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| author | Roger Frank <rfrank@pglaf.org> | 2025-10-14 20:09:38 -0700 |
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You may copy it, give it away or re-use it under +the terms of the Project Gutenberg License included with this eBook or +online at http://www.gutenberg.org/license + + + +Title: Der Untertan + +Author: Heinrich Mann + +Release Date: November 24, 2011 [Ebook #38126] + +Language: German + +Character set encoding: UTF‐8 + + +***START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DER UNTERTAN*** + + + + + + Heinrich Mann + + Der Untertan + + Roman + + + + + Kurt Wolff Verlag + Leipzig-Wien + + + + + + Der Roman wurde abgeschlossen Anfang Juli 1914 + + + + Vierundfünfzigstes bis zweiundachtzigstes Tausend + + Gedruckt in der Spamerschen Buchdruckerei in Leipzig + Copyright Kurt Wolff Verlag, Leipzig, 1918 + + + + + + + I. + + +Diederich Heßling war ein weiches Kind, das am liebsten träumte, sich vor +allem fürchtete und viel an den Ohren litt. Ungern verließ er im Winter +die warme Stube, im Sommer den engen Garten, der nach den Lumpen der +Papierfabrik roch und über dessen Goldregen- und Fliederbäumen das +hölzerne Fachwerk der alten Häuser stand. Wenn Diederich vom Märchenbuch, +dem geliebten Märchenbuch, aufsah, erschrak er manchmal sehr. Neben ihm +auf der Bank hatte ganz deutlich eine Kröte gesessen, halb so groß wie er +selbst! Oder an der Mauer dort drüben stak bis zum Bauch in der Erde ein +Gnom und schielte her! + +Fürchterlicher als Gnom und Kröte war der Vater, und obendrein sollte man +ihn lieben. Diederich liebte ihn. Wenn er genascht oder gelogen hatte, +drückte er sich so lange schmatzend und scheu wedelnd am Schreibpult +umher, bis Herr Heßling etwas merkte und den Stock von der Wand nahm. Jede +nicht herausgekommene Untat mischte in Diederichs Ergebenheit und +Vertrauen einen Zweifel. Als der Vater einmal mit seinem invaliden Bein +die Treppe herunterfiel, klatschte der Sohn wie toll in die Hände – worauf +er weglief. + +Kam er nach einer Abstrafung mit gedunsenem Gesicht und unter Geheul an +der Werkstätte vorbei, dann lachten die Arbeiter. Sofort aber streckte +Diederich nach ihnen die Zunge aus und stampfte. Er war sich bewußt: „Ich +habe Prügel bekommen, aber von meinem Papa. Ihr wäret froh, wenn ihr auch +Prügel von ihm bekommen könntet. Aber dafür seid ihr viel zu wenig.“ + +Er bewegte sich zwischen ihnen wie ein launenhafter Pascha; drohte ihnen +bald, es dem Vater zu melden, daß sie sich Bier holten, und bald ließ er +kokett aus sich die Stunde herausschmeicheln, zu der Herr Heßling +zurückkehren sollte. Sie waren auf der Hut vor dem Prinzipal: er kannte +sie, er hatte selbst gearbeitet. Er war Büttenschöpfer gewesen in den +alten Mühlen, wo jeder Bogen mit der Hand geformt ward; hatte dazwischen +alle Kriege mitgemacht und nach dem letzten, als jeder Geld fand, eine +Papiermaschine kaufen können. Ein Holländer und eine Schneidemaschine +vervollständigten die Einrichtung. Er selbst zählte die Bogen nach. Die +von den Lumpen abgetrennten Knöpfe durften ihm nicht entgehen. Sein +kleiner Sohn ließ sich oft von den Frauen welche zustecken, dafür, daß er +die nicht angab, die einige mitnahmen. Eines Tages hatte er so viele +beisammen, daß ihm der Gedanke kam, sie beim Krämer gegen Bonbons +umzutauschen. Es gelang – aber am Abend kniete Diederich, indes er den +letzten Malzzucker zerlutscht, sich ins Bett und betete, angstgeschüttelt, +zu dem schrecklichen lieben Gott, er möge das Verbrechen unentdeckt +lassen. Er brachte es dennoch an den Tag. Dem Vater, der immer nur +methodisch, Ehrenfestigkeit und Pflicht auf dem verwitterten +Unteroffiziersgesicht, den Stock geführt hatte, zuckte diesmal die Hand, +und in die eine Bürste seines silberigen Kaiserbartes lief, über die +Runzeln hüpfend, eine Träne. „Mein Sohn hat gestohlen“, sagte er außer +Atem, mit dumpfer Stimme, und sah sich das Kind an wie einen verdächtigen +Eindringling. „Du betrügst und stiehlst. Du brauchst nur noch einen +Menschen totzuschlagen.“ + +Frau Heßling wollte Diederich nötigen, vor dem Vater hinzufallen und ihn +um Verzeihung zu bitten, weil der Vater seinetwegen geweint habe! Aber +Diederichs Instinkt sagte ihm, daß dies den Vater nur noch mehr erbost +haben würde. Mit der gefühlsseligen Art seiner Frau war Heßling durchaus +nicht einverstanden. Sie verdarb das Kind fürs Leben. Übrigens ertappte er +sie geradeso auf Lügen wie den Diedel. Kein Wunder, da sie Romane las! Am +Sonnabendabend war nicht immer die Wochenarbeit getan, die ihr aufgegeben +war. Sie klatschte, anstatt sich zu rühren, mit dem Dienstmädchen ... Und +Heßling wußte noch nicht einmal, daß seine Frau auch naschte, gerade wie +das Kind. Bei Tisch wagte sie sich nicht satt zu essen und schlich +nachträglich an den Schrank. Hätte sie sich in die Werkstatt getraut, +würde sie auch Knöpfe gestohlen haben. + +Sie betete mit dem Kind „aus dem Herzen“, nicht nach Formeln, und bekam +dabei gerötete Wangenknochen. Sie schlug es auch, aber Hals über Kopf und +verzerrt von Rachsucht. Oft war sie dabei im Unrecht. Dann drohte +Diederich, sie beim Vater zu verklagen; tat so, als ginge er ins Kontor, +und freute sich irgendwo hinter einer Mauer, daß sie nun Angst hatte. Ihre +zärtlichen Stunden nützte er aus; aber er fühlte gar keine Achtung vor +seiner Mutter. Ihre Ähnlichkeit mit ihm selbst verbot es ihm. Denn er +achtete sich selbst nicht, dafür ging er mit einem zu schlechten Gewissen +durch sein Leben, das vor den Augen des Herrn nicht hätte bestehen können. + +Dennoch hatten die beiden von Gemüt überfließende Dämmerstunden. Aus den +Festen preßten sie gemeinsam vermittels Gesang, Klavierspiel und +Märchenerzählen den letzten Tropfen Stimmung heraus. Als Diederich am +Christkind zu zweifeln anfing, ließ er sich von der Mutter bewegen, noch +ein Weilchen zu glauben, und er fühlte sich dadurch erleichtert, treu und +gut. Auch an ein Gespenst, droben auf der Burg, glaubte er hartnäckig, und +der Vater, der hiervon nichts hören wollte, schien zu stolz, beinahe +strafwürdig. Die Mutter nährte ihn mit Märchen. Sie teilte ihm ihre Angst +mit vor den neuen, belebten Straßen und der Pferdebahn, die hindurchfuhr, +und führte ihn über den Wall nach der Burg. Dort genossen sie das wohlige +Grausen. + +Ecke der Meisestraße hinwieder mußte man an einem Polizisten vorüber, der, +wen er wollte, ins Gefängnis abführen konnte! Diederichs Herz klopfte +beweglich; wie gern hätte er einen weiten Bogen gemacht! Aber dann würde +der Polizist sein schlechtes Gewissen erkannt und ihn aufgegriffen haben. +Es war vielmehr geboten, zu beweisen, daß man sich rein und ohne Schuld +fühlte – und mit zitternder Stimme fragte Diederich den Schutzmann nach +der Uhr. + + + +Nach so vielen furchtbaren Gewalten, denen man unterworfen war, nach den +Märchenkröten, dem Vater, dem lieben Gott, dem Burggespenst und der +Polizei, nach dem Schornsteinfeger, der einen durch den ganzen Schlot +schleifen konnte, bis man auch ein schwarzer Mann war, und dem Doktor, der +einen im Hals pinseln durfte und schütteln, wenn man schrie – nach allen +diesen Gewalten geriet nun Diederich unter eine noch furchtbarere, den +Menschen auf einmal ganz verschlingende: die Schule. Diederich betrat sie +heulend, und auch die Antworten, die er wußte, konnte er nicht geben, weil +er heulen mußte. Allmählich lernte er den Drang zum Weinen gerade dann +auszunutzen, wenn er nicht gelernt hatte – denn alle Angst machte ihn +nicht fleißiger oder weniger träumerisch – und vermied so, bis die Lehrer +sein System durchschaut hatten, manche üblen Folgen. Dem ersten, der es +durchschaute, schenkte er seine ganze Achtung; er war plötzlich still und +sah ihn, über den gekrümmten und vors Gesicht gehaltenen Arm hinweg voll +scheuer Hingabe an. Immer blieb er den scharfen Lehrern ergeben und +willfährig. Den gutmütigen spielte er kleine, schwer nachweisbare +Streiche, deren er sich nicht rühmte. Mit viel größerer Genugtuung sprach +er von einer Verheerung in den Zeugnissen, von einem riesigen +Strafgericht. Bei Tisch berichtete er: „Heute hat Herr Behnke wieder drei +durchgehauen.“ Und wenn gefragt ward, wen? + +„Einer war ich.“ + +Denn Diederich war so beschaffen, daß die Zugehörigkeit zu seinem +unpersönlichen Ganzen, zu diesem unerbittlichen, menschenverachtenden, +maschinellen Organismus, der das Gymnasium war, ihn beglückte, daß die +Macht, die kalte Macht, an der er selbst, wenn auch nur leidend, +teilhatte, sein Stolz war. Am Geburtstag des Ordinarius bekränzte man +Katheder und Tafel. Diederich umwand sogar den Rohrstock. + +Im Lauf der Jahre berührten zwei über Machthaber hereingebrochene +Katastrophen ihn mit heiligem und süßem Schauder. Ein Hilfslehrer ward vor +der Klasse vom Direktor heruntergemacht und entlassen. Ein Oberlehrer ward +wahnsinnig. Noch höhere Gewalten, der Direktor und das Irrenhaus, waren +hier gräßlich mit denen abgefahren, die bis eben so hohe Gewalt hatten. +Von unten, klein aber unversehrt, durfte man die Leichen betrachten und +aus ihnen eine die eigene Lage mildernde Lehre ziehen. + +Die Macht, die ihn in ihrem Räderwerk hatte, vor seinen jüngeren +Schwestern vertrat Diederich sie. Sie mußten nach seinem Diktat schreiben +und künstlich noch mehr Fehler machen, als ihnen von selbst gelangen, +damit er mit roter Tinte wüten und Strafen austeilen konnte. Sie waren +grausam. Die Kleinen schrien – und dann war es an Diederich, sich zu +demütigen, um nicht verraten zu werden. + +Er hatte, den Machthabern nachzuahmen, keinen Menschen nötig; ihm genügten +Tiere, sogar Dinge. Er stand am Rande des Holländers und sah die Trommel +die Lumpen ausschlagen. „Den hast du weg! Untersteht euch noch mal! Infame +Bande!“ murmelte Diederich, und in seinen blassen Augen glomm es. +Plötzlich duckte er sich; fast fiel er in das Chlorbad. Der Schritt eines +Arbeiters hatte ihn aufgestört aus seinem lästerlichen Genuß. + +Denn recht geheuer und seiner Sache gewiß fühlte er sich nur, wenn er +selbst die Prügel bekam. Kaum je widerstand er dem Übel. Höchstens bat er +den Kameraden: „Nicht auf den Rücken, das ist ungesund.“ + +Nicht daß es ihm am Sinn für sein Recht und an Liebe zum eigenen Vorteil +fehlte. Aber Diederich hielt dafür, daß Prügel, die er bekam, dem +Schlagenden keinen praktischen Gewinn, ihm selbst keinen reellen Verlust +zufügten. Ernster als diese bloß idealen Werte nahm er die Schaumrolle, +die der Oberkellner vom „Netziger Hof“ ihm schon längst versprochen hatte +und mit der er nie herausrückte. Diederich machte unzählige Male ernsten +Schrittes den Geschäftsweg die Meisestraße hinauf zum Markt, um seinen +befrackten Freund zu mahnen. Als der aber eines Tages von seiner +Verpflichtung überhaupt nichts mehr wissen wollte, erklärte Diederich und +stampfte ehrlich entrüstet auf: „Jetzt wird mir’s doch zu bunt! Wenn Sie +nun nicht gleich herausrücken, sag’ ich’s Ihrem Herrn!“ Darauf lachte +Schorsch und brachte die Schaumrolle. + +Das war ein greifbarer Erfolg. Leider konnte Diederich ihn nur hastig und +in Sorge genießen, denn es war zu fürchten, daß Wolfgang Buck, der draußen +wartete, darüber zukam und den Anteil verlangte, der ihm versprochen war. +Indes fand er Zeit, sich sauber den Mund zu wischen, und vor der Tür brach +er in heftige Schimpfreden auf Schorsch aus, der ein Schwindler sei und +gar keine Schaumrolle habe. Diederichs Gerechtigkeitsgefühl, das sich zu +seinen Gunsten noch eben so kräftig geäußert hatte, schwieg vor den +Ansprüchen des anderen – die man freilich nicht einfach außer acht lassen +durfte, dafür war Wolfgangs Vater eine viel zu achtunggebietende +Persönlichkeit. Der alte Herr Buck trug keinen steifen Kragen, sondern +eine weißseidene Halsbinde und darüber einen großen weißen Knebelbart. Wie +langsam und majestätisch er seinen oben goldenen Stock aufs Pflaster +setzte! Und er hatte einen Zylinder auf, und unter seinem Überzieher sahen +häufig Frackschöße hervor, mitten am Tage! Denn er ging in Versammlungen, +er bekümmerte sich um die ganze Stadt. Von der Badeanstalt, vom Gefängnis, +von allem, was öffentlich war, dachte Diederich: „Das gehört dem Herrn +Buck.“ Er mußte ungeheuer reich und mächtig sein. Alle, auch Herr Heßling, +entblößten vor ihm lange den Kopf. Seinem Sohn mit Gewalt etwas +abzunehmen, wäre eine Tat voll unabsehbarer Gefahren gewesen. Um von den +großen Mächten, die er so sehr verehrte, nicht ganz erdrückt zu werden, +mußte Diederich leise und listig zu Werk gehen. + +Einmal nur, in Untertertia, geschah es, daß Diederich jede Rücksicht +vergaß, sich blindlings betätigte und zum siegestrunkenen Unterdrücker +ward. Er hatte, wie es üblich und geboten war, den einzigen Juden seiner +Klasse gehänselt, nun aber schritt er zu einer ungewöhnlichen Kundgebung. +Aus Klötzen, die zum Zeichnen dienten, erbaute er auf dem Katheder ein +Kreuz und drückte den Juden davor in die Knie. Er hielt ihn fest, trotz +allem Widerstand; er war stark! Was Diederich stark machte, war der +Beifall ringsum, die Menge, aus der heraus Arme ihm halfen, die +überwältigende Mehrheit drinnen und draußen. Denn durch ihn handelte die +Christenheit von Netzig. Wie wohl man sich fühlte bei geteilter +Verantwortlichkeit und einem Schuldbewußtsein, das kollektiv war! + +Nach dem Verrauchen des Rausches stellte wohl leichtes Bangen sich ein, +aber das erste Lehrergesicht, dem Diederich begegnete, gab ihm allen Mut +zurück; es war voll verlegenen Wohlwollens. Andere bewiesen ihm offen ihre +Zustimmung. Diederich lächelte mit demütigem Einverständnis zu ihnen auf. +Er bekam es leichter seitdem. Die Klasse konnte die Ehrung dem nicht +versagen, der die Gunst des neuen Ordinarius besaß. Unter ihm brachte +Diederich es zum Primus und zum geheimen Aufseher. Wenigstens die zweite +dieser Ehrenstellen behauptete er auch später. Er war gut Freund mit +allen, lachte, wenn sie ihre Streiche ausplauderten, ein ungetrübtes, aber +herzliches Lachen, als ernster junger Mensch, der Nachsicht hat mit dem +Leichtsinn – und dann in der Pause, wenn er dem Professor das Klassenbuch +vorlegte, berichtete er. Auch hinterbrachte er die Spitznamen der Lehrer +und die aufrührerischen Reden, die gegen sie geführt worden waren. In +seiner Stimme bebte, nun er sie wiederholte, noch etwas von dem +wollüstigen Erschrecken, womit er sie, hinter gesenkten Lidern, angehört +hatte. Denn er spürte, ward irgendwie an den Herrschenden gerüttelt, eine +gewisse lasterhafte Befriedigung, etwas ganz unter sich Bewegendes, fast +wie ein Haß, der zu seiner Sättigung rasch und verstohlen ein paar Bissen +nahm. Durch die Anzeige der anderen sühnte er die eigene sündhafte Regung. + +Andererseits empfand er gegen die Mitschüler, deren Fortkommen seine +Tätigkeit in Frage stellte, zumeist keine persönliche Abneigung. Er benahm +sich als pflichtmäßiger Vollstrecker einer harten Notwendigkeit. Nachher +konnte er zu dem Getroffenen hintreten und ihn, fast ganz aufrichtig, +beklagen. Einst ward mit seiner Hilfe einer gefaßt, der schon längst +verdächtig war, alles abzuschreiben. Diederich überließ ihm, mit Wissen +des Lehrers, eine mathematische Aufgabe, die in der Mitte absichtlich +gefälscht und deren Endergebnis dennoch richtig war. Am Abend nach dem +Zusammenbruch des Betrügers saßen einige Primaner vor dem Tor in einer +Gartenwirtschaft, was zum Schluß der Turnspiele erlaubt war, und sangen. +Diederich hatte den Platz neben seinem Opfer gesucht. Einmal, als +ausgetrunken war, ließ er die Rechte vom Krug herab auf die des anderen +gleiten, sah ihm treu in die Augen und stimmte in Baßtönen, die von Gemüt +schleppten, ganz allein an: + + „Ich hatt’ einen Kameraden, + Einen bessern findst du nit ...“ + +Übrigens genügte er bei zunehmender Schulpraxis in allen Fächern, ohne in +einem das Maß des Geforderten zu überschreiten, oder auf der Welt irgend +etwas zu wissen, was nicht im Pensum vorkam. Der deutsche Aufsatz war ihm +das Fremdeste, und wer sich darin auszeichnete, gab ihm ein ungeklärtes +Mißtrauen ein. + +Seit seiner Versetzung nach Prima galt seine Gymnasialkarriere für +gesichert, und bei Lehrern und Vater drang der Gedanke durch, er solle +studieren. Der alte Heßling, der 66 und 71 durch das Brandenburger Tor +eingezogen war, schickte Diederich nach Berlin. + + + +Weil er sich aus der Nähe der Friedrichstraße nicht fortgetraute, mietete +er sein Zimmer droben in der Tieckstraße. Jetzt hatte er nur in gerader +Linie hinunterzugehen und konnte die Universität nicht verfehlen. Er +besuchte sie, da er nichts anderes vorhatte, täglich zweimal, und in der +Zwischenzeit weinte er oft vor Heimweh. Er schrieb einen Brief an Vater +und Mutter und dankte ihnen für seine glückliche Kindheit. Ohne Not ging +er nur selten aus. Kaum, daß er zu essen wagte; er fürchtete, sein Geld +vor dem Ende des Monats auszugeben. Und immerfort mußte er nach der Tasche +fassen, ob es noch da sei. + +So verlassen ihm um das Herz war, ging er doch noch immer nicht mit dem +Brief des Vaters in die Blücherstraße zu Herrn Göppel, dem +Zellulosefabrikanten, der aus Netzig war und auch an Heßling lieferte. Am +vierten Sonntag besiegte er seine Scheu – und kaum watschelte der +gedrungene, gerötete Mann, den er schon so oft beim Vater im Kontor +gesehen hatte, auf ihn zu, da wunderte Diederich sich schon, daß er nicht +früher gekommen sei. Herr Göppel fragte gleich nach ganz Netzig und vor +allem nach dem alten Buck. Denn obwohl sein Kinnbart nun auch ergraut war, +hatte er doch, wie Diederich, nur, wie es schien, aus anderen Gründen, +schon als Knabe den alten Buck verehrt. Das war ein Mann: Hut ab! Einer +von denen, die das deutsche Volk hochhalten sollte, höher als gewisse +Leute, die immer alles mit Blut und Eisen kurieren wollten und dafür der +Nation riesige Rechnungen schrieben. Der alte Buck war schon +achtundvierzig dabei gewesen, er war sogar zum Tode verurteilt worden. +„Ja, daß wir hier als freie Männer sitzen können,“ sagte Herr Göppel, „das +verdanken wir solchen Leuten wie dem alten Buck.“ Und er öffnete noch eine +Flasche Bier. „Heute sollen wir uns mit Kürassierstiefeln treten +lassen ...“ + +Herr Göppel bekannte sich als freisinniger Gegner Bismarcks. Diederich +bestätigte alles, was Göppel wollte; er hatte über den Kanzler, die +Freiheit, den jungen Kaiser keinerlei Meinung. Da aber ward er peinlich +berührt, denn ein junges Mädchen war eingetreten, das ihm auf den ersten +Blick durch Schönheit und Eleganz gleich furchtbar erschien. + +„Meine Tochter Agnes“, sagte Herr Göppel. + +Diederich stand da, in seinem faltenreichen Gehrock, als magerer Kadett, +und war rosig überzogen. Das junge Mädchen gab ihm die Hand. Sie wollte +wohl nett sein, aber was war mit ihr anzufangen? Diederich antwortete ja, +als sie fragte, ob Berlin ihm gefalle; und als sie fragte, ob er schon im +Theater gewesen sei, antwortete er nein. Er fühlte sich feucht vor +Ungemütlichkeit und war fest überzeugt, sein Aufbruch sei das einzige, +womit er das junge Mädchen interessieren könne. Aber wie war von hier +fortzukommen? Zum Glück stellte ein anderer sich ein, ein breiter Mensch, +namens Mahlmann, der mit ungeheurer Stimme Mecklenburgisch sprach, _stud. +ing._ zu sein schien und bei Göppels Zimmerherr sein sollte. Er erinnerte +Fräulein Agnes an einen Spaziergang, den sie verabredet hätten. Diederich +ward aufgefordert, mitzukommen. Entsetzt schützte er einen Bekannten vor, +der draußen auf ihn warte, und machte sich sofort davon. „Gott sei Dank,“ +dachte er, während es ihm einen Stich gab, „sie hat schon einen.“ + +Herr Göppel öffnete ihm im Dunkeln die Flurtür und fragte, ob sein Freund +auch Berlin kenne. Diederich log, der Freund sei Berliner. „Denn wenn Sie +es beide nicht kennen, kommen Sie noch in den falschen Omnibus. Sie haben +sich gewiß schon mal verirrt in Berlin.“ Und als Diederich es zugab, +zeigte Herr Göppel sich befriedigt. „Das ist nicht wie in Netzig. Hier +laufen Sie gleich halbe Tage. Was glauben Sie wohl, wenn Sie von Ihrer +Tieckstraße bis hierher zum Halleschen Tor gehen, dann sind Sie ja schon +dreimal durch ganz Netzig gestiegen ... Na, nächsten Sonntag kommen Sie +nun aber zum Mittagessen!“ + +Diederich versprach es. Als es so weit war, hätte er lieber abgesagt; nur +aus Furcht vor seinem Vater ging er hin. Diesmal galt es sogar ein +Alleinsein mit dem Fräulein zu bestehen. Diederich tat geschäftig und als +sei er nicht aufgelegt, sich mit ihr zu befassen. Sie wollte wieder vom +Theater anfangen, aber er schnitt mit rauher Stimme ab: er habe für so +etwas keine Zeit. Ach ja, ihr Papa habe ihr gesagt, Herr Heßling studiere +Chemie? + +„Ja. Das ist überhaupt die einzige Wissenschaft, die Berechtigung hat“, +behauptete Diederich, ohne zu wissen, wie er dazu kam. + +Fräulein Göppel ließ ihren Beutel fallen; er bückte sich so nachlässig, +daß sie ihn wieder hatte, bevor er zur Stelle war. Trotzdem sagte sie +danke, ganz weich, fast beschämt – was Diederich ärgerte. „Kokette Weiber +sind etwas Gräßliches“, dachte er. Sie suchte in ihrem Beutel. + +„Jetzt hab’ ich es doch verloren. Mein englisches Pflaster nämlich. Es +blutet wieder.“ + +Sie wickelte ihren Finger aus dem Taschentuch. Er hatte so sehr die Weiße +des Schnees, daß Diederich der Gedanke kam, das Blut, das darauf lag, +müsse hineinsickern. + +„Ich habe welches“, sagte er, mit einem Ruck. + +Er ergriff ihren Finger, und bevor sie das Blut wegwischen konnte, hatte +er es abgeleckt. + +„Was machen Sie denn?“ + +Er war selbst erschrocken. Er sagte mit streng gefalteten Brauen: „O, ich +als Chemiker probiere noch ganz andere Sachen.“ + +Sie lächelte. „Ach ja, Sie sind eine Art Doktor ... Wie gut Sie das +können“, bemerkte sie und sah ihm beim Aufkleben des Pflasters zu. + +„So“, machte er ablehnend, und trat zurück. Ihm war es schwül geworden, er +dachte: „Wenn man nur nicht immer ihre Haut anfassen müßte! Sie ist +widerlich weich.“ Agnes sah an ihm vorbei. Nach einer Pause versuchte sie: +„Haben wir nicht eigentlich in Netzig gemeinschaftliche Verwandte?“ Und +sie nötigte ihn, mit ihr ein paar Familien durchzugehen. Es stellte sich +Vetternschaft heraus. + +„Sie haben auch noch Ihre Mutter, nicht? Dann können Sie sich freuen. +Meine ist längst tot. Ich werde wohl auch nicht lange leben. Man hat so +Ahnungen“ – und sie lächelte wehmütig und entschuldigend. + +Diederich beschloß schweigend, diese Sentimentalität albern zu finden. +Noch eine Pause – und wie sie beide eilig zum Sprechen ansetzten, kam der +Mecklenburger dazwischen. Die Hand Diederichs drückte er so kraftvoll, daß +Diederichs Gesicht sich verzerrte, und zugleich lächelte er ihm sieghaft +in die Augen. Ohne weiteres zog er einen Stuhl bis vor Agnes’ Knie und +fragte heiter und mit Autorität nach allem Möglichen, was nur sie beide +anging. Diederich war sich selbst überlassen und entdeckte, daß Agnes, so +in Ruhe betrachtet, viel von ihren Schrecken verlor. Eigentlich war sie +nicht hübsch. Sie hatte eine zu kleine, nach innen gebogene Nase, auf +deren freilich sehr schmalem Rücken Sommersprossen saßen. Ihre gelbbraunen +Augen lagen zu nahe beieinander und zuckten, wenn sie einen ansah. Die +Lippen waren zu schmal, das ganze Gesicht war zu schmal. „Wenn sie nicht +so viel braunrotes Haar über der Stirn hätte und dazu den weißen +Teint ...“ Auch bereitete es ihm Genugtuung, daß der Nagel des Fingers, +den er beleckt hatte, nicht ganz sauber gewesen war. + +Herr Göppel kam mit seinen drei Schwestern. Eine von ihnen hatte Mann und +Kinder mit. Der Vater und die Tanten umarmten und küßten Agnes. Sie taten +es mit dringlicher Innigkeit und hatten dabei behutsame Mienen. Das junge +Mädchen war schlanker und größer als sie alle und blickte ein wenig +zerstreut auf sie hinab, die eben an ihren schmächtigen Schultern hing. +Nur ihrem Vater erwiderte sie langsam und ernst seinen Kuß. Diederich sah +dem zu und sah in der Sonne die hellblauen Adern, überzogen von roten +Haaren, ihre Schläfe kreuzen. + +Er mußte eine der Tanten ins Eßzimmer führen. Der Mecklenburger hatte +Agnes’ Arm in den seinen gehängt. Um den langen Familientisch raschelten +die seidenen Sonntagskleider. Die Gehröcke wurden über den Knien +zusammengelegt. Man räusperte sich, die Herren rieben die Hände. Dann kam +die Suppe. + +Diederich saß von Agnes weit weg und konnte sie nicht sehen, wenn er sich +nicht vorbeugte – was er sorgfältig vermied. Da seine Nachbarin ihn in +Ruhe ließ, aß er große Mengen Kalbsbraten und Blumenkohl. Er hörte +ausführlich das Essen besprechen und mußte bestätigen, daß es schön +schmecke. Agnes ward vor dem Salat gewarnt, ihr ward zu Rotwein geraten, +und sie sollte Auskunft geben, ob sie heute morgen Gummischuhe angehabt +habe. Herr Göppel erzählte, Diederich zugewandt, daß er und seine +Schwestern vorhin in der Friedrichstraße, weiß Gott, auseinander gekommen +seien und sich erst im Omnibus wiedergefunden hätten. „So etwas kann Ihnen +in Netzig auch nicht passieren“, rief er voll Stolz über den Tisch. +Mahlmann und Agnes sprachen von einem Konzert. Sie wollte bestimmt hin, +ihr Papa werde es schon erlauben. Herr Göppel machte zärtliche Einwände, +und der Chor der Tanten begleitete sie. Agnes müsse früh schlafen gehen +und bald in gute Luft hinaus; sie habe sich im Winter überanstrengt. Sie +bestritt es. „Ihr laßt mich niemals aus dem Hause. Ihr seid schrecklich.“ + +Diederich nahm innerlich Partei für sie. Er hatte eine Wallung von +Heldentum: er hätte machen wollen, daß sie alles dürfte, daß sie glücklich +war und es ihm dankte ... Da fragte Herr Göppel ihn, ob er in das Konzert +wolle, „Ich weiß nicht“, sagte er verächtlich und sah Agnes an, die sich +vorbeugte. „Was ist das für eins? Ich gehe nur in Konzerte, wo ich Bier +trinken kann.“ + +„Sehr vernünftig“, sagte der Schwager des Herrn Göppel. + +Agnes hatte sich zurückgezogen und, Diederich bereute seinen Ausspruch. + +Aber die Creme, auf die alle gespannt waren, blieb aus. Herr Göppel riet +seiner Tochter, einmal nachzusehen. Bevor sie ihren Kompotteller +hingesetzt hatte, war Diederich aufgesprungen – sein Stuhl flog an die +Wand – und festen Schritts zur Tür geeilt. „Marie! Der Krehm!“ rief er +hinaus. Rot und ohne jemand anzusehen, ging er wieder an seinen Platz. +Aber er merkte ganz gut, sie blinzelten sich zu. Mahlmann stieß sogar +höhnisch den Atem aus. Der Schwager äußerte mit künstlicher Harmlosigkeit: +„Immer galant! So soll es sein.“ Herr Göppel lächelte zärtlich zu Agnes +hin, die nicht von ihrem Kompott aufsah. Diederich stemmte das Knie gegen +die Tischplatte, daß sie anfing sich zu heben. Er dachte: „Gott, o Gott, +hätte ich nur das nicht getan!“ + +Beim Mahlzeitsagen gab er allen die Hand, nur um Agnes drückte er sich +herum. Im Berliner Zimmer beim Kaffee wählte er seinen Sitz mit Sorgfalt +dort, wo Mahlmanns breiter Rücken sie ihm verdeckte. Eine der Tanten +wollte sich seiner annehmen. + +„Was studieren Sie denn, junger Mann?“ fragte sie. + +„Chemie.“ + +„Ach so, Physik?“ + +„Nein, Chemie.“ + +„Ach so.“ + +Und so imposant sie angefangen hatte, hierüber kam sie nicht hinweg. +Diederich nannte sie im stillen eine dumme Gans. Die ganze Gesellschaft +paßte ihm nicht. Von feindseliger Schwermut erfüllt, sah er darein, bis +die letzten Verwandten aufgebrochen waren. Agnes und ihr Vater hatten sie +hinausbegleitet. Herr Göppel kehrte zurück, erstaunt, den jungen Mann +allein noch im Zimmer zu finden. Er schwieg forschend, einmal faßte er in +die Tasche. Als Diederich unvermittelt, ohne um Geld gebeten zu haben, +Abschied nahm, bekundete Göppel große Herzlichkeit. „Meine Tochter werd’ +ich von Ihnen grüßen“, sagte er sogar, und an der Tür, nachdem er ein +wenig überlegt hatte: „Kommen Sie doch nächsten Sonntag wieder!“ + +Diederich war fest entschlossen, das Haus nicht mehr zu betreten. Dennoch +ließ er tags darauf alles stehen und liegen, um sich durch die Stadt bis +zu einem Geschäft zu fragen, wo er für Agnes das Konzertbillett kaufen +konnte. Vorher mußte er auf den Zetteln, die dort hingen, den Namen des +Virtuosen herausfinden, den Agnes erwähnt hatte. War es der? Hatte er so +geklungen? Diederich entschloß sich. Als er dann erfuhr, es koste vier +Mark fünfzig, riß er vor Schrecken die Augen weit auf. So viel Geld, um +einen zu sehen, der Musik machte! Wenn man nur einfach wieder fortgekonnt +hätte! Als er bezahlt hatte und draußen war, entrüstete er sich zunächst +über den Schwindel. Dann bedachte er, daß es für Agnes geschehen sei, und +ward von sich selbst erschüttert. Immer weicher und glücklicher ging er +durch das Gewühl. Es war das erste Geld, das er für einen anderen Menschen +ausgegeben hatte. + +Er legte das Billett in einen Umschlag, in den er nichts weiter legte, und +schrieb die Adresse, um sich nicht zu verraten, mit Schönschrift. Wie er +dann am Briefkasten stand, kam Mahlmann daher und lachte höhnisch. +Diederich fühlte sich durchschaut; er besah die Hand, die er aus dem +Kasten zurückgezogen hatte. Aber Mahlmann bekundete nur die Absicht, sich +Diederichs Bude anzusehen. Er fand, es sähe drinnen aus wie bei einer +älteren Dame. Sogar die Kaffeekanne hatte Diederich von zu Hause +mitgebracht! Diederich schämte sich heiß. Als Mahlmann die Chemiebücher +verächtlich auf- und zuklappte, schämte Diederich sich seines Faches. Der +Mecklenburger wälzte sich ins Sofa und fragte: „Wie gefällt Ihnen denn die +Göppel? Netter Käfer, was? Nun wird er wieder rot! Poussieren Sie doch! +Ich trete zurück, wenn Sie Wert darauf legen. Ich habe Aussicht bei +fünfzehn verschiedenen.“ + +Da Diederich nachlässig abwehrte: + +„Sie, da ist nämlich was zu machen. Ich müßte gar nichts von Weibern +verstehen. Die roten Haare! – und haben Sie nicht gemerkt, wie sie einen +ansieht, wenn sie meint, man weiß es nicht?“ + +„Mich nicht“, sagte Diederich noch geringschätziger. „Ich pfeife auch +darauf.“ + +„Ihr Schade!“ Mahlmann lachte tobend – worauf er vorschlug, einen Bummel +zu machen. Daraus ward eine Bierreise. Die ersten Gaslichter sahen sie +beide betrunken. Etwas später, in der Leipziger Straße, bekam Diederich +ohne Anlaß von Mahlmann eine mächtige Ohrfeige. Er sagte: „Au! Das ist +aber doch eine –“ Vor dem Wort „Frechheit“ schrak er zurück. Der +Mecklenburger klopfte ihm auf die Schulter. „Recht freundlich, Kleiner! +Alles bloß Freundschaft!“ – und überdies nahm er Diederich die letzten +zehn Mark ab ... Vier Tage später fand er ihn schwach vor Hunger und +teilte ihm von dem, was er inzwischen anderswo gepumpt hatte, großmütig +drei Mark mit. Am Sonntag bei Göppels – mit weniger leerem Magen wäre +Diederich vielleicht nicht hingegangen – erzählte Mahlmann, daß Heßling +all sein Geld verlumpt habe und sich heute mal satt essen müsse. Herr +Göppel und sein Schwager lachten verständnisvoll, aber Diederich hätte +lieber nie geboren sein wollen, als von Agnes so traurig prüfend angesehen +werden. Sie verachtete ihn! Verzweifelt tröstete er sich. „Es ist alles +eins, sie hat es schon immer getan!“ Da fragte sie, ob das Konzertbillett +vielleicht von ihm gewesen sei. Alle wandten sich ihm zu. + +„Unsinn! Wie sollte ich dazu wohl kommen“, entgegnete er so +unliebenswürdig, daß sie ihm glaubten. Agnes zögerte ein wenig, bevor sie +wegsah. Mahlmann bot den Damen Pralinees an und stellte die übrigen vor +Agnes hin. Diederich kümmerte sich nicht um sie. Er aß noch mehr als das +vorige Mal. Da doch alle meinten, er sei nur deswegen da! Als es hieß, der +Kaffee solle im Grunewald getrunken werden, erfand Diederich sofort eine +Verabredung. Er setzte sogar hinzu: „Mit jemand, den ich unmöglich warten +lassen kann.“ Herr Göppel legte ihm seine gedrungene Hand auf die +Schulter, blinzelte ihn aus gesenktem Kopf an und sagte halblaut: „Keine +Angst, Sie sind natürlich eingeladen.“ Aber Diederich beteuerte entrüstet, +daß es nicht daran liege. „Na, wenigstens kommen Sie wieder, sobald Sie +Lust haben“, schloß Göppel, und Agnes nickte dazu. Sie schien sogar etwas +sagen zu wollen, aber Diederich wartete es nicht ab. Er ging den Rest des +Tages in selbstzufriedener Trauer umher, wie nach Vollziehung eines großen +Opfers. Am Abend in einem überfüllten Bierlokal saß er den Kopf +aufgestützt und nickte von Zeit zu Zeit auf sein einsames Glas hinab, als +verstehe er jetzt das Schicksal. + +Was war zu machen gegen die gewalttätige Art, in der Mahlmann seine +Anleihen aufnahm? Am Sonntag hatte dann der Mecklenburger einen +Blumenstrauß für Agnes, und Diederich, der mit leeren Händen kam, hätte +sagen können: „Der ist eigentlich von mir, Fräulein.“ Indessen schwieg er, +mit noch mehr Groll gegen Agnes als gegen Mahlmann. Denn Mahlmann forderte +zur Bewunderung heraus, wenn er des Nachts einem Unbekannten nachlief, um +ihm den Zylinder einzuschlagen – obwohl Diederich keineswegs die Warnung +verkannte, die solch ein Vorgang für ihn selbst enthielt. + +Ende des Monats, zu seinem Geburtstag, bekam er eine unvorhergesehene +Summe, die seine Mutter ihm erspart hatte, und erschien bei Göppels mit +einem Bukett, keinem zu großen, um sich nicht bloßzustellen, und auch, um +Mahlmann nicht herauszufordern. Das junge Mädchen hatte, wie sie es nahm, +ein ergriffenes Gesicht, und Diederich lächelte herablassend und verlegen +zugleich. Dieser Sonntag deuchte ihm unerhört festlich; er war nicht +überrascht, als man in den Zoologischen Garten gehen wollte. + +Die Gesellschaft rückte aus, nachdem Mahlmann sie abgezählt hatte: elf +Personen. Alle Frauen unterwegs waren, wie Göppels Schwestern, vollständig +anders angezogen als in der Woche: als seien sie heute von einer höheren +Klasse oder hätten geerbt. Die Männer trugen Gehröcke: nur wenige in +Verbindung mit schwarzen Hosen, wie Diederich, aber viele mit Strohhüten. +Kam man durch eine Seitenstraße, war sie breit, gleichförmig und leer, +ohne einen Menschen, ohne einen Pferdeapfel. Einmal doch tanzte ein Kreis +kleiner Mädchen in weißen Kleidern, schwarzen Strümpfen und ganz behangen +mit Schleifen, schrill singend, einen Ringelreihen. Gleich darauf, in der +Verkehrsader, stürmten schwitzende Matronen einen Omnibus; und die +Gesichter der Kommis, die unnachsichtlich mit ihnen um die Plätze rangen, +sahen neben ihren heftig roten zum Umfallen blaß aus. Alles drängte +vorwärts, alles stürzte einem Ziel zu, wo endlich das Vergnügen anfangen +sollte. Alle Mienen sagten hart: „Nu los, gearbeitet haben wir genug!“ + +Diederich kehrte vor den Damen den Berliner heraus. In der Stadtbahn +eroberte er ihnen mehrere Sitze. Einen Herrn, der im Begriff stand, einen +wegzunehmen, hinderte er daran, indem er ihn heftig auf den Fuß trat. Der +Herr schrie: „Flegel!“ Diederich antwortete ihm im selben Sinn. Da zeigte +es sich, daß Herr Göppel ihn kannte, und kaum einander vorgestellt, +bekundeten Diederich und der andere die ritterlichsten Sitten. Keiner +wollte sitzen, um den anderen nicht stehen zu lassen. + +Am Tisch im Zoologischen Garten geriet Diederich neben Agnes – warum ging +heute alles glücklich? –, und als sie gleich nach dem Kaffee zu den Tieren +wollte, unterstützte er sie stürmisch. Er war voll Unternehmungslust. Vor +dem engen Gang zwischen den Raubtierkäfigen kehrten die Damen um. +Diederich trug Agnes seine Begleitung an. „Da nehmen Sie doch lieber mich +mit hinein“, sagte Mahlmann. „Wenn wirklich eine Stange losgehen sollte –“ + +„Dann machen Sie sie auch nicht wieder fest“, entgegnete Agnes und trat +ein, während Mahlmann sein Gelächter aufschlug. Diederich blieb hinter +ihr. Ihm war bange: vor den Bestien, die von rechts und links auf ihn +zustürzten, ohne anderen Laut als den des Atems, den sie über ihn +hinstießen – und vor dem jungen Mädchen, dessen Blumenduft ihm voranzog. +Ganz hinten wandte sie sich um und sagte: + +„Ich mag das Renommieren nicht!“ + +„Wirklich?“ fragte Diederich, vor Freude gerührt. + +„Heute sind Sie mal nett“, sagte Agnes; und er: + +„Ich möchte es eigentlich immer sein.“ + +„Wirklich?“ – Und jetzt war es an ihrer Stimme, ein wenig zu schwanken. +Sie sahen einander an, jeder mit einer Miene, als verdiente er das alles +nicht. Das junge Mädchen sagte klagend: + +„Die Tiere riechen aber furchtbar.“ + +Und sie gingen zurück. + +Mahlmann empfing sie. „Ich wollte nur sehen, ob Sie nicht ausreißen +würden.“ Dann nahm er Diederich beiseite. „Na? Was macht die Kleine? Geht +es bei Ihnen auch? Ich habe es gleich gesagt, daß es keine Kunst ist.“ + +Da Diederich stumm blieb: + +„Sie sind wohl scharf ins Zeug gegangen? Wissen Sie was? Ich bin nur noch +ein Semester in Berlin: dann können Sie mich beerben. Aber so lange warten +Sie gefälligst –“ Auf seinem ungeheuren Rumpf ward sein kleiner Kopf +plötzlich tückisch anzusehen. „– Freundchen!“ + +Und Diederich war entlassen. Er hatte einen heftigen Schrecken bekommen +und wagte sich gar nicht mehr in Agnes’ Nähe. Sie hörte nicht sehr +aufmerksam auf Mahlmann, sie rief rückwärts: „Papa! Heute ist es schön, +heute geht es mir aber wirklich gut.“ + +Herr Göppel nahm ihren Arm zwischen seine beiden Hände und tat, als wollte +er fest zudrücken, aber er berührte sie kaum. Seine blanken Augen lachten +und waren feucht. Als die Familie Abschied genommen hatte, versammelte er +seine Tochter und die beiden jungen Leute um sich und erklärte ihnen, der +Tag müsse gefeiert werden; sie wollten die Linden entlang gehen und +nachher irgendwo essen. + +„Papa wird leichtsinnig!“ rief Agnes und sah sich nach Diederich um. Aber +er hielt die Augen gesenkt. In der Stadtbahn benahm er sich so +ungeschickt, daß er weit von den anderen getrennt ward; und im Gedränge +der Friedrichsstadt blieb er mit Herrn Göppel allein zurück. Plötzlich +hielt Göppel an, tastete verstört auf seinem Magen umher und fragte: + +„Wo ist meine Uhr?“ + +Sie war fort mitsamt der Kette. Mahlmann sagte: + +„Wie lange sind Sie schon in Berlin, Herr Göppel?“ + +„Jawohl!“ – und Göppel wendete sich an Diederich. „Dreißig Jahre bin ich +hier, aber das ist mir denn doch noch nicht passiert.“ Und stolz trotz +allem: „Sehen Sie, das gibt’s in Netzig überhaupt nicht!“ + +Nun mußte man, statt zu essen, auf das Polizeirevier und ein Verhör +bestehen. Und Agnes hustete. Göppel zuckte zusammen. „Wir wären jetzt doch +zu müde“, murmelte er. Mit künstlicher Jovialität verabschiedete er +Diederich, der Agnes’ Hand übersah und linkisch den Hut zog. Auf einmal, +mit überraschender Geschicklichkeit und ehe Mahlmann begriff, was vorging, +schwang er sich auf einen vorbeifahrenden Omnibus. Er war entkommen! Und +jetzt fingen die Ferien an! Er war alles los! Zu Hause freilich warf er +die schwersten seiner Chemiebände mit Krachen auf den Boden. Er hielt +sogar schon die Kaffeekanne in der Hand. Aber bei dem Geräusch einer Tür +begann er sofort, alles wieder aufzulesen. Dann setzte er sich still in +die Sofaecke, stützte den Kopf und weinte. Wäre es nicht vorher so schön +gewesen! Er war ihr auf den Leim gegangen. So machten es die Mädchen: daß +sie manchmal mit einem so taten, und dabei wollten sie einen nur mit einem +Kerl auslachen. Diederich war sich tief bewußt, daß er es mit so einem +Kerl nicht aufnehmen könne. Er sah sich neben Mahlmann und würde es nicht +begriffen haben, hätte eine sich für ihn entschieden. „Was hab’ ich mir +nur eingebildet?“ dachte er. „Eine, die sich in mich verliebt, muß +wirklich dumm sein.“ Er litt große Angst, der Mecklenburger könne kommen +und ihn noch ärger bedrohen. „Ich will sie gar nicht mehr. Wäre ich nur +schon fort!“ Die nächsten Tage saß er in tödlicher Spannung bei +verschlossener Tür. Kaum war sein Geld da, reiste er. + +Seine Mutter fragte, befremdet und eifersüchtig, was er habe. Nach so +kurzer Zeit sei er kein Junge mehr. „Ja, das Berliner Pflaster!“ + +Diederich griff zu, als sie verlangte, er solle an eine kleine +Universität, nicht wieder nach Berlin. Der Vater fand, daß es ein Für und +ein Wider gäbe. Diederich mußte ihm viel von Göppels berichten. Ob er die +Fabrik gesehen habe. Und war er bei den anderen Geschäftsfreunden gewesen? +Herr Heßling wünschte, daß Diederich die Ferien benutze, um in der +väterlichen Werkstätte den Gang der Papierverfertigung kennenzulernen. +„Ich bin nicht mehr der Jüngste, und mein Granatsplitter hat mich auch +schon lange nicht so gekitzelt.“ + +Diederich entwischte, sobald er konnte, um im Wald von Gäbbelchen oder +längs des Ruggebaches bei Gohse spazierenzugehen und sich mit der Natur +eins zu fühlen. Denn das konnte er jetzt. Zum erstenmal fiel es ihm auf, +daß die Hügel dahinten traurig oder wie eine große Sehnsucht aussahen, und +was als Sonne oder Regen vom Himmel fiel, waren Diederichs heiße Liebe und +seine Tränen. Denn er weinte viel. Er versuchte sogar zu dichten. + +Als er einmal die Löwenapotheke betrat, stand hinter dem Ladentisch sein +Schulkamerad Gottlieb Hornung. „Ja, ich spiel’ hier den Sommer über ’n +bißchen Apotheker“, erklärte er. Er hatte sich sogar schon aus Versehen +vergiftet und sich dabei nach hinten zusammengerollt wie ein Aal. Die +ganze Stadt hatte davon gesprochen! Aber zum Herbst ging er nun nach +Berlin, um die Sache wissenschaftlich anzufassen. Ob denn in Berlin was +los sei. Hocherfreut über den Besitz seiner Überlegenheit fing Diederich +an, mit seinen Berliner Erlebnissen zu prahlen. Der Apotheker verhieß: +„Wir beide zusammen stellen Berlin auf den Kopf.“ + +Und Diederich war schwach genug, zuzusagen. Die kleine Universität ward +verworfen. Am Ende des Sommers – Hornung hatte noch einige Tage zu +praktizieren – kehrte Diederich nach Berlin zurück. Er mied das Zimmer in +der Tieckstraße. Vor Mahlmann und den Göppels flüchtete er bis nach +Gesundbrunnen hinaus. Dort wartete er auf Hornung. Aber Hornung, der seine +Abreise gemeldet hatte, blieb aus; und als er endlich kam, trug er eine +grüngelbrote Mütze. Er war sofort von einem Kollegen für eine Verbindung +gekeilt worden. Auch Diederich sollte ihr beitreten; es waren die +Neuteutonen, eine hochfeine Korporation, sagte Hornung; allein sechs +Pharmazeuten waren dabei. Diederich verbarg seinen Schrecken unter der +Maske der Geringschätzung, aber es half nichts. Er solle Hornung nicht +blamieren, der von ihm gesprochen habe; einen Besuch wenigstens müsse er +machen. + +„Aber nur einen“, sagte er fest. + +Der eine dauerte, bis Diederich unter dem Tisch lag und sie ihn +fortschafften. Als er ausgeschlafen hatte, holten sie ihn zum +Frühschoppen; Diederich war Konkneipant geworden. + +Und für diesen Posten fühlte er sich bestimmt. Er sah sich in einen großen +Kreis von Menschen versetzt, deren keiner ihm etwas tat oder etwas anderes +von ihm verlangte, als daß er trinke. Voll Dankbarkeit und Wohlwollen +erhob er gegen jeden, der ihn dazu anregte, sein Glas. Das Trinken und +Nichttrinken, das Sitzen, Stehen, Sprechen oder Singen hing meistens nicht +von ihm selbst ab. Alles ward laut kommandiert, und wenn man es richtig +befolgte, lebte man mit sich und der Welt in Frieden. Als Diederich beim +Salamander zum ersten Male nicht nachklappte, lächelte er in die Runde, +beinahe verschämt durch die eigene Vollkommenheit! + +Und das war noch nichts gegen seine Sicherheit im Gesang! Diederich hatte +in der Schule zu den besten Sängern gehört und schon in seinem ersten +Liederheft die Seitenzahlen auswendig gewußt, wo jedes Lied zu finden war. +Jetzt brauchte er in das Kommersbuch, das auf großen Nägeln in der Lache +von Bier lag, nur den Finger zu schieben, und traf vor allen anderen die +Nummer, die gesungen werden sollte. Oft hing er den ganzen Abend mit +Ehrerbietung am Munde des Präses: ob vielleicht sein Lieblingsstück daran +käme. Dann dröhnte er tapfer: „Sie wissen den Teufel, was Freiheit heißt“, +hörte neben sich den dicken Delitzsch brummen und fühlte sich wohlig +geborgen in dem Halbdunkel des niedrigen altdeutschen Lokals, mit den +Mützen an der Wand, angesichts des Kranzes geöffneter Münder, die alle +dasselbe tranken und sangen, bei dem Geruch des Bieres und der Körper, die +es in der Wärme wieder ausschwitzten. Ihm war, wenn es spät ward, als +schwitze er mit ihnen allen aus demselben Körper. Er war untergegangen in +der Korporation, die für ihn dachte und wollte. Und er war ein Mann, +durfte sich selbst hochachten und hatte eine Ehre, weil er dazu gehörte! +Ihn herausreißen, ihm einzeln etwas anhaben, das konnte keiner! Mahlmann +hätte sich einmal herwagen und es versuchen sollen: zwanzig Mann wären +statt Diederichs gegen ihn aufgestanden! Diederich wünschte ihn geradezu +herbei, so furchtlos war er. Womöglich sollte er mit Göppel kommen, dann +mochten sie sehen, was aus Diederich geworden war, dann war er gerächt! + +Gleichwohl gab ihm die meiste Sympathie der Harmloseste von allen ein, +sein Nachbar, der dicke Delitzsch. Etwas tief Beruhigendes, +Vertrauengestattendes wohnte in dieser glatten, weißen und humorvollen +Speckmasse, die unten breit über die Stuhlränder quoll, in mehreren +Wülsten die Tischhöhe erreichte und dort, als sei nun das Äußerste getan, +aufgestützt blieb, ohne eine andere Bewegung als das Heben und Hinstellen +des Bierglases. Delitzsch war, wie niemand sonst, an seinem Platz; wer ihn +dasitzen sah, vergaß, daß er ihn je auf den Beinen erblickt hatte. Er war +ausschließlich zum Sitzen am Biertisch eingerichtet. Sein Hosenboden, der +in jedem anderen Zustand tief und melancholisch herabhing, fand nun seine +wahre Gestalt und blähte sich machtvoll. Erst mit Delitzsch’ hinterem +Gesicht blühte auch sein vorderes auf. Lebensfreude überglänzte es, und er +ward witzig. + +Ein Drama entstand, wenn ein junger Fuchs sich den Scherz machte, ihm das +Bierglas wegzunehmen. Delitzsch rührte kein Glied, aber seine Miene, die +dem geraubten Glase überall hin folgte, enthielt plötzlich den ganzen, +stürmisch bewegten Ernst des Daseins, und er rief in sächsischem +Schreitenor: „Junge, daß du mir nischt verschüttest! Was entziehst de mir +überhaupt mein’ Läbensunterhalt! Das ist ’ne ganz gemeine, böswilliche +Existenzschädichung, und ich kann dich glatt verklaachen!“ + +Dauerte der Spaß zu lange, senkten sich Delitzsch’ weiße Fettwangen, und +er bat, er machte sich klein. Sobald er aber das Bier zurück hatte: welche +allumfassende Aussöhnung in seinem Lächeln, welche Verklärung! Er sagte: +„Du bist doch ä gutes Luder, du sollst läm, prost!“ – trank aus und +klopfte mit dem Deckel nach dem Korpsdiener: „Herr Oberkörper!“ + +Nach einigen Stunden geschah es wohl, daß sein Stuhl sich mit ihm umdrehte +und Delitzsch den Kopf über das Becken der Wasserleitung hielt. Das Wasser +plätscherte, Delitzsch gurgelte erstickt, und ein paar andere stürzten, +durch seine Laute angeregt, in die Toilette. Noch ein wenig sauer von +Gesicht, aber schon mit frischer Schelmerei, rückte Delitzsch an den Tisch +zurück. + +„Na, nu geht’s ja wieder“, sagte er; und: „Wovon habt ’r denn geredt, +während ich anderweitig beschäftigt war? Wißt ihr denn egal nischt wie +Weibergeschichten? Was koof’ ich mir für die Weiber?“ Immer lauter: „Nich +mal ä sauern Schoppen kann ’ch mir dafür koofen. Sie, Herr Oberkörper!“ + +Diederich gab ihm recht. Er hatte die Weiber kennengelernt, er war mit +ihnen fertig. Unvergleichlich idealere Werte enthielt das Bier. + +Das Bier! Der Alkohol! Da saß man und konnte immer noch mehr davon haben, +das Bier war nicht wie kokette Weiber, sondern treu und gemütlich. Beim +Bier brauchte man nicht zu handeln, nichts zu wollen und zu erreichen, wie +bei den Weibern. Alles kam von selbst. Man schluckte: und da hatte man es +schon zu etwas gebracht, fühlte sich auf die Höhen des Lebens befördert +und war ein freier Mann, innerlich frei. Das Lokal hätte von Polizisten +umstellt sein dürfen: das Bier, das man schluckte, verwandelte sich in +innere Freiheit. Und man hatte sein Examen so gut wie bestanden. Man war +„fertig“, war Doktor! Man füllte im bürgerlichen Leben eine Stellung aus, +war reich und von Wichtigkeit: Chef einer mächtigen Fabrik von +Ansichtskarten oder Toilettenpapier. Was man mit seiner Lebensarbeit +schuf, war in tausend Händen. Man breitete sich, vom Biertisch her, über +die Welt aus, ahnte große Zusammenhänge, ward eins mit dem Weltgeist. Ja, +das Bier erhob einen so sehr über das Selbst, daß man Gott fand! + +Gern hätte er es jahrelang so weitergetrieben. Aber die Neuteutonen ließen +ihn nicht. Fast vom ersten Tage an hatten sie ihm den moralischen und +materiellen Wert einer völligen Zugehörigkeit zur Verbindung geschildert; +allmählich aber gingen sie immer unverblümter darauf aus, ihn zu keilen. +Vergebens berief sich Diederich auf seine anerkannte Stellung als +Konkneipant, in die er sich eingelebt habe und die ihn befriedige. Sie +entgegneten, daß der Zweck des studentischen Zusammenschlusses, nämlich +die Erziehung zur Mannhaftigkeit und zum Idealismus, durch das Kneipen +allein, soviel es auch beitrage, noch nicht ganz erfüllt werde. Diederich +zitterte; nur zu gut erkannte er, worauf dieses hinauslief. Er sollte +pauken! Schon immer hatte es ihn unheimlich angeweht, wenn sie mit ihren +Stöcken in der Luft ihm die Schläge vorgeführt hatten, die sie einander +beigebracht haben wollten; oder wenn einer von ihnen eine schwarze Mütze +um den Kopf hatte und nach Jodoform roch. Jetzt dachte er gepreßt: „Warum +bin ich dabei geblieben und Konkneipant geworden! Nun muß ich ’ran.“ + +Er mußte. Aber gleich die ersten Erfahrungen beruhigten ihn. Er war so +sorgsam eingewickelt, behelmt und bebrillt worden, daß ihm unmöglich viel +geschehen konnte. Da er keinen Grund hatte, den Kommandos nicht gerade so +willig und gelehrig nachzukommen wie in der Kneipe, lernte er fechten, +schneller als andere. Beim ersten Durchzieher ward ihm schwach: über die +Wange fühlte er es rinnen. Als er dann genäht war, hätte er am liebsten +getanzt vor Glück. Er warf es sich vor, daß er diesen gutmütigen Menschen +gefährliche Absichten zugetraut hatte. Gerade der, den er am meisten +gefürchtet hatte, nahm ihn unter seinen Schutz und ward ihm ein +wohlgesinnter Erzieher. + +Wiebel war Jurist, was ihm allein schon Diederichs Unterordnung gesichert +hätte. Nicht ohne Selbstzerknirschung sah er die englischen Stoffe an, in +die Wiebel sich kleidete, und die farbigen Hemden, von denen er immer +mehrere abwechselnd trug, bis sie alle in die Wäsche mußten. Das +Beklemmendste aber waren Wiebels Manieren. Wenn er mit leichter eleganter +Verbeugung Diederich zutrank, klappte Diederich – und seine Miene war +leidend vor Anstrengung – tief zusammen, verschüttete die eine Hälfte und +verschluckte sich mit der anderen. Wiebel sprach mit leiser, arroganter +Feudalstimme. + +„Man kann sagen, was man will,“ bemerkte er gern, „Formen sind kein leerer +Wahn.“ + +Für das F in „Formen“ machte er seinen Mund zu einem kleinen schwarzen +Mausloch und stieß es langsam geschwellt heraus. Diederich unterlag +jedesmal wieder dem Schauer von so viel Vornehmheit. Alles an Wiebel +dünkte ihm erlesen: daß die rötlichen Barthaare ganz oben auf der Lippe +wuchsen und seine langen, gekrümmten Nägel nach unten gekrümmt, nicht, wie +bei Diederich, nach oben; der starke männliche Duft, der von Wiebel +ausging, auch seine abstehenden Ohren, die die Wirkung des durchgezogenen +Scheitels erhöhten, und die katerhaft in Schläfenwulste gebetteten Augen. +Diederich hatte das alles immer nur im unbedingten Gefühl des eigenen +Unwertes mit angesehen. Seit aber Wiebel ihn anredete und sich sogar zu +seinem Gönner machte, war es Diederich, als sei ihm erst jetzt das Recht +auf Dasein bestätigt. Er hatte Lust, dankbar zu wedeln. Sein Herz weitete +sich vor glücklicher Bewunderung. Wenn seine Wünsche sich so hoch +hinausgewagt hätten, auch er hätte gern solchen roten Hals gehabt und +immer geschwitzt. Welch ein Traum, säuseln zu können wie Wiebel! + +Und nun durfte Diederich ihm dienen, er war sein Leibfuchs! Stets wohnte +er Wiebels Erwachen bei, suchte ihm seine Sachen zusammen – und da Wiebel +infolge unregelmäßiger Bezahlung mit der Wirtin schlecht stand, besorgte +Diederich ihm den Kaffee und reinigte ihm die Schuhe. Dafür durfte er +mitgehen auf allen Wegen. Wenn Wiebel ein Bedürfnis verrichtete, hielt +Diederich draußen Wache, und er wünschte sich nur, seinen Schläger da zu +haben, um ihn schultern zu können. + +Wiebel hätte es verdient. Die Ehre der Korporation, in der auch Diederichs +Ehre und sein ganzes Schuldbewußtsein wurzelten, am glänzendsten vertrat +Wiebel sie. Er schlug sich, mit wem man wollte, für die Neuteutonia. Er +hatte das Ansehen der Verbindung erhöht, denn er sollte einst einen +Vindoborussen koramiert haben! Auch hatte er einen Verwandten beim Zweiten +Garde-Grenadierregiment Kaiser Franz Joseph; und so oft Wiebel seinen +Vetter von Klappke erwähnte, machte die ganze Neuteutonia eine +geschmeichelte Verbeugung. Diederich suchte sich einen Wiebel in der +Uniform eines Gardeoffiziers vorzustellen; aber so viel Vornehmheit war +nicht auszudenken. Eines Tages dann, wie er mit Gottlieb Hornung, weithin +duftend, vom täglichen Frisieren kam, stand an einer Straßenecke Wiebel +mit einem Zahlmeister. Kein Irrtum: es war ein Zahlmeister – und als +Wiebel ihr Kommen bemerkte, drehte er ihnen den Rücken. Auch sie wendeten +und machten sich stumm und stramm davon, ohne einander anzusehen und ohne +eine Bemerkung. Jeder vermutete, daß auch der andere die Ähnlichkeit des +Zahlmeisters mit Wiebel festgestellt habe. Und vielleicht kannten die +übrigen schon längst den wahren Sachverhalt? Aber allen stand die Ehre der +Neuteutonia hoch genug, um zu schweigen, ja, um das Erblickte zu +vergessen. Als Wiebel das nächste Mal „mein Vetter von Klappke“ sagte, +verbeugten Diederich und Hornung sich mit den anderen, geschmeichelt wie +je. + +Schon hatte Diederich Selbstbeherrschung gelernt, Beobachtung der Formen, +Korpsgeist, Eifer für das Höhere. Nur mit Mitleid und Widerwillen dachte +er an das elende Dasein des schweifenden Wilden, das früher das seine +gewesen war. Jetzt war Ordnung und Pflicht in sein Leben gebracht. Zu +genau eingehaltenen Stunden erschien er auf Wiebels Bude, im Fechtsaal, +beim Friseur und zum Frühschoppen. Der Nachmittagsbummel leitete zur +Kneipe über; und jeder Schritt geschah in Korporation, unter Aufsicht und +mit Wahrung peinlicher Formen und gegenseitiger Ehrerbietung, die +gemütvolle Derbheit nicht ausschloß. Ein Kommilitone, mit dem Diederich +bisher nur offiziellen Verkehr unterhalten hatte, stieß einst mit ihm vor +der Toilette zusammen, und obwohl sie beide kaum noch gerade stehen +konnten, wollte keiner den Vortritt annehmen. Lange komplimentierten sie +sich – bis sie plötzlich, im gleichen Augenblick vom Drang überwältigt, +wie zwei zusammenprallende Eber durch die Tür brachen, daß ihnen die +Schulterknochen knackten. Das war der Beginn einer Freundschaft. In +menschlicher Lage einander näher gekommen, rückten sie nachher auch am +offiziellen Kneiptisch zusammen, tranken Schmollis und nannten sich +„Schweinehund“ und „Nilpferd“. + +Nicht immer zeigte das Verbindungsleben seine heitere Seite. Es forderte +Opfer; es übte im männlichen Ertragen des Schmerzes. Delitzsch selbst, der +Quell so mancher Heiterkeit, verbreitete Trauer in der Neuteutonia. Eines +Vormittags, wie Wiebel und Diederich ihn abzuholen kamen: er stand am +Waschtisch und sagte noch: „Na da. Habt ’r heit aach so ä Durscht?“ – +plötzlich, ehe sie zugreifen konnten, fiel er hin, mitsamt dem +Waschgeschirr. Wiebel befühlte ihn: Delitzsch regte sich nicht mehr. + +„Herzklaps“, sagte Wiebel kurz. Er ging stramm zur Klingel. Diederich hob +die Scherben auf und trocknete den Boden. Dann trugen sie Delitzsch auf +das Bett. Dem formlosen Gejammer der Wirtin gegenüber verharrten beide in +streng kommentmäßiger Haltung. Unterwegs zur Erledigung des weiteren – sie +marschierten im Takt nebeneinander – sagte Wiebel mit straffer +Todesverachtung: + +„So was kann jedem von uns passieren. Kneipen ist kein Spaß. Das kann sich +jeder gesagt sein lassen.“ + +Und mit allen anderen fühlte Diederich sich gehoben durch Delitzsch’ treue +Pflichterfüllung, durch seinen Tod auf dem Felde der Ehre. Mit Stolz +folgten sie dem Sarge; „Neuteutonia sei’s Panier“, stand in jeder Miene. +Auf dem Friedhof, die umflorten Schläger gesenkt, hatten alle das in sich +vertiefte Gesicht des Kriegers, den die nächste Schlacht dahinraffen kann, +wie die vorigen den Kameraden; und was der erste Chargierte von dem +Geschiedenen rühmte: er habe in der Schule der Mannhaftigkeit und des +Idealismus den höchsten Preis errungen, das erschütterte jeden, als gälte +es ihm selbst. + +Hiermit ging Diederichs Lehrzeit zu Ende, denn Wiebel trat aus, um sich +auf den Referendar vorzubereiten; und fortan hatte Diederich die von ihm +übernommenen Grundsätze selbständig zu vertreten und sie den Jüngeren +einzupflanzen. Er tat es im Gefühl hoher Verantwortlichkeit und mit +Strenge. Wehe dem Fuchs, der es verdient hatte, in die Kanne zu steigen. +Keine fünf Minuten vergingen, und er mußte sich an den Wänden +hinaustasten. Das Schreckliche geschah, daß einer vor Diederich aus der +Tür ging. Seine Buße waren acht Tage Bierverschiß. Nicht Stolz oder +Eigenliebe leiteten Diederich: einzig sein hoher Begriff von der Ehre der +Korporation. Er selbst war nur ein Mensch, also nichts; jedes Recht, sein +ganzes Ansehen und Gewicht kamen ihm von ihr. Auch körperlich verdankte er +ihr alles: die Breite seines weißen Gesichts, seinen Bauch, der ihn den +Füchsen ehrwürdig machte, und das Privileg, bei festlichen Anlässen in +hohen Stiefeln mit Band und Mütze aufzutreten, den Genuß der Uniform! Wohl +hatte er noch immer einem Leutnant Platz zu machen, denn die Körperschaft, +der der Leutnant angehörte, war offenbar die höhere; aber wenigstens mit +einem Trambahnschaffner konnte er furchtlos verkehren, ohne Gefahr, von +ihm angeschnauzt zu werden. Seine Männlichkeit stand ihm mit Schmissen, +die das Kinn spalteten, rissig durch die Wangen fuhren und in den kurz +geschorenen Schädel hackten, drohend auf dem Gesicht geschrieben – und +welche Genugtuung, sie täglich und nach Belieben einem jeden beweisen zu +können! Einmal bot sich eine unerwartet glänzende Gelegenheit. Zu dritt, +mit Gottlieb Hornung und dem Dienstmädchen ihrer Wirtin, waren sie beim +Tanz in Halensee. Seit einigen Monaten teilten die Freunde sich eine +Wohnung, mit der ein ziemlich hübsches Dienstmädchen verbunden war, +machten ihr beide kleine Geschenke und gingen des Sonntags gemeinsam mit +ihr aus. Ob Hornung es so weit bei ihr gebracht hatte wie er selbst, +darüber hatte Diederich seine privaten Vermutungen. Offiziell und von +Verbindungs wegen war es ihm unbekannt. + +Rosa war nicht übel angezogen, auf dem Ball fand sie Bewerber. Damit +Diederich noch eine Polka bekam, war er genötigt, sie daran zu erinnern, +daß er ihr die Handschuhe gekauft habe. Schon machte er zur Einleitung des +Tanzes seine korrekte Verbeugung, da drängte sich unversehens ein anderer +dazwischen und polkte mit Rosa von dannen. Betreten sah Diederich ihnen +nach, im dunklen Gefühl, daß er hier werde einschreiten müssen. Bevor er +sich aber regte, war ein Mädchen durch die tanzenden Paare gestürzt, hatte +Rosa geohrfeigt und sie in unzarter Weise von ihrem Partner getrennt. Dies +sehen und auf Rosas Räuber losmarschieren, war für Diederich eins. + +„Mein Herr,“ sagte er und sah ihm fest in die Augen, „Ihr Benehmen ist +unqualifizierbar.“ + +Der andere erwiderte: + +„Wennschon.“ + +Überrascht von dieser ungewöhnlichen Wendung eines offiziellen Gesprächs, +stammelte Diederich: + +„Knote.“ + +Der andere erwiderte prompt: + +„Schote“ – und lachte dabei. Durch so viel Formlosigkeit vollends aus der +Fassung gebracht, wollte Diederich sich schon verbeugen und abtreten; aber +der andere stieß ihn plötzlich vor den Bauch – und gleich darauf wälzten +sie sich zusammen am Boden. Umringt von Gekreisch und anfeuernden Zurufen +kämpften sie, bis man sie trennte. Gottlieb Hornung, der Diederichs +Klemmer suchen half, rief: „Da reißt er aus“ – und war schon hinterher. +Diederich folgte. Sie sahen den anderen mit einem Begleiter gerade noch in +eine Droschke steigen und nahmen die nächste. Hornung behauptete, die +Verbindung dürfe das nicht auf sich sitzen lassen. „So was kneift und +bekümmert sich nicht mal mehr um die Dame.“ Diederich erklärte: + +„Was Rosa betrifft, die ist für mich erledigt.“ + +„Für mich auch.“ + +Die Fahrt war aufregend. „Ob wir nachkommen? Wir haben einen lahmen Gaul.“ +„Wenn der Prolet nun nicht satisfaktionsfähig ist?“ Man entschied: „Dann +hat die Sache offiziell nicht stattgefunden.