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+The Project Gutenberg EBook of Der Untertan by Heinrich Mann
+
+
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with almost no
+restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under
+the terms of the Project Gutenberg License included with this eBook or
+online at http://www.gutenberg.org/license
+
+
+
+Title: Der Untertan
+
+Author: Heinrich Mann
+
+Release Date: November 24, 2011 [Ebook #38126]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: UTF‐8
+
+
+***START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DER UNTERTAN***
+
+
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+ Heinrich Mann
+
+ Der Untertan
+
+ Roman
+
+
+
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+ Kurt Wolff Verlag
+ Leipzig-Wien
+
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+
+ Der Roman wurde abgeschlossen Anfang Juli 1914
+
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+ Vierundfünfzigstes bis zweiundachtzigstes Tausend
+
+ Gedruckt in der Spamerschen Buchdruckerei in Leipzig
+ Copyright Kurt Wolff Verlag, Leipzig, 1918
+
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+ I.
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+
+Diederich Heßling war ein weiches Kind, das am liebsten träumte, sich vor
+allem fürchtete und viel an den Ohren litt. Ungern verließ er im Winter
+die warme Stube, im Sommer den engen Garten, der nach den Lumpen der
+Papierfabrik roch und über dessen Goldregen- und Fliederbäumen das
+hölzerne Fachwerk der alten Häuser stand. Wenn Diederich vom Märchenbuch,
+dem geliebten Märchenbuch, aufsah, erschrak er manchmal sehr. Neben ihm
+auf der Bank hatte ganz deutlich eine Kröte gesessen, halb so groß wie er
+selbst! Oder an der Mauer dort drüben stak bis zum Bauch in der Erde ein
+Gnom und schielte her!
+
+Fürchterlicher als Gnom und Kröte war der Vater, und obendrein sollte man
+ihn lieben. Diederich liebte ihn. Wenn er genascht oder gelogen hatte,
+drückte er sich so lange schmatzend und scheu wedelnd am Schreibpult
+umher, bis Herr Heßling etwas merkte und den Stock von der Wand nahm. Jede
+nicht herausgekommene Untat mischte in Diederichs Ergebenheit und
+Vertrauen einen Zweifel. Als der Vater einmal mit seinem invaliden Bein
+die Treppe herunterfiel, klatschte der Sohn wie toll in die Hände – worauf
+er weglief.
+
+Kam er nach einer Abstrafung mit gedunsenem Gesicht und unter Geheul an
+der Werkstätte vorbei, dann lachten die Arbeiter. Sofort aber streckte
+Diederich nach ihnen die Zunge aus und stampfte. Er war sich bewußt: „Ich
+habe Prügel bekommen, aber von meinem Papa. Ihr wäret froh, wenn ihr auch
+Prügel von ihm bekommen könntet. Aber dafür seid ihr viel zu wenig.“
+
+Er bewegte sich zwischen ihnen wie ein launenhafter Pascha; drohte ihnen
+bald, es dem Vater zu melden, daß sie sich Bier holten, und bald ließ er
+kokett aus sich die Stunde herausschmeicheln, zu der Herr Heßling
+zurückkehren sollte. Sie waren auf der Hut vor dem Prinzipal: er kannte
+sie, er hatte selbst gearbeitet. Er war Büttenschöpfer gewesen in den
+alten Mühlen, wo jeder Bogen mit der Hand geformt ward; hatte dazwischen
+alle Kriege mitgemacht und nach dem letzten, als jeder Geld fand, eine
+Papiermaschine kaufen können. Ein Holländer und eine Schneidemaschine
+vervollständigten die Einrichtung. Er selbst zählte die Bogen nach. Die
+von den Lumpen abgetrennten Knöpfe durften ihm nicht entgehen. Sein
+kleiner Sohn ließ sich oft von den Frauen welche zustecken, dafür, daß er
+die nicht angab, die einige mitnahmen. Eines Tages hatte er so viele
+beisammen, daß ihm der Gedanke kam, sie beim Krämer gegen Bonbons
+umzutauschen. Es gelang – aber am Abend kniete Diederich, indes er den
+letzten Malzzucker zerlutscht, sich ins Bett und betete, angstgeschüttelt,
+zu dem schrecklichen lieben Gott, er möge das Verbrechen unentdeckt
+lassen. Er brachte es dennoch an den Tag. Dem Vater, der immer nur
+methodisch, Ehrenfestigkeit und Pflicht auf dem verwitterten
+Unteroffiziersgesicht, den Stock geführt hatte, zuckte diesmal die Hand,
+und in die eine Bürste seines silberigen Kaiserbartes lief, über die
+Runzeln hüpfend, eine Träne. „Mein Sohn hat gestohlen“, sagte er außer
+Atem, mit dumpfer Stimme, und sah sich das Kind an wie einen verdächtigen
+Eindringling. „Du betrügst und stiehlst. Du brauchst nur noch einen
+Menschen totzuschlagen.“
+
+Frau Heßling wollte Diederich nötigen, vor dem Vater hinzufallen und ihn
+um Verzeihung zu bitten, weil der Vater seinetwegen geweint habe! Aber
+Diederichs Instinkt sagte ihm, daß dies den Vater nur noch mehr erbost
+haben würde. Mit der gefühlsseligen Art seiner Frau war Heßling durchaus
+nicht einverstanden. Sie verdarb das Kind fürs Leben. Übrigens ertappte er
+sie geradeso auf Lügen wie den Diedel. Kein Wunder, da sie Romane las! Am
+Sonnabendabend war nicht immer die Wochenarbeit getan, die ihr aufgegeben
+war. Sie klatschte, anstatt sich zu rühren, mit dem Dienstmädchen ... Und
+Heßling wußte noch nicht einmal, daß seine Frau auch naschte, gerade wie
+das Kind. Bei Tisch wagte sie sich nicht satt zu essen und schlich
+nachträglich an den Schrank. Hätte sie sich in die Werkstatt getraut,
+würde sie auch Knöpfe gestohlen haben.
+
+Sie betete mit dem Kind „aus dem Herzen“, nicht nach Formeln, und bekam
+dabei gerötete Wangenknochen. Sie schlug es auch, aber Hals über Kopf und
+verzerrt von Rachsucht. Oft war sie dabei im Unrecht. Dann drohte
+Diederich, sie beim Vater zu verklagen; tat so, als ginge er ins Kontor,
+und freute sich irgendwo hinter einer Mauer, daß sie nun Angst hatte. Ihre
+zärtlichen Stunden nützte er aus; aber er fühlte gar keine Achtung vor
+seiner Mutter. Ihre Ähnlichkeit mit ihm selbst verbot es ihm. Denn er
+achtete sich selbst nicht, dafür ging er mit einem zu schlechten Gewissen
+durch sein Leben, das vor den Augen des Herrn nicht hätte bestehen können.
+
+Dennoch hatten die beiden von Gemüt überfließende Dämmerstunden. Aus den
+Festen preßten sie gemeinsam vermittels Gesang, Klavierspiel und
+Märchenerzählen den letzten Tropfen Stimmung heraus. Als Diederich am
+Christkind zu zweifeln anfing, ließ er sich von der Mutter bewegen, noch
+ein Weilchen zu glauben, und er fühlte sich dadurch erleichtert, treu und
+gut. Auch an ein Gespenst, droben auf der Burg, glaubte er hartnäckig, und
+der Vater, der hiervon nichts hören wollte, schien zu stolz, beinahe
+strafwürdig. Die Mutter nährte ihn mit Märchen. Sie teilte ihm ihre Angst
+mit vor den neuen, belebten Straßen und der Pferdebahn, die hindurchfuhr,
+und führte ihn über den Wall nach der Burg. Dort genossen sie das wohlige
+Grausen.
+
+Ecke der Meisestraße hinwieder mußte man an einem Polizisten vorüber, der,
+wen er wollte, ins Gefängnis abführen konnte! Diederichs Herz klopfte
+beweglich; wie gern hätte er einen weiten Bogen gemacht! Aber dann würde
+der Polizist sein schlechtes Gewissen erkannt und ihn aufgegriffen haben.
+Es war vielmehr geboten, zu beweisen, daß man sich rein und ohne Schuld
+fühlte – und mit zitternder Stimme fragte Diederich den Schutzmann nach
+der Uhr.
+
+
+
+Nach so vielen furchtbaren Gewalten, denen man unterworfen war, nach den
+Märchenkröten, dem Vater, dem lieben Gott, dem Burggespenst und der
+Polizei, nach dem Schornsteinfeger, der einen durch den ganzen Schlot
+schleifen konnte, bis man auch ein schwarzer Mann war, und dem Doktor, der
+einen im Hals pinseln durfte und schütteln, wenn man schrie – nach allen
+diesen Gewalten geriet nun Diederich unter eine noch furchtbarere, den
+Menschen auf einmal ganz verschlingende: die Schule. Diederich betrat sie
+heulend, und auch die Antworten, die er wußte, konnte er nicht geben, weil
+er heulen mußte. Allmählich lernte er den Drang zum Weinen gerade dann
+auszunutzen, wenn er nicht gelernt hatte – denn alle Angst machte ihn
+nicht fleißiger oder weniger träumerisch – und vermied so, bis die Lehrer
+sein System durchschaut hatten, manche üblen Folgen. Dem ersten, der es
+durchschaute, schenkte er seine ganze Achtung; er war plötzlich still und
+sah ihn, über den gekrümmten und vors Gesicht gehaltenen Arm hinweg voll
+scheuer Hingabe an. Immer blieb er den scharfen Lehrern ergeben und
+willfährig. Den gutmütigen spielte er kleine, schwer nachweisbare
+Streiche, deren er sich nicht rühmte. Mit viel größerer Genugtuung sprach
+er von einer Verheerung in den Zeugnissen, von einem riesigen
+Strafgericht. Bei Tisch berichtete er: „Heute hat Herr Behnke wieder drei
+durchgehauen.“ Und wenn gefragt ward, wen?
+
+„Einer war ich.“
+
+Denn Diederich war so beschaffen, daß die Zugehörigkeit zu seinem
+unpersönlichen Ganzen, zu diesem unerbittlichen, menschenverachtenden,
+maschinellen Organismus, der das Gymnasium war, ihn beglückte, daß die
+Macht, die kalte Macht, an der er selbst, wenn auch nur leidend,
+teilhatte, sein Stolz war. Am Geburtstag des Ordinarius bekränzte man
+Katheder und Tafel. Diederich umwand sogar den Rohrstock.
+
+Im Lauf der Jahre berührten zwei über Machthaber hereingebrochene
+Katastrophen ihn mit heiligem und süßem Schauder. Ein Hilfslehrer ward vor
+der Klasse vom Direktor heruntergemacht und entlassen. Ein Oberlehrer ward
+wahnsinnig. Noch höhere Gewalten, der Direktor und das Irrenhaus, waren
+hier gräßlich mit denen abgefahren, die bis eben so hohe Gewalt hatten.
+Von unten, klein aber unversehrt, durfte man die Leichen betrachten und
+aus ihnen eine die eigene Lage mildernde Lehre ziehen.
+
+Die Macht, die ihn in ihrem Räderwerk hatte, vor seinen jüngeren
+Schwestern vertrat Diederich sie. Sie mußten nach seinem Diktat schreiben
+und künstlich noch mehr Fehler machen, als ihnen von selbst gelangen,
+damit er mit roter Tinte wüten und Strafen austeilen konnte. Sie waren
+grausam. Die Kleinen schrien – und dann war es an Diederich, sich zu
+demütigen, um nicht verraten zu werden.
+
+Er hatte, den Machthabern nachzuahmen, keinen Menschen nötig; ihm genügten
+Tiere, sogar Dinge. Er stand am Rande des Holländers und sah die Trommel
+die Lumpen ausschlagen. „Den hast du weg! Untersteht euch noch mal! Infame
+Bande!“ murmelte Diederich, und in seinen blassen Augen glomm es.
+Plötzlich duckte er sich; fast fiel er in das Chlorbad. Der Schritt eines
+Arbeiters hatte ihn aufgestört aus seinem lästerlichen Genuß.
+
+Denn recht geheuer und seiner Sache gewiß fühlte er sich nur, wenn er
+selbst die Prügel bekam. Kaum je widerstand er dem Übel. Höchstens bat er
+den Kameraden: „Nicht auf den Rücken, das ist ungesund.“
+
+Nicht daß es ihm am Sinn für sein Recht und an Liebe zum eigenen Vorteil
+fehlte. Aber Diederich hielt dafür, daß Prügel, die er bekam, dem
+Schlagenden keinen praktischen Gewinn, ihm selbst keinen reellen Verlust
+zufügten. Ernster als diese bloß idealen Werte nahm er die Schaumrolle,
+die der Oberkellner vom „Netziger Hof“ ihm schon längst versprochen hatte
+und mit der er nie herausrückte. Diederich machte unzählige Male ernsten
+Schrittes den Geschäftsweg die Meisestraße hinauf zum Markt, um seinen
+befrackten Freund zu mahnen. Als der aber eines Tages von seiner
+Verpflichtung überhaupt nichts mehr wissen wollte, erklärte Diederich und
+stampfte ehrlich entrüstet auf: „Jetzt wird mir’s doch zu bunt! Wenn Sie
+nun nicht gleich herausrücken, sag’ ich’s Ihrem Herrn!“ Darauf lachte
+Schorsch und brachte die Schaumrolle.
+
+Das war ein greifbarer Erfolg. Leider konnte Diederich ihn nur hastig und
+in Sorge genießen, denn es war zu fürchten, daß Wolfgang Buck, der draußen
+wartete, darüber zukam und den Anteil verlangte, der ihm versprochen war.
+Indes fand er Zeit, sich sauber den Mund zu wischen, und vor der Tür brach
+er in heftige Schimpfreden auf Schorsch aus, der ein Schwindler sei und
+gar keine Schaumrolle habe. Diederichs Gerechtigkeitsgefühl, das sich zu
+seinen Gunsten noch eben so kräftig geäußert hatte, schwieg vor den
+Ansprüchen des anderen – die man freilich nicht einfach außer acht lassen
+durfte, dafür war Wolfgangs Vater eine viel zu achtunggebietende
+Persönlichkeit. Der alte Herr Buck trug keinen steifen Kragen, sondern
+eine weißseidene Halsbinde und darüber einen großen weißen Knebelbart. Wie
+langsam und majestätisch er seinen oben goldenen Stock aufs Pflaster
+setzte! Und er hatte einen Zylinder auf, und unter seinem Überzieher sahen
+häufig Frackschöße hervor, mitten am Tage! Denn er ging in Versammlungen,
+er bekümmerte sich um die ganze Stadt. Von der Badeanstalt, vom Gefängnis,
+von allem, was öffentlich war, dachte Diederich: „Das gehört dem Herrn
+Buck.“ Er mußte ungeheuer reich und mächtig sein. Alle, auch Herr Heßling,
+entblößten vor ihm lange den Kopf. Seinem Sohn mit Gewalt etwas
+abzunehmen, wäre eine Tat voll unabsehbarer Gefahren gewesen. Um von den
+großen Mächten, die er so sehr verehrte, nicht ganz erdrückt zu werden,
+mußte Diederich leise und listig zu Werk gehen.
+
+Einmal nur, in Untertertia, geschah es, daß Diederich jede Rücksicht
+vergaß, sich blindlings betätigte und zum siegestrunkenen Unterdrücker
+ward. Er hatte, wie es üblich und geboten war, den einzigen Juden seiner
+Klasse gehänselt, nun aber schritt er zu einer ungewöhnlichen Kundgebung.
+Aus Klötzen, die zum Zeichnen dienten, erbaute er auf dem Katheder ein
+Kreuz und drückte den Juden davor in die Knie. Er hielt ihn fest, trotz
+allem Widerstand; er war stark! Was Diederich stark machte, war der
+Beifall ringsum, die Menge, aus der heraus Arme ihm halfen, die
+überwältigende Mehrheit drinnen und draußen. Denn durch ihn handelte die
+Christenheit von Netzig. Wie wohl man sich fühlte bei geteilter
+Verantwortlichkeit und einem Schuldbewußtsein, das kollektiv war!
+
+Nach dem Verrauchen des Rausches stellte wohl leichtes Bangen sich ein,
+aber das erste Lehrergesicht, dem Diederich begegnete, gab ihm allen Mut
+zurück; es war voll verlegenen Wohlwollens. Andere bewiesen ihm offen ihre
+Zustimmung. Diederich lächelte mit demütigem Einverständnis zu ihnen auf.
+Er bekam es leichter seitdem. Die Klasse konnte die Ehrung dem nicht
+versagen, der die Gunst des neuen Ordinarius besaß. Unter ihm brachte
+Diederich es zum Primus und zum geheimen Aufseher. Wenigstens die zweite
+dieser Ehrenstellen behauptete er auch später. Er war gut Freund mit
+allen, lachte, wenn sie ihre Streiche ausplauderten, ein ungetrübtes, aber
+herzliches Lachen, als ernster junger Mensch, der Nachsicht hat mit dem
+Leichtsinn – und dann in der Pause, wenn er dem Professor das Klassenbuch
+vorlegte, berichtete er. Auch hinterbrachte er die Spitznamen der Lehrer
+und die aufrührerischen Reden, die gegen sie geführt worden waren. In
+seiner Stimme bebte, nun er sie wiederholte, noch etwas von dem
+wollüstigen Erschrecken, womit er sie, hinter gesenkten Lidern, angehört
+hatte. Denn er spürte, ward irgendwie an den Herrschenden gerüttelt, eine
+gewisse lasterhafte Befriedigung, etwas ganz unter sich Bewegendes, fast
+wie ein Haß, der zu seiner Sättigung rasch und verstohlen ein paar Bissen
+nahm. Durch die Anzeige der anderen sühnte er die eigene sündhafte Regung.
+
+Andererseits empfand er gegen die Mitschüler, deren Fortkommen seine
+Tätigkeit in Frage stellte, zumeist keine persönliche Abneigung. Er benahm
+sich als pflichtmäßiger Vollstrecker einer harten Notwendigkeit. Nachher
+konnte er zu dem Getroffenen hintreten und ihn, fast ganz aufrichtig,
+beklagen. Einst ward mit seiner Hilfe einer gefaßt, der schon längst
+verdächtig war, alles abzuschreiben. Diederich überließ ihm, mit Wissen
+des Lehrers, eine mathematische Aufgabe, die in der Mitte absichtlich
+gefälscht und deren Endergebnis dennoch richtig war. Am Abend nach dem
+Zusammenbruch des Betrügers saßen einige Primaner vor dem Tor in einer
+Gartenwirtschaft, was zum Schluß der Turnspiele erlaubt war, und sangen.
+Diederich hatte den Platz neben seinem Opfer gesucht. Einmal, als
+ausgetrunken war, ließ er die Rechte vom Krug herab auf die des anderen
+gleiten, sah ihm treu in die Augen und stimmte in Baßtönen, die von Gemüt
+schleppten, ganz allein an:
+
+ „Ich hatt’ einen Kameraden,
+ Einen bessern findst du nit ...“
+
+Übrigens genügte er bei zunehmender Schulpraxis in allen Fächern, ohne in
+einem das Maß des Geforderten zu überschreiten, oder auf der Welt irgend
+etwas zu wissen, was nicht im Pensum vorkam. Der deutsche Aufsatz war ihm
+das Fremdeste, und wer sich darin auszeichnete, gab ihm ein ungeklärtes
+Mißtrauen ein.
+
+Seit seiner Versetzung nach Prima galt seine Gymnasialkarriere für
+gesichert, und bei Lehrern und Vater drang der Gedanke durch, er solle
+studieren. Der alte Heßling, der 66 und 71 durch das Brandenburger Tor
+eingezogen war, schickte Diederich nach Berlin.
+
+
+
+Weil er sich aus der Nähe der Friedrichstraße nicht fortgetraute, mietete
+er sein Zimmer droben in der Tieckstraße. Jetzt hatte er nur in gerader
+Linie hinunterzugehen und konnte die Universität nicht verfehlen. Er
+besuchte sie, da er nichts anderes vorhatte, täglich zweimal, und in der
+Zwischenzeit weinte er oft vor Heimweh. Er schrieb einen Brief an Vater
+und Mutter und dankte ihnen für seine glückliche Kindheit. Ohne Not ging
+er nur selten aus. Kaum, daß er zu essen wagte; er fürchtete, sein Geld
+vor dem Ende des Monats auszugeben. Und immerfort mußte er nach der Tasche
+fassen, ob es noch da sei.
+
+So verlassen ihm um das Herz war, ging er doch noch immer nicht mit dem
+Brief des Vaters in die Blücherstraße zu Herrn Göppel, dem
+Zellulosefabrikanten, der aus Netzig war und auch an Heßling lieferte. Am
+vierten Sonntag besiegte er seine Scheu – und kaum watschelte der
+gedrungene, gerötete Mann, den er schon so oft beim Vater im Kontor
+gesehen hatte, auf ihn zu, da wunderte Diederich sich schon, daß er nicht
+früher gekommen sei. Herr Göppel fragte gleich nach ganz Netzig und vor
+allem nach dem alten Buck. Denn obwohl sein Kinnbart nun auch ergraut war,
+hatte er doch, wie Diederich, nur, wie es schien, aus anderen Gründen,
+schon als Knabe den alten Buck verehrt. Das war ein Mann: Hut ab! Einer
+von denen, die das deutsche Volk hochhalten sollte, höher als gewisse
+Leute, die immer alles mit Blut und Eisen kurieren wollten und dafür der
+Nation riesige Rechnungen schrieben. Der alte Buck war schon
+achtundvierzig dabei gewesen, er war sogar zum Tode verurteilt worden.
+„Ja, daß wir hier als freie Männer sitzen können,“ sagte Herr Göppel, „das
+verdanken wir solchen Leuten wie dem alten Buck.“ Und er öffnete noch eine
+Flasche Bier. „Heute sollen wir uns mit Kürassierstiefeln treten
+lassen ...“
+
+Herr Göppel bekannte sich als freisinniger Gegner Bismarcks. Diederich
+bestätigte alles, was Göppel wollte; er hatte über den Kanzler, die
+Freiheit, den jungen Kaiser keinerlei Meinung. Da aber ward er peinlich
+berührt, denn ein junges Mädchen war eingetreten, das ihm auf den ersten
+Blick durch Schönheit und Eleganz gleich furchtbar erschien.
+
+„Meine Tochter Agnes“, sagte Herr Göppel.
+
+Diederich stand da, in seinem faltenreichen Gehrock, als magerer Kadett,
+und war rosig überzogen. Das junge Mädchen gab ihm die Hand. Sie wollte
+wohl nett sein, aber was war mit ihr anzufangen? Diederich antwortete ja,
+als sie fragte, ob Berlin ihm gefalle; und als sie fragte, ob er schon im
+Theater gewesen sei, antwortete er nein. Er fühlte sich feucht vor
+Ungemütlichkeit und war fest überzeugt, sein Aufbruch sei das einzige,
+womit er das junge Mädchen interessieren könne. Aber wie war von hier
+fortzukommen? Zum Glück stellte ein anderer sich ein, ein breiter Mensch,
+namens Mahlmann, der mit ungeheurer Stimme Mecklenburgisch sprach, _stud.
+ing._ zu sein schien und bei Göppels Zimmerherr sein sollte. Er erinnerte
+Fräulein Agnes an einen Spaziergang, den sie verabredet hätten. Diederich
+ward aufgefordert, mitzukommen. Entsetzt schützte er einen Bekannten vor,
+der draußen auf ihn warte, und machte sich sofort davon. „Gott sei Dank,“
+dachte er, während es ihm einen Stich gab, „sie hat schon einen.“
+
+Herr Göppel öffnete ihm im Dunkeln die Flurtür und fragte, ob sein Freund
+auch Berlin kenne. Diederich log, der Freund sei Berliner. „Denn wenn Sie
+es beide nicht kennen, kommen Sie noch in den falschen Omnibus. Sie haben
+sich gewiß schon mal verirrt in Berlin.“ Und als Diederich es zugab,
+zeigte Herr Göppel sich befriedigt. „Das ist nicht wie in Netzig. Hier
+laufen Sie gleich halbe Tage. Was glauben Sie wohl, wenn Sie von Ihrer
+Tieckstraße bis hierher zum Halleschen Tor gehen, dann sind Sie ja schon
+dreimal durch ganz Netzig gestiegen ... Na, nächsten Sonntag kommen Sie
+nun aber zum Mittagessen!“
+
+Diederich versprach es. Als es so weit war, hätte er lieber abgesagt; nur
+aus Furcht vor seinem Vater ging er hin. Diesmal galt es sogar ein
+Alleinsein mit dem Fräulein zu bestehen. Diederich tat geschäftig und als
+sei er nicht aufgelegt, sich mit ihr zu befassen. Sie wollte wieder vom
+Theater anfangen, aber er schnitt mit rauher Stimme ab: er habe für so
+etwas keine Zeit. Ach ja, ihr Papa habe ihr gesagt, Herr Heßling studiere
+Chemie?
+
+„Ja. Das ist überhaupt die einzige Wissenschaft, die Berechtigung hat“,
+behauptete Diederich, ohne zu wissen, wie er dazu kam.
+
+Fräulein Göppel ließ ihren Beutel fallen; er bückte sich so nachlässig,
+daß sie ihn wieder hatte, bevor er zur Stelle war. Trotzdem sagte sie
+danke, ganz weich, fast beschämt – was Diederich ärgerte. „Kokette Weiber
+sind etwas Gräßliches“, dachte er. Sie suchte in ihrem Beutel.
+
+„Jetzt hab’ ich es doch verloren. Mein englisches Pflaster nämlich. Es
+blutet wieder.“
+
+Sie wickelte ihren Finger aus dem Taschentuch. Er hatte so sehr die Weiße
+des Schnees, daß Diederich der Gedanke kam, das Blut, das darauf lag,
+müsse hineinsickern.
+
+„Ich habe welches“, sagte er, mit einem Ruck.
+
+Er ergriff ihren Finger, und bevor sie das Blut wegwischen konnte, hatte
+er es abgeleckt.
+
+„Was machen Sie denn?“
+
+Er war selbst erschrocken. Er sagte mit streng gefalteten Brauen: „O, ich
+als Chemiker probiere noch ganz andere Sachen.“
+
+Sie lächelte. „Ach ja, Sie sind eine Art Doktor ... Wie gut Sie das
+können“, bemerkte sie und sah ihm beim Aufkleben des Pflasters zu.
+
+„So“, machte er ablehnend, und trat zurück. Ihm war es schwül geworden, er
+dachte: „Wenn man nur nicht immer ihre Haut anfassen müßte! Sie ist
+widerlich weich.“ Agnes sah an ihm vorbei. Nach einer Pause versuchte sie:
+„Haben wir nicht eigentlich in Netzig gemeinschaftliche Verwandte?“ Und
+sie nötigte ihn, mit ihr ein paar Familien durchzugehen. Es stellte sich
+Vetternschaft heraus.
+
+„Sie haben auch noch Ihre Mutter, nicht? Dann können Sie sich freuen.
+Meine ist längst tot. Ich werde wohl auch nicht lange leben. Man hat so
+Ahnungen“ – und sie lächelte wehmütig und entschuldigend.
+
+Diederich beschloß schweigend, diese Sentimentalität albern zu finden.
+Noch eine Pause – und wie sie beide eilig zum Sprechen ansetzten, kam der
+Mecklenburger dazwischen. Die Hand Diederichs drückte er so kraftvoll, daß
+Diederichs Gesicht sich verzerrte, und zugleich lächelte er ihm sieghaft
+in die Augen. Ohne weiteres zog er einen Stuhl bis vor Agnes’ Knie und
+fragte heiter und mit Autorität nach allem Möglichen, was nur sie beide
+anging. Diederich war sich selbst überlassen und entdeckte, daß Agnes, so
+in Ruhe betrachtet, viel von ihren Schrecken verlor. Eigentlich war sie
+nicht hübsch. Sie hatte eine zu kleine, nach innen gebogene Nase, auf
+deren freilich sehr schmalem Rücken Sommersprossen saßen. Ihre gelbbraunen
+Augen lagen zu nahe beieinander und zuckten, wenn sie einen ansah. Die
+Lippen waren zu schmal, das ganze Gesicht war zu schmal. „Wenn sie nicht
+so viel braunrotes Haar über der Stirn hätte und dazu den weißen
+Teint ...“ Auch bereitete es ihm Genugtuung, daß der Nagel des Fingers,
+den er beleckt hatte, nicht ganz sauber gewesen war.
+
+Herr Göppel kam mit seinen drei Schwestern. Eine von ihnen hatte Mann und
+Kinder mit. Der Vater und die Tanten umarmten und küßten Agnes. Sie taten
+es mit dringlicher Innigkeit und hatten dabei behutsame Mienen. Das junge
+Mädchen war schlanker und größer als sie alle und blickte ein wenig
+zerstreut auf sie hinab, die eben an ihren schmächtigen Schultern hing.
+Nur ihrem Vater erwiderte sie langsam und ernst seinen Kuß. Diederich sah
+dem zu und sah in der Sonne die hellblauen Adern, überzogen von roten
+Haaren, ihre Schläfe kreuzen.
+
+Er mußte eine der Tanten ins Eßzimmer führen. Der Mecklenburger hatte
+Agnes’ Arm in den seinen gehängt. Um den langen Familientisch raschelten
+die seidenen Sonntagskleider. Die Gehröcke wurden über den Knien
+zusammengelegt. Man räusperte sich, die Herren rieben die Hände. Dann kam
+die Suppe.
+
+Diederich saß von Agnes weit weg und konnte sie nicht sehen, wenn er sich
+nicht vorbeugte – was er sorgfältig vermied. Da seine Nachbarin ihn in
+Ruhe ließ, aß er große Mengen Kalbsbraten und Blumenkohl. Er hörte
+ausführlich das Essen besprechen und mußte bestätigen, daß es schön
+schmecke. Agnes ward vor dem Salat gewarnt, ihr ward zu Rotwein geraten,
+und sie sollte Auskunft geben, ob sie heute morgen Gummischuhe angehabt
+habe. Herr Göppel erzählte, Diederich zugewandt, daß er und seine
+Schwestern vorhin in der Friedrichstraße, weiß Gott, auseinander gekommen
+seien und sich erst im Omnibus wiedergefunden hätten. „So etwas kann Ihnen
+in Netzig auch nicht passieren“, rief er voll Stolz über den Tisch.
+Mahlmann und Agnes sprachen von einem Konzert. Sie wollte bestimmt hin,
+ihr Papa werde es schon erlauben. Herr Göppel machte zärtliche Einwände,
+und der Chor der Tanten begleitete sie. Agnes müsse früh schlafen gehen
+und bald in gute Luft hinaus; sie habe sich im Winter überanstrengt. Sie
+bestritt es. „Ihr laßt mich niemals aus dem Hause. Ihr seid schrecklich.“
+
+Diederich nahm innerlich Partei für sie. Er hatte eine Wallung von
+Heldentum: er hätte machen wollen, daß sie alles dürfte, daß sie glücklich
+war und es ihm dankte ... Da fragte Herr Göppel ihn, ob er in das Konzert
+wolle, „Ich weiß nicht“, sagte er verächtlich und sah Agnes an, die sich
+vorbeugte. „Was ist das für eins? Ich gehe nur in Konzerte, wo ich Bier
+trinken kann.“
+
+„Sehr vernünftig“, sagte der Schwager des Herrn Göppel.
+
+Agnes hatte sich zurückgezogen und, Diederich bereute seinen Ausspruch.
+
+Aber die Creme, auf die alle gespannt waren, blieb aus. Herr Göppel riet
+seiner Tochter, einmal nachzusehen. Bevor sie ihren Kompotteller
+hingesetzt hatte, war Diederich aufgesprungen – sein Stuhl flog an die
+Wand – und festen Schritts zur Tür geeilt. „Marie! Der Krehm!“ rief er
+hinaus. Rot und ohne jemand anzusehen, ging er wieder an seinen Platz.
+Aber er merkte ganz gut, sie blinzelten sich zu. Mahlmann stieß sogar
+höhnisch den Atem aus. Der Schwager äußerte mit künstlicher Harmlosigkeit:
+„Immer galant! So soll es sein.“ Herr Göppel lächelte zärtlich zu Agnes
+hin, die nicht von ihrem Kompott aufsah. Diederich stemmte das Knie gegen
+die Tischplatte, daß sie anfing sich zu heben. Er dachte: „Gott, o Gott,
+hätte ich nur das nicht getan!“
+
+Beim Mahlzeitsagen gab er allen die Hand, nur um Agnes drückte er sich
+herum. Im Berliner Zimmer beim Kaffee wählte er seinen Sitz mit Sorgfalt
+dort, wo Mahlmanns breiter Rücken sie ihm verdeckte. Eine der Tanten
+wollte sich seiner annehmen.
+
+„Was studieren Sie denn, junger Mann?“ fragte sie.
+
+„Chemie.“
+
+„Ach so, Physik?“
+
+„Nein, Chemie.“
+
+„Ach so.“
+
+Und so imposant sie angefangen hatte, hierüber kam sie nicht hinweg.
+Diederich nannte sie im stillen eine dumme Gans. Die ganze Gesellschaft
+paßte ihm nicht. Von feindseliger Schwermut erfüllt, sah er darein, bis
+die letzten Verwandten aufgebrochen waren. Agnes und ihr Vater hatten sie
+hinausbegleitet. Herr Göppel kehrte zurück, erstaunt, den jungen Mann
+allein noch im Zimmer zu finden. Er schwieg forschend, einmal faßte er in
+die Tasche. Als Diederich unvermittelt, ohne um Geld gebeten zu haben,
+Abschied nahm, bekundete Göppel große Herzlichkeit. „Meine Tochter werd’
+ich von Ihnen grüßen“, sagte er sogar, und an der Tür, nachdem er ein
+wenig überlegt hatte: „Kommen Sie doch nächsten Sonntag wieder!“
+
+Diederich war fest entschlossen, das Haus nicht mehr zu betreten. Dennoch
+ließ er tags darauf alles stehen und liegen, um sich durch die Stadt bis
+zu einem Geschäft zu fragen, wo er für Agnes das Konzertbillett kaufen
+konnte. Vorher mußte er auf den Zetteln, die dort hingen, den Namen des
+Virtuosen herausfinden, den Agnes erwähnt hatte. War es der? Hatte er so
+geklungen? Diederich entschloß sich. Als er dann erfuhr, es koste vier
+Mark fünfzig, riß er vor Schrecken die Augen weit auf. So viel Geld, um
+einen zu sehen, der Musik machte! Wenn man nur einfach wieder fortgekonnt
+hätte! Als er bezahlt hatte und draußen war, entrüstete er sich zunächst
+über den Schwindel. Dann bedachte er, daß es für Agnes geschehen sei, und
+ward von sich selbst erschüttert. Immer weicher und glücklicher ging er
+durch das Gewühl. Es war das erste Geld, das er für einen anderen Menschen
+ausgegeben hatte.
+
+Er legte das Billett in einen Umschlag, in den er nichts weiter legte, und
+schrieb die Adresse, um sich nicht zu verraten, mit Schönschrift. Wie er
+dann am Briefkasten stand, kam Mahlmann daher und lachte höhnisch.
+Diederich fühlte sich durchschaut; er besah die Hand, die er aus dem
+Kasten zurückgezogen hatte. Aber Mahlmann bekundete nur die Absicht, sich
+Diederichs Bude anzusehen. Er fand, es sähe drinnen aus wie bei einer
+älteren Dame. Sogar die Kaffeekanne hatte Diederich von zu Hause
+mitgebracht! Diederich schämte sich heiß. Als Mahlmann die Chemiebücher
+verächtlich auf- und zuklappte, schämte Diederich sich seines Faches. Der
+Mecklenburger wälzte sich ins Sofa und fragte: „Wie gefällt Ihnen denn die
+Göppel? Netter Käfer, was? Nun wird er wieder rot! Poussieren Sie doch!
+Ich trete zurück, wenn Sie Wert darauf legen. Ich habe Aussicht bei
+fünfzehn verschiedenen.“
+
+Da Diederich nachlässig abwehrte:
+
+„Sie, da ist nämlich was zu machen. Ich müßte gar nichts von Weibern
+verstehen. Die roten Haare! – und haben Sie nicht gemerkt, wie sie einen
+ansieht, wenn sie meint, man weiß es nicht?“
+
+„Mich nicht“, sagte Diederich noch geringschätziger. „Ich pfeife auch
+darauf.“
+
+„Ihr Schade!“ Mahlmann lachte tobend – worauf er vorschlug, einen Bummel
+zu machen. Daraus ward eine Bierreise. Die ersten Gaslichter sahen sie
+beide betrunken. Etwas später, in der Leipziger Straße, bekam Diederich
+ohne Anlaß von Mahlmann eine mächtige Ohrfeige. Er sagte: „Au! Das ist
+aber doch eine –“ Vor dem Wort „Frechheit“ schrak er zurück. Der
+Mecklenburger klopfte ihm auf die Schulter. „Recht freundlich, Kleiner!
+Alles bloß Freundschaft!“ – und überdies nahm er Diederich die letzten
+zehn Mark ab ... Vier Tage später fand er ihn schwach vor Hunger und
+teilte ihm von dem, was er inzwischen anderswo gepumpt hatte, großmütig
+drei Mark mit. Am Sonntag bei Göppels – mit weniger leerem Magen wäre
+Diederich vielleicht nicht hingegangen – erzählte Mahlmann, daß Heßling
+all sein Geld verlumpt habe und sich heute mal satt essen müsse. Herr
+Göppel und sein Schwager lachten verständnisvoll, aber Diederich hätte
+lieber nie geboren sein wollen, als von Agnes so traurig prüfend angesehen
+werden. Sie verachtete ihn! Verzweifelt tröstete er sich. „Es ist alles
+eins, sie hat es schon immer getan!“ Da fragte sie, ob das Konzertbillett
+vielleicht von ihm gewesen sei. Alle wandten sich ihm zu.
+
+„Unsinn! Wie sollte ich dazu wohl kommen“, entgegnete er so
+unliebenswürdig, daß sie ihm glaubten. Agnes zögerte ein wenig, bevor sie
+wegsah. Mahlmann bot den Damen Pralinees an und stellte die übrigen vor
+Agnes hin. Diederich kümmerte sich nicht um sie. Er aß noch mehr als das
+vorige Mal. Da doch alle meinten, er sei nur deswegen da! Als es hieß, der
+Kaffee solle im Grunewald getrunken werden, erfand Diederich sofort eine
+Verabredung. Er setzte sogar hinzu: „Mit jemand, den ich unmöglich warten
+lassen kann.“ Herr Göppel legte ihm seine gedrungene Hand auf die
+Schulter, blinzelte ihn aus gesenktem Kopf an und sagte halblaut: „Keine
+Angst, Sie sind natürlich eingeladen.“ Aber Diederich beteuerte entrüstet,
+daß es nicht daran liege. „Na, wenigstens kommen Sie wieder, sobald Sie
+Lust haben“, schloß Göppel, und Agnes nickte dazu. Sie schien sogar etwas
+sagen zu wollen, aber Diederich wartete es nicht ab. Er ging den Rest des
+Tages in selbstzufriedener Trauer umher, wie nach Vollziehung eines großen
+Opfers. Am Abend in einem überfüllten Bierlokal saß er den Kopf
+aufgestützt und nickte von Zeit zu Zeit auf sein einsames Glas hinab, als
+verstehe er jetzt das Schicksal.
+
+Was war zu machen gegen die gewalttätige Art, in der Mahlmann seine
+Anleihen aufnahm? Am Sonntag hatte dann der Mecklenburger einen
+Blumenstrauß für Agnes, und Diederich, der mit leeren Händen kam, hätte
+sagen können: „Der ist eigentlich von mir, Fräulein.“ Indessen schwieg er,
+mit noch mehr Groll gegen Agnes als gegen Mahlmann. Denn Mahlmann forderte
+zur Bewunderung heraus, wenn er des Nachts einem Unbekannten nachlief, um
+ihm den Zylinder einzuschlagen – obwohl Diederich keineswegs die Warnung
+verkannte, die solch ein Vorgang für ihn selbst enthielt.
+
+Ende des Monats, zu seinem Geburtstag, bekam er eine unvorhergesehene
+Summe, die seine Mutter ihm erspart hatte, und erschien bei Göppels mit
+einem Bukett, keinem zu großen, um sich nicht bloßzustellen, und auch, um
+Mahlmann nicht herauszufordern. Das junge Mädchen hatte, wie sie es nahm,
+ein ergriffenes Gesicht, und Diederich lächelte herablassend und verlegen
+zugleich. Dieser Sonntag deuchte ihm unerhört festlich; er war nicht
+überrascht, als man in den Zoologischen Garten gehen wollte.
+
+Die Gesellschaft rückte aus, nachdem Mahlmann sie abgezählt hatte: elf
+Personen. Alle Frauen unterwegs waren, wie Göppels Schwestern, vollständig
+anders angezogen als in der Woche: als seien sie heute von einer höheren
+Klasse oder hätten geerbt. Die Männer trugen Gehröcke: nur wenige in
+Verbindung mit schwarzen Hosen, wie Diederich, aber viele mit Strohhüten.
+Kam man durch eine Seitenstraße, war sie breit, gleichförmig und leer,
+ohne einen Menschen, ohne einen Pferdeapfel. Einmal doch tanzte ein Kreis
+kleiner Mädchen in weißen Kleidern, schwarzen Strümpfen und ganz behangen
+mit Schleifen, schrill singend, einen Ringelreihen. Gleich darauf, in der
+Verkehrsader, stürmten schwitzende Matronen einen Omnibus; und die
+Gesichter der Kommis, die unnachsichtlich mit ihnen um die Plätze rangen,
+sahen neben ihren heftig roten zum Umfallen blaß aus. Alles drängte
+vorwärts, alles stürzte einem Ziel zu, wo endlich das Vergnügen anfangen
+sollte. Alle Mienen sagten hart: „Nu los, gearbeitet haben wir genug!“
+
+Diederich kehrte vor den Damen den Berliner heraus. In der Stadtbahn
+eroberte er ihnen mehrere Sitze. Einen Herrn, der im Begriff stand, einen
+wegzunehmen, hinderte er daran, indem er ihn heftig auf den Fuß trat. Der
+Herr schrie: „Flegel!“ Diederich antwortete ihm im selben Sinn. Da zeigte
+es sich, daß Herr Göppel ihn kannte, und kaum einander vorgestellt,
+bekundeten Diederich und der andere die ritterlichsten Sitten. Keiner
+wollte sitzen, um den anderen nicht stehen zu lassen.
+
+Am Tisch im Zoologischen Garten geriet Diederich neben Agnes – warum ging
+heute alles glücklich? –, und als sie gleich nach dem Kaffee zu den Tieren
+wollte, unterstützte er sie stürmisch. Er war voll Unternehmungslust. Vor
+dem engen Gang zwischen den Raubtierkäfigen kehrten die Damen um.
+Diederich trug Agnes seine Begleitung an. „Da nehmen Sie doch lieber mich
+mit hinein“, sagte Mahlmann. „Wenn wirklich eine Stange losgehen sollte –“
+
+„Dann machen Sie sie auch nicht wieder fest“, entgegnete Agnes und trat
+ein, während Mahlmann sein Gelächter aufschlug. Diederich blieb hinter
+ihr. Ihm war bange: vor den Bestien, die von rechts und links auf ihn
+zustürzten, ohne anderen Laut als den des Atems, den sie über ihn
+hinstießen – und vor dem jungen Mädchen, dessen Blumenduft ihm voranzog.
+Ganz hinten wandte sie sich um und sagte:
+
+„Ich mag das Renommieren nicht!“
+
+„Wirklich?“ fragte Diederich, vor Freude gerührt.
+
+„Heute sind Sie mal nett“, sagte Agnes; und er:
+
+„Ich möchte es eigentlich immer sein.“
+
+„Wirklich?“ – Und jetzt war es an ihrer Stimme, ein wenig zu schwanken.
+Sie sahen einander an, jeder mit einer Miene, als verdiente er das alles
+nicht. Das junge Mädchen sagte klagend:
+
+„Die Tiere riechen aber furchtbar.“
+
+Und sie gingen zurück.
+
+Mahlmann empfing sie. „Ich wollte nur sehen, ob Sie nicht ausreißen
+würden.“ Dann nahm er Diederich beiseite. „Na? Was macht die Kleine? Geht
+es bei Ihnen auch? Ich habe es gleich gesagt, daß es keine Kunst ist.“
+
+Da Diederich stumm blieb:
+
+„Sie sind wohl scharf ins Zeug gegangen? Wissen Sie was? Ich bin nur noch
+ein Semester in Berlin: dann können Sie mich beerben. Aber so lange warten
+Sie gefälligst –“ Auf seinem ungeheuren Rumpf ward sein kleiner Kopf
+plötzlich tückisch anzusehen. „– Freundchen!“
+
+Und Diederich war entlassen. Er hatte einen heftigen Schrecken bekommen
+und wagte sich gar nicht mehr in Agnes’ Nähe. Sie hörte nicht sehr
+aufmerksam auf Mahlmann, sie rief rückwärts: „Papa! Heute ist es schön,
+heute geht es mir aber wirklich gut.“
+
+Herr Göppel nahm ihren Arm zwischen seine beiden Hände und tat, als wollte
+er fest zudrücken, aber er berührte sie kaum. Seine blanken Augen lachten
+und waren feucht. Als die Familie Abschied genommen hatte, versammelte er
+seine Tochter und die beiden jungen Leute um sich und erklärte ihnen, der
+Tag müsse gefeiert werden; sie wollten die Linden entlang gehen und
+nachher irgendwo essen.
+
+„Papa wird leichtsinnig!“ rief Agnes und sah sich nach Diederich um. Aber
+er hielt die Augen gesenkt. In der Stadtbahn benahm er sich so
+ungeschickt, daß er weit von den anderen getrennt ward; und im Gedränge
+der Friedrichsstadt blieb er mit Herrn Göppel allein zurück. Plötzlich
+hielt Göppel an, tastete verstört auf seinem Magen umher und fragte:
+
+„Wo ist meine Uhr?“
+
+Sie war fort mitsamt der Kette. Mahlmann sagte:
+
+„Wie lange sind Sie schon in Berlin, Herr Göppel?“
+
+„Jawohl!“ – und Göppel wendete sich an Diederich. „Dreißig Jahre bin ich
+hier, aber das ist mir denn doch noch nicht passiert.“ Und stolz trotz
+allem: „Sehen Sie, das gibt’s in Netzig überhaupt nicht!“
+
+Nun mußte man, statt zu essen, auf das Polizeirevier und ein Verhör
+bestehen. Und Agnes hustete. Göppel zuckte zusammen. „Wir wären jetzt doch
+zu müde“, murmelte er. Mit künstlicher Jovialität verabschiedete er
+Diederich, der Agnes’ Hand übersah und linkisch den Hut zog. Auf einmal,
+mit überraschender Geschicklichkeit und ehe Mahlmann begriff, was vorging,
+schwang er sich auf einen vorbeifahrenden Omnibus. Er war entkommen! Und
+jetzt fingen die Ferien an! Er war alles los! Zu Hause freilich warf er
+die schwersten seiner Chemiebände mit Krachen auf den Boden. Er hielt
+sogar schon die Kaffeekanne in der Hand. Aber bei dem Geräusch einer Tür
+begann er sofort, alles wieder aufzulesen. Dann setzte er sich still in
+die Sofaecke, stützte den Kopf und weinte. Wäre es nicht vorher so schön
+gewesen! Er war ihr auf den Leim gegangen. So machten es die Mädchen: daß
+sie manchmal mit einem so taten, und dabei wollten sie einen nur mit einem
+Kerl auslachen. Diederich war sich tief bewußt, daß er es mit so einem
+Kerl nicht aufnehmen könne. Er sah sich neben Mahlmann und würde es nicht
+begriffen haben, hätte eine sich für ihn entschieden. „Was hab’ ich mir
+nur eingebildet?“ dachte er. „Eine, die sich in mich verliebt, muß
+wirklich dumm sein.“ Er litt große Angst, der Mecklenburger könne kommen
+und ihn noch ärger bedrohen. „Ich will sie gar nicht mehr. Wäre ich nur
+schon fort!“ Die nächsten Tage saß er in tödlicher Spannung bei
+verschlossener Tür. Kaum war sein Geld da, reiste er.
+
+Seine Mutter fragte, befremdet und eifersüchtig, was er habe. Nach so
+kurzer Zeit sei er kein Junge mehr. „Ja, das Berliner Pflaster!“
+
+Diederich griff zu, als sie verlangte, er solle an eine kleine
+Universität, nicht wieder nach Berlin. Der Vater fand, daß es ein Für und
+ein Wider gäbe. Diederich mußte ihm viel von Göppels berichten. Ob er die
+Fabrik gesehen habe. Und war er bei den anderen Geschäftsfreunden gewesen?
+Herr Heßling wünschte, daß Diederich die Ferien benutze, um in der
+väterlichen Werkstätte den Gang der Papierverfertigung kennenzulernen.
+„Ich bin nicht mehr der Jüngste, und mein Granatsplitter hat mich auch
+schon lange nicht so gekitzelt.“
+
+Diederich entwischte, sobald er konnte, um im Wald von Gäbbelchen oder
+längs des Ruggebaches bei Gohse spazierenzugehen und sich mit der Natur
+eins zu fühlen. Denn das konnte er jetzt. Zum erstenmal fiel es ihm auf,
+daß die Hügel dahinten traurig oder wie eine große Sehnsucht aussahen, und
+was als Sonne oder Regen vom Himmel fiel, waren Diederichs heiße Liebe und
+seine Tränen. Denn er weinte viel. Er versuchte sogar zu dichten.
+
+Als er einmal die Löwenapotheke betrat, stand hinter dem Ladentisch sein
+Schulkamerad Gottlieb Hornung. „Ja, ich spiel’ hier den Sommer über ’n
+bißchen Apotheker“, erklärte er. Er hatte sich sogar schon aus Versehen
+vergiftet und sich dabei nach hinten zusammengerollt wie ein Aal. Die
+ganze Stadt hatte davon gesprochen! Aber zum Herbst ging er nun nach
+Berlin, um die Sache wissenschaftlich anzufassen. Ob denn in Berlin was
+los sei. Hocherfreut über den Besitz seiner Überlegenheit fing Diederich
+an, mit seinen Berliner Erlebnissen zu prahlen. Der Apotheker verhieß:
+„Wir beide zusammen stellen Berlin auf den Kopf.“
+
+Und Diederich war schwach genug, zuzusagen. Die kleine Universität ward
+verworfen. Am Ende des Sommers – Hornung hatte noch einige Tage zu
+praktizieren – kehrte Diederich nach Berlin zurück. Er mied das Zimmer in
+der Tieckstraße. Vor Mahlmann und den Göppels flüchtete er bis nach
+Gesundbrunnen hinaus. Dort wartete er auf Hornung. Aber Hornung, der seine
+Abreise gemeldet hatte, blieb aus; und als er endlich kam, trug er eine
+grüngelbrote Mütze. Er war sofort von einem Kollegen für eine Verbindung
+gekeilt worden. Auch Diederich sollte ihr beitreten; es waren die
+Neuteutonen, eine hochfeine Korporation, sagte Hornung; allein sechs
+Pharmazeuten waren dabei. Diederich verbarg seinen Schrecken unter der
+Maske der Geringschätzung, aber es half nichts. Er solle Hornung nicht
+blamieren, der von ihm gesprochen habe; einen Besuch wenigstens müsse er
+machen.
+
+„Aber nur einen“, sagte er fest.
+
+Der eine dauerte, bis Diederich unter dem Tisch lag und sie ihn
+fortschafften. Als er ausgeschlafen hatte, holten sie ihn zum
+Frühschoppen; Diederich war Konkneipant geworden.
+
+Und für diesen Posten fühlte er sich bestimmt. Er sah sich in einen großen
+Kreis von Menschen versetzt, deren keiner ihm etwas tat oder etwas anderes
+von ihm verlangte, als daß er trinke. Voll Dankbarkeit und Wohlwollen
+erhob er gegen jeden, der ihn dazu anregte, sein Glas. Das Trinken und
+Nichttrinken, das Sitzen, Stehen, Sprechen oder Singen hing meistens nicht
+von ihm selbst ab. Alles ward laut kommandiert, und wenn man es richtig
+befolgte, lebte man mit sich und der Welt in Frieden. Als Diederich beim
+Salamander zum ersten Male nicht nachklappte, lächelte er in die Runde,
+beinahe verschämt durch die eigene Vollkommenheit!
+
+Und das war noch nichts gegen seine Sicherheit im Gesang! Diederich hatte
+in der Schule zu den besten Sängern gehört und schon in seinem ersten
+Liederheft die Seitenzahlen auswendig gewußt, wo jedes Lied zu finden war.
+Jetzt brauchte er in das Kommersbuch, das auf großen Nägeln in der Lache
+von Bier lag, nur den Finger zu schieben, und traf vor allen anderen die
+Nummer, die gesungen werden sollte. Oft hing er den ganzen Abend mit
+Ehrerbietung am Munde des Präses: ob vielleicht sein Lieblingsstück daran
+käme. Dann dröhnte er tapfer: „Sie wissen den Teufel, was Freiheit heißt“,
+hörte neben sich den dicken Delitzsch brummen und fühlte sich wohlig
+geborgen in dem Halbdunkel des niedrigen altdeutschen Lokals, mit den
+Mützen an der Wand, angesichts des Kranzes geöffneter Münder, die alle
+dasselbe tranken und sangen, bei dem Geruch des Bieres und der Körper, die
+es in der Wärme wieder ausschwitzten. Ihm war, wenn es spät ward, als
+schwitze er mit ihnen allen aus demselben Körper. Er war untergegangen in
+der Korporation, die für ihn dachte und wollte. Und er war ein Mann,
+durfte sich selbst hochachten und hatte eine Ehre, weil er dazu gehörte!
+Ihn herausreißen, ihm einzeln etwas anhaben, das konnte keiner! Mahlmann
+hätte sich einmal herwagen und es versuchen sollen: zwanzig Mann wären
+statt Diederichs gegen ihn aufgestanden! Diederich wünschte ihn geradezu
+herbei, so furchtlos war er. Womöglich sollte er mit Göppel kommen, dann
+mochten sie sehen, was aus Diederich geworden war, dann war er gerächt!
+
+Gleichwohl gab ihm die meiste Sympathie der Harmloseste von allen ein,
+sein Nachbar, der dicke Delitzsch. Etwas tief Beruhigendes,
+Vertrauengestattendes wohnte in dieser glatten, weißen und humorvollen
+Speckmasse, die unten breit über die Stuhlränder quoll, in mehreren
+Wülsten die Tischhöhe erreichte und dort, als sei nun das Äußerste getan,
+aufgestützt blieb, ohne eine andere Bewegung als das Heben und Hinstellen
+des Bierglases. Delitzsch war, wie niemand sonst, an seinem Platz; wer ihn
+dasitzen sah, vergaß, daß er ihn je auf den Beinen erblickt hatte. Er war
+ausschließlich zum Sitzen am Biertisch eingerichtet. Sein Hosenboden, der
+in jedem anderen Zustand tief und melancholisch herabhing, fand nun seine
+wahre Gestalt und blähte sich machtvoll. Erst mit Delitzsch’ hinterem
+Gesicht blühte auch sein vorderes auf. Lebensfreude überglänzte es, und er
+ward witzig.
+
+Ein Drama entstand, wenn ein junger Fuchs sich den Scherz machte, ihm das
+Bierglas wegzunehmen. Delitzsch rührte kein Glied, aber seine Miene, die
+dem geraubten Glase überall hin folgte, enthielt plötzlich den ganzen,
+stürmisch bewegten Ernst des Daseins, und er rief in sächsischem
+Schreitenor: „Junge, daß du mir nischt verschüttest! Was entziehst de mir
+überhaupt mein’ Läbensunterhalt! Das ist ’ne ganz gemeine, böswilliche
+Existenzschädichung, und ich kann dich glatt verklaachen!“
+
+Dauerte der Spaß zu lange, senkten sich Delitzsch’ weiße Fettwangen, und
+er bat, er machte sich klein. Sobald er aber das Bier zurück hatte: welche
+allumfassende Aussöhnung in seinem Lächeln, welche Verklärung! Er sagte:
+„Du bist doch ä gutes Luder, du sollst läm, prost!“ – trank aus und
+klopfte mit dem Deckel nach dem Korpsdiener: „Herr Oberkörper!“
+
+Nach einigen Stunden geschah es wohl, daß sein Stuhl sich mit ihm umdrehte
+und Delitzsch den Kopf über das Becken der Wasserleitung hielt. Das Wasser
+plätscherte, Delitzsch gurgelte erstickt, und ein paar andere stürzten,
+durch seine Laute angeregt, in die Toilette. Noch ein wenig sauer von
+Gesicht, aber schon mit frischer Schelmerei, rückte Delitzsch an den Tisch
+zurück.
+
+„Na, nu geht’s ja wieder“, sagte er; und: „Wovon habt ’r denn geredt,
+während ich anderweitig beschäftigt war? Wißt ihr denn egal nischt wie
+Weibergeschichten? Was koof’ ich mir für die Weiber?“ Immer lauter: „Nich
+mal ä sauern Schoppen kann ’ch mir dafür koofen. Sie, Herr Oberkörper!“
+
+Diederich gab ihm recht. Er hatte die Weiber kennengelernt, er war mit
+ihnen fertig. Unvergleichlich idealere Werte enthielt das Bier.
+
+Das Bier! Der Alkohol! Da saß man und konnte immer noch mehr davon haben,
+das Bier war nicht wie kokette Weiber, sondern treu und gemütlich. Beim
+Bier brauchte man nicht zu handeln, nichts zu wollen und zu erreichen, wie
+bei den Weibern. Alles kam von selbst. Man schluckte: und da hatte man es
+schon zu etwas gebracht, fühlte sich auf die Höhen des Lebens befördert
+und war ein freier Mann, innerlich frei. Das Lokal hätte von Polizisten
+umstellt sein dürfen: das Bier, das man schluckte, verwandelte sich in
+innere Freiheit. Und man hatte sein Examen so gut wie bestanden. Man war
+„fertig“, war Doktor! Man füllte im bürgerlichen Leben eine Stellung aus,
+war reich und von Wichtigkeit: Chef einer mächtigen Fabrik von
+Ansichtskarten oder Toilettenpapier. Was man mit seiner Lebensarbeit
+schuf, war in tausend Händen. Man breitete sich, vom Biertisch her, über
+die Welt aus, ahnte große Zusammenhänge, ward eins mit dem Weltgeist. Ja,
+das Bier erhob einen so sehr über das Selbst, daß man Gott fand!
+
+Gern hätte er es jahrelang so weitergetrieben. Aber die Neuteutonen ließen
+ihn nicht. Fast vom ersten Tage an hatten sie ihm den moralischen und
+materiellen Wert einer völligen Zugehörigkeit zur Verbindung geschildert;
+allmählich aber gingen sie immer unverblümter darauf aus, ihn zu keilen.
+Vergebens berief sich Diederich auf seine anerkannte Stellung als
+Konkneipant, in die er sich eingelebt habe und die ihn befriedige. Sie
+entgegneten, daß der Zweck des studentischen Zusammenschlusses, nämlich
+die Erziehung zur Mannhaftigkeit und zum Idealismus, durch das Kneipen
+allein, soviel es auch beitrage, noch nicht ganz erfüllt werde. Diederich
+zitterte; nur zu gut erkannte er, worauf dieses hinauslief. Er sollte
+pauken! Schon immer hatte es ihn unheimlich angeweht, wenn sie mit ihren
+Stöcken in der Luft ihm die Schläge vorgeführt hatten, die sie einander
+beigebracht haben wollten; oder wenn einer von ihnen eine schwarze Mütze
+um den Kopf hatte und nach Jodoform roch. Jetzt dachte er gepreßt: „Warum
+bin ich dabei geblieben und Konkneipant geworden! Nun muß ich ’ran.“
+
+Er mußte. Aber gleich die ersten Erfahrungen beruhigten ihn. Er war so
+sorgsam eingewickelt, behelmt und bebrillt worden, daß ihm unmöglich viel
+geschehen konnte. Da er keinen Grund hatte, den Kommandos nicht gerade so
+willig und gelehrig nachzukommen wie in der Kneipe, lernte er fechten,
+schneller als andere. Beim ersten Durchzieher ward ihm schwach: über die
+Wange fühlte er es rinnen. Als er dann genäht war, hätte er am liebsten
+getanzt vor Glück. Er warf es sich vor, daß er diesen gutmütigen Menschen
+gefährliche Absichten zugetraut hatte. Gerade der, den er am meisten
+gefürchtet hatte, nahm ihn unter seinen Schutz und ward ihm ein
+wohlgesinnter Erzieher.
+
+Wiebel war Jurist, was ihm allein schon Diederichs Unterordnung gesichert
+hätte. Nicht ohne Selbstzerknirschung sah er die englischen Stoffe an, in
+die Wiebel sich kleidete, und die farbigen Hemden, von denen er immer
+mehrere abwechselnd trug, bis sie alle in die Wäsche mußten. Das
+Beklemmendste aber waren Wiebels Manieren. Wenn er mit leichter eleganter
+Verbeugung Diederich zutrank, klappte Diederich – und seine Miene war
+leidend vor Anstrengung – tief zusammen, verschüttete die eine Hälfte und
+verschluckte sich mit der anderen. Wiebel sprach mit leiser, arroganter
+Feudalstimme.
+
+„Man kann sagen, was man will,“ bemerkte er gern, „Formen sind kein leerer
+Wahn.“
+
+Für das F in „Formen“ machte er seinen Mund zu einem kleinen schwarzen
+Mausloch und stieß es langsam geschwellt heraus. Diederich unterlag
+jedesmal wieder dem Schauer von so viel Vornehmheit. Alles an Wiebel
+dünkte ihm erlesen: daß die rötlichen Barthaare ganz oben auf der Lippe
+wuchsen und seine langen, gekrümmten Nägel nach unten gekrümmt, nicht, wie
+bei Diederich, nach oben; der starke männliche Duft, der von Wiebel
+ausging, auch seine abstehenden Ohren, die die Wirkung des durchgezogenen
+Scheitels erhöhten, und die katerhaft in Schläfenwulste gebetteten Augen.
+Diederich hatte das alles immer nur im unbedingten Gefühl des eigenen
+Unwertes mit angesehen. Seit aber Wiebel ihn anredete und sich sogar zu
+seinem Gönner machte, war es Diederich, als sei ihm erst jetzt das Recht
+auf Dasein bestätigt. Er hatte Lust, dankbar zu wedeln. Sein Herz weitete
+sich vor glücklicher Bewunderung. Wenn seine Wünsche sich so hoch
+hinausgewagt hätten, auch er hätte gern solchen roten Hals gehabt und
+immer geschwitzt. Welch ein Traum, säuseln zu können wie Wiebel!
+
+Und nun durfte Diederich ihm dienen, er war sein Leibfuchs! Stets wohnte
+er Wiebels Erwachen bei, suchte ihm seine Sachen zusammen – und da Wiebel
+infolge unregelmäßiger Bezahlung mit der Wirtin schlecht stand, besorgte
+Diederich ihm den Kaffee und reinigte ihm die Schuhe. Dafür durfte er
+mitgehen auf allen Wegen. Wenn Wiebel ein Bedürfnis verrichtete, hielt
+Diederich draußen Wache, und er wünschte sich nur, seinen Schläger da zu
+haben, um ihn schultern zu können.
+
+Wiebel hätte es verdient. Die Ehre der Korporation, in der auch Diederichs
+Ehre und sein ganzes Schuldbewußtsein wurzelten, am glänzendsten vertrat
+Wiebel sie. Er schlug sich, mit wem man wollte, für die Neuteutonia. Er
+hatte das Ansehen der Verbindung erhöht, denn er sollte einst einen
+Vindoborussen koramiert haben! Auch hatte er einen Verwandten beim Zweiten
+Garde-Grenadierregiment Kaiser Franz Joseph; und so oft Wiebel seinen
+Vetter von Klappke erwähnte, machte die ganze Neuteutonia eine
+geschmeichelte Verbeugung. Diederich suchte sich einen Wiebel in der
+Uniform eines Gardeoffiziers vorzustellen; aber so viel Vornehmheit war
+nicht auszudenken. Eines Tages dann, wie er mit Gottlieb Hornung, weithin
+duftend, vom täglichen Frisieren kam, stand an einer Straßenecke Wiebel
+mit einem Zahlmeister. Kein Irrtum: es war ein Zahlmeister – und als
+Wiebel ihr Kommen bemerkte, drehte er ihnen den Rücken. Auch sie wendeten
+und machten sich stumm und stramm davon, ohne einander anzusehen und ohne
+eine Bemerkung. Jeder vermutete, daß auch der andere die Ähnlichkeit des
+Zahlmeisters mit Wiebel festgestellt habe. Und vielleicht kannten die
+übrigen schon längst den wahren Sachverhalt? Aber allen stand die Ehre der
+Neuteutonia hoch genug, um zu schweigen, ja, um das Erblickte zu
+vergessen. Als Wiebel das nächste Mal „mein Vetter von Klappke“ sagte,
+verbeugten Diederich und Hornung sich mit den anderen, geschmeichelt wie
+je.
+
+Schon hatte Diederich Selbstbeherrschung gelernt, Beobachtung der Formen,
+Korpsgeist, Eifer für das Höhere. Nur mit Mitleid und Widerwillen dachte
+er an das elende Dasein des schweifenden Wilden, das früher das seine
+gewesen war. Jetzt war Ordnung und Pflicht in sein Leben gebracht. Zu
+genau eingehaltenen Stunden erschien er auf Wiebels Bude, im Fechtsaal,
+beim Friseur und zum Frühschoppen. Der Nachmittagsbummel leitete zur
+Kneipe über; und jeder Schritt geschah in Korporation, unter Aufsicht und
+mit Wahrung peinlicher Formen und gegenseitiger Ehrerbietung, die
+gemütvolle Derbheit nicht ausschloß. Ein Kommilitone, mit dem Diederich
+bisher nur offiziellen Verkehr unterhalten hatte, stieß einst mit ihm vor
+der Toilette zusammen, und obwohl sie beide kaum noch gerade stehen
+konnten, wollte keiner den Vortritt annehmen. Lange komplimentierten sie
+sich – bis sie plötzlich, im gleichen Augenblick vom Drang überwältigt,
+wie zwei zusammenprallende Eber durch die Tür brachen, daß ihnen die
+Schulterknochen knackten. Das war der Beginn einer Freundschaft. In
+menschlicher Lage einander näher gekommen, rückten sie nachher auch am
+offiziellen Kneiptisch zusammen, tranken Schmollis und nannten sich
+„Schweinehund“ und „Nilpferd“.
+
+Nicht immer zeigte das Verbindungsleben seine heitere Seite. Es forderte
+Opfer; es übte im männlichen Ertragen des Schmerzes. Delitzsch selbst, der
+Quell so mancher Heiterkeit, verbreitete Trauer in der Neuteutonia. Eines
+Vormittags, wie Wiebel und Diederich ihn abzuholen kamen: er stand am
+Waschtisch und sagte noch: „Na da. Habt ’r heit aach so ä Durscht?“ –
+plötzlich, ehe sie zugreifen konnten, fiel er hin, mitsamt dem
+Waschgeschirr. Wiebel befühlte ihn: Delitzsch regte sich nicht mehr.
+
+„Herzklaps“, sagte Wiebel kurz. Er ging stramm zur Klingel. Diederich hob
+die Scherben auf und trocknete den Boden. Dann trugen sie Delitzsch auf
+das Bett. Dem formlosen Gejammer der Wirtin gegenüber verharrten beide in
+streng kommentmäßiger Haltung. Unterwegs zur Erledigung des weiteren – sie
+marschierten im Takt nebeneinander – sagte Wiebel mit straffer
+Todesverachtung:
+
+„So was kann jedem von uns passieren. Kneipen ist kein Spaß. Das kann sich
+jeder gesagt sein lassen.“
+
+Und mit allen anderen fühlte Diederich sich gehoben durch Delitzsch’ treue
+Pflichterfüllung, durch seinen Tod auf dem Felde der Ehre. Mit Stolz
+folgten sie dem Sarge; „Neuteutonia sei’s Panier“, stand in jeder Miene.
+Auf dem Friedhof, die umflorten Schläger gesenkt, hatten alle das in sich
+vertiefte Gesicht des Kriegers, den die nächste Schlacht dahinraffen kann,
+wie die vorigen den Kameraden; und was der erste Chargierte von dem
+Geschiedenen rühmte: er habe in der Schule der Mannhaftigkeit und des
+Idealismus den höchsten Preis errungen, das erschütterte jeden, als gälte
+es ihm selbst.
+
+Hiermit ging Diederichs Lehrzeit zu Ende, denn Wiebel trat aus, um sich
+auf den Referendar vorzubereiten; und fortan hatte Diederich die von ihm
+übernommenen Grundsätze selbständig zu vertreten und sie den Jüngeren
+einzupflanzen. Er tat es im Gefühl hoher Verantwortlichkeit und mit
+Strenge. Wehe dem Fuchs, der es verdient hatte, in die Kanne zu steigen.
+Keine fünf Minuten vergingen, und er mußte sich an den Wänden
+hinaustasten. Das Schreckliche geschah, daß einer vor Diederich aus der
+Tür ging. Seine Buße waren acht Tage Bierverschiß. Nicht Stolz oder
+Eigenliebe leiteten Diederich: einzig sein hoher Begriff von der Ehre der
+Korporation. Er selbst war nur ein Mensch, also nichts; jedes Recht, sein
+ganzes Ansehen und Gewicht kamen ihm von ihr. Auch körperlich verdankte er
+ihr alles: die Breite seines weißen Gesichts, seinen Bauch, der ihn den
+Füchsen ehrwürdig machte, und das Privileg, bei festlichen Anlässen in
+hohen Stiefeln mit Band und Mütze aufzutreten, den Genuß der Uniform! Wohl
+hatte er noch immer einem Leutnant Platz zu machen, denn die Körperschaft,
+der der Leutnant angehörte, war offenbar die höhere; aber wenigstens mit
+einem Trambahnschaffner konnte er furchtlos verkehren, ohne Gefahr, von
+ihm angeschnauzt zu werden. Seine Männlichkeit stand ihm mit Schmissen,
+die das Kinn spalteten, rissig durch die Wangen fuhren und in den kurz
+geschorenen Schädel hackten, drohend auf dem Gesicht geschrieben – und
+welche Genugtuung, sie täglich und nach Belieben einem jeden beweisen zu
+können! Einmal bot sich eine unerwartet glänzende Gelegenheit. Zu dritt,
+mit Gottlieb Hornung und dem Dienstmädchen ihrer Wirtin, waren sie beim
+Tanz in Halensee. Seit einigen Monaten teilten die Freunde sich eine
+Wohnung, mit der ein ziemlich hübsches Dienstmädchen verbunden war,
+machten ihr beide kleine Geschenke und gingen des Sonntags gemeinsam mit
+ihr aus. Ob Hornung es so weit bei ihr gebracht hatte wie er selbst,
+darüber hatte Diederich seine privaten Vermutungen. Offiziell und von
+Verbindungs wegen war es ihm unbekannt.
+
+Rosa war nicht übel angezogen, auf dem Ball fand sie Bewerber. Damit
+Diederich noch eine Polka bekam, war er genötigt, sie daran zu erinnern,
+daß er ihr die Handschuhe gekauft habe. Schon machte er zur Einleitung des
+Tanzes seine korrekte Verbeugung, da drängte sich unversehens ein anderer
+dazwischen und polkte mit Rosa von dannen. Betreten sah Diederich ihnen
+nach, im dunklen Gefühl, daß er hier werde einschreiten müssen. Bevor er
+sich aber regte, war ein Mädchen durch die tanzenden Paare gestürzt, hatte
+Rosa geohrfeigt und sie in unzarter Weise von ihrem Partner getrennt. Dies
+sehen und auf Rosas Räuber losmarschieren, war für Diederich eins.
+
+„Mein Herr,“ sagte er und sah ihm fest in die Augen, „Ihr Benehmen ist
+unqualifizierbar.“
+
+Der andere erwiderte:
+
+„Wennschon.“
+
+Überrascht von dieser ungewöhnlichen Wendung eines offiziellen Gesprächs,
+stammelte Diederich:
+
+„Knote.“
+
+Der andere erwiderte prompt:
+
+„Schote“ – und lachte dabei. Durch so viel Formlosigkeit vollends aus der
+Fassung gebracht, wollte Diederich sich schon verbeugen und abtreten; aber
+der andere stieß ihn plötzlich vor den Bauch – und gleich darauf wälzten
+sie sich zusammen am Boden. Umringt von Gekreisch und anfeuernden Zurufen
+kämpften sie, bis man sie trennte. Gottlieb Hornung, der Diederichs
+Klemmer suchen half, rief: „Da reißt er aus“ – und war schon hinterher.
+Diederich folgte. Sie sahen den anderen mit einem Begleiter gerade noch in
+eine Droschke steigen und nahmen die nächste. Hornung behauptete, die
+Verbindung dürfe das nicht auf sich sitzen lassen. „So was kneift und
+bekümmert sich nicht mal mehr um die Dame.“ Diederich erklärte:
+
+„Was Rosa betrifft, die ist für mich erledigt.“
+
+„Für mich auch.“
+
+Die Fahrt war aufregend. „Ob wir nachkommen? Wir haben einen lahmen Gaul.“
+„Wenn der Prolet nun nicht satisfaktionsfähig ist?“ Man entschied: „Dann
+hat die Sache offiziell nicht stattgefunden.“
+
+Der erste Wagen hielt im Westen vor einem anständigen Haus. Diederich und
+Hornung trafen ein, wie das Tor zugeschlagen ward. Entschlossen postierten
+sie sich davor. Es ward kühl, sie marschierten hin und her vor dem Hause,
+zwanzig Schritte nach links, zwanzig Schritte nach rechts, behielten immer
+die Tür im Auge und wiederholten immer dieselben ernsten und weittragenden
+Reden. Nur Pistolen kamen hier in Frage! Diesmal war die Ehre der
+Neuteutonia teuer zu bezahlen! Wenn es nur kein Prolet war!
+
+Endlich kam der Portier zum Vorschein, und sie nahmen ihn ins Verhör. Sie
+suchten ihm die Herren zu beschreiben, fanden aber, daß die beiden keine
+besonderen Kennzeichen hatten. Hornung, noch leidenschaftlicher als
+Diederich, blieb dabei, daß man warten müsse, und noch zwei Stunden lang
+marschierten sie hin und her, dann bogen aus dem Hause zwei Offiziere.
+Diederich und Hornung rissen die Augen auf, ungewiß, ob hier nicht ein
+Irrtum vorlag. Die Offiziere stutzten. Einer schien sogar zu erbleichen.
+Da entschloß Diederich sich. Er trat vor den Erbleichten hin.
+
+„Mein Herr –“
+
+Die Stimme versagte ihm. Der Leutnant sagte, verlegen: „Sie irren sich
+wohl.“
+
+Diederich brachte hervor:
+
+„Durchaus nicht. Ich muß Genugtuung fordern. Sie haben sich –“
+
+„Ich kenne Sie ja gar nicht“, stammelte der Leutnant. Aber sein Kamerad
+flüsterte ihm etwas zu: „So geht das nicht“ – er ließ sich von dem anderen
+die Karte geben, legte seine eigene dazu und überreichte sie Diederich.
+Diederich gab die seine her; dann las er: „Albrecht Graf
+Tauern-Bärenheim“. Da nahm er sich nicht mehr die Zeit, auch die andere zu
+lesen, sondern begann kleine, eifrige Verbeugungen zu vollführen. Der
+zweite Offizier wandte sich inzwischen an Gottlieb Hornung.
+
+„Mein Freund hat den Scherz natürlich ganz harmlos gemeint. Er wäre
+selbstverständlich zu jeder Genugtuung bereit; ich will nur feststellen,
+daß eine beleidigende Absicht nicht vorliegt.“
+
+Der andere, den er dabei ansah, hob die Schultern. Diederich stammelte: „O
+danke sehr.“
+
+„Damit ist die Sache wohl erledigt“, sagte der Freund; und die beiden
+Herren entfernten sich.
+
+Diederich stand noch da, die Stirn feucht und mit befangenen Sinnen.
+Plötzlich seufzte er tief auf und lächelte langsam.
+
+Nachher auf der Kneipe war die Rede nur von diesem Vorfall. Diederich
+rühmte den Kommilitonen das wahrhaft ritterliche Verhalten des Grafen.
+
+„Ein wirklicher Edelmann verleugnet sich doch nie.“
+
+Er machte den Mund klein wie ein Mausloch und stieß in langsamer
+Schwellung die Worte hervor:
+
+„F – formen sind doch kein leerer Wahn.“
+
+Immer wieder rief er Gottlieb Hornung als Zeugen seines großen
+Augenblickes auf.
+
+„So gar nichts Steifes, wie? Oh! Auf einen doch immerhin gewagten Scherz
+kommt es solchem Herrn nicht an. Eine Haltung dabei: t–hadellos, kann ich
+euch sagen. Die Erklärungen Seiner Erlaucht waren so durchaus
+befriedigend, daß ich meinerseits unmöglich –: Ihr begreift, man ist kein
+Rauhbein.“
+
+Alle begriffen es und bestätigten Diederich, daß die Neuteutonia in dieser
+Sache durchaus anständig abgeschnitten habe. Die Karten der beiden
+Edelleute wurden bei den Füchsen umhergereicht und zwischen den gekreuzten
+Schlägern am Kaiserbild befestigt. Kein Neuteutone, der sich heute nicht
+betrank.
+
+Damit endete das Semester; aber Diederich und Hornung hatten für die
+Heimreise kein Geld. Das Geld fehlte ihnen schon längst für fast alles.
+Mit Rücksicht auf die Pflichten des Verbindungslebens war Diederichs
+Wechsel auf zweihundertfünfzig Mark erhöht worden; und doch übermannten
+ihn die Schulden. Alle Quellen schienen ausgepumpt, nur dürres Land sah
+man, verschmachtend, sich dahindehnen – und endlich mußte man wohl, so
+wenig dies Rittern angestanden hätte, über die Zurückforderung dessen
+beraten, was sie selbst im Lauf der Zeiten an Kommilitonen verliehen
+hatten. Gewiß war mancher alte Herr inzwischen zu großen Geldern gelangt.
+Hornung fand keinen; Diederich verfiel auf Mahlmann.
+
+„Bei dem geht es“, erklärte er. „Der war bei gar keiner Verbindung: ein
+ganz gemeiner Ruppsack. Dem werd’ ich mal auf die Bude steigen.“
+
+Aber als Mahlmann ihn erblickte, brach er ohne weiteres in sein
+riesenhaftes Lachen aus, daß Diederich fast vergessen hatte und das ihn
+sofort unwiderstehlich herabstimmte. Mahlmann war taktlos! Er hätte doch
+fühlen sollen, daß hier in seinem Patentbureau mit Diederich die ganze
+Neuteutonia moralisch zugegen war, und hätte Diederich um ihretwillen
+Achtung erweisen sollen. Diederich hatte den Eindruck, als sei er aus der
+kraftspendenden Gesamtheit jäh herausgerissen und stehe hier als einzelner
+Mensch vor einem anderen. Eine nicht vorhergesehene, unliebsame Lage! Um
+so unbefangener trug er seine Sache vor. Oh! Er wolle kein Geld zurück,
+das würde er einem Kameraden niemals zugemutet haben! Mahlmann möge nur so
+gefällig sein, ihm für einen Wechsel zu bürgen. Mahlmann lehnte sich in
+seinen Schreibsessel zurück und sagte breit und selbstverständlich:
+
+„Nein.“
+
+Diederich, betroffen:
+
+„Wieso, nein?“
+
+„Bürgen ist gegen meine Prinzipien“, erklärte Mahlmann.
+
+Diederich errötete vor Entrüstung. „Aber ich habe doch auch für Sie
+gebürgt, und dann ist der Wechsel an mich gekommen, und ich mußte für Sie
+hundert Mark blechen. Sie haben sich gehütet!“
+
+„Sehen Sie wohl? Und wenn ich jetzt für Sie bürgen wollte, würden Sie auch
+nicht bezahlen.“
+
+Diederich riß nur noch die Augen auf.
+
+„Nein, Freundchen,“ schloß Mahlmann; „wenn ich Selbstmord begehen will,
+brauch’ ich Sie nicht dazu.“
+
+Diederich faßte sich, er sagte herausfordernd:
+
+„Sie haben wohl keinen Komment, mein Herr.“
+
+„Nein“, wiederholte Mahlmann und lachte ungeheuerlich.
+
+Mit äußerstem Nachdruck stellte Diederich fest: „Dann scheinen Sie
+überhaupt ein Schwindler zu sein. Es soll ja gewisse Patentschwindler
+geben.“
+
+Mahlmann lachte nicht mehr; die Augen in seinem kleinen Kopf waren
+tückisch geworden, und er stand auf. „Nun müssen Sie ’rausgehen“, sagte
+er, ohne Erregung. „Unter uns wäre es wohl Wurst, aber nebenan sitzen
+meine Angestellten, die dürfen so was nicht hören.“
+
+Er packte Diederich an den Schultern, drehte ihn herum und schob ihn vor
+sich her. Für jeden Versuch, sich loszumachen, bekam Diederich einen
+mächtigen Knuff.
+
+„Ich fordere Genugtuung“, schrie er, „Sie müssen sich mit mir schlagen!“
+
+„Ich bin schon dabei. Merken Sie es nicht? Dann will ich noch einen
+rufen.“ Er öffnete die Tür. „Friedrich!“ Und Diederich ward einem Packer
+überliefert, der ihn die Treppe hinabbeförderte. Mahlmann rief ihm nach:
+
+„Nichts für ungut, Freundchen. Wenn Sie ein andermal was auf dem Herzen
+haben, kommen Sie ruhig wieder!“
+
+Diederich brachte sich in Ordnung und verließ das Haus in guter Haltung.
+Um so schlimmer für Mahlmann, wenn er sich so aufführte! Diederich hatte
+sich nichts vorzuwerfen; vor einem Ehrengericht wäre er glänzend
+dagestanden. Etwas höchst Anstößiges blieb es, daß ein einzelner sich so
+viel erlauben konnte; Diederich war gekränkt im Namen sämtlicher
+Korporationen. Andererseits war es nicht zu leugnen, daß Mahlmann
+Diederichs alte Hochachtung wieder beträchtlich aufgefrischt hatte. „Ein
+ganz gemeiner Hund“, dachte Diederich. „Aber so muß man sein ...“
+
+Zu Hause lag ein eingeschriebener Brief.
+
+„Nun können wir fortmachen“, sagte Hornung.
+
+„Wieso wir? Ich brauch’ mein Geld selbst.“
+
+„Du machst wohl Spaß. Ich kann hier doch nicht allein sitzenbleiben.“
+
+„Dann such’ dir Gesellschaft!“
+
+Diederich schlug ein solches Gelächter auf, daß Hornung ihn für verrückt
+hielt. Darauf reiste er wirklich.
+
+Unterwegs sah er erst, daß der Brief von seiner Mutter adressiert war. Das
+war ungewöhnlich ... Seit ihrer letzten Karte, sagte sie, sei es mit
+seinem Vater noch viel schlimmer geworden. Warum Diederich nicht gekommen
+sei.
+
+„Wir müssen uns auf das Entsetzlichste gefaßt machen. Wenn Du unseren
+innigst geliebten Papa noch einmal sehen willst, o dann säume nicht
+länger, mein Sohn!“
+
+Bei dieser Ausdrucksweise ward es Diederich ungemütlich. Er entschloß
+sich, seiner Mutter einfach nicht zu glauben. „Weibern glaub’ ich
+überhaupt nichts, und mit Mama ist es nun mal nicht richtig.“
+
+Trotzdem tat Herr Heßling bei Diederichs Ankunft gerade die letzten
+Atemzüge.
+
+Von dem Anblick überwältigt, brach Diederich gleich auf der Schwelle in
+ein ganz formloses Geheul aus. Er stolperte zum Bett, sein Gesicht war im
+Augenblick naß wie beim Waschen; und mit den Armen tat er lauter kurze
+Flügelschläge und ließ sie machtlos gegen die Hüften klappen. Plötzlich
+erkannte er auf der Decke des Vaters rechte Hand, kniete hin und küßte
+sie. Frau Heßling, ganz still und klein selbst noch bei den letzten
+Atemzügen ihres Herrn, tat drüben dasselbe mit der linken. Diederich
+dachte daran, wie dieser verkümmerte schwarze Fingernagel auf seine Wange
+zugeflogen war, wenn der Vater ihn ohrfeigte; und er weinte laut. Die
+Prügel gar, als er von den Lumpen die Knöpfe gestohlen hatte! Diese Hand
+war schrecklich gewesen; Diederichs Herz krampfte sich, nun er sie
+verlieren sollte. Er fühlte, daß seine Mutter das gleiche im Sinn hatte,
+und sie ahnte seine Gedanken. Auf einmal sanken sie einander, über das
+Bett hinweg, in die Arme.
+
+Bei den Kondolenzbesuchen hatte Diederich sich zurück. Er vertrat vor ganz
+Netzig, stramm und formensicher, die Neuteutonia, sah sich angestaunt und
+vergaß darüber fast, daß er trauerte. Dem alten Herrn Buck ging er bis zur
+äußeren Tür entgegen. Die Beleibtheit des großen Mannes von Netzig ward
+majestätisch in seinem glänzenden Gehrock. Würdevoll trug der den
+umgewendeten Zylinderhut vor sich her; und die andere, vom schwarzen
+Handschuh entblößte Hand, die er Diederich reichte, fühlte sich
+überraschend zartfleischig an. Seine blauen Augen drangen warm in
+Diederich ein, und er sagte:
+
+„Ihr Vater war ein guter Bürger. Junger Mann, werden Sie auch einer! Haben
+Sie immer Achtung vor den Rechten Ihrer Mitmenschen! Das gebietet Ihnen
+Ihre eigene Menschenwürde. Ich hoffe, wir werden hier in unserer Stadt
+noch zusammen für das Gemeinwohl arbeiten. Sie werden jetzt wohl fertig
+studieren?“
+
+Diederich konnte kaum das Ja herausbringen, so sehr verstörte ihn die
+Ehrfurcht. Der alte Buck fragte in leichterem Ton:
+
+„Hat mein Jüngster Sie in Berlin schon aufgesucht? Nein? O, das soll er
+tun. Er studiert jetzt auch dort. Wird aber wohl bald sein Jahr abdienen.
+Haben Sie das schon hinter sich?“
+
+„Nein“ – und Diederich ward sehr rot. Er stammelte Entschuldigungen. Es
+sei ihm bisher ganz unmöglich gewesen, das Studium zu unterbrechen. Aber
+der alte Buck zuckte die Achseln, als sei der Gegenstand unerheblich.
+
+Durch das Testament des Vaters war Diederich neben dem alten Buchhalter
+Sötbier zum Vormund seiner beiden Schwestern bestimmt. Sötbier belehrte
+ihn, daß ein Kapital von siebzigtausend Mark da sei, das als Mitgift der
+Mädchen dienen solle. Nicht einmal die Zinsen durften angegriffen werden.
+Der Reingewinn aus der Fabrik hatte in den letzten Jahren durchschnittlich
+neuntausend Mark betragen. „Mehr nicht?“ fragte Diederich. Sötbier sah ihn
+an, zuerst entsetzt, dann vorwurfsvoll. Wenn der junge Herr sich
+vorstellen könnte, wie sein seliger Vater und Sötbier das Geschäft
+heraufgearbeitet hätten! Gewiß war es ja noch ausdehnungsfähig ...
+
+„Na, is jut“, sagte Diederich. Er sah, daß hier vieles geändert werden
+müsse. Von einem Viertel von neuntausend Mark sollte er leben? Diese
+Zumutung des Verstorbenen empörte ihn. Als seine Mutter behauptete, der
+Selige habe auf dem Sterbebette die Zuversicht geäußert, in seinem Sohn
+Diederich werde er fortleben, und Diederich werde sich niemals
+verheiraten, um immer für die Seinen zu sorgen, da brach Diederich aus.
+„Vater war nicht so krankhaft sentimental wie du,“ schrie er, „und er log
+auch nicht.“ Frau Heßling glaubte den Seligen zu hören und duckte sich.
+Dies benutzte Diederich, um seinen Monatswechsel um fünfzig Mark erhöhen
+zu lassen.
+
+„Zunächst“, sagte er rauh, „hab’ ich mein Jahr abzudienen. Das kostet, was
+es kostet. Mit euren kleinlichen Geldgeschichten könnt ihr mir später
+kommen.“
+
+Er bestand sogar darauf, in Berlin einzutreten. Der Tod des Vaters hatte
+ihm wilde Freiheitsgefühle gegeben. Nachts freilich träumte er, der alte
+Herr trete aus dem Kontor, mit dem ergrauten Gesicht, das er als Leiche
+gehabt hatte – und schwitzend erwachte Diederich.
+
+Er reiste, versehen mit dem Segen der Mutter. Gottlieb Hornung und ihre
+gemeinsame Rosa konnte er fortan nicht brauchen und zog um. Den
+Neuteutonen zeigte er in angemessener Form seine veränderten
+Lebensumstände an. Die Burschenherrlichkeit war vorüber. Der
+Abschiedskommers! Trauersalamander wurden gerieben, die für Diederichs
+alten Herrn bestimmt waren, aber die auch ihm und seiner schönsten
+Blütezeit gelten konnten. Vor lauter Hingabe gelangte er unter den Tisch,
+wie am Abend seiner Aufnahme als Konkneipant; und war nun alter Herr.
+
+Arg verkatert stand er tags darauf, inmitten anderer jungen Leute, die
+alle, wie er selbst, ganz nackt ausgezogen waren, vor dem Stabsarzt.
+Dieser Herr sah angewidert über all das männliche Fleisch hin, das ihm
+unterbreitet war; an Diederichs Bauch aber ward sein Blick höhnisch.
+Sofort grinsten alle ringsum, und Diederich blieb nichts übrig, als auch
+seinerseits die Augen auf seinen Bauch zu senken, der errötet war ... Der
+Stabsarzt hatte seinen vollen Ernst zurück. Einem, der nicht so scharf
+hörte, wie es Vorschrift war, erging es schlecht, denn man kannte die
+Simulanten! Ein anderer, der noch dazu Levysohn hieß, bekam die Lehre:
+„Wenn Sie mich wieder mal hier belästigen, dann waschen Sie sich
+wenigstens!“ Bei Diederich hieß es:
+
+„Ihnen wollen wir das Fett schon wegkurieren. Vier Wochen Dienst, und ich
+garantiere Ihnen, daß Sie aussehen wie ein Christenmensch.“
+
+Damit war er angenommen. Die Ausgemusterten fuhren so schnell in ihre
+Kleider, als brennte die Kaserne. Die für tauglich Befundenen sahen
+einander prüfend von der Seite an und entfernten sich zaudernd, als
+erwarteten sie, daß eine schwere Hand sich ihnen auf die Schultern lege.
+Einer, ein Schauspieler mit einem Gesicht, als sei ihm alles eins, kehrte
+um, stellte sich nochmals vor den Stabsarzt hin und sagte laut, mit
+sorgfältiger Aussprache: „Ich möchte noch hinzufügen, daß ich homosexuell
+bin.“
+
+Der Stabsarzt wich zurück, er war ganz rot. Stimmlos sagte er: „Solche
+Schweine können wir allerdings nicht brauchen.“
+
+Diederich drückte den künftigen Kameraden seine Entrüstung aus über ein so
+schamloses Verfahren. Dann sprach er noch den Unteroffizier an, der vorher
+an der Wand seine Körperlänge gemessen hatte, und beteuerte ihm, daß er
+froh sei. Trotzdem schrieb er nach Netzig an den praktischen Arzt Dr.
+Heuteufel, der ihn als Jungen im Hals gepinselt hatte: ob der Doktor ihm
+nicht bescheinigen wolle, daß er skrofulös und rachitisch sei. Er könne
+sich doch nicht ruinieren lassen mit der Schinderei. Aber die Antwort
+lautete, er solle nur nicht kneifen, das Dienen werde ihm trefflich
+bekommen. So gab Diederich denn sein Zimmer wieder auf und fuhr mit seinem
+Handkoffer in die Kaserne. Wenn man schon vierzehn Tage dort wohnen mußte,
+konnte man so lange die Miete sparen.
+
+Sofort ging es mit Reckturnen, Springen und anderen atemraubenden Dingen
+an. Kompagnieweise ward man in den Korridoren, die „Rayons“ hießen,
+„abgerichtet“. Leutnant von Kullerow trug eine unbeteiligte Hochnäsigkeit
+zur Schau, die Einjährigen betrachtete er nie anders als mit einem
+zugekniffenen Auge. Plötzlich schrie er: „Abrichter!“ und gab den
+Unteroffizieren eine Instruktion, worauf er sich verachtungsvoll abwandte.
+Beim Exerzieren im Kasernenhof, beim Gliederbilden, Sichzerstreuen und
+Platzwechseln ward weiter nichts beabsichtigt, als die „Kerls“
+umherzuhetzen. Ja, Diederich fühlte wohl, daß alles hier, die Behandlung,
+die geläufigen Ausdrücke, die ganze militärische Tätigkeit vor allem
+darauf hinzielte, die persönliche Würde auf ein Mindestmaß herabzusetzen.
+Und das imponierte ihm; es gab ihm, so elend er sich befand, und gerade
+dann, eine tiefe Achtung ein und etwas wie selbstmörderische Begeisterung.
+Prinzip und Ideal war ersichtlich das gleiche wie bei den Neuteutonen, nur
+ward es grausamer durchgeführt. Die Pausen der Gemütlichkeit, in denen man
+sich seines Menschentums erinnern durfte, fielen fort. Jäh und
+unabänderlich sank man zur Laus herab, zum Bestandteil, zum Rohstoff, an
+dem ein unermeßlicher Wille knetete. Wahnsinn und Verderben wäre es
+gewesen, auch nur im geheimsten Herzen sich aufzulehnen. Höchstens konnte
+man, gegen die eigene Überzeugung, sich manchmal drücken. Diederich war
+beim Laufen gefallen, der Fuß tat ihm weh. Nicht, daß er gerade hätte
+hinken müssen, aber er hinkte und durfte, wie die Kompagnie „ins Gelände“
+marschierte, zurückbleiben. Um dies zu erreichen, war er zunächst an den
+Hauptmann selbst herangetreten. „Herr Hauptmann, bitte –“ Welche
+Katastrophe! Er hatte in seiner Ahnungslosigkeit vorwitzig das Wort an
+eine Macht gerichtet, von der man stumm und auf den Knien des Geistes
+Befehle entgegenzunehmen hatte! Der man sich nur „vorführen“ lassen
+konnte! Der Hauptmann donnerte, daß die Unteroffiziere zusammenliefen, mit
+Mienen, in denen das Entsetzen vor einer Lästerung stand. Die Folge war,
+daß Diederich stärker hinkte und einen Tag länger vom Dienst befreit
+werden mußte.
+
+Unteroffizier Vanselow, der für die Untat seines Einjährigen
+verantwortlich war, sagte zu Diederich nur: „Das will ein gebildeter
+Mensch sein!“ Er war es gewohnt, daß alles Unheil von den Einjährigen kam.
+Vanselow schlief in ihrem Mannschaftszimmer hinter einem Verschlag. Nach
+dem Lichtlöschen zoteten sie, bis der Unteroffizier empört
+dazwischenschrie: „Das wollen gebildete Leute sein!“ Trotz seiner langen
+Erfahrung erwartete er immer noch von den Einjährigen mehr Geist und gute
+Haltung als von den anderen Leuten und war immer neu enttäuscht. In
+Diederich sah er keineswegs den Schlimmsten. Das Bier, das einer zahlte,
+entschied nicht allein über Vanselows Meinung. Noch mehr sah Vanselow auf
+den soldatischen Geist freudiger Unterwerfung, und den hatte Diederich. In
+der Instruktionsstunde konnte man ihn den anderen als Muster vorhalten.
+Diederich zeigte sich ganz erfüllt von den militärischen Idealen der
+Tapferkeit und der Ehrliebe. Was die Abzeichen und die Rangordnung betraf,
+so schien der Sinn dafür ihm angeboren. Vanselow sagte: „Jetzt bin ich der
+Herr Kommandierende General“, und auf der Stelle benahm Diederich sich,
+als glaubte er es. Wenn es aber hieß: „Jetzt bin ich ein Mitglied der
+königlichen Familie“, dann war Diederichs Verhalten so, daß es dem
+Unteroffizier ein Lächeln des Größenwahns abnötigte.
+
+Im Privatgespräch in der Kantine eröffnete Diederich seinem Vorgesetzten,
+daß er vom Soldatenleben begeistert sei. „Das Aufgehen im großen Ganzen!“
+sagte er. Er wünsche sich nichts auf der Welt, als ganz dabei zu bleiben.
+Und er war aufrichtig – was aber nicht hinderte, daß er am Nachmittag, bei
+den Übungen „im Gelände“, keinen anderen Wunsch mehr kannte, als sich in
+den Graben zu legen und nicht mehr vorhanden zu sein. Die Uniform, die
+ohnedies, aus Rücksichten der Strammheit, zu eng geschnitten war, ward
+nach dem Essen zum Marterwerkzeug. Was half es, daß der Hauptmann, bei
+seinen Kommandos, sich unsäglich kühn und kriegerisch auf dem Pferd
+herumsetzte, wenn man selbst, rennend und schnaufend, die Suppe unverdaut
+im Magen schlenkern fühlte. Die sachliche Begeisterung, zu der Diederich
+völlig bereit war, mußte zurücktreten hinter der persönlichen Not. Der Fuß
+schmerzte wieder; und Diederich lauschte auf den Schmerz, in der
+angstvollen, mit Selbstverachtung verbundenen Hoffnung, es möchte
+schlimmer werden, so schlimm, daß er nicht wieder „ins Gelände“ hinaus
+mußte, daß er vielleicht nicht einmal mehr im Kasernenhof üben konnte und
+daß man genötigt war, ihn zu entlassen!
+
+Es kam dahin, daß er am Sonntag den alten Herrn eines Korpsbruders
+aufsuchte, der Geheimer Sanitätsrat war. Er müsse ihn um seinen Beistand
+bitten, sagte Diederich, rot vor Scham. Er sei begeistert für die Armee,
+für das große Ganze und wäre am liebsten ganz dabei geblieben. Man sei da
+in einem großartigen Betrieb, ein Teil der Macht sozusagen und wisse
+immer, was man zu tun habe: das sei ein herrliches Gefühl. Aber der Fuß
+tue nun einmal weh. „Man darf es doch nicht so weit kommen lassen, daß er
+unbrauchbar wird. Schließlich habe ich Mutter und Geschwister zu
+ernähren.“ Der Geheimrat untersuchte ihn. „Neuteutonia sei’s Panier“,
+sagte er. „Ich kenne zufällig Ihren Oberstabsarzt.“ Hiervon war Diederich
+durch seinen Korpsbruder unterrichtet. Er empfahl sich, voll banger
+Hoffnung.
+
+Die Hoffnung bewirkte, daß er am nächsten Morgen kaum noch auftreten
+konnte. Er meldete sich krank. „Wer sind Sie, was belästigen Sie mich?“ –
+und der Stabsarzt maß ihn. „Sie sehen aus wie das Leben, Ihr Bauch ist
+auch schon kleiner.“ Aber Diederich stand stramm und blieb krank; der
+Vorgesetzte mußte sich zu einer Untersuchung herbeilassen. Als er den Fuß
+zu Gesicht bekam, erklärte er, wenn er sich nicht eine Zigarre anzünde,
+werde ihm unwohl werden. Trotzdem war nichts zu finden an dem Fuß. Der
+Stabsarzt stieß ihn entrüstet vom Stuhl. „Macht Dienst, Schluß, abtreten“
+– und Diederich war erledigt. Mitten im Exerzieren aber schrie er
+plötzlich auf und fiel um. Er ward ins „Revier“ gebracht, den Aufenthalt
+der Leichterkrankten, wo es nach Volk roch und nichts zu essen gab. Denn
+die Selbstbeköstigung, die den Einjährigen zustand, war hier nur schwer zu
+bewerkstelligen, und von den Rationen der anderen bekam er nichts. Vor
+Hunger meldete er sich gesund. Abgeschnitten von menschlichem Schutz, von
+allen sittlichen Rechten der bürgerlichen Welt, trug er sein düsteres
+Geschick; eines Morgens aber, als alle Hoffnung schon dahin war, holte man
+ihn vom Exerzieren weg auf das Zimmer des Oberstabsarztes. Dieser hohe
+Vorgesetzte wünschte ihn zu untersuchen. Er hatte einen verlegen
+menschlichen Ton und schlug dann wieder in militärische Schroffheit um,
+die gleichfalls nicht unbefangen wirkte. Auch er schien nichts Rechtes zu
+finden, das Ergebnis seines Eingreifens aber klang trotzdem anders.
+Diederich sollte nur „vorläufig“ weiter Dienst machen, das weitere werde
+sich schon ergeben. „Bei _dem Fuß_ ...“
+
+Einige Tage später trat ein „Revier“gehilfe an Diederich heran und
+fertigte auf geschwärztem Papier einen Abdruck des verhängnisvollen Fußes.
+Diederich ward genötigt, im Revierzimmer zu warten. Der Stabsarzt ging
+eben umher und nahm Gelegenheit, ihm seine volle Verachtung auszudrücken.
+„Nicht mal Plattfuß! Stinkt vor Faulheit!“ Da aber ward die Tür
+aufgestoßen, und der Oberstabsarzt, die Mütze auf dem Kopf, hielt seinen
+Einzug. Sein Schritt war fester und zielbewußter als sonst, er sah nicht
+rechts noch links, wortlos stellte er sich vor seinem Untergebenen auf,
+den Blick finster und streng auf dessen Mütze. Der Stabsarzt stutzte, er
+mußte sich in eine Lage finden, die ersichtlich die gewohnte Kollegialität
+nicht mehr zuließ. Nun hatte er sie erfaßt, nahm die Mütze herunter und
+stand stramm. Darauf zeigte der Vorgesetzte ihm das Papier mit dem Fuß,
+sprach leise und mit einer Betonung, die ihm befahl, etwas zu sehen, was
+nicht da war. Der Stabsarzt blinzelte abwechselnd den Vorgesetzten,
+Diederich und das Papier an. Dann zog er die Absätze zusammen: er hatte
+das Befohlene gesehen.
+
+Als der Oberstabsarzt fort war, näherte der Stabsarzt sich Diederich.
+Höflich, mit einem leisen Lächeln des Einverständnisses, sagte er:
+
+„Der Fall war natürlich von Anfang an klar. Man mußte nur der Leute wegen
+–. Sie verstehen, die Disziplin –.“
+
+Diederich bekundete durch Strammstehen, daß er alles verstehe.
+
+„Aber“, wiederholte der Stabsarzt, „ich habe natürlich gewußt, wie Ihr
+Fall lag.“
+
+Diederich dachte: „Wenn du es nicht gewußt hast, jetzt weißt du es.“ Laut
+sagte er:
+
+„Gestatte mir gehorsamst zu fragen, Herr Stabsarzt: Ich werde doch
+weiterdienen dürfen?“
+
+„Dafür kann ich Ihnen nicht garantieren“, sagte der Stabsarzt und machte
+kehrt.
+
+Von schwerem Dienst war Diederich fortan befreit, das „Gelände“ sah ihn
+nicht mehr. Um so williger und freudiger war sein Verhalten in der
+Kaserne. Wenn des Abends beim Appell der Hauptmann, die Zigarre im Munde
+und leicht angetrunken, aus dem Kasino kam, um für Stiefel, die nicht
+geschmiert, sondern gewichst waren, Mittelarrest zu verhängen: an
+Diederich fand er nichts auszusetzen. Um so unerbittlicher übte er seine
+gerechte Strenge an einem Einjährigen, der nun schon im dritten Monat
+strafweise im Mannschaftszimmer schlafen mußte, weil er einst, während der
+ersten vierzehn Tage, nicht dort, sondern zu Hause geschlafen hatte. Er
+hatte damals vierzig Grad Fieber gehabt und wäre, wenn er seine Pflicht
+getan hätte, vielleicht gestorben. Dann wäre er eben gestorben! Der
+Hauptmann hatte, sooft er diesen Einjährigen ansah, ein Gesicht voll
+stolzer Genugtuung. Diederich dahinten, klein und unversehrt, dachte:
+„Siehst du wohl? Die Neuteutonia und ein Geheimer Sanitätsrat sind mehr
+wert als vierzig Grad Fieber ...“ Was Diederich betraf, so waren die
+amtlichen Formalitäten eines Tages glücklich erfüllt, und der
+Unteroffizier Vanselow verkündete ihm seine Entlassung. Diederich hatte
+sofort die Augen voll Tränen; er drückte Vanselow warm die Hand.
+
+„Gerade muß mir das passieren, und ich hatte doch“ – er schluchzte – „so
+viel Freudigkeit.“
+
+Und dann war er „draußen“.
+
+Vier Wochen lang blieb er zu Hause und büffelte. Wenn er zum Essen ging,
+sah er sich um, ob ein Bekannter ihn bemerkte. Endlich mußte er sich den
+Neuteutonen wohl zeigen. Er trat herausfordernd auf.
+
+„Wer von euch noch nicht dabei war, hat keine Ahnung. Ich sage euch, da
+sieht man die Welt von einem anderen Standpunkt. Ich wäre überhaupt dabei
+geblieben, meine Vorgesetzten rieten es mir, ich sei hervorragend
+qualifiziert. Na und da –“
+
+Er starrte schmerzlich vor sich hin.
+
+„Das Unglück mit dem Gaul. Das kommt davon, wenn man ein zu guter Soldat
+ist. Der Hauptmann läßt einen in seinem Dogcart fahren, damit der Gaul mal
+bewegt wird, und da ist das Unglück passiert. Natürlich habe ich den Fuß
+nicht geschont und zu früh wieder Dienst gemacht. Die Sache verschlimmerte
+sich erheblich, der Stabsarzt gab mir anheim, für jede Eventualität meine
+Angehörigen zu benachrichtigen.“
+
+Dies sagte er knapp und männlich.
+
+„Da hättet ihr nun den Hauptmann sehen sollen. Täglich kam er selbst, nach
+den größten Märschen, mit bestaubter Uniform, wie er war. So was gibt es
+auch nur beim Militär. Wir sind in den bösen Tagen wahre Kameraden
+geworden. Hier die Zigarre ist noch von ihm. Und als er mir dann
+eingestehen mußte, der Stabsarzt wolle mich fortschicken, ich kann euch
+versichern, das war einer der Augenblicke im Leben, die man nicht vergißt.
+Der Hauptmann und ich, wir kriegten beide gleichzeitig feuchte Augen.“
+
+Alle waren erschüttert. Diederich sah tapfer um sich.
+
+„Na, jetzt soll man sich also wieder in das bürgerliche Leben
+hineinfinden. Prost.“
+
+Er büffelte weiter; und am Sonnabend kneipte er mit den Neuteutonen. Auch
+Wiebel erschien wieder. Er war Assessor, auf dem Wege zum Staatsanwalt und
+sprach nur noch von „subversiven Tendenzen“, „Vaterlandsfeinden“ und auch
+vom „christlich-sozialen Gedanken“. Er erklärte den Füchsen, es sei an der
+Zeit, sich mit Politik zu beschäftigen. Er wisse wohl, daß es nicht für
+vornehm gelte, aber die Gegner zwängen einen dazu. Hochfeudale Herren, wie
+sein Freund, der Assessor von Barnim, seien in der Bewegung. Herr von
+Barnim werde demnächst den Neuteutonen die Ehre geben.
+
+Er kam, und er gewann alle Herzen, denn er benahm sich wie gleich zu
+gleich. Er hatte dunkles, glatt gescheiteltes Haar, das Wesen eines
+pflichteifrigen Beamten, sprach sachlich – aber am Schluß seines Vortrages
+bekam er Schwärmeraugen und verabschiedete sich rasch, mit warmen
+Händedrücken. Die Neuteutonen stimmten nach seinem Besuch alle darin
+überein, daß der jüdische Liberalismus die Vorfrucht der Sozialdemokratie
+sei und daß die christlichen Deutschen sich um den Hofprediger Stöcker zu
+scharen hätten. Diederich verband, wie die anderen, mit dem Wort
+„Vorfrucht“ keinen deutlichen Sinn und verstand unter „Sozialdemokratie“
+nur eine allgemeine Teilerei. Das genügte ihm auch. Aber Herr von Barnim
+hatte jeden, der nähere Aufklärung wünschte, zu sich eingeladen, und
+Diederich würde es sich nicht verziehen haben, wenn er eine so
+schmeichelhafte Gelegenheit versäumt hätte.
+
+In seiner kalten, altmodischen Junggesellenwohnung hielt Herr von Barnim
+ihm ein Privatissimum. Sein politisches Ziel war eine ständische
+Volksvertretung, wie im glücklichen Mittelalter: Ritter, Geistliche,
+Gewerbetreibende, Handwerker. Das Handwerk mußte, der Kaiser hatte es mit
+Recht gefordert, wieder auf die Höhe kommen, wie vor dem Dreißigjährigen
+Krieg. Die Innungen hatten Gottesfurcht und Sittlichkeit zu pflegen.
+Diederich äußerte sein wärmstes Einverständnis. Es entsprach seinen
+Trieben, als eingetragenes Mitglied eines Standes, einer Berufsklasse,
+nicht persönlich, sondern korporativ im Leben Fuß zu fassen. Er sah sich
+schon als Abgeordneter der Papierbranche. Die jüdischen Mitbürger freilich
+schloß Herr von Barnim von seiner Ordnung der Dinge aus; waren sie doch
+das Prinzip der Unordnung und Auflösung, des Durcheinanderwerfens, der
+Respektlosigkeit: das Prinzip des Bösen selbst. Sein frommes Gesicht zog
+sich zusammen vom Haß, und Diederich fühlte ihn mit.
+
+„Schließlich“, meinte er, „haben wir doch die Gewalt und können sie
+hinauswerfen. Das deutsche Heer –“
+
+„Das ist es eben“, stieß Herr von Barnim aus, der durch das Zimmer lief.
+„Haben wir darum den ruhmreichen Krieg geführt, daß mein väterliches Gut
+an einen Herrn Frankfurter verkauft wird?“
+
+Während Diederich noch erschüttert schwieg, klingelte es, und Herr von
+Barnim sagte:
+
+„Es ist mein Barbier, den will ich mir auch mal vornehmen.“
+
+Er bemerkte Diederichs Enttäuschung und setzte hinzu:
+
+„Natürlich rede ich mit solch einem Manne anders. Aber jeder von uns muß
+an seinem Teil der Sozialdemokratie Abbruch tun und die kleinen Leute in
+das Lager unseres christlichen Kaisers hinüberziehen. Tun auch Sie das
+Ihre!“
+
+Damit war Diederich entlassen. Er hörte den Barbier noch sagen:
+
+„Schon wieder ein alter Kunde, Herr Assessor, der zu Liebling hinübergeht,
+bloß weil Liebling jetzt Marmor hat.“
+
+Wiebel sagte, als Diederich ihm berichtete:
+
+„Das ist alles schön und gut, und ich habe eine ganz bedeutende Verehrung
+für die ideale Gesinnung meines Freundes von Barnim, aber auf die Dauer
+kommen wir damit nicht mehr weiter. Sehen Sie mal, auch Stöcker hat im
+Eispalast seine verdammten Erfahrungen gemacht mit der Demokratie, ob sie
+sich nun christlich nennt oder unchristlich. Die Dinge sind zu weit
+gediehen. Heute heißt es bloß noch: losschlagen, solange wir die Macht
+haben.“
+
+Und Diederich stimmte erleichtert bei. Herumgehen und Christen werben, war
+ihm gleich ein wenig peinlich erschienen.
+
+„Die Sozialdemokratie nehme ich auf mich, hat der Kaiser gesagt.“ Wiebels
+Augen drohten katerhaft. „Nun, was wollen Sie mehr? Das Militär ist
+darüber instruiert, es könne vorkommen, daß es auf die lieben Verwandten
+schießen muß. Also? Ich kann Ihnen mitteilen, mein Lieber, wir stehen am
+Vorabend großer Ereignisse.“
+
+Da Diederich erregte Neugier zeigte:
+
+„Was ich durch meinen Vetter von Klappke –.“
+
+Wiebel machte eine Pause. Diederich zog die Absätze zusammen:
+
+„– in Erfahrung gebracht habe, ist noch nicht für die Öffentlichkeit reif.
+Ich will nur bemerken, daß der gestrige Ausspruch Seiner Majestät, die
+Nörgler möchten gefälligst den deutschen Staub von ihren Pantoffeln
+schütteln, eine verteufelt ernst zu nehmende Warnung war.“
+
+„Tatsächlich? Sie glauben?“ sagte Diederich. „Dann ist mein Pech wirklich
+skandalös, daß ich gerade jetzt aus dem Dienst Seiner Majestät scheiden
+mußte. Ich darf sagen, daß ich gegen den inneren Feind meine volle Pflicht
+getan haben würde. Auf die Armee, so viel weiß ich, kann der Kaiser sich
+verlassen.“
+
+Er war in diesen naßkalten Februartagen des Jahres 1892 viel auf der
+Straße, in der Erwartung großer Ereignisse. Unter den Linden hatte sich
+etwas verändert, man sah noch nicht, was. Berittene Schutzleute hielten an
+den Mündungen der Straßen und warteten auch. Die Passanten zeigten
+einander das Aufgebot der Macht. „Die Arbeitslosen!“ Man blieb stehen, um
+sie ankommen zu sehen. Sie kamen vom Norden her, in kleinen Abteilungen
+und im langsamen Marschschritt. Unter den Linden zögerten sie, wie
+verwirrt, berieten sich mit den Blicken und lenkten nach dem Schloß ein.
+Dort standen sie, stumm, die Hände in den Taschen, ließen sich von den
+Rädern der Wagen mit Schlamm bespritzen und zogen die Schultern hoch unter
+dem Regen, der auf ihre entfärbten Überzieher fiel. Manche von ihnen
+wandten die Köpfe nach vorübergehenden Offizieren, nach den Damen in ihren
+Wagen, nach den langen Pelzen der Herren, die von der Burgstraße her
+schlenderten; und ihre Mienen waren ohne Ausdruck, nicht drohend und nicht
+einmal neugierig, nicht, als wollten sie sehen, sondern als zeigten sie
+sich. Andere aber ließen kein Auge von den Fenstern des Schlosses. Das
+Wasser lief über ihre hinaufgewendeten Gesichter. Ein Pferd mit einem
+schreienden Schutzmann trieb sie weiter, hinüber oder bis zur nächsten
+Ecke – aber schon standen sie wieder, und die Welt schien versunken
+zwischen diesen breiten hohlen Gesichtern, die fahler Abend beschien, und
+der starren Mauer dort hinten, auf der es dunkelte.
+
+„Ich begreife nicht,“ sagte Diederich, „daß die Polizei nicht energischer
+vorgeht. Das ist doch eine unbotmäßige Bande.“
+
+„Lassen Sie’s gut sein“, erwiderte Wiebel. „Die Schutzleute sind genau
+instruiert. Die Herren da oben haben ihre wohlüberlegten Absichten, das
+können Sie mir glauben. Es ist nämlich gar nicht immer zu wünschen, daß
+derartige Fäulniserscheinungen am Staatskörper gleich anfangs unterdrückt
+werden. Man läßt sie ausreifen, dann macht man ganze Arbeit!“
+
+Die Reife, die Wiebel meinte, kam täglich näher, am sechsundzwanzigsten
+schien sie da. Die Demonstrationen der Arbeitslosen sahen zielbewußter
+aus. In eine der nördlichen Straßen zurückgetrieben, quollen sie aus der
+nächsten, bevor man ihnen den Weg abschneiden konnte, verstärkt wieder
+hervor. Unter den Linden vereinigten sich ihre Züge, rannen, sooft sie
+getrennt wurden, wieder zusammen, erreichten das Schloß, wichen zurück und
+erreichten es noch einmal, stumm und unaufhaltsam wie übergetretenes
+Wasser. Der Wagenverkehr stockte, die Fußgänger stauten sich, mit
+hineingezogen in die langsame Überschwemmung, worin der Platz ertrank, in
+dies trübe und mißfarbene Meer der Armen, das zäh dahinrollte, dumpfe
+Laute heraufwälzte und wie Maste untergegangener Schiffe die Stangen mit
+den Bannern hinaufreckte: „Brot! Arbeit!“ Ein deutlicheres Grollen,
+ausbrechend aus der Tiefe, jetzt drüben, jetzt hier: „Brot! Arbeit!“
+Anschwellend über die Menge hinrollend, wie aus einer Gewitterwolke:
+„Brot! Arbeit!“ Eine Attacke der Berittenen, ein Aufschäumen,
+Zurückfließen, und Weiberstimmen im Lärm, schrill, gleich Signalen: „Brot!
+Arbeit!“
+
+Man wird überrannt, vom Friedrichdenkmal fegt es die Neugierigen hinunter.
+Aber sie haben aufgerissene Münder; aus kleinen Beamten, denen der Weg ins
+Amt versperrt ist, fliegt Staub auf, als würden sie geklopft. Ein
+verzerrtes Gesicht, das Diederich nicht kennt, schreit ihm zu: „Es kommt
+anders! Jetzt geht es gegen die Juden!“ – und ist untergegangen, bevor ihm
+einfällt, es war Herr von Barnim. Er will ihm nach, wird in einem großen
+Schub weit hinübergeworfen, bis vor das Fenster eines Cafés, hört das
+Klirren der eingedrückten Scheibe, einen Arbeiter, der schreit: „Da haben
+se mich neulich ’rausgesetzt for meine dreißig Fennje, weil ich keinen
+Zylinderhut hatte“ – und dringt mit ein durch das Fenster, zwischen die
+umgeworfenen Tische, auf den Boden, wo man über Scherben fällt, einander
+die Bäuche einstößt und laut zetert. „Niemand mehr ’rein! Wir kriegen
+keine Luft!“ Aber immer mehr steigen ein. „Die Polizei drängelt!“ Und die
+Mitte der Straße sieht man frei liegen, gesäubert, wie für einen
+Triumphzug. Da sagt jemand: „Das ist doch Wilhelm!“
+
+Und Diederich war wieder draußen. Niemand wußte, wie es kam, daß man auf
+einmal marschieren konnte, in gedrängter Masse, auf der ganzen Breite der
+Straße und zu beiden Seiten bis an die Flanken des Pferdes, worauf der
+Kaiser saß: er selbst. Man sah ihn an und ging mit. Knäuel von Schreienden
+wurden aufgelöst und mitgerissen. Alle sahen ihn an. Dunkles Geschiebe,
+ohne Form, planlos, grenzenlos, und hell darüber ein junger Herr im Helm,
+der Kaiser. Sie sahen: sie hatten ihn heruntergeholt aus dem Schloß. Sie
+hatten: „Brot! Arbeit!“ geschrien, bis er gekommen war. Nichts hatte sich
+geändert, als daß er da war – und schon marschierten sie, als gehe es auf
+das Tempelhofer Feld.
+
+Seitwärts, wo die Reihen dünner waren, sagten bürgerlich Gekleidete zu
+einander: „Na, Gott sei Dank, er weiß, was er will!“
+
+„Was will er denn?“
+
+„Der Bande zeigen, wer die Macht hat! Im guten hat er es mit ihnen
+versucht. Er ist sogar zu weit gegangen in den Erlassen vor zwei Jahren.
+Sie sind frech geworden.“
+
+„Angst kennt er nicht, das muß man sagen. Kinder, dies ist ein
+historischer Moment!“
+
+Diederich hörte es und erschauderte. Der alte Herr, der gesprochen hatte,
+wandte sich auch an ihn. Er hatte weiße Bartkoteletts und das Eiserne
+Kreuz.
+
+„Junger Mann,“ sagte er, „was unser herrlicher junger Kaiser da macht, das
+werden die Kinder mal aus den Schulbüchern lernen. Passen Sie auf!“
+
+Viele hatten gehobene Brüste und feierliche Mienen. Die Herren, die dem
+Kaiser folgten, blickten mit äußerster Entschlossenheit darein, ihre
+Pferde aber lenkten sie durch das Volk, als seien alle die Leute zum
+Statieren bei einer Allerhöchsten Aufführung befohlen; und manchmal
+schielten sie seitwärts, nach dem Eindruck im Publikum. Er selbst, der
+Kaiser, sah nur sich und seine Leistung. Tiefer Ernst versteinte seine
+Züge, sein Auge blitzte hin über die Tausende der von ihm Gebannten. Er
+maß sich mit ihnen, der von Gott gesetzte Herr mit den empörerischen
+Knechten! Allein und ungeschützt hatte er sich mitten unter sie gewagt,
+stark nur durch seine Sendung. Sie konnten sich an ihm vergreifen, wenn es
+im Plan des Höchsten lag; er brachte seiner heiligen Sache sich selbst zum
+Opfer. War Gott mit ihm, dann sollten sie es sehen! Dann bewahrten sie für
+immer das Gepräge seiner Tat und die Erinnerung an ihre Ohnmacht!
+
+Ein junger Mensch mit einem Künstlerhut ging neben Diederich, er sagte:
+„Kennen wir. Napoleon in Moskau, wie er sich solo unter die Bevölkerung
+mischt.“
+
+„Das ist doch großartig!“ behauptete Diederich, und die Stimme versagte
+ihm. Der andere zuckte die Achseln.
+
+„Theater, und nicht mal gut.“
+
+Diederich sah ihn an, er versuchte zu blitzen wie der Kaiser.
+
+„Sie sind wohl auch so einer.“
+
+Er hätte nicht sagen können was für einer. Er fühlte nur, daß er hier, zum
+erstenmal im Leben, die gute Sache zu vertreten habe gegen feindliche
+Bemängelungen. Trotz seiner Aufregung sah er sich noch die Schultern des
+Menschen an: sie waren nicht breit. Auch äußerte die Umgebung sich
+mißbilligend. Da ging Diederich vor. Mit seinem Bauch drängte er den Feind
+gegen die Mauer und schlug auf den Künstlerhut ein. Andere knufften mit.
+Der Hut lag schon am Boden und bald auch der Mensch. Im Weitergehen
+bemerkte Diederich zu seinen Mitkämpfern:
+
+„Der hat sicher nicht gedient! Schmisse hat er auch keine!“
+
+Der alte Herr mit Bartkoteletts und Eisernem Kreuz war auch wieder da, er
+drückte Diederich die Hand.
+
+„Brav, junger Mann, brav!“
+
+„Soll man da nicht wütend werden?“ erklärte Diederich, noch keuchend.
+„Wenn der Mensch uns den historischen Moment verekeln will?“
+
+„Sie haben gedient?“ fragte der alte Herr.
+
+„Ich wäre am liebsten ganz dabei geblieben“, sagte Diederich.
+
+„Na ja, Sedan ist nicht alle Tage“ – der alte Herr betupfte sein Eisernes
+Kreuz. „Das waren wir!“
+
+Diederich reckte sich, er zeigte auf das bezwungene Volk und den Kaiser.
+
+„Das ist doch gerade so gut wie Sedan!“
+
+„Na ja“, sagte der alte Herr.
+
+„Gestatten Sie mal, sehr geehrter Herr“, rief jemand und schwenkte sein
+Notizbuch. „Wir müssen das bringen. Stimmungsbild, verstehnse? Sie haben
+wohl einen Genossen verwalkt?“
+
+„Kleinigkeit“ – Diederich keuchte noch immer. „Meinetwegen könnt’ es jetzt
+gleich losgehen gegen den inneren Feind. Unseren Kaiser haben wir mit.“
+
+„Fein“, sagte der Reporter und schrieb. „In der wildbewegten Menge hört
+man Leute aller Stände der treuesten Anhänglichkeit und dem
+unerschütterlichen Vertrauen zu der Allerhöchsten Person Ausdruck geben.“
+
+„Hurra!“ schrie Diederich, denn alle schrien es; und inmitten eines
+mächtigen Stoßes von Menschen, der schrie, gelangte er jäh bis unter das
+Brandenburger Tor. Zwei Schritte vor ihm ritt der Kaiser hindurch.
+Diederich konnte ihm ins Gesicht sehen, in den steinernen Ernst und das
+Blitzen; aber ihm verschwamm es vor den Augen, so sehr schrie er. Ein
+Rausch, höher und herrlicher als der, den das Bier vermittelt, hob ihn auf
+die Fußspitzen, trug ihn durch die Luft. Er schwenkte den Hut hoch über
+allen Köpfen, in einer Sphäre der begeisterten Raserei, durch einen
+Himmel, wo unsere äußersten Gefühle kreisen. Auf dem Pferd dort, unter dem
+Tor der siegreichen Einmärsche und mit Zügen steinern und blitzend ritt
+die Macht! Die Macht, die über uns hingeht und deren Hufe wir küssen! Die
+über Hunger, Trotz und Hohn hingeht! Gegen die wir nichts können, weil wir
+alle sie lieben! Die wir im Blut haben, weil wir die Unterwerfung darin
+haben! Ein Atom sind wir von ihr, ein verschwindendes Molekül von etwas,
+das sie ausgespuckt hat! Jeder einzelne ein Nichts, steigen wir in
+gegliederten Massen als Neuteutonen, als Militär, Beamtentum, Kirche und
+Wissenschaft, als Wirtschaftsorganisation und Machtverbände kegelförmig
+hinan, bis dort oben, wo sie selbst steht, steinern und blitzend! Leben in
+ihr, haben teil an ihr, unerbittlich gegen die, die ihr ferner sind, und
+triumphierend, noch wenn sie uns zerschmettert: denn so rechtfertigt sie
+unsere Liebe!
+
+... Einer der Schutzleute, deren Kette das Tor absperrte, stieß Diederich
+vor die Brust, daß ihm der Atem ausblieb; er aber hatte die Augen so voll
+Siegestaumel, als reite er selbst über alle diese Elenden hinweg, die
+gebändigt ihren Hunger verschluckten. Ihm nach! Dem Kaiser nach! Alle
+fühlten wie Diederich. Eine Schutzmannskette war zu schwach gegen so viel
+Gefühl; man durchbrach sie. Drüben stand eine zweite. Man mußte abbiegen,
+auf Umwegen den Tiergarten erreichen, einen Durchschlupf finden. Wenige
+fanden ihn; Diederich war allein, als er auf den Reitweg hinausstürzte,
+dem Kaiser entgegen, der auch allein war. Ein Mensch im gefährlichsten
+Zustand des Fanatismus, beschmutzt, zerrissen, mit Augen wie ein Wilder:
+der Kaiser vom Pferd herunter, blitzte ihn an, er durchbohrte ihn.
+Diederich riß den Hut ab, sein Mund stand weit offen, aber der Schrei kam
+nicht. Da er zu plötzlich anhielt, glitt er aus und setzte sich mit Wucht
+in einen Tümpel, die Beine in die Luft, umspritzt von Schmutzwasser. Da
+lachte der Kaiser. Der Mensch war ein Monarchist, ein treuer Untertan! Der
+Kaiser wandte sich nach seinen Begleitern um, schlug sich auf den Schenkel
+und lachte. Diederich aus seinem Tümpel sah ihm nach, den Mund noch offen.
+
+
+
+
+
+ II.
+
+
+Er reinigte sich notdürftig und kehrte um. Auf einer Bank saß eine Dame;
+Diederich ging ungern vorüber. Noch dazu starrte sie ihm entgegen. „Gans“,
+dachte er zornig. Da sah er, daß sie ein tief erschrockenes Gesicht hatte,
+und dann erkannte er Agnes Göppel.
+
+„Eben bin ich dem Kaiser begegnet“, sagte er sofort.
+
+„Dem Kaiser?“ fragte sie, wie aus einer anderen Welt. Er begann, unter
+großen, ungewohnten Gesten herauszujagen, was ihn erstickte. Unser
+herrlicher junger Kaiser, ganz allein unter rasenden Aufrührern! Ein Café
+hatten sie demoliert, Diederich selbst war drin gewesen! Unter den Linden
+hatte er blutige Kämpfe bestanden für seinen Kaiser! Kanonen sollte man
+auffahren!
+
+„Die Leute hungern wohl“, sagte Agnes schüchtern. „Es sind ja auch
+Menschen.“
+
+„Menschen?“ Diederich rollte die Augen. „Der innere Feind sind sie!“
+
+Da er Agnes wieder erschrecken sah, beruhigte er sich etwas.
+
+„Wenn es Ihnen Vergnügen macht, daß wegen des Packs alle Straßen
+abgesperrt werden müssen.“
+
+Nein, das kam Agnes sehr ungelegen. Sie hatte in der Stadt Besorgungen
+gehabt, und wie sie zurück nach der Blücherstraße wollte, ging kein
+Omnibus mehr, und nirgends kam man durch. Sie war zurückgedrängt worden
+bis hierher. Es war kalt und naß, ihr Vater würde sich ängstigen; was
+sollte sie tun? Diederich verhieß ihr, er werde es schon machen. Sie
+gingen zusammen weiter. Er wußte auf einmal nichts mehr zu sagen und
+wendete den Kopf umher, als suchte er den Weg. Sie waren allein zwischen
+kahlen Bäumen und nassem alten Laub. Wo waren die männlichen Hochgefühle
+von vorhin? Diederich empfand Beklommenheit, wie auf seinem letzten
+Spaziergang mit Agnes, als er, von Mahlmann gewarnt, auf einen Omnibus
+sprang, ausriß und verschwand. Gerade sagte Agnes: „Sie haben sich aber
+sehr, sehr lange nicht bei uns sehen lassen. Papa hat Ihnen doch
+geschrieben?“
+
+Sein eigener Vater sei gestorben, sagte Diederich, betreten. Jetzt mußte
+Agnes zuerst ihr Beileid ausdrücken, dann fragte sie weiter: warum er
+damals plötzlich fortgeblieben sei, vor drei Jahren.
+
+„Nicht wahr? Es sind schon fast drei Jahre.“
+
+Diederich bekam Festigkeit. Das Verbindungsleben habe ihn völlig in
+Anspruch genommen. Dort herrsche nämlich eine verdammt strenge Zucht. „Und
+dann habe ich meiner Wehrpflicht genügt.“
+
+„Oh!“ – Agnes sah ihn an, „was aus Ihnen alles geworden ist! Und jetzt
+sind Sie wohl schon Doktor?“
+
+„Das soll jetzt kommen.“
+
+Er sah unzufrieden geradeaus. Seine Schmisse, seine stattliche Breite,
+alle seine wohlerworbene Männlichkeit: für sie war das nichts? Sie
+bemerkte es gar nicht?
+
+„Aber Sie“, sagte er plump. In ihr blasses, so schmales Gesicht stieg eine
+ganz dünne Röte, bis auf den Sattel der kleinen eingedrückten Nase mit den
+Sommersprossen.
+
+„Ja. Mir geht es manchmal nicht gut, aber es wird schon wieder besser
+werden.“
+
+Diederich bereute.
+
+„Ich meinte doch natürlich, daß Sie noch hübscher geworden sind“ – und er
+betrachtete ihr rotes Haar, das unter dem Hut hervorquoll, noch dicker als
+früher, weil ihr Gesicht so klein geworden war. Dabei erinnerte er sich
+seiner Demütigungen von damals und wie anders die Dinge jetzt lagen.
+Herausfordernd sagte er:
+
+„Wie geht es denn Herrn Mahlmann?“
+
+Agnes bekam eine wegwerfende Miene.
+
+„Denken Sie an den noch? Wenn ich den mal wiedersähe, wär’s mir gleich.“
+
+„So? Aber er hat ein Patentbureau und könnte ganz gut heiraten.“
+
+„Wennschon.“
+
+„Früher interessierten Sie sich doch für ihn.“
+
+„Woraus schließen Sie das?“
+
+„Er schenkte Ihnen immer etwas.“
+
+„Ich hätte es lieber nicht angenommen; aber dann –“ sie sah auf den Weg,
+auf das nasse Laub vom Vorjahr, „dann hätte ich auch Ihre Geschenke nicht
+annehmen dürfen.“
+
+Darauf schwieg sie erschrocken. Diederich fühlte, daß etwas Schweres
+geschehen war, und schwieg auch.
+
+„Das war doch nicht der Rede wert,“ stieß er endlich heraus, „ein paar
+Blumen.“ Und mit wiedergekehrter Entrüstung: „Mahlmann hat Ihnen sogar ein
+Armband geschenkt.“
+
+„Ich trage es niemals“, sagte Agnes. Er hatte auf einmal Herzklopfen, er
+brachte hervor: „Und wenn es von mir gewesen wäre?“
+
+Stille; er hielt den Atem an. Ganz leise kam es von ihr her:
+
+„Dann ja.“
+
+Darauf gingen sie plötzlich rascher und ohne mehr zu sprechen. Sie kamen
+vor das Brandenburger Tor, sahen die Linden bedrohlich von Polizei
+erfüllt, eilten vorbei und bogen in die Dorotheenstraße. Hier war es wenig
+belebt, Diederich verlangsamte den Schritt, er fing an zu lachen.
+
+„Das ist eigentlich hochkomisch. Was Mahlmann Ihnen nämlich schenkte, war
+mit meinem Geld bezahlt. Er nahm mir ja alles ab, ich war noch ein ganz
+grüner Junge.“
+
+Sie blieb stehen. „Oh!“ – und sie sah ihn an, ihre goldbraunen Augen
+zitterten. „Das ist schrecklich. Können Sie mir das verzeihen?“
+
+Er lächelte überlegen. Das seien alte Geschichten, Jugendtorheiten.
+
+„Nein, nein“, sagte sie verstört.
+
+Die Hauptsache, meinte er, sei jetzt, wie sie nach Hause komme. Hier ging
+es schon wieder nicht weiter. Omnibusse waren auch nicht zu sehen. „Es tut
+mir leid, aber Sie werden sich meine Gesellschaft noch länger gefallen
+lassen müssen. Übrigens wohne ich gleich hier. Sie könnten mit
+hinaufkommen, da wären Sie wenigstens im Trockenen. Aber natürlich, eine
+junge Dame darf das nicht.“
+
+Sie hatte noch immer diesen flehenden Blick.
+
+„Sie sind so gut“, sagte sie, stärker atmend. „Sie sind so edel.“ Und da
+sie schon das Haus betraten: „Zu Ihnen kann ich doch Vertrauen haben?“
+
+„Ich weiß, was ich der Ehre meiner Korporation schulde“, erklärte
+Diederich.
+
+Sie mußten an der Küche vorbei, aber es war niemand darin. „Legen Sie doch
+so lange ab“, sagte Diederich gnädig. Er stand da, ohne Agnes anzusehen,
+und trat, während sie den Hut abnahm, von einem Fuß auf den anderen.
