immer, immer liebhaben werde. Sie berichtete, dass Herr Goeppel soeben eine +mehrtaegige Geschaeftsreise antrete. "Und nun ist das Wetter so +wunderschoen ..." Diederich fiel sofort ein: "Das muessen wir benutzen! +Solche Gelegenheit haben wir noch nie gehabt!" Sie beschlossen, aufs Land +hinaus zu fahren. Agnes wusste von einem Ort namens Mittenwalde; es musste +einsam dort sein und romantisch wie der Name. "Den ganzen Tag werden wir +beisammen sein!" - "Und die Nacht auch", setzte Diederich hinzu. + +Schon der Bahnhof, von dem man abfuhr, war entlegen und der Zug ganz klein +und altmodisch. Sie blieben allein in ihrem Wagen; es dunkelte langsam, +der Schaffner zuendete ihnen eine truebe Lampe an, und sie sahen, eng +umschlungen, stumm und mit grossen Augen hinaus in das flache, eintoenige +Ackerland. Da hinausgehen, zu Fuss, weit fort, und sich verlieren in der +guten Dunkelheit! Bei einem Dorf mit einer Handvoll Haeuser waeren sie fast +ausgestiegen. Der Schaffner holte sie jovial zurueck; ob sie denn auf Stroh +uebernachten wollten. Und dann langten sie an. Das Wirtshaus hatte einen +grossen Hof, ein weites Gastzimmer mit Petroleumlampen unter der +Balkendecke und einen biederen Wirt, der Agnes "gnaedige Frau" nannte und +schlaue slawische Augen dazu machte. Sie waren voll heimlichen +Einverstaendnisses und befangen. Nach dem Essen waeren sie gern gleich +hinaufgegangen, wagten es aber nicht und blaetterten gehorsam in den +Zeitschriften, die der Wirt ihnen hinlegte. Wie er den Ruecken wandte, +warfen sie einander einen Blick zu, und, husch, waren sie auf der Treppe. +Noch war kein Licht im Zimmer, die Tuer stand noch offen, und schon lagen +sie einander in den Armen. + +Ganz frueh am Morgen schien die Sonne herein. Im Hof drunten pickten Huehner +und flatterten auf den Tisch vor der Laube. "Dort wollen wir fruehstuecken!" +Sie gingen hinab. Wie herrlich warm! Aus der Scheuer duftete es koestlich +nach Heu. Kaffee und Brot schmeckten ihnen frischer als sonst. So frei war +einem um das Herz, das ganze Leben stand offen. Stundenweit wollten sie +gehen; der Wirt musste die Strassen und Doerfer nennen. Sie lobten freudig +sein Haus und seine Betten. Sie seien wohl auf der Hochzeitsreise? +"Stimmt" - und sie lachten herzhaft. + +Die Pflastersteine der Hauptstrasse streckten ihre Spitzen nach oben, und +die Julisonne faerbte sie bunt. Die Haeuser waren hoeckrig, schief und so +klein, dass die Strasse zwischen ihnen sich ausnahm wie ein Feld mit +Steinen. Die Glocke des Kraemers klapperte lange hinter den Fremden her. +Wenige Leute, halb staedtisch gekleidet, schlichen durch den Schatten und +wandten sich um nach Agnes und Diederich, die stolze Gesichter machten, +denn sie waren die Elegantesten hier. Agnes entdeckte das Modengeschaeft +mit den Hueten der feinen Damen. "Nicht zu glauben! Das hat man in Berlin +vor drei Jahren getragen!" Dann traten sie durch ein Tor, das wacklig +aussah, in das Land hinaus. Die Felder wurden gemaeht. Der Himmel war blau +und schwer, die Schwalben schwammen darin wie in traegem Wasser. Die +Bauernhaeuser dort drueben waren eingetaucht in heisses Flimmern, und ein +Wald stand schwarz, mit blauen Wegen. Agnes und Diederich fassten sich bei +den Haenden, und ohne Verabredung fingen sie zu singen an: ein Lied fuer +wandernde Kinder, das sie noch aus der Schule kannten. Diederich machte +seine Stimme tief, damit Agnes ihn bewundere. Als sie nicht weiter wussten, +wandten sie einander die Gesichter zu und kuessten sich, im Gehen. + +"Jetzt seh' ich erst recht, wie huebsch du bist", sagte Diederich und sah +zaertlich in ihr rosiges Gesicht, mit den blonden Wimpern um diese blonden, +goldgestirnten Augen. "Der Sommer steht mir gut" - und Agnes atmete frei +auf, dass ihre Hemdbluse geschwellt ward. Schlank ging sie dahin, mit +schmalen Hueften und dem blauen Schleier, der ihr nachwehte. Diederich +hatte es zu warm, er zog den Rock aus, dann auch die Weste, und endlich +gestand er, dass er sich Schatten wuensche. Sie fanden welchen, am Rand +eines Feldes, worauf noch das Korn stand, und unter einem Akazienbusch, +der noch duftete. Agnes setzte sich und legte Diederichs Kopf in ihren +Schoss. Sie spielten noch miteinander und scherzten: ploetzlich merkte sie, +dass er einschlief. + +Er wachte auf, sah um sich, und als er Agnes' Gesicht fand, erglaenzte er +selig. "Lieber", sagte sie. "Was du fuer ein gutes, dummes Gesicht machst." +- "Erlaub' mal! Ich habe doch hoechstens fuenf Minuten - nein, wahrhaftig, +eine Stunde hab' ich geschlafen. Hast du dich gelangweilt?" Aber sie war +erstaunter als er, dass so viel Zeit vergangen war. Seinen Kopf zog er +unter der Hand hervor, die sie ihm auf das Haar gelegt hatte, als er +einschlief. + +Zwischen den Feldern gingen sie zurueck. In einem lag eine dunkle Masse; +und als sie durch die Halme spaehten, war es ein alter Mann mit einer +Pelzkappe, rostroter Jacke und Samthosen, die auch schon roetlich waren. +Seinen Bart hatte er sich, zusammengekruemmt, um die Knie gewickelt. Sie +bueckten sich tiefer, um ihn zu erkennen. Da bemerkten sie, dass er sie +schon laengst aus schwarzen Funkelaugen ansah. Unwillkuerlich schritten sie +schneller aus, und in den Blicken, die sie einander zuwandten, stand +Maerchengrauen. Sie blickten umher: sie waren in einem weiten, fremden +Land, die kleine Stadt dort hinten schlief fremdartig in der Sonne, und +der Himmel sah ihnen aus, als seien sie Tag und Nacht gereist. + +Wie abenteuerlich das Mittagessen in der Laube des Wirtshauses, mit der +Sonne, den Huehnern, dem offenen Kuechenfenster, aus dem Agnes sich die +Teller reichen liess. Wo war die buergerliche Ordnung der Bluecherstrasse, wo +Diederichs angestammter Kneiptisch? "Ich gehe nicht wieder fort von hier", +erklaerte Diederich. "Dich lass' ich auch nicht fort." Und Agnes: "Warum +denn auch? Ich schreibe meinem Papa und lass' es ihm durch meine Freundin +schicken, die in Kuestrin verheiratet ist. Dann glaubt er, ich bin dort." + +Spaeter gingen sie nochmals aus, nach der anderen Seite, wo Wasser floss und +der Horizont von den Fluegeln dreier Windmuehlen umsegelt ward. Im Kanal lag +ein Boot; sie mieteten es und schwammen dahin. Ein Schwan kam ihnen +entgegen. Der Schwan und ihr Boot glitten lautlos aneinander vorueber. +Unter herniederhaengenden Bueschen legte es von selbst an - und Agnes fragte +unvermittelt nach Diederichs Mutter und seinen Schwestern. Er sagte, dass +sie immer gut zu ihm gewesen seien, und dass er sie liebhabe. Er wollte +sich die Bilder der Schwestern schicken lassen, sie waren huebsch geworden; +oder vielleicht nicht huebsch, aber so anstaendig und sanft. Die eine, Emmi, +las Gedichte, wie Agnes. Diederich wollte fuer beide sorgen und sie +verheiraten. Seine Mutter aber, die behielt er bei sich, denn ihr hatte er +alles Gute im Leben verdankt, bis Agnes gekommen war. Und er erzaehlte von +den Daemmerstunden, den Maerchen unter den Weihnachtsbaeumen seiner Kindheit +und sogar von dem Gebet "aus dem Herzen". Agnes hoerte zu, ganz versunken. +Endlich seufzte sie auf. "Deine Mutter moechte ich kennenlernen. Meine hab' +ich nicht gekannt." Er kuesste sie, mitleidig, achtungsvoll und mit einer +dunklen Empfindung von schlechtem Gewissen. Er fuehlte: jetzt hatte er ein +Wort zu sprechen, das sie ganz und gar fuer immer troesten musste. Aber er +schob es hinaus, er konnte nicht. Agnes sah ihn tief an. "Ich weiss," sagte +sie langsam, "dass du im Herzen ein guter Mensch bist. Du musst nur manchmal +anders tun." Darueber erschrak er. Dann sagte sie, als entschuldigte sie +sich: "Heute hab ich gar keine Furcht vor dir." + +"Hast du denn sonst Furcht?" fragte er reumuetig. Sie sagte: + +"Ich habe mich immer gefuerchtet, wenn die Leute recht hochgemut und lustig +waren. Bei meinen Freundinnen frueher war es mir oft, als koennte ich mit +ihnen nicht Schritt halten, und sie muessten es merken und mich verachten. +Sie merkten es aber nicht. Schon als Kind: ich hatte eine Puppe mit grossen +blauen Glasaugen, und als meine Mutter gestorben war, musste ich nebenan +bei der Puppe sitzen. Sie sah mich immer starr an mit ihren aufgerissenen +harten Augen, die sagten mir: Deine Mutter ist tot, jetzt werden dich alle +so ansehen wie ich. Gerne haette ich sie auf den Ruecken gelegt, damit sie +die Augen schloss. Aber ich wagte es nicht. Haette ich denn auch die +Menschen auf den Ruecken legen koennen? Alle haben solche Augen, und +manchmal -" sie verbarg ihr Gesicht an seiner Schulter, "manchmal sogar +du." + +Der Hals war ihm zugeschnuert, er tastete ueber ihren Nacken, und seine +Stimme schwankte. "Agnes! Suesse Agnes, du weisst gar nicht, wie ich dich +liebhabe ... Ich hab' Furcht vor dir gehabt, ja, ich! Drei Jahre lang hab' +ich mich nach dir gesehnt, aber du warst zu schoen fuer mich, zu fein, zu +gut ..." Sein ganzes Herz schmolz; er sagte alles, was er ihr nach ihrem +ersten Besuch geschrieben hatte, in dem Brief, der noch in seinem +Schreibtisch lag. Sie hatte sich aufgerichtet und hoerte ihm zu, entzueckt, +die Lippen geoeffnet. Sie jubelte leise: "Ich wusste es, so bist du, du bist +wie ich!" + +"Wir gehoeren zusammen", sagte Diederich und presste sie an sich; aber er +war erschrocken ueber seinen Ausruf: "Jetzt wartet sie," dachte er, "jetzt +soll ich sprechen." Er wollte es, aber er fuehlte sich gelaehmt. Der Druck +seiner Arme auf ihrem Ruecken ward immer kraftloser ... Sie bewegte sich: +er wusste, nun wartete sie nicht mehr. Und sie loesten sich voneinander, +ohne sich anzusehen. Diederich schlug ploetzlich die Haende vor das Gesicht +und schluchzte. Sie fragte nicht, weshalb; sie strich ihm troestend ueber +das Haar. Das waehrte lange. + +Ueber ihn hinweg, ins Leere, sagte Agnes: "Hab' ich denn geglaubt, dass es +dauern wuerde? Es musste schlimm enden, weil es so schoen war." + +Er fuhr auf, verzweifelt. "Es ist doch nicht aus!" Sie fragte: + +"Glaubst du an das Glueck?" + +"Wenn ich dich verlieren soll, nicht mehr!" + +Sie murmelte: "Du wirst fortgehen, hinaus in das Leben und mich +vergessen." + +"Lieber sterben!" - und er zog sie an sich. Sie fluesterte an seiner Wange: + +"Sieh, wie breit hier das Wasser ist, ein See. Unser Boot hat sich von +selbst losgemacht und uns hinausgefuehrt. Weisst du noch, jenes Bild? Und +der See, auf dem wir schon einmal im Traum fuhren? Wohin wohl?" Und noch +leiser: "Wohin mit uns?" + +Er antwortete nicht mehr. Ganz umschlungen und die Lippen aufeinander, +senkten sie sich rueckwaerts immer tiefer ueber das Wasser. Draengte sie ihn? +Zog er sie? Niemals waren sie so sehr eins gewesen. Diederich fuehlte: nun +war es gut. Er war, mit Agnes zu leben, nicht edel genug gewesen, nicht +glaeubig, nicht tapfer genug. Jetzt hatte er sie eingeholt, nun war es gut. + +Ploetzlich, ein Stoss: sie schnellten in die Hoehe. Diederich hatte so viel +Kraft gebraucht, dass Agnes von ihm fort und zu Boden fiel. Er strich sich +ueber die Stirn. "Was haben wir denn da?" - Noch kalt vom Schrecken und als +sei er beleidigt, sah er weg von ihr. "So unvorsichtig darf man nicht sein +beim Bootfahren." Er liess sie allein aufstehen, griff sogleich nach den +Rudern und fuhr zurueck. Agnes hielt das Gesicht nach dem Ufer gewendet. +Einmal wollte sie zu ihm hinsehen; aber sein Blick traf sie so misstrauisch +und hart, dass sie zusammenfuhr. + +In der sinkenden Daemmerung gingen sie, immer schneller, die Landstrasse +zurueck. Zuletzt liefen sie fast. Und erst als es dunkel genug war, dass sie +ihre Gesichter nicht mehr deutlich erkannten, sprachen sie. Morgen frueh +kam Herr Goeppel vielleicht heim. Agnes musste heim ... Wie sie beim +Wirtshaus ankamen, pfiff in der Ferne schon der Zug. "Nicht mal mehr essen +kann man!" sagte Diederich mit kuenstlicher Unzufriedenheit. Hals ueber Kopf +die Sachen holen, zahlen und fort. Der Zug fuhr ab, kaum dass sie drin +waren. Ein Glueck, dass sie Atem zu schoepfen und die eiligen Geschaefte der +letzten Viertelstunde zu besprechen hatten. Das letzte Wort darueber war +gefallen, und nun sass jeder da, allein bei trueber Lampe und betaeubt wie +nach einem grossen Misserfolg. Das dunkle Land da draussen, hatte es einmal +gelockt und Gutes versprochen? Das sollte erst gestern gewesen sein? Man +fand nicht zurueck. Kamen nicht endlich die Lichter der Stadt und befreiten +einen? + +Bei der Ankunft waren sie darueber einig, dass es sich nicht verlohne, in +denselben Wagen zu steigen. Diederich nahm die Trambahn. Haende und Augen +streiften sich nur. + + + +"Uff!" machte Diederich, als er allein war. "Das waere erledigt." Er sagte +sich: "Es haette ebensogut schief gehen koennen." Und mit Empoerung: "So eine +hysterische Person!" Sich selbst wuerde sie sicher am Boot festgehalten +haben. Er haette das Bad allein nehmen muessen. Auf den ganzen Trick war sie +doch nur verfallen, weil sie durchaus geheiratet werden wollte! "Die +Weiber sind zu gerissen, und sie haben keine Hemmungen, da kommt +unsereiner nun mal nicht mit. Diesmal hat sie mich, weiss Gott, noch aerger +an der Nase herumgefuehrt als damals mit Mahlmann. Na, mir soll es eine +Lehre fuer das Leben sein. Nun aber Schluss!" Und festen Schrittes ging er +zu den Neuteutonen. Fortan verbrachte er jeden Abend dort, und am Tage +bueffelte er fuer das muendliche Examen, aber zur Vorsicht nicht zu Hause, +sondern im Laboratorium. Wenn er dann heimkam, ward ihm das Steigen der +Stockwerke schwer, er musste sich gestehen, dass er Herzklopfen habe. +Zoegernd oeffnete er die Zimmertuer: - nichts; und nachdem ihm anfangs +leichter geworden war, kam es schliesslich doch jedesmal dazu, dass er die +Wirtin fragte, ob jemand dagewesen sei. Niemand war dagewesen. + +Nach vierzehn Tagen aber kam ein Brief. Er hatte ihn geoeffnet, bevor er es +bedachte. Dann wollte er ihn ungelesen in den Schreibtisch werfen - zog +ihn aber wieder hervor und hielt ihn weit fort vom Gesicht. Hastig, mit +misstrauischen Augen griff er hier und da eine Zeile heraus. "Ich bin so +ungluecklich ..." "Kennen wir!" antwortete Diederich. "Ich wage mich nicht +zu Dir ..." "Dein Glueck!" "Es ist schrecklich, dass wir uns fremd geworden +sind ..." "Wenigstens siehst du es ein." "Verzeih mir, was geschehen ist, +oder ist nichts geschehen?..." "Gerade genug!" "Ich kann nicht +weiterleben ..." "Faengst du schon wieder an?" Und er schleuderte das Blatt +endgueltig in die Lade, zu jenem anderen, das er in einer zuchtlosen Nacht +mit Ueberschwenglichkeiten bedeckt und zum Glueck nicht abgeschickt hatte. + +Eine Woche spaeter aber, wie er in der Nacht heimkam, hoerte er hinter sich +Schritte, die besonders klangen. Er fuhr herum: eine Gestalt blieb stehen, +die Haende ein wenig erhoben und leer vor sich hingehalten. Noch waehrend er +das Haustor aufschloss und eintrat, sah er sie im Halbdunkel dastehen. Im +Zimmer machte er kein Licht. Er schaemte sich, indes sie aus dem Dunkel +hinaufspaehte, das Zimmer zu beleuchten, das ihr gehoert hatte. Es regnete. +Wie viele Stunden hatte sie gewartet? Gewiss stand sie noch immer dort, mit +ihrer letzten Hoffnung. Das war nicht auszuhalten! Er wollte das Fenster +aufreissen - und wich zurueck. Einmal fand er sich ploetzlich auf der Treppe, +mit dem Hausschluessel in der Hand. Gerade gelang es ihm noch, umzukehren. +Darauf schloss er ab und zog sich aus. "Mehr Haltung, mein Lieber!" Denn +diesmal waere man aus der Sache nicht mehr leicht herausgekommen. Das Maedel +war zweifellos zu bedauern, aber schliesslich hatte sie es gewollt. "Vor +allem habe ich Pflichten gegen mich selbst." - Am Morgen, schlecht +ausgeschlafen, nahm er es ihr sogar sehr uebel, dass sie noch einmal +versucht hatte, ihn aus seiner Bahn zu reissen. Jetzt, da sie wusste, dass +die Pruefung bevorstand! Solche Gewissenlosigkeit sah ihr aehnlich. Und +durch die naechtliche Szene, diese Bettlerrolle im Regen, hatte ihre +Gestalt nachtraeglich etwas Verdaechtiges und Unheimliches bekommen. Er +betrachtete sie als endgueltig gesunken. "Auf keinen Fall mehr das +geringste!" beteuerte er sich, und er beschloss, noch fuer den kurzen Rest +seines Aufenthaltes die Wohnung zu wechseln: "selbst wenn es mit einem +Geldopfer verbunden sein sollte." Gluecklicherweise suchte ein Kollege +grade ein Zimmer; Diederich verlor nichts und zog sofort um, weit hinauf +nach dem Norden. Kurz darauf bestand er sein Examen. Die Neuteutonia +feierte ihn mit einem Fruehschoppen, der bis gegen Abend dauerte. Zu Hause +ward ihm gesagt, dass in seinem Zimmer ein Herr auf ihn warte. "Es wird +Wiebel sein," dachte Diederich, "er muss mir doch Glueck wuenschen." Und von +Hoffnung geschwellt: "Vielleicht ist es der Assessor von Barnim?" Er +oeffnete, und er prallte zurueck. Denn da stand Herr Goeppel. + +Auch er fand nicht gleich Worte. "Nanu, im Frack?" sagte er dann, und +zoegernd: "Waren Sie vielleicht bei mir?" + +"Nein", sagte Diederich und erschrak aufs neue. "Ich habe nur meine +Doktorpruefung gemacht." + +Goeppel erwiderte: "Ach so, ich gratuliere." Dann brachte Diederich hervor: +"Wie haben Sie denn meine neue Adresse gefunden?" Und Goeppel antwortete: +"Ihrer frueheren Wirtin haben Sie sie allerdings nicht gesagt. Aber es gibt +ja auch sonst noch Mittel." Darauf sahen sie einander an. Goeppels Stimme +war ruhig gewesen, aber Diederich fuehlte schreckliche Drohungen darin. Er +hatte den Gedanken an die Katastrophe immer hinausgeschoben, und jetzt war +sie da. Er musste sich setzen. + +"Naemlich," begann Goeppel, "ich komme, weil es Agnes gar nicht gut geht." + +"Oh!" machte Diederich mit verzweifelter Heuchelei. "Was fehlt ihr denn?" +Herr Goeppel wiegte bekuemmert den Kopf. "Das Herz will nicht; aber es sind +natuerlich nur die Nerven ... Natuerlich", wiederholte er, nachdem er +vergeblich gewartet hatte, dass Diederich es wiederhole. "Und nun wird sie +mir melancholisch vor Langeweile, und ich moechte sie aufheitern. Ausgehen +darf sie nicht. Aber kommen Sie doch mal wieder zu uns, morgen ist +Sonntag." + +"Gerettet!" fuehlte Diederich. "Er weiss nichts." Vor Freude ward er zum +Diplomaten, er kratzte sich den Kopf. "Ich hatte es mir schon fest +vorgenommen. Aber jetzt muss ich dringend nach Haus, unser alter +Geschaeftsfuehrer ist krank. Nicht mal meinen Professoren kann ich +Abschiedsbesuche machen, morgen frueh reise ich gleich ab." + +Goeppel legte ihm die Hand auf das Knie. "Sie sollten es sich ueberlegen, +Herr Hessling. Seinen Freunden schuldet man manchmal auch was." + +Er sprach langsam und hatte einen so eindringlichen Blick, dass Diederich +wegsehen musste. "Wenn ich nur koennte", stammelte er; Goeppel sagte: + +"Sie koennen. Ueberhaupt koennen Sie alles, was hier in Frage kommt." + +"Wieso?" Diederich erstarrte im Innern. "Sie wissen wohl, wieso", sagte +der Vater; und nachdem er seinen Stuhl ein Stueck zurueckgeschoben hatte: +"Sie denken doch hoffentlich nicht, dass Agnes mich hergeschickt hat? Im +Gegenteil, ich hab' ihr versprechen muessen, dass ich gar nichts tue und Sie +ganz in Ruhe lasse. Aber dann hab' ich mir ueberlegt, dass es doch +eigentlich zu dumm waere, wenn wir beide noch lange umeinander herum gehen +wollten, so wie wir uns kennen, und wie ich Ihren seligen Vater gekannt +habe, und bei unserer Geschaeftsverbindung und so weiter." + +Diederich dachte: "Die Geschaeftsverbindung ist geloest, mein Bester." Er +wappnete sich. + +"Ich gehe gar nicht um Sie herum, Herr Goeppel." + +"Na also. Dann ist ja alles in Ordnung. Ich verstehe wohl: der Sprung in +die Ehe, den tut kein junger Mann, besonders heute, ohne erst mal zu +scheuen. Aber wenn die Geschichte so glatt liegt wie hier, nicht wahr? +Unsere Branchen greifen ineinander, und wenn Sie Ihr vaeterliches Geschaeft +ausdehnen wollen, kommt Ihnen Agnes' Mitgift sehr gelegen." Und in einem +Atem weiter, indes seine Augen abirrten: "Momentan kann ich zwar nur +zwoelftausend Mark fluessig machen, aber Zellulose kriegen Sie, soviel Sie +wollen." + +"Siehst du wohl?" dachte Diederich. "Und die zwoelftausend muesstest du dir +auch pumpen - wenn du sie noch kriegst." - "Sie haben mich missverstanden, +Herr Goeppel", erklaerte er. "Ich denke nicht ans Heiraten. Dazu waeren zu +grosse Geldmittel noetig." + +Herr Goeppel sagte mit angstvollen Augen und lachte dabei: "Ich kann noch +ein uebriges tun ..." + +"Lassen Sie nur", sagte Diederich, vornehm abwehrend. + +Goeppel ward immer ratloser. + +"Ja, was wollen Sie dann ueberhaupt?" + +"Ich? Gar nichts. Ich dachte, Sie wollten was, weil Sie mich besuchen." + +Goeppel gab sich einen Ruck. "Das geht nicht, lieber Hessling. Nach dem, was +nun mal vorgefallen ist. Und besonders, da es schon so lange dauert." + +Diederich mass den Vater, er zog die Mundwinkel herab. "Sie wussten es +also?" + +"Nicht sicher", murmelte Goeppel. Und Diederich, von oben: + +"Das haette ich auch merkwuerdig gefunden." + +"Ich habe eben Vertrauen gehabt zu meiner Tochter." + +"So irrt man sich", sagte Diederich, zu allem entschlossen, womit er sich +wehren konnte. Goeppels Stirn fing an, sich zu roeten. "Zu Ihnen hab' ich +naemlich auch Vertrauen gehabt." + +"Das heisst: Sie hielten mich fuer naiv." Diederich schob die Haende in die +Hosentaschen und lehnte sich zurueck. + +"Nein!" Goeppel sprang auf. "Aber ich hielt Sie nicht fuer den Schubbejack, +der Sie sind!" + +Diederich erhob sich mit formvoller Ruhe. "Geben Sie Satisfaktion?" fragte +er. Goeppel schrie: + +"Das moechten Sie wohl! Die Tochter verfuehren und den Vater abschiessen! +Dann ist Ihre Ehre komplett!" + +"Davon verstehen Sie nichts!" Auch Diederich fing an, sich aufzuregen. +"Ich habe Ihre Tochter nicht verfuehrt. Ich habe getan, was sie wollte, und +dann war sie nicht mehr loszuwerden. Das hat sie von Ihnen." Mit +Entruestung: "Wer sagt mir, dass Sie sich nicht von Anfang an mit ihr +verabredet haben? Dies ist eine Falle!" + +Goeppel hatte ein Gesicht, als wollte er noch lauter schreien. Ploetzlich +erschrak er, und mit seiner gewoehnlichen Stimme, nur dass sie zitterte, +sagte er: "Wir geraten zu sehr in Feuer, dafuer ist die Sache zu wichtig. +Ich habe Agnes versprochen, dass ich ruhig bleiben will." + +Diederich lachte hoehnisch auf. "Sehen Sie, dass Sie schwindeln? Vorhin +sagten Sie, Agnes weiss gar nicht, dass Sie hier sind." + +Der Vater laechelte entschuldigend. "Im guten einigt man sich schliesslich +immer. Nicht wahr, mein lieber Hessling?" + +Aber Diederich fand es gefaehrlich, wieder gut zu werden. + +"Der Teufel ist Ihr lieber Hessling!" schrie er. "Fuer Sie heiss' ich Herr +Doktor!" + +"Ach so", machte Goeppel, ganz starr. "Es ist wohl das erstemal, dass jemand +Herr Doktor zu Ihnen sagen muss? Na, auf die Gelegenheit koennen Sie stolz +sein." + +"Wollen Sie vielleicht auch noch meine Standesehre antasten?" Goeppel +wehrte ab. + +"Gar nichts will ich antasten. Ich frage mich nur, was wir Ihnen getan +haben, meine Tochter und ich. Muessen Sie denn wirklich so viel Geld +mithaben?" + +Diederich fuehlte sich erroeten. Um so entschlossener ging er vor. + +"Wenn Sie es durchaus hoeren wollen: mein moralisches Empfinden verbietet +mir, ein Maedchen zu heiraten, das mir ihre Reinheit nicht mit in die Ehe +bringt." + +Sichtlich wollte Goeppel sich nochmals empoeren; aber er konnte nicht mehr, +er konnte nur noch das Schluchzen unterdruecken. + +"Wenn Sie heute nachmittag den Jammer gesehen haetten! Sie hat es mir +gestanden, weil sie es nicht mehr aushielt. Ich glaube, nicht mal mich +liebt sie mehr: nur Sie. Was wollen Sie denn, Sie sind doch der erste." + +"Weiss ich das? Vor mir verkehrte bei Ihnen ein Herr namens Mahlmann." Und +da Goeppel zurueckwich, als sei er vor die Brust gestossen: + +"Nun ja, kann man das wissen? Wer einmal luegt, dem glaubt man nicht." + +Er sagte noch: "Kein Mensch kann von mir verlangen, dass ich so eine zur +Mutter meiner Kinder mache. Dafuer hab' ich zuviel soziales Gewissen." +Damit drehte er sich um. Er hockte nieder und legte Sachen in den Koffer, +der geoeffnet dastand. + +Hinter sich hoerte er den Vater nun wirklich schluchzen - und Diederich +konnte nicht hindern, dass er selbst geruehrt ward: durch die edel maennliche +Gesinnung, die er ausgesprochen hatte, durch Agnes' und ihres Vaters +Unglueck, das zu heilen ihm die Pflicht verbot, durch die schmerzliche +Erinnerung an seine Liebe und all diese Tragik des Schicksals ... Er +hoerte, gespannten Herzens, wie Herr Goeppel die Tuer oeffnete und schloss, +hoerte ihn ueber den Korridor schleichen und das Geraeusch der Flurtuer. Nun +war es aus - und da liess Diederich sich vornueber fallen und weinte heftig +in seinen halbgepackten Koffer hinein. Am Abend spielte er Schubert. + +Damit war dem Gemuet Genuege getan, man musste stark sein. Diederich hielt +sich vor, ob etwa Wiebel jemals so sentimental geworden waere. Sogar ein +Knote ohne Komment, wie Mahlmann, hatte Diederich eine Lektion in +ruecksichtsloser Energie erteilt. Dass auch die anderen in ihrem Innern +vielleicht doch weiche Stellen haben koennten, erschien ihm im hoechsten +Grade unwahrscheinlich. Nur er war, von seiner Mutter her, damit behaftet; +und ein Maedel wie Agnes, die gerade so verrueckt war wie seine Mutter, +wuerde ihn ganz untauglich gemacht haben fuer diese harte Zeit. Diese harte +Zeit: bei dem Wort sah Diederich immer die Linden mit dem Gewimmel von +Arbeitslosen, Frauen, Kindern, von Not, Angst, Aufruhr - und das alles +gebaendigt, bis zum Hurraschreien gebaendigt durch die Macht, die +allumfassende, unmenschliche Macht, die mitten darin ihre Hufe wie auf +Koepfe setzte, steinern und blitzend. + +"Nichts zu machen", sagte er sich, in begeisterter Unterwerfung. "So muss +man sein!" Um so schlimmer fuer die, die nicht so waren: sie kamen eben +unter die Hufe. Hatten Goeppels, Vater und Tochter, irgendeine Forderung an +ihn? Agnes war grossjaehrig, und ein Kind hatte er ihr nicht gemacht. Also? +"Ich waere ein Narr, wenn ich zu meinem Schaden etwas taete, wozu ich nicht +gezwungen werden kann. Mir schenkt auch keiner was." Diederich empfand +stolze Freude, wie gut er nun schon erzogen war. Die Korporation, der +Waffendienst und die Luft des Imperialismus hatten ihn erzogen und +tauglich gemacht. Er versprach sich, zu Haus in Netzig seine +wohlerworbenen Grundsaetze zur Geltung zu bringen und ein Bahnbrecher zu +sein fuer den Geist der Zeit. Um diesen Vorsatz auch aeusserlich an seiner +Person kenntlich zu machen, begab er sich am Morgen darauf in die +Mittelstrasse zum Hoffriseur Haby und nahm eine Veraenderung mit sich vor, +die er an Offizieren und Herren von Rang jetzt immer haeufiger beobachtete. +Sie war ihm bislang nur zu vornehm erschienen, um nachgeahmt zu werden. Er +liess vermittels einer Bartbinde seinen Schnurrbart in zwei rechten Winkeln +hinauffuehren. Als es geschehen war, kannte er sich im Spiegel kaum wieder. +Der von Haaren entbloesste Mund hatte, besonders wenn man die Lippen +herabzog, etwas katerhaft Drohendes, und die Spitzen des Bartes starrten +bis in die Augen, die Diederich selbst Furcht erregten, als blitzten sie +aus dem Gesicht der Macht. + + + + + + III. + + +Um weiteren Belaestigungen durch die Familie Goeppel aus dem Wege zu gehen, +reiste er sogleich ab. Die Hitze machte das Kupee zu einem unheimlichen +Aufenthalt. Diederich, der allein war, zog nacheinander den Rock, die +Weste und die Schuhe aus. Einige Stationen vor Netzig stieg noch jemand +ein: zwei fremd aussehende Damen, die durch den Anblick von Diederichs +Flanellhemd beleidigt schienen. Er seinerseits fand sie widerwaertig +elegant. Sie unternahmen es, in einer unverstaendlichen Sprache eine +Beschwerde an ihn zu richten, worauf er die Achseln zuckte und die Fuesse in +den Socken auf die Bank legte. Sie hielten sich die Nase zu und stiessen +Hilferufe aus. Der Schaffner erschien, der Zugfuehrer selbst, aber +Diederich hielt ihnen sein Billett zweiter Klasse hin und verteidigte sein +Recht. Er gab dem Beamten sogar zu verstehen, er moege sich nur nicht die +Zunge verbrennen, man koenne nie wissen, mit wem man es zu tun habe. Als er +dann den Sieg erstritten hatte und die Damen abgezogen waren, kam statt +ihrer eine andere. Diederich sah ihr entschlossen entgegen, aber sie zog +einfach aus ihrem Beutel eine Wurst und ass sie aus der Hand, wobei sie ihm +zulaechelte. Da ruestete er ab, erwiderte, breit glaenzend, ihre Sympathie +und sprach sie an. Es stellte sich heraus, dass sie aus Netzig war. Er +nannte seinen Namen, woraus sie frohlockte, sie seien alte Bekannte! +"Nun?" Diederich betrachtete sie forschend: das dicke, rosige Gesicht mit +dem fleischigen Mund und der kleinen, frech eingedrueckten Nase; das +weissliche Haar, nett glatt und ordentlich, den Hals, der jung und fett +war, und in den Halbhandschuhen die Finger, die die Wurst hielten und +selbst rosigen Wuerstchen glichen. "Nein," entschied er, "kennen tu' ich +Sie nicht, aber kolossal appetitlich sind Sie. Wie ein frischgewaschenes +Schweinchen." Und er griff ihr um die Taille. Im selben Augenblick hatte +er eine Ohrfeige. "Die sitzt", sagte er und rieb sich. "Haben Sie mehr +solche zu vergeben?" - "Es langt fuer alle Frechmoepse." Sie lachte aus der +Kehle und zwinkerte ihn mit ihren kleinen Augen unzuechtig an. "Ein Stueck +Wurst koennen Sie haben, aber sonst nichts." Ohne zu wollen, verglich er +ihre Art, sich zu wehren, mit Agnes' Hilflosigkeit, und er sagte sich: "So +eine koennte man getrost heiraten." Schliesslich nannte sie selbst ihren +Vornamen, und als er noch immer nicht weiterfand, fragte sie nach seinen +Schwestern. Ploetzlich rief er: "Guste Daimchen!" Und beide schuettelten +sich vor Freude. "Sie haben mir doch immer Knoepfe geschenkt von den Lumpen +in Ihrer Papierfabrik. Das vergess' ich Ihnen nie, Herr Doktor! Wissen +Sie, was ich mit den Knoepfen gemacht hab'? Die hab' ich gesammelt, und +wenn meine Mutter mir mal Geld fuer Knoepfe gab, hab' ich mir Bonbons +gekauft." + +"Praktisch sind Sie auch!" Diederich war entzueckt. "Und dann sind Sie +immer zu uns ueber die Gartenmauer geklettert, Sie kleine Goere. Hosen +hatten Sie meistenteils keine an, und wenn der Rock 'raufrutschte, kriegte +man hinten was zu sehen." + +Sie kreischte; ein feiner Mann habe fuer so was kein Gedaechtnis. "Jetzt muss +es aber noch schoener geworden sein", setzte Diederich noch hinzu. Sie ward +ploetzlich ernst. + +"Jetzt bin ich verlobt." + +Mit dem Wolfgang Buck war sie verlobt! Diederich verstummte, mit +enttaeuschter Miene. Dann erklaerte er zurueckhaltend, er kenne Buck. Sie +sagte vorsichtig: "Sie meinen wohl, er ist ein bisschen ueberspannt? Aber +die Bucks sind auch eine sehr feine Familie. Na ja, in anderen Familien +ist wieder mehr Geld", setzte sie hinzu. Hierdurch betroffen, sah +Diederich sie an. Sie zwinkerte. Er wollte eine Frage stellen; aber er +hatte den Mut verloren. + +Kurz vor Netzig fragte Fraeulein Daimchen: "Und Ihr Herz, Herr Doktor, ist +noch frei?" + +"Um die Verlobung bin ich noch herumgekommen." Er nickte gewichtig. "Ach! +Das muessen Sie mir erzaehlen", rief sie. Aber sie fuhren schon ein. "Wir +sehen uns hoffentlich bald wieder", schloss Diederich. "Ich kann Ihnen nur +sagen, ein junger Mann kommt manchmal in verdammt brenzlige Sachen hinein. +Fuer ein Ja oder Nein ist das Leben verpfuscht." + +Seine beiden Schwestern standen am Bahnhof. Wie sie Guste Daimchen +erblickten, verzogen sie zuerst das Gesicht, dann aber stuerzten sie herbei +und halfen das Gepaeck tragen. Sie erklaerten ihren Eifer, kaum dass sie mit +Diederich allein waren. Guste hatte naemlich geerbt, sie war Millionaerin! +Darum also! Er war erschrocken vor Hochachtung. + +Die Schwestern erzaehlten das Naehere. Ein alter Verwandter in Magdeburg +hatte Guste all das Geld vermacht, dafuer, dass sie ihn gepflegt hatte. "Und +sie hat es sich verdient," bemerkte Emmi, "er soll zuletzt furchtbar +unappetitlich gewesen sein." Magda setzte hinzu: "Und sonst kann man sich +natuerlich auch noch allerlei denken, denn Guste war doch ein ganzes Jahr +mit ihm allein." + +Sofort bekam Diederich einen roten Kopf. "So was sagt ein junges Maedchen +nicht!" schrie er entruestet; und als Magda beteuerte, das sagten auch Inge +Tietz, Meta Harnisch und ueberhaupt alle: "Dann fordere ich euch energisch +auf, dem Gerede entgegenzutreten." Es entstand eine Pause; darauf sagte +Emmi: "Guste ist naemlich schon verlobt." - "Das weiss ich", knurrte +Diederich. + +Bekannte kamen ihnen entgegen, Diederich hoerte sich "Herr Doktor" nennen, +erglaenzte stolz dabei und ging weiter zwischen Emmi und Magda, die von der +Seite seine neue Barttracht bewunderten. Zu Hause empfing Frau Hessling den +Sohn mit ausgebreiteten Armen und einem Aufschrei, wie von einer +Verschmachtenden, die gerade noch gerettet wird. Und was Diederich nicht +vorausgesehen hatte: auch er weinte. Auf einmal empfand er die feierliche +Schicksalsstunde, in der er das erstemal als wirkliches Haupt der Familie +ins Zimmer trat, "fertig", mit dem Doktortitel ausgezeichnet und bestimmt, +Fabrik und Familie nach seiner ueberlegenen Einsicht zu lenken. Er gab +Mutter und Schwestern die Haende, allen zugleich, und sagte mit ernster +Stimme: "Ich werde mir immer bewusst bleiben, dass ich meinem Gott fuer euch +Rechenschaft schulde." + +Aber Frau Hessling war in Unruhe. "Bist du bereit, mein Sohn?" fragte sie. +"Unsere Leute erwarten dich." Diederich trank sein Bier aus und ging, an +der Spitze der Seinen, hinunter. Der Hof war sauber gescheuert, den +Eingang der Fabrik umrahmten Kraenze und beschrieben eine Schleife um die +Inschrift "Willkommen!" Davor stand der alte Buchhalter Soetbier und sagte: +"Na guten Tag, Herr Doktor. Ich bin nicht 'raufgekommen, weil ich noch was +zu tun hatte." + +"Heute haetten Sie das auch lassen koennen", erwiderte Diederich und ging an +Soetbier vorbei. Drinnen im Lumpensaal fand er die Leute. Alle standen sie +in einem Haufen zusammen: die zwoelf Arbeiter, die die Papiermaschine, den +Hollaender und die Schneidemaschine bedienten, und die drei Kontoristen, +samt den Frauen, deren Taetigkeit das Sortieren der Lumpen war. Die Maenner +raeusperten sich, man fuehlte eine Pause, bis mehrere der Frauen ein kleines +Maedchen hinausschoben, das einen Blumenstrauss vor sich hinhielt und mit +einer Klarinettenstimme dem Herrn Doktor Glueck und Willkommen wuenschte. +Diederich nahm mit gnaediger Miene den Strauss; nun war es an ihm, sich zu +raeuspern. Er wandte sich nach den Seinen um, dann sah er den Leuten scharf +in die Augen, allen nacheinander, auch dem schwarzbaertigen +Maschinenmeister, obwohl der Blick des Mannes ihm peinlich war - und +begann: + +"Leute! Da ihr meine Untergebenen seid, will ich euch nur sagen, dass hier +kuenftig forsch gearbeitet wird. Ich bin gewillt, mal Zug in den Betrieb zu +bringen. In der letzten Zeit, wo hier der Herr gefehlt hat, da hat mancher +von euch vielleicht gedacht, er kann sich auf die Baerenhaut legen. Das ist +aber ein gewaltiger Irrtum, ich sage das besonders fuer die alten Leute, +die noch von meinem seligen Vater her dabei sind." + +Mit erhobener Stimme, noch schneidiger und abgehackter; und dabei sah er +den alten Soetbier an: + +"Jetzt habe ich das Steuer selbst in die Hand genommen. Mein Kurs ist der +richtige, ich fuehre euch herrlichen Tagen entgegen. Diejenigen, welche mir +dabei behilflich sein wollen, sind mir von Herzen willkommen; diejenigen +jedoch, welche sich mir bei dieser Arbeit entgegenstellen, zerschmettere +ich." + +Er versuchte, seine Augen blitzen zu lassen, sein Schnurrbart straeubte +sich noch hoeher. + +"Einer ist hier der Herr, und das bin ich. Gott und meinem Gewissen allein +schulde ich Rechenschaft. Ich werde euch stets mein vaeterliches Wohlwollen +entgegenbringen, Umsturzgelueste aber scheitern an meinem unbeugsamen +Willen. Sollte sich ein Zusammenhang irgendeines von euch -" + +Er fasste den schwarzbaertigen Maschinenmeister ins Auge, der ein +verdaechtiges Gesicht machte. + +"- mit sozialdemokratischen Kreisen herausstellen, so zerschneide ich +zwischen ihm und mir das Tischtuch. Denn fuer mich ist jeder Sozialdemokrat +gleichbedeutend mit Feind meines Betriebes und Vaterlandsfeind ... So, nun +geht wieder an eure Arbeit und ueberlegt euch, was ich euch gesagt habe." + +Er machte schroff kehrt und ging schnaufend davon. In dem Schwindelgefuehl, +das seine starken Worte ihm erregt hatten, erkannte er kein einziges +Gesicht mehr. Die Seinen folgten ihm, bestuerzt und ehrfurchtsvoll, indes +die Arbeiter einander noch lange stumm ansahen, bevor sie nach den +Bierflaschen griffen, die zur Feier des Tages bereitstanden. + +Droben legte Diederich vor Mutter und Schwestern seine Plaene dar. Die +Fabrik war zu vergroessern, das hintere Nachbarhaus anzukaufen. Man musste +konkurrenzfaehig werden. Der Platz an der Sonne! Der alte Kluesing, draussen +in der Papierfabrik Gausenfeld, bildete sich wohl ein, er werde ewig das +ganze Geschaeft machen?... Endlich tat Magda die Frage, woher er denn das +Geld nehmen wolle; aber Frau Hessling schnitt ihr das vorlaute Wort ab. +"Dein Bruder weiss das besser als wir." Vorsichtig setzte sie hinzu: +"Manches Maedchen waere gluecklich, wenn sie sein Herz gewinnen koennte" - und +sie hielt, seines Zornes gewaertig, die Hand vor den Mund. Aber Diederich +erroetete nur. Da wagte sie, ihn zu umarmen. "Es waere mir ja ein so +entsetzlicher Schmerz," schluchzte sie, "wenn mein Sohn, mein lieber Sohn, +aus dem Hause ginge. Fuer eine Witwe ist es doppelt schwer. Die Frau +Oberinspektor Daimchen kriegt es nun auch zu fuehlen, denn ihre Guste +heiratet ja den Wolfgang Buck." + +"Oder auch nicht", sagte Emmi, die Aeltere. "Denn der Wolfgang soll doch +was mit einer Schauspielerin haben." Frau Hessling vergass ganz, die Tochter +zu berufen. "Aber wo doch so viel Geld da ist! Eine Million, sagen die +Leute!" + +Diederich stiess verachtungsvoll hervor, den Buck kenne er, der sei nicht +normal. "Es liegt wohl in der Familie. Der Alte hat doch auch schon eine +Schauspielerin geheiratet." + +"Man sieht die Folgen", sagte Emmi. "Denn von seiner Tochter, der Frau +Lauer, hat man sich allerlei erzaehlt." + +"Kinder!" bat Frau Hessling aengstlich. Aber Diederich beruhigte sie. + +"Lass nur, Mutter, es wird Zeit, dass man der Katze die Schelle umhaengt. Ich +stehe auf dem Standpunkt, dass die Bucks ihre Stellung hier in der Stadt +schon laengst nicht mehr verdienen. Sie sind eine verrottete Familie." + +"Die Frau von Moritz, dem Aeltesten," sagte Magda, "ist einfach eine +Baeuerin. Neulich waren sie mal in der Stadt, er ist auch schon ganz +verbauert." Emmi empoerte sich. + +"Na, und der Bruder des alten Herrn Buck? Immer elegant, und die fuenf +unverheirateten Toechter! Sie lassen sich Suppe aus der Volkskueche holen, +ich weiss es positiv." + +"Die Volkskueche hat ja der Herr Buck gegruendet", erklaerte Diederich. "Und +die Fuersorge fuer die entlassenen Straeflinge auch, und was sonst noch. Ich +moechte wissen, wann er eigentlich Zeit hat, an seine eigenen Geschaefte zu +denken." + +"Es wuerde mich nicht wundern," sagte Frau Hessling, "wenn nicht mehr viel +da waere. Obwohl ich vor dem Herrn Buck natuerlich die groesste Hochachtung +habe, er ist doch so angesehen." + +Diederich lachte bitter. "Warum eigentlich? In der Verehrung des alten +Buck sind wir aufgezogen worden. Der grosse Mann von Netzig! Im Jahre +achtundvierzig zum Tode verurteilt!" + +"Das ist aber auch ein historisches Verdienst, sagte dein Vater immer." + +"Verdienst?" schrie Diederich. "Wenn ich nur weiss, einer ist gegen die +Regierung, ist er fuer mich schon erledigt. Und Hochverrat soll ein +Verdienst sein?" + +Und er stuerzte sich, vor den erstaunten Frauen, in die Politik. Diese +alten Demokraten, die noch immer das Regiment fuehrten, waren nachgerade +die Schmach von Netzig! Schlapp, unpatriotisch, mit der Regierung +zerfallen! Ein Hohn auf den Zeitgeist! Weil im Reichstag der alte +Landgerichtsrat Kuehlemann sass, ein Freund des beruechtigten Eugen Richter, +darum stockte hier das Geschaeft, und niemand kriegte Geld. Natuerlich, fuer +so ein freisinniges Nest gab es weder Bahnanschluesse noch Militaer. Kein +Zuzug, kein Betrieb! Die Herren im Magistrat, immer dieselben paar +Familien, das kannte man, die schoben sich untereinander die Auftraege zu, +und fuer andere Leute war nichts da. Die Papierfabrik Gausenfeld hatte +saemtliche Lieferungen an die Stadt, denn auch ihr Besitzer Kluesing gehoerte +zu der Bande des alten Buck! + +Magda wusste noch etwas. "Neulich ist die Liebhabervorstellung im +Buergerkraenzchen abgesagt worden, weil dem Herrn Buck seine Tochter, Frau +Lauer, krank war. Das ist doch Popismus." + +"Nepotismus heisst es", sagte Diederich streng. Er rollte die Augen. "Und +dabei ist der Herr Lauer ein Sozialist. Aber der Herr Buck mag sich hueten! +Wir werden ihm auf die Finger sehen!" + +Frau Hessling hob flehend die Haende. "Mein lieber Sohn, wenn du jetzt in +der Stadt deine Besuche machst, versprich mir, dass du auch zum Herrn Buck +gehst. Er ist nun mal so einflussreich." + +Aber Diederich versprach nichts. "Andere wollen auch 'ran!" rief er. + +Trotzdem schlief er in dieser Nacht unruhig. Schon um sieben ging er in +die Fabrik hinunter und schlug sofort Laerm, weil noch die Bierflaschen von +gestern umherlagen. "Hier wird nicht gesoffen, hier ist keine Kneipe. Herr +Soetbier, das steht doch wohl im Reglement." - "Reglement?" sagte der alte +Buchhalter. "Wir haben gar keins." Diederich war sprachlos; er schloss sich +mit Soetbier ins Kontor ein. "Kein Reglement? Dann wundert mich allerdings +gar nichts mehr. Was sind das fuer laecherliche Bestellungen, mit denen Sie +sich da abgeben?" - und er warf die Briefe auf dem Pult umher. "Es scheint +hoechste Zeit gewesen zu sein, dass ich eingreife. Das Geschaeft versumpft in +Ihren Haenden." + +"Versumpfen, junger Herr?" + +"Ich bin fuer Sie der Herr Doktor!" Und er verlangte, dass man einfach alle +anderen Fabriken unterbieten solle. + +"Das halten wir nicht aus", sagte Soetbier. "Ueberhaupt waeren wir gar nicht +imstande, so grosse Auftraege auszufuehren wie Gausenfeld." + +"Und Sie wollen ein Geschaeftsmann sein? Dann stellen wir eben mehr +Maschinen ein." + +"Das kostet Geld", sagte Soetbier. + +"Dann nehmen wir welches auf! Ich werde hier Schneid hineinbringen. Sie +sollen sich wundern. Wenn Sie mich nicht unterstuetzen wollen, mache ich es +allein." + +Soetbier wiegte den Kopf. "Mit Ihrem Vater, junger Herr, war ich immer +einig. Wir haben zusammen das Geschaeft in die Hoehe gebracht." + +"Jetzt ist eine andere Zeit, merken Sie sich das. Ich bin mein eigener +Geschaeftsfuehrer." + +Soetbier seufzte: "Das ist die stuermische Jugend" - indes Diederich schon +die Tuer zuwarf. Er durchmass den Raum, worin die mechanische Trommel, laut +schlagend, die Lumpen in Chlor wusch, und wollte das Zimmer des grossen +Kochhollaenders betreten. Im Eingang kam ihm unvermutet der schwarzbaertige +Maschinenmeister entgegen. Diederich zuckte zusammen, fast haette er dem +Arbeiter Platz gemacht. Dafuer rannte er ihn mit der Schulter beiseite, +bevor der Mann ausweichen konnte. Schnaufend sah er der Arbeit des +Hollaenders zu, dem Drehen der Walze, dem Schneiden der Messer, das den +Stoff in Fasern zerteilte. Grinsten ihn die Leute, die die Maschine +bedienten, nicht etwa von der Seite an, weil er vor dem schwarzen Kerl +erschrocken war? "Der Kerl ist ein frecher Hund! Er muss 'raus!" Ein +animalischer Hass stieg in Diederich herauf, der Hass seines blonden +Fleisches gegen den mageren Schwarzen, den Menschen von einer anderen +Rasse, die er gern fuer niedriger gehalten haette und die ihm unheimlich +schien. Diederich fuhr auf. + +"Die Walze ist falsch gestellt, die Messer arbeiten schlecht!" Da die +Leute ihn nur ansahen, schrie er: "Maschinenmeister!" Und als der +Schwarzbaertige eintrat: "Sehen Sie sich die Schweinerei mal an! Die Walze +ist viel zu tief auf die Messer gesenkt, sie zerschneiden mir das ganze +Zeug. Ich mache Sie verantwortlich fuer den Schaden!" + +Der Mann beugte sich ueber die Maschine. "Schaden ist keiner da", sagte er +ruhig, aber Diederich wusste schon wieder nicht, ob er unter seinem +schwarzen Bart nicht feixte. Der Blick des Maschinenmeisters hatte etwas +duester Hoehnisches, Diederich ertrug ihn nicht, er gab es auf zu blitzen +und warf nur die Arme. "Ich mache Sie verantwortlich!" + +"Was ist denn los?" fragte Soetbier, der den Laerm gehoert hatte. Dann +erklaerte er dem Herrn, dass der Stoff durchaus nicht zu kleinfaserig +geschnitten werde, und dass es immer so gemacht worden sei. Die Arbeiter +nickten mit den Koepfen, der Maschinenmeister stand gelassen dabei. +Diederich fuehlte sich einem Kompetenzstreit nicht gewachsen, er schrie +noch: "Dann wird es kuenftig gefaelligst anders gemacht!" und kehrte +ploetzlich um. + +Er gelangte in den Lumpensaal, und er gab sich Haltung, indem er +fachkundig die Frauen ueberwachte, die auf den Siebplatten der langen +Tische die Lumpen sortierten. Als eine kleine dunkelaeugige es unternahm, +ihn aus ihrem bunten Kopftuch heraus ein wenig anzulaecheln, prallte sie +gegen eine so harte Miene, dass sie erschrak und sich duckte. Farbige +Fetzen quollen aus den Saecken, das Getuschel der Frauen verstummte unter +dem Blick des Herrn, und in der warmen, dumpfigen Luft war nichts mehr zu +vernehmen als das leise Rattern der Sensen, die in die Tische gerammt, die +Knoepfe abschnitten. Aber Diederich, der die Heizungsrohre untersuchte, +hoerte etwas Verdaechtiges. Er beugte sich hinter einen Haufen Saecke - und +fuhr zurueck, erroetet und mit zitterndem Schnurrbart. "Nun hoert alles auf!" +schrie er, "'rauskommen!" Ein junger Arbeiter kroch hervor. "Das +Frauenzimmer auch!" schrie Diederich. "Wird's bald?" Und, als endlich das +Maedchen sich zeigte, stemmte er die Faeuste in die Hueften. Hier ging es ja +heiter zu! Seine Fabrik war nicht nur eine Kneipe, sondern noch ganz was +anderes! Er zeterte, dass alles zusammenlief. "Na, Herr Soetbier, dies ist +wohl auch immer so gemacht worden? Ich gratuliere Ihnen zu Ihren Erfolgen. +Also die Leute sind gewohnt, die Arbeitszeit zu benutzen, um sich hinter +den Saecken zu amuesieren. Wie kommt der Mann hier herein?" Es sei seine +Braut, sagte der junge Mensch. "Braut? Hier gibt es keine Braut, hier gibt +es nur Arbeiter. Ihr beide stehlt mir die Arbeitszeit, die ich euch +bezahle. Ihr seid Schweine und ausserdem Diebe. Ich schmeiss' euch 'raus, +und ich zeig' euch an, wegen oeffentlicher Unzucht!" + +Er sah herausfordernd umher. + +"Deutsche Zucht und Sitte verlang' ich hier. Verstanden?" Da traf er den +Maschinenmeister. "Und ich werde sie durchfuehren, auch wenn Sie da ein +Gesicht schneiden!" schrie er. + +"Ich habe kein Gesicht geschnitten", sagte der Mann ruhig. Aber Diederich +war nicht laenger zu halten. Endlich konnte er ihm etwas nachweisen! + +"Ihr Benehmen ist mir schon laengst verdaechtig! Sie tun Ihren Dienst nicht, +sonst haette ich die beiden Leute nicht abgefasst." + +"Ich bin kein Aufpasser", warf der Mann dazwischen. + +"Sie sind ein widersetzlicher Bursche, der die ihm unterstellten Leute an +Zuchtlosigkeit gewoehnt. Sie arbeiten fuer den Umsturz! Wie heissen Sie +ueberhaupt?" + +"Napoleon Fischer", sagte der Mann. Diederich stockte. + +"Nap-. Auch das noch! Sie sind Sozialdemokrat?" + +"Jawohl." + +"Dachte ich mir. Sie sind entlassen." + +Er wandte sich nach den Leuten um: "Merkt euch das!" - und verliess schroff +den Raum. Auf dem Hof lief Soetbier ihm nach. "Junger Herr!" Er war in +grosser Aufregung und wollte nichts sagen, bevor sie nicht die Tuer des +Privatkontors hinter sich geschlossen hatten. "Junger Herr," sagte der +Buchhalter, "das geht nicht, der Mann ist ein Organisierter." - "Deswegen +soll er 'raus", erwiderte Diederich. Soetbier setzte auseinander, dass das +nicht gehe, weil dann alle die Arbeit niederlegen wuerden. Diederich wollte +es nicht begreifen. Waren denn alle organisiert? Nein. Nun also. Aber, +erklaerte Soetbier, sie hatten Furcht vor den Roten, sogar auf die alten +Leute war kein Verlass mehr. + +"Ich schmeiss' sie 'raus!" rief Diederich. "Samt und sonders, mit Kind und +Kegel!" + +"Wenn wir dann nur andere kriegten", sagte Soetbier und sah unter seinem +gruenen Augenschirm mit einem duennen Laecheln dem jungen Herrn zu, der vor +Zorn gegen die Moebel anrannte. Er schrie: + +"Bin ich in meiner Fabrik der Herr oder nicht? Dann will ich doch sehen -" + +Soetbier liess ihn austoben, dann sagte er: "Herr Doktor brauchen dem +Fischer gar nichts zu sagen, er geht uns nicht fort, er weiss ja, dass wir +davon zu viele Scherereien haetten." + +Diederich baeumte sich nochmals auf. + +"So. Ich brauch' ihn also nicht zu bitten, dass er die Gnade hat und +bleibt? Der Herr Napoleon! Ich brauch' ihn nicht fuer Sonntag zum +Mittagessen einzuladen? Es waere auch zuviel Ehre fuer mich!" + +Der Kopf war ihm rot angeschwollen, er fand das Zimmer zu eng und riss die +Tuer auf. Der Maschinenmeister ging eben vorbei. Diederich sah ihm nach, +der Hass gab ihm deutlichere Sinneseindruecke als sonst, er bemerkte +gleichzeitig die krummen, mageren Beine des Menschen, seine knochigen +Schultern mit den Armen, die vornueberhingen - und nun der Maschinenmeister +mit den Leuten sprach, sah er seine starken Kiefern arbeiten unter dem +duennen schwarzen Bart. Wie Diederich dies Mundwerk hasste, und diese +knotigen Haende! Der schwarze Kerl war laengst vorueber, und seine +Ausduenstung roch Diederich noch immer. + +"Sehn Sie mal, Soetbier, die Vorderflossen haengen ihm bis an den Boden. +Gleich wird er auf allen vieren laufen und Nuesse fressen. Dem Affen werden +wir ein Bein stellen, verlassen Sie sich darauf! Napoleon! So ein Name ist +allein schon eine Provokation. Aber er soll sich zusammennehmen, denn so +viel weiss ich, dass einer von uns beiden -" Diederich rollte die Augen: "- +auf dem Platz bleiben wird." + + + +Erhobenen Hauptes verliess er die Fabrik. Im schwarzen Rock machte er sich +auf, um den wichtigsten Herren der Stadt die Aufmerksamkeit seines +Besuches zu erweisen. Von der Meisestrasse konnte er, um zum Buergermeister +Doktor Scheffelweis in die Schweinichenstrasse zu gelangen, einfach der +Wuchererstrasse folgen, die jetzt Kaiser-Wilhelm-Strasse hiess. Er wollte es +auch; im entscheidenden Augenblick aber, wie auf eine Verabredung, die er +vor sich selbst geheimgehalten haette, bog er dennoch in die +Fleischhauergrube ein. Die zwei Stufen vor dem Hause des alten Herrn Buck +waren abgewetzt von den Fuessen der ganzen Stadt und von den Vorgaengern +dieser Fuesse. Der Klingelzug an der gelben Glastuer bewirkte drinnen ein +langes Rasseln im Leeren. Dann ging dort hinten eine Tuer auf, und die alte +Magd schlich ueber die Diele. Aber sie war noch laengst nicht angelangt, da +trat vorn der Hausherr aus seinem Bureau und oeffnete selbst. Er zog +Diederich, der sich eifrig verbeugte, bei der Hand herein. + +"Mein lieber Hessling! Ich habe Sie erwartet, man hatte mir Ihre Ankunft +berichtet. Willkommen denn in Netzig, mein Herr Doktor." + +Sofort hatte Diederich Traenen in den Augen und stammelte: + +"Sie sind zu guetig, Herr Buck. Natuerlich habe ich zuerst und vor allem +Ihnen, Herr Buck, meine Aufwartung machen wollen und Ihnen versichern, dass +ich immer ganz - dass ich immer ganz - zu Ihren Diensten stehe", schloss er, +freudig wie ein guter Schueler. Der alte Herr Buck hielt ihn noch fest, mit +seiner Hand, die warm und dennoch leicht und weich war. + +"Dienste -" er schob Diederich selbst den Sessel zurecht, "die wollen Sie +doch natuerlich nicht mir leisten, sondern Ihren Mitbuergern - die es Ihnen +danken werden. Zum Stadtverordneten werden Ihre Mitbuerger Sie in kurzem +waehlen, das glaube ich Ihnen versprechen zu koennen, denn damit belohnen +sie eine verdiente Familie. Und dann" - der alte Buck beschrieb eine +Gebaerde feierlicher Freigebigkeit "- verlasse ich mich auf Sie, dass Sie es +uns recht bald ermoeglichen werden, Sie im Magistrat zu begruessen." + +Diederich verbeugte sich, beglueckt laechelnd, als werde er schon begruesst. +"Die Gesinnung unserer Stadt," fuhr Herr Buck fort, "ich sage nicht, dass +sie in allen Teilen gut ist -" Er versenkte seinen weissen Knebelbart in +die seidene Halsbinde. "Aber noch ist Raum" - der Bart tauchte wieder auf +- "und will's Gott noch lange, fuer wahrhaft liberale Maenner." + +Diederich beteuerte: "Ich bin selbstverstaendlich durchaus liberal." + +Darauf strich der alte Buck ueber die Papiere auf seinem Schreibtisch. "Ihr +seliger Vater hat mir hier oft gegenueber gesessen, und besonders haeufig +damals, als er die Papiermuehle errichtete. Dabei konnte ich ihm zu meiner +grossen Freude foerderlich sein. Es handelte sich um den Bach, der jetzt +durch Ihren Hof fliesst." + +Diederich sagte mit tiefer Stimme: "Wie oft, Herr Buck, hat mein Vater mir +erzaehlt, dass er den Bach, ohne den wir gar nicht existieren koennten, nur +Ihnen verdankt." + +"Nur mir, duerfen Sie nicht sagen, sondern den gerechten Zustaenden unseres +Gemeinwesens, an denen aber -" der alte Herr Buck erhob seinen weissen +Zeigefinger, er sah Diederich tief an, "gewisse Leute und eine gewisse +Partei manches aendern wuerden, sobald sie koennten." Staerker und mit Pathos: +"Der Feind steht vor dem Tore, es heisst zusammenhalten." + +Er liess eine Pause verstreichen und sagte in leichterem Ton, sogar mit +einem kleinen Schmunzeln: "Sind Sie nicht, mein werter Herr Doktor, in +einer aehnlichen Lage, wie damals Ihr Vater? Sie wollen sich vergroessern? +Sie haben Plaene?" + +"Allerdings." Und Diederich setzte eifrig auseinander, was alles geschehen +muesse. Der Alte hoerte ihm aufmerksam zu, er nickte, nahm eine Prise ... +Endlich sagte er: "Ich sehe so viel, dass der Umbau Ihnen nicht nur grosse +Kosten, sondern unter Umstaenden auch Schwierigkeiten mit der staedtischen +Baupolizei verursachen wird - mit der ich uebrigens im Magistrat zu tun +habe. Nun ueberzeugen Sie sich, mein lieber Hessling, was hier auf meinem +Schreibtisch liegt." + +Da erkannte Diederich einen genauen Aufriss seines Grundstueckes, samt dem +dahinter gelegenen. Sein verbluefftes Gesicht bewirkte bei dem alten Buck +ein Laecheln der Genugtuung. "Ich kann wohl dafuer sorgen," sagte er, "dass +keine erschwerenden Umstaende eintreten." Und auf Diederichs Danksagungen: +"Wir dienen dem grossen Ganzen, wenn wir jedem unserer Freunde +vorwaertshelfen. Denn die Freunde einer Volkspartei sind alle, ausser den +Tyrannen." + +Nach diesen Worten lehnte der alte Buck sich tiefer in den Sessel und +faltete die Haende. Seine Miene hatte sich entspannt, er wiegte den Kopf +wie ein Grossvater. "Als Kind hatten Sie so schoene blonde Locken", sagte +er. + +Diederich begriff, dass der offizielle Teil des Gespraeches beendet sei. +"Ich weiss noch," erlaubte er sich zu sagen, "wie ich als kleiner Junge +hier ins Haus kam, wenn ich mit Ihrem Herrn Sohn Wolfgang Soldaten +spielte." + +"Ja, ja. Und jetzt spielt er wieder Soldat." + +"Oh! Er ist sehr beliebt bei den Offizieren. Er hat es mir selbst gesagt." + +"Ich wuenschte, mein lieber Hessling, er haette mehr von Ihrer praktischen +Veranlagung.... Nun, er wird ruhiger werden, wenn ich ihn erst verheiratet +habe." + +"Ich glaube," sagte Diederich, "dass Ihr Herr Sohn etwas Geniales hat. +Daher ist er mit nichts zufrieden, er weiss nicht, ob er General werden +soll oder sonst ein grosser Mann." + +"Inzwischen macht er leider dumme Streiche." Der Alte sah aus dem Fenster. +Diederich wagte seine Neugier nicht zu zeigen. + +"Dumme Streiche? Das kann ich gar nicht glauben, denn mir hat er immer +imponiert, gerade durch seine Intelligenz. Schon frueher, seine Aufsaetze. +Und was er mir neulich ueber unseren Kaiser gesagt hat, dass er eigentlich +gern der erste Arbeiterfuehrer waere...." + +"Davor behuete Gott die Arbeiter." + +"Wieso?" Diederich war tieferstaunt. + +"Weil es ihnen schlecht bekommen wuerde. Uns anderen ist es auch nicht gut +bekommen." + +"Aber wir haben doch, dank den Hohenzollern, das einige Deutsche Reich." + +"Wir haben es nicht", sagte der alte Buck und stand ungewoehnlich rasch vom +Stuhl auf. "Denn wir muessten, um unsere Einigkeit zu beweisen, einem +eigenen Willen folgen koennen; und koennen wir's? Ihr waehnt euch einig, weil +die Pest der Knechtschaft sich verallgemeinert! Das hat Herwegh, ein +Ueberlebender wie ich, im Fruehjahr Einundsiebzig den Siegestrunkenen +zugerufen. Was wuerde er heute sagen!" + +Diederich konnte, vor dieser Stimme aus dem Jenseits, nur stammeln: "Ach +ja, Sie sind ein Achtundvierziger." + +"Mein lieber junger Freund, Sie wollen sagen, ein Narr und ein Besiegter. +Ja! Wir sind besiegt worden, weil wir naerrisch genug waren, an dieses Volk +zu glauben. Wir glaubten, es wuerde alles das selbst vollbringen, was es +jetzt fuer den Preis der Unfreiheit von seinen Herren entgegennimmt. Wir +dachten es maechtig, reich, voll Einsicht in seine eigenen Angelegenheiten +und der Zukunft ergeben. Wir sahen nicht, dass es, ohne politische Bildung, +deren es weniger hat als alle anderen, bestimmt sei, nach seinem +Aufschwung den Maechten der Vergangenheit anheimzufallen. Schon zu unserer +Zeit gab es allzu viele, die unbekuemmert um das Ganze, ihren +Privatinteressen nachjagten und zufrieden waren, wenn sie in irgendeiner +Gnadensonne sich waermend, den unedlen Beduerfnissen eines anspruchsvollen +Genusslebens genuegen konnten. Seitdem sind sie Legion geworden, denn die +Sorge um das oeffentliche Wohl ist ihnen abgenommen. Zur Grossmacht haben +eure Herren euch schon gemacht, und indes ihr Geld verdient, wie ihr +koennt, und es ausgebt, wie ihr moegt, werden sie euch - oder vielmehr sich +- auch noch die Flotte bauen, die wir damals uns selbst gebaut haben +wuerden. Unser Dichter damals wusste, was ihr erst jetzt lernen sollt: Und +in den Furchen, die Kolumb gezogen, geht Deutschlands Zukunft auf!" + +"Bismarck hat eben wirklich etwas getan", sagte Diederich, leise +triumphierend. + +"Das ist es gerade, dass er es hat tun duerfen! Und dabei hat er alles nur +faktisch getan, formell aber im Namen seines Herrn. Da waren wir Buerger +von achtundvierzig ehrlicher, das darf ich sagen, denn ich habe damals +selbst bezahlt, was ich gewagt hatte." + +"Ich weiss wohl, Sie sind zum Tode verurteilt worden", sagte Diederich, +wieder eingeschuechtert. + +"Ich bin verurteilt worden, weil ich die Souveraenitaet der +Nationalversammlung gegen eine Partikularmacht verteidigte und das Volk, +das sich in Notwehr befand, zum Aufstand fuehrte. So war in unseren Herzen +die deutsche Einheit: sie war eine Gewissenspflicht, die eigene Schuld +jedes einzelnen, fuer die er einstand. Nein! Wir huldigten keinem +sogenannten Schoepfer der deutschen Einheit. Als ich damals, besiegt und +verraten, hier oben im Hause mit meinen letzten Freunden die Soldaten des +Koenigs erwartete, da war ich, gross oder gering, ein Mensch, der selbst am +Ideal schuf: einer aus vielen, aber ein Mensch. Wo sind sie heute?" + +Der Alte hielt an und machte ein Gesicht, als lauschte er. Diederich war +es schwuel. Er fuehlte, dass er zu dem allen nicht laenger schweigen duerfe. Er +sagte: "Das deutsche Volk ist eben, Gott sei Dank, nicht mehr das Volk der +Denker und Dichter, es strebt modernen und praktischen Zielen zu." Der +Alte kehrte aus seinen Gedanken zurueck, er deutete nach der Zimmerdecke. + +"Damals war die ganze Stadt bei mir zu Hause. Jetzt ist es so einsam wie +nie, zuletzt ging noch Wolfgang fort. Ich wuerde alles dahingeben, aber, +junger Mann, wir sollen Respekt haben vor unserer Vergangenheit - auch +wenn wir besiegt worden sind." + +"Zweifellos", sagte Diederich. "Und dann sind Sie immer noch der +maechtigste Mann in der Stadt. Die Stadt, sagt man immer, gehoert dem Herrn +Buck." + +"Das will ich aber gar nicht, ich will, dass sie sich selbst gehoert." Er +atmete tief aus. "Das ist eine weitlaeufige Sache, Sie werden sie +allmaehlich kennenlernen, wenn Sie Einblick in unsere Verwaltung bekommen. +Wir werden naemlich jeden Tag heftiger bedraengt von der Regierung und ihren +junkerlichen Auftraggebern. Heute will man uns zwingen, den Gutsbesitzern, +die uns keine Steuern zahlen, unser Licht zu geben, morgen werden wir +ihnen Strassen bauen muessen. Zuletzt geht es um unsere Selbstverwaltung. +Sie werden sehen, wir leben in einer belagerten Stadt." + +Diederich laechelte ueberlegen. "So schlimm kann es wohl nicht sein, denn +unser Kaiser ist doch eine so moderne Persoenlichkeit." + +"Nun ja", sagte der alte Buck. Er erhob sich, wiegte den Kopf - und dann +zog er es vor, zu schweigen. Er reichte Diederich die Hand. + +"Mein lieber Doktor, Ihre Freundschaft wird mir gerade so wertvoll sein, +als die Ihres Vaters mir war. Nach unserer Unterredung habe ich die +Hoffnung, dass wir in allem einig gehen werden." + +Unter dem warmen blauen Blick des Alten schlug Diederich sich auf die +Brust. "Ich bin ein durchaus liberaler Mann!" + +"Vor allem warne ich Sie vor dem Regierungspraesidenten von Wulckow. Er ist +der Feind, der uns hier in die Stadt gesetzt worden ist. Der Magistrat +unterhaelt nur die unumgaenglichen Beziehungen zum Praesidenten. Ich selbst +habe die Ehre, von dem Herrn nicht gegruesst zu werden." + +"Oh!" machte Diederich, ehrlich erschuettert. + +Der alte Buck oeffnete ihm schon die Tuer, schien aber noch etwas zu +ueberlegen. "Warten Sie!" Er trat eilig zu seiner Bibliothek, bueckte sich +und tauchte aus einer staubigen Tiefe mit einem kleinen, fast +quadratischen Buch auf. Er steckte es Diederich rasch zu, verstohlenen +Glanz in seinem Gesicht, das erroetet war. "Da, nehmen Sie! Es sind meine +'Sturmglocken'! Man war auch Dichter - damals." Und er schob Diederich +sanft hinaus. + + + +Die Fleischhauergrube stieg betraechtlich an, aber Diederich schnaufte +nicht nur deshalb. Nachdem er zuerst nur eine gewisse Betaeubung empfunden +hatte, stellte sich allmaehlich das Gefuehl heraus, dass er sich habe +verblueffen lassen. "So ein alter Schwaetzer ist doch bloss noch eine +Vogelscheuche, und mir imponiert er!" Unbestimmt gedachte er der +Kinderzeit, als ihm der alte Herr Buck, der zum Tode verurteilt worden +war, ebensoviel Hochachtung und ein aehnliches Grausen einfloesste wie der +Polizist an der Ecke oder das Burggespenst. "Werd' ich denn ewig so weich +bleiben? Ein anderer haette sich nicht so behandeln lassen!" Auch konnte es +peinliche Folgen haben, dass er zu so vielen kompromittierenden Reden +geschwiegen oder nur matt widersprochen hatte. Er legte sich energische +Antworten zurecht, fuer das naechste Mal. "Das Ganze war eine Falle! Er hat +mich einfangen und unschaedlich machen wollen ... Aber er soll sehen!" +Diederich ballte die Faust in der Tasche, indes er stramm durch die +Kaiser-Wilhelm-Strasse ging. "Vorlaeufig muss man sich noch mit ihm +verhalten, aber wehe, wenn ich der Staerkere bin!" + +Das Haus des Buergermeisters war mit Oelfarbe neu gestrichen, und die +Spiegelscheiben glaenzten wie je. Ein nettes Stubenmaedchen empfing ihn. +Ueber eine Treppe mit einem freundlichen Knaben aus Biskuit, der eine Lampe +trug, und durch ein Vorzimmer, worin fast vor jedem Moebel ein kleiner +Teppich lag, ward Diederich in das Esszimmer gefuehrt. Es war aus hellem +Holz mit appetitlichen Bildern, zwischen denen der Buergermeister und noch +ein Herr beim zweiten Fruehstueck sassen. Doktor Scheffelweis reichte +Diederich seine weissliche Hand hin und musterte ihn dabei ueber den Klemmer +weg. Trotzdem wusste man nie genau, ob er einen ansah, so unbestimmt war +der Blick seiner Augen, die farblos schienen wie das Gesicht und die +seitwaerts fliehenden, duennen Bartkoteletts. Der Buergermeister setzte +mehrmals zum Sprechen an, bis er endlich etwas fand, das man auf alle +Faelle sagen konnte. "Schoene Schmisse", sagte er; und zu dem anderen Herrn: +"Finden Sie nicht?" + +Der andere Herr legte Diederich zunaechst grosse Zurueckhaltung auf, denn er +sah stark juedisch aus. Aber der Buergermeister stellte vor: "Herr Assessor +Jadassohn, von der Staatsanwaltschaft" - was dann allerdings eine +vollwertige Begruessung noetig machte. + +"Setzen Sie sich nur gleich," sagte der Buergermeister, "wir fangen gerade +an." Er schenkte Diederich Porter ein und legte ihm Lachsschinken vor. +"Meine Frau und meine Schwiegermutter sind ausgegangen, die Kinder in der +Schule, dies ist die Stunde des Junggesellen, prost!" + +Der juedische Herr von der Staatsanwaltschaft hatte vorlaeufig nur fuer das +Stubenmaedchen Augen. Waehrend sie neben ihm am Tisch zu tun hatte, war +seine Hand verschwunden. Dann ging sie, und er wollte von oeffentlichen +Angelegenheiten beginnen, aber der Buergermeister liess sich nicht +unterbrechen. "Die beiden Damen kommen vor dem Mittagessen nicht zurueck, +denn meine Schwiegermutter ist beim Zahnarzt. Ich kenne das, es kostet +Muehe mit ihr, und inzwischen gehoert uns das Haus." Er holte einen Likoer +aus dem Buefett, ruehmte ihn, liess sich seine Guete von den Gaesten bestaetigen +und fuhr fort, eintoenig und vom Kauen unterbrochen, das Idyll seiner +Vormittage zu preisen. Allmaehlich ward, in allem Glueck, seine Miene immer +besorgter, er fuehlte wohl, das Gespraech koenne so nicht weitergehen; und +nachdem eine Minute lang alle geschwiegen hatten, entschloss er sich. + +"Ich darf annehmen, Herr Doktor Hessling -: mein Haus liegt ja nicht in +naechster Nachbarschaft des Ihren, und so wuerde ich es durchaus begreiflich +finden, wenn Sie vor mir einige andere Herren aufgesucht haetten." + +Diederich erroetete schon fuer die Luege, die er noch nicht ausgesprochen +hatte. "Es wuerde herauskommen", dachte er noch rechtzeitig, und er sagte: +"Tatsaechlich habe ich mir erlaubt -. Das heisst, natuerlich war mein erster +Weg zu Ihnen, Herr Buergermeister. Nur im Andenken an meinen Vater, der +eine so grosse Verehrung fuer den alten Herrn Buck hatte -" + +"Begreiflich, durchaus begreiflich." Der Buergermeister nickte mit +Nachdruck. "Herr Buck ist der aelteste unter unseren verdienten Buergern und +uebt daher einen zweifellos legitimen Einfluss aus." + +"Vorlaeufig noch!" sagte mit unerwartet scharfer Stimme der juedische Herr +von der Staatsanwaltschaft und sah Diederich herausfordernd an. Der +Buergermeister hatte sich ueber seinen Kaese gebeugt, Diederich fand sich +schutzlos, er blinzelte. Da der Blick des Herrn durchaus ein Bekenntnis +verlangte, brachte er etwas hervor von "eingefleischtem Respekt" und +fuehrte sogar Kindheitserinnerungen an, die es entschuldigen sollten, dass +er zuerst bei Herrn Buck gewesen war. Dabei betrachtete er schreckerfuellt +die ungeheuren, roten und weit abstehenden Ohren des Herrn von der +Staatsanwaltschaft. Dieser liess Diederich fertig stammeln, wie einen +Angeklagten, der sich verfing; endlich versetzte er schneidend: + +"Der Respekt ist in gewissen Faellen dazu da, dass man sich ihn abgewoehnt." + +Diederich stutzte; dann entschloss er sich zu einem verstaendnisvollen +Gelaechter. Der Buergermeister sagte mit blassem Laecheln und einer +versoehnlichen Geste: + +"Herr Assessor Doktor Jadassohn ist nun einmal gern geistreich, - was ich +persoenlich ganz besonders an ihm schaetze. In meiner Stellung freilich bin +ich genoetigt, die Dinge objektiv und voraussetzungslos zu betrachten. Und +da muss ich denn sagen: einerseits ..." + +"Kommen wir gleich zum Andererseits!" verlangte Assessor Jadassohn. "Fuer +mich als Vertreter einer staatlichen Behoerde wie als ueberzeugten Anhaenger +der bestehenden Ordnung sind dieser Herr Buck und sein Genosse, der +Reichstagsabgeordnete Kuehlemann, nach ihrer Vergangenheit und Gesinnung +einfach Umstuerzler, und damit fertig. Ich mache aus meinem Herzen keine +Moerdergrube, ich halte das nicht fuer deutsch. Volkskuechen gruenden, +meinetwegen; aber das beste Futter fuer das Volk ist eine gute Gesinnung. +Eine Idiotenanstalt mag auch ganz nuetzlich sein." + +"Aber nur eine kaisertreue!" ergaenzte Diederich. Der Buergermeister machte +beschwichtigende Zeichen. "Meine Herren!" flehte er. "Meine Herren! Wenn +wir uns denn aussprechen sollen, so ist es gewiss richtig, dass bei aller +buergerlichen Hochschaetzung der genannten Herren andererseits doch -" + +"Andererseits!" wiederholte Jadassohn streng. + +"- das tiefste Bedauern zurueckbleibt ueber unsere leider so unguenstigen +Beziehungen zu den Vertretern der Staatsregierung - wenn ich auch zu +bedenken bitte, dass die ungewoehnliche Schaerfe des Herrn +Regierungspraesidenten von Wulckow gegenueber den staedtischen Behoerden -" + +"Gegenueber schlecht gesinnten Koerperschaften!" warf Jadassohn ein. +Diederich erlaubte sich: "Ich bin ein durchaus liberaler Mann, aber das +muss ich sagen -" + +"Eine Stadt," erklaerte der Assessor, "die sich den berechtigten Wuenschen +der Regierung verschliesst, darf allerdings nicht darueber erstaunen, dass +ihr die kalte Schulter gezeigt wird." + +"Von Berlin nach Netzig", versicherte Diederich, "koennte man in der halben +Zeit fahren, wenn wir besser mit den Herren oben staenden." + +Der Buergermeister liess sie ihr Duett beenden, er war bleich und hielt +hinter dem Klemmer die Lider gesenkt. Ploetzlich sah er sie an mit einem +duennen Laecheln. + +"Meine Herren, bemuehen Sie sich nicht, ich weiss, dass es eine zeitgemaessere +Gesinnung gibt als die von den staedtischen Behoerden bekundete. Glauben +Sie, bitte, dass es nicht mein Verschulden war, wenn an Seine Majestaet +gelegentlich ihrer letzten Anwesenheit in der Provinz, waehrend der +vorjaehrigen Manoever, kein Huldigungstelegramm geschickt worden ist ..." + +"Die Weigerung des Magistrats war durchaus undeutsch", stellte Jadassohn +fest. + +"Das nationale Banner muss hochgehalten werden", verlangte Diederich. Der +Buergermeister erhob die Arme. + +"Meine Herren, das weiss ich. Aber ich bin nur der Vorsitzende des +Magistrats und muss leider seine Beschluesse ausfuehren. Aendern Sie die +Verhaeltnisse! Herr Doktor Jadassohn erinnert sich noch an unseren Streit +mit der Regierung wegen des sozialdemokratischen Lehrers Rettich. Ich +konnte den Mann nicht massregeln. Herrn von Wulckow ist bekannt," - der +Buergermeister kniff ein Auge zu - "dass ich es sonst getan haben wuerde." + +Man schwieg eine Weile und betrachtete einander. Jadassohn blies durch die +Nase, als genuegte ihm das Gehoerte. Aber Diederich konnte nicht laenger an +sich halten. "Die Vorfrucht der Sozialdemokratie ist der Liberalismus"! +rief er. "Solche Leute wie Buck, Kuehlemann und Eugen Richter machen unsere +Arbeiter frech. Mein Betrieb legt mir die schwersten Opfer an Arbeit und +Verantwortung auf, und dann hab' ich noch Konflikte mit meinen Leuten. Und +warum? Weil wir nicht einig sind gegen die rote Gefahr und es gewisse +Arbeitgeber gibt, die im sozialistischen Fahrwasser schwimmen, wie zum +Beispiel der Schwiegersohn des Herrn Buck. Was seine Fabrik einbringt, +daran beteiligt der Herr Lauer seine Arbeiter. Das ist unmoralisch!" Hier +blitzte Diederich. "Denn es untergraebt die Ordnung, und ich stehe auf dem +Standpunkt, in dieser harten Zeit haben wir Ordnung noetiger als je, und +darum brauchen wir ein festes Regiment, wie unser herrlicher junger Kaiser +es fuehrt. Ich erklaere, dass ich in allem fest zu Seiner Majestaet stehe ..." +Hier machten die beiden anderen Herren eine Verbeugung, die Diederich +entgegennahm, indes er weiterblitzte. Im Gegensatz zu dem demokratischen +Mischmasch, an den die absterbende Generation noch glaube, sei der Kaiser +der Vertreter der Jugend, die persoenlichste Persoenlichkeit, von +erfreulicher Impulsivitaet und ein hoechst origineller Denker. "Einer soll +Herr sein! Auf allen Gebieten!" Diederich legte das vollstaendige +Bekenntnis einer scharfen und schneidigen Gesinnung ab und erklaerte, dass +mit dem alten freisinnigen Schlendrian auch in Netzig von Grund aus +aufgeraeumt werden muesse. + +"Jetzt kommt eine neue Zeit!" + +Jadassohn und der Buergermeister hoerten still zu, bis er alles herausgesagt +hatte; Jadassohns Ohren wurden dabei noch groesser. Dann kraehte er: "Auch in +Netzig gibt es kaisertreue Deutsche!" Und Diederich noch lauter: "Die +aber, die es nicht sind, werden wir uns einmal naeher ansehen. Es wird sich +zeigen, ob gewissen Familien die Stellung, die sie einnehmen, noch +zukommt. Vom alten Buck zu schweigen: wer sind denn seine Leute? Die Soehne +verbauert oder verbummelt, ein Schwiegersohn, der Sozialist ist, und die +Tochter soll ja -" + +Man sah einander an. Der Buergermeister kicherte und roetete sich blass. Vor +Vergnuegen platzte er aus: "Und die Herren wissen noch gar nicht, dass der +Bruder des Herrn Buck pleite ist!" + +Man aeusserte laermende Genugtuung. Der mit den fuenf eleganten Toechtern! Der +Vorsitzende der "Harmonie"! Aber zu essen, das wusste Diederich, bekamen +sie aus der Volkskueche. Daraufhin schenkte der Buergermeister nochmals +Schnaepse ein und reichte Zigarren. Er zweifelte ploetzlich nicht mehr, dass +ein Umschwung bevorstehe. "In anderthalb Jahren sind die Neuwahlen zum +Reichstag. Bis dahin werden die Herren arbeiten muessen." + +Diederich schlug vor: "Betrachten wir drei uns schon jetzt als das engere +Wahlkomitee!" + +Jadassohn erklaerte es fuer die erste Notwendigkeit, Fuehlung zu nehmen mit +dem Herrn Regierungspraesidenten von Wulckow. "Streng vertraulich", setzte +der Buergermeister hinzu und zwinkerte. Diederich bedauerte, dass die +"Netziger Zeitung", das groesste Organ der Stadt, sich im freisinnigen +Fahrwasser bewege. "So ein Judenblatt!" sagte Jadassohn. Wohingegen das +regierungstreue Kreisblatt in der Stadt fast ohne Einfluss sei. Aber der +alte Kluesing in Gausenfeld lieferte das Papier fuer beide Blaetter. Es +schien Diederich nicht unmoeglich, durch ihn, der in der "Netziger Zeitung" +Geld hatte, ihre Haltung zu beeinflussen. Er musste Angst bekommen, sonst +das Kreisblatt zu verlieren. "Denn es gibt ja noch eine Papierfabrik in +Netzig", sagte der Buergermeister und schmunzelte. Da trat das +Zimmermaedchen ein und verkuendete, sie muesse nun den Tisch zum Mittagessen +decken; die gnaedige Frau werde gleich zurueck sein - "und auch die Frau +Hauptmann", setzte sie hinzu. Bei der Nennung dieses Titels erhob der +Buergermeister sich sofort. Wie er seine Gaeste hinausgeleitete, hielt er +den Kopf gesenkt und war, trotz der genossenen Schnaepse, ganz milchfarben. +Auf der Treppe zog er Diederich am Aermel. Jadassohn war zurueckgeblieben, +und man hoerte das Maedchen leise kreischen. An der Haustuer laeutete es +schon. + +"Mein lieber Herr Doktor," wisperte der Buergermeister, "Sie haben mich +doch nicht missverstanden. Bei alledem habe ich natuerlich einzig das +Interesse der Stadt im Auge. Mir liegt es selbstverstaendlich ganz fern, +irgend etwas zu unternehmen, worin ich mich nicht einig weiss mit den +Koerperschaften, an deren Spitze zu stehen ich die Ehre habe." + +Er blinzelte eindringlich. Bevor Diederich sich besonnen hatte, betraten +die Damen das Haus, und der Buergermeister liess Diederichs Aermel los, um +ihnen entgegenzueilen. Seine Frau, verhutzelt und mit Sorgenfalten, hatte +kaum Zeit, die Herren zu begruessen; sie musste die Kinder trennen, die +einander pruegelten. Ihre Mutter aber, einen Kopf hoeher und noch +jugendlich, musterte streng die geroeteten Gesichter der Fruehstuecksgaeste. +Dann schritt sie junonisch auf den Buergermeister zu, den man kleiner +werden sah ... Assessor Dr. Jadassohn hatte sich schon von dannen gemacht, +Diederich vollfuehrte formelle Verbeugungen, die unerwidert blieben, und +eilte hinterdrein. Ihm war aber beklommen, er sah unruhig auf der Strasse +umher, hoerte nicht, was Jadassohn sagte, und ploetzlich kehrte er um. Er +musste mehrmals und heftig laeuten, denn drinnen war grosser Laerm. Die +Herrschaften standen noch am Fusse der Treppe, auf der die Kinder sich +schreiend umherstiessen, und sie debattierten. Die Frau Buergermeister +wuenschte, dass ihr Gatte beim Schuldirektor etwas gegen einen Oberlehrer +unternehme, der ihren Sohn schlecht behandelte. Dagegen forderte die Frau +Hauptmann von ihrem Schwiegersohn, er solle den Oberlehrer zum Professor +ernennen, denn seine Frau habe den groessten Einfluss im Vorstand der +Bethlehemstiftung fuer gefaehrdete Maedchen. Der Buergermeister beschwor sie +abwechselnd mit den Haenden. Endlich konnte er ein Wort anbringen. + +"Einerseits ...", sagte er. + +Aber da hatte Diederich ihn am Aermel ergriffen. Nach vielen +Entschuldigungen in der Richtung der Damen zog er ihn beiseite, und er +fluesterte bebend: "Verehrter Herr Buergermeister, es liegt mir daran, +Missverstaendnissen vorzubeugen. Ich darf daher wiederholen, dass ich ein +durchaus liberaler Mann bin." + +Doktor Scheffelweis versicherte fluechtig, dass er hiervon gerade so +ueberzeugt sei wie von seiner eigenen, gut liberalen Gesinnung. Schon ward +er abgerufen, und Diederich verliess, ein wenig erleichtert, das Haus. +Jadassohn erwartete ihn grinsend. + +"Sie haben wohl Angst gehabt? Lassen Sie nur! Mit unserem Stadtoberhaupt +kompromittiert sich niemand, er ist immer, wie der liebe Gott, mit den +staerksten Bataillonen. Heute wollte ich nur feststellen, wie weit er sich +schon mit Herrn von Wulckow eingelassen hat. Es steht nicht uebel, wir +koennen uns ein Stueck vorwagen." + +"Vergessen Sie, bitte, nicht," sagte Diederich, mit Zurueckhaltung, "dass +ich in der Netziger Buergerschaft zu Hause und natuerlich auch liberal bin." + +Jadassohn sah ihn von der Seite an. "Neuteutonia?" fragte er. Und als +Diederich sich erstaunt umwandte: "Wie geht es denn meinem alten Freund +Wiebel?" + +"Sie kennen ihn? Er war mein Leibbursch!" + +"Kennen! Ich habe mit ihm gehangen." + +Diederich ergriff die Hand, die Jadassohn hinhielt, sie schuettelten +einander kraftvoll. "Na dann!" "Na also!" Und Arm in Arm gingen sie in den +Ratskeller, Mittag essen. + + + +Dort war es einsam und daemmerig, hinten ward fuer sie das Gas angezuendet, +und bis die Suppe kam, machten sie alte Kommilitonen ausfindig. Der dicke +Delitzsch! Diederich berichtete mit der Genauigkeit eines Augenzeugen ueber +seinen tragischen Tod. Das erste Glas Rauenthaler weihten sie still seinem +Andenken. Es zeigte sich, dass auch Jadassohn die Februarkrawalle +mitgemacht und damals die Macht verehren gelernt hatte, wie Diederich. +"Seine Majestaet hat einen Mut bewiesen," sagte der Assessor, "dass einem +schwindlig werden konnte. Mehrmals habe ich, weiss Gott, geglaubt -." Er +stockte, sie sahen schaudernd einander in die Augen. Um ueber die +entsetzliche Vorstellung hinwegzukommen, erhoben sie die Glaeser. "Gestatte +mir", sagte Jadassohn. "Ziehe gleich mit", erwiderte Diederich. Und +Jadassohn: "Werte Lieben mit eingeschlossen." Und Diederich: "Werde zu +Hause davon zu ruehmen wissen." + +Dann liess sich Jadassohn, obwohl sein Essen kalt ward, auf eine +ausfuehrliche Wuerdigung des kaiserlichen Charakters ein. Die Philister, +Noergler und Juden mochten an ihm aussetzen was sie wollten, alles in allem +war unser herrlicher junger Kaiser die persoenlichste Persoenlichkeit, von +erfreulicher Impulsivitaet und ein hoechst origineller Denker. Diederich +glaubte dies auch schon festgestellt zu haben und nickte befriedigt. Er +sagte sich, dass das Aeussere eines Menschen zuweilen truege, und dass die +deutsche Gesinnung nicht notwendig von der Groesse der Ohren abhaenge. Sie +leerten ihre Glaeser auf den gluecklichen Ausgang des Kampfes fuer Thron und +Altar, gegen den Umsturz in jeder Form und Verkleidung. + +So gelangten sie wieder zu den Zustaenden in Netzig. Sie waren sich einig +darin, dass der neue nationale Geist, fuer den es die Stadt zu erobern galt, +kein anderes Programm brauche als den Namen Seiner Majestaet. Die +politischen Parteien waren alter Troedel, wie Seine Majestaet selbst gesagt +hatte. "Ich kenne nur zwei Parteien, die fuer mich und die wider mich", +hatte er gesagt, und so war es. In Netzig ueberwog leider noch die Partei, +die gegen ihn war, aber das sollte sich aendern, und zwar - dies war +Diederich klar - vermittels des Kriegervereins. Jadassohn, der ihm nicht +angehoerte, uebernahm es gleichwohl, Diederich mit den leitenden +Persoenlichkeiten bekannt zu machen. Da war vor allem Pastor Zillich, ein +Korpsbruder von Jadassohn, ein echt deutscher Mann! Gleich nachher wollten +sie ihn besuchen. Sie tranken auf sein Wohl. Auch auf seinen Hauptmann +trank Diederich, den Hauptmann, der aus einem strengen Vorgesetzten sein +bester Freund geworden war. "Das Dienstjahr ist doch das Jahr, das ich aus +meinem Leben am wenigsten missen moechte." Unvermittelt und schon ziemlich +geroetet, rief er aus: + +"Und solche erhebenden Erinnerungen moechten diese Demokraten uns +verekeln!" + +Der alte Buck! Diederich konnte sich ploetzlich nicht fassen vor Wut, er +stammelte: "Am Dienen will solch ein Mensch uns hindern, er sagt, wir sind +Knechte! Weil er mal Revolution gemacht hat -" + +"Das ist ja schon nicht mehr wahr", sagte Jadassohn. + +"Darum sollen wir uns wohl alle zum Tode verurteilen lassen? Haetten sie +ihn wenigstens gekoepft!... Die Hohenzollern sollen uns schlecht bekommen +sein!" + +"Ihm sicher", sagte Jadassohn und tat einen grossen Zug. + +"Aber ich stelle fest -" Diederich rollte die Augen -, "dass ich all seinen +laesterlichen Unfug nur angehoert habe, um mich darueber zu unterrichten, wes +Geistes Kind er ist. Ich nehme Sie zum Zeugen, Herr Assessor! Wenn der +alte Intrigant jemals behaupten sollte, dass ich sein Freund bin und seine +infamen Majestaetsbeleidigungen gebilligt habe, dann nehme ich Sie zum +Zeugen, dass ich gleich heute protestiert habe!" + +Der Schweiss brach ihm aus, denn er dachte an die Sache mit der +Baukommission und an den Schutz, den er bei ihr geniessen sollte ... +Unvermittelt warf er ein Buch auf den Tisch, ein kleines, fast +quadratisches Buch, und stiess ein Hohngelaechter dabei aus. + +"Dichten tut er auch!" + +Jadassohn blaetterte. "Turnerlieder. Aus der Gefangenschaft. Ein Hoch der +Republik! und Am Weiher lag ein Juengling, truebselig anzuschauen ... +Stimmt, so waren die. Straeflinge versorgen und an den Grundlagen ruetteln. +Sentimentaler Umsturz. Gesinnung verdaechtig und Haltung schlapp. Da stehen +wir, Gott sei Dank, anders da." + +"Das wollen wir hoffen", sagte Diederich. "In der Verbindung haben wir +Mannhaftigkeit und Idealismus gelernt, das genuegt, da eruebrigt sich das +Dichten." + +"Fort mit euren Altarkerzen!" deklamierte Jadassohn. "Das ist etwas fuer +meinen Freund Zillich. Jetzt hat er sein Schlaefchen hinter sich, wir +koennen losgehen." + +Sie fanden den Pastor beim Kaffee. Er wollte Frau und Tochter sogleich +hinausschicken, Jadassohn hielt die Hausfrau galant zurueck und versuchte +auch dem Fraeulein die Hand zu kuessen, aber sie wandte ihm den Ruecken. +Diederich, sehr aufgeheitert, bat die Damen dringend, zu bleiben, und ihm +gelang es. Er erklaerte ihnen, dass Netzig nach Berlin betraechtlich still +wirke. "Die Damenwelt ist auch noch zurueck. Mein Ehrenwort, gnaediges +Fraeulein, Sie sind hier die erste, die ruhig Unter den Linden +spazierengehen koennte, und kein Mensch wuerde merken, dass Sie aus Netzig +sind." Darauf erfuhr er, dass sie wirklich einmal in Berlin gewesen war, +und sogar bei Ronacher. Diederich zog hieraus Vorteil, er erinnerte sie an +ein dort gehoertes Couplet, das er ihr aber nur ins Ohr sagen koenne. "Unsre +lieben suessen Dam'n, zeigen alles, was sie ham'n" ... Da sie einen dreisten +Seitenblick warf, streifte er mit dem Bart ihren Hals. Sie sah ihn flehend +an, worauf er ihr erst recht versicherte, dass sie ein "reizender Kaefer" +sei. Sie fluechtete mit geschlossenen Augen zu ihrer Mutter, die alles +ueberwacht hatte. Der Pastor war mit Jadassohn in ernstem Gespraech. Er +klagte, dass der Kirchenbesuch in Netzig unerhoert vernachlaessigt werde. + +"Am Sonntag Jubilate: verstehen Sie wohl, am Sonntag Jubilate habe ich vor +dem Kuester und drei alten Damen aus dem Jungfrauenstift predigen muessen. +Die anderen hatten Influenza." + +Jadassohn sagte: "Bei der lauen, um nicht zu sagen, feindseligen Haltung, +die die herrschende Partei den kirchlichen und religioesen Dingen gegenueber +einnimmt, muss man sich ueber die drei alten Damen wundern. Warum besuchen +sie nicht lieber die freigeistigen Vortraege des Doktors Heuteufel?" + +Da schnellte der Pastor vom Stuhl. Sein Bart schien aufzuschaeumen, so sehr +schnob er, und sein Gehrock warf wilde Falten. "Herr Assessor!" brachte er +hervor. "Dieser Mensch ist mein Schwager, und die Rache ist mein! spricht +der Herr. Aber obwohl dieser Mensch mein Schwager und meiner leiblichen +Schwester Mann ist, kann ich den Herrn nur anflehen, ja, mit gerungenen +Haenden anflehen, dass er von seinem Rachestrahl Gebrauch mache. Denn sonst +wuerde er eines Tages genoetigt sein, Pech und Schwefel auf ganz Netzig +regnen zu lassen. Kaffee, verstehen Sie, Kaffee gibt Heuteufel den Leuten +umsonst, damit sie kommen und ihre Seele von ihm fangen lassen. Und dann +erzaehlt er ihnen, die Ehe sei kein Sakrament, sondern ein Vertrag - als ob +ich mir einen Anzug bestelle." - Der Pastor lachte vor Erbitterung. + +"Pfui", sagte Diederich mit tiefer Stimme. Und indes Jadassohn den Pastor +seines positiven Christentums versicherte, begann Diederich schon wieder, +im Schutz eines Sessels, sich Kaethchen handgreiflich zu naehern. "Fraeulein +Kaethchen," sagte er dabei, "ich kann Ihnen auf das bestimmteste erklaeren, +dass fuer mich die Ehe tatsaechlich ein Sakrament ist." Kaethchen erwiderte: + +"Schaemen Sie sich, Herr Doktor." + +Ihm ward heiss. "Machen Sie nicht solche Augen!" + +Kaethchen seufzte. "Sie sind schrecklich raffiniert. Wahrscheinlich sind +Sie auch nicht besser als der Herr Assessor Jadassohn. Ihre Schwestern +haben mir schon erzaehlt, was Sie in Berlin alles angestellt haben. Es sind +doch meine besten Freundinnen." + +Dann werde man sich doch bald wiedersehen? - Ja, in der "Harmonie". "Aber +Sie brauchen nicht zu denken, dass ich Ihnen irgendwas glaube. Sie sind ja +mit Guste Daimchen zusammen am Bahnhof angekommen." + +Was das beweise, fragte Diederich. Er protestiere gegen alle Folgerungen, +die man aus dieser rein zufaelligen Tatsache etwa ziehen wolle. Fraeulein +Daimchen sei uebrigens verlobt. + +"Ach die!" machte Kaethchen. "Die geniert das nicht, sie ist so graesslich +kokett." + +Auch die Frau Pastor bestaetigte es. Noch heute habe sie Guste in +Lackschuhen und lila Struempfen gesehen. Das verspreche nichts Gutes. +Kaethchen verzog den Mund. + +"Na und die Erbschaft -." + +Dieser Zweifel machte, dass Diederich bestuerzt verstummte. Der Pastor hatte +dem Assessor soeben die Notwendigkeit zugegeben, die Lage der christlichen +Kirche in Netzig einmal naeher mit den Herren zu eroertern und verlangte von +seiner Frau den Mantel und den Hut. Auf der Treppe war es schon dunkel. Da +die beiden anderen vorangingen, konnte Diederich noch einmal Kaethchens +Hals ueberfallen. Sie sagte ersterbend: "So mit dem Bart kitzeln tut keiner +in Netzig" - was ihm zuerst schmeichelte, gleich darauf aber gab es ihm +peinliche Vermutungen ein. So liess er Kaethchen einfach los und verschwand. +Jadassohn erwartete ihn unten, er sagte leise: "Nur Mut! Der Alte hat +nichts gemerkt, und die Mutter tut so." Er zwinkerte aufdringlich. + +An der Marienkirche vorueber wollten die drei Herren den Markt erreichen, +der Pastor blieb aber stehen, mit einer Kopfbewegung deutete er hinter +sich. "Die Herren wissen wohl, wie die Gasse heisst, links von der Kirche +unter dem Bogen? Dies schwarze Loch von einer Gasse, oder vielmehr das +gewisse Haus darin." + +"Klein-Berlin", sagte Jadassohn, denn der Pastor ging nicht weiter. + +"Klein-Berlin", wiederholte er, schmerzlich laechelnd, und noch einmal mit +der Gebaerde heiligen Zornes, so dass mehrere Leute sich umsahen: +"Klein-Berlin ... Im Schatten meiner Kirche! Solch ein Haus! Und der +Magistrat will mich nicht hoeren, er spottet meiner. Aber er spottet noch +eines anderen, -" damit setzte sich der Pastor wieder in Bewegung - "und +der laesset seiner nicht spotten." + +Auch Jadassohn war der Meinung, dass er seiner nicht spotten lasse. +Diederich aber sah, indes seine Begleiter sich ereiferten, vom Rathaus her +Guste Daimchen nahen. Er neigte formvoll den Hut vor ihr, und sie laechelte +schnippisch. Ihm fiel auf, dass Kaethchen Zillich gerade so weissblond war +und auch diese kleine, frech eingedrueckte Nase hatte. Eigentlich war es +gleich, ob die oder die. Guste freilich zeichnete sich durch eine +handliche Breite aus. "Und die laesst sich nichts gefallen. Gleich hat man +eine Ohrfeige." Er wandte sich um nach Guste: von hinten war sie +ausserordentlich rund und wackelte. In diesem Augenblick war es fuer +Diederich entschieden: Die oder keine! + +Die beiden anderen hatten sie nachtraeglich auch bemerkt. + +"War das nicht das Toechterchen der Frau Oberinspektor Daimchen?" fragte +der Pastor; und er setzte hinzu: "Unsere Bethlehemstiftung fuer gefaehrdete +Jungfrauen wartet noch immer auf die Zuwendungen der Guten. Ob Fraeulein +Daimchen zu den Guten gehoert? Die Leute sagen, sie habe eine Million +geerbt." + +Jadassohn beeilte sich, dies fuer weit uebertrieben zu erklaeren. Diederich +widersprach; er kenne die Verhaeltnisse, der verstorbene Onkel habe mit +Zichorie noch viel mehr verdient, als man glaube. Er behauptete es so +lange, bis der Assessor ihm verhiess, er werde durch das Gericht in +Magdeburg die Wahrheit in Erfahrung bringen. Darauf schwieg Diederich, +zufriedengestellt. + +"Uebrigens", sagte Jadassohn, "faellt das Geld doch nur an die Bucks, will +sagen an den Umsturz." Aber Diederich wollte auch hierueber besser +unterrichtet sein. "Fraeulein Daimchen und ich sind naemlich zusammen hier +angekommen", sagte er versuchsweise. - "Ach so", machte Jadassohn. "Darf +man etwa gratulieren?" Diederich hob die Achseln wie bei einer +Taktlosigkeit. Jadassohn entschuldigte sich; er habe nur geglaubt, der +junge Buck -. + +"Wolfgang?" fragte Diederich. "Mit dem war ich in Berlin taeglich zusammen. +Er lebt dort mit einer Schauspielerin." + +Der Pastor raeusperte sich missbilligend. Da man eben auf den Theaterplatz +gelangte, sah er streng hinueber. Er versetzte: + +"Klein-Berlin liegt wohl bei meiner Kirche, aber doch wenigstens in einem +dunklen Winkel. Dieser Tempel der Sittenlosigkeit bruestet sich auf offenem +Platz, und unsere Soehne und Toechter -" er zeigte nach dem Buehneneingang, +wo einige Mitglieder des Theaters standen - "streifen mit dem Aermel an +Buhldirnen!" + +Diederich erklaerte dies, mit bekuemmerter Miene, fuer tief bedauerlich - +waehrend Jadassohn sich ueber die "Netziger Zeitung" entruestete, die +frohlockt hatte, weil in den Stuecken der letzten Saison vier uneheliche +Kinder vorgekommen seien, und die das fuer einen Fortschritt hielt! + + + +Inzwischen bogen sie in die Kaiser-Wilhelm-Strasse und hatten verschiedene +Herren zu gruessen, die eben das Haus der Loge betraten. Als sie die tief +gezogenen Huete wieder aufgesetzt hatten und vorueber waren, sagte +Jadassohn: + +"Man wird sich die Herrschaften merken muessen, die den freimaurerischen +Unfug noch mitmachen. Seine Majestaet missbilligt ihn entschieden." + +"Von meinem Schwager Heuteufel wundert mich selbst das gefaehrlichste +Sektenwesen nicht", erklaerte der Pastor. + +"Nun, und der Herr Lauer?" meinte Diederich. "Ein Mensch, der sich nicht +entbloedet, seine Arbeiter am Gewinn zu beteiligen? Dem ist alles +zuzutrauen!" + +"Das Unerhoerteste", behauptete Jadassohn, "ist doch, dass Herr +Landgerichtsrat Fritzsche sich in dieser Judengesellschaft zeigt: ein +koeniglicher Landgerichtsrat Arm in Arm mit dem Wucherer Cohn. Wie haisst +Cohn", machte Jadassohn und steckte den Daumen