“ + +Der erste Wagen hielt im Westen vor einem anständigen Haus. Diederich und +Hornung trafen ein, wie das Tor zugeschlagen ward. Entschlossen postierten +sie sich davor. Es ward kühl, sie marschierten hin und her vor dem Hause, +zwanzig Schritte nach links, zwanzig Schritte nach rechts, behielten immer +die Tür im Auge und wiederholten immer dieselben ernsten und weittragenden +Reden. Nur Pistolen kamen hier in Frage! Diesmal war die Ehre der +Neuteutonia teuer zu bezahlen! Wenn es nur kein Prolet war! + +Endlich kam der Portier zum Vorschein, und sie nahmen ihn ins Verhör. Sie +suchten ihm die Herren zu beschreiben, fanden aber, daß die beiden keine +besonderen Kennzeichen hatten. Hornung, noch leidenschaftlicher als +Diederich, blieb dabei, daß man warten müsse, und noch zwei Stunden lang +marschierten sie hin und her, dann bogen aus dem Hause zwei Offiziere. +Diederich und Hornung rissen die Augen auf, ungewiß, ob hier nicht ein +Irrtum vorlag. Die Offiziere stutzten. Einer schien sogar zu erbleichen. +Da entschloß Diederich sich. Er trat vor den Erbleichten hin. + +„Mein Herr –“ + +Die Stimme versagte ihm. Der Leutnant sagte, verlegen: „Sie irren sich +wohl.“ + +Diederich brachte hervor: + +„Durchaus nicht. Ich muß Genugtuung fordern. Sie haben sich –“ + +„Ich kenne Sie ja gar nicht“, stammelte der Leutnant. Aber sein Kamerad +flüsterte ihm etwas zu: „So geht das nicht“ – er ließ sich von dem anderen +die Karte geben, legte seine eigene dazu und überreichte sie Diederich. +Diederich gab die seine her; dann las er: „Albrecht Graf +Tauern-Bärenheim“. Da nahm er sich nicht mehr die Zeit, auch die andere zu +lesen, sondern begann kleine, eifrige Verbeugungen zu vollführen. Der +zweite Offizier wandte sich inzwischen an Gottlieb Hornung. + +„Mein Freund hat den Scherz natürlich ganz harmlos gemeint. Er wäre +selbstverständlich zu jeder Genugtuung bereit; ich will nur feststellen, +daß eine beleidigende Absicht nicht vorliegt.“ + +Der andere, den er dabei ansah, hob die Schultern. Diederich stammelte: „O +danke sehr.“ + +„Damit ist die Sache wohl erledigt“, sagte der Freund; und die beiden +Herren entfernten sich. + +Diederich stand noch da, die Stirn feucht und mit befangenen Sinnen. +Plötzlich seufzte er tief auf und lächelte langsam. + +Nachher auf der Kneipe war die Rede nur von diesem Vorfall. Diederich +rühmte den Kommilitonen das wahrhaft ritterliche Verhalten des Grafen. + +„Ein wirklicher Edelmann verleugnet sich doch nie.“ + +Er machte den Mund klein wie ein Mausloch und stieß in langsamer +Schwellung die Worte hervor: + +„F – formen sind doch kein leerer Wahn.“ + +Immer wieder rief er Gottlieb Hornung als Zeugen seines großen +Augenblickes auf. + +„So gar nichts Steifes, wie? Oh! Auf einen doch immerhin gewagten Scherz +kommt es solchem Herrn nicht an. Eine Haltung dabei: t–hadellos, kann ich +euch sagen. Die Erklärungen Seiner Erlaucht waren so durchaus +befriedigend, daß ich meinerseits unmöglich –: Ihr begreift, man ist kein +Rauhbein.“ + +Alle begriffen es und bestätigten Diederich, daß die Neuteutonia in dieser +Sache durchaus anständig abgeschnitten habe. Die Karten der beiden +Edelleute wurden bei den Füchsen umhergereicht und zwischen den gekreuzten +Schlägern am Kaiserbild befestigt. Kein Neuteutone, der sich heute nicht +betrank. + +Damit endete das Semester; aber Diederich und Hornung hatten für die +Heimreise kein Geld. Das Geld fehlte ihnen schon längst für fast alles. +Mit Rücksicht auf die Pflichten des Verbindungslebens war Diederichs +Wechsel auf zweihundertfünfzig Mark erhöht worden; und doch übermannten +ihn die Schulden. Alle Quellen schienen ausgepumpt, nur dürres Land sah +man, verschmachtend, sich dahindehnen – und endlich mußte man wohl, so +wenig dies Rittern angestanden hätte, über die Zurückforderung dessen +beraten, was sie selbst im Lauf der Zeiten an Kommilitonen verliehen +hatten. Gewiß war mancher alte Herr inzwischen zu großen Geldern gelangt. +Hornung fand keinen; Diederich verfiel auf Mahlmann. + +„Bei dem geht es“, erklärte er. „Der war bei gar keiner Verbindung: ein +ganz gemeiner Ruppsack. Dem werd’ ich mal auf die Bude steigen.“ + +Aber als Mahlmann ihn erblickte, brach er ohne weiteres in sein +riesenhaftes Lachen aus, daß Diederich fast vergessen hatte und das ihn +sofort unwiderstehlich herabstimmte. Mahlmann war taktlos! Er hätte doch +fühlen sollen, daß hier in seinem Patentbureau mit Diederich die ganze +Neuteutonia moralisch zugegen war, und hätte Diederich um ihretwillen +Achtung erweisen sollen. Diederich hatte den Eindruck, als sei er aus der +kraftspendenden Gesamtheit jäh herausgerissen und stehe hier als einzelner +Mensch vor einem anderen. Eine nicht vorhergesehene, unliebsame Lage! Um +so unbefangener trug er seine Sache vor. Oh! Er wolle kein Geld zurück, +das würde er einem Kameraden niemals zugemutet haben! Mahlmann möge nur so +gefällig sein, ihm für einen Wechsel zu bürgen. Mahlmann lehnte sich in +seinen Schreibsessel zurück und sagte breit und selbstverständlich: + +„Nein.“ + +Diederich, betroffen: + +„Wieso, nein?“ + +„Bürgen ist gegen meine Prinzipien“, erklärte Mahlmann. + +Diederich errötete vor Entrüstung. „Aber ich habe doch auch für Sie +gebürgt, und dann ist der Wechsel an mich gekommen, und ich mußte für Sie +hundert Mark blechen. Sie haben sich gehütet!“ + +„Sehen Sie wohl? Und wenn ich jetzt für Sie bürgen wollte, würden Sie auch +nicht bezahlen.“ + +Diederich riß nur noch die Augen auf. + +„Nein, Freundchen,“ schloß Mahlmann; „wenn ich Selbstmord begehen will, +brauch’ ich Sie nicht dazu.“ + +Diederich faßte sich, er sagte herausfordernd: + +„Sie haben wohl keinen Komment, mein Herr.“ + +„Nein“, wiederholte Mahlmann und lachte ungeheuerlich. + +Mit äußerstem Nachdruck stellte Diederich fest: „Dann scheinen Sie +überhaupt ein Schwindler zu sein. Es soll ja gewisse Patentschwindler +geben.“ + +Mahlmann lachte nicht mehr; die Augen in seinem kleinen Kopf waren +tückisch geworden, und er stand auf. „Nun müssen Sie ’rausgehen“, sagte +er, ohne Erregung. „Unter uns wäre es wohl Wurst, aber nebenan sitzen +meine Angestellten, die dürfen so was nicht hören.“ + +Er packte Diederich an den Schultern, drehte ihn herum und schob ihn vor +sich her. Für jeden Versuch, sich loszumachen, bekam Diederich einen +mächtigen Knuff. + +„Ich fordere Genugtuung“, schrie er, „Sie müssen sich mit mir schlagen!“ + +„Ich bin schon dabei. Merken Sie es nicht? Dann will ich noch einen +rufen.“ Er öffnete die Tür. „Friedrich!“ Und Diederich ward einem Packer +überliefert, der ihn die Treppe hinabbeförderte. Mahlmann rief ihm nach: + +„Nichts für ungut, Freundchen. Wenn Sie ein andermal was auf dem Herzen +haben, kommen Sie ruhig wieder!“ + +Diederich brachte sich in Ordnung und verließ das Haus in guter Haltung. +Um so schlimmer für Mahlmann, wenn er sich so aufführte! Diederich hatte +sich nichts vorzuwerfen; vor einem Ehrengericht wäre er glänzend +dagestanden. Etwas höchst Anstößiges blieb es, daß ein einzelner sich so +viel erlauben konnte; Diederich war gekränkt im Namen sämtlicher +Korporationen. Andererseits war es nicht zu leugnen, daß Mahlmann +Diederichs alte Hochachtung wieder beträchtlich aufgefrischt hatte. „Ein +ganz gemeiner Hund“, dachte Diederich. „Aber so muß man sein ...“ + +Zu Hause lag ein eingeschriebener Brief. + +„Nun können wir fortmachen“, sagte Hornung. + +„Wieso wir? Ich brauch’ mein Geld selbst.“ + +„Du machst wohl Spaß. Ich kann hier doch nicht allein sitzenbleiben.“ + +„Dann such’ dir Gesellschaft!“ + +Diederich schlug ein solches Gelächter auf, daß Hornung ihn für verrückt +hielt. Darauf reiste er wirklich. + +Unterwegs sah er erst, daß der Brief von seiner Mutter adressiert war. Das +war ungewöhnlich ... Seit ihrer letzten Karte, sagte sie, sei es mit +seinem Vater noch viel schlimmer geworden. Warum Diederich nicht gekommen +sei. + +„Wir müssen uns auf das Entsetzlichste gefaßt machen. Wenn Du unseren +innigst geliebten Papa noch einmal sehen willst, o dann säume nicht +länger, mein Sohn!“ + +Bei dieser Ausdrucksweise ward es Diederich ungemütlich. Er entschloß +sich, seiner Mutter einfach nicht zu glauben. „Weibern glaub’ ich +überhaupt nichts, und mit Mama ist es nun mal nicht richtig.“ + +Trotzdem tat Herr Heßling bei Diederichs Ankunft gerade die letzten +Atemzüge. + +Von dem Anblick überwältigt, brach Diederich gleich auf der Schwelle in +ein ganz formloses Geheul aus. Er stolperte zum Bett, sein Gesicht war im +Augenblick naß wie beim Waschen; und mit den Armen tat er lauter kurze +Flügelschläge und ließ sie machtlos gegen die Hüften klappen. Plötzlich +erkannte er auf der Decke des Vaters rechte Hand, kniete hin und küßte +sie. Frau Heßling, ganz still und klein selbst noch bei den letzten +Atemzügen ihres Herrn, tat drüben dasselbe mit der linken. Diederich +dachte daran, wie dieser verkümmerte schwarze Fingernagel auf seine Wange +zugeflogen war, wenn der Vater ihn ohrfeigte; und er weinte laut. Die +Prügel gar, als er von den Lumpen die Knöpfe gestohlen hatte! Diese Hand +war schrecklich gewesen; Diederichs Herz krampfte sich, nun er sie +verlieren sollte. Er fühlte, daß seine Mutter das gleiche im Sinn hatte, +und sie ahnte seine Gedanken. Auf einmal sanken sie einander, über das +Bett hinweg, in die Arme. + +Bei den Kondolenzbesuchen hatte Diederich sich zurück. Er vertrat vor ganz +Netzig, stramm und formensicher, die Neuteutonia, sah sich angestaunt und +vergaß darüber fast, daß er trauerte. Dem alten Herrn Buck ging er bis zur +äußeren Tür entgegen. Die Beleibtheit des großen Mannes von Netzig ward +majestätisch in seinem glänzenden Gehrock. Würdevoll trug der den +umgewendeten Zylinderhut vor sich her; und die andere, vom schwarzen +Handschuh entblößte Hand, die er Diederich reichte, fühlte sich +überraschend zartfleischig an. Seine blauen Augen drangen warm in +Diederich ein, und er sagte: + +„Ihr Vater war ein guter Bürger. Junger Mann, werden Sie auch einer! Haben +Sie immer Achtung vor den Rechten Ihrer Mitmenschen! Das gebietet Ihnen +Ihre eigene Menschenwürde. Ich hoffe, wir werden hier in unserer Stadt +noch zusammen für das Gemeinwohl arbeiten. Sie werden jetzt wohl fertig +studieren?“ + +Diederich konnte kaum das Ja herausbringen, so sehr verstörte ihn die +Ehrfurcht. Der alte Buck fragte in leichterem Ton: + +„Hat mein Jüngster Sie in Berlin schon aufgesucht? Nein? O, das soll er +tun. Er studiert jetzt auch dort. Wird aber wohl bald sein Jahr abdienen. +Haben Sie das schon hinter sich?“ + +„Nein“ – und Diederich ward sehr rot. Er stammelte Entschuldigungen. Es +sei ihm bisher ganz unmöglich gewesen, das Studium zu unterbrechen. Aber +der alte Buck zuckte die Achseln, als sei der Gegenstand unerheblich. + +Durch das Testament des Vaters war Diederich neben dem alten Buchhalter +Sötbier zum Vormund seiner beiden Schwestern bestimmt. Sötbier belehrte +ihn, daß ein Kapital von siebzigtausend Mark da sei, das als Mitgift der +Mädchen dienen solle. Nicht einmal die Zinsen durften angegriffen werden. +Der Reingewinn aus der Fabrik hatte in den letzten Jahren durchschnittlich +neuntausend Mark betragen. „Mehr nicht?“ fragte Diederich. Sötbier sah ihn +an, zuerst entsetzt, dann vorwurfsvoll. Wenn der junge Herr sich +vorstellen könnte, wie sein seliger Vater und Sötbier das Geschäft +heraufgearbeitet hätten! Gewiß war es ja noch ausdehnungsfähig ... + +„Na, is jut“, sagte Diederich. Er sah, daß hier vieles geändert werden +müsse. Von einem Viertel von neuntausend Mark sollte er leben? Diese +Zumutung des Verstorbenen empörte ihn. Als seine Mutter behauptete, der +Selige habe auf dem Sterbebette die Zuversicht geäußert, in seinem Sohn +Diederich werde er fortleben, und Diederich werde sich niemals +verheiraten, um immer für die Seinen zu sorgen, da brach Diederich aus. +„Vater war nicht so krankhaft sentimental wie du,“ schrie er, „und er log +auch nicht.“ Frau Heßling glaubte den Seligen zu hören und duckte sich. +Dies benutzte Diederich, um seinen Monatswechsel um fünfzig Mark erhöhen +zu lassen. + +„Zunächst“, sagte er rauh, „hab’ ich mein Jahr abzudienen. Das kostet, was +es kostet. Mit euren kleinlichen Geldgeschichten könnt ihr mir später +kommen.“ + +Er bestand sogar darauf, in Berlin einzutreten. Der Tod des Vaters hatte +ihm wilde Freiheitsgefühle gegeben. Nachts freilich träumte er, der alte +Herr trete aus dem Kontor, mit dem ergrauten Gesicht, das er als Leiche +gehabt hatte – und schwitzend erwachte Diederich. + +Er reiste, versehen mit dem Segen der Mutter. Gottlieb Hornung und ihre +gemeinsame Rosa konnte er fortan nicht brauchen und zog um. Den +Neuteutonen zeigte er in angemessener Form seine veränderten +Lebensumstände an. Die Burschenherrlichkeit war vorüber. Der +Abschiedskommers! Trauersalamander wurden gerieben, die für Diederichs +alten Herrn bestimmt waren, aber die auch ihm und seiner schönsten +Blütezeit gelten konnten. Vor lauter Hingabe gelangte er unter den Tisch, +wie am Abend seiner Aufnahme als Konkneipant; und war nun alter Herr. + +Arg verkatert stand er tags darauf, inmitten anderer jungen Leute, die +alle, wie er selbst, ganz nackt ausgezogen waren, vor dem Stabsarzt. +Dieser Herr sah angewidert über all das männliche Fleisch hin, das ihm +unterbreitet war; an Diederichs Bauch aber ward sein Blick höhnisch. +Sofort grinsten alle ringsum, und Diederich blieb nichts übrig, als auch +seinerseits die Augen auf seinen Bauch zu senken, der errötet war ... Der +Stabsarzt hatte seinen vollen Ernst zurück. Einem, der nicht so scharf +hörte, wie es Vorschrift war, erging es schlecht, denn man kannte die +Simulanten! Ein anderer, der noch dazu Levysohn hieß, bekam die Lehre: +„Wenn Sie mich wieder mal hier belästigen, dann waschen Sie sich +wenigstens!“ Bei Diederich hieß es: + +„Ihnen wollen wir das Fett schon wegkurieren. Vier Wochen Dienst, und ich +garantiere Ihnen, daß Sie aussehen wie ein Christenmensch.“ + +Damit war er angenommen. Die Ausgemusterten fuhren so schnell in ihre +Kleider, als brennte die Kaserne. Die für tauglich Befundenen sahen +einander prüfend von der Seite an und entfernten sich zaudernd, als +erwarteten sie, daß eine schwere Hand sich ihnen auf die Schultern lege. +Einer, ein Schauspieler mit einem Gesicht, als sei ihm alles eins, kehrte +um, stellte sich nochmals vor den Stabsarzt hin und sagte laut, mit +sorgfältiger Aussprache: „Ich möchte noch hinzufügen, daß ich homosexuell +bin.“ + +Der Stabsarzt wich zurück, er war ganz rot. Stimmlos sagte er: „Solche +Schweine können wir allerdings nicht brauchen.“ + +Diederich drückte den künftigen Kameraden seine Entrüstung aus über ein so +schamloses Verfahren. Dann sprach er noch den Unteroffizier an, der vorher +an der Wand seine Körperlänge gemessen hatte, und beteuerte ihm, daß er +froh sei. Trotzdem schrieb er nach Netzig an den praktischen Arzt Dr. +Heuteufel, der ihn als Jungen im Hals gepinselt hatte: ob der Doktor ihm +nicht bescheinigen wolle, daß er skrofulös und rachitisch sei. Er könne +sich doch nicht ruinieren lassen mit der Schinderei. Aber die Antwort +lautete, er solle nur nicht kneifen, das Dienen werde ihm trefflich +bekommen. So gab Diederich denn sein Zimmer wieder auf und fuhr mit seinem +Handkoffer in die Kaserne. Wenn man schon vierzehn Tage dort wohnen mußte, +konnte man so lange die Miete sparen. + +Sofort ging es mit Reckturnen, Springen und anderen atemraubenden Dingen +an. Kompagnieweise ward man in den Korridoren, die „Rayons“ hießen, +„abgerichtet“. Leutnant von Kullerow trug eine unbeteiligte Hochnäsigkeit +zur Schau, die Einjährigen betrachtete er nie anders als mit einem +zugekniffenen Auge. Plötzlich schrie er: „Abrichter!“ und gab den +Unteroffizieren eine Instruktion, worauf er sich verachtungsvoll abwandte. +Beim Exerzieren im Kasernenhof, beim Gliederbilden, Sichzerstreuen und +Platzwechseln ward weiter nichts beabsichtigt, als die „Kerls“ +umherzuhetzen. Ja, Diederich fühlte wohl, daß alles hier, die Behandlung, +die geläufigen Ausdrücke, die ganze militärische Tätigkeit vor allem +darauf hinzielte, die persönliche Würde auf ein Mindestmaß herabzusetzen. +Und das imponierte ihm; es gab ihm, so elend er sich befand, und gerade +dann, eine tiefe Achtung ein und etwas wie selbstmörderische Begeisterung. +Prinzip und Ideal war ersichtlich das gleiche wie bei den Neuteutonen, nur +ward es grausamer durchgeführt. Die Pausen der Gemütlichkeit, in denen man +sich seines Menschentums erinnern durfte, fielen fort. Jäh und +unabänderlich sank man zur Laus herab, zum Bestandteil, zum Rohstoff, an +dem ein unermeßlicher Wille knetete. Wahnsinn und Verderben wäre es +gewesen, auch nur im geheimsten Herzen sich aufzulehnen. Höchstens konnte +man, gegen die eigene Überzeugung, sich manchmal drücken. Diederich war +beim Laufen gefallen, der Fuß tat ihm weh. Nicht, daß er gerade hätte +hinken müssen, aber er hinkte und durfte, wie die Kompagnie „ins Gelände“ +marschierte, zurückbleiben. Um dies zu erreichen, war er zunächst an den +Hauptmann selbst herangetreten. „Herr Hauptmann, bitte –“ Welche +Katastrophe! Er hatte in seiner Ahnungslosigkeit vorwitzig das Wort an +eine Macht gerichtet, von der man stumm und auf den Knien des Geistes +Befehle entgegenzunehmen hatte! Der man sich nur „vorführen“ lassen +konnte! Der Hauptmann donnerte, daß die Unteroffiziere zusammenliefen, mit +Mienen, in denen das Entsetzen vor einer Lästerung stand. Die Folge war, +daß Diederich stärker hinkte und einen Tag länger vom Dienst befreit +werden mußte. + +Unteroffizier Vanselow, der für die Untat seines Einjährigen +verantwortlich war, sagte zu Diederich nur: „Das will ein gebildeter +Mensch sein!“ Er war es gewohnt, daß alles Unheil von den Einjährigen kam. +Vanselow schlief in ihrem Mannschaftszimmer hinter einem Verschlag. Nach +dem Lichtlöschen zoteten sie, bis der Unteroffizier empört +dazwischenschrie: „Das wollen gebildete Leute sein!“ Trotz seiner langen +Erfahrung erwartete er immer noch von den Einjährigen mehr Geist und gute +Haltung als von den anderen Leuten und war immer neu enttäuscht. In +Diederich sah er keineswegs den Schlimmsten. Das Bier, das einer zahlte, +entschied nicht allein über Vanselows Meinung. Noch mehr sah Vanselow auf +den soldatischen Geist freudiger Unterwerfung, und den hatte Diederich. In +der Instruktionsstunde konnte man ihn den anderen als Muster vorhalten. +Diederich zeigte sich ganz erfüllt von den militärischen Idealen der +Tapferkeit und der Ehrliebe. Was die Abzeichen und die Rangordnung betraf, +so schien der Sinn dafür ihm angeboren. Vanselow sagte: „Jetzt bin ich der +Herr Kommandierende General“, und auf der Stelle benahm Diederich sich, +als glaubte er es. Wenn es aber hieß: „Jetzt bin ich ein Mitglied der +königlichen Familie“, dann war Diederichs Verhalten so, daß es dem +Unteroffizier ein Lächeln des Größenwahns abnötigte. + +Im Privatgespräch in der Kantine eröffnete Diederich seinem Vorgesetzten, +daß er vom Soldatenleben begeistert sei. „Das Aufgehen im großen Ganzen!“ +sagte er. Er wünsche sich nichts auf der Welt, als ganz dabei zu bleiben. +Und er war aufrichtig – was aber nicht hinderte, daß er am Nachmittag, bei +den Übungen „im Gelände“, keinen anderen Wunsch mehr kannte, als sich in +den Graben zu legen und nicht mehr vorhanden zu sein. Die Uniform, die +ohnedies, aus Rücksichten der Strammheit, zu eng geschnitten war, ward +nach dem Essen zum Marterwerkzeug. Was half es, daß der Hauptmann, bei +seinen Kommandos, sich unsäglich kühn und kriegerisch auf dem Pferd +herumsetzte, wenn man selbst, rennend und schnaufend, die Suppe unverdaut +im Magen schlenkern fühlte. Die sachliche Begeisterung, zu der Diederich +völlig bereit war, mußte zurücktreten hinter der persönlichen Not. Der Fuß +schmerzte wieder; und Diederich lauschte auf den Schmerz, in der +angstvollen, mit Selbstverachtung verbundenen Hoffnung, es möchte +schlimmer werden, so schlimm, daß er nicht wieder „ins Gelände“ hinaus +mußte, daß er vielleicht nicht einmal mehr im Kasernenhof üben konnte und +daß man genötigt war, ihn zu entlassen! + +Es kam dahin, daß er am Sonntag den alten Herrn eines Korpsbruders +aufsuchte, der Geheimer Sanitätsrat war. Er müsse ihn um seinen Beistand +bitten, sagte Diederich, rot vor Scham. Er sei begeistert für die Armee, +für das große Ganze und wäre am liebsten ganz dabei geblieben. Man sei da +in einem großartigen Betrieb, ein Teil der Macht sozusagen und wisse +immer, was man zu tun habe: das sei ein herrliches Gefühl. Aber der Fuß +tue nun einmal weh. „Man darf es doch nicht so weit kommen lassen, daß er +unbrauchbar wird. Schließlich habe ich Mutter und Geschwister zu +ernähren.“ Der Geheimrat untersuchte ihn. „Neuteutonia sei’s Panier“, +sagte er. „Ich kenne zufällig Ihren Oberstabsarzt.“ Hiervon war Diederich +durch seinen Korpsbruder unterrichtet. Er empfahl sich, voll banger +Hoffnung. + +Die Hoffnung bewirkte, daß er am nächsten Morgen kaum noch auftreten +konnte. Er meldete sich krank. „Wer sind Sie, was belästigen Sie mich?“ – +und der Stabsarzt maß ihn. „Sie sehen aus wie das Leben, Ihr Bauch ist +auch schon kleiner.“ Aber Diederich stand stramm und blieb krank; der +Vorgesetzte mußte sich zu einer Untersuchung herbeilassen. Als er den Fuß +zu Gesicht bekam, erklärte er, wenn er sich nicht eine Zigarre anzünde, +werde ihm unwohl werden. Trotzdem war nichts zu finden an dem Fuß. Der +Stabsarzt stieß ihn entrüstet vom Stuhl. „Macht Dienst, Schluß, abtreten“ +– und Diederich war erledigt. Mitten im Exerzieren aber schrie er +plötzlich auf und fiel um. Er ward ins „Revier“ gebracht, den Aufenthalt +der Leichterkrankten, wo es nach Volk roch und nichts zu essen gab. Denn +die Selbstbeköstigung, die den Einjährigen zustand, war hier nur schwer zu +bewerkstelligen, und von den Rationen der anderen bekam er nichts. Vor +Hunger meldete er sich gesund. Abgeschnitten von menschlichem Schutz, von +allen sittlichen Rechten der bürgerlichen Welt, trug er sein düsteres +Geschick; eines Morgens aber, als alle Hoffnung schon dahin war, holte man +ihn vom Exerzieren weg auf das Zimmer des Oberstabsarztes. Dieser hohe +Vorgesetzte wünschte ihn zu untersuchen. Er hatte einen verlegen +menschlichen Ton und schlug dann wieder in militärische Schroffheit um, +die gleichfalls nicht unbefangen wirkte. Auch er schien nichts Rechtes zu +finden, das Ergebnis seines Eingreifens aber klang trotzdem anders. +Diederich sollte nur „vorläufig“ weiter Dienst machen, das weitere werde +sich schon ergeben. „Bei _dem Fuß_ ...“ + +Einige Tage später trat ein „Revier“gehilfe an Diederich heran und +fertigte auf geschwärztem Papier einen Abdruck des verhängnisvollen Fußes. +Diederich ward genötigt, im Revierzimmer zu warten. Der Stabsarzt ging +eben umher und nahm Gelegenheit, ihm seine volle Verachtung auszudrücken. +„Nicht mal Plattfuß! Stinkt vor Faulheit!“ Da aber ward die Tür +aufgestoßen, und der Oberstabsarzt, die Mütze auf dem Kopf, hielt seinen +Einzug. Sein Schritt war fester und zielbewußter als sonst, er sah nicht +rechts noch links, wortlos stellte er sich vor seinem Untergebenen auf, +den Blick finster und streng auf dessen Mütze. Der Stabsarzt stutzte, er +mußte sich in eine Lage finden, die ersichtlich die gewohnte Kollegialität +nicht mehr zuließ. Nun hatte er sie erfaßt, nahm die Mütze herunter und +stand stramm. Darauf zeigte der Vorgesetzte ihm das Papier mit dem Fuß, +sprach leise und mit einer Betonung, die ihm befahl, etwas zu sehen, was +nicht da war. Der Stabsarzt blinzelte abwechselnd den Vorgesetzten, +Diederich und das Papier an. Dann zog er die Absätze zusammen: er hatte +das Befohlene gesehen. + +Als der Oberstabsarzt fort war, näherte der Stabsarzt sich Diederich. +Höflich, mit einem leisen Lächeln des Einverständnisses, sagte er: + +„Der Fall war natürlich von Anfang an klar. Man mußte nur der Leute wegen +–. Sie verstehen, die Disziplin –.“ + +Diederich bekundete durch Strammstehen, daß er alles verstehe. + +„Aber“, wiederholte der Stabsarzt, „ich habe natürlich gewußt, wie Ihr +Fall lag.“ + +Diederich dachte: „Wenn du es nicht gewußt hast, jetzt weißt du es.“ Laut +sagte er: + +„Gestatte mir gehorsamst zu fragen, Herr Stabsarzt: Ich werde doch +weiterdienen dürfen?“ + +„Dafür kann ich Ihnen nicht garantieren“, sagte der Stabsarzt und machte +kehrt. + +Von schwerem Dienst war Diederich fortan befreit, das „Gelände“ sah ihn +nicht mehr. Um so williger und freudiger war sein Verhalten in der +Kaserne. Wenn des Abends beim Appell der Hauptmann, die Zigarre im Munde +und leicht angetrunken, aus dem Kasino kam, um für Stiefel, die nicht +geschmiert, sondern gewichst waren, Mittelarrest zu verhängen: an +Diederich fand er nichts auszusetzen. Um so unerbittlicher übte er seine +gerechte Strenge an einem Einjährigen, der nun schon im dritten Monat +strafweise im Mannschaftszimmer schlafen mußte, weil er einst, während der +ersten vierzehn Tage, nicht dort, sondern zu Hause geschlafen hatte. Er +hatte damals vierzig Grad Fieber gehabt und wäre, wenn er seine Pflicht +getan hätte, vielleicht gestorben. Dann wäre er eben gestorben! Der +Hauptmann hatte, sooft er diesen Einjährigen ansah, ein Gesicht voll +stolzer Genugtuung. Diederich dahinten, klein und unversehrt, dachte: +„Siehst du wohl? Die Neuteutonia und ein Geheimer Sanitätsrat sind mehr +wert als vierzig Grad Fieber ...“ Was Diederich betraf, so waren die +amtlichen Formalitäten eines Tages glücklich erfüllt, und der +Unteroffizier Vanselow verkündete ihm seine Entlassung. Diederich hatte +sofort die Augen voll Tränen; er drückte Vanselow warm die Hand. + +„Gerade muß mir das passieren, und ich hatte doch“ – er schluchzte – „so +viel Freudigkeit.“ + +Und dann war er „draußen“. + +Vier Wochen lang blieb er zu Hause und büffelte. Wenn er zum Essen ging, +sah er sich um, ob ein Bekannter ihn bemerkte. Endlich mußte er sich den +Neuteutonen wohl zeigen. Er trat herausfordernd auf. + +„Wer von euch noch nicht dabei war, hat keine Ahnung. Ich sage euch, da +sieht man die Welt von einem anderen Standpunkt. Ich wäre überhaupt dabei +geblieben, meine Vorgesetzten rieten es mir, ich sei hervorragend +qualifiziert. Na und da –“ + +Er starrte schmerzlich vor sich hin. + +„Das Unglück mit dem Gaul. Das kommt davon, wenn man ein zu guter Soldat +ist. Der Hauptmann läßt einen in seinem Dogcart fahren, damit der Gaul mal +bewegt wird, und da ist das Unglück passiert. Natürlich habe ich den Fuß +nicht geschont und zu früh wieder Dienst gemacht. Die Sache verschlimmerte +sich erheblich, der Stabsarzt gab mir anheim, für jede Eventualität meine +Angehörigen zu benachrichtigen.“ + +Dies sagte er knapp und männlich. + +„Da hättet ihr nun den Hauptmann sehen sollen. Täglich kam er selbst, nach +den größten Märschen, mit bestaubter Uniform, wie er war. So was gibt es +auch nur beim Militär. Wir sind in den bösen Tagen wahre Kameraden +geworden. Hier die Zigarre ist noch von ihm. Und als er mir dann +eingestehen mußte, der Stabsarzt wolle mich fortschicken, ich kann euch +versichern, das war einer der Augenblicke im Leben, die man nicht vergißt. +Der Hauptmann und ich, wir kriegten beide gleichzeitig feuchte Augen.“ + +Alle waren erschüttert. Diederich sah tapfer um sich. + +„Na, jetzt soll man sich also wieder in das bürgerliche Leben +hineinfinden. Prost.“ + +Er büffelte weiter; und am Sonnabend kneipte er mit den Neuteutonen. Auch +Wiebel erschien wieder. Er war Assessor, auf dem Wege zum Staatsanwalt und +sprach nur noch von „subversiven Tendenzen“, „Vaterlandsfeinden“ und auch +vom „christlich-sozialen Gedanken“. Er erklärte den Füchsen, es sei an der +Zeit, sich mit Politik zu beschäftigen. Er wisse wohl, daß es nicht für +vornehm gelte, aber die Gegner zwängen einen dazu. Hochfeudale Herren, wie +sein Freund, der Assessor von Barnim, seien in der Bewegung. Herr von +Barnim werde demnächst den Neuteutonen die Ehre geben. + +Er kam, und er gewann alle Herzen, denn er benahm sich wie gleich zu +gleich. Er hatte dunkles, glatt gescheiteltes Haar, das Wesen eines +pflichteifrigen Beamten, sprach sachlich – aber am Schluß seines Vortrages +bekam er Schwärmeraugen und verabschiedete sich rasch, mit warmen +Händedrücken. Die Neuteutonen stimmten nach seinem Besuch alle darin +überein, daß der jüdische Liberalismus die Vorfrucht der Sozialdemokratie +sei und daß die christlichen Deutschen sich um den Hofprediger Stöcker zu +scharen hätten. Diederich verband, wie die anderen, mit dem Wort +„Vorfrucht“ keinen deutlichen Sinn und verstand unter „Sozialdemokratie“ +nur eine allgemeine Teilerei. Das genügte ihm auch. Aber Herr von Barnim +hatte jeden, der nähere Aufklärung wünschte, zu sich eingeladen, und +Diederich würde es sich nicht verziehen haben, wenn er eine so +schmeichelhafte Gelegenheit versäumt hätte. + +In seiner kalten, altmodischen Junggesellenwohnung hielt Herr von Barnim +ihm ein Privatissimum. Sein politisches Ziel war eine ständische +Volksvertretung, wie im glücklichen Mittelalter: Ritter, Geistliche, +Gewerbetreibende, Handwerker. Das Handwerk mußte, der Kaiser hatte es mit +Recht gefordert, wieder auf die Höhe kommen, wie vor dem Dreißigjährigen +Krieg. Die Innungen hatten Gottesfurcht und Sittlichkeit zu pflegen. +Diederich äußerte sein wärmstes Einverständnis. Es entsprach seinen +Trieben, als eingetragenes Mitglied eines Standes, einer Berufsklasse, +nicht persönlich, sondern korporativ im Leben Fuß zu fassen. Er sah sich +schon als Abgeordneter der Papierbranche. Die jüdischen Mitbürger freilich +schloß Herr von Barnim von seiner Ordnung der Dinge aus; waren sie doch +das Prinzip der Unordnung und Auflösung, des Durcheinanderwerfens, der +Respektlosigkeit: das Prinzip des Bösen selbst. Sein frommes Gesicht zog +sich zusammen vom Haß, und Diederich fühlte ihn mit. + +„Schließlich“, meinte er, „haben wir doch die Gewalt und können sie +hinauswerfen. Das deutsche Heer –“ + +„Das ist es eben“, stieß Herr von Barnim aus, der durch das Zimmer lief. +„Haben wir darum den ruhmreichen Krieg geführt, daß mein väterliches Gut +an einen Herrn Frankfurter verkauft wird?“ + +Während Diederich noch erschüttert schwieg, klingelte es, und Herr von +Barnim sagte: + +„Es ist mein Barbier, den will ich mir auch mal vornehmen.“ + +Er bemerkte Diederichs Enttäuschung und setzte hinzu: + +„Natürlich rede ich mit solch einem Manne anders. Aber jeder von uns muß +an seinem Teil der Sozialdemokratie Abbruch tun und die kleinen Leute in +das Lager unseres christlichen Kaisers hinüberziehen. Tun auch Sie das +Ihre!“ + +Damit war Diederich entlassen. Er hörte den Barbier noch sagen: + +„Schon wieder ein alter Kunde, Herr Assessor, der zu Liebling hinübergeht, +bloß weil Liebling jetzt Marmor hat.“ + +Wiebel sagte, als Diederich ihm berichtete: + +„Das ist alles schön und gut, und ich habe eine ganz bedeutende Verehrung +für die ideale Gesinnung meines Freundes von Barnim, aber auf die Dauer +kommen wir damit nicht mehr weiter. Sehen Sie mal, auch Stöcker hat im +Eispalast seine verdammten Erfahrungen gemacht mit der Demokratie, ob sie +sich nun christlich nennt oder unchristlich. Die Dinge sind zu weit +gediehen. Heute heißt es bloß noch: losschlagen, solange wir die Macht +haben.“ + +Und Diederich stimmte erleichtert bei. Herumgehen und Christen werben, war +ihm gleich ein wenig peinlich erschienen. + +„Die Sozialdemokratie nehme ich auf mich, hat der Kaiser gesagt.“ Wiebels +Augen drohten katerhaft. „Nun, was wollen Sie mehr? Das Militär ist +darüber instruiert, es könne vorkommen, daß es auf die lieben Verwandten +schießen muß. Also? Ich kann Ihnen mitteilen, mein Lieber, wir stehen am +Vorabend großer Ereignisse.“ + +Da Diederich erregte Neugier zeigte: + +„Was ich durch meinen Vetter von Klappke –.“ + +Wiebel machte eine Pause. Diederich zog die Absätze zusammen: + +„– in Erfahrung gebracht habe, ist noch nicht für die Öffentlichkeit reif. +Ich will nur bemerken, daß der gestrige Ausspruch Seiner Majestät, die +Nörgler möchten gefälligst den deutschen Staub von ihren Pantoffeln +schütteln, eine verteufelt ernst zu nehmende Warnung war.“ + +„Tatsächlich? Sie glauben?“ sagte Diederich. „Dann ist mein Pech wirklich +skandalös, daß ich gerade jetzt aus dem Dienst Seiner Majestät scheiden +mußte. Ich darf sagen, daß ich gegen den inneren Feind meine volle Pflicht +getan haben würde. Auf die Armee, so viel weiß ich, kann der Kaiser sich +verlassen.“ + +Er war in diesen naßkalten Februartagen des Jahres 1892 viel auf der +Straße, in der Erwartung großer Ereignisse. Unter den Linden hatte sich +etwas verändert, man sah noch nicht, was. Berittene Schutzleute hielten an +den Mündungen der Straßen und warteten auch. Die Passanten zeigten +einander das Aufgebot der Macht. „Die Arbeitslosen!“ Man blieb stehen, um +sie ankommen zu sehen. Sie kamen vom Norden her, in kleinen Abteilungen +und im langsamen Marschschritt. Unter den Linden zögerten sie, wie +verwirrt, berieten sich mit den Blicken und lenkten nach dem Schloß ein. +Dort standen sie, stumm, die Hände in den Taschen, ließen sich von den +Rädern der Wagen mit Schlamm bespritzen und zogen die Schultern hoch unter +dem Regen, der auf ihre entfärbten Überzieher fiel. Manche von ihnen +wandten die Köpfe nach vorübergehenden Offizieren, nach den Damen in ihren +Wagen, nach den langen Pelzen der Herren, die von der Burgstraße her +schlenderten; und ihre Mienen waren ohne Ausdruck, nicht drohend und nicht +einmal neugierig, nicht, als wollten sie sehen, sondern als zeigten sie +sich. Andere aber ließen kein Auge von den Fenstern des Schlosses. Das +Wasser lief über ihre hinaufgewendeten Gesichter. Ein Pferd mit einem +schreienden Schutzmann trieb sie weiter, hinüber oder bis zur nächsten +Ecke – aber schon standen sie wieder, und die Welt schien versunken +zwischen diesen breiten hohlen Gesichtern, die fahler Abend beschien, und +der starren Mauer dort hinten, auf der es dunkelte. + +„Ich begreife nicht,“ sagte Diederich, „daß die Polizei nicht energischer +vorgeht. Das ist doch eine unbotmäßige Bande.“ + +„Lassen Sie’s gut sein“, erwiderte Wiebel. „Die Schutzleute sind genau +instruiert. Die Herren da oben haben ihre wohlüberlegten Absichten, das +können Sie mir glauben. Es ist nämlich gar nicht immer zu wünschen, daß +derartige Fäulniserscheinungen am Staatskörper gleich anfangs unterdrückt +werden. Man läßt sie ausreifen, dann macht man ganze Arbeit!“ + +Die Reife, die Wiebel meinte, kam täglich näher, am sechsundzwanzigsten +schien sie da. Die Demonstrationen der Arbeitslosen sahen zielbewußter +aus. In eine der nördlichen Straßen zurückgetrieben, quollen sie aus der +nächsten, bevor man ihnen den Weg abschneiden konnte, verstärkt wieder +hervor. Unter den Linden vereinigten sich ihre Züge, rannen, sooft sie +getrennt wurden, wieder zusammen, erreichten das Schloß, wichen zurück und +erreichten es noch einmal, stumm und unaufhaltsam wie übergetretenes +Wasser. Der Wagenverkehr stockte, die Fußgänger stauten sich, mit +hineingezogen in die langsame Überschwemmung, worin der Platz ertrank, in +dies trübe und mißfarbene Meer der Armen, das zäh dahinrollte, dumpfe +Laute heraufwälzte und wie Maste untergegangener Schiffe die Stangen mit +den Bannern hinaufreckte: „Brot! Arbeit!“ Ein deutlicheres Grollen, +ausbrechend aus der Tiefe, jetzt drüben, jetzt hier: „Brot! Arbeit!“ +Anschwellend über die Menge hinrollend, wie aus einer Gewitterwolke: +„Brot! Arbeit!“ Eine Attacke der Berittenen, ein Aufschäumen, +Zurückfließen, und Weiberstimmen im Lärm, schrill, gleich Signalen: „Brot! +Arbeit!“ + +Man wird überrannt, vom Friedrichdenkmal fegt es die Neugierigen hinunter. +Aber sie haben aufgerissene Münder; aus kleinen Beamten, denen der Weg ins +Amt versperrt ist, fliegt Staub auf, als würden sie geklopft. Ein +verzerrtes Gesicht, das Diederich nicht kennt, schreit ihm zu: „Es kommt +anders! Jetzt geht es gegen die Juden!“ – und ist untergegangen, bevor ihm +einfällt, es war Herr von Barnim. Er will ihm nach, wird in einem großen +Schub weit hinübergeworfen, bis vor das Fenster eines Cafés, hört das +Klirren der eingedrückten Scheibe, einen Arbeiter, der schreit: „Da haben +se mich neulich ’rausgesetzt for meine dreißig Fennje, weil ich keinen +Zylinderhut hatte“ – und dringt mit ein durch das Fenster, zwischen die +umgeworfenen Tische, auf den Boden, wo man über Scherben fällt, einander +die Bäuche einstößt und laut zetert. „Niemand mehr ’rein! Wir kriegen +keine Luft!“ Aber immer mehr steigen ein. „Die Polizei drängelt!“ Und die +Mitte der Straße sieht man frei liegen, gesäubert, wie für einen +Triumphzug. Da sagt jemand: „Das ist doch Wilhelm!“ + +Und Diederich war wieder draußen. Niemand wußte, wie es kam, daß man auf +einmal marschieren konnte, in gedrängter Masse, auf der ganzen Breite der +Straße und zu beiden Seiten bis an die Flanken des Pferdes, worauf der +Kaiser saß: er selbst. Man sah ihn an und ging mit. Knäuel von Schreienden +wurden aufgelöst und mitgerissen. Alle sahen ihn an. Dunkles Geschiebe, +ohne Form, planlos, grenzenlos, und hell darüber ein junger Herr im Helm, +der Kaiser. Sie sahen: sie hatten ihn heruntergeholt aus dem Schloß. Sie +hatten: „Brot! Arbeit!“ geschrien, bis er gekommen war. Nichts hatte sich +geändert, als daß er da war – und schon marschierten sie, als gehe es auf +das Tempelhofer Feld. + +Seitwärts, wo die Reihen dünner waren, sagten bürgerlich Gekleidete zu +einander: „Na, Gott sei Dank, er weiß, was er will!“ + +„Was will er denn?“ + +„Der Bande zeigen, wer die Macht hat! Im guten hat er es mit ihnen +versucht. Er ist sogar zu weit gegangen in den Erlassen vor zwei Jahren. +Sie sind frech geworden.“ + +„Angst kennt er nicht, das muß man sagen. Kinder, dies ist ein +historischer Moment!“ + +Diederich hörte es und erschauderte. Der alte Herr, der gesprochen hatte, +wandte sich auch an ihn. Er hatte weiße Bartkoteletts und das Eiserne +Kreuz. + +„Junger Mann,“ sagte er, „was unser herrlicher junger Kaiser da macht, das +werden die Kinder mal aus den Schulbüchern lernen. Passen Sie auf!“ + +Viele hatten gehobene Brüste und feierliche Mienen. Die Herren, die dem +Kaiser folgten, blickten mit äußerster Entschlossenheit darein, ihre +Pferde aber lenkten sie durch das Volk, als seien alle die Leute zum +Statieren bei einer Allerhöchsten Aufführung befohlen; und manchmal +schielten sie seitwärts, nach dem Eindruck im Publikum. Er selbst, der +Kaiser, sah nur sich und seine Leistung. Tiefer Ernst versteinte seine +Züge, sein Auge blitzte hin über die Tausende der von ihm Gebannten. Er +maß sich mit ihnen, der von Gott gesetzte Herr mit den empörerischen +Knechten! Allein und ungeschützt hatte er sich mitten unter sie gewagt, +stark nur durch seine Sendung. Sie konnten sich an ihm vergreifen, wenn es +im Plan des Höchsten lag; er brachte seiner heiligen Sache sich selbst zum +Opfer. War Gott mit ihm, dann sollten sie es sehen! Dann bewahrten sie für +immer das Gepräge seiner Tat und die Erinnerung an ihre Ohnmacht! + +Ein junger Mensch mit einem Künstlerhut ging neben Diederich, er sagte: +„Kennen wir. Napoleon in Moskau, wie er sich solo unter die Bevölkerung +mischt.“ + +„Das ist doch großartig!“ behauptete Diederich, und die Stimme versagte +ihm. Der andere zuckte die Achseln. + +„Theater, und nicht mal gut.“ + +Diederich sah ihn an, er versuchte zu blitzen wie der Kaiser. + +„Sie sind wohl auch so einer.“ + +Er hätte nicht sagen können was für einer. Er fühlte nur, daß er hier, zum +erstenmal im Leben, die gute Sache zu vertreten habe gegen feindliche +Bemängelungen. Trotz seiner Aufregung sah er sich noch die Schultern des +Menschen an: sie waren nicht breit. Auch äußerte die Umgebung sich +mißbilligend. Da ging Diederich vor. Mit seinem Bauch drängte er den Feind +gegen die Mauer und schlug auf den Künstlerhut ein. Andere knufften mit. +Der Hut lag schon am Boden und bald auch der Mensch. Im Weitergehen +bemerkte Diederich zu seinen Mitkämpfern: + +„Der hat sicher nicht gedient! Schmisse hat er auch keine!“ + +Der alte Herr mit Bartkoteletts und Eisernem Kreuz war auch wieder da, er +drückte Diederich die Hand. + +„Brav, junger Mann, brav!“ + +„Soll man da nicht wütend werden?“ erklärte Diederich, noch keuchend. +„Wenn der Mensch uns den historischen Moment verekeln will?“ + +„Sie haben gedient?“ fragte der alte Herr. + +„Ich wäre am liebsten ganz dabei geblieben“, sagte Diederich. + +„Na ja, Sedan ist nicht alle Tage“ – der alte Herr betupfte sein Eisernes +Kreuz. „Das waren wir!“ + +Diederich reckte sich, er zeigte auf das bezwungene Volk und den Kaiser. + +„Das ist doch gerade so gut wie Sedan!“ + +„Na ja“, sagte der alte Herr. + +„Gestatten Sie mal, sehr geehrter Herr“, rief jemand und schwenkte sein +Notizbuch. „Wir müssen das bringen. Stimmungsbild, verstehnse? Sie haben +wohl einen Genossen verwalkt?“ + +„Kleinigkeit“ – Diederich keuchte noch immer. „Meinetwegen könnt’ es jetzt +gleich losgehen gegen den inneren Feind. Unseren Kaiser haben wir mit.“ + +„Fein“, sagte der Reporter und schrieb. „In der wildbewegten Menge hört +man Leute aller Stände der treuesten Anhänglichkeit und dem +unerschütterlichen Vertrauen zu der Allerhöchsten Person Ausdruck geben.“ + +„Hurra!“ schrie Diederich, denn alle schrien es; und inmitten eines +mächtigen Stoßes von Menschen, der schrie, gelangte er jäh bis unter das +Brandenburger Tor. Zwei Schritte vor ihm ritt der Kaiser hindurch. +Diederich konnte ihm ins Gesicht sehen, in den steinernen Ernst und das +Blitzen; aber ihm verschwamm es vor den Augen, so sehr schrie er. Ein +Rausch, höher und herrlicher als der, den das Bier vermittelt, hob ihn auf +die Fußspitzen, trug ihn durch die Luft. Er schwenkte den Hut hoch über +allen Köpfen, in einer Sphäre der begeisterten Raserei, durch einen +Himmel, wo unsere äußersten Gefühle kreisen. Auf dem Pferd dort, unter dem +Tor der siegreichen Einmärsche und mit Zügen steinern und blitzend ritt +die Macht! Die Macht, die über uns hingeht und deren Hufe wir küssen! Die +über Hunger, Trotz und Hohn hingeht! Gegen die wir nichts können, weil wir +alle sie lieben! Die wir im Blut haben, weil wir die Unterwerfung darin +haben! Ein Atom sind wir von ihr, ein verschwindendes Molekül von etwas, +das sie ausgespuckt hat! Jeder einzelne ein Nichts, steigen wir in +gegliederten Massen als Neuteutonen, als Militär, Beamtentum, Kirche und +Wissenschaft, als Wirtschaftsorganisation und Machtverbände kegelförmig +hinan, bis dort oben, wo sie selbst steht, steinern und blitzend! Leben in +ihr, haben teil an ihr, unerbittlich gegen die, die ihr ferner sind, und +triumphierend, noch wenn sie uns zerschmettert: denn so rechtfertigt sie +unsere Liebe! + +... Einer der Schutzleute, deren Kette das Tor absperrte, stieß Diederich +vor die Brust, daß ihm der Atem ausblieb; er aber hatte die Augen so voll +Siegestaumel, als reite er selbst über alle diese Elenden hinweg, die +gebändigt ihren Hunger verschluckten. Ihm nach! Dem Kaiser nach! Alle +fühlten wie Diederich. Eine Schutzmannskette war zu schwach gegen so viel +Gefühl; man durchbrach sie. Drüben stand eine zweite. Man mußte abbiegen, +auf Umwegen den Tiergarten erreichen, einen Durchschlupf finden. Wenige +fanden ihn; Diederich war allein, als er auf den Reitweg hinausstürzte, +dem Kaiser entgegen, der auch allein war. Ein Mensch im gefährlichsten +Zustand des Fanatismus, beschmutzt, zerrissen, mit Augen wie ein Wilder: +der Kaiser vom Pferd herunter, blitzte ihn an, er durchbohrte ihn. +Diederich riß den Hut ab, sein Mund stand weit offen, aber der Schrei kam +nicht. Da er zu plötzlich anhielt, glitt er aus und setzte sich mit Wucht +in einen Tümpel, die Beine in die Luft, umspritzt von Schmutzwasser. Da +lachte der Kaiser. Der Mensch war ein Monarchist, ein treuer Untertan! Der +Kaiser wandte sich nach seinen Begleitern um, schlug sich auf den Schenkel +und lachte. Diederich aus seinem Tümpel sah ihm nach, den Mund noch offen. + + + + + + II. + + +Er reinigte sich notdürftig und kehrte um. Auf einer Bank saß eine Dame; +Diederich ging ungern vorüber. Noch dazu starrte sie ihm entgegen. „Gans“, +dachte er zornig. Da sah er, daß sie ein tief erschrockenes Gesicht hatte, +und dann erkannte er Agnes Göppel. + +„Eben bin ich dem Kaiser begegnet“, sagte er sofort. + +„Dem Kaiser?“ fragte sie, wie aus einer anderen Welt. Er begann, unter +großen, ungewohnten Gesten herauszujagen, was ihn erstickte. Unser +herrlicher junger Kaiser, ganz allein unter rasenden Aufrührern! Ein Café +hatten sie demoliert, Diederich selbst war drin gewesen! Unter den Linden +hatte er blutige Kämpfe bestanden für seinen Kaiser! Kanonen sollte man +auffahren! + +„Die Leute hungern wohl“, sagte Agnes schüchtern. „Es sind ja auch +Menschen.“ + +„Menschen?“ Diederich rollte die Augen. „Der innere Feind sind sie!“ + +Da er Agnes wieder erschrecken sah, beruhigte er sich etwas. + +„Wenn es Ihnen Vergnügen macht, daß wegen des Packs alle Straßen +abgesperrt werden müssen.“ + +Nein, das kam Agnes sehr ungelegen. Sie hatte in der Stadt Besorgungen +gehabt, und wie sie zurück nach der Blücherstraße wollte, ging kein +Omnibus mehr, und nirgends kam man durch. Sie war zurückgedrängt worden +bis hierher. Es war kalt und naß, ihr Vater würde sich ängstigen; was +sollte sie tun? Diederich verhieß ihr, er werde es schon machen. Sie +gingen zusammen weiter. Er wußte auf einmal nichts mehr zu sagen und +wendete den Kopf umher, als suchte er den Weg. Sie waren allein zwischen +kahlen Bäumen und nassem alten Laub. Wo waren die männlichen Hochgefühle +von vorhin? Diederich empfand Beklommenheit, wie auf seinem letzten +Spaziergang mit Agnes, als er, von Mahlmann gewarnt, auf einen Omnibus +sprang, ausriß und verschwand. Gerade sagte Agnes: „Sie haben sich aber +sehr, sehr lange nicht bei uns sehen lassen. Papa hat Ihnen doch +geschrieben?“ + +Sein eigener Vater sei gestorben, sagte Diederich, betreten. Jetzt mußte +Agnes zuerst ihr Beileid ausdrücken, dann fragte sie weiter: warum er +damals plötzlich fortgeblieben sei, vor drei Jahren. + +„Nicht wahr? Es sind schon fast drei Jahre.“ + +Diederich bekam Festigkeit. Das Verbindungsleben habe ihn völlig in +Anspruch genommen. Dort herrsche nämlich eine verdammt strenge Zucht. „Und +dann habe ich meiner Wehrpflicht genügt.“ + +„Oh!“ – Agnes sah ihn an, „was aus Ihnen alles geworden ist! Und jetzt +sind Sie wohl schon Doktor?“ + +„Das soll jetzt kommen.“ + +Er sah unzufrieden geradeaus. Seine Schmisse, seine stattliche Breite, +alle seine wohlerworbene Männlichkeit: für sie war das nichts? Sie +bemerkte es gar nicht? + +„Aber Sie“, sagte er plump. In ihr blasses, so schmales Gesicht stieg eine +ganz dünne Röte, bis auf den Sattel der kleinen eingedrückten Nase mit den +Sommersprossen. + +„Ja. Mir geht es manchmal nicht gut, aber es wird schon wieder besser +werden.“ + +Diederich bereute. + +„Ich meinte doch natürlich, daß Sie noch hübscher geworden sind“ – und er +betrachtete ihr rotes Haar, das unter dem Hut hervorquoll, noch dicker als +früher, weil ihr Gesicht so klein geworden war. Dabei erinnerte er sich +seiner Demütigungen von damals und wie anders die Dinge jetzt lagen. +Herausfordernd sagte er: + +„Wie geht es denn Herrn Mahlmann?“ + +Agnes bekam eine wegwerfende Miene. + +„Denken Sie an den noch? Wenn ich den mal wiedersähe, wär’s mir gleich.“ + +„So? Aber er hat ein Patentbureau und könnte ganz gut heiraten.“ + +„Wennschon.“ + +„Früher interessierten Sie sich doch für ihn.“ + +„Woraus schließen Sie das?“ + +„Er schenkte Ihnen immer etwas.“ + +„Ich hätte es lieber nicht angenommen; aber dann –“ sie sah auf den Weg, +auf das nasse Laub vom Vorjahr, „dann hätte ich auch Ihre Geschenke nicht +annehmen dürfen.“ + +Darauf schwieg sie erschrocken. Diederich fühlte, daß etwas Schweres +geschehen war, und schwieg auch. + +„Das war doch nicht der Rede wert,“ stieß er endlich heraus, „ein paar +Blumen.“ Und mit wiedergekehrter Entrüstung: „Mahlmann hat Ihnen sogar ein +Armband geschenkt.“ + +„Ich trage es niemals“, sagte Agnes. Er hatte auf einmal Herzklopfen, er +brachte hervor: „Und wenn es von mir gewesen wäre?“ + +Stille; er hielt den Atem an. Ganz leise kam es von ihr her: + +„Dann ja.“ + +Darauf gingen sie plötzlich rascher und ohne mehr zu sprechen. Sie kamen +vor das Brandenburger Tor, sahen die Linden bedrohlich von Polizei +erfüllt, eilten vorbei und bogen in die Dorotheenstraße. Hier war es wenig +belebt, Diederich verlangsamte den Schritt, er fing an zu lachen. + +„Das ist eigentlich hochkomisch. Was Mahlmann Ihnen nämlich schenkte, war +mit meinem Geld bezahlt. Er nahm mir ja alles ab, ich war noch ein ganz +grüner Junge.“ + +Sie blieb stehen. „Oh!“ – und sie sah ihn an, ihre goldbraunen Augen +zitterten. „Das ist schrecklich. Können Sie mir das verzeihen?“ + +Er lächelte überlegen. Das seien alte Geschichten, Jugendtorheiten. + +„Nein, nein“, sagte sie verstört. + +Die Hauptsache, meinte er, sei jetzt, wie sie nach Hause komme. Hier ging +es schon wieder nicht weiter. Omnibusse waren auch nicht zu sehen. „Es tut +mir leid, aber Sie werden sich meine Gesellschaft noch länger gefallen +lassen müssen. Übrigens wohne ich gleich hier. Sie könnten mit +hinaufkommen, da wären Sie wenigstens im Trockenen. Aber natürlich, eine +junge Dame darf das nicht.“ + +Sie hatte noch immer diesen flehenden Blick. + +„Sie sind so gut“, sagte sie, stärker atmend. „Sie sind so edel.“ Und da +sie schon das Haus betraten: „Zu Ihnen kann ich doch Vertrauen haben?“ + +„Ich weiß, was ich der Ehre meiner Korporation schulde“, erklärte +Diederich. + +Sie mußten an der Küche vorbei, aber es war niemand darin. „Legen Sie doch +so lange ab“, sagte Diederich gnädig. Er stand da, ohne Agnes anzusehen, +und trat, während sie den Hut abnahm, von einem Fuß auf den anderen. + +„Ich muß die Wirtin suchen, damit sie Tee macht.“ Er wandte sich schon +nach der Tür, zuckte aber zurück: Agnes hatte seine Hand ergriffen und +küßte sie! „Aber Fräulein Agnes“, murmelte er, furchtbar erschrocken, und +legte ihr, wie tröstend, den Arm um ihre Schulter; da sank sie gegen die +seine. Er drückte seinen Mund in ihr Haar, ziemlich tief, weil er sich +dazu verpflichtet fühlte. Unter seinem Druck bebte und flog ihr Körper, +als würde er geschlagen. Er fühlte sich in der dünnen Bluse lau und feucht +an. Diederich ward es heiß, er küßte Agnes auf den Hals. Und plötzlich kam +ihr Gesicht auf ihn zu: mit offenem Mund, halbgeschlossenen Augen und mit +einem Ausdruck, den er nie gesehen hatte und der ihm schwindlig machte. +„Agnes! Agnes, ich liebe dich“, sagte er wie aus tiefer Not. Sie +antwortete nicht, aus ihrem offenen Mund kamen kleine warme Atemstöße, und +er fühlte sie fallen, er trug sie, die zu zerfließen schien. + +Dann saß sie auf dem Diwan und weinte. „Sei mir nicht bös, Agnes“, bat +Diederich. Sie sah ihn an mit ihren nassen Augen. + +„Ich weine doch vor Glück“, sagte sie. „Ich hab’ so lange auf dich +gewartet.“ + +„Warum?“ fragte sie, da er ihre Bluse schließen wollte. „Warum deckst du +es schon zu? Findest du es schon nicht mehr schön?“ + +Er verwahrte sich. „Ich bin mir der übernommenen Verantwortung vollkommen +bewußt.“ + +„Verantwortung?“ sagte Agnes. „Wer hat die? Ich habe dich drei Jahre lang +geliebt. Du wußtest es ja nicht. Es war wohl das Schicksal!“ + +Diederich, die Hände in den Taschen, bedachte, daß dies das Schicksal der +leichtsinnigen Mädchen sei. Andererseits empfand er das Bedürfnis, sich +ihre Versicherungen wiederholen zu lassen. „Also wirklich mich, nur mich +hast du geliebt?“ + +„Ich sah, daß du mir nicht glaubtest. Es war schrecklich, als ich merkte, +du kamst nicht mehr, und es war aus. Es war ganz schrecklich. Ich wollte +dir schreiben, ich wollte zu dir gehen. Jedesmal verlor ich den Mut, weil +du mich doch nicht mehr mochtest. Ich kam so herunter, daß Papa eine Reise +mit mir machen mußte.“ + +„Wohin denn?“ fragte Diederich. Aber Agnes antwortete nicht, sie zog ihn +wieder an sich. + +„Sei lieb mit mir! Ich hab’ nur dich!“ + +Diederich dachte verlegen: „Dann hast du nicht viel.“ Agnes schien ihm +verkleinert und sehr im Wert gesunken, seit er den Beweis hatte, daß sie +ihn liebte. Auch sagte er sich, einem Mädchen, das so etwas tat, dürfe man +nicht alles glauben. + +„Und Mahlmann?“ fragte er höhnisch. „Ein bißchen war doch wohl los mit +ihm.“ – „Na laß nur“, sagte er, da sie sich mit starrem Entsetzen +aufrichtete. Er suchte gutzumachen. Er sei doch auch noch ganz benommen +von seinem Glück. + +Sehr langsam zog sie sich an. „Dein Vater wird aber gar nicht wissen, was +los ist“, meinte Diederich. Sie hob nur die Schultern. Als sie fertig war +und er schon die Tür geöffnet hatte, blieb sie noch stehen und sah in das +Zimmer zurück, mit einem langen, angstvollen Blick. + +„Vielleicht“, sagte sie, wie zu sich selbst, „komme ich nie wieder. Mir +ist, als sollte ich heute nacht sterben.“ + +„Wieso denn?“ sagte Diederich, peinlich berührt. Statt einer Antwort ließ +sie sich noch einmal an ihn hinsinken, den Mund auf seinem, die Brust auf +seiner und von den Hüften zu den Füßen wie mit ihm verwachsen. Diederich +wartete geduldig. Dann löste sie sich, öffnete die Augen und sagte: + +„Du mußt nicht denken, daß ich etwas von dir verlange. Ich hab’ dich +geliebt, nun ist alles gleich.“ + +Er bot ihr einen Wagen an, aber sie wollte gehen. Unterwegs fragte er nach +ihrer Familie und nach anderen Bekannten. Erst am Belle-Alliance-Platz +ward er unruhig, und etwas heiser brachte er hervor: + +„Natürlich denke ich nicht daran, mich meinen Verpflichtungen dir +gegenüber zu entziehen. Nur vorläufig: du verstehst, ich verdiene noch +nichts, ich muß erst fertig sein und zu Hause mich in den Betrieb +einleben ...“ + +Agnes erwiderte dankbar und ruhig, als habe man ihr ein Kompliment +gemacht: + +„Es wäre schön, wenn ich später einmal deine Frau werden könnte.“ + +Da sie in die Blücherstraße einbogen, blieb er stehen. Unsicher meinte er, +es sei jetzt wohl besser, wenn er umkehre. Sie sagte: + +„Weil uns jemand sehen könnte? Das würde gar nichts machen, denn ich muß +zu Hause doch erzählen, daß ich dir begegnet bin und daß wir im Café +zusammen gewartet haben, bis die Straßen wieder frei waren.“ + +„Na, die kann lügen“, dachte Diederich. Sie setzte hinzu: + +„Für Sonntag bist du zu Mittag geladen, du mußt bestimmt kommen.“ + +Diesmal war es ihm zuviel, er fuhr auf. „Ich soll –? Bei euch soll ich –?“ + +Sie lächelte sanft und schlau. „Es geht doch nicht anders. Wenn man uns +einmal sähe –: willst du denn nicht, daß ich wiederkomme?“ + +O ja, das wollte er. Trotzdem mußte sie ihm zureden, bis er sein +Erscheinen versprach. Vor ihrem Hause verabschiedete er sich mit einer +formellen Verbeugung, kehrte rasch um und dachte: „So ein Weib ist +scheußlich raffiniert. Lange tu’ ich da nicht mit.“ Indes bemerkte er mit +Unlust, daß es Zeit sei, auf die Kneipe zu gehen. Es verlangte ihn nach +Hause, er wußte nicht, warum. Als er dann die Tür seines Zimmers hinter +sich zugezogen hatte, blieb er davor stehen und starrte in die Dunkelheit. +Plötzlich reckte er die Arme in die Höhe, wandte das Gesicht nach oben und +sagte in einem langen Aufatmen: + +„Agnes!“ + +Er fühlte sich verwandelt, leicht, wie vom Boden gehoben. „Ich bin ganz +furchtbar glücklich“, dachte er, und: „So schön kommt es im ganzen Leben +nicht wieder!“ Er hatte die Gewißheit, daß er bis jetzt, bis zu dieser +Minute, alle Dinge falsch angesehen, falsch bewertet hatte. Dort hinten +kneipten sie nun und machten sich wichtig. Juden oder Arbeitslose, was +gingen einen die an, warum sollte man sie hassen? Diederich fühlte sich +bereit, sie zu lieben! Hatte er denn wirklich, er selbst, den Tag in einem +Gewühl von Menschen verbracht, die er für Feinde gehalten hatte? Sie waren +Menschen: Agnes hatte recht! War er selbst es, der jemand um einiger Worte +willen geschlagen hatte, geprahlt, gelogen, sich töricht abgearbeitet und +endlich, zerrissen und sinnlos, sich in den Schmutz geworfen hatte vor +einem Herrn zu Pferd, dem Kaiser, der ihn auslachte? Er erkannte, daß er, +bis Agnes kam, ein hilfloses, bedeutungsloses und armes Leben geführt +habe. Bestrebungen wie die eines Fremden, Gefühle, die ihn beschämten, und +niemand, den er liebte – bis Agnes kam! „Agnes! Süße Agnes, du weißt ja +gar nicht, wie ich dich liebhabe!“ Aber sie sollte es wissen. Er fühlte, +daß er es nie wieder so werde sagen können wie in dieser Stunde, und er +schrieb einen Brief. Er schrieb, daß auch er diese drei Jahre immer auf +sie gewartet habe, und daß er keine Hoffnung gehabt habe, weil sie zu +schön für ihn sei, zu fein und zu gut; daß er sich das mit Mahlmann nur +eingeredet habe aus Feigheit und aus Trotz; daß sie eine Heilige sei, und +nun sie zu ihm herabgestiegen, liege er zu ihren Füßen. „Hebe mich auf, +Agnes, ich kann stark sein, ich fühle es, und ich will Dir mein ganzes +Leben weihen!“ – Er weinte, drückte das Gesicht in das Diwankissen, worin +er ihren Duft noch spürte, und unter Schluchzen, wie als Kind, schlief er +ein. + +Am Morgen freilich war er erstaunt und befremdet, sich nicht im Bett zu +finden. Sein großes Erlebnis fiel ihm ein, ein süßer Stoß ging durch sein +Blut, bis zum Herzen. Aber auch der Verdacht kam ihm, daß er sich +peinliche Übertreibungen habe zuschulden kommen lassen. Er las den Brief +wieder durch: das war alles recht schön, und es konnte einen auch wirklich +aus der Fassung bringen, wenn man auf einmal mit so einem großartigen +Mädel ein Verhältnis hatte. Wäre sie jetzt nur dagewesen, er hätte +zärtlich sein wollen! Aber den Brief schickte man doch besser nicht ab. Es +war unvorsichtig in jeder Beziehung. Am Ende fing Vater Göppel ihn ab ... +Diederich verschloß den Brief im Schreibtisch. „An das Essen hab’ ich +gestern überhaupt nicht gedacht!“ Er ließ sich ein ausgiebiges Frühstück +bringen. „Und rauchen wollte ich nicht, damit ihr Geruch nicht verginge. +Das ist doch Blödsinn. So darf man nicht sein.“ Er zündete eine Zigarre an +und ging ins Laboratorium. Was er auf dem Herzen hatte, beschloß er statt +in Worte – denn so hohe Worte waren unmännlich und unbequem – lieber in +Musik auszuströmen. Er mietete ein Klavier und versuchte sich plötzlich +mit viel mehr Glück als in der Klavierstunde an Schubert und Beethoven. + +Am Sonntag, wie er bei Göppels klingelte, machte Agnes selbst ihm auf. +„Das Mädchen kann nicht vom Herd fort“, sagte sie; aber den wahren Grund +sagte ihr Blick. Aus Ratlosigkeit senkte Diederich die Augen auf das +silberne Armband, womit sie klapperte, als sollte er hinsehen. + +„Kennst du es nicht?“ flüsterte Agnes. Er ward rot. + +„Das von Mahlmann?“ + +„Das von dir! Ich trag’ es zum erstenmal.“ + +Rasch und heiß drückte sie ihm die Hand, dann ging die Tür zum Berliner +Zimmer auf. Herr Göppel wandte sich um. „Na, da ist wohl unser Ausreißer?“ +Aber kaum erblickte er Diederich, änderte sich seine Miene, er bereute +seine Vertraulichkeit. + +„Ich hätte Sie, weiß Gott, nicht wiedererkannt, Herr Heßling!“ + +Diederich sah zu Agnes hinüber, wie um ihr zu sagen: „Siehst du? Der merkt +es, daß ich kein dummer Junge mehr bin.“ + +„Bei Ihnen ist ja alles unverändert“, stellte Diederich fest und begrüßte +Herrn Göppels Schwestern und Schwager. In Wahrheit aber fand er alle +beträchtlich gealtert, besonders Herrn Göppel, der sich weniger munter +benahm und dem ein kummervolles Fett von den Wangen hing. Die Kinder waren +nun größer, und irgendwo im Zimmer schien eine Person zu fehlen. + +„Ja, ja,“ so schloß Herr Göppel die einleitende Unterhaltung, „die Zeit +vergeht, aber gute Freunde finden sich immer wieder.“ + +„Wenn du wüßtest, wie“, dachte Diederich verlegen und mit Geringschätzung, +indes man zu Tisch ging. Beim Kalbsbraten fiel ihm endlich ein, wer damals +ihm gegenüber gesessen hatte. Es war die Tante, die ihn so hochtrabend +gefragt hatte, was er denn studiere, und die nicht gewußt hatte, daß +Chemie etwas anderes war als Physik. Agnes, die er zu seiner Rechten +hatte, erklärte ihm, daß diese Tante schon seit zwei Jahren tot sei. +Diederich murmelte sein Beileid, im stillen aber sagte er sich: „Die +quatscht also auch nicht mehr.“ Ihm kam es vor, als ob hier alle bestraft +und niedergedrückt seien, ihn selbst nur hatte das Schicksal, seinem Wert +entsprechend, erhöht. Und er streifte Agnes, von oben herab, mit dem Blick +des Besitzers. + +Die süße Speise ließ auf sich warten, gerade wie damals. Agnes wandte +unruhig den Kopf nach der Tür, Diederich sah ihre schönen blonden Augen +verdunkelt, als sei etwas Ernstes geschehen. Er hatte plötzlich tiefes +Mitgefühl mit ihr, eine große Zärtlichkeit. Er stand auf und rief aus der +Tür: + +„Marie! Der Krehm!