+
+„Ich muß die Wirtin suchen, damit sie Tee macht.“ Er wandte sich schon
+nach der Tür, zuckte aber zurück: Agnes hatte seine Hand ergriffen und
+küßte sie! „Aber Fräulein Agnes“, murmelte er, furchtbar erschrocken, und
+legte ihr, wie tröstend, den Arm um ihre Schulter; da sank sie gegen die
+seine. Er drückte seinen Mund in ihr Haar, ziemlich tief, weil er sich
+dazu verpflichtet fühlte. Unter seinem Druck bebte und flog ihr Körper,
+als würde er geschlagen. Er fühlte sich in der dünnen Bluse lau und feucht
+an. Diederich ward es heiß, er küßte Agnes auf den Hals. Und plötzlich kam
+ihr Gesicht auf ihn zu: mit offenem Mund, halbgeschlossenen Augen und mit
+einem Ausdruck, den er nie gesehen hatte und der ihm schwindlig machte.
+„Agnes! Agnes, ich liebe dich“, sagte er wie aus tiefer Not. Sie
+antwortete nicht, aus ihrem offenen Mund kamen kleine warme Atemstöße, und
+er fühlte sie fallen, er trug sie, die zu zerfließen schien.
+
+Dann saß sie auf dem Diwan und weinte. „Sei mir nicht bös, Agnes“, bat
+Diederich. Sie sah ihn an mit ihren nassen Augen.
+
+„Ich weine doch vor Glück“, sagte sie. „Ich hab’ so lange auf dich
+gewartet.“
+
+„Warum?“ fragte sie, da er ihre Bluse schließen wollte. „Warum deckst du
+es schon zu? Findest du es schon nicht mehr schön?“
+
+Er verwahrte sich. „Ich bin mir der übernommenen Verantwortung vollkommen
+bewußt.“
+
+„Verantwortung?“ sagte Agnes. „Wer hat die? Ich habe dich drei Jahre lang
+geliebt. Du wußtest es ja nicht. Es war wohl das Schicksal!“
+
+Diederich, die Hände in den Taschen, bedachte, daß dies das Schicksal der
+leichtsinnigen Mädchen sei. Andererseits empfand er das Bedürfnis, sich
+ihre Versicherungen wiederholen zu lassen. „Also wirklich mich, nur mich
+hast du geliebt?“
+
+„Ich sah, daß du mir nicht glaubtest. Es war schrecklich, als ich merkte,
+du kamst nicht mehr, und es war aus. Es war ganz schrecklich. Ich wollte
+dir schreiben, ich wollte zu dir gehen. Jedesmal verlor ich den Mut, weil
+du mich doch nicht mehr mochtest. Ich kam so herunter, daß Papa eine Reise
+mit mir machen mußte.“
+
+„Wohin denn?“ fragte Diederich. Aber Agnes antwortete nicht, sie zog ihn
+wieder an sich.
+
+„Sei lieb mit mir! Ich hab’ nur dich!“
+
+Diederich dachte verlegen: „Dann hast du nicht viel.“ Agnes schien ihm
+verkleinert und sehr im Wert gesunken, seit er den Beweis hatte, daß sie
+ihn liebte. Auch sagte er sich, einem Mädchen, das so etwas tat, dürfe man
+nicht alles glauben.
+
+„Und Mahlmann?“ fragte er höhnisch. „Ein bißchen war doch wohl los mit
+ihm.“ – „Na laß nur“, sagte er, da sie sich mit starrem Entsetzen
+aufrichtete. Er suchte gutzumachen. Er sei doch auch noch ganz benommen
+von seinem Glück.
+
+Sehr langsam zog sie sich an. „Dein Vater wird aber gar nicht wissen, was
+los ist“, meinte Diederich. Sie hob nur die Schultern. Als sie fertig war
+und er schon die Tür geöffnet hatte, blieb sie noch stehen und sah in das
+Zimmer zurück, mit einem langen, angstvollen Blick.
+
+„Vielleicht“, sagte sie, wie zu sich selbst, „komme ich nie wieder. Mir
+ist, als sollte ich heute nacht sterben.“
+
+„Wieso denn?“ sagte Diederich, peinlich berührt. Statt einer Antwort ließ
+sie sich noch einmal an ihn hinsinken, den Mund auf seinem, die Brust auf
+seiner und von den Hüften zu den Füßen wie mit ihm verwachsen. Diederich
+wartete geduldig. Dann löste sie sich, öffnete die Augen und sagte:
+
+„Du mußt nicht denken, daß ich etwas von dir verlange. Ich hab’ dich
+geliebt, nun ist alles gleich.“
+
+Er bot ihr einen Wagen an, aber sie wollte gehen. Unterwegs fragte er nach
+ihrer Familie und nach anderen Bekannten. Erst am Belle-Alliance-Platz
+ward er unruhig, und etwas heiser brachte er hervor:
+
+„Natürlich denke ich nicht daran, mich meinen Verpflichtungen dir
+gegenüber zu entziehen. Nur vorläufig: du verstehst, ich verdiene noch
+nichts, ich muß erst fertig sein und zu Hause mich in den Betrieb
+einleben ...“
+
+Agnes erwiderte dankbar und ruhig, als habe man ihr ein Kompliment
+gemacht:
+
+„Es wäre schön, wenn ich später einmal deine Frau werden könnte.“
+
+Da sie in die Blücherstraße einbogen, blieb er stehen. Unsicher meinte er,
+es sei jetzt wohl besser, wenn er umkehre. Sie sagte:
+
+„Weil uns jemand sehen könnte? Das würde gar nichts machen, denn ich muß
+zu Hause doch erzählen, daß ich dir begegnet bin und daß wir im Café
+zusammen gewartet haben, bis die Straßen wieder frei waren.“
+
+„Na, die kann lügen“, dachte Diederich. Sie setzte hinzu:
+
+„Für Sonntag bist du zu Mittag geladen, du mußt bestimmt kommen.“
+
+Diesmal war es ihm zuviel, er fuhr auf. „Ich soll –? Bei euch soll ich –?“
+
+Sie lächelte sanft und schlau. „Es geht doch nicht anders. Wenn man uns
+einmal sähe –: willst du denn nicht, daß ich wiederkomme?“
+
+O ja, das wollte er. Trotzdem mußte sie ihm zureden, bis er sein
+Erscheinen versprach. Vor ihrem Hause verabschiedete er sich mit einer
+formellen Verbeugung, kehrte rasch um und dachte: „So ein Weib ist
+scheußlich raffiniert. Lange tu’ ich da nicht mit.“ Indes bemerkte er mit
+Unlust, daß es Zeit sei, auf die Kneipe zu gehen. Es verlangte ihn nach
+Hause, er wußte nicht, warum. Als er dann die Tür seines Zimmers hinter
+sich zugezogen hatte, blieb er davor stehen und starrte in die Dunkelheit.
+Plötzlich reckte er die Arme in die Höhe, wandte das Gesicht nach oben und
+sagte in einem langen Aufatmen:
+
+„Agnes!“
+
+Er fühlte sich verwandelt, leicht, wie vom Boden gehoben. „Ich bin ganz
+furchtbar glücklich“, dachte er, und: „So schön kommt es im ganzen Leben
+nicht wieder!“ Er hatte die Gewißheit, daß er bis jetzt, bis zu dieser
+Minute, alle Dinge falsch angesehen, falsch bewertet hatte. Dort hinten
+kneipten sie nun und machten sich wichtig. Juden oder Arbeitslose, was
+gingen einen die an, warum sollte man sie hassen? Diederich fühlte sich
+bereit, sie zu lieben! Hatte er denn wirklich, er selbst, den Tag in einem
+Gewühl von Menschen verbracht, die er für Feinde gehalten hatte? Sie waren
+Menschen: Agnes hatte recht! War er selbst es, der jemand um einiger Worte
+willen geschlagen hatte, geprahlt, gelogen, sich töricht abgearbeitet und
+endlich, zerrissen und sinnlos, sich in den Schmutz geworfen hatte vor
+einem Herrn zu Pferd, dem Kaiser, der ihn auslachte? Er erkannte, daß er,
+bis Agnes kam, ein hilfloses, bedeutungsloses und armes Leben geführt
+habe. Bestrebungen wie die eines Fremden, Gefühle, die ihn beschämten, und
+niemand, den er liebte – bis Agnes kam! „Agnes! Süße Agnes, du weißt ja
+gar nicht, wie ich dich liebhabe!“ Aber sie sollte es wissen. Er fühlte,
+daß er es nie wieder so werde sagen können wie in dieser Stunde, und er
+schrieb einen Brief. Er schrieb, daß auch er diese drei Jahre immer auf
+sie gewartet habe, und daß er keine Hoffnung gehabt habe, weil sie zu
+schön für ihn sei, zu fein und zu gut; daß er sich das mit Mahlmann nur
+eingeredet habe aus Feigheit und aus Trotz; daß sie eine Heilige sei, und
+nun sie zu ihm herabgestiegen, liege er zu ihren Füßen. „Hebe mich auf,
+Agnes, ich kann stark sein, ich fühle es, und ich will Dir mein ganzes
+Leben weihen!“ – Er weinte, drückte das Gesicht in das Diwankissen, worin
+er ihren Duft noch spürte, und unter Schluchzen, wie als Kind, schlief er
+ein.
+
+Am Morgen freilich war er erstaunt und befremdet, sich nicht im Bett zu
+finden. Sein großes Erlebnis fiel ihm ein, ein süßer Stoß ging durch sein
+Blut, bis zum Herzen. Aber auch der Verdacht kam ihm, daß er sich
+peinliche Übertreibungen habe zuschulden kommen lassen. Er las den Brief
+wieder durch: das war alles recht schön, und es konnte einen auch wirklich
+aus der Fassung bringen, wenn man auf einmal mit so einem großartigen
+Mädel ein Verhältnis hatte. Wäre sie jetzt nur dagewesen, er hätte
+zärtlich sein wollen! Aber den Brief schickte man doch besser nicht ab. Es
+war unvorsichtig in jeder Beziehung. Am Ende fing Vater Göppel ihn ab ...
+Diederich verschloß den Brief im Schreibtisch. „An das Essen hab’ ich
+gestern überhaupt nicht gedacht!“ Er ließ sich ein ausgiebiges Frühstück
+bringen. „Und rauchen wollte ich nicht, damit ihr Geruch nicht verginge.
+Das ist doch Blödsinn. So darf man nicht sein.“ Er zündete eine Zigarre an
+und ging ins Laboratorium. Was er auf dem Herzen hatte, beschloß er statt
+in Worte – denn so hohe Worte waren unmännlich und unbequem – lieber in
+Musik auszuströmen. Er mietete ein Klavier und versuchte sich plötzlich
+mit viel mehr Glück als in der Klavierstunde an Schubert und Beethoven.
+
+Am Sonntag, wie er bei Göppels klingelte, machte Agnes selbst ihm auf.
+„Das Mädchen kann nicht vom Herd fort“, sagte sie; aber den wahren Grund
+sagte ihr Blick. Aus Ratlosigkeit senkte Diederich die Augen auf das
+silberne Armband, womit sie klapperte, als sollte er hinsehen.
+
+„Kennst du es nicht?“ flüsterte Agnes. Er ward rot.
+
+„Das von Mahlmann?“
+
+„Das von dir! Ich trag’ es zum erstenmal.“
+
+Rasch und heiß drückte sie ihm die Hand, dann ging die Tür zum Berliner
+Zimmer auf. Herr Göppel wandte sich um. „Na, da ist wohl unser Ausreißer?“
+Aber kaum erblickte er Diederich, änderte sich seine Miene, er bereute
+seine Vertraulichkeit.
+
+„Ich hätte Sie, weiß Gott, nicht wiedererkannt, Herr Heßling!“
+
+Diederich sah zu Agnes hinüber, wie um ihr zu sagen: „Siehst du? Der merkt
+es, daß ich kein dummer Junge mehr bin.“
+
+„Bei Ihnen ist ja alles unverändert“, stellte Diederich fest und begrüßte
+Herrn Göppels Schwestern und Schwager. In Wahrheit aber fand er alle
+beträchtlich gealtert, besonders Herrn Göppel, der sich weniger munter
+benahm und dem ein kummervolles Fett von den Wangen hing. Die Kinder waren
+nun größer, und irgendwo im Zimmer schien eine Person zu fehlen.
+
+„Ja, ja,“ so schloß Herr Göppel die einleitende Unterhaltung, „die Zeit
+vergeht, aber gute Freunde finden sich immer wieder.“
+
+„Wenn du wüßtest, wie“, dachte Diederich verlegen und mit Geringschätzung,
+indes man zu Tisch ging. Beim Kalbsbraten fiel ihm endlich ein, wer damals
+ihm gegenüber gesessen hatte. Es war die Tante, die ihn so hochtrabend
+gefragt hatte, was er denn studiere, und die nicht gewußt hatte, daß
+Chemie etwas anderes war als Physik. Agnes, die er zu seiner Rechten
+hatte, erklärte ihm, daß diese Tante schon seit zwei Jahren tot sei.
+Diederich murmelte sein Beileid, im stillen aber sagte er sich: „Die
+quatscht also auch nicht mehr.“ Ihm kam es vor, als ob hier alle bestraft
+und niedergedrückt seien, ihn selbst nur hatte das Schicksal, seinem Wert
+entsprechend, erhöht. Und er streifte Agnes, von oben herab, mit dem Blick
+des Besitzers.
+
+Die süße Speise ließ auf sich warten, gerade wie damals. Agnes wandte
+unruhig den Kopf nach der Tür, Diederich sah ihre schönen blonden Augen
+verdunkelt, als sei etwas Ernstes geschehen. Er hatte plötzlich tiefes
+Mitgefühl mit ihr, eine große Zärtlichkeit. Er stand auf und rief aus der
+Tür:
+
+„Marie! Der Krehm!“
+
+Wie er zurückkam, trank Herr Göppel ihm zu. „Das haben Sie früher auch
+schon gemacht. Sie sind doch hier wie’s Kind im Hause. Nicht, Agnes?“
+Agnes dankte Diederich mit einem Blick, der sein ganzes Herz aufrührte. Er
+mußte sich zusammennehmen, um nicht feuchte Augen zu bekommen. Wie
+wohlwollend die Verwandten ihm zulächelten! Der Schwager stieß mit ihm an.
+Was für gute Menschen! Und Agnes, die süße Agnes, liebte ihn! Er verdiente
+so viel nicht! Das Gewissen schlug ihm laut, er nahm sich dunkel vor,
+nachher mit Herrn Göppel zu sprechen.
+
+Leider fing Herr Göppel nach dem Essen wieder von den Krawallen an. Wenn
+wir endlich den Druck der Bismarckschen Kürassierstiefel los waren,
+brauchte man die Arbeiter nun nicht mit Dicktun in Reden zu reizen. Der
+junge Mann (so nannte Herr Göppel den Kaiser!) redet uns noch die
+Revolution an den Hals ... Diederich sah sich veranlaßt, im Namen der
+Jugend, die fest und treu zu ihrem herrlichen jungen Kaiser stehe, solche
+Nörgeleien auf das schärfste zurückzuweisen. Seine Majestät hatten es
+selbst gesagt: „Diejenigen, welche mir behilflich sein wollen, herzlich
+willkommen. Die sich mir entgegenstellen, zerschmettere ich.“ Dabei
+versuchte Diederich zu blitzen. Herr Göppel erklärte, er warte es ab.
+
+„In dieser harten Zeit“, fügte Diederich hinzu, „muß jeder seinen Mann
+stehen.“ Und er setzte sich in Positur vor Agnes, die ihn bewunderte.
+
+„Wieso harte Zeit?“ sagte Herr Göppel. „Sie ist doch nur hart, wenn wir
+uns gegenseitig das Leben schwer machen. Ich hab’ mich mit meinen
+Arbeitern noch immer vertragen.“
+
+Diederich zeigte sich entschlossen, daheim in seinem Betrieb eine ganz
+andere Zucht einzuführen. Sozialdemokraten wurden nicht mehr geduldet, und
+Sonntags gingen die Leute zur Kirche! – Das auch noch? meinte Herr Göppel.
+Das könne er von seinen Leuten nicht verlangen, wenn er selbst doch bloß
+am Karfreitag gehe. „Soll ich sie beschwindeln? Christentum ist gut; aber
+was der Pastor alles redet, glaubt doch kein Mensch mehr.“ Da sah man
+Diederichs Miene hoch überlegen werden.
+
+„Mein lieber Herr Göppel, ich kann Ihnen nur sagen: Was die Herren da oben
+und besonders mein verehrter Freund, der Assessor von Barnim, zu glauben
+für richtig halten, das glaub’ ich auch – unbesehen. Das kann ich Ihnen
+nur sagen.“
+
+Der Schwager, der Beamter war, schlug sich plötzlich auf Diederichs Seite.
+Herr Göppel hatte schon einen roten Kopf, Agnes trat mit dem Kaffee
+dazwischen. „Na, schmecken Ihnen meine Zigarren?“ Herr Göppel klopfte
+Diederich aufs Knie. „Sehen Sie wohl, im Menschlichen sind wir einig.“
+
+Diederich dachte: „Da ich sozusagen zur Familie gehöre.“
+
+Er ließ von seiner strammen Haltung einiges nach, es war noch sehr
+gemütlich. Herr Göppel wollte wissen, wann Diederich „fertig“ werde und
+Doktor sei, er begriff nicht, daß eine chemische Arbeit zwei Jahre und
+länger brauche. Diederich verbreitete sich in Ausdrücken, die niemand
+verstand, über die Schwierigkeiten, zu einer Lösung zu gelangen. Er hatte
+die Empfindung, Herr Göppel warte zu einem bestimmten Zweck auf seine
+Promovierung. Auch Agnes schien es zu fühlen, denn sie griff ein und
+lenkte das Gespräch ab. Als Diederich sich verabschiedet hatte, ging sie
+mit hinaus und flüsterte ihm zu:
+
+„Morgen um drei bei dir.“
+
+Vor jäher Freude griff er nach ihr und küßte sie, zwischen den Türen,
+während gleich daneben das Mädchen mit dem Geschirr rasselte. Sie fragte
+traurig: „Denkst du denn gar nicht daran, was mir passiert, wenn jetzt
+jemand kommt?“ Er war betroffen und verlangte als Zeichen ihrer Verzeihung
+noch einen Kuß. Sie gab ihn.
+
+Um drei Uhr pflegte Diederich aus dem Café ins Laboratorium
+zurückzukehren. Statt dessen war er schon um zwei Uhr wieder in seinem
+Zimmer. Richtig kam sie noch vor drei. „Wir haben es beide nicht erwarten
+können! Wie wir uns liebhaben!“ Es war schöner als das erstemal, viel
+schöner. Keine Träne mehr, keine Furcht; und die Sonne schien herein.
+Diederich breitete Agnes’ Haar in der Sonne aus und badete sein Gesicht
+darin.
+
+Sie blieb, bis es fast schon zu spät war, die Einkäufe zu machen, die sie
+zu Hause vorgeschützt hatte. Sie mußte laufen. Diederich, der mitlief, war
+sehr besorgt, daß es ihr schaden könne. Aber sie lachte, sah rosig aus und
+nannte ihn ihren Bären. Immer endeten nun so die Tage, an denen sie kam.
+Immer waren sie glücklich. Herr Göppel stellte fest, daß es Agnes besser
+gehe als je, und das verjüngte ihn selbst. Daher wurden auch die Sonntage
+jedesmal heiterer. Es dauerte bis abends, dann ward Punsch gemacht,
+Diederich mußte Schubert spielen, oder er und der Schwager sangen
+Burschenlieder und Agnes begleitete sie. Manchmal sahen sie sich
+nacheinander um, beiden war zumut, als werde ihr Glück gefeiert.
+
+Es kam vor, daß im Laboratorium der Diener zu Diederich hintrat und ihm
+meldete, draußen sei eine Dame. Er stand sofort auf, stolz errötend unter
+den verständnisvollen Blicken der Kollegen. Und dann bummelten sie, gingen
+ins Café, ins Panoptikum; und da Agnes gern Bilder sah, erfuhr Diederich
+auch, daß es Kunstausstellungen gab. Agnes liebte es, vor einem Bild, das
+ihr gefiel, einer sanften, festtägigen Landschaft aus schöneren Ländern,
+lange stehenzubleiben, mit halbgeschlossenen Augen, und Träume
+auszutauschen mit Diederich.
+
+„Sieh nur recht hin, dann merkst du, das ist kein Rahmen, es ist ein Tor
+mit goldenen Stufen, die gehen wir hinunter und über den Weg, und biegen
+die Weißdornbüsche weg und steigen in den Kahn. Fühlst du wohl, wie er
+schaukelt? Das kommt, weil wir die Hand durch das Wasser schleifen, es ist
+so warm. Drüben am Berg, der weiße Punkt, du weißt schon, es ist unser
+Haus, dahin fahren wir. Siehst du, siehst du?“
+
+„Ja, ja“, sagte Diederich voll Eifer. Er kniff die Lider ein und sah
+alles, was Agnes wollte. Er geriet so sehr in Feuer, daß er ihre Hand
+nahm, um sie zu trocknen. Dann setzten sie sich in einen Winkel und
+sprachen von den Reisen, die sie machen wollten, dem sorgenlosen Glück in
+sonniger Ferne, von Liebe ohne Ende. Diederich glaubte, was er sagte. Im
+Grunde wußte er wohl, daß er bestimmt sei, zu arbeiten und ein praktisches
+Leben zu führen, ohne viel Muße für Überschwenglichkeiten. Aber was er
+hier sagte, war von einer höheren Wahrheit als alles, was er wußte. Der
+eigentliche Diederich, der, der er hätte sein sollen, sprach wahr. – Aber
+Agnes: wie sie nun aufstanden und gingen, war sie blaß und schien müde.
+Ihre schönen blonden Augen hatten einen Glanz, der Diederich beklommen
+machte, und sie fragte leise und zitternd:
+
+„Wenn unser Kahn nun umgeschlagen wäre?“
+
+„Dann hätte ich dich gerettet!“ sagte Diederich entschlossen.
+
+„Aber es ist weit vom Ufer, und das Wasser ist schrecklich tief.“
+
+Da er ratlos war:
+
+„Wir hätten ertrinken müssen. Sag’, wärst du gern mit mir gestorben?“
+
+Diederich sah sie an; dann schloß er die Augen.
+
+„Ja“, sagte er mit einem Seufzer.
+
+Nachher aber bereute er ein solches Gespräch. Er hatte wohl gemerkt, warum
+Agnes plötzlich in eine Droschke steigen und heimfahren mußte. Sie hatte
+krampfhafte Röte bis in die Stirn gehabt, und er sollte nicht sehen, wie
+sie hustete. Den ganzen Nachmittag bereute Diederich nun. Solche Sachen
+waren ungesund, führten zu nichts und machten Ungelegenheiten. Sein
+Professor hatte schon von den Besuchen der Dame erfahren. Es ging nicht
+länger, daß sie ihn wegen jeder Laune von seiner Arbeit wegholte. Er
+setzte es ihr schonend auseinander. „Du hast wohl recht“, sagte sie
+darauf. „Ordentliche Menschen brauchen feste Stunden. Aber wenn ich nun um
+halb sechs zu dir kommen soll, und am meisten geliebt hab’ ich dich schon
+um vier?“
+
+Er fühlte Spott heraus, vielleicht sogar Geringschätzung, und ward grob.
+Eine Geliebte, die ihn an seiner Karriere hindern wollte, könne er
+überhaupt nicht brauchen. So habe er sich die Sache nicht vorgestellt. Da
+bat Agnes um Verzeihung. Sie wollte ganz bescheiden werden und in seinem
+Zimmer auf ihn warten. Wenn er noch zu tun hatte, oh! er brauchte keine
+Rücksicht zu nehmen. Das beschämte Diederich, er ward weich und überließ
+sich, zusammen mit Agnes, den Klagen über eine Welt, in der es nicht nur
+Liebe gab. „Muß es denn sein?“ fragte Agnes. „Du hast ein wenig Geld, ich
+auch. Warum Karriere machen und dich abhetzen? Wir könnten es so gut
+haben.“ Diederich sah es ein – nachträglich aber nahm er ihr es übel. Nun
+ließ er sie warten, halb mit Absicht. Sogar den Besuch politischer
+Versammlungen erklärte er für eine Pflicht, die der Zusammenkunft mit
+Agnes vorangehe. Eines Abends im Mai, wie er verspätet heimkam, traf er
+vor der Tür einen jungen Mann in Einjährigenuniform, der ihn zögernd
+ansah. „Herr Diederich Heßling?“ – „Ach ja,“ stammelte Diederich, „Sie –
+du – Sie sind wohl Herr Wolfgang Buck?“
+
+Der jüngste Sohn des großen Mannes von Netzig hatte sich endlich
+entschlossen, dem Befehl seines Vaters zu folgen und Diederich
+aufzusuchen. Diederich nahm ihn mit hinauf, er fand so schnell keinen
+Vorwand, um ihn zu entfernen, und drinnen saß Agnes! Im Flur sprach er
+laut, damit sie es höre und sich verstecke. Mit Bangen öffnete er. Im
+Zimmer war niemand; auch ihr Hut lag nicht auf dem Bett; aber Diederich
+wußte wohl: sie war noch soeben dagewesen. Er sah es dem Stuhl an, der
+nicht ganz am Fleck stand, er fühlte es an der Luft, die noch leise zu
+schwingen schien vom Hindurchstreifen ihres Kleides. Sie mußte in dem
+fensterlosen kleinen Gelaß sein, wo sein Waschtisch stand. Er schob einen
+Sessel davor und murrte, unwirsch vor Verlegenheit, über die Wirtin, die
+nicht aufräume. Wolfgang Buck meinte, er komme wohl ungelegen. „O nein!“
+versicherte Diederich. Er lud den Gast zum Sitzen ein und brachte Kognak.
+Buck entschuldigte sich wegen der ungewöhnlichen Stunde; der Dienst lasse
+ihm keine Wahl. „Das kennen wir“, sagte Diederich; und um Fragen
+zuvorzukommen, berichtete er sofort, daß ein Jahr schon hinter ihm liege.
+Er sei begeistert vom Militär, es sei das Wahre. Wer ganz dabei bleiben
+könnte! Leider riefen ihn Familienpflichten. Buck lächelte, ein weiches,
+skeptisches Lächeln, das Diederich mißfiel. „Nun ja, die Offiziere: man
+ist wenigstens unter Leuten mit guten Manieren.“
+
+„Sie verkehren mit ihnen?“ fragte Diederich, und er meinte es höhnisch.
+Aber Buck erklärte einfach, daß er zuweilen in die Offiziersmesse geladen
+werde. Er zuckte die Achseln. „Ich gehe hin, weil ich es für nützlich
+halte, mich in allen Lagern umzusehen. Andererseits verkehre ich viel mit
+Sozialisten.“ Er lächelte wieder. „Manchmal möchte ich nämlich General
+werden und manchmal Arbeiterführer. Auf welche Seite ich schließlich
+fallen werde, darauf bin ich selbst neugierig.“ Und er trank das zweite
+Glas Kognak aus. „Ein ekelhafter Mensch“, dachte Diederich. „Und Agnes in
+der Dunkelkammer.“ Er sagte: „Mit Ihren Mitteln steht es Ihnen ja frei,
+sich in den Reichstag wählen zu lassen oder was Ihnen sonst Spaß macht.
+Ich bin auf praktische Arbeit angewiesen. Die Sozialdemokratie betrachte
+ich übrigens als meinen Feind, denn sie ist der Feind des Kaisers.“
+
+„Wissen Sie das ganz genau?“ fragte darauf Buck. „Ich traue eher dem
+Kaiser eine heimliche Liebe für die Sozialdemokratie zu. Er wäre gern
+selber der erste Arbeiterführer geworden. Sie haben nur nicht gewollt.“
+
+Diederich empörte sich. Das sei beleidigend für Seine Majestät. Aber Buck
+ließ sich nicht stören. „Erinnern Sie sich nicht, wie er Bismarck
+gegenüber gedroht hat, er wolle den reichen Leuten seinen militärischen
+Schutz entziehen? Er hat, wenigstens anfangs, gerade solche Rancüne gegen
+die Reichen gehabt wie die Arbeiter – wenn auch natürlich aus abweichenden
+Gründen, weil er sich nämlich schwer damit abfindet, daß auch andere Macht
+haben.“
+
+Den Ausrufen, die in Diederichs Mienen standen, kam Buck zuvor. „Glauben
+Sie bitte nicht,“ sagte er lebhafter, „daß Antipathie aus mir spricht. Es
+ist im Gegenteil Zärtlichkeit: eine Art feindlicher Zärtlichkeit, wenn Sie
+wollen.“
+
+„Verstehe ich nicht“, sagte Diederich.
+
+„Nun ja: wie man sie für jemand hat, bei dem man seine eigenen Fehler
+wiederfindet, oder nennen Sie es Tugenden. Jedenfalls sind wir jungen
+Leute jetzt alle so wie unser Kaiser, daß wir nämlich unsere
+Persönlichkeit ausleben möchten und doch ganz gut fühlen, Zukunft hat nur
+die Masse. Einen Bismarck wird es nicht mehr geben und auch keinen
+Lassalle mehr. Vielleicht sind es die Begabteren unter uns, die sich das
+heute noch ableugnen möchten. Er jedenfalls möchte es sich ableugnen. Und
+wenn einem solche Unmenge Macht in den Schoß gefallen ist, wäre es auch
+wirklich Selbstmord, sich nicht zu überschätzen. Aber in tiefster Seele
+hat er sicher seine Zweifel an der Rolle, die er sich zumutet.“
+
+„Rolle?“ fragte Diederich. Buck merkte es gar nicht.
+
+„Denn die kann ihn weit führen, da sie in der Welt, wie sie heute nun
+einmal ist, verdammt paradox wirken muß. Diese Welt erwartet von keinem
+einzelnen irgend mehr als von seinem Nachbarn. Auf Niveau kommt es an,
+nicht auf Auszeichnung, und am allerwenigsten auf große Männer.“
+
+„Erlauben Sie!“ Diederich warf sich in die Brust. „Und das Deutsche Reich,
+hätten wir das ohne große Männer? Hohenzollern sind immer große Männer.“ –
+Buck verzog schon wieder den Mund, wehmütig und skeptisch. „Dann müssen
+sie sich in acht nehmen. Und wir anderen auch. Der Kaiser steht, auf seine
+Verhältnisse übertragen, vor derselben Frage wie ich. Soll ich General
+werden und mein ganzes Leben auf einen Krieg einrichten, der
+voraussichtlich nie mehr geführt werden wird? Oder ein womöglich genialer
+Volksführer, während das Volk doch schon so weit ist, daß es auf die
+Genies verzichten kann? Beides wäre Romantik, und Romantik führt
+bekanntlich zum Bankerott.“ Buck trank zwei Kognaks nacheinander.
+
+„Was soll ich also werden?“
+
+„Ein Alkoholiker“, dachte Diederich. Er fragte sich, ob es nicht seine
+Pflicht sei, Buck einen Krach zu machen. Aber Buck trug Uniform! Auch
+würde der Lärm vielleicht Agnes hervorgescheucht haben, und was konnte
+dann alles entstehen! Immerhin beschloß er, sich Bucks Äußerungen genau zu
+merken. Dachte der Mensch mit solchen Gesinnungen Karriere zu machen?
+Diederich erinnerte sich, daß auf der Schule Bucks deutsche Aufsätze, die
+zu geistreich waren, ihm ein unerklärtes, aber tiefes Mißtrauen eingegeben
+hatten. „Stimmt,“ dachte er, „so ist er geblieben. Ein Schöngeist. Die
+ganze Familie ist so.“ Die Frau des alten Buck war eine Jüdin gewesen, die
+Theater gespielt hatte. Und Diederich fühlte sich nachträglich gedemütigt
+durch das herablassende Wohlwollen des alten Buck beim Begräbnis seines
+Vaters. Auch der junge demütigte ihn, fortwährend und mit allem: mit
+seinen überlegenen Redensarten, seinen Manieren, seinem Verkehr bei den
+Offizieren. War er ein Herr von Barnim? Er war auch nur aus Netzig. „Ich
+hasse die ganze Familie!“ Und Diederich betrachtete aus gekniffenen Lidern
+dies fleischige Gesicht mit der weich gebogenen Nase und den feucht
+glänzenden Augen, die sannen. Buck stand auf. „Nun, wir sehen uns zu Hause
+wieder. Nächstes oder übernächstes Semester mache ich mein Examen, und was
+bleibt dann weiter übrig, als Rechtsanwalt spielen in Netzig ... Und Sie?“
+fragte er. Diederich erklärte streng, daß er seine Zeit nicht zu verlieren
+und noch im Sommer seine Doktorarbeit abzuschließen denke. Damit führte er
+Buck hinaus. „Ein dummer Kerl bist du doch nur“, dachte er. „Merkst gar
+nicht, daß ich ein Mädchen bei mir habe.“ Er kehrte zurück, froh seiner
+Überlegenheit über Buck und auch über Agnes, die im Dunkeln gewartet und
+nicht gemuckt hatte.
+
+Wie er aber die Tür öffnete, hing sie über einem Stuhl, ihre Brust ging
+heftig, und mit dem Taschentuch unterdrückte sie das Keuchen. Sie sah ihm
+entgegen, aus geröteten Augen. Er sah: sie war da drinnen fast erstickt,
+und sie hatte geweint – indes er hier draußen getrunken und unnützes Zeug
+geredet hatte. Seine erste Regung war maßlose Reue. Sie liebte ihn! Da saß
+sie und liebte ihn sehr, daß sie alles ertrug! Er war im Begriff, die Arme
+zu erheben, vor sie hinzustürzen und sie weinend um Verzeihung zu bitten.
+Rechtzeitig hielt er sich zurück aus Furcht vor der Szene und der
+sentimentalen Stimmung nachher, die ihn wieder mehrere Arbeitstage kostete
+und ihr die Oberhand gab. Er tat ihr nicht den Willen! Denn natürlich
+übertrieb sie absichtlich. So küßte er sie flüchtig auf die Stirn und
+sagte: „Du bist schon da? Ich hab’ dich gar nicht kommen gesehen.“ Sie
+zuckte auf, wie um etwas zu erwidern, aber sie schwieg. Darauf erklärte
+er, es sei gerade jemand fortgegangen. „So ein Judenbengel, der sich
+aufspielt! Einfach ekelhaft!“ Diederich lief im Zimmer umher. Um Agnes
+nicht ansehen zu müssen, lief er immer schneller und redete immer
+heftiger. „Das sind unsere schlimmsten Feinde! Die mit ihrer sogenannten
+feinen Bildung, die alles antasten, was uns Deutschen heilig ist! Solch
+ein Judenbengel kann froh sein, daß wir ihn dulden. Soll er seine
+Pandekten büffeln und die Schnauze halten. Auf seine schöngeistigen
+Schmöker huste ich!“ schrie er noch lauter, mit der Absicht, auch Agnes zu
+kränken. Da sie nicht antwortete, nahm er einen neuen Anlauf. „Das kommt
+aber alles, weil jeder mich jetzt zu Hause findet. Immer muß ich
+deinetwegen auf der Bude hocken!“
+
+Agnes sagte schüchtern: „Wir haben uns schon sechs Tage nicht gesehen.
+Sonntag bist du wieder nicht gekommen. Ich fürchte, du hast mich nicht
+mehr lieb.“ Er blieb vor ihr stehen. Von oben herab: „Mein liebes Kind,
+daß ich dich liebhabe, brauch’ ich dir wohl wirklich nicht mehr zu
+versichern. Aber eine andere Frage ist es, ob ich darum auch Lust habe,
+jeden Sonntag deinen Tanten beim Häkeln zuzusehen und mit deinem Vater
+über Politik zu reden, wovon er nichts versteht.“ Agnes senkte den Kopf.
+„Früher war es so schön. Du standest dich schon so gut mit Papa.“
+Diederich drehte ihr den Rücken zu und sah aus dem Fenster. Das war es
+eben: er fürchtete zu gut zu stehen mit Herrn Göppel. Durch seinen
+Buchhalter, den alten Sötbier, wußte er, daß Göppels Geschäft bergab ging.
+Seine Zellulose taugte nichts mehr, Sötbier bezog sie nicht mehr von ihm.
+Da wäre ein Schwiegersohn wie Diederich ihm freilich gelegen gekommen.
+Diederich fühlte sich umgarnt von diesen Leuten. Auch von Agnes! Er hatte
+sie im Verdacht, mit dem Alten zusammenzustecken. Entrüstet wandte er sich
+ihr wieder zu. „Und dann, liebes Kind, ehrlich gestanden: was wir beide
+tun, nicht wahr, das ist unsere Sache, aber deinen Vater lassen wir lieber
+aus dem Spiel. Beziehungen wie die unseren soll man mit
+Familienfreundschaft nicht verquicken. Mein sittliches Gefühl verlangt da
+reinliche Scheidung.“
+
+Ein Augenblick verging, dann stand Agnes auf, als habe sie jetzt
+begriffen. Sie war tief errötet. Sie ging zur Tür. Diederich holte sie
+ein. „Aber Agnes, so hab’ ich es doch nicht gemeint. Es war doch nur, weil
+ich dich viel zu sehr achte –. Und ich kann ja auch wiederkommen Sonntag.“
+Sie ließ ihn reden, mit unbewegter Miene. „Nun sei doch wieder gemütlich“,
+bat er. „Du hast noch nicht mal deinen Hut abgenommen.“ Sie tat es. Er
+verlangte, sie solle sich auf den Diwan setzen, und sie setzte sich. Sie
+küßte ihn auch, wie er es wollte. Aber indes ihre Lippen lächelten und
+küßten, blieben ihre Augen starr und unbeteiligt. Plötzlich riß sie ihn in
+ihre Arme: er erschrak, er wußte nicht, ob es Haß war. Aber dann fühlte er
+sich heißer geliebt als je.
+
+„Heute war es aber wirklich schön. Was, meine kleine süße Agnes?“ sagte
+Diederich, zufrieden und gutmütig.
+
+„Adieu“, sagte sie, hastend nach Schirm und Beutel, während er sich erst
+ankleidete.
+
+„Du hast es aber eilig.“ – „Weiter kann ich wohl nichts für dich tun.“ Sie
+war schon bei der Tür – plötzlich fiel sie mit der Schulter gegen den
+Pfosten und rührte sich nicht mehr. „Was ist denn los?“ Wie Diederich
+näher kam, sah er sie schluchzen. Er berührte sie. „Ja, was hast du denn?“
+Da ward ihr Weinen laut und krampfhaft. Es hörte nicht auf. „Aber Agnes,“
+sagte Diederich von Zeit zu Zeit, „was ist auf einmal geschehen, wir waren
+doch so vergnügt.“ Und ganz ratlos: „Hab’ ich dir was getan?“ Zwischen den
+Krisen und halb erstickt, brachte sie hervor: „Ich kann nicht.
+Entschuldige.“ Er trug sie auf den Diwan. Als es endlich vorbei war,
+schämte Agnes sich. „Verzeih! Ich kann nicht dafür.“ – „Kann denn ich
+dafür?“ – „Nein, nein. Es sind die Nerven. Verzeih!“
+
+Mitleidig und geduldig brachte er sie bis zu einem Wagen. Nachträglich
+aber erschien ihm auch der Anfall als halbe Komödie und als eins der
+Mittel, die ihn endgültig einfangen sollten. Das Gefühl verließ ihn nicht
+mehr, daß Ränke gesponnen wurden gegen seine Freiheit und seine Zukunft.
+Er wehrte sich dagegen vermittels schroffen Auftretens, Betonung seiner
+männlichen Selbständigkeit und durch Kälte, sobald die Stimmung weich
+ward. Sonntags bei Göppels war er auf seiner Hut, wie in Feindesland:
+korrekt und unzugänglich. Wann seine Arbeit denn nun fertig werde? fragten
+sie. Er könne die Lösung morgen finden oder erst in zwei Jahren, das wisse
+er selbst nicht. Er betonte, daß er auch künftig finanziell abhängig von
+seiner Mutter bleibe. Er werde noch lange für nichts Zeit haben als einzig
+für das Geschäft. Und da Herr Göppel die idealen Werte des Lebens zu
+bedenken gab, lehnte Diederich barsch ab. „Noch gestern hab’ ich meinen
+Schiller verkauft. Denn ich habe keinen Sparren und lass’ mir nichts
+vormachen.“ Wenn er nach solchen Worten Agnes’ stummen und betrübten Blick
+auf sich fühlte, hatte er wohl einen Augenblick die Empfindung, als habe
+nicht er selbst gesprochen, als gehe er im Nebel, rede falsch und handle
+wider Willen. Aber das verging.
+
+Agnes kam, sooft er sie bestellte, und ging fort, wenn es Zeit für ihn
+war, zu arbeiten oder zu kneipen. Sie verführte ihn nicht mehr zu
+Träumereien vor Bildern, seit er einmal an einem Wurstgeschäft angehalten
+und ihr erklärt hatte, daß sei für ihn der schönste Kunstgenuß. Ihm selbst
+fiel es endlich auf das Herz, wie selten sie sich nur noch sahen. Er warf
+ihr vor, daß sie nicht darauf dringe, öfter zu kommen. „Früher warst du
+ganz anders.“ „Ich muß warten“, sagte sie. „Worauf?“ „Daß auch du wieder
+so wirst. Oh! Ich weiß ganz sicher, es wird kommen.“
+
+Er schwieg aus Furcht vor Auseinandersetzungen. Dennoch kam es, wie sie
+gesagt hatte. Seine Arbeit war endlich beendet und gutgeheißen, er hatte
+nur noch eine belanglose mündliche Prüfung zu bestehen und war in der
+gehobenen Stimmung einer Lebenswende. Wie Agnes ihm ihren Glückwunsch
+brachte und Rosen dazu, brach er in Tränen aus und sagte, daß er sie
+immer, immer liebhaben werde. Sie berichtete, daß Herr Göppel soeben eine
+mehrtägige Geschäftsreise antrete. „Und nun ist das Wetter so
+wunderschön ...“ Diederich fiel sofort ein: „Das müssen wir benutzen!
+Solche Gelegenheit haben wir noch nie gehabt!“ Sie beschlossen, aufs Land
+hinaus zu fahren. Agnes wußte von einem Ort namens Mittenwalde; es mußte
+einsam dort sein und romantisch wie der Name. „Den ganzen Tag werden wir
+beisammen sein!“ – „Und die Nacht auch“, setzte Diederich hinzu.
+
+Schon der Bahnhof, von dem man abfuhr, war entlegen und der Zug ganz klein
+und altmodisch. Sie blieben allein in ihrem Wagen; es dunkelte langsam,
+der Schaffner zündete ihnen eine trübe Lampe an, und sie sahen, eng
+umschlungen, stumm und mit großen Augen hinaus in das flache, eintönige
+Ackerland. Da hinausgehen, zu Fuß, weit fort, und sich verlieren in der
+guten Dunkelheit! Bei einem Dorf mit einer Handvoll Häuser wären sie fast
+ausgestiegen. Der Schaffner holte sie jovial zurück; ob sie denn auf Stroh
+übernachten wollten. Und dann langten sie an. Das Wirtshaus hatte einen
+großen Hof, ein weites Gastzimmer mit Petroleumlampen unter der
+Balkendecke und einen biederen Wirt, der Agnes „gnädige Frau“ nannte und
+schlaue slawische Augen dazu machte. Sie waren voll heimlichen
+Einverständnisses und befangen. Nach dem Essen wären sie gern gleich
+hinaufgegangen, wagten es aber nicht und blätterten gehorsam in den
+Zeitschriften, die der Wirt ihnen hinlegte. Wie er den Rücken wandte,
+warfen sie einander einen Blick zu, und, husch, waren sie auf der Treppe.
+Noch war kein Licht im Zimmer, die Tür stand noch offen, und schon lagen
+sie einander in den Armen.
+
+Ganz früh am Morgen schien die Sonne herein. Im Hof drunten pickten Hühner
+und flatterten auf den Tisch vor der Laube. „Dort wollen wir frühstücken!“
+Sie gingen hinab. Wie herrlich warm! Aus der Scheuer duftete es köstlich
+nach Heu. Kaffee und Brot schmeckten ihnen frischer als sonst. So frei war
+einem um das Herz, das ganze Leben stand offen. Stundenweit wollten sie
+gehen; der Wirt mußte die Straßen und Dörfer nennen. Sie lobten freudig
+sein Haus und seine Betten. Sie seien wohl auf der Hochzeitsreise?
+„Stimmt“ – und sie lachten herzhaft.
+
+Die Pflastersteine der Hauptstraße streckten ihre Spitzen nach oben, und
+die Julisonne färbte sie bunt. Die Häuser waren höckrig, schief und so
+klein, daß die Straße zwischen ihnen sich ausnahm wie ein Feld mit
+Steinen. Die Glocke des Krämers klapperte lange hinter den Fremden her.
+Wenige Leute, halb städtisch gekleidet, schlichen durch den Schatten und
+wandten sich um nach Agnes und Diederich, die stolze Gesichter machten,
+denn sie waren die Elegantesten hier. Agnes entdeckte das Modengeschäft
+mit den Hüten der feinen Damen. „Nicht zu glauben! Das hat man in Berlin
+vor drei Jahren getragen!“ Dann traten sie durch ein Tor, das wacklig
+aussah, in das Land hinaus. Die Felder wurden gemäht. Der Himmel war blau
+und schwer, die Schwalben schwammen darin wie in trägem Wasser. Die
+Bauernhäuser dort drüben waren eingetaucht in heißes Flimmern, und ein
+Wald stand schwarz, mit blauen Wegen. Agnes und Diederich faßten sich bei
+den Händen, und ohne Verabredung fingen sie zu singen an: ein Lied für
+wandernde Kinder, das sie noch aus der Schule kannten. Diederich machte
+seine Stimme tief, damit Agnes ihn bewundere. Als sie nicht weiter wußten,
+wandten sie einander die Gesichter zu und küßten sich, im Gehen.
+
+„Jetzt seh’ ich erst recht, wie hübsch du bist“, sagte Diederich und sah
+zärtlich in ihr rosiges Gesicht, mit den blonden Wimpern um diese blonden,
+goldgestirnten Augen. „Der Sommer steht mir gut“ – und Agnes atmete frei
+auf, daß ihre Hemdbluse geschwellt ward. Schlank ging sie dahin, mit
+schmalen Hüften und dem blauen Schleier, der ihr nachwehte. Diederich
+hatte es zu warm, er zog den Rock aus, dann auch die Weste, und endlich
+gestand er, daß er sich Schatten wünsche. Sie fanden welchen, am Rand
+eines Feldes, worauf noch das Korn stand, und unter einem Akazienbusch,
+der noch duftete. Agnes setzte sich und legte Diederichs Kopf in ihren
+Schoß. Sie spielten noch miteinander und scherzten: plötzlich merkte sie,
+daß er einschlief.
+
+Er wachte auf, sah um sich, und als er Agnes’ Gesicht fand, erglänzte er
+selig. „Lieber“, sagte sie. „Was du für ein gutes, dummes Gesicht machst.“
+– „Erlaub’ mal! Ich habe doch höchstens fünf Minuten – nein, wahrhaftig,
+eine Stunde hab’ ich geschlafen. Hast du dich gelangweilt?“ Aber sie war
+erstaunter als er, daß so viel Zeit vergangen war. Seinen Kopf zog er
+unter der Hand hervor, die sie ihm auf das Haar gelegt hatte, als er
+einschlief.
+
+Zwischen den Feldern gingen sie zurück. In einem lag eine dunkle Masse;
+und als sie durch die Halme spähten, war es ein alter Mann mit einer
+Pelzkappe, rostroter Jacke und Samthosen, die auch schon rötlich waren.
+Seinen Bart hatte er sich, zusammengekrümmt, um die Knie gewickelt. Sie
+bückten sich tiefer, um ihn zu erkennen. Da bemerkten sie, daß er sie
+schon längst aus schwarzen Funkelaugen ansah. Unwillkürlich schritten sie
+schneller aus, und in den Blicken, die sie einander zuwandten, stand
+Märchengrauen. Sie blickten umher: sie waren in einem weiten, fremden
+Land, die kleine Stadt dort hinten schlief fremdartig in der Sonne, und
+der Himmel sah ihnen aus, als seien sie Tag und Nacht gereist.
+
+Wie abenteuerlich das Mittagessen in der Laube des Wirtshauses, mit der
+Sonne, den Hühnern, dem offenen Küchenfenster, aus dem Agnes sich die
+Teller reichen ließ. Wo war die bürgerliche Ordnung der Blücherstraße, wo
+Diederichs angestammter Kneiptisch? „Ich gehe nicht wieder fort von hier“,
+erklärte Diederich. „Dich lass’ ich auch nicht fort.“ Und Agnes: „Warum
+denn auch? Ich schreibe meinem Papa und lass’ es ihm durch meine Freundin
+schicken, die in Küstrin verheiratet ist. Dann glaubt er, ich bin dort.“
+
+Später gingen sie nochmals aus, nach der anderen Seite, wo Wasser floß und
+der Horizont von den Flügeln dreier Windmühlen umsegelt ward. Im Kanal lag
+ein Boot; sie mieteten es und schwammen dahin. Ein Schwan kam ihnen
+entgegen. Der Schwan und ihr Boot glitten lautlos aneinander vorüber.
+Unter herniederhängenden Büschen legte es von selbst an – und Agnes fragte
+unvermittelt nach Diederichs Mutter und seinen Schwestern. Er sagte, daß
+sie immer gut zu ihm gewesen seien, und daß er sie liebhabe. Er wollte
+sich die Bilder der Schwestern schicken lassen, sie waren hübsch geworden;
+oder vielleicht nicht hübsch, aber so anständig und sanft. Die eine, Emmi,
+las Gedichte, wie Agnes. Diederich wollte für beide sorgen und sie
+verheiraten. Seine Mutter aber, die behielt er bei sich, denn ihr hatte er
+alles Gute im Leben verdankt, bis Agnes gekommen war. Und er erzählte von
+den Dämmerstunden, den Märchen unter den Weihnachtsbäumen seiner Kindheit
+und sogar von dem Gebet „aus dem Herzen“. Agnes hörte zu, ganz versunken.
+Endlich seufzte sie auf. „Deine Mutter möchte ich kennenlernen. Meine hab’
+ich nicht gekannt.“ Er küßte sie, mitleidig, achtungsvoll und mit einer
+dunklen Empfindung von schlechtem Gewissen. Er fühlte: jetzt hatte er ein
+Wort zu sprechen, das sie ganz und gar für immer trösten mußte. Aber er
+schob es hinaus, er konnte nicht. Agnes sah ihn tief an. „Ich weiß,“ sagte
+sie langsam, „daß du im Herzen ein guter Mensch bist. Du mußt nur manchmal
+anders tun.“ Darüber erschrak er. Dann sagte sie, als entschuldigte sie
+sich: „Heute hab ich gar keine Furcht vor dir.“
+
+„Hast du denn sonst Furcht?“ fragte er reumütig. Sie sagte:
+
+„Ich habe mich immer gefürchtet, wenn die Leute recht hochgemut und lustig
+waren. Bei meinen Freundinnen früher war es mir oft, als könnte ich mit
+ihnen nicht Schritt halten, und sie müßten es merken und mich verachten.
+Sie merkten es aber nicht. Schon als Kind: ich hatte eine Puppe mit großen
+blauen Glasaugen, und als meine Mutter gestorben war, mußte ich nebenan
+bei der Puppe sitzen. Sie sah mich immer starr an mit ihren aufgerissenen
+harten Augen, die sagten mir: Deine Mutter ist tot, jetzt werden dich alle
+so ansehen wie ich. Gerne hätte ich sie auf den Rücken gelegt, damit sie
+die Augen schloß. Aber ich wagte es nicht. Hätte ich denn auch die
+Menschen auf den Rücken legen können? Alle haben solche Augen, und
+manchmal –“ sie verbarg ihr Gesicht an seiner Schulter, „manchmal sogar
+du.“
+
+Der Hals war ihm zugeschnürt, er tastete über ihren Nacken, und seine
+Stimme schwankte. „Agnes! Süße Agnes, du weißt gar nicht, wie ich dich
+liebhabe ... Ich hab’ Furcht vor dir gehabt, ja, ich! Drei Jahre lang hab’
+ich mich nach dir gesehnt, aber du warst zu schön für mich, zu fein, zu
+gut ...“ Sein ganzes Herz schmolz; er sagte alles, was er ihr nach ihrem
+ersten Besuch geschrieben hatte, in dem Brief, der noch in seinem
+Schreibtisch lag. Sie hatte sich aufgerichtet und hörte ihm zu, entzückt,
+die Lippen geöffnet. Sie jubelte leise: „Ich wußte es, so bist du, du bist
+wie ich!“
+
+„Wir gehören zusammen“, sagte Diederich und preßte sie an sich; aber er
+war erschrocken über seinen Ausruf: „Jetzt wartet sie,“ dachte er, „jetzt
+soll ich sprechen.“ Er wollte es, aber er fühlte sich gelähmt. Der Druck
+seiner Arme auf ihrem Rücken ward immer kraftloser ... Sie bewegte sich:
+er wußte, nun wartete sie nicht mehr. Und sie lösten sich voneinander,
+ohne sich anzusehen. Diederich schlug plötzlich die Hände vor das Gesicht
+und schluchzte. Sie fragte nicht, weshalb; sie strich ihm tröstend über
+das Haar. Das währte lange.
+
+Über ihn hinweg, ins Leere, sagte Agnes: „Hab’ ich denn geglaubt, daß es
+dauern würde? Es mußte schlimm enden, weil es so schön war.“
+
+Er fuhr auf, verzweifelt. „Es ist doch nicht aus!“ Sie fragte:
+
+„Glaubst du an das Glück?“
+
+„Wenn ich dich verlieren soll, nicht mehr!“
+
+Sie murmelte: „Du wirst fortgehen, hinaus in das Leben und mich
+vergessen.“
+
+„Lieber sterben!“ – und er zog sie an sich. Sie flüsterte an seiner Wange:
+
+„Sieh, wie breit hier das Wasser ist, ein See. Unser Boot hat sich von
+selbst losgemacht und uns hinausgeführt. Weißt du noch, jenes Bild? Und
+der See, auf dem wir schon einmal im Traum fuhren? Wohin wohl?“ Und noch
+leiser: „Wohin mit uns?“
+
+Er antwortete nicht mehr. Ganz umschlungen und die Lippen aufeinander,
+senkten sie sich rückwärts immer tiefer über das Wasser. Drängte sie ihn?
+Zog er sie? Niemals waren sie so sehr eins gewesen. Diederich fühlte: nun
+war es gut. Er war, mit Agnes zu leben, nicht edel genug gewesen, nicht
+gläubig, nicht tapfer genug. Jetzt hatte er sie eingeholt, nun war es gut.
+
+Plötzlich, ein Stoß: sie schnellten in die Höhe. Diederich hatte so viel
+Kraft gebraucht, daß Agnes von ihm fort und zu Boden fiel. Er strich sich
+über die Stirn. „Was haben wir denn da?“ – Noch kalt vom Schrecken und als
+sei er beleidigt, sah er weg von ihr. „So unvorsichtig darf man nicht sein
+beim Bootfahren.“ Er ließ sie allein aufstehen, griff sogleich nach den
+Rudern und fuhr zurück. Agnes hielt das Gesicht nach dem Ufer gewendet.
+Einmal wollte sie zu ihm hinsehen; aber sein Blick traf sie so mißtrauisch
+und hart, daß sie zusammenfuhr.
+
+In der sinkenden Dämmerung gingen sie, immer schneller, die Landstraße
+zurück. Zuletzt liefen sie fast. Und erst als es dunkel genug war, daß sie
+ihre Gesichter nicht mehr deutlich erkannten, sprachen sie. Morgen früh
+kam Herr Göppel vielleicht heim. Agnes mußte heim ... Wie sie beim
+Wirtshaus ankamen, pfiff in der Ferne schon der Zug. „Nicht mal mehr essen
+kann man!“ sagte Diederich mit künstlicher Unzufriedenheit. Hals über Kopf
+die Sachen holen, zahlen und fort. Der Zug fuhr ab, kaum daß sie drin
+waren. Ein Glück, daß sie Atem zu schöpfen und die eiligen Geschäfte der
+letzten Viertelstunde zu besprechen hatten. Das letzte Wort darüber war
+gefallen, und nun saß jeder da, allein bei trüber Lampe und betäubt wie
+nach einem großen Mißerfolg. Das dunkle Land da draußen, hatte es einmal
+gelockt und Gutes versprochen? Das sollte erst gestern gewesen sein? Man
+fand nicht zurück. Kamen nicht endlich die Lichter der Stadt und befreiten
+einen?
+
+Bei der Ankunft waren sie darüber einig, daß es sich nicht verlohne, in
+denselben Wagen zu steigen. Diederich nahm die Trambahn. Hände und Augen
+streiften sich nur.
+
+
+
+„Uff!“ machte Diederich, als er allein war. „Das wäre erledigt.“ Er sagte
+sich: „Es hätte ebensogut schief gehen können.“ Und mit Empörung: „So eine
+hysterische Person!“ Sich selbst würde sie sicher am Boot festgehalten
+haben. Er hätte das Bad allein nehmen müssen. Auf den ganzen Trick war sie
+doch nur verfallen, weil sie durchaus geheiratet werden wollte! „Die
+Weiber sind zu gerissen, und sie haben keine Hemmungen, da kommt
+unsereiner nun mal nicht mit. Diesmal hat sie mich, weiß Gott, noch ärger
+an der Nase herumgeführt als damals mit Mahlmann. Na, mir soll es eine
+Lehre für das Leben sein. Nun aber Schluß!“ Und festen Schrittes ging er
+zu den Neuteutonen. Fortan verbrachte er jeden Abend dort, und am Tage
+büffelte er für das mündliche Examen, aber zur Vorsicht nicht zu Hause,
+sondern im Laboratorium. Wenn er dann heimkam, ward ihm das Steigen der
+Stockwerke schwer, er mußte sich gestehen, daß er Herzklopfen habe.
+Zögernd öffnete er die Zimmertür: – nichts; und nachdem ihm anfangs
+leichter geworden war, kam es schließlich doch jedesmal dazu, daß er die
+Wirtin fragte, ob jemand dagewesen sei. Niemand war dagewesen.
+
+Nach vierzehn Tagen aber kam ein Brief. Er hatte ihn geöffnet, bevor er es
+bedachte. Dann wollte er ihn ungelesen in den Schreibtisch werfen – zog
+ihn aber wieder hervor und hielt ihn weit fort vom Gesicht. Hastig, mit
+mißtrauischen Augen griff er hier und da eine Zeile heraus. „Ich bin so
+unglücklich ...“ „Kennen wir!“ antwortete Diederich. „Ich wage mich nicht
+zu Dir ...“ „Dein Glück!“ „Es ist schrecklich, daß wir uns fremd geworden
+sind ...“ „Wenigstens siehst du es ein.“ „Verzeih mir, was geschehen ist,
+oder ist nichts geschehen?...“ „Gerade genug!“ „Ich kann nicht
+weiterleben ...“ „Fängst du schon wieder an?“ Und er schleuderte das Blatt
+endgültig in die Lade, zu jenem anderen, das er in einer zuchtlosen Nacht
+mit Überschwenglichkeiten bedeckt und zum Glück nicht abgeschickt hatte.
+
+Eine Woche später aber, wie er in der Nacht heimkam, hörte er hinter sich
+Schritte, die besonders klangen. Er fuhr herum: eine Gestalt blieb stehen,
+die Hände ein wenig erhoben und leer vor sich hingehalten. Noch während er
+das Haustor aufschloß und eintrat, sah er sie im Halbdunkel dastehen. Im
+Zimmer machte er kein Licht. Er schämte sich, indes sie aus dem Dunkel
+hinaufspähte, das Zimmer zu beleuchten, das ihr gehört hatte. Es regnete.
+Wie viele Stunden hatte sie gewartet? Gewiß stand sie noch immer dort, mit
+ihrer letzten Hoffnung. Das war nicht auszuhalten! Er wollte das Fenster
+aufreißen – und wich zurück. Einmal fand er sich plötzlich auf der Treppe,
+mit dem Hausschlüssel in der Hand. Gerade gelang es ihm noch, umzukehren.
+Darauf schloß er ab und zog sich aus. „Mehr Haltung, mein Lieber!“ Denn
+diesmal wäre man aus der Sache nicht mehr leicht herausgekommen. Das Mädel
+war zweifellos zu bedauern, aber schließlich hatte sie es gewollt. „Vor
+allem habe ich Pflichten gegen mich selbst.“ – Am Morgen, schlecht
+ausgeschlafen, nahm er es ihr sogar sehr übel, daß sie noch einmal
+versucht hatte, ihn aus seiner Bahn zu reißen. Jetzt, da sie wußte, daß
+die Prüfung bevorstand! Solche Gewissenlosigkeit sah ihr ähnlich. Und
+durch die nächtliche Szene, diese Bettlerrolle im Regen, hatte ihre
+Gestalt nachträglich etwas Verdächtiges und Unheimliches bekommen. Er
+betrachtete sie als endgültig gesunken. „Auf keinen Fall mehr das
+geringste!“ beteuerte er sich, und er beschloß, noch für den kurzen Rest
+seines Aufenthaltes die Wohnung zu wechseln: „selbst wenn es mit einem
+Geldopfer verbunden sein sollte.“ Glücklicherweise suchte ein Kollege
+grade ein Zimmer; Diederich verlor nichts und zog sofort um, weit hinauf
+nach dem Norden. Kurz darauf bestand er sein Examen. Die Neuteutonia
+feierte ihn mit einem Frühschoppen, der bis gegen Abend dauerte. Zu Hause
+ward ihm gesagt, daß in seinem Zimmer ein Herr auf ihn warte. „Es wird
+Wiebel sein,“ dachte Diederich, „er muß mir doch Glück wünschen.“ Und von
+Hoffnung geschwellt: „Vielleicht ist es der Assessor von Barnim?“ Er
+öffnete, und er prallte zurück. Denn da stand Herr Göppel.
+
+Auch er fand nicht gleich Worte. „Nanu, im Frack?“ sagte er dann, und
+zögernd: „Waren Sie vielleicht bei mir?“
+
+„Nein“, sagte Diederich und erschrak aufs neue. „Ich habe nur meine
+Doktorprüfung gemacht.“
+
+Göppel erwiderte: „Ach so, ich gratuliere.“ Dann brachte Diederich hervor:
+„Wie haben Sie denn meine neue Adresse gefunden?“ Und Göppel antwortete:
+„Ihrer früheren Wirtin haben Sie sie allerdings nicht gesagt. Aber es gibt
+ja auch sonst noch Mittel.“ Darauf sahen sie einander an. Göppels Stimme
+war ruhig gewesen, aber Diederich fühlte schreckliche Drohungen darin. Er
+hatte den Gedanken an die Katastrophe immer hinausgeschoben, und jetzt war
+sie da. Er mußte sich setzen.
+
+„Nämlich,“ begann Göppel, „ich komme, weil es Agnes gar nicht gut geht.“
+
+„Oh!“ machte Diederich mit verzweifelter Heuchelei. „Was fehlt ihr denn?“
+Herr Göppel wiegte bekümmert den Kopf. „Das Herz will nicht; aber es sind
+natürlich nur die Nerven ... Natürlich“, wiederholte er, nachdem er
+vergeblich gewartet hatte, daß Diederich es wiederhole. „Und nun wird sie
+mir melancholisch vor Langeweile, und ich möchte sie aufheitern. Ausgehen
+darf sie nicht. Aber kommen Sie doch mal wieder zu uns, morgen ist
+Sonntag.“
+
+„Gerettet!“ fühlte Diederich. „Er weiß nichts.“ Vor Freude ward er zum
+Diplomaten, er kratzte sich den Kopf. „Ich hatte es mir schon fest
+vorgenommen. Aber jetzt muß ich dringend nach Haus, unser alter
+Geschäftsführer ist krank. Nicht mal meinen Professoren kann ich
+Abschiedsbesuche machen, morgen früh reise ich gleich ab.“
+
+Göppel legte ihm die Hand auf das Knie. „Sie sollten es sich überlegen,
+Herr Heßling. Seinen Freunden schuldet man manchmal auch was.“
+
+Er sprach langsam und hatte einen so eindringlichen Blick, daß Diederich
+wegsehen mußte. „Wenn ich nur könnte“, stammelte er; Göppel sagte:
+
+„Sie können. Überhaupt können Sie alles, was hier in Frage kommt.“
+
+„Wieso?“ Diederich erstarrte im Innern. „Sie wissen wohl, wieso“, sagte
+der Vater; und nachdem er seinen Stuhl ein Stück zurückgeschoben hatte:
+„Sie denken doch hoffentlich nicht, daß Agnes mich hergeschickt hat? Im
+Gegenteil, ich hab’ ihr versprechen müssen, daß ich gar nichts tue und Sie
+ganz in Ruhe lasse. Aber dann hab’ ich mir überlegt, daß es doch
+eigentlich zu dumm wäre, wenn wir beide noch lange umeinander herum gehen
+wollten, so wie wir uns kennen, und wie ich Ihren seligen Vater gekannt
+habe, und bei unserer Geschäftsverbindung und so weiter.“
+
+Diederich dachte: „Die Geschäftsverbindung ist gelöst, mein Bester.“ Er
+wappnete sich.
+
+„Ich gehe gar nicht um Sie herum, Herr Göppel.“
+
+„Na also. Dann ist ja alles in Ordnung. Ich verstehe wohl: der Sprung in
+die Ehe, den tut kein junger Mann, besonders heute, ohne erst mal zu
+scheuen. Aber wenn die Geschichte so glatt liegt wie hier, nicht wahr?
+Unsere Branchen greifen ineinander, und wenn Sie Ihr väterliches Geschäft
+ausdehnen wollen, kommt Ihnen Agnes’ Mitgift sehr gelegen.“ Und in einem
+Atem weiter, indes seine Augen abirrten: „Momentan kann ich zwar nur
+zwölftausend Mark flüssig machen, aber Zellulose kriegen Sie, soviel Sie
+wollen.“
+
+„Siehst du wohl?“ dachte Diederich. „Und die zwölftausend müßtest du dir
+auch pumpen – wenn du sie noch kriegst.“ – „Sie haben mich mißverstanden,
+Herr Göppel“, erklärte er. „Ich denke nicht ans Heiraten. Dazu wären zu
+große Geldmittel nötig.“
+
+Herr Göppel sagte mit angstvollen Augen und lachte dabei: „Ich kann noch
+ein übriges tun ...“
+
+„Lassen Sie nur“, sagte Diederich, vornehm abwehrend.
+
+Göppel ward immer ratloser.
+
+„Ja, was wollen Sie dann überhaupt?“
+
+„Ich? Gar nichts. Ich dachte, Sie wollten was, weil Sie mich besuchen.“
+
+Göppel gab sich einen Ruck. „Das geht nicht, lieber Heßling. Nach dem, was
+nun mal vorgefallen ist. Und besonders, da es schon so lange dauert.“
+
+Diederich maß den Vater, er zog die Mundwinkel herab. „Sie wußten es
+also?“
+
+„Nicht sicher“, murmelte Göppel. Und Diederich, von oben:
+
+„Das hätte ich auch merkwürdig gefunden.“
+
+„Ich habe eben Vertrauen gehabt zu meiner Tochter.“
+
+„So irrt man sich“, sagte Diederich, zu allem entschlossen, womit er sich
+wehren konnte. Göppels Stirn fing an, sich zu röten. „Zu Ihnen hab’ ich
+nämlich auch Vertrauen gehabt.“
+
+„Das heißt: Sie hielten mich für naiv.“ Diederich schob die Hände in die
+Hosentaschen und lehnte sich zurück.
+
+„Nein!“ Göppel sprang auf. „Aber ich hielt Sie nicht für den Schubbejack,
+der Sie sind!“
+
+Diederich erhob sich mit formvoller Ruhe. „Geben Sie Satisfaktion?“ fragte
+er. Göppel schrie:
+
+„Das möchten Sie wohl! Die Tochter verführen und den Vater abschießen!
+Dann ist Ihre Ehre komplett!“
+
+„Davon verstehen Sie nichts!“ Auch Diederich fing an, sich aufzuregen.
+„Ich habe Ihre Tochter nicht verführt. Ich habe getan, was sie wollte, und
+dann war sie nicht mehr loszuwerden. Das hat sie von Ihnen.“ Mit
+Entrüstung: „Wer sagt mir, daß Sie sich nicht von Anfang an mit ihr
+verabredet haben? Dies ist eine Falle!“
+
+Göppel hatte ein Gesicht, als wollte er noch lauter schreien. Plötzlich
+erschrak er, und mit seiner gewöhnlichen Stimme, nur daß sie zitterte,
+sagte er: „Wir geraten zu sehr in Feuer, dafür ist die Sache zu wichtig.
+Ich habe Agnes versprochen, daß ich ruhig bleiben will.“
+
+Diederich lachte höhnisch auf. „Sehen Sie, daß Sie schwindeln? Vorhin
+sagten Sie, Agnes weiß gar nicht, daß Sie hier sind.“
+
+Der Vater lächelte entschuldigend. „Im guten einigt man sich schließlich
+immer. Nicht wahr, mein lieber Heßling?“
+
+Aber Diederich fand es gefährlich, wieder gut zu werden.
+
+„Der Teufel ist Ihr lieber Heßling!“ schrie er. „Für Sie heiß’ ich Herr
+Doktor!“
+
+„Ach so“, machte Göppel, ganz starr. „Es ist wohl das erstemal, daß jemand
+Herr Doktor zu Ihnen sagen muß? Na, auf die Gelegenheit können Sie stolz
+sein.“
+
+„Wollen Sie vielleicht auch noch meine Standesehre antasten?“ Göppel
+wehrte ab.
+
+„Gar nichts will ich antasten. Ich frage mich nur, was wir Ihnen getan
+haben, meine Tochter und ich. Müssen Sie denn wirklich so viel Geld
+mithaben?“
+
+Diederich fühlte sich erröten. Um so entschlossener ging er vor.
+
+„Wenn Sie es durchaus hören wollen: mein moralisches Empfinden verbietet
+mir, ein Mädchen zu heiraten, das mir ihre Reinheit nicht mit in die Ehe
+bringt.“
+
+Sichtlich wollte Göppel sich nochmals empören; aber er konnte nicht mehr,
+er konnte nur noch das Schluchzen unterdrücken.
+
+„Wenn Sie heute nachmittag den Jammer gesehen hätten! Sie hat es mir
+gestanden, weil sie es nicht mehr aushielt. Ich glaube, nicht mal mich
+liebt sie mehr: nur Sie. Was wollen Sie denn, Sie sind doch der erste.“
+
+„Weiß ich das? Vor mir verkehrte bei Ihnen ein Herr namens Mahlmann.“ Und
+da Göppel zurückwich, als sei er vor die Brust gestoßen:
+
+„Nun ja, kann man das wissen? Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht.“
+
+Er sagte noch: „Kein Mensch kann von mir verlangen, daß ich so eine zur
+Mutter meiner Kinder mache. Dafür hab’ ich zuviel soziales Gewissen.“
+Damit drehte er sich um. Er hockte nieder und legte Sachen in den Koffer,
+der geöffnet dastand.
+
+Hinter sich hörte er den Vater nun wirklich schluchzen – und Diederich
+konnte nicht hindern, daß er selbst gerührt ward: durch die edel männliche
+Gesinnung, die er ausgesprochen hatte, durch Agnes’ und ihres Vaters
+Unglück, das zu heilen ihm die Pflicht verbot, durch die schmerzliche
+Erinnerung an seine Liebe und all diese Tragik des Schicksals ... Er
+hörte, gespannten Herzens, wie Herr Göppel die Tür öffnete und schloß,
+hörte ihn über den Korridor schleichen und das Geräusch der Flurtür. Nun
+war es aus – und da ließ Diederich sich vornüber fallen und weinte heftig
+in seinen halbgepackten Koffer hinein. Am Abend spielte er Schubert.
+
+Damit war dem Gemüt Genüge getan, man mußte stark sein. Diederich hielt
+sich vor, ob etwa Wiebel jemals so sentimental geworden wäre. Sogar ein
+Knote ohne Komment, wie Mahlmann, hatte Diederich eine Lektion in
+rücksichtsloser Energie erteilt. Daß auch die anderen in ihrem Innern
+vielleicht doch weiche Stellen haben könnten, erschien ihm im höchsten
+Grade unwahrscheinlich. Nur er war, von seiner Mutter her, damit behaftet;
+und ein Mädel wie Agnes, die gerade so verrückt war wie seine Mutter,
+würde ihn ganz untauglich gemacht haben für diese harte Zeit. Diese harte
+Zeit: bei dem Wort sah Diederich immer die Linden mit dem Gewimmel von
+Arbeitslosen, Frauen, Kindern, von Not, Angst, Aufruhr – und das alles
+gebändigt, bis zum Hurraschreien gebändigt durch die Macht, die
+allumfassende, unmenschliche Macht, die mitten darin ihre Hufe wie auf
+Köpfe setzte, steinern und blitzend.
+
+„Nichts zu machen“, sagte er sich, in begeisterter Unterwerfung. „So muß
+man sein!“ Um so schlimmer für die, die nicht so waren: sie kamen eben
+unter die Hufe. Hatten Göppels, Vater und Tochter, irgendeine Forderung an
+ihn? Agnes war großjährig, und ein Kind hatte er ihr nicht gemacht. Also?
+„Ich wäre ein Narr, wenn ich zu meinem Schaden etwas täte, wozu ich nicht
+gezwungen werden kann. Mir schenkt auch keiner was.“ Diederich empfand
+stolze Freude, wie gut er nun schon erzogen war. Die Korporation, der
+Waffendienst und die Luft des Imperialismus hatten ihn erzogen und
+tauglich gemacht. Er versprach sich, zu Haus in Netzig seine
+wohlerworbenen Grundsätze zur Geltung zu bringen und ein Bahnbrecher zu
+sein für den Geist der Zeit. Um diesen Vorsatz auch äußerlich an seiner
+Person kenntlich zu machen, begab er sich am Morgen darauf in die
+Mittelstraße zum Hoffriseur Haby und nahm eine Veränderung mit sich vor,
+die er an Offizieren und Herren von Rang jetzt immer häufiger beobachtete.
+Sie war ihm bislang nur zu vornehm erschienen, um nachgeahmt zu werden. Er
+ließ vermittels einer Bartbinde seinen Schnurrbart in zwei rechten Winkeln
+hinaufführen. Als es geschehen war, kannte er sich im Spiegel kaum wieder.
+Der von Haaren entblößte Mund hatte, besonders wenn man die Lippen
+herabzog, etwas katerhaft Drohendes, und die Spitzen des Bartes starrten
+bis in die Augen, die Diederich selbst Furcht erregten, als blitzten sie
+aus dem Gesicht der Macht.
+
+
+
+
+
+ III.
+
+
+Um weiteren Belästigungen durch die Familie Göppel aus dem Wege zu gehen,
+reiste er sogleich ab. Die Hitze machte das Kupee zu einem unheimlichen
+Aufenthalt. Diederich, der allein war, zog nacheinander den Rock, die
+Weste und die Schuhe aus. Einige Stationen vor Netzig stieg noch jemand
+ein: zwei fremd aussehende Damen, die durch den Anblick von Diederichs
+Flanellhemd beleidigt schienen. Er seinerseits fand sie widerwärtig
+elegant. Sie unternahmen es, in einer unverständlichen Sprache eine
+Beschwerde an ihn zu richten, worauf er die Achseln zuckte und die Füße in
+den Socken auf die Bank legte. Sie hielten sich die Nase zu und stießen
+Hilferufe aus. Der Schaffner erschien, der Zugführer selbst, aber
+Diederich hielt ihnen sein Billett zweiter Klasse hin und verteidigte sein
+Recht. Er gab dem Beamten sogar zu verstehen, er möge sich nur nicht die
+Zunge verbrennen, man könne nie wissen, mit wem man es zu tun habe. Als er
+dann den Sieg erstritten hatte und die Damen abgezogen waren, kam statt
+ihrer eine andere. Diederich sah ihr entschlossen entgegen, aber sie zog
+einfach aus ihrem Beutel eine Wurst und aß sie aus der Hand, wobei sie ihm
+zulächelte. Da rüstete er ab, erwiderte, breit glänzend, ihre Sympathie
+und sprach sie an. Es stellte sich heraus, daß sie aus Netzig war. Er
+nannte seinen Namen, woraus sie frohlockte, sie seien alte Bekannte!
+„Nun?“ Diederich betrachtete sie forschend: das dicke, rosige Gesicht mit
+dem fleischigen Mund und der kleinen, frech eingedrückten Nase; das
+weißliche Haar, nett glatt und ordentlich, den Hals, der jung und fett
+war, und in den Halbhandschuhen die Finger, die die Wurst hielten und
+selbst rosigen Würstchen glichen. „Nein,“ entschied er, „kennen tu’ ich
+Sie nicht, aber kolossal appetitlich sind Sie. Wie ein frischgewaschenes
+Schweinchen.“ Und er griff ihr um die Taille. Im selben Augenblick hatte
+er eine Ohrfeige. „Die sitzt“, sagte er und rieb sich. „Haben Sie mehr
+solche zu vergeben?“ – „Es langt für alle Frechmöpse.“ Sie lachte aus der
+Kehle und zwinkerte ihn mit ihren kleinen Augen unzüchtig an. „Ein Stück
+Wurst können Sie haben, aber sonst nichts.“ Ohne zu wollen, verglich er
+ihre Art, sich zu wehren, mit Agnes’ Hilflosigkeit, und er sagte sich: „So
+eine könnte man getrost heiraten.“ Schließlich nannte sie selbst ihren
+Vornamen, und als er noch immer nicht weiterfand, fragte sie nach seinen
+Schwestern. Plötzlich rief er: „Guste Daimchen!“ Und beide schüttelten
+sich vor Freude. „Sie haben mir doch immer Knöpfe geschenkt von den Lumpen
+in Ihrer Papierfabrik. Das vergess’ ich Ihnen nie, Herr Doktor! Wissen
+Sie, was ich mit den Knöpfen gemacht hab’? Die hab’ ich gesammelt, und
+wenn meine Mutter mir mal Geld für Knöpfe gab, hab’ ich mir Bonbons
+gekauft.“
+
+„Praktisch sind Sie auch!“ Diederich war entzückt. „Und dann sind Sie
+immer zu uns über die Gartenmauer geklettert, Sie kleine Göre. Hosen
+hatten Sie meistenteils keine an, und wenn der Rock ’raufrutschte, kriegte
+man hinten was zu sehen.“
+
+Sie kreischte; ein feiner Mann habe für so was kein Gedächtnis. „Jetzt muß
+es aber noch schöner geworden sein“, setzte Diederich noch hinzu. Sie ward
+plötzlich ernst.
+
+„Jetzt bin ich verlobt.“
+
+Mit dem Wolfgang Buck war sie verlobt! Diederich verstummte, mit
+enttäuschter Miene. Dann erklärte er zurückhaltend, er kenne Buck. Sie
+sagte vorsichtig: „Sie meinen wohl, er ist ein bißchen überspannt? Aber
+die Bucks sind auch eine sehr feine Familie. Na ja, in anderen Familien
+ist wieder mehr Geld“, setzte sie hinzu. Hierdurch betroffen, sah
+Diederich sie an. Sie zwinkerte. Er wollte eine Frage stellen; aber er
+hatte den Mut verloren.
+
+Kurz vor Netzig fragte Fräulein Daimchen: „Und Ihr Herz, Herr Doktor, ist
+noch frei?“
+
+„Um die Verlobung bin ich noch herumgekommen.“ Er nickte gewichtig. „Ach!
+Das müssen Sie mir erzählen“, rief sie. Aber sie fuhren schon ein. „Wir
+sehen uns hoffentlich bald wieder“, schloß Diederich. „Ich kann Ihnen nur
+sagen, ein junger Mann kommt manchmal in verdammt brenzlige Sachen hinein.
+Für ein Ja oder Nein ist das Leben verpfuscht.“
+
+Seine beiden Schwestern standen am Bahnhof. Wie sie Guste Daimchen
+erblickten, verzogen sie zuerst das Gesicht, dann aber stürzten sie herbei
+und halfen das Gepäck tragen. Sie erklärten ihren Eifer, kaum daß sie mit
+Diederich allein waren. Guste hatte nämlich geerbt, sie war Millionärin!
+Darum also! Er war erschrocken vor Hochachtung.
+
+Die Schwestern erzählten das Nähere. Ein alter Verwandter in Magdeburg
+hatte Guste all das Geld vermacht, dafür, daß sie ihn gepflegt hatte. „Und
+sie hat es sich verdient,“ bemerkte Emmi, „er soll zuletzt furchtbar
+unappetitlich gewesen sein.“ Magda setzte hinzu: „Und sonst kann man sich
+natürlich auch noch allerlei denken, denn Guste war doch ein ganzes Jahr
+mit ihm allein.“
+
+Sofort bekam Diederich einen roten Kopf. „So was sagt ein junges Mädchen
+nicht!“ schrie er entrüstet; und als Magda beteuerte, das sagten auch Inge
+Tietz, Meta Harnisch und überhaupt alle: „Dann fordere ich euch energisch
+auf, dem Gerede entgegenzutreten.“ Es entstand eine Pause; darauf sagte
+Emmi: „Guste ist nämlich schon verlobt.“ – „Das weiß ich“, knurrte
+Diederich.
+
+Bekannte kamen ihnen entgegen, Diederich hörte sich „Herr Doktor“ nennen,
+erglänzte stolz dabei und ging weiter zwischen Emmi und Magda, die von der
+Seite seine neue Barttracht bewunderten. Zu Hause empfing Frau Heßling den
+Sohn mit ausgebreiteten Armen und einem Aufschrei, wie von einer
+Verschmachtenden, die gerade noch gerettet wird. Und was Diederich nicht
+vorausgesehen hatte: auch er weinte. Auf einmal empfand er die feierliche
+Schicksalsstunde, in der er das erstemal als wirkliches Haupt der Familie
+ins Zimmer trat, „fertig“, mit dem Doktortitel ausgezeichnet und bestimmt,
+Fabrik und Familie nach seiner überlegenen Einsicht zu lenken. Er gab
+Mutter und Schwestern die Hände, allen zugleich, und sagte mit ernster
+Stimme: „Ich werde mir immer bewußt bleiben, daß ich meinem Gott für euch
+Rechenschaft schulde.“
+
+Aber Frau Heßling war in Unruhe. „Bist du bereit, mein Sohn?“ fragte sie.
+„Unsere Leute erwarten dich.“ Diederich trank sein Bier aus und ging, an
+der Spitze der Seinen, hinunter. Der Hof war sauber gescheuert, den
+Eingang der Fabrik umrahmten Kränze und beschrieben eine Schleife um die
+Inschrift „Willkommen!“ Davor stand der alte Buchhalter Sötbier und sagte:
+„Na guten Tag, Herr Doktor. Ich bin nicht ’raufgekommen, weil ich noch was
+zu tun hatte.“
+
+„Heute hätten Sie das auch lassen können“, erwiderte Diederich und ging an
+Sötbier vorbei. Drinnen im Lumpensaal fand er die Leute. Alle standen sie
+in einem Haufen zusammen: die zwölf Arbeiter, die die Papiermaschine, den
+Holländer und die Schneidemaschine bedienten, und die drei Kontoristen,
+samt den Frauen, deren Tätigkeit das Sortieren der Lumpen war. Die Männer
+räusperten sich, man fühlte eine Pause, bis mehrere der Frauen ein kleines
+Mädchen hinausschoben, das einen Blumenstrauß vor sich hinhielt und mit
+einer Klarinettenstimme dem Herrn Doktor Glück und Willkommen wünschte.
+Diederich nahm mit gnädiger Miene den Strauß; nun war es an ihm, sich zu
+räuspern. Er wandte sich nach den Seinen um, dann sah er den Leuten scharf
+in die Augen, allen nacheinander, auch dem schwarzbärtigen
+Maschinenmeister, obwohl der Blick des Mannes ihm peinlich war – und
+begann:
+
+„Leute! Da ihr meine Untergebenen seid, will ich euch nur sagen, daß hier
+künftig forsch gearbeitet wird. Ich bin gewillt, mal Zug in den Betrieb zu
+bringen. In der letzten Zeit, wo hier der Herr gefehlt hat, da hat mancher
+von euch vielleicht gedacht, er kann sich auf die Bärenhaut legen. Das ist
+aber ein gewaltiger Irrtum, ich sage das besonders für die alten Leute,
+die noch von meinem seligen Vater her dabei sind.“
+
+Mit erhobener Stimme, noch schneidiger und abgehackter; und dabei sah er
+den alten Sötbier an:
+
+„Jetzt habe ich das Steuer selbst in die Hand genommen. Mein Kurs ist der
+richtige, ich führe euch herrlichen Tagen entgegen. Diejenigen, welche mir
+dabei behilflich sein wollen, sind mir von Herzen willkommen; diejenigen
+jedoch, welche sich mir bei dieser Arbeit entgegenstellen, zerschmettere
+ich.“
+
+Er versuchte, seine Augen blitzen zu lassen, sein Schnurrbart sträubte
+sich noch höher.
+
+„Einer ist hier der Herr, und das bin ich. Gott und meinem Gewissen allein
+schulde ich Rechenschaft. Ich werde euch stets mein väterliches Wohlwollen
+entgegenbringen, Umsturzgelüste aber scheitern an meinem unbeugsamen
+Willen. Sollte sich ein Zusammenhang irgendeines von euch –“
+
+Er faßte den schwarzbärtigen Maschinenmeister ins Auge, der ein
+verdächtiges Gesicht machte.
+
+„– mit sozialdemokratischen Kreisen herausstellen, so zerschneide ich
+zwischen ihm und mir das Tischtuch. Denn für mich ist jeder Sozialdemokrat
+gleichbedeutend mit Feind meines Betriebes und Vaterlandsfeind ... So, nun
+geht wieder an eure Arbeit und überlegt euch, was ich euch gesagt habe.“
+
+Er machte schroff kehrt und ging schnaufend davon. In dem Schwindelgefühl,
+das seine starken Worte ihm erregt hatten, erkannte er kein einziges
+Gesicht mehr. Die Seinen folgten ihm, bestürzt und ehrfurchtsvoll, indes
+die Arbeiter einander noch lange stumm ansahen, bevor sie nach den
+Bierflaschen griffen, die zur Feier des Tages bereitstanden.
+
+Droben legte Diederich vor Mutter und Schwestern seine Pläne dar. Die
+Fabrik war zu vergrößern, das hintere Nachbarhaus anzukaufen. Man mußte
+konkurrenzfähig werden. Der Platz an der Sonne! Der alte Klüsing, draußen
+in der Papierfabrik Gausenfeld, bildete sich wohl ein, er werde ewig das
+ganze Geschäft machen?... Endlich tat Magda die Frage, woher er denn das
+Geld nehmen wolle; aber Frau Heßling schnitt ihr das vorlaute Wort ab.
+„Dein Bruder weiß das besser als wir.“ Vorsichtig setzte sie hinzu:
+„Manches Mädchen wäre glücklich, wenn sie sein Herz gewinnen könnte“ – und
+sie hielt, seines Zornes gewärtig, die Hand vor den Mund. Aber Diederich
+errötete nur. Da wagte sie, ihn zu umarmen. „Es wäre mir ja ein so
+entsetzlicher Schmerz,“ schluchzte sie, „wenn mein Sohn, mein lieber Sohn,
+aus dem Hause ginge. Für eine Witwe ist es doppelt schwer. Die Frau
+Oberinspektor Daimchen kriegt es nun auch zu fühlen, denn ihre Guste
+heiratet ja den Wolfgang Buck.“
+
+„Oder auch nicht“, sagte Emmi, die Ältere. „Denn der Wolfgang soll doch
+was mit einer Schauspielerin haben.“ Frau Heßling vergaß ganz, die Tochter
+zu berufen. „Aber wo doch so viel Geld da ist! Eine Million, sagen die
+Leute!“
+
+Diederich stieß verachtungsvoll hervor, den Buck kenne er, der sei nicht
+normal. „Es liegt wohl in der Familie. Der Alte hat doch auch schon eine
+Schauspielerin geheiratet.“
+
+„Man sieht die Folgen“, sagte Emmi. „Denn von seiner Tochter, der Frau
+Lauer, hat man sich allerlei erzählt.“
+
+„Kinder!“ bat Frau Heßling ängstlich. Aber Diederich beruhigte sie.
+
+„Laß nur, Mutter, es wird Zeit, daß man der Katze die Schelle umhängt. Ich
+stehe auf dem Standpunkt, daß die Bucks ihre Stellung hier in der Stadt
+schon längst nicht mehr verdienen. Sie sind eine verrottete Familie.“
+
+„Die Frau von Moritz, dem Ältesten,“ sagte Magda, „ist einfach eine
+Bäuerin. Neulich waren sie mal in der Stadt, er ist auch schon ganz
+verbauert.“ Emmi empörte sich.
+
+„Na, und der Bruder des alten Herrn Buck? Immer elegant, und die fünf
+unverheirateten Töchter! Sie lassen sich Suppe aus der Volksküche holen,
+ich weiß es positiv.“
+
+„Die Volksküche hat ja der Herr Buck gegründet“, erklärte Diederich. „Und
+die Fürsorge für die entlassenen Sträflinge auch, und was sonst noch. Ich
+möchte wissen, wann er eigentlich Zeit hat, an seine eigenen Geschäfte zu
+denken.“
+
+„Es würde mich nicht wundern,“ sagte Frau Heßling, „wenn nicht mehr viel
+da wäre. Obwohl ich vor dem Herrn Buck natürlich die größte Hochachtung
+habe, er ist doch so angesehen.“
+
+Diederich lachte bitter. „Warum eigentlich? In der Verehrung des alten
+Buck sind wir aufgezogen worden. Der große Mann von Netzig! Im Jahre
+achtundvierzig zum Tode verurteilt!“
+
+„Das ist aber auch ein historisches Verdienst, sagte dein Vater immer.“
+
+„Verdienst?“ schrie Diederich. „Wenn ich nur weiß, einer ist gegen die
+Regierung, ist er für mich schon erledigt. Und Hochverrat soll ein
+Verdienst sein?“
+
+Und er stürzte sich, vor den erstaunten Frauen, in die Politik. Diese
+alten Demokraten, die noch immer das Regiment führten, waren nachgerade
+die Schmach von Netzig! Schlapp, unpatriotisch, mit der Regierung
+zerfallen! Ein Hohn auf den Zeitgeist! Weil im Reichstag der alte
+Landgerichtsrat Kühlemann saß, ein Freund des berüchtigten Eugen Richter,
+darum stockte hier das Geschäft, und niemand kriegte Geld. Natürlich, für
+so ein freisinniges Nest gab es weder Bahnanschlüsse noch Militär. Kein
+Zuzug, kein Betrieb! Die Herren im Magistrat, immer dieselben paar
+Familien, das kannte man, die schoben sich untereinander die Aufträge zu,
+und für andere Leute war nichts da. Die Papierfabrik Gausenfeld hatte
+sämtliche Lieferungen an die Stadt, denn auch ihr Besitzer Klüsing gehörte
+zu der Bande des alten Buck!
+
+Magda wußte noch etwas. „Neulich ist die Liebhabervorstellung im
+Bürgerkränzchen abgesagt worden, weil dem Herrn Buck seine Tochter, Frau
+Lauer, krank war. Das ist doch Popismus.“
+
+„Nepotismus heißt es“, sagte Diederich streng. Er rollte die Augen. „Und
+dabei ist der Herr Lauer ein Sozialist. Aber der Herr Buck mag sich hüten!
+Wir werden ihm auf die Finger sehen!“
+
+Frau Heßling hob flehend die Hände. „Mein lieber Sohn, wenn du jetzt in
+der Stadt deine Besuche machst, versprich mir, daß du auch zum Herrn Buck
+gehst. Er ist nun mal so einflußreich.“
+
+Aber Diederich versprach nichts. „Andere wollen auch ’ran!“ rief er.
+
+Trotzdem schlief er in dieser Nacht unruhig. Schon um sieben ging er in
+die Fabrik hinunter und schlug sofort Lärm, weil noch die Bierflaschen von
+gestern umherlagen. „Hier wird nicht gesoffen, hier ist keine Kneipe. Herr
+Sötbier, das steht doch wohl im Reglement.“ – „Reglement?“ sagte der alte
+Buchhalter. „Wir haben gar keins.“ Diederich war sprachlos; er schloß sich
+mit Sötbier ins Kontor ein. „Kein Reglement? Dann wundert mich allerdings
+gar nichts mehr. Was sind das für lächerliche Bestellungen, mit denen Sie
+sich da abgeben?“ – und er warf die Briefe auf dem Pult umher. „Es scheint
+höchste Zeit gewesen zu sein, daß ich eingreife. Das Geschäft versumpft in
+Ihren Händen.“
+
+„Versumpfen, junger Herr?“
+
+„Ich bin für Sie der Herr Doktor!“ Und er verlangte, daß man einfach alle
+anderen Fabriken unterbieten solle.
+
+„Das halten wir nicht aus“, sagte Sötbier. „Überhaupt wären wir gar nicht
+imstande, so große Aufträge auszuführen wie Gausenfeld.“
+
+„Und Sie wollen ein Geschäftsmann sein? Dann stellen wir eben mehr
+Maschinen ein.“
+
+„Das kostet Geld“, sagte Sötbier.
+
+„Dann nehmen wir welches auf! Ich werde hier Schneid hineinbringen. Sie
+sollen sich wundern. Wenn Sie mich nicht unterstützen wollen, mache ich es
+allein.“
+
+Sötbier wiegte den Kopf. „Mit Ihrem Vater, junger Herr, war ich immer
+einig. Wir haben zusammen das Geschäft in die Höhe gebracht.“
+
+„Jetzt ist eine andere Zeit, merken Sie sich das. Ich bin mein eigener
+Geschäftsführer.“
+
+Sötbier seufzte: „Das ist die stürmische Jugend“ – indes Diederich schon
+die Tür zuwarf. Er durchmaß den Raum, worin die mechanische Trommel, laut
+schlagend, die Lumpen in Chlor wusch, und wollte das Zimmer des großen
+Kochholländers betreten. Im Eingang kam ihm unvermutet der schwarzbärtige
+Maschinenmeister entgegen. Diederich zuckte zusammen, fast hätte er dem
+Arbeiter Platz gemacht. Dafür rannte er ihn mit der Schulter beiseite,
+bevor der Mann ausweichen konnte. Schnaufend sah er der Arbeit des
+Holländers zu, dem Drehen der Walze, dem Schneiden der Messer, das den
+Stoff in Fasern zerteilte. Grinsten ihn die Leute, die die Maschine
+bedienten, nicht etwa von der Seite an, weil er vor dem schwarzen Kerl
+erschrocken war? „Der Kerl ist ein frecher Hund! Er muß ’raus!“ Ein
+animalischer Haß stieg in Diederich herauf, der Haß seines blonden
+Fleisches gegen den mageren Schwarzen, den Menschen von einer anderen
+Rasse, die er gern für niedriger gehalten hätte und die ihm unheimlich
+schien. Diederich fuhr auf.
+
+„Die Walze ist falsch gestellt, die Messer arbeiten schlecht!“ Da die
+Leute ihn nur ansahen, schrie er: „Maschinenmeister!“ Und als der
+Schwarzbärtige eintrat: „Sehen Sie sich die Schweinerei mal an! Die Walze
+ist viel zu tief auf die Messer gesenkt, sie zerschneiden mir das ganze
+Zeug. Ich mache Sie verantwortlich für den Schaden!“
+
+Der Mann beugte sich über die Maschine. „Schaden ist keiner da“, sagte er
+ruhig, aber Diederich wußte schon wieder nicht, ob er unter seinem
+schwarzen Bart nicht feixte. Der Blick des Maschinenmeisters hatte etwas
+düster Höhnisches, Diederich ertrug ihn nicht, er gab es auf zu blitzen
+und warf nur die Arme. „Ich mache Sie verantwortlich!“
+
+„Was ist denn los?“ fragte Sötbier, der den Lärm gehört hatte. Dann
+erklärte er dem Herrn, daß der Stoff durchaus nicht zu kleinfaserig
+geschnitten werde, und daß es immer so gemacht worden sei. Die Arbeiter
+nickten mit den Köpfen, der Maschinenmeister stand gelassen dabei.
+Diederich fühlte sich einem Kompetenzstreit nicht gewachsen, er schrie
+noch: „Dann wird es künftig gefälligst anders gemacht!“ und kehrte
+plötzlich um.
+
+Er gelangte in den Lumpensaal, und er gab sich Haltung, indem er
+fachkundig die Frauen überwachte, die auf den Siebplatten der langen
+Tische die Lumpen sortierten. Als eine kleine dunkeläugige es unternahm,
+ihn aus ihrem bunten Kopftuch heraus ein wenig anzulächeln, prallte sie
+gegen eine so harte Miene, daß sie erschrak und sich duckte. Farbige
+Fetzen quollen aus den Säcken, das Getuschel der Frauen verstummte unter
+dem Blick des Herrn, und in der warmen, dumpfigen Luft war nichts mehr zu
+vernehmen als das leise Rattern der Sensen, die in die Tische gerammt, die
+Knöpfe abschnitten. Aber Diederich, der die Heizungsrohre untersuchte,
+hörte etwas Verdächtiges. Er beugte sich hinter einen Haufen Säcke – und
+fuhr zurück, errötet und mit zitterndem Schnurrbart. „Nun hört alles auf!“
+schrie er, „’rauskommen!“ Ein junger Arbeiter kroch hervor. „Das
+Frauenzimmer auch!“ schrie Diederich. „Wird’s bald?“ Und, als endlich das
+Mädchen sich zeigte, stemmte er die Fäuste in die Hüften. Hier ging es ja
+heiter zu! Seine Fabrik war nicht nur eine Kneipe, sondern noch ganz was
+anderes! Er zeterte, daß alles zusammenlief. „Na, Herr Sötbier, dies ist
+wohl auch immer so gemacht worden? Ich gratuliere Ihnen zu Ihren Erfolgen.
+Also die Leute sind gewohnt, die Arbeitszeit zu benutzen, um sich hinter
+den Säcken zu amüsieren. Wie kommt der Mann hier herein?“ Es sei seine
+Braut, sagte der junge Mensch. „Braut? Hier gibt es keine Braut, hier gibt
+es nur Arbeiter. Ihr beide stehlt mir die Arbeitszeit, die ich euch
+bezahle. Ihr seid Schweine und außerdem Diebe. Ich schmeiß’ euch ’raus,
+und ich zeig’ euch an, wegen öffentlicher Unzucht!“
+
+Er sah herausfordernd umher.
+
+„Deutsche Zucht und Sitte verlang’ ich hier. Verstanden?“ Da traf er den
+Maschinenmeister. „Und ich werde sie durchführen, auch wenn Sie da ein
+Gesicht schneiden!“ schrie er.
+
+„Ich habe kein Gesicht geschnitten“, sagte der Mann ruhig. Aber Diederich
+war nicht länger zu halten. Endlich konnte er ihm etwas nachweisen!
+
+„Ihr Benehmen ist mir schon längst verdächtig! Sie tun Ihren Dienst nicht,
+sonst hätte ich die beiden Leute nicht abgefaßt.“
+
+„Ich bin kein Aufpasser“, warf der Mann dazwischen.
+
+„Sie sind ein widersetzlicher Bursche, der die ihm unterstellten Leute an
+Zuchtlosigkeit gewöhnt. Sie arbeiten für den Umsturz! Wie heißen Sie
+überhaupt?“
+
+„Napoleon Fischer“, sagte der Mann. Diederich stockte.
+
+„Nap–. Auch das noch! Sie sind Sozialdemokrat?“
+
+„Jawohl.“
+
+„Dachte ich mir. Sie sind entlassen.“
+
+Er wandte sich nach den Leuten um: „Merkt euch das!“ – und verließ schroff
+den Raum. Auf dem Hof lief Sötbier ihm nach. „Junger Herr!“ Er war in
+großer Aufregung und wollte nichts sagen, bevor sie nicht die Tür des
+Privatkontors hinter sich geschlossen hatten. „Junger Herr,“ sagte der
+Buchhalter, „das geht nicht, der Mann ist ein Organisierter.“ – „Deswegen
+soll er ’raus“, erwiderte Diederich. Sötbier setzte auseinander, daß das
+nicht gehe, weil dann alle die Arbeit niederlegen würden. Diederich wollte
+es nicht begreifen. Waren denn alle organisiert? Nein. Nun also. Aber,
+erklärte Sötbier, sie hatten Furcht vor den Roten, sogar auf die alten
+Leute war kein Verlaß mehr.
+
+„Ich schmeiß’ sie ’raus!“ rief Diederich. „Samt und sonders, mit Kind und
+Kegel!“
+
+„Wenn wir dann nur andere kriegten“, sagte Sötbier und sah unter seinem
+grünen Augenschirm mit einem dünnen Lächeln dem jungen Herrn zu, der vor
+Zorn gegen die Möbel anrannte. Er schrie:
+
+„Bin ich in meiner Fabrik der Herr oder nicht? Dann will ich doch sehen –“
+
+Sötbier ließ ihn austoben, dann sagte er: „Herr Doktor brauchen dem
+Fischer gar nichts zu sagen, er geht uns nicht fort, er weiß ja, daß wir
+davon zu viele Scherereien hätten.“
+
+Diederich bäumte sich nochmals auf.
+
+„So. Ich brauch’ ihn also nicht zu bitten, daß er die Gnade hat und
+bleibt? Der Herr Napoleon! Ich brauch’ ihn nicht für Sonntag zum
+Mittagessen einzuladen? Es wäre auch zuviel Ehre für mich!“
+
+Der Kopf war ihm rot angeschwollen, er fand das Zimmer zu eng und riß die
+Tür auf. Der Maschinenmeister ging eben vorbei. Diederich sah ihm nach,
+der Haß gab ihm deutlichere Sinneseindrücke als sonst, er bemerkte
+gleichzeitig die krummen, mageren Beine des Menschen, seine knochigen
+Schultern mit den Armen, die vornüberhingen – und nun der Maschinenmeister
+mit den Leuten sprach, sah er seine starken Kiefern arbeiten unter dem
+dünnen schwarzen Bart. Wie Diederich dies Mundwerk haßte, und diese
+knotigen Hände! Der schwarze Kerl war längst vorüber, und seine
+Ausdünstung roch Diederich noch immer.
+
+„Sehn Sie mal, Sötbier, die Vorderflossen hängen ihm bis an den Boden.
+Gleich wird er auf allen vieren laufen und Nüsse fressen. Dem Affen werden
+wir ein Bein stellen, verlassen Sie sich darauf! Napoleon! So ein Name ist
+allein schon eine Provokation. Aber er soll sich zusammennehmen, denn so
+viel weiß ich, daß einer von uns beiden –“ Diederich rollte die Augen: „–
+auf dem Platz bleiben wird.“
+
+
+
+Erhobenen Hauptes verließ er die Fabrik. Im schwarzen Rock machte er sich
+auf, um den wichtigsten Herren der Stadt die Aufmerksamkeit seines
+Besuches zu erweisen. Von der Meisestraße konnte er, um zum Bürgermeister
+Doktor Scheffelweis in die Schweinichenstraße zu gelangen, einfach der
+Wuchererstraße folgen, die jetzt Kaiser-Wilhelm-Straße hieß. Er wollte es
+auch; im entscheidenden Augenblick aber, wie auf eine Verabredung, die er
+vor sich selbst geheimgehalten hätte, bog er dennoch in die
+Fleischhauergrube ein. Die zwei Stufen vor dem Hause des alten Herrn Buck
+waren abgewetzt von den Füßen der ganzen Stadt und von den Vorgängern
+dieser Füße. Der Klingelzug an der gelben Glastür bewirkte drinnen ein
+langes Rasseln im Leeren. Dann ging dort hinten eine Tür auf, und die alte
+Magd schlich über die Diele. Aber sie war noch längst nicht angelangt, da
+trat vorn der Hausherr aus seinem Bureau und öffnete selbst. Er zog
+Diederich, der sich eifrig verbeugte, bei der Hand herein.
+
+„Mein lieber Heßling! Ich habe Sie erwartet, man hatte mir Ihre Ankunft
+berichtet. Willkommen denn in Netzig, mein Herr Doktor.“
+
+Sofort hatte Diederich Tränen in den Augen und stammelte:
+
+„Sie sind zu gütig, Herr Buck. Natürlich habe ich zuerst und vor allem
+Ihnen, Herr Buck, meine Aufwartung machen wollen und Ihnen versichern, daß
+ich immer ganz – daß ich immer ganz – zu Ihren Diensten stehe“, schloß er,
+freudig wie ein guter Schüler. Der alte Herr Buck hielt ihn noch fest, mit
+seiner Hand, die warm und dennoch leicht und weich war.
+
+„Dienste –“ er schob Diederich selbst den Sessel zurecht, „die wollen Sie
+doch natürlich nicht mir leisten, sondern Ihren Mitbürgern – die es Ihnen
+danken werden. Zum Stadtverordneten werden Ihre Mitbürger Sie in kurzem
+wählen, das glaube ich Ihnen versprechen zu können, denn damit belohnen
+sie eine verdiente Familie. Und dann“ – der alte Buck beschrieb eine
+Gebärde feierlicher Freigebigkeit „– verlasse ich mich auf Sie, daß Sie es
+uns recht bald ermöglichen werden, Sie im Magistrat zu begrüßen.“
+
+Diederich verbeugte sich, beglückt lächelnd, als werde er schon begrüßt.
+„Die Gesinnung unserer Stadt,“ fuhr Herr Buck fort, „ich sage nicht, daß
+sie in allen Teilen gut ist –“ Er versenkte seinen weißen Knebelbart in
+die seidene Halsbinde. „Aber noch ist Raum“ – der Bart tauchte wieder auf
+– „und will’s Gott noch lange, für wahrhaft liberale Männer.“
+
+Diederich beteuerte: „Ich bin selbstverständlich durchaus liberal.“
+
+Darauf strich der alte Buck über die Papiere auf seinem Schreibtisch. „Ihr
+seliger Vater hat mir hier oft gegenüber gesessen, und besonders häufig
+damals, als er die Papiermühle errichtete. Dabei konnte ich ihm zu meiner
+großen Freude förderlich sein. Es handelte sich um den Bach, der jetzt
+durch Ihren Hof fließt.“
+
+Diederich sagte mit tiefer Stimme: „Wie oft, Herr Buck, hat mein Vater mir
+erzählt, daß er den Bach, ohne den wir gar nicht existieren könnten, nur
+Ihnen verdankt.“
+
+„Nur mir, dürfen Sie nicht sagen, sondern den gerechten Zuständen unseres
+Gemeinwesens, an denen aber –“ der alte Herr Buck erhob seinen weißen
+Zeigefinger, er sah Diederich tief an, „gewisse Leute und eine gewisse
+Partei manches ändern würden, sobald sie könnten.“ Stärker und mit Pathos:
+„Der Feind steht vor dem Tore, es heißt zusammenhalten.“
+
+Er ließ eine Pause verstreichen und sagte in leichterem Ton, sogar mit
+einem kleinen Schmunzeln: „Sind Sie nicht, mein werter Herr Doktor, in
+einer ähnlichen Lage, wie damals Ihr Vater? Sie wollen sich vergrößern?
+Sie haben Pläne?“
+
+„Allerdings.“ Und Diederich setzte eifrig auseinander, was alles geschehen
+müsse. Der Alte hörte ihm aufmerksam zu, er nickte, nahm eine Prise ...
+Endlich sagte er: „Ich sehe so viel, daß der Umbau Ihnen nicht nur große
+Kosten, sondern unter Umständen auch Schwierigkeiten mit der städtischen
+Baupolizei verursachen wird – mit der ich übrigens im Magistrat zu tun
+habe. Nun überzeugen Sie sich, mein lieber Heßling, was hier auf meinem
+Schreibtisch liegt.“
+
+Da erkannte Diederich einen genauen Aufriß seines Grundstückes, samt dem
+dahinter gelegenen. Sein verblüfftes Gesicht bewirkte bei dem alten Buck
+ein Lächeln der Genugtuung. „Ich kann wohl dafür sorgen,“ sagte er, „daß
+keine erschwerenden Umstände eintreten.“ Und auf Diederichs Danksagungen:
+„Wir dienen dem großen Ganzen, wenn wir jedem unserer Freunde
+vorwärtshelfen. Denn die Freunde einer Volkspartei sind alle, außer den
+Tyrannen.“
+
+Nach diesen Worten lehnte der alte Buck sich tiefer in den Sessel und
+faltete die Hände. Seine Miene hatte sich entspannt, er wiegte den Kopf
+wie ein Großvater. „Als Kind hatten Sie so schöne blonde Locken“, sagte
+er.
+
+Diederich begriff, daß der offizielle Teil des Gespräches beendet sei.
+„Ich weiß noch,“ erlaubte er sich zu sagen, „wie ich als kleiner Junge
+hier ins Haus kam, wenn ich mit Ihrem Herrn Sohn Wolfgang Soldaten
+spielte.“
+
+„Ja, ja. Und jetzt spielt er wieder Soldat.“
+
+„Oh! Er ist sehr beliebt bei den Offizieren. Er hat es mir selbst gesagt.“
+
+„Ich wünschte, mein lieber Heßling, er hätte mehr von Ihrer praktischen
+Veranlagung.... Nun, er wird ruhiger werden, wenn ich ihn erst verheiratet
+habe.“
+
+„Ich glaube,“ sagte Diederich, „daß Ihr Herr Sohn etwas Geniales hat.
+Daher ist er mit nichts zufrieden, er weiß nicht, ob er General werden
+soll oder sonst ein großer Mann.“
+
+„Inzwischen macht er leider dumme Streiche.“ Der Alte sah aus dem Fenster.
+Diederich wagte seine Neugier nicht zu zeigen.
+
+„Dumme Streiche? Das kann ich gar nicht glauben, denn mir hat er immer
+imponiert, gerade durch seine Intelligenz. Schon früher, seine Aufsätze.
+Und was er mir neulich über unseren Kaiser gesagt hat, daß er eigentlich
+gern der erste Arbeiterführer wäre....“
+
+„Davor behüte Gott die Arbeiter.“
+
+„Wieso?“ Diederich war tieferstaunt.
+
+„Weil es ihnen schlecht bekommen würde. Uns anderen ist es auch nicht gut
+bekommen.“
+
+„Aber wir haben doch, dank den Hohenzollern, das einige Deutsche Reich.“
+
+„Wir haben es nicht“, sagte der alte Buck und stand ungewöhnlich rasch vom
+Stuhl auf. „Denn wir müßten, um unsere Einigkeit zu beweisen, einem
+eigenen Willen folgen können; und können wir’s? Ihr wähnt euch einig, weil
+die Pest der Knechtschaft sich verallgemeinert! Das hat Herwegh, ein
+Überlebender wie ich, im Frühjahr Einundsiebzig den Siegestrunkenen
+zugerufen. Was würde er heute sagen!“
+
+Diederich konnte, vor dieser Stimme aus dem Jenseits, nur stammeln: „Ach
+ja, Sie sind ein Achtundvierziger.“
+
+„Mein lieber junger Freund, Sie wollen sagen, ein Narr und ein Besiegter.
+Ja! Wir sind besiegt worden, weil wir närrisch genug waren, an dieses Volk
+zu glauben. Wir glaubten, es würde alles das selbst vollbringen, was es
+jetzt für den Preis der Unfreiheit von seinen Herren entgegennimmt. Wir
+dachten es mächtig, reich, voll Einsicht in seine eigenen Angelegenheiten
+und der Zukunft ergeben. Wir sahen nicht, daß es, ohne politische Bildung,
+deren es weniger hat als alle anderen, bestimmt sei, nach seinem
+Aufschwung den Mächten der Vergangenheit anheimzufallen. Schon zu unserer
+Zeit gab es allzu viele, die unbekümmert um das Ganze, ihren
+Privatinteressen nachjagten und zufrieden waren, wenn sie in irgendeiner
+Gnadensonne sich wärmend, den unedlen Bedürfnissen eines anspruchsvollen
+Genußlebens genügen konnten. Seitdem sind sie Legion geworden, denn die
+Sorge um das öffentliche Wohl ist ihnen abgenommen. Zur Großmacht haben
+eure Herren euch schon gemacht, und indes ihr Geld verdient, wie ihr
+könnt, und es ausgebt, wie ihr mögt, werden sie euch – oder vielmehr sich
+– auch noch die Flotte bauen, die wir damals uns selbst gebaut haben
+würden. Unser Dichter damals wußte, was ihr erst jetzt lernen sollt: Und
+in den Furchen, die Kolumb gezogen, geht Deutschlands Zukunft auf!“
+
+„Bismarck hat eben wirklich etwas getan“, sagte Diederich, leise
+triumphierend.
+
+„Das ist es gerade, daß er es hat tun dürfen! Und dabei hat er alles nur
+faktisch getan, formell aber im Namen seines Herrn. Da waren wir Bürger
+von achtundvierzig ehrlicher, das darf ich sagen, denn ich habe damals
+selbst bezahlt, was ich gewagt hatte.“
+
+„Ich weiß wohl, Sie sind zum Tode verurteilt worden“, sagte Diederich,
+wieder eingeschüchtert.
+
+„Ich bin verurteilt worden, weil ich die Souveränität der
+Nationalversammlung gegen eine Partikularmacht verteidigte und das Volk,
+das sich in Notwehr befand, zum Aufstand führte. So war in unseren Herzen
+die deutsche Einheit: sie war eine Gewissenspflicht, die eigene Schuld
+jedes einzelnen, für die er einstand. Nein! Wir huldigten keinem
+sogenannten Schöpfer der deutschen Einheit. Als ich damals, besiegt und
+verraten, hier oben im Hause mit meinen letzten Freunden die Soldaten des
+Königs erwartete, da war ich, groß oder gering, ein Mensch, der selbst am
+Ideal schuf: einer aus vielen, aber ein Mensch. Wo sind sie heute?“
+
+Der Alte hielt an und machte ein Gesicht, als lauschte er. Diederich war
+es schwül. Er fühlte, daß er zu dem allen nicht länger schweigen dürfe. Er
+sagte: „Das deutsche Volk ist eben, Gott sei Dank, nicht mehr das Volk der
+Denker und Dichter, es strebt modernen und praktischen Zielen zu.“ Der
+Alte kehrte aus seinen Gedanken zurück, er deutete nach der Zimmerdecke.
+
+„Damals war die ganze Stadt bei mir zu Hause. Jetzt ist es so einsam wie
+nie, zuletzt ging noch Wolfgang fort. Ich würde alles dahingeben, aber,
+junger Mann, wir sollen Respekt haben vor unserer Vergangenheit – auch
+wenn wir besiegt worden sind.“
+
+„Zweifellos“, sagte Diederich. „Und dann sind Sie immer noch der
+mächtigste Mann in der Stadt. Die Stadt, sagt man immer, gehört dem Herrn
+Buck.“
+
+„Das will ich aber gar nicht, ich will, daß sie sich selbst gehört.“ Er
+atmete tief aus. „Das ist eine weitläufige Sache, Sie werden sie
+allmählich kennenlernen, wenn Sie Einblick in unsere Verwaltung bekommen.
+Wir werden nämlich jeden Tag heftiger bedrängt von der Regierung und ihren
+junkerlichen Auftraggebern. Heute will man uns zwingen, den Gutsbesitzern,
+die uns keine Steuern zahlen, unser Licht zu geben, morgen werden wir
+ihnen Straßen bauen müssen. Zuletzt geht es um unsere Selbstverwaltung.
+Sie werden sehen, wir leben in einer belagerten Stadt.“
+
+Diederich lächelte überlegen. „So schlimm kann es wohl nicht sein, denn
+unser Kaiser ist doch eine so moderne Persönlichkeit.“
+
+„Nun ja“, sagte der alte Buck. Er erhob sich, wiegte den Kopf – und dann
+zog er es vor, zu schweigen. Er reichte Diederich die Hand.
+
+„Mein lieber Doktor, Ihre Freundschaft wird mir gerade so wertvoll sein,
+als die Ihres Vaters mir war. Nach unserer Unterredung habe ich die
+Hoffnung, daß wir in allem einig gehen werden.“
+
+Unter dem warmen blauen Blick des Alten schlug Diederich sich auf die
+Brust. „Ich bin ein durchaus liberaler Mann!“
+
+„Vor allem warne ich Sie vor dem Regierungspräsidenten von Wulckow. Er ist
+der Feind, der uns hier in die Stadt gesetzt worden ist. Der Magistrat
+unterhält nur die unumgänglichen Beziehungen zum Präsidenten. Ich selbst
+habe die Ehre, von dem Herrn nicht gegrüßt zu werden.“
+
+„Oh!“ machte Diederich, ehrlich erschüttert.
+
+Der alte Buck öffnete ihm schon die Tür, schien aber noch etwas zu
+überlegen. „Warten Sie!“ Er trat eilig zu seiner Bibliothek, bückte sich
+und tauchte aus einer staubigen Tiefe mit einem kleinen, fast
+quadratischen Buch auf. Er steckte es Diederich rasch zu, verstohlenen
+Glanz in seinem Gesicht, das errötet war. „Da, nehmen Sie! Es sind meine
+‚Sturmglocken‘! Man war auch Dichter – damals.“ Und er schob Diederich
+sanft hinaus.
+
+
+
+Die Fleischhauergrube stieg beträchtlich an, aber Diederich schnaufte
+nicht nur deshalb. Nachdem er zuerst nur eine gewisse Betäubung empfunden
+hatte, stellte sich allmählich das Gefühl heraus, daß er sich habe
+verblüffen lassen. „So ein alter Schwätzer ist doch bloß noch eine
+Vogelscheuche, und mir imponiert er!“ Unbestimmt gedachte er der
+Kinderzeit, als ihm der alte Herr Buck, der zum Tode verurteilt worden
+war, ebensoviel Hochachtung und ein ähnliches Grausen einflößte wie der
+Polizist an der Ecke oder das Burggespenst. „Werd’ ich denn ewig so weich
+bleiben? Ein anderer hätte sich nicht so behandeln lassen!“ Auch konnte es
+peinliche Folgen haben, daß er zu so vielen kompromittierenden Reden
+geschwiegen oder nur matt widersprochen hatte. Er legte sich energische
+Antworten zurecht, für das nächste Mal. „Das Ganze war eine Falle! Er hat
+mich einfangen und unschädlich machen wollen ... Aber er soll sehen!“
+Diederich ballte die Faust in der Tasche, indes er stramm durch die
+Kaiser-Wilhelm-Straße ging. „Vorläufig muß man sich noch mit ihm
+verhalten, aber wehe, wenn ich der Stärkere bin!“
+
+Das Haus des Bürgermeisters war mit Ölfarbe neu gestrichen, und die
+Spiegelscheiben glänzten wie je. Ein nettes Stubenmädchen empfing ihn.
+Über eine Treppe mit einem freundlichen Knaben aus Biskuit, der eine Lampe
+trug, und durch ein Vorzimmer, worin fast vor jedem Möbel ein kleiner
+Teppich lag, ward Diederich in das Eßzimmer geführt. Es war aus hellem
+Holz mit appetitlichen Bildern, zwischen denen der Bürgermeister und noch
+ein Herr beim zweiten Frühstück saßen. Doktor Scheffelweis reichte
+Diederich seine weißliche Hand hin und musterte ihn dabei über den Klemmer
+weg. Trotzdem wußte man nie genau, ob er einen ansah, so unbestimmt war
+der Blick seiner Augen, die farblos schienen wie das Gesicht und die
+seitwärts fliehenden, dünnen Bartkoteletts. Der Bürgermeister setzte
+mehrmals zum Sprechen an, bis er endlich etwas fand, das man auf alle
+Fälle sagen konnte. „Schöne Schmisse“, sagte er; und zu dem anderen Herrn:
+„Finden Sie nicht?“
+
+Der andere Herr legte Diederich zunächst große Zurückhaltung auf, denn er
+sah stark jüdisch aus. Aber der Bürgermeister stellte vor: „Herr Assessor
+Jadassohn, von der Staatsanwaltschaft“ – was dann allerdings eine
+vollwertige Begrüßung nötig machte.
+
+„Setzen Sie sich nur gleich,“ sagte der Bürgermeister, „wir fangen gerade
+an.“ Er schenkte Diederich Porter ein und legte ihm Lachsschinken vor.
+„Meine Frau und meine Schwiegermutter sind ausgegangen, die Kinder in der
+Schule, dies ist die Stunde des Junggesellen, prost!“
+
+Der jüdische Herr von der Staatsanwaltschaft hatte vorläufig nur für das
+Stubenmädchen Augen. Während sie neben ihm am Tisch zu tun hatte, war
+seine Hand verschwunden. Dann ging sie, und er wollte von öffentlichen
+Angelegenheiten beginnen, aber der Bürgermeister ließ sich nicht
+unterbrechen. „Die beiden Damen kommen vor dem Mittagessen nicht zurück,
+denn meine Schwiegermutter ist beim Zahnarzt. Ich kenne das, es kostet
+Mühe mit ihr, und inzwischen gehört uns das Haus.“ Er holte einen Likör
+aus dem Büfett, rühmte ihn, ließ sich seine Güte von den Gästen bestätigen
+und fuhr fort, eintönig und vom Kauen unterbrochen, das Idyll seiner
+Vormittage zu preisen. Allmählich ward, in allem Glück, seine Miene immer
+besorgter, er fühlte wohl, das Gespräch könne so nicht weitergehen; und
+nachdem eine Minute lang alle geschwiegen hatten, entschloß er sich.
+
+„Ich darf annehmen, Herr Doktor Heßling –: mein Haus liegt ja nicht in
+nächster Nachbarschaft des Ihren, und so würde ich es durchaus begreiflich
+finden, wenn Sie vor mir einige andere Herren aufgesucht hätten.“
+
+Diederich errötete schon für die Lüge, die er noch nicht ausgesprochen
+hatte. „Es würde herauskommen“, dachte er noch rechtzeitig, und er sagte:
+„Tatsächlich habe ich mir erlaubt –. Das heißt, natürlich war mein erster
+Weg zu Ihnen, Herr Bürgermeister. Nur im Andenken an meinen Vater, der
+eine so große Verehrung für den alten Herrn Buck hatte –“
+
+„Begreiflich, durchaus begreiflich.“ Der Bürgermeister nickte mit
+Nachdruck. „Herr Buck ist der älteste unter unseren verdienten Bürgern und
+übt daher einen zweifellos legitimen Einfluß aus.“
+
+„Vorläufig noch!“ sagte mit unerwartet scharfer Stimme der jüdische Herr
+von der Staatsanwaltschaft und sah Diederich herausfordernd an. Der
+Bürgermeister hatte sich über seinen Käse gebeugt, Diederich fand sich
+schutzlos, er blinzelte. Da der Blick des Herrn durchaus ein Bekenntnis
+verlangte, brachte er etwas hervor von „eingefleischtem Respekt“ und
+führte sogar Kindheitserinnerungen an, die es entschuldigen sollten, daß
+er zuerst bei Herrn Buck gewesen war. Dabei betrachtete er schreckerfüllt
+die ungeheuren, roten und weit abstehenden Ohren des Herrn von der
+Staatsanwaltschaft. Dieser ließ Diederich fertig stammeln, wie einen
+Angeklagten, der sich verfing; endlich versetzte er schneidend:
+
+„Der Respekt ist in gewissen Fällen dazu da, daß man sich ihn abgewöhnt.“
+
+Diederich stutzte; dann entschloß er sich zu einem verständnisvollen
+Gelächter. Der Bürgermeister sagte mit blassem Lächeln und einer
+versöhnlichen Geste:
+
+„Herr Assessor Doktor Jadassohn ist nun einmal gern geistreich, – was ich
+persönlich ganz besonders an ihm schätze. In meiner Stellung freilich bin
+ich genötigt, die Dinge objektiv und voraussetzungslos zu betrachten. Und
+da muß ich denn sagen: einerseits ...“
+
+„Kommen wir gleich zum Andererseits!“ verlangte Assessor Jadassohn. „Für
+mich als Vertreter einer staatlichen Behörde wie als überzeugten Anhänger
+der bestehenden Ordnung sind dieser Herr Buck und sein Genosse, der
+Reichstagsabgeordnete Kühlemann, nach ihrer Vergangenheit und Gesinnung
+einfach Umstürzler, und damit fertig. Ich mache aus meinem Herzen keine
+Mördergrube, ich halte das nicht für deutsch. Volksküchen gründen,
+meinetwegen; aber das beste Futter für das Volk ist eine gute Gesinnung.
+Eine Idiotenanstalt mag auch ganz nützlich sein.“
+
+„Aber nur eine kaisertreue!“ ergänzte Diederich. Der Bürgermeister machte
+beschwichtigende Zeichen. „Meine Herren!“ flehte er. „Meine Herren! Wenn
+wir uns denn aussprechen sollen, so ist es gewiß richtig, daß bei aller
+bürgerlichen Hochschätzung der genannten Herren andererseits doch –“
+
+„Andererseits!“ wiederholte Jadassohn streng.
+
+„– das tiefste Bedauern zurückbleibt über unsere leider so ungünstigen
+Beziehungen zu den Vertretern der Staatsregierung – wenn ich auch zu
+bedenken bitte, daß die ungewöhnliche Schärfe des Herrn
+Regierungspräsidenten von Wulckow gegenüber den städtischen Behörden –“
+
+„Gegenüber schlecht gesinnten Körperschaften!“ warf Jadassohn ein.
+Diederich erlaubte sich: „Ich bin ein durchaus liberaler Mann, aber das
+muß ich sagen –“
+
+„Eine Stadt,“ erklärte der Assessor, „die sich den berechtigten Wünschen
+der Regierung verschließt, darf allerdings nicht darüber erstaunen, daß
+ihr die kalte Schulter gezeigt wird.“
+
+„Von Berlin nach Netzig“, versicherte Diederich, „könnte man in der halben
+Zeit fahren, wenn wir besser mit den Herren oben ständen.“
+
+Der Bürgermeister ließ sie ihr Duett beenden, er war bleich und hielt
+hinter dem Klemmer die Lider gesenkt. Plötzlich sah er sie an mit einem
+dünnen Lächeln.
+
+„Meine Herren, bemühen Sie sich nicht, ich weiß, daß es eine zeitgemäßere
+Gesinnung gibt als die von den städtischen Behörden bekundete. Glauben
+Sie, bitte, daß es nicht mein Verschulden war, wenn an Seine Majestät
+gelegentlich ihrer letzten Anwesenheit in der Provinz, während der
+vorjährigen Manöver, kein Huldigungstelegramm geschickt worden ist ...“
+
+„Die Weigerung des Magistrats war durchaus undeutsch“, stellte Jadassohn
+fest.
+
+„Das nationale Banner muß hochgehalten werden“, verlangte Diederich. Der
+Bürgermeister erhob die Arme.
+
+„Meine Herren, das weiß ich. Aber ich bin nur der Vorsitzende des
+Magistrats und muß leider seine Beschlüsse ausführen. Ändern Sie die
+Verhältnisse! Herr Doktor Jadassohn erinnert sich noch an unseren Streit
+mit der Regierung wegen des sozialdemokratischen Lehrers Rettich. Ich
+konnte den Mann nicht maßregeln. Herrn von Wulckow ist bekannt,“ – der
+Bürgermeister kniff ein Auge zu – „daß ich es sonst getan haben würde.“
+
+Man schwieg eine Weile und betrachtete einander. Jadassohn blies durch die
+Nase, als genügte ihm das Gehörte. Aber Diederich konnte nicht länger an
+sich halten. „Die Vorfrucht der Sozialdemokratie ist der Liberalismus“!
+rief er. „Solche Leute wie Buck, Kühlemann und Eugen Richter machen unsere
+Arbeiter frech. Mein Betrieb legt mir die schwersten Opfer an Arbeit und
+Verantwortung auf, und dann hab’ ich noch Konflikte mit meinen Leuten. Und
+warum? Weil wir nicht einig sind gegen die rote Gefahr und es gewisse
+Arbeitgeber gibt, die im sozialistischen Fahrwasser schwimmen, wie zum
+Beispiel der Schwiegersohn des Herrn Buck. Was seine Fabrik einbringt,
+daran beteiligt der Herr Lauer seine Arbeiter. Das ist unmoralisch!“ Hier
+blitzte Diederich. „Denn es untergräbt die Ordnung, und ich stehe auf dem
+Standpunkt, in dieser harten Zeit haben wir Ordnung nötiger als je, und
+darum brauchen wir ein festes Regiment, wie unser herrlicher junger Kaiser
+es führt. Ich erkläre, daß ich in allem fest zu Seiner Majestät stehe ...“
+Hier machten die beiden anderen Herren eine Verbeugung, die Diederich
+entgegennahm, indes er weiterblitzte. Im Gegensatz zu dem demokratischen
+Mischmasch, an den die absterbende Generation noch glaube, sei der Kaiser
+der Vertreter der Jugend, die persönlichste Persönlichkeit, von
+erfreulicher Impulsivität und ein höchst origineller Denker. „Einer soll
+Herr sein! Auf allen Gebieten!“ Diederich legte das vollständige
+Bekenntnis einer scharfen und schneidigen Gesinnung ab und erklärte, daß
+mit dem alten freisinnigen Schlendrian auch in Netzig von Grund aus
+aufgeräumt werden müsse.
+
+„Jetzt kommt eine neue Zeit!“
+
+Jadassohn und der Bürgermeister hörten still zu, bis er alles herausgesagt
+hatte; Jadassohns Ohren wurden dabei noch größer. Dann krähte er: „Auch in
+Netzig gibt es kaisertreue Deutsche!“ Und Diederich noch lauter: „Die
+aber, die es nicht sind, werden wir uns einmal näher ansehen. Es wird sich
+zeigen, ob gewissen Familien die Stellung, die sie einnehmen, noch
+zukommt. Vom alten Buck zu schweigen: wer sind denn seine Leute? Die Söhne
+verbauert oder verbummelt, ein Schwiegersohn, der Sozialist ist, und die
+Tochter soll ja –“
+
+Man sah einander an. Der Bürgermeister kicherte und rötete sich blaß. Vor
+Vergnügen platzte er aus: „Und die Herren wissen noch gar nicht, daß der
+Bruder des Herrn Buck pleite ist!“
+
+Man äußerte lärmende Genugtuung. Der mit den fünf eleganten Töchtern! Der
+Vorsitzende der „Harmonie“! Aber zu essen, das wußte Diederich, bekamen
+sie aus der Volksküche. Daraufhin schenkte der Bürgermeister nochmals
+Schnäpse ein und reichte Zigarren. Er zweifelte plötzlich nicht mehr, daß
+ein Umschwung bevorstehe. „In anderthalb Jahren sind die Neuwahlen zum
+Reichstag. Bis dahin werden die Herren arbeiten müssen.“
+
+Diederich schlug vor: „Betrachten wir drei uns schon jetzt als das engere
+Wahlkomitee!“
+
+Jadassohn erklärte es für die erste Notwendigkeit, Fühlung zu nehmen mit
+dem Herrn Regierungspräsidenten von Wulckow. „Streng vertraulich“, setzte
+der Bürgermeister hinzu und zwinkerte. Diederich bedauerte, daß die
+„Netziger Zeitung“, das größte Organ der Stadt, sich im freisinnigen
+Fahrwasser bewege. „So ein Judenblatt!“ sagte Jadassohn. Wohingegen das
+regierungstreue Kreisblatt in der Stadt fast ohne Einfluß sei. Aber der
+alte Klüsing in Gausenfeld lieferte das Papier für beide Blätter. Es
+schien Diederich nicht unmöglich, durch ihn, der in der „Netziger Zeitung“
+Geld hatte, ihre Haltung zu beeinflussen. Er mußte Angst bekommen, sonst
+das Kreisblatt zu verlieren. „Denn es gibt ja noch eine Papierfabrik in
+Netzig“, sagte der Bürgermeister und schmunzelte. Da trat das
+Zimmermädchen ein und verkündete, sie müsse nun den Tisch zum Mittagessen
+decken; die gnädige Frau werde gleich zurück sein – „und auch die Frau
+Hauptmann“, setzte sie hinzu. Bei der Nennung dieses Titels erhob der
+Bürgermeister sich sofort. Wie er seine Gäste hinausgeleitete, hielt er
+den Kopf gesenkt und war, trotz der genossenen Schnäpse, ganz milchfarben.
+Auf der Treppe zog er Diederich am Ärmel. Jadassohn war zurückgeblieben,
+und man hörte das Mädchen leise kreischen. An der Haustür läutete es
+schon.
+
+„Mein lieber Herr Doktor,“ wisperte der Bürgermeister, „Sie haben mich
+doch nicht mißverstanden. Bei alledem habe ich natürlich einzig das
+Interesse der Stadt im Auge. Mir liegt es selbstverständlich ganz fern,
+irgend etwas zu unternehmen, worin ich mich nicht einig weiß mit den
+Körperschaften, an deren Spitze zu stehen ich die Ehre habe.“
+
+Er blinzelte eindringlich. Bevor Diederich sich besonnen hatte, betraten
+die Damen das Haus, und der Bürgermeister ließ Diederichs Ärmel los, um
+ihnen entgegenzueilen. Seine Frau, verhutzelt und mit Sorgenfalten, hatte
+kaum Zeit, die Herren zu begrüßen; sie mußte die Kinder trennen, die
+einander prügelten. Ihre Mutter aber, einen Kopf höher und noch
+jugendlich, musterte streng die geröteten Gesichter der Frühstücksgäste.
+Dann schritt sie junonisch auf den Bürgermeister zu, den man kleiner
+werden sah ... Assessor Dr. Jadassohn hatte sich schon von dannen gemacht,
+Diederich vollführte formelle Verbeugungen, die unerwidert blieben, und
+eilte hinterdrein. Ihm war aber beklommen, er sah unruhig auf der Straße
+umher, hörte nicht, was Jadassohn sagte, und plötzlich kehrte er um. Er
+mußte mehrmals und heftig läuten, denn drinnen war großer Lärm. Die
+Herrschaften standen noch am Fuße der Treppe, auf der die Kinder sich
+schreiend umherstießen, und sie debattierten. Die Frau Bürgermeister
+wünschte, daß ihr Gatte beim Schuldirektor etwas gegen einen Oberlehrer
+unternehme, der ihren Sohn schlecht behandelte. Dagegen forderte die Frau
+Hauptmann von ihrem Schwiegersohn, er solle den Oberlehrer zum Professor
+ernennen, denn seine Frau habe den größten Einfluß im Vorstand der
+Bethlehemstiftung für gefährdete Mädchen. Der Bürgermeister beschwor sie
+abwechselnd mit den Händen. Endlich konnte er ein Wort anbringen.
+
+„Einerseits ...“, sagte er.
+
+Aber da hatte Diederich ihn am Ärmel ergriffen. Nach vielen
+Entschuldigungen in der Richtung der Damen zog er ihn beiseite, und er
+flüsterte bebend: „Verehrter Herr Bürgermeister, es liegt mir daran,
+Mißverständnissen vorzubeugen. Ich darf daher wiederholen, daß ich ein
+durchaus liberaler Mann bin.“
+
+Doktor Scheffelweis versicherte flüchtig, daß er hiervon gerade so
+überzeugt sei wie von seiner eigenen, gut liberalen Gesinnung. Schon ward
+er abgerufen, und Diederich verließ, ein wenig erleichtert, das Haus.