unter die Achsel. + +Diederich sagte: "Da er ja mit der Frau Lauer -" Er brach ab und erklaerte, +dann begreife er allerdings, dass diese Leute vor Gericht immer recht +bekaemen. "Sie halten zusammen und schmieden Raenke." Pastor Zillich +murmelte sogar etwas von Orgien, die sie in dem Haus dort feiern sollten +und bei denen schon unaussprechliche Dinge vorgekommen waren. Aber +Jadassohn laechelte bedeutsam: + +"Nun, gluecklicherweise sieht ihnen Herr von Wulckow gerade in die Fenster +hinein." Und Diederich nickte beifaellig zu dem Gebaeude der Regierung +hinueber. Gleich daneben, vor dem Bezirkskommando, ging ein Wachtposten auf +und ab. "Da lacht einem doch das Herz, wenn man das Gewehr so eines braven +Burschen blinken sieht!" rief Diederich aus. "Damit halten wir die Bande +in Schach." + +Das Gewehr blinkte freilich nicht, denn es ward dunkel. Schon schoben sich +Abteilungen heimkehrender Arbeiter durch das abendliche Gedraenge. +Jadassohn schlug einen Daemmerschoppen bei Klappsch vor, gleich um die +Ecke. Dort war es gemuetlich, zu dieser Stunde kam niemand hin. Auch war +Klappsch ein Gutgesinnter, der dem Pastor, indes seine Tochter das Bier +brachte, seinen heissen Dank aussprach fuer die segensreiche Arbeit, die er +in der Bibelstunde an seinen Jungen vollbringe. Der Aelteste hatte zwar +doch wieder Zucker gestohlen, dafuer aber hatte er nachts nicht schlafen +koennen, sondern seine Suende Gott so laut gebeichtet, dass Klappsch es hoerte +und ihn durchpruegeln konnte. Von da kam das Gespraech auf die Beamten der +Regierung, die Klappsch mit Fruehstueck versorgte und von denen er berichten +konnte, wie sie am Sonntag die Kirchzeit verbrachten. Jadassohn machte +sich Notizen, und gleichzeitig verschwand seine Hand hinter Fraeulein +Klappsch. Diederich besprach mit Pastor Zillich die Gruendung eines +christlichen Arbeitervereins. Er verhiess: "Wer von meinen Leuten nicht +'rein will, fliegt!" Diese Aussichten heiterten den Pastor auf; nachdem +Fraeulein Klappsch mehrmals Bier und Kognak gebracht hatte, befand er sich +in demselben Zustand hoffnungsvoller Entschlossenheit, den seine beiden +Gefaehrten im Laufe des Tages erreicht hatten. + +"Mein Schwager Heuteufel", rief er und schlug auf den Tisch, "soll so viel +von der Affenverwandtschaft predigen, wie er will, ich krieg' meine Kirche +doch wieder voll!" + +"Nicht nur Ihre", beteuerte Diederich. + +"Na, es gibt nun mal zu viele Kirchen in Netzig", gestand der Pastor. Da +sagte Jadassohn schneidend: "Zu wenige, Mann Gottes, zu wenige!" Und er +nahm Diederich zum Zeugen, wie in Berlin die Dinge sich entwickelt hatten. +Auch dort standen die Kirchen leer, bis Seine Majestaet selbst eingegriffen +hatte. "Sorgen Sie dafuer," hatte er einer Abordnung der staedtischen +Behoerden gesagt, "dass in Berlin Kirchen gebaut werden." Nun wurden sie +gebaut, die Religion war wieder aktuell, es kam Betrieb hinein. Und alle, +der Pastor, der Kneipwirt, Jadassohn und Diederich begeisterten sich fuer +die tiefe Froemmigkeit des Monarchen. Da fiel ein Schuss. + +"Es hat geknallt!" Jadassohn sprang zuerst auf, alle sahen erbleicht +einander an. Vor Diederichs innerem Auge erschien blitzschnell das +knochige Gesicht Napoleon Fischers, seines Maschinenmeisters, mit dem +schwarzen Bart, durch den man die graue Haut sah, und er stammelte: "Der +Umsturz! Es geht los!" Draussen war Getrappel von Laufenden: auf einmal +griffen alle nach ihren Hueten und rannten hinaus. + +Die Leute, die sich schon angesammelt hatten, hielten in einem scheuen +Bogen von der Ecke des Bezirkskommandos bis an die Treppe der +Freimaurerloge. Drueben, wo der Kreis offen stand, lag jemand, das Gesicht +nach unten, mitten auf der Strasse. Und der Soldat, der vorhin so munter +auf und ab gegangen war, stand jetzt unbeweglich vor seinem Schilderhaus. +Der Helm hatte sich ihm verschoben, man sah, dass er bleich war, den Mund +offen hatte und auf den Gefallenen hinstierte - indes er sein Gewehr beim +Lauf hielt und es am Boden schleppen liess. Im Publikum, zumeist Arbeitern +und Frauen aus dem Volk, ward dumpf gemurrt. Ploetzlich sagte eine +Maennerstimme sehr laut: "Oho!" - und darauf trat tiefe Stille ein. +Diederich und Jadassohn verstaendigten sich durch einen blassen Blick ueber +das Kritische des Augenblicks. + +Die Strasse herunter lief ein Schutzmann und ihm voraus ein Maedchen, dessen +Rock wehte und das schon von weitem rief: + +"Da liegt er! Der Soldat hat geschossen!" + +Sie war angelangt, sie warf sich auf die Knie, sie ruettelte den Mann. +"Auf! Steh doch auf!" + +Sie wartete. In seinen Fuessen schien es zu zucken; aber er blieb liegen, +Arme und Beine ueber das Pflaster gestreckt. Da schrie sie los: "Karl!" Es +gellte, dass alle auffuhren. Frauen schrien mit, mehrere Maenner stuerzten +vor, die Faeuste geballt. Die Ansammlung war dichter geworden; zwischen den +Wagen, die halten mussten, quoll Nachschub hervor; und in dem drohenden +Gedraenge arbeitete das Maedchen sich ab, unter ihren aufgeloesten Haaren, +die flatterten, und mit verzerrtem, nassem Gesicht, woraus wohl Geschrei +kam, aber man hoerte es nicht, der Laerm verschlang es. + +Der einzige Schutzmann draengte mit ausgebreiteten Armen die Menge zurueck, +sie trat sonst auf den Liegenden. Er schrie vergebens gegen sie an, tanzte +ihr auf den Fuessen und sah sich, den Kopf verlierend, in der Luft nach +Hilfe um. + +Und sie kam. Im Regierungsgebaeude ging ein Fenster auf, ein grosser Bart +erschien, und eine Stimme drang heraus, eine furchtbare Bassstimme, die +jeder, auch wenn er sie noch nicht verstand, durch allen Aufruhr droehnen +hoerte wie fernen Kanonendonner. + +"Wulckow", sagte Jadassohn. "Na endlich." + +"Ich verbitte mir das!" toente es herunter. "Wer erlaubt sich hier vor +meinem Hause Laerm zu machen?" Und da es schon ruhiger ward: + +"Wo ist der Posten?" + +Jetzt sahen die meisten erst, dass der Soldat sich in sein Schilderhaus +zurueckgezogen hatte: so tief wie moeglich, und nur der Gewehrlauf stand +hervor. + +"Komm 'raus, mein Sohn!" befahl der Bass von oben. "Du hast deine Pflicht +getan. Er hat dich gereizt. Fuer deine Tapferkeit wird Seine Majestaet dich +belohnen. Verstanden?" + +Alle hatten ihn verstanden und waren verstummt, sogar das Maedchen. Um so +ungeheurer droehnte er. + +"Zerstreut euch sofort, sonst lass' ich schiessen!" + +Eine Minute, und einige liefen schon. Gruppen von Arbeitern loesten sich +los, zoegerten - und gingen wieder ein Stueck weiter, mit gesenkten Koepfen. +Der Regierungspraesident rief noch hinunter: + +"Paschke, holen Sie mal 'n Doktor!" + +Dann klappte er das Fenster wieder zu. Im Eingang der Regierung aber ward +es lebendig. Ploetzlich waren Herren da, die kommandierten, eine Menge +Schutzleute liefen von allen Seiten zusammen, knufften auf das Publikum +ein, das noch uebrig war, und schrien ganz allein. Diederich und seine +Begleiter, die sich hinter ihre Ecke zurueckgezogen hatten, sahen drueben +auf der Treppe der Loge einige Herren stehen. Jetzt machte Doktor +Heuteufel sich zwischen ihnen Platz. "Ich bin Arzt", sagte er laut, ging +rasch ueber die Strasse und beugte sich zu dem Verwundeten. Er wendete ihn +um, oeffnete ihm die Weste und legte das Ohr an seine Brust. In diesem +Augenblick waren alle still, sogar die Schutzleute schrien nicht mehr; das +Maedchen aber stand da, vorwaerts geneigt, die Schultern hinaufgezogen wie +unter einem drohenden Schlag, und die Faust am Herzen geballt, als sei es +dies Herz, das nun stillstehen sollte. + +Doktor Heuteufel erhob sich. "Der Mann ist tot", sagte er. Gleichzeitig +bemerkte er das Maedchen, das schwankte. Er griff nach ihr. Aber sie stand +schon wieder, sie sah auf das Gesicht des Toten nieder und sagte nur: +"Karl." Noch leiser: "Karl." Doktor Heuteufel sah umher und fragte: "Was +soll mit dem Maedchen geschehen?" + +Da trat Jadassohn vor. "Assessor Jadassohn von der Staatsanwaltschaft", +sagte er. "Das Maedchen ist abzufuehren. Da ihr Geliebter den Posten gereizt +hat, liegt Verdacht vor, dass sie sich an der strafbaren Handlung beteiligt +hat. Wir werden die Untersuchung einleiten." + +Zwei Schutzleute, denen er winkte, fassten das Maedchen schon an. Doktor +Heuteufel erhob die Stimme: "Herr Assessor, ich erklaere als Arzt, dass der +Zustand des Maedchens seine Verhaftung nicht zulaesst." Jemand sagte: "Fuehren +Sie doch auch den Toten ab!" Aber Jadassohn kraehte: "Herr Fabrikbesitzer +Lauer, ich verbitte mir jede Kritik meiner amtlichen Massnahmen!" + +Diederich inzwischen hatte Zeichen hoher Erregung von sich gegeben. +"Oh!... Ah!... Aber das ist -." Er war ganz bleich; er setzte an: "Meine +Herren ... Meine Herren, ich bin in der Lage -. Ich kenne diese Leute: +jawohl, den Mann und das Maedchen. Doktor Hessling mein Name. Beide waren +bis heute in meiner Fabrik beschaeftigt. Ich musste sie entlassen wegen +oeffentlich begangener unsittlicher Handlungen." + +"Aha!" machte Jadassohn. Pastor Zillich ruehrte sich. "Das ist fuerwahr der +Finger Gottes", sagte er. Der Fabrikant Lauer hatte sich in seinem grauen +Spitzbart heftig geroetet, seine gedrungene Gestalt ward geschuettelt vom +Zorn. + +"Ueber den Finger Gottes laesst sich streiten. Sicher scheint nur, Herr +Doktor Hessling, dass der Mann sich zu Ausschreitungen hat hinreissen lassen, +weil die Entlassung ihm zu Herzen gegangen ist. Er hatte eine Frau, +vielleicht auch Kinder." + +"Sie waren gar nicht verheiratet", sagte Diederich, seinerseits entruestet. +"Ich weiss es von ihm selbst." + +"Was aendert das," fragte Lauer. Da erhob der Pastor die Arme. "Sind wir +denn schon so weit," rief er, "dass es nichts aendert, ob das sittliche +Gesetz Gottes befolgt wird oder nicht?" + +Lauer erklaerte es fuer unangebracht, auf der Strasse und im Augenblick, wo +jemand mit behoerdlicher Billigung totgeschossen worden sei, ueber sittliche +Gesetze zu debattieren; und er wandte sich an das Maedchen, um ihm Arbeit +in seiner Werkstatt anzubieten. Inzwischen war ein Sanitaetswagen +angelangt; der Tote ward vom Boden aufgenommen. Wie man ihn aber +hineinschob, fuhr das Maedchen aus seiner Starrheit empor, stuerzte sich +ueber die Bahre, entriss sie, ehe man es sich versah, den Maennern, dass sie +niederfiel - und zusammen mit dem Toten, in ihn verkrampft und unter +gellendem Geschrei rollte sie auf das Pflaster. Mit grosser Muehe ward sie +von dem Leichnam geloest und in eine Droschke gehoben. Der Assistenzarzt, +der den Krankenwagen begleitet hatte, fuhr mit ihr fort. + +Auf den Fabrikanten Lauer, der mit Heuteufel und den anderen Logenbruedern +weitergehen wollte, trat Jadassohn zu, in drohender Haltung. "Einen +Augenblick, bitte. Sie aeusserten da vorhin, dass hier mit behoerdlicher +Billigung - ich nehme die Herren zu Zeugen, dass dies Ihr Ausdruck war - +also mit behoerdlicher Billigung jemand totgeschossen sei. Ich moechte +fragen, ob das von Ihrer Seite vielleicht eine Missbilligung der Behoerde +bedeuten sollte." + +"Ach so", machte Lauer und sah ihn an. "Mich moechten Sie wohl auch +abfuehren lassen?" + +"Zugleich", fuhr Jadassohn mit hoher, schneidiger Stimme fort, "mache ich +Sie darauf aufmerksam, dass das Verhalten eines Postens, der ein ihn +belaestigendes Individuum niederschiesst, vor wenigen Monaten, naemlich im +Fall Lueck, von massgebender Stelle als korrekt und tapfer bezeichnet und +durch Auszeichnungen und Gnadenbeweise belohnt worden ist. Hueten Sie sich +vor einer Kritik der Allerhoechsten Handlungen!" + +"Ich habe keine ausgesprochen," sagte Lauer. "Ausgesprochen habe ich bis +jetzt nur meine Missbilligung des Herrn dort mit dem gefaehrlichen +Schnurrbart." + +"Wie?" fragte Diederich, der noch immer die Pflastersteine ansah, wo der +Erschossene gefallen war und wo ein wenig Blut lag. Er begriff endlich, +dass er herausgefordert war. + +"Der Schnurrbart wird von Seiner Majestaet getragen!" sagte er fest. "Es +ist die deutsche Barttracht. Im uebrigen lehne ich jede Diskussion mit +einem Arbeitgeber ab, der den Umsturz foerdert." + +Lauer oeffnete schon wuetend den Mund, obwohl der Bruder des alten Buck, +Heuteufel, Cohn und Landgerichtsrat Fritzsche ihn fortziehen wollten; und +neben Diederich reckten sich kampfbereit Jadassohn und Pastor Zillich: - +da erschien im Eilschritt eine Abteilung Infanterie, sperrte die Strasse +ab, die ganz geleert war, und der Leutnant, der die Fuehrung hatte, +forderte die Herren zum Weitergehen auf. Alle gehorchten schleunigst; sie +sahen noch, wie der Leutnant vor den Wachtposten hintrat und ihm die Hand +schuettelte. + +"Bravo!" sagte Jadassohn. Und Doktor Heuteufel: "Morgen kommen nun +Hauptmann, Major und Oberst dran, muessen belobigen und dem Kerl +Geldgeschenke machen." + +"Sehr richtig!" sagte Jadassohn. + +"Aber -" Heuteufel blieb stehen. "Meine Herren, verstaendigen wir uns doch. +Hat denn das alles einen Sinn? Nur weil dieser Bauerntoelpel keinen Spass +verstanden hat? Ein Witz, ein gutmuetiges Lachen nur, und er entwaffnet den +Arbeiter, der ihn herausfordern moechte, seinen Kameraden, einen armen +Teufel wie er selbst. Statt dessen befiehlt man ihm zu schiessen. Und +nachher kommen die grossen Worte." + +Landgerichtsrat Fritzsche stimmte bei und riet zur Maessigung. Da sagte +Diederich, noch bleich und mit einer Stimme, die erschauerte: + +"Das Volk muss die Macht fuehlen! Das Gefuehl der kaiserlichen Macht ist mit +einem Menschenleben nicht zu teuer bezahlt!" + +"Wenn es nur nicht Ihres ist", sagte Heuteufel. Und Diederich, die Hand +auf der Brust: + +"Wenn es auch meins waere!" + + + +Heuteufel zuckte die Achseln. Waehrend man weiterging, versuchte Diederich +dem Pastor Zillich, mit dem er ein Stueck zurueckblieb, seine Empfindungen +zu erklaeren. "Fuer mich", sagte er, schnaufend vor innerer Bewegung, "hat +der Vorgang etwas direkt Grossartiges, sozusagen Majestaetisches. Dass da +einer, der frech wird, einfach abgeschossen werden kann, ohne Urteil, auf +offener Strasse! Bedenken Sie: mitten in unserem buergerlichen Stumpfsinn +kommt so was - Heroisches vor! Da sieht man doch, was Macht heisst!" + +"Wenn sie von Gottes Gnaden ist", ergaenzte der Pastor. + +"Natuerlich. Das ist es eben. Drum hab' ich geradezu eine religioese +Erhebung von der Sache. Man merkt doch manchmal, dass es hoehere Dinge gibt, +Gewalten, denen wir alle unterworfen sind. Denn zum Beispiel bei dem +Berliner Krawall, vorigen Februar, als Seine Majestaet sich mit so +phaenomenaler Kaltbluetigkeit in den tobenden Aufruhr hinauswagten: na, ich +sage nur -" Da die uebrigen vor dem Ratskeller stehengeblieben waren, erhob +Diederich die Stimme. "Wenn damals der Kaiser die ganzen Linden haette vom +Militaer absperren und in uns alle haette 'reinschiessen lassen, immer feste +'rein, sag ich ..." + +"Sie haetten Hurra geschrien," schloss Doktor Heuteufel. + +"Sie vielleicht nicht?" fragte Diederich und versuchte zu blitzen. "Ich +hoffe doch, wir empfinden alle national!" + +Der Fabrikant Lauer wollte schon wieder unvorsichtig entgegnen, ward aber +zurueckgehalten. Statt seiner sagte Cohn: + +"Nun, national bin ich auch. Aber bezahlen wir unsere Armee fuer solche +Witze?" Diederich mass ihn. + +"Ihre Armee, sagen Sie? Herr Warenhausbesitzer Cohn hat eine Armee! Haben +die Herren gehoert?" Er lachte erhaben. "Ich kannte bisher nur die Armee +Seiner Majestaet des Kaisers!" + +Doktor Heuteufel brachte etwas von Volksrechten vor, aber Diederich +betonte mit abgehackter Kommandostimme, dass er keinen Schattenkaiser +wuensche. Ein Volk, das die straffe Zucht verliere, sei der Verlotterung +geweiht ... Inzwischen war man im Keller angelangt, Lauer und seine +Freunde sassen schon. "Na, setzen Sie sich nicht zu uns?" ward Diederich +von Doktor Heuteufel gefragt. "Schliesslich sind wir wohl alle liberale +Maenner." Da stellte Diederich fest: "Liberal selbstverstaendlich. Aber ich +gehe in den grossen nationalen Fragen aufs Ganze. Fuer mich gibt es da nur +zwei Parteien, die Seine Majestaet selbst gekennzeichnet haben: die fuer ihn +und die gegen ihn. Und da scheint es mir allerdings, dass an dem Tisch der +Herren fuer mich kein Platz ist." + +Er vollfuehrte eine korrekte Verbeugung und ging hinueber zu dem leeren +Tisch. Jadassohn und Pastor Zillich folgten ihm. Gaeste, die in der Naehe +sassen, sahen sich um; eine allgemeine Stille entstand. Mit dem Rausch des +Erlebten stieg in Diederich der Plan empor, Sekt zu bestellen. Drueben ward +gefluestert, dann rueckte jemand seinen Stuhl, es war Landgerichtsrat +Fritzsche. Er verabschiedete sich, kam an Diederichs Tisch, um ihm, +Jadassohn und Zillich die Haende zu schuetteln, und ging hinaus. + +"Das wollte ich ihm auch geraten haben", bemerkte Jadassohn. "Er hat die +Unhaltbarkeit seiner Lage noch rechtzeitig erkannt." Diederich sagte: +"Eine reinliche Scheidung war vorzuziehen. Wer in nationaler Beziehung ein +gutes Gewissen hat, braucht diese Leute wahrhaftig nicht zu fuerchten." +Aber Pastor Zillich schien betreten. "Der Gerechte muss viel leiden," sagte +er. "Sie wissen noch nicht, wie Heuteufel intrigant ist. Morgen erzaehlt er +Gott weiss welche Greuel ueber uns." Da zuckte Diederich zusammen. Doktor +Heuteufel war eingeweiht in jenen immerhin dunklen Punkt seines Lebens, +als er vom Militaer loszukommen wuenschte! Er hatte ihm, in einem hoehnischen +Brief, das Krankheitsattest verweigert! Er hielt ihn in der Hand, er +konnte ihn vernichten! In seinem jaehen Schrecken befuerchtete Diederich +sogar Enthuellungen aus seiner Schulzeit, als Doktor Heuteufel ihn im Hals +gepinselt und ihm dabei Feigheit vorgeworfen hatte. Der Schweiss brach ihm +aus. Um so lauter bestellte er Hummern und Sekt. + +Drueben bei den Logenbruedern hatte man sich aufs neue ueber den gewaltsamen +Tod des jungen Arbeiters erregt. Was das Militaer und die Junker, die es +befehligten, sich denn einbildeten! Sie benahmen sich ja wie in einem +eroberten Land! Und als die Koepfe rot genug waren, verstiegen sich die +Herren dazu, fuer das Buergertum, das tatsaechlich alle Leistungen liefere, +auch die Fuehrung im Staat zu verlangen. Herr Lauer wuenschte zu wissen, was +die herrschende Kaste vor anderen Leuten eigentlich noch voraus habe. +"Nicht einmal die Rasse", behauptete er. "Denn sie sind ja alle verjudet, +die Fuerstenhaeuser einbegriffen." Und er setzte hinzu: "Womit ich meinen +Freund Cohn nicht kraenken will." + +Es war Zeit, einzuschreiten: Diederich fuehlte es. Schnell stuerzte er noch +ein Glas hinunter, dann stand er auf, trat wuchtig bis in die Mitte unter +den gotischen Kronleuchter und sagte scharf: + +"Herr Fabrikbesitzer Lauer, ich gestatte mir die Frage, ob Sie unter den +Fuerstenhaeusern, die nach Ihrer persoenlichen Meinung verjudet sind, auch +deutsche Fuerstenhaeuser verstehen." + +Lauer erwiderte ruhig, beinahe freundlich: "Gewiss doch." + +"So", machte Diederich, und er schoepfte tief Atem, um zu seinem grossen +Schlag auszuholen. Unter der Aufmerksamkeit des ganzen Lokals fragte er: + +"Und den verjudeten deutschen Fuerstenhaeusern rechnen Sie auch das eine zu, +das ich nicht erst zu nennen brauche?" Triumphierend sagte Diederich dies, +vollkommen sicher, dass nun sein Gegner sich verwirren, stammeln und unter +den Tisch kriechen werde. Aber er stiess auf einen nicht vorauszusehenden +Zynismus. + +"Na ja doch", sagte Lauer. + +Jetzt war es an Diederich, die Haltung zu verlieren vor Entsetzen. Er sah +umher: ob er denn recht gehoert habe. Die Gesichter bestaetigten es ihm. Da +brachte er hervor, es werde sich zeigen, welche Folgen diese Aeusserung fuer +den Herrn Fabrikbesitzer haben werde, und zog sich in leidlicher Ordnung +in das befreundete Lager zurueck. Gleichzeitig tauchte Jadassohn wieder +auf, der verschwunden gewesen war, man wusste nicht wohin. + +"Ich habe dem soeben Vorgefallenen nicht beigewohnt", sagte er sofort. +"Ich stelle dies ausdruecklich fest, da es fuer die weitere Entwicklung von +Bedeutung sein koennte." Und dann liess er sich genau berichten. Diederich +tat es mit Feuer; er nahm es als sein Verdienst in Anspruch, dem Feind den +Weg abgeschnitten zu haben. "Jetzt haben wir ihn in der Hand!" + +"Allerdings," bestaetigte Jadassohn, der sich Notizen gemacht hatte. + +Vom Eingang her nahte auf steifen Beinen ein aelterer Herr mit grimmiger +Miene. Er gruesste nach beiden Seiten und schickte sich an, zu den +Vertretern des Umsturzes zu stossen. Aber Jadassohn holte ihn noch ein. +"Herr Major Kunze! Nur ein Wort!" Er redete halblaut auf ihn ein und +deutete dabei mit den Augen nach links und rechts. Der Major schien im +Zweifel. "Sie geben mir Ihr Ehrenwort, Herr Assessor," sagte er, "dass das +tatsaechlich behauptet wurde?" Waehrend Jadassohn es ihm gab, trat der +Bruder des Herrn Buck herbei, lang und elegant, laechelte unbedeutend und +bot dem Herrn Major fuer alles eine befriedigende Erklaerung an. Aber der +Major bedauerte; fuer eine solche Aeusserung gebe es einfach keine Erklaerung; +und seine Miene ward von erschreckender Duesterkeit. Trotzdem sah er noch +mit Bedauern nach seinem alten Stammtisch hinueber. Da, im entscheidenden +Moment, hob Diederich die Sektflasche aus dem Kuebel. Der Major bemerkte es +und folgte seinem Pflichtgefuehl. Jadassohn stellte vor: "Herr +Fabrikbesitzer Doktor Hessling." + +Diederichs Rechte und die des Majors drueckten einander mit Aufbietung +aller Kraft. Fest und bieder blickten die Herren sich ins Auge. "Herr +Doktor," sagte der Major, "Sie haben sich als deutscher Mann bewaehrt." Man +scharrte mit den Fuessen, rueckte die Stuehle zurecht, praesentierte +voreinander die Glaeser, und dann durfte man trinken. Diederich bestellte +sofort eine neue Flasche. Der Major leerte sein Glas, sooft es ihm +vollgeschenkt wurde, und zwischen den Zuegen versicherte er, auch er stehe, +was deutsche Treue betreffe, seinen Mann. "Wenn mein Koenig mich nun auch +schon aus seinem aktiven Dienst entlassen hat -" + +"Der Herr Major", erklaerte Jadassohn, "war zuletzt beim hiesigen +Bezirkskommando." + +"- ich habe noch das alte Soldatenherz -" er klopfte mit den Fingern +darauf - "und unpatriotische Tendenzen werde ich stets bekaempfen. Mit +Feuer und Schwert!" schrie er und liess die Faust auf den Tisch fallen. Im +selben Augenblick zog hinter seinem Ruecken der Warenhausbesitzer Cohn tief +den Hut und entfernte sich eilig. Der Bruder des Herrn Buck suchte zuerst +noch die Toilette auf, damit sein Verschwinden einen weniger fluchtartigen +Charakter trage. "Aha!" sagte Jadassohn um so lauter. "Herr Major, der +Feind ist aufgerieben." Pastor Zillich war noch immer beunruhigt. + +"Heuteufel ist dageblieben. Ich traue ihm nicht." + +Aber Diederich, der die dritte Flasche bestellte, sah sich hoehnisch nach +Lauer und Doktor Heuteufel um, die vereinsamt dasassen und beschaemt ihre +Bierglaeser anstarrten. + +"Wir haben die Macht", sagte er, "und die Herren dort drueben sind sich +dessen bewusst. Sie revoltieren schon gar nicht mehr, weil der Posten +geschossen hat. Sie machen Gesichter, als haetten sie Angst, dass sie nun +selbst bald drankommen. Und sie kommen auch dran!" Diederich erklaerte, dass +er wegen der vorhin gefallenen Aeusserungen eine Anzeige gegen den Herrn +Lauer bei der Staatsanwaltschaft erstatten werde. "Und ich werde dafuer +sorgen," versicherte Jadassohn, "dass die Anklage erhoben wird. Ich +persoenlich werde sie in der Hauptverhandlung vertreten. Die Herren wissen, +dass ich als Zeuge nicht in Betracht komme, da ich den Vorgaengen selbst +nicht beigewohnt habe." + +"Wir werden hier den Sumpf mal trocken legen", sagte Diederich, und er +fing von dem Kriegerverein an, auf den die treudeutsch und kaiserlich +gesinnten Maenner sich vor allem stuetzen muessten. Der Major nahm eine +Amtsmiene an. Jawohl, er war im Vorstand des Kriegervereins. Man diente +seinem Koenig immer noch, so gut man konnte. Er war auch bereit, Diederich +zur Aufnahme vorzuschlagen, damit die nationalen Elemente eine Kraeftigung +erfuehren. Denn bis jetzt, das durfte man sich nicht verhehlen, ueberwogen +auch dort die leidigen Demokraten. Man nahm, nach der Meinung des Majors, +behoerdlicherseits zu viel Ruecksicht auf die in Netzig gegebenen +Verhaeltnisse. Er selbst wuerde, wenn er zum Bezirkskommandanten ernannt +worden waere, den Herren Reserveoffizieren bei den Wahlen auf die Finger +gesehen haben, dafuer garantierte er. "Aber da mein Koenig mir die +Moeglichkeit leider genommen hat -" Diederich schenkte, um ihn zu troesten, +frisch ein. Waehrend der Major trank, beugte Jadassohn sich zu Diederich +und raunte: "Glauben Sie ihm kein Wort! Er ist ein schlapper Hund und +kriecht vor dem alten Buck. Wir muessen ihm imponieren." + +Diederich tat dies sofort. "Ich habe naemlich mit dem Herrn +Regierungspraesidenten von Wulckow bereits formelle Verabredungen +getroffen." Und da der Major die Augen aufriss: + +"Naechstes Jahr, Herr Major, sind die Reichstagswahlen. Da werden wir +Gutgesinnten schwere Arbeit haben. Der Kampf beginnt schon." + +"Los!" sagte der Major ingrimmig. "Prost!" + +"Prost!" sagte Diederich. "Aber, meine Herren, moegen die subversiven +Tendenzen im Lande noch so stark sein, wir sind staerker, denn wir haben +einen Agitator, den die Gegner nicht haben, und das ist Seine Majestaet." + +"Bravo!" + +"Seine Majestaet hat fuer alle Teile seines Staates, also auch fuer Netzig, +die Forderung aufgestellt, dass die Buerger endlich aus dem Schlummer +erwachen moegen! Und das wollen wir auch!" + +Jadassohn, der Major und Pastor Zillich bekundeten ihre Wachheit, indem +sie auf den Tisch schlugen, Beifall riefen und einander zutranken. Der +Major schrie: "Zu uns Offizieren hat Seine Majestaet gesagt: Dies sind die +Herren, auf die ich mich verlassen kann!" + +"Und zu uns", schrie Pastor Zillich, "hat er gesagt, wenn die Kirche der +Fuersten beduerfen wird -". + +Man durfte allen Zwang ablegen, denn der Keller hatte sich laengst geleert, +Lauer und Heuteufel waren ungesehen entkommen, und in den hinteren +Bogengewoelben brannte schon kein Gas mehr. + +"Er hat auch gesagt -" Diederich blies die Backen feuerrot auf, der +Schnurrbart stiess ihm in die Augen, aber dennoch blitzte er fuerchterlich. +"Wir stehen im Zeichen des Verkehrs! Und so ist es auch! Unter seiner +erhabenen Fuehrung sind wir fest entschlossen, Geschaefte zu machen!" + +"Und Karriere!" kraehte Jadassohn. "Seine Majestaet hat gesagt, jeder, der +ihm behilflich sein will, ist ihm willkommen. Will das jemand vielleicht +auf mich nicht mitbeziehen?" fragte Jadassohn herausfordernd, mit blutig +leuchtenden Ohren. Der Major bruellte wieder: + +"Und mein Koenig kann sich totsicher auf mich verlassen. Er hat mich zu +frueh weggeschickt, als ehrlicher deutscher Mann sage ich es ihm laut ins +Gesicht. Er wird mich noch mal bitter noetig haben, wenn es losgeht. Ich +denke nicht daran, den Rest meines Lebens bloss noch mit Knallbonbons zu +schiessen auf Vereinsbaellen. Ich war bei Sedan!" + +"Herrjemersch, und ich doch ooch!" ertoente es von duenner Schreistimme aus +unsichtbaren Tiefen, und den Schatten der Gewoelbe entstieg ein kleiner +Greis mit flatternden weissen Haaren. Er schwankte herbei, seine +Brillenglaeser funkelten, seine Backen gluehten, und er schrie: "Der Herr +Major Kunze! Nu da! Alter Kriegskamerad, bei Ihnen geht's ja zu wie +dunnemals in Frankreich. Ich sag' es aber immer: gut gelebt und lieber ae +paar Jahre laenger!" Der Major stellte ihn vor. "Herr Gymnasialprofessor +Kuehnchen." Wie es kam, dass er dort hinten im Dunkeln vergessen worden sei, +darueber aeusserte der kleine Greis die lebhaftesten Vermutungen. Frueher +hatte er sich in einer Gesellschaft befunden. "Nu muss ich wohl ae bisschen +eingeschlummert sein, und da sein die verdammten Lumichs mir ausgerueckt." +Der Schlaf hatte ihm vom Feuer der genossenen Getraenke noch nichts +genommen, er erinnerte, prahlerisch kreischend, den Major an ihre +gemeinsamen Taten im eisernen Jahr. "Die Franktiroehrs!" schrie er, und aus +seinem faltigen, zahnlosen Munde rann Feuchtigkeit. "Das war Sie eene +Bande! Wie die Herren mich da saehn, hab' ich doch noch immer een' steifen +Finger, da hat mich ae Franktiroehr draufgebissen. Bloss weil ich ihm mit +meim Saebel ae kleenes bisschen die Kehle abschneiden wollte. So eene +Gemeinheit von dem Kerl!" Er zeigte den Finger am Tisch umher und erregte +Ausrufe der Bewunderung. Diederichs begeisterte Gefuehle freilich mischten +sich mit Schrecken, er musste sich in die Lage des Franktiroehrs denken: der +kleine leidenschaftliche Greis kniete auf seiner Brust und setzte ihm die +Klinge an den Hals. Er war genoetigt, einen Augenblick hinauszugehen. + +Wie er zurueckkehrte, gaben der Major und Professor Kuehnchen, einander +ueberschreiend, den Bericht eines wilden Kampfes. Man verstand keinen. Aber +Kuehnchen schrillte immer schaerfer durch das Gebruell des anderen, bis er es +zum Schweigen gebracht hatte und ungestoert aufschneiden konnte. "Nee, +alter Freund, Sie sein ae anschlaegscher Kopf. Wenn Sie die Treppe +'runterfallen, verfehlen Sie keene Stufe. Aber das Feuer damals an dem +Haus, wo die Franktiroehrs drinne sassen, das hat Kuehnchen angelegt, da +gibt's nischt. Ich hab' doch eene Kriegslist gebraucht und hab' mich +totgestellt, da ham die dummen Luder nischt gemerkt. Und wie's erscht +gebrannt hat, nu, versteht sich, da hamse an der Verteidchung des +Vaterlandes keen' Geschmack mehr gefunden, und bloss noch 'raus, bloss noch +Soofgipoeh! Da haetten Se nu aber uns Deutsche sehen sollen. Von der Mauer +hammer sie weggeschossen, wie sie 'runterkrabbeln wollten! Luftspruenge +hamse gemacht wie die Garniggel!" + +Kuehnchen musste seine Erfindung unterbrechen, er kicherte durchdringend, +indes die Tafelrunde droehnend lachte. + +Kuehnchen erholte sich. "Die falschen Luder hatten uns aber auch tueckisch +gemacht! Und die Weiber! Nee, meine Herren, so was Beesartches wie die +franzeeschen Weiber, das gibt's Sie nu ueberhaupt nicht mehr. Heesses Wasser +hatten se uns auf die Koeppe geschiddet. Nu frag' ich Sie, tut das eene +Dame? Wie's brannte, warfen sie die Kinder aus'm Fenster und wollten ooch +noch von uns, dass wir se auffangen sollten. Hibsch nich, aber dumm! Mit +unsern Bajonetten hammer die kleenen Luder uffgefangen. Und dann die +Damen!" Kuehnchen hielt die gichtischen Finger gekruemmt wie um einen +Gewehrkolben und sah dabei nach oben, als gaebe es noch jemand +aufzuspiessen. Seine Brillenglaeser funkelten, er log weiter. "Zuletzt kam +eene ganz Dicke 'ran, die konnte von vorn nicht durchs Fenster, drum +versuchte se mal, ob's nicht von hinten ginge. Da haste nun aber nicht mit +Kuehnchen gerechnet, mei Schibbchen. Ich nich faul, steiche uf die +Schultern von zwei Kameraden drauf un kitzle sie mit meim Bachonedde in +ihren dicken franzeeschen -" + +Mehr hoerte man nicht, der Beifall war zu laut. Der Professor sagte noch: +"Jeden Sedang erzaehl' ich die Geschichte in aedlen Worten meiner Klasse. +Die Jungen solln wissen, was sie fuer Heldenvaeter gehabt haben." + +Man war sich einig, dass dies die nationale Gesinnung des jungen +Geschlechts nur befoerdern koenne, und man stiess an mit Kuehnchen. Vor lauter +Begeisterung hatte noch keiner bemerkt, dass ein neuer Gast an den Tisch +getreten war. Jadassohn sah ploetzlich den bescheiden grauen Mann im +Hohenzollernmantel und winkte ihm goennerhaft. "Na, man immer 'ran, Herr +Nothgroschen!" Diederich herrschte ihn an, aus seinen Hochgefuehlen heraus. +"Wer sind Sie?" + +Der Fremde dienerte. + +"Nothgroschen, Redakteur der Netziger Zeitung." + +"Also Hungerkandidat", sagte Diederich und blitzte. "Verkommene +Gymnasiasten, Abiturientenproletariat, Gefahr fuer uns!" + +Alle lachten; der Redakteur laechelte demuetig mit. + +"Seine Majestaet hat Sie gekennzeichnet", sagte Diederich. "Na, setzen Sie +sich!" + +Er schenkte ihm sogar Sekt ein, und Nothgroschen trank in dankbarer +Haltung. Nuechtern und befangen sah er in der Gesellschaft umher, deren +Selbstbewusstsein durch die vielen, leer am Boden stehenden Flaschen so +sehr gesteigert worden war. Man vergass ihn sogleich wieder. Er wartete +geduldig, bis jemand ihn fragte, wieso er denn mitten in der Nacht noch +hier hereinschneie. "Ich musste das Blatt doch fertig machen", erklaerte er +darauf, wichtig wie ein kleiner Beamter. "Die Herren wollen morgen frueh in +der Zeitung lesen, wie das war mit dem erschossenen Arbeiter." + +"Das wissen wir besser als Sie", schrie Diederich. "Sie saugen sich das ja +doch nur aus Ihren Hungerpfoten!" + +Der Redakteur laechelte entschuldigend, und er hoerte ergeben zu, wie alle +durcheinander ihm die Vorgaenge darstellten. Als der Laerm sich legte, +setzte er an. "Da der Herr dort -" + +"Doktor Hessling," sagte Diederich scharf. + +"Nothgroschen", murmelte der Redakteur. "Da Sie vorhin den Namen des +Kaisers erwaehnten, wird es die Herren interessieren, dass wieder eine +Kundgebung vorliegt." + +"Ich verbitte mir jede Noergelei!" heischte Diederich. Der Redakteur duckte +sich und legte die Hand auf die Brust. "Es handelt sich um einen Brief des +Kaisers." + +"Der ist Ihnen wohl wieder mal durch einen infamen Vertrauensbruch auf den +Schreibtisch geflogen?" fragte Diederich. Nothgroschen stellte beteuernd +die Hand vor sich hin. "Er ist vom Kaiser selbst zur Veroeffentlichung +bestimmt. Morgen frueh werden Sie ihn in der Zeitung lesen. Hier ist die +Druckfahne!" + +"Legen Sie los, Doktor", befahl der Major. Diederich rief: "Wieso, Doktor? +Sind Sie Doktor?" Aber man interessierte sich nur noch fuer den Brief, man +entriss dem Redakteur den Zettel. "Bravo!" rief Jadassohn, der noch +ziemlich muehelos las. "Seine Majestaet bekennt sich zum positiven +Christentum." Pastor Zillich frohlockte so heftig, dass sich Schluckauf +einstellte. "Das ist was fuer Heuteufel! Endlich kriegt so ein frecher +Wissenschaftler, huck, was ihm gehoert. An die Offenbarungsfrage machen sie +sich heran. Die versteh' ja ich kaum, huck, und ich hab' Theologie +studiert!" Professor Kuehnchen schwenkte die Blaetter hoch in der Luft. +"Meine Haern! Wenn 'ch den Brief nicht in der Klasse lesen lasse und als +Aufsatzthema gebe, will'ch nicht mehr Kuehnchen heessen!" + +Diederich war tiefernst. "Jawohl war Hammurabi ein Werkzeug Gottes! Ich +moechte mal sehen, wer das leugnet!" Und er blitzte umher. Nothgroschen +kruemmte die Schultern. "Na, und Kaiser Wilhelm der Grosse!" fuhr Diederich +fort. "Von dem bitte ich es mir ganz energisch aus! Wenn der kein Werkzeug +Gottes war, dann weiss Gott ueberhaupt nicht, was 'n Werkzeug ist!" + +"Ganz meine Meinung", versicherte der Major. Gluecklicherweise widersprach +auch sonst niemand, denn Diederich war zum Aeussersten entschlossen. An den +Tisch geklammert, stemmte er sich von seinem Stuhl empor. "Aber unser +herrlicher junger Kaiser?" fragte er drohend. Von allen Seiten antwortete +es: "Persoenlichkeit ... Impulsiv ... Vielseitig ... Origineller Denker." +Diederich war nicht befriedigt. + +"Ich beantrage, dass er auch ein Werkzeug ist!" + +Es ward angenommen. + +"Und ich beantrage ferner, dass wir Seine Majestaet von unserem Beschluss +telegraphisch in Kenntnis setzen!" + +"Ich befuerworte den Antrag!" bruellte der Major. Diederich stellte fest: +"Einmuetige begeisterte Annahme!" und fiel auf seinen Sitz zurueck. Kuehnchen +und Jadassohn machten sich gemeinsam an die Abfassung der Depesche. Sie +lasen vor, sobald sie etwas gefunden hatten. + +"Eine im Ratskeller zu Netzig versammelte Gesellschaft -" + +"Tagende Versammlung", forderte Diederich. Sie fuhren fort: + +"Versammlung national gesinnter Maenner -" + +"National, huck, und christlich", ergaenzte Pastor Zillich. + +"Aber wollen die Herren denn wirklich?" fragte Nothgroschen, leise +flehend. "Ich dachte, es sei ein Scherz." + +Da ward Diederich zornig. + +"Wir scherzen nicht mit den heiligsten Guetern! Ich soll Ihnen das wohl +handgreiflich klarmachen, Sie verkrachter Abiturient?" + +Da Nothgroschens Haende den vollkommensten Verzicht beteuerten, war +Diederich sofort wieder ruhig und sagte: "Prost!" Dagegen schrie der +Major, als sollte er platzen. "Wir sind die Herren, auf die Seine Majestaet +sich verlassen kann!" Jadassohn bat um Ruhe und er las. + +"Die im Ratskeller zu Netzig tagende Versammlung national und christlich +gesinnter Maenner entbietet Eurer Majestaet ihre einmuetige begeisterte +Huldigung angesichts von Eurer Majestaet erhebendem Bekenntnis einer +geoffenbarten Religion. Wir beteuern unseren tiefsten Abscheu vor dem +Umsturz in jeder Gestalt und sehen in der heute bei uns in Netzig +erfolgten mutigen Tat eines Postens die erfreuliche Bestaetigung, dass Eure +Majestaet nicht weniger als Hammurabi und Kaiser Wilhelm der Grosse das +Werkzeug Gottes ist." Man klatschte, und Jadassohn laechelte geschmeichelt. + +"Unterschreiben!" rief der Major. "Oder hat einer der Herren noch etwas zu +bemerken?" Nothgroschen raeusperte sich. "Nur ein einziges Wort, mit aller +gebuehrenden Bescheidenheit." + +"Das moechte ich mir ausbitten", sagte Diederich. Der Redakteur hatte sich +Mut getrunken, er schwankte auf seinem Sitz und kicherte ohne Grund. + +"Ich will ja gar nichts gegen den Posten sagen, meine Herren. Ich hab' mir +sogar schon immer gedacht, Soldaten sind zum Schiessen da." + +"Na also." + +"Ja, aber wissen wir, ob auch der Kaiser so denkt?" + +"Selbstverstaendlich! Fall Lueck!" + +"Praezedenzfaelle - hihi - sind ganz schoen, aber wir wissen doch alle, dass +der Kaiser ein origineller Denker und - hihi - impulsiv ist. Er laesst sich +nicht gern vorgreifen. Wenn ich in der Zeitung schreiben wollte, dass Sie, +Herr Doktor Hessling, Minister werden sollen, dann - hihi - werden Sie es +gerade nicht." + +"Juedische Verdrehungen!" rief Jadassohn. Der Redakteur entruestete sich. +"Ich schreibe anderthalb Spalten Stimmung an jedem hohen Kirchenfest. Der +Posten aber, der kann auch wegen Mord angeklagt werden. Dann sind wir +'reingefallen." + +Eine Stille folgte. Der Major legte nachdenklich den Bleistift aus der +Hand. Diederich ergriff ihn. "Sind wir nationale Maenner?" Und er +unterschrieb wuchtig. Da brach Begeisterung aus. Nothgroschen wollte +gleich als Zweiter drankommen. + +"Aufs Telegraphenamt!" + +Diederich gab Auftrag, dass die Rechnung ihm morgen zugestellt werde, und +man brach auf. Nothgroschen war auf einmal voll ausschweifender +Hoffnungen. "Wenn ich die kaiserliche Antwort bringen kann, komme ich zu +Scherl!" + +Der Major bruellte: "Wir wollen doch mal sehen, ob ich noch lange +Wohltaetigkeitsfeste arrangiere!" + +Pastor Zillich sah die Leute sich in seiner Kirche erdruecken und Heuteufel +von der Menge gesteinigt. Kuehnchen schwaermte von Blutbaedern in den Strassen +von Netzig. Jadassohn kraehte: "Erlaubt sich vielleicht jemand einen +Zweifel an meiner Kaisertreue?" Und Diederich: "Der alte Buck soll sich +hueten! Kluesing in Gausenfeld auch! Wir erwachen aus dem Schlummer!" + +Die Herren hielten sich alle sehr gerade, und manchmal schoss einer +unvermutet ein Stueck vorwaerts. Mit ihren Stoecken strichen sie tosend ueber +die herabgelassenen Rollaeden, und im Takt voneinander unabhaengig sangen +sie die Wacht am Rhein. An der Ecke des Landgerichts stand ein Schutzmann, +aber zu seinem Glueck ruehrte er sich nicht. "Wollen Sie vielleicht etwas, +Maenneken?" rief Nothgroschen, der aus Rand und Band war. "Wir +telegraphieren an den Kaiser!" Vor dem Postgebaeude ward Pastor Zillich, +der den schwaechsten Magen hatte, von einem Unglueck betroffen. Indes die +anderen ihm seine Lage zu erleichtern suchten, klingelte Diederich den +Beamten heraus und gab das Telegramm auf. Als der Beamte es gelesen hatte, +betrachtete er Diederich zoegernd - aber Diederich blitzte ihn so furchtbar +an, dass er zurueckschrak und seine Pflicht tat. Diederich inzwischen fuhr +ohne Zweck fort, zu blitzen und steinern dazustehen: in der Haltung des +Kaisers, wenn nun ein Fluegeladjutant ihm die Heldentat des Postens meldete +und der Chef des Zivilkabinetts ihm die Huldigungsdepesche ueberbrachte. +Diederich fuehlte den Helm auf seinem Kopf, er schlug gegen den Saebel an +seiner Seite und sagte: "Ich bin sehr stark!" Der Telegraphist hielt es +fuer eine Reklamation und zaehlte ihm das kleine Geld nochmals vor. +Diederich nahm es, trat an einen Tisch und warf einige Zeilen auf ein +Papier. Dann steckte er es zu sich und kehrte zu den Herren zurueck. + +Sie hatten fuer den Pastor eine Droschke beschafft, er fuhr soeben fort und +winkte weinend aus dem Fenster, als sei es fuer ewig. Jadassohn bog beim +Theater um eine Ecke, obwohl der Major ihm nachbruellte, seine Wohnung sei +doch ganz woanders. Ploetzlich war dann auch der Major fort, und Diederich +gelangte mit Nothgroschen allein in die Lutherstrasse. Vor dem +Walhalla-Theater war der Redakteur nicht mehr weiter zu bringen, mitten in +der Nacht wollte er das "elektrische Wunder" sehen, eine Dame, die dort +Feuer spruehen sollte. Diederich musste ihm ernstlich vorhalten, dass dies +nicht die Stunde fuer solche Frivolitaeten sei. Uebrigens vergass Nothgroschen +das "elektrische Wunder", sobald er das Haus der "Netziger Zeitung" +erblickte. "Aufhalten!" schrie er. "Die Maschine aufhalten! Das Telegramm +der nationalen Maenner muss noch hinein!... Sie wollen es doch morgen frueh +in der Zeitung lesen", sagte er zu einem voruebergehenden Nachtwaechter. Da +packte Diederich ihn fest am Arm. + +"Nicht nur dieses Telegramm", sagte er, kurz und leise. "Ich habe noch ein +anderes." Er zog ein Papier aus der Tasche. "Der Nachttelegraphist ist ein +alter Bekannter von mir, er hat es mir anvertraut. Ueber diese Herkunft +werden Sie mir strenge Diskretion versprechen, der Mann waere sonst in +seiner Stellung bedroht." + +Da Nothgroschen sofort alles versprach, sagte Diederich, ohne das Papier +dabei anzusehen: + +"Es ist an das Regimentskommando gerichtet und vom Obersten selbst dem +Posten mitzuteilen, der heute den Arbeiter erschossen hat. Es lautet: Fuer +Deinen auf dem Felde der Ehre vor dem inneren Feind bewiesenen Mut spreche +ich Dir meine kaiserliche Anerkennung aus und ernenne Dich zum +Gefreiten.... Ueberzeugen Sie sich" - und Diederich reichte dem Redakteur +das Papier hin. Aber Nothgroschen sah es nicht an, er starrte nur, wie +entgeistert, auf Diederich, auf seine steinerne Haltung, den Schnurrbart, +der ihm in die Augen stach, und die Augen, die blitzten. + +"Jetzt glaubte ich fast -" stammelte Nothgroschen. "Sie haben so viel +Aehnlichkeit mit - mit -." + + + + + + IV. + + +Diederich wuerde, wie in der besten Neuteutonenzeit, das Mittagessen +verschlafen haben, aber die Rechnung vom Ratskeller kam, und sie war +bedeutend genug, dass er aufstehen und ins Kontor gehen musste. Ihm war sehr +schlecht, und man machte ihm auch noch Unannehmlichkeiten, sogar die +Familie. Die Schwestern verlangten ihr monatliches Toilettegeld, und als +er erklaerte, dass er es jetzt nicht habe, hielten sie ihm den alten Soetbier +vor, der es immer gehabt habe. Diesem Versuch einer Auflehnung begegnete +Diederich energisch. Mit rauher Katerstimme setzte er den Maedchen +auseinander, sie wuerden sich noch an ganz andere Dinge gewoehnen muessen. +Soetbier freilich, der habe immer nur hergegeben und die Fabrik +heruntergewirtschaftet. "Wenn ich euch heute euren Anteil auszahlen +sollte, wuerdet ihr euch verflucht wundern, wie wenig es waere." Waehrend er +dies sagte, empfand er es als durchaus unberechtigt, dass er irgend einmal +sollte gezwungen werden koennen, die beiden am Geschaeft zu beteiligen. Man +muesste das verhindern koennen, dachte er. Sie dagegen wurden auch noch +herausfordernd. "Also wir koennen die Modistin nicht bezahlen, aber der +Herr Doktor trinkt Sekt fuer hundertfuenfzig Mark." Da ward Diederich +furchtbar anzusehen. Seine Briefe erbrach man! Er wurde ausspioniert! Er +war nicht der Herr im Hause, sondern ein Kommis, ein Neger, der fuer die +Damen schuftete, damit sie den ganzen Tag faulenzen konnten! Er schrie und +stampfte, dass die Glaeser klirrten. Frau Hessling flehte wimmernd, die +Schwestern widersprachen nur noch aus Angst, aber Diederich war im Zuge. + +"Was erlaubt ihr euch? Gaense wie ihr? Was wisst ihr, ob die hundertfuenfzig +Mark nicht eine glaenzende Kapitalsanlage sind. Jawohl, Kapitalsanlage! +Meint ihr, ich saufe mit den Idioten Sekt, wenn ich nichts von ihnen will? +Davon wisst ihr hier in Netzig noch nichts, das ist der neue Kurs, es ist +-" Er hatte das Wort. "Grosszuegig ist es! Grosszuegig!" + +Und er warf die Tuer hinter sich zu. Frau Hessling ging ihm vorsichtig nach, +und als er im Wohnzimmer ins Sofa gesunken war, nahm sie seine Hand und +sagte: "Mein lieber Sohn, ich bin mit dir." Dabei sah sie ihn an, als +wollte sie "aus dem Herzen beten". Diederich verlangte einen sauren +Hering; und dann beklagte er sich zornig, wie schwer es sei, in Netzig den +neuen Geist einzufuehren. Wenigstens hier im Hause sollte man seine Kraft +nicht untergraben! "Ich habe Grosses mit euch vor, aber das ueberlasst +gefaelligst meiner besseren Einsicht. Einer muss Herr sein. +Unternehmungsgeist und Grosszuegigkeit gehoeren freilich dazu. Soetbier ist +dabei nicht zu brauchen. Eine Weile lasse ich den Alten noch verschnaufen, +dann wird er ausgeschifft." + +Frau Hessling versicherte sanft, ihr lieber Sohn werde schon um seiner +Mutter willen immer genau wissen, was er tun muesse - und dann begab +Diederich sich ins Kontor und schrieb einen Brief an die Maschinenfabrik +Bueschli Co. in Eschweiler, um bei ihr einen "neuen +Patent-Doppel-Hollaender, System Maier" zu bestellen. Er liess den Brief +offen daliegen und ging hinaus. Wie er zurueckkam, stand Soetbier vor seinem +Pult, und es war kein Zweifel, unter seinem gruenen Augenschirm weinte er: +es tropfte auf den Brief. "Sie muessen ihn noch mal abschreiben lassen", +sagte Diederich kuehl. Da begann Soetbier: + +"Junger Herr, unser alter Hollaender ist kein Patent-Hollaender, aber er +stammt noch aus der ersten Zeit des alten Herrn; mit ihm hat er +angefangen, und mit ihm ist er gross geworden ..." + +"Na und ich hege meinerseits den Wunsch, mit meinem eigenen Hollaender gross +zu werden", sagte Diederich schneidend. Soetbier jammerte. + +"Unser alter hat uns noch immer genuegt." + +"Mir nicht." + +Soetbier schwur, er sei so leistungsfaehig wie die allerneuesten, die nur +durch schwindelhafte Reklame emporgetragen wuerden. Als Diederich hart +blieb, oeffnete der Alte die Tuer und rief hinaus: "Fischer! Kommen Sie mal +her!" Diederich ward unruhig. "Was wollen Sie von dem Menschen. Ich +verbitte mir, dass er sich einmischt!" Aber Soetbier berief sich auf das +Zeugnis des Maschinenmeisters, der in den groessten Betrieben gearbeitet +habe. "Nun, Fischer, sagen Sie mal dem Herrn Doktor, wie leistungsfaehig +unser Hollaender ist!" Diederich wollte nicht hoeren, er lief hin und her, +ueberzeugt, der Mensch werde die Gelegenheit ergreifen, ihn zu aergern. +Statt dessen begann Napoleon Fischer mit einer uneingeschraenkten +Anerkennung von Diederichs Sachverstaendigkeit, und dann sagte er ueber den +alten Hollaender alles Unguenstige, das sich irgend ueber ihn denken liess. +Wenn man Napoleon Fischer hoerte, war er schon nahe daran gewesen, zu +kuendigen, nur weil ihm der alte Hollaender nicht gefiel. Diederich +schnaubte: er habe wahrhaftig Glueck, dass ihm die wertvolle Kraft des Herrn +Fischer nun doch erhalten bleibe; aber der Maschinenmeister erklaerte ihm, +ohne sich auf seine Ironie einzulassen, nach der Abbildung im Prospekt +alle Vorzuege des neuen Patent-Hollaenders, vor allem seine hoechst bequeme +Bedienung. "Wenn ich Ihnen nur Arbeit erspare!" schnaubte Diederich. +"Sonst wuensch' ich mir nichts. Danke, Sie koennen gehen." + +Als der Maschinenmeister hinaus war, beschaeftigten Soetbier und Diederich +sich eine lange Weile jeder fuer sich. Ploetzlich fragte Soetbier: "Und womit +sollen wir ihn bezahlen?" Diederich war sofort feuerrot: auch er hatte die +ganze Zeit an nichts weiter gedacht. "Ach was!" schrie er. "Bezahlen! +Erstens mache ich eine lange Lieferungsfrist aus, und dann: wenn ich mir +einen so teuren Hollaender bestelle, meinen Sie vielleicht, ich weiss nicht +wozu? Nein, mein Lieber, dann muss ich wohl bestimmte Aussichten auf +baldige Ausdehnung des Geschaeftes haben - ueber die ich mich heute noch +nicht aeussern will." + +Damit verliess er das Kontor, in strammer Haltung, trotz inneren Zweifeln. +Dieser Napoleon Fischer hatte sich beim Hinausgehen nochmals umgesehen, +mit einem gewissen Blick, als habe er den Chef gehoerig hineingelegt. +"Umdroht von Feinden," dachte Diederich und reckte sich noch straffer, "da +sind wir erst recht stark. Ich werde sie schon zerschmettern." Sie sollten +erfahren, mit wem sie es zu tun hatten; daher fuehrte er einen Gedanken +aus, der ihm schon beim Erwachen gekommen war: er ging zum Doktor +Heuteufel. Dieser hielt eben seine Sprechstunde ab und liess ihn warten. +Dann empfing er ihn in seinem Operationszimmer, wo alles, Geruch und +Gegenstaende, Diederich an fruehere, peinliche Besuche erinnerte. Doktor +Heuteufel nahm die Zeitung vom Tisch, lachte kurz und sagte: "Nun, Sie +kommen wohl her, um zu triumphieren. Gleich zwei Erfolge! Ihre +Sekthuldigung ist drin - na und die Depesche des Kaisers an den Posten +laesst von Ihrem Standpunkt aus wohl nichts zu wuenschen." + +"Welche Depesche?" fragte Diederich. Doktor Heuteufel zeigte sie ihm; +Diederich las. "Fuer Deinen auf dem Felde der Ehre vor dem inneren Feind +bewiesenen Mut spreche ich Dir meine kaiserliche Anerkennung aus und +ernenne Dich zum Gefreiten." Wie es hier gedruckt stand, machte es ihm den +Eindruck vollkommener Echtheit. Er war sogar ergriffen; mit maennlicher +Zurueckhaltung sagte er: "Das ist jedem national Gesinnten aus dem Herzen +gesprochen." Da Heuteufel nur die Achseln zuckte, holte Diederich Atem. +"Nicht deswegen bin ich hergekommen, sondern um unsere beiderseitigen +Beziehungen festzulegen." Die seien wohl schon festgelegt, erwiderte +Heuteufel. "Nein, durchaus noch nicht." Diederich versicherte, dass er +einen ehrenvollen Frieden wuensche. Er sei bereit, im Sinne eines +wohlverstandenen Liberalismus zu wirken, falls man dagegen seine streng +nationale und kaisertreue Ueberzeugung achte. Doktor Heuteufel erklaerte +dies einfach fuer Phrasen: da verlor Diederich die Fassung. Dieser Mensch +hielt ihn in der Hand; er konnte ihn, mit Hilfe eines Dokumentes, als +Feigling hinstellen! Das hoehnische Laecheln in seinem gelben +Chinesengesicht, diese ueberlegene Haltung waren eine fortwaehrende +Anspielung. Aber er sprach nicht, er liess das Schwert weiterschweben ueber +Diederichs Haupt. Der Zustand musste aufhoeren! "Ich fordere Sie auf," sagte +Diederich, heiser vor Erregung, "mir meinen Brief zurueckzugeben." +Heuteufel tat erstaunt. "Welchen Brief?" - "Den ich Ihnen wegen des +Militaers geschrieben habe, als ich dienen sollte." Darauf dachte der Arzt +nach. + +"Ach so: weil Sie sich druecken wollten!" + +"Ich dachte mir schon, Sie wuerden meine unvorsichtigen Aeusserungen in einem +fuer mich beleidigenden Sinne auslegen. Ich fordere Sie nochmals zur +Rueckgabe des Briefes auf." Und Diederich trat drohend vor. Heuteufel wich +nicht. + +"Lassen Sie mich in Ruh'. Ihren Brief hab' ich nicht mehr." + +"Ich verlange Ihr Ehrenwort." + +"Das gebe ich nicht auf Befehl." + +"Dann mache ich Sie auf die Folgen Ihrer illoyalen Handlungsweise +aufmerksam. Sollten Sie mir mit dem Brief bei irgendeiner Gelegenheit +Unannehmlichkeiten verursachen wollen, so liegt Bruch des Amtsgeheimnisses +vor. Dann denunziere ich Sie der Aerztekammer, stelle Strafantrag gegen Sie +und biete allen meinen Einfluss auf, um Sie unmoeglich zu machen!" In +hoechster Erregung, fast stimmlos: "Sie sehen mich zum Aeussersten +entschlossen! Zwischen uns gibt es nur noch einen Kampf bis aufs Messer!" + +Doktor Heuteufel sah ihn neugierig an, er schuettelte den Kopf, sein +Chinesenschnurrbart schaukelte, und er sagte: "Sie sind heiser." + +Diederich fuhr zurueck, er stammelte: "Was geht Sie das an?" + +"Gar nichts", sagte Heuteufel. "Es interessiert mich nur von frueher her, +weil ich Ihnen so was ja immer vorausgesagt habe." + +"Was denn? Wollen Sie sich gefaelligst aeussern." Aber das lehnte Heuteufel +ab. Diederich blitzte ihn an. "Ich muss Sie energisch auffordern, Ihre +aerztliche Pflicht zu tun!" + +Er sei nicht sein Arzt, erwiderte Heuteufel. Darauf sank Diederichs +herrische Miene zusammen, und er forschte klagend. "Manchmal hab' ich ja +Schmerzen im Hals. Glauben Sie denn, dass es schlimmer wird? Hab' ich was +zu befuerchten?" + +"Ich rate Ihnen, einen Spezialisten zu konsultieren." + +"Sie sind hier doch der einzige! Um Gottes willen, Herr Doktor, Sie +versuendigen sich, ich habe eine Familie zu erhalten." + +"Dann sollten Sie weniger rauchen, auch weniger trinken. Gestern abend war +es zuviel." + +"Ach so." Diederich richtete sich auf. "Sie goennen mir den Sekt nicht. Und +dann wegen der Huldigungsadresse." + +"Wenn Sie unlautere Motive bei mir vermuten, brauchen Sie mich nicht zu +fragen." + +Aber Diederich flehte schon wieder. "Sagen Sie mir wenigstens, ob ich +Krebs kriegen kann." + +Heuteufel blieb streng. "Nun, Sie waren schon immer skrofuloes und +rachitisch. Sie haetten nur dienen sollen, dann waeren Sie nicht so +aufgeschwemmt." + +Schliesslich liess er sich zu einer Untersuchung herbei und nahm eine +Pinselung des Kehlkopfes vor. Diederich erstickte, rollte angstvoll die +Augen und umklammerte den Arm des Arztes. Heuteufel zog den Pinsel heraus. +"So komm' ich natuerlich nicht hin." Er feixte durch die Nase. "Sie sind +noch wie frueher." + +Sobald Diederich wieder zu Luft gekommen war, machte er sich fort aus +dieser Schreckenskammer. Vor dem Hause, noch mit Traenen in den Augen, +stiess er auf den Assessor Jadassohn. "Nanu?" sagte Jadassohn. "Ist Ihnen +die Kneiperei nicht bekommen? Und ausgerechnet zu Heuteufel gehen Sie?" + +Diederich versicherte, sein Befinden sei glaenzend. "Aber aufgeregt hab' +ich mich ueber den Menschen! Ich gehe hin, weil ich es als meine Pflicht +betrachte, eine befriedigende Erklaerung zu verlangen fuer die gestrigen +Aeusserungen dieses Herrn Lauer. Mit Lauer selbst zu verhandeln, hat fuer +einen Mann von meiner korrekten Gesinnung natuerlich nichts Verlockendes." + +Jadassohn schlug vor, in Klappsch' Bierstube einzutreten. + +"Ich gehe also hin," fuhr Diederich drinnen fort, "in der Absicht, die +ganze Geschichte mit der Besoffenheit des betreffenden Herrn zu +entschuldigen, schlimmstenfalls mit seiner zeitweiligen Geistesumnachtung. +Was meinen Sie statt dessen? Frech wird der Heuteufel. Markiert +Ueberlegenheit. Uebt zynische Kritik an unserer Huldigungsadresse und, Sie +werden es nicht glauben, sogar an dem Telegramm Seiner Majestaet!" + +"Nun, und?" fragte Jadassohn, dessen Hand sich mit Fraeulein Klappsch +beschaeftigte. + +"Fuer mich gibt es kein Und mehr! Ich bin mit dem Herrn fertig fuers Leben!" +rief Diederich, trotz dem schmerzlichen Bewusstsein, dass er am Mittwoch +wieder zum Pinseln musste. Jadassohn versetzte schneidend: + +"Aber ich nicht." Und da Diederich ihn ansah: "Es gibt naemlich eine +Behoerde, die sich die Koenigliche Staatsanwaltschaft nennt und die fuer +Leute wie diese Herren Lauer und Heuteufel ein nicht zu unterschaetzendes +Interesse hegt." Damit liess er Fraeulein Klappsch los und bedeutete ihr, +sie moege verschwinden. + +"Wie meinen Sie das"? fragte Diederich, unheimlich beruehrt. + +"Ich denke Anklage wegen Majestaetsbeleidigung zu erheben." + +"Sie?" + +"Jawohl, ich. Staatsanwalt Feifer hat Krankheitsurlaub, ich bin dran. Und, +wie ich unmittelbar nach dem gestrigen Vorfall vor Zeugen festgestellt +habe, war ich bei der Veruebung des Deliktes nicht anwesend, bin also +keineswegs verhindert, in dem Prozess die Anklagebehoerde zu vertreten." + +"Aber wenn niemand die Sache anzeigt!" + +Jadassohn laechelte grausam. "Das haben wir, Gott sei Dank, nicht noetig ... +Uebrigens erinnere ich Sie daran, dass Sie selbst gestern abend sich uns als +Zeugen anboten." + +"Davon weiss ich nichts", sagte Diederich schnell. + +Jadassohn klopfte ihm auf die Schulter. "Sie werden sich an alles wieder +erinnern, hoffe ich, wenn Sie unter Ihrem Eid stehen." Da entruestete +Diederich sich. Er ward so laut, dass Klappsch diskret in das Zimmer +spaehte. + +"Herr Assessor, ich muss mich sehr wundern, dass Sie private Aeusserungen +meinerseits -. Sie haben offenbar die Absicht, mit Hilfe eines politischen +Prozesses schneller Staatsanwalt zu werden. Aber ich moechte wissen, was +mich Ihre Karriere angeht." + +"Na und mich die Ihre?" fragte Jadassohn. + +"So. Dann sind wir Gegner?" + +"Ich hoffe, es wird sich vermeiden lassen." Und Jadassohn setzte ihm +auseinander, dass er keinen Grund habe, den Prozess zu fuerchten. Saemtliche +Zeugen der Vorgaenge im Ratskeller wuerden dasselbe aussagen muessen wie er +selbst: auch Lauers Freunde. Diederich werde sich keineswegs zu weit +vorwagen ... Das habe er leider schon getan, erwiderte Diederich, denn +schliesslich sei er es, der mit Lauer den Krach gehabt habe. Aber Jadassohn +beruhigte ihn. "Wer fragt danach. Es handelt sich darum, ob die +inkriminierten Worte von seiten des Herrn Lauer gefallen sind. Sie machen, +wie die anderen Herren, einfach Ihre Aussage, wenn Sie wollen, mit +Vorsicht." + +"Mit grosser Vorsicht!" versicherte Diederich. Und angesichts von +Jadassohns teuflischer Miene: "Wie komme ich dazu, einen anstaendigen +Menschen wie Lauer ins Gefaengnis zu bringen? Jawohl, einen anstaendigen +Menschen! Denn eine politische Gesinnung ist in meinen Augen keine +Schande!" + +"Besonders nicht bei dem Schwiegersohn des alten Buck, den Sie vorlaeufig +noch brauchen", schloss Jadassohn - und Diederich liess den Kopf sinken. +Dieser juedische Streber beutete ihn schamlos aus, und er konnte nichts +machen! Da sollte man noch an Freundschaft glauben. Er sagte sich wieder +einmal, dass alle gerissener und brutaler im Leben vorgingen als er selbst. +Die grosse Aufgabe war: wie ward man energisch. Er setzte sich stramm hin +und blitzte. Mehr unternahm er lieber nicht; bei einem Herrn von der +Staatsanwaltschaft konnte man nie wissen ... Uebrigens lenkte Jadassohn zu +etwas anderem ueber. + +"Wissen Sie schon, dass in der Regierung und bei uns im Gericht ganz +sonderbare Geruechte umgehen - ueber das Telegramm Seiner Majestaet an den +Regimentskommandeur? Der Oberst soll naemlich behaupten, er habe gar kein +Telegramm bekommen." + +Diederich behielt, trotz innerem Erbeben, eine feste Stimme. "Aber es hat +doch in der Zeitung gestanden!" Jadassohn grinste zweideutig. "Da steht +gar zuviel." Er liess sich von Klappsch, der seine Glatze wieder in die Tuer +schob, die "Netziger Zeitung" bringen. "Sehen Sie, in der Nummer hier +steht ueberhaupt nichts, was nicht auf Seine Majestaet Bezug hat. Der +Leitartikel beschaeftigt sich mit dem Allerhoechsten Bekenntnis zum +geoffenbarten Glauben. Dann kommt das Telegramm an den Obersten, dann das +Lokale mit der Heldentat des Postens und das Vermischte mit drei Anekdoten +ueber die kaiserliche Familie." + +"Es sind recht ruehrende Geschichten", bemerkte Klappsch und verdrehte die +Augen. + +"Zweifellos!" beteuerte Jadassohn; und Diederich: "Sogar so ein +freisinniges Hetzblatt muss die Bedeutung Seiner Majestaet anerkennen!" + +"Aber bei dem loeblichen Eifer waere es schliesslich moeglich, dass die +Redaktion die Allerhoechste Depesche eine Nummer zu frueh gebracht hat - +noch vor ihrer Absendung." "Ausgeschlossen!" entschied Diederich. "Der +Stil Seiner Majestaet ist unverkennbar." Auch Klappsch wollte ihn erkennen. +Jadassohn gab zu: "Nun ja ... Weil man nie wissen kann, darum dementieren +wir auch nicht. Wenn der Oberst nichts bekommen hat, die Netziger Zeitung +koennte es ja direkt aus Berlin haben. Wulckow hat sich den Redakteur +Nothgroschen kommen lassen, aber der Kerl verweigert die Aussage. Der +Praesident hat gespuckt, er ist selbst zu uns gekommen wegen des +Zeugniszwangverfahrens gegen Nothgroschen. Schliesslich haben wir davon +abgesehen und warten lieber das Dementi aus Berlin ab - weil man eben +nicht wissen kann." + +Da Klappsch in die Kueche gerufen ward, setzte Jadassohn noch hinzu: +"Komisch, wie? Allen kommt die Geschichte verdaechtig vor, aber niemand +will vorgehen, weil in diesem Fall - in diesem ganz besonderen Fall" - +sagte Jadassohn mit perfider Betonung, und seine ganze Miene, sogar die +Ohren sahen perfid aus, "gerade das Unwahrscheinliche am meisten Aussicht +hat, Ereignis zu werden." + +Diederich war starr: nie haette ihm so schwarzer Verrat getraeumt. Jadassohn +bemerkte sein Entsetzen und verwirrte sich, er fing an zu zappeln. "Nu, +der Mann hat seine Schwaechen - Ihnen gesagt." Diederich versetzte, fremd +und drohend: "Gestern abend schienen Sie davon noch nichts zu wissen." +Jadassohn entschuldigte sich: der Sekt mache natuerlich unkritisch. Ob Herr +Doktor Hessling denn die Begeisterung der uebrigen Herren so ernst genommen +habe. Einen groesseren Noergler als den Major Kunze gebe es ueberhaupt +nicht ... Diederich zog sich mit seinem Stuhle zurueck, ihm ward kalt, als +finde er sich ploetzlich in einer Verbrecherhoehle. Mit aeusserster Energie +sagte er: "Auf die nationale Gesinnung der uebrigen Herren hoffe ich mich +ebenso verlassen zu koennen wie auf meine eigene, an der zu zweifeln ich +mir auf das allerbestimmteste verbitten muesste." + +Jadassohn hatte seine schneidige Stimme zurueck. "Soll das etwa einen +Zweifel in bezug auf meine Person involvieren, so weise ich ihn mit +gebuehrender Entruestung zurueck." Kraehend, so dass Klappsch in die Tuer +spaehte: "Ich bin der Koenigliche Assessor Doktor Jadassohn und stehe auf +Wunsch zur Verfuegung." + +Darauf musste Diederich wohl murmeln, dass er es so nicht gemeint habe. Dann +aber zahlte er. Die Verabschiedung war kuehl. + +Auf dem Heimwege schnaufte Diederich. Haette er sich nicht +entgegenkommender verhalten sollen mit Jadassohn? Fuer den Fall, dass +Nothgroschen redete? Jadassohn hatte ihn freilich noetig, in dem Prozess +gegen Lauer! Auf alle Faelle war es gut, dass Diederich jetzt Bescheid wusste +ueber den wahren Charakter dieses Herrn! "Seine Ohren sind mir gleich +verdaechtig vorgekommen! Wirklich national empfinden kann man eben doch +nicht mit solchen Ohren." + +Zu Hause nahm er sogleich den Berliner "Lokal-Anzeiger" vor. Da waren +schon die Kaiseranekdoten fuer die "Netziger Zeitung" von morgen. +Vielleicht kamen sie auch erst uebermorgen, fuer alle war dort nicht Platz. +Aber er suchte weiter; seine Haende zitterten ... Da! Er musste sich setzen. +"Ist dir was, mein Sohn?" fragte Frau Hessling. Diederich starrte die +Buchstaben an, wie ein Maerchen, das Wahrheit ward. Da stand es, unter +anderen unbezweifelten Dingen, in dem einzigen Blatt, das Seine Majestaet +selbst las! Innerlich, in so tiefer Seele, dass er es selbst kaum hoerte, +murmelte Diederich: "Mein Telegramm." Das bange Glueck sprengte ihn fast. +Konnte es sein? Hatte er richtig vorausempfunden, was der Kaiser sagen +wuerde? Sein Ohr reichte in diese Ferne? Sein Gehirn arbeitete gemeinsam +mit -? Die unerhoertesten mystischen Beziehungen ueberwaeltigten ihn ... Aber +das Dementi konnte noch kommen, er konnte zurueckgeschleudert werden in +sein Nichts! Diederich verbrachte eine angstvolle Nacht, und am Morgen +stuerzte er sich auf den Lokalanzeiger. Die Anekdoten. Die +Denkmalsenthuellung. Die Rede. "Aus Netzig." Da stand von den Ehrungen, die +dem Gefreiten Emil Pacholke zuteil geworden waren, fuer seinen vor dem +inneren Feind bewiesenen Mut. Alle Offiziere, der Oberst an der Spitze, +hatten ihm die Hand gedrueckt. Er hatte Geldgeschenke bekommen. +"Bekanntlich hat der Kaiser den braven Soldaten schon gestern +telegraphisch zum Gefreiten befoerdert." Da stand es! Kein Dementi: eine +Bestaetigung! Er machte Diederichs Worte zu den seinen, und er fuehrte die +Handlung aus, die Diederich ihm untergelegt hatte!... Diederich breitete +das Zeitungsblatt weit aus; er sah sich darin wie in einem Spiegel, und um +seine Schultern lag Hermelin. + + + +Diesen Sieg und Diederichs schwindelnde Erhoehung, leider durfte kein Wort +sie verraten, aber sein Wesen genuegte, die Straffheit in Haltung und +Sprache, das Herrscherauge. Familie und Werkstatt verstummten um ihn her. +Soetbier selbst musste zugeben, dass ein forscherer Zug in den Betrieb +gekommen sei. Und Napoleon Fischer schlich, je aufrechter und heller +Diederich dastand, desto affenaehnlicher vorbei, die Arme nach vorn +haengend, mit schiefem Blick und den fletschenden Zaehnen in seinem duennen +schwarzen Bart: als der Geist des gebaendigten Umsturzes ... Dies war der +Moment, gegen Guste Daimchen vorzugehen. Diederich machte Besuch. + +Frau Oberinspektor Daimchen empfing ihn zuerst allein, auf ihrem alten +Plueschsofa, aber in einem braunen Seidenkleid mit lauter Schleifen, und +die Haende breitete sie, rot und geschwollen wie die einer Waschfrau, vor +sich hin auf ihren Bauch, so dass der Gast die neuen Ringe immer vor Augen +hatte. Aus Verlegenheit gestand er seine Bewunderung, worauf Frau Daimchen +sich bereitwillig darueber ausliess, dass sie und ihre Guste es nun Gott sei +Dank zu allem haetten. Sie wuessten nur noch nicht, ob sie sich altdeutsch +oder Louis kaes einrichten sollten. Diederich riet lebhaft zu altdeutsch; +er habe es in Berlin in den feinsten Haeusern gesehen. Aber Frau Daimchen +war misstrauisch. "Wer weiss, ob Sie so feine Leute wie uns schon besucht +haben. Lassen Sie man, ich kenne das, wenn man so tun muss, als ob man was +hat, und hat nichts." Hierauf schwieg Diederich ratlos, und Frau Daimchen +trommelte sich mit Genugtuung auf den Bauch. Zum Glueck trat Guste ein, +heftig rauschend. Diederich schwang sich elastisch aus seinem Fauteuil, +sagte schnarrend: "Gnaedigstes Fraeulein!" und unternahm einen Handkuss. +Guste lachte. "Reissen Sie sich nur kein Bein aus!" Aber sie troestete ihn +gleich wieder. "Man sieht sofort, was ein feiner Mann ist. Der Herr +Leutnant von Brietzen macht es auch so." + +"Ja, ja," sagte Frau Daimchen, "bei uns verkehren alle Herren Offiziere. +Gestern sag' ich noch zu Guste: Guste, sag' ich, auf jede Sitzgelegenheit +koennen wir eine Freiherrnkrone sticken lassen, denn ueberall hat sich schon +einer draufgesetzt." + +Guste verzog den Mund. "Aber was die Familien betrifft und sonst +ueberhaupt, ist Netzig doch reichlich spiessig. Ich glaube, wir ziehen nach +Berlin." Damit war Frau Daimchen nicht einverstanden. "Man soll den Leuten +den Gefallen nicht tun", meinte sie. "Die alte Harnisch ist erst heute, +wie sie mein Seidenkleid gesehen hat, fast zerplatzt." + +"So ist Mutter nun mal," sagte Guste. "Wenn sie renommieren kann, ist +alles gut. Aber ich denke doch auch an meinen Verlobten. Wissen Sie, dass +Wolfgang sein Staatsexamen gemacht hat? Was soll er hier in Netzig? In +Berlin kann er mit unserem vielen Geld was werden." Diederich bestaetigte: +"Er wollte ja schon immer Minister oder so was werden." Leis hoehnisch +setzte er hinzu: "Das soll ja ganz leicht sein." + +Guste nahm sofort eine feindliche Haltung ein. "Der Sohn vom alten Herrn +Buck ist eben nicht jeder", sagte sie spitz. Aber Diederich setzte, +weltmaennisch ueberlegen, auseinander, dass es heute auf Dinge ankomme, die +der Einfluss des alten Buck nicht verleihen koenne: Persoenlichkeit, +grosszuegigen Unternehmungsgeist und vor allem eine stramm nationale +Gesinnung. Das junge Maedchen unterbrach ihn nicht mehr, sie sah sogar mit +Respekt auf seine kuehnen Schnurrbartspitzen. Aber das Bewusstsein, Eindruck +zu machen, riss ihn zu weit fort. "Von alledem habe ich bei Herrn Wolfgang +Buck noch nichts bemerkt", sagte er. "Der philosophiert und noergelt, und +im uebrigen soll er sich ziemlich viel amuesieren ... Na," schloss er, "seine +Mutter war ja auch eine Schauspielerin." Und er sah fort, obwohl er +fuehlte, dass Gustes drohender Blick ihn suchte. + +"Was wollen Sie damit sagen?" fragte sie. Er tat ueberrascht. + +"Ich, gar nichts. Ich meinte, wie reiche junge Leute in Berlin nun mal +leben. Bucks sind doch eine vornehme Familie." + +"Das wollen wir hoffen", sagte Guste schroff. Frau Daimchen, die gegaehnt +hatte, erinnerte an die Schneiderin, Guste sah Diederich erwartungsvoll +an, ihm blieb nichts uebrig, als aufzustehen und seine Verbeugungen zu +machen. Den Handkuss unternahm er nicht mehr, mit Ruecksicht auf die +gespannte Stimmung. Aber im Vorzimmer holte Guste ihn ein. "Wollen Sie es +mir jetzt vielleicht sagen," fragte sie, "was Sie gemeint haben mit der +Schauspielerin?" + +Er oeffnete den Mund, schnappte und schloss ihn wieder, stark erroetet. Um +ein Haar haette er verraten, was seine Schwestern ihm ueber Wolfgang Buck +erzaehlt hatten. Er sagte mit mitleidiger Stimme: "Fraeulein Guste, weil wir +doch so alte Bekannte sind -. Ich wollte nur sagen, der Buck ist nichts +fuer Sie. Er ist sozusagen erblich belastet von seiner Mutter her. Der Alte +war doch auch zum Tode verurteilt. Und was ist denn sonst an den Bucks +noch dran? Glauben Sie mir, man soll in keine Familie heiraten, mit der es +bergab geht. Das ist Suende gegen sich selbst", setzte er noch hinzu. Aber +Guste hatte die Haende in die Hueften gestemmt. + +"Bergab? Und mit Ihnen geht es wohl bergauf? Weil Sie sich im Ratskeller +betrinken und dann den Leuten Krach machen? Die ganze Stadt spricht von +Ihnen, und Sie moechten einer hochfeinen Familie was anhaengen. Bergab! Wer +mein Geld kriegt, mit dem geht es ueberhaupt nicht bergab. Sie sind bloss +neidisch, meinen Sie, ich weiss das nicht?" - und sie sah ihn an, die Augen +voll Traenen der Wut. Ihm war sehr beklommen; er haette Lust gehabt, sich +auf die Knie zu werfen, ihr die dicken kleinen Finger zu kuessen und dann +die Traenen aus den Augen, - aber ging denn das? Inzwischen zog sie alle +rosigen Fettpolster ihres Gesichtes herunter zu einem Ausdruck der +Verachtung, machte kehrt und schlug die Tuer zu. Diederich stand mit +angstklopfendem Herzen noch eine Weile da, dann trollte er sich, im Gefuehl +seiner Kleinheit. + +Er bedachte, dass fuer ihn hier nichts zu machen gewesen sei; die Sache gehe +ihn nichts an, Guste sei mit all ihrem Geld doch immer nur eine fette +Gans, - und das beruhigte ihn. Wie dann eines Abends Jadassohn ihm +mitteilte, was er in Magdeburg beim Gericht erfahren habe, da triumphierte +Diederich. Fuenfzigtausend Mark, das war alles! Und deswegen ein Auftreten +wie die Graefinnen? Ein Maedchen von dermassen schwindelhaftem Gebaren passte +freilich besser zu den verkommenen Bucks als zu einem kernigen und +treugesinnten Mann wie Diederich! Da war Kaethchen Zillich vorzuziehen. +Aeusserlich Guste aehnlich und mit fast ebenso starken Reizen geschmueckt, +empfahl sie sich ausserdem durch Gemuet und ein entgegenkommendes Wesen. Er +kam oefter zum Kaffee und machte ihr eifrig den Hof. Sie warnte ihn vor +Jadassohn, was Diederich als nur zu berechtigt anerkennen musste. Auch +sprach sie mit aeusserster Missbilligung von Frau Lauer, die mit +Landgerichtsrat Fritzsche -. Was Lauers Prozess betraf, war Kaethchen +Zillich die einzige, die ganz auf Diederichs Seite stand. + +Denn diese Sache nahm fuer Diederich ein drohendes Gesicht an. Jadassohn +hatte erreicht, dass die Staatsanwaltschaft durch einen Ermittelungsrichter +die Zeugen jenes naechtlichen Vorfalls vernehmen liess; und so zurueckhaltend +Diederich sich vor dem Richter geaeussert hatte, die anderen machten ihn +verantwortlich fuer ihre Verlegenheiten. Die Herren Cohn und Fritzsche +wichen ihm aus; der Bruder des Herrn Buck, ein so hoeflicher Mann, vermied +seinen Gruss; Heuteufel pinselte ihn grausam, lehnte aber jedes +Privatgespraech ab. An dem Tage, da es bekannt ward, dass das Gericht dem +Fabrikbesitzer Lauer die Anklageschrift zugestellt habe, fand Diederich +seinen Tisch im Ratskeller leer. Professor Kuehnchen zog sich eben den +Mantel an, Diederich konnte ihn noch am Kragen packen. Aber Kuehnchen hatte +es eilig, er musste im freisinnigen Waehlerverein gegen die neue +Militaervorlage reden. Er entwischte; und Diederich dachte enttaeuscht jener +sieghaften Nacht, als draussen das Blut des inneren Feindes, hier aber Sekt +geflossen war, und als unter den Nationalgesinnten Kuehnchen der +kriegslustigste gewesen war. Jetzt sprach er gegen die Vermehrung unseres +ruhmreichen Heeres!... Diederich sah, einsam und verlassen, in seinen +Daemmerschoppen; da erschien Major Kunze. + +"Nanu, Herr Major," sagte Diederich mit erzwungener Munterkeit, "von Ihnen +hoert man gar nichts mehr." + +"Von Ihnen um so mehr." Der Major knurrte, blieb in Hut und Mantel stehen +und sah sich um, wie in einer Schneewueste. "Kein Mensch da!" + +"Wenn ich Sie zu einem Glas Wein einladen darf -" wagte Diederich zu +sagen, aber er kam uebel an. "Danke, Ihr Sekt liegt mir noch im Magen." Der +Major bestellte Bier und sass da, stumm und mit einem Gesicht zum Fuerchten. +Um nur das schreckliche Schweigen zu beenden, sagte Diederich drauf los: +"Nun, und der Kriegerverein, Herr Major? Ich habe immer geglaubt, ich +wuerde einmal etwas hoeren ueber meine Aufnahme." + +Der Major sah ihn lange nur an, als wollte er ihn fressen. "Ach so. Sie +haben geglaubt. Sie haben wohl auch geglaubt, es wuerde mir eine Ehre sein, +wenn Sie mich in Ihre Skandalaffaere hineinziehen?" + +"Meine?" stotterte Diederich. Der Major donnerte. "Jawohl, Herr! Ihre! Dem +Herrn Fabrikbesitzer Lauer ist mal ein Wort zu viel ausgerutscht, das kann +vorkommen, sogar bei alten Soldaten, die sich fuer ihren Koenig haben zu +Krueppeln schiessen lassen. Sie aber haben den Herrn Lauer raffinierterweise +zu seinen unbedachten Aeusserungen verleitet. Das bin ich bereit, vor dem +Untersuchungsrichter zu bekunden. Den Lauer kenne ich: der war in +Frankreich mit und ist in unserem Kriegerverein. Sie, Herr, wer sind Sie? +Weiss ich, ob Sie ueberhaupt gedient haben? Her mit Ihren Papieren!" + +Diederich griff in die Brusttasche. Er wuerde stramm gestanden haben, wenn +der Major es befohlen haette. Der Major hielt sich den Militaerpass weit von +den Augen fort. Ploetzlich warf er ihn hin, er feixte grimmig. "Na also. +Landsturm mit der Waffe. Hab' ich es nicht gesagt? Plattfuesse +wahrscheinlich." Diederich war bleich, bebte bei jedem Wort des Majors und +hielt beschwoerend die Hand vor sich hin. "Herr Major, ich gebe Ihnen mein +Ehrenwort, dass ich gedient habe. Infolge eines Ungluecksfalles, der mir nur +zur Ehre gereicht, musste ich nach drei Monaten austreten ..." + +"Solche Ungluecksfaelle kennen wir ... Zahlen!" + +"Sonst waere ich ganz dabei geblieben", sagte Diederich noch, mit +fliegender Stimme. "Ich war mit Leib und Seele Soldat, fragen Sie meine +Vorgesetzten." + +"'n Abend." Der Major hatte schon den Mantel an. "Ich will Ihnen bloss noch +sagen, Herr: wer nicht gedient hat, den gehen die Majestaetsbeleidigungen +anderer Leute den Teufel an. Majestaet legt keinen Wert auf nicht gediente +Herrschaften ... Gruetzmacher," sagte er zum Wirt, "Sie sollten sich Ihr +Publikum genauer ansehen. Wegen eines Gastes, der mal zuviel da ist, ist +nun der Herr Lauer beinahe verhaftet worden, und ich muss mit meinem +steifen Bein zu Gericht als Belastungszeuge und es mit allen Leuten +verderben. Der Harmonieball ist schon abgesagt, ich bin beschaeftigungslos, +und wenn ich hier zu Ihnen komme -" er warf wieder einen Blick wie ueber +Schneewuesten - "ist kein Mensch da. Ausser, natuerlich, der Denunziant!" +schrie er noch auf der Treppe. + +"Mein Ehrenwort, Herr Major -" Diederich lief hinterher, "ich habe keine +Anzeige erstattet, das Ganze ist ein Missverstaendnis." Der Major war schon +draussen, Diederich rief ihm nach: "Wenigstens bitte ich um Ihre +Diskretion!" + +Er trocknete die Stirn. "Herr Gruetzmacher, Sie muessen doch einsehen -" +sagte er, mit Traenen in der Stimme. Da er Wein bestellte, sah der Wirt +alles ein. + +Diederich trank und schuettelte wehmuetig den Kopf. Diese Fehlschlaege +begriff er nicht. Seine Absichten waren rein gewesen, nur die Tuecke seiner +Feinde verdunkelte sie ... Da erschien der Landgerichtsrat Dr. Fritzsche, +sah sich zoegernd um, - und als er Diederich wirklich ganz allein fand, kam +er zu ihm. "Herr Doktor Hessling," sagte er und gab ihm die Hand, "Sie +sehen ja aus, als ob Ihnen die Ernte verhagelt waer." In einem grossen +Betrieb, murmelte Diederich, gebe es freilich immer Aerger. Aber da er die +mitfuehlende Miene des anderen sah, erweichte er sich vollends. "Ihnen kann +ich es sagen, Herr Landgerichtsrat, die Sache mit dem Herrn Lauer ist mir +verdammt unangenehm." + +"Ihm noch mehr", sagte Fritzsche, nicht ohne Strenge. "Wenn bei ihm nicht +jeder Fluchtverdacht ausgeschlossen waere, haetten wir ihn gleich heute +verhaften lassen muessen." Er sah Diederich erbleichen und fuegte hinzu: +"Was sogar uns Richtern peinlich gewesen waere. Schliesslich ist man Mensch +und lebt unter Menschen. Aber natuerlich -" Er befestigte seinen Klemmer +und machte sein trockenes Gesicht. "Das Gesetz muss befolgt werden. Wenn +Lauer an dem betreffenden Abend - ich selbst hatte das Lokal ja schon +verlassen - tatsaechlich die unerhoerten Majestaetsbeleidigungen geaeussert +hat, die von der Anklage behauptet werden, und fuer die Sie als Hauptzeuge +aufgestellt sind -" + +"Ich?" Diederich fuhr verzweifelt auf. "Ich habe nichts gehoert! Kein +Wort!" + +"Dagegen spricht Ihre Aussage vor dem Ermittelungsrichter." + +Diederich verwirrte sich. "Im ersten Moment weiss man doch nicht, was man +sagen soll. Aber wenn ich mir den fraglichen Vorgang jetzt rekonstruiere, +dann scheint es mir doch, dass wir alle ziemlich stark angeheitert waren. +Ich besonders." + +"Sie besonders", wiederholte Fritzsche. + +"Ja, und da habe ich wohl anzuegliche Fragen an Herrn Lauer gestellt. Was +er mir darauf geantwortet hat, das koennte ich jetzt nicht mehr beschwoeren. +Das Ganze war doch ueberhaupt nur ein Scherz." + +"Ach so: ein Scherz." Fritzsche atmete auf. "Ja, aber was hindert Sie +denn, das einfach dem Richter zu sagen?" Er erhob den Finger. "Ohne dass +ich natuerlich im geringsten Ihre Aussage beeinflussen moechte." + +Diederich erhob die Stimme. "Dem Jadassohn vergess ich den Streich nicht!" +Und er berichtete die Machenschaften dieses Herrn, der sich waehrend der +Szene vorsaetzlich entfernt habe, um nicht als Zeuge in Betracht zu kommen; +der dann sofort Material fuer die Anklage gesammelt, den halb +unzurechnungsfaehigen Zustand der Anwesenden missbraucht und sie von +vornherein festgelegt habe mit ihren Aussagen. "Herr Lauer und ich, wir +halten einander fuer Ehrenmaenner. Wie untersteht sich so ein Jude, uns zu +verhetzen!" + +Fritzsche erklaerte ernst, dass hier nicht Jadassohns Persoenlichkeit in +Betracht komme, sondern nur das Vorgehen der Staatsanwaltschaft. Freilich +war zuzugeben, dass Jadassohn vielleicht zum Uebereifer neigte. Mit +gedaempfter Stimme setzte er hinzu: "Sehen Sie, das ist eben der Grund, +weshalb wir mit den juedischen Herren nicht gern zusammenarbeiten. Solch +ein Herr legt sich nicht die Frage vor, welchen Eindruck es auf das Volk +machen muss, wenn ein gebildeter Mann, ein Arbeitgeber, wegen +Majestaetsbeleidigungen verurteilt wird. Sachliche Bedenken verschmaeht sein +Radikalismus." + +"Sein juedischer Radikalismus", ergaenzte Diederich. + +"Er stellt unbedenklich sich selbst in den Vordergrund, - womit ich +keineswegs leugnen will, dass er auch ein amtliches und nationales +Interesse wahrzunehmen glaubt." + +"Wieso denn?" rief Diederich. "Ein gemeiner Streber, der mit unseren +heiligsten Guetern spekuliert!" + +"Wenn man sich scharf ausdruecken will -" Fritzsche laechelte befriedigt. Er +rueckte naeher. "Nehmen wir einmal an, ich waere Untersuchungsrichter: es +gibt Faelle, in denen man gewissermassen Grund haette, sein Amt +niederzulegen." + +"Sie sind mit dem Lauerschen Hause eng befreundet", sagte Diederich und +nickte bedeutsam. Fritzsche machte sein weltmaennisches Gesicht. "Aber Sie +begreifen, damit wuerde ich gewisse Geruechte ausdruecklich bestaetigen." + +"Das geht nicht", sagte Diederich. "Es waere gegen den Komment." + +"Mir bleibt nichts uebrig, als meine Pflicht zu tun, ruhig und sachlich." + +"Sachlich sein heisst deutsch sein", sagte Diederich. + +"Besonders, da ich annehmen darf, dass die Herren Zeugen mir meine Aufgabe +nicht unnoetig erschweren werden." Diederich legte die Hand auf die Brust. +"Herr Landgerichtsrat, man kann sich hinreissen lassen, wo es um eine grosse +Sache geht. Ich bin eine impulsive Natur. Aber ich bleibe mir bewusst, dass +ich fuer alles meinem Gott Rechenschaft schulde." Er schlug die Augen +nieder. Mit maennlicher Stimme: "Auch ich bin der Reue zugaenglich." Dies +schien Fritzsche zu genuegen, denn er zahlte. Die Herren schuettelten +einander ernst und verstaendnisvoll die Haende. + +Schon am Tage darauf ward Diederich vor den Untersuchungsrichter geladen +und stand vor Fritzsche. "Gott sei Dank", dachte er und machte mit +treuherziger Sachlichkeit seine Aussagen. Auch Fritzsches einzige Sorge +schien die Wahrheit zu sein. Die oeffentliche Meinung freilich blieb bei +ihrer Parteilichkeit fuer den Angeklagten. Von der sozialdemokratischen +"Volksstimme" nicht zu reden; sie verstieg sich bis zu hoehnischen +Auslassungen ueber Diederichs Privatleben, hinter denen wohl sicher +Napoleon Fischer zu suchen war. Aber auch die sonst so ruhige "Netziger +Zeitung" gab gerade jetzt eine Ansprache des Herrn Lauer an seine Arbeiter +wieder, worin der Fabrikbesitzer darlegte, dass er den Gewinn seines +Unternehmens redlich mit allen denen teile, die daran mitgearbeitet +hatten, ein Viertel den Beamten, ein Viertel den Arbeitern. In acht Jahren +hatten sie ausser ihren Loehnen und Gehaeltern die Summe von 130 000 Mark +unter sich zu verteilen gehabt. Dies machte auf weite Kreise den +guenstigsten Eindruck. Diederich begegnete missbilligenden Gesichtern. Sogar +der Redakteur Nothgroschen, den er zur Rede stellte, erlaubte sich ein +anzuegliches Laecheln und sagte etwas von sozialen Fortschritten, die man +mit nationalen Phrasen nicht aufhalte. Besonders peinlich waren die +geschaeftlichen Folgen. Bestellungen, auf die Diederich rechnen durfte, +blieben aus. Der Warenhausbesitzer Cohn teilte ihm ausdruecklich mit, dass +er fuer seine Weihnachtskataloge die Papierfabrik Gausenfeld bevorzuge, +weil er mit Ruecksicht auf seine Kunden sich politische Zurueckhaltung +auferlegen muesse. Diederich erschien jetzt ganz frueh im Bureau, um solche +Briefe abzufangen, aber Soetbier war immer noch frueher da, und das +vorwurfsvolle Schweigen des alten Prokuristen erhoehte seine Wut. "Ich +schmeiss den ganzen Krempel hin!" schrie er. "Sie und die Leute sollen dann +sehen, wo sie bleiben. Ich mit meinem Doktor hab' morgen einen +Direktorposten mit 40 000 Mark!" - "Ich opfere mich fuer euch!" schrie er +die Arbeiter an, wenn sie gegen das Reglement Bier tranken. "Ich zahle +drauf, nur um keinen zu entlassen." + +Gegen Weihnacht musste er dennoch einem Drittel der Leute aufsagen; Soetbier +rechnete ihm vor, dass die Zahlungsfristen zu Beginn des Jahres sonst nicht +eingehalten werden koennten, "da wir nun mal 2000 Mark als Anzahlung fuer +den neuen Hollaender aufnehmen mussten"; und er blieb dabei, obwohl +Diederich nach dem Tintenfass griff. In den Mienen der Uebriggebliebenen las +er Misstrauen und Geringschaetzung. So oft mehrere zusammenstanden, glaubte +er das Wort "Denunziant" zu hoeren. Napoleon Fischers knotige, +schwarzbehaarte Haende hingen weniger tief ueber dem Boden, und es sah aus, +als bekaeme er sogar Farbe. + +Am letzten Adventsonntag - das Landgericht hatte soeben die Eroeffnung des +Hauptverfahrens beschlossen - predigte in der Marienkirche Pastor Zillich +ueber den Text: "Liebet eure Feinde." Diederich erschrak beim ersten Wort. +Bald fuehlte er, wie auch die Gemeinde unruhig ward. "Die Rache ist mein, +spricht der Herr": Pastor Zillich rief es sichtlich nach dem Hesslingschen +Stuhl hinueber. Emmi und Magda versanken ganz darin, Frau Hessling +schluchzte. Diederich beantwortete drohend die Blicke, die ihn suchten. +"Wer aber spricht Rache, der ist des Gerichts!" Da wandte sich alles um, +und Diederich knickte zusammen. + +Zu Hause machten die Schwestern ihm eine Szene. Man behandelte sie +schlecht in den Gesellschaften. Nie mehr ward der junge Oberlehrer +Helferich neben Emmi gesetzt, er kuemmerte sich nur noch um Meta Harnisch, +und sie wusste wohl warum. "Weil du ihm zu alt bist", sagte Diederich. +"Nein, sondern weil du uns unbeliebt machst!" - "Die fuenf Toechter vom +Bruder des Herrn Buck gruessen uns schon nicht mehr!" rief Magda. Und +Diederich: "Ich werd' ihnen fuenf Ohrfeigen herunterhauen!" - "Das lass +gefaelligst! An dem einen Prozess haben wir genug." Da verlor er die Geduld. +"Ihr? Was gehen euch meine politischen Kaempfe an?" + +"Alte Jungfern werden wir noch, wegen deiner politischen Kaempfe!" + +"Das braucht ihr nicht erst zu werden. Ihr liegt mir hier unnuetz im Hause +umher, ich rackere mich ab fuer euch, und ihr wollt auch noch noergeln und +mir meine heiligsten Aufgaben verekeln? Dann schuettelt gefaelligst den +Staub von euren Pantoffeln! Meinetwegen koennt ihr Kindermaedchen werden!" +Und er schlug die Tuer zu, trotz Frau Hesslings gerungenen Haenden. + +So kamen denn traurige Weihnachten heran. Die Geschwister sprachen nicht +miteinander; Frau Hessling verliess das verschlossene Zimmer, wo sie den +Baum schmueckte, nie anders als mit verweinten Augen. Und am heiligen +Abend, wie sie ihre Kinder hineinfuehrte, sang sie ganz allein und mit +zitternder Stimme "Stille Nacht". "Dies schenkt Diedel seinen lieben +Schwestern!" sagte sie und machte ein bittendes Gesicht, damit er sie +nicht Luegen strafe. Emmi und Magda dankten ihm verlegen, er besah ebenso +verlegen die Gaben, die angeblich von ihnen kamen. Es tat ihm leid, dass er +die gewohnte Christbaumfeier der Arbeiter, trotz Soetbiers dringendem Rat, +abgelehnt hatte, um die unbotmaessige Gesellschaft zu bestrafen. Sonst haette +er jetzt mit den Leuten zusammensitzen koennen. Hier in der Familie war es +eine kuenstliche Sache, eine Aufwaermung alter, verbrauchter Stimmung. Echt +waere sie erst geworden durch eine, die nicht dabei war: Guste ... Der +Kriegerverein war ihm verschlossen, und im Ratskeller haette er niemand +gefunden, wenigstens keinen Freund. Diederich erschien sich +vernachlaessigt, unverstanden und verfolgt. Wie fern lagen die harmlosen +Zeiten der Neuteutonia, als man in langen, von Wohlwollen beseelten Reihen +sang und Bier trank. Heute, im rauhen Leben, brachten keine wackeren +Kommilitonen mehr einander ehrliche Schmisse bei, sondern lauter +verraeterische Konkurrenten wollten sich gegenseitig an den Hals. "Ich +passe nicht in diese harte Zeit", dachte Diederich, ass Marzipan von seinem +Teller und traeumte in die Lichter des Weihnachtsbaumes. "Ich bin doch +gewiss ein guter Mensch. Warum ziehen sie mich in so haessliche Dinge hinein +wie dieser Prozess, und schaden mir dadurch auch geschaeftlich, so dass ich, +ach lieber Gott! den Hollaender, den ich bestellt habe, nicht werde +bezahlen koennen." Dabei schnitt es ihm kalt durch den Leib, Traenen traten +ihm in die Augen, und damit die Mutter, die immer aengstlich nach seiner +sorgenvollen Miene schielte, sie nicht saehe, stahl er sich in das dunkle +Nebenzimmer. Er stuetzte die Arme auf das Klavier und schluchzte in die +Haende. Draussen stritten Emmi und Magda um ein paar Handschuhe, und die +Mutter wagte nicht zu entscheiden, wem sie beschert worden waren. +Diederich schluchzte. Alles war fehlgeschlagen, in Politik, Geschaeft und +Liebe. "Was hab' ich denn noch?" Er oeffnete das Klavier. Ihn froestelte, er +war so unheimlich allein, dass er Angst hatte, ein Geraeusch zu machen. Die +Toene kamen von selbst, seine Haende wussten es kaum. Aus Volksliedern, +Beethoven und dem Kommersbuch klang es durcheinander in der Daemmerung, die +sich traulich davon erwaermte, so dass einem wohlig dumpf im Kopf ward. +Einmal meinte er, dass eine Hand ihm ueber den Scheitel streife. War es nur +ein Traum? Nein, denn auf dem Klavier stand ploetzlich ein volles Bierglas. +Die gute Mutter! Schubert, weiche Biederkeit, Gemuet der Heimat ... Es ward +still, und er wusste es nicht - bis die Wanduhr schlug: eine Stunde war +vergangen! "Das war meine Weihnacht", sagte Diederich und ging hinaus zu +den anderen. Er fuehlte sich getroestet und gekraeftigt. Da die Schwestern +noch immer wegen der Handschuhe maulten, erklaerte er sie fuer gemuetlos und +steckte die Handschuhe ein, um sie fuer sich umzutauschen. + + + +Die ganze Festzeit ward verduestert durch die Sorge wegen des Hollaenders. +Sechstausend Mark fuer einen neuen Patent-Hollaender System Maier! Das Geld +war nicht da, und wie die Dinge lagen, nicht zu beschaffen. Es war ein +unbegreifliches Verhaengnis, ein schaebiger Widerstand von Menschen und +Dingen, der Diederich erbitterte. Wenn Soetbier nicht dabei war, schlug er +mit dem Pultdeckel und schleuderte Briefordner in die Ecken. Fuer den neuen +Herrn, der die Zuegel des Betriebes in seine feste Hand genommen hatte, +mussten doch ohne weiteres neue Unternehmungen eintreten, die Erfolge +warteten auf ihn, die Ereignisse hatten sich seiner Persoenlichkeit +anzupassen!... Nach dem Zorn kam der Kleinmut, Diederich traf Vorkehrungen +fuer den Fall einer Katastrophe. Er war sanft mit Soetbier: vielleicht +konnte der Alte noch einmal helfen. Auch demuetigte er sich vor Pastor +Zillich und bat ihn, den Leuten zu sagen, dass er mit der Predigt, von der +alle sprachen, nicht auf ihn gezielt habe. Der Pastor versprach es auch, +mit sichtlicher Reue, unter dem strafenden Blick seiner Gattin, die sein +Versprechen bekraeftigte. Dann liessen die Eltern Kaethchen mit Diederich +allein, und er war ihnen in seiner Niedergeschlagenheit so dankbar, dass er +sich fast erklaert hatte. Kaethchens Jawort, das auf ihren lieben, dicken +Lippen wartete, waere doch ein Erfolg gewesen, es haette ihm Bundesgenossen +gebracht gegen die feindliche Welt. Aber der unbezahlbare Hollaender! Er +wuerde ein Viertel der Mitgift verschlungen haben ... Diederich seufzte, er +muesse nun wieder ins Geschaeft; und Kaethchen kniff die Lippen zusammen, +ohne dass das Jawort zur Verwendung gelangt war. + +Ein Entschluss musste gefasst werden, denn die Ankunft des Hollaenders stand +bevor. Diederich sagte zu Soetbier: "Ich rate den Leuten nur, ihn auf Tag +und Stunde zu liefern, sonst geb' ich ihn ohne Gnade zurueck." Aber Soetbier +erinnerte an das Gewohnheitsrecht, das den Fabriken einige Tage Spielraum +lasse. Trotz Diederichs Heftigkeit blieb er dabei. Uebrigens traf die +Maschine puenktlich ein. Sie war noch nicht ausgepackt, und schon wetterte +Diederich. "Er ist zu gross! Die Leute haben mir garantiert, dass er kleiner +sein soll als das alte System. Wozu kaufe ich ihn denn, wenn ich nicht mal +Raum sparen soll!" Und er ging, sobald der Hollaender aufgestellt war, mit +dem Metermass um ihn herum. "Er ist zu gross! Ich lass mich nicht +beschwindeln! Bezeugen Sie mir, Soetbier, dass er zu gross ist!" Aber Soetbier +klaerte mit unbeirrbarer Rechtlichkeit den Fehler in Diederichs Messungen +auf. Schnaufend zog Diederich sich zurueck, um einen neuen Angriffsplan zu +ersinnen. Er rief Napoleon Fischer herbei. "Wo ist denn der Monteur? Haben +uns die Leute keinen Monteur mitgeschickt?" Und dann entruestete er sich. +"Ich habe ihn doch bestellt!" log er. "Die Leute scheinen ihr Geschaeft zu +verstehen. Ich werde mich nicht wundern, wenn ich fuer den Kerl taeglich +zwoelf Mark bezahlen muss, und er glaenzt durch Abwesenheit. Wer stellt mir +das