“ + +Wie er zurückkam, trank Herr Göppel ihm zu. „Das haben Sie früher auch +schon gemacht. Sie sind doch hier wie’s Kind im Hause. Nicht, Agnes?“ +Agnes dankte Diederich mit einem Blick, der sein ganzes Herz aufrührte. Er +mußte sich zusammennehmen, um nicht feuchte Augen zu bekommen. Wie +wohlwollend die Verwandten ihm zulächelten! Der Schwager stieß mit ihm an. +Was für gute Menschen! Und Agnes, die süße Agnes, liebte ihn! Er verdiente +so viel nicht! Das Gewissen schlug ihm laut, er nahm sich dunkel vor, +nachher mit Herrn Göppel zu sprechen. + +Leider fing Herr Göppel nach dem Essen wieder von den Krawallen an. Wenn +wir endlich den Druck der Bismarckschen Kürassierstiefel los waren, +brauchte man die Arbeiter nun nicht mit Dicktun in Reden zu reizen. Der +junge Mann (so nannte Herr Göppel den Kaiser!) redet uns noch die +Revolution an den Hals ... Diederich sah sich veranlaßt, im Namen der +Jugend, die fest und treu zu ihrem herrlichen jungen Kaiser stehe, solche +Nörgeleien auf das schärfste zurückzuweisen. Seine Majestät hatten es +selbst gesagt: „Diejenigen, welche mir behilflich sein wollen, herzlich +willkommen. Die sich mir entgegenstellen, zerschmettere ich.“ Dabei +versuchte Diederich zu blitzen. Herr Göppel erklärte, er warte es ab. + +„In dieser harten Zeit“, fügte Diederich hinzu, „muß jeder seinen Mann +stehen.“ Und er setzte sich in Positur vor Agnes, die ihn bewunderte. + +„Wieso harte Zeit?“ sagte Herr Göppel. „Sie ist doch nur hart, wenn wir +uns gegenseitig das Leben schwer machen. Ich hab’ mich mit meinen +Arbeitern noch immer vertragen.“ + +Diederich zeigte sich entschlossen, daheim in seinem Betrieb eine ganz +andere Zucht einzuführen. Sozialdemokraten wurden nicht mehr geduldet, und +Sonntags gingen die Leute zur Kirche! – Das auch noch? meinte Herr Göppel. +Das könne er von seinen Leuten nicht verlangen, wenn er selbst doch bloß +am Karfreitag gehe. „Soll ich sie beschwindeln? Christentum ist gut; aber +was der Pastor alles redet, glaubt doch kein Mensch mehr.“ Da sah man +Diederichs Miene hoch überlegen werden. + +„Mein lieber Herr Göppel, ich kann Ihnen nur sagen: Was die Herren da oben +und besonders mein verehrter Freund, der Assessor von Barnim, zu glauben +für richtig halten, das glaub’ ich auch – unbesehen. Das kann ich Ihnen +nur sagen.“ + +Der Schwager, der Beamter war, schlug sich plötzlich auf Diederichs Seite. +Herr Göppel hatte schon einen roten Kopf, Agnes trat mit dem Kaffee +dazwischen. „Na, schmecken Ihnen meine Zigarren?“ Herr Göppel klopfte +Diederich aufs Knie. „Sehen Sie wohl, im Menschlichen sind wir einig.“ + +Diederich dachte: „Da ich sozusagen zur Familie gehöre.“ + +Er ließ von seiner strammen Haltung einiges nach, es war noch sehr +gemütlich. Herr Göppel wollte wissen, wann Diederich „fertig“ werde und +Doktor sei, er begriff nicht, daß eine chemische Arbeit zwei Jahre und +länger brauche. Diederich verbreitete sich in Ausdrücken, die niemand +verstand, über die Schwierigkeiten, zu einer Lösung zu gelangen. Er hatte +die Empfindung, Herr Göppel warte zu einem bestimmten Zweck auf seine +Promovierung. Auch Agnes schien es zu fühlen, denn sie griff ein und +lenkte das Gespräch ab. Als Diederich sich verabschiedet hatte, ging sie +mit hinaus und flüsterte ihm zu: + +„Morgen um drei bei dir.“ + +Vor jäher Freude griff er nach ihr und küßte sie, zwischen den Türen, +während gleich daneben das Mädchen mit dem Geschirr rasselte. Sie fragte +traurig: „Denkst du denn gar nicht daran, was mir passiert, wenn jetzt +jemand kommt?“ Er war betroffen und verlangte als Zeichen ihrer Verzeihung +noch einen Kuß. Sie gab ihn. + +Um drei Uhr pflegte Diederich aus dem Café ins Laboratorium +zurückzukehren. Statt dessen war er schon um zwei Uhr wieder in seinem +Zimmer. Richtig kam sie noch vor drei. „Wir haben es beide nicht erwarten +können! Wie wir uns liebhaben!“ Es war schöner als das erstemal, viel +schöner. Keine Träne mehr, keine Furcht; und die Sonne schien herein. +Diederich breitete Agnes’ Haar in der Sonne aus und badete sein Gesicht +darin. + +Sie blieb, bis es fast schon zu spät war, die Einkäufe zu machen, die sie +zu Hause vorgeschützt hatte. Sie mußte laufen. Diederich, der mitlief, war +sehr besorgt, daß es ihr schaden könne. Aber sie lachte, sah rosig aus und +nannte ihn ihren Bären. Immer endeten nun so die Tage, an denen sie kam. +Immer waren sie glücklich. Herr Göppel stellte fest, daß es Agnes besser +gehe als je, und das verjüngte ihn selbst. Daher wurden auch die Sonntage +jedesmal heiterer. Es dauerte bis abends, dann ward Punsch gemacht, +Diederich mußte Schubert spielen, oder er und der Schwager sangen +Burschenlieder und Agnes begleitete sie. Manchmal sahen sie sich +nacheinander um, beiden war zumut, als werde ihr Glück gefeiert. + +Es kam vor, daß im Laboratorium der Diener zu Diederich hintrat und ihm +meldete, draußen sei eine Dame. Er stand sofort auf, stolz errötend unter +den verständnisvollen Blicken der Kollegen. Und dann bummelten sie, gingen +ins Café, ins Panoptikum; und da Agnes gern Bilder sah, erfuhr Diederich +auch, daß es Kunstausstellungen gab. Agnes liebte es, vor einem Bild, das +ihr gefiel, einer sanften, festtägigen Landschaft aus schöneren Ländern, +lange stehenzubleiben, mit halbgeschlossenen Augen, und Träume +auszutauschen mit Diederich. + +„Sieh nur recht hin, dann merkst du, das ist kein Rahmen, es ist ein Tor +mit goldenen Stufen, die gehen wir hinunter und über den Weg, und biegen +die Weißdornbüsche weg und steigen in den Kahn. Fühlst du wohl, wie er +schaukelt? Das kommt, weil wir die Hand durch das Wasser schleifen, es ist +so warm. Drüben am Berg, der weiße Punkt, du weißt schon, es ist unser +Haus, dahin fahren wir. Siehst du, siehst du?“ + +„Ja, ja“, sagte Diederich voll Eifer. Er kniff die Lider ein und sah +alles, was Agnes wollte. Er geriet so sehr in Feuer, daß er ihre Hand +nahm, um sie zu trocknen. Dann setzten sie sich in einen Winkel und +sprachen von den Reisen, die sie machen wollten, dem sorgenlosen Glück in +sonniger Ferne, von Liebe ohne Ende. Diederich glaubte, was er sagte. Im +Grunde wußte er wohl, daß er bestimmt sei, zu arbeiten und ein praktisches +Leben zu führen, ohne viel Muße für Überschwenglichkeiten. Aber was er +hier sagte, war von einer höheren Wahrheit als alles, was er wußte. Der +eigentliche Diederich, der, der er hätte sein sollen, sprach wahr. – Aber +Agnes: wie sie nun aufstanden und gingen, war sie blaß und schien müde. +Ihre schönen blonden Augen hatten einen Glanz, der Diederich beklommen +machte, und sie fragte leise und zitternd: + +„Wenn unser Kahn nun umgeschlagen wäre?“ + +„Dann hätte ich dich gerettet!“ sagte Diederich entschlossen. + +„Aber es ist weit vom Ufer, und das Wasser ist schrecklich tief.“ + +Da er ratlos war: + +„Wir hätten ertrinken müssen. Sag’, wärst du gern mit mir gestorben?“ + +Diederich sah sie an; dann schloß er die Augen. + +„Ja“, sagte er mit einem Seufzer. + +Nachher aber bereute er ein solches Gespräch. Er hatte wohl gemerkt, warum +Agnes plötzlich in eine Droschke steigen und heimfahren mußte. Sie hatte +krampfhafte Röte bis in die Stirn gehabt, und er sollte nicht sehen, wie +sie hustete. Den ganzen Nachmittag bereute Diederich nun. Solche Sachen +waren ungesund, führten zu nichts und machten Ungelegenheiten. Sein +Professor hatte schon von den Besuchen der Dame erfahren. Es ging nicht +länger, daß sie ihn wegen jeder Laune von seiner Arbeit wegholte. Er +setzte es ihr schonend auseinander. „Du hast wohl recht“, sagte sie +darauf. „Ordentliche Menschen brauchen feste Stunden. Aber wenn ich nun um +halb sechs zu dir kommen soll, und am meisten geliebt hab’ ich dich schon +um vier?“ + +Er fühlte Spott heraus, vielleicht sogar Geringschätzung, und ward grob. +Eine Geliebte, die ihn an seiner Karriere hindern wollte, könne er +überhaupt nicht brauchen. So habe er sich die Sache nicht vorgestellt. Da +bat Agnes um Verzeihung. Sie wollte ganz bescheiden werden und in seinem +Zimmer auf ihn warten. Wenn er noch zu tun hatte, oh! er brauchte keine +Rücksicht zu nehmen. Das beschämte Diederich, er ward weich und überließ +sich, zusammen mit Agnes, den Klagen über eine Welt, in der es nicht nur +Liebe gab. „Muß es denn sein?“ fragte Agnes. „Du hast ein wenig Geld, ich +auch. Warum Karriere machen und dich abhetzen? Wir könnten es so gut +haben.“ Diederich sah es ein – nachträglich aber nahm er ihr es übel. Nun +ließ er sie warten, halb mit Absicht. Sogar den Besuch politischer +Versammlungen erklärte er für eine Pflicht, die der Zusammenkunft mit +Agnes vorangehe. Eines Abends im Mai, wie er verspätet heimkam, traf er +vor der Tür einen jungen Mann in Einjährigenuniform, der ihn zögernd +ansah. „Herr Diederich Heßling?“ – „Ach ja,“ stammelte Diederich, „Sie – +du – Sie sind wohl Herr Wolfgang Buck?“ + +Der jüngste Sohn des großen Mannes von Netzig hatte sich endlich +entschlossen, dem Befehl seines Vaters zu folgen und Diederich +aufzusuchen. Diederich nahm ihn mit hinauf, er fand so schnell keinen +Vorwand, um ihn zu entfernen, und drinnen saß Agnes! Im Flur sprach er +laut, damit sie es höre und sich verstecke. Mit Bangen öffnete er. Im +Zimmer war niemand; auch ihr Hut lag nicht auf dem Bett; aber Diederich +wußte wohl: sie war noch soeben dagewesen. Er sah es dem Stuhl an, der +nicht ganz am Fleck stand, er fühlte es an der Luft, die noch leise zu +schwingen schien vom Hindurchstreifen ihres Kleides. Sie mußte in dem +fensterlosen kleinen Gelaß sein, wo sein Waschtisch stand. Er schob einen +Sessel davor und murrte, unwirsch vor Verlegenheit, über die Wirtin, die +nicht aufräume. Wolfgang Buck meinte, er komme wohl ungelegen. „O nein!“ +versicherte Diederich. Er lud den Gast zum Sitzen ein und brachte Kognak. +Buck entschuldigte sich wegen der ungewöhnlichen Stunde; der Dienst lasse +ihm keine Wahl. „Das kennen wir“, sagte Diederich; und um Fragen +zuvorzukommen, berichtete er sofort, daß ein Jahr schon hinter ihm liege. +Er sei begeistert vom Militär, es sei das Wahre. Wer ganz dabei bleiben +könnte! Leider riefen ihn Familienpflichten. Buck lächelte, ein weiches, +skeptisches Lächeln, das Diederich mißfiel. „Nun ja, die Offiziere: man +ist wenigstens unter Leuten mit guten Manieren.“ + +„Sie verkehren mit ihnen?“ fragte Diederich, und er meinte es höhnisch. +Aber Buck erklärte einfach, daß er zuweilen in die Offiziersmesse geladen +werde. Er zuckte die Achseln. „Ich gehe hin, weil ich es für nützlich +halte, mich in allen Lagern umzusehen. Andererseits verkehre ich viel mit +Sozialisten.“ Er lächelte wieder. „Manchmal möchte ich nämlich General +werden und manchmal Arbeiterführer. Auf welche Seite ich schließlich +fallen werde, darauf bin ich selbst neugierig.“ Und er trank das zweite +Glas Kognak aus. „Ein ekelhafter Mensch“, dachte Diederich. „Und Agnes in +der Dunkelkammer.“ Er sagte: „Mit Ihren Mitteln steht es Ihnen ja frei, +sich in den Reichstag wählen zu lassen oder was Ihnen sonst Spaß macht. +Ich bin auf praktische Arbeit angewiesen. Die Sozialdemokratie betrachte +ich übrigens als meinen Feind, denn sie ist der Feind des Kaisers.“ + +„Wissen Sie das ganz genau?“ fragte darauf Buck. „Ich traue eher dem +Kaiser eine heimliche Liebe für die Sozialdemokratie zu. Er wäre gern +selber der erste Arbeiterführer geworden. Sie haben nur nicht gewollt.“ + +Diederich empörte sich. Das sei beleidigend für Seine Majestät. Aber Buck +ließ sich nicht stören. „Erinnern Sie sich nicht, wie er Bismarck +gegenüber gedroht hat, er wolle den reichen Leuten seinen militärischen +Schutz entziehen? Er hat, wenigstens anfangs, gerade solche Rancüne gegen +die Reichen gehabt wie die Arbeiter – wenn auch natürlich aus abweichenden +Gründen, weil er sich nämlich schwer damit abfindet, daß auch andere Macht +haben.“ + +Den Ausrufen, die in Diederichs Mienen standen, kam Buck zuvor. „Glauben +Sie bitte nicht,“ sagte er lebhafter, „daß Antipathie aus mir spricht. Es +ist im Gegenteil Zärtlichkeit: eine Art feindlicher Zärtlichkeit, wenn Sie +wollen.“ + +„Verstehe ich nicht“, sagte Diederich. + +„Nun ja: wie man sie für jemand hat, bei dem man seine eigenen Fehler +wiederfindet, oder nennen Sie es Tugenden. Jedenfalls sind wir jungen +Leute jetzt alle so wie unser Kaiser, daß wir nämlich unsere +Persönlichkeit ausleben möchten und doch ganz gut fühlen, Zukunft hat nur +die Masse. Einen Bismarck wird es nicht mehr geben und auch keinen +Lassalle mehr. Vielleicht sind es die Begabteren unter uns, die sich das +heute noch ableugnen möchten. Er jedenfalls möchte es sich ableugnen. Und +wenn einem solche Unmenge Macht in den Schoß gefallen ist, wäre es auch +wirklich Selbstmord, sich nicht zu überschätzen. Aber in tiefster Seele +hat er sicher seine Zweifel an der Rolle, die er sich zumutet.“ + +„Rolle?“ fragte Diederich. Buck merkte es gar nicht. + +„Denn die kann ihn weit führen, da sie in der Welt, wie sie heute nun +einmal ist, verdammt paradox wirken muß. Diese Welt erwartet von keinem +einzelnen irgend mehr als von seinem Nachbarn. Auf Niveau kommt es an, +nicht auf Auszeichnung, und am allerwenigsten auf große Männer.“ + +„Erlauben Sie!“ Diederich warf sich in die Brust. „Und das Deutsche Reich, +hätten wir das ohne große Männer? Hohenzollern sind immer große Männer.“ – +Buck verzog schon wieder den Mund, wehmütig und skeptisch. „Dann müssen +sie sich in acht nehmen. Und wir anderen auch. Der Kaiser steht, auf seine +Verhältnisse übertragen, vor derselben Frage wie ich. Soll ich General +werden und mein ganzes Leben auf einen Krieg einrichten, der +voraussichtlich nie mehr geführt werden wird? Oder ein womöglich genialer +Volksführer, während das Volk doch schon so weit ist, daß es auf die +Genies verzichten kann? Beides wäre Romantik, und Romantik führt +bekanntlich zum Bankerott.“ Buck trank zwei Kognaks nacheinander. + +„Was soll ich also werden?“ + +„Ein Alkoholiker“, dachte Diederich. Er fragte sich, ob es nicht seine +Pflicht sei, Buck einen Krach zu machen. Aber Buck trug Uniform! Auch +würde der Lärm vielleicht Agnes hervorgescheucht haben, und was konnte +dann alles entstehen! Immerhin beschloß er, sich Bucks Äußerungen genau zu +merken. Dachte der Mensch mit solchen Gesinnungen Karriere zu machen? +Diederich erinnerte sich, daß auf der Schule Bucks deutsche Aufsätze, die +zu geistreich waren, ihm ein unerklärtes, aber tiefes Mißtrauen eingegeben +hatten. „Stimmt,“ dachte er, „so ist er geblieben. Ein Schöngeist. Die +ganze Familie ist so.“ Die Frau des alten Buck war eine Jüdin gewesen, die +Theater gespielt hatte. Und Diederich fühlte sich nachträglich gedemütigt +durch das herablassende Wohlwollen des alten Buck beim Begräbnis seines +Vaters. Auch der junge demütigte ihn, fortwährend und mit allem: mit +seinen überlegenen Redensarten, seinen Manieren, seinem Verkehr bei den +Offizieren. War er ein Herr von Barnim? Er war auch nur aus Netzig. „Ich +hasse die ganze Familie!“ Und Diederich betrachtete aus gekniffenen Lidern +dies fleischige Gesicht mit der weich gebogenen Nase und den feucht +glänzenden Augen, die sannen. Buck stand auf. „Nun, wir sehen uns zu Hause +wieder. Nächstes oder übernächstes Semester mache ich mein Examen, und was +bleibt dann weiter übrig, als Rechtsanwalt spielen in Netzig ... Und Sie?“ +fragte er. Diederich erklärte streng, daß er seine Zeit nicht zu verlieren +und noch im Sommer seine Doktorarbeit abzuschließen denke. Damit führte er +Buck hinaus. „Ein dummer Kerl bist du doch nur“, dachte er. „Merkst gar +nicht, daß ich ein Mädchen bei mir habe.“ Er kehrte zurück, froh seiner +Überlegenheit über Buck und auch über Agnes, die im Dunkeln gewartet und +nicht gemuckt hatte. + +Wie er aber die Tür öffnete, hing sie über einem Stuhl, ihre Brust ging +heftig, und mit dem Taschentuch unterdrückte sie das Keuchen. Sie sah ihm +entgegen, aus geröteten Augen. Er sah: sie war da drinnen fast erstickt, +und sie hatte geweint – indes er hier draußen getrunken und unnützes Zeug +geredet hatte. Seine erste Regung war maßlose Reue. Sie liebte ihn! Da saß +sie und liebte ihn sehr, daß sie alles ertrug! Er war im Begriff, die Arme +zu erheben, vor sie hinzustürzen und sie weinend um Verzeihung zu bitten. +Rechtzeitig hielt er sich zurück aus Furcht vor der Szene und der +sentimentalen Stimmung nachher, die ihn wieder mehrere Arbeitstage kostete +und ihr die Oberhand gab. Er tat ihr nicht den Willen! Denn natürlich +übertrieb sie absichtlich. So küßte er sie flüchtig auf die Stirn und +sagte: „Du bist schon da? Ich hab’ dich gar nicht kommen gesehen.“ Sie +zuckte auf, wie um etwas zu erwidern, aber sie schwieg. Darauf erklärte +er, es sei gerade jemand fortgegangen. „So ein Judenbengel, der sich +aufspielt! Einfach ekelhaft!“ Diederich lief im Zimmer umher. Um Agnes +nicht ansehen zu müssen, lief er immer schneller und redete immer +heftiger. „Das sind unsere schlimmsten Feinde! Die mit ihrer sogenannten +feinen Bildung, die alles antasten, was uns Deutschen heilig ist! Solch +ein Judenbengel kann froh sein, daß wir ihn dulden. Soll er seine +Pandekten büffeln und die Schnauze halten. Auf seine schöngeistigen +Schmöker huste ich!“ schrie er noch lauter, mit der Absicht, auch Agnes zu +kränken. Da sie nicht antwortete, nahm er einen neuen Anlauf. „Das kommt +aber alles, weil jeder mich jetzt zu Hause findet. Immer muß ich +deinetwegen auf der Bude hocken!“ + +Agnes sagte schüchtern: „Wir haben uns schon sechs Tage nicht gesehen. +Sonntag bist du wieder nicht gekommen. Ich fürchte, du hast mich nicht +mehr lieb.“ Er blieb vor ihr stehen. Von oben herab: „Mein liebes Kind, +daß ich dich liebhabe, brauch’ ich dir wohl wirklich nicht mehr zu +versichern. Aber eine andere Frage ist es, ob ich darum auch Lust habe, +jeden Sonntag deinen Tanten beim Häkeln zuzusehen und mit deinem Vater +über Politik zu reden, wovon er nichts versteht.“ Agnes senkte den Kopf. +„Früher war es so schön. Du standest dich schon so gut mit Papa.“ +Diederich drehte ihr den Rücken zu und sah aus dem Fenster. Das war es +eben: er fürchtete zu gut zu stehen mit Herrn Göppel. Durch seinen +Buchhalter, den alten Sötbier, wußte er, daß Göppels Geschäft bergab ging. +Seine Zellulose taugte nichts mehr, Sötbier bezog sie nicht mehr von ihm. +Da wäre ein Schwiegersohn wie Diederich ihm freilich gelegen gekommen. +Diederich fühlte sich umgarnt von diesen Leuten. Auch von Agnes! Er hatte +sie im Verdacht, mit dem Alten zusammenzustecken. Entrüstet wandte er sich +ihr wieder zu. „Und dann, liebes Kind, ehrlich gestanden: was wir beide +tun, nicht wahr, das ist unsere Sache, aber deinen Vater lassen wir lieber +aus dem Spiel. Beziehungen wie die unseren soll man mit +Familienfreundschaft nicht verquicken. Mein sittliches Gefühl verlangt da +reinliche Scheidung.“ + +Ein Augenblick verging, dann stand Agnes auf, als habe sie jetzt +begriffen. Sie war tief errötet. Sie ging zur Tür. Diederich holte sie +ein. „Aber Agnes, so hab’ ich es doch nicht gemeint. Es war doch nur, weil +ich dich viel zu sehr achte –. Und ich kann ja auch wiederkommen Sonntag.“ +Sie ließ ihn reden, mit unbewegter Miene. „Nun sei doch wieder gemütlich“, +bat er. „Du hast noch nicht mal deinen Hut abgenommen.“ Sie tat es. Er +verlangte, sie solle sich auf den Diwan setzen, und sie setzte sich. Sie +küßte ihn auch, wie er es wollte. Aber indes ihre Lippen lächelten und +küßten, blieben ihre Augen starr und unbeteiligt. Plötzlich riß sie ihn in +ihre Arme: er erschrak, er wußte nicht, ob es Haß war. Aber dann fühlte er +sich heißer geliebt als je. + +„Heute war es aber wirklich schön. Was, meine kleine süße Agnes?“ sagte +Diederich, zufrieden und gutmütig. + +„Adieu“, sagte sie, hastend nach Schirm und Beutel, während er sich erst +ankleidete. + +„Du hast es aber eilig.“ – „Weiter kann ich wohl nichts für dich tun.“ Sie +war schon bei der Tür – plötzlich fiel sie mit der Schulter gegen den +Pfosten und rührte sich nicht mehr. „Was ist denn los?“ Wie Diederich +näher kam, sah er sie schluchzen. Er berührte sie. „Ja, was hast du denn?“ +Da ward ihr Weinen laut und krampfhaft. Es hörte nicht auf. „Aber Agnes,“ +sagte Diederich von Zeit zu Zeit, „was ist auf einmal geschehen, wir waren +doch so vergnügt.“ Und ganz ratlos: „Hab’ ich dir was getan?“ Zwischen den +Krisen und halb erstickt, brachte sie hervor: „Ich kann nicht. +Entschuldige.“ Er trug sie auf den Diwan. Als es endlich vorbei war, +schämte Agnes sich. „Verzeih! Ich kann nicht dafür.“ – „Kann denn ich +dafür?“ – „Nein, nein. Es sind die Nerven. Verzeih!“ + +Mitleidig und geduldig brachte er sie bis zu einem Wagen. Nachträglich +aber erschien ihm auch der Anfall als halbe Komödie und als eins der +Mittel, die ihn endgültig einfangen sollten. Das Gefühl verließ ihn nicht +mehr, daß Ränke gesponnen wurden gegen seine Freiheit und seine Zukunft. +Er wehrte sich dagegen vermittels schroffen Auftretens, Betonung seiner +männlichen Selbständigkeit und durch Kälte, sobald die Stimmung weich +ward. Sonntags bei Göppels war er auf seiner Hut, wie in Feindesland: +korrekt und unzugänglich. Wann seine Arbeit denn nun fertig werde? fragten +sie. Er könne die Lösung morgen finden oder erst in zwei Jahren, das wisse +er selbst nicht. Er betonte, daß er auch künftig finanziell abhängig von +seiner Mutter bleibe. Er werde noch lange für nichts Zeit haben als einzig +für das Geschäft. Und da Herr Göppel die idealen Werte des Lebens zu +bedenken gab, lehnte Diederich barsch ab. „Noch gestern hab’ ich meinen +Schiller verkauft. Denn ich habe keinen Sparren und lass’ mir nichts +vormachen.“ Wenn er nach solchen Worten Agnes’ stummen und betrübten Blick +auf sich fühlte, hatte er wohl einen Augenblick die Empfindung, als habe +nicht er selbst gesprochen, als gehe er im Nebel, rede falsch und handle +wider Willen. Aber das verging. + +Agnes kam, sooft er sie bestellte, und ging fort, wenn es Zeit für ihn +war, zu arbeiten oder zu kneipen. Sie verführte ihn nicht mehr zu +Träumereien vor Bildern, seit er einmal an einem Wurstgeschäft angehalten +und ihr erklärt hatte, daß sei für ihn der schönste Kunstgenuß. Ihm selbst +fiel es endlich auf das Herz, wie selten sie sich nur noch sahen. Er warf +ihr vor, daß sie nicht darauf dringe, öfter zu kommen. „Früher warst du +ganz anders.“ „Ich muß warten“, sagte sie. „Worauf?“ „Daß auch du wieder +so wirst. Oh! Ich weiß ganz sicher, es wird kommen.“ + +Er schwieg aus Furcht vor Auseinandersetzungen. Dennoch kam es, wie sie +gesagt hatte. Seine Arbeit war endlich beendet und gutgeheißen, er hatte +nur noch eine belanglose mündliche Prüfung zu bestehen und war in der +gehobenen Stimmung einer Lebenswende. Wie Agnes ihm ihren Glückwunsch +brachte und Rosen dazu, brach er in Tränen aus und sagte, daß er sie +immer, immer liebhaben werde. Sie berichtete, daß Herr Göppel soeben eine +mehrtägige Geschäftsreise antrete. „Und nun ist das Wetter so +wunderschön ...“ Diederich fiel sofort ein: „Das müssen wir benutzen! +Solche Gelegenheit haben wir noch nie gehabt!“ Sie beschlossen, aufs Land +hinaus zu fahren. Agnes wußte von einem Ort namens Mittenwalde; es mußte +einsam dort sein und romantisch wie der Name. „Den ganzen Tag werden wir +beisammen sein!“ – „Und die Nacht auch“, setzte Diederich hinzu. + +Schon der Bahnhof, von dem man abfuhr, war entlegen und der Zug ganz klein +und altmodisch. Sie blieben allein in ihrem Wagen; es dunkelte langsam, +der Schaffner zündete ihnen eine trübe Lampe an, und sie sahen, eng +umschlungen, stumm und mit großen Augen hinaus in das flache, eintönige +Ackerland. Da hinausgehen, zu Fuß, weit fort, und sich verlieren in der +guten Dunkelheit! Bei einem Dorf mit einer Handvoll Häuser wären sie fast +ausgestiegen. Der Schaffner holte sie jovial zurück; ob sie denn auf Stroh +übernachten wollten. Und dann langten sie an. Das Wirtshaus hatte einen +großen Hof, ein weites Gastzimmer mit Petroleumlampen unter der +Balkendecke und einen biederen Wirt, der Agnes „gnädige Frau“ nannte und +schlaue slawische Augen dazu machte. Sie waren voll heimlichen +Einverständnisses und befangen. Nach dem Essen wären sie gern gleich +hinaufgegangen, wagten es aber nicht und blätterten gehorsam in den +Zeitschriften, die der Wirt ihnen hinlegte. Wie er den Rücken wandte, +warfen sie einander einen Blick zu, und, husch, waren sie auf der Treppe. +Noch war kein Licht im Zimmer, die Tür stand noch offen, und schon lagen +sie einander in den Armen. + +Ganz früh am Morgen schien die Sonne herein. Im Hof drunten pickten Hühner +und flatterten auf den Tisch vor der Laube. „Dort wollen wir frühstücken!“ +Sie gingen hinab. Wie herrlich warm! Aus der Scheuer duftete es köstlich +nach Heu. Kaffee und Brot schmeckten ihnen frischer als sonst. So frei war +einem um das Herz, das ganze Leben stand offen. Stundenweit wollten sie +gehen; der Wirt mußte die Straßen und Dörfer nennen. Sie lobten freudig +sein Haus und seine Betten. Sie seien wohl auf der Hochzeitsreise? +„Stimmt“ – und sie lachten herzhaft. + +Die Pflastersteine der Hauptstraße streckten ihre Spitzen nach oben, und +die Julisonne färbte sie bunt. Die Häuser waren höckrig, schief und so +klein, daß die Straße zwischen ihnen sich ausnahm wie ein Feld mit +Steinen. Die Glocke des Krämers klapperte lange hinter den Fremden her. +Wenige Leute, halb städtisch gekleidet, schlichen durch den Schatten und +wandten sich um nach Agnes und Diederich, die stolze Gesichter machten, +denn sie waren die Elegantesten hier. Agnes entdeckte das Modengeschäft +mit den Hüten der feinen Damen. „Nicht zu glauben! Das hat man in Berlin +vor drei Jahren getragen!“ Dann traten sie durch ein Tor, das wacklig +aussah, in das Land hinaus. Die Felder wurden gemäht. Der Himmel war blau +und schwer, die Schwalben schwammen darin wie in trägem Wasser. Die +Bauernhäuser dort drüben waren eingetaucht in heißes Flimmern, und ein +Wald stand schwarz, mit blauen Wegen. Agnes und Diederich faßten sich bei +den Händen, und ohne Verabredung fingen sie zu singen an: ein Lied für +wandernde Kinder, das sie noch aus der Schule kannten. Diederich machte +seine Stimme tief, damit Agnes ihn bewundere. Als sie nicht weiter wußten, +wandten sie einander die Gesichter zu und küßten sich, im Gehen. + +„Jetzt seh’ ich erst recht, wie hübsch du bist“, sagte Diederich und sah +zärtlich in ihr rosiges Gesicht, mit den blonden Wimpern um diese blonden, +goldgestirnten Augen. „Der Sommer steht mir gut“ – und Agnes atmete frei +auf, daß ihre Hemdbluse geschwellt ward. Schlank ging sie dahin, mit +schmalen Hüften und dem blauen Schleier, der ihr nachwehte. Diederich +hatte es zu warm, er zog den Rock aus, dann auch die Weste, und endlich +gestand er, daß er sich Schatten wünsche. Sie fanden welchen, am Rand +eines Feldes, worauf noch das Korn stand, und unter einem Akazienbusch, +der noch duftete. Agnes setzte sich und legte Diederichs Kopf in ihren +Schoß. Sie spielten noch miteinander und scherzten: plötzlich merkte sie, +daß er einschlief. + +Er wachte auf, sah um sich, und als er Agnes’ Gesicht fand, erglänzte er +selig. „Lieber“, sagte sie. „Was du für ein gutes, dummes Gesicht machst.“ +– „Erlaub’ mal! Ich habe doch höchstens fünf Minuten – nein, wahrhaftig, +eine Stunde hab’ ich geschlafen. Hast du dich gelangweilt?“ Aber sie war +erstaunter als er, daß so viel Zeit vergangen war. Seinen Kopf zog er +unter der Hand hervor, die sie ihm auf das Haar gelegt hatte, als er +einschlief. + +Zwischen den Feldern gingen sie zurück. In einem lag eine dunkle Masse; +und als sie durch die Halme spähten, war es ein alter Mann mit einer +Pelzkappe, rostroter Jacke und Samthosen, die auch schon rötlich waren. +Seinen Bart hatte er sich, zusammengekrümmt, um die Knie gewickelt. Sie +bückten sich tiefer, um ihn zu erkennen. Da bemerkten sie, daß er sie +schon längst aus schwarzen Funkelaugen ansah. Unwillkürlich schritten sie +schneller aus, und in den Blicken, die sie einander zuwandten, stand +Märchengrauen. Sie blickten umher: sie waren in einem weiten, fremden +Land, die kleine Stadt dort hinten schlief fremdartig in der Sonne, und +der Himmel sah ihnen aus, als seien sie Tag und Nacht gereist. + +Wie abenteuerlich das Mittagessen in der Laube des Wirtshauses, mit der +Sonne, den Hühnern, dem offenen Küchenfenster, aus dem Agnes sich die +Teller reichen ließ. Wo war die bürgerliche Ordnung der Blücherstraße, wo +Diederichs angestammter Kneiptisch? „Ich gehe nicht wieder fort von hier“, +erklärte Diederich. „Dich lass’ ich auch nicht fort.“ Und Agnes: „Warum +denn auch? Ich schreibe meinem Papa und lass’ es ihm durch meine Freundin +schicken, die in Küstrin verheiratet ist. Dann glaubt er, ich bin dort.“ + +Später gingen sie nochmals aus, nach der anderen Seite, wo Wasser floß und +der Horizont von den Flügeln dreier Windmühlen umsegelt ward. Im Kanal lag +ein Boot; sie mieteten es und schwammen dahin. Ein Schwan kam ihnen +entgegen. Der Schwan und ihr Boot glitten lautlos aneinander vorüber. +Unter herniederhängenden Büschen legte es von selbst an – und Agnes fragte +unvermittelt nach Diederichs Mutter und seinen Schwestern. Er sagte, daß +sie immer gut zu ihm gewesen seien, und daß er sie liebhabe. Er wollte +sich die Bilder der Schwestern schicken lassen, sie waren hübsch geworden; +oder vielleicht nicht hübsch, aber so anständig und sanft. Die eine, Emmi, +las Gedichte, wie Agnes. Diederich wollte für beide sorgen und sie +verheiraten. Seine Mutter aber, die behielt er bei sich, denn ihr hatte er +alles Gute im Leben verdankt, bis Agnes gekommen war. Und er erzählte von +den Dämmerstunden, den Märchen unter den Weihnachtsbäumen seiner Kindheit +und sogar von dem Gebet „aus dem Herzen“. Agnes hörte zu, ganz versunken. +Endlich seufzte sie auf. „Deine Mutter möchte ich kennenlernen. Meine hab’ +ich nicht gekannt.“ Er küßte sie, mitleidig, achtungsvoll und mit einer +dunklen Empfindung von schlechtem Gewissen. Er fühlte: jetzt hatte er ein +Wort zu sprechen, das sie ganz und gar für immer trösten mußte. Aber er +schob es hinaus, er konnte nicht. Agnes sah ihn tief an. „Ich weiß,“ sagte +sie langsam, „daß du im Herzen ein guter Mensch bist. Du mußt nur manchmal +anders tun.“ Darüber erschrak er. Dann sagte sie, als entschuldigte sie +sich: „Heute hab ich gar keine Furcht vor dir.“ + +„Hast du denn sonst Furcht?“ fragte er reumütig. Sie sagte: + +„Ich habe mich immer gefürchtet, wenn die Leute recht hochgemut und lustig +waren. Bei meinen Freundinnen früher war es mir oft, als könnte ich mit +ihnen nicht Schritt halten, und sie müßten es merken und mich verachten. +Sie merkten es aber nicht. Schon als Kind: ich hatte eine Puppe mit großen +blauen Glasaugen, und als meine Mutter gestorben war, mußte ich nebenan +bei der Puppe sitzen. Sie sah mich immer starr an mit ihren aufgerissenen +harten Augen, die sagten mir: Deine Mutter ist tot, jetzt werden dich alle +so ansehen wie ich. Gerne hätte ich sie auf den Rücken gelegt, damit sie +die Augen schloß. Aber ich wagte es nicht. Hätte ich denn auch die +Menschen auf den Rücken legen können? Alle haben solche Augen, und +manchmal –“ sie verbarg ihr Gesicht an seiner Schulter, „manchmal sogar +du.“ + +Der Hals war ihm zugeschnürt, er tastete über ihren Nacken, und seine +Stimme schwankte. „Agnes! Süße Agnes, du weißt gar nicht, wie ich dich +liebhabe ... Ich hab’ Furcht vor dir gehabt, ja, ich! Drei Jahre lang hab’ +ich mich nach dir gesehnt, aber du warst zu schön für mich, zu fein, zu +gut ...“ Sein ganzes Herz schmolz; er sagte alles, was er ihr nach ihrem +ersten Besuch geschrieben hatte, in dem Brief, der noch in seinem +Schreibtisch lag. Sie hatte sich aufgerichtet und hörte ihm zu, entzückt, +die Lippen geöffnet. Sie jubelte leise: „Ich wußte es, so bist du, du bist +wie ich!“ + +„Wir gehören zusammen“, sagte Diederich und preßte sie an sich; aber er +war erschrocken über seinen Ausruf: „Jetzt wartet sie,“ dachte er, „jetzt +soll ich sprechen.“ Er wollte es, aber er fühlte sich gelähmt. Der Druck +seiner Arme auf ihrem Rücken ward immer kraftloser ... Sie bewegte sich: +er wußte, nun wartete sie nicht mehr. Und sie lösten sich voneinander, +ohne sich anzusehen. Diederich schlug plötzlich die Hände vor das Gesicht +und schluchzte. Sie fragte nicht, weshalb; sie strich ihm tröstend über +das Haar. Das währte lange. + +Über ihn hinweg, ins Leere, sagte Agnes: „Hab’ ich denn geglaubt, daß es +dauern würde? Es mußte schlimm enden, weil es so schön war.“ + +Er fuhr auf, verzweifelt. „Es ist doch nicht aus!“ Sie fragte: + +„Glaubst du an das Glück?“ + +„Wenn ich dich verlieren soll, nicht mehr!“ + +Sie murmelte: „Du wirst fortgehen, hinaus in das Leben und mich +vergessen.“ + +„Lieber sterben!“ – und er zog sie an sich. Sie flüsterte an seiner Wange: + +„Sieh, wie breit hier das Wasser ist, ein See. Unser Boot hat sich von +selbst losgemacht und uns hinausgeführt. Weißt du noch, jenes Bild? Und +der See, auf dem wir schon einmal im Traum fuhren? Wohin wohl?“ Und noch +leiser: „Wohin mit uns?“ + +Er antwortete nicht mehr. Ganz umschlungen und die Lippen aufeinander, +senkten sie sich rückwärts immer tiefer über das Wasser. Drängte sie ihn? +Zog er sie? Niemals waren sie so sehr eins gewesen. Diederich fühlte: nun +war es gut. Er war, mit Agnes zu leben, nicht edel genug gewesen, nicht +gläubig, nicht tapfer genug. Jetzt hatte er sie eingeholt, nun war es gut. + +Plötzlich, ein Stoß: sie schnellten in die Höhe. Diederich hatte so viel +Kraft gebraucht, daß Agnes von ihm fort und zu Boden fiel. Er strich sich +über die Stirn. „Was haben wir denn da?“ – Noch kalt vom Schrecken und als +sei er beleidigt, sah er weg von ihr. „So unvorsichtig darf man nicht sein +beim Bootfahren.“ Er ließ sie allein aufstehen, griff sogleich nach den +Rudern und fuhr zurück. Agnes hielt das Gesicht nach dem Ufer gewendet. +Einmal wollte sie zu ihm hinsehen; aber sein Blick traf sie so mißtrauisch +und hart, daß sie zusammenfuhr. + +In der sinkenden Dämmerung gingen sie, immer schneller, die Landstraße +zurück. Zuletzt liefen sie fast. Und erst als es dunkel genug war, daß sie +ihre Gesichter nicht mehr deutlich erkannten, sprachen sie. Morgen früh +kam Herr Göppel vielleicht heim. Agnes mußte heim ... Wie sie beim +Wirtshaus ankamen, pfiff in der Ferne schon der Zug. „Nicht mal mehr essen +kann man!“ sagte Diederich mit künstlicher Unzufriedenheit. Hals über Kopf +die Sachen holen, zahlen und fort. Der Zug fuhr ab, kaum daß sie drin +waren. Ein Glück, daß sie Atem zu schöpfen und die eiligen Geschäfte der +letzten Viertelstunde zu besprechen hatten. Das letzte Wort darüber war +gefallen, und nun saß jeder da, allein bei trüber Lampe und betäubt wie +nach einem großen Mißerfolg. Das dunkle Land da draußen, hatte es einmal +gelockt und Gutes versprochen? Das sollte erst gestern gewesen sein? Man +fand nicht zurück. Kamen nicht endlich die Lichter der Stadt und befreiten +einen? + +Bei der Ankunft waren sie darüber einig, daß es sich nicht verlohne, in +denselben Wagen zu steigen. Diederich nahm die Trambahn. Hände und Augen +streiften sich nur. + + + +„Uff!“ machte Diederich, als er allein war. „Das wäre erledigt.“ Er sagte +sich: „Es hätte ebensogut schief gehen können.“ Und mit Empörung: „So eine +hysterische Person!“ Sich selbst würde sie sicher am Boot festgehalten +haben. Er hätte das Bad allein nehmen müssen. Auf den ganzen Trick war sie +doch nur verfallen, weil sie durchaus geheiratet werden wollte! „Die +Weiber sind zu gerissen, und sie haben keine Hemmungen, da kommt +unsereiner nun mal nicht mit. Diesmal hat sie mich, weiß Gott, noch ärger +an der Nase herumgeführt als damals mit Mahlmann. Na, mir soll es eine +Lehre für das Leben sein. Nun aber Schluß!“ Und festen Schrittes ging er +zu den Neuteutonen. Fortan verbrachte er jeden Abend dort, und am Tage +büffelte er für das mündliche Examen, aber zur Vorsicht nicht zu Hause, +sondern im Laboratorium. Wenn er dann heimkam, ward ihm das Steigen der +Stockwerke schwer, er mußte sich gestehen, daß er Herzklopfen habe. +Zögernd öffnete er die Zimmertür: – nichts; und nachdem ihm anfangs +leichter geworden war, kam es schließlich doch jedesmal dazu, daß er die +Wirtin fragte, ob jemand dagewesen sei. Niemand war dagewesen. + +Nach vierzehn Tagen aber kam ein Brief. Er hatte ihn geöffnet, bevor er es +bedachte. Dann wollte er ihn ungelesen in den Schreibtisch werfen – zog +ihn aber wieder hervor und hielt ihn weit fort vom Gesicht. Hastig, mit +mißtrauischen Augen griff er hier und da eine Zeile heraus. „Ich bin so +unglücklich ...“ „Kennen wir!“ antwortete Diederich. „Ich wage mich nicht +zu Dir ...“ „Dein Glück!“ „Es ist schrecklich, daß wir uns fremd geworden +sind ...“ „Wenigstens siehst du es ein.“ „Verzeih mir, was geschehen ist, +oder ist nichts geschehen?...“ „Gerade genug!“ „Ich kann nicht +weiterleben ...“ „Fängst du schon wieder an?“ Und er schleuderte das Blatt +endgültig in die Lade, zu jenem anderen, das er in einer zuchtlosen Nacht +mit Überschwenglichkeiten bedeckt und zum Glück nicht abgeschickt hatte. + +Eine Woche später aber, wie er in der Nacht heimkam, hörte er hinter sich +Schritte, die besonders klangen. Er fuhr herum: eine Gestalt blieb stehen, +die Hände ein wenig erhoben und leer vor sich hingehalten. Noch während er +das Haustor aufschloß und eintrat, sah er sie im Halbdunkel dastehen. Im +Zimmer machte er kein Licht. Er schämte sich, indes sie aus dem Dunkel +hinaufspähte, das Zimmer zu beleuchten, das ihr gehört hatte. Es regnete. +Wie viele Stunden hatte sie gewartet? Gewiß stand sie noch immer dort, mit +ihrer letzten Hoffnung. Das war nicht auszuhalten! Er wollte das Fenster +aufreißen – und wich zurück. Einmal fand er sich plötzlich auf der Treppe, +mit dem Hausschlüssel in der Hand. Gerade gelang es ihm noch, umzukehren. +Darauf schloß er ab und zog sich aus. „Mehr Haltung, mein Lieber!“ Denn +diesmal wäre man aus der Sache nicht mehr leicht herausgekommen. Das Mädel +war zweifellos zu bedauern, aber schließlich hatte sie es gewollt. „Vor +allem habe ich Pflichten gegen mich selbst.“ – Am Morgen, schlecht +ausgeschlafen, nahm er es ihr sogar sehr übel, daß sie noch einmal +versucht hatte, ihn aus seiner Bahn zu reißen. Jetzt, da sie wußte, daß +die Prüfung bevorstand! Solche Gewissenlosigkeit sah ihr ähnlich. Und +durch die nächtliche Szene, diese Bettlerrolle im Regen, hatte ihre +Gestalt nachträglich etwas Verdächtiges und Unheimliches bekommen. Er +betrachtete sie als endgültig gesunken. „Auf keinen Fall mehr das +geringste!“ beteuerte er sich, und er beschloß, noch für den kurzen Rest +seines Aufenthaltes die Wohnung zu wechseln: „selbst wenn es mit einem +Geldopfer verbunden sein sollte.“ Glücklicherweise suchte ein Kollege +grade ein Zimmer; Diederich verlor nichts und zog sofort um, weit hinauf +nach dem Norden. Kurz darauf bestand er sein Examen. Die Neuteutonia +feierte ihn mit einem Frühschoppen, der bis gegen Abend dauerte. Zu Hause +ward ihm gesagt, daß in seinem Zimmer ein Herr auf ihn warte. „Es wird +Wiebel sein,“ dachte Diederich, „er muß mir doch Glück wünschen.“ Und von +Hoffnung geschwellt: „Vielleicht ist es der Assessor von Barnim?“ Er +öffnete, und er prallte zurück. Denn da stand Herr Göppel. + +Auch er fand nicht gleich Worte. „Nanu, im Frack?“ sagte er dann, und +zögernd: „Waren Sie vielleicht bei mir?“ + +„Nein“, sagte Diederich und erschrak aufs neue. „Ich habe nur meine +Doktorprüfung gemacht.“ + +Göppel erwiderte: „Ach so, ich gratuliere.“ Dann brachte Diederich hervor: +„Wie haben Sie denn meine neue Adresse gefunden?“ Und Göppel antwortete: +„Ihrer früheren Wirtin haben Sie sie allerdings nicht gesagt. Aber es gibt +ja auch sonst noch Mittel.“ Darauf sahen sie einander an. Göppels Stimme +war ruhig gewesen, aber Diederich fühlte schreckliche Drohungen darin. Er +hatte den Gedanken an die Katastrophe immer hinausgeschoben, und jetzt war +sie da. Er mußte sich setzen. + +„Nämlich,“ begann Göppel, „ich komme, weil es Agnes gar nicht gut geht.“ + +„Oh!“ machte Diederich mit verzweifelter Heuchelei. „Was fehlt ihr denn?“ +Herr Göppel wiegte bekümmert den Kopf. „Das Herz will nicht; aber es sind +natürlich nur die Nerven ... Natürlich“, wiederholte er, nachdem er +vergeblich gewartet hatte, daß Diederich es wiederhole. „Und nun wird sie +mir melancholisch vor Langeweile, und ich möchte sie aufheitern. Ausgehen +darf sie nicht. Aber kommen Sie doch mal wieder zu uns, morgen ist +Sonntag.“ + +„Gerettet!“ fühlte Diederich. „Er weiß nichts.“ Vor Freude ward er zum +Diplomaten, er kratzte sich den Kopf. „Ich hatte es mir schon fest +vorgenommen. Aber jetzt muß ich dringend nach Haus, unser alter +Geschäftsführer ist krank. Nicht mal meinen Professoren kann ich +Abschiedsbesuche machen, morgen früh reise ich gleich ab.“ + +Göppel legte ihm die Hand auf das Knie. „Sie sollten es sich überlegen, +Herr Heßling. Seinen Freunden schuldet man manchmal auch was.“ + +Er sprach langsam und hatte einen so eindringlichen Blick, daß Diederich +wegsehen mußte. „Wenn ich nur könnte“, stammelte er; Göppel sagte: + +„Sie können. Überhaupt können Sie alles, was hier in Frage kommt.“ + +„Wieso?“ Diederich erstarrte im Innern. „Sie wissen wohl, wieso“, sagte +der Vater; und nachdem er seinen Stuhl ein Stück zurückgeschoben hatte: +„Sie denken doch hoffentlich nicht, daß Agnes mich hergeschickt hat? Im +Gegenteil, ich hab’ ihr versprechen müssen, daß ich gar nichts tue und Sie +ganz in Ruhe lasse. Aber dann hab’ ich mir überlegt, daß es doch +eigentlich zu dumm wäre, wenn wir beide noch lange umeinander herum gehen +wollten, so wie wir uns kennen, und wie ich Ihren seligen Vater gekannt +habe, und bei unserer Geschäftsverbindung und so weiter.“ + +Diederich dachte: „Die Geschäftsverbindung ist gelöst, mein Bester.“ Er +wappnete sich. + +„Ich gehe gar nicht um Sie herum, Herr Göppel.“ + +„Na also. Dann ist ja alles in Ordnung. Ich verstehe wohl: der Sprung in +die Ehe, den tut kein junger Mann, besonders heute, ohne erst mal zu +scheuen. Aber wenn die Geschichte so glatt liegt wie hier, nicht wahr? +Unsere Branchen greifen ineinander, und wenn Sie Ihr väterliches Geschäft +ausdehnen wollen, kommt Ihnen Agnes’ Mitgift sehr gelegen.“ Und in einem +Atem weiter, indes seine Augen abirrten: „Momentan kann ich zwar nur +zwölftausend Mark flüssig machen, aber Zellulose kriegen Sie, soviel Sie +wollen.“ + +„Siehst du wohl?“ dachte Diederich. „Und die zwölftausend müßtest du dir +auch pumpen – wenn du sie noch kriegst.“ – „Sie haben mich mißverstanden, +Herr Göppel“, erklärte er. „Ich denke nicht ans Heiraten. Dazu wären zu +große Geldmittel nötig.“ + +Herr Göppel sagte mit angstvollen Augen und lachte dabei: „Ich kann noch +ein übriges tun ...“ + +„Lassen Sie nur“, sagte Diederich, vornehm abwehrend. + +Göppel ward immer ratloser. + +„Ja, was wollen Sie dann überhaupt?“ + +„Ich? Gar nichts. Ich dachte, Sie wollten was, weil Sie mich besuchen.“ + +Göppel gab sich einen Ruck. „Das geht nicht, lieber Heßling. Nach dem, was +nun mal vorgefallen ist. Und besonders, da es schon so lange dauert.“ + +Diederich maß den Vater, er zog die Mundwinkel herab. „Sie wußten es +also?“ + +„Nicht sicher“, murmelte Göppel. Und Diederich, von oben: + +„Das hätte ich auch merkwürdig gefunden.“ + +„Ich habe eben Vertrauen gehabt zu meiner Tochter.“ + +„So irrt man sich“, sagte Diederich, zu allem entschlossen, womit er sich +wehren konnte. Göppels Stirn fing an, sich zu röten. „Zu Ihnen hab’ ich +nämlich auch Vertrauen gehabt.“ + +„Das heißt: Sie hielten mich für naiv.“ Diederich schob die Hände in die +Hosentaschen und lehnte sich zurück. + +„Nein!“ Göppel sprang auf. „Aber ich hielt Sie nicht für den Schubbejack, +der Sie sind!“ + +Diederich erhob sich mit formvoller Ruhe. „Geben Sie Satisfaktion?“ fragte +er. Göppel schrie: + +„Das möchten Sie wohl! Die Tochter verführen und den Vater abschießen! +Dann ist Ihre Ehre komplett!“ + +„Davon verstehen Sie nichts!“ Auch Diederich fing an, sich aufzuregen. +„Ich habe Ihre Tochter nicht verführt. Ich habe getan, was sie wollte, und +dann war sie nicht mehr loszuwerden. Das hat sie von Ihnen.“ Mit +Entrüstung: „Wer sagt mir, daß Sie sich nicht von Anfang an mit ihr +verabredet haben? Dies ist eine Falle!“ + +Göppel hatte ein Gesicht, als wollte er noch lauter schreien. Plötzlich +erschrak er, und mit seiner gewöhnlichen Stimme, nur daß sie zitterte, +sagte er: „Wir geraten zu sehr in Feuer, dafür ist die Sache zu wichtig. +Ich habe Agnes versprochen, daß ich ruhig bleiben will.“ + +Diederich lachte höhnisch auf. „Sehen Sie, daß Sie schwindeln? Vorhin +sagten Sie, Agnes weiß gar nicht, daß Sie hier sind.“ + +Der Vater lächelte entschuldigend. „Im guten einigt man sich schließlich +immer. Nicht wahr, mein lieber Heßling?“ + +Aber Diederich fand es gefährlich, wieder gut zu werden. + +„Der Teufel ist Ihr lieber Heßling!“ schrie er. „Für Sie heiß’ ich Herr +Doktor!“ + +„Ach so“, machte Göppel, ganz starr. „Es ist wohl das erstemal, daß jemand +Herr Doktor zu Ihnen sagen muß? Na, auf die Gelegenheit können Sie stolz +sein.“ + +„Wollen Sie vielleicht auch noch meine Standesehre antasten?“ Göppel +wehrte ab. + +„Gar nichts will ich antasten. Ich frage mich nur, was wir Ihnen getan +haben, meine Tochter und ich. Müssen Sie denn wirklich so viel Geld +mithaben?“ + +Diederich fühlte sich erröten. Um so entschlossener ging er vor. + +„Wenn Sie es durchaus hören wollen: mein moralisches Empfinden verbietet +mir, ein Mädchen zu heiraten, das mir ihre Reinheit nicht mit in die Ehe +bringt.“ + +Sichtlich wollte Göppel sich nochmals empören; aber er konnte nicht mehr, +er konnte nur noch das Schluchzen unterdrücken. + +„Wenn Sie heute nachmittag den Jammer gesehen hätten! Sie hat es mir +gestanden, weil sie es nicht mehr aushielt. Ich glaube, nicht mal mich +liebt sie mehr: nur Sie. Was wollen Sie denn, Sie sind doch der erste.“ + +„Weiß ich das? Vor mir verkehrte bei Ihnen ein Herr namens Mahlmann.“ Und +da Göppel zurückwich, als sei er vor die Brust gestoßen: + +„Nun ja, kann man das wissen? Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht.“ + +Er sagte noch: „Kein Mensch kann von mir verlangen, daß ich so eine zur +Mutter meiner Kinder mache. Dafür hab’ ich zuviel soziales Gewissen.“ +Damit drehte er sich um. Er hockte nieder und legte Sachen in den Koffer, +der geöffnet dastand. + +Hinter sich hörte er den Vater nun wirklich schluchzen – und Diederich +konnte nicht hindern, daß er selbst gerührt ward: durch die edel männliche +Gesinnung, die er ausgesprochen hatte, durch Agnes’ und ihres Vaters +Unglück, das zu heilen ihm die Pflicht verbot, durch die schmerzliche +Erinnerung an seine Liebe und all diese Tragik des Schicksals ... Er +hörte, gespannten Herzens, wie Herr Göppel die Tür öffnete und schloß, +hörte ihn über den Korridor schleichen und das Geräusch der Flurtür. Nun +war es aus – und da ließ Diederich sich vornüber fallen und weinte heftig +in seinen halbgepackten Koffer hinein. Am Abend spielte er Schubert. + +Damit war dem Gemüt Genüge getan, man mußte stark sein. Diederich hielt +sich vor, ob etwa Wiebel jemals so sentimental geworden wäre. Sogar ein +Knote ohne Komment, wie Mahlmann, hatte Diederich eine Lektion in +rücksichtsloser Energie erteilt. Daß auch die anderen in ihrem Innern +vielleicht doch weiche Stellen haben könnten, erschien ihm im höchsten +Grade unwahrscheinlich. Nur er war, von seiner Mutter her, damit behaftet; +und ein Mädel wie Agnes, die gerade so verrückt war wie seine Mutter, +würde ihn ganz untauglich gemacht haben für diese harte Zeit. Diese harte +Zeit: bei dem Wort sah Diederich immer die Linden mit dem Gewimmel von +Arbeitslosen, Frauen, Kindern, von Not, Angst, Aufruhr – und das alles +gebändigt, bis zum Hurraschreien gebändigt durch die Macht, die +allumfassende, unmenschliche Macht, die mitten darin ihre Hufe wie auf +Köpfe setzte, steinern und blitzend. + +„Nichts zu machen“, sagte er sich, in begeisterter Unterwerfung. „So muß +man sein!“ Um so schlimmer für die, die nicht so waren: sie kamen eben +unter die Hufe. Hatten Göppels, Vater und Tochter, irgendeine Forderung an +ihn? Agnes war großjährig, und ein Kind hatte er ihr nicht gemacht. Also? +„Ich wäre ein Narr, wenn ich zu meinem Schaden etwas täte, wozu ich nicht +gezwungen werden kann. Mir schenkt auch keiner was.“ Diederich empfand +stolze Freude, wie gut er nun schon erzogen war. Die Korporation, der +Waffendienst und die Luft des Imperialismus hatten ihn erzogen und +tauglich gemacht. Er versprach sich, zu Haus in Netzig seine +wohlerworbenen Grundsätze zur Geltung zu bringen und ein Bahnbrecher zu +sein für den Geist der Zeit. Um diesen Vorsatz auch äußerlich an seiner +Person kenntlich zu machen, begab er sich am Morgen darauf in die +Mittelstraße zum Hoffriseur Haby und nahm eine Veränderung mit sich vor, +die er an Offizieren und Herren von Rang jetzt immer häufiger beobachtete. +Sie war ihm bislang nur zu vornehm erschienen, um nachgeahmt zu werden. Er +ließ vermittels einer Bartbinde seinen Schnurrbart in zwei rechten Winkeln +hinaufführen. Als es geschehen war, kannte er sich im Spiegel kaum wieder. +Der von Haaren entblößte Mund hatte, besonders wenn man die Lippen +herabzog, etwas katerhaft Drohendes, und die Spitzen des Bartes starrten +bis in die Augen, die Diederich selbst Furcht erregten, als blitzten sie +aus dem Gesicht der Macht. + + + + + + III. + + +Um weiteren Belästigungen durch die Familie Göppel aus dem Wege zu gehen, +reiste er sogleich ab. Die Hitze machte das Kupee zu einem unheimlichen +Aufenthalt. Diederich, der allein war, zog nacheinander den Rock, die +Weste und die Schuhe aus. Einige Stationen vor Netzig stieg noch jemand +ein: zwei fremd aussehende Damen, die durch den Anblick von Diederichs +Flanellhemd beleidigt schienen. Er seinerseits fand sie widerwärtig +elegant. Sie unternahmen es, in einer unverständlichen Sprache eine +Beschwerde an ihn zu richten, worauf er die Achseln zuckte und die Füße in +den Socken auf die Bank legte. Sie hielten sich die Nase zu und stießen +Hilferufe aus. Der Schaffner erschien, der Zugführer selbst, aber +Diederich hielt ihnen sein Billett zweiter Klasse hin und verteidigte sein +Recht. Er gab dem Beamten sogar zu verstehen, er möge sich nur nicht die +Zunge verbrennen, man könne nie wissen, mit wem man es zu tun habe. Als er +dann den Sieg erstritten hatte und die Damen abgezogen waren, kam statt +ihrer eine andere. Diederich sah ihr entschlossen entgegen, aber sie zog +einfach aus ihrem Beutel eine Wurst und aß sie aus der Hand, wobei sie ihm +zulächelte. Da rüstete er ab, erwiderte, breit glänzend, ihre Sympathie +und sprach sie an. Es stellte sich heraus, daß sie aus Netzig war. Er +nannte seinen Namen, woraus sie frohlockte, sie seien alte Bekannte! +„Nun?“ Diederich betrachtete sie forschend: das dicke, rosige Gesicht mit +dem fleischigen Mund und der kleinen, frech eingedrückten Nase; das +weißliche Haar, nett glatt und ordentlich, den Hals, der jung und fett +war, und in den Halbhandschuhen die Finger, die die Wurst hielten und +selbst rosigen Würstchen glichen. „Nein,“ entschied er, „kennen tu’ ich +Sie nicht, aber kolossal appetitlich sind Sie. Wie ein frischgewaschenes +Schweinchen.“ Und er griff ihr um die Taille. Im selben Augenblick hatte +er eine Ohrfeige. „Die sitzt“, sagte er und rieb sich. „Haben Sie mehr +solche zu vergeben?“ – „Es langt für alle Frechmöpse.“ Sie lachte aus der +Kehle und zwinkerte ihn mit ihren kleinen Augen unzüchtig an. „Ein Stück +Wurst können Sie haben, aber sonst nichts.“ Ohne zu wollen, verglich er +ihre Art, sich zu wehren, mit Agnes’ Hilflosigkeit, und er sagte sich: „So +eine könnte man getrost heiraten.“ Schließlich nannte sie selbst ihren +Vornamen, und als er noch immer nicht weiterfand, fragte sie nach seinen +Schwestern. Plötzlich rief er: „Guste Daimchen!“ Und beide schüttelten +sich vor Freude. „Sie haben mir doch immer Knöpfe geschenkt von den Lumpen +in Ihrer Papierfabrik. Das vergess’ ich Ihnen nie, Herr Doktor! Wissen +Sie, was ich mit den Knöpfen gemacht hab’? Die hab’ ich gesammelt, und +wenn meine Mutter mir mal Geld für Knöpfe gab, hab’ ich mir Bonbons +gekauft.“ + +„Praktisch sind Sie auch!“ Diederich war entzückt. „Und dann sind Sie +immer zu uns über die Gartenmauer geklettert, Sie kleine Göre. Hosen +hatten Sie meistenteils keine an, und wenn der Rock ’raufrutschte, kriegte +man hinten was zu sehen.“ + +Sie kreischte; ein feiner Mann habe für so was kein Gedächtnis. „Jetzt muß +es aber noch schöner geworden sein“, setzte Diederich noch hinzu. Sie ward +plötzlich ernst. + +„Jetzt bin ich verlobt.“ + +Mit dem Wolfgang Buck war sie verlobt! Diederich verstummte, mit +enttäuschter Miene. Dann erklärte er zurückhaltend, er kenne Buck. Sie +sagte vorsichtig: „Sie meinen wohl, er ist ein bißchen überspannt? Aber +die Bucks sind auch eine sehr feine Familie. Na ja, in anderen Familien +ist wieder mehr Geld“, setzte sie hinzu. Hierdurch betroffen, sah +Diederich sie an. Sie zwinkerte. Er wollte eine Frage stellen; aber er +hatte den Mut verloren. + +Kurz vor Netzig fragte Fräulein Daimchen: „Und Ihr Herz, Herr Doktor, ist +noch frei?“ + +„Um die Verlobung bin ich noch herumgekommen.“ Er nickte gewichtig. „Ach! +Das müssen Sie mir erzählen“, rief sie. Aber sie fuhren schon ein. „Wir +sehen uns hoffentlich bald wieder“, schloß Diederich. „Ich kann Ihnen nur +sagen, ein junger Mann kommt manchmal in verdammt brenzlige Sachen hinein. +Für ein Ja oder Nein ist das Leben verpfuscht.“ + +Seine beiden Schwestern standen am Bahnhof. Wie sie Guste Daimchen +erblickten, verzogen sie zuerst das Gesicht, dann aber stürzten sie herbei +und halfen das Gepäck tragen. Sie erklärten ihren Eifer, kaum daß sie mit +Diederich allein waren. Guste hatte nämlich geerbt, sie war Millionärin! +Darum also! Er war erschrocken vor Hochachtung. + +Die Schwestern erzählten das Nähere. Ein alter Verwandter in Magdeburg +hatte Guste all das Geld vermacht, dafür, daß sie ihn gepflegt hatte. „Und +sie hat es sich verdient,“ bemerkte Emmi, „er soll zuletzt furchtbar +unappetitlich gewesen sein.“ Magda setzte hinzu: „Und sonst kann man sich +natürlich auch noch allerlei denken, denn Guste war doch ein ganzes Jahr +mit ihm allein.“ + +Sofort bekam Diederich einen roten Kopf. „So was sagt ein junges Mädchen +nicht!“ schrie er entrüstet; und als Magda beteuerte, das sagten auch Inge +Tietz, Meta Harnisch und überhaupt alle: „Dann fordere ich euch energisch +auf, dem Gerede entgegenzutreten.“ Es entstand eine Pause; darauf sagte +Emmi: „Guste ist nämlich schon verlobt.“ – „Das weiß ich“, knurrte +Diederich. + +Bekannte kamen ihnen entgegen, Diederich hörte sich „Herr Doktor“ nennen, +erglänzte stolz dabei und ging weiter zwischen Emmi und Magda, die von der +Seite seine neue Barttracht bewunderten. Zu Hause empfing Frau Heßling den +Sohn mit ausgebreiteten Armen und einem Aufschrei, wie von einer +Verschmachtenden, die gerade noch gerettet wird. Und was Diederich nicht +vorausgesehen hatte: auch er weinte. Auf einmal empfand er die feierliche +Schicksalsstunde, in der er das erstemal als wirkliches Haupt der Familie +ins Zimmer trat, „fertig“, mit dem Doktortitel ausgezeichnet und bestimmt, +Fabrik und Familie nach seiner überlegenen Einsicht zu lenken. Er gab +Mutter und Schwestern die Hände, allen zugleich, und sagte mit ernster +Stimme: „Ich werde mir immer bewußt bleiben, daß ich meinem Gott für euch +Rechenschaft schulde.“ + +Aber Frau Heßling war in Unruhe. „Bist du bereit, mein Sohn?“ fragte sie. +„Unsere Leute erwarten dich.“ Diederich trank sein Bier aus und ging, an +der Spitze der Seinen, hinunter. Der Hof war sauber gescheuert, den +Eingang der Fabrik umrahmten Kränze und beschrieben eine Schleife um die +Inschrift „Willkommen!“ Davor stand der alte Buchhalter Sötbier und sagte: +„Na guten Tag, Herr Doktor. Ich bin nicht ’raufgekommen, weil ich noch was +zu tun hatte.“ + +„Heute hätten Sie das auch lassen können“, erwiderte Diederich und ging an +Sötbier vorbei. Drinnen im Lumpensaal fand er die Leute. Alle standen sie +in einem Haufen zusammen: die zwölf Arbeiter, die die Papiermaschine, den +Holländer und die Schneidemaschine bedienten, und die drei Kontoristen, +samt den Frauen, deren Tätigkeit das Sortieren der Lumpen war. Die Männer +räusperten sich, man fühlte eine Pause, bis mehrere der Frauen ein kleines +Mädchen hinausschoben, das einen Blumenstrauß vor sich hinhielt und mit +einer Klarinettenstimme dem Herrn Doktor Glück und Willkommen wünschte. +Diederich nahm mit gnädiger Miene den Strauß; nun war es an ihm, sich zu +räuspern. Er wandte sich nach den Seinen um, dann sah er den Leuten scharf +in die Augen, allen nacheinander, auch dem schwarzbärtigen +Maschinenmeister, obwohl der Blick des Mannes ihm peinlich war – und +begann: + +„Leute! Da ihr meine Untergebenen seid, will ich euch nur sagen, daß hier +künftig forsch gearbeitet wird. Ich bin gewillt, mal Zug in den Betrieb zu +bringen. In der letzten Zeit, wo hier der Herr gefehlt hat, da hat mancher +von euch vielleicht gedacht, er kann sich auf die Bärenhaut legen. Das ist +aber ein gewaltiger Irrtum, ich sage das besonders für die alten Leute, +die noch von meinem seligen Vater her dabei sind.“ + +Mit erhobener Stimme, noch schneidiger und abgehackter; und dabei sah er +den alten Sötbier an: + +„Jetzt habe ich das Steuer selbst in die Hand genommen. Mein Kurs ist der +richtige, ich führe euch herrlichen Tagen entgegen. Diejenigen, welche mir +dabei behilflich sein wollen, sind mir von Herzen willkommen; diejenigen +jedoch, welche sich mir bei dieser Arbeit entgegenstellen, zerschmettere +ich.“ + +Er versuchte, seine Augen blitzen zu lassen, sein Schnurrbart sträubte +sich noch höher. + +„Einer ist hier der Herr, und das bin ich. Gott und meinem Gewissen allein +schulde ich Rechenschaft. Ich werde euch stets mein väterliches Wohlwollen +entgegenbringen, Umsturzgelüste aber scheitern an meinem unbeugsamen +Willen. Sollte sich ein Zusammenhang irgendeines von euch –“ + +Er faßte den schwarzbärtigen Maschinenmeister ins Auge, der ein +verdächtiges Gesicht machte. + +„– mit sozialdemokratischen Kreisen herausstellen, so zerschneide ich +zwischen ihm und mir das Tischtuch. Denn für mich ist jeder Sozialdemokrat +gleichbedeutend mit Feind meines Betriebes und Vaterlandsfeind ... So, nun +geht wieder an eure Arbeit und überlegt euch, was ich euch gesagt habe.“ + +Er machte schroff kehrt und ging schnaufend davon. In dem Schwindelgefühl, +das seine starken Worte ihm erregt hatten, erkannte er kein einziges +Gesicht mehr. Die Seinen folgten ihm, bestürzt und ehrfurchtsvoll, indes +die Arbeiter einander noch lange stumm ansahen, bevor sie nach den +Bierflaschen griffen, die zur Feier des Tages bereitstanden. + +Droben legte Diederich vor Mutter und Schwestern seine Pläne dar. Die +Fabrik war zu vergrößern, das hintere Nachbarhaus anzukaufen. Man mußte +konkurrenzfähig werden. Der Platz an der Sonne! Der alte Klüsing, draußen +in der Papierfabrik Gausenfeld, bildete sich wohl ein, er werde ewig das +ganze Geschäft machen?... Endlich tat Magda die Frage, woher er denn das +Geld nehmen wolle; aber Frau Heßling schnitt ihr das vorlaute Wort ab. +„Dein Bruder weiß das besser als wir.“ Vorsichtig setzte sie hinzu: +„Manches Mädchen wäre glücklich, wenn sie sein Herz gewinnen könnte“ – und +sie hielt, seines Zornes gewärtig, die Hand vor den Mund. Aber Diederich +errötete nur. Da wagte sie, ihn zu umarmen. „Es wäre mir ja ein so +entsetzlicher Schmerz,“ schluchzte sie, „wenn mein Sohn, mein lieber Sohn, +aus dem Hause ginge. Für eine Witwe ist es doppelt schwer. Die Frau +Oberinspektor Daimchen kriegt es nun auch zu fühlen, denn ihre Guste +heiratet ja den Wolfgang Buck.“ + +„Oder auch nicht“, sagte Emmi, die Ältere. „Denn der Wolfgang soll doch +was mit einer Schauspielerin haben.“ Frau Heßling vergaß ganz, die Tochter +zu berufen. „Aber wo doch so viel Geld da ist! Eine Million, sagen die +Leute!“ + +Diederich stieß verachtungsvoll hervor, den Buck kenne er, der sei nicht +normal. „Es liegt wohl in der Familie. Der Alte hat doch auch schon eine +Schauspielerin geheiratet.“ + +„Man sieht die Folgen“, sagte Emmi. „Denn von seiner Tochter, der Frau +Lauer, hat man sich allerlei erzählt.“ + +„Kinder!“ bat Frau Heßling ängstlich. Aber Diederich beruhigte sie. + +„Laß nur, Mutter, es wird Zeit, daß man der Katze die Schelle umhängt. Ich +stehe auf dem Standpunkt, daß die Bucks ihre Stellung hier in der Stadt +schon längst nicht mehr verdienen. Sie sind eine verrottete Familie.