+Jadassohn erwartete ihn grinsend.
+
+„Sie haben wohl Angst gehabt? Lassen Sie nur! Mit unserem Stadtoberhaupt
+kompromittiert sich niemand, er ist immer, wie der liebe Gott, mit den
+stärksten Bataillonen. Heute wollte ich nur feststellen, wie weit er sich
+schon mit Herrn von Wulckow eingelassen hat. Es steht nicht übel, wir
+können uns ein Stück vorwagen.“
+
+„Vergessen Sie, bitte, nicht,“ sagte Diederich, mit Zurückhaltung, „daß
+ich in der Netziger Bürgerschaft zu Hause und natürlich auch liberal bin.“
+
+Jadassohn sah ihn von der Seite an. „Neuteutonia?“ fragte er. Und als
+Diederich sich erstaunt umwandte: „Wie geht es denn meinem alten Freund
+Wiebel?“
+
+„Sie kennen ihn? Er war mein Leibbursch!“
+
+„Kennen! Ich habe mit ihm gehangen.“
+
+Diederich ergriff die Hand, die Jadassohn hinhielt, sie schüttelten
+einander kraftvoll. „Na dann!“ „Na also!“ Und Arm in Arm gingen sie in den
+Ratskeller, Mittag essen.
+
+
+
+Dort war es einsam und dämmerig, hinten ward für sie das Gas angezündet,
+und bis die Suppe kam, machten sie alte Kommilitonen ausfindig. Der dicke
+Delitzsch! Diederich berichtete mit der Genauigkeit eines Augenzeugen über
+seinen tragischen Tod. Das erste Glas Rauenthaler weihten sie still seinem
+Andenken. Es zeigte sich, daß auch Jadassohn die Februarkrawalle
+mitgemacht und damals die Macht verehren gelernt hatte, wie Diederich.
+„Seine Majestät hat einen Mut bewiesen,“ sagte der Assessor, „daß einem
+schwindlig werden konnte. Mehrmals habe ich, weiß Gott, geglaubt –.“ Er
+stockte, sie sahen schaudernd einander in die Augen. Um über die
+entsetzliche Vorstellung hinwegzukommen, erhoben sie die Gläser. „Gestatte
+mir“, sagte Jadassohn. „Ziehe gleich mit“, erwiderte Diederich. Und
+Jadassohn: „Werte Lieben mit eingeschlossen.“ Und Diederich: „Werde zu
+Hause davon zu rühmen wissen.“
+
+Dann ließ sich Jadassohn, obwohl sein Essen kalt ward, auf eine
+ausführliche Würdigung des kaiserlichen Charakters ein. Die Philister,
+Nörgler und Juden mochten an ihm aussetzen was sie wollten, alles in allem
+war unser herrlicher junger Kaiser die persönlichste Persönlichkeit, von
+erfreulicher Impulsivität und ein höchst origineller Denker. Diederich
+glaubte dies auch schon festgestellt zu haben und nickte befriedigt. Er
+sagte sich, daß das Äußere eines Menschen zuweilen trüge, und daß die
+deutsche Gesinnung nicht notwendig von der Größe der Ohren abhänge. Sie
+leerten ihre Gläser auf den glücklichen Ausgang des Kampfes für Thron und
+Altar, gegen den Umsturz in jeder Form und Verkleidung.
+
+So gelangten sie wieder zu den Zuständen in Netzig. Sie waren sich einig
+darin, daß der neue nationale Geist, für den es die Stadt zu erobern galt,
+kein anderes Programm brauche als den Namen Seiner Majestät. Die
+politischen Parteien waren alter Trödel, wie Seine Majestät selbst gesagt
+hatte. „Ich kenne nur zwei Parteien, die für mich und die wider mich“,
+hatte er gesagt, und so war es. In Netzig überwog leider noch die Partei,
+die gegen ihn war, aber das sollte sich ändern, und zwar – dies war
+Diederich klar – vermittels des Kriegervereins. Jadassohn, der ihm nicht
+angehörte, übernahm es gleichwohl, Diederich mit den leitenden
+Persönlichkeiten bekannt zu machen. Da war vor allem Pastor Zillich, ein
+Korpsbruder von Jadassohn, ein echt deutscher Mann! Gleich nachher wollten
+sie ihn besuchen. Sie tranken auf sein Wohl. Auch auf seinen Hauptmann
+trank Diederich, den Hauptmann, der aus einem strengen Vorgesetzten sein
+bester Freund geworden war. „Das Dienstjahr ist doch das Jahr, das ich aus
+meinem Leben am wenigsten missen möchte.“ Unvermittelt und schon ziemlich
+gerötet, rief er aus:
+
+„Und solche erhebenden Erinnerungen möchten diese Demokraten uns
+verekeln!“
+
+Der alte Buck! Diederich konnte sich plötzlich nicht fassen vor Wut, er
+stammelte: „Am Dienen will solch ein Mensch uns hindern, er sagt, wir sind
+Knechte! Weil er mal Revolution gemacht hat –“
+
+„Das ist ja schon nicht mehr wahr“, sagte Jadassohn.
+
+„Darum sollen wir uns wohl alle zum Tode verurteilen lassen? Hätten sie
+ihn wenigstens geköpft!... Die Hohenzollern sollen uns schlecht bekommen
+sein!“
+
+„Ihm sicher“, sagte Jadassohn und tat einen großen Zug.
+
+„Aber ich stelle fest –“ Diederich rollte die Augen –, „daß ich all seinen
+lästerlichen Unfug nur angehört habe, um mich darüber zu unterrichten, wes
+Geistes Kind er ist. Ich nehme Sie zum Zeugen, Herr Assessor! Wenn der
+alte Intrigant jemals behaupten sollte, daß ich sein Freund bin und seine
+infamen Majestätsbeleidigungen gebilligt habe, dann nehme ich Sie zum
+Zeugen, daß ich gleich heute protestiert habe!“
+
+Der Schweiß brach ihm aus, denn er dachte an die Sache mit der
+Baukommission und an den Schutz, den er bei ihr genießen sollte ...
+Unvermittelt warf er ein Buch auf den Tisch, ein kleines, fast
+quadratisches Buch, und stieß ein Hohngelächter dabei aus.
+
+„Dichten tut er auch!“
+
+Jadassohn blätterte. „Turnerlieder. Aus der Gefangenschaft. Ein Hoch der
+Republik! und Am Weiher lag ein Jüngling, trübselig anzuschauen ...
+Stimmt, so waren die. Sträflinge versorgen und an den Grundlagen rütteln.
+Sentimentaler Umsturz. Gesinnung verdächtig und Haltung schlapp. Da stehen
+wir, Gott sei Dank, anders da.“
+
+„Das wollen wir hoffen“, sagte Diederich. „In der Verbindung haben wir
+Mannhaftigkeit und Idealismus gelernt, das genügt, da erübrigt sich das
+Dichten.“
+
+„Fort mit euren Altarkerzen!“ deklamierte Jadassohn. „Das ist etwas für
+meinen Freund Zillich. Jetzt hat er sein Schläfchen hinter sich, wir
+können losgehen.“
+
+Sie fanden den Pastor beim Kaffee. Er wollte Frau und Tochter sogleich
+hinausschicken, Jadassohn hielt die Hausfrau galant zurück und versuchte
+auch dem Fräulein die Hand zu küssen, aber sie wandte ihm den Rücken.
+Diederich, sehr aufgeheitert, bat die Damen dringend, zu bleiben, und ihm
+gelang es. Er erklärte ihnen, daß Netzig nach Berlin beträchtlich still
+wirke. „Die Damenwelt ist auch noch zurück. Mein Ehrenwort, gnädiges
+Fräulein, Sie sind hier die erste, die ruhig Unter den Linden
+spazierengehen könnte, und kein Mensch würde merken, daß Sie aus Netzig
+sind.“ Darauf erfuhr er, daß sie wirklich einmal in Berlin gewesen war,
+und sogar bei Ronacher. Diederich zog hieraus Vorteil, er erinnerte sie an
+ein dort gehörtes Couplet, das er ihr aber nur ins Ohr sagen könne. „Unsre
+lieben süßen Dam’n, zeigen alles, was sie ham’n“ ... Da sie einen dreisten
+Seitenblick warf, streifte er mit dem Bart ihren Hals. Sie sah ihn flehend
+an, worauf er ihr erst recht versicherte, daß sie ein „reizender Käfer“
+sei. Sie flüchtete mit geschlossenen Augen zu ihrer Mutter, die alles
+überwacht hatte. Der Pastor war mit Jadassohn in ernstem Gespräch. Er
+klagte, daß der Kirchenbesuch in Netzig unerhört vernachlässigt werde.
+
+„Am Sonntag Jubilate: verstehen Sie wohl, am Sonntag Jubilate habe ich vor
+dem Küster und drei alten Damen aus dem Jungfrauenstift predigen müssen.
+Die anderen hatten Influenza.“
+
+Jadassohn sagte: „Bei der lauen, um nicht zu sagen, feindseligen Haltung,
+die die herrschende Partei den kirchlichen und religiösen Dingen gegenüber
+einnimmt, muß man sich über die drei alten Damen wundern. Warum besuchen
+sie nicht lieber die freigeistigen Vorträge des Doktors Heuteufel?“
+
+Da schnellte der Pastor vom Stuhl. Sein Bart schien aufzuschäumen, so sehr
+schnob er, und sein Gehrock warf wilde Falten. „Herr Assessor!“ brachte er
+hervor. „Dieser Mensch ist mein Schwager, und die Rache ist mein! spricht
+der Herr. Aber obwohl dieser Mensch mein Schwager und meiner leiblichen
+Schwester Mann ist, kann ich den Herrn nur anflehen, ja, mit gerungenen
+Händen anflehen, daß er von seinem Rachestrahl Gebrauch mache. Denn sonst
+würde er eines Tages genötigt sein, Pech und Schwefel auf ganz Netzig
+regnen zu lassen. Kaffee, verstehen Sie, Kaffee gibt Heuteufel den Leuten
+umsonst, damit sie kommen und ihre Seele von ihm fangen lassen. Und dann
+erzählt er ihnen, die Ehe sei kein Sakrament, sondern ein Vertrag – als ob
+ich mir einen Anzug bestelle.“ – Der Pastor lachte vor Erbitterung.
+
+„Pfui“, sagte Diederich mit tiefer Stimme. Und indes Jadassohn den Pastor
+seines positiven Christentums versicherte, begann Diederich schon wieder,
+im Schutz eines Sessels, sich Käthchen handgreiflich zu nähern. „Fräulein
+Käthchen,“ sagte er dabei, „ich kann Ihnen auf das bestimmteste erklären,
+daß für mich die Ehe tatsächlich ein Sakrament ist.“ Käthchen erwiderte:
+
+„Schämen Sie sich, Herr Doktor.“
+
+Ihm ward heiß. „Machen Sie nicht solche Augen!“
+
+Käthchen seufzte. „Sie sind schrecklich raffiniert. Wahrscheinlich sind
+Sie auch nicht besser als der Herr Assessor Jadassohn. Ihre Schwestern
+haben mir schon erzählt, was Sie in Berlin alles angestellt haben. Es sind
+doch meine besten Freundinnen.“
+
+Dann werde man sich doch bald wiedersehen? – Ja, in der „Harmonie“. „Aber
+Sie brauchen nicht zu denken, daß ich Ihnen irgendwas glaube. Sie sind ja
+mit Guste Daimchen zusammen am Bahnhof angekommen.“
+
+Was das beweise, fragte Diederich. Er protestiere gegen alle Folgerungen,
+die man aus dieser rein zufälligen Tatsache etwa ziehen wolle. Fräulein
+Daimchen sei übrigens verlobt.
+
+„Ach die!“ machte Käthchen. „Die geniert das nicht, sie ist so gräßlich
+kokett.“
+
+Auch die Frau Pastor bestätigte es. Noch heute habe sie Guste in
+Lackschuhen und lila Strümpfen gesehen. Das verspreche nichts Gutes.
+Käthchen verzog den Mund.
+
+„Na und die Erbschaft –.“
+
+Dieser Zweifel machte, daß Diederich bestürzt verstummte. Der Pastor hatte
+dem Assessor soeben die Notwendigkeit zugegeben, die Lage der christlichen
+Kirche in Netzig einmal näher mit den Herren zu erörtern und verlangte von
+seiner Frau den Mantel und den Hut. Auf der Treppe war es schon dunkel. Da
+die beiden anderen vorangingen, konnte Diederich noch einmal Käthchens
+Hals überfallen. Sie sagte ersterbend: „So mit dem Bart kitzeln tut keiner
+in Netzig“ – was ihm zuerst schmeichelte, gleich darauf aber gab es ihm
+peinliche Vermutungen ein. So ließ er Käthchen einfach los und verschwand.
+Jadassohn erwartete ihn unten, er sagte leise: „Nur Mut! Der Alte hat
+nichts gemerkt, und die Mutter tut so.“ Er zwinkerte aufdringlich.
+
+An der Marienkirche vorüber wollten die drei Herren den Markt erreichen,
+der Pastor blieb aber stehen, mit einer Kopfbewegung deutete er hinter
+sich. „Die Herren wissen wohl, wie die Gasse heißt, links von der Kirche
+unter dem Bogen? Dies schwarze Loch von einer Gasse, oder vielmehr das
+gewisse Haus darin.“
+
+„Klein-Berlin“, sagte Jadassohn, denn der Pastor ging nicht weiter.
+
+„Klein-Berlin“, wiederholte er, schmerzlich lächelnd, und noch einmal mit
+der Gebärde heiligen Zornes, so daß mehrere Leute sich umsahen:
+„Klein-Berlin ... Im Schatten meiner Kirche! Solch ein Haus! Und der
+Magistrat will mich nicht hören, er spottet meiner. Aber er spottet noch
+eines anderen, –“ damit setzte sich der Pastor wieder in Bewegung – „und
+der lässet seiner nicht spotten.“
+
+Auch Jadassohn war der Meinung, daß er seiner nicht spotten lasse.
+Diederich aber sah, indes seine Begleiter sich ereiferten, vom Rathaus her
+Guste Daimchen nahen. Er neigte formvoll den Hut vor ihr, und sie lächelte
+schnippisch. Ihm fiel auf, daß Käthchen Zillich gerade so weißblond war
+und auch diese kleine, frech eingedrückte Nase hatte. Eigentlich war es
+gleich, ob die oder die. Guste freilich zeichnete sich durch eine
+handliche Breite aus. „Und die läßt sich nichts gefallen. Gleich hat man
+eine Ohrfeige.“ Er wandte sich um nach Guste: von hinten war sie
+außerordentlich rund und wackelte. In diesem Augenblick war es für
+Diederich entschieden: Die oder keine!
+
+Die beiden anderen hatten sie nachträglich auch bemerkt.
+
+„War das nicht das Töchterchen der Frau Oberinspektor Daimchen?“ fragte
+der Pastor; und er setzte hinzu: „Unsere Bethlehemstiftung für gefährdete
+Jungfrauen wartet noch immer auf die Zuwendungen der Guten. Ob Fräulein
+Daimchen zu den Guten gehört? Die Leute sagen, sie habe eine Million
+geerbt.“
+
+Jadassohn beeilte sich, dies für weit übertrieben zu erklären. Diederich
+widersprach; er kenne die Verhältnisse, der verstorbene Onkel habe mit
+Zichorie noch viel mehr verdient, als man glaube. Er behauptete es so
+lange, bis der Assessor ihm verhieß, er werde durch das Gericht in
+Magdeburg die Wahrheit in Erfahrung bringen. Darauf schwieg Diederich,
+zufriedengestellt.
+
+„Übrigens“, sagte Jadassohn, „fällt das Geld doch nur an die Bucks, will
+sagen an den Umsturz.“ Aber Diederich wollte auch hierüber besser
+unterrichtet sein. „Fräulein Daimchen und ich sind nämlich zusammen hier
+angekommen“, sagte er versuchsweise. – „Ach so“, machte Jadassohn. „Darf
+man etwa gratulieren?“ Diederich hob die Achseln wie bei einer
+Taktlosigkeit. Jadassohn entschuldigte sich; er habe nur geglaubt, der
+junge Buck –.
+
+„Wolfgang?“ fragte Diederich. „Mit dem war ich in Berlin täglich zusammen.
+Er lebt dort mit einer Schauspielerin.“
+
+Der Pastor räusperte sich mißbilligend. Da man eben auf den Theaterplatz
+gelangte, sah er streng hinüber. Er versetzte:
+
+„Klein-Berlin liegt wohl bei meiner Kirche, aber doch wenigstens in einem
+dunklen Winkel. Dieser Tempel der Sittenlosigkeit brüstet sich auf offenem
+Platz, und unsere Söhne und Töchter –“ er zeigte nach dem Bühneneingang,
+wo einige Mitglieder des Theaters standen – „streifen mit dem Ärmel an
+Buhldirnen!“
+
+Diederich erklärte dies, mit bekümmerter Miene, für tief bedauerlich –
+während Jadassohn sich über die „Netziger Zeitung“ entrüstete, die
+frohlockt hatte, weil in den Stücken der letzten Saison vier uneheliche
+Kinder vorgekommen seien, und die das für einen Fortschritt hielt!
+
+
+
+Inzwischen bogen sie in die Kaiser-Wilhelm-Straße und hatten verschiedene
+Herren zu grüßen, die eben das Haus der Loge betraten. Als sie die tief
+gezogenen Hüte wieder aufgesetzt hatten und vorüber waren, sagte
+Jadassohn:
+
+„Man wird sich die Herrschaften merken müssen, die den freimaurerischen
+Unfug noch mitmachen. Seine Majestät mißbilligt ihn entschieden.“
+
+„Von meinem Schwager Heuteufel wundert mich selbst das gefährlichste
+Sektenwesen nicht“, erklärte der Pastor.
+
+„Nun, und der Herr Lauer?“ meinte Diederich. „Ein Mensch, der sich nicht
+entblödet, seine Arbeiter am Gewinn zu beteiligen? Dem ist alles
+zuzutrauen!“
+
+„Das Unerhörteste“, behauptete Jadassohn, „ist doch, daß Herr
+Landgerichtsrat Fritzsche sich in dieser Judengesellschaft zeigt: ein
+königlicher Landgerichtsrat Arm in Arm mit dem Wucherer Cohn. Wie haißt
+Cohn“, machte Jadassohn und steckte den Daumen unter die Achsel.
+
+Diederich sagte: „Da er ja mit der Frau Lauer –“ Er brach ab und erklärte,
+dann begreife er allerdings, daß diese Leute vor Gericht immer recht
+bekämen. „Sie halten zusammen und schmieden Ränke.“ Pastor Zillich
+murmelte sogar etwas von Orgien, die sie in dem Haus dort feiern sollten
+und bei denen schon unaussprechliche Dinge vorgekommen waren. Aber
+Jadassohn lächelte bedeutsam:
+
+„Nun, glücklicherweise sieht ihnen Herr von Wulckow gerade in die Fenster
+hinein.“ Und Diederich nickte beifällig zu dem Gebäude der Regierung
+hinüber. Gleich daneben, vor dem Bezirkskommando, ging ein Wachtposten auf
+und ab. „Da lacht einem doch das Herz, wenn man das Gewehr so eines braven
+Burschen blinken sieht!“ rief Diederich aus. „Damit halten wir die Bande
+in Schach.“
+
+Das Gewehr blinkte freilich nicht, denn es ward dunkel. Schon schoben sich
+Abteilungen heimkehrender Arbeiter durch das abendliche Gedränge.
+Jadassohn schlug einen Dämmerschoppen bei Klappsch vor, gleich um die
+Ecke. Dort war es gemütlich, zu dieser Stunde kam niemand hin. Auch war
+Klappsch ein Gutgesinnter, der dem Pastor, indes seine Tochter das Bier
+brachte, seinen heißen Dank aussprach für die segensreiche Arbeit, die er
+in der Bibelstunde an seinen Jungen vollbringe. Der Älteste hatte zwar
+doch wieder Zucker gestohlen, dafür aber hatte er nachts nicht schlafen
+können, sondern seine Sünde Gott so laut gebeichtet, daß Klappsch es hörte
+und ihn durchprügeln konnte. Von da kam das Gespräch auf die Beamten der
+Regierung, die Klappsch mit Frühstück versorgte und von denen er berichten
+konnte, wie sie am Sonntag die Kirchzeit verbrachten. Jadassohn machte
+sich Notizen, und gleichzeitig verschwand seine Hand hinter Fräulein
+Klappsch. Diederich besprach mit Pastor Zillich die Gründung eines
+christlichen Arbeitervereins. Er verhieß: „Wer von meinen Leuten nicht
+’rein will, fliegt!“ Diese Aussichten heiterten den Pastor auf; nachdem
+Fräulein Klappsch mehrmals Bier und Kognak gebracht hatte, befand er sich
+in demselben Zustand hoffnungsvoller Entschlossenheit, den seine beiden
+Gefährten im Laufe des Tages erreicht hatten.
+
+„Mein Schwager Heuteufel“, rief er und schlug auf den Tisch, „soll so viel
+von der Affenverwandtschaft predigen, wie er will, ich krieg’ meine Kirche
+doch wieder voll!“
+
+„Nicht nur Ihre“, beteuerte Diederich.
+
+„Na, es gibt nun mal zu viele Kirchen in Netzig“, gestand der Pastor. Da
+sagte Jadassohn schneidend: „Zu wenige, Mann Gottes, zu wenige!“ Und er
+nahm Diederich zum Zeugen, wie in Berlin die Dinge sich entwickelt hatten.
+Auch dort standen die Kirchen leer, bis Seine Majestät selbst eingegriffen
+hatte. „Sorgen Sie dafür,“ hatte er einer Abordnung der städtischen
+Behörden gesagt, „daß in Berlin Kirchen gebaut werden.“ Nun wurden sie
+gebaut, die Religion war wieder aktuell, es kam Betrieb hinein. Und alle,
+der Pastor, der Kneipwirt, Jadassohn und Diederich begeisterten sich für
+die tiefe Frömmigkeit des Monarchen. Da fiel ein Schuß.
+
+„Es hat geknallt!“ Jadassohn sprang zuerst auf, alle sahen erbleicht
+einander an. Vor Diederichs innerem Auge erschien blitzschnell das
+knochige Gesicht Napoleon Fischers, seines Maschinenmeisters, mit dem
+schwarzen Bart, durch den man die graue Haut sah, und er stammelte: „Der
+Umsturz! Es geht los!“ Draußen war Getrappel von Laufenden: auf einmal
+griffen alle nach ihren Hüten und rannten hinaus.
+
+Die Leute, die sich schon angesammelt hatten, hielten in einem scheuen
+Bogen von der Ecke des Bezirkskommandos bis an die Treppe der
+Freimaurerloge. Drüben, wo der Kreis offen stand, lag jemand, das Gesicht
+nach unten, mitten auf der Straße. Und der Soldat, der vorhin so munter
+auf und ab gegangen war, stand jetzt unbeweglich vor seinem Schilderhaus.
+Der Helm hatte sich ihm verschoben, man sah, daß er bleich war, den Mund
+offen hatte und auf den Gefallenen hinstierte – indes er sein Gewehr beim
+Lauf hielt und es am Boden schleppen ließ. Im Publikum, zumeist Arbeitern
+und Frauen aus dem Volk, ward dumpf gemurrt. Plötzlich sagte eine
+Männerstimme sehr laut: „Oho!“ – und darauf trat tiefe Stille ein.
+Diederich und Jadassohn verständigten sich durch einen blassen Blick über
+das Kritische des Augenblicks.
+
+Die Straße herunter lief ein Schutzmann und ihm voraus ein Mädchen, dessen
+Rock wehte und das schon von weitem rief:
+
+„Da liegt er! Der Soldat hat geschossen!“
+
+Sie war angelangt, sie warf sich auf die Knie, sie rüttelte den Mann.
+„Auf! Steh doch auf!“
+
+Sie wartete. In seinen Füßen schien es zu zucken; aber er blieb liegen,
+Arme und Beine über das Pflaster gestreckt. Da schrie sie los: „Karl!“ Es
+gellte, daß alle auffuhren. Frauen schrien mit, mehrere Männer stürzten
+vor, die Fäuste geballt. Die Ansammlung war dichter geworden; zwischen den
+Wagen, die halten mußten, quoll Nachschub hervor; und in dem drohenden
+Gedränge arbeitete das Mädchen sich ab, unter ihren aufgelösten Haaren,
+die flatterten, und mit verzerrtem, nassem Gesicht, woraus wohl Geschrei
+kam, aber man hörte es nicht, der Lärm verschlang es.
+
+Der einzige Schutzmann drängte mit ausgebreiteten Armen die Menge zurück,
+sie trat sonst auf den Liegenden. Er schrie vergebens gegen sie an, tanzte
+ihr auf den Füßen und sah sich, den Kopf verlierend, in der Luft nach
+Hilfe um.
+
+Und sie kam. Im Regierungsgebäude ging ein Fenster auf, ein großer Bart
+erschien, und eine Stimme drang heraus, eine furchtbare Baßstimme, die
+jeder, auch wenn er sie noch nicht verstand, durch allen Aufruhr dröhnen
+hörte wie fernen Kanonendonner.
+
+„Wulckow“, sagte Jadassohn. „Na endlich.“
+
+„Ich verbitte mir das!“ tönte es herunter. „Wer erlaubt sich hier vor
+meinem Hause Lärm zu machen?“ Und da es schon ruhiger ward:
+
+„Wo ist der Posten?“
+
+Jetzt sahen die meisten erst, daß der Soldat sich in sein Schilderhaus
+zurückgezogen hatte: so tief wie möglich, und nur der Gewehrlauf stand
+hervor.
+
+„Komm ’raus, mein Sohn!“ befahl der Baß von oben. „Du hast deine Pflicht
+getan. Er hat dich gereizt. Für deine Tapferkeit wird Seine Majestät dich
+belohnen. Verstanden?“
+
+Alle hatten ihn verstanden und waren verstummt, sogar das Mädchen. Um so
+ungeheurer dröhnte er.
+
+„Zerstreut euch sofort, sonst lass’ ich schießen!“
+
+Eine Minute, und einige liefen schon. Gruppen von Arbeitern lösten sich
+los, zögerten – und gingen wieder ein Stück weiter, mit gesenkten Köpfen.
+Der Regierungspräsident rief noch hinunter:
+
+„Paschke, holen Sie mal ’n Doktor!“
+
+Dann klappte er das Fenster wieder zu. Im Eingang der Regierung aber ward
+es lebendig. Plötzlich waren Herren da, die kommandierten, eine Menge
+Schutzleute liefen von allen Seiten zusammen, knufften auf das Publikum
+ein, das noch übrig war, und schrien ganz allein. Diederich und seine
+Begleiter, die sich hinter ihre Ecke zurückgezogen hatten, sahen drüben
+auf der Treppe der Loge einige Herren stehen. Jetzt machte Doktor
+Heuteufel sich zwischen ihnen Platz. „Ich bin Arzt“, sagte er laut, ging
+rasch über die Straße und beugte sich zu dem Verwundeten. Er wendete ihn
+um, öffnete ihm die Weste und legte das Ohr an seine Brust. In diesem
+Augenblick waren alle still, sogar die Schutzleute schrien nicht mehr; das
+Mädchen aber stand da, vorwärts geneigt, die Schultern hinaufgezogen wie
+unter einem drohenden Schlag, und die Faust am Herzen geballt, als sei es
+dies Herz, das nun stillstehen sollte.
+
+Doktor Heuteufel erhob sich. „Der Mann ist tot“, sagte er. Gleichzeitig
+bemerkte er das Mädchen, das schwankte. Er griff nach ihr. Aber sie stand
+schon wieder, sie sah auf das Gesicht des Toten nieder und sagte nur:
+„Karl.“ Noch leiser: „Karl.“ Doktor Heuteufel sah umher und fragte: „Was
+soll mit dem Mädchen geschehen?“
+
+Da trat Jadassohn vor. „Assessor Jadassohn von der Staatsanwaltschaft“,
+sagte er. „Das Mädchen ist abzuführen. Da ihr Geliebter den Posten gereizt
+hat, liegt Verdacht vor, daß sie sich an der strafbaren Handlung beteiligt
+hat. Wir werden die Untersuchung einleiten.“
+
+Zwei Schutzleute, denen er winkte, faßten das Mädchen schon an. Doktor
+Heuteufel erhob die Stimme: „Herr Assessor, ich erkläre als Arzt, daß der
+Zustand des Mädchens seine Verhaftung nicht zuläßt.“ Jemand sagte: „Führen
+Sie doch auch den Toten ab!“ Aber Jadassohn krähte: „Herr Fabrikbesitzer
+Lauer, ich verbitte mir jede Kritik meiner amtlichen Maßnahmen!“
+
+Diederich inzwischen hatte Zeichen hoher Erregung von sich gegeben.
+„Oh!... Ah!... Aber das ist –.“ Er war ganz bleich; er setzte an: „Meine
+Herren ... Meine Herren, ich bin in der Lage –. Ich kenne diese Leute:
+jawohl, den Mann und das Mädchen. Doktor Heßling mein Name. Beide waren
+bis heute in meiner Fabrik beschäftigt. Ich mußte sie entlassen wegen
+öffentlich begangener unsittlicher Handlungen.“
+
+„Aha!“ machte Jadassohn. Pastor Zillich rührte sich. „Das ist fürwahr der
+Finger Gottes“, sagte er. Der Fabrikant Lauer hatte sich in seinem grauen
+Spitzbart heftig gerötet, seine gedrungene Gestalt ward geschüttelt vom
+Zorn.
+
+„Über den Finger Gottes läßt sich streiten. Sicher scheint nur, Herr
+Doktor Heßling, daß der Mann sich zu Ausschreitungen hat hinreißen lassen,
+weil die Entlassung ihm zu Herzen gegangen ist. Er hatte eine Frau,
+vielleicht auch Kinder.“
+
+„Sie waren gar nicht verheiratet“, sagte Diederich, seinerseits entrüstet.
+„Ich weiß es von ihm selbst.“
+
+„Was ändert das,“ fragte Lauer. Da erhob der Pastor die Arme. „Sind wir
+denn schon so weit,“ rief er, „daß es nichts ändert, ob das sittliche
+Gesetz Gottes befolgt wird oder nicht?“
+
+Lauer erklärte es für unangebracht, auf der Straße und im Augenblick, wo
+jemand mit behördlicher Billigung totgeschossen worden sei, über sittliche
+Gesetze zu debattieren; und er wandte sich an das Mädchen, um ihm Arbeit
+in seiner Werkstatt anzubieten. Inzwischen war ein Sanitätswagen
+angelangt; der Tote ward vom Boden aufgenommen. Wie man ihn aber
+hineinschob, fuhr das Mädchen aus seiner Starrheit empor, stürzte sich
+über die Bahre, entriß sie, ehe man es sich versah, den Männern, daß sie
+niederfiel – und zusammen mit dem Toten, in ihn verkrampft und unter
+gellendem Geschrei rollte sie auf das Pflaster. Mit großer Mühe ward sie
+von dem Leichnam gelöst und in eine Droschke gehoben. Der Assistenzarzt,
+der den Krankenwagen begleitet hatte, fuhr mit ihr fort.
+
+Auf den Fabrikanten Lauer, der mit Heuteufel und den anderen Logenbrüdern
+weitergehen wollte, trat Jadassohn zu, in drohender Haltung. „Einen
+Augenblick, bitte. Sie äußerten da vorhin, daß hier mit behördlicher
+Billigung – ich nehme die Herren zu Zeugen, daß dies Ihr Ausdruck war –
+also mit behördlicher Billigung jemand totgeschossen sei. Ich möchte
+fragen, ob das von Ihrer Seite vielleicht eine Mißbilligung der Behörde
+bedeuten sollte.“
+
+„Ach so“, machte Lauer und sah ihn an. „Mich möchten Sie wohl auch
+abführen lassen?“
+
+„Zugleich“, fuhr Jadassohn mit hoher, schneidiger Stimme fort, „mache ich
+Sie darauf aufmerksam, daß das Verhalten eines Postens, der ein ihn
+belästigendes Individuum niederschießt, vor wenigen Monaten, nämlich im
+Fall Lück, von maßgebender Stelle als korrekt und tapfer bezeichnet und
+durch Auszeichnungen und Gnadenbeweise belohnt worden ist. Hüten Sie sich
+vor einer Kritik der Allerhöchsten Handlungen!“
+
+„Ich habe keine ausgesprochen,“ sagte Lauer. „Ausgesprochen habe ich bis
+jetzt nur meine Mißbilligung des Herrn dort mit dem gefährlichen
+Schnurrbart.“
+
+„Wie?“ fragte Diederich, der noch immer die Pflastersteine ansah, wo der
+Erschossene gefallen war und wo ein wenig Blut lag. Er begriff endlich,
+daß er herausgefordert war.
+
+„Der Schnurrbart wird von Seiner Majestät getragen!“ sagte er fest. „Es
+ist die deutsche Barttracht. Im übrigen lehne ich jede Diskussion mit
+einem Arbeitgeber ab, der den Umsturz fördert.“
+
+Lauer öffnete schon wütend den Mund, obwohl der Bruder des alten Buck,
+Heuteufel, Cohn und Landgerichtsrat Fritzsche ihn fortziehen wollten; und
+neben Diederich reckten sich kampfbereit Jadassohn und Pastor Zillich: –
+da erschien im Eilschritt eine Abteilung Infanterie, sperrte die Straße
+ab, die ganz geleert war, und der Leutnant, der die Führung hatte,
+forderte die Herren zum Weitergehen auf. Alle gehorchten schleunigst; sie
+sahen noch, wie der Leutnant vor den Wachtposten hintrat und ihm die Hand
+schüttelte.
+
+„Bravo!“ sagte Jadassohn. Und Doktor Heuteufel: „Morgen kommen nun
+Hauptmann, Major und Oberst dran, müssen belobigen und dem Kerl
+Geldgeschenke machen.“
+
+„Sehr richtig!“ sagte Jadassohn.
+
+„Aber –“ Heuteufel blieb stehen. „Meine Herren, verständigen wir uns doch.
+Hat denn das alles einen Sinn? Nur weil dieser Bauerntölpel keinen Spaß
+verstanden hat? Ein Witz, ein gutmütiges Lachen nur, und er entwaffnet den
+Arbeiter, der ihn herausfordern möchte, seinen Kameraden, einen armen
+Teufel wie er selbst. Statt dessen befiehlt man ihm zu schießen. Und
+nachher kommen die großen Worte.“
+
+Landgerichtsrat Fritzsche stimmte bei und riet zur Mäßigung. Da sagte
+Diederich, noch bleich und mit einer Stimme, die erschauerte:
+
+„Das Volk muß die Macht fühlen! Das Gefühl der kaiserlichen Macht ist mit
+einem Menschenleben nicht zu teuer bezahlt!“
+
+„Wenn es nur nicht Ihres ist“, sagte Heuteufel. Und Diederich, die Hand
+auf der Brust:
+
+„Wenn es auch meins wäre!“
+
+
+
+Heuteufel zuckte die Achseln. Während man weiterging, versuchte Diederich
+dem Pastor Zillich, mit dem er ein Stück zurückblieb, seine Empfindungen
+zu erklären. „Für mich“, sagte er, schnaufend vor innerer Bewegung, „hat
+der Vorgang etwas direkt Großartiges, sozusagen Majestätisches. Daß da
+einer, der frech wird, einfach abgeschossen werden kann, ohne Urteil, auf
+offener Straße! Bedenken Sie: mitten in unserem bürgerlichen Stumpfsinn
+kommt so was – Heroisches vor! Da sieht man doch, was Macht heißt!“
+
+„Wenn sie von Gottes Gnaden ist“, ergänzte der Pastor.
+
+„Natürlich. Das ist es eben. Drum hab’ ich geradezu eine religiöse
+Erhebung von der Sache. Man merkt doch manchmal, daß es höhere Dinge gibt,
+Gewalten, denen wir alle unterworfen sind. Denn zum Beispiel bei dem
+Berliner Krawall, vorigen Februar, als Seine Majestät sich mit so
+phänomenaler Kaltblütigkeit in den tobenden Aufruhr hinauswagten: na, ich
+sage nur –“ Da die übrigen vor dem Ratskeller stehengeblieben waren, erhob
+Diederich die Stimme. „Wenn damals der Kaiser die ganzen Linden hätte vom
+Militär absperren und in uns alle hätte ’reinschießen lassen, immer feste
+’rein, sag ich ...“
+
+„Sie hätten Hurra geschrien,“ schloß Doktor Heuteufel.
+
+„Sie vielleicht nicht?“ fragte Diederich und versuchte zu blitzen. „Ich
+hoffe doch, wir empfinden alle national!“
+
+Der Fabrikant Lauer wollte schon wieder unvorsichtig entgegnen, ward aber
+zurückgehalten. Statt seiner sagte Cohn:
+
+„Nun, national bin ich auch. Aber bezahlen wir unsere Armee für solche
+Witze?“ Diederich maß ihn.
+
+„Ihre Armee, sagen Sie? Herr Warenhausbesitzer Cohn hat eine Armee! Haben
+die Herren gehört?“ Er lachte erhaben. „Ich kannte bisher nur die Armee
+Seiner Majestät des Kaisers!“
+
+Doktor Heuteufel brachte etwas von Volksrechten vor, aber Diederich
+betonte mit abgehackter Kommandostimme, daß er keinen Schattenkaiser
+wünsche. Ein Volk, das die straffe Zucht verliere, sei der Verlotterung
+geweiht ... Inzwischen war man im Keller angelangt, Lauer und seine
+Freunde saßen schon. „Na, setzen Sie sich nicht zu uns?“ ward Diederich
+von Doktor Heuteufel gefragt. „Schließlich sind wir wohl alle liberale
+Männer.“ Da stellte Diederich fest: „Liberal selbstverständlich. Aber ich
+gehe in den großen nationalen Fragen aufs Ganze. Für mich gibt es da nur
+zwei Parteien, die Seine Majestät selbst gekennzeichnet haben: die für ihn
+und die gegen ihn. Und da scheint es mir allerdings, daß an dem Tisch der
+Herren für mich kein Platz ist.“
+
+Er vollführte eine korrekte Verbeugung und ging hinüber zu dem leeren
+Tisch. Jadassohn und Pastor Zillich folgten ihm. Gäste, die in der Nähe
+saßen, sahen sich um; eine allgemeine Stille entstand. Mit dem Rausch des
+Erlebten stieg in Diederich der Plan empor, Sekt zu bestellen. Drüben ward
+geflüstert, dann rückte jemand seinen Stuhl, es war Landgerichtsrat
+Fritzsche. Er verabschiedete sich, kam an Diederichs Tisch, um ihm,
+Jadassohn und Zillich die Hände zu schütteln, und ging hinaus.
+
+„Das wollte ich ihm auch geraten haben“, bemerkte Jadassohn. „Er hat die
+Unhaltbarkeit seiner Lage noch rechtzeitig erkannt.“ Diederich sagte:
+„Eine reinliche Scheidung war vorzuziehen. Wer in nationaler Beziehung ein
+gutes Gewissen hat, braucht diese Leute wahrhaftig nicht zu fürchten.“
+Aber Pastor Zillich schien betreten. „Der Gerechte muß viel leiden,“ sagte
+er. „Sie wissen noch nicht, wie Heuteufel intrigant ist. Morgen erzählt er
+Gott weiß welche Greuel über uns.“ Da zuckte Diederich zusammen. Doktor
+Heuteufel war eingeweiht in jenen immerhin dunklen Punkt seines Lebens,
+als er vom Militär loszukommen wünschte! Er hatte ihm, in einem höhnischen
+Brief, das Krankheitsattest verweigert! Er hielt ihn in der Hand, er
+konnte ihn vernichten! In seinem jähen Schrecken befürchtete Diederich
+sogar Enthüllungen aus seiner Schulzeit, als Doktor Heuteufel ihn im Hals
+gepinselt und ihm dabei Feigheit vorgeworfen hatte. Der Schweiß brach ihm
+aus. Um so lauter bestellte er Hummern und Sekt.
+
+Drüben bei den Logenbrüdern hatte man sich aufs neue über den gewaltsamen
+Tod des jungen Arbeiters erregt. Was das Militär und die Junker, die es
+befehligten, sich denn einbildeten! Sie benahmen sich ja wie in einem
+eroberten Land! Und als die Köpfe rot genug waren, verstiegen sich die
+Herren dazu, für das Bürgertum, das tatsächlich alle Leistungen liefere,
+auch die Führung im Staat zu verlangen. Herr Lauer wünschte zu wissen, was
+die herrschende Kaste vor anderen Leuten eigentlich noch voraus habe.
+„Nicht einmal die Rasse“, behauptete er. „Denn sie sind ja alle verjudet,
+die Fürstenhäuser einbegriffen.“ Und er setzte hinzu: „Womit ich meinen
+Freund Cohn nicht kränken will.“
+
+Es war Zeit, einzuschreiten: Diederich fühlte es. Schnell stürzte er noch
+ein Glas hinunter, dann stand er auf, trat wuchtig bis in die Mitte unter
+den gotischen Kronleuchter und sagte scharf:
+
+„Herr Fabrikbesitzer Lauer, ich gestatte mir die Frage, ob Sie unter den
+Fürstenhäusern, die nach Ihrer persönlichen Meinung verjudet sind, auch
+deutsche Fürstenhäuser verstehen.“
+
+Lauer erwiderte ruhig, beinahe freundlich: „Gewiß doch.“
+
+„So“, machte Diederich, und er schöpfte tief Atem, um zu seinem großen
+Schlag auszuholen. Unter der Aufmerksamkeit des ganzen Lokals fragte er:
+
+„Und den verjudeten deutschen Fürstenhäusern rechnen Sie auch das eine zu,
+das ich nicht erst zu nennen brauche?“ Triumphierend sagte Diederich dies,
+vollkommen sicher, daß nun sein Gegner sich verwirren, stammeln und unter
+den Tisch kriechen werde. Aber er stieß auf einen nicht vorauszusehenden
+Zynismus.
+
+„Na ja doch“, sagte Lauer.
+
+Jetzt war es an Diederich, die Haltung zu verlieren vor Entsetzen. Er sah
+umher: ob er denn recht gehört habe. Die Gesichter bestätigten es ihm. Da
+brachte er hervor, es werde sich zeigen, welche Folgen diese Äußerung für
+den Herrn Fabrikbesitzer haben werde, und zog sich in leidlicher Ordnung
+in das befreundete Lager zurück. Gleichzeitig tauchte Jadassohn wieder
+auf, der verschwunden gewesen war, man wußte nicht wohin.
+
+„Ich habe dem soeben Vorgefallenen nicht beigewohnt“, sagte er sofort.
+„Ich stelle dies ausdrücklich fest, da es für die weitere Entwicklung von
+Bedeutung sein könnte.“ Und dann ließ er sich genau berichten. Diederich
+tat es mit Feuer; er nahm es als sein Verdienst in Anspruch, dem Feind den
+Weg abgeschnitten zu haben. „Jetzt haben wir ihn in der Hand!“
+
+„Allerdings,“ bestätigte Jadassohn, der sich Notizen gemacht hatte.
+
+Vom Eingang her nahte auf steifen Beinen ein älterer Herr mit grimmiger
+Miene. Er grüßte nach beiden Seiten und schickte sich an, zu den
+Vertretern des Umsturzes zu stoßen. Aber Jadassohn holte ihn noch ein.
+„Herr Major Kunze! Nur ein Wort!“ Er redete halblaut auf ihn ein und
+deutete dabei mit den Augen nach links und rechts. Der Major schien im
+Zweifel. „Sie geben mir Ihr Ehrenwort, Herr Assessor,“ sagte er, „daß das
+tatsächlich behauptet wurde?“ Während Jadassohn es ihm gab, trat der
+Bruder des Herrn Buck herbei, lang und elegant, lächelte unbedeutend und
+bot dem Herrn Major für alles eine befriedigende Erklärung an. Aber der
+Major bedauerte; für eine solche Äußerung gebe es einfach keine Erklärung;
+und seine Miene ward von erschreckender Düsterkeit. Trotzdem sah er noch
+mit Bedauern nach seinem alten Stammtisch hinüber. Da, im entscheidenden
+Moment, hob Diederich die Sektflasche aus dem Kübel. Der Major bemerkte es
+und folgte seinem Pflichtgefühl. Jadassohn stellte vor: „Herr
+Fabrikbesitzer Doktor Heßling.“
+
+Diederichs Rechte und die des Majors drückten einander mit Aufbietung
+aller Kraft. Fest und bieder blickten die Herren sich ins Auge. „Herr
+Doktor,“ sagte der Major, „Sie haben sich als deutscher Mann bewährt.“ Man
+scharrte mit den Füßen, rückte die Stühle zurecht, präsentierte
+voreinander die Gläser, und dann durfte man trinken. Diederich bestellte
+sofort eine neue Flasche. Der Major leerte sein Glas, sooft es ihm
+vollgeschenkt wurde, und zwischen den Zügen versicherte er, auch er stehe,
+was deutsche Treue betreffe, seinen Mann. „Wenn mein König mich nun auch
+schon aus seinem aktiven Dienst entlassen hat –“
+
+„Der Herr Major“, erklärte Jadassohn, „war zuletzt beim hiesigen
+Bezirkskommando.“
+
+„– ich habe noch das alte Soldatenherz –“ er klopfte mit den Fingern
+darauf – „und unpatriotische Tendenzen werde ich stets bekämpfen. Mit
+Feuer und Schwert!“ schrie er und ließ die Faust auf den Tisch fallen. Im
+selben Augenblick zog hinter seinem Rücken der Warenhausbesitzer Cohn tief
+den Hut und entfernte sich eilig. Der Bruder des Herrn Buck suchte zuerst
+noch die Toilette auf, damit sein Verschwinden einen weniger fluchtartigen
+Charakter trage. „Aha!“ sagte Jadassohn um so lauter. „Herr Major, der
+Feind ist aufgerieben.“ Pastor Zillich war noch immer beunruhigt.
+
+„Heuteufel ist dageblieben. Ich traue ihm nicht.“
+
+Aber Diederich, der die dritte Flasche bestellte, sah sich höhnisch nach
+Lauer und Doktor Heuteufel um, die vereinsamt dasaßen und beschämt ihre
+Biergläser anstarrten.
+
+„Wir haben die Macht“, sagte er, „und die Herren dort drüben sind sich
+dessen bewußt. Sie revoltieren schon gar nicht mehr, weil der Posten
+geschossen hat. Sie machen Gesichter, als hätten sie Angst, daß sie nun
+selbst bald drankommen. Und sie kommen auch dran!“ Diederich erklärte, daß
+er wegen der vorhin gefallenen Äußerungen eine Anzeige gegen den Herrn
+Lauer bei der Staatsanwaltschaft erstatten werde. „Und ich werde dafür
+sorgen,“ versicherte Jadassohn, „daß die Anklage erhoben wird. Ich
+persönlich werde sie in der Hauptverhandlung vertreten. Die Herren wissen,
+daß ich als Zeuge nicht in Betracht komme, da ich den Vorgängen selbst
+nicht beigewohnt habe.“
+
+„Wir werden hier den Sumpf mal trocken legen“, sagte Diederich, und er
+fing von dem Kriegerverein an, auf den die treudeutsch und kaiserlich
+gesinnten Männer sich vor allem stützen müßten. Der Major nahm eine
+Amtsmiene an. Jawohl, er war im Vorstand des Kriegervereins. Man diente
+seinem König immer noch, so gut man konnte. Er war auch bereit, Diederich
+zur Aufnahme vorzuschlagen, damit die nationalen Elemente eine Kräftigung
+erführen. Denn bis jetzt, das durfte man sich nicht verhehlen, überwogen
+auch dort die leidigen Demokraten. Man nahm, nach der Meinung des Majors,
+behördlicherseits zu viel Rücksicht auf die in Netzig gegebenen
+Verhältnisse. Er selbst würde, wenn er zum Bezirkskommandanten ernannt
+worden wäre, den Herren Reserveoffizieren bei den Wahlen auf die Finger
+gesehen haben, dafür garantierte er. „Aber da mein König mir die
+Möglichkeit leider genommen hat –“ Diederich schenkte, um ihn zu trösten,
+frisch ein. Während der Major trank, beugte Jadassohn sich zu Diederich
+und raunte: „Glauben Sie ihm kein Wort! Er ist ein schlapper Hund und
+kriecht vor dem alten Buck. Wir müssen ihm imponieren.“
+
+Diederich tat dies sofort. „Ich habe nämlich mit dem Herrn
+Regierungspräsidenten von Wulckow bereits formelle Verabredungen
+getroffen.“ Und da der Major die Augen aufriß:
+
+„Nächstes Jahr, Herr Major, sind die Reichstagswahlen. Da werden wir
+Gutgesinnten schwere Arbeit haben. Der Kampf beginnt schon.“
+
+„Los!“ sagte der Major ingrimmig. „Prost!“
+
+„Prost!“ sagte Diederich. „Aber, meine Herren, mögen die subversiven
+Tendenzen im Lande noch so stark sein, wir sind stärker, denn wir haben
+einen Agitator, den die Gegner nicht haben, und das ist Seine Majestät.“
+
+„Bravo!“
+
+„Seine Majestät hat für alle Teile seines Staates, also auch für Netzig,
+die Forderung aufgestellt, daß die Bürger endlich aus dem Schlummer
+erwachen mögen! Und das wollen wir auch!“
+
+Jadassohn, der Major und Pastor Zillich bekundeten ihre Wachheit, indem
+sie auf den Tisch schlugen, Beifall riefen und einander zutranken. Der
+Major schrie: „Zu uns Offizieren hat Seine Majestät gesagt: Dies sind die
+Herren, auf die ich mich verlassen kann!“
+
+„Und zu uns“, schrie Pastor Zillich, „hat er gesagt, wenn die Kirche der
+Fürsten bedürfen wird –“.
+
+Man durfte allen Zwang ablegen, denn der Keller hatte sich längst geleert,
+Lauer und Heuteufel waren ungesehen entkommen, und in den hinteren
+Bogengewölben brannte schon kein Gas mehr.
+
+„Er hat auch gesagt –“ Diederich blies die Backen feuerrot auf, der
+Schnurrbart stieß ihm in die Augen, aber dennoch blitzte er fürchterlich.
+„Wir stehen im Zeichen des Verkehrs! Und so ist es auch! Unter seiner
+erhabenen Führung sind wir fest entschlossen, Geschäfte zu machen!“
+
+„Und Karriere!“ krähte Jadassohn. „Seine Majestät hat gesagt, jeder, der
+ihm behilflich sein will, ist ihm willkommen. Will das jemand vielleicht
+auf mich nicht mitbeziehen?“ fragte Jadassohn herausfordernd, mit blutig
+leuchtenden Ohren. Der Major brüllte wieder:
+
+„Und mein König kann sich totsicher auf mich verlassen. Er hat mich zu
+früh weggeschickt, als ehrlicher deutscher Mann sage ich es ihm laut ins
+Gesicht. Er wird mich noch mal bitter nötig haben, wenn es losgeht. Ich
+denke nicht daran, den Rest meines Lebens bloß noch mit Knallbonbons zu
+schießen auf Vereinsbällen. Ich war bei Sedan!“
+
+„Herrjemersch, und ich doch ooch!“ ertönte es von dünner Schreistimme aus
+unsichtbaren Tiefen, und den Schatten der Gewölbe entstieg ein kleiner
+Greis mit flatternden weißen Haaren. Er schwankte herbei, seine
+Brillengläser funkelten, seine Backen glühten, und er schrie: „Der Herr
+Major Kunze! Nu da! Alter Kriegskamerad, bei Ihnen geht’s ja zu wie
+dunnemals in Frankreich. Ich sag’ es aber immer: gut gelebt und lieber ä
+paar Jahre länger!“ Der Major stellte ihn vor. „Herr Gymnasialprofessor
+Kühnchen.“ Wie es kam, daß er dort hinten im Dunkeln vergessen worden sei,
+darüber äußerte der kleine Greis die lebhaftesten Vermutungen. Früher
+hatte er sich in einer Gesellschaft befunden. „Nu muß ich wohl ä bißchen
+eingeschlummert sein, und da sein die verdammten Lumichs mir ausgerückt.“
+Der Schlaf hatte ihm vom Feuer der genossenen Getränke noch nichts
+genommen, er erinnerte, prahlerisch kreischend, den Major an ihre
+gemeinsamen Taten im eisernen Jahr. „Die Franktiröhrs!“ schrie er, und aus
+seinem faltigen, zahnlosen Munde rann Feuchtigkeit. „Das war Sie eene
+Bande! Wie die Herren mich da sähn, hab’ ich doch noch immer een’ steifen
+Finger, da hat mich ä Franktiröhr draufgebissen. Bloß weil ich ihm mit
+meim Säbel ä kleenes bißchen die Kehle abschneiden wollte. So eene
+Gemeinheit von dem Kerl!“ Er zeigte den Finger am Tisch umher und erregte
+Ausrufe der Bewunderung. Diederichs begeisterte Gefühle freilich mischten
+sich mit Schrecken, er mußte sich in die Lage des Franktiröhrs denken: der
+kleine leidenschaftliche Greis kniete auf seiner Brust und setzte ihm die
+Klinge an den Hals. Er war genötigt, einen Augenblick hinauszugehen.
+
+Wie er zurückkehrte, gaben der Major und Professor Kühnchen, einander
+überschreiend, den Bericht eines wilden Kampfes. Man verstand keinen. Aber
+Kühnchen schrillte immer schärfer durch das Gebrüll des anderen, bis er es
+zum Schweigen gebracht hatte und ungestört aufschneiden konnte. „Nee,
+alter Freund, Sie sein ä anschlägscher Kopf. Wenn Sie die Treppe
+’runterfallen, verfehlen Sie keene Stufe. Aber das Feuer damals an dem
+Haus, wo die Franktiröhrs drinne saßen, das hat Kühnchen angelegt, da
+gibt’s nischt. Ich hab’ doch eene Kriegslist gebraucht und hab’ mich
+totgestellt, da ham die dummen Luder nischt gemerkt. Und wie’s erscht
+gebrannt hat, nu, versteht sich, da hamse an der Verteidchung des
+Vaterlandes keen’ Geschmack mehr gefunden, und bloß noch ’raus, bloß noch
+Soofgipöh! Da hätten Se nu aber uns Deutsche sehen sollen. Von der Mauer
+hammer sie weggeschossen, wie sie ’runterkrabbeln wollten! Luftsprünge
+hamse gemacht wie die Garniggel!“
+
+Kühnchen mußte seine Erfindung unterbrechen, er kicherte durchdringend,
+indes die Tafelrunde dröhnend lachte.
+
+Kühnchen erholte sich. „Die falschen Luder hatten uns aber auch tückisch
+gemacht! Und die Weiber! Nee, meine Herren, so was Beesartches wie die
+franzeeschen Weiber, das gibt’s Sie nu überhaupt nicht mehr. Heeßes Wasser
+hatten se uns auf die Köppe geschiddet. Nu frag’ ich Sie, tut das eene
+Dame? Wie’s brannte, warfen sie die Kinder aus’m Fenster und wollten ooch
+noch von uns, daß wir se auffangen sollten. Hibsch nich, aber dumm! Mit
+unsern Bajonetten hammer die kleenen Luder uffgefangen. Und dann die
+Damen!“ Kühnchen hielt die gichtischen Finger gekrümmt wie um einen
+Gewehrkolben und sah dabei nach oben, als gäbe es noch jemand
+aufzuspießen. Seine Brillengläser funkelten, er log weiter. „Zuletzt kam
+eene ganz Dicke ’ran, die konnte von vorn nicht durchs Fenster, drum
+versuchte se mal, ob’s nicht von hinten ginge. Da haste nun aber nicht mit
+Kühnchen gerechnet, mei Schibbchen. Ich nich faul, steiche uf die
+Schultern von zwei Kameraden drauf un kitzle sie mit meim Bachonedde in
+ihren dicken franzeeschen –“
+
+Mehr hörte man nicht, der Beifall war zu laut. Der Professor sagte noch:
+„Jeden Sedang erzähl’ ich die Geschichte in ädlen Worten meiner Klasse.
+Die Jungen solln wissen, was sie für Heldenväter gehabt haben.“
+
+Man war sich einig, daß dies die nationale Gesinnung des jungen
+Geschlechts nur befördern könne, und man stieß an mit Kühnchen. Vor lauter
+Begeisterung hatte noch keiner bemerkt, daß ein neuer Gast an den Tisch
+getreten war. Jadassohn sah plötzlich den bescheiden grauen Mann im
+Hohenzollernmantel und winkte ihm gönnerhaft. „Na, man immer ’ran, Herr
+Nothgroschen!“ Diederich herrschte ihn an, aus seinen Hochgefühlen heraus.
+„Wer sind Sie?“
+
+Der Fremde dienerte.
+
+„Nothgroschen, Redakteur der Netziger Zeitung.“
+
+„Also Hungerkandidat“, sagte Diederich und blitzte. „Verkommene
+Gymnasiasten, Abiturientenproletariat, Gefahr für uns!“
+
+Alle lachten; der Redakteur lächelte demütig mit.
+
+„Seine Majestät hat Sie gekennzeichnet“, sagte Diederich. „Na, setzen Sie
+sich!“
+
+Er schenkte ihm sogar Sekt ein, und Nothgroschen trank in dankbarer
+Haltung. Nüchtern und befangen sah er in der Gesellschaft umher, deren
+Selbstbewußtsein durch die vielen, leer am Boden stehenden Flaschen so
+sehr gesteigert worden war. Man vergaß ihn sogleich wieder. Er wartete
+geduldig, bis jemand ihn fragte, wieso er denn mitten in der Nacht noch
+hier hereinschneie. „Ich mußte das Blatt doch fertig machen“, erklärte er
+darauf, wichtig wie ein kleiner Beamter. „Die Herren wollen morgen früh in
+der Zeitung lesen, wie das war mit dem erschossenen Arbeiter.“
+
+„Das wissen wir besser als Sie“, schrie Diederich. „Sie saugen sich das ja
+doch nur aus Ihren Hungerpfoten!“
+
+Der Redakteur lächelte entschuldigend, und er hörte ergeben zu, wie alle
+durcheinander ihm die Vorgänge darstellten. Als der Lärm sich legte,
+setzte er an. „Da der Herr dort –“
+
+„Doktor Heßling,“ sagte Diederich scharf.
+
+„Nothgroschen“, murmelte der Redakteur. „Da Sie vorhin den Namen des
+Kaisers erwähnten, wird es die Herren interessieren, daß wieder eine
+Kundgebung vorliegt.“
+
+„Ich verbitte mir jede Nörgelei!“ heischte Diederich. Der Redakteur duckte
+sich und legte die Hand auf die Brust. „Es handelt sich um einen Brief des
+Kaisers.“
+
+„Der ist Ihnen wohl wieder mal durch einen infamen Vertrauensbruch auf den
+Schreibtisch geflogen?“ fragte Diederich. Nothgroschen stellte beteuernd
+die Hand vor sich hin. „Er ist vom Kaiser selbst zur Veröffentlichung
+bestimmt. Morgen früh werden Sie ihn in der Zeitung lesen. Hier ist die
+Druckfahne!“
+
+„Legen Sie los, Doktor“, befahl der Major. Diederich rief: „Wieso, Doktor?
+Sind Sie Doktor?“ Aber man interessierte sich nur noch für den Brief, man
+entriß dem Redakteur den Zettel. „Bravo!“ rief Jadassohn, der noch
+ziemlich mühelos las. „Seine Majestät bekennt sich zum positiven
+Christentum.“ Pastor Zillich frohlockte so heftig, daß sich Schluckauf
+einstellte. „Das ist was für Heuteufel! Endlich kriegt so ein frecher
+Wissenschaftler, huck, was ihm gehört. An die Offenbarungsfrage machen sie
+sich heran. Die versteh’ ja ich kaum, huck, und ich hab’ Theologie
+studiert!“ Professor Kühnchen schwenkte die Blätter hoch in der Luft.
+„Meine Härn! Wenn ’ch den Brief nicht in der Klasse lesen lasse und als
+Aufsatzthema gebe, will’ch nicht mehr Kühnchen heeßen!“
+
+Diederich war tiefernst. „Jawohl war Hammurabi ein Werkzeug Gottes! Ich
+möchte mal sehen, wer das leugnet!“ Und er blitzte umher. Nothgroschen
+krümmte die Schultern. „Na, und Kaiser Wilhelm der Große!“ fuhr Diederich
+fort. „Von dem bitte ich es mir ganz energisch aus! Wenn der kein Werkzeug
+Gottes war, dann weiß Gott überhaupt nicht, was ’n Werkzeug ist!“
+
+„Ganz meine Meinung“, versicherte der Major. Glücklicherweise widersprach
+auch sonst niemand, denn Diederich war zum Äußersten entschlossen. An den
+Tisch geklammert, stemmte er sich von seinem Stuhl empor. „Aber unser
+herrlicher junger Kaiser?“ fragte er drohend. Von allen Seiten antwortete
+es: „Persönlichkeit ... Impulsiv ... Vielseitig ... Origineller Denker.“
+Diederich war nicht befriedigt.
+
+„Ich beantrage, daß er auch ein Werkzeug ist!“
+
+Es ward angenommen.
+
+„Und ich beantrage ferner, daß wir Seine Majestät von unserem Beschluß
+telegraphisch in Kenntnis setzen!“
+
+„Ich befürworte den Antrag!“ brüllte der Major. Diederich stellte fest:
+„Einmütige begeisterte Annahme!“ und fiel auf seinen Sitz zurück. Kühnchen
+und Jadassohn machten sich gemeinsam an die Abfassung der Depesche. Sie
+lasen vor, sobald sie etwas gefunden hatten.
+
+„Eine im Ratskeller zu Netzig versammelte Gesellschaft –“
+
+„Tagende Versammlung“, forderte Diederich. Sie fuhren fort:
+
+„Versammlung national gesinnter Männer –“
+
+„National, huck, und christlich“, ergänzte Pastor Zillich.
+
+„Aber wollen die Herren denn wirklich?“ fragte Nothgroschen, leise
+flehend. „Ich dachte, es sei ein Scherz.“
+
+Da ward Diederich zornig.
+
+„Wir scherzen nicht mit den heiligsten Gütern! Ich soll Ihnen das wohl
+handgreiflich klarmachen, Sie verkrachter Abiturient?“
+
+Da Nothgroschens Hände den vollkommensten Verzicht beteuerten, war
+Diederich sofort wieder ruhig und sagte: „Prost!“ Dagegen schrie der
+Major, als sollte er platzen. „Wir sind die Herren, auf die Seine Majestät
+sich verlassen kann!“ Jadassohn bat um Ruhe und er las.
+
+„Die im Ratskeller zu Netzig tagende Versammlung national und christlich
+gesinnter Männer entbietet Eurer Majestät ihre einmütige begeisterte
+Huldigung angesichts von Eurer Majestät erhebendem Bekenntnis einer
+geoffenbarten Religion. Wir beteuern unseren tiefsten Abscheu vor dem
+Umsturz in jeder Gestalt und sehen in der heute bei uns in Netzig
+erfolgten mutigen Tat eines Postens die erfreuliche Bestätigung, daß Eure
+Majestät nicht weniger als Hammurabi und Kaiser Wilhelm der Große das
+Werkzeug Gottes ist.“ Man klatschte, und Jadassohn lächelte geschmeichelt.
+
+„Unterschreiben!“ rief der Major. „Oder hat einer der Herren noch etwas zu
+bemerken?“ Nothgroschen räusperte sich. „Nur ein einziges Wort, mit aller
+gebührenden Bescheidenheit.“
+
+„Das möchte ich mir ausbitten“, sagte Diederich. Der Redakteur hatte sich
+Mut getrunken, er schwankte auf seinem Sitz und kicherte ohne Grund.
+
+„Ich will ja gar nichts gegen den Posten sagen, meine Herren. Ich hab’ mir
+sogar schon immer gedacht, Soldaten sind zum Schießen da.“
+
+„Na also.“
+
+„Ja, aber wissen wir, ob auch der Kaiser so denkt?“
+
+„Selbstverständlich! Fall Lück!“
+
+„Präzedenzfälle – hihi – sind ganz schön, aber wir wissen doch alle, daß
+der Kaiser ein origineller Denker und – hihi – impulsiv ist. Er läßt sich
+nicht gern vorgreifen. Wenn ich in der Zeitung schreiben wollte, daß Sie,
+Herr Doktor Heßling, Minister werden sollen, dann – hihi – werden Sie es
+gerade nicht.“
+
+„Jüdische Verdrehungen!“ rief Jadassohn. Der Redakteur entrüstete sich.
+„Ich schreibe anderthalb Spalten Stimmung an jedem hohen Kirchenfest. Der
+Posten aber, der kann auch wegen Mord angeklagt werden. Dann sind wir
+’reingefallen.“
+
+Eine Stille folgte. Der Major legte nachdenklich den Bleistift aus der
+Hand. Diederich ergriff ihn. „Sind wir nationale Männer?“ Und er
+unterschrieb wuchtig. Da brach Begeisterung aus. Nothgroschen wollte
+gleich als Zweiter drankommen.
+
+„Aufs Telegraphenamt!“
+
+Diederich gab Auftrag, daß die Rechnung ihm morgen zugestellt werde, und
+man brach auf. Nothgroschen war auf einmal voll ausschweifender
+Hoffnungen. „Wenn ich die kaiserliche Antwort bringen kann, komme ich zu
+Scherl!“
+
+Der Major brüllte: „Wir wollen doch mal sehen, ob ich noch lange
+Wohltätigkeitsfeste arrangiere!“
+
+Pastor Zillich sah die Leute sich in seiner Kirche erdrücken und Heuteufel
+von der Menge gesteinigt. Kühnchen schwärmte von Blutbädern in den Straßen
+von Netzig. Jadassohn krähte: „Erlaubt sich vielleicht jemand einen
+Zweifel an meiner Kaisertreue?“ Und Diederich: „Der alte Buck soll sich
+hüten! Klüsing in Gausenfeld auch! Wir erwachen aus dem Schlummer!“
+
+Die Herren hielten sich alle sehr gerade, und manchmal schoß einer
+unvermutet ein Stück vorwärts. Mit ihren Stöcken strichen sie tosend über
+die herabgelassenen Rolläden, und im Takt voneinander unabhängig sangen
+sie die Wacht am Rhein. An der Ecke des Landgerichts stand ein Schutzmann,
+aber zu seinem Glück rührte er sich nicht. „Wollen Sie vielleicht etwas,
+Männeken?“ rief Nothgroschen, der aus Rand und Band war. „Wir
+telegraphieren an den Kaiser!“ Vor dem Postgebäude ward Pastor Zillich,
+der den schwächsten Magen hatte, von einem Unglück betroffen. Indes die
+anderen ihm seine Lage zu erleichtern suchten, klingelte Diederich den
+Beamten heraus und gab das Telegramm auf. Als der Beamte es gelesen hatte,
+betrachtete er Diederich zögernd – aber Diederich blitzte ihn so furchtbar
+an, daß er zurückschrak und seine Pflicht tat. Diederich inzwischen fuhr
+ohne Zweck fort, zu blitzen und steinern dazustehen: in der Haltung des
+Kaisers, wenn nun ein Flügeladjutant ihm die Heldentat des Postens meldete
+und der Chef des Zivilkabinetts ihm die Huldigungsdepesche überbrachte.
+Diederich fühlte den Helm auf seinem Kopf, er schlug gegen den Säbel an
+seiner Seite und sagte: „Ich bin sehr stark!“ Der Telegraphist hielt es
+für eine Reklamation und zählte ihm das kleine Geld nochmals vor.
+Diederich nahm es, trat an einen Tisch und warf einige Zeilen auf ein
+Papier. Dann steckte er es zu sich und kehrte zu den Herren zurück.
+
+Sie hatten für den Pastor eine Droschke beschafft, er fuhr soeben fort und
+winkte weinend aus dem Fenster, als sei es für ewig. Jadassohn bog beim
+Theater um eine Ecke, obwohl der Major ihm nachbrüllte, seine Wohnung sei
+doch ganz woanders. Plötzlich war dann auch der Major fort, und Diederich
+gelangte mit Nothgroschen allein in die Lutherstraße. Vor dem
+Walhalla-Theater war der Redakteur nicht mehr weiter zu bringen, mitten in
+der Nacht wollte er das „elektrische Wunder“ sehen, eine Dame, die dort
+Feuer sprühen sollte. Diederich mußte ihm ernstlich vorhalten, daß dies
+nicht die Stunde für solche Frivolitäten sei. Übrigens vergaß Nothgroschen
+das „elektrische Wunder“, sobald er das Haus der „Netziger Zeitung“
+erblickte. „Aufhalten!“ schrie er. „Die Maschine aufhalten! Das Telegramm
+der nationalen Männer muß noch hinein!... Sie wollen es doch morgen früh
+in der Zeitung lesen“, sagte er zu einem vorübergehenden Nachtwächter. Da
+packte Diederich ihn fest am Arm.
+
+„Nicht nur dieses Telegramm“, sagte er, kurz und leise. „Ich habe noch ein
+anderes.“ Er zog ein Papier aus der Tasche. „Der Nachttelegraphist ist ein
+alter Bekannter von mir, er hat es mir anvertraut. Über diese Herkunft
+werden Sie mir strenge Diskretion versprechen, der Mann wäre sonst in
+seiner Stellung bedroht.“
+
+Da Nothgroschen sofort alles versprach, sagte Diederich, ohne das Papier
+dabei anzusehen:
+
+„Es ist an das Regimentskommando gerichtet und vom Obersten selbst dem
+Posten mitzuteilen, der heute den Arbeiter erschossen hat. Es lautet: Für
+Deinen auf dem Felde der Ehre vor dem inneren Feind bewiesenen Mut spreche
+ich Dir meine kaiserliche Anerkennung aus und ernenne Dich zum
+Gefreiten.... Überzeugen Sie sich“ – und Diederich reichte dem Redakteur
+das Papier hin. Aber Nothgroschen sah es nicht an, er starrte nur, wie
+entgeistert, auf Diederich, auf seine steinerne Haltung, den Schnurrbart,
+der ihm in die Augen stach, und die Augen, die blitzten.
+
+„Jetzt glaubte ich fast –“ stammelte Nothgroschen. „Sie haben so viel
+Ähnlichkeit mit – mit –.“
+
+
+
+
+
+ IV.
+
+
+Diederich würde, wie in der besten Neuteutonenzeit, das Mittagessen
+verschlafen haben, aber die Rechnung vom Ratskeller kam, und sie war
+bedeutend genug, daß er aufstehen und ins Kontor gehen mußte. Ihm war sehr
+schlecht, und man machte ihm auch noch Unannehmlichkeiten, sogar die
+Familie. Die Schwestern verlangten ihr monatliches Toilettegeld, und als
+er erklärte, daß er es jetzt nicht habe, hielten sie ihm den alten Sötbier
+vor, der es immer gehabt habe. Diesem Versuch einer Auflehnung begegnete
+Diederich energisch. Mit rauher Katerstimme setzte er den Mädchen
+auseinander, sie würden sich noch an ganz andere Dinge gewöhnen müssen.
+Sötbier freilich, der habe immer nur hergegeben und die Fabrik
+heruntergewirtschaftet. „Wenn ich euch heute euren Anteil auszahlen
+sollte, würdet ihr euch verflucht wundern, wie wenig es wäre.“ Während er
+dies sagte, empfand er es als durchaus unberechtigt, daß er irgend einmal
+sollte gezwungen werden können, die beiden am Geschäft zu beteiligen. Man
+müßte das verhindern können, dachte er. Sie dagegen wurden auch noch
+herausfordernd. „Also wir können die Modistin nicht bezahlen, aber der
+Herr Doktor trinkt Sekt für hundertfünfzig Mark.“ Da ward Diederich
+furchtbar anzusehen. Seine Briefe erbrach man! Er wurde ausspioniert! Er
+war nicht der Herr im Hause, sondern ein Kommis, ein Neger, der für die
+Damen schuftete, damit sie den ganzen Tag faulenzen konnten! Er schrie und
+stampfte, daß die Gläser klirrten. Frau Heßling flehte wimmernd, die
+Schwestern widersprachen nur noch aus Angst, aber Diederich war im Zuge.
+
+„Was erlaubt ihr euch? Gänse wie ihr? Was wißt ihr, ob die hundertfünfzig
+Mark nicht eine glänzende Kapitalsanlage sind. Jawohl, Kapitalsanlage!
+Meint ihr, ich saufe mit den Idioten Sekt, wenn ich nichts von ihnen will?
+Davon wißt ihr hier in Netzig noch nichts, das ist der neue Kurs, es ist
+–“ Er hatte das Wort. „Großzügig ist es! Großzügig!“
+
+Und er warf die Tür hinter sich zu. Frau Heßling ging ihm vorsichtig nach,
+und als er im Wohnzimmer ins Sofa gesunken war, nahm sie seine Hand und
+sagte: „Mein lieber Sohn, ich bin mit dir.“ Dabei sah sie ihn an, als
+wollte sie „aus dem Herzen beten“. Diederich verlangte einen sauren
+Hering; und dann beklagte er sich zornig, wie schwer es sei, in Netzig den
+neuen Geist einzuführen. Wenigstens hier im Hause sollte man seine Kraft
+nicht untergraben! „Ich habe Großes mit euch vor, aber das überlaßt
+gefälligst meiner besseren Einsicht. Einer muß Herr sein.
+Unternehmungsgeist und Großzügigkeit gehören freilich dazu. Sötbier ist
+dabei nicht zu brauchen. Eine Weile lasse ich den Alten noch verschnaufen,
+dann wird er ausgeschifft.“
+
+Frau Heßling versicherte sanft, ihr lieber Sohn werde schon um seiner
+Mutter willen immer genau wissen, was er tun müsse – und dann begab
+Diederich sich ins Kontor und schrieb einen Brief an die Maschinenfabrik
+Büschli Co. in Eschweiler, um bei ihr einen „neuen
+Patent-Doppel-Holländer, System Maier“ zu bestellen. Er ließ den Brief
+offen daliegen und ging hinaus. Wie er zurückkam, stand Sötbier vor seinem
+Pult, und es war kein Zweifel, unter seinem grünen Augenschirm weinte er:
+es tropfte auf den Brief. „Sie müssen ihn noch mal abschreiben lassen“,
+sagte Diederich kühl. Da begann Sötbier:
+
+„Junger Herr, unser alter Holländer ist kein Patent-Holländer, aber er
+stammt noch aus der ersten Zeit des alten Herrn; mit ihm hat er
+angefangen, und mit ihm ist er groß geworden ...“
+
+„Na und ich hege meinerseits den Wunsch, mit meinem eigenen Holländer groß
+zu werden“, sagte Diederich schneidend. Sötbier jammerte.
+
+„Unser alter hat uns noch immer genügt.“
+
+„Mir nicht.“
+
+Sötbier schwur, er sei so leistungsfähig wie die allerneuesten, die nur
+durch schwindelhafte Reklame emporgetragen würden. Als Diederich hart
+blieb, öffnete der Alte die Tür und rief hinaus: „Fischer! Kommen Sie mal
+her!“ Diederich ward unruhig. „Was wollen Sie von dem Menschen. Ich
+verbitte mir, daß er sich einmischt!“ Aber Sötbier berief sich auf das
+Zeugnis des Maschinenmeisters, der in den größten Betrieben gearbeitet
+habe. „Nun, Fischer, sagen Sie mal dem Herrn Doktor, wie leistungsfähig
+unser Holländer ist!“ Diederich wollte nicht hören, er lief hin und her,
+überzeugt, der Mensch werde die Gelegenheit ergreifen, ihn zu ärgern.
+Statt dessen begann Napoleon Fischer mit einer uneingeschränkten
+Anerkennung von Diederichs Sachverständigkeit, und dann sagte er über den
+alten Holländer alles Ungünstige, das sich irgend über ihn denken ließ.
+Wenn man Napoleon Fischer hörte, war er schon nahe daran gewesen, zu
+kündigen, nur weil ihm der alte Holländer nicht gefiel. Diederich
+schnaubte: er habe wahrhaftig Glück, daß ihm die wertvolle Kraft des Herrn
+Fischer nun doch erhalten bleibe; aber der Maschinenmeister erklärte ihm,
+ohne sich auf seine Ironie einzulassen, nach der Abbildung im Prospekt
+alle Vorzüge des neuen Patent-Holländers, vor allem seine höchst bequeme
+Bedienung. „Wenn ich Ihnen nur Arbeit erspare!“ schnaubte Diederich.
+„Sonst wünsch’ ich mir nichts. Danke, Sie können gehen.“
+
+Als der Maschinenmeister hinaus war, beschäftigten Sötbier und Diederich
+sich eine lange Weile jeder für sich. Plötzlich fragte Sötbier: „Und womit
+sollen wir ihn bezahlen?“ Diederich war sofort feuerrot: auch er hatte die
+ganze Zeit an nichts weiter gedacht. „Ach was!“ schrie er. „Bezahlen!
+Erstens mache ich eine lange Lieferungsfrist aus, und dann: wenn ich mir
+einen so teuren Holländer bestelle, meinen Sie vielleicht, ich weiß nicht
+wozu? Nein, mein Lieber, dann muß ich wohl bestimmte Aussichten auf
+baldige Ausdehnung des Geschäftes haben – über die ich mich heute noch
+nicht äußern will.“
+
+Damit verließ er das Kontor, in strammer Haltung, trotz inneren Zweifeln.
+Dieser Napoleon Fischer hatte sich beim Hinausgehen nochmals umgesehen,
+mit einem gewissen Blick, als habe er den Chef gehörig hineingelegt.
+„Umdroht von Feinden,“ dachte Diederich und reckte sich noch straffer, „da
+sind wir erst recht stark. Ich werde sie schon zerschmettern.“ Sie sollten
+erfahren, mit wem sie es zu tun hatten; daher führte er einen Gedanken
+aus, der ihm schon beim Erwachen gekommen war: er ging zum Doktor
+Heuteufel. Dieser hielt eben seine Sprechstunde ab und ließ ihn warten.
+Dann empfing er ihn in seinem Operationszimmer, wo alles, Geruch und
+Gegenstände, Diederich an frühere, peinliche Besuche erinnerte. Doktor
+Heuteufel nahm die Zeitung vom Tisch, lachte kurz und sagte: „Nun, Sie
+kommen wohl her, um zu triumphieren. Gleich zwei Erfolge! Ihre
+Sekthuldigung ist drin – na und die Depesche des Kaisers an den Posten
+läßt von Ihrem Standpunkt aus wohl nichts zu wünschen.“
+
+„Welche Depesche?“ fragte Diederich. Doktor Heuteufel zeigte sie ihm;
+Diederich las. „Für Deinen auf dem Felde der Ehre vor dem inneren Feind
+bewiesenen Mut spreche ich Dir meine kaiserliche Anerkennung aus und
+ernenne Dich zum Gefreiten.“ Wie es hier gedruckt stand, machte es ihm den
+Eindruck vollkommener Echtheit. Er war sogar ergriffen; mit männlicher
+Zurückhaltung sagte er: „Das ist jedem national Gesinnten aus dem Herzen
+gesprochen.“ Da Heuteufel nur die Achseln zuckte, holte Diederich Atem.
+„Nicht deswegen bin ich hergekommen, sondern um unsere beiderseitigen
+Beziehungen festzulegen.“ Die seien wohl schon festgelegt, erwiderte
+Heuteufel. „Nein, durchaus noch nicht.“ Diederich versicherte, daß er
+einen ehrenvollen Frieden wünsche. Er sei bereit, im Sinne eines
+wohlverstandenen Liberalismus zu wirken, falls man dagegen seine streng
+nationale und kaisertreue Überzeugung achte. Doktor Heuteufel erklärte
+dies einfach für Phrasen: da verlor Diederich die Fassung. Dieser Mensch
+hielt ihn in der Hand; er konnte ihn, mit Hilfe eines Dokumentes, als
+Feigling hinstellen! Das höhnische Lächeln in seinem gelben
+Chinesengesicht, diese überlegene Haltung waren eine fortwährende
+Anspielung. Aber er sprach nicht, er ließ das Schwert weiterschweben über
+Diederichs Haupt. Der Zustand mußte aufhören! „Ich fordere Sie auf,“ sagte
+Diederich, heiser vor Erregung, „mir meinen Brief zurückzugeben.“
+Heuteufel tat erstaunt. „Welchen Brief?“ – „Den ich Ihnen wegen des
+Militärs geschrieben habe, als ich dienen sollte.“ Darauf dachte der Arzt
+nach.
+
+„Ach so: weil Sie sich drücken wollten!“
+
+„Ich dachte mir schon, Sie würden meine unvorsichtigen Äußerungen in einem
+für mich beleidigenden Sinne auslegen. Ich fordere Sie nochmals zur
+Rückgabe des Briefes auf.“ Und Diederich trat drohend vor. Heuteufel wich
+nicht.
+
+„Lassen Sie mich in Ruh’. Ihren Brief hab’ ich nicht mehr.“
+
+„Ich verlange Ihr Ehrenwort.“
+
+„Das gebe ich nicht auf Befehl.“
+
+„Dann mache ich Sie auf die Folgen Ihrer illoyalen Handlungsweise
+aufmerksam. Sollten Sie mir mit dem Brief bei irgendeiner Gelegenheit
+Unannehmlichkeiten verursachen wollen, so liegt Bruch des Amtsgeheimnisses
+vor. Dann denunziere ich Sie der Ärztekammer, stelle Strafantrag gegen Sie
+und biete allen meinen Einfluß auf, um Sie unmöglich zu machen!“ In
+höchster Erregung, fast stimmlos: „Sie sehen mich zum Äußersten
+entschlossen! Zwischen uns gibt es nur noch einen Kampf bis aufs Messer!“
+
+Doktor Heuteufel sah ihn neugierig an, er schüttelte den Kopf, sein
+Chinesenschnurrbart schaukelte, und er sagte: „Sie sind heiser.“
+
+Diederich fuhr zurück, er stammelte: „Was geht Sie das an?“
+
+„Gar nichts“, sagte Heuteufel. „Es interessiert mich nur von früher her,
+weil ich Ihnen so was ja immer vorausgesagt habe.“
+
+„Was denn? Wollen Sie sich gefälligst äußern.“ Aber das lehnte Heuteufel
+ab. Diederich blitzte ihn an. „Ich muß Sie energisch auffordern, Ihre
+ärztliche Pflicht zu tun!“
+
+Er sei nicht sein Arzt, erwiderte Heuteufel. Darauf sank Diederichs
+herrische Miene zusammen, und er forschte klagend. „Manchmal hab’ ich ja
+Schmerzen im Hals. Glauben Sie denn, daß es schlimmer wird? Hab’ ich was
+zu befürchten?“
+
+„Ich rate Ihnen, einen Spezialisten zu konsultieren.“
+
+„Sie sind hier doch der einzige! Um Gottes willen, Herr Doktor, Sie
+versündigen sich, ich habe eine Familie zu erhalten.“
+
+„Dann sollten Sie weniger rauchen, auch weniger trinken. Gestern abend war
+es zuviel.“
+
+„Ach so.“ Diederich richtete sich auf. „Sie gönnen mir den Sekt nicht. Und
+dann wegen der Huldigungsadresse.“
+
+„Wenn Sie unlautere Motive bei mir vermuten, brauchen Sie mich nicht zu
+fragen.“
+
+Aber Diederich flehte schon wieder. „Sagen Sie mir wenigstens, ob ich
+Krebs kriegen kann.“
+
+Heuteufel blieb streng. „Nun, Sie waren schon immer skrofulös und
+rachitisch. Sie hätten nur dienen sollen, dann wären Sie nicht so
+aufgeschwemmt.“
+
+Schließlich ließ er sich zu einer Untersuchung herbei und nahm eine
+Pinselung des Kehlkopfes vor. Diederich erstickte, rollte angstvoll die
+Augen und umklammerte den Arm des Arztes. Heuteufel zog den Pinsel heraus.
+„So komm’ ich natürlich nicht hin.“ Er feixte durch die Nase. „Sie sind
+noch wie früher.“
+
+Sobald Diederich wieder zu Luft gekommen war, machte er sich fort aus
+dieser Schreckenskammer. Vor dem Hause, noch mit Tränen in den Augen,
+stieß er auf den Assessor Jadassohn. „Nanu?“ sagte Jadassohn. „Ist Ihnen
+die Kneiperei nicht bekommen? Und ausgerechnet zu Heuteufel gehen Sie?“
+
+Diederich versicherte, sein Befinden sei glänzend. „Aber aufgeregt hab’
+ich mich über den Menschen! Ich gehe hin, weil ich es als meine Pflicht
+betrachte, eine befriedigende Erklärung zu verlangen für die gestrigen
+Äußerungen dieses Herrn Lauer. Mit Lauer selbst zu verhandeln, hat für
+einen Mann von meiner korrekten Gesinnung natürlich nichts Verlockendes.“
+
+Jadassohn schlug vor, in Klappsch’ Bierstube einzutreten.
+
+„Ich gehe also hin,“ fuhr Diederich drinnen fort, „in der Absicht, die
+ganze Geschichte mit der Besoffenheit des betreffenden Herrn zu
+entschuldigen, schlimmstenfalls mit seiner zeitweiligen Geistesumnachtung.
+Was meinen Sie statt dessen? Frech wird der Heuteufel. Markiert
+Überlegenheit. Übt zynische Kritik an unserer Huldigungsadresse und, Sie
+werden es nicht glauben, sogar an dem Telegramm Seiner Majestät!“
+
+„Nun, und?“ fragte Jadassohn, dessen Hand sich mit Fräulein Klappsch
+beschäftigte.
+
+„Für mich gibt es kein Und mehr! Ich bin mit dem Herrn fertig fürs Leben!“
+rief Diederich, trotz dem schmerzlichen Bewußtsein, daß er am Mittwoch
+wieder zum Pinseln mußte. Jadassohn versetzte schneidend:
+
+„Aber ich nicht.“ Und da Diederich ihn ansah: „Es gibt nämlich eine
+Behörde, die sich die Königliche Staatsanwaltschaft nennt und die für
+Leute wie diese Herren Lauer und Heuteufel ein nicht zu unterschätzendes
+Interesse hegt.“ Damit ließ er Fräulein Klappsch los und bedeutete ihr,
+sie möge verschwinden.
+
+„Wie meinen Sie das“? fragte Diederich, unheimlich berührt.
+
+„Ich denke Anklage wegen Majestätsbeleidigung zu erheben.“
+
+„Sie?“
+
+„Jawohl, ich. Staatsanwalt Feifer hat Krankheitsurlaub, ich bin dran. Und,
+wie ich unmittelbar nach dem gestrigen Vorfall vor Zeugen festgestellt
+habe, war ich bei der Verübung des Deliktes nicht anwesend, bin also
+keineswegs verhindert, in dem Prozeß die Anklagebehörde zu vertreten.“
+
+„Aber wenn niemand die Sache anzeigt!“
+
+Jadassohn lächelte grausam. „Das haben wir, Gott sei Dank, nicht nötig ...
+Übrigens erinnere ich Sie daran, daß Sie selbst gestern abend sich uns als
+Zeugen anboten.“
+
+„Davon weiß ich nichts“, sagte Diederich schnell.
+
+Jadassohn klopfte ihm auf die Schulter. „Sie werden sich an alles wieder
+erinnern, hoffe ich, wenn Sie unter Ihrem Eid stehen.“ Da entrüstete
+Diederich sich. Er ward so laut, daß Klappsch diskret in das Zimmer
+spähte.
+
+„Herr Assessor, ich muß mich sehr wundern, daß Sie private Äußerungen
+meinerseits –. Sie haben offenbar die Absicht, mit Hilfe eines politischen
+Prozesses schneller Staatsanwalt zu werden. Aber ich möchte wissen, was
+mich Ihre Karriere angeht.“
+
+„Na und mich die Ihre?“ fragte Jadassohn.
+
+„So. Dann sind wir Gegner?“
+
+„Ich hoffe, es wird sich vermeiden lassen.“ Und Jadassohn setzte ihm
+auseinander, daß er keinen Grund habe, den Prozeß zu fürchten. Sämtliche
+Zeugen der Vorgänge im Ratskeller würden dasselbe aussagen müssen wie er
+selbst: auch Lauers Freunde. Diederich werde sich keineswegs zu weit
+vorwagen ... Das habe er leider schon getan, erwiderte Diederich, denn
+schließlich sei er es, der mit Lauer den Krach gehabt habe. Aber Jadassohn
+beruhigte ihn. „Wer fragt danach. Es handelt sich darum, ob die
+inkriminierten Worte von seiten des Herrn Lauer gefallen sind. Sie machen,
+wie die anderen Herren, einfach Ihre Aussage, wenn Sie wollen, mit
+Vorsicht.“
+
+„Mit großer Vorsicht!“ versicherte Diederich. Und angesichts von
+Jadassohns teuflischer Miene: „Wie komme ich dazu, einen anständigen
+Menschen wie Lauer ins Gefängnis zu bringen? Jawohl, einen anständigen
+Menschen! Denn eine politische Gesinnung ist in meinen Augen keine
+Schande!“
+
+„Besonders nicht bei dem Schwiegersohn des alten Buck, den Sie vorläufig
+noch brauchen“, schloß Jadassohn – und Diederich ließ den Kopf sinken.
+Dieser jüdische Streber beutete ihn schamlos aus, und er konnte nichts
+machen! Da sollte man noch an Freundschaft glauben. Er sagte sich wieder
+einmal, daß alle gerissener und brutaler im Leben vorgingen als er selbst.
+Die große Aufgabe war: wie ward man energisch. Er setzte sich stramm hin
+und blitzte. Mehr unternahm er lieber nicht; bei einem Herrn von der
+Staatsanwaltschaft konnte man nie wissen ... Übrigens lenkte Jadassohn zu
+etwas anderem über.
+
+„Wissen Sie schon, daß in der Regierung und bei uns im Gericht ganz
+sonderbare Gerüchte umgehen – über das Telegramm Seiner Majestät an den
+Regimentskommandeur? Der Oberst soll nämlich behaupten, er habe gar kein
+Telegramm bekommen.“
+
+Diederich behielt, trotz innerem Erbeben, eine feste Stimme. „Aber es hat
+doch in der Zeitung gestanden!“ Jadassohn grinste zweideutig. „Da steht
+gar zuviel.“ Er ließ sich von Klappsch, der seine Glatze wieder in die Tür
+schob, die „Netziger Zeitung“ bringen. „Sehen Sie, in der Nummer hier
+steht überhaupt nichts, was nicht auf Seine Majestät Bezug hat. Der
+Leitartikel beschäftigt sich mit dem Allerhöchsten Bekenntnis zum
+geoffenbarten Glauben. Dann kommt das Telegramm an den Obersten, dann das
+Lokale mit der Heldentat des Postens und das Vermischte mit drei Anekdoten
+über die kaiserliche Familie.“
+
+„Es sind recht rührende Geschichten“, bemerkte Klappsch und verdrehte die
+Augen.
+
+„Zweifellos!“ beteuerte Jadassohn; und Diederich: „Sogar so ein
+freisinniges Hetzblatt muß die Bedeutung Seiner Majestät anerkennen!“
+
+„Aber bei dem löblichen Eifer wäre es schließlich möglich, daß die
+Redaktion die Allerhöchste Depesche eine Nummer zu früh gebracht hat –
+noch vor ihrer Absendung.“ „Ausgeschlossen!“ entschied Diederich. „Der
+Stil Seiner Majestät ist unverkennbar.“ Auch Klappsch wollte ihn erkennen.
+Jadassohn gab zu: „Nun ja ... Weil man nie wissen kann, darum dementieren
+wir auch nicht. Wenn der Oberst nichts bekommen hat, die Netziger Zeitung
+könnte es ja direkt aus Berlin haben. Wulckow hat sich den Redakteur
+Nothgroschen kommen lassen, aber der Kerl verweigert die Aussage. Der
+Präsident hat gespuckt, er ist selbst zu uns gekommen wegen des
+Zeugniszwangverfahrens gegen Nothgroschen. Schließlich haben wir davon
+abgesehen und warten lieber das Dementi aus Berlin ab – weil man eben
+nicht wissen kann.“
+
+Da Klappsch in die Küche gerufen ward, setzte Jadassohn noch hinzu:
+„Komisch, wie? Allen kommt die Geschichte verdächtig vor, aber niemand
+will vorgehen, weil in diesem Fall – in diesem ganz besonderen Fall“ –
+sagte Jadassohn mit perfider Betonung, und seine ganze Miene, sogar die
+Ohren sahen perfid aus, „gerade das Unwahrscheinliche am meisten Aussicht
+hat, Ereignis zu werden.“
+
+Diederich war starr: nie hätte ihm so schwarzer Verrat geträumt. Jadassohn
+bemerkte sein Entsetzen und verwirrte sich, er fing an zu zappeln. „Nu,
+der Mann hat seine Schwächen – Ihnen gesagt.“ Diederich versetzte, fremd
+und drohend: „Gestern abend schienen Sie davon noch nichts zu wissen.“
+Jadassohn entschuldigte sich: der Sekt mache natürlich unkritisch. Ob Herr
+Doktor Heßling denn die Begeisterung der übrigen Herren so ernst genommen
+habe. Einen größeren Nörgler als den Major Kunze gebe es überhaupt
+nicht ... Diederich zog sich mit seinem Stuhle zurück, ihm ward kalt, als
+finde er sich plötzlich in einer Verbrecherhöhle. Mit äußerster Energie
+sagte er: „Auf die nationale Gesinnung der übrigen Herren hoffe ich mich
+ebenso verlassen zu können wie auf meine eigene, an der zu zweifeln ich
+mir auf das allerbestimmteste verbitten müßte.“
+
+Jadassohn hatte seine schneidige Stimme zurück. „Soll das etwa einen
+Zweifel in bezug auf meine Person involvieren, so weise ich ihn mit
+gebührender Entrüstung zurück.“ Krähend, so daß Klappsch in die Tür
+spähte: „Ich bin der Königliche Assessor Doktor Jadassohn und stehe auf
+Wunsch zur Verfügung.“
+
+Darauf mußte Diederich wohl murmeln, daß er es so nicht gemeint habe. Dann
+aber zahlte er. Die Verabschiedung war kühl.
+
+Auf dem Heimwege schnaufte Diederich. Hätte er sich nicht
+entgegenkommender verhalten sollen mit Jadassohn? Für den Fall, daß
+Nothgroschen redete? Jadassohn hatte ihn freilich nötig, in dem Prozeß
+gegen Lauer! Auf alle Fälle war es gut, daß Diederich jetzt Bescheid wußte
+über den wahren Charakter dieses Herrn! „Seine Ohren sind mir gleich
+verdächtig vorgekommen! Wirklich national empfinden kann man eben doch
+nicht mit solchen Ohren.“
+
+Zu Hause nahm er sogleich den Berliner „Lokal-Anzeiger“ vor. Da waren
+schon die Kaiseranekdoten für die „Netziger Zeitung“ von morgen.
+Vielleicht kamen sie auch erst übermorgen, für alle war dort nicht Platz.
+Aber er suchte weiter; seine Hände zitterten ... Da! Er mußte sich setzen.
+„Ist dir was, mein Sohn?“ fragte Frau Heßling. Diederich starrte die
+Buchstaben an, wie ein Märchen, das Wahrheit ward. Da stand es, unter
+anderen unbezweifelten Dingen, in dem einzigen Blatt, das Seine Majestät
+selbst las! Innerlich, in so tiefer Seele, daß er es selbst kaum hörte,
+murmelte Diederich: „Mein Telegramm.“ Das bange Glück sprengte ihn fast.
+Konnte es sein? Hatte er richtig vorausempfunden, was der Kaiser sagen
+würde? Sein Ohr reichte in diese Ferne? Sein Gehirn arbeitete gemeinsam
+mit –? Die unerhörtesten mystischen Beziehungen überwältigten ihn ... Aber
+das Dementi konnte noch kommen, er konnte zurückgeschleudert werden in
+sein Nichts! Diederich verbrachte eine angstvolle Nacht, und am Morgen
+stürzte er sich auf den Lokalanzeiger. Die Anekdoten. Die
+Denkmalsenthüllung. Die Rede. „Aus Netzig.“ Da stand von den Ehrungen, die
+dem Gefreiten Emil Pacholke zuteil geworden waren, für seinen vor dem
+inneren Feind bewiesenen Mut. Alle Offiziere, der Oberst an der Spitze,
+hatten ihm die Hand gedrückt. Er hatte Geldgeschenke bekommen.
+„Bekanntlich hat der Kaiser den braven Soldaten schon gestern
+telegraphisch zum Gefreiten befördert.“ Da stand es! Kein Dementi: eine
+Bestätigung! Er machte Diederichs Worte zu den seinen, und er führte die
+Handlung aus, die Diederich ihm untergelegt hatte!... Diederich breitete
+das Zeitungsblatt weit aus; er sah sich darin wie in einem Spiegel, und um
+seine Schultern lag Hermelin.
+
+
+
+Diesen Sieg und Diederichs schwindelnde Erhöhung, leider durfte kein Wort
+sie verraten, aber sein Wesen genügte, die Straffheit in Haltung und
+Sprache, das Herrscherauge. Familie und Werkstatt verstummten um ihn her.
+Sötbier selbst mußte zugeben, daß ein forscherer Zug in den Betrieb
+gekommen sei. Und Napoleon Fischer schlich, je aufrechter und heller
+Diederich dastand, desto affenähnlicher vorbei, die Arme nach vorn
+hängend, mit schiefem Blick und den fletschenden Zähnen in seinem dünnen
+schwarzen Bart: als der Geist des gebändigten Umsturzes ... Dies war der
+Moment, gegen Guste Daimchen vorzugehen. Diederich machte Besuch.
+
+Frau Oberinspektor Daimchen empfing ihn zuerst allein, auf ihrem alten
+Plüschsofa, aber in einem braunen Seidenkleid mit lauter Schleifen, und
+die Hände breitete sie, rot und geschwollen wie die einer Waschfrau, vor
+sich hin auf ihren Bauch, so daß der Gast die neuen Ringe immer vor Augen
+hatte. Aus Verlegenheit gestand er seine Bewunderung, worauf Frau Daimchen
+sich bereitwillig darüber ausließ, daß sie und ihre Guste es nun Gott sei
+Dank zu allem hätten. Sie wüßten nur noch nicht, ob sie sich altdeutsch
+oder Louis käs einrichten sollten. Diederich riet lebhaft zu altdeutsch;
+er habe es in Berlin in den feinsten Häusern gesehen. Aber Frau Daimchen
+war mißtrauisch. „Wer weiß, ob Sie so feine Leute wie uns schon besucht
+haben. Lassen Sie man, ich kenne das, wenn man so tun muß, als ob man was
+hat, und hat nichts.“ Hierauf schwieg Diederich ratlos, und Frau Daimchen
+trommelte sich mit Genugtuung auf den Bauch. Zum Glück trat Guste ein,
+heftig rauschend. Diederich schwang sich elastisch aus seinem Fauteuil,
+sagte schnarrend: „Gnädigstes Fräulein!“ und unternahm einen Handkuß.
+Guste lachte. „Reißen Sie sich nur kein Bein aus!“ Aber sie tröstete ihn
+gleich wieder. „Man sieht sofort, was ein feiner Mann ist. Der Herr
+Leutnant von Brietzen macht es auch so.“
+
+„Ja, ja,“ sagte Frau Daimchen, „bei uns verkehren alle Herren Offiziere.
+Gestern sag’ ich noch zu Guste: Guste, sag’ ich, auf jede Sitzgelegenheit
+können wir eine Freiherrnkrone sticken lassen, denn überall hat sich schon
+einer draufgesetzt.“
+
+Guste verzog den Mund. „Aber was die Familien betrifft und sonst
+überhaupt, ist Netzig doch reichlich spießig. Ich glaube, wir ziehen nach
+Berlin.“ Damit war Frau Daimchen nicht einverstanden. „Man soll den Leuten
+den Gefallen nicht tun“, meinte sie. „Die alte Harnisch ist erst heute,
+wie sie mein Seidenkleid gesehen hat, fast zerplatzt.“
+
+„So ist Mutter nun mal,“ sagte Guste. „Wenn sie renommieren kann, ist
+alles gut. Aber ich denke doch auch an meinen Verlobten. Wissen Sie, daß
+Wolfgang sein Staatsexamen gemacht hat? Was soll er hier in Netzig? In
+Berlin kann er mit unserem vielen Geld was werden.“ Diederich bestätigte:
+„Er wollte ja schon immer Minister oder so was werden.“ Leis höhnisch
+setzte er hinzu: „Das soll ja ganz leicht sein.“
+
+Guste nahm sofort eine feindliche Haltung ein. „Der Sohn vom alten Herrn
+Buck ist eben nicht jeder“, sagte sie spitz. Aber Diederich setzte,
+weltmännisch überlegen, auseinander, daß es heute auf Dinge ankomme, die
+der Einfluß des alten Buck nicht verleihen könne: Persönlichkeit,
+großzügigen Unternehmungsgeist und vor allem eine stramm nationale
+Gesinnung. Das junge Mädchen unterbrach ihn nicht mehr, sie sah sogar mit
+Respekt auf seine kühnen Schnurrbartspitzen. Aber das Bewußtsein, Eindruck
+zu machen, riß ihn zu weit fort. „Von alledem habe ich bei Herrn Wolfgang
+Buck noch nichts bemerkt“, sagte er. „Der philosophiert und nörgelt, und
+im übrigen soll er sich ziemlich viel amüsieren ... Na,“ schloß er, „seine
+Mutter war ja auch eine Schauspielerin.“ Und er sah fort, obwohl er
+fühlte, daß Gustes drohender Blick ihn suchte.
+
+„Was wollen Sie damit sagen?“ fragte sie. Er tat überrascht.
+
+„Ich, gar nichts. Ich meinte, wie reiche junge Leute in Berlin nun mal
+leben. Bucks sind doch eine vornehme Familie.“
+
+„Das wollen wir hoffen“, sagte Guste schroff. Frau Daimchen, die gegähnt
+hatte, erinnerte an die Schneiderin, Guste sah Diederich erwartungsvoll
+an, ihm blieb nichts übrig, als aufzustehen und seine Verbeugungen zu
+machen. Den Handkuß unternahm er nicht mehr, mit Rücksicht auf die
+gespannte Stimmung. Aber im Vorzimmer holte Guste ihn ein. „Wollen Sie es
+mir jetzt vielleicht sagen,“ fragte sie, „was Sie gemeint haben mit der
+Schauspielerin?“
+
+Er öffnete den Mund, schnappte und schloß ihn wieder, stark errötet. Um
+ein Haar hätte er verraten, was seine Schwestern ihm über Wolfgang Buck
+erzählt hatten. Er sagte mit mitleidiger Stimme: „Fräulein Guste, weil wir
+doch so alte Bekannte sind –. Ich wollte nur sagen, der Buck ist nichts
+für Sie. Er ist sozusagen erblich belastet von seiner Mutter her. Der Alte
+war doch auch zum Tode verurteilt. Und was ist denn sonst an den Bucks
+noch dran? Glauben Sie mir, man soll in keine Familie heiraten, mit der es
+bergab geht. Das ist Sünde gegen sich selbst“, setzte er noch hinzu. Aber
+Guste hatte die Hände in die Hüften gestemmt.
+
+„Bergab? Und mit Ihnen geht es wohl bergauf? Weil Sie sich im Ratskeller
+betrinken und dann den Leuten Krach machen? Die ganze Stadt spricht von
+Ihnen, und Sie möchten einer hochfeinen Familie was anhängen. Bergab! Wer
+mein Geld kriegt, mit dem geht es überhaupt nicht bergab. Sie sind bloß
+neidisch, meinen Sie, ich weiß das nicht?“ – und sie sah ihn an, die Augen
+voll Tränen der Wut. Ihm war sehr beklommen; er hätte Lust gehabt, sich
+auf die Knie zu werfen, ihr die dicken kleinen Finger zu küssen und dann
+die Tränen aus den Augen, – aber ging denn das? Inzwischen zog sie alle
+rosigen Fettpolster ihres Gesichtes herunter zu einem Ausdruck der
+Verachtung, machte kehrt und schlug die Tür zu. Diederich stand mit
+angstklopfendem Herzen noch eine Weile da, dann trollte er sich, im Gefühl
+seiner Kleinheit.
+
+Er bedachte, daß für ihn hier nichts zu machen gewesen sei; die Sache gehe
+ihn nichts an, Guste sei mit all ihrem Geld doch immer nur eine fette
+Gans, – und das beruhigte ihn. Wie dann eines Abends Jadassohn ihm
+mitteilte, was er in Magdeburg beim Gericht erfahren habe, da triumphierte
+Diederich. Fünfzigtausend Mark, das war alles! Und deswegen ein Auftreten
+wie die Gräfinnen? Ein Mädchen von dermaßen schwindelhaftem Gebaren paßte
+freilich besser zu den verkommenen Bucks als zu einem kernigen und
+treugesinnten Mann wie Diederich! Da war Käthchen Zillich vorzuziehen.
+Äußerlich Guste ähnlich und mit fast ebenso starken Reizen geschmückt,
+empfahl sie sich außerdem durch Gemüt und ein entgegenkommendes Wesen. Er
+kam öfter zum Kaffee und machte ihr eifrig den Hof. Sie warnte ihn vor
+Jadassohn, was Diederich als nur zu berechtigt anerkennen mußte. Auch
+sprach sie mit äußerster Mißbilligung von Frau Lauer, die mit
+Landgerichtsrat Fritzsche –. Was Lauers Prozeß betraf, war Käthchen
+Zillich die einzige, die ganz auf Diederichs Seite stand.
+
+Denn diese Sache nahm für Diederich ein drohendes Gesicht an. Jadassohn
+hatte erreicht, daß die Staatsanwaltschaft durch einen Ermittelungsrichter
+die Zeugen jenes nächtlichen Vorfalls vernehmen ließ; und so zurückhaltend
+Diederich sich vor dem Richter geäußert hatte, die anderen machten ihn
+verantwortlich für ihre Verlegenheiten. Die Herren Cohn und Fritzsche
+wichen ihm aus; der Bruder des Herrn Buck, ein so höflicher Mann, vermied
+seinen Gruß; Heuteufel pinselte ihn grausam, lehnte aber jedes
+Privatgespräch ab. An dem Tage, da es bekannt ward, daß das Gericht dem
+Fabrikbesitzer Lauer die Anklageschrift zugestellt habe, fand Diederich
+seinen Tisch im Ratskeller leer. Professor Kühnchen zog sich eben den
+Mantel an, Diederich konnte ihn noch am Kragen packen. Aber Kühnchen hatte
+es eilig, er mußte im freisinnigen Wählerverein gegen die neue
+Militärvorlage reden. Er entwischte; und Diederich dachte enttäuscht jener
+sieghaften Nacht, als draußen das Blut des inneren Feindes, hier aber Sekt
+geflossen war, und als unter den Nationalgesinnten Kühnchen der
+kriegslustigste gewesen war. Jetzt sprach er gegen die Vermehrung unseres
+ruhmreichen Heeres!... Diederich sah, einsam und verlassen, in seinen
+Dämmerschoppen; da erschien Major Kunze.
+
+„Nanu, Herr Major,“ sagte Diederich mit erzwungener Munterkeit, „von Ihnen
+hört man gar nichts mehr.“
+
+„Von Ihnen um so mehr.“ Der Major knurrte, blieb in Hut und Mantel stehen
+und sah sich um, wie in einer Schneewüste. „Kein Mensch da!“
+
+„Wenn ich Sie zu einem Glas Wein einladen darf –“ wagte Diederich zu
+sagen, aber er kam übel an. „Danke, Ihr Sekt liegt mir noch im Magen.“ Der
+Major bestellte Bier und saß da, stumm und mit einem Gesicht zum Fürchten.
+Um nur das schreckliche Schweigen zu beenden, sagte Diederich drauf los:
+„Nun, und der Kriegerverein, Herr Major? Ich habe immer geglaubt, ich
+würde einmal etwas hören über meine Aufnahme.“
+
+Der Major sah ihn lange nur an, als wollte er ihn fressen. „Ach so. Sie
+haben geglaubt. Sie haben wohl auch geglaubt, es würde mir eine Ehre sein,
+wenn Sie mich in Ihre Skandalaffäre hineinziehen?“
+
+„Meine?“ stotterte Diederich. Der Major donnerte. „Jawohl, Herr! Ihre! Dem
+Herrn Fabrikbesitzer Lauer ist mal ein Wort zu viel ausgerutscht, das kann
+vorkommen, sogar bei alten Soldaten, die sich für ihren König haben zu
+Krüppeln schießen lassen. Sie aber haben den Herrn Lauer raffinierterweise
+zu seinen unbedachten Äußerungen verleitet. Das bin ich bereit, vor dem
+Untersuchungsrichter zu bekunden. Den Lauer kenne ich: der war in
+Frankreich mit und ist in unserem Kriegerverein. Sie, Herr, wer sind Sie?
+Weiß ich, ob Sie überhaupt gedient haben? Her mit Ihren Papieren!“
+
+Diederich griff in die Brusttasche. Er würde stramm gestanden haben, wenn
+der Major es befohlen hätte. Der Major hielt sich den Militärpaß weit von
+den Augen fort. Plötzlich warf er ihn hin, er feixte grimmig. „Na also.
+Landsturm mit der Waffe. Hab’ ich es nicht gesagt? Plattfüße
+wahrscheinlich.“ Diederich war bleich, bebte bei jedem Wort des Majors und
+hielt beschwörend die Hand vor sich hin. „Herr Major, ich gebe Ihnen mein
+Ehrenwort, daß ich gedient habe. Infolge eines Unglücksfalles, der mir nur
+zur Ehre gereicht, mußte ich nach drei Monaten austreten ...“
+
+„Solche Unglücksfälle kennen wir ... Zahlen!“
+
+„Sonst wäre ich ganz dabei geblieben“, sagte Diederich noch, mit
+fliegender Stimme. „Ich war mit Leib und Seele Soldat, fragen Sie meine
+Vorgesetzten.“
+
+„’n Abend.“ Der Major hatte schon den Mantel an. „Ich will Ihnen bloß noch
+sagen, Herr: wer nicht gedient hat, den gehen die Majestätsbeleidigungen
+anderer Leute den Teufel an. Majestät legt keinen Wert auf nicht gediente
+Herrschaften ... Grützmacher,“ sagte er zum Wirt, „Sie sollten sich Ihr
+Publikum genauer ansehen. Wegen eines Gastes, der mal zuviel da ist, ist
+nun der Herr Lauer beinahe verhaftet worden, und ich muß mit meinem
+steifen Bein zu Gericht als Belastungszeuge und es mit allen Leuten
+verderben. Der Harmonieball ist schon abgesagt, ich bin beschäftigungslos,
+und wenn ich hier zu Ihnen komme –“ er warf wieder einen Blick wie über
+Schneewüsten – „ist kein Mensch da. Außer, natürlich, der Denunziant!“
+schrie er noch auf der Treppe.
+
+„Mein Ehrenwort, Herr Major –“ Diederich lief hinterher, „ich habe keine
+Anzeige erstattet, das Ganze ist ein Mißverständnis.“ Der Major war schon
+draußen, Diederich rief ihm nach: „Wenigstens bitte ich um Ihre
+Diskretion!“
+
+Er trocknete die Stirn. „Herr Grützmacher, Sie müssen doch einsehen –“
+sagte er, mit Tränen in der Stimme. Da er Wein bestellte, sah der Wirt
+alles ein.
+
+Diederich trank und schüttelte wehmütig den Kopf. Diese Fehlschläge
+begriff er nicht. Seine Absichten waren rein gewesen, nur die Tücke seiner
+Feinde verdunkelte sie ... Da erschien der Landgerichtsrat Dr. Fritzsche,
+sah sich zögernd um, – und als er Diederich wirklich ganz allein fand, kam
+er zu ihm. „Herr Doktor Heßling,“ sagte er und gab ihm die Hand, „Sie
+sehen ja aus, als ob Ihnen die Ernte verhagelt wär.“ In einem großen
+Betrieb, murmelte Diederich, gebe es freilich immer Ärger. Aber da er die
+mitfühlende Miene des anderen sah, erweichte er sich vollends. „Ihnen kann
+ich es sagen, Herr Landgerichtsrat, die Sache mit dem Herrn Lauer ist mir
+verdammt unangenehm.“
+
+„Ihm noch mehr“, sagte Fritzsche, nicht ohne Strenge. „Wenn bei ihm nicht
+jeder Fluchtverdacht ausgeschlossen wäre, hätten wir ihn gleich heute
+verhaften lassen müssen.“ Er sah Diederich erbleichen und fügte hinzu:
+„Was sogar uns Richtern peinlich gewesen wäre. Schließlich ist man Mensch
+und lebt unter Menschen. Aber natürlich –“ Er befestigte seinen Klemmer
+und machte sein trockenes Gesicht. „Das Gesetz muß befolgt werden. Wenn
+Lauer an dem betreffenden Abend – ich selbst hatte das Lokal ja schon
+verlassen – tatsächlich die unerhörten Majestätsbeleidigungen geäußert
+hat, die von der Anklage behauptet werden, und für die Sie als Hauptzeuge
+aufgestellt sind –“
+
+„Ich?“ Diederich fuhr verzweifelt auf. „Ich habe nichts gehört! Kein
+Wort!“
+
+„Dagegen spricht Ihre Aussage vor dem Ermittelungsrichter.“
+
+Diederich verwirrte sich. „Im ersten Moment weiß man doch nicht, was man
+sagen soll. Aber wenn ich mir den fraglichen Vorgang jetzt rekonstruiere,
+dann scheint es mir doch, daß wir alle ziemlich stark angeheitert waren.
+Ich besonders.“
+
+„Sie besonders“, wiederholte Fritzsche.
+
+„Ja, und da habe ich wohl anzügliche Fragen an Herrn Lauer gestellt. Was
+er mir darauf geantwortet hat, das könnte ich jetzt nicht mehr beschwören.
+Das Ganze war doch überhaupt nur ein Scherz.“
+
+„Ach so: ein Scherz.“ Fritzsche atmete auf. „Ja, aber was hindert Sie
+denn, das einfach dem Richter zu sagen?“ Er erhob den Finger. „Ohne daß
+ich natürlich im geringsten Ihre Aussage beeinflussen möchte.“
+
+Diederich erhob die Stimme. „Dem Jadassohn vergeß ich den Streich nicht!“
+Und er berichtete die Machenschaften dieses Herrn, der sich während der
+Szene vorsätzlich entfernt habe, um nicht als Zeuge in Betracht zu kommen;
+der dann sofort Material für die Anklage gesammelt, den halb
+unzurechnungsfähigen Zustand der Anwesenden mißbraucht und sie von
+vornherein festgelegt habe mit ihren Aussagen. „Herr Lauer und ich, wir
+halten einander für Ehrenmänner. Wie untersteht sich so ein Jude, uns zu
+verhetzen!“
+
+Fritzsche erklärte ernst, daß hier nicht Jadassohns Persönlichkeit in
+Betracht komme, sondern nur das Vorgehen der Staatsanwaltschaft. Freilich
+war zuzugeben, daß Jadassohn vielleicht zum Übereifer neigte. Mit
+gedämpfter Stimme setzte er hinzu: „Sehen Sie, das ist eben der Grund,
+weshalb wir mit den jüdischen Herren nicht gern zusammenarbeiten. Solch
+ein Herr legt sich nicht die Frage vor, welchen Eindruck es auf das Volk
+machen muß, wenn ein gebildeter Mann, ein Arbeitgeber, wegen
+Majestätsbeleidigungen verurteilt wird. Sachliche Bedenken verschmäht sein
+Radikalismus.“
+
+„Sein jüdischer Radikalismus“, ergänzte Diederich.
+
+„Er stellt unbedenklich sich selbst in den Vordergrund, – womit ich
+keineswegs leugnen will, daß er auch ein amtliches und nationales
+Interesse wahrzunehmen glaubt.“
+
+„Wieso denn?“ rief Diederich. „Ein gemeiner Streber, der mit unseren
+heiligsten Gütern spekuliert!“
+
+„Wenn man sich scharf ausdrücken will –“ Fritzsche lächelte befriedigt. Er
+rückte näher. „Nehmen wir einmal an, ich wäre Untersuchungsrichter: es
+gibt Fälle, in denen man gewissermaßen Grund hätte, sein Amt
+niederzulegen.“
+
+„Sie sind mit dem Lauerschen Hause eng befreundet“, sagte Diederich und
+nickte bedeutsam. Fritzsche machte sein weltmännisches Gesicht. „Aber Sie
+begreifen, damit würde ich gewisse Gerüchte ausdrücklich bestätigen.“
+
+„Das geht nicht“, sagte Diederich. „Es wäre gegen den Komment.“
+
+„Mir bleibt nichts übrig, als meine Pflicht zu tun, ruhig und sachlich.“
+
+„Sachlich sein heißt deutsch sein“, sagte Diederich.
+
+„Besonders, da ich annehmen darf, daß die Herren Zeugen mir meine Aufgabe
+nicht unnötig erschweren werden.“ Diederich legte die Hand auf die Brust.
+„Herr Landgerichtsrat, man kann sich hinreißen lassen, wo es um eine große
+Sache geht. Ich bin eine impulsive Natur. Aber ich bleibe mir bewußt, daß
+ich für alles meinem Gott Rechenschaft schulde.“ Er schlug die Augen
+nieder. Mit männlicher Stimme: „Auch ich bin der Reue zugänglich.“ Dies
+schien Fritzsche zu genügen, denn er zahlte. Die Herren schüttelten
+einander ernst und verständnisvoll die Hände.
+
+Schon am Tage darauf ward Diederich vor den Untersuchungsrichter geladen
+und stand vor Fritzsche. „Gott sei Dank“, dachte er und machte mit
+treuherziger Sachlichkeit seine Aussagen. Auch Fritzsches einzige Sorge
+schien die Wahrheit zu sein. Die öffentliche Meinung freilich blieb bei
+ihrer Parteilichkeit für den Angeklagten. Von der sozialdemokratischen
+„Volksstimme“ nicht zu reden; sie verstieg sich bis zu höhnischen
+Auslassungen über Diederichs Privatleben, hinter denen wohl sicher
+Napoleon Fischer zu suchen war. Aber auch die sonst so ruhige „Netziger
+Zeitung“ gab gerade jetzt eine Ansprache des Herrn Lauer an seine Arbeiter
+wieder, worin der Fabrikbesitzer darlegte, daß er den Gewinn seines
+Unternehmens redlich mit allen denen teile, die daran mitgearbeitet
+hatten, ein Viertel den Beamten, ein Viertel den Arbeitern. In acht Jahren
+hatten sie außer ihren Löhnen und Gehältern die Summe von 130 000 Mark
+unter sich zu verteilen gehabt. Dies machte auf weite Kreise den
+günstigsten Eindruck. Diederich begegnete mißbilligenden Gesichtern. Sogar
+der Redakteur Nothgroschen, den er zur Rede stellte, erlaubte sich ein
+anzügliches Lächeln und sagte etwas von sozialen Fortschritten, die man
+mit nationalen Phrasen nicht aufhalte. Besonders peinlich waren die
+geschäftlichen Folgen. Bestellungen, auf die Diederich rechnen durfte,
+blieben aus. Der Warenhausbesitzer Cohn teilte ihm ausdrücklich mit, daß
+er für seine Weihnachtskataloge die Papierfabrik Gausenfeld bevorzuge,
+weil er mit Rücksicht auf seine Kunden sich politische Zurückhaltung
+auferlegen müsse. Diederich erschien jetzt ganz früh im Bureau, um solche
+Briefe abzufangen, aber Sötbier war immer noch früher da, und das
+vorwurfsvolle Schweigen des alten Prokuristen erhöhte seine Wut. „Ich
+schmeiß den ganzen Krempel hin!“ schrie er. „Sie und die Leute sollen dann
+sehen, wo sie bleiben. Ich mit meinem Doktor hab’ morgen einen
+Direktorposten mit 40 000 Mark!“ – „Ich opfere mich für euch!“ schrie er
+die Arbeiter an, wenn sie gegen das Reglement Bier tranken. „Ich zahle
+drauf, nur um keinen zu entlassen.“
+
+Gegen Weihnacht mußte er dennoch einem Drittel der Leute aufsagen; Sötbier
+rechnete ihm vor, daß die Zahlungsfristen zu Beginn des Jahres sonst nicht
+eingehalten werden könnten, „da wir nun mal 2000 Mark als Anzahlung für
+den neuen Holländer aufnehmen mußten“; und er blieb dabei, obwohl
+Diederich nach dem Tintenfaß griff. In den Mienen der Übriggebliebenen las
+er Mißtrauen und Geringschätzung. So oft mehrere zusammenstanden, glaubte
+er das Wort „Denunziant“ zu hören. Napoleon Fischers knotige,
+schwarzbehaarte Hände hingen weniger tief über dem Boden, und es sah aus,
+als bekäme er sogar Farbe.
+
+Am letzten Adventsonntag – das Landgericht hatte soeben die Eröffnung des
+Hauptverfahrens beschlossen – predigte in der Marienkirche Pastor Zillich
+über den Text: „Liebet eure Feinde.“ Diederich erschrak beim ersten Wort.
+Bald fühlte er, wie auch die Gemeinde unruhig ward. „Die Rache ist mein,
+spricht der Herr“: Pastor Zillich rief es sichtlich nach dem Heßlingschen
+Stuhl hinüber. Emmi und Magda versanken ganz darin, Frau Heßling
+schluchzte. Diederich beantwortete drohend die Blicke, die ihn suchten.
+„Wer aber spricht Rache, der ist des Gerichts!“ Da wandte sich alles um,
+und Diederich knickte zusammen.
+
+Zu Hause machten die Schwestern ihm eine Szene. Man behandelte sie
+schlecht in den Gesellschaften. Nie mehr ward der junge Oberlehrer
+Helferich neben Emmi gesetzt, er kümmerte sich nur noch um Meta Harnisch,
+und sie wußte wohl warum. „Weil du ihm zu alt bist“, sagte Diederich.
+„Nein, sondern weil du uns unbeliebt machst!“ – „Die fünf Töchter vom
+Bruder des Herrn Buck grüßen uns schon nicht mehr!“ rief Magda. Und
+Diederich: „Ich werd’ ihnen fünf Ohrfeigen herunterhauen!“ – „Das laß
+gefälligst! An dem einen Prozeß haben wir genug.“ Da verlor er die Geduld.
+„Ihr? Was gehen euch meine politischen Kämpfe an?“
+
+„Alte Jungfern werden wir noch, wegen deiner politischen Kämpfe!“
+
+„Das braucht ihr nicht erst zu werden. Ihr liegt mir hier unnütz im Hause
+umher, ich rackere mich ab für euch, und ihr wollt auch noch nörgeln und
+mir meine heiligsten Aufgaben verekeln? Dann schüttelt gefälligst den
+Staub von euren Pantoffeln! Meinetwegen könnt ihr Kindermädchen werden!“
+Und er schlug die Tür zu, trotz Frau Heßlings gerungenen Händen.
+
+So kamen denn traurige Weihnachten heran. Die Geschwister sprachen nicht
+miteinander; Frau Heßling verließ das verschlossene Zimmer, wo sie den
+Baum schmückte, nie anders als mit verweinten Augen. Und am heiligen
+Abend, wie sie ihre Kinder hineinführte, sang sie ganz allein und mit
+zitternder Stimme „Stille Nacht“. „Dies schenkt Diedel seinen lieben
+Schwestern!“ sagte sie und machte ein bittendes Gesicht, damit er sie
+nicht Lügen strafe. Emmi und Magda dankten ihm verlegen, er besah ebenso
+verlegen die Gaben, die angeblich von ihnen kamen. Es tat ihm leid, daß er
+die gewohnte Christbaumfeier der Arbeiter, trotz Sötbiers dringendem Rat,
+abgelehnt hatte, um die unbotmäßige Gesellschaft zu bestrafen. Sonst hätte
+er jetzt mit den Leuten zusammensitzen können. Hier in der Familie war es
+eine künstliche Sache, eine Aufwärmung alter, verbrauchter Stimmung. Echt
+wäre sie erst geworden durch eine, die nicht dabei war: Guste ... Der
+Kriegerverein war ihm verschlossen, und im Ratskeller hätte er niemand
+gefunden, wenigstens keinen Freund. Diederich erschien sich
+vernachlässigt, unverstanden und verfolgt. Wie fern lagen die harmlosen
+Zeiten der Neuteutonia, als man in langen, von Wohlwollen beseelten Reihen
+sang und Bier trank. Heute, im rauhen Leben, brachten keine wackeren
+Kommilitonen mehr einander ehrliche Schmisse bei, sondern lauter
+verräterische Konkurrenten wollten sich gegenseitig an den Hals. „Ich
+passe nicht in diese harte Zeit“, dachte Diederich, aß Marzipan von seinem
+Teller und träumte in die Lichter des Weihnachtsbaumes. „Ich bin doch
+gewiß ein guter Mensch. Warum ziehen sie mich in so häßliche Dinge hinein
+wie dieser Prozeß, und schaden mir dadurch auch geschäftlich, so daß ich,
+ach lieber Gott! den Holländer, den ich bestellt habe, nicht werde
+bezahlen können.“ Dabei schnitt es ihm kalt durch den Leib, Tränen traten
+ihm in die Augen, und damit die Mutter, die immer ängstlich nach seiner
+sorgenvollen Miene schielte, sie nicht sähe, stahl er sich in das dunkle
+Nebenzimmer. Er stützte die Arme auf das Klavier und schluchzte in die
+Hände. Draußen stritten Emmi und Magda um ein paar Handschuhe, und die
+Mutter wagte nicht zu entscheiden, wem sie beschert worden waren.
+Diederich schluchzte. Alles war fehlgeschlagen, in Politik, Geschäft und
+Liebe. „Was hab’ ich denn noch?“ Er öffnete das Klavier. Ihn fröstelte, er
+war so unheimlich allein, daß er Angst hatte, ein Geräusch zu machen. Die
+Töne kamen von selbst, seine Hände wußten es kaum. Aus Volksliedern,
+Beethoven und dem Kommersbuch klang es durcheinander in der Dämmerung, die
+sich traulich davon erwärmte, so daß einem wohlig dumpf im Kopf ward.
+Einmal meinte er, daß eine Hand ihm über den Scheitel streife. War es nur
+ein Traum? Nein, denn auf dem Klavier stand plötzlich ein volles Bierglas.
+Die gute Mutter! Schubert, weiche Biederkeit, Gemüt der Heimat ... Es ward
+still, und er wußte es nicht – bis die Wanduhr schlug: eine Stunde war
+vergangen! „Das war meine Weihnacht“, sagte Diederich und ging hinaus zu
+den anderen. Er fühlte sich getröstet und gekräftigt. Da die Schwestern
+noch immer wegen der Handschuhe maulten, erklärte er sie für gemütlos und
+steckte die Handschuhe ein, um sie für sich umzutauschen.
+
+
+
+Die ganze Festzeit ward verdüstert durch die Sorge wegen des Holländers.
+Sechstausend Mark für einen neuen Patent-Holländer System Maier! Das Geld
+war nicht da, und wie die Dinge lagen, nicht zu beschaffen. Es war ein
+unbegreifliches Verhängnis, ein schäbiger Widerstand von Menschen und
+Dingen, der Diederich erbitterte. Wenn Sötbier nicht dabei war, schlug er
+mit dem Pultdeckel und schleuderte Briefordner in die Ecken. Für den neuen
+Herrn, der die Zügel des Betriebes in seine feste Hand genommen hatte,
+mußten doch ohne weiteres neue Unternehmungen eintreten, die Erfolge
+warteten auf ihn, die Ereignisse hatten sich seiner Persönlichkeit
+anzupassen!... Nach dem Zorn kam der Kleinmut, Diederich traf Vorkehrungen
+für den Fall einer Katastrophe. Er war sanft mit Sötbier: vielleicht
+konnte der Alte noch einmal helfen. Auch demütigte er sich vor Pastor
+Zillich und bat ihn, den Leuten zu sagen, daß er mit der Predigt, von der
+alle sprachen, nicht auf ihn gezielt habe. Der Pastor versprach es auch,
+mit sichtlicher Reue, unter dem strafenden Blick seiner Gattin, die sein
+Versprechen bekräftigte. Dann ließen die Eltern Käthchen mit Diederich
+allein, und er war ihnen in seiner Niedergeschlagenheit so dankbar, daß er
+sich fast erklärt hatte. Käthchens Jawort, das auf ihren lieben, dicken
+Lippen wartete, wäre doch ein Erfolg gewesen, es hätte ihm Bundesgenossen
+gebracht gegen die feindliche Welt. Aber der unbezahlbare Holländer! Er
+würde ein Viertel der Mitgift verschlungen haben ... Diederich seufzte, er
+müsse nun wieder ins Geschäft; und Käthchen kniff die Lippen zusammen,
+ohne daß das Jawort zur Verwendung gelangt war.
+
+Ein Entschluß mußte gefaßt werden, denn die Ankunft des Holländers stand
+bevor. Diederich sagte zu Sötbier: „Ich rate den Leuten nur, ihn auf Tag
+und Stunde zu liefern, sonst geb’ ich ihn ohne Gnade zurück.“ Aber Sötbier
+erinnerte an das Gewohnheitsrecht, das den Fabriken einige Tage Spielraum
+lasse. Trotz Diederichs Heftigkeit blieb er dabei. Übrigens traf die
+Maschine pünktlich ein. Sie war noch nicht ausgepackt, und schon wetterte
+Diederich. „Er ist zu groß! Die Leute haben mir garantiert, daß er kleiner
+sein soll als das alte System. Wozu kaufe ich ihn denn, wenn ich nicht mal
+Raum sparen soll!“ Und er ging, sobald der Holländer aufgestellt war, mit
+dem Metermaß um ihn herum. „Er ist zu groß! Ich laß mich nicht
+beschwindeln! Bezeugen Sie mir, Sötbier, daß er zu groß ist!“ Aber Sötbier
+klärte mit unbeirrbarer Rechtlichkeit den Fehler in Diederichs Messungen
+auf. Schnaufend zog Diederich sich zurück, um einen neuen Angriffsplan zu
+ersinnen. Er rief Napoleon Fischer herbei. „Wo ist denn der Monteur? Haben
+uns die Leute keinen Monteur mitgeschickt?“ Und dann entrüstete er sich.
+„Ich habe ihn doch bestellt!“ log er. „Die Leute scheinen ihr Geschäft zu
+verstehen. Ich werde mich nicht wundern, wenn ich für den Kerl täglich
+zwölf Mark bezahlen muß, und er glänzt durch Abwesenheit. Wer stellt mir
+das Unglücksding da nun auf?“
+
+Der Maschinenmeister behauptete, er verstehe sich darauf. Diederich bewies
+ihm plötzlich großes Wohlwollen. „Sie können sich denken: Ihnen zahl’ ich
+lieber die Überstunden, als daß ich mein Geld für den fremden Menschen
+hinauswerfe. Schließlich sind Sie ein alter Mitarbeiter.“ Napoleon Fischer
+zog die Brauen hinauf, sagte aber nichts. Diederich berührte seine
+Schulter. „Sehen Sie mal, lieber Freund,“ sagte er halblaut, „ich bin von
+dem Holländer nämlich enttäuscht. Auf den Bildern im Prospekt sah er
+anders aus. Die Messerwalze sollte doch viel breiter sein, wo bleibt da
+die größere Leistungsfähigkeit, die die Leute uns versprochen haben. Was
+meinen Sie? Halten Sie den Zug für gut? Ich fürchte, der Stoff bleibt
+liegen.“ Napoleon Fischer sah Diederich an, prüfend, aber schon mit
+Verständnis. Man müsse es ausprobieren, meinte er zögernd. Diederich
+vermied seinen Blick, er tat, als untersuchte er die Maschine. Dabei sagte
+er aufmunternd: „Also schön. Sie stellen das Ding auf, ich zahle Ihnen die
+Überstunden mit fünfundzwanzig Prozent Aufschlag, und dann tragen Sie in
+Gottes Namen gleich Stoff ein. Wir werden die Bescherung ja sehen.“
+
+„Es wird wohl ’ne nette Bescherung sein“, sagte der Maschinenmeister mit
+sichtlichem Entgegenkommen. Diederich griff, ehe er es selbst wußte, nach
+seinem Arm, Napoleon Fischer war ein Freund, ein Retter! „Kommen Sie mal
+mit, mein Lieber“ – seine Stimme war bewegt. Er führte Napoleon Fischer in
+das Wohnhaus, Frau Heßling mußte ihm ein Glas Wein einschenken, und
+Diederich drückte ihm, ohne hinzusehen, fünfzig Mark in die Hand. „Ich
+verlaß mich auf Sie, Fischer“, sagte er. „Wenn ich Sie nicht hätte, würde
+die Fabrik mich womöglich hineinlegen. Zweitausend Mark hab’ ich den
+Leuten schon in den Rachen geworfen.“
+
+„Die müssen sie wieder hergeben“, sagte der Maschinenmeister gefällig.
+Diederich fragte dringend: „Das meinen Sie doch auch?“
+
+Und schon tags darauf, nach der Mittagspause, die er zu Versuchen mit dem
+Holländer benutzt hatte, teilte Napoleon Fischer seinem Arbeitgeber mit,
+daß die neue Erwerbung nichts tauge. Der Stoff blieb liegen, man mußte mit
+dem Rührscheit nachhelfen, wie bei jedem Holländer ältester Konstruktion.
+„Also der offenbare Schwindel!“ rief Diederich. Auch brauchte der
+Holländer mehr als zwanzig Pferdestärken. „Das ist vertragswidrig! Müssen
+wir uns das gefallen lassen, Fischer?“
+
+„Das müssen wir uns nicht gefallen lassen“, entschied der Maschinenmeister
+und strich mit seiner knotigen Hand über sein schwarz behaartes Kinn.
+Diederich sah ihn zum erstenmal fest an.
+
+„Dann können Sie mir also bezeugen, daß der Holländer die bei Bestellung
+vereinbarten Bedingungen nicht erfüllt?“
+
+In Napoleon Fischers schütterem Bart erschien ein dünnes Lächeln. „Kann
+ich“, sagte er. Diederich sah das Lächeln. Um so strammer machte er kehrt.