Ungluecksding da nun auf?" + +Der Maschinenmeister behauptete, er verstehe sich darauf. Diederich bewies +ihm ploetzlich grosses Wohlwollen. "Sie koennen sich denken: Ihnen zahl' ich +lieber die Ueberstunden, als dass ich mein Geld fuer den fremden Menschen +hinauswerfe. Schliesslich sind Sie ein alter Mitarbeiter." Napoleon Fischer +zog die Brauen hinauf, sagte aber nichts. Diederich beruehrte seine +Schulter. "Sehen Sie mal, lieber Freund," sagte er halblaut, "ich bin von +dem Hollaender naemlich enttaeuscht. Auf den Bildern im Prospekt sah er +anders aus. Die Messerwalze sollte doch viel breiter sein, wo bleibt da +die groessere Leistungsfaehigkeit, die die Leute uns versprochen haben. Was +meinen Sie? Halten Sie den Zug fuer gut? Ich fuerchte, der Stoff bleibt +liegen." Napoleon Fischer sah Diederich an, pruefend, aber schon mit +Verstaendnis. Man muesse es ausprobieren, meinte er zoegernd. Diederich +vermied seinen Blick, er tat, als untersuchte er die Maschine. Dabei sagte +er aufmunternd: "Also schoen. Sie stellen das Ding auf, ich zahle Ihnen die +Ueberstunden mit fuenfundzwanzig Prozent Aufschlag, und dann tragen Sie in +Gottes Namen gleich Stoff ein. Wir werden die Bescherung ja sehen." + +"Es wird wohl 'ne nette Bescherung sein", sagte der Maschinenmeister mit +sichtlichem Entgegenkommen. Diederich griff, ehe er es selbst wusste, nach +seinem Arm, Napoleon Fischer war ein Freund, ein Retter! "Kommen Sie mal +mit, mein Lieber" - seine Stimme war bewegt. Er fuehrte Napoleon Fischer in +das Wohnhaus, Frau Hessling musste ihm ein Glas Wein einschenken, und +Diederich drueckte ihm, ohne hinzusehen, fuenfzig Mark in die Hand. "Ich +verlass mich auf Sie, Fischer", sagte er. "Wenn ich Sie nicht haette, wuerde +die Fabrik mich womoeglich hineinlegen. Zweitausend Mark hab' ich den +Leuten schon in den Rachen geworfen." + +"Die muessen sie wieder hergeben", sagte der Maschinenmeister gefaellig. +Diederich fragte dringend: "Das meinen Sie doch auch?" + +Und schon tags darauf, nach der Mittagspause, die er zu Versuchen mit dem +Hollaender benutzt hatte, teilte Napoleon Fischer seinem Arbeitgeber mit, +dass die neue Erwerbung nichts tauge. Der Stoff blieb liegen, man musste mit +dem Ruehrscheit nachhelfen, wie bei jedem Hollaender aeltester Konstruktion. +"Also der offenbare Schwindel!" rief Diederich. Auch brauchte der +Hollaender mehr als zwanzig Pferdestaerken. "Das ist vertragswidrig! Muessen +wir uns das gefallen lassen, Fischer?" + +"Das muessen wir uns nicht gefallen lassen", entschied der Maschinenmeister +und strich mit seiner knotigen Hand ueber sein schwarz behaartes Kinn. +Diederich sah ihn zum erstenmal fest an. + +"Dann koennen Sie mir also bezeugen, dass der Hollaender die bei Bestellung +vereinbarten Bedingungen nicht erfuellt?" + +In Napoleon Fischers schuetterem Bart erschien ein duennes Laecheln. "Kann +ich", sagte er. Diederich sah das Laecheln. Um so strammer machte er kehrt. +"Na, dann sollen die Leute mich kennenlernen!" Sogleich schrieb er einen +energisch gehaltenen Brief an Bueschli & Cie. in Eschweiler. Die Antwort +kam umgehend. Man begreife seine Beanstandungen nicht, der neue +Patenthollaender System Maier sei schon von mehreren Papierfabriken, deren +Verzeichnis beiliege, aufgestellt und erprobt worden. Von einer +Zuruecknahme und gar von einer Rueckerstattung der angezahlten 2000 Mark +koenne daher nicht die Rede sein, vielmehr sei der Rest der vertragsmaessigen +Kaufsumme sofort zu erlegen. Diederich schrieb darauf noch entschiedener +als das erstemal und drohte mit einer Klage. Bueschli & Cie. versuchten +nun, ihn zu beschwichtigen, sie empfahlen eine nochmalige Probe. "Sie +haben Angst", sagte Napoleon Fischer, dem Diederich das Schreiben zeigte, +und er fletschte die Zaehne. "Eine Klage koennen sie nicht brauchen, denn +ihr Hollaender ist noch nicht genuegend eingefuehrt." "Stimmt", sagte +Diederich. "Wir haben die Kerls in der Hand!" Und mit erbitterter +Siegesgewissheit lehnte er jeden Vergleich und die angebotene +Preisermaessigung schroff ab. Als dann mehrere Tage lang nichts weiter +erfolgte, ward er freilich unruhig. Vielleicht warteten sie nun doch seine +Klage ab? Vielleicht strengten sie selbst eine an! Unsicher suchte sein +Blick, oftmals am Tage, Napoleon Fischer, der ihn von unten erwiderte. Sie +sprachen nicht mehr miteinander. Wie aber Diederich eines Vormittags um +elf Uhr beim zweiten Fruehstueck sass, brachte das Maedchen eine Karte: +Friedrich Kienast, Prokurist der Firma Bueschli & Cie., Eschweiler; und +indes Diederich sie noch hin und her wendete, trat der Besucher schon ein. +An der Tuer blieb er stehen. "Pardon," sagte er, "es muss ein Irrtum sein. +Man hat mich hier ins Haus gewiesen, aber ich komme naemlich geschaeftlich." + +Diederich hatte sich besonnen. "Ich kann es mir denken, aber das macht +nichts, bitte, treten Sie doch naeher. Doktor Hessling ist mein Name. Hier +ist meine Mutter und meine Schwestern Emmi und Magda." + +Der Herr trat naeher und verbeugte sich vor den Damen. "Friedrich Kienast", +murmelte er. Er war gross, blondbaertig und trug einen braunen wolligen +Jackettanzug. Alle drei Damen laechelten hingebend. "Darf ich fuer den Herrn +ein Gedeck auflegen?" fragte Frau Hessling. Und Diederich: "Natuerlich. Herr +Kienast fruehstueckt doch mit uns?" + +"Ich sage nicht nein", erklaerte der Vertreter von Bueschli & Cie., und er +rieb sich die Haende. Magda legte ihm Buecklinge vor, die er schon lobte, +waehrend er den ersten Bissen noch auf der Gabel hatte. + +Diederich fragte ihn, harmlos lachend: + +"Nuechtern machen Sie wohl auch nicht gern Geschaefte?" Herr Kienast lachte +auch. "Bei den Geschaeften bin ich immer nuechtern." Diederich schmunzelte. +"Na, dann werden wir uns wohl einigen." "Kommt darauf an, wie"; - und +Kienasts schelmisch herausfordernde Worte begleitete ein Blick an Magda. +Sie erroetete. + +Diederich schenkte dem Gast Bier ein. "Sie haben wohl sonst noch was vor +in Netzig?" Worauf Kienast zurueckhaltend: "Man kann nie wissen." + +Versuchsweise sagte Diederich: "Bei Kluesing in Gausenfeld werden Sie +nichts machen, er hat 'ne flaue Zeit." Und da der andere schwieg, dachte +Diederich: "Sie haben ihn bloss wegen des Hollaenders hergeschickt, sie +koennen keinen Prozess brauchen!" Da bemerkte er, dass Magda und der +Vertreter von Bueschli & Cie. gleichzeitig tranken und ueber die Glaeser +hinweg einander in die Augen sahen. Emmi und Frau Hessling sassen starr +dabei. Diederich beugte sich schnaufend ueber seinen Teller; - ploetzlich +aber fing er an, das Familienleben zu preisen. "Sie haben Glueck, mein +lieber Herr Kienast, denn das zweite Fruehstueck ist ausgerechnet unsere +schoenste Stunde am Tage. Wenn man so mitten aus der Arbeit hier +herauskommt, dann merkt man doch wieder mal, dass man sozusagen auch Mensch +ist. Na, und das braucht man." + +Kienast bestaetigte, dass man es brauche. Frau Hesslings Frage, ob er schon +verheiratet sei, verneinte er und sah dabei auf Magdas Scheitel, denn sie +hatte den Kopf gesenkt. + +Diederich stand auf und schlug die Hacken zusammen. "Herr Kienast," sagte +er schnarrend, "ich stehe zu Ihrer Verfuegung." + +"Eine Zigarre nimmt Herr Kienast noch", bat Magda. Kienast liess sie sich +von ihr anzuenden und hoffte, die Damen nochmals begruessen zu koennen, - +wobei er Magda verheissungsvoll anlaechelte. Aber im Hof aenderte auch er +vollstaendig den Ton. "Na ja, das sind auch noch alte, enge Lokalitaeten", +bemerkte er kalt und wegwerfend. "Sie sollten mal unsere Anlagen sehen." + +"In einem Nest wie Eschweiler," erwiderte Diederich, genau so veraechtlich, +"da ist es kein Kunststueck. Reissen Sie mal hier den Haeuserblock nieder!" +Und dann rief er im schaerfsten Befehlston nach dem Maschinenmeister, damit +er den neuen Hollaender in Betrieb setze. Da Napoleon Fischer nicht sofort +kam, stuermte Diederich hin. "Sie sitzen wohl auf Ihren Ohren, Herr?" Aber +sobald er ihm gegenueberstand, verstummte sein Geschrei; mit leiser, +fliegender Stimme, die Augen angestrengt aufgerissen, sagte er: "Fischer, +ich hab' es mir ueberlegt, ich bin mit Ihnen zufrieden, vom Ersten ab +erhoehe ich Ihr Gehalt auf hundertachtzig Mark." Darauf nickte Napoleon +Fischer kurz und verstaendnisvoll, und sie trennten sich. Sogleich begann +Diederich wieder zu schreien. Die Leute hatten geraucht! Sie behaupteten, +es sei nur seine eigene Zigarre, die er rieche. Zu dem Vertreter von +Bueschli & Cie. sagte er: "Uebrigens bin ich versichert, aber Zucht muss +sein. Tadelloser Betrieb, wie?" + +"Veraltetes Aggregat", entgegnete Herr Kienast, mit einem lieblosen Blick +auf die Maschinen. Diederich versetzte hoehnisch: "Weiss ich, mein Bester. +Aber so gut wie Ihr Hollaender allemal." Trotz Kienasts Protest fuhr er +fort, die Leistungsfaehigkeit der einheimischen Industrie herabzusetzen. +Mit seiner neuen Einrichtung warte er bis zu seiner Reise nach England. Er +gehe grosszuegig vor. Seit er selbst an der Spitze des Betriebes stehe, sei +das Geschaeft maechtig im Aufschwung. "Und es ist immer noch +ausdehnungsfaehig." Er erfand. "Jetzt hab' ich Vertraege mit zwanzig +Kreisblaettern. Die Berliner Warenhaeuser machen mich ueberhaupt +wahnsinnig ..." Kienast unterbrach schneidend: + +"Dann haben Sie wohl gerade alles abgeliefert, denn ich sehe nirgends +fertige Ware." + +Diederich empoerte sich. "Herr! Soll ich Ihnen was sagen? Erst gestern hab' +ich an saemtliche kleinen Kunden ein Rundschreiben geschickt: bis zur +Vollendung meines Neubaus koenne ich nichts mehr liefern." + +Der Maschinenmeister holte die Herren. Der neue Patenthollaender war halb +gefuellt, aber die Stoffbewegung blieb noch sehr schwach, der Arbeiter half +mit dem Ruehrscheit nach. Diederich hielt die Uhr in der Hand. "Na also. +Sie behaupten, in Ihrem Hollaender braucht der Stoff fuer einen Umgang +zwanzig bis dreissig Sekunden: ich zaehle schon fuenfzig ... +Maschinenmeister, den Stoff ablassen ... Was ist denn los, das dauert ja +ewig!" + +Kienast hatte sich ueber die Schale gebeugt. Er richtete sich auf, er +laechelte gewitzigt. "Ja, wenn die Ventile verstopft sind ..." Und mit +einem scharfen Blick in die Augen Diederichs, die nicht standhielten: "Was +sonst noch mit dem Hollaender angestellt ist, kann ich in der Eile nicht +sehen." Diederich fuhr empor, ploetzlich sehr rot. "Wollen Sie mir +vielleicht insinuieren, dass ich mit meinem Maschinenmeister -?" + +"Ich habe nichts gesagt", stellte Kienast fest. + +"Das muesste ich mir auch energisch verbitten." Diederich blitzte. Auf +Kienast schien es keinen Eindruck zu machen, er behielt seine kalten Augen +und das abgefeimte Grinsen in seinem am Kinn auseinandergebuersteten Bart. +Wenn er sich rasiert und den Schnurrbart bis zu den Augenwinkeln +hinaufgebunden haben wuerde, er haette Aehnlichkeit mit Diederich bekommen! +Er war eine Macht! Um so drohender trat Diederich auf. "Mein +Maschinenmeister ist Sozialdemokrat: dass er mir einen Gefallen tun soll, +ist lachhaft. Uebrigens mache ich, als Reserveoffizier, Sie auf die Folgen +Ihrer Aeusserung aufmerksam!" + +Kienast trat in den Hof hinaus. "Lassen Sie das nur, Herr Doktor", sagte +er kuehl. "In Geschaeften bin ich nuechtern, das hab' ich Ihnen schon beim +Fruehstueck gesagt. Jetzt brauch' ich Ihnen nur noch zu wiederholen, dass wir +den Hollaender in tadellosem Zustand geliefert haben und an Ruecknahme nicht +denken." - Das werde man sehen, erklaerte Diederich. Einen Prozess hielten +Bueschli & Cie. wohl fuer besonders wirksam, zur Einfuehrung ihres neuen +Artikels? "Ich werde Ihnen in den Fachblaettern noch eine besondere +Empfehlung mitgeben!" Darauf Kienast: auf Erpressungsversuche gehe er +nicht ein. Und Diederich: einen satisfaktionsunfaehigen Knoten werfe man +einfach hinaus. - Da erschien drueben im Haustor Magda. + +Sie hatte ihr Pelzjackett von Weihnacht an, und sie laechelte rosig. "Die +Herren sind noch immer nicht fertig?" fragte sie schalkhaft. "Das Wetter +ist doch so schoen, man muss ein bisschen hinaus vor dem Mittagessen. _A +propos_", sagte sie gelaeufig. "Mama laesst fragen, ob Herr Kienast zum +Abendessen kommt." Da Kienast erklaerte, er muesse leider danken, laechelte +sie dringlicher. "Und mir wuerden Sie es auch abschlagen?" Kienast lachte +bitter. "Ich wuerde nicht nein sagen, Fraeulein. Aber weiss ich denn, ob Ihr +Herr Bruder -?" Diederich schnaufte, Magda sah ihn flehend an. "Herr +Kienast", brachte er hervor. "Es wird mich freuen. Vielleicht, dass wir uns +auch noch verstaendigen." Er hoffe es, sagte Kienast, worauf er sich +weltmaennisch erbot, das Fraeulein ein Stueck zu begleiten. "Wenn mein Bruder +nichts dagegen hat", sagte sie zuechtig und ironisch. Diederich erlaubte +auch dies noch; - und dann sah er ihr erstaunt nach, wie sie mit dem +Prokuristen von Bueschli & Cie. abzog. Was die auf einmal alles konnte! + +Wie er zum Mittagessen kam, hoerte er drinnen im Wohnzimmer die Schwestern +mit scharfen Stimmen sprechen. Emmi warf Magda vor, sie benehme sich +schamlos. "So macht man es denn doch nicht." - "Nein!" rief Magda. "Ich +werde dich um Erlaubnis bitten." - "Das wuerde gar nichts schaden. +Ueberhaupt bin ich an der Reihe!" - "Hast du sonst noch Sorgen?" - Und +Magda schlug ein Hohngelaechter an. Da Diederich eintrat, verstummte sie +sofort. Diederich rollte unzufrieden die Augen; aber Frau Hessling haette +nicht noetig gehabt, hinter ihren Toechtern die Haende zu ringen: in den +Weiberstreit einzugreifen, war unter seiner Wuerde. + +Beim Essen ward von dem Gast gesprochen. Frau Hessling ruehmte den soliden +Eindruck, den er mache. Emmi erklaerte: wenn so ein Kommis nicht einmal +solide sein sollte. Mit einer Dame reden koenne er ueberhaupt nicht. Magda +behauptete entruestet das Gegenteil. Und da alle auf Diederichs +Entscheidung warteten, entschloss er sich. Komment scheine der Herr +freilich nicht viel zu haben. Akademische Bildung sei eben nicht zu +ersetzen. "Aber als tuechtigen Geschaeftsmann hab' ich ihn kennengelernt." +Emmi hielt sich nicht mehr. + +"Wenn Magda den Menschen heiraten will, ich erklaere, dass ich nicht mit +euch verkehre. Das Kompott hat er mit dem Messer gegessen!" + +"Sie luegt!" Magda brach in Schluchzen aus. Diederich empfand Mitleid; er +herrschte Emmi an: + +"Heirate du bitte einen regierenden Herzog, und dann lass' uns in Ruh'." + +Da legte Emmi Messer und Gabel hin und ging hinaus. Am Abend vor +Geschaeftsschluss erschien Herr Kienast im Bureau. Er trug einen Gehrock, +und sein Wesen war eher gesellschaftlich als geschaeftlich. Beide hielten, +in stillem Einverstaendnis, das Gespraech hin, bis der alte Soetbier seine +Sachen zusammenpackte. Als er sich, mit einem misstrauischen Blick, +zurueckgezogen hatte, sagte Diederich: + +"Den Alten habe ich auf den Aussterbeetat gesetzt. Die wichtigeren Sachen +mache ich allein." + +"Na, und haben Sie sich die unsere ueberlegt?" fragte Kienast. + +"Und Sie?" erwiderte Diederich. Kienast zwinkerte vertraulich. + +"Meine Vollmacht reicht eigentlich nicht so weit, aber ich nehme es auf +meine Kappe. Geben Sie den Hollaender in Gottes Namen zurueck. Ein Defekt +wird sich doch wohl finden." + +Diederich begriff. Er versprach: "Sie werden ihn finden." Kienast sagte +sachlich: + +"Fuer unser Entgegenkommen verpflichten Sie sich, alle Ihre Maschinen +vorkommendenfalls nur bei uns zu bestellen. Einen Moment!" bat er, da +Diederich auffuhr. "Und ausserdem ersetzen Sie unsere Unkosten und meine +Reise mit fuenfhundert Mark, die wir von Ihrer Anzahlung abziehen." + +"Aber hoeren Sie mal, das ist Wucher!" Diederichs Gerechtigkeitssinn +empoerte sich laut. Auch Kienast erhob schon wieder die Stimme. "Herr +Doktor!..." Diederich fasste sich gewaltsam, er legte dem Prokuristen die +Hand auf die Schulter. "Gehen wir jetzt nur hinauf, die Damen warten." +"Wir hatten uns so weit ganz gut verstanden", meinte Kienast besaenftigt. +"Die kleine Differenz wird sich auch noch aufklaeren", verhiess Diederich. + +Droben roch es festlich. Frau Hessling glaenzte mit ihrem schwarzen +Atlaskleid. Durch Magdas Spitzenbluse schimmerte mehr hindurch, als sie +sonst im Familienkreis zum besten gab. Nur Emmis Anzug und Miene waren +grau und alltaeglich. Magda wies dem Gast seinen Platz an und liess sich zu +seiner Rechten nieder; und als man eben erst sass und sich noch raeusperte, +sagte sie schon, mit fieberhaft belebten Augen: "Jetzt sind die Herren +aber mit den dummen Geschaeften fertig." Diederich bestaetigte, sie seien +glaenzend miteinander fertig geworden. Bueschli & Cie. seien kulante Leute. + +"Bei unserem Riesenbetrieb", erklaerte der Prokurist. "Zwoelfhundert +Arbeiter und Beamte, eine ganze Stadt mit einem eigenen Hotel fuer die +Kunden." Er lud Diederich ein. "Kommen Sie nur, bei uns leben Sie vornehm +und umsonst." Und da Magda neben ihm an seinen Lippen hing, ruehmte er +seine Stellung, seine Machtbefugnisse, die Villa, die er zur Haelfte +bewohnte. "Wenn ich mich verheirate, kriege ich auch die andere Haelfte." + +Diederich lachte droehnend. "Dann waere es wohl das einfachste, Sie +heirateten. Na prost!" + +Magda schlug die Augen nieder, und Herr Kienast ging zu etwas anderem +ueber. Ob Diederich auch wisse, warum er ihm so leicht entgegengekommen +sei? "Ihnen, Herr Doktor, hab' ich naemlich gleich angesehen, dass mit Ihnen +spaeter noch grosse Sachen zu machen sein werden, - wenn es hier jetzt auch +noch etwas kleine Verhaeltnisse sind", setzte er nachsichtig hinzu. +Diederich wollte seine Grosszuegigkeit und die Ausdehnungsfaehigkeit seines +Unternehmens beteuern, aber Kienast liess sich seinen Gedankengang nicht +abschneiden. Menschenkenntnis sei naemlich seine Spezialitaet. Einen +Geschaeftsfreund muesse man vor allem auch in seinem Heim aufsuchen. "Wenn +da alles so wohl bestellt ist wie hier -" + +Gerade ward die duftende Gans aufgetragen, nach der Frau Hessling schon +mehrmals heimlich ausgeblickt hatte. Schnell gab sie sich eine Miene, als +sei die Gans eine hoechst gewoehnliche Erscheinung. Herr Kienast machte +trotzdem eine anerkennende Pause. Frau Hessling fragte sich, ob sein Blick +wirklich auf der Gans oder, hinter ihrem suessen Qualm, auf Magdas +durchbrochener Bluse ruhe. Jetzt riss er sich los und ergriff sein Glas. +"Und darum: auf die Familie Hessling, auf die verehrte muetterliche Hausfrau +und ihre bluehenden Toechter!" Magda woelbte die Brust, um das Bluehen +anschaulicher zu machen, und um so flacher sah Emmi aus. Auch stiess Herr +Kienast zuerst mit Magda an. + +Diederich erwiderte seinen Toast. "Wir sind eine deutsche Familie. Wen wir +in unser Haus aufgenommen haben, den nehmen wir auch in unsere Herzen +auf." Er hatte Traenen in den Augen, indes Magda wieder einmal erroetete. +"Und wenn es auch nur ein bescheidenes Haus ist, die Herzen sind treu." Er +liess den Gast hochleben, der seinerseits versicherte, er sei immer fuer +Bescheidenheit gewesen, "besonders in Familien, wo junge Maedchen sind." + +Frau Hessling griff ein. "Nicht wahr? Woher soll denn sonst ein junger Mann +den Mut nehmen -? Meine Toechter schneidern alles selbst." Dies war fuer +Herrn Kienast das Stichwort, sich ueber Magdas Bluse zu beugen behufs +eingehender Wuerdigung. + +Zum Nachtisch schaelte sie ihm eine Apfelsine und nippte ihm zu Ehren vom +Tokaier. Wie man dann ins Wohnzimmer ging, blieb Diederich, die Arme um +seine beiden Schwestern geschlungen, in der Tuer stehen. "Ja, ja, Herr +Kienast", sagte er mit tiefer Stimme. "Das ist der Familienfriede, den +sehen Sie sich nur an, Herr Kienast!" Magda schmiegte sich, ganz +Hingebung, an seine Schulter. Da Emmi von ihm fortstrebte, bekam sie +rueckwaerts einen Stoss. "So geht es immer bei uns zu", fuhr Diederich fort. +"Ich arbeite den ganzen Tag fuer die Meinen, und der Abend vereint uns dann +hier beim Lampenschimmer. Um die Leute da draussen und den Kluengel unserer +sogenannten Gesellschaft bekuemmern wir uns so wenig wie moeglich, wir haben +an uns selbst genug." + +Hier gelang es Emmi, sich loszumachen; man hoerte sie draussen eine Tuer +zuschlagen. Ein um so zaertlicheres Bild boten Diederich und Magda, wie sie +sich am mild beglaenzten Tisch niederliessen. Herr Kienast sah nachdenklich +den Punsch kommen, den Frau Hessling in maechtiger Bowle still laechelnd +hereintrug. Indes Magda dem Gast das Glas fuellte, setzte Diederich +auseinander, dass er dank dieser Beschraenkung auf die stille Haeuslichkeit +imstande sein werde, seine Schwestern einmal gut zu verheiraten. "Denn der +Aufschwung des Geschaeftes kommt den Maedchen zugut, die Fabrik gehoert ihnen +mit, ganz abgesehen von der baren Mitgift; na, und wenn dann einer meiner +kuenftigen Schwaeger auch noch sein Kapital in den Betrieb stecken will -" + +Aber Magda, die Herrn Kienasts Miene besorgt werden sah, lenkte ab. Sie +fragte ihn nach seiner eigenen Familie und ob er denn ganz allein sei. Da +bekam er geruehrte Augen und rueckte naeher. Diederich sass dabei, trank und +drehte die Daumen. Mehrmals versuchte er noch teilzunehmen an dem Gespraech +der beiden, die sich ganz allein zu fuehlen schienen. "Na, dann haben Sie +also gluecklich Ihren Einjaehrigen gemacht", sagte er goennerhaft und +wunderte sich dabei ueber die Zeichen, die Frau Hessling hinter dem Ruecken +der anderen ihm gab. Erst als sie sich aus der Tuer schlich, begriff er, +nahm sein Punschglas und ging in das dunkle Nebenzimmer zum Klavier. Er +tastete ein wenig darauf umher, geriet unversehens in die Burschenlieder +und sang droehnend mit: "Sie wissen den Teufel, was Freiheit heisst." Als er +fertig war, horchte er hinueber; es war drinnen aber so still, als sei man +eingeschlafen; und obwohl er sich gern wieder etwas aus der Bowle +geschoepft haette, stimmte er doch aus Pflichtgefuehl von neuem an: "Im +tiefen Keller sitz' ich hier." + +Da, mitten im Vers, fiel ein Stuhl um, und ein lauter Schall folgte, +dessen Herkunft nicht zu verkennen war. Mit einem Sprung war Diederich im +Wohnzimmer. "Nanu", sagte er, kraeftig und bieder, "Sie scheinen ja ernste +Absichten zu haben." Das Paar loeste sich voneinander. "Ich sage nicht +nein", erklaerte Herr Kienast. Diederich war ploetzlich heftig bewegt. Aug' +in Auge schuettelte er Kienast die Hand, und mit der anderen zog er Magda +herbei. "Das ist aber eine Ueberraschung! Herr Kienast, machen Sie mein +Schwesterchen gluecklich. An mir sollt ihr allzeit einen guten Bruder +haben, so wie ich es bisher gewesen bin, das darf ich wohl sagen." + +Und die Augen wischend, rief er hinaus: "Mutter! Es ist was passiert." +Frau Hessling stand gleich hinter der Tuer, nur konnte sie, vor uebergrosser +Bewegung, nicht sofort ihre Beine gebrauchen. Auf Diederich gestuetzt, +wankte sie herein, fiel Herrn Kienast um den Hals und loeste sich dort in +Traenen auf. Diederich klopfte inzwischen an Emmis Zimmer, das verschlossen +war. "Emmi, komm heraus, es ist was los!" Sie riss endlich die Tuer auf, +zornrot im Gesicht. "Wozu stoerst du mich im Schlaf. Ich kann mir schon +denken, was los ist. Macht eure Unanstaendigkeiten allein!" Und sie wuerde +wieder zugeschlagen haben, haette nicht Diederich den Fuss in den Spalt +gesetzt. Streng bedeutete er ihr, fuer ihr gemuetloses Verhalten verdiene +sie, dass sie selbst nie mehr einen Mann bekomme. Er erlaubte ihr nicht +einmal, sich anzuziehen, sondern zerrte sie mit, wie sie war, in ihrer +Matinee, mit aufgeloesten Haaren. Im Flur entwand sie sich ihm. "Du machst +uns laecherlich", zischte sie, - und noch vor ihm erschien sie bei den +Verlobten, den Kopf sehr hoch, mit spoettisch musterndem Blick. "Musste das +so spaet in der Nacht sein?" fragte sie. "Nun, dem Gluecklichen schlaegt +keine Stunde." Kienast sah sie an: sie war groesser als Magda, ihr Gesicht, +das jetzt Farbe hatte, sah voller aus in dem offenen Haar, das lang und +stark war. Kienast behielt ihre Hand laenger als noetig; sie entzog sie ihm, +da wandte er sich von ihr zu Magda, mit sichtlichem Zweifel. Emmi liess auf +ihre Schwester ein Laecheln des Triumphes fallen, machte kehrt und +verschwand, hoch aufgerichtet, - indes Magda angstvoll nach Kienasts Arm +griff. Aber Diederich kam, in der Hand ein gefuelltes Punschglas, und +verlangte mit seinem neuen Schwager Bruderschaft zu trinken. + + + +Am Morgen holte er ihn aus dem Hotel zum Fruehschoppen ab. "Bis Mittag +bezaehme gefaelligst deine Sehnsucht nach dem Weiblichen. Jetzt muessen wir +mal ein Wort unter Maennern reden." In Klappsch' Bierstube setzte er ihm +die Lage auseinander: Fuenfundzwanzigtausend bar am Tage der Hochzeit - die +Belege waren jeden Augenblick zu sehen - und, gemeinsam mit Emmi, ein +Viertel der Fabrik. - "Also nur ein Achtel", stellte Kienast fest; worauf +Diederich: "Soll ich mich vielleicht umsonst fuer euch abrackern?" Ein +unzufriedenes Schweigen entstand. + +Diederich stellte die Stimmung wieder her. "Prost Friedrich!" "Prost +Diederich!" sagte Kienast. Dann schien Diederich etwas einzufallen. "Du +hast es ja in der Hand, deinen Anteil am Geschaeft zu erhoehen, wenn du Geld +einlegst. Wie sieht es denn mit deinen Ersparnissen aus? Bei deinem +grossartigen Gehalt!" Kienast erklaerte, im Prinzip sage er nicht nein. Aber +noch laufe sein Vertrag mit Bueschli & Cie. Auch habe er in diesem Jahr +eine betraechtliche Gehaltserhoehung zu erwarten, da waere es ein Verbrechen +gegen sich selbst, jetzt zu kuendigen. "Und wenn ich euch mein Geld gebe, +muss ich selbst ins Geschaeft eintreten. Bei allem Vertrauen, das ich dir +entgegenbringe, lieber Diederich -" + +Diederich sah es ein. Kienast schlug seinerseits etwas vor. "Wenn du +einfach die Mitgift auf Fuenfzigtausend festsetztest! Magda wuerde dann auf +ihren Anteil am Geschaeft verzichten." Dies stiess wieder auf Diederichs +unbedingten Widerspruch. "Es waere gegen den letzten Willen meines seligen +Vaters, der ist mir heilig. Und so grosszuegig, wie ich arbeite, kann in +einigen Jahren Magdas Anteil das Zehnfache betragen von dem, was du jetzt +verlangst. Nie werde ich mich dazu hergeben, meine arme Schwester so zu +schaedigen." Hierauf feixte der Schwager ein wenig. Diederichs Familiensinn +ehre ihn, aber mit Grosszuegigkeit allein sei es nicht getan. Und Diederich, +merklich gereizt: er sei gottlob fuer seine Geschaeftsfuehrung ausser Gott nur +sich selbst verantwortlich. "Fuenfundzwanzigtausend bar und ein Achtel des +Reingewinnes, mehr ist nicht zu holen." Kienast trommelte auf den Tisch. +"Ich weiss noch nicht, ob ich deine Schwester dafuer uebernehmen kann", +erklaerte er. "Mein letztes Wort behalte ich mir noch vor." Diederich +zuckte die Achseln, und sie tranken ihr Bier aus. Kienast kam mit zum +Essen; Diederich hatte schon gefuerchtet, er werde sich druecken. +Gluecklicherweise war Magda noch verfuehrerischer hergerichtet als gestern, +- "wie wenn sie gewusst haette, es geht ums Ganze", dachte Diederich, der +sie bewunderte. Bei der Mehlspeise hatte sie Kienast wieder so sehr +erwaermt, dass er die Hochzeit in vier Wochen wuenschte. "Dein letztes Wort?" +fragte Diederich neckisch. Als Antwort zog Kienast die Ringe aus der +Tasche. + +Nach Tisch ging Frau Hessling auf den Fussspitzen aus dem Zimmer, wo die +Verlobten sassen, und auch Diederich wollte sich zurueckziehen, aber sie +holten ihn zum Spazierengehen. "Wohin geht es denn, und wo sind Mutter und +Emmi?" Emmi hatte sich geweigert, mitzukommen, und darum blieb auch Frau +Hessling zu Hause. "Weil es sonst schlecht aussehen wuerde, weisst du", sagte +Magda. Diederich stimmte ihrer Einsicht zu. Er wischte ihr sogar den Staub +fort, der beim Eintritt in die Fabrik an ihrem Pelzjackett haengengeblieben +war. Er behandelte Magda mit Achtung, denn sie hatte Erfolg gehabt. + +Man ging gegen das Rathaus zu. Es schadete nichts, nicht wahr, wenn die +Leute einen sahen. Der erste freilich, dem man gleich in der Meisestrasse +begegnete, war nur Napoleon Fischer. Er fletschte die Zaehne vor dem +Brautpaar und nickte Diederich zu, mit einem Blick, der sagte, er wisse +Bescheid. Diederich war dunkelrot; er wuerde den Menschen angehalten und +ihm auf offener Strasse einen Krach gemacht haben: aber konnte er? "Es war +ein schwerer Fehler, dass ich mich mit dem hinterhaeltigen Proleten auf +Vertraulichkeiten eingelassen habe! Es waere auch ohne ihn gegangen! Jetzt +schleicht er um das Haus, damit ich daran denke, dass er mich in der Hand +hat. Ich werde noch Erpressungen erleben." Aber zwischen ihm und dem +Maschinenmeister war gottlob alles unter vier Augen vor sich gegangen. Was +Napoleon Fischer ueber ihn behaupten konnte, war Verleumdung. Diederich +liess ihn einfach einsperren. Dennoch hasste er ihn fuer seine +Mitwisserschaft, dass ihm bei zwanzig Grad Kaelte heiss und feucht ward. Er +sah sich um. Fiel denn kein Ziegelstein auf Napoleon Fischer? + +In der Gerichtsstrasse fand Magda, dass der Gang sich lohne, denn bei +Landgerichtsrat Harnisch standen hinter einer Scheibe Meta Harnisch und +Inge Tietz, und Magda wusste bestimmt, dass sie bei Kienasts Anblick sehr +beunruhigte Gesichter gemacht hatten. Auf der Kaiser-Wilhelm-Strasse war +heute leider wenig los; hoechstens dass Major Kunze und Dr. Heuteufel, die +in die "Harmonie" gingen, von ferne neugierige Gesichter machten. An der +Ecke der Schweinichenstrasse aber trat etwas ein, was Diederich nicht +vorausgesehen hatte: gleich vor ihnen ging Frau Daimchen mit Guste. Magda +beschleunigte sofort den Schritt und plauderte lebhafter. Richtig drehte +Guste sich um, und Magda konnte sagen: "Frau Oberinspektor, hier stelle +ich Ihnen meinen Braeutigam Herrn Kienast vor." Der Braeutigam ward +gemustert und schien zu entsprechen, denn Guste, mit der Diederich zwei +Schritte zurueckblieb, fragte nicht ohne Achtung: "Wo haben Sie ihn denn +hergenommen?" Diederich scherzte. "Ja, so nah wie Sie, findet nicht jede +den ihren. Aber dafuer solider." - "Fangen Sie schon wieder an?" rief +Guste, aber ohne Feindlichkeit. Sie streifte sogar Diederichs Blick und +seufzte dabei leicht. "Meiner ist ja immer Gott weiss wo. Man kommt sich +vor wir die reine Witwe." Gedankenvoll sah sie Magda nach, die an Kienasts +Arm hing. Diederich gab zu bedenken: "Wer tot ist, kann es auch bleiben. +Es gibt noch genug Lebendige." Dabei draengte er Guste bis an die +Haeuserwand und sah ihr werbend ins Gesicht; und wirklich, ihr liebes, +dickes Gesicht ward einen Augenblick lang gewaehrend. + +Leider war Schweinichenstrasse 77 schon erreicht, und man nahm Abschied. Da +hinter dem Sachsentor alles aus war, kehrten die Geschwister mit Herrn +Kienast wieder um. Magda, die auf dem Arm ihres Verlobten ruhte, sagte +ermunternd zu Diederich: "Nun, was meinst du?" - worauf er rot ward und +schnaufte. "Was ist da zu meinen", brachte er hervor, und Magda lachte. + +In der leeren, stark daemmernden Strasse kam ihnen jemand entgegen. "Ist das +nicht -?" fragte Diederich, ohne Ueberzeugung. Aber die Figur naeherte sich: +dick, offenbar noch jung, mit einem grossen, weichen Hut, sonst elegant, +und die Fuesse setzte er einwaerts. "Wahrhaftig, Wolfgang Buck!" Er dachte +enttaeuscht: "Und Guste stellt sich, als waere er am Ende der Welt. Das +Luegen muss ich ihr austreiben!" + +"Da sind Sie ja" - der junge Buck schuettelte Diederich die Hand. "Das +freut mich." - "Mich auch", erwiderte Diederich, trotz der Enttaeuschung +mit Guste, und er machte seinen Schwager mit seinem Schulfreund bekannt. +Buck stattete seine Glueckwuensche ab, dann trat er mit Diederich hinter die +beiden anderen. "Sie wollten gewiss zu Ihrer Braut?" bemerkte Diederich. +"Sie ist zu Hause, wir haben sie hinbegleitet." - "So?" machte Buck und +zuckte die Achseln. "Nun, ich finde sie immer noch", sagte er +phlegmatisch. "Vorlaeufig bin ich froh, dass ich Ihnen mal wieder begegnet +bin. Unser Gespraech in Berlin, unser einziges, nicht wahr - es war so +anregend." + +Auch Diederich fand dies jetzt - obwohl es ihn damals nur geaergert hatte. +Er war ganz belebt durch das Wiedersehen. "Ja, meinen Gegenbesuch bin ich +Ihnen schuldig geblieben. Sie wissen wohl, wieviel einem in Berlin immer +dazwischen kommt. Hier freilich hat man Zeit. Oede, wie? Zu denken, dass man +hier sein Leben verbringen soll" - und Diederich zeigte die kahle +Haeuserreihe hinauf. Wolfgang Buck schnupperte mit seiner weich gebogenen +Nase in die Luft, auf seinen fleischigen Lippen schien er sie zu kosten, +und er machte tiefsinnende Augen. "Ein Leben in Netzig", sagte er ganz +langsam. "Nun ja, es kommt darauf hinaus. Unsereiner ist nicht in der +Lage, bloss fuer seine Sensationen zu leben. Uebrigens gibt es auch hier +welche." Er laechelte verdaechtig. "Der Wachtposten hat bis sehr hoch hinauf +Sensation gemacht." + +"Ach so -" Diederich streckte den Bauch vor. "Sie wollen schon wieder +noergeln. Ich stelle fest, dass ich in der Sache durchaus auf seiten Seiner +Majestaet stehe." + +Buck winkte ab. "Lassen Sie nur. Ich kenne ihn." + +"Ich noch besser", behauptete Diederich. "Wer ihm, wie ich, ganz allein +und Aug' in Auge gegenueber gestanden hat, im Tiergarten vorigen Februar, +nach dem grossen Krawall, und dies Auge blitzen gesehen hat, dies +Fritzenauge, sag' ich Ihnen: der vertraut auf unsere Zukunft." + +"Auf unsere Zukunft - weil ein Auge geblitzt hat." Bucks Mund und Wangen +sanken schwer melancholisch herab. Diederich stiess Luft durch die Nase. +"Ich weiss schon, Sie glauben in unserer Zeit an keine Persoenlichkeit. +Sonst waeren Sie ja Lassalle oder Bismarck geworden." + +"Schliesslich koennte ich es mir leisten. Gewiss. Geradeso gut wie er -. Wenn +auch weniger beguenstigt von den aeusseren Umstaenden." + +Sein Ton ward lebhafter und ueberzeugter. "Worauf es fuer jeden persoenlich +ankommt, ist nicht, dass wir in der Welt wirklich viel veraendern, sondern +dass wir uns ein Lebensgefuehl schaffen, als taeten wir es. Dazu ist nur +Talent noetig, und das hat er." + +Diederich war beunruhigt, er sah sich um. "Wir sind hier zwar unter uns, +die Herrschaften dort vor uns haben Wichtigeres zu besprechen, aber ich +weiss doch nicht -" + +"Dass Sie immer glauben, ich habe was gegen ihn. Er ist mir wahrhaftig +nicht unsympathischer, als ich mir selbst bin. Ich haette an seiner Stelle +den Gefreiten Lueck und unseren Netziger Wachtposten genau so ernst +genommen. Waere das noch eine Macht, die nicht bedroht waere? Erst wenn es +einen Umsturz gibt, fuehlt man sich. Was wuerde aus ihm, wenn er sich sagen +muesste, dass die Sozialdemokratie gar nicht ihn meint, sondern hoechstens +eine etwas praktischere Verteilung dessen, was verdient wird." + +"Oho!" machte Diederich. + +"Nicht wahr? Das wuerde Sie empoeren. Und ihn auch. Neben den Ereignissen +hergehen, die Entwicklung nicht beherrschen, sondern in ihr mit +einbegriffen sein: ist das zu ertragen?... Im Innern unbeschraenkt! - und +dabei ausserstande, auch nur Hass zu erregen anders als durch Worte und +Gesten. Denn woran halten sich die Noergler? Was ist Ernstliches geschehen? +Auch der Fall Lueck ist nur wieder eine Geste. Sinkt die Hand, ist alles +wie zuvor: aber Darsteller und Publikum haben eine Sensation gehabt. Und +nur darauf, mein lieber Hessling, kommt es uns allen heute an. Er selbst, +den wir meinen, waere am erstauntesten, glauben Sie es mir, wenn der Krieg, +den er immerfort an die Wand malt, oder die Revolution, die er sich +hundertmal vorgespielt hat, einmal wirklich ausbraeche." + +"Darauf werden Sie nicht lange zu warten brauchen!" rief Diederich. "Und +dann sollen Sie sehen, dass alle national Gesinnten treu und fest zu ihrem +Kaiser stehen!" + +"Gewiss." Buck zuckte immer haeufiger die Achseln. "Das ist die uebliche +Wendung, wie er selbst sie vorgeschrieben hat. Worte lasst ihr euch von ihm +vorschreiben, und die Gesinnung war nie so gut geregelt, wie sie es jetzt +wird. Aber Taten? Unsere Zeit, bester Zeitgenosse, ist nicht tatbereit. Um +seine Erlebnisfaehigkeit zu ueben, muss man vor allem leben, und die Tat ist +so lebensgefaehrlich." + +Diederich richtete sich auf. "Wollen Sie den Vorwurf der Feigheit +vielleicht in Verbindung bringen mit -?" "Ich habe kein moralisches Urteil +ausgesprochen. Ich habe eine Tatsache der inneren Zeitgeschichte erwaehnt, +die uns alle angeht. Uebrigens sind wir zu entschuldigen. Fuer den auf der +Buehne Agierenden ist alle Aktion erledigt, denn er hat sie durchgefuehrt. +Was will die Wirklichkeit noch von ihm? Sie wissen wohl nicht, wen die +Geschichte als den repraesentativen Typus dieser Zeit nennen wird?" + +"Den Kaiser!" sagte Diederich. + +"Nein", sagte Buck. "Den Schauspieler." + +Da schlug Diederich ein Gelaechter an, dass dort vorn das Brautpaar +auseinanderfuhr und sich umwandte. Aber man war auf dem Theaterplatz, es +wehte eisig hinueber; sie gingen weiter. + +"Na ja," brachte Diederich hervor, "ich haette mir gleich sagen koennen, wie +Sie auf das verrueckte Zeug gekommen sind. Sie haben doch mit dem Theater +zu tun." Er klopfte Buck auf die Schulter. "Sind Sie am Ende schon selbst +dabei?" + +Buck bekam unruhige Augen; der Hand, die ihn klopfte, entzog er sich mit +einer Wendung, die Diederich unkameradschaftlich fand. "Ich? Ach nein", +sagte Buck; und nachdem beide bis zur Gerichtsstrasse unzufrieden +geschwiegen hatten: "Ach so. Sie wissen noch nicht, warum ich in Netzig +bin." + +"Wahrscheinlich Ihrer Braut wegen." + +"Das wohl auch. Vor allem aber habe ich die Verteidigung meines Schwagers +Lauer uebernommen." + +"Sie sind -? Im Prozess Lauer -?" Es nahm Diederich den Atem, er blieb +stehen. + +"Nun ja", sagte Buck und zuckte die Achseln. "Wundert Sie das? Seit kurzem +bin ich beim Landgericht Netzig als Rechtsanwalt zugelassen. Hat mein +Vater Ihnen nicht davon gesprochen?" + +"Ich sehe Ihren Herrn Vater selten ... Ich gehe nur wenig aus. Meine +Berufspflichten ... Diese Verlobung ..." Diederich verlor sich in +Gestammel. "Dann muessen Sie ja schon oft -. Wohnen Sie vielleicht schon +ganz hier?" + +"Nur vorlaeufig - glaube ich." + +Diederich raffte sich zusammen. "Ich muss sagen: ich habe Sie schon oefter +nicht ganz verstanden - aber so wenig doch noch nie wie jetzt, wo Sie mit +mir durch halb Netzig gehen." + +Buck blinzelte ihn an. "Obwohl ich in der Verhandlung morgen Verteidiger +bin und Sie der Hauptbelastungszeuge? Das ist doch nur Zufall. Die Rollen +koennten auch umgekehrt verteilt sein." + +"Bitte sehr!" Diederich entruestete sich. "Jeder steht auf seinem Platz. +Wenn Sie vor Ihrem Beruf keine Achtung haben -" + +"Achtung? Was heisst das? Ich freue mich auf die Verteidigung, das leugne +ich nicht. Ich werde loslegen, man soll etwas erleben. Ihnen, Herr Doktor, +werde ich unangenehme Dinge zu sagen haben; Sie werden mir hoffentlich +nichts uebelnehmen, es gehoert zu meiner Wirkung." + +Diederich bekam Furcht. "Erlauben Sie, Herr Rechtsanwalt, kennen Sie denn +meine Aussage? Sie ist fuer Lauer durchaus nicht unguenstig." + +"Das lassen Sie meine Sorge sein." Bucks Miene ward beaengstigend ironisch. + +Und damit war man in der Meisestrasse. "Der Prozess!" dachte Diederich +schnaufend. In den Aufregungen der letzten Tage hatte er ihn vergessen, +jetzt war es, als sollte man sich von heute auf morgen beide Beine +abschneiden lassen. Guste, die falsche Kanaille, hatte ihm also +absichtlich nichts gesagt von ihrem Verlobten; im letzten Augenblick +sollte er den Schrecken bekommen!... Diederich verabschiedete sich von +Buck, bevor sie beim Haus waren. Dass nur Kienast nichts merkte! Buck +schlug vor, noch irgendwohin zu gehen. "Es zieht Sie wohl nicht besonders +zu Ihrer Braut?" fragte Diederich. - "Augenblicklich hab' ich mehr Lust +auf einen Kognak." - Diederich lachte hoehnisch. "Darauf scheinen Sie immer +Lust zu haben." Damit nur Kienast nichts erfahre, kehrte er nochmals mit +Buck um. "Sehen Sie," begann Buck unvermutet, "meine Braut: die gehoert +auch zu meinen Fragen an das Schicksal." Und da Diederich "wieso" fragte: +"Wenn ich naemlich wirklich ein Netziger Rechtsanwalt bin, dann ist Guste +Daimchen bei mir vollkommen an ihrem Platz. Aber weiss ich das? Fuer - +andere Faelle, die in meiner Existenz eintreten koennten, habe ich nun +drueben in Berlin noch eine zweite Verbindung ..." + +"Ich habe gehoert: eine Schauspielerin." Diederich erroetete fuer Buck, der +das so zynisch eingestand. "Das heisst," stammelte er, "ich will nichts +gesagt haben." + +"Also, Sie wissen", schloss Buck. "Jetzt ist die Sache die, dass ich +vorlaeufig dort haenge und mich um Guste nicht so viel bekuemmern kann, wie +ich muesste. Moechten Sie sich da nicht des guten Maedchens ein wenig +annehmen?" fragte er harmlos und gelassen. + +"Ich soll -" + +"Sozusagen den Kochtopf hier und da ein bisschen umruehren, worin ich Wurst +und Kohl am Feuer zu stehen habe - indes ich selbst noch draussen +beschaeftigt bin. Wir haben doch Sympathie fuereinander." + +"Danke", sagte Diederich kuehl. "So weit reicht meine Sympathie allerdings +nicht. Beauftragen Sie sonst jemand. Ich denke denn doch etwas ernster +ueber das Leben." Und er liess Buck stehen. + +Ausser der Unmoral des Menschen empoerte ihn seine wuerdelose +Vertraulichkeit, nachdem sie noch soeben in Anschauung und Praxis sich +wieder einmal als Gegner erwiesen hatten. Unleidlich, so einer, aus dem +man nicht klug ward! "Was hat er morgen gegen mich vor?" + +Daheim machte er sich Luft. "Ein Mensch wie eine Qualle! Und von einem +geistigen Duenkel! Gott behuete unser Haus vor solcher alles zerfressenden +Ueberzeugungslosigkeit; sie ist in einer Familie das sichere Zeichen des +Niedergangs!" Er vergewisserte sich, dass Kienast wirklich noch am Abend +reisen musste. "Etwas Aufregendes wird Magda dir nicht zu schreiben haben", +sagte er unvermittelt und lachte. "Meinetwegen mag in der Stadt Mord und +Brand sein, ich bleibe in meinem Kontor und bei meiner Familie." + +Kaum aber war Kienast fort, stellte er sich vor Frau Hessling hin. "Nun? Wo +ist die Vorladung, die fuer mich gekommen ist auf morgen zu Gericht?" Sie +musste zugeben, dass sie den bedrohlichen Brief unterschlagen habe. "Er +sollte dir die Feststimmung nicht verderben, mein lieber Sohn." Aber +Diederich liess keine Beschoenigung gelten. "Ach was: lieber Sohn. Aus Liebe +zu mir wird wohl das Essen immer schlechter, ausser wenn fremde Leute da +sind; und das Haushaltungsgeld geht fuer euren Firlefanz drauf. Meint ihr, +ich fall' euch auf den Schwindel 'rein, dass Magda ihre Spitzenbluse selbst +gemacht haben soll? Das koennt ihr dem Esel erzaehlen!" Magda erhob +Einspruch gegen die Beleidigung ihres Verlobten, aber es half ihr nicht. +"Schweig lieber still! Dein Pelzjackett ist auch halb gestohlen. Ihr +steckt mit dem Dienstmaedchen zusammen. Wenn ich sie nach Rotwein schicke, +bringt sie billigeren, und den Rest behaltet ihr ..." + +Die drei Frauen entsetzten sich, worauf Diederich noch lauter schrie. Emmi +behauptete, er sei bloss darum so wild, weil er sich morgen vor der ganzen +Stadt blamieren solle. Da konnte Diederich nur noch einen Teller auf den +Boden schleudern. Magda stand auf, ging zur Tuer und rief zurueck: "Ich +brauche dich gottlob nicht mehr!" Sofort war Diederich hinterdrein. "Gib +bitte acht, was du redest! Wenn du endlich einen Mann kriegst, verdankst +du es allein mir und den Opfern, die ich bringe. Dein Braeutigam hat um +deine Mitgift geschachert, dass es schon nicht mehr schoen war. Du bist +ueberhaupt bloss Zugabe!" + +Hier fuehlte er eine heftige Ohrfeige, und bevor er zu Atem kam, war Magda +in ihrem Zimmer und hatte abgesperrt. Diederich rieb sich, jaeh verstummt, +die Wange. Dann entruestete er sich wohl noch; aber eine Art von Genugtuung +ueberwog. Die Krisis war vorueber. + + + +In der Nacht hatte er sich fest vorgenommen, mit einiger Verspaetung bei +Gericht einzutreffen und durch sein ganzes Auftreten zu zeigen, wie wenig +die Geschichte ihn angehe. Aber es hielt ihn nicht; als er das +Verhandlungszimmer, das ihm bezeichnet war, betrat, war man dort noch bei +einer ganz anderen Sache. Jadassohn, der in seiner schwarzen Robe einen +ungemein drohenden Anblick bot, war eben damit beschaeftigt, fuer einen kaum +erwachsenen Menschen aus dem Volk zwei Jahre Arbeitshaus zu verlangen. Das +Gericht gewaehrte ihm freilich nur eins, aber der jugendliche Verurteilte +brach in ein solches Geheul aus, dass es Diederich, angstvoll, wie er +selbst gestimmt war, vor Mitleid uebel ward. Er begab sich hinaus und +betrat eine Toilette, obwohl an der Tuer stand: Nur fuer den Herrn +Vorsitzenden! Gleich nach ihm erschien auch Jadassohn. Wie er Diederich +sah, wollte er sich wieder zurueckziehen, aber Diederich fragte sofort, was +das denn sei, ein Arbeitshaus, und was so ein Zuhaelter dort tue. Jadassohn +erklaerte: "Wenn wir uns darum auch noch kuemmern muessten!" und war schon +draussen. Diederichs Inneres zog sich noch mehr zusammen unter dem Gefuehl +eines schaudererregenden Abgrundes, wie er sich auftat zwischen Jadassohn, +der hier die Macht vertrat, und ihm selbst, der sich zu nahe ihrem +Raederwerk gewagt hatte. Es war aus frommer Absicht geschehen, in +uebergrosser Verehrung der Macht: gleichviel, jetzt hiess es sich besonnen +verhalten, damit sie einen nicht ergriff und zermalmte; sich ducken und +ganz klein machen, bis man ihr vielleicht doch noch entrann. Wer erst +wieder dem Privatleben gehoerte! Diederich versprach sich, fortan ganz +seinem geringen, aber wohlverstandenen Vorteil zu leben. + +Draussen im Korridor standen jetzt Leute: ein minder gutes Publikum und +auch das beste. Die fuenf Toechter Buck, herausgeputzt, als sei der Prozess +ihres Schwagers Lauer die groesste Ehre fuer die Familie, schnatterten in +einer Gruppe mit Kaethchen Zillich, ihrer Mutter und der Frau Buergermeister +Scheffelweis. Die Schwiegermutter dagegen liess den Buergermeister nicht +los, und aus den Blicken, die sie nach dem Bruder des Herrn Buck und +seinen Freunden Cohn und Heuteufel schleuderte, war zu ersehen, dass sie +ihn gegen die Sache der Bucks einnahm. Der Major Kunze, in Uniform, stand +mit finsterer Miene dabei und enthielt sich jeder Aeusserung. Gerade +erschien auch Pastor Zillich mit Professor Kuehnchen; aber beim Anblick der +zahlreichen Gesellschaft blieben sie hinter einem Pfeiler. Der Redakteur +Nothgroschen seinerseits ging grau und unbeachtet von den einen zu den +anderen. Vergebens suchte Diederich jemand, an den er sich haette halten +koennen. Jetzt bereute er, dass er es den Seinen verboten hatte, +herzukommen. Er blieb im Dunkeln, hinter der Biegung des Korridors, und +streckte nur vorsichtig den Kopf heraus. Ploetzlich zog er ihn zurueck: +Guste Daimchen mit ihrer Mutter! Sie ward sofort von den Toechtern Buck +umringt, als eine kostbare Verstaerkung ihrer Partei. Gleichzeitig ging +dahinten eine Tuer, und Wolfgang Buck trat auf, in Barett und Robe, und +darunter Lackschuhe, die er sehr einwaerts setzte. Er laechelte festlich, +wie bei einem Empfang, gab allen die Hand, und seiner Braut kuesste er sie. +Es werde sehr schoen werden, verhiess er; der Staatsanwalt sei gut +disponiert, er selbst auch. Dann begab er sich zu den von ihm geladenen +Zeugen, um mit ihnen zu fluestern. In diesem Augenblick verstummte man, +denn in der Muendung der Treppe erschien der Angeklagte Herr Lauer und +neben ihm seine Frau. Die Buergermeisterin fiel ihr um den Hals: wie sie +tapfer sei! "Was ist dabei?" erwiderte sie mit tiefer, klangreicher +Stimme. "Wir haben uns nichts vorzuwerfen, wie, Karl?" Lauer sagte: "Gewiss +nicht, Judith." Gerade jetzt aber ging der Landgerichtsrat Fritzsche +vorbei. Ein Schweigen entstand; wie er und die Tochter des alten Buck sich +begruessten, blinzelte man einander zu, und die Schwiegermutter des +Buergermeisters machte eine Bemerkung, halblaut, aber sie war ihr von den +Augen zu lesen. + +Diederich auf seinem schattigen Posten war von Wolfgang Buck entdeckt +worden. Buck zog ihn hervor und fuehrte ihn zu seiner Schwester. "Liebe +Judith, ich weiss nicht, ob du schon unseren werten Feind kennst, den Herrn +Doktor Hessling. Heute wird er uns vernichten." Aber Frau Lauer lachte +nicht, sie erwiderte auch Diederichs Gruss nicht, sie sah ihn nur an mit +ruecksichtsloser Neugier. Es war schwer, diesen dunklen Blick auszuhalten, +und ward noch schwerer, weil sie so schoen war. Diederich fuehlte, wie das +Blut ihm ins Gesicht trat, seine Augen irrten ab, er stammelte: "Der Herr +Rechtsanwalt scherzt wohl. In der Sache muss ein Irrtum vorliegen ..." Da +zogen in dem weissen Gesicht die Brauen sich zusammen, die Mundwinkel +sanken ausdrucksvoll herab, und Judith Lauer wandte Diederich den Ruecken. + +Ein Gerichtsdiener zeigte sich; Wolfgang Buck ging, seinen Schwager Lauer +zur Seite, in das Verhandlungszimmer; und da die Tuer nicht eben freigebig +geoeffnet ward, stiessen alle einander in Hast hindurch, das minder gute +Publikum ward von dem besten ueberwaeltigt. Die Unterroecke der fuenf +Schwestern Buck rauschten heftig bei dem Kampf. Diederich gelangte als +letzter hinein und musste sich auf der Zeugenbank neben den Major Kunze +setzen, der sofort ein Stueck wegrueckte. Landgerichtsdirektor Sprezius, +anzusehen wie ein alter wurmiger Geier, erklaerte von dort oben die Sitzung +fuer eroeffnet und rief die Zeugen auf, um ihnen den Ernst des Eides in +Erinnerung zu bringen - wobei Diederich sofort ein Gesicht bekam wie +ehemals in der Religionsstunde. Landgerichtsrat Harnisch ordnete Akten und +sah sich im Publikum nach seiner Tochter um. Mehr beachtet ward der alte +Landgerichtsrat Kuehlemann, der das Krankenzimmer verlassen und seinen +Platz zur Linken des Vorsitzenden eingenommen hatte. Man fand ihn schlecht +aussehen, die Schwiegermutter des Buergermeisters wollte wissen, er werde +sein Reichstagsmandat niederlegen - und wohin ging das viele Geld, wenn er +starb? Bei den Zeugen drueckte Pastor Zillich die Hoffnung aus, der Alte +werde seine Millionen fuer einen Kirchenbau bestimmen; aber Professor +Kuehnchen bezweifelte es, mit durchdringender Fluesterstimme. "Der gibt auch +nach'm Tode nischt her, der hat immer gedacht, man muss das Seine +zusammennaehm, und womoeglich den andern ihr's auch ..." Da entliess der +Vorsitzende die Zeugen aus dem Sitzungssaal. + +Sie fanden sich, da kein Zeugenzimmer vorhanden war, im Korridor wieder +zusammen. Die Herren Heuteufel, Cohn und Buck _junior_ nahmen eine +Fensternische ein; Diederich, unter dem wuetenden Blick des Majors, dachte +peinvoll: "Jetzt wird der Angeklagte vernommen. Wuesste ich, was er sagt. +Ich moechte ihn ebenso gern entlasten wie ihr!" Vergebens versuchte er +gegenueber Pastor Zillich seine milde Gesinnung zu beteuern: er habe immer +gesagt, die Sache sei aufgebauscht worden. Zillich wandte sich verlegen +weg, und Kuehnchen pfiff, davonlaufend, durch die Zaehne: "Na warte nur, +mein Schibbchen, dir wer'n mer das Handwerk legen." Stumm lastete die +allgemeine Missbilligung auf Diederich. Endlich erschien der +Gerichtsdiener. "Herr Doktor Hessling!" + +Diederich riss sich zusammen, um nur in kommentmaessiger Haltung an den +Zuschauern vorbeizukommen. Er sah krampfhaft geradeaus; der Blick der Frau +Lauer lag jetzt auf ihm! Er schnaufte, und er schwankte ein wenig. Links +neben dem Beisitzer, der seine Naegel betrachtete, stand drohend +aufgerichtet Jadassohn. Das Licht des Fensters hinter ihm schien durch +seine abstehenden Ohren, die blutig leuchteten, und seine Miene heischte +von Diederichs eine so leichenhafte Gefuegigkeit, dass Diederichs Blick die +Flucht ergriff. Rechts, vor dem Angeklagten und etwas tiefer, fand er +Wolfgang Buck sitzen, nachlaessig, mit den Faeusten auf den fetten +Schenkeln, von denen die Robe zurueckfiel, und so gescheit und aufmunternd +anzusehen, als vertrete er den Geist des Lichts. Landgerichtsdirektor +Sprezius sprach Diederich die Eidesformel vor, immer nur zwei Worte zur +Zeit und mit Herablassung. Diederich schwor folgsam; dann sollte er den +Hergang der Dinge an jenem Abend im Ratskeller berichten. Er begann. + +"Wir waren eine angeregte Gesellschaft, drueben am Tisch sassen auch +Herren ..." + +Da er schon steckenblieb, ward im Publikum gelacht. Sprezius fuhr auf, er +hackte mit dem Geierschnabel zu und drohte, er werde den Saal raeumen +lassen. "Sonst wissen Sie nichts?" fragte er unwirsch. Diederich gab zu +bedenken, infolge geschaeftlicher und anderer Aufregungen haetten sich ihm +die Vorgaenge inzwischen etwas verwirrt. "Dann werde ich Ihnen zur +Auffrischung des Gedaechtnisses Ihre Aussage vor dem Untersuchungsrichter +vorlesen" - und der Vorsitzende liess sich das Protokoll reichen. Daraus +erfuhr Diederich zu seiner peinlichen Verwunderung, er habe vor dem +Untersuchungsrichter Landgerichtsrat Fritzsche die bestimmte Angabe +gemacht, dass von seiten des Angeklagten eine schwere Beleidigung Seiner +Majestaet des Kaisers gefallen sei. Was er darueber zu aeussern habe. "Es kann +wohl sein," stammelte er; "aber es waren viele Herren da. Ob es nun gerade +der Angeklagte war, der das gesagt hat ..." Sprezius beugte sich ueber den +Richtertisch. "Denken Sie nach, Sie stehen hier unter Ihrem Eid. Andere +Zeugen werden bekunden, dass Sie ganz allein auf den Angeklagten zugetreten +sind und das betreffende Gespraech mit ihm gefuehrt haben." - + +"War ich das?" fragte Diederich, rot uebergossen. Da lachte unaufhaltsam +der ganze Saal; Jadassohn sogar verzog das Gesicht zu einem +verachtungsvollen Feixen. Sprezius hatte schon den Mund geoeffnet, um +loszufahren: aber Wolfgang Buck stand auf. Sein weiches Gesicht ward mit +einem sichtbaren Ruck energisch, und er fragte Diederich: "Sie waren an +dem Abend wohl stark angetrunken?" Sofort fielen Staatsanwalt und +Vorsitzender ueber ihn her. "Ich beantrage, die Frage nicht zuzulassen!" +rief Jadassohn schrill. "Herr Verteidiger," kraechzte Sprezius, "Sie haben +nur mir die Frage vorzulegen; ob ich sie dann an den Zeugen richte, ist +meine Sache!" Aber die beiden, Diederich sah es staunend, hatten einen +entschlossenen Gegner gefunden. Wolfgang Buck stand da, mit klangvoller +Rednerstimme beanstandete er das Verhalten des Vorsitzenden, das die +Rechte der Verteidigung verletze, und beantragte Gerichtsbeschluss darueber, +ob ihm gemaess der Strafprozessordnung das direkte Fragerecht an den Zeugen +zustehe. Sprezius hackte vergeblich zu, es blieb ihm nichts uebrig, als mit +den vier Richtern rueckwaerts im Beratungszimmer zu verschwinden. Buck sah +sich triumphierend um; seine Cousinen bewegten die Haende wie zum Applaus; +aber auch sein Vater war inzwischen eingetreten, und man sah, wie der alte +Buck seinem Sohn ein Zeichen der Missbilligung gab. Der Angeklagte +seinerseits, zornige Erregung im apoplektischen Gesicht, schuettelte seinem +Verteidiger die Hand. Diederich, der allen Blicken ausgesetzt war, gab +sich Haltung und hielt Umschau. Aber ach, Guste Daimchen wich ihm aus! Nur +der alte Buck winkte wohlwollend: Diederichs Aussage hatte ihm gefallen. +Er bemuehte sich sogar aus der engen Tribuene heraus, um Diederich seine +weiche, weisse Hand zu geben. "Ich danke Ihnen, lieber Freund", sagte er. +"Sie haben die Sache so behandelt, wie sie es verdient." Und Diederich in +seiner Verlassenheit bekam feuchte Augen angesichts der Guete des grossen +Mannes. Erst nachdem Herr Buck sich wieder auf seinen Platz begeben hatte, +fiel es Diederich ein, dass er ihm hier ja die Geschaefte besorgte! Und auch +sein Sohn Wolfgang war durchaus nicht so schlapp, wie Diederich gedacht +hatte. Die politischen Gespraeche hatte er augenscheinlich nur gefuehrt, um +sie hier gegen ihn auszunutzen. Treue, wahre deutsche Treue, die gab es in +der Welt nicht, auf niemand konnte man sich verlassen. "Soll ich mich hier +noch lange von allen Seiten anoeden lassen?" + +Zum Glueck kehrte der Gerichtshof zurueck. Der alte Kuehlemann wechselte mit +dem alten Buck einen bedauernden Blick, und Sprezius verlas, mit +merklicher Selbstbeherrschung, den Beschluss. Ob der Verteidiger das Recht +der direkten Fragestellung habe, blieb unentschieden, denn die Frage +selbst: War der Zeuge damals betrunken gewesen? ward als nicht zur Sache +gehoerig abgelehnt. Darauf fragte der Vorsitzende, ob der Herr Staatsanwalt +noch eine Frage an den Zeugen zu richten habe. "Vorlaeufig nicht," sagte +Jadassohn mit Geringschaetzung, "aber ich beantrage, den Zeugen noch nicht +zu entlassen." Und Diederich durfte sich setzen. Jadassohn erhob die +Stimme. "Ausserdem beantrage ich die sofortige Vorladung des +Untersuchungsrichters Dr. Fritzsche, der darueber aussagen soll, wie die +Gesinnung des Zeugen Hessling gegen den Angeklagten frueher war." Diederich +erschrak - im Zuschauerraum aber wandte man sich nach Judith Lauer um: +sogar die beiden Assessoren am Richtertisch sahen hin ... Jadassohn bekam +bewilligt, was er wollte. + +Dann wurde Pastor Zillich herbeigeholt, vereidigt und sollte seinerseits +ueber die kritische Nacht berichten. Er erklaerte, die Eindruecke haetten sich +damals ueberstuerzt und sein christliches Gewissen schwer bedraengt, denn +just an jenem Abend sei in den Strassen von Netzig Blut geflossen, wenn +auch zu einem patriotischen Zweck. "Das gehoert nicht hierher!" entschied +Sprezius - und eben jetzt betrat den Saal der Regierungspraesident Herr von +Wulckow, im Jagdanzug, mit grossen, kotigen Stiefeln. Alles sah sich um, +der Vorsitzende machte auf seinem Sitz eine Verbeugung, und Pastor Zillich +zitterte. Vorsitzender und Staatsanwalt drangen abwechselnd auf ihn ein, +Jadassohn sagte sogar mit einem Ausdruck von entsetzlicher +Hinterhaeltigkeit: "Herr Pastor, Sie als Geistlichen brauche ich auf die +Heiligkeit des Eides, den Sie geleistet haben, nicht besonders aufmerksam +zu machen." Da knickte Zillich ein und gab zu, dass er die dem Angeklagten +vorgeworfene Aeusserung allerdings gehoert habe. Der Angeklagte sprang auf +und schlug mit der Faust auf die Bank. "Ich habe den Namen des Kaisers gar +nicht genannt! Ich habe mich gehuetet!" Sein Verteidiger beruhigte ihn mit +einem Wink und sagte: "Wir werden den Beweis erbringen, dass nur die +provokatorische Absicht des Zeugen Dr. Hessling den Angeklagten zu seinen, +hier falsch wiedergegebenen Aeusserungen veranlasst hat." Vorlaeufig bitte er +den Herrn Vorsitzenden, den Zeugen Zillich darueber zu befragen, ob er +nicht eine Predigt gehalten habe, die ausdruecklich gegen die Hetzereien +des Zeugen Hessling gerichtet gewesen sei. Pastor Zillich stammelte, er +habe nur im allgemeinen zum Frieden geraten und damit seiner Pflicht als +Vertreter der Religion genuegt. Jetzt wollte Buck etwas anderes wissen. +"Hat nicht der Zeuge Zillich neuerdings ein Interesse daran, sich mit dem +Hauptbelastungszeugen Doktor Hessling gut zu stellen, weil naemlich seine +Tochter -." Schon fuhr Jadassohn dazwischen: er protestiere gegen die +Stellung der Frage. Sprezius ruegte sie als unzulaessig, und auf der Tribuene +entstand ein missbilligendes Gemurmel weiblicher Stimmen. Der +Regierungspraesident beugte sich ueber die Bank zum alten Buck und sagte +deutlich: "Ihr Sohn macht ja nette Zicken!" + +Inzwischen war der Zeuge Kuehnchen aufgerufen. Der kleine Greis stuermte in +den Saal, seine Brillen funkelten; schon von der Tuer schrie er seine +Personalien herueber, und die Eidesformel sagte er gelaeufig her, ohne sie +sich vorsprechen zu lassen. Dann aber war er zu keiner anderen Aussage zu +bewegen, als dass an jenem Abend die Wogen der nationalen Begeisterung +hochgegangen seien. Zuerst die glorreiche Tat des Postens! Dann der +herrliche Brief Seiner Majestaet mit dem Bekenntnis zum positiven +Christentum! "Wie der Krach war mit dem Angeklagten? Ja, meine Herren +Richter, davon weess 'ch Sie nischt. Da hab' 'ch grade ae bisschen +geschlummert." - "Aber nachher ist doch von der Sache geredet worden!" +verlangte der Vorsitzende. "Ich nicht!" rief Kuehnchen. "Ich hab' eegal von +unsern glorreichen Taten im Jahre siebzig gered't. Die Franktiroehrs! hab +'ch gesagt, das war Sie eene Bande. Mein steifer Finger, da hat mich ae +Franktiroehr draufgebissen, bloss weil ich ihm mit mei'm Saebel ae kleenes +bisschen die Kehle abschneiden wollte! So eene Gemeinheit von dem Kerl!" +Und Kuehnchen wollte den Finger am Richtertisch umherzeigen. "Abtreten!" +kraechzte Sprezius; und er drohte wieder einmal mit der Raeumung des Saals. + +Major Kunze trat auf: steif, wie auf Raedern, und den Eid leistete er in +einem Ton, als stiesse er gegen Sprezius schwere Beleidigungen aus. Darauf +erklaerte er kurzweg, dass er mit dem ganzen Geseire nichts zu tun habe; er +sei erst spaeter in den Ratskeller gekommen. "Ich kann nur sagen, das +Verhalten des Herrn Doktor Hessling riecht mir nach Denunziantentum." + +Aber seit einer Weile roch es im Saal nach etwas anderem. Niemand wusste, +woher es kam, auf der Tribuene misstraute man einander und rueckte, das +Taschentuch am Munde, diskret vom Nachbar ab. Der Vorsitzende schnupperte +in die Luft, und der alte Kuehlemann, dessen Kinn schon laengst auf seiner +Brust lag, ruehrte sich im Schlaf. + +Wie Sprezius ihm vorhielt, die Herren, die ihm damals die Vorgaenge +berichtet haetten, seien doch nationale Maenner gewesen, erwiderte der Major +nur, das sei ihm gleich, den Herrn Doktor Hessling habe er gar nicht +gekannt. Da aber trat Jadassohn vor; seine Ohren funkelten; mit einer +Stimme wie ein Messer sagte er: "Herr Zeuge, ich richte an Sie die Frage, +ob Sie den Angeklagten nicht vielleicht um so besser kennen. Wollen Sie +sich darueber aeussern, ob er Ihnen nicht noch vor acht Tagen hundert Mark +geliehen hat." Vor Schrecken ward es ganz still im Saal, und alles starrte +auf den Major in Uniform, der dastand und an seiner Antwort stammelte. +Jadassohns Kuehnheit machte Eindruck. Unverweilt nutzte er seinen Erfolg +aus und erreichte von Kunze, dass er zugab, die Entruestung der +Nationalgesinnten ueber Lauers Aeusserungen sei echt gewesen, auch seine +eigene. Zweifellos habe der Angeklagte Seine Majestaet gemeint. - Hier +hielt Wolfgang Buck sich nicht mehr. "Da der Herr Vorsitzende unnoetig +findet, es zu ruegen, wenn der Herr Staatsanwalt seine eigenen Zeugen +beleidigt, kann es auch uns gleich sein!" Sofort hackte Sprezius nach ihm. +"Herr Verteidiger! Das ist meine Sache, was ich ruege und was nicht!" - +"Eben das stelle ich fest", fuhr Buck unbeirrt fort. "Zur Sache selbst +behaupten wir nach wie vor und werden durch Zeugen beweisen, dass der +Angeklagte den Kaiser gar nicht gemeint hat." "Ich habe mich gehuetet!" +rief der Angeklagte dazwischen. Buck fuhr fort: "Sollte dies dennoch als +wahr unterstellt werden, so beantrage ich, den Herausgeber des Gothaischen +Almanachs darueber als Sachverstaendigen zu vernehmen, welche deutsche +Fuersten juedisches Blut haben." Damit setzte er sich wieder, befriedigt von +dem Rauschen der Sensation, das durch den Saal ging. Ein droehnender Bass +sagte: "Unerhoert!" Sprezius wollte schon loshacken, sah aber noch +rechtzeitig, wer es gewesen war: Wulckow! Sogar Kuehlemann war davon +erwacht. Der Gerichtshof steckte die Koepfe zusammen, dann verkuendete der +Vorsitzende, der Antrag des Verteidigers werde abgelehnt, da ein +Wahrheitsbeweis nicht zulaessig sei. Kundgebung der Missachtung genuege zum +Tatbestande des Delikts. Buck war geschlagen; seine feisten Wangen senkten +sich in kindlicher Traurigkeit. Es ward gekichert, die Schwiegermutter des +Buergermeisters lachte ungeniert. Diederich auf seiner Zeugenbank war ihr +dankbar. Er fuehlte, angstvoll lauschend, wie die oeffentliche Meinung +einlenkte und ganz leise denen naeher kam, die geschickter waren und die +Macht hatten. Er tauschte einen Blick mit Jadassohn. + +Der Redakteur Nothgroschen war dran. Grau und unauffaellig war er ploetzlich +da und funktionierte glatt, wie ein Aussagebeamter. Jeder, der ihn kannte, +wunderte sich: so sicher hatte er ihn nie gesehen. Er wusste alles, +belastete den Angeklagten auf das schwerste und redete fliessend, als sage +er einen Leitartikel her; hoechstens dass zwischen den Absaetzen der +Vorsitzende ihm das Stichwort gab, mit Anerkennung, wie einem +Musterschueler. Buck, der sich erholt hatte, hielt ihm die Stellungnahme +der "Netziger Zeitung" fuer Lauer vor. Darauf erwiderte der Redakteur: "Wir +sind ein liberales, also unparteiisches Blatt. Wir geben die Stimmung +wieder. Da aber jetzt und hier die Stimmung dem Angeklagten unguenstig ist +-." Er musste sich draussen im Korridor darueber informiert haben! Buck nahm +eine ironische Stimme an. "Ich stelle fest, dass der Zeuge eine etwas +sonderbare Auffassung seiner Eidespflicht bekundet." Aber Nothgroschen war +nicht einzuschuechtern. "Ich bin Journalist," erklaerte er, und er setzte +hinzu: "Ich bitte den Herrn Vorsitzenden, mich vor Beleidigungen des +Verteidigers zu schuetzen." Sprezius liess sich nicht bitten; und er entliess +den Redakteur in Gnaden. + +Es schlug zwoelf; Jadassohn machte den Vorsitzenden aufmerksam, dass der +Untersuchungsrichter Dr. Fritzsche sich zur Verfuegung des Gerichts halte. +Er ward aufgerufen - und kaum, dass er sich in der Tuer zeigte, gingen alle +Augen hin und her zwischen ihm und Judith Lauer. Sie war noch bleicher +geworden, der schwarze Blick, der ihn zum Richter begleitete, vergroesserte +sich noch, er bekam etwas stumm Eindringliches; aber Fritzsche vermied +ihn. Auch ihn fand man schlecht aussehend, sein Schritt dagegen bekundete +Entschlossenheit. Diederich stellte fest, dass er von seinen zwei +Gesichtern fuer diese Gelegenheit das trockene gewaehlt hatte. + +Welche Eindruecke er waehrend der Voruntersuchung von dem Zeugen Hessling +gewonnen habe? Der Zeuge hatte seine Aussage durchaus freiwillig und +selbstaendig gemacht, in Form einer durch das frische Erlebnis noch +bewegten Auseinandersetzung. Die Zuverlaessigkeit des Zeugen, die Fritzsche +an der Hand seiner ferneren Ermittelungen hatte nachpruefen koennen, stand +ausser allem Zweifel. Dass der Zeuge heute kein deutliches Erinnerungsbild +mehr hatte, war nur durch die Erregung des Augenblicks zu erklaeren ... Und +der Angeklagte? - Hier hoerte man den Saal aufhorchen. Fritzsche schluckte +hinunter. Auch der Angeklagte hatte persoenlich einen eher guenstigen +Eindruck auf ihn gemacht, trotz der vielen belastenden Momente. + +"Halten Sie, bei widerstreitenden Zeugenaussagen, den Angeklagten des ihm +zur Last gelegten Delikts faehig?" fragte Sprezius. + +Fritzsche erwiderte: "Der Angeklagte ist ein gebildeter Mann; ausdruecklich +beleidigende Worte zu gebrauchen, wird er sich gehuetet haben." + +"Das sagt der Angeklagte selbst", bemerkte der Vorsitzende streng. +Fritzsche sprach schneller. Der Angeklagte war durch seine buergerliche +Wirksamkeit gewoehnt, Autoritaet mit fortschrittlichen Neigungen zu +verbinden. Er hielt sich offenbar fuer einsichtsvoller und zur Kritik +berechtigter als die meisten anderen Menschen. Es war also denkbar, dass er +in gereiztem Zustand - und durch die Erschiessung des Arbeiters von seiten +des Wachtpostens hatte er sich gereizt gefuehlt - seinen politischen +Anschauungen einen Ausdruck gab, der, ob aeusserlich vielleicht auch +einwandfrei, die beleidigende Absicht hindurchschimmern liess. + +Hier sah man den Vorsitzenden und den Staatsanwalt aufatmen. Die +Landgerichtsraete Harnisch und Kuehlemann warfen Blicke auf das Publikum, +durch das eine lebhafte Bewegung ging. Der Assessor links besah auch jetzt +noch seine Naegel; der rechts aber, ein junger Mann mit nachdenklichem +Gesicht, beobachtete den Angeklagten, den er gleich vor sich hatte. Die +Haende des Angeklagten waren krampfig um die Bruestung seiner Bank gespannt, +und die Augen, hervortretende braune Augen, richtete er auf seine Frau. +Sie aber sah unverwandt auf Fritzsche, halbgeoeffneten Mundes, wie +abwesend, mit einem Ausdruck von Leiden, Scham und Schwaeche. Die +Schwiegermutter des Buergermeisters aeusserte deutlich: "Und zwei Kinder hat +sie zu Hause." Ploetzlich schien Lauer das Gefluester um ihn her zu +bemerken, alle diese Blicke, die wegsahen, wenn er sie streifte. Er sank +zusammen, sein stark geroetetes Gesicht entleerte sich so jaeh vom Blut, dass +der junge Assessor erschreckt auf seinem Stuhl rueckte. + +Diederich, dem es immer wohler ward, war wahrscheinlich der einzige, der +dem Dialog zwischen dem Vorsitzenden und dem Untersuchungsrichter noch +folgte. Dieser Fritzsche! Niemandem, auch Diederich selbst nicht, war die +Sache aus guten Gruenden anfangs peinlicher gewesen. Hatte er nicht auf +Diederich als Zeugen eine nahezu pflichtwidrige Einwirkung geuebt? Und das +protokollierte Ergebnis von Diederichs Aussage war nun dennoch schwer +belastend, und Fritzsches eigenes Zeugnis erst recht. Er war nicht weniger +ruecksichtslos vorgegangen als Jadassohn. Seine engen und besonderen +Beziehungen zum Hause Lauer hatten keineswegs vermocht, ihn der Aufgabe zu +entfremden, die ihm oblag, dem Schutze der Macht. Nichts Menschliches +hielt stand vor der Macht. Welche Lehre fuer Diederich ... Auch Wolfgang +Buck empfing sie, auf seine Art. Von unten betrachtete er Fritzsche, mit +einer Miene, als muesste er sich erbrechen. + +Wie der Untersuchungsrichter mit Drehungen des Koerpers, die nicht +unbefangen wirkten, auf den Ausgang zusteuerte, ward lauter gefluestert. +Die Schwiegermutter des Buergermeisters sagte, mit dem Lorgnon nach der +Frau des Angeklagten zielend: "Eine nette Gesellschaft!" Man widersprach +ihr nicht; man hatte angefangen, die Lauers ihrem Schicksal zu ueberlassen. +Guste Daimchen biss sich auf die Lippe, Kaethchen Zillich schickte einen +raschen Senkblick zu Diederich. Dr. Scheffelweis beugte sich hinueber zu +dem Haupt der Familie Buck, drueckte ihm die Hand und sagte suess: "Ich +hoffe, lieber Freund und Goenner, alles wird noch gut." + +Der Vorsitzende befahl dem Gerichtsdiener: "Lassen Sie mal den Zeugen Cohn +'rein!" Die Reihe war an den Entlastungszeugen! Der Vorsitzende +schnupperte in die Luft. "Hier riecht es aber schlecht", bemerkte er. +"Krecke, machen Sie hinten ein Fenster auf!" Und er suchte mit den Augen +unter dem minder guten Publikum, das dort oben eng gedraengt sass. Dagegen +war auf den unteren Baenken freier Raum, und der freieste um den +Regierungspraesidenten von Wulckow in seiner verschwitzten Jagdjoppe.... +Das geoeffnete Fenster, durch das es eisig hereinblies, bewirkte Murren +unter den auswaertigen Journalisten, die dort hinten verstaut sassen. Aber +Sprezius richtete nur den Schnabel gegen sie: da duckten sie sich in ihre +Rockkragen. + +Jadassohn sah siegesgewiss dem Zeugen entgegen. Sprezius liess ihn eine +Weile reden, dann raeusperte Jadassohn sich; er hielt einen Akt in der +Hand. "Zeuge Cohn," begann er, "Sie sind Inhaber des unter Ihrem Namen +bestehenden Warenhauses seit 1889?" Und unvermittelt: "Geben Sie zu, dass +gleich damals einer Ihrer Lieferanten, ein gewisser Lehmann, sich in Ihren +Lokalitaeten durch Erschiessen das Leben genommen hat?" Und mit daemonischer +Befriedigung blickte er auf Cohn, denn die Wirkung seiner Worte war +ausserordentlich. Cohn begann zu zappeln und nach Luft zu schnappen. "Die +alte Verleumdung!" kreischte er. "Er hat es doch gar nicht meinetwegen +getan! Er war ungluecklich verheiratet! Mit der Geschichte haben die Leute +mich schon einmal kaputt gemacht, und nun faengt der Mann wieder an!" Auch +der Verteidiger protestierte. Sprezius hackte auf Cohn zu. Der Herr +Staatsanwalt sei kein Mann! Und wegen des Ausdrucks Verleumdung nehme das +Gericht den Zeugen in eine Ordnungsstrafe von fuenfzig Mark. Damit war Cohn +erledigt. Der Bruder des Herrn Buck ward vernommen. Ihn fragte Jadassohn +geradeheraus: "Zeuge Buck, Sie haben ein notorisch schlechtgehendes +Geschaeft, wovon leben Sie?" Hier entstand ein solches Gemurmel, dass +Sprezius schnell eingriff: "Herr Staatsanwalt, gehoert das wirklich zur +Sache?" Aber Jadassohn war allem gewachsen. "Herr Vorsitzender, die +Anklagebehoerde hat ein Interesse, den Nachweis zu erbringen, dass der Zeuge +sich in wirtschaftlicher Abhaengigkeit von seinen Verwandten, besonders +aber von seinem Schwager, dem Angeklagten, befindet. Die Glaubwuerdigkeit +des Zeugen ist danach zu bemessen." Der lange, elegante Herr Buck stand +mit gesenktem Kopf da. "Das genuegt", erklaerte Jadassohn; und Sprezius +entliess diesen Zeugen. Seine fuenf Toechter rueckten unter den Blicken der +Menge auf ihrer Bank zusammen wie eine Laemmerherde im Unwetter. Das minder +gute Publikum der oberen Reihen lachte feindselig. Sprezius bat +wohlwollend um Ruhe und liess sich den Zeugen Heuteufel kommen. + +Wie nun Heuteufel die Hand zum Schwur hob, schleuderte Jadassohn ihm die +seine mit einem dramatischen Wurf entgegen. + +"Ich moechte zunaechst an den Zeugen die Frage richten, ob er zugibt, die +das Delikt der Majestaetsbeleidigungen darstellenden Aeusserungen durch seine +Zustimmung beguenstigt und noch verschaerft zu haben." Heuteufel erwiderte: +"Ich gebe gar nichts zu", - worauf Jadassohn ihm seine Aussage im +Vorverhoer entgegenhielt. Mit erhobener Stimme: "Ich beantrage +Gerichtsbeschluss darueber, dass die Beeidigung dieses Zeugen unterbleiben +soll, weil er der Teilnahme am Delikt verdaechtig ist." Noch schneidender: +"Die Gesinnung des Zeugen darf als gerichtsnotorisch gelten. Der Zeuge +gehoert zu den von Seiner Majestaet dem Kaiser mit Recht so genannten +vaterlandslosen Gesellen. Ueberdies befleissigt er sich in regelmaessigen +Versammlungen, die er als Sonntagsfeiern fuer freie Menschen bezeichnet, +der Verbreitung des krassesten Atheismus, wodurch seine Tendenzen +gegenueber einem christlichen Monarchen ohne weiteres charakterisiert +sind." Und Jadassohns Ohren strahlten Feuer aus, wie ein ganzes +Glaubensbekenntnis. Wolfgang Buck stand auf, laechelte skeptisch und +meinte, die religioesen Ueberzeugungen des Herrn Staatsanwalts seien +offenbar von moenchischer Strenge, es koenne ihm nicht zugemutet werden, dass +er einen Nichtchristen fuer glaubwuerdig halte. Das Gericht aber werde wohl +anderer Meinung sein und den Antrag des Staatsanwalts ablehnen. Da wuchs +Jadassohn furchtbar empor. Wegen der Verhoehnung seiner Person beantragte +er gegen den Verteidiger eine Ordnungsstrafe von hundert Mark! Der +Gerichtshof zog sich zur Beratung zurueck. Sofort brach im Saal ein +aufgeregtes Durcheinander von Meinungen aus. Dr. Heuteufel schob die Haende +in die Taschen und mass mit langen Blicken Jadassohn, der, dem Schutze des +Gerichts entzogen, von Panik ergriffen ward und gegen die Wand wich. +Diederich war es, der ihm zu Hilfe kam, denn er hatte dem Herrn +Staatsanwalt leise eine wichtige Mitteilung zu machen ... Schon kehrten +die Richter zurueck. Die Beeidigung des Zeugen Heuteufel ward vorerst +ausgesetzt. Der Verteidiger war wegen Verhoehnung des Herrn Staatsanwalts +in eine Ordnungsstrafe von achtzig Mark genommen. + +In das weitere Verhoer Heuteufels griff der Verteidiger ein, der vom Zeugen +wissen wollte, wie er, als intimer Bekannter des Angeklagten, sein +Familienleben beurteile. Heuteufel machte eine Bewegung, durch den Saal +rauschte es: man hatte verstanden. Aber ob Sprezius die Frage zuliess? Er +hatte schon den Mund geoeffnet, um sie abzulehnen, begriff aber noch +rechtzeitig, dass man einer Sensation nicht ausweichen duerfe - worauf +Heuteufel den mustergueltigen Zustaenden im Hause Lauer hohes Lob spendete. +Jadassohn trank die Worte des Zeugen, bebend vor Ungeduld. Endlich konnte +er, mit namenlosem Triumph in der Stimme, seine Frage stellen. "Will der +Zeuge sich auch darueber aeussern, welcher Art die Weiber sind, aus deren +Bekanntschaft er persoenlich die Kenntnis des Familienlebens schoepft, und +ob er nicht in einem gewissen Hause verkehrt, das im Volksmund +Klein-Berlin heisst?" Und noch im Sprechen vergewisserte er sich, dass die +Damen im Publikum, und gleich ihnen die Richter, tief verletzte Gesichter +bekamen. Der Hauptentlastungszeuge war vernichtet! Heuteufel versuchte +noch zu antworten: "Der Herr Staatsanwalt wird es wissen. Wir sind uns +dort wohl begegnet." Aber das diente nur dazu, dass Sprezius ihm eine +Ordnungsstrafe von fuenfzig Mark auferlegen konnte. "Der Zeuge hat im Saal +zu bleiben", entschied der Vorsitzende schliesslich. "Das Gericht braucht +ihn noch zur weiteren Aufklaerung des Tatbestandes." Heuteufel aeusserte: +"Ich meinerseits bin aufgeklaert ueber den Betrieb hier und wuerde es +vorziehen, das Lokal zu verlassen." Sofort wurden aus den fuenfzig Mark +hundert. + +Wolfgang Buck sah sich unruhig um. Seine Lippen schienen die Stimmung im +Saal zu schmecken, sie verzogen sich, als aeusserte sich die Stimmung in +diesem merkwuerdigen Geruch, der seit das Fenster geschlossen war, sich +wieder gelagert hatte. Buck sah die Sympathien, die ihn hereinbegleitet +hatten, zersprengt und abgestumpft, seine Kampfmittel unnuetz verbraucht; +und das Gaehnen der vom Hunger in die Laenge gezogenen Gesichter, die +Ungeduld der Richter, die nach der Uhr schielten, verhiess ihm nichts +Gutes. Er sprang auf; retten, was zu retten war! Und er machte seine +Stimme energisch, um die Vorladung weiterer Zeugen fuer die +Nachmittagssitzung zu beantragen. "Da der Herr Staatsanwalt es zum System +erhebt, die Glaubwuerdigkeit unserer Zeugen zu bezweifeln, sind wir bereit, +den guten Leumund des Angeklagten zu beweisen durch die Aussagen der +ersten Maenner von Netzig. Kein Geringerer als Herr Buergermeister Dr. +Scheffelweis wird dem Gericht die buergerlichen Verdienste des Angeklagten +bezeugen. Der Herr Regierungspraesident von Wulckow wird nicht umhin +koennen, ihm seine staatsfreundliche und kaisertreue Gesinnung zu +bestaetigen." + +"Nanu", sagte dahinten aus dem freien Raum der droehnende Bass. Buck +strengte seine Stimme an. + +"Fuer die sozialen Tugenden des Angeklagten aber werden seine saemtlichen +Arbeiter eintreten." + +Und Buck setzte sich, hoerbar keuchend. Jadassohn bemerkte kalt: "Der Herr +Verteidiger beantragt eine Volksabstimmung." Die Richter berieten +fluesternd; und Sprezius verkuendete: das Gericht gebe nur dem Antrage des +Verteidigers statt, der sich auf die Vernehmung des Buergermeisters Dr. +Scheffelweis beziehe. Da der Buergermeister im Saal war, wurde er sogleich +aufgerufen. + +Er arbeitete sich aus seiner Bank heraus. Frau und Schwiegermutter hielten +ihn von beiden Seiten fest und gaben ihm hastig Forderungen mit, die +einander widersprechen mussten, denn der Buergermeister langte sichtlich +verstoert am Richtertisch an. Welche Gesinnung der Angeklagte in der +buergerlichen Oeffentlichkeit betaetigte? Dr. Scheffelweis wusste Gutes +darueber zu bekunden. So hatte der Angeklagte sich in den staedtischen +Kollegien eingesetzt fuer die Wiederherstellung des altberuehmten +Pfaffenhauses, wo die Haare aufbewahrt wurden, die bekanntlich Dr. Martin +Luther dem Teufel aus dem Schwanz gerissen hatte. Freilich, auch den +Saalbau der "Freien Gemeinde" hatte er unterstuetzt und dadurch unleugbar +viel Anstoss erregt. Im Geschaeftsleben sodann genoss der Angeklagte die +allgemeine Achtung; die sozialen Reformen, die er in seiner Fabrik +eingefuehrt hatte, wurden vielfach bewundert, - wenn freilich auch dagegen +eingewendet ward, dass sie die Ansprueche der Arbeiter ins ungemessene +steigerten und so den Umsturz vielleicht doch zu befoerdern geeignet waren. +"Wuerde der Herr Zeuge", fragte der Verteidiger, "den Angeklagten des ihm +zur Last gelegten Delikts fuer faehig halten?" - "Einerseits", erwiderte +Scheffelweis, "gewiss nicht." - "Aber andererseits?" fragte der +Staatsanwalt. Der Zeuge erwiderte: "Andererseits gewiss." + +Nach dieser Antwort durfte der Buergermeister sich zurueckziehen; seine zwei +Damen empfingen ihn, eine so unzufrieden wie die andere; und der +Vorsitzende schickte sich an, die Sitzung aufzuheben, da raeusperte +Jadassohn sich. Er beantragte, nochmals den Zeugen Doktor Hessling zu +vernehmen, der seine Aussage zu ergaenzen wuensche. Sprezius klappte +missgelaunt mit den Lidern, das Publikum, das soeben aus den Baenken +herausrutschte, murrte laut; - aber Diederich war schon vorgetreten, +festen Schrittes, und hatte schon mit klarer Stimme zu sprechen begonnen. +Nach reiflicher Ueberlegung sei er zu der Einsicht gelangt, dass er seine im +Vorverhoer gemachte Aussage vollinhaltlich aufrechterhalten koenne; und er +wiederholte sie, aber verschaerft und erweitert. Er fing mit der +Erschiessung des Arbeiters an und gab die kritischen Bemerkungen der Herren +Lauer und Heuteufel wieder. Die Zuhoerer, die das Fortgehen vergessen +hatten, verfolgten die Schlacht der Gesinnungen ueber die blutbetropfte +Kaiser-Wilhelm-Strasse bis in den Ratskeller, sahen die feindlichen Reihen +sich bis zum Entscheidungskampf ordnen, Diederich wie mit geschwungenem +Degen unter den gotischen Kronleuchter vorruecken und den Angeklagten +herausfordern auf Leben und Tod. + +"Denn, meine Herren Richter, ich leugne es nicht laenger, ich habe ihn +herausgefordert! Wird er das Wort sprechen, an dem ich ihn packen kann? Er +sprach es und, meine Herren Richter, ich habe ihn gepackt und habe damit +nur meine Pflicht erfuellt und wuerde sie auch heute wieder erfuellen, moegen +mir daraus in gesellschaftlicher und geschaeftlicher Beziehung selbst noch +mehr Nachteile erwachsen, als ich in der letzten Zeit zu ertragen gehabt +habe! Der uneigennuetzige Idealismus, meine Herren Richter, ist ein +Vorrecht des Deutschen, er wird ihn unentwegt betaetigen, mag ihm +angesichts der Menge der Feinde gelegentlich auch der Mut sinken. Als ich +vorhin mit meiner Aussage noch zoegerte, war es nicht nur, wie der +Untersuchungsrichter mir guetigst zubilligte, eine Verwirrung des +Gedaechtnisses: es war, ich gestehe es, ein vielleicht begreifliches +Zurueckweichen vor der Schwere des Kampfes, den ich auf mich nehmen sollte. +Aber ich nehme ihn auf mich, denn kein Geringerer als Seine Majestaet unser +erhabener Kaiser verlangt es von mir ..." Diederich sprach fliessend +weiter, mit einem Schwung in den Saetzen, der einem den Atem nahm. +Jadassohn fand, dass der Zeuge anfange, die Wirkungen seines Plaidoyers +vorwegzunehmen, und blickte unruhig auf den Vorsitzenden. Sprezius aber +dachte offenbar nicht daran, Diederich zu unterbrechen. Mit unbewegtem +Geierschnabel und ohne die Lider zu klappen, sah er auf Diederichs eiserne +Miene, worin es drohend blitzte. Der alte Kuehlemann sogar liess die Lippe +haengen und hoerte zu. Wolfgang Buck aber: vorgebeugt auf seinem Stuhl, +spaehte er zu Diederich hinauf, gespannt, sachkundig und die Augen voll +eines feindlichen Entzueckens. Das war eine Volksrede! Ein Auftritt von +bombensicherer Wirkung! Ein Schlager! "Moegen unsere Buerger", rief +Diederich, "endlich aus dem Schlummer erwachen, in dem sie sich so lange +gewiegt haben, und nicht bloss dem Staat und seinen Organen die Bekaempfung +der umwaelzenden Elemente ueberlassen, sondern selbst mit Hand anlegen! Das +ist Befehl Seiner Majestaet und, meine Herren Richter, da sollte ich +zoegern? Der Umsturz erhebt das Haupt, eine Rotte von Menschen, nicht wert +den Namen Deutsche zu tragen, wagt es, die geheiligte Person des Monarchen +in den Staub zu ziehen ..." + +Im minder guten Publikum lachte jemand. Sprezius hackte zu und drohte den +Lacher in Strafe zu nehmen. Jadassohn seufzte. Jetzt war es Sprezius +freilich nicht mehr moeglich, den Zeugen zu unterbrechen. + +In Netzig hatte der kaiserliche Kampfruf bisher leider nur zu wenig +Widerhall gefunden! Hier verschloss man Augen und Ohren vor der Gefahr, man +verharrte in den veralteten Anschauungen einer spiessbuergerlichen +Demokratie und Humanitaet, die den vaterlandslosen Feinden der goettlichen +Weltordnung den Weg ebneten. Eine forsche nationale Gesinnung, einen +grosszuegigen Imperialismus begriff man hier noch nicht. "Die Aufgabe der +modern gesinnten Maenner ist es, auch Netzig dem neuen Geist zu erobern, im +Sinne unseres herrlichen jungen Kaisers, der jeden Treugesinnten, er sei +edel oder unfrei, zum Handlanger seines erhabenen Wollens bestellt hat!" +Und Diederich schloss: "Daher, meine Herren Richter, war ich berechtigt, +dem Angeklagten, als er noergeln wollte, mit aller Entschiedenheit +entgegenzutreten. Ich habe ohne persoenlichen Groll gehandelt, um der Sache +willen. Sachlich sein heisst deutsch sein! Und ich meinerseits" - er +blitzte zu Lauer hinueber - "bekenne mich zu meinen Handlungen, denn sie +sind der Ausfluss eines tadellosen Lebenswandels, der auch im eigenen Hause +auf Ehre haelt und weder Luege noch Sittenlosigkeit kennt!" + +Grosse Bewegung im Saal. Diederich, hingerissen von der edlen Gesinnung, +die er ausdrueckte, berauscht durch seine Wirkung, fuhr fort, den +Angeklagten anzublitzen. Da aber wich er zurueck: der Angeklagte, zitternd +und wankend, stemmte sich am Gelaender seiner Bank empor; er hatte +rollende, blutunterlaufene Augen, und sein Kiefer bewegte sich, als habe +ihn der Schlag geruehrt. "Oh!" machten weibliche Stimmen, voll +erwartungsvollen Schauderns. Aber der Angeklagte hatte nur Zeit, einige +rauhe Laute gegen Diederich auszustossen: sein Verteidiger hatte ihn am Arm +erfasst und redete auf ihn ein. Inzwischen verkuendete der Vorsitzende, dass +der Herr Staatsanwalt sein Plaidoyer um vier Uhr beginnen werde, und +verschwand samt den Beisitzern. Diederich, halb betaeubt, sah sich auf +einmal bestuermt von Kuehnchen, Zillich, Nothgroschen, die ihn +beglueckwuenschten. Fremde Leute schuettelten ihm die Hand: die Verurteilung +sei todsicher, der Lauer duerfe einpacken. Der Major Kunze erinnerte den +erfolgreichen Diederich daran, dass zwischen ihnen niemals eine +Meinungsverschiedenheit entstanden sei. Auf dem Korridor kam ganz nahe an +Diederich, den gerade eine Menge Damen umgaben, der alte Buck vorueber. Er +zog seine schwarzen Handschuhe an und sah dabei dem jungen Mann ins +Gesicht: ohne die Verbeugung zu erwidern, die Diederich wider Willen +machte, ihm immer ins Gesicht, mit einem Blick, pruefend und traurig, so +traurig, dass auch Diederich, mitten aus seinem Triumph heraus, ihm traurig +nachsah. + +Ploetzlich merkte er, dass die fuenf Toechter Buck sich nicht entbloedeten, ihm +Komplimente zu machen. Sie flatterten, rauschten und fragten, warum er +denn zu der spannenden Verhandlung nicht auch seine Schwestern mitgebracht +habe. Da mass er diese fuenf herausgeputzten Gaense, eine nach der anderen, +von oben bis unten und erklaerte ihnen, streng und abweisend, es gaebe +Dinge, die denn doch ernster seien als eine Theatervorstellung. Erstaunt +liessen sie ihn stehen. Der Korridor leerte sich; zuletzt erschien noch +Guste Daimchen. Sie machte eine Bewegung auf Diederich zu. Aber Wolfgang +Buck holte sie ein, laechelnd, als sei nichts geschehen; und mit ihm waren +der Angeklagte und seine Frau. Schnell sandte Guste zu Diederich einen +Blick hin, der sein Zartgefuehl anrief. Er drueckte sich hinter einen +Pfeiler und liess, indes ihm das Herz klopfte, die Geschlagenen vorueber. + +Wie er gehen wollte, trat aus dem Amtszimmer der Regierungspraesident, Herr +von Wulckow. Diederich stellte sich, den Hut in der Hand, am Wege auf, +schlug im richtigen Augenblick die Hacken zusammen, und wirklich, Wulckow +blieb stehen. "Na also!" sagte er aus der Tiefe seines Bartes und klopfte +Diederich auf die Schulter. "Sie haben das Rennen gemacht. Sehr brauchbare +Gesinnung. Wir sprechen uns noch." Und er ging weiter auf seinen kotigen +Stiefeln, schwenkte den Bauch in der verschwitzten Jagdhose und +hinterliess, durchdringend wie je, diesen Geruch gewalttaetiger +Maennlichkeit, der bei allem, was geschah, im Gerichtssaal gelagert hatte. + +Beim Ausgang drunten hielt sich noch immer der Buergermeister auf, mit Frau +und Schwiegermutter, die von beiden Seiten auf ihn eindrangen, und deren +Forderungen er, bleich und hoffnungslos, in Einklang zu bringen suchte. + + + +Zu Hause wussten sie schon alles. Sie hatten, alle drei, im Vestibuel auf +das Ende der Verhandlung gewartet und sich von Meta Harnisch erzaehlen +lassen, was vorging. Frau Hessling umarmte ihren Sohn unter stummen Traenen. +Die Schwestern standen etwas betreten dabei, denn noch gestern hatten sie +nur Geringschaetzung gehabt fuer Diederichs Rolle im Prozess, die sich nun +als so glaenzend erwies. Aber Diederich, in der schoenen Vergesslichkeit des +Sieges, liess Wein zum Essen auftragen, und er erklaerte ihnen, der heutige +Tag sichere fuer alle Zeit ihre gesellschaftliche Stellung in Netzig. "Die +fuenf Damen Buck werden sich hueten, auf der Strasse wegzusehen. Sie koennen +froh sein, wenn ihr sie zurueckgruesst!" Die Verurteilung des Lauer war, so +versicherte Diederich, nur mehr eine Formalitaet. Sie war entschieden, und +mit ihr auch Diederichs unaufhaltsamer Aufstieg! "Freilich -" und er +nickte in sein Glas - "trotz voller Pflichterfuellung haette es schief gehen +koennen, und dann, meine Lieben, das wollen wir uns nur gestehen, dann waere +ich wahrscheinlich aufgeflogen und Magdas Heirat mit!" Da Magda +erbleichte, klopfte er ihr den Arm. "Jetzt sind wir fein heraus." Und das +Glas erhoben, mit maennlicher Festigkeit: "Welch eine Wendung durch Gottes +Fuegung!" Er ordnete an, dass beide sich schoen machten und mitkaemen. Frau +Hessling bat um Nachsicht, sie fuerchtete zu sehr die Aufregung. Diesmal +konnte Diederich warten, die Schwestern durften sich anziehen, so lange +sie mochten. Als sie eintrafen, waren schon alle im Saal, aber es waren +nicht dieselben. Saemtliche Bucks fehlten, und mit ihnen Guste Daimchen, +Heuteufel, Cohn, die ganze Loge, der freisinnige Wahlverein. Sie gaben +sich besiegt! Die Stadt wusste es, man draengte sich herbei, ihre Niederlage +zu erleben; das minder gute Publikum war vorgerueckt bis in die vorderen +Baenke. Wer von dem einstigen Kluengel sich noch hier fand, Kuehnchen und +Kunze trugen Sorge, dass jeder auf ihren Gesichtern die gute Gesinnung +lese. Auch einige verdaechtige Gestalten freilich sassen dazwischen: junge +Leute mit mueden, aber ausdrucksvollen Mienen, samt mehreren auffallenden +Maedchen, die unheimlich schoene Farben im Gesicht hatten; und alle +tauschten Gruesse mit Wolfgang Buck. Das Stadttheater! Buck hatte sich nicht +entbloedet, sie zu seinem Plaidoyer einzuladen! + +Der Angeklagte wandte hastig den Kopf, sooft jemand eintrat. Er wartete +auf seine Frau! "Wenn er meint, dass sie noch kommt!" dachte Diederich. +Aber da kam sie: noch bleicher als heute frueh, begruesste ihren Gatten mit +einem Blick, der flehend war; setzte sich still an das Ende einer Bank und +richtete die Augen geradeaus nach dem Richtertisch, stumm und stolz, wie +ins Schicksal ... Der Gerichtshof hatte den Saal betreten. Der Vorsitzende +eroeffnete die Sitzung und erteilte das Wort dem Herrn Staatsanwalt. + +Jadassohn begann sofort mit aeusserster Heftigkeit; nach einigen Saetzen fand +er schon keine Steigerung mehr und wirkte matt; die Mitglieder des +Stadttheaters laechelten einander geringschaetzig zu. Jadassohn bemerkte es, +er fing an, die Arme zu schwenken, dass die Robe flog; seine Stimme +ueberschlug sich, und die Ohren loderten. Die geschminkten Maedchen fielen +auf die Bruestung ihrer Bank, so ausgelassen kicherten sie. "Merkt denn +Sprezius nichts?" fragte die Schwiegermutter des Buergermeisters. Aber das +Gericht schlief. Diederich in seinem Herzen frohlockte; er hatte seine +Rache an Jadassohn! Jadassohn konnte nichts vorbringen, als womit er +selbst schon das Rennen gemacht hatte! Es war gemacht, das wusste Wulckow, +und auch Sprezius wusste es, darum schlief er, mit offenen Augen. Jadassohn +selbst fuehlte es am besten; er nahm sich immer unsicherer aus, je +geraeuschvoller er ward. Als er schliesslich zwei Jahre Gefaengnis +beantragte, gaben alle, die er gelangweilt hatte, ihm unrecht: wie es +schien, auch die Richter. Der alte Kuehlemann schrak auf, mit einem +Schnarcher. Sprezius klappte