“ + +„Die Frau von Moritz, dem Ältesten,“ sagte Magda, „ist einfach eine +Bäuerin. Neulich waren sie mal in der Stadt, er ist auch schon ganz +verbauert.“ Emmi empörte sich. + +„Na, und der Bruder des alten Herrn Buck? Immer elegant, und die fünf +unverheirateten Töchter! Sie lassen sich Suppe aus der Volksküche holen, +ich weiß es positiv.“ + +„Die Volksküche hat ja der Herr Buck gegründet“, erklärte Diederich. „Und +die Fürsorge für die entlassenen Sträflinge auch, und was sonst noch. Ich +möchte wissen, wann er eigentlich Zeit hat, an seine eigenen Geschäfte zu +denken.“ + +„Es würde mich nicht wundern,“ sagte Frau Heßling, „wenn nicht mehr viel +da wäre. Obwohl ich vor dem Herrn Buck natürlich die größte Hochachtung +habe, er ist doch so angesehen.“ + +Diederich lachte bitter. „Warum eigentlich? In der Verehrung des alten +Buck sind wir aufgezogen worden. Der große Mann von Netzig! Im Jahre +achtundvierzig zum Tode verurteilt!“ + +„Das ist aber auch ein historisches Verdienst, sagte dein Vater immer.“ + +„Verdienst?“ schrie Diederich. „Wenn ich nur weiß, einer ist gegen die +Regierung, ist er für mich schon erledigt. Und Hochverrat soll ein +Verdienst sein?“ + +Und er stürzte sich, vor den erstaunten Frauen, in die Politik. Diese +alten Demokraten, die noch immer das Regiment führten, waren nachgerade +die Schmach von Netzig! Schlapp, unpatriotisch, mit der Regierung +zerfallen! Ein Hohn auf den Zeitgeist! Weil im Reichstag der alte +Landgerichtsrat Kühlemann saß, ein Freund des berüchtigten Eugen Richter, +darum stockte hier das Geschäft, und niemand kriegte Geld. Natürlich, für +so ein freisinniges Nest gab es weder Bahnanschlüsse noch Militär. Kein +Zuzug, kein Betrieb! Die Herren im Magistrat, immer dieselben paar +Familien, das kannte man, die schoben sich untereinander die Aufträge zu, +und für andere Leute war nichts da. Die Papierfabrik Gausenfeld hatte +sämtliche Lieferungen an die Stadt, denn auch ihr Besitzer Klüsing gehörte +zu der Bande des alten Buck! + +Magda wußte noch etwas. „Neulich ist die Liebhabervorstellung im +Bürgerkränzchen abgesagt worden, weil dem Herrn Buck seine Tochter, Frau +Lauer, krank war. Das ist doch Popismus.“ + +„Nepotismus heißt es“, sagte Diederich streng. Er rollte die Augen. „Und +dabei ist der Herr Lauer ein Sozialist. Aber der Herr Buck mag sich hüten! +Wir werden ihm auf die Finger sehen!“ + +Frau Heßling hob flehend die Hände. „Mein lieber Sohn, wenn du jetzt in +der Stadt deine Besuche machst, versprich mir, daß du auch zum Herrn Buck +gehst. Er ist nun mal so einflußreich.“ + +Aber Diederich versprach nichts. „Andere wollen auch ’ran!“ rief er. + +Trotzdem schlief er in dieser Nacht unruhig. Schon um sieben ging er in +die Fabrik hinunter und schlug sofort Lärm, weil noch die Bierflaschen von +gestern umherlagen. „Hier wird nicht gesoffen, hier ist keine Kneipe. Herr +Sötbier, das steht doch wohl im Reglement.“ – „Reglement?“ sagte der alte +Buchhalter. „Wir haben gar keins.“ Diederich war sprachlos; er schloß sich +mit Sötbier ins Kontor ein. „Kein Reglement? Dann wundert mich allerdings +gar nichts mehr. Was sind das für lächerliche Bestellungen, mit denen Sie +sich da abgeben?“ – und er warf die Briefe auf dem Pult umher. „Es scheint +höchste Zeit gewesen zu sein, daß ich eingreife. Das Geschäft versumpft in +Ihren Händen.“ + +„Versumpfen, junger Herr?“ + +„Ich bin für Sie der Herr Doktor!“ Und er verlangte, daß man einfach alle +anderen Fabriken unterbieten solle. + +„Das halten wir nicht aus“, sagte Sötbier. „Überhaupt wären wir gar nicht +imstande, so große Aufträge auszuführen wie Gausenfeld.“ + +„Und Sie wollen ein Geschäftsmann sein? Dann stellen wir eben mehr +Maschinen ein.“ + +„Das kostet Geld“, sagte Sötbier. + +„Dann nehmen wir welches auf! Ich werde hier Schneid hineinbringen. Sie +sollen sich wundern. Wenn Sie mich nicht unterstützen wollen, mache ich es +allein.“ + +Sötbier wiegte den Kopf. „Mit Ihrem Vater, junger Herr, war ich immer +einig. Wir haben zusammen das Geschäft in die Höhe gebracht.“ + +„Jetzt ist eine andere Zeit, merken Sie sich das. Ich bin mein eigener +Geschäftsführer.“ + +Sötbier seufzte: „Das ist die stürmische Jugend“ – indes Diederich schon +die Tür zuwarf. Er durchmaß den Raum, worin die mechanische Trommel, laut +schlagend, die Lumpen in Chlor wusch, und wollte das Zimmer des großen +Kochholländers betreten. Im Eingang kam ihm unvermutet der schwarzbärtige +Maschinenmeister entgegen. Diederich zuckte zusammen, fast hätte er dem +Arbeiter Platz gemacht. Dafür rannte er ihn mit der Schulter beiseite, +bevor der Mann ausweichen konnte. Schnaufend sah er der Arbeit des +Holländers zu, dem Drehen der Walze, dem Schneiden der Messer, das den +Stoff in Fasern zerteilte. Grinsten ihn die Leute, die die Maschine +bedienten, nicht etwa von der Seite an, weil er vor dem schwarzen Kerl +erschrocken war? „Der Kerl ist ein frecher Hund! Er muß ’raus!“ Ein +animalischer Haß stieg in Diederich herauf, der Haß seines blonden +Fleisches gegen den mageren Schwarzen, den Menschen von einer anderen +Rasse, die er gern für niedriger gehalten hätte und die ihm unheimlich +schien. Diederich fuhr auf. + +„Die Walze ist falsch gestellt, die Messer arbeiten schlecht!“ Da die +Leute ihn nur ansahen, schrie er: „Maschinenmeister!“ Und als der +Schwarzbärtige eintrat: „Sehen Sie sich die Schweinerei mal an! Die Walze +ist viel zu tief auf die Messer gesenkt, sie zerschneiden mir das ganze +Zeug. Ich mache Sie verantwortlich für den Schaden!“ + +Der Mann beugte sich über die Maschine. „Schaden ist keiner da“, sagte er +ruhig, aber Diederich wußte schon wieder nicht, ob er unter seinem +schwarzen Bart nicht feixte. Der Blick des Maschinenmeisters hatte etwas +düster Höhnisches, Diederich ertrug ihn nicht, er gab es auf zu blitzen +und warf nur die Arme. „Ich mache Sie verantwortlich!“ + +„Was ist denn los?“ fragte Sötbier, der den Lärm gehört hatte. Dann +erklärte er dem Herrn, daß der Stoff durchaus nicht zu kleinfaserig +geschnitten werde, und daß es immer so gemacht worden sei. Die Arbeiter +nickten mit den Köpfen, der Maschinenmeister stand gelassen dabei. +Diederich fühlte sich einem Kompetenzstreit nicht gewachsen, er schrie +noch: „Dann wird es künftig gefälligst anders gemacht!“ und kehrte +plötzlich um. + +Er gelangte in den Lumpensaal, und er gab sich Haltung, indem er +fachkundig die Frauen überwachte, die auf den Siebplatten der langen +Tische die Lumpen sortierten. Als eine kleine dunkeläugige es unternahm, +ihn aus ihrem bunten Kopftuch heraus ein wenig anzulächeln, prallte sie +gegen eine so harte Miene, daß sie erschrak und sich duckte. Farbige +Fetzen quollen aus den Säcken, das Getuschel der Frauen verstummte unter +dem Blick des Herrn, und in der warmen, dumpfigen Luft war nichts mehr zu +vernehmen als das leise Rattern der Sensen, die in die Tische gerammt, die +Knöpfe abschnitten. Aber Diederich, der die Heizungsrohre untersuchte, +hörte etwas Verdächtiges. Er beugte sich hinter einen Haufen Säcke – und +fuhr zurück, errötet und mit zitterndem Schnurrbart. „Nun hört alles auf!“ +schrie er, „’rauskommen!“ Ein junger Arbeiter kroch hervor. „Das +Frauenzimmer auch!“ schrie Diederich. „Wird’s bald?“ Und, als endlich das +Mädchen sich zeigte, stemmte er die Fäuste in die Hüften. Hier ging es ja +heiter zu! Seine Fabrik war nicht nur eine Kneipe, sondern noch ganz was +anderes! Er zeterte, daß alles zusammenlief. „Na, Herr Sötbier, dies ist +wohl auch immer so gemacht worden? Ich gratuliere Ihnen zu Ihren Erfolgen. +Also die Leute sind gewohnt, die Arbeitszeit zu benutzen, um sich hinter +den Säcken zu amüsieren. Wie kommt der Mann hier herein?“ Es sei seine +Braut, sagte der junge Mensch. „Braut? Hier gibt es keine Braut, hier gibt +es nur Arbeiter. Ihr beide stehlt mir die Arbeitszeit, die ich euch +bezahle. Ihr seid Schweine und außerdem Diebe. Ich schmeiß’ euch ’raus, +und ich zeig’ euch an, wegen öffentlicher Unzucht!“ + +Er sah herausfordernd umher. + +„Deutsche Zucht und Sitte verlang’ ich hier. Verstanden?“ Da traf er den +Maschinenmeister. „Und ich werde sie durchführen, auch wenn Sie da ein +Gesicht schneiden!“ schrie er. + +„Ich habe kein Gesicht geschnitten“, sagte der Mann ruhig. Aber Diederich +war nicht länger zu halten. Endlich konnte er ihm etwas nachweisen! + +„Ihr Benehmen ist mir schon längst verdächtig! Sie tun Ihren Dienst nicht, +sonst hätte ich die beiden Leute nicht abgefaßt.“ + +„Ich bin kein Aufpasser“, warf der Mann dazwischen. + +„Sie sind ein widersetzlicher Bursche, der die ihm unterstellten Leute an +Zuchtlosigkeit gewöhnt. Sie arbeiten für den Umsturz! Wie heißen Sie +überhaupt?“ + +„Napoleon Fischer“, sagte der Mann. Diederich stockte. + +„Nap–. Auch das noch! Sie sind Sozialdemokrat?“ + +„Jawohl.“ + +„Dachte ich mir. Sie sind entlassen.“ + +Er wandte sich nach den Leuten um: „Merkt euch das!“ – und verließ schroff +den Raum. Auf dem Hof lief Sötbier ihm nach. „Junger Herr!“ Er war in +großer Aufregung und wollte nichts sagen, bevor sie nicht die Tür des +Privatkontors hinter sich geschlossen hatten. „Junger Herr,“ sagte der +Buchhalter, „das geht nicht, der Mann ist ein Organisierter.“ – „Deswegen +soll er ’raus“, erwiderte Diederich. Sötbier setzte auseinander, daß das +nicht gehe, weil dann alle die Arbeit niederlegen würden. Diederich wollte +es nicht begreifen. Waren denn alle organisiert? Nein. Nun also. Aber, +erklärte Sötbier, sie hatten Furcht vor den Roten, sogar auf die alten +Leute war kein Verlaß mehr. + +„Ich schmeiß’ sie ’raus!“ rief Diederich. „Samt und sonders, mit Kind und +Kegel!“ + +„Wenn wir dann nur andere kriegten“, sagte Sötbier und sah unter seinem +grünen Augenschirm mit einem dünnen Lächeln dem jungen Herrn zu, der vor +Zorn gegen die Möbel anrannte. Er schrie: + +„Bin ich in meiner Fabrik der Herr oder nicht? Dann will ich doch sehen –“ + +Sötbier ließ ihn austoben, dann sagte er: „Herr Doktor brauchen dem +Fischer gar nichts zu sagen, er geht uns nicht fort, er weiß ja, daß wir +davon zu viele Scherereien hätten.“ + +Diederich bäumte sich nochmals auf. + +„So. Ich brauch’ ihn also nicht zu bitten, daß er die Gnade hat und +bleibt? Der Herr Napoleon! Ich brauch’ ihn nicht für Sonntag zum +Mittagessen einzuladen? Es wäre auch zuviel Ehre für mich!“ + +Der Kopf war ihm rot angeschwollen, er fand das Zimmer zu eng und riß die +Tür auf. Der Maschinenmeister ging eben vorbei. Diederich sah ihm nach, +der Haß gab ihm deutlichere Sinneseindrücke als sonst, er bemerkte +gleichzeitig die krummen, mageren Beine des Menschen, seine knochigen +Schultern mit den Armen, die vornüberhingen – und nun der Maschinenmeister +mit den Leuten sprach, sah er seine starken Kiefern arbeiten unter dem +dünnen schwarzen Bart. Wie Diederich dies Mundwerk haßte, und diese +knotigen Hände! Der schwarze Kerl war längst vorüber, und seine +Ausdünstung roch Diederich noch immer. + +„Sehn Sie mal, Sötbier, die Vorderflossen hängen ihm bis an den Boden. +Gleich wird er auf allen vieren laufen und Nüsse fressen. Dem Affen werden +wir ein Bein stellen, verlassen Sie sich darauf! Napoleon! So ein Name ist +allein schon eine Provokation. Aber er soll sich zusammennehmen, denn so +viel weiß ich, daß einer von uns beiden –“ Diederich rollte die Augen: „– +auf dem Platz bleiben wird.“ + + + +Erhobenen Hauptes verließ er die Fabrik. Im schwarzen Rock machte er sich +auf, um den wichtigsten Herren der Stadt die Aufmerksamkeit seines +Besuches zu erweisen. Von der Meisestraße konnte er, um zum Bürgermeister +Doktor Scheffelweis in die Schweinichenstraße zu gelangen, einfach der +Wuchererstraße folgen, die jetzt Kaiser-Wilhelm-Straße hieß. Er wollte es +auch; im entscheidenden Augenblick aber, wie auf eine Verabredung, die er +vor sich selbst geheimgehalten hätte, bog er dennoch in die +Fleischhauergrube ein. Die zwei Stufen vor dem Hause des alten Herrn Buck +waren abgewetzt von den Füßen der ganzen Stadt und von den Vorgängern +dieser Füße. Der Klingelzug an der gelben Glastür bewirkte drinnen ein +langes Rasseln im Leeren. Dann ging dort hinten eine Tür auf, und die alte +Magd schlich über die Diele. Aber sie war noch längst nicht angelangt, da +trat vorn der Hausherr aus seinem Bureau und öffnete selbst. Er zog +Diederich, der sich eifrig verbeugte, bei der Hand herein. + +„Mein lieber Heßling! Ich habe Sie erwartet, man hatte mir Ihre Ankunft +berichtet. Willkommen denn in Netzig, mein Herr Doktor.“ + +Sofort hatte Diederich Tränen in den Augen und stammelte: + +„Sie sind zu gütig, Herr Buck. Natürlich habe ich zuerst und vor allem +Ihnen, Herr Buck, meine Aufwartung machen wollen und Ihnen versichern, daß +ich immer ganz – daß ich immer ganz – zu Ihren Diensten stehe“, schloß er, +freudig wie ein guter Schüler. Der alte Herr Buck hielt ihn noch fest, mit +seiner Hand, die warm und dennoch leicht und weich war. + +„Dienste –“ er schob Diederich selbst den Sessel zurecht, „die wollen Sie +doch natürlich nicht mir leisten, sondern Ihren Mitbürgern – die es Ihnen +danken werden. Zum Stadtverordneten werden Ihre Mitbürger Sie in kurzem +wählen, das glaube ich Ihnen versprechen zu können, denn damit belohnen +sie eine verdiente Familie. Und dann“ – der alte Buck beschrieb eine +Gebärde feierlicher Freigebigkeit „– verlasse ich mich auf Sie, daß Sie es +uns recht bald ermöglichen werden, Sie im Magistrat zu begrüßen.“ + +Diederich verbeugte sich, beglückt lächelnd, als werde er schon begrüßt. +„Die Gesinnung unserer Stadt,“ fuhr Herr Buck fort, „ich sage nicht, daß +sie in allen Teilen gut ist –“ Er versenkte seinen weißen Knebelbart in +die seidene Halsbinde. „Aber noch ist Raum“ – der Bart tauchte wieder auf +– „und will’s Gott noch lange, für wahrhaft liberale Männer.“ + +Diederich beteuerte: „Ich bin selbstverständlich durchaus liberal.“ + +Darauf strich der alte Buck über die Papiere auf seinem Schreibtisch. „Ihr +seliger Vater hat mir hier oft gegenüber gesessen, und besonders häufig +damals, als er die Papiermühle errichtete. Dabei konnte ich ihm zu meiner +großen Freude förderlich sein. Es handelte sich um den Bach, der jetzt +durch Ihren Hof fließt.“ + +Diederich sagte mit tiefer Stimme: „Wie oft, Herr Buck, hat mein Vater mir +erzählt, daß er den Bach, ohne den wir gar nicht existieren könnten, nur +Ihnen verdankt.“ + +„Nur mir, dürfen Sie nicht sagen, sondern den gerechten Zuständen unseres +Gemeinwesens, an denen aber –“ der alte Herr Buck erhob seinen weißen +Zeigefinger, er sah Diederich tief an, „gewisse Leute und eine gewisse +Partei manches ändern würden, sobald sie könnten.“ Stärker und mit Pathos: +„Der Feind steht vor dem Tore, es heißt zusammenhalten.“ + +Er ließ eine Pause verstreichen und sagte in leichterem Ton, sogar mit +einem kleinen Schmunzeln: „Sind Sie nicht, mein werter Herr Doktor, in +einer ähnlichen Lage, wie damals Ihr Vater? Sie wollen sich vergrößern? +Sie haben Pläne?“ + +„Allerdings.“ Und Diederich setzte eifrig auseinander, was alles geschehen +müsse. Der Alte hörte ihm aufmerksam zu, er nickte, nahm eine Prise ... +Endlich sagte er: „Ich sehe so viel, daß der Umbau Ihnen nicht nur große +Kosten, sondern unter Umständen auch Schwierigkeiten mit der städtischen +Baupolizei verursachen wird – mit der ich übrigens im Magistrat zu tun +habe. Nun überzeugen Sie sich, mein lieber Heßling, was hier auf meinem +Schreibtisch liegt.“ + +Da erkannte Diederich einen genauen Aufriß seines Grundstückes, samt dem +dahinter gelegenen. Sein verblüfftes Gesicht bewirkte bei dem alten Buck +ein Lächeln der Genugtuung. „Ich kann wohl dafür sorgen,“ sagte er, „daß +keine erschwerenden Umstände eintreten.“ Und auf Diederichs Danksagungen: +„Wir dienen dem großen Ganzen, wenn wir jedem unserer Freunde +vorwärtshelfen. Denn die Freunde einer Volkspartei sind alle, außer den +Tyrannen.“ + +Nach diesen Worten lehnte der alte Buck sich tiefer in den Sessel und +faltete die Hände. Seine Miene hatte sich entspannt, er wiegte den Kopf +wie ein Großvater. „Als Kind hatten Sie so schöne blonde Locken“, sagte +er. + +Diederich begriff, daß der offizielle Teil des Gespräches beendet sei. +„Ich weiß noch,“ erlaubte er sich zu sagen, „wie ich als kleiner Junge +hier ins Haus kam, wenn ich mit Ihrem Herrn Sohn Wolfgang Soldaten +spielte.“ + +„Ja, ja. Und jetzt spielt er wieder Soldat.“ + +„Oh! Er ist sehr beliebt bei den Offizieren. Er hat es mir selbst gesagt.“ + +„Ich wünschte, mein lieber Heßling, er hätte mehr von Ihrer praktischen +Veranlagung.... Nun, er wird ruhiger werden, wenn ich ihn erst verheiratet +habe.“ + +„Ich glaube,“ sagte Diederich, „daß Ihr Herr Sohn etwas Geniales hat. +Daher ist er mit nichts zufrieden, er weiß nicht, ob er General werden +soll oder sonst ein großer Mann.“ + +„Inzwischen macht er leider dumme Streiche.“ Der Alte sah aus dem Fenster. +Diederich wagte seine Neugier nicht zu zeigen. + +„Dumme Streiche? Das kann ich gar nicht glauben, denn mir hat er immer +imponiert, gerade durch seine Intelligenz. Schon früher, seine Aufsätze. +Und was er mir neulich über unseren Kaiser gesagt hat, daß er eigentlich +gern der erste Arbeiterführer wäre....“ + +„Davor behüte Gott die Arbeiter.“ + +„Wieso?“ Diederich war tieferstaunt. + +„Weil es ihnen schlecht bekommen würde. Uns anderen ist es auch nicht gut +bekommen.“ + +„Aber wir haben doch, dank den Hohenzollern, das einige Deutsche Reich.“ + +„Wir haben es nicht“, sagte der alte Buck und stand ungewöhnlich rasch vom +Stuhl auf. „Denn wir müßten, um unsere Einigkeit zu beweisen, einem +eigenen Willen folgen können; und können wir’s? Ihr wähnt euch einig, weil +die Pest der Knechtschaft sich verallgemeinert! Das hat Herwegh, ein +Überlebender wie ich, im Frühjahr Einundsiebzig den Siegestrunkenen +zugerufen. Was würde er heute sagen!“ + +Diederich konnte, vor dieser Stimme aus dem Jenseits, nur stammeln: „Ach +ja, Sie sind ein Achtundvierziger.“ + +„Mein lieber junger Freund, Sie wollen sagen, ein Narr und ein Besiegter. +Ja! Wir sind besiegt worden, weil wir närrisch genug waren, an dieses Volk +zu glauben. Wir glaubten, es würde alles das selbst vollbringen, was es +jetzt für den Preis der Unfreiheit von seinen Herren entgegennimmt. Wir +dachten es mächtig, reich, voll Einsicht in seine eigenen Angelegenheiten +und der Zukunft ergeben. Wir sahen nicht, daß es, ohne politische Bildung, +deren es weniger hat als alle anderen, bestimmt sei, nach seinem +Aufschwung den Mächten der Vergangenheit anheimzufallen. Schon zu unserer +Zeit gab es allzu viele, die unbekümmert um das Ganze, ihren +Privatinteressen nachjagten und zufrieden waren, wenn sie in irgendeiner +Gnadensonne sich wärmend, den unedlen Bedürfnissen eines anspruchsvollen +Genußlebens genügen konnten. Seitdem sind sie Legion geworden, denn die +Sorge um das öffentliche Wohl ist ihnen abgenommen. Zur Großmacht haben +eure Herren euch schon gemacht, und indes ihr Geld verdient, wie ihr +könnt, und es ausgebt, wie ihr mögt, werden sie euch – oder vielmehr sich +– auch noch die Flotte bauen, die wir damals uns selbst gebaut haben +würden. Unser Dichter damals wußte, was ihr erst jetzt lernen sollt: Und +in den Furchen, die Kolumb gezogen, geht Deutschlands Zukunft auf!“ + +„Bismarck hat eben wirklich etwas getan“, sagte Diederich, leise +triumphierend. + +„Das ist es gerade, daß er es hat tun dürfen! Und dabei hat er alles nur +faktisch getan, formell aber im Namen seines Herrn. Da waren wir Bürger +von achtundvierzig ehrlicher, das darf ich sagen, denn ich habe damals +selbst bezahlt, was ich gewagt hatte.“ + +„Ich weiß wohl, Sie sind zum Tode verurteilt worden“, sagte Diederich, +wieder eingeschüchtert. + +„Ich bin verurteilt worden, weil ich die Souveränität der +Nationalversammlung gegen eine Partikularmacht verteidigte und das Volk, +das sich in Notwehr befand, zum Aufstand führte. So war in unseren Herzen +die deutsche Einheit: sie war eine Gewissenspflicht, die eigene Schuld +jedes einzelnen, für die er einstand. Nein! Wir huldigten keinem +sogenannten Schöpfer der deutschen Einheit. Als ich damals, besiegt und +verraten, hier oben im Hause mit meinen letzten Freunden die Soldaten des +Königs erwartete, da war ich, groß oder gering, ein Mensch, der selbst am +Ideal schuf: einer aus vielen, aber ein Mensch. Wo sind sie heute?“ + +Der Alte hielt an und machte ein Gesicht, als lauschte er. Diederich war +es schwül. Er fühlte, daß er zu dem allen nicht länger schweigen dürfe. Er +sagte: „Das deutsche Volk ist eben, Gott sei Dank, nicht mehr das Volk der +Denker und Dichter, es strebt modernen und praktischen Zielen zu.“ Der +Alte kehrte aus seinen Gedanken zurück, er deutete nach der Zimmerdecke. + +„Damals war die ganze Stadt bei mir zu Hause. Jetzt ist es so einsam wie +nie, zuletzt ging noch Wolfgang fort. Ich würde alles dahingeben, aber, +junger Mann, wir sollen Respekt haben vor unserer Vergangenheit – auch +wenn wir besiegt worden sind.“ + +„Zweifellos“, sagte Diederich. „Und dann sind Sie immer noch der +mächtigste Mann in der Stadt. Die Stadt, sagt man immer, gehört dem Herrn +Buck.“ + +„Das will ich aber gar nicht, ich will, daß sie sich selbst gehört.“ Er +atmete tief aus. „Das ist eine weitläufige Sache, Sie werden sie +allmählich kennenlernen, wenn Sie Einblick in unsere Verwaltung bekommen. +Wir werden nämlich jeden Tag heftiger bedrängt von der Regierung und ihren +junkerlichen Auftraggebern. Heute will man uns zwingen, den Gutsbesitzern, +die uns keine Steuern zahlen, unser Licht zu geben, morgen werden wir +ihnen Straßen bauen müssen. Zuletzt geht es um unsere Selbstverwaltung. +Sie werden sehen, wir leben in einer belagerten Stadt.“ + +Diederich lächelte überlegen. „So schlimm kann es wohl nicht sein, denn +unser Kaiser ist doch eine so moderne Persönlichkeit.“ + +„Nun ja“, sagte der alte Buck. Er erhob sich, wiegte den Kopf – und dann +zog er es vor, zu schweigen. Er reichte Diederich die Hand. + +„Mein lieber Doktor, Ihre Freundschaft wird mir gerade so wertvoll sein, +als die Ihres Vaters mir war. Nach unserer Unterredung habe ich die +Hoffnung, daß wir in allem einig gehen werden.“ + +Unter dem warmen blauen Blick des Alten schlug Diederich sich auf die +Brust. „Ich bin ein durchaus liberaler Mann!“ + +„Vor allem warne ich Sie vor dem Regierungspräsidenten von Wulckow. Er ist +der Feind, der uns hier in die Stadt gesetzt worden ist. Der Magistrat +unterhält nur die unumgänglichen Beziehungen zum Präsidenten. Ich selbst +habe die Ehre, von dem Herrn nicht gegrüßt zu werden.“ + +„Oh!“ machte Diederich, ehrlich erschüttert. + +Der alte Buck öffnete ihm schon die Tür, schien aber noch etwas zu +überlegen. „Warten Sie!“ Er trat eilig zu seiner Bibliothek, bückte sich +und tauchte aus einer staubigen Tiefe mit einem kleinen, fast +quadratischen Buch auf. Er steckte es Diederich rasch zu, verstohlenen +Glanz in seinem Gesicht, das errötet war. „Da, nehmen Sie! Es sind meine +‚Sturmglocken‘! Man war auch Dichter – damals.“ Und er schob Diederich +sanft hinaus. + + + +Die Fleischhauergrube stieg beträchtlich an, aber Diederich schnaufte +nicht nur deshalb. Nachdem er zuerst nur eine gewisse Betäubung empfunden +hatte, stellte sich allmählich das Gefühl heraus, daß er sich habe +verblüffen lassen. „So ein alter Schwätzer ist doch bloß noch eine +Vogelscheuche, und mir imponiert er!“ Unbestimmt gedachte er der +Kinderzeit, als ihm der alte Herr Buck, der zum Tode verurteilt worden +war, ebensoviel Hochachtung und ein ähnliches Grausen einflößte wie der +Polizist an der Ecke oder das Burggespenst. „Werd’ ich denn ewig so weich +bleiben? Ein anderer hätte sich nicht so behandeln lassen!“ Auch konnte es +peinliche Folgen haben, daß er zu so vielen kompromittierenden Reden +geschwiegen oder nur matt widersprochen hatte. Er legte sich energische +Antworten zurecht, für das nächste Mal. „Das Ganze war eine Falle! Er hat +mich einfangen und unschädlich machen wollen ... Aber er soll sehen!“ +Diederich ballte die Faust in der Tasche, indes er stramm durch die +Kaiser-Wilhelm-Straße ging. „Vorläufig muß man sich noch mit ihm +verhalten, aber wehe, wenn ich der Stärkere bin!“ + +Das Haus des Bürgermeisters war mit Ölfarbe neu gestrichen, und die +Spiegelscheiben glänzten wie je. Ein nettes Stubenmädchen empfing ihn. +Über eine Treppe mit einem freundlichen Knaben aus Biskuit, der eine Lampe +trug, und durch ein Vorzimmer, worin fast vor jedem Möbel ein kleiner +Teppich lag, ward Diederich in das Eßzimmer geführt. Es war aus hellem +Holz mit appetitlichen Bildern, zwischen denen der Bürgermeister und noch +ein Herr beim zweiten Frühstück saßen. Doktor Scheffelweis reichte +Diederich seine weißliche Hand hin und musterte ihn dabei über den Klemmer +weg. Trotzdem wußte man nie genau, ob er einen ansah, so unbestimmt war +der Blick seiner Augen, die farblos schienen wie das Gesicht und die +seitwärts fliehenden, dünnen Bartkoteletts. Der Bürgermeister setzte +mehrmals zum Sprechen an, bis er endlich etwas fand, das man auf alle +Fälle sagen konnte. „Schöne Schmisse“, sagte er; und zu dem anderen Herrn: +„Finden Sie nicht?“ + +Der andere Herr legte Diederich zunächst große Zurückhaltung auf, denn er +sah stark jüdisch aus. Aber der Bürgermeister stellte vor: „Herr Assessor +Jadassohn, von der Staatsanwaltschaft“ – was dann allerdings eine +vollwertige Begrüßung nötig machte. + +„Setzen Sie sich nur gleich,“ sagte der Bürgermeister, „wir fangen gerade +an.“ Er schenkte Diederich Porter ein und legte ihm Lachsschinken vor. +„Meine Frau und meine Schwiegermutter sind ausgegangen, die Kinder in der +Schule, dies ist die Stunde des Junggesellen, prost!“ + +Der jüdische Herr von der Staatsanwaltschaft hatte vorläufig nur für das +Stubenmädchen Augen. Während sie neben ihm am Tisch zu tun hatte, war +seine Hand verschwunden. Dann ging sie, und er wollte von öffentlichen +Angelegenheiten beginnen, aber der Bürgermeister ließ sich nicht +unterbrechen. „Die beiden Damen kommen vor dem Mittagessen nicht zurück, +denn meine Schwiegermutter ist beim Zahnarzt. Ich kenne das, es kostet +Mühe mit ihr, und inzwischen gehört uns das Haus.“ Er holte einen Likör +aus dem Büfett, rühmte ihn, ließ sich seine Güte von den Gästen bestätigen +und fuhr fort, eintönig und vom Kauen unterbrochen, das Idyll seiner +Vormittage zu preisen. Allmählich ward, in allem Glück, seine Miene immer +besorgter, er fühlte wohl, das Gespräch könne so nicht weitergehen; und +nachdem eine Minute lang alle geschwiegen hatten, entschloß er sich. + +„Ich darf annehmen, Herr Doktor Heßling –: mein Haus liegt ja nicht in +nächster Nachbarschaft des Ihren, und so würde ich es durchaus begreiflich +finden, wenn Sie vor mir einige andere Herren aufgesucht hätten.“ + +Diederich errötete schon für die Lüge, die er noch nicht ausgesprochen +hatte. „Es würde herauskommen“, dachte er noch rechtzeitig, und er sagte: +„Tatsächlich habe ich mir erlaubt –. Das heißt, natürlich war mein erster +Weg zu Ihnen, Herr Bürgermeister. Nur im Andenken an meinen Vater, der +eine so große Verehrung für den alten Herrn Buck hatte –“ + +„Begreiflich, durchaus begreiflich.“ Der Bürgermeister nickte mit +Nachdruck. „Herr Buck ist der älteste unter unseren verdienten Bürgern und +übt daher einen zweifellos legitimen Einfluß aus.“ + +„Vorläufig noch!“ sagte mit unerwartet scharfer Stimme der jüdische Herr +von der Staatsanwaltschaft und sah Diederich herausfordernd an. Der +Bürgermeister hatte sich über seinen Käse gebeugt, Diederich fand sich +schutzlos, er blinzelte. Da der Blick des Herrn durchaus ein Bekenntnis +verlangte, brachte er etwas hervor von „eingefleischtem Respekt“ und +führte sogar Kindheitserinnerungen an, die es entschuldigen sollten, daß +er zuerst bei Herrn Buck gewesen war. Dabei betrachtete er schreckerfüllt +die ungeheuren, roten und weit abstehenden Ohren des Herrn von der +Staatsanwaltschaft. Dieser ließ Diederich fertig stammeln, wie einen +Angeklagten, der sich verfing; endlich versetzte er schneidend: + +„Der Respekt ist in gewissen Fällen dazu da, daß man sich ihn abgewöhnt.“ + +Diederich stutzte; dann entschloß er sich zu einem verständnisvollen +Gelächter. Der Bürgermeister sagte mit blassem Lächeln und einer +versöhnlichen Geste: + +„Herr Assessor Doktor Jadassohn ist nun einmal gern geistreich, – was ich +persönlich ganz besonders an ihm schätze. In meiner Stellung freilich bin +ich genötigt, die Dinge objektiv und voraussetzungslos zu betrachten. Und +da muß ich denn sagen: einerseits ...“ + +„Kommen wir gleich zum Andererseits!“ verlangte Assessor Jadassohn. „Für +mich als Vertreter einer staatlichen Behörde wie als überzeugten Anhänger +der bestehenden Ordnung sind dieser Herr Buck und sein Genosse, der +Reichstagsabgeordnete Kühlemann, nach ihrer Vergangenheit und Gesinnung +einfach Umstürzler, und damit fertig. Ich mache aus meinem Herzen keine +Mördergrube, ich halte das nicht für deutsch. Volksküchen gründen, +meinetwegen; aber das beste Futter für das Volk ist eine gute Gesinnung. +Eine Idiotenanstalt mag auch ganz nützlich sein.“ + +„Aber nur eine kaisertreue!“ ergänzte Diederich. Der Bürgermeister machte +beschwichtigende Zeichen. „Meine Herren!“ flehte er. „Meine Herren! Wenn +wir uns denn aussprechen sollen, so ist es gewiß richtig, daß bei aller +bürgerlichen Hochschätzung der genannten Herren andererseits doch –“ + +„Andererseits!“ wiederholte Jadassohn streng. + +„– das tiefste Bedauern zurückbleibt über unsere leider so ungünstigen +Beziehungen zu den Vertretern der Staatsregierung – wenn ich auch zu +bedenken bitte, daß die ungewöhnliche Schärfe des Herrn +Regierungspräsidenten von Wulckow gegenüber den städtischen Behörden –“ + +„Gegenüber schlecht gesinnten Körperschaften!“ warf Jadassohn ein. +Diederich erlaubte sich: „Ich bin ein durchaus liberaler Mann, aber das +muß ich sagen –“ + +„Eine Stadt,“ erklärte der Assessor, „die sich den berechtigten Wünschen +der Regierung verschließt, darf allerdings nicht darüber erstaunen, daß +ihr die kalte Schulter gezeigt wird.“ + +„Von Berlin nach Netzig“, versicherte Diederich, „könnte man in der halben +Zeit fahren, wenn wir besser mit den Herren oben ständen.“ + +Der Bürgermeister ließ sie ihr Duett beenden, er war bleich und hielt +hinter dem Klemmer die Lider gesenkt. Plötzlich sah er sie an mit einem +dünnen Lächeln. + +„Meine Herren, bemühen Sie sich nicht, ich weiß, daß es eine zeitgemäßere +Gesinnung gibt als die von den städtischen Behörden bekundete. Glauben +Sie, bitte, daß es nicht mein Verschulden war, wenn an Seine Majestät +gelegentlich ihrer letzten Anwesenheit in der Provinz, während der +vorjährigen Manöver, kein Huldigungstelegramm geschickt worden ist ...“ + +„Die Weigerung des Magistrats war durchaus undeutsch“, stellte Jadassohn +fest. + +„Das nationale Banner muß hochgehalten werden“, verlangte Diederich. Der +Bürgermeister erhob die Arme. + +„Meine Herren, das weiß ich. Aber ich bin nur der Vorsitzende des +Magistrats und muß leider seine Beschlüsse ausführen. Ändern Sie die +Verhältnisse! Herr Doktor Jadassohn erinnert sich noch an unseren Streit +mit der Regierung wegen des sozialdemokratischen Lehrers Rettich. Ich +konnte den Mann nicht maßregeln. Herrn von Wulckow ist bekannt,“ – der +Bürgermeister kniff ein Auge zu – „daß ich es sonst getan haben würde.“ + +Man schwieg eine Weile und betrachtete einander. Jadassohn blies durch die +Nase, als genügte ihm das Gehörte. Aber Diederich konnte nicht länger an +sich halten. „Die Vorfrucht der Sozialdemokratie ist der Liberalismus“! +rief er. „Solche Leute wie Buck, Kühlemann und Eugen Richter machen unsere +Arbeiter frech. Mein Betrieb legt mir die schwersten Opfer an Arbeit und +Verantwortung auf, und dann hab’ ich noch Konflikte mit meinen Leuten. Und +warum? Weil wir nicht einig sind gegen die rote Gefahr und es gewisse +Arbeitgeber gibt, die im sozialistischen Fahrwasser schwimmen, wie zum +Beispiel der Schwiegersohn des Herrn Buck. Was seine Fabrik einbringt, +daran beteiligt der Herr Lauer seine Arbeiter. Das ist unmoralisch!“ Hier +blitzte Diederich. „Denn es untergräbt die Ordnung, und ich stehe auf dem +Standpunkt, in dieser harten Zeit haben wir Ordnung nötiger als je, und +darum brauchen wir ein festes Regiment, wie unser herrlicher junger Kaiser +es führt. Ich erkläre, daß ich in allem fest zu Seiner Majestät stehe ...“ +Hier machten die beiden anderen Herren eine Verbeugung, die Diederich +entgegennahm, indes er weiterblitzte. Im Gegensatz zu dem demokratischen +Mischmasch, an den die absterbende Generation noch glaube, sei der Kaiser +der Vertreter der Jugend, die persönlichste Persönlichkeit, von +erfreulicher Impulsivität und ein höchst origineller Denker. „Einer soll +Herr sein! Auf allen Gebieten!“ Diederich legte das vollständige +Bekenntnis einer scharfen und schneidigen Gesinnung ab und erklärte, daß +mit dem alten freisinnigen Schlendrian auch in Netzig von Grund aus +aufgeräumt werden müsse. + +„Jetzt kommt eine neue Zeit!“ + +Jadassohn und der Bürgermeister hörten still zu, bis er alles herausgesagt +hatte; Jadassohns Ohren wurden dabei noch größer. Dann krähte er: „Auch in +Netzig gibt es kaisertreue Deutsche!“ Und Diederich noch lauter: „Die +aber, die es nicht sind, werden wir uns einmal näher ansehen. Es wird sich +zeigen, ob gewissen Familien die Stellung, die sie einnehmen, noch +zukommt. Vom alten Buck zu schweigen: wer sind denn seine Leute? Die Söhne +verbauert oder verbummelt, ein Schwiegersohn, der Sozialist ist, und die +Tochter soll ja –“ + +Man sah einander an. Der Bürgermeister kicherte und rötete sich blaß. Vor +Vergnügen platzte er aus: „Und die Herren wissen noch gar nicht, daß der +Bruder des Herrn Buck pleite ist!“ + +Man äußerte lärmende Genugtuung. Der mit den fünf eleganten Töchtern! Der +Vorsitzende der „Harmonie“! Aber zu essen, das wußte Diederich, bekamen +sie aus der Volksküche. Daraufhin schenkte der Bürgermeister nochmals +Schnäpse ein und reichte Zigarren. Er zweifelte plötzlich nicht mehr, daß +ein Umschwung bevorstehe. „In anderthalb Jahren sind die Neuwahlen zum +Reichstag. Bis dahin werden die Herren arbeiten müssen.“ + +Diederich schlug vor: „Betrachten wir drei uns schon jetzt als das engere +Wahlkomitee!“ + +Jadassohn erklärte es für die erste Notwendigkeit, Fühlung zu nehmen mit +dem Herrn Regierungspräsidenten von Wulckow. „Streng vertraulich“, setzte +der Bürgermeister hinzu und zwinkerte. Diederich bedauerte, daß die +„Netziger Zeitung“, das größte Organ der Stadt, sich im freisinnigen +Fahrwasser bewege. „So ein Judenblatt!“ sagte Jadassohn. Wohingegen das +regierungstreue Kreisblatt in der Stadt fast ohne Einfluß sei. Aber der +alte Klüsing in Gausenfeld lieferte das Papier für beide Blätter. Es +schien Diederich nicht unmöglich, durch ihn, der in der „Netziger Zeitung“ +Geld hatte, ihre Haltung zu beeinflussen. Er mußte Angst bekommen, sonst +das Kreisblatt zu verlieren. „Denn es gibt ja noch eine Papierfabrik in +Netzig“, sagte der Bürgermeister und schmunzelte. Da trat das +Zimmermädchen ein und verkündete, sie müsse nun den Tisch zum Mittagessen +decken; die gnädige Frau werde gleich zurück sein – „und auch die Frau +Hauptmann“, setzte sie hinzu. Bei der Nennung dieses Titels erhob der +Bürgermeister sich sofort. Wie er seine Gäste hinausgeleitete, hielt er +den Kopf gesenkt und war, trotz der genossenen Schnäpse, ganz milchfarben. +Auf der Treppe zog er Diederich am Ärmel. Jadassohn war zurückgeblieben, +und man hörte das Mädchen leise kreischen. An der Haustür läutete es +schon. + +„Mein lieber Herr Doktor,“ wisperte der Bürgermeister, „Sie haben mich +doch nicht mißverstanden. Bei alledem habe ich natürlich einzig das +Interesse der Stadt im Auge. Mir liegt es selbstverständlich ganz fern, +irgend etwas zu unternehmen, worin ich mich nicht einig weiß mit den +Körperschaften, an deren Spitze zu stehen ich die Ehre habe.“ + +Er blinzelte eindringlich. Bevor Diederich sich besonnen hatte, betraten +die Damen das Haus, und der Bürgermeister ließ Diederichs Ärmel los, um +ihnen entgegenzueilen. Seine Frau, verhutzelt und mit Sorgenfalten, hatte +kaum Zeit, die Herren zu begrüßen; sie mußte die Kinder trennen, die +einander prügelten. Ihre Mutter aber, einen Kopf höher und noch +jugendlich, musterte streng die geröteten Gesichter der Frühstücksgäste. +Dann schritt sie junonisch auf den Bürgermeister zu, den man kleiner +werden sah ... Assessor Dr. Jadassohn hatte sich schon von dannen gemacht, +Diederich vollführte formelle Verbeugungen, die unerwidert blieben, und +eilte hinterdrein. Ihm war aber beklommen, er sah unruhig auf der Straße +umher, hörte nicht, was Jadassohn sagte, und plötzlich kehrte er um. Er +mußte mehrmals und heftig läuten, denn drinnen war großer Lärm. Die +Herrschaften standen noch am Fuße der Treppe, auf der die Kinder sich +schreiend umherstießen, und sie debattierten. Die Frau Bürgermeister +wünschte, daß ihr Gatte beim Schuldirektor etwas gegen einen Oberlehrer +unternehme, der ihren Sohn schlecht behandelte. Dagegen forderte die Frau +Hauptmann von ihrem Schwiegersohn, er solle den Oberlehrer zum Professor +ernennen, denn seine Frau habe den größten Einfluß im Vorstand der +Bethlehemstiftung für gefährdete Mädchen. Der Bürgermeister beschwor sie +abwechselnd mit den Händen. Endlich konnte er ein Wort anbringen. + +„Einerseits ...“, sagte er. + +Aber da hatte Diederich ihn am Ärmel ergriffen. Nach vielen +Entschuldigungen in der Richtung der Damen zog er ihn beiseite, und er +flüsterte bebend: „Verehrter Herr Bürgermeister, es liegt mir daran, +Mißverständnissen vorzubeugen. Ich darf daher wiederholen, daß ich ein +durchaus liberaler Mann bin.“ + +Doktor Scheffelweis versicherte flüchtig, daß er hiervon gerade so +überzeugt sei wie von seiner eigenen, gut liberalen Gesinnung. Schon ward +er abgerufen, und Diederich verließ, ein wenig erleichtert, das Haus. +Jadassohn erwartete ihn grinsend. + +„Sie haben wohl Angst gehabt? Lassen Sie nur! Mit unserem Stadtoberhaupt +kompromittiert sich niemand, er ist immer, wie der liebe Gott, mit den +stärksten Bataillonen. Heute wollte ich nur feststellen, wie weit er sich +schon mit Herrn von Wulckow eingelassen hat. Es steht nicht übel, wir +können uns ein Stück vorwagen.“ + +„Vergessen Sie, bitte, nicht,“ sagte Diederich, mit Zurückhaltung, „daß +ich in der Netziger Bürgerschaft zu Hause und natürlich auch liberal bin.“ + +Jadassohn sah ihn von der Seite an. „Neuteutonia?“ fragte er. Und als +Diederich sich erstaunt umwandte: „Wie geht es denn meinem alten Freund +Wiebel?“ + +„Sie kennen ihn? Er war mein Leibbursch!“ + +„Kennen! Ich habe mit ihm gehangen.“ + +Diederich ergriff die Hand, die Jadassohn hinhielt, sie schüttelten +einander kraftvoll. „Na dann!“ „Na also!“ Und Arm in Arm gingen sie in den +Ratskeller, Mittag essen. + + + +Dort war es einsam und dämmerig, hinten ward für sie das Gas angezündet, +und bis die Suppe kam, machten sie alte Kommilitonen ausfindig. Der dicke +Delitzsch! Diederich berichtete mit der Genauigkeit eines Augenzeugen über +seinen tragischen Tod. Das erste Glas Rauenthaler weihten sie still seinem +Andenken. Es zeigte sich, daß auch Jadassohn die Februarkrawalle +mitgemacht und damals die Macht verehren gelernt hatte, wie Diederich. +„Seine Majestät hat einen Mut bewiesen,“ sagte der Assessor, „daß einem +schwindlig werden konnte. Mehrmals habe ich, weiß Gott, geglaubt –.“ Er +stockte, sie sahen schaudernd einander in die Augen. Um über die +entsetzliche Vorstellung hinwegzukommen, erhoben sie die Gläser. „Gestatte +mir“, sagte Jadassohn. „Ziehe gleich mit“, erwiderte Diederich. Und +Jadassohn: „Werte Lieben mit eingeschlossen.“ Und Diederich: „Werde zu +Hause davon zu rühmen wissen.“ + +Dann ließ sich Jadassohn, obwohl sein Essen kalt ward, auf eine +ausführliche Würdigung des kaiserlichen Charakters ein. Die Philister, +Nörgler und Juden mochten an ihm aussetzen was sie wollten, alles in allem +war unser herrlicher junger Kaiser die persönlichste Persönlichkeit, von +erfreulicher Impulsivität und ein höchst origineller Denker. Diederich +glaubte dies auch schon festgestellt zu haben und nickte befriedigt. Er +sagte sich, daß das Äußere eines Menschen zuweilen trüge, und daß die +deutsche Gesinnung nicht notwendig von der Größe der Ohren abhänge. Sie +leerten ihre Gläser auf den glücklichen Ausgang des Kampfes für Thron und +Altar, gegen den Umsturz in jeder Form und Verkleidung. + +So gelangten sie wieder zu den Zuständen in Netzig. Sie waren sich einig +darin, daß der neue nationale Geist, für den es die Stadt zu erobern galt, +kein anderes Programm brauche als den Namen Seiner Majestät. Die +politischen Parteien waren alter Trödel, wie Seine Majestät selbst gesagt +hatte. „Ich kenne nur zwei Parteien, die für mich und die wider mich“, +hatte er gesagt, und so war es. In Netzig überwog leider noch die Partei, +die gegen ihn war, aber das sollte sich ändern, und zwar – dies war +Diederich klar – vermittels des Kriegervereins. Jadassohn, der ihm nicht +angehörte, übernahm es gleichwohl, Diederich mit den leitenden +Persönlichkeiten bekannt zu machen. Da war vor allem Pastor Zillich, ein +Korpsbruder von Jadassohn, ein echt deutscher Mann! Gleich nachher wollten +sie ihn besuchen. Sie tranken auf sein Wohl. Auch auf seinen Hauptmann +trank Diederich, den Hauptmann, der aus einem strengen Vorgesetzten sein +bester Freund geworden war. „Das Dienstjahr ist doch das Jahr, das ich aus +meinem Leben am wenigsten missen möchte.“ Unvermittelt und schon ziemlich +gerötet, rief er aus: + +„Und solche erhebenden Erinnerungen möchten diese Demokraten uns +verekeln!“ + +Der alte Buck! Diederich konnte sich plötzlich nicht fassen vor Wut, er +stammelte: „Am Dienen will solch ein Mensch uns hindern, er sagt, wir sind +Knechte! Weil er mal Revolution gemacht hat –“ + +„Das ist ja schon nicht mehr wahr“, sagte Jadassohn. + +„Darum sollen wir uns wohl alle zum Tode verurteilen lassen? Hätten sie +ihn wenigstens geköpft!... Die Hohenzollern sollen uns schlecht bekommen +sein!“ + +„Ihm sicher“, sagte Jadassohn und tat einen großen Zug. + +„Aber ich stelle fest –“ Diederich rollte die Augen –, „daß ich all seinen +lästerlichen Unfug nur angehört habe, um mich darüber zu unterrichten, wes +Geistes Kind er ist. Ich nehme Sie zum Zeugen, Herr Assessor! Wenn der +alte Intrigant jemals behaupten sollte, daß ich sein Freund bin und seine +infamen Majestätsbeleidigungen gebilligt habe, dann nehme ich Sie zum +Zeugen, daß ich gleich heute protestiert habe!“ + +Der Schweiß brach ihm aus, denn er dachte an die Sache mit der +Baukommission und an den Schutz, den er bei ihr genießen sollte ... +Unvermittelt warf er ein Buch auf den Tisch, ein kleines, fast +quadratisches Buch, und stieß ein Hohngelächter dabei aus. + +„Dichten tut er auch!“ + +Jadassohn blätterte. „Turnerlieder. Aus der Gefangenschaft. Ein Hoch der +Republik! und Am Weiher lag ein Jüngling, trübselig anzuschauen ... +Stimmt, so waren die. Sträflinge versorgen und an den Grundlagen rütteln. +Sentimentaler Umsturz. Gesinnung verdächtig und Haltung schlapp. Da stehen +wir, Gott sei Dank, anders da.“ + +„Das wollen wir hoffen“, sagte Diederich. „In der Verbindung haben wir +Mannhaftigkeit und Idealismus gelernt, das genügt, da erübrigt sich das +Dichten.“ + +„Fort mit euren Altarkerzen!“ deklamierte Jadassohn. „Das ist etwas für +meinen Freund Zillich. Jetzt hat er sein Schläfchen hinter sich, wir +können losgehen.“ + +Sie fanden den Pastor beim Kaffee. Er wollte Frau und Tochter sogleich +hinausschicken, Jadassohn hielt die Hausfrau galant zurück und versuchte +auch dem Fräulein die Hand zu küssen, aber sie wandte ihm den Rücken. +Diederich, sehr aufgeheitert, bat die Damen dringend, zu bleiben, und ihm +gelang es. Er erklärte ihnen, daß Netzig nach Berlin beträchtlich still +wirke. „Die Damenwelt ist auch noch zurück. Mein Ehrenwort, gnädiges +Fräulein, Sie sind hier die erste, die ruhig Unter den Linden +spazierengehen könnte, und kein Mensch würde merken, daß Sie aus Netzig +sind.“ Darauf erfuhr er, daß sie wirklich einmal in Berlin gewesen war, +und sogar bei Ronacher. Diederich zog hieraus Vorteil, er erinnerte sie an +ein dort gehörtes Couplet, das er ihr aber nur ins Ohr sagen könne. „Unsre +lieben süßen Dam’n, zeigen alles, was sie ham’n“ ... Da sie einen dreisten +Seitenblick warf, streifte er mit dem Bart ihren Hals. Sie sah ihn flehend +an, worauf er ihr erst recht versicherte, daß sie ein „reizender Käfer“ +sei. Sie flüchtete mit geschlossenen Augen zu ihrer Mutter, die alles +überwacht hatte. Der Pastor war mit Jadassohn in ernstem Gespräch. Er +klagte, daß der Kirchenbesuch in Netzig unerhört vernachlässigt werde. + +„Am Sonntag Jubilate: verstehen Sie wohl, am Sonntag Jubilate habe ich vor +dem Küster und drei alten Damen aus dem Jungfrauenstift predigen müssen. +Die anderen hatten Influenza.“ + +Jadassohn sagte: „Bei der lauen, um nicht zu sagen, feindseligen Haltung, +die die herrschende Partei den kirchlichen und religiösen Dingen gegenüber +einnimmt, muß man sich über die drei alten Damen wundern. Warum besuchen +sie nicht lieber die freigeistigen Vorträge des Doktors Heuteufel?“ + +Da schnellte der Pastor vom Stuhl. Sein Bart schien aufzuschäumen, so sehr +schnob er, und sein Gehrock warf wilde Falten. „Herr Assessor!“ brachte er +hervor. „Dieser Mensch ist mein Schwager, und die Rache ist mein! spricht +der Herr. Aber obwohl dieser Mensch mein Schwager und meiner leiblichen +Schwester Mann ist, kann ich den Herrn nur anflehen, ja, mit gerungenen +Händen anflehen, daß er von seinem Rachestrahl Gebrauch mache. Denn sonst +würde er eines Tages genötigt sein, Pech und Schwefel auf ganz Netzig +regnen zu lassen. Kaffee, verstehen Sie, Kaffee gibt Heuteufel den Leuten +umsonst, damit sie kommen und ihre Seele von ihm fangen lassen. Und dann +erzählt er ihnen, die Ehe sei kein Sakrament, sondern ein Vertrag – als ob +ich mir einen Anzug bestelle.“ – Der Pastor lachte vor Erbitterung. + +„Pfui“, sagte Diederich mit tiefer Stimme. Und indes Jadassohn den Pastor +seines positiven Christentums versicherte, begann Diederich schon wieder, +im Schutz eines Sessels, sich Käthchen handgreiflich zu nähern. „Fräulein +Käthchen,“ sagte er dabei, „ich kann Ihnen auf das bestimmteste erklären, +daß für mich die Ehe tatsächlich ein Sakrament ist.“ Käthchen erwiderte: + +„Schämen Sie sich, Herr Doktor.“ + +Ihm ward heiß. „Machen Sie nicht solche Augen!“ + +Käthchen seufzte. „Sie sind schrecklich raffiniert. Wahrscheinlich sind +Sie auch nicht besser als der Herr Assessor Jadassohn. Ihre Schwestern +haben mir schon erzählt, was Sie in Berlin alles angestellt haben. Es sind +doch meine besten Freundinnen.“ + +Dann werde man sich doch bald wiedersehen? – Ja, in der „Harmonie“. „Aber +Sie brauchen nicht zu denken, daß ich Ihnen irgendwas glaube. Sie sind ja +mit Guste Daimchen zusammen am Bahnhof angekommen.“ + +Was das beweise, fragte Diederich. Er protestiere gegen alle Folgerungen, +die man aus dieser rein zufälligen Tatsache etwa ziehen wolle. Fräulein +Daimchen sei übrigens verlobt. + +„Ach die!“ machte Käthchen. „Die geniert das nicht, sie ist so gräßlich +kokett.“ + +Auch die Frau Pastor bestätigte es. Noch heute habe sie Guste in +Lackschuhen und lila Strümpfen gesehen. Das verspreche nichts Gutes. +Käthchen verzog den Mund. + +„Na und die Erbschaft –.“ + +Dieser Zweifel machte, daß Diederich bestürzt verstummte. Der Pastor hatte +dem Assessor soeben die Notwendigkeit zugegeben, die Lage der christlichen +Kirche in Netzig einmal näher mit den Herren zu erörtern und verlangte von +seiner Frau den Mantel und den Hut. Auf der Treppe war es schon dunkel. Da +die beiden anderen vorangingen, konnte Diederich noch einmal Käthchens +Hals überfallen. Sie sagte ersterbend: „So mit dem Bart kitzeln tut keiner +in Netzig“ – was ihm zuerst schmeichelte, gleich darauf aber gab es ihm +peinliche Vermutungen ein. So ließ er Käthchen einfach los und verschwand. +Jadassohn erwartete ihn unten, er sagte leise: „Nur Mut! Der Alte hat +nichts gemerkt, und die Mutter tut so.“ Er zwinkerte aufdringlich. + +An der Marienkirche vorüber wollten die drei Herren den Markt erreichen, +der Pastor blieb aber stehen, mit einer Kopfbewegung deutete er hinter +sich. „Die Herren wissen wohl, wie die Gasse heißt, links von der Kirche +unter dem Bogen? Dies schwarze Loch von einer Gasse, oder vielmehr das +gewisse Haus darin.“ + +„Klein-Berlin“, sagte Jadassohn, denn der Pastor ging nicht weiter. + +„Klein-Berlin“, wiederholte er, schmerzlich lächelnd, und noch einmal mit +der Gebärde heiligen Zornes, so daß mehrere Leute sich umsahen: +„Klein-Berlin ... Im Schatten meiner Kirche! Solch ein Haus! Und der +Magistrat will mich nicht hören, er spottet meiner. Aber er spottet noch +eines anderen, –“ damit setzte sich der Pastor wieder in Bewegung – „und +der lässet seiner nicht spotten.“ + +Auch Jadassohn war der Meinung, daß er seiner nicht spotten lasse. +Diederich aber sah, indes seine Begleiter sich ereiferten, vom Rathaus her +Guste Daimchen nahen. Er neigte formvoll den Hut vor ihr, und sie lächelte +schnippisch. Ihm fiel auf, daß Käthchen Zillich gerade so weißblond war +und auch diese kleine, frech eingedrückte Nase hatte. Eigentlich war es +gleich, ob die oder die. Guste freilich zeichnete sich durch eine +handliche Breite aus. „Und die läßt sich nichts gefallen. Gleich hat man +eine Ohrfeige.“ Er wandte sich um nach Guste: von hinten war sie +außerordentlich rund und wackelte. In diesem Augenblick war es für +Diederich entschieden: Die oder keine! + +Die beiden anderen hatten sie nachträglich auch bemerkt. + +„War das nicht das Töchterchen der Frau Oberinspektor Daimchen?“ fragte +der Pastor; und er setzte hinzu: „Unsere Bethlehemstiftung für gefährdete +Jungfrauen wartet noch immer auf die Zuwendungen der Guten. Ob Fräulein +Daimchen zu den Guten gehört? Die Leute sagen, sie habe eine Million +geerbt.“ + +Jadassohn beeilte sich, dies für weit übertrieben zu erklären. Diederich +widersprach; er kenne die Verhältnisse, der verstorbene Onkel habe mit +Zichorie noch viel mehr verdient, als man glaube. Er behauptete es so +lange, bis der Assessor ihm verhieß, er werde durch das Gericht in +Magdeburg die Wahrheit in Erfahrung bringen. Darauf schwieg Diederich, +zufriedengestellt. + +„Übrigens“, sagte Jadassohn, „fällt das Geld doch nur an die Bucks, will +sagen an den Umsturz.“ Aber Diederich wollte auch hierüber besser +unterrichtet sein. „Fräulein Daimchen und ich sind nämlich zusammen hier +angekommen“, sagte er versuchsweise. – „Ach so“, machte Jadassohn. „Darf +man etwa gratulieren?“ Diederich hob die Achseln wie bei einer +Taktlosigkeit. Jadassohn entschuldigte sich; er habe nur geglaubt, der +junge Buck –. + +„Wolfgang?“ fragte Diederich. „Mit dem war ich in Berlin täglich zusammen. +Er lebt dort mit einer Schauspielerin.“ + +Der Pastor räusperte sich mißbilligend. Da man eben auf den Theaterplatz +gelangte, sah er streng hinüber. Er versetzte: + +„Klein-Berlin liegt wohl bei meiner Kirche, aber doch wenigstens in einem +dunklen Winkel. Dieser Tempel der Sittenlosigkeit brüstet sich auf offenem +Platz, und unsere Söhne und Töchter –“ er zeigte nach dem Bühneneingang, +wo einige Mitglieder des Theaters standen – „streifen mit dem Ärmel an +Buhldirnen!“ + +Diederich erklärte dies, mit bekümmerter Miene, für tief bedauerlich – +während Jadassohn sich über die „Netziger Zeitung“ entrüstete, die +frohlockt hatte, weil in den Stücken der letzten Saison vier uneheliche +Kinder vorgekommen seien, und die das für einen Fortschritt hielt! + + + +Inzwischen bogen sie in die Kaiser-Wilhelm-Straße und hatten verschiedene +Herren zu grüßen, die eben das Haus der Loge betraten. Als sie die tief +gezogenen Hüte wieder aufgesetzt hatten und vorüber waren, sagte +Jadassohn: + +„Man wird sich die Herrschaften merken müssen, die den freimaurerischen +Unfug noch mitmachen. Seine Majestät mißbilligt ihn entschieden.“ + +„Von meinem Schwager Heuteufel wundert mich selbst das gefährlichste +Sektenwesen nicht“, erklärte der Pastor. + +„Nun, und der Herr Lauer?“ meinte Diederich. „Ein Mensch, der sich nicht +entblödet, seine Arbeiter am Gewinn zu beteiligen? Dem ist alles +zuzutrauen!“ + +„Das Unerhörteste“, behauptete Jadassohn, „ist doch, daß Herr +Landgerichtsrat Fritzsche sich in dieser Judengesellschaft zeigt: ein +königlicher Landgerichtsrat Arm in Arm mit dem Wucherer Cohn. Wie haißt +Cohn“, machte Jadassohn und steckte den Daumen unter die Achsel. + +Diederich sagte: „Da er ja mit der Frau Lauer –“ Er brach ab und erklärte, +dann begreife er allerdings, daß diese Leute vor Gericht immer recht +bekämen. „Sie halten zusammen und schmieden Ränke.“ Pastor Zillich +murmelte sogar etwas von Orgien, die sie in dem Haus dort feiern sollten +und bei denen schon unaussprechliche Dinge vorgekommen waren. Aber +Jadassohn lächelte bedeutsam: + +„Nun, glücklicherweise sieht ihnen Herr von Wulckow gerade in die Fenster +hinein.“ Und Diederich nickte beifällig zu dem Gebäude der Regierung +hinüber. Gleich daneben, vor dem Bezirkskommando, ging ein Wachtposten auf +und ab. „Da lacht einem doch das Herz, wenn man das Gewehr so eines braven +Burschen blinken sieht!“ rief Diederich aus. „Damit halten wir die Bande +in Schach.“ + +Das Gewehr blinkte freilich nicht, denn es ward dunkel. Schon schoben sich +Abteilungen heimkehrender Arbeiter durch das abendliche Gedränge. +Jadassohn schlug einen Dämmerschoppen bei Klappsch vor, gleich um die +Ecke. Dort war es gemütlich, zu dieser Stunde kam niemand hin. Auch war +Klappsch ein Gutgesinnter, der dem Pastor, indes seine Tochter das Bier +brachte, seinen heißen Dank aussprach für die segensreiche Arbeit, die er +in der Bibelstunde an seinen Jungen vollbringe. Der Älteste hatte zwar +doch wieder Zucker gestohlen, dafür aber hatte er nachts nicht schlafen +können, sondern seine Sünde Gott so laut gebeichtet, daß Klappsch es hörte +und ihn durchprügeln konnte. Von da kam das Gespräch auf die Beamten der +Regierung, die Klappsch mit Frühstück versorgte und von denen er berichten +konnte, wie sie am Sonntag die Kirchzeit verbrachten. Jadassohn machte +sich Notizen, und gleichzeitig verschwand seine Hand hinter Fräulein +Klappsch. Diederich besprach mit Pastor Zillich die Gründung eines +christlichen Arbeitervereins. Er verhieß: „Wer von meinen Leuten nicht +’rein will, fliegt!“ Diese Aussichten heiterten den Pastor auf; nachdem +Fräulein Klappsch mehrmals Bier und Kognak gebracht hatte, befand er sich +in demselben Zustand hoffnungsvoller Entschlossenheit, den seine beiden +Gefährten im Laufe des Tages erreicht hatten. + +„Mein Schwager Heuteufel“, rief er und schlug auf den Tisch, „soll so viel +von der Affenverwandtschaft predigen, wie er will, ich krieg’ meine Kirche +doch wieder voll!“ + +„Nicht nur Ihre“, beteuerte Diederich. + +„Na, es gibt nun mal zu viele Kirchen in Netzig“, gestand der Pastor. Da +sagte Jadassohn schneidend: „Zu wenige, Mann Gottes, zu wenige!“ Und er +nahm Diederich zum Zeugen, wie in Berlin die Dinge sich entwickelt hatten. +Auch dort standen die Kirchen leer, bis Seine Majestät selbst eingegriffen +hatte. „Sorgen Sie dafür,“ hatte er einer Abordnung der städtischen +Behörden gesagt, „daß in Berlin Kirchen gebaut werden.“ Nun wurden sie +gebaut, die Religion war wieder aktuell, es kam Betrieb hinein. Und alle, +der Pastor, der Kneipwirt, Jadassohn und Diederich begeisterten sich für +die tiefe Frömmigkeit des Monarchen. Da fiel ein Schuß. + +„Es hat geknallt!“ Jadassohn sprang zuerst auf, alle sahen erbleicht +einander an. Vor Diederichs innerem Auge erschien blitzschnell das +knochige Gesicht Napoleon Fischers, seines Maschinenmeisters, mit dem +schwarzen Bart, durch den man die graue Haut sah, und er stammelte: „Der +Umsturz! Es geht los!“ Draußen war Getrappel von Laufenden: auf einmal +griffen alle nach ihren Hüten und rannten hinaus. + +Die Leute, die sich schon angesammelt hatten, hielten in einem scheuen +Bogen von der Ecke des Bezirkskommandos bis an die Treppe der +Freimaurerloge. Drüben, wo der Kreis offen stand, lag jemand, das Gesicht +nach unten, mitten auf der Straße. Und der Soldat, der vorhin so munter +auf und ab gegangen war, stand jetzt unbeweglich vor seinem Schilderhaus. +Der Helm hatte sich ihm verschoben, man sah, daß er bleich war, den Mund +offen hatte und auf den Gefallenen hinstierte – indes er sein Gewehr beim +Lauf hielt und es am Boden schleppen ließ. Im Publikum, zumeist Arbeitern +und Frauen aus dem Volk, ward dumpf gemurrt. Plötzlich sagte eine +Männerstimme sehr laut: „Oho!“ – und darauf trat tiefe Stille ein. +Diederich und Jadassohn verständigten sich durch einen blassen Blick über +das Kritische des Augenblicks. + +Die Straße herunter lief ein Schutzmann und ihm voraus ein Mädchen, dessen +Rock wehte und das schon von weitem rief: + +„Da liegt er! Der Soldat hat geschossen!“ + +Sie war angelangt, sie warf sich auf die Knie, sie rüttelte den Mann. +„Auf! Steh doch auf!“ + +Sie wartete. In seinen Füßen schien es zu zucken; aber er blieb liegen, +Arme und Beine über das Pflaster gestreckt. Da schrie sie los: „Karl!“ Es +gellte, daß alle auffuhren. Frauen schrien mit, mehrere Männer stürzten +vor, die Fäuste geballt. Die Ansammlung war dichter geworden; zwischen den +Wagen, die halten mußten, quoll Nachschub hervor; und in dem drohenden +Gedränge arbeitete das Mädchen sich ab, unter ihren aufgelösten Haaren, +die flatterten, und mit verzerrtem, nassem Gesicht, woraus wohl Geschrei +kam, aber man hörte es nicht, der Lärm verschlang es. + +Der einzige Schutzmann drängte mit ausgebreiteten Armen die Menge zurück, +sie trat sonst auf den Liegenden. Er schrie vergebens gegen sie an, tanzte +ihr auf den Füßen und sah sich, den Kopf verlierend, in der Luft nach +Hilfe um. + +Und sie kam. Im Regierungsgebäude ging ein Fenster auf, ein großer Bart +erschien, und eine Stimme drang heraus, eine furchtbare Baßstimme, die +jeder, auch wenn er sie noch nicht verstand, durch allen Aufruhr dröhnen +hörte wie fernen Kanonendonner. + +„Wulckow“, sagte Jadassohn. „Na endlich.“ + +„Ich verbitte mir das!“ tönte es herunter. „Wer erlaubt sich hier vor +meinem Hause Lärm zu machen?“ Und da es schon ruhiger ward: + +„Wo ist der Posten?“ + +Jetzt sahen die meisten erst, daß der Soldat sich in sein Schilderhaus +zurückgezogen hatte: so tief wie möglich, und nur der Gewehrlauf stand +hervor. + +„Komm ’raus, mein Sohn!“ befahl der Baß von oben. „Du hast deine Pflicht +getan. Er hat dich gereizt. Für deine Tapferkeit wird Seine Majestät dich +belohnen. Verstanden?“ + +Alle hatten ihn verstanden und waren verstummt, sogar das Mädchen. Um so +ungeheurer dröhnte er. + +„Zerstreut euch sofort, sonst lass’ ich schießen!“ + +Eine Minute, und einige liefen schon. Gruppen von Arbeitern lösten sich +los, zögerten – und gingen wieder ein Stück weiter, mit gesenkten Köpfen. +Der Regierungspräsident rief noch hinunter: + +„Paschke, holen Sie mal ’n Doktor!“ + +Dann klappte er das Fenster wieder zu. Im Eingang der Regierung aber ward +es lebendig. Plötzlich waren Herren da, die kommandierten, eine Menge +Schutzleute liefen von allen Seiten zusammen, knufften auf das Publikum +ein, das noch übrig war, und schrien ganz allein. Diederich und seine +Begleiter, die sich hinter ihre Ecke zurückgezogen hatten, sahen drüben +auf der Treppe der Loge einige Herren stehen. Jetzt machte Doktor +Heuteufel sich zwischen ihnen Platz. „Ich bin Arzt“, sagte er laut, ging +rasch über die Straße und beugte sich zu dem Verwundeten. Er wendete ihn +um, öffnete ihm die Weste und legte das Ohr an seine Brust. In diesem +Augenblick waren alle still, sogar die Schutzleute schrien nicht mehr; das +Mädchen aber stand da, vorwärts geneigt, die Schultern hinaufgezogen wie +unter einem drohenden Schlag, und die Faust am Herzen geballt, als sei es +dies Herz, das nun stillstehen sollte. + +Doktor Heuteufel erhob sich. „Der Mann ist tot“, sagte er. Gleichzeitig +bemerkte er das Mädchen, das schwankte. Er griff nach ihr. Aber sie stand +schon wieder, sie sah auf das Gesicht des Toten nieder und sagte nur: +„Karl.“ Noch leiser: „Karl.“ Doktor Heuteufel sah umher und fragte: „Was +soll mit dem Mädchen geschehen?“ + +Da trat Jadassohn vor. „Assessor Jadassohn von der Staatsanwaltschaft“, +sagte er. „Das Mädchen ist abzuführen. Da ihr Geliebter den Posten gereizt +hat, liegt Verdacht vor, daß sie sich an der strafbaren Handlung beteiligt +hat. Wir werden die Untersuchung einleiten.