+„Na, dann sollen die Leute mich kennenlernen!“ Sogleich schrieb er einen
+energisch gehaltenen Brief an Büschli & Cie. in Eschweiler. Die Antwort
+kam umgehend. Man begreife seine Beanstandungen nicht, der neue
+Patentholländer System Maier sei schon von mehreren Papierfabriken, deren
+Verzeichnis beiliege, aufgestellt und erprobt worden. Von einer
+Zurücknahme und gar von einer Rückerstattung der angezahlten 2000 Mark
+könne daher nicht die Rede sein, vielmehr sei der Rest der vertragsmäßigen
+Kaufsumme sofort zu erlegen. Diederich schrieb darauf noch entschiedener
+als das erstemal und drohte mit einer Klage. Büschli & Cie. versuchten
+nun, ihn zu beschwichtigen, sie empfahlen eine nochmalige Probe. „Sie
+haben Angst“, sagte Napoleon Fischer, dem Diederich das Schreiben zeigte,
+und er fletschte die Zähne. „Eine Klage können sie nicht brauchen, denn
+ihr Holländer ist noch nicht genügend eingeführt.“ „Stimmt“, sagte
+Diederich. „Wir haben die Kerls in der Hand!“ Und mit erbitterter
+Siegesgewißheit lehnte er jeden Vergleich und die angebotene
+Preisermäßigung schroff ab. Als dann mehrere Tage lang nichts weiter
+erfolgte, ward er freilich unruhig. Vielleicht warteten sie nun doch seine
+Klage ab? Vielleicht strengten sie selbst eine an! Unsicher suchte sein
+Blick, oftmals am Tage, Napoleon Fischer, der ihn von unten erwiderte. Sie
+sprachen nicht mehr miteinander. Wie aber Diederich eines Vormittags um
+elf Uhr beim zweiten Frühstück saß, brachte das Mädchen eine Karte:
+Friedrich Kienast, Prokurist der Firma Büschli & Cie., Eschweiler; und
+indes Diederich sie noch hin und her wendete, trat der Besucher schon ein.
+An der Tür blieb er stehen. „Pardon,“ sagte er, „es muß ein Irrtum sein.
+Man hat mich hier ins Haus gewiesen, aber ich komme nämlich geschäftlich.“
+
+Diederich hatte sich besonnen. „Ich kann es mir denken, aber das macht
+nichts, bitte, treten Sie doch näher. Doktor Heßling ist mein Name. Hier
+ist meine Mutter und meine Schwestern Emmi und Magda.“
+
+Der Herr trat näher und verbeugte sich vor den Damen. „Friedrich Kienast“,
+murmelte er. Er war groß, blondbärtig und trug einen braunen wolligen
+Jackettanzug. Alle drei Damen lächelten hingebend. „Darf ich für den Herrn
+ein Gedeck auflegen?“ fragte Frau Heßling. Und Diederich: „Natürlich. Herr
+Kienast frühstückt doch mit uns?“
+
+„Ich sage nicht nein“, erklärte der Vertreter von Büschli & Cie., und er
+rieb sich die Hände. Magda legte ihm Bücklinge vor, die er schon lobte,
+während er den ersten Bissen noch auf der Gabel hatte.
+
+Diederich fragte ihn, harmlos lachend:
+
+„Nüchtern machen Sie wohl auch nicht gern Geschäfte?“ Herr Kienast lachte
+auch. „Bei den Geschäften bin ich immer nüchtern.“ Diederich schmunzelte.
+„Na, dann werden wir uns wohl einigen.“ „Kommt darauf an, wie“; – und
+Kienasts schelmisch herausfordernde Worte begleitete ein Blick an Magda.
+Sie errötete.
+
+Diederich schenkte dem Gast Bier ein. „Sie haben wohl sonst noch was vor
+in Netzig?“ Worauf Kienast zurückhaltend: „Man kann nie wissen.“
+
+Versuchsweise sagte Diederich: „Bei Klüsing in Gausenfeld werden Sie
+nichts machen, er hat ’ne flaue Zeit.“ Und da der andere schwieg, dachte
+Diederich: „Sie haben ihn bloß wegen des Holländers hergeschickt, sie
+können keinen Prozeß brauchen!“ Da bemerkte er, daß Magda und der
+Vertreter von Büschli & Cie. gleichzeitig tranken und über die Gläser
+hinweg einander in die Augen sahen. Emmi und Frau Heßling saßen starr
+dabei. Diederich beugte sich schnaufend über seinen Teller; – plötzlich
+aber fing er an, das Familienleben zu preisen. „Sie haben Glück, mein
+lieber Herr Kienast, denn das zweite Frühstück ist ausgerechnet unsere
+schönste Stunde am Tage. Wenn man so mitten aus der Arbeit hier
+herauskommt, dann merkt man doch wieder mal, daß man sozusagen auch Mensch
+ist. Na, und das braucht man.“
+
+Kienast bestätigte, daß man es brauche. Frau Heßlings Frage, ob er schon
+verheiratet sei, verneinte er und sah dabei auf Magdas Scheitel, denn sie
+hatte den Kopf gesenkt.
+
+Diederich stand auf und schlug die Hacken zusammen. „Herr Kienast,“ sagte
+er schnarrend, „ich stehe zu Ihrer Verfügung.“
+
+„Eine Zigarre nimmt Herr Kienast noch“, bat Magda. Kienast ließ sie sich
+von ihr anzünden und hoffte, die Damen nochmals begrüßen zu können, –
+wobei er Magda verheißungsvoll anlächelte. Aber im Hof änderte auch er
+vollständig den Ton. „Na ja, das sind auch noch alte, enge Lokalitäten“,
+bemerkte er kalt und wegwerfend. „Sie sollten mal unsere Anlagen sehen.“
+
+„In einem Nest wie Eschweiler,“ erwiderte Diederich, genau so verächtlich,
+„da ist es kein Kunststück. Reißen Sie mal hier den Häuserblock nieder!“
+Und dann rief er im schärfsten Befehlston nach dem Maschinenmeister, damit
+er den neuen Holländer in Betrieb setze. Da Napoleon Fischer nicht sofort
+kam, stürmte Diederich hin. „Sie sitzen wohl auf Ihren Ohren, Herr?“ Aber
+sobald er ihm gegenüberstand, verstummte sein Geschrei; mit leiser,
+fliegender Stimme, die Augen angestrengt aufgerissen, sagte er: „Fischer,
+ich hab’ es mir überlegt, ich bin mit Ihnen zufrieden, vom Ersten ab
+erhöhe ich Ihr Gehalt auf hundertachtzig Mark.“ Darauf nickte Napoleon
+Fischer kurz und verständnisvoll, und sie trennten sich. Sogleich begann
+Diederich wieder zu schreien. Die Leute hatten geraucht! Sie behaupteten,
+es sei nur seine eigene Zigarre, die er rieche. Zu dem Vertreter von
+Büschli & Cie. sagte er: „Übrigens bin ich versichert, aber Zucht muß
+sein. Tadelloser Betrieb, wie?“
+
+„Veraltetes Aggregat“, entgegnete Herr Kienast, mit einem lieblosen Blick
+auf die Maschinen. Diederich versetzte höhnisch: „Weiß ich, mein Bester.
+Aber so gut wie Ihr Holländer allemal.“ Trotz Kienasts Protest fuhr er
+fort, die Leistungsfähigkeit der einheimischen Industrie herabzusetzen.
+Mit seiner neuen Einrichtung warte er bis zu seiner Reise nach England. Er
+gehe großzügig vor. Seit er selbst an der Spitze des Betriebes stehe, sei
+das Geschäft mächtig im Aufschwung. „Und es ist immer noch
+ausdehnungsfähig.“ Er erfand. „Jetzt hab’ ich Verträge mit zwanzig
+Kreisblättern. Die Berliner Warenhäuser machen mich überhaupt
+wahnsinnig ...“ Kienast unterbrach schneidend:
+
+„Dann haben Sie wohl gerade alles abgeliefert, denn ich sehe nirgends
+fertige Ware.“
+
+Diederich empörte sich. „Herr! Soll ich Ihnen was sagen? Erst gestern hab’
+ich an sämtliche kleinen Kunden ein Rundschreiben geschickt: bis zur
+Vollendung meines Neubaus könne ich nichts mehr liefern.“
+
+Der Maschinenmeister holte die Herren. Der neue Patentholländer war halb
+gefüllt, aber die Stoffbewegung blieb noch sehr schwach, der Arbeiter half
+mit dem Rührscheit nach. Diederich hielt die Uhr in der Hand. „Na also.
+Sie behaupten, in Ihrem Holländer braucht der Stoff für einen Umgang
+zwanzig bis dreißig Sekunden: ich zähle schon fünfzig ...
+Maschinenmeister, den Stoff ablassen ... Was ist denn los, das dauert ja
+ewig!“
+
+Kienast hatte sich über die Schale gebeugt. Er richtete sich auf, er
+lächelte gewitzigt. „Ja, wenn die Ventile verstopft sind ...“ Und mit
+einem scharfen Blick in die Augen Diederichs, die nicht standhielten: „Was
+sonst noch mit dem Holländer angestellt ist, kann ich in der Eile nicht
+sehen.“ Diederich fuhr empor, plötzlich sehr rot. „Wollen Sie mir
+vielleicht insinuieren, daß ich mit meinem Maschinenmeister –?“
+
+„Ich habe nichts gesagt“, stellte Kienast fest.
+
+„Das müßte ich mir auch energisch verbitten.“ Diederich blitzte. Auf
+Kienast schien es keinen Eindruck zu machen, er behielt seine kalten Augen
+und das abgefeimte Grinsen in seinem am Kinn auseinandergebürsteten Bart.
+Wenn er sich rasiert und den Schnurrbart bis zu den Augenwinkeln
+hinaufgebunden haben würde, er hätte Ähnlichkeit mit Diederich bekommen!
+Er war eine Macht! Um so drohender trat Diederich auf. „Mein
+Maschinenmeister ist Sozialdemokrat: daß er mir einen Gefallen tun soll,
+ist lachhaft. Übrigens mache ich, als Reserveoffizier, Sie auf die Folgen
+Ihrer Äußerung aufmerksam!“
+
+Kienast trat in den Hof hinaus. „Lassen Sie das nur, Herr Doktor“, sagte
+er kühl. „In Geschäften bin ich nüchtern, das hab’ ich Ihnen schon beim
+Frühstück gesagt. Jetzt brauch’ ich Ihnen nur noch zu wiederholen, daß wir
+den Holländer in tadellosem Zustand geliefert haben und an Rücknahme nicht
+denken.“ – Das werde man sehen, erklärte Diederich. Einen Prozeß hielten
+Büschli & Cie. wohl für besonders wirksam, zur Einführung ihres neuen
+Artikels? „Ich werde Ihnen in den Fachblättern noch eine besondere
+Empfehlung mitgeben!“ Darauf Kienast: auf Erpressungsversuche gehe er
+nicht ein. Und Diederich: einen satisfaktionsunfähigen Knoten werfe man
+einfach hinaus. – Da erschien drüben im Haustor Magda.
+
+Sie hatte ihr Pelzjackett von Weihnacht an, und sie lächelte rosig. „Die
+Herren sind noch immer nicht fertig?“ fragte sie schalkhaft. „Das Wetter
+ist doch so schön, man muß ein bißchen hinaus vor dem Mittagessen. _A
+propos_“, sagte sie geläufig. „Mama läßt fragen, ob Herr Kienast zum
+Abendessen kommt.“ Da Kienast erklärte, er müsse leider danken, lächelte
+sie dringlicher. „Und mir würden Sie es auch abschlagen?“ Kienast lachte
+bitter. „Ich würde nicht nein sagen, Fräulein. Aber weiß ich denn, ob Ihr
+Herr Bruder –?“ Diederich schnaufte, Magda sah ihn flehend an. „Herr
+Kienast“, brachte er hervor. „Es wird mich freuen. Vielleicht, daß wir uns
+auch noch verständigen.“ Er hoffe es, sagte Kienast, worauf er sich
+weltmännisch erbot, das Fräulein ein Stück zu begleiten. „Wenn mein Bruder
+nichts dagegen hat“, sagte sie züchtig und ironisch. Diederich erlaubte
+auch dies noch; – und dann sah er ihr erstaunt nach, wie sie mit dem
+Prokuristen von Büschli & Cie. abzog. Was die auf einmal alles konnte!
+
+Wie er zum Mittagessen kam, hörte er drinnen im Wohnzimmer die Schwestern
+mit scharfen Stimmen sprechen. Emmi warf Magda vor, sie benehme sich
+schamlos. „So macht man es denn doch nicht.“ – „Nein!“ rief Magda. „Ich
+werde dich um Erlaubnis bitten.“ – „Das würde gar nichts schaden.
+Überhaupt bin ich an der Reihe!“ – „Hast du sonst noch Sorgen?“ – Und
+Magda schlug ein Hohngelächter an. Da Diederich eintrat, verstummte sie
+sofort. Diederich rollte unzufrieden die Augen; aber Frau Heßling hätte
+nicht nötig gehabt, hinter ihren Töchtern die Hände zu ringen: in den
+Weiberstreit einzugreifen, war unter seiner Würde.
+
+Beim Essen ward von dem Gast gesprochen. Frau Heßling rühmte den soliden
+Eindruck, den er mache. Emmi erklärte: wenn so ein Kommis nicht einmal
+solide sein sollte. Mit einer Dame reden könne er überhaupt nicht. Magda
+behauptete entrüstet das Gegenteil. Und da alle auf Diederichs
+Entscheidung warteten, entschloß er sich. Komment scheine der Herr
+freilich nicht viel zu haben. Akademische Bildung sei eben nicht zu
+ersetzen. „Aber als tüchtigen Geschäftsmann hab’ ich ihn kennengelernt.“
+Emmi hielt sich nicht mehr.
+
+„Wenn Magda den Menschen heiraten will, ich erkläre, daß ich nicht mit
+euch verkehre. Das Kompott hat er mit dem Messer gegessen!“
+
+„Sie lügt!“ Magda brach in Schluchzen aus. Diederich empfand Mitleid; er
+herrschte Emmi an:
+
+„Heirate du bitte einen regierenden Herzog, und dann lass’ uns in Ruh’.“
+
+Da legte Emmi Messer und Gabel hin und ging hinaus. Am Abend vor
+Geschäftsschluß erschien Herr Kienast im Bureau. Er trug einen Gehrock,
+und sein Wesen war eher gesellschaftlich als geschäftlich. Beide hielten,
+in stillem Einverständnis, das Gespräch hin, bis der alte Sötbier seine
+Sachen zusammenpackte. Als er sich, mit einem mißtrauischen Blick,
+zurückgezogen hatte, sagte Diederich:
+
+„Den Alten habe ich auf den Aussterbeetat gesetzt. Die wichtigeren Sachen
+mache ich allein.“
+
+„Na, und haben Sie sich die unsere überlegt?“ fragte Kienast.
+
+„Und Sie?“ erwiderte Diederich. Kienast zwinkerte vertraulich.
+
+„Meine Vollmacht reicht eigentlich nicht so weit, aber ich nehme es auf
+meine Kappe. Geben Sie den Holländer in Gottes Namen zurück. Ein Defekt
+wird sich doch wohl finden.“
+
+Diederich begriff. Er versprach: „Sie werden ihn finden.“ Kienast sagte
+sachlich:
+
+„Für unser Entgegenkommen verpflichten Sie sich, alle Ihre Maschinen
+vorkommendenfalls nur bei uns zu bestellen. Einen Moment!“ bat er, da
+Diederich auffuhr. „Und außerdem ersetzen Sie unsere Unkosten und meine
+Reise mit fünfhundert Mark, die wir von Ihrer Anzahlung abziehen.“
+
+„Aber hören Sie mal, das ist Wucher!“ Diederichs Gerechtigkeitssinn
+empörte sich laut. Auch Kienast erhob schon wieder die Stimme. „Herr
+Doktor!...“ Diederich faßte sich gewaltsam, er legte dem Prokuristen die
+Hand auf die Schulter. „Gehen wir jetzt nur hinauf, die Damen warten.“
+„Wir hatten uns so weit ganz gut verstanden“, meinte Kienast besänftigt.
+„Die kleine Differenz wird sich auch noch aufklären“, verhieß Diederich.
+
+Droben roch es festlich. Frau Heßling glänzte mit ihrem schwarzen
+Atlaskleid. Durch Magdas Spitzenbluse schimmerte mehr hindurch, als sie
+sonst im Familienkreis zum besten gab. Nur Emmis Anzug und Miene waren
+grau und alltäglich. Magda wies dem Gast seinen Platz an und ließ sich zu
+seiner Rechten nieder; und als man eben erst saß und sich noch räusperte,
+sagte sie schon, mit fieberhaft belebten Augen: „Jetzt sind die Herren
+aber mit den dummen Geschäften fertig.“ Diederich bestätigte, sie seien
+glänzend miteinander fertig geworden. Büschli & Cie. seien kulante Leute.
+
+„Bei unserem Riesenbetrieb“, erklärte der Prokurist. „Zwölfhundert
+Arbeiter und Beamte, eine ganze Stadt mit einem eigenen Hotel für die
+Kunden.“ Er lud Diederich ein. „Kommen Sie nur, bei uns leben Sie vornehm
+und umsonst.“ Und da Magda neben ihm an seinen Lippen hing, rühmte er
+seine Stellung, seine Machtbefugnisse, die Villa, die er zur Hälfte
+bewohnte. „Wenn ich mich verheirate, kriege ich auch die andere Hälfte.“
+
+Diederich lachte dröhnend. „Dann wäre es wohl das einfachste, Sie
+heirateten. Na prost!“
+
+Magda schlug die Augen nieder, und Herr Kienast ging zu etwas anderem
+über. Ob Diederich auch wisse, warum er ihm so leicht entgegengekommen
+sei? „Ihnen, Herr Doktor, hab’ ich nämlich gleich angesehen, daß mit Ihnen
+später noch große Sachen zu machen sein werden, – wenn es hier jetzt auch
+noch etwas kleine Verhältnisse sind“, setzte er nachsichtig hinzu.
+Diederich wollte seine Großzügigkeit und die Ausdehnungsfähigkeit seines
+Unternehmens beteuern, aber Kienast ließ sich seinen Gedankengang nicht
+abschneiden. Menschenkenntnis sei nämlich seine Spezialität. Einen
+Geschäftsfreund müsse man vor allem auch in seinem Heim aufsuchen. „Wenn
+da alles so wohl bestellt ist wie hier –“
+
+Gerade ward die duftende Gans aufgetragen, nach der Frau Heßling schon
+mehrmals heimlich ausgeblickt hatte. Schnell gab sie sich eine Miene, als
+sei die Gans eine höchst gewöhnliche Erscheinung. Herr Kienast machte
+trotzdem eine anerkennende Pause. Frau Heßling fragte sich, ob sein Blick
+wirklich auf der Gans oder, hinter ihrem süßen Qualm, auf Magdas
+durchbrochener Bluse ruhe. Jetzt riß er sich los und ergriff sein Glas.
+„Und darum: auf die Familie Heßling, auf die verehrte mütterliche Hausfrau
+und ihre blühenden Töchter!“ Magda wölbte die Brust, um das Blühen
+anschaulicher zu machen, und um so flacher sah Emmi aus. Auch stieß Herr
+Kienast zuerst mit Magda an.
+
+Diederich erwiderte seinen Toast. „Wir sind eine deutsche Familie. Wen wir
+in unser Haus aufgenommen haben, den nehmen wir auch in unsere Herzen
+auf.“ Er hatte Tränen in den Augen, indes Magda wieder einmal errötete.
+„Und wenn es auch nur ein bescheidenes Haus ist, die Herzen sind treu.“ Er
+ließ den Gast hochleben, der seinerseits versicherte, er sei immer für
+Bescheidenheit gewesen, „besonders in Familien, wo junge Mädchen sind.“
+
+Frau Heßling griff ein. „Nicht wahr? Woher soll denn sonst ein junger Mann
+den Mut nehmen –? Meine Töchter schneidern alles selbst.“ Dies war für
+Herrn Kienast das Stichwort, sich über Magdas Bluse zu beugen behufs
+eingehender Würdigung.
+
+Zum Nachtisch schälte sie ihm eine Apfelsine und nippte ihm zu Ehren vom
+Tokaier. Wie man dann ins Wohnzimmer ging, blieb Diederich, die Arme um
+seine beiden Schwestern geschlungen, in der Tür stehen. „Ja, ja, Herr
+Kienast“, sagte er mit tiefer Stimme. „Das ist der Familienfriede, den
+sehen Sie sich nur an, Herr Kienast!“ Magda schmiegte sich, ganz
+Hingebung, an seine Schulter. Da Emmi von ihm fortstrebte, bekam sie
+rückwärts einen Stoß. „So geht es immer bei uns zu“, fuhr Diederich fort.
+„Ich arbeite den ganzen Tag für die Meinen, und der Abend vereint uns dann
+hier beim Lampenschimmer. Um die Leute da draußen und den Klüngel unserer
+sogenannten Gesellschaft bekümmern wir uns so wenig wie möglich, wir haben
+an uns selbst genug.“
+
+Hier gelang es Emmi, sich loszumachen; man hörte sie draußen eine Tür
+zuschlagen. Ein um so zärtlicheres Bild boten Diederich und Magda, wie sie
+sich am mild beglänzten Tisch niederließen. Herr Kienast sah nachdenklich
+den Punsch kommen, den Frau Heßling in mächtiger Bowle still lächelnd
+hereintrug. Indes Magda dem Gast das Glas füllte, setzte Diederich
+auseinander, daß er dank dieser Beschränkung auf die stille Häuslichkeit
+imstande sein werde, seine Schwestern einmal gut zu verheiraten. „Denn der
+Aufschwung des Geschäftes kommt den Mädchen zugut, die Fabrik gehört ihnen
+mit, ganz abgesehen von der baren Mitgift; na, und wenn dann einer meiner
+künftigen Schwäger auch noch sein Kapital in den Betrieb stecken will –“
+
+Aber Magda, die Herrn Kienasts Miene besorgt werden sah, lenkte ab. Sie
+fragte ihn nach seiner eigenen Familie und ob er denn ganz allein sei. Da
+bekam er gerührte Augen und rückte näher. Diederich saß dabei, trank und
+drehte die Daumen. Mehrmals versuchte er noch teilzunehmen an dem Gespräch
+der beiden, die sich ganz allein zu fühlen schienen. „Na, dann haben Sie
+also glücklich Ihren Einjährigen gemacht“, sagte er gönnerhaft und
+wunderte sich dabei über die Zeichen, die Frau Heßling hinter dem Rücken
+der anderen ihm gab. Erst als sie sich aus der Tür schlich, begriff er,
+nahm sein Punschglas und ging in das dunkle Nebenzimmer zum Klavier. Er
+tastete ein wenig darauf umher, geriet unversehens in die Burschenlieder
+und sang dröhnend mit: „Sie wissen den Teufel, was Freiheit heißt.“ Als er
+fertig war, horchte er hinüber; es war drinnen aber so still, als sei man
+eingeschlafen; und obwohl er sich gern wieder etwas aus der Bowle
+geschöpft hätte, stimmte er doch aus Pflichtgefühl von neuem an: „Im
+tiefen Keller sitz’ ich hier.“
+
+Da, mitten im Vers, fiel ein Stuhl um, und ein lauter Schall folgte,
+dessen Herkunft nicht zu verkennen war. Mit einem Sprung war Diederich im
+Wohnzimmer. „Nanu“, sagte er, kräftig und bieder, „Sie scheinen ja ernste
+Absichten zu haben.“ Das Paar löste sich voneinander. „Ich sage nicht
+nein“, erklärte Herr Kienast. Diederich war plötzlich heftig bewegt. Aug’
+in Auge schüttelte er Kienast die Hand, und mit der anderen zog er Magda
+herbei. „Das ist aber eine Überraschung! Herr Kienast, machen Sie mein
+Schwesterchen glücklich. An mir sollt ihr allzeit einen guten Bruder
+haben, so wie ich es bisher gewesen bin, das darf ich wohl sagen.“
+
+Und die Augen wischend, rief er hinaus: „Mutter! Es ist was passiert.“
+Frau Heßling stand gleich hinter der Tür, nur konnte sie, vor übergroßer
+Bewegung, nicht sofort ihre Beine gebrauchen. Auf Diederich gestützt,
+wankte sie herein, fiel Herrn Kienast um den Hals und löste sich dort in
+Tränen auf. Diederich klopfte inzwischen an Emmis Zimmer, das verschlossen
+war. „Emmi, komm heraus, es ist was los!“ Sie riß endlich die Tür auf,
+zornrot im Gesicht. „Wozu störst du mich im Schlaf. Ich kann mir schon
+denken, was los ist. Macht eure Unanständigkeiten allein!“ Und sie würde
+wieder zugeschlagen haben, hätte nicht Diederich den Fuß in den Spalt
+gesetzt. Streng bedeutete er ihr, für ihr gemütloses Verhalten verdiene
+sie, daß sie selbst nie mehr einen Mann bekomme. Er erlaubte ihr nicht
+einmal, sich anzuziehen, sondern zerrte sie mit, wie sie war, in ihrer
+Matinee, mit aufgelösten Haaren. Im Flur entwand sie sich ihm. „Du machst
+uns lächerlich“, zischte sie, – und noch vor ihm erschien sie bei den
+Verlobten, den Kopf sehr hoch, mit spöttisch musterndem Blick. „Mußte das
+so spät in der Nacht sein?“ fragte sie. „Nun, dem Glücklichen schlägt
+keine Stunde.“ Kienast sah sie an: sie war größer als Magda, ihr Gesicht,
+das jetzt Farbe hatte, sah voller aus in dem offenen Haar, das lang und
+stark war. Kienast behielt ihre Hand länger als nötig; sie entzog sie ihm,
+da wandte er sich von ihr zu Magda, mit sichtlichem Zweifel. Emmi ließ auf
+ihre Schwester ein Lächeln des Triumphes fallen, machte kehrt und
+verschwand, hoch aufgerichtet, – indes Magda angstvoll nach Kienasts Arm
+griff. Aber Diederich kam, in der Hand ein gefülltes Punschglas, und
+verlangte mit seinem neuen Schwager Bruderschaft zu trinken.
+
+
+
+Am Morgen holte er ihn aus dem Hotel zum Frühschoppen ab. „Bis Mittag
+bezähme gefälligst deine Sehnsucht nach dem Weiblichen. Jetzt müssen wir
+mal ein Wort unter Männern reden.“ In Klappsch’ Bierstube setzte er ihm
+die Lage auseinander: Fünfundzwanzigtausend bar am Tage der Hochzeit – die
+Belege waren jeden Augenblick zu sehen – und, gemeinsam mit Emmi, ein
+Viertel der Fabrik. – „Also nur ein Achtel“, stellte Kienast fest; worauf
+Diederich: „Soll ich mich vielleicht umsonst für euch abrackern?“ Ein
+unzufriedenes Schweigen entstand.
+
+Diederich stellte die Stimmung wieder her. „Prost Friedrich!“ „Prost
+Diederich!“ sagte Kienast. Dann schien Diederich etwas einzufallen. „Du
+hast es ja in der Hand, deinen Anteil am Geschäft zu erhöhen, wenn du Geld
+einlegst. Wie sieht es denn mit deinen Ersparnissen aus? Bei deinem
+großartigen Gehalt!“ Kienast erklärte, im Prinzip sage er nicht nein. Aber
+noch laufe sein Vertrag mit Büschli & Cie. Auch habe er in diesem Jahr
+eine beträchtliche Gehaltserhöhung zu erwarten, da wäre es ein Verbrechen
+gegen sich selbst, jetzt zu kündigen. „Und wenn ich euch mein Geld gebe,
+muß ich selbst ins Geschäft eintreten. Bei allem Vertrauen, das ich dir
+entgegenbringe, lieber Diederich –“
+
+Diederich sah es ein. Kienast schlug seinerseits etwas vor. „Wenn du
+einfach die Mitgift auf Fünfzigtausend festsetztest! Magda würde dann auf
+ihren Anteil am Geschäft verzichten.“ Dies stieß wieder auf Diederichs
+unbedingten Widerspruch. „Es wäre gegen den letzten Willen meines seligen
+Vaters, der ist mir heilig. Und so großzügig, wie ich arbeite, kann in
+einigen Jahren Magdas Anteil das Zehnfache betragen von dem, was du jetzt
+verlangst. Nie werde ich mich dazu hergeben, meine arme Schwester so zu
+schädigen.“ Hierauf feixte der Schwager ein wenig. Diederichs Familiensinn
+ehre ihn, aber mit Großzügigkeit allein sei es nicht getan. Und Diederich,
+merklich gereizt: er sei gottlob für seine Geschäftsführung außer Gott nur
+sich selbst verantwortlich. „Fünfundzwanzigtausend bar und ein Achtel des
+Reingewinnes, mehr ist nicht zu holen.“ Kienast trommelte auf den Tisch.
+„Ich weiß noch nicht, ob ich deine Schwester dafür übernehmen kann“,
+erklärte er. „Mein letztes Wort behalte ich mir noch vor.“ Diederich
+zuckte die Achseln, und sie tranken ihr Bier aus. Kienast kam mit zum
+Essen; Diederich hatte schon gefürchtet, er werde sich drücken.
+Glücklicherweise war Magda noch verführerischer hergerichtet als gestern,
+– „wie wenn sie gewußt hätte, es geht ums Ganze“, dachte Diederich, der
+sie bewunderte. Bei der Mehlspeise hatte sie Kienast wieder so sehr
+erwärmt, daß er die Hochzeit in vier Wochen wünschte. „Dein letztes Wort?“
+fragte Diederich neckisch. Als Antwort zog Kienast die Ringe aus der
+Tasche.
+
+Nach Tisch ging Frau Heßling auf den Fußspitzen aus dem Zimmer, wo die
+Verlobten saßen, und auch Diederich wollte sich zurückziehen, aber sie
+holten ihn zum Spazierengehen. „Wohin geht es denn, und wo sind Mutter und
+Emmi?“ Emmi hatte sich geweigert, mitzukommen, und darum blieb auch Frau
+Heßling zu Hause. „Weil es sonst schlecht aussehen würde, weißt du“, sagte
+Magda. Diederich stimmte ihrer Einsicht zu. Er wischte ihr sogar den Staub
+fort, der beim Eintritt in die Fabrik an ihrem Pelzjackett hängengeblieben
+war. Er behandelte Magda mit Achtung, denn sie hatte Erfolg gehabt.
+
+Man ging gegen das Rathaus zu. Es schadete nichts, nicht wahr, wenn die
+Leute einen sahen. Der erste freilich, dem man gleich in der Meisestraße
+begegnete, war nur Napoleon Fischer. Er fletschte die Zähne vor dem
+Brautpaar und nickte Diederich zu, mit einem Blick, der sagte, er wisse
+Bescheid. Diederich war dunkelrot; er würde den Menschen angehalten und
+ihm auf offener Straße einen Krach gemacht haben: aber konnte er? „Es war
+ein schwerer Fehler, daß ich mich mit dem hinterhältigen Proleten auf
+Vertraulichkeiten eingelassen habe! Es wäre auch ohne ihn gegangen! Jetzt
+schleicht er um das Haus, damit ich daran denke, daß er mich in der Hand
+hat. Ich werde noch Erpressungen erleben.“ Aber zwischen ihm und dem
+Maschinenmeister war gottlob alles unter vier Augen vor sich gegangen. Was
+Napoleon Fischer über ihn behaupten konnte, war Verleumdung. Diederich
+ließ ihn einfach einsperren. Dennoch haßte er ihn für seine
+Mitwisserschaft, daß ihm bei zwanzig Grad Kälte heiß und feucht ward. Er
+sah sich um. Fiel denn kein Ziegelstein auf Napoleon Fischer?
+
+In der Gerichtsstraße fand Magda, daß der Gang sich lohne, denn bei
+Landgerichtsrat Harnisch standen hinter einer Scheibe Meta Harnisch und
+Inge Tietz, und Magda wußte bestimmt, daß sie bei Kienasts Anblick sehr
+beunruhigte Gesichter gemacht hatten. Auf der Kaiser-Wilhelm-Straße war
+heute leider wenig los; höchstens daß Major Kunze und Dr. Heuteufel, die
+in die „Harmonie“ gingen, von ferne neugierige Gesichter machten. An der
+Ecke der Schweinichenstraße aber trat etwas ein, was Diederich nicht
+vorausgesehen hatte: gleich vor ihnen ging Frau Daimchen mit Guste. Magda
+beschleunigte sofort den Schritt und plauderte lebhafter. Richtig drehte
+Guste sich um, und Magda konnte sagen: „Frau Oberinspektor, hier stelle
+ich Ihnen meinen Bräutigam Herrn Kienast vor.“ Der Bräutigam ward
+gemustert und schien zu entsprechen, denn Guste, mit der Diederich zwei
+Schritte zurückblieb, fragte nicht ohne Achtung: „Wo haben Sie ihn denn
+hergenommen?“ Diederich scherzte. „Ja, so nah wie Sie, findet nicht jede
+den ihren. Aber dafür solider.“ – „Fangen Sie schon wieder an?“ rief
+Guste, aber ohne Feindlichkeit. Sie streifte sogar Diederichs Blick und
+seufzte dabei leicht. „Meiner ist ja immer Gott weiß wo. Man kommt sich
+vor wir die reine Witwe.“ Gedankenvoll sah sie Magda nach, die an Kienasts
+Arm hing. Diederich gab zu bedenken: „Wer tot ist, kann es auch bleiben.
+Es gibt noch genug Lebendige.“ Dabei drängte er Guste bis an die
+Häuserwand und sah ihr werbend ins Gesicht; und wirklich, ihr liebes,
+dickes Gesicht ward einen Augenblick lang gewährend.
+
+Leider war Schweinichenstraße 77 schon erreicht, und man nahm Abschied. Da
+hinter dem Sachsentor alles aus war, kehrten die Geschwister mit Herrn
+Kienast wieder um. Magda, die auf dem Arm ihres Verlobten ruhte, sagte
+ermunternd zu Diederich: „Nun, was meinst du?“ – worauf er rot ward und
+schnaufte. „Was ist da zu meinen“, brachte er hervor, und Magda lachte.
+
+In der leeren, stark dämmernden Straße kam ihnen jemand entgegen. „Ist das
+nicht –?“ fragte Diederich, ohne Überzeugung. Aber die Figur näherte sich:
+dick, offenbar noch jung, mit einem großen, weichen Hut, sonst elegant,
+und die Füße setzte er einwärts. „Wahrhaftig, Wolfgang Buck!“ Er dachte
+enttäuscht: „Und Guste stellt sich, als wäre er am Ende der Welt. Das
+Lügen muß ich ihr austreiben!“
+
+„Da sind Sie ja“ – der junge Buck schüttelte Diederich die Hand. „Das
+freut mich.“ – „Mich auch“, erwiderte Diederich, trotz der Enttäuschung
+mit Guste, und er machte seinen Schwager mit seinem Schulfreund bekannt.
+Buck stattete seine Glückwünsche ab, dann trat er mit Diederich hinter die
+beiden anderen. „Sie wollten gewiß zu Ihrer Braut?“ bemerkte Diederich.
+„Sie ist zu Hause, wir haben sie hinbegleitet.“ – „So?“ machte Buck und
+zuckte die Achseln. „Nun, ich finde sie immer noch“, sagte er
+phlegmatisch. „Vorläufig bin ich froh, daß ich Ihnen mal wieder begegnet
+bin. Unser Gespräch in Berlin, unser einziges, nicht wahr – es war so
+anregend.“
+
+Auch Diederich fand dies jetzt – obwohl es ihn damals nur geärgert hatte.
+Er war ganz belebt durch das Wiedersehen. „Ja, meinen Gegenbesuch bin ich
+Ihnen schuldig geblieben. Sie wissen wohl, wieviel einem in Berlin immer
+dazwischen kommt. Hier freilich hat man Zeit. Öde, wie? Zu denken, daß man
+hier sein Leben verbringen soll“ – und Diederich zeigte die kahle
+Häuserreihe hinauf. Wolfgang Buck schnupperte mit seiner weich gebogenen
+Nase in die Luft, auf seinen fleischigen Lippen schien er sie zu kosten,
+und er machte tiefsinnende Augen. „Ein Leben in Netzig“, sagte er ganz
+langsam. „Nun ja, es kommt darauf hinaus. Unsereiner ist nicht in der
+Lage, bloß für seine Sensationen zu leben. Übrigens gibt es auch hier
+welche.“ Er lächelte verdächtig. „Der Wachtposten hat bis sehr hoch hinauf
+Sensation gemacht.“
+
+„Ach so –“ Diederich streckte den Bauch vor. „Sie wollen schon wieder
+nörgeln. Ich stelle fest, daß ich in der Sache durchaus auf seiten Seiner
+Majestät stehe.“
+
+Buck winkte ab. „Lassen Sie nur. Ich kenne ihn.“
+
+„Ich noch besser“, behauptete Diederich. „Wer ihm, wie ich, ganz allein
+und Aug’ in Auge gegenüber gestanden hat, im Tiergarten vorigen Februar,
+nach dem großen Krawall, und dies Auge blitzen gesehen hat, dies
+Fritzenauge, sag’ ich Ihnen: der vertraut auf unsere Zukunft.“
+
+„Auf unsere Zukunft – weil ein Auge geblitzt hat.“ Bucks Mund und Wangen
+sanken schwer melancholisch herab. Diederich stieß Luft durch die Nase.
+„Ich weiß schon, Sie glauben in unserer Zeit an keine Persönlichkeit.
+Sonst wären Sie ja Lassalle oder Bismarck geworden.“
+
+„Schließlich könnte ich es mir leisten. Gewiß. Geradeso gut wie er –. Wenn
+auch weniger begünstigt von den äußeren Umständen.“
+
+Sein Ton ward lebhafter und überzeugter. „Worauf es für jeden persönlich
+ankommt, ist nicht, daß wir in der Welt wirklich viel verändern, sondern
+daß wir uns ein Lebensgefühl schaffen, als täten wir es. Dazu ist nur
+Talent nötig, und das hat er.“
+
+Diederich war beunruhigt, er sah sich um. „Wir sind hier zwar unter uns,
+die Herrschaften dort vor uns haben Wichtigeres zu besprechen, aber ich
+weiß doch nicht –“
+
+„Daß Sie immer glauben, ich habe was gegen ihn. Er ist mir wahrhaftig
+nicht unsympathischer, als ich mir selbst bin. Ich hätte an seiner Stelle
+den Gefreiten Lück und unseren Netziger Wachtposten genau so ernst
+genommen. Wäre das noch eine Macht, die nicht bedroht wäre? Erst wenn es
+einen Umsturz gibt, fühlt man sich. Was würde aus ihm, wenn er sich sagen
+müßte, daß die Sozialdemokratie gar nicht ihn meint, sondern höchstens
+eine etwas praktischere Verteilung dessen, was verdient wird.“
+
+„Oho!“ machte Diederich.
+
+„Nicht wahr? Das würde Sie empören. Und ihn auch. Neben den Ereignissen
+hergehen, die Entwicklung nicht beherrschen, sondern in ihr mit
+einbegriffen sein: ist das zu ertragen?... Im Innern unbeschränkt! – und
+dabei außerstande, auch nur Haß zu erregen anders als durch Worte und
+Gesten. Denn woran halten sich die Nörgler? Was ist Ernstliches geschehen?
+Auch der Fall Lück ist nur wieder eine Geste. Sinkt die Hand, ist alles
+wie zuvor: aber Darsteller und Publikum haben eine Sensation gehabt. Und
+nur darauf, mein lieber Heßling, kommt es uns allen heute an. Er selbst,
+den wir meinen, wäre am erstauntesten, glauben Sie es mir, wenn der Krieg,
+den er immerfort an die Wand malt, oder die Revolution, die er sich
+hundertmal vorgespielt hat, einmal wirklich ausbräche.“
+
+„Darauf werden Sie nicht lange zu warten brauchen!“ rief Diederich. „Und
+dann sollen Sie sehen, daß alle national Gesinnten treu und fest zu ihrem
+Kaiser stehen!“
+
+„Gewiß.“ Buck zuckte immer häufiger die Achseln. „Das ist die übliche
+Wendung, wie er selbst sie vorgeschrieben hat. Worte laßt ihr euch von ihm
+vorschreiben, und die Gesinnung war nie so gut geregelt, wie sie es jetzt
+wird. Aber Taten? Unsere Zeit, bester Zeitgenosse, ist nicht tatbereit. Um
+seine Erlebnisfähigkeit zu üben, muß man vor allem leben, und die Tat ist
+so lebensgefährlich.“
+
+Diederich richtete sich auf. „Wollen Sie den Vorwurf der Feigheit
+vielleicht in Verbindung bringen mit –?“ „Ich habe kein moralisches Urteil
+ausgesprochen. Ich habe eine Tatsache der inneren Zeitgeschichte erwähnt,
+die uns alle angeht. Übrigens sind wir zu entschuldigen. Für den auf der
+Bühne Agierenden ist alle Aktion erledigt, denn er hat sie durchgeführt.
+Was will die Wirklichkeit noch von ihm? Sie wissen wohl nicht, wen die
+Geschichte als den repräsentativen Typus dieser Zeit nennen wird?“
+
+„Den Kaiser!“ sagte Diederich.
+
+„Nein“, sagte Buck. „Den Schauspieler.“
+
+Da schlug Diederich ein Gelächter an, daß dort vorn das Brautpaar
+auseinanderfuhr und sich umwandte. Aber man war auf dem Theaterplatz, es
+wehte eisig hinüber; sie gingen weiter.
+
+„Na ja,“ brachte Diederich hervor, „ich hätte mir gleich sagen können, wie
+Sie auf das verrückte Zeug gekommen sind. Sie haben doch mit dem Theater
+zu tun.“ Er klopfte Buck auf die Schulter. „Sind Sie am Ende schon selbst
+dabei?“
+
+Buck bekam unruhige Augen; der Hand, die ihn klopfte, entzog er sich mit
+einer Wendung, die Diederich unkameradschaftlich fand. „Ich? Ach nein“,
+sagte Buck; und nachdem beide bis zur Gerichtsstraße unzufrieden
+geschwiegen hatten: „Ach so. Sie wissen noch nicht, warum ich in Netzig
+bin.“
+
+„Wahrscheinlich Ihrer Braut wegen.“
+
+„Das wohl auch. Vor allem aber habe ich die Verteidigung meines Schwagers
+Lauer übernommen.“
+
+„Sie sind –? Im Prozeß Lauer –?“ Es nahm Diederich den Atem, er blieb
+stehen.
+
+„Nun ja“, sagte Buck und zuckte die Achseln. „Wundert Sie das? Seit kurzem
+bin ich beim Landgericht Netzig als Rechtsanwalt zugelassen. Hat mein
+Vater Ihnen nicht davon gesprochen?“
+
+„Ich sehe Ihren Herrn Vater selten ... Ich gehe nur wenig aus. Meine
+Berufspflichten ... Diese Verlobung ...“ Diederich verlor sich in
+Gestammel. „Dann müssen Sie ja schon oft –. Wohnen Sie vielleicht schon
+ganz hier?“
+
+„Nur vorläufig – glaube ich.“
+
+Diederich raffte sich zusammen. „Ich muß sagen: ich habe Sie schon öfter
+nicht ganz verstanden – aber so wenig doch noch nie wie jetzt, wo Sie mit
+mir durch halb Netzig gehen.“
+
+Buck blinzelte ihn an. „Obwohl ich in der Verhandlung morgen Verteidiger
+bin und Sie der Hauptbelastungszeuge? Das ist doch nur Zufall. Die Rollen
+könnten auch umgekehrt verteilt sein.“
+
+„Bitte sehr!“ Diederich entrüstete sich. „Jeder steht auf seinem Platz.
+Wenn Sie vor Ihrem Beruf keine Achtung haben –“
+
+„Achtung? Was heißt das? Ich freue mich auf die Verteidigung, das leugne
+ich nicht. Ich werde loslegen, man soll etwas erleben. Ihnen, Herr Doktor,
+werde ich unangenehme Dinge zu sagen haben; Sie werden mir hoffentlich
+nichts übelnehmen, es gehört zu meiner Wirkung.“
+
+Diederich bekam Furcht. „Erlauben Sie, Herr Rechtsanwalt, kennen Sie denn
+meine Aussage? Sie ist für Lauer durchaus nicht ungünstig.“
+
+„Das lassen Sie meine Sorge sein.“ Bucks Miene ward beängstigend ironisch.
+
+Und damit war man in der Meisestraße. „Der Prozeß!“ dachte Diederich
+schnaufend. In den Aufregungen der letzten Tage hatte er ihn vergessen,
+jetzt war es, als sollte man sich von heute auf morgen beide Beine
+abschneiden lassen. Guste, die falsche Kanaille, hatte ihm also
+absichtlich nichts gesagt von ihrem Verlobten; im letzten Augenblick
+sollte er den Schrecken bekommen!... Diederich verabschiedete sich von
+Buck, bevor sie beim Haus waren. Daß nur Kienast nichts merkte! Buck
+schlug vor, noch irgendwohin zu gehen. „Es zieht Sie wohl nicht besonders
+zu Ihrer Braut?“ fragte Diederich. – „Augenblicklich hab’ ich mehr Lust
+auf einen Kognak.“ – Diederich lachte höhnisch. „Darauf scheinen Sie immer
+Lust zu haben.“ Damit nur Kienast nichts erfahre, kehrte er nochmals mit
+Buck um. „Sehen Sie,“ begann Buck unvermutet, „meine Braut: die gehört
+auch zu meinen Fragen an das Schicksal.“ Und da Diederich „wieso“ fragte:
+„Wenn ich nämlich wirklich ein Netziger Rechtsanwalt bin, dann ist Guste
+Daimchen bei mir vollkommen an ihrem Platz. Aber weiß ich das? Für –
+andere Fälle, die in meiner Existenz eintreten könnten, habe ich nun
+drüben in Berlin noch eine zweite Verbindung ...“
+
+„Ich habe gehört: eine Schauspielerin.“ Diederich errötete für Buck, der
+das so zynisch eingestand. „Das heißt,“ stammelte er, „ich will nichts
+gesagt haben.“
+
+„Also, Sie wissen“, schloß Buck. „Jetzt ist die Sache die, daß ich
+vorläufig dort hänge und mich um Guste nicht so viel bekümmern kann, wie
+ich müßte. Möchten Sie sich da nicht des guten Mädchens ein wenig
+annehmen?“ fragte er harmlos und gelassen.
+
+„Ich soll –“
+
+„Sozusagen den Kochtopf hier und da ein bißchen umrühren, worin ich Wurst
+und Kohl am Feuer zu stehen habe – indes ich selbst noch draußen
+beschäftigt bin. Wir haben doch Sympathie füreinander.“
+
+„Danke“, sagte Diederich kühl. „So weit reicht meine Sympathie allerdings
+nicht. Beauftragen Sie sonst jemand. Ich denke denn doch etwas ernster
+über das Leben.“ Und er ließ Buck stehen.
+
+Außer der Unmoral des Menschen empörte ihn seine würdelose
+Vertraulichkeit, nachdem sie noch soeben in Anschauung und Praxis sich
+wieder einmal als Gegner erwiesen hatten. Unleidlich, so einer, aus dem
+man nicht klug ward! „Was hat er morgen gegen mich vor?“
+
+Daheim machte er sich Luft. „Ein Mensch wie eine Qualle! Und von einem
+geistigen Dünkel! Gott behüte unser Haus vor solcher alles zerfressenden
+Überzeugungslosigkeit; sie ist in einer Familie das sichere Zeichen des
+Niedergangs!“ Er vergewisserte sich, daß Kienast wirklich noch am Abend
+reisen mußte. „Etwas Aufregendes wird Magda dir nicht zu schreiben haben“,
+sagte er unvermittelt und lachte. „Meinetwegen mag in der Stadt Mord und
+Brand sein, ich bleibe in meinem Kontor und bei meiner Familie.“
+
+Kaum aber war Kienast fort, stellte er sich vor Frau Heßling hin. „Nun? Wo
+ist die Vorladung, die für mich gekommen ist auf morgen zu Gericht?“ Sie
+mußte zugeben, daß sie den bedrohlichen Brief unterschlagen habe. „Er
+sollte dir die Feststimmung nicht verderben, mein lieber Sohn.“ Aber
+Diederich ließ keine Beschönigung gelten. „Ach was: lieber Sohn. Aus Liebe
+zu mir wird wohl das Essen immer schlechter, außer wenn fremde Leute da
+sind; und das Haushaltungsgeld geht für euren Firlefanz drauf. Meint ihr,
+ich fall’ euch auf den Schwindel ’rein, daß Magda ihre Spitzenbluse selbst
+gemacht haben soll? Das könnt ihr dem Esel erzählen!“ Magda erhob
+Einspruch gegen die Beleidigung ihres Verlobten, aber es half ihr nicht.
+„Schweig lieber still! Dein Pelzjackett ist auch halb gestohlen. Ihr
+steckt mit dem Dienstmädchen zusammen. Wenn ich sie nach Rotwein schicke,
+bringt sie billigeren, und den Rest behaltet ihr ...“
+
+Die drei Frauen entsetzten sich, worauf Diederich noch lauter schrie. Emmi
+behauptete, er sei bloß darum so wild, weil er sich morgen vor der ganzen
+Stadt blamieren solle. Da konnte Diederich nur noch einen Teller auf den
+Boden schleudern. Magda stand auf, ging zur Tür und rief zurück: „Ich
+brauche dich gottlob nicht mehr!“ Sofort war Diederich hinterdrein. „Gib
+bitte acht, was du redest! Wenn du endlich einen Mann kriegst, verdankst
+du es allein mir und den Opfern, die ich bringe. Dein Bräutigam hat um
+deine Mitgift geschachert, daß es schon nicht mehr schön war. Du bist
+überhaupt bloß Zugabe!“
+
+Hier fühlte er eine heftige Ohrfeige, und bevor er zu Atem kam, war Magda
+in ihrem Zimmer und hatte abgesperrt. Diederich rieb sich, jäh verstummt,
+die Wange. Dann entrüstete er sich wohl noch; aber eine Art von Genugtuung
+überwog. Die Krisis war vorüber.
+
+
+
+In der Nacht hatte er sich fest vorgenommen, mit einiger Verspätung bei
+Gericht einzutreffen und durch sein ganzes Auftreten zu zeigen, wie wenig
+die Geschichte ihn angehe. Aber es hielt ihn nicht; als er das
+Verhandlungszimmer, das ihm bezeichnet war, betrat, war man dort noch bei
+einer ganz anderen Sache. Jadassohn, der in seiner schwarzen Robe einen
+ungemein drohenden Anblick bot, war eben damit beschäftigt, für einen kaum
+erwachsenen Menschen aus dem Volk zwei Jahre Arbeitshaus zu verlangen. Das
+Gericht gewährte ihm freilich nur eins, aber der jugendliche Verurteilte
+brach in ein solches Geheul aus, daß es Diederich, angstvoll, wie er
+selbst gestimmt war, vor Mitleid übel ward. Er begab sich hinaus und
+betrat eine Toilette, obwohl an der Tür stand: Nur für den Herrn
+Vorsitzenden! Gleich nach ihm erschien auch Jadassohn. Wie er Diederich
+sah, wollte er sich wieder zurückziehen, aber Diederich fragte sofort, was
+das denn sei, ein Arbeitshaus, und was so ein Zuhälter dort tue. Jadassohn
+erklärte: „Wenn wir uns darum auch noch kümmern müßten!“ und war schon
+draußen. Diederichs Inneres zog sich noch mehr zusammen unter dem Gefühl
+eines schaudererregenden Abgrundes, wie er sich auftat zwischen Jadassohn,
+der hier die Macht vertrat, und ihm selbst, der sich zu nahe ihrem
+Räderwerk gewagt hatte. Es war aus frommer Absicht geschehen, in
+übergroßer Verehrung der Macht: gleichviel, jetzt hieß es sich besonnen
+verhalten, damit sie einen nicht ergriff und zermalmte; sich ducken und
+ganz klein machen, bis man ihr vielleicht doch noch entrann. Wer erst
+wieder dem Privatleben gehörte! Diederich versprach sich, fortan ganz
+seinem geringen, aber wohlverstandenen Vorteil zu leben.
+
+Draußen im Korridor standen jetzt Leute: ein minder gutes Publikum und
+auch das beste. Die fünf Töchter Buck, herausgeputzt, als sei der Prozeß
+ihres Schwagers Lauer die größte Ehre für die Familie, schnatterten in
+einer Gruppe mit Käthchen Zillich, ihrer Mutter und der Frau Bürgermeister
+Scheffelweis. Die Schwiegermutter dagegen ließ den Bürgermeister nicht
+los, und aus den Blicken, die sie nach dem Bruder des Herrn Buck und
+seinen Freunden Cohn und Heuteufel schleuderte, war zu ersehen, daß sie
+ihn gegen die Sache der Bucks einnahm. Der Major Kunze, in Uniform, stand
+mit finsterer Miene dabei und enthielt sich jeder Äußerung. Gerade
+erschien auch Pastor Zillich mit Professor Kühnchen; aber beim Anblick der
+zahlreichen Gesellschaft blieben sie hinter einem Pfeiler. Der Redakteur
+Nothgroschen seinerseits ging grau und unbeachtet von den einen zu den
+anderen. Vergebens suchte Diederich jemand, an den er sich hätte halten
+können. Jetzt bereute er, daß er es den Seinen verboten hatte,
+herzukommen. Er blieb im Dunkeln, hinter der Biegung des Korridors, und
+streckte nur vorsichtig den Kopf heraus. Plötzlich zog er ihn zurück:
+Guste Daimchen mit ihrer Mutter! Sie ward sofort von den Töchtern Buck
+umringt, als eine kostbare Verstärkung ihrer Partei. Gleichzeitig ging
+dahinten eine Tür, und Wolfgang Buck trat auf, in Barett und Robe, und
+darunter Lackschuhe, die er sehr einwärts setzte. Er lächelte festlich,
+wie bei einem Empfang, gab allen die Hand, und seiner Braut küßte er sie.
+Es werde sehr schön werden, verhieß er; der Staatsanwalt sei gut
+disponiert, er selbst auch. Dann begab er sich zu den von ihm geladenen
+Zeugen, um mit ihnen zu flüstern. In diesem Augenblick verstummte man,
+denn in der Mündung der Treppe erschien der Angeklagte Herr Lauer und
+neben ihm seine Frau. Die Bürgermeisterin fiel ihr um den Hals: wie sie
+tapfer sei! „Was ist dabei?“ erwiderte sie mit tiefer, klangreicher
+Stimme. „Wir haben uns nichts vorzuwerfen, wie, Karl?“ Lauer sagte: „Gewiß
+nicht, Judith.“ Gerade jetzt aber ging der Landgerichtsrat Fritzsche
+vorbei. Ein Schweigen entstand; wie er und die Tochter des alten Buck sich
+begrüßten, blinzelte man einander zu, und die Schwiegermutter des
+Bürgermeisters machte eine Bemerkung, halblaut, aber sie war ihr von den
+Augen zu lesen.
+
+Diederich auf seinem schattigen Posten war von Wolfgang Buck entdeckt
+worden. Buck zog ihn hervor und führte ihn zu seiner Schwester. „Liebe
+Judith, ich weiß nicht, ob du schon unseren werten Feind kennst, den Herrn
+Doktor Heßling. Heute wird er uns vernichten.“ Aber Frau Lauer lachte
+nicht, sie erwiderte auch Diederichs Gruß nicht, sie sah ihn nur an mit
+rücksichtsloser Neugier. Es war schwer, diesen dunklen Blick auszuhalten,
+und ward noch schwerer, weil sie so schön war. Diederich fühlte, wie das
+Blut ihm ins Gesicht trat, seine Augen irrten ab, er stammelte: „Der Herr
+Rechtsanwalt scherzt wohl. In der Sache muß ein Irrtum vorliegen ...“ Da
+zogen in dem weißen Gesicht die Brauen sich zusammen, die Mundwinkel
+sanken ausdrucksvoll herab, und Judith Lauer wandte Diederich den Rücken.
+
+Ein Gerichtsdiener zeigte sich; Wolfgang Buck ging, seinen Schwager Lauer
+zur Seite, in das Verhandlungszimmer; und da die Tür nicht eben freigebig
+geöffnet ward, stießen alle einander in Hast hindurch, das minder gute
+Publikum ward von dem besten überwältigt. Die Unterröcke der fünf
+Schwestern Buck rauschten heftig bei dem Kampf. Diederich gelangte als
+letzter hinein und mußte sich auf der Zeugenbank neben den Major Kunze
+setzen, der sofort ein Stück wegrückte. Landgerichtsdirektor Sprezius,
+anzusehen wie ein alter wurmiger Geier, erklärte von dort oben die Sitzung
+für eröffnet und rief die Zeugen auf, um ihnen den Ernst des Eides in
+Erinnerung zu bringen – wobei Diederich sofort ein Gesicht bekam wie
+ehemals in der Religionsstunde. Landgerichtsrat Harnisch ordnete Akten und
+sah sich im Publikum nach seiner Tochter um. Mehr beachtet ward der alte
+Landgerichtsrat Kühlemann, der das Krankenzimmer verlassen und seinen
+Platz zur Linken des Vorsitzenden eingenommen hatte. Man fand ihn schlecht
+aussehen, die Schwiegermutter des Bürgermeisters wollte wissen, er werde
+sein Reichstagsmandat niederlegen – und wohin ging das viele Geld, wenn er
+starb? Bei den Zeugen drückte Pastor Zillich die Hoffnung aus, der Alte
+werde seine Millionen für einen Kirchenbau bestimmen; aber Professor
+Kühnchen bezweifelte es, mit durchdringender Flüsterstimme. „Der gibt auch
+nach’m Tode nischt her, der hat immer gedacht, man muß das Seine
+zusammennähm, und womöglich den andern ihr’s auch ...“ Da entließ der
+Vorsitzende die Zeugen aus dem Sitzungssaal.
+
+Sie fanden sich, da kein Zeugenzimmer vorhanden war, im Korridor wieder
+zusammen. Die Herren Heuteufel, Cohn und Buck _junior_ nahmen eine
+Fensternische ein; Diederich, unter dem wütenden Blick des Majors, dachte
+peinvoll: „Jetzt wird der Angeklagte vernommen. Wüßte ich, was er sagt.
+Ich möchte ihn ebenso gern entlasten wie ihr!“ Vergebens versuchte er
+gegenüber Pastor Zillich seine milde Gesinnung zu beteuern: er habe immer
+gesagt, die Sache sei aufgebauscht worden. Zillich wandte sich verlegen
+weg, und Kühnchen pfiff, davonlaufend, durch die Zähne: „Na warte nur,
+mein Schibbchen, dir wer’n mer das Handwerk legen.“ Stumm lastete die
+allgemeine Mißbilligung auf Diederich. Endlich erschien der
+Gerichtsdiener. „Herr Doktor Heßling!“
+
+Diederich riß sich zusammen, um nur in kommentmäßiger Haltung an den
+Zuschauern vorbeizukommen. Er sah krampfhaft geradeaus; der Blick der Frau
+Lauer lag jetzt auf ihm! Er schnaufte, und er schwankte ein wenig. Links
+neben dem Beisitzer, der seine Nägel betrachtete, stand drohend
+aufgerichtet Jadassohn. Das Licht des Fensters hinter ihm schien durch
+seine abstehenden Ohren, die blutig leuchteten, und seine Miene heischte
+von Diederichs eine so leichenhafte Gefügigkeit, daß Diederichs Blick die
+Flucht ergriff. Rechts, vor dem Angeklagten und etwas tiefer, fand er
+Wolfgang Buck sitzen, nachlässig, mit den Fäusten auf den fetten
+Schenkeln, von denen die Robe zurückfiel, und so gescheit und aufmunternd
+anzusehen, als vertrete er den Geist des Lichts. Landgerichtsdirektor
+Sprezius sprach Diederich die Eidesformel vor, immer nur zwei Worte zur
+Zeit und mit Herablassung. Diederich schwor folgsam; dann sollte er den
+Hergang der Dinge an jenem Abend im Ratskeller berichten. Er begann.
+
+„Wir waren eine angeregte Gesellschaft, drüben am Tisch saßen auch
+Herren ...“
+
+Da er schon steckenblieb, ward im Publikum gelacht. Sprezius fuhr auf, er
+hackte mit dem Geierschnabel zu und drohte, er werde den Saal räumen
+lassen. „Sonst wissen Sie nichts?“ fragte er unwirsch. Diederich gab zu
+bedenken, infolge geschäftlicher und anderer Aufregungen hätten sich ihm
+die Vorgänge inzwischen etwas verwirrt. „Dann werde ich Ihnen zur
+Auffrischung des Gedächtnisses Ihre Aussage vor dem Untersuchungsrichter
+vorlesen“ – und der Vorsitzende ließ sich das Protokoll reichen. Daraus
+erfuhr Diederich zu seiner peinlichen Verwunderung, er habe vor dem
+Untersuchungsrichter Landgerichtsrat Fritzsche die bestimmte Angabe
+gemacht, daß von seiten des Angeklagten eine schwere Beleidigung Seiner
+Majestät des Kaisers gefallen sei. Was er darüber zu äußern habe. „Es kann
+wohl sein,“ stammelte er; „aber es waren viele Herren da. Ob es nun gerade
+der Angeklagte war, der das gesagt hat ...“ Sprezius beugte sich über den
+Richtertisch. „Denken Sie nach, Sie stehen hier unter Ihrem Eid. Andere
+Zeugen werden bekunden, daß Sie ganz allein auf den Angeklagten zugetreten
+sind und das betreffende Gespräch mit ihm geführt haben.“ –
+
+„War ich das?“ fragte Diederich, rot übergossen. Da lachte unaufhaltsam
+der ganze Saal; Jadassohn sogar verzog das Gesicht zu einem
+verachtungsvollen Feixen. Sprezius hatte schon den Mund geöffnet, um
+loszufahren: aber Wolfgang Buck stand auf. Sein weiches Gesicht ward mit
+einem sichtbaren Ruck energisch, und er fragte Diederich: „Sie waren an
+dem Abend wohl stark angetrunken?“ Sofort fielen Staatsanwalt und
+Vorsitzender über ihn her. „Ich beantrage, die Frage nicht zuzulassen!“
+rief Jadassohn schrill. „Herr Verteidiger,“ krächzte Sprezius, „Sie haben
+nur mir die Frage vorzulegen; ob ich sie dann an den Zeugen richte, ist
+meine Sache!“ Aber die beiden, Diederich sah es staunend, hatten einen
+entschlossenen Gegner gefunden. Wolfgang Buck stand da, mit klangvoller
+Rednerstimme beanstandete er das Verhalten des Vorsitzenden, das die
+Rechte der Verteidigung verletze, und beantragte Gerichtsbeschluß darüber,
+ob ihm gemäß der Strafprozeßordnung das direkte Fragerecht an den Zeugen
+zustehe. Sprezius hackte vergeblich zu, es blieb ihm nichts übrig, als mit
+den vier Richtern rückwärts im Beratungszimmer zu verschwinden. Buck sah
+sich triumphierend um; seine Cousinen bewegten die Hände wie zum Applaus;
+aber auch sein Vater war inzwischen eingetreten, und man sah, wie der alte
+Buck seinem Sohn ein Zeichen der Mißbilligung gab. Der Angeklagte
+seinerseits, zornige Erregung im apoplektischen Gesicht, schüttelte seinem
+Verteidiger die Hand. Diederich, der allen Blicken ausgesetzt war, gab
+sich Haltung und hielt Umschau. Aber ach, Guste Daimchen wich ihm aus! Nur
+der alte Buck winkte wohlwollend: Diederichs Aussage hatte ihm gefallen.
+Er bemühte sich sogar aus der engen Tribüne heraus, um Diederich seine
+weiche, weiße Hand zu geben. „Ich danke Ihnen, lieber Freund“, sagte er.
+„Sie haben die Sache so behandelt, wie sie es verdient.“ Und Diederich in
+seiner Verlassenheit bekam feuchte Augen angesichts der Güte des großen
+Mannes. Erst nachdem Herr Buck sich wieder auf seinen Platz begeben hatte,
+fiel es Diederich ein, daß er ihm hier ja die Geschäfte besorgte! Und auch
+sein Sohn Wolfgang war durchaus nicht so schlapp, wie Diederich gedacht
+hatte. Die politischen Gespräche hatte er augenscheinlich nur geführt, um
+sie hier gegen ihn auszunutzen. Treue, wahre deutsche Treue, die gab es in
+der Welt nicht, auf niemand konnte man sich verlassen. „Soll ich mich hier
+noch lange von allen Seiten anöden lassen?“
+
+Zum Glück kehrte der Gerichtshof zurück. Der alte Kühlemann wechselte mit
+dem alten Buck einen bedauernden Blick, und Sprezius verlas, mit
+merklicher Selbstbeherrschung, den Beschluß. Ob der Verteidiger das Recht
+der direkten Fragestellung habe, blieb unentschieden, denn die Frage
+selbst: War der Zeuge damals betrunken gewesen? ward als nicht zur Sache
+gehörig abgelehnt. Darauf fragte der Vorsitzende, ob der Herr Staatsanwalt
+noch eine Frage an den Zeugen zu richten habe. „Vorläufig nicht,“ sagte
+Jadassohn mit Geringschätzung, „aber ich beantrage, den Zeugen noch nicht
+zu entlassen.“ Und Diederich durfte sich setzen. Jadassohn erhob die
+Stimme. „Außerdem beantrage ich die sofortige Vorladung des
+Untersuchungsrichters Dr. Fritzsche, der darüber aussagen soll, wie die
+Gesinnung des Zeugen Heßling gegen den Angeklagten früher war.“ Diederich
+erschrak – im Zuschauerraum aber wandte man sich nach Judith Lauer um:
+sogar die beiden Assessoren am Richtertisch sahen hin ... Jadassohn bekam
+bewilligt, was er wollte.
+
+Dann wurde Pastor Zillich herbeigeholt, vereidigt und sollte seinerseits
+über die kritische Nacht berichten. Er erklärte, die Eindrücke hätten sich
+damals überstürzt und sein christliches Gewissen schwer bedrängt, denn
+just an jenem Abend sei in den Straßen von Netzig Blut geflossen, wenn
+auch zu einem patriotischen Zweck. „Das gehört nicht hierher!“ entschied
+Sprezius – und eben jetzt betrat den Saal der Regierungspräsident Herr von
+Wulckow, im Jagdanzug, mit großen, kotigen Stiefeln. Alles sah sich um,
+der Vorsitzende machte auf seinem Sitz eine Verbeugung, und Pastor Zillich
+zitterte. Vorsitzender und Staatsanwalt drangen abwechselnd auf ihn ein,
+Jadassohn sagte sogar mit einem Ausdruck von entsetzlicher
+Hinterhältigkeit: „Herr Pastor, Sie als Geistlichen brauche ich auf die
+Heiligkeit des Eides, den Sie geleistet haben, nicht besonders aufmerksam
+zu machen.“ Da knickte Zillich ein und gab zu, daß er die dem Angeklagten
+vorgeworfene Äußerung allerdings gehört habe. Der Angeklagte sprang auf
+und schlug mit der Faust auf die Bank. „Ich habe den Namen des Kaisers gar
+nicht genannt! Ich habe mich gehütet!“ Sein Verteidiger beruhigte ihn mit
+einem Wink und sagte: „Wir werden den Beweis erbringen, daß nur die
+provokatorische Absicht des Zeugen Dr. Heßling den Angeklagten zu seinen,
+hier falsch wiedergegebenen Äußerungen veranlaßt hat.“ Vorläufig bitte er
+den Herrn Vorsitzenden, den Zeugen Zillich darüber zu befragen, ob er
+nicht eine Predigt gehalten habe, die ausdrücklich gegen die Hetzereien
+des Zeugen Heßling gerichtet gewesen sei. Pastor Zillich stammelte, er
+habe nur im allgemeinen zum Frieden geraten und damit seiner Pflicht als
+Vertreter der Religion genügt. Jetzt wollte Buck etwas anderes wissen.
+„Hat nicht der Zeuge Zillich neuerdings ein Interesse daran, sich mit dem
+Hauptbelastungszeugen Doktor Heßling gut zu stellen, weil nämlich seine
+Tochter –.“ Schon fuhr Jadassohn dazwischen: er protestiere gegen die
+Stellung der Frage. Sprezius rügte sie als unzulässig, und auf der Tribüne
+entstand ein mißbilligendes Gemurmel weiblicher Stimmen. Der
+Regierungspräsident beugte sich über die Bank zum alten Buck und sagte
+deutlich: „Ihr Sohn macht ja nette Zicken!“
+
+Inzwischen war der Zeuge Kühnchen aufgerufen. Der kleine Greis stürmte in
+den Saal, seine Brillen funkelten; schon von der Tür schrie er seine
+Personalien herüber, und die Eidesformel sagte er geläufig her, ohne sie
+sich vorsprechen zu lassen. Dann aber war er zu keiner anderen Aussage zu
+bewegen, als daß an jenem Abend die Wogen der nationalen Begeisterung
+hochgegangen seien. Zuerst die glorreiche Tat des Postens! Dann der
+herrliche Brief Seiner Majestät mit dem Bekenntnis zum positiven
+Christentum! „Wie der Krach war mit dem Angeklagten? Ja, meine Herren
+Richter, davon weeß ’ch Sie nischt. Da hab’ ’ch grade ä bißchen
+geschlummert.“ – „Aber nachher ist doch von der Sache geredet worden!“
+verlangte der Vorsitzende. „Ich nicht!“ rief Kühnchen. „Ich hab’ eegal von
+unsern glorreichen Taten im Jahre siebzig gered’t. Die Franktiröhrs! hab
+’ch gesagt, das war Sie eene Bande. Mein steifer Finger, da hat mich ä
+Franktiröhr draufgebissen, bloß weil ich ihm mit mei’m Säbel ä kleenes
+bißchen die Kehle abschneiden wollte! So eene Gemeinheit von dem Kerl!“
+Und Kühnchen wollte den Finger am Richtertisch umherzeigen. „Abtreten!“
+krächzte Sprezius; und er drohte wieder einmal mit der Räumung des Saals.
+
+Major Kunze trat auf: steif, wie auf Rädern, und den Eid leistete er in
+einem Ton, als stieße er gegen Sprezius schwere Beleidigungen aus. Darauf
+erklärte er kurzweg, daß er mit dem ganzen Geseire nichts zu tun habe; er
+sei erst später in den Ratskeller gekommen. „Ich kann nur sagen, das
+Verhalten des Herrn Doktor Heßling riecht mir nach Denunziantentum.“
+
+Aber seit einer Weile roch es im Saal nach etwas anderem. Niemand wußte,
+woher es kam, auf der Tribüne mißtraute man einander und rückte, das
+Taschentuch am Munde, diskret vom Nachbar ab. Der Vorsitzende schnupperte
+in die Luft, und der alte Kühlemann, dessen Kinn schon längst auf seiner
+Brust lag, rührte sich im Schlaf.
+
+Wie Sprezius ihm vorhielt, die Herren, die ihm damals die Vorgänge
+berichtet hätten, seien doch nationale Männer gewesen, erwiderte der Major
+nur, das sei ihm gleich, den Herrn Doktor Heßling habe er gar nicht
+gekannt. Da aber trat Jadassohn vor; seine Ohren funkelten; mit einer
+Stimme wie ein Messer sagte er: „Herr Zeuge, ich richte an Sie die Frage,
+ob Sie den Angeklagten nicht vielleicht um so besser kennen. Wollen Sie
+sich darüber äußern, ob er Ihnen nicht noch vor acht Tagen hundert Mark
+geliehen hat.“ Vor Schrecken ward es ganz still im Saal, und alles starrte
+auf den Major in Uniform, der dastand und an seiner Antwort stammelte.
+Jadassohns Kühnheit machte Eindruck. Unverweilt nutzte er seinen Erfolg
+aus und erreichte von Kunze, daß er zugab, die Entrüstung der
+Nationalgesinnten über Lauers Äußerungen sei echt gewesen, auch seine
+eigene. Zweifellos habe der Angeklagte Seine Majestät gemeint. – Hier
+hielt Wolfgang Buck sich nicht mehr. „Da der Herr Vorsitzende unnötig
+findet, es zu rügen, wenn der Herr Staatsanwalt seine eigenen Zeugen
+beleidigt, kann es auch uns gleich sein!“ Sofort hackte Sprezius nach ihm.
+„Herr Verteidiger! Das ist meine Sache, was ich rüge und was nicht!“ –
+„Eben das stelle ich fest“, fuhr Buck unbeirrt fort. „Zur Sache selbst
+behaupten wir nach wie vor und werden durch Zeugen beweisen, daß der
+Angeklagte den Kaiser gar nicht gemeint hat.“ „Ich habe mich gehütet!“
+rief der Angeklagte dazwischen. Buck fuhr fort: „Sollte dies dennoch als
+wahr unterstellt werden, so beantrage ich, den Herausgeber des Gothaischen
+Almanachs darüber als Sachverständigen zu vernehmen, welche deutsche
+Fürsten jüdisches Blut haben.“ Damit setzte er sich wieder, befriedigt von
+dem Rauschen der Sensation, das durch den Saal ging. Ein dröhnender Baß
+sagte: „Unerhört!“ Sprezius wollte schon loshacken, sah aber noch
+rechtzeitig, wer es gewesen war: Wulckow! Sogar Kühlemann war davon
+erwacht. Der Gerichtshof steckte die Köpfe zusammen, dann verkündete der
+Vorsitzende, der Antrag des Verteidigers werde abgelehnt, da ein
+Wahrheitsbeweis nicht zulässig sei. Kundgebung der Mißachtung genüge zum
+Tatbestande des Delikts. Buck war geschlagen; seine feisten Wangen senkten
+sich in kindlicher Traurigkeit. Es ward gekichert, die Schwiegermutter des
+Bürgermeisters lachte ungeniert. Diederich auf seiner Zeugenbank war ihr
+dankbar. Er fühlte, angstvoll lauschend, wie die öffentliche Meinung
+einlenkte und ganz leise denen näher kam, die geschickter waren und die
+Macht hatten. Er tauschte einen Blick mit Jadassohn.
+
+Der Redakteur Nothgroschen war dran. Grau und unauffällig war er plötzlich
+da und funktionierte glatt, wie ein Aussagebeamter. Jeder, der ihn kannte,
+wunderte sich: so sicher hatte er ihn nie gesehen. Er wußte alles,
+belastete den Angeklagten auf das schwerste und redete fließend, als sage
+er einen Leitartikel her; höchstens daß zwischen den Absätzen der
+Vorsitzende ihm das Stichwort gab, mit Anerkennung, wie einem
+Musterschüler. Buck, der sich erholt hatte, hielt ihm die Stellungnahme
+der „Netziger Zeitung“ für Lauer vor. Darauf erwiderte der Redakteur: „Wir
+sind ein liberales, also unparteiisches Blatt. Wir geben die Stimmung
+wieder. Da aber jetzt und hier die Stimmung dem Angeklagten ungünstig ist
+–.“ Er mußte sich draußen im Korridor darüber informiert haben! Buck nahm
+eine ironische Stimme an. „Ich stelle fest, daß der Zeuge eine etwas
+sonderbare Auffassung seiner Eidespflicht bekundet.“ Aber Nothgroschen war
+nicht einzuschüchtern. „Ich bin Journalist,“ erklärte er, und er setzte
+hinzu: „Ich bitte den Herrn Vorsitzenden, mich vor Beleidigungen des
+Verteidigers zu schützen.“ Sprezius ließ sich nicht bitten; und er entließ
+den Redakteur in Gnaden.
+
+Es schlug zwölf; Jadassohn machte den Vorsitzenden aufmerksam, daß der
+Untersuchungsrichter Dr. Fritzsche sich zur Verfügung des Gerichts halte.
+Er ward aufgerufen – und kaum, daß er sich in der Tür zeigte, gingen alle
+Augen hin und her zwischen ihm und Judith Lauer. Sie war noch bleicher
+geworden, der schwarze Blick, der ihn zum Richter begleitete, vergrößerte
+sich noch, er bekam etwas stumm Eindringliches; aber Fritzsche vermied
+ihn. Auch ihn fand man schlecht aussehend, sein Schritt dagegen bekundete
+Entschlossenheit. Diederich stellte fest, daß er von seinen zwei
+Gesichtern für diese Gelegenheit das trockene gewählt hatte.
+
+Welche Eindrücke er während der Voruntersuchung von dem Zeugen Heßling
+gewonnen habe? Der Zeuge hatte seine Aussage durchaus freiwillig und
+selbständig gemacht, in Form einer durch das frische Erlebnis noch
+bewegten Auseinandersetzung. Die Zuverlässigkeit des Zeugen, die Fritzsche
+an der Hand seiner ferneren Ermittelungen hatte nachprüfen können, stand
+außer allem Zweifel. Daß der Zeuge heute kein deutliches Erinnerungsbild
+mehr hatte, war nur durch die Erregung des Augenblicks zu erklären ... Und
+der Angeklagte? – Hier hörte man den Saal aufhorchen. Fritzsche schluckte
+hinunter. Auch der Angeklagte hatte persönlich einen eher günstigen
+Eindruck auf ihn gemacht, trotz der vielen belastenden Momente.
+
+„Halten Sie, bei widerstreitenden Zeugenaussagen, den Angeklagten des ihm
+zur Last gelegten Delikts fähig?“ fragte Sprezius.
+
+Fritzsche erwiderte: „Der Angeklagte ist ein gebildeter Mann; ausdrücklich
+beleidigende Worte zu gebrauchen, wird er sich gehütet haben.“
+
+„Das sagt der Angeklagte selbst“, bemerkte der Vorsitzende streng.
+Fritzsche sprach schneller. Der Angeklagte war durch seine bürgerliche
+Wirksamkeit gewöhnt, Autorität mit fortschrittlichen Neigungen zu
+verbinden. Er hielt sich offenbar für einsichtsvoller und zur Kritik
+berechtigter als die meisten anderen Menschen. Es war also denkbar, daß er
+in gereiztem Zustand – und durch die Erschießung des Arbeiters von seiten
+des Wachtpostens hatte er sich gereizt gefühlt – seinen politischen
+Anschauungen einen Ausdruck gab, der, ob äußerlich vielleicht auch
+einwandfrei, die beleidigende Absicht hindurchschimmern ließ.
+
+Hier sah man den Vorsitzenden und den Staatsanwalt aufatmen. Die
+Landgerichtsräte Harnisch und Kühlemann warfen Blicke auf das Publikum,
+durch das eine lebhafte Bewegung ging. Der Assessor links besah auch jetzt
+noch seine Nägel; der rechts aber, ein junger Mann mit nachdenklichem
+Gesicht, beobachtete den Angeklagten, den er gleich vor sich hatte. Die
+Hände des Angeklagten waren krampfig um die Brüstung seiner Bank gespannt,
+und die Augen, hervortretende braune Augen, richtete er auf seine Frau.
+Sie aber sah unverwandt auf Fritzsche, halbgeöffneten Mundes, wie
+abwesend, mit einem Ausdruck von Leiden, Scham und Schwäche. Die
+Schwiegermutter des Bürgermeisters äußerte deutlich: „Und zwei Kinder hat
+sie zu Hause.“ Plötzlich schien Lauer das Geflüster um ihn her zu
+bemerken, alle diese Blicke, die wegsahen, wenn er sie streifte. Er sank
+zusammen, sein stark gerötetes Gesicht entleerte sich so jäh vom Blut, daß
+der junge Assessor erschreckt auf seinem Stuhl rückte.
+
+Diederich, dem es immer wohler ward, war wahrscheinlich der einzige, der
+dem Dialog zwischen dem Vorsitzenden und dem Untersuchungsrichter noch
+folgte. Dieser Fritzsche! Niemandem, auch Diederich selbst nicht, war die
+Sache aus guten Gründen anfangs peinlicher gewesen. Hatte er nicht auf
+Diederich als Zeugen eine nahezu pflichtwidrige Einwirkung geübt? Und das
+protokollierte Ergebnis von Diederichs Aussage war nun dennoch schwer
+belastend, und Fritzsches eigenes Zeugnis erst recht. Er war nicht weniger
+rücksichtslos vorgegangen als Jadassohn. Seine engen und besonderen
+Beziehungen zum Hause Lauer hatten keineswegs vermocht, ihn der Aufgabe zu
+entfremden, die ihm oblag, dem Schutze der Macht. Nichts Menschliches
+hielt stand vor der Macht. Welche Lehre für Diederich ... Auch Wolfgang
+Buck empfing sie, auf seine Art. Von unten betrachtete er Fritzsche, mit
+einer Miene, als müßte er sich erbrechen.
+
+Wie der Untersuchungsrichter mit Drehungen des Körpers, die nicht
+unbefangen wirkten, auf den Ausgang zusteuerte, ward lauter geflüstert.
+Die Schwiegermutter des Bürgermeisters sagte, mit dem Lorgnon nach der
+Frau des Angeklagten zielend: „Eine nette Gesellschaft!“ Man widersprach
+ihr nicht; man hatte angefangen, die Lauers ihrem Schicksal zu überlassen.
+Guste Daimchen biß sich auf die Lippe, Käthchen Zillich schickte einen
+raschen Senkblick zu Diederich. Dr. Scheffelweis beugte sich hinüber zu
+dem Haupt der Familie Buck, drückte ihm die Hand und sagte süß: „Ich
+hoffe, lieber Freund und Gönner, alles wird noch gut.“
+
+Der Vorsitzende befahl dem Gerichtsdiener: „Lassen Sie mal den Zeugen Cohn
+’rein!“ Die Reihe war an den Entlastungszeugen! Der Vorsitzende
+schnupperte in die Luft. „Hier riecht es aber schlecht“, bemerkte er.
+„Krecke, machen Sie hinten ein Fenster auf!“ Und er suchte mit den Augen
+unter dem minder guten Publikum, das dort oben eng gedrängt saß. Dagegen
+war auf den unteren Bänken freier Raum, und der freieste um den
+Regierungspräsidenten von Wulckow in seiner verschwitzten Jagdjoppe....
+Das geöffnete Fenster, durch das es eisig hereinblies, bewirkte Murren
+unter den auswärtigen Journalisten, die dort hinten verstaut saßen. Aber
+Sprezius richtete nur den Schnabel gegen sie: da duckten sie sich in ihre
+Rockkragen.
+
+Jadassohn sah siegesgewiß dem Zeugen entgegen. Sprezius ließ ihn eine
+Weile reden, dann räusperte Jadassohn sich; er hielt einen Akt in der
+Hand. „Zeuge Cohn,“ begann er, „Sie sind Inhaber des unter Ihrem Namen
+bestehenden Warenhauses seit 1889?“ Und unvermittelt: „Geben Sie zu, daß
+gleich damals einer Ihrer Lieferanten, ein gewisser Lehmann, sich in Ihren
+Lokalitäten durch Erschießen das Leben genommen hat?“ Und mit dämonischer
+Befriedigung blickte er auf Cohn, denn die Wirkung seiner Worte war
+außerordentlich. Cohn begann zu zappeln und nach Luft zu schnappen. „Die
+alte Verleumdung!“ kreischte er. „Er hat es doch gar nicht meinetwegen
+getan! Er war unglücklich verheiratet! Mit der Geschichte haben die Leute
+mich schon einmal kaputt gemacht, und nun fängt der Mann wieder an!“ Auch
+der Verteidiger protestierte. Sprezius hackte auf Cohn zu. Der Herr
+Staatsanwalt sei kein Mann! Und wegen des Ausdrucks Verleumdung nehme das
+Gericht den Zeugen in eine Ordnungsstrafe von fünfzig Mark. Damit war Cohn
+erledigt. Der Bruder des Herrn Buck ward vernommen. Ihn fragte Jadassohn
+geradeheraus: „Zeuge Buck, Sie haben ein notorisch schlechtgehendes
+Geschäft, wovon leben Sie?“ Hier entstand ein solches Gemurmel, daß
+Sprezius schnell eingriff: „Herr Staatsanwalt, gehört das wirklich zur
+Sache?“ Aber Jadassohn war allem gewachsen. „Herr Vorsitzender, die
+Anklagebehörde hat ein Interesse, den Nachweis zu erbringen, daß der Zeuge
+sich in wirtschaftlicher Abhängigkeit von seinen Verwandten, besonders
+aber von seinem Schwager, dem Angeklagten, befindet. Die Glaubwürdigkeit
+des Zeugen ist danach zu bemessen.“ Der lange, elegante Herr Buck stand
+mit gesenktem Kopf da. „Das genügt“, erklärte Jadassohn; und Sprezius
+entließ diesen Zeugen. Seine fünf Töchter rückten unter den Blicken der
+Menge auf ihrer Bank zusammen wie eine Lämmerherde im Unwetter. Das minder
+gute Publikum der oberen Reihen lachte feindselig. Sprezius bat
+wohlwollend um Ruhe und ließ sich den Zeugen Heuteufel kommen.
+
+Wie nun Heuteufel die Hand zum Schwur hob, schleuderte Jadassohn ihm die
+seine mit einem dramatischen Wurf entgegen.
+
+„Ich möchte zunächst an den Zeugen die Frage richten, ob er zugibt, die
+das Delikt der Majestätsbeleidigungen darstellenden Äußerungen durch seine
+Zustimmung begünstigt und noch verschärft zu haben.“ Heuteufel erwiderte:
+„Ich gebe gar nichts zu“, – worauf Jadassohn ihm seine Aussage im
+Vorverhör entgegenhielt. Mit erhobener Stimme: „Ich beantrage
+Gerichtsbeschluß darüber, daß die Beeidigung dieses Zeugen unterbleiben
+soll, weil er der Teilnahme am Delikt verdächtig ist.“ Noch schneidender:
+„Die Gesinnung des Zeugen darf als gerichtsnotorisch gelten. Der Zeuge
+gehört zu den von Seiner Majestät dem Kaiser mit Recht so genannten
+vaterlandslosen Gesellen. Überdies befleißigt er sich in regelmäßigen
+Versammlungen, die er als Sonntagsfeiern für freie Menschen bezeichnet,
+der Verbreitung des krassesten Atheismus, wodurch seine Tendenzen
+gegenüber einem christlichen Monarchen ohne weiteres charakterisiert
+sind.“ Und Jadassohns Ohren strahlten Feuer aus, wie ein ganzes
+Glaubensbekenntnis. Wolfgang Buck stand auf, lächelte skeptisch und
+meinte, die religiösen Überzeugungen des Herrn Staatsanwalts seien
+offenbar von mönchischer Strenge, es könne ihm nicht zugemutet werden, daß
+er einen Nichtchristen für glaubwürdig halte. Das Gericht aber werde wohl
+anderer Meinung sein und den Antrag des Staatsanwalts ablehnen. Da wuchs
+Jadassohn furchtbar empor. Wegen der Verhöhnung seiner Person beantragte
+er gegen den Verteidiger eine Ordnungsstrafe von hundert Mark! Der
+Gerichtshof zog sich zur Beratung zurück. Sofort brach im Saal ein
+aufgeregtes Durcheinander von Meinungen aus. Dr. Heuteufel schob die Hände
+in die Taschen und maß mit langen Blicken Jadassohn, der, dem Schutze des
+Gerichts entzogen, von Panik ergriffen ward und gegen die Wand wich.
+Diederich war es, der ihm zu Hilfe kam, denn er hatte dem Herrn
+Staatsanwalt leise eine wichtige Mitteilung zu machen ... Schon kehrten
+die Richter zurück. Die Beeidigung des Zeugen Heuteufel ward vorerst
+ausgesetzt. Der Verteidiger war wegen Verhöhnung des Herrn Staatsanwalts
+in eine Ordnungsstrafe von achtzig Mark genommen.
+
+In das weitere Verhör Heuteufels griff der Verteidiger ein, der vom Zeugen
+wissen wollte, wie er, als intimer Bekannter des Angeklagten, sein
+Familienleben beurteile. Heuteufel machte eine Bewegung, durch den Saal
+rauschte es: man hatte verstanden. Aber ob Sprezius die Frage zuließ? Er
+hatte schon den Mund geöffnet, um sie abzulehnen, begriff aber noch
+rechtzeitig, daß man einer Sensation nicht ausweichen dürfe – worauf
+Heuteufel den mustergültigen Zuständen im Hause Lauer hohes Lob spendete.
+Jadassohn trank die Worte des Zeugen, bebend vor Ungeduld. Endlich konnte
+er, mit namenlosem Triumph in der Stimme, seine Frage stellen. „Will der
+Zeuge sich auch darüber äußern, welcher Art die Weiber sind, aus deren
+Bekanntschaft er persönlich die Kenntnis des Familienlebens schöpft, und
+ob er nicht in einem gewissen Hause verkehrt, das im Volksmund
+Klein-Berlin heißt?“ Und noch im Sprechen vergewisserte er sich, daß die
+Damen im Publikum, und gleich ihnen die Richter, tief verletzte Gesichter
+bekamen. Der Hauptentlastungszeuge war vernichtet! Heuteufel versuchte
+noch zu antworten: „Der Herr Staatsanwalt wird es wissen. Wir sind uns
+dort wohl begegnet.“ Aber das diente nur dazu, daß Sprezius ihm eine
+Ordnungsstrafe von fünfzig Mark auferlegen konnte. „Der Zeuge hat im Saal
+zu bleiben“, entschied der Vorsitzende schließlich. „Das Gericht braucht
+ihn noch zur weiteren Aufklärung des Tatbestandes.“ Heuteufel äußerte:
+„Ich meinerseits bin aufgeklärt über den Betrieb hier und würde es
+vorziehen, das Lokal zu verlassen.“ Sofort wurden aus den fünfzig Mark
+hundert.
+
+Wolfgang Buck sah sich unruhig um. Seine Lippen schienen die Stimmung im
+Saal zu schmecken, sie verzogen sich, als äußerte sich die Stimmung in
+diesem merkwürdigen Geruch, der seit das Fenster geschlossen war, sich
+wieder gelagert hatte. Buck sah die Sympathien, die ihn hereinbegleitet
+hatten, zersprengt und abgestumpft, seine Kampfmittel unnütz verbraucht;
+und das Gähnen der vom Hunger in die Länge gezogenen Gesichter, die
+Ungeduld der Richter, die nach der Uhr schielten, verhieß ihm nichts
+Gutes. Er sprang auf; retten, was zu retten war! Und er machte seine
+Stimme energisch, um die Vorladung weiterer Zeugen für die
+Nachmittagssitzung zu beantragen. „Da der Herr Staatsanwalt es zum System
+erhebt, die Glaubwürdigkeit unserer Zeugen zu bezweifeln, sind wir bereit,
+den guten Leumund des Angeklagten zu beweisen durch die Aussagen der
+ersten Männer von Netzig. Kein Geringerer als Herr Bürgermeister Dr.
+Scheffelweis wird dem Gericht die bürgerlichen Verdienste des Angeklagten
+bezeugen. Der Herr Regierungspräsident von Wulckow wird nicht umhin
+können, ihm seine staatsfreundliche und kaisertreue Gesinnung zu
+bestätigen.“
+
+„Nanu“, sagte dahinten aus dem freien Raum der dröhnende Baß. Buck
+strengte seine Stimme an.
+
+„Für die sozialen Tugenden des Angeklagten aber werden seine sämtlichen
+Arbeiter eintreten.“
+
+Und Buck setzte sich, hörbar keuchend. Jadassohn bemerkte kalt: „Der Herr
+Verteidiger beantragt eine Volksabstimmung.“ Die Richter berieten
+flüsternd; und Sprezius verkündete: das Gericht gebe nur dem Antrage des
+Verteidigers statt, der sich auf die Vernehmung des Bürgermeisters Dr.
+Scheffelweis beziehe. Da der Bürgermeister im Saal war, wurde er sogleich
+aufgerufen.
+
+Er arbeitete sich aus seiner Bank heraus. Frau und Schwiegermutter hielten
+ihn von beiden Seiten fest und gaben ihm hastig Forderungen mit, die
+einander widersprechen mußten, denn der Bürgermeister langte sichtlich
+verstört am Richtertisch an. Welche Gesinnung der Angeklagte in der
+bürgerlichen Öffentlichkeit betätigte? Dr. Scheffelweis wußte Gutes
+darüber zu bekunden. So hatte der Angeklagte sich in den städtischen
+Kollegien eingesetzt für die Wiederherstellung des altberühmten
+Pfaffenhauses, wo die Haare aufbewahrt wurden, die bekanntlich Dr. Martin
+Luther dem Teufel aus dem Schwanz gerissen hatte. Freilich, auch den
+Saalbau der „Freien Gemeinde“ hatte er unterstützt und dadurch unleugbar
+viel Anstoß erregt. Im Geschäftsleben sodann genoß der Angeklagte die
+allgemeine Achtung; die sozialen Reformen, die er in seiner Fabrik
+eingeführt hatte, wurden vielfach bewundert, – wenn freilich auch dagegen
+eingewendet ward, daß sie die Ansprüche der Arbeiter ins ungemessene
+steigerten und so den Umsturz vielleicht doch zu befördern geeignet waren.
+„Würde der Herr Zeuge“, fragte der Verteidiger, „den Angeklagten des ihm
+zur Last gelegten Delikts für fähig halten?“ – „Einerseits“, erwiderte
+Scheffelweis, „gewiß nicht.“ – „Aber andererseits?“ fragte der
+Staatsanwalt. Der Zeuge erwiderte: „Andererseits gewiß.“
+
+Nach dieser Antwort durfte der Bürgermeister sich zurückziehen; seine zwei
+Damen empfingen ihn, eine so unzufrieden wie die andere; und der
+Vorsitzende schickte sich an, die Sitzung aufzuheben, da räusperte
+Jadassohn sich. Er beantragte, nochmals den Zeugen Doktor Heßling zu
+vernehmen, der seine Aussage zu ergänzen wünsche. Sprezius klappte
+mißgelaunt mit den Lidern, das Publikum, das soeben aus den Bänken
+herausrutschte, murrte laut; – aber Diederich war schon vorgetreten,
+festen Schrittes, und hatte schon mit klarer Stimme zu sprechen begonnen.
+Nach reiflicher Überlegung sei er zu der Einsicht gelangt, daß er seine im
+Vorverhör gemachte Aussage vollinhaltlich aufrechterhalten könne; und er
+wiederholte sie, aber verschärft und erweitert. Er fing mit der
+Erschießung des Arbeiters an und gab die kritischen Bemerkungen der Herren
+Lauer und Heuteufel wieder. Die Zuhörer, die das Fortgehen vergessen
+hatten, verfolgten die Schlacht der Gesinnungen über die blutbetropfte
+Kaiser-Wilhelm-Straße bis in den Ratskeller, sahen die feindlichen Reihen
+sich bis zum Entscheidungskampf ordnen, Diederich wie mit geschwungenem
+Degen unter den gotischen Kronleuchter vorrücken und den Angeklagten
+herausfordern auf Leben und Tod.
+
+„Denn, meine Herren Richter, ich leugne es nicht länger, ich habe ihn
+herausgefordert! Wird er das Wort sprechen, an dem ich ihn packen kann? Er
+sprach es und, meine Herren Richter, ich habe ihn gepackt und habe damit
+nur meine Pflicht erfüllt und würde sie auch heute wieder erfüllen, mögen
+mir daraus in gesellschaftlicher und geschäftlicher Beziehung selbst noch
+mehr Nachteile erwachsen, als ich in der letzten Zeit zu ertragen gehabt
+habe! Der uneigennützige Idealismus, meine Herren Richter, ist ein
+Vorrecht des Deutschen, er wird ihn unentwegt betätigen, mag ihm
+angesichts der Menge der Feinde gelegentlich auch der Mut sinken. Als ich
+vorhin mit meiner Aussage noch zögerte, war es nicht nur, wie der
+Untersuchungsrichter mir gütigst zubilligte, eine Verwirrung des
+Gedächtnisses: es war, ich gestehe es, ein vielleicht begreifliches
+Zurückweichen vor der Schwere des Kampfes, den ich auf mich nehmen sollte.
+Aber ich nehme ihn auf mich, denn kein Geringerer als Seine Majestät unser
+erhabener Kaiser verlangt es von mir ...“ Diederich sprach fließend
+weiter, mit einem Schwung in den Sätzen, der einem den Atem nahm.
+Jadassohn fand, daß der Zeuge anfange, die Wirkungen seines Plaidoyers
+vorwegzunehmen, und blickte unruhig auf den Vorsitzenden. Sprezius aber
+dachte offenbar nicht daran, Diederich zu unterbrechen. Mit unbewegtem
+Geierschnabel und ohne die Lider zu klappen, sah er auf Diederichs eiserne
+Miene, worin es drohend blitzte. Der alte Kühlemann sogar ließ die Lippe
+hängen und hörte zu. Wolfgang Buck aber: vorgebeugt auf seinem Stuhl,
+spähte er zu Diederich hinauf, gespannt, sachkundig und die Augen voll
+eines feindlichen Entzückens. Das war eine Volksrede! Ein Auftritt von
+bombensicherer Wirkung! Ein Schlager! „Mögen unsere Bürger“, rief
+Diederich, „endlich aus dem Schlummer erwachen, in dem sie sich so lange
+gewiegt haben, und nicht bloß dem Staat und seinen Organen die Bekämpfung
+der umwälzenden Elemente überlassen, sondern selbst mit Hand anlegen! Das
+ist Befehl Seiner Majestät und, meine Herren Richter, da sollte ich
+zögern? Der Umsturz erhebt das Haupt, eine Rotte von Menschen, nicht wert
+den Namen Deutsche zu tragen, wagt es, die geheiligte Person des Monarchen
+in den Staub zu ziehen ...“
+
+Im minder guten Publikum lachte jemand. Sprezius hackte zu und drohte den
+Lacher in Strafe zu nehmen. Jadassohn seufzte. Jetzt war es Sprezius
+freilich nicht mehr möglich, den Zeugen zu unterbrechen.
+
+In Netzig hatte der kaiserliche Kampfruf bisher leider nur zu wenig
+Widerhall gefunden! Hier verschloß man Augen und Ohren vor der Gefahr, man
+verharrte in den veralteten Anschauungen einer spießbürgerlichen
+Demokratie und Humanität, die den vaterlandslosen Feinden der göttlichen
+Weltordnung den Weg ebneten. Eine forsche nationale Gesinnung, einen
+großzügigen Imperialismus begriff man hier noch nicht. „Die Aufgabe der
+modern gesinnten Männer ist es, auch Netzig dem neuen Geist zu erobern, im
+Sinne unseres herrlichen jungen Kaisers, der jeden Treugesinnten, er sei
+edel oder unfrei, zum Handlanger seines erhabenen Wollens bestellt hat!“
+Und Diederich schloß: „Daher, meine Herren Richter, war ich berechtigt,
+dem Angeklagten, als er nörgeln wollte, mit aller Entschiedenheit
+entgegenzutreten. Ich habe ohne persönlichen Groll gehandelt, um der Sache
+willen. Sachlich sein heißt deutsch sein! Und ich meinerseits“ – er
+blitzte zu Lauer hinüber – „bekenne mich zu meinen Handlungen, denn sie
+sind der Ausfluß eines tadellosen Lebenswandels, der auch im eigenen Hause
+auf Ehre hält und weder Lüge noch Sittenlosigkeit kennt!“
+
+Große Bewegung im Saal. Diederich, hingerissen von der edlen Gesinnung,
+die er ausdrückte, berauscht durch seine Wirkung, fuhr fort, den
+Angeklagten anzublitzen. Da aber wich er zurück: der Angeklagte, zitternd
+und wankend, stemmte sich am Geländer seiner Bank empor; er hatte
+rollende, blutunterlaufene Augen, und sein Kiefer bewegte sich, als habe
+ihn der Schlag gerührt. „Oh!“ machten weibliche Stimmen, voll
+erwartungsvollen Schauderns. Aber der Angeklagte hatte nur Zeit, einige
+rauhe Laute gegen Diederich auszustoßen: sein Verteidiger hatte ihn am Arm
+erfaßt und redete auf ihn ein. Inzwischen verkündete der Vorsitzende, daß
+der Herr Staatsanwalt sein Plaidoyer um vier Uhr beginnen werde, und
+verschwand samt den Beisitzern. Diederich, halb betäubt, sah sich auf
+einmal bestürmt von Kühnchen, Zillich, Nothgroschen, die ihn
+beglückwünschten. Fremde Leute schüttelten ihm die Hand: die Verurteilung
+sei todsicher, der Lauer dürfe einpacken. Der Major Kunze erinnerte den
+erfolgreichen Diederich daran, daß zwischen ihnen niemals eine
+Meinungsverschiedenheit entstanden sei. Auf dem Korridor kam ganz nahe an
+Diederich, den gerade eine Menge Damen umgaben, der alte Buck vorüber. Er
+zog seine schwarzen Handschuhe an und sah dabei dem jungen Mann ins
+Gesicht: ohne die Verbeugung zu erwidern, die Diederich wider Willen
+machte, ihm immer ins Gesicht, mit einem Blick, prüfend und traurig, so
+traurig, daß auch Diederich, mitten aus seinem Triumph heraus, ihm traurig
+nachsah.
+
+Plötzlich merkte er, daß die fünf Töchter Buck sich nicht entblödeten, ihm
+Komplimente zu machen. Sie flatterten, rauschten und fragten, warum er
+denn zu der spannenden Verhandlung nicht auch seine Schwestern mitgebracht
+habe. Da maß er diese fünf herausgeputzten Gänse, eine nach der anderen,
+von oben bis unten und erklärte ihnen, streng und abweisend, es gäbe
+Dinge, die denn doch ernster seien als eine Theatervorstellung. Erstaunt
+ließen sie ihn stehen. Der Korridor leerte sich; zuletzt erschien noch
+Guste Daimchen. Sie machte eine Bewegung auf Diederich zu. Aber Wolfgang
+Buck holte sie ein, lächelnd, als sei nichts geschehen; und mit ihm waren
+der Angeklagte und seine Frau. Schnell sandte Guste zu Diederich einen
+Blick hin, der sein Zartgefühl anrief. Er drückte sich hinter einen
+Pfeiler und ließ, indes ihm das Herz klopfte, die Geschlagenen vorüber.
+
+Wie er gehen wollte, trat aus dem Amtszimmer der Regierungspräsident, Herr
+von Wulckow. Diederich stellte sich, den Hut in der Hand, am Wege auf,
+schlug im richtigen Augenblick die Hacken zusammen, und wirklich, Wulckow
+blieb stehen. „Na also!“ sagte er aus der Tiefe seines Bartes und klopfte
+Diederich auf die Schulter. „Sie haben das Rennen gemacht. Sehr brauchbare
+Gesinnung. Wir sprechen uns noch.“ Und er ging weiter auf seinen kotigen
+Stiefeln, schwenkte den Bauch in der verschwitzten Jagdhose und
+hinterließ, durchdringend wie je, diesen Geruch gewalttätiger
+Männlichkeit, der bei allem, was geschah, im Gerichtssaal gelagert hatte.
+
+Beim Ausgang drunten hielt sich noch immer der Bürgermeister auf, mit Frau
+und Schwiegermutter, die von beiden Seiten auf ihn eindrangen, und deren
+Forderungen er, bleich und hoffnungslos, in Einklang zu bringen suchte.
+
+
+
+Zu Hause wußten sie schon alles. Sie hatten, alle drei, im Vestibül auf
+das Ende der Verhandlung gewartet und sich von Meta Harnisch erzählen
+lassen, was vorging. Frau Heßling umarmte ihren Sohn unter stummen Tränen.
+Die Schwestern standen etwas betreten dabei, denn noch gestern hatten sie
+nur Geringschätzung gehabt für Diederichs Rolle im Prozeß, die sich nun
+als so glänzend erwies. Aber Diederich, in der schönen Vergeßlichkeit des
+Sieges, ließ Wein zum Essen auftragen, und er erklärte ihnen, der heutige
+Tag sichere für alle Zeit ihre gesellschaftliche Stellung in Netzig. „Die
+fünf Damen Buck werden sich hüten, auf der Straße wegzusehen. Sie können
+froh sein, wenn ihr sie zurückgrüßt!“ Die Verurteilung des Lauer war, so
+versicherte Diederich, nur mehr eine Formalität. Sie war entschieden, und
+mit ihr auch Diederichs unaufhaltsamer Aufstieg! „Freilich –“ und er
+nickte in sein Glas – „trotz voller Pflichterfüllung hätte es schief gehen
+können, und dann, meine Lieben, das wollen wir uns nur gestehen, dann wäre
+ich wahrscheinlich aufgeflogen und Magdas Heirat mit!“ Da Magda
+erbleichte, klopfte er ihr den Arm. „Jetzt sind wir fein heraus.“ Und das
+Glas erhoben, mit männlicher Festigkeit: „Welch eine Wendung durch Gottes
+Fügung!“ Er ordnete an, daß beide sich schön machten und mitkämen. Frau
+Heßling bat um Nachsicht, sie fürchtete zu sehr die Aufregung. Diesmal
+konnte Diederich warten, die Schwestern durften sich anziehen, so lange
+sie mochten. Als sie eintrafen, waren schon alle im Saal, aber es waren
+nicht dieselben. Sämtliche Bucks fehlten, und mit ihnen Guste Daimchen,
+Heuteufel, Cohn, die ganze Loge, der freisinnige Wahlverein. Sie gaben
+sich besiegt! Die Stadt wußte es, man drängte sich herbei, ihre Niederlage
+zu erleben; das minder gute Publikum war vorgerückt bis in die vorderen
+Bänke. Wer von dem einstigen Klüngel sich noch hier fand, Kühnchen und
+Kunze trugen Sorge, daß jeder auf ihren Gesichtern die gute Gesinnung
+lese. Auch einige verdächtige Gestalten freilich saßen dazwischen: junge
+Leute mit müden, aber ausdrucksvollen Mienen, samt mehreren auffallenden
+Mädchen, die unheimlich schöne Farben im Gesicht hatten; und alle
+tauschten Grüße mit Wolfgang Buck. Das Stadttheater! Buck hatte sich nicht
+entblödet, sie zu seinem Plaidoyer einzuladen!
+
+Der Angeklagte wandte hastig den Kopf, sooft jemand eintrat. Er wartete
+auf seine Frau! „Wenn er meint, daß sie noch kommt!“ dachte Diederich.
+Aber da kam sie: noch bleicher als heute früh, begrüßte ihren Gatten mit
+einem Blick, der flehend war; setzte sich still an das Ende einer Bank und
+richtete die Augen geradeaus nach dem Richtertisch, stumm und stolz, wie
+ins Schicksal ... Der Gerichtshof hatte den Saal betreten. Der Vorsitzende
+eröffnete die Sitzung und erteilte das Wort dem Herrn Staatsanwalt.
+
+Jadassohn begann sofort mit äußerster Heftigkeit; nach einigen Sätzen fand
+er schon keine Steigerung mehr und wirkte matt; die Mitglieder des
+Stadttheaters lächelten einander geringschätzig zu. Jadassohn bemerkte es,
+er fing an, die Arme zu schwenken, dass die Robe flog; seine Stimme
+überschlug sich, und die Ohren loderten. Die geschminkten Mädchen fielen
+auf die Brüstung ihrer Bank, so ausgelassen kicherten sie. „Merkt denn
+Sprezius nichts?“ fragte die Schwiegermutter des Bürgermeisters. Aber das
+Gericht schlief. Diederich in seinem Herzen frohlockte; er hatte seine
+Rache an Jadassohn! Jadassohn konnte nichts vorbringen, als womit er
+selbst schon das Rennen gemacht hatte! Es war gemacht, das wußte Wulckow,
+und auch Sprezius wußte es, darum schlief er, mit offenen Augen. Jadassohn
+selbst fühlte es am besten; er nahm sich immer unsicherer aus, je
+geräuschvoller er ward. Als er schließlich zwei Jahre Gefängnis
+beantragte, gaben alle, die er gelangweilt hatte, ihm unrecht: wie es
+schien, auch die Richter. Der alte Kühlemann schrak auf, mit einem
+Schnarcher. Sprezius klappte mehrmals die Lider, um sich zu ermuntern, und
+dann sagte er: „Der Herr Verteidiger hat das Wort.“
+
+Wolfgang Buck erhob sich langsam. Seine sonderbaren Freunde auf der
+Tribüne murmelten beifällig, was Buck trotz Sprezius’ geschärftem Schnabel
+in Ruhe abwartete. Dann erklärte er leichthin, als werde er mit allem in
+zwei Minuten fertig werden, daß die Beweisaufnahme ein dem Angeklagten
+durchaus günstiges Bild ergeben habe. Der Herr Staatsanwalt vertrete mit
+Unrecht die Anschauung, daß die Aussage von Zeugen, die erst infolge
+drohender Eingriffe in ihre eigene Existenz schlecht ausgesagt hätten,
+irgendeinen Wert habe. Vielmehr sie habe den Wert, daß sie auf geradezu
+glänzende Weise die Unschuld des Angeklagten belege, da so viele als
+wahrheitsliebend bekannte Männer nur durch eine Erpressung –. Weiter kam
+er natürlich nicht. Als der Vorsitzende sich beruhigt hatte, fuhr Buck
+gelassen fort. Wolle man aber als erwiesen annehmen, daß der Angeklagte
+die ihm zur Last gelegte Äußerung wirklich getan habe, so entfalle hier
+doch der Begriff der Strafbarkeit; denn der Zeuge Doktor Heßling habe
+offen eingestanden, daß er den Angeklagten mit Absicht und Vorbedacht
+provoziert habe. Es frage sich vielmehr, ob nicht eben der Zeuge Heßling,
+durch seine provokatorische Absicht, der eigentliche geistige Urheber
+einer strafbaren Handlung sei, die er mit der unwillkürlichen Hilfe eines
+anderen und unter bewußter Ausnutzung seiner Erregung vollführt habe. Der
+Verteidiger empfahl dem Herrn Staatsanwalt die nähere Beschäftigung mit
+dem Zeugen Heßling. Hier wandten viele sich nach Diederich um, und ihm
+ward schwül. Aber die wegwerfende Miene des Vorsitzenden ermutigte ihn
+wieder.
+
+Buck machte sein Organ milde und warm. Nein, er wolle nicht das Unglück
+des Zeugen Heßling, den er als das Opfer eines weit Höheren betrachte.
+„Warum häufen sich in diesen Zeiten die Anklagen wegen
+Majestätsbeleidigung? Man wird sagen: infolge solcher Vorgänge wie die
+Erschießung des Arbeiters. Ich erwidere: nein; sondern dank den Reden, die
+diese Vorgänge begleiten.“ Sprezius rückte den Kopf, wetzte schon den
+Schnabel, zog sich aber noch zurück. Buck ließ sich nicht stören; er
+machte sein Organ männlich und stark.
+
+„Drohungen und überspannte Ansprüche auf der einen Seite zeitigen
+Zurückweisungen auf der anderen. Der Grundsatz: wer nicht für mich ist,
+ist wider mich, zieht eine grelle Grenze zwischen Byzantinern und
+Majestätsbeleidigern.“
+
+Da hackte Sprezius zu. „Herr Verteidiger, ich kann nicht dulden, daß Sie
+an Worten des Kaisers hier Kritik üben. Wenn Sie damit fortfahren, wird
+das Gericht Sie in Ordnungsstrafe nehmen.“
+
+„Ich füge mich der Anordnung des Herrn Vorsitzenden“, sagte Buck, und die
+Worte wurden in seinem Munde immer runder und gewichtiger. „Ich werde also
+nicht vom Fürsten sprechen, sondern vom Untertan, den er sich formt; nicht
+von Wilhelm dem Zweiten, sondern vom Zeugen Heßling. Sie haben ihn
+gesehen! Ein Durchschnittsmensch mit gewöhnlichem Verstand, abhängig von
+Umgebung und Gelegenheit, mutlos, solange hier die Dinge schlecht für ihn
+standen, und von großem Selbstbewußtsein, sobald sie sich gewendet
+hatten.“
+
+Diederich auf seinem Platz schnaufte. Warum schützte Sprezius ihn nicht?
+Es wäre seine Pflicht gewesen! Einen nationalgesinnten Mann ließ er in
+öffentlicher Sitzung verächtlich machen – von wem? Vom Verteidiger, dem
+berufsmäßigen Vertreter der subversiven Tendenzen! Da war etwas faul im
+Staat!... Es begann in ihm zu kochen, wenn er Buck ansah. Das war der
+Feind, der Antipode; da gab es nur eins: zerschmettern! Diese beleidigende
+Menschlichkeit in Bucks dickem Profil! Man fühlte seine herablassende
+Liebe zu den Worten, die er bildete, um Diederich zu kennzeichnen!
+
+„Wie er“, sagte Buck, „waren zu jeder Zeit viele Tausende, die ihr
+Geschäft versahen und eine politische Meinung hatten. Was hinzukommt und
+ihn zu einem neuen Typus macht, ist einzig die Geste: das Prahlerische des
+Auftretens, die Kampfstimmung einer vorgeblichen Persönlichkeit, das
+Wirkenwollen um jeden Preis, wäre er auch von anderen zu bezahlen. Die
+Andersdenkenden sollen Feinde der Nation heißen, und wären sie zwei
+Drittel der Nation. Klasseninteressen, mag sein, aber umgelogen durch
+Romantik. Eine romantische Prostration vor einem Herrn, der seinem
+Untertan von seiner Macht das Nötige leihen soll, um die noch kleineren
+niederzuhalten. Und da es in Wirklichkeit und im Gesetz weder den Herrn
+noch den Untertan gibt, erhält das öffentliche Leben einen Anstrich
+schlechten Komödiantentums. Die Gesinnung trägt Kostüm, Reden fallen, wie
+von Kreuzrittern, indes man Blech erzeugt oder Papier; und das Pappschwert
+wird gezogen für einen Begriff wie den der Majestät, den doch kein Mensch
+mehr, außer in Märchenbüchern, ernsthaft erlebt. Majestät ...“ wiederholte
+Buck, das Wort durchschmeckend, und einige Hörer schmeckten es mit. Die
+Leute vom Theater, denen es offenbar mehr auf die Worte als auf den Sinn
+ankam, legten die Hand an die Ohren und murmelten beifällig. Den anderen
+sprach Buck zu gewählt, und daß er an keinen Dialekt anklang, befremdete.
+Aber Sprezius war im Sessel emporgestiegen, er kreischte beutegierig:
+„Herr Verteidiger, zum letzten Male fordere ich Sie auf, die Person des
+Monarchen nicht in die Debatte zu ziehen.“ Durch das Publikum lief eine
+Bewegung. Wie Buck den Mund wieder öffnete, versuchte jemand zu klatschen,
+Sprezius hackte noch rechtzeitig zu. Es war eins der auffallenden Mädchen
+gewesen.
+
+„Erst der Herr Vorsitzende“, sagte Buck, „hat die Person des Monarchen
+genannt. Aber, da sie nun genannt ist, darf ich, ohne Verlegenheit für das
+Gericht, feststellen, daß diese Person durch die Vollständigkeit, mit der
+sie im heute gegebenen Moment die Tendenzen des Landes ausdrückt und
+darstellt, etwas fast Verehrungswürdiges bekommt. Ich will den Kaiser –
+und der Herr Vorsitzende wird es nicht auf sich nehmen, mich zu
+unterbrechen – einen großen Künstler nennen. Kann ich mehr tun? Wir alle
+kennen nichts Höheres ... Ebendarum sollte es nicht erlaubt sein, daß
+jeder mittelmäßige Zeitgenosse ihm nachäfft. Im Glanz des Thrones mag
+einer seine zweifellos einzige Persönlichkeit spielen lassen, mag reden,
+ohne daß wir mehr von ihm erwarten als Reden, mag blitzen, blenden, den
+Haß imaginärer Rebellen herausfordern und den Beifall eines Parterres, das
+seine bürgerliche Wirklichkeit darüber nicht vergißt ...“
+
+Diederich erbebte; und alle hatten die Münder offen und gespannte Augen,
+als bewegte Buck sich auf einem Seil zwischen zwei Türmen. Ob er stürzte?
+Sprezius hielt den Schnabel gezückt. Aber kein Zug von Ironie zeichnete
+die Miene des Verteidigers: es schwang sich etwas darin auf wie eine
+erbitterte Begeisterung. Plötzlich ließ er die Mundwinkel fallen, grau
+schien es um ihn her zu werden.
+
+„Aber ein Netziger Papierfabrikant?“ fragte er. Er war nicht gestürzt, er
+hatte wieder Boden unter den Füßen! Nun sah alles sich nach Diederich um,
+und man lächelte sogar. Auch Emmi und Magda lächelten. Buck hatte seine
+Wirkung, und Diederich mußte sich leider sagen, daß ihr gestriges Gespräch
+auf der Straße hierfür die Generalprobe gewesen sei. Er duckte sich unter
+dem offenen Hohn des Redners.
+
+„Die Papierfabrikanten neigen heute dazu, sich eine Rolle anzumaßen, für
+die sie nicht fabriziert sind. Zischen wir sie aus! Sie haben kein Talent!
+Das ästhetische Niveau unseres öffentlichen Lebens, das vom Auftreten
+Wilhelms des Zweiten eine so ruhmreiche Erhöhung erfahren hat, kann durch
+Kräfte wie den Zeugen Heßling nur verlieren ... Und mit dem Ästhetischen,
+meine Herren Richter, sinkt oder steigt das Moralische. Erlogene Ideale
+ziehen unlautere Sitten nach sich, dem politischen Schwindel folgt der
+bürgerliche.“
+
+Buck hatte sein Organ streng gemacht. Zum ersten Male erhob er es nun bis
+zum Pathos.
+
+„Denn, meine Herren Richter, ich beschränke mich nicht auf die
+mechanistische Doktrin, die der Partei des sogenannten Umsturzes so teuer
+ist. Mehr Veränderung als alle Wirtschaftsgesetze erzeugt in der Welt das
+Beispiel eines großen Mannes. Und wehe, wenn es ein falsch verstandenes
+Beispiel war! Dann kann es geschehen, daß über das Land sich ein neuer
+Typus verbreitet, der in Härte und Unterdrückung nicht den traurigen
+Durchgang zu menschlicheren Zuständen sieht, sondern den Sinn des Lebens
+selbst. Schwach und friedfertig von Natur, übt er sich, eisern zu
+scheinen, weil in seiner Vorstellung Bismarck es war. Und mit
+unberechtigter Berufung auf einen noch Höheren wird er lärmend und
+unsolide. Kein Zweifel: die Siege seiner Eitelkeit werden geschäftlichen
+Zwecken dienen. Zuerst bringt die Komödie seiner Gesinnung einen
+Majestätsbeleidiger ins Gefängnis. Später findet sich, was daran zu
+verdienen ist. Meine Herren Richter!“
+
+Buck breitete die Arme aus, als solle seine Toga die Welt umfassen, er
+trug die gesammelte Miene eines Führers. Und er legte los, mit allem, was
+er hatte.
+
+„Sie sind souverän; und Ihre Souveränität ist die erste und stärkste. In
+Ihrer Hand ist das Schicksal des einzelnen. Sie können ihn in das Leben
+schicken oder ihn sittlich töten – was kein Fürst kann. Die Norm aber der
+Individuen, die Sie gutheißen oder verwerfen, bildet ein Geschlecht. Und
+so haben Sie Macht über unsere Zukunft. Bei Ihnen liegt die unermeßliche
+Verantwortung, ob künftig Männer wie der Angeklagte die Gefängnisse füllen
+und Wesen wie der Zeuge Heßling der herrschende Teil der Nation sein
+sollen. Entscheiden Sie sich zwischen den beiden! Entscheiden Sie sich
+zwischen Streberei und mutiger Arbeit, zwischen Komödie und Wahrheit!
+Zwischen einem, der, um selbst emporzukommen, Opfer verlangt, und dem
+anderen, der Opfer darbringt, damit Menschen es besser haben! Der
+Angeklagte hat getan, was erst wenige vermochten: er hat sich seines
+Herrentums begeben, hat denen, die unter ihm standen, gleiches Recht
+zugebilligt, Behagen und Hoffnungsfreude. Und jemand, der in seinem
+Nächsten so sehr sich selbst achtet, sollte fähig sein, von der Person des
+Kaisers mit Nichtachtung zu sprechen?“
+
+Die Hörer atmeten. Mit neuen Gefühlen blickte man auf den Angeklagten, der
+die Stirn in die Hand stützte, auf seine Frau, die starr vor sich hinsah.
+Mehrere schluchzten. Der Vorsitzende sogar hatte eine betretene Miene.
+Seine Lider klappten nicht mehr; mit runden Augen saß er da, als hätte
+Buck ihn eingefangen. Der alte Kühlemann nickte achtungsvoll, und an
+Jadassohn zeigten sich unwillkürliche Zuckungen.
+
+Aber Buck mißbrauchte seinen Erfolg, er ließ sich berauschen. „Das
+Erwachen des Bürgers!“ rief er aus. „Die wahrhaft nationale Gesinnung! Die
+stille Tat eines Lauer tut mehr dafür als hundert hallende Monologe selbst
+eines gekrönten Künstlers!“
+
+Sofort klappte Sprezius wieder; und man sah ihm an, er hatte sich
+besonnen, wie die Dinge eigentlich lagen, und versprach sich, nicht zum
+zweiten Male auf den Leim zu gehen. Jadassohn feixte; und im Saal fühlten
+die meisten, der Verteidiger habe verspielt. Unter allgemeiner Unruhe ließ
+der Vorsitzende ihn das Lob des Angeklagten beenden.
+
+Als Buck sich dann setzte, wollten die Schauspieler klatschen; aber
+Sprezius hackte nicht einmal mehr zu, er warf nur einen gelangweilten
+Blick hin und fragte, ob der Herr Staatsanwalt zu replizieren wünsche.
+Jadassohn verneinte geringschätzig, und der Gerichtshof zog sich rasch
+zurück. „Das Urteil wird bald gefunden sein“, sagte Diederich mit
+Achselzucken – obwohl ihm von Bucks Rede noch arg beklommen war. „Gott sei
+Dank!“ sagte die Schwiegermutter des Bürgermeisters. „Man sollte nicht
+glauben, daß vor fünf Minuten die Leute noch obenauf waren.“ Sie wies auf
+Lauer, der sich das Gesicht trocknete, und auf Buck, den wahrhaftig die
+Schauspieler beglückwünschten.
+
+Schon kehrten die Richter zurück, und Sprezius verkündete das Urteil:
+sechs Monate Gefängnis – was allen die natürlichste Lösung schien. Dazu
+war noch auf Verlust der vom Angeklagten bekleideten öffentlichen Ämter
+erkannt worden.
+
+Der Vorsitzende begründete das Urteil damit, daß eine beleidigende Absicht
+zum Tatbestande des Delikts nicht erforderlich sei. Daher tue auch die
+Frage, ob eine Provokation stattgefunden habe, nichts zur Sache. Im
+Gegenteil: daß der Angeklagte es gewagt habe, vor national gesinnten
+Zeugen so zu sprechen, falle erschwerend ins Gewicht. Die Behauptung des
+Angeklagten, daß er nicht den Kaiser gemeint habe, sei vom Gericht für
+hinfällig befunden. „Den Hörern der Rede mußte sich – namentlich bei ihrer
+Parteistellung und der ihnen bekannten antimonarchischen Richtung des
+Angeklagten – die Ansicht aufdrängen, daß seine Äußerung sich gegen den
+Kaiser richte. Wenn der Angeklagte vorgibt, daß er sich wohl gehütet habe,
+eine Majestätsbeleidigung zu begehen, so hat er eben nicht die Beleidigung
+selbst, sondern nur ihre strafrechtlichen Folgen vermeiden wollen.“
+
+Dies leuchtete allen ein, man fand es von Lauer begreiflich, aber
+hinterlistig. Der Verurteilte ward sofort verhaftet; als man auch dies
+noch miterlebt hatte zerstreute man sich, unter Bemerkungen, die ihm nicht
+günstig waren. Nun war es wohl aus mit Lauer, denn was sollte in dem
+halben Jahr, das er absitzen mußte, aus seinem Geschäft werden! Infolge
+des Urteils war er auch nicht mehr Stadtverordneter. Er konnte künftig
+weder nützen noch schaden! Dem Buckschen Klüngel, der so dick tat, war der
+Denkzettel zu gönnen. Man sah sich nach der Frau des Sträflings um; aber
+sie war verschwunden. „Nicht einmal die Hand hat sie ihm gegeben! Nette
+Verhältnisse!“
+
+
+
+Aber in den Tagen, die folgten, geschahen Dinge, die zu noch herberen
+Urteilen nötigten. Judith Lauer hatte sofort ihre Koffer gepackt und war
+nach dem Süden gereist. Nach dem Süden! – indes ihr leiblicher Mann dort
+oben in der Vogtei saß, mit einer Wache unter seinem Gitterfenster. Und –
+ein auffallendes Zusammentreffen!
+
+Landgerichtsrat Fritzsche nahm plötzlich Urlaub. Eine Karte von ihm aus
+Genua gelangte an Doktor Heuteufel, der sie umherzeigte: wahrscheinlich,
+um sein eigenes Benehmen in Vergessenheit zu bringen. Es wäre kaum noch
+nötig gewesen, die Lauerschen Dienstboten und die armen verlassenen Kinder
+auszuforschen: man wußte Bescheid! Der Skandal war so groß, daß die
+„Netziger Zeitung“ eingriff, mit einer an die oberen Zehntausend
+gerichteten Warnung, nicht den umstürzlerischen Tendenzen durch
+Zügellosigkeit entgegenzukommen. In einem zweiten Artikel legte
+Nothgroschen dar, daß man unrecht tue, Reformen, wie die in Lauers Betrieb
+eingeführten, besonders zu rühmen. Denn was hatten die Arbeiter von der
+Beteiligung? Im Durchschnitt, nach Lauers eigenen Aufstellungen, noch
+nicht achtzig Mark im Jahr. Das konnte man ihnen auch in Form eines
+Weihnachtsgeschenkes zuwenden! Aber freilich, dann war es keine
+Demonstration mehr gegen die bestehende Gesellschaftsordnung! Dann hatte
+auch die vom Gericht festgestellte antimonarchische Gesinnung des
+Fabrikherrn nichts dabei zu gewinnen! Und wenn Herr Lauer auf den Dank der
+Arbeiter gezählt hatte, konnte er sich jetzt eines Besseren belehren:
+vorausgesetzt, so fügte Nothgroschen hinzu, daß er im Gefängnis das
+sozialdemokratische Blatt zu lesen bekam. Denn das warf ihm vor, daß er
+durch seine leichtsinnige Majestätsbeleidigung mehrere hundert
+Arbeiterfamilien in ihrer Existenz gefährdet habe.
+
+Die „Netziger Zeitung“ trug der veränderten Lage noch in anderer, sehr
+bezeichnender Weise Rechnung. Ihr Direktor Tietz wandte sich an das
+Heßlingsche Werk wegen eines Teils der Papierlieferung. Die Auflage sei
+gestiegen und Gausenfeld zur Zeit überlastet. Diederich sagte sich sofort,
+daß dahinter der alte Klüsing selbst stecke. Er war beteiligt an der
+Zeitung, ohne ihn geschah dort nichts. Wenn der etwas aus der Hand ließ,
+fürchtete er offenbar, sonst noch mehr zu verlieren. Die Kreisblätter! Die
+Lieferungen für die Regierung! Angst vor Wulckow, das war es. Daß
+Diederich durch seine Zeugenaussage den Präsidenten auf sich aufmerksam
+gemacht hatte, mußte der Alte wohl erfahren haben – obwohl er kaum mehr in
+die Stadt kam. Die alte Papierspinne dort hinten in ihrem Netz, das über
+die Provinz und noch weiter gespannt war, witterte Gefahr und ward
+unruhig. „Er möchte mich abspeisen mit der ‚Netziger Zeitung‘! Aber so
+billig tun wir’s nicht. In dieser harten Zeit! Hat er ’ne Ahnung von
+meiner Großzügigkeit. Wenn ich erst Wulckow hinter mir habe: – ich beerbe
+ihn einfach!“ sagte Diederich laut, mit einem Schlag auf das Schreibpult,
+so daß Sötbier emporschrak. „Hüten Sie sich vor Aufregungen!“ höhnte
+Diederich. „In Ihren Jahren, Sötbier! Ich gebe zu, früher haben Sie
+manches geleistet für die Firma. Aber die Geschichte mit dem Holländer war
+schlimm; da haben Sie mich entmutigt, und jetzt hätte ich ihn nötig für
+die ‚Netziger Zeitung‘. Sie sollten sich ausruhen, es gelingt nichts
+mehr.“
+
+Zu den Folgen, die der Prozeß für Diederich hatte, gehörte auch ein Brief
+des Majors Kunze. Dieser wünschte ein bedauerliches Mißverständnis
+aufzuklären und teilte mit, daß der Aufnahme des hochverdienten Herrn
+Doktors in den Kriegerverein nichts mehr im Wege stehe. Diederich, gerührt
+durch seinen Triumph, hätte am liebsten gleich die beiden Hände des alten
+Soldaten ergriffen. Glücklicherweise erkundigte er sich und erfuhr, daß
+der Brief auf Herrn von Wulckow selbst zurückzuführen war! Der
+Regierungspräsident hatte den Kriegerverein mit seinem Besuch beehrt und
+sich gewundert, den Doktor Heßling nicht dort zu finden. Da ward Diederich
+es inne, was für eine Macht er war. Er handelte demgemäß. Er antwortete
+auf die private Eröffnung des Majors durch ein offizielles Schreiben an
+den Verein und forderte den persönlichen Besuch von zwei Mitgliedern des
+Vorstandes, der Herren Major Kunze und Professor Kühnchen. Sie kamen auch;
+Diederich empfing sie, zwischen Geschäftsbesuchen, die er absichtlich auf
+diese Stunde gelegt hatte, in seinem Bureau und diktierte ihnen die
+Adresse, von deren Überreichung er die Annahme ihres ehrenvollen Antrags
+abhängig machte. Darin ließ er sich bestätigen, daß er, mit glänzender
+Unerschrockenheit allen Verleumdungen trotzend, seine treudeutsche und
+kaisertreue Gesinnung bewährt habe. Durch sein Eingreifen sei es gelungen,
+den vaterlandslosen Elementen Netzigs eine empfindliche Schlappe
+beizubringen. Aus einem unter den größten persönlichen Opfern geführten
+Kampf sei Diederich als lauterer, echt deutscher Charakter hervorgegangen.
+
+Bei der Feier seiner Aufnahme verlas Kunze die Adresse, und Diederich,
+Tränen in der Stimme, bekannte sich unwürdig, so viel Lob
+entgegenzunehmen. Wenn in Netzig die nationale Sache Fortschritte mache,
+so sei dies, nächst Gott, einem Höheren zu danken, dessen erhabene
+Weisungen er seinerseits in freudigem Gehorsam ausführe ... Alle, auch
+Kunze und Kühnchen, waren bewegt. Es war ein großer Abend. Diederich
+stiftete einen Pokal – und er hielt eine Rede, worin er die
+Schwierigkeiten berührte, denen die neue Militärvorlage im Reichstage
+begegnete. „Einzig unser scharfes Schwert“, rief Diederich aus, „sichert
+unsere Stellung in der Welt, und es scharf zu erhalten, ist der Beruf
+Seiner Majestät des Kaisers! Wenn der Kaiser ruft, wird es herausfliegen
+aus der Scheide! Die Gesellschaft im Reichstag, die da was dreinreden
+will, mag sich hüten, daß es sie nicht zuerst trifft! Mit Seiner Majestät
+ist nicht zu spaßen, meine Herren, das kann ich Ihnen nur sagen.“
+Diederich blitzte, und er nickte schwerwiegend, als wüßte er manches. Im
+selben Augenblick kam ihm wirklich ein Einfall. „Neulich auf dem
+Brandenburgischen Provinziallandtag hat der Kaiser dem Reichstag den
+Standpunkt klargemacht. Er hat gesagt: ‚Wenn die Kerls mir meine Soldaten
+nicht bewilligen, räum’ ich die ganze Bude aus!‘“ – Das Wort erregte
+Begeisterung; und als Diederich allen, die ihm zutranken, nachgekommen
+war, hätte er nicht mehr sagen können, ob es von ihm selbst war oder nicht
+doch vom Kaiser. Schauer der Macht strömten aus dem Wort auf ihn ein, als
+wäre es echt gewesen ... Tags darauf stand es in der „Netziger Zeitung“
+und schon am Abend im „Lokal-Anzeiger“. Schlechtgesinnte Blätter
+verlangten ein Dementi, aber es blieb aus.
+
+
+
+
+
+ V.
+
+
+Noch schwellten solche Hochgefühle Diederichs Brust, da bekamen Emmi und
+Magda eine Einladung von Frau von Wulckow, nachmittags zum Tee. Es konnte
+nur wegen des Stückes sein, das die Regierungspräsidentin beim nächsten
+Fest der „Harmonie“ aufführen ließ. Emmi und Magda sollten Rollen
+bekommen. Freudegerötet kehrten sie heim: Frau von Wulckow war überaus
+gnädig gewesen; eigenhändig hatte sie ihnen immer wieder Kuchen auf den
+Teller gelegt. Inge Tietz mochte platzen. Offiziere spielten mit! Man
+brauchte besondere Toiletten; wenn Diederich vielleicht glaubte, daß sie
+mit ihren fünfzig Mark –. Aber Diederich eröffnete ihnen einen
+unbegrenzten Kredit. Nichts von dem, was sie kauften, fand er schön genug.
+Das Wohnzimmer lag voll von Bändern und künstlichen Blumen, die Mädchen
+verloren den Kopf, weil Diederich ihnen dreinredete: da kam Besuch, Guste
+Daimchen.
+
+„Ich habe doch der glücklichen Braut noch gar nicht richtig gratuliert“,
+sagte sie und versuchte gönnerhaft zu lächeln; aber ihre Augen gingen
+besorgt über die Bänder und Blumen. „Das ist wohl auch für das dumme
+Stück?“ fragte sie. „Wolfgang hat davon gehört, er sagt, es ist unerhört
+dumm.“ Magda erwiderte: „Dir muß er es doch sagen, weil du nicht
+mitspielst.“ Und Diederich erklärte: „Damit entschuldigt er sich dafür,
+daß Sie seinetwegen bei Wulckows nicht eingeladen werden.“ Guste lachte
+geringschätzig. „Auf Wulckows verzichten wir, aber zum Harmonieball gehen
+wir gerade.“ Diederich fragte: „Wollen Sie den ersten Eindruck des
+Prozesses nicht lieber vorübergehen lassen?“ Er sah sie teilnehmend an.
+„Liebes Fräulein Guste, wir sind so alte Bekannte, ich darf Sie wohl
+darauf hinweisen, daß Ihre Verbindung mit den Bucks Ihnen jetzt in der
+Gesellschaft nicht gerade nützt.“ – Guste zuckte mit den Augen, man sah,
+sie hatte sich das schon selbst gedacht. Magda bemerkte: „Gott sei Dank,
+mit meinem Kienast ist es nicht so.“ Worauf Emmi: „Aber Herr Buck ist
+interessanter. Neulich bei seiner Rede hab’ ich geweint, wie im Theater.“
+– „Und überhaupt!“ rief Guste ermutigt. „Erst gestern hat er mir diese
+Tasche geschenkt.“ Sie hielt den vergoldeten Sack empor, nach dem Emmi und
+Magda schon lange schielten. Magda sagte spitz: „Er hat wohl viel verdient
+mit der Verteidigung. Kienast und ich, wir sind für Sparsamkeit.“ Aber
+Guste hatte ihre Genugtuung gehabt. „Dann will ich auch nicht länger
+stören“, sagte sie.