mehrmals die Lider, um sich zu ermuntern, und +dann sagte er: "Der Herr Verteidiger hat das Wort." + +Wolfgang Buck erhob sich langsam. Seine sonderbaren Freunde auf der +Tribuene murmelten beifaellig, was Buck trotz Sprezius' geschaerftem Schnabel +in Ruhe abwartete. Dann erklaerte er leichthin, als werde er mit allem in +zwei Minuten fertig werden, dass die Beweisaufnahme ein dem Angeklagten +durchaus guenstiges Bild ergeben habe. Der Herr Staatsanwalt vertrete mit +Unrecht die Anschauung, dass die Aussage von Zeugen, die erst infolge +drohender Eingriffe in ihre eigene Existenz schlecht ausgesagt haetten, +irgendeinen Wert habe. Vielmehr sie habe den Wert, dass sie auf geradezu +glaenzende Weise die Unschuld des Angeklagten belege, da so viele als +wahrheitsliebend bekannte Maenner nur durch eine Erpressung -. Weiter kam +er natuerlich nicht. Als der Vorsitzende sich beruhigt hatte, fuhr Buck +gelassen fort. Wolle man aber als erwiesen annehmen, dass der Angeklagte +die ihm zur Last gelegte Aeusserung wirklich getan habe, so entfalle hier +doch der Begriff der Strafbarkeit; denn der Zeuge Doktor Hessling habe +offen eingestanden, dass er den Angeklagten mit Absicht und Vorbedacht +provoziert habe. Es frage sich vielmehr, ob nicht eben der Zeuge Hessling, +durch seine provokatorische Absicht, der eigentliche geistige Urheber +einer strafbaren Handlung sei, die er mit der unwillkuerlichen Hilfe eines +anderen und unter bewusster Ausnutzung seiner Erregung vollfuehrt habe. Der +Verteidiger empfahl dem Herrn Staatsanwalt die naehere Beschaeftigung mit +dem Zeugen Hessling. Hier wandten viele sich nach Diederich um, und ihm +ward schwuel. Aber die wegwerfende Miene des Vorsitzenden ermutigte ihn +wieder. + +Buck machte sein Organ milde und warm. Nein, er wolle nicht das Unglueck +des Zeugen Hessling, den er als das Opfer eines weit Hoeheren betrachte. +"Warum haeufen sich in diesen Zeiten die Anklagen wegen +Majestaetsbeleidigung? Man wird sagen: infolge solcher Vorgaenge wie die +Erschiessung des Arbeiters. Ich erwidere: nein; sondern dank den Reden, die +diese Vorgaenge begleiten." Sprezius rueckte den Kopf, wetzte schon den +Schnabel, zog sich aber noch zurueck. Buck liess sich nicht stoeren; er +machte sein Organ maennlich und stark. + +"Drohungen und ueberspannte Ansprueche auf der einen Seite zeitigen +Zurueckweisungen auf der anderen. Der Grundsatz: wer nicht fuer mich ist, +ist wider mich, zieht eine grelle Grenze zwischen Byzantinern und +Majestaetsbeleidigern." + +Da hackte Sprezius zu. "Herr Verteidiger, ich kann nicht dulden, dass Sie +an Worten des Kaisers hier Kritik ueben. Wenn Sie damit fortfahren, wird +das Gericht Sie in Ordnungsstrafe nehmen." + +"Ich fuege mich der Anordnung des Herrn Vorsitzenden", sagte Buck, und die +Worte wurden in seinem Munde immer runder und gewichtiger. "Ich werde also +nicht vom Fuersten sprechen, sondern vom Untertan, den er sich formt; nicht +von Wilhelm dem Zweiten, sondern vom Zeugen Hessling. Sie haben ihn +gesehen! Ein Durchschnittsmensch mit gewoehnlichem Verstand, abhaengig von +Umgebung und Gelegenheit, mutlos, solange hier die Dinge schlecht fuer ihn +standen, und von grossem Selbstbewusstsein, sobald sie sich gewendet +hatten." + +Diederich auf seinem Platz schnaufte. Warum schuetzte Sprezius ihn nicht? +Es waere seine Pflicht gewesen! Einen nationalgesinnten Mann liess er in +oeffentlicher Sitzung veraechtlich machen - von wem? Vom Verteidiger, dem +berufsmaessigen Vertreter der subversiven Tendenzen! Da war etwas faul im +Staat!... Es begann in ihm zu kochen, wenn er Buck ansah. Das war der +Feind, der Antipode; da gab es nur eins: zerschmettern! Diese beleidigende +Menschlichkeit in Bucks dickem Profil! Man fuehlte seine herablassende +Liebe zu den Worten, die er bildete, um Diederich zu kennzeichnen! + +"Wie er", sagte Buck, "waren zu jeder Zeit viele Tausende, die ihr +Geschaeft versahen und eine politische Meinung hatten. Was hinzukommt und +ihn zu einem neuen Typus macht, ist einzig die Geste: das Prahlerische des +Auftretens, die Kampfstimmung einer vorgeblichen Persoenlichkeit, das +Wirkenwollen um jeden Preis, waere er auch von anderen zu bezahlen. Die +Andersdenkenden sollen Feinde der Nation heissen, und waeren sie zwei +Drittel der Nation. Klasseninteressen, mag sein, aber umgelogen durch +Romantik. Eine romantische Prostration vor einem Herrn, der seinem +Untertan von seiner Macht das Noetige leihen soll, um die noch kleineren +niederzuhalten. Und da es in Wirklichkeit und im Gesetz weder den Herrn +noch den Untertan gibt, erhaelt das oeffentliche Leben einen Anstrich +schlechten Komoediantentums. Die Gesinnung traegt Kostuem, Reden fallen, wie +von Kreuzrittern, indes man Blech erzeugt oder Papier; und das Pappschwert +wird gezogen fuer einen Begriff wie den der Majestaet, den doch kein Mensch +mehr, ausser in Maerchenbuechern, ernsthaft erlebt. Majestaet ..." wiederholte +Buck, das Wort durchschmeckend, und einige Hoerer schmeckten es mit. Die +Leute vom Theater, denen es offenbar mehr auf die Worte als auf den Sinn +ankam, legten die Hand an die Ohren und murmelten beifaellig. Den anderen +sprach Buck zu gewaehlt, und dass er an keinen Dialekt anklang, befremdete. +Aber Sprezius war im Sessel emporgestiegen, er kreischte beutegierig: +"Herr Verteidiger, zum letzten Male fordere ich Sie auf, die Person des +Monarchen nicht in die Debatte zu ziehen." Durch das Publikum lief eine +Bewegung. Wie Buck den Mund wieder oeffnete, versuchte jemand zu klatschen, +Sprezius hackte noch rechtzeitig zu. Es war eins der auffallenden Maedchen +gewesen. + +"Erst der Herr Vorsitzende", sagte Buck, "hat die Person des Monarchen +genannt. Aber, da sie nun genannt ist, darf ich, ohne Verlegenheit fuer das +Gericht, feststellen, dass diese Person durch die Vollstaendigkeit, mit der +sie im heute gegebenen Moment die Tendenzen des Landes ausdrueckt und +darstellt, etwas fast Verehrungswuerdiges bekommt. Ich will den Kaiser - +und der Herr Vorsitzende wird es nicht auf sich nehmen, mich zu +unterbrechen - einen grossen Kuenstler nennen. Kann ich mehr tun? Wir alle +kennen nichts Hoeheres ... Ebendarum sollte es nicht erlaubt sein, dass +jeder mittelmaessige Zeitgenosse ihm nachaefft. Im Glanz des Thrones mag +einer seine zweifellos einzige Persoenlichkeit spielen lassen, mag reden, +ohne dass wir mehr von ihm erwarten als Reden, mag blitzen, blenden, den +Hass imaginaerer Rebellen herausfordern und den Beifall eines Parterres, das +seine buergerliche Wirklichkeit darueber nicht vergisst ..." + +Diederich erbebte; und alle hatten die Muender offen und gespannte Augen, +als bewegte Buck sich auf einem Seil zwischen zwei Tuermen. Ob er stuerzte? +Sprezius hielt den Schnabel gezueckt. Aber kein Zug von Ironie zeichnete +die Miene des Verteidigers: es schwang sich etwas darin auf wie eine +erbitterte Begeisterung. Ploetzlich liess er die Mundwinkel fallen, grau +schien es um ihn her zu werden. + +"Aber ein Netziger Papierfabrikant?" fragte er. Er war nicht gestuerzt, er +hatte wieder Boden unter den Fuessen! Nun sah alles sich nach Diederich um, +und man laechelte sogar. Auch Emmi und Magda laechelten. Buck hatte seine +Wirkung, und Diederich musste sich leider sagen, dass ihr gestriges Gespraech +auf der Strasse hierfuer die Generalprobe gewesen sei. Er duckte sich unter +dem offenen Hohn des Redners. + +"Die Papierfabrikanten neigen heute dazu, sich eine Rolle anzumassen, fuer +die sie nicht fabriziert sind. Zischen wir sie aus! Sie haben kein Talent! +Das aesthetische Niveau unseres oeffentlichen Lebens, das vom Auftreten +Wilhelms des Zweiten eine so ruhmreiche Erhoehung erfahren hat, kann durch +Kraefte wie den Zeugen Hessling nur verlieren ... Und mit dem Aesthetischen, +meine Herren Richter, sinkt oder steigt das Moralische. Erlogene Ideale +ziehen unlautere Sitten nach sich, dem politischen Schwindel folgt der +buergerliche." + +Buck hatte sein Organ streng gemacht. Zum ersten Male erhob er es nun bis +zum Pathos. + +"Denn, meine Herren Richter, ich beschraenke mich nicht auf die +mechanistische Doktrin, die der Partei des sogenannten Umsturzes so teuer +ist. Mehr Veraenderung als alle Wirtschaftsgesetze erzeugt in der Welt das +Beispiel eines grossen Mannes. Und wehe, wenn es ein falsch verstandenes +Beispiel war! Dann kann es geschehen, dass ueber das Land sich ein neuer +Typus verbreitet, der in Haerte und Unterdrueckung nicht den traurigen +Durchgang zu menschlicheren Zustaenden sieht, sondern den Sinn des Lebens +selbst. Schwach und friedfertig von Natur, uebt er sich, eisern zu +scheinen, weil in seiner Vorstellung Bismarck es war. Und mit +unberechtigter Berufung auf einen noch Hoeheren wird er laermend und +unsolide. Kein Zweifel: die Siege seiner Eitelkeit werden geschaeftlichen +Zwecken dienen. Zuerst bringt die Komoedie seiner Gesinnung einen +Majestaetsbeleidiger ins Gefaengnis. Spaeter findet sich, was daran zu +verdienen ist. Meine Herren Richter!" + +Buck breitete die Arme aus, als solle seine Toga die Welt umfassen, er +trug die gesammelte Miene eines Fuehrers. Und er legte los, mit allem, was +er hatte. + +"Sie sind souveraen; und Ihre Souveraenitaet ist die erste und staerkste. In +Ihrer Hand ist das Schicksal des einzelnen. Sie koennen ihn in das Leben +schicken oder ihn sittlich toeten - was kein Fuerst kann. Die Norm aber der +Individuen, die Sie gutheissen oder verwerfen, bildet ein Geschlecht. Und +so haben Sie Macht ueber unsere Zukunft. Bei Ihnen liegt die unermessliche +Verantwortung, ob kuenftig Maenner wie der Angeklagte die Gefaengnisse fuellen +und Wesen wie der Zeuge Hessling der herrschende Teil der Nation sein +sollen. Entscheiden Sie sich zwischen den beiden! Entscheiden Sie sich +zwischen Streberei und mutiger Arbeit, zwischen Komoedie und Wahrheit! +Zwischen einem, der, um selbst emporzukommen, Opfer verlangt, und dem +anderen, der Opfer darbringt, damit Menschen es besser haben! Der +Angeklagte hat getan, was erst wenige vermochten: er hat sich seines +Herrentums begeben, hat denen, die unter ihm standen, gleiches Recht +zugebilligt, Behagen und Hoffnungsfreude. Und jemand, der in seinem +Naechsten so sehr sich selbst achtet, sollte faehig sein, von der Person des +Kaisers mit Nichtachtung zu sprechen?" + +Die Hoerer atmeten. Mit neuen Gefuehlen blickte man auf den Angeklagten, der +die Stirn in die Hand stuetzte, auf seine Frau, die starr vor sich hinsah. +Mehrere schluchzten. Der Vorsitzende sogar hatte eine betretene Miene. +Seine Lider klappten nicht mehr; mit runden Augen sass er da, als haette +Buck ihn eingefangen. Der alte Kuehlemann nickte achtungsvoll, und an +Jadassohn zeigten sich unwillkuerliche Zuckungen. + +Aber Buck missbrauchte seinen Erfolg, er liess sich berauschen. "Das +Erwachen des Buergers!" rief er aus. "Die wahrhaft nationale Gesinnung! Die +stille Tat eines Lauer tut mehr dafuer als hundert hallende Monologe selbst +eines gekroenten Kuenstlers!" + +Sofort klappte Sprezius wieder; und man sah ihm an, er hatte sich +besonnen, wie die Dinge eigentlich lagen, und versprach sich, nicht zum +zweiten Male auf den Leim zu gehen. Jadassohn feixte; und im Saal fuehlten +die meisten, der Verteidiger habe verspielt. Unter allgemeiner Unruhe liess +der Vorsitzende ihn das Lob des Angeklagten beenden. + +Als Buck sich dann setzte, wollten die Schauspieler klatschen; aber +Sprezius hackte nicht einmal mehr zu, er warf nur einen gelangweilten +Blick hin und fragte, ob der Herr Staatsanwalt zu replizieren wuensche. +Jadassohn verneinte geringschaetzig, und der Gerichtshof zog sich rasch +zurueck. "Das Urteil wird bald gefunden sein", sagte Diederich mit +Achselzucken - obwohl ihm von Bucks Rede noch arg beklommen war. "Gott sei +Dank!" sagte die Schwiegermutter des Buergermeisters. "Man sollte nicht +glauben, dass vor fuenf Minuten die Leute noch obenauf waren." Sie wies auf +Lauer, der sich das Gesicht trocknete, und auf Buck, den wahrhaftig die +Schauspieler beglueckwuenschten. + +Schon kehrten die Richter zurueck, und Sprezius verkuendete das Urteil: +sechs Monate Gefaengnis - was allen die natuerlichste Loesung schien. Dazu +war noch auf Verlust der vom Angeklagten bekleideten oeffentlichen Aemter +erkannt worden. + +Der Vorsitzende begruendete das Urteil damit, dass eine beleidigende Absicht +zum Tatbestande des Delikts nicht erforderlich sei. Daher tue auch die +Frage, ob eine Provokation stattgefunden habe, nichts zur Sache. Im +Gegenteil: dass der Angeklagte es gewagt habe, vor national gesinnten +Zeugen so zu sprechen, falle erschwerend ins Gewicht. Die Behauptung des +Angeklagten, dass er nicht den Kaiser gemeint habe, sei vom Gericht fuer +hinfaellig befunden. "Den Hoerern der Rede musste sich - namentlich bei ihrer +Parteistellung und der ihnen bekannten antimonarchischen Richtung des +Angeklagten - die Ansicht aufdraengen, dass seine Aeusserung sich gegen den +Kaiser richte. Wenn der Angeklagte vorgibt, dass er sich wohl gehuetet habe, +eine Majestaetsbeleidigung zu begehen, so hat er eben nicht die Beleidigung +selbst, sondern nur ihre strafrechtlichen Folgen vermeiden wollen." + +Dies leuchtete allen ein, man fand es von Lauer begreiflich, aber +hinterlistig. Der Verurteilte ward sofort verhaftet; als man auch dies +noch miterlebt hatte zerstreute man sich, unter Bemerkungen, die ihm nicht +guenstig waren. Nun war es wohl aus mit Lauer, denn was sollte in dem +halben Jahr, das er absitzen musste, aus seinem Geschaeft werden! Infolge +des Urteils war er auch nicht mehr Stadtverordneter. Er konnte kuenftig +weder nuetzen noch schaden! Dem Buckschen Kluengel, der so dick tat, war der +Denkzettel zu goennen. Man sah sich nach der Frau des Straeflings um; aber +sie war verschwunden. "Nicht einmal die Hand hat sie ihm gegeben! Nette +Verhaeltnisse!" + + + +Aber in den Tagen, die folgten, geschahen Dinge, die zu noch herberen +Urteilen noetigten. Judith Lauer hatte sofort ihre Koffer gepackt und war +nach dem Sueden gereist. Nach dem Sueden! - indes ihr leiblicher Mann dort +oben in der Vogtei sass, mit einer Wache unter seinem Gitterfenster. Und - +ein auffallendes Zusammentreffen! + +Landgerichtsrat Fritzsche nahm ploetzlich Urlaub. Eine Karte von ihm aus +Genua gelangte an Doktor Heuteufel, der sie umherzeigte: wahrscheinlich, +um sein eigenes Benehmen in Vergessenheit zu bringen. Es waere kaum noch +noetig gewesen, die Lauerschen Dienstboten und die armen verlassenen Kinder +auszuforschen: man wusste Bescheid! Der Skandal war so gross, dass die +"Netziger Zeitung" eingriff, mit einer an die oberen Zehntausend +gerichteten Warnung, nicht den umstuerzlerischen Tendenzen durch +Zuegellosigkeit entgegenzukommen. In einem zweiten Artikel legte +Nothgroschen dar, dass man unrecht tue, Reformen, wie die in Lauers Betrieb +eingefuehrten, besonders zu ruehmen. Denn was hatten die Arbeiter von der +Beteiligung? Im Durchschnitt, nach Lauers eigenen Aufstellungen, noch +nicht achtzig Mark im Jahr. Das konnte man ihnen auch in Form eines +Weihnachtsgeschenkes zuwenden! Aber freilich, dann war es keine +Demonstration mehr gegen die bestehende Gesellschaftsordnung! Dann hatte +auch die vom Gericht festgestellte antimonarchische Gesinnung des +Fabrikherrn nichts dabei zu gewinnen! Und wenn Herr Lauer auf den Dank der +Arbeiter gezaehlt hatte, konnte er sich jetzt eines Besseren belehren: +vorausgesetzt, so fuegte Nothgroschen hinzu, dass er im Gefaengnis das +sozialdemokratische Blatt zu lesen bekam. Denn das warf ihm vor, dass er +durch seine leichtsinnige Majestaetsbeleidigung mehrere hundert +Arbeiterfamilien in ihrer Existenz gefaehrdet habe. + +Die "Netziger Zeitung" trug der veraenderten Lage noch in anderer, sehr +bezeichnender Weise Rechnung. Ihr Direktor Tietz wandte sich an das +Hesslingsche Werk wegen eines Teils der Papierlieferung. Die Auflage sei +gestiegen und Gausenfeld zur Zeit ueberlastet. Diederich sagte sich sofort, +dass dahinter der alte Kluesing selbst stecke. Er war beteiligt an der +Zeitung, ohne ihn geschah dort nichts. Wenn der etwas aus der Hand liess, +fuerchtete er offenbar, sonst noch mehr zu verlieren. Die Kreisblaetter! Die +Lieferungen fuer die Regierung! Angst vor Wulckow, das war es. Dass +Diederich durch seine Zeugenaussage den Praesidenten auf sich aufmerksam +gemacht hatte, musste der Alte wohl erfahren haben - obwohl er kaum mehr in +die Stadt kam. Die alte Papierspinne dort hinten in ihrem Netz, das ueber +die Provinz und noch weiter gespannt war, witterte Gefahr und ward +unruhig. "Er moechte mich abspeisen mit der 'Netziger Zeitung'! Aber so +billig tun wir's nicht. In dieser harten Zeit! Hat er 'ne Ahnung von +meiner Grosszuegigkeit. Wenn ich erst Wulckow hinter mir habe: - ich beerbe +ihn einfach!" sagte Diederich laut, mit einem Schlag auf das Schreibpult, +so dass Soetbier emporschrak. "Hueten Sie sich vor Aufregungen!" hoehnte +Diederich. "In Ihren Jahren, Soetbier! Ich gebe zu, frueher haben Sie +manches geleistet fuer die Firma. Aber die Geschichte mit dem Hollaender war +schlimm; da haben Sie mich entmutigt, und jetzt haette ich ihn noetig fuer +die 'Netziger Zeitung'. Sie sollten sich ausruhen, es gelingt nichts +mehr." + +Zu den Folgen, die der Prozess fuer Diederich hatte, gehoerte auch ein Brief +des Majors Kunze. Dieser wuenschte ein bedauerliches Missverstaendnis +aufzuklaeren und teilte mit, dass der Aufnahme des hochverdienten Herrn +Doktors in den Kriegerverein nichts mehr im Wege stehe. Diederich, geruehrt +durch seinen Triumph, haette am liebsten gleich die beiden Haende des alten +Soldaten ergriffen. Gluecklicherweise erkundigte er sich und erfuhr, dass +der Brief auf Herrn von Wulckow selbst zurueckzufuehren war! Der +Regierungspraesident hatte den Kriegerverein mit seinem Besuch beehrt und +sich gewundert, den Doktor Hessling nicht dort zu finden. Da ward Diederich +es inne, was fuer eine Macht er war. Er handelte demgemaess. Er antwortete +auf die private Eroeffnung des Majors durch ein offizielles Schreiben an +den Verein und forderte den persoenlichen Besuch von zwei Mitgliedern des +Vorstandes, der Herren Major Kunze und Professor Kuehnchen. Sie kamen auch; +Diederich empfing sie, zwischen Geschaeftsbesuchen, die er absichtlich auf +diese Stunde gelegt hatte, in seinem Bureau und diktierte ihnen die +Adresse, von deren Ueberreichung er die Annahme ihres ehrenvollen Antrags +abhaengig machte. Darin liess er sich bestaetigen, dass er, mit glaenzender +Unerschrockenheit allen Verleumdungen trotzend, seine treudeutsche und +kaisertreue Gesinnung bewaehrt habe. Durch sein Eingreifen sei es gelungen, +den vaterlandslosen Elementen Netzigs eine empfindliche Schlappe +beizubringen. Aus einem unter den groessten persoenlichen Opfern gefuehrten +Kampf sei Diederich als lauterer, echt deutscher Charakter hervorgegangen. + +Bei der Feier seiner Aufnahme verlas Kunze die Adresse, und Diederich, +Traenen in der Stimme, bekannte sich unwuerdig, so viel Lob +entgegenzunehmen. Wenn in Netzig die nationale Sache Fortschritte mache, +so sei dies, naechst Gott, einem Hoeheren zu danken, dessen erhabene +Weisungen er seinerseits in freudigem Gehorsam ausfuehre ... Alle, auch +Kunze und Kuehnchen, waren bewegt. Es war ein grosser Abend. Diederich +stiftete einen Pokal - und er hielt eine Rede, worin er die +Schwierigkeiten beruehrte, denen die neue Militaervorlage im Reichstage +begegnete. "Einzig unser scharfes Schwert", rief Diederich aus, "sichert +unsere Stellung in der Welt, und es scharf zu erhalten, ist der Beruf +Seiner Majestaet des Kaisers! Wenn der Kaiser ruft, wird es herausfliegen +aus der Scheide! Die Gesellschaft im Reichstag, die da was dreinreden +will, mag sich hueten, dass es sie nicht zuerst trifft! Mit Seiner Majestaet +ist nicht zu spassen, meine Herren, das kann ich Ihnen nur sagen." +Diederich blitzte, und er nickte schwerwiegend, als wuesste er manches. Im +selben Augenblick kam ihm wirklich ein Einfall. "Neulich auf dem +Brandenburgischen Provinziallandtag hat der Kaiser dem Reichstag den +Standpunkt klargemacht. Er hat gesagt: 'Wenn die Kerls mir meine Soldaten +nicht bewilligen, raeum' ich die ganze Bude aus!'" - Das Wort erregte +Begeisterung; und als Diederich allen, die ihm zutranken, nachgekommen +war, haette er nicht mehr sagen koennen, ob es von ihm selbst war oder nicht +doch vom Kaiser. Schauer der Macht stroemten aus dem Wort auf ihn ein, als +waere es echt gewesen ... Tags darauf stand es in der "Netziger Zeitung" +und schon am Abend im "Lokal-Anzeiger". Schlechtgesinnte Blaetter +verlangten ein Dementi, aber es blieb aus. + + + + + + V. + + +Noch schwellten solche Hochgefuehle Diederichs Brust, da bekamen Emmi und +Magda eine Einladung von Frau von Wulckow, nachmittags zum Tee. Es konnte +nur wegen des Stueckes sein, das die Regierungspraesidentin beim naechsten +Fest der "Harmonie" auffuehren liess. Emmi und Magda sollten Rollen +bekommen. Freudegeroetet kehrten sie heim: Frau von Wulckow war ueberaus +gnaedig gewesen; eigenhaendig hatte sie ihnen immer wieder Kuchen auf den +Teller gelegt. Inge Tietz mochte platzen. Offiziere spielten mit! Man +brauchte besondere Toiletten; wenn Diederich vielleicht glaubte, dass sie +mit ihren fuenfzig Mark -. Aber Diederich eroeffnete ihnen einen +unbegrenzten Kredit. Nichts von dem, was sie kauften, fand er schoen genug. +Das Wohnzimmer lag voll von Baendern und kuenstlichen Blumen, die Maedchen +verloren den Kopf, weil Diederich ihnen dreinredete: da kam Besuch, Guste +Daimchen. + +"Ich habe doch der gluecklichen Braut noch gar nicht richtig gratuliert", +sagte sie und versuchte goennerhaft zu laecheln; aber ihre Augen gingen +besorgt ueber die Baender und Blumen. "Das ist wohl auch fuer das dumme +Stueck?" fragte sie. "Wolfgang hat davon gehoert, er sagt, es ist unerhoert +dumm." Magda erwiderte: "Dir muss er es doch sagen, weil du nicht +mitspielst." Und Diederich erklaerte: "Damit entschuldigt er sich dafuer, +dass Sie seinetwegen bei Wulckows nicht eingeladen werden." Guste lachte +geringschaetzig. "Auf Wulckows verzichten wir, aber zum Harmonieball gehen +wir gerade." Diederich fragte: "Wollen Sie den ersten Eindruck des +Prozesses nicht lieber voruebergehen lassen?" Er sah sie teilnehmend an. +"Liebes Fraeulein Guste, wir sind so alte Bekannte, ich darf Sie wohl +darauf hinweisen, dass Ihre Verbindung mit den Bucks Ihnen jetzt in der +Gesellschaft nicht gerade nuetzt." - Guste zuckte mit den Augen, man sah, +sie hatte sich das schon selbst gedacht. Magda bemerkte: "Gott sei Dank, +mit meinem Kienast ist es nicht so." Worauf Emmi: "Aber Herr Buck ist +interessanter. Neulich bei seiner Rede hab' ich geweint, wie im Theater." +- "Und ueberhaupt!" rief Guste ermutigt. "Erst gestern hat er mir diese +Tasche geschenkt." Sie hielt den vergoldeten Sack empor, nach dem Emmi und +Magda schon lange schielten. Magda sagte spitz: "Er hat wohl viel verdient +mit der Verteidigung. Kienast und ich, wir sind fuer Sparsamkeit." Aber +Guste hatte ihre Genugtuung gehabt. "Dann will ich auch nicht laenger +stoeren", sagte sie. + +Diederich begleitete sie hinunter. "Ich bringe Sie nach Haus, wenn Sie +artig sind," sagte er, "aber vorher muss ich noch einen Blick in die Fabrik +tun. Gleich wird Schicht gemacht." - "Ich kann ja mitgehen", meinte Guste. +Um ihr zu imponieren, fuehrte er sie geradeswegs zu der grossen +Papiermaschine. "So was haben Sie wohl noch nicht gesehen?" Und mit +Wichtigkeit erlaeuterte er ihr das System von Bassins, Walzen und +Zylindern, worueber hin, durch die ganze Laenge des Saales, die Masse floss: +zuerst waesserig, dann immer trockener - und am Ende der Maschine lief auf +grossen Rollen das fertige Papier ... Guste schuettelte den Kopf. "Nein so +was! Und der Krach, den sie macht! Und die Hitze hier!" Diederich, mit +seiner Wirkung noch nicht zufrieden, fand einen Grund, um die Arbeiter +anzudonnern; und wie Napoleon Fischer dazukam, war nur er schuld! Beide +schrien gegen den Laerm der Maschine an, Guste verstand nichts; aber +Diederichs geheime Angst sah in dem duennen Bart des Maschinenmeisters +immer das gewisse Grinsen, das an seine Mitwisserschaft in der +Angelegenheit des Hollaenders erinnerte und die offene Verleugnung jeder +Autoritaet war. Je heftiger Diederich sich gebaerdete, desto ruhiger ward +der andere. Diese Ruhe war Aufruhr! Schnaufend und bebend oeffnete +Diederich die Tuer zum Packraum und liess Guste eintreten. "Der Mann ist +Sozialdemokrat!" erklaerte er. "So ein Kerl waere imstande, hier Feuer zu +legen. Aber ich entlass' ihn nicht: nun gerade nicht! Wollen sehen, wer +der Staerkere ist. Die Sozialdemokratie nehme ich auf mich!" Und da Guste +ihn bewundernd ansah: "Das haetten Sie wohl nicht gedacht, auf was fuer +einem gefahrvollen Posten unsereiner steht. Furchtlos und treu, ist mein +Wahlspruch. Sehen Sie, ich verteidige hier unsere heiligsten nationalen +Gueter geradeso gut wie unser Kaiser. Dazu gehoert mehr Mut, als wenn einer +vor Gericht schoene Reden haelt." + +Guste sah es ein, sie hatte eine andaechtige Miene. "Hier ist es kuehler," +bemerkte sie, "wenn man aus der Hoelle nebenan kommt. Die Frauen hier +koennen froh sein." - "Die?" erwiderte Diederich. "Die haben es wie im +Paradies!" Er fuehrte Guste zu dem Tisch: eine der Frauen sortierte die +Bogen, eine zweite pruefte nach, und die dritte zaehlte immerfort bis +fuenfhundert. Alles ging mit unerklaerlicher Schnelligkeit; die Bogen flogen +ununterbrochen einander nach, wie von selbst und ohne Widerstand gegen die +arbeitenden Haende, die im endlos ueber sie hingehenden Papier sich +aufzuloesen schienen: Haende und Arme, die Frau selbst, ihre Augen, ihr +Gehirn, ihr Herz. Das alles war da und lebte, damit die Bogen flogen ... +Guste gaehnte - indes Diederich erklaerte, dass diese Weiber, die im Akkord +arbeiteten, sich schaendliche Nachlaessigkeiten zuschulden kommen liessen. Er +wollte schon dazwischenfahren, weil ein Bogen mitflog, woran eine Ecke +fehlte. Aber Guste sagte ploetzlich mit einer Art von Trotz: "Sie brauchen +sich uebrigens nicht einzubilden, dass Kaethchen Zillich sich fuer Sie +besonders interessiert ... Wenigstens nicht mehr als fuer gewisse andere +Leute", setzte sie hinzu; und auf seine verwirrte Frage, was sie denn +meine, laechelte sie bloss anzueglich. "Ich muss Sie doch bitten", wiederholte +er. Darauf nahm Guste ihre goennerhafte Miene an. "Ich sage es nur zu Ihrem +Besten. Denn Sie scheinen nichts zu merken? Mit Assessor Jadassohn zum +Beispiel? Aber Kaethchen ist ueberhaupt so eine." Jetzt lachte Guste laut, +so begossen sah Diederich aus. Sie ging weiter, und er folgte. "Mit +Jadassohn?" forschte er angstvoll. Da hoerte der Laerm der Maschine auf, die +Glocke ging, die den Schluss der Arbeit anzeigte, und ueber den Hof +entfernten sich schon Arbeiter. Diederich zuckte die Achseln. "Was +Fraeulein Zillich macht, laesst mich kalt", erklaerte er. "Hoechstens um den +alten Pastor tut es mir leid, wenn sie wirklich so eine ist. Wissen Sie +das denn genauer?" Guste sah weg. "Ueberzeugen Sie sich doch selbst!" +Worauf Diederich geschmeichelt lachte. + +"Lassen Sie das Gas brennen!" rief er dem Maschinenmeister zu, der +vorbeiging. "Ich drehe selbst ab." Gerade ward der Lumpensaal weit +geoeffnet fuer die Fortgehenden. "Oh!" rief Guste, "dort drinnen ist es aber +romantisch!" Denn sie erblickte dahinten in der Daemmerung lauter bunte +Flecken aus grauen Huegeln und darueber einen Wald von Aesten. "Ach", sagte +sie im Naehertreten. "Ich dachte, weil es hier schon so dunkel ist ... Das +sind ja bloss Lumpensaecke und Heizungsrohre." Und sie verzog das Gesicht. +Diederich jagte die Arbeiterinnen empor, die trotz der Betriebsordnung +sich auf den Saecken ausruhten. Mehrere, kaum, dass die Arbeit fortgelegt +war, strickten schon, andere assen. "Das koennte euch passen", schnaubte er. +"Waerme schinden auf meine Kosten! Raus!" Sie standen langsam auf, ohne ein +Wort, ohne Widerstand in der Miene; und vorbei an der fremden Dame, nach +der alle dumpf neugierig den Kopf wandten, trabten sie in ihren +Maennerschuhen hinaus, schwerfaellig wie eine Herde und umgeben von dem +Dunst, worin sie lebten. Diederich behielt jede scharf im Auge, bis sie +draussen war. "Fischer!" schrie er ploetzlich. "Was hat die Dicke da unterm +Tuch?" Der Maschinenmeister erklaerte mit seinem zweideutigen Grinsen: "Das +ist nur, weil sie was erwartet", - worauf Diederich unzufrieden den Ruecken +wandte. Er belehrte Guste. "Ich glaubte, ich haette eine erwischt. Sie +stehlen naemlich Lumpen. Jawohl. Sie machen Kinderkleider draus." Und da +Guste die Nase ruempfte: "Das ist doch zu gut fuer die Proletenkinder!" + +Mit den Spitzen ihrer Handschuhe hob Guste einen der Fetzen vom Boden. +Ploetzlich hatte Diederich ihr Handgelenk gefangen und kuesste es gierig, im +Spalt des Handschuhs. Erschreckt sah sie sich um. "Ach so, alle Leute sind +schon fort." Sie lachte selbstsicher. "Ich hab' mir doch gleich gedacht, +was Sie jetzt noch in der Fabrik zu tun haben." Diederich machte ein +herausforderndes Gesicht. "Na und Sie? Warum sind Sie ueberhaupt gekommen +heute? Sie haben wohl gemerkt, dass ich doch nicht so ohne bin? Freilich +Ihr Wolfgang -. Jeder kann sich nicht so blamieren wie er, neulich vor +Gericht." Darauf sagte Guste entruestet: "Seien Sie nur ganz still, Sie +werden doch nie so ein feiner Mann wie er." Aber ihre Augen sagten etwas +anderes. Diederich sah es; erregt lachte er auf. "Wie der es eilig hat mit +Ihnen! Wissen Sie auch, wofuer er Sie ansieht? Fuer einen Kochtopf mit Wurst +und Kohl, und ich soll ihn umruehren!" - "Jetzt luegen Sie", sagte Guste +vernichtend; aber Diederich war im Zuge. "Ihm ist naemlich nicht genug +Wurst und Kohl drin. - Anfangs hat er natuerlich auch gedacht, Sie haetten +eine Million geerbt. Aber fuer fuenfzigtausend Mark ist solch ein feiner +Mann nicht zu haben." Da kochte Guste auf. Diederich fuhr zurueck, so +gefaehrlich sah es aus. "Fuenfzigtausend! Ihnen ist gewiss nicht wohl? Wie +komme ich dazu, dass ich mir das muss sagen lassen! Wo ich bare +dreihundertfuenfzigtausend auf der Bank zu liegen hab', in richtiggehenden +Papieren! Fuenfzigtausend! Wer so etwas Ehrenruehriges von mir herumerzaehlt, +den kann ich ueberhaupt belangen!" Sie hatte Traenen in den Augen; Diederich +stammelte Entschuldigungen. "Lassen Sie nur" - und Guste benutzte ihr +Taschentuch. "Wolfgang weiss genau, woran er bei mir ist. Aber Sie selbst, +Sie haben den Schwindel geglaubt. Darum waren Sie auch so frech!" rief +sie. Ihre rosigen Fettpolster zitterten vor Zorn, und die kleine +eingedrueckte Nase war ganz weiss geworden. Er sammelte sich. "Daran sehen +Sie doch, dass Sie mir auch ohne Geld gefallen", gab er zu bedenken. Sie +biss sich auf die Lippen. "Wer weiss", sagte sie mit einem Blick von unten, +schmollend und unsicher. "Fuer Leute, wie Sie, sind fuenfzigtausend auch +schon Geld." + +Er hielt es fuer angezeigt, eine Pause zu machen. Sie zog aus ihrem +goldenen Beutel den Puderquast, und sie setzte sich. "Ich bin wirklich +ganz echauffiert von Ihrem Betragen!" Aber sie lachte wieder. "Haben Sie +mir vielleicht sonst noch etwas zu zeigen in Ihrer sogenannten Fabrik?" Er +nickte bedeutsam. "Wissen Sie wohl, wo Sie jetzt sitzen?" - "Na, auf einem +Lumpensack." - "Aber auf was fuer einem! In dieser Ecke, hinter den Saecken +hier hab' ich mal einen Arbeiter und ein Maedchen ertappt, wie sie gerade: +Sie verstehen. Natuerlich sind beide geflogen; und am Abend, jawohl, am +selben Abend -" er hob den Zeigefinger, in seinen Augen entstand ein +Schauder hoeherer Dinge - "haben sie den Kerl totgeschossen, und das +Maedchen ist verrueckt geworden." Guste sprang auf. "War das -? Ach Gott, +das war der Arbeiter, der den Wachtposten gereizt hat ...? Also hinter den +Saecken haben sie -?" Ihre Augen gingen ueber die Saecke, als suchte sie Blut +darauf. Sie hatte sich nahe zu Diederich gefluechtet. Ploetzlich sahen sie +einander in die Augen: darin bewegten sich die gleichen abgruendigen +Schauder, des Lasters oder des Uebersinnlichen. Sie atmeten hoerbar einander +an. Guste schloss, eine Sekunde lang, die Lider: da plumpsten sie auch +schon beide auf die Saecke, rollten, ineinander verwickelt, hinab und durch +den dunkeln Raum dahinter, schlugen um sich, keuchten und prusteten, als +seien sie dort unten am Ertrinken. + +Guste zuerst erreichte wieder das Licht. Den Fuss, an dem er sie festhalten +wollte, stiess sie ihm ins Gesicht und sprang heraus, dass es krachte. Als +Diederich sich gluecklich ihr nachgearbeitet hatte, standen sie da und +schnauften. Gustes Busen, Diederichs Bauch gingen beide im Sturm. Sie +erlangte vor ihm die Sprache zurueck. "Das muessen Sie mit 'ner andern +versuchen! Wie komm' ich ueberhaupt dazu!" Immer erbitterter: "Ich hab' +Ihnen doch gesagt, dass es dreihundertfuenfzigtausend sind!" Diederich +bewegte die Hand, um auszudruecken, dass er seinen Missgriff zugebe. Aber +Guste schrie auf: "Und wie ich aussehe! Soll ich so vielleicht durch die +Stadt gehen?" Er erschrak aufs neue und lachte ratlos. Sie stampfte auf. +"Haben Sie denn keine Buerste?" Gehorsam machte er sich auf den Weg; Guste +rief ihm nach: "Dass gefaelligst Ihre Schwestern nichts merken! Sonst reden +morgen die Leute von mir!" Er ging nur bis an das Kontor. Wie er +zurueckkehrte, sass Guste wieder auf dem Sack, das Gesicht in den Haenden, +und durch ihre lieben, dicken Finger rannen Traenen. Diederich blieb +stehen, hoerte ihrem Wimmern zu, und auf einmal begann er auch zu weinen. +Mit troestender Hand buerstete er sie ab. "Es ist doch nichts geschehen", +wiederholte er. Guste stand auf. "Das waere auch noch schoener", - und sie +musterte ihn mit Ironie. Da fasste auch Diederich Mut. "Ihr Herr Braeutigam +braucht es ja nicht zu wissen", bemerkte er. Und Guste: "Wenn schon!" - +wobei sie sich auf die Lippen biss. + +Betroffen durch dies Wort buerstete er schweigend weiter, zuerst sie, dann +sich, indes Guste ihre Kleider glaettete. "Nun los!" sagte sie. "Eine +Papierfabrik sehe ich mir so bald nicht wieder an." Er spaehte ihr unter +den Hut. "Wer weiss", sagte er. "Denn dass Sie Ihren Buck lieben, das glaub' +ich Ihnen seit fuenf Minuten nicht mehr." Schnell rief Guste: "O doch!" Und +ohne Pause fragte sie: "Was bedeutet denn das Zeug hier?" + +Er erklaerte: "Das ist der Sandfang, durch die Rinne schwemmen wir die +Lumpen; Knoepfe und so weiter bleiben zurueck, wie Sie sehen. Die Leute +haben natuerlich wieder nicht aufgeraeumt." Mit der Schirmspitze stocherte +sie in dem Haufen; er setzte hinzu: "Im Jahr behalten wir mehrere Saecke +Ueberbleibsel!" - "Und was ist das da?" fragte Guste und griff rasch hin, +nach etwas, das glaenzte. Diederich riss die Augen auf. "Ein Brillantknopf!" +Sie liess ihn funkeln. "Echt sogar! Wenn Sie oefter so was finden, ist Ihr +Geschaeft nicht so uebel." Diederich sagte zweifelnd: "Den muss ich natuerlich +abliefern." Sie lachte. "An wen denn? Die Abfaelle gehoeren doch Ihnen!" Er +lachte auch. "Na, nicht gerade die Brillanten. Wir werden schon noch +ausfindig machen, wer uns das geliefert hat." Guste sah ihn von unten an. +"Sie sind schoen dumm", sagte sie. Er erwiderte mit Ueberzeugung: "Nein! +Sondern ich bin ein Ehrenmann!" Darauf hob sie nur die Schultern. Langsam +zog sie den linken Handschuh aus und legte sich den Brillanten auf den +kleinen Finger. "Er muss als Ring gefasst werden!" rief sie aus, wie +erleuchtet, betrachtete versunken ihre Hand und seufzte. "Na, sollen ihn +andere Leute finden!" - und unvermutet warf sie den Knopf zurueck in die +Lumpen. "Sind Sie verrueckt?" Diederich bueckte sich, sah ihn nicht gleich +und liess sich schnaufend auf die Knie. In der Hast warf er alles +durcheinander. "Gott sei Dank!" Er hielt ihr den Brillanten hin; aber +Guste nahm ihn nicht. "Ich goenne ihn dem Arbeiter, der ihn morgen zuerst +sieht. Der steckt ihn ein, darauf koennen Sie sich verlassen, der ist nicht +so dumm." - "Ich auch nicht", erklaerte Diederich. "Denn wahrscheinlich +waere der Stein doch weggeworfen worden. Unter solchen Umstaenden brauche +ich es nicht fuer inkorrekt zu halten -." Er legte den Brillanten wieder +auf ihren Finger. "Und wenn es auch inkorrekt waere, er steht Ihnen so +gut." Guste sagte ueberrascht: "Wieso? Wollen Sie ihn mir denn schenken?" +Er stammelte: "Sie haben ihn ja gefunden, da muss ich wohl." Da jubelte +Guste. "Das wird mein schoenster Ring!" - "Warum?" fragte Diederich, voll +banger Hoffnung. Guste sagte ausweichend: "Ueberhaupt ..." Und mit einem +ploetzlichen Blick: "Weil er nichts kostet, wissen Sie." Hierueber erroetete +Diederich, und sie sahen einander blinzelnd in die Augen. + +"Ach Herr Gott!" rief Guste ploetzlich. "Es muss schrecklich spaet sein. +Schon sieben? Was sag' ich nur meiner Mutter?... Ich weiss, ich sag' ihr, +ich hab' bei einem Troedler den Brillanten entdeckt, und er hat gedacht, er +ist unecht, und hat bloss fuenfzig Pfennig verlangt!" Sie oeffnete ihren +goldenen Sack und liess den Knopf hineinfallen. "Also adieu ... Aber Sie +sehen aus! Wenigstens muessen Sie sich die Krawatte binden." Im Sprechen +tat sie es schon selbst. Er fuehlte ihre warmen Haende unter seinem Kinn; +ihre feuchten, dicken Lippen bewegten sich ganz nahe. Ihm ward heiss, er +hielt den Atem zurueck. "So", machte Guste und brach ernstlich auf. "Ich +drehe nur das Gas ab", rief er ihr nach. "Warten Sie doch!" - "Ich warte +schon", antwortete sie von draussen; - aber als er auf den Hof trat, war +sie fort. Verdutzt sperrte er die Fabrik zu und redete laut dabei vor sich +hin. "Nun sag' mir einer, ist das Instinkt oder Berechnung?" Er schuettelte +sorgenvoll den Kopf ueber das ewige Raetsel der Weiblichkeit, das in Guste +verkoerpert war. + + + +Vielleicht, so sagte sich Diederich, ging es vorwaerts mit Guste, freilich +ging es langsam. Die Ereignisse, die sich um den Prozess gruppierten, +hatten ihr Eindruck gemacht, aber noch nicht genug. Auch hoerte er nichts +mehr von Wulckow. Nach dem so viel versprechenden Schritt des +Regierungspraesidenten beim Kriegerverein wartete Diederich unbedingt auf +weiteres: eine Heranziehung, eine vertrauliche Verwendung, er wusste nicht +wie und was. Der Harmonieball konnte es bringen; warum hatten sonst die +Schwestern Rollen bekommen im Stueck der Praesidentin. Nur dauerte alles zu +lange fuer Diederichs Tatenlust. Es war eine Zeit voll Unruhe und Drang. +Man quoll ueber von Hoffnungen, Aussichten, Plaenen; in jeden Tag, der +anfing, haette man das alles auf einmal ergiessen wollen; und wenn er aus +war, war er leer geblieben. Ein Trieb nach Bewegung erfasste Diederich. +Mehrmals versaeumte er den Stammtisch und ging spazieren, ohne Ziel und ins +Freie, was sonst nicht vorkam. Er kehrte dem Mittelpunkt der Stadt den +Ruecken, stapfte mit dem Schritt eines von Tatkraft schweren Mannes die +abendlich leere Meisestrasse zu Ende, durchmass die lange Gaebbelchenstrasse, +mit den vorstaedtischen Gasthaeusern, bei denen Fuhrleute ein- oder +ausspannten, und kam auch unter der Vogtei vorbei. Dort oben sass, bewacht +von einem Gitterfenster und einem Soldaten, der Herr Lauer, der sich dies +nicht hatte traeumen lassen. "Hochmut kommt vor dem Fall", dachte +Diederich. "Wie man sich bettet, so liegt man." Und obwohl er den +Ereignissen, die den Fabrikbesitzer in die Vogtei gefuehrt hatten, nicht +ganz fremd war, schien Lauer ihm jetzt ein Wesen mit einem Kainsmal, ein +unheimlicher Gesell. Einmal glaubte er im Hof des Gefaengnisses eine +Gestalt zu bemerken. Es war schon zu dunkel, aber vielleicht -? Ein +Gruseln ueberlief Diederich, und er enteilte. + +Hinter dem Burgtor fuehrte die Landstrasse zu dem Huegel mit der +Schweinichenburg, wo einst der kleine Diederich gemeinsam mit Frau Hessling +das Grausen vor dem Burggespenst genossen hatte. Solche Kindereien lagen +ihm jetzt fern; - vielmehr bog er jedesmal, bald hinter dem Tor, in die +Gausenfelder Strasse ein. Er hatte es sich nicht vorgenommen und tat es nur +zoegernd, denn es waere ihm nicht lieb gewesen, wenn jemand ihn auf diesem +Wege ueberrascht haette. Aber es liess ihn nicht: die grosse Papierfabrik zog +ihn an wie ein verbotenes Paradies, er musste ihr auf einige Schritte +nahekommen, sie umkreisen, ueber ihre Mauer schnueffeln ... Eines Abends +ward Diederich aus dieser Taetigkeit aufgeschreckt durch Stimmen, die im +Dunkeln schon ganz nahe waren. Kaum dass er noch Zeit behielt, sich in den +Graben zu kauern. Und waehrend die Leute, wahrscheinlich Angestellte der +Fabrik, die sich verspaetet hatten, an seinem Versteck vorueberkamen, +drueckte Diederich die Augen zu, aus Furcht, und auch weil er fuehlte, ihr +begehrliches Funkeln haette ihn verraten koennen. + +Als er schon wieder beim Burgtor war, hatte er noch immer Herzklopfen und +sah sich nach einem Glas Bier um. Gleich im Winkel des Tores stand der +"Gruene Engel", eins der niedersten Gasthaeuser, krumm vor Alter, schmutzig +und uebel beleumdet. Soeben verschwand in dem gewoelbten Gang eine +Frauensperson. Diederich, von jaeher Abenteuerlust gepackt, drang +hinterdrein. Wie sie das roetliche Licht einer Stallaterne durchschreiten +musste, wollte die Person ihr Gesicht, das verschleiert war, auch noch mit +dem Muff bedecken; aber Diederich hatte sie schon erkannt. "Guten Abend, +Fraeulein Zillich!" - "Guten Abend, Herr Doktor!" Und da standen sie beide +mit offenem Munde. Kaethchen Zillich war die erste, die etwas +hervorbrachte, von Kindern, die hier im Hause wohnten, und die sie in die +Sonntagsschule ihres Vaters bringen sollte. Diederich setzte zum Sprechen +an, aber sie redete weiter, immer hastiger. Nein, die Kinder wohnten +eigentlich nicht hier, aber ihre Eltern verkehrten in der Schenke, und die +Eltern durften nichts wissen von der Sonntagsschule, denn sie waren +Sozialdemokraten ... Sie faselte; und Diederich, der zuerst nur an sein +eigenes schlechtes Gewissen gedacht hatte, ward darauf hingewiesen, dass +Kaethchen in einer noch viel verdaechtigeren Lage sei. Er ersparte es sich +also, seine Anwesenheit im "Gruenen Engel" zu erklaeren, und schlug einfach +vor, dann koenne man in der Gaststube auf die Kinder warten. Kaethchen +weigerte sich angstvoll, irgend etwas zu verzehren, aber Diederich +bestellte aus eigener Machtvollkommenheit auch fuer sie Bier. "Prost!" +sagte er, und in seiner Miene lag die ironische Erinnerung daran, dass sie +bei ihrer letzten Zusammenkunft im traulichen Wohnzimmer des Pfarrhauses +sich beinahe verlobt haetten. Kaethchen ward unter ihrem Schleier rot und +blass und verschuettete ihr Bier. Immerfort flatterte sie kraftlos vom Stuhl +auf und wollte fort; aber Diederich hatte sie hinter den Tisch in die Ecke +geschoben und sass breit davor. "Nun muessen die Kinder aber gleich kommen!" +sagte er gutmuetig. Statt ihrer kam Jadassohn: ploetzlich stand er da und +sah versteinert aus. Auch die beiden anderen regten sich nicht. "Also +doch!" dachte Diederich. Jadassohn schien etwas Aehnliches zu denken; +keiner der Herren fand Worte. Kaethchen begann wieder von Kindern und +Sonntagsschulen. Sie sprach flehend und weinte fast. Jadassohn hoerte ihr +mit Missbilligung zu, er liess sogar die Bemerkung fallen, gewisse +Geschichten seien ihm zu verwickelt, - und er blickte inquisitorisch auf +Diederich. + +"Im Grunde", versetzte Diederich, "ist es doch einfach. Fraeulein Zillich +sucht hier nach Kindern, und wir beide helfen ihr." + +"Ob sie eins kriegt, kann man nicht wissen", ergaenzte Jadassohn +schneidend; da sagte Kaethchen: "Und von wem auch nicht." + +Die Herren setzten die Glaeser hin. Kaethchen hatte es aufgegeben zu weinen, +sie schob sogar den Schleier hinauf und sah mit merkwuerdig hellen Augen +von einem zum andern. Ihre Stimme hatte etwas Offenes, Unverbluemtes +bekommen. "Na ja, wenn Sie nun doch mal beide da sind", setzte sie hinzu, +indes sie aus Jadassohns Dose eine Zigarette nahm; und dann leerte sie auf +einen Zug den Kognak, der vor Diederich stand. Jetzt war es an Diederich, +nach Fassung zu ringen. Jadassohn schien nicht unbekannt mit Kaethchens +anderem Gesicht. Die beiden fuhren fort, Doppelsinnigkeiten auszutauschen, +bis Diederich sich gegen Kaethchen entruestete. "Heute lernt man Sie aber +gruendlich kennen!" rief er und schlug auf den Tisch. Sofort hatte Kaethchen +ihr Damengesicht zurueck. "Was meinen Sie eigentlich, Herr Doktor?" +Jadassohn ergaenzte: "Ich nehme an, dass Sie der Ehre der Dame nicht zu nahe +treten wollen!" - "Ich meine nur," stammelte Diederich, "so gefaellt +Fraeulein Zillich mir viel besser." Er rollte die Augen vor Ratlosigkeit. +"Neulich, wie wir uns beinahe verlobt haetten, hat sie mir nicht halb so +gefallen." Da lachte Kaethchen los: ein Gelaechter, ganz frei aus dem +Herzen, wie Diederich es auch noch nicht kannte. Ihm ward warm dabei, er +lachte mit, Jadassohn auch, alle drei waelzten sich lachend auf ihren +Stuehlen umher und riefen nach mehr Kognak. + +"Nun muss ich aber gehen," sagte Kaethchen, "sonst kommt Papa vor mir nach +Haus. Er hat Krankenbesuche gemacht; dabei verteilt er immer solche +Bilder." Sie zog zwei bunte Bildchen aus ihrer ledernen Tasche. "Da haben +Sie auch welche." Jadassohn bekam die Suenderin Magdalena, Diederich das +Lamm mit dem Hirten; er war nicht zufrieden. "Ich will auch eine +Suenderin." Kaethchen suchte, fand aber keine mehr. "Also bleibt es bei dem +Schaf", entschied sie, und man zog ab, Kaethchen in der Mitte eingehaengt. +Ruckweise und in weitem Bogen schwenkten alle drei sich durch die schlecht +beleuchtete Gaebbelchenstrasse dahin, wobei sie ein Kirchenlied sangen, das +Kaethchen angestimmt hatte. An einer Ecke erklaerte sie, eilen zu muessen, +und verschwand in der Seitengasse. "Adieu Schaf!" rief sie Diederich zu, +der ihr vergeblich nachstrebte. Jadassohn hielt ihn fest, und ploetzlich +nahm er seine staatserhaltende Stimme an, um Diederich zu ueberzeugen, dass +dies alles nur ein zufaelliger Scherz sei. "Es liegt durchaus nichts +Missverstaendliches vor, das moechte ich feststellen." + +"Ich denke nicht daran, hier etwas misszuverstehen", sagte Diederich. + +"Und wenn ich", fuhr Jadassohn fort, "den Vorzug haette, von der Familie +Zillich fuer eine naehere Verbindung in Aussicht genommen zu sein, dieser +Vorfall wuerde mich keineswegs abhalten. Ich folge nur einer Ehrenpflicht, +wenn ich dies ausspreche." + +Diederich erwiderte: "Ich weiss Ihr korrektes Verhalten voll und ganz zu +wuerdigen." Darauf schlugen die Herren die Absaetze zusammen, schuettelten +einander die Haende und trennten sich. + +Kaethchen und Jadassohn hatten beim Abschied ein Zeichen ausgetauscht; +Diederich war ueberzeugt, sie wuerden sich gleich jetzt wieder im "Gruenen +Engel" zusammenfinden. Er oeffnete den Winterrock, ein Hochgefuehl schwellte +ihn, weil er eine boesartige Falle aufgedeckt und sich streng kommentmaessig +aus der Sache gezogen hatte. Er empfand eine gewisse Achtung und Sympathie +fuer Jadassohn. Auch er selbst wuerde so gehandelt haben! Unter Maennern +verstaendigte man sich. Aber so ein Weib! Kaethchens anderes Gesicht, die +Pfarrerstochter, der unvermutet das entfesselte Weib ins Gesicht gestiegen +war, dies tueckische Doppelwesen, so fremd der Biederkeit, die Diederich am +Grunde seines eigenen Herzens wusste: es erschuetterte ihn wie ein Blick ins +Bodenlose. Er knoepfte den Rock wieder zu. Es gab also noch andere Welten +ausserhalb der buergerlichen, als nur die, worin jetzt der Herr Lauer lebte. + +Schnaufend setzte er sich zum Abendessen. Seine Stimmung schien so +bedrohlich, dass die drei Frauen Schweigen bewahrten. Frau Hessling nahm +ihren Mut zusammen. "Schmeckt es dir nicht, mein lieber Sohn?" Anstatt +einer Antwort herrschte Diederich die Schwestern an. "Mit Kaethchen Zillich +verkehrt ihr nicht mehr!" Da sie ihn ansahen, erroetete er und stiess +drohend aus: "Sie ist eine Verworfene!" Aber sie verzogen nur den Mund; +und auch die furchtbaren Andeutungen, in denen er sich polternd erging, +schienen sie nicht weiter aufzuregen. "Du sprichst wohl von Jadassohn?" +fragte Magda endlich, ganz gelassen. Diederich fuhr zurueck. Sie waren also +eingeweiht und mitverschworen: alle Weiber wahrscheinlich. Auch Guste +Daimchen! Die hatte schon einmal davon angefangen. Er musste sich die Stirn +trocknen. Magda sagte: "Wenn du vielleicht ernste Absichten gehabt hast +bei Kaethchen, uns hast du ja nicht gefragt", worauf Diederich, um sein +Ansehen zu verteidigen, dem Tisch einen Stoss gab, dass alle aufkreischten. +Er verbitte sich derartige Zumutungen, schrie er. Es gebe hoffentlich noch +anstaendige Maedchen. Frau Hessling bat zitternd: "Du brauchst ja nur deine +Schwestern anzusehen, mein lieber Sohn." Und Diederich sah sie wirklich +an; er blinzelte, und er ueberlegte zum erstenmal, nicht ohne Bangen, was +diese beiden weiblichen Wesen, die seine Schwestern waren, bisher wohl mit +ihrem Leben angefangen hatten ... "Ach was," entschied er und richtete +sich stramm auf, "euch zieht man einfach die Kandare fester. Wenn ich eine +Frau habe, die soll sich wundern!" Da die Maedchen einander zulaechelten, +erschrak er, denn er hatte an Guste Daimchen gedacht, und vielleicht +dachten auch sie mit ihrem Laecheln an Guste? Zu trauen war keiner. Er sah +Guste vor sich, weissblond, mit dem dicken, rosigen Gesicht. Ihre +fleischigen Lippen oeffneten sich, sie streckte ihm die Zunge heraus. Das +hatte vorhin Kaethchen Zillich getan, als sie ihm "Adieu Schaf!" zurief, +und Guste, die ihr im Typus so aehnlich war, wuerde mit ausgestreckter Zunge +und in halbbetrunkenem Zustand genau so ausgesehen haben! + +Magda sagte eben: "Kaethchen ist schoen dumm; aber begreiflich ist es ja, +wenn man so lange warten muss und keiner kommt." + +Sofort griff Emmi ein. "Wen meinst du, bitte? Wenn Kaethchen sich mit +irgendeinem Kienast begnuegt haette, wuerde sie wohl auch nicht mehr warten." + +Magda, im Bewusstsein, die Tatsachen fuer sich zu haben, blaehte einfach ihre +Bluse auf und schwieg. + +"Ueberhaupt", Emmi warf die Serviette hin und erhob sich. "Wie kannst du +das gleich glauben, was die Maenner von Kaethchen reden. Das ist +abscheulich, sollen wir denn alle wehrlos sein gegen ihren Klatsch?" +Empoert liess sie sich in der Ecke nieder und begann zu lesen. Magda hob nur +die Schultern - indes Diederich angstvoll und vergeblich nach einem +Uebergang suchte, um zu fragen, ob vielleicht auch Guste Daimchen -? Bei +einer so langen Verlobung -? "Es gibt Situationen," aeusserte er, "wo es +nicht mehr Klatsch ist." Da schleuderte Emmi auch das Buch hin. + +"Und wenn schon! Kaethchen tut, was sie will! Wir Maedchen haben ebensogut +wie ihr das Recht, unsere Individualitaet auszuleben! Die Maenner sollen +froh sein, wenn sie uns dann nachher noch kriegen!" + +Diederich stand auf. "Das will ich in meinem Hause nicht hoeren", sagte er +ernst, und er blitzte Magda so lange an, bis sie nicht mehr lachte. + +Frau Hessling brachte ihm die Zigarre. "Von meinem Diedel weiss ich ganz +genau, dass er so eine niemals heiraten wird;" - sie streichelte ihn +troestend. Er versetzte mit Nachdruck: "Ich kann mir nicht denken, Mutter, +dass ein echter deutscher Mann das jemals getan hat." + +Sie schmeichelte. "O, alle sind nicht so ideal wie mein lieber Sohn. +Manche denken materieller und nehmen mit dem Geld auch mal was in den +Kauf, worueber die Leute reden." Unter seinem gebieterischen Blick +schwatzte sie angstvoll weiter. "Zum Beispiel Daimchen. Gott, nun er ist +tot, und es kann ihm gleich sein, aber seinerzeit hat man doch viel +geredet." Jetzt sahen alle drei Kinder sie fordernd an. "Na ja," erklaerte +sie schuechtern. "Das mit Frau Daimchen und dem Herrn Buck. Guste kam doch +zu frueh." + +Nach diesem Ausspruch musste Frau Hessling sich hinter den Ofenschirm +zurueckziehen, denn alle drei drangen gleichzeitig auf sie ein. "Das ist +das Neueste!" riefen Emmi und Magda. "Also wie war die Geschichte!" +Wogegen Diederich donnernd dem Weiberklatsch Einhalt gebot. "Wenn wir +deinen Maennerklatsch angehoert haben!" riefen die Schwestern und suchten +ihn fortzudraengen von dem Ofenschirm. Die Mutter sah haenderingend in das +Handgemenge. "Ich habe doch nichts gesagt, Kinder! Nur damals sagten es +alle, und der Herr Buck hat der Frau Daimchen doch auch die Mitgift +geschenkt." + +"Also daher!" rief Magda. "So sehen in der Familie Daimchen die Erbonkel +aus! Daher die goldenen Taschen!" + +Diederich verteidigte Gustes Erbschaft. "Sie kommt aus Magdeburg!" + +"Und der Braeutigam?" fragte Emmi. "Kommt der auch aus Magdeburg?" + +Ploetzlich verstummten alle und sahen einander an, wie betaeubt. Dann kehrte +Emmi ganz still auf das Sofa zurueck, sie nahm sogar das Buch wieder auf. +Magda fing an, den Tisch abzuraeumen. Auf den Ofenschirm, hinter dem Frau +Hessling sich duckte, schritt Diederich zu. "Siehst du nun, Mutter, wohin +es fuehrt, wenn man seine Zunge nicht huetet? Du willst doch wohl nicht +behaupten, dass Wolfgang Buck seine eigene Schwester heiratet." Wimmernd +kam es aus der Tiefe: "Ich kann doch nichts dafuer, mein lieber Sohn. Ich +dachte schon laengst nicht mehr an die alte Geschichte, und es ist ja auch +nicht sicher. Kein lebender Mensch weiss mehr etwas." Aus ihrem Buch heraus +warf Emmi dazwischen: "Der alte Herr Buck wird wohl wissen, wo er jetzt +das Geld fuer seinen Sohn holt." Und in das Tischtuch hinein, das sie +faltete, sagte Magda: "Es soll manches vorkommen." Da hob Diederich die +Arme, als habe er die Absicht, den Himmel anzurufen. Rechtzeitig +unterdrueckte er aber das Entsetzen, das ihn uebermannen wollte. "Bin ich +denn hier unter Raeuber und Moerder gefallen?" fragte er sachlich und ging +in strammer Haltung zur Tuer. Dort wandte er sich um. "Ich kann euch +natuerlich nicht hindern, eure feine Wissenschaft in die Stadt +hinauszuposaunen. Was mich betrifft, ich werde erklaeren, dass ich mit euch +nichts mehr zu tun habe. In die Zeitung werde ich es setzen!" Und er ging +ab. + +Er vermied den Ratskeller und bedachte einsam bei Klappsch eine Welt, in +der solche Greuel umgingen. Dagegen war mit kommentmaessigem Verhalten +freilich nicht aufzukommen. Wer den Bucks ihren schaendlichen Raub abjagen +wollte, durfte auch vor starken Mitteln nicht zurueckschrecken. "Mit +gepanzerter Faust", sagte er ernst in sein Bier hinein; und das +Deckelklappen, womit er das vierte Glas herbeirief, klang wie +Schwertgeklirr ... Nach einer Weile verlor seine Haltung an Haerte; +Bedenken kamen. Sein Eingreifen wuerde immerhin bewirken, dass die ganze +Stadt mit den Fingern auf Guste Daimchen zeigte. Kein Mann, der halbwegs +Komment hatte, heiratete solch ein Maedchen noch. Diederichs eigenstes +Empfinden sagte es ihm, seine eingewurzelte Erziehung zur Mannhaftigkeit +und zum Idealismus. Schade! Schade um Gustes dreihundertfuenfzigtausend +Mark, die nun herrenlos und ohne Bestimmung waren. Die Gelegenheit waere +guenstig gewesen, ihnen eine zu geben ... Diederich schuettelte den Gedanken +mit Entruestung ab. Er erfuellte nur seine Pflicht! Ein Verbrechen galt es +zu verhindern. Das Weib mochte dann sehen, wo es blieb im Kampf der +Maenner. Was lag an einem dieser Geschoepfe, die ihrerseits, Diederich hatte +es erfahren, jedes Verrates faehig waren. Nur noch des fuenften Glases +bedurfte es, und sein Entschluss stand fest. + +Beim Morgenkaffee bekundete er ein grosses Interesse fuer die Toiletten der +Schwestern zum Harmonieball. Zwei Tage nur mehr, und noch nichts fertig! +Die Hausschneiderin war so selten zu haben gewesen, sie naehte jetzt bei +Bucks, Tietz', Harnischs und ueberall. Die grosse Inanspruchnahme dieses +Maedchens schien Diederich geradezu mit Bewunderung zu erfuellen. Er erbot +sich, selbst hinzugehen und sie, koste es was es wolle, zur Stelle zu +schaffen. Nicht ohne Muehe gelang es ihm. Zum zweiten Fruehstueck begab er +sich alsdann so geraeuschlos, dass nebenan im Wohnzimmer das Gespraech nicht +gestoert ward. Gerade erging sich die Hausschneiderin in Anspielungen auf +einen Skandal, der bestimmt sei, alles Dagewesene in den Schatten zu +stellen. Die Schwestern schienen ganz ahnungslos, und als endlich Namen +fielen, zeigten sie sich entsetzt und unglaeubig. Frau Hessling beklagte es +am lautesten, dass Fraeulein Gehritz so etwas auch nur denken koenne. Die +Schneiderin beteuerte dagegen, in der ganzen Stadt wisse man es schon. +Soeben komme sie von der Buergermeisterin Scheffelweis, deren Mutter +geradezu verlangt habe, dass ihr Schwiegersohn einschreite! Dennoch machte +es ihr Muehe, die Damen zu ueberzeugen. Diederich hatte den Vorgang eher +umgekehrt erwartet. Er war zufrieden mit den Seinen. Aber hatten denn die +Waende tatsaechlich Ohren gehabt? Man war zu glauben versucht, dass ein +Geruecht, in einem verschlossenen Zimmer ausgebrochen, mit dem Rauch des +Ofens hinaus und ueber die ganze Stadt zog. + +Beruhigt war er trotzdem noch nicht. Er sagte sich, dass das gesunde +Empfinden des arbeitenden Volkes unter Umstaenden ein Faktor sei, den man +billigen und sogar benutzen koenne. Bis zum Mittagessen ging er um Napoleon +Fischer herum: da - es laeutete schon - entstand bei der Satiniermaschine +ein gellendes Geschrei, und Diederich und der Maschinenmeister, die +gleichzeitig hinstuerzten, zogen gemeinsam den Arm einer jungen Arbeiterin +heraus, der von einer Stahlwalze ergriffen worden war. Er troff von +schwarzem Blut, Diederich liess sofort nach dem staedtischen Krankenhaus +telephonieren. Inzwischen, so uebel der Anblick des Armes ihm machte, blieb +er selbst dabei, waehrend der Person ein Notverband angelegt ward. Sie sah +zu, leise wimmernd und mit Augen, weich im Entsetzen, wie ein junges Tier, +das getroffen ist. Diederichs menschenfreundliche Fragen nach ihren +haeuslichen Verhaeltnissen verstand sie nicht. Napoleon Fischer antwortete +fuer sie. Ihr Vater war durchgegangen, die Mutter bettlaegerig; das Maedchen +ernaehrte sich und ihre zwei kleinen Geschwister. Sie war erst vierzehn +Jahre alt. - Das sehe man ihr nicht an, meinte Diederich. Uebrigens seien +die Arbeiterinnen oft genug vor der Maschine gewarnt worden. "Sie hat sich +das Unglueck selbst zuzuschreiben, ich bin zu nichts verpflichtet. Na," +sagte er milder, "nun kommen Sie mal mit, Fischer!" + +Im Kontor schenkte er zwei Kognaks ein. "Das kann man brauchen auf den +Schrecken ... Sagen Sie ehrlich, Fischer, glauben Sie, dass ich zahlen muss? +Die Schutzvorrichtung an der Maschine halten Sie doch wohl fuer genuegend?" +Und da der Maschinenmeister die Achseln zuckte: "Sie wollen sagen, ich +kann es auf einen Prozess ankommen lassen? Das tue ich aber nicht, ich +zahle gleich." + +Napoleon Fischer zeigte verstaendnislos sein grosses gelbes Gebiss, und +Diederich fuhr fort: "Ja, so bin ich. Sie dachten wohl, das koennte bloss +der Herr Lauer? Was den betrifft, so sind Sie ja jetzt durch Ihr eigenes +Parteiblatt ueber seine Arbeiterfreundlichkeit aufgeklaert. Ich lasse mich +freilich nicht wegen Majestaetsbeleidigung einsperren und mache dadurch +meine Arbeiter brotlos; ich suche mir praktischere Mittel aus, um meine +soziale Gesinnung zu bekunden." Er machte eine feierliche Pause. "Und +darum habe ich mich entschlossen, dem Maedchen die ganze Zeit, die es im +Krankenhaus liegt, seinen Lohn weiterzuzahlen. Wieviel ist es denn?" +fragte er rasch. + +"Eine Mark fuenfzig", sagte Napoleon Fischer. + +"Na ja ... Soll sie acht Wochen liegen. Soll sie zwoelf Wochen liegen ... +Ewig natuerlich geht es nicht." + +"Sie ist erst vierzehn", sagte Napoleon Fischer, von unten. "Sie kann +Schadenersatz verlangen." Diederich erschrak, er schnaufte. + +Napoleon Fischer hatte schon wieder sein unbestimmbares Grinsen aufgesetzt +und sah seinem Arbeitgeber auf die Faust, die angstvoll in der Tasche +geballt war. Diederich zog sie hervor. "Nun setzen Sie die Leute von +meinem hochherzigen Entschluss in Kenntnis! Das passt Ihnen wohl nicht in +den Kram? Die Gemeinheiten der Kapitalisten erzaehlt ihr euch natuerlich +lieber. In euren Versammlungen schwingt ihr jetzt wahrscheinlich grosse +Reden ueber Herrn Buck." + +Napoleon Fischer sah verstaendnislos aus, was Diederich nicht beachtete. +"Ich finde es wohl auch nicht eben schoen," fuhr er fort, "wenn jemand +seinen Sohn ausgerechnet das Maedchen heiraten laesst, mit dessen Mutter er +selbst was gehabt hat, und zwar vor der Geburt der Tochter ... Aber -" + +In Napoleon Fischers Gesicht begann es zu arbeiten. + +"Aber!" wiederholte Diederich stark. "Ich waere durchaus nicht +einverstanden, wenn meine Leute sich deswegen den Mund verrenken, und wenn +Sie, Fischer, nun vielleicht die Arbeiter gegen die staedtischen Behoerden +aufhetzen, weil ein Magistratsrat etwas getan hat, was ihm keiner beweisen +kann." Seine Faust schlug entruestet durch die Luft. "Mir hat man schon +nachgesagt, dass ich den Prozess gegen Lauer angezettelt habe. Ich will an +nichts schuld sein, meine Leute sollen sich ruhig halten." + +Seine Stimme ward vertraulicher, er neigte sich naeher zu dem anderen hin. +"Na, und weil ich Ihren Einfluss kenne, Fischer ..." + +Ploetzlich war seine Hand offen, und auf ihrer Flaeche lagen drei grosse +Goldstuecke. + +Napoleon Fischer sah sie und verzerrte das Gesicht, als erblickte er den +Teufel. "Nein!" rief er, "und abermals nein! Meine Ueberzeugung kann ich +nicht verraten! Fuer allen Mammon der Welt nicht!" + +Er hatte rote Augen und kreischte. Diederich wich zurueck; so nahe hatte er +dem Umsturz noch nie ins Gesicht gesehen. "Die Wahrheit muss ans Licht!" +kreischte Napoleon Fischer. "Dafuer werden wir Proletarier sorgen: Das +koennen Sie nicht verhindern, Herr Doktor! Die Schandtaten der besitzenden +Klassen ..." + +Diederich hielt ihm schnell noch einen Kognak hin. "Fischer," sagte er +eindringlich, "das Geld biete ich Ihnen dafuer, dass mein Name in der Sache +nicht genannt wird." Aber Napoleon Fischer wehrte ab; ein hoher Stolz +erschien in seiner Miene. + +"Zeugniszwang, Herr Doktor, ueben wir nicht. Wir nicht. Wer uns mit +Agitationsstoff versorgt, hat nichts zu fuerchten." + +"Dann ist alles in Ordnung", sagte Diederich erleichtert. "Ich wusste +schon, Fischer, dass Sie ein grosser Politiker sind. Und darum, wegen des +Maedchens, ich meine die verunglueckte Arbeiterin -. Ich habe Ihnen soeben +mit meiner Mitteilung ueber die Buckschen Schweinereien einen Gefallen +getan ..." + +Napoleon Fischer grinste geschmeichelt. "Weil Herr Doktor sagen, dass ich +ein grosser Politiker bin ... Ich will von dem Schadenersatz weiter nicht +reden. Intimitaeten aus den ersten Kreisen sind fuer uns doch wichtiger als +-" + +"- als so ein Maedchen", ergaenzte Diederich. "Sie denken immer als +Politiker." + +"Immer", bestaetigte Napoleon Fischer. "Mahlzeit, Herr Doktor." + +Er zog sich zurueck - indes Diederich feststellte, dass die proletarische +Politik ihre Vorzuege habe. Er schob seine drei Goldstuecke wieder in die +Tasche. + + + +Am Abend des naechsten Tages waren alle Spiegel des Hauses im Wohnzimmer +zusammengetragen. Emmi, Magda und Inge Tietz drehten sich dazwischen +umher, bis ihnen die Haelse schmerzten; dann liessen sie sich nervoes auf den +Rand eines Stuhles nieder. "Mein Gott, es ist doch Zeit!" Aber Diederich +war fest entschlossen, nicht wieder zu frueh zu kommen, wie beim Prozess +Lauer. Die ganze Wirkung der Persoenlichkeit ging zum Teufel, wenn man zu +frueh da war. Als sie endlich gingen, entschuldigte Inge Tietz sich +nochmals bei Frau Hessling, dass sie ihr den Platz im Wagen wegnehme. +Nochmals sagte Frau Hessling: "Ach Gott, es ist gern geschehen. Ich alte +Frau bin zu schwach fuer so was Grosses. Geniesst ihr es nur, Kinder!" Und +sie umarmte unter Traenen ihre Toechter, die kuehl abwehrten. Denn sie +wussten, dass die Mutter bloss Angst hatte, weil jetzt ueberall von nichts +weiter gesprochen wurde als von der furchtbaren Klatschgeschichte, an der +sie selbst schuld war. + +Im Wagen fing Inge gleich wieder davon an. "Na, Bucks und Daimchens! +Gespannt bin ich bloss, ob sie heute die edle Dreistigkeit haben und da +sind." Magda sagte ruhig: "Das muessen sie wohl. Sonst geben sie ja zu, dass +es wahr ist." - "Wennschon", erklaerte Emmi. "Ich finde, dass das ihre Sache +ist. Ich rege mich darueber nicht auf." - "Ich auch nicht", setzte +Diederich hinzu. "Ich habe es eigentlich erst heute abend von Ihnen +gehoert, Fraeulein Tietz." + +Hierueber geriet Inge Tietz ausser sich. So leicht duerfe man den Skandal +denn doch nicht nehmen. Ob er glaube, dass sie sich das Ganze ausgedacht +habe. "Die Bucks haben schon laengst Butter auf dem Kopf wegen der Sache: +das wissen ihre eigenen Dienstboten." - "Also Dienstbotenklatsch", sagte +Diederich, waehrend er einen kleinen Stoss erwiderte, den Magda ihm mit dem +Knie gab. Dann musste man schon aussteigen und die Stufen hinuntergehen, +die den neuen Teil der Kaiser-Wilhelm-Strasse mit der tief gelegenen alten +Riekestrasse verbanden. Diederich fluchte; denn es begann zu regnen, die +Ballschuhe wurden nass; auch standen vor dem Festlokal Proleten, die +feindselig gafften. Haette man nicht, als der ganze Stadtteil hoeher gelegt +wurde, auch dieses Geruempel niederreissen koennen? Das historische +Harmoniehaus hatte erhalten werden sollen - als ob die Stadt nicht die +Mittel gehabt haette, in zentraler Lage ein modernes, erstklassiges +Gesellschaftsgebaeude zu bauen. In dem alten Kasten roch es ja nach Moder! +Und gleich beim Eingang kicherten immer die Damen, weil eine Statue der +Freundschaft dastand, die zwar eine hohe Peruecke, aber sonst nichts +anhatte. "Vorsicht," sagte Diederich auf der Treppe, "sonst brechen wir +ein." Denn die beiden duennen Bogen der Treppe griffen durch die Luft wie +zwei vom Alter abgemagerte Arme. Das braune Rosa ihres Holzes war blass +geworden. Droben aber, wo sie sich vereinigten, laechelte auf dem Gelaender +aus seinem blanken Marmorgesicht noch immer der bezopfte Buergermeister, +der dies alles der Stadt hinterlassen hatte und der ein Buck gewesen war. +Diederich sah ungnaedig an ihm vorbei. + +In der tiefen Spiegelgalerie war es ganz still; eine einzelne Dame nur +hielt sich dahinten auf, sie schien durch einen Tuerspalt in den Festsaal +zu spaehen - und ploetzlich wurden die Maedchen von Entsetzen ergriffen: die +Vorstellung hatte begonnen! Magda stuerzte durch die Galerie und brach in +Weinen aus. Da drehte die Dame sich um, mit dem Finger auf den Lippen. Es +war Frau von Wulckow, die Dichterin. Sie laechelte erregt und fluesterte: +"Es geht gut, mein Stueck gefaellt. Sie kommen gerade rechtzeitig, Fraeulein +Hessling, gehen Sie nur und kleiden sich um." Ach ja! Emmi und Magda hatten +erst im zweiten Akt zu tun. Auch Diederich hatte den Kopf verloren. Indes +die Schwestern mit Inge Tietz, die ihnen helfen sollte, durch die +Nebenraeume nach der Garderobe eilten, stellte er sich der Praesidentin vor +und blieb ratlos stehen. "Jetzt duerfen Sie nicht hinein, es wuerde stoeren", +sagte sie. Diederich stammelte Entschuldigungen, und dann rollte er die +Augen, wobei er zwischen den gemalten Ranken der halb erblindeten +Wandspiegel seinem geheimnisvoll blassen Abbild begegnete. Der zartgelbe +Lack der Waende zeigte launische Spruenge, und auf den Panneaus starben die +Farben der Blumen und Gesichter ... Frau von Wulckow schloss eine kleine +Tuer, durch die jemand einzutreten schien, eine Schaeferin mit ihrem +bebaenderten Stab. Sie schloss die Tuer ganz vorsichtig, damit nur die +Vorstellung nicht gestoert werde, aber es flog doch ein wenig Staub auf, +als sei es Puder aus dem Haar der gemalten Schaeferin. + +"Dies Haus ist so romantisch", fluesterte Frau von Wulckow. "Finden Sie +nicht auch, Herr Doktor? Wenn man sich hier im Spiegel sieht, glaubt man +einen Reifrock anzuhaben" - worauf Diederich, immer ratloser, ihr +Haengekleid ansah. Die entbloessten Schultern waren hohl und nach vorn +gebogen, die Haare von slawischem Weissblond, und Frau von Wulckow trug +einen Zwicker. + +"Sie passen hier glaenzend herein, Frau Praesidentin ... Frau Graefin", +verbesserte er und sah sich mit einem Laecheln belohnt fuer seine kuehne +Schmeichelei. Nicht jeder wuerde Frau von Wulckow so treffsicher daran +erinnert haben, dass sie eine geborene Graefin Zuesewitz war! + +"Tatsaechlich", bemerkte sie, "sollte man kaum glauben, dass dies Haus +seinerzeit nicht fuer eine wirklich vornehme Gesellschaft gebaut worden +ist, sondern nur fuer die guten Netziger Buerger." Sie laechelte nachsichtig. + +"Ja, das ist komisch", bestaetigte Diederich mit einem Kratzfuss. "Aber +heute koennen sich zweifellos nur Frau Graefin hier ganz zu Hause fuehlen." + +"Sie haben gewiss Sinn fuer das Schoene", vermutete Frau von Wulckow; und da +Diederich es bestaetigte, erklaerte sie, dann duerfe er den ersten Akt doch +nicht ganz versaeumen, sondern muesse durch den Tuerspalt sehen. Sie selbst +trat schon laengst von einem Fuss auf den anderen. Sie wies mit dem Faecher +nach der Buehne. "Herr Major Kunze wird gleich abgehen. Er ist ja nicht +besonders gut, aber was wollen Sie, er sitzt im Vorstand der Harmonie und +hat den Leuten die kuenstlerische Bedeutung meines Werkes erst zum +Verstaendnis gebracht." Indes Diederich den Major unschwer wiedererkannte, +denn er hatte sich gar nicht veraendert, erlaeuterte die Dichterin ihm mit +fliegender Gelaeufigkeit die Vorgaenge. Das junge Bauernmaedchen, mit dem +Kunze sich unterhielt, war seine natuerliche Tochter, also eine +Grafentochter, weshalb das Stueck denn auch "Die heimliche Graefin" hiess. +Gerade klaerte Kunze sie, baerbeissig wie immer, ueber diesen Umstand auf. +Auch eroeffnete er ihr, er werde sie mit einem armen Vetter verheiraten und +ihr die Haelfte seiner Besitztuemer vererben. Hierueber herrschte, als er +abgegangen war, laute Freude bei dem Maedchen und ihrer Pflegemutter, der +braven Paechtersfrau. + +"Wer ist denn die schreckliche Person?" fragte Diederich, bevor er es +bedacht hatte. Frau von Wulckow war erstaunt. + +"Es ist doch die komische Alte vom Stadttheater. Wir hatten sonst niemand +fuer die Rolle; aber meine Nichte spielt ganz gern mit ihr." + +Und Diederich erschrak; mit der schrecklichen Person hatte er die Nichte +gemeint. "Das Fraeulein Nichte ist ganz reizend", beteuerte er schnell und +blinzelte entzueckt nach dem dicken roten Gesicht, das gleich auf den +Schultern sass - und es waren Wulckows Schultern! "Talent hat sie aber +auch", setzte er der Sicherheit wegen hinzu. Frau von Wulckow wisperte: +"Passen Sie nur auf" - und da kam aus der Kulisse Assessor Jadassohn. +Welch eine Ueberraschung! Er hatte ganz neue Buegelfalten und trug in seinem +imposant geschweiften Cutaway eine riesenhafte Plastronkrawatte mit einem +roten Funkelstein von entsprechendem Umfang. Aber so sehr der Stein auch +funkelte, Jadassohns Ohren ueberstrahlten ihn. Da sein Kopf frisch +geschoren und sehr platt war, standen die Ohren frei heraus und +beleuchteten wie zwei Lampen seine festliche Pracht. Er spreizte die gelb +behandschuhten Haende, als plaedierte er fuer viele Jahre Zuchthaus; und +tatsaechlich sagte er der Nichte, die geradezu konsterniert schien, und der +heulenden komischen Alten die peinlichsten Dinge ... Frau von Wulckow +wisperte: "Er ist ein schlechter Charakter." + +"Und ob", sagte Diederich mit Ueberzeugung. + +"Kennen Sie denn mein Stueck?" + +"Ach so. Nein. Aber ich sehe schon, was er will." + +Naemlich Jadassohn der der Sohn und Erbe des alten Grafen Kunze war, hatte +gelauscht und war durchaus nicht gesonnen, die Haelfte seiner ihm von Gott +verliehenen Besitztuemer an die Nichte abzutreten. Er verlangte +gebieterisch, dass sie augenblicklich das Feld raeume; widrigenfalls er sie +als Erbschleicherin verhaften und Kunze entmuendigen lassen werde. + +"Das ist eine Gemeinheit", bemerkte Diederich. "Sie ist doch seine +Schwester." Die Dichterin erklaerte ihm: + +"Nun ja. Aber andererseits hat er recht, wenn er ein Fideikommiss aus den +Guetern machen will. Er arbeitet eben fuer das ganze Geschlecht, mag auch +der einzelne zu kurz kommen. Fuer die heimliche Graefin ist das natuerlich +tragisch." + +"Wenn man es recht bedenkt -", Diederich war hocherfreut. Dieser +aristokratische Gesichtspunkt kam auch ihm selbst zustatten, wenn er keine +Neigung fuehlte, Magda bei ihrer Verheiratung am Geschaeft zu beteiligen. + +"Frau Graefin, Ihr Stueck ist erstklassig", sagte er, durchdrungen. Aber da +zog Frau von Wulckow ihn angstvoll am Arm: im Publikum entstanden +Geraeusche, es scharrte, schnupfte sich aus und kicherte. "Er uebertreibt", +stoehnte die Dichterin. "Ich habe es ihm immer gesagt." + +Denn Jadassohn fuehrte sich wirklich unerhoert auf. Die Nichte samt der +komischen Alten klemmte er hinter den Tisch ein und fuellte mit den +tobenden Bekundungen seiner graeflichen Persoenlichkeit die ganze Buehne. Je +mehr das Haus ihn missbilligte, desto herausfordernder lebte er dort oben +sich aus. Jetzt zischte man sogar; ja, mehrere wandten sich nach der Tuer +um, hinter der Frau von Wulckow bebte, und zischten. Vielleicht geschah es +nur, weil die Tuer kreischte - aber die Dichterin fuhr zurueck, sie verlor +den Zwicker und tastete in hilflosem Entsetzen durch die Luft, bis +Diederich ihn ihr zurueckbrachte. Er versuchte, sie zu troesten. "Es hat +nichts zu sagen, Jadassohn geht doch hoffentlich bald ab?" Sie horchte +durch die geschlossene Tuer. "Ja, Gott sei Dank", plapperte sie, und die +Zaehne schlugen ihr aufeinander. "Jetzt ist er fertig, jetzt flieht meine +Nichte mit der komischen Alten, und dann kommt Kunze wieder mit dem +Leutnant, wissen Sie." + +"Ein Leutnant spielt auch mit?" fragte Diederich achtungsvoll. + +"Ja, das heisst, er ist noch auf dem Gymnasium, er ist ein Sohn des Herrn +Landgerichtsdirektors Sprezius: der arme Verwandte, wissen Sie, den der +alte Graf seiner Tochter zum Mann geben will. Er verspricht dem Alten, dass +er die heimliche Graefin in der ganzen Welt suchen wird." + +"Sehr begreiflich", sagte Diederich. "Es liegt in seinem eigenen +Interesse." + +"Sie werden sehen, er ist ein edler Mensch." + +"Aber Jadassohn, wenn ich mir die Bemerkung erlauben darf, Frau Graefin, +den haetten Sie nicht mitspielen lassen sollen", sagte Diederich +vorwurfsvoll und mit heimlicher Genugtuung. "Schon wegen der Ohren." + +Frau von Wulckow sagte niedergeschlagen: + +"Ich dachte nicht, dass sie auf der Buehne so wirken wuerden. Glauben Sie +nun, dass es ein Misserfolg wird?" + +"Frau Graefin!" Diederich legte die Hand auf das Herz. "Ein Stueck wie die +'heimliche Graefin' ist nicht so leicht Umzubringen!" + +"Nicht wahr? Es kommt beim Theater doch wohl auf die kuenstlerische +Bedeutung an." + +"Gewiss. Freilich, so ein Paar Ohren haben auch viel Einfluss" - und +Diederich machte ein bedenkliches Gesicht. + +Frau von Wulckow rief flehend aus: + +"Wo doch der zweite Akt noch viel besser ist! Er spielt in einer protzigen +Fabrikantenfamilie, und die heimliche Graefin dient dort als Stubenmaedchen. +Dann ist da ein Klavierlehrer, kein feiner Mensch, eine der Toechter hat er +sogar gekuesst, und nun macht er der Graefin einen Heiratsantrag, den sie +natuerlich weit von sich weist. Ein Klavierlehrer! Wie koennte sie!" + +Diederich bestaetigte, es sei ausgeschlossen. + +"Aber nun sehen Sie, wie tragisch: die Tochter, die sich von dem +Klavierlehrer hat kuessen lassen, verlobt sich auf einem Ball mit einem +Leutnant, und wie der Leutnant ins Haus kommt, da ist es derselbe +Leutnant, der -" + +"O Gott, Frau Graefin!" Diederich streckte schuetzend die Haende vor, ganz +erregt durch so viele Verwicklungen. "Wie kommen Sie nur auf all die +Geschichten?" + +Die Dichterin laechelte leidenschaftlich. + +"Ja, naemlich das ist das Interessanteste: Nachher weiss man es nicht mehr. +Es geht so geheimnisvoll zu im Gemuet! Manchmal denke ich mir, ich muss es +geerbt haben." + +"Haben Sie denn so viele Dichter in Ihrer werten Familie?" + +"Das nicht. Aber wenn nicht mein grosser Vorfahre die Schlacht bei +Kroechenwerda gewonnen haette, wer weiss, ob ich die 'heimliche Graefin' +geschrieben haben wuerde. Es kommt schliesslich immer auf das Blut an!" + +Bei dem Namen der Schlacht machte Diederich einen Kratzfuss, und er wagte +nichts mehr zu fragen. + +"Jetzt muss gleich der Vorhang fallen", sagte Frau von Wulckow. "Hoeren Sie +etwas?" + +Er hoerte nichts; nur fuer die Dichterin gab es nicht Tuer noch Waende. "Jetzt +schwoert der Leutnant der fernen Graefin die ewige Treue", fluesterte sie. +"So"; und alles Blut wich ihr aus dem Gesicht. Gleich darauf schoss es +heftig zurueck; man klatschte: nicht stuermisch; aber man klatschte. Die Tuer +ward von drinnen geoeffnet. Dort hinten rollte nochmals der Vorhang hinauf, +und da der junge Sprezius und die Wulckowsche Nichte hervorkamen, ward der +Beifall lebhafter. Ploetzlich schnellte aus der Kulisse Jadassohn, pflanzte +sich vor die beiden und machte Miene, den Erfolg einzuheimsen - worauf +gezischt ward. Frau von Wulckow wandte sich entruestet ab. Der +Schwiegermutter des Buergermeisters Scheffelweis und der Landgerichtsraetin +Harnisch, die ihr Glueck wuenschten, erklaerte sie: "Herr Assessor Jadassohn +ist als Staatsanwalt unmoeglich. Ich werde es meinem Mann sagen." + +Die Damen gaben den Ausspruch sofort weiter und hatten viel Erfolg damit. +Ploetzlich war die Spiegelgalerie voll von Gruppen, die ueber Jadassohns +Ohren herfielen. "Die Praesidentin hat recht wacker gedichtet; nur +Jadassohns Ohren -." Als man hoerte, dass Jadassohn im zweiten Akt nicht +mehr wiederkomme, war man doch enttaeuscht. Wolfgang Buck ging mit Guste +Daimchen auf Diederich zu. "Haben Sie gehoert?" fragte er. "Jadassohn soll +eine Amtshandlung vornehmen und seine Ohren konfiszieren." Diederich sagte +missbilligend: "Ich mache keine Witze, wenn es jemandem schlecht geht." Und +dabei ueberwachte er eifrig die Blicke, die Buck und seine Begleiterin +trafen. Alle Mienen lebten auf, wenn sie die beiden erblickten; Jadassohn +war vergessen. Vom Ausgang trug die duenne Schreistimme des Professor +Kuehnchen etwas durch den Wirrwarr, das klang wie "Affenschande". Da die +Pastorin Zillich ihm beschwichtigend die Hand auf den Arm legte, wandte er +sich her, und jetzt verstand man es deutlich: "Eine ausgewachsene +Affenschande ist es!" + +Guste sah sich um; sie bekam Schlitzaugen. "Dort sprechen sie auch davon", +sagte sie geheimnisvoll. + +"Wovon?" stammelte Diederich. + +"Wir wissen schon. Und wer es aufgebracht hat, weiss ich auch." + +Hier brach Diederich der Schweiss aus. "Was haben Sie denn?" fragte Guste. +Buck, der durch die Seitentuer nach dem Buefett schielte, sagte +phlegmatisch: + +"Hessling ist ein vorsichtiger Politiker, er hoert nicht gern mit an, dass +der Buergermeister zwar einerseits ein guter Ehemann ist, aber andererseits +auch seiner Schwiegermutter nichts abschlagen kann." + +Sofort ward Diederich dunkelrot. + +"Das ist eine Gemeinheit! Wie kann jemand sich solch eine Gemeinheit +ausdenken!" + +Guste kicherte heftig. Buck blieb unbewegt. "Erstens scheint es Tatsache +zu sein, denn die Frau Buergermeister hat die beiden ueberrascht und sich +einer Freundin anvertraut. Dann aber lag es ja auf der Hand." + +Guste brachte hervor: "Na Sie, Herr Doktor, waeren natuerlich nie darauf +gekommen." Dabei blinzelte sie verliebt ihrem Verlobten zu. Diederich +blitzte. "Aha!" sagte er stramm. "Jetzt weiss ich freilich genug." Und er +drehte ihnen den Ruecken. Sie erfanden also selbst Gemeinheiten, noch dazu +ueber den Buergermeister! Diederich durfte den Kopf hoch tragen. Er stiess zu +der Gruppe Kuehnchens, die sich nach dem Buefett hin bewegte und ein +Kielwasser von sittlicher Entruestung hinterliess. Die Schwiegermutter des +Buergermeisters schwur mit rotem Gesicht, "diese Gesellschaft" werde ihr +Haus kuenftig nur noch von aussen sehen, und mehrere Damen schlossen sich +ihrem Vorsatz an, trotz Abraten des Warenhausbesitzers Herrn Cohn, der bis +auf weiteres alles in Zweifel zog, weil eine derartige sittliche +Entgleisung bei einem bewaehrten alten Liberalen wie dem Herrn Buck ganz +ausgeschlossen erscheine. Professor Kuehnchen war vielmehr der Meinung, dass +ein zu weit gehender Radikalismus auch die Moral gefaehrde. Selbst Doktor +Heuteufel, der doch die Sonntagsfeiern fuer freie Menschen veranstaltete, +machte die Bemerkung, an Familiensinn, man koenne auch sagen Nepotismus, +habe es dem alten Buck niemals gefehlt. "Beispiele dafuer liegen Ihnen +allen auf der Zunge. Und dass er jetzt, um das Geld in der Familie zu +erhalten, sich anschickt, seine unehelichen Kinder mit seinen ehelichen zu +verheiraten, das, meine Herrschaften, wuerde ich aerztlich als greisenhafte +Ausschreitung einer frueher noch beherrschten Naturanlage diagnostizieren." +Hierbei bekamen die Damen erschreckte Gesichter, und die Pastorin Zillich +schickte ihr Kaethchen in die Garderobe nach ihrem Schnupftuch. + +Auf ihrem Wege kam Kaethchen an Guste Daimchen vorbei, aber sie begruesste +sie nicht, sondern schlug die Augen nieder; da machte Guste ein betretenes +Gesicht. Am Buefett bemerkte man es und aeusserte Missbilligung, vermischt mit +Mitleid. Guste musste nun eben erfahren, was es hiess, sich ueber die +oeffentliche Moral hinwegzusetzen. Mochte ihr zugebilligt werden, dass sie +vielleicht getaeuscht und schlecht beeinflusst sei: Frau Oberinspektor +Daimchen aber, die wusste doch wohl Bescheid, und sie war gewarnt! Die +Schwiegermutter des Buergermeisters berichtete von ihrem Besuch bei Gustes +Mutter und von ihren vergeblichen Anstrengungen, durch Anklopfen ein +Gestaendnis hervorzulocken aus der verhaerteten alten Frau, der eine +legitime Verbindung mit dem Hause Buck wohl einen Jugendtraum erfuellte!... + +"Na, und der Herr Rechtsanwalt Buck!" kreischte Kuehnchen. Tatsaechlich, wen +wollte dieser Herr glauben machen, dass er ueber die neue Schande, die seine +Familie traf, nicht genau unterrichtet sei? Waren ihm die Verbrechen im +Hause Lauer etwa unbekannt gewesen? Und doch sah man ihn nicht zoegern, die +schmutzige Waesche seiner Schwester und seines Schwagers oeffentlich vor +Gericht auszubreiten, nur um von sich reden zu machen! Doktor Heuteufel, +den es noch immer draengte, seine eigene Haltung im Prozess nachtraeglich zu +verbessern, erklaerte: "Das ist kein Verteidiger, das ist ein Komoediant!" +Und als Diederich zu bedenken gab, Buck habe nun einmal gewisse, wenn auch +anfechtbare Ueberzeugungen in Politik und Moral, da ward ihm erwidert: +"Herr Doktor, Sie sind sein Freund. Dass Sie fuer ihn eintreten, spricht zu +Ihren Gunsten, aber Sie machen uns nichts weiss;" - worauf Diederich sich +zurueckzog, mit bekuemmerter Miene, aber nicht ohne einen Blick auf den +Redakteur Nothgroschen, der bescheiden an einer Schinkensemmel kaute und +alles hoerte. + +Ploetzlich entstand eine Stille, denn drinnen, nahe der Buehne, erblickte +man den alten Herrn Buck in einem Kreis junger Maedchen. Es schien, er +erklaerte ihnen die Malereien an den Waenden, das Leben von ehemals, das +verblichen und heiter den ganzen Saal umgab, mit dem Umkreis der Stadt, +wie sie gewesen war, mit verschwundenen Wiesen und Gaerten und den Menschen +allen, laermend einst als Herren hier in diesem Festhaus, nun aber in +hingetaeuschte Tiefen gebannt vor dem Geschlecht, das eben jetzt laermte ... +Jetzt sah es gar aus, als ahmten sie, die Maedchen und der Alte, den +Figuren nach. Gerade ueber ihnen war das Burgtor abgebildet, und ein Herr +in Peruecke und Amtskette trat heraus, derselbe, der aus Marmor zu Haeupten +der Treppe stand. In dem lieblichen Gehoelz voller Blumen aber, das damals +wohl dort, statt der Papierfabrik Gausenfeld, geblueht hatte, tanzten ihm +helle Kinder entgegen, warfen einen Kranz ueber ihn und wollten ihn damit +umherdrehen. Der Widerschein von rosigen kleinen Wolken fiel auf sein +glueckliches Gesicht. So gluecklich laechelte in diesem Augenblick auch der +alte Buck, liess sich von den Maedchen hin und her ziehen und war von ihnen +gefangen, wie in einem lebenden Kranz. Seine Sorglosigkeit war +unbegreiflich, sie war aufreizend. Hatte er schon sein Gewissen bis zu dem +Grade abgestumpft, dass er seine natuerliche Tochter -: "_Unsere_ Toechter +sind eben doch keine natuerlichen Kinder", sagte Frau Warenhausbesitzer +Cohn. "Meine Sidonie mit Guste Daimchen Arm in Arm!"... Buck und seine +jungen Freundinnen merkten gar nicht, dass sie sich am Ende eines leeren +Raumes befanden. Vorn bildete feindliches Publikum eine Mauer; die Augen +fingen zu funkeln an, und der Mut wuchs. "Die Familie ist die laengste Zeit +obenauf gewesen! Einen haben sie schon in der Vogtei, gleich kommt Nummer +zwei!"