“ + +Zwei Schutzleute, denen er winkte, faßten das Mädchen schon an. Doktor +Heuteufel erhob die Stimme: „Herr Assessor, ich erkläre als Arzt, daß der +Zustand des Mädchens seine Verhaftung nicht zuläßt.“ Jemand sagte: „Führen +Sie doch auch den Toten ab!“ Aber Jadassohn krähte: „Herr Fabrikbesitzer +Lauer, ich verbitte mir jede Kritik meiner amtlichen Maßnahmen!“ + +Diederich inzwischen hatte Zeichen hoher Erregung von sich gegeben. +„Oh!... Ah!... Aber das ist –.“ Er war ganz bleich; er setzte an: „Meine +Herren ... Meine Herren, ich bin in der Lage –. Ich kenne diese Leute: +jawohl, den Mann und das Mädchen. Doktor Heßling mein Name. Beide waren +bis heute in meiner Fabrik beschäftigt. Ich mußte sie entlassen wegen +öffentlich begangener unsittlicher Handlungen.“ + +„Aha!“ machte Jadassohn. Pastor Zillich rührte sich. „Das ist fürwahr der +Finger Gottes“, sagte er. Der Fabrikant Lauer hatte sich in seinem grauen +Spitzbart heftig gerötet, seine gedrungene Gestalt ward geschüttelt vom +Zorn. + +„Über den Finger Gottes läßt sich streiten. Sicher scheint nur, Herr +Doktor Heßling, daß der Mann sich zu Ausschreitungen hat hinreißen lassen, +weil die Entlassung ihm zu Herzen gegangen ist. Er hatte eine Frau, +vielleicht auch Kinder.“ + +„Sie waren gar nicht verheiratet“, sagte Diederich, seinerseits entrüstet. +„Ich weiß es von ihm selbst.“ + +„Was ändert das,“ fragte Lauer. Da erhob der Pastor die Arme. „Sind wir +denn schon so weit,“ rief er, „daß es nichts ändert, ob das sittliche +Gesetz Gottes befolgt wird oder nicht?“ + +Lauer erklärte es für unangebracht, auf der Straße und im Augenblick, wo +jemand mit behördlicher Billigung totgeschossen worden sei, über sittliche +Gesetze zu debattieren; und er wandte sich an das Mädchen, um ihm Arbeit +in seiner Werkstatt anzubieten. Inzwischen war ein Sanitätswagen +angelangt; der Tote ward vom Boden aufgenommen. Wie man ihn aber +hineinschob, fuhr das Mädchen aus seiner Starrheit empor, stürzte sich +über die Bahre, entriß sie, ehe man es sich versah, den Männern, daß sie +niederfiel – und zusammen mit dem Toten, in ihn verkrampft und unter +gellendem Geschrei rollte sie auf das Pflaster. Mit großer Mühe ward sie +von dem Leichnam gelöst und in eine Droschke gehoben. Der Assistenzarzt, +der den Krankenwagen begleitet hatte, fuhr mit ihr fort. + +Auf den Fabrikanten Lauer, der mit Heuteufel und den anderen Logenbrüdern +weitergehen wollte, trat Jadassohn zu, in drohender Haltung. „Einen +Augenblick, bitte. Sie äußerten da vorhin, daß hier mit behördlicher +Billigung – ich nehme die Herren zu Zeugen, daß dies Ihr Ausdruck war – +also mit behördlicher Billigung jemand totgeschossen sei. Ich möchte +fragen, ob das von Ihrer Seite vielleicht eine Mißbilligung der Behörde +bedeuten sollte.“ + +„Ach so“, machte Lauer und sah ihn an. „Mich möchten Sie wohl auch +abführen lassen?“ + +„Zugleich“, fuhr Jadassohn mit hoher, schneidiger Stimme fort, „mache ich +Sie darauf aufmerksam, daß das Verhalten eines Postens, der ein ihn +belästigendes Individuum niederschießt, vor wenigen Monaten, nämlich im +Fall Lück, von maßgebender Stelle als korrekt und tapfer bezeichnet und +durch Auszeichnungen und Gnadenbeweise belohnt worden ist. Hüten Sie sich +vor einer Kritik der Allerhöchsten Handlungen!“ + +„Ich habe keine ausgesprochen,“ sagte Lauer. „Ausgesprochen habe ich bis +jetzt nur meine Mißbilligung des Herrn dort mit dem gefährlichen +Schnurrbart.“ + +„Wie?“ fragte Diederich, der noch immer die Pflastersteine ansah, wo der +Erschossene gefallen war und wo ein wenig Blut lag. Er begriff endlich, +daß er herausgefordert war. + +„Der Schnurrbart wird von Seiner Majestät getragen!“ sagte er fest. „Es +ist die deutsche Barttracht. Im übrigen lehne ich jede Diskussion mit +einem Arbeitgeber ab, der den Umsturz fördert.“ + +Lauer öffnete schon wütend den Mund, obwohl der Bruder des alten Buck, +Heuteufel, Cohn und Landgerichtsrat Fritzsche ihn fortziehen wollten; und +neben Diederich reckten sich kampfbereit Jadassohn und Pastor Zillich: – +da erschien im Eilschritt eine Abteilung Infanterie, sperrte die Straße +ab, die ganz geleert war, und der Leutnant, der die Führung hatte, +forderte die Herren zum Weitergehen auf. Alle gehorchten schleunigst; sie +sahen noch, wie der Leutnant vor den Wachtposten hintrat und ihm die Hand +schüttelte. + +„Bravo!“ sagte Jadassohn. Und Doktor Heuteufel: „Morgen kommen nun +Hauptmann, Major und Oberst dran, müssen belobigen und dem Kerl +Geldgeschenke machen.“ + +„Sehr richtig!“ sagte Jadassohn. + +„Aber –“ Heuteufel blieb stehen. „Meine Herren, verständigen wir uns doch. +Hat denn das alles einen Sinn? Nur weil dieser Bauerntölpel keinen Spaß +verstanden hat? Ein Witz, ein gutmütiges Lachen nur, und er entwaffnet den +Arbeiter, der ihn herausfordern möchte, seinen Kameraden, einen armen +Teufel wie er selbst. Statt dessen befiehlt man ihm zu schießen. Und +nachher kommen die großen Worte.“ + +Landgerichtsrat Fritzsche stimmte bei und riet zur Mäßigung. Da sagte +Diederich, noch bleich und mit einer Stimme, die erschauerte: + +„Das Volk muß die Macht fühlen! Das Gefühl der kaiserlichen Macht ist mit +einem Menschenleben nicht zu teuer bezahlt!“ + +„Wenn es nur nicht Ihres ist“, sagte Heuteufel. Und Diederich, die Hand +auf der Brust: + +„Wenn es auch meins wäre!“ + + + +Heuteufel zuckte die Achseln. Während man weiterging, versuchte Diederich +dem Pastor Zillich, mit dem er ein Stück zurückblieb, seine Empfindungen +zu erklären. „Für mich“, sagte er, schnaufend vor innerer Bewegung, „hat +der Vorgang etwas direkt Großartiges, sozusagen Majestätisches. Daß da +einer, der frech wird, einfach abgeschossen werden kann, ohne Urteil, auf +offener Straße! Bedenken Sie: mitten in unserem bürgerlichen Stumpfsinn +kommt so was – Heroisches vor! Da sieht man doch, was Macht heißt!“ + +„Wenn sie von Gottes Gnaden ist“, ergänzte der Pastor. + +„Natürlich. Das ist es eben. Drum hab’ ich geradezu eine religiöse +Erhebung von der Sache. Man merkt doch manchmal, daß es höhere Dinge gibt, +Gewalten, denen wir alle unterworfen sind. Denn zum Beispiel bei dem +Berliner Krawall, vorigen Februar, als Seine Majestät sich mit so +phänomenaler Kaltblütigkeit in den tobenden Aufruhr hinauswagten: na, ich +sage nur –“ Da die übrigen vor dem Ratskeller stehengeblieben waren, erhob +Diederich die Stimme. „Wenn damals der Kaiser die ganzen Linden hätte vom +Militär absperren und in uns alle hätte ’reinschießen lassen, immer feste +’rein, sag ich ...“ + +„Sie hätten Hurra geschrien,“ schloß Doktor Heuteufel. + +„Sie vielleicht nicht?“ fragte Diederich und versuchte zu blitzen. „Ich +hoffe doch, wir empfinden alle national!“ + +Der Fabrikant Lauer wollte schon wieder unvorsichtig entgegnen, ward aber +zurückgehalten. Statt seiner sagte Cohn: + +„Nun, national bin ich auch. Aber bezahlen wir unsere Armee für solche +Witze?“ Diederich maß ihn. + +„Ihre Armee, sagen Sie? Herr Warenhausbesitzer Cohn hat eine Armee! Haben +die Herren gehört?“ Er lachte erhaben. „Ich kannte bisher nur die Armee +Seiner Majestät des Kaisers!“ + +Doktor Heuteufel brachte etwas von Volksrechten vor, aber Diederich +betonte mit abgehackter Kommandostimme, daß er keinen Schattenkaiser +wünsche. Ein Volk, das die straffe Zucht verliere, sei der Verlotterung +geweiht ... Inzwischen war man im Keller angelangt, Lauer und seine +Freunde saßen schon. „Na, setzen Sie sich nicht zu uns?“ ward Diederich +von Doktor Heuteufel gefragt. „Schließlich sind wir wohl alle liberale +Männer.“ Da stellte Diederich fest: „Liberal selbstverständlich. Aber ich +gehe in den großen nationalen Fragen aufs Ganze. Für mich gibt es da nur +zwei Parteien, die Seine Majestät selbst gekennzeichnet haben: die für ihn +und die gegen ihn. Und da scheint es mir allerdings, daß an dem Tisch der +Herren für mich kein Platz ist.“ + +Er vollführte eine korrekte Verbeugung und ging hinüber zu dem leeren +Tisch. Jadassohn und Pastor Zillich folgten ihm. Gäste, die in der Nähe +saßen, sahen sich um; eine allgemeine Stille entstand. Mit dem Rausch des +Erlebten stieg in Diederich der Plan empor, Sekt zu bestellen. Drüben ward +geflüstert, dann rückte jemand seinen Stuhl, es war Landgerichtsrat +Fritzsche. Er verabschiedete sich, kam an Diederichs Tisch, um ihm, +Jadassohn und Zillich die Hände zu schütteln, und ging hinaus. + +„Das wollte ich ihm auch geraten haben“, bemerkte Jadassohn. „Er hat die +Unhaltbarkeit seiner Lage noch rechtzeitig erkannt.“ Diederich sagte: +„Eine reinliche Scheidung war vorzuziehen. Wer in nationaler Beziehung ein +gutes Gewissen hat, braucht diese Leute wahrhaftig nicht zu fürchten.“ +Aber Pastor Zillich schien betreten. „Der Gerechte muß viel leiden,“ sagte +er. „Sie wissen noch nicht, wie Heuteufel intrigant ist. Morgen erzählt er +Gott weiß welche Greuel über uns.“ Da zuckte Diederich zusammen. Doktor +Heuteufel war eingeweiht in jenen immerhin dunklen Punkt seines Lebens, +als er vom Militär loszukommen wünschte! Er hatte ihm, in einem höhnischen +Brief, das Krankheitsattest verweigert! Er hielt ihn in der Hand, er +konnte ihn vernichten! In seinem jähen Schrecken befürchtete Diederich +sogar Enthüllungen aus seiner Schulzeit, als Doktor Heuteufel ihn im Hals +gepinselt und ihm dabei Feigheit vorgeworfen hatte. Der Schweiß brach ihm +aus. Um so lauter bestellte er Hummern und Sekt. + +Drüben bei den Logenbrüdern hatte man sich aufs neue über den gewaltsamen +Tod des jungen Arbeiters erregt. Was das Militär und die Junker, die es +befehligten, sich denn einbildeten! Sie benahmen sich ja wie in einem +eroberten Land! Und als die Köpfe rot genug waren, verstiegen sich die +Herren dazu, für das Bürgertum, das tatsächlich alle Leistungen liefere, +auch die Führung im Staat zu verlangen. Herr Lauer wünschte zu wissen, was +die herrschende Kaste vor anderen Leuten eigentlich noch voraus habe. +„Nicht einmal die Rasse“, behauptete er. „Denn sie sind ja alle verjudet, +die Fürstenhäuser einbegriffen.“ Und er setzte hinzu: „Womit ich meinen +Freund Cohn nicht kränken will.“ + +Es war Zeit, einzuschreiten: Diederich fühlte es. Schnell stürzte er noch +ein Glas hinunter, dann stand er auf, trat wuchtig bis in die Mitte unter +den gotischen Kronleuchter und sagte scharf: + +„Herr Fabrikbesitzer Lauer, ich gestatte mir die Frage, ob Sie unter den +Fürstenhäusern, die nach Ihrer persönlichen Meinung verjudet sind, auch +deutsche Fürstenhäuser verstehen.“ + +Lauer erwiderte ruhig, beinahe freundlich: „Gewiß doch.“ + +„So“, machte Diederich, und er schöpfte tief Atem, um zu seinem großen +Schlag auszuholen. Unter der Aufmerksamkeit des ganzen Lokals fragte er: + +„Und den verjudeten deutschen Fürstenhäusern rechnen Sie auch das eine zu, +das ich nicht erst zu nennen brauche?“ Triumphierend sagte Diederich dies, +vollkommen sicher, daß nun sein Gegner sich verwirren, stammeln und unter +den Tisch kriechen werde. Aber er stieß auf einen nicht vorauszusehenden +Zynismus. + +„Na ja doch“, sagte Lauer. + +Jetzt war es an Diederich, die Haltung zu verlieren vor Entsetzen. Er sah +umher: ob er denn recht gehört habe. Die Gesichter bestätigten es ihm. Da +brachte er hervor, es werde sich zeigen, welche Folgen diese Äußerung für +den Herrn Fabrikbesitzer haben werde, und zog sich in leidlicher Ordnung +in das befreundete Lager zurück. Gleichzeitig tauchte Jadassohn wieder +auf, der verschwunden gewesen war, man wußte nicht wohin. + +„Ich habe dem soeben Vorgefallenen nicht beigewohnt“, sagte er sofort. +„Ich stelle dies ausdrücklich fest, da es für die weitere Entwicklung von +Bedeutung sein könnte.“ Und dann ließ er sich genau berichten. Diederich +tat es mit Feuer; er nahm es als sein Verdienst in Anspruch, dem Feind den +Weg abgeschnitten zu haben. „Jetzt haben wir ihn in der Hand!“ + +„Allerdings,“ bestätigte Jadassohn, der sich Notizen gemacht hatte. + +Vom Eingang her nahte auf steifen Beinen ein älterer Herr mit grimmiger +Miene. Er grüßte nach beiden Seiten und schickte sich an, zu den +Vertretern des Umsturzes zu stoßen. Aber Jadassohn holte ihn noch ein. +„Herr Major Kunze! Nur ein Wort!“ Er redete halblaut auf ihn ein und +deutete dabei mit den Augen nach links und rechts. Der Major schien im +Zweifel. „Sie geben mir Ihr Ehrenwort, Herr Assessor,“ sagte er, „daß das +tatsächlich behauptet wurde?“ Während Jadassohn es ihm gab, trat der +Bruder des Herrn Buck herbei, lang und elegant, lächelte unbedeutend und +bot dem Herrn Major für alles eine befriedigende Erklärung an. Aber der +Major bedauerte; für eine solche Äußerung gebe es einfach keine Erklärung; +und seine Miene ward von erschreckender Düsterkeit. Trotzdem sah er noch +mit Bedauern nach seinem alten Stammtisch hinüber. Da, im entscheidenden +Moment, hob Diederich die Sektflasche aus dem Kübel. Der Major bemerkte es +und folgte seinem Pflichtgefühl. Jadassohn stellte vor: „Herr +Fabrikbesitzer Doktor Heßling.“ + +Diederichs Rechte und die des Majors drückten einander mit Aufbietung +aller Kraft. Fest und bieder blickten die Herren sich ins Auge. „Herr +Doktor,“ sagte der Major, „Sie haben sich als deutscher Mann bewährt.“ Man +scharrte mit den Füßen, rückte die Stühle zurecht, präsentierte +voreinander die Gläser, und dann durfte man trinken. Diederich bestellte +sofort eine neue Flasche. Der Major leerte sein Glas, sooft es ihm +vollgeschenkt wurde, und zwischen den Zügen versicherte er, auch er stehe, +was deutsche Treue betreffe, seinen Mann. „Wenn mein König mich nun auch +schon aus seinem aktiven Dienst entlassen hat –“ + +„Der Herr Major“, erklärte Jadassohn, „war zuletzt beim hiesigen +Bezirkskommando.“ + +„– ich habe noch das alte Soldatenherz –“ er klopfte mit den Fingern +darauf – „und unpatriotische Tendenzen werde ich stets bekämpfen. Mit +Feuer und Schwert!“ schrie er und ließ die Faust auf den Tisch fallen. Im +selben Augenblick zog hinter seinem Rücken der Warenhausbesitzer Cohn tief +den Hut und entfernte sich eilig. Der Bruder des Herrn Buck suchte zuerst +noch die Toilette auf, damit sein Verschwinden einen weniger fluchtartigen +Charakter trage. „Aha!“ sagte Jadassohn um so lauter. „Herr Major, der +Feind ist aufgerieben.“ Pastor Zillich war noch immer beunruhigt. + +„Heuteufel ist dageblieben. Ich traue ihm nicht.“ + +Aber Diederich, der die dritte Flasche bestellte, sah sich höhnisch nach +Lauer und Doktor Heuteufel um, die vereinsamt dasaßen und beschämt ihre +Biergläser anstarrten. + +„Wir haben die Macht“, sagte er, „und die Herren dort drüben sind sich +dessen bewußt. Sie revoltieren schon gar nicht mehr, weil der Posten +geschossen hat. Sie machen Gesichter, als hätten sie Angst, daß sie nun +selbst bald drankommen. Und sie kommen auch dran!“ Diederich erklärte, daß +er wegen der vorhin gefallenen Äußerungen eine Anzeige gegen den Herrn +Lauer bei der Staatsanwaltschaft erstatten werde. „Und ich werde dafür +sorgen,“ versicherte Jadassohn, „daß die Anklage erhoben wird. Ich +persönlich werde sie in der Hauptverhandlung vertreten. Die Herren wissen, +daß ich als Zeuge nicht in Betracht komme, da ich den Vorgängen selbst +nicht beigewohnt habe.“ + +„Wir werden hier den Sumpf mal trocken legen“, sagte Diederich, und er +fing von dem Kriegerverein an, auf den die treudeutsch und kaiserlich +gesinnten Männer sich vor allem stützen müßten. Der Major nahm eine +Amtsmiene an. Jawohl, er war im Vorstand des Kriegervereins. Man diente +seinem König immer noch, so gut man konnte. Er war auch bereit, Diederich +zur Aufnahme vorzuschlagen, damit die nationalen Elemente eine Kräftigung +erführen. Denn bis jetzt, das durfte man sich nicht verhehlen, überwogen +auch dort die leidigen Demokraten. Man nahm, nach der Meinung des Majors, +behördlicherseits zu viel Rücksicht auf die in Netzig gegebenen +Verhältnisse. Er selbst würde, wenn er zum Bezirkskommandanten ernannt +worden wäre, den Herren Reserveoffizieren bei den Wahlen auf die Finger +gesehen haben, dafür garantierte er. „Aber da mein König mir die +Möglichkeit leider genommen hat –“ Diederich schenkte, um ihn zu trösten, +frisch ein. Während der Major trank, beugte Jadassohn sich zu Diederich +und raunte: „Glauben Sie ihm kein Wort! Er ist ein schlapper Hund und +kriecht vor dem alten Buck. Wir müssen ihm imponieren.“ + +Diederich tat dies sofort. „Ich habe nämlich mit dem Herrn +Regierungspräsidenten von Wulckow bereits formelle Verabredungen +getroffen.“ Und da der Major die Augen aufriß: + +„Nächstes Jahr, Herr Major, sind die Reichstagswahlen. Da werden wir +Gutgesinnten schwere Arbeit haben. Der Kampf beginnt schon.“ + +„Los!“ sagte der Major ingrimmig. „Prost!“ + +„Prost!“ sagte Diederich. „Aber, meine Herren, mögen die subversiven +Tendenzen im Lande noch so stark sein, wir sind stärker, denn wir haben +einen Agitator, den die Gegner nicht haben, und das ist Seine Majestät.“ + +„Bravo!“ + +„Seine Majestät hat für alle Teile seines Staates, also auch für Netzig, +die Forderung aufgestellt, daß die Bürger endlich aus dem Schlummer +erwachen mögen! Und das wollen wir auch!“ + +Jadassohn, der Major und Pastor Zillich bekundeten ihre Wachheit, indem +sie auf den Tisch schlugen, Beifall riefen und einander zutranken. Der +Major schrie: „Zu uns Offizieren hat Seine Majestät gesagt: Dies sind die +Herren, auf die ich mich verlassen kann!“ + +„Und zu uns“, schrie Pastor Zillich, „hat er gesagt, wenn die Kirche der +Fürsten bedürfen wird –“. + +Man durfte allen Zwang ablegen, denn der Keller hatte sich längst geleert, +Lauer und Heuteufel waren ungesehen entkommen, und in den hinteren +Bogengewölben brannte schon kein Gas mehr. + +„Er hat auch gesagt –“ Diederich blies die Backen feuerrot auf, der +Schnurrbart stieß ihm in die Augen, aber dennoch blitzte er fürchterlich. +„Wir stehen im Zeichen des Verkehrs! Und so ist es auch! Unter seiner +erhabenen Führung sind wir fest entschlossen, Geschäfte zu machen!“ + +„Und Karriere!“ krähte Jadassohn. „Seine Majestät hat gesagt, jeder, der +ihm behilflich sein will, ist ihm willkommen. Will das jemand vielleicht +auf mich nicht mitbeziehen?“ fragte Jadassohn herausfordernd, mit blutig +leuchtenden Ohren. Der Major brüllte wieder: + +„Und mein König kann sich totsicher auf mich verlassen. Er hat mich zu +früh weggeschickt, als ehrlicher deutscher Mann sage ich es ihm laut ins +Gesicht. Er wird mich noch mal bitter nötig haben, wenn es losgeht. Ich +denke nicht daran, den Rest meines Lebens bloß noch mit Knallbonbons zu +schießen auf Vereinsbällen. Ich war bei Sedan!“ + +„Herrjemersch, und ich doch ooch!“ ertönte es von dünner Schreistimme aus +unsichtbaren Tiefen, und den Schatten der Gewölbe entstieg ein kleiner +Greis mit flatternden weißen Haaren. Er schwankte herbei, seine +Brillengläser funkelten, seine Backen glühten, und er schrie: „Der Herr +Major Kunze! Nu da! Alter Kriegskamerad, bei Ihnen geht’s ja zu wie +dunnemals in Frankreich. Ich sag’ es aber immer: gut gelebt und lieber ä +paar Jahre länger!“ Der Major stellte ihn vor. „Herr Gymnasialprofessor +Kühnchen.“ Wie es kam, daß er dort hinten im Dunkeln vergessen worden sei, +darüber äußerte der kleine Greis die lebhaftesten Vermutungen. Früher +hatte er sich in einer Gesellschaft befunden. „Nu muß ich wohl ä bißchen +eingeschlummert sein, und da sein die verdammten Lumichs mir ausgerückt.“ +Der Schlaf hatte ihm vom Feuer der genossenen Getränke noch nichts +genommen, er erinnerte, prahlerisch kreischend, den Major an ihre +gemeinsamen Taten im eisernen Jahr. „Die Franktiröhrs!“ schrie er, und aus +seinem faltigen, zahnlosen Munde rann Feuchtigkeit. „Das war Sie eene +Bande! Wie die Herren mich da sähn, hab’ ich doch noch immer een’ steifen +Finger, da hat mich ä Franktiröhr draufgebissen. Bloß weil ich ihm mit +meim Säbel ä kleenes bißchen die Kehle abschneiden wollte. So eene +Gemeinheit von dem Kerl!“ Er zeigte den Finger am Tisch umher und erregte +Ausrufe der Bewunderung. Diederichs begeisterte Gefühle freilich mischten +sich mit Schrecken, er mußte sich in die Lage des Franktiröhrs denken: der +kleine leidenschaftliche Greis kniete auf seiner Brust und setzte ihm die +Klinge an den Hals. Er war genötigt, einen Augenblick hinauszugehen. + +Wie er zurückkehrte, gaben der Major und Professor Kühnchen, einander +überschreiend, den Bericht eines wilden Kampfes. Man verstand keinen. Aber +Kühnchen schrillte immer schärfer durch das Gebrüll des anderen, bis er es +zum Schweigen gebracht hatte und ungestört aufschneiden konnte. „Nee, +alter Freund, Sie sein ä anschlägscher Kopf. Wenn Sie die Treppe +’runterfallen, verfehlen Sie keene Stufe. Aber das Feuer damals an dem +Haus, wo die Franktiröhrs drinne saßen, das hat Kühnchen angelegt, da +gibt’s nischt. Ich hab’ doch eene Kriegslist gebraucht und hab’ mich +totgestellt, da ham die dummen Luder nischt gemerkt. Und wie’s erscht +gebrannt hat, nu, versteht sich, da hamse an der Verteidchung des +Vaterlandes keen’ Geschmack mehr gefunden, und bloß noch ’raus, bloß noch +Soofgipöh! Da hätten Se nu aber uns Deutsche sehen sollen. Von der Mauer +hammer sie weggeschossen, wie sie ’runterkrabbeln wollten! Luftsprünge +hamse gemacht wie die Garniggel!“ + +Kühnchen mußte seine Erfindung unterbrechen, er kicherte durchdringend, +indes die Tafelrunde dröhnend lachte. + +Kühnchen erholte sich. „Die falschen Luder hatten uns aber auch tückisch +gemacht! Und die Weiber! Nee, meine Herren, so was Beesartches wie die +franzeeschen Weiber, das gibt’s Sie nu überhaupt nicht mehr. Heeßes Wasser +hatten se uns auf die Köppe geschiddet. Nu frag’ ich Sie, tut das eene +Dame? Wie’s brannte, warfen sie die Kinder aus’m Fenster und wollten ooch +noch von uns, daß wir se auffangen sollten. Hibsch nich, aber dumm! Mit +unsern Bajonetten hammer die kleenen Luder uffgefangen. Und dann die +Damen!“ Kühnchen hielt die gichtischen Finger gekrümmt wie um einen +Gewehrkolben und sah dabei nach oben, als gäbe es noch jemand +aufzuspießen. Seine Brillengläser funkelten, er log weiter. „Zuletzt kam +eene ganz Dicke ’ran, die konnte von vorn nicht durchs Fenster, drum +versuchte se mal, ob’s nicht von hinten ginge. Da haste nun aber nicht mit +Kühnchen gerechnet, mei Schibbchen. Ich nich faul, steiche uf die +Schultern von zwei Kameraden drauf un kitzle sie mit meim Bachonedde in +ihren dicken franzeeschen –“ + +Mehr hörte man nicht, der Beifall war zu laut. Der Professor sagte noch: +„Jeden Sedang erzähl’ ich die Geschichte in ädlen Worten meiner Klasse. +Die Jungen solln wissen, was sie für Heldenväter gehabt haben.“ + +Man war sich einig, daß dies die nationale Gesinnung des jungen +Geschlechts nur befördern könne, und man stieß an mit Kühnchen. Vor lauter +Begeisterung hatte noch keiner bemerkt, daß ein neuer Gast an den Tisch +getreten war. Jadassohn sah plötzlich den bescheiden grauen Mann im +Hohenzollernmantel und winkte ihm gönnerhaft. „Na, man immer ’ran, Herr +Nothgroschen!“ Diederich herrschte ihn an, aus seinen Hochgefühlen heraus. +„Wer sind Sie?“ + +Der Fremde dienerte. + +„Nothgroschen, Redakteur der Netziger Zeitung.“ + +„Also Hungerkandidat“, sagte Diederich und blitzte. „Verkommene +Gymnasiasten, Abiturientenproletariat, Gefahr für uns!“ + +Alle lachten; der Redakteur lächelte demütig mit. + +„Seine Majestät hat Sie gekennzeichnet“, sagte Diederich. „Na, setzen Sie +sich!“ + +Er schenkte ihm sogar Sekt ein, und Nothgroschen trank in dankbarer +Haltung. Nüchtern und befangen sah er in der Gesellschaft umher, deren +Selbstbewußtsein durch die vielen, leer am Boden stehenden Flaschen so +sehr gesteigert worden war. Man vergaß ihn sogleich wieder. Er wartete +geduldig, bis jemand ihn fragte, wieso er denn mitten in der Nacht noch +hier hereinschneie. „Ich mußte das Blatt doch fertig machen“, erklärte er +darauf, wichtig wie ein kleiner Beamter. „Die Herren wollen morgen früh in +der Zeitung lesen, wie das war mit dem erschossenen Arbeiter.“ + +„Das wissen wir besser als Sie“, schrie Diederich. „Sie saugen sich das ja +doch nur aus Ihren Hungerpfoten!“ + +Der Redakteur lächelte entschuldigend, und er hörte ergeben zu, wie alle +durcheinander ihm die Vorgänge darstellten. Als der Lärm sich legte, +setzte er an. „Da der Herr dort –“ + +„Doktor Heßling,“ sagte Diederich scharf. + +„Nothgroschen“, murmelte der Redakteur. „Da Sie vorhin den Namen des +Kaisers erwähnten, wird es die Herren interessieren, daß wieder eine +Kundgebung vorliegt.“ + +„Ich verbitte mir jede Nörgelei!“ heischte Diederich. Der Redakteur duckte +sich und legte die Hand auf die Brust. „Es handelt sich um einen Brief des +Kaisers.“ + +„Der ist Ihnen wohl wieder mal durch einen infamen Vertrauensbruch auf den +Schreibtisch geflogen?“ fragte Diederich. Nothgroschen stellte beteuernd +die Hand vor sich hin. „Er ist vom Kaiser selbst zur Veröffentlichung +bestimmt. Morgen früh werden Sie ihn in der Zeitung lesen. Hier ist die +Druckfahne!“ + +„Legen Sie los, Doktor“, befahl der Major. Diederich rief: „Wieso, Doktor? +Sind Sie Doktor?“ Aber man interessierte sich nur noch für den Brief, man +entriß dem Redakteur den Zettel. „Bravo!“ rief Jadassohn, der noch +ziemlich mühelos las. „Seine Majestät bekennt sich zum positiven +Christentum.“ Pastor Zillich frohlockte so heftig, daß sich Schluckauf +einstellte. „Das ist was für Heuteufel! Endlich kriegt so ein frecher +Wissenschaftler, huck, was ihm gehört. An die Offenbarungsfrage machen sie +sich heran. Die versteh’ ja ich kaum, huck, und ich hab’ Theologie +studiert!“ Professor Kühnchen schwenkte die Blätter hoch in der Luft. +„Meine Härn! Wenn ’ch den Brief nicht in der Klasse lesen lasse und als +Aufsatzthema gebe, will’ch nicht mehr Kühnchen heeßen!“ + +Diederich war tiefernst. „Jawohl war Hammurabi ein Werkzeug Gottes! Ich +möchte mal sehen, wer das leugnet!“ Und er blitzte umher. Nothgroschen +krümmte die Schultern. „Na, und Kaiser Wilhelm der Große!“ fuhr Diederich +fort. „Von dem bitte ich es mir ganz energisch aus! Wenn der kein Werkzeug +Gottes war, dann weiß Gott überhaupt nicht, was ’n Werkzeug ist!“ + +„Ganz meine Meinung“, versicherte der Major. Glücklicherweise widersprach +auch sonst niemand, denn Diederich war zum Äußersten entschlossen. An den +Tisch geklammert, stemmte er sich von seinem Stuhl empor. „Aber unser +herrlicher junger Kaiser?“ fragte er drohend. Von allen Seiten antwortete +es: „Persönlichkeit ... Impulsiv ... Vielseitig ... Origineller Denker.“ +Diederich war nicht befriedigt. + +„Ich beantrage, daß er auch ein Werkzeug ist!“ + +Es ward angenommen. + +„Und ich beantrage ferner, daß wir Seine Majestät von unserem Beschluß +telegraphisch in Kenntnis setzen!“ + +„Ich befürworte den Antrag!“ brüllte der Major. Diederich stellte fest: +„Einmütige begeisterte Annahme!“ und fiel auf seinen Sitz zurück. Kühnchen +und Jadassohn machten sich gemeinsam an die Abfassung der Depesche. Sie +lasen vor, sobald sie etwas gefunden hatten. + +„Eine im Ratskeller zu Netzig versammelte Gesellschaft –“ + +„Tagende Versammlung“, forderte Diederich. Sie fuhren fort: + +„Versammlung national gesinnter Männer –“ + +„National, huck, und christlich“, ergänzte Pastor Zillich. + +„Aber wollen die Herren denn wirklich?“ fragte Nothgroschen, leise +flehend. „Ich dachte, es sei ein Scherz.“ + +Da ward Diederich zornig. + +„Wir scherzen nicht mit den heiligsten Gütern! Ich soll Ihnen das wohl +handgreiflich klarmachen, Sie verkrachter Abiturient?“ + +Da Nothgroschens Hände den vollkommensten Verzicht beteuerten, war +Diederich sofort wieder ruhig und sagte: „Prost!“ Dagegen schrie der +Major, als sollte er platzen. „Wir sind die Herren, auf die Seine Majestät +sich verlassen kann!“ Jadassohn bat um Ruhe und er las. + +„Die im Ratskeller zu Netzig tagende Versammlung national und christlich +gesinnter Männer entbietet Eurer Majestät ihre einmütige begeisterte +Huldigung angesichts von Eurer Majestät erhebendem Bekenntnis einer +geoffenbarten Religion. Wir beteuern unseren tiefsten Abscheu vor dem +Umsturz in jeder Gestalt und sehen in der heute bei uns in Netzig +erfolgten mutigen Tat eines Postens die erfreuliche Bestätigung, daß Eure +Majestät nicht weniger als Hammurabi und Kaiser Wilhelm der Große das +Werkzeug Gottes ist.“ Man klatschte, und Jadassohn lächelte geschmeichelt. + +„Unterschreiben!“ rief der Major. „Oder hat einer der Herren noch etwas zu +bemerken?“ Nothgroschen räusperte sich. „Nur ein einziges Wort, mit aller +gebührenden Bescheidenheit.“ + +„Das möchte ich mir ausbitten“, sagte Diederich. Der Redakteur hatte sich +Mut getrunken, er schwankte auf seinem Sitz und kicherte ohne Grund. + +„Ich will ja gar nichts gegen den Posten sagen, meine Herren. Ich hab’ mir +sogar schon immer gedacht, Soldaten sind zum Schießen da.“ + +„Na also.“ + +„Ja, aber wissen wir, ob auch der Kaiser so denkt?“ + +„Selbstverständlich! Fall Lück!“ + +„Präzedenzfälle – hihi – sind ganz schön, aber wir wissen doch alle, daß +der Kaiser ein origineller Denker und – hihi – impulsiv ist. Er läßt sich +nicht gern vorgreifen. Wenn ich in der Zeitung schreiben wollte, daß Sie, +Herr Doktor Heßling, Minister werden sollen, dann – hihi – werden Sie es +gerade nicht.“ + +„Jüdische Verdrehungen!“ rief Jadassohn. Der Redakteur entrüstete sich. +„Ich schreibe anderthalb Spalten Stimmung an jedem hohen Kirchenfest. Der +Posten aber, der kann auch wegen Mord angeklagt werden. Dann sind wir +’reingefallen.“ + +Eine Stille folgte. Der Major legte nachdenklich den Bleistift aus der +Hand. Diederich ergriff ihn. „Sind wir nationale Männer?“ Und er +unterschrieb wuchtig. Da brach Begeisterung aus. Nothgroschen wollte +gleich als Zweiter drankommen. + +„Aufs Telegraphenamt!“ + +Diederich gab Auftrag, daß die Rechnung ihm morgen zugestellt werde, und +man brach auf. Nothgroschen war auf einmal voll ausschweifender +Hoffnungen. „Wenn ich die kaiserliche Antwort bringen kann, komme ich zu +Scherl!“ + +Der Major brüllte: „Wir wollen doch mal sehen, ob ich noch lange +Wohltätigkeitsfeste arrangiere!“ + +Pastor Zillich sah die Leute sich in seiner Kirche erdrücken und Heuteufel +von der Menge gesteinigt. Kühnchen schwärmte von Blutbädern in den Straßen +von Netzig. Jadassohn krähte: „Erlaubt sich vielleicht jemand einen +Zweifel an meiner Kaisertreue?“ Und Diederich: „Der alte Buck soll sich +hüten! Klüsing in Gausenfeld auch! Wir erwachen aus dem Schlummer!“ + +Die Herren hielten sich alle sehr gerade, und manchmal schoß einer +unvermutet ein Stück vorwärts. Mit ihren Stöcken strichen sie tosend über +die herabgelassenen Rolläden, und im Takt voneinander unabhängig sangen +sie die Wacht am Rhein. An der Ecke des Landgerichts stand ein Schutzmann, +aber zu seinem Glück rührte er sich nicht. „Wollen Sie vielleicht etwas, +Männeken?“ rief Nothgroschen, der aus Rand und Band war. „Wir +telegraphieren an den Kaiser!“ Vor dem Postgebäude ward Pastor Zillich, +der den schwächsten Magen hatte, von einem Unglück betroffen. Indes die +anderen ihm seine Lage zu erleichtern suchten, klingelte Diederich den +Beamten heraus und gab das Telegramm auf. Als der Beamte es gelesen hatte, +betrachtete er Diederich zögernd – aber Diederich blitzte ihn so furchtbar +an, daß er zurückschrak und seine Pflicht tat. Diederich inzwischen fuhr +ohne Zweck fort, zu blitzen und steinern dazustehen: in der Haltung des +Kaisers, wenn nun ein Flügeladjutant ihm die Heldentat des Postens meldete +und der Chef des Zivilkabinetts ihm die Huldigungsdepesche überbrachte. +Diederich fühlte den Helm auf seinem Kopf, er schlug gegen den Säbel an +seiner Seite und sagte: „Ich bin sehr stark!“ Der Telegraphist hielt es +für eine Reklamation und zählte ihm das kleine Geld nochmals vor. +Diederich nahm es, trat an einen Tisch und warf einige Zeilen auf ein +Papier. Dann steckte er es zu sich und kehrte zu den Herren zurück. + +Sie hatten für den Pastor eine Droschke beschafft, er fuhr soeben fort und +winkte weinend aus dem Fenster, als sei es für ewig. Jadassohn bog beim +Theater um eine Ecke, obwohl der Major ihm nachbrüllte, seine Wohnung sei +doch ganz woanders. Plötzlich war dann auch der Major fort, und Diederich +gelangte mit Nothgroschen allein in die Lutherstraße. Vor dem +Walhalla-Theater war der Redakteur nicht mehr weiter zu bringen, mitten in +der Nacht wollte er das „elektrische Wunder“ sehen, eine Dame, die dort +Feuer sprühen sollte. Diederich mußte ihm ernstlich vorhalten, daß dies +nicht die Stunde für solche Frivolitäten sei. Übrigens vergaß Nothgroschen +das „elektrische Wunder“, sobald er das Haus der „Netziger Zeitung“ +erblickte. „Aufhalten!“ schrie er. „Die Maschine aufhalten! Das Telegramm +der nationalen Männer muß noch hinein!... Sie wollen es doch morgen früh +in der Zeitung lesen“, sagte er zu einem vorübergehenden Nachtwächter. Da +packte Diederich ihn fest am Arm. + +„Nicht nur dieses Telegramm“, sagte er, kurz und leise. „Ich habe noch ein +anderes.“ Er zog ein Papier aus der Tasche. „Der Nachttelegraphist ist ein +alter Bekannter von mir, er hat es mir anvertraut. Über diese Herkunft +werden Sie mir strenge Diskretion versprechen, der Mann wäre sonst in +seiner Stellung bedroht.“ + +Da Nothgroschen sofort alles versprach, sagte Diederich, ohne das Papier +dabei anzusehen: + +„Es ist an das Regimentskommando gerichtet und vom Obersten selbst dem +Posten mitzuteilen, der heute den Arbeiter erschossen hat. Es lautet: Für +Deinen auf dem Felde der Ehre vor dem inneren Feind bewiesenen Mut spreche +ich Dir meine kaiserliche Anerkennung aus und ernenne Dich zum +Gefreiten.... Überzeugen Sie sich“ – und Diederich reichte dem Redakteur +das Papier hin. Aber Nothgroschen sah es nicht an, er starrte nur, wie +entgeistert, auf Diederich, auf seine steinerne Haltung, den Schnurrbart, +der ihm in die Augen stach, und die Augen, die blitzten. + +„Jetzt glaubte ich fast –“ stammelte Nothgroschen. „Sie haben so viel +Ähnlichkeit mit – mit –.“ + + + + + + IV. + + +Diederich würde, wie in der besten Neuteutonenzeit, das Mittagessen +verschlafen haben, aber die Rechnung vom Ratskeller kam, und sie war +bedeutend genug, daß er aufstehen und ins Kontor gehen mußte. Ihm war sehr +schlecht, und man machte ihm auch noch Unannehmlichkeiten, sogar die +Familie. Die Schwestern verlangten ihr monatliches Toilettegeld, und als +er erklärte, daß er es jetzt nicht habe, hielten sie ihm den alten Sötbier +vor, der es immer gehabt habe. Diesem Versuch einer Auflehnung begegnete +Diederich energisch. Mit rauher Katerstimme setzte er den Mädchen +auseinander, sie würden sich noch an ganz andere Dinge gewöhnen müssen. +Sötbier freilich, der habe immer nur hergegeben und die Fabrik +heruntergewirtschaftet. „Wenn ich euch heute euren Anteil auszahlen +sollte, würdet ihr euch verflucht wundern, wie wenig es wäre.“ Während er +dies sagte, empfand er es als durchaus unberechtigt, daß er irgend einmal +sollte gezwungen werden können, die beiden am Geschäft zu beteiligen. Man +müßte das verhindern können, dachte er. Sie dagegen wurden auch noch +herausfordernd. „Also wir können die Modistin nicht bezahlen, aber der +Herr Doktor trinkt Sekt für hundertfünfzig Mark.“ Da ward Diederich +furchtbar anzusehen. Seine Briefe erbrach man! Er wurde ausspioniert! Er +war nicht der Herr im Hause, sondern ein Kommis, ein Neger, der für die +Damen schuftete, damit sie den ganzen Tag faulenzen konnten! Er schrie und +stampfte, daß die Gläser klirrten. Frau Heßling flehte wimmernd, die +Schwestern widersprachen nur noch aus Angst, aber Diederich war im Zuge. + +„Was erlaubt ihr euch? Gänse wie ihr? Was wißt ihr, ob die hundertfünfzig +Mark nicht eine glänzende Kapitalsanlage sind. Jawohl, Kapitalsanlage! +Meint ihr, ich saufe mit den Idioten Sekt, wenn ich nichts von ihnen will? +Davon wißt ihr hier in Netzig noch nichts, das ist der neue Kurs, es ist +–“ Er hatte das Wort. „Großzügig ist es! Großzügig!“ + +Und er warf die Tür hinter sich zu. Frau Heßling ging ihm vorsichtig nach, +und als er im Wohnzimmer ins Sofa gesunken war, nahm sie seine Hand und +sagte: „Mein lieber Sohn, ich bin mit dir.“ Dabei sah sie ihn an, als +wollte sie „aus dem Herzen beten“. Diederich verlangte einen sauren +Hering; und dann beklagte er sich zornig, wie schwer es sei, in Netzig den +neuen Geist einzuführen. Wenigstens hier im Hause sollte man seine Kraft +nicht untergraben! „Ich habe Großes mit euch vor, aber das überlaßt +gefälligst meiner besseren Einsicht. Einer muß Herr sein. +Unternehmungsgeist und Großzügigkeit gehören freilich dazu. Sötbier ist +dabei nicht zu brauchen. Eine Weile lasse ich den Alten noch verschnaufen, +dann wird er ausgeschifft.“ + +Frau Heßling versicherte sanft, ihr lieber Sohn werde schon um seiner +Mutter willen immer genau wissen, was er tun müsse – und dann begab +Diederich sich ins Kontor und schrieb einen Brief an die Maschinenfabrik +Büschli Co. in Eschweiler, um bei ihr einen „neuen +Patent-Doppel-Holländer, System Maier“ zu bestellen. Er ließ den Brief +offen daliegen und ging hinaus. Wie er zurückkam, stand Sötbier vor seinem +Pult, und es war kein Zweifel, unter seinem grünen Augenschirm weinte er: +es tropfte auf den Brief. „Sie müssen ihn noch mal abschreiben lassen“, +sagte Diederich kühl. Da begann Sötbier: + +„Junger Herr, unser alter Holländer ist kein Patent-Holländer, aber er +stammt noch aus der ersten Zeit des alten Herrn; mit ihm hat er +angefangen, und mit ihm ist er groß geworden ...“ + +„Na und ich hege meinerseits den Wunsch, mit meinem eigenen Holländer groß +zu werden“, sagte Diederich schneidend. Sötbier jammerte. + +„Unser alter hat uns noch immer genügt.“ + +„Mir nicht.“ + +Sötbier schwur, er sei so leistungsfähig wie die allerneuesten, die nur +durch schwindelhafte Reklame emporgetragen würden. Als Diederich hart +blieb, öffnete der Alte die Tür und rief hinaus: „Fischer! Kommen Sie mal +her!“ Diederich ward unruhig. „Was wollen Sie von dem Menschen. Ich +verbitte mir, daß er sich einmischt!“ Aber Sötbier berief sich auf das +Zeugnis des Maschinenmeisters, der in den größten Betrieben gearbeitet +habe. „Nun, Fischer, sagen Sie mal dem Herrn Doktor, wie leistungsfähig +unser Holländer ist!“ Diederich wollte nicht hören, er lief hin und her, +überzeugt, der Mensch werde die Gelegenheit ergreifen, ihn zu ärgern. +Statt dessen begann Napoleon Fischer mit einer uneingeschränkten +Anerkennung von Diederichs Sachverständigkeit, und dann sagte er über den +alten Holländer alles Ungünstige, das sich irgend über ihn denken ließ. +Wenn man Napoleon Fischer hörte, war er schon nahe daran gewesen, zu +kündigen, nur weil ihm der alte Holländer nicht gefiel. Diederich +schnaubte: er habe wahrhaftig Glück, daß ihm die wertvolle Kraft des Herrn +Fischer nun doch erhalten bleibe; aber der Maschinenmeister erklärte ihm, +ohne sich auf seine Ironie einzulassen, nach der Abbildung im Prospekt +alle Vorzüge des neuen Patent-Holländers, vor allem seine höchst bequeme +Bedienung. „Wenn ich Ihnen nur Arbeit erspare!“ schnaubte Diederich. +„Sonst wünsch’ ich mir nichts. Danke, Sie können gehen.“ + +Als der Maschinenmeister hinaus war, beschäftigten Sötbier und Diederich +sich eine lange Weile jeder für sich. Plötzlich fragte Sötbier: „Und womit +sollen wir ihn bezahlen?“ Diederich war sofort feuerrot: auch er hatte die +ganze Zeit an nichts weiter gedacht. „Ach was!“ schrie er. „Bezahlen! +Erstens mache ich eine lange Lieferungsfrist aus, und dann: wenn ich mir +einen so teuren Holländer bestelle, meinen Sie vielleicht, ich weiß nicht +wozu? Nein, mein Lieber, dann muß ich wohl bestimmte Aussichten auf +baldige Ausdehnung des Geschäftes haben – über die ich mich heute noch +nicht äußern will.“ + +Damit verließ er das Kontor, in strammer Haltung, trotz inneren Zweifeln. +Dieser Napoleon Fischer hatte sich beim Hinausgehen nochmals umgesehen, +mit einem gewissen Blick, als habe er den Chef gehörig hineingelegt. +„Umdroht von Feinden,“ dachte Diederich und reckte sich noch straffer, „da +sind wir erst recht stark. Ich werde sie schon zerschmettern.“ Sie sollten +erfahren, mit wem sie es zu tun hatten; daher führte er einen Gedanken +aus, der ihm schon beim Erwachen gekommen war: er ging zum Doktor +Heuteufel. Dieser hielt eben seine Sprechstunde ab und ließ ihn warten. +Dann empfing er ihn in seinem Operationszimmer, wo alles, Geruch und +Gegenstände, Diederich an frühere, peinliche Besuche erinnerte. Doktor +Heuteufel nahm die Zeitung vom Tisch, lachte kurz und sagte: „Nun, Sie +kommen wohl her, um zu triumphieren. Gleich zwei Erfolge! Ihre +Sekthuldigung ist drin – na und die Depesche des Kaisers an den Posten +läßt von Ihrem Standpunkt aus wohl nichts zu wünschen.“ + +„Welche Depesche?“ fragte Diederich. Doktor Heuteufel zeigte sie ihm; +Diederich las. „Für Deinen auf dem Felde der Ehre vor dem inneren Feind +bewiesenen Mut spreche ich Dir meine kaiserliche Anerkennung aus und +ernenne Dich zum Gefreiten.“ Wie es hier gedruckt stand, machte es ihm den +Eindruck vollkommener Echtheit. Er war sogar ergriffen; mit männlicher +Zurückhaltung sagte er: „Das ist jedem national Gesinnten aus dem Herzen +gesprochen.“ Da Heuteufel nur die Achseln zuckte, holte Diederich Atem. +„Nicht deswegen bin ich hergekommen, sondern um unsere beiderseitigen +Beziehungen festzulegen.“ Die seien wohl schon festgelegt, erwiderte +Heuteufel. „Nein, durchaus noch nicht.“ Diederich versicherte, daß er +einen ehrenvollen Frieden wünsche. Er sei bereit, im Sinne eines +wohlverstandenen Liberalismus zu wirken, falls man dagegen seine streng +nationale und kaisertreue Überzeugung achte. Doktor Heuteufel erklärte +dies einfach für Phrasen: da verlor Diederich die Fassung. Dieser Mensch +hielt ihn in der Hand; er konnte ihn, mit Hilfe eines Dokumentes, als +Feigling hinstellen! Das höhnische Lächeln in seinem gelben +Chinesengesicht, diese überlegene Haltung waren eine fortwährende +Anspielung. Aber er sprach nicht, er ließ das Schwert weiterschweben über +Diederichs Haupt. Der Zustand mußte aufhören! „Ich fordere Sie auf,“ sagte +Diederich, heiser vor Erregung, „mir meinen Brief zurückzugeben.“ +Heuteufel tat erstaunt. „Welchen Brief?“ – „Den ich Ihnen wegen des +Militärs geschrieben habe, als ich dienen sollte.“ Darauf dachte der Arzt +nach. + +„Ach so: weil Sie sich drücken wollten!“ + +„Ich dachte mir schon, Sie würden meine unvorsichtigen Äußerungen in einem +für mich beleidigenden Sinne auslegen. Ich fordere Sie nochmals zur +Rückgabe des Briefes auf.“ Und Diederich trat drohend vor. Heuteufel wich +nicht. + +„Lassen Sie mich in Ruh’. Ihren Brief hab’ ich nicht mehr.“ + +„Ich verlange Ihr Ehrenwort.“ + +„Das gebe ich nicht auf Befehl.“ + +„Dann mache ich Sie auf die Folgen Ihrer illoyalen Handlungsweise +aufmerksam. Sollten Sie mir mit dem Brief bei irgendeiner Gelegenheit +Unannehmlichkeiten verursachen wollen, so liegt Bruch des Amtsgeheimnisses +vor. Dann denunziere ich Sie der Ärztekammer, stelle Strafantrag gegen Sie +und biete allen meinen Einfluß auf, um Sie unmöglich zu machen!“ In +höchster Erregung, fast stimmlos: „Sie sehen mich zum Äußersten +entschlossen! Zwischen uns gibt es nur noch einen Kampf bis aufs Messer!“ + +Doktor Heuteufel sah ihn neugierig an, er schüttelte den Kopf, sein +Chinesenschnurrbart schaukelte, und er sagte: „Sie sind heiser.“ + +Diederich fuhr zurück, er stammelte: „Was geht Sie das an?“ + +„Gar nichts“, sagte Heuteufel. „Es interessiert mich nur von früher her, +weil ich Ihnen so was ja immer vorausgesagt habe.“ + +„Was denn? Wollen Sie sich gefälligst äußern.“ Aber das lehnte Heuteufel +ab. Diederich blitzte ihn an. „Ich muß Sie energisch auffordern, Ihre +ärztliche Pflicht zu tun!“ + +Er sei nicht sein Arzt, erwiderte Heuteufel. Darauf sank Diederichs +herrische Miene zusammen, und er forschte klagend. „Manchmal hab’ ich ja +Schmerzen im Hals. Glauben Sie denn, daß es schlimmer wird? Hab’ ich was +zu befürchten?“ + +„Ich rate Ihnen, einen Spezialisten zu konsultieren.“ + +„Sie sind hier doch der einzige! Um Gottes willen, Herr Doktor, Sie +versündigen sich, ich habe eine Familie zu erhalten.“ + +„Dann sollten Sie weniger rauchen, auch weniger trinken. Gestern abend war +es zuviel.“ + +„Ach so.“ Diederich richtete sich auf. „Sie gönnen mir den Sekt nicht. Und +dann wegen der Huldigungsadresse.“ + +„Wenn Sie unlautere Motive bei mir vermuten, brauchen Sie mich nicht zu +fragen.“ + +Aber Diederich flehte schon wieder. „Sagen Sie mir wenigstens, ob ich +Krebs kriegen kann.“ + +Heuteufel blieb streng. „Nun, Sie waren schon immer skrofulös und +rachitisch. Sie hätten nur dienen sollen, dann wären Sie nicht so +aufgeschwemmt.“ + +Schließlich ließ er sich zu einer Untersuchung herbei und nahm eine +Pinselung des Kehlkopfes vor. Diederich erstickte, rollte angstvoll die +Augen und umklammerte den Arm des Arztes. Heuteufel zog den Pinsel heraus. +„So komm’ ich natürlich nicht hin.“ Er feixte durch die Nase. „Sie sind +noch wie früher.“ + +Sobald Diederich wieder zu Luft gekommen war, machte er sich fort aus +dieser Schreckenskammer. Vor dem Hause, noch mit Tränen in den Augen, +stieß er auf den Assessor Jadassohn. „Nanu?“ sagte Jadassohn. „Ist Ihnen +die Kneiperei nicht bekommen? Und ausgerechnet zu Heuteufel gehen Sie?“ + +Diederich versicherte, sein Befinden sei glänzend. „Aber aufgeregt hab’ +ich mich über den Menschen! Ich gehe hin, weil ich es als meine Pflicht +betrachte, eine befriedigende Erklärung zu verlangen für die gestrigen +Äußerungen dieses Herrn Lauer. Mit Lauer selbst zu verhandeln, hat für +einen Mann von meiner korrekten Gesinnung natürlich nichts Verlockendes.“ + +Jadassohn schlug vor, in Klappsch’ Bierstube einzutreten. + +„Ich gehe also hin,“ fuhr Diederich drinnen fort, „in der Absicht, die +ganze Geschichte mit der Besoffenheit des betreffenden Herrn zu +entschuldigen, schlimmstenfalls mit seiner zeitweiligen Geistesumnachtung. +Was meinen Sie statt dessen? Frech wird der Heuteufel. Markiert +Überlegenheit. Übt zynische Kritik an unserer Huldigungsadresse und, Sie +werden es nicht glauben, sogar an dem Telegramm Seiner Majestät!“ + +„Nun, und?“ fragte Jadassohn, dessen Hand sich mit Fräulein Klappsch +beschäftigte. + +„Für mich gibt es kein Und mehr! Ich bin mit dem Herrn fertig fürs Leben!“ +rief Diederich, trotz dem schmerzlichen Bewußtsein, daß er am Mittwoch +wieder zum Pinseln mußte. Jadassohn versetzte schneidend: + +„Aber ich nicht.“ Und da Diederich ihn ansah: „Es gibt nämlich eine +Behörde, die sich die Königliche Staatsanwaltschaft nennt und die für +Leute wie diese Herren Lauer und Heuteufel ein nicht zu unterschätzendes +Interesse hegt.“ Damit ließ er Fräulein Klappsch los und bedeutete ihr, +sie möge verschwinden. + +„Wie meinen Sie das“? fragte Diederich, unheimlich berührt. + +„Ich denke Anklage wegen Majestätsbeleidigung zu erheben.“ + +„Sie?“ + +„Jawohl, ich. Staatsanwalt Feifer hat Krankheitsurlaub, ich bin dran. Und, +wie ich unmittelbar nach dem gestrigen Vorfall vor Zeugen festgestellt +habe, war ich bei der Verübung des Deliktes nicht anwesend, bin also +keineswegs verhindert, in dem Prozeß die Anklagebehörde zu vertreten.“ + +„Aber wenn niemand die Sache anzeigt!“ + +Jadassohn lächelte grausam. „Das haben wir, Gott sei Dank, nicht nötig ... +Übrigens erinnere ich Sie daran, daß Sie selbst gestern abend sich uns als +Zeugen anboten.“ + +„Davon weiß ich nichts“, sagte Diederich schnell. + +Jadassohn klopfte ihm auf die Schulter. „Sie werden sich an alles wieder +erinnern, hoffe ich, wenn Sie unter Ihrem Eid stehen.“ Da entrüstete +Diederich sich. Er ward so laut, daß Klappsch diskret in das Zimmer +spähte. + +„Herr Assessor, ich muß mich sehr wundern, daß Sie private Äußerungen +meinerseits –. Sie haben offenbar die Absicht, mit Hilfe eines politischen +Prozesses schneller Staatsanwalt zu werden. Aber ich möchte wissen, was +mich Ihre Karriere angeht.“ + +„Na und mich die Ihre?“ fragte Jadassohn. + +„So. Dann sind wir Gegner?“ + +„Ich hoffe, es wird sich vermeiden lassen.“ Und Jadassohn setzte ihm +auseinander, daß er keinen Grund habe, den Prozeß zu fürchten. Sämtliche +Zeugen der Vorgänge im Ratskeller würden dasselbe aussagen müssen wie er +selbst: auch Lauers Freunde. Diederich werde sich keineswegs zu weit +vorwagen ... Das habe er leider schon getan, erwiderte Diederich, denn +schließlich sei er es, der mit Lauer den Krach gehabt habe. Aber Jadassohn +beruhigte ihn. „Wer fragt danach. Es handelt sich darum, ob die +inkriminierten Worte von seiten des Herrn Lauer gefallen sind. Sie machen, +wie die anderen Herren, einfach Ihre Aussage, wenn Sie wollen, mit +Vorsicht.“ + +„Mit großer Vorsicht!“ versicherte Diederich. Und angesichts von +Jadassohns teuflischer Miene: „Wie komme ich dazu, einen anständigen +Menschen wie Lauer ins Gefängnis zu bringen? Jawohl, einen anständigen +Menschen! Denn eine politische Gesinnung ist in meinen Augen keine +Schande!“ + +„Besonders nicht bei dem Schwiegersohn des alten Buck, den Sie vorläufig +noch brauchen“, schloß Jadassohn – und Diederich ließ den Kopf sinken. +Dieser jüdische Streber beutete ihn schamlos aus, und er konnte nichts +machen! Da sollte man noch an Freundschaft glauben. Er sagte sich wieder +einmal, daß alle gerissener und brutaler im Leben vorgingen als er selbst. +Die große Aufgabe war: wie ward man energisch. Er setzte sich stramm hin +und blitzte. Mehr unternahm er lieber nicht; bei einem Herrn von der +Staatsanwaltschaft konnte man nie wissen ... Übrigens lenkte Jadassohn zu +etwas anderem über. + +„Wissen Sie schon, daß in der Regierung und bei uns im Gericht ganz +sonderbare Gerüchte umgehen – über das Telegramm Seiner Majestät an den +Regimentskommandeur? Der Oberst soll nämlich behaupten, er habe gar kein +Telegramm bekommen.“ + +Diederich behielt, trotz innerem Erbeben, eine feste Stimme. „Aber es hat +doch in der Zeitung gestanden!“ Jadassohn grinste zweideutig. „Da steht +gar zuviel.“ Er ließ sich von Klappsch, der seine Glatze wieder in die Tür +schob, die „Netziger Zeitung“ bringen. „Sehen Sie, in der Nummer hier +steht überhaupt nichts, was nicht auf Seine Majestät Bezug hat. Der +Leitartikel beschäftigt sich mit dem Allerhöchsten Bekenntnis zum +geoffenbarten Glauben. Dann kommt das Telegramm an den Obersten, dann das +Lokale mit der Heldentat des Postens und das Vermischte mit drei Anekdoten +über die kaiserliche Familie.“ + +„Es sind recht rührende Geschichten“, bemerkte Klappsch und verdrehte die +Augen. + +„Zweifellos!“ beteuerte Jadassohn; und Diederich: „Sogar so ein +freisinniges Hetzblatt muß die Bedeutung Seiner Majestät anerkennen!“ + +„Aber bei dem löblichen Eifer wäre es schließlich möglich, daß die +Redaktion die Allerhöchste Depesche eine Nummer zu früh gebracht hat – +noch vor ihrer Absendung.“ „Ausgeschlossen!“ entschied Diederich. „Der +Stil Seiner Majestät ist unverkennbar.“ Auch Klappsch wollte ihn erkennen. +Jadassohn gab zu: „Nun ja ... Weil man nie wissen kann, darum dementieren +wir auch nicht. Wenn der Oberst nichts bekommen hat, die Netziger Zeitung +könnte es ja direkt aus Berlin haben. Wulckow hat sich den Redakteur +Nothgroschen kommen lassen, aber der Kerl verweigert die Aussage. Der +Präsident hat gespuckt, er ist selbst zu uns gekommen wegen des +Zeugniszwangverfahrens gegen Nothgroschen. Schließlich haben wir davon +abgesehen und warten lieber das Dementi aus Berlin ab – weil man eben +nicht wissen kann.“ + +Da Klappsch in die Küche gerufen ward, setzte Jadassohn noch hinzu: +„Komisch, wie? Allen kommt die Geschichte verdächtig vor, aber niemand +will vorgehen, weil in diesem Fall – in diesem ganz besonderen Fall“ – +sagte Jadassohn mit perfider Betonung, und seine ganze Miene, sogar die +Ohren sahen perfid aus, „gerade das Unwahrscheinliche am meisten Aussicht +hat, Ereignis zu werden.“ + +Diederich war starr: nie hätte ihm so schwarzer Verrat geträumt. Jadassohn +bemerkte sein Entsetzen und verwirrte sich, er fing an zu zappeln. „Nu, +der Mann hat seine Schwächen – Ihnen gesagt.“ Diederich versetzte, fremd +und drohend: „Gestern abend schienen Sie davon noch nichts zu wissen.“ +Jadassohn entschuldigte sich: der Sekt mache natürlich unkritisch. Ob Herr +Doktor Heßling denn die Begeisterung der übrigen Herren so ernst genommen +habe. Einen größeren Nörgler als den Major Kunze gebe es überhaupt +nicht ... Diederich zog sich mit seinem Stuhle zurück, ihm ward kalt, als +finde er sich plötzlich in einer Verbrecherhöhle. Mit äußerster Energie +sagte er: „Auf die nationale Gesinnung der übrigen Herren hoffe ich mich +ebenso verlassen zu können wie auf meine eigene, an der zu zweifeln ich +mir auf das allerbestimmteste verbitten müßte.“ + +Jadassohn hatte seine schneidige Stimme zurück. „Soll das etwa einen +Zweifel in bezug auf meine Person involvieren, so weise ich ihn mit +gebührender Entrüstung zurück.“ Krähend, so daß Klappsch in die Tür +spähte: „Ich bin der Königliche Assessor Doktor Jadassohn und stehe auf +Wunsch zur Verfügung.“ + +Darauf mußte Diederich wohl murmeln, daß er es so nicht gemeint habe. Dann +aber zahlte er. Die Verabschiedung war kühl. + +Auf dem Heimwege schnaufte Diederich. Hätte er sich nicht +entgegenkommender verhalten sollen mit Jadassohn? Für den Fall, daß +Nothgroschen redete? Jadassohn hatte ihn freilich nötig, in dem Prozeß +gegen Lauer! Auf alle Fälle war es gut, daß Diederich jetzt Bescheid wußte +über den wahren Charakter dieses Herrn! „Seine Ohren sind mir gleich +verdächtig vorgekommen! Wirklich national empfinden kann man eben doch +nicht mit solchen Ohren.“ + +Zu Hause nahm er sogleich den Berliner „Lokal-Anzeiger“ vor. Da waren +schon die Kaiseranekdoten für die „Netziger Zeitung“ von morgen. +Vielleicht kamen sie auch erst übermorgen, für alle war dort nicht Platz. +Aber er suchte weiter; seine Hände zitterten ... Da! Er mußte sich setzen. +„Ist dir was, mein Sohn?“ fragte Frau Heßling. Diederich starrte die +Buchstaben an, wie ein Märchen, das Wahrheit ward. Da stand es, unter +anderen unbezweifelten Dingen, in dem einzigen Blatt, das Seine Majestät +selbst las! Innerlich, in so tiefer Seele, daß er es selbst kaum hörte, +murmelte Diederich: „Mein Telegramm.“ Das bange Glück sprengte ihn fast. +Konnte es sein? Hatte er richtig vorausempfunden, was der Kaiser sagen +würde? Sein Ohr reichte in diese Ferne? Sein Gehirn arbeitete gemeinsam +mit –? Die unerhörtesten mystischen Beziehungen überwältigten ihn ... Aber +das Dementi konnte noch kommen, er konnte zurückgeschleudert werden in +sein Nichts! Diederich verbrachte eine angstvolle Nacht, und am Morgen +stürzte er sich auf den Lokalanzeiger. Die Anekdoten. Die +Denkmalsenthüllung. Die Rede. „Aus Netzig.“ Da stand von den Ehrungen, die +dem Gefreiten Emil Pacholke zuteil geworden waren, für seinen vor dem +inneren Feind bewiesenen Mut. Alle Offiziere, der Oberst an der Spitze, +hatten ihm die Hand gedrückt. Er hatte Geldgeschenke bekommen. +„Bekanntlich hat der Kaiser den braven Soldaten schon gestern +telegraphisch zum Gefreiten befördert.“ Da stand es! Kein Dementi: eine +Bestätigung! Er machte Diederichs Worte zu den seinen, und er führte die +Handlung aus, die Diederich ihm untergelegt hatte!... Diederich breitete +das Zeitungsblatt weit aus; er sah sich darin wie in einem Spiegel, und um +seine Schultern lag Hermelin. + + + +Diesen Sieg und Diederichs schwindelnde Erhöhung, leider durfte kein Wort +sie verraten, aber sein Wesen genügte, die Straffheit in Haltung und +Sprache, das Herrscherauge. Familie und Werkstatt verstummten um ihn her. +Sötbier selbst mußte zugeben, daß ein forscherer Zug in den Betrieb +gekommen sei. Und Napoleon Fischer schlich, je aufrechter und heller +Diederich dastand, desto affenähnlicher vorbei, die Arme nach vorn +hängend, mit schiefem Blick und den fletschenden Zähnen in seinem dünnen +schwarzen Bart: als der Geist des gebändigten Umsturzes ... Dies war der +Moment, gegen Guste Daimchen vorzugehen. Diederich machte Besuch. + +Frau Oberinspektor Daimchen empfing ihn zuerst allein, auf ihrem alten +Plüschsofa, aber in einem braunen Seidenkleid mit lauter Schleifen, und +die Hände breitete sie, rot und geschwollen wie die einer Waschfrau, vor +sich hin auf ihren Bauch, so daß der Gast die neuen Ringe immer vor Augen +hatte. Aus Verlegenheit gestand er seine Bewunderung, worauf Frau Daimchen +sich bereitwillig darüber ausließ, daß sie und ihre Guste es nun Gott sei +Dank zu allem hätten. Sie wüßten nur noch nicht, ob sie sich altdeutsch +oder Louis käs einrichten sollten. Diederich riet lebhaft zu altdeutsch; +er habe es in Berlin in den feinsten Häusern gesehen. Aber Frau Daimchen +war mißtrauisch. „Wer weiß, ob Sie so feine Leute wie uns schon besucht +haben. Lassen Sie man, ich kenne das, wenn man so tun muß, als ob man was +hat, und hat nichts.“ Hierauf schwieg Diederich ratlos, und Frau Daimchen +trommelte sich mit Genugtuung auf den Bauch. Zum Glück trat Guste ein, +heftig rauschend. Diederich schwang sich elastisch aus seinem Fauteuil, +sagte schnarrend: „Gnädigstes Fräulein!“ und unternahm einen Handkuß. +Guste lachte. „Reißen Sie sich nur kein Bein aus!“ Aber sie tröstete ihn +gleich wieder. „Man sieht sofort, was ein feiner Mann ist. Der Herr +Leutnant von Brietzen macht es auch so.“ + +„Ja, ja,“ sagte Frau Daimchen, „bei uns verkehren alle Herren Offiziere. +Gestern sag’ ich noch zu Guste: Guste, sag’ ich, auf jede Sitzgelegenheit +können wir eine Freiherrnkrone sticken lassen, denn überall hat sich schon +einer draufgesetzt.“ + +Guste verzog den Mund. „Aber was die Familien betrifft und sonst +überhaupt, ist Netzig doch reichlich spießig. Ich glaube, wir ziehen nach +Berlin.“ Damit war Frau Daimchen nicht einverstanden. „Man soll den Leuten +den Gefallen nicht tun“, meinte sie. „Die alte Harnisch ist erst heute, +wie sie mein Seidenkleid gesehen hat, fast zerplatzt.“ + +„So ist Mutter nun mal,“ sagte Guste. „Wenn sie renommieren kann, ist +alles gut. Aber ich denke doch auch an meinen Verlobten. Wissen Sie, daß +Wolfgang sein Staatsexamen gemacht hat? Was soll er hier in Netzig? In +Berlin kann er mit unserem vielen Geld was werden.“ Diederich bestätigte: +„Er wollte ja schon immer Minister oder so was werden.“ Leis höhnisch +setzte er hinzu: „Das soll ja ganz leicht sein.“ + +Guste nahm sofort eine feindliche Haltung ein. „Der Sohn vom alten Herrn +Buck ist eben nicht jeder“, sagte sie spitz. Aber Diederich setzte, +weltmännisch überlegen, auseinander, daß es heute auf Dinge ankomme, die +der Einfluß des alten Buck nicht verleihen könne: Persönlichkeit, +großzügigen Unternehmungsgeist und vor allem eine stramm nationale +Gesinnung. Das junge Mädchen unterbrach ihn nicht mehr, sie sah sogar mit +Respekt auf seine kühnen Schnurrbartspitzen. Aber das Bewußtsein, Eindruck +zu machen, riß ihn zu weit fort. „Von alledem habe ich bei Herrn Wolfgang +Buck noch nichts bemerkt“, sagte er. „Der philosophiert und nörgelt, und +im übrigen soll er sich ziemlich viel amüsieren ... Na,“ schloß er, „seine +Mutter war ja auch eine Schauspielerin.“ Und er sah fort, obwohl er +fühlte, daß Gustes drohender Blick ihn suchte. + +„Was wollen Sie damit sagen?“ fragte sie. Er tat überrascht. + +„Ich, gar nichts. Ich meinte, wie reiche junge Leute in Berlin nun mal +leben. Bucks sind doch eine vornehme Familie.“ + +„Das wollen wir hoffen“, sagte Guste schroff. Frau Daimchen, die gegähnt +hatte, erinnerte an die Schneiderin, Guste sah Diederich erwartungsvoll +an, ihm blieb nichts übrig, als aufzustehen und seine Verbeugungen zu +machen. Den Handkuß unternahm er nicht mehr, mit Rücksicht auf die +gespannte Stimmung. Aber im Vorzimmer holte Guste ihn ein. „Wollen Sie es +mir jetzt vielleicht sagen,“ fragte sie, „was Sie gemeint haben mit der +Schauspielerin?“ + +Er öffnete den Mund, schnappte und schloß ihn wieder, stark errötet. Um +ein Haar hätte er verraten, was seine Schwestern ihm über Wolfgang Buck +erzählt hatten. Er sagte mit mitleidiger Stimme: „Fräulein Guste, weil wir +doch so alte Bekannte sind –. Ich wollte nur sagen, der Buck ist nichts +für Sie. Er ist sozusagen erblich belastet von seiner Mutter her. Der Alte +war doch auch zum Tode verurteilt. Und was ist denn sonst an den Bucks +noch dran? Glauben Sie mir, man soll in keine Familie heiraten, mit der es +bergab geht. Das ist Sünde gegen sich selbst“, setzte er noch hinzu. Aber +Guste hatte die Hände in die Hüften gestemmt. + +„Bergab? Und mit Ihnen geht es wohl bergauf? Weil Sie sich im Ratskeller +betrinken und dann den Leuten Krach machen? Die ganze Stadt spricht von +Ihnen, und Sie möchten einer hochfeinen Familie was anhängen. Bergab! Wer +mein Geld kriegt, mit dem geht es überhaupt nicht bergab. Sie sind bloß +neidisch, meinen Sie, ich weiß das nicht?