+
+Diederich begleitete sie hinunter. „Ich bringe Sie nach Haus, wenn Sie
+artig sind,“ sagte er, „aber vorher muß ich noch einen Blick in die Fabrik
+tun. Gleich wird Schicht gemacht.“ – „Ich kann ja mitgehen“, meinte Guste.
+Um ihr zu imponieren, führte er sie geradeswegs zu der großen
+Papiermaschine. „So was haben Sie wohl noch nicht gesehen?“ Und mit
+Wichtigkeit erläuterte er ihr das System von Bassins, Walzen und
+Zylindern, worüber hin, durch die ganze Länge des Saales, die Masse floß:
+zuerst wässerig, dann immer trockener – und am Ende der Maschine lief auf
+großen Rollen das fertige Papier ... Guste schüttelte den Kopf. „Nein so
+was! Und der Krach, den sie macht! Und die Hitze hier!“ Diederich, mit
+seiner Wirkung noch nicht zufrieden, fand einen Grund, um die Arbeiter
+anzudonnern; und wie Napoleon Fischer dazukam, war nur er schuld! Beide
+schrien gegen den Lärm der Maschine an, Guste verstand nichts; aber
+Diederichs geheime Angst sah in dem dünnen Bart des Maschinenmeisters
+immer das gewisse Grinsen, das an seine Mitwisserschaft in der
+Angelegenheit des Holländers erinnerte und die offene Verleugnung jeder
+Autorität war. Je heftiger Diederich sich gebärdete, desto ruhiger ward
+der andere. Diese Ruhe war Aufruhr! Schnaufend und bebend öffnete
+Diederich die Tür zum Packraum und ließ Guste eintreten. „Der Mann ist
+Sozialdemokrat!“ erklärte er. „So ein Kerl wäre imstande, hier Feuer zu
+legen. Aber ich entlass’ ihn nicht: nun gerade nicht! Wollen sehen, wer
+der Stärkere ist. Die Sozialdemokratie nehme ich auf mich!“ Und da Guste
+ihn bewundernd ansah: „Das hätten Sie wohl nicht gedacht, auf was für
+einem gefahrvollen Posten unsereiner steht. Furchtlos und treu, ist mein
+Wahlspruch. Sehen Sie, ich verteidige hier unsere heiligsten nationalen
+Güter geradeso gut wie unser Kaiser. Dazu gehört mehr Mut, als wenn einer
+vor Gericht schöne Reden hält.“
+
+Guste sah es ein, sie hatte eine andächtige Miene. „Hier ist es kühler,“
+bemerkte sie, „wenn man aus der Hölle nebenan kommt. Die Frauen hier
+können froh sein.“ – „Die?“ erwiderte Diederich. „Die haben es wie im
+Paradies!“ Er führte Guste zu dem Tisch: eine der Frauen sortierte die
+Bogen, eine zweite prüfte nach, und die dritte zählte immerfort bis
+fünfhundert. Alles ging mit unerklärlicher Schnelligkeit; die Bogen flogen
+ununterbrochen einander nach, wie von selbst und ohne Widerstand gegen die
+arbeitenden Hände, die im endlos über sie hingehenden Papier sich
+aufzulösen schienen: Hände und Arme, die Frau selbst, ihre Augen, ihr
+Gehirn, ihr Herz. Das alles war da und lebte, damit die Bogen flogen ...
+Guste gähnte – indes Diederich erklärte, daß diese Weiber, die im Akkord
+arbeiteten, sich schändliche Nachlässigkeiten zuschulden kommen ließen. Er
+wollte schon dazwischenfahren, weil ein Bogen mitflog, woran eine Ecke
+fehlte. Aber Guste sagte plötzlich mit einer Art von Trotz: „Sie brauchen
+sich übrigens nicht einzubilden, daß Käthchen Zillich sich für Sie
+besonders interessiert ... Wenigstens nicht mehr als für gewisse andere
+Leute“, setzte sie hinzu; und auf seine verwirrte Frage, was sie denn
+meine, lächelte sie bloß anzüglich. „Ich muß Sie doch bitten“, wiederholte
+er. Darauf nahm Guste ihre gönnerhafte Miene an. „Ich sage es nur zu Ihrem
+Besten. Denn Sie scheinen nichts zu merken? Mit Assessor Jadassohn zum
+Beispiel? Aber Käthchen ist überhaupt so eine.“ Jetzt lachte Guste laut,
+so begossen sah Diederich aus. Sie ging weiter, und er folgte. „Mit
+Jadassohn?“ forschte er angstvoll. Da hörte der Lärm der Maschine auf, die
+Glocke ging, die den Schluß der Arbeit anzeigte, und über den Hof
+entfernten sich schon Arbeiter. Diederich zuckte die Achseln. „Was
+Fräulein Zillich macht, läßt mich kalt“, erklärte er. „Höchstens um den
+alten Pastor tut es mir leid, wenn sie wirklich so eine ist. Wissen Sie
+das denn genauer?“ Guste sah weg. „Überzeugen Sie sich doch selbst!“
+Worauf Diederich geschmeichelt lachte.
+
+„Lassen Sie das Gas brennen!“ rief er dem Maschinenmeister zu, der
+vorbeiging. „Ich drehe selbst ab.“ Gerade ward der Lumpensaal weit
+geöffnet für die Fortgehenden. „Oh!“ rief Guste, „dort drinnen ist es aber
+romantisch!“ Denn sie erblickte dahinten in der Dämmerung lauter bunte
+Flecken aus grauen Hügeln und darüber einen Wald von Ästen. „Ach“, sagte
+sie im Nähertreten. „Ich dachte, weil es hier schon so dunkel ist ... Das
+sind ja bloß Lumpensäcke und Heizungsrohre.“ Und sie verzog das Gesicht.
+Diederich jagte die Arbeiterinnen empor, die trotz der Betriebsordnung
+sich auf den Säcken ausruhten. Mehrere, kaum, daß die Arbeit fortgelegt
+war, strickten schon, andere aßen. „Das könnte euch passen“, schnaubte er.
+„Wärme schinden auf meine Kosten! Raus!“ Sie standen langsam auf, ohne ein
+Wort, ohne Widerstand in der Miene; und vorbei an der fremden Dame, nach
+der alle dumpf neugierig den Kopf wandten, trabten sie in ihren
+Männerschuhen hinaus, schwerfällig wie eine Herde und umgeben von dem
+Dunst, worin sie lebten. Diederich behielt jede scharf im Auge, bis sie
+draußen war. „Fischer!“ schrie er plötzlich. „Was hat die Dicke da unterm
+Tuch?“ Der Maschinenmeister erklärte mit seinem zweideutigen Grinsen: „Das
+ist nur, weil sie was erwartet“, – worauf Diederich unzufrieden den Rücken
+wandte. Er belehrte Guste. „Ich glaubte, ich hätte eine erwischt. Sie
+stehlen nämlich Lumpen. Jawohl. Sie machen Kinderkleider draus.“ Und da
+Guste die Nase rümpfte: „Das ist doch zu gut für die Proletenkinder!“
+
+Mit den Spitzen ihrer Handschuhe hob Guste einen der Fetzen vom Boden.
+Plötzlich hatte Diederich ihr Handgelenk gefangen und küßte es gierig, im
+Spalt des Handschuhs. Erschreckt sah sie sich um. „Ach so, alle Leute sind
+schon fort.“ Sie lachte selbstsicher. „Ich hab’ mir doch gleich gedacht,
+was Sie jetzt noch in der Fabrik zu tun haben.“ Diederich machte ein
+herausforderndes Gesicht. „Na und Sie? Warum sind Sie überhaupt gekommen
+heute? Sie haben wohl gemerkt, daß ich doch nicht so ohne bin? Freilich
+Ihr Wolfgang –. Jeder kann sich nicht so blamieren wie er, neulich vor
+Gericht.“ Darauf sagte Guste entrüstet: „Seien Sie nur ganz still, Sie
+werden doch nie so ein feiner Mann wie er.“ Aber ihre Augen sagten etwas
+anderes. Diederich sah es; erregt lachte er auf. „Wie der es eilig hat mit
+Ihnen! Wissen Sie auch, wofür er Sie ansieht? Für einen Kochtopf mit Wurst
+und Kohl, und ich soll ihn umrühren!“ – „Jetzt lügen Sie“, sagte Guste
+vernichtend; aber Diederich war im Zuge. „Ihm ist nämlich nicht genug
+Wurst und Kohl drin. – Anfangs hat er natürlich auch gedacht, Sie hätten
+eine Million geerbt. Aber für fünfzigtausend Mark ist solch ein feiner
+Mann nicht zu haben.“ Da kochte Guste auf. Diederich fuhr zurück, so
+gefährlich sah es aus. „Fünfzigtausend! Ihnen ist gewiß nicht wohl? Wie
+komme ich dazu, daß ich mir das muß sagen lassen! Wo ich bare
+dreihundertfünfzigtausend auf der Bank zu liegen hab’, in richtiggehenden
+Papieren! Fünfzigtausend! Wer so etwas Ehrenrühriges von mir herumerzählt,
+den kann ich überhaupt belangen!“ Sie hatte Tränen in den Augen; Diederich
+stammelte Entschuldigungen. „Lassen Sie nur“ – und Guste benutzte ihr
+Taschentuch. „Wolfgang weiß genau, woran er bei mir ist. Aber Sie selbst,
+Sie haben den Schwindel geglaubt. Darum waren Sie auch so frech!“ rief
+sie. Ihre rosigen Fettpolster zitterten vor Zorn, und die kleine
+eingedrückte Nase war ganz weiß geworden. Er sammelte sich. „Daran sehen
+Sie doch, daß Sie mir auch ohne Geld gefallen“, gab er zu bedenken. Sie
+biß sich auf die Lippen. „Wer weiß“, sagte sie mit einem Blick von unten,
+schmollend und unsicher. „Für Leute, wie Sie, sind fünfzigtausend auch
+schon Geld.“
+
+Er hielt es für angezeigt, eine Pause zu machen. Sie zog aus ihrem
+goldenen Beutel den Puderquast, und sie setzte sich. „Ich bin wirklich
+ganz echauffiert von Ihrem Betragen!“ Aber sie lachte wieder. „Haben Sie
+mir vielleicht sonst noch etwas zu zeigen in Ihrer sogenannten Fabrik?“ Er
+nickte bedeutsam. „Wissen Sie wohl, wo Sie jetzt sitzen?“ – „Na, auf einem
+Lumpensack.“ – „Aber auf was für einem! In dieser Ecke, hinter den Säcken
+hier hab’ ich mal einen Arbeiter und ein Mädchen ertappt, wie sie gerade:
+Sie verstehen. Natürlich sind beide geflogen; und am Abend, jawohl, am
+selben Abend –“ er hob den Zeigefinger, in seinen Augen entstand ein
+Schauder höherer Dinge – „haben sie den Kerl totgeschossen, und das
+Mädchen ist verrückt geworden.“ Guste sprang auf. „War das –? Ach Gott,
+das war der Arbeiter, der den Wachtposten gereizt hat ...? Also hinter den
+Säcken haben sie –?“ Ihre Augen gingen über die Säcke, als suchte sie Blut
+darauf. Sie hatte sich nahe zu Diederich geflüchtet. Plötzlich sahen sie
+einander in die Augen: darin bewegten sich die gleichen abgründigen
+Schauder, des Lasters oder des Übersinnlichen. Sie atmeten hörbar einander
+an. Guste schloß, eine Sekunde lang, die Lider: da plumpsten sie auch
+schon beide auf die Säcke, rollten, ineinander verwickelt, hinab und durch
+den dunkeln Raum dahinter, schlugen um sich, keuchten und prusteten, als
+seien sie dort unten am Ertrinken.
+
+Guste zuerst erreichte wieder das Licht. Den Fuß, an dem er sie festhalten
+wollte, stieß sie ihm ins Gesicht und sprang heraus, daß es krachte. Als
+Diederich sich glücklich ihr nachgearbeitet hatte, standen sie da und
+schnauften. Gustes Busen, Diederichs Bauch gingen beide im Sturm. Sie
+erlangte vor ihm die Sprache zurück. „Das müssen Sie mit ’ner andern
+versuchen! Wie komm’ ich überhaupt dazu!“ Immer erbitterter: „Ich hab’
+Ihnen doch gesagt, daß es dreihundertfünfzigtausend sind!“ Diederich
+bewegte die Hand, um auszudrücken, daß er seinen Mißgriff zugebe. Aber
+Guste schrie auf: „Und wie ich aussehe! Soll ich so vielleicht durch die
+Stadt gehen?“ Er erschrak aufs neue und lachte ratlos. Sie stampfte auf.
+„Haben Sie denn keine Bürste?“ Gehorsam machte er sich auf den Weg; Guste
+rief ihm nach: „Daß gefälligst Ihre Schwestern nichts merken! Sonst reden
+morgen die Leute von mir!“ Er ging nur bis an das Kontor. Wie er
+zurückkehrte, saß Guste wieder auf dem Sack, das Gesicht in den Händen,
+und durch ihre lieben, dicken Finger rannen Tränen. Diederich blieb
+stehen, hörte ihrem Wimmern zu, und auf einmal begann er auch zu weinen.
+Mit tröstender Hand bürstete er sie ab. „Es ist doch nichts geschehen“,
+wiederholte er. Guste stand auf. „Das wäre auch noch schöner“, – und sie
+musterte ihn mit Ironie. Da faßte auch Diederich Mut. „Ihr Herr Bräutigam
+braucht es ja nicht zu wissen“, bemerkte er. Und Guste: „Wenn schon!“ –
+wobei sie sich auf die Lippen biß.
+
+Betroffen durch dies Wort bürstete er schweigend weiter, zuerst sie, dann
+sich, indes Guste ihre Kleider glättete. „Nun los!“ sagte sie. „Eine
+Papierfabrik sehe ich mir so bald nicht wieder an.“ Er spähte ihr unter
+den Hut. „Wer weiß“, sagte er. „Denn daß Sie Ihren Buck lieben, das glaub’
+ich Ihnen seit fünf Minuten nicht mehr.“ Schnell rief Guste: „O doch!“ Und
+ohne Pause fragte sie: „Was bedeutet denn das Zeug hier?“
+
+Er erklärte: „Das ist der Sandfang, durch die Rinne schwemmen wir die
+Lumpen; Knöpfe und so weiter bleiben zurück, wie Sie sehen. Die Leute
+haben natürlich wieder nicht aufgeräumt.“ Mit der Schirmspitze stocherte
+sie in dem Haufen; er setzte hinzu: „Im Jahr behalten wir mehrere Säcke
+Überbleibsel!“ – „Und was ist das da?“ fragte Guste und griff rasch hin,
+nach etwas, das glänzte. Diederich riß die Augen auf. „Ein Brillantknopf!“
+Sie ließ ihn funkeln. „Echt sogar! Wenn Sie öfter so was finden, ist Ihr
+Geschäft nicht so übel.“ Diederich sagte zweifelnd: „Den muß ich natürlich
+abliefern.“ Sie lachte. „An wen denn? Die Abfälle gehören doch Ihnen!“ Er
+lachte auch. „Na, nicht gerade die Brillanten. Wir werden schon noch
+ausfindig machen, wer uns das geliefert hat.“ Guste sah ihn von unten an.
+„Sie sind schön dumm“, sagte sie. Er erwiderte mit Überzeugung: „Nein!
+Sondern ich bin ein Ehrenmann!“ Darauf hob sie nur die Schultern. Langsam
+zog sie den linken Handschuh aus und legte sich den Brillanten auf den
+kleinen Finger. „Er muß als Ring gefaßt werden!“ rief sie aus, wie
+erleuchtet, betrachtete versunken ihre Hand und seufzte. „Na, sollen ihn
+andere Leute finden!“ – und unvermutet warf sie den Knopf zurück in die
+Lumpen. „Sind Sie verrückt?“ Diederich bückte sich, sah ihn nicht gleich
+und ließ sich schnaufend auf die Knie. In der Hast warf er alles
+durcheinander. „Gott sei Dank!“ Er hielt ihr den Brillanten hin; aber
+Guste nahm ihn nicht. „Ich gönne ihn dem Arbeiter, der ihn morgen zuerst
+sieht. Der steckt ihn ein, darauf können Sie sich verlassen, der ist nicht
+so dumm.“ – „Ich auch nicht“, erklärte Diederich. „Denn wahrscheinlich
+wäre der Stein doch weggeworfen worden. Unter solchen Umständen brauche
+ich es nicht für inkorrekt zu halten –.“ Er legte den Brillanten wieder
+auf ihren Finger. „Und wenn es auch inkorrekt wäre, er steht Ihnen so
+gut.“ Guste sagte überrascht: „Wieso? Wollen Sie ihn mir denn schenken?“
+Er stammelte: „Sie haben ihn ja gefunden, da muß ich wohl.“ Da jubelte
+Guste. „Das wird mein schönster Ring!“ – „Warum?“ fragte Diederich, voll
+banger Hoffnung. Guste sagte ausweichend: „Überhaupt ...“ Und mit einem
+plötzlichen Blick: „Weil er nichts kostet, wissen Sie.“ Hierüber errötete
+Diederich, und sie sahen einander blinzelnd in die Augen.
+
+„Ach Herr Gott!“ rief Guste plötzlich. „Es muß schrecklich spät sein.
+Schon sieben? Was sag’ ich nur meiner Mutter?... Ich weiß, ich sag’ ihr,
+ich hab’ bei einem Trödler den Brillanten entdeckt, und er hat gedacht, er
+ist unecht, und hat bloß fünfzig Pfennig verlangt!“ Sie öffnete ihren
+goldenen Sack und ließ den Knopf hineinfallen. „Also adieu ... Aber Sie
+sehen aus! Wenigstens müssen Sie sich die Krawatte binden.“ Im Sprechen
+tat sie es schon selbst. Er fühlte ihre warmen Hände unter seinem Kinn;
+ihre feuchten, dicken Lippen bewegten sich ganz nahe. Ihm ward heiß, er
+hielt den Atem zurück. „So“, machte Guste und brach ernstlich auf. „Ich
+drehe nur das Gas ab“, rief er ihr nach. „Warten Sie doch!“ – „Ich warte
+schon“, antwortete sie von draußen; – aber als er auf den Hof trat, war
+sie fort. Verdutzt sperrte er die Fabrik zu und redete laut dabei vor sich
+hin. „Nun sag’ mir einer, ist das Instinkt oder Berechnung?“ Er schüttelte
+sorgenvoll den Kopf über das ewige Rätsel der Weiblichkeit, das in Guste
+verkörpert war.
+
+
+
+Vielleicht, so sagte sich Diederich, ging es vorwärts mit Guste, freilich
+ging es langsam. Die Ereignisse, die sich um den Prozeß gruppierten,
+hatten ihr Eindruck gemacht, aber noch nicht genug. Auch hörte er nichts
+mehr von Wulckow. Nach dem so viel versprechenden Schritt des
+Regierungspräsidenten beim Kriegerverein wartete Diederich unbedingt auf
+weiteres: eine Heranziehung, eine vertrauliche Verwendung, er wußte nicht
+wie und was. Der Harmonieball konnte es bringen; warum hatten sonst die
+Schwestern Rollen bekommen im Stück der Präsidentin. Nur dauerte alles zu
+lange für Diederichs Tatenlust. Es war eine Zeit voll Unruhe und Drang.
+Man quoll über von Hoffnungen, Aussichten, Plänen; in jeden Tag, der
+anfing, hätte man das alles auf einmal ergießen wollen; und wenn er aus
+war, war er leer geblieben. Ein Trieb nach Bewegung erfaßte Diederich.
+Mehrmals versäumte er den Stammtisch und ging spazieren, ohne Ziel und ins
+Freie, was sonst nicht vorkam. Er kehrte dem Mittelpunkt der Stadt den
+Rücken, stapfte mit dem Schritt eines von Tatkraft schweren Mannes die
+abendlich leere Meisestraße zu Ende, durchmaß die lange Gäbbelchenstraße,
+mit den vorstädtischen Gasthäusern, bei denen Fuhrleute ein- oder
+ausspannten, und kam auch unter der Vogtei vorbei. Dort oben saß, bewacht
+von einem Gitterfenster und einem Soldaten, der Herr Lauer, der sich dies
+nicht hatte träumen lassen. „Hochmut kommt vor dem Fall“, dachte
+Diederich. „Wie man sich bettet, so liegt man.“ Und obwohl er den
+Ereignissen, die den Fabrikbesitzer in die Vogtei geführt hatten, nicht
+ganz fremd war, schien Lauer ihm jetzt ein Wesen mit einem Kainsmal, ein
+unheimlicher Gesell. Einmal glaubte er im Hof des Gefängnisses eine
+Gestalt zu bemerken. Es war schon zu dunkel, aber vielleicht –? Ein
+Gruseln überlief Diederich, und er enteilte.
+
+Hinter dem Burgtor führte die Landstraße zu dem Hügel mit der
+Schweinichenburg, wo einst der kleine Diederich gemeinsam mit Frau Heßling
+das Grausen vor dem Burggespenst genossen hatte. Solche Kindereien lagen
+ihm jetzt fern; – vielmehr bog er jedesmal, bald hinter dem Tor, in die
+Gausenfelder Straße ein. Er hatte es sich nicht vorgenommen und tat es nur
+zögernd, denn es wäre ihm nicht lieb gewesen, wenn jemand ihn auf diesem
+Wege überrascht hätte. Aber es ließ ihn nicht: die große Papierfabrik zog
+ihn an wie ein verbotenes Paradies, er mußte ihr auf einige Schritte
+nahekommen, sie umkreisen, über ihre Mauer schnüffeln ... Eines Abends
+ward Diederich aus dieser Tätigkeit aufgeschreckt durch Stimmen, die im
+Dunkeln schon ganz nahe waren. Kaum daß er noch Zeit behielt, sich in den
+Graben zu kauern. Und während die Leute, wahrscheinlich Angestellte der
+Fabrik, die sich verspätet hatten, an seinem Versteck vorüberkamen,
+drückte Diederich die Augen zu, aus Furcht, und auch weil er fühlte, ihr
+begehrliches Funkeln hätte ihn verraten können.
+
+Als er schon wieder beim Burgtor war, hatte er noch immer Herzklopfen und
+sah sich nach einem Glas Bier um. Gleich im Winkel des Tores stand der
+„Grüne Engel“, eins der niedersten Gasthäuser, krumm vor Alter, schmutzig
+und übel beleumdet. Soeben verschwand in dem gewölbten Gang eine
+Frauensperson. Diederich, von jäher Abenteuerlust gepackt, drang
+hinterdrein. Wie sie das rötliche Licht einer Stallaterne durchschreiten
+mußte, wollte die Person ihr Gesicht, das verschleiert war, auch noch mit
+dem Muff bedecken; aber Diederich hatte sie schon erkannt. „Guten Abend,
+Fräulein Zillich!“ – „Guten Abend, Herr Doktor!“ Und da standen sie beide
+mit offenem Munde. Käthchen Zillich war die erste, die etwas
+hervorbrachte, von Kindern, die hier im Hause wohnten, und die sie in die
+Sonntagsschule ihres Vaters bringen sollte. Diederich setzte zum Sprechen
+an, aber sie redete weiter, immer hastiger. Nein, die Kinder wohnten
+eigentlich nicht hier, aber ihre Eltern verkehrten in der Schenke, und die
+Eltern durften nichts wissen von der Sonntagsschule, denn sie waren
+Sozialdemokraten ... Sie faselte; und Diederich, der zuerst nur an sein
+eigenes schlechtes Gewissen gedacht hatte, ward darauf hingewiesen, daß
+Käthchen in einer noch viel verdächtigeren Lage sei. Er ersparte es sich
+also, seine Anwesenheit im „Grünen Engel“ zu erklären, und schlug einfach
+vor, dann könne man in der Gaststube auf die Kinder warten. Käthchen
+weigerte sich angstvoll, irgend etwas zu verzehren, aber Diederich
+bestellte aus eigener Machtvollkommenheit auch für sie Bier. „Prost!“
+sagte er, und in seiner Miene lag die ironische Erinnerung daran, daß sie
+bei ihrer letzten Zusammenkunft im traulichen Wohnzimmer des Pfarrhauses
+sich beinahe verlobt hätten. Käthchen ward unter ihrem Schleier rot und
+blaß und verschüttete ihr Bier. Immerfort flatterte sie kraftlos vom Stuhl
+auf und wollte fort; aber Diederich hatte sie hinter den Tisch in die Ecke
+geschoben und saß breit davor. „Nun müssen die Kinder aber gleich kommen!“
+sagte er gutmütig. Statt ihrer kam Jadassohn: plötzlich stand er da und
+sah versteinert aus. Auch die beiden anderen regten sich nicht. „Also
+doch!“ dachte Diederich. Jadassohn schien etwas Ähnliches zu denken;
+keiner der Herren fand Worte. Käthchen begann wieder von Kindern und
+Sonntagsschulen. Sie sprach flehend und weinte fast. Jadassohn hörte ihr
+mit Mißbilligung zu, er ließ sogar die Bemerkung fallen, gewisse
+Geschichten seien ihm zu verwickelt, – und er blickte inquisitorisch auf
+Diederich.
+
+„Im Grunde“, versetzte Diederich, „ist es doch einfach. Fräulein Zillich
+sucht hier nach Kindern, und wir beide helfen ihr.“
+
+„Ob sie eins kriegt, kann man nicht wissen“, ergänzte Jadassohn
+schneidend; da sagte Käthchen: „Und von wem auch nicht.“
+
+Die Herren setzten die Gläser hin. Käthchen hatte es aufgegeben zu weinen,
+sie schob sogar den Schleier hinauf und sah mit merkwürdig hellen Augen
+von einem zum andern. Ihre Stimme hatte etwas Offenes, Unverblümtes
+bekommen. „Na ja, wenn Sie nun doch mal beide da sind“, setzte sie hinzu,
+indes sie aus Jadassohns Dose eine Zigarette nahm; und dann leerte sie auf
+einen Zug den Kognak, der vor Diederich stand. Jetzt war es an Diederich,
+nach Fassung zu ringen. Jadassohn schien nicht unbekannt mit Käthchens
+anderem Gesicht. Die beiden fuhren fort, Doppelsinnigkeiten auszutauschen,
+bis Diederich sich gegen Käthchen entrüstete. „Heute lernt man Sie aber
+gründlich kennen!“ rief er und schlug auf den Tisch. Sofort hatte Käthchen
+ihr Damengesicht zurück. „Was meinen Sie eigentlich, Herr Doktor?“
+Jadassohn ergänzte: „Ich nehme an, daß Sie der Ehre der Dame nicht zu nahe
+treten wollen!“ – „Ich meine nur,“ stammelte Diederich, „so gefällt
+Fräulein Zillich mir viel besser.“ Er rollte die Augen vor Ratlosigkeit.
+„Neulich, wie wir uns beinahe verlobt hätten, hat sie mir nicht halb so
+gefallen.“ Da lachte Käthchen los: ein Gelächter, ganz frei aus dem
+Herzen, wie Diederich es auch noch nicht kannte. Ihm ward warm dabei, er
+lachte mit, Jadassohn auch, alle drei wälzten sich lachend auf ihren
+Stühlen umher und riefen nach mehr Kognak.
+
+„Nun muß ich aber gehen,“ sagte Käthchen, „sonst kommt Papa vor mir nach
+Haus. Er hat Krankenbesuche gemacht; dabei verteilt er immer solche
+Bilder.“ Sie zog zwei bunte Bildchen aus ihrer ledernen Tasche. „Da haben
+Sie auch welche.“ Jadassohn bekam die Sünderin Magdalena, Diederich das
+Lamm mit dem Hirten; er war nicht zufrieden. „Ich will auch eine
+Sünderin.“ Käthchen suchte, fand aber keine mehr. „Also bleibt es bei dem
+Schaf“, entschied sie, und man zog ab, Käthchen in der Mitte eingehängt.
+Ruckweise und in weitem Bogen schwenkten alle drei sich durch die schlecht
+beleuchtete Gäbbelchenstraße dahin, wobei sie ein Kirchenlied sangen, das
+Käthchen angestimmt hatte. An einer Ecke erklärte sie, eilen zu müssen,
+und verschwand in der Seitengasse. „Adieu Schaf!“ rief sie Diederich zu,
+der ihr vergeblich nachstrebte. Jadassohn hielt ihn fest, und plötzlich
+nahm er seine staatserhaltende Stimme an, um Diederich zu überzeugen, daß
+dies alles nur ein zufälliger Scherz sei. „Es liegt durchaus nichts
+Mißverständliches vor, das möchte ich feststellen.“
+
+„Ich denke nicht daran, hier etwas mißzuverstehen“, sagte Diederich.
+
+„Und wenn ich“, fuhr Jadassohn fort, „den Vorzug hätte, von der Familie
+Zillich für eine nähere Verbindung in Aussicht genommen zu sein, dieser
+Vorfall würde mich keineswegs abhalten. Ich folge nur einer Ehrenpflicht,
+wenn ich dies ausspreche.“
+
+Diederich erwiderte: „Ich weiß Ihr korrektes Verhalten voll und ganz zu
+würdigen.“ Darauf schlugen die Herren die Absätze zusammen, schüttelten
+einander die Hände und trennten sich.
+
+Käthchen und Jadassohn hatten beim Abschied ein Zeichen ausgetauscht;
+Diederich war überzeugt, sie würden sich gleich jetzt wieder im „Grünen
+Engel“ zusammenfinden. Er öffnete den Winterrock, ein Hochgefühl schwellte
+ihn, weil er eine bösartige Falle aufgedeckt und sich streng kommentmäßig
+aus der Sache gezogen hatte. Er empfand eine gewisse Achtung und Sympathie
+für Jadassohn. Auch er selbst würde so gehandelt haben! Unter Männern
+verständigte man sich. Aber so ein Weib! Käthchens anderes Gesicht, die
+Pfarrerstochter, der unvermutet das entfesselte Weib ins Gesicht gestiegen
+war, dies tückische Doppelwesen, so fremd der Biederkeit, die Diederich am
+Grunde seines eigenen Herzens wußte: es erschütterte ihn wie ein Blick ins
+Bodenlose. Er knöpfte den Rock wieder zu. Es gab also noch andere Welten
+außerhalb der bürgerlichen, als nur die, worin jetzt der Herr Lauer lebte.
+
+Schnaufend setzte er sich zum Abendessen. Seine Stimmung schien so
+bedrohlich, daß die drei Frauen Schweigen bewahrten. Frau Heßling nahm
+ihren Mut zusammen. „Schmeckt es dir nicht, mein lieber Sohn?“ Anstatt
+einer Antwort herrschte Diederich die Schwestern an. „Mit Käthchen Zillich
+verkehrt ihr nicht mehr!“ Da sie ihn ansahen, errötete er und stieß
+drohend aus: „Sie ist eine Verworfene!“ Aber sie verzogen nur den Mund;
+und auch die furchtbaren Andeutungen, in denen er sich polternd erging,
+schienen sie nicht weiter aufzuregen. „Du sprichst wohl von Jadassohn?“
+fragte Magda endlich, ganz gelassen. Diederich fuhr zurück. Sie waren also
+eingeweiht und mitverschworen: alle Weiber wahrscheinlich. Auch Guste
+Daimchen! Die hatte schon einmal davon angefangen. Er mußte sich die Stirn
+trocknen. Magda sagte: „Wenn du vielleicht ernste Absichten gehabt hast
+bei Käthchen, uns hast du ja nicht gefragt“, worauf Diederich, um sein
+Ansehen zu verteidigen, dem Tisch einen Stoß gab, daß alle aufkreischten.
+Er verbitte sich derartige Zumutungen, schrie er. Es gebe hoffentlich noch
+anständige Mädchen. Frau Heßling bat zitternd: „Du brauchst ja nur deine
+Schwestern anzusehen, mein lieber Sohn.“ Und Diederich sah sie wirklich
+an; er blinzelte, und er überlegte zum erstenmal, nicht ohne Bangen, was
+diese beiden weiblichen Wesen, die seine Schwestern waren, bisher wohl mit
+ihrem Leben angefangen hatten ... „Ach was,“ entschied er und richtete
+sich stramm auf, „euch zieht man einfach die Kandare fester. Wenn ich eine
+Frau habe, die soll sich wundern!“ Da die Mädchen einander zulächelten,
+erschrak er, denn er hatte an Guste Daimchen gedacht, und vielleicht
+dachten auch sie mit ihrem Lächeln an Guste? Zu trauen war keiner. Er sah
+Guste vor sich, weißblond, mit dem dicken, rosigen Gesicht. Ihre
+fleischigen Lippen öffneten sich, sie streckte ihm die Zunge heraus. Das
+hatte vorhin Käthchen Zillich getan, als sie ihm „Adieu Schaf!“ zurief,
+und Guste, die ihr im Typus so ähnlich war, würde mit ausgestreckter Zunge
+und in halbbetrunkenem Zustand genau so ausgesehen haben!
+
+Magda sagte eben: „Käthchen ist schön dumm; aber begreiflich ist es ja,
+wenn man so lange warten muß und keiner kommt.“
+
+Sofort griff Emmi ein. „Wen meinst du, bitte? Wenn Käthchen sich mit
+irgendeinem Kienast begnügt hätte, würde sie wohl auch nicht mehr warten.“
+
+Magda, im Bewußtsein, die Tatsachen für sich zu haben, blähte einfach ihre
+Bluse auf und schwieg.
+
+„Überhaupt“, Emmi warf die Serviette hin und erhob sich. „Wie kannst du
+das gleich glauben, was die Männer von Käthchen reden. Das ist
+abscheulich, sollen wir denn alle wehrlos sein gegen ihren Klatsch?“
+Empört ließ sie sich in der Ecke nieder und begann zu lesen. Magda hob nur
+die Schultern – indes Diederich angstvoll und vergeblich nach einem
+Übergang suchte, um zu fragen, ob vielleicht auch Guste Daimchen –? Bei
+einer so langen Verlobung –? „Es gibt Situationen,“ äußerte er, „wo es
+nicht mehr Klatsch ist.“ Da schleuderte Emmi auch das Buch hin.
+
+„Und wenn schon! Käthchen tut, was sie will! Wir Mädchen haben ebensogut
+wie ihr das Recht, unsere Individualität auszuleben! Die Männer sollen
+froh sein, wenn sie uns dann nachher noch kriegen!“
+
+Diederich stand auf. „Das will ich in meinem Hause nicht hören“, sagte er
+ernst, und er blitzte Magda so lange an, bis sie nicht mehr lachte.
+
+Frau Heßling brachte ihm die Zigarre. „Von meinem Diedel weiß ich ganz
+genau, daß er so eine niemals heiraten wird;“ – sie streichelte ihn
+tröstend. Er versetzte mit Nachdruck: „Ich kann mir nicht denken, Mutter,
+daß ein echter deutscher Mann das jemals getan hat.“
+
+Sie schmeichelte. „O, alle sind nicht so ideal wie mein lieber Sohn.
+Manche denken materieller und nehmen mit dem Geld auch mal was in den
+Kauf, worüber die Leute reden.“ Unter seinem gebieterischen Blick
+schwatzte sie angstvoll weiter. „Zum Beispiel Daimchen. Gott, nun er ist
+tot, und es kann ihm gleich sein, aber seinerzeit hat man doch viel
+geredet.“ Jetzt sahen alle drei Kinder sie fordernd an. „Na ja,“ erklärte
+sie schüchtern. „Das mit Frau Daimchen und dem Herrn Buck. Guste kam doch
+zu früh.“
+
+Nach diesem Ausspruch mußte Frau Heßling sich hinter den Ofenschirm
+zurückziehen, denn alle drei drangen gleichzeitig auf sie ein. „Das ist
+das Neueste!“ riefen Emmi und Magda. „Also wie war die Geschichte!“
+Wogegen Diederich donnernd dem Weiberklatsch Einhalt gebot. „Wenn wir
+deinen Männerklatsch angehört haben!“ riefen die Schwestern und suchten
+ihn fortzudrängen von dem Ofenschirm. Die Mutter sah händeringend in das
+Handgemenge. „Ich habe doch nichts gesagt, Kinder! Nur damals sagten es
+alle, und der Herr Buck hat der Frau Daimchen doch auch die Mitgift
+geschenkt.“
+
+„Also daher!“ rief Magda. „So sehen in der Familie Daimchen die Erbonkel
+aus! Daher die goldenen Taschen!“
+
+Diederich verteidigte Gustes Erbschaft. „Sie kommt aus Magdeburg!“
+
+„Und der Bräutigam?“ fragte Emmi. „Kommt der auch aus Magdeburg?“
+
+Plötzlich verstummten alle und sahen einander an, wie betäubt. Dann kehrte
+Emmi ganz still auf das Sofa zurück, sie nahm sogar das Buch wieder auf.
+Magda fing an, den Tisch abzuräumen. Auf den Ofenschirm, hinter dem Frau
+Heßling sich duckte, schritt Diederich zu. „Siehst du nun, Mutter, wohin
+es führt, wenn man seine Zunge nicht hütet? Du willst doch wohl nicht
+behaupten, daß Wolfgang Buck seine eigene Schwester heiratet.“ Wimmernd
+kam es aus der Tiefe: „Ich kann doch nichts dafür, mein lieber Sohn. Ich
+dachte schon längst nicht mehr an die alte Geschichte, und es ist ja auch
+nicht sicher. Kein lebender Mensch weiß mehr etwas.“ Aus ihrem Buch heraus
+warf Emmi dazwischen: „Der alte Herr Buck wird wohl wissen, wo er jetzt
+das Geld für seinen Sohn holt.“ Und in das Tischtuch hinein, das sie
+faltete, sagte Magda: „Es soll manches vorkommen.“ Da hob Diederich die
+Arme, als habe er die Absicht, den Himmel anzurufen. Rechtzeitig
+unterdrückte er aber das Entsetzen, das ihn übermannen wollte. „Bin ich
+denn hier unter Räuber und Mörder gefallen?“ fragte er sachlich und ging
+in strammer Haltung zur Tür. Dort wandte er sich um. „Ich kann euch
+natürlich nicht hindern, eure feine Wissenschaft in die Stadt
+hinauszuposaunen. Was mich betrifft, ich werde erklären, daß ich mit euch
+nichts mehr zu tun habe. In die Zeitung werde ich es setzen!“ Und er ging
+ab.
+
+Er vermied den Ratskeller und bedachte einsam bei Klappsch eine Welt, in
+der solche Greuel umgingen. Dagegen war mit kommentmäßigem Verhalten
+freilich nicht aufzukommen. Wer den Bucks ihren schändlichen Raub abjagen
+wollte, durfte auch vor starken Mitteln nicht zurückschrecken. „Mit
+gepanzerter Faust“, sagte er ernst in sein Bier hinein; und das
+Deckelklappen, womit er das vierte Glas herbeirief, klang wie
+Schwertgeklirr ... Nach einer Weile verlor seine Haltung an Härte;
+Bedenken kamen. Sein Eingreifen würde immerhin bewirken, daß die ganze
+Stadt mit den Fingern auf Guste Daimchen zeigte. Kein Mann, der halbwegs
+Komment hatte, heiratete solch ein Mädchen noch. Diederichs eigenstes
+Empfinden sagte es ihm, seine eingewurzelte Erziehung zur Mannhaftigkeit
+und zum Idealismus. Schade! Schade um Gustes dreihundertfünfzigtausend
+Mark, die nun herrenlos und ohne Bestimmung waren. Die Gelegenheit wäre
+günstig gewesen, ihnen eine zu geben ... Diederich schüttelte den Gedanken
+mit Entrüstung ab. Er erfüllte nur seine Pflicht! Ein Verbrechen galt es
+zu verhindern. Das Weib mochte dann sehen, wo es blieb im Kampf der
+Männer. Was lag an einem dieser Geschöpfe, die ihrerseits, Diederich hatte
+es erfahren, jedes Verrates fähig waren. Nur noch des fünften Glases
+bedurfte es, und sein Entschluß stand fest.
+
+Beim Morgenkaffee bekundete er ein großes Interesse für die Toiletten der
+Schwestern zum Harmonieball. Zwei Tage nur mehr, und noch nichts fertig!
+Die Hausschneiderin war so selten zu haben gewesen, sie nähte jetzt bei
+Bucks, Tietz’, Harnischs und überall. Die große Inanspruchnahme dieses
+Mädchens schien Diederich geradezu mit Bewunderung zu erfüllen. Er erbot
+sich, selbst hinzugehen und sie, koste es was es wolle, zur Stelle zu
+schaffen. Nicht ohne Mühe gelang es ihm. Zum zweiten Frühstück begab er
+sich alsdann so geräuschlos, daß nebenan im Wohnzimmer das Gespräch nicht
+gestört ward. Gerade erging sich die Hausschneiderin in Anspielungen auf
+einen Skandal, der bestimmt sei, alles Dagewesene in den Schatten zu
+stellen. Die Schwestern schienen ganz ahnungslos, und als endlich Namen
+fielen, zeigten sie sich entsetzt und ungläubig. Frau Heßling beklagte es
+am lautesten, daß Fräulein Gehritz so etwas auch nur denken könne. Die
+Schneiderin beteuerte dagegen, in der ganzen Stadt wisse man es schon.
+Soeben komme sie von der Bürgermeisterin Scheffelweis, deren Mutter
+geradezu verlangt habe, daß ihr Schwiegersohn einschreite! Dennoch machte
+es ihr Mühe, die Damen zu überzeugen. Diederich hatte den Vorgang eher
+umgekehrt erwartet. Er war zufrieden mit den Seinen. Aber hatten denn die
+Wände tatsächlich Ohren gehabt? Man war zu glauben versucht, daß ein
+Gerücht, in einem verschlossenen Zimmer ausgebrochen, mit dem Rauch des
+Ofens hinaus und über die ganze Stadt zog.
+
+Beruhigt war er trotzdem noch nicht. Er sagte sich, daß das gesunde
+Empfinden des arbeitenden Volkes unter Umständen ein Faktor sei, den man
+billigen und sogar benutzen könne. Bis zum Mittagessen ging er um Napoleon
+Fischer herum: da – es läutete schon – entstand bei der Satiniermaschine
+ein gellendes Geschrei, und Diederich und der Maschinenmeister, die
+gleichzeitig hinstürzten, zogen gemeinsam den Arm einer jungen Arbeiterin
+heraus, der von einer Stahlwalze ergriffen worden war. Er troff von
+schwarzem Blut, Diederich ließ sofort nach dem städtischen Krankenhaus
+telephonieren. Inzwischen, so übel der Anblick des Armes ihm machte, blieb
+er selbst dabei, während der Person ein Notverband angelegt ward. Sie sah
+zu, leise wimmernd und mit Augen, weich im Entsetzen, wie ein junges Tier,
+das getroffen ist. Diederichs menschenfreundliche Fragen nach ihren
+häuslichen Verhältnissen verstand sie nicht. Napoleon Fischer antwortete
+für sie. Ihr Vater war durchgegangen, die Mutter bettlägerig; das Mädchen
+ernährte sich und ihre zwei kleinen Geschwister. Sie war erst vierzehn
+Jahre alt. – Das sehe man ihr nicht an, meinte Diederich. Übrigens seien
+die Arbeiterinnen oft genug vor der Maschine gewarnt worden. „Sie hat sich
+das Unglück selbst zuzuschreiben, ich bin zu nichts verpflichtet. Na,“
+sagte er milder, „nun kommen Sie mal mit, Fischer!“
+
+Im Kontor schenkte er zwei Kognaks ein. „Das kann man brauchen auf den
+Schrecken ... Sagen Sie ehrlich, Fischer, glauben Sie, daß ich zahlen muß?
+Die Schutzvorrichtung an der Maschine halten Sie doch wohl für genügend?“
+Und da der Maschinenmeister die Achseln zuckte: „Sie wollen sagen, ich
+kann es auf einen Prozeß ankommen lassen? Das tue ich aber nicht, ich
+zahle gleich.“
+
+Napoleon Fischer zeigte verständnislos sein großes gelbes Gebiß, und
+Diederich fuhr fort: „Ja, so bin ich. Sie dachten wohl, das könnte bloß
+der Herr Lauer? Was den betrifft, so sind Sie ja jetzt durch Ihr eigenes
+Parteiblatt über seine Arbeiterfreundlichkeit aufgeklärt. Ich lasse mich
+freilich nicht wegen Majestätsbeleidigung einsperren und mache dadurch
+meine Arbeiter brotlos; ich suche mir praktischere Mittel aus, um meine
+soziale Gesinnung zu bekunden.“ Er machte eine feierliche Pause. „Und
+darum habe ich mich entschlossen, dem Mädchen die ganze Zeit, die es im
+Krankenhaus liegt, seinen Lohn weiterzuzahlen. Wieviel ist es denn?“
+fragte er rasch.
+
+„Eine Mark fünfzig“, sagte Napoleon Fischer.
+
+„Na ja ... Soll sie acht Wochen liegen. Soll sie zwölf Wochen liegen ...
+Ewig natürlich geht es nicht.“
+
+„Sie ist erst vierzehn“, sagte Napoleon Fischer, von unten. „Sie kann
+Schadenersatz verlangen.“ Diederich erschrak, er schnaufte.
+
+Napoleon Fischer hatte schon wieder sein unbestimmbares Grinsen aufgesetzt
+und sah seinem Arbeitgeber auf die Faust, die angstvoll in der Tasche
+geballt war. Diederich zog sie hervor. „Nun setzen Sie die Leute von
+meinem hochherzigen Entschluß in Kenntnis! Das paßt Ihnen wohl nicht in
+den Kram? Die Gemeinheiten der Kapitalisten erzählt ihr euch natürlich
+lieber. In euren Versammlungen schwingt ihr jetzt wahrscheinlich große
+Reden über Herrn Buck.“
+
+Napoleon Fischer sah verständnislos aus, was Diederich nicht beachtete.
+„Ich finde es wohl auch nicht eben schön,“ fuhr er fort, „wenn jemand
+seinen Sohn ausgerechnet das Mädchen heiraten läßt, mit dessen Mutter er
+selbst was gehabt hat, und zwar vor der Geburt der Tochter ... Aber –“
+
+In Napoleon Fischers Gesicht begann es zu arbeiten.
+
+„Aber!“ wiederholte Diederich stark. „Ich wäre durchaus nicht
+einverstanden, wenn meine Leute sich deswegen den Mund verrenken, und wenn
+Sie, Fischer, nun vielleicht die Arbeiter gegen die städtischen Behörden
+aufhetzen, weil ein Magistratsrat etwas getan hat, was ihm keiner beweisen
+kann.“ Seine Faust schlug entrüstet durch die Luft. „Mir hat man schon
+nachgesagt, daß ich den Prozeß gegen Lauer angezettelt habe. Ich will an
+nichts schuld sein, meine Leute sollen sich ruhig halten.“
+
+Seine Stimme ward vertraulicher, er neigte sich näher zu dem anderen hin.
+„Na, und weil ich Ihren Einfluß kenne, Fischer ...“
+
+Plötzlich war seine Hand offen, und auf ihrer Fläche lagen drei große
+Goldstücke.
+
+Napoleon Fischer sah sie und verzerrte das Gesicht, als erblickte er den
+Teufel. „Nein!“ rief er, „und abermals nein! Meine Überzeugung kann ich
+nicht verraten! Für allen Mammon der Welt nicht!“
+
+Er hatte rote Augen und kreischte. Diederich wich zurück; so nahe hatte er
+dem Umsturz noch nie ins Gesicht gesehen. „Die Wahrheit muß ans Licht!“
+kreischte Napoleon Fischer. „Dafür werden wir Proletarier sorgen: Das
+können Sie nicht verhindern, Herr Doktor! Die Schandtaten der besitzenden
+Klassen ...“
+
+Diederich hielt ihm schnell noch einen Kognak hin. „Fischer,“ sagte er
+eindringlich, „das Geld biete ich Ihnen dafür, daß mein Name in der Sache
+nicht genannt wird.“ Aber Napoleon Fischer wehrte ab; ein hoher Stolz
+erschien in seiner Miene.
+
+„Zeugniszwang, Herr Doktor, üben wir nicht. Wir nicht. Wer uns mit
+Agitationsstoff versorgt, hat nichts zu fürchten.“
+
+„Dann ist alles in Ordnung“, sagte Diederich erleichtert. „Ich wußte
+schon, Fischer, daß Sie ein großer Politiker sind. Und darum, wegen des
+Mädchens, ich meine die verunglückte Arbeiterin –. Ich habe Ihnen soeben
+mit meiner Mitteilung über die Buckschen Schweinereien einen Gefallen
+getan ...“
+
+Napoleon Fischer grinste geschmeichelt. „Weil Herr Doktor sagen, daß ich
+ein großer Politiker bin ... Ich will von dem Schadenersatz weiter nicht
+reden. Intimitäten aus den ersten Kreisen sind für uns doch wichtiger als
+–“
+
+„– als so ein Mädchen“, ergänzte Diederich. „Sie denken immer als
+Politiker.“
+
+„Immer“, bestätigte Napoleon Fischer. „Mahlzeit, Herr Doktor.“
+
+Er zog sich zurück – indes Diederich feststellte, daß die proletarische
+Politik ihre Vorzüge habe. Er schob seine drei Goldstücke wieder in die
+Tasche.
+
+
+
+Am Abend des nächsten Tages waren alle Spiegel des Hauses im Wohnzimmer
+zusammengetragen. Emmi, Magda und Inge Tietz drehten sich dazwischen
+umher, bis ihnen die Hälse schmerzten; dann ließen sie sich nervös auf den
+Rand eines Stuhles nieder. „Mein Gott, es ist doch Zeit!“ Aber Diederich
+war fest entschlossen, nicht wieder zu früh zu kommen, wie beim Prozeß
+Lauer. Die ganze Wirkung der Persönlichkeit ging zum Teufel, wenn man zu
+früh da war. Als sie endlich gingen, entschuldigte Inge Tietz sich
+nochmals bei Frau Heßling, daß sie ihr den Platz im Wagen wegnehme.
+Nochmals sagte Frau Heßling: „Ach Gott, es ist gern geschehen. Ich alte
+Frau bin zu schwach für so was Großes. Genießt ihr es nur, Kinder!“ Und
+sie umarmte unter Tränen ihre Töchter, die kühl abwehrten. Denn sie
+wußten, daß die Mutter bloß Angst hatte, weil jetzt überall von nichts
+weiter gesprochen wurde als von der furchtbaren Klatschgeschichte, an der
+sie selbst schuld war.
+
+Im Wagen fing Inge gleich wieder davon an. „Na, Bucks und Daimchens!
+Gespannt bin ich bloß, ob sie heute die edle Dreistigkeit haben und da
+sind.“ Magda sagte ruhig: „Das müssen sie wohl. Sonst geben sie ja zu, daß
+es wahr ist.“ – „Wennschon“, erklärte Emmi. „Ich finde, daß das ihre Sache
+ist. Ich rege mich darüber nicht auf.“ – „Ich auch nicht“, setzte
+Diederich hinzu. „Ich habe es eigentlich erst heute abend von Ihnen
+gehört, Fräulein Tietz.“
+
+Hierüber geriet Inge Tietz außer sich. So leicht dürfe man den Skandal
+denn doch nicht nehmen. Ob er glaube, daß sie sich das Ganze ausgedacht
+habe. „Die Bucks haben schon längst Butter auf dem Kopf wegen der Sache:
+das wissen ihre eigenen Dienstboten.“ – „Also Dienstbotenklatsch“, sagte
+Diederich, während er einen kleinen Stoß erwiderte, den Magda ihm mit dem
+Knie gab. Dann mußte man schon aussteigen und die Stufen hinuntergehen,
+die den neuen Teil der Kaiser-Wilhelm-Straße mit der tief gelegenen alten
+Riekestraße verbanden. Diederich fluchte; denn es begann zu regnen, die
+Ballschuhe wurden naß; auch standen vor dem Festlokal Proleten, die
+feindselig gafften. Hätte man nicht, als der ganze Stadtteil höher gelegt
+wurde, auch dieses Gerümpel niederreißen können? Das historische
+Harmoniehaus hatte erhalten werden sollen – als ob die Stadt nicht die
+Mittel gehabt hätte, in zentraler Lage ein modernes, erstklassiges
+Gesellschaftsgebäude zu bauen. In dem alten Kasten roch es ja nach Moder!
+Und gleich beim Eingang kicherten immer die Damen, weil eine Statue der
+Freundschaft dastand, die zwar eine hohe Perücke, aber sonst nichts
+anhatte. „Vorsicht,“ sagte Diederich auf der Treppe, „sonst brechen wir
+ein.“ Denn die beiden dünnen Bogen der Treppe griffen durch die Luft wie
+zwei vom Alter abgemagerte Arme. Das braune Rosa ihres Holzes war blaß
+geworden. Droben aber, wo sie sich vereinigten, lächelte auf dem Geländer
+aus seinem blanken Marmorgesicht noch immer der bezopfte Bürgermeister,
+der dies alles der Stadt hinterlassen hatte und der ein Buck gewesen war.
+Diederich sah ungnädig an ihm vorbei.
+
+In der tiefen Spiegelgalerie war es ganz still; eine einzelne Dame nur
+hielt sich dahinten auf, sie schien durch einen Türspalt in den Festsaal
+zu spähen – und plötzlich wurden die Mädchen von Entsetzen ergriffen: die
+Vorstellung hatte begonnen! Magda stürzte durch die Galerie und brach in
+Weinen aus. Da drehte die Dame sich um, mit dem Finger auf den Lippen. Es
+war Frau von Wulckow, die Dichterin. Sie lächelte erregt und flüsterte:
+„Es geht gut, mein Stück gefällt. Sie kommen gerade rechtzeitig, Fräulein
+Heßling, gehen Sie nur und kleiden sich um.“ Ach ja! Emmi und Magda hatten
+erst im zweiten Akt zu tun. Auch Diederich hatte den Kopf verloren. Indes
+die Schwestern mit Inge Tietz, die ihnen helfen sollte, durch die
+Nebenräume nach der Garderobe eilten, stellte er sich der Präsidentin vor
+und blieb ratlos stehen. „Jetzt dürfen Sie nicht hinein, es würde stören“,
+sagte sie. Diederich stammelte Entschuldigungen, und dann rollte er die
+Augen, wobei er zwischen den gemalten Ranken der halb erblindeten
+Wandspiegel seinem geheimnisvoll blassen Abbild begegnete. Der zartgelbe
+Lack der Wände zeigte launische Sprünge, und auf den Panneaus starben die
+Farben der Blumen und Gesichter ... Frau von Wulckow schloß eine kleine
+Tür, durch die jemand einzutreten schien, eine Schäferin mit ihrem
+bebänderten Stab. Sie schloß die Tür ganz vorsichtig, damit nur die
+Vorstellung nicht gestört werde, aber es flog doch ein wenig Staub auf,
+als sei es Puder aus dem Haar der gemalten Schäferin.
+
+„Dies Haus ist so romantisch“, flüsterte Frau von Wulckow. „Finden Sie
+nicht auch, Herr Doktor? Wenn man sich hier im Spiegel sieht, glaubt man
+einen Reifrock anzuhaben“ – worauf Diederich, immer ratloser, ihr
+Hängekleid ansah. Die entblößten Schultern waren hohl und nach vorn
+gebogen, die Haare von slawischem Weißblond, und Frau von Wulckow trug
+einen Zwicker.
+
+„Sie passen hier glänzend herein, Frau Präsidentin ... Frau Gräfin“,
+verbesserte er und sah sich mit einem Lächeln belohnt für seine kühne
+Schmeichelei. Nicht jeder würde Frau von Wulckow so treffsicher daran
+erinnert haben, daß sie eine geborene Gräfin Züsewitz war!
+
+„Tatsächlich“, bemerkte sie, „sollte man kaum glauben, daß dies Haus
+seinerzeit nicht für eine wirklich vornehme Gesellschaft gebaut worden
+ist, sondern nur für die guten Netziger Bürger.“ Sie lächelte nachsichtig.
+
+„Ja, das ist komisch“, bestätigte Diederich mit einem Kratzfuß. „Aber
+heute können sich zweifellos nur Frau Gräfin hier ganz zu Hause fühlen.“
+
+„Sie haben gewiß Sinn für das Schöne“, vermutete Frau von Wulckow; und da
+Diederich es bestätigte, erklärte sie, dann dürfe er den ersten Akt doch
+nicht ganz versäumen, sondern müsse durch den Türspalt sehen. Sie selbst
+trat schon längst von einem Fuß auf den anderen. Sie wies mit dem Fächer
+nach der Bühne. „Herr Major Kunze wird gleich abgehen. Er ist ja nicht
+besonders gut, aber was wollen Sie, er sitzt im Vorstand der Harmonie und
+hat den Leuten die künstlerische Bedeutung meines Werkes erst zum
+Verständnis gebracht.“ Indes Diederich den Major unschwer wiedererkannte,
+denn er hatte sich gar nicht verändert, erläuterte die Dichterin ihm mit
+fliegender Geläufigkeit die Vorgänge. Das junge Bauernmädchen, mit dem
+Kunze sich unterhielt, war seine natürliche Tochter, also eine
+Grafentochter, weshalb das Stück denn auch „Die heimliche Gräfin“ hieß.
+Gerade klärte Kunze sie, bärbeißig wie immer, über diesen Umstand auf.
+Auch eröffnete er ihr, er werde sie mit einem armen Vetter verheiraten und
+ihr die Hälfte seiner Besitztümer vererben. Hierüber herrschte, als er
+abgegangen war, laute Freude bei dem Mädchen und ihrer Pflegemutter, der
+braven Pächtersfrau.
+
+„Wer ist denn die schreckliche Person?“ fragte Diederich, bevor er es
+bedacht hatte. Frau von Wulckow war erstaunt.
+
+„Es ist doch die komische Alte vom Stadttheater. Wir hatten sonst niemand
+für die Rolle; aber meine Nichte spielt ganz gern mit ihr.“
+
+Und Diederich erschrak; mit der schrecklichen Person hatte er die Nichte
+gemeint. „Das Fräulein Nichte ist ganz reizend“, beteuerte er schnell und
+blinzelte entzückt nach dem dicken roten Gesicht, das gleich auf den
+Schultern saß – und es waren Wulckows Schultern! „Talent hat sie aber
+auch“, setzte er der Sicherheit wegen hinzu. Frau von Wulckow wisperte:
+„Passen Sie nur auf“ – und da kam aus der Kulisse Assessor Jadassohn.
+Welch eine Überraschung! Er hatte ganz neue Bügelfalten und trug in seinem
+imposant geschweiften Cutaway eine riesenhafte Plastronkrawatte mit einem
+roten Funkelstein von entsprechendem Umfang. Aber so sehr der Stein auch
+funkelte, Jadassohns Ohren überstrahlten ihn. Da sein Kopf frisch
+geschoren und sehr platt war, standen die Ohren frei heraus und
+beleuchteten wie zwei Lampen seine festliche Pracht. Er spreizte die gelb
+behandschuhten Hände, als plädierte er für viele Jahre Zuchthaus; und
+tatsächlich sagte er der Nichte, die geradezu konsterniert schien, und der
+heulenden komischen Alten die peinlichsten Dinge ... Frau von Wulckow
+wisperte: „Er ist ein schlechter Charakter.“
+
+„Und ob“, sagte Diederich mit Überzeugung.
+
+„Kennen Sie denn mein Stück?“
+
+„Ach so. Nein. Aber ich sehe schon, was er will.“
+
+Nämlich Jadassohn der der Sohn und Erbe des alten Grafen Kunze war, hatte
+gelauscht und war durchaus nicht gesonnen, die Hälfte seiner ihm von Gott
+verliehenen Besitztümer an die Nichte abzutreten. Er verlangte
+gebieterisch, daß sie augenblicklich das Feld räume; widrigenfalls er sie
+als Erbschleicherin verhaften und Kunze entmündigen lassen werde.
+
+„Das ist eine Gemeinheit“, bemerkte Diederich. „Sie ist doch seine
+Schwester.“ Die Dichterin erklärte ihm:
+
+„Nun ja. Aber andererseits hat er recht, wenn er ein Fideikommiß aus den
+Gütern machen will. Er arbeitet eben für das ganze Geschlecht, mag auch
+der einzelne zu kurz kommen. Für die heimliche Gräfin ist das natürlich
+tragisch.“
+
+„Wenn man es recht bedenkt –“, Diederich war hocherfreut. Dieser
+aristokratische Gesichtspunkt kam auch ihm selbst zustatten, wenn er keine
+Neigung fühlte, Magda bei ihrer Verheiratung am Geschäft zu beteiligen.
+
+„Frau Gräfin, Ihr Stück ist erstklassig“, sagte er, durchdrungen. Aber da
+zog Frau von Wulckow ihn angstvoll am Arm: im Publikum entstanden
+Geräusche, es scharrte, schnupfte sich aus und kicherte. „Er übertreibt“,
+stöhnte die Dichterin. „Ich habe es ihm immer gesagt.“
+
+Denn Jadassohn führte sich wirklich unerhört auf. Die Nichte samt der
+komischen Alten klemmte er hinter den Tisch ein und füllte mit den
+tobenden Bekundungen seiner gräflichen Persönlichkeit die ganze Bühne. Je
+mehr das Haus ihn mißbilligte, desto herausfordernder lebte er dort oben
+sich aus. Jetzt zischte man sogar; ja, mehrere wandten sich nach der Tür
+um, hinter der Frau von Wulckow bebte, und zischten. Vielleicht geschah es
+nur, weil die Tür kreischte – aber die Dichterin fuhr zurück, sie verlor
+den Zwicker und tastete in hilflosem Entsetzen durch die Luft, bis
+Diederich ihn ihr zurückbrachte. Er versuchte, sie zu trösten. „Es hat
+nichts zu sagen, Jadassohn geht doch hoffentlich bald ab?“ Sie horchte
+durch die geschlossene Tür. „Ja, Gott sei Dank“, plapperte sie, und die
+Zähne schlugen ihr aufeinander. „Jetzt ist er fertig, jetzt flieht meine
+Nichte mit der komischen Alten, und dann kommt Kunze wieder mit dem
+Leutnant, wissen Sie.“
+
+„Ein Leutnant spielt auch mit?“ fragte Diederich achtungsvoll.
+
+„Ja, das heißt, er ist noch auf dem Gymnasium, er ist ein Sohn des Herrn
+Landgerichtsdirektors Sprezius: der arme Verwandte, wissen Sie, den der
+alte Graf seiner Tochter zum Mann geben will. Er verspricht dem Alten, daß
+er die heimliche Gräfin in der ganzen Welt suchen wird.“
+
+„Sehr begreiflich“, sagte Diederich. „Es liegt in seinem eigenen
+Interesse.“
+
+„Sie werden sehen, er ist ein edler Mensch.“
+
+„Aber Jadassohn, wenn ich mir die Bemerkung erlauben darf, Frau Gräfin,
+den hätten Sie nicht mitspielen lassen sollen“, sagte Diederich
+vorwurfsvoll und mit heimlicher Genugtuung. „Schon wegen der Ohren.“
+
+Frau von Wulckow sagte niedergeschlagen:
+
+„Ich dachte nicht, daß sie auf der Bühne so wirken würden. Glauben Sie
+nun, daß es ein Mißerfolg wird?“
+
+„Frau Gräfin!“ Diederich legte die Hand auf das Herz. „Ein Stück wie die
+‚heimliche Gräfin‘ ist nicht so leicht Umzubringen!“
+
+„Nicht wahr? Es kommt beim Theater doch wohl auf die künstlerische
+Bedeutung an.“
+
+„Gewiß. Freilich, so ein Paar Ohren haben auch viel Einfluß“ – und
+Diederich machte ein bedenkliches Gesicht.
+
+Frau von Wulckow rief flehend aus:
+
+„Wo doch der zweite Akt noch viel besser ist! Er spielt in einer protzigen
+Fabrikantenfamilie, und die heimliche Gräfin dient dort als Stubenmädchen.
+Dann ist da ein Klavierlehrer, kein feiner Mensch, eine der Töchter hat er
+sogar geküßt, und nun macht er der Gräfin einen Heiratsantrag, den sie
+natürlich weit von sich weist. Ein Klavierlehrer! Wie könnte sie!“
+
+Diederich bestätigte, es sei ausgeschlossen.
+
+„Aber nun sehen Sie, wie tragisch: die Tochter, die sich von dem
+Klavierlehrer hat küssen lassen, verlobt sich auf einem Ball mit einem
+Leutnant, und wie der Leutnant ins Haus kommt, da ist es derselbe
+Leutnant, der –“
+
+„O Gott, Frau Gräfin!“ Diederich streckte schützend die Hände vor, ganz
+erregt durch so viele Verwicklungen. „Wie kommen Sie nur auf all die
+Geschichten?“
+
+Die Dichterin lächelte leidenschaftlich.
+
+„Ja, nämlich das ist das Interessanteste: Nachher weiß man es nicht mehr.
+Es geht so geheimnisvoll zu im Gemüt! Manchmal denke ich mir, ich muß es
+geerbt haben.“
+
+„Haben Sie denn so viele Dichter in Ihrer werten Familie?“
+
+„Das nicht. Aber wenn nicht mein großer Vorfahre die Schlacht bei
+Kröchenwerda gewonnen hätte, wer weiß, ob ich die ‚heimliche Gräfin‘
+geschrieben haben würde. Es kommt schließlich immer auf das Blut an!“
+
+Bei dem Namen der Schlacht machte Diederich einen Kratzfuß, und er wagte
+nichts mehr zu fragen.
+
+„Jetzt muß gleich der Vorhang fallen“, sagte Frau von Wulckow. „Hören Sie
+etwas?“
+
+Er hörte nichts; nur für die Dichterin gab es nicht Tür noch Wände. „Jetzt
+schwört der Leutnant der fernen Gräfin die ewige Treue“, flüsterte sie.
+„So“; und alles Blut wich ihr aus dem Gesicht. Gleich darauf schoß es
+heftig zurück; man klatschte: nicht stürmisch; aber man klatschte. Die Tür
+ward von drinnen geöffnet. Dort hinten rollte nochmals der Vorhang hinauf,
+und da der junge Sprezius und die Wulckowsche Nichte hervorkamen, ward der
+Beifall lebhafter. Plötzlich schnellte aus der Kulisse Jadassohn, pflanzte
+sich vor die beiden und machte Miene, den Erfolg einzuheimsen – worauf
+gezischt ward. Frau von Wulckow wandte sich entrüstet ab. Der
+Schwiegermutter des Bürgermeisters Scheffelweis und der Landgerichtsrätin
+Harnisch, die ihr Glück wünschten, erklärte sie: „Herr Assessor Jadassohn
+ist als Staatsanwalt unmöglich. Ich werde es meinem Mann sagen.“
+
+Die Damen gaben den Ausspruch sofort weiter und hatten viel Erfolg damit.
+Plötzlich war die Spiegelgalerie voll von Gruppen, die über Jadassohns
+Ohren herfielen. „Die Präsidentin hat recht wacker gedichtet; nur
+Jadassohns Ohren –.“ Als man hörte, daß Jadassohn im zweiten Akt nicht
+mehr wiederkomme, war man doch enttäuscht. Wolfgang Buck ging mit Guste
+Daimchen auf Diederich zu. „Haben Sie gehört?“ fragte er. „Jadassohn soll
+eine Amtshandlung vornehmen und seine Ohren konfiszieren.“ Diederich sagte
+mißbilligend: „Ich mache keine Witze, wenn es jemandem schlecht geht.“ Und
+dabei überwachte er eifrig die Blicke, die Buck und seine Begleiterin
+trafen. Alle Mienen lebten auf, wenn sie die beiden erblickten; Jadassohn
+war vergessen. Vom Ausgang trug die dünne Schreistimme des Professor
+Kühnchen etwas durch den Wirrwarr, das klang wie „Affenschande“. Da die
+Pastorin Zillich ihm beschwichtigend die Hand auf den Arm legte, wandte er
+sich her, und jetzt verstand man es deutlich: „Eine ausgewachsene
+Affenschande ist es!“
+
+Guste sah sich um; sie bekam Schlitzaugen. „Dort sprechen sie auch davon“,
+sagte sie geheimnisvoll.
+
+„Wovon?“ stammelte Diederich.
+
+„Wir wissen schon. Und wer es aufgebracht hat, weiß ich auch.“
+
+Hier brach Diederich der Schweiß aus. „Was haben Sie denn?“ fragte Guste.
+Buck, der durch die Seitentür nach dem Büfett schielte, sagte
+phlegmatisch:
+
+„Heßling ist ein vorsichtiger Politiker, er hört nicht gern mit an, daß
+der Bürgermeister zwar einerseits ein guter Ehemann ist, aber andererseits
+auch seiner Schwiegermutter nichts abschlagen kann.“
+
+Sofort ward Diederich dunkelrot.
+
+„Das ist eine Gemeinheit! Wie kann jemand sich solch eine Gemeinheit
+ausdenken!“
+
+Guste kicherte heftig. Buck blieb unbewegt. „Erstens scheint es Tatsache
+zu sein, denn die Frau Bürgermeister hat die beiden überrascht und sich
+einer Freundin anvertraut. Dann aber lag es ja auf der Hand.“
+
+Guste brachte hervor: „Na Sie, Herr Doktor, wären natürlich nie darauf
+gekommen.“ Dabei blinzelte sie verliebt ihrem Verlobten zu. Diederich
+blitzte. „Aha!“ sagte er stramm. „Jetzt weiß ich freilich genug.“ Und er
+drehte ihnen den Rücken. Sie erfanden also selbst Gemeinheiten, noch dazu
+über den Bürgermeister! Diederich durfte den Kopf hoch tragen. Er stieß zu
+der Gruppe Kühnchens, die sich nach dem Büfett hin bewegte und ein
+Kielwasser von sittlicher Entrüstung hinterließ. Die Schwiegermutter des
+Bürgermeisters schwur mit rotem Gesicht, „diese Gesellschaft“ werde ihr
+Haus künftig nur noch von außen sehen, und mehrere Damen schlossen sich
+ihrem Vorsatz an, trotz Abraten des Warenhausbesitzers Herrn Cohn, der bis
+auf weiteres alles in Zweifel zog, weil eine derartige sittliche
+Entgleisung bei einem bewährten alten Liberalen wie dem Herrn Buck ganz
+ausgeschlossen erscheine. Professor Kühnchen war vielmehr der Meinung, daß
+ein zu weit gehender Radikalismus auch die Moral gefährde. Selbst Doktor
+Heuteufel, der doch die Sonntagsfeiern für freie Menschen veranstaltete,
+machte die Bemerkung, an Familiensinn, man könne auch sagen Nepotismus,
+habe es dem alten Buck niemals gefehlt. „Beispiele dafür liegen Ihnen
+allen auf der Zunge. Und daß er jetzt, um das Geld in der Familie zu
+erhalten, sich anschickt, seine unehelichen Kinder mit seinen ehelichen zu
+verheiraten, das, meine Herrschaften, würde ich ärztlich als greisenhafte
+Ausschreitung einer früher noch beherrschten Naturanlage diagnostizieren.“
+Hierbei bekamen die Damen erschreckte Gesichter, und die Pastorin Zillich
+schickte ihr Käthchen in die Garderobe nach ihrem Schnupftuch.
+
+Auf ihrem Wege kam Käthchen an Guste Daimchen vorbei, aber sie begrüßte
+sie nicht, sondern schlug die Augen nieder; da machte Guste ein betretenes
+Gesicht. Am Büfett bemerkte man es und äußerte Mißbilligung, vermischt mit
+Mitleid. Guste mußte nun eben erfahren, was es hieß, sich über die
+öffentliche Moral hinwegzusetzen. Mochte ihr zugebilligt werden, daß sie
+vielleicht getäuscht und schlecht beeinflußt sei: Frau Oberinspektor
+Daimchen aber, die wußte doch wohl Bescheid, und sie war gewarnt! Die
+Schwiegermutter des Bürgermeisters berichtete von ihrem Besuch bei Gustes
+Mutter und von ihren vergeblichen Anstrengungen, durch Anklopfen ein
+Geständnis hervorzulocken aus der verhärteten alten Frau, der eine
+legitime Verbindung mit dem Hause Buck wohl einen Jugendtraum erfüllte!...
+
+„Na, und der Herr Rechtsanwalt Buck!“ kreischte Kühnchen. Tatsächlich, wen
+wollte dieser Herr glauben machen, daß er über die neue Schande, die seine
+Familie traf, nicht genau unterrichtet sei? Waren ihm die Verbrechen im
+Hause Lauer etwa unbekannt gewesen? Und doch sah man ihn nicht zögern, die
+schmutzige Wäsche seiner Schwester und seines Schwagers öffentlich vor
+Gericht auszubreiten, nur um von sich reden zu machen! Doktor Heuteufel,
+den es noch immer drängte, seine eigene Haltung im Prozeß nachträglich zu
+verbessern, erklärte: „Das ist kein Verteidiger, das ist ein Komödiant!“
+Und als Diederich zu bedenken gab, Buck habe nun einmal gewisse, wenn auch
+anfechtbare Überzeugungen in Politik und Moral, da ward ihm erwidert:
+„Herr Doktor, Sie sind sein Freund. Daß Sie für ihn eintreten, spricht zu
+Ihren Gunsten, aber Sie machen uns nichts weiß;“ – worauf Diederich sich
+zurückzog, mit bekümmerter Miene, aber nicht ohne einen Blick auf den
+Redakteur Nothgroschen, der bescheiden an einer Schinkensemmel kaute und
+alles hörte.
+
+Plötzlich entstand eine Stille, denn drinnen, nahe der Bühne, erblickte
+man den alten Herrn Buck in einem Kreis junger Mädchen. Es schien, er
+erklärte ihnen die Malereien an den Wänden, das Leben von ehemals, das
+verblichen und heiter den ganzen Saal umgab, mit dem Umkreis der Stadt,
+wie sie gewesen war, mit verschwundenen Wiesen und Gärten und den Menschen
+allen, lärmend einst als Herren hier in diesem Festhaus, nun aber in
+hingetäuschte Tiefen gebannt vor dem Geschlecht, das eben jetzt lärmte ...
+Jetzt sah es gar aus, als ahmten sie, die Mädchen und der Alte, den
+Figuren nach. Gerade über ihnen war das Burgtor abgebildet, und ein Herr
+in Perücke und Amtskette trat heraus, derselbe, der aus Marmor zu Häupten
+der Treppe stand. In dem lieblichen Gehölz voller Blumen aber, das damals
+wohl dort, statt der Papierfabrik Gausenfeld, geblüht hatte, tanzten ihm
+helle Kinder entgegen, warfen einen Kranz über ihn und wollten ihn damit
+umherdrehen. Der Widerschein von rosigen kleinen Wolken fiel auf sein
+glückliches Gesicht. So glücklich lächelte in diesem Augenblick auch der
+alte Buck, ließ sich von den Mädchen hin und her ziehen und war von ihnen
+gefangen, wie in einem lebenden Kranz. Seine Sorglosigkeit war
+unbegreiflich, sie war aufreizend. Hatte er schon sein Gewissen bis zu dem
+Grade abgestumpft, daß er seine natürliche Tochter –: „_Unsere_ Töchter
+sind eben doch keine natürlichen Kinder“, sagte Frau Warenhausbesitzer
+Cohn. „Meine Sidonie mit Guste Daimchen Arm in Arm!“... Buck und seine
+jungen Freundinnen merkten gar nicht, daß sie sich am Ende eines leeren
+Raumes befanden. Vorn bildete feindliches Publikum eine Mauer; die Augen
+fingen zu funkeln an, und der Mut wuchs. „Die Familie ist die längste Zeit
+obenauf gewesen! Einen haben sie schon in der Vogtei, gleich kommt Nummer
+zwei!“... „Das ist ja der reinste Rattenfänger!“ murrte es; und drüben:
+„Ich sehe es nicht noch länger mit an!“ Jäh entrangen sich zwei Damen dem
+allgemeinen Druck, nahmen einen Anlauf und durchkreuzten den leeren Raum.
+Frau Rat Harnisch, die in ihrer roten Samtschleppe dahinkugelte, traf am
+Ziel pünktlich auf die gelbe Frau Cohn, mit demselben Griff bemächtigte
+die eine sich ihrer Sidonie, die andere ihrer Meta, und welch eine
+Genugtuung, als sie wieder anlangten! „Ich war einer Ohnmacht nahe“, sagte
+die Pastorin Zillich, da nun gottlob auch Käthchen sich einfand.
+
+Die gute Laune kehrte zurück, man scherzte über den alten Sünder und
+verglich ihn mit dem Grafen im Stück der Präsidentin. Freilich, Guste war
+keine heimliche Gräfin; in einer Dichtung konnte man, der Präsidentin zu
+gefallen, mit solchen Zuständen sympathisieren. Übrigens waren sie dort
+noch erträglich, denn die Gräfin sollte nur ihren Vetter heiraten, während
+Guste –!
+
+Der alte Buck, der niemand mehr um sich sah, als seine künftige
+Schwiegertochter und eine seiner Nichten, bekam eine fragende Miene; ja,
+unter den Blicken, die ihn in seiner Verlassenheit musterten, ward er
+sichtlich verlegen. Man machte einander darauf aufmerksam; – und Diederich
+sogar fragte sich, ob Frau Heßlings alte Skandalgeschichte denn etwa gar
+wahr sei? Da er das Phantom, das er selbst in die Welt geschickt hatte,
+hier einen Körper annehmen und immer drohender um sich greifen sah, war
+ihm selber bange geworden. Diesmal galt es nicht irgendeinem Lauer, es
+galt dem alten Herrn Buck, der ehrwürdigsten Figur aus Diederichs
+Kindertagen, dem großen Mann der Stadt, der Verkörperung ihres
+Bürgersinnes, dem zum Tode Verurteilten von Achtundvierzig! Im eigenen
+Herzen fühlte Diederich ein Sträuben gegen sein Unterfangen. Auch schien
+es Wahnwitz; ein Streich wie dieser zerschmetterte den Alten noch längst
+nicht. Kam es aber heraus, wer der Urheber war, dann mußte Diederich
+darauf gefaßt sein, daß alle sich gegen ihn wendeten ... Gleichwohl blieb
+es ein Streich, und er hatte getroffen. Jetzt war es nicht mehr bloß die
+Familie, die bröckelte und an dem Alten als Last hing: der Bruder vor dem
+Bankerott, der Schwiegersohn im Gefängnis, die Tochter auf Reisen mit
+einem Liebhaber, und von den Söhnen einer verbauert, der andere verdächtig
+durch Gesinnung und Lebensführung, – jetzt schwankte er, zum ersten Male,
+selbst. Herunter mit ihm, damit Diederich hinaufkam! Trotzdem war es
+Diederich bange bis in den Leib hinein, er machte sich auf, um die
+Nebenräume zu besuchen.
+
+Er lief, denn es klingelte schon zum zweiten Akt: da stieß er mit der
+Schwiegermutter des Bürgermeisters zusammen, die es aus einem anderen
+Grund ebenso eilig hatte. Sie kam gerade noch rechtzeitig, um zu
+verhindern, daß ihr Schwiegersohn, gelenkt von seiner Frau, sich auf den
+alten Buck zu bewege und ihn mit seiner Autorität decke. „Mit deiner
+Autorität als Bürgermeister, einen solchen Skandal!“ Sie war heiser vor
+Aufregung. Die Frau aber mit ihrer grellen kleinen Stimme blieb dabei, die
+Bucks seien nun einmal die feinsten Leute hier, und noch gestern habe
+Milli Buck ihr ein fabelhaftes Schnittmuster gegeben. Mit versteckten
+Püffen trieb jede ihn nach ihrer Seite; er gab ihnen abwechselnd recht,
+seine blassen Bartkotelettes flohen nach links und nach rechts, und er
+hatte Augen wie ein Hase. Die Vorübergehenden stießen einander an und
+wiederholten flüsternd als einen Witz, was Diederich durch Wolfgang Buck
+wußte. Angesichts so wichtiger Vorgänge vergaß er seine Leibschmerzen,
+blieb stehen und beschrieb einen herausfordernden Gruß. Der Bürgermeister
+gab sich Haltung, verließ seine Damen, er streckte Diederich die Hand hin.
+„Mein lieber Doktor Heßling, es freut mich, das ist einmal ein gelungenes
+Fest, wie?“
+
+Aber Diederich zeigte sich gar nicht geneigt, auf die nichtssagende
+Herzlichkeit einzugehen, die Doktor Scheffelweis so sehr liebte. Er
+richtete sich auf wie das Verhängnis und blitzte.
+
+„Herr Bürgermeister, ich fühle mich nicht berechtigt, Sie im unklaren zu
+lassen über gewisse Dinge, die –“
+
+„Die?“ fragte Doktor Scheffelweis, erbleicht.
+
+„Die vorgehen“, sagte Diederich nicht ohne Härte. Der Bürgermeister bat um
+Erbarmen. „Ich weiß doch schon. Es ist die fatale Geschichte mit unserem
+allverehrten – ich wollte sagen, die Schweinerei des alten Buck“,
+flüsterte er vertraulich. Diederich blieb kalt.
+
+„Es ist mehr. Sie dürfen sich nicht länger täuschen, Herr Bürgermeister:
+es betrifft Sie selbst.“
+
+„Junger Mann, ich muß doch bitten ...“
+
+„Ich stehe Ihnen zur Verfügung, Herr Bürgermeister!“
+
+Doktor Scheffelweis irrte, wenn er hoffte, dieser Kelch sei durch
+Aufbegehren besser abzuwenden als durch Flehen! Er war in Diederichs Hand;
+die Spiegelgalerie hatte sich geleert, auch die beiden Damen verschwanden
+dahinten im Gedränge.
+
+„Buck und Genossen führen einen Gegenschlag“, sagte Diederich sachlich.
+„Sie sind entlarvt und rächen sich.“
+
+„An mir?“ Der Bürgermeister hüpfte auf.
+
+„Verleumdungen, ich wiederhole: infame Verleumdungen werden gegen Sie
+gerichtet. Kein Mensch würde sie glauben, aber in diesen Zeiten der
+politischen Kämpfe –“
+
+Er beendete nicht, sondern hob die Schultern. Doktor Scheffelweis war
+sichtlich kleiner geworden. Er wollte Diederich ansehen, irrte aber ab. Da
+bekam Diederich die Stimme des Gerichts.
+
+„Herr Bürgermeister! Sie erinnern sich an unsere erste Unterredung in
+Ihrem Hause, mit Herrn Assessor Jadassohn. Ich habe Sie schon damals
+darauf vorbereitet, daß ein neuer Geist in die Stadt einziehen werde. Die
+schlappe demokratische Gesinnung hat abgewirtschaftet! Stramm national muß
+man heut sein! Sie waren gewarnt!“
+
+Doktor Scheffelweis stand Rede.
+
+„Ich war innerlich schon immer auf Ihrer Seite, lieber Freund: um so mehr,
+als ich ein besonderer Verehrer Seiner Majestät bin. Unser herrlicher
+junger Kaiser ist ein so origineller Denker ... impulsiv ... und ...“
+
+„Die persönlichste Persönlichkeit“, ergänzte Diederich streng.
+
+Der Bürgermeister sprach nach: „Persönlichkeit ... Aber ich in meiner
+Stellung, die nach beiden Seiten blickt, kann Ihnen auch heute nur
+wiederholen: Schaffen Sie neue Tatsachen!“
+
+„Und mein Prozeß? Ich habe die Feinde Seiner Majestät glatt
+zerschmettert!“
+
+„Ich habe Ihnen nichts in den Weg gelegt. Ich habe Sie sogar
+beglückwünscht.“
+
+„Mir nicht bekannt.“
+
+„Wenigstens im stillen.“
+
+„Heute muß man sich offen entscheiden, Herr Bürgermeister. Seine Majestät
+haben es selbst gesagt: wer nicht für mich ist, ist wider mich! Unsere
+Bürger sollen endlich aus dem Schlummer erwachen und bei der Bekämpfung
+der umwälzenden Elemente selbst mit Hand anlegen!“
+
+Hier schlug Doktor Scheffelweis die Augen nieder. Um so gebieterischer
+reckte sich Diederich.
+
+„Wo aber bleibt der Bürgermeister?“ fragte er, und seine Frage klang in
+einer drohenden Stille so lange nach, bis Doktor Scheffelweis sich
+entschloß, ihn anzublinzeln. Zum Sprechen brachte er es nicht; Diederichs
+Erscheinung, blitzend, gesträubt und blond gedunsen, verschlug ihm die
+Rede. In fliegender Verwirrung dachte er: „Einerseits – andererseits“ –
+und blinzelte immerfort das Bild der neuen Jugend an, die wußte, was sie
+wollte, den Vertreter der harten Zeit, die nun kam!
+
+Diederich, mit herabgezogenen Mundwinkeln, nahm die Huldigung entgegen. Er
+genoß einen der Augenblicke, in denen er mehr bedeutete als sich selbst,
+und im Geiste eines Höheren handelte. Der Bürgermeister war länger als er,
+aber Diederich sah auf ihn hinunter, als hätte er gethront. „Nächstens
+haben wir Stadtverordnetenwahlen: da kommt es nun ganz auf Sie an“,
+äußerte er gnädig und knapp. „Der Prozeß Lauer hat einen Umschwung der
+öffentlichen Meinung bewirkt. Die Leute haben Angst vor mir. Wer mir
+behilflich sein will, ist mir willkommen; wer sich mir entgegenstellt –“
+
+Den Nachsatz wartete Doktor Scheffelweis nicht ab. „Ich bin ganz Ihrer
+Meinung,“ flüsterte er beflissen, „Freunde des Herrn Buck dürfen nicht
+mehr gewählt werden.“
+
+„Das liegt in Ihrem eigensten Interesse. Bei den Schlechtgesinnten
+untergräbt man Ihren guten Ruf, Herr Bürgermeister! Könnten Sie es heute
+überleben, daß die Gutgesinnten den abscheulichen Verleumdungen nicht mehr
+widersprechen?“ Eine Pause, in der Doktor Scheffelweis zitterte; dann
+wiederholte Diederich, ermutigend: „Es kommt nur auf Sie an.“ – Der
+Bürgermeister murmelte: „Ihre Energie und anständige Gesinnung in Ehren –“
+
+„Meine hochanständige Gesinnung!“
+
+„Freilich ... Aber Sie sind ein politischer Heißsporn, mein junger Freund.
+Die Stadt ist noch nicht reif für Sie. Wie wollen Sie mit ihr fertig
+werden?“
+
+Statt einer Antwort trat Diederich plötzlich zurück und machte einen
+Kratzfuß. Im Eingang stand Wulckow.
+
+Er kam herbei unter elastischem Schwenken des Bauches, legte seine
+schwarze Tatze dem Doktor Scheffelweis auf die Schulter und sagte
+dröhnend: „Na, Bürgermeisterchen, so solo hier? Ihre Stadtverordneten
+haben Sie wohl hinausgeworfen?“ – worauf Doktor Scheffelweis bleich
+mitlachte. Aber Diederich sah sich heftig besorgt nach der Saaltür um, die
+noch offen stand. Er trat vor Wulckow hin, so daß der Präsident von
+drinnen nicht zu sehen war, und flüsterte ihm einige Worte zu, infolge
+deren der Präsident sich abwandte und seine Kleider ordnete. Dann sagte er
+zu Diederich: „Sie sind wirklich sehr brauchbar, Doktorchen.“
+
+Diederich lächelte geschmeichelt. „Ihre Anerkennung, Herr Präsident, macht
+mich glücklich.“
+
+Wulckow äußerte gnädig: „Sie können gewiß auch sonst noch allerlei. Wir
+müssen mal drüber reden.“ Er streckte den Kopf vor, braunfleckig, mit
+slawischen Backenknochen, und glotzte Diederich an aus den Mongolenfalten
+seiner Augen, die voll einer warmblütigen, schalkhaften Gewaltsamkeit
+waren: – glotzte, bis Diederich schnaufte. Dieser Erfolg schien Wulckow zu
+befriedigen. Er bürstete vor dem Spiegel seinen Bart, zerdrückte ihn aber
+sogleich wieder auf dem Frackhemd, weil er den Kopf wie ein Stier trug,
+und sagte: „Nu los! Der Klimbim ist wohl schon im Gange?“ Und in der Mitte
+zwischen Diederich und dem Bürgermeister schickte er sich an, mit Wucht
+die Vorstellung zu stören: da kam vom Büfett her eine dünne Stimme:
+
+„Ach Gott, Ottochen!“
+
+„Na, da ist sie“, brummte Wulckow, und er ging seiner Frau entgegen.
+„Dachte mir schon, wenn es zum Klappen kommt, scheut sie. Mehr
+Reitergeist, meine beste Frieda!“
+
+„Ach Gott, Ottochen, ich habe nun mal solche grauenhafte Angst.“ Zu den
+beiden anderen Herrn gewandt plauderte sie geläufig, wenn auch bebend.
+„Ich weiß wohl, man sollte freudigeren Herzens in die Schlacht gehen.“
+
+„Besonders,“ sagte Diederich schlagfertig, „wenn sie im voraus gewonnen
+ist.“ Und er verneigte sich ritterlich. Frau von Wulckow berührte ihn mit
+dem Fächer.
+
+„Herr Doktor Heßling hat mir nämlich schon während des ersten Aktes hier
+draußen Gesellschaft geleistet. Er hat Sinn für das Schöne, er gibt einem
+sogar nützliche Winke.“
+
+„Hab’ ich gemerkt“, sagte Wulckow; und indes Diederich abwechselnd ihm und
+seiner Frau dankerfüllte Kratzfüße machte, setzte der Präsident hinzu:
+„Bleiben wir lieber gleich beim Büfett.“
+
+„Das war auch mein Schlachtplan“, plauderte Frau von Wulckow. „Um so mehr,
+als ich jetzt festgestellt habe, daß man hier eine kleine Tür nach dem
+Saal öffnen kann. So erfreut man sich der von den Ereignissen unberührten
+Isoliertheit, die ich nun einmal brauche, und bleibt dennoch _au fait_.“
+
+„Bürgermeisterchen,“ sagte Wulckow und schnalzte, „den Hummersalat sollten
+Sie sich auch kaufen.“ Er zog Doktor Scheffelweis am Ohr und setzte hinzu:
+„In der Sache mit dem städtischen Arbeitsnachweis hat der Magistrat mal
+wieder eine jammervolle Rolle gespielt.“
+
+Der Bürgermeister aß gehorsam und hörte gehorsam zu – indes Diederich
+neben Frau von Wulckow nach der Bühne ausspähte. Dort hatte Magda Heßling
+Klavierstunde, und der Lehrer, ein dunkellockiger Virtuose, küßte sie
+feurig, was sie nicht übel zu vermerken schien. „Kienast dürfte das nicht
+sehen“, dachte Diederich, aber auch im eigenen Namen fühlte er sich
+gekränkt. Er äußerte:
+
+„Finden Frau Gräfin nicht doch, daß der Klavierlehrer zu naturalistisch
+spielt?“
+
+Die Dichterin erwiderte befremdet: „Ganz so lag es in meiner Intention.“
+
+„Ich meinte auch nur“, sagte Diederich unsicher – und dann erschrak er,
+denn in der Tür erschien Frau Heßling oder eine Dame, die ihr ähnlich sah.
+Emmi kam auch, und das Paar war ertappt, man schrie und weinte. Um so
+lauter sprach Wulckow.
+
+„Nee, Bürgermeister. Auf den alten Buck können Sie sich diesmal nicht
+’rausreden. Wenn er damals den städtischen Arbeitsnachweis durchgedrückt
+hat: die Anwendung tut es, die ist Ihre Sache.“
+
+Doktor Scheffelweis wollte etwas vorbringen, aber Magda schrie, sie denke
+nicht daran, den Menschen zu heiraten, dafür sei das Dienstmädchen gut
+genug. Die Dichterin bemerkte:
+
+„Das muß sie noch ordinärer bringen. Es sind doch Parvenüs.“
+
+Und Diederich lächelte zustimmend, obwohl er arg betreten war durch diese
+Zustände in einem Heim, das dem seinen glich. Innerlich gab er Emmi recht,
+die erklärte, der Skandal müsse sogleich aus der Welt geschafft werden,
+und die das Dienstmädchen hereinrief. Aber wie das Mädchen sich zeigte,
+verdammt, da war es die heimliche Gräfin! In die Stille, die ihr Auftreten
+bewirkte, tönte Wulckows Baßstimme.
+
+„Bleiben Sie mir mal weg mit dem Schwindel von Ihren sozialen Pflichten.
+Die Landwirtschaft ruinieren soll sozial sein?“
+
+Im Publikum wandten mehrere sich um; die Dichterin wisperte angstvoll:
+„Ottochen, um Gottes willen!“
+
+„Was ist denn los?“ Er trat in die Tür. „Nun sollen sie mal zischen!“
+
+Niemand zischte. Er wandte sich wieder dem Bürgermeister zu:
+
+„Mit Ihrem Arbeitsnachweis ziehen Sie unsereinem, der im Osten begütert
+ist, die Arbeiter fort, das ist mal sicher. Und ferner: Sie haben sogar
+Vertreter der Arbeiter in Ihrem miserablen Arbeitsnachweis – und dabei
+vermitteln Sie auch für die Landwirtschaft. Wohin steuern Sie also? Nach
+der Koalition der Landarbeiter. Sehen Sie wohl, Bürgermeisterchen?“ Seine
+Tatze fiel auf Doktor Scheffelweis’ nachgiebige Schulter. „Wir kommen
+Ihnen hinter die Schliche. Wird nicht geduldet!“
+
+Auf der Bühne sprach die Wulckowsche Nichte ins Publikum, denn die
+Fabrikantenfamilie durfte nichts hören.
+
+„Wie? Ich, ein Grafenkind, einen Klavierlehrer heiraten? Das sei ferne von
+mir. Wenn die Leute mir auch eine Ausstattung versprechen, für Geld mögen
+andere sich erniedrigen. Ich aber weiß, was ich meiner edlen Geburt
+schuldig bin!“
+
+Hier ward applaudiert. Frau Harnisch und Frau Tietz sah man Tränen
+fortwischen, die der Edelsinn der Gräfin ihnen hatte entquellen lassen.
+Aber die fortgewischten Tränen kamen wieder, als die Nichte sagte:
+
+„Doch ach! Wo finde ich als Dienstmädchen einen ebenso Hochgeborenen.“
+
+Der Bürgermeister mußte eine Erwiderung gewagt haben, denn Wulckow
+grollte: „Dafür, daß es weniger Arbeitslose gibt, will ich nicht bluten.
+Mein Geld ist mein Geld.“
+
+Da konnte Diederich sich nicht länger enthalten, ihm mit einem Kratzfuß zu
+danken. Aber auch die Dichterin bezog mit Recht seinen Kratzfuß auf sich.
+
+„Ich weiß,“ sagte sie, selbst gerührt, „die Stelle ist mir gelungen.“
+
+„Das ist Kunst, die zum Herzen spricht“, stellte Diederich fest. Da Magda
+und Emmi das Klavier und die Türen zuschlugen, ergänzte er: „Und
+hochdramatisch.“ Hierauf nach der anderen Seite:
+
+„Nächste Woche werden zwei Stadtverordnete gewählt für Lauer und Buck
+junior. Gut, daß der von selbst geht.“ Wulckow sagte: „Dann sorgen Sie nur
+dafür, daß anständige Leute ’reinkommen. Sie sollen ja mit der ‚Netziger
+Zeitung‘ gut stehen.“
+
+Diederich dämpfte vertraulich die Stimme. „Ich halte mich vorläufig noch
+zurück, Herr Präsident. Für die nationale Sache ist es besser.“
+
+„Sieh mal an“, sagte Wulckow; und wirklich sah er Diederich durchdringend
+an. „Sie möchten sich wohl selbst wählen lassen?“ fragte er.
+
+„Ich würde das Opfer bringen. Unsere städtischen Körperschaften haben zu
+wenig Mitglieder, die in nationaler Beziehung zuverlässig sind.“
+
+„Und was wollen Sie machen, wenn Sie drin sind?“
+
+„Dafür sorgen, daß der Arbeitsnachweis aufhört.“
+
+„Na ja,“ sagte Wulckow, „als nationaler Mann.“
+
+„Ich als Offizier,“ sagte auf der Bühne der Leutnant, „kann nicht dulden,
+liebe Magda, daß dieses Mädchen, wenn es auch nur eine arme Dienstmagd
+ist, irgendwie mißhandelt wird.“
+
+Der Leutnant aus dem ersten Akt, der arme Vetter, der die heimliche Gräfin
+hätte heiraten sollen, er war Magdas Verlobter! Man fühlte die Zuschauer
+vor Spannung beben. Die Dichterin bemerkte es selbst. „Die Erfindung ist
+aber auch meine starke Seite“, sagte sie zu Diederich, der tatsächlich
+verblüfft war. Doktor Scheffelweis hatte keine Zeit, sich den Emotionen
+der dramatischen Dichtung zu überlassen; er sah sich gefährdet.
+
+„Niemand“, beteuerte er, „würde freudiger einen Geist –“ Wulckow
+unterbrach ihn.
+
+„Kennen wir, Bürgermeisterchen. Freudig begrüßen können Sie, wenn’s nichts
+kostet.“
+
+Diederich setzte hinzu: „Aber einen glatten Strich ziehen zwischen
+Kaisertreuen und Umsturz!“
+
+Der Bürgermeister hob flehend die Arme. „Meine Herren! Verkennen Sie mich
+nicht, ich bin zu allem bereit. Aber mit dem Strich ist nicht geholfen,
+denn bei uns hier bedeutet er bloß, daß fast alle, die nicht freisinnig
+wählen, sozialdemokratisch wählen.“
+
+Wulckow stieß ein wütendes Grunzen aus, worauf er sich eine Wurst vom
+Büfett langte. Diederich war es, der eiserne Zuversicht bekundete.
+
+„Wenn die guten Wahlen nicht von selbst kommen, müssen sie eben gemacht
+werden!“
+
+„Aber womit?“ sagte Wulckow.
+
+Die Wulckowsche Nichte ihrerseits rief ins Publikum:
+
+„Er muß doch sehen, daß ich eine Gräfin bin, er, der demselben edlen
+Stamme entsprossen ist!“
+
+„Oh! Frau Gräfin!“ sagte Diederich. „Jetzt bin ich wirklich neugierig, ob
+er es sieht.“
+
+„Selbstverständlich“, erwiderte die Dichterin. „Sie erkennen einander doch
+schon an den besseren Manieren.“
+
+In der Tat warfen der Leutnant und die Nichte sich Blicke zu, weil Emmi
+und Magda samt Frau Heßling einen Käse mit dem Messer aßen. Diederich
+behielt den Mund offen. Im Publikum bewirkte das ungebildete Betragen der
+Fabrikantenfamilie die freudigste Stimmung. Die Töchter Buck, Frau Cohn
+und Guste Daimchen, alle jubelten. Auch Wulckow ward aufmerksam; er sog
+sich das Fett von den Fingern und sagte:
+
+„Frieda, du bist fein ’raus, sie lachen.“
+
+Wirklich blühte die Dichterin erstaunlich auf. Ihre Augen hinter dem
+Zwicker glänzten wirr, sie seufzte, ihr Busen wallte, es hielt sie nicht
+länger auf ihrem Stuhl. Sie wagte sich halb heraus aus dem Büfettzimmer;
+sofort wandten viele sich nach ihr um, mit neugierigen Gesichtern, und die
+Schwiegermutter des Bürgermeisters gab ihr Zeichen. Frau von Wulckow rief
+fieberhaft über die Schulter:
+
+„Meine Herren, die Schlacht ist gewonnen!“
+
+„Wenn es bei uns auch so schnell ginge“, sagte ihr Gatte. „Na, also,
+Doktor, wie wollen Sie den Netzigern die Kandare anlegen?“
+
+„Herr Präsident!“ Diederich drückte die Hand aufs Herz. „Netzig wird
+kaisertreu, dafür bürge ich Ihnen mit allem, was ich bin und habe!“
+
+„Schön“, sagte Wulckow.
+
+„Denn“, fuhr Diederich fort, „wir haben einen Agitator, den ich als
+erstklassig bezeichnen möchte: jawohl, erstklassig“, wiederholte er und
+umfaßte mit dem Wort alles Große; „und das ist Seine Majestät selbst!“
+
+Doktor Scheffelweis sammelte sich eilig. „Die persönlichste
+Persönlichkeit“, brachte er hervor. „Originell. Impulsiv.“
+
+„Na ja“, sagte Wulckow. Er stemmte die Fäuste auf die Knie und glotzte
+dazwischen auf den Boden, in der Haltung eines sorgenvollen
+Menschenfressers. Auf einmal merkten die beiden anderen, daß er sie von
+unten schief ansah.
+
+„Meine Herren“ – er stockte wieder – „na, ich will Ihnen mal was sagen.
+Ich glaube, der Reichstag wird aufgelöst.“
+
+Diederich und Doktor Scheffelweis streckten die Köpfe vor, sie wisperten.
+„Herr Präsident wissen –?“
+
+„Der Kriegsminister war neulich mit mir auf der Jagd, bei meinem Vetter
+Herrn von Quitzin.“
+
+Diederich machte einen Kratzfuß. Er stammelte, er wußte selbst nicht was.
+Er hatte es vorausgesagt! Schon bei seiner Aufnahme in den Kriegerverein
+hatte er eine Rede Seiner Majestät wiedergegeben, – und hatte er sie nur
+wiedergegeben? Darin kam ausdrücklich vor: „Ich räume die ganze Bude aus!“
+Und nun sollte es geschehen, ganz so, als handelte er selbst. Es überlief
+ihn mystisch ... Wulckow sagte inzwischen:
+
+„Die Herren Eugen Richter und Konsorten passen uns nicht mehr. Wenn sie
+die Militärvorlage nicht schlucken, ist Schluß“; – und Wulckow strich sich
+mit der Faust über den Mund, als beginne das Fressen.
+
+Diederich faßte sich. „Das ist – das ist großzügig! Das ist ganz sicher
+die persönliche Initiative Seiner Majestät!“ Doktor Scheffelweis war
+erbleicht. „Dann sind schon wieder Reichstagswahlen? Und ich war so froh,
+daß wir unseren bewährten Abgeordneten hatten ...“ Er erschrak noch mehr.
+„Das heißt, natürlich, Kühlemann ist auch ein Freund des Herrn
+Richter ...“
+
+„Ein Nörgler!“ schnaubte Diederich. „Ein vaterlandsloser Geselle!“ Er
+rollte die Augen. „Herr Präsident! Diesmal ist es aus in Netzig mit den
+Leuten. Lassen Sie mich nur erst Stadtverordneter sein, Herr
+Bürgermeister!“ „Was dann?“ fragte Wulckow. Diederich wußte es nicht.
+Glücklicherweise entstand im Saal ein Zwischenfall; Stühle wurden gerückt,
+und jemand ließ sich die große Tür öffnen: Kühlemann selbst war es. Der
+Greis schleppte seine schwere kranke Masse eilig durch die Spiegelgalerie.
+Am Büfett fand man, seit dem Prozeß sei er noch mehr verfallen.
+
+„Er hätte Lauer lieber freigesprochen, die anderen Richter haben ihn
+überstimmt“, sagte Diederich. Doktor Scheffelweis meinte: „Nierensteine
+führen wohl schließlich zur Auflösung.“ Worauf Wulckow humoristisch: „Na,
+und im Reichstag sind wir seine Nierensteine.“
+
+Der Bürgermeister lachte gefällig. Aber Diederich riß die Augen auf. Er
+näherte sich dem Ohr des Präsidenten und raunte:
+
+„Sein Testament!“
+
+„Was ist damit?“
+
+„Er hat die Stadt zum Erben eingesetzt“, erklärte Doktor Scheffelweis
+wichtig. „Wahrscheinlich bauen wir von dem Geld ein Säuglingsheim.“
+
+„Bauen Sie?“ Diederich feixte verachtungsvoll. „Einen nationaleren Zweck
+können Sie sich wohl nicht denken?“
+
+„Ach so.“ Wulckow nickte Diederich anerkennend zu. „Wieviel Pinke hat er
+denn?“
+
+„Eine halbe Million wenigstens“, sagte der Bürgermeister, und er
+beteuerte: „Ich wäre glücklich, wenn es zu machen wäre, daß –“
+
+„Es ist glatt zu machen“, behauptete Diederich.
+
+Da hörte man draußen im Saal ein Lachen, das ganz verschieden klang von
+dem vorigen. Es kam aus ungehemmter Brust und drückte sicherlich
+Schadenfreude aus. Auch zog die Dichterin sich fluchtartig bis hinter das
+Büfett zurück; ja, sie schien bereit, hineinzukriechen. „Grundgütiger
+Gott!“ wimmerte sie. „Alles ist verloren.“ „Nanu?“ machte ihr Gatte und
+stellte sich drohend in die Tür. Aber selbst dieses konnte die Heiterkeit
+nicht mehr aufhalten. Magda hatte zu der Gräfin gesagt: „Spute dich, du
+dumme Landpomeranze, daß der Herr Leutnant den Kaffee kriegt.“ Eine andere
+Stimme verbesserte „Tee“, Magda wiederholte „Kaffee“, die andere blieb bei
+ihrer Meinung und Magda auch. Das Publikum hatte erfaßt, daß ein
+Mißverständnis zwischen ihr und der Souffleuse vorlag. Übrigens griff der
+Leutnant mit Glück ein, er schlug die Sporen aneinander und sagte: „Ich
+bitte um beides“ – worauf das Lachen einen nachsichtigeren Charakter
+annahm. Aber die Dichterin war empört. „Das Publikum! Es ist und bleibt
+eine Bestie!“ knirschte sie.
+
+„Schiefgehen kann es immer“, sagte Wulckow – und blinzelte Diederich an.
+
+Diederich erwiderte ebenso bedeutsam: „Wenn man einander versteht, Herr
+Präsident, dann nicht.“
+
+Hierauf hielt er es für besser, sich ganz der Dichterin und ihrem Werk zu
+widmen. Mochte der Bürgermeister inzwischen seine Freunde verraten und
+sich für die Wahlen auf alle Wünsche Wulckows verpflichten!
+
+„Meine Schwester ist eine Gans“, erklärte Diederich. „Ich werde ihr
+nachher die Meinung sagen!“
+
+Frau von Wulckow lächelte wegwerfend. „Das arme Ding, sie tut, was sie
+kann. Von seiten der Leute aber ist es wahrhaftig eine unerträgliche
+Arroganz und Undankbarkeit. Noch soeben hat man sie erhoben und für das
+Ideale begeistert!“
+
+Diederich sagte durchdrungen: „Frau Gräfin, diese bittere Erfahrung machen
+Sie nicht allein. So ist es überall im öffentlichen Leben.“ Denn er dachte
+an die allgemeinen Hochgefühle damals nach seinem Zusammenstoß mit dem
+Majestätsbeleidiger und an die Prüfungen, die dann gefolgt waren.
+„Schließlich triumphiert doch die gute Sache!“ stellte er fest.
+
+„Nicht wahr?“ sagte sie mit einem Lächeln, das wie aus Wolken brach. „Das
+Gute, Wahre, Schöne.“
+
+Sie reichte ihm die schmale Rechte; „ich glaube, mein Freund, wir
+verstehen uns“ – und Diederich, des Augenblicks bewußt, drückte kühn die
+Lippen darauf, mit einem Kratzfuß. Er legte die Hand an das Herz und
+brachte gepreßt aus der Tiefe: „Glauben Sie mir, Frau Gräfin ...“
+
+Die Nichte und der junge Sprezius waren jetzt allein geblieben, hatten
+sich als erniedrigte Gräfin und armer Vetter erkannt, wußten nun, daß sie
+einander bestimmt waren, und schwärmten gemeinsam von künftigem Glanz,
+wenn sie unter goldener Decke mit anderen Ausgezeichneten, demütig stolz,
+von der Sonne der Majestät beschienen sein würden ... Da hörte Diederich
+die Dichterin aufseufzen.
+
+„Ihnen kann ich es sagen“, seufzte sie. „Ich entbehre hier doch sehr den
+Hof. Wenn man, wie ich, von Geburt dem Hofadel angehört –. Und nun –.“
+
+Hinter ihrem Zwicker sah Diederich zwei Tränen perlen. Dieser Blick in die
+Tragik der Großen erschütterte ihn so sehr, daß er strammstand. „Frau
+Gräfin!“ sagte er, verhalten und stoßweise. „Die heimliche Gräfin sind
+also –“ Er erschrak und schwieg.
+
+Die bleiche Stimme des Bürgermeisters war eben dabei, dem Präsidenten zu
+verraten, daß Kühlemann nicht wieder kandidieren werde, und daß die
+Freisinnigen den Doktor Heuteufel aufstellen wollten. Er war mit Wulckow
+darin einig, daß man Gegenmaßregeln treffen müsse, solange noch niemand
+die Auflösung des Reichstages erwartete ...
+
+Diederich wagte endlich wieder, leise und schonend:
+
+„Frau Gräfin, aber, nicht wahr, es wird alles gut? Sie kriegen sich doch?“
+
+Frau von Wulckow, mit Takt und Selbstbeherrschung, schränkte die
+Vertraulichkeit des Gefühls schon wieder ein. In leichtem Plauderton
+erklärte sie:
+
+„Mein Gott, lieber Doktor, was wollen Sie, die leidige Geldfrage! Es ist
+wohl unmöglich, daß die jungen Leute zusammen glücklich werden.“
+
+„Sie können doch prozessieren!“ rief Diederich, in seinem Rechtsgefühl
+gekränkt. Aber Frau von Wulckow verzog die Nase. „_Fi donc!_ Das würde zur
+Folge haben, daß der junge Graf, also Jadassohn, seinen Vater entmündigen
+ließe. Im dritten Akt, den Sie noch sehen werden, droht er dem Leutnant
+damit in einer Szene, die mir, glaube ich, gelungen ist. Soll der Leutnant
+das auf sich nehmen? Und die Zerstückelung des Familienbesitzes? In Ihren
+Kreisen ginge es vielleicht. Aber bei uns ist eben manches nicht möglich.“
+
+Diederich verneigte sich. „Dort oben herrschen natürlich Begriffe, die
+sich unserem Urteil entziehen. Und dem der Gerichte wohl auch“, setzte er
+hinzu. Die Dichterin lächelte milde.
+
+„Sehen Sie, und so verzichtet der Leutnant ganz korrekterweise auf die
+heimliche Gräfin und heiratet die Fabrikantentochter.“
+
+„Magda?“
+
+„Jawohl. Und die heimliche Gräfin den Klavierlehrer. So wollen es die
+höheren Mächte, lieber Herr Doktor, denen wir –“ ihre Stimme verdunkelte
+sich ein wenig – „uns nun einmal zu beugen haben.“
+
+Diederich hatte noch einen Zweifel, äußerte ihn aber nicht. Der Leutnant
+hätte die heimliche Gräfin auch ohne Geld heiraten sollen, es würde
+Diederich tief befriedigt haben in seinem weichen und idyllischen Herzen.
+Aber ach! diese harte Zeit dachte anders.
+
+
+
+Der Vorhang fiel, das Publikum entrang sich langsam seiner Ergriffenheit,
+dann spendete es um so wärmeren Beifall dem Dienstmädchen und dem
+Leutnant, die, es ließ sich leider voraussehen, das schwere Geschick,
+nicht hoffähig zu sein, wohl noch länger würden tragen müssen.
+
+„Es ist wirklich ein Elend!“ seufzten Frau Harnisch und Frau Cohn.
+
+Beim Büfett sagte Wulckow, am Ende seiner Beratungen mit dem
+Bürgermeister:
+
+„Wir bringen der Bande noch Gesinnung bei!“
+
+Dann ließ er seine Tatze schwer auf Diederichs Schulter fallen. „Na,
+Doktorchen, hat meine Frau Sie schon zum Tee geladen?“
+
+„Selbstverständlich, und kommen Sie recht bald!“ Die Präsidentin hielt ihm
+die Hand zum Kuß hin, und Diederich entfernte sich beglückt. Wulckow
+selbst wollte ihn wiedersehen! Mit Diederich zusammen wollte er Netzig
+erobern!
+
+Indes die Präsidentin in der Spiegelgalerie Cercle hielt und Glückwünsche
+entgegennahm, bearbeitete Diederich die Stimmung. Heuteufel, Cohn,
+Harnisch und noch einige andere Herren erschwerten es ihm, denn sie gaben,
+wenn auch vorsichtig, zu verstehen, daß sie das Ganze für Quatsch hielten.
+Diederich war genötigt, ihnen Andeutungen über den durchaus großzügigen
+dritten Akt zu machen, damit sie verstummten. Dem Redakteur Nothgroschen
+diktierte er ausführlich, was er von der Dichterin wußte, denn
+Nothgroschen mußte fort, die Zeitung sollte in Druck gehen. „Wenn Sie aber
+Blödsinn schreiben, Sie Zeilenschinder, schlag’ ich Ihnen Ihren Wisch um
+die Ohren!“ – worauf Nothgroschen dankte und sich empfahl. Professor
+Kühnchen seinerseits, der gehorcht hatte, ergriff Diederich bei einem
+Knopf und kreischte: „Sie, mein Bester! Eens hätten Se nu aber unserm
+Klatschdirektor ooch noch erzählen können!“ Der Redakteur, der sich nennen
+hörte, kehrte zurück, und Kühnchen fuhr fort: „Nämlich, daß die herrliche
+Schöpfung unserer allverehrten Präsidentin schon mal ist vorausgeahnt
+worden, und zwar von keinem Geringeren als von unserem Altmeister Goethe
+in seiner Natürlichen Tochter. Nun, und das ist denn doch wohl das
+Höchste, was sich zum Ruhme der Dichterin sagen läßt!“
+
+Diederich hatte Bedenken über die Zweckmäßigkeit von Kühnchens Entdeckung,
+fand es aber unnötig, sie ihm mitzuteilen. Der kleine Greis strebte schon,
+mit flatternden Haaren, durch das Gedränge; schon sah man, wie er vor Frau
+von Wulckow den Boden scharrte und ihr das Ergebnis seiner vergleichenden
+Forschung vortrug. Freilich, ein Fiasko, wie er es erlitt, hatte auch
+Diederich nicht vorausgesehen. Die Dichterin sagte eiskalt: „Was Sie da
+bemerken, Herr Professor, kann nur auf Verwechselung beruhen. Ist die
+Natürliche Tochter überhaupt von Goethe?“ fragte sie und rümpfte
+mißtrauisch die Nase. Kühnchen beteuerte es, aber es half ihm nichts.
+
+„Jedenfalls haben Sie in der Zeitschrift ‚Das traute Heim‘ einen Roman von
+mir gelesen, und den habe ich nun dramatisiert. Meine Schöpfungen sind
+sämtlich Originalarbeiten. Die Herren –“ sie musterte den Kreis – „wollen
+böswilligen Gerüchten entgegentreten.“
+
+Damit war Kühnchen entlassen, trat ab und schnappte nach Luft. Diederich
+erinnerte ihn, im Ton eines geringschätzigen Erbarmens, an Nothgroschen,
+der mit seiner gefährlichen Information schon von dannen war; und Kühnchen
+stürzte hinterdrein, um das Schlimmste zu verhüten.
+
+Wie Diederich den Kopf wandte, hatte im Saal das Bild sich verändert:
+nicht nur die Präsidentin, auch der alte Buck hielt Cercle. Es war
+erstaunlich, aber man lernte die Menschen kennen. Sie ertrugen es nicht,
+daß sie vorhin ihren Instinkten freien Lauf gelassen hatten; mit
+beteuerndem Gesicht machte einer nach dem anderen sich an den Alten heran
+und wollte es nicht gewesen sein. So groß war, noch nach schweren
+Erschütterungen, die Macht des Bestehenden, von alters her Anerkannten!
+Diederich selbst fand es angezeigt, nicht in auffälliger Weise hinter der
+Mehrheit zurückzubleiben. Nachdem er sich vergewissert hatte, daß Wulckow
+schon fort war, machte er seine Aufwartung. Der Alte saß eben allein in
+dem Polstersessel, der für ihn ganz vorn bei der Bühne stand; er ließ
+seine weiße Hand merkwürdig zart über die Lehne hängen und blickte zu
+Diederich hinauf.
+
+„Da sind Sie, mein lieber Heßling. Ich habe es oft bedauert, daß Sie nicht
+kamen“ – ganz schlicht und nachsichtig. Diederich fühlte sofort wieder
+Tränen heraufsteigen. Er gab ihm die Hand hin, freute sich, daß der Herr
+Buck sie ein wenig länger in der seinen behielt, und stammelte etwas von
+Geschäften, Sorgen und „um ehrlich zu sein“ – denn ein jähes Bedürfnis
+nach Ehrlichkeit erfaßte ihn – von Bedenken und Hemmungen.
+
+„Es ist schön von Ihnen,“ sagte darauf der Alte, „daß Sie mich das nicht
+nur erraten lassen, sondern es mir eingestehen. Sie sind jung und handeln
+wohl unter den Antrieben, denen die Geister heute gehorchen. In die
+Unduldsamkeit des Alters will ich nicht verfallen.“
+
+Da schlug Diederich die Augen nieder. Er hatte verstanden: dies war die
+Verzeihung für den Prozeß, der dem Schwiegersohn des Alten die bürgerliche
+Ehre gekostet hatte; und ihm ward schwül unter so viel Milde – und so viel
+Nichtachtung. Der Alte freilich sagte:
+
+„Ich achte den Kampf und kenne ihn zu gut, um jemand zu hassen, der gegen
+die Meinen kämpft.“ Worauf Diederich, von Furcht ergriffen, dies möchte zu
+weit führen, sich aufs Leugnen verlegte. Er wisse selbst nicht –. Man
+komme in Sachen hinein –. Der Alte erleichterte es ihm. „Ich weiß: Sie
+suchen und haben sich selbst noch nicht gefunden.“
+
+Er tauchte seinen weißen Knebelbart in die seidene Halsbinde. Als er ihn
+wieder hervorholte, begriff Diederich, daß etwas Neues kam.
+
+„Sie haben das Haus hinter dem Ihren nun doch nicht gekauft“, sagte der
+Herr Buck. „Ihre Pläne haben sich wohl geändert?“
+
+Diederich dachte: „Er weiß alles“, und sah schon seine heimlichsten
+Berechnungen enthüllt.
+
+Der Alte lächelte schlau und gütig. „Sollten Sie etwa Ihre Fabrik zunächst
+verlegen und erst dann erweitern wollen? Ich könnte mir denken, daß Sie
+Ihr Grundstück zu verkaufen wünschen und nur auf eine gewisse Gelegenheit
+warten – die auch ich in Betracht ziehe“, setzte er hinzu, und mit einem
+Blick: „Die Stadt hat vor, ein Säuglingsheim zu errichten.“
+
+„Alter Hund!“ dachte Diederich. „Er spekuliert auf den Tod seines besten
+Freundes!“ Gleichzeitig aber kam ihm die Erleuchtung, was er Wulckow
+vorzuschlagen habe, um Netzig zu erobern!... Er schnaufte.
+
+„Durchaus nicht, Herr Buck. Mein väterliches Erbstück geb’ ich nicht her!“
+
+Da nahm der Alte nochmals seine Hand. „Ich bin kein Versucher“, sagte er.
+„Ihre Pietät ehrt Sie.“
+
+„Esel“, dachte Diederich.
+
+„So werden wir uns eben ein anderes Terrain suchen. Ja, vielleicht werden
+Sie dabei mitwirken. Uneigennützigen Gemeinsinn, lieber Heßling, lassen
+wir uns nicht entgehen – auch nicht, wenn er einen Augenblick in falscher
+Richtung zu wirken scheint.“
+
+Er stand auf.
+
+„Wollen Sie Stadtverordneter werden, so haben Sie meine Unterstützung.“
+
+Diederich starrte, ohne zu begreifen. Die Augen des Alten waren blau und
+tief, und er bot Diederich eben das Ehrenamt an, um das Diederich seinen
+Schwiegersohn gebracht hatte. Sollte man nun ausspucken oder sich
+verkriechen? Diederich zog es vor, die Absätze zusammenzuschlagen und
+korrekt seinen Dank abzustatten.
+
+„Sie sehen,“ erwiderte der Alte, „der Gemeinsinn schlägt Brücken von jung
+und alt und sogar bis zu denen, die nicht mehr da sind.“
+
+Er führte die Hand im Halbkreis über die Wände und über das Geschlecht von
+einst, das verblichen und heiter aus ihrer gemalten Tiefe trat. Er
+lächelte den jungen Mädchen in Reifröcken zu und zugleich auch einer
+seiner Nichten und Meta Harnisch, die vorübergingen. Als er das Gesicht
+dem alten Bürgermeister zuwendete, der zwischen Blumen und Kindern aus dem
+Stadttor schritt, bemerkte Diederich die große Ähnlichkeit der beiden. Der
+alte Buck wies auf den und jenen aus der gemalten Versammlung.
+
+„Von dem da hab’ ich viel gehört. Diese Dame kannte ich noch. Sieht der
+Geistliche nicht aus wie Pastor Zillich? Nein, unter uns kann es keine
+ernstliche Entfremdung geben, wir sind einander seit langem verpflichtet
+zum guten Willen und gemeinsamen Fortschritt, schon durch jene da, die uns
+die ‚Harmonie‘ hinterließen.“
+
+„Nette Harmonie“, dachte Diederich und sah umher, wie er fortgelange. Der
+Alte hatte sich, nach seiner Gewohnheit, einen Übergang gemacht von den
+Geschäften zum sentimentalen Schwatz. „Immer kommt der Literat heraus“,
+dachte Diederich.
+
+Gerade gingen Guste Daimchen und Inge Tietz vorbei. Guste hatte sich
+eingehängt, und Inge prahlte mit dem, was sie hinter den Kulissen erlebt
+hatte. „Unsere Angst, als sie immer sagten: Tee, Kaffee, Kaffee, Tee.“
+Guste behauptete: „Das nächste Mal schreibt Wolfgang ein viel schöneres
+Stück, und ich spiele mit.“ Da machte Inge sich los, sie bekam eine scheu
+ablehnende Miene. „So?“ sagte sie; und Gustes dickes Gesicht verlor
+plötzlich seinen harmlosen Eifer. „Warum etwa nicht?“ fragte sie,
+weinerlich empört. „Was hast du nun wieder?“
+
+Diederich, der es ihr hätte sagen können, wandte sich schleunig zum alten
+Buck zurück. Der schwatzte weiter.
+
+„Dieselben Freunde, damals wie jetzt; und auch die Feinde sind da. Schon
+recht verwischt, der eiserne Ritter, der Kinderschreck dort in seiner
+Nische am Tor. Don Antonio Manrique, grausamer Reitergeneral, der du im
+Dreißigjährigen Krieg unser armes Netzig gebrandschatzt hast: wenn nun
+nicht die Riekestraße nach dir hieße, wohin wäre dann selbst der letzte
+Klang von dir verweht?... Auch einer, dem unser Freisinn nicht gefiel und
+der uns zu vertilgen dachte.“
+
+Plötzlich schüttelte den Alten ein stilles Kichern. Er nahm Diederich bei
+der Hand.
+
+„Hat er nicht Ähnlichkeit mit unserem Herrn von Wulckow?“
+
+Diederichs Miene ward hierauf noch korrekter, aber der Alte bemerkte es
+nicht, er war nun einmal aufgeräumt, ihm fiel noch etwas ein. Er winkte
+Diederich hinter eine Pflanzengruppe und zeigte ihm an der Wand zwei
+Figuren, einen jungen Schäfer, der sehnsüchtig die Arme öffnete, und
+jenseits eines Baches eine Schäferin, die sich anschickte,
+hinüberzuspringen. Der Alte wisperte: „Was meinen Sie, werden die beiden
+zueinander kommen? Das wissen nicht viele mehr. Ich weiß es noch.“ Er sah
+sich um, ob niemand ihn beachte, und plötzlich öffnete er eine kleine Tür,
+die man nie gefunden haben würde. Die Schäferin auf der Tür bewegte sich
+dem Liebenden entgegen. Noch ein wenig, und hinter der Tür im Dunkeln
+mußte sie ihm wohl in den Armen liegen ... Der Alte wies in das Zimmer,
+das er aufgedeckt hatte. „Es heißt das Liebeskabinett.“ Laternenschein von
+irgendeinem Hof fiel durch das Fenster ohne Vorhang; er beglänzte den
+Spiegel und das dünnbeinige Kanapee. Der Alte zog die dumpfe Luft ein, die
+nach wer weiß wie langer Zeit herausströmte, er lächelte verloren. Und
+dann schloß er die kleine Tür.
+
+Aber Diederich, den dies nur mäßig interessierte, sah etwas kommen, das
+weit mehr Anregung versprach. Es war der Landgerichtsrat Fritzsche: denn
+er war da. Sein Urlaub war wohl zu Ende, er war zurück aus dem Süden, und
+er hatte sich eingefunden, wenn auch etwas verspätet und wenn auch ohne
+Judith Lauer, deren Urlaub ja noch dauerte, solange ihr Gatte in der
+Vogtei saß. Wo er mit Drehungen des Körpers, die nicht unbefangen wirkten,
+hindurchkam, ward geflüstert, und jeder, den er begrüßte, lugte verstohlen
+nach dem alten Herrn Buck. Fritzsche sah wohl, daß er in der Sache etwas
+tun müsse; er gab sich einen Ruck und ging los. Der Alte, noch eben
+ahnungslos, fand ihn plötzlich vor sich. Er ward vollkommen weiß;
+Diederich erschrak und streckte schon die Arme aus. Aber es geschah
+nichts, der Alte hatte sich zurück. Er stand da, so steif, daß sein Rücken
+sich aushöhlte, und blickte kühl und unverwandt auf den Mann, der seine
+Tochter entführt hatte.
+
+„Schon zurück, Herr Landgerichtsrat?“ sagte er laut.
+
+Fritzsche versuchte jovial zu lachen. „Schöneres Wetter war dort unten,
+Herr Stadtrat. Na und die Kunst!“
+
+„Davon haben wir hier nur einen Widerschein“ – und der Alte wies, ohne den
+anderen aus den Augen zu lassen, über die Wände. Seine Haltung machte
+Eindruck auf die meisten, die von dort hinten seine Schwäche belauerten.
+Er hielt stand und repräsentierte, in einer Lage, die einige
+Hemmungslosigkeit immerhin erklärt haben würde. Er repräsentierte das alte
+Ansehen, er allein für die zerfallende Familie, für das Gefolge, das schon
+ausblieb. In diesem Augenblick gewann er, statt so vieles Verlorenen,
+manche Sympathien ... Diederich hörte ihn noch sagen, förmlich und klar:
+„Ich habe es durchgesetzt, daß unser moderner Straßenzug eine andere
+Richtung bekam, bloß um dies Haus zu erhalten und diese Malereien. Sie
+haben nur den Wert von Schilderungen, mag sein. Aber ein Gebilde, das
+seiner Zeit und ihren Sitten Dauer verleihen möchte, kann hoffen, selbst
+zu dauern.“ Dann drückte Diederich sich, er schämte sich für Fritzsche.
+
+
+
+Die Schwiegermutter des Bürgermeisters fragte ihn, was der Alte über die
+„Heimliche Gräfin“ geäußert habe. Diederich dachte nach, und er mußte
+gestehen, er habe das Stück gar nicht erwähnt. Beide waren enttäuscht.
+
+Indes bemerkte er, daß Käthchen Zillich spöttisch hersah, und gerade sie
+hatte sich nichts zu erlauben. „Nun, Fräulein Käthchen“, sagte er recht
+laut. „Was denken Sie über den grünen Engel?“ Sie erwiderte noch lauter:
+„Der grüne Engel? Sind Sie das?“ Und sie lachte ihm ins Gesicht. „Sie
+sollten wirklich vorsichtiger sein“, meinte er stirnrunzelnd. „Ich fühle
+mich geradezu verpflichtet, Ihren Herrn Vater aufmerksam zu machen.“
+
+„Papa!“ rief Käthchen sofort. Diederich erschrak. Glücklicherweise hörte
+Pastor Zillich nicht.
+
+„Natürlich hab’ ich meinem Papa gleich neulich von unserem kleinen Ausflug
+erzählt. Was macht es denn, es waren doch nur Sie.“
+
+Sie ging zu weit. Diederich schnaufte. „Na und für Liebhaber schöner Ohren
+war auch noch Jadassohn da.“ Da er sah, daß es sie traf, setzte er hinzu:
+„Das nächste Mal im grünen Engel streichen wir sie ihm grün an, das macht
+Stimmung.“
+
+„Wenn Sie meinen, daß es auf die Ohren ankommt.“ Dabei drückte Käthchens
+Blick eine so schrankenlose Verachtung aus, daß Diederich den Entschluß
+faßte, mit allen Mitteln einzuschreiten. Sie befanden sich bei der
+Pflanzengruppe. „Was glauben Sie?“ fragte er. „Wird die Schäferin über den
+Bach springen und den Schäfer glücklich machen?“
+
+„Schaf“, sagte sie. Diederich überhörte es, ging hin und tastete an der
+Wand umher. Nun hatte er die Tür. „Sehen Sie? Sie springt.“
+
+Käthchen kam näher, neugierig streckte sie ihren Hals in das geheime
+Zimmer. Da hatte sie einen Stoß und war ganz drinnen. Diederich warf die
+Tür zu, er fiel stumm über Käthchen her, mit wildem Schnaufen.
+
+„Lassen Sie mich hinaus, ich kratze!“ rief sie und wollte kreischen. Aber
+sie mußte lachen, was sie wehrlos machte und dem Sofa immer näher brachte.
+Der Kampf mit ihren entblößten Armen und Schultern versetzte ihn vollends
+außer sich. „Jawohl,“ keuchte er, „jetzt kommt was.“ Bei jedem Strich
+Boden, den er gewann, wiederholte er: „Jetzt kommt was. Bin ich noch ein
+Schaf? Aha, wenn man denkt, ein Mädchen ist anständig, und man hat
+ehrliche Absichten, ist man ein Schaf. Jetzt kommt was.“ Mit einem letzten
+Ruck schleuderte er sie hin. „Au“, sagte sie; und vor Lachen erstickend:
+„Was kommt denn jetzt?“
+
+Plötzlich ward ihre Verteidigung ernst. Sie rang sich hervor; der Streifen
+Gaslicht, den das kahle Fenster hereinließ, beschien ihre Unordnung; und
+ihr Gesicht, von der Anstrengung wie geschwollen, war nach der Tür
+gerichtet. Er wandte den Kopf: da stand Guste Daimchen. Sie starrte
+entgeistert her, Käthchen quollen die Augen heraus, und Diederich, auf dem
+Sofa kniend, verrenkte sich den Hals ... Endlich zog Guste die Tür an, sie
+ging entschlossen auf Käthchen zu.
+
+„Du gemeines Luder!“ sagte sie aus tiefem Innern.
+
+„Selber eins!“ sagte Käthchen, schnell gefaßt. Da schnappte Guste nur noch
+nach Luft. Von Käthchen sah sie zu Diederich, ratlos und so empört, daß
+ihr Blick sich mit feuchtem Glanz füllte. Er versicherte: „Fräulein Guste,
+es handelt sich um einen Scherz“; aber er kam schlecht an, Guste brach
+los. „Sie kenn’ ich, von Ihnen kann ich es mir denken.“
+
+„So, du kennst ihn“, bemerkte Käthchen höhnisch. Sie stand auf, indes
+Guste ihr noch näher rückte. Diederich seinerseits ergriff die
+Gelegenheit, gab seiner Haltung Würde und trat zurück, um die Damen unter
+sich die Sache erledigen zu lassen.
+
+„Daß ich so was muß mit ansehen!“ rief Guste; und Käthchen: „Du hast gar
+nichts gesehen! Wozu siehst du es dir überhaupt an?“
+
+Diederich begann gleichfalls dies auffallend zu finden, zumal da Guste
+schwieg. Käthchen gewann sichtlich die Oberhand. Sie warf den Kopf zurück
+und sagte: „Von dir finde ich es überhaupt sonderbar. Wer so viel Butter
+auf dem Kopf hat wie du!“
+
+Sofort zeigte Guste sich tief beunruhigt. „Ich?“ fragte sie gedehnt. „Was
+tu’ ich denn?“
+
+Käthchen zierte sich plötzlich – indes Diederich vom Schrecken gepackt
+ward.
+
+„Das wirst du wohl selbst wissen. Mir ist es zu peinlich.“
+
+„Ich weiß gar nichts“, sagte Guste klagend.
+
+„So was hätte man gedacht, das es gar nicht gibt“, sagte Käthchen und
+rümpfte die Nase. Guste verlor die Geduld. „Nun bitte ich es mir aber aus!
+Was habt ihr alle?“
+
+Diederich schlug vor: „Es ist doch wohl besser, wenn wir jetzt das Lokal
+verlassen.“ Aber Guste stampfte auf.
+
+„Keinen Schritt tu’ ich, bis ich es weiß. Den ganzen Abend merke ich
+schon, daß sie mich anglotzen, als ob ich einen toten Fisch verschluckt
+habe.“
+
+Käthchen wandte sich weg. „Na, da siehst du es. Sei froh, daß sie dich
+nicht hinauswerfen mitsamt deinem Halbbruder Wolfgang.“
+
+„Mit wem?... Mein Halbbruder ... Wieso Halbbruder?“
+
+In einer tiefen Stille keuchte Guste leise und irrte mit den Augen umher.
+Auf einmal hatte sie begriffen. „So eine Gemeinheit!“ rief sie entsetzt.
+Über Käthchens Mienen breitete sich ein Lächeln des Genusses aus.
+Diederich seinerseits wehrte beteuernd ab. Guste streckte den Finger aus
+gegen Käthchen. „Das habt ihr Mädchen euch ausgedacht! Ihr seid mir
+neidisch wegen meinem Geld!“
+
+„Pöh“, machte Käthchen. „Dein Geld wollen wir überhaupt nicht, wenn so was
+dabei ist.“
+
+„Es ist doch nicht wahr!“ Guste kreischte auf. Plötzlich fiel sie vornüber
+auf das Sofa und wimmerte. „Ach Gott, ach Gott, was haben wir da
+angerichtet.“
+
+„Siehst du wohl“, sagte Käthchen, frei von Mitleid.