... "Das ist ja der reinste Rattenfaenger!" murrte es; und drueben: +"Ich sehe es nicht noch laenger mit an!" Jaeh entrangen sich zwei Damen dem +allgemeinen Druck, nahmen einen Anlauf und durchkreuzten den leeren Raum. +Frau Rat Harnisch, die in ihrer roten Samtschleppe dahinkugelte, traf am +Ziel puenktlich auf die gelbe Frau Cohn, mit demselben Griff bemaechtigte +die eine sich ihrer Sidonie, die andere ihrer Meta, und welch eine +Genugtuung, als sie wieder anlangten! "Ich war einer Ohnmacht nahe", sagte +die Pastorin Zillich, da nun gottlob auch Kaethchen sich einfand. + +Die gute Laune kehrte zurueck, man scherzte ueber den alten Suender und +verglich ihn mit dem Grafen im Stueck der Praesidentin. Freilich, Guste war +keine heimliche Graefin; in einer Dichtung konnte man, der Praesidentin zu +gefallen, mit solchen Zustaenden sympathisieren. Uebrigens waren sie dort +noch ertraeglich, denn die Graefin sollte nur ihren Vetter heiraten, waehrend +Guste -! + +Der alte Buck, der niemand mehr um sich sah, als seine kuenftige +Schwiegertochter und eine seiner Nichten, bekam eine fragende Miene; ja, +unter den Blicken, die ihn in seiner Verlassenheit musterten, ward er +sichtlich verlegen. Man machte einander darauf aufmerksam; - und Diederich +sogar fragte sich, ob Frau Hesslings alte Skandalgeschichte denn etwa gar +wahr sei? Da er das Phantom, das er selbst in die Welt geschickt hatte, +hier einen Koerper annehmen und immer drohender um sich greifen sah, war +ihm selber bange geworden. Diesmal galt es nicht irgendeinem Lauer, es +galt dem alten Herrn Buck, der ehrwuerdigsten Figur aus Diederichs +Kindertagen, dem grossen Mann der Stadt, der Verkoerperung ihres +Buergersinnes, dem zum Tode Verurteilten von Achtundvierzig! Im eigenen +Herzen fuehlte Diederich ein Straeuben gegen sein Unterfangen. Auch schien +es Wahnwitz; ein Streich wie dieser zerschmetterte den Alten noch laengst +nicht. Kam es aber heraus, wer der Urheber war, dann musste Diederich +darauf gefasst sein, dass alle sich gegen ihn wendeten ... Gleichwohl blieb +es ein Streich, und er hatte getroffen. Jetzt war es nicht mehr bloss die +Familie, die broeckelte und an dem Alten als Last hing: der Bruder vor dem +Bankerott, der Schwiegersohn im Gefaengnis, die Tochter auf Reisen mit +einem Liebhaber, und von den Soehnen einer verbauert, der andere verdaechtig +durch Gesinnung und Lebensfuehrung, - jetzt schwankte er, zum ersten Male, +selbst. Herunter mit ihm, damit Diederich hinaufkam! Trotzdem war es +Diederich bange bis in den Leib hinein, er machte sich auf, um die +Nebenraeume zu besuchen. + +Er lief, denn es klingelte schon zum zweiten Akt: da stiess er mit der +Schwiegermutter des Buergermeisters zusammen, die es aus einem anderen +Grund ebenso eilig hatte. Sie kam gerade noch rechtzeitig, um zu +verhindern, dass ihr Schwiegersohn, gelenkt von seiner Frau, sich auf den +alten Buck zu bewege und ihn mit seiner Autoritaet decke. "Mit deiner +Autoritaet als Buergermeister, einen solchen Skandal!" Sie war heiser vor +Aufregung. Die Frau aber mit ihrer grellen kleinen Stimme blieb dabei, die +Bucks seien nun einmal die feinsten Leute hier, und noch gestern habe +Milli Buck ihr ein fabelhaftes Schnittmuster gegeben. Mit versteckten +Pueffen trieb jede ihn nach ihrer Seite; er gab ihnen abwechselnd recht, +seine blassen Bartkotelettes flohen nach links und nach rechts, und er +hatte Augen wie ein Hase. Die Voruebergehenden stiessen einander an und +wiederholten fluesternd als einen Witz, was Diederich durch Wolfgang Buck +wusste. Angesichts so wichtiger Vorgaenge vergass er seine Leibschmerzen, +blieb stehen und beschrieb einen herausfordernden Gruss. Der Buergermeister +gab sich Haltung, verliess seine Damen, er streckte Diederich die Hand hin. +"Mein lieber Doktor Hessling, es freut mich, das ist einmal ein gelungenes +Fest, wie?" + +Aber Diederich zeigte sich gar nicht geneigt, auf die nichtssagende +Herzlichkeit einzugehen, die Doktor Scheffelweis so sehr liebte. Er +richtete sich auf wie das Verhaengnis und blitzte. + +"Herr Buergermeister, ich fuehle mich nicht berechtigt, Sie im unklaren zu +lassen ueber gewisse Dinge, die -" + +"Die?" fragte Doktor Scheffelweis, erbleicht. + +"Die vorgehen", sagte Diederich nicht ohne Haerte. Der Buergermeister bat um +Erbarmen. "Ich weiss doch schon. Es ist die fatale Geschichte mit unserem +allverehrten - ich wollte sagen, die Schweinerei des alten Buck", +fluesterte er vertraulich. Diederich blieb kalt. + +"Es ist mehr. Sie duerfen sich nicht laenger taeuschen, Herr Buergermeister: +es betrifft Sie selbst." + +"Junger Mann, ich muss doch bitten ..." + +"Ich stehe Ihnen zur Verfuegung, Herr Buergermeister!" + +Doktor Scheffelweis irrte, wenn er hoffte, dieser Kelch sei durch +Aufbegehren besser abzuwenden als durch Flehen! Er war in Diederichs Hand; +die Spiegelgalerie hatte sich geleert, auch die beiden Damen verschwanden +dahinten im Gedraenge. + +"Buck und Genossen fuehren einen Gegenschlag", sagte Diederich sachlich. +"Sie sind entlarvt und raechen sich." + +"An mir?" Der Buergermeister huepfte auf. + +"Verleumdungen, ich wiederhole: infame Verleumdungen werden gegen Sie +gerichtet. Kein Mensch wuerde sie glauben, aber in diesen Zeiten der +politischen Kaempfe -" + +Er beendete nicht, sondern hob die Schultern. Doktor Scheffelweis war +sichtlich kleiner geworden. Er wollte Diederich ansehen, irrte aber ab. Da +bekam Diederich die Stimme des Gerichts. + +"Herr Buergermeister! Sie erinnern sich an unsere erste Unterredung in +Ihrem Hause, mit Herrn Assessor Jadassohn. Ich habe Sie schon damals +darauf vorbereitet, dass ein neuer Geist in die Stadt einziehen werde. Die +schlappe demokratische Gesinnung hat abgewirtschaftet! Stramm national muss +man heut sein! Sie waren gewarnt!" + +Doktor Scheffelweis stand Rede. + +"Ich war innerlich schon immer auf Ihrer Seite, lieber Freund: um so mehr, +als ich ein besonderer Verehrer Seiner Majestaet bin. Unser herrlicher +junger Kaiser ist ein so origineller Denker ... impulsiv ... und ..." + +"Die persoenlichste Persoenlichkeit", ergaenzte Diederich streng. + +Der Buergermeister sprach nach: "Persoenlichkeit ... Aber ich in meiner +Stellung, die nach beiden Seiten blickt, kann Ihnen auch heute nur +wiederholen: Schaffen Sie neue Tatsachen!" + +"Und mein Prozess? Ich habe die Feinde Seiner Majestaet glatt +zerschmettert!" + +"Ich habe Ihnen nichts in den Weg gelegt. Ich habe Sie sogar +beglueckwuenscht." + +"Mir nicht bekannt." + +"Wenigstens im stillen." + +"Heute muss man sich offen entscheiden, Herr Buergermeister. Seine Majestaet +haben es selbst gesagt: wer nicht fuer mich ist, ist wider mich! Unsere +Buerger sollen endlich aus dem Schlummer erwachen und bei der Bekaempfung +der umwaelzenden Elemente selbst mit Hand anlegen!" + +Hier schlug Doktor Scheffelweis die Augen nieder. Um so gebieterischer +reckte sich Diederich. + +"Wo aber bleibt der Buergermeister?" fragte er, und seine Frage klang in +einer drohenden Stille so lange nach, bis Doktor Scheffelweis sich +entschloss, ihn anzublinzeln. Zum Sprechen brachte er es nicht; Diederichs +Erscheinung, blitzend, gestraeubt und blond gedunsen, verschlug ihm die +Rede. In fliegender Verwirrung dachte er: "Einerseits - andererseits" - +und blinzelte immerfort das Bild der neuen Jugend an, die wusste, was sie +wollte, den Vertreter der harten Zeit, die nun kam! + +Diederich, mit herabgezogenen Mundwinkeln, nahm die Huldigung entgegen. Er +genoss einen der Augenblicke, in denen er mehr bedeutete als sich selbst, +und im Geiste eines Hoeheren handelte. Der Buergermeister war laenger als er, +aber Diederich sah auf ihn hinunter, als haette er gethront. "Naechstens +haben wir Stadtverordnetenwahlen: da kommt es nun ganz auf Sie an", +aeusserte er gnaedig und knapp. "Der Prozess Lauer hat einen Umschwung der +oeffentlichen Meinung bewirkt. Die Leute haben Angst vor mir. Wer mir +behilflich sein will, ist mir willkommen; wer sich mir entgegenstellt -" + +Den Nachsatz wartete Doktor Scheffelweis nicht ab. "Ich bin ganz Ihrer +Meinung," fluesterte er beflissen, "Freunde des Herrn Buck duerfen nicht +mehr gewaehlt werden." + +"Das liegt in Ihrem eigensten Interesse. Bei den Schlechtgesinnten +untergraebt man Ihren guten Ruf, Herr Buergermeister! Koennten Sie es heute +ueberleben, dass die Gutgesinnten den abscheulichen Verleumdungen nicht mehr +widersprechen?" Eine Pause, in der Doktor Scheffelweis zitterte; dann +wiederholte Diederich, ermutigend: "Es kommt nur auf Sie an." - Der +Buergermeister murmelte: "Ihre Energie und anstaendige Gesinnung in Ehren -" + +"Meine hochanstaendige Gesinnung!" + +"Freilich ... Aber Sie sind ein politischer Heisssporn, mein junger Freund. +Die Stadt ist noch nicht reif fuer Sie. Wie wollen Sie mit ihr fertig +werden?" + +Statt einer Antwort trat Diederich ploetzlich zurueck und machte einen +Kratzfuss. Im Eingang stand Wulckow. + +Er kam herbei unter elastischem Schwenken des Bauches, legte seine +schwarze Tatze dem Doktor Scheffelweis auf die Schulter und sagte +droehnend: "Na, Buergermeisterchen, so solo hier? Ihre Stadtverordneten +haben Sie wohl hinausgeworfen?" - worauf Doktor Scheffelweis bleich +mitlachte. Aber Diederich sah sich heftig besorgt nach der Saaltuer um, die +noch offen stand. Er trat vor Wulckow hin, so dass der Praesident von +drinnen nicht zu sehen war, und fluesterte ihm einige Worte zu, infolge +deren der Praesident sich abwandte und seine Kleider ordnete. Dann sagte er +zu Diederich: "Sie sind wirklich sehr brauchbar, Doktorchen." + +Diederich laechelte geschmeichelt. "Ihre Anerkennung, Herr Praesident, macht +mich gluecklich." + +Wulckow aeusserte gnaedig: "Sie koennen gewiss auch sonst noch allerlei. Wir +muessen mal drueber reden." Er streckte den Kopf vor, braunfleckig, mit +slawischen Backenknochen, und glotzte Diederich an aus den Mongolenfalten +seiner Augen, die voll einer warmbluetigen, schalkhaften Gewaltsamkeit +waren: - glotzte, bis Diederich schnaufte. Dieser Erfolg schien Wulckow zu +befriedigen. Er buerstete vor dem Spiegel seinen Bart, zerdrueckte ihn aber +sogleich wieder auf dem Frackhemd, weil er den Kopf wie ein Stier trug, +und sagte: "Nu los! Der Klimbim ist wohl schon im Gange?" Und in der Mitte +zwischen Diederich und dem Buergermeister schickte er sich an, mit Wucht +die Vorstellung zu stoeren: da kam vom Buefett her eine duenne Stimme: + +"Ach Gott, Ottochen!" + +"Na, da ist sie", brummte Wulckow, und er ging seiner Frau entgegen. +"Dachte mir schon, wenn es zum Klappen kommt, scheut sie. Mehr +Reitergeist, meine beste Frieda!" + +"Ach Gott, Ottochen, ich habe nun mal solche grauenhafte Angst." Zu den +beiden anderen Herrn gewandt plauderte sie gelaeufig, wenn auch bebend. +"Ich weiss wohl, man sollte freudigeren Herzens in die Schlacht gehen." + +"Besonders," sagte Diederich schlagfertig, "wenn sie im voraus gewonnen +ist." Und er verneigte sich ritterlich. Frau von Wulckow beruehrte ihn mit +dem Faecher. + +"Herr Doktor Hessling hat mir naemlich schon waehrend des ersten Aktes hier +draussen Gesellschaft geleistet. Er hat Sinn fuer das Schoene, er gibt einem +sogar nuetzliche Winke." + +"Hab' ich gemerkt", sagte Wulckow; und indes Diederich abwechselnd ihm und +seiner Frau dankerfuellte Kratzfuesse machte, setzte der Praesident hinzu: +"Bleiben wir lieber gleich beim Buefett." + +"Das war auch mein Schlachtplan", plauderte Frau von Wulckow. "Um so mehr, +als ich jetzt festgestellt habe, dass man hier eine kleine Tuer nach dem +Saal oeffnen kann. So erfreut man sich der von den Ereignissen unberuehrten +Isoliertheit, die ich nun einmal brauche, und bleibt dennoch _au fait_." + +"Buergermeisterchen," sagte Wulckow und schnalzte, "den Hummersalat sollten +Sie sich auch kaufen." Er zog Doktor Scheffelweis am Ohr und setzte hinzu: +"In der Sache mit dem staedtischen Arbeitsnachweis hat der Magistrat mal +wieder eine jammervolle Rolle gespielt." + +Der Buergermeister ass gehorsam und hoerte gehorsam zu - indes Diederich +neben Frau von Wulckow nach der Buehne ausspaehte. Dort hatte Magda Hessling +Klavierstunde, und der Lehrer, ein dunkellockiger Virtuose, kuesste sie +feurig, was sie nicht uebel zu vermerken schien. "Kienast duerfte das nicht +sehen", dachte Diederich, aber auch im eigenen Namen fuehlte er sich +gekraenkt. Er aeusserte: + +"Finden Frau Graefin nicht doch, dass der Klavierlehrer zu naturalistisch +spielt?" + +Die Dichterin erwiderte befremdet: "Ganz so lag es in meiner Intention." + +"Ich meinte auch nur", sagte Diederich unsicher - und dann erschrak er, +denn in der Tuer erschien Frau Hessling oder eine Dame, die ihr aehnlich sah. +Emmi kam auch, und das Paar war ertappt, man schrie und weinte. Um so +lauter sprach Wulckow. + +"Nee, Buergermeister. Auf den alten Buck koennen Sie sich diesmal nicht +'rausreden. Wenn er damals den staedtischen Arbeitsnachweis durchgedrueckt +hat: die Anwendung tut es, die ist Ihre Sache." + +Doktor Scheffelweis wollte etwas vorbringen, aber Magda schrie, sie denke +nicht daran, den Menschen zu heiraten, dafuer sei das Dienstmaedchen gut +genug. Die Dichterin bemerkte: + +"Das muss sie noch ordinaerer bringen. Es sind doch Parvenues." + +Und Diederich laechelte zustimmend, obwohl er arg betreten war durch diese +Zustaende in einem Heim, das dem seinen glich. Innerlich gab er Emmi recht, +die erklaerte, der Skandal muesse sogleich aus der Welt geschafft werden, +und die das Dienstmaedchen hereinrief. Aber wie das Maedchen sich zeigte, +verdammt, da war es die heimliche Graefin! In die Stille, die ihr Auftreten +bewirkte, toente Wulckows Bassstimme. + +"Bleiben Sie mir mal weg mit dem Schwindel von Ihren sozialen Pflichten. +Die Landwirtschaft ruinieren soll sozial sein?" + +Im Publikum wandten mehrere sich um; die Dichterin wisperte angstvoll: +"Ottochen, um Gottes willen!" + +"Was ist denn los?" Er trat in die Tuer. "Nun sollen sie mal zischen!" + +Niemand zischte. Er wandte sich wieder dem Buergermeister zu: + +"Mit Ihrem Arbeitsnachweis ziehen Sie unsereinem, der im Osten beguetert +ist, die Arbeiter fort, das ist mal sicher. Und ferner: Sie haben sogar +Vertreter der Arbeiter in Ihrem miserablen Arbeitsnachweis - und dabei +vermitteln Sie auch fuer die Landwirtschaft. Wohin steuern Sie also? Nach +der Koalition der Landarbeiter. Sehen Sie wohl, Buergermeisterchen?" Seine +Tatze fiel auf Doktor Scheffelweis' nachgiebige Schulter. "Wir kommen +Ihnen hinter die Schliche. Wird nicht geduldet!" + +Auf der Buehne sprach die Wulckowsche Nichte ins Publikum, denn die +Fabrikantenfamilie durfte nichts hoeren. + +"Wie? Ich, ein Grafenkind, einen Klavierlehrer heiraten? Das sei ferne von +mir. Wenn die Leute mir auch eine Ausstattung versprechen, fuer Geld moegen +andere sich erniedrigen. Ich aber weiss, was ich meiner edlen Geburt +schuldig bin!" + +Hier ward applaudiert. Frau Harnisch und Frau Tietz sah man Traenen +fortwischen, die der Edelsinn der Graefin ihnen hatte entquellen lassen. +Aber die fortgewischten Traenen kamen wieder, als die Nichte sagte: + +"Doch ach! Wo finde ich als Dienstmaedchen einen ebenso Hochgeborenen." + +Der Buergermeister musste eine Erwiderung gewagt haben, denn Wulckow +grollte: "Dafuer, dass es weniger Arbeitslose gibt, will ich nicht bluten. +Mein Geld ist mein Geld." + +Da konnte Diederich sich nicht laenger enthalten, ihm mit einem Kratzfuss zu +danken. Aber auch die Dichterin bezog mit Recht seinen Kratzfuss auf sich. + +"Ich weiss," sagte sie, selbst geruehrt, "die Stelle ist mir gelungen." + +"Das ist Kunst, die zum Herzen spricht", stellte Diederich fest. Da Magda +und Emmi das Klavier und die Tueren zuschlugen, ergaenzte er: "Und +hochdramatisch." Hierauf nach der anderen Seite: + +"Naechste Woche werden zwei Stadtverordnete gewaehlt fuer Lauer und Buck +junior. Gut, dass der von selbst geht." Wulckow sagte: "Dann sorgen Sie nur +dafuer, dass anstaendige Leute 'reinkommen. Sie sollen ja mit der 'Netziger +Zeitung' gut stehen." + +Diederich daempfte vertraulich die Stimme. "Ich halte mich vorlaeufig noch +zurueck, Herr Praesident. Fuer die nationale Sache ist es besser." + +"Sieh mal an", sagte Wulckow; und wirklich sah er Diederich durchdringend +an. "Sie moechten sich wohl selbst waehlen lassen?" fragte er. + +"Ich wuerde das Opfer bringen. Unsere staedtischen Koerperschaften haben zu +wenig Mitglieder, die in nationaler Beziehung zuverlaessig sind." + +"Und was wollen Sie machen, wenn Sie drin sind?" + +"Dafuer sorgen, dass der Arbeitsnachweis aufhoert." + +"Na ja," sagte Wulckow, "als nationaler Mann." + +"Ich als Offizier," sagte auf der Buehne der Leutnant, "kann nicht dulden, +liebe Magda, dass dieses Maedchen, wenn es auch nur eine arme Dienstmagd +ist, irgendwie misshandelt wird." + +Der Leutnant aus dem ersten Akt, der arme Vetter, der die heimliche Graefin +haette heiraten sollen, er war Magdas Verlobter! Man fuehlte die Zuschauer +vor Spannung beben. Die Dichterin bemerkte es selbst. "Die Erfindung ist +aber auch meine starke Seite", sagte sie zu Diederich, der tatsaechlich +verbluefft war. Doktor Scheffelweis hatte keine Zeit, sich den Emotionen +der dramatischen Dichtung zu ueberlassen; er sah sich gefaehrdet. + +"Niemand", beteuerte er, "wuerde freudiger einen Geist -" Wulckow +unterbrach ihn. + +"Kennen wir, Buergermeisterchen. Freudig begruessen koennen Sie, wenn's nichts +kostet." + +Diederich setzte hinzu: "Aber einen glatten Strich ziehen zwischen +Kaisertreuen und Umsturz!" + +Der Buergermeister hob flehend die Arme. "Meine Herren! Verkennen Sie mich +nicht, ich bin zu allem bereit. Aber mit dem Strich ist nicht geholfen, +denn bei uns hier bedeutet er bloss, dass fast alle, die nicht freisinnig +waehlen, sozialdemokratisch waehlen." + +Wulckow stiess ein wuetendes Grunzen aus, worauf er sich eine Wurst vom +Buefett langte. Diederich war es, der eiserne Zuversicht bekundete. + +"Wenn die guten Wahlen nicht von selbst kommen, muessen sie eben gemacht +werden!" + +"Aber womit?" sagte Wulckow. + +Die Wulckowsche Nichte ihrerseits rief ins Publikum: + +"Er muss doch sehen, dass ich eine Graefin bin, er, der demselben edlen +Stamme entsprossen ist!" + +"Oh! Frau Graefin!" sagte Diederich. "Jetzt bin ich wirklich neugierig, ob +er es sieht." + +"Selbstverstaendlich", erwiderte die Dichterin. "Sie erkennen einander doch +schon an den besseren Manieren." + +In der Tat warfen der Leutnant und die Nichte sich Blicke zu, weil Emmi +und Magda samt Frau Hessling einen Kaese mit dem Messer assen. Diederich +behielt den Mund offen. Im Publikum bewirkte das ungebildete Betragen der +Fabrikantenfamilie die freudigste Stimmung. Die Toechter Buck, Frau Cohn +und Guste Daimchen, alle jubelten. Auch Wulckow ward aufmerksam; er sog +sich das Fett von den Fingern und sagte: + +"Frieda, du bist fein 'raus, sie lachen." + +Wirklich bluehte die Dichterin erstaunlich auf. Ihre Augen hinter dem +Zwicker glaenzten wirr, sie seufzte, ihr Busen wallte, es hielt sie nicht +laenger auf ihrem Stuhl. Sie wagte sich halb heraus aus dem Buefettzimmer; +sofort wandten viele sich nach ihr um, mit neugierigen Gesichtern, und die +Schwiegermutter des Buergermeisters gab ihr Zeichen. Frau von Wulckow rief +fieberhaft ueber die Schulter: + +"Meine Herren, die Schlacht ist gewonnen!" + +"Wenn es bei uns auch so schnell ginge", sagte ihr Gatte. "Na, also, +Doktor, wie wollen Sie den Netzigern die Kandare anlegen?" + +"Herr Praesident!" Diederich drueckte die Hand aufs Herz. "Netzig wird +kaisertreu, dafuer buerge ich Ihnen mit allem, was ich bin und habe!" + +"Schoen", sagte Wulckow. + +"Denn", fuhr Diederich fort, "wir haben einen Agitator, den ich als +erstklassig bezeichnen moechte: jawohl, erstklassig", wiederholte er und +umfasste mit dem Wort alles Grosse; "und das ist Seine Majestaet selbst!" + +Doktor Scheffelweis sammelte sich eilig. "Die persoenlichste +Persoenlichkeit", brachte er hervor. "Originell. Impulsiv." + +"Na ja", sagte Wulckow. Er stemmte die Faeuste auf die Knie und glotzte +dazwischen auf den Boden, in der Haltung eines sorgenvollen +Menschenfressers. Auf einmal merkten die beiden anderen, dass er sie von +unten schief ansah. + +"Meine Herren" - er stockte wieder - "na, ich will Ihnen mal was sagen. +Ich glaube, der Reichstag wird aufgeloest." + +Diederich und Doktor Scheffelweis streckten die Koepfe vor, sie wisperten. +"Herr Praesident wissen -?" + +"Der Kriegsminister war neulich mit mir auf der Jagd, bei meinem Vetter +Herrn von Quitzin." + +Diederich machte einen Kratzfuss. Er stammelte, er wusste selbst nicht was. +Er hatte es vorausgesagt! Schon bei seiner Aufnahme in den Kriegerverein +hatte er eine Rede Seiner Majestaet wiedergegeben, - und hatte er sie nur +wiedergegeben? Darin kam ausdruecklich vor: "Ich raeume die ganze Bude aus!" +Und nun sollte es geschehen, ganz so, als handelte er selbst. Es ueberlief +ihn mystisch ... Wulckow sagte inzwischen: + +"Die Herren Eugen Richter und Konsorten passen uns nicht mehr. Wenn sie +die Militaervorlage nicht schlucken, ist Schluss"; - und Wulckow strich sich +mit der Faust ueber den Mund, als beginne das Fressen. + +Diederich fasste sich. "Das ist - das ist grosszuegig! Das ist ganz sicher +die persoenliche Initiative Seiner Majestaet!" Doktor Scheffelweis war +erbleicht. "Dann sind schon wieder Reichstagswahlen? Und ich war so froh, +dass wir unseren bewaehrten Abgeordneten hatten ..." Er erschrak noch mehr. +"Das heisst, natuerlich, Kuehlemann ist auch ein Freund des Herrn +Richter ..." + +"Ein Noergler!" schnaubte Diederich. "Ein vaterlandsloser Geselle!" Er +rollte die Augen. "Herr Praesident! Diesmal ist es aus in Netzig mit den +Leuten. Lassen Sie mich nur erst Stadtverordneter sein, Herr +Buergermeister!" "Was dann?" fragte Wulckow. Diederich wusste es nicht. +Gluecklicherweise entstand im Saal ein Zwischenfall; Stuehle wurden gerueckt, +und jemand liess sich die grosse Tuer oeffnen: Kuehlemann selbst war es. Der +Greis schleppte seine schwere kranke Masse eilig durch die Spiegelgalerie. +Am Buefett fand man, seit dem Prozess sei er noch mehr verfallen. + +"Er haette Lauer lieber freigesprochen, die anderen Richter haben ihn +ueberstimmt", sagte Diederich. Doktor Scheffelweis meinte: "Nierensteine +fuehren wohl schliesslich zur Aufloesung." Worauf Wulckow humoristisch: "Na, +und im Reichstag sind wir seine Nierensteine." + +Der Buergermeister lachte gefaellig. Aber Diederich riss die Augen auf. Er +naeherte sich dem Ohr des Praesidenten und raunte: + +"Sein Testament!" + +"Was ist damit?" + +"Er hat die Stadt zum Erben eingesetzt", erklaerte Doktor Scheffelweis +wichtig. "Wahrscheinlich bauen wir von dem Geld ein Saeuglingsheim." + +"Bauen Sie?" Diederich feixte verachtungsvoll. "Einen nationaleren Zweck +koennen Sie sich wohl nicht denken?" + +"Ach so." Wulckow nickte Diederich anerkennend zu. "Wieviel Pinke hat er +denn?" + +"Eine halbe Million wenigstens", sagte der Buergermeister, und er +beteuerte: "Ich waere gluecklich, wenn es zu machen waere, dass -" + +"Es ist glatt zu machen", behauptete Diederich. + +Da hoerte man draussen im Saal ein Lachen, das ganz verschieden klang von +dem vorigen. Es kam aus ungehemmter Brust und drueckte sicherlich +Schadenfreude aus. Auch zog die Dichterin sich fluchtartig bis hinter das +Buefett zurueck; ja, sie schien bereit, hineinzukriechen. "Grundguetiger +Gott!" wimmerte sie. "Alles ist verloren." "Nanu?" machte ihr Gatte und +stellte sich drohend in die Tuer. Aber selbst dieses konnte die Heiterkeit +nicht mehr aufhalten. Magda hatte zu der Graefin gesagt: "Spute dich, du +dumme Landpomeranze, dass der Herr Leutnant den Kaffee kriegt." Eine andere +Stimme verbesserte "Tee", Magda wiederholte "Kaffee", die andere blieb bei +ihrer Meinung und Magda auch. Das Publikum hatte erfasst, dass ein +Missverstaendnis zwischen ihr und der Souffleuse vorlag. Uebrigens griff der +Leutnant mit Glueck ein, er schlug die Sporen aneinander und sagte: "Ich +bitte um beides" - worauf das Lachen einen nachsichtigeren Charakter +annahm. Aber die Dichterin war empoert. "Das Publikum! Es ist und bleibt +eine Bestie!" knirschte sie. + +"Schiefgehen kann es immer", sagte Wulckow - und blinzelte Diederich an. + +Diederich erwiderte ebenso bedeutsam: "Wenn man einander versteht, Herr +Praesident, dann nicht." + +Hierauf hielt er es fuer besser, sich ganz der Dichterin und ihrem Werk zu +widmen. Mochte der Buergermeister inzwischen seine Freunde verraten und +sich fuer die Wahlen auf alle Wuensche Wulckows verpflichten! + +"Meine Schwester ist eine Gans", erklaerte Diederich. "Ich werde ihr +nachher die Meinung sagen!" + +Frau von Wulckow laechelte wegwerfend. "Das arme Ding, sie tut, was sie +kann. Von seiten der Leute aber ist es wahrhaftig eine unertraegliche +Arroganz und Undankbarkeit. Noch soeben hat man sie erhoben und fuer das +Ideale begeistert!" + +Diederich sagte durchdrungen: "Frau Graefin, diese bittere Erfahrung machen +Sie nicht allein. So ist es ueberall im oeffentlichen Leben." Denn er dachte +an die allgemeinen Hochgefuehle damals nach seinem Zusammenstoss mit dem +Majestaetsbeleidiger und an die Pruefungen, die dann gefolgt waren. +"Schliesslich triumphiert doch die gute Sache!" stellte er fest. + +"Nicht wahr?" sagte sie mit einem Laecheln, das wie aus Wolken brach. "Das +Gute, Wahre, Schoene." + +Sie reichte ihm die schmale Rechte; "ich glaube, mein Freund, wir +verstehen uns" - und Diederich, des Augenblicks bewusst, drueckte kuehn die +Lippen darauf, mit einem Kratzfuss. Er legte die Hand an das Herz und +brachte gepresst aus der Tiefe: "Glauben Sie mir, Frau Graefin ..." + +Die Nichte und der junge Sprezius waren jetzt allein geblieben, hatten +sich als erniedrigte Graefin und armer Vetter erkannt, wussten nun, dass sie +einander bestimmt waren, und schwaermten gemeinsam von kuenftigem Glanz, +wenn sie unter goldener Decke mit anderen Ausgezeichneten, demuetig stolz, +von der Sonne der Majestaet beschienen sein wuerden ... Da hoerte Diederich +die Dichterin aufseufzen. + +"Ihnen kann ich es sagen", seufzte sie. "Ich entbehre hier doch sehr den +Hof. Wenn man, wie ich, von Geburt dem Hofadel angehoert -. Und nun -." + +Hinter ihrem Zwicker sah Diederich zwei Traenen perlen. Dieser Blick in die +Tragik der Grossen erschuetterte ihn so sehr, dass er strammstand. "Frau +Graefin!" sagte er, verhalten und stossweise. "Die heimliche Graefin sind +also -" Er erschrak und schwieg. + +Die bleiche Stimme des Buergermeisters war eben dabei, dem Praesidenten zu +verraten, dass Kuehlemann nicht wieder kandidieren werde, und dass die +Freisinnigen den Doktor Heuteufel aufstellen wollten. Er war mit Wulckow +darin einig, dass man Gegenmassregeln treffen muesse, solange noch niemand +die Aufloesung des Reichstages erwartete ... + +Diederich wagte endlich wieder, leise und schonend: + +"Frau Graefin, aber, nicht wahr, es wird alles gut? Sie kriegen sich doch?" + +Frau von Wulckow, mit Takt und Selbstbeherrschung, schraenkte die +Vertraulichkeit des Gefuehls schon wieder ein. In leichtem Plauderton +erklaerte sie: + +"Mein Gott, lieber Doktor, was wollen Sie, die leidige Geldfrage! Es ist +wohl unmoeglich, dass die jungen Leute zusammen gluecklich werden." + +"Sie koennen doch prozessieren!" rief Diederich, in seinem Rechtsgefuehl +gekraenkt. Aber Frau von Wulckow verzog die Nase. "_Fi donc!_ Das wuerde zur +Folge haben, dass der junge Graf, also Jadassohn, seinen Vater entmuendigen +liesse. Im dritten Akt, den Sie noch sehen werden, droht er dem Leutnant +damit in einer Szene, die mir, glaube ich, gelungen ist. Soll der Leutnant +das auf sich nehmen? Und die Zerstueckelung des Familienbesitzes? In Ihren +Kreisen ginge es vielleicht. Aber bei uns ist eben manches nicht moeglich." + +Diederich verneigte sich. "Dort oben herrschen natuerlich Begriffe, die +sich unserem Urteil entziehen. Und dem der Gerichte wohl auch", setzte er +hinzu. Die Dichterin laechelte milde. + +"Sehen Sie, und so verzichtet der Leutnant ganz korrekterweise auf die +heimliche Graefin und heiratet die Fabrikantentochter." + +"Magda?" + +"Jawohl. Und die heimliche Graefin den Klavierlehrer. So wollen es die +hoeheren Maechte, lieber Herr Doktor, denen wir -" ihre Stimme verdunkelte +sich ein wenig - "uns nun einmal zu beugen haben." + +Diederich hatte noch einen Zweifel, aeusserte ihn aber nicht. Der Leutnant +haette die heimliche Graefin auch ohne Geld heiraten sollen, es wuerde +Diederich tief befriedigt haben in seinem weichen und idyllischen Herzen. +Aber ach! diese harte Zeit dachte anders. + + + +Der Vorhang fiel, das Publikum entrang sich langsam seiner Ergriffenheit, +dann spendete es um so waermeren Beifall dem Dienstmaedchen und dem +Leutnant, die, es liess sich leider voraussehen, das schwere Geschick, +nicht hoffaehig zu sein, wohl noch laenger wuerden tragen muessen. + +"Es ist wirklich ein Elend!" seufzten Frau Harnisch und Frau Cohn. + +Beim Buefett sagte Wulckow, am Ende seiner Beratungen mit dem +Buergermeister: + +"Wir bringen der Bande noch Gesinnung bei!" + +Dann liess er seine Tatze schwer auf Diederichs Schulter fallen. "Na, +Doktorchen, hat meine Frau Sie schon zum Tee geladen?" + +"Selbstverstaendlich, und kommen Sie recht bald!" Die Praesidentin hielt ihm +die Hand zum Kuss hin, und Diederich entfernte sich beglueckt. Wulckow +selbst wollte ihn wiedersehen! Mit Diederich zusammen wollte er Netzig +erobern! + +Indes die Praesidentin in der Spiegelgalerie Cercle hielt und Glueckwuensche +entgegennahm, bearbeitete Diederich die Stimmung. Heuteufel, Cohn, +Harnisch und noch einige andere Herren erschwerten es ihm, denn sie gaben, +wenn auch vorsichtig, zu verstehen, dass sie das Ganze fuer Quatsch hielten. +Diederich war genoetigt, ihnen Andeutungen ueber den durchaus grosszuegigen +dritten Akt zu machen, damit sie verstummten. Dem Redakteur Nothgroschen +diktierte er ausfuehrlich, was er von der Dichterin wusste, denn +Nothgroschen musste fort, die Zeitung sollte in Druck gehen. "Wenn Sie aber +Bloedsinn schreiben, Sie Zeilenschinder, schlag' ich Ihnen Ihren Wisch um +die Ohren!" - worauf Nothgroschen dankte und sich empfahl. Professor +Kuehnchen seinerseits, der gehorcht hatte, ergriff Diederich bei einem +Knopf und kreischte: "Sie, mein Bester! Eens haetten Se nu aber unserm +Klatschdirektor ooch noch erzaehlen koennen!" Der Redakteur, der sich nennen +hoerte, kehrte zurueck, und Kuehnchen fuhr fort: "Naemlich, dass die herrliche +Schoepfung unserer allverehrten Praesidentin schon mal ist vorausgeahnt +worden, und zwar von keinem Geringeren als von unserem Altmeister Goethe +in seiner Natuerlichen Tochter. Nun, und das ist denn doch wohl das +Hoechste, was sich zum Ruhme der Dichterin sagen laesst!" + +Diederich hatte Bedenken ueber die Zweckmaessigkeit von Kuehnchens Entdeckung, +fand es aber unnoetig, sie ihm mitzuteilen. Der kleine Greis strebte schon, +mit flatternden Haaren, durch das Gedraenge; schon sah man, wie er vor Frau +von Wulckow den Boden scharrte und ihr das Ergebnis seiner vergleichenden +Forschung vortrug. Freilich, ein Fiasko, wie er es erlitt, hatte auch +Diederich nicht vorausgesehen. Die Dichterin sagte eiskalt: "Was Sie da +bemerken, Herr Professor, kann nur auf Verwechselung beruhen. Ist die +Natuerliche Tochter ueberhaupt von Goethe?" fragte sie und ruempfte +misstrauisch die Nase. Kuehnchen beteuerte es, aber es half ihm nichts. + +"Jedenfalls haben Sie in der Zeitschrift 'Das traute Heim' einen Roman von +mir gelesen, und den habe ich nun dramatisiert. Meine Schoepfungen sind +saemtlich Originalarbeiten. Die Herren -" sie musterte den Kreis - "wollen +boeswilligen Geruechten entgegentreten." + +Damit war Kuehnchen entlassen, trat ab und schnappte nach Luft. Diederich +erinnerte ihn, im Ton eines geringschaetzigen Erbarmens, an Nothgroschen, +der mit seiner gefaehrlichen Information schon von dannen war; und Kuehnchen +stuerzte hinterdrein, um das Schlimmste zu verhueten. + +Wie Diederich den Kopf wandte, hatte im Saal das Bild sich veraendert: +nicht nur die Praesidentin, auch der alte Buck hielt Cercle. Es war +erstaunlich, aber man lernte die Menschen kennen. Sie ertrugen es nicht, +dass sie vorhin ihren Instinkten freien Lauf gelassen hatten; mit +beteuerndem Gesicht machte einer nach dem anderen sich an den Alten heran +und wollte es nicht gewesen sein. So gross war, noch nach schweren +Erschuetterungen, die Macht des Bestehenden, von alters her Anerkannten! +Diederich selbst fand es angezeigt, nicht in auffaelliger Weise hinter der +Mehrheit zurueckzubleiben. Nachdem er sich vergewissert hatte, dass Wulckow +schon fort war, machte er seine Aufwartung. Der Alte sass eben allein in +dem Polstersessel, der fuer ihn ganz vorn bei der Buehne stand; er liess +seine weisse Hand merkwuerdig zart ueber die Lehne haengen und blickte zu +Diederich hinauf. + +"Da sind Sie, mein lieber Hessling. Ich habe es oft bedauert, dass Sie nicht +kamen" - ganz schlicht und nachsichtig. Diederich fuehlte sofort wieder +Traenen heraufsteigen. Er gab ihm die Hand hin, freute sich, dass der Herr +Buck sie ein wenig laenger in der seinen behielt, und stammelte etwas von +Geschaeften, Sorgen und "um ehrlich zu sein" - denn ein jaehes Beduerfnis +nach Ehrlichkeit erfasste ihn - von Bedenken und Hemmungen. + +"Es ist schoen von Ihnen," sagte darauf der Alte, "dass Sie mich das nicht +nur erraten lassen, sondern es mir eingestehen. Sie sind jung und handeln +wohl unter den Antrieben, denen die Geister heute gehorchen. In die +Unduldsamkeit des Alters will ich nicht verfallen." + +Da schlug Diederich die Augen nieder. Er hatte verstanden: dies war die +Verzeihung fuer den Prozess, der dem Schwiegersohn des Alten die buergerliche +Ehre gekostet hatte; und ihm ward schwuel unter so viel Milde - und so viel +Nichtachtung. Der Alte freilich sagte: + +"Ich achte den Kampf und kenne ihn zu gut, um jemand zu hassen, der gegen +die Meinen kaempft." Worauf Diederich, von Furcht ergriffen, dies moechte zu +weit fuehren, sich aufs Leugnen verlegte. Er wisse selbst nicht -. Man +komme in Sachen hinein -. Der Alte erleichterte es ihm. "Ich weiss: Sie +suchen und haben sich selbst noch nicht gefunden." + +Er tauchte seinen weissen Knebelbart in die seidene Halsbinde. Als er ihn +wieder hervorholte, begriff Diederich, dass etwas Neues kam. + +"Sie haben das Haus hinter dem Ihren nun doch nicht gekauft", sagte der +Herr Buck. "Ihre Plaene haben sich wohl geaendert?" + +Diederich dachte: "Er weiss alles", und sah schon seine heimlichsten +Berechnungen enthuellt. + +Der Alte laechelte schlau und guetig. "Sollten Sie etwa Ihre Fabrik zunaechst +verlegen und erst dann erweitern wollen? Ich koennte mir denken, dass Sie +Ihr Grundstueck zu verkaufen wuenschen und nur auf eine gewisse Gelegenheit +warten - die auch ich in Betracht ziehe", setzte er hinzu, und mit einem +Blick: "Die Stadt hat vor, ein Saeuglingsheim zu errichten." + +"Alter Hund!" dachte Diederich. "Er spekuliert auf den Tod seines besten +Freundes!" Gleichzeitig aber kam ihm die Erleuchtung, was er Wulckow +vorzuschlagen habe, um Netzig zu erobern!... Er schnaufte. + +"Durchaus nicht, Herr Buck. Mein vaeterliches Erbstueck geb' ich nicht her!" + +Da nahm der Alte nochmals seine Hand. "Ich bin kein Versucher", sagte er. +"Ihre Pietaet ehrt Sie." + +"Esel", dachte Diederich. + +"So werden wir uns eben ein anderes Terrain suchen. Ja, vielleicht werden +Sie dabei mitwirken. Uneigennuetzigen Gemeinsinn, lieber Hessling, lassen +wir uns nicht entgehen - auch nicht, wenn er einen Augenblick in falscher +Richtung zu wirken scheint." + +Er stand auf. + +"Wollen Sie Stadtverordneter werden, so haben Sie meine Unterstuetzung." + +Diederich starrte, ohne zu begreifen. Die Augen des Alten waren blau und +tief, und er bot Diederich eben das Ehrenamt an, um das Diederich seinen +Schwiegersohn gebracht hatte. Sollte man nun ausspucken oder sich +verkriechen? Diederich zog es vor, die Absaetze zusammenzuschlagen und +korrekt seinen Dank abzustatten. + +"Sie sehen," erwiderte der Alte, "der Gemeinsinn schlaegt Bruecken von jung +und alt und sogar bis zu denen, die nicht mehr da sind." + +Er fuehrte die Hand im Halbkreis ueber die Waende und ueber das Geschlecht von +einst, das verblichen und heiter aus ihrer gemalten Tiefe trat. Er +laechelte den jungen Maedchen in Reifroecken zu und zugleich auch einer +seiner Nichten und Meta Harnisch, die voruebergingen. Als er das Gesicht +dem alten Buergermeister zuwendete, der zwischen Blumen und Kindern aus dem +Stadttor schritt, bemerkte Diederich die grosse Aehnlichkeit der beiden. Der +alte Buck wies auf den und jenen aus der gemalten Versammlung. + +"Von dem da hab' ich viel gehoert. Diese Dame kannte ich noch. Sieht der +Geistliche nicht aus wie Pastor Zillich? Nein, unter uns kann es keine +ernstliche Entfremdung geben, wir sind einander seit langem verpflichtet +zum guten Willen und gemeinsamen Fortschritt, schon durch jene da, die uns +die 'Harmonie' hinterliessen." + +"Nette Harmonie", dachte Diederich und sah umher, wie er fortgelange. Der +Alte hatte sich, nach seiner Gewohnheit, einen Uebergang gemacht von den +Geschaeften zum sentimentalen Schwatz. "Immer kommt der Literat heraus", +dachte Diederich. + +Gerade gingen Guste Daimchen und Inge Tietz vorbei. Guste hatte sich +eingehaengt, und Inge prahlte mit dem, was sie hinter den Kulissen erlebt +hatte. "Unsere Angst, als sie immer sagten: Tee, Kaffee, Kaffee, Tee." +Guste behauptete: "Das naechste Mal schreibt Wolfgang ein viel schoeneres +Stueck, und ich spiele mit." Da machte Inge sich los, sie bekam eine scheu +ablehnende Miene. "So?" sagte sie; und Gustes dickes Gesicht verlor +ploetzlich seinen harmlosen Eifer. "Warum etwa nicht?" fragte sie, +weinerlich empoert. "Was hast du nun wieder?" + +Diederich, der es ihr haette sagen koennen, wandte sich schleunig zum alten +Buck zurueck. Der schwatzte weiter. + +"Dieselben Freunde, damals wie jetzt; und auch die Feinde sind da. Schon +recht verwischt, der eiserne Ritter, der Kinderschreck dort in seiner +Nische am Tor. Don Antonio Manrique, grausamer Reitergeneral, der du im +Dreissigjaehrigen Krieg unser armes Netzig gebrandschatzt hast: wenn nun +nicht die Riekestrasse nach dir hiesse, wohin waere dann selbst der letzte +Klang von dir verweht?... Auch einer, dem unser Freisinn nicht gefiel und +der uns zu vertilgen dachte." + +Ploetzlich schuettelte den Alten ein stilles Kichern. Er nahm Diederich bei +der Hand. + +"Hat er nicht Aehnlichkeit mit unserem Herrn von Wulckow?" + +Diederichs Miene ward hierauf noch korrekter, aber der Alte bemerkte es +nicht, er war nun einmal aufgeraeumt, ihm fiel noch etwas ein. Er winkte +Diederich hinter eine Pflanzengruppe und zeigte ihm an der Wand zwei +Figuren, einen jungen Schaefer, der sehnsuechtig die Arme oeffnete, und +jenseits eines Baches eine Schaeferin, die sich anschickte, +hinueberzuspringen. Der Alte wisperte: "Was meinen Sie, werden die beiden +zueinander kommen? Das wissen nicht viele mehr. Ich weiss es noch." Er sah +sich um, ob niemand ihn beachte, und ploetzlich oeffnete er eine kleine Tuer, +die man nie gefunden haben wuerde. Die Schaeferin auf der Tuer bewegte sich +dem Liebenden entgegen. Noch ein wenig, und hinter der Tuer im Dunkeln +musste sie ihm wohl in den Armen liegen ... Der Alte wies in das Zimmer, +das er aufgedeckt hatte. "Es heisst das Liebeskabinett." Laternenschein von +irgendeinem Hof fiel durch das Fenster ohne Vorhang; er beglaenzte den +Spiegel und das duennbeinige Kanapee. Der Alte zog die dumpfe Luft ein, die +nach wer weiss wie langer Zeit herausstroemte, er laechelte verloren. Und +dann schloss er die kleine Tuer. + +Aber Diederich, den dies nur maessig interessierte, sah etwas kommen, das +weit mehr Anregung versprach. Es war der Landgerichtsrat Fritzsche: denn +er war da. Sein Urlaub war wohl zu Ende, er war zurueck aus dem Sueden, und +er hatte sich eingefunden, wenn auch etwas verspaetet und wenn auch ohne +Judith Lauer, deren Urlaub ja noch dauerte, solange ihr Gatte in der +Vogtei sass. Wo er mit Drehungen des Koerpers, die nicht unbefangen wirkten, +hindurchkam, ward gefluestert, und jeder, den er begruesste, lugte verstohlen +nach dem alten Herrn Buck. Fritzsche sah wohl, dass er in der Sache etwas +tun muesse; er gab sich einen Ruck und ging los. Der Alte, noch eben +ahnungslos, fand ihn ploetzlich vor sich. Er ward vollkommen weiss; +Diederich erschrak und streckte schon die Arme aus. Aber es geschah +nichts, der Alte hatte sich zurueck. Er stand da, so steif, dass sein Ruecken +sich aushoehlte, und blickte kuehl und unverwandt auf den Mann, der seine +Tochter entfuehrt hatte. + +"Schon zurueck, Herr Landgerichtsrat?" sagte er laut. + +Fritzsche versuchte jovial zu lachen. "Schoeneres Wetter war dort unten, +Herr Stadtrat. Na und die Kunst!" + +"Davon haben wir hier nur einen Widerschein" - und der Alte wies, ohne den +anderen aus den Augen zu lassen, ueber die Waende. Seine Haltung machte +Eindruck auf die meisten, die von dort hinten seine Schwaeche belauerten. +Er hielt stand und repraesentierte, in einer Lage, die einige +Hemmungslosigkeit immerhin erklaert haben wuerde. Er repraesentierte das alte +Ansehen, er allein fuer die zerfallende Familie, fuer das Gefolge, das schon +ausblieb. In diesem Augenblick gewann er, statt so vieles Verlorenen, +manche Sympathien ... Diederich hoerte ihn noch sagen, foermlich und klar: +"Ich habe es durchgesetzt, dass unser moderner Strassenzug eine andere +Richtung bekam, bloss um dies Haus zu erhalten und diese Malereien. Sie +haben nur den Wert von Schilderungen, mag sein. Aber ein Gebilde, das +seiner Zeit und ihren Sitten Dauer verleihen moechte, kann hoffen, selbst +zu dauern." Dann drueckte Diederich sich, er schaemte sich fuer Fritzsche. + + + +Die Schwiegermutter des Buergermeisters fragte ihn, was der Alte ueber die +"Heimliche Graefin" geaeussert habe. Diederich dachte nach, und er musste +gestehen, er habe das Stueck gar nicht erwaehnt. Beide waren enttaeuscht. + +Indes bemerkte er, dass Kaethchen Zillich spoettisch hersah, und gerade sie +hatte sich nichts zu erlauben. "Nun, Fraeulein Kaethchen", sagte er recht +laut. "Was denken Sie ueber den gruenen Engel?" Sie erwiderte noch lauter: +"Der gruene Engel? Sind Sie das?" Und sie lachte ihm ins Gesicht. "Sie +sollten wirklich vorsichtiger sein", meinte er stirnrunzelnd. "Ich fuehle +mich geradezu verpflichtet, Ihren Herrn Vater aufmerksam zu machen." + +"Papa!" rief Kaethchen sofort. Diederich erschrak. Gluecklicherweise hoerte +Pastor Zillich nicht. + +"Natuerlich hab' ich meinem Papa gleich neulich von unserem kleinen Ausflug +erzaehlt. Was macht es denn, es waren doch nur Sie." + +Sie ging zu weit. Diederich schnaufte. "Na und fuer Liebhaber schoener Ohren +war auch noch Jadassohn da." Da er sah, dass es sie traf, setzte er hinzu: +"Das naechste Mal im gruenen Engel streichen wir sie ihm gruen an, das macht +Stimmung." + +"Wenn Sie meinen, dass es auf die Ohren ankommt." Dabei drueckte Kaethchens +Blick eine so schrankenlose Verachtung aus, dass Diederich den Entschluss +fasste, mit allen Mitteln einzuschreiten. Sie befanden sich bei der +Pflanzengruppe. "Was glauben Sie?" fragte er. "Wird die Schaeferin ueber den +Bach springen und den Schaefer gluecklich machen?" + +"Schaf", sagte sie. Diederich ueberhoerte es, ging hin und tastete an der +Wand umher. Nun hatte er die Tuer. "Sehen Sie? Sie springt." + +Kaethchen kam naeher, neugierig streckte sie ihren Hals in das geheime +Zimmer. Da hatte sie einen Stoss und war ganz drinnen. Diederich warf die +Tuer zu, er fiel stumm ueber Kaethchen her, mit wildem Schnaufen. + +"Lassen Sie mich hinaus, ich kratze!" rief sie und wollte kreischen. Aber +sie musste lachen, was sie wehrlos machte und dem Sofa immer naeher brachte. +Der Kampf mit ihren entbloessten Armen und Schultern versetzte ihn vollends +ausser sich. "Jawohl," keuchte er, "jetzt kommt was." Bei jedem Strich +Boden, den er gewann, wiederholte er: "Jetzt kommt was. Bin ich noch ein +Schaf? Aha, wenn man denkt, ein Maedchen ist anstaendig, und man hat +ehrliche Absichten, ist man ein Schaf. Jetzt kommt was." Mit einem letzten +Ruck schleuderte er sie hin. "Au", sagte sie; und vor Lachen erstickend: +"Was kommt denn jetzt?" + +Ploetzlich ward ihre Verteidigung ernst. Sie rang sich hervor; der Streifen +Gaslicht, den das kahle Fenster hereinliess, beschien ihre Unordnung; und +ihr Gesicht, von der Anstrengung wie geschwollen, war nach der Tuer +gerichtet. Er wandte den Kopf: da stand Guste Daimchen. Sie starrte +entgeistert her, Kaethchen quollen die Augen heraus, und Diederich, auf dem +Sofa kniend, verrenkte sich den Hals ... Endlich zog Guste die Tuer an, sie +ging entschlossen auf Kaethchen zu. + +"Du gemeines Luder!" sagte sie aus tiefem Innern. + +"Selber eins!" sagte Kaethchen, schnell gefasst. Da schnappte Guste nur noch +nach Luft. Von Kaethchen sah sie zu Diederich, ratlos und so empoert, dass +ihr Blick sich mit feuchtem Glanz fuellte. Er versicherte: "Fraeulein Guste, +es handelt sich um einen Scherz"; aber er kam schlecht an, Guste brach +los. "Sie kenn' ich, von Ihnen kann ich es mir denken." + +"So, du kennst ihn", bemerkte Kaethchen hoehnisch. Sie stand auf, indes +Guste ihr noch naeher rueckte. Diederich seinerseits ergriff die +Gelegenheit, gab seiner Haltung Wuerde und trat zurueck, um die Damen unter +sich die Sache erledigen zu lassen. + +"Dass ich so was muss mit ansehen!" rief Guste; und Kaethchen: "Du hast gar +nichts gesehen! Wozu siehst du es dir ueberhaupt an?" + +Diederich begann gleichfalls dies auffallend zu finden, zumal da Guste +schwieg. Kaethchen gewann sichtlich die Oberhand. Sie warf den Kopf zurueck +und sagte: "Von dir finde ich es ueberhaupt sonderbar. Wer so viel Butter +auf dem Kopf hat wie du!" + +Sofort zeigte Guste sich tief beunruhigt. "Ich?" fragte sie gedehnt. "Was +tu' ich denn?" + +Kaethchen zierte sich ploetzlich - indes Diederich vom Schrecken gepackt +ward. + +"Das wirst du wohl selbst wissen. Mir ist es zu peinlich." + +"Ich weiss gar nichts", sagte Guste klagend. + +"So was haette man gedacht, das es gar nicht gibt", sagte Kaethchen und +ruempfte die Nase. Guste verlor die Geduld. "Nun bitte ich es mir aber aus! +Was habt ihr alle?" + +Diederich schlug vor: "Es ist doch wohl besser, wenn wir jetzt das Lokal +verlassen." Aber Guste stampfte auf. + +"Keinen Schritt tu' ich, bis ich es weiss. Den ganzen Abend merke ich +schon, dass sie mich anglotzen, als ob ich einen toten Fisch verschluckt +habe." + +Kaethchen wandte sich weg. "Na, da siehst du es. Sei froh, dass sie dich +nicht hinauswerfen mitsamt deinem Halbbruder Wolfgang." + +"Mit wem?... Mein Halbbruder ... Wieso Halbbruder?" + +In einer tiefen Stille keuchte Guste leise und irrte mit den Augen umher. +Auf einmal hatte sie begriffen. "So eine Gemeinheit!" rief sie entsetzt. +Ueber Kaethchens Mienen breitete sich ein Laecheln des Genusses aus. +Diederich seinerseits wehrte beteuernd ab. Guste streckte den Finger aus +gegen Kaethchen. "Das habt ihr Maedchen euch ausgedacht! Ihr seid mir +neidisch wegen meinem Geld!" + +"Poeh", machte Kaethchen. "Dein Geld wollen wir ueberhaupt nicht, wenn so was +dabei ist." + +"Es ist doch nicht wahr!" Guste kreischte auf. Ploetzlich fiel sie vornueber +auf das Sofa und wimmerte. "Ach Gott, ach Gott, was haben wir da +angerichtet." + +"Siehst du wohl", sagte Kaethchen, frei von Mitleid. + +Guste schluchzte immer lauter; Diederich beruehrte ihre Schulter. "Fraeulein +Guste, Sie wollen doch nicht, dass die Leute kommen." Er suchte nach einem +Trost. "So was kann man nie wissen. Aehnlich sehen Sie sich nicht." + +Aber der Trost wirkte anstachelnd auf Guste. Sie sprang auf und ging zum +Angriff ueber. "Du - du bist ueberhaupt eine feine Nummer", zischte sie +Kaethchen zu. "Von dir sag' ich, was ich gesehen habe!" + +"Das werden sie dir glauben! So einer glaubt keiner mehr was. Von mir weiss +jeder, dass ich anstaendig bin." + +"Anstaendig! Streich dir wenigstens das Kleid glatt!" + +"So gemein wie du -" + +"Bist bloss noch du!" + +Hierueber erschraken beide, brachen ab und verharrten einander gegenueber, +Hass und Angst in ihren dicken Gesichtern, die sich so sehr glichen; und +die Buesten nach vorn, die Schultern hinauf, die Arme in die Hueften +gestemmt, sahen sie aus, als sollten ihnen die duftigen Ballkleider vom +Leibe platzen. Guste unternahm noch einen Vorstoss. "Ich sag' es doch!" + +Da sprengte Kaethchen die letzte Fessel. "Dann mach' aber schnell, sonst +komm' ich frueher und erzaehl' allen, dass nicht du, sondern ich hier die Tuer +hab' aufgemacht und hab' euch beide ertappt." + +Da hierauf Guste nur noch mit den Lidern klappte, setzte Kaethchen, +ploetzlich selbst ernuechtert, hinzu: "Nun ja, das bin ich mir doch +schuldig. Bei dir kommt es nicht mehr darauf an." + +Aber Diederichs Blick war Gustes begegnet, verstaendigte sich mit ihr und +glitt hinunter, bis er auf ihrem kleinen Finger den Brillanten traf, den +sie gemeinsam aus den Lumpen gezogen hatten. Da laechelte Diederich +ritterlich, und Guste, tief erroetet, trat so nahe zu ihm, als lehnte sie +sich an. Kaethchen schlich zur Tuer. Ueber Gustes Schulter geneigt, sagte +Diederich leise: "Ihr Verlobter laesst Sie aber lange allein." - "Ach der", +erwiderte sie. Er senkte das Gesicht noch ein wenig und drueckte es auf +ihre Schulter. Sie hielt ganz still. "Schade", sagte er und zog sich so +unerwartet zurueck, dass Guste ausglitt. Sie begriff auf einmal, dass ihre +Lage sich wesentlich veraendert hatte. Ihr Geld war nicht mehr Trumpf, es +war entwertet, ein Mann wie Diederich war mehr wert. Sofort bekam sie +einen Blick wie eine Huendin. Diederich sagte gemessen: "An der Stelle +Ihres Verlobten wuerde ich allerdings anders vorgehen." + +Kaethchen zog mit aeusserster Behutsamkeit die Tuer wieder an, sie kehrte +zurueck, den Finger auf den Lippen. + +"Wisst ihr was? Das Theater hat wieder angefangen - schon lange, glaube +ich." + +"O Gott!" sagte Guste; und Diederich: + +"Na, dann sitzen wir in der Falle." + +Er suchte die Waende ab nach einem Ausgang; er rueckte sogar das Sofa fort. +Da keiner zu finden war, entruestete er sich. + +"Hier ist tatsaechlich eine Falle. Und um der alten Baracke willen hat der +Herr Buck den ganzen Strassenzug verlegt. Er soll es noch erleben, dass ich +sie ihm einreisse! Bloss erst Stadtverordneter sein!" + +Kaethchen kicherte. "Was schnauben Sie denn so? Hier ist es doch ganz +gemuetlich. Jetzt koennen wir machen, was wir wollen." Und sie sprang ueber +das Sofa. Da gab Guste sich einen Ruck und wollte auch hinueber. Sie blieb +aber haengen. Diederich fing sie auf. Auch Kaethchen haengte sich an ihn. Er +zwinkerte beiden zu. "Also was machen wir?" Kaethchen sagte: "Das muessen +Sie wissen. Wir drei kennen uns ja nun." - "Und zu verlieren haben wir +auch nichts mehr", sagte Guste. Dann platzten sie alle aus. + +Aber Kaethchen entsetzte sich. "Kinder! In dem Spiegel seh' ich aus wie +meine tote Grossmutter." + +"Er ist ganz schwarz." + +"Und ganz bekritzelt." + +Sie legten die Gesichter darauf, um im fahlen Gaslicht die Ausrufe und +Kosenamen zu lesen, die zusammen mit alten Jahreszahlen in den Umrissen +verschlungener Herzen standen, auf eingeritzten Vasen, Amoretten und sogar +ueber Graebern. "Auf der Urne hier unten, nein so was!" sagte Kaethchen. +"'Erst jetzt sollen wir leiden' ... Warum? Weil sie hier drinnen waren? +Die waren wohl verrueckt." + +"Wir sind nicht verrueckt", behauptete Diederich. "Fraeulein Guste, Sie +haben doch einen Brillanten." Er zeichnete drei Herzen, versah sie mit +einer Inschrift und liess die Maedchen das Werk entraetseln. Da sie sich +kreischend abwandten, sagte er stolz: "Wozu heisst dies das +Liebeskabinett." + +Ploetzlich stiess Guste einen Schreckensruf aus. "Hier sieht jemand zu!" + +Hinter dem Spiegel hervor streckte sich ein geisterbleicher Kopf!... +Kaethchen war schon bei der Tuer. "Kommen Sie wieder her", rief Diederich. +"Es ist bloss gemalt." + +Der Spiegel hatte sich auf einer Seite von der Wand geloest, man konnte ihn +noch weiter umwenden: da trat die ganze Figur heraus. + +"Es ist die Schaeferin, die draussen ueber den Bach springt!" + +"Jetzt hat sie es hinter sich", sagte Diederich; denn die Schaeferin sass da +und weinte. Auf der Rueckseite des Spiegels aber entfernte sich der +Schaefer. + +"Und dort kommt man hinaus!" Diederich wies auf einen erleuchteten Spalt, +er tastete, die Tapete oeffnete sich. + +"Dies ist der Ausgang, wenn man es hinter sich hat", bemerkte er und ging +voraus. Ihm im Ruecken sagte Kaethchen spoettisch: + +"Ich habe gar nichts hinter mir." + +Und Guste wehmuetig: "Ich auch nicht." + + + +Diederich ueberhoerte dies, er stellte fest, dass man sich in einem der +kleinen Salons hinter dem Buefett befand. Eilends erreichte er die +Spiegelgalerie und verlor sich unauffaellig in der Menge, die soeben aus +dem Saal quoll. Man war erfuellt von dem tragischen Schicksal der +heimlichen Graefin, die nun also doch den Klavierlehrer geheiratet hatte. +Frau Harnisch, Frau Cohn, die Schwiegermutter des Buergermeisters, alle +hatten verweinte Augen; Jadassohn, der, schon abgeschminkt, Lorbeeren +einzusammeln kam, ward von den Damen nicht gut aufgenommen. "Sie sind +schuld, Herr Assessor, dass es so gekommen ist! Schliesslich war sie doch +Ihre leibliche Schwester." - "Pardon, meine Damen!" Und Jadassohn +verteidigte seinen Standpunkt als legitimer Erbe der graeflichen +Besitzungen. Da sagte Meta Harnisch: + +"Aber so herausfordernd brauchten Sie nicht auszusehen." + +Sofort richteten sich alle Blicke auf seine Ohren; man kicherte; und +Jadassohn, der vergeblich kraehte, was denn los sei, ward von Diederich +unter den Arm genommen. Diederich, das suesse Pochen der Rache im Herzen, +fuehrte ihn eben dorthin, wo die Regierungspraesidentin unter lebhafter +Anerkennung seiner Verdienste um ihr Werk sich vom Major Kunze +verabschiedete. Kaum aber dass sie Jadassohn erblickte, drehte sie einfach +den Ruecken. Jadassohn blieb am Boden haften, Diederich brachte ihn nicht +mehr weiter. "Was ist denn?" fragte er heuchlerisch. "Ach ja, die +Praesidentin. Sie haben ihr nicht gefallen. Sie sollen auch nicht +Staatsanwalt werden. Man sah Ihre Ohren zu sehr." + +Was aber Diederich auch erwartet hatte, diese Spottgeburt einer Grimasse +hatte er nicht erwartet! Wo war die hochgemute Schneidigkeit, der +Jadassohn sein Leben geweiht hatte? "Ich sage es ja", aeusserte er nur, ganz +leise; aber man glaubte einen grauenvollen Aufschrei zu hoeren ... Dann kam +er in Bewegung, tanzte am Fleck umher und redete. "Sie koennen lachen, mein +Bester! Sie wissen nicht, was Sie an Ihrem Gesicht haben. Ihr Gesicht, +nichts weiter, und in zehn Jahren bin ich Minister." + +"Na, na", sagte Diederich. Er setzte hinzu: "Das ganze Gesicht brauchen +Sie nicht einmal: bloss die Ohren." + +"Wollen Sie sie mir verkaufen?" fragte Jadassohn und sah ihn an, dass +Diederich erschrak. "Kann man das?" fragte er unsicher. Jadassohn ging +schon, unter zynischem Lachen, auf Heuteufel zu. "Sie sind doch Spezialist +fuer Ohren, Herr Doktor ..." + +Heuteufel erklaerte ihm, dass tatsaechlich, wenn auch bisher nur in Paris, +Operationen ausgefuehrt wuerden, durch die man Ohren auf die Haelfte ihres +Umfanges herunterbringe. "Wozu gleich das Ganze weg?" sagte Heuteufel. +"Die Haelfte koennen Sie ruhig behalten." Jadassohn hatte seine Haltung +zurueck. "Grossartiger Witz! Erzaehl' ich bei Gericht. Sie Gauner!" Und er +klopfte Heuteufel auf den Bauch. + +Diederich inzwischen wandte sich seinen Schwestern zu, die, zum Ball +umgekleidet, aus der Garderobe kamen. Sie wurden allerseits mit Beifall +begruesst und berichteten von ihren Eindruecken auf der Buehne. "Tee - Kaffee: +Gott, war das aufregend!" sagte Magda. Auch Diederich als Bruder nahm +Glueckwuensche entgegen. Er schritt zwischen ihnen, Magda hatte sich in ihn +eingehaengt, Emmis Arm dagegen musste er gewaltsam festhalten. Sie zischte: +"Lass die Komoedie"; und er schnob ihr zu, zwischen Lachen und Gruessen: "Du +hast zwar bloss die kleine Rolle gehabt, aber sei froh, wenn du ueberhaupt +mal was vorstellst. Sieh Magda an!" Denn Magda schmiegte sich gefaellig an +ihn, sie schien bereit, das Glueck der einigen Familie so lange spazieren +zu fuehren, als er es irgend wuenschte. "Kleine," sagte er mit zaertlicher +Achtung, "du hast Erfolg gehabt. Aber ich kann dir versichern, ich auch." +Er gab ihr sogar Schmeicheleien. "Du siehst heute suess aus. Fuer Kienast +bist du fast zu schade." Als dann noch die Regierungspraesidentin, schon im +Fortgehen, ihnen gnaedig zuwinkte, begegneten die Geschwister auf ihrem Weg +nur den ergebensten Gesichtern. Der Saal war ausgeraeumt; hinter der +Palmengruppe ward eine Polonaese angestimmt. Diederich machte seine +korrekteste Verbeugung vor Magda und schritt mit ihr zum Tanz, +triumphierend, gleich nach dem Major Kunze, der fuehrte. So zogen sie an +Guste Daimchen vorueber, die sass. Sie sass neben dem verwachsenen Fraeulein +Kuehnchen und sah ihnen nach, als habe sie Pruegel bekommen. Ihr Anblick +beruehrte Diederich fast so unheimlich, wie der des Herrn Lauer in der +Vogtei. + +"Die arme Guste!" sagte Magda. Diederich runzelte die Brauen. "Ja ja, das +kommt davon." + +"Aber eigentlich" - und Magda blinzelte von unten, "woher kommt es denn?" + +"Das ist gleich, mein Kind, jetzt ist es mal so." + +"Diedel, du solltest sie nachher doch zum Walzer bitten." + +"Das darf ich nicht. Man muss wissen, was man sich selbst schuldet." + +Dann verliess er sogleich den Saal. Soeben holte der junge Sprezius, der +jetzt nicht mehr Leutnant, sondern wieder Primaner war, das verwachsene +Fraeulein Kuehnchen von der Wand weg. Er nahm wohl Ruecksicht auf ihren +Vater. Guste Daimchen blieb sitzen ... Diederich machte einen Gang durch +die Seitenzimmer, wo aeltere Herren Karten spielten, bekam eine lange Nase +von Kaethchen Zillich, die er hinter einer Tuer mit einem Schauspieler +ueberraschte, und gelangte zum Buefett. Dort sass an einem Tischchen Wolfgang +Buck und zeichnete in sein Notizbuch die Muetter, die um den Saal herum +warteten. + +"Sehr talentvoll", sagte Diederich. "Haben Sie auch schon Ihr Fraeulein +Braut portraetiert?" + +"In der Beziehung interessiert sie mich nicht," erwiderte Buck, so +phlegmatisch, dass Diederich Zweifel kamen, ob seine Erlebnisse mit Guste +im Liebeskabinett ihren Verlobten interessiert haben wuerden. + +"Mit Ihnen weiss man ueberhaupt nicht", sagte er enttaeuscht. + +"Mit Ihnen weiss man immer", sagte Buck. "Damals vor Gericht, waehrend Ihres +grossen Monologes, haette ich Sie zeichnen moegen." + +"Ihr Plaedoyer hat mir genuegt; es war ein Versuch, wenn auch +gluecklicherweise ein misslungener, meine Person und mein Wirken vor der +breitesten Oeffentlichkeit in Misskredit zu bringen und veraechtlich zu +machen!" + +Diederich blitzte, Buck bemerkte es erstaunt. "Mir scheint, Sie sind +beleidigt. Und ich habe es doch so gut gesagt." Er bewegte den Kopf und +laechelte, grueblerisch und entzueckt. "Wollen wir nicht 'ne Flasche Sekt +zusammen trinken?" fragte er. + +Diederich meinte: "Ob ich nun gerade mit Ihnen -." Aber er gab nach. "Das +Gericht hat durch sein Urteil festgestellt, dass Ihre Vorwuerfe sich nicht +allein gegen mich, sondern gegen alle national gesinnten Maenner richteten. +Damit sehe ich die Sache als erledigt an." + +"Dann also Heidsieck?" fragte Buck. Er noetigte Diederich, mit ihm +anzustossen. "Das werden Sie doch zugeben, bester Hessling, so eingehend wie +ich, hat sich mit Ihnen ueberhaupt noch niemand beschaeftigt ... Jetzt kann +ich es Ihnen sagen: Ihre Rolle vor Gericht hat mich mehr interessiert als +meine eigene. Spaeter, zu Hause vor meinem Spiegel, habe ich sie Ihnen +nachgespielt." + +"Meine Rolle? Sie wollen wohl sagen, meine Ueberzeugung. Freilich, fuer Sie +ist der repraesentative Typus von heute der Schauspieler." + +"Das sagte ich mit Beziehung auf - einen anderen. Aber Sie sehen, wieviel +naeher ich es habe zu der Beobachtung ... Wenn ich morgen nicht die +Waschfrau zu verteidigen haette, die bei Wulckows Unterhosen gestohlen +haben soll, vielleicht wuerde ich den Hamlet spielen. Prost!" + +"Prost. Dazu brauchen Sie allerdings keine Ueberzeugungen!" + +"Gott, ich habe auch welche. Aber immer dieselben?... Sie wuerden mir also +das Theater anraten?" fragte Buck. Diederich hatte schon den Mund +geoeffnet, um es ihm anzuraten, da trat Guste ein, und Diederich erroetete, +denn er hatte bei Bucks Frage an sie gedacht. Buck sagte traeumerisch: +"Inzwischen wuerde mein Topf mit Wurst und Kohl mir ueberkochen, und es ist +doch ein so gutes Gericht." Aber Guste, auf leisen Sohlen, legte ihm von +rueckwaerts die Haende auf die Augen und fragte: "Wer ist das?" - "Da ist er +ja," sagte Buck und gab ihr einen Klaps. + +"Die Herren unterhalten sich wohl gut? Soll ich wieder gehen?" fragte +Guste. Diederich beeilte sich, ihr einen Stuhl zu holen; aber in +Wirklichkeit waere er lieber mit Buck allein gewesen; der fiebrige Glanz in +Gustes Augen versprach nichts Gutes. Sie redete gelaeufiger als sonst. + +"Ihr passt eigentlich grossartig zueinander, bloss dass ihr so foermlich tut." + +Buck sagte: "Das ist die gegenseitige Achtung." Diederich stutzte, und +dann machte er eine Bemerkung, die ihn selbst in Erstaunen setzte. +"Eigentlich - sooft ich mich von Ihrem Herrn Braeutigam trenne, hab' ich +Wut auf ihn; beim naechsten Wiedersehen aber freu' ich mich." Er richtete +sich auf. "Wenn ich naemlich noch kein national gesinnter Mann waere, wuerde +er mich dazu machen." + +"Und wenn ich es waere," sagte Buck, weich laechelnd, "wuerde er es mir +abgewoehnen. Das ist der Reiz." + +Aber Guste hatte sichtlich andere Sorgen; sie war erbleicht und schluckte +hinunter. + +"Jetzt sag' ich dir was, Wolfgang. Wetten, dass du umfaellst?" + +"Herr Rose, Ihren Hennessy!" rief Buck. Waehrend er Kognak mit Sekt +mischte, umklammerte Diederich Gustes Arm; und da die Ballmusik gerade +sehr laut war, fluesterte er beschwoerend: "Sie werden doch keine Dummheiten +machen?" Sie lachte wegwerfend. "Doktor Hessling hat Angst! Er findet die +Geschichte zu gemein, ich finde sie bloss ulkig." Und laut lachend: "Was +sagst du? Dein Vater soll mit meiner Mutter: du verstehst. Und +infolgedessen sollen wir: du verstehst?" + +Buck bewegte langsam den Kopf; und dann verzog er den Mund. "Wenn schon." +Da lachte Guste nicht mehr. + +"Wieso, wenn schon?" + +"Nun, wenn die Netziger an so etwas glauben, muss es bei ihnen wohl alle +Tage vorkommen, tut also nichts." + +"Redensarten machen den Kohl nicht fett", entschied Guste. Diederich +glaubte sich denn doch verwahren zu muessen. + +"Ueberall koennen Fehltritte vorkommen. Aber ueber die Meinung seiner +Mitmenschen setzt niemand sich ungestraft hinweg." + +Guste bemerkte: "Er glaubt immer, er ist zu gut fuer diese Welt." Und +Diederich: "Dies ist eine harte Zeit. Wer sich nicht wehrt, muss dran +glauben." Da rief Guste voll schmerzlicher Begeisterung: + +"Doktor Hessling ist nicht wie du! Er hat mich verteidigt! Ich hab' den +Beweis, dass ich es weiss, von Meta Harnisch, weil sie schliesslich hat +muessen den Mund auftun. Er war ueberhaupt der einzige, der mich hat +verteidigt. Er an deiner Stelle taete sich die Leute kaufen, die sich +unterstehen und verklatschen mich!" + +Diederich bestaetigte es durch Nicken. Buck drehte immerfort sein Glas und +spiegelte sich darin. Ploetzlich liess er es los. + +"Wer sagt euch denn, dass ich mir nicht auch ganz gern einmal einen kaufen +wuerde - einen herausgreifen, ohne besondere Auswahl, weil doch alle so +ziemlich gleich dumm und gemein sind?" Dabei kniff er die Augen zu. Guste +hob die nackten Schultern. + +"So was sagt man, aber sie sind gar nicht so dumm, sie wissen, was sie +wollen ... Der Duemmere ist der Kluegere", schloss sie herausfordernd, und +Diederich nickte mit Ironie. Da sah Buck ihn an, aus Augen, die auf einmal +wie irrsinnig waren. Die Faeuste bewegte er mit krampfigem Zittern um +seinen Hals her. "Wenn ich aber -" er war ploetzlich ganz heiser - "wenn +ich den einen am Kragen haette, von dem ich wuesste, er zettelt alles an, er +fasst in seiner Person zusammen, was an allen haesslich und schlecht ist: ihn +am Kragen haette, der das Gesamtbild waere alles Unmenschlichen, alles +Untermenschlichen -." Diederich, weiss wie sein Frackhemd, drueckte sich +seitwaerts vom Stuhl herunter und wich schrittweise zurueck. Guste schrie +auf, sie stob panikartig nach der Wand. "Es ist der Kognak!" rief +Diederich ihr zu ... Aber Bucks Blicke, die zwischen ihnen beiden, voll +des graesslichsten Unheils, umherrollten, packten unvermittelt ein. Er +zwinkerte, er glaenzte heiter. + +"An die Mischung bin ich leider gewoehnt", erklaerte er. + +"Es ist nur, damit ihr seht, wir koennen auch das." + +Diederich setzte sich polternd wieder hin. "Sie sind doch nur ein +Komoediant", sagte er entruestet. + +"Finden Sie?" fragte Buck und glaenzte noch heller. Guste ruempfte die Nase. +"Na dann amuesiert euch weiter", aeusserte sie und wollte gehen. Aber der +Landgerichtsrat Fritzsche war da, er verbeugte sich vor ihr und auch vor +Buck. Ob der Herr Rechtsanwalt gestatte, dass er mit dem Fraeulein Braut den +Kotillon tanze. Er sprach aeusserst hoeflich, beschwichtigend gewissermassen. +Buck antwortete nicht, er faltete die Brauen. Guste indessen hatte schon +Fritzsches Arm genommen. + +Buck sah ihnen nach, eine Falte zwischen den Brauen, selbstvergessen. "Ja +ja," dachte Diederich, "erfreulich ist es nicht, wenn man einem Herrn +begegnet, der mit Ihrer Schwester, mein Bester, eine Vergnuegungsreise +gemacht hat, und dann holt er einem die Braut vom Tisch weg, und du kannst +nichts machen, weil sonst der Skandal noch groesser wird, weil naemlich +unsere Verlobung selbst schon ein Skandal ist ..." + +Aufschreckend sagte Buck: "Wissen Sie, dass ich erst jetzt rechte Lust +bekomme, Fraeulein Daimchen zu ehelichen? Ich hielt die Sache fuer - nicht +sehr sensationell; aber die Einwohner von Netzig machen geradezu eine +Pikanterie daraus." + +Diederich war starr ueber diese Wirkung. "Wenn Sie finden", brachte er +hervor. + +"Warum nicht? Sie und ich, wir beiden Gegenpole, fuehren doch hier die +vorgeschrittenen Tendenzen der moralfreien Epoche ein. Wir machen Betrieb. +Der Geist der Zeit geht hier noch in Filzschuhen ueber die Strasse." + +"Wir werden ihm Sporen anlegen", verhiess Diederich. + +"Prost!" + +"Prost! Aber _meine_ Sporen" - Diederich blitzte. "Ihre Skepsis und Ihre +schlappe Gesinnung sind nicht zeitgemaess. Mit" - er blies durch die Nase - +"mit Geist ist heute nichts zu machen. Die nationale Tat" - ein +Faustschlag auf den Tisch - "hat die Zukunft!" + +Buck darauf mit verzeihendem Laecheln: "Die Zukunft? Das ist eben die +Verwechslung. Die nationale Tat hat abgehaust, im Lauf von hundert Jahren. +Was wir erleben und noch erleben sollen, sind ihre Zuckungen und ihr +Leichengeruch. Es wird keine gute Luft sein." + +"Von Ihnen habe ich nichts anderes erwartet, als dass Sie das Heiligste in +den Schmutz ziehen!" + +"Heilig! Unantastbar! Sagen wir gleich ewig! Nicht wahr? Ausserhalb der +Ideale eures Nationalismus wird nie, nie wieder gelebt werden. Frueher, mag +sein, in der dunkeln Periode der Geschichte, die euch noch nicht kannte. +Jetzt aber seid ihr da, und die Welt ist angelangt. Duenkel und Hass der +Nationen, das ist das Ziel, darueber hinaus geht es nicht." + +"Wir leben in einer harten Zeit", bestaetigte Diederich ernst. + +"Weniger hart als verkalkt ... Ich bin nicht ueberzeugt, dass die Menschen, +deren Dasein in den Dreissigjaehrigen Krieg fiel, an die Unabaenderlichkeit +ihres auch nicht weichen Zustandes geglaubt haben. Und ich bin ueberzeugt, +dass die Rokokowillkuer von denen, die ihr unterlagen, fuer ueberwindbar +gehalten worden ist, sonst haetten sie nicht die Revolution gemacht. Wo +ist, in den Raeumen der Geschichte, die wir seelisch noch betreten koennen, +die Zeit, die sich in Permanenz erklaert und aufgetrumpft haette vor der +Ewigkeit mit ihrer traurigen Beschraenktheit. Die jeden nicht ganz in ihr +Befangenen aberglaeubisch bemaekelt haette. Nicht national gesinnt sein +erregt bei euch noch mehr Grauen als Hass! Aber die vaterlandslosen +Gesellen sind euch auf den Fersen. Dort im Saal, sehen Sie sie?" + +Diederich verschuettete seinen Sekt, so schnell fuhr er herum. War denn +Napoleon Fischer eingedrungen, mit den Genossen?... Buck lachte stumm und +innig. "Bemuehen Sie sich nicht, ich meine nur das stille Volk auf den +Waenden. Warum scheinen sie so heiter? Was gibt ihnen das Recht auf +Blumenwege, leichten Schritt und Harmonie? Ah! Ihr Freunde!" Ueber die +Tanzenden hinweg schwenkte Buck sein Glas. "Ihr Freunde der Menschheit und +jeder guten Zukunft, weitherzig und unbekannt mit der duesteren Selbstsucht +eines nationalen Vetternbundes: Weltseelen ihr, kehrt wieder! Selbst unter +uns noch erwarten euch einige!" + +Er trank aus, Diederich bemerkte mit Verachtung, dass er weinte. Uebrigens +bekam er sogleich eine schlaue Miene. "Ihr aber, Zeitgenossen, wisst wohl +nicht, was der alte Buergermeister, der da hinten zwischen den Amtspersonen +und Schaeferinnen rosig laechelt, als Schleife ueber der Brust traegt? Die +Farben sind verblichen; ihr denkt wohl, es sind die euren? Es ist aber die +franzoesische Trikolore. Sie war neu damals und nicht die eines Landes, +sondern der allgemeinen Morgenroete. Sie zu tragen, war beste Gesinnung; es +war, wie ihr sagen wuerdet, streng korrekt. Prost!" + +Aber Diederich war verstohlen mit seinem Stuhl davongerueckt und spaehte +umher, ob niemand hoere. "Sie sind ja besoffen," murmelte er; und um die +Situation zu retten, rief er: "Herr Rose! Noch eine Flasche!" Darauf +setzte er sich achtunggebietend zurecht. + +"Sie scheinen nicht daran zu denken, dass seitdem ein Bismarck da war!" + +"Nicht nur einer", sagte Buck. "Von allen Seiten ist Europa in diesen +nationalen Durchgang getrieben worden. Nehmen wir an, er war nicht zu +vermeiden. Nach ihm werden bessere Gefilde kommen ... Aber seid ihr eurem +Bismarck etwa gefolgt, solange er im Recht war? Ihr habt euch zerren +lassen, ihr habt mit ihm im Konflikt gelebt. Erst jetzt, da ihr ueber ihn +hinaus sein solltet, haengt ihr euch an seinen kraftlosen Schatten! Denn +euer nationaler Stoffwechsel ist entmutigend langsam. Bis ihr begriffen +habt, dass ein grosser Mann da ist, hat er schon aufgehoert, gross zu sein." + +"Sie werden ihn kennenlernen!" verhiess Diederich. "Blut und Eisen bleibt +die wirksamste Kur! Macht geht vor Recht!" Der Kopf schwoll ihm rot an bei +diesen Glaubenssaetzen. Aber auch Buck regte sich auf. + +"Die Macht! Die Macht laesst sich nicht ewig auf Bajonetten davontragen wie +eine aufgespiesste Wurst. Die einzige reale Macht ist heute der Friede! +Spielt euch die Komoedie der Gewalt vor! Prahlt gegen eingebildete Feinde +draussen und im Innern! Taten, gluecklicherweise, sind euch nicht erlaubt!" + +"Nicht erlaubt?" Diederich blies, als sollte Feuer kommen. "Seine Majestaet +hat gesagt: Lieber lassen wir unsere gesamten achtzehn Armeekorps und +zweiundvierzig Millionen Einwohner auf der Strecke ..." + +"Denn wo der deutsche Aar -!" rief Buck, mit jaehem Schwung; und noch +wilder: "Nicht Parlamentsbeschluesse! Die einzige Saeule ist das Heer!" + +Diederich gab ihm nichts nach. "Ihr seid berufen, mich in erster Linie vor +dem aeusseren und inneren Feind zu schuetzen!" + +"Einer hochverraeterischen Schar zu wehren!" schrie Buck. + +"Eine Rotte von Menschen -" + +Diederich fiel ein: "- nicht wert, den Namen Deutsche zu tragen!" + +Und beide einstimmig: "Verwandte und Brueder niederschiessen!" + +Taenzer, die sich am Buefett erfrischten, wurden aufmerksam auf ihr +Geschrei, sie holten auch ihre Damen herbei, um ihnen den Anblick eines +heldenhaften Rausches zu verschaffen. Sogar die Kartenspieler streckten +die Koepfe herein; und alle bestaunten Diederich und seinen Partner, die +auf ihren Stuehlen schwankend und an den Tisch geklammert mit glasigen +Augen und entbloessten Gebissen einander starke Worte ins Gesicht +schleuderten. + +"Einen Feind, und der ist mein Feind!" + +"Einer nur ist Herr im Reich, keinen anderen dulde ich!" + +"Ich kann sehr unangenehm sein!" + +Die Stimmen ueberschlugen sich. + +"Falsche Humanitaet!" + +"Vaterlandslose Feinde der goettlichen Weltordnung!" + +"Muessen ausgerottet werden bis auf den letzten Stumpf!" + +Eine Flasche flog gegen die Wand. + +"Zerschmettere ich!" + +"Deutschen Staub!... Pantoffeln!... Herrliche Tage!" + +Hier glitt durch die Zuschauer ein Wesen mit verbundenen Augen: Guste +Daimchen, die sich auf diese Weise einen Herrn suchen sollte. Von +rueckwaerts betastete sie Diederich und wollte ihn zum Aufstehen bewegen. Er +machte sich steif und wiederholte drohend: "Herrliche Tage!" Sie riss das +Tuch herunter, starrte ihn angstvoll an und holte seine Schwestern. Auch +Buck sah ein, dass es angezeigt sei, aufzubrechen. Unauffaellig stuetzte er +den Freund beim Abgang, konnte aber nicht verhindern, dass Diederich in der +Tuer sich nochmals umwandte, der tanzenden, gaffenden Menge zu, +gebieterisch aufgereckt, wenn auch verglast und ohne Blitzen. + +"Zerschmettere ich!" + +Dann ward er hinunter und in den Wagen befoerdert. + + + +Als er gegen Mittag mit schweren Kopfschmerzen das Familienzimmer betrat, +war er sehr erstaunt, dass Emmi es entruestet verliess. Aber Magda brauchte +ihm nur einige vorsichtige Andeutungen zu machen, da wusste er schon +wieder, um was es sich handelte. "Hab' ich das wirklich gemacht? Na ja, +ich gebe zu, es waren Damen dabei. Es gibt verschiedene Arten, sich als +deutscher Mann zu zeigen: bei den Damen ist es wieder eine andere ... +Natuerlich beeilt man sich in solchem Fall, die Sache in der loyalsten und +korrektesten Weise beizulegen." + +Obwohl er kaum aus den Augen sehen konnte, war ihm klar, was zu geschehen +hatte. Indes ein zweispaenniger Paradewagen herbeigeholt ward, bekleidete +er sich mit Gehrock, weisser Krawatte und Zylinder; dann ueberreichte er dem +Kutscher die von Magda aufgesetzte Liste und fuhr los. Ueberall verlangte +er nach den Damen; manche schreckte er vom Mittagessen auf; - und ohne +deutlich zu erkennen, ob er Frau Harnisch, Frau Daimchen oder Frau Tietz +vor sich habe, sagte er mit rauher Katerstimme her: + +"Ich gebe zu ... Als deutscher Mann, bei Damen ... Loyalste und +korrekteste Weise ..." + +Um halb zwei war er zurueck und liess sich aufseufzend zum Essen nieder. +"Die Sache ist beigelegt." + +Der Nachmittag gehoerte einer schwierigeren Aufgabe. Diederich liess +Napoleon Fischer hinauf in seine Privatwohnung kommen. + +"Herr Fischer," sagte er und wies ihm einen Stuhl an, "ich empfange Sie +hier und nicht in meinem Bureau, weil den Herrn Soetbier unsere +Angelegenheiten nichts angehen. Es betrifft naemlich die Politik." + +Napoleon Fischer nickte, als habe er sich dies schon gedacht. Er schien an +solche vertraulichen Unterredungen nunmehr gewoehnt, auf Diederichs ersten +Wink griff er sogleich in die Zigarrenkiste; er schlug sogar das Bein +ueber. Diederich war weit weniger sicher; er schnaufte - und dann entschloss +er sich, ohne Umschweife, mit brutaler Ehrlichkeit auf sein Ziel +loszugehen. Bismarck hatte es auch so gemacht. + +"Ich will naemlich Stadtverordneter werden," erklaerte er, "und dazu brauche +ich Sie." + +Der Maschinenmeister warf ihm einen Blick von unten zu. "Ich Sie auch", +sagte er. "Denn ich will auch Stadtverordneter werden." + +"Nanu, na hoeren Sie mal! Ich war auf manches gefasst ..." + +"Sie hatten wohl schon wieder ein paar Doppelkronen in der Hand?" - und +der Proletarier fletschte die gelben Zaehne. Er versteckte sein Grinsen gar +nicht mehr. Diederich begriff, dass in Wahlsachen weniger leicht mit ihm zu +reden sein werde als ueber eine geschundene Arbeiterin. "Naemlich, Herr +Doktor," begann Napoleon, "den einen von den beiden Sitzen hat meine +Partei bombensicher. Den anderen kriegen wahrscheinlich die Freisinnigen. +Wenn Sie die 'rausschmeissen wollen, brauchen Sie uns." + +"So weit seh' ich es ein", sagte Diederich. "Ich habe zwar auch den alten +Buck fuer mich. Aber seine Leute sind vielleicht nicht alle so +vertrauensselig, dass sie mich waehlen, wenn ich mich als Freisinniger +aufstellen lasse. Sicherer ist es, ich vertrage mich auch mit Ihnen." + +"Und ich hab' auch schon 'ne Ahnung, wieso Sie das machen koennen", +erklaerte Napoleon. "Weil ich naemlich schon laengst 'n Auge auf Herrn Doktor +habe, ob er nun nicht bald in die politische Arena 'reinsteigt." + +Napoleon blies Ringe, so sehr war er auf der Hoehe! + +"Ihr Prozess, Herr Doktor, und dann das mit dem Kriegerverein und so, das +war alles ganz schoen, als Reklame. Aber fuer einen Politiker heisst es doch +immer: wie viele Stimmen krieg' ich." + +Napoleon teilte aus dem Schatz seiner Erfahrungen mit! Als er vom +"nationalen Rummel" sprach, wollte Diederich protestieren; aber Napoleon +fertigte ihn schnell ab. + +"Was wollen Sie denn? Wir in unserer Partei haben gewissermassen allerhand +Achtung vor dem nationalen Rummel. Bessere Geschaefte sind allemal damit zu +machen als mit dem Freisinn. Die buergerliche Demokratie faehrt bald in +einer einzigen Droschke ab." + +"Und die vermoebeln wir ihr auch noch!" rief Diederich. Die Bundesgenossen +lachten vor Vergnuegen. Diederich holte eine Flasche Bier. + +"A-ber", machte der Sozialdemokrat; und er rueckte mit seiner Bedingung +heraus: ein Gewerkschaftshaus, bei dessen Bau die Partei von der Stadt zu +unterstuetzen war! ... Diederich sprang vom Stuhl. "Und das erdreisten Sie +sich von einem nationalen Mann zu verlangen?" + +Der andere blieb gelassen und ironisch. "Wenn wir dem nationalen Mann +nicht helfen, dass er gewaehlt wird, wo bleibt dann der nationale Mann?" - +Und Diederich mochte sich empoeren oder um Gnade flehen, er musste auf ein +Blatt Papier schreiben, dass er fuer das Gewerkschaftshaus nicht nur selbst +stimmen, sondern auch die ihm nahestehenden Stadtverordneten bearbeiten +werde. Darauf erklaerte er barsch die Unterredung fuer beendet und nahm dem +Maschinenmeister die Bierflasche aus der Hand. Aber Napoleon Fischer +zwinkerte. Ueberhaupt duerfe der Herr Doktor froh sein, dass er mit ihm und +nicht mit dem Parteibudiker Rille verhandele. Denn Rille, der fuer seine +eigene Wahl agitiere, waere zu dem Kompromiss nicht zu haben gewesen. Und in +der Partei seien die Meinungen geteilt; Diederich habe also allen Grund, +in der ihm nahestehenden Presse etwas fuer die Kandidatur Fischer zu tun. +"Wenn fremde Leute, zum Beispiel Rille, sollten die Nase in Ihre +Geschichten stecken, Herr Doktor, dafuer werden Sie sich wohl bedanken. Bei +uns beiden ist es was anderes. Wir haben schon mehr Dreck zusammen +verscharrt." + +Damit ging er und ueberliess Diederich seinen Gefuehlen. "Schon mehr Dreck +zusammen verscharrt!" dachte Diederich, und Angstschauer kreuzten sich in +ihm mit Wallungen des Zorns. Das durfte der Hund ihm sagen, sein eigener +Kuli, den er jeden Augenblick auf die Strasse werfen konnte! Vielmehr, +leider ging das nicht, denn es war wahr, sie hatten Dreck verscharrt. Der +Hollaender! Die geschundene Arbeiterin! Eine Vertraulichkeit zog die andere +nach sich: jetzt waren Diederich und sein Prolet nicht nur im Betrieb +aufeinander angewiesen, sondern auch politisch. Am liebsten haette +Diederich mit dem Parteibudiker Rille angebunden; aber dann war zu +fuerchten, dass Napoleon Fischer in seiner Rachsucht auspackte, was er +wusste. Diederich sah sich genoetigt, ihm auch noch gegen Rille zu helfen. +"Aber" - er schuettelte die Faust gegen die Zimmerdecke - "wir sprechen uns +wieder. Und wenn es zehn Jahre dauert, die Abrechnung kommt!" + +Hiernach oblag es ihm, dem alten Herrn Buck einen Besuch zu machen und +sein biedermaennisches und schoengeistiges Gerede mit Ergebenheit anzuhoeren. +Dafuer ward er Kandidat der freisinnigen Partei ... In der "Netziger +Zeitung", die in einem warmen Artikel Herrn Doktor Hessling als Mensch, +Buerger und Politiker den Waehlern empfahl, ward gleich darunter, wenn auch +in kleinerem Druck, die Aufstellung des Arbeiters Fischer scharf +beanstandet. Die sozialdemokratische Partei verfuegte, man musste es leider +zugeben, ueber genug selbstaendige Gewerbetreibende, sie brauchte den +buergerlichen Stadtverordneten nicht den kollegialen Verkehr mit einem +gewoehnlichen Arbeiter zuzumuten. Sollte insbesondere Herr Doktor Hessling +im Schosse der staedtischen Koerperschaft seinem eigenen Maschinenmeister +begegnen? + +Dieser Ausfall des buergerlichen Blattes stellte unter den Sozialdemokraten +volle Einmuetigkeit her; sogar Rille musste sich fuer Napoleon erklaeren, - +der mit Glanz durch das Ziel ging. Diederich bekam von der Partei, die ihn +aufstellte, nur die Haelfte der Stimmen, aber ihn retteten die Genossen. +Die beiden Gewaehlten wurden gemeinsam in die Versammlung eingefuehrt. +Buergermeister Doktor Scheffelweis beglueckwuenschte sie, mit dem Hinweis, +dass einerseits der taetige Buerger, andererseits der emporstrebende Arbeiter +-. Und schon in der naechsten Sitzung griff Diederich in die Verhandlungen +ein. + +Zur Debatte stand die Kanalisation der Gaebbelchenstrasse. Eine +betraechtliche Anzahl jener alten Vorstadthaeuser befand sich noch heute, am +Ende des neunzehnten Jahrhunderts, im wenig ruehmlichen Besitz von +Abortgruben, deren Ausduenstungen zuzeiten die ganze Gegend ueberschwemmten. +Bei seinem Besuch im "Gruenen Engel" hatte Diederich die Wahrnehmung +gemacht. So wandte er sich denn mit Nachdruck gegen die finanztechnischen +Bedenken des Magistratsvertreters. Eine Forderung der Kulturehre duerfe +kleinlichen Ruecksichten nicht weichen. "Deutschtum heisst Kultur!" rief +Diederich aus. "Meine Herren! Das hat kein Geringerer gesagt als Seine +Majestaet der Kaiser. Und bei anderer Gelegenheit hat Seine Majestaet das +Wort gesprochen: Die Schweinerei muss ein Ende nehmen. Wo nur immer +grosszuegig vorgegangen wird, da leuchtet uns das erhabene Beispiel Seiner +Majestaet voran, und darum, meine Herren -" + +"Hurra!" rief eine Stimme links, und Diederich begegnete dem Grinsen +Napoleon Fischers. Da reckte er sich auf, er blitzte. + +"Sehr richtig!" versetzte er schneidend. "Ich kann nicht besser schliessen. +Seine Majestaet der Kaiser hurra, hurra, hurra!" + +Verbluefftes Schweigen, - aber da die Sozialdemokraten lachten, riefen +rechts einige hurra. Doktor Heuteufel warf die Frage dazwischen, ob der +merkwuerdige Zusammenhang, in den Herr Doktor Hessling die Person des +Kaisers gebracht habe, nicht eigentlich eine Majestaetsbeleidigung +darstelle. Aber der Vorsitzende klingelte schnell. In der Presse jedoch +ward weiter debattiert. Die "Volksstimme" behauptete, Herr Hessling trage +in die Stadtverordnetenversammlung den Geist des uebelsten Byzantinismus, +wohingegen die "Netziger Zeitung" seine Rede als die erfrischende Tat +eines unbefangenen Patrioten bezeichnete. Dass es sich aber um einen +wahrhaft bedeutsamen Vorgang handelte, ward erst klar, als es im "Berliner +Lokal-Anzeiger" stand. Das Blatt Seiner Majestaet war ueber das mutige +Auftreten des Netziger Stadtverordneten Doktor Hessling des Lobes voll. Es +stellte mit Genugtuung fest, dass der neue, entschlossen nationale Geist, +fuer den der Kaiser eintrete, nunmehr auch im Lande Fortschritte mache. Die +kaiserliche Mahnung werde befolgt, der Buerger erwache aus dem Schlummer, +die Scheidung zwischen denen fuer ihn und denen wider ihn vollziehe sich. +"Moechten viele wackere Vertreter unserer Staedte dem Beispiel des Doktor +Hessling folgen!" + +Diese Nummer des Lokal-Anzeigers trug Diederich schon acht Tage lang auf +dem Herzen, da schlich er sich um die stillste Vormittagsstunde, unter +Vermeidung der Kaiser-Wilhelm-Strasse, von rueckwaerts in die Bierstube von +Klappsch, wo er Gesellschaft fand: Napoleon Fischer und der Parteiwirt +Rille. Obwohl das Lokal ganz leer war, zogen die drei sich in den +aeussersten Winkel zurueck; Fraeulein Klappsch ward, kaum dass sie das Bier +gebracht hatte, hinausgeschickt; und Klappsch selbst, der an der Tuer +horchte, hoerte nur tuscheln. Er versuchte die Klappe zu Hilfe zu nehmen, +durch die er bei staerkerem Besuch die Glaeser hineinreichte; aber Rille, +der damit Bescheid wusste, schlug sie ihm vor der Nase zu. Immerhin hatte +der Wirt bemerkt, dass Doktor Hessling aufgesprungen war und im Begriff +schien, wegzugehen. Dazu werde er als nationaler Mann niemals die Hand +bieten!... Spaeter aber wollte Fraeulein Klappsch, die zum Zahlen gerufen +ward, doch ein Papier gesehen haben, das von allen drei unterschrieben +war. + + + +Denselben Tag nachmittags hatten Emmi und Magda eine Einladung zum Tee bei +Frau von Wulckow, und Diederich begleitete sie. Erhobenen Hauptes +schritten die Geschwister ueber die Kaiser-Wilhelm-Strasse, Diederich +lueftete kuehl den Zylinder vor den Herren, die von den Stufen der +Freimaurerloge erstaunt zusahen, wie er das Gebaeude der Regierung betrat. +Den Wachtposten begruesste er mit einer jovialen Handbewegung. Droben in der +Garderobe stiess man auf Offiziere und ihre Damen, denen die beiden +Fraeulein Hessling schon bekannt waren. Die Sporen zusammenschlagend, zog +der Leutnant von Brietzen Emmi den Mantel aus, und sie dankte ihm ueber die +Schulter, wie eine Graefin. Sodann trat sie Diederich auf den Fuss, damit er +merke, auf welchen heissen Boden er versetzt sei. Und wirklich, als man nun +Herrn von Brietzen den Vortritt in den Salon aufgenoetigt, vor der +Praesidentin entzueckte Kratzfuesse ausgefuehrt hatte und mit allen bekannt +geworden war: welche Aufgabe, so ehrenvoll wie gefaehrlich, auf einem +Stuehlchen zwischen Damenkleider eingeengt, die Teetasse im Gleichgewicht +zu erhalten, waehrend man Kuchenteller weitergab, und mit dem Kuchen ein +huldigendes Laecheln zu spenden und beim Essen ein schmelzendes Wort ueber +die so gelungene Auffuehrung der "Heimlichen Graefin" zu liefern, ein +maennlich anerkennendes fuer die grosszuegige Verwaltungstaetigkeit des +Praesidenten, ein gewichtiges ueber Umsturz und Kaisertreue - und dabei noch +den Wulckowschen Hund zu fuettern, der bettelte! An die anspruchslose +Gesellschaft des Ratskellers oder des Kriegervereins durfte man hier nicht +denken; es hiess mit aufreibendem Laecheln in die wasserhellen Augen des +Hauptmanns von Koeckeritz starren, dessen Glatze weiss, dessen Gesicht von +der Mitte der Stirn abwaerts feuerrot war und der vom Exerzierplatz +erzaehlte. Und wenn einem vor Gespanntheit auf die Frage, ob man gedient +habe, schon der Schweiss ausbrach, erlebte man es unversehens, dass die Dame +neben einem, die ihr weissblondes Haar glatt ueber den Kopf hinaufkaemmte und +eine sonnenverbrannte Nase hatte, von Pferden zu sprechen anfing ... +Diesmal ward Diederich durch Emmi gerettet, denn Emmi, unterstuetzt von +Herrn von Brietzen, mit dem sie geradezu auf vertrautem Fuss zu stehen +schien, griff gewandt in das Pferdegespraech ein, gebrauchte fachmaennische +Ausdruecke, ja, schreckte nicht davor zurueck, von Ritten ins Gelaende zu +phantasieren, die sie auf dem Gut einer Tante unternommen haben wollte. +Als der Leutnant sich dann erbot, mit ihr auszureiten, schuetzte sie die +arme Frau Hessling vor, die es nicht erlaube. Diederich erkannte Emmi nicht +wieder. Ihre unheimlichen Talente liessen Magda, der es doch gelungen war, +sich zu verloben, hier ganz im Schatten. Nicht ohne Bangen ward Diederich, +wie nach seiner Rueckkehr aus dem "gruenen Engel", sich der unberechenbaren +Wege bewusst, die ein Maedchen, wenn man es nicht sah -. Da bemerkte er, dass +er eine Frage der Praesidentin ueberhoert hatte, und dass man schwieg, weil er +antworten sollte. Er suchte in der Luft umher nach Hilfe, stiess aber nur +auf den unerbittlichen Blick eines grossen Bildnisses, bleich und steinern, +in roter Husarenuniform, eine Hand auf der Huefte, der Schnurrbart an den +Augenwinkeln, und der Blick ueber die Schulter hinweg kalt blitzend! +Diederich erbebte, er verschluckte sich mit Tee, Herr von Brietzen klopfte +ihm den Ruecken. + +Eine Dame, die bisher nur immer gegessen hatte, sollte jetzt singen. Im +Musikzimmer hatte man sich gruppiert. Diederich, an der Tuer, zog +verstohlen die Uhr, da huestelte hinter ihm die Praesidentin. "Ich weiss +wohl, lieber Doktor, dass Sie nicht uns und unserer leichten, ich moechte +sagen allzu leichten Konversation Ihre Zeit opfern, die so ernsten +Pflichten gehoert. Mein Mann erwartet Sie, kommen Sie nur." Den Finger auf +den Lippen ging sie voran, ueber einen Gang, durch ein leeres Vorzimmer ... +Ganz leise klopfte sie. Da keine Antwort kam, sah sie aengstlich auf +Diederich, dem auch nicht wohl war. "Ottochen", versuchte sie, zaertlich an +die verschlossene Tuer geschmiegt. Nach einer Weile des Lauschens erhob +sich drinnen die fuerchterliche Bassstimme: "Hier ist kein Ottochen! Sag' +den Schafskoepfen, Sie sollen ihren Tee allein saufen!" - "Er ist so sehr +beschaeftigt", fluesterte Frau von Wulckow, ein wenig bleicher. "Die +Schlechtgesinnten untergraben seine Gesundheit ... Leider muss ich mich +jetzt meinen Gaesten widmen, der Diener soll Sie anmelden." Und sie +entschwebte. + +Diederich wartete vergeblich auf den Diener, lange Minuten. Dann aber trat +der Wulckowsche Hund ein, schritt riesenhaft und voll Verachtung an +Diederich vorbei und kratzte an der Tuer. Sofort ertoente es drinnen: +"Schnaps! Komm herein!" - worauf die Dogge die Tuer aufklinkte. Da sie +vergass, sie wieder zu schliessen, erlaubte Diederich sich, mit +hineinzuschluepfen. Herr von Wulckow sass in einer Rauchwolke am +Schreibtisch, er wendete den ungeheuren Ruecken her. + +"Guten Tag, Herr Praesident", sagte Diederich, mit einem Kratzfuss. "Na nu, +quatschst du auch schon, Schnaps?" fragte Wulckow, ohne sich umzusehen. Er +faltete ein Papier, zuendete langsam eine neue Zigarre an ... "Jetzt kommt +es", dachte Diederich. Aber dann begann Wulckow etwas anderes zu +schreiben. Interesse an Diederich nahm nur der Hund. Offenbar fand er den +Gast hier noch weniger am Platz, seine Verachtung ging in Feindseligkeit +ueber; mit gefletschten Zaehnen beschnupperte er Diederichs Hose, fast war +es kein Schnuppern mehr. Diederich tanzte, so geraeuschlos wie moeglich, von +einem Fuss auf den anderen, und die Dogge knurrte drohend aber leise, wohl +wissend, ihr Herr koennte es sonst nicht weiter kommen lassen. Endlich +gelang es Diederich, zwischen sich und seinen Feind einen Stuhl zu +bringen, an den geklammert er sich umherdrehte, bald langsamer, bald +schneller, und immer auf der Hut vor Schnaps' Seitenspruengen. Einmal sah +er Wulckow den Kopf ein wenig wenden und glaubte ihn schmunzeln zu sehen. +Dann hatte der Hund genug von dem Spiel, er ging zum Herrn und liess sich +streicheln; und neben Wulckows Stuhl hingelagert, mass er mit kuehnen +Jaegerblicken Diederich, der sich den Schweiss wischte. + +"Gemeines Vieh!" dachte Diederich - und ploetzlich wallte es auf in ihm. +Empoerung und der dicke Qualm verschlugen ihm den Atem, er dachte, mit +unterdruecktem Keuchen: "Wer bin ich, dass ich mir das bieten lassen muss? +Mein letzter Maschinenschmierer laesst sich das von mir nicht bieten. Ich +bin Doktor. Ich bin Stadtverordneter! Dieser ungebildete Flegel hat mich +noetiger als ich ihn!" Alles, was er heute nachmittag erlebt hatte, nahm +den uebelsten Sinn an. Man hatte ihn verhoehnt, der Bengel von Leutnant +hatte ihm den Ruecken geklopft! Diese Kommisskoepfe und adeligen Puten hatten +die ganze Zeit von ihren albernen Angelegenheiten geredet und ihn wie dumm +dabei sitzen lassen! "Und wer bezahlt die frechen Hungerleider? Wir!" +Gesinnung und Gefuehle, alles stuerzte in Diederichs Brust auf einmal +zusammen, und aus den Truemmern schlug wild die Lohe des Hasses. +"Menschenschinder! Saebelrassler! Hochnaesiges Pack!... Wenn wir mal Schluss +machen mit der ganzen Bande -!" Die Faeuste ballten sich ihm von selbst, in +einem Anfall stummer Raserei sah er alles niedergeworfen, zerstoben: die +Herren des Staates, Heer, Beamtentum, alle Machtverbaende und sie selbst, +die Macht! Die Macht, die ueber uns hingeht und deren Hufe wir kuessen! +Gegen die wir nichts koennen, weil wir alle sie lieben! Die wir im Blut +haben, weil wir die Unterwerfung darin haben! Ein Atom sind wir von ihr, +ein verschwindendes Molekuel von etwas, das sie ausgespuckt hat!... Von der +Wand dort, hinter blauen Wolken, sah eisern hernieder ihr bleiches +Gesicht, eisern, gestraeubt, blitzend: Diederich aber, in wuester +Selbstvergessenheit, hob die Faust. + +Da knurrte der Wulckowsche Hund, unter dem Praesidenten hervor aber kam ein +donnerndes Geraeusch, ein lang hinrollendes Geknatter - und Diederich +erschrak tief. Er verstand nicht, was dies fuer ein Anfall gewesen war. Das +Gebaeude der Ordnung, wieder aufgerichtet in seiner Brust, zitterte nur +noch leise. Der Herr Regierungspraesident hatte wichtige Staatsgeschaefte. +Man wartete eben, bis er einen bemerkte; dann bekundete man gute Gesinnung +und sorgte fuer gute Geschaefte ... + +"Na, Doktorchen?" sagte Herr von Wulckow und drehte seinen Sessel herum. +"Was ist mit Ihnen los? Sie werden ja der reine Staatsmann. Setzen Sie +sich mal auf diesen Ehrenplatz." + +"Ich darf mir schmeicheln", stammelte Diederich. "Einiges habe ich schon +erreicht fuer die nationale Sache." + +Wulckow blies ihm einen maechtigen Rauchkegel ins Gesicht, dann kam er ihm +ganz nahe mit seinen warmbluetigen, zynischen Augen und ihrer +Mongolenfalte. "Sie haben erstens erreicht, Doktorchen, dass Sie +Stadtverordneter geworden sind. Wie, das wollen wir auf sich beruhen +lassen. Jedenfalls konnten Sie es brauchen, denn Ihr Geschaeft soll ja 'ne +ziemlich faule Karre sein." Da Diederich zusammenzuckte, lachte Wulckow +droehnend. "Lassen Sie nur, Sie sind mein Mann. Was meinen Sie, das ich da +geschrieben habe?" Das grosse Blatt Papier verschwand unter der Pranke, die +er darauf legte. "Da verlange ich vom Minister einen kleinen Piepmatz fuer +einen gewissen Doktor Hessling, in Anerkennung seiner Verdienste um die +gute Gesinnung in Netzig ... Fuer so nett haben Sie mich wohl gar nicht +gehalten?" setzte er hinzu, denn Diederich, mit einer Miene, geblendet und +wie mit Bloedheit geschlagen, machte von seinem Stuhl herab immerfort +Verbeugungen. "Ich weiss tatsaechlich nicht", brachte er hervor. "Meine +bescheidenen Verdienste -" + +"Aller Anfang ist schwer", sagte Wulckow. "Es soll auch nur eine +Aufmunterung sein. Ihre Haltung im Prozess Lauer war nicht uebel. Na und Ihr +Kaiserhoch in der Kanalisationsdebatte hat die antimonarchische Presse +ganz aus dem Haeuschen gebracht. Schon an drei Orten im Lande ist deshalb +Anklage wegen Majestaetsbeleidigung erhoben. Da muessen wir uns Ihnen wohl +erkenntlich zeigen." + +Diederich rief aus: "Mein schoenster Lohn ist es, dass der Lokal-Anzeiger +meinen schlichtbuergerlichen Namen vor die Allerhoechsten Augen selbst +gebracht hat!" + +"Na, nu nehmen Sie sich mal 'ne Zigarre", schloss Wulckow; und Diederich +begriff, dass jetzt die Geschaefte kamen. Schon inmitten der Hochgefuehle +waren ihm Zweifel aufgestiegen, ob Wulckows Gnade vor allem anderen nicht +eine ganz besondere Ursache habe. Er sagte versuchsweise: + +"Fuer die Bahn nach Ratzenhausen wird die Stadt nun doch wohl den Beitrag +bewilligen." + +Wulckow streckte den Kopf vor. "Ihr Glueck. Wir haben sonst ein billigeres +Projekt, darauf wird Netzig ueberhaupt nicht beruehrt. Also sorgen Sie +dafuer, dass die Leute Vernunft annehmen. Unter der Bedingung duerft ihr dann +dem Rittergut Quitzin euer Licht liefern." + +"Das will der Magistrat auch nicht." Diederich bat mit den Haenden um +Nachsicht. "Die Stadt hat Schaden dabei, und Herr von Quitzin zahlt uns +keine Steuern ... Aber jetzt bin ich Stadtverordneter, und als nationaler +Mann -" + +"Das moechte ich mir ausbitten. Mein Vetter Herr von Quitzin baut sich +sonst einfach ein Elektrizitaetswerk, das hat er billig, was glauben Sie, +zwei Minister kommen bei ihm zur Jagd - und dann unterbietet er euch hier +in Netzig selbst." + +Diederich richtete sich auf. "Ich bin entschlossen, Herr Praesident, allen +Anfeindungen zum Trotz in Netzig das nationale Banner hochzuhalten." +Hierauf, mit gedaempfter Stimme: "Einen Feind koennen wir uebrigens +loswerden: einen besonders schlimmen, jawohl, den alten Kluesing in +Gausenfeld." + +"Der?" Wulckow feixte veraechtlich. "Der frisst mir aus der Hand. Er liefert +Papier fuer die Kreisblaetter." + +"Wissen Sie, ob er fuer schlechte Blaetter nicht noch mehr liefert? Darueber, +Herr Praesident verzeihen, bin ich doch wohl besser informiert." + +"Die Netziger Zeitung ist jetzt in nationaler Beziehung zuverlaessiger +geworden." + +"Und zwar -" Diederich nickte gewichtig, "seit dem Tage, an dem der alte +Kluesing mir, Herr Praesident, einen Teil der Papierlieferung hat anbieten +lassen. Gausenfeld sei ueberlastet. Natuerlich hatte er Angst, dass ich mich +an einem nationalen Konkurrenzblatt beteilige. Und vielleicht hatte er +auch Angst -" eine bedeutsame Pause - "dass der Herr Praesident das Papier +fuer die Kreisblaetter lieber bei einem nationalen Werk bestellt." + +"Also - Sie liefern jetzt fuer die Netziger Zeitung?" + +"Niemals, Herr Praesident, werde ich meine nationale Gesinnung so sehr +verleugnen, dass ich an eine Zeitung liefere, solange noch freisinniges +Geld drin ist." + +"Na schoen." Wulckow stemmte die Faeuste auf die Schenkel. "Jetzt brauchen +Sie nichts mehr zu sagen. Sie wollen bei der Netziger Zeitung das Ganze. +Die Kreisblaetter wollen Sie auch. Wahrscheinlich auch die +Papierlieferungen fuer die Regierung. Sonst noch was?" + +Und Diederich, sachlich: + +"Herr Praesident, ich bin nicht wie Kluesing, mit dem Umsturz mach' ich +keine Geschaefte. Wenn Sie, Herr Praesident, auch als Vorstand der +Bibelgesellschaft mein Unternehmen stuetzen wollten, ich darf sagen, die +nationale Sache wuerde nur gewinnen." + +"Na schoen", wiederholte Wulckow und zwinkerte. Diederich spielte seinen +Trumpf aus. + +"Herr Praesident! Unter Kluesing ist Gausenfeld eine Brutstaette des +Umsturzes. Bei seinen achthundert Arbeitern ist nicht einer dabei, der +anders waehlt als sozialdemokratisch." + +"Na und bei Ihnen?" + +Diederich schlug sich auf die Brust. "Gott ist mein Zeuge, dass ich lieber +noch heute die Bude zumache und mit den Meinen ins Elend hinausziehe, als +dass ich einen einzigen Mann bei mir dulde, von dem ich weiss, er ist nicht +kaisertreu." + +"Sehr brauchbare Gesinnung", sagte Wulckow. Diederich sah ihn mit blauen +Augen an. "Ich nehme nur gediente Leute, vierzig haben den Krieg +mitgemacht. Jugendliche