“ – und sie sah ihn an, die Augen +voll Tränen der Wut. Ihm war sehr beklommen; er hätte Lust gehabt, sich +auf die Knie zu werfen, ihr die dicken kleinen Finger zu küssen und dann +die Tränen aus den Augen, – aber ging denn das? Inzwischen zog sie alle +rosigen Fettpolster ihres Gesichtes herunter zu einem Ausdruck der +Verachtung, machte kehrt und schlug die Tür zu. Diederich stand mit +angstklopfendem Herzen noch eine Weile da, dann trollte er sich, im Gefühl +seiner Kleinheit. + +Er bedachte, daß für ihn hier nichts zu machen gewesen sei; die Sache gehe +ihn nichts an, Guste sei mit all ihrem Geld doch immer nur eine fette +Gans, – und das beruhigte ihn. Wie dann eines Abends Jadassohn ihm +mitteilte, was er in Magdeburg beim Gericht erfahren habe, da triumphierte +Diederich. Fünfzigtausend Mark, das war alles! Und deswegen ein Auftreten +wie die Gräfinnen? Ein Mädchen von dermaßen schwindelhaftem Gebaren paßte +freilich besser zu den verkommenen Bucks als zu einem kernigen und +treugesinnten Mann wie Diederich! Da war Käthchen Zillich vorzuziehen. +Äußerlich Guste ähnlich und mit fast ebenso starken Reizen geschmückt, +empfahl sie sich außerdem durch Gemüt und ein entgegenkommendes Wesen. Er +kam öfter zum Kaffee und machte ihr eifrig den Hof. Sie warnte ihn vor +Jadassohn, was Diederich als nur zu berechtigt anerkennen mußte. Auch +sprach sie mit äußerster Mißbilligung von Frau Lauer, die mit +Landgerichtsrat Fritzsche –. Was Lauers Prozeß betraf, war Käthchen +Zillich die einzige, die ganz auf Diederichs Seite stand. + +Denn diese Sache nahm für Diederich ein drohendes Gesicht an. Jadassohn +hatte erreicht, daß die Staatsanwaltschaft durch einen Ermittelungsrichter +die Zeugen jenes nächtlichen Vorfalls vernehmen ließ; und so zurückhaltend +Diederich sich vor dem Richter geäußert hatte, die anderen machten ihn +verantwortlich für ihre Verlegenheiten. Die Herren Cohn und Fritzsche +wichen ihm aus; der Bruder des Herrn Buck, ein so höflicher Mann, vermied +seinen Gruß; Heuteufel pinselte ihn grausam, lehnte aber jedes +Privatgespräch ab. An dem Tage, da es bekannt ward, daß das Gericht dem +Fabrikbesitzer Lauer die Anklageschrift zugestellt habe, fand Diederich +seinen Tisch im Ratskeller leer. Professor Kühnchen zog sich eben den +Mantel an, Diederich konnte ihn noch am Kragen packen. Aber Kühnchen hatte +es eilig, er mußte im freisinnigen Wählerverein gegen die neue +Militärvorlage reden. Er entwischte; und Diederich dachte enttäuscht jener +sieghaften Nacht, als draußen das Blut des inneren Feindes, hier aber Sekt +geflossen war, und als unter den Nationalgesinnten Kühnchen der +kriegslustigste gewesen war. Jetzt sprach er gegen die Vermehrung unseres +ruhmreichen Heeres!... Diederich sah, einsam und verlassen, in seinen +Dämmerschoppen; da erschien Major Kunze. + +„Nanu, Herr Major,“ sagte Diederich mit erzwungener Munterkeit, „von Ihnen +hört man gar nichts mehr.“ + +„Von Ihnen um so mehr.“ Der Major knurrte, blieb in Hut und Mantel stehen +und sah sich um, wie in einer Schneewüste. „Kein Mensch da!“ + +„Wenn ich Sie zu einem Glas Wein einladen darf –“ wagte Diederich zu +sagen, aber er kam übel an. „Danke, Ihr Sekt liegt mir noch im Magen.“ Der +Major bestellte Bier und saß da, stumm und mit einem Gesicht zum Fürchten. +Um nur das schreckliche Schweigen zu beenden, sagte Diederich drauf los: +„Nun, und der Kriegerverein, Herr Major? Ich habe immer geglaubt, ich +würde einmal etwas hören über meine Aufnahme.“ + +Der Major sah ihn lange nur an, als wollte er ihn fressen. „Ach so. Sie +haben geglaubt. Sie haben wohl auch geglaubt, es würde mir eine Ehre sein, +wenn Sie mich in Ihre Skandalaffäre hineinziehen?“ + +„Meine?“ stotterte Diederich. Der Major donnerte. „Jawohl, Herr! Ihre! Dem +Herrn Fabrikbesitzer Lauer ist mal ein Wort zu viel ausgerutscht, das kann +vorkommen, sogar bei alten Soldaten, die sich für ihren König haben zu +Krüppeln schießen lassen. Sie aber haben den Herrn Lauer raffinierterweise +zu seinen unbedachten Äußerungen verleitet. Das bin ich bereit, vor dem +Untersuchungsrichter zu bekunden. Den Lauer kenne ich: der war in +Frankreich mit und ist in unserem Kriegerverein. Sie, Herr, wer sind Sie? +Weiß ich, ob Sie überhaupt gedient haben? Her mit Ihren Papieren!“ + +Diederich griff in die Brusttasche. Er würde stramm gestanden haben, wenn +der Major es befohlen hätte. Der Major hielt sich den Militärpaß weit von +den Augen fort. Plötzlich warf er ihn hin, er feixte grimmig. „Na also. +Landsturm mit der Waffe. Hab’ ich es nicht gesagt? Plattfüße +wahrscheinlich.“ Diederich war bleich, bebte bei jedem Wort des Majors und +hielt beschwörend die Hand vor sich hin. „Herr Major, ich gebe Ihnen mein +Ehrenwort, daß ich gedient habe. Infolge eines Unglücksfalles, der mir nur +zur Ehre gereicht, mußte ich nach drei Monaten austreten ...“ + +„Solche Unglücksfälle kennen wir ... Zahlen!“ + +„Sonst wäre ich ganz dabei geblieben“, sagte Diederich noch, mit +fliegender Stimme. „Ich war mit Leib und Seele Soldat, fragen Sie meine +Vorgesetzten.“ + +„’n Abend.“ Der Major hatte schon den Mantel an. „Ich will Ihnen bloß noch +sagen, Herr: wer nicht gedient hat, den gehen die Majestätsbeleidigungen +anderer Leute den Teufel an. Majestät legt keinen Wert auf nicht gediente +Herrschaften ... Grützmacher,“ sagte er zum Wirt, „Sie sollten sich Ihr +Publikum genauer ansehen. Wegen eines Gastes, der mal zuviel da ist, ist +nun der Herr Lauer beinahe verhaftet worden, und ich muß mit meinem +steifen Bein zu Gericht als Belastungszeuge und es mit allen Leuten +verderben. Der Harmonieball ist schon abgesagt, ich bin beschäftigungslos, +und wenn ich hier zu Ihnen komme –“ er warf wieder einen Blick wie über +Schneewüsten – „ist kein Mensch da. Außer, natürlich, der Denunziant!“ +schrie er noch auf der Treppe. + +„Mein Ehrenwort, Herr Major –“ Diederich lief hinterher, „ich habe keine +Anzeige erstattet, das Ganze ist ein Mißverständnis.“ Der Major war schon +draußen, Diederich rief ihm nach: „Wenigstens bitte ich um Ihre +Diskretion!“ + +Er trocknete die Stirn. „Herr Grützmacher, Sie müssen doch einsehen –“ +sagte er, mit Tränen in der Stimme. Da er Wein bestellte, sah der Wirt +alles ein. + +Diederich trank und schüttelte wehmütig den Kopf. Diese Fehlschläge +begriff er nicht. Seine Absichten waren rein gewesen, nur die Tücke seiner +Feinde verdunkelte sie ... Da erschien der Landgerichtsrat Dr. Fritzsche, +sah sich zögernd um, – und als er Diederich wirklich ganz allein fand, kam +er zu ihm. „Herr Doktor Heßling,“ sagte er und gab ihm die Hand, „Sie +sehen ja aus, als ob Ihnen die Ernte verhagelt wär.“ In einem großen +Betrieb, murmelte Diederich, gebe es freilich immer Ärger. Aber da er die +mitfühlende Miene des anderen sah, erweichte er sich vollends. „Ihnen kann +ich es sagen, Herr Landgerichtsrat, die Sache mit dem Herrn Lauer ist mir +verdammt unangenehm.“ + +„Ihm noch mehr“, sagte Fritzsche, nicht ohne Strenge. „Wenn bei ihm nicht +jeder Fluchtverdacht ausgeschlossen wäre, hätten wir ihn gleich heute +verhaften lassen müssen.“ Er sah Diederich erbleichen und fügte hinzu: +„Was sogar uns Richtern peinlich gewesen wäre. Schließlich ist man Mensch +und lebt unter Menschen. Aber natürlich –“ Er befestigte seinen Klemmer +und machte sein trockenes Gesicht. „Das Gesetz muß befolgt werden. Wenn +Lauer an dem betreffenden Abend – ich selbst hatte das Lokal ja schon +verlassen – tatsächlich die unerhörten Majestätsbeleidigungen geäußert +hat, die von der Anklage behauptet werden, und für die Sie als Hauptzeuge +aufgestellt sind –“ + +„Ich?“ Diederich fuhr verzweifelt auf. „Ich habe nichts gehört! Kein +Wort!“ + +„Dagegen spricht Ihre Aussage vor dem Ermittelungsrichter.“ + +Diederich verwirrte sich. „Im ersten Moment weiß man doch nicht, was man +sagen soll. Aber wenn ich mir den fraglichen Vorgang jetzt rekonstruiere, +dann scheint es mir doch, daß wir alle ziemlich stark angeheitert waren. +Ich besonders.“ + +„Sie besonders“, wiederholte Fritzsche. + +„Ja, und da habe ich wohl anzügliche Fragen an Herrn Lauer gestellt. Was +er mir darauf geantwortet hat, das könnte ich jetzt nicht mehr beschwören. +Das Ganze war doch überhaupt nur ein Scherz.“ + +„Ach so: ein Scherz.“ Fritzsche atmete auf. „Ja, aber was hindert Sie +denn, das einfach dem Richter zu sagen?“ Er erhob den Finger. „Ohne daß +ich natürlich im geringsten Ihre Aussage beeinflussen möchte.“ + +Diederich erhob die Stimme. „Dem Jadassohn vergeß ich den Streich nicht!“ +Und er berichtete die Machenschaften dieses Herrn, der sich während der +Szene vorsätzlich entfernt habe, um nicht als Zeuge in Betracht zu kommen; +der dann sofort Material für die Anklage gesammelt, den halb +unzurechnungsfähigen Zustand der Anwesenden mißbraucht und sie von +vornherein festgelegt habe mit ihren Aussagen. „Herr Lauer und ich, wir +halten einander für Ehrenmänner. Wie untersteht sich so ein Jude, uns zu +verhetzen!“ + +Fritzsche erklärte ernst, daß hier nicht Jadassohns Persönlichkeit in +Betracht komme, sondern nur das Vorgehen der Staatsanwaltschaft. Freilich +war zuzugeben, daß Jadassohn vielleicht zum Übereifer neigte. Mit +gedämpfter Stimme setzte er hinzu: „Sehen Sie, das ist eben der Grund, +weshalb wir mit den jüdischen Herren nicht gern zusammenarbeiten. Solch +ein Herr legt sich nicht die Frage vor, welchen Eindruck es auf das Volk +machen muß, wenn ein gebildeter Mann, ein Arbeitgeber, wegen +Majestätsbeleidigungen verurteilt wird. Sachliche Bedenken verschmäht sein +Radikalismus.“ + +„Sein jüdischer Radikalismus“, ergänzte Diederich. + +„Er stellt unbedenklich sich selbst in den Vordergrund, – womit ich +keineswegs leugnen will, daß er auch ein amtliches und nationales +Interesse wahrzunehmen glaubt.“ + +„Wieso denn?“ rief Diederich. „Ein gemeiner Streber, der mit unseren +heiligsten Gütern spekuliert!“ + +„Wenn man sich scharf ausdrücken will –“ Fritzsche lächelte befriedigt. Er +rückte näher. „Nehmen wir einmal an, ich wäre Untersuchungsrichter: es +gibt Fälle, in denen man gewissermaßen Grund hätte, sein Amt +niederzulegen.“ + +„Sie sind mit dem Lauerschen Hause eng befreundet“, sagte Diederich und +nickte bedeutsam. Fritzsche machte sein weltmännisches Gesicht. „Aber Sie +begreifen, damit würde ich gewisse Gerüchte ausdrücklich bestätigen.“ + +„Das geht nicht“, sagte Diederich. „Es wäre gegen den Komment.“ + +„Mir bleibt nichts übrig, als meine Pflicht zu tun, ruhig und sachlich.“ + +„Sachlich sein heißt deutsch sein“, sagte Diederich. + +„Besonders, da ich annehmen darf, daß die Herren Zeugen mir meine Aufgabe +nicht unnötig erschweren werden.“ Diederich legte die Hand auf die Brust. +„Herr Landgerichtsrat, man kann sich hinreißen lassen, wo es um eine große +Sache geht. Ich bin eine impulsive Natur. Aber ich bleibe mir bewußt, daß +ich für alles meinem Gott Rechenschaft schulde.“ Er schlug die Augen +nieder. Mit männlicher Stimme: „Auch ich bin der Reue zugänglich.“ Dies +schien Fritzsche zu genügen, denn er zahlte. Die Herren schüttelten +einander ernst und verständnisvoll die Hände. + +Schon am Tage darauf ward Diederich vor den Untersuchungsrichter geladen +und stand vor Fritzsche. „Gott sei Dank“, dachte er und machte mit +treuherziger Sachlichkeit seine Aussagen. Auch Fritzsches einzige Sorge +schien die Wahrheit zu sein. Die öffentliche Meinung freilich blieb bei +ihrer Parteilichkeit für den Angeklagten. Von der sozialdemokratischen +„Volksstimme“ nicht zu reden; sie verstieg sich bis zu höhnischen +Auslassungen über Diederichs Privatleben, hinter denen wohl sicher +Napoleon Fischer zu suchen war. Aber auch die sonst so ruhige „Netziger +Zeitung“ gab gerade jetzt eine Ansprache des Herrn Lauer an seine Arbeiter +wieder, worin der Fabrikbesitzer darlegte, daß er den Gewinn seines +Unternehmens redlich mit allen denen teile, die daran mitgearbeitet +hatten, ein Viertel den Beamten, ein Viertel den Arbeitern. In acht Jahren +hatten sie außer ihren Löhnen und Gehältern die Summe von 130 000 Mark +unter sich zu verteilen gehabt. Dies machte auf weite Kreise den +günstigsten Eindruck. Diederich begegnete mißbilligenden Gesichtern. Sogar +der Redakteur Nothgroschen, den er zur Rede stellte, erlaubte sich ein +anzügliches Lächeln und sagte etwas von sozialen Fortschritten, die man +mit nationalen Phrasen nicht aufhalte. Besonders peinlich waren die +geschäftlichen Folgen. Bestellungen, auf die Diederich rechnen durfte, +blieben aus. Der Warenhausbesitzer Cohn teilte ihm ausdrücklich mit, daß +er für seine Weihnachtskataloge die Papierfabrik Gausenfeld bevorzuge, +weil er mit Rücksicht auf seine Kunden sich politische Zurückhaltung +auferlegen müsse. Diederich erschien jetzt ganz früh im Bureau, um solche +Briefe abzufangen, aber Sötbier war immer noch früher da, und das +vorwurfsvolle Schweigen des alten Prokuristen erhöhte seine Wut. „Ich +schmeiß den ganzen Krempel hin!“ schrie er. „Sie und die Leute sollen dann +sehen, wo sie bleiben. Ich mit meinem Doktor hab’ morgen einen +Direktorposten mit 40 000 Mark!“ – „Ich opfere mich für euch!“ schrie er +die Arbeiter an, wenn sie gegen das Reglement Bier tranken. „Ich zahle +drauf, nur um keinen zu entlassen.“ + +Gegen Weihnacht mußte er dennoch einem Drittel der Leute aufsagen; Sötbier +rechnete ihm vor, daß die Zahlungsfristen zu Beginn des Jahres sonst nicht +eingehalten werden könnten, „da wir nun mal 2000 Mark als Anzahlung für +den neuen Holländer aufnehmen mußten“; und er blieb dabei, obwohl +Diederich nach dem Tintenfaß griff. In den Mienen der Übriggebliebenen las +er Mißtrauen und Geringschätzung. So oft mehrere zusammenstanden, glaubte +er das Wort „Denunziant“ zu hören. Napoleon Fischers knotige, +schwarzbehaarte Hände hingen weniger tief über dem Boden, und es sah aus, +als bekäme er sogar Farbe. + +Am letzten Adventsonntag – das Landgericht hatte soeben die Eröffnung des +Hauptverfahrens beschlossen – predigte in der Marienkirche Pastor Zillich +über den Text: „Liebet eure Feinde.“ Diederich erschrak beim ersten Wort. +Bald fühlte er, wie auch die Gemeinde unruhig ward. „Die Rache ist mein, +spricht der Herr“: Pastor Zillich rief es sichtlich nach dem Heßlingschen +Stuhl hinüber. Emmi und Magda versanken ganz darin, Frau Heßling +schluchzte. Diederich beantwortete drohend die Blicke, die ihn suchten. +„Wer aber spricht Rache, der ist des Gerichts!“ Da wandte sich alles um, +und Diederich knickte zusammen. + +Zu Hause machten die Schwestern ihm eine Szene. Man behandelte sie +schlecht in den Gesellschaften. Nie mehr ward der junge Oberlehrer +Helferich neben Emmi gesetzt, er kümmerte sich nur noch um Meta Harnisch, +und sie wußte wohl warum. „Weil du ihm zu alt bist“, sagte Diederich. +„Nein, sondern weil du uns unbeliebt machst!“ – „Die fünf Töchter vom +Bruder des Herrn Buck grüßen uns schon nicht mehr!“ rief Magda. Und +Diederich: „Ich werd’ ihnen fünf Ohrfeigen herunterhauen!“ – „Das laß +gefälligst! An dem einen Prozeß haben wir genug.“ Da verlor er die Geduld. +„Ihr? Was gehen euch meine politischen Kämpfe an?“ + +„Alte Jungfern werden wir noch, wegen deiner politischen Kämpfe!“ + +„Das braucht ihr nicht erst zu werden. Ihr liegt mir hier unnütz im Hause +umher, ich rackere mich ab für euch, und ihr wollt auch noch nörgeln und +mir meine heiligsten Aufgaben verekeln? Dann schüttelt gefälligst den +Staub von euren Pantoffeln! Meinetwegen könnt ihr Kindermädchen werden!“ +Und er schlug die Tür zu, trotz Frau Heßlings gerungenen Händen. + +So kamen denn traurige Weihnachten heran. Die Geschwister sprachen nicht +miteinander; Frau Heßling verließ das verschlossene Zimmer, wo sie den +Baum schmückte, nie anders als mit verweinten Augen. Und am heiligen +Abend, wie sie ihre Kinder hineinführte, sang sie ganz allein und mit +zitternder Stimme „Stille Nacht“. „Dies schenkt Diedel seinen lieben +Schwestern!“ sagte sie und machte ein bittendes Gesicht, damit er sie +nicht Lügen strafe. Emmi und Magda dankten ihm verlegen, er besah ebenso +verlegen die Gaben, die angeblich von ihnen kamen. Es tat ihm leid, daß er +die gewohnte Christbaumfeier der Arbeiter, trotz Sötbiers dringendem Rat, +abgelehnt hatte, um die unbotmäßige Gesellschaft zu bestrafen. Sonst hätte +er jetzt mit den Leuten zusammensitzen können. Hier in der Familie war es +eine künstliche Sache, eine Aufwärmung alter, verbrauchter Stimmung. Echt +wäre sie erst geworden durch eine, die nicht dabei war: Guste ... Der +Kriegerverein war ihm verschlossen, und im Ratskeller hätte er niemand +gefunden, wenigstens keinen Freund. Diederich erschien sich +vernachlässigt, unverstanden und verfolgt. Wie fern lagen die harmlosen +Zeiten der Neuteutonia, als man in langen, von Wohlwollen beseelten Reihen +sang und Bier trank. Heute, im rauhen Leben, brachten keine wackeren +Kommilitonen mehr einander ehrliche Schmisse bei, sondern lauter +verräterische Konkurrenten wollten sich gegenseitig an den Hals. „Ich +passe nicht in diese harte Zeit“, dachte Diederich, aß Marzipan von seinem +Teller und träumte in die Lichter des Weihnachtsbaumes. „Ich bin doch +gewiß ein guter Mensch. Warum ziehen sie mich in so häßliche Dinge hinein +wie dieser Prozeß, und schaden mir dadurch auch geschäftlich, so daß ich, +ach lieber Gott! den Holländer, den ich bestellt habe, nicht werde +bezahlen können.“ Dabei schnitt es ihm kalt durch den Leib, Tränen traten +ihm in die Augen, und damit die Mutter, die immer ängstlich nach seiner +sorgenvollen Miene schielte, sie nicht sähe, stahl er sich in das dunkle +Nebenzimmer. Er stützte die Arme auf das Klavier und schluchzte in die +Hände. Draußen stritten Emmi und Magda um ein paar Handschuhe, und die +Mutter wagte nicht zu entscheiden, wem sie beschert worden waren. +Diederich schluchzte. Alles war fehlgeschlagen, in Politik, Geschäft und +Liebe. „Was hab’ ich denn noch?“ Er öffnete das Klavier. Ihn fröstelte, er +war so unheimlich allein, daß er Angst hatte, ein Geräusch zu machen. Die +Töne kamen von selbst, seine Hände wußten es kaum. Aus Volksliedern, +Beethoven und dem Kommersbuch klang es durcheinander in der Dämmerung, die +sich traulich davon erwärmte, so daß einem wohlig dumpf im Kopf ward. +Einmal meinte er, daß eine Hand ihm über den Scheitel streife. War es nur +ein Traum? Nein, denn auf dem Klavier stand plötzlich ein volles Bierglas. +Die gute Mutter! Schubert, weiche Biederkeit, Gemüt der Heimat ... Es ward +still, und er wußte es nicht – bis die Wanduhr schlug: eine Stunde war +vergangen! „Das war meine Weihnacht“, sagte Diederich und ging hinaus zu +den anderen. Er fühlte sich getröstet und gekräftigt. Da die Schwestern +noch immer wegen der Handschuhe maulten, erklärte er sie für gemütlos und +steckte die Handschuhe ein, um sie für sich umzutauschen. + + + +Die ganze Festzeit ward verdüstert durch die Sorge wegen des Holländers. +Sechstausend Mark für einen neuen Patent-Holländer System Maier! Das Geld +war nicht da, und wie die Dinge lagen, nicht zu beschaffen. Es war ein +unbegreifliches Verhängnis, ein schäbiger Widerstand von Menschen und +Dingen, der Diederich erbitterte. Wenn Sötbier nicht dabei war, schlug er +mit dem Pultdeckel und schleuderte Briefordner in die Ecken. Für den neuen +Herrn, der die Zügel des Betriebes in seine feste Hand genommen hatte, +mußten doch ohne weiteres neue Unternehmungen eintreten, die Erfolge +warteten auf ihn, die Ereignisse hatten sich seiner Persönlichkeit +anzupassen!... Nach dem Zorn kam der Kleinmut, Diederich traf Vorkehrungen +für den Fall einer Katastrophe. Er war sanft mit Sötbier: vielleicht +konnte der Alte noch einmal helfen. Auch demütigte er sich vor Pastor +Zillich und bat ihn, den Leuten zu sagen, daß er mit der Predigt, von der +alle sprachen, nicht auf ihn gezielt habe. Der Pastor versprach es auch, +mit sichtlicher Reue, unter dem strafenden Blick seiner Gattin, die sein +Versprechen bekräftigte. Dann ließen die Eltern Käthchen mit Diederich +allein, und er war ihnen in seiner Niedergeschlagenheit so dankbar, daß er +sich fast erklärt hatte. Käthchens Jawort, das auf ihren lieben, dicken +Lippen wartete, wäre doch ein Erfolg gewesen, es hätte ihm Bundesgenossen +gebracht gegen die feindliche Welt. Aber der unbezahlbare Holländer! Er +würde ein Viertel der Mitgift verschlungen haben ... Diederich seufzte, er +müsse nun wieder ins Geschäft; und Käthchen kniff die Lippen zusammen, +ohne daß das Jawort zur Verwendung gelangt war. + +Ein Entschluß mußte gefaßt werden, denn die Ankunft des Holländers stand +bevor. Diederich sagte zu Sötbier: „Ich rate den Leuten nur, ihn auf Tag +und Stunde zu liefern, sonst geb’ ich ihn ohne Gnade zurück.“ Aber Sötbier +erinnerte an das Gewohnheitsrecht, das den Fabriken einige Tage Spielraum +lasse. Trotz Diederichs Heftigkeit blieb er dabei. Übrigens traf die +Maschine pünktlich ein. Sie war noch nicht ausgepackt, und schon wetterte +Diederich. „Er ist zu groß! Die Leute haben mir garantiert, daß er kleiner +sein soll als das alte System. Wozu kaufe ich ihn denn, wenn ich nicht mal +Raum sparen soll!“ Und er ging, sobald der Holländer aufgestellt war, mit +dem Metermaß um ihn herum. „Er ist zu groß! Ich laß mich nicht +beschwindeln! Bezeugen Sie mir, Sötbier, daß er zu groß ist!“ Aber Sötbier +klärte mit unbeirrbarer Rechtlichkeit den Fehler in Diederichs Messungen +auf. Schnaufend zog Diederich sich zurück, um einen neuen Angriffsplan zu +ersinnen. Er rief Napoleon Fischer herbei. „Wo ist denn der Monteur? Haben +uns die Leute keinen Monteur mitgeschickt?“ Und dann entrüstete er sich. +„Ich habe ihn doch bestellt!“ log er. „Die Leute scheinen ihr Geschäft zu +verstehen. Ich werde mich nicht wundern, wenn ich für den Kerl täglich +zwölf Mark bezahlen muß, und er glänzt durch Abwesenheit. Wer stellt mir +das Unglücksding da nun auf?“ + +Der Maschinenmeister behauptete, er verstehe sich darauf. Diederich bewies +ihm plötzlich großes Wohlwollen. „Sie können sich denken: Ihnen zahl’ ich +lieber die Überstunden, als daß ich mein Geld für den fremden Menschen +hinauswerfe. Schließlich sind Sie ein alter Mitarbeiter.“ Napoleon Fischer +zog die Brauen hinauf, sagte aber nichts. Diederich berührte seine +Schulter. „Sehen Sie mal, lieber Freund,“ sagte er halblaut, „ich bin von +dem Holländer nämlich enttäuscht. Auf den Bildern im Prospekt sah er +anders aus. Die Messerwalze sollte doch viel breiter sein, wo bleibt da +die größere Leistungsfähigkeit, die die Leute uns versprochen haben. Was +meinen Sie? Halten Sie den Zug für gut? Ich fürchte, der Stoff bleibt +liegen.“ Napoleon Fischer sah Diederich an, prüfend, aber schon mit +Verständnis. Man müsse es ausprobieren, meinte er zögernd. Diederich +vermied seinen Blick, er tat, als untersuchte er die Maschine. Dabei sagte +er aufmunternd: „Also schön. Sie stellen das Ding auf, ich zahle Ihnen die +Überstunden mit fünfundzwanzig Prozent Aufschlag, und dann tragen Sie in +Gottes Namen gleich Stoff ein. Wir werden die Bescherung ja sehen.“ + +„Es wird wohl ’ne nette Bescherung sein“, sagte der Maschinenmeister mit +sichtlichem Entgegenkommen. Diederich griff, ehe er es selbst wußte, nach +seinem Arm, Napoleon Fischer war ein Freund, ein Retter! „Kommen Sie mal +mit, mein Lieber“ – seine Stimme war bewegt. Er führte Napoleon Fischer in +das Wohnhaus, Frau Heßling mußte ihm ein Glas Wein einschenken, und +Diederich drückte ihm, ohne hinzusehen, fünfzig Mark in die Hand. „Ich +verlaß mich auf Sie, Fischer“, sagte er. „Wenn ich Sie nicht hätte, würde +die Fabrik mich womöglich hineinlegen. Zweitausend Mark hab’ ich den +Leuten schon in den Rachen geworfen.“ + +„Die müssen sie wieder hergeben“, sagte der Maschinenmeister gefällig. +Diederich fragte dringend: „Das meinen Sie doch auch?“ + +Und schon tags darauf, nach der Mittagspause, die er zu Versuchen mit dem +Holländer benutzt hatte, teilte Napoleon Fischer seinem Arbeitgeber mit, +daß die neue Erwerbung nichts tauge. Der Stoff blieb liegen, man mußte mit +dem Rührscheit nachhelfen, wie bei jedem Holländer ältester Konstruktion. +„Also der offenbare Schwindel!“ rief Diederich. Auch brauchte der +Holländer mehr als zwanzig Pferdestärken. „Das ist vertragswidrig! Müssen +wir uns das gefallen lassen, Fischer?“ + +„Das müssen wir uns nicht gefallen lassen“, entschied der Maschinenmeister +und strich mit seiner knotigen Hand über sein schwarz behaartes Kinn. +Diederich sah ihn zum erstenmal fest an. + +„Dann können Sie mir also bezeugen, daß der Holländer die bei Bestellung +vereinbarten Bedingungen nicht erfüllt?“ + +In Napoleon Fischers schütterem Bart erschien ein dünnes Lächeln. „Kann +ich“, sagte er. Diederich sah das Lächeln. Um so strammer machte er kehrt. +„Na, dann sollen die Leute mich kennenlernen!“ Sogleich schrieb er einen +energisch gehaltenen Brief an Büschli & Cie. in Eschweiler. Die Antwort +kam umgehend. Man begreife seine Beanstandungen nicht, der neue +Patentholländer System Maier sei schon von mehreren Papierfabriken, deren +Verzeichnis beiliege, aufgestellt und erprobt worden. Von einer +Zurücknahme und gar von einer Rückerstattung der angezahlten 2000 Mark +könne daher nicht die Rede sein, vielmehr sei der Rest der vertragsmäßigen +Kaufsumme sofort zu erlegen. Diederich schrieb darauf noch entschiedener +als das erstemal und drohte mit einer Klage. Büschli & Cie. versuchten +nun, ihn zu beschwichtigen, sie empfahlen eine nochmalige Probe. „Sie +haben Angst“, sagte Napoleon Fischer, dem Diederich das Schreiben zeigte, +und er fletschte die Zähne. „Eine Klage können sie nicht brauchen, denn +ihr Holländer ist noch nicht genügend eingeführt.“ „Stimmt“, sagte +Diederich. „Wir haben die Kerls in der Hand!“ Und mit erbitterter +Siegesgewißheit lehnte er jeden Vergleich und die angebotene +Preisermäßigung schroff ab. Als dann mehrere Tage lang nichts weiter +erfolgte, ward er freilich unruhig. Vielleicht warteten sie nun doch seine +Klage ab? Vielleicht strengten sie selbst eine an! Unsicher suchte sein +Blick, oftmals am Tage, Napoleon Fischer, der ihn von unten erwiderte. Sie +sprachen nicht mehr miteinander. Wie aber Diederich eines Vormittags um +elf Uhr beim zweiten Frühstück saß, brachte das Mädchen eine Karte: +Friedrich Kienast, Prokurist der Firma Büschli & Cie., Eschweiler; und +indes Diederich sie noch hin und her wendete, trat der Besucher schon ein. +An der Tür blieb er stehen. „Pardon,“ sagte er, „es muß ein Irrtum sein. +Man hat mich hier ins Haus gewiesen, aber ich komme nämlich geschäftlich.“ + +Diederich hatte sich besonnen. „Ich kann es mir denken, aber das macht +nichts, bitte, treten Sie doch näher. Doktor Heßling ist mein Name. Hier +ist meine Mutter und meine Schwestern Emmi und Magda.“ + +Der Herr trat näher und verbeugte sich vor den Damen. „Friedrich Kienast“, +murmelte er. Er war groß, blondbärtig und trug einen braunen wolligen +Jackettanzug. Alle drei Damen lächelten hingebend. „Darf ich für den Herrn +ein Gedeck auflegen?“ fragte Frau Heßling. Und Diederich: „Natürlich. Herr +Kienast frühstückt doch mit uns?“ + +„Ich sage nicht nein“, erklärte der Vertreter von Büschli & Cie., und er +rieb sich die Hände. Magda legte ihm Bücklinge vor, die er schon lobte, +während er den ersten Bissen noch auf der Gabel hatte. + +Diederich fragte ihn, harmlos lachend: + +„Nüchtern machen Sie wohl auch nicht gern Geschäfte?“ Herr Kienast lachte +auch. „Bei den Geschäften bin ich immer nüchtern.“ Diederich schmunzelte. +„Na, dann werden wir uns wohl einigen.“ „Kommt darauf an, wie“; – und +Kienasts schelmisch herausfordernde Worte begleitete ein Blick an Magda. +Sie errötete. + +Diederich schenkte dem Gast Bier ein. „Sie haben wohl sonst noch was vor +in Netzig?“ Worauf Kienast zurückhaltend: „Man kann nie wissen.“ + +Versuchsweise sagte Diederich: „Bei Klüsing in Gausenfeld werden Sie +nichts machen, er hat ’ne flaue Zeit.“ Und da der andere schwieg, dachte +Diederich: „Sie haben ihn bloß wegen des Holländers hergeschickt, sie +können keinen Prozeß brauchen!“ Da bemerkte er, daß Magda und der +Vertreter von Büschli & Cie. gleichzeitig tranken und über die Gläser +hinweg einander in die Augen sahen. Emmi und Frau Heßling saßen starr +dabei. Diederich beugte sich schnaufend über seinen Teller; – plötzlich +aber fing er an, das Familienleben zu preisen. „Sie haben Glück, mein +lieber Herr Kienast, denn das zweite Frühstück ist ausgerechnet unsere +schönste Stunde am Tage. Wenn man so mitten aus der Arbeit hier +herauskommt, dann merkt man doch wieder mal, daß man sozusagen auch Mensch +ist. Na, und das braucht man.“ + +Kienast bestätigte, daß man es brauche. Frau Heßlings Frage, ob er schon +verheiratet sei, verneinte er und sah dabei auf Magdas Scheitel, denn sie +hatte den Kopf gesenkt. + +Diederich stand auf und schlug die Hacken zusammen. „Herr Kienast,“ sagte +er schnarrend, „ich stehe zu Ihrer Verfügung.“ + +„Eine Zigarre nimmt Herr Kienast noch“, bat Magda. Kienast ließ sie sich +von ihr anzünden und hoffte, die Damen nochmals begrüßen zu können, – +wobei er Magda verheißungsvoll anlächelte. Aber im Hof änderte auch er +vollständig den Ton. „Na ja, das sind auch noch alte, enge Lokalitäten“, +bemerkte er kalt und wegwerfend. „Sie sollten mal unsere Anlagen sehen.“ + +„In einem Nest wie Eschweiler,“ erwiderte Diederich, genau so verächtlich, +„da ist es kein Kunststück. Reißen Sie mal hier den Häuserblock nieder!“ +Und dann rief er im schärfsten Befehlston nach dem Maschinenmeister, damit +er den neuen Holländer in Betrieb setze. Da Napoleon Fischer nicht sofort +kam, stürmte Diederich hin. „Sie sitzen wohl auf Ihren Ohren, Herr?“ Aber +sobald er ihm gegenüberstand, verstummte sein Geschrei; mit leiser, +fliegender Stimme, die Augen angestrengt aufgerissen, sagte er: „Fischer, +ich hab’ es mir überlegt, ich bin mit Ihnen zufrieden, vom Ersten ab +erhöhe ich Ihr Gehalt auf hundertachtzig Mark.“ Darauf nickte Napoleon +Fischer kurz und verständnisvoll, und sie trennten sich. Sogleich begann +Diederich wieder zu schreien. Die Leute hatten geraucht! Sie behaupteten, +es sei nur seine eigene Zigarre, die er rieche. Zu dem Vertreter von +Büschli & Cie. sagte er: „Übrigens bin ich versichert, aber Zucht muß +sein. Tadelloser Betrieb, wie?“ + +„Veraltetes Aggregat“, entgegnete Herr Kienast, mit einem lieblosen Blick +auf die Maschinen. Diederich versetzte höhnisch: „Weiß ich, mein Bester. +Aber so gut wie Ihr Holländer allemal.“ Trotz Kienasts Protest fuhr er +fort, die Leistungsfähigkeit der einheimischen Industrie herabzusetzen. +Mit seiner neuen Einrichtung warte er bis zu seiner Reise nach England. Er +gehe großzügig vor. Seit er selbst an der Spitze des Betriebes stehe, sei +das Geschäft mächtig im Aufschwung. „Und es ist immer noch +ausdehnungsfähig.“ Er erfand. „Jetzt hab’ ich Verträge mit zwanzig +Kreisblättern. Die Berliner Warenhäuser machen mich überhaupt +wahnsinnig ...“ Kienast unterbrach schneidend: + +„Dann haben Sie wohl gerade alles abgeliefert, denn ich sehe nirgends +fertige Ware.“ + +Diederich empörte sich. „Herr! Soll ich Ihnen was sagen? Erst gestern hab’ +ich an sämtliche kleinen Kunden ein Rundschreiben geschickt: bis zur +Vollendung meines Neubaus könne ich nichts mehr liefern.“ + +Der Maschinenmeister holte die Herren. Der neue Patentholländer war halb +gefüllt, aber die Stoffbewegung blieb noch sehr schwach, der Arbeiter half +mit dem Rührscheit nach. Diederich hielt die Uhr in der Hand. „Na also. +Sie behaupten, in Ihrem Holländer braucht der Stoff für einen Umgang +zwanzig bis dreißig Sekunden: ich zähle schon fünfzig ... +Maschinenmeister, den Stoff ablassen ... Was ist denn los, das dauert ja +ewig!“ + +Kienast hatte sich über die Schale gebeugt. Er richtete sich auf, er +lächelte gewitzigt. „Ja, wenn die Ventile verstopft sind ...“ Und mit +einem scharfen Blick in die Augen Diederichs, die nicht standhielten: „Was +sonst noch mit dem Holländer angestellt ist, kann ich in der Eile nicht +sehen.“ Diederich fuhr empor, plötzlich sehr rot. „Wollen Sie mir +vielleicht insinuieren, daß ich mit meinem Maschinenmeister –?“ + +„Ich habe nichts gesagt“, stellte Kienast fest. + +„Das müßte ich mir auch energisch verbitten.“ Diederich blitzte. Auf +Kienast schien es keinen Eindruck zu machen, er behielt seine kalten Augen +und das abgefeimte Grinsen in seinem am Kinn auseinandergebürsteten Bart. +Wenn er sich rasiert und den Schnurrbart bis zu den Augenwinkeln +hinaufgebunden haben würde, er hätte Ähnlichkeit mit Diederich bekommen! +Er war eine Macht! Um so drohender trat Diederich auf. „Mein +Maschinenmeister ist Sozialdemokrat: daß er mir einen Gefallen tun soll, +ist lachhaft. Übrigens mache ich, als Reserveoffizier, Sie auf die Folgen +Ihrer Äußerung aufmerksam!“ + +Kienast trat in den Hof hinaus. „Lassen Sie das nur, Herr Doktor“, sagte +er kühl. „In Geschäften bin ich nüchtern, das hab’ ich Ihnen schon beim +Frühstück gesagt. Jetzt brauch’ ich Ihnen nur noch zu wiederholen, daß wir +den Holländer in tadellosem Zustand geliefert haben und an Rücknahme nicht +denken.“ – Das werde man sehen, erklärte Diederich. Einen Prozeß hielten +Büschli & Cie. wohl für besonders wirksam, zur Einführung ihres neuen +Artikels? „Ich werde Ihnen in den Fachblättern noch eine besondere +Empfehlung mitgeben!“ Darauf Kienast: auf Erpressungsversuche gehe er +nicht ein. Und Diederich: einen satisfaktionsunfähigen Knoten werfe man +einfach hinaus. – Da erschien drüben im Haustor Magda. + +Sie hatte ihr Pelzjackett von Weihnacht an, und sie lächelte rosig. „Die +Herren sind noch immer nicht fertig?“ fragte sie schalkhaft. „Das Wetter +ist doch so schön, man muß ein bißchen hinaus vor dem Mittagessen. _A +propos_“, sagte sie geläufig. „Mama läßt fragen, ob Herr Kienast zum +Abendessen kommt.“ Da Kienast erklärte, er müsse leider danken, lächelte +sie dringlicher. „Und mir würden Sie es auch abschlagen?“ Kienast lachte +bitter. „Ich würde nicht nein sagen, Fräulein. Aber weiß ich denn, ob Ihr +Herr Bruder –?“ Diederich schnaufte, Magda sah ihn flehend an. „Herr +Kienast“, brachte er hervor. „Es wird mich freuen. Vielleicht, daß wir uns +auch noch verständigen.“ Er hoffe es, sagte Kienast, worauf er sich +weltmännisch erbot, das Fräulein ein Stück zu begleiten. „Wenn mein Bruder +nichts dagegen hat“, sagte sie züchtig und ironisch. Diederich erlaubte +auch dies noch; – und dann sah er ihr erstaunt nach, wie sie mit dem +Prokuristen von Büschli & Cie. abzog. Was die auf einmal alles konnte! + +Wie er zum Mittagessen kam, hörte er drinnen im Wohnzimmer die Schwestern +mit scharfen Stimmen sprechen. Emmi warf Magda vor, sie benehme sich +schamlos. „So macht man es denn doch nicht.“ – „Nein!“ rief Magda. „Ich +werde dich um Erlaubnis bitten.“ – „Das würde gar nichts schaden. +Überhaupt bin ich an der Reihe!“ – „Hast du sonst noch Sorgen?“ – Und +Magda schlug ein Hohngelächter an. Da Diederich eintrat, verstummte sie +sofort. Diederich rollte unzufrieden die Augen; aber Frau Heßling hätte +nicht nötig gehabt, hinter ihren Töchtern die Hände zu ringen: in den +Weiberstreit einzugreifen, war unter seiner Würde. + +Beim Essen ward von dem Gast gesprochen. Frau Heßling rühmte den soliden +Eindruck, den er mache. Emmi erklärte: wenn so ein Kommis nicht einmal +solide sein sollte. Mit einer Dame reden könne er überhaupt nicht. Magda +behauptete entrüstet das Gegenteil. Und da alle auf Diederichs +Entscheidung warteten, entschloß er sich. Komment scheine der Herr +freilich nicht viel zu haben. Akademische Bildung sei eben nicht zu +ersetzen. „Aber als tüchtigen Geschäftsmann hab’ ich ihn kennengelernt.“ +Emmi hielt sich nicht mehr. + +„Wenn Magda den Menschen heiraten will, ich erkläre, daß ich nicht mit +euch verkehre. Das Kompott hat er mit dem Messer gegessen!“ + +„Sie lügt!“ Magda brach in Schluchzen aus. Diederich empfand Mitleid; er +herrschte Emmi an: + +„Heirate du bitte einen regierenden Herzog, und dann lass’ uns in Ruh’.“ + +Da legte Emmi Messer und Gabel hin und ging hinaus. Am Abend vor +Geschäftsschluß erschien Herr Kienast im Bureau. Er trug einen Gehrock, +und sein Wesen war eher gesellschaftlich als geschäftlich. Beide hielten, +in stillem Einverständnis, das Gespräch hin, bis der alte Sötbier seine +Sachen zusammenpackte. Als er sich, mit einem mißtrauischen Blick, +zurückgezogen hatte, sagte Diederich: + +„Den Alten habe ich auf den Aussterbeetat gesetzt. Die wichtigeren Sachen +mache ich allein.“ + +„Na, und haben Sie sich die unsere überlegt?“ fragte Kienast. + +„Und Sie?“ erwiderte Diederich. Kienast zwinkerte vertraulich. + +„Meine Vollmacht reicht eigentlich nicht so weit, aber ich nehme es auf +meine Kappe. Geben Sie den Holländer in Gottes Namen zurück. Ein Defekt +wird sich doch wohl finden.“ + +Diederich begriff. Er versprach: „Sie werden ihn finden.“ Kienast sagte +sachlich: + +„Für unser Entgegenkommen verpflichten Sie sich, alle Ihre Maschinen +vorkommendenfalls nur bei uns zu bestellen. Einen Moment!“ bat er, da +Diederich auffuhr. „Und außerdem ersetzen Sie unsere Unkosten und meine +Reise mit fünfhundert Mark, die wir von Ihrer Anzahlung abziehen.“ + +„Aber hören Sie mal, das ist Wucher!“ Diederichs Gerechtigkeitssinn +empörte sich laut. Auch Kienast erhob schon wieder die Stimme. „Herr +Doktor!...“ Diederich faßte sich gewaltsam, er legte dem Prokuristen die +Hand auf die Schulter. „Gehen wir jetzt nur hinauf, die Damen warten.“ +„Wir hatten uns so weit ganz gut verstanden“, meinte Kienast besänftigt. +„Die kleine Differenz wird sich auch noch aufklären“, verhieß Diederich. + +Droben roch es festlich. Frau Heßling glänzte mit ihrem schwarzen +Atlaskleid. Durch Magdas Spitzenbluse schimmerte mehr hindurch, als sie +sonst im Familienkreis zum besten gab. Nur Emmis Anzug und Miene waren +grau und alltäglich. Magda wies dem Gast seinen Platz an und ließ sich zu +seiner Rechten nieder; und als man eben erst saß und sich noch räusperte, +sagte sie schon, mit fieberhaft belebten Augen: „Jetzt sind die Herren +aber mit den dummen Geschäften fertig.“ Diederich bestätigte, sie seien +glänzend miteinander fertig geworden. Büschli & Cie. seien kulante Leute. + +„Bei unserem Riesenbetrieb“, erklärte der Prokurist. „Zwölfhundert +Arbeiter und Beamte, eine ganze Stadt mit einem eigenen Hotel für die +Kunden.“ Er lud Diederich ein. „Kommen Sie nur, bei uns leben Sie vornehm +und umsonst.“ Und da Magda neben ihm an seinen Lippen hing, rühmte er +seine Stellung, seine Machtbefugnisse, die Villa, die er zur Hälfte +bewohnte. „Wenn ich mich verheirate, kriege ich auch die andere Hälfte.“ + +Diederich lachte dröhnend. „Dann wäre es wohl das einfachste, Sie +heirateten. Na prost!“ + +Magda schlug die Augen nieder, und Herr Kienast ging zu etwas anderem +über. Ob Diederich auch wisse, warum er ihm so leicht entgegengekommen +sei? „Ihnen, Herr Doktor, hab’ ich nämlich gleich angesehen, daß mit Ihnen +später noch große Sachen zu machen sein werden, – wenn es hier jetzt auch +noch etwas kleine Verhältnisse sind“, setzte er nachsichtig hinzu. +Diederich wollte seine Großzügigkeit und die Ausdehnungsfähigkeit seines +Unternehmens beteuern, aber Kienast ließ sich seinen Gedankengang nicht +abschneiden. Menschenkenntnis sei nämlich seine Spezialität. Einen +Geschäftsfreund müsse man vor allem auch in seinem Heim aufsuchen. „Wenn +da alles so wohl bestellt ist wie hier –“ + +Gerade ward die duftende Gans aufgetragen, nach der Frau Heßling schon +mehrmals heimlich ausgeblickt hatte. Schnell gab sie sich eine Miene, als +sei die Gans eine höchst gewöhnliche Erscheinung. Herr Kienast machte +trotzdem eine anerkennende Pause. Frau Heßling fragte sich, ob sein Blick +wirklich auf der Gans oder, hinter ihrem süßen Qualm, auf Magdas +durchbrochener Bluse ruhe. Jetzt riß er sich los und ergriff sein Glas. +„Und darum: auf die Familie Heßling, auf die verehrte mütterliche Hausfrau +und ihre blühenden Töchter!“ Magda wölbte die Brust, um das Blühen +anschaulicher zu machen, und um so flacher sah Emmi aus. Auch stieß Herr +Kienast zuerst mit Magda an. + +Diederich erwiderte seinen Toast. „Wir sind eine deutsche Familie. Wen wir +in unser Haus aufgenommen haben, den nehmen wir auch in unsere Herzen +auf.“ Er hatte Tränen in den Augen, indes Magda wieder einmal errötete. +„Und wenn es auch nur ein bescheidenes Haus ist, die Herzen sind treu.“ Er +ließ den Gast hochleben, der seinerseits versicherte, er sei immer für +Bescheidenheit gewesen, „besonders in Familien, wo junge Mädchen sind.“ + +Frau Heßling griff ein. „Nicht wahr? Woher soll denn sonst ein junger Mann +den Mut nehmen –? Meine Töchter schneidern alles selbst.“ Dies war für +Herrn Kienast das Stichwort, sich über Magdas Bluse zu beugen behufs +eingehender Würdigung. + +Zum Nachtisch schälte sie ihm eine Apfelsine und nippte ihm zu Ehren vom +Tokaier. Wie man dann ins Wohnzimmer ging, blieb Diederich, die Arme um +seine beiden Schwestern geschlungen, in der Tür stehen. „Ja, ja, Herr +Kienast“, sagte er mit tiefer Stimme. „Das ist der Familienfriede, den +sehen Sie sich nur an, Herr Kienast!“ Magda schmiegte sich, ganz +Hingebung, an seine Schulter. Da Emmi von ihm fortstrebte, bekam sie +rückwärts einen Stoß. „So geht es immer bei uns zu“, fuhr Diederich fort. +„Ich arbeite den ganzen Tag für die Meinen, und der Abend vereint uns dann +hier beim Lampenschimmer. Um die Leute da draußen und den Klüngel unserer +sogenannten Gesellschaft bekümmern wir uns so wenig wie möglich, wir haben +an uns selbst genug.“ + +Hier gelang es Emmi, sich loszumachen; man hörte sie draußen eine Tür +zuschlagen. Ein um so zärtlicheres Bild boten Diederich und Magda, wie sie +sich am mild beglänzten Tisch niederließen. Herr Kienast sah nachdenklich +den Punsch kommen, den Frau Heßling in mächtiger Bowle still lächelnd +hereintrug. Indes Magda dem Gast das Glas füllte, setzte Diederich +auseinander, daß er dank dieser Beschränkung auf die stille Häuslichkeit +imstande sein werde, seine Schwestern einmal gut zu verheiraten. „Denn der +Aufschwung des Geschäftes kommt den Mädchen zugut, die Fabrik gehört ihnen +mit, ganz abgesehen von der baren Mitgift; na, und wenn dann einer meiner +künftigen Schwäger auch noch sein Kapital in den Betrieb stecken will –“ + +Aber Magda, die Herrn Kienasts Miene besorgt werden sah, lenkte ab. Sie +fragte ihn nach seiner eigenen Familie und ob er denn ganz allein sei. Da +bekam er gerührte Augen und rückte näher. Diederich saß dabei, trank und +drehte die Daumen. Mehrmals versuchte er noch teilzunehmen an dem Gespräch +der beiden, die sich ganz allein zu fühlen schienen. „Na, dann haben Sie +also glücklich Ihren Einjährigen gemacht“, sagte er gönnerhaft und +wunderte sich dabei über die Zeichen, die Frau Heßling hinter dem Rücken +der anderen ihm gab. Erst als sie sich aus der Tür schlich, begriff er, +nahm sein Punschglas und ging in das dunkle Nebenzimmer zum Klavier. Er +tastete ein wenig darauf umher, geriet unversehens in die Burschenlieder +und sang dröhnend mit: „Sie wissen den Teufel, was Freiheit heißt.“ Als er +fertig war, horchte er hinüber; es war drinnen aber so still, als sei man +eingeschlafen; und obwohl er sich gern wieder etwas aus der Bowle +geschöpft hätte, stimmte er doch aus Pflichtgefühl von neuem an: „Im +tiefen Keller sitz’ ich hier.“ + +Da, mitten im Vers, fiel ein Stuhl um, und ein lauter Schall folgte, +dessen Herkunft nicht zu verkennen war. Mit einem Sprung war Diederich im +Wohnzimmer. „Nanu“, sagte er, kräftig und bieder, „Sie scheinen ja ernste +Absichten zu haben.“ Das Paar löste sich voneinander. „Ich sage nicht +nein“, erklärte Herr Kienast. Diederich war plötzlich heftig bewegt. Aug’ +in Auge schüttelte er Kienast die Hand, und mit der anderen zog er Magda +herbei. „Das ist aber eine Überraschung! Herr Kienast, machen Sie mein +Schwesterchen glücklich. An mir sollt ihr allzeit einen guten Bruder +haben, so wie ich es bisher gewesen bin, das darf ich wohl sagen.“ + +Und die Augen wischend, rief er hinaus: „Mutter! Es ist was passiert.“ +Frau Heßling stand gleich hinter der Tür, nur konnte sie, vor übergroßer +Bewegung, nicht sofort ihre Beine gebrauchen. Auf Diederich gestützt, +wankte sie herein, fiel Herrn Kienast um den Hals und löste sich dort in +Tränen auf. Diederich klopfte inzwischen an Emmis Zimmer, das verschlossen +war. „Emmi, komm heraus, es ist was los!“ Sie riß endlich die Tür auf, +zornrot im Gesicht. „Wozu störst du mich im Schlaf. Ich kann mir schon +denken, was los ist. Macht eure Unanständigkeiten allein!“ Und sie würde +wieder zugeschlagen haben, hätte nicht Diederich den Fuß in den Spalt +gesetzt. Streng bedeutete er ihr, für ihr gemütloses Verhalten verdiene +sie, daß sie selbst nie mehr einen Mann bekomme. Er erlaubte ihr nicht +einmal, sich anzuziehen, sondern zerrte sie mit, wie sie war, in ihrer +Matinee, mit aufgelösten Haaren. Im Flur entwand sie sich ihm. „Du machst +uns lächerlich“, zischte sie, – und noch vor ihm erschien sie bei den +Verlobten, den Kopf sehr hoch, mit spöttisch musterndem Blick. „Mußte das +so spät in der Nacht sein?“ fragte sie. „Nun, dem Glücklichen schlägt +keine Stunde.“ Kienast sah sie an: sie war größer als Magda, ihr Gesicht, +das jetzt Farbe hatte, sah voller aus in dem offenen Haar, das lang und +stark war. Kienast behielt ihre Hand länger als nötig; sie entzog sie ihm, +da wandte er sich von ihr zu Magda, mit sichtlichem Zweifel. Emmi ließ auf +ihre Schwester ein Lächeln des Triumphes fallen, machte kehrt und +verschwand, hoch aufgerichtet, – indes Magda angstvoll nach Kienasts Arm +griff. Aber Diederich kam, in der Hand ein gefülltes Punschglas, und +verlangte mit seinem neuen Schwager Bruderschaft zu trinken. + + + +Am Morgen holte er ihn aus dem Hotel zum Frühschoppen ab. „Bis Mittag +bezähme gefälligst deine Sehnsucht nach dem Weiblichen. Jetzt müssen wir +mal ein Wort unter Männern reden.“ In Klappsch’ Bierstube setzte er ihm +die Lage auseinander: Fünfundzwanzigtausend bar am Tage der Hochzeit – die +Belege waren jeden Augenblick zu sehen – und, gemeinsam mit Emmi, ein +Viertel der Fabrik. – „Also nur ein Achtel“, stellte Kienast fest; worauf +Diederich: „Soll ich mich vielleicht umsonst für euch abrackern?“ Ein +unzufriedenes Schweigen entstand. + +Diederich stellte die Stimmung wieder her. „Prost Friedrich!“ „Prost +Diederich!“ sagte Kienast. Dann schien Diederich etwas einzufallen. „Du +hast es ja in der Hand, deinen Anteil am Geschäft zu erhöhen, wenn du Geld +einlegst. Wie sieht es denn mit deinen Ersparnissen aus? Bei deinem +großartigen Gehalt!“ Kienast erklärte, im Prinzip sage er nicht nein. Aber +noch laufe sein Vertrag mit Büschli & Cie. Auch habe er in diesem Jahr +eine beträchtliche Gehaltserhöhung zu erwarten, da wäre es ein Verbrechen +gegen sich selbst, jetzt zu kündigen. „Und wenn ich euch mein Geld gebe, +muß ich selbst ins Geschäft eintreten. Bei allem Vertrauen, das ich dir +entgegenbringe, lieber Diederich –“ + +Diederich sah es ein. Kienast schlug seinerseits etwas vor. „Wenn du +einfach die Mitgift auf Fünfzigtausend festsetztest! Magda würde dann auf +ihren Anteil am Geschäft verzichten.“ Dies stieß wieder auf Diederichs +unbedingten Widerspruch. „Es wäre gegen den letzten Willen meines seligen +Vaters, der ist mir heilig. Und so großzügig, wie ich arbeite, kann in +einigen Jahren Magdas Anteil das Zehnfache betragen von dem, was du jetzt +verlangst. Nie werde ich mich dazu hergeben, meine arme Schwester so zu +schädigen.“ Hierauf feixte der Schwager ein wenig. Diederichs Familiensinn +ehre ihn, aber mit Großzügigkeit allein sei es nicht getan. Und Diederich, +merklich gereizt: er sei gottlob für seine Geschäftsführung außer Gott nur +sich selbst verantwortlich. „Fünfundzwanzigtausend bar und ein Achtel des +Reingewinnes, mehr ist nicht zu holen.“ Kienast trommelte auf den Tisch. +„Ich weiß noch nicht, ob ich deine Schwester dafür übernehmen kann“, +erklärte er. „Mein letztes Wort behalte ich mir noch vor.“ Diederich +zuckte die Achseln, und sie tranken ihr Bier aus. Kienast kam mit zum +Essen; Diederich hatte schon gefürchtet, er werde sich drücken. +Glücklicherweise war Magda noch verführerischer hergerichtet als gestern, +– „wie wenn sie gewußt hätte, es geht ums Ganze“, dachte Diederich, der +sie bewunderte. Bei der Mehlspeise hatte sie Kienast wieder so sehr +erwärmt, daß er die Hochzeit in vier Wochen wünschte. „Dein letztes Wort?“ +fragte Diederich neckisch. Als Antwort zog Kienast die Ringe aus der +Tasche. + +Nach Tisch ging Frau Heßling auf den Fußspitzen aus dem Zimmer, wo die +Verlobten saßen, und auch Diederich wollte sich zurückziehen, aber sie +holten ihn zum Spazierengehen. „Wohin geht es denn, und wo sind Mutter und +Emmi?“ Emmi hatte sich geweigert, mitzukommen, und darum blieb auch Frau +Heßling zu Hause. „Weil es sonst schlecht aussehen würde, weißt du“, sagte +Magda. Diederich stimmte ihrer Einsicht zu. Er wischte ihr sogar den Staub +fort, der beim Eintritt in die Fabrik an ihrem Pelzjackett hängengeblieben +war. Er behandelte Magda mit Achtung, denn sie hatte Erfolg gehabt. + +Man ging gegen das Rathaus zu. Es schadete nichts, nicht wahr, wenn die +Leute einen sahen. Der erste freilich, dem man gleich in der Meisestraße +begegnete, war nur Napoleon Fischer. Er fletschte die Zähne vor dem +Brautpaar und nickte Diederich zu, mit einem Blick, der sagte, er wisse +Bescheid. Diederich war dunkelrot; er würde den Menschen angehalten und +ihm auf offener Straße einen Krach gemacht haben: aber konnte er? „Es war +ein schwerer Fehler, daß ich mich mit dem hinterhältigen Proleten auf +Vertraulichkeiten eingelassen habe! Es wäre auch ohne ihn gegangen! Jetzt +schleicht er um das Haus, damit ich daran denke, daß er mich in der Hand +hat. Ich werde noch Erpressungen erleben.“ Aber zwischen ihm und dem +Maschinenmeister war gottlob alles unter vier Augen vor sich gegangen. Was +Napoleon Fischer über ihn behaupten konnte, war Verleumdung. Diederich +ließ ihn einfach einsperren. Dennoch haßte er ihn für seine +Mitwisserschaft, daß ihm bei zwanzig Grad Kälte heiß und feucht ward. Er +sah sich um. Fiel denn kein Ziegelstein auf Napoleon Fischer? + +In der Gerichtsstraße fand Magda, daß der Gang sich lohne, denn bei +Landgerichtsrat Harnisch standen hinter einer Scheibe Meta Harnisch und +Inge Tietz, und Magda wußte bestimmt, daß sie bei Kienasts Anblick sehr +beunruhigte Gesichter gemacht hatten. Auf der Kaiser-Wilhelm-Straße war +heute leider wenig los; höchstens daß Major Kunze und Dr. Heuteufel, die +in die „Harmonie“ gingen, von ferne neugierige Gesichter machten. An der +Ecke der Schweinichenstraße aber trat etwas ein, was Diederich nicht +vorausgesehen hatte: gleich vor ihnen ging Frau Daimchen mit Guste. Magda +beschleunigte sofort den Schritt und plauderte lebhafter. Richtig drehte +Guste sich um, und Magda konnte sagen: „Frau Oberinspektor, hier stelle +ich Ihnen meinen Bräutigam Herrn Kienast vor.“ Der Bräutigam ward +gemustert und schien zu entsprechen, denn Guste, mit der Diederich zwei +Schritte zurückblieb, fragte nicht ohne Achtung: „Wo haben Sie ihn denn +hergenommen?“ Diederich scherzte. „Ja, so nah wie Sie, findet nicht jede +den ihren. Aber dafür solider.“ – „Fangen Sie schon wieder an?“ rief +Guste, aber ohne Feindlichkeit. Sie streifte sogar Diederichs Blick und +seufzte dabei leicht. „Meiner ist ja immer Gott weiß wo. Man kommt sich +vor wir die reine Witwe.“ Gedankenvoll sah sie Magda nach, die an Kienasts +Arm hing. Diederich gab zu bedenken: „Wer tot ist, kann es auch bleiben. +Es gibt noch genug Lebendige.“ Dabei drängte er Guste bis an die +Häuserwand und sah ihr werbend ins Gesicht; und wirklich, ihr liebes, +dickes Gesicht ward einen Augenblick lang gewährend. + +Leider war Schweinichenstraße 77 schon erreicht, und man nahm Abschied. Da +hinter dem Sachsentor alles aus war, kehrten die Geschwister mit Herrn +Kienast wieder um. Magda, die auf dem Arm ihres Verlobten ruhte, sagte +ermunternd zu Diederich: „Nun, was meinst du?“ – worauf er rot ward und +schnaufte. „Was ist da zu meinen“, brachte er hervor, und Magda lachte. + +In der leeren, stark dämmernden Straße kam ihnen jemand entgegen. „Ist das +nicht –?“ fragte Diederich, ohne Überzeugung. Aber die Figur näherte sich: +dick, offenbar noch jung, mit einem großen, weichen Hut, sonst elegant, +und die Füße setzte er einwärts. „Wahrhaftig, Wolfgang Buck!“ Er dachte +enttäuscht: „Und Guste stellt sich, als wäre er am Ende der Welt. Das +Lügen muß ich ihr austreiben!“ + +„Da sind Sie ja“ – der junge Buck schüttelte Diederich die Hand. „Das +freut mich.“ – „Mich auch“, erwiderte Diederich, trotz der Enttäuschung +mit Guste, und er machte seinen Schwager mit seinem Schulfreund bekannt. +Buck stattete seine Glückwünsche ab, dann trat er mit Diederich hinter die +beiden anderen. „Sie wollten gewiß zu Ihrer Braut?“ bemerkte Diederich. +„Sie ist zu Hause, wir haben sie hinbegleitet.“ – „So?“ machte Buck und +zuckte die Achseln. „Nun, ich finde sie immer noch“, sagte er +phlegmatisch. „Vorläufig bin ich froh, daß ich Ihnen mal wieder begegnet +bin. Unser Gespräch in Berlin, unser einziges, nicht wahr – es war so +anregend.“ + +Auch Diederich fand dies jetzt – obwohl es ihn damals nur geärgert hatte. +Er war ganz belebt durch das Wiedersehen. „Ja, meinen Gegenbesuch bin ich +Ihnen schuldig geblieben. Sie wissen wohl, wieviel einem in Berlin immer +dazwischen kommt. Hier freilich hat man Zeit. Öde, wie? Zu denken, daß man +hier sein Leben verbringen soll“ – und Diederich zeigte die kahle +Häuserreihe hinauf. Wolfgang Buck schnupperte mit seiner weich gebogenen +Nase in die Luft, auf seinen fleischigen Lippen schien er sie zu kosten, +und er machte tiefsinnende Augen. „Ein Leben in Netzig“, sagte er ganz +langsam. „Nun ja, es kommt darauf hinaus. Unsereiner ist nicht in der +Lage, bloß für seine Sensationen zu leben. Übrigens gibt es auch hier +welche.“ Er lächelte verdächtig. „Der Wachtposten hat bis sehr hoch hinauf +Sensation gemacht.“ + +„Ach so –“ Diederich streckte den Bauch vor. „Sie wollen schon wieder +nörgeln. Ich stelle fest, daß ich in der Sache durchaus auf seiten Seiner +Majestät stehe.“ + +Buck winkte ab. „Lassen Sie nur. Ich kenne ihn.“ + +„Ich noch besser“, behauptete Diederich. „Wer ihm, wie ich, ganz allein +und Aug’ in Auge gegenüber gestanden hat, im Tiergarten vorigen Februar, +nach dem großen Krawall, und dies Auge blitzen gesehen hat, dies +Fritzenauge, sag’ ich Ihnen: der vertraut auf unsere Zukunft.“ + +„Auf unsere Zukunft – weil ein Auge geblitzt hat.“ Bucks Mund und Wangen +sanken schwer melancholisch herab. Diederich stieß Luft durch die Nase. +„Ich weiß schon, Sie glauben in unserer Zeit an keine Persönlichkeit. +Sonst wären Sie ja Lassalle oder Bismarck geworden.“ + +„Schließlich könnte ich es mir leisten. Gewiß. Geradeso gut wie er –. Wenn +auch weniger begünstigt von den äußeren Umständen.“ + +Sein Ton ward lebhafter und überzeugter. „Worauf es für jeden persönlich +ankommt, ist nicht, daß wir in der Welt wirklich viel verändern, sondern +daß wir uns ein Lebensgefühl schaffen, als täten wir es. Dazu ist nur +Talent nötig, und das hat er.“ + +Diederich war beunruhigt, er sah sich um. „Wir sind hier zwar unter uns, +die Herrschaften dort vor uns haben Wichtigeres zu besprechen, aber ich +weiß doch nicht –“ + +„Daß Sie immer glauben, ich habe was gegen ihn. Er ist mir wahrhaftig +nicht unsympathischer, als ich mir selbst bin. Ich hätte an seiner Stelle +den Gefreiten Lück und unseren Netziger Wachtposten genau so ernst +genommen. Wäre das noch eine Macht, die nicht bedroht wäre? Erst wenn es +einen Umsturz gibt, fühlt man sich. Was würde aus ihm, wenn er sich sagen +müßte, daß die Sozialdemokratie gar nicht ihn meint, sondern höchstens +eine etwas praktischere Verteilung dessen, was verdient wird.“ + +„Oho!“ machte Diederich. + +„Nicht wahr? Das würde Sie empören. Und ihn auch. Neben den Ereignissen +hergehen, die Entwicklung nicht beherrschen, sondern in ihr mit +einbegriffen sein: ist das zu ertragen?... Im Innern unbeschränkt! – und +dabei außerstande, auch nur Haß zu erregen anders als durch Worte und +Gesten. Denn woran halten sich die Nörgler? Was ist Ernstliches geschehen? +Auch der Fall Lück ist nur wieder eine Geste. Sinkt die Hand, ist alles +wie zuvor: aber Darsteller und Publikum haben eine Sensation gehabt. Und +nur darauf, mein lieber Heßling, kommt es uns allen heute an. Er selbst, +den wir meinen, wäre am erstauntesten, glauben Sie es mir, wenn der Krieg, +den er immerfort an die Wand malt, oder die Revolution, die er sich +hundertmal vorgespielt hat, einmal wirklich ausbräche.“ + +„Darauf werden Sie nicht lange zu warten brauchen!“ rief Diederich. „Und +dann sollen Sie sehen, daß alle national Gesinnten treu und fest zu ihrem +Kaiser stehen!“ + +„Gewiß.“ Buck zuckte immer häufiger die Achseln. „Das ist die übliche +Wendung, wie er selbst sie vorgeschrieben hat. Worte laßt ihr euch von ihm +vorschreiben, und die Gesinnung war nie so gut geregelt, wie sie es jetzt +wird. Aber Taten? Unsere Zeit, bester Zeitgenosse, ist nicht tatbereit. Um +seine Erlebnisfähigkeit zu üben, muß man vor allem leben, und die Tat ist +so lebensgefährlich.“ + +Diederich richtete sich auf. „Wollen Sie den Vorwurf der Feigheit +vielleicht in Verbindung bringen mit –?“ „Ich habe kein moralisches Urteil +ausgesprochen. Ich habe eine Tatsache der inneren Zeitgeschichte erwähnt, +die uns alle angeht. Übrigens sind wir zu entschuldigen. Für den auf der +Bühne Agierenden ist alle Aktion erledigt, denn er hat sie durchgeführt. +Was will die Wirklichkeit noch von ihm? Sie wissen wohl nicht, wen die +Geschichte als den repräsentativen Typus dieser Zeit nennen wird?“ + +„Den Kaiser!“ sagte Diederich. + +„Nein“, sagte Buck. „Den Schauspieler.“ + +Da schlug Diederich ein Gelächter an, daß dort vorn das Brautpaar +auseinanderfuhr und sich umwandte. Aber man war auf dem Theaterplatz, es +wehte eisig hinüber; sie gingen weiter. + +„Na ja,“ brachte Diederich hervor, „ich hätte mir gleich sagen können, wie +Sie auf das verrückte Zeug gekommen sind. Sie haben doch mit dem Theater +zu tun.“ Er klopfte Buck auf die Schulter. „Sind Sie am Ende schon selbst +dabei?“ + +Buck bekam unruhige Augen; der Hand, die ihn klopfte, entzog er sich mit +einer Wendung, die Diederich unkameradschaftlich fand. „Ich? Ach nein“, +sagte Buck; und nachdem beide bis zur Gerichtsstraße unzufrieden +geschwiegen hatten: „Ach so. Sie wissen noch nicht, warum ich in Netzig +bin.“ + +„Wahrscheinlich Ihrer Braut wegen.“ + +„Das wohl auch. Vor allem aber habe ich die Verteidigung meines Schwagers +Lauer übernommen.“ + +„Sie sind –? Im Prozeß Lauer –?“ Es nahm Diederich den Atem, er blieb +stehen. + +„Nun ja“, sagte Buck und zuckte die Achseln. „Wundert Sie das? Seit kurzem +bin ich beim Landgericht Netzig als Rechtsanwalt zugelassen. Hat mein +Vater Ihnen nicht davon gesprochen?“ + +„Ich sehe Ihren Herrn Vater selten ... Ich gehe nur wenig aus. Meine +Berufspflichten ... Diese Verlobung ...“ Diederich verlor sich in +Gestammel. „Dann müssen Sie ja schon oft –. Wohnen Sie vielleicht schon +ganz hier?“ + +„Nur vorläufig – glaube ich.“ + +Diederich raffte sich zusammen. „Ich muß sagen: ich habe Sie schon öfter +nicht ganz verstanden – aber so wenig doch noch nie wie jetzt, wo Sie mit +mir durch halb Netzig gehen.“ + +Buck blinzelte ihn an. „Obwohl ich in der Verhandlung morgen Verteidiger +bin und Sie der Hauptbelastungszeuge? Das ist doch nur Zufall. Die Rollen +könnten auch umgekehrt verteilt sein.“ + +„Bitte sehr!“ Diederich entrüstete sich. „Jeder steht auf seinem Platz. +Wenn Sie vor Ihrem Beruf keine Achtung haben –“ + +„Achtung? Was heißt das? Ich freue mich auf die Verteidigung, das leugne +ich nicht. Ich werde loslegen, man soll etwas erleben. Ihnen, Herr Doktor, +werde ich unangenehme Dinge zu sagen haben; Sie werden mir hoffentlich +nichts übelnehmen, es gehört zu meiner Wirkung.“ + +Diederich bekam Furcht. „Erlauben Sie, Herr Rechtsanwalt, kennen Sie denn +meine Aussage? Sie ist für Lauer durchaus nicht ungünstig.“ + +„Das lassen Sie meine Sorge sein.“ Bucks Miene ward beängstigend ironisch. + +Und damit war man in der Meisestraße. „Der Prozeß!“ dachte Diederich +schnaufend. In den Aufregungen der letzten Tage hatte er ihn vergessen, +jetzt war es, als sollte man sich von heute auf morgen beide Beine +abschneiden lassen. Guste, die falsche Kanaille, hatte ihm also +absichtlich nichts gesagt von ihrem Verlobten; im letzten Augenblick +sollte er den Schrecken bekommen!... Diederich verabschiedete sich von +Buck, bevor sie beim Haus waren. Daß nur Kienast nichts merkte! Buck +schlug vor, noch irgendwohin zu gehen. „Es zieht Sie wohl nicht besonders +zu Ihrer Braut?