+
+Guste schluchzte immer lauter; Diederich berührte ihre Schulter. „Fräulein
+Guste, Sie wollen doch nicht, daß die Leute kommen.“ Er suchte nach einem
+Trost. „So was kann man nie wissen. Ähnlich sehen Sie sich nicht.“
+
+Aber der Trost wirkte anstachelnd auf Guste. Sie sprang auf und ging zum
+Angriff über. „Du – du bist überhaupt eine feine Nummer“, zischte sie
+Käthchen zu. „Von dir sag’ ich, was ich gesehen habe!“
+
+„Das werden sie dir glauben! So einer glaubt keiner mehr was. Von mir weiß
+jeder, daß ich anständig bin.“
+
+„Anständig! Streich dir wenigstens das Kleid glatt!“
+
+„So gemein wie du –“
+
+„Bist bloß noch du!“
+
+Hierüber erschraken beide, brachen ab und verharrten einander gegenüber,
+Haß und Angst in ihren dicken Gesichtern, die sich so sehr glichen; und
+die Büsten nach vorn, die Schultern hinauf, die Arme in die Hüften
+gestemmt, sahen sie aus, als sollten ihnen die duftigen Ballkleider vom
+Leibe platzen. Guste unternahm noch einen Vorstoß. „Ich sag’ es doch!“
+
+Da sprengte Käthchen die letzte Fessel. „Dann mach’ aber schnell, sonst
+komm’ ich früher und erzähl’ allen, daß nicht du, sondern ich hier die Tür
+hab’ aufgemacht und hab’ euch beide ertappt.“
+
+Da hierauf Guste nur noch mit den Lidern klappte, setzte Käthchen,
+plötzlich selbst ernüchtert, hinzu: „Nun ja, das bin ich mir doch
+schuldig. Bei dir kommt es nicht mehr darauf an.“
+
+Aber Diederichs Blick war Gustes begegnet, verständigte sich mit ihr und
+glitt hinunter, bis er auf ihrem kleinen Finger den Brillanten traf, den
+sie gemeinsam aus den Lumpen gezogen hatten. Da lächelte Diederich
+ritterlich, und Guste, tief errötet, trat so nahe zu ihm, als lehnte sie
+sich an. Käthchen schlich zur Tür. Über Gustes Schulter geneigt, sagte
+Diederich leise: „Ihr Verlobter läßt Sie aber lange allein.“ – „Ach der“,
+erwiderte sie. Er senkte das Gesicht noch ein wenig und drückte es auf
+ihre Schulter. Sie hielt ganz still. „Schade“, sagte er und zog sich so
+unerwartet zurück, daß Guste ausglitt. Sie begriff auf einmal, daß ihre
+Lage sich wesentlich verändert hatte. Ihr Geld war nicht mehr Trumpf, es
+war entwertet, ein Mann wie Diederich war mehr wert. Sofort bekam sie
+einen Blick wie eine Hündin. Diederich sagte gemessen: „An der Stelle
+Ihres Verlobten würde ich allerdings anders vorgehen.“
+
+Käthchen zog mit äußerster Behutsamkeit die Tür wieder an, sie kehrte
+zurück, den Finger auf den Lippen.
+
+„Wißt ihr was? Das Theater hat wieder angefangen – schon lange, glaube
+ich.“
+
+„O Gott!“ sagte Guste; und Diederich:
+
+„Na, dann sitzen wir in der Falle.“
+
+Er suchte die Wände ab nach einem Ausgang; er rückte sogar das Sofa fort.
+Da keiner zu finden war, entrüstete er sich.
+
+„Hier ist tatsächlich eine Falle. Und um der alten Baracke willen hat der
+Herr Buck den ganzen Straßenzug verlegt. Er soll es noch erleben, daß ich
+sie ihm einreiße! Bloß erst Stadtverordneter sein!“
+
+Käthchen kicherte. „Was schnauben Sie denn so? Hier ist es doch ganz
+gemütlich. Jetzt können wir machen, was wir wollen.“ Und sie sprang über
+das Sofa. Da gab Guste sich einen Ruck und wollte auch hinüber. Sie blieb
+aber hängen. Diederich fing sie auf. Auch Käthchen hängte sich an ihn. Er
+zwinkerte beiden zu. „Also was machen wir?“ Käthchen sagte: „Das müssen
+Sie wissen. Wir drei kennen uns ja nun.“ – „Und zu verlieren haben wir
+auch nichts mehr“, sagte Guste. Dann platzten sie alle aus.
+
+Aber Käthchen entsetzte sich. „Kinder! In dem Spiegel seh’ ich aus wie
+meine tote Großmutter.“
+
+„Er ist ganz schwarz.“
+
+„Und ganz bekritzelt.“
+
+Sie legten die Gesichter darauf, um im fahlen Gaslicht die Ausrufe und
+Kosenamen zu lesen, die zusammen mit alten Jahreszahlen in den Umrissen
+verschlungener Herzen standen, auf eingeritzten Vasen, Amoretten und sogar
+über Gräbern. „Auf der Urne hier unten, nein so was!“ sagte Käthchen.
+„‚Erst jetzt sollen wir leiden‘ ... Warum? Weil sie hier drinnen waren?
+Die waren wohl verrückt.“
+
+„Wir sind nicht verrückt“, behauptete Diederich. „Fräulein Guste, Sie
+haben doch einen Brillanten.“ Er zeichnete drei Herzen, versah sie mit
+einer Inschrift und ließ die Mädchen das Werk enträtseln. Da sie sich
+kreischend abwandten, sagte er stolz: „Wozu heißt dies das
+Liebeskabinett.“
+
+Plötzlich stieß Guste einen Schreckensruf aus. „Hier sieht jemand zu!“
+
+Hinter dem Spiegel hervor streckte sich ein geisterbleicher Kopf!...
+Käthchen war schon bei der Tür. „Kommen Sie wieder her“, rief Diederich.
+„Es ist bloß gemalt.“
+
+Der Spiegel hatte sich auf einer Seite von der Wand gelöst, man konnte ihn
+noch weiter umwenden: da trat die ganze Figur heraus.
+
+„Es ist die Schäferin, die draußen über den Bach springt!“
+
+„Jetzt hat sie es hinter sich“, sagte Diederich; denn die Schäferin saß da
+und weinte. Auf der Rückseite des Spiegels aber entfernte sich der
+Schäfer.
+
+„Und dort kommt man hinaus!“ Diederich wies auf einen erleuchteten Spalt,
+er tastete, die Tapete öffnete sich.
+
+„Dies ist der Ausgang, wenn man es hinter sich hat“, bemerkte er und ging
+voraus. Ihm im Rücken sagte Käthchen spöttisch:
+
+„Ich habe gar nichts hinter mir.“
+
+Und Guste wehmütig: „Ich auch nicht.“
+
+
+
+Diederich überhörte dies, er stellte fest, daß man sich in einem der
+kleinen Salons hinter dem Büfett befand. Eilends erreichte er die
+Spiegelgalerie und verlor sich unauffällig in der Menge, die soeben aus
+dem Saal quoll. Man war erfüllt von dem tragischen Schicksal der
+heimlichen Gräfin, die nun also doch den Klavierlehrer geheiratet hatte.
+Frau Harnisch, Frau Cohn, die Schwiegermutter des Bürgermeisters, alle
+hatten verweinte Augen; Jadassohn, der, schon abgeschminkt, Lorbeeren
+einzusammeln kam, ward von den Damen nicht gut aufgenommen. „Sie sind
+schuld, Herr Assessor, daß es so gekommen ist! Schließlich war sie doch
+Ihre leibliche Schwester.“ – „Pardon, meine Damen!“ Und Jadassohn
+verteidigte seinen Standpunkt als legitimer Erbe der gräflichen
+Besitzungen. Da sagte Meta Harnisch:
+
+„Aber so herausfordernd brauchten Sie nicht auszusehen.“
+
+Sofort richteten sich alle Blicke auf seine Ohren; man kicherte; und
+Jadassohn, der vergeblich krähte, was denn los sei, ward von Diederich
+unter den Arm genommen. Diederich, das süße Pochen der Rache im Herzen,
+führte ihn eben dorthin, wo die Regierungspräsidentin unter lebhafter
+Anerkennung seiner Verdienste um ihr Werk sich vom Major Kunze
+verabschiedete. Kaum aber daß sie Jadassohn erblickte, drehte sie einfach
+den Rücken. Jadassohn blieb am Boden haften, Diederich brachte ihn nicht
+mehr weiter. „Was ist denn?“ fragte er heuchlerisch. „Ach ja, die
+Präsidentin. Sie haben ihr nicht gefallen. Sie sollen auch nicht
+Staatsanwalt werden. Man sah Ihre Ohren zu sehr.“
+
+Was aber Diederich auch erwartet hatte, diese Spottgeburt einer Grimasse
+hatte er nicht erwartet! Wo war die hochgemute Schneidigkeit, der
+Jadassohn sein Leben geweiht hatte? „Ich sage es ja“, äußerte er nur, ganz
+leise; aber man glaubte einen grauenvollen Aufschrei zu hören ... Dann kam
+er in Bewegung, tanzte am Fleck umher und redete. „Sie können lachen, mein
+Bester! Sie wissen nicht, was Sie an Ihrem Gesicht haben. Ihr Gesicht,
+nichts weiter, und in zehn Jahren bin ich Minister.“
+
+„Na, na“, sagte Diederich. Er setzte hinzu: „Das ganze Gesicht brauchen
+Sie nicht einmal: bloß die Ohren.“
+
+„Wollen Sie sie mir verkaufen?“ fragte Jadassohn und sah ihn an, daß
+Diederich erschrak. „Kann man das?“ fragte er unsicher. Jadassohn ging
+schon, unter zynischem Lachen, auf Heuteufel zu. „Sie sind doch Spezialist
+für Ohren, Herr Doktor ...“
+
+Heuteufel erklärte ihm, daß tatsächlich, wenn auch bisher nur in Paris,
+Operationen ausgeführt würden, durch die man Ohren auf die Hälfte ihres
+Umfanges herunterbringe. „Wozu gleich das Ganze weg?“ sagte Heuteufel.
+„Die Hälfte können Sie ruhig behalten.“ Jadassohn hatte seine Haltung
+zurück. „Großartiger Witz! Erzähl’ ich bei Gericht. Sie Gauner!“ Und er
+klopfte Heuteufel auf den Bauch.
+
+Diederich inzwischen wandte sich seinen Schwestern zu, die, zum Ball
+umgekleidet, aus der Garderobe kamen. Sie wurden allerseits mit Beifall
+begrüßt und berichteten von ihren Eindrücken auf der Bühne. „Tee – Kaffee:
+Gott, war das aufregend!“ sagte Magda. Auch Diederich als Bruder nahm
+Glückwünsche entgegen. Er schritt zwischen ihnen, Magda hatte sich in ihn
+eingehängt, Emmis Arm dagegen mußte er gewaltsam festhalten. Sie zischte:
+„Laß die Komödie“; und er schnob ihr zu, zwischen Lachen und Grüßen: „Du
+hast zwar bloß die kleine Rolle gehabt, aber sei froh, wenn du überhaupt
+mal was vorstellst. Sieh Magda an!“ Denn Magda schmiegte sich gefällig an
+ihn, sie schien bereit, das Glück der einigen Familie so lange spazieren
+zu führen, als er es irgend wünschte. „Kleine,“ sagte er mit zärtlicher
+Achtung, „du hast Erfolg gehabt. Aber ich kann dir versichern, ich auch.“
+Er gab ihr sogar Schmeicheleien. „Du siehst heute süß aus. Für Kienast
+bist du fast zu schade.“ Als dann noch die Regierungspräsidentin, schon im
+Fortgehen, ihnen gnädig zuwinkte, begegneten die Geschwister auf ihrem Weg
+nur den ergebensten Gesichtern. Der Saal war ausgeräumt; hinter der
+Palmengruppe ward eine Polonäse angestimmt. Diederich machte seine
+korrekteste Verbeugung vor Magda und schritt mit ihr zum Tanz,
+triumphierend, gleich nach dem Major Kunze, der führte. So zogen sie an
+Guste Daimchen vorüber, die saß. Sie saß neben dem verwachsenen Fräulein
+Kühnchen und sah ihnen nach, als habe sie Prügel bekommen. Ihr Anblick
+berührte Diederich fast so unheimlich, wie der des Herrn Lauer in der
+Vogtei.
+
+„Die arme Guste!“ sagte Magda. Diederich runzelte die Brauen. „Ja ja, das
+kommt davon.“
+
+„Aber eigentlich“ – und Magda blinzelte von unten, „woher kommt es denn?“
+
+„Das ist gleich, mein Kind, jetzt ist es mal so.“
+
+„Diedel, du solltest sie nachher doch zum Walzer bitten.“
+
+„Das darf ich nicht. Man muß wissen, was man sich selbst schuldet.“
+
+Dann verließ er sogleich den Saal. Soeben holte der junge Sprezius, der
+jetzt nicht mehr Leutnant, sondern wieder Primaner war, das verwachsene
+Fräulein Kühnchen von der Wand weg. Er nahm wohl Rücksicht auf ihren
+Vater. Guste Daimchen blieb sitzen ... Diederich machte einen Gang durch
+die Seitenzimmer, wo ältere Herren Karten spielten, bekam eine lange Nase
+von Käthchen Zillich, die er hinter einer Tür mit einem Schauspieler
+überraschte, und gelangte zum Büfett. Dort saß an einem Tischchen Wolfgang
+Buck und zeichnete in sein Notizbuch die Mütter, die um den Saal herum
+warteten.
+
+„Sehr talentvoll“, sagte Diederich. „Haben Sie auch schon Ihr Fräulein
+Braut porträtiert?“
+
+„In der Beziehung interessiert sie mich nicht,“ erwiderte Buck, so
+phlegmatisch, daß Diederich Zweifel kamen, ob seine Erlebnisse mit Guste
+im Liebeskabinett ihren Verlobten interessiert haben würden.
+
+„Mit Ihnen weiß man überhaupt nicht“, sagte er enttäuscht.
+
+„Mit Ihnen weiß man immer“, sagte Buck. „Damals vor Gericht, während Ihres
+großen Monologes, hätte ich Sie zeichnen mögen.“
+
+„Ihr Plädoyer hat mir genügt; es war ein Versuch, wenn auch
+glücklicherweise ein mißlungener, meine Person und mein Wirken vor der
+breitesten Öffentlichkeit in Mißkredit zu bringen und verächtlich zu
+machen!“
+
+Diederich blitzte, Buck bemerkte es erstaunt. „Mir scheint, Sie sind
+beleidigt. Und ich habe es doch so gut gesagt.“ Er bewegte den Kopf und
+lächelte, grüblerisch und entzückt. „Wollen wir nicht ’ne Flasche Sekt
+zusammen trinken?“ fragte er.
+
+Diederich meinte: „Ob ich nun gerade mit Ihnen –.“ Aber er gab nach. „Das
+Gericht hat durch sein Urteil festgestellt, daß Ihre Vorwürfe sich nicht
+allein gegen mich, sondern gegen alle national gesinnten Männer richteten.
+Damit sehe ich die Sache als erledigt an.“
+
+„Dann also Heidsieck?“ fragte Buck. Er nötigte Diederich, mit ihm
+anzustoßen. „Das werden Sie doch zugeben, bester Heßling, so eingehend wie
+ich, hat sich mit Ihnen überhaupt noch niemand beschäftigt ... Jetzt kann
+ich es Ihnen sagen: Ihre Rolle vor Gericht hat mich mehr interessiert als
+meine eigene. Später, zu Hause vor meinem Spiegel, habe ich sie Ihnen
+nachgespielt.“
+
+„Meine Rolle? Sie wollen wohl sagen, meine Überzeugung. Freilich, für Sie
+ist der repräsentative Typus von heute der Schauspieler.“
+
+„Das sagte ich mit Beziehung auf – einen anderen. Aber Sie sehen, wieviel
+näher ich es habe zu der Beobachtung ... Wenn ich morgen nicht die
+Waschfrau zu verteidigen hätte, die bei Wulckows Unterhosen gestohlen
+haben soll, vielleicht würde ich den Hamlet spielen. Prost!“
+
+„Prost. Dazu brauchen Sie allerdings keine Überzeugungen!“
+
+„Gott, ich habe auch welche. Aber immer dieselben?... Sie würden mir also
+das Theater anraten?“ fragte Buck. Diederich hatte schon den Mund
+geöffnet, um es ihm anzuraten, da trat Guste ein, und Diederich errötete,
+denn er hatte bei Bucks Frage an sie gedacht. Buck sagte träumerisch:
+„Inzwischen würde mein Topf mit Wurst und Kohl mir überkochen, und es ist
+doch ein so gutes Gericht.“ Aber Guste, auf leisen Sohlen, legte ihm von
+rückwärts die Hände auf die Augen und fragte: „Wer ist das?“ – „Da ist er
+ja,“ sagte Buck und gab ihr einen Klaps.
+
+„Die Herren unterhalten sich wohl gut? Soll ich wieder gehen?“ fragte
+Guste. Diederich beeilte sich, ihr einen Stuhl zu holen; aber in
+Wirklichkeit wäre er lieber mit Buck allein gewesen; der fiebrige Glanz in
+Gustes Augen versprach nichts Gutes. Sie redete geläufiger als sonst.
+
+„Ihr paßt eigentlich großartig zueinander, bloß daß ihr so förmlich tut.“
+
+Buck sagte: „Das ist die gegenseitige Achtung.“ Diederich stutzte, und
+dann machte er eine Bemerkung, die ihn selbst in Erstaunen setzte.
+„Eigentlich – sooft ich mich von Ihrem Herrn Bräutigam trenne, hab’ ich
+Wut auf ihn; beim nächsten Wiedersehen aber freu’ ich mich.“ Er richtete
+sich auf. „Wenn ich nämlich noch kein national gesinnter Mann wäre, würde
+er mich dazu machen.“
+
+„Und wenn ich es wäre,“ sagte Buck, weich lächelnd, „würde er es mir
+abgewöhnen. Das ist der Reiz.“
+
+Aber Guste hatte sichtlich andere Sorgen; sie war erbleicht und schluckte
+hinunter.
+
+„Jetzt sag’ ich dir was, Wolfgang. Wetten, daß du umfällst?“
+
+„Herr Rose, Ihren Hennessy!“ rief Buck. Während er Kognak mit Sekt
+mischte, umklammerte Diederich Gustes Arm; und da die Ballmusik gerade
+sehr laut war, flüsterte er beschwörend: „Sie werden doch keine Dummheiten
+machen?“ Sie lachte wegwerfend. „Doktor Heßling hat Angst! Er findet die
+Geschichte zu gemein, ich finde sie bloß ulkig.“ Und laut lachend: „Was
+sagst du? Dein Vater soll mit meiner Mutter: du verstehst. Und
+infolgedessen sollen wir: du verstehst?“
+
+Buck bewegte langsam den Kopf; und dann verzog er den Mund. „Wenn schon.“
+Da lachte Guste nicht mehr.
+
+„Wieso, wenn schon?“
+
+„Nun, wenn die Netziger an so etwas glauben, muß es bei ihnen wohl alle
+Tage vorkommen, tut also nichts.“
+
+„Redensarten machen den Kohl nicht fett“, entschied Guste. Diederich
+glaubte sich denn doch verwahren zu müssen.
+
+„Überall können Fehltritte vorkommen. Aber über die Meinung seiner
+Mitmenschen setzt niemand sich ungestraft hinweg.“
+
+Guste bemerkte: „Er glaubt immer, er ist zu gut für diese Welt.“ Und
+Diederich: „Dies ist eine harte Zeit. Wer sich nicht wehrt, muß dran
+glauben.“ Da rief Guste voll schmerzlicher Begeisterung:
+
+„Doktor Heßling ist nicht wie du! Er hat mich verteidigt! Ich hab’ den
+Beweis, daß ich es weiß, von Meta Harnisch, weil sie schließlich hat
+müssen den Mund auftun. Er war überhaupt der einzige, der mich hat
+verteidigt. Er an deiner Stelle täte sich die Leute kaufen, die sich
+unterstehen und verklatschen mich!“
+
+Diederich bestätigte es durch Nicken. Buck drehte immerfort sein Glas und
+spiegelte sich darin. Plötzlich ließ er es los.
+
+„Wer sagt euch denn, daß ich mir nicht auch ganz gern einmal einen kaufen
+würde – einen herausgreifen, ohne besondere Auswahl, weil doch alle so
+ziemlich gleich dumm und gemein sind?“ Dabei kniff er die Augen zu. Guste
+hob die nackten Schultern.
+
+„So was sagt man, aber sie sind gar nicht so dumm, sie wissen, was sie
+wollen ... Der Dümmere ist der Klügere“, schloß sie herausfordernd, und
+Diederich nickte mit Ironie. Da sah Buck ihn an, aus Augen, die auf einmal
+wie irrsinnig waren. Die Fäuste bewegte er mit krampfigem Zittern um
+seinen Hals her. „Wenn ich aber –“ er war plötzlich ganz heiser – „wenn
+ich den einen am Kragen hätte, von dem ich wüßte, er zettelt alles an, er
+faßt in seiner Person zusammen, was an allen häßlich und schlecht ist: ihn
+am Kragen hätte, der das Gesamtbild wäre alles Unmenschlichen, alles
+Untermenschlichen –.“ Diederich, weiß wie sein Frackhemd, drückte sich
+seitwärts vom Stuhl herunter und wich schrittweise zurück. Guste schrie
+auf, sie stob panikartig nach der Wand. „Es ist der Kognak!“ rief
+Diederich ihr zu ... Aber Bucks Blicke, die zwischen ihnen beiden, voll
+des gräßlichsten Unheils, umherrollten, packten unvermittelt ein. Er
+zwinkerte, er glänzte heiter.
+
+„An die Mischung bin ich leider gewöhnt“, erklärte er.
+
+„Es ist nur, damit ihr seht, wir können auch das.“
+
+Diederich setzte sich polternd wieder hin. „Sie sind doch nur ein
+Komödiant“, sagte er entrüstet.
+
+„Finden Sie?“ fragte Buck und glänzte noch heller. Guste rümpfte die Nase.
+„Na dann amüsiert euch weiter“, äußerte sie und wollte gehen. Aber der
+Landgerichtsrat Fritzsche war da, er verbeugte sich vor ihr und auch vor
+Buck. Ob der Herr Rechtsanwalt gestatte, daß er mit dem Fräulein Braut den
+Kotillon tanze. Er sprach äußerst höflich, beschwichtigend gewissermaßen.
+Buck antwortete nicht, er faltete die Brauen. Guste indessen hatte schon
+Fritzsches Arm genommen.
+
+Buck sah ihnen nach, eine Falte zwischen den Brauen, selbstvergessen. „Ja
+ja,“ dachte Diederich, „erfreulich ist es nicht, wenn man einem Herrn
+begegnet, der mit Ihrer Schwester, mein Bester, eine Vergnügungsreise
+gemacht hat, und dann holt er einem die Braut vom Tisch weg, und du kannst
+nichts machen, weil sonst der Skandal noch größer wird, weil nämlich
+unsere Verlobung selbst schon ein Skandal ist ...“
+
+Aufschreckend sagte Buck: „Wissen Sie, daß ich erst jetzt rechte Lust
+bekomme, Fräulein Daimchen zu ehelichen? Ich hielt die Sache für – nicht
+sehr sensationell; aber die Einwohner von Netzig machen geradezu eine
+Pikanterie daraus.“
+
+Diederich war starr über diese Wirkung. „Wenn Sie finden“, brachte er
+hervor.
+
+„Warum nicht? Sie und ich, wir beiden Gegenpole, führen doch hier die
+vorgeschrittenen Tendenzen der moralfreien Epoche ein. Wir machen Betrieb.
+Der Geist der Zeit geht hier noch in Filzschuhen über die Straße.“
+
+„Wir werden ihm Sporen anlegen“, verhieß Diederich.
+
+„Prost!“
+
+„Prost! Aber _meine_ Sporen“ – Diederich blitzte. „Ihre Skepsis und Ihre
+schlappe Gesinnung sind nicht zeitgemäß. Mit“ – er blies durch die Nase –
+„mit Geist ist heute nichts zu machen. Die nationale Tat“ – ein
+Faustschlag auf den Tisch – „hat die Zukunft!“
+
+Buck darauf mit verzeihendem Lächeln: „Die Zukunft? Das ist eben die
+Verwechslung. Die nationale Tat hat abgehaust, im Lauf von hundert Jahren.
+Was wir erleben und noch erleben sollen, sind ihre Zuckungen und ihr
+Leichengeruch. Es wird keine gute Luft sein.“
+
+„Von Ihnen habe ich nichts anderes erwartet, als daß Sie das Heiligste in
+den Schmutz ziehen!“
+
+„Heilig! Unantastbar! Sagen wir gleich ewig! Nicht wahr? Außerhalb der
+Ideale eures Nationalismus wird nie, nie wieder gelebt werden. Früher, mag
+sein, in der dunkeln Periode der Geschichte, die euch noch nicht kannte.
+Jetzt aber seid ihr da, und die Welt ist angelangt. Dünkel und Haß der
+Nationen, das ist das Ziel, darüber hinaus geht es nicht.“
+
+„Wir leben in einer harten Zeit“, bestätigte Diederich ernst.
+
+„Weniger hart als verkalkt ... Ich bin nicht überzeugt, daß die Menschen,
+deren Dasein in den Dreißigjährigen Krieg fiel, an die Unabänderlichkeit
+ihres auch nicht weichen Zustandes geglaubt haben. Und ich bin überzeugt,
+daß die Rokokowillkür von denen, die ihr unterlagen, für überwindbar
+gehalten worden ist, sonst hätten sie nicht die Revolution gemacht. Wo
+ist, in den Räumen der Geschichte, die wir seelisch noch betreten können,
+die Zeit, die sich in Permanenz erklärt und aufgetrumpft hätte vor der
+Ewigkeit mit ihrer traurigen Beschränktheit. Die jeden nicht ganz in ihr
+Befangenen abergläubisch bemäkelt hätte. Nicht national gesinnt sein
+erregt bei euch noch mehr Grauen als Haß! Aber die vaterlandslosen
+Gesellen sind euch auf den Fersen. Dort im Saal, sehen Sie sie?“
+
+Diederich verschüttete seinen Sekt, so schnell fuhr er herum. War denn
+Napoleon Fischer eingedrungen, mit den Genossen?... Buck lachte stumm und
+innig. „Bemühen Sie sich nicht, ich meine nur das stille Volk auf den
+Wänden. Warum scheinen sie so heiter? Was gibt ihnen das Recht auf
+Blumenwege, leichten Schritt und Harmonie? Ah! Ihr Freunde!“ Über die
+Tanzenden hinweg schwenkte Buck sein Glas. „Ihr Freunde der Menschheit und
+jeder guten Zukunft, weitherzig und unbekannt mit der düsteren Selbstsucht
+eines nationalen Vetternbundes: Weltseelen ihr, kehrt wieder! Selbst unter
+uns noch erwarten euch einige!“
+
+Er trank aus, Diederich bemerkte mit Verachtung, daß er weinte. Übrigens
+bekam er sogleich eine schlaue Miene. „Ihr aber, Zeitgenossen, wißt wohl
+nicht, was der alte Bürgermeister, der da hinten zwischen den Amtspersonen
+und Schäferinnen rosig lächelt, als Schleife über der Brust trägt? Die
+Farben sind verblichen; ihr denkt wohl, es sind die euren? Es ist aber die
+französische Trikolore. Sie war neu damals und nicht die eines Landes,
+sondern der allgemeinen Morgenröte. Sie zu tragen, war beste Gesinnung; es
+war, wie ihr sagen würdet, streng korrekt. Prost!“
+
+Aber Diederich war verstohlen mit seinem Stuhl davongerückt und spähte
+umher, ob niemand höre. „Sie sind ja besoffen,“ murmelte er; und um die
+Situation zu retten, rief er: „Herr Rose! Noch eine Flasche!“ Darauf
+setzte er sich achtunggebietend zurecht.
+
+„Sie scheinen nicht daran zu denken, daß seitdem ein Bismarck da war!“
+
+„Nicht nur einer“, sagte Buck. „Von allen Seiten ist Europa in diesen
+nationalen Durchgang getrieben worden. Nehmen wir an, er war nicht zu
+vermeiden. Nach ihm werden bessere Gefilde kommen ... Aber seid ihr eurem
+Bismarck etwa gefolgt, solange er im Recht war? Ihr habt euch zerren
+lassen, ihr habt mit ihm im Konflikt gelebt. Erst jetzt, da ihr über ihn
+hinaus sein solltet, hängt ihr euch an seinen kraftlosen Schatten! Denn
+euer nationaler Stoffwechsel ist entmutigend langsam. Bis ihr begriffen
+habt, daß ein großer Mann da ist, hat er schon aufgehört, groß zu sein.“
+
+„Sie werden ihn kennenlernen!“ verhieß Diederich. „Blut und Eisen bleibt
+die wirksamste Kur! Macht geht vor Recht!“ Der Kopf schwoll ihm rot an bei
+diesen Glaubenssätzen. Aber auch Buck regte sich auf.
+
+„Die Macht! Die Macht läßt sich nicht ewig auf Bajonetten davontragen wie
+eine aufgespießte Wurst. Die einzige reale Macht ist heute der Friede!
+Spielt euch die Komödie der Gewalt vor! Prahlt gegen eingebildete Feinde
+draußen und im Innern! Taten, glücklicherweise, sind euch nicht erlaubt!“
+
+„Nicht erlaubt?“ Diederich blies, als sollte Feuer kommen. „Seine Majestät
+hat gesagt: Lieber lassen wir unsere gesamten achtzehn Armeekorps und
+zweiundvierzig Millionen Einwohner auf der Strecke ...“
+
+„Denn wo der deutsche Aar –!“ rief Buck, mit jähem Schwung; und noch
+wilder: „Nicht Parlamentsbeschlüsse! Die einzige Säule ist das Heer!“
+
+Diederich gab ihm nichts nach. „Ihr seid berufen, mich in erster Linie vor
+dem äußeren und inneren Feind zu schützen!“
+
+„Einer hochverräterischen Schar zu wehren!“ schrie Buck.
+
+„Eine Rotte von Menschen –“
+
+Diederich fiel ein: „– nicht wert, den Namen Deutsche zu tragen!“
+
+Und beide einstimmig: „Verwandte und Brüder niederschießen!“
+
+Tänzer, die sich am Büfett erfrischten, wurden aufmerksam auf ihr
+Geschrei, sie holten auch ihre Damen herbei, um ihnen den Anblick eines
+heldenhaften Rausches zu verschaffen. Sogar die Kartenspieler streckten
+die Köpfe herein; und alle bestaunten Diederich und seinen Partner, die
+auf ihren Stühlen schwankend und an den Tisch geklammert mit glasigen
+Augen und entblößten Gebissen einander starke Worte ins Gesicht
+schleuderten.
+
+„Einen Feind, und der ist mein Feind!“
+
+„Einer nur ist Herr im Reich, keinen anderen dulde ich!“
+
+„Ich kann sehr unangenehm sein!“
+
+Die Stimmen überschlugen sich.
+
+„Falsche Humanität!“
+
+„Vaterlandslose Feinde der göttlichen Weltordnung!“
+
+„Müssen ausgerottet werden bis auf den letzten Stumpf!“
+
+Eine Flasche flog gegen die Wand.
+
+„Zerschmettere ich!“
+
+„Deutschen Staub!... Pantoffeln!... Herrliche Tage!“
+
+Hier glitt durch die Zuschauer ein Wesen mit verbundenen Augen: Guste
+Daimchen, die sich auf diese Weise einen Herrn suchen sollte. Von
+rückwärts betastete sie Diederich und wollte ihn zum Aufstehen bewegen. Er
+machte sich steif und wiederholte drohend: „Herrliche Tage!“ Sie riß das
+Tuch herunter, starrte ihn angstvoll an und holte seine Schwestern. Auch
+Buck sah ein, daß es angezeigt sei, aufzubrechen. Unauffällig stützte er
+den Freund beim Abgang, konnte aber nicht verhindern, daß Diederich in der
+Tür sich nochmals umwandte, der tanzenden, gaffenden Menge zu,
+gebieterisch aufgereckt, wenn auch verglast und ohne Blitzen.
+
+„Zerschmettere ich!“
+
+Dann ward er hinunter und in den Wagen befördert.
+
+
+
+Als er gegen Mittag mit schweren Kopfschmerzen das Familienzimmer betrat,
+war er sehr erstaunt, daß Emmi es entrüstet verließ. Aber Magda brauchte
+ihm nur einige vorsichtige Andeutungen zu machen, da wußte er schon
+wieder, um was es sich handelte. „Hab’ ich das wirklich gemacht? Na ja,
+ich gebe zu, es waren Damen dabei. Es gibt verschiedene Arten, sich als
+deutscher Mann zu zeigen: bei den Damen ist es wieder eine andere ...
+Natürlich beeilt man sich in solchem Fall, die Sache in der loyalsten und
+korrektesten Weise beizulegen.“
+
+Obwohl er kaum aus den Augen sehen konnte, war ihm klar, was zu geschehen
+hatte. Indes ein zweispänniger Paradewagen herbeigeholt ward, bekleidete
+er sich mit Gehrock, weißer Krawatte und Zylinder; dann überreichte er dem
+Kutscher die von Magda aufgesetzte Liste und fuhr los. Überall verlangte
+er nach den Damen; manche schreckte er vom Mittagessen auf; – und ohne
+deutlich zu erkennen, ob er Frau Harnisch, Frau Daimchen oder Frau Tietz
+vor sich habe, sagte er mit rauher Katerstimme her:
+
+„Ich gebe zu ... Als deutscher Mann, bei Damen ... Loyalste und
+korrekteste Weise ...“
+
+Um halb zwei war er zurück und ließ sich aufseufzend zum Essen nieder.
+„Die Sache ist beigelegt.“
+
+Der Nachmittag gehörte einer schwierigeren Aufgabe. Diederich ließ
+Napoleon Fischer hinauf in seine Privatwohnung kommen.
+
+„Herr Fischer,“ sagte er und wies ihm einen Stuhl an, „ich empfange Sie
+hier und nicht in meinem Bureau, weil den Herrn Sötbier unsere
+Angelegenheiten nichts angehen. Es betrifft nämlich die Politik.“
+
+Napoleon Fischer nickte, als habe er sich dies schon gedacht. Er schien an
+solche vertraulichen Unterredungen nunmehr gewöhnt, auf Diederichs ersten
+Wink griff er sogleich in die Zigarrenkiste; er schlug sogar das Bein
+über. Diederich war weit weniger sicher; er schnaufte – und dann entschloß
+er sich, ohne Umschweife, mit brutaler Ehrlichkeit auf sein Ziel
+loszugehen. Bismarck hatte es auch so gemacht.
+
+„Ich will nämlich Stadtverordneter werden,“ erklärte er, „und dazu brauche
+ich Sie.“
+
+Der Maschinenmeister warf ihm einen Blick von unten zu. „Ich Sie auch“,
+sagte er. „Denn ich will auch Stadtverordneter werden.“
+
+„Nanu, na hören Sie mal! Ich war auf manches gefaßt ...“
+
+„Sie hatten wohl schon wieder ein paar Doppelkronen in der Hand?“ – und
+der Proletarier fletschte die gelben Zähne. Er versteckte sein Grinsen gar
+nicht mehr. Diederich begriff, daß in Wahlsachen weniger leicht mit ihm zu
+reden sein werde als über eine geschundene Arbeiterin. „Nämlich, Herr
+Doktor,“ begann Napoleon, „den einen von den beiden Sitzen hat meine
+Partei bombensicher. Den anderen kriegen wahrscheinlich die Freisinnigen.
+Wenn Sie die ’rausschmeißen wollen, brauchen Sie uns.“
+
+„So weit seh’ ich es ein“, sagte Diederich. „Ich habe zwar auch den alten
+Buck für mich. Aber seine Leute sind vielleicht nicht alle so
+vertrauensselig, daß sie mich wählen, wenn ich mich als Freisinniger
+aufstellen lasse. Sicherer ist es, ich vertrage mich auch mit Ihnen.“
+
+„Und ich hab’ auch schon ’ne Ahnung, wieso Sie das machen können“,
+erklärte Napoleon. „Weil ich nämlich schon längst ’n Auge auf Herrn Doktor
+habe, ob er nun nicht bald in die politische Arena ’reinsteigt.“
+
+Napoleon blies Ringe, so sehr war er auf der Höhe!
+
+„Ihr Prozeß, Herr Doktor, und dann das mit dem Kriegerverein und so, das
+war alles ganz schön, als Reklame. Aber für einen Politiker heißt es doch
+immer: wie viele Stimmen krieg’ ich.“
+
+Napoleon teilte aus dem Schatz seiner Erfahrungen mit! Als er vom
+„nationalen Rummel“ sprach, wollte Diederich protestieren; aber Napoleon
+fertigte ihn schnell ab.
+
+„Was wollen Sie denn? Wir in unserer Partei haben gewissermaßen allerhand
+Achtung vor dem nationalen Rummel. Bessere Geschäfte sind allemal damit zu
+machen als mit dem Freisinn. Die bürgerliche Demokratie fährt bald in
+einer einzigen Droschke ab.“
+
+„Und die vermöbeln wir ihr auch noch!“ rief Diederich. Die Bundesgenossen
+lachten vor Vergnügen. Diederich holte eine Flasche Bier.
+
+„A–ber“, machte der Sozialdemokrat; und er rückte mit seiner Bedingung
+heraus: ein Gewerkschaftshaus, bei dessen Bau die Partei von der Stadt zu
+unterstützen war! ... Diederich sprang vom Stuhl. „Und das erdreisten Sie
+sich von einem nationalen Mann zu verlangen?“
+
+Der andere blieb gelassen und ironisch. „Wenn wir dem nationalen Mann
+nicht helfen, daß er gewählt wird, wo bleibt dann der nationale Mann?“ –
+Und Diederich mochte sich empören oder um Gnade flehen, er mußte auf ein
+Blatt Papier schreiben, daß er für das Gewerkschaftshaus nicht nur selbst
+stimmen, sondern auch die ihm nahestehenden Stadtverordneten bearbeiten
+werde. Darauf erklärte er barsch die Unterredung für beendet und nahm dem
+Maschinenmeister die Bierflasche aus der Hand. Aber Napoleon Fischer
+zwinkerte. Überhaupt dürfe der Herr Doktor froh sein, daß er mit ihm und
+nicht mit dem Parteibudiker Rille verhandele. Denn Rille, der für seine
+eigene Wahl agitiere, wäre zu dem Kompromiß nicht zu haben gewesen. Und in
+der Partei seien die Meinungen geteilt; Diederich habe also allen Grund,
+in der ihm nahestehenden Presse etwas für die Kandidatur Fischer zu tun.
+„Wenn fremde Leute, zum Beispiel Rille, sollten die Nase in Ihre
+Geschichten stecken, Herr Doktor, dafür werden Sie sich wohl bedanken. Bei
+uns beiden ist es was anderes. Wir haben schon mehr Dreck zusammen
+verscharrt.“
+
+Damit ging er und überließ Diederich seinen Gefühlen. „Schon mehr Dreck
+zusammen verscharrt!“ dachte Diederich, und Angstschauer kreuzten sich in
+ihm mit Wallungen des Zorns. Das durfte der Hund ihm sagen, sein eigener
+Kuli, den er jeden Augenblick auf die Straße werfen konnte! Vielmehr,
+leider ging das nicht, denn es war wahr, sie hatten Dreck verscharrt. Der
+Holländer! Die geschundene Arbeiterin! Eine Vertraulichkeit zog die andere
+nach sich: jetzt waren Diederich und sein Prolet nicht nur im Betrieb
+aufeinander angewiesen, sondern auch politisch. Am liebsten hätte
+Diederich mit dem Parteibudiker Rille angebunden; aber dann war zu
+fürchten, daß Napoleon Fischer in seiner Rachsucht auspackte, was er
+wußte. Diederich sah sich genötigt, ihm auch noch gegen Rille zu helfen.
+„Aber“ – er schüttelte die Faust gegen die Zimmerdecke – „wir sprechen uns
+wieder. Und wenn es zehn Jahre dauert, die Abrechnung kommt!“
+
+Hiernach oblag es ihm, dem alten Herrn Buck einen Besuch zu machen und
+sein biedermännisches und schöngeistiges Gerede mit Ergebenheit anzuhören.
+Dafür ward er Kandidat der freisinnigen Partei ... In der „Netziger
+Zeitung“, die in einem warmen Artikel Herrn Doktor Heßling als Mensch,
+Bürger und Politiker den Wählern empfahl, ward gleich darunter, wenn auch
+in kleinerem Druck, die Aufstellung des Arbeiters Fischer scharf
+beanstandet. Die sozialdemokratische Partei verfügte, man mußte es leider
+zugeben, über genug selbständige Gewerbetreibende, sie brauchte den
+bürgerlichen Stadtverordneten nicht den kollegialen Verkehr mit einem
+gewöhnlichen Arbeiter zuzumuten. Sollte insbesondere Herr Doktor Heßling
+im Schoße der städtischen Körperschaft seinem eigenen Maschinenmeister
+begegnen?
+
+Dieser Ausfall des bürgerlichen Blattes stellte unter den Sozialdemokraten
+volle Einmütigkeit her; sogar Rille mußte sich für Napoleon erklären, –
+der mit Glanz durch das Ziel ging. Diederich bekam von der Partei, die ihn
+aufstellte, nur die Hälfte der Stimmen, aber ihn retteten die Genossen.
+Die beiden Gewählten wurden gemeinsam in die Versammlung eingeführt.
+Bürgermeister Doktor Scheffelweis beglückwünschte sie, mit dem Hinweis,
+daß einerseits der tätige Bürger, andererseits der emporstrebende Arbeiter
+–. Und schon in der nächsten Sitzung griff Diederich in die Verhandlungen
+ein.
+
+Zur Debatte stand die Kanalisation der Gäbbelchenstraße. Eine
+beträchtliche Anzahl jener alten Vorstadthäuser befand sich noch heute, am
+Ende des neunzehnten Jahrhunderts, im wenig rühmlichen Besitz von
+Abortgruben, deren Ausdünstungen zuzeiten die ganze Gegend überschwemmten.
+Bei seinem Besuch im „Grünen Engel“ hatte Diederich die Wahrnehmung
+gemacht. So wandte er sich denn mit Nachdruck gegen die finanztechnischen
+Bedenken des Magistratsvertreters. Eine Forderung der Kulturehre dürfe
+kleinlichen Rücksichten nicht weichen. „Deutschtum heißt Kultur!“ rief
+Diederich aus. „Meine Herren! Das hat kein Geringerer gesagt als Seine
+Majestät der Kaiser. Und bei anderer Gelegenheit hat Seine Majestät das
+Wort gesprochen: Die Schweinerei muß ein Ende nehmen. Wo nur immer
+großzügig vorgegangen wird, da leuchtet uns das erhabene Beispiel Seiner
+Majestät voran, und darum, meine Herren –“
+
+„Hurra!“ rief eine Stimme links, und Diederich begegnete dem Grinsen
+Napoleon Fischers. Da reckte er sich auf, er blitzte.
+
+„Sehr richtig!“ versetzte er schneidend. „Ich kann nicht besser schließen.
+Seine Majestät der Kaiser hurra, hurra, hurra!“
+
+Verblüfftes Schweigen, – aber da die Sozialdemokraten lachten, riefen
+rechts einige hurra. Doktor Heuteufel warf die Frage dazwischen, ob der
+merkwürdige Zusammenhang, in den Herr Doktor Heßling die Person des
+Kaisers gebracht habe, nicht eigentlich eine Majestätsbeleidigung
+darstelle. Aber der Vorsitzende klingelte schnell. In der Presse jedoch
+ward weiter debattiert. Die „Volksstimme“ behauptete, Herr Heßling trage
+in die Stadtverordnetenversammlung den Geist des übelsten Byzantinismus,
+wohingegen die „Netziger Zeitung“ seine Rede als die erfrischende Tat
+eines unbefangenen Patrioten bezeichnete. Daß es sich aber um einen
+wahrhaft bedeutsamen Vorgang handelte, ward erst klar, als es im „Berliner
+Lokal-Anzeiger“ stand. Das Blatt Seiner Majestät war über das mutige
+Auftreten des Netziger Stadtverordneten Doktor Heßling des Lobes voll. Es
+stellte mit Genugtuung fest, daß der neue, entschlossen nationale Geist,
+für den der Kaiser eintrete, nunmehr auch im Lande Fortschritte mache. Die
+kaiserliche Mahnung werde befolgt, der Bürger erwache aus dem Schlummer,
+die Scheidung zwischen denen für ihn und denen wider ihn vollziehe sich.
+„Möchten viele wackere Vertreter unserer Städte dem Beispiel des Doktor
+Heßling folgen!“
+
+Diese Nummer des Lokal-Anzeigers trug Diederich schon acht Tage lang auf
+dem Herzen, da schlich er sich um die stillste Vormittagsstunde, unter
+Vermeidung der Kaiser-Wilhelm-Straße, von rückwärts in die Bierstube von
+Klappsch, wo er Gesellschaft fand: Napoleon Fischer und der Parteiwirt
+Rille. Obwohl das Lokal ganz leer war, zogen die drei sich in den
+äußersten Winkel zurück; Fräulein Klappsch ward, kaum daß sie das Bier
+gebracht hatte, hinausgeschickt; und Klappsch selbst, der an der Tür
+horchte, hörte nur tuscheln. Er versuchte die Klappe zu Hilfe zu nehmen,
+durch die er bei stärkerem Besuch die Gläser hineinreichte; aber Rille,
+der damit Bescheid wußte, schlug sie ihm vor der Nase zu. Immerhin hatte
+der Wirt bemerkt, daß Doktor Heßling aufgesprungen war und im Begriff
+schien, wegzugehen. Dazu werde er als nationaler Mann niemals die Hand
+bieten!... Später aber wollte Fräulein Klappsch, die zum Zahlen gerufen
+ward, doch ein Papier gesehen haben, das von allen drei unterschrieben
+war.
+
+
+
+Denselben Tag nachmittags hatten Emmi und Magda eine Einladung zum Tee bei
+Frau von Wulckow, und Diederich begleitete sie. Erhobenen Hauptes
+schritten die Geschwister über die Kaiser-Wilhelm-Straße, Diederich
+lüftete kühl den Zylinder vor den Herren, die von den Stufen der
+Freimaurerloge erstaunt zusahen, wie er das Gebäude der Regierung betrat.
+Den Wachtposten begrüßte er mit einer jovialen Handbewegung. Droben in der
+Garderobe stieß man auf Offiziere und ihre Damen, denen die beiden
+Fräulein Heßling schon bekannt waren. Die Sporen zusammenschlagend, zog
+der Leutnant von Brietzen Emmi den Mantel aus, und sie dankte ihm über die
+Schulter, wie eine Gräfin. Sodann trat sie Diederich auf den Fuß, damit er
+merke, auf welchen heißen Boden er versetzt sei. Und wirklich, als man nun
+Herrn von Brietzen den Vortritt in den Salon aufgenötigt, vor der
+Präsidentin entzückte Kratzfüße ausgeführt hatte und mit allen bekannt
+geworden war: welche Aufgabe, so ehrenvoll wie gefährlich, auf einem
+Stühlchen zwischen Damenkleider eingeengt, die Teetasse im Gleichgewicht
+zu erhalten, während man Kuchenteller weitergab, und mit dem Kuchen ein
+huldigendes Lächeln zu spenden und beim Essen ein schmelzendes Wort über
+die so gelungene Aufführung der „Heimlichen Gräfin“ zu liefern, ein
+männlich anerkennendes für die großzügige Verwaltungstätigkeit des
+Präsidenten, ein gewichtiges über Umsturz und Kaisertreue – und dabei noch
+den Wulckowschen Hund zu füttern, der bettelte! An die anspruchslose
+Gesellschaft des Ratskellers oder des Kriegervereins durfte man hier nicht
+denken; es hieß mit aufreibendem Lächeln in die wasserhellen Augen des
+Hauptmanns von Köckeritz starren, dessen Glatze weiß, dessen Gesicht von
+der Mitte der Stirn abwärts feuerrot war und der vom Exerzierplatz
+erzählte. Und wenn einem vor Gespanntheit auf die Frage, ob man gedient
+habe, schon der Schweiß ausbrach, erlebte man es unversehens, daß die Dame
+neben einem, die ihr weißblondes Haar glatt über den Kopf hinaufkämmte und
+eine sonnenverbrannte Nase hatte, von Pferden zu sprechen anfing ...
+Diesmal ward Diederich durch Emmi gerettet, denn Emmi, unterstützt von
+Herrn von Brietzen, mit dem sie geradezu auf vertrautem Fuß zu stehen
+schien, griff gewandt in das Pferdegespräch ein, gebrauchte fachmännische
+Ausdrücke, ja, schreckte nicht davor zurück, von Ritten ins Gelände zu
+phantasieren, die sie auf dem Gut einer Tante unternommen haben wollte.
+Als der Leutnant sich dann erbot, mit ihr auszureiten, schützte sie die
+arme Frau Heßling vor, die es nicht erlaube. Diederich erkannte Emmi nicht
+wieder. Ihre unheimlichen Talente ließen Magda, der es doch gelungen war,
+sich zu verloben, hier ganz im Schatten. Nicht ohne Bangen ward Diederich,
+wie nach seiner Rückkehr aus dem „grünen Engel“, sich der unberechenbaren
+Wege bewußt, die ein Mädchen, wenn man es nicht sah –. Da bemerkte er, daß
+er eine Frage der Präsidentin überhört hatte, und daß man schwieg, weil er
+antworten sollte. Er suchte in der Luft umher nach Hilfe, stieß aber nur
+auf den unerbittlichen Blick eines großen Bildnisses, bleich und steinern,
+in roter Husarenuniform, eine Hand auf der Hüfte, der Schnurrbart an den
+Augenwinkeln, und der Blick über die Schulter hinweg kalt blitzend!
+Diederich erbebte, er verschluckte sich mit Tee, Herr von Brietzen klopfte
+ihm den Rücken.
+
+Eine Dame, die bisher nur immer gegessen hatte, sollte jetzt singen. Im
+Musikzimmer hatte man sich gruppiert. Diederich, an der Tür, zog
+verstohlen die Uhr, da hüstelte hinter ihm die Präsidentin. „Ich weiß
+wohl, lieber Doktor, daß Sie nicht uns und unserer leichten, ich möchte
+sagen allzu leichten Konversation Ihre Zeit opfern, die so ernsten
+Pflichten gehört. Mein Mann erwartet Sie, kommen Sie nur.“ Den Finger auf
+den Lippen ging sie voran, über einen Gang, durch ein leeres Vorzimmer ...
+Ganz leise klopfte sie. Da keine Antwort kam, sah sie ängstlich auf
+Diederich, dem auch nicht wohl war. „Ottochen“, versuchte sie, zärtlich an
+die verschlossene Tür geschmiegt. Nach einer Weile des Lauschens erhob
+sich drinnen die fürchterliche Baßstimme: „Hier ist kein Ottochen! Sag’
+den Schafsköpfen, Sie sollen ihren Tee allein saufen!“ – „Er ist so sehr
+beschäftigt“, flüsterte Frau von Wulckow, ein wenig bleicher. „Die
+Schlechtgesinnten untergraben seine Gesundheit ... Leider muß ich mich
+jetzt meinen Gästen widmen, der Diener soll Sie anmelden.“ Und sie
+entschwebte.
+
+Diederich wartete vergeblich auf den Diener, lange Minuten. Dann aber trat
+der Wulckowsche Hund ein, schritt riesenhaft und voll Verachtung an
+Diederich vorbei und kratzte an der Tür. Sofort ertönte es drinnen:
+„Schnaps! Komm herein!“ – worauf die Dogge die Tür aufklinkte. Da sie
+vergaß, sie wieder zu schließen, erlaubte Diederich sich, mit
+hineinzuschlüpfen. Herr von Wulckow saß in einer Rauchwolke am
+Schreibtisch, er wendete den ungeheuren Rücken her.
+
+„Guten Tag, Herr Präsident“, sagte Diederich, mit einem Kratzfuß. „Na nu,
+quatschst du auch schon, Schnaps?“ fragte Wulckow, ohne sich umzusehen. Er
+faltete ein Papier, zündete langsam eine neue Zigarre an ... „Jetzt kommt
+es“, dachte Diederich. Aber dann begann Wulckow etwas anderes zu
+schreiben. Interesse an Diederich nahm nur der Hund. Offenbar fand er den
+Gast hier noch weniger am Platz, seine Verachtung ging in Feindseligkeit
+über; mit gefletschten Zähnen beschnupperte er Diederichs Hose, fast war
+es kein Schnuppern mehr. Diederich tanzte, so geräuschlos wie möglich, von
+einem Fuß auf den anderen, und die Dogge knurrte drohend aber leise, wohl
+wissend, ihr Herr könnte es sonst nicht weiter kommen lassen. Endlich
+gelang es Diederich, zwischen sich und seinen Feind einen Stuhl zu
+bringen, an den geklammert er sich umherdrehte, bald langsamer, bald
+schneller, und immer auf der Hut vor Schnaps’ Seitensprüngen. Einmal sah
+er Wulckow den Kopf ein wenig wenden und glaubte ihn schmunzeln zu sehen.
+Dann hatte der Hund genug von dem Spiel, er ging zum Herrn und ließ sich
+streicheln; und neben Wulckows Stuhl hingelagert, maß er mit kühnen
+Jägerblicken Diederich, der sich den Schweiß wischte.
+
+„Gemeines Vieh!“ dachte Diederich – und plötzlich wallte es auf in ihm.
+Empörung und der dicke Qualm verschlugen ihm den Atem, er dachte, mit
+unterdrücktem Keuchen: „Wer bin ich, daß ich mir das bieten lassen muß?
+Mein letzter Maschinenschmierer läßt sich das von mir nicht bieten. Ich
+bin Doktor. Ich bin Stadtverordneter! Dieser ungebildete Flegel hat mich
+nötiger als ich ihn!“ Alles, was er heute nachmittag erlebt hatte, nahm
+den übelsten Sinn an. Man hatte ihn verhöhnt, der Bengel von Leutnant
+hatte ihm den Rücken geklopft! Diese Kommißköpfe und adeligen Puten hatten
+die ganze Zeit von ihren albernen Angelegenheiten geredet und ihn wie dumm
+dabei sitzen lassen! „Und wer bezahlt die frechen Hungerleider? Wir!“
+Gesinnung und Gefühle, alles stürzte in Diederichs Brust auf einmal
+zusammen, und aus den Trümmern schlug wild die Lohe des Hasses.
+„Menschenschinder! Säbelraßler! Hochnäsiges Pack!... Wenn wir mal Schluß
+machen mit der ganzen Bande –!“ Die Fäuste ballten sich ihm von selbst, in
+einem Anfall stummer Raserei sah er alles niedergeworfen, zerstoben: die
+Herren des Staates, Heer, Beamtentum, alle Machtverbände und sie selbst,
+die Macht! Die Macht, die über uns hingeht und deren Hufe wir küssen!
+Gegen die wir nichts können, weil wir alle sie lieben! Die wir im Blut
+haben, weil wir die Unterwerfung darin haben! Ein Atom sind wir von ihr,
+ein verschwindendes Molekül von etwas, das sie ausgespuckt hat!... Von der
+Wand dort, hinter blauen Wolken, sah eisern hernieder ihr bleiches
+Gesicht, eisern, gesträubt, blitzend: Diederich aber, in wüster
+Selbstvergessenheit, hob die Faust.
+
+Da knurrte der Wulckowsche Hund, unter dem Präsidenten hervor aber kam ein
+donnerndes Geräusch, ein lang hinrollendes Geknatter – und Diederich
+erschrak tief. Er verstand nicht, was dies für ein Anfall gewesen war. Das
+Gebäude der Ordnung, wieder aufgerichtet in seiner Brust, zitterte nur
+noch leise. Der Herr Regierungspräsident hatte wichtige Staatsgeschäfte.
+Man wartete eben, bis er einen bemerkte; dann bekundete man gute Gesinnung
+und sorgte für gute Geschäfte ...
+
+„Na, Doktorchen?“ sagte Herr von Wulckow und drehte seinen Sessel herum.
+„Was ist mit Ihnen los? Sie werden ja der reine Staatsmann. Setzen Sie
+sich mal auf diesen Ehrenplatz.“
+
+„Ich darf mir schmeicheln“, stammelte Diederich. „Einiges habe ich schon
+erreicht für die nationale Sache.“
+
+Wulckow blies ihm einen mächtigen Rauchkegel ins Gesicht, dann kam er ihm
+ganz nahe mit seinen warmblütigen, zynischen Augen und ihrer
+Mongolenfalte. „Sie haben erstens erreicht, Doktorchen, daß Sie
+Stadtverordneter geworden sind. Wie, das wollen wir auf sich beruhen
+lassen. Jedenfalls konnten Sie es brauchen, denn Ihr Geschäft soll ja ’ne
+ziemlich faule Karre sein.“ Da Diederich zusammenzuckte, lachte Wulckow
+dröhnend. „Lassen Sie nur, Sie sind mein Mann. Was meinen Sie, das ich da
+geschrieben habe?“ Das große Blatt Papier verschwand unter der Pranke, die
+er darauf legte. „Da verlange ich vom Minister einen kleinen Piepmatz für
+einen gewissen Doktor Heßling, in Anerkennung seiner Verdienste um die
+gute Gesinnung in Netzig ... Für so nett haben Sie mich wohl gar nicht
+gehalten?“ setzte er hinzu, denn Diederich, mit einer Miene, geblendet und
+wie mit Blödheit geschlagen, machte von seinem Stuhl herab immerfort
+Verbeugungen. „Ich weiß tatsächlich nicht“, brachte er hervor. „Meine
+bescheidenen Verdienste –“
+
+„Aller Anfang ist schwer“, sagte Wulckow. „Es soll auch nur eine
+Aufmunterung sein. Ihre Haltung im Prozeß Lauer war nicht übel. Na und Ihr
+Kaiserhoch in der Kanalisationsdebatte hat die antimonarchische Presse
+ganz aus dem Häuschen gebracht. Schon an drei Orten im Lande ist deshalb
+Anklage wegen Majestätsbeleidigung erhoben. Da müssen wir uns Ihnen wohl
+erkenntlich zeigen.“
+
+Diederich rief aus: „Mein schönster Lohn ist es, daß der Lokal-Anzeiger
+meinen schlichtbürgerlichen Namen vor die Allerhöchsten Augen selbst
+gebracht hat!“
+
+„Na, nu nehmen Sie sich mal ’ne Zigarre“, schloß Wulckow; und Diederich
+begriff, daß jetzt die Geschäfte kamen. Schon inmitten der Hochgefühle
+waren ihm Zweifel aufgestiegen, ob Wulckows Gnade vor allem anderen nicht
+eine ganz besondere Ursache habe. Er sagte versuchsweise:
+
+„Für die Bahn nach Ratzenhausen wird die Stadt nun doch wohl den Beitrag
+bewilligen.“
+
+Wulckow streckte den Kopf vor. „Ihr Glück. Wir haben sonst ein billigeres
+Projekt, darauf wird Netzig überhaupt nicht berührt. Also sorgen Sie
+dafür, daß die Leute Vernunft annehmen. Unter der Bedingung dürft ihr dann
+dem Rittergut Quitzin euer Licht liefern.“
+
+„Das will der Magistrat auch nicht.“ Diederich bat mit den Händen um
+Nachsicht. „Die Stadt hat Schaden dabei, und Herr von Quitzin zahlt uns
+keine Steuern ... Aber jetzt bin ich Stadtverordneter, und als nationaler
+Mann –“
+
+„Das möchte ich mir ausbitten. Mein Vetter Herr von Quitzin baut sich
+sonst einfach ein Elektrizitätswerk, das hat er billig, was glauben Sie,
+zwei Minister kommen bei ihm zur Jagd – und dann unterbietet er euch hier
+in Netzig selbst.“
+
+Diederich richtete sich auf. „Ich bin entschlossen, Herr Präsident, allen
+Anfeindungen zum Trotz in Netzig das nationale Banner hochzuhalten.“
+Hierauf, mit gedämpfter Stimme: „Einen Feind können wir übrigens
+loswerden: einen besonders schlimmen, jawohl, den alten Klüsing in
+Gausenfeld.“
+
+„Der?“ Wulckow feixte verächtlich. „Der frißt mir aus der Hand. Er liefert
+Papier für die Kreisblätter.“
+
+„Wissen Sie, ob er für schlechte Blätter nicht noch mehr liefert? Darüber,
+Herr Präsident verzeihen, bin ich doch wohl besser informiert.“
+
+„Die Netziger Zeitung ist jetzt in nationaler Beziehung zuverlässiger
+geworden.“
+
+„Und zwar –“ Diederich nickte gewichtig, „seit dem Tage, an dem der alte
+Klüsing mir, Herr Präsident, einen Teil der Papierlieferung hat anbieten
+lassen. Gausenfeld sei überlastet. Natürlich hatte er Angst, daß ich mich
+an einem nationalen Konkurrenzblatt beteilige. Und vielleicht hatte er
+auch Angst –“ eine bedeutsame Pause – „daß der Herr Präsident das Papier
+für die Kreisblätter lieber bei einem nationalen Werk bestellt.“
+
+„Also – Sie liefern jetzt für die Netziger Zeitung?“
+
+„Niemals, Herr Präsident, werde ich meine nationale Gesinnung so sehr
+verleugnen, daß ich an eine Zeitung liefere, solange noch freisinniges
+Geld drin ist.“
+
+„Na schön.“ Wulckow stemmte die Fäuste auf die Schenkel. „Jetzt brauchen
+Sie nichts mehr zu sagen. Sie wollen bei der Netziger Zeitung das Ganze.
+Die Kreisblätter wollen Sie auch. Wahrscheinlich auch die
+Papierlieferungen für die Regierung. Sonst noch was?“
+
+Und Diederich, sachlich:
+
+„Herr Präsident, ich bin nicht wie Klüsing, mit dem Umsturz mach’ ich
+keine Geschäfte. Wenn Sie, Herr Präsident, auch als Vorstand der
+Bibelgesellschaft mein Unternehmen stützen wollten, ich darf sagen, die
+nationale Sache würde nur gewinnen.“
+
+„Na schön“, wiederholte Wulckow und zwinkerte. Diederich spielte seinen
+Trumpf aus.
+
+„Herr Präsident! Unter Klüsing ist Gausenfeld eine Brutstätte des
+Umsturzes. Bei seinen achthundert Arbeitern ist nicht einer dabei, der
+anders wählt als sozialdemokratisch.“
+
+„Na und bei Ihnen?“
+
+Diederich schlug sich auf die Brust. „Gott ist mein Zeuge, daß ich lieber
+noch heute die Bude zumache und mit den Meinen ins Elend hinausziehe, als
+daß ich einen einzigen Mann bei mir dulde, von dem ich weiß, er ist nicht
+kaisertreu.“
+
+„Sehr brauchbare Gesinnung“, sagte Wulckow. Diederich sah ihn mit blauen
+Augen an. „Ich nehme nur gediente Leute, vierzig haben den Krieg
+mitgemacht. Jugendliche beschäftige ich gar nicht mehr, seit der
+Geschichte mit dem Arbeiter, den der Wachtposten auf dem Felde der Ehre,
+wie Seine Majestät festzustellen geruhten, niedergestreckt hat, nachdem
+der Kerl mit seiner Braut hinter meinen Lumpen –“
+
+Wulckow winkte ab. „Ihre Sorge, Doktorchen!“
+
+Diederich ließ sich seinen Entwurf nicht verderben. „Unter meinen Lumpen
+darf kein Umsturz vorkommen. Mit Ihren Lumpen, ich meine in der Politik,
+ist es anders. Da können wir den Umsturz brauchen, damit aus den
+freisinnigen Lumpen weißes, kaisertreues Papier wird.“ Und er machte eine
+tief bedeutungsvolle Miene. Wulckow schien nicht verblüfft, er schmunzelte
+furchtbar.
+
+„Doktorchen, ich bin auch nicht von gestern. Legen Sie los, was haben Sie
+mit Ihrem Maschinenmeister ausgeknobelt?“
+
+Da er Diederich wanken sah, fuhr Wulckow fort: „Das ist auch einer von den
+Altgedienten, wie, Herr Stadtverordneter?“
+
+Diederich schluckte, er sah, daß es keinen Umweg mehr gab. „Herr
+Präsident“, sagte er mit einem Entschluß; und dann leise und hastig: „Der
+Mann will in den Reichstag, und vom nationalen Standpunkt ist er besser
+als Heuteufel. Denn erstens werden viele Freisinnige vor Schreck national
+werden, und zweitens kriegen wir, wenn Napoleon Fischer gewählt wird, in
+Netzig ein Kaiser-Wilhelm-Denkmal. Ich habe es schriftlich.“
+
+Er breitete ein Papier hin vor den Präsidenten. Wulckow las, dann stand er
+auf, warf den Stuhl mit dem Fuß fort und ging, Rauch ausstoßend, durch das
+Zimmer. „Also Kühlemann kratzt ab, und von seiner halben Million baut die
+Stadt kein Säuglingsheim, sondern ein Kaiser-Wilhelm-Denkmal.“ Er blieb
+stehen. „Merken Sie sich das, mein Lieber, in Ihrem eigensten Interesse!
+Wenn Netzig nachher einen Sozialdemokraten im Reichstag, aber keinen
+Wilhelm den Großen hat, dann lernen Sie mich kennen. Ich mache Frikassee
+aus Ihnen! Ich schlag’ Sie so klein, daß Sie nicht mal mehr im
+Säuglingsheim Aufnahme finden!“
+
+Diederich war mitsamt seinem Stuhl zurückgewichen bis an die Wand. „Herr
+Präsident! Alles, was ich bin, meine ganze Zukunft setze ich ein für diese
+große nationale Sache. Auch mir kann etwas Menschliches passieren ...“
+
+„Dann gnade Ihnen Gott!“
+
+„Wenn nun Kühlemanns Nierensteine sich doch noch verziehen?“
+
+„Sie haben die Verantwortung! Um meinen Kopf geht es auch!“ Wulckow ließ
+sich krachend auf seinen Sitz fallen. Er rauchte wütend. Als die Wolken
+zergingen, hatte er sich aufgeheitert. „Was ich Ihnen auf dem Harmoniefest
+gesagt habe, dabei bleibt es. Dieser Reichstag macht es nicht mehr lange,
+arbeiten Sie vor in der Stadt. Helfen Sie mir gegen Buck, ich helfe Ihnen
+gegen Klüsing.“
+
+„Herr Präsident!“ Wulckows Lächeln schuf in Diederich einen Überschwang
+von Hoffnung, er konnte nicht an sich halten. „Wenn Sie es ihn unter der
+Hand wissen ließen, daß Sie ihm eventuell die Aufträge entziehen! An die
+große Glocke hängt er es nicht, das brauchen Sie nicht zu fürchten; aber
+er wird seine Anstalten treffen. Vielleicht verhandelt er –“
+
+„Mit seinem Nachfolger“, schloß Wulckow. Da mußte Diederich aufspringen
+und seinerseits durch das Zimmer laufen. „Wenn Sie wüßten, Herr
+Präsident ... Gausenfeld ist sozusagen eine Maschine mit
+Tausendpferdekraft, und die steht da und verrostet, weil der Strom fehlt,
+ich will sagen, der moderne, großzügige Geist!“
+
+„Den scheinen Sie zu haben“, meinte Wulckow.
+
+„Im Dienst der nationalen Sache“, beteuerte Diederich. Er kehrte zurück.
+„Das Kaiser-Wilhelm-Denkmal-Komitee wird sich glücklich schätzen, wenn es
+uns gelingen würde, daß Sie so gut sind, Herr Präsident, und bekunden der
+Sache Ihr geschätztes Interesse durch Annahme des Ehrenvorsitzes.“
+
+„Gemacht“, sagte Wulckow.
+
+„Die aufopfernde Tätigkeit seines Herrn Ehrenvorsitzenden wird das Komitee
+entsprechend zu würdigen wissen.“
+
+„Erklären Sie sich mal näher!“ In Wulckows Stimme grollte es unheilvoll,
+aber Diederich bei seiner Angeregtheit überhörte es.
+
+„Die Idee hat bereits zu gewissen Erörterungen im Schoße des Komitees
+geführt. Man wünscht das Denkmal in frequentester Lage zu errichten und
+mit einem Volkspark zu umgeben, damit nämlich die unlösbare Verbindung von
+Herrscher und Volk sinnfällig in die Erscheinung tritt. Da haben wir nun
+im Zentrum der Stadt an ein größeres Grundstück gedacht; auch die
+Nachbargebäude wären zu haben; es ist in der Meisestraße.“
+
+„Soso. Meisestraße.“ Wulckows Brauen hatten sich gewitterhaft
+zusammengezogen. Diederich erschrak, aber es gab kein Halten mehr.
+
+„Der Gedanke ist aufgetaucht, daß wir uns, noch bevor die Stadt der Sache
+näher tritt, die betreffenden Grundstücke sichern und unbefugten
+Spekulationen zuvorkommen sollen. Unser Herr Ehrenvorsitzender hätte
+natürlich das erste Anrecht ...“
+
+Nach diesem Wort wich Diederich zurück, der Sturm brach los. „Herr! Für
+wen halten Sie mich? Bin ich Ihr Geschäftsagent? Das ist unerhört, das war
+noch nicht da! So ein Koofmich mutet dem Königlichen Regierungspräsidenten
+zu, er soll seine schmutzigen Geschäfte mitmachen!“
+
+Wulckow dröhnte übermenschlich, er drang mit seiner gewaltigen Körperwärme
+und mit seinem persönlichen Geruch gegen Diederich vor, der sich rückwärts
+bewegte. Auch der Hund war aufgestanden und ging kläffend zum Angriff
+über. Das Zimmer war auf einmal erfüllt von Graus und Getöse.
+
+„Sie machen sich einer schweren Beamtenbeleidigung schuldig, Herr!“ schrie
+Wulckow, und Diederich, der hinter sich nach der Tür tastete, hatte nur
+Vermutungen darüber, wer ihm früher an der Kehle sitzen werde, der Hund
+oder der Präsident. Seine angstvoll irrenden Augen trafen das bleiche
+Gesicht, das von der Wand herab drohte und blitzte. Nun hatte er sie an
+der Kehle, die Macht! Vermessen hatte er sich, mit der Macht auf
+vertrautem Fuß zu verkehren. Das war sein Verderben, sie brach über ihn
+herein mit dem Entsetzen eines Weltuntergangs ... Die Tür hinter dem
+Schreibtisch ging auf, jemand in Polizeiuniform trat ein. Den
+schlotternden Diederich überraschte er nicht mehr. Wulckow ward durch die
+Gegenwart der Uniform auf einen neuen furchtbaren Gedanken gebracht. „Ich
+kann Sie augenblicklich verhaften lassen, Sie Jammerprinz, wegen
+versuchter Beamtenbestechung, wegen Bestechungsversuch an einer Behörde,
+an der obersten Behörde des Regierungsbezirks! Ich bringe Sie ins
+Zuchthaus, ich ruiniere Sie für Ihr Leben!“
+
+Auf den Herrn von der Polizei schien dieses Jüngste Gericht nicht entfernt
+den Eindruck zu machen wie auf Diederich. Er legte das Papier, das er
+brachte, auf den Schreibtisch nieder und verschwand. Übrigens drehte auch
+Wulckow sich plötzlich um; er zündete seine Zigarre wieder an, Diederich
+war nicht mehr da für ihn. Und auch Schnaps ließ von ihm ab, als sei er
+Luft. Da wagte Diederich es, die Hände zu falten.
+
+„Herr Präsident,“ flüsterte er wankend, „Herr Präsident, erlauben Herr
+Präsident, daß ich feststellen darf, es liegt ein, darf ich feststellen,
+tief bedauerliches Mißverständnis vor. Nie würde ich, bei meiner
+wohlbekannten nationalen Gesinnung –. Wie könnte ich!“
+
+Er wartete, aber niemand bekümmerte sich um ihn.
+
+„Wenn ich auf meinen Vorteil sähe,“ begann er wieder, um etwas
+vernehmlicher, „anstatt daß ich immer nur das nationale Interesse im Auge
+habe, dann wäre ich heute nicht hier, dann wäre ich bei dem Herrn Buck.
+Denn der Herr Buck, jawohl, der hat mir zugemutet, ich soll mein
+Grundstück an die Stadt verkaufen, für das freisinnige Säuglingsheim. Aber
+das Ansinnen hab’ ich mit Entrüstung zurückgewiesen und habe den geraden
+Weg gefunden zu Ihnen, Herr Präsident. Denn besser, hab’ ich gesagt, das
+Denkmal Kaiser Wilhelms des Großen im Herzen als das Säuglingsheim in der
+Tasche, hab’ ich gesagt und sag’ es auch hier mit lauter Stimme!“
+
+Da Diederich in der Tat die Stimme erhob, wandte Wulckow sich ihm zu.
+„Sind Sie noch immer da?“ fragte er. Und Diederich, aufs neue ersterbend:
+„Herr Präsident –“
+
+„Was wollen Sie noch? Ich kenne Sie überhaupt nicht. Habe nie mit Ihnen
+verhandelt.“
+
+„Herr Präsident, im nationalen Interesse –“
+
+„Mit Grundstücksspekulanten verhandele ich nicht. Verkaufen Sie Ihr
+Grundstück, und dalli; nachher können wir reden.“
+
+Diederich, erblaßt, mit dem Gefühl, als werde er an der Wand zerquetscht:
+„In dem Fall bleibt es bei unseren Bedingungen? Der Orden? Der Wink an
+Klüsing? Der Ehrenvorsitz?“
+
+Wulckow zog eine Grimasse. „Meinetwegen. Aber sofort verkaufen!“
+
+Diederich rang nach Atem. „Ich bringe das Opfer!“ erklärte er. „Denn das
+Höchste, was der kaisertreue Mann hat, meine kaisertreue Gesinnung, muß
+über jedem Verdacht stehen.“
+
+„Na ja“, sagte Wulckow, indes Diederich sich zurückzog, stolz auf seinen
+Abgang, wenn auch beengt durch die Empfindung, daß der Präsident ihn als
+Bundesgenossen nicht lieber ertrug als er selbst seinen Maschinenmeister.
+
+Im Salon fand er Emmi und Magda ganz allein in einem Prachtwerk blätternd.
+Die Gäste waren fort, und auch Frau von Wulckow hatte sie verlassen, weil
+sie sich anziehen mußte zur Soiree bei der Frau Oberst von Haffke. „Meine
+Unterredung mit dem Präsidenten ist für beide Teile durchaus befriedigend
+verlaufen“, stellte Diederich fest; und draußen auf der Straße: „Da sieht
+man es, was es heißt, wenn zwei loyale Männer verhandeln. In dem heutigen
+verjudeten Geschäftsbetrieb kennt man das gar nicht mehr.“
+
+Emmi, gleichfalls sehr angeregt, erklärte, daß sie Reitstunden nehmen
+werde. „Wenn ich dir das Geld gebe“, sagte Diederich, aber nur der Ordnung
+wegen, denn er war stolz auf Emmi. „Hat Leutnant von Brietzen nicht
+Schwestern?“ bemerkte er. „Du solltest bekannt werden und uns Einladungen
+verschaffen zur nächsten Soiree der Frau Oberst.“ Gerade ging drüben der
+Oberst vorbei. Diederich sah ihm lange nach. „Ich weiß wohl,“ sagte er,
+„man soll sich nicht umdrehen; aber das ist nun mal das Höchste, es zieht
+einen hin!“
+
+
+
+Dennoch hatte der Vertrag mit Wulckow nur seine Sorgen vergrößert. Der
+handgreiflichen Verpflichtung, sein Haus zu verkaufen, stand nichts
+gegenüber als Hoffnungen und Aussichten: nebelhafte Aussichten, allzu
+kühne Hoffnungen ... Es fror; Diederich ging am Sonntag in den Stadtpark,
+wo es schon dunkelte, und auf einem einsamen Pfad begegnete er Wolfgang
+Buck.
+
+„Ich habe mich nun doch entschlossen“, erklärte Buck. „Ich gehe zur
+Bühne.“
+
+„Und Ihre bürgerliche Stellung? Und Ihre Heirat?“
+
+„Ich habe es versucht, aber das Theater ist vorzuziehen. Es wird dort
+weniger Komödie gespielt, wissen Sie, man ist ehrlicher bei der Sache.
+Auch sind die Weiber schöner.“
+
+„Das ist kein Standpunkt“, erwiderte Diederich. Aber Buck war es ernst.
+„Ich muß zugeben, das Gerücht über Guste und mich hat mir Spaß gemacht.
+Andererseits: so blödsinnig es ist, es ist nun einmal da, das Mädchen
+leidet darunter, ich kann sie nicht länger kompromittieren.“
+
+Diederich widmete ihm einen abschätzigen Seitenblick, denn er hatte den
+Eindruck, Buck nahm das Gerücht zum Vorwand, um sich zu drücken. „Sie
+werden wohl wissen,“ versetzte er streng, „was Sie da anrichten. Ein
+anderer nimmt sie jetzt natürlich auch nicht mehr leicht. Es gehört schon
+verdammt viel ritterliche Gesinnung dazu.“
+
+Buck bestätigte dies. „Für einen wirklich modernen, großzügigen Mann“,
+sagte er bedeutungsvoll, „müßte es eine besondere Genugtuung sein, ein
+Mädchen unter solchen Umständen zu sich hinaufzuziehen und für sie
+einzutreten. Hier, wo auch Geld ist, würde zweifellos der Edelmut zuletzt
+das Feld behaupten. Denken Sie an das Gottesgericht im Lohengrin.“
+
+„Wieso, Lohengrin?“
+
+Hierauf antwortete Buck nicht mehr; da sie das Sachsentor erreicht hatten,
+ward er unruhig. „Kommen Sie mit hinein?“ fragte er. – „Wo denn hinein?“ –
+„Gleich hier, Schweinichenstraße 77. Ich muß es ihr doch sagen, Sie
+könnten vielleicht –.“ Da pfiff Diederich durch die Zähne.
+
+„Sie sind wirklich –. Sie haben ihr noch nichts gesagt? Vorher erzählen
+Sie es in der Stadt umher? Ihre Sache, mein Bester, aber mich lassen Sie
+aus dem Spiel, den Bräuten anderer Leute pflege ich nicht die Verlobung zu
+kündigen.“
+
+„Machen Sie eine Ausnahme“, bat Buck. „Mir werden Szenen im Leben so
+schwer.“
+
+„Ich habe Grundsätze“, sagte Diederich. Buck lenkte ein.
+
+„Sie brauchen nichts zu sagen; Sie sollen mir nur in einer stummen Rolle
+als moralische Unterstützung dienen.“
+
+„Moralisch?“ fragte Diederich.
+
+„Als Vertreter sozusagen des verhängnisvollen Gerüchtes.“
+
+„Was wollen Sie damit sagen?“
+
+„Ich scherze. Da sind wir, kommen Sie.“
+
+Und Diederich, betroffen durch Bucks letzte Wendung, ging wortlos mit.
+
+Frau Daimchen war ausgegangen, und Guste ließ auf sich warten. Buck ging
+nachzusehen, was sie mache. Endlich kam sie, aber allein. „War nicht auch
+Wolfgang da?“ fragte sie.
+
+Buck war ausgerissen!
+
+„Das begreife ich nicht“, sagte Diederich. „Er hatte doch etwas ganz
+Dringendes bei Ihnen vor.“
+
+Hierauf errötete Guste. Diederich wandte sich der Tür zu. „Dann empfehle
+ich mich auch.“
+
+„Was wollte er denn?“ forschte sie. „Das kommt bei ihm doch nicht oft vor,
+daß er etwas will. Und wozu bringt er Sie mit?“
+
+„Das sehe ich auch nicht ein. Ich darf sogar sagen, daß ich es entschieden
+mißbillige, wenn er sich bei einer solchen Gelegenheit Zeugen nimmt. Meine
+Schuld ist es nicht, adieu.“
+
+Aber je verlegener er sie ansah, desto dringender ward sie.
+
+„Ich muß es ablehnen,“ verriet er schließlich, „daß ich mir mit den
+Angelegenheiten Dritter soll den Mund verbrennen, noch dazu, wenn der
+Dritte durchgeht und entzieht sich seinen nächstliegenden
+Verpflichtungen.“
+
+Gustes aufgerissene Augen sahen die Worte einzeln aus Diederichs Mund
+hervorkommen. Als das letzte gefallen war, verharrte sie einen Augenblick
+reglos, und dann warf sie die Hände vor das Gesicht. Sie schluchzte, man
+sah ihre Wangen aufquellen und die Tränen ihr durch die Finger rinnen. Sie
+hatte kein Schnupftuch; Diederich lieh es ihr, betreten durch ihren
+Schmerz. „Schließlich“, meinte er, „ist ja so viel nicht an ihm verloren.“
+Da aber empörte sich Guste. „Das sagen Sie! Sie sind derjenige welcher und
+haben immer gegen ihn gehetzt. Daß er ausgerechnet Sie muß herschicken,
+das kommt mir mehr wie sonderbar vor.“
+
+„Wie meinen Sie das, bitte?“ verlangte Diederich seinerseits. „Sie mußten
+wohl reichlich so genau wissen wie ich, geehrtes Fräulein, was Sie von dem
+betreffenden Herrn zu erwarten hatten. Denn wo die Gesinnung schlapp ist,
+ist alles schlapp.“
+
+Da sie ihn höhnisch musterte, versetzte er um so strenger:
+
+„Ich habe Ihnen alles richtig vorausgesagt.“
+
+„Weil es Ihnen so paßte“, erwiderte sie giftig. Und Diederich, mit Ironie:
+„Er hat mich doch selbst angestellt, daß ich seinen Kochtopf sollte
+umrühren. Und wenn der Kochtopf nicht in braune Lappen eingewickelt
+gewesen wäre, hätte er ihn schon längst überkochen lassen.“
+
+Da rang es sich los aus Guste. „Haben Sie ’ne Ahnung! Das ist es ja, das
+kann und kann ich ihm nicht verzeihen, daß ihm immer _alles_ wurscht war,
+sogar mein Geld!“
+
+Diederich war erschüttert. „Mit so einem soll man sich nicht einlassen“,
+stellte er fest. „Die haben keinen Halt und laufen einem durch die
+Finger.“ Er nickte gewichtig. „Wem das Geld wurscht ist, der versteht das
+Leben nicht.“
+
+Guste lächelte blaß. „Dann verstehen Sie es glänzend.“
+
+„Das wollen wir hoffen“, sagte er. Sie kam näher zu ihm, durch ihre
+letzten Tränen blinzelte sie ihn an.
+
+„Recht haben Sie ja nun behalten. Was meinen Sie wohl, das ich mir daraus
+mache?“ Sie verzog den Mund. „Ich hab’ ihn doch überhaupt nicht geliebt.
+Bloß auf die Gelegenheit hab’ ich gewartet, daß ich ihn loswerde. Nun ist
+er so gemein und geht von selbst ... Dann machen wir es ohne ihn“, setzte
+sie hinzu, mit einem verlockenden Blick. Aber Diederich nahm nur sein
+Schnupftuch zurück, für alles andere schien er zu danken. Guste begriff,
+daß er noch ebenso streng dachte, wie damals im Liebeskabinett; um so
+demütiger verhielt sie sich.
+
+„Sie spielen gewiß auf meine Lage an, wo ich nun drin bin.“
+
+Er lehnte ab. „Ich habe nichts gesagt.“ Guste klagte still. „Wenn die
+Leute Gemeinheiten über mich reden, dafür kann ich doch nicht!“
+
+„Ich auch nicht.“
+
+Guste senkte den Kopf. „Na ja, ich muß es wohl einsehen. So eine wie ich
+verdient nicht mehr, daß ein wirklich feiner Mann mit ernsten Ansichten
+vom Leben sie noch nimmt.“ Und dabei schielte sie von unten nach der
+Wirkung.
+
+Diederich schnaufte. „Es kann auch sein –“, begann er und machte eine
+Pause. Guste atmete nicht. „Nehmen wir einmal an,“ sagte er mit
+schneidender Betonung, „jemand hat im Gegenteil die allerernstesten
+Ansichten vom Leben, und er empfindet modern und großzügig, und im vollen
+Gefühl der Verantwortlichkeit gegen sich selbst sowohl als gegen seine
+künftigen Kinder, wie gegen Kaiser und Vaterland übernimmt er den Schutz
+des wehrlosen Weibes und zieht es zu sich empor.“
+
+Gustes Miene war immer frommer geworden. Sie lehnte die Handflächen
+aneinander und sah ihn mit schiefem Kopf innig flehend an. Dies schien
+noch nicht zu genügen, er verlangte offenbar etwas ganz Besonderes: und so
+fiel Guste plumps auf die Knie. Da nahte Diederich ihr gnädig. „So soll es
+sein“, sagte er und blitzte.
+
+Hier trat Frau Daimchen ein. „Nanu,“ bemerkte sie, „was ist denn los?“ Und
+Guste, mit Geistesgegenwart: „Ach Gott, Mutter, wir suchen meinen Ring“, –
+worauf auch Frau Daimchen sich am Boden niederließ. Diederich wollte nicht
+zurückstehen. Nach einer Weile stummen Umherkriechens rief Guste: „Hat ihm
+schon!“ Sie stand entschlossen auf.
+
+„Daß du es nur weißt, Mutter, ich habe mich verändert.“
+
+Frau Daimchen, noch außer Atem, begriff nicht sogleich. Guste und
+Diederich vereinten ihre Anstrengungen, um sie aufzuklären. Schließlich
+gestand sie, daß sie selbst, weil die Leute nun einmal redeten, an so
+etwas schon gedacht habe. „Wolfgang war sowieso ’n bißchen zu
+miesepeterig, außer er hatte was getrunken. Bloß die Familie, dagegen
+kommen Heßlings nicht auf.“
+
+Das werde sie sehen, behauptete Diederich; und er kündigte an, daß nichts
+abgemacht sei, solange das Praktische auch nicht stimmte. Die Ausweise
+über Gustes Mitgift mußten herbei, dann verlangte er Gütergemeinschaft –
+und was er nachher mit dem Gelde anfing, da durfte niemand hineinreden!
+Bei jedem Widerspruch hielt er den Türgriff schon in der Hand, und
+jedesmal sprach Guste leise und angstvoll zu ihrer Mutter: „Soll denn
+morgen die ganze Stadt sich den Mund verrenken, weil ich den einen los
+bin, und der andere ist auch gleich wieder weg?“
+
+Als alles stimmte, ward Diederich jovial. Er aß zu Abend mit den Damen und
+wollte schon, ohne lange zu fragen, das Dienstmädchen nach dem
+Verlobungssekt schicken. Dies kränkte Frau Daimchen, denn natürlich hatte
+sie welchen im Hause, das verlangten die Herren Offiziere, die bei ihr
+verkehrten. „Überhaupt haben Sie mehr Glück als Verstand, denn den Herrn
+Leutnant von Brietzen hätte Guste auch gekriegt.“ Darauf lachte Diederich
+wohlgemut. Alles ging gut. Für ihn das viele Geld, und der Leutnant von
+Brietzen für Emmi!... Man ward sehr lustig; bei der zweiten Flasche
+taumelte das Brautpaar auf seinen Stühlen immer einer gegen den anderen,
+ihre Füße waren umeinandergewickelt bis zum Knie, und Diederichs Hand
+beschäftigte sich unten. Drüben drehte Frau Daimchen die Daumen. Plötzlich
+verursachte Diederich ein donnerndes Geräusch und erklärte sofort, er
+übernehme dafür die volle Verantwortung, es sei in aristokratischen
+Kreisen üblich, er verkehre bei Wulckows.
+
+Welche Überraschung, als Netzig den Umschwung der Dinge erfuhr! Auf die
+Erkundigungen der Gratulanten erwiderte Diederich, was er mit den
+anderthalb Millionen seiner Frau beginnen werde, sei ganz ungewiß.
+Vielleicht ziehe er nach Berlin, für großzügige Unternehmungen sei es das
+Angezeigte. Seine Fabrik jedenfalls denke er bei Gelegenheit zu verkaufen.
+„Die Papierindustrie macht überhaupt eine Krise durch; diese mitten in
+Netzig gelegene Klitsche hat in meinen Verhältnissen keinen Sinn mehr.“
+
+Daheim gab es eitel Sonnenschein. Die Schwestern erhielten ein erhöhtes
+Taschengeld, und seiner Mutter gestattete Diederich so viele Rührszenen
+und Umarmungen, als sie sich irgend wünschen konnte; ja, er nahm willig
+ihren Segen entgegen. Guste, so oft sie kam, trat in der Rolle einer Fee
+auf, die Arme voll Blumen, Bonbons, silbernen Beuteln. An ihrer Seite
+schien Diederich über Blumen zu wandeln. Die Tage entschwebten himmlisch
+leicht, unter Einkäufen, Sektfrühstücken und den Brautvisiten, einen
+vornehmen Lohndiener auf dem Bock, und drinnen im Wagen die Verlobten
+anregend miteinander beschäftigt.
+
+Die schöne Laune, die mit ihrem Dasein spielte, führte sie eines Abends in
+den Lohengrin. Die beiden Mütter hatten sich dazu verstehen müssen, zu
+Hause zu bleiben; es war der feste Wille des Brautpaares, der
+Schicklichkeit zum Trotz allein in einer Proszeniumsloge zu sitzen. Das
+breite rote Plüschsofa an der Wand, wo man nicht gesehen werden konnte,
+war eingedrückt und fleckig, es hatte etwas Reizvoll-Fragwürdiges. Guste
+wollte wissen, daß diese Loge eigentlich den Herren Offizieren gehörte,
+und daß sie hier Besuche von Schauspielerinnen empfingen!
+
+„Über die Schauspielerinnen sind wir glücklich hinaus“, erklärte
+Diederich, und er ließ durchblicken, daß er allerdings bis vor kurzem mit
+einer gewissen Dame vom Theater, die er natürlich nicht nennen könne –.
+Gustes fieberhafte Fragen wurden rechtzeitig unterbrochen durch das
+Klopfen des Kapellmeisters. Sie nahmen ihre Plätze ein.
+
+„Hähnisch ist noch wabbeliger geworden“, bemerkte Guste sogleich, und sie
+nickte nach dem Dirigenten hinab. Er machte auf Diederich einen
+hochkünstlerischen, wenn auch ungesunden Eindruck. Schwarze, verwirrte
+Haarsträhnen wippten, indes er mit allen seinen Gliedmaßen den Takt
+schlug, über seinem großen grauen Gesicht, dessen Fettsäcke mitwippten;
+und in Frack und Hose wogte es rhythmisch. Im Orchester war großer
+Betrieb, dennoch gab Diederich zu verstehen, daß er auf Ouvertüren keinen
+Wert lege. Überhaupt, meinte Guste, wenn man den Lohengrin in Berlin
+kannte! Der Vorhang ging auf, und schon kicherte sie verachtungsvoll.
+„Gott, die Ortrud! Sie hat einen Schlafrock und ein Frontkorsett!“
+Diederich hielt sich mehr an den König unter der Eiche, der sichtlich die
+prominenteste Persönlichkeit war. Sein Auftreten wirkte nicht besonders
+schneidig; Wulckow brachte Baß und Vollbart entschieden besser zur
+Geltung; aber was er äußerte, war vom nationalen Standpunkt aus zu
+begrüßen. „Des Reiches Ehr’ zu wahren, ob Ost, ob West.“ Bravo! So oft er
+das Wort deutsch sang, reckte er die Hand hinauf, und die Musik
+bekräftigte es ihrerseits. Auch sonst unterstrich sie einem markig, was
+man hören sollte. Markig, das war das Wort. Diederich wünschte sich, er
+hätte zu seiner Rede in der Kanalisationsdebatte eine solche Musik gehabt.
+Der Heerrufer dagegen stimmte ihn wehmütig, denn er glich aufs Haar dem
+dicken Delitzsch in all seiner verflossenen Bierehrlichkeit. Infolgedessen
+sah Diederich die Gesichter der Mannen näher an und fand überall
+Neuteutonen. Sie hatten größere Bäuche und Bärte bekommen und sich gegen
+die harte Zeit mit Blech gerüstet. Auch schienen nicht alle sich in
+günstigen Lebensumständen zu befinden; die Edlen sahen aus wie mittlere
+Beamte des Mittelalters, mit Ledergesichtern und Knickebeinen, die Unedlen
+noch weniger glänzend; aber der Verkehr mit ihnen wäre unzweifelhaft in
+tadellosen Formen verlaufen. Überhaupt ward Diederich gewahr, daß man sich
+in dieser Oper sogleich wie zu Hause fühlte. Schilder und Schwerter, viel
+rasselndes Blech, kaisertreue Gesinnung, Ha und Heil und hochgehaltene
+Banner, und die deutsche Eiche: man hätte mitspielen mögen.
+
+Was den weiblichen Teil der Brabanter Gesellschaft betraf, der ließ
+freilich zu wünschen. Guste stellte spöttische Fragen: welche es denn nun
+sei, mit der er –. „Vielleicht die Ziege in dem Hängekleid? Oder die dicke
+Kuh mit dem Goldreifen zwischen den Hörnern?“ Und Diederich war nicht weit
+davon entfernt, sich für die schwarze Dame mit dem Frontkorsett zu
+entscheiden, als er noch rechtzeitig bemerkte, daß eben sie in der ganzen
+Angelegenheit nicht einwandfrei dastand. Ihr Gatte Telramund schien
+zunächst noch leidlich Komment zu haben, aber eine höchst üble
+Klatschgeschichte spielte offenbar auch hier mit. Leider war die deutsche
+Treue, selbst wo sie ein so glänzendes Bild darbot, bedroht von den
+jüdischen Machenschaften der dunkelhaarigen Rasse.
+
+Beim Auftreten Elsas war es ohne weiteres klar, auf welcher Seite man
+Klasse voraussetzen durfte. Der biedere König hätte es nicht nötig gehabt,
+die Sache dermaßen objektiv zu behandeln: Elsas ausgesprochen germanischer
+Typ, ihr wallendes blondes Haar, ihr gutrassiges Benehmen boten von
+vornherein gewisse Garantien. Diederich faßte sie ins Auge, sie sah
+herauf, sie lächelte lieblich. Darauf griff er nach dem Opernglas, aber
+Guste entriß es ihm. „Also die Merée ist es?“ zischte sie; und da er
+vielsagend lächelte: „Einen feinen Geschmack hast du, ich kann mich
+geschmeichelt fühlen. Die ausgemergelte Jüdin!“ – „Jüdin?“ – „Die Merée,
+selbstredend, sie heißt doch Meseritz, und vierzig Jahre ist sie alt.“ –
+Betreten nahm er das Glas, das Guste ihm höhnisch anbot, und überzeugte
+sich. Na ja, die Welt des Scheins. Enttäuscht lehnte Diederich sich
+zurück. Dennoch konnte er nicht hindern, daß Elsas keusche Vorahnung
+weiblicher Lustempfindungen ihn gerade so sehr rührte wie den König und
+die Edlen. Das Gottesgericht schien auch ihm ein hervorragend praktischer
+Ausweg, auf die Weise ward niemand kompromittiert. Daß die Edlen sich auf
+die faule Sache nicht einlassen würden, war freilich vorherzusehen. Man
+mußte schon mit etwas Außerordentlichem rechnen; die Musik tat das ihre,
+sie machte einen geradezu auf alles gefaßt. Diederich hatte den Mund offen
+und so dummselige Augen, daß Guste heimlich einen Lachkrampf bekam. Jetzt
+war er so weit, alle waren so weit, jetzt konnte Lohengrin kommen. Er kam,
+funkelte, schickte den Zauberschwan fort, funkelte noch betörender.
+Mannen, Edle und der König unterlagen alle derselben Verblüffung wie
+Diederich. Nicht umsonst gab es höhere Mächte.... Ja, die allerhöchste
+Macht verkörperte sich hier, zauberhaft blitzend. Ob Schwanen- oder
+Adlerhelm: Elsa wußte wohl, warum sie plumps vor ihm auf die Knie fiel.
+Diederich seinerseits blitzte Guste an, ihr verging das Lachen. Auch sie
+hatte erfahren, wie es war, wenn alle einen verklatschten, und den ersten
+war man los und konnte sich nirgends mehr sehen lassen und hätte überhaupt
+wegziehen müssen: und da kam der Held und Retter und machte sich aus der
+ganzen Geschichte nichts und nahm einen doch! „So soll es sein!“ sagte
+Diederich und nickte auf die kniefällige Elsa hinab – indes Guste, die
+Lider gesenkt, in reuevoller Unterwerfung gegen seine Schulter fiel.
+
+Das weitere konnte man an den Fingern abzählen. Telramund machte sich
+einfach unmöglich. Gegen die Macht unternahm man eben nichts. Zu ihrem
+Repräsentanten Lohengrin verhielt sich sogar der König höchstens wie ein
+besserer Bundesfürst. Er sang seinem Vorgesetzten die Siegeshymne mit. Der
+Hort der guten Gesinnung ward schwungvoll gefeiert, die Umstürzler mochten
+den deutschen Staub von ihren Pantoffeln schütteln.
+
+Der zweite Akt – Guste aß noch immer, sanft hingegeben, Pralinees –
+brachte zunächst in erhebender Weise den Gegensatz zur Anschauung zwischen
+dem glanzvollen, ohne Mißton verlaufenden Fest der Gutgesinnten in den
+vornehm erleuchteten Räumen des Palastes, und den beiden dunkeln Empörern,
+die stark heruntergekommen auf dem Pflaster lagen. „Erhebe dich, Genossin
+meiner Schmach“, meinte Diederich bei passender Gelegenheit selbst schon
+angewendet zu haben. Er verband Ortrud mit gewissen persönlichen
+Erinnerungen: ein ganz gemeines Luder, darüber war nichts zu sagen; aber
+irgendwas regte sich in ihm, wenn sie ihren Kerl einwickelte und unter
+sich hatte. Er träumte.... Vor Elsa, der dummen Gans, mit der sie machte
+was sie wollte, hatte Ortrud das gewisse Etwas voraus, das die energischen
+und strengen Damen haben. Elsa freilich konnte man heiraten. Er schielte
+nach Guste. „Es gibt ein Glück, das ohne Reu“, bemerkte Elsa; und
+Diederich zu Guste: „Das wollen wir hoffen.“
+
+Den frisch ausgeschlafenen Edlen und Mannen wurde sodann durch den dicken
+Delitzsch eröffnet, daß sie Dank Gottes Gnade einen neuen Landesfürsten
+bekommen hatten. Gestern standen sie noch treu und bieder zu Telramund,
+heute waren sie biedere, treue Untertanen Lohengrins. Sie erlaubten sich
+keine Meinung und schluckten jede Vorlage. „Den Reichstag bringen wir auch
+noch so weit“, gelobte Diederich.
+
+Wie aber Ortrud vor Elsa in das Münster treten wollte, empörte sich Guste.
+„Das hat sie nun nicht nötig, darüber ärgere ich mich immer. Wo sie doch
+nichts mehr hat, und überhaupt.“ – „Jüdische Frechheit“, murmelte
+Diederich. Übrigens konnte er nicht umhin, Lohengrin, gelinde gesagt,
+unvorsichtig zu finden, als er es glatt in Elsas Hand legte, ob er seinen
+Namen verraten und dadurch das ganze Geschäft in Frage stellen sollte oder
+nicht. So viel durfte man Weibern nicht zumuten. Und wozu? Den Mannen
+brauchte er nicht erst zu beweisen, daß er, trotz dem Nörgler Telramund,
+reine Hände und keinen Fleck auf der Weste habe: ihre nationale Gesinnung
+war durchaus unverdächtig.
+
+Guste verhieß ihm, im dritten Akt käme das Allerschönste, aber dafür müsse
+sie durchaus noch Pralinees haben. Als man sie hatte, stieg der
+Hochzeitsmarsch, und Diederich sang ihn mit. Die Mannen im Festzuge
+verloren entschieden ohne Blech und Banner, auch Lohengrin hätte sich
+besser nicht im Wams gezeigt. Diederich ward bei seinem Anblick wieder
+einmal von dem Wert der Uniform durchdrungen. Die Damen waren glücklich
+fort, mit ihren Stimmen wie saure Milch. Aber der König! Er konnte nicht
+wegfinden von dem Brautpaar, biederte sich an und schien am liebsten als
+Zuschauer dableiben zu wollen. Diederich, dem der König schon immer zu
+konziliant gewesen war für diese harte Zeit, nannte ihn jetzt einfach eine
+Nulpe.
+
+Endlich fand er die Tür, Lohengrin und Elsa machten sich auf dem Sofa an
+die „Wonnen, die nur Gott verleiht“. Zuerst umschlangen sie sich nur oben,
+die unteren Körperteile saßen nach Möglichkeit voneinander entfernt. Je
+mehr sie aber sangen, um so näher rutschten sie heran, – wobei ihre
+Gesichter sich häufig auf Hähnisch richteten. Hähnisch und sein Orchester
+schienen ihnen einzuheizen: es war begreiflich, denn auch Diederich und
+Guste in ihrer stillen Loge schnauften leise und sahen einander an mit
+erhitzten Augen. Die Gefühle gingen den Weg der Zauberklänge, die Hähnisch
+mit wogenden Gliedern hervorlockte, und die Hände folgten ihnen. Diederich
+ließ die seine zwischen Gustes Stuhl und ihrem Rücken hinabgleiten,
+umspannte sie unten und murmelte betört: „Wie ich das zum erstenmal
+gesehen habe, gleich hab’ ich gesagt, die oder keine!“
+
+Aber da wurden sie aus dem Zauberbann gerissen durch einen Zwischenfall,
+der bestimmt schien, die Kunstfreunde Netzigs noch lange zu beschäftigen.
+Lohengrin zeigte sein Jägerhemd! Eben stimmte er an: „Atmest du nicht mit
+mir die süßen Düfte“, da kam es hinten aus dem Wams hervor, das aufging.
+Bis Elsa ihn, sichtlich erregt, zugeknöpft hatte, herrschte im Hause
+lebhafte Unruhe; dann erlag es wieder dem Zauberbann. Guste freilich, die
+sich mit einem Pralinee verschluckt hatte, stieß auf ein Bedenken. „Wie
+lange trägt er das Hemd schon? Und überhaupt, er hat doch nichts mit, der
+Schwan ist mit seinem Gepäck abgeschwommen!“ Diederich verwies ihr
+ernstlich das Nachdenken. „Du bist gerade so eine Gans wie Elsa“, stellte
+er fest. Denn Elsa war im Begriff, sich alles zu verderben, weil sie es
+nicht lassen konnte, ihren Mann nach seinen politischen Geheimnissen zu
+fragen. Der Umsturz ward vollends zerschmettert, denn Telramunds feiges
+Attentat mißlang durch Gottes Fügung; aber die Weiber, dies mußte
+Diederich sich sagen, wirkten, wenn man ihnen nicht die Kandare fest
+anzog, eher noch subversiver.
+
+Nach der Verwandlung ward dies vollends klar. Eiche, Banner, alles
+nationale Zubehör war wieder da; und „für deutsches Land das deutsche
+Schwert, so sei des Reiches Kraft bewährt“: bravo! Aber Lohengrin schien
+nun wirklich entschlossen, sich aus dem öffentlichen Leben zurückzuziehen.
+„Überall wurde an mir gezweifelt“, durfte auch er sagen. Nacheinander
+klagte er den toten Telramund und die ohnmächtige Elsa an. Da keins von
+beiden ihm widersprach, hätte er ohne weiteres recht behalten; dazu kam
+aber noch, daß er tatsächlich in der Rangliste obenan stand. Denn jetzt
+gab er sich zu erkennen. Die Nennung seines Namens rief bei der ganzen
+Versammlung, die noch nie von ihm gehört hatte, eine ungeheure Bewegung
+hervor. Die Mannen konnten sich gar nicht beruhigen; alles andere schienen
+sie erwartet zu haben, nur nicht, daß er Lohengrin hieß. Um so dringlicher
+ersuchten sie den geliebten Herrscher, von dem folgenschweren Schritt der
+Abdankung diesmal noch abzusehen. Aber Lohengrin blieb heiser und
+unnahbar. Übrigens wartete schon der Schwan. Eine letzte Frechheit Ortruds
+brach ihr zur allgemeinen Genugtuung den Hals. Leider deckte gleich darauf
+auch Elsa das Schlachtfeld, das Lohengrin, statt des entzauberten Schwans
+von einer kräftigen Taube gezogen, hinter sich ließ. Dafür war der junge,
+soeben eingetroffene Gottfried in drei Tagen der dritte Landesfürst, dem
+Edle und Mannen, treu und bieder wie immer, ihre Huldigung darbrachten.
+
+„Das kommt davon“, bemerkte Diederich, indes er Guste in den Mantel half.
+Alle diese Katastrophen, die Wesensäußerungen der Macht waren, hatten ihn
+erhoben und tief befriedigt. „Wovon kommt es denn“, meinte Guste, zum
+Widersprechen aufgelegt. „Bloß weil sie wissen will, wer er ist? Das kann
+sie wohl verlangen, das ist nicht mehr wie anständig.“ – „Es hat einen
+höheren Sinn“, erklärte ihr Diederich streng. „Die Geschichte mit dem
+Gral, das soll heißen, der allerhöchste Herr ist nächst Gott nur seinem
+Gewissen verantwortlich. Na und wir wieder ihm. Wenn das Interesse Seiner
+Majestät in Betracht kommt, kannst du machen was du willst, ich sage
+nichts, und eventuell –.“ Eine Handbewegung gab zu verstehen, daß auch er,
+in einen derartigen Konflikt gestellt, Guste unbedenklich dahinopfern
+würde. Dies erboste Guste. „Das ist ja Mord! Wie komm’ ich dazu, daß ich
+muß draufgehen, weil Lohengrin ein temperamentloser Hammel ist. Nicht
+einmal in der Hochzeitsnacht hat Elsa von ihm was gemerkt!“ Und Guste
+rümpfte die Nase, wie damals beim Verlassen des Liebeskabinetts, wo auch
+nichts geschehen war.
+
+Auf dem Heimweg versöhnten sich die Verlobten. „Das ist die Kunst, die wir
+brauchen!“ rief Diederich aus. „Das ist deutsche Kunst!“ Denn hier
+erschienen ihm, in Text und Musik, alle nationalen Forderungen erfüllt.
+Empörung war hier dasselbe wie Verbrechen, das Bestehende, Legitime ward
+glanzvoll gefeiert, auf Adel und Gottesgnadentum der höchste Wert gelegt,
+und das Volk, ein von den Ereignissen ewig überraschter Chor, schlug sich
+willig gegen die Feinde seiner Herren. Der kriegerische Unterbau und die
+mystischen Spitzen, beides war gewahrt. Auch wirkte es bekannt und
+sympathisch, daß in dieser Schöpfung der schönere und geliebtere Teil der
+Mann war. „Ich fühl’ das Herze mir vergehn, schau ich den wonniglichen
+Mann“, sangen auch die Männer samt dem König. So war denn die Musik an
+ihrem Teil der männlichen Wonne voll, war heldisch, wenn sie üppig war,
+und kaisertreu noch in der Brunst. Wer widerstand da? Tausend Aufführungen
+einer solchen Oper, und es gab niemand mehr, der nicht national war!
+Diederich sprach es aus: „Das Theater ist auch eine meiner Waffen.“ Kaum
+ein Majestätsbeleidigungsprozeß konnte die Bürger so gründlich aus dem
+Schlummer rütteln. „Ich habe den Lauer in die Vogtei gebracht, aber wer
+den Lohengrin geschrieben hat, vor dem nehm’ ich den Hut ab.“ Er schlug
+ein Zustimmungstelegramm an Wagner vor. Guste mußte ihn aufklären, es sei
+nicht mehr zu machen. Einmal auf so hohem Gedankenflug begriffen, äußerte
+sich Diederich über die Kunst im allgemeinen. Unter den Künsten gab es
+eine Rangordnung. „Die höchste ist die Musik, daher ist es die deutsche
+Kunst. Dann kommt das Drama.“
+
+„Warum?“ fragte Guste.
+
+„Weil man es manchmal in Musik setzen kann, und weil man es nicht zu lesen
+braucht, und überhaupt.“
+
+„Und was kommt dann?“
+
+„Die Porträtmalerei natürlich, wegen der Kaiserbilder. Das übrige ist
+nicht so wichtig.“
+
+„Und der Roman?“
+
+„Der ist keine Kunst. Wenigstens Gott sei Dank keine deutsche: das sagt
+schon der Name.“
+
+
+
+Und dann war der Hochzeitstag da. Denn beide hatten Eile: Guste wegen der
+Leute, Diederich aus Gründen der Politik. Um mehr Eindruck zu machen,
+hatte man beschlossen, daß Magda und Kienast am gleichen Tage heiraten
+sollten. Kienast war eingetroffen, und Diederich betrachtete ihn manchmal
+mit Unruhe, weil Kienast sich den Bart hatte abnehmen lassen, den
+Schnurrbart an den Augenwinkeln trug und auch schon blitzte. In den
+Verhandlungen über Magdas Gewinnanteil zeigte er einen schreckenerregenden
+Geschäftsgeist. Diederich, nicht ohne Besorgnis wegen des Ausgangs der
+Sache, wenn auch entschlossen, seine Pflicht gegen sich selbst restlos zu
+erfüllen, vertiefte sich jetzt öfter in seine Geschäftsbücher ... Sogar am
+Morgen vor seiner Trauung und schon im Frack, saß er im Kontor; da ward
+eine Karte gebracht: Karnauke, Premierleutnant a. D. „Was kann der wollen,
+Sötbier?“ Der alte Buchhalter wußte es auch nicht. Na egal. „Einen
+Offizier kann ich nicht abweisen.“ Und Diederich ging selbst zur Tür.
+
+In der Tür aber erschien ein ungewöhnlich strammer Herr in einem
+grünlichen Sommermantel, der troff, und den er am Halse fest geschlossen
+trug. Unter seinen spitzen Lackschuhen entstand sofort eine Lache, von
+seinem grünen Agrarierhütchen, das er merkwürdigerweise aufbehielt,
+regnete es. „Zunächst wollen wir uns mal trocken legen“, versetzte der
+Herr und begab sich, bevor Diederich zustimmte, zum Ofen. Hier sagte er
+schnarrend: „Verkaufen, was? Klemme, was?“ Diederich begriff nicht
+sogleich; dann warf er einen unruhigen Blick auf Sötbier. Der Alte hatte
+sich wieder an seinen Brief gemacht. „Herr Premierleutnant haben sich
+gewiß in der Hausnummer geirrt“, bemerkte Diederich schonend; aber es half
+nichts. „Quatsch. Weiß Bescheid. Nur keine Fisimatenten. Höherer Befehl.
+Schnauze halten und verkaufen, sonst gnade Gott.“
+
+Diese Sprache war zu auffallend; Diederich konnte nicht länger übersehen,
+daß trotz der militärischen Vergangenheit des Herrn seine ungeheure
+Strammheit nicht echt war und daß seine Augen verglast waren. In dem
+Augenblick, als Diederich dies feststellte, nahm der Herr sein grünes
+Agrarierhütchen vom Kopf und entleerte es seines Wassers auf Diederichs
+Frackhemd. Dies veranlaßte Diederich zu einem Protest, aber der Herr nahm
+ihn sehr übel. „Ich stehe Ihnen zur Verfügung“, schnarrte er. „Die Herren
+von Quitzin und von Wulckow werden in meinem Auftrag mit Ihnen reden.“
+Dabei zwinkerte er angestrengt – und Diederich, dem ein schrecklicher
+Verdacht kam, vergaß seinen Zorn, er war einzig bedacht, den
+Premierleutnant aus der Tür zu drängen. „Wir sprechen draußen“, raunte er
+ihm zu, und nach der anderen Seite zu Sötbier: „Der Herr ist sinnlos
+betrunken, ich muß sehen, wie ich ihn los werde.“ Aber Sötbier hatte die
+Lippen zusammengepreßt, die Stirn gefaltet und kehrte diesmal nicht zu
+seinem Brief zurück.
+
+Der Herr ging geradeswegs in den Regen hinaus, Diederich folgte ihm.
+„Deswegen keine Feindschaft, reden kann man doch.“ Erst nachdem auch er
+durchnäßt war, gelang es ihm, den Herrn wieder ins Haus zu lotsen. Durch
+den leeren Maschinenraum schrie der Premierleutnant: „Glas Schnaps! Kaufe
+alles, Schnaps mit!“ Obwohl die Arbeiter zur Feier seiner Hochzeit frei
+hatten, sah Diederich sich angstvoll um; er öffnete den Verschlag, wo die
+Chlorsäcke lagen, und beförderte mit verzweifeltem Schub den Herrn hinein.
+Es stank furchtbar; der Herr nieste mehrmals, worauf er sagte: „Karnauke
+mein Name, warum stinken Sie so?“
+
+„Haben Sie einen Hintermann?“ fragte Diederich. Der Herr nahm auch das
+übel. „Was wollen Sie damit sagen?... Ach so, kaufe, was Platz hat.“
+Diederichs Blick folgend, betrachtete er sein triefendes Sommermäntelchen.
+„Momentane Verlegenheit“, schnarrte er. „Vermittle Kavalieren.
+Ehrensache.“
+
+„Was bietet Ihr Auftraggeber?“
+
+„Hundertzwanzig die Kiste.“
+
+Und wie Diederich sich entsetzte oder empörte: zweihunderttausend sei sein
+Grundstück wert, der Premierleutnant blieb dabei: „Hundertzwanzig die
+Kiste.“
+
+„Nicht zu machen“ – Diederich vollführte eine unvorsichtige Bewegung nach
+dem Ausgang, worauf der Herr ernstlich gegen ihn vorging. Diederich mußte
+ringen, fiel auf einen Chlorsack und der Herr über ihn. „Stehen Sie auf,“
+keuchte Diederich, „hier werden wir gebleicht.“ Der Premierleutnant heulte
+auf, als brennte es ihm schon durch die Kleider, – und plötzlich hatte er
+seine stramme Haltung zurück. Er zwinkerte. „Präsident von Wulckow eklig
+hinterher, daß Sie verkaufen, sonst kein Geschäft mit ihm zu machen.
+Vetter Quitzin arrondiert Besitz hier herum. Rechnet bestimmt auf Ihr
+Entgegenkommen. Hundertzwanzig die Kiste.“ Diederich, bleicher als wäre er
+im Chlor liegengeblieben, versuchte noch: „Hundertfünfzig“, – aber die
+Stimme versagte ihm. Das war mehr, als man loyalerweise fassen konnte!
+Wulckow starrend von Beamtenehre, unbestechlich wie das Jüngste
+Gericht!... Mit einem trostlosen Blick überflog er nochmals die Gestalt
+dieses Karnauke, Premierleutnants a. D. Den schickte Wulckow, dem lieferte
+er sich aus! Hätte man nicht neulich, unter vier Augen, mit aller
+gebotenen Vorsicht und gegenseitigen Achtung das Geschäft verhandeln
+können? Aber diese Junker konnten nur den Leuten an die Kehle springen;
+auf Geschäfte verstanden sie sich noch immer nicht. „Gehen Sie nur voran
+zum Notar,“ raunte Diederich, „ich komme gleich.“ Er ließ ihn hinaus. Wie
+er aber selbst fort wollte, stand da der alte Sötbier, noch immer mit den
+gekniffenen Lippen. „Was wünschen Sie?“ Diederich war ermattet.
+
+„Junger Herr,“ begann der Alte hohl, „was Sie jetzt vorhaben, dafür kann
+ich nicht mehr die Verantwortung tragen.“
+
+„Wird nicht verlangt.“ Diederich gab sich Haltung. „Ich weiß allein, was
+ich tue.“ Der Alte hob beschwörend die Hände.
+
+„Sie wissen es nicht, junger Herr! Unsere Lebensarbeit von Ihrem seligen
+Vater und mir, die verteidige ich! Daß wir das Geschäft aufgebaut haben
+mit Fleiß und solider Arbeit, dadurch sind Sie groß geworden. Und wenn Sie
+mal teure Maschinen kaufen und mal die Aufträge ablehnen, das ist ein
+Zickzackkurs, damit bringen Sie das Geschäft herunter. Und jetzt verkaufen
+Sie das alte Haus!“
+
+„Sie haben an der Tür gehorcht. Wenn etwas geschieht, ohne daß Sie dabei
+sind, das vertragen Sie noch immer nicht recht. Erkälten Sie sich hier nur
+nicht.“ Diederich höhnte.
+
+„Sie dürfen es nicht verkaufen!“ jammerte Sötbier. „Ich kann nicht
+zusehen, wie der Sohn und Erbe meines alten Herrn die solide Grundlage der
+Firma untergräbt und treibt Großmannspolitik.“
+
+Diederich maß ihn mitleidig. „Großzügigkeit war zu Ihrer Zeit noch nicht
+erfunden, Sötbier. Heute wagt man was. Betrieb ist die Hauptsache. Später
+werden Sie sehen, wozu es gut war, daß ich das Haus verkaufe.“
+
+„Ja, das werden Sie auch erst später sehen. Vielleicht wenn Sie bankerott
+sind oder wenn Ihnen Ihr Schwager Herr Kienast einen Prozeß anhängt. Sie
+haben gewisse Manipulationen gemacht zum Schaden Ihrer Schwestern und
+Ihrer Mutter! Wenn ich dem Herrn Kienast manches sagen wollte –: bloß daß
+ich Pietät habe, sonst könnte ich Sie ins Unglück bringen!“
+
+Der Alte war außer sich. Er kreischte, Tränen der Wut in den roten Lidern.
+Diederich trat nahe an ihn hin, er hielt ihm die geballte Hand unter die
+Nase. „Das versuchen Sie mal! Ich beweise glatt, daß Sie die Firma
+bestohlen haben, und zwar schon immer. Meinen Sie, ich habe keine
+Vorkehrungen getroffen?“
+
+Auch der Alte erhob seine zitternde Faust. Sie schnaubten sich an; Sötbier
+rollte blutige Augäpfel, Diederich blitzte. Dann trat der Alte zurück.
+„Nein, so soll es nicht kommen. Ich war immer ein treuer Diener meines
+alten Herrn. Mein Gewissen gebietet mir, seinem Nachfolger meine bewährte
+Kraft so lange als möglich zu erhalten.“
+
+„Das könnte Ihnen passen“, sagte Diederich hart und kalt. „Seien Sie froh,
+wenn ich Sie nicht direkt hinauswerfe. Schreiben Sie nur gleich Ihr
+Entlassungsgesuch, es ist schon bewilligt.“ Und er schritt von dannen.
+
+Beim Notar verlangte er, daß in den Kaufvertrag als Käufer „Unbekannt“
+gesetzt werde. Karnauke feixte. „Unbekannt ist gut. Wir kennen doch Herrn
+von Quitzin.“ Darauf lächelte auch der Notar. „Ich sehe,“ sagte er, „Herr
+von Quitzin arrondiert sich. Bislang gehörte ihm in der Meisestraße nur
+die kleine Kneipe zum Huhn. Aber wegen der beiden Grundstücke hinter dem
+Ihren, Herr Doktor, verhandelt er auch schon. Dann grenzt er an den
+Stadtpark und hat Platz für riesige Anlagen.“
+
+Diederich zitterte schon wieder. Leise bat er den Notar um Diskretion,
+solange es gehe. Dann nahm er Abschied, er habe keine Zeit zu verlieren.
+„Weiß ich“, sagte der Premierleutnant und hielt ihn fest. „Freudentag.
+Frühstück Hotel Reichshof. Bin gerüstet.“ Er öffnete das grüne Mäntelchen
+und zeigte auf seinen zerknitterten Gesellschaftsanzug. Diederich sah ihn
+entsetzt an, er versuchte sich zu wehren; aber der Leutnant drohte wieder
+mit seinen Zeugen.
+
+Die Braut wartete schon längst, die beiden Mütter trockneten ihr die
+Tränen, unter dem anzüglichen Lächeln der anwesenden Damen. Auch dieser
+Bräutigam ging durch! Magda und Kienast waren empört; und zwischen
+Schweinichenstraße und Meisestraße liefen Boten ... Endlich! Diederich war
+da, wenn auch in seinem alten Frack. Er gab nicht einmal Erklärungen. Am
+Standesamt und in der Kirche wirkte er verstört. Allerseits bemerkte man,
+auf einer so zustande gekommenen Verbindung ruhe kein Segen. Auch Pastor
+Zillich erwähnte in seiner Ansprache, daß der irdische Besitz etwas
+Vergängliches sei. Man begriff seine Enttäuschung. Käthchen war gar nicht
+erschienen.
+
+Beim Hochzeitsfrühstück saß Diederich schweigend und sichtlich noch anders
+beschäftigt. Selbst das Essen vergaß er oft und stierte in die Luft.
+Einzig der Premierleutnant Karnauke hatte die Gabe, seine Aufmerksamkeit
+zu wecken. Freilich tat der Leutnant das Seine; schon nach der Suppe
+brachte er einen Toast auf die Braut aus, mit Anspielungen, denen die
+Versammlung nach Maßgabe ihres bisherigen Weingenusses noch nicht
+gewachsen war. Mehr beunruhigt ward Diederich durch gewisse andere
+Wendungen Karnaukes, die er mit Zwinkern nach seinem Platz begleitete und
+die leider auch Kienast nachdenklich stimmten. Der Zeitpunkt, den
+Diederich mit Herzklopfen voraussah, trat ein: Kienast stand auf und bat
+ihn um ein Wort unter vier Augen ... Da aber klingelte der Premierleutnant
+heftig ans Glas, stramm schnellte er vom Sitz. Der schon vorgeschrittene
+Lärm des Festes brach jäh ab; man sah an Karnaukes gespitzten Fingern ein
+blaues Band hängen und darunter ein Kreuz, dessen Rand golden funkelte ...
+Ah! und Tumult und Glückwünsche. Diederich reichte beide Hände hin, eine
+Seligkeit, kaum zu ertragen, flutete ihm vom Herzen in den Hals, er redete
+von selbst und bevor er wußte was. „Seine Majestät ... Unerhörte Gnade ...
+Bescheidene Verdienste, nie wankende Treue ...“ Er dienerte, er legte, wie
+Karnauke ihm das Kreuz überreichte, die Hand auf das Herz, schloß die
+Augen und versank: so als stände vor ihm ein anderer, der Geber selbst.
+Unter der Gnadensonne fühlte Diederich, dies war die Rettung und der Sieg.
+Wulckow hielt den Pakt. Die Macht hielt Diederich den Pakt! Der
+Kronenorden vierter Klasse blitzte, und es ward Ereignis, das Denkmal
+Wilhelm des Großen und Gausenfeld, Geschäft und Ruhm!
+
+Der Aufbruch drängte. Kienast, immerhin bewegt und eingeschüchtert, bekam
+einige Worte allgemeinen Inhalts hingeworfen, von herrlichen Tagen, denen
+er entgegengeführt werden sollte, von großen Dingen, die man mit ihm und
+der ganzen Familie vorhabe – und fort war Diederich mit Guste.
+
+Sie bestiegen die erste Klasse, er spendete drei Mark und zog die Vorhänge
+zu. Sein von Glück beschwingter Tatendrang litt keinen Aufschub, Guste
+hätte so viel Temperament nie erwartet. „Du bist doch nicht wie
+Lohengrin“, bemerkte sie. Als sie aber schon hinglitt und die Augen
+schloß, richtete Diederich sich nochmals auf. Eisern stand er vor ihr,
+ordenbehangen, eisern und blitzend. „Bevor wir zur Sache selbst
+schreiten,“ sagte er abgehackt, „gedenken wir Seiner Majestät unseres
+allergnädigsten Kaisers. Denn die Sache hat den höheren Zweck, daß wir
+Seiner Majestät Ehre machen und tüchtige Soldaten liefern.“
+
+„Oh!“ machte Guste, von dem Gefunkel auf seiner Brust entrückt in höheren
+Glanz. „Bist – du – das – Diederich?“
+
+
+
+
+
+ VI.
+
+
+Herr und Frau Doktor Heßling aus Netzig sahen einander stumm an im Lift
+des Züricher Hotels, denn man fuhr sie in den vierten Stock. Dies war das
+Ergebnis des Blickes, den der Geschäftsführer schnell und schonend über
+sie hingeführt hatte. Diederich füllte gehorsam den Meldezettel aus; erst
+als der Oberkellner fort war, äußerte er seine Entrüstung über den Betrieb
+hier und über Zürich. Sie ward immer lauter und verdichtete sich zu dem
+Vorsatz, an Baedeker zu schreiben. Da diese Vergeltung indes zu wenig
+greifbar schien, machte er kehrt gegen Guste: ihr Hut sei schuld. Guste
+wieder schob es auf Diederichs Hohenzollernmantel. So stürzten sie denn
+zum Lunch mit hochroten Köpfen. An der Tür machten sie halt und schnauften
+unter den Blicken der Gäste, Diederich im Smoking, Guste aber mit einem
+Hut, der Bänder, Federn und Schnalle, alles auf einmal, hatte und der
+unzweifelhaft in die Beletage gehörte. Ihr Bekannter, der Oberkellner,
+führte sie im Triumph zu ihren Plätzen.
+
+Mit Zürich und auch mit dem Hotel versöhnten sie sich am Abend. Denn
+erstens war das Zimmer im vierten Stock nicht ehrenvoll, aber billig; und
+dann hing gerade gegenüber den Betten des Ehepaares eine fast lebensgroße
+Odaliske, der bräunliche Leib hinschwellend auf üppigem Polster, mit den
+Händen unter dem Kopf, feuchtes Schmachten im schwarzen Spalt der Augen.
+In der Mitte war sie von dem Rahmen zerschnitten, was dem Ehepaar Anlaß zu
+Scherzen gab. Am nächsten Tage gingen sie umher mit Blei in den Lidern,
+verschlangen riesige Mahlzeiten und fragten sich nur, was erst geschehen
+wäre, wenn die Odaliske nicht in der Mitte zerschnitten, sondern ganz
+gewesen wäre. Aus Müdigkeit versäumten sie den Zug und kehrten am Abend,
+so früh wie möglich, in ihr billiges und aufreibendes Zimmer zurück. Ein
+Ende dieser Art zu leben war nicht absehbar; da las Diederich mit seinen
+schweren Lidern in der Zeitung, daß der Kaiser unterwegs nach Rom sei zum
+Besuch des Königs von Italien. Ein Schlag, er war aufgewacht. Elastisch
+bewegte er sich zum Portier, ins Bureau, an den Lift; und mochte Guste
+jammern, daß ihr schwindlig werde, die Koffer waren schon fertig,
+Diederich schleifte Guste schon hinaus. „Muß es denn sein?“ klagte sie,
+„wo doch das Bett so gut ist!“ Aber Diederich hinterließ nur noch einen
+höhnischen Blick für die Odaliske. „Amüsieren Sie sich weiter gut, meine
+Gnädigste!“
+
+Vor Aufregung schlief er lange nicht. Guste schnarchte friedlich an seiner
+Schulter, indes Diederich, durch die Nacht sausend, bedachte, wie nun auf
+einer anderen Linie, aber nicht weniger sausend, demselben Ziel der Kaiser
+selbst entgegenfuhr. Der Kaiser und Diederich machten ein Wettrennen! Und
+da Diederich schon mehrmals im Leben hatte Gedanken äußern dürfen, die auf
+mystische Art mit denen des Allerhöchsten Herrn zusammenzufallen schienen,
+vielleicht wußte Seine Majestät zu dieser Stunde um Diederich: wußte, daß
+sein treuer Untertan ihm zur Seite über die Alpen zog, um den feigen
+Welschen mal klarzumachen, was Kaisertreue heißt. Er blitzte die Schläfer
+auf der anderen Bank an, kleine schwarze Leute, deren Gesichter im Schlaf
+verfallen aussahen. Germanische Reckenhaftigkeit sollten sie kennenlernen!
+
+Früh in Mailand und mittags in Florenz stiegen Reisende aus, was Diederich
+nicht begriff. Er versuchte, ohne merklichen Erfolg, den Übriggebliebenen
+beizubringen, welches Ereignis sie in Rom erwarte. Zwei Amerikaner zeigten
+sich empfänglicher, worauf Diederich triumphierend: „Na, Sie beneiden uns
+wohl auch um unseren Kaiser!“ Da sahen die Amerikaner einander an, mit
+einer stummen Frage, die ergebnislos blieb.
+
+Vor Rom ging Diederichs Aufregung in wilden Tätigkeitsdrang über. Den
+Finger in einem Sprachführer, lief er dem Zugpersonal nach und suchte in
+Erfahrung zu bringen, wer früher ankommen werde, sein Kaiser oder er.
+Gustes Leidenschaft hatte sich an der des Gatten entzündet. „Diedel!“ rief
+sie. „Ich bin imstande und werf’ ihm meinen Reiseschleier auf den Weg,
+damit daß er darüber geht, und die Rosen von meinem Hut schmeiß’ ich auch
+hin!“ – „Wenn er dich aber sieht und du machst ihm Eindruck?“ fragte
+Diederich und lächelte fieberhaft. Gustes Busen begann zu wogen, sie
+senkte die Lider. Diederich, der keuchte, riß sich los aus der furchtbaren
+Spannung. „Meine Mannesehre ist mir heilig, was ich hiermit feststelle. In
+diesem Falle aber –“ Und er schloß mit einer knappen Geste.
+
+Da kam man an – aber ganz anders, als die Gatten es erträumt hatten. In
+größter Verwirrung wurden die Reisenden von Beamten aus dem Bahnhof
+gedrängt, bis an den Rand eines weiten Platzes und in die Straßen
+dahinter, die sofort wieder abgesperrt wurden. Aber Diederich, in
+entfesselter Begeisterung, durchbrach die Schranken. Guste, die entsetzt
+die Arme reckte, ließ er mit allem Handgepäck dastehen und stürzte
+drauflos. Schon war er inmitten des Platzes; zwei Soldaten mit Federhüten
+jagten ihm nach, daß ihre bunten Frackschöße flogen. Da schritten die
+Bahnhofsrampe mehrere Herren herab, und alsbald fuhr ein Wagen auf
+Diederich zu. Diederich schwenkte den Hut, er brüllte auf, daß die Herren
+im Wagen ihr Gespräch unterbrachen. Der rechts neigte sich vor – und sie
+sahen einander an, Diederich und sein Kaiser. Der Kaiser lächelte kalt
+prüfend mit den Augenfalten, und die Falten am Mund ließ er ein wenig
+herab. Diederich lief ein Stück mit, die Augen weit aufgerissen, immer
+schreiend und den Hut schwenkend, und einige Sekunden lang waren sie,
+indes ringsum dahinten eine fremde Menge ihnen Beifall klatschte, in der
+Mitte des leeren Platzes und unter einem knallblauen Himmel ganz
+miteinander allein, der Kaiser und sein Untertan.
+
+Schon verschwand der Wagen drüben in der beflaggten Straße, die Hochrufe
+schwollen schon ab in der Ferne, und Diederich, der aufseufzte und die
+Augen schloß, setzte den Hut wieder auf.
+
+Guste winkte ihn krampfhaft herbei, und die Leute, die noch umherstanden,
+klatschten ihm zu, mit Gesichtern voll heiteren Wohlwollens. Auch die
+Soldaten, die vorhin ihn verfolgt hatten, lachten nun. Einer von ihnen
+ging in seiner Teilnahme so weit, daß er einen Kutscher herbeirief. Wie er
+abfuhr, grüßte Diederich die Menge. „Sie sind wie die Kinder“, erklärte er
+seiner Gattin. „Na, aber auch entsprechend schlapp“, setzte er hinzu, und
+er gestand: „In Berlin wäre das denn doch nicht gegangen ... Wenn ich an
+den Krawall Unter den Linden denke, der Betrieb war ’n bißchen schärfer.“
+Und er setzte sich zurecht, um am Hotel vorzufahren. Dank seiner Haltung
+bekamen sie ein Zimmer im zweiten Stock.
+
+Die erste Morgensonne aber sah Diederich schon wieder in den Straßen. „Der
+Kaiser steht früh auf“, hatte er Guste bedeutet, die nur aus den Kissen
+grunzte. Übrigens konnte er sie nicht brauchen bei seiner Aufgabe. Den
+Finger auf dem Plan der Stadt, gelangte er bis vor den Quirinal und
+stellte sich hin. Der stille Platz war hellgolden von schrägen Strahlen,
+grell und wuchtig im leeren Himmel stand der Palast – und gegenüber
+Diederich, der Majestät gewärtig, auf vorgestreckter Brust den Kronenorden
+vierter Klasse. Die Treppen herauf aus der Stadt trippelte eine
+Ziegenherde und verschwand hinter dem Brunnen und den riesigen
+Rossebändigern. Diederich sah sich nicht um. Zwei Stunden vergingen, die
+Passanten wurden häufiger, eine Schildwache war hinter ihrem Haus
+hervorgekommen, in einem der beiden Portale bewegte sich ein Portier, und
+mehrere Personen gingen ein oder aus. Diederich ward unruhig. Er machte
+sich näher an die Fassade heran, strich langsam vorbei, gespannt ins
+Innere spähend. Bei seinem dritten Erscheinen führte der Portier, ein
+wenig zögernd, die Hand an den Hut. Als Diederich stehenblieb und
+zurückgrüßte, ward er vertraulich. „Alles in Ordnung“, sagte er hinter der
+Hand; und Diederich nahm die Meldung mit einer Miene des Einverständnisses
+entgegen. Es schien ihm nur natürlich, daß man ihn über das Wohlergehen
+seines Kaisers unterrichtete. Seine Fragen, wann der Kaiser ausfahren
+werde und wohin, wurden anstandslos beantwortet. Der Portier verfiel von
+selbst darauf, daß Diederich, um den Kaiser zu begleiten, einen Wagen
+brauchen werde, und er schickte danach. Inzwischen hatte ein Häuflein
+Neugieriger sich gebildet, und dann trat der Portier beiseite; hinter
+einem Vorreiter, im offenen Wagen, erschien, unter dem Blitzen seines
+Adlerhelms, der blonde Herr des Nordens. Diederichs Hut flog schon,
+Diederich schrie, wie aus der Pistole geschossen, auf italienisch: „Es
+lebe der Kaiser!“ Und gefällig schrie das Häuflein mit ... Diederich aber,
+ein Sprung in den Einspänner, der bereitstand, und los, hinterdrein, den
+Kutscher angefeuert mit rauhem Schrei und geschwungenem Trinkgeld. Und
+sieh: schon hielt er, dahinten nahte erst der Allerhöchste Wagen. Als der
+Kaiser ausstieg, war wieder ein Häuflein da, und wiederum schrie Diederich
+auf italienisch ... Wache gehalten vor dem Haus, worin sein Kaiser weilte!