beschaeftige ich gar nicht mehr, seit der +Geschichte mit dem Arbeiter, den der Wachtposten auf dem Felde der Ehre, +wie Seine Majestaet festzustellen geruhten, niedergestreckt hat, nachdem +der Kerl mit seiner Braut hinter meinen Lumpen -" + +Wulckow winkte ab. "Ihre Sorge, Doktorchen!" + +Diederich liess sich seinen Entwurf nicht verderben. "Unter meinen Lumpen +darf kein Umsturz vorkommen. Mit Ihren Lumpen, ich meine in der Politik, +ist es anders. Da koennen wir den Umsturz brauchen, damit aus den +freisinnigen Lumpen weisses, kaisertreues Papier wird." Und er machte eine +tief bedeutungsvolle Miene. Wulckow schien nicht verbluefft, er schmunzelte +furchtbar. + +"Doktorchen, ich bin auch nicht von gestern. Legen Sie los, was haben Sie +mit Ihrem Maschinenmeister ausgeknobelt?" + +Da er Diederich wanken sah, fuhr Wulckow fort: "Das ist auch einer von den +Altgedienten, wie, Herr Stadtverordneter?" + +Diederich schluckte, er sah, dass es keinen Umweg mehr gab. "Herr +Praesident", sagte er mit einem Entschluss; und dann leise und hastig: "Der +Mann will in den Reichstag, und vom nationalen Standpunkt ist er besser +als Heuteufel. Denn erstens werden viele Freisinnige vor Schreck national +werden, und zweitens kriegen wir, wenn Napoleon Fischer gewaehlt wird, in +Netzig ein Kaiser-Wilhelm-Denkmal. Ich habe es schriftlich." + +Er breitete ein Papier hin vor den Praesidenten. Wulckow las, dann stand er +auf, warf den Stuhl mit dem Fuss fort und ging, Rauch ausstossend, durch das +Zimmer. "Also Kuehlemann kratzt ab, und von seiner halben Million baut die +Stadt kein Saeuglingsheim, sondern ein Kaiser-Wilhelm-Denkmal." Er blieb +stehen. "Merken Sie sich das, mein Lieber, in Ihrem eigensten Interesse! +Wenn Netzig nachher einen Sozialdemokraten im Reichstag, aber keinen +Wilhelm den Grossen hat, dann lernen Sie mich kennen. Ich mache Frikassee +aus Ihnen! Ich schlag' Sie so klein, dass Sie nicht mal mehr im +Saeuglingsheim Aufnahme finden!" + +Diederich war mitsamt seinem Stuhl zurueckgewichen bis an die Wand. "Herr +Praesident! Alles, was ich bin, meine ganze Zukunft setze ich ein fuer diese +grosse nationale Sache. Auch mir kann etwas Menschliches passieren ..." + +"Dann gnade Ihnen Gott!" + +"Wenn nun Kuehlemanns Nierensteine sich doch noch verziehen?" + +"Sie haben die Verantwortung! Um meinen Kopf geht es auch!" Wulckow liess +sich krachend auf seinen Sitz fallen. Er rauchte wuetend. Als die Wolken +zergingen, hatte er sich aufgeheitert. "Was ich Ihnen auf dem Harmoniefest +gesagt habe, dabei bleibt es. Dieser Reichstag macht es nicht mehr lange, +arbeiten Sie vor in der Stadt. Helfen Sie mir gegen Buck, ich helfe Ihnen +gegen Kluesing." + +"Herr Praesident!" Wulckows Laecheln schuf in Diederich einen Ueberschwang +von Hoffnung, er konnte nicht an sich halten. "Wenn Sie es ihn unter der +Hand wissen liessen, dass Sie ihm eventuell die Auftraege entziehen! An die +grosse Glocke haengt er es nicht, das brauchen Sie nicht zu fuerchten; aber +er wird seine Anstalten treffen. Vielleicht verhandelt er -" + +"Mit seinem Nachfolger", schloss Wulckow. Da musste Diederich aufspringen +und seinerseits durch das Zimmer laufen. "Wenn Sie wuessten, Herr +Praesident ... Gausenfeld ist sozusagen eine Maschine mit +Tausendpferdekraft, und die steht da und verrostet, weil der Strom fehlt, +ich will sagen, der moderne, grosszuegige Geist!" + +"Den scheinen Sie zu haben", meinte Wulckow. + +"Im Dienst der nationalen Sache", beteuerte Diederich. Er kehrte zurueck. +"Das Kaiser-Wilhelm-Denkmal-Komitee wird sich gluecklich schaetzen, wenn es +uns gelingen wuerde, dass Sie so gut sind, Herr Praesident, und bekunden der +Sache Ihr geschaetztes Interesse durch Annahme des Ehrenvorsitzes." + +"Gemacht", sagte Wulckow. + +"Die aufopfernde Taetigkeit seines Herrn Ehrenvorsitzenden wird das Komitee +entsprechend zu wuerdigen wissen." + +"Erklaeren Sie sich mal naeher!" In Wulckows Stimme grollte es unheilvoll, +aber Diederich bei seiner Angeregtheit ueberhoerte es. + +"Die Idee hat bereits zu gewissen Eroerterungen im Schosse des Komitees +gefuehrt. Man wuenscht das Denkmal in frequentester Lage zu errichten und +mit einem Volkspark zu umgeben, damit naemlich die unloesbare Verbindung von +Herrscher und Volk sinnfaellig in die Erscheinung tritt. Da haben wir nun +im Zentrum der Stadt an ein groesseres Grundstueck gedacht; auch die +Nachbargebaeude waeren zu haben; es ist in der Meisestrasse." + +"Soso. Meisestrasse." Wulckows Brauen hatten sich gewitterhaft +zusammengezogen. Diederich erschrak, aber es gab kein Halten mehr. + +"Der Gedanke ist aufgetaucht, dass wir uns, noch bevor die Stadt der Sache +naeher tritt, die betreffenden Grundstuecke sichern und unbefugten +Spekulationen zuvorkommen sollen. Unser Herr Ehrenvorsitzender haette +natuerlich das erste Anrecht ..." + +Nach diesem Wort wich Diederich zurueck, der Sturm brach los. "Herr! Fuer +wen halten Sie mich? Bin ich Ihr Geschaeftsagent? Das ist unerhoert, das war +noch nicht da! So ein Koofmich mutet dem Koeniglichen Regierungspraesidenten +zu, er soll seine schmutzigen Geschaefte mitmachen!" + +Wulckow droehnte uebermenschlich, er drang mit seiner gewaltigen Koerperwaerme +und mit seinem persoenlichen Geruch gegen Diederich vor, der sich rueckwaerts +bewegte. Auch der Hund war aufgestanden und ging klaeffend zum Angriff +ueber. Das Zimmer war auf einmal erfuellt von Graus und Getoese. + +"Sie machen sich einer schweren Beamtenbeleidigung schuldig, Herr!" schrie +Wulckow, und Diederich, der hinter sich nach der Tuer tastete, hatte nur +Vermutungen darueber, wer ihm frueher an der Kehle sitzen werde, der Hund +oder der Praesident. Seine angstvoll irrenden Augen trafen das bleiche +Gesicht, das von der Wand herab drohte und blitzte. Nun hatte er sie an +der Kehle, die Macht! Vermessen hatte er sich, mit der Macht auf +vertrautem Fuss zu verkehren. Das war sein Verderben, sie brach ueber ihn +herein mit dem Entsetzen eines Weltuntergangs ... Die Tuer hinter dem +Schreibtisch ging auf, jemand in Polizeiuniform trat ein. Den +schlotternden Diederich ueberraschte er nicht mehr. Wulckow ward durch die +Gegenwart der Uniform auf einen neuen furchtbaren Gedanken gebracht. "Ich +kann Sie augenblicklich verhaften lassen, Sie Jammerprinz, wegen +versuchter Beamtenbestechung, wegen Bestechungsversuch an einer Behoerde, +an der obersten Behoerde des Regierungsbezirks! Ich bringe Sie ins +Zuchthaus, ich ruiniere Sie fuer Ihr Leben!" + +Auf den Herrn von der Polizei schien dieses Juengste Gericht nicht entfernt +den Eindruck zu machen wie auf Diederich. Er legte das Papier, das er +brachte, auf den Schreibtisch nieder und verschwand. Uebrigens drehte auch +Wulckow sich ploetzlich um; er zuendete seine Zigarre wieder an, Diederich +war nicht mehr da fuer ihn. Und auch Schnaps liess von ihm ab, als sei er +Luft. Da wagte Diederich es, die Haende zu falten. + +"Herr Praesident," fluesterte er wankend, "Herr Praesident, erlauben Herr +Praesident, dass ich feststellen darf, es liegt ein, darf ich feststellen, +tief bedauerliches Missverstaendnis vor. Nie wuerde ich, bei meiner +wohlbekannten nationalen Gesinnung -. Wie koennte ich!" + +Er wartete, aber niemand bekuemmerte sich um ihn. + +"Wenn ich auf meinen Vorteil saehe," begann er wieder, um etwas +vernehmlicher, "anstatt dass ich immer nur das nationale Interesse im Auge +habe, dann waere ich heute nicht hier, dann waere ich bei dem Herrn Buck. +Denn der Herr Buck, jawohl, der hat mir zugemutet, ich soll mein +Grundstueck an die Stadt verkaufen, fuer das freisinnige Saeuglingsheim. Aber +das Ansinnen hab' ich mit Entruestung zurueckgewiesen und habe den geraden +Weg gefunden zu Ihnen, Herr Praesident. Denn besser, hab' ich gesagt, das +Denkmal Kaiser Wilhelms des Grossen im Herzen als das Saeuglingsheim in der +Tasche, hab' ich gesagt und sag' es auch hier mit lauter Stimme!" + +Da Diederich in der Tat die Stimme erhob, wandte Wulckow sich ihm zu. +"Sind Sie noch immer da?" fragte er. Und Diederich, aufs neue ersterbend: +"Herr Praesident -" + +"Was wollen Sie noch? Ich kenne Sie ueberhaupt nicht. Habe nie mit Ihnen +verhandelt." + +"Herr Praesident, im nationalen Interesse -" + +"Mit Grundstuecksspekulanten verhandele ich nicht. Verkaufen Sie Ihr +Grundstueck, und dalli; nachher koennen wir reden." + +Diederich, erblasst, mit dem Gefuehl, als werde er an der Wand zerquetscht: +"In dem Fall bleibt es bei unseren Bedingungen? Der Orden? Der Wink an +Kluesing? Der Ehrenvorsitz?" + +Wulckow zog eine Grimasse. "Meinetwegen. Aber sofort verkaufen!" + +Diederich rang nach Atem. "Ich bringe das Opfer!" erklaerte er. "Denn das +Hoechste, was der kaisertreue Mann hat, meine kaisertreue Gesinnung, muss +ueber jedem Verdacht stehen." + +"Na ja", sagte Wulckow, indes Diederich sich zurueckzog, stolz auf seinen +Abgang, wenn auch beengt durch die Empfindung, dass der Praesident ihn als +Bundesgenossen nicht lieber ertrug als er selbst seinen Maschinenmeister. + +Im Salon fand er Emmi und Magda ganz allein in einem Prachtwerk blaetternd. +Die Gaeste waren fort, und auch Frau von Wulckow hatte sie verlassen, weil +sie sich anziehen musste zur Soiree bei der Frau Oberst von Haffke. "Meine +Unterredung mit dem Praesidenten ist fuer beide Teile durchaus befriedigend +verlaufen", stellte Diederich fest; und draussen auf der Strasse: "Da sieht +man es, was es heisst, wenn zwei loyale Maenner verhandeln. In dem heutigen +verjudeten Geschaeftsbetrieb kennt man das gar nicht mehr." + +Emmi, gleichfalls sehr angeregt, erklaerte, dass sie Reitstunden nehmen +werde. "Wenn ich dir das Geld gebe", sagte Diederich, aber nur der Ordnung +wegen, denn er war stolz auf Emmi. "Hat Leutnant von Brietzen nicht +Schwestern?" bemerkte er. "Du solltest bekannt werden und uns Einladungen +verschaffen zur naechsten Soiree der Frau Oberst." Gerade ging drueben der +Oberst vorbei. Diederich sah ihm lange nach. "Ich weiss wohl," sagte er, +"man soll sich nicht umdrehen; aber das ist nun mal das Hoechste, es zieht +einen hin!" + + + +Dennoch hatte der Vertrag mit Wulckow nur seine Sorgen vergroessert. Der +handgreiflichen Verpflichtung, sein Haus zu verkaufen, stand nichts +gegenueber als Hoffnungen und Aussichten: nebelhafte Aussichten, allzu +kuehne Hoffnungen ... Es fror; Diederich ging am Sonntag in den Stadtpark, +wo es schon dunkelte, und auf einem einsamen Pfad begegnete er Wolfgang +Buck. + +"Ich habe mich nun doch entschlossen", erklaerte Buck. "Ich gehe zur +Buehne." + +"Und Ihre buergerliche Stellung? Und Ihre Heirat?" + +"Ich habe es versucht, aber das Theater ist vorzuziehen. Es wird dort +weniger Komoedie gespielt, wissen Sie, man ist ehrlicher bei der Sache. +Auch sind die Weiber schoener." + +"Das ist kein Standpunkt", erwiderte Diederich. Aber Buck war es ernst. +"Ich muss zugeben, das Geruecht ueber Guste und mich hat mir Spass gemacht. +Andererseits: so bloedsinnig es ist, es ist nun einmal da, das Maedchen +leidet darunter, ich kann sie nicht laenger kompromittieren." + +Diederich widmete ihm einen abschaetzigen Seitenblick, denn er hatte den +Eindruck, Buck nahm das Geruecht zum Vorwand, um sich zu druecken. "Sie +werden wohl wissen," versetzte er streng, "was Sie da anrichten. Ein +anderer nimmt sie jetzt natuerlich auch nicht mehr leicht. Es gehoert schon +verdammt viel ritterliche Gesinnung dazu." + +Buck bestaetigte dies. "Fuer einen wirklich modernen, grosszuegigen Mann", +sagte er bedeutungsvoll, "muesste es eine besondere Genugtuung sein, ein +Maedchen unter solchen Umstaenden zu sich hinaufzuziehen und fuer sie +einzutreten. Hier, wo auch Geld ist, wuerde zweifellos der Edelmut zuletzt +das Feld behaupten. Denken Sie an das Gottesgericht im Lohengrin." + +"Wieso, Lohengrin?" + +Hierauf antwortete Buck nicht mehr; da sie das Sachsentor erreicht hatten, +ward er unruhig. "Kommen Sie mit hinein?" fragte er. - "Wo denn hinein?" - +"Gleich hier, Schweinichenstrasse 77. Ich muss es ihr doch sagen, Sie +koennten vielleicht -." Da pfiff Diederich durch die Zaehne. + +"Sie sind wirklich -. Sie haben ihr noch nichts gesagt? Vorher erzaehlen +Sie es in der Stadt umher? Ihre Sache, mein Bester, aber mich lassen Sie +aus dem Spiel, den Braeuten anderer Leute pflege ich nicht die Verlobung zu +kuendigen." + +"Machen Sie eine Ausnahme", bat Buck. "Mir werden Szenen im Leben so +schwer." + +"Ich habe Grundsaetze", sagte Diederich. Buck lenkte ein. + +"Sie brauchen nichts zu sagen; Sie sollen mir nur in einer stummen Rolle +als moralische Unterstuetzung dienen." + +"Moralisch?" fragte Diederich. + +"Als Vertreter sozusagen des verhaengnisvollen Geruechtes." + +"Was wollen Sie damit sagen?" + +"Ich scherze. Da sind wir, kommen Sie." + +Und Diederich, betroffen durch Bucks letzte Wendung, ging wortlos mit. + +Frau Daimchen war ausgegangen, und Guste liess auf sich warten. Buck ging +nachzusehen, was sie mache. Endlich kam sie, aber allein. "War nicht auch +Wolfgang da?" fragte sie. + +Buck war ausgerissen! + +"Das begreife ich nicht", sagte Diederich. "Er hatte doch etwas ganz +Dringendes bei Ihnen vor." + +Hierauf erroetete Guste. Diederich wandte sich der Tuer zu. "Dann empfehle +ich mich auch." + +"Was wollte er denn?" forschte sie. "Das kommt bei ihm doch nicht oft vor, +dass er etwas will. Und wozu bringt er Sie mit?" + +"Das sehe ich auch nicht ein. Ich darf sogar sagen, dass ich es entschieden +missbillige, wenn er sich bei einer solchen Gelegenheit Zeugen nimmt. Meine +Schuld ist es nicht, adieu." + +Aber je verlegener er sie ansah, desto dringender ward sie. + +"Ich muss es ablehnen," verriet er schliesslich, "dass ich mir mit den +Angelegenheiten Dritter soll den Mund verbrennen, noch dazu, wenn der +Dritte durchgeht und entzieht sich seinen naechstliegenden +Verpflichtungen." + +Gustes aufgerissene Augen sahen die Worte einzeln aus Diederichs Mund +hervorkommen. Als das letzte gefallen war, verharrte sie einen Augenblick +reglos, und dann warf sie die Haende vor das Gesicht. Sie schluchzte, man +sah ihre Wangen aufquellen und die Traenen ihr durch die Finger rinnen. Sie +hatte kein Schnupftuch; Diederich lieh es ihr, betreten durch ihren +Schmerz. "Schliesslich", meinte er, "ist ja so viel nicht an ihm verloren." +Da aber empoerte sich Guste. "Das sagen Sie! Sie sind derjenige welcher und +haben immer gegen ihn gehetzt. Dass er ausgerechnet Sie muss herschicken, +das kommt mir mehr wie sonderbar vor." + +"Wie meinen Sie das, bitte?" verlangte Diederich seinerseits. "Sie mussten +wohl reichlich so genau wissen wie ich, geehrtes Fraeulein, was Sie von dem +betreffenden Herrn zu erwarten hatten. Denn wo die Gesinnung schlapp ist, +ist alles schlapp." + +Da sie ihn hoehnisch musterte, versetzte er um so strenger: + +"Ich habe Ihnen alles richtig vorausgesagt." + +"Weil es Ihnen so passte", erwiderte sie giftig. Und Diederich, mit Ironie: +"Er hat mich doch selbst angestellt, dass ich seinen Kochtopf sollte +umruehren. Und wenn der Kochtopf nicht in braune Lappen eingewickelt +gewesen waere, haette er ihn schon laengst ueberkochen lassen." + +Da rang es sich los aus Guste. "Haben Sie 'ne Ahnung! Das ist es ja, das +kann und kann ich ihm nicht verzeihen, dass ihm immer _alles_ wurscht war, +sogar mein Geld!" + +Diederich war erschuettert. "Mit so einem soll man sich nicht einlassen", +stellte er fest. "Die haben keinen Halt und laufen einem durch die +Finger." Er nickte gewichtig. "Wem das Geld wurscht ist, der versteht das +Leben nicht." + +Guste laechelte blass. "Dann verstehen Sie es glaenzend." + +"Das wollen wir hoffen", sagte er. Sie kam naeher zu ihm, durch ihre +letzten Traenen blinzelte sie ihn an. + +"Recht haben Sie ja nun behalten. Was meinen Sie wohl, das ich mir daraus +mache?" Sie verzog den Mund. "Ich hab' ihn doch ueberhaupt nicht geliebt. +Bloss auf die Gelegenheit hab' ich gewartet, dass ich ihn loswerde. Nun ist +er so gemein und geht von selbst ... Dann machen wir es ohne ihn", setzte +sie hinzu, mit einem verlockenden Blick. Aber Diederich nahm nur sein +Schnupftuch zurueck, fuer alles andere schien er zu danken. Guste begriff, +dass er noch ebenso streng dachte, wie damals im Liebeskabinett; um so +demuetiger verhielt sie sich. + +"Sie spielen gewiss auf meine Lage an, wo ich nun drin bin." + +Er lehnte ab. "Ich habe nichts gesagt." Guste klagte still. "Wenn die +Leute Gemeinheiten ueber mich reden, dafuer kann ich doch nicht!" + +"Ich auch nicht." + +Guste senkte den Kopf. "Na ja, ich muss es wohl einsehen. So eine wie ich +verdient nicht mehr, dass ein wirklich feiner Mann mit ernsten Ansichten +vom Leben sie noch nimmt." Und dabei schielte sie von unten nach der +Wirkung. + +Diederich schnaufte. "Es kann auch sein -", begann er und machte eine +Pause. Guste atmete nicht. "Nehmen wir einmal an," sagte er mit +schneidender Betonung, "jemand hat im Gegenteil die allerernstesten +Ansichten vom Leben, und er empfindet modern und grosszuegig, und im vollen +Gefuehl der Verantwortlichkeit gegen sich selbst sowohl als gegen seine +kuenftigen Kinder, wie gegen Kaiser und Vaterland uebernimmt er den Schutz +des wehrlosen Weibes und zieht es zu sich empor." + +Gustes Miene war immer frommer geworden. Sie lehnte die Handflaechen +aneinander und sah ihn mit schiefem Kopf innig flehend an. Dies schien +noch nicht zu genuegen, er verlangte offenbar etwas ganz Besonderes: und so +fiel Guste plumps auf die Knie. Da nahte Diederich ihr gnaedig. "So soll es +sein", sagte er und blitzte. + +Hier trat Frau Daimchen ein. "Nanu," bemerkte sie, "was ist denn los?" Und +Guste, mit Geistesgegenwart: "Ach Gott, Mutter, wir suchen meinen Ring", - +worauf auch Frau Daimchen sich am Boden niederliess. Diederich wollte nicht +zurueckstehen. Nach einer Weile stummen Umherkriechens rief Guste: "Hat ihm +schon!" Sie stand entschlossen auf. + +"Dass du es nur weisst, Mutter, ich habe mich veraendert." + +Frau Daimchen, noch ausser Atem, begriff nicht sogleich. Guste und +Diederich vereinten ihre Anstrengungen, um sie aufzuklaeren. Schliesslich +gestand sie, dass sie selbst, weil die Leute nun einmal redeten, an so +etwas schon gedacht habe. "Wolfgang war sowieso 'n bisschen zu +miesepeterig, ausser er hatte was getrunken. Bloss die Familie, dagegen +kommen Hesslings nicht auf." + +Das werde sie sehen, behauptete Diederich; und er kuendigte an, dass nichts +abgemacht sei, solange das Praktische auch nicht stimmte. Die Ausweise +ueber Gustes Mitgift mussten herbei, dann verlangte er Guetergemeinschaft - +und was er nachher mit dem Gelde anfing, da durfte niemand hineinreden! +Bei jedem Widerspruch hielt er den Tuergriff schon in der Hand, und +jedesmal sprach Guste leise und angstvoll zu ihrer Mutter: "Soll denn +morgen die ganze Stadt sich den Mund verrenken, weil ich den einen los +bin, und der andere ist auch gleich wieder weg?" + +Als alles stimmte, ward Diederich jovial. Er ass zu Abend mit den Damen und +wollte schon, ohne lange zu fragen, das Dienstmaedchen nach dem +Verlobungssekt schicken. Dies kraenkte Frau Daimchen, denn natuerlich hatte +sie welchen im Hause, das verlangten die Herren Offiziere, die bei ihr +verkehrten. "Ueberhaupt haben Sie mehr Glueck als Verstand, denn den Herrn +Leutnant von Brietzen haette Guste auch gekriegt." Darauf lachte Diederich +wohlgemut. Alles ging gut. Fuer ihn das viele Geld, und der Leutnant von +Brietzen fuer Emmi!... Man ward sehr lustig; bei der zweiten Flasche +taumelte das Brautpaar auf seinen Stuehlen immer einer gegen den anderen, +ihre Fuesse waren umeinandergewickelt bis zum Knie, und Diederichs Hand +beschaeftigte sich unten. Drueben drehte Frau Daimchen die Daumen. Ploetzlich +verursachte Diederich ein donnerndes Geraeusch und erklaerte sofort, er +uebernehme dafuer die volle Verantwortung, es sei in aristokratischen +Kreisen ueblich, er verkehre bei Wulckows. + +Welche Ueberraschung, als Netzig den Umschwung der Dinge erfuhr! Auf die +Erkundigungen der Gratulanten erwiderte Diederich, was er mit den +anderthalb Millionen seiner Frau beginnen werde, sei ganz ungewiss. +Vielleicht ziehe er nach Berlin, fuer grosszuegige Unternehmungen sei es das +Angezeigte. Seine Fabrik jedenfalls denke er bei Gelegenheit zu verkaufen. +"Die Papierindustrie macht ueberhaupt eine Krise durch; diese mitten in +Netzig gelegene Klitsche hat in meinen Verhaeltnissen keinen Sinn mehr." + +Daheim gab es eitel Sonnenschein. Die Schwestern erhielten ein erhoehtes +Taschengeld, und seiner Mutter gestattete Diederich so viele Ruehrszenen +und Umarmungen, als sie sich irgend wuenschen konnte; ja, er nahm willig +ihren Segen entgegen. Guste, so oft sie kam, trat in der Rolle einer Fee +auf, die Arme voll Blumen, Bonbons, silbernen Beuteln. An ihrer Seite +schien Diederich ueber Blumen zu wandeln. Die Tage entschwebten himmlisch +leicht, unter Einkaeufen, Sektfruehstuecken und den Brautvisiten, einen +vornehmen Lohndiener auf dem Bock, und drinnen im Wagen die Verlobten +anregend miteinander beschaeftigt. + +Die schoene Laune, die mit ihrem Dasein spielte, fuehrte sie eines Abends in +den Lohengrin. Die beiden Muetter hatten sich dazu verstehen muessen, zu +Hause zu bleiben; es war der feste Wille des Brautpaares, der +Schicklichkeit zum Trotz allein in einer Proszeniumsloge zu sitzen. Das +breite rote Plueschsofa an der Wand, wo man nicht gesehen werden konnte, +war eingedrueckt und fleckig, es hatte etwas Reizvoll-Fragwuerdiges. Guste +wollte wissen, dass diese Loge eigentlich den Herren Offizieren gehoerte, +und dass sie hier Besuche von Schauspielerinnen empfingen! + +"Ueber die Schauspielerinnen sind wir gluecklich hinaus", erklaerte +Diederich, und er liess durchblicken, dass er allerdings bis vor kurzem mit +einer gewissen Dame vom Theater, die er natuerlich nicht nennen koenne -. +Gustes fieberhafte Fragen wurden rechtzeitig unterbrochen durch das +Klopfen des Kapellmeisters. Sie nahmen ihre Plaetze ein. + +"Haehnisch ist noch wabbeliger geworden", bemerkte Guste sogleich, und sie +nickte nach dem Dirigenten hinab. Er machte auf Diederich einen +hochkuenstlerischen, wenn auch ungesunden Eindruck. Schwarze, verwirrte +Haarstraehnen wippten, indes er mit allen seinen Gliedmassen den Takt +schlug, ueber seinem grossen grauen Gesicht, dessen Fettsaecke mitwippten; +und in Frack und Hose wogte es rhythmisch. Im Orchester war grosser +Betrieb, dennoch gab Diederich zu verstehen, dass er auf Ouvertueren keinen +Wert lege. Ueberhaupt, meinte Guste, wenn man den Lohengrin in Berlin +kannte! Der Vorhang ging auf, und schon kicherte sie verachtungsvoll. +"Gott, die Ortrud! Sie hat einen Schlafrock und ein Frontkorsett!" +Diederich hielt sich mehr an den Koenig unter der Eiche, der sichtlich die +prominenteste Persoenlichkeit war. Sein Auftreten wirkte nicht besonders +schneidig; Wulckow brachte Bass und Vollbart entschieden besser zur +Geltung; aber was er aeusserte, war vom nationalen Standpunkt aus zu +begruessen. "Des Reiches Ehr' zu wahren, ob Ost, ob West." Bravo! So oft er +das Wort deutsch sang, reckte er die Hand hinauf, und die Musik +bekraeftigte es ihrerseits. Auch sonst unterstrich sie einem markig, was +man hoeren sollte. Markig, das war das Wort. Diederich wuenschte sich, er +haette zu seiner Rede in der Kanalisationsdebatte eine solche Musik gehabt. +Der Heerrufer dagegen stimmte ihn wehmuetig, denn er glich aufs Haar dem +dicken Delitzsch in all seiner verflossenen Bierehrlichkeit. Infolgedessen +sah Diederich die Gesichter der Mannen naeher an und fand ueberall +Neuteutonen. Sie hatten groessere Baeuche und Baerte bekommen und sich gegen +die harte Zeit mit Blech geruestet. Auch schienen nicht alle sich in +guenstigen Lebensumstaenden zu befinden; die Edlen sahen aus wie mittlere +Beamte des Mittelalters, mit Ledergesichtern und Knickebeinen, die Unedlen +noch weniger glaenzend; aber der Verkehr mit ihnen waere unzweifelhaft in +tadellosen Formen verlaufen. Ueberhaupt ward Diederich gewahr, dass man sich +in dieser Oper sogleich wie zu Hause fuehlte. Schilder und Schwerter, viel +rasselndes Blech, kaisertreue Gesinnung, Ha und Heil und hochgehaltene +Banner, und die deutsche Eiche: man haette mitspielen moegen. + +Was den weiblichen Teil der Brabanter Gesellschaft betraf, der liess +freilich zu wuenschen. Guste stellte spoettische Fragen: welche es denn nun +sei, mit der er -. "Vielleicht die Ziege in dem Haengekleid? Oder die dicke +Kuh mit dem Goldreifen zwischen den Hoernern?" Und Diederich war nicht weit +davon entfernt, sich fuer die schwarze Dame mit dem Frontkorsett zu +entscheiden, als er noch rechtzeitig bemerkte, dass eben sie in der ganzen +Angelegenheit nicht einwandfrei dastand. Ihr Gatte Telramund schien +zunaechst noch leidlich Komment zu haben, aber eine hoechst ueble +Klatschgeschichte spielte offenbar auch hier mit. Leider war die deutsche +Treue, selbst wo sie ein so glaenzendes Bild darbot, bedroht von den +juedischen Machenschaften der dunkelhaarigen Rasse. + +Beim Auftreten Elsas war es ohne weiteres klar, auf welcher Seite man +Klasse voraussetzen durfte. Der biedere Koenig haette es nicht noetig gehabt, +die Sache dermassen objektiv zu behandeln: Elsas ausgesprochen germanischer +Typ, ihr wallendes blondes Haar, ihr gutrassiges Benehmen boten von +vornherein gewisse Garantien. Diederich fasste sie ins Auge, sie sah +herauf, sie laechelte lieblich. Darauf griff er nach dem Opernglas, aber +Guste entriss es ihm. "Also die Meree ist es?" zischte sie; und da er +vielsagend laechelte: "Einen feinen Geschmack hast du, ich kann mich +geschmeichelt fuehlen. Die ausgemergelte Juedin!" - "Juedin?" - "Die Meree, +selbstredend, sie heisst doch Meseritz, und vierzig Jahre ist sie alt." - +Betreten nahm er das Glas, das Guste ihm hoehnisch anbot, und ueberzeugte +sich. Na ja, die Welt des Scheins. Enttaeuscht lehnte Diederich sich +zurueck. Dennoch konnte er nicht hindern, dass Elsas keusche Vorahnung +weiblicher Lustempfindungen ihn gerade so sehr ruehrte wie den Koenig und +die Edlen. Das Gottesgericht schien auch ihm ein hervorragend praktischer +Ausweg, auf die Weise ward niemand kompromittiert. Dass die Edlen sich auf +die faule Sache nicht einlassen wuerden, war freilich vorherzusehen. Man +musste schon mit etwas Ausserordentlichem rechnen; die Musik tat das ihre, +sie machte einen geradezu auf alles gefasst. Diederich hatte den Mund offen +und so dummselige Augen, dass Guste heimlich einen Lachkrampf bekam. Jetzt +war er so weit, alle waren so weit, jetzt konnte Lohengrin kommen. Er kam, +funkelte, schickte den Zauberschwan fort, funkelte noch betoerender. +Mannen, Edle und der Koenig unterlagen alle derselben Verblueffung wie +Diederich. Nicht umsonst gab es hoehere Maechte.... Ja, die allerhoechste +Macht verkoerperte sich hier, zauberhaft blitzend. Ob Schwanen- oder +Adlerhelm: Elsa wusste wohl, warum sie plumps vor ihm auf die Knie fiel. +Diederich seinerseits blitzte Guste an, ihr verging das Lachen. Auch sie +hatte erfahren, wie es war, wenn alle einen verklatschten, und den ersten +war man los und konnte sich nirgends mehr sehen lassen und haette ueberhaupt +wegziehen muessen: und da kam der Held und Retter und machte sich aus der +ganzen Geschichte nichts und nahm einen doch! "So soll es sein!" sagte +Diederich und nickte auf die kniefaellige Elsa hinab - indes Guste, die +Lider gesenkt, in reuevoller Unterwerfung gegen seine Schulter fiel. + +Das weitere konnte man an den Fingern abzaehlen. Telramund machte sich +einfach unmoeglich. Gegen die Macht unternahm man eben nichts. Zu ihrem +Repraesentanten Lohengrin verhielt sich sogar der Koenig hoechstens wie ein +besserer Bundesfuerst. Er sang seinem Vorgesetzten die Siegeshymne mit. Der +Hort der guten Gesinnung ward schwungvoll gefeiert, die Umstuerzler mochten +den deutschen Staub von ihren Pantoffeln schuetteln. + +Der zweite Akt - Guste ass noch immer, sanft hingegeben, Pralinees - +brachte zunaechst in erhebender Weise den Gegensatz zur Anschauung zwischen +dem glanzvollen, ohne Misston verlaufenden Fest der Gutgesinnten in den +vornehm erleuchteten Raeumen des Palastes, und den beiden dunkeln Empoerern, +die stark heruntergekommen auf dem Pflaster lagen. "Erhebe dich, Genossin +meiner Schmach", meinte Diederich bei passender Gelegenheit selbst schon +angewendet zu haben. Er verband Ortrud mit gewissen persoenlichen +Erinnerungen: ein ganz gemeines Luder, darueber war nichts zu sagen; aber +irgendwas regte sich in ihm, wenn sie ihren Kerl einwickelte und unter +sich hatte. Er traeumte.... Vor Elsa, der dummen Gans, mit der sie machte +was sie wollte, hatte Ortrud das gewisse Etwas voraus, das die energischen +und strengen Damen haben. Elsa freilich konnte man heiraten. Er schielte +nach Guste. "Es gibt ein Glueck, das ohne Reu", bemerkte Elsa; und +Diederich zu Guste: "Das wollen wir hoffen." + +Den frisch ausgeschlafenen Edlen und Mannen wurde sodann durch den dicken +Delitzsch eroeffnet, dass sie Dank Gottes Gnade einen neuen Landesfuersten +bekommen hatten. Gestern standen sie noch treu und bieder zu Telramund, +heute waren sie biedere, treue Untertanen Lohengrins. Sie erlaubten sich +keine Meinung und schluckten jede Vorlage. "Den Reichstag bringen wir auch +noch so weit", gelobte Diederich. + +Wie aber Ortrud vor Elsa in das Muenster treten wollte, empoerte sich Guste. +"Das hat sie nun nicht noetig, darueber aergere ich mich immer. Wo sie doch +nichts mehr hat, und ueberhaupt." - "Juedische Frechheit", murmelte +Diederich. Uebrigens konnte er nicht umhin, Lohengrin, gelinde gesagt, +unvorsichtig zu finden, als er es glatt in Elsas Hand legte, ob er seinen +Namen verraten und dadurch das ganze Geschaeft in Frage stellen sollte oder +nicht. So viel durfte man Weibern nicht zumuten. Und wozu? Den Mannen +brauchte er nicht erst zu beweisen, dass er, trotz dem Noergler Telramund, +reine Haende und keinen Fleck auf der Weste habe: ihre nationale Gesinnung +war durchaus unverdaechtig. + +Guste verhiess ihm, im dritten Akt kaeme das Allerschoenste, aber dafuer muesse +sie durchaus noch Pralinees haben. Als man sie hatte, stieg der +Hochzeitsmarsch, und Diederich sang ihn mit. Die Mannen im Festzuge +verloren entschieden ohne Blech und Banner, auch Lohengrin haette sich +besser nicht im Wams gezeigt. Diederich ward bei seinem Anblick wieder +einmal von dem Wert der Uniform durchdrungen. Die Damen waren gluecklich +fort, mit ihren Stimmen wie saure Milch. Aber der Koenig! Er konnte nicht +wegfinden von dem Brautpaar, biederte sich an und schien am liebsten als +Zuschauer dableiben zu wollen. Diederich, dem der Koenig schon immer zu +konziliant gewesen war fuer diese harte Zeit, nannte ihn jetzt einfach eine +Nulpe. + +Endlich fand er die Tuer, Lohengrin und Elsa machten sich auf dem Sofa an +die "Wonnen, die nur Gott verleiht". Zuerst umschlangen sie sich nur oben, +die unteren Koerperteile sassen nach Moeglichkeit voneinander entfernt. Je +mehr sie aber sangen, um so naeher rutschten sie heran, - wobei ihre +Gesichter sich haeufig auf Haehnisch richteten. Haehnisch und sein Orchester +schienen ihnen einzuheizen: es war begreiflich, denn auch Diederich und +Guste in ihrer stillen Loge schnauften leise und sahen einander an mit +erhitzten Augen. Die Gefuehle gingen den Weg der Zauberklaenge, die Haehnisch +mit wogenden Gliedern hervorlockte, und die Haende folgten ihnen. Diederich +liess die seine zwischen Gustes Stuhl und ihrem Ruecken hinabgleiten, +umspannte sie unten und murmelte betoert: "Wie ich das zum erstenmal +gesehen habe, gleich hab' ich gesagt, die oder keine!" + +Aber da wurden sie aus dem Zauberbann gerissen durch einen Zwischenfall, +der bestimmt schien, die Kunstfreunde Netzigs noch lange zu beschaeftigen. +Lohengrin zeigte sein Jaegerhemd! Eben stimmte er an: "Atmest du nicht mit +mir die suessen Duefte", da kam es hinten aus dem Wams hervor, das aufging. +Bis Elsa ihn, sichtlich erregt, zugeknoepft hatte, herrschte im Hause +lebhafte Unruhe; dann erlag es wieder dem Zauberbann. Guste freilich, die +sich mit einem Pralinee verschluckt hatte, stiess auf ein Bedenken. "Wie +lange traegt er das Hemd schon? Und ueberhaupt, er hat doch nichts mit, der +Schwan ist mit seinem Gepaeck abgeschwommen!" Diederich verwies ihr +ernstlich das Nachdenken. "Du bist gerade so eine Gans wie Elsa", stellte +er fest. Denn Elsa war im Begriff, sich alles zu verderben, weil sie es +nicht lassen konnte, ihren Mann nach seinen politischen Geheimnissen zu +fragen. Der Umsturz ward vollends zerschmettert, denn Telramunds feiges +Attentat misslang durch Gottes Fuegung; aber die Weiber, dies musste +Diederich sich sagen, wirkten, wenn man ihnen nicht die Kandare fest +anzog, eher noch subversiver. + +Nach der Verwandlung ward dies vollends klar. Eiche, Banner, alles +nationale Zubehoer war wieder da; und "fuer deutsches Land das deutsche +Schwert, so sei des Reiches Kraft bewaehrt": bravo! Aber Lohengrin schien +nun wirklich entschlossen, sich aus dem oeffentlichen Leben zurueckzuziehen. +"Ueberall wurde an mir gezweifelt", durfte auch er sagen. Nacheinander +klagte er den toten Telramund und die ohnmaechtige Elsa an. Da keins von +beiden ihm widersprach, haette er ohne weiteres recht behalten; dazu kam +aber noch, dass er tatsaechlich in der Rangliste obenan stand. Denn jetzt +gab er sich zu erkennen. Die Nennung seines Namens rief bei der ganzen +Versammlung, die noch nie von ihm gehoert hatte, eine ungeheure Bewegung +hervor. Die Mannen konnten sich gar nicht beruhigen; alles andere schienen +sie erwartet zu haben, nur nicht, dass er Lohengrin hiess. Um so dringlicher +ersuchten sie den geliebten Herrscher, von dem folgenschweren Schritt der +Abdankung diesmal noch abzusehen. Aber Lohengrin blieb heiser und +unnahbar. Uebrigens wartete schon der Schwan. Eine letzte Frechheit Ortruds +brach ihr zur allgemeinen Genugtuung den Hals. Leider deckte gleich darauf +auch Elsa das Schlachtfeld, das Lohengrin, statt des entzauberten Schwans +von einer kraeftigen Taube gezogen, hinter sich liess. Dafuer war der junge, +soeben eingetroffene Gottfried in drei Tagen der dritte Landesfuerst, dem +Edle und Mannen, treu und bieder wie immer, ihre Huldigung darbrachten. + +"Das kommt davon", bemerkte Diederich, indes er Guste in den Mantel half. +Alle diese Katastrophen, die Wesensaeusserungen der Macht waren, hatten ihn +erhoben und tief befriedigt. "Wovon kommt es denn", meinte Guste, zum +Widersprechen aufgelegt. "Bloss weil sie wissen will, wer er ist? Das kann +sie wohl verlangen, das ist nicht mehr wie anstaendig." - "Es hat einen +hoeheren Sinn", erklaerte ihr Diederich streng. "Die Geschichte mit dem +Gral, das soll heissen, der allerhoechste Herr ist naechst Gott nur seinem +Gewissen verantwortlich. Na und wir wieder ihm. Wenn das Interesse Seiner +Majestaet in Betracht kommt, kannst du machen was du willst, ich sage +nichts, und eventuell -." Eine Handbewegung gab zu verstehen, dass auch er, +in einen derartigen Konflikt gestellt, Guste unbedenklich dahinopfern +wuerde. Dies erboste Guste. "Das ist ja Mord! Wie komm' ich dazu, dass ich +muss draufgehen, weil Lohengrin ein temperamentloser Hammel ist. Nicht +einmal in der Hochzeitsnacht hat Elsa von ihm was gemerkt!" Und Guste +ruempfte die Nase, wie damals beim Verlassen des Liebeskabinetts, wo auch +nichts geschehen war. + +Auf dem Heimweg versoehnten sich die Verlobten. "Das ist die Kunst, die wir +brauchen!" rief Diederich aus. "Das ist deutsche Kunst!" Denn hier +erschienen ihm, in Text und Musik, alle nationalen Forderungen erfuellt. +Empoerung war hier dasselbe wie Verbrechen, das Bestehende, Legitime ward +glanzvoll gefeiert, auf Adel und Gottesgnadentum der hoechste Wert gelegt, +und das Volk, ein von den Ereignissen ewig ueberraschter Chor, schlug sich +willig gegen die Feinde seiner Herren. Der kriegerische Unterbau und die +mystischen Spitzen, beides war gewahrt. Auch wirkte es bekannt und +sympathisch, dass in dieser Schoepfung der schoenere und geliebtere Teil der +Mann war. "Ich fuehl' das Herze mir vergehn, schau ich den wonniglichen +Mann", sangen auch die Maenner samt dem Koenig. So war denn die Musik an +ihrem Teil der maennlichen Wonne voll, war heldisch, wenn sie ueppig war, +und kaisertreu noch in der Brunst. Wer widerstand da? Tausend Auffuehrungen +einer solchen Oper, und es gab niemand mehr, der nicht national war! +Diederich sprach es aus: "Das Theater ist auch eine meiner Waffen." Kaum +ein Majestaetsbeleidigungsprozess konnte die Buerger so gruendlich aus dem +Schlummer ruetteln. "Ich habe den Lauer in die Vogtei gebracht, aber wer +den Lohengrin geschrieben hat, vor dem nehm' ich den Hut ab." Er schlug +ein Zustimmungstelegramm an Wagner vor. Guste musste ihn aufklaeren, es sei +nicht mehr zu machen. Einmal auf so hohem Gedankenflug begriffen, aeusserte +sich Diederich ueber die Kunst im allgemeinen. Unter den Kuensten gab es +eine Rangordnung. "Die hoechste ist die Musik, daher ist es die deutsche +Kunst. Dann kommt das Drama." + +"Warum?" fragte Guste. + +"Weil man es manchmal in Musik setzen kann, und weil man es nicht zu lesen +braucht, und ueberhaupt." + +"Und was kommt dann?" + +"Die Portraetmalerei natuerlich, wegen der Kaiserbilder. Das uebrige ist +nicht so wichtig." + +"Und der Roman?" + +"Der ist keine Kunst. Wenigstens Gott sei Dank keine deutsche: das sagt +schon der Name." + + + +Und dann war der Hochzeitstag da. Denn beide hatten Eile: Guste wegen der +Leute, Diederich aus Gruenden der Politik. Um mehr Eindruck zu machen, +hatte man beschlossen, dass Magda und Kienast am gleichen Tage heiraten +sollten. Kienast war eingetroffen, und Diederich betrachtete ihn manchmal +mit Unruhe, weil Kienast sich den Bart hatte abnehmen lassen, den +Schnurrbart an den Augenwinkeln trug und auch schon blitzte. In den +Verhandlungen ueber Magdas Gewinnanteil zeigte er einen schreckenerregenden +Geschaeftsgeist. Diederich, nicht ohne Besorgnis wegen des Ausgangs der +Sache, wenn auch entschlossen, seine Pflicht gegen sich selbst restlos zu +erfuellen, vertiefte sich jetzt oefter in seine Geschaeftsbuecher ... Sogar am +Morgen vor seiner Trauung und schon im Frack, sass er im Kontor; da ward +eine Karte gebracht: Karnauke, Premierleutnant a. D. "Was kann der wollen, +Soetbier?" Der alte Buchhalter wusste es auch nicht. Na egal. "Einen +Offizier kann ich nicht abweisen." Und Diederich ging selbst zur Tuer. + +In der Tuer aber erschien ein ungewoehnlich strammer Herr in einem +gruenlichen Sommermantel, der troff, und den er am Halse fest geschlossen +trug. Unter seinen spitzen Lackschuhen entstand sofort eine Lache, von +seinem gruenen Agrarierhuetchen, das er merkwuerdigerweise aufbehielt, +regnete es. "Zunaechst wollen wir uns mal trocken legen", versetzte der +Herr und begab sich, bevor Diederich zustimmte, zum Ofen. Hier sagte er +schnarrend: "Verkaufen, was? Klemme, was?" Diederich begriff nicht +sogleich; dann warf er einen unruhigen Blick auf Soetbier. Der Alte hatte +sich wieder an seinen Brief gemacht. "Herr Premierleutnant haben sich +gewiss in der Hausnummer geirrt", bemerkte Diederich schonend; aber es half +nichts. "Quatsch. Weiss Bescheid. Nur keine Fisimatenten. Hoeherer Befehl. +Schnauze halten und verkaufen, sonst gnade Gott." + +Diese Sprache war zu auffallend; Diederich konnte nicht laenger uebersehen, +dass trotz der militaerischen Vergangenheit des Herrn seine ungeheure +Strammheit nicht echt war und dass seine Augen verglast waren. In dem +Augenblick, als Diederich dies feststellte, nahm der Herr sein gruenes +Agrarierhuetchen vom Kopf und entleerte es seines Wassers auf Diederichs +Frackhemd. Dies veranlasste Diederich zu einem Protest, aber der Herr nahm +ihn sehr uebel. "Ich stehe Ihnen zur Verfuegung", schnarrte er. "Die Herren +von Quitzin und von Wulckow werden in meinem Auftrag mit Ihnen reden." +Dabei zwinkerte er angestrengt - und Diederich, dem ein schrecklicher +Verdacht kam, vergass seinen Zorn, er war einzig bedacht, den +Premierleutnant aus der Tuer zu draengen. "Wir sprechen draussen", raunte er +ihm zu, und nach der anderen Seite zu Soetbier: "Der Herr ist sinnlos +betrunken, ich muss sehen, wie ich ihn los werde." Aber Soetbier hatte die +Lippen zusammengepresst, die Stirn gefaltet und kehrte diesmal nicht zu +seinem Brief zurueck. + +Der Herr ging geradeswegs in den Regen hinaus, Diederich folgte ihm. +"Deswegen keine Feindschaft, reden kann man doch." Erst nachdem auch er +durchnaesst war, gelang es ihm, den Herrn wieder ins Haus zu lotsen. Durch +den leeren Maschinenraum schrie der Premierleutnant: "Glas Schnaps! Kaufe +alles, Schnaps mit!" Obwohl die Arbeiter zur Feier seiner Hochzeit frei +hatten, sah Diederich sich angstvoll um; er oeffnete den Verschlag, wo die +Chlorsaecke lagen, und befoerderte mit verzweifeltem Schub den Herrn hinein. +Es stank furchtbar; der Herr nieste mehrmals, worauf er sagte: "Karnauke +mein Name, warum stinken Sie so?" + +"Haben Sie einen Hintermann?" fragte Diederich. Der Herr nahm auch das +uebel. "Was wollen Sie damit sagen?... Ach so, kaufe, was Platz hat." +Diederichs Blick folgend, betrachtete er sein triefendes Sommermaentelchen. +"Momentane Verlegenheit", schnarrte er. "Vermittle Kavalieren. +Ehrensache." + +"Was bietet Ihr Auftraggeber?" + +"Hundertzwanzig die Kiste." + +Und wie Diederich sich entsetzte oder empoerte: zweihunderttausend sei sein +Grundstueck wert, der Premierleutnant blieb dabei: "Hundertzwanzig die +Kiste." + +"Nicht zu machen" - Diederich vollfuehrte eine unvorsichtige Bewegung nach +dem Ausgang, worauf der Herr ernstlich gegen ihn vorging. Diederich musste +ringen, fiel auf einen Chlorsack und der Herr ueber ihn. "Stehen Sie auf," +keuchte Diederich, "hier werden wir gebleicht." Der Premierleutnant heulte +auf, als brennte es ihm schon durch die Kleider, - und ploetzlich hatte er +seine stramme Haltung zurueck. Er zwinkerte. "Praesident von Wulckow eklig +hinterher, dass Sie verkaufen, sonst kein Geschaeft mit ihm zu machen. +Vetter Quitzin arrondiert Besitz hier herum. Rechnet bestimmt auf Ihr +Entgegenkommen. Hundertzwanzig die Kiste." Diederich, bleicher als waere er +im Chlor liegengeblieben, versuchte noch: "Hundertfuenfzig", - aber die +Stimme versagte ihm. Das war mehr, als man loyalerweise fassen konnte! +Wulckow starrend von Beamtenehre, unbestechlich wie das Juengste +Gericht!... Mit einem trostlosen Blick ueberflog er nochmals die Gestalt +dieses Karnauke, Premierleutnants a. D. Den schickte Wulckow, dem lieferte +er sich aus! Haette man nicht neulich, unter vier Augen, mit aller +gebotenen Vorsicht und gegenseitigen Achtung das Geschaeft verhandeln +koennen? Aber diese Junker konnten nur den Leuten an die Kehle springen; +auf Geschaefte verstanden sie sich noch immer nicht. "Gehen Sie nur voran +zum Notar," raunte Diederich, "ich komme gleich." Er liess ihn hinaus. Wie +er aber selbst fort wollte, stand da der alte Soetbier, noch immer mit den +gekniffenen Lippen. "Was wuenschen Sie?" Diederich war ermattet. + +"Junger Herr," begann der Alte hohl, "was Sie jetzt vorhaben, dafuer kann +ich nicht mehr die Verantwortung tragen." + +"Wird nicht verlangt." Diederich gab sich Haltung. "Ich weiss allein, was +ich tue." Der Alte hob beschwoerend die Haende. + +"Sie wissen es nicht, junger Herr! Unsere Lebensarbeit von Ihrem seligen +Vater und mir, die verteidige ich! Dass wir das Geschaeft aufgebaut haben +mit Fleiss und solider Arbeit, dadurch sind Sie gross geworden. Und wenn Sie +mal teure Maschinen kaufen und mal die Auftraege ablehnen, das ist ein +Zickzackkurs, damit bringen Sie das Geschaeft herunter. Und jetzt verkaufen +Sie das alte Haus!" + +"Sie haben an der Tuer gehorcht. Wenn etwas geschieht, ohne dass Sie dabei +sind, das vertragen Sie noch immer nicht recht. Erkaelten Sie sich hier nur +nicht." Diederich hoehnte. + +"Sie duerfen es nicht verkaufen!" jammerte Soetbier. "Ich kann nicht +zusehen, wie der Sohn und Erbe meines alten Herrn die solide Grundlage der +Firma untergraebt und treibt Grossmannspolitik." + +Diederich mass ihn mitleidig. "Grosszuegigkeit war zu Ihrer Zeit noch nicht +erfunden, Soetbier. Heute wagt man was. Betrieb ist die Hauptsache. Spaeter +werden Sie sehen, wozu es gut war, dass ich das Haus verkaufe." + +"Ja, das werden Sie auch erst spaeter sehen. Vielleicht wenn Sie bankerott +sind oder wenn Ihnen Ihr Schwager Herr Kienast einen Prozess anhaengt. Sie +haben gewisse Manipulationen gemacht zum Schaden Ihrer Schwestern und +Ihrer Mutter! Wenn ich dem Herrn Kienast manches sagen wollte -: bloss dass +ich Pietaet habe, sonst koennte ich Sie ins Unglueck bringen!" + +Der Alte war ausser sich. Er kreischte, Traenen der Wut in den roten Lidern. +Diederich trat nahe an ihn hin, er hielt ihm die geballte Hand unter die +Nase. "Das versuchen Sie mal! Ich beweise glatt, dass Sie die Firma +bestohlen haben, und zwar schon immer. Meinen Sie, ich habe keine +Vorkehrungen getroffen?" + +Auch der Alte erhob seine zitternde Faust. Sie schnaubten sich an; Soetbier +rollte blutige Augaepfel, Diederich blitzte. Dann trat der Alte zurueck. +"Nein, so soll es nicht kommen. Ich war immer ein treuer Diener meines +alten Herrn. Mein Gewissen gebietet mir, seinem Nachfolger meine bewaehrte +Kraft so lange als moeglich zu erhalten." + +"Das koennte Ihnen passen", sagte Diederich hart und kalt. "Seien Sie froh, +wenn ich Sie nicht direkt hinauswerfe. Schreiben Sie nur gleich Ihr +Entlassungsgesuch, es ist schon bewilligt." Und er schritt von dannen. + +Beim Notar verlangte er, dass in den Kaufvertrag als Kaeufer "Unbekannt" +gesetzt werde. Karnauke feixte. "Unbekannt ist gut. Wir kennen doch Herrn +von Quitzin." Darauf laechelte auch der Notar. "Ich sehe," sagte er, "Herr +von Quitzin arrondiert sich. Bislang gehoerte ihm in der Meisestrasse nur +die kleine Kneipe zum Huhn. Aber wegen der beiden Grundstuecke hinter dem +Ihren, Herr Doktor, verhandelt er auch schon. Dann grenzt er an den +Stadtpark und hat Platz fuer riesige Anlagen." + +Diederich zitterte schon wieder. Leise bat er den Notar um Diskretion, +solange es gehe. Dann nahm er Abschied, er habe keine Zeit zu verlieren. +"Weiss ich", sagte der Premierleutnant und hielt ihn fest. "Freudentag. +Fruehstueck Hotel Reichshof. Bin geruestet." Er oeffnete das gruene Maentelchen +und zeigte auf seinen zerknitterten Gesellschaftsanzug. Diederich sah ihn +entsetzt an, er versuchte sich zu wehren; aber der Leutnant drohte wieder +mit seinen Zeugen. + +Die Braut wartete schon laengst, die beiden Muetter trockneten ihr die +Traenen, unter dem anzueglichen Laecheln der anwesenden Damen. Auch dieser +Braeutigam ging durch! Magda und Kienast waren empoert; und zwischen +Schweinichenstrasse und Meisestrasse liefen Boten ... Endlich! Diederich war +da, wenn auch in seinem alten Frack. Er gab nicht einmal Erklaerungen. Am +Standesamt und in der Kirche wirkte er verstoert. Allerseits bemerkte man, +auf einer so zustande gekommenen Verbindung ruhe kein Segen. Auch Pastor +Zillich erwaehnte in seiner Ansprache, dass der irdische Besitz etwas +Vergaengliches sei. Man begriff seine Enttaeuschung. Kaethchen war gar nicht +erschienen. + +Beim Hochzeitsfruehstueck sass Diederich schweigend und sichtlich noch anders +beschaeftigt. Selbst das Essen vergass er oft und stierte in die Luft. +Einzig der Premierleutnant Karnauke hatte die Gabe, seine Aufmerksamkeit +zu wecken. Freilich tat der Leutnant das Seine; schon nach der Suppe +brachte er einen Toast auf die Braut aus, mit Anspielungen, denen die +Versammlung nach Massgabe ihres bisherigen Weingenusses noch nicht +gewachsen war. Mehr beunruhigt ward Diederich durch gewisse andere +Wendungen Karnaukes, die er mit Zwinkern nach seinem Platz begleitete und +die leider auch Kienast nachdenklich stimmten. Der Zeitpunkt, den +Diederich mit Herzklopfen voraussah, trat ein: Kienast stand auf und bat +ihn um ein Wort unter vier Augen ... Da aber klingelte der Premierleutnant +heftig ans Glas, stramm schnellte er vom Sitz. Der schon vorgeschrittene +Laerm des Festes brach jaeh ab; man sah an Karnaukes gespitzten Fingern ein +blaues Band haengen und darunter ein Kreuz, dessen Rand golden funkelte ... +Ah! und Tumult und Glueckwuensche. Diederich reichte beide Haende hin, eine +Seligkeit, kaum zu ertragen, flutete ihm vom Herzen in den Hals, er redete +von selbst und bevor er wusste was. "Seine Majestaet ... Unerhoerte Gnade ... +Bescheidene Verdienste, nie wankende Treue ..." Er dienerte, er legte, wie +Karnauke ihm das Kreuz ueberreichte, die Hand auf das Herz, schloss die +Augen und versank: so als staende vor ihm ein anderer, der Geber selbst. +Unter der Gnadensonne fuehlte Diederich, dies war die Rettung und der Sieg. +Wulckow hielt den Pakt. Die Macht hielt Diederich den Pakt! Der +Kronenorden vierter Klasse blitzte, und es ward Ereignis, das Denkmal +Wilhelm des Grossen und Gausenfeld, Geschaeft und Ruhm! + +Der Aufbruch draengte. Kienast, immerhin bewegt und eingeschuechtert, bekam +einige Worte allgemeinen Inhalts hingeworfen, von herrlichen Tagen, denen +er entgegengefuehrt werden sollte, von grossen Dingen, die man mit ihm und +der ganzen Familie vorhabe - und fort war Diederich mit Guste. + +Sie bestiegen die erste Klasse, er spendete drei Mark und zog die Vorhaenge +zu. Sein von Glueck beschwingter Tatendrang litt keinen Aufschub, Guste +haette so viel Temperament nie erwartet. "Du bist doch nicht wie +Lohengrin", bemerkte sie. Als sie aber schon hinglitt und die Augen +schloss, richtete Diederich sich nochmals auf. Eisern stand er vor ihr, +ordenbehangen, eisern und blitzend. "Bevor wir zur Sache selbst +schreiten," sagte er abgehackt, "gedenken wir Seiner Majestaet unseres +allergnaedigsten Kaisers. Denn die Sache hat den hoeheren Zweck, dass wir +Seiner Majestaet Ehre machen und tuechtige Soldaten liefern." + +"Oh!" machte Guste, von dem Gefunkel auf seiner Brust entrueckt in hoeheren +Glanz. "Bist - du - das - Diederich?" + + + + + + VI. + + +Herr und Frau Doktor Hessling aus Netzig sahen einander stumm an im Lift +des Zuericher Hotels, denn man fuhr sie in den vierten Stock. Dies war das +Ergebnis des Blickes, den der Geschaeftsfuehrer schnell und schonend ueber +sie hingefuehrt hatte. Diederich fuellte gehorsam den Meldezettel aus; erst +als der Oberkellner fort war, aeusserte er seine Entruestung ueber den Betrieb +hier und ueber Zuerich. Sie ward immer lauter und verdichtete sich zu dem +Vorsatz, an Baedeker zu schreiben. Da diese Vergeltung indes zu wenig +greifbar schien, machte er kehrt gegen Guste: ihr Hut sei schuld. Guste +wieder schob es auf Diederichs Hohenzollernmantel. So stuerzten sie denn +zum Lunch mit hochroten Koepfen. An der Tuer machten sie halt und schnauften +unter den Blicken der Gaeste, Diederich im Smoking, Guste aber mit einem +Hut, der Baender, Federn und Schnalle, alles auf einmal, hatte und der +unzweifelhaft in die Beletage gehoerte. Ihr Bekannter, der Oberkellner, +fuehrte sie im Triumph zu ihren Plaetzen. + +Mit Zuerich und auch mit dem Hotel versoehnten sie sich am Abend. Denn +erstens war das Zimmer im vierten Stock nicht ehrenvoll, aber billig; und +dann hing gerade gegenueber den Betten des Ehepaares eine fast lebensgrosse +Odaliske, der braeunliche Leib hinschwellend auf ueppigem Polster, mit den +Haenden unter dem Kopf, feuchtes Schmachten im schwarzen Spalt der Augen. +In der Mitte war sie von dem Rahmen zerschnitten, was dem Ehepaar Anlass zu +Scherzen gab. Am naechsten Tage gingen sie umher mit Blei in den Lidern, +verschlangen riesige Mahlzeiten und fragten sich nur, was erst geschehen +waere, wenn die Odaliske nicht in der Mitte zerschnitten, sondern ganz +gewesen waere. Aus Muedigkeit versaeumten sie den Zug und kehrten am Abend, +so frueh wie moeglich, in ihr billiges und aufreibendes Zimmer zurueck. Ein +Ende dieser Art zu leben war nicht absehbar; da las Diederich mit seinen +schweren Lidern in der Zeitung, dass der Kaiser unterwegs nach Rom sei zum +Besuch des Koenigs von Italien. Ein Schlag, er war aufgewacht. Elastisch +bewegte er sich zum Portier, ins Bureau, an den Lift; und mochte Guste +jammern, dass ihr schwindlig werde, die Koffer waren schon fertig, +Diederich schleifte Guste schon hinaus. "Muss es denn sein?" klagte sie, +"wo doch das Bett so gut ist!" Aber Diederich hinterliess nur noch einen +hoehnischen Blick fuer die Odaliske. "Amuesieren Sie sich weiter gut, meine +Gnaedigste!" + +Vor Aufregung schlief er lange nicht. Guste schnarchte friedlich an seiner +Schulter, indes Diederich, durch die Nacht sausend, bedachte, wie nun auf +einer anderen Linie, aber nicht weniger sausend, demselben Ziel der Kaiser +selbst entgegenfuhr. Der Kaiser und Diederich machten ein Wettrennen! Und +da Diederich schon mehrmals im Leben hatte Gedanken aeussern duerfen, die auf +mystische Art mit denen des Allerhoechsten Herrn zusammenzufallen schienen, +vielleicht wusste Seine Majestaet zu dieser Stunde um Diederich: wusste, dass +sein treuer Untertan ihm zur Seite ueber die Alpen zog, um den feigen +Welschen mal klarzumachen, was Kaisertreue heisst. Er blitzte die Schlaefer +auf der anderen Bank an, kleine schwarze Leute, deren Gesichter im Schlaf +verfallen aussahen. Germanische Reckenhaftigkeit sollten sie kennenlernen! + +Frueh in Mailand und mittags in Florenz stiegen Reisende aus, was Diederich +nicht begriff. Er versuchte, ohne merklichen Erfolg, den Uebriggebliebenen +beizubringen, welches Ereignis sie in Rom erwarte. Zwei Amerikaner zeigten +sich empfaenglicher, worauf Diederich triumphierend: "Na, Sie beneiden uns +wohl auch um unseren Kaiser!" Da sahen die Amerikaner einander an, mit +einer stummen Frage, die ergebnislos blieb. + +Vor Rom ging Diederichs Aufregung in wilden Taetigkeitsdrang ueber. Den +Finger in einem Sprachfuehrer, lief er dem Zugpersonal nach und suchte in +Erfahrung zu bringen, wer frueher ankommen werde, sein Kaiser oder er. +Gustes Leidenschaft hatte sich an der des Gatten entzuendet. "Diedel!" rief +sie. "Ich bin imstande und werf' ihm meinen Reiseschleier auf den Weg, +damit dass er darueber geht, und die Rosen von meinem Hut schmeiss' ich auch +hin!" - "Wenn er dich aber sieht und du machst ihm Eindruck?" fragte +Diederich und laechelte fieberhaft. Gustes Busen begann zu wogen, sie +senkte die Lider. Diederich, der keuchte, riss sich los aus der furchtbaren +Spannung. "Meine Mannesehre ist mir heilig, was ich hiermit feststelle. In +diesem Falle aber -" Und er schloss mit einer knappen Geste. + +Da kam man an - aber ganz anders, als die Gatten es ertraeumt hatten. In +groesster Verwirrung wurden die Reisenden von Beamten aus dem Bahnhof +gedraengt, bis an den Rand eines weiten Platzes und in die Strassen +dahinter, die sofort wieder abgesperrt wurden. Aber Diederich, in +entfesselter Begeisterung, durchbrach die Schranken. Guste, die entsetzt +die Arme reckte, liess er mit allem Handgepaeck dastehen und stuerzte +drauflos. Schon war er inmitten des Platzes; zwei Soldaten mit Federhueten +jagten ihm nach, dass ihre bunten Frackschoesse flogen. Da schritten die +Bahnhofsrampe mehrere Herren herab, und alsbald fuhr ein Wagen auf +Diederich zu. Diederich schwenkte den Hut, er bruellte auf, dass die Herren +im Wagen ihr Gespraech unterbrachen. Der rechts neigte sich vor - und sie +sahen einander an, Diederich und sein Kaiser. Der Kaiser laechelte kalt +pruefend mit den Augenfalten, und die Falten am Mund liess er ein wenig +herab. Diederich lief ein Stueck mit, die Augen weit aufgerissen, immer +schreiend und den Hut schwenkend, und einige Sekunden lang waren sie, +indes ringsum dahinten eine fremde Menge ihnen Beifall klatschte, in der +Mitte des leeren Platzes und unter einem knallblauen Himmel ganz +miteinander allein, der Kaiser und sein Untertan. + +Schon verschwand der Wagen drueben in der beflaggten Strasse, die Hochrufe +schwollen schon ab in der Ferne, und Diederich, der aufseufzte und die +Augen schloss, setzte den Hut wieder auf. + +Guste winkte ihn krampfhaft herbei, und die Leute, die noch umherstanden, +klatschten ihm zu, mit Gesichtern voll heiteren Wohlwollens. Auch die +Soldaten, die vorhin ihn verfolgt hatten, lachten nun. Einer von ihnen +ging in seiner Teilnahme so weit, dass er einen Kutscher herbeirief. Wie er +abfuhr, gruesste Diederich die Menge. "Sie sind wie die Kinder", erklaerte er +seiner Gattin. "Na, aber auch entsprechend schlapp", setzte er hinzu, und +er gestand: "In Berlin waere das denn doch nicht gegangen ... Wenn ich an +den Krawall Unter den Linden denke, der Betrieb war 'n bisschen schaerfer." +Und er setzte sich zurecht, um am Hotel vorzufahren. Dank seiner Haltung +bekamen sie ein Zimmer im zweiten Stock. + +Die erste Morgensonne aber sah Diederich schon wieder in den Strassen. "Der +Kaiser steht frueh auf", hatte er Guste bedeutet, die nur aus den Kissen +grunzte. Uebrigens konnte er sie nicht brauchen bei seiner Aufgabe. Den +Finger auf dem Plan der Stadt, gelangte er bis vor den Quirinal und +stellte sich hin. Der stille Platz war hellgolden von schraegen Strahlen, +grell und wuchtig im leeren Himmel stand der Palast - und gegenueber +Diederich, der Majestaet gewaertig, auf vorgestreckter Brust den Kronenorden +vierter Klasse. Die Treppen herauf aus der Stadt trippelte eine +Ziegenherde und verschwand hinter dem Brunnen und den riesigen +Rossebaendigern. Diederich sah sich nicht um. Zwei Stunden vergingen, die +Passanten wurden haeufiger, eine Schildwache war hinter ihrem Haus +hervorgekommen, in einem der beiden Portale bewegte sich ein Portier, und +mehrere Personen gingen ein oder aus. Diederich ward unruhig. Er machte +sich naeher an die Fassade heran, strich langsam vorbei, gespannt ins +Innere spaehend. Bei seinem dritten Erscheinen fuehrte der Portier, ein +wenig zoegernd, die Hand an den Hut. Als Diederich stehenblieb und +zurueckgruesste, ward er vertraulich. "Alles in Ordnung", sagte er hinter der +Hand; und Diederich nahm die Meldung mit einer Miene des Einverstaendnisses +entgegen. Es schien ihm nur natuerlich, dass man ihn ueber das Wohlergehen +seines Kaisers unterrichtete. Seine Fragen, wann der Kaiser ausfahren +werde und wohin, wurden anstandslos beantwortet. Der Portier verfiel von +selbst darauf, dass Diederich, um den Kaiser zu begleiten, einen Wagen +brauchen werde, und er schickte danach. Inzwischen hatte ein Haeuflein +Neugieriger sich gebildet, und dann trat der Portier beiseite; hinter +einem Vorreiter, im offenen Wagen, erschien, unter dem Blitzen seines +Adlerhelms, der blonde Herr des Nordens. Diederichs Hut flog schon, +Diederich schrie, wie aus der Pistole geschossen, auf italienisch: "Es +lebe der Kaiser!" Und gefaellig schrie das Haeuflein mit ... Diederich aber, +ein Sprung in den Einspaenner, der bereitstand, und los, hinterdrein, den +Kutscher angefeuert mit rauhem Schrei und geschwungenem Trinkgeld. Und +sieh: schon hielt er, dahinten nahte erst der Allerhoechste Wagen. Als der +Kaiser ausstieg, war wieder ein Haeuflein da, und wiederum schrie Diederich +auf italienisch ... Wache gehalten vor dem Haus, worin sein Kaiser weilte! +Die Brust heraus und angeblitzt, wer sich in die Naehe traute! Nach zehn +Minuten war das Haeuflein neu vervollstaendigt, der Wagen entrollte dem Tor, +und Diederich: "Es lebe der Kaiser!" - und, im Echo des Haeufleins, +wildbrausend zurueck zum Quirinal. Wache. Der Kaiser im Tschako. Das +Haeuflein. Ein neues Ziel, eine neue Rueckkehr, eine neue Uniform, und +wieder Diederich, und wieder jubelnder Empfang. So ging es weiter, und nie +hatte Diederich ein schoeneres Leben gekannt. Sein Freund, der Portier, +unterrichtete ihn zuverlaessig, wohin man fuhr. Auch kam es vor, dass ein +salutierender Beamter ihm eine Meldung machte, die er herablassend +entgegennahm, oder dass einer Direktiven zu erbitten schien - und dann +erteilte Diederich sie in unbestimmter Form, aber gebieterisch. Die Sonne +stieg hoch und hoeher; vor den brennenden Marmorquadern der Fassaden, +hinter denen sein Kaiser weltumspannende Unterredungen pflog, litt +Diederich, ohne zu wanken, Hitze und Durst. So stramm er sich hielt, war +es ihm doch, als sinke sein Bauch unter der Last des Mittags bis auf das +Pflaster herab und als schmelze ihm auf der Brust sein Kronenorden vierter +Klasse ... Der Kutscher, der immer haeufiger die naechste Kneipe betrat, +empfand endlich Bewunderung fuer das heldenhafte Pflichtgefuehl des +Deutschen und brachte ihm Wein mit. Neues Feuer in den Adern, machten sich +beide an das naechste Rennen. Denn die kaiserlichen Renner liefen scharf; +um ihnen vorauszukommen, musste man Gassen durchjagen, die aussahen wie +Kanaele und deren spaerliche Passanten sich schreckensvoll gegen die Mauer +drueckten; oder es hiess aussteigen und Hals ueber Kopf eine Treppe nehmen. +Dann aber stand Diederich puenktlich an der Spitze seines Haeufleins, sah +die siebente Uniform aussteigen und schrie. Und dann wandte der Kaiser den +Kopf und laechelte. Er erkannte ihn wieder, seinen Untertan! Den, der +schrie, den, der immer schon da war, wie Swinegel. Diederich, federnd vor +Hochgefuehl ueber die Allerhoechste Aufmerksamkeit, blitzte das Volk an, in +dessen Mienen heiteres Wohlwollen stand. + +Erst die Versicherung des Portiers, dass Seine Majestaet nun fruehstuecke, +erlaubte es Diederich, sich Gustes zu erinnern. "Wie siehst du aus!" rief +sie bei seinem Anblick und zog sich gegen die Wand zurueck. Denn er war rot +wie eine Tomate, voellig aufgeweicht, und sein Blick war hell und wild wie +der eines germanischen Kriegers der Vorzeit auf einem Eroberungszuge durch +Welschland. "Dies ist ein grosser Tag fuer die nationale Sache!" versetzte +er mit Wucht. "Seine Majestaet und ich, wir machen moralische Eroberungen!" +Wie er dastand! Guste vergass ihren Schrecken und den Aerger ueber das lange +Warten: sie kam herbei mit liebevollen Armen, und demuetig rankte sie sich +an ihm hinauf. + +Aber kaum das Stuendchen zum Essen goennte Diederich sich. Er wusste wohl, +nach dem Mittagsmahl ruhte der Kaiser; dann hiess es, unter seinen Fenstern +Wache stehen und nicht weichen. Er wich nicht; und der Erfolg zeigte, wie +recht er tat. Denn noch hielt er seinen Posten, dem Portal gegenueber, +nicht achtzig Minuten lang besetzt, als es geschah, dass ein verdaechtig +aussehendes Individuum unter Benutzung einer kurzen Abwesenheit des +Portiers sich einschlich, sich hinter eine Saeule drueckte und im lauernden +Schatten Plaene barg, die nicht anders sein konnten als unheilvoll. Da aber +Diederich! Wie den Sturm und mit Kriegsgeschrei sah man ihn ueber den Platz +tosen. Aufgescheuchtes Volk stuerzte sofort hinterdrein, die Wache eilte +herbei, im Portal lief Dienerschaft zusammen - und alle bewunderten +Diederich, wie er einen, der sich versteckt hatte, wild ringend +hervorzerrte. Die beiden schlugen dermassen um sich, dass nicht einmal die +bewaffnete Macht an sie herankam. Ploetzlich sah man Diederichs Gegner, dem +es gelungen war, den rechten Arm zu befreien, eine Buechse schwingen. +Atemlose Sekunden - dann tobte die aufheulende Panik dem Ausgang zu. Eine +Bombe! Er wirft!... Er hatte schon geworfen. In der Erwartung des Knalles +lagen die naechsten, im voraus wimmernd, am Boden. Diederich aber: weiss auf +Gesicht, Schultern und Brust stand er da und nieste. Es roch stark nach +Pfefferminz. Die Kuehnsten kehrten um und untersuchten ihn mit der Nase; +ein Soldat unter wallenden Federn betupfte ihn mit dem benetzten Finger +und kostete. Diederich verstand wohl, was er hierauf der Menge mitteilte +und weshalb sogleich in alle Gesichter das heitere Wohlwollen +zurueckkehrte, denn seit einem Augenblick blieb ihm selbst kein Zweifel +mehr darueber, dass er mit Zahnpulver beworfen war. Dessenungeachtet behielt +er die Gefahr im Auge, der der Kaiser, dank seiner Wachsamkeit, vielleicht +entronnen war. Der Attentaeter suchte - ganz vergebens - an ihm vorbei das +Weite zu gewinnen: Diederichs eiserne Faust ueberlieferte ihn den +Polizeiwaechtern. Diese stellten fest, dass es sich um einen Deutschen +handelte, und baten Diederich, ihn zu inquirieren. Er unterzog sich der +Aufgabe, trotz dem Zahnpulver, das ihn bedeckte, mit hoechster Korrektheit. +Die Antworten des Menschen, der bezeichnenderweise Kuenstler war, hatten +keine ausgesprochen politische Faerbung, verrieten aber durch ihre +abgrundtiefe Respektlosigkeit und Unmoral nur zu wohl die Tendenzen des +Umsturzes, weshalb Diederich seine Verhaftung dringend empfahl. Die +Waechter fuehrten ihn ab, nicht ohne vor Diederich zu salutieren, der nur +noch Zeit hatte, sich von seinem Freunde, dem Portier, abbuersten zu +lassen. Denn schon war der Kaiser gemeldet; Diederichs persoenlicher Dienst +begann wieder. + +Sein Dienst fuehrte ihn rastlos umher bis in die Nacht und endlich vor das +Gebaeude der deutschen Botschaft, wo Seine Majestaet Empfang hielt. Ein +laengerer Aufenthalt des Allerhoechsten Herrn gab Diederich Gelegenheit, +beim naechsten Wirt seine Stimmung zu erhoehen. Er erklomm vor der Tuer einen +Stuhl und richtete an das Volk eine Ansprache, die von nationalem Geiste +getragen war und der schlappen Bande die Vorzuege eines strammen Regiments +klarmachte und eines Kaisers, der kein Schattenkaiser war ... Sie sahen +ihn, rot ueberstrahlt vom Licht der offenen Becken, die vor dem Palaste des +Deutschen Reiches loderten, auf seinem Stuhl den eckig behaarten Mund +aufreissen, sahen ihn blitzen und wie von Eisen starren - was ihnen +offenbar genuegte, um ihn zu verstehen, denn sie jubelten, klatschten und +liessen den Kaiser leben, sooft Diederich ihn leben liess. Mit einem Ernst, +der nicht ohne Drohung war, nahm Diederich fuer seinen Herrn und die +furchtbare Macht seines Herrn die Huldigungen des Auslandes entgegen, +worauf er von dem Stuhl herabkletterte und wieder zum Wein ging. Mehrere +Landsleute, kaum weniger angeregt als er, tranken ihm zu und kamen nach in +heimischer Weise. Einer entfaltete eine Abendzeitung mit einem riesigen +Bild des Kaisers und las den Bericht eines Zwischenfalles vor, den im +Portal des Quirinals ein Deutscher hervorgerufen hatte. Nur durch die +Geistesgegenwart eines Beamten im persoenlichen Dienst des Kaisers war +Schlimmeres verhindert worden; und auch das Bildnis dieses Beamten war +dabei. Diederich erkannte ihn wohl. Wenn die Aehnlichkeit auch nur +allgemeiner Natur und der Name arg entstellt war, der Umfang des Gesichtes +und der Schnurrbart stimmten. So sah denn Diederich den Kaiser und sich +selbst auf dem gleichen Zeitungsblatt vereinigt, den Kaiser samt seinem +Untertan der Welt zur Bewunderung dargeboten. Es war zu viel. Feuchten +Auges richtete Diederich sich auf und stimmte die Wacht am Rhein an. Der +Wein, der so billig war, und die Begeisterung, die immer neu genaehrt ward, +bewirkten, dass die Kunde, der Kaiser verlasse die Botschaft, Diederich +nicht mehr in korrekter Haltung fand. Er tat gleichwohl alles, was er noch +vermochte, um seiner Pflicht zu genuegen. Er schoss im Zickzack das Kapitol +hinab, stolperte und rollte ueber die Stufen weiter. Drunten in der Gasse +holten seine Zechgenossen ihn ein, er stand mit dem Gesicht der Mauer +zugekehrt ... Fackelschein und Hufschlag: der Kaiser! Die anderen +schwankten hinterdrein, Diederich aber, kein Komment half ihm mehr, glitt +hin, wo er stand. Zwei staedtische Waechter fanden ihn, an die Mauer +gelehnt, in einer Lache sitzen. Sie erkannten den Beamten im persoenlichen +Dienst des Deutschen Kaisers, und voll tiefer Besorgnisse beugten sie sich +ueber ihn. Gleich darauf aber sahen sie einander an und brachen in +ungeheure Froehlichkeit aus. Der persoenliche Beamte war gottlob nicht tot, +denn er schnarchte; und die Lache, in der er sass, war kein Blut. + +Am naechsten Abend, bei der Galavorstellung im Theater, sah der Kaiser +ungewoehnlich ernst aus. Diederich bemerkte es, er sagte zu Guste: "Jetzt +weiss ich doch, wozu ich das viele Geld hab' ausgegeben. Pass auf, wir +erleben einen historischen Moment!" Und seine Ahnung betrog ihn nicht. Die +Abendblaetter verbreiteten sich im Theater, und man erfuhr, der Kaiser +werde noch nachts abreisen, und er habe seinen Reichstag aufgeloest! +Diederich, ebenso ernst wie der Kaiser, erklaerte allen, die in der Naehe +sassen, die Schwere des Ereignisses. Der Umsturz hatte sich nicht +entbloedet, die Militaervorlage abzulehnen! Die Nationalgesinnten gingen fuer +ihren Kaiser in einen Kampf auf Leben und Tod! Er selbst werde mit dem +naechsten Zuge nach Hause fahren, versicherte er, worauf man ihm sofort den +Zug nannte ... Wer nicht zufrieden war, war Guste. "Endlich ist man mal +woanders, und, Gott sei Dank, hat man es und kann sich was leisten. Wie +komm' ich dazu, dass ich mich soll zwei Tage im Hotel mopsen und dann +gleich wieder retour, bloss wegen -." Der Blick, den sie nach der +kaiserlichen Loge schleuderte, war so voll von Auflehnung, dass Diederich +mit aeusserster Strenge einschritt. Guste ward ihrerseits laut; ringsum +zischte man, und als Diederich den Widersachern blitzend die Stirne bot, +sah er sich von ihnen veranlasst, mit Guste aufzubrechen, noch bevor ihr +Zug ging. "Komment hat das Pack nun mal nicht", stellte er draussen fest +und schnaufte stark. "Ueberhaupt, was ist hier los, moecht' ich mal wissen. +Schoenes Wetter, na ja ... Na, nu sieh dir wenigstens noch das alte Zeug +an, das da 'rumsteht!" heischte er. Guste, wieder gebaendigt, sagte +klagend: "Ich geniess' es ja." Und dann fuhren sie in gemessenem Abstand +hinter dem Zug des Kaisers her. Guste, die in der Eile ihre Schwaemme und +Buersten vergessen hatte, wollte immer aussteigen. Damit sie +sechsunddreissig Stunden Geduld hatte, musste Diederich ihr unermuedlich die +nationale Sache vorhalten. Trotzdem waren, als sie endlich in Netzig Fuss +fasste, ihre erste Sorge die Schwaemme. Am Sonntag hatte man ankommen +muessen! Zum Glueck war wenigstens die Loewenapotheke offen. Indes Diederich +vor dem Bahnhof auf die Koffer wartete, ging Guste schon hinueber. Da sie +aber nicht zurueckkam, folgte er ihr. + + + +Die Tuer der Apotheke stand halb offen, drei junge Burschen spaehten hinein +und waelzten sich. Diederich, der ueber sie wegsah, erstarrte vor Staunen - +denn drinnen hinter dem Ladentisch schritt, die Arme gekreuzt und mit +duesterem Blick, hin und her sein alter Freund und Kommilitone Gottlieb +Hornung. Guste sagte gerade: "Nun bin ich doch gespannt, ob ich bald meine +Zahnbuerste kriege", da kam Gottlieb Hornung hinter dem Ladentisch hervor, +die Arme immer verschraenkt und Guste in seinen duesterm Blick fassend. "Sie +werden meiner Miene angesehen haben," begann er mit Rednerstimme, "dass ich +weder in der Lage noch gewillt bin, Ihnen eine Zahnbuerste zu verkaufen." - +"Nanu!" machte Guste und wich zurueck. "Aber Sie haben doch das ganze Glas +hier voll." Gottlieb Hornung laechelte wie Luzifer. "Der Onkel dort oben" - +er warf den Kopf zurueck und zeigte mit dem Kinn nach der Decke, hinter der +wohl sein Prinzipal hauste - "der kann hier feilbieten, was ihm beliebt. +Ich fuehle mich dadurch nicht beruehrt. Ich habe nicht sechs Semester +studiert und einer hochfeinen Korporation angehoert, damit ich mich jetzt +hier hinstelle und Zahnbuersten verkaufe." - "Wozu sind Sie denn da?" +fragte Guste, merklich eingeschuechtert. Da versetzte Hornung, majestaetisch +rollend: "Ich bin fuer die Rezeptur da!" Und Guste fuehlte wohl, sie sei +zurueckgeschlagen; sie wandte sich zum Gehen. Eins fiel ihr doch noch ein. +"Mit den Schwaemmen waere es wohl dasselbe?" - "Ganz dasselbe", bestaetigte +Hornung. Hierauf hatte Guste offenbar gewartet, um sich ernstlich zu +entruesten. Sie streckte den Busen vor und wollte loslegen; Diederich hatte +aber noch Zeit, dazwischenzutreten. Er gab dem Freunde recht darin, dass +die Wuerde der Neuteutonia zu wahren und ihr Banner hochzuhalten sei. Wenn +jemand trotzdem einen Schwamm brauchte, konnte er ihn sich am Ende selbst +nehmen und den Betrag hinlegen - was Diederich hiermit tat. Gottlieb +Hornung ging inzwischen beiseite und pfiff, als sei er allein. Sodann +bekundete Diederich seine Teilnahme an dem bisherigen Ergehen des +Freundes. Leider war viel Missgeschick dabei; denn da Hornung niemals +Schwaemme und Zahnbuersten hatte verkaufen wollen, war er schon aus fuenf +Apotheken entlassen worden. Dennoch war er entschlossen, weiter fuer seine +Ueberzeugung einzustehen, auf die Gefahr, dass es ihn auch hier wieder seine +Stellung kostete. "Da sieh dir einen echten Neuteutonen an!" sagte +Diederich zu Guste, und sie sah ihn sich an. + +Diederich hielt seinerseits nicht laenger zurueck mit dem, was er erlebt und +erreicht hatte. Er machte auf seinen Orden aufmerksam, drehte Guste vor +Hornung rundherum und nannte die Ziffer ihres Vermoegens. Der Kaiser, +dessen Feinde und Beleidiger dank Diederich hinter Schloss und Riegel +sassen, war in Rom ganz kuerzlich und gleichfalls dank Diederich einer +persoenlichen Gefahr entronnen. Die Zeitungen sprachen, um eine Panik an +den Hoefen und an der Boerse zu vermeiden, nur von dem Bubenstreich eines +Halbwahnsinnigen, "aber im Vertrauen gesagt, ich habe Anlass, zu glauben, +dass ein weitverzweigtes Komplott bestanden hat. Du wirst verstehen, +Hornung, dass das nationale Interesse die groesste Zurueckhaltung gebietet, +denn du bist sicher auch ein national gesinnter Mann." Hornung war es +natuerlich, und so konnte Diederich sich ueber die hochwichtige Aufgabe +verbreiten, die ihn genoetigt hatte, von seiner Hochzeitsreise ploetzlich +zurueckzukehren. Es galt, in Netzig den nationalen Kandidaten +durchzubringen! Die Schwierigkeiten durfte man sich nicht verhehlen. +Netzig war eine Hochburg des Freisinns, der Umsturz ruettelte an den +Grundlagen.... Hier begann Guste zu drohen, dass sie mit dem Gepaeck nach +Hause fahren werde. Diederich konnte den Freund nur noch dringend +einladen, ihn gleich heute abend zu besuchen, er habe dringend mit ihm zu +reden. Wie er in den Wagen stieg, sah er einen der Schlingel, die draussen +gewartet hatten, die Apotheke betreten und eine Zahnbuerste verlangen. +Diederich bedachte, dass Gottlieb Hornung eben vermoege seiner +aristokratischen Richtung, die ihm beim Verkauf von Schwaemmen und +Zahnbuersten so hinderlich war, im Kampf gegen die Demokratie ein +wertvoller Bundesgenosse werden koenne. Aber dies war die geringste seiner +schleunigen Sorgen. Der alten Frau Hessling wurden nur schnell ein paar +Traenen erlaubt, dann musste sie wieder in das obere Stockwerk hinauf, wo +frueher nur das Dienstmaedchen und die nasse Waesche untergebracht waren und +wohin Diederich jetzt seine Mutter und Emmi beseitigt hatte. Den Russ von +der Reise noch im Bart, begab er sich hintenherum zum Praesidenten von +Wulckow, liess darauf, nicht weniger unauffaellig, Napoleon Fischer zu sich +kommen und hatte inzwischen schon Schritte getan, um ohne Verzug eine +Zusammenkunft mit Kunze, Kuehnchen und Zillich zu bewirken. + +Der Sonntagnachmittag erschwerte das Unternehmen; der Major konnte nur mit +Muehe seiner Kegelpartie entrissen werden, den Pastor musste man an einem +Familienausflug mit Kaethchen und Assessor Jadassohn verhindern, und der +Professor befand sich in den Haenden seiner beiden Pensionaere, die ihn +schon halb betrunken gemacht hatten. Schliesslich gelang es, alle im Lokal +des Kriegervereins zusammenzutreiben, und Diederich eroeffnete ihnen ohne +weiteren Zeitverlust, dass ein nationaler Kandidat aufgestellt werden muesse +und dass nach Lage der Dinge nur einer in Frage komme, naemlich Herr Major +Kunze. "Hurra!" rief Kuehnchen ohne weiteres, aber die Miene des Majors zog +sich noch gewitterhafter zusammen. Ob man ihn denn fuer naiv halte, +knirschte er hervor. Ob man glaube, er lechze nach einer Blamage. "Ein +nationaler Kandidat in Netzig, was dem passiert, darauf bin ich nicht +neugierig. Wenn alles so gewiss waere wie der nationale Durchfall!" +Diederich liess dies keineswegs gelten. "Wir haben den Kriegerverein, den +wollen die Herren in Rechnung stellen. Der Kriegerverein ist eine +unschaetzbare Operationsbasis. Von ihr aus schlagen wir uns in gerader +Linie durch, wenn ich so sagen darf, bis zum Kaiser-Wilhelm-Denkmal, und +dort wird die Schlacht gewonnen." "Hurra!" schrie Kuehnchen wieder, die +beiden anderen aber wuenschten doch zu wissen, was es mit dem Denkmal sei, +und Diederich weihte sie ein in seine Erfindung - wobei er lieber darueber +hinwegging, dass das Denkmal der Gegenstand eines Paktes zwischen ihm und +Napoleon Fischer sei. Das freisinnige Saeuglingsheim, so viel verriet er, +war nicht populaer, eine Menge Waehler liessen sich zu der nationalen Sache +herueberziehen, wenn man ihnen aus dem Nachlass des alten Kuehlemann ein +Kaiser-Wilhelm-Denkmal versprach. Erstens wurden dabei mehr Handwerker +beschaeftigt, und dann kam Betrieb in die Stadt, die Einweihung solch eines +Denkmals zog weite Kreise, Netzig hatte Aussicht, seinen schlechten Ruf +als demokratischer Sumpf zu verlieren und in die Gnadensonne zu ruecken. +Dabei dachte Diederich an seinen Pakt mit Wulckow, ueber den er auch lieber +hinging. "Dem Manne aber, der so unendlich viel fuer uns alle erreicht und +errungen hat" - er zeigte schwungvoll auf Kunze - "dem Manne wird unsere +liebe alte Stadt ganz sicher auch dereinst ein Denkmal setzen. Er und +Kaiser Wilhelm der Grosse werden einander anblicken -" "Und die Zunge +zeigen", schloss der Major, der bei seinem Unglauben verharrte. "Wenn Sie +meinen, die Netziger warten nur auf den grossen Mann, der sie mit +klingendem Spiel in das nationale Lager fuehrt, warum spielen Sie dann +nicht selbst den grossen Mann?" Und er bohrte sich in Diederichs Augen. +Aber Diederich riss sie nur noch ehrlicher auf; er legte die Hand auf das +Herz. "Herr Major! Meine wohlbekannte kaisertreue Gesinnung hat mir schon +schwerere Pruefungen auferlegt als eine Kandidatur fuer den Reichstag, und +die Pruefungen, das darf ich sagen, hab' ich bestanden! Dabei hab' ich mich +nicht gescheut, als Vorkaempfer der guten Sache, allen Hass der +Schlechtgesinnten auf meine Person zu laden, und hab' es mir dadurch +unmoeglich gemacht, die Frucht meiner Opfer selbst einzustecken. Mich +wuerden die Netziger nicht waehlen, meine Sache werden sie waehlen, und darum +trete ich zurueck, denn sachlich sein heisst deutsch sein, und lasse Ihnen, +Herr Major, neidlos die Ehren und die Freuden!" Allgemeine Bewegung. +Kuehnchens Bravo klang traenenfeucht, der Pastor nickte weihevoll, und Kunze +starrte, sichtlich erschuettert, unter den Tisch. Diederich aber fuehlte +sich leicht und gut, er hatte sein Herz sprechen lassen, und es hatte +Treue, Opfersinn und mannhaften Idealismus ausgedrueckt. Diederichs blond +behaarte Hand streckte sich ueber den Tisch, und die braun behaarte des +Majors schlug zoegernd, doch kraeftig hinein. + +Nach dem Herzen freilich ergriff bei allen vier Maennern wieder die +Vernunft das Wort. Der Major erkundigte sich, ob Diederich bereit sei, ihn +zu entschaedigen fuer die ideellen und materiellen Verluste, von denen er +bedroht sei, falls er gegen den Kandidaten des freisinnigen Kluengels in +die Schranken trete und ihm unterliege. "Sehen Sie wohl!" - und er reckte +den Finger gegen Diederich, der angesichts dieser Geradlinigkeit nicht +gleich Worte fand. "So ganz koscher kommt Ihnen die nationale Sache auch +nicht vor, und dass Sie mich durchaus 'rankriegen wollen, wie ich Sie +kenne, Herr Doktor, haengt das mit irgendwelchen Fisimatenten Ihrerseits +zusammen, von denen ich als gerader Soldat gottlob nichts verstehe." +Hierauf beeilte Diederich sich, dem geraden Soldaten einen Orden zu +versprechen, und da er sein Einverstaendnis mit Wulckow durchblicken liess, +war der nationale Kandidat endlich rueckhaltlos gewonnen.... Inzwischen +aber hatte Pastor Zillich es sich ueberlegt, ob seine Stellung in der Stadt +es ihm erlaube, den Vorsitz des nationalen Wahlkomitees zu uebernehmen. +Sollte er die Zwietracht in seine Gemeinde tragen? Sein leiblicher +Schwager Heuteufel war der Kandidat der Liberalen! Freilich, wenn man +statt des Denkmals eine Kirche gebaut haette! "Denn wahrlich, Gotteshaeuser +tun mehr denn je not, und meine liebe Kirche von Sankt Marien wird von der +Stadt so sehr vernachlaessigt, dass sie heute oder morgen mir und meinen +Christen auf den Kopf fallen kann." Ohne Saeumen verbuergte Diederich sich +fuer alle gewuenschten Reparaturen. Zur Bedingung machte er nur, dass der +Pastor von den Vertrauensstellungen der neuen Partei alle diejenigen +Elemente fernhalte, die schon durch gewisse Aeusserlichkeiten berechtigte +Zweifel an der Echtheit ihrer nationalen Gesinnung erregten. "Ohne in +Familienverhaeltnisse eingreifen zu wollen", setzte Diederich hinzu und sah +Kaethchens Vater an, der offenbar begriffen hatte, denn er muckte nicht.... +Aber auch Kuehnchen, der laengst nicht mehr hurra schrie, meldete sich. Die +beiden anderen hatten ihn, waehrend sie selbst sprachen, nur mit Gewalt auf +seinem Sitz festgehalten; kaum dass sie ihn losliessen, riss er stuermisch die +Debatte an sich. Wo musste die nationale Gesinnung vor allem wurzeln? In +der Jugend? Wie aber war das moeglich, wenn der Rektor des Gymnasiums ein +Freund des Herrn Buck war. "Da kann ich mir die Schwindsucht an den Hals +reden von unseren glorreichen Taten im Jahre siebzig..." Genug, Kuehnchen +wollte Rektor werden, und Diederich bewilligte es ihm grossmuetig. + +Nachdem dermassen die politische Haltung auf der gesunden Grundlage der +Interessen festgelegt war, konnte man sich mit gutem Gewissen der +Begeisterung hingeben, die, wie Pastor Zillich erklaerte, von Gott kam und +auch der besten Sache erst die hoehere Weihe lieh, und so begab man sich in +den Ratskeller. + +In aller Fruehe, als die vier Herren heimgingen, klebten an den Mauern +zwischen den weissen Wahlaufrufen Heuteufels und den roten des Genossen +Fischer die schwarzweissrot geraenderten Plakate, die Herrn Major Kunze als +Kandidaten der "Partei des Kaisers" empfahlen. Diederich pflanzte sich so +fest, als es ihm moeglich war, davor auf und las mit schneidiger +Tenorstimme. "Vaterlandslose Gesellen des aufgeloesten Reichstages haben es +gewagt, unserem herrlichen Kaiser die Machtmittel zu versagen, deren er +zur Groesse des Reiches bedarf.... Wollen uns des grossen Monarchen wuerdig +erweisen und seine Feinde zerschmettern! Einziges Programm: Der Kaiser! +Die fuer mich und die wider mich: Umsturz und Partei des Kaisers!" +Kuehnchen, Zillich und Kunze bekraeftigten alles mit Geschrei; und da einige +Arbeiter, die in die Fabrik gingen, erstaunt stehenblieben, drehte +Diederich sich um und erlaeuterte ihnen das nationale Manifest. "Leute!" +rief er. "Ihr wisst gar nicht, was ihr fuer ein Schwein habt, dass ihr +Deutsche seid. Denn um unseren Kaiser beneidet uns die ganze Welt, habe +mich soeben im Ausland persoenlich davon ueberzeugt." Hier schlug Kuehnchen +mit der Faust auf dem Anschlagbrett einen Tusch, und die vier Herren +schrien hurra, indes die Arbeiter ihnen zusahen. "Wollt ihr, dass euer +Kaiser euch Kolonien schenkt?" fragte Diederich sie. "Na also. Dann +schaerft ihm gefaelligst das Schwert! Waehlt keinen vaterlandslosen Gesellen, +das verbitte ich mir, sondern einzig den Kandidaten des Kaisers, Herrn +Major Kunze: sonst garantiere ich euch keinen Augenblick fuer unsere +Stellung in der Welt, und es kann euch passieren, dass ihr mit zwanzig Mark +weniger Lohn alle vierzehn Tage nach Haus geht!" Hier sahen die Arbeiter +stumm einander an, und dann setzten sie sich wieder in Bewegung. + +Aber auch die Herren verloren keine Zeit. Kunze selbst ging auf steifen +Beinen an die Aufgabe, den Mitgliedern des Kriegervereins den Standpunkt +klarzumachen. "Wenn die Kerls glauben," erklaerte er, "sie koennen kuenftig +noch den freien Gewerkschaften angehoeren! Den Freisinn treiben wir ihnen +auch aus! Von heute ab greift 'ne schaerfere Tonart Platz!" Pastor Zillich +verhiess eine verwandte Taetigkeit in den christlichen Vereinen, indes +Kuehnchen zum voraus von der frischen Begeisterung seiner Primaner +schwaermte, die auf Fahrraedern die Stadt durcheilen und Waehler +herbeischleppen sollten. Das rastloseste Pflichtgefuehl aber beseelte doch +Diederich. Er verschmaehte jede Ruhe; seiner Gattin, die im Bett lag und +ihn mit Vorwuerfen empfing, erwiderte er blitzend: "Mein Kaiser hat ans +Schwert geschlagen, und wenn mein Kaiser ans Schwert schlaegt, dann gibt es +keine ehelichen Pflichten mehr. Verstanden?" Worauf Guste sich schroff +herumwarf und das mit ihren hinteren Reizen ausgefuellte Federbett wie +einen Turm zwischen sich und den Ungefaelligen stellte. Diederich +unterdrueckte das Bedauern, das ihn beschleichen wollte, und schrieb +ungesaeumt einen Warnruf gegen das freisinnige Saeuglingsheim. Die "Netziger +Zeitung" brachte ihn auch, obwohl sie vor zwei Tagen aus der Feder des +Herrn Doktors Heuteufel eine ueberaus warme Empfehlung des Saeuglingsheims +gebracht hatte. Denn, wie der Redakteur Nothgroschen hinzusetzte, das +Organ des gebildeten Buergertums war es seinen Abonnenten schuldig, an jede +neu auftauchende Idee vor allem den Pruefstein seines Kulturgewissens zu +legen. Und dies tat Diederich in geradezu vernichtender Weise. Fuer wen war +so ein Saeuglingsheim naturgemaess in erster Linie bestimmt? Fuer die +unehelichen Kinder. Was beguenstigte es also? Das Laster. Hatten wir das +noetig? Nicht die Spur; "denn wir sind Gott sei Dank nicht in der traurigen +Lage der Franzosen, die durch die Folgen ihrer demokratischen +Zuchtlosigkeit schon so gut wie auf den Aussterbeetat gesetzt sind. Die +moegen uneheliche Geburten preiskroenen, weil sie sonst keine Soldaten mehr +haben. Wir aber sind nicht angefault, wir erfreuen uns eines +unerschoepflichen Nachwuchses! Wir sind das Salz der Erde!" Und Diederich +rechnete den Abonnenten der "Netziger Zeitung" vor, bis wann sie und +ihresgleichen hundert Millionen betragen wuerden, und wie lange es +hoechstens noch dauern koenne, bis die Erde deutsch sei. + +Hiermit waren, nach der Meinung des nationalen Komitees, die +Vorbereitungen getroffen fuer die erste Wahlversammlung der "Partei des +Kaisers". Sie sollte bei Klappsch sein, der seinen Saal patriotisch +aufgemacht hatte. In Tannenkraenzen gluehten Transparente: "Der Wille des +Koenigs ist das hoechste Gebot." "Es gibt fuer euch nur einen Feind, und der +ist mein Feind." "Die Sozialdemokratie nehme ich auf mich." "Mein Kurs ist +der richtige." "Buerger, erwacht aus dem Schlummer!" Fuer das Erwachen +sorgten Klappsch und Fraeulein Klappsch, indem sie ueberall immer frisches +Bier hinstellte, ohne so peinlich wie sonst die Bierfilze aufzuhaeufen. So +ward Kunze, als der Vorsitzende, Pastor Zillich, ihn der Versammlung +vorstellte, schon mit Stimmung aufgenommen. Diederich freilich, hinter der +Rauchwolke, in der das Bureau sass, machte die unliebsame Bemerkung, dass +auch Heuteufel, Cohn und einige von ihrem Anhang in den Saal gelangt +waren. Er stellte Gottlieb Hornung zur Rede, denn Hornung hatte die +Aufsicht. Aber er wollte sich nichts sagen lassen, er war gereizt, es +hatte ihn zu grosse Muehe gekostet, die Leute zusammenzutreiben. So viele +Lieferanten wie das Kaiser-Wilhelm-Denkmal dank seiner Agitation nun schon +hatte, konnte die Stadt nie bezahlen, und wenn der alte Kuehlemann dreimal +starb! Geschwollene Haende hatte Hornung von den Begruessungen all der +neubekehrten Patrioten! Zumutungen hatten sie an ihn gestellt! Dass er sich +mit einem Drogisten assoziieren sollte, war noch das wenigste. Aber +Gottlieb Hornung protestierte gegen diesen demokratischen Mangel an +Distanz. Der Besitzer der Loewenapotheke hatte ihm soeben gekuendigt, und er +war entschlossener als je, weder Schwaemme noch Zahnbuersten zu +verkaufen.... Inzwischen stammelte Kunze an seiner Kandidatenrede. Denn +seine finstere Miene taeuschte Diederich nicht darueber, dass der Major +dessen, was er sagen wollte, durchaus nicht sicher war und dass der +Wahlkampf ihn befangener machte, als der Ernstfall es getan haben wuerde. +Er sagte: "Meine Herren, das Heer ist die einzige Saeule", da jedoch einer +aus der Gegend Heuteufels dazwischenrief: "Schon faul!", verwirrte Kunze +sich sogleich und setzte hinzu: "Aber wer bezahlt es? Der Buerger." Worauf +die um Heuteufel Bravo riefen. Hierdurch in eine falsche Richtung +gedraengt, erklaerte Kunze: "Darum sind wir alle Saeulen, das duerfen wir wohl +verlangen, und wehe dem Monarchen -" "Sehr richtig!" antworteten +freisinnige Stimmen, und die gutglaeubigen Patrioten schrien mit. Der Major +wischte sich den Schweiss; ohne sein Zutun nahm seine Rede einen Verlauf, +als hielte er sie im liberalen Verein. Diederich zog ihn von hinten am +Rockschoss, er beschwor ihn, Schluss zu machen, aber Kunze versuchte es +vergebens: den Uebergang zur Wahlparole der "Partei des Kaisers" fand er +nicht. Am Ende verlor er die Geduld, ward jaeh dunkelrot und stiess mit +unvermittelter Wildheit hervor: "Ausrotten bis auf den letzten Stumpf! +Hurra!" Der Kriegerverein donnerte Beifall. Wo nicht mitgeschrien wurde, +erschienen auf Diederichs Wink eilends Klappsch oder Fraeulein Klappsch. + +Zur Diskussion meldete sich alsbald Doktor Heuteufel, aber Gottlieb +Hornung kam ihm zuvor. Diederich fuer seine Person blieb lieber im +Hintergrund, hinter der Rauchwolke des Praesidiums. Er hatte Hornung zehn +Mark versprochen, und Hornung war nicht in der Lage, sie auszuschlagen. +Knirschend trat er an den Rand der Buehne und erlaeuterte die Rede des +verehrten Herrn Majors dahin, dass das Heer, fuer das wir alle zu jedem +Opfer bereit seien, unser Bollwerk gegen die Schlammflut der Demokratie +sei. "Die Demokratie ist die Weltanschauung der Halbgebildeten", stellte +der Apotheker fest. "Die Wissenschaft hat sie ueberwunden." "Sehr richtig!" +rief jemand; es war der Drogist, der sich mit ihm assoziieren wollte. +"Herren und Knechte wird es immer geben!" bestimmte Gottlieb Hornung, +"denn in der Natur ist es auch so. Und es ist dass einzig Wahre, denn jeder +muss ueber sich einen haben, vor dem er Angst hat, und einen unter sich, der +vor ihm Angst hat. Wohin kaemen wir sonst! Wenn der erste beste sich +einbildet, er ist ganz fuer sich selbst was und alle sind gleich! Wehe dem +Volk, dessen ueberkommene, ehrwuerdige Formen sich erst in den +demokratischen Mischmasch aufloesen, und wo der zersetzende Standpunkt der +Persoenlichkeit das Uebergewicht bekommt!" Hier verschraenkte Gottlieb +Hornung die Arme und schob den Nacken vor. "Ich," rief er, "der ich einer +hochfeinen Verbindung angehoert habe und den freudigen Blutverlust fuer die +Ehre der Farben kenne, ich bedanke mich dafuer, dass ich Zahnbuersten +verkaufen soll!" + +"Und Schwaemme auch nicht?" fragte jemand. + +"Auch nicht!" entschied Hornung. "Ich verbitte mir ganz energisch, dass +noch mal einer kommt. Man soll immer wissen, wen man vor sich hat. Jedem +das Seine. Und in diesem Sinne geben wir unsere Stimme nur einem +Kandidaten, der dem Kaiser so viel Soldaten bewilligt, als er haben will. +Denn entweder haben wir einen Kaiser oder nicht!" + +Damit trat Gottlieb Hornung zurueck und sah, den Unterkiefer vorgeschoben, +aus gefalteten Brauen in das Beifallsgebrause. Der Kriegerverein liess es +sich nicht nehmen, mit geschwungenen Bierglaesern an ihm und Kunze +vorbeizudefilieren. Kunze nahm Haendedruecke entgegen, Hornung stand ehern +da - und Diederich konnte nicht umhin, mit Bitterkeit zu empfinden, dass +diese beiden zweitklassigen Persoenlichkeiten den Vorteil hatten von einer +Gelegenheit, die sein Werk war. Er musste ihnen die Volksgunst des +Augenblicks wohl lassen, denn er wusste besser als die beiden Gimpel, wo +dies hinauswollte. Da der