“ fragte Diederich. – „Augenblicklich hab’ ich mehr Lust +auf einen Kognak.“ – Diederich lachte höhnisch. „Darauf scheinen Sie immer +Lust zu haben.“ Damit nur Kienast nichts erfahre, kehrte er nochmals mit +Buck um. „Sehen Sie,“ begann Buck unvermutet, „meine Braut: die gehört +auch zu meinen Fragen an das Schicksal.“ Und da Diederich „wieso“ fragte: +„Wenn ich nämlich wirklich ein Netziger Rechtsanwalt bin, dann ist Guste +Daimchen bei mir vollkommen an ihrem Platz. Aber weiß ich das? Für – +andere Fälle, die in meiner Existenz eintreten könnten, habe ich nun +drüben in Berlin noch eine zweite Verbindung ...“ + +„Ich habe gehört: eine Schauspielerin.“ Diederich errötete für Buck, der +das so zynisch eingestand. „Das heißt,“ stammelte er, „ich will nichts +gesagt haben.“ + +„Also, Sie wissen“, schloß Buck. „Jetzt ist die Sache die, daß ich +vorläufig dort hänge und mich um Guste nicht so viel bekümmern kann, wie +ich müßte. Möchten Sie sich da nicht des guten Mädchens ein wenig +annehmen?“ fragte er harmlos und gelassen. + +„Ich soll –“ + +„Sozusagen den Kochtopf hier und da ein bißchen umrühren, worin ich Wurst +und Kohl am Feuer zu stehen habe – indes ich selbst noch draußen +beschäftigt bin. Wir haben doch Sympathie füreinander.“ + +„Danke“, sagte Diederich kühl. „So weit reicht meine Sympathie allerdings +nicht. Beauftragen Sie sonst jemand. Ich denke denn doch etwas ernster +über das Leben.“ Und er ließ Buck stehen. + +Außer der Unmoral des Menschen empörte ihn seine würdelose +Vertraulichkeit, nachdem sie noch soeben in Anschauung und Praxis sich +wieder einmal als Gegner erwiesen hatten. Unleidlich, so einer, aus dem +man nicht klug ward! „Was hat er morgen gegen mich vor?“ + +Daheim machte er sich Luft. „Ein Mensch wie eine Qualle! Und von einem +geistigen Dünkel! Gott behüte unser Haus vor solcher alles zerfressenden +Überzeugungslosigkeit; sie ist in einer Familie das sichere Zeichen des +Niedergangs!“ Er vergewisserte sich, daß Kienast wirklich noch am Abend +reisen mußte. „Etwas Aufregendes wird Magda dir nicht zu schreiben haben“, +sagte er unvermittelt und lachte. „Meinetwegen mag in der Stadt Mord und +Brand sein, ich bleibe in meinem Kontor und bei meiner Familie.“ + +Kaum aber war Kienast fort, stellte er sich vor Frau Heßling hin. „Nun? Wo +ist die Vorladung, die für mich gekommen ist auf morgen zu Gericht?“ Sie +mußte zugeben, daß sie den bedrohlichen Brief unterschlagen habe. „Er +sollte dir die Feststimmung nicht verderben, mein lieber Sohn.“ Aber +Diederich ließ keine Beschönigung gelten. „Ach was: lieber Sohn. Aus Liebe +zu mir wird wohl das Essen immer schlechter, außer wenn fremde Leute da +sind; und das Haushaltungsgeld geht für euren Firlefanz drauf. Meint ihr, +ich fall’ euch auf den Schwindel ’rein, daß Magda ihre Spitzenbluse selbst +gemacht haben soll? Das könnt ihr dem Esel erzählen!“ Magda erhob +Einspruch gegen die Beleidigung ihres Verlobten, aber es half ihr nicht. +„Schweig lieber still! Dein Pelzjackett ist auch halb gestohlen. Ihr +steckt mit dem Dienstmädchen zusammen. Wenn ich sie nach Rotwein schicke, +bringt sie billigeren, und den Rest behaltet ihr ...“ + +Die drei Frauen entsetzten sich, worauf Diederich noch lauter schrie. Emmi +behauptete, er sei bloß darum so wild, weil er sich morgen vor der ganzen +Stadt blamieren solle. Da konnte Diederich nur noch einen Teller auf den +Boden schleudern. Magda stand auf, ging zur Tür und rief zurück: „Ich +brauche dich gottlob nicht mehr!“ Sofort war Diederich hinterdrein. „Gib +bitte acht, was du redest! Wenn du endlich einen Mann kriegst, verdankst +du es allein mir und den Opfern, die ich bringe. Dein Bräutigam hat um +deine Mitgift geschachert, daß es schon nicht mehr schön war. Du bist +überhaupt bloß Zugabe!“ + +Hier fühlte er eine heftige Ohrfeige, und bevor er zu Atem kam, war Magda +in ihrem Zimmer und hatte abgesperrt. Diederich rieb sich, jäh verstummt, +die Wange. Dann entrüstete er sich wohl noch; aber eine Art von Genugtuung +überwog. Die Krisis war vorüber. + + + +In der Nacht hatte er sich fest vorgenommen, mit einiger Verspätung bei +Gericht einzutreffen und durch sein ganzes Auftreten zu zeigen, wie wenig +die Geschichte ihn angehe. Aber es hielt ihn nicht; als er das +Verhandlungszimmer, das ihm bezeichnet war, betrat, war man dort noch bei +einer ganz anderen Sache. Jadassohn, der in seiner schwarzen Robe einen +ungemein drohenden Anblick bot, war eben damit beschäftigt, für einen kaum +erwachsenen Menschen aus dem Volk zwei Jahre Arbeitshaus zu verlangen. Das +Gericht gewährte ihm freilich nur eins, aber der jugendliche Verurteilte +brach in ein solches Geheul aus, daß es Diederich, angstvoll, wie er +selbst gestimmt war, vor Mitleid übel ward. Er begab sich hinaus und +betrat eine Toilette, obwohl an der Tür stand: Nur für den Herrn +Vorsitzenden! Gleich nach ihm erschien auch Jadassohn. Wie er Diederich +sah, wollte er sich wieder zurückziehen, aber Diederich fragte sofort, was +das denn sei, ein Arbeitshaus, und was so ein Zuhälter dort tue. Jadassohn +erklärte: „Wenn wir uns darum auch noch kümmern müßten!“ und war schon +draußen. Diederichs Inneres zog sich noch mehr zusammen unter dem Gefühl +eines schaudererregenden Abgrundes, wie er sich auftat zwischen Jadassohn, +der hier die Macht vertrat, und ihm selbst, der sich zu nahe ihrem +Räderwerk gewagt hatte. Es war aus frommer Absicht geschehen, in +übergroßer Verehrung der Macht: gleichviel, jetzt hieß es sich besonnen +verhalten, damit sie einen nicht ergriff und zermalmte; sich ducken und +ganz klein machen, bis man ihr vielleicht doch noch entrann. Wer erst +wieder dem Privatleben gehörte! Diederich versprach sich, fortan ganz +seinem geringen, aber wohlverstandenen Vorteil zu leben. + +Draußen im Korridor standen jetzt Leute: ein minder gutes Publikum und +auch das beste. Die fünf Töchter Buck, herausgeputzt, als sei der Prozeß +ihres Schwagers Lauer die größte Ehre für die Familie, schnatterten in +einer Gruppe mit Käthchen Zillich, ihrer Mutter und der Frau Bürgermeister +Scheffelweis. Die Schwiegermutter dagegen ließ den Bürgermeister nicht +los, und aus den Blicken, die sie nach dem Bruder des Herrn Buck und +seinen Freunden Cohn und Heuteufel schleuderte, war zu ersehen, daß sie +ihn gegen die Sache der Bucks einnahm. Der Major Kunze, in Uniform, stand +mit finsterer Miene dabei und enthielt sich jeder Äußerung. Gerade +erschien auch Pastor Zillich mit Professor Kühnchen; aber beim Anblick der +zahlreichen Gesellschaft blieben sie hinter einem Pfeiler. Der Redakteur +Nothgroschen seinerseits ging grau und unbeachtet von den einen zu den +anderen. Vergebens suchte Diederich jemand, an den er sich hätte halten +können. Jetzt bereute er, daß er es den Seinen verboten hatte, +herzukommen. Er blieb im Dunkeln, hinter der Biegung des Korridors, und +streckte nur vorsichtig den Kopf heraus. Plötzlich zog er ihn zurück: +Guste Daimchen mit ihrer Mutter! Sie ward sofort von den Töchtern Buck +umringt, als eine kostbare Verstärkung ihrer Partei. Gleichzeitig ging +dahinten eine Tür, und Wolfgang Buck trat auf, in Barett und Robe, und +darunter Lackschuhe, die er sehr einwärts setzte. Er lächelte festlich, +wie bei einem Empfang, gab allen die Hand, und seiner Braut küßte er sie. +Es werde sehr schön werden, verhieß er; der Staatsanwalt sei gut +disponiert, er selbst auch. Dann begab er sich zu den von ihm geladenen +Zeugen, um mit ihnen zu flüstern. In diesem Augenblick verstummte man, +denn in der Mündung der Treppe erschien der Angeklagte Herr Lauer und +neben ihm seine Frau. Die Bürgermeisterin fiel ihr um den Hals: wie sie +tapfer sei! „Was ist dabei?“ erwiderte sie mit tiefer, klangreicher +Stimme. „Wir haben uns nichts vorzuwerfen, wie, Karl?“ Lauer sagte: „Gewiß +nicht, Judith.“ Gerade jetzt aber ging der Landgerichtsrat Fritzsche +vorbei. Ein Schweigen entstand; wie er und die Tochter des alten Buck sich +begrüßten, blinzelte man einander zu, und die Schwiegermutter des +Bürgermeisters machte eine Bemerkung, halblaut, aber sie war ihr von den +Augen zu lesen. + +Diederich auf seinem schattigen Posten war von Wolfgang Buck entdeckt +worden. Buck zog ihn hervor und führte ihn zu seiner Schwester. „Liebe +Judith, ich weiß nicht, ob du schon unseren werten Feind kennst, den Herrn +Doktor Heßling. Heute wird er uns vernichten.“ Aber Frau Lauer lachte +nicht, sie erwiderte auch Diederichs Gruß nicht, sie sah ihn nur an mit +rücksichtsloser Neugier. Es war schwer, diesen dunklen Blick auszuhalten, +und ward noch schwerer, weil sie so schön war. Diederich fühlte, wie das +Blut ihm ins Gesicht trat, seine Augen irrten ab, er stammelte: „Der Herr +Rechtsanwalt scherzt wohl. In der Sache muß ein Irrtum vorliegen ...“ Da +zogen in dem weißen Gesicht die Brauen sich zusammen, die Mundwinkel +sanken ausdrucksvoll herab, und Judith Lauer wandte Diederich den Rücken. + +Ein Gerichtsdiener zeigte sich; Wolfgang Buck ging, seinen Schwager Lauer +zur Seite, in das Verhandlungszimmer; und da die Tür nicht eben freigebig +geöffnet ward, stießen alle einander in Hast hindurch, das minder gute +Publikum ward von dem besten überwältigt. Die Unterröcke der fünf +Schwestern Buck rauschten heftig bei dem Kampf. Diederich gelangte als +letzter hinein und mußte sich auf der Zeugenbank neben den Major Kunze +setzen, der sofort ein Stück wegrückte. Landgerichtsdirektor Sprezius, +anzusehen wie ein alter wurmiger Geier, erklärte von dort oben die Sitzung +für eröffnet und rief die Zeugen auf, um ihnen den Ernst des Eides in +Erinnerung zu bringen – wobei Diederich sofort ein Gesicht bekam wie +ehemals in der Religionsstunde. Landgerichtsrat Harnisch ordnete Akten und +sah sich im Publikum nach seiner Tochter um. Mehr beachtet ward der alte +Landgerichtsrat Kühlemann, der das Krankenzimmer verlassen und seinen +Platz zur Linken des Vorsitzenden eingenommen hatte. Man fand ihn schlecht +aussehen, die Schwiegermutter des Bürgermeisters wollte wissen, er werde +sein Reichstagsmandat niederlegen – und wohin ging das viele Geld, wenn er +starb? Bei den Zeugen drückte Pastor Zillich die Hoffnung aus, der Alte +werde seine Millionen für einen Kirchenbau bestimmen; aber Professor +Kühnchen bezweifelte es, mit durchdringender Flüsterstimme. „Der gibt auch +nach’m Tode nischt her, der hat immer gedacht, man muß das Seine +zusammennähm, und womöglich den andern ihr’s auch ...“ Da entließ der +Vorsitzende die Zeugen aus dem Sitzungssaal. + +Sie fanden sich, da kein Zeugenzimmer vorhanden war, im Korridor wieder +zusammen. Die Herren Heuteufel, Cohn und Buck _junior_ nahmen eine +Fensternische ein; Diederich, unter dem wütenden Blick des Majors, dachte +peinvoll: „Jetzt wird der Angeklagte vernommen. Wüßte ich, was er sagt. +Ich möchte ihn ebenso gern entlasten wie ihr!“ Vergebens versuchte er +gegenüber Pastor Zillich seine milde Gesinnung zu beteuern: er habe immer +gesagt, die Sache sei aufgebauscht worden. Zillich wandte sich verlegen +weg, und Kühnchen pfiff, davonlaufend, durch die Zähne: „Na warte nur, +mein Schibbchen, dir wer’n mer das Handwerk legen.“ Stumm lastete die +allgemeine Mißbilligung auf Diederich. Endlich erschien der +Gerichtsdiener. „Herr Doktor Heßling!“ + +Diederich riß sich zusammen, um nur in kommentmäßiger Haltung an den +Zuschauern vorbeizukommen. Er sah krampfhaft geradeaus; der Blick der Frau +Lauer lag jetzt auf ihm! Er schnaufte, und er schwankte ein wenig. Links +neben dem Beisitzer, der seine Nägel betrachtete, stand drohend +aufgerichtet Jadassohn. Das Licht des Fensters hinter ihm schien durch +seine abstehenden Ohren, die blutig leuchteten, und seine Miene heischte +von Diederichs eine so leichenhafte Gefügigkeit, daß Diederichs Blick die +Flucht ergriff. Rechts, vor dem Angeklagten und etwas tiefer, fand er +Wolfgang Buck sitzen, nachlässig, mit den Fäusten auf den fetten +Schenkeln, von denen die Robe zurückfiel, und so gescheit und aufmunternd +anzusehen, als vertrete er den Geist des Lichts. Landgerichtsdirektor +Sprezius sprach Diederich die Eidesformel vor, immer nur zwei Worte zur +Zeit und mit Herablassung. Diederich schwor folgsam; dann sollte er den +Hergang der Dinge an jenem Abend im Ratskeller berichten. Er begann. + +„Wir waren eine angeregte Gesellschaft, drüben am Tisch saßen auch +Herren ...“ + +Da er schon steckenblieb, ward im Publikum gelacht. Sprezius fuhr auf, er +hackte mit dem Geierschnabel zu und drohte, er werde den Saal räumen +lassen. „Sonst wissen Sie nichts?“ fragte er unwirsch. Diederich gab zu +bedenken, infolge geschäftlicher und anderer Aufregungen hätten sich ihm +die Vorgänge inzwischen etwas verwirrt. „Dann werde ich Ihnen zur +Auffrischung des Gedächtnisses Ihre Aussage vor dem Untersuchungsrichter +vorlesen“ – und der Vorsitzende ließ sich das Protokoll reichen. Daraus +erfuhr Diederich zu seiner peinlichen Verwunderung, er habe vor dem +Untersuchungsrichter Landgerichtsrat Fritzsche die bestimmte Angabe +gemacht, daß von seiten des Angeklagten eine schwere Beleidigung Seiner +Majestät des Kaisers gefallen sei. Was er darüber zu äußern habe. „Es kann +wohl sein,“ stammelte er; „aber es waren viele Herren da. Ob es nun gerade +der Angeklagte war, der das gesagt hat ...“ Sprezius beugte sich über den +Richtertisch. „Denken Sie nach, Sie stehen hier unter Ihrem Eid. Andere +Zeugen werden bekunden, daß Sie ganz allein auf den Angeklagten zugetreten +sind und das betreffende Gespräch mit ihm geführt haben.“ – + +„War ich das?“ fragte Diederich, rot übergossen. Da lachte unaufhaltsam +der ganze Saal; Jadassohn sogar verzog das Gesicht zu einem +verachtungsvollen Feixen. Sprezius hatte schon den Mund geöffnet, um +loszufahren: aber Wolfgang Buck stand auf. Sein weiches Gesicht ward mit +einem sichtbaren Ruck energisch, und er fragte Diederich: „Sie waren an +dem Abend wohl stark angetrunken?“ Sofort fielen Staatsanwalt und +Vorsitzender über ihn her. „Ich beantrage, die Frage nicht zuzulassen!“ +rief Jadassohn schrill. „Herr Verteidiger,“ krächzte Sprezius, „Sie haben +nur mir die Frage vorzulegen; ob ich sie dann an den Zeugen richte, ist +meine Sache!“ Aber die beiden, Diederich sah es staunend, hatten einen +entschlossenen Gegner gefunden. Wolfgang Buck stand da, mit klangvoller +Rednerstimme beanstandete er das Verhalten des Vorsitzenden, das die +Rechte der Verteidigung verletze, und beantragte Gerichtsbeschluß darüber, +ob ihm gemäß der Strafprozeßordnung das direkte Fragerecht an den Zeugen +zustehe. Sprezius hackte vergeblich zu, es blieb ihm nichts übrig, als mit +den vier Richtern rückwärts im Beratungszimmer zu verschwinden. Buck sah +sich triumphierend um; seine Cousinen bewegten die Hände wie zum Applaus; +aber auch sein Vater war inzwischen eingetreten, und man sah, wie der alte +Buck seinem Sohn ein Zeichen der Mißbilligung gab. Der Angeklagte +seinerseits, zornige Erregung im apoplektischen Gesicht, schüttelte seinem +Verteidiger die Hand. Diederich, der allen Blicken ausgesetzt war, gab +sich Haltung und hielt Umschau. Aber ach, Guste Daimchen wich ihm aus! Nur +der alte Buck winkte wohlwollend: Diederichs Aussage hatte ihm gefallen. +Er bemühte sich sogar aus der engen Tribüne heraus, um Diederich seine +weiche, weiße Hand zu geben. „Ich danke Ihnen, lieber Freund“, sagte er. +„Sie haben die Sache so behandelt, wie sie es verdient.“ Und Diederich in +seiner Verlassenheit bekam feuchte Augen angesichts der Güte des großen +Mannes. Erst nachdem Herr Buck sich wieder auf seinen Platz begeben hatte, +fiel es Diederich ein, daß er ihm hier ja die Geschäfte besorgte! Und auch +sein Sohn Wolfgang war durchaus nicht so schlapp, wie Diederich gedacht +hatte. Die politischen Gespräche hatte er augenscheinlich nur geführt, um +sie hier gegen ihn auszunutzen. Treue, wahre deutsche Treue, die gab es in +der Welt nicht, auf niemand konnte man sich verlassen. „Soll ich mich hier +noch lange von allen Seiten anöden lassen?“ + +Zum Glück kehrte der Gerichtshof zurück. Der alte Kühlemann wechselte mit +dem alten Buck einen bedauernden Blick, und Sprezius verlas, mit +merklicher Selbstbeherrschung, den Beschluß. Ob der Verteidiger das Recht +der direkten Fragestellung habe, blieb unentschieden, denn die Frage +selbst: War der Zeuge damals betrunken gewesen? ward als nicht zur Sache +gehörig abgelehnt. Darauf fragte der Vorsitzende, ob der Herr Staatsanwalt +noch eine Frage an den Zeugen zu richten habe. „Vorläufig nicht,“ sagte +Jadassohn mit Geringschätzung, „aber ich beantrage, den Zeugen noch nicht +zu entlassen.“ Und Diederich durfte sich setzen. Jadassohn erhob die +Stimme. „Außerdem beantrage ich die sofortige Vorladung des +Untersuchungsrichters Dr. Fritzsche, der darüber aussagen soll, wie die +Gesinnung des Zeugen Heßling gegen den Angeklagten früher war.“ Diederich +erschrak – im Zuschauerraum aber wandte man sich nach Judith Lauer um: +sogar die beiden Assessoren am Richtertisch sahen hin ... Jadassohn bekam +bewilligt, was er wollte. + +Dann wurde Pastor Zillich herbeigeholt, vereidigt und sollte seinerseits +über die kritische Nacht berichten. Er erklärte, die Eindrücke hätten sich +damals überstürzt und sein christliches Gewissen schwer bedrängt, denn +just an jenem Abend sei in den Straßen von Netzig Blut geflossen, wenn +auch zu einem patriotischen Zweck. „Das gehört nicht hierher!“ entschied +Sprezius – und eben jetzt betrat den Saal der Regierungspräsident Herr von +Wulckow, im Jagdanzug, mit großen, kotigen Stiefeln. Alles sah sich um, +der Vorsitzende machte auf seinem Sitz eine Verbeugung, und Pastor Zillich +zitterte. Vorsitzender und Staatsanwalt drangen abwechselnd auf ihn ein, +Jadassohn sagte sogar mit einem Ausdruck von entsetzlicher +Hinterhältigkeit: „Herr Pastor, Sie als Geistlichen brauche ich auf die +Heiligkeit des Eides, den Sie geleistet haben, nicht besonders aufmerksam +zu machen.“ Da knickte Zillich ein und gab zu, daß er die dem Angeklagten +vorgeworfene Äußerung allerdings gehört habe. Der Angeklagte sprang auf +und schlug mit der Faust auf die Bank. „Ich habe den Namen des Kaisers gar +nicht genannt! Ich habe mich gehütet!“ Sein Verteidiger beruhigte ihn mit +einem Wink und sagte: „Wir werden den Beweis erbringen, daß nur die +provokatorische Absicht des Zeugen Dr. Heßling den Angeklagten zu seinen, +hier falsch wiedergegebenen Äußerungen veranlaßt hat.“ Vorläufig bitte er +den Herrn Vorsitzenden, den Zeugen Zillich darüber zu befragen, ob er +nicht eine Predigt gehalten habe, die ausdrücklich gegen die Hetzereien +des Zeugen Heßling gerichtet gewesen sei. Pastor Zillich stammelte, er +habe nur im allgemeinen zum Frieden geraten und damit seiner Pflicht als +Vertreter der Religion genügt. Jetzt wollte Buck etwas anderes wissen. +„Hat nicht der Zeuge Zillich neuerdings ein Interesse daran, sich mit dem +Hauptbelastungszeugen Doktor Heßling gut zu stellen, weil nämlich seine +Tochter –.“ Schon fuhr Jadassohn dazwischen: er protestiere gegen die +Stellung der Frage. Sprezius rügte sie als unzulässig, und auf der Tribüne +entstand ein mißbilligendes Gemurmel weiblicher Stimmen. Der +Regierungspräsident beugte sich über die Bank zum alten Buck und sagte +deutlich: „Ihr Sohn macht ja nette Zicken!“ + +Inzwischen war der Zeuge Kühnchen aufgerufen. Der kleine Greis stürmte in +den Saal, seine Brillen funkelten; schon von der Tür schrie er seine +Personalien herüber, und die Eidesformel sagte er geläufig her, ohne sie +sich vorsprechen zu lassen. Dann aber war er zu keiner anderen Aussage zu +bewegen, als daß an jenem Abend die Wogen der nationalen Begeisterung +hochgegangen seien. Zuerst die glorreiche Tat des Postens! Dann der +herrliche Brief Seiner Majestät mit dem Bekenntnis zum positiven +Christentum! „Wie der Krach war mit dem Angeklagten? Ja, meine Herren +Richter, davon weeß ’ch Sie nischt. Da hab’ ’ch grade ä bißchen +geschlummert.“ – „Aber nachher ist doch von der Sache geredet worden!“ +verlangte der Vorsitzende. „Ich nicht!“ rief Kühnchen. „Ich hab’ eegal von +unsern glorreichen Taten im Jahre siebzig gered’t. Die Franktiröhrs! hab +’ch gesagt, das war Sie eene Bande. Mein steifer Finger, da hat mich ä +Franktiröhr draufgebissen, bloß weil ich ihm mit mei’m Säbel ä kleenes +bißchen die Kehle abschneiden wollte! So eene Gemeinheit von dem Kerl!“ +Und Kühnchen wollte den Finger am Richtertisch umherzeigen. „Abtreten!“ +krächzte Sprezius; und er drohte wieder einmal mit der Räumung des Saals. + +Major Kunze trat auf: steif, wie auf Rädern, und den Eid leistete er in +einem Ton, als stieße er gegen Sprezius schwere Beleidigungen aus. Darauf +erklärte er kurzweg, daß er mit dem ganzen Geseire nichts zu tun habe; er +sei erst später in den Ratskeller gekommen. „Ich kann nur sagen, das +Verhalten des Herrn Doktor Heßling riecht mir nach Denunziantentum.“ + +Aber seit einer Weile roch es im Saal nach etwas anderem. Niemand wußte, +woher es kam, auf der Tribüne mißtraute man einander und rückte, das +Taschentuch am Munde, diskret vom Nachbar ab. Der Vorsitzende schnupperte +in die Luft, und der alte Kühlemann, dessen Kinn schon längst auf seiner +Brust lag, rührte sich im Schlaf. + +Wie Sprezius ihm vorhielt, die Herren, die ihm damals die Vorgänge +berichtet hätten, seien doch nationale Männer gewesen, erwiderte der Major +nur, das sei ihm gleich, den Herrn Doktor Heßling habe er gar nicht +gekannt. Da aber trat Jadassohn vor; seine Ohren funkelten; mit einer +Stimme wie ein Messer sagte er: „Herr Zeuge, ich richte an Sie die Frage, +ob Sie den Angeklagten nicht vielleicht um so besser kennen. Wollen Sie +sich darüber äußern, ob er Ihnen nicht noch vor acht Tagen hundert Mark +geliehen hat.“ Vor Schrecken ward es ganz still im Saal, und alles starrte +auf den Major in Uniform, der dastand und an seiner Antwort stammelte. +Jadassohns Kühnheit machte Eindruck. Unverweilt nutzte er seinen Erfolg +aus und erreichte von Kunze, daß er zugab, die Entrüstung der +Nationalgesinnten über Lauers Äußerungen sei echt gewesen, auch seine +eigene. Zweifellos habe der Angeklagte Seine Majestät gemeint. – Hier +hielt Wolfgang Buck sich nicht mehr. „Da der Herr Vorsitzende unnötig +findet, es zu rügen, wenn der Herr Staatsanwalt seine eigenen Zeugen +beleidigt, kann es auch uns gleich sein!“ Sofort hackte Sprezius nach ihm. +„Herr Verteidiger! Das ist meine Sache, was ich rüge und was nicht!“ – +„Eben das stelle ich fest“, fuhr Buck unbeirrt fort. „Zur Sache selbst +behaupten wir nach wie vor und werden durch Zeugen beweisen, daß der +Angeklagte den Kaiser gar nicht gemeint hat.“ „Ich habe mich gehütet!“ +rief der Angeklagte dazwischen. Buck fuhr fort: „Sollte dies dennoch als +wahr unterstellt werden, so beantrage ich, den Herausgeber des Gothaischen +Almanachs darüber als Sachverständigen zu vernehmen, welche deutsche +Fürsten jüdisches Blut haben.“ Damit setzte er sich wieder, befriedigt von +dem Rauschen der Sensation, das durch den Saal ging. Ein dröhnender Baß +sagte: „Unerhört!“ Sprezius wollte schon loshacken, sah aber noch +rechtzeitig, wer es gewesen war: Wulckow! Sogar Kühlemann war davon +erwacht. Der Gerichtshof steckte die Köpfe zusammen, dann verkündete der +Vorsitzende, der Antrag des Verteidigers werde abgelehnt, da ein +Wahrheitsbeweis nicht zulässig sei. Kundgebung der Mißachtung genüge zum +Tatbestande des Delikts. Buck war geschlagen; seine feisten Wangen senkten +sich in kindlicher Traurigkeit. Es ward gekichert, die Schwiegermutter des +Bürgermeisters lachte ungeniert. Diederich auf seiner Zeugenbank war ihr +dankbar. Er fühlte, angstvoll lauschend, wie die öffentliche Meinung +einlenkte und ganz leise denen näher kam, die geschickter waren und die +Macht hatten. Er tauschte einen Blick mit Jadassohn. + +Der Redakteur Nothgroschen war dran. Grau und unauffällig war er plötzlich +da und funktionierte glatt, wie ein Aussagebeamter. Jeder, der ihn kannte, +wunderte sich: so sicher hatte er ihn nie gesehen. Er wußte alles, +belastete den Angeklagten auf das schwerste und redete fließend, als sage +er einen Leitartikel her; höchstens daß zwischen den Absätzen der +Vorsitzende ihm das Stichwort gab, mit Anerkennung, wie einem +Musterschüler. Buck, der sich erholt hatte, hielt ihm die Stellungnahme +der „Netziger Zeitung“ für Lauer vor. Darauf erwiderte der Redakteur: „Wir +sind ein liberales, also unparteiisches Blatt. Wir geben die Stimmung +wieder. Da aber jetzt und hier die Stimmung dem Angeklagten ungünstig ist +–.“ Er mußte sich draußen im Korridor darüber informiert haben! Buck nahm +eine ironische Stimme an. „Ich stelle fest, daß der Zeuge eine etwas +sonderbare Auffassung seiner Eidespflicht bekundet.“ Aber Nothgroschen war +nicht einzuschüchtern. „Ich bin Journalist,“ erklärte er, und er setzte +hinzu: „Ich bitte den Herrn Vorsitzenden, mich vor Beleidigungen des +Verteidigers zu schützen.“ Sprezius ließ sich nicht bitten; und er entließ +den Redakteur in Gnaden. + +Es schlug zwölf; Jadassohn machte den Vorsitzenden aufmerksam, daß der +Untersuchungsrichter Dr. Fritzsche sich zur Verfügung des Gerichts halte. +Er ward aufgerufen – und kaum, daß er sich in der Tür zeigte, gingen alle +Augen hin und her zwischen ihm und Judith Lauer. Sie war noch bleicher +geworden, der schwarze Blick, der ihn zum Richter begleitete, vergrößerte +sich noch, er bekam etwas stumm Eindringliches; aber Fritzsche vermied +ihn. Auch ihn fand man schlecht aussehend, sein Schritt dagegen bekundete +Entschlossenheit. Diederich stellte fest, daß er von seinen zwei +Gesichtern für diese Gelegenheit das trockene gewählt hatte. + +Welche Eindrücke er während der Voruntersuchung von dem Zeugen Heßling +gewonnen habe? Der Zeuge hatte seine Aussage durchaus freiwillig und +selbständig gemacht, in Form einer durch das frische Erlebnis noch +bewegten Auseinandersetzung. Die Zuverlässigkeit des Zeugen, die Fritzsche +an der Hand seiner ferneren Ermittelungen hatte nachprüfen können, stand +außer allem Zweifel. Daß der Zeuge heute kein deutliches Erinnerungsbild +mehr hatte, war nur durch die Erregung des Augenblicks zu erklären ... Und +der Angeklagte? – Hier hörte man den Saal aufhorchen. Fritzsche schluckte +hinunter. Auch der Angeklagte hatte persönlich einen eher günstigen +Eindruck auf ihn gemacht, trotz der vielen belastenden Momente. + +„Halten Sie, bei widerstreitenden Zeugenaussagen, den Angeklagten des ihm +zur Last gelegten Delikts fähig?“ fragte Sprezius. + +Fritzsche erwiderte: „Der Angeklagte ist ein gebildeter Mann; ausdrücklich +beleidigende Worte zu gebrauchen, wird er sich gehütet haben.“ + +„Das sagt der Angeklagte selbst“, bemerkte der Vorsitzende streng. +Fritzsche sprach schneller. Der Angeklagte war durch seine bürgerliche +Wirksamkeit gewöhnt, Autorität mit fortschrittlichen Neigungen zu +verbinden. Er hielt sich offenbar für einsichtsvoller und zur Kritik +berechtigter als die meisten anderen Menschen. Es war also denkbar, daß er +in gereiztem Zustand – und durch die Erschießung des Arbeiters von seiten +des Wachtpostens hatte er sich gereizt gefühlt – seinen politischen +Anschauungen einen Ausdruck gab, der, ob äußerlich vielleicht auch +einwandfrei, die beleidigende Absicht hindurchschimmern ließ. + +Hier sah man den Vorsitzenden und den Staatsanwalt aufatmen. Die +Landgerichtsräte Harnisch und Kühlemann warfen Blicke auf das Publikum, +durch das eine lebhafte Bewegung ging. Der Assessor links besah auch jetzt +noch seine Nägel; der rechts aber, ein junger Mann mit nachdenklichem +Gesicht, beobachtete den Angeklagten, den er gleich vor sich hatte. Die +Hände des Angeklagten waren krampfig um die Brüstung seiner Bank gespannt, +und die Augen, hervortretende braune Augen, richtete er auf seine Frau. +Sie aber sah unverwandt auf Fritzsche, halbgeöffneten Mundes, wie +abwesend, mit einem Ausdruck von Leiden, Scham und Schwäche. Die +Schwiegermutter des Bürgermeisters äußerte deutlich: „Und zwei Kinder hat +sie zu Hause.“ Plötzlich schien Lauer das Geflüster um ihn her zu +bemerken, alle diese Blicke, die wegsahen, wenn er sie streifte. Er sank +zusammen, sein stark gerötetes Gesicht entleerte sich so jäh vom Blut, daß +der junge Assessor erschreckt auf seinem Stuhl rückte. + +Diederich, dem es immer wohler ward, war wahrscheinlich der einzige, der +dem Dialog zwischen dem Vorsitzenden und dem Untersuchungsrichter noch +folgte. Dieser Fritzsche! Niemandem, auch Diederich selbst nicht, war die +Sache aus guten Gründen anfangs peinlicher gewesen. Hatte er nicht auf +Diederich als Zeugen eine nahezu pflichtwidrige Einwirkung geübt? Und das +protokollierte Ergebnis von Diederichs Aussage war nun dennoch schwer +belastend, und Fritzsches eigenes Zeugnis erst recht. Er war nicht weniger +rücksichtslos vorgegangen als Jadassohn. Seine engen und besonderen +Beziehungen zum Hause Lauer hatten keineswegs vermocht, ihn der Aufgabe zu +entfremden, die ihm oblag, dem Schutze der Macht. Nichts Menschliches +hielt stand vor der Macht. Welche Lehre für Diederich ... Auch Wolfgang +Buck empfing sie, auf seine Art. Von unten betrachtete er Fritzsche, mit +einer Miene, als müßte er sich erbrechen. + +Wie der Untersuchungsrichter mit Drehungen des Körpers, die nicht +unbefangen wirkten, auf den Ausgang zusteuerte, ward lauter geflüstert. +Die Schwiegermutter des Bürgermeisters sagte, mit dem Lorgnon nach der +Frau des Angeklagten zielend: „Eine nette Gesellschaft!“ Man widersprach +ihr nicht; man hatte angefangen, die Lauers ihrem Schicksal zu überlassen. +Guste Daimchen biß sich auf die Lippe, Käthchen Zillich schickte einen +raschen Senkblick zu Diederich. Dr. Scheffelweis beugte sich hinüber zu +dem Haupt der Familie Buck, drückte ihm die Hand und sagte süß: „Ich +hoffe, lieber Freund und Gönner, alles wird noch gut.“ + +Der Vorsitzende befahl dem Gerichtsdiener: „Lassen Sie mal den Zeugen Cohn +’rein!“ Die Reihe war an den Entlastungszeugen! Der Vorsitzende +schnupperte in die Luft. „Hier riecht es aber schlecht“, bemerkte er. +„Krecke, machen Sie hinten ein Fenster auf!“ Und er suchte mit den Augen +unter dem minder guten Publikum, das dort oben eng gedrängt saß. Dagegen +war auf den unteren Bänken freier Raum, und der freieste um den +Regierungspräsidenten von Wulckow in seiner verschwitzten Jagdjoppe.... +Das geöffnete Fenster, durch das es eisig hereinblies, bewirkte Murren +unter den auswärtigen Journalisten, die dort hinten verstaut saßen. Aber +Sprezius richtete nur den Schnabel gegen sie: da duckten sie sich in ihre +Rockkragen. + +Jadassohn sah siegesgewiß dem Zeugen entgegen. Sprezius ließ ihn eine +Weile reden, dann räusperte Jadassohn sich; er hielt einen Akt in der +Hand. „Zeuge Cohn,“ begann er, „Sie sind Inhaber des unter Ihrem Namen +bestehenden Warenhauses seit 1889?“ Und unvermittelt: „Geben Sie zu, daß +gleich damals einer Ihrer Lieferanten, ein gewisser Lehmann, sich in Ihren +Lokalitäten durch Erschießen das Leben genommen hat?“ Und mit dämonischer +Befriedigung blickte er auf Cohn, denn die Wirkung seiner Worte war +außerordentlich. Cohn begann zu zappeln und nach Luft zu schnappen. „Die +alte Verleumdung!“ kreischte er. „Er hat es doch gar nicht meinetwegen +getan! Er war unglücklich verheiratet! Mit der Geschichte haben die Leute +mich schon einmal kaputt gemacht, und nun fängt der Mann wieder an!“ Auch +der Verteidiger protestierte. Sprezius hackte auf Cohn zu. Der Herr +Staatsanwalt sei kein Mann! Und wegen des Ausdrucks Verleumdung nehme das +Gericht den Zeugen in eine Ordnungsstrafe von fünfzig Mark. Damit war Cohn +erledigt. Der Bruder des Herrn Buck ward vernommen. Ihn fragte Jadassohn +geradeheraus: „Zeuge Buck, Sie haben ein notorisch schlechtgehendes +Geschäft, wovon leben Sie?“ Hier entstand ein solches Gemurmel, daß +Sprezius schnell eingriff: „Herr Staatsanwalt, gehört das wirklich zur +Sache?“ Aber Jadassohn war allem gewachsen. „Herr Vorsitzender, die +Anklagebehörde hat ein Interesse, den Nachweis zu erbringen, daß der Zeuge +sich in wirtschaftlicher Abhängigkeit von seinen Verwandten, besonders +aber von seinem Schwager, dem Angeklagten, befindet. Die Glaubwürdigkeit +des Zeugen ist danach zu bemessen.“ Der lange, elegante Herr Buck stand +mit gesenktem Kopf da. „Das genügt“, erklärte Jadassohn; und Sprezius +entließ diesen Zeugen. Seine fünf Töchter rückten unter den Blicken der +Menge auf ihrer Bank zusammen wie eine Lämmerherde im Unwetter. Das minder +gute Publikum der oberen Reihen lachte feindselig. Sprezius bat +wohlwollend um Ruhe und ließ sich den Zeugen Heuteufel kommen. + +Wie nun Heuteufel die Hand zum Schwur hob, schleuderte Jadassohn ihm die +seine mit einem dramatischen Wurf entgegen. + +„Ich möchte zunächst an den Zeugen die Frage richten, ob er zugibt, die +das Delikt der Majestätsbeleidigungen darstellenden Äußerungen durch seine +Zustimmung begünstigt und noch verschärft zu haben.“ Heuteufel erwiderte: +„Ich gebe gar nichts zu“, – worauf Jadassohn ihm seine Aussage im +Vorverhör entgegenhielt. Mit erhobener Stimme: „Ich beantrage +Gerichtsbeschluß darüber, daß die Beeidigung dieses Zeugen unterbleiben +soll, weil er der Teilnahme am Delikt verdächtig ist.“ Noch schneidender: +„Die Gesinnung des Zeugen darf als gerichtsnotorisch gelten. Der Zeuge +gehört zu den von Seiner Majestät dem Kaiser mit Recht so genannten +vaterlandslosen Gesellen. Überdies befleißigt er sich in regelmäßigen +Versammlungen, die er als Sonntagsfeiern für freie Menschen bezeichnet, +der Verbreitung des krassesten Atheismus, wodurch seine Tendenzen +gegenüber einem christlichen Monarchen ohne weiteres charakterisiert +sind.“ Und Jadassohns Ohren strahlten Feuer aus, wie ein ganzes +Glaubensbekenntnis. Wolfgang Buck stand auf, lächelte skeptisch und +meinte, die religiösen Überzeugungen des Herrn Staatsanwalts seien +offenbar von mönchischer Strenge, es könne ihm nicht zugemutet werden, daß +er einen Nichtchristen für glaubwürdig halte. Das Gericht aber werde wohl +anderer Meinung sein und den Antrag des Staatsanwalts ablehnen. Da wuchs +Jadassohn furchtbar empor. Wegen der Verhöhnung seiner Person beantragte +er gegen den Verteidiger eine Ordnungsstrafe von hundert Mark! Der +Gerichtshof zog sich zur Beratung zurück. Sofort brach im Saal ein +aufgeregtes Durcheinander von Meinungen aus. Dr. Heuteufel schob die Hände +in die Taschen und maß mit langen Blicken Jadassohn, der, dem Schutze des +Gerichts entzogen, von Panik ergriffen ward und gegen die Wand wich. +Diederich war es, der ihm zu Hilfe kam, denn er hatte dem Herrn +Staatsanwalt leise eine wichtige Mitteilung zu machen ... Schon kehrten +die Richter zurück. Die Beeidigung des Zeugen Heuteufel ward vorerst +ausgesetzt. Der Verteidiger war wegen Verhöhnung des Herrn Staatsanwalts +in eine Ordnungsstrafe von achtzig Mark genommen. + +In das weitere Verhör Heuteufels griff der Verteidiger ein, der vom Zeugen +wissen wollte, wie er, als intimer Bekannter des Angeklagten, sein +Familienleben beurteile. Heuteufel machte eine Bewegung, durch den Saal +rauschte es: man hatte verstanden. Aber ob Sprezius die Frage zuließ? Er +hatte schon den Mund geöffnet, um sie abzulehnen, begriff aber noch +rechtzeitig, daß man einer Sensation nicht ausweichen dürfe – worauf +Heuteufel den mustergültigen Zuständen im Hause Lauer hohes Lob spendete. +Jadassohn trank die Worte des Zeugen, bebend vor Ungeduld. Endlich konnte +er, mit namenlosem Triumph in der Stimme, seine Frage stellen. „Will der +Zeuge sich auch darüber äußern, welcher Art die Weiber sind, aus deren +Bekanntschaft er persönlich die Kenntnis des Familienlebens schöpft, und +ob er nicht in einem gewissen Hause verkehrt, das im Volksmund +Klein-Berlin heißt?“ Und noch im Sprechen vergewisserte er sich, daß die +Damen im Publikum, und gleich ihnen die Richter, tief verletzte Gesichter +bekamen. Der Hauptentlastungszeuge war vernichtet! Heuteufel versuchte +noch zu antworten: „Der Herr Staatsanwalt wird es wissen. Wir sind uns +dort wohl begegnet.“ Aber das diente nur dazu, daß Sprezius ihm eine +Ordnungsstrafe von fünfzig Mark auferlegen konnte. „Der Zeuge hat im Saal +zu bleiben“, entschied der Vorsitzende schließlich. „Das Gericht braucht +ihn noch zur weiteren Aufklärung des Tatbestandes.“ Heuteufel äußerte: +„Ich meinerseits bin aufgeklärt über den Betrieb hier und würde es +vorziehen, das Lokal zu verlassen.“ Sofort wurden aus den fünfzig Mark +hundert. + +Wolfgang Buck sah sich unruhig um. Seine Lippen schienen die Stimmung im +Saal zu schmecken, sie verzogen sich, als äußerte sich die Stimmung in +diesem merkwürdigen Geruch, der seit das Fenster geschlossen war, sich +wieder gelagert hatte. Buck sah die Sympathien, die ihn hereinbegleitet +hatten, zersprengt und abgestumpft, seine Kampfmittel unnütz verbraucht; +und das Gähnen der vom Hunger in die Länge gezogenen Gesichter, die +Ungeduld der Richter, die nach der Uhr schielten, verhieß ihm nichts +Gutes. Er sprang auf; retten, was zu retten war! Und er machte seine +Stimme energisch, um die Vorladung weiterer Zeugen für die +Nachmittagssitzung zu beantragen. „Da der Herr Staatsanwalt es zum System +erhebt, die Glaubwürdigkeit unserer Zeugen zu bezweifeln, sind wir bereit, +den guten Leumund des Angeklagten zu beweisen durch die Aussagen der +ersten Männer von Netzig. Kein Geringerer als Herr Bürgermeister Dr. +Scheffelweis wird dem Gericht die bürgerlichen Verdienste des Angeklagten +bezeugen. Der Herr Regierungspräsident von Wulckow wird nicht umhin +können, ihm seine staatsfreundliche und kaisertreue Gesinnung zu +bestätigen.“ + +„Nanu“, sagte dahinten aus dem freien Raum der dröhnende Baß. Buck +strengte seine Stimme an. + +„Für die sozialen Tugenden des Angeklagten aber werden seine sämtlichen +Arbeiter eintreten.“ + +Und Buck setzte sich, hörbar keuchend. Jadassohn bemerkte kalt: „Der Herr +Verteidiger beantragt eine Volksabstimmung.“ Die Richter berieten +flüsternd; und Sprezius verkündete: das Gericht gebe nur dem Antrage des +Verteidigers statt, der sich auf die Vernehmung des Bürgermeisters Dr. +Scheffelweis beziehe. Da der Bürgermeister im Saal war, wurde er sogleich +aufgerufen. + +Er arbeitete sich aus seiner Bank heraus. Frau und Schwiegermutter hielten +ihn von beiden Seiten fest und gaben ihm hastig Forderungen mit, die +einander widersprechen mußten, denn der Bürgermeister langte sichtlich +verstört am Richtertisch an. Welche Gesinnung der Angeklagte in der +bürgerlichen Öffentlichkeit betätigte? Dr. Scheffelweis wußte Gutes +darüber zu bekunden. So hatte der Angeklagte sich in den städtischen +Kollegien eingesetzt für die Wiederherstellung des altberühmten +Pfaffenhauses, wo die Haare aufbewahrt wurden, die bekanntlich Dr. Martin +Luther dem Teufel aus dem Schwanz gerissen hatte. Freilich, auch den +Saalbau der „Freien Gemeinde“ hatte er unterstützt und dadurch unleugbar +viel Anstoß erregt. Im Geschäftsleben sodann genoß der Angeklagte die +allgemeine Achtung; die sozialen Reformen, die er in seiner Fabrik +eingeführt hatte, wurden vielfach bewundert, – wenn freilich auch dagegen +eingewendet ward, daß sie die Ansprüche der Arbeiter ins ungemessene +steigerten und so den Umsturz vielleicht doch zu befördern geeignet waren. +„Würde der Herr Zeuge“, fragte der Verteidiger, „den Angeklagten des ihm +zur Last gelegten Delikts für fähig halten?“ – „Einerseits“, erwiderte +Scheffelweis, „gewiß nicht.“ – „Aber andererseits?“ fragte der +Staatsanwalt. Der Zeuge erwiderte: „Andererseits gewiß.“ + +Nach dieser Antwort durfte der Bürgermeister sich zurückziehen; seine zwei +Damen empfingen ihn, eine so unzufrieden wie die andere; und der +Vorsitzende schickte sich an, die Sitzung aufzuheben, da räusperte +Jadassohn sich. Er beantragte, nochmals den Zeugen Doktor Heßling zu +vernehmen, der seine Aussage zu ergänzen wünsche. Sprezius klappte +mißgelaunt mit den Lidern, das Publikum, das soeben aus den Bänken +herausrutschte, murrte laut; – aber Diederich war schon vorgetreten, +festen Schrittes, und hatte schon mit klarer Stimme zu sprechen begonnen. +Nach reiflicher Überlegung sei er zu der Einsicht gelangt, daß er seine im +Vorverhör gemachte Aussage vollinhaltlich aufrechterhalten könne; und er +wiederholte sie, aber verschärft und erweitert. Er fing mit der +Erschießung des Arbeiters an und gab die kritischen Bemerkungen der Herren +Lauer und Heuteufel wieder. Die Zuhörer, die das Fortgehen vergessen +hatten, verfolgten die Schlacht der Gesinnungen über die blutbetropfte +Kaiser-Wilhelm-Straße bis in den Ratskeller, sahen die feindlichen Reihen +sich bis zum Entscheidungskampf ordnen, Diederich wie mit geschwungenem +Degen unter den gotischen Kronleuchter vorrücken und den Angeklagten +herausfordern auf Leben und Tod. + +„Denn, meine Herren Richter, ich leugne es nicht länger, ich habe ihn +herausgefordert! Wird er das Wort sprechen, an dem ich ihn packen kann? Er +sprach es und, meine Herren Richter, ich habe ihn gepackt und habe damit +nur meine Pflicht erfüllt und würde sie auch heute wieder erfüllen, mögen +mir daraus in gesellschaftlicher und geschäftlicher Beziehung selbst noch +mehr Nachteile erwachsen, als ich in der letzten Zeit zu ertragen gehabt +habe! Der uneigennützige Idealismus, meine Herren Richter, ist ein +Vorrecht des Deutschen, er wird ihn unentwegt betätigen, mag ihm +angesichts der Menge der Feinde gelegentlich auch der Mut sinken. Als ich +vorhin mit meiner Aussage noch zögerte, war es nicht nur, wie der +Untersuchungsrichter mir gütigst zubilligte, eine Verwirrung des +Gedächtnisses: es war, ich gestehe es, ein vielleicht begreifliches +Zurückweichen vor der Schwere des Kampfes, den ich auf mich nehmen sollte. +Aber ich nehme ihn auf mich, denn kein Geringerer als Seine Majestät unser +erhabener Kaiser verlangt es von mir ...“ Diederich sprach fließend +weiter, mit einem Schwung in den Sätzen, der einem den Atem nahm. +Jadassohn fand, daß der Zeuge anfange, die Wirkungen seines Plaidoyers +vorwegzunehmen, und blickte unruhig auf den Vorsitzenden. Sprezius aber +dachte offenbar nicht daran, Diederich zu unterbrechen. Mit unbewegtem +Geierschnabel und ohne die Lider zu klappen, sah er auf Diederichs eiserne +Miene, worin es drohend blitzte. Der alte Kühlemann sogar ließ die Lippe +hängen und hörte zu. Wolfgang Buck aber: vorgebeugt auf seinem Stuhl, +spähte er zu Diederich hinauf, gespannt, sachkundig und die Augen voll +eines feindlichen Entzückens. Das war eine Volksrede! Ein Auftritt von +bombensicherer Wirkung! Ein Schlager! „Mögen unsere Bürger“, rief +Diederich, „endlich aus dem Schlummer erwachen, in dem sie sich so lange +gewiegt haben, und nicht bloß dem Staat und seinen Organen die Bekämpfung +der umwälzenden Elemente überlassen, sondern selbst mit Hand anlegen! Das +ist Befehl Seiner Majestät und, meine Herren Richter, da sollte ich +zögern? Der Umsturz erhebt das Haupt, eine Rotte von Menschen, nicht wert +den Namen Deutsche zu tragen, wagt es, die geheiligte Person des Monarchen +in den Staub zu ziehen ...“ + +Im minder guten Publikum lachte jemand. Sprezius hackte zu und drohte den +Lacher in Strafe zu nehmen. Jadassohn seufzte. Jetzt war es Sprezius +freilich nicht mehr möglich, den Zeugen zu unterbrechen. + +In Netzig hatte der kaiserliche Kampfruf bisher leider nur zu wenig +Widerhall gefunden! Hier verschloß man Augen und Ohren vor der Gefahr, man +verharrte in den veralteten Anschauungen einer spießbürgerlichen +Demokratie und Humanität, die den vaterlandslosen Feinden der göttlichen +Weltordnung den Weg ebneten. Eine forsche nationale Gesinnung, einen +großzügigen Imperialismus begriff man hier noch nicht. „Die Aufgabe der +modern gesinnten Männer ist es, auch Netzig dem neuen Geist zu erobern, im +Sinne unseres herrlichen jungen Kaisers, der jeden Treugesinnten, er sei +edel oder unfrei, zum Handlanger seines erhabenen Wollens bestellt hat!“ +Und Diederich schloß: „Daher, meine Herren Richter, war ich berechtigt, +dem Angeklagten, als er nörgeln wollte, mit aller Entschiedenheit +entgegenzutreten. Ich habe ohne persönlichen Groll gehandelt, um der Sache +willen. Sachlich sein heißt deutsch sein! Und ich meinerseits“ – er +blitzte zu Lauer hinüber – „bekenne mich zu meinen Handlungen, denn sie +sind der Ausfluß eines tadellosen Lebenswandels, der auch im eigenen Hause +auf Ehre hält und weder Lüge noch Sittenlosigkeit kennt!“ + +Große Bewegung im Saal. Diederich, hingerissen von der edlen Gesinnung, +die er ausdrückte, berauscht durch seine Wirkung, fuhr fort, den +Angeklagten anzublitzen. Da aber wich er zurück: der Angeklagte, zitternd +und wankend, stemmte sich am Geländer seiner Bank empor; er hatte +rollende, blutunterlaufene Augen, und sein Kiefer bewegte sich, als habe +ihn der Schlag gerührt. „Oh!“ machten weibliche Stimmen, voll +erwartungsvollen Schauderns. Aber der Angeklagte hatte nur Zeit, einige +rauhe Laute gegen Diederich auszustoßen: sein Verteidiger hatte ihn am Arm +erfaßt und redete auf ihn ein. Inzwischen verkündete der Vorsitzende, daß +der Herr Staatsanwalt sein Plaidoyer um vier Uhr beginnen werde, und +verschwand samt den Beisitzern. Diederich, halb betäubt, sah sich auf +einmal bestürmt von Kühnchen, Zillich, Nothgroschen, die ihn +beglückwünschten. Fremde Leute schüttelten ihm die Hand: die Verurteilung +sei todsicher, der Lauer dürfe einpacken. Der Major Kunze erinnerte den +erfolgreichen Diederich daran, daß zwischen ihnen niemals eine +Meinungsverschiedenheit entstanden sei. Auf dem Korridor kam ganz nahe an +Diederich, den gerade eine Menge Damen umgaben, der alte Buck vorüber. Er +zog seine schwarzen Handschuhe an und sah dabei dem jungen Mann ins +Gesicht: ohne die Verbeugung zu erwidern, die Diederich wider Willen +machte, ihm immer ins Gesicht, mit einem Blick, prüfend und traurig, so +traurig, daß auch Diederich, mitten aus seinem Triumph heraus, ihm traurig +nachsah. + +Plötzlich merkte er, daß die fünf Töchter Buck sich nicht entblödeten, ihm +Komplimente zu machen. Sie flatterten, rauschten und fragten, warum er +denn zu der spannenden Verhandlung nicht auch seine Schwestern mitgebracht +habe. Da maß er diese fünf herausgeputzten Gänse, eine nach der anderen, +von oben bis unten und erklärte ihnen, streng und abweisend, es gäbe +Dinge, die denn doch ernster seien als eine Theatervorstellung. Erstaunt +ließen sie ihn stehen. Der Korridor leerte sich; zuletzt erschien noch +Guste Daimchen. Sie machte eine Bewegung auf Diederich zu. Aber Wolfgang +Buck holte sie ein, lächelnd, als sei nichts geschehen; und mit ihm waren +der Angeklagte und seine Frau. Schnell sandte Guste zu Diederich einen +Blick hin, der sein Zartgefühl anrief. Er drückte sich hinter einen +Pfeiler und ließ, indes ihm das Herz klopfte, die Geschlagenen vorüber. + +Wie er gehen wollte, trat aus dem Amtszimmer der Regierungspräsident, Herr +von Wulckow. Diederich stellte sich, den Hut in der Hand, am Wege auf, +schlug im richtigen Augenblick die Hacken zusammen, und wirklich, Wulckow +blieb stehen. „Na also!“ sagte er aus der Tiefe seines Bartes und klopfte +Diederich auf die Schulter. „Sie haben das Rennen gemacht. Sehr brauchbare +Gesinnung. Wir sprechen uns noch.“ Und er ging weiter auf seinen kotigen +Stiefeln, schwenkte den Bauch in der verschwitzten Jagdhose und +hinterließ, durchdringend wie je, diesen Geruch gewalttätiger +Männlichkeit, der bei allem, was geschah, im Gerichtssaal gelagert hatte. + +Beim Ausgang drunten hielt sich noch immer der Bürgermeister auf, mit Frau +und Schwiegermutter, die von beiden Seiten auf ihn eindrangen, und deren +Forderungen er, bleich und hoffnungslos, in Einklang zu bringen suchte. + + + +Zu Hause wußten sie schon alles. Sie hatten, alle drei, im Vestibül auf +das Ende der Verhandlung gewartet und sich von Meta Harnisch erzählen +lassen, was vorging. Frau Heßling umarmte ihren Sohn unter stummen Tränen. +Die Schwestern standen etwas betreten dabei, denn noch gestern hatten sie +nur Geringschätzung gehabt für Diederichs Rolle im Prozeß, die sich nun +als so glänzend erwies. Aber Diederich, in der schönen Vergeßlichkeit des +Sieges, ließ Wein zum Essen auftragen, und er erklärte ihnen, der heutige +Tag sichere für alle Zeit ihre gesellschaftliche Stellung in Netzig. „Die +fünf Damen Buck werden sich hüten, auf der Straße wegzusehen. Sie können +froh sein, wenn ihr sie zurückgrüßt!“ Die Verurteilung des Lauer war, so +versicherte Diederich, nur mehr eine Formalität. Sie war entschieden, und +mit ihr auch Diederichs unaufhaltsamer Aufstieg! „Freilich –“ und er +nickte in sein Glas – „trotz voller Pflichterfüllung hätte es schief gehen +können, und dann, meine Lieben, das wollen wir uns nur gestehen, dann wäre +ich wahrscheinlich aufgeflogen und Magdas Heirat mit!“ Da Magda +erbleichte, klopfte er ihr den Arm. „Jetzt sind wir fein heraus.“ Und das +Glas erhoben, mit männlicher Festigkeit: „Welch eine Wendung durch Gottes +Fügung!“ Er ordnete an, daß beide sich schön machten und mitkämen. Frau +Heßling bat um Nachsicht, sie fürchtete zu sehr die Aufregung. Diesmal +konnte Diederich warten, die Schwestern durften sich anziehen, so lange +sie mochten. Als sie eintrafen, waren schon alle im Saal, aber es waren +nicht dieselben. Sämtliche Bucks fehlten, und mit ihnen Guste Daimchen, +Heuteufel, Cohn, die ganze Loge, der freisinnige Wahlverein. Sie gaben +sich besiegt! Die Stadt wußte es, man drängte sich herbei, ihre Niederlage +zu erleben; das minder gute Publikum war vorgerückt bis in die vorderen +Bänke. Wer von dem einstigen Klüngel sich noch hier fand, Kühnchen und +Kunze trugen Sorge, daß jeder auf ihren Gesichtern die gute Gesinnung +lese. Auch einige verdächtige Gestalten freilich saßen dazwischen: junge +Leute mit müden, aber ausdrucksvollen Mienen, samt mehreren auffallenden +Mädchen, die unheimlich schöne Farben im Gesicht hatten; und alle +tauschten Grüße mit Wolfgang Buck. Das Stadttheater! Buck hatte sich nicht +entblödet, sie zu seinem Plaidoyer einzuladen! + +Der Angeklagte wandte hastig den Kopf, sooft jemand eintrat. Er wartete +auf seine Frau! „Wenn er meint, daß sie noch kommt!“ dachte Diederich. +Aber da kam sie: noch bleicher als heute früh, begrüßte ihren Gatten mit +einem Blick, der flehend war; setzte sich still an das Ende einer Bank und +richtete die Augen geradeaus nach dem Richtertisch, stumm und stolz, wie +ins Schicksal ... Der Gerichtshof hatte den Saal betreten. Der Vorsitzende +eröffnete die Sitzung und erteilte das Wort dem Herrn Staatsanwalt. + +Jadassohn begann sofort mit äußerster Heftigkeit; nach einigen Sätzen fand +er schon keine Steigerung mehr und wirkte matt; die Mitglieder des +Stadttheaters lächelten einander geringschätzig zu. Jadassohn bemerkte es, +er fing an, die Arme zu schwenken, dass die Robe flog; seine Stimme +überschlug sich, und die Ohren loderten. Die geschminkten Mädchen fielen +auf die Brüstung ihrer Bank, so ausgelassen kicherten sie. „Merkt denn +Sprezius nichts?“ fragte die Schwiegermutter des Bürgermeisters. Aber das +Gericht schlief. Diederich in seinem Herzen frohlockte; er hatte seine +Rache an Jadassohn! Jadassohn konnte nichts vorbringen, als womit er +selbst schon das Rennen gemacht hatte! Es war gemacht, das wußte Wulckow, +und auch Sprezius wußte es, darum schlief er, mit offenen Augen. Jadassohn +selbst fühlte es am besten; er nahm sich immer unsicherer aus, je +geräuschvoller er ward. Als er schließlich zwei Jahre Gefängnis +beantragte, gaben alle, die er gelangweilt hatte, ihm unrecht: wie es +schien, auch die Richter. Der alte Kühlemann schrak auf, mit einem +Schnarcher. Sprezius klappte mehrmals die Lider, um sich zu ermuntern, und +dann sagte er: „Der Herr Verteidiger hat das Wort.“ + +Wolfgang Buck erhob sich langsam. Seine sonderbaren Freunde auf der +Tribüne murmelten beifällig, was Buck trotz Sprezius’ geschärftem Schnabel +in Ruhe abwartete. Dann erklärte er leichthin, als werde er mit allem in +zwei Minuten fertig werden, daß die Beweisaufnahme ein dem Angeklagten +durchaus günstiges Bild ergeben habe. Der Herr Staatsanwalt vertrete mit +Unrecht die Anschauung, daß die Aussage von Zeugen, die erst infolge +drohender Eingriffe in ihre eigene Existenz schlecht ausgesagt hätten, +irgendeinen Wert habe. Vielmehr sie habe den Wert, daß sie auf geradezu +glänzende Weise die Unschuld des Angeklagten belege, da so viele als +wahrheitsliebend bekannte Männer nur durch eine Erpressung –. Weiter kam +er natürlich nicht. Als der Vorsitzende sich beruhigt hatte, fuhr Buck +gelassen fort. Wolle man aber als erwiesen annehmen, daß der Angeklagte +die ihm zur Last gelegte Äußerung wirklich getan habe, so entfalle hier +doch der Begriff der Strafbarkeit; denn der Zeuge Doktor Heßling habe +offen eingestanden, daß er den Angeklagten mit Absicht und Vorbedacht +provoziert habe. Es frage sich vielmehr, ob nicht eben der Zeuge Heßling, +durch seine provokatorische Absicht, der eigentliche geistige Urheber +einer strafbaren Handlung sei, die er mit der unwillkürlichen Hilfe eines +anderen und unter bewußter Ausnutzung seiner Erregung vollführt habe. Der +Verteidiger empfahl dem Herrn Staatsanwalt die nähere Beschäftigung mit +dem Zeugen Heßling. Hier wandten viele sich nach Diederich um, und ihm +ward schwül. Aber die wegwerfende Miene des Vorsitzenden ermutigte ihn +wieder. + +Buck machte sein Organ milde und warm. Nein, er wolle nicht das Unglück +des Zeugen Heßling, den er als das Opfer eines weit Höheren betrachte. +„Warum häufen sich in diesen Zeiten die Anklagen wegen +Majestätsbeleidigung? Man wird sagen: infolge solcher Vorgänge wie die +Erschießung des Arbeiters. Ich erwidere: nein; sondern dank den Reden, die +diese Vorgänge begleiten.“ Sprezius rückte den Kopf, wetzte schon den +Schnabel, zog sich aber noch zurück. Buck ließ sich nicht stören; er +machte sein Organ männlich und stark. + +„Drohungen und überspannte Ansprüche auf der einen Seite zeitigen +Zurückweisungen auf der anderen. Der Grundsatz: wer nicht für mich ist, +ist wider mich, zieht eine grelle Grenze zwischen Byzantinern und +Majestätsbeleidigern.“ + +Da hackte Sprezius zu. „Herr Verteidiger, ich kann nicht dulden, daß Sie +an Worten des Kaisers hier Kritik üben. Wenn Sie damit fortfahren, wird +das Gericht Sie in Ordnungsstrafe nehmen.“ + +„Ich füge mich der Anordnung des Herrn Vorsitzenden“, sagte Buck, und die +Worte wurden in seinem Munde immer runder und gewichtiger. „Ich werde also +nicht vom Fürsten sprechen, sondern vom Untertan, den er sich formt; nicht +von Wilhelm dem Zweiten, sondern vom Zeugen Heßling. Sie haben ihn +gesehen! Ein Durchschnittsmensch mit gewöhnlichem Verstand, abhängig von +Umgebung und Gelegenheit, mutlos, solange hier die Dinge schlecht für ihn +standen, und von großem Selbstbewußtsein, sobald sie sich gewendet +hatten.“ + +Diederich auf seinem Platz schnaufte. Warum schützte Sprezius ihn nicht? +Es wäre seine Pflicht gewesen! Einen nationalgesinnten Mann ließ er in +öffentlicher Sitzung verächtlich machen – von wem? Vom Verteidiger, dem +berufsmäßigen Vertreter der subversiven Tendenzen! Da war etwas faul im +Staat!... Es begann in ihm zu kochen, wenn er Buck ansah. Das war der +Feind, der Antipode; da gab es nur eins: zerschmettern! Diese beleidigende +Menschlichkeit in Bucks dickem Profil! Man fühlte seine herablassende +Liebe zu den Worten, die er bildete, um Diederich zu kennzeichnen! + +„Wie er“, sagte Buck, „waren zu jeder Zeit viele Tausende, die ihr +Geschäft versahen und eine politische Meinung hatten. Was hinzukommt und +ihn zu einem neuen Typus macht, ist einzig die Geste: das Prahlerische des +Auftretens, die Kampfstimmung einer vorgeblichen Persönlichkeit, das +Wirkenwollen um jeden Preis, wäre er auch von anderen zu bezahlen. Die +Andersdenkenden sollen Feinde der Nation heißen, und wären sie zwei +Drittel der Nation. Klasseninteressen, mag sein, aber umgelogen durch +Romantik. Eine romantische Prostration vor einem Herrn, der seinem +Untertan von seiner Macht das Nötige leihen soll, um die noch kleineren +niederzuhalten. Und da es in Wirklichkeit und im Gesetz weder den Herrn +noch den Untertan gibt, erhält das öffentliche Leben einen Anstrich +schlechten Komödiantentums. Die Gesinnung trägt Kostüm, Reden fallen, wie +von Kreuzrittern, indes man Blech erzeugt oder Papier; und das Pappschwert +wird gezogen für einen Begriff wie den der Majestät, den doch kein Mensch +mehr, außer in Märchenbüchern, ernsthaft erlebt. Majestät ...“ wiederholte +Buck, das Wort durchschmeckend, und einige Hörer schmeckten es mit. Die +Leute vom Theater, denen es offenbar mehr auf die Worte als auf den Sinn +ankam, legten die Hand an die Ohren und murmelten beifällig. Den anderen +sprach Buck zu gewählt, und daß er an keinen Dialekt anklang, befremdete. +Aber Sprezius war im Sessel emporgestiegen, er kreischte beutegierig: +„Herr Verteidiger, zum letzten Male fordere ich Sie auf, die Person des +Monarchen nicht in die Debatte zu ziehen.“ Durch das Publikum lief eine +Bewegung. Wie Buck den Mund wieder öffnete, versuchte jemand zu klatschen, +Sprezius hackte noch rechtzeitig zu. Es war eins der auffallenden Mädchen +gewesen. + +„Erst der Herr Vorsitzende“, sagte Buck, „hat die Person des Monarchen +genannt. Aber, da sie nun genannt ist, darf ich, ohne Verlegenheit für das +Gericht, feststellen, daß diese Person durch die Vollständigkeit, mit der +sie im heute gegebenen Moment die Tendenzen des Landes ausdrückt und +darstellt, etwas fast Verehrungswürdiges bekommt. Ich will den Kaiser – +und der Herr Vorsitzende wird es nicht auf sich nehmen, mich zu +unterbrechen – einen großen Künstler nennen. Kann ich mehr tun? Wir alle +kennen nichts Höheres ... Ebendarum sollte es nicht erlaubt sein, daß +jeder mittelmäßige Zeitgenosse ihm nachäfft. Im Glanz des Thrones mag +einer seine zweifellos einzige Persönlichkeit spielen lassen, mag reden, +ohne daß wir mehr von ihm erwarten als Reden, mag blitzen, blenden, den +Haß imaginärer Rebellen herausfordern und den Beifall eines Parterres, das +seine bürgerliche Wirklichkeit darüber nicht vergißt ...“ + +Diederich erbebte; und alle hatten die Münder offen und gespannte Augen, +als bewegte Buck sich auf einem Seil zwischen zwei Türmen. Ob er stürzte? +Sprezius hielt den Schnabel gezückt. Aber kein Zug von Ironie zeichnete +die Miene des Verteidigers: es schwang sich etwas darin auf wie eine +erbitterte Begeisterung. Plötzlich ließ er die Mundwinkel fallen, grau +schien es um ihn her zu werden. + +„Aber ein Netziger Papierfabrikant?“ fragte er. Er war nicht gestürzt, er +hatte wieder Boden unter den Füßen! Nun sah alles sich nach Diederich um, +und man lächelte sogar. Auch Emmi und Magda lächelten. Buck hatte seine +Wirkung, und Diederich mußte sich leider sagen, daß ihr gestriges Gespräch +auf der Straße hierfür die Generalprobe gewesen sei. Er duckte sich unter +dem offenen Hohn des Redners. + +„Die Papierfabrikanten neigen heute dazu, sich eine Rolle anzumaßen, für +die sie nicht fabriziert sind. Zischen wir sie aus! Sie haben kein Talent! +Das ästhetische Niveau unseres öffentlichen Lebens, das vom Auftreten +Wilhelms des Zweiten eine so ruhmreiche Erhöhung erfahren hat, kann durch +Kräfte wie den Zeugen Heßling nur verlieren ... Und mit dem Ästhetischen, +meine Herren Richter, sinkt oder steigt das Moralische. Erlogene Ideale +ziehen unlautere Sitten nach sich, dem politischen Schwindel folgt der +bürgerliche.“ + +Buck hatte sein Organ streng gemacht. Zum ersten Male erhob er es nun bis +zum Pathos. + +„Denn, meine Herren Richter, ich beschränke mich nicht auf die +mechanistische Doktrin, die der Partei des sogenannten Umsturzes so teuer +ist. Mehr Veränderung als alle Wirtschaftsgesetze erzeugt in der Welt das +Beispiel eines großen Mannes. Und wehe, wenn es ein falsch verstandenes +Beispiel war! Dann kann es geschehen, daß über das Land sich ein neuer +Typus verbreitet, der in Härte und Unterdrückung nicht den traurigen +Durchgang zu menschlicheren Zuständen sieht, sondern den Sinn des Lebens +selbst. Schwach und friedfertig von Natur, übt er sich, eisern zu +scheinen, weil in seiner Vorstellung Bismarck es war. Und mit +unberechtigter Berufung auf einen noch Höheren wird er lärmend und +unsolide. Kein Zweifel: die Siege seiner Eitelkeit werden geschäftlichen +Zwecken dienen. Zuerst bringt die Komödie seiner Gesinnung einen +Majestätsbeleidiger ins Gefängnis. Später findet sich, was daran zu +verdienen ist. Meine Herren Richter!