+Die Brust heraus und angeblitzt, wer sich in die Nähe traute! Nach zehn
+Minuten war das Häuflein neu vervollständigt, der Wagen entrollte dem Tor,
+und Diederich: „Es lebe der Kaiser!“ – und, im Echo des Häufleins,
+wildbrausend zurück zum Quirinal. Wache. Der Kaiser im Tschako. Das
+Häuflein. Ein neues Ziel, eine neue Rückkehr, eine neue Uniform, und
+wieder Diederich, und wieder jubelnder Empfang. So ging es weiter, und nie
+hatte Diederich ein schöneres Leben gekannt. Sein Freund, der Portier,
+unterrichtete ihn zuverlässig, wohin man fuhr. Auch kam es vor, daß ein
+salutierender Beamter ihm eine Meldung machte, die er herablassend
+entgegennahm, oder daß einer Direktiven zu erbitten schien – und dann
+erteilte Diederich sie in unbestimmter Form, aber gebieterisch. Die Sonne
+stieg hoch und höher; vor den brennenden Marmorquadern der Fassaden,
+hinter denen sein Kaiser weltumspannende Unterredungen pflog, litt
+Diederich, ohne zu wanken, Hitze und Durst. So stramm er sich hielt, war
+es ihm doch, als sinke sein Bauch unter der Last des Mittags bis auf das
+Pflaster herab und als schmelze ihm auf der Brust sein Kronenorden vierter
+Klasse ... Der Kutscher, der immer häufiger die nächste Kneipe betrat,
+empfand endlich Bewunderung für das heldenhafte Pflichtgefühl des
+Deutschen und brachte ihm Wein mit. Neues Feuer in den Adern, machten sich
+beide an das nächste Rennen. Denn die kaiserlichen Renner liefen scharf;
+um ihnen vorauszukommen, mußte man Gassen durchjagen, die aussahen wie
+Kanäle und deren spärliche Passanten sich schreckensvoll gegen die Mauer
+drückten; oder es hieß aussteigen und Hals über Kopf eine Treppe nehmen.
+Dann aber stand Diederich pünktlich an der Spitze seines Häufleins, sah
+die siebente Uniform aussteigen und schrie. Und dann wandte der Kaiser den
+Kopf und lächelte. Er erkannte ihn wieder, seinen Untertan! Den, der
+schrie, den, der immer schon da war, wie Swinegel. Diederich, federnd vor
+Hochgefühl über die Allerhöchste Aufmerksamkeit, blitzte das Volk an, in
+dessen Mienen heiteres Wohlwollen stand.
+
+Erst die Versicherung des Portiers, daß Seine Majestät nun frühstücke,
+erlaubte es Diederich, sich Gustes zu erinnern. „Wie siehst du aus!“ rief
+sie bei seinem Anblick und zog sich gegen die Wand zurück. Denn er war rot
+wie eine Tomate, völlig aufgeweicht, und sein Blick war hell und wild wie
+der eines germanischen Kriegers der Vorzeit auf einem Eroberungszuge durch
+Welschland. „Dies ist ein großer Tag für die nationale Sache!“ versetzte
+er mit Wucht. „Seine Majestät und ich, wir machen moralische Eroberungen!“
+Wie er dastand! Guste vergaß ihren Schrecken und den Ärger über das lange
+Warten: sie kam herbei mit liebevollen Armen, und demütig rankte sie sich
+an ihm hinauf.
+
+Aber kaum das Stündchen zum Essen gönnte Diederich sich. Er wußte wohl,
+nach dem Mittagsmahl ruhte der Kaiser; dann hieß es, unter seinen Fenstern
+Wache stehen und nicht weichen. Er wich nicht; und der Erfolg zeigte, wie
+recht er tat. Denn noch hielt er seinen Posten, dem Portal gegenüber,
+nicht achtzig Minuten lang besetzt, als es geschah, daß ein verdächtig
+aussehendes Individuum unter Benutzung einer kurzen Abwesenheit des
+Portiers sich einschlich, sich hinter eine Säule drückte und im lauernden
+Schatten Pläne barg, die nicht anders sein konnten als unheilvoll. Da aber
+Diederich! Wie den Sturm und mit Kriegsgeschrei sah man ihn über den Platz
+tosen. Aufgescheuchtes Volk stürzte sofort hinterdrein, die Wache eilte
+herbei, im Portal lief Dienerschaft zusammen – und alle bewunderten
+Diederich, wie er einen, der sich versteckt hatte, wild ringend
+hervorzerrte. Die beiden schlugen dermaßen um sich, daß nicht einmal die
+bewaffnete Macht an sie herankam. Plötzlich sah man Diederichs Gegner, dem
+es gelungen war, den rechten Arm zu befreien, eine Büchse schwingen.
+Atemlose Sekunden – dann tobte die aufheulende Panik dem Ausgang zu. Eine
+Bombe! Er wirft!... Er hatte schon geworfen. In der Erwartung des Knalles
+lagen die nächsten, im voraus wimmernd, am Boden. Diederich aber: weiß auf
+Gesicht, Schultern und Brust stand er da und nieste. Es roch stark nach
+Pfefferminz. Die Kühnsten kehrten um und untersuchten ihn mit der Nase;
+ein Soldat unter wallenden Federn betupfte ihn mit dem benetzten Finger
+und kostete. Diederich verstand wohl, was er hierauf der Menge mitteilte
+und weshalb sogleich in alle Gesichter das heitere Wohlwollen
+zurückkehrte, denn seit einem Augenblick blieb ihm selbst kein Zweifel
+mehr darüber, daß er mit Zahnpulver beworfen war. Dessenungeachtet behielt
+er die Gefahr im Auge, der der Kaiser, dank seiner Wachsamkeit, vielleicht
+entronnen war. Der Attentäter suchte – ganz vergebens – an ihm vorbei das
+Weite zu gewinnen: Diederichs eiserne Faust überlieferte ihn den
+Polizeiwächtern. Diese stellten fest, daß es sich um einen Deutschen
+handelte, und baten Diederich, ihn zu inquirieren. Er unterzog sich der
+Aufgabe, trotz dem Zahnpulver, das ihn bedeckte, mit höchster Korrektheit.
+Die Antworten des Menschen, der bezeichnenderweise Künstler war, hatten
+keine ausgesprochen politische Färbung, verrieten aber durch ihre
+abgrundtiefe Respektlosigkeit und Unmoral nur zu wohl die Tendenzen des
+Umsturzes, weshalb Diederich seine Verhaftung dringend empfahl. Die
+Wächter führten ihn ab, nicht ohne vor Diederich zu salutieren, der nur
+noch Zeit hatte, sich von seinem Freunde, dem Portier, abbürsten zu
+lassen. Denn schon war der Kaiser gemeldet; Diederichs persönlicher Dienst
+begann wieder.
+
+Sein Dienst führte ihn rastlos umher bis in die Nacht und endlich vor das
+Gebäude der deutschen Botschaft, wo Seine Majestät Empfang hielt. Ein
+längerer Aufenthalt des Allerhöchsten Herrn gab Diederich Gelegenheit,
+beim nächsten Wirt seine Stimmung zu erhöhen. Er erklomm vor der Tür einen
+Stuhl und richtete an das Volk eine Ansprache, die von nationalem Geiste
+getragen war und der schlappen Bande die Vorzüge eines strammen Regiments
+klarmachte und eines Kaisers, der kein Schattenkaiser war ... Sie sahen
+ihn, rot überstrahlt vom Licht der offenen Becken, die vor dem Palaste des
+Deutschen Reiches loderten, auf seinem Stuhl den eckig behaarten Mund
+aufreißen, sahen ihn blitzen und wie von Eisen starren – was ihnen
+offenbar genügte, um ihn zu verstehen, denn sie jubelten, klatschten und
+ließen den Kaiser leben, sooft Diederich ihn leben ließ. Mit einem Ernst,
+der nicht ohne Drohung war, nahm Diederich für seinen Herrn und die
+furchtbare Macht seines Herrn die Huldigungen des Auslandes entgegen,
+worauf er von dem Stuhl herabkletterte und wieder zum Wein ging. Mehrere
+Landsleute, kaum weniger angeregt als er, tranken ihm zu und kamen nach in
+heimischer Weise. Einer entfaltete eine Abendzeitung mit einem riesigen
+Bild des Kaisers und las den Bericht eines Zwischenfalles vor, den im
+Portal des Quirinals ein Deutscher hervorgerufen hatte. Nur durch die
+Geistesgegenwart eines Beamten im persönlichen Dienst des Kaisers war
+Schlimmeres verhindert worden; und auch das Bildnis dieses Beamten war
+dabei. Diederich erkannte ihn wohl. Wenn die Ähnlichkeit auch nur
+allgemeiner Natur und der Name arg entstellt war, der Umfang des Gesichtes
+und der Schnurrbart stimmten. So sah denn Diederich den Kaiser und sich
+selbst auf dem gleichen Zeitungsblatt vereinigt, den Kaiser samt seinem
+Untertan der Welt zur Bewunderung dargeboten. Es war zu viel. Feuchten
+Auges richtete Diederich sich auf und stimmte die Wacht am Rhein an. Der
+Wein, der so billig war, und die Begeisterung, die immer neu genährt ward,
+bewirkten, daß die Kunde, der Kaiser verlasse die Botschaft, Diederich
+nicht mehr in korrekter Haltung fand. Er tat gleichwohl alles, was er noch
+vermochte, um seiner Pflicht zu genügen. Er schoß im Zickzack das Kapitol
+hinab, stolperte und rollte über die Stufen weiter. Drunten in der Gasse
+holten seine Zechgenossen ihn ein, er stand mit dem Gesicht der Mauer
+zugekehrt ... Fackelschein und Hufschlag: der Kaiser! Die anderen
+schwankten hinterdrein, Diederich aber, kein Komment half ihm mehr, glitt
+hin, wo er stand. Zwei städtische Wächter fanden ihn, an die Mauer
+gelehnt, in einer Lache sitzen. Sie erkannten den Beamten im persönlichen
+Dienst des Deutschen Kaisers, und voll tiefer Besorgnisse beugten sie sich
+über ihn. Gleich darauf aber sahen sie einander an und brachen in
+ungeheure Fröhlichkeit aus. Der persönliche Beamte war gottlob nicht tot,
+denn er schnarchte; und die Lache, in der er saß, war kein Blut.
+
+Am nächsten Abend, bei der Galavorstellung im Theater, sah der Kaiser
+ungewöhnlich ernst aus. Diederich bemerkte es, er sagte zu Guste: „Jetzt
+weiß ich doch, wozu ich das viele Geld hab’ ausgegeben. Paß auf, wir
+erleben einen historischen Moment!“ Und seine Ahnung betrog ihn nicht. Die
+Abendblätter verbreiteten sich im Theater, und man erfuhr, der Kaiser
+werde noch nachts abreisen, und er habe seinen Reichstag aufgelöst!
+Diederich, ebenso ernst wie der Kaiser, erklärte allen, die in der Nähe
+saßen, die Schwere des Ereignisses. Der Umsturz hatte sich nicht
+entblödet, die Militärvorlage abzulehnen! Die Nationalgesinnten gingen für
+ihren Kaiser in einen Kampf auf Leben und Tod! Er selbst werde mit dem
+nächsten Zuge nach Hause fahren, versicherte er, worauf man ihm sofort den
+Zug nannte ... Wer nicht zufrieden war, war Guste. „Endlich ist man mal
+woanders, und, Gott sei Dank, hat man es und kann sich was leisten. Wie
+komm’ ich dazu, daß ich mich soll zwei Tage im Hotel mopsen und dann
+gleich wieder retour, bloß wegen –.“ Der Blick, den sie nach der
+kaiserlichen Loge schleuderte, war so voll von Auflehnung, daß Diederich
+mit äußerster Strenge einschritt. Guste ward ihrerseits laut; ringsum
+zischte man, und als Diederich den Widersachern blitzend die Stirne bot,
+sah er sich von ihnen veranlaßt, mit Guste aufzubrechen, noch bevor ihr
+Zug ging. „Komment hat das Pack nun mal nicht“, stellte er draußen fest
+und schnaufte stark. „Überhaupt, was ist hier los, möcht’ ich mal wissen.
+Schönes Wetter, na ja ... Na, nu sieh dir wenigstens noch das alte Zeug
+an, das da ’rumsteht!“ heischte er. Guste, wieder gebändigt, sagte
+klagend: „Ich genieß’ es ja.“ Und dann fuhren sie in gemessenem Abstand
+hinter dem Zug des Kaisers her. Guste, die in der Eile ihre Schwämme und
+Bürsten vergessen hatte, wollte immer aussteigen. Damit sie
+sechsunddreißig Stunden Geduld hatte, mußte Diederich ihr unermüdlich die
+nationale Sache vorhalten. Trotzdem waren, als sie endlich in Netzig Fuß
+faßte, ihre erste Sorge die Schwämme. Am Sonntag hatte man ankommen
+müssen! Zum Glück war wenigstens die Löwenapotheke offen. Indes Diederich
+vor dem Bahnhof auf die Koffer wartete, ging Guste schon hinüber. Da sie
+aber nicht zurückkam, folgte er ihr.
+
+
+
+Die Tür der Apotheke stand halb offen, drei junge Burschen spähten hinein
+und wälzten sich. Diederich, der über sie wegsah, erstarrte vor Staunen –
+denn drinnen hinter dem Ladentisch schritt, die Arme gekreuzt und mit
+düsterem Blick, hin und her sein alter Freund und Kommilitone Gottlieb
+Hornung. Guste sagte gerade: „Nun bin ich doch gespannt, ob ich bald meine
+Zahnbürste kriege“, da kam Gottlieb Hornung hinter dem Ladentisch hervor,
+die Arme immer verschränkt und Guste in seinen düsterm Blick fassend. „Sie
+werden meiner Miene angesehen haben,“ begann er mit Rednerstimme, „daß ich
+weder in der Lage noch gewillt bin, Ihnen eine Zahnbürste zu verkaufen.“ –
+„Nanu!“ machte Guste und wich zurück. „Aber Sie haben doch das ganze Glas
+hier voll.“ Gottlieb Hornung lächelte wie Luzifer. „Der Onkel dort oben“ –
+er warf den Kopf zurück und zeigte mit dem Kinn nach der Decke, hinter der
+wohl sein Prinzipal hauste – „der kann hier feilbieten, was ihm beliebt.
+Ich fühle mich dadurch nicht berührt. Ich habe nicht sechs Semester
+studiert und einer hochfeinen Korporation angehört, damit ich mich jetzt
+hier hinstelle und Zahnbürsten verkaufe.“ – „Wozu sind Sie denn da?“
+fragte Guste, merklich eingeschüchtert. Da versetzte Hornung, majestätisch
+rollend: „Ich bin für die Rezeptur da!“ Und Guste fühlte wohl, sie sei
+zurückgeschlagen; sie wandte sich zum Gehen. Eins fiel ihr doch noch ein.
+„Mit den Schwämmen wäre es wohl dasselbe?“ – „Ganz dasselbe“, bestätigte
+Hornung. Hierauf hatte Guste offenbar gewartet, um sich ernstlich zu
+entrüsten. Sie streckte den Busen vor und wollte loslegen; Diederich hatte
+aber noch Zeit, dazwischenzutreten. Er gab dem Freunde recht darin, daß
+die Würde der Neuteutonia zu wahren und ihr Banner hochzuhalten sei. Wenn
+jemand trotzdem einen Schwamm brauchte, konnte er ihn sich am Ende selbst
+nehmen und den Betrag hinlegen – was Diederich hiermit tat. Gottlieb
+Hornung ging inzwischen beiseite und pfiff, als sei er allein. Sodann
+bekundete Diederich seine Teilnahme an dem bisherigen Ergehen des
+Freundes. Leider war viel Mißgeschick dabei; denn da Hornung niemals
+Schwämme und Zahnbürsten hatte verkaufen wollen, war er schon aus fünf
+Apotheken entlassen worden. Dennoch war er entschlossen, weiter für seine
+Überzeugung einzustehen, auf die Gefahr, daß es ihn auch hier wieder seine
+Stellung kostete. „Da sieh dir einen echten Neuteutonen an!“ sagte
+Diederich zu Guste, und sie sah ihn sich an.
+
+Diederich hielt seinerseits nicht länger zurück mit dem, was er erlebt und
+erreicht hatte. Er machte auf seinen Orden aufmerksam, drehte Guste vor
+Hornung rundherum und nannte die Ziffer ihres Vermögens. Der Kaiser,
+dessen Feinde und Beleidiger dank Diederich hinter Schloß und Riegel
+saßen, war in Rom ganz kürzlich und gleichfalls dank Diederich einer
+persönlichen Gefahr entronnen. Die Zeitungen sprachen, um eine Panik an
+den Höfen und an der Börse zu vermeiden, nur von dem Bubenstreich eines
+Halbwahnsinnigen, „aber im Vertrauen gesagt, ich habe Anlaß, zu glauben,
+daß ein weitverzweigtes Komplott bestanden hat. Du wirst verstehen,
+Hornung, daß das nationale Interesse die größte Zurückhaltung gebietet,
+denn du bist sicher auch ein national gesinnter Mann.“ Hornung war es
+natürlich, und so konnte Diederich sich über die hochwichtige Aufgabe
+verbreiten, die ihn genötigt hatte, von seiner Hochzeitsreise plötzlich
+zurückzukehren. Es galt, in Netzig den nationalen Kandidaten
+durchzubringen! Die Schwierigkeiten durfte man sich nicht verhehlen.
+Netzig war eine Hochburg des Freisinns, der Umsturz rüttelte an den
+Grundlagen.... Hier begann Guste zu drohen, daß sie mit dem Gepäck nach
+Hause fahren werde. Diederich konnte den Freund nur noch dringend
+einladen, ihn gleich heute abend zu besuchen, er habe dringend mit ihm zu
+reden. Wie er in den Wagen stieg, sah er einen der Schlingel, die draußen
+gewartet hatten, die Apotheke betreten und eine Zahnbürste verlangen.
+Diederich bedachte, daß Gottlieb Hornung eben vermöge seiner
+aristokratischen Richtung, die ihm beim Verkauf von Schwämmen und
+Zahnbürsten so hinderlich war, im Kampf gegen die Demokratie ein
+wertvoller Bundesgenosse werden könne. Aber dies war die geringste seiner
+schleunigen Sorgen. Der alten Frau Heßling wurden nur schnell ein paar
+Tränen erlaubt, dann mußte sie wieder in das obere Stockwerk hinauf, wo
+früher nur das Dienstmädchen und die nasse Wäsche untergebracht waren und
+wohin Diederich jetzt seine Mutter und Emmi beseitigt hatte. Den Ruß von
+der Reise noch im Bart, begab er sich hintenherum zum Präsidenten von
+Wulckow, ließ darauf, nicht weniger unauffällig, Napoleon Fischer zu sich
+kommen und hatte inzwischen schon Schritte getan, um ohne Verzug eine
+Zusammenkunft mit Kunze, Kühnchen und Zillich zu bewirken.
+
+Der Sonntagnachmittag erschwerte das Unternehmen; der Major konnte nur mit
+Mühe seiner Kegelpartie entrissen werden, den Pastor mußte man an einem
+Familienausflug mit Käthchen und Assessor Jadassohn verhindern, und der
+Professor befand sich in den Händen seiner beiden Pensionäre, die ihn
+schon halb betrunken gemacht hatten. Schließlich gelang es, alle im Lokal
+des Kriegervereins zusammenzutreiben, und Diederich eröffnete ihnen ohne
+weiteren Zeitverlust, daß ein nationaler Kandidat aufgestellt werden müsse
+und daß nach Lage der Dinge nur einer in Frage komme, nämlich Herr Major
+Kunze. „Hurra!“ rief Kühnchen ohne weiteres, aber die Miene des Majors zog
+sich noch gewitterhafter zusammen. Ob man ihn denn für naiv halte,
+knirschte er hervor. Ob man glaube, er lechze nach einer Blamage. „Ein
+nationaler Kandidat in Netzig, was dem passiert, darauf bin ich nicht
+neugierig. Wenn alles so gewiß wäre wie der nationale Durchfall!“
+Diederich ließ dies keineswegs gelten. „Wir haben den Kriegerverein, den
+wollen die Herren in Rechnung stellen. Der Kriegerverein ist eine
+unschätzbare Operationsbasis. Von ihr aus schlagen wir uns in gerader
+Linie durch, wenn ich so sagen darf, bis zum Kaiser-Wilhelm-Denkmal, und
+dort wird die Schlacht gewonnen.“ „Hurra!“ schrie Kühnchen wieder, die
+beiden anderen aber wünschten doch zu wissen, was es mit dem Denkmal sei,
+und Diederich weihte sie ein in seine Erfindung – wobei er lieber darüber
+hinwegging, daß das Denkmal der Gegenstand eines Paktes zwischen ihm und
+Napoleon Fischer sei. Das freisinnige Säuglingsheim, so viel verriet er,
+war nicht populär, eine Menge Wähler ließen sich zu der nationalen Sache
+herüberziehen, wenn man ihnen aus dem Nachlaß des alten Kühlemann ein
+Kaiser-Wilhelm-Denkmal versprach. Erstens wurden dabei mehr Handwerker
+beschäftigt, und dann kam Betrieb in die Stadt, die Einweihung solch eines
+Denkmals zog weite Kreise, Netzig hatte Aussicht, seinen schlechten Ruf
+als demokratischer Sumpf zu verlieren und in die Gnadensonne zu rücken.
+Dabei dachte Diederich an seinen Pakt mit Wulckow, über den er auch lieber
+hinging. „Dem Manne aber, der so unendlich viel für uns alle erreicht und
+errungen hat“ – er zeigte schwungvoll auf Kunze – „dem Manne wird unsere
+liebe alte Stadt ganz sicher auch dereinst ein Denkmal setzen. Er und
+Kaiser Wilhelm der Große werden einander anblicken –“ „Und die Zunge
+zeigen“, schloß der Major, der bei seinem Unglauben verharrte. „Wenn Sie
+meinen, die Netziger warten nur auf den großen Mann, der sie mit
+klingendem Spiel in das nationale Lager führt, warum spielen Sie dann
+nicht selbst den großen Mann?“ Und er bohrte sich in Diederichs Augen.
+Aber Diederich riß sie nur noch ehrlicher auf; er legte die Hand auf das
+Herz. „Herr Major! Meine wohlbekannte kaisertreue Gesinnung hat mir schon
+schwerere Prüfungen auferlegt als eine Kandidatur für den Reichstag, und
+die Prüfungen, das darf ich sagen, hab’ ich bestanden! Dabei hab’ ich mich
+nicht gescheut, als Vorkämpfer der guten Sache, allen Haß der
+Schlechtgesinnten auf meine Person zu laden, und hab’ es mir dadurch
+unmöglich gemacht, die Frucht meiner Opfer selbst einzustecken. Mich
+würden die Netziger nicht wählen, meine Sache werden sie wählen, und darum
+trete ich zurück, denn sachlich sein heißt deutsch sein, und lasse Ihnen,
+Herr Major, neidlos die Ehren und die Freuden!“ Allgemeine Bewegung.
+Kühnchens Bravo klang tränenfeucht, der Pastor nickte weihevoll, und Kunze
+starrte, sichtlich erschüttert, unter den Tisch. Diederich aber fühlte
+sich leicht und gut, er hatte sein Herz sprechen lassen, und es hatte
+Treue, Opfersinn und mannhaften Idealismus ausgedrückt. Diederichs blond
+behaarte Hand streckte sich über den Tisch, und die braun behaarte des
+Majors schlug zögernd, doch kräftig hinein.
+
+Nach dem Herzen freilich ergriff bei allen vier Männern wieder die
+Vernunft das Wort. Der Major erkundigte sich, ob Diederich bereit sei, ihn
+zu entschädigen für die ideellen und materiellen Verluste, von denen er
+bedroht sei, falls er gegen den Kandidaten des freisinnigen Klüngels in
+die Schranken trete und ihm unterliege. „Sehen Sie wohl!“ – und er reckte
+den Finger gegen Diederich, der angesichts dieser Geradlinigkeit nicht
+gleich Worte fand. „So ganz koscher kommt Ihnen die nationale Sache auch
+nicht vor, und daß Sie mich durchaus ’rankriegen wollen, wie ich Sie
+kenne, Herr Doktor, hängt das mit irgendwelchen Fisimatenten Ihrerseits
+zusammen, von denen ich als gerader Soldat gottlob nichts verstehe.“
+Hierauf beeilte Diederich sich, dem geraden Soldaten einen Orden zu
+versprechen, und da er sein Einverständnis mit Wulckow durchblicken ließ,
+war der nationale Kandidat endlich rückhaltlos gewonnen.... Inzwischen
+aber hatte Pastor Zillich es sich überlegt, ob seine Stellung in der Stadt
+es ihm erlaube, den Vorsitz des nationalen Wahlkomitees zu übernehmen.
+Sollte er die Zwietracht in seine Gemeinde tragen? Sein leiblicher
+Schwager Heuteufel war der Kandidat der Liberalen! Freilich, wenn man
+statt des Denkmals eine Kirche gebaut hätte! „Denn wahrlich, Gotteshäuser
+tun mehr denn je not, und meine liebe Kirche von Sankt Marien wird von der
+Stadt so sehr vernachlässigt, daß sie heute oder morgen mir und meinen
+Christen auf den Kopf fallen kann.“ Ohne Säumen verbürgte Diederich sich
+für alle gewünschten Reparaturen. Zur Bedingung machte er nur, daß der
+Pastor von den Vertrauensstellungen der neuen Partei alle diejenigen
+Elemente fernhalte, die schon durch gewisse Äußerlichkeiten berechtigte
+Zweifel an der Echtheit ihrer nationalen Gesinnung erregten. „Ohne in
+Familienverhältnisse eingreifen zu wollen“, setzte Diederich hinzu und sah
+Käthchens Vater an, der offenbar begriffen hatte, denn er muckte nicht....
+Aber auch Kühnchen, der längst nicht mehr hurra schrie, meldete sich. Die
+beiden anderen hatten ihn, während sie selbst sprachen, nur mit Gewalt auf
+seinem Sitz festgehalten; kaum daß sie ihn losließen, riß er stürmisch die
+Debatte an sich. Wo mußte die nationale Gesinnung vor allem wurzeln? In
+der Jugend? Wie aber war das möglich, wenn der Rektor des Gymnasiums ein
+Freund des Herrn Buck war. „Da kann ich mir die Schwindsucht an den Hals
+reden von unseren glorreichen Taten im Jahre siebzig...“ Genug, Kühnchen
+wollte Rektor werden, und Diederich bewilligte es ihm großmütig.
+
+Nachdem dermaßen die politische Haltung auf der gesunden Grundlage der
+Interessen festgelegt war, konnte man sich mit gutem Gewissen der
+Begeisterung hingeben, die, wie Pastor Zillich erklärte, von Gott kam und
+auch der besten Sache erst die höhere Weihe lieh, und so begab man sich in
+den Ratskeller.
+
+In aller Frühe, als die vier Herren heimgingen, klebten an den Mauern
+zwischen den weißen Wahlaufrufen Heuteufels und den roten des Genossen
+Fischer die schwarzweißrot geränderten Plakate, die Herrn Major Kunze als
+Kandidaten der „Partei des Kaisers“ empfahlen. Diederich pflanzte sich so
+fest, als es ihm möglich war, davor auf und las mit schneidiger
+Tenorstimme. „Vaterlandslose Gesellen des aufgelösten Reichstages haben es
+gewagt, unserem herrlichen Kaiser die Machtmittel zu versagen, deren er
+zur Größe des Reiches bedarf.... Wollen uns des großen Monarchen würdig
+erweisen und seine Feinde zerschmettern! Einziges Programm: Der Kaiser!
+Die für mich und die wider mich: Umsturz und Partei des Kaisers!“
+Kühnchen, Zillich und Kunze bekräftigten alles mit Geschrei; und da einige
+Arbeiter, die in die Fabrik gingen, erstaunt stehenblieben, drehte
+Diederich sich um und erläuterte ihnen das nationale Manifest. „Leute!“
+rief er. „Ihr wißt gar nicht, was ihr für ein Schwein habt, daß ihr
+Deutsche seid. Denn um unseren Kaiser beneidet uns die ganze Welt, habe
+mich soeben im Ausland persönlich davon überzeugt.“ Hier schlug Kühnchen
+mit der Faust auf dem Anschlagbrett einen Tusch, und die vier Herren
+schrien hurra, indes die Arbeiter ihnen zusahen. „Wollt ihr, daß euer
+Kaiser euch Kolonien schenkt?“ fragte Diederich sie. „Na also. Dann
+schärft ihm gefälligst das Schwert! Wählt keinen vaterlandslosen Gesellen,
+das verbitte ich mir, sondern einzig den Kandidaten des Kaisers, Herrn
+Major Kunze: sonst garantiere ich euch keinen Augenblick für unsere
+Stellung in der Welt, und es kann euch passieren, daß ihr mit zwanzig Mark
+weniger Lohn alle vierzehn Tage nach Haus geht!“ Hier sahen die Arbeiter
+stumm einander an, und dann setzten sie sich wieder in Bewegung.
+
+Aber auch die Herren verloren keine Zeit. Kunze selbst ging auf steifen
+Beinen an die Aufgabe, den Mitgliedern des Kriegervereins den Standpunkt
+klarzumachen. „Wenn die Kerls glauben,“ erklärte er, „sie können künftig
+noch den freien Gewerkschaften angehören! Den Freisinn treiben wir ihnen
+auch aus! Von heute ab greift ’ne schärfere Tonart Platz!“ Pastor Zillich
+verhieß eine verwandte Tätigkeit in den christlichen Vereinen, indes
+Kühnchen zum voraus von der frischen Begeisterung seiner Primaner
+schwärmte, die auf Fahrrädern die Stadt durcheilen und Wähler
+herbeischleppen sollten. Das rastloseste Pflichtgefühl aber beseelte doch
+Diederich. Er verschmähte jede Ruhe; seiner Gattin, die im Bett lag und
+ihn mit Vorwürfen empfing, erwiderte er blitzend: „Mein Kaiser hat ans
+Schwert geschlagen, und wenn mein Kaiser ans Schwert schlägt, dann gibt es
+keine ehelichen Pflichten mehr. Verstanden?“ Worauf Guste sich schroff
+herumwarf und das mit ihren hinteren Reizen ausgefüllte Federbett wie
+einen Turm zwischen sich und den Ungefälligen stellte. Diederich
+unterdrückte das Bedauern, das ihn beschleichen wollte, und schrieb
+ungesäumt einen Warnruf gegen das freisinnige Säuglingsheim. Die „Netziger
+Zeitung“ brachte ihn auch, obwohl sie vor zwei Tagen aus der Feder des
+Herrn Doktors Heuteufel eine überaus warme Empfehlung des Säuglingsheims
+gebracht hatte. Denn, wie der Redakteur Nothgroschen hinzusetzte, das
+Organ des gebildeten Bürgertums war es seinen Abonnenten schuldig, an jede
+neu auftauchende Idee vor allem den Prüfstein seines Kulturgewissens zu
+legen. Und dies tat Diederich in geradezu vernichtender Weise. Für wen war
+so ein Säuglingsheim naturgemäß in erster Linie bestimmt? Für die
+unehelichen Kinder. Was begünstigte es also? Das Laster. Hatten wir das
+nötig? Nicht die Spur; „denn wir sind Gott sei Dank nicht in der traurigen
+Lage der Franzosen, die durch die Folgen ihrer demokratischen
+Zuchtlosigkeit schon so gut wie auf den Aussterbeetat gesetzt sind. Die
+mögen uneheliche Geburten preiskrönen, weil sie sonst keine Soldaten mehr
+haben. Wir aber sind nicht angefault, wir erfreuen uns eines
+unerschöpflichen Nachwuchses! Wir sind das Salz der Erde!“ Und Diederich
+rechnete den Abonnenten der „Netziger Zeitung“ vor, bis wann sie und
+ihresgleichen hundert Millionen betragen würden, und wie lange es
+höchstens noch dauern könne, bis die Erde deutsch sei.
+
+Hiermit waren, nach der Meinung des nationalen Komitees, die
+Vorbereitungen getroffen für die erste Wahlversammlung der „Partei des
+Kaisers“. Sie sollte bei Klappsch sein, der seinen Saal patriotisch
+aufgemacht hatte. In Tannenkränzen glühten Transparente: „Der Wille des
+Königs ist das höchste Gebot.“ „Es gibt für euch nur einen Feind, und der
+ist mein Feind.“ „Die Sozialdemokratie nehme ich auf mich.“ „Mein Kurs ist
+der richtige.“ „Bürger, erwacht aus dem Schlummer!“ Für das Erwachen
+sorgten Klappsch und Fräulein Klappsch, indem sie überall immer frisches
+Bier hinstellte, ohne so peinlich wie sonst die Bierfilze aufzuhäufen. So
+ward Kunze, als der Vorsitzende, Pastor Zillich, ihn der Versammlung
+vorstellte, schon mit Stimmung aufgenommen. Diederich freilich, hinter der
+Rauchwolke, in der das Bureau saß, machte die unliebsame Bemerkung, daß
+auch Heuteufel, Cohn und einige von ihrem Anhang in den Saal gelangt
+waren. Er stellte Gottlieb Hornung zur Rede, denn Hornung hatte die
+Aufsicht. Aber er wollte sich nichts sagen lassen, er war gereizt, es
+hatte ihn zu große Mühe gekostet, die Leute zusammenzutreiben. So viele
+Lieferanten wie das Kaiser-Wilhelm-Denkmal dank seiner Agitation nun schon
+hatte, konnte die Stadt nie bezahlen, und wenn der alte Kühlemann dreimal
+starb! Geschwollene Hände hatte Hornung von den Begrüßungen all der
+neubekehrten Patrioten! Zumutungen hatten sie an ihn gestellt! Daß er sich
+mit einem Drogisten assoziieren sollte, war noch das wenigste. Aber
+Gottlieb Hornung protestierte gegen diesen demokratischen Mangel an
+Distanz. Der Besitzer der Löwenapotheke hatte ihm soeben gekündigt, und er
+war entschlossener als je, weder Schwämme noch Zahnbürsten zu
+verkaufen.... Inzwischen stammelte Kunze an seiner Kandidatenrede. Denn
+seine finstere Miene täuschte Diederich nicht darüber, daß der Major
+dessen, was er sagen wollte, durchaus nicht sicher war und daß der
+Wahlkampf ihn befangener machte, als der Ernstfall es getan haben würde.
+Er sagte: „Meine Herren, das Heer ist die einzige Säule“, da jedoch einer
+aus der Gegend Heuteufels dazwischenrief: „Schon faul!“, verwirrte Kunze
+sich sogleich und setzte hinzu: „Aber wer bezahlt es? Der Bürger.“ Worauf
+die um Heuteufel Bravo riefen. Hierdurch in eine falsche Richtung
+gedrängt, erklärte Kunze: „Darum sind wir alle Säulen, das dürfen wir wohl
+verlangen, und wehe dem Monarchen –“ „Sehr richtig!“ antworteten
+freisinnige Stimmen, und die gutgläubigen Patrioten schrien mit. Der Major
+wischte sich den Schweiß; ohne sein Zutun nahm seine Rede einen Verlauf,
+als hielte er sie im liberalen Verein. Diederich zog ihn von hinten am
+Rockschoß, er beschwor ihn, Schluß zu machen, aber Kunze versuchte es
+vergebens: den Übergang zur Wahlparole der „Partei des Kaisers“ fand er
+nicht. Am Ende verlor er die Geduld, ward jäh dunkelrot und stieß mit
+unvermittelter Wildheit hervor: „Ausrotten bis auf den letzten Stumpf!
+Hurra!“ Der Kriegerverein donnerte Beifall. Wo nicht mitgeschrien wurde,
+erschienen auf Diederichs Wink eilends Klappsch oder Fräulein Klappsch.
+
+Zur Diskussion meldete sich alsbald Doktor Heuteufel, aber Gottlieb
+Hornung kam ihm zuvor. Diederich für seine Person blieb lieber im
+Hintergrund, hinter der Rauchwolke des Präsidiums. Er hatte Hornung zehn
+Mark versprochen, und Hornung war nicht in der Lage, sie auszuschlagen.
+Knirschend trat er an den Rand der Bühne und erläuterte die Rede des
+verehrten Herrn Majors dahin, daß das Heer, für das wir alle zu jedem
+Opfer bereit seien, unser Bollwerk gegen die Schlammflut der Demokratie
+sei. „Die Demokratie ist die Weltanschauung der Halbgebildeten“, stellte
+der Apotheker fest. „Die Wissenschaft hat sie überwunden.“ „Sehr richtig!“
+rief jemand; es war der Drogist, der sich mit ihm assoziieren wollte.
+„Herren und Knechte wird es immer geben!“ bestimmte Gottlieb Hornung,
+„denn in der Natur ist es auch so. Und es ist daß einzig Wahre, denn jeder
+muß über sich einen haben, vor dem er Angst hat, und einen unter sich, der
+vor ihm Angst hat. Wohin kämen wir sonst! Wenn der erste beste sich
+einbildet, er ist ganz für sich selbst was und alle sind gleich! Wehe dem
+Volk, dessen überkommene, ehrwürdige Formen sich erst in den
+demokratischen Mischmasch auflösen, und wo der zersetzende Standpunkt der
+Persönlichkeit das Übergewicht bekommt!“ Hier verschränkte Gottlieb
+Hornung die Arme und schob den Nacken vor. „Ich,“ rief er, „der ich einer
+hochfeinen Verbindung angehört habe und den freudigen Blutverlust für die
+Ehre der Farben kenne, ich bedanke mich dafür, daß ich Zahnbürsten
+verkaufen soll!“
+
+„Und Schwämme auch nicht?“ fragte jemand.
+
+„Auch nicht!“ entschied Hornung. „Ich verbitte mir ganz energisch, daß
+noch mal einer kommt. Man soll immer wissen, wen man vor sich hat. Jedem
+das Seine. Und in diesem Sinne geben wir unsere Stimme nur einem
+Kandidaten, der dem Kaiser so viel Soldaten bewilligt, als er haben will.
+Denn entweder haben wir einen Kaiser oder nicht!“
+
+Damit trat Gottlieb Hornung zurück und sah, den Unterkiefer vorgeschoben,
+aus gefalteten Brauen in das Beifallsgebrause. Der Kriegerverein ließ es
+sich nicht nehmen, mit geschwungenen Biergläsern an ihm und Kunze
+vorbeizudefilieren. Kunze nahm Händedrücke entgegen, Hornung stand ehern
+da – und Diederich konnte nicht umhin, mit Bitterkeit zu empfinden, daß
+diese beiden zweitklassigen Persönlichkeiten den Vorteil hatten von einer
+Gelegenheit, die sein Werk war. Er mußte ihnen die Volksgunst des
+Augenblicks wohl lassen, denn er wußte besser als die beiden Gimpel, wo
+dies hinauswollte. Da der nationale Kandidat am Ende nur dazu da war, eine
+Hilfstruppe für Napoleon Fischer anzuwerben, tat man gut daran, sich nicht
+selbst hinauszustellen. Heuteufel freilich legte es darauf an, Diederich
+hervorzulocken. Der Vorsitzende, Pastor Zillich, konnte ihm das Wort nicht
+länger verweigern, sofort begann er vom Säuglingsheim. Das Säuglingsheim
+sei eine Sache des sozialen Gewissens und der Humanität. Was aber sei das
+Kaiser-Wilhelm-Denkmal? Eine Spekulation, und die Eitelkeit sei noch der
+anständigste der Triebe, auf die spekuliert werde.... Die Lieferanten dort
+unten hörten zu in einer Stille voll peinlicher Gefühle, denen hier und da
+ein dumpfes Murren entstieg. Diederich bebte. „Es gibt Leute,“ behauptete
+Heuteufel, „denen es auf hundert Millionen mehr für das Militär nicht
+ankommt, denn sie wissen schon, womit sie es für ihre Person wieder
+hereinbringen.“ Da schnellte Diederich auf: „Ich bitte ums Wort!“ und mit
+Bravo! Hoho! Abtreten! explodierten die Gefühle der Lieferanten. Sie
+grölten, bis Heuteufel fort war und Diederich dastand.
+
+Diederich wartete lange, bevor das Meer der nationalen Empörung sich
+beruhigte. Dann begann er. „Meine Herren!“ „Bravo!“ schrien die
+Lieferanten, und Diederich mußte weiter warten in der Atmosphäre
+gleichgestimmter Gemüter, worin das Atmen ihm leicht war. Als sie ihn
+reden ließen, gab er der allgemeinen Empörung Worte, daß der Vorredner es
+habe wagen können, die Versammlung in ihrer nationalen Gesinnung zu
+verdächtigen. „Unerhört!“ riefen die Lieferanten. „Das beweist uns nur,“
+rief Diederich, „wie zeitgemäß die Gründung der ‚Partei des Kaisers‘ war!
+Der Kaiser selbst hat befohlen, daß alle diejenigen sich
+zusammenschließen, die, ob edel oder unfrei, ihn von der Pest des
+Umsturzes befreien wollen. Das wollen wir, und darum steht unsere
+nationale und kaisertreue Gesinnung hoch über den Verdächtigungen derer,
+die selbst bloß eine Vorfrucht des Umsturzes sind!“ Noch bevor der Beifall
+losbrechen konnte, sagte Heuteufel sehr deutlich: „Abwarten! Stichwahl!“
+Und obwohl die Lieferanten sogleich alles weitere im Getöse ihrer Hände
+erstickten, fand Diederich doch schon in diesen zwei Worten so gefährliche
+Andeutungen versteckt, daß er schnell ablenkte. Das Säuglingsheim war ein
+weniger verfängliches Gebiet. Wie? Eine Sache des sozialen Gewissens
+sollte es sein? Ein Ausfluß des Lasters war es! „Wir Deutschen überlassen
+so was den Franzosen, die ein sterbendes Volk sind!“ Diederich brauchte
+nur seinen Artikel aus der „Netziger Zeitung“ herzusagen. Der vom Pastor
+Zillich geleitete Jünglingsverein sowie die christlichen Handlungsgehilfen
+klatschten bei jedem Wort. „Der Germane ist keusch!“ rief Diederich,
+„darum haben wir im Jahre siebzig gesiegt!“ Jetzt war die Reihe am
+Kriegerverein, von Begeisterung zu dröhnen. Hinter dem Tisch des
+Vorstandes sprang Kühnchen auf, schwenkte seine Zigarre und kreischte: „Nu
+verklobben mer sie bald noch emal!“ Diederich hob sich auf die Zehen.
+„Meine Herren!“ schrie er angestrengt in die nationalen Wogen, „das
+Kaiser-Wilhelm-Denkmal soll eine Huldigung für den erhabenen Großvater
+sein, den wir, ich darf es sagen, alle fast wie einen Heiligen verehren,
+und zugleich ein Versprechen an den erhabenen Enkel, unseren herrlichen
+jungen Kaiser, daß wir so bleiben wollen wie wir sind, nämlich keusch,
+freiheitsliebend, wahrhaftig, treu und tapfer!“
+
+Hier waren wieder die Lieferanten nicht mehr zu halten. Selbstvergessen
+schwelgten sie im Idealen – und auch Diederich war sich keiner weltlichen
+Hintergedanken mehr bewußt, nicht seines Paktes mit Wulckow, nicht seiner
+Verschwörung mit Napoleon Fischer, noch seiner dunkeln Absichten für die
+Stichwahl. Reine Begeisterung entführte seine Seele auf einen Flug, von
+dem ihr schwindelte. Erst nach einer Weile konnte er wieder schreien.
+„Abzuweisen und mit aller Schärfe hinter die ihnen gebührenden Schranken
+zurückzudämmen sind daher die Anwürfe derer, die weiter nichts wollen, als
+uns verweichlichen mit ihrer falschen Humanität!“ – „Wo haben Sie Ihre
+echte sitzen?“ fragte die Stimme Heuteufels und stachelte dadurch die
+nationale Gesinnung der Versammelten so hoch auf, daß Diederich nur noch
+stellenweise zu hören war. Man verstand, er wollte keinen ewigen Frieden,
+denn das war ein Traum und nicht einmal ein schöner. Dagegen wollte er
+eine spartanische Zucht der Rasse. Blödsinnige und Sittlichkeitsverbrecher
+waren durch einen chirurgischen Eingriff an der Fortpflanzung zu
+verhindern. Bei diesem Punkt verließ Heuteufel mit den Seinen das Lokal.
+Von der Tür rief er noch her: „Den Umsturz kastrieren Sie auch!“ Diederich
+antwortete: „Machen wir, wenn Sie noch lange nörgeln!“ „Machen wir!“ tönte
+es zurück von allen Seiten. Alle waren plötzlich auf den Füßen, prosteten,
+jauchzten und vermischten ihre Hochgefühle. Diederich, umbraust von
+Huldigungen, wankend unter dem Ansturm treudeutscher Hände, die die seinen
+schütteln wollten, und nationaler Biergläser, die mit ihm anstießen, sah
+von seiner Bühne in den Saal hinaus, der seinem durch Rausch getrübten
+Blick weiter und höher schien. Aus den höchsten Tabakswolken glühten ihn
+mystisch die Gebote seines Herrn an: „Der Wille des Königs!“ „Mein Feind!“
+„Mein Kurs!“ Er wollte sie in das brausende Volk hineinschreien – aber er
+griff sich an die Kehle, kein Ton kam mehr: Diederich war stockheiser. Da
+sah er sich voll Sorge nach Heuteufel um, der leider fort war. „Ich hätte
+ihn nicht so reizen sollen. Jetzt gnade mir Gott, wenn er mich pinselt.“
+
+
+
+Die schlimmste Rache Heuteufels war, daß er Diederich das Ausgehen verbot.
+Draußen tobte der Kampf täglich wilder, und alle standen in der Zeitung,
+weil alle redeten: Pastor Zillich sogar und selbst der Redakteur
+Nothgroschen, zu schweigen von Kühnchen, der überall zugleich redete. Nur
+Diederich in seinem neu altdeutsch möblierten Salon gurgelte stumm. Von
+der Estrade beim Fenster sahen drei Bronzefiguren in zweidrittel
+Lebensgröße ihm zu: der Kaiser, die Kaiserin und der Trompeter von
+Säckingen. Sie waren ein Gelegenheitskauf bei Cohn gewesen; obwohl Cohn
+das Heßlingsche Papier abbestellt hatte und noch immer nicht national
+empfand, hatte Diederich sie in seiner Einrichtung nicht missen wollen.
+Guste warf sie ihm vor, wenn er ihren Hut zu teuer fand.
+
+Guste begann in letzter Zeit launisch zu werden, auch kamen ihr
+Übelkeiten, während deren sie sich im Schlafzimmer von der alten Frau
+Heßling pflegen ließ. Sobald es ihr besser ging, erinnerte sie die Alte
+daran, daß hier eigentlich alles mit ihrem Geld bezahlt war. Frau Heßling
+verfehlte nicht, die Heirat mit ihrem Diedel als eine wahre Gnade
+hinzustellen für Guste, in ihrer damaligen Lage. Zum Schluß war Guste rot
+aufgebläht und schnaufte, Frau Heßling aber vergoß Tränen. Diederich hatte
+den Nutzen davon, denn beide waren nachher mit ihm die Liebe selbst, in
+der Absicht, ihn, der nichts ahnte, auf ihre Seite zu bringen.
+
+Was Emmi betraf, so schlug sie, ihrer Gewohnheit folgend, einfach die Tür
+zu und ging hinauf in ihr Zimmer, das eine schräge Decke hatte. Guste sann
+darauf, sie auch daraus noch zu vertreiben. Wo sollte man bei Regen die
+Wäsche trocknen. Wenn Emmi, weil sie nichts hatte, keinen Mann fand, mußte
+man sie eben unter ihrem Stande verheiraten, mit einem braven Handwerker!
+Aber freilich, Emmi spielte sich auf die Feinste in der Familie hinaus,
+sie verkehrte mit Brietzens.... Denn dies erbitterte Guste am meisten,
+Emmi ward zu den Fräulein von Brietzen eingeladen – obwohl diese das Haus
+nie betreten hatten. Ihr Bruder, der Leutnant, würde Guste, von den
+Soupers bei ihrer Mutter her, wenigstens einen Besuch geschuldet haben,
+aber nur der zweite Stock des Heßlingschen Hauses ward von ihm für würdig
+befunden, es war nachgerade auffallend.... Ihre gesellschaftlichen Erfolge
+behüteten Emmi freilich nicht vor Tagen großer Niedergeschlagenheit; dann
+verließ sie ihr Zimmer nicht einmal zu den Mahlzeiten, die gemeinsam
+waren. Einmal ging Guste, aus Mitgefühl und Langeweile, hinauf zu ihr,
+Emmi schloß aber, wie sie sie sah, die Augen, sie lag in ihrer
+hinfließenden Matinee bleich und starr da. Guste, die keine Antwort bekam,
+versuchte es ihrerseits mit Vertraulichkeiten über Diederich und über
+ihren Zustand. Da zog Emmis starres Gesicht sich jäh zusammen, sie wälzte
+sich auf einen ihrer Arme, und mit dem anderen winkte sie heftig nach der
+Tür. Guste blieb den Ausdruck ihrer Empörung nicht schuldig; Emmi, jäh
+aufgesprungen, gab ihrem Wunsch, alleinzubleiben, die deutlichsten Worte;
+und als die alte Frau Heßling hinzukam, war es schon beschlossene Sache,
+daß die beiden Teile der Familie künftig getrennt essen würden. Diederich,
+dem Guste vorweinte, war peinlich berührt von den Weibergeschichten. Zum
+Glück kam ihm ein Gedanke, der geeignet schien, zunächst mal Ruhe zu
+schaffen. Da er wieder über ein wenig Stimme verfügte, ging er gleich zu
+Emmi und verkündete ihr seinen Entschluß, sie für einige Zeit nach
+Eschweiler zu schicken, zu Magda. Erstaunlicherweise lehnte sie ab. Da er
+nicht nachließ, wollte sie aufbegehren, ward aber plötzlich wie von Angst
+befallen und begann leise und inständig zu bitten, daß sie dableiben
+dürfe. Diederich, dem, er wußte nicht was, ans Herz griff, ließ ratlos die
+Augen umhergehen, und dann zog er sich zurück.
+
+Am Tage darauf erschien Emmi, als sei nichts geschehen, beim Mittagessen,
+frisch gerötet und in bester Laune. Guste, die um so zurückhaltender
+blieb, warf Diederich Blicke zu. Er glaubte zu verstehen; er erhob sein
+Glas gegen Emmi und sagte schalkhaft: „Prost, Frau von Brietzen“. Da
+erblaßte Emmi. „Mach’ dich nicht lächerlich!“ rief sie zornig, warf die
+Serviette hin und schlug die Tür zu. „Nanu“, knurrte Diederich; aber Guste
+hob nur die Schultern. Erst als die alte Frau Heßling fort war, sah sie
+Diederich merkwürdig in die Augen und fragte: „Glaubst du wirklich?“ Er
+erschrak, machte aber ein fragendes Gesicht. „Ich meine,“ erklärte Guste,
+„dann könnte mich der Herr Leutnant wenigstens auf der Straße grüßen. Aber
+heute hat er einen Bogen gemacht.“ Diederich bezeichnete dies als Unsinn.
+Guste erwiderte: „Wenn ich es mir bloß einbilde, dann bilde ich mir noch
+mehr ein, weil ich nämlich in der Nacht schon öfter was durchs Haus
+schleichen gehört habe, und heute sagte auch Minna –.“ Weiter kam Guste
+nicht. „Aha!“ Diederich schnob. „Mit den Dienstboten steckst du zusammen!
+Das tat Mutter auch immer. Aber ich kann dir nur sagen, daß ich das nicht
+dulde. Über der Ehre meines Hauses wache ich allein, dazu brauche ich
+weder Minna noch dich, und wenn ihr anderer Meinung seid, dann seht lieber
+gleich beide zu, daß ihr die Tür wiederfindet, wo ihr hereingekommen
+seid!“ Vor dieser mannhaften Haltung konnte Guste sich freilich nur
+ducken, aber sie lächelte ihm von unten nach, wie er davonging.
+
+Diederich seinerseits war froh, durch sein festes Auftreten die Sache aus
+der Welt geschafft zu haben. Denn noch verwickelter, als es in diesen
+Zeiten schon war, durfte das Leben nicht werden. Seine Heiserkeit, die ihn
+leider nun drei Tage lang dem Kampfe fernhielt, war von den Feinden nicht
+unbenutzt gelassen. Ja, Napoleon Fischer hatte ihn noch heute morgen davon
+unterrichtet, daß die „Partei des Kaisers“ ihm zu stark werde und daß sie
+neuerdings zu viel gegen die Sozialdemokratie hetze. Unter diesen
+Umständen –. Um ihn zu beruhigen, hatte Diederich ihm versprechen müssen,
+gleich heute werde er die übernommenen Verpflichtungen erfüllen und von
+den Stadtverordneten das sozialdemokratische Gewerkschaftshaus
+verlangen.... So begab er sich, durchaus noch nicht hergestellt, in die
+Versammlung – und hier mußte er erleben, daß der Antrag betreffend das
+Gewerkschaftshaus soeben eingebracht worden war, und zwar von den Herren
+Cohn und Genossen. Die Liberalen stimmten dafür, er ging durch, so glatt,
+als sei er der erste beste. Diederich, der den nationalen Verrat der Cohn
+und Genossen laut geißeln wollte, konnte nur bellen: der tückische Streich
+hatte ihn abermals der Stimme beraubt. Kaum heimgekehrt, ließ er sich
+Napoleon Fischer kommen.
+
+„Sie sind entlassen!“ bellte Diederich. Der Maschinenmeister grinste
+verdächtig. „Schön“, sagte er und wollte abziehen.
+
+„Halt!“ bellte Diederich. „Wenn Sie meinen, Sie kommen so leicht los.
+Gehen Sie mit dem Freisinn zusammen, dann verlassen Sie sich darauf, daß
+ich unseren Vertrag bekanntmache! Sie sollen was erleben!“
+
+„Politik ist Politik“, bemerkte Napoleon Fischer achselzuckend. Und da
+Diederich vor so viel Zynismus nicht einmal mehr bellen konnte, trat
+Napoleon Fischer vertraulich näher, fast hätte er Diederich auf die
+Schulter geklopft. „Herr Doktor,“ sagte er wohlwollend, „tun Sie doch nur
+nicht so. Wir beide: – na ja, ich sage bloß, wir beide ...“ Und sein
+Grinsen war so voll Mahnungen, daß Diederich erschauerte. Schnell bot er
+Napoleon Fischer eine Zigarre an. Fischer rauchte und sagte:
+
+„Wenn einer von uns beiden erst anfängt zu reden, wo hört dann der andere
+auf! Hab’ ich recht, Herr Doktor? Aber wir sind doch keine alten
+Seichtbeutel, die immer gleich mit allem herausmüssen, wie zum Beispiel
+der Herr Buck.“
+
+„Wieso?“ fragte Diederich tonlos und fiel von einer Angst in die andere.
+Der Maschinenmeister tat erstaunt. „Das wissen Sie nicht? Der Herr Buck
+erzählt doch überall, daß Sie den nationalen Rummel nicht so schlimm
+meinen. Sie möchten bloß Gausenfeld billig haben, und denken, Sie kriegen
+es billiger, wenn Klüsing Angst wegen gewisser Aufträge hat, weil er nicht
+national ist.“
+
+„Das sagt er?“ fragte Diederich, zu Stein geworden.
+
+„Das sagt er“, wiederholte Fischer. „Und er sagt auch, er tut Ihnen den
+Gefallen und spricht für Sie mit Klüsing. Dann werden Sie sich wohl wieder
+beruhigen, sagt er.“
+
+Da wich der Bann von Diederich. „Fischer!“ versetzte er mit kurzem Gebell.
+„Merken Sie sich, was jetzt kommt. Den alten Buck werden Sie noch im
+Rinnstein stehen und betteln sehen. Jawohl! Dafür werd’ ich sorgen,
+Fischer. Adieu.“
+
+Napoleon Fischer war hinaus, aber Diederich bellte noch lange, im Zimmer
+umherstampfend, vor sich hin. Der Schuft, der falsche Biedermann! Hinter
+allen Widerständen stak der alte Buck, Diederich hatte es immer geahnt.
+Der Antrag Cohn und Genossen war sein Werk gewesen – und jetzt die infame
+Verleumdung mit Gausenfeld. Diederichs ganzes Innere bäumte sich auf, in
+der Unbestechlichkeit seiner kaisertreuen Gesinnung. „Und woher weiß er
+es?“ dachte er mit zornigem Entsetzen. „Hat Wulckow mich verkauft? Sie
+glauben wohl alle schon, ich treibe doppeltes Spiel?“ Denn Kunze und die
+anderen waren ihm heute merklich abgekühlt erschienen; sie hielten es
+scheinbar nicht mehr für nötig, ihn einzuweihen in das, was vorging?
+Diederich gehörte nicht dem Komitee an, er hatte der Sache das Opfer
+seines persönlichen Ehrgeizes gebracht. War er darum vielleicht nicht der
+eigentliche Gründer der Partei des Kaisers?... Verrat überall, Intrigen,
+feindseliger Verdacht – und nirgends schlichte deutsche Treue.
+
+Da er nur bellen konnte, mußte er in der nächsten Wahlversammlung hilflos
+zusehen, wie Zillich – es war klar, aus welchem persönlichen Interesse –
+Jadassohn reden ließ, und wie Jadassohn stürmischen Beifall erntete, als
+er gegen die Elenden und die vaterlandslosen Gesellen loszog, die Napoleon
+Fischer wählen würden. Diederich bemitleidete dieses wenig staatsmännische
+Vorgehen, er wußte sich Jadassohn hoch überlegen. Andererseits war es
+nicht zu verkennen, daß Jadassohn, je weiter er sich durch seinen Erfolg
+hinreißen ließ, desto lautere Zustimmung bei gewissen Zuhörern fand, die
+keineswegs national anmuteten, sondern sichtlich zu Cohn und Heuteufel
+gehörten. Sie waren in verdächtiger Menge erschienen – und Diederich,
+überreizt durch die Fallen ringsum, sah am Ursprung auch dieses Manövers
+wieder den Erzfeind stehen, ihn, der überall das Böse lenkte, den alten
+Buck.
+
+Der alte Buck hatte blaue Augen, ein menschenfreundliches Lächeln, und er
+war der falscheste Hund von allen, die die Gutgesinnten umdrohten. Der
+Gedanke an den alten Buck hielt Diederich noch im Traum besessen. Am
+folgenden Abend unter der Familienlampe gab er den Seinen keine Antworten;
+er führte eingebildete Streiche gegen den alten Buck. Besonders erbitterte
+es ihn, daß er den Alten für einen schon zahnlosen Schwätzer gehalten
+hatte, und jetzt zeigte er die Zähne. Nach all seinen humanitären
+Redensarten wirkte es auf Diederich wie eine Herausforderung, daß er sich
+nun doch nicht einfach fressen ließ. Die heuchlerische Milde, mit der er
+getan hatte, als verzeihe er Diederich den Ruin seines Schwiegersohnes!
+Wozu hatte er ihn protegiert und in die Stadtverordnetenversammlung
+gebracht? Nur damit Diederich sich Blößen gebe und leichter zu fassen sei.
+Die Frage des Alten damals, ob Diederich der Stadt sein Grundstück
+verkaufen wolle, stellte sich jetzt als die gefährlichste Falle heraus.
+Diederich fühlte sich durchschaut von jeher; ihm war jetzt, als sei bei
+seiner geheimen Unterredung mit dem Präsidenten von Wulckow der alte Buck,
+unsichtbar im Tabaksqualm, dabei gewesen; und als Diederich, in einer
+dunklen Winternacht an Gausenfeld hinangeschlichen, sich in den Graben
+geduckt und die Augen, die vielleicht funkelten, geschlossen hatte, da war
+droben der alte Buck vorbeigegangen und hatte zu ihm hinabgespäht ... Im
+Geiste sah Diederich den Alten sich über ihn beugen und die weiße, weiche
+Hand hinhalten, um ihm aus dem Graben zu helfen. Die Güte in seinen Zügen
+war krasser Hohn, sie war das Unerträglichste. Er dachte Diederich kirre
+zu machen und mit seinen Schlichen leise zurückzuleiten wie einen
+verlorenen Sohn. Aber man sollte sehen, wer schließlich die Treber fraß!
+
+„Was hast du, mein lieber Sohn?“ fragte Frau Heßling, denn Diederich hatte
+vor Haß und Angst schwer aufgestöhnt. Er erschrak; in diesem Augenblick
+betrat Emmi das Zimmer, sie hatte es, so meinte Diederich, schon mehrmals
+betreten – ging zum Fenster, streckte den Kopf hinaus, seufzte, als sei
+sie allein, und begab sich auf den Rückweg. Guste sah ihr nach; wie Emmi
+an Diederich vorbeikam, umfaßte Gustes spöttischer Blick sie beide, und
+Diederich erschrak noch tiefer: denn dies war das Lächeln des Umsturzes,
+das er an Napoleon Fischer kannte. So lächelte Guste. Vor Schrecken
+runzelte er die Stirn und rief barsch: „Was gibt es!“ Schleunigst verkroch
+sich Guste in ihre Flickerei, Emmi aber blieb stehen und sah ihn mit den
+entgeisterten Augen an, die sie jetzt manchmal hatte. „Was ist mit dir?“
+fragte er, und da sie stumm blieb: „Wen suchst du auf der Straße?“ Sie hob
+nur die Schultern, in ihrer Miene geschah gar nichts. „Nun?“ wiederholte
+er leiser; denn ihr Blick, ihre Haltung, die merkwürdig unbeteiligt und
+dadurch überlegen schienen, erschwerten es ihm, laut zu sein. Sie ließ
+sich endlich herbei zu sprechen.
+
+„Es hätte sein können, daß die beiden Fräulein von Brietzen noch gekommen
+wären.“
+
+„Am späten Abend?“ fragte Diederich. Da sagte Guste: „Weil wir an die Ehre
+doch gewöhnt sind. Und überhaupt, sie sind schon gestern mit ihrer Mama
+abgereist. Wenn sie einem nicht adieu sagen, weil sie einen gar nicht
+kennen, braucht man bloß an der Villa vorbeizugehen.“
+
+„Wie?“ machte Emmi.
+
+„Na gewiß doch!“ Und das Gesicht überglänzt, triumphierend ließ Guste das
+Ganze los. „Der Leutnant reist auch bald hinterher. Er ist doch versetzt.“
+Eine Pause, ein Blick. „Er hat sich versetzen lassen.“
+
+„Du lügst“, sagte Emmi. Sie hatte gewankt, man sah, wie sie sich steif
+machte. Den Kopf sehr hoch, wandte sie sich ab und ließ hinter sich den
+Vorhang fallen. Im Zimmer war Stille. Die alte Frau Heßling auf ihrem Sofa
+faltete die Hände, Guste sah herausfordernd Diederich nach, der schnaufend
+umherlief. Als er wieder bei der Tür war, gab er sich einen Ruck. Durch
+den Spalt erblickte er Emmi, die im Eßzimmer auf einem Stuhl saß oder
+hing, zusammengekrümmt, als habe man sie gebunden und dort hingeworfen.
+Sie zuckte, dann kehrte sie das Gesicht der Lampe zu; vorhin war es ganz
+weiß gewesen und war jetzt stark gerötet, der Blick sah nichts – und
+plötzlich sprang sie auf, fuhr los wie gebrannt, und mit zornigen,
+unsicheren Schritten stürmte sie fort, sich anschlagend, ohne Schmerz zu
+fühlen, fort, wie in Nebel hinein, wie in Qualm ... Diederich drehte sich
+in steigender Angst nach Frau und Mutter um. Da Guste zur Respektlosigkeit
+geneigt schien, raffte er den gewohnten Komment zusammen und stampfte
+stramm hinter Emmi her.
+
+Noch hatte er nicht die Treppe erreicht, und droben ward schon heftig die
+Tür versperrt, mit Schlüssel und Riegel. Da begann Diederichs Herz so
+stark zu klopfen, daß er anhalten mußte. Als er hinaufgelangt war, blieb
+ihm nur noch eine schwache, atemlose Stimme, um Einlaß zu verlangen. Keine
+Antwort, aber er hörte etwas klirren auf dem Waschtisch, – und plötzlich
+schwenkte er die Arme, schrie, schlug gegen die Tür und schrie unförmlich.
+Vor seinem eigenen Lärm hörte er nicht, wie sie öffnete, und schrie noch,
+als sie schon vor ihm stand. „Was willst du?“ fragte sie zornig, worauf
+Diederich sich sammelte. Von der Treppe spähten mit fragendem Entsetzen
+Frau Heßling und Guste hinauf. „Unten bleiben!“ befahl er, und er drängte
+Emmi in das Zimmer zurück. Er schloß die Tür. „Das brauchen die anderen
+nicht zu riechen“, sagte er knapp, und er nahm aus der Waschschüssel einen
+kleinen Schwamm, der von Chloroform troff. Er hielt ihn mit gestrecktem
+Arm von sich fort und heischte: „Woher hast du das?“ Sie warf den Kopf
+zurück und sah ihn an, sagte aber nichts. Je länger dies dauerte, um so
+weniger wichtig fühlte Diederich die Frage werden, die doch von Rechts
+wegen die erste war. Schließlich ging er einfach zum Fenster und warf den
+Schwamm in den dunklen Hof. Es platschte, er war in den Bach gefallen.
+Diederich seufzte erleichtert.
+
+Jetzt hatte Emmi eine Frage. „Was führst du hier eigentlich auf? Laß mich
+gefälligst machen, was ich will!“
+
+Dies kam ihm unerwartet. „Ja, was – was willst du denn?“
+
+Sie sah weg, sie sagte achselzuckend: „Dir kann es gleich sein.“
+
+„Na, höre mal!“ Diederich empörte sich. „Wenn du vor deinem himmlischen
+Richter dich nicht mehr genierst, was ich persönlich durchaus mißbillige:
+ein bißchen Rücksicht könntest du wohl auch auf uns hier nehmen. Man ist
+nicht allein auf der Welt.“
+
+Ihre Gleichgültigkeit verletzte ihn ernstlich. „Einen Skandal in meinem
+Hause verbitte ich mir! Ich bin der erste, den es trifft.“
+
+Plötzlich sah sie ihn an. „Und ich?“
+
+Er schnappte. „Meine Ehre –!“ Aber er hörte gleich wieder auf; ihre Miene,
+die er nie so ausdrucksvoll gekannt hatte, klagte und höhnte zugleich. In
+seiner Verwirrung ging er zur Tür. Hier fiel ihm ein, was das Gegebene
+sei.
+
+„Im übrigen werde ich meinerseits als Bruder und Ehrenmann natürlich voll
+und ganz meine Pflicht tun. Ich darf erwarten, daß du dir inzwischen die
+äußerste Zurückhaltung auferlegst.“ Mit einem Blick nach der
+Waschschüssel, aus der noch immer der Geruch kam.
+
+„Dein Ehrenwort!“
+
+„Laß mich in Ruhe“, sagte Emmi. Da kehrte Diederich zurück.
+
+„Du scheinst dir des Ernstes der Lage denn doch nicht bewußt zu sein. Du
+hast, wenn das, was ich fürchten muß, wahr ist –“
+
+„Es ist wahr“, sagte Emmi.
+
+„Dann hast du nicht nur deine eigene Existenz, zum mindesten deine
+gesellschaftliche, in Frage gestellt, sondern eine ganze Familie mit
+Schande bedeckt. Und wenn ich nun im Namen von Pflicht und Ehre vor dich
+hintrete –“
+
+„Dann ist es auch noch so“, sagte Emmi.
+
+Er erschrak; er setzte an, um seinen Abscheu zu bekunden vor so viel
+Zynismus, aber in Emmis Gesicht stand zu deutlich, was alles sie
+durchschaut und abgetan hinter sich ließ. Vor der Überlegenheit ihrer
+Verzweiflung kam Diederich ein Schaudern an. In ihm zersprang es wie
+künstliche Federn. Die Beine wurden ihm weich, er setzte sich und brachte
+hervor: „So sag’ mir doch nur –. Ich will dir auch –.“ Er sah an Emmis
+Erscheinung hin, das Wort Verzeihen blieb ihm stecken. „Ich will dir
+helfen“, sagte er. Sie sagte müde: „Wie willst du das wohl machen?“ und
+sie lehnte sich drüben an die Wand.
+
+Er sah vor sich nieder. „Du mußt mir freilich einige Aufklärungen geben:
+ich meine, über gewisse Einzelheiten. Ich vermute, daß es schon seit
+deinen Reitstunden dauert?...“
+
+Sie ließ ihn weiter vermuten, sie bestätigte nicht, noch widersprach sie –
+wie er aber zu ihr aufsah, hatte sie weich geöffnete Lippen, und ihr Blick
+hing an ihm mit Staunen. Er begriff, daß sie staunte, weil er vieles, das
+sie allein getragen hatte, ihr abnahm, indem er es aussprach. Ein
+unbekannter Stolz erfaßte sein Herz, er stand auf und sagte vertraulich:
+„Verlaß dich auf mich. Gleich morgen früh gehe ich hin.“
+
+Sie bewegte leise und angstvoll den Kopf.
+
+„Du kennst das nicht. Es ist aus.“
+
+Da machte er seine Stimme wohlgemut. „Ganz wehrlos sind wir auch nicht!
+Ich möchte doch sehen!“
+
+Zum Abschied gab er ihr die Hand. Sie rief ihn nochmals zurück.
+
+„Du wirst ihn fordern?“ Sie riß die Augen auf und hielt die Hand vor den
+Mund.
+
+„Wieso?“ machte Diederich, denn hieran hatte er nicht mehr gedacht.
+
+„Schwöre mir, daß du ihn nicht forderst!“
+
+Er versprach es. Zugleich errötete er, denn er hätte gern noch gewußt, für
+wen sie fürchtete, für ihn oder für den anderen. Dem anderen würde er es
+nicht gegönnt haben. Aber er unterdrückte die Frage, weil die Antwort ihr
+peinlich sein konnte; und er verließ das Zimmer beinahe auf den
+Fußspitzen.
+
+Die beiden Frauen, die noch immer drunten warteten, schickte er streng zu
+Bett. Er selbst legte sich erst dann neben Guste, als sie schon schlief.
+Er hatte zu bedenken, wie er morgen auftreten würde. Natürlich imponieren!
+Zweifel am Ausgang der Sache überhaupt nicht zulassen! Aber anstatt seiner
+eigenen, schneidigen Gestalt erschien vor Diederichs Geist immer wieder
+ein gedrungener Mann mit blanken bekümmerten Augen, der bat, aufbrauste
+und ganz zusammenbrach: Herr Göppel, Agnes Göppels Vater. Jetzt verstand
+Diederich in banger Seele, wie damals dem Vater zumute gewesen war. „Du
+kennst das nicht“, meinte Emmi. Er kannte es – weil er es zugefügt hatte.
+
+„Gott bewahre!“ sagte er laut und wälzte sich herum. „Ich lasse mich auf
+die Sache nicht ein. Emmi hat doch nur geblufft mit dem Chloroform. Die
+Weiber sind raffiniert genug dafür. Ich werf’ sie hinaus, wie es sich
+gehört!“ Da stand vor ihm auf regnerischer Straße Agnes und starrte, das
+Gesicht weiß von Gaslicht, zu seinem Fenster hinauf. Er deckte das Bettuch
+über seine Augen. „Ich kann sie nicht auf die Straße jagen!“ Es ward
+Morgen, und er sah verwundert, was mit ihm geschehen war.
+
+„Ein Leutnant steht früh auf“, dachte er und entwischte, bevor Guste wach
+wurde. Hinter dem Sachsentor die Gärten zwitscherten und dufteten zum
+Frühlingshimmel. Die Villen, noch verschlossen, sahen frisch gewaschen aus
+und als seien lauter Neuvermählte hineingezogen. „Wer weiß,“ dachte
+Diederich und atmete die gute Luft ein, „vielleicht ist es gar nicht
+schwer. Es gibt anständige Menschen. Auch liegen die Dinge doch wesentlich
+günstiger als –“ Er ließ den Gedanken lieber fallen. Dort hinten hielt ein
+Wagen – vor welchem Haus denn? Also doch. Das Gitter stand offen, auch die
+Tür. Der Bursche kam ihm entgegen. „Lassen Sie nur,“ sagte Diederich, „ich
+sehe den Herrn Leutnant schon.“ Denn im Zimmer geradeaus packte Herr von
+Brietzen einen Koffer. „So früh?“ fragte er, ließ den Deckel des Koffers
+fallen und klemmte sich den Finger ein. „Verdammt.“ Diederich dachte
+entmutigt: „Er ist auch beim Packen.“
+
+„Welchem Zufall verdanke ich denn –“ begann Herr von Brietzen, aber
+Diederich machte, ohne es zu wollen, eine Bewegung, des Sinnes, daß dies
+unnütz sei. Trotzdem natürlich leugnete Herr von Brietzen. Er leugnete
+sogar länger als damals Diederich, und Diederich erkannte dies innerlich
+an, denn wenn es auf die Ehre eines Mädchens ankam, hatte ein Leutnant
+immerhin noch um einige Grade genauer zu sein als ein Neuteutone. Als man
+endlich über die Lage der Dinge im reinen war, stellte Herr von Brietzen
+sich dem Bruder sofort zur Verfügung, was von ihm gewiß nicht anders zu
+erwarten war. Aber Diederich, trotz seinem tiefen Bangen, erwiderte mit
+heiterer Stirn, er hoffe, eine Austragung mit den Waffen erübrige sich,
+wenn nämlich Herr von Brietzen –. Und Herr von Brietzen machte eben das
+Gesicht, das Diederich vorhergesehen hatte, und brauchte eben die
+Ausreden, die in Diederichs Geist schon erklungen waren. In die Enge
+getrieben, sagte er den Satz, den Diederich vor allem fürchtete und der,
+er sah es ein, nicht zu vermeiden war. Ein Mädchen, das ihre Ehre nicht
+mehr hatte, machte man nicht zur Mutter seiner Kinder! Diederich
+antwortete darauf, was Herr Göppel geantwortet hatte, niedergeschlagen wie
+Herr Göppel. Den rechten Zorn fand er erst, als er an seine große Drohung
+gelangte, die Drohung, von der er sich schon seit gestern den Erfolg
+versprach.
+
+„Angesichts Ihrer unritterlichen Weigerung, Herr Leutnant, sehe ich mich
+leider veranlaßt, Ihren Oberst von der Sache in Kenntnis zu setzen.“
+
+Wirklich schien Herr von Brietzen peinlich getroffen. Er fragte unsicher:
+„Was wollen Sie damit erreichen? Daß ich eine Moralpredigt kriege? Na
+schön. Im übrigen aber –“ Herr von Brietzen festigte sich wieder, „was
+Ritterlichkeit ist, darüber denkt der Oberst denn doch wohl etwas anders
+als ein Herr, der sich nicht schlägt.“
+
+Da aber stieg Diederich. Herr von Brietzen möge gefälligst seine Zunge
+hüten, sonst könne es ihm passieren, daß er es mit der Neuteutonia zu tun
+bekomme! Ihm, Diederich, sei der freudige Blutverlust für die Ehre der
+Farben durch seine Schmisse bescheinigt! Er wolle dem Herrn Leutnant
+wünschen, daß er einmal in den Fall komme, einen Grafen von
+Tauern-Bärenheim zu fordern! „Ich hab’ ihn glatt gefordert!“ Und im selben
+Atem behauptete er, daß er so einem frechen Junker noch lange nicht das
+Recht einräume, einen bürgerlichen Mann und Familienvater nur so
+abzuschießen. „Die Schwester verführen und den Bruder abschießen, das
+möchten Sie wohl!“ rief er, außer sich. Herr von Brietzen, in einem
+ähnlichen Zustand wie Diederich, sprach davon, dem Koofmich von seinem
+Burschen die Fresse einschlagen zu lassen; und da der Bursche schon
+bereitstand, räumte Diederich das Feld, aber nicht ohne einen letzten
+Schuß. „Wenn Sie meinen, für Ihre Frechheiten bewilligen wir Ihnen auch
+noch die Militärvorlage! Sie sollen sehen, was Umsturz ist!“
+
+Draußen in der einsamen Allee wütete er weiter, zeigte dem unsichtbaren
+Feinde die Faust und stieß Drohungen aus. „Das kann euch schlecht
+bekommen! Wenn wir mal Schluß machen!“ Plötzlich bemerkte er, daß die
+Gärten noch immer zum Frühlingshimmel zwitscherten und dufteten, und es
+ward ihm klar, selbst die Natur, mochte sie schmeicheln oder die Zähne
+zeigen, war ohne Einfluß auf die Macht, die Macht über uns, die ganz
+unerschütterlich ist. Mit dem Umsturz war leicht drohen; aber das
+Kaiser-Wilhelm-Denkmal? Wulckow und Gausenfeld? Wer treten wollte, mußte
+sich treten lassen, das war das eherne Gesetz der Macht. Diederich, nach
+seinem Anfall von Auflehnung, fühlte schon wieder den heimlichen Schauer
+dessen, den sie tritt ... Ein Wagen kam von dort hinten: Herr von Brietzen
+mit seinem Koffer. Diederich, ehe er es bedachte, machte halb Front,
+bereit zu grüßen. Aber Herr von Brietzen sah weg. Diederich freute sich,
+trotz allem, des frischen und ritterlichen jungen Offiziers. „Den macht
+uns niemand nach“, stellte er fest.
+
+Freilich, nun er die Meisestraße betrat, ward ihm beklommen. Von weitem
+sah er Emmi nach ihm ausspähen. Ihm fiel auf einmal ein, was sie in der
+vergangenen Stunde, die ihr Schicksal entschied, durchgemacht haben mußte.
+Arme Emmi, nun war es entschieden. Die Macht war wohl erhebend, aber wenn
+es die eigene Schwester traf –. „Ich habe nicht gewußt, daß es mir so
+nahegehen würde.“ Er nickte hinauf, so ermunternd wie möglich. Sie war
+viel schmaler geworden, warum sah das niemand? Unter ihrem blaß
+flimmernden Haar hatte sie große schlaflose Augen, ihre Lippe zitterte,
+als er ihr zuwinkte; auch das fing er auf in seiner scharfsichtigen Angst.
+Die Treppe hinauf schlich er fast. Im ersten Stock kam sie aus dem Zimmer
+und ging vor ihm her in den zweiten. Oben drehte sie sich um – und als sie
+sein Gesicht gesehen hatte, ging sie hinein ohne eine Frage, ging bis zum
+Fenster und blieb abgewendet stehen. Er raffte sich zusammen, er sagte
+laut: „Oh! noch ist nichts verloren.“ Darauf erschrak er und schloß die
+Augen. Da er aufstöhnte, wandte sie sich um, kam langsam herbei und legte,
+um mitzuweinen, den Kopf an seine Schulter.
+
+Nachher hatte er einen Auftritt mit Guste, die hetzen wollte. Diederich
+sagte ihr auf den Kopf zu, daß sie Emmis Unglück nur mißbrauche, um sich
+zu rächen für die ihr nicht gerade günstigen Umstände, unter denen sie
+selbst geheiratet worden war. „Emmi läuft wenigstens keinem nach.“ Guste
+kreischte auf. „Bin ich dir vielleicht nachgelaufen?“ Er schnitt ab.
+„Überhaupt ist sie meine Schwester!“ ... Und da sie nun unter seinem
+Schutz lebte, fing er an, sie interessant zu finden und ihr eine
+ungewöhnliche Achtung zu erweisen. Nach dem Essen küßte er ihr die Hand,
+mochte Guste grinsen. Er verglich die beiden; wieviel gemeiner war Guste!
+Magda selbst, die er bevorzugt hatte, weil sie Erfolg gehabt hatte, kam in
+seiner Erinnerung nicht mehr auf gegen die verlassene Emmi. Denn Emmi war
+durch ihr Unglück feiner und gewissermaßen ungreifbarer geworden. Wenn
+ihre Hand so bleich und abwesend dalag und Emmi stumm in sich versenkt war
+wie in einen unbekannten Abgrund, fühlte Diederich sich berührt von der
+Ahnung einer tieferen Welt. Die Eigenschaft als Gefallene, unheimlich und
+verächtlich bei jeder anderen, um Emmi, Diederichs Schwester, legte sie
+eine Luft von seltsamem Schimmer und fragwürdiger Anziehung. Glänzender
+zugleich und rührender war nun Emmi.
+
+Der Leutnant, der das alles veranlaßt hatte, verlor erheblich gegen sie –
+und mit ihm die Macht, in deren Namen er triumphiert hatte. Diederich
+erfuhr, daß sie manchmal einen gemeinen und niedrigen Anblick bieten
+könne: die Macht und alles, was in ihren Spuren ging, Erfolg, Ehre,
+Gesinnung. Er sah Emmi an und mußte zweifeln an dem Wert dessen, was er
+erreicht hatte oder noch erstrebte: Gustes und ihres Geldes, des Denkmals,
+der hohen Gunst, Gausenfelds, der Auszeichnungen und Ämter. Er sah Emmi an
+und dachte auch an Agnes. Agnes, die Weichheit und Liebe in ihm gepflegt
+hatte, sie war in seinem Leben das Wahre gewesen, er hätte es festhalten
+sollen! Wo war sie jetzt? Tot? Er saß manchmal da, den Kopf in den Händen.
+Was hatte er nun? Was hatte man vom Dienst der Macht? Wieder einmal
+versagte alles, alle verrieten ihn, mißbrauchten seine reinsten Absichten,
+und der alte Buck beherrschte die Lage. Agnes, die nichts vermochte als
+leiden, es beschlich ihn, als ob sie gesiegt habe. Er schrieb nach Berlin
+und erkundigte sich nach ihr. Sie war verheiratet und leidlich gesund. Das
+erleichterte ihn, aber irgendwie enttäuschte es ihn auch.
+
+
+
+Aber während er, den Kopf in den Händen, dasaß, kam der Wahltag herbei.
+Erfüllt von der Eitelkeit der Dinge, hatte Diederich von allem, was
+vorging, nichts mehr sehen wollen, auch nicht, daß die Miene seines
+Maschinenmeisters immer feindlicher ward. Am Sonntag der Wahl,
+frühmorgens, als Diederich noch im Bett lag, trat Napoleon Fischer bei ihm
+ein. Ohne sich im geringsten zu entschuldigen, begann er: „Ein ernstes
+Wort in letzter Stunde, Herr Doktor!“ Diesmal war er es, der Verrat
+witterte und sich auf den Pakt berief. „Ihre Politik, Herr Doktor, hat ein
+doppeltes Gesicht. Uns haben Sie Versprechungen gemacht, und loyal, wie
+wir sind, haben wir gegen Sie nicht agitiert, sondern bloß gegen den
+Freisinn.“
+
+„Wir auch“, behauptete Diederich.
+
+„Das glauben Sie selbst nicht. Sie haben sich bei Heuteufel angebiedert.
+Er hat Ihnen Ihr Denkmal schon bewilligt. Wenn Sie nicht gleich heute mit
+fliegenden Fahnen zu ihm übergehen, dann tun Sie es sicher bei der
+Stichwahl und treiben schnöden Volksverrat.“
+
+Napoleon Fischer tat, die Arme verschränkt, noch einen langen Schritt auf
+das Bett zu. „Sie sollen bloß wissen, Herr Doktor, daß wir die Augen offen
+halten.“
+
+Diederich sah sich in seinem Bett hilflos dem politischen Gegner
+ausgeliefert. Er suchte ihn zu besänftigen. „Ich weiß, Fischer, Sie sind
+ein großer Politiker. Sie sollten in den Reichstag kommen.“
+
+„Stimmt.“ Napoleon blinzte von unten. „Denn wenn ich nicht hineinkomme,
+dann geht in Netzig in mehreren Betrieben ein Streik los. Einen von den
+Betrieben kennen Sie ziemlich genau, Herr Doktor.“ Er machte kehrt. Von
+der Tür her faßte er Diederich, der vor Schreck ganz in die Federn
+gerutscht war, nochmals ins Auge. „Und darum hoch die internationale
+Sozialdemokratie!“ rief er und ging ab.
+
+Diederich rief aus seinen Federn: „Seine Majestät, der Kaiser hurra!“ Dann
+aber blieb nichts übrig, als der Lage ins Gesicht zu sehen. Sie sah
+drohend genug aus. Schwer von Ahnungen eilte er auf die Straße, in den
+Kriegerverein, zu Klappsch, und überall mußte er erkennen, daß in den
+Tagen seiner Mutlosigkeit die tückische Taktik des alten Buck weitere
+Erfolge zu verzeichnen gehabt hatte. Die Partei des Kaisers war verwässert
+durch Zulauf aus den Reihen des Freisinns und der Abstand Kunzes von
+Heuteufel unbeträchtlich gegen die Kluft zwischen ihm und Napoleon
+Fischer. Pastor Zillich, der mit seinem Schwager Heuteufel einen
+verschämten Gruß austauschte, erklärte, daß die Partei des Kaisers mit
+ihrem Erfolg zufrieden sein dürfe, denn sicher habe sie dem Kandidaten des
+Freisinns, wenn er schließlich siege, das nationale Gewissen gestärkt. Da
+Professor Kühnchen sich ähnlich äußerte, war der Verdacht nicht von der
+Hand zu weisen, daß ihnen die von Diederich und Wulckow erpreßten
+Versprechungen noch nicht genügten, und daß sie sich durch weitere
+persönliche Vorteile vom alten Buck hatten gewinnen lassen. Der Korruption
+des demokratischen Klüngels war alles zuzutrauen! Was Kunze betraf, so
+wollte er auf jeden Fall selbst gewählt werden, notfalls mit Hilfe der
+Freisinnigen. Ihn hatte sein Ehrgeiz korrumpiert, er hatte ihn schon dahin
+gebracht, zu versprechen, daß er für das Säuglingsheim eintreten werde!
+Diederich entrüstete sich; Heuteufel sei hundertmal schlimmer als
+irgendein Prolet; und er spielte auf die düsteren Folgen an, die eine so
+unpatriotische Haltung haben müsse. Leider durfte er nicht deutlicher
+werden – und vor sich das Bild des Streiks, im Herzen schon die Trümmer
+des Kaiser-Wilhelm-Denkmals, Gausenfelds, aller seiner Träume, lief er im
+Regen umher zwischen den Wahllokalen und schleppte gutgesinnte Wähler
+herbei, im vollen Bewußtsein, daß ihre Kaisertreue den Weg verfehlte und
+den schlimmsten Feinden des Kaisers helfe. Abends bei Klappsch,
+kotbespritzt bis an den Hals und fiebrig entrückt durch den Lärm des
+langen Tages, durch das viele Bier und das Nahen der Entscheidung, vernahm
+er das Ergebnis: gegen achttausend Stimmen für Heuteufel, sechstausend und
+einige für Napoleon Fischer, Kunze aber hatte
+dreitausendsechshundertzweiundsiebzig. Stichwahl zwischen Heuteufel und
+Fischer. „Hurra!“ schrie Diederich, denn nichts war verloren und Zeit war
+gewonnen.
+
+Mit starkem Schritt ging er von dannen, den Schwur im Herzen, daß er
+fortan das Äußerste tun werde, um die nationale Sache noch zu retten. Es
+eilte, denn Pastor Zillich hätte am liebsten sofort alle Mauern mit
+Zetteln bedeckt, die den Anhängern der Partei des Kaisers empfahlen, in
+der Stichwahl für Heuteufel zu stimmen. Kunze freilich gab sich der eitlen
+Hoffnung hin, Heuteufel werde ihm zu Gefallen zurücktreten. Welche
+Verblendung! Gleich am Morgen las man die weißen Zettel, auf denen der
+Freisinn heuchlerisch erklärte, national sei auch er, die nationale
+Gesinnung sei nicht das Privileg einer Minderheit, und darum –. Der Trick
+des alten Buck enthüllte sich vollends; wenn nicht die ganze Partei des
+Kaisers in den Schoß des Freisinns zurückkehren sollte, hieß es handeln.
+Mächtig von Energie gespannt, traf Diederich von seinen Erkundigungen
+heimkehrend, im Hausflur auf Emmi, die einen Schleier vor dem Gesicht
+hatte und sich bewegte, als sei alles gleich. „Danke,“ dachte er, „es ist
+durchaus nicht gleich. Wohin kämen wir.“ Und er grüßte Emmi verstohlen und
+mit einer Art von Scheu.
+
+Er zog sich in sein Bureau zurück, aus dem der alte Sötbier verschwunden
+war und wo nun Diederich, sein eigener Prokurist und nur seinem Gott
+verantwortlich, seine folgenschweren Entschlüsse faßte. Er trat zum
+Telephon, er verlangte Gausenfeld. Da ging die Tür auf, der Briefträger
+legte seinen Packen hin, und Diederich sah obenauf: Gausenfeld. Er hängte
+wieder ein, er betrachtete, nickend wie das Schicksal, den Brief. Schon
+gemacht. Der Alte hatte ohne Worte begriffen, daß er seinen Freunden Buck
+und Konsorten kein Geld mehr geben dürfe, und daß man nötigenfalls
+imstande sei, ihn persönlich verantwortlich zu machen. Gelassen zerriß
+Diederich den Umschlag – aber nach zwei Zeilen las er fliegend. Was für
+eine Überraschung! Klüsing wollte verkaufen! Er war alt, er sah seinen
+natürlichen Nachfolger in Diederich!
+
+Was hieß dies? Diederich setzte sich in die Ecke und dachte tief. Es hieß
+vor allem, daß Wulckow schon eingegriffen hatte. Der Alte war in blasser
+Angst wegen der Regierungsaufträge, und der Streik, mit dem Napoleon
+Fischer drohte, gab ihm den Rest. Wo war die Zeit, als er sich aus der
+Klemme zu ziehen glaubte, wenn er Diederich einen Teil des Papiers für die
+„Netziger Zeitung“ anbot. Jetzt bot er ihm ganz Gausenfeld an! „Man ist
+eine Macht“, stellte Diederich fest – und es ging ihm auf, daß Klüsings
+Zumutung, die Fabrik zu kaufen und richtig nach ihrem Wert zu bezahlen,
+wie die Dinge lagen, einfach lächerlich sei. Worauf er wirklich laut
+lachte ... Da nahm er wahr, daß am Schlusse des Briefes, nach der
+Unterschrift, noch etwas stand, ein Zusatz, kleiner geschrieben als das
+übrige und so unscheinbar, daß Diederich ihn vorhin übersehen hatte. Er
+entzifferte – und der Mund ging ihm von selbst auf. Plötzlich tat er einen
+Sprung. „Na also!“ rief er frohlockend durch sein einsames Bureau. „Da
+haben wir sie!“ Hierauf bemerkte er tiefernst: „Es ist schauerlich. Ein
+Abgrund.“ Er las noch einmal, Wort für Wort, den verhängnisvollen Zusatz,
+legte den Brief in den Geldschrank und schloß mit hartem Griff. Dort innen
+schlummerte nun das Gift für Buck und die Seinen – geliefert von ihrem
+Freund. Nicht nur, daß Klüsing sie nicht mehr mit Geld versah, er verriet
+sie auch. Aber sie hatten es verdient, das konnte man sagen; eine solche
+Verderbnis hatte wahrscheinlich selbst Klüsing angeekelt. Wer da noch
+Schonung übte, machte sich mitschuldig. Diederich prüfte sich. „Schonung
+wäre geradezu ein Verbrechen. Sehe jeder, wo er bleibe! Hier heißt es
+rücksichtslos vorgehen. Dem Geschwür die Maske herunterreißen und es mit
+eisernem Besen auskehren! Ich übernehme es im Interesse des öffentlichen
+Wohles, meine Pflicht als nationaler Mann schreibt es mir vor. Es ist nun
+mal eine harte Zeit!“
+
+Den Abend darauf war eine große öffentliche Volksversammlung, einberufen
+vom freisinnigen Wahlkomitee in den Riesensaal der „Walhalla“. Mit der
+regen Hilfe Gottlieb Hornungs hatte Diederich Vorsorge getroffen, daß die
+Wähler Heuteufels keineswegs unter sich blieben. Er selbst fand es unnütz,
+die Programmrede des Kandidaten mit anzuhören; er ging hin, als schon die
+Diskussion begonnen haben mußte. Gleich im Vorraum stieß er auf Kunze, der
+in übler Verfassung war. „Ausrangierter Schlagetot!“ rief er. „Sehen Sie
+mich an, Herr, und sagen Sie mir, ob so ein Mann aussieht, der sich das
+sagen läßt!“ Da er vor Aufregung sich nicht weiter erklären konnte, löste
+Kühnchen ihn ab. „Zu mir hätte Heuteufel das sagen sollen!“ schrie er. „Da
+hätte er nun aber Kühnchen kennengelernt!“ Diederich empfahl dem Major
+dringend, seinen Gegner zu verklagen. Aber Kunze brauchte keinen Ansporn
+mehr, er vermaß sich, Heuteufel ganz einfach in die Pfanne zu hauen. Auch
+dies war Diederich recht, und er stimmte lebhaft zu, als Kunze erkennen
+ließ, daß er unter diesen Umständen lieber mit dem ärgsten Umsturz gehe
+als mit dem Freisinn. Hiergegen äußerten Kühnchen und auch Pastor Zillich,
+der hinzukam, ihre Bedenken. Die Reichsfeinde – und die Partei des
+Kaisers! „Bestochene Feiglinge!“ sagte Diederichs Blick – indes der Major
+fortfuhr, Rache zu schnauben. Blutige Tränen sollte die Bande weinen! „Und
+zwar noch heute abend“, verhieß darauf Diederich mit einer so eisernen
+Bestimmtheit, daß alle stutzten. Er machte eine Pause und blitzte jeden
+einzeln an. „Was würden Sie sagen, Herr Pastor, wenn ich Ihren Freunden
+vom Freisinn gewisse Machenschaften nachwiese ...“ Pastor Zillich war
+erbleicht, Diederich ging zu Kühnchen über. „Betrügerische Manipulationen
+mit öffentlichen Geldern ...“ Kühnchen hüpfte. „Nu leg’ sich eener lang
+hin!“ rief er schreckensvoll. Kunze aber brüllte auf. „An mein Herz!“ und
+er riß Diederich in seine Arme. „Ich bin ein schlichter Soldat“,
+versicherte er. „Die Schale mag rauh sein, aber der Kern ist echt.
+Beweisen Sie den Kanaillen ihre Schurkerei, und Major Kunze ist Ihr
+Freund, als ob Sie mit ihm im Feuer gestanden hätten bei Marslatuhr!“
+
+Der Major hatte Tränen in den Augen, Diederich auch. Und so hochgespannt
+wie ihre beiden Seelen war die Stimmung im Saal. Der Eintretende sah
+überall Arme in die Luft fahren, die aus blauem Dunst bestand, und hier
+und dort schrie eine Brust: „Pfui!“ „Sehr richtig!“ oder „Gemeinheit!“ Der
+Wahlkampf war auf der Höhe, Diederich stürzte sich hinein, mit unerhörter
+Erbitterung, denn vor dem Bureau, das der alte Buck in Person leitete, wer
+stand am Rand der Bühne und redete? Sötbier, Diederichs entlassener
+Prokurist! Aus Rache hielt Sötbier eine Hetzrede, worin er über die
+Arbeiterfreundlichkeit gewisser Herren auf das abfälligste urteilte. Sie
+sei nichts als ein demagogischer Kniff, womit man, um gewisser
+persönlicher Vorteile willen, das Bürgertum spalten und dem Umsturz Wähler
+zutreiben wolle. Früher habe der Betreffende im Gegenteil gesagt: Wer
+Knecht ist, soll Knecht bleiben. „Pfui!“ riefen die Organisierten.
+Diederich stieß um sich, bis er unter der Bühne stand. „Gemeine
+Verleumdung!“ schrie er Sötbier ins Gesicht. „Schämen Sie sich, seit Ihrer
+Entlassung sind Sie unter die Nörgler gegangen!“ Der von Kunze
+kommandierte Kriegerverein brüllte wie ein Mann: „Gemeinheit!“ und „Hört,
+hört!“ – indes die Organisierten pfiffen und Sötbier eine zitterige Faust
+machte gegen Diederich, der ihm drohte, er werde ihn einsperren lassen. Da
+erhob der alte Buck sich und klingelte.
+
+Als man wieder hören konnte, sagte er mit weicher Stimme, die anschwoll
+und erwärmte: „Mitbürger! Wollt doch dem persönlichen Ehrgeiz einzelner
+nicht Nahrung gewähren, indem ihr ihn ernst nehmt! Was sind hier Personen?
+Was selbst Klassen? Es geht um das Volk, dazu gehören alle, nur die Herren
+nicht. Wir müssen zusammenhalten, wir Bürger dürfen nicht immer aufs neue
+den Fehler begehen, der schon in meiner Jugend begangen wurde, daß wir
+unser Heil den Bajonetten anvertrauen, sobald auch die Arbeiter ihr Recht
+wollen. Daß wir den Arbeitern niemals ihr Recht geben wollten, das hat den
+Herren die Macht verschafft, auch uns das unsere zu nehmen.“
+
+„Sehr wahr!“
+
+„Das Volk, wir alle haben angesichts der uns abgeforderten
+Heeresvermehrung die vielleicht letzte Gelegenheit, unsere Freiheit zu
+behaupten gegen Herren, die uns nur noch rüsten, damit wir unfrei sind.
+Wer Knecht ist, soll Knecht bleiben, das wird nicht nur euch Arbeitern
+gesagt: das sagen die Herren, deren Macht wir immer teurer bezahlen
+sollen, uns allen!“
+
+„Sehr wahr! Bravo! Keinen Mann und keinen Groschen!“ Inmitten bewegter
+Zustimmung setzte der alte Buck sich. Diederich, dem äußersten Kampf nahe
+und im voraus schweißtriefend, sandte noch einen Blick durch den Saal und
+bemerkte Gottlieb Hornung, der die Lieferanten des Kaiser-Wilhelm-Denkmals
+befehligte. Pastor Zillich bewegte sich unter den christlichen Jünglingen,
+der Kriegerverein war um Kunze geschart: da zog Diederich blank. „Der
+Erbfeind erhebt wieder mal das Haupt!“ schrie er mit Todesverachtung. „Ein
+Vaterlandsverräter, wer unserem herrlichen Kaiser versagt, was er“ – „Hu,
+hu!“ riefen die Vaterlandsverräter; aber Diederich, unter den
+Beifallssalven der Gutgesinnten, schrie weiter, wenn ihm auch die Stimme
+überschnappte. „Ein französischer General hat Revanche verlangt!“ Vom
+Bureau her fragte jemand: „Wieviel hat er aus Berlin dafür bekommen?“
+Worauf man lachte – indes Diederich mit den Armen hinaufgriff, als wollte
+er in die Luft steigen. „Schimmernde Wehr! Blut und Eisen! Mannhafte
+Ideale! Starkes Kaisertum!“ Seine Kraftworte stießen rasselnd aneinander,
+umlärmt vom Getöse der Gutgesinnten. „Festes Regiment! Bollwerk gegen die
+Schlammflut der Demokratie!“
+
+„Ihr Bollwerk heißt Wulckow!“ rief wieder die Stimme vom Bureau. Diederich
+fuhr herum, er erkannte Heuteufel. „Wollen Sie sagen, die Regierung Seiner
+Majestät –?“
+
+„Auch ein Bollwerk!“ sagte Heuteufel. Diederich reckte den Finger nach
+ihm. „Sie haben den Kaiser beleidigt!“ rief er mit äußerster
+Schneidigkeit. Aber hinter ihm kreischte jemand: „Spitzel!“ Es war
+Napoleon Fischer, und seine Genossen wiederholten es aus rauhen Kehlen.
+Sie waren aufgesprungen, sie umringten Diederich in unglückverheißender
+Weise. „Er provoziert schon wieder! Er will noch einen ins Loch bringen!
+’raus!“ Und Diederich ward angepackt. Angstverzerrt wand er den Hals, den
+schwielige Fäuste beengten, nach dem Vorsitzenden hin und flehte erstickt
+um Hilfe. Der alte Buck gewährte sie ihm, er klingelte anhaltend, und er
+schickte sogar einige junge Leute aus, damit sie Diederich von seinen
+Feinden erretteten. Kaum daß er sich rühren konnte, schwang Diederich den
+Finger gegen den alten Buck. „Die demokratische Korruption!“ schrie er,
+tanzend vor Leidenschaft. „Ich will sie ihm beweisen!“ „Bravo! Reden
+lassen!“ – und das Lager der nationalen Männer setzte sich in Bewegung,
+überrannte die Tische und maß sich Aug’ in Auge mit dem Umsturz. Ein
+Handgemenge schien bevorzustehen: schon faßte der Polizeileutnant dort
+oben seinen Helm an, um sich damit zu bedecken; es war ein kritischer
+Moment – da hörte man von der Bühne herab befehlen: „Ruhe! Er soll
+sprechen!“ Und es ward fast still, man hatte einen Zorn vernommen, größer
+als irgendeiner hier. Der alte Buck, heraufgewachsen hinter seinem Tisch
+dort oben, war kein würdiger Greis mehr, er schien schlanker vor Kraft,
+vom Haß war er bleich, und einen Blick schnellte er gegen Diederich: der
+Atem stockte einem.
+
+„Er soll sprechen!“ wiederholte der Alte. „Auch Verräter haben das Wort,
+bevor sie abgeurteilt werden. So sehen die Verräter an der Nation aus. Sie
+haben sich nur äußerlich verändert seit den Zeiten, da mein Geschlecht
+kämpfte, fiel, ins Gefängnis und auf die Richtstätte ging.“
+
+„Haha“, machte hier Gottlieb Hornung, voll überlegenen Spottes. Zu seinem
+Unglück saß er im Armbereich eines starken Arbeiters, der so furchtbar
+nach ihm ausholte, daß Hornung, noch bevor der Schlag ihn traf, umfiel
+mitsamt seinem Stuhl.
+
+„Schon damals“, rief der Alte, „gab es solche, die statt der Ehre den
+Nutzen wählten und denen keine Herrschaft demütigend schien, wenn sie sie
+bereicherte. Der sklavische Materialismus, Frucht und Mittel jeder
+Tyrannei, er war es, dem wir unterlagen, und auch ihr, Mitbürger –“
+
+Der Alte breitete die Arme aus, er spannte sich zu dem letzten Schrei
+seines Gewissens.
+
+„Mitbürger, auch ihr lauft heute Gefahr, von ihm verraten und seine Beute
+zu werden! Dieser Mensch soll sprechen.“
+
+„Nein!“
+
+„Er soll sprechen. Dann aber fragt ihn, wieviel eine Gesinnung, die
+national zu nennen er die Stirn hat, in barem Gelde beträgt. Fragt ihn,
+wem er sein Haus verkauft hat, zu welchem Zweck und mit welchem Nutzen!“
+
+„Wulckow!“ Der Ruf kam von der Bühne, aber der Saal nahm ihn auf.
+Diederich, gebieterische Fäuste hinter sich, gelangte nicht ganz
+freiwillig die Stufen zur Bühne hinauf. Dort sah er ratsuchend umher: der
+alte Buck saß regungslos, die Hand geballt auf dem Knie und ließ ihn nicht
+aus dem Auge; Heuteufel, Cohn, alle Herren des Bureaus erwarteten mit
+kalter Gier im Gesicht seinen Zusammenbruch; und „Wulckow!“ rief der Saal
+ihm zu, „Wulckow!“ Er stammelte etwas von Verleumdung, das Herz flog ihm,
+einen Augenblick schloß er die Augen, in der Hoffnung, er werde umfallen
+und der Sache überhoben sein. Aber er fiel nicht um – und als nichts
+anderes mehr möglich war, kam ihm ein ungeheurer Mut. Er griff an seine
+Brusttasche, seiner Waffe sicher, und er maß kampfesfreudig den Feind,
+jenen tückischen Alten, der nun endlich die Maske des väterlichen Gönners
+verloren hatte und seinen Haß bekannte. Diederich blitzte ihn an, er stieß
+vor ihm beide Fäuste gegen den Boden. Dann trat er kraftvoll vor den Saal
+her.
+
+„Wollen Sie was verdienen?“ brüllte er wie ein Ausrufer in den Tumult –
+und es ward still, wie auf ein Zauberwort. „Jeder kann bei mir verdienen!“
+brüllte Diederich; mit unverminderter Gewalt. „Jedem, der mir nachweist,
+wieviel ich am Verkauf meines Hauses verdient habe, zahle ich ebensoviel!“
+
+Hierauf schien niemand gefaßt. Die Lieferanten zuerst riefen „Bravo“, dann
+entschlossen sich auch die Christen und die Krieger, aber ohne rechte
+Zuversicht, denn es ward wieder „Wulckow!“ gerufen, noch dazu nach dem
+Takt von Biergläsern, die man auf die Tische stieß. Diederich erkannte,
+daß dies ein vorbereiteter Streich war, der nicht nur ihm, sondern weit
+höheren Mächten galt. Er sah sich unruhig um, und wirklich zückte der
+Polizeileutnant schon wieder den Helm. Diederich bedeutete ihm mit der
+Hand, daß er es schon machen werde, und er brüllte:
+
+„Nicht Wulckow, ganz andere Leute! Das freisinnige Säuglingsheim! Dafür
+hätte ich mein Haus hergeben sollen, das ist mir nahegelegt worden, ich
+kann es beschwören. Ich als nationaler Mann habe mich energisch gewehrt
+gegen die Zumutung, die Stadt zu betrügen und den Raub zu teilen mit einem
+gewissenlosen Magistratsrat!“
+
+„Sie lügen!“ rief der alte Buck und stand flammend da. Aber Diederich
+flammte noch höher, im Vollgefühl seines Rechtes und seiner sittlichen
+Sendung. Er griff in die Brusttasche, und vor dem tausendköpfigen Drachen
+dort unten, der ihn anspritzte: „Lügner! Schwindler!“ schwenkte er
+furchtlos seinen Schein. „Beweis!“ brüllte er und schwenkte so lange, bis
+sie hörten.
+
+„Bei mir ist es nicht geglückt, aber in Gausenfeld. Jawohl, Mitbürger! In
+Gausenfeld ... Wieso? Gleich. Zwei Herren von der freisinnigen Partei sind
+beim Besitzer gewesen und haben das Vorkaufsrecht verlangt auf ein
+gewisses Terrain, für den Fall, daß das Säuglingsheim dorthin kommt.“
+
+„Namen! Namen!“
+
+Diederich schlug sich auf die Brust, auch zum letzten bereit. Klüsing
+hatte ihm alles verraten, nur nicht die Namen. Blitzend faßte er die
+Herren des Vorstandes ins Auge; einer schien zu erbleichen. „Wer wagt,
+gewinnt“, dachte Diederich, und er brüllte:
+
+„Der eine ist Herr Warenhausbesitzer Cohn!“
+
+Und er trat ab, mit der Miene erfüllter Pflicht. Drunten nahm Kunze ihn
+entgegen und küßte ihn selbstvergessen rechts und links ins Gesicht, wozu
+die Nationalgesinnten klatschten. Die anderen schrien: „Beweis!“ oder
+„Schwindel!“ Aber „Cohn soll reden!“, das wollten alle, Cohn konnte sich
+den Anforderungen unmöglich entziehen. Der alte Buck sah ihn an, starr,
+mit einem sichtbaren Zittern der Wangen; und dann erteilte er ihm von
+selbst das Wort. Cohn, von Heuteufel mit einem Stoß versehen, kam ohne
+rechte Überzeugung hinter dem langen Tisch des Komitees hervor, schleppte
+die Füße nach und hatte ungünstig gewirkt, noch bevor er anfing. Er
+lächelte entschuldigend. „Meine Herren, das werden Sie dem Herrn Vorredner
+doch nicht glauben,“ sagte er so sanft, daß fast niemand es verstand.
+Dennoch meinte Cohn schon zu weit gegangen zu sein. „Ich will den Herrn
+Vorredner nicht geradezu dementieren, aber so war es denn doch nicht.“
+
+„Aha! Er gibt es zu!“ – und jäh brach ein Aufruhr los, daß Cohn, auf
+nichts vorbereitet, einen Sprung rückwärts tat. Der Saal war nur noch ein
+Fuchteln und Schäumen. Schon fielen da und dort Gegner übereinander her.
+„Hurra!“ kreischte Kühnchen und sauste durch die Reihen mit flatterndem
+Haar, die Fäuste geschwungen, anfeuernd zur Metzelei ... Auch auf der
+Bühne war alles auf den Beinen, außer dem Polizeileutnant. Der alte Buck
+hatte den Platz des Vorsitzenden verlassen, und abgekehrt von dem Volk,
+über das der letzte Schrei seines Gewissens vergebens hingegangen war,
+abseits und allein, richtete er die Augen dorthin, wo niemand sah, daß sie
+weinten. Heuteufel sprach entrüstet auf den Polizeileutnant ein, der sich
+von seinem Stuhl nicht rührte, ward aber darüber belehrt, daß der Beamte
+allein entscheide, ob und wann er auflöse. Es brauchte nicht gerade in dem
+Augenblick zu geschehen, wo es für den Freisinn schlecht stand! Worauf
+Heuteufel zum Tisch ging und die Glocke führte. Dazu schrie er: „Der
+zweite Name!“ Und da alle Herren auf der Bühne mitschrien, hörte man es
+endlich und Heuteufel konnte fortfahren.
+
+„Der zweite, der in Gausenfeld war, ist Herr Landgerichtsrat Kühlemann!
+Stimmt. Kühlemann selbst. Derselbe Kühlemann, aus dessen Nachlaß das
+Säuglingsheim gebaut werden soll. Will jemand behaupten, Kühlemann
+bestiehlt seinen eigenen Nachlaß? Na also!“ – und Heuteufel zuckte die
+Achseln, woraus beifällig gelacht ward. Nicht lange; die Leidenschaften
+pfauchten schon wieder. „Beweise! Kühlemann soll selbst reden! Diebe!“
+Herr Kühlemann sei schwerkrank, erklärte Heuteufel. Man werde hinschicken,
+man telephoniere schon. „Auweh“, raunte Kunze seinem Freunde Diederich zu.
+„Wenn Kühlemann es war, sind wir fertig und können einpacken.“ „Noch lange
+nicht!“ verhieß Diederich, tollkühn. Pastor Zillich seinerseits setzte
+seine Hoffnung nur mehr auf den Finger Gottes. Diederich in seiner
+Tollkühnheit sagte: „Brauchen wir gar nicht!“ – und er machte sich über
+einen Zweifler her, dem er zuredete. Die Gutgesinnten reizte er zu
+entschiedener Stellungnahme, ja, er drückte Sozialdemokraten die Hand, um
+ihren Haß gegen die bürgerliche Korruption zu verstärken – und überall
+hielt er den Leuten Klüsings Brief vor die Augen. Er schlug so heftig mit
+dem Handrücken auf das Papier, daß niemand lesen konnte, und rief: „Steht
+da Kühlemann? Da steht Buck! Wenn Kühlemann noch japsen kann, wird er
+zugeben müssen, daß er es nicht war. Buck war es!“
+
+Dabei überwachte er dennoch die Bühne, wo es merkwürdig still geworden
+war. Die Herren des Komitees liefen durcheinander, aber sie flüsterten
+nur. Den alten Buck sah man nicht mehr. „Was ist los?“ Auch im Saal ward
+es ruhiger, noch wußte man nicht, warum. Plötzlich hieß es: „Kühlemann
+soll tot sein.“ Diederich fühlte es mehr, als daß er es hörte. Er gab es
+plötzlich auf, zu reden und sich abzuarbeiten. Vor Spannung schnitt er
+Gesichter. Wenn jemand ihn fragte, antwortete er nicht, er vernahm ringsum
+ein wesenloses Gewirr von Lauten und wußte nicht mehr deutlich, wo er war.
+Dann kam aber Gottlieb Hornung und sagte: „Er ist weiß Gott tot. Ich war
+oben, sie haben telephoniert. Im Moment ist er gestorben.“
+
+„Im richtigen Moment“, sagte Diederich und sah sich um, erstaunt, als
+erwachte er. „Der Finger Gottes hat sich wieder mal bewährt“, stellte
+Pastor Zillich fest, und Diederich ward sich bewußt, daß dieser Finger
+doch nicht zu verachten war. Wie, wenn er dem Schicksal einen anderen Lauf
+angewiesen hätte?... Die Parteien im Saale lösten sich auf; das Eingreifen
+des Todes in die Politik machte aus den Parteien Leute; sie sprachen
+gedämpft und verzogen sich. Als er schon draußen war, erfuhr Diederich
+noch, der alte Buck habe eine Ohnmacht erlitten.
+
+
+
+Die „Netziger Zeitung“ berichtete über die „tragisch verlaufene
+Wahlversammlung“ und schloß daran einen ehrenvollen Nachruf für den
+hochverdienten Mitbürger Kühlemann. Den Verblichenen traf kein Makel, wenn
+etwa Dinge vorgefallen waren, die der Aufklärung bedurften ... Das weitere
+geschah, nachdem Diederich und Napoleon Fischer eine Besprechung unter
+vier Augen gehabt hatten. Noch am Abend vor der Wahl hielt die „Partei des
+Kaisers“ eine Versammlung ab, von der die Gegner nicht ausgeschlossen
+waren. Diederich trat auf und geißelte mit flammenden Worten die
+demokratische Korruption und ihr Haupt in Netzig, das mit Namen zu nennen
+die Pflicht eines kaisertreuen Mannes sei – aber er nannte es doch lieber
+nicht. „Denn, meine Herren, das Hochgefühl schwellt mir die Brust, daß ich
+mich verdient mache um unseren herrlichen Kaiser, wenn ich seinem
+gefährlichsten Feinde die Maske abreiße und Ihnen beweise, daß er auch nur
+verdienen will.“ Hier kam ihm ein Einfall, oder war es eine Erinnerung, er
+wußte nicht. „Seine Majestät haben das erhabene Wort gesprochen: ‚Mein
+afrikanisches Kolonialreich für einen Haftbefehl gegen Eugen Richter!‘ Ich
+aber, meine Herren, liefere Seiner Majestät die nächsten Freunde
+Richters!“ Er ließ die Begeisterung verrauschen; dann, mit verhältnismäßig
+gedämpfter Stimme: „Und darum, meine Herren, habe ich besondere Gründe, zu
+vermuten, was man an hoher, sehr hoher Stelle von der Partei des Kaisers
+erwartet.“ Er griff an seine Brusttasche, als trüge er dort auch diesmal
+die Entscheidung; und plötzlich aus voller Lunge: „Wer jetzt noch seine
+Stimme dem Freisinnigen gibt, der ist kein kaisertreuer Mann!“ Da die
+Versammlung dies einsah, machte Napoleon Fischer, der zugegen war, den
+Versuch, sie auf die gebotenen Konsequenzen ihrer Haltung hinzuweisen.
+Sofort fuhr Diederich dazwischen. Die nationalen Wähler würden schweren
+Herzens ihre Pflicht tun und das kleinere Übel wählen. „Aber ich bin der
+erste, der jedes Paktieren mit dem Umsturz weit von sich weist!“ Er schlug
+so lange auf das Rednerpult, bis Napoleon in der Versenkung verschwand.
+Und daß Diederichs Entrüstung echt war, ersah man in der Frühe des
+Stichwahltages aus der sozialdemokratischen „Volksstimme“, die unter
+höhnischen Ausfällen gegen Diederich selbst alles wiedergab, was er über
+den alten Buck gesagt hatte, und zwar nannte sie den Namen. „Heßling fällt
+hinein,“ sagten die Wähler, „denn jetzt muß Buck ihn verklagen.“ Aber
+viele antworteten: „Buck fällt hinein, der andere weiß zuviel.“ Auch die
+Freisinnigen, soweit sie der Vernunft zugänglich waren, fanden jetzt, es
+sei an der Zeit, vorsichtig zu werden. Wenn die Nationalen, mit denen
+nicht zu spaßen schien, nun einmal meinten, man solle für den
+Sozialdemokraten stimmen –. Und war der Sozialdemokrat erst gewählt, dann
+war es gut, daß man ihn mitgewählt hatte, sonst ward man noch boykottiert
+von den Arbeitern ... Die Entscheidung aber fiel nachmittags um drei. In
+der Kaiser-Wilhelm-Straße erscholl Alarmgebläse, alles stürzte an die
+Fenster und unter die Ladentüren, um zu sehen, wo es brenne. Es war der
+Kriegerverein in Uniform, der herbeimarschierte. Seine Fahne zeigte ihm
+den Weg der Ehre. Kühnchen, der das Kommando führte, hatte die Pickelhaube
+wild im Nacken sitzen und schwang auf furchterregende Weise seinen Degen.
+Diederich in Reih’ und Glied stapfte mit und freute sich der Zuversicht,
+daß nun in Reih’ und Glied, nach Kommandos und auf mechanischem Wege alles
+Weitere sich abwickeln werde. Man brauchte nur zu stapfen, und aus dem
+alten Buck ward Kompott gemacht unter dem Taktschritt der Macht!... Am
+anderen Ende der Straße holte man die neue Fahne ab und empfing sie, bei
+schmetternder Musik, mit stolzem Hurra. Unabsehbar verlängert durch die
+Werbungen des Patriotismus erreichte der Zug das Klappsche’sche Lokal.
+Hier ward in Sektionen eingeschwenkt, und Kühnchen befahl „Küren“. Der
+Wahlvorstand, an seiner Spitze Pastor Zillich, wartete schon, festlich
+gekleidet, im Hausflur. Kühnchen kommandierte mit Kampfgeschrei: „Auf,
+Kameraden, zur Wahl! Wir wählen Fischer!“ – worauf es vom rechten Flügel
+ab, unter schmetternder Musik, in das Wahllokal ging. Dem Kriegerverein
+aber folgte der ganze Zug. Klappsch, der auf so viel Begeisterung nicht
+vorbereitet war, hatte schon kein Bier mehr. Zuletzt, als die nationale
+Sache alles abgeworfen zu haben schien, dessen sie fähig war, kam noch,
+von Hurra empfangen, der Bürgermeister Doktor Scheffelweis. Er ließ sich
+ganz offenkundig den roten Zettel in die Hand drücken, und bei der
+Rückkehr von der Urne sah man ihn freudig bewegt. „Endlich!“ sagte er und
+drückte Diederich die Hand. „Heute haben wir den Drachen besiegt.“
+Diederich erwiderte schonungslos: „Sie, Herr Bürgermeister? Sie stecken
+noch halb in seinem Rachen. Daß er Sie nur nicht mitnimmt, jetzt wo er
+verreckt!“ Während Doktor Scheffelweis erbleichte, stieg wieder ein Hurra.
+Wulckow!...
+
+Fünftausend und mehr Stimmen für Fischer! Heuteufel mit kaum dreitausend
+war fortgefegt von der nationalen Woge, und in den Reichstag zog der
+Sozialdemokrat. Die „Netziger Zeitung“ stellte einen Sieg der „Partei des
+Kaisers“ fest, denn ihr verdanke man es, daß eine Hochburg des Freisinns
+gefallen sei – womit aber Nothgroschen weder große Befriedigung noch
+lauten Widerspruch weckte. Die eingetretene Tatsache fanden alle
+natürlich, aber gleichgültig. Nach dem Rummel der Wahlzeit hieß es nun
+wieder Geld verdienen. Das Kaiser-Wilhelm-Denkmal, noch soeben der
+Mittelpunkt eines Bürgerkrieges, regte keinen mehr auf. Der alte Kühlemann
+hatte der Stadt sechshunderttausend Mark für gemeinnützige Zwecke
+vermacht, sehr anständig. Säuglingsheim oder Kaiser-Wilhelm-Denkmal, es
+war wie Schwamm oder Zahnbürste, wenn man zu Gottlieb Hornung kam. In der
+entscheidenden Sitzung der Stadtverordneten zeigte es sich, daß die
+Sozialdemokraten für das Denkmal waren, also schön. Irgend jemand schlug
+vor, gleich ein Komitee zu bilden und dem Herrn Regierungspräsidenten von
+Wulckow den Ehrenvorsitz anzubieten. Hier erhob sich Heuteufel, den seine
+Niederlage wohl doch geärgert hatte, und äußerte Bedenken, ob der
+Regierungspräsident, der einem gewissen Grundstücksgeschäft nicht
+fernstehe, sich selbst für berufen halten werde, das Grundstück
+mitzubestimmen, auf dem das Denkmal stehen solle. Man schmunzelte und
+zwinkerte ein wenig; und Diederich, dem es kalt durch den Leib schnitt,
+wartete, ob jetzt der Skandal kam. Er wartete still, mit einem
+verstohlenen Kitzel, wie es der Macht ergehen werde, nun jemand rüttelte.
+Er hätte nicht sagen können, was er sich wünschte. Da nichts kam, erhob er
+sich stramm und protestierte, ohne übertriebene Anstrengung, gegen eine
+Unterstellung, die er schon einmal öffentlich widerlegt habe. Die andere
+Seite dagegen habe die ihr zur Last gelegten Mißbräuche bisher nicht im
+mindesten entkräftet. „Trösten Sie sich,“ erwiderte Heuteufel, „Sie werden
+es bald erleben. Die Klage ist schon eingereicht.“
+
+Dies bewirkte immerhin eine Bewegung. Der Eindruck ward freilich
+abgeschwächt, als Heuteufel gestehen mußte, daß sein Freund Buck nicht den
+Stadtverordneten Doktor Heßling, sondern nur die „Volksstimme“ verklagt
+habe. „Heßling weiß zuviel“, wiederholte man – und neben Wulckow, dem der
+Ehrenvorsitz zufiel, ward Diederich zum Vorsitzenden des
+Kaiser-Wilhelm-Denkmal-Komitees ernannt. Im Magistrat fanden diese
+Beschlüsse in dem Bürgermeister Doktor Scheffelweis einen warmen
+Fürsprecher, und sie gingen durch, wobei der alte Buck durch Abwesenheit
+glänzte. Wenn er seine Sache selbst nicht höher einschätzte! Heuteufel
+sagte: „Soll er sich die Schweinereien, die er nicht verhindern kann, auch
+noch persönlich ansehen?“ Aber damit schadete Heuteufel nur sich selbst.
+Da der alte Buck nun in kurzer Zeit zwei Niederlagen erlitten hatte, sah
+man voraus, der Prozeß gegen die „Volksstimme“ werde seine dritte sein.
+Die Aussage, die man vor Gericht zu machen haben würde, paßte jeder schon
+im voraus den gegebenen Umständen an. Heßling war natürlich zu weit
+gegangen, sagten vernünftig Denkende. Der alte Buck, den alle von jeher
+kannten, war kein Schwindler und Gauner. Eine Unvorsichtigkeit wäre ihm
+vielleicht zuzutrauen gewesen, besonders jetzt, wo er die Schulden seines
+Bruders bezahlte und selbst schon das Wasser an der Kehle hatte. Ob er nun
+wirklich mit Cohn bei Klüsing gewesen war wegen des Terrains? Ein gutes
+Geschäft: – es hätte nur nicht herauskommen dürfen! Und warum mußte
+Kühlemann genau in der Minute abkratzen, wo er seinen Freund hätte
+freischwören sollen! So viel Pech bedeutete etwas. Herr Tietz, der
+kaufmännische Leiter der „Netziger Zeitung“, der in Gausenfeld ein und aus
+ging, sagte ausdrücklich, man begehe nur ein Verbrechen gegen sich selbst,
+wenn man für Leute eintrete, die augenscheinlich ausgespielt hätten. Auch
+machte Tietz darauf aufmerksam, daß der alte Klüsing, der mit einem Wort
+die ganze Sache hätte beenden können, sich hütete zu reden. Er war krank,
+nur seinetwegen mußte die Verhandlung auf unbestimmte Zeit vertagt werden.
+
+Was ihn aber nicht abhielt, seine Fabrik zu verkaufen. Dies war das
+Neueste, dies waren die „einschneidenden Veränderungen in einem großen,
+für das wirtschaftliche Leben Netzigs hochbedeutsamen Unternehmen“, von
+denen die „Netziger Zeitung“ dunkel meldete. Klüsing war mit einem
+Berliner Konsortium in Verbindung getreten. Diederich, gefragt, warum er
+nicht mittue, zeigte den Brief vor, worin Klüsing ihm, früher als jedem
+anderen, den Kauf angeboten hatte. „Und zwar unter Bedingungen, die nie
+wiederkommen“, setzte er hinzu. „Leider bin ich stark engagiert bei meinem
+Schwager in Eschweiler, ich weiß nicht einmal, ob ich nicht von Netzig
+wegziehen muß.“ Aber als Sachverständiger erklärte er auf Befragen
+Nothgroschens, der seine Antwort veröffentlichte, daß der Prospekt eher
+noch hinter der Wahrheit zurückbleibe. Gausenfeld sei tatsächlich eine
+Goldgrube; der Ankauf der Aktien, die an der Börse zugelassen seien, könne
+nur auf das wärmste empfohlen werden. Tatsächlich wurden die Aktien in
+Netzig stark gefragt. Wie sachlich und von persönlichem Interesse
+unbeeinflußt Diederichs Urteil gewesen war, zeigte sich bei einer
+besonderen Gelegenheit, als nämlich der alte Buck Geld suchte. Denn er war
+so weit; seine Familie und sein Gemeinsinn hatten ihn glücklich so weit
+gebracht, daß auch seine Freunde nicht mehr mitgingen. Da griff Diederich
+ein. Er gab dem Alten zweite Hypothek für sein Haus in der
+Fleischhauergrube. „Er muß es verzweifelt nötig gehabt haben“, bemerkte
+Diederich, sooft er davon erzählte. „Wenn er es von mir, seinem
+entschiedensten politischen Gegner, annimmt! Wer hätte das früher von ihm
+gedacht!“ Und Diederich sah gedankenvoll in das Schicksal ... Er setzte
+hinzu, das Haus werde ihm teuer zu stehen kommen, wenn es ihm zufalle.
+Freilich, aus dem seinen müsse er bald heraus. Und auch dies zeigte, daß
+er auf Gausenfeld nicht rechnete ... „Aber“, erklärte Diederich, „der Alte
+ist nicht auf Rosen gebettet, wer weiß, wie sein Prozeß ausgeht – und
+gerade weil ich ihn politisch bekämpfen muß, wollte ich zeigen – Sie
+verstehen.“ Man verstand, und man beglückwünschte Diederich zu seinem mehr
+als korrekten Verhalten. Diederich wehrte ab. „Er hat mir Mangel an
+Idealismus vorgeworfen, das durfte ich nicht auf mir sitzen lassen.“
+Männliche Rührung zitterte in seiner Stimme.
+
+Die Schicksale nahmen ihren Lauf; und wenn man manche auf
+Terrainschwierigkeiten stoßen sah, durfte man um so freudiger anerkennen,
+daß das eigene glatt ging. Diederich erfuhr dies so recht an dem Tage, als
+Napoleon Fischer nach Berlin reiste, um die Militärvorlage abzulehnen. Die
+„Volksstimme“ hatte eine Massendemonstration angekündigt, der Bahnhof
+sollte polizeilich besetzt sein; Pflicht eines nationalen Mannes war es,
+dabei zu sein. Unterwegs stieß Diederich auf Jadassohn. Man begrüßte
+einander so förmlich, wie die kühl gewordenen Beziehungen es vorschrieben.
+„Sie wollen sich auch den Klimbim ansehen?“ fragte Diederich.
+
+„Ich gehe in Urlaub – nach Paris.“ Tatsächlich trug Jadassohn Kniehosen.
+Er setzte hinzu: „Schon um den politischen Dummheiten auszuweichen, die
+hier begangen worden sind.“
+
+Diederich beschloß, vornehm hinwegzuhören über die Verärgerung eines
+Menschen, der keinen Erfolg gehabt hatte. „Man dachte eigentlich,“ sagte
+er, „Sie würden jetzt Ernst machen.“
+
+„Ich? Wieso?“
+
+„Fräulein Zillich ist freilich fort zu ihrer Tante.“
+
+„Tante ist gut“, Jadassohn feixte. „Und man dachte. Sie wohl auch?“
+
+„Mich lassen Sie nur aus dem Spiel.“ Diederich machte ein Gesicht voll
+Einverständnis. „Aber wieso ist Tante gut? Wo ist sie denn hin?“
+
+„Durchgegangen“, sagte Jadassohn. Da blieb Diederich denn doch stehen und
+schnaufte. Käthchen Zillich durchgegangen! In was für Abenteuer hätte man
+verwickelt werden können!... Jadassohn sagte weltmännisch:
+
+„Nun ja, nach Berlin. Die guten Eltern haben noch keine Ahnung. Ich bin
+weiter nicht böse mit ihr, Sie verstehen, es mußte mal zum Klappen
+kommen.“
+
+„So oder so“, ergänzte Diederich, der sich gefaßt hatte.
+
+„Lieber so als so“, berichtigte Jadassohn; worauf Diederich, vertraulich
+die Stimme gesenkt: „Jetzt kann ich es Ihnen ja sagen, mir kam das Mädchen
+schon immer so vor, als ob sie bei Ihnen auch nicht sauer werden würde.“
+
+Aber Jadassohn verwahrte sich, nicht ohne Eigenliebe. „Was glauben Sie
+denn? Ich selbst habe ihr Empfehlungen mitgegeben. Passen Sie auf, sie
+macht Karriere in Berlin.“
+
+„Daran zweifle ich nicht.“ Diederich zwinkerte. „Ich kenne ihre
+Qualitäten ... Sie allerdings haben mich für naiv gehalten.“ Jadassohns
+Abwehr ließ er nicht gelten. „Sie haben mich für naiv gehalten. Und zur
+selben Zeit bin ich Ihnen verdammt ins Gehege gekommen, jetzt kann ich es
+ja sagen.“ Er berichtete dem anderen, der immer unruhiger ward, sein
+Erlebnis mit Käthchen im Liebeskabinett – berichtete es so vollständig,
+wie es in Wahrheit nicht stattgefunden hatte. Mit einem Lächeln
+befriedigter Rache sah er auf Jadassohn, der sichtlich im Zweifel war, ob
+hier der Ehrenpunkt Platz greifen müsse. Schließlich entschied er sich
+dafür, Diederich auf die Schulter zu klopfen, und man zog in
+freundschaftlicher Weise die gebotenen Schlüsse. „Die Sache bleibt
+natürlich streng unter uns ... So ein Mädchen muß man auch gerecht
+beurteilen, denn woher soll die bessere Lebewelt sich ergänzen ... Die
+Adresse? Aber nur Ihnen. Kommt man dann mal nach Berlin, so weiß man doch,
+woran man ist.“ „Es hätte sogar einen gewissen Reiz“, bemerkte Diederich,
+in sich hineinblickend; und da Jadassohn sein Gepäck sah, nahmen sie
+Abschied. „Die Politik hat uns leider etwas auseinander gebracht, aber im
+Menschlichen findet man sich, Gott sei Dank, wieder. Viel Vergnügen in
+Paris.“
+
+„Vergnügen kommt nicht in Frage.“ Jadassohn wandte sich um, mit einem
+Gesicht, als sei er im Begriff, jemand hineinzulegen. Da er Diederichs
+beunruhigte Miene sah, kam er zurück. „In vier Wochen“, sagte er
+merkwürdig ernst und gefaßt, „werden Sie es selbst sehen. Vielleicht ist
+es vorzuziehen, wenn Sie die Öffentlichkeit schon jetzt darauf
+vorbereiten.“ Diederich, ergriffen wider Willen, fragte: „Was haben Sie
+vor?“ Und Jadassohn, bedeutungsschwer, mit dem Lächeln eines opfervollen
+Entschlusses: „Ich stehe im Begriff, meine äußere Erscheinung in Einklang
+zu bringen mit meinen nationalen Überzeugungen“ ... Als Diederich den Sinn
+dieser Worte erfaßt hatte, konnte er nur noch eine achtungsvolle
+Verbeugung machen; Jadassohn war schon fort. Dahinten flammten, nun er die
+Halle betrat, seine Ohren noch einmal – das letztemal! – auf, wie zwei
+Kirchenfenster im Abendschein.
+
+Auf den Bahnhof zu rückte eine Gruppe von Männern, in deren Mitte eine
+Standarte schwebte. Einige Schutzleute kamen nicht eben leichtfüßig die
+Treppe herab und stellten sich ihnen entgegen. Alsbald stimmte die Gruppe
+die Internationale an. Gleichwohl ward ihr Ansturm von den Vertretern der
+Macht erfolgreich zurückgeschlagen. Mehrere kamen freilich durch und
+scharten sich um Napoleon Fischer, der, langatmig wie er war, seine
+bestickte Reisetasche beinahe am Boden schleppte. Beim Büfett erfrischte
+man sich nach diesen, in der Julisonne für die Sache des Umsturzes
+bestandenen Strapazen. Dann versuchte Napoleon Fischer auf dem Bahnsteig,
+da der Zug ohnedies Verspätung hatte, eine Ansprache zu halten; aber ein
+Polizist untersagte es dem Abgeordneten. Napoleon setzte die bestickte
+Tasche hin und fletschte die Zähne. Wie Diederich ihn kannte, war er im
+Begriff, einen Widerstand gegen die Staatsgewalt zu begehen. Zu seinem
+Glück fuhr der Zug ein – und erst jetzt ward Diederich auf einen
+untersetzten Herrn aufmerksam, der sich aber abwandte, wenn man um ihn
+herumging. Er hielt einen großen Blumenstrauß vor sich hin und sah dem Zug
+entgegen. Diederich kannte doch diese Schultern ... Das ging mit dem
+Teufel zu! Aus einem Coupé grüßte Judith Lauer, ihr Mann half ihr
+herunter, ja, er überreichte ihr den Blumenstrauß, und sie nahm ihn mit
+dem ernsten Lächeln, das sie hatte. Wie die beiden sich nach dem Ausgang
+wandten, ging Diederich ihnen schleunigst aus dem Weg, und er schnaufte
+dabei. Mit dem Teufel ging es nicht zu, Lauers Zeit war einfach herum, er
+war wieder frei. Nicht daß von ihm etwas zu fürchten stand, immerhin mußte
+man sich erst wieder daran gewöhnen, ihn draußen zu wissen ... Und mit
+einem Bukett holte er sie ab! Wußte er denn nichts? Er hatte doch Zeit
+gehabt, nachzudenken. Und sie, die zu ihm zurückkehrte, nachdem er fertig
+gesessen hatte! Es gab Verhältnisse, von denen man sich als anständiger
+Mensch nichts träumen ließ. Übrigens stand Diederich den Dingen nicht
+näher als jeder andere; er hatte damals nur seine Pflicht getan. „Alle
+werden dieselbe peinliche Empfindung haben wie ich. Man wird ihm
+allerseits zu verstehen geben, daß er am besten zu Hause bleibt ... Denn
+wie man sich bettet, liegt man.“ Käthchen Zillich hatte es begriffen und
+die richtige Folgerung gezogen. Was ihr recht war, konnte gewissen anderen
+Leuten billig sein, nicht nur dem Herrn Lauer.
+
+Diederich selbst, der von achtungsvollen Grüßen geleitet durch die Stadt
+schritt, nahm jetzt auf die natürlichste Weise den Platz ein, den seine
+Verdienste ihm bereitet hatten. Durch diese harte Zeit hatte er sich nun
+so weit hindurchgekämpft, daß bloß noch die Früchte zu pflücken waren. Die
+anderen hatten angefangen an ihn zu glauben: alsbald kannte auch er keinen
+Zweifel mehr ... Über Gausenfeld liefen neuerdings ungünstige Gerüchte um,
+und die Aktien fielen. Woher wußte man, daß die Regierung der Fabrik ihre
+Aufträge entzogen und sie dem Heßlingschen Werk übertragen hatte?
+Diederich hatte nichts verlauten lassen, aber man wußte es, noch bevor die
+Arbeiterentlassungen kamen, die die „Netziger Zeitung“ so sehr bedauerte.