nationale Kandidat am Ende nur dazu da war, eine +Hilfstruppe fuer Napoleon Fischer anzuwerben, tat man gut daran, sich nicht +selbst hinauszustellen. Heuteufel freilich legte es darauf an, Diederich +hervorzulocken. Der Vorsitzende, Pastor Zillich, konnte ihm das Wort nicht +laenger verweigern, sofort begann er vom Saeuglingsheim. Das Saeuglingsheim +sei eine Sache des sozialen Gewissens und der Humanitaet. Was aber sei das +Kaiser-Wilhelm-Denkmal? Eine Spekulation, und die Eitelkeit sei noch der +anstaendigste der Triebe, auf die spekuliert werde.... Die Lieferanten dort +unten hoerten zu in einer Stille voll peinlicher Gefuehle, denen hier und da +ein dumpfes Murren entstieg. Diederich bebte. "Es gibt Leute," behauptete +Heuteufel, "denen es auf hundert Millionen mehr fuer das Militaer nicht +ankommt, denn sie wissen schon, womit sie es fuer ihre Person wieder +hereinbringen." Da schnellte Diederich auf: "Ich bitte ums Wort!" und mit +Bravo! Hoho! Abtreten! explodierten die Gefuehle der Lieferanten. Sie +groelten, bis Heuteufel fort war und Diederich dastand. + +Diederich wartete lange, bevor das Meer der nationalen Empoerung sich +beruhigte. Dann begann er. "Meine Herren!" "Bravo!" schrien die +Lieferanten, und Diederich musste weiter warten in der Atmosphaere +gleichgestimmter Gemueter, worin das Atmen ihm leicht war. Als sie ihn +reden liessen, gab er der allgemeinen Empoerung Worte, dass der Vorredner es +habe wagen koennen, die Versammlung in ihrer nationalen Gesinnung zu +verdaechtigen. "Unerhoert!" riefen die Lieferanten. "Das beweist uns nur," +rief Diederich, "wie zeitgemaess die Gruendung der 'Partei des Kaisers' war! +Der Kaiser selbst hat befohlen, dass alle diejenigen sich +zusammenschliessen, die, ob edel oder unfrei, ihn von der Pest des +Umsturzes befreien wollen. Das wollen wir, und darum steht unsere +nationale und kaisertreue Gesinnung hoch ueber den Verdaechtigungen derer, +die selbst bloss eine Vorfrucht des Umsturzes sind!" Noch bevor der Beifall +losbrechen konnte, sagte Heuteufel sehr deutlich: "Abwarten! Stichwahl!" +Und obwohl die Lieferanten sogleich alles weitere im Getoese ihrer Haende +erstickten, fand Diederich doch schon in diesen zwei Worten so gefaehrliche +Andeutungen versteckt, dass er schnell ablenkte. Das Saeuglingsheim war ein +weniger verfaengliches Gebiet. Wie? Eine Sache des sozialen Gewissens +sollte es sein? Ein Ausfluss des Lasters war es! "Wir Deutschen ueberlassen +so was den Franzosen, die ein sterbendes Volk sind!" Diederich brauchte +nur seinen Artikel aus der "Netziger Zeitung" herzusagen. Der vom Pastor +Zillich geleitete Juenglingsverein sowie die christlichen Handlungsgehilfen +klatschten bei jedem Wort. "Der Germane ist keusch!" rief Diederich, +"darum haben wir im Jahre siebzig gesiegt!" Jetzt war die Reihe am +Kriegerverein, von Begeisterung zu droehnen. Hinter dem Tisch des +Vorstandes sprang Kuehnchen auf, schwenkte seine Zigarre und kreischte: "Nu +verklobben mer sie bald noch emal!" Diederich hob sich auf die Zehen. +"Meine Herren!" schrie er angestrengt in die nationalen Wogen, "das +Kaiser-Wilhelm-Denkmal soll eine Huldigung fuer den erhabenen Grossvater +sein, den wir, ich darf es sagen, alle fast wie einen Heiligen verehren, +und zugleich ein Versprechen an den erhabenen Enkel, unseren herrlichen +jungen Kaiser, dass wir so bleiben wollen wie wir sind, naemlich keusch, +freiheitsliebend, wahrhaftig, treu und tapfer!" + +Hier waren wieder die Lieferanten nicht mehr zu halten. Selbstvergessen +schwelgten sie im Idealen - und auch Diederich war sich keiner weltlichen +Hintergedanken mehr bewusst, nicht seines Paktes mit Wulckow, nicht seiner +Verschwoerung mit Napoleon Fischer, noch seiner dunkeln Absichten fuer die +Stichwahl. Reine Begeisterung entfuehrte seine Seele auf einen Flug, von +dem ihr schwindelte. Erst nach einer Weile konnte er wieder schreien. +"Abzuweisen und mit aller Schaerfe hinter die ihnen gebuehrenden Schranken +zurueckzudaemmen sind daher die Anwuerfe derer, die weiter nichts wollen, als +uns verweichlichen mit ihrer falschen Humanitaet!" - "Wo haben Sie Ihre +echte sitzen?" fragte die Stimme Heuteufels und stachelte dadurch die +nationale Gesinnung der Versammelten so hoch auf, dass Diederich nur noch +stellenweise zu hoeren war. Man verstand, er wollte keinen ewigen Frieden, +denn das war ein Traum und nicht einmal ein schoener. Dagegen wollte er +eine spartanische Zucht der Rasse. Bloedsinnige und Sittlichkeitsverbrecher +waren durch einen chirurgischen Eingriff an der Fortpflanzung zu +verhindern. Bei diesem Punkt verliess Heuteufel mit den Seinen das Lokal. +Von der Tuer rief er noch her: "Den Umsturz kastrieren Sie auch!" Diederich +antwortete: "Machen wir, wenn Sie noch lange noergeln!" "Machen wir!" toente +es zurueck von allen Seiten. Alle waren ploetzlich auf den Fuessen, prosteten, +jauchzten und vermischten ihre Hochgefuehle. Diederich, umbraust von +Huldigungen, wankend unter dem Ansturm treudeutscher Haende, die die seinen +schuetteln wollten, und nationaler Bierglaeser, die mit ihm anstiessen, sah +von seiner Buehne in den Saal hinaus, der seinem durch Rausch getruebten +Blick weiter und hoeher schien. Aus den hoechsten Tabakswolken gluehten ihn +mystisch die Gebote seines Herrn an: "Der Wille des Koenigs!" "Mein Feind!" +"Mein Kurs!" Er wollte sie in das brausende Volk hineinschreien - aber er +griff sich an die Kehle, kein Ton kam mehr: Diederich war stockheiser. Da +sah er sich voll Sorge nach Heuteufel um, der leider fort war. "Ich haette +ihn nicht so reizen sollen. Jetzt gnade mir Gott, wenn er mich pinselt." + + + +Die schlimmste Rache Heuteufels war, dass er Diederich das Ausgehen verbot. +Draussen tobte der Kampf taeglich wilder, und alle standen in der Zeitung, +weil alle redeten: Pastor Zillich sogar und selbst der Redakteur +Nothgroschen, zu schweigen von Kuehnchen, der ueberall zugleich redete. Nur +Diederich in seinem neu altdeutsch moeblierten Salon gurgelte stumm. Von +der Estrade beim Fenster sahen drei Bronzefiguren in zweidrittel +Lebensgroesse ihm zu: der Kaiser, die Kaiserin und der Trompeter von +Saeckingen. Sie waren ein Gelegenheitskauf bei Cohn gewesen; obwohl Cohn +das Hesslingsche Papier abbestellt hatte und noch immer nicht national +empfand, hatte Diederich sie in seiner Einrichtung nicht missen wollen. +Guste warf sie ihm vor, wenn er ihren Hut zu teuer fand. + +Guste begann in letzter Zeit launisch zu werden, auch kamen ihr +Uebelkeiten, waehrend deren sie sich im Schlafzimmer von der alten Frau +Hessling pflegen liess. Sobald es ihr besser ging, erinnerte sie die Alte +daran, dass hier eigentlich alles mit ihrem Geld bezahlt war. Frau Hessling +verfehlte nicht, die Heirat mit ihrem Diedel als eine wahre Gnade +hinzustellen fuer Guste, in ihrer damaligen Lage. Zum Schluss war Guste rot +aufgeblaeht und schnaufte, Frau Hessling aber vergoss Traenen. Diederich hatte +den Nutzen davon, denn beide waren nachher mit ihm die Liebe selbst, in +der Absicht, ihn, der nichts ahnte, auf ihre Seite zu bringen. + +Was Emmi betraf, so schlug sie, ihrer Gewohnheit folgend, einfach die Tuer +zu und ging hinauf in ihr Zimmer, das eine schraege Decke hatte. Guste sann +darauf, sie auch daraus noch zu vertreiben. Wo sollte man bei Regen die +Waesche trocknen. Wenn Emmi, weil sie nichts hatte, keinen Mann fand, musste +man sie eben unter ihrem Stande verheiraten, mit einem braven Handwerker! +Aber freilich, Emmi spielte sich auf die Feinste in der Familie hinaus, +sie verkehrte mit Brietzens.... Denn dies erbitterte Guste am meisten, +Emmi ward zu den Fraeulein von Brietzen eingeladen - obwohl diese das Haus +nie betreten hatten. Ihr Bruder, der Leutnant, wuerde Guste, von den +Soupers bei ihrer Mutter her, wenigstens einen Besuch geschuldet haben, +aber nur der zweite Stock des Hesslingschen Hauses ward von ihm fuer wuerdig +befunden, es war nachgerade auffallend.... Ihre gesellschaftlichen Erfolge +behueteten Emmi freilich nicht vor Tagen grosser Niedergeschlagenheit; dann +verliess sie ihr Zimmer nicht einmal zu den Mahlzeiten, die gemeinsam +waren. Einmal ging Guste, aus Mitgefuehl und Langeweile, hinauf zu ihr, +Emmi schloss aber, wie sie sie sah, die Augen, sie lag in ihrer +hinfliessenden Matinee bleich und starr da. Guste, die keine Antwort bekam, +versuchte es ihrerseits mit Vertraulichkeiten ueber Diederich und ueber +ihren Zustand. Da zog Emmis starres Gesicht sich jaeh zusammen, sie waelzte +sich auf einen ihrer Arme, und mit dem anderen winkte sie heftig nach der +Tuer. Guste blieb den Ausdruck ihrer Empoerung nicht schuldig; Emmi, jaeh +aufgesprungen, gab ihrem Wunsch, alleinzubleiben, die deutlichsten Worte; +und als die alte Frau Hessling hinzukam, war es schon beschlossene Sache, +dass die beiden Teile der Familie kuenftig getrennt essen wuerden. Diederich, +dem Guste vorweinte, war peinlich beruehrt von den Weibergeschichten. Zum +Glueck kam ihm ein Gedanke, der geeignet schien, zunaechst mal Ruhe zu +schaffen. Da er wieder ueber ein wenig Stimme verfuegte, ging er gleich zu +Emmi und verkuendete ihr seinen Entschluss, sie fuer einige Zeit nach +Eschweiler zu schicken, zu Magda. Erstaunlicherweise lehnte sie ab. Da er +nicht nachliess, wollte sie aufbegehren, ward aber ploetzlich wie von Angst +befallen und begann leise und instaendig zu bitten, dass sie dableiben +duerfe. Diederich, dem, er wusste nicht was, ans Herz griff, liess ratlos die +Augen umhergehen, und dann zog er sich zurueck. + +Am Tage darauf erschien Emmi, als sei nichts geschehen, beim Mittagessen, +frisch geroetet und in bester Laune. Guste, die um so zurueckhaltender +blieb, warf Diederich Blicke zu. Er glaubte zu verstehen; er erhob sein +Glas gegen Emmi und sagte schalkhaft: "Prost, Frau von Brietzen". Da +erblasste Emmi. "Mach' dich nicht laecherlich!" rief sie zornig, warf die +Serviette hin und schlug die Tuer zu. "Nanu", knurrte Diederich; aber Guste +hob nur die Schultern. Erst als die alte Frau Hessling fort war, sah sie +Diederich merkwuerdig in die Augen und fragte: "Glaubst du wirklich?" Er +erschrak, machte aber ein fragendes Gesicht. "Ich meine," erklaerte Guste, +"dann koennte mich der Herr Leutnant wenigstens auf der Strasse gruessen. Aber +heute hat er einen Bogen gemacht." Diederich bezeichnete dies als Unsinn. +Guste erwiderte: "Wenn ich es mir bloss einbilde, dann bilde ich mir noch +mehr ein, weil ich naemlich in der Nacht schon oefter was durchs Haus +schleichen gehoert habe, und heute sagte auch Minna -." Weiter kam Guste +nicht. "Aha!" Diederich schnob. "Mit den Dienstboten steckst du zusammen! +Das tat Mutter auch immer. Aber ich kann dir nur sagen, dass ich das nicht +dulde. Ueber der Ehre meines Hauses wache ich allein, dazu brauche ich +weder Minna noch dich, und wenn ihr anderer Meinung seid, dann seht lieber +gleich beide zu, dass ihr die Tuer wiederfindet, wo ihr hereingekommen +seid!" Vor dieser mannhaften Haltung konnte Guste sich freilich nur +ducken, aber sie laechelte ihm von unten nach, wie er davonging. + +Diederich seinerseits war froh, durch sein festes Auftreten die Sache aus +der Welt geschafft zu haben. Denn noch verwickelter, als es in diesen +Zeiten schon war, durfte das Leben nicht werden. Seine Heiserkeit, die ihn +leider nun drei Tage lang dem Kampfe fernhielt, war von den Feinden nicht +unbenutzt gelassen. Ja, Napoleon Fischer hatte ihn noch heute morgen davon +unterrichtet, dass die "Partei des Kaisers" ihm zu stark werde und dass sie +neuerdings zu viel gegen die Sozialdemokratie hetze. Unter diesen +Umstaenden -. Um ihn zu beruhigen, hatte Diederich ihm versprechen muessen, +gleich heute werde er die uebernommenen Verpflichtungen erfuellen und von +den Stadtverordneten das sozialdemokratische Gewerkschaftshaus +verlangen.... So begab er sich, durchaus noch nicht hergestellt, in die +Versammlung - und hier musste er erleben, dass der Antrag betreffend das +Gewerkschaftshaus soeben eingebracht worden war, und zwar von den Herren +Cohn und Genossen. Die Liberalen stimmten dafuer, er ging durch, so glatt, +als sei er der erste beste. Diederich, der den nationalen Verrat der Cohn +und Genossen laut geisseln wollte, konnte nur bellen: der tueckische Streich +hatte ihn abermals der Stimme beraubt. Kaum heimgekehrt, liess er sich +Napoleon Fischer kommen. + +"Sie sind entlassen!" bellte Diederich. Der Maschinenmeister grinste +verdaechtig. "Schoen", sagte er und wollte abziehen. + +"Halt!" bellte Diederich. "Wenn Sie meinen, Sie kommen so leicht los. +Gehen Sie mit dem Freisinn zusammen, dann verlassen Sie sich darauf, dass +ich unseren Vertrag bekanntmache! Sie sollen was erleben!" + +"Politik ist Politik", bemerkte Napoleon Fischer achselzuckend. Und da +Diederich vor so viel Zynismus nicht einmal mehr bellen konnte, trat +Napoleon Fischer vertraulich naeher, fast haette er Diederich auf die +Schulter geklopft. "Herr Doktor," sagte er wohlwollend, "tun Sie doch nur +nicht so. Wir beide: - na ja, ich sage bloss, wir beide ..." Und sein +Grinsen war so voll Mahnungen, dass Diederich erschauerte. Schnell bot er +Napoleon Fischer eine Zigarre an. Fischer rauchte und sagte: + +"Wenn einer von uns beiden erst anfaengt zu reden, wo hoert dann der andere +auf! Hab' ich recht, Herr Doktor? Aber wir sind doch keine alten +Seichtbeutel, die immer gleich mit allem herausmuessen, wie zum Beispiel +der Herr Buck." + +"Wieso?" fragte Diederich tonlos und fiel von einer Angst in die andere. +Der Maschinenmeister tat erstaunt. "Das wissen Sie nicht? Der Herr Buck +erzaehlt doch ueberall, dass Sie den nationalen Rummel nicht so schlimm +meinen. Sie moechten bloss Gausenfeld billig haben, und denken, Sie kriegen +es billiger, wenn Kluesing Angst wegen gewisser Auftraege hat, weil er nicht +national ist." + +"Das sagt er?" fragte Diederich, zu Stein geworden. + +"Das sagt er", wiederholte Fischer. "Und er sagt auch, er tut Ihnen den +Gefallen und spricht fuer Sie mit Kluesing. Dann werden Sie sich wohl wieder +beruhigen, sagt er." + +Da wich der Bann von Diederich. "Fischer!" versetzte er mit kurzem Gebell. +"Merken Sie sich, was jetzt kommt. Den alten Buck werden Sie noch im +Rinnstein stehen und betteln sehen. Jawohl! Dafuer werd' ich sorgen, +Fischer. Adieu." + +Napoleon Fischer war hinaus, aber Diederich bellte noch lange, im Zimmer +umherstampfend, vor sich hin. Der Schuft, der falsche Biedermann! Hinter +allen Widerstaenden stak der alte Buck, Diederich hatte es immer geahnt. +Der Antrag Cohn und Genossen war sein Werk gewesen - und jetzt die infame +Verleumdung mit Gausenfeld. Diederichs ganzes Innere baeumte sich auf, in +der Unbestechlichkeit seiner kaisertreuen Gesinnung. "Und woher weiss er +es?" dachte er mit zornigem Entsetzen. "Hat Wulckow mich verkauft? Sie +glauben wohl alle schon, ich treibe doppeltes Spiel?" Denn Kunze und die +anderen waren ihm heute merklich abgekuehlt erschienen; sie hielten es +scheinbar nicht mehr fuer noetig, ihn einzuweihen in das, was vorging? +Diederich gehoerte nicht dem Komitee an, er hatte der Sache das Opfer +seines persoenlichen Ehrgeizes gebracht. War er darum vielleicht nicht der +eigentliche Gruender der Partei des Kaisers?... Verrat ueberall, Intrigen, +feindseliger Verdacht - und nirgends schlichte deutsche Treue. + +Da er nur bellen konnte, musste er in der naechsten Wahlversammlung hilflos +zusehen, wie Zillich - es war klar, aus welchem persoenlichen Interesse - +Jadassohn reden liess, und wie Jadassohn stuermischen Beifall erntete, als +er gegen die Elenden und die vaterlandslosen Gesellen loszog, die Napoleon +Fischer waehlen wuerden. Diederich bemitleidete dieses wenig staatsmaennische +Vorgehen, er wusste sich Jadassohn hoch ueberlegen. Andererseits war es +nicht zu verkennen, dass Jadassohn, je weiter er sich durch seinen Erfolg +hinreissen liess, desto lautere Zustimmung bei gewissen Zuhoerern fand, die +keineswegs national anmuteten, sondern sichtlich zu Cohn und Heuteufel +gehoerten. Sie waren in verdaechtiger Menge erschienen - und Diederich, +ueberreizt durch die Fallen ringsum, sah am Ursprung auch dieses Manoevers +wieder den Erzfeind stehen, ihn, der ueberall das Boese lenkte, den alten +Buck. + +Der alte Buck hatte blaue Augen, ein menschenfreundliches Laecheln, und er +war der falscheste Hund von allen, die die Gutgesinnten umdrohten. Der +Gedanke an den alten Buck hielt Diederich noch im Traum besessen. Am +folgenden Abend unter der Familienlampe gab er den Seinen keine Antworten; +er fuehrte eingebildete Streiche gegen den alten Buck. Besonders erbitterte +es ihn, dass er den Alten fuer einen schon zahnlosen Schwaetzer gehalten +hatte, und jetzt zeigte er die Zaehne. Nach all seinen humanitaeren +Redensarten wirkte es auf Diederich wie eine Herausforderung, dass er sich +nun doch nicht einfach fressen liess. Die heuchlerische Milde, mit der er +getan hatte, als verzeihe er Diederich den Ruin seines Schwiegersohnes! +Wozu hatte er ihn protegiert und in die Stadtverordnetenversammlung +gebracht? Nur damit Diederich sich Bloessen gebe und leichter zu fassen sei. +Die Frage des Alten damals, ob Diederich der Stadt sein Grundstueck +verkaufen wolle, stellte sich jetzt als die gefaehrlichste Falle heraus. +Diederich fuehlte sich durchschaut von jeher; ihm war jetzt, als sei bei +seiner geheimen Unterredung mit dem Praesidenten von Wulckow der alte Buck, +unsichtbar im Tabaksqualm, dabei gewesen; und als Diederich, in einer +dunklen Winternacht an Gausenfeld hinangeschlichen, sich in den Graben +geduckt und die Augen, die vielleicht funkelten, geschlossen hatte, da war +droben der alte Buck vorbeigegangen und hatte zu ihm hinabgespaeht ... Im +Geiste sah Diederich den Alten sich ueber ihn beugen und die weisse, weiche +Hand hinhalten, um ihm aus dem Graben zu helfen. Die Guete in seinen Zuegen +war krasser Hohn, sie war das Unertraeglichste. Er dachte Diederich kirre +zu machen und mit seinen Schlichen leise zurueckzuleiten wie einen +verlorenen Sohn. Aber man sollte sehen, wer schliesslich die Treber frass! + +"Was hast du, mein lieber Sohn?" fragte Frau Hessling, denn Diederich hatte +vor Hass und Angst schwer aufgestoehnt. Er erschrak; in diesem Augenblick +betrat Emmi das Zimmer, sie hatte es, so meinte Diederich, schon mehrmals +betreten - ging zum Fenster, streckte den Kopf hinaus, seufzte, als sei +sie allein, und begab sich auf den Rueckweg. Guste sah ihr nach; wie Emmi +an Diederich vorbeikam, umfasste Gustes spoettischer Blick sie beide, und +Diederich erschrak noch tiefer: denn dies war das Laecheln des Umsturzes, +das er an Napoleon Fischer kannte. So laechelte Guste. Vor Schrecken +runzelte er die Stirn und rief barsch: "Was gibt es!" Schleunigst verkroch +sich Guste in ihre Flickerei, Emmi aber blieb stehen und sah ihn mit den +entgeisterten Augen an, die sie jetzt manchmal hatte. "Was ist mit dir?" +fragte er, und da sie stumm blieb: "Wen suchst du auf der Strasse?" Sie hob +nur die Schultern, in ihrer Miene geschah gar nichts. "Nun?" wiederholte +er leiser; denn ihr Blick, ihre Haltung, die merkwuerdig unbeteiligt und +dadurch ueberlegen schienen, erschwerten es ihm, laut zu sein. Sie liess +sich endlich herbei zu sprechen. + +"Es haette sein koennen, dass die beiden Fraeulein von Brietzen noch gekommen +waeren." + +"Am spaeten Abend?" fragte Diederich. Da sagte Guste: "Weil wir an die Ehre +doch gewoehnt sind. Und ueberhaupt, sie sind schon gestern mit ihrer Mama +abgereist. Wenn sie einem nicht adieu sagen, weil sie einen gar nicht +kennen, braucht man bloss an der Villa vorbeizugehen." + +"Wie?" machte Emmi. + +"Na gewiss doch!" Und das Gesicht ueberglaenzt, triumphierend liess Guste das +Ganze los. "Der Leutnant reist auch bald hinterher. Er ist doch versetzt." +Eine Pause, ein Blick. "Er hat sich versetzen lassen." + +"Du luegst", sagte Emmi. Sie hatte gewankt, man sah, wie sie sich steif +machte. Den Kopf sehr hoch, wandte sie sich ab und liess hinter sich den +Vorhang fallen. Im Zimmer war Stille. Die alte Frau Hessling auf ihrem Sofa +faltete die Haende, Guste sah herausfordernd Diederich nach, der schnaufend +umherlief. Als er wieder bei der Tuer war, gab er sich einen Ruck. Durch +den Spalt erblickte er Emmi, die im Esszimmer auf einem Stuhl sass oder +hing, zusammengekruemmt, als habe man sie gebunden und dort hingeworfen. +Sie zuckte, dann kehrte sie das Gesicht der Lampe zu; vorhin war es ganz +weiss gewesen und war jetzt stark geroetet, der Blick sah nichts - und +ploetzlich sprang sie auf, fuhr los wie gebrannt, und mit zornigen, +unsicheren Schritten stuermte sie fort, sich anschlagend, ohne Schmerz zu +fuehlen, fort, wie in Nebel hinein, wie in Qualm ... Diederich drehte sich +in steigender Angst nach Frau und Mutter um. Da Guste zur Respektlosigkeit +geneigt schien, raffte er den gewohnten Komment zusammen und stampfte +stramm hinter Emmi her. + +Noch hatte er nicht die Treppe erreicht, und droben ward schon heftig die +Tuer versperrt, mit Schluessel und Riegel. Da begann Diederichs Herz so +stark zu klopfen, dass er anhalten musste. Als er hinaufgelangt war, blieb +ihm nur noch eine schwache, atemlose Stimme, um Einlass zu verlangen. Keine +Antwort, aber er hoerte etwas klirren auf dem Waschtisch, - und ploetzlich +schwenkte er die Arme, schrie, schlug gegen die Tuer und schrie unfoermlich. +Vor seinem eigenen Laerm hoerte er nicht, wie sie oeffnete, und schrie noch, +als sie schon vor ihm stand. "Was willst du?" fragte sie zornig, worauf +Diederich sich sammelte. Von der Treppe spaehten mit fragendem Entsetzen +Frau Hessling und Guste hinauf. "Unten bleiben!" befahl er, und er draengte +Emmi in das Zimmer zurueck. Er schloss die Tuer. "Das brauchen die anderen +nicht zu riechen", sagte er knapp, und er nahm aus der Waschschuessel einen +kleinen Schwamm, der von Chloroform troff. Er hielt ihn mit gestrecktem +Arm von sich fort und heischte: "Woher hast du das?" Sie warf den Kopf +zurueck und sah ihn an, sagte aber nichts. Je laenger dies dauerte, um so +weniger wichtig fuehlte Diederich die Frage werden, die doch von Rechts +wegen die erste war. Schliesslich ging er einfach zum Fenster und warf den +Schwamm in den dunklen Hof. Es platschte, er war in den Bach gefallen. +Diederich seufzte erleichtert. + +Jetzt hatte Emmi eine Frage. "Was fuehrst du hier eigentlich auf? Lass mich +gefaelligst machen, was ich will!" + +Dies kam ihm unerwartet. "Ja, was - was willst du denn?" + +Sie sah weg, sie sagte achselzuckend: "Dir kann es gleich sein." + +"Na, hoere mal!" Diederich empoerte sich. "Wenn du vor deinem himmlischen +Richter dich nicht mehr genierst, was ich persoenlich durchaus missbillige: +ein bisschen Ruecksicht koenntest du wohl auch auf uns hier nehmen. Man ist +nicht allein auf der Welt." + +Ihre Gleichgueltigkeit verletzte ihn ernstlich. "Einen Skandal in meinem +Hause verbitte ich mir! Ich bin der erste, den es trifft." + +Ploetzlich sah sie ihn an. "Und ich?" + +Er schnappte. "Meine Ehre -!" Aber er hoerte gleich wieder auf; ihre Miene, +die er nie so ausdrucksvoll gekannt hatte, klagte und hoehnte zugleich. In +seiner Verwirrung ging er zur Tuer. Hier fiel ihm ein, was das Gegebene +sei. + +"Im uebrigen werde ich meinerseits als Bruder und Ehrenmann natuerlich voll +und ganz meine Pflicht tun. Ich darf erwarten, dass du dir inzwischen die +aeusserste Zurueckhaltung auferlegst." Mit einem Blick nach der +Waschschuessel, aus der noch immer der Geruch kam. + +"Dein Ehrenwort!" + +"Lass mich in Ruhe", sagte Emmi. Da kehrte Diederich zurueck. + +"Du scheinst dir des Ernstes der Lage denn doch nicht bewusst zu sein. Du +hast, wenn das, was ich fuerchten muss, wahr ist -" + +"Es ist wahr", sagte Emmi. + +"Dann hast du nicht nur deine eigene Existenz, zum mindesten deine +gesellschaftliche, in Frage gestellt, sondern eine ganze Familie mit +Schande bedeckt. Und wenn ich nun im Namen von Pflicht und Ehre vor dich +hintrete -" + +"Dann ist es auch noch so", sagte Emmi. + +Er erschrak; er setzte an, um seinen Abscheu zu bekunden vor so viel +Zynismus, aber in Emmis Gesicht stand zu deutlich, was alles sie +durchschaut und abgetan hinter sich liess. Vor der Ueberlegenheit ihrer +Verzweiflung kam Diederich ein Schaudern an. In ihm zersprang es wie +kuenstliche Federn. Die Beine wurden ihm weich, er setzte sich und brachte +hervor: "So sag' mir doch nur -. Ich will dir auch -." Er sah an Emmis +Erscheinung hin, das Wort Verzeihen blieb ihm stecken. "Ich will dir +helfen", sagte er. Sie sagte muede: "Wie willst du das wohl machen?" und +sie lehnte sich drueben an die Wand. + +Er sah vor sich nieder. "Du musst mir freilich einige Aufklaerungen geben: +ich meine, ueber gewisse Einzelheiten. Ich vermute, dass es schon seit +deinen Reitstunden dauert?..." + +Sie liess ihn weiter vermuten, sie bestaetigte nicht, noch widersprach sie - +wie er aber zu ihr aufsah, hatte sie weich geoeffnete Lippen, und ihr Blick +hing an ihm mit Staunen. Er begriff, dass sie staunte, weil er vieles, das +sie allein getragen hatte, ihr abnahm, indem er es aussprach. Ein +unbekannter Stolz erfasste sein Herz, er stand auf und sagte vertraulich: +"Verlass dich auf mich. Gleich morgen frueh gehe ich hin." + +Sie bewegte leise und angstvoll den Kopf. + +"Du kennst das nicht. Es ist aus." + +Da machte er seine Stimme wohlgemut. "Ganz wehrlos sind wir auch nicht! +Ich moechte doch sehen!" + +Zum Abschied gab er ihr die Hand. Sie rief ihn nochmals zurueck. + +"Du wirst ihn fordern?" Sie riss die Augen auf und hielt die Hand vor den +Mund. + +"Wieso?" machte Diederich, denn hieran hatte er nicht mehr gedacht. + +"Schwoere mir, dass du ihn nicht forderst!" + +Er versprach es. Zugleich erroetete er, denn er haette gern noch gewusst, fuer +wen sie fuerchtete, fuer ihn oder fuer den anderen. Dem anderen wuerde er es +nicht gegoennt haben. Aber er unterdrueckte die Frage, weil die Antwort ihr +peinlich sein konnte; und er verliess das Zimmer beinahe auf den +Fussspitzen. + +Die beiden Frauen, die noch immer drunten warteten, schickte er streng zu +Bett. Er selbst legte sich erst dann neben Guste, als sie schon schlief. +Er hatte zu bedenken, wie er morgen auftreten wuerde. Natuerlich imponieren! +Zweifel am Ausgang der Sache ueberhaupt nicht zulassen! Aber anstatt seiner +eigenen, schneidigen Gestalt erschien vor Diederichs Geist immer wieder +ein gedrungener Mann mit blanken bekuemmerten Augen, der bat, aufbrauste +und ganz zusammenbrach: Herr Goeppel, Agnes Goeppels Vater. Jetzt verstand +Diederich in banger Seele, wie damals dem Vater zumute gewesen war. "Du +kennst das nicht", meinte Emmi. Er kannte es - weil er es zugefuegt hatte. + +"Gott bewahre!" sagte er laut und waelzte sich herum. "Ich lasse mich auf +die Sache nicht ein. Emmi hat doch nur geblufft mit dem Chloroform. Die +Weiber sind raffiniert genug dafuer. Ich werf' sie hinaus, wie es sich +gehoert!" Da stand vor ihm auf regnerischer Strasse Agnes und starrte, das +Gesicht weiss von Gaslicht, zu seinem Fenster hinauf. Er deckte das Bettuch +ueber seine Augen. "Ich kann sie nicht auf die Strasse jagen!" Es ward +Morgen, und er sah verwundert, was mit ihm geschehen war. + +"Ein Leutnant steht frueh auf", dachte er und entwischte, bevor Guste wach +wurde. Hinter dem Sachsentor die Gaerten zwitscherten und dufteten zum +Fruehlingshimmel. Die Villen, noch verschlossen, sahen frisch gewaschen aus +und als seien lauter Neuvermaehlte hineingezogen. "Wer weiss," dachte +Diederich und atmete die gute Luft ein, "vielleicht ist es gar nicht +schwer. Es gibt anstaendige Menschen. Auch liegen die Dinge doch wesentlich +guenstiger als -" Er liess den Gedanken lieber fallen. Dort hinten hielt ein +Wagen - vor welchem Haus denn? Also doch. Das Gitter stand offen, auch die +Tuer. Der Bursche kam ihm entgegen. "Lassen Sie nur," sagte Diederich, "ich +sehe den Herrn Leutnant schon." Denn im Zimmer geradeaus packte Herr von +Brietzen einen Koffer. "So frueh?" fragte er, liess den Deckel des Koffers +fallen und klemmte sich den Finger ein. "Verdammt." Diederich dachte +entmutigt: "Er ist auch beim Packen." + +"Welchem Zufall verdanke ich denn -" begann Herr von Brietzen, aber +Diederich machte, ohne es zu wollen, eine Bewegung, des Sinnes, dass dies +unnuetz sei. Trotzdem natuerlich leugnete Herr von Brietzen. Er leugnete +sogar laenger als damals Diederich, und Diederich erkannte dies innerlich +an, denn wenn es auf die Ehre eines Maedchens ankam, hatte ein Leutnant +immerhin noch um einige Grade genauer zu sein als ein Neuteutone. Als man +endlich ueber die Lage der Dinge im reinen war, stellte Herr von Brietzen +sich dem Bruder sofort zur Verfuegung, was von ihm gewiss nicht anders zu +erwarten war. Aber Diederich, trotz seinem tiefen Bangen, erwiderte mit +heiterer Stirn, er hoffe, eine Austragung mit den Waffen eruebrige sich, +wenn naemlich Herr von Brietzen -. Und Herr von Brietzen machte eben das +Gesicht, das Diederich vorhergesehen hatte, und brauchte eben die +Ausreden, die in Diederichs Geist schon erklungen waren. In die Enge +getrieben, sagte er den Satz, den Diederich vor allem fuerchtete und der, +er sah es ein, nicht zu vermeiden war. Ein Maedchen, das ihre Ehre nicht +mehr hatte, machte man nicht zur Mutter seiner Kinder! Diederich +antwortete darauf, was Herr Goeppel geantwortet hatte, niedergeschlagen wie +Herr Goeppel. Den rechten Zorn fand er erst, als er an seine grosse Drohung +gelangte, die Drohung, von der er sich schon seit gestern den Erfolg +versprach. + +"Angesichts Ihrer unritterlichen Weigerung, Herr Leutnant, sehe ich mich +leider veranlasst, Ihren Oberst von der Sache in Kenntnis zu setzen." + +Wirklich schien Herr von Brietzen peinlich getroffen. Er fragte unsicher: +"Was wollen Sie damit erreichen? Dass ich eine Moralpredigt kriege? Na +schoen. Im uebrigen aber -" Herr von Brietzen festigte sich wieder, "was +Ritterlichkeit ist, darueber denkt der Oberst denn doch wohl etwas anders +als ein Herr, der sich nicht schlaegt." + +Da aber stieg Diederich. Herr von Brietzen moege gefaelligst seine Zunge +hueten, sonst koenne es ihm passieren, dass er es mit der Neuteutonia zu tun +bekomme! Ihm, Diederich, sei der freudige Blutverlust fuer die Ehre der +Farben durch seine Schmisse bescheinigt! Er wolle dem Herrn Leutnant +wuenschen, dass er einmal in den Fall komme, einen Grafen von +Tauern-Baerenheim zu fordern! "Ich hab' ihn glatt gefordert!" Und im selben +Atem behauptete er, dass er so einem frechen Junker noch lange nicht das +Recht einraeume, einen buergerlichen Mann und Familienvater nur so +abzuschiessen. "Die Schwester verfuehren und den Bruder abschiessen, das +moechten Sie wohl!" rief er, ausser sich. Herr von Brietzen, in einem +aehnlichen Zustand wie Diederich, sprach davon, dem Koofmich von seinem +Burschen die Fresse einschlagen zu lassen; und da der Bursche schon +bereitstand, raeumte Diederich das Feld, aber nicht ohne einen letzten +Schuss. "Wenn Sie meinen, fuer Ihre Frechheiten bewilligen wir Ihnen auch +noch die Militaervorlage! Sie sollen sehen, was Umsturz ist!" + +Draussen in der einsamen Allee wuetete er weiter, zeigte dem unsichtbaren +Feinde die Faust und stiess Drohungen aus. "Das kann euch schlecht +bekommen! Wenn wir mal Schluss machen!" Ploetzlich bemerkte er, dass die +Gaerten noch immer zum Fruehlingshimmel zwitscherten und dufteten, und es +ward ihm klar, selbst die Natur, mochte sie schmeicheln oder die Zaehne +zeigen, war ohne Einfluss auf die Macht, die Macht ueber uns, die ganz +unerschuetterlich ist. Mit dem Umsturz war leicht drohen; aber das +Kaiser-Wilhelm-Denkmal? Wulckow und Gausenfeld? Wer treten wollte, musste +sich treten lassen, das war das eherne Gesetz der Macht. Diederich, nach +seinem Anfall von Auflehnung, fuehlte schon wieder den heimlichen Schauer +dessen, den sie tritt ... Ein Wagen kam von dort hinten: Herr von Brietzen +mit seinem Koffer. Diederich, ehe er es bedachte, machte halb Front, +bereit zu gruessen. Aber Herr von Brietzen sah weg. Diederich freute sich, +trotz allem, des frischen und ritterlichen jungen Offiziers. "Den macht +uns niemand nach", stellte er fest. + +Freilich, nun er die Meisestrasse betrat, ward ihm beklommen. Von weitem +sah er Emmi nach ihm ausspaehen. Ihm fiel auf einmal ein, was sie in der +vergangenen Stunde, die ihr Schicksal entschied, durchgemacht haben musste. +Arme Emmi, nun war es entschieden. Die Macht war wohl erhebend, aber wenn +es die eigene Schwester traf -. "Ich habe nicht gewusst, dass es mir so +nahegehen wuerde." Er nickte hinauf, so ermunternd wie moeglich. Sie war +viel schmaler geworden, warum sah das niemand? Unter ihrem blass +flimmernden Haar hatte sie grosse schlaflose Augen, ihre Lippe zitterte, +als er ihr zuwinkte; auch das fing er auf in seiner scharfsichtigen Angst. +Die Treppe hinauf schlich er fast. Im ersten Stock kam sie aus dem Zimmer +und ging vor ihm her in den zweiten. Oben drehte sie sich um - und als sie +sein Gesicht gesehen hatte, ging sie hinein ohne eine Frage, ging bis zum +Fenster und blieb abgewendet stehen. Er raffte sich zusammen, er sagte +laut: "Oh! noch ist nichts verloren." Darauf erschrak er und schloss die +Augen. Da er aufstoehnte, wandte sie sich um, kam langsam herbei und legte, +um mitzuweinen, den Kopf an seine Schulter. + +Nachher hatte er einen Auftritt mit Guste, die hetzen wollte. Diederich +sagte ihr auf den Kopf zu, dass sie Emmis Unglueck nur missbrauche, um sich +zu raechen fuer die ihr nicht gerade guenstigen Umstaende, unter denen sie +selbst geheiratet worden war. "Emmi laeuft wenigstens keinem nach." Guste +kreischte auf. "Bin ich dir vielleicht nachgelaufen?" Er schnitt ab. +"Ueberhaupt ist sie meine Schwester!" ... Und da sie nun unter seinem +Schutz lebte, fing er an, sie interessant zu finden und ihr eine +ungewoehnliche Achtung zu erweisen. Nach dem Essen kuesste er ihr die Hand, +mochte Guste grinsen. Er verglich die beiden; wieviel gemeiner war Guste! +Magda selbst, die er bevorzugt hatte, weil sie Erfolg gehabt hatte, kam in +seiner Erinnerung nicht mehr auf gegen die verlassene Emmi. Denn Emmi war +durch ihr Unglueck feiner und gewissermassen ungreifbarer geworden. Wenn +ihre Hand so bleich und abwesend dalag und Emmi stumm in sich versenkt war +wie in einen unbekannten Abgrund, fuehlte Diederich sich beruehrt von der +Ahnung einer tieferen Welt. Die Eigenschaft als Gefallene, unheimlich und +veraechtlich bei jeder anderen, um Emmi, Diederichs Schwester, legte sie +eine Luft von seltsamem Schimmer und fragwuerdiger Anziehung. Glaenzender +zugleich und ruehrender war nun Emmi. + +Der Leutnant, der das alles veranlasst hatte, verlor erheblich gegen sie - +und mit ihm die Macht, in deren Namen er triumphiert hatte. Diederich +erfuhr, dass sie manchmal einen gemeinen und niedrigen Anblick bieten +koenne: die Macht und alles, was in ihren Spuren ging, Erfolg, Ehre, +Gesinnung. Er sah Emmi an und musste zweifeln an dem Wert dessen, was er +erreicht hatte oder noch erstrebte: Gustes und ihres Geldes, des Denkmals, +der hohen Gunst, Gausenfelds, der Auszeichnungen und Aemter. Er sah Emmi an +und dachte auch an Agnes. Agnes, die Weichheit und Liebe in ihm gepflegt +hatte, sie war in seinem Leben das Wahre gewesen, er haette es festhalten +sollen! Wo war sie jetzt? Tot? Er sass manchmal da, den Kopf in den Haenden. +Was hatte er nun? Was hatte man vom Dienst der Macht? Wieder einmal +versagte alles, alle verrieten ihn, missbrauchten seine reinsten Absichten, +und der alte Buck beherrschte die Lage. Agnes, die nichts vermochte als +leiden, es beschlich ihn, als ob sie gesiegt habe. Er schrieb nach Berlin +und erkundigte sich nach ihr. Sie war verheiratet und leidlich gesund. Das +erleichterte ihn, aber irgendwie enttaeuschte es ihn auch. + + + +Aber waehrend er, den Kopf in den Haenden, dasass, kam der Wahltag herbei. +Erfuellt von der Eitelkeit der Dinge, hatte Diederich von allem, was +vorging, nichts mehr sehen wollen, auch nicht, dass die Miene seines +Maschinenmeisters immer feindlicher ward. Am Sonntag der Wahl, +fruehmorgens, als Diederich noch im Bett lag, trat Napoleon Fischer bei ihm +ein. Ohne sich im geringsten zu entschuldigen, begann er: "Ein ernstes +Wort in letzter Stunde, Herr Doktor!" Diesmal war er es, der Verrat +witterte und sich auf den Pakt berief. "Ihre Politik, Herr Doktor, hat ein +doppeltes Gesicht. Uns haben Sie Versprechungen gemacht, und loyal, wie +wir sind, haben wir gegen Sie nicht agitiert, sondern bloss gegen den +Freisinn." + +"Wir auch", behauptete Diederich. + +"Das glauben Sie selbst nicht. Sie haben sich bei Heuteufel angebiedert. +Er hat Ihnen Ihr Denkmal schon bewilligt. Wenn Sie nicht gleich heute mit +fliegenden Fahnen zu ihm uebergehen, dann tun Sie es sicher bei der +Stichwahl und treiben schnoeden Volksverrat." + +Napoleon Fischer tat, die Arme verschraenkt, noch einen langen Schritt auf +das Bett zu. "Sie sollen bloss wissen, Herr Doktor, dass wir die Augen offen +halten." + +Diederich sah sich in seinem Bett hilflos dem politischen Gegner +ausgeliefert. Er suchte ihn zu besaenftigen. "Ich weiss, Fischer, Sie sind +ein grosser Politiker. Sie sollten in den Reichstag kommen." + +"Stimmt." Napoleon blinzte von unten. "Denn wenn ich nicht hineinkomme, +dann geht in Netzig in mehreren Betrieben ein Streik los. Einen von den +Betrieben kennen Sie ziemlich genau, Herr Doktor." Er machte kehrt. Von +der Tuer her fasste er Diederich, der vor Schreck ganz in die Federn +gerutscht war, nochmals ins Auge. "Und darum hoch die internationale +Sozialdemokratie!" rief er und ging ab. + +Diederich rief aus seinen Federn: "Seine Majestaet, der Kaiser hurra!" Dann +aber blieb nichts uebrig, als der Lage ins Gesicht zu sehen. Sie sah +drohend genug aus. Schwer von Ahnungen eilte er auf die Strasse, in den +Kriegerverein, zu Klappsch, und ueberall musste er erkennen, dass in den +Tagen seiner Mutlosigkeit die tueckische Taktik des alten Buck weitere +Erfolge zu verzeichnen gehabt hatte. Die Partei des Kaisers war verwaessert +durch Zulauf aus den Reihen des Freisinns und der Abstand Kunzes von +Heuteufel unbetraechtlich gegen die Kluft zwischen ihm und Napoleon +Fischer. Pastor Zillich, der mit seinem Schwager Heuteufel einen +verschaemten Gruss austauschte, erklaerte, dass die Partei des Kaisers mit +ihrem Erfolg zufrieden sein duerfe, denn sicher habe sie dem Kandidaten des +Freisinns, wenn er schliesslich siege, das nationale Gewissen gestaerkt. Da +Professor Kuehnchen sich aehnlich aeusserte, war der Verdacht nicht von der +Hand zu weisen, dass ihnen die von Diederich und Wulckow erpressten +Versprechungen noch nicht genuegten, und dass sie sich durch weitere +persoenliche Vorteile vom alten Buck hatten gewinnen lassen. Der Korruption +des demokratischen Kluengels war alles zuzutrauen! Was Kunze betraf, so +wollte er auf jeden Fall selbst gewaehlt werden, notfalls mit Hilfe der +Freisinnigen. Ihn hatte sein Ehrgeiz korrumpiert, er hatte ihn schon dahin +gebracht, zu versprechen, dass er fuer das Saeuglingsheim eintreten werde! +Diederich entruestete sich; Heuteufel sei hundertmal schlimmer als +irgendein Prolet; und er spielte auf die duesteren Folgen an, die eine so +unpatriotische Haltung haben muesse. Leider durfte er nicht deutlicher +werden - und vor sich das Bild des Streiks, im Herzen schon die Truemmer +des Kaiser-Wilhelm-Denkmals, Gausenfelds, aller seiner Traeume, lief er im +Regen umher zwischen den Wahllokalen und schleppte gutgesinnte Waehler +herbei, im vollen Bewusstsein, dass ihre Kaisertreue den Weg verfehlte und +den schlimmsten Feinden des Kaisers helfe. Abends bei Klappsch, +kotbespritzt bis an den Hals und fiebrig entrueckt durch den Laerm des +langen Tages, durch das viele Bier und das Nahen der Entscheidung, vernahm +er das Ergebnis: gegen achttausend Stimmen fuer Heuteufel, sechstausend und +einige fuer Napoleon Fischer, Kunze aber hatte +dreitausendsechshundertzweiundsiebzig. Stichwahl zwischen Heuteufel und +Fischer. "Hurra!" schrie Diederich, denn nichts war verloren und Zeit war +gewonnen. + +Mit starkem Schritt ging er von dannen, den Schwur im Herzen, dass er +fortan das Aeusserste tun werde, um die nationale Sache noch zu retten. Es +eilte, denn Pastor Zillich haette am liebsten sofort alle Mauern mit +Zetteln bedeckt, die den Anhaengern der Partei des Kaisers empfahlen, in +der Stichwahl fuer Heuteufel zu stimmen. Kunze freilich gab sich der eitlen +Hoffnung hin, Heuteufel werde ihm zu Gefallen zuruecktreten. Welche +Verblendung! Gleich am Morgen las man die weissen Zettel, auf denen der +Freisinn heuchlerisch erklaerte, national sei auch er, die nationale +Gesinnung sei nicht das Privileg einer Minderheit, und darum -. Der Trick +des alten Buck enthuellte sich vollends; wenn nicht die ganze Partei des +Kaisers in den Schoss des Freisinns zurueckkehren sollte, hiess es handeln. +Maechtig von Energie gespannt, traf Diederich von seinen Erkundigungen +heimkehrend, im Hausflur auf Emmi, die einen Schleier vor dem Gesicht +hatte und sich bewegte, als sei alles gleich. "Danke," dachte er, "es ist +durchaus nicht gleich. Wohin kaemen wir." Und er gruesste Emmi verstohlen und +mit einer Art von Scheu. + +Er zog sich in sein Bureau zurueck, aus dem der alte Soetbier verschwunden +war und wo nun Diederich, sein eigener Prokurist und nur seinem Gott +verantwortlich, seine folgenschweren Entschluesse fasste. Er trat zum +Telephon, er verlangte Gausenfeld. Da ging die Tuer auf, der Brieftraeger +legte seinen Packen hin, und Diederich sah obenauf: Gausenfeld. Er haengte +wieder ein, er betrachtete, nickend wie das Schicksal, den Brief. Schon +gemacht. Der Alte hatte ohne Worte begriffen, dass er seinen Freunden Buck +und Konsorten kein Geld mehr geben duerfe, und dass man noetigenfalls +imstande sei, ihn persoenlich verantwortlich zu machen. Gelassen zerriss +Diederich den Umschlag - aber nach zwei Zeilen las er fliegend. Was fuer +eine Ueberraschung! Kluesing wollte verkaufen! Er war alt, er sah seinen +natuerlichen Nachfolger in Diederich! + +Was hiess dies? Diederich setzte sich in die Ecke und dachte tief. Es hiess +vor allem, dass Wulckow schon eingegriffen hatte. Der Alte war in blasser +Angst wegen der Regierungsauftraege, und der Streik, mit dem Napoleon +Fischer drohte, gab ihm den Rest. Wo war die Zeit, als er sich aus der +Klemme zu ziehen glaubte, wenn er Diederich einen Teil des Papiers fuer die +"Netziger Zeitung" anbot. Jetzt bot er ihm ganz Gausenfeld an! "Man ist +eine Macht", stellte Diederich fest - und es ging ihm auf, dass Kluesings +Zumutung, die Fabrik zu kaufen und richtig nach ihrem Wert zu bezahlen, +wie die Dinge lagen, einfach laecherlich sei. Worauf er wirklich laut +lachte ... Da nahm er wahr, dass am Schlusse des Briefes, nach der +Unterschrift, noch etwas stand, ein Zusatz, kleiner geschrieben als das +uebrige und so unscheinbar, dass Diederich ihn vorhin uebersehen hatte. Er +entzifferte - und der Mund ging ihm von selbst auf. Ploetzlich tat er einen +Sprung. "Na also!" rief er frohlockend durch sein einsames Bureau. "Da +haben wir sie!" Hierauf bemerkte er tiefernst: "Es ist schauerlich. Ein +Abgrund." Er las noch einmal, Wort fuer Wort, den verhaengnisvollen Zusatz, +legte den Brief in den Geldschrank und schloss mit hartem Griff. Dort innen +schlummerte nun das Gift fuer Buck und die Seinen - geliefert von ihrem +Freund. Nicht nur, dass Kluesing sie nicht mehr mit Geld versah, er verriet +sie auch. Aber sie hatten es verdient, das konnte man sagen; eine solche +Verderbnis hatte wahrscheinlich selbst Kluesing angeekelt. Wer da noch +Schonung uebte, machte sich mitschuldig. Diederich pruefte sich. "Schonung +waere geradezu ein Verbrechen. Sehe jeder, wo er bleibe! Hier heisst es +ruecksichtslos vorgehen. Dem Geschwuer die Maske herunterreissen und es mit +eisernem Besen auskehren! Ich uebernehme es im Interesse des oeffentlichen +Wohles, meine Pflicht als nationaler Mann schreibt es mir vor. Es ist nun +mal eine harte Zeit!" + +Den Abend darauf war eine grosse oeffentliche Volksversammlung, einberufen +vom freisinnigen Wahlkomitee in den Riesensaal der "Walhalla". Mit der +regen Hilfe Gottlieb Hornungs hatte Diederich Vorsorge getroffen, dass die +Waehler Heuteufels keineswegs unter sich blieben. Er selbst fand es unnuetz, +die Programmrede des Kandidaten mit anzuhoeren; er ging hin, als schon die +Diskussion begonnen haben musste. Gleich im Vorraum stiess er auf Kunze, der +in uebler Verfassung war. "Ausrangierter Schlagetot!" rief er. "Sehen Sie +mich an, Herr, und sagen Sie mir, ob so ein Mann aussieht, der sich das +sagen laesst!" Da er vor Aufregung sich nicht weiter erklaeren konnte, loeste +Kuehnchen ihn ab. "Zu mir haette Heuteufel das sagen sollen!" schrie er. "Da +haette er nun aber Kuehnchen kennengelernt!" Diederich empfahl dem Major +dringend, seinen Gegner zu verklagen. Aber Kunze brauchte keinen Ansporn +mehr, er vermass sich, Heuteufel ganz einfach in die Pfanne zu hauen. Auch +dies war Diederich recht, und er stimmte lebhaft zu, als Kunze erkennen +liess, dass er unter diesen Umstaenden lieber mit dem aergsten Umsturz gehe +als mit dem Freisinn. Hiergegen aeusserten Kuehnchen und auch Pastor Zillich, +der hinzukam, ihre Bedenken. Die Reichsfeinde - und die Partei des +Kaisers! "Bestochene Feiglinge!" sagte Diederichs Blick - indes der Major +fortfuhr, Rache zu schnauben. Blutige Traenen sollte die Bande weinen! "Und +zwar noch heute abend", verhiess darauf Diederich mit einer so eisernen +Bestimmtheit, dass alle stutzten. Er machte eine Pause und blitzte jeden +einzeln an. "Was wuerden Sie sagen, Herr Pastor, wenn ich Ihren Freunden +vom Freisinn gewisse Machenschaften nachwiese ..." Pastor Zillich war +erbleicht, Diederich ging zu Kuehnchen ueber. "Betruegerische Manipulationen +mit oeffentlichen Geldern ..." Kuehnchen huepfte. "Nu leg' sich eener lang +hin!" rief er schreckensvoll. Kunze aber bruellte auf. "An mein Herz!" und +er riss Diederich in seine Arme. "Ich bin ein schlichter Soldat", +versicherte er. "Die Schale mag rauh sein, aber der Kern ist echt. +Beweisen Sie den Kanaillen ihre Schurkerei, und Major Kunze ist Ihr +Freund, als ob Sie mit ihm im Feuer gestanden haetten bei Marslatuhr!" + +Der Major hatte Traenen in den Augen, Diederich auch. Und so hochgespannt +wie ihre beiden Seelen war die Stimmung im Saal. Der Eintretende sah +ueberall Arme in die Luft fahren, die aus blauem Dunst bestand, und hier +und dort schrie eine Brust: "Pfui!" "Sehr richtig!" oder "Gemeinheit!" Der +Wahlkampf war auf der Hoehe, Diederich stuerzte sich hinein, mit unerhoerter +Erbitterung, denn vor dem Bureau, das der alte Buck in Person leitete, wer +stand am Rand der Buehne und redete? Soetbier, Diederichs entlassener +Prokurist! Aus Rache hielt Soetbier eine Hetzrede, worin er ueber die +Arbeiterfreundlichkeit gewisser Herren auf das abfaelligste urteilte. Sie +sei nichts als ein demagogischer Kniff, womit man, um gewisser +persoenlicher Vorteile willen, das Buergertum spalten und dem Umsturz Waehler +zutreiben wolle. Frueher habe der Betreffende im Gegenteil gesagt: Wer +Knecht ist, soll Knecht bleiben. "Pfui!" riefen die Organisierten. +Diederich stiess um sich, bis er unter der Buehne stand. "Gemeine +Verleumdung!" schrie er Soetbier ins Gesicht. "Schaemen Sie sich, seit Ihrer +Entlassung sind Sie unter die Noergler gegangen!" Der von Kunze +kommandierte Kriegerverein bruellte wie ein Mann: "Gemeinheit!" und "Hoert, +hoert!" - indes die Organisierten pfiffen und Soetbier eine zitterige Faust +machte gegen Diederich, der ihm drohte, er werde ihn einsperren lassen. Da +erhob der alte Buck sich und klingelte. + +Als man wieder hoeren konnte, sagte er mit weicher Stimme, die anschwoll +und erwaermte: "Mitbuerger! Wollt doch dem persoenlichen Ehrgeiz einzelner +nicht Nahrung gewaehren, indem ihr ihn ernst nehmt! Was sind hier Personen? +Was selbst Klassen? Es geht um das Volk, dazu gehoeren alle, nur die Herren +nicht. Wir muessen zusammenhalten, wir Buerger duerfen nicht immer aufs neue +den Fehler begehen, der schon in meiner Jugend begangen wurde, dass wir +unser Heil den Bajonetten anvertrauen, sobald auch die Arbeiter ihr Recht +wollen. Dass wir den Arbeitern niemals ihr Recht geben wollten, das hat den +Herren die Macht verschafft, auch uns das unsere zu nehmen." + +"Sehr wahr!" + +"Das Volk, wir alle haben angesichts der uns abgeforderten +Heeresvermehrung die vielleicht letzte Gelegenheit, unsere Freiheit zu +behaupten gegen Herren, die uns nur noch ruesten, damit wir unfrei sind. +Wer Knecht ist, soll Knecht bleiben, das wird nicht nur euch Arbeitern +gesagt: das sagen die Herren, deren Macht wir immer teurer bezahlen +sollen, uns allen!" + +"Sehr wahr! Bravo! Keinen Mann und keinen Groschen!" Inmitten bewegter +Zustimmung setzte der alte Buck sich. Diederich, dem aeussersten Kampf nahe +und im voraus schweisstriefend, sandte noch einen Blick durch den Saal und +bemerkte Gottlieb Hornung, der die Lieferanten des Kaiser-Wilhelm-Denkmals +befehligte. Pastor Zillich bewegte sich unter den christlichen Juenglingen, +der Kriegerverein war um Kunze geschart: da zog Diederich blank. "Der +Erbfeind erhebt wieder mal das Haupt!" schrie er mit Todesverachtung. "Ein +Vaterlandsverraeter, wer unserem herrlichen Kaiser versagt, was er" - "Hu, +hu!" riefen die Vaterlandsverraeter; aber Diederich, unter den +Beifallssalven der Gutgesinnten, schrie weiter, wenn ihm auch die Stimme +ueberschnappte. "Ein franzoesischer General hat Revanche verlangt!" Vom +Bureau her fragte jemand: "Wieviel hat er aus Berlin dafuer bekommen?" +Worauf man lachte - indes Diederich mit den Armen hinaufgriff, als wollte +er in die Luft steigen. "Schimmernde Wehr! Blut und Eisen! Mannhafte +Ideale! Starkes Kaisertum!" Seine Kraftworte stiessen rasselnd aneinander, +umlaermt vom Getoese der Gutgesinnten. "Festes Regiment! Bollwerk gegen die +Schlammflut der Demokratie!" + +"Ihr Bollwerk heisst Wulckow!" rief wieder die Stimme vom Bureau. Diederich +fuhr herum, er erkannte Heuteufel. "Wollen Sie sagen, die Regierung Seiner +Majestaet -?" + +"Auch ein Bollwerk!" sagte Heuteufel. Diederich reckte den Finger nach +ihm. "Sie haben den Kaiser beleidigt!" rief er mit aeusserster +Schneidigkeit. Aber hinter ihm kreischte jemand: "Spitzel!" Es war +Napoleon Fischer, und seine Genossen wiederholten es aus rauhen Kehlen. +Sie waren aufgesprungen, sie umringten Diederich in unglueckverheissender +Weise. "Er provoziert schon wieder! Er will noch einen ins Loch bringen! +'raus!" Und Diederich ward angepackt. Angstverzerrt wand er den Hals, den +schwielige Faeuste beengten, nach dem Vorsitzenden hin und flehte erstickt +um Hilfe. Der alte Buck gewaehrte sie ihm, er klingelte anhaltend, und er +schickte sogar einige junge Leute aus, damit sie Diederich von seinen +Feinden erretteten. Kaum dass er sich ruehren konnte, schwang Diederich den +Finger gegen den alten Buck. "Die demokratische Korruption!" schrie er, +tanzend vor Leidenschaft. "Ich will sie ihm beweisen!" "Bravo! Reden +lassen!" - und das Lager der nationalen Maenner setzte sich in Bewegung, +ueberrannte die Tische und mass sich Aug' in Auge mit dem Umsturz. Ein +Handgemenge schien bevorzustehen: schon fasste der Polizeileutnant dort +oben seinen Helm an, um sich damit zu bedecken; es war ein kritischer +Moment - da hoerte man von der Buehne herab befehlen: "Ruhe! Er soll +sprechen!" Und es ward fast still, man hatte einen Zorn vernommen, groesser +als irgendeiner hier. Der alte Buck, heraufgewachsen hinter seinem Tisch +dort oben, war kein wuerdiger Greis mehr, er schien schlanker vor Kraft, +vom Hass war er bleich, und einen Blick schnellte er gegen Diederich: der +Atem stockte einem. + +"Er soll sprechen!" wiederholte der Alte. "Auch Verraeter haben das Wort, +bevor sie abgeurteilt werden. So sehen die Verraeter an der Nation aus. Sie +haben sich nur aeusserlich veraendert seit den Zeiten, da mein Geschlecht +kaempfte, fiel, ins Gefaengnis und auf die Richtstaette ging." + +"Haha", machte hier Gottlieb Hornung, voll ueberlegenen Spottes. Zu seinem +Unglueck sass er im Armbereich eines starken Arbeiters, der so furchtbar +nach ihm ausholte, dass Hornung, noch bevor der Schlag ihn traf, umfiel +mitsamt seinem Stuhl. + +"Schon damals", rief der Alte, "gab es solche, die statt der Ehre den +Nutzen waehlten und denen keine Herrschaft demuetigend schien, wenn sie sie +bereicherte. Der sklavische Materialismus, Frucht und Mittel jeder +Tyrannei, er war es, dem wir unterlagen, und auch ihr, Mitbuerger -" + +Der Alte breitete die Arme aus, er spannte sich zu dem letzten Schrei +seines Gewissens. + +"Mitbuerger, auch ihr lauft heute Gefahr, von ihm verraten und seine Beute +zu werden! Dieser Mensch soll sprechen." + +"Nein!" + +"Er soll sprechen. Dann aber fragt ihn, wieviel eine Gesinnung, die +national zu nennen er die Stirn hat, in barem Gelde betraegt. Fragt ihn, +wem er sein Haus verkauft hat, zu welchem Zweck und mit welchem Nutzen!" + +"Wulckow!" Der Ruf kam von der Buehne, aber der Saal nahm ihn auf. +Diederich, gebieterische Faeuste hinter sich, gelangte nicht ganz +freiwillig die Stufen zur Buehne hinauf. Dort sah er ratsuchend umher: der +alte Buck sass regungslos, die Hand geballt auf dem Knie und liess ihn nicht +aus dem Auge; Heuteufel, Cohn, alle Herren des Bureaus erwarteten mit +kalter Gier im Gesicht seinen Zusammenbruch; und "Wulckow!" rief der Saal +ihm zu, "Wulckow!" Er stammelte etwas von Verleumdung, das Herz flog ihm, +einen Augenblick schloss er die Augen, in der Hoffnung, er werde umfallen +und der Sache ueberhoben sein. Aber er fiel nicht um - und als nichts +anderes mehr moeglich war, kam ihm ein ungeheurer Mut. Er griff an seine +Brusttasche, seiner Waffe sicher, und er mass kampfesfreudig den Feind, +jenen tueckischen Alten, der nun endlich die Maske des vaeterlichen Goenners +verloren hatte und seinen Hass bekannte. Diederich blitzte ihn an, er stiess +vor ihm beide Faeuste gegen den Boden. Dann trat er kraftvoll vor den Saal +her. + +"Wollen Sie was verdienen?" bruellte er wie ein Ausrufer in den Tumult - +und es ward still, wie auf ein Zauberwort. "Jeder kann bei mir verdienen!" +bruellte Diederich; mit unverminderter Gewalt. "Jedem, der mir nachweist, +wieviel ich am Verkauf meines Hauses verdient habe, zahle ich ebensoviel!" + +Hierauf schien niemand gefasst. Die Lieferanten zuerst riefen "Bravo", dann +entschlossen sich auch die Christen und die Krieger, aber ohne rechte +Zuversicht, denn es ward wieder "Wulckow!" gerufen, noch dazu nach dem +Takt von Bierglaesern, die man auf die Tische stiess. Diederich erkannte, +dass dies ein vorbereiteter Streich war, der nicht nur ihm, sondern weit +hoeheren Maechten galt. Er sah sich unruhig um, und wirklich zueckte der +Polizeileutnant schon wieder den Helm. Diederich bedeutete ihm mit der +Hand, dass er es schon machen werde, und er bruellte: + +"Nicht Wulckow, ganz andere Leute! Das freisinnige Saeuglingsheim! Dafuer +haette ich mein Haus hergeben sollen, das ist mir nahegelegt worden, ich +kann es beschwoeren. Ich als nationaler Mann habe mich energisch gewehrt +gegen die Zumutung, die Stadt zu betruegen und den Raub zu teilen mit einem +gewissenlosen Magistratsrat!" + +"Sie luegen!" rief der alte Buck und stand flammend da. Aber Diederich +flammte noch hoeher, im Vollgefuehl seines Rechtes und seiner sittlichen +Sendung. Er griff in die Brusttasche, und vor dem tausendkoepfigen Drachen +dort unten, der ihn anspritzte: "Luegner! Schwindler!" schwenkte er +furchtlos seinen Schein. "Beweis!" bruellte er und schwenkte so lange, bis +sie hoerten. + +"Bei mir ist es nicht geglueckt, aber in Gausenfeld. Jawohl, Mitbuerger! In +Gausenfeld ... Wieso? Gleich. Zwei Herren von der freisinnigen Partei sind +beim Besitzer gewesen und haben das Vorkaufsrecht verlangt auf ein +gewisses Terrain, fuer den Fall, dass das Saeuglingsheim dorthin kommt." + +"Namen! Namen!" + +Diederich schlug sich auf die Brust, auch zum letzten bereit. Kluesing +hatte ihm alles verraten, nur nicht die Namen. Blitzend fasste er die +Herren des Vorstandes ins Auge; einer schien zu erbleichen. "Wer wagt, +gewinnt", dachte Diederich, und er bruellte: + +"Der eine ist Herr Warenhausbesitzer Cohn!" + +Und er trat ab, mit der Miene erfuellter Pflicht. Drunten nahm Kunze ihn +entgegen und kuesste ihn selbstvergessen rechts und links ins Gesicht, wozu +die Nationalgesinnten klatschten. Die anderen schrien: "Beweis!" oder +"Schwindel!" Aber "Cohn soll reden!", das wollten alle, Cohn konnte sich +den Anforderungen unmoeglich entziehen. Der alte Buck sah ihn an, starr, +mit einem sichtbaren Zittern der Wangen; und dann erteilte er ihm von +selbst das Wort. Cohn, von Heuteufel mit einem Stoss versehen, kam ohne +rechte Ueberzeugung hinter dem langen Tisch des Komitees hervor, schleppte +die Fuesse nach und hatte unguenstig gewirkt, noch bevor er anfing. Er +laechelte entschuldigend. "Meine Herren, das werden Sie dem Herrn Vorredner +doch nicht glauben," sagte er so sanft, dass fast niemand es verstand. +Dennoch meinte Cohn schon zu weit gegangen zu sein. "Ich will den Herrn +Vorredner nicht geradezu dementieren, aber so war es denn doch nicht." + +"Aha! Er gibt es zu!" - und jaeh brach ein Aufruhr los, dass Cohn, auf +nichts vorbereitet, einen Sprung rueckwaerts tat. Der Saal war nur noch ein +Fuchteln und Schaeumen. Schon fielen da und dort Gegner uebereinander her. +"Hurra!" kreischte Kuehnchen und sauste durch die Reihen mit flatterndem +Haar, die Faeuste geschwungen, anfeuernd zur Metzelei ... Auch auf der +Buehne war alles auf den Beinen, ausser dem Polizeileutnant. Der alte Buck +hatte den Platz des Vorsitzenden verlassen, und abgekehrt von dem Volk, +ueber das der letzte Schrei seines Gewissens vergebens hingegangen war, +abseits und allein, richtete er die Augen dorthin, wo niemand sah, dass sie +weinten. Heuteufel sprach entruestet auf den Polizeileutnant ein, der sich +von seinem Stuhl nicht ruehrte, ward aber darueber belehrt, dass der Beamte +allein entscheide, ob und wann er aufloese. Es brauchte nicht gerade in dem +Augenblick zu geschehen, wo es fuer den Freisinn schlecht stand! Worauf +Heuteufel zum Tisch ging und die Glocke fuehrte. Dazu schrie er: "Der +zweite Name!" Und da alle Herren auf der Buehne mitschrien, hoerte man es +endlich und Heuteufel konnte fortfahren. + +"Der zweite, der in Gausenfeld war, ist Herr Landgerichtsrat Kuehlemann! +Stimmt. Kuehlemann selbst. Derselbe Kuehlemann, aus dessen Nachlass das +Saeuglingsheim gebaut werden soll. Will jemand behaupten, Kuehlemann +bestiehlt seinen eigenen Nachlass? Na also!" - und Heuteufel zuckte die +Achseln, woraus beifaellig gelacht ward. Nicht lange; die Leidenschaften +pfauchten schon wieder. "Beweise! Kuehlemann soll selbst reden! Diebe!" +Herr Kuehlemann sei schwerkrank, erklaerte Heuteufel. Man werde hinschicken, +man telephoniere schon. "Auweh", raunte Kunze seinem Freunde Diederich zu. +"Wenn Kuehlemann es war, sind wir fertig und koennen einpacken." "Noch lange +nicht!" verhiess Diederich, tollkuehn. Pastor Zillich seinerseits setzte +seine Hoffnung nur mehr auf den Finger Gottes. Diederich in seiner +Tollkuehnheit sagte: "Brauchen wir gar nicht!" - und er machte sich ueber +einen Zweifler her, dem er zuredete. Die Gutgesinnten reizte er zu +entschiedener Stellungnahme, ja, er drueckte Sozialdemokraten die Hand, um +ihren Hass gegen die buergerliche Korruption zu verstaerken - und ueberall +hielt er den Leuten Kluesings Brief vor die Augen. Er schlug so heftig mit +dem Handruecken auf das Papier, dass niemand lesen konnte, und rief: "Steht +da Kuehlemann? Da steht Buck! Wenn Kuehlemann noch japsen kann, wird er +zugeben muessen, dass er es nicht war. Buck war es!" + +Dabei ueberwachte er dennoch die Buehne, wo es merkwuerdig still geworden +war. Die Herren des Komitees liefen durcheinander, aber sie fluesterten +nur. Den alten Buck sah man nicht mehr. "Was ist los?" Auch im Saal ward +es ruhiger, noch wusste man nicht, warum. Ploetzlich hiess es: "Kuehlemann +soll tot sein." Diederich fuehlte es mehr, als dass er es hoerte. Er gab es +ploetzlich auf, zu reden und sich abzuarbeiten. Vor Spannung schnitt er +Gesichter. Wenn jemand ihn fragte, antwortete er nicht, er vernahm ringsum +ein wesenloses Gewirr von Lauten und wusste nicht mehr deutlich, wo er war. +Dann kam aber Gottlieb Hornung und sagte: "Er ist weiss Gott tot. Ich war +oben, sie haben telephoniert. Im Moment ist er gestorben." + +"Im richtigen Moment", sagte Diederich und sah sich um, erstaunt, als +erwachte er. "Der Finger Gottes hat sich wieder mal bewaehrt", stellte +Pastor Zillich fest, und Diederich ward sich bewusst, dass dieser Finger +doch nicht zu verachten war. Wie, wenn er dem Schicksal einen anderen Lauf +angewiesen haette?... Die Parteien im Saale loesten sich auf; das Eingreifen +des Todes in die Politik machte aus den Parteien Leute; sie sprachen +gedaempft und verzogen sich. Als er schon draussen war, erfuhr Diederich +noch, der alte Buck habe eine Ohnmacht erlitten. + + + +Die "Netziger Zeitung" berichtete ueber die "tragisch verlaufene +Wahlversammlung" und schloss daran einen ehrenvollen Nachruf fuer den +hochverdienten Mitbuerger Kuehlemann. Den Verblichenen traf kein Makel, wenn +etwa Dinge vorgefallen waren, die der Aufklaerung bedurften ... Das weitere +geschah, nachdem Diederich und Napoleon Fischer eine Besprechung unter +vier Augen gehabt hatten. Noch am Abend vor der Wahl hielt die "Partei des +Kaisers" eine Versammlung ab, von der die Gegner nicht ausgeschlossen +waren. Diederich trat auf und geisselte mit flammenden Worten die +demokratische Korruption und ihr Haupt in Netzig, das mit Namen zu nennen +die Pflicht eines kaisertreuen Mannes sei - aber er nannte es doch lieber +nicht. "Denn, meine Herren, das Hochgefuehl schwellt mir die Brust, dass ich +mich verdient mache um unseren herrlichen Kaiser, wenn ich seinem +gefaehrlichsten Feinde die Maske abreisse und Ihnen beweise, dass er auch nur +verdienen will." Hier kam ihm ein Einfall, oder war es eine Erinnerung, er +wusste nicht. "Seine Majestaet haben das erhabene Wort gesprochen: 'Mein +afrikanisches Kolonialreich fuer einen Haftbefehl gegen Eugen Richter!' Ich +aber, meine Herren, liefere Seiner Majestaet die naechsten Freunde +Richters!" Er liess die Begeisterung verrauschen; dann, mit verhaeltnismaessig +gedaempfter Stimme: "Und darum, meine Herren, habe ich besondere Gruende, zu +vermuten, was man an hoher, sehr hoher Stelle von der Partei des Kaisers +erwartet." Er griff an seine Brusttasche, als truege er dort auch diesmal +die Entscheidung; und ploetzlich aus voller Lunge: "Wer jetzt noch seine +Stimme dem Freisinnigen gibt, der ist kein kaisertreuer Mann!" Da die +Versammlung dies einsah, machte Napoleon Fischer, der zugegen war, den +Versuch, sie auf die gebotenen Konsequenzen ihrer Haltung hinzuweisen. +Sofort fuhr Diederich dazwischen. Die nationalen Waehler wuerden schweren +Herzens ihre Pflicht tun und das kleinere Uebel waehlen. "Aber ich bin der +erste, der jedes Paktieren mit dem Umsturz weit von sich weist!" Er schlug +so lange auf das Rednerpult, bis Napoleon in der Versenkung verschwand. +Und dass Diederichs Entruestung echt war, ersah man in der Fruehe des +Stichwahltages aus der sozialdemokratischen "Volksstimme", die unter +hoehnischen Ausfaellen gegen Diederich selbst alles wiedergab, was er ueber +den alten Buck gesagt hatte, und zwar nannte sie den Namen. "Hessling faellt +hinein," sagten die Waehler, "denn jetzt muss Buck ihn verklagen." Aber +viele antworteten: "Buck faellt hinein, der andere weiss zuviel." Auch die +Freisinnigen, soweit sie der Vernunft zugaenglich waren, fanden jetzt, es +sei an der Zeit, vorsichtig zu werden. Wenn die Nationalen, mit denen +nicht zu spassen schien, nun einmal meinten, man solle fuer den +Sozialdemokraten stimmen -. Und war der Sozialdemokrat erst gewaehlt, dann +war es gut, dass man ihn mitgewaehlt hatte, sonst ward man noch boykottiert +von den Arbeitern ... Die Entscheidung aber fiel nachmittags um drei. In +der Kaiser-Wilhelm-Strasse erscholl Alarmgeblaese, alles stuerzte an die +Fenster und unter die Ladentueren, um zu sehen, wo es brenne. Es war der +Kriegerverein in Uniform, der herbeimarschierte. Seine Fahne zeigte ihm +den Weg der Ehre. Kuehnchen, der das Kommando fuehrte, hatte die Pickelhaube +wild im Nacken sitzen und schwang auf furchterregende Weise seinen Degen. +Diederich in Reih' und Glied stapfte mit und freute sich der Zuversicht, +dass nun in Reih' und Glied, nach Kommandos und auf mechanischem Wege alles +Weitere sich abwickeln werde. Man brauchte nur zu stapfen, und aus dem +alten Buck ward Kompott gemacht unter dem Taktschritt der Macht!... Am +anderen Ende der Strasse holte man die neue Fahne ab und empfing sie, bei +schmetternder Musik, mit stolzem Hurra. Unabsehbar verlaengert durch die +Werbungen des Patriotismus erreichte der Zug das Klappsche'sche Lokal. +Hier ward in Sektionen eingeschwenkt, und Kuehnchen befahl "Kueren". Der +Wahlvorstand, an seiner Spitze Pastor Zillich, wartete schon, festlich +gekleidet, im Hausflur. Kuehnchen kommandierte mit Kampfgeschrei: "Auf, +Kameraden, zur Wahl! Wir waehlen Fischer!" - worauf es vom rechten Fluegel +ab, unter schmetternder Musik, in das Wahllokal ging. Dem Kriegerverein +aber folgte der ganze Zug. Klappsch, der auf so viel Begeisterung nicht +vorbereitet war, hatte schon kein Bier mehr. Zuletzt, als die nationale +Sache alles abgeworfen zu haben schien, dessen sie faehig war, kam noch, +von Hurra empfangen, der Buergermeister Doktor Scheffelweis. Er liess sich +ganz offenkundig den roten Zettel in die Hand druecken, und bei der +Rueckkehr von der Urne sah man ihn freudig bewegt. "Endlich!" sagte er und +drueckte Diederich die Hand. "Heute haben wir den Drachen besiegt." +Diederich erwiderte schonungslos: "Sie, Herr Buergermeister? Sie stecken +noch halb in seinem Rachen. Dass er Sie nur nicht mitnimmt, jetzt wo er +verreckt!" Waehrend Doktor Scheffelweis erbleichte, stieg wieder ein Hurra. +Wulckow!... + +Fuenftausend und mehr Stimmen fuer Fischer! Heuteufel mit kaum dreitausend +war fortgefegt von der nationalen Woge, und in den Reichstag zog der +Sozialdemokrat. Die "Netziger Zeitung" stellte einen Sieg der "Partei des +Kaisers" fest, denn ihr verdanke man es, dass eine Hochburg des Freisinns +gefallen sei - womit aber Nothgroschen weder grosse Befriedigung noch +lauten Widerspruch weckte. Die eingetretene Tatsache fanden alle +natuerlich, aber gleichgueltig. Nach dem Rummel der Wahlzeit hiess es nun +wieder Geld verdienen. Das Kaiser-Wilhelm-Denkmal, noch soeben der +Mittelpunkt eines Buergerkrieges, regte keinen mehr auf. Der alte Kuehlemann +hatte der Stadt sechshunderttausend Mark fuer gemeinnuetzige Zwecke +vermacht, sehr anstaendig. Saeuglingsheim oder Kaiser-Wilhelm-Denkmal, es +war wie Schwamm oder Zahnbuerste, wenn man zu Gottlieb Hornung kam. In der +entscheidenden Sitzung der Stadtverordneten zeigte es sich, dass die +Sozialdemokraten fuer das Denkmal waren, also schoen. Irgend jemand schlug +vor, gleich ein Komitee zu bilden und dem Herrn Regierungspraesidenten von +Wulckow den Ehrenvorsitz anzubieten. Hier erhob sich Heuteufel, den seine +Niederlage wohl doch geaergert hatte, und aeusserte Bedenken, ob der +Regierungspraesident, der einem gewissen Grundstuecksgeschaeft nicht +fernstehe, sich selbst fuer berufen halten werde, das Grundstueck +mitzubestimmen, auf dem das Denkmal stehen solle. Man schmunzelte und +zwinkerte ein wenig; und Diederich, dem es kalt durch den Leib schnitt, +wartete, ob jetzt der Skandal kam. Er wartete still, mit einem +verstohlenen Kitzel, wie es der Macht ergehen werde, nun jemand ruettelte. +Er haette nicht sagen koennen, was er sich wuenschte. Da nichts kam, erhob er +sich stramm und protestierte, ohne uebertriebene Anstrengung, gegen eine +Unterstellung, die er schon einmal oeffentlich widerlegt habe. Die andere +Seite dagegen habe die ihr zur Last gelegten Missbraeuche bisher nicht im +mindesten entkraeftet. "Troesten Sie sich," erwiderte Heuteufel, "Sie werden +es bald erleben. Die Klage ist schon eingereicht." + +Dies bewirkte immerhin eine Bewegung. Der Eindruck ward freilich +abgeschwaecht, als Heuteufel gestehen musste, dass sein Freund Buck nicht den +Stadtverordneten Doktor Hessling, sondern nur die "Volksstimme" verklagt +habe. "Hessling weiss zuviel", wiederholte man - und neben Wulckow, dem der +Ehrenvorsitz zufiel, ward Diederich zum Vorsitzenden des +Kaiser-Wilhelm-Denkmal-Komitees ernannt. Im Magistrat fanden diese +Beschluesse in dem Buergermeister Doktor Scheffelweis einen warmen +Fuersprecher, und sie gingen durch, wobei der alte Buck durch Abwesenheit +glaenzte. Wenn er seine Sache selbst nicht hoeher einschaetzte! Heuteufel +sagte: "Soll er sich die Schweinereien, die er nicht verhindern kann, auch +noch persoenlich ansehen?" Aber damit schadete Heuteufel nur sich selbst. +Da der alte Buck nun in kurzer Zeit zwei Niederlagen erlitten hatte, sah +man voraus, der Prozess gegen die "Volksstimme" werde seine dritte sein. +Die Aussage, die man vor Gericht zu machen haben wuerde, passte jeder schon +im voraus den gegebenen Umstaenden an. Hessling war natuerlich zu weit +gegangen, sagten vernuenftig Denkende. Der alte Buck, den alle von jeher +kannten, war kein Schwindler und Gauner. Eine Unvorsichtigkeit waere ihm +vielleicht zuzutrauen gewesen, besonders jetzt, wo er die Schulden seines +Bruders bezahlte und selbst schon das Wasser an der Kehle hatte. Ob er nun +wirklich mit Cohn bei Kluesing gewesen war wegen des Terrains? Ein gutes +Geschaeft: - es haette nur nicht herauskommen duerfen! Und warum musste +Kuehlemann genau in der Minute abkratzen, wo er seinen Freund haette +freischwoeren sollen! So viel Pech bedeutete etwas. Herr Tietz, der +kaufmaennische Leiter der "Netziger Zeitung", der in Gausenfeld ein und aus +ging, sagte ausdruecklich, man begehe nur ein Verbrechen gegen sich selbst, +wenn man fuer Leute eintrete, die augenscheinlich ausgespielt haetten. Auch +machte Tietz darauf aufmerksam, dass der alte Kluesing, der mit einem Wort +die ganze Sache haette beenden koennen, sich huetete zu reden. Er war krank, +nur seinetwegen musste die Verhandlung auf unbestimmte Zeit vertagt werden. + +Was ihn aber nicht abhielt, seine Fabrik zu verkaufen. Dies war das +Neueste, dies waren die "einschneidenden Veraenderungen in einem grossen, +fuer das wirtschaftliche Leben Netzigs hochbedeutsamen Unternehmen", von +denen die "Netziger Zeitung" dunkel meldete. Kluesing war mit einem +Berliner Konsortium in Verbindung getreten. Diederich, gefragt, warum er +nicht mittue, zeigte den Brief vor, worin Kluesing ihm, frueher als jedem +anderen, den Kauf angeboten hatte. "Und zwar unter Bedingungen, die nie +wiederkommen", setzte er hinzu. "Leider bin ich stark engagiert bei meinem +Schwager in Eschweiler, ich weiss nicht einmal, ob ich nicht von Netzig +wegziehen muss." Aber als Sachverstaendiger erklaerte er auf Befragen +Nothgroschens, der seine Antwort veroeffentlichte, dass der Prospekt eher +noch hinter der Wahrheit zurueckbleibe. Gausenfeld sei tatsaechlich eine +Goldgrube; der Ankauf der Aktien, die an der Boerse zugelassen seien, koenne +nur auf das waermste empfohlen werden. Tatsaechlich wurden die Aktien in +Netzig stark gefragt. Wie sachlich und von persoenlichem Interesse +unbeeinflusst Diederichs Urteil gewesen war, zeigte sich bei einer +besonderen Gelegenheit, als naemlich der alte Buck Geld suchte. Denn er war +so weit; seine Familie und sein Gemeinsinn hatten ihn gluecklich so weit +gebracht, dass auch seine Freunde nicht mehr mitgingen. Da griff Diederich +ein. Er gab dem Alten zweite Hypothek fuer sein Haus in der +Fleischhauergrube. "Er muss es verzweifelt noetig gehabt haben", bemerkte +Diederich, sooft er davon erzaehlte. "Wenn er es von mir, seinem +entschiedensten politischen Gegner, annimmt! Wer haette das frueher von ihm +gedacht!" Und Diederich sah gedankenvoll in das Schicksal ... Er setzte +hinzu, das Haus werde ihm teuer zu stehen kommen, wenn es ihm zufalle. +Freilich, aus dem seinen muesse er bald heraus. Und auch dies zeigte, dass +er auf Gausenfeld nicht rechnete ... "Aber", erklaerte Diederich, "der Alte +ist nicht auf Rosen gebettet, wer weiss, wie sein Prozess ausgeht - und +gerade weil ich ihn politisch bekaempfen muss, wollte ich zeigen - Sie +verstehen." Man verstand, und man beglueckwuenschte Diederich zu seinem mehr +als korrekten Verhalten. Diederich wehrte ab. "Er hat mir Mangel an +Idealismus vorgeworfen, das durfte ich nicht auf mir sitzen lassen." +Maennliche Ruehrung zitterte in seiner Stimme. + +Die Schicksale nahmen ihren Lauf; und wenn man manche auf +Terrainschwierigkeiten stossen sah, durfte man um so freudiger anerkennen, +dass das eigene glatt ging. Diederich erfuhr dies so recht an dem Tage, als +Napoleon Fischer nach Berlin reiste, um die Militaervorlage abzulehnen. Die +"Volksstimme" hatte eine Massendemonstration angekuendigt, der Bahnhof +sollte polizeilich besetzt sein; Pflicht eines nationalen Mannes war es, +dabei zu sein. Unterwegs stiess Diederich auf Jadassohn. Man begruesste +einander so foermlich, wie die kuehl gewordenen Beziehungen es vorschrieben. +"Sie wollen sich auch den Klimbim ansehen?" fragte Diederich. + +"Ich gehe in Urlaub - nach Paris." Tatsaechlich trug Jadassohn Kniehosen. +Er setzte hinzu: "Schon um den politischen Dummheiten auszuweichen, die +hier begangen worden sind." + +Diederich beschloss, vornehm hinwegzuhoeren ueber die Veraergerung eines +Menschen, der keinen Erfolg gehabt hatte. "Man dachte eigentlich," sagte +er, "Sie wuerden jetzt Ernst machen." + +"Ich? Wieso?" + +"Fraeulein Zillich ist freilich fort zu ihrer Tante." + +"Tante ist gut", Jadassohn feixte. "Und man dachte. Sie wohl auch?" + +"Mich lassen Sie nur aus dem Spiel." Diederich machte ein Gesicht voll +Einverstaendnis. "Aber wieso ist Tante gut? Wo ist sie denn hin?" + +"Durchgegangen", sagte Jadassohn. Da blieb Diederich denn doch stehen und +schnaufte. Kaethchen Zillich durchgegangen! In was fuer Abenteuer haette man +verwickelt werden koennen!... Jadassohn sagte weltmaennisch: + +"Nun ja, nach Berlin. Die guten Eltern haben noch keine Ahnung. Ich bin +weiter nicht boese mit ihr, Sie verstehen, es musste mal zum Klappen +kommen." + +"So oder so", ergaenzte Diederich, der sich gefasst hatte. + +"Lieber so als so", berichtigte Jadassohn; worauf Diederich, vertraulich +die Stimme gesenkt: "Jetzt kann ich es Ihnen ja sagen, mir kam das Maedchen +schon immer so vor, als ob sie bei Ihnen auch nicht sauer werden wuerde." + +Aber Jadassohn verwahrte sich, nicht ohne Eigenliebe. "Was glauben Sie +denn? Ich selbst habe ihr Empfehlungen mitgegeben. Passen Sie auf, sie +macht Karriere in Berlin." + +"Daran zweifle ich nicht." Diederich zwinkerte. "Ich kenne ihre +Qualitaeten ... Sie allerdings haben mich fuer naiv gehalten." Jadassohns +Abwehr liess er nicht gelten. "Sie haben mich fuer naiv gehalten. Und zur +selben Zeit bin ich Ihnen verdammt ins Gehege gekommen, jetzt kann ich es +ja sagen." Er berichtete dem anderen, der immer unruhiger ward, sein +Erlebnis mit Kaethchen im Liebeskabinett - berichtete es so vollstaendig, +wie es in Wahrheit nicht stattgefunden hatte. Mit einem Laecheln +befriedigter Rache sah er auf Jadassohn, der sichtlich im Zweifel war, ob +hier der Ehrenpunkt Platz greifen muesse. Schliesslich entschied er sich +dafuer, Diederich auf die Schulter zu klopfen, und man zog in +freundschaftlicher Weise die gebotenen Schluesse. "Die Sache bleibt +natuerlich streng unter uns ... So ein Maedchen muss man auch gerecht +beurteilen, denn woher soll die bessere Lebewelt sich ergaenzen ... Die +Adresse? Aber nur Ihnen. Kommt man dann mal nach Berlin, so weiss man doch, +woran man ist." "Es haette sogar einen gewissen Reiz", bemerkte Diederich, +in sich hineinblickend; und da Jadassohn sein Gepaeck sah, nahmen sie +Abschied. "Die Politik hat uns leider etwas auseinander gebracht, aber im +Menschlichen findet man sich, Gott sei Dank, wieder. Viel Vergnuegen in +Paris." + +"Vergnuegen kommt nicht in Frage." Jadassohn wandte sich um, mit einem +Gesicht, als sei er im Begriff, jemand hineinzulegen. Da er Diederichs +beunruhigte Miene sah, kam er zurueck. "In vier Wochen", sagte er +merkwuerdig ernst und gefasst, "werden Sie es selbst sehen. Vielleicht ist +es vorzuziehen, wenn Sie die Oeffentlichkeit schon jetzt darauf +vorbereiten." Diederich, ergriffen wider Willen, fragte: "Was haben Sie +vor?" Und Jadassohn, bedeutungsschwer, mit dem Laecheln eines opfervollen +Entschlusses: "Ich stehe im Begriff, meine aeussere Erscheinung in Einklang +zu bringen mit meinen nationalen Ueberzeugungen" ... Als Diederich den Sinn +dieser Worte erfasst hatte, konnte er nur noch eine achtungsvolle +Verbeugung machen; Jadassohn war schon fort. Dahinten flammten, nun er die +Halle betrat, seine Ohren noch einmal - das letztemal! - auf, wie zwei +Kirchenfenster im Abendschein. + +Auf den Bahnhof zu rueckte eine Gruppe von Maennern, in deren Mitte eine +Standarte schwebte. Einige Schutzleute kamen nicht eben leichtfuessig die +Treppe herab und stellten sich ihnen entgegen. Alsbald stimmte die Gruppe +die Internationale an. Gleichwohl ward ihr Ansturm von den Vertretern der +Macht erfolgreich zurueckgeschlagen. Mehrere kamen freilich durch und +scharten sich um Napoleon Fischer, der, langatmig wie er war, seine +bestickte Reisetasche beinahe am Boden schleppte. Beim Buefett erfrischte +man sich nach diesen, in der Julisonne fuer die Sache des Umsturzes +bestandenen Strapazen. Dann versuchte Napoleon Fischer auf dem Bahnsteig, +da der Zug ohnedies Verspaetung hatte, eine Ansprache zu halten; aber ein +Polizist untersagte es dem Abgeordneten. Napoleon setzte die bestickte +Tasche hin und fletschte die Zaehne. Wie Diederich ihn kannte, war er im +Begriff, einen Widerstand gegen die Staatsgewalt zu begehen. Zu seinem +Glueck fuhr der Zug ein - und erst jetzt ward Diederich auf einen +untersetzten Herrn aufmerksam, der sich aber abwandte, wenn man um ihn +herumging. Er hielt einen grossen Blumenstrauss vor sich hin und sah dem Zug +entgegen. Diederich kannte doch diese Schultern ... Das ging mit dem +Teufel zu! Aus einem Coupe gruesste Judith Lauer, ihr Mann half ihr +herunter, ja, er ueberreichte ihr den Blumenstrauss, und sie nahm ihn mit +dem ernsten Laecheln, das sie hatte. Wie die beiden sich nach dem Ausgang +wandten, ging Diederich ihnen schleunigst aus dem Weg, und er schnaufte +dabei. Mit dem Teufel ging es nicht zu, Lauers Zeit war einfach herum, er +war wieder frei. Nicht dass von ihm etwas zu fuerchten stand, immerhin musste +man sich erst wieder daran gewoehnen, ihn draussen zu wissen ... Und mit +einem Bukett holte er sie ab! Wusste er denn nichts? Er hatte doch Zeit +gehabt, nachzudenken. Und sie, die zu ihm zurueckkehrte, nachdem er fertig +gesessen hatte! Es gab Verhaeltnisse, von denen man sich als anstaendiger +Mensch nichts traeumen liess. Uebrigens stand Diederich den Dingen nicht +naeher als jeder andere; er hatte damals nur seine Pflicht getan. "Alle +werden dieselbe peinliche Empfindung haben wie ich. Man wird ihm +allerseits zu verstehen geben, dass er am besten zu Hause bleibt ... Denn +wie man sich bettet, liegt man." Kaethchen Zillich hatte es begriffen und +die richtige Folgerung gezogen. Was ihr recht war, konnte gewissen anderen +Leuten billig sein, nicht nur dem Herrn Lauer. + +Diederich selbst, der von achtungsvollen Gruessen geleitet durch die Stadt +schritt, nahm jetzt auf die natuerlichste Weise den Platz ein, den seine +Verdienste ihm bereitet hatten. Durch diese harte Zeit hatte er sich nun +so weit hindurchgekaempft, dass bloss noch die Fruechte zu pfluecken waren. Die +anderen hatten angefangen an ihn zu glauben: alsbald kannte auch er keinen +Zweifel mehr ... Ueber Gausenfeld liefen neuerdings unguenstige Geruechte um, +und die Aktien fielen. Woher wusste man, dass die Regierung der Fabrik ihre +Auftraege entzogen und sie dem Hesslingschen Werk uebertragen hatte? +Diederich hatte nichts verlauten lassen, aber man wusste es, noch bevor die +Arbeiterentlassungen kamen, die die "Netziger Zeitung" so sehr bedauerte. +Der alte Buck, als Vorsitzender des Aufsichtsrates, musste sie leider +persoenlich anregen, was ihm allgemein schadete. Die Regierung ging +wahrscheinlich nur wegen des alten Buck so scharf vor. Es war ein Fehler +gewesen, ihn zum Vorsitzenden zu waehlen. Ueberhaupt haette er mit dem Geld, +das Hessling ihm anstaendigerweise gegeben hatte, lieber Schulden bezahlen +sollen, statt Gausenfelder Aktien zu kaufen. Diederich selbst aeusserte +ueberall diese Ansicht. "Wer haette das frueher von ihm gedacht!" bemerkte er +auch hierzu wieder, und wieder tat er einen gedankenvollen Blick in das +Schicksal. "Man sieht, wozu einer imstande ist, der den Boden unter den +Fuessen verliert." Worauf jeder den beklemmenden Eindruck mitnahm, der alte +Buck werde auch ihn selbst, als Aktionaer von Gausenfeld, in seinen Ruin +hineinreissen. Denn die Aktien fielen. Infolge der Entlassungen drohte ein +Streik: sie fielen noch tiefer ... Hier machte Kienast sich Freunde. +Kienast war unvermutet in Netzig eingetroffen, zur Erholung, wie er sagte. +Keiner gestand es gern dem anderen ein, dass er Gausenfelder hatte und +hereingefallen war. Kienast hinterbrachte es dem, dass jener schon verkauft +habe. Seine persoenliche Meinung war, dass es hohe Zeit sei. Ein Makler, den +er uebrigens nicht kannte, sass dann und wann im Cafe und kaufte. Einige +Monate spaeter brachte die Zeitung ein taegliches Inserat des Bankhauses +Sanft & Co. Wer noch Gausenfelder hatte, konnte sie hier muehelos abstossen. +Tatsaechlich besass zu Anfang des Herbstes kein Mensch mehr die faulen +Papiere. Dagegen ging das Gerede, Hessling und Gausenfeld sollten +fusioniert werden. Diederich zeigte sich verwundert. "Und der alte Herr +Buck?" fragte er. "Als Vorsitzender des Aufsichtsrates wird er wohl noch +mitreden wollen. Oder hat er selbst schon verkauft?" - "Der hat mehr +Sorgen", hiess es dann. Denn in seiner Beleidigungssache gegen die +"Volksstimme" war jetzt die Verhandlung anberaumt. "Er wird wohl +hineinfliegen", meinte man; und Diederich, mit vollkommener Sachlichkeit: +"Schade um ihn. Dann hat er in seinem letzten Aufsichtsrat gesessen." + +In diesem Vorgefuehl gingen alle zu der Verhandlung. Die auftretenden +Zeugen erinnerten sich nicht. Kluesing hatte schon laengst zu jedem vom +Verkauf der Fabrik gesprochen. Hatte er von jenem Terrain besonders +gesprochen? Und hatte er als den Unterhaendler den alten Buck genannt? Dies +alles blieb zweifelhaft. In den Kreisen der Stadtverordneten war bekannt +gewesen, dass das Grundstueck in Frage komme fuer das damals in Aussicht +genommene Saeuglingsheim. War Buck dafuer gewesen? Jedenfalls nicht dagegen. +Mehreren war es aufgefallen, wie lebhaft er sich fuer den Platz +interessierte. Kluesing selbst, der noch immer krank war, hatte in seiner +kommissarischen Vernehmung ausgesagt, sein Freund Buck sei bis vor kurzem +bei ihm ein und aus gegangen. Wenn Buck ihm von dem Vorkaufsrecht auf das +Terrain gesprochen haben sollte, so habe er dies keinesfalls in einem fuer +Buck ehrenruehrigen Sinne aufgefasst ... Der Klaeger Buck wuenschte +festgestellt zu sehen, dass der verstorbene Kuehlemann es gewesen sei, der +mit Kluesing verhandelt habe: Kuehlemann selbst, der Spender des Geldes. +Aber die Feststellung misslang, Kluesings Aussage war unentschieden auch +hierin. Dass Cohn es behauptete, war nicht wesentlich, da Cohn ein +Interesse hatte, seinen eigenen Besuch in Gausenfeld harmlos erscheinen zu +lassen. Als gewichtigster Zeuge blieb Diederich uebrig, dem Kluesing +geschrieben und der gleich darauf mit ihm eine Unterredung gehabt hatte. +War damals ein Name gefallen? Er sagte aus: + +"Mir lag nicht daran, den oder jenen Namen zu erfahren. Ich stelle fest, +dass ich, was alle Zeugen bestaetigen, niemals oeffentlich den Namen des +Herrn Buck genannt habe. Mein Interesse in der Sache war einzig das der +Stadt, die nicht durch einzelne geschaedigt werden sollte. Ich bin fuer die +politische Moral eingetreten. Persoenliche Gehaessigkeit liegt mir fern, und +es wuerde mir leid tun, wenn der Herr Klaeger aus dieser Verhandlung nicht +ganz vorwurfsfrei hervorgehen sollte." + +Seinen Worten folgte ein anerkennendes Gemurmel. Nur Buck schien +unzufrieden; er fuhr auf, rot im Gesicht ... Diederich sollte nun angeben, +welches seine persoenliche Auffassung der Sache sei. Er setzte an: da trat +Buck vor, straff aufgerichtet, und seine Augen flammten wieder, wie in der +tragisch verlaufenen Wahlversammlung. + +"Ich erlasse es dem Herrn Zeugen, ein schonendes Gutachten abzugeben ueber +meine Person und mein Leben. Er ist nicht der Mann dazu. Seine Erfolge +sind mit anderen Mitteln erreicht als die meinen, und sie haben einen +anderen Gegenstand. Mein Haus war immer jedem offen und zugaenglich, auch +dem Herrn Zeugen. Mein Leben gehoert seit mehr als fuenfzig Jahren nicht +mir, es gehoert einem Gedanken, den zu meiner Zeit mehrere hatten, der +Gerechtigkeit und dem Wohl aller. Ich war vermoegend, als ich in die +Oeffentlichkeit trat. Wenn ich sie verlasse, werde ich arm sein. Ich +brauche keine Verteidigung!" + +Er schwieg, sein Gesicht zitterte noch - aber Diederich zuckte nur die +Achseln. Auf welche Erfolge berief sich der Alte? Er hatte schon laengst +keine mehr und brachte nun hohle Worte vor, auf die niemand eine Hypothek +gab. Er tat erhaben und befand sich schon unter den Raedern. Konnte ein +Mensch seine Lage so sehr verkennen? "Wenn einer von uns den anderen von +oben herab zu behandeln hat -" Und Diederich blitzte. Er blitzte den +Alten, der vergebens flammte, einfach nieder, und diesmal endgueltig, +mitsamt der Gerechtigkeit und dem Wohl aller. Zuerst das eigene Wohl - und +gerecht war die Sache, die Erfolg hatte!... Er fuehlte deutlich, dass dies +fuer alle feststand. Auch der Alte fuehlte es, er setzte sich wieder, er +bekam runde Schultern, in seine Miene trat etwas wie Scham. Zu den +Schoeffen gewendet, sagte er: "Ich verlange keine Ausnahmestellung, ich +unterwerfe mich dem Urteil meiner Mitbuerger." + +Worauf denn Diederich, als sei nichts geschehen, in seiner Aussage +fortfuhr. Sie war wirklich sehr schonend und machte den besten Eindruck. +Seit dem Prozess Lauer fand man ihn durchaus guenstig veraendert; er hatte an +ueberlegener Ruhe gewonnen, was freilich kein Kunststueck hiess, da er jetzt +ein gemachter Mann und fein heraus war. Gerade schlug es Mittag, und im +Saal verbreitete sich summend das Neueste aus der "Netziger Zeitung": es +war Tatsache, Hessling, Grossaktionaer von Gausenfeld, war als +Generaldirektor berufen worden ... Neugierig musterte man ihn - und ihm +gegenueber den alten Buck, auf dessen Kosten er Seide gesponnen hatte. Die +zwanzigtausend, die er dem Alten zuletzt noch geliehen hatte, bekam er nun +mit hundert Prozent zurueck, und war noch edel. Dass der Alte sich fuer das +Geld gerade Gausenfelder gekauft hatte, wirkte wie ein guter Witz von +Hessling und troestete im Augenblick manchen ueber den eigenen Verlust. Bei +Diederichs Abgang schwieg man an seinem Wege. Die Gruesse drueckten Achtung +in dem Grade aus, wo sie in Unterwuerfigkeit uebergeht. Die Hereingefallenen +gruessten den Erfolg. + +Mit dem alten Buck verfuhren sie unwirscher. Als der Vorsitzende das +Urteil verkuendete, ward geklatscht. Nur fuenfzig Mark fuer den Redakteur der +"Volksstimme"! Der Beweis war nicht vollstaendig erbracht, guter Glaube +ward zugebilligt. Vernichtend fuer den Klaeger, sagten die Juristen - und +wie Buck das Gerichtsgebaeude verliess, wichen auch die Freunde ihm aus. +Kleine Leute, die an Gausenfeld ihre Ersparnisse verloren hatten, +schuettelten die Faeuste hinter ihm her. Und allen brachte dieser Spruch des +Gerichts die Erleuchtung, dass sie mit ihrer Meinung ueber den alten Buck +eigentlich schon laengst fertig waren. Ein Geschaeft wie das mit dem Terrain +fuer das Saeuglingsheim musste wenigstens gluecken: das Wort war von Hessling, +und es stimmte. Aber daran lag es: dem alten Buck war seiner Lebtage kein +Geschaeft geglueckt. Er duenkte sich was Wunder, wenn er als Stadtvater und +Parteifuehrer mit Schulden abschnitt. Faule Kunden gab es noch mehr! Der +geschaeftlichen Fragwuerdigkeit aber entsprach die moralische, dafuer zeugte +die nie recht aufgeklaerte Geschichte mit der Verlobung seines Sohnes, +desselben, der sich jetzt beim Theater umhertrieb. Und Bucks Politik? Eine +internationale Gesinnung, immer nur Opfer fordern fuer demagogische Zwecke, +aber wie Hund und Katz' mit der Regierung, was dann wieder auf die +Geschaefte zurueckwirkte: das war die Politik eines Menschen, der nichts +mehr zu verlieren hat und dem es an gutbuergerlicher Muendelsicherheit +gebricht. Entruestet erkannte man, dass man sich auf Gedeih und Verderb in +der Hand eines Abenteurers befunden hatte. Ihn unschaedlich zu machen, war +der allgemeine Herzenswunsch. Da er von selbst aus dem vernichtenden +Urteil die Folgerungen nicht zog, mussten andere sie ihm nahelegen. Das +Verwaltungsrecht enthielt doch wohl eine Bestimmung, wonach ein +Gemeindebeamter sich durch sein Verhalten in und ausser dem Amte der +Achtung, die dieses erfordert, wuerdig zu erweisen hatte. Ob der alte Buck +diese Bestimmung erfuellte? Die Frage aufwerfen, hiess sie verneinen, wie +die "Netziger Zeitung", ohne natuerlich seinen Namen zu nennen, +feststellte. Aber es musste erst so weit kommen, dass die +Stadtverordnetenversammlung mit der Angelegenheit befasst ward. Da endlich, +einen Tag vor der Debatte, nahm der hartgesottene Alte Vernunft an und +legte sein Amt als Stadtrat nieder. Seine politischen Freunde konnten ihn +hiernach, bei Gefahr, die letzten Anhaenger zu verlieren, nicht laenger an +der Spitze der Partei lassen. Er machte es ihnen nicht leicht, wie es +schien; mehrfache Besuche bei ihm und ein sanfter Druck waren noetig, bevor +in der Zeitung sein Brief erschien: das Wohl der Demokratie sei ihm +wichtiger als seins. Da ihr, unter der Einwirkung von Leidenschaften, die +er fuer vergaenglich halten wolle, jetzt Schaden drohe durch seinen Namen, +trete er zurueck. "Wenn es dem Ganzen nuetzen kann, bin ich bereit, den +ungerechten Makel, den der getaeuschte Volkswille mir auferlegt, zu tragen, +im Glauben an die ewige Gerechtigkeit des Volkes, das ihn dereinst wieder +von mir nehmen wird." + +Dies fasste man als Heuchelei und Ueberhebung auf; die Wohlmeinenden +entschuldigten es mit Greisenhaftigkeit. Uebrigens hatte, was er schrieb +oder nicht schrieb, keinen Belang mehr, denn was war er noch? Leute, die +ihm Stellungen oder Gewinn verdankten, sahen ihm ploetzlich ins Gesicht, +ohne an den Hut zu fassen. Manche lachten und machten laute Bemerkungen: +es waren die, denen er nichts zu befehlen gehabt hatte und die dennoch +voll Ergebenheit gewesen waren, solange er das allgemeine Ansehen genoss. +Statt der alten Freunde aber, die auf seinem taeglichen Spaziergang sich +niemals vorfanden, kamen neue, seltsame. Sie begegneten ihm, wenn er +heimkehrte und es schon daemmerte, und es war etwa ein kleiner +Geschaeftsmann mit gehetzten Augen, dem der Bankerott im Nacken sass, oder +ein duesterer Trunkenbold, oder irgendein die Haeuser entlang streichender +Schatten. Diese sahen ihm, den Schritt verlangsamend, entgegen mit scheuer +oder frecher Vertraulichkeit. Sie rueckten wohl zoegernd ihre Kopfbedeckung, +dann winkte der alte Buck ihnen zu, und auch die Hand, die hingehalten +ward, nahm er, ganz gleich welche. + +Da die Zeit verging, beachtete auch der Hass ihn nicht mehr. Wer mit +Absicht weggesehen hatte, ging nun gleichgueltig vorbei, und manchmal +gruesste er wieder, aus alter Gewohnheit. Ein Vater, der seinen jungen Sohn +bei sich hatte, bekam eine nachdenkliche Miene, und waren sie vorueber, +erklaerte er dem Kinde: "Hast du den alten Herrn gesehen, der da so allein +hinschleicht und niemand ansieht? Dann merke dir fuer dein Leben, was aus +einem Menschen die Schande machen kann." Und das Kind ward fortan beim +Anblick des alten Buck von einem geheimnisvollen Grauen ueberlaufen, gleich +wie das erwachsene Geschlecht, als es klein war, bei seinem Anblick einen +unerklaerten Stolz gefuehlt hatte. Junge Leute freilich gab es, die der +herrschenden Meinung nicht folgten. Manchmal, wenn der Alte das Haus +verliess, war eben die Schule aus. Die Herden der Heranwachsenden trabten +davon, ehrfuerchtig machten sie ihren Lehrern Platz, und Kuehnchen, jetzt +rueckhaltlos national, oder Pastor Zillich, sittenstrenger als je seit dem +Unglueck mit Kaethchen, eilten hindurch, ohne einen Blick fuer den +Gefallenen. Da blieben am Wege diese wenigen jungen Leute stehen, jeder +fuer sich, wie es schien, und aus eigenem Antrieb. Ihre Stirnen sahen +weniger glatt aus als die meisten; sie hatten Ausdruck in den Augen, nun +sie Kuehnchen und Zillich den Ruecken kehrten und vor dem alten Buck den +Kopf entbloessten. Unwillkuerlich hielt er dann den Schritt an und sah in +diese zukunftstraechtigen Gesichter, noch einmal voll der Hoffnung, mit der +er sein Leben lang in alle Menschengesichter gesehen hatte. + + + +Diederich inzwischen hatte wahrhaftig keine Zeit, viel Aufmerksamkeit zu +wenden an nebensaechliche Begleiterscheinungen seines Aufstiegs. Die +"Netziger Zeitung", jetzt unbedingt zu Diederichs Verfuegung, stellte fest, +dass Herr Buck selbst es gewesen sei, der, noch bevor er den Vorsitz im +Aufsichtsrat niederlegte, die Berufung des Herrn Doktor Hessling zum +Generaldirektor befuerworten musste. An der Tatsache spuerte mancher einen +eigenartigen Geschmack. Doch gab Nothgroschen zu bedenken, dass Herr +Generaldirektor Doktor Hessling sich ein grosses und unbestrittenes +Verdienst um die Allgemeinheit erworben habe. Ohne ihn, der mehr als die +Haelfte der Aktien in aller Stille an sich gebracht hatte, waeren sie +sicherlich immer tiefer gefallen, und gar manche Familie verdankte es nur +Herrn Doktor Hessling, dass sie vor dem Zusammenbruch bewahrt blieb. Der +Streik war durch die Energie des neuen Generaldirektors gluecklich +beschworen. Seine nationale und kaisertreue Gesinnung buergte dafuer, dass +die Regierungssonne kuenftig ueber Gausenfeld nicht mehr untergehen werde. +Kurz, herrliche Zeiten brachen nun an fuer das wirtschaftliche Leben +Netzigs und besonders fuer die Papierindustrie - zumal das Geruecht von +einer Fusion des Hesslingschen Werkes mit Gausenfeld, wie aus sicherer +Quelle verlautete, auf Wahrheit beruhte. Nothgroschen konnte verraten, dass +Herr Doktor Hessling nur unter dieser Bedingung sich habe bewegen lassen, +die Leitung Gausenfelds zu uebernehmen. + +Tatsaechlich hatte Diederich nichts so Eiliges zu tun, als das +Aktienkapital erhoehen zu lassen. Fuer das neue Kapital ward das Hesslingsche +Werk erworben. Diederich hatte ein glaenzendes Geschaeft gemacht. Seine +erste Regierungshandlung hatte der Erfolg gekroent, er war Herr der Lage, +mit seinem Aufsichtsrat aus gefuegigen Maennern, und konnte daran gehen, der +inneren Organisation des Unternehmens seinen Herrscherwillen aufzudruecken. +Gleich anfangs versammelte er sein ganzes Volk von Arbeitern und +Angestellten. "Einige von euch", sagte er, "kennen mich schon, vom +Hesslingschen Werk her. Na, und ihr anderen sollt mich kennenlernen! Wer +mir behilflich sein will, ist willkommen, aber Umsturz wird nicht +geduldet! Vor noch nicht zwei Jahren hab' ich das einem kleinen Teil von +euch gesagt, und jetzt seht euch an, wie viele ich jetzt unter meinem +Befehle habe. Ihr koennt stolz auf einen solchen Herrn sein! Verlasst euch +auf mich, ich werde es mir angelegen sein lassen, euern nationalen Sinn zu +wecken und euch zu treuen Anhaengern der bestehenden Ordnung zu machen." +Und er verhiess ihnen eigene Wohnhaeuser, Krankenunterstuetzungen, billige +Lebensmittel. "Sozialistische Umtriebe aber verbitte ich mir! Wer in +Zukunft anders waehlt, als ich will, fliegt!" Auch dem Unglauben, sagte +Diederich, sei er zu steuern entschlossen; jeden Sonntag werde er sich +ueberzeugen, wer in der Kirche sei und wer nicht. "Solange in der Welt die +unerloeste Suende herrscht, wird es Krieg und Hass, Neid und Zwietracht +geben. Und darum: einer muss Herr sein!" + +Um diesen obersten Grundsatz zur Geltung zu bringen, wurden alle Raeume der +Fabrik bedeckt mit Inschriften, die ihn verkuendeten. Durchgang verboten! +Wasserholen mit den Eimern der Feuerloeschapparate verboten! +Flaschenbierholen erst recht verboten, denn Diederich hatte nicht +versaeumt, mit einer Brauerei einen Vertrag zu schliessen, der ihm Vorteile +sicherte vom Konsum seiner Leute ... Essen, Schlafen, Rauchen, Kinder +mitbringen, "Poussieren, Schaekern, Knutschen, ueberhaupt jede Unzucht" +strengstens verboten! In den Arbeiterhaeusern waren, noch bevor sie +wirklich dastanden, Pflegekinder verboten. Ein in freier Liebe +dahinlebendes Paar, das unter Kluesing zehn Jahre lang sich der Entdeckung +zu entziehen gewusst hatte, wurde feierlich entlassen. Dieser Vorfall war +fuer Diederich sogar der Anlass, ein neues Mittel zur sittlichen Hebung des +Volkes zu verwenden. An den geeigneten Orten liess er ein in Gausenfeld +selbst erzeugtes Papier aufhaengen, bei dessen Benutzung niemand umhin +konnte, die moralischen oder staatserhaltenden Maximen zu beachten, mit +denen es bedruckt war. Zuweilen hoerte er die Arbeiter einen von hoher +Stelle stammenden Ausspruch einander zurufen, von dem sie auf diesem Wege +ueberzeugt worden waren, oder sie sangen ein patriotisches Lied, das sich +ihnen bei derselben Gelegenheit eingepraegt hatte. Ermutigt durch diese +Erfolge, brachte Diederich seine Erfindung in den Handel. Sie trat unter +dem Zeichen "Weltmacht" auf, und wirklich trug sie, wie eine grosszuegige +Reklame es verkuendete, deutschen Geist, gestuetzt auf deutsche Technik, +siegreich durch die Welt. + +Alle Konfliktsstoffe zwischen Herrn und Arbeitern konnten auch diese +erzieherischen Papiere nicht entfernen. Eines Tages sah Diederich sich +veranlasst, bekanntzugeben, dass er vom Versicherungsgeld nur +Zahnbehandlung, nicht aber auch Zahnersatz bezahlen werde. Ein Mann hatte +sich ein ganzes Gebiss verfertigen lassen! Da Diederich sich auf seine, +freilich erst nachtraeglich erlassene Bekanntmachung berief, prozessierte +der Mann und bekam abenteuerlicherweise sogar recht. Hierdurch in seinem +Glauben an die herrschende Ordnung erschuettert, ward er zum Aufwiegler, +verkam sittlich und waere unter anderen Umstaenden unbedingt entlassen +worden. So aber konnte Diederich sich nicht entschliessen, das Gebiss, das +ihn teuer zu stehen kam, dahinzugeben, und behielt daher auch den Mann.... +Die ganze Angelegenheit, er verhehlte es sich nicht, war dem Geiste der +Arbeiterschaft nicht zutraeglich. Hinzu kam die Einwirkung gefaehrlicher +politischer Ereignisse. Als im neu eroeffneten Reichstagsgebaeude mehrere +sozialdemokratische Abgeordnete beim Kaiserhoch sitzengeblieben waren, da +konnte man nicht mehr zweifeln, die Notwendigkeit einer Umsturzvorlage war +bewiesen. Diederich machte in der Oeffentlichkeit dafuer Stimmung; seine +Leute bereitete er darauf in einer Ansprache vor, die sie mit duesterem +Schweigen aufnahmen. Die Mehrheit des Reichstages war gewissenlos genug, +die Vorlage abzulehnen, und der Erfolg liess nicht warten, ein +Industrieller ward ermordet. Ermordet! Ein Industrieller! Der Moerder +behauptete kein Sozialdemokrat zu sein, aber das kannte Diederich von +seinen eigenen Leuten her; und der Ermordete sollte arbeiterfreundlich +gewesen sein, aber das kannte Diederich an sich selbst. Tage- und +wochenlang oeffnete er keine Tuer ohne Bangen vor einem dahinter schon +gezueckten Messer. Sein Bureau erhielt Selbstschuesse, und gemeinsam mit +Guste kroch er jeden Abend durch das Schlafzimmer und suchte. Seine +Telegramme an den Kaiser, mochten sie von der Stadtverordnetenversammlung +ausgehen, vom Vorstand der "Partei des Kaisers", vom Unternehmerverband +oder vom Kriegerverein: die Telegramme, mit denen Diederich den +Allerhoechsten Herrn ueberschuettete, schrien nach Hilfe gegen die von den +Sozialisten angefachte Revolutionsbewegung, der wieder ein Opfer mehr +erlegen war; nach Befreiung von dieser Pest, nach schleunigen gesetzlichen +Massnahmen, militaerischem Schutz der Autoritaet und des Eigentums, nach +Zuchthausstrafen fuer Streikende, die jemand abhielten zu arbeiten.... Die +"Netziger Zeitung", die alles dies puenktlich wiedergab, vergass aber +keinesfalls hinzuzufuegen, wie sehr gerade Herr Generaldirektor Doktor +Hessling sich verdient mache um den sozialen Frieden und die +Arbeiterfuersorge. Jedes von Diederich neuerbaute Arbeiterhaus fuehrte +Nothgroschen stark geschmeichelt im Bilde vor und schrieb dazu einen +hochgestimmten Artikel. Mochten gewisse andere Arbeitgeber, deren Einfluss +in Netzig gluecklicherweise nicht mehr in Frage kam, unter ihren +Angestellten subversive Tendenzen schueren, indem sie sie am Gewinn +beteiligten. Die von Herrn Generaldirektor Doktor Hessling vertretenen +Grundsaetze zeitigten zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer das denkbar +beste Verhaeltnis, wie Seine Majestaet der Kaiser es ueberall in der +deutschen Industrie zu sehen wuenschten. Ein kraeftiger Widerstand gegen die +unberechtigten Forderungen der Arbeiter sowie eine Koalition der +Arbeitgeber gehoerten bekanntlich gleichfalls zum sozialen Programm des +Kaisers, das mit zu verwirklichen ein Ruhmestitel des Herrn +Generaldirektor Doktor Hessling war. - Und daneben stand Diederichs Bild. + +Solche Anerkennung spornte zu immer eifrigerer Betaetigung an - trotz der +unerloesten Suende, die ihre verheerende Wirkung uebrigens nicht nur +geschaeftlich, sondern auch in der Familie aeusserte. Hier war es leider +Kienast, der Neid und Zwietracht saete. Er behauptete, dass ohne ihn und +seine unauffaellige Vermittlung beim Ankauf der Aktien Diederich seine +glaenzende Stellung gar nicht erlangt haben wuerde. Worauf Diederich +erwiderte, dass Kienast durch einen seinen Mitteln entsprechenden +Aktienbesitz entschaedigt sei. Dies erkannte der Schwager nicht an, +vielmehr vermass er sich, fuer seine pietaetlosen Ansprueche eine rechtliche +Grundlage gefunden zu haben. War er nicht als Gatte Magdas der +Mitbesitzer, zu einem Achtel ihres Wertes, der alten Hesslingschen Fabrik +gewesen? Die Fabrik war verkauft, Diederich hatte bares Geld und +Gausenfelder Vorzugsaktien dafuer bekommen. Kienast verlangte ein Achtel +der Kapitalrente und der jaehrlichen Dividende der Vorzugsaktien. Auf +dieses unerhoerte Ansinnen erwiderte Diederich mit aller Energie, dass er +weder seinem Schwager noch seiner Schwester irgend etwas mehr schuldig +sei. "Ich war nur verpflichtet, euch euren Anteil vom jaehrlichen Gewinn +meiner Fabrik zu zahlen. Meine Fabrik ist verkauft. Gausenfeld gehoert +nicht mir, sondern einer Aktiengesellschaft. Was das Kapital betrifft, das +ist mein Privatvermoegen. Ihr habt nichts zu fordern." - Kienast nannte +dies einen offenen Raub, Diederich, durch die eigenen Argumente vollkommen +ueberzeugt, sprach von Erpressung, und dann folgte ein Prozess. + +Der Prozess dauerte drei Jahre. Er ward mit immer wachsender Erbitterung +gefuehrt, besonders von seiten Kienasts, der, um sich ihm ganz zu widmen, +seine Stellung in Eschweiler aufgab und mit Magda nach Netzig zog. Als +Hauptzeugen gegen Diederich hatte er den alten Soetbier aufgestellt, der in +seiner Rachsucht nun wirklich beweisen wollte, dass Diederich schon frueher +an seine Verwandten nicht die ihnen zustehenden Summen abgefuehrt habe. +Auch verfiel Kienast darauf, gewisse Punkte in Diederichs Vergangenheit +mit Hilfe des jetzigen Abgeordneten Napoleon Fischer aufhellen zu wollen: +was ihm freilich niemals recht gelang. Immerhin aber ward Diederich durch +dieses Vorgehen genoetigt, zu verschiedenen Malen groessere Betraege fuer die +sozialdemokratische Parteikasse zu erlegen. Und er durfte es sich sagen, +sein persoenlicher Verlust schmerzte ihn weniger als der Abbruch, den +dergestalt die nationale Sache erlitt ... Guste, deren Blick so weit nicht +reichte, schuerte den Streit der Maenner mehr aus weiblichen Motiven. Ihr +Erstes war ein Maedchen, und sie verzieh Magda ihren Jungen nicht. Magda, +die den Geldsachen anfangs nur ein laues Interesse entgegengebracht hatte, +leitete den Beginn der Feindseligkeiten von dem Tage her, als Emmi mit +einem aus Berlin bezogenen unerhoerten Hut erschien. Magda stellte fest, +dass Emmi jetzt von Diederich in der empoerendsten Weise bevorzugt wurde. +Emmi bewohnte in Gausenfeld ein eigenes Appartement, wo sie Tees gab. Die +Hoehe ihres Toilettegeldes stellte eine Unverschaemtheit gegen die +verheiratete Schwester dar. Magda musste sehen, dass der Vorrang, den ihre +Verheiratung ihr eingetragen hatte, sich in das Gegenteil verkehrte; und +sie beschuldigte Diederich, er habe sich ihrer, vor dem Anbruch seiner +Glanzzeit, heimtueckisch entledigt. Wenn Emmi auch jetzt noch keinen Mann +fand, schien dies besondere Gruende zu haben - die man sich in Netzig denn +auch ins Ohr sagte. Magda sah kein Hindernis, sie laut auszusprechen. +Durch Inge Tietz erfuhr man es in Gausenfeld; aber Inge brachte zugleich +eine Waffe gegen die Verleumderin mit, weil sie naemlich bei Kienasts der +Hebamme begegnet war, und das erste Kind war kaum ein halbes Jahr. Ein +furchtbarer Aufruhr trat hierauf ein, telephonische Beschimpfungen von +Haus zu Haus, Drohungen mit gerichtlicher Klage, wofuer man Stoff sammelte, +indem jede der beiden Frauen das Zimmermaedchen der anderen anwarb. + +Und bald nachdem Diederich und Kienast mit maennlicher Besonnenheit den +aeussersten Familienskandal fuer diesmal noch verhuetet hatten, brach er +dennoch aus. Guste und Diederich bekamen anonyme Briefe, die sie vor jedem +Dritten und sogar voreinander verstecken mussten, so grenzenlos frivol war +ihr Inhalt. Noch dazu illustrierten ihn Zeichnungen, die jedes erlaubte +Mass einer wenn auch realistischen Kunst ueberschritten. Puenktlich jeden +Morgen lagen die harmlos grauen Umschlaege auf dem Fruehstueckstisch, und +jeder liess den seinen verschwinden, wobei man tat, als habe man den des +anderen nicht bemerkt. Eines Tages freilich war es aus mit dem +Versteckenspiel, denn Magda hatte die Kuehnheit, in Gausenfeld zu +erscheinen, versehen mit einem Packen ganz gleichartiger Briefe, die sie +selbst erhalten haben wollte. Dies fand Guste zu stark. "Du wirst wohl +wissen, wer sie dir schreibt!" brachte sie hervor, erstickt und rot +angelaufen. Magda sagte, sie koenne es sich denken, und darum sei sie +gekommen. "Wenn du es noetig hast," erwiderte Guste und zischte, "dass du +dir selbst musst solche Briefe schreiben, damit du in Stimmung kommst, dann +schreib' sie wenigstens anderen Leuten nicht, die es nicht noetig haben!" +Magda protestierte und stiess ihrerseits, gruen im Gesicht, Beschuldigungen +aus. Aber Guste war zum Telephon gestuerzt, sie rief Diederich aus dem +Bureau herbei; dann lief sie fort und kehrte mit einem Packen Briefe +zurueck. Gegenueber trat Diederich ein und hatte seinen auch schon dabei. +Als die drei interessanten Sammlungen wirkungsvoll ausgebreitet auf dem +Tisch lagen, sahen die drei Verwandten entgeistert einander an. Dann +fassten sie sich und schrien alle gleichzeitig dieselben Anklagen. Um nicht +an Boden zu verlieren, rief Magda das Zeugnis ihres Mannes an, der +gleichfalls heimgesucht sei. Guste behauptete, auch bei Emmi etwas gesehen +zu haben. Emmi ward geholt und gestand unschwer in ihrer wegwerfenden Art, +dass auch ihr die Post solche Schweinereien gebracht habe. Die meisten habe +sie vernichtet. Die alte Frau Hessling sogar war nicht verschont geblieben! +Sie leugnete zwar weinend, solange es ging, ward aber ueberfuehrt ... Da +dies alles die Angelegenheit nur erweiterte, aber nicht klaerte, trennte +man sich beiderseits mit Drohungen, die innerlich haltlos, aber keineswegs +ohne Schrecken waren. Um ihre Stellung zu befestigen, hielt jede der +Parteien Umschau nach Bundesgenossen, wobei sich zunaechst herausstellte, +dass auch Inge Tietz zu den Empfaengern der unpassenden Darbietungen +gehoerte. Was hiernach zu vermuten stand, bestaetigte sich. Der unheimliche +Briefschreiber hatte ueberall in das Privatleben eingegriffen, sogar bei +Pastor Zillich, ja beim Buergermeister und den Seinen. Soweit man blickte, +hatte er um das Haus Hessling und alle guten Haeuser, die ihm nahestanden, +eine Atmosphaere der krassesten Obszoenitaet geschaffen. Wochenlang wagte +Guste sich nicht hinaus. Ihr und Diederichs Argwohn warf sich +entsetzensvoll von dem auf jenen. In ganz Netzig traute keiner mehr dem +Vertrautesten. Der Tag kam und die Fruehstuecksstunde, da im Schoss der +Familie Hessling der Verdacht die letzten Grenzen verletzte. Ein Dokument, +unbeirrbar wie noch keins, zitterte in Gustes Hand; es hielt Augenblicke +fest, die in ihrer Eigentuemlichkeit nur ihr und ihrem Gatten, tief +verschwiegen, bewusst waren. Kein Dritter ahnte dies, sonst hoerte alles +auf. Dann aber?... Guste sandte ueber den Kaffeetisch einen pruefenden Blick +zu Diederich: in seiner Hand zitterte das gleiche Papier, und auch sein +Blick pruefte. Schnell schlugen beide, schreckengepackt, die Augen nieder. + +Der Verraeter war ueberall. Wo niemand sonst war, da war er ein zweites Ich. +Durch ihn ward in nie geahnter Weise alle buergerliche Ehrbarkeit in Frage +gestellt. Dank seiner Taetigkeit waere in Netzig jedes moralische +Selbstgefuehl und alle gegenseitige Achtung zum Untergang verurteilt +gewesen, haette man nicht, wie auf allseitige Verabredung, Gegenmassregeln +getroffen, die sie wiederherstellten. Die tausendfaeltigen Aengste, +unterirdisch fortarbeitend nach einem Ausweg, liefen zusammen von allen +Seiten, schufen mit der Kraft der vereinigten Angst den Kanal, der ans +Licht fuehrte, und konnten endlich ihre dunkeln Fluten ergiessen ueber einen +Mann. Gottlieb Hornung wusste nicht, wie ihm geschah. Unter vier Augen mit +Diederich hatte er nach seiner Weise gross getan und sich gewisser Briefe +geruehmt, die er geschrieben haben wollte. Auf Diederichs strenge +Vorhaltungen bemerkte er nur, solche Briefe schriebe doch jetzt jeder, es +sei Mode, ein Gesellschaftsspiel - was Diederich sofort gebuehrend +zurueckwies. Er nahm aus der Unterredung den Eindruck mit, sein alter +Freund und Kommilitone Gottlieb Hornung, der schon so manche nuetzlichen +Dienste geleistet hatte, sei ganz geeignet, auch hier einen zu leisten, +waere es selbst unfreiwillig; weshalb er ihn pflichtgemaess anzeigte. Und als +Hornung erst einmal laut genannt war, zeigte es sich, dass er schon laengst +ueberall verdaechtigt war. Er hatte waehrend der Wahlen zahlreiche Einblicke +erhalten, war uebrigens aus Netzig und ohne Verwandte, was ihm den Unfug +offenbar erleichtert hatte. Hinzu kam sein Verzweiflungskampf um das +Recht, weder Schwaemme noch Zahnbuersten zu verkaufen; dieser Kampf +verbitterte ihn zusehends, er hatte ihm gewisse hoehnische Aeusserungen +entrissen, ueber Herrschaften, die die Schwaemme wohl nicht nur aussen noetig +haetten, und bei denen mit Zaehneputzen noch nichts geschehen sei. Er ward +angeklagt und gab in mehreren Faellen seine Urheberschaft ohne weiteres zu. +In den meisten freilich leugnete er sie um so kraeftiger, aber dafuer gab es +Schreibsachverstaendige. Gegenueber der Meinung eines Zeugen wie Heuteufel, +der von einer Epidemie sprach und behauptete, ein einzelner sei zu schwach +fuer diesen ungeheuren Haufen Mist, standen alle uebrigen Aussagen, stand +der oeffentliche Wille. Auf das gluecklichste vertrat ihn Jadassohn, der +seit seiner Rueckkehr aus Paris kleinere Ohren hatte und zum Staatsanwalt +befoerdert war. Der Erfolg und das Bewusstsein, einwandfrei dazustehen, +hatten ihn sogar Maessigung gelehrt; er sah ein, dass Ruecksicht auf das grosse +Ganze es gebiete, den Stimmen Gehoer zu schenken, die Hornung fuer nervoes +ueberreizt ausgaben. Am bestimmtesten tat dies Diederich, der fuer seinen +ungluecklichen Jugendfreund in jeder Weise eintrat. Hornung kam mit einem +Aufenthalt im Sanatorium davon, und als er herausdurfte, versah Diederich +ihn, wenn er nur Netzig verliess, mit Mitteln, die ihn gegen die Schwaemme +und Zahnbuersten fuer einige Zeit wappneten. Auf die Dauer freilich waren +sie wohl die Staerkeren, und ein gutes Ende liess sich kaum vorhersagen fuer +Gottlieb Hornung.... Natuerlich hoerten, sobald er wohlverwahrt in der +Anstalt sass, die Briefe auf. Oder wenigstens liess man sich, wenn noch +einer kam, nichts mehr merken, die Affaere war abgetan. + + + +Diederich durfte wieder sagen: "Mein Haus ist meine Burg." Die Familie, +nicht laenger schmutzigen Eingriffen ausgesetzt, bluehte auf das reinste +empor. Nach Gretchen, die 1894 geboren ward, und Horst, von 1895, folgte +1896 Kraft. Diederich, ein gerechter Vater, legte jedem der Kinder, noch +bevor es da war, ein Konto an und trug vorerst die Kosten der Ausstattung +und der Hebamme ein. Seine Auffassung vom Eheleben war die strengste. +Horst kam nicht ohne Muehe zur Welt. Als es vorueber war, erklaerte Diederich +seiner Gattin, dass er, vor die Wahl gestellt, sie glatt haette sterben +lassen. "So peinlich es mir gewesen waere", setzte er hinzu. "Aber die +Rasse ist wichtiger, und fuer meine Soehne bin ich dem Kaiser +verantwortlich." Die Frauen waren der Kinder wegen da, Frivolitaeten und +Ungehoerigkeiten versagte Diederich ihnen, war aber nicht abgeneigt, ihnen +Erhebung und Erholung zu goennen. "Halte dich an die drei grossen G", +bedeutete er Guste. "Gott, Gafee und Goeren." Auf dem rotgewuerfelten +Tischtuch, mit Reichsadler und Kaiserkrone in den Wuerfeln, lag neben der +Kaffeekanne immer die Bibel, und Guste war gehalten, jeden Morgen daraus +vorzulesen. Am Sonntag ging man zur Kirche. "Es ist oben erwuenscht", sagte +Diederich ernst, wenn Guste sich straeubte. Wie Diederich in der Furcht +seines Herrn, hatte Guste in der Furcht des ihren zu leben. Beim Eintritt +ins Zimmer war es ihr bewusst, dass dem Gatten der Vortritt gebuehre. Die +Kinder wieder mussten ihr selbst die Ehre erweisen, und der Teckel Maenne +hatte alle zu Vorgesetzten. Beim Essen dann oblag es Hund und Kindern, +sich schweigend zu verhalten; Gustes Sache war es, aus den Stirnfalten des +Gatten zu ersehen, ob es geboten sei, dass man ihn ungestoert lasse, oder +aber ihm durch Geplauder die Sorgen verscheuche. Gewisse Gerichte wurden +nur fuer den Hausherrn aufgetragen, und Diederich warf an guten Tagen ein +Stueck davon ueber den Tisch, um herzlich lachend zuzusehn, wer es +erwischte, Gretchen, Guste oder Maenne. Sein Nachmittagsschlaf war oefters +durch eine Verdauungsstoerung beschwert; Gustes Pflicht erheischte dann, +ihm warme Bauchbinden anzulegen. Diederich verhiess ihr, aechzend und schwer +beaengstet, dass er sein Testament machen und einen Vormund einsetzen werde. +Guste werde kein Geld in die Hand bekommen. "Ich hab' fuer meine Soehne +gearbeitet, aber nicht, damit du dich nachher amuesierst!" Guste machte +geltend, ihr eigenes Vermoegen sei die Grundlage von allem, aber sie kam +schoen an ... Freilich, wenn Guste den Schnupfen hatte, durfte sie nicht +erwarten, dass Diederich nun seinerseits ihre Pflege uebernahm. Sie hatte +sich dann nach Moeglichkeit von ihm fernzuhalten, denn Diederich war +entschlossen, keine Bazillen zu dulden. Die Fabrik betrat er nur mit +desinfizierenden Tabletten im Munde; und eines Nachts entstand grosser +Laerm, weil die Koechin an Influenza erkrankt war und vierzig Grad Fieber +hatte. "Sofort aus dem Hause mit der Schweinerei!" befahl Diederich; und +als sie fort war, irrte er noch lange, keimtoetende Fluessigkeiten +verspritzend, durch die Wohnung. + +Am Abend bei der Lektuere des "Lokal-Anzeigers" erklaerte er seiner Gattin +immer wieder, dass leben nicht notwendig sei, wohl aber schiffahren - was +Guste schon darum einsah, weil auch sie die Kaiserin Friedrich nicht +mochte, die uns bekanntlich an England verriet, ganz abgesehen von +gewissen haeuslichen Zustaenden in Schloss Friedrichskron, die Guste lebhaft +missbilligte. Gegen England brauchten wir eine starke Flotte; es musste +unbedingt zerschmettert werden, es war der aergste Feind des Kaisers. Und +warum? Man wusste es in Netzig ganz genau: nur weil Seine Majestaet einst in +angeregter Laune dem Prinzen von Wales dort, wo es am verlockendsten +erschien, einen freundschaftlichen Schlag versetzt hatte. Ausserdem kamen +aus England gewisse feine Papiersorten, deren Einfuhr durch einen +siegreichen Krieg am sichersten abgestellt worden waere. Ueber die Zeitung +hinweg sagte Diederich zu Guste: "So wie ich England hasse, hat nur +Friedrich der Grosse dies Volk von Dieben und Haendlern gehasst. Das ist ein +Wort Seiner Majestaet, und ich unterschreibe es." Er unterschrieb jedes +Wort in jeder Rede des Kaisers, und zwar in der ersten, staerkeren Form, +nicht in der abgeschwaechten, die sie am Tage darauf annahmen. Alle diese +Kernworte deutschen und zeitgemaessen Wesens - Diederich lebte und webte in +ihnen, wie in Ausstrahlungen seiner eigenen Natur, sein Gedaechtnis +bewahrte sie, als habe er sie selbst gesprochen. Manchmal hatte er sie +wirklich schon gesprochen. Andere untermischte er bei oeffentlichen +Gelegenheiten seinen eigenen Erfindungen, und weder er noch ein anderer +unterschied, was von ihm kam und was von einem Hoeheren ... "Dies ist suess", +sagte Guste, die das Vermischte las. "Der Dreizack gehoert in unsere +Faust", behauptete Diederich unbeirrt, indes Guste ein Erlebnis der +Kaiserin zum besten gab, das sie tief befriedigte. In Hubertusstock gefiel +sich die hohe Frau in einfacher, beinahe buergerlicher Kleidung. Ein +Brieftraeger, dem sie sich auf der Landstrasse zu erkennen gab, hatte ihr +nicht geglaubt, dass sie es sei, und sie ausgelacht. Nachher war er +vernichtet auf die Knie gesunken und hatte eine Mark erhalten. Dies +entzueckte auch Diederich - wie es ihm andererseits an das Herz griff, dass +der Kaiser am Weihnachtsabend auf die Strasse ging, um mit 57 Mark +neugepraegten Geldes den Armen Berlins ein frohes Fest zu bereiten - und +wie es ihn ahnungsvoll erschauern liess, dass Seine Majestaet Ehrenbailli des +Maltheserordens geworden war. Welten, nie geahnt, erschloss der +"Lokal-Anzeiger", und dann wieder brachte er einem die Allerhoechsten +Herrschaften gemuetlich nahe. Im Erker dort die dreiviertel lebensgrossen +Bronzefiguren der Majestaeten schienen laechelnd naeher zu ruecken, und den +Trompeter von Saeckingen, der sie begleitete, hoerte man traulich blasen. +"Himmlisch muss es bei Kaisers sein," meinte Guste, "wenn grosse Waesche ist. +Sie haben hundert Leute zum Waschen!" Wohingegen Diederich von tiefem +Wohlgefallen erfuellt ward durch die Teckel des Kaisers, die vor den +Schleppen der Hofdamen keine Achtung zu haben brauchten. Der Plan reifte +in ihm, bei seiner naechsten Soiree seinem Maenne volle diesbezuegliche +Freiheit zu erteilen. Freilich, schon auf der folgenden Spalte machte ein +Telegramm ihm ernste Sorge, weil es noch immer nicht feststand, ob der +Kaiser und der Zar sich treffen wuerden. "Wenn es nicht bald kommt," sagte +er gewichtig, "muessen wir uns auf alles gefasst machen. Die Weltgeschichte +laesst nicht mit sich spassen." Gern hielt er sich laenger bei drohenden +Katastrophen auf, denn "die deutsche Seele ist ernst, fast tragisch", +stellte er fest. + +Aber Guste zeigte keine Teilnahme mehr, sie gaehnte immer haeufiger. Unter +dem strafenden Blick des Gatten schien sie sich an eine Pflicht zu +erinnern, sie machte herausfordernde Schlitzaugen und bedraengte ihn sogar +mit ihren Knien. Er wollte noch einen nationalen Gedanken aeussern, da sagte +Guste mit ungewohnt strenger Stimme "Quatsch"; Diederich aber, weit +entfernt, diesen Uebergriff zu bestrafen, blinzelte sie an, als erwartete +er noch mehr ... Da er sie unten zu umspannen versuchte, verscheuchte sie +vollends ihre Muedigkeit, und ploetzlich hatte er eine maechtige Ohrfeige - +worauf er nichts erwiderte, sondern aufstand und sich schnaufend hinter +einen Vorhang drueckte. Und als er wieder in das Licht kam, zeigte es sich, +dass seine Augen keineswegs blitzten, sondern voll Angst und dunkeln +Verlangens standen ... Dies schien Guste die letzten Bedenken zu nehmen. +Sie erhob sich; indes sie in fesselloser Weise mit den Hueften schaukelte, +begann sie ihrerseits heftig zu blitzen, und den wurstfoermigen Finger +gebieterisch gegen den Boden gestreckt, zischte sie: "Auf die Knie, +elender Schklafe!" Und Diederich tat, was sie heischte! In einer +unerhoerten und wahnwitzigen Umkehrung aller Gesetze durfte Guste ihm +befehlen: "Du sollst meine herrliche Gestalt anbeten!" - und dann auf den +Ruecken gelagert, liess er sich von ihr in den Bauch treten. Freilich +unterbrach sie sich inmitten dieser Taetigkeit und fragte ploetzlich ohne +ihr grausames Pathos und streng sachlich: "Haste genug?" Diederich ruehrte +sich nicht; sofort ward Guste wieder ganz Herrin. "Ich bin die Herrin, du +bist der Untertan", versicherte sie ausdruecklich. "Aufgestanden! Marsch!" +- und sie stiess ihn mit ihren Gruebchenfaeusten vor sich her nach dem +ehelichen Schlafgemach. "Freu' dich!" verhiess sie ihm schon, da gelang es +Diederich, zu entwischen und das Licht abzudrehen. Im Dunkeln, versagenden +Herzens vernahm er, wie Guste dort hinten ihm die wenigst anstaendigen +Namen gab, wobei sie freilich schon wieder gaehnte. Etwas spaeter lag sie +vielleicht schon und schlief - Diederich aber, noch immer des Aeussersten +gewaertig, kroch auf allen Vieren die Estrade hinan und versteckte sich +hinter dem bronzenen Kaiser ... + +Regelmaessig nach solchen naechtlichen Phantasien liess er sich am Morgen das +Wirtschaftsbuch vorlegen, und wehe, wenn Gustes Rechnung nicht glatt +aufging. Durch ein fuerchterliches Strafgericht in Gegenwart aller +Dienstboten setzte Diederich ihrem kurzen Machtduenkel, falls sie noch eine +Erinnerung daran bewahrte, ein jaehes Ende. Autoritaet und Sitte +triumphierten wieder. Auch sonst war dafuer gesorgt, dass die ehelichen +Beziehungen nicht allzusehr zum Vorteil Gustes ausschlugen, denn jeden +zweiten, dritten Abend, manchmal noch oefter, ging Diederich fort - zum +Stammtisch in den Ratskeller, wie er sagte, aber das stimmte nicht +immer ... Am Stammtisch war Diederichs Platz unter einem gotischen Bogen, +in dem zu lesen stand: "Je schoener die Kneip', desto schlimmer das Weib, +je schlimmer das Weib, desto schoener die Kneip'." Und auch die kernigen +alten Sinnsprueche in den uebrigen Bogen raechten einen in wohltuender Weise +fuer die Zugestaendnisse, die man, durch die Natur genoetigt, der Frau daheim +zuweilen machte. "Wer nicht liebt Wein und Gesang, verdient ein Weib sein +Leben lang", oder "Behuet euch Gott vor Schmerz und Wunden, vor boesen +Weibern und boesen Hunden". Dagegen las, wer zwischen Jadassohn und +Heuteufel die Augen zur Decke erhob: "Friedliche Rast am traulichen Herd, +und an der Wand ein schneidiges Schwert. Nach alter Sitt' in deutscher +Mitt', kommt trinkt euch aller Sorgen quitt". Was allerseits geschah, ohne +Unterschied der Konfession und Partei. Denn auch Cohn und Heuteufel samt +ihren naeheren Freunden und Gesinnungsgenossen hatten im Lauf der Zeit sich +eingefunden, einer nach dem anderen und ohne viel Aufsehen, weil es eben +auf die Dauer niemandem moeglich war, den Erfolg zu bestreiten oder zu +uebersehen, der den nationalen Gedanken befluegelte und immer hoeher trug. +Das Verhaeltnis Heuteufels zu seinem Schwager Zillich litt nach wie vor +unter Misshelligkeiten. Zwischen den Weltanschauungen lagen denn doch +unuebersteigbare Schranken, und "in seine religioesen Ueberzeugungen laesst +sich der Deutsche nicht hineinreden", wie man auf beiden Seiten +feststellte. In der Politik dagegen war bekanntlich jede Ideologie vom +Uebel. Seinerzeit im Frankfurter Parlament hatten gewisse hochbedeutende +Maenner gesessen, aber es waren noch keine Realpolitiker gewesen, und darum +hatten sie nichts als Unsinn gemacht, wie Diederich bemerkte. Uebrigens +milde gestimmt durch seine Erfolge, gab er zu, dass das Deutschland der +Dichter und Denker vielleicht auch seine Berechtigung gehabt habe. "Aber +es war doch nur eine Vorstufe, unsere geistigen Leistungen heute liegen +auf dem Gebiet der Industrie und Technik. Der Erfolg beweist." Heuteufel +musste es zugeben. Seine Aeusserungen ueber den Kaiser, ueber Wirksamkeit und +Bedeutung Seiner Majestaet klangen wesentlich zurueckhaltender als ehedem; +bei jedem neuen Auftreten des allerhoechsten Redners stutzte er, versuchte +zu noergeln und liess doch erkennen, dass er am liebsten sich einfach +angeschlossen haette. Der entschiedene Liberalismus, dies ward nachgerade +allgemein anerkannt, konnte nur gewinnen, wenn auch er sich mit der +Energie des nationalen Gedankens erfuellte, wenn er positiv mitarbeitete +und bei zielbewusstem Hochhalten des freiheitlichen Banners doch den +Feinden, die uns den Platz in der Sonne nicht goennten, ein unerbittliches +_quos ego_ zurief. Denn nicht nur unser Erbfeind Frankreich erhob immer +aufs neue das Haupt: auch die Abrechnung mit den unverschaemten Englaendern +rueckte naeher! Die Flotte, fuer deren Ausbau die geniale Propaganda unseres +genialen Kaisers unermuedlich wirkte, tat uns bitter not, und unsere +Zukunft lag tatsaechlich auf dem Wasser, diese Erkenntnis gewann immer mehr +an Boden. Rings um den Stammtisch griff die Idee der Flotte Platz und ward +zur lodernden Flamme, die immer neu mit deutschem Wein genaehrt, ihrem +Schoepfer huldigte. Die Flotte, diese Schiffe, verblueffende Maschinen +buergerlicher Erfindung, die in Betrieb gesetzt, Weltmacht produzierten, +genau wie in Gausenfeld gewisse Maschinen ein gewisses "Weltmacht" +benanntes Papier produzierten, sie lag Diederich mehr als alles am Herzen, +und Cohn wie Heuteufel wurden dem nationalen Gedanken vor allem durch die +Flotte gewonnen: Eine Landung in England war der Traum, der unter den +gotischen Gewoelben des Ratskellers nebelte. Die Augen funkelten, und die +Beschiessung Londons ward verhandelt. Die Beschiessung von Paris war eine +Begleiterscheinung und vollendete die Plaene, die Gott mit uns vorhatte. +Denn "die christlichen Kanonen tun gute Arbeit", wie Pastor Zillich sagte. +Nur Major Kunze bezweifelte dies, er erging sich in den duestersten +Voraussagen. Seit er, Kunze, von dem Genossen Fischer besiegt worden war, +hielt er jede Niederlage fuer moeglich. Aber er blieb der einzige Noergler. +Wer am meisten triumphierte, war Kuehnchen. Die Taten, die der schreckliche +kleine Greis einst im grossen Krieg vollfuehrt hatte, jetzt endlich, ein +Vierteljahrhundert spaeter, fanden sie ihre wahre Bestaetigung in der +allgemeinen Gesinnung. "Die Saat," sagte er, "die wir dunnemals gesaet +haben, na nu geht se auf. Dass meine alten Augen das noch sehen duerfen!" - +und dann schlief er ein bei seiner dritten Flasche. + +Im ganzen erfreulich gestaltete sich auch Diederichs Verhaeltnis zu +Jadassohn. Die ehemaligen Rivalen, beide gereift und in die Sphaere der +gesaettigten Existenzen vorgerueckt, beeintraechtigten einander weder +politisch noch am Stammtisch, und auch nicht in jener verschwiegenen +Villa, die Diederich an dem Abend der Woche aufsuchte, wo er ohne Gustes +Wissen dem Stammtisch fernblieb. Sie lag vor dem Sachsentor, es war die +ehemals von Brietzensche Villa, und sie ward bewohnt von einer einzelnen +Dame, die selten oeffentlich gesehen ward und dann niemals zu Fuss. In einer +Proszeniumsloge der "Walhalla" sass sie zuweilen in grosser Aufmachung, ward +allgemein durch die Opernglaeser betrachtet, aber von niemand gegruesst; und +ihrerseits verhielt sie sich wie eine Koenigin, die ihr Inkognito wahrt. +Natuerlich wusste trotz der Aufmachung alle Welt, das war Kaethchen Zillich, +die, in Berlin fuer ihren Beruf vorgebildet, ihn in der von Brietzenschen +Villa nunmehr erfolgreich ausuebte. Auch verkannte niemand, dass dieser +Tatbestand nicht geeignet schien, das Ansehen des Pastors Zillich zu +heben. Die Gemeinde nahm schweres Aergernis, zu schweigen von den Spoettern, +die entzueckt waren. Um eine Katastrophe abzuwenden, beantragte der Pastor +bei der Polizei die Beseitigung des Uebels, stiess aber auf einen +Widerstand, der nur erklaerlich schien, wenn man gewisse Zusammenhaenge +annahm zwischen der Villa von Brietzen und den hoechsten Stellen der Stadt. +An der irdischen Gerechtigkeit nicht weniger als an der goettlichen +verzweifelnd, schwor der Vater, das Amt des Richters selbst zu uebernehmen, +und wirklich sollte er eines Nachmittags, als sie noch im Bette lag, die +verlorene Tochter einer Zuechtigung unterzogen haben. Nur der Mutter, die +ihm, alles ahnend, gefolgt war, verdankte Kaethchen ihr nacktes Leben, wie +die Gemeinde behauptete. Der Mutter sagte man eine verwerfliche Schwaeche +nach fuer die Tochter in ihrem suendigen Glanz. Was Pastor Zillich betraf, +so erklaerte er von der Kanzel herab Kaethchen fuer tot und verfault, wodurch +er sich vor dem Einschreiten des Konsistoriums rettete. Mit der Zeit +verstaerkte die ihm widerfahrene Pruefung seine Autoritaet ... Diederich +seinerseits kannte von den Herren, die an Kaethchens Lebenswandel mit +Einlagen beteiligt waren, offiziell nur Jadassohn, obwohl Jadassohn von +allen die kleinsten Einlagen machte, Diederich vermutete sogar, gar keine. +Jadassohns Beziehungen zu Kaethchen lagen eben, noch von frueher her, als +Hypothek auf dem Unternehmen. So nahm Diederich keinen Anstand, die +Sorgen, die es ihm machte, mit Jadassohn zu besprechen. Die beiden rueckten +am Stammtisch in der Nische zusammen, die die Inschrift trug: "Was einem +Mann zur Lust ein minnig Weiblein braet, gar wohl geraet"; und mit der +gebotenen Ruecksicht auf Pastor Zillich, der nicht weit davon ueber die +christlichen Kanonen handelte, besprachen sie die Angelegenheiten der +Villa von Brietzen. Diederich beklagte sich ueber Kaethchens unersaettliche +Ansprueche an seine Kasse, von Jadassohn erwartete er einen guenstigen +Einfluss auf sie in dieser Beziehung. Aber Jadassohn fragte nur: "Wozu +haben Sie sie denn? Sie soll doch Geld kosten?" Und dies war auch wieder +richtig. Denn nach seiner ersten kurzen Genugtuung, Kaethchen auf diesem +Wege doch noch erworben zu haben, betrachtete Diederich sie nachgerade nur +mehr als einen Posten, einen stattlichen Posten auf seinem Reklamekonto. +"Meine Stellung," sagte er zu Jadassohn, "erfordert eine grosszuegige +Repraesentation. Sonst wuerde ich, offen gestanden, das ganze Geschaeft +fallen lassen, denn unter uns, Kaethchen bietet nicht genug." Hier laechelte +Jadassohn beredsam, sagte aber nichts. "Ueberhaupt," fuhr Diederich fort, +"ist sie dasselbe Genre wie meine Frau, und meine Frau" - er hielt die +Hand vor - "ist leistungsfaehiger. Sehen Sie, gegen sein Gemuet kann man +nichts machen, nach jedem Abstecher in die Villa von Brietzen kommt es mir +vor, als ob ich meiner Frau etwas schulde. Lachen Sie nur, tatsaechlich +schenke ich ihr dann immer was. Wenn es ihr nur nicht auffaellt!" Jadassohn +lachte mit noch mehr Grund, als Diederich meinte; denn er hatte es schon +laengst fuer seine sittliche Pflicht gehalten, Frau Generaldirektor Hessling +aufzuklaeren ueber diese Zusammenhaenge. + +Im Politischen ergab sich fuer Diederich und Jadassohn ein aehnlich +erspriessliches Zusammenwirken wie bei Kaethchen; denn gemeinsam beeiferten +sie sich, die Stadt von Schlechtgesinnten zu reinigen, besonders von +solchen, die die Pest der Majestaetsbeleidigungen weiter verbreiteten. +Diederich mit seinen vielfachen Beziehungen machte sie ausfindig, worauf +Jadassohn sie ans Messer lieferte. Nach dem Erscheinen des Sanges an Aegir +gestaltete sich ihre Taetigkeit besonders fruchtbar. In Diederichs eigenem +Hause nannte die Klavierlehrerin, die mit Guste uebte, den Sang an Aegir +einen -! In das, was sie gesagt hatte, flog sie selbst ... Wolfgang Buck +sogar, der neuerdings wieder in Netzig weilte, erklaerte die Verurteilung +fuer durchaus angemessen, denn sie befriedige das monarchische Gefuehl. +"Einen Freispruch haette das Volk nicht verstanden", sagte er am +Stammtisch. "Die Monarchie ist unter den politischen Regimen eben das, was +in der Liebe die strengen und energischen Damen sind. Wer dementsprechend +veranlagt ist, verlangt, dass etwas geschieht, und mit Milde ist ihm nicht +gedient." Hier erroetete Diederich ... Leider bekundete Buck solche +Gesinnungen nur, solange er nuechtern war. Spaeterhin gab er durch seine von +frueher her sattsam bekannte Art, die heiligsten Gueter in den Schmutz zu +ziehen, Gelegenheit genug, ihn aus jeder anstaendigen Gesellschaft +auszuschliessen. Diederich war es, der ihn vor diesem Schicksal bewahrte. +Er verteidigte seinen Freund. "Die Herren muessen bedenken, er ist erblich +belastet, denn die Familie weist Anzeichen einer schon ziemlich weit +vorgeschrittenen Degeneration auf. Andererseits spricht es fuer einen +gesunden Kern in ihm, dass das Schauspielerdasein ihn denn doch nicht +befriedigt hat und dass er zu seinem Beruf als Rechtsanwalt zurueckgefunden +hat." Man erwiderte, es sei verdaechtig, wenn Buck sich ueber seine fast +dreijaehrigen Erfahrungen beim Theater so voellig ausschweige. War er +ueberhaupt noch satisfaktionsfaehig? Diese Frage konnte Diederich nicht +beantworten; es war ein logisch nicht begruendeter, aber tiefsitzender +Drang, der ihn dem Sohn des alten Buck immer wieder naeherte. Immer wieder +nahm er mit Eifer eine Unterredung auf, die doch jedesmal schroff abbrach, +nachdem sie die schaerfsten Gegensaetze blossgelegt hatte. Er fuehrte Buck +sogar in sein Heim ein, erlebte dabei aber eine Ueberraschung. Denn wenn +Buck anfangs wohl nur einem besonders guten Kognak zuliebe kam, bald kam +er sichtlich wegen Emmi. Die beiden verstanden sich ueber Diederich hinweg +und in einer Art, die ihn befremdete. Sie fuehrten spitze und scharfe +Gespraeche, anscheinend ohne das Gemuet oder die anderen Faktoren, die der +Verkehr der Geschlechter normalerweise in Betrieb setzte; und senkten sie +die Stimmen und wurden vertraulich, fand Diederich sie vollends +unheimlich. Er hatte nur die Wahl, ob er dazwischenfahren und korrekte +Verhaeltnisse herstellen oder aber das Zimmer verlassen sollte. Zu seinem +eigenen Erstaunen entschied er sich fuer das letztere. "Sie haben beide +sozusagen ihre Schicksale gehabt, wenn die Schicksale auch danach waren", +sagte er sich mit der Ueberlegenheit, die ihm zukam, und ohne viel darauf +zu achten, dass er im Grunde stolz war auf Emmi, stolz, weil Emmi, seine +eigene Schwester, fein genug, besonders genug, ja, fragwuerdig genug +schien, um sich mit Wolfgang Buck zu verstaendigen. "Wer weiss", dachte er +zoegernd, und dann entschlossen: "Warum nicht! Bismarck hat es auch so +gemacht, mit Oesterreich. Zuerst niedergeworfen, dann ein Buendnis!" + +Aus diesen noch dunklen Ueberlegungen heraus widmete Diederich auch dem +Vater Wolfgangs wieder ein gewisses Interesse. Der alte Buck, von einem +Herzleiden befallen, kam nur mehr selten zum Vorschein, und dann stand er +die meiste Zeit vor irgendeinem Schaufenster, scheinbar in die Auslage +vertieft, in Wirklichkeit aber einzig bemueht, zu verbergen, dass er nicht +atmen konnte. Was dachte er? Wie urteilte er ueber die neue geschaeftliche +Bluete Netzigs, den nationalen Aufschwung und ueber die, die jetzt die Macht +hatten? War er ueberzeugt und auch innerlich besiegt? Es kam vor, dass +Generaldirektor Doktor Hessling, der maechtigste Mann der Buergerschaft, sich +heimlich in ein Haustor drueckte, um dann ungesehen hinterdrein zu +schleichen hinter diesem einflusslosen, schon halb vergessenen Alten: er +auf seiner Hoehe raetselhaft beunruhigt durch einen Sterbenden ... Da der +alte Buck seine Hypothekenzinsen nur noch mit Verspaetung zahlte, schlug +Diederich dem Sohn vor, er wolle das Haus uebernehmen. Natuerlich duerfe der +alte Herr es bewohnen, solange er lebe. Auch die Einrichtung wollte +Diederich kaufen und sogleich bezahlen. Wolfgang bestimmte den Vater, +anzunehmen. + +Inzwischen ging der 22. Maerz vorueber, Wilhelm der Grosse war hundert Jahre +alt geworden, und sein Denkmal stand noch immer nicht im Volkspark. Die +Interpellationen in der Stadtverordnetenversammlung nahmen kein Ende, +mehrmals waren unter schweren Kaempfen Nachtragskredite bewilligt und +wieder ueberschritten worden. Der schwerste Schlag hatte die Gemeinde +getroffen, als Seine Majestaet den hoechstseligen Grossvater als Fussgaenger +ablehnten und ein Reiterstandbild befahlen. Diederich, von Ungeduld +getrieben, ging des oefteren am Abend in die Meisestrasse, um sich vom Stand +der Arbeiten zu ueberzeugen. Es war Mai und peinlich warm noch in der +Daemmerung, aber auf dem leeren, neu angepflanzten Areal des Volksparkes +ging ein Luftzug. Diederich sann wieder einmal mit gereizten Gefuehlen dem +glaenzenden Geschaeft nach, das der Rittergutsbesitzer Herr von Quitzin hier +gemacht hatte. Der hatte es bequem gehabt! Grundstuecksgeschaefte waren kein +Kunststueck, wenn der Vetter Regierungspraesident war. Die Stadt musste ihm +einfach das Ganze abnehmen fuer das Kaiser-Wilhelm-Denkmal und musste +zahlen, was er verlangte ... Da tauchten zwei Gestalten auf; Diederich sah +rechtzeitig, wer es war und zog sich ins Gebuesch zurueck. + +"Hier laesst sich atmen", sagte der alte Buck. Sein Sohn erwiderte: + +"Wenn einem hier nicht die Lust dazu vergeht. Sie haben anderthalb +Millionen Schulden gemacht, um dieses Muellager zu schaffen." Und er zeigte +auf den unfertigen Aufbau von steinernen Sockeln, Adlern, Rundbaenken, +Loewen, Tempeln und Figuren. Die Adler setzten fluegelschlagend ihre Krallen +in den noch leeren Sockel, andere Exemplare nisteten wieder auf jenen, die +Rundbaenke symmetrisch unterbrechenden Tempeln; dort holten aber auch Loewen +zum Sprung aus nach dem Vordergrund, wo ohnehin Aufregung genug herrschte +durch flatternde Fahnen und heftig agierende Menschen. Napoleon der +Dritte, in der geknickten Haltung von Wilhelmshoehe die Rueckwand des +Sockels zierend, als Besiegter hinter dem Triumphwagen, war ueberdies immer +in Gefahr, von einem Loewen angefallen zu werden, der gerade hinter ihm, +auf der Treppe des Monuments, seinen schlimmsten Buckel machte - +wohingegen Bismarck und die anderen Paladine, mitten im Tierkaefig wie zu +Hause, vom Fuss des Sockels mit allen Haenden hinauflangten, um mit +anzugreifen bei den Taten des noch abwesenden Herrschers. + +"Wer muesste nun dort oben einhersprengen?" fragte Wolfgang Buck. "Der Alte +war nur ein Vorlaeufer. Dies mystisch-heroische Spektakel wird nachher mit +Ketten von uns abgesperrt sein, und wir werden zu gaffen haben: was von +allem der Endzweck war. Theater, und kein gutes." + +Nach einer Weile - die Daemmerung graute - sagte der Vater: "Und du, mein +Sohn? Auch dir schien es einmal der Endzweck, zu spielen." + +"Wie meinem ganzen Geschlecht. Mehr koennen wir nicht. Wir sollten uns +leicht und klein nehmen heute, es ist die sicherste Haltung angesichts der +Zukunft; und ich sage nicht, dass es mehr war als Eitelkeit, weshalb ich +die Buehne wieder verlassen habe. Laecherlich, Vater, ich bin gegangen, weil +einmal, als ich spielte, ein Polizeipraesident geweint hatte. Aber bedenke +auch, ob dies ertraeglich war. Feinheiten letzten Grades, Einsicht in +Herzen, hohe Moral, Modernitaet des Intellektes und der Seele stelle ich +fuer Menschen dar, die meinesgleichen scheinen, weil sie mir zuwinken und +betroffene Gesichter haben. Nachher aber liefern sie Revolutionaere aus und +schiessen auf Streikende. Denn mein Polizeipraesident steht fuer alle." + +Hier wandte Buck sich genau dem Busch zu, der Diederich barg. + +"Kunst bleibt euch Kunst, und alles Ungestuem des Geistes ruehrt nie an euer +Leben. Den Tag, an dem die Meister eurer Kultur dies begriffen haetten wie +ich, wuerden sie euch, wie ich, allein lassen mit euren wilden Tieren." Und +er zeigte nach den Loewen und Adlern. Auch der Alte sah auf das Denkmal; er +sagte: + +"Sie sind sehr maechtig geworden; aber durch ihre Macht ist in die Welt +weder mehr Geist noch mehr Guete gekommen. Also war es umsonst. Auch wir +waren scheinbar umsonst da." Er blickte auf den Sohn. "Dennoch duerft ihr +ihnen das Feld nicht lassen." + +Wolfgang seufzte schwer. "Worauf hoffen, Vater? Sie hueten sich, die Dinge +auf die Spitze zu treiben, wie jene Privilegierten vor der Revolution. Aus +der Geschichte haben sie leider Maessigung gelernt. Ihre soziale +Gesetzgebung baut vor und korrumpiert. Sie saettigt das Volk gerade so +weit, dass es ihm sich nicht mehr verlohnt, ernstlich zu kaempfen, um Brot, +geschweige Freiheit. Wer zeugt noch gegen sie?" + +Da reckte der Alte sich auf, seine Stimme ward noch einmal klangvoll. "Der +Geist der Menschheit", sagte er, und nach einer Pause, da der Junge den +Kopf gesenkt hielt: + +"Du musst ihm glauben, mein Sohn. Wenn die Katastrophe, der sie +auszuweichen denken, vorueber sein wird, sei gewiss, die Menschheit wird +das, worauf die erste Revolution folgte, nicht scham- und vernunftloser +nennen, als die Zustaende, die die unseren waren." + +Er sagte leise wie aus der Ferne: "Der wuerde nicht gelebt haben, der nur +in der Gegenwart lebte." + +Ploetzlich schien es, als schwankte er. Der Sohn griff rasch hin, und an +seinem Arm, zusammengesunken und stockenden Schrittes, verschwand der Alte +im Dunkel. Diederich aber, der auf anderen Wegen enteilte, hatte das +Gefuehl, aus einem boesen, wenn auch groesstenteils unbegreiflichen Traum zu +kommen, worin an den Grundlagen geruettelt worden war. Und trotz dem +Unwirklichen, das alles Gehoerte an sich hatte, schien hier tiefer +geruettelt worden zu sein, als je der ihm bekannte Umsturz ruettelte. Dem +einen dieser beiden waren die Tage gezaehlt, der andere hatte auch nicht +viel vor sich, aber Diederich fuehlte, es waere besser gewesen, sie haetten +einen gesunden Laerm im Lande geschlagen, als dass sie hier im Dunkeln diese +Dinge fluesterten, die doch nur von Geist und Zukunft handelten. + + + +In der Gegenwart gab es freilich greifbarere Angelegenheiten. Gemeinsam +mit dem Schoepfer des Denkmals entwarf Diederich das kuenstlerische +Arrangement fuer die Feier der Enthuellung - wobei der Schoepfer mehr +Entgegenkommen bewies, als man von ihm erwartet haben wuerde. Ueberhaupt +kehrte er bis jetzt nur die guten Seiten seines Berufes hervor, naemlich +Genie und vornehme Gesinnung, waehrend er sich im uebrigen durchaus korrekt +und geschaeftstuechtig zeigte. Der junge Mann, ein Neffe des Buergermeisters +Doktor Scheffelweis, lieferte ein Beispiel dafuer, dass es, veralteter +Vorurteile ungeachtet, ueberall Anstaendigkeit gibt, und dass noch kein Grund +zum Verzweifeln ist, wenn ein junger Mensch fuer ein Brotstudium zu faul +ist und Kuenstler wird. Als er das erstemal von Berlin nach Netzig +zurueckkehrte, trug er noch eine Samtjacke und zog der Familie nur +Unannehmlichkeiten zu; aber bei seinem zweiten Besuch besass er schon einen +Zylinder, und nicht lange, so ward er von Seiner Majestaet entdeckt und +durfte fuer die Siegesallee das wohlgetroffene Bildnis des Markgrafen Hatto +des Gewaltigen schaffen, nebst den Bildnissen seiner beiden bedeutendsten +Zeitgenossen, des Moenches Tassilo, der an einem Tage hundert Liter Bier +trinken konnte, und des Ritters Klitzenzitz, der die Berliner robotten +lehrte, wenn sie ihn dann auch haengten. Auf die Verdienste des Ritters +Klitzenzitz hatten Seine Majestaet den Oberbuergermeister noch besonders +aufmerksam gemacht, was wieder guenstig zurueckgewirkt hatte auf die +Karriere des Bildhauers. Man konnte nicht Zuvorkommenheit genug haben fuer +einen Mann, auf dem ein unmittelbarer Strahl der Gnadensonne lag; +Diederich stellte ihm sein Haus zur Verfuegung, er mietete ihm auch das +Reitpferd, das der Kuenstler brauchte, um seine Kraefte spielen zu lassen - +und welche Aussichten, als der beruehmte Gast die ersten Zeichenversuche +des kleinen Horst vielversprechend nannte! Diederich bestimmte stehenden +Fusses Horst der Kunst, dieser so zeitgemaessen Laufbahn. + +Wulckow, der keinen Sinn fuer die Kunst hatte und sich mit dem Guenstling +Seiner Majestaet nicht zu stellen wusste, bekam vom Denkmalskomitee die +Ehrengabe von 2000 Mark, auf die er als Ehrenvorsitzender das Recht hatte; +die bei der Enthuellung zu haltende Festrede aber uebertrug das Komitee +seinem ordentlichen Vorsitzenden, dem geistigen Schoepfer des Denkmals und +Begruender der nationalen Bewegung, die zu seiner Errichtung gefuehrt hatte, +Herrn Stadtverordneten Generaldirektor Doktor Hessling, bravo! Diederich, +bewegt und geschwellt, sah sich am Fusse neuer Erhoehungen. Der +Oberpraesident selbst ward erwartet, vor der hohen Exzellenz sollte +Diederich reden, welche Folgen versprach das! Wulckow freilich schickte +sich an, sie zu hintertreiben; gereizt, weil ausgeschaltet, weigerte er +sich sogar, auf der Tribuene der offiziellen Damen auch Guste zuzulassen. +Diederich hatte dieserhalb mit ihm einen Auftritt, der erregt verlief, +aber ohne Ergebnis blieb. Heftig schnaufend kehrte er zu Guste heim. "Es +bleibt dabei, du sollst keine offizielle Dame sein. Man wird ja sehen, wer +offizieller ist, du oder er! Er soll dich noch bitten! Ich hab' ihn Gott +sei Dank nicht mehr noetig, aber er vielleicht mich." - Und so kam es, denn +als das naechste Heft der "Woche" erschien, was brachte es ausser den +gewohnten Kaiserbildern? Zwei Portraetaufnahmen, die eine den Schoepfer des +Netziger Kaiser-Wilhelm-Denkmals darstellend, wie er gerade an seinem Werk +den letzten Hammerschlag tat, die andere aber den Vorsitzenden des +Komitees und seine Gattin, Diederich samt Guste. Von Wulckow nichts - was +allgemein bemerkt und als Zeichen angesehen ward, dass seine Stellung +erschuettert sei. Er selbst musste es fuehlen, denn er tat Schritte, um doch +noch in die "Woche" zu kommen. Er suchte Diederich auf, aber Diederich +liess sich verleugnen. Der Kuenstler seinerseits brauchte Ausfluechte. Da +geschah es tatsaechlich, dass Wulckow auf der Strasse an Guste herantrat. Die +Geschichte mit dem Platz bei den offiziellen Damen sei ein +Missverstaendnis ... "Schoen hat er gemacht wie unser Maenne", berichtete +Guste. "Aber nun gerade nicht!" entschied Diederich, und er nahm keinen +Anstand, die Geschichte umherzuerzaehlen. "Soll man sich Zwang antun," +sagte er zu Wolfgang Buck, "wo der Mann doch geliefert ist? Herr Oberst +von Haffke gibt ihn auch schon auf." Kuehn setzte er hinzu: "Jetzt sieht +er, es gibt noch andere Maechte. Wulckow hat es zu seinem Schaden nicht +verstanden, sich beizeiten den modernen Lebensbedingungen einer +grosszuegigen Oeffentlichkeit anzupassen, die dem heutigen Kurs ihren Stempel +aufdruecken." - "Absolutismus, gemildert durch Reklamesucht", ergaenzte +Buck. + +Angesichts des Wulckowschen Niederganges fand Diederich jenen +Grundstueckshandel, der ihn selbst so sehr benachteiligt hatte, immer +anstoessiger. Seine Entruestung nahm einen solchen Umfang an, dass der Besuch, +den gerade jetzt der Reichstagsabgeordnete Fischer in Netzig machte, fuer +Diederich zur wahrhaft befreienden Gelegenheit ward. Parlamentarismus und +Immunitaet hatten doch ihr Gutes! Denn Napoleon Fischer stellte sich +umgehend im Reichstag hin und enthuellte. Er enthuellte, ohne dass ihm das +geringste geschehen konnte, die Schiebungen des Regierungspraesidenten von +Wulckow in Netzig, seinen Riesengewinn am Grundstueck des +Kaiser-Wilhelm-Denkmals, der nach Napoleon Fischers Behauptung von der +Stadt erpresst war, und das Ehrengeschenk von angeblich 5000 Mark, dem er +den Titel "Schmiergeld" gab. Der Zeitung zufolge bemaechtigte hier der +Volksvertreter sich ungeheure Erregung. Freilich galt sie nicht Wulckow, +sondern dem Enthueller. Wuetend verlangte man Beweise und Zeugen; Diederich +zitterte, in der naechsten Zeile konnte sein Name kommen. Zum Glueck kam er +nicht, Napoleon Fischer blieb sich der Pflicht seines Amtes bewusst. Statt +dessen redete der Minister, er ueberliess den unerhoerten, leider unter dem +Schutze der Immunitaet begangenen Angriff auf einen Abwesenden, der sich +nicht verteidigen konnte, dem Urteil des Hauses. Das Haus urteilte, indem +es dem Herrn Minister Beifall klatschte. Parlamentarisch war der Fall +erledigt, es eruebrigte nur noch, dass auch die Presse ihren Abscheu aeusserte +und, soweit sie nicht einwandfrei gesinnt war, ganz leicht dabei mit dem +Auge zwinkerte. Mehrere sozialdemokratische Blaetter, die die Vorsicht +ausser acht gelassen hatten, mussten ihren verantwortlichen Redakteur den +Gerichten ausliefern, so auch die Netziger "Volksstimme". Diederich +benutzte diesen Anlass, um zwischen sich und denen, die an dem Herrn +Regierungspraesidenten hatten zweifeln koennen, glatt das Tischtuch zu +zerschneiden. Er und Guste machten Besuch bei Wulckows. "Ich weiss aus +erster Quelle," sagte er nachher, "dem Mann ist die groesste Zukunft gewiss. +Er war neulich auf der Jagd mit Majestaet und hat einen grossartigen Witz +gerissen." Acht Tage spaeter brachte die "Woche" ein ganzseitiges Bildnis, +Glatze und Bart auf der einen Haelfte, ein Bauch auf der anderen, und dazu +die Unterschrift: "Regierungspraesident von Wulckow, der geistige Schoepfer +des Netziger Kaiser-Wilhelm-Denkmals, gegen den kuerzlich ein allgemein als +empoerend empfundener Angriff im Reichstag erfolgte und dessen Ernennung +zum Oberpraesidenten bevorsteht" ... Das Bild des Generaldirektors Hessling +mit Frau hatte nur eine Viertelseite eingenommen. Diederich ueberzeugte +sich, dass der gebuehrende Abstand wiederhergestellt war. Die Macht blieb, +auch unter den modernen Lebensbedingungen einer grosszuegigen +Oeffentlichkeit, unangreifbar wie je - was ihn trotz allem tief +befriedigte. Er ward hierdurch innerlich auf das guenstigste vorbereitet +fuer seine Festrede. + +Sie war entstanden in den ehrgeizigen Gesichten vom Schlaf gemiedener +Naechte und bei regem Gedankenaustausch mit Wolfgang Buck und besonders mit +Kaethchen Zillich, die fuer die Groesse des kommenden Ereignisses ein +merkwuerdig klares Verstaendnis zeigte. Am Schicksalstage, als Diederich, +das Herz klopfend gegen die Niederschrift seiner Rede, um halb elf mit +seiner Gattin beim Festplatz anfuhr, bot der Platz einen noch wenig +belebten, aber um so besser geordneten Anblick. Vor allem, der +Militaerkordon war schon gezogen! - und gelangte man auch nur nach +Gewaehrung aller Garantien hindurch, so lag doch eben hierin eine +feierliche Erhebung angesichts des nicht privilegierten Volkes, das hinter +unseren Soldaten und am Fuss einer grossen schwarzen Brandmauer in der Sonne +die schwitzenden Haelse reckte. Die Tribuenen, links und rechts von den +langen weissen Tuechern, hinter denen man Wilhelm den Grossen vermuten +durfte, empfingen den Schatten ihrer Zeltdaecher sowie zahlreicher Fahnen. +Links die Herren Offiziere waren, wie Diederich feststellte, durch ihre +ins Blut uebergegangene Disziplin befaehigt, sich und ihre Damen ohne fremde +Hilfe einzurichten; alle Strenge der polizeilichen Ueberwachung war nach +rechts verlegt, wo das Zivil sich um die Sitze balgte. Auch Guste gab sich +nicht zufrieden mit dem ihren, einzig das offizielle Festzelt gegenueber +dem Denkmal schien ihr wuerdig, sie aufzunehmen, sie war eine offizielle +Dame, Wulckow hatte es anerkannt. Diederich musste hin mit ihr, wenn er +kein Feigling war, aber natuerlich ward sein tollkuehner Angriff so +nachdruecklich zurueckgewiesen, wie er es vorausgesehen hatte. Der Form +wegen und damit Guste nicht an ihm zweifelte, verwahrte er sich gegen den +Ton des Polizeileutnants und waere beinahe verhaftet worden. Sein +Kronenorden vierter Klasse, seine schwarzweissrote Schaerpe und die Rede, +die er vorzeigte, retteten ihn gerade noch, konnten aber keineswegs, weder +vor der Welt noch vor ihm selbst, als vollwertiger Ersatz gelten fuer die +Uniform. Sie, die einzige wirkliche Ehre, gebrach ihm nun einmal, und +Diederich musste auch hier wieder bemerken, dass man ohne Uniform, trotz +sonstiger Erstklassigkeit, doch mit schlechtem Gewissen durchs Leben ging. + +Im Zustand der Aufloesung trat das Ehepaar Hessling seinen allseitig +bemerkten Rueckzug an, Guste blaeulich geschwollen in ihren Federn, Spitzen +und Brillanten. Diederich schnaufend und nach Kraeften den Bauch mit der +Schaerpe vorgestreckt, als breitete er die Nationalfarben ueber seine +Niederlage. So mussten sie hindurch zwischen dem Kriegerverein, der, +Eichenkraenze um die Zylinderhuete, unterhalb der Militaertribuene stand, an +seiner Spitze Kuehnchen als Landwehrleutnant, und den Ehrenjungfrauen +drueben, weiss mit schwarzweissroten Schaerpen und befehligt von Pastor +Zillich im Talar. Nun sie aber anlangten, wer sass, in der Haltung einer +Koenigin, auf Gustes Stuhl? Man war starr: Kaethchen Zillich. Hier fuehlte +Diederich sich denn doch bemuessigt, seinerseits ein Machtwort zu sprechen. +"Die Dame hat sich geirrt, der Platz ist nicht fuer die Dame", sagte er, +keineswegs zu Kaethchen Zillich, die er fuer ebenso fremd wie zweideutig zu +halten schien, sondern zu dem Aufsichtsbeamten - und haetten ihm auch nicht +die menschlichen Laute ringsum recht gegeben, Diederich stand hier fuer die +stummen Gewalten von Ordnung, Sitte und Gesetz, eher waere die Tribuene +eingestuerzt, als dass Kaethchen Zillich auf ihr verblieb ... Dennoch geschah +das Ausserordentliche, dass der Beamte unter Kaethchens ironischem Laecheln +die Achseln zuckte, und selbst der Schutzmann, den Diederich anrief, gab +nur einen weiteren unbegreiflichen Stuetzpunkt ab fuer den Uebergriff der +Unmoral. Diederich, betaeubt vor einer Welt, deren Betrieb gestoert schien, +liess es geschehen, dass Guste abgeschoben ward nach einer Sitzreihe ganz +oben, wobei sie mit Kaethchen Zillich einige die Gegensaetze betonende Worte +wechselte. Der Meinungsaustausch griff schon auf Unbeteiligte ueber und +drohte auszuarten: da schmetterte Musik los, der Einzugsmarsch der Gaeste +auf der Wartburg, und wirklich bezogen sie das offizielle Zelt, voran +Wulckow, unverkennbar trotz seiner roten Husarenuniform, zwischen einem +Herrn in Frack und Ordensstern und einem hohen General. War es moeglich? +Noch zwei hohe Generale! Und ihre Adjutanten, Uniformen in allen Farben, +Sternenblitzen und ein Wuchs! "Wer ist der Gelbe, der Lange?" forschte +Guste innig. "Ist das ein schoener Mann!" - "Wollen Sie mich gefaelligst +nicht treten!" verlangte Diederich, denn auch sein Nachbar war +aufgesprungen, alle verrenkten sich, fieberten und schwelgten. "Sieh sie +dir an, Guste! Emmi ist eine Gans, dass sie nicht mitwollte. Das ist das +einzige, erstklassige Theater, es ist das Hoechste, da kann man nichts +machen!" - "Aber der mit den gelben Aufschlaegen!" schwaermte Guste. "Der +Schlanke! Der muss ein echter Aristokrat sein, das seh' ich gleich." +Diederich lachte wolluestig. "Da ist ueberhaupt keiner dabei, der nicht ein +echter Aristokrat ist, darauf kannst du Gift nehmen. Wenn ich dir sage, +ein Fluegeladjutant Seiner Majestaet ist hier!" - "Der Gelbe!" - "Persoenlich +hier!" + +Man suchte sich zurecht. "Der Fluegeladjutant! Zwei Divisionsgenerale, +Donnerwetter!" Und die schneidige Anmut der Begruessungen; sogar der +Buergermeister Doktor Scheffelweis ward aus seinem bescheidenen Hintergrund +gezogen und durfte in seiner Train-Reserveleutnantsuniform stramm stehen +vor seinen hohen Vorgesetzten. Herr von Quitzin als Ulan besichtigte durch +sein Monokel den Grund und Boden der Veranstaltung, der voruebergehend ihm +selbst gehoert hatte. Wulckow aber, der rote Husar, brachte die volle +Bedeutung eines Regierungspraesidenten erst jetzt zur Geltung, wo er +salutierend das gewaltige, von Schnueren umrahmte Profil seiner unteren +Koerperteile hervorkehrte. "Das sind die Saeulen unserer Macht!" rief +Diederich in die wuchtigen Klaenge des Einzugsmarsches. "Solange wir solche +Herren haben, werden wir der Schrecken der ganzen Welt sein!" Und voll +ueberwaeltigenden Dranges, in der Meinung, seine Stunde sei da, stuerzte er +hinunter, nach dem Rednerpodium. Aber der Schutzmann, der es bewachte, +trat ihm entgegen. "Nee, nee, Sie komm' noch nich'ran", sagte der +Schutzmann. Jaeh in seinem Schwunge gehemmt, stiess Diederich gegen einen +Aufsichtsbeamten, der ihm nachgesetzt hatte: derselbe wie vorhin, ein +Magistratsdiener, der ihm versicherte, er wisse wohl, der Platz der Dame +mit den gelben Haaren gehoere dem Herrn Stadtverordneten, "aber auf hoeheren +Befehl hat ihn die Dame gekriegt". Das weitere verriet der Mann in +ersterbendem Fluesterton, und Diederich entliess ihn mit einer Bewegung, die +sagte: "Dann allerdings." Der Fluegeladjutant Seiner Majestaet! Dann +allerdings! Diederich ueberlegte, ob es nicht geboten sei, umzukehren und +Kaethchen Zillich oeffentlich seine Huldigung zu entbieten. + +Er kam nicht mehr dazu, Oberst von Haffke kommandierte der Fahnenkompagnie +Ruehrt euch, und auch Kuehnchen liess seine Krieger sich ruehren; hinter dem +Festzelt intonierte die Regimentsmusik: Vortreten zum Beten. Dies geschah, +sowohl von seiten der Ehrenjungfrauen wie des Kriegervereins. Kuehnchen in +seiner historischen Landwehruniform, die ausser vom Eisernen Kreuz von +einem ruhmreichen Flicken geziert ward - denn hier war eine franzoesische +Kugel hindurchgegangen, traf inmitten des Gelaendes auf Pastor Zillich in +seinem Talar - auch die Fahnenkompagnie fand sich ein, und man gab unter +dem Vortritt Zillichs dem alten Alliierten die Ehre. Auf der Ziviltribuene +ward das Publikum von den Beamten gehalten, sich zu erheben, die Herren +Offiziere taten es von selbst. Ueberdies stimmte die Kapelle "Ein' feste +Burg" an. Zillich schien trotzdem noch irgend etwas vorzuhaben, aber der +Oberpraesident, offenbar in der Annahme, dass der alte Alliierte nun genug +habe, liess sich, gelblichen Gesichts, auf seinen Sessel nieder, rechts von +ihm der bluehende Fluegeladjutant, links die Divisionsgenerale. Als die +ganze Versammlung im offiziellen Zelt nach den ihr innewohnenden Gesetzen +gruppiert war, sah man den Regierungspraesidenten von Wulckow einen Wink +erteilen, infolgedessen ein Schutzmann sich in Bewegung setzte. Er begab +sich zu seinem Kollegen, der das Rednerpodium bewachte, worauf dieser das +Wort an Diederich richtete. "Na, nu komm Se man 'ran", sagte der +Schutzmann. + +Diederich gab acht, dass er beim Hinaufsteigen nicht stolperte, denn die +Beine waren ihm ploetzlich weich geworden, auch sah er verschwommen. Nach +einigem Schnaufen unterschied er im kahlen Umkreis ein Baeumchen, das keine +Blaetter hatte, aber mit schwarzweissroten Blueten aus Papier uebersaet war. +Der Anblick des Baeumchens gab ihm Gedaechtnis und Kraft zurueck; er begann. + +"Eure Exzellenzen! Hoechste, hohe und geehrte Herren! + +Hundert Jahre sind es, dass der grosse Kaiser, dessen Denkmal der Enthuellung +harrt durch den Vertreter Seiner Majestaet, uns und dem Vaterlande +geschenkt ward; gleichzeitig aber - das macht diese Stunde noch +bedeutsamer - ist fast ein Jahrzehnt vergangen, seit sein grosser Enkel den +Thron bestiegen hat! Wie sollten wir da nicht vor allem auf die grosse +Zeit, die wir selbst miterleben durften, einen stolzen und dankbaren +Rueckblick werfen." + +Diederich warf ihn. Er feierte abwechselnd den beispiellosen Aufschwung +der Wirtschaft und des nationalen Gedankens. Laengere Zeit verweilte er +beim Ozean. "Der Ozean ist unentbehrlich fuer Deutschlands Groesse. Der Ozean +beweist uns, dass auf ihm und jenseits von ihm ohne Deutschland und ohne +den Deutschen Kaiser keine Entscheidung mehr fallen darf, denn das +Weltgeschaeft ist heute das Hauptgeschaeft!" Aber nicht nur vom +geschaeftlichen Standpunkt, noch mehr geistig und sittlich war der +Aufschwung ein beispielloser zu nennen. Wie sah es denn frueher aus mit +uns? Diederich entwarf ein wenig schmeichelhaftes Bild des aelteren +Geschlechts, das durch eine einseitige humanitaere Bildung zu zuchtlosen +Anschauungen verfuehrt, in nationaler Hinsicht noch keinen Komment gehabt +hatte. Wenn das jetzt gruendlich anders geworden war, wenn wir, im +berechtigten Selbstgefuehl, das tuechtigste Volk Europas und der Welt zu +sein, von Noerglern und Elenden abgesehen, nur noch eine einzige nationale +Partei bildeten, wem verdankten wir es? Allein Seiner Majestaet, antwortete +Diederich. "Er hat den Buerger aus dem Schlummer geruettelt, sein erhabenes +Beispiel hat uns zu dem gemacht, was wir sind!" - wobei Diederich sich auf +die Brust schlug. "Seine Persoenlichkeit, seine einzige, unvergleichliche +Persoenlichkeit ist stark genug, dass wir allesamt uns efeuartig an ihr +emporranken duerfen!" rief er aus, obwohl es nicht in seinem Entwurf stand. +"Was Seine Majestaet der Kaiser zum Wohl des deutschen Volkes beschliesst, +dabei wollen wir ihm jubelnd behilflich sein, ob wir nun edel sind oder +unfrei. Auch der einfache Mann aus der Werkstatt ist willkommen!" fuegte er +wieder aus dem Stegreif hinzu, jaeh inspiriert durch den Geruch des +schwitzenden Volkes hinter dem Militaerkordon; denn der Wind, der aufkam, +trug ihn her. + +"In staunender Weise ertuechtigt, voll hoher sittlicher Kraft zu positiver +Betaetigung, und in unserer blanken Wehr der Schrecken aller Feinde, die +uns neidisch umdrohen, so sind wir die Elite unter den Nationen und +bezeichnen eine zum ersten Male erreichte Hoehe germanischer Herrenkultur, +die bestimmt niemals und von niemandem, er sei wer er sei, wird ueberboten +werden koennen!" + +Hier sah man den Oberpraesidenten mit dem Kopf nicken, indes der +Fluegeladjutant die Haende gegeneinander bewegte: da brachen die Tribuenen in +Beifall aus. Bei den Zivilisten wehten Taschentuecher, Guste liess es im +Wind flattern, und, trotz der Unstimmigkeit von vorhin, auch Kaethchen +Zillich. Diederich, im Herzen leicht wie die wehenden Taschentuecher, nahm +seinen hohen Flug wieder auf. + +"Eine solche, nie dagewesene Bluete aber erreicht ein Herrenvolk nicht in +einem schlaffen, faulen Frieden: nein, sondern unser alter Alliierter hat +es fuer notwendig gehalten, das deutsche Gold im Feuer zu bewahren. Durch +den Schmelzofen von Jena und Tilsit haben wir hindurchgemusst, und +schliesslich ist es uns doch gelungen, siegreich ueberall unsere Fahnen +aufzupflanzen und auf dem Schlachtfelde die deutsche Kaiserkrone zu +schmieden!" + +Und er erinnerte an das pruefungsreiche Leben Wilhelms des Grossen, woraus +wir, wie Diederich feststellte, erkannten, dass der Weltenschoepfer das Volk +im Auge behaelt, das er sich erwaehlt hat, und sich auch das entsprechende +Instrument baut. Der grosse Kaiser seinerseits hatte sich hierueber niemals +Irrtuemern hingegeben, dies ward besonders deutlich in dem grossen +historischen Augenblick, wo er als Koenig von Gottes Gnaden, das Zepter in +der einen und das Reichsschwert in der anderen Hand, nur Gott die Ehre gab +und von ihm die Krone nahm. In erhabenem Pflichtgefuehl hatte er es weit +von sich gewiesen, dem Volk die Ehre zu geben und vom Volk die Krone zu +nehmen, und nicht zurueckgeschreckt war er vor der furchtbaren +Verantwortung gegenueber Gott allein, von der kein Minister, kein Parlament +ihn hatte entbinden koennen! Diederichs Stimme bebte ergriffen. "Dies +erkennt das Volk denn auch an, indem es die Persoenlichkeit des +dahingegangenen Kaisers geradezu vergoettert. Hat er doch Erfolg gehabt; +und wo der Erfolg ist, da ist Gott! Im Mittelalter waere Wilhelm der Grosse +heilig gesprochen worden. Heute setzen wir ihm ein erstklassiges Denkmal!" + +Wieder nickte der Oberpraesident und loeste damit wieder ungestueme +Zustimmung aus. Die Sonne war fort, es wehte kaelter; und als sei er +angeregt durch den verduesterten Himmel, ging Diederich zu einer +tiefernsten Frage ueber. + +"Wer hat sich ihm nun in den Weg gestellt, vor seinem hohen Ziel? Wer war +der Feind des grossen Kaisers und seines kaisertreuen Volkes? Der von ihm +gluecklich zerschmetterte Napoleon hatte seine Krone nicht von Gott, +sondern vom Volk, daher! Das gibt dem Richterspruch der Geschichte erst +seinen ewigen, ueberwaeltigenden Sinn!" Hier unternahm Diederich es, zu +malen, wie es in dem demokratisch verseuchten, daher von Gott verlassenen +Reich Napoleons des Dritten ausgesehen habe. Der in leerer Religiositaet +versteckte krasse Materialismus hatte den unbedenklichsten Geschaeftssinn +grossgezogen, Missachtung des Geistes schloss ihr natuerliches Buendnis mit +niederer Genussgier. Der Nerv der Oeffentlichkeit war Reklamesucht, und +jeden Augenblick schlug sie um in Verfolgungssucht. Im Aeussern nur auf das +Prestige gestellt, im Innern nur auf die Polizei, ohne andern Glauben als +die Gewalt, trachtete man nach nichts als nach Theaterwirkung, trieb +ruhmredigen Pomp mit der vergangenen Heldenepoche, und der einzige Gipfel, +den man wirklich erreichte, war der des Chauvinismus ... "Von all dem +wissen wir nichts!" rief Diederich und reckte die Hand gegen den Zeugen +dort oben. "Darum kann es mit uns nie und nimmer das Ende mit Schrecken +nehmen, das dem Kaiserreich unseres Erbfeindes vorbehalten war!" + +An dieser Stelle blitzte es: zwischen dem Militaerkordon und der +Brandmauer, in der Gegend, wo das Volk zu vermuten war, durchzuckte es +grell die schwarze Wolke, und ein Donnerschlag folgte, der entschieden zu +weit ging. Die Herren im offiziellen Zelt bekamen missbilligende Mienen, +und der Oberpraesident hatte gezuckt. Auf der Offizierstribuene litt +selbstverstaendlich die Haltung nicht im geringsten, beim Zivil machte sich +immerhin eine gewisse Unruhe merklich. Diederich brachte das Gekreisch zum +Verstummen, denn er rief, gleichfalls donnernd: "Unser alter Alliierter +bezeugt es! Wir sind nicht so! Wir sind ernst, treu und wahr! Deutsch +sein, heisst eine Sache um ihrer selbst willen tun! Wer von uns haette je +aus seiner Gesinnung ein Geschaeft gemacht? Wo gar waeren die bestechlichen +Beamten? Biederkeit des Mannes eint hier sich weiblicher Reine, denn das +Weibliche zieht uns hinan, nicht ist es uns Werkzeug unedlen Vergnuegens. +Das strahlende Bild echt deutschen Wesens aber erhebt sich auf dem Boden +des Christentums, und das ist der einzig richtige Boden, denn jede +heidnische Kultur, mag sie noch so schoen und herrlich sein, wird bei der +ersten Katastrophe erliegen; und die Seele deutschen Wesens ist die +Verehrung der Macht, der ueberlieferten und von Gott geweihten Macht, gegen +die man nichts machen kann. Darum sollen wir nach wie vor die hoechste +Pflicht in der Verteidigung des Vaterlandes sehen, die hoechste Ehre im +Rock des Koenigs und die hoechste Arbeit im Waffenhandwerk!" + +Der Donner grollte, wenn auch eingeschuechtert, wie es schien, durch +Diederichs immer gewaltigere Stimme; dagegen fielen Tropfen, die man +einzeln hoerte, so schwer waren sie. + +"Aus dem Lande des Erbfeindes," schrie Diederich, "waelzt sich immer wieder +die Schlammflut der Demokratie her, und nur deutsche Mannhaftigkeit und +deutscher Idealismus sind der Damm, der sich ihr entgegenstellt. Die +vaterlandslosen Feinde der goettlichen Weltordnung aber, die unsere +staatliche Ordnung untergraben wollen, die sind auszurotten bis auf den +letzten Stumpf, damit, wenn wir dereinst zum himmlischen Appell berufen +werden, dass dann ein jeder mit gutem Gewissen vor seinen Gott und seinen +alten Kaiser treten kann, und wenn er gefragt wird, ob er aus ganzem +Herzen fuer des Reiches Wohl mitgearbeitet habe, er an seine Brust schlagen +und offen sagen darf: Ja!" + +Wobei Diederich sich einen solchen Schlag auf die Brust versetzte, dass ihm +die Luft ausblieb. Die notgedrungene Pause, die er eintreten liess, +benutzte die Ziviltribuene, um durch Unruhe zu bekunden, dass sie seine Rede +fuer beendet halte; denn das Gewitter stand jetzt genau ueber den Koepfen der +Festversammlung, und im schwefelgelben Licht, einzeln, langsam und als +warnten sie, klopften immerfort diese eigrossen Regentropfen ... Diederich +hatte wieder Luft. + +"Wenn jetzt die Huelle faellt," begann er mit neuem Schwung, "wenn zum Gruss +die Fahnen und Standarten sich neigen, die Degen sich senken und Bajonette +im Praesentiergriff blitzen -" Da krachte es im Himmel so ungeheuerlich, +dass Diederich sich duckte und, bevor er es sich versah, unter seinem Pult +hockte. Zum Glueck kam er wieder hervor, ohne dass sein Verschwinden bemerkt +worden waere, denn allen war es aehnlich ergangen. Kaum dass noch jemand +hoerte, wie Diederich Seine Exzellenz den Herrn Oberpraesidenten bat, er +moege geruhen zu befehlen, dass die Huelle falle. Immerhin trat der +Oberpraesident vor das offizielle Zelt hinaus, er war gelber als es seine +Natur war, das Funkeln seines Sterns war erloschen, und er sagte schwach: +"Im Namen Seiner Majestaet befehle ich: die Huelle falle" - woraus sie fiel. +Auch ertoente die Wacht am Rhein. Und der Anblick Wilhelms des Grossen, wie +er durch die Luft ritt, in der Haltung eines Familienvaters, aber umringt +von allen Furchtbarkeiten der Macht, staehlte die Untertanen noch einmal +gegen die Drohungen von oben, das Kaiserhoch des Oberpraesidenten fand +lebhaften Widerhall. Freilich, die Klaenge von Heil dir im Siegerkranz +gaben Seiner Exzellenz das Zeichen, dass sie sich nun bis an den Fuss des +Denkmals zu begeben, es zu besichtigen und den Schoepfer, der schon +wartete, durch eine Anrede auszuzeichnen hatten. Jeder begriff es, dass der +hohe Herr zweifelnd den Blick zum Himmel richtete; aber, wie nicht anders +zu erwarten stand, siegte sein Pflichtgefuehl, und siegte um so glaenzender, +als er der einzige Herr im Frack war unter so vielen tapferen Militaers. Er +wagte sich kuehn hinaus, hin ging er unter den grossen langsamen Tropfen, +und mit ihm Ulanen, Kuerassiere, Husaren und Train ... Schon war die +Inschrift "Wilhelm der Grosse" zur Kenntnis genommen worden, der Schoepfer, +durch eine Anrede ausgezeichnet, bekam seinen Orden, und gerade sollte +auch der geistige Schoepfer Hessling vorgestellt und geschmueckt werden, da +platzte der Himmel. Er platzte ganz und auf einmal, mit einer Heftigkeit, +die einem lange verhaltenen Ausbruch glich. Bevor noch die Herren sich +umgedreht hatten, standen sie im Wasser bis an die Knoechel, Seiner +Exzellenz lief es aus Aermeln und Hosen. Die Tribuenen verschwanden hinter +Stuerzen Wassers, wie auf fern wogendem Meer erkannte man, dass die +Zeltdaecher sich gesenkt hatten unter der Wucht des Wolkenbruches, in ihren +nassen Umschlingungen waelzten links und rechts sich schreiende Massen. Die +Herren Offiziere machten gegen die Elemente von der blanken Waffe +Gebrauch, durch Schnitte in das Segeltuch bahnten sie sich den Ausweg. Das +Zivil gelangte nur als graue Wickelschlange hinab, die mit wilden +Zuckungen im ueberschwemmten Gelaende badete. Unter solchen Umstaenden sah +der Oberpraesident es ein, dass der weitere Verlauf des Festprogramms aus +Zweckmaessigkeitsgruenden zu unterbleiben habe. Blitzeumlodert und +wasserspritzend wie ein Springbrunnen, trat er einen beschleunigten +Rueckzug an, und ihm nach der Fluegeladjutant, die beiden Divisionsgenerale, +Dragoner, Husaren, Ulanen und Train. Unterwegs erinnerten Seine Exzellenz +sich des noch immer an ihrem Finger haengenden Ordens fuer den geistigen +Schoepfer, und pflichttreu bis zum Aeussersten, aber bestrebt, jeden +Aufenthalt zu vermeiden, haendigten sie ihn, laufend und wasserspritzend, +dem Praesidenten von Wulckow aus. Wulckow seinerseits begegnete einem +Schutzmann, der den Ereignissen noch standhielt, und betraute ihn mit der +Uebergabe der Allerhoechsten Auszeichnung, worauf der Schutzmann durch Sturm +und Grausen irrte, auf der Suche nach Diederich. Schliesslich fand er ihn +unter dem Rednerpult im Wasser hockend. "Da hamse 'n Willemsorden", sagte +der Schutzmann und machte, dass er weiterkam, denn gerade schlug ein Blitz +ein, so nahe, als sollte er die Verleihung des Ordens verhindern. +Diederich hatte nur geseufzt. + +Als er es endlich unternahm, mit einer Gesichtshaelfte auf die Erde zu +spaehen, war der Umsturz auf ihr noch immer im Wachsen. Drueben die grosse +schwarze Brandmauer klaffte und ging daran, umzufallen, samt dem Haus +dahinter. Ueber einen Knaeuel von Geschoepfen in jagendem Geisterlicht, +schwefelgelb und blau, baeumten sich die Pferde der Paradekutschen und +nahmen Reissaus. Gluecklich das nicht privilegierte Volk, das draussen und +ueber alle Berge war; die Besitzenden und Gebildeten dagegen waren in der +Lage, dass sie auf ihren Koepfen schon die fliegenden Truemmer des Umsturzes +fuehlten, samt dem Feuer von oben. Kein Wunder, wenn die Umstaende ihr +Verhalten bestimmten und manche Damen, in nicht kommentmaessiger Weise vom +Ausgang zurueckgestossen, schlankweg uebereinander rollten. Nur ihrer +Tapferkeit vertrauend, machten die Herren Offiziere gegen jeden, der sich +ihnen entgegenstellte, von ihren Machtmitteln Gebrauch - indes +Fahnentuecher, losgerissen im Sturm von den Ueberresten der Tribuenen und des +offiziellen Zeltes, schwarzweissrot durch die Luft sausten, den Kaempfern um +die Ohren. Dazu, hoffnungslos wie die Dinge standen, spielte die +Regimentsmusik immer weiter Heil dir im Siegerkranz, spielte selbst nach +der Durchbrechung des Militaerkordons und der Weltordnung, spielte wie auf +einem untergehenden Schiff dem Entsetzen auf und der Aufloesung. Ein neuer +Anlauf des Orkans warf auch sie auseinander - und Diederich, die Augen +zugedrueckt und schwindelnd des Endes von allem gewaertig, tauchte zurueck in +die kuehle Tiefe seines Rednerpultes, das er umklammerte wie das letzte auf +Erden. Sein Abschiedsblick aber hatte umfasst, was ueber alle Begriffe war: +das Gehege, das schwarzweissrot behangene rund um den Volkspark, +zusammengebrochen, niedergelegt durch das Gewicht der auf ihm Lastenden, +und dann dies Drunter und Drueber, dies Umeinanderkugeln, Sichaufhaeufen und +Abrutschen, dies Kopfstehen und Dem-anderen-sich-ins-Gesicht-Setzen - und +dies Gefegtwerden von den Peitschen der Hoehe, unter Stroemen Feuers, diesen +Kehraus, wie der einer betrunkenen Maskerade, Kehraus von Edel und Unfrei, +vornehmstem Rock und aus dem Schlummer erwachtem Buerger, einzigen Saeulen, +gottgesandten Maennern, idealen Guetern, Husaren, Ulanen, Dragonern und +Train! + +Aber die apokalyptischen Reiter flogen weiter; Diederich merkte es, sie +hatten nur ein Manoever abgehalten fuer den Juengsten Tag, der Ernstfall war +es nicht. Unter Vorbehalt verliess er seine Zuflucht und stellte fest, dass +es nur noch goss, und dass Kaiser Wilhelm der Grosse noch da war, mit allem +Zubehoer der Macht. Diederich hatte die ganze Zeit das Gefuehl gehabt, das +Denkmal sei zerschmettert und weggeschwommen. Der Festplatz freilich sah +aus wie eine wueste Erinnerung, keine Seele belebte seine Truemmer. Doch, da +hinten bewegte sich eine, sie trug sogar Ulanenuniform: Herr von Quitzin, +der das eingestuerzte Haus besichtigte. Dem Blitz erlegen, rauchte es +hinter den Resten seiner grossen schwarzen Brandmauer; und in der Flucht +aller hatte nur Herr von Quitzin standgehalten, denn ihn staerkte ein +Gedanke. Diederich sah ihm ins Herz. "Das Haus", dachte Herr von Quitzin, +"haetten wir auch noch loswerden sollen an das Pack. Aber nicht zu machen +gewesen, haben es mit aller Gewalt nicht durchgedrueckt. Na nu kriege ich +die Versicherung. Es gibt einen Gott." Und dann ging er der Feuerwehr +entgegen, die zum Glueck nicht mehr wesentlich eingreifen konnte in das +Geschaeft. + +Auch Diederich, durch das Beispiel ermutigt, machte sich auf den Weg. Er +hatte seinen Hut verloren, am Boden seiner Schuhe schlenkerte Wasser, und +in der rueckwaertigen Erweiterung der Beinkleider trug er eine Pfuetze mit +sich herum. Da ein Wagen nicht erreichbar schien, beschloss er, die innere +Stadt zu durchqueren. Die Winkel der alten Strassen fingen den Wind ab, ihm +ward es waermer. "Von einem Katarrh ist nicht die Rede. Guste soll mir aber +doch einen Wickel um den Bauch machen. Wenn sie nur gefaelligst keine +Influenza ins Haus einschleppt!" Nach dieser Sorge erinnerte er sich +seines Ordens: "Der Wilhelms-Orden, Stiftung Seiner Majestaet, wird nur +verliehen fuer hervorragende Verdienste um die Wohlfahrt und Veredelung des +Volkes ... Den haben wir!" sagte Diederich laut in der leeren Gasse. "Und +wenn es Dynamit regnet!" Der Umsturz der Macht von seiten der Natur war +ein Versuch mit unzulaenglichen Mitteln gewesen. Diederich zeigte dem +Himmel seinen Wilhelms-Orden und sagte "Etsch" - worauf er ihn sich +ansteckte, neben den Kronenorden vierter Klasse. + +In der Fleischhauergrube hielten mehrere Fuhrwerke: merkwuerdig, vor dem +Haus des alten Buck. Eins war noch dazu ein Landwagen. Sollte etwa -? +Diederich spaehte in das Haus: die glaeserne Flurtuer stand +ausserordentlicherweise offen, so als wuerde jemand erwartet, der selten +kam. Feierlich still die weite Diele, nur, wie er an der Kueche +vorbeischlich, ein Wimmern: die alte Magd, mit dem Gesicht auf den Armen. +"Also ist es so weit" - und ploetzlich ward Diederich von einem Schauer +angeruehrt, er blieb stehen, bereit, den Rueckzug anzutreten. "Dabei habe +ich nichts zu tun ... Doch! Dabei habe ich zu tun, denn hier ist jedes +Stueck mein, ich habe die Pflicht, dafuer zu sorgen, dass sie mir nachher +nichts forttragen." Aber nicht nur dies draengte ihn vorwaerts; +Schwierigeres und Tieferes kuendigte sich an mit Schnaufen und +Bauchklemmen. Gehaltenen Schrittes erstieg er die flachen alten Stufen und +dachte: "Respekt vor einem tapferen Feind, wenn er das Feld der Ehre +deckt! Gott hat gerichtet, ja, ja, so geht es, keiner kann sagen, ob er +nicht eines Tages -. Na hoeren Sie, es gibt denn doch Unterschiede, eine +Sache ist gut oder nicht gut. Und fuer den Ruhm der guten Sache soll man +nichts versaeumen, unser alter Kaiser hat sich wahrscheinlich auch +zusammennehmen muessen, als er nach Wilhelmshoehe zu dem gaenzlich erledigten +Napoleon ging." + +Hier war er schon im Zwischengeschoss und betrat vorsichtig den langen +Gang, an dessen Ende die Tuer offen, auch hier wieder offen stand. Sich +gegen die Wand druecken, und einen Blick hinein. Ein Bett, mit dem Fuss +hergewendet, darin lehnte an gehaeuften Kissen der alte Buck und schien +nicht bei sich. Kein Laut; war er denn allein? Behutsam auf die Gegenseite +- nun sah man die verhaengten Fenster und davor im Halbkreis die Familie: +dem Bett zunaechst Judith Lauer ganz starr, dann Wolfgang mit einem +Gesicht, das niemand erwartet haette; zwischen den Fenstern die +zusammengedraengte Herde der fuenf Toechter neben dem bankerotten Vater, der +nicht einmal mehr elegant war; weiterhin der verbauerte Sohn mit seiner +stumpfblickenden Frau, und endlich Lauer, der gesessen hatte. Mit gutem +Grund hielten alle sich so still; zu dieser Stunde verloren sie die letzte +Aussicht, noch einmal mitzureden! Sie waren obenauf gewesen und hatten +sich in Sicherheit gewiegt, solange der Alte standhielt. Er war gefallen, +und sie mit, er verschwand, und sie alle mit. Er hatte immer nur auf +Flugsand gestanden, da er nicht auf der Macht stand. Nichtig Ziele, die +fortfuehrten von der Macht! Fruchtlos der Geist, denn nichts hinterliess er +als Verfall! Verblendung jeder Ehrgeiz, der nicht Faeuste hatte und Geld in +den Faeusten! + +Woher aber dies Gesicht, das Wolfgang hatte? Es sah nicht aus wie Trauer, +obwohl Traenen aus seinen dort hinueberverlangenden Augen fielen; es sah aus +wie Neid, gramvoller Neid. Was hatten die anderen? Judith Lauer, deren +Brauen sich dunkel zusammenzogen, ihr Mann, der aufseufzte - und die Frau +des Aeltesten sogar faltete vor dem Gesicht ihre Arbeiterinnenhaende. +Diederich, in entschlossener Haltung, stellte sich mitten vor die Tuer. Es +war dunkel im Gang, die da sahen nicht, und mochten sie; aber der Alte? +Sein Gesicht war genau hierhergerichtet, und wo es hinsah, ahnte man +dennoch mehr als hier war, Erscheinungen, die niemand ihm verstellen +konnte. Ihren Widerschein in seinen ueberraschten Augen, oeffnete er auf den +Kissen langsam die Arme, versuchte sie zu heben, hob, bewegte sie, winkend +und empfangend - wen doch? Wie viele wohl, mit so langem Winken und +Empfangen? Ein ganzes Volk, sollte man glauben, und welchen Wesens, dass es +durch sein Kommen dies geisterhafte Glueck hervorrief in den Zuegen des +alten Buck? + +Da erschrak er, als sei er einem Fremden begegnet, der Grauen mitbrachte: +erschrak und rang nach Atem. Diederich, ihm gegenueber, machte sich noch +strammer, woelbte die schwarzweissrote Schaerpe, streckte die Orden vor, und +fuer alle Faelle blitzte er. Der Alte liess auf einmal den Kopf fallen, tief +vornueber fiel er ganz, wie gebrochen. Die Seinen schrien auf. Vom +Entsetzen gedaempft, rief die Frau des Aeltesten: "Er hat etwas gesehen! Er +hat den Teufel gesehen!" Judith Lauer stand langsam auf und schloss die +Tuer. Diederich war schon entwichen. + + + + + + + BEMERKUNGEN ZUR TEXTGESTALT + + +Die Originalausgabe ist in Fraktur gesetzt. Einzelne Woerter aus fremden +Sprachen in Antiqua (bis auf den Titel "Dr.") und gesperrt gesetzte +Passagen sind hier durch Unterstrich (_) gekennzeichnet. + +Inkonsistente Zeichensetzung, insbesondere bei woertlicher Rede, und +Schreibweisenvariationen wurden nicht veraendert, bis auf folgende +offensichtliche Druckfehler: + + Seite 25: Punkt ergaenzt hinter "aufschlug" + Seite 96: Punkt ergaenzt hinter "mehr" + Seite 100: Punkt ergaenzt hinter "sollte" + Seite 126: "Diedrich" geaendert in "Diederich" + Seite 148: Punkt geaendert in Komma hinter "verstummt" + Seite 162: "aufzuspi ssen" geaendert in "aufzuspiessen" + Seite 163: Punkt ergaenzt hinter "Haltung" + Seite 179: "se bst" geaendert in "selbst" + Seite 190: Anfuehrungszeichen ergaenzt hinter "moechte." + Seite 200: Punkt ergaenzt hinter "erlegen", "Diederichs" geaendert in + "Diederich" + Seite 202: Punkt ergaenzt hinter "Cie" und hinter "dabei" + Seite 238: "Wulckowin" geaendert in "Wulckow in" + Seite 243: "Offentlichkeit" geaendert in "Oeffentlichkeit" + Seite 315: "Praes denten" geaendert in "Praesidenten" + Seite 316: Anfuehrungszeichen ergaenzt hinter "Fabrikantentochter." + Seite 337: Anfuehrungszeichen entfernt vor "Guste" und ergaenzt vor + "Er" + Seite 474: Anfuehrungszeichen ergaenzt hinter "grossen G" + + + + + +***END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DER UNTERTAN*** + + + + CREDITS + + +November 24, 2011 + + Project Gutenberg TEI edition 1 + Produced by Jana Srna, Jens Sadowski and the Online + Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net + + + + A WORD FROM PROJECT GUTENBERG + + +This file should be named 38126.txt or 38126.zip. + +This and all associated files of various formats will be found in: + + + http://www.gutenberg.org/dirs/3/8/1/2/38126/ + + +Updated editions will replace the previous one -- the old editions will be +renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no one +owns a United States copyright in these works, so the Foundation (and +you!) can copy and distribute it in the United States without permission +and without paying copyright royalties. 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