+Der alte Buck, als Vorsitzender des Aufsichtsrates, mußte sie leider
+persönlich anregen, was ihm allgemein schadete. Die Regierung ging
+wahrscheinlich nur wegen des alten Buck so scharf vor. Es war ein Fehler
+gewesen, ihn zum Vorsitzenden zu wählen. Überhaupt hätte er mit dem Geld,
+das Heßling ihm anständigerweise gegeben hatte, lieber Schulden bezahlen
+sollen, statt Gausenfelder Aktien zu kaufen. Diederich selbst äußerte
+überall diese Ansicht. „Wer hätte das früher von ihm gedacht!“ bemerkte er
+auch hierzu wieder, und wieder tat er einen gedankenvollen Blick in das
+Schicksal. „Man sieht, wozu einer imstande ist, der den Boden unter den
+Füßen verliert.“ Worauf jeder den beklemmenden Eindruck mitnahm, der alte
+Buck werde auch ihn selbst, als Aktionär von Gausenfeld, in seinen Ruin
+hineinreißen. Denn die Aktien fielen. Infolge der Entlassungen drohte ein
+Streik: sie fielen noch tiefer ... Hier machte Kienast sich Freunde.
+Kienast war unvermutet in Netzig eingetroffen, zur Erholung, wie er sagte.
+Keiner gestand es gern dem anderen ein, daß er Gausenfelder hatte und
+hereingefallen war. Kienast hinterbrachte es dem, daß jener schon verkauft
+habe. Seine persönliche Meinung war, daß es hohe Zeit sei. Ein Makler, den
+er übrigens nicht kannte, saß dann und wann im Café und kaufte. Einige
+Monate später brachte die Zeitung ein tägliches Inserat des Bankhauses
+Sanft & Co. Wer noch Gausenfelder hatte, konnte sie hier mühelos abstoßen.
+Tatsächlich besaß zu Anfang des Herbstes kein Mensch mehr die faulen
+Papiere. Dagegen ging das Gerede, Heßling und Gausenfeld sollten
+fusioniert werden. Diederich zeigte sich verwundert. „Und der alte Herr
+Buck?“ fragte er. „Als Vorsitzender des Aufsichtsrates wird er wohl noch
+mitreden wollen. Oder hat er selbst schon verkauft?“ – „Der hat mehr
+Sorgen“, hieß es dann. Denn in seiner Beleidigungssache gegen die
+„Volksstimme“ war jetzt die Verhandlung anberaumt. „Er wird wohl
+hineinfliegen“, meinte man; und Diederich, mit vollkommener Sachlichkeit:
+„Schade um ihn. Dann hat er in seinem letzten Aufsichtsrat gesessen.“
+
+In diesem Vorgefühl gingen alle zu der Verhandlung. Die auftretenden
+Zeugen erinnerten sich nicht. Klüsing hatte schon längst zu jedem vom
+Verkauf der Fabrik gesprochen. Hatte er von jenem Terrain besonders
+gesprochen? Und hatte er als den Unterhändler den alten Buck genannt? Dies
+alles blieb zweifelhaft. In den Kreisen der Stadtverordneten war bekannt
+gewesen, daß das Grundstück in Frage komme für das damals in Aussicht
+genommene Säuglingsheim. War Buck dafür gewesen? Jedenfalls nicht dagegen.
+Mehreren war es aufgefallen, wie lebhaft er sich für den Platz
+interessierte. Klüsing selbst, der noch immer krank war, hatte in seiner
+kommissarischen Vernehmung ausgesagt, sein Freund Buck sei bis vor kurzem
+bei ihm ein und aus gegangen. Wenn Buck ihm von dem Vorkaufsrecht auf das
+Terrain gesprochen haben sollte, so habe er dies keinesfalls in einem für
+Buck ehrenrührigen Sinne aufgefaßt ... Der Kläger Buck wünschte
+festgestellt zu sehen, daß der verstorbene Kühlemann es gewesen sei, der
+mit Klüsing verhandelt habe: Kühlemann selbst, der Spender des Geldes.
+Aber die Feststellung mißlang, Klüsings Aussage war unentschieden auch
+hierin. Daß Cohn es behauptete, war nicht wesentlich, da Cohn ein
+Interesse hatte, seinen eigenen Besuch in Gausenfeld harmlos erscheinen zu
+lassen. Als gewichtigster Zeuge blieb Diederich übrig, dem Klüsing
+geschrieben und der gleich darauf mit ihm eine Unterredung gehabt hatte.
+War damals ein Name gefallen? Er sagte aus:
+
+„Mir lag nicht daran, den oder jenen Namen zu erfahren. Ich stelle fest,
+daß ich, was alle Zeugen bestätigen, niemals öffentlich den Namen des
+Herrn Buck genannt habe. Mein Interesse in der Sache war einzig das der
+Stadt, die nicht durch einzelne geschädigt werden sollte. Ich bin für die
+politische Moral eingetreten. Persönliche Gehässigkeit liegt mir fern, und
+es würde mir leid tun, wenn der Herr Kläger aus dieser Verhandlung nicht
+ganz vorwurfsfrei hervorgehen sollte.“
+
+Seinen Worten folgte ein anerkennendes Gemurmel. Nur Buck schien
+unzufrieden; er fuhr auf, rot im Gesicht ... Diederich sollte nun angeben,
+welches seine persönliche Auffassung der Sache sei. Er setzte an: da trat
+Buck vor, straff aufgerichtet, und seine Augen flammten wieder, wie in der
+tragisch verlaufenen Wahlversammlung.
+
+„Ich erlasse es dem Herrn Zeugen, ein schonendes Gutachten abzugeben über
+meine Person und mein Leben. Er ist nicht der Mann dazu. Seine Erfolge
+sind mit anderen Mitteln erreicht als die meinen, und sie haben einen
+anderen Gegenstand. Mein Haus war immer jedem offen und zugänglich, auch
+dem Herrn Zeugen. Mein Leben gehört seit mehr als fünfzig Jahren nicht
+mir, es gehört einem Gedanken, den zu meiner Zeit mehrere hatten, der
+Gerechtigkeit und dem Wohl aller. Ich war vermögend, als ich in die
+Öffentlichkeit trat. Wenn ich sie verlasse, werde ich arm sein. Ich
+brauche keine Verteidigung!“
+
+Er schwieg, sein Gesicht zitterte noch – aber Diederich zuckte nur die
+Achseln. Auf welche Erfolge berief sich der Alte? Er hatte schon längst
+keine mehr und brachte nun hohle Worte vor, auf die niemand eine Hypothek
+gab. Er tat erhaben und befand sich schon unter den Rädern. Konnte ein
+Mensch seine Lage so sehr verkennen? „Wenn einer von uns den anderen von
+oben herab zu behandeln hat –“ Und Diederich blitzte. Er blitzte den
+Alten, der vergebens flammte, einfach nieder, und diesmal endgültig,
+mitsamt der Gerechtigkeit und dem Wohl aller. Zuerst das eigene Wohl – und
+gerecht war die Sache, die Erfolg hatte!... Er fühlte deutlich, daß dies
+für alle feststand. Auch der Alte fühlte es, er setzte sich wieder, er
+bekam runde Schultern, in seine Miene trat etwas wie Scham. Zu den
+Schöffen gewendet, sagte er: „Ich verlange keine Ausnahmestellung, ich
+unterwerfe mich dem Urteil meiner Mitbürger.“
+
+Worauf denn Diederich, als sei nichts geschehen, in seiner Aussage
+fortfuhr. Sie war wirklich sehr schonend und machte den besten Eindruck.
+Seit dem Prozeß Lauer fand man ihn durchaus günstig verändert; er hatte an
+überlegener Ruhe gewonnen, was freilich kein Kunststück hieß, da er jetzt
+ein gemachter Mann und fein heraus war. Gerade schlug es Mittag, und im
+Saal verbreitete sich summend das Neueste aus der „Netziger Zeitung“: es
+war Tatsache, Heßling, Großaktionär von Gausenfeld, war als
+Generaldirektor berufen worden ... Neugierig musterte man ihn – und ihm
+gegenüber den alten Buck, auf dessen Kosten er Seide gesponnen hatte. Die
+zwanzigtausend, die er dem Alten zuletzt noch geliehen hatte, bekam er nun
+mit hundert Prozent zurück, und war noch edel. Daß der Alte sich für das
+Geld gerade Gausenfelder gekauft hatte, wirkte wie ein guter Witz von
+Heßling und tröstete im Augenblick manchen über den eigenen Verlust. Bei
+Diederichs Abgang schwieg man an seinem Wege. Die Grüße drückten Achtung
+in dem Grade aus, wo sie in Unterwürfigkeit übergeht. Die Hereingefallenen
+grüßten den Erfolg.
+
+Mit dem alten Buck verfuhren sie unwirscher. Als der Vorsitzende das
+Urteil verkündete, ward geklatscht. Nur fünfzig Mark für den Redakteur der
+„Volksstimme“! Der Beweis war nicht vollständig erbracht, guter Glaube
+ward zugebilligt. Vernichtend für den Kläger, sagten die Juristen – und
+wie Buck das Gerichtsgebäude verließ, wichen auch die Freunde ihm aus.
+Kleine Leute, die an Gausenfeld ihre Ersparnisse verloren hatten,
+schüttelten die Fäuste hinter ihm her. Und allen brachte dieser Spruch des
+Gerichts die Erleuchtung, daß sie mit ihrer Meinung über den alten Buck
+eigentlich schon längst fertig waren. Ein Geschäft wie das mit dem Terrain
+für das Säuglingsheim mußte wenigstens glücken: das Wort war von Heßling,
+und es stimmte. Aber daran lag es: dem alten Buck war seiner Lebtage kein
+Geschäft geglückt. Er dünkte sich was Wunder, wenn er als Stadtvater und
+Parteiführer mit Schulden abschnitt. Faule Kunden gab es noch mehr! Der
+geschäftlichen Fragwürdigkeit aber entsprach die moralische, dafür zeugte
+die nie recht aufgeklärte Geschichte mit der Verlobung seines Sohnes,
+desselben, der sich jetzt beim Theater umhertrieb. Und Bucks Politik? Eine
+internationale Gesinnung, immer nur Opfer fordern für demagogische Zwecke,
+aber wie Hund und Katz’ mit der Regierung, was dann wieder auf die
+Geschäfte zurückwirkte: das war die Politik eines Menschen, der nichts
+mehr zu verlieren hat und dem es an gutbürgerlicher Mündelsicherheit
+gebricht. Entrüstet erkannte man, daß man sich auf Gedeih und Verderb in
+der Hand eines Abenteurers befunden hatte. Ihn unschädlich zu machen, war
+der allgemeine Herzenswunsch. Da er von selbst aus dem vernichtenden
+Urteil die Folgerungen nicht zog, mußten andere sie ihm nahelegen. Das
+Verwaltungsrecht enthielt doch wohl eine Bestimmung, wonach ein
+Gemeindebeamter sich durch sein Verhalten in und außer dem Amte der
+Achtung, die dieses erfordert, würdig zu erweisen hatte. Ob der alte Buck
+diese Bestimmung erfüllte? Die Frage aufwerfen, hieß sie verneinen, wie
+die „Netziger Zeitung“, ohne natürlich seinen Namen zu nennen,
+feststellte. Aber es mußte erst so weit kommen, daß die
+Stadtverordnetenversammlung mit der Angelegenheit befaßt ward. Da endlich,
+einen Tag vor der Debatte, nahm der hartgesottene Alte Vernunft an und
+legte sein Amt als Stadtrat nieder. Seine politischen Freunde konnten ihn
+hiernach, bei Gefahr, die letzten Anhänger zu verlieren, nicht länger an
+der Spitze der Partei lassen. Er machte es ihnen nicht leicht, wie es
+schien; mehrfache Besuche bei ihm und ein sanfter Druck waren nötig, bevor
+in der Zeitung sein Brief erschien: das Wohl der Demokratie sei ihm
+wichtiger als seins. Da ihr, unter der Einwirkung von Leidenschaften, die
+er für vergänglich halten wolle, jetzt Schaden drohe durch seinen Namen,
+trete er zurück. „Wenn es dem Ganzen nützen kann, bin ich bereit, den
+ungerechten Makel, den der getäuschte Volkswille mir auferlegt, zu tragen,
+im Glauben an die ewige Gerechtigkeit des Volkes, das ihn dereinst wieder
+von mir nehmen wird.“
+
+Dies faßte man als Heuchelei und Überhebung auf; die Wohlmeinenden
+entschuldigten es mit Greisenhaftigkeit. Übrigens hatte, was er schrieb
+oder nicht schrieb, keinen Belang mehr, denn was war er noch? Leute, die
+ihm Stellungen oder Gewinn verdankten, sahen ihm plötzlich ins Gesicht,
+ohne an den Hut zu fassen. Manche lachten und machten laute Bemerkungen:
+es waren die, denen er nichts zu befehlen gehabt hatte und die dennoch
+voll Ergebenheit gewesen waren, solange er das allgemeine Ansehen genoß.
+Statt der alten Freunde aber, die auf seinem täglichen Spaziergang sich
+niemals vorfanden, kamen neue, seltsame. Sie begegneten ihm, wenn er
+heimkehrte und es schon dämmerte, und es war etwa ein kleiner
+Geschäftsmann mit gehetzten Augen, dem der Bankerott im Nacken saß, oder
+ein düsterer Trunkenbold, oder irgendein die Häuser entlang streichender
+Schatten. Diese sahen ihm, den Schritt verlangsamend, entgegen mit scheuer
+oder frecher Vertraulichkeit. Sie rückten wohl zögernd ihre Kopfbedeckung,
+dann winkte der alte Buck ihnen zu, und auch die Hand, die hingehalten
+ward, nahm er, ganz gleich welche.
+
+Da die Zeit verging, beachtete auch der Haß ihn nicht mehr. Wer mit
+Absicht weggesehen hatte, ging nun gleichgültig vorbei, und manchmal
+grüßte er wieder, aus alter Gewohnheit. Ein Vater, der seinen jungen Sohn
+bei sich hatte, bekam eine nachdenkliche Miene, und waren sie vorüber,
+erklärte er dem Kinde: „Hast du den alten Herrn gesehen, der da so allein
+hinschleicht und niemand ansieht? Dann merke dir für dein Leben, was aus
+einem Menschen die Schande machen kann.“ Und das Kind ward fortan beim
+Anblick des alten Buck von einem geheimnisvollen Grauen überlaufen, gleich
+wie das erwachsene Geschlecht, als es klein war, bei seinem Anblick einen
+unerklärten Stolz gefühlt hatte. Junge Leute freilich gab es, die der
+herrschenden Meinung nicht folgten. Manchmal, wenn der Alte das Haus
+verließ, war eben die Schule aus. Die Herden der Heranwachsenden trabten
+davon, ehrfürchtig machten sie ihren Lehrern Platz, und Kühnchen, jetzt
+rückhaltlos national, oder Pastor Zillich, sittenstrenger als je seit dem
+Unglück mit Käthchen, eilten hindurch, ohne einen Blick für den
+Gefallenen. Da blieben am Wege diese wenigen jungen Leute stehen, jeder
+für sich, wie es schien, und aus eigenem Antrieb. Ihre Stirnen sahen
+weniger glatt aus als die meisten; sie hatten Ausdruck in den Augen, nun
+sie Kühnchen und Zillich den Rücken kehrten und vor dem alten Buck den
+Kopf entblößten. Unwillkürlich hielt er dann den Schritt an und sah in
+diese zukunftsträchtigen Gesichter, noch einmal voll der Hoffnung, mit der
+er sein Leben lang in alle Menschengesichter gesehen hatte.
+
+
+
+Diederich inzwischen hatte wahrhaftig keine Zeit, viel Aufmerksamkeit zu
+wenden an nebensächliche Begleiterscheinungen seines Aufstiegs. Die
+„Netziger Zeitung“, jetzt unbedingt zu Diederichs Verfügung, stellte fest,
+daß Herr Buck selbst es gewesen sei, der, noch bevor er den Vorsitz im
+Aufsichtsrat niederlegte, die Berufung des Herrn Doktor Heßling zum
+Generaldirektor befürworten mußte. An der Tatsache spürte mancher einen
+eigenartigen Geschmack. Doch gab Nothgroschen zu bedenken, daß Herr
+Generaldirektor Doktor Heßling sich ein großes und unbestrittenes
+Verdienst um die Allgemeinheit erworben habe. Ohne ihn, der mehr als die
+Hälfte der Aktien in aller Stille an sich gebracht hatte, wären sie
+sicherlich immer tiefer gefallen, und gar manche Familie verdankte es nur
+Herrn Doktor Heßling, daß sie vor dem Zusammenbruch bewahrt blieb. Der
+Streik war durch die Energie des neuen Generaldirektors glücklich
+beschworen. Seine nationale und kaisertreue Gesinnung bürgte dafür, daß
+die Regierungssonne künftig über Gausenfeld nicht mehr untergehen werde.
+Kurz, herrliche Zeiten brachen nun an für das wirtschaftliche Leben
+Netzigs und besonders für die Papierindustrie – zumal das Gerücht von
+einer Fusion des Heßlingschen Werkes mit Gausenfeld, wie aus sicherer
+Quelle verlautete, auf Wahrheit beruhte. Nothgroschen konnte verraten, daß
+Herr Doktor Heßling nur unter dieser Bedingung sich habe bewegen lassen,
+die Leitung Gausenfelds zu übernehmen.
+
+Tatsächlich hatte Diederich nichts so Eiliges zu tun, als das
+Aktienkapital erhöhen zu lassen. Für das neue Kapital ward das Heßlingsche
+Werk erworben. Diederich hatte ein glänzendes Geschäft gemacht. Seine
+erste Regierungshandlung hatte der Erfolg gekrönt, er war Herr der Lage,
+mit seinem Aufsichtsrat aus gefügigen Männern, und konnte daran gehen, der
+inneren Organisation des Unternehmens seinen Herrscherwillen aufzudrücken.
+Gleich anfangs versammelte er sein ganzes Volk von Arbeitern und
+Angestellten. „Einige von euch“, sagte er, „kennen mich schon, vom
+Heßlingschen Werk her. Na, und ihr anderen sollt mich kennenlernen! Wer
+mir behilflich sein will, ist willkommen, aber Umsturz wird nicht
+geduldet! Vor noch nicht zwei Jahren hab’ ich das einem kleinen Teil von
+euch gesagt, und jetzt seht euch an, wie viele ich jetzt unter meinem
+Befehle habe. Ihr könnt stolz auf einen solchen Herrn sein! Verlaßt euch
+auf mich, ich werde es mir angelegen sein lassen, euern nationalen Sinn zu
+wecken und euch zu treuen Anhängern der bestehenden Ordnung zu machen.“
+Und er verhieß ihnen eigene Wohnhäuser, Krankenunterstützungen, billige
+Lebensmittel. „Sozialistische Umtriebe aber verbitte ich mir! Wer in
+Zukunft anders wählt, als ich will, fliegt!“ Auch dem Unglauben, sagte
+Diederich, sei er zu steuern entschlossen; jeden Sonntag werde er sich
+überzeugen, wer in der Kirche sei und wer nicht. „Solange in der Welt die
+unerlöste Sünde herrscht, wird es Krieg und Haß, Neid und Zwietracht
+geben. Und darum: einer muß Herr sein!“
+
+Um diesen obersten Grundsatz zur Geltung zu bringen, wurden alle Räume der
+Fabrik bedeckt mit Inschriften, die ihn verkündeten. Durchgang verboten!
+Wasserholen mit den Eimern der Feuerlöschapparate verboten!
+Flaschenbierholen erst recht verboten, denn Diederich hatte nicht
+versäumt, mit einer Brauerei einen Vertrag zu schließen, der ihm Vorteile
+sicherte vom Konsum seiner Leute ... Essen, Schlafen, Rauchen, Kinder
+mitbringen, „Poussieren, Schäkern, Knutschen, überhaupt jede Unzucht“
+strengstens verboten! In den Arbeiterhäusern waren, noch bevor sie
+wirklich dastanden, Pflegekinder verboten. Ein in freier Liebe
+dahinlebendes Paar, das unter Klüsing zehn Jahre lang sich der Entdeckung
+zu entziehen gewußt hatte, wurde feierlich entlassen. Dieser Vorfall war
+für Diederich sogar der Anlaß, ein neues Mittel zur sittlichen Hebung des
+Volkes zu verwenden. An den geeigneten Orten ließ er ein in Gausenfeld
+selbst erzeugtes Papier aufhängen, bei dessen Benutzung niemand umhin
+konnte, die moralischen oder staatserhaltenden Maximen zu beachten, mit
+denen es bedruckt war. Zuweilen hörte er die Arbeiter einen von hoher
+Stelle stammenden Ausspruch einander zurufen, von dem sie auf diesem Wege
+überzeugt worden waren, oder sie sangen ein patriotisches Lied, das sich
+ihnen bei derselben Gelegenheit eingeprägt hatte. Ermutigt durch diese
+Erfolge, brachte Diederich seine Erfindung in den Handel. Sie trat unter
+dem Zeichen „Weltmacht“ auf, und wirklich trug sie, wie eine großzügige
+Reklame es verkündete, deutschen Geist, gestützt auf deutsche Technik,
+siegreich durch die Welt.
+
+Alle Konfliktsstoffe zwischen Herrn und Arbeitern konnten auch diese
+erzieherischen Papiere nicht entfernen. Eines Tages sah Diederich sich
+veranlaßt, bekanntzugeben, daß er vom Versicherungsgeld nur
+Zahnbehandlung, nicht aber auch Zahnersatz bezahlen werde. Ein Mann hatte
+sich ein ganzes Gebiß verfertigen lassen! Da Diederich sich auf seine,
+freilich erst nachträglich erlassene Bekanntmachung berief, prozessierte
+der Mann und bekam abenteuerlicherweise sogar recht. Hierdurch in seinem
+Glauben an die herrschende Ordnung erschüttert, ward er zum Aufwiegler,
+verkam sittlich und wäre unter anderen Umständen unbedingt entlassen
+worden. So aber konnte Diederich sich nicht entschließen, das Gebiß, das
+ihn teuer zu stehen kam, dahinzugeben, und behielt daher auch den Mann....
+Die ganze Angelegenheit, er verhehlte es sich nicht, war dem Geiste der
+Arbeiterschaft nicht zuträglich. Hinzu kam die Einwirkung gefährlicher
+politischer Ereignisse. Als im neu eröffneten Reichstagsgebäude mehrere
+sozialdemokratische Abgeordnete beim Kaiserhoch sitzengeblieben waren, da
+konnte man nicht mehr zweifeln, die Notwendigkeit einer Umsturzvorlage war
+bewiesen. Diederich machte in der Öffentlichkeit dafür Stimmung; seine
+Leute bereitete er darauf in einer Ansprache vor, die sie mit düsterem
+Schweigen aufnahmen. Die Mehrheit des Reichstages war gewissenlos genug,
+die Vorlage abzulehnen, und der Erfolg ließ nicht warten, ein
+Industrieller ward ermordet. Ermordet! Ein Industrieller! Der Mörder
+behauptete kein Sozialdemokrat zu sein, aber das kannte Diederich von
+seinen eigenen Leuten her; und der Ermordete sollte arbeiterfreundlich
+gewesen sein, aber das kannte Diederich an sich selbst. Tage- und
+wochenlang öffnete er keine Tür ohne Bangen vor einem dahinter schon
+gezückten Messer. Sein Bureau erhielt Selbstschüsse, und gemeinsam mit
+Guste kroch er jeden Abend durch das Schlafzimmer und suchte. Seine
+Telegramme an den Kaiser, mochten sie von der Stadtverordnetenversammlung
+ausgehen, vom Vorstand der „Partei des Kaisers“, vom Unternehmerverband
+oder vom Kriegerverein: die Telegramme, mit denen Diederich den
+Allerhöchsten Herrn überschüttete, schrien nach Hilfe gegen die von den
+Sozialisten angefachte Revolutionsbewegung, der wieder ein Opfer mehr
+erlegen war; nach Befreiung von dieser Pest, nach schleunigen gesetzlichen
+Maßnahmen, militärischem Schutz der Autorität und des Eigentums, nach
+Zuchthausstrafen für Streikende, die jemand abhielten zu arbeiten.... Die
+„Netziger Zeitung“, die alles dies pünktlich wiedergab, vergaß aber
+keinesfalls hinzuzufügen, wie sehr gerade Herr Generaldirektor Doktor
+Heßling sich verdient mache um den sozialen Frieden und die
+Arbeiterfürsorge. Jedes von Diederich neuerbaute Arbeiterhaus führte
+Nothgroschen stark geschmeichelt im Bilde vor und schrieb dazu einen
+hochgestimmten Artikel. Mochten gewisse andere Arbeitgeber, deren Einfluß
+in Netzig glücklicherweise nicht mehr in Frage kam, unter ihren
+Angestellten subversive Tendenzen schüren, indem sie sie am Gewinn
+beteiligten. Die von Herrn Generaldirektor Doktor Heßling vertretenen
+Grundsätze zeitigten zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer das denkbar
+beste Verhältnis, wie Seine Majestät der Kaiser es überall in der
+deutschen Industrie zu sehen wünschten. Ein kräftiger Widerstand gegen die
+unberechtigten Forderungen der Arbeiter sowie eine Koalition der
+Arbeitgeber gehörten bekanntlich gleichfalls zum sozialen Programm des
+Kaisers, das mit zu verwirklichen ein Ruhmestitel des Herrn
+Generaldirektor Doktor Heßling war. – Und daneben stand Diederichs Bild.
+
+Solche Anerkennung spornte zu immer eifrigerer Betätigung an – trotz der
+unerlösten Sünde, die ihre verheerende Wirkung übrigens nicht nur
+geschäftlich, sondern auch in der Familie äußerte. Hier war es leider
+Kienast, der Neid und Zwietracht säte. Er behauptete, daß ohne ihn und
+seine unauffällige Vermittlung beim Ankauf der Aktien Diederich seine
+glänzende Stellung gar nicht erlangt haben würde. Worauf Diederich
+erwiderte, daß Kienast durch einen seinen Mitteln entsprechenden
+Aktienbesitz entschädigt sei. Dies erkannte der Schwager nicht an,
+vielmehr vermaß er sich, für seine pietätlosen Ansprüche eine rechtliche
+Grundlage gefunden zu haben. War er nicht als Gatte Magdas der
+Mitbesitzer, zu einem Achtel ihres Wertes, der alten Heßlingschen Fabrik
+gewesen? Die Fabrik war verkauft, Diederich hatte bares Geld und
+Gausenfelder Vorzugsaktien dafür bekommen. Kienast verlangte ein Achtel
+der Kapitalrente und der jährlichen Dividende der Vorzugsaktien. Auf
+dieses unerhörte Ansinnen erwiderte Diederich mit aller Energie, daß er
+weder seinem Schwager noch seiner Schwester irgend etwas mehr schuldig
+sei. „Ich war nur verpflichtet, euch euren Anteil vom jährlichen Gewinn
+meiner Fabrik zu zahlen. Meine Fabrik ist verkauft. Gausenfeld gehört
+nicht mir, sondern einer Aktiengesellschaft. Was das Kapital betrifft, das
+ist mein Privatvermögen. Ihr habt nichts zu fordern.“ – Kienast nannte
+dies einen offenen Raub, Diederich, durch die eigenen Argumente vollkommen
+überzeugt, sprach von Erpressung, und dann folgte ein Prozeß.
+
+Der Prozeß dauerte drei Jahre. Er ward mit immer wachsender Erbitterung
+geführt, besonders von seiten Kienasts, der, um sich ihm ganz zu widmen,
+seine Stellung in Eschweiler aufgab und mit Magda nach Netzig zog. Als
+Hauptzeugen gegen Diederich hatte er den alten Sötbier aufgestellt, der in
+seiner Rachsucht nun wirklich beweisen wollte, daß Diederich schon früher
+an seine Verwandten nicht die ihnen zustehenden Summen abgeführt habe.
+Auch verfiel Kienast darauf, gewisse Punkte in Diederichs Vergangenheit
+mit Hilfe des jetzigen Abgeordneten Napoleon Fischer aufhellen zu wollen:
+was ihm freilich niemals recht gelang. Immerhin aber ward Diederich durch
+dieses Vorgehen genötigt, zu verschiedenen Malen größere Beträge für die
+sozialdemokratische Parteikasse zu erlegen. Und er durfte es sich sagen,
+sein persönlicher Verlust schmerzte ihn weniger als der Abbruch, den
+dergestalt die nationale Sache erlitt ... Guste, deren Blick so weit nicht
+reichte, schürte den Streit der Männer mehr aus weiblichen Motiven. Ihr
+Erstes war ein Mädchen, und sie verzieh Magda ihren Jungen nicht. Magda,
+die den Geldsachen anfangs nur ein laues Interesse entgegengebracht hatte,
+leitete den Beginn der Feindseligkeiten von dem Tage her, als Emmi mit
+einem aus Berlin bezogenen unerhörten Hut erschien. Magda stellte fest,
+daß Emmi jetzt von Diederich in der empörendsten Weise bevorzugt wurde.
+Emmi bewohnte in Gausenfeld ein eigenes Appartement, wo sie Tees gab. Die
+Höhe ihres Toilettegeldes stellte eine Unverschämtheit gegen die
+verheiratete Schwester dar. Magda mußte sehen, daß der Vorrang, den ihre
+Verheiratung ihr eingetragen hatte, sich in das Gegenteil verkehrte; und
+sie beschuldigte Diederich, er habe sich ihrer, vor dem Anbruch seiner
+Glanzzeit, heimtückisch entledigt. Wenn Emmi auch jetzt noch keinen Mann
+fand, schien dies besondere Gründe zu haben – die man sich in Netzig denn
+auch ins Ohr sagte. Magda sah kein Hindernis, sie laut auszusprechen.
+Durch Inge Tietz erfuhr man es in Gausenfeld; aber Inge brachte zugleich
+eine Waffe gegen die Verleumderin mit, weil sie nämlich bei Kienasts der
+Hebamme begegnet war, und das erste Kind war kaum ein halbes Jahr. Ein
+furchtbarer Aufruhr trat hierauf ein, telephonische Beschimpfungen von
+Haus zu Haus, Drohungen mit gerichtlicher Klage, wofür man Stoff sammelte,
+indem jede der beiden Frauen das Zimmermädchen der anderen anwarb.
+
+Und bald nachdem Diederich und Kienast mit männlicher Besonnenheit den
+äußersten Familienskandal für diesmal noch verhütet hatten, brach er
+dennoch aus. Guste und Diederich bekamen anonyme Briefe, die sie vor jedem
+Dritten und sogar voreinander verstecken mußten, so grenzenlos frivol war
+ihr Inhalt. Noch dazu illustrierten ihn Zeichnungen, die jedes erlaubte
+Maß einer wenn auch realistischen Kunst überschritten. Pünktlich jeden
+Morgen lagen die harmlos grauen Umschläge auf dem Frühstückstisch, und
+jeder ließ den seinen verschwinden, wobei man tat, als habe man den des
+anderen nicht bemerkt. Eines Tages freilich war es aus mit dem
+Versteckenspiel, denn Magda hatte die Kühnheit, in Gausenfeld zu
+erscheinen, versehen mit einem Packen ganz gleichartiger Briefe, die sie
+selbst erhalten haben wollte. Dies fand Guste zu stark. „Du wirst wohl
+wissen, wer sie dir schreibt!“ brachte sie hervor, erstickt und rot
+angelaufen. Magda sagte, sie könne es sich denken, und darum sei sie
+gekommen. „Wenn du es nötig hast,“ erwiderte Guste und zischte, „daß du
+dir selbst mußt solche Briefe schreiben, damit du in Stimmung kommst, dann
+schreib’ sie wenigstens anderen Leuten nicht, die es nicht nötig haben!“
+Magda protestierte und stieß ihrerseits, grün im Gesicht, Beschuldigungen
+aus. Aber Guste war zum Telephon gestürzt, sie rief Diederich aus dem
+Bureau herbei; dann lief sie fort und kehrte mit einem Packen Briefe
+zurück. Gegenüber trat Diederich ein und hatte seinen auch schon dabei.
+Als die drei interessanten Sammlungen wirkungsvoll ausgebreitet auf dem
+Tisch lagen, sahen die drei Verwandten entgeistert einander an. Dann
+faßten sie sich und schrien alle gleichzeitig dieselben Anklagen. Um nicht
+an Boden zu verlieren, rief Magda das Zeugnis ihres Mannes an, der
+gleichfalls heimgesucht sei. Guste behauptete, auch bei Emmi etwas gesehen
+zu haben. Emmi ward geholt und gestand unschwer in ihrer wegwerfenden Art,
+daß auch ihr die Post solche Schweinereien gebracht habe. Die meisten habe
+sie vernichtet. Die alte Frau Heßling sogar war nicht verschont geblieben!
+Sie leugnete zwar weinend, solange es ging, ward aber überführt ... Da
+dies alles die Angelegenheit nur erweiterte, aber nicht klärte, trennte
+man sich beiderseits mit Drohungen, die innerlich haltlos, aber keineswegs
+ohne Schrecken waren. Um ihre Stellung zu befestigen, hielt jede der
+Parteien Umschau nach Bundesgenossen, wobei sich zunächst herausstellte,
+daß auch Inge Tietz zu den Empfängern der unpassenden Darbietungen
+gehörte. Was hiernach zu vermuten stand, bestätigte sich. Der unheimliche
+Briefschreiber hatte überall in das Privatleben eingegriffen, sogar bei
+Pastor Zillich, ja beim Bürgermeister und den Seinen. Soweit man blickte,
+hatte er um das Haus Heßling und alle guten Häuser, die ihm nahestanden,
+eine Atmosphäre der krassesten Obszönität geschaffen. Wochenlang wagte
+Guste sich nicht hinaus. Ihr und Diederichs Argwohn warf sich
+entsetzensvoll von dem auf jenen. In ganz Netzig traute keiner mehr dem
+Vertrautesten. Der Tag kam und die Frühstücksstunde, da im Schoß der
+Familie Heßling der Verdacht die letzten Grenzen verletzte. Ein Dokument,
+unbeirrbar wie noch keins, zitterte in Gustes Hand; es hielt Augenblicke
+fest, die in ihrer Eigentümlichkeit nur ihr und ihrem Gatten, tief
+verschwiegen, bewußt waren. Kein Dritter ahnte dies, sonst hörte alles
+auf. Dann aber?... Guste sandte über den Kaffeetisch einen prüfenden Blick
+zu Diederich: in seiner Hand zitterte das gleiche Papier, und auch sein
+Blick prüfte. Schnell schlugen beide, schreckengepackt, die Augen nieder.
+
+Der Verräter war überall. Wo niemand sonst war, da war er ein zweites Ich.
+Durch ihn ward in nie geahnter Weise alle bürgerliche Ehrbarkeit in Frage
+gestellt. Dank seiner Tätigkeit wäre in Netzig jedes moralische
+Selbstgefühl und alle gegenseitige Achtung zum Untergang verurteilt
+gewesen, hätte man nicht, wie auf allseitige Verabredung, Gegenmaßregeln
+getroffen, die sie wiederherstellten. Die tausendfältigen Ängste,
+unterirdisch fortarbeitend nach einem Ausweg, liefen zusammen von allen
+Seiten, schufen mit der Kraft der vereinigten Angst den Kanal, der ans
+Licht führte, und konnten endlich ihre dunkeln Fluten ergießen über einen
+Mann. Gottlieb Hornung wußte nicht, wie ihm geschah. Unter vier Augen mit
+Diederich hatte er nach seiner Weise groß getan und sich gewisser Briefe
+gerühmt, die er geschrieben haben wollte. Auf Diederichs strenge
+Vorhaltungen bemerkte er nur, solche Briefe schriebe doch jetzt jeder, es
+sei Mode, ein Gesellschaftsspiel – was Diederich sofort gebührend
+zurückwies. Er nahm aus der Unterredung den Eindruck mit, sein alter
+Freund und Kommilitone Gottlieb Hornung, der schon so manche nützlichen
+Dienste geleistet hatte, sei ganz geeignet, auch hier einen zu leisten,
+wäre es selbst unfreiwillig; weshalb er ihn pflichtgemäß anzeigte. Und als
+Hornung erst einmal laut genannt war, zeigte es sich, daß er schon längst
+überall verdächtigt war. Er hatte während der Wahlen zahlreiche Einblicke
+erhalten, war übrigens aus Netzig und ohne Verwandte, was ihm den Unfug
+offenbar erleichtert hatte. Hinzu kam sein Verzweiflungskampf um das
+Recht, weder Schwämme noch Zahnbürsten zu verkaufen; dieser Kampf
+verbitterte ihn zusehends, er hatte ihm gewisse höhnische Äußerungen
+entrissen, über Herrschaften, die die Schwämme wohl nicht nur außen nötig
+hätten, und bei denen mit Zähneputzen noch nichts geschehen sei. Er ward
+angeklagt und gab in mehreren Fällen seine Urheberschaft ohne weiteres zu.
+In den meisten freilich leugnete er sie um so kräftiger, aber dafür gab es
+Schreibsachverständige. Gegenüber der Meinung eines Zeugen wie Heuteufel,
+der von einer Epidemie sprach und behauptete, ein einzelner sei zu schwach
+für diesen ungeheuren Haufen Mist, standen alle übrigen Aussagen, stand
+der öffentliche Wille. Auf das glücklichste vertrat ihn Jadassohn, der
+seit seiner Rückkehr aus Paris kleinere Ohren hatte und zum Staatsanwalt
+befördert war. Der Erfolg und das Bewußtsein, einwandfrei dazustehen,
+hatten ihn sogar Mäßigung gelehrt; er sah ein, daß Rücksicht auf das große
+Ganze es gebiete, den Stimmen Gehör zu schenken, die Hornung für nervös
+überreizt ausgaben. Am bestimmtesten tat dies Diederich, der für seinen
+unglücklichen Jugendfreund in jeder Weise eintrat. Hornung kam mit einem
+Aufenthalt im Sanatorium davon, und als er herausdurfte, versah Diederich
+ihn, wenn er nur Netzig verließ, mit Mitteln, die ihn gegen die Schwämme
+und Zahnbürsten für einige Zeit wappneten. Auf die Dauer freilich waren
+sie wohl die Stärkeren, und ein gutes Ende ließ sich kaum vorhersagen für
+Gottlieb Hornung.... Natürlich hörten, sobald er wohlverwahrt in der
+Anstalt saß, die Briefe auf. Oder wenigstens ließ man sich, wenn noch
+einer kam, nichts mehr merken, die Affäre war abgetan.
+
+
+
+Diederich durfte wieder sagen: „Mein Haus ist meine Burg.“ Die Familie,
+nicht länger schmutzigen Eingriffen ausgesetzt, blühte auf das reinste
+empor. Nach Gretchen, die 1894 geboren ward, und Horst, von 1895, folgte
+1896 Kraft. Diederich, ein gerechter Vater, legte jedem der Kinder, noch
+bevor es da war, ein Konto an und trug vorerst die Kosten der Ausstattung
+und der Hebamme ein. Seine Auffassung vom Eheleben war die strengste.
+Horst kam nicht ohne Mühe zur Welt. Als es vorüber war, erklärte Diederich
+seiner Gattin, daß er, vor die Wahl gestellt, sie glatt hätte sterben
+lassen. „So peinlich es mir gewesen wäre“, setzte er hinzu. „Aber die
+Rasse ist wichtiger, und für meine Söhne bin ich dem Kaiser
+verantwortlich.“ Die Frauen waren der Kinder wegen da, Frivolitäten und
+Ungehörigkeiten versagte Diederich ihnen, war aber nicht abgeneigt, ihnen
+Erhebung und Erholung zu gönnen. „Halte dich an die drei großen G“,
+bedeutete er Guste. „Gott, Gafee und Gören.“ Auf dem rotgewürfelten
+Tischtuch, mit Reichsadler und Kaiserkrone in den Würfeln, lag neben der
+Kaffeekanne immer die Bibel, und Guste war gehalten, jeden Morgen daraus
+vorzulesen. Am Sonntag ging man zur Kirche. „Es ist oben erwünscht“, sagte
+Diederich ernst, wenn Guste sich sträubte. Wie Diederich in der Furcht
+seines Herrn, hatte Guste in der Furcht des ihren zu leben. Beim Eintritt
+ins Zimmer war es ihr bewußt, daß dem Gatten der Vortritt gebühre. Die
+Kinder wieder mußten ihr selbst die Ehre erweisen, und der Teckel Männe
+hatte alle zu Vorgesetzten. Beim Essen dann oblag es Hund und Kindern,
+sich schweigend zu verhalten; Gustes Sache war es, aus den Stirnfalten des
+Gatten zu ersehen, ob es geboten sei, daß man ihn ungestört lasse, oder
+aber ihm durch Geplauder die Sorgen verscheuche. Gewisse Gerichte wurden
+nur für den Hausherrn aufgetragen, und Diederich warf an guten Tagen ein
+Stück davon über den Tisch, um herzlich lachend zuzusehn, wer es
+erwischte, Gretchen, Guste oder Männe. Sein Nachmittagsschlaf war öfters
+durch eine Verdauungsstörung beschwert; Gustes Pflicht erheischte dann,
+ihm warme Bauchbinden anzulegen. Diederich verhieß ihr, ächzend und schwer
+beängstet, daß er sein Testament machen und einen Vormund einsetzen werde.
+Guste werde kein Geld in die Hand bekommen. „Ich hab’ für meine Söhne
+gearbeitet, aber nicht, damit du dich nachher amüsierst!“ Guste machte
+geltend, ihr eigenes Vermögen sei die Grundlage von allem, aber sie kam
+schön an ... Freilich, wenn Guste den Schnupfen hatte, durfte sie nicht
+erwarten, daß Diederich nun seinerseits ihre Pflege übernahm. Sie hatte
+sich dann nach Möglichkeit von ihm fernzuhalten, denn Diederich war
+entschlossen, keine Bazillen zu dulden. Die Fabrik betrat er nur mit
+desinfizierenden Tabletten im Munde; und eines Nachts entstand großer
+Lärm, weil die Köchin an Influenza erkrankt war und vierzig Grad Fieber
+hatte. „Sofort aus dem Hause mit der Schweinerei!“ befahl Diederich; und
+als sie fort war, irrte er noch lange, keimtötende Flüssigkeiten
+verspritzend, durch die Wohnung.
+
+Am Abend bei der Lektüre des „Lokal-Anzeigers“ erklärte er seiner Gattin
+immer wieder, daß leben nicht notwendig sei, wohl aber schiffahren – was
+Guste schon darum einsah, weil auch sie die Kaiserin Friedrich nicht
+mochte, die uns bekanntlich an England verriet, ganz abgesehen von
+gewissen häuslichen Zuständen in Schloß Friedrichskron, die Guste lebhaft
+mißbilligte. Gegen England brauchten wir eine starke Flotte; es mußte
+unbedingt zerschmettert werden, es war der ärgste Feind des Kaisers. Und
+warum? Man wußte es in Netzig ganz genau: nur weil Seine Majestät einst in
+angeregter Laune dem Prinzen von Wales dort, wo es am verlockendsten
+erschien, einen freundschaftlichen Schlag versetzt hatte. Außerdem kamen
+aus England gewisse feine Papiersorten, deren Einfuhr durch einen
+siegreichen Krieg am sichersten abgestellt worden wäre. Über die Zeitung
+hinweg sagte Diederich zu Guste: „So wie ich England hasse, hat nur
+Friedrich der Große dies Volk von Dieben und Händlern gehaßt. Das ist ein
+Wort Seiner Majestät, und ich unterschreibe es.“ Er unterschrieb jedes
+Wort in jeder Rede des Kaisers, und zwar in der ersten, stärkeren Form,
+nicht in der abgeschwächten, die sie am Tage darauf annahmen. Alle diese
+Kernworte deutschen und zeitgemäßen Wesens – Diederich lebte und webte in
+ihnen, wie in Ausstrahlungen seiner eigenen Natur, sein Gedächtnis
+bewahrte sie, als habe er sie selbst gesprochen. Manchmal hatte er sie
+wirklich schon gesprochen. Andere untermischte er bei öffentlichen
+Gelegenheiten seinen eigenen Erfindungen, und weder er noch ein anderer
+unterschied, was von ihm kam und was von einem Höheren ... „Dies ist süß“,
+sagte Guste, die das Vermischte las. „Der Dreizack gehört in unsere
+Faust“, behauptete Diederich unbeirrt, indes Guste ein Erlebnis der
+Kaiserin zum besten gab, das sie tief befriedigte. In Hubertusstock gefiel
+sich die hohe Frau in einfacher, beinahe bürgerlicher Kleidung. Ein
+Briefträger, dem sie sich auf der Landstraße zu erkennen gab, hatte ihr
+nicht geglaubt, daß sie es sei, und sie ausgelacht. Nachher war er
+vernichtet auf die Knie gesunken und hatte eine Mark erhalten. Dies
+entzückte auch Diederich – wie es ihm andererseits an das Herz griff, daß
+der Kaiser am Weihnachtsabend auf die Straße ging, um mit 57 Mark
+neugeprägten Geldes den Armen Berlins ein frohes Fest zu bereiten – und
+wie es ihn ahnungsvoll erschauern ließ, daß Seine Majestät Ehrenbailli des
+Maltheserordens geworden war. Welten, nie geahnt, erschloß der
+„Lokal-Anzeiger“, und dann wieder brachte er einem die Allerhöchsten
+Herrschaften gemütlich nahe. Im Erker dort die dreiviertel lebensgroßen
+Bronzefiguren der Majestäten schienen lächelnd näher zu rücken, und den
+Trompeter von Säckingen, der sie begleitete, hörte man traulich blasen.
+„Himmlisch muß es bei Kaisers sein,“ meinte Guste, „wenn große Wäsche ist.
+Sie haben hundert Leute zum Waschen!“ Wohingegen Diederich von tiefem
+Wohlgefallen erfüllt ward durch die Teckel des Kaisers, die vor den
+Schleppen der Hofdamen keine Achtung zu haben brauchten. Der Plan reifte
+in ihm, bei seiner nächsten Soiree seinem Männe volle diesbezügliche
+Freiheit zu erteilen. Freilich, schon auf der folgenden Spalte machte ein
+Telegramm ihm ernste Sorge, weil es noch immer nicht feststand, ob der
+Kaiser und der Zar sich treffen würden. „Wenn es nicht bald kommt,“ sagte
+er gewichtig, „müssen wir uns auf alles gefaßt machen. Die Weltgeschichte
+läßt nicht mit sich spaßen.“ Gern hielt er sich länger bei drohenden
+Katastrophen auf, denn „die deutsche Seele ist ernst, fast tragisch“,
+stellte er fest.
+
+Aber Guste zeigte keine Teilnahme mehr, sie gähnte immer häufiger. Unter
+dem strafenden Blick des Gatten schien sie sich an eine Pflicht zu
+erinnern, sie machte herausfordernde Schlitzaugen und bedrängte ihn sogar
+mit ihren Knien. Er wollte noch einen nationalen Gedanken äußern, da sagte
+Guste mit ungewohnt strenger Stimme „Quatsch“; Diederich aber, weit
+entfernt, diesen Übergriff zu bestrafen, blinzelte sie an, als erwartete
+er noch mehr ... Da er sie unten zu umspannen versuchte, verscheuchte sie
+vollends ihre Müdigkeit, und plötzlich hatte er eine mächtige Ohrfeige –
+worauf er nichts erwiderte, sondern aufstand und sich schnaufend hinter
+einen Vorhang drückte. Und als er wieder in das Licht kam, zeigte es sich,
+daß seine Augen keineswegs blitzten, sondern voll Angst und dunkeln
+Verlangens standen ... Dies schien Guste die letzten Bedenken zu nehmen.
+Sie erhob sich; indes sie in fesselloser Weise mit den Hüften schaukelte,
+begann sie ihrerseits heftig zu blitzen, und den wurstförmigen Finger
+gebieterisch gegen den Boden gestreckt, zischte sie: „Auf die Knie,
+elender Schklafe!“ Und Diederich tat, was sie heischte! In einer
+unerhörten und wahnwitzigen Umkehrung aller Gesetze durfte Guste ihm
+befehlen: „Du sollst meine herrliche Gestalt anbeten!“ – und dann auf den
+Rücken gelagert, ließ er sich von ihr in den Bauch treten. Freilich
+unterbrach sie sich inmitten dieser Tätigkeit und fragte plötzlich ohne
+ihr grausames Pathos und streng sachlich: „Haste genug?“ Diederich rührte
+sich nicht; sofort ward Guste wieder ganz Herrin. „Ich bin die Herrin, du
+bist der Untertan“, versicherte sie ausdrücklich. „Aufgestanden! Marsch!“
+– und sie stieß ihn mit ihren Grübchenfäusten vor sich her nach dem
+ehelichen Schlafgemach. „Freu’ dich!“ verhieß sie ihm schon, da gelang es
+Diederich, zu entwischen und das Licht abzudrehen. Im Dunkeln, versagenden
+Herzens vernahm er, wie Guste dort hinten ihm die wenigst anständigen
+Namen gab, wobei sie freilich schon wieder gähnte. Etwas später lag sie
+vielleicht schon und schlief – Diederich aber, noch immer des Äußersten
+gewärtig, kroch auf allen Vieren die Estrade hinan und versteckte sich
+hinter dem bronzenen Kaiser ...
+
+Regelmäßig nach solchen nächtlichen Phantasien ließ er sich am Morgen das
+Wirtschaftsbuch vorlegen, und wehe, wenn Gustes Rechnung nicht glatt
+aufging. Durch ein fürchterliches Strafgericht in Gegenwart aller
+Dienstboten setzte Diederich ihrem kurzen Machtdünkel, falls sie noch eine
+Erinnerung daran bewahrte, ein jähes Ende. Autorität und Sitte
+triumphierten wieder. Auch sonst war dafür gesorgt, daß die ehelichen
+Beziehungen nicht allzusehr zum Vorteil Gustes ausschlugen, denn jeden
+zweiten, dritten Abend, manchmal noch öfter, ging Diederich fort – zum
+Stammtisch in den Ratskeller, wie er sagte, aber das stimmte nicht
+immer ... Am Stammtisch war Diederichs Platz unter einem gotischen Bogen,
+in dem zu lesen stand: „Je schöner die Kneip’, desto schlimmer das Weib,
+je schlimmer das Weib, desto schöner die Kneip’.“ Und auch die kernigen
+alten Sinnsprüche in den übrigen Bogen rächten einen in wohltuender Weise
+für die Zugeständnisse, die man, durch die Natur genötigt, der Frau daheim
+zuweilen machte. „Wer nicht liebt Wein und Gesang, verdient ein Weib sein
+Leben lang“, oder „Behüt euch Gott vor Schmerz und Wunden, vor bösen
+Weibern und bösen Hunden“. Dagegen las, wer zwischen Jadassohn und
+Heuteufel die Augen zur Decke erhob: „Friedliche Rast am traulichen Herd,
+und an der Wand ein schneidiges Schwert. Nach alter Sitt’ in deutscher
+Mitt’, kommt trinkt euch aller Sorgen quitt“. Was allerseits geschah, ohne
+Unterschied der Konfession und Partei. Denn auch Cohn und Heuteufel samt
+ihren näheren Freunden und Gesinnungsgenossen hatten im Lauf der Zeit sich
+eingefunden, einer nach dem anderen und ohne viel Aufsehen, weil es eben
+auf die Dauer niemandem möglich war, den Erfolg zu bestreiten oder zu
+übersehen, der den nationalen Gedanken beflügelte und immer höher trug.
+Das Verhältnis Heuteufels zu seinem Schwager Zillich litt nach wie vor
+unter Mißhelligkeiten. Zwischen den Weltanschauungen lagen denn doch
+unübersteigbare Schranken, und „in seine religiösen Überzeugungen läßt
+sich der Deutsche nicht hineinreden“, wie man auf beiden Seiten
+feststellte. In der Politik dagegen war bekanntlich jede Ideologie vom
+Übel. Seinerzeit im Frankfurter Parlament hatten gewisse hochbedeutende
+Männer gesessen, aber es waren noch keine Realpolitiker gewesen, und darum
+hatten sie nichts als Unsinn gemacht, wie Diederich bemerkte. Übrigens
+milde gestimmt durch seine Erfolge, gab er zu, daß das Deutschland der
+Dichter und Denker vielleicht auch seine Berechtigung gehabt habe. „Aber
+es war doch nur eine Vorstufe, unsere geistigen Leistungen heute liegen
+auf dem Gebiet der Industrie und Technik. Der Erfolg beweist.“ Heuteufel
+mußte es zugeben. Seine Äußerungen über den Kaiser, über Wirksamkeit und
+Bedeutung Seiner Majestät klangen wesentlich zurückhaltender als ehedem;
+bei jedem neuen Auftreten des allerhöchsten Redners stutzte er, versuchte
+zu nörgeln und ließ doch erkennen, daß er am liebsten sich einfach
+angeschlossen hätte. Der entschiedene Liberalismus, dies ward nachgerade
+allgemein anerkannt, konnte nur gewinnen, wenn auch er sich mit der
+Energie des nationalen Gedankens erfüllte, wenn er positiv mitarbeitete
+und bei zielbewußtem Hochhalten des freiheitlichen Banners doch den
+Feinden, die uns den Platz in der Sonne nicht gönnten, ein unerbittliches
+_quos ego_ zurief. Denn nicht nur unser Erbfeind Frankreich erhob immer
+aufs neue das Haupt: auch die Abrechnung mit den unverschämten Engländern
+rückte näher! Die Flotte, für deren Ausbau die geniale Propaganda unseres
+genialen Kaisers unermüdlich wirkte, tat uns bitter not, und unsere
+Zukunft lag tatsächlich auf dem Wasser, diese Erkenntnis gewann immer mehr
+an Boden. Rings um den Stammtisch griff die Idee der Flotte Platz und ward
+zur lodernden Flamme, die immer neu mit deutschem Wein genährt, ihrem
+Schöpfer huldigte. Die Flotte, diese Schiffe, verblüffende Maschinen
+bürgerlicher Erfindung, die in Betrieb gesetzt, Weltmacht produzierten,
+genau wie in Gausenfeld gewisse Maschinen ein gewisses „Weltmacht“
+benanntes Papier produzierten, sie lag Diederich mehr als alles am Herzen,
+und Cohn wie Heuteufel wurden dem nationalen Gedanken vor allem durch die
+Flotte gewonnen: Eine Landung in England war der Traum, der unter den
+gotischen Gewölben des Ratskellers nebelte. Die Augen funkelten, und die
+Beschießung Londons ward verhandelt. Die Beschießung von Paris war eine
+Begleiterscheinung und vollendete die Pläne, die Gott mit uns vorhatte.
+Denn „die christlichen Kanonen tun gute Arbeit“, wie Pastor Zillich sagte.
+Nur Major Kunze bezweifelte dies, er erging sich in den düstersten
+Voraussagen. Seit er, Kunze, von dem Genossen Fischer besiegt worden war,
+hielt er jede Niederlage für möglich. Aber er blieb der einzige Nörgler.
+Wer am meisten triumphierte, war Kühnchen. Die Taten, die der schreckliche
+kleine Greis einst im großen Krieg vollführt hatte, jetzt endlich, ein
+Vierteljahrhundert später, fanden sie ihre wahre Bestätigung in der
+allgemeinen Gesinnung. „Die Saat,“ sagte er, „die wir dunnemals gesät
+haben, na nu geht se auf. Daß meine alten Augen das noch sehen dürfen!“ –
+und dann schlief er ein bei seiner dritten Flasche.
+
+Im ganzen erfreulich gestaltete sich auch Diederichs Verhältnis zu
+Jadassohn. Die ehemaligen Rivalen, beide gereift und in die Sphäre der
+gesättigten Existenzen vorgerückt, beeinträchtigten einander weder
+politisch noch am Stammtisch, und auch nicht in jener verschwiegenen
+Villa, die Diederich an dem Abend der Woche aufsuchte, wo er ohne Gustes
+Wissen dem Stammtisch fernblieb. Sie lag vor dem Sachsentor, es war die
+ehemals von Brietzensche Villa, und sie ward bewohnt von einer einzelnen
+Dame, die selten öffentlich gesehen ward und dann niemals zu Fuß. In einer
+Proszeniumsloge der „Walhalla“ saß sie zuweilen in großer Aufmachung, ward
+allgemein durch die Operngläser betrachtet, aber von niemand gegrüßt; und
+ihrerseits verhielt sie sich wie eine Königin, die ihr Inkognito wahrt.
+Natürlich wußte trotz der Aufmachung alle Welt, das war Käthchen Zillich,
+die, in Berlin für ihren Beruf vorgebildet, ihn in der von Brietzenschen
+Villa nunmehr erfolgreich ausübte. Auch verkannte niemand, daß dieser
+Tatbestand nicht geeignet schien, das Ansehen des Pastors Zillich zu
+heben. Die Gemeinde nahm schweres Ärgernis, zu schweigen von den Spöttern,
+die entzückt waren. Um eine Katastrophe abzuwenden, beantragte der Pastor
+bei der Polizei die Beseitigung des Übels, stieß aber auf einen
+Widerstand, der nur erklärlich schien, wenn man gewisse Zusammenhänge
+annahm zwischen der Villa von Brietzen und den höchsten Stellen der Stadt.
+An der irdischen Gerechtigkeit nicht weniger als an der göttlichen
+verzweifelnd, schwor der Vater, das Amt des Richters selbst zu übernehmen,
+und wirklich sollte er eines Nachmittags, als sie noch im Bette lag, die
+verlorene Tochter einer Züchtigung unterzogen haben. Nur der Mutter, die
+ihm, alles ahnend, gefolgt war, verdankte Käthchen ihr nacktes Leben, wie
+die Gemeinde behauptete. Der Mutter sagte man eine verwerfliche Schwäche
+nach für die Tochter in ihrem sündigen Glanz. Was Pastor Zillich betraf,
+so erklärte er von der Kanzel herab Käthchen für tot und verfault, wodurch
+er sich vor dem Einschreiten des Konsistoriums rettete. Mit der Zeit
+verstärkte die ihm widerfahrene Prüfung seine Autorität ... Diederich
+seinerseits kannte von den Herren, die an Käthchens Lebenswandel mit
+Einlagen beteiligt waren, offiziell nur Jadassohn, obwohl Jadassohn von
+allen die kleinsten Einlagen machte, Diederich vermutete sogar, gar keine.
+Jadassohns Beziehungen zu Käthchen lagen eben, noch von früher her, als
+Hypothek auf dem Unternehmen. So nahm Diederich keinen Anstand, die
+Sorgen, die es ihm machte, mit Jadassohn zu besprechen. Die beiden rückten
+am Stammtisch in der Nische zusammen, die die Inschrift trug: „Was einem
+Mann zur Lust ein minnig Weiblein brät, gar wohl gerät“; und mit der
+gebotenen Rücksicht auf Pastor Zillich, der nicht weit davon über die
+christlichen Kanonen handelte, besprachen sie die Angelegenheiten der
+Villa von Brietzen. Diederich beklagte sich über Käthchens unersättliche
+Ansprüche an seine Kasse, von Jadassohn erwartete er einen günstigen
+Einfluß auf sie in dieser Beziehung. Aber Jadassohn fragte nur: „Wozu
+haben Sie sie denn? Sie soll doch Geld kosten?“ Und dies war auch wieder
+richtig. Denn nach seiner ersten kurzen Genugtuung, Käthchen auf diesem
+Wege doch noch erworben zu haben, betrachtete Diederich sie nachgerade nur
+mehr als einen Posten, einen stattlichen Posten auf seinem Reklamekonto.
+„Meine Stellung,“ sagte er zu Jadassohn, „erfordert eine großzügige
+Repräsentation. Sonst würde ich, offen gestanden, das ganze Geschäft
+fallen lassen, denn unter uns, Käthchen bietet nicht genug.“ Hier lächelte
+Jadassohn beredsam, sagte aber nichts. „Überhaupt,“ fuhr Diederich fort,
+„ist sie dasselbe Genre wie meine Frau, und meine Frau“ – er hielt die
+Hand vor – „ist leistungsfähiger. Sehen Sie, gegen sein Gemüt kann man
+nichts machen, nach jedem Abstecher in die Villa von Brietzen kommt es mir
+vor, als ob ich meiner Frau etwas schulde. Lachen Sie nur, tatsächlich
+schenke ich ihr dann immer was. Wenn es ihr nur nicht auffällt!“ Jadassohn
+lachte mit noch mehr Grund, als Diederich meinte; denn er hatte es schon
+längst für seine sittliche Pflicht gehalten, Frau Generaldirektor Heßling
+aufzuklären über diese Zusammenhänge.
+
+Im Politischen ergab sich für Diederich und Jadassohn ein ähnlich
+ersprießliches Zusammenwirken wie bei Käthchen; denn gemeinsam beeiferten
+sie sich, die Stadt von Schlechtgesinnten zu reinigen, besonders von
+solchen, die die Pest der Majestätsbeleidigungen weiter verbreiteten.
+Diederich mit seinen vielfachen Beziehungen machte sie ausfindig, worauf
+Jadassohn sie ans Messer lieferte. Nach dem Erscheinen des Sanges an Aegir
+gestaltete sich ihre Tätigkeit besonders fruchtbar. In Diederichs eigenem
+Hause nannte die Klavierlehrerin, die mit Guste übte, den Sang an Aegir
+einen –! In das, was sie gesagt hatte, flog sie selbst ... Wolfgang Buck
+sogar, der neuerdings wieder in Netzig weilte, erklärte die Verurteilung
+für durchaus angemessen, denn sie befriedige das monarchische Gefühl.
+„Einen Freispruch hätte das Volk nicht verstanden“, sagte er am
+Stammtisch. „Die Monarchie ist unter den politischen Regimen eben das, was
+in der Liebe die strengen und energischen Damen sind. Wer dementsprechend
+veranlagt ist, verlangt, daß etwas geschieht, und mit Milde ist ihm nicht
+gedient.“ Hier errötete Diederich ... Leider bekundete Buck solche
+Gesinnungen nur, solange er nüchtern war. Späterhin gab er durch seine von
+früher her sattsam bekannte Art, die heiligsten Güter in den Schmutz zu
+ziehen, Gelegenheit genug, ihn aus jeder anständigen Gesellschaft
+auszuschließen. Diederich war es, der ihn vor diesem Schicksal bewahrte.
+Er verteidigte seinen Freund. „Die Herren müssen bedenken, er ist erblich
+belastet, denn die Familie weist Anzeichen einer schon ziemlich weit
+vorgeschrittenen Degeneration auf. Andererseits spricht es für einen
+gesunden Kern in ihm, daß das Schauspielerdasein ihn denn doch nicht
+befriedigt hat und daß er zu seinem Beruf als Rechtsanwalt zurückgefunden
+hat.“ Man erwiderte, es sei verdächtig, wenn Buck sich über seine fast
+dreijährigen Erfahrungen beim Theater so völlig ausschweige. War er
+überhaupt noch satisfaktionsfähig? Diese Frage konnte Diederich nicht
+beantworten; es war ein logisch nicht begründeter, aber tiefsitzender
+Drang, der ihn dem Sohn des alten Buck immer wieder näherte. Immer wieder
+nahm er mit Eifer eine Unterredung auf, die doch jedesmal schroff abbrach,
+nachdem sie die schärfsten Gegensätze bloßgelegt hatte. Er führte Buck
+sogar in sein Heim ein, erlebte dabei aber eine Überraschung. Denn wenn
+Buck anfangs wohl nur einem besonders guten Kognak zuliebe kam, bald kam
+er sichtlich wegen Emmi. Die beiden verstanden sich über Diederich hinweg
+und in einer Art, die ihn befremdete. Sie führten spitze und scharfe
+Gespräche, anscheinend ohne das Gemüt oder die anderen Faktoren, die der
+Verkehr der Geschlechter normalerweise in Betrieb setzte; und senkten sie
+die Stimmen und wurden vertraulich, fand Diederich sie vollends
+unheimlich. Er hatte nur die Wahl, ob er dazwischenfahren und korrekte
+Verhältnisse herstellen oder aber das Zimmer verlassen sollte. Zu seinem
+eigenen Erstaunen entschied er sich für das letztere. „Sie haben beide
+sozusagen ihre Schicksale gehabt, wenn die Schicksale auch danach waren“,
+sagte er sich mit der Überlegenheit, die ihm zukam, und ohne viel darauf
+zu achten, daß er im Grunde stolz war auf Emmi, stolz, weil Emmi, seine
+eigene Schwester, fein genug, besonders genug, ja, fragwürdig genug
+schien, um sich mit Wolfgang Buck zu verständigen. „Wer weiß“, dachte er
+zögernd, und dann entschlossen: „Warum nicht! Bismarck hat es auch so
+gemacht, mit Österreich. Zuerst niedergeworfen, dann ein Bündnis!“
+
+Aus diesen noch dunklen Überlegungen heraus widmete Diederich auch dem
+Vater Wolfgangs wieder ein gewisses Interesse. Der alte Buck, von einem
+Herzleiden befallen, kam nur mehr selten zum Vorschein, und dann stand er
+die meiste Zeit vor irgendeinem Schaufenster, scheinbar in die Auslage
+vertieft, in Wirklichkeit aber einzig bemüht, zu verbergen, daß er nicht
+atmen konnte. Was dachte er? Wie urteilte er über die neue geschäftliche
+Blüte Netzigs, den nationalen Aufschwung und über die, die jetzt die Macht
+hatten? War er überzeugt und auch innerlich besiegt? Es kam vor, daß
+Generaldirektor Doktor Heßling, der mächtigste Mann der Bürgerschaft, sich
+heimlich in ein Haustor drückte, um dann ungesehen hinterdrein zu
+schleichen hinter diesem einflußlosen, schon halb vergessenen Alten: er
+auf seiner Höhe rätselhaft beunruhigt durch einen Sterbenden ... Da der
+alte Buck seine Hypothekenzinsen nur noch mit Verspätung zahlte, schlug
+Diederich dem Sohn vor, er wolle das Haus übernehmen. Natürlich dürfe der
+alte Herr es bewohnen, solange er lebe. Auch die Einrichtung wollte
+Diederich kaufen und sogleich bezahlen. Wolfgang bestimmte den Vater,
+anzunehmen.
+
+Inzwischen ging der 22. März vorüber, Wilhelm der Große war hundert Jahre
+alt geworden, und sein Denkmal stand noch immer nicht im Volkspark. Die
+Interpellationen in der Stadtverordnetenversammlung nahmen kein Ende,
+mehrmals waren unter schweren Kämpfen Nachtragskredite bewilligt und
+wieder überschritten worden. Der schwerste Schlag hatte die Gemeinde
+getroffen, als Seine Majestät den höchstseligen Großvater als Fußgänger
+ablehnten und ein Reiterstandbild befahlen. Diederich, von Ungeduld
+getrieben, ging des öfteren am Abend in die Meisestraße, um sich vom Stand
+der Arbeiten zu überzeugen. Es war Mai und peinlich warm noch in der
+Dämmerung, aber auf dem leeren, neu angepflanzten Areal des Volksparkes
+ging ein Luftzug. Diederich sann wieder einmal mit gereizten Gefühlen dem
+glänzenden Geschäft nach, das der Rittergutsbesitzer Herr von Quitzin hier
+gemacht hatte. Der hatte es bequem gehabt! Grundstücksgeschäfte waren kein
+Kunststück, wenn der Vetter Regierungspräsident war. Die Stadt mußte ihm
+einfach das Ganze abnehmen für das Kaiser-Wilhelm-Denkmal und mußte
+zahlen, was er verlangte ... Da tauchten zwei Gestalten auf; Diederich sah
+rechtzeitig, wer es war und zog sich ins Gebüsch zurück.
+
+„Hier läßt sich atmen“, sagte der alte Buck. Sein Sohn erwiderte:
+
+„Wenn einem hier nicht die Lust dazu vergeht. Sie haben anderthalb
+Millionen Schulden gemacht, um dieses Müllager zu schaffen.“ Und er zeigte
+auf den unfertigen Aufbau von steinernen Sockeln, Adlern, Rundbänken,
+Löwen, Tempeln und Figuren. Die Adler setzten flügelschlagend ihre Krallen
+in den noch leeren Sockel, andere Exemplare nisteten wieder auf jenen, die
+Rundbänke symmetrisch unterbrechenden Tempeln; dort holten aber auch Löwen
+zum Sprung aus nach dem Vordergrund, wo ohnehin Aufregung genug herrschte
+durch flatternde Fahnen und heftig agierende Menschen. Napoleon der
+Dritte, in der geknickten Haltung von Wilhelmshöhe die Rückwand des
+Sockels zierend, als Besiegter hinter dem Triumphwagen, war überdies immer
+in Gefahr, von einem Löwen angefallen zu werden, der gerade hinter ihm,
+auf der Treppe des Monuments, seinen schlimmsten Buckel machte –
+wohingegen Bismarck und die anderen Paladine, mitten im Tierkäfig wie zu
+Hause, vom Fuß des Sockels mit allen Händen hinauflangten, um mit
+anzugreifen bei den Taten des noch abwesenden Herrschers.
+
+„Wer müßte nun dort oben einhersprengen?“ fragte Wolfgang Buck. „Der Alte
+war nur ein Vorläufer. Dies mystisch-heroische Spektakel wird nachher mit
+Ketten von uns abgesperrt sein, und wir werden zu gaffen haben: was von
+allem der Endzweck war. Theater, und kein gutes.“
+
+Nach einer Weile – die Dämmerung graute – sagte der Vater: „Und du, mein
+Sohn? Auch dir schien es einmal der Endzweck, zu spielen.“
+
+„Wie meinem ganzen Geschlecht. Mehr können wir nicht. Wir sollten uns
+leicht und klein nehmen heute, es ist die sicherste Haltung angesichts der
+Zukunft; und ich sage nicht, daß es mehr war als Eitelkeit, weshalb ich
+die Bühne wieder verlassen habe. Lächerlich, Vater, ich bin gegangen, weil
+einmal, als ich spielte, ein Polizeipräsident geweint hatte. Aber bedenke
+auch, ob dies erträglich war. Feinheiten letzten Grades, Einsicht in
+Herzen, hohe Moral, Modernität des Intellektes und der Seele stelle ich
+für Menschen dar, die meinesgleichen scheinen, weil sie mir zuwinken und
+betroffene Gesichter haben. Nachher aber liefern sie Revolutionäre aus und
+schießen auf Streikende. Denn mein Polizeipräsident steht für alle.“
+
+Hier wandte Buck sich genau dem Busch zu, der Diederich barg.
+
+„Kunst bleibt euch Kunst, und alles Ungestüm des Geistes rührt nie an euer
+Leben. Den Tag, an dem die Meister eurer Kultur dies begriffen hätten wie
+ich, würden sie euch, wie ich, allein lassen mit euren wilden Tieren.“ Und
+er zeigte nach den Löwen und Adlern. Auch der Alte sah auf das Denkmal; er
+sagte:
+
+„Sie sind sehr mächtig geworden; aber durch ihre Macht ist in die Welt
+weder mehr Geist noch mehr Güte gekommen. Also war es umsonst. Auch wir
+waren scheinbar umsonst da.“ Er blickte auf den Sohn. „Dennoch dürft ihr
+ihnen das Feld nicht lassen.“
+
+Wolfgang seufzte schwer. „Worauf hoffen, Vater? Sie hüten sich, die Dinge
+auf die Spitze zu treiben, wie jene Privilegierten vor der Revolution. Aus
+der Geschichte haben sie leider Mäßigung gelernt. Ihre soziale
+Gesetzgebung baut vor und korrumpiert. Sie sättigt das Volk gerade so
+weit, daß es ihm sich nicht mehr verlohnt, ernstlich zu kämpfen, um Brot,
+geschweige Freiheit. Wer zeugt noch gegen sie?“
+
+Da reckte der Alte sich auf, seine Stimme ward noch einmal klangvoll. „Der
+Geist der Menschheit“, sagte er, und nach einer Pause, da der Junge den
+Kopf gesenkt hielt:
+
+„Du mußt ihm glauben, mein Sohn. Wenn die Katastrophe, der sie
+auszuweichen denken, vorüber sein wird, sei gewiß, die Menschheit wird
+das, worauf die erste Revolution folgte, nicht scham- und vernunftloser
+nennen, als die Zustände, die die unseren waren.“
+
+Er sagte leise wie aus der Ferne: „Der würde nicht gelebt haben, der nur
+in der Gegenwart lebte.“
+
+Plötzlich schien es, als schwankte er. Der Sohn griff rasch hin, und an
+seinem Arm, zusammengesunken und stockenden Schrittes, verschwand der Alte
+im Dunkel. Diederich aber, der auf anderen Wegen enteilte, hatte das
+Gefühl, aus einem bösen, wenn auch größtenteils unbegreiflichen Traum zu
+kommen, worin an den Grundlagen gerüttelt worden war. Und trotz dem
+Unwirklichen, das alles Gehörte an sich hatte, schien hier tiefer
+gerüttelt worden zu sein, als je der ihm bekannte Umsturz rüttelte. Dem
+einen dieser beiden waren die Tage gezählt, der andere hatte auch nicht
+viel vor sich, aber Diederich fühlte, es wäre besser gewesen, sie hätten
+einen gesunden Lärm im Lande geschlagen, als daß sie hier im Dunkeln diese
+Dinge flüsterten, die doch nur von Geist und Zukunft handelten.
+
+
+
+In der Gegenwart gab es freilich greifbarere Angelegenheiten. Gemeinsam
+mit dem Schöpfer des Denkmals entwarf Diederich das künstlerische
+Arrangement für die Feier der Enthüllung – wobei der Schöpfer mehr
+Entgegenkommen bewies, als man von ihm erwartet haben würde. Überhaupt
+kehrte er bis jetzt nur die guten Seiten seines Berufes hervor, nämlich
+Genie und vornehme Gesinnung, während er sich im übrigen durchaus korrekt
+und geschäftstüchtig zeigte. Der junge Mann, ein Neffe des Bürgermeisters
+Doktor Scheffelweis, lieferte ein Beispiel dafür, daß es, veralteter
+Vorurteile ungeachtet, überall Anständigkeit gibt, und daß noch kein Grund
+zum Verzweifeln ist, wenn ein junger Mensch für ein Brotstudium zu faul
+ist und Künstler wird. Als er das erstemal von Berlin nach Netzig
+zurückkehrte, trug er noch eine Samtjacke und zog der Familie nur
+Unannehmlichkeiten zu; aber bei seinem zweiten Besuch besaß er schon einen
+Zylinder, und nicht lange, so ward er von Seiner Majestät entdeckt und
+durfte für die Siegesallee das wohlgetroffene Bildnis des Markgrafen Hatto
+des Gewaltigen schaffen, nebst den Bildnissen seiner beiden bedeutendsten
+Zeitgenossen, des Mönches Tassilo, der an einem Tage hundert Liter Bier
+trinken konnte, und des Ritters Klitzenzitz, der die Berliner robotten
+lehrte, wenn sie ihn dann auch hängten. Auf die Verdienste des Ritters
+Klitzenzitz hatten Seine Majestät den Oberbürgermeister noch besonders
+aufmerksam gemacht, was wieder günstig zurückgewirkt hatte auf die
+Karriere des Bildhauers. Man konnte nicht Zuvorkommenheit genug haben für
+einen Mann, auf dem ein unmittelbarer Strahl der Gnadensonne lag;
+Diederich stellte ihm sein Haus zur Verfügung, er mietete ihm auch das
+Reitpferd, das der Künstler brauchte, um seine Kräfte spielen zu lassen –
+und welche Aussichten, als der berühmte Gast die ersten Zeichenversuche
+des kleinen Horst vielversprechend nannte! Diederich bestimmte stehenden
+Fußes Horst der Kunst, dieser so zeitgemäßen Laufbahn.
+
+Wulckow, der keinen Sinn für die Kunst hatte und sich mit dem Günstling
+Seiner Majestät nicht zu stellen wußte, bekam vom Denkmalskomitee die
+Ehrengabe von 2000 Mark, auf die er als Ehrenvorsitzender das Recht hatte;
+die bei der Enthüllung zu haltende Festrede aber übertrug das Komitee
+seinem ordentlichen Vorsitzenden, dem geistigen Schöpfer des Denkmals und
+Begründer der nationalen Bewegung, die zu seiner Errichtung geführt hatte,
+Herrn Stadtverordneten Generaldirektor Doktor Heßling, bravo! Diederich,
+bewegt und geschwellt, sah sich am Fuße neuer Erhöhungen. Der
+Oberpräsident selbst ward erwartet, vor der hohen Exzellenz sollte
+Diederich reden, welche Folgen versprach das! Wulckow freilich schickte
+sich an, sie zu hintertreiben; gereizt, weil ausgeschaltet, weigerte er
+sich sogar, auf der Tribüne der offiziellen Damen auch Guste zuzulassen.
+Diederich hatte dieserhalb mit ihm einen Auftritt, der erregt verlief,
+aber ohne Ergebnis blieb. Heftig schnaufend kehrte er zu Guste heim. „Es
+bleibt dabei, du sollst keine offizielle Dame sein. Man wird ja sehen, wer
+offizieller ist, du oder er! Er soll dich noch bitten! Ich hab’ ihn Gott
+sei Dank nicht mehr nötig, aber er vielleicht mich.“ – Und so kam es, denn
+als das nächste Heft der „Woche“ erschien, was brachte es außer den
+gewohnten Kaiserbildern? Zwei Porträtaufnahmen, die eine den Schöpfer des
+Netziger Kaiser-Wilhelm-Denkmals darstellend, wie er gerade an seinem Werk
+den letzten Hammerschlag tat, die andere aber den Vorsitzenden des
+Komitees und seine Gattin, Diederich samt Guste. Von Wulckow nichts – was
+allgemein bemerkt und als Zeichen angesehen ward, daß seine Stellung
+erschüttert sei. Er selbst mußte es fühlen, denn er tat Schritte, um doch
+noch in die „Woche“ zu kommen. Er suchte Diederich auf, aber Diederich
+ließ sich verleugnen. Der Künstler seinerseits brauchte Ausflüchte. Da
+geschah es tatsächlich, daß Wulckow auf der Straße an Guste herantrat. Die
+Geschichte mit dem Platz bei den offiziellen Damen sei ein
+Mißverständnis ... „Schön hat er gemacht wie unser Männe“, berichtete
+Guste. „Aber nun gerade nicht!“ entschied Diederich, und er nahm keinen
+Anstand, die Geschichte umherzuerzählen. „Soll man sich Zwang antun,“
+sagte er zu Wolfgang Buck, „wo der Mann doch geliefert ist? Herr Oberst
+von Haffke gibt ihn auch schon auf.“ Kühn setzte er hinzu: „Jetzt sieht
+er, es gibt noch andere Mächte. Wulckow hat es zu seinem Schaden nicht
+verstanden, sich beizeiten den modernen Lebensbedingungen einer
+großzügigen Öffentlichkeit anzupassen, die dem heutigen Kurs ihren Stempel
+aufdrücken.“ – „Absolutismus, gemildert durch Reklamesucht“, ergänzte
+Buck.
+
+Angesichts des Wulckowschen Niederganges fand Diederich jenen
+Grundstückshandel, der ihn selbst so sehr benachteiligt hatte, immer
+anstößiger. Seine Entrüstung nahm einen solchen Umfang an, daß der Besuch,
+den gerade jetzt der Reichstagsabgeordnete Fischer in Netzig machte, für
+Diederich zur wahrhaft befreienden Gelegenheit ward. Parlamentarismus und
+Immunität hatten doch ihr Gutes! Denn Napoleon Fischer stellte sich
+umgehend im Reichstag hin und enthüllte. Er enthüllte, ohne daß ihm das
+geringste geschehen konnte, die Schiebungen des Regierungspräsidenten von
+Wulckow in Netzig, seinen Riesengewinn am Grundstück des
+Kaiser-Wilhelm-Denkmals, der nach Napoleon Fischers Behauptung von der
+Stadt erpreßt war, und das Ehrengeschenk von angeblich 5000 Mark, dem er
+den Titel „Schmiergeld“ gab. Der Zeitung zufolge bemächtigte hier der
+Volksvertreter sich ungeheure Erregung. Freilich galt sie nicht Wulckow,
+sondern dem Enthüller. Wütend verlangte man Beweise und Zeugen; Diederich
+zitterte, in der nächsten Zeile konnte sein Name kommen. Zum Glück kam er
+nicht, Napoleon Fischer blieb sich der Pflicht seines Amtes bewußt. Statt
+dessen redete der Minister, er überließ den unerhörten, leider unter dem
+Schutze der Immunität begangenen Angriff auf einen Abwesenden, der sich
+nicht verteidigen konnte, dem Urteil des Hauses. Das Haus urteilte, indem
+es dem Herrn Minister Beifall klatschte. Parlamentarisch war der Fall
+erledigt, es erübrigte nur noch, daß auch die Presse ihren Abscheu äußerte
+und, soweit sie nicht einwandfrei gesinnt war, ganz leicht dabei mit dem
+Auge zwinkerte. Mehrere sozialdemokratische Blätter, die die Vorsicht
+außer acht gelassen hatten, mußten ihren verantwortlichen Redakteur den
+Gerichten ausliefern, so auch die Netziger „Volksstimme“. Diederich
+benutzte diesen Anlaß, um zwischen sich und denen, die an dem Herrn
+Regierungspräsidenten hatten zweifeln können, glatt das Tischtuch zu
+zerschneiden. Er und Guste machten Besuch bei Wulckows. „Ich weiß aus
+erster Quelle,“ sagte er nachher, „dem Mann ist die größte Zukunft gewiß.
+Er war neulich auf der Jagd mit Majestät und hat einen großartigen Witz
+gerissen.“ Acht Tage später brachte die „Woche“ ein ganzseitiges Bildnis,
+Glatze und Bart auf der einen Hälfte, ein Bauch auf der anderen, und dazu
+die Unterschrift: „Regierungspräsident von Wulckow, der geistige Schöpfer
+des Netziger Kaiser-Wilhelm-Denkmals, gegen den kürzlich ein allgemein als
+empörend empfundener Angriff im Reichstag erfolgte und dessen Ernennung
+zum Oberpräsidenten bevorsteht“ ... Das Bild des Generaldirektors Heßling
+mit Frau hatte nur eine Viertelseite eingenommen. Diederich überzeugte
+sich, daß der gebührende Abstand wiederhergestellt war. Die Macht blieb,
+auch unter den modernen Lebensbedingungen einer großzügigen
+Öffentlichkeit, unangreifbar wie je – was ihn trotz allem tief
+befriedigte. Er ward hierdurch innerlich auf das günstigste vorbereitet
+für seine Festrede.
+
+Sie war entstanden in den ehrgeizigen Gesichten vom Schlaf gemiedener
+Nächte und bei regem Gedankenaustausch mit Wolfgang Buck und besonders mit
+Käthchen Zillich, die für die Größe des kommenden Ereignisses ein
+merkwürdig klares Verständnis zeigte. Am Schicksalstage, als Diederich,
+das Herz klopfend gegen die Niederschrift seiner Rede, um halb elf mit
+seiner Gattin beim Festplatz anfuhr, bot der Platz einen noch wenig
+belebten, aber um so besser geordneten Anblick. Vor allem, der
+Militärkordon war schon gezogen! – und gelangte man auch nur nach
+Gewährung aller Garantien hindurch, so lag doch eben hierin eine
+feierliche Erhebung angesichts des nicht privilegierten Volkes, das hinter
+unseren Soldaten und am Fuß einer großen schwarzen Brandmauer in der Sonne
+die schwitzenden Hälse reckte. Die Tribünen, links und rechts von den
+langen weißen Tüchern, hinter denen man Wilhelm den Großen vermuten
+durfte, empfingen den Schatten ihrer Zeltdächer sowie zahlreicher Fahnen.
+Links die Herren Offiziere waren, wie Diederich feststellte, durch ihre
+ins Blut übergegangene Disziplin befähigt, sich und ihre Damen ohne fremde
+Hilfe einzurichten; alle Strenge der polizeilichen Überwachung war nach
+rechts verlegt, wo das Zivil sich um die Sitze balgte. Auch Guste gab sich
+nicht zufrieden mit dem ihren, einzig das offizielle Festzelt gegenüber
+dem Denkmal schien ihr würdig, sie aufzunehmen, sie war eine offizielle
+Dame, Wulckow hatte es anerkannt. Diederich mußte hin mit ihr, wenn er
+kein Feigling war, aber natürlich ward sein tollkühner Angriff so
+nachdrücklich zurückgewiesen, wie er es vorausgesehen hatte. Der Form
+wegen und damit Guste nicht an ihm zweifelte, verwahrte er sich gegen den
+Ton des Polizeileutnants und wäre beinahe verhaftet worden. Sein
+Kronenorden vierter Klasse, seine schwarzweißrote Schärpe und die Rede,
+die er vorzeigte, retteten ihn gerade noch, konnten aber keineswegs, weder
+vor der Welt noch vor ihm selbst, als vollwertiger Ersatz gelten für die
+Uniform. Sie, die einzige wirkliche Ehre, gebrach ihm nun einmal, und
+Diederich mußte auch hier wieder bemerken, daß man ohne Uniform, trotz
+sonstiger Erstklassigkeit, doch mit schlechtem Gewissen durchs Leben ging.
+
+Im Zustand der Auflösung trat das Ehepaar Heßling seinen allseitig
+bemerkten Rückzug an, Guste bläulich geschwollen in ihren Federn, Spitzen
+und Brillanten. Diederich schnaufend und nach Kräften den Bauch mit der
+Schärpe vorgestreckt, als breitete er die Nationalfarben über seine
+Niederlage. So mußten sie hindurch zwischen dem Kriegerverein, der,
+Eichenkränze um die Zylinderhüte, unterhalb der Militärtribüne stand, an
+seiner Spitze Kühnchen als Landwehrleutnant, und den Ehrenjungfrauen
+drüben, weiß mit schwarzweißroten Schärpen und befehligt von Pastor
+Zillich im Talar. Nun sie aber anlangten, wer saß, in der Haltung einer
+Königin, auf Gustes Stuhl? Man war starr: Käthchen Zillich. Hier fühlte
+Diederich sich denn doch bemüßigt, seinerseits ein Machtwort zu sprechen.
+„Die Dame hat sich geirrt, der Platz ist nicht für die Dame“, sagte er,
+keineswegs zu Käthchen Zillich, die er für ebenso fremd wie zweideutig zu
+halten schien, sondern zu dem Aufsichtsbeamten – und hätten ihm auch nicht
+die menschlichen Laute ringsum recht gegeben, Diederich stand hier für die
+stummen Gewalten von Ordnung, Sitte und Gesetz, eher wäre die Tribüne
+eingestürzt, als daß Käthchen Zillich auf ihr verblieb ... Dennoch geschah
+das Außerordentliche, daß der Beamte unter Käthchens ironischem Lächeln
+die Achseln zuckte, und selbst der Schutzmann, den Diederich anrief, gab
+nur einen weiteren unbegreiflichen Stützpunkt ab für den Übergriff der
+Unmoral. Diederich, betäubt vor einer Welt, deren Betrieb gestört schien,
+ließ es geschehen, daß Guste abgeschoben ward nach einer Sitzreihe ganz
+oben, wobei sie mit Käthchen Zillich einige die Gegensätze betonende Worte
+wechselte. Der Meinungsaustausch griff schon auf Unbeteiligte über und
+drohte auszuarten: da schmetterte Musik los, der Einzugsmarsch der Gäste
+auf der Wartburg, und wirklich bezogen sie das offizielle Zelt, voran
+Wulckow, unverkennbar trotz seiner roten Husarenuniform, zwischen einem
+Herrn in Frack und Ordensstern und einem hohen General. War es möglich?
+Noch zwei hohe Generale! Und ihre Adjutanten, Uniformen in allen Farben,
+Sternenblitzen und ein Wuchs! „Wer ist der Gelbe, der Lange?“ forschte
+Guste innig. „Ist das ein schöner Mann!“ – „Wollen Sie mich gefälligst
+nicht treten!“ verlangte Diederich, denn auch sein Nachbar war
+aufgesprungen, alle verrenkten sich, fieberten und schwelgten. „Sieh sie
+dir an, Guste! Emmi ist eine Gans, daß sie nicht mitwollte. Das ist das
+einzige, erstklassige Theater, es ist das Höchste, da kann man nichts
+machen!“ – „Aber der mit den gelben Aufschlägen!“ schwärmte Guste. „Der
+Schlanke! Der muß ein echter Aristokrat sein, das seh’ ich gleich.“
+Diederich lachte wollüstig. „Da ist überhaupt keiner dabei, der nicht ein
+echter Aristokrat ist, darauf kannst du Gift nehmen. Wenn ich dir sage,
+ein Flügeladjutant Seiner Majestät ist hier!“ – „Der Gelbe!“ – „Persönlich
+hier!“
+
+Man suchte sich zurecht. „Der Flügeladjutant! Zwei Divisionsgenerale,
+Donnerwetter!“ Und die schneidige Anmut der Begrüßungen; sogar der
+Bürgermeister Doktor Scheffelweis ward aus seinem bescheidenen Hintergrund
+gezogen und durfte in seiner Train-Reserveleutnantsuniform stramm stehen
+vor seinen hohen Vorgesetzten. Herr von Quitzin als Ulan besichtigte durch
+sein Monokel den Grund und Boden der Veranstaltung, der vorübergehend ihm
+selbst gehört hatte. Wulckow aber, der rote Husar, brachte die volle
+Bedeutung eines Regierungspräsidenten erst jetzt zur Geltung, wo er
+salutierend das gewaltige, von Schnüren umrahmte Profil seiner unteren
+Körperteile hervorkehrte. „Das sind die Säulen unserer Macht!“ rief
+Diederich in die wuchtigen Klänge des Einzugsmarsches. „Solange wir solche
+Herren haben, werden wir der Schrecken der ganzen Welt sein!“ Und voll
+überwältigenden Dranges, in der Meinung, seine Stunde sei da, stürzte er
+hinunter, nach dem Rednerpodium. Aber der Schutzmann, der es bewachte,
+trat ihm entgegen. „Nee, nee, Sie komm’ noch nich’ran“, sagte der
+Schutzmann. Jäh in seinem Schwunge gehemmt, stieß Diederich gegen einen
+Aufsichtsbeamten, der ihm nachgesetzt hatte: derselbe wie vorhin, ein
+Magistratsdiener, der ihm versicherte, er wisse wohl, der Platz der Dame
+mit den gelben Haaren gehöre dem Herrn Stadtverordneten, „aber auf höheren
+Befehl hat ihn die Dame gekriegt“. Das weitere verriet der Mann in
+ersterbendem Flüsterton, und Diederich entließ ihn mit einer Bewegung, die
+sagte: „Dann allerdings.“ Der Flügeladjutant Seiner Majestät! Dann
+allerdings! Diederich überlegte, ob es nicht geboten sei, umzukehren und
+Käthchen Zillich öffentlich seine Huldigung zu entbieten.
+
+Er kam nicht mehr dazu, Oberst von Haffke kommandierte der Fahnenkompagnie
+Rührt euch, und auch Kühnchen ließ seine Krieger sich rühren; hinter dem
+Festzelt intonierte die Regimentsmusik: Vortreten zum Beten. Dies geschah,
+sowohl von seiten der Ehrenjungfrauen wie des Kriegervereins. Kühnchen in
+seiner historischen Landwehruniform, die außer vom Eisernen Kreuz von
+einem ruhmreichen Flicken geziert ward – denn hier war eine französische
+Kugel hindurchgegangen, traf inmitten des Geländes auf Pastor Zillich in
+seinem Talar – auch die Fahnenkompagnie fand sich ein, und man gab unter
+dem Vortritt Zillichs dem alten Alliierten die Ehre. Auf der Ziviltribüne
+ward das Publikum von den Beamten gehalten, sich zu erheben, die Herren
+Offiziere taten es von selbst. Überdies stimmte die Kapelle „Ein’ feste
+Burg“ an. Zillich schien trotzdem noch irgend etwas vorzuhaben, aber der
+Oberpräsident, offenbar in der Annahme, daß der alte Alliierte nun genug
+habe, ließ sich, gelblichen Gesichts, auf seinen Sessel nieder, rechts von
+ihm der blühende Flügeladjutant, links die Divisionsgenerale. Als die
+ganze Versammlung im offiziellen Zelt nach den ihr innewohnenden Gesetzen
+gruppiert war, sah man den Regierungspräsidenten von Wulckow einen Wink
+erteilen, infolgedessen ein Schutzmann sich in Bewegung setzte. Er begab
+sich zu seinem Kollegen, der das Rednerpodium bewachte, worauf dieser das
+Wort an Diederich richtete. „Na, nu komm Se man ’ran“, sagte der
+Schutzmann.
+
+Diederich gab acht, daß er beim Hinaufsteigen nicht stolperte, denn die
+Beine waren ihm plötzlich weich geworden, auch sah er verschwommen. Nach
+einigem Schnaufen unterschied er im kahlen Umkreis ein Bäumchen, das keine
+Blätter hatte, aber mit schwarzweißroten Blüten aus Papier übersät war.
+Der Anblick des Bäumchens gab ihm Gedächtnis und Kraft zurück; er begann.
+
+„Eure Exzellenzen! Höchste, hohe und geehrte Herren!
+
+Hundert Jahre sind es, daß der große Kaiser, dessen Denkmal der Enthüllung
+harrt durch den Vertreter Seiner Majestät, uns und dem Vaterlande
+geschenkt ward; gleichzeitig aber – das macht diese Stunde noch
+bedeutsamer – ist fast ein Jahrzehnt vergangen, seit sein großer Enkel den
+Thron bestiegen hat! Wie sollten wir da nicht vor allem auf die große
+Zeit, die wir selbst miterleben durften, einen stolzen und dankbaren
+Rückblick werfen.“
+
+Diederich warf ihn. Er feierte abwechselnd den beispiellosen Aufschwung
+der Wirtschaft und des nationalen Gedankens. Längere Zeit verweilte er
+beim Ozean. „Der Ozean ist unentbehrlich für Deutschlands Größe. Der Ozean
+beweist uns, daß auf ihm und jenseits von ihm ohne Deutschland und ohne
+den Deutschen Kaiser keine Entscheidung mehr fallen darf, denn das
+Weltgeschäft ist heute das Hauptgeschäft!“ Aber nicht nur vom
+geschäftlichen Standpunkt, noch mehr geistig und sittlich war der
+Aufschwung ein beispielloser zu nennen. Wie sah es denn früher aus mit
+uns? Diederich entwarf ein wenig schmeichelhaftes Bild des älteren
+Geschlechts, das durch eine einseitige humanitäre Bildung zu zuchtlosen
+Anschauungen verführt, in nationaler Hinsicht noch keinen Komment gehabt
+hatte. Wenn das jetzt gründlich anders geworden war, wenn wir, im
+berechtigten Selbstgefühl, das tüchtigste Volk Europas und der Welt zu
+sein, von Nörglern und Elenden abgesehen, nur noch eine einzige nationale
+Partei bildeten, wem verdankten wir es? Allein Seiner Majestät, antwortete
+Diederich. „Er hat den Bürger aus dem Schlummer gerüttelt, sein erhabenes
+Beispiel hat uns zu dem gemacht, was wir sind!“ – wobei Diederich sich auf
+die Brust schlug. „Seine Persönlichkeit, seine einzige, unvergleichliche
+Persönlichkeit ist stark genug, daß wir allesamt uns efeuartig an ihr
+emporranken dürfen!“ rief er aus, obwohl es nicht in seinem Entwurf stand.
+„Was Seine Majestät der Kaiser zum Wohl des deutschen Volkes beschließt,
+dabei wollen wir ihm jubelnd behilflich sein, ob wir nun edel sind oder
+unfrei. Auch der einfache Mann aus der Werkstatt ist willkommen!“ fügte er
+wieder aus dem Stegreif hinzu, jäh inspiriert durch den Geruch des
+schwitzenden Volkes hinter dem Militärkordon; denn der Wind, der aufkam,
+trug ihn her.
+
+„In staunender Weise ertüchtigt, voll hoher sittlicher Kraft zu positiver
+Betätigung, und in unserer blanken Wehr der Schrecken aller Feinde, die
+uns neidisch umdrohen, so sind wir die Elite unter den Nationen und
+bezeichnen eine zum ersten Male erreichte Höhe germanischer Herrenkultur,
+die bestimmt niemals und von niemandem, er sei wer er sei, wird überboten
+werden können!“
+
+Hier sah man den Oberpräsidenten mit dem Kopf nicken, indes der
+Flügeladjutant die Hände gegeneinander bewegte: da brachen die Tribünen in
+Beifall aus. Bei den Zivilisten wehten Taschentücher, Guste ließ es im
+Wind flattern, und, trotz der Unstimmigkeit von vorhin, auch Käthchen
+Zillich. Diederich, im Herzen leicht wie die wehenden Taschentücher, nahm
+seinen hohen Flug wieder auf.
+
+„Eine solche, nie dagewesene Blüte aber erreicht ein Herrenvolk nicht in
+einem schlaffen, faulen Frieden: nein, sondern unser alter Alliierter hat
+es für notwendig gehalten, das deutsche Gold im Feuer zu bewahren. Durch
+den Schmelzofen von Jena und Tilsit haben wir hindurchgemußt, und
+schließlich ist es uns doch gelungen, siegreich überall unsere Fahnen
+aufzupflanzen und auf dem Schlachtfelde die deutsche Kaiserkrone zu
+schmieden!“
+
+Und er erinnerte an das prüfungsreiche Leben Wilhelms des Großen, woraus
+wir, wie Diederich feststellte, erkannten, daß der Weltenschöpfer das Volk
+im Auge behält, das er sich erwählt hat, und sich auch das entsprechende
+Instrument baut. Der große Kaiser seinerseits hatte sich hierüber niemals
+Irrtümern hingegeben, dies ward besonders deutlich in dem großen
+historischen Augenblick, wo er als König von Gottes Gnaden, das Zepter in
+der einen und das Reichsschwert in der anderen Hand, nur Gott die Ehre gab
+und von ihm die Krone nahm. In erhabenem Pflichtgefühl hatte er es weit
+von sich gewiesen, dem Volk die Ehre zu geben und vom Volk die Krone zu
+nehmen, und nicht zurückgeschreckt war er vor der furchtbaren
+Verantwortung gegenüber Gott allein, von der kein Minister, kein Parlament
+ihn hatte entbinden können! Diederichs Stimme bebte ergriffen. „Dies
+erkennt das Volk denn auch an, indem es die Persönlichkeit des
+dahingegangenen Kaisers geradezu vergöttert. Hat er doch Erfolg gehabt;
+und wo der Erfolg ist, da ist Gott! Im Mittelalter wäre Wilhelm der Große
+heilig gesprochen worden. Heute setzen wir ihm ein erstklassiges Denkmal!“
+
+Wieder nickte der Oberpräsident und löste damit wieder ungestüme
+Zustimmung aus. Die Sonne war fort, es wehte kälter; und als sei er
+angeregt durch den verdüsterten Himmel, ging Diederich zu einer
+tiefernsten Frage über.
+
+„Wer hat sich ihm nun in den Weg gestellt, vor seinem hohen Ziel? Wer war
+der Feind des großen Kaisers und seines kaisertreuen Volkes? Der von ihm
+glücklich zerschmetterte Napoleon hatte seine Krone nicht von Gott,
+sondern vom Volk, daher! Das gibt dem Richterspruch der Geschichte erst
+seinen ewigen, überwältigenden Sinn!“ Hier unternahm Diederich es, zu
+malen, wie es in dem demokratisch verseuchten, daher von Gott verlassenen
+Reich Napoleons des Dritten ausgesehen habe. Der in leerer Religiosität
+versteckte krasse Materialismus hatte den unbedenklichsten Geschäftssinn
+großgezogen, Mißachtung des Geistes schloß ihr natürliches Bündnis mit
+niederer Genußgier. Der Nerv der Öffentlichkeit war Reklamesucht, und
+jeden Augenblick schlug sie um in Verfolgungssucht. Im Äußern nur auf das
+Prestige gestellt, im Innern nur auf die Polizei, ohne andern Glauben als
+die Gewalt, trachtete man nach nichts als nach Theaterwirkung, trieb
+ruhmredigen Pomp mit der vergangenen Heldenepoche, und der einzige Gipfel,
+den man wirklich erreichte, war der des Chauvinismus ... „Von all dem
+wissen wir nichts!“ rief Diederich und reckte die Hand gegen den Zeugen
+dort oben. „Darum kann es mit uns nie und nimmer das Ende mit Schrecken
+nehmen, das dem Kaiserreich unseres Erbfeindes vorbehalten war!“
+
+An dieser Stelle blitzte es: zwischen dem Militärkordon und der
+Brandmauer, in der Gegend, wo das Volk zu vermuten war, durchzuckte es
+grell die schwarze Wolke, und ein Donnerschlag folgte, der entschieden zu
+weit ging. Die Herren im offiziellen Zelt bekamen mißbilligende Mienen,
+und der Oberpräsident hatte gezuckt. Auf der Offizierstribüne litt
+selbstverständlich die Haltung nicht im geringsten, beim Zivil machte sich
+immerhin eine gewisse Unruhe merklich. Diederich brachte das Gekreisch zum
+Verstummen, denn er rief, gleichfalls donnernd: „Unser alter Alliierter
+bezeugt es! Wir sind nicht so! Wir sind ernst, treu und wahr! Deutsch
+sein, heißt eine Sache um ihrer selbst willen tun! Wer von uns hätte je
+aus seiner Gesinnung ein Geschäft gemacht? Wo gar wären die bestechlichen
+Beamten? Biederkeit des Mannes eint hier sich weiblicher Reine, denn das
+Weibliche zieht uns hinan, nicht ist es uns Werkzeug unedlen Vergnügens.
+Das strahlende Bild echt deutschen Wesens aber erhebt sich auf dem Boden
+des Christentums, und das ist der einzig richtige Boden, denn jede
+heidnische Kultur, mag sie noch so schön und herrlich sein, wird bei der
+ersten Katastrophe erliegen; und die Seele deutschen Wesens ist die
+Verehrung der Macht, der überlieferten und von Gott geweihten Macht, gegen
+die man nichts machen kann. Darum sollen wir nach wie vor die höchste
+Pflicht in der Verteidigung des Vaterlandes sehen, die höchste Ehre im
+Rock des Königs und die höchste Arbeit im Waffenhandwerk!“
+
+Der Donner grollte, wenn auch eingeschüchtert, wie es schien, durch
+Diederichs immer gewaltigere Stimme; dagegen fielen Tropfen, die man
+einzeln hörte, so schwer waren sie.
+
+„Aus dem Lande des Erbfeindes,“ schrie Diederich, „wälzt sich immer wieder
+die Schlammflut der Demokratie her, und nur deutsche Mannhaftigkeit und
+deutscher Idealismus sind der Damm, der sich ihr entgegenstellt. Die
+vaterlandslosen Feinde der göttlichen Weltordnung aber, die unsere
+staatliche Ordnung untergraben wollen, die sind auszurotten bis auf den
+letzten Stumpf, damit, wenn wir dereinst zum himmlischen Appell berufen
+werden, daß dann ein jeder mit gutem Gewissen vor seinen Gott und seinen
+alten Kaiser treten kann, und wenn er gefragt wird, ob er aus ganzem
+Herzen für des Reiches Wohl mitgearbeitet habe, er an seine Brust schlagen
+und offen sagen darf: Ja!“
+
+Wobei Diederich sich einen solchen Schlag auf die Brust versetzte, daß ihm
+die Luft ausblieb. Die notgedrungene Pause, die er eintreten ließ,
+benutzte die Ziviltribüne, um durch Unruhe zu bekunden, daß sie seine Rede
+für beendet halte; denn das Gewitter stand jetzt genau über den Köpfen der
+Festversammlung, und im schwefelgelben Licht, einzeln, langsam und als
+warnten sie, klopften immerfort diese eigroßen Regentropfen ... Diederich
+hatte wieder Luft.
+
+„Wenn jetzt die Hülle fällt,“ begann er mit neuem Schwung, „wenn zum Gruß
+die Fahnen und Standarten sich neigen, die Degen sich senken und Bajonette
+im Präsentiergriff blitzen –“ Da krachte es im Himmel so ungeheuerlich,
+daß Diederich sich duckte und, bevor er es sich versah, unter seinem Pult
+hockte. Zum Glück kam er wieder hervor, ohne daß sein Verschwinden bemerkt
+worden wäre, denn allen war es ähnlich ergangen. Kaum daß noch jemand
+hörte, wie Diederich Seine Exzellenz den Herrn Oberpräsidenten bat, er
+möge geruhen zu befehlen, daß die Hülle falle. Immerhin trat der
+Oberpräsident vor das offizielle Zelt hinaus, er war gelber als es seine
+Natur war, das Funkeln seines Sterns war erloschen, und er sagte schwach:
+„Im Namen Seiner Majestät befehle ich: die Hülle falle“ – woraus sie fiel.
+Auch ertönte die Wacht am Rhein. Und der Anblick Wilhelms des Großen, wie
+er durch die Luft ritt, in der Haltung eines Familienvaters, aber umringt
+von allen Furchtbarkeiten der Macht, stählte die Untertanen noch einmal
+gegen die Drohungen von oben, das Kaiserhoch des Oberpräsidenten fand
+lebhaften Widerhall. Freilich, die Klänge von Heil dir im Siegerkranz
+gaben Seiner Exzellenz das Zeichen, daß sie sich nun bis an den Fuß des
+Denkmals zu begeben, es zu besichtigen und den Schöpfer, der schon
+wartete, durch eine Anrede auszuzeichnen hatten. Jeder begriff es, daß der
+hohe Herr zweifelnd den Blick zum Himmel richtete; aber, wie nicht anders
+zu erwarten stand, siegte sein Pflichtgefühl, und siegte um so glänzender,
+als er der einzige Herr im Frack war unter so vielen tapferen Militärs. Er
+wagte sich kühn hinaus, hin ging er unter den großen langsamen Tropfen,
+und mit ihm Ulanen, Kürassiere, Husaren und Train ... Schon war die
+Inschrift „Wilhelm der Große“ zur Kenntnis genommen worden, der Schöpfer,
+durch eine Anrede ausgezeichnet, bekam seinen Orden, und gerade sollte
+auch der geistige Schöpfer Heßling vorgestellt und geschmückt werden, da
+platzte der Himmel. Er platzte ganz und auf einmal, mit einer Heftigkeit,
+die einem lange verhaltenen Ausbruch glich. Bevor noch die Herren sich
+umgedreht hatten, standen sie im Wasser bis an die Knöchel, Seiner
+Exzellenz lief es aus Ärmeln und Hosen. Die Tribünen verschwanden hinter
+Stürzen Wassers, wie auf fern wogendem Meer erkannte man, daß die
+Zeltdächer sich gesenkt hatten unter der Wucht des Wolkenbruches, in ihren
+nassen Umschlingungen wälzten links und rechts sich schreiende Massen. Die
+Herren Offiziere machten gegen die Elemente von der blanken Waffe
+Gebrauch, durch Schnitte in das Segeltuch bahnten sie sich den Ausweg. Das
+Zivil gelangte nur als graue Wickelschlange hinab, die mit wilden
+Zuckungen im überschwemmten Gelände badete. Unter solchen Umständen sah
+der Oberpräsident es ein, daß der weitere Verlauf des Festprogramms aus
+Zweckmäßigkeitsgründen zu unterbleiben habe. Blitzeumlodert und
+wasserspritzend wie ein Springbrunnen, trat er einen beschleunigten
+Rückzug an, und ihm nach der Flügeladjutant, die beiden Divisionsgenerale,
+Dragoner, Husaren, Ulanen und Train. Unterwegs erinnerten Seine Exzellenz
+sich des noch immer an ihrem Finger hängenden Ordens für den geistigen
+Schöpfer, und pflichttreu bis zum Äußersten, aber bestrebt, jeden
+Aufenthalt zu vermeiden, händigten sie ihn, laufend und wasserspritzend,
+dem Präsidenten von Wulckow aus. Wulckow seinerseits begegnete einem
+Schutzmann, der den Ereignissen noch standhielt, und betraute ihn mit der
+Übergabe der Allerhöchsten Auszeichnung, worauf der Schutzmann durch Sturm
+und Grausen irrte, auf der Suche nach Diederich. Schließlich fand er ihn
+unter dem Rednerpult im Wasser hockend. „Da hamse ’n Willemsorden“, sagte
+der Schutzmann und machte, daß er weiterkam, denn gerade schlug ein Blitz
+ein, so nahe, als sollte er die Verleihung des Ordens verhindern.
+Diederich hatte nur geseufzt.
+
+Als er es endlich unternahm, mit einer Gesichtshälfte auf die Erde zu
+spähen, war der Umsturz auf ihr noch immer im Wachsen. Drüben die große
+schwarze Brandmauer klaffte und ging daran, umzufallen, samt dem Haus
+dahinter. Über einen Knäuel von Geschöpfen in jagendem Geisterlicht,
+schwefelgelb und blau, bäumten sich die Pferde der Paradekutschen und
+nahmen Reißaus. Glücklich das nicht privilegierte Volk, das draußen und
+über alle Berge war; die Besitzenden und Gebildeten dagegen waren in der
+Lage, daß sie auf ihren Köpfen schon die fliegenden Trümmer des Umsturzes
+fühlten, samt dem Feuer von oben. Kein Wunder, wenn die Umstände ihr
+Verhalten bestimmten und manche Damen, in nicht kommentmäßiger Weise vom
+Ausgang zurückgestoßen, schlankweg übereinander rollten. Nur ihrer
+Tapferkeit vertrauend, machten die Herren Offiziere gegen jeden, der sich
+ihnen entgegenstellte, von ihren Machtmitteln Gebrauch – indes
+Fahnentücher, losgerissen im Sturm von den Überresten der Tribünen und des
+offiziellen Zeltes, schwarzweißrot durch die Luft sausten, den Kämpfern um
+die Ohren. Dazu, hoffnungslos wie die Dinge standen, spielte die
+Regimentsmusik immer weiter Heil dir im Siegerkranz, spielte selbst nach
+der Durchbrechung des Militärkordons und der Weltordnung, spielte wie auf
+einem untergehenden Schiff dem Entsetzen auf und der Auflösung. Ein neuer
+Anlauf des Orkans warf auch sie auseinander – und Diederich, die Augen
+zugedrückt und schwindelnd des Endes von allem gewärtig, tauchte zurück in
+die kühle Tiefe seines Rednerpultes, das er umklammerte wie das letzte auf
+Erden. Sein Abschiedsblick aber hatte umfaßt, was über alle Begriffe war:
+das Gehege, das schwarzweißrot behangene rund um den Volkspark,
+zusammengebrochen, niedergelegt durch das Gewicht der auf ihm Lastenden,
+und dann dies Drunter und Drüber, dies Umeinanderkugeln, Sichaufhäufen und
+Abrutschen, dies Kopfstehen und Dem-anderen-sich-ins-Gesicht-Setzen – und
+dies Gefegtwerden von den Peitschen der Höhe, unter Strömen Feuers, diesen
+Kehraus, wie der einer betrunkenen Maskerade, Kehraus von Edel und Unfrei,
+vornehmstem Rock und aus dem Schlummer erwachtem Bürger, einzigen Säulen,
+gottgesandten Männern, idealen Gütern, Husaren, Ulanen, Dragonern und
+Train!
+
+Aber die apokalyptischen Reiter flogen weiter; Diederich merkte es, sie
+hatten nur ein Manöver abgehalten für den Jüngsten Tag, der Ernstfall war
+es nicht. Unter Vorbehalt verließ er seine Zuflucht und stellte fest, daß
+es nur noch goß, und daß Kaiser Wilhelm der Große noch da war, mit allem
+Zubehör der Macht. Diederich hatte die ganze Zeit das Gefühl gehabt, das
+Denkmal sei zerschmettert und weggeschwommen. Der Festplatz freilich sah
+aus wie eine wüste Erinnerung, keine Seele belebte seine Trümmer. Doch, da
+hinten bewegte sich eine, sie trug sogar Ulanenuniform: Herr von Quitzin,
+der das eingestürzte Haus besichtigte. Dem Blitz erlegen, rauchte es
+hinter den Resten seiner großen schwarzen Brandmauer; und in der Flucht
+aller hatte nur Herr von Quitzin standgehalten, denn ihn stärkte ein
+Gedanke. Diederich sah ihm ins Herz. „Das Haus“, dachte Herr von Quitzin,
+„hätten wir auch noch loswerden sollen an das Pack. Aber nicht zu machen
+gewesen, haben es mit aller Gewalt nicht durchgedrückt. Na nu kriege ich
+die Versicherung. Es gibt einen Gott.“ Und dann ging er der Feuerwehr
+entgegen, die zum Glück nicht mehr wesentlich eingreifen konnte in das
+Geschäft.
+
+Auch Diederich, durch das Beispiel ermutigt, machte sich auf den Weg. Er
+hatte seinen Hut verloren, am Boden seiner Schuhe schlenkerte Wasser, und
+in der rückwärtigen Erweiterung der Beinkleider trug er eine Pfütze mit
+sich herum. Da ein Wagen nicht erreichbar schien, beschloß er, die innere
+Stadt zu durchqueren. Die Winkel der alten Straßen fingen den Wind ab, ihm
+ward es wärmer. „Von einem Katarrh ist nicht die Rede. Guste soll mir aber
+doch einen Wickel um den Bauch machen. Wenn sie nur gefälligst keine
+Influenza ins Haus einschleppt!“ Nach dieser Sorge erinnerte er sich
+seines Ordens: „Der Wilhelms-Orden, Stiftung Seiner Majestät, wird nur
+verliehen für hervorragende Verdienste um die Wohlfahrt und Veredelung des
+Volkes ... Den haben wir!“ sagte Diederich laut in der leeren Gasse. „Und
+wenn es Dynamit regnet!“ Der Umsturz der Macht von seiten der Natur war
+ein Versuch mit unzulänglichen Mitteln gewesen. Diederich zeigte dem
+Himmel seinen Wilhelms-Orden und sagte „Etsch“ – worauf er ihn sich
+ansteckte, neben den Kronenorden vierter Klasse.
+
+In der Fleischhauergrube hielten mehrere Fuhrwerke: merkwürdig, vor dem
+Haus des alten Buck. Eins war noch dazu ein Landwagen. Sollte etwa –?
+Diederich spähte in das Haus: die gläserne Flurtür stand
+außerordentlicherweise offen, so als würde jemand erwartet, der selten
+kam. Feierlich still die weite Diele, nur, wie er an der Küche
+vorbeischlich, ein Wimmern: die alte Magd, mit dem Gesicht auf den Armen.
+„Also ist es so weit“ – und plötzlich ward Diederich von einem Schauer
+angerührt, er blieb stehen, bereit, den Rückzug anzutreten. „Dabei habe
+ich nichts zu tun ... Doch! Dabei habe ich zu tun, denn hier ist jedes
+Stück mein, ich habe die Pflicht, dafür zu sorgen, daß sie mir nachher
+nichts forttragen.“ Aber nicht nur dies drängte ihn vorwärts;
+Schwierigeres und Tieferes kündigte sich an mit Schnaufen und
+Bauchklemmen. Gehaltenen Schrittes erstieg er die flachen alten Stufen und
+dachte: „Respekt vor einem tapferen Feind, wenn er das Feld der Ehre
+deckt! Gott hat gerichtet, ja, ja, so geht es, keiner kann sagen, ob er
+nicht eines Tages –. Na hören Sie, es gibt denn doch Unterschiede, eine
+Sache ist gut oder nicht gut. Und für den Ruhm der guten Sache soll man
+nichts versäumen, unser alter Kaiser hat sich wahrscheinlich auch
+zusammennehmen müssen, als er nach Wilhelmshöhe zu dem gänzlich erledigten
+Napoleon ging.“
+
+Hier war er schon im Zwischengeschoß und betrat vorsichtig den langen
+Gang, an dessen Ende die Tür offen, auch hier wieder offen stand. Sich
+gegen die Wand drücken, und einen Blick hinein. Ein Bett, mit dem Fuß
+hergewendet, darin lehnte an gehäuften Kissen der alte Buck und schien
+nicht bei sich. Kein Laut; war er denn allein? Behutsam auf die Gegenseite
+– nun sah man die verhängten Fenster und davor im Halbkreis die Familie:
+dem Bett zunächst Judith Lauer ganz starr, dann Wolfgang mit einem
+Gesicht, das niemand erwartet hätte; zwischen den Fenstern die
+zusammengedrängte Herde der fünf Töchter neben dem bankerotten Vater, der
+nicht einmal mehr elegant war; weiterhin der verbauerte Sohn mit seiner
+stumpfblickenden Frau, und endlich Lauer, der gesessen hatte. Mit gutem
+Grund hielten alle sich so still; zu dieser Stunde verloren sie die letzte
+Aussicht, noch einmal mitzureden! Sie waren obenauf gewesen und hatten
+sich in Sicherheit gewiegt, solange der Alte standhielt. Er war gefallen,
+und sie mit, er verschwand, und sie alle mit. Er hatte immer nur auf
+Flugsand gestanden, da er nicht auf der Macht stand. Nichtig Ziele, die
+fortführten von der Macht! Fruchtlos der Geist, denn nichts hinterließ er
+als Verfall! Verblendung jeder Ehrgeiz, der nicht Fäuste hatte und Geld in
+den Fäusten!
+
+Woher aber dies Gesicht, das Wolfgang hatte? Es sah nicht aus wie Trauer,
+obwohl Tränen aus seinen dort hinüberverlangenden Augen fielen; es sah aus
+wie Neid, gramvoller Neid. Was hatten die anderen? Judith Lauer, deren
+Brauen sich dunkel zusammenzogen, ihr Mann, der aufseufzte – und die Frau
+des Ältesten sogar faltete vor dem Gesicht ihre Arbeiterinnenhände.
+Diederich, in entschlossener Haltung, stellte sich mitten vor die Tür. Es
+war dunkel im Gang, die da sahen nicht, und mochten sie; aber der Alte?
+Sein Gesicht war genau hierhergerichtet, und wo es hinsah, ahnte man
+dennoch mehr als hier war, Erscheinungen, die niemand ihm verstellen
+konnte. Ihren Widerschein in seinen überraschten Augen, öffnete er auf den
+Kissen langsam die Arme, versuchte sie zu heben, hob, bewegte sie, winkend
+und empfangend – wen doch? Wie viele wohl, mit so langem Winken und
+Empfangen? Ein ganzes Volk, sollte man glauben, und welchen Wesens, daß es
+durch sein Kommen dies geisterhafte Glück hervorrief in den Zügen des
+alten Buck?
+
+Da erschrak er, als sei er einem Fremden begegnet, der Grauen mitbrachte:
+erschrak und rang nach Atem. Diederich, ihm gegenüber, machte sich noch
+strammer, wölbte die schwarzweißrote Schärpe, streckte die Orden vor, und
+für alle Fälle blitzte er. Der Alte ließ auf einmal den Kopf fallen, tief
+vornüber fiel er ganz, wie gebrochen. Die Seinen schrien auf. Vom
+Entsetzen gedämpft, rief die Frau des Ältesten: „Er hat etwas gesehen! Er
+hat den Teufel gesehen!“ Judith Lauer stand langsam auf und schloß die
+Tür. Diederich war schon entwichen.
+
+
+
+
+
+
+ BEMERKUNGEN ZUR TEXTGESTALT
+
+
+Die Originalausgabe ist in Fraktur gesetzt. Einzelne Wörter aus fremden
+Sprachen in Antiqua (bis auf den Titel „Dr.“) und gesperrt gesetzte
+Passagen sind hier durch Unterstrich (_) gekennzeichnet.
+
+Inkonsistente Zeichensetzung, insbesondere bei wörtlicher Rede, und
+Schreibweisenvariationen wurden nicht verändert, bis auf folgende
+offensichtliche Druckfehler:
+
+ Seite 25: Punkt ergänzt hinter „aufschlug“
+ Seite 96: Punkt ergänzt hinter „mehr“
+ Seite 100: Punkt ergänzt hinter „sollte“
+ Seite 126: „Diedrich“ geändert in „Diederich“
+ Seite 148: Punkt geändert in Komma hinter „verstummt“
+ Seite 162: „aufzuspi ßen“ geändert in „aufzuspießen“
+ Seite 163: Punkt ergänzt hinter „Haltung“
+ Seite 179: „se bst“ geändert in „selbst“
+ Seite 190: Anführungszeichen ergänzt hinter „möchte.“
+ Seite 200: Punkt ergänzt hinter „erlegen“, „Diederichs“ geändert in
+ „Diederich“
+ Seite 202: Punkt ergänzt hinter „Cie“ und hinter „dabei“
+ Seite 238: „Wulckowin“ geändert in „Wulckow in“
+ Seite 243: „Offentlichkeit“ geändert in „Öffentlichkeit“
+ Seite 315: „Präs denten“ geändert in „Präsidenten“
+ Seite 316: Anführungszeichen ergänzt hinter „Fabrikantentochter.“
+ Seite 337: Anführungszeichen entfernt vor „Guste“ und ergänzt vor
+ „Er“
+ Seite 474: Anführungszeichen ergänzt hinter „großen G“
+
+
+
+
+
+***END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DER UNTERTAN***
+
+
+
+ CREDITS
+
+
+November 24, 2011
+
+ Project Gutenberg TEI edition 1
+ Produced by Jana Srna, Jens Sadowski and the Online
+ Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net
+
+
+
+ A WORD FROM PROJECT GUTENBERG
+
+
+This file should be named 38126‐0.txt or 38126‐0.zip.
+
+This and all associated files of various formats will be found in:
+
+
+ http://www.gutenberg.org/dirs/3/8/1/2/38126/
+
+
+Updated editions will replace the previous one — the old editions will be
+renamed.
+
+Creating the works from public domain print editions means that no one
+owns a United States copyright in these works, so the Foundation (and
+you!) can copy and distribute it in the United States without permission
+and without paying copyright royalties. Special rules, set forth in the
+General Terms of Use part of this license, apply to copying and
+distributing Project Gutenberg™ electronic works to protect the Project
+Gutenberg™ concept and trademark. Project Gutenberg is a registered
+trademark, and may not be used if you charge for the eBooks, unless you
+receive specific permission. If you do not charge anything for copies of
+this eBook, complying with the rules is very easy. You may use this eBook
+for nearly any purpose such as creation of derivative works, reports,
+performances and research. They may be modified and printed and given away
+— you may do practically _anything_ with public domain eBooks.
+Redistribution is subject to the trademark license, especially commercial
+redistribution.
+
+
+
+ THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE
+
+
+_Please read this before you distribute or use this work._
+
+To protect the Project Gutenberg™ mission of promoting the free
+distribution of electronic works, by using or distributing this work (or
+any other work associated in any way with the phrase „Project Gutenberg“),
+you agree to comply with all the terms of the Full Project Gutenberg™
+License (available with this file or online at
+http://www.gutenberg.org/license).
+
+
+ Section 1.
+
+
+General Terms of Use & Redistributing Project Gutenberg™ electronic works
+
+
+ 1.A.
+
+
+By reading or using any part of this Project Gutenberg™ electronic work,
+you indicate that you have read, understand, agree to and accept all the
+terms of this license and intellectual property (trademark/copyright)
+agreement. If you do not agree to abide by all the terms of this
+agreement, you must cease using and return or destroy all copies of
+Project Gutenberg™ electronic works in your possession. If you paid a fee
+for obtaining a copy of or access to a Project Gutenberg™ electronic work
+and you do not agree to be bound by the terms of this agreement, you may
+obtain a refund from the person or entity to whom you paid the fee as set
+forth in paragraph 1.E.8.
+
+
+ 1.B.
+
+
+„Project Gutenberg“ is a registered trademark. It may only be used on or
+associated in any way with an electronic work by people who agree to be
+bound by the terms of this agreement. There are a few things that you can
+do with most Project Gutenberg™ electronic works even without complying
+with the full terms of this agreement. See paragraph 1.C below. There are
+a lot of things you can do with Project Gutenberg™ electronic works if you
+follow the terms of this agreement and help preserve free future access to
+Project Gutenberg™ electronic works. See paragraph 1.E below.
+
+
+ 1.C.
+
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation („the Foundation“ or
+PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
+Gutenberg™ electronic works. Nearly all the individual works in the
+collection are in the public domain in the United States. If an individual
+work is in the public domain in the United States and you are located in
+the United States, we do not claim a right to prevent you from copying,
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+the work as long as all references to Project Gutenberg are removed. Of
+course, we hope that you will support the Project Gutenberg™ mission of
+promoting free access to electronic works by freely sharing Project
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+keeping the Project Gutenberg™ name associated with the work. You can
+easily comply with the terms of this agreement by keeping this work in the
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+share it without charge with others.
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+
+ 1.D.
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+The copyright laws of the place where you are located also govern what you
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+state of change. If you are outside the United States, check the laws of
+your country in addition to the terms of this agreement before
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+The Foundation makes no representations concerning the copyright status of
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+
+
+ 1.E.
+
+
+Unless you have removed all references to Project Gutenberg:
+
+
+ 1.E.1.
+
+
+The following sentence, with active links to, or other immediate access
+to, the full Project Gutenberg™ License must appear prominently whenever
+any copy of a Project Gutenberg™ work (any work on which the phrase
+„Project Gutenberg“ appears, or with which the phrase „Project Gutenberg“
+is associated) is accessed, displayed, performed, viewed, copied or
+distributed:
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+ This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+ almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away
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+
+ 1.E.2.
+
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+permission of the copyright holder), the work can be copied and
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+charges. If you are redistributing or providing access to a work with the
+phrase „Project Gutenberg“ associated with or appearing on the work, you
+must comply either with the requirements of paragraphs 1.E.1 through 1.E.7
+or obtain permission for the use of the work and the Project Gutenberg™
+trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or 1.E.9.
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+
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+permission of the copyright holder, your use and distribution must comply
+with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any additional terms imposed
+by the copyright holder. Additional terms will be linked to the Project
+Gutenberg™ License for all works posted with the permission of the
+copyright holder found at the beginning of this work.
+
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+terms from this work, or any files containing a part of this work or any
+other work associated with Project Gutenberg™.
+
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+ 1.E.5.
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+Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this electronic
+work, or any part of this electronic work, without prominently displaying
+the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with active links or immediate
+access to the full terms of the Project Gutenberg™ License.
+
+
+ 1.E.6.
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+
+You may convert to and distribute this work in any binary, compressed,
+marked up, nonproprietary or proprietary form, including any word
+processing or hypertext form. However, if you provide access to or
+distribute copies of a Project Gutenberg™ work in a format other than
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+on the official Project Gutenberg™ web site (http://www.gutenberg.org),
+you must, at no additional cost, fee or expense to the user, provide a
+copy, a means of exporting a copy, or a means of obtaining a copy upon
+request, of the work in its original „Plain Vanilla ASCII“ or other form.
+Any alternate format must include the full Project Gutenberg™ License as
+specified in paragraph 1.E.1.
+
+
+ 1.E.7.
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+
+ 1.E.8.
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+
+You may charge a reasonable fee for copies of or providing access to or
+distributing Project Gutenberg™ electronic works provided that
+
+ - You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from
+ the use of Project Gutenberg™ works calculated using the method you
+ already use to calculate your applicable taxes. The fee is owed to
+ the owner of the Project Gutenberg™ trademark, but he has agreed to
+ donate royalties under this paragraph to the Project Gutenberg
+ Literary Archive Foundation. Royalty payments must be paid within 60
+ days following each date on which you prepare (or are legally
+ required to prepare) your periodic tax returns. Royalty payments
+ should be clearly marked as such and sent to the Project Gutenberg
+ Literary Archive Foundation at the address specified in Section 4,
+ „Information about donations to the Project Gutenberg Literary
+ Archive Foundation.“
+
+ - You provide a full refund of any money paid by a user who notifies
+ you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he
+ does not agree to the terms of the full Project Gutenberg™ License.
+ You must require such a user to return or destroy all copies of the
+ works possessed in a physical medium and discontinue all use of and
+ all access to other copies of Project Gutenberg™ works.
+
+ - You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of
+ any money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
+ electronic work is discovered and reported to you within 90 days of
+ receipt of the work.
+
+ - You comply with all other terms of this agreement for free
+ distribution of Project Gutenberg™ works.
+
+
+ 1.E.9.
+
+
+If you wish to charge a fee or distribute a Project Gutenberg™ electronic
+work or group of works on different terms than are set forth in this
+agreement, you must obtain permission in writing from both the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael Hart, the owner of the
+Project Gutenberg™ trademark. Contact the Foundation as set forth in
+Section 3 below.
+
+
+ 1.F.
+
+
+ 1.F.1.
+
+
+Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable effort to
+identify, do copyright research on, transcribe and proofread public domain
+works in creating the Project Gutenberg™ collection. Despite these
+efforts, Project Gutenberg™ electronic works, and the medium on which they
+may be stored, may contain „Defects,“ such as, but not limited to,
+incomplete, inaccurate or corrupt data, transcription errors, a copyright
+or other intellectual property infringement, a defective or damaged disk
+or other medium, a computer virus, or computer codes that damage or cannot
+be read by your equipment.
+
+
+ 1.F.2.
+
+
+LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES — Except for the „Right of
+Replacement or Refund“ described in paragraph 1.F.3, the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation, the owner of the Project Gutenberg™
+trademark, and any other party distributing a Project Gutenberg™
+electronic work under this agreement, disclaim all liability to you for
+damages, costs and expenses, including legal fees. YOU AGREE THAT YOU HAVE
+NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH
+OF CONTRACT EXCEPT THOSE PROVIDED IN PARAGRAPH F3. YOU AGREE THAT THE
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+WILL NOT BE LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL,
+PUNITIVE OR INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY
+OF SUCH DAMAGE.
+
+
+ 1.F.3.
+
+
+LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND — If you discover a defect in this
+electronic work within 90 days of receiving it, you can receive a refund
+of the money (if any) you paid for it by sending a written explanation to
+the person you received the work from. If you received the work on a
+physical medium, you must return the medium with your written explanation.
+The person or entity that provided you with the defective work may elect
+to provide a replacement copy in lieu of a refund. If you received the
+work electronically, the person or entity providing it to you may choose
+to give you a second opportunity to receive the work electronically in
+lieu of a refund. If the second copy is also defective, you may demand a
+refund in writing without further opportunities to fix the problem.
+
+
+ 1.F.4.
+
+
+Except for the limited right of replacement or refund set forth in
+paragraph 1.F.3, this work is provided to you ’AS-IS,’ WITH NO OTHER
+WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO
+WARRANTIES OF MERCHANTIBILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.
+
+
+ 1.F.5.
+
+
+Some states do not allow disclaimers of certain implied warranties or the
+exclusion or limitation of certain types of damages. If any disclaimer or
+limitation set forth in this agreement violates the law of the state
+applicable to this agreement, the agreement shall be interpreted to make
+the maximum disclaimer or limitation permitted by the applicable state
+law. The invalidity or unenforceability of any provision of this agreement
+shall not void the remaining provisions.
+
+
+ 1.F.6.
+
+
+INDEMNITY — You agree to indemnify and hold the Foundation, the trademark
+owner, any agent or employee of the Foundation, anyone providing copies of
+Project Gutenberg™ electronic works in accordance with this agreement, and
+any volunteers associated with the production, promotion and distribution
+of Project Gutenberg™ electronic works, harmless from all liability, costs
+and expenses, including legal fees, that arise directly or indirectly from
+any of the following which you do or cause to occur: (a) distribution of
+this or any Project Gutenberg™ work, (b) alteration, modification, or
+additions or deletions to any Project Gutenberg™ work, and (c) any Defect
+you cause.
+
+
+ Section 2.
+
+
+ Information about the Mission of Project Gutenberg™
+
+
+Project Gutenberg™ is synonymous with the free distribution of electronic
+works in formats readable by the widest variety of computers including
+obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists because of the
+efforts of hundreds of volunteers and donations from people in all walks
+of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the assistance
+they need, is critical to reaching Project Gutenberg™’s goals and ensuring
+that the Project Gutenberg™ collection will remain freely available for
+generations to come. In 2001, the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation was created to provide a secure and permanent future for
+Project Gutenberg™ and future generations. To learn more about the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation and how your efforts and donations
+can help, see Sections 3 and 4 and the Foundation web page at
+http://www.pglaf.org.
+
+
+ Section 3.
+
+
+ Information about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the state of
+Mississippi and granted tax exempt status by the Internal Revenue Service.
+The Foundation’s EIN or federal tax identification number is 64-6221541.
+Its 501(c)(3) letter is posted at
+http://www.gutenberg.org/fundraising/pglaf. Contributions to the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation are tax deductible to the full
+extent permitted by U.S. federal laws and your state’s laws.
+
+The Foundation’s principal office is located at 4557 Melan Dr.
+S. Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at 809 North
+1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact information
+can be found at the Foundation’s web site and official page at
+http://www.pglaf.org
+
+For additional contact information:
+
+
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+
+ Section 4.
+
+
+ Information about Donations to the Project Gutenberg Literary Archive
+ Foundation
+
+
+Project Gutenberg™ depends upon and cannot survive without wide spread
+public support and donations to carry out its mission of increasing the
+number of public domain and licensed works that can be freely distributed
+in machine readable form accessible by the widest array of equipment
+including outdated equipment. Many small donations ($1 to $5,000) are
+particularly important to maintaining tax exempt status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United States.
+Compliance requirements are not uniform and it takes a considerable
+effort, much paperwork and many fees to meet and keep up with these
+requirements. We do not solicit donations in locations where we have not
+received written confirmation of compliance. To SEND DONATIONS or
+determine the status of compliance for any particular state visit
+http://www.gutenberg.org/fundraising/donate
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we have
+not met the solicitation requirements, we know of no prohibition against
+accepting unsolicited donations from donors in such states who approach us
+with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make any
+statements concerning tax treatment of donations received from outside the
+United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation methods
+and addresses. Donations are accepted in a number of other ways including
+checks, online payments and credit card donations. To donate, please
+visit: http://www.gutenberg.org/fundraising/donate
+
+
+ Section 5.
+
+
+ General Information About Project Gutenberg™ electronic works.
+
+
+Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg™
+concept of a library of electronic works that could be freely shared with
+anyone. For thirty years, he produced and distributed Project Gutenberg™
+eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+Project Gutenberg™ eBooks are often created from several printed editions,
+all of which are confirmed as Public Domain in the U.S. unless a copyright
+notice is included. Thus, we do not necessarily keep eBooks in compliance
+with any particular paper edition.
+
+Each eBook is in a subdirectory of the same number as the eBook’s eBook
+number, often in several formats including plain vanilla ASCII, compressed
+(zipped), HTML and others.
+
+Corrected _editions_ of our eBooks replace the old file and take over the
+old filename and etext number. The replaced older file is renamed.
+_Versions_ based on separate sources are treated as new eBooks receiving
+new filenames and etext numbers.
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+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
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+This Web site includes information about Project Gutenberg™, including how
+to make donations to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation,
+how to help produce our new eBooks, and how to subscribe to our email
+newsletter to hear about new eBooks.
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+***FINIS***
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