“ + +Buck breitete die Arme aus, als solle seine Toga die Welt umfassen, er +trug die gesammelte Miene eines Führers. Und er legte los, mit allem, was +er hatte. + +„Sie sind souverän; und Ihre Souveränität ist die erste und stärkste. In +Ihrer Hand ist das Schicksal des einzelnen. Sie können ihn in das Leben +schicken oder ihn sittlich töten – was kein Fürst kann. Die Norm aber der +Individuen, die Sie gutheißen oder verwerfen, bildet ein Geschlecht. Und +so haben Sie Macht über unsere Zukunft. Bei Ihnen liegt die unermeßliche +Verantwortung, ob künftig Männer wie der Angeklagte die Gefängnisse füllen +und Wesen wie der Zeuge Heßling der herrschende Teil der Nation sein +sollen. Entscheiden Sie sich zwischen den beiden! Entscheiden Sie sich +zwischen Streberei und mutiger Arbeit, zwischen Komödie und Wahrheit! +Zwischen einem, der, um selbst emporzukommen, Opfer verlangt, und dem +anderen, der Opfer darbringt, damit Menschen es besser haben! Der +Angeklagte hat getan, was erst wenige vermochten: er hat sich seines +Herrentums begeben, hat denen, die unter ihm standen, gleiches Recht +zugebilligt, Behagen und Hoffnungsfreude. Und jemand, der in seinem +Nächsten so sehr sich selbst achtet, sollte fähig sein, von der Person des +Kaisers mit Nichtachtung zu sprechen?“ + +Die Hörer atmeten. Mit neuen Gefühlen blickte man auf den Angeklagten, der +die Stirn in die Hand stützte, auf seine Frau, die starr vor sich hinsah. +Mehrere schluchzten. Der Vorsitzende sogar hatte eine betretene Miene. +Seine Lider klappten nicht mehr; mit runden Augen saß er da, als hätte +Buck ihn eingefangen. Der alte Kühlemann nickte achtungsvoll, und an +Jadassohn zeigten sich unwillkürliche Zuckungen. + +Aber Buck mißbrauchte seinen Erfolg, er ließ sich berauschen. „Das +Erwachen des Bürgers!“ rief er aus. „Die wahrhaft nationale Gesinnung! Die +stille Tat eines Lauer tut mehr dafür als hundert hallende Monologe selbst +eines gekrönten Künstlers!“ + +Sofort klappte Sprezius wieder; und man sah ihm an, er hatte sich +besonnen, wie die Dinge eigentlich lagen, und versprach sich, nicht zum +zweiten Male auf den Leim zu gehen. Jadassohn feixte; und im Saal fühlten +die meisten, der Verteidiger habe verspielt. Unter allgemeiner Unruhe ließ +der Vorsitzende ihn das Lob des Angeklagten beenden. + +Als Buck sich dann setzte, wollten die Schauspieler klatschen; aber +Sprezius hackte nicht einmal mehr zu, er warf nur einen gelangweilten +Blick hin und fragte, ob der Herr Staatsanwalt zu replizieren wünsche. +Jadassohn verneinte geringschätzig, und der Gerichtshof zog sich rasch +zurück. „Das Urteil wird bald gefunden sein“, sagte Diederich mit +Achselzucken – obwohl ihm von Bucks Rede noch arg beklommen war. „Gott sei +Dank!“ sagte die Schwiegermutter des Bürgermeisters. „Man sollte nicht +glauben, daß vor fünf Minuten die Leute noch obenauf waren.“ Sie wies auf +Lauer, der sich das Gesicht trocknete, und auf Buck, den wahrhaftig die +Schauspieler beglückwünschten. + +Schon kehrten die Richter zurück, und Sprezius verkündete das Urteil: +sechs Monate Gefängnis – was allen die natürlichste Lösung schien. Dazu +war noch auf Verlust der vom Angeklagten bekleideten öffentlichen Ämter +erkannt worden. + +Der Vorsitzende begründete das Urteil damit, daß eine beleidigende Absicht +zum Tatbestande des Delikts nicht erforderlich sei. Daher tue auch die +Frage, ob eine Provokation stattgefunden habe, nichts zur Sache. Im +Gegenteil: daß der Angeklagte es gewagt habe, vor national gesinnten +Zeugen so zu sprechen, falle erschwerend ins Gewicht. Die Behauptung des +Angeklagten, daß er nicht den Kaiser gemeint habe, sei vom Gericht für +hinfällig befunden. „Den Hörern der Rede mußte sich – namentlich bei ihrer +Parteistellung und der ihnen bekannten antimonarchischen Richtung des +Angeklagten – die Ansicht aufdrängen, daß seine Äußerung sich gegen den +Kaiser richte. Wenn der Angeklagte vorgibt, daß er sich wohl gehütet habe, +eine Majestätsbeleidigung zu begehen, so hat er eben nicht die Beleidigung +selbst, sondern nur ihre strafrechtlichen Folgen vermeiden wollen.“ + +Dies leuchtete allen ein, man fand es von Lauer begreiflich, aber +hinterlistig. Der Verurteilte ward sofort verhaftet; als man auch dies +noch miterlebt hatte zerstreute man sich, unter Bemerkungen, die ihm nicht +günstig waren. Nun war es wohl aus mit Lauer, denn was sollte in dem +halben Jahr, das er absitzen mußte, aus seinem Geschäft werden! Infolge +des Urteils war er auch nicht mehr Stadtverordneter. Er konnte künftig +weder nützen noch schaden! Dem Buckschen Klüngel, der so dick tat, war der +Denkzettel zu gönnen. Man sah sich nach der Frau des Sträflings um; aber +sie war verschwunden. „Nicht einmal die Hand hat sie ihm gegeben! Nette +Verhältnisse!“ + + + +Aber in den Tagen, die folgten, geschahen Dinge, die zu noch herberen +Urteilen nötigten. Judith Lauer hatte sofort ihre Koffer gepackt und war +nach dem Süden gereist. Nach dem Süden! – indes ihr leiblicher Mann dort +oben in der Vogtei saß, mit einer Wache unter seinem Gitterfenster. Und – +ein auffallendes Zusammentreffen! + +Landgerichtsrat Fritzsche nahm plötzlich Urlaub. Eine Karte von ihm aus +Genua gelangte an Doktor Heuteufel, der sie umherzeigte: wahrscheinlich, +um sein eigenes Benehmen in Vergessenheit zu bringen. Es wäre kaum noch +nötig gewesen, die Lauerschen Dienstboten und die armen verlassenen Kinder +auszuforschen: man wußte Bescheid! Der Skandal war so groß, daß die +„Netziger Zeitung“ eingriff, mit einer an die oberen Zehntausend +gerichteten Warnung, nicht den umstürzlerischen Tendenzen durch +Zügellosigkeit entgegenzukommen. In einem zweiten Artikel legte +Nothgroschen dar, daß man unrecht tue, Reformen, wie die in Lauers Betrieb +eingeführten, besonders zu rühmen. Denn was hatten die Arbeiter von der +Beteiligung? Im Durchschnitt, nach Lauers eigenen Aufstellungen, noch +nicht achtzig Mark im Jahr. Das konnte man ihnen auch in Form eines +Weihnachtsgeschenkes zuwenden! Aber freilich, dann war es keine +Demonstration mehr gegen die bestehende Gesellschaftsordnung! Dann hatte +auch die vom Gericht festgestellte antimonarchische Gesinnung des +Fabrikherrn nichts dabei zu gewinnen! Und wenn Herr Lauer auf den Dank der +Arbeiter gezählt hatte, konnte er sich jetzt eines Besseren belehren: +vorausgesetzt, so fügte Nothgroschen hinzu, daß er im Gefängnis das +sozialdemokratische Blatt zu lesen bekam. Denn das warf ihm vor, daß er +durch seine leichtsinnige Majestätsbeleidigung mehrere hundert +Arbeiterfamilien in ihrer Existenz gefährdet habe. + +Die „Netziger Zeitung“ trug der veränderten Lage noch in anderer, sehr +bezeichnender Weise Rechnung. Ihr Direktor Tietz wandte sich an das +Heßlingsche Werk wegen eines Teils der Papierlieferung. Die Auflage sei +gestiegen und Gausenfeld zur Zeit überlastet. Diederich sagte sich sofort, +daß dahinter der alte Klüsing selbst stecke. Er war beteiligt an der +Zeitung, ohne ihn geschah dort nichts. Wenn der etwas aus der Hand ließ, +fürchtete er offenbar, sonst noch mehr zu verlieren. Die Kreisblätter! Die +Lieferungen für die Regierung! Angst vor Wulckow, das war es. Daß +Diederich durch seine Zeugenaussage den Präsidenten auf sich aufmerksam +gemacht hatte, mußte der Alte wohl erfahren haben – obwohl er kaum mehr in +die Stadt kam. Die alte Papierspinne dort hinten in ihrem Netz, das über +die Provinz und noch weiter gespannt war, witterte Gefahr und ward +unruhig. „Er möchte mich abspeisen mit der ‚Netziger Zeitung‘! Aber so +billig tun wir’s nicht. In dieser harten Zeit! Hat er ’ne Ahnung von +meiner Großzügigkeit. Wenn ich erst Wulckow hinter mir habe: – ich beerbe +ihn einfach!“ sagte Diederich laut, mit einem Schlag auf das Schreibpult, +so daß Sötbier emporschrak. „Hüten Sie sich vor Aufregungen!“ höhnte +Diederich. „In Ihren Jahren, Sötbier! Ich gebe zu, früher haben Sie +manches geleistet für die Firma. Aber die Geschichte mit dem Holländer war +schlimm; da haben Sie mich entmutigt, und jetzt hätte ich ihn nötig für +die ‚Netziger Zeitung‘. Sie sollten sich ausruhen, es gelingt nichts +mehr.“ + +Zu den Folgen, die der Prozeß für Diederich hatte, gehörte auch ein Brief +des Majors Kunze. Dieser wünschte ein bedauerliches Mißverständnis +aufzuklären und teilte mit, daß der Aufnahme des hochverdienten Herrn +Doktors in den Kriegerverein nichts mehr im Wege stehe. Diederich, gerührt +durch seinen Triumph, hätte am liebsten gleich die beiden Hände des alten +Soldaten ergriffen. Glücklicherweise erkundigte er sich und erfuhr, daß +der Brief auf Herrn von Wulckow selbst zurückzuführen war! Der +Regierungspräsident hatte den Kriegerverein mit seinem Besuch beehrt und +sich gewundert, den Doktor Heßling nicht dort zu finden. Da ward Diederich +es inne, was für eine Macht er war. Er handelte demgemäß. Er antwortete +auf die private Eröffnung des Majors durch ein offizielles Schreiben an +den Verein und forderte den persönlichen Besuch von zwei Mitgliedern des +Vorstandes, der Herren Major Kunze und Professor Kühnchen. Sie kamen auch; +Diederich empfing sie, zwischen Geschäftsbesuchen, die er absichtlich auf +diese Stunde gelegt hatte, in seinem Bureau und diktierte ihnen die +Adresse, von deren Überreichung er die Annahme ihres ehrenvollen Antrags +abhängig machte. Darin ließ er sich bestätigen, daß er, mit glänzender +Unerschrockenheit allen Verleumdungen trotzend, seine treudeutsche und +kaisertreue Gesinnung bewährt habe. Durch sein Eingreifen sei es gelungen, +den vaterlandslosen Elementen Netzigs eine empfindliche Schlappe +beizubringen. Aus einem unter den größten persönlichen Opfern geführten +Kampf sei Diederich als lauterer, echt deutscher Charakter hervorgegangen. + +Bei der Feier seiner Aufnahme verlas Kunze die Adresse, und Diederich, +Tränen in der Stimme, bekannte sich unwürdig, so viel Lob +entgegenzunehmen. Wenn in Netzig die nationale Sache Fortschritte mache, +so sei dies, nächst Gott, einem Höheren zu danken, dessen erhabene +Weisungen er seinerseits in freudigem Gehorsam ausführe ... Alle, auch +Kunze und Kühnchen, waren bewegt. Es war ein großer Abend. Diederich +stiftete einen Pokal – und er hielt eine Rede, worin er die +Schwierigkeiten berührte, denen die neue Militärvorlage im Reichstage +begegnete. „Einzig unser scharfes Schwert“, rief Diederich aus, „sichert +unsere Stellung in der Welt, und es scharf zu erhalten, ist der Beruf +Seiner Majestät des Kaisers! Wenn der Kaiser ruft, wird es herausfliegen +aus der Scheide! Die Gesellschaft im Reichstag, die da was dreinreden +will, mag sich hüten, daß es sie nicht zuerst trifft! Mit Seiner Majestät +ist nicht zu spaßen, meine Herren, das kann ich Ihnen nur sagen.“ +Diederich blitzte, und er nickte schwerwiegend, als wüßte er manches. Im +selben Augenblick kam ihm wirklich ein Einfall. „Neulich auf dem +Brandenburgischen Provinziallandtag hat der Kaiser dem Reichstag den +Standpunkt klargemacht. Er hat gesagt: ‚Wenn die Kerls mir meine Soldaten +nicht bewilligen, räum’ ich die ganze Bude aus!‘“ – Das Wort erregte +Begeisterung; und als Diederich allen, die ihm zutranken, nachgekommen +war, hätte er nicht mehr sagen können, ob es von ihm selbst war oder nicht +doch vom Kaiser. Schauer der Macht strömten aus dem Wort auf ihn ein, als +wäre es echt gewesen ... Tags darauf stand es in der „Netziger Zeitung“ +und schon am Abend im „Lokal-Anzeiger“. Schlechtgesinnte Blätter +verlangten ein Dementi, aber es blieb aus. + + + + + + V. + + +Noch schwellten solche Hochgefühle Diederichs Brust, da bekamen Emmi und +Magda eine Einladung von Frau von Wulckow, nachmittags zum Tee. Es konnte +nur wegen des Stückes sein, das die Regierungspräsidentin beim nächsten +Fest der „Harmonie“ aufführen ließ. Emmi und Magda sollten Rollen +bekommen. Freudegerötet kehrten sie heim: Frau von Wulckow war überaus +gnädig gewesen; eigenhändig hatte sie ihnen immer wieder Kuchen auf den +Teller gelegt. Inge Tietz mochte platzen. Offiziere spielten mit! Man +brauchte besondere Toiletten; wenn Diederich vielleicht glaubte, daß sie +mit ihren fünfzig Mark –. Aber Diederich eröffnete ihnen einen +unbegrenzten Kredit. Nichts von dem, was sie kauften, fand er schön genug. +Das Wohnzimmer lag voll von Bändern und künstlichen Blumen, die Mädchen +verloren den Kopf, weil Diederich ihnen dreinredete: da kam Besuch, Guste +Daimchen. + +„Ich habe doch der glücklichen Braut noch gar nicht richtig gratuliert“, +sagte sie und versuchte gönnerhaft zu lächeln; aber ihre Augen gingen +besorgt über die Bänder und Blumen. „Das ist wohl auch für das dumme +Stück?“ fragte sie. „Wolfgang hat davon gehört, er sagt, es ist unerhört +dumm.“ Magda erwiderte: „Dir muß er es doch sagen, weil du nicht +mitspielst.“ Und Diederich erklärte: „Damit entschuldigt er sich dafür, +daß Sie seinetwegen bei Wulckows nicht eingeladen werden.“ Guste lachte +geringschätzig. „Auf Wulckows verzichten wir, aber zum Harmonieball gehen +wir gerade.“ Diederich fragte: „Wollen Sie den ersten Eindruck des +Prozesses nicht lieber vorübergehen lassen?“ Er sah sie teilnehmend an. +„Liebes Fräulein Guste, wir sind so alte Bekannte, ich darf Sie wohl +darauf hinweisen, daß Ihre Verbindung mit den Bucks Ihnen jetzt in der +Gesellschaft nicht gerade nützt.“ – Guste zuckte mit den Augen, man sah, +sie hatte sich das schon selbst gedacht. Magda bemerkte: „Gott sei Dank, +mit meinem Kienast ist es nicht so.“ Worauf Emmi: „Aber Herr Buck ist +interessanter. Neulich bei seiner Rede hab’ ich geweint, wie im Theater.“ +– „Und überhaupt!“ rief Guste ermutigt. „Erst gestern hat er mir diese +Tasche geschenkt.“ Sie hielt den vergoldeten Sack empor, nach dem Emmi und +Magda schon lange schielten. Magda sagte spitz: „Er hat wohl viel verdient +mit der Verteidigung. Kienast und ich, wir sind für Sparsamkeit.“ Aber +Guste hatte ihre Genugtuung gehabt. „Dann will ich auch nicht länger +stören“, sagte sie. + +Diederich begleitete sie hinunter. „Ich bringe Sie nach Haus, wenn Sie +artig sind,“ sagte er, „aber vorher muß ich noch einen Blick in die Fabrik +tun. Gleich wird Schicht gemacht.“ – „Ich kann ja mitgehen“, meinte Guste. +Um ihr zu imponieren, führte er sie geradeswegs zu der großen +Papiermaschine. „So was haben Sie wohl noch nicht gesehen?“ Und mit +Wichtigkeit erläuterte er ihr das System von Bassins, Walzen und +Zylindern, worüber hin, durch die ganze Länge des Saales, die Masse floß: +zuerst wässerig, dann immer trockener – und am Ende der Maschine lief auf +großen Rollen das fertige Papier ... Guste schüttelte den Kopf. „Nein so +was! Und der Krach, den sie macht! Und die Hitze hier!“ Diederich, mit +seiner Wirkung noch nicht zufrieden, fand einen Grund, um die Arbeiter +anzudonnern; und wie Napoleon Fischer dazukam, war nur er schuld! Beide +schrien gegen den Lärm der Maschine an, Guste verstand nichts; aber +Diederichs geheime Angst sah in dem dünnen Bart des Maschinenmeisters +immer das gewisse Grinsen, das an seine Mitwisserschaft in der +Angelegenheit des Holländers erinnerte und die offene Verleugnung jeder +Autorität war. Je heftiger Diederich sich gebärdete, desto ruhiger ward +der andere. Diese Ruhe war Aufruhr! Schnaufend und bebend öffnete +Diederich die Tür zum Packraum und ließ Guste eintreten. „Der Mann ist +Sozialdemokrat!“ erklärte er. „So ein Kerl wäre imstande, hier Feuer zu +legen. Aber ich entlass’ ihn nicht: nun gerade nicht! Wollen sehen, wer +der Stärkere ist. Die Sozialdemokratie nehme ich auf mich!“ Und da Guste +ihn bewundernd ansah: „Das hätten Sie wohl nicht gedacht, auf was für +einem gefahrvollen Posten unsereiner steht. Furchtlos und treu, ist mein +Wahlspruch. Sehen Sie, ich verteidige hier unsere heiligsten nationalen +Güter geradeso gut wie unser Kaiser. Dazu gehört mehr Mut, als wenn einer +vor Gericht schöne Reden hält.“ + +Guste sah es ein, sie hatte eine andächtige Miene. „Hier ist es kühler,“ +bemerkte sie, „wenn man aus der Hölle nebenan kommt. Die Frauen hier +können froh sein.“ – „Die?“ erwiderte Diederich. „Die haben es wie im +Paradies!“ Er führte Guste zu dem Tisch: eine der Frauen sortierte die +Bogen, eine zweite prüfte nach, und die dritte zählte immerfort bis +fünfhundert. Alles ging mit unerklärlicher Schnelligkeit; die Bogen flogen +ununterbrochen einander nach, wie von selbst und ohne Widerstand gegen die +arbeitenden Hände, die im endlos über sie hingehenden Papier sich +aufzulösen schienen: Hände und Arme, die Frau selbst, ihre Augen, ihr +Gehirn, ihr Herz. Das alles war da und lebte, damit die Bogen flogen ... +Guste gähnte – indes Diederich erklärte, daß diese Weiber, die im Akkord +arbeiteten, sich schändliche Nachlässigkeiten zuschulden kommen ließen. Er +wollte schon dazwischenfahren, weil ein Bogen mitflog, woran eine Ecke +fehlte. Aber Guste sagte plötzlich mit einer Art von Trotz: „Sie brauchen +sich übrigens nicht einzubilden, daß Käthchen Zillich sich für Sie +besonders interessiert ... Wenigstens nicht mehr als für gewisse andere +Leute“, setzte sie hinzu; und auf seine verwirrte Frage, was sie denn +meine, lächelte sie bloß anzüglich. „Ich muß Sie doch bitten“, wiederholte +er. Darauf nahm Guste ihre gönnerhafte Miene an. „Ich sage es nur zu Ihrem +Besten. Denn Sie scheinen nichts zu merken? Mit Assessor Jadassohn zum +Beispiel? Aber Käthchen ist überhaupt so eine.“ Jetzt lachte Guste laut, +so begossen sah Diederich aus. Sie ging weiter, und er folgte. „Mit +Jadassohn?“ forschte er angstvoll. Da hörte der Lärm der Maschine auf, die +Glocke ging, die den Schluß der Arbeit anzeigte, und über den Hof +entfernten sich schon Arbeiter. Diederich zuckte die Achseln. „Was +Fräulein Zillich macht, läßt mich kalt“, erklärte er. „Höchstens um den +alten Pastor tut es mir leid, wenn sie wirklich so eine ist. Wissen Sie +das denn genauer?“ Guste sah weg. „Überzeugen Sie sich doch selbst!“ +Worauf Diederich geschmeichelt lachte. + +„Lassen Sie das Gas brennen!“ rief er dem Maschinenmeister zu, der +vorbeiging. „Ich drehe selbst ab.“ Gerade ward der Lumpensaal weit +geöffnet für die Fortgehenden. „Oh!“ rief Guste, „dort drinnen ist es aber +romantisch!“ Denn sie erblickte dahinten in der Dämmerung lauter bunte +Flecken aus grauen Hügeln und darüber einen Wald von Ästen. „Ach“, sagte +sie im Nähertreten. „Ich dachte, weil es hier schon so dunkel ist ... Das +sind ja bloß Lumpensäcke und Heizungsrohre.“ Und sie verzog das Gesicht. +Diederich jagte die Arbeiterinnen empor, die trotz der Betriebsordnung +sich auf den Säcken ausruhten. Mehrere, kaum, daß die Arbeit fortgelegt +war, strickten schon, andere aßen. „Das könnte euch passen“, schnaubte er. +„Wärme schinden auf meine Kosten! Raus!“ Sie standen langsam auf, ohne ein +Wort, ohne Widerstand in der Miene; und vorbei an der fremden Dame, nach +der alle dumpf neugierig den Kopf wandten, trabten sie in ihren +Männerschuhen hinaus, schwerfällig wie eine Herde und umgeben von dem +Dunst, worin sie lebten. Diederich behielt jede scharf im Auge, bis sie +draußen war. „Fischer!“ schrie er plötzlich. „Was hat die Dicke da unterm +Tuch?“ Der Maschinenmeister erklärte mit seinem zweideutigen Grinsen: „Das +ist nur, weil sie was erwartet“, – worauf Diederich unzufrieden den Rücken +wandte. Er belehrte Guste. „Ich glaubte, ich hätte eine erwischt. Sie +stehlen nämlich Lumpen. Jawohl. Sie machen Kinderkleider draus.“ Und da +Guste die Nase rümpfte: „Das ist doch zu gut für die Proletenkinder!“ + +Mit den Spitzen ihrer Handschuhe hob Guste einen der Fetzen vom Boden. +Plötzlich hatte Diederich ihr Handgelenk gefangen und küßte es gierig, im +Spalt des Handschuhs. Erschreckt sah sie sich um. „Ach so, alle Leute sind +schon fort.“ Sie lachte selbstsicher. „Ich hab’ mir doch gleich gedacht, +was Sie jetzt noch in der Fabrik zu tun haben.“ Diederich machte ein +herausforderndes Gesicht. „Na und Sie? Warum sind Sie überhaupt gekommen +heute? Sie haben wohl gemerkt, daß ich doch nicht so ohne bin? Freilich +Ihr Wolfgang –. Jeder kann sich nicht so blamieren wie er, neulich vor +Gericht.“ Darauf sagte Guste entrüstet: „Seien Sie nur ganz still, Sie +werden doch nie so ein feiner Mann wie er.“ Aber ihre Augen sagten etwas +anderes. Diederich sah es; erregt lachte er auf. „Wie der es eilig hat mit +Ihnen! Wissen Sie auch, wofür er Sie ansieht? Für einen Kochtopf mit Wurst +und Kohl, und ich soll ihn umrühren!“ – „Jetzt lügen Sie“, sagte Guste +vernichtend; aber Diederich war im Zuge. „Ihm ist nämlich nicht genug +Wurst und Kohl drin. – Anfangs hat er natürlich auch gedacht, Sie hätten +eine Million geerbt. Aber für fünfzigtausend Mark ist solch ein feiner +Mann nicht zu haben.“ Da kochte Guste auf. Diederich fuhr zurück, so +gefährlich sah es aus. „Fünfzigtausend! Ihnen ist gewiß nicht wohl? Wie +komme ich dazu, daß ich mir das muß sagen lassen! Wo ich bare +dreihundertfünfzigtausend auf der Bank zu liegen hab’, in richtiggehenden +Papieren! Fünfzigtausend! Wer so etwas Ehrenrühriges von mir herumerzählt, +den kann ich überhaupt belangen!“ Sie hatte Tränen in den Augen; Diederich +stammelte Entschuldigungen. „Lassen Sie nur“ – und Guste benutzte ihr +Taschentuch. „Wolfgang weiß genau, woran er bei mir ist. Aber Sie selbst, +Sie haben den Schwindel geglaubt. Darum waren Sie auch so frech!“ rief +sie. Ihre rosigen Fettpolster zitterten vor Zorn, und die kleine +eingedrückte Nase war ganz weiß geworden. Er sammelte sich. „Daran sehen +Sie doch, daß Sie mir auch ohne Geld gefallen“, gab er zu bedenken. Sie +biß sich auf die Lippen. „Wer weiß“, sagte sie mit einem Blick von unten, +schmollend und unsicher. „Für Leute, wie Sie, sind fünfzigtausend auch +schon Geld.“ + +Er hielt es für angezeigt, eine Pause zu machen. Sie zog aus ihrem +goldenen Beutel den Puderquast, und sie setzte sich. „Ich bin wirklich +ganz echauffiert von Ihrem Betragen!“ Aber sie lachte wieder. „Haben Sie +mir vielleicht sonst noch etwas zu zeigen in Ihrer sogenannten Fabrik?“ Er +nickte bedeutsam. „Wissen Sie wohl, wo Sie jetzt sitzen?“ – „Na, auf einem +Lumpensack.“ – „Aber auf was für einem! In dieser Ecke, hinter den Säcken +hier hab’ ich mal einen Arbeiter und ein Mädchen ertappt, wie sie gerade: +Sie verstehen. Natürlich sind beide geflogen; und am Abend, jawohl, am +selben Abend –“ er hob den Zeigefinger, in seinen Augen entstand ein +Schauder höherer Dinge – „haben sie den Kerl totgeschossen, und das +Mädchen ist verrückt geworden.“ Guste sprang auf. „War das –? Ach Gott, +das war der Arbeiter, der den Wachtposten gereizt hat ...? Also hinter den +Säcken haben sie –?“ Ihre Augen gingen über die Säcke, als suchte sie Blut +darauf. Sie hatte sich nahe zu Diederich geflüchtet. Plötzlich sahen sie +einander in die Augen: darin bewegten sich die gleichen abgründigen +Schauder, des Lasters oder des Übersinnlichen. Sie atmeten hörbar einander +an. Guste schloß, eine Sekunde lang, die Lider: da plumpsten sie auch +schon beide auf die Säcke, rollten, ineinander verwickelt, hinab und durch +den dunkeln Raum dahinter, schlugen um sich, keuchten und prusteten, als +seien sie dort unten am Ertrinken. + +Guste zuerst erreichte wieder das Licht. Den Fuß, an dem er sie festhalten +wollte, stieß sie ihm ins Gesicht und sprang heraus, daß es krachte. Als +Diederich sich glücklich ihr nachgearbeitet hatte, standen sie da und +schnauften. Gustes Busen, Diederichs Bauch gingen beide im Sturm. Sie +erlangte vor ihm die Sprache zurück. „Das müssen Sie mit ’ner andern +versuchen! Wie komm’ ich überhaupt dazu!“ Immer erbitterter: „Ich hab’ +Ihnen doch gesagt, daß es dreihundertfünfzigtausend sind!“ Diederich +bewegte die Hand, um auszudrücken, daß er seinen Mißgriff zugebe. Aber +Guste schrie auf: „Und wie ich aussehe! Soll ich so vielleicht durch die +Stadt gehen?“ Er erschrak aufs neue und lachte ratlos. Sie stampfte auf. +„Haben Sie denn keine Bürste?“ Gehorsam machte er sich auf den Weg; Guste +rief ihm nach: „Daß gefälligst Ihre Schwestern nichts merken! Sonst reden +morgen die Leute von mir!“ Er ging nur bis an das Kontor. Wie er +zurückkehrte, saß Guste wieder auf dem Sack, das Gesicht in den Händen, +und durch ihre lieben, dicken Finger rannen Tränen. Diederich blieb +stehen, hörte ihrem Wimmern zu, und auf einmal begann er auch zu weinen. +Mit tröstender Hand bürstete er sie ab. „Es ist doch nichts geschehen“, +wiederholte er. Guste stand auf. „Das wäre auch noch schöner“, – und sie +musterte ihn mit Ironie. Da faßte auch Diederich Mut. „Ihr Herr Bräutigam +braucht es ja nicht zu wissen“, bemerkte er. Und Guste: „Wenn schon!“ – +wobei sie sich auf die Lippen biß. + +Betroffen durch dies Wort bürstete er schweigend weiter, zuerst sie, dann +sich, indes Guste ihre Kleider glättete. „Nun los!“ sagte sie. „Eine +Papierfabrik sehe ich mir so bald nicht wieder an.“ Er spähte ihr unter +den Hut. „Wer weiß“, sagte er. „Denn daß Sie Ihren Buck lieben, das glaub’ +ich Ihnen seit fünf Minuten nicht mehr.“ Schnell rief Guste: „O doch!“ Und +ohne Pause fragte sie: „Was bedeutet denn das Zeug hier?“ + +Er erklärte: „Das ist der Sandfang, durch die Rinne schwemmen wir die +Lumpen; Knöpfe und so weiter bleiben zurück, wie Sie sehen. Die Leute +haben natürlich wieder nicht aufgeräumt.“ Mit der Schirmspitze stocherte +sie in dem Haufen; er setzte hinzu: „Im Jahr behalten wir mehrere Säcke +Überbleibsel!“ – „Und was ist das da?“ fragte Guste und griff rasch hin, +nach etwas, das glänzte. Diederich riß die Augen auf. „Ein Brillantknopf!“ +Sie ließ ihn funkeln. „Echt sogar! Wenn Sie öfter so was finden, ist Ihr +Geschäft nicht so übel.“ Diederich sagte zweifelnd: „Den muß ich natürlich +abliefern.“ Sie lachte. „An wen denn? Die Abfälle gehören doch Ihnen!“ Er +lachte auch. „Na, nicht gerade die Brillanten. Wir werden schon noch +ausfindig machen, wer uns das geliefert hat.“ Guste sah ihn von unten an. +„Sie sind schön dumm“, sagte sie. Er erwiderte mit Überzeugung: „Nein! +Sondern ich bin ein Ehrenmann!“ Darauf hob sie nur die Schultern. Langsam +zog sie den linken Handschuh aus und legte sich den Brillanten auf den +kleinen Finger. „Er muß als Ring gefaßt werden!“ rief sie aus, wie +erleuchtet, betrachtete versunken ihre Hand und seufzte. „Na, sollen ihn +andere Leute finden!“ – und unvermutet warf sie den Knopf zurück in die +Lumpen. „Sind Sie verrückt?“ Diederich bückte sich, sah ihn nicht gleich +und ließ sich schnaufend auf die Knie. In der Hast warf er alles +durcheinander. „Gott sei Dank!“ Er hielt ihr den Brillanten hin; aber +Guste nahm ihn nicht. „Ich gönne ihn dem Arbeiter, der ihn morgen zuerst +sieht. Der steckt ihn ein, darauf können Sie sich verlassen, der ist nicht +so dumm.“ – „Ich auch nicht“, erklärte Diederich. „Denn wahrscheinlich +wäre der Stein doch weggeworfen worden. Unter solchen Umständen brauche +ich es nicht für inkorrekt zu halten –.“ Er legte den Brillanten wieder +auf ihren Finger. „Und wenn es auch inkorrekt wäre, er steht Ihnen so +gut.“ Guste sagte überrascht: „Wieso? Wollen Sie ihn mir denn schenken?“ +Er stammelte: „Sie haben ihn ja gefunden, da muß ich wohl.“ Da jubelte +Guste. „Das wird mein schönster Ring!“ – „Warum?“ fragte Diederich, voll +banger Hoffnung. Guste sagte ausweichend: „Überhaupt ...“ Und mit einem +plötzlichen Blick: „Weil er nichts kostet, wissen Sie.“ Hierüber errötete +Diederich, und sie sahen einander blinzelnd in die Augen. + +„Ach Herr Gott!“ rief Guste plötzlich. „Es muß schrecklich spät sein. +Schon sieben? Was sag’ ich nur meiner Mutter?... Ich weiß, ich sag’ ihr, +ich hab’ bei einem Trödler den Brillanten entdeckt, und er hat gedacht, er +ist unecht, und hat bloß fünfzig Pfennig verlangt!“ Sie öffnete ihren +goldenen Sack und ließ den Knopf hineinfallen. „Also adieu ... Aber Sie +sehen aus! Wenigstens müssen Sie sich die Krawatte binden.“ Im Sprechen +tat sie es schon selbst. Er fühlte ihre warmen Hände unter seinem Kinn; +ihre feuchten, dicken Lippen bewegten sich ganz nahe. Ihm ward heiß, er +hielt den Atem zurück. „So“, machte Guste und brach ernstlich auf. „Ich +drehe nur das Gas ab“, rief er ihr nach. „Warten Sie doch!“ – „Ich warte +schon“, antwortete sie von draußen; – aber als er auf den Hof trat, war +sie fort. Verdutzt sperrte er die Fabrik zu und redete laut dabei vor sich +hin. „Nun sag’ mir einer, ist das Instinkt oder Berechnung?“ Er schüttelte +sorgenvoll den Kopf über das ewige Rätsel der Weiblichkeit, das in Guste +verkörpert war. + + + +Vielleicht, so sagte sich Diederich, ging es vorwärts mit Guste, freilich +ging es langsam. Die Ereignisse, die sich um den Prozeß gruppierten, +hatten ihr Eindruck gemacht, aber noch nicht genug. Auch hörte er nichts +mehr von Wulckow. Nach dem so viel versprechenden Schritt des +Regierungspräsidenten beim Kriegerverein wartete Diederich unbedingt auf +weiteres: eine Heranziehung, eine vertrauliche Verwendung, er wußte nicht +wie und was. Der Harmonieball konnte es bringen; warum hatten sonst die +Schwestern Rollen bekommen im Stück der Präsidentin. Nur dauerte alles zu +lange für Diederichs Tatenlust. Es war eine Zeit voll Unruhe und Drang. +Man quoll über von Hoffnungen, Aussichten, Plänen; in jeden Tag, der +anfing, hätte man das alles auf einmal ergießen wollen; und wenn er aus +war, war er leer geblieben. Ein Trieb nach Bewegung erfaßte Diederich. +Mehrmals versäumte er den Stammtisch und ging spazieren, ohne Ziel und ins +Freie, was sonst nicht vorkam. Er kehrte dem Mittelpunkt der Stadt den +Rücken, stapfte mit dem Schritt eines von Tatkraft schweren Mannes die +abendlich leere Meisestraße zu Ende, durchmaß die lange Gäbbelchenstraße, +mit den vorstädtischen Gasthäusern, bei denen Fuhrleute ein- oder +ausspannten, und kam auch unter der Vogtei vorbei. Dort oben saß, bewacht +von einem Gitterfenster und einem Soldaten, der Herr Lauer, der sich dies +nicht hatte träumen lassen. „Hochmut kommt vor dem Fall“, dachte +Diederich. „Wie man sich bettet, so liegt man.“ Und obwohl er den +Ereignissen, die den Fabrikbesitzer in die Vogtei geführt hatten, nicht +ganz fremd war, schien Lauer ihm jetzt ein Wesen mit einem Kainsmal, ein +unheimlicher Gesell. Einmal glaubte er im Hof des Gefängnisses eine +Gestalt zu bemerken. Es war schon zu dunkel, aber vielleicht –? Ein +Gruseln überlief Diederich, und er enteilte. + +Hinter dem Burgtor führte die Landstraße zu dem Hügel mit der +Schweinichenburg, wo einst der kleine Diederich gemeinsam mit Frau Heßling +das Grausen vor dem Burggespenst genossen hatte. Solche Kindereien lagen +ihm jetzt fern; – vielmehr bog er jedesmal, bald hinter dem Tor, in die +Gausenfelder Straße ein. Er hatte es sich nicht vorgenommen und tat es nur +zögernd, denn es wäre ihm nicht lieb gewesen, wenn jemand ihn auf diesem +Wege überrascht hätte. Aber es ließ ihn nicht: die große Papierfabrik zog +ihn an wie ein verbotenes Paradies, er mußte ihr auf einige Schritte +nahekommen, sie umkreisen, über ihre Mauer schnüffeln ... Eines Abends +ward Diederich aus dieser Tätigkeit aufgeschreckt durch Stimmen, die im +Dunkeln schon ganz nahe waren. Kaum daß er noch Zeit behielt, sich in den +Graben zu kauern. Und während die Leute, wahrscheinlich Angestellte der +Fabrik, die sich verspätet hatten, an seinem Versteck vorüberkamen, +drückte Diederich die Augen zu, aus Furcht, und auch weil er fühlte, ihr +begehrliches Funkeln hätte ihn verraten können. + +Als er schon wieder beim Burgtor war, hatte er noch immer Herzklopfen und +sah sich nach einem Glas Bier um. Gleich im Winkel des Tores stand der +„Grüne Engel“, eins der niedersten Gasthäuser, krumm vor Alter, schmutzig +und übel beleumdet. Soeben verschwand in dem gewölbten Gang eine +Frauensperson. Diederich, von jäher Abenteuerlust gepackt, drang +hinterdrein. Wie sie das rötliche Licht einer Stallaterne durchschreiten +mußte, wollte die Person ihr Gesicht, das verschleiert war, auch noch mit +dem Muff bedecken; aber Diederich hatte sie schon erkannt. „Guten Abend, +Fräulein Zillich!“ – „Guten Abend, Herr Doktor!“ Und da standen sie beide +mit offenem Munde. Käthchen Zillich war die erste, die etwas +hervorbrachte, von Kindern, die hier im Hause wohnten, und die sie in die +Sonntagsschule ihres Vaters bringen sollte. Diederich setzte zum Sprechen +an, aber sie redete weiter, immer hastiger. Nein, die Kinder wohnten +eigentlich nicht hier, aber ihre Eltern verkehrten in der Schenke, und die +Eltern durften nichts wissen von der Sonntagsschule, denn sie waren +Sozialdemokraten ... Sie faselte; und Diederich, der zuerst nur an sein +eigenes schlechtes Gewissen gedacht hatte, ward darauf hingewiesen, daß +Käthchen in einer noch viel verdächtigeren Lage sei. Er ersparte es sich +also, seine Anwesenheit im „Grünen Engel“ zu erklären, und schlug einfach +vor, dann könne man in der Gaststube auf die Kinder warten. Käthchen +weigerte sich angstvoll, irgend etwas zu verzehren, aber Diederich +bestellte aus eigener Machtvollkommenheit auch für sie Bier. „Prost!“ +sagte er, und in seiner Miene lag die ironische Erinnerung daran, daß sie +bei ihrer letzten Zusammenkunft im traulichen Wohnzimmer des Pfarrhauses +sich beinahe verlobt hätten. Käthchen ward unter ihrem Schleier rot und +blaß und verschüttete ihr Bier. Immerfort flatterte sie kraftlos vom Stuhl +auf und wollte fort; aber Diederich hatte sie hinter den Tisch in die Ecke +geschoben und saß breit davor. „Nun müssen die Kinder aber gleich kommen!“ +sagte er gutmütig. Statt ihrer kam Jadassohn: plötzlich stand er da und +sah versteinert aus. Auch die beiden anderen regten sich nicht. „Also +doch!“ dachte Diederich. Jadassohn schien etwas Ähnliches zu denken; +keiner der Herren fand Worte. Käthchen begann wieder von Kindern und +Sonntagsschulen. Sie sprach flehend und weinte fast. Jadassohn hörte ihr +mit Mißbilligung zu, er ließ sogar die Bemerkung fallen, gewisse +Geschichten seien ihm zu verwickelt, – und er blickte inquisitorisch auf +Diederich. + +„Im Grunde“, versetzte Diederich, „ist es doch einfach. Fräulein Zillich +sucht hier nach Kindern, und wir beide helfen ihr.“ + +„Ob sie eins kriegt, kann man nicht wissen“, ergänzte Jadassohn +schneidend; da sagte Käthchen: „Und von wem auch nicht.“ + +Die Herren setzten die Gläser hin. Käthchen hatte es aufgegeben zu weinen, +sie schob sogar den Schleier hinauf und sah mit merkwürdig hellen Augen +von einem zum andern. Ihre Stimme hatte etwas Offenes, Unverblümtes +bekommen. „Na ja, wenn Sie nun doch mal beide da sind“, setzte sie hinzu, +indes sie aus Jadassohns Dose eine Zigarette nahm; und dann leerte sie auf +einen Zug den Kognak, der vor Diederich stand. Jetzt war es an Diederich, +nach Fassung zu ringen. Jadassohn schien nicht unbekannt mit Käthchens +anderem Gesicht. Die beiden fuhren fort, Doppelsinnigkeiten auszutauschen, +bis Diederich sich gegen Käthchen entrüstete. „Heute lernt man Sie aber +gründlich kennen!“ rief er und schlug auf den Tisch. Sofort hatte Käthchen +ihr Damengesicht zurück. „Was meinen Sie eigentlich, Herr Doktor?“ +Jadassohn ergänzte: „Ich nehme an, daß Sie der Ehre der Dame nicht zu nahe +treten wollen!“ – „Ich meine nur,“ stammelte Diederich, „so gefällt +Fräulein Zillich mir viel besser.“ Er rollte die Augen vor Ratlosigkeit. +„Neulich, wie wir uns beinahe verlobt hätten, hat sie mir nicht halb so +gefallen.“ Da lachte Käthchen los: ein Gelächter, ganz frei aus dem +Herzen, wie Diederich es auch noch nicht kannte. Ihm ward warm dabei, er +lachte mit, Jadassohn auch, alle drei wälzten sich lachend auf ihren +Stühlen umher und riefen nach mehr Kognak. + +„Nun muß ich aber gehen,“ sagte Käthchen, „sonst kommt Papa vor mir nach +Haus. Er hat Krankenbesuche gemacht; dabei verteilt er immer solche +Bilder.“ Sie zog zwei bunte Bildchen aus ihrer ledernen Tasche. „Da haben +Sie auch welche.“ Jadassohn bekam die Sünderin Magdalena, Diederich das +Lamm mit dem Hirten; er war nicht zufrieden. „Ich will auch eine +Sünderin.“ Käthchen suchte, fand aber keine mehr. „Also bleibt es bei dem +Schaf“, entschied sie, und man zog ab, Käthchen in der Mitte eingehängt. +Ruckweise und in weitem Bogen schwenkten alle drei sich durch die schlecht +beleuchtete Gäbbelchenstraße dahin, wobei sie ein Kirchenlied sangen, das +Käthchen angestimmt hatte. An einer Ecke erklärte sie, eilen zu müssen, +und verschwand in der Seitengasse. „Adieu Schaf!“ rief sie Diederich zu, +der ihr vergeblich nachstrebte. Jadassohn hielt ihn fest, und plötzlich +nahm er seine staatserhaltende Stimme an, um Diederich zu überzeugen, daß +dies alles nur ein zufälliger Scherz sei. „Es liegt durchaus nichts +Mißverständliches vor, das möchte ich feststellen.“ + +„Ich denke nicht daran, hier etwas mißzuverstehen“, sagte Diederich. + +„Und wenn ich“, fuhr Jadassohn fort, „den Vorzug hätte, von der Familie +Zillich für eine nähere Verbindung in Aussicht genommen zu sein, dieser +Vorfall würde mich keineswegs abhalten. Ich folge nur einer Ehrenpflicht, +wenn ich dies ausspreche.“ + +Diederich erwiderte: „Ich weiß Ihr korrektes Verhalten voll und ganz zu +würdigen.“ Darauf schlugen die Herren die Absätze zusammen, schüttelten +einander die Hände und trennten sich. + +Käthchen und Jadassohn hatten beim Abschied ein Zeichen ausgetauscht; +Diederich war überzeugt, sie würden sich gleich jetzt wieder im „Grünen +Engel“ zusammenfinden. Er öffnete den Winterrock, ein Hochgefühl schwellte +ihn, weil er eine bösartige Falle aufgedeckt und sich streng kommentmäßig +aus der Sache gezogen hatte. Er empfand eine gewisse Achtung und Sympathie +für Jadassohn. Auch er selbst würde so gehandelt haben! Unter Männern +verständigte man sich. Aber so ein Weib! Käthchens anderes Gesicht, die +Pfarrerstochter, der unvermutet das entfesselte Weib ins Gesicht gestiegen +war, dies tückische Doppelwesen, so fremd der Biederkeit, die Diederich am +Grunde seines eigenen Herzens wußte: es erschütterte ihn wie ein Blick ins +Bodenlose. Er knöpfte den Rock wieder zu. Es gab also noch andere Welten +außerhalb der bürgerlichen, als nur die, worin jetzt der Herr Lauer lebte. + +Schnaufend setzte er sich zum Abendessen. Seine Stimmung schien so +bedrohlich, daß die drei Frauen Schweigen bewahrten. Frau Heßling nahm +ihren Mut zusammen. „Schmeckt es dir nicht, mein lieber Sohn?“ Anstatt +einer Antwort herrschte Diederich die Schwestern an. „Mit Käthchen Zillich +verkehrt ihr nicht mehr!“ Da sie ihn ansahen, errötete er und stieß +drohend aus: „Sie ist eine Verworfene!“ Aber sie verzogen nur den Mund; +und auch die furchtbaren Andeutungen, in denen er sich polternd erging, +schienen sie nicht weiter aufzuregen. „Du sprichst wohl von Jadassohn?“ +fragte Magda endlich, ganz gelassen. Diederich fuhr zurück. Sie waren also +eingeweiht und mitverschworen: alle Weiber wahrscheinlich. Auch Guste +Daimchen! Die hatte schon einmal davon angefangen. Er mußte sich die Stirn +trocknen. Magda sagte: „Wenn du vielleicht ernste Absichten gehabt hast +bei Käthchen, uns hast du ja nicht gefragt“, worauf Diederich, um sein +Ansehen zu verteidigen, dem Tisch einen Stoß gab, daß alle aufkreischten. +Er verbitte sich derartige Zumutungen, schrie er. Es gebe hoffentlich noch +anständige Mädchen. Frau Heßling bat zitternd: „Du brauchst ja nur deine +Schwestern anzusehen, mein lieber Sohn.“ Und Diederich sah sie wirklich +an; er blinzelte, und er überlegte zum erstenmal, nicht ohne Bangen, was +diese beiden weiblichen Wesen, die seine Schwestern waren, bisher wohl mit +ihrem Leben angefangen hatten ... „Ach was,“ entschied er und richtete +sich stramm auf, „euch zieht man einfach die Kandare fester. Wenn ich eine +Frau habe, die soll sich wundern!“ Da die Mädchen einander zulächelten, +erschrak er, denn er hatte an Guste Daimchen gedacht, und vielleicht +dachten auch sie mit ihrem Lächeln an Guste? Zu trauen war keiner. Er sah +Guste vor sich, weißblond, mit dem dicken, rosigen Gesicht. Ihre +fleischigen Lippen öffneten sich, sie streckte ihm die Zunge heraus. Das +hatte vorhin Käthchen Zillich getan, als sie ihm „Adieu Schaf!“ zurief, +und Guste, die ihr im Typus so ähnlich war, würde mit ausgestreckter Zunge +und in halbbetrunkenem Zustand genau so ausgesehen haben! + +Magda sagte eben: „Käthchen ist schön dumm; aber begreiflich ist es ja, +wenn man so lange warten muß und keiner kommt.“ + +Sofort griff Emmi ein. „Wen meinst du, bitte? Wenn Käthchen sich mit +irgendeinem Kienast begnügt hätte, würde sie wohl auch nicht mehr warten.“ + +Magda, im Bewußtsein, die Tatsachen für sich zu haben, blähte einfach ihre +Bluse auf und schwieg. + +„Überhaupt“, Emmi warf die Serviette hin und erhob sich. „Wie kannst du +das gleich glauben, was die Männer von Käthchen reden. Das ist +abscheulich, sollen wir denn alle wehrlos sein gegen ihren Klatsch?“ +Empört ließ sie sich in der Ecke nieder und begann zu lesen. Magda hob nur +die Schultern – indes Diederich angstvoll und vergeblich nach einem +Übergang suchte, um zu fragen, ob vielleicht auch Guste Daimchen –? Bei +einer so langen Verlobung –? „Es gibt Situationen,“ äußerte er, „wo es +nicht mehr Klatsch ist.“ Da schleuderte Emmi auch das Buch hin. + +„Und wenn schon! Käthchen tut, was sie will! Wir Mädchen haben ebensogut +wie ihr das Recht, unsere Individualität auszuleben! Die Männer sollen +froh sein, wenn sie uns dann nachher noch kriegen!“ + +Diederich stand auf. „Das will ich in meinem Hause nicht hören“, sagte er +ernst, und er blitzte Magda so lange an, bis sie nicht mehr lachte. + +Frau Heßling brachte ihm die Zigarre. „Von meinem Diedel weiß ich ganz +genau, daß er so eine niemals heiraten wird;“ – sie streichelte ihn +tröstend. Er versetzte mit Nachdruck: „Ich kann mir nicht denken, Mutter, +daß ein echter deutscher Mann das jemals getan hat.“ + +Sie schmeichelte. „O, alle sind nicht so ideal wie mein lieber Sohn. +Manche denken materieller und nehmen mit dem Geld auch mal was in den +Kauf, worüber die Leute reden.“ Unter seinem gebieterischen Blick +schwatzte sie angstvoll weiter. „Zum Beispiel Daimchen. Gott, nun er ist +tot, und es kann ihm gleich sein, aber seinerzeit hat man doch viel +geredet.“ Jetzt sahen alle drei Kinder sie fordernd an. „Na ja,“ erklärte +sie schüchtern. „Das mit Frau Daimchen und dem Herrn Buck. Guste kam doch +zu früh.“ + +Nach diesem Ausspruch mußte Frau Heßling sich hinter den Ofenschirm +zurückziehen, denn alle drei drangen gleichzeitig auf sie ein. „Das ist +das Neueste!“ riefen Emmi und Magda. „Also wie war die Geschichte!“ +Wogegen Diederich donnernd dem Weiberklatsch Einhalt gebot. „Wenn wir +deinen Männerklatsch angehört haben!“ riefen die Schwestern und suchten +ihn fortzudrängen von dem Ofenschirm. Die Mutter sah händeringend in das +Handgemenge. „Ich habe doch nichts gesagt, Kinder! Nur damals sagten es +alle, und der Herr Buck hat der Frau Daimchen doch auch die Mitgift +geschenkt.“ + +„Also daher!“ rief Magda. „So sehen in der Familie Daimchen die Erbonkel +aus! Daher die goldenen Taschen!“ + +Diederich verteidigte Gustes Erbschaft. „Sie kommt aus Magdeburg!“ + +„Und der Bräutigam?“ fragte Emmi. „Kommt der auch aus Magdeburg?“ + +Plötzlich verstummten alle und sahen einander an, wie betäubt. Dann kehrte +Emmi ganz still auf das Sofa zurück, sie nahm sogar das Buch wieder auf. +Magda fing an, den Tisch abzuräumen. Auf den Ofenschirm, hinter dem Frau +Heßling sich duckte, schritt Diederich zu. „Siehst du nun, Mutter, wohin +es führt, wenn man seine Zunge nicht hütet? Du willst doch wohl nicht +behaupten, daß Wolfgang Buck seine eigene Schwester heiratet.“ Wimmernd +kam es aus der Tiefe: „Ich kann doch nichts dafür, mein lieber Sohn. Ich +dachte schon längst nicht mehr an die alte Geschichte, und es ist ja auch +nicht sicher. Kein lebender Mensch weiß mehr etwas.“ Aus ihrem Buch heraus +warf Emmi dazwischen: „Der alte Herr Buck wird wohl wissen, wo er jetzt +das Geld für seinen Sohn holt.“ Und in das Tischtuch hinein, das sie +faltete, sagte Magda: „Es soll manches vorkommen.“ Da hob Diederich die +Arme, als habe er die Absicht, den Himmel anzurufen. Rechtzeitig +unterdrückte er aber das Entsetzen, das ihn übermannen wollte. „Bin ich +denn hier unter Räuber und Mörder gefallen?“ fragte er sachlich und ging +in strammer Haltung zur Tür. Dort wandte er sich um. „Ich kann euch +natürlich nicht hindern, eure feine Wissenschaft in die Stadt +hinauszuposaunen. Was mich betrifft, ich werde erklären, daß ich mit euch +nichts mehr zu tun habe. In die Zeitung werde ich es setzen!“ Und er ging +ab. + +Er vermied den Ratskeller und bedachte einsam bei Klappsch eine Welt, in +der solche Greuel umgingen. Dagegen war mit kommentmäßigem Verhalten +freilich nicht aufzukommen. Wer den Bucks ihren schändlichen Raub abjagen +wollte, durfte auch vor starken Mitteln nicht zurückschrecken. „Mit +gepanzerter Faust“, sagte er ernst in sein Bier hinein; und das +Deckelklappen, womit er das vierte Glas herbeirief, klang wie +Schwertgeklirr ... Nach einer Weile verlor seine Haltung an Härte; +Bedenken kamen. Sein Eingreifen würde immerhin bewirken, daß die ganze +Stadt mit den Fingern auf Guste Daimchen zeigte. Kein Mann, der halbwegs +Komment hatte, heiratete solch ein Mädchen noch. Diederichs eigenstes +Empfinden sagte es ihm, seine eingewurzelte Erziehung zur Mannhaftigkeit +und zum Idealismus. Schade! Schade um Gustes dreihundertfünfzigtausend +Mark, die nun herrenlos und ohne Bestimmung waren. Die Gelegenheit wäre +günstig gewesen, ihnen eine zu geben ... Diederich schüttelte den Gedanken +mit Entrüstung ab. Er erfüllte nur seine Pflicht! Ein Verbrechen galt es +zu verhindern. Das Weib mochte dann sehen, wo es blieb im Kampf der +Männer. Was lag an einem dieser Geschöpfe, die ihrerseits, Diederich hatte +es erfahren, jedes Verrates fähig waren. Nur noch des fünften Glases +bedurfte es, und sein Entschluß stand fest. + +Beim Morgenkaffee bekundete er ein großes Interesse für die Toiletten der +Schwestern zum Harmonieball. Zwei Tage nur mehr, und noch nichts fertig! +Die Hausschneiderin war so selten zu haben gewesen, sie nähte jetzt bei +Bucks, Tietz’, Harnischs und überall. Die große Inanspruchnahme dieses +Mädchens schien Diederich geradezu mit Bewunderung zu erfüllen. Er erbot +sich, selbst hinzugehen und sie, koste es was es wolle, zur Stelle zu +schaffen. Nicht ohne Mühe gelang es ihm. Zum zweiten Frühstück begab er +sich alsdann so geräuschlos, daß nebenan im Wohnzimmer das Gespräch nicht +gestört ward. Gerade erging sich die Hausschneiderin in Anspielungen auf +einen Skandal, der bestimmt sei, alles Dagewesene in den Schatten zu +stellen. Die Schwestern schienen ganz ahnungslos, und als endlich Namen +fielen, zeigten sie sich entsetzt und ungläubig. Frau Heßling beklagte es +am lautesten, daß Fräulein Gehritz so etwas auch nur denken könne. Die +Schneiderin beteuerte dagegen, in der ganzen Stadt wisse man es schon. +Soeben komme sie von der Bürgermeisterin Scheffelweis, deren Mutter +geradezu verlangt habe, daß ihr Schwiegersohn einschreite! Dennoch machte +es ihr Mühe, die Damen zu überzeugen. Diederich hatte den Vorgang eher +umgekehrt erwartet. Er war zufrieden mit den Seinen. Aber hatten denn die +Wände tatsächlich Ohren gehabt? Man war zu glauben versucht, daß ein +Gerücht, in einem verschlossenen Zimmer ausgebrochen, mit dem Rauch des +Ofens hinaus und über die ganze Stadt zog. + +Beruhigt war er trotzdem noch nicht. Er sagte sich, daß das gesunde +Empfinden des arbeitenden Volkes unter Umständen ein Faktor sei, den man +billigen und sogar benutzen könne. Bis zum Mittagessen ging er um Napoleon +Fischer herum: da – es läutete schon – entstand bei der Satiniermaschine +ein gellendes Geschrei, und Diederich und der Maschinenmeister, die +gleichzeitig hinstürzten, zogen gemeinsam den Arm einer jungen Arbeiterin +heraus, der von einer Stahlwalze ergriffen worden war. Er troff von +schwarzem Blut, Diederich ließ sofort nach dem städtischen Krankenhaus +telephonieren. Inzwischen, so übel der Anblick des Armes ihm machte, blieb +er selbst dabei, während der Person ein Notverband angelegt ward. Sie sah +zu, leise wimmernd und mit Augen, weich im Entsetzen, wie ein junges Tier, +das getroffen ist. Diederichs menschenfreundliche Fragen nach ihren +häuslichen Verhältnissen verstand sie nicht. Napoleon Fischer antwortete +für sie. Ihr Vater war durchgegangen, die Mutter bettlägerig; das Mädchen +ernährte sich und ihre zwei kleinen Geschwister. Sie war erst vierzehn +Jahre alt. – Das sehe man ihr nicht an, meinte Diederich. Übrigens seien +die Arbeiterinnen oft genug vor der Maschine gewarnt worden. „Sie hat sich +das Unglück selbst zuzuschreiben, ich bin zu nichts verpflichtet. Na,“ +sagte er milder, „nun kommen Sie mal mit, Fischer!“ + +Im Kontor schenkte er zwei Kognaks ein. „Das kann man brauchen auf den +Schrecken ... Sagen Sie ehrlich, Fischer, glauben Sie, daß ich zahlen muß? +Die Schutzvorrichtung an der Maschine halten Sie doch wohl für genügend?“ +Und da der Maschinenmeister die Achseln zuckte: „Sie wollen sagen, ich +kann es auf einen Prozeß ankommen lassen? Das tue ich aber nicht, ich +zahle gleich.“ + +Napoleon Fischer zeigte verständnislos sein großes gelbes Gebiß, und +Diederich fuhr fort: „Ja, so bin ich. Sie dachten wohl, das könnte bloß +der Herr Lauer? Was den betrifft, so sind Sie ja jetzt durch Ihr eigenes +Parteiblatt über seine Arbeiterfreundlichkeit aufgeklärt. Ich lasse mich +freilich nicht wegen Majestätsbeleidigung einsperren und mache dadurch +meine Arbeiter brotlos; ich suche mir praktischere Mittel aus, um meine +soziale Gesinnung zu bekunden.“ Er machte eine feierliche Pause. „Und +darum habe ich mich entschlossen, dem Mädchen die ganze Zeit, die es im +Krankenhaus liegt, seinen Lohn weiterzuzahlen. Wieviel ist es denn?“ +fragte er rasch. + +„Eine Mark fünfzig“, sagte Napoleon Fischer. + +„Na ja ... Soll sie acht Wochen liegen. Soll sie zwölf Wochen liegen ... +Ewig natürlich geht es nicht.“ + +„Sie ist erst vierzehn“, sagte Napoleon Fischer, von unten. „Sie kann +Schadenersatz verlangen.“ Diederich erschrak, er schnaufte. + +Napoleon Fischer hatte schon wieder sein unbestimmbares Grinsen aufgesetzt +und sah seinem Arbeitgeber auf die Faust, die angstvoll in der Tasche +geballt war. Diederich zog sie hervor. „Nun setzen Sie die Leute von +meinem hochherzigen Entschluß in Kenntnis! Das paßt Ihnen wohl nicht in +den Kram? Die Gemeinheiten der Kapitalisten erzählt ihr euch natürlich +lieber. In euren Versammlungen schwingt ihr jetzt wahrscheinlich große +Reden über Herrn Buck.“ + +Napoleon Fischer sah verständnislos aus, was Diederich nicht beachtete. +„Ich finde es wohl auch nicht eben schön,“ fuhr er fort, „wenn jemand +seinen Sohn ausgerechnet das Mädchen heiraten läßt, mit dessen Mutter er +selbst was gehabt hat, und zwar vor der Geburt der Tochter ... Aber –“ + +In Napoleon Fischers Gesicht begann es zu arbeiten. + +„Aber!“ wiederholte Diederich stark. „Ich wäre durchaus nicht +einverstanden, wenn meine Leute sich deswegen den Mund verrenken, und wenn +Sie, Fischer, nun vielleicht die Arbeiter gegen die städtischen Behörden +aufhetzen, weil ein Magistratsrat etwas getan hat, was ihm keiner beweisen +kann.“ Seine Faust schlug entrüstet durch die Luft. „Mir hat man schon +nachgesagt, daß ich den Prozeß gegen Lauer angezettelt habe. Ich will an +nichts schuld sein, meine Leute sollen sich ruhig halten.“ + +Seine Stimme ward vertraulicher, er neigte sich näher zu dem anderen hin. +„Na, und weil ich Ihren Einfluß kenne, Fischer ...“ + +Plötzlich war seine Hand offen, und auf ihrer Fläche lagen drei große +Goldstücke. + +Napoleon Fischer sah sie und verzerrte das Gesicht, als erblickte er den +Teufel. „Nein!“ rief er, „und abermals nein! Meine Überzeugung kann ich +nicht verraten! Für allen Mammon der Welt nicht!“ + +Er hatte rote Augen und kreischte. Diederich wich zurück; so nahe hatte er +dem Umsturz noch nie ins Gesicht gesehen. „Die Wahrheit muß ans Licht!“ +kreischte Napoleon Fischer. „Dafür werden wir Proletarier sorgen: Das +können Sie nicht verhindern, Herr Doktor! Die Schandtaten der besitzenden +Klassen ...“ + +Diederich hielt ihm schnell noch einen Kognak hin. „Fischer,“ sagte er +eindringlich, „das Geld biete ich Ihnen dafür, daß mein Name in der Sache +nicht genannt wird.“ Aber Napoleon Fischer wehrte ab; ein hoher Stolz +erschien in seiner Miene. + +„Zeugniszwang, Herr Doktor, üben wir nicht. Wir nicht. Wer uns mit +Agitationsstoff versorgt, hat nichts zu fürchten.“ + +„Dann ist alles in Ordnung“, sagte Diederich erleichtert. „Ich wußte +schon, Fischer, daß Sie ein großer Politiker sind. Und darum, wegen des +Mädchens, ich meine die verunglückte Arbeiterin –. Ich habe Ihnen soeben +mit meiner Mitteilung über die Buckschen Schweinereien einen Gefallen +getan ...“ + +Napoleon Fischer grinste geschmeichelt. „Weil Herr Doktor sagen, daß ich +ein großer Politiker bin ... Ich will von dem Schadenersatz weiter nicht +reden. Intimitäten aus den ersten Kreisen sind für uns doch wichtiger als +–“ + +„– als so ein Mädchen“, ergänzte Diederich. „Sie denken immer als +Politiker.“ + +„Immer“, bestätigte Napoleon Fischer. „Mahlzeit, Herr Doktor.“ + +Er zog sich zurück – indes Diederich feststellte, daß die proletarische +Politik ihre Vorzüge habe. Er schob seine drei Goldstücke wieder in die +Tasche. + + + +Am Abend des nächsten Tages waren alle Spiegel des Hauses im Wohnzimmer +zusammengetragen. Emmi, Magda und Inge Tietz drehten sich dazwischen +umher, bis ihnen die Hälse schmerzten; dann ließen sie sich nervös auf den +Rand eines Stuhles nieder. „Mein Gott, es ist doch Zeit!“ Aber Diederich +war fest entschlossen, nicht wieder zu früh zu kommen, wie beim Prozeß +Lauer. Die ganze Wirkung der Persönlichkeit ging zum Teufel, wenn man zu +früh da war. Als sie endlich gingen, entschuldigte Inge Tietz sich +nochmals bei Frau Heßling, daß sie ihr den Platz im Wagen wegnehme. +Nochmals sagte Frau Heßling: „Ach Gott, es ist gern geschehen. Ich alte +Frau bin zu schwach für so was Großes. Genießt ihr es nur, Kinder!“ Und +sie umarmte unter Tränen ihre Töchter, die kühl abwehrten. Denn sie +wußten, daß die Mutter bloß Angst hatte, weil jetzt überall von nichts +weiter gesprochen wurde als von der furchtbaren Klatschgeschichte, an der +sie selbst schuld war. + +Im Wagen fing Inge gleich wieder davon an. „Na, Bucks und Daimchens! +Gespannt bin ich bloß, ob sie heute die edle Dreistigkeit haben und da +sind.“ Magda sagte ruhig: „Das müssen sie wohl. Sonst geben sie ja zu, daß +es wahr ist.“ – „Wennschon“, erklärte Emmi. „Ich finde, daß das ihre Sache +ist. Ich rege mich darüber nicht auf.“ – „Ich auch nicht“, setzte +Diederich hinzu. „Ich habe es eigentlich erst heute abend von Ihnen +gehört, Fräulein Tietz.“ + +Hierüber geriet Inge Tietz außer sich. So leicht dürfe man den Skandal +denn doch nicht nehmen. Ob er glaube, daß sie sich das Ganze ausgedacht +habe. „Die Bucks haben schon längst Butter auf dem Kopf wegen der Sache: +das wissen ihre eigenen Dienstboten.“ – „Also Dienstbotenklatsch“, sagte +Diederich, während er einen kleinen Stoß erwiderte, den Magda ihm mit dem +Knie gab. Dann mußte man schon aussteigen und die Stufen hinuntergehen, +die den neuen Teil der Kaiser-Wilhelm-Straße mit der tief gelegenen alten +Riekestraße verbanden. Diederich fluchte; denn es begann zu regnen, die +Ballschuhe wurden naß; auch standen vor dem Festlokal Proleten, die +feindselig gafften. Hätte man nicht, als der ganze Stadtteil höher gelegt +wurde, auch dieses Gerümpel niederreißen können? Das historische +Harmoniehaus hatte erhalten werden sollen – als ob die Stadt nicht die +Mittel gehabt hätte, in zentraler Lage ein modernes, erstklassiges +Gesellschaftsgebäude zu bauen. In dem alten Kasten roch es ja nach Moder! +Und gleich beim Eingang kicherten immer die Damen, weil eine Statue der +Freundschaft dastand, die zwar eine hohe Perücke, aber sonst nichts +anhatte. „Vorsicht,“ sagte Diederich auf der Treppe, „sonst brechen wir +ein.“ Denn die beiden dünnen Bogen der Treppe griffen durch die Luft wie +zwei vom Alter abgemagerte Arme. Das braune Rosa ihres Holzes war blaß +geworden. Droben aber, wo sie sich vereinigten, lächelte auf dem Geländer +aus seinem blanken Marmorgesicht noch immer der bezopfte Bürgermeister, +der dies alles der Stadt hinterlassen hatte und der ein Buck gewesen war. +Diederich sah ungnädig an ihm vorbei. + +In der tiefen Spiegelgalerie war es ganz still; eine einzelne Dame nur +hielt sich dahinten auf, sie schien durch einen Türspalt in den Festsaal +zu spähen – und plötzlich wurden die Mädchen von Entsetzen ergriffen: die +Vorstellung hatte begonnen! Magda stürzte durch die Galerie und brach in +Weinen aus. Da drehte die Dame sich um, mit dem Finger auf den Lippen. Es +war Frau von Wulckow, die Dichterin. Sie lächelte erregt und flüsterte: +„Es geht gut, mein Stück gefällt. Sie kommen gerade rechtzeitig, Fräulein +Heßling, gehen Sie nur und kleiden sich um.“ Ach ja! Emmi und Magda hatten +erst im zweiten Akt zu tun. Auch Diederich hatte den Kopf verloren. Indes +die Schwestern mit Inge Tietz, die ihnen helfen sollte, durch die +Nebenräume nach der Garderobe eilten, stellte er sich der Präsidentin vor +und blieb ratlos stehen. „Jetzt dürfen Sie nicht hinein, es würde stören“, +sagte sie. Diederich stammelte Entschuldigungen, und dann rollte er die +Augen, wobei er zwischen den gemalten Ranken der halb erblindeten +Wandspiegel seinem geheimnisvoll blassen Abbild begegnete. Der zartgelbe +Lack der Wände zeigte launische Sprünge, und auf den Panneaus starben die +Farben der Blumen und Gesichter ... Frau von Wulckow schloß eine kleine +Tür, durch die jemand einzutreten schien, eine Schäferin mit ihrem +bebänderten Stab. Sie schloß die Tür ganz vorsichtig, damit nur die +Vorstellung nicht gestört werde, aber es flog doch ein wenig Staub auf, +als sei es Puder aus dem Haar der gemalten Schäferin. + +„Dies Haus ist so romantisch“, flüsterte Frau von Wulckow. „Finden Sie +nicht auch, Herr Doktor? Wenn man sich hier im Spiegel sieht, glaubt man +einen Reifrock anzuhaben“ – worauf Diederich, immer ratloser, ihr +Hängekleid ansah. Die entblößten Schultern waren hohl und nach vorn +gebogen, die Haare von slawischem Weißblond, und Frau von Wulckow trug +einen Zwicker. + +„Sie passen hier glänzend herein, Frau Präsidentin ... Frau Gräfin“, +verbesserte er und sah sich mit einem Lächeln belohnt für seine kühne +Schmeichelei. Nicht jeder würde Frau von Wulckow so treffsicher daran +erinnert haben, daß sie eine geborene Gräfin Züsewitz war! + +„Tatsächlich“, bemerkte sie, „sollte man kaum glauben, daß dies Haus +seinerzeit nicht für eine wirklich vornehme Gesellschaft gebaut worden +ist, sondern nur für die guten Netziger Bürger.“ Sie lächelte nachsichtig. + +„Ja, das ist komisch“, bestätigte Diederich mit einem Kratzfuß. „Aber +heute können sich zweifellos nur Frau Gräfin hier ganz zu Hause fühlen.“ + +„Sie haben gewiß Sinn für das Schöne“, vermutete Frau von Wulckow; und da +Diederich es bestätigte, erklärte sie, dann dürfe er den ersten Akt doch +nicht ganz versäumen, sondern müsse durch den Türspalt sehen. Sie selbst +trat schon längst von einem Fuß auf den anderen. Sie wies mit dem Fächer +nach der Bühne. „Herr Major Kunze wird gleich abgehen. Er ist ja nicht +besonders gut, aber was wollen Sie, er sitzt im Vorstand der Harmonie und +hat den Leuten die künstlerische Bedeutung meines Werkes erst zum +Verständnis gebracht.“ Indes Diederich den Major unschwer wiedererkannte, +denn er hatte sich gar nicht verändert, erläuterte die Dichterin ihm mit +fliegender Geläufigkeit die Vorgänge. Das junge Bauernmädchen, mit dem +Kunze sich unterhielt, war seine natürliche Tochter, also eine +Grafentochter, weshalb das Stück denn auch „Die heimliche Gräfin“ hieß. +Gerade klärte Kunze sie, bärbeißig wie immer, über diesen Umstand auf. +Auch eröffnete er ihr, er werde sie mit einem armen Vetter verheiraten und +ihr die Hälfte seiner Besitztümer vererben. Hierüber herrschte, als er +abgegangen war, laute Freude bei dem Mädchen und ihrer Pflegemutter, der +braven Pächtersfrau. + +„Wer ist denn die schreckliche Person?“ fragte Diederich, bevor er es +bedacht hatte. Frau von Wulckow war erstaunt. + +„Es ist doch die komische Alte vom Stadttheater. Wir hatten sonst niemand +für die Rolle; aber meine Nichte spielt ganz gern mit ihr.“ + +Und Diederich erschrak; mit der schrecklichen Person hatte er die Nichte +gemeint. „Das Fräulein Nichte ist ganz reizend“, beteuerte er schnell und +blinzelte entzückt nach dem dicken roten Gesicht, das gleich auf den +Schultern saß – und es waren Wulckows Schultern! „Talent hat sie aber +auch“, setzte er der Sicherheit wegen hinzu. Frau von Wulckow wisperte: +„Passen Sie nur auf“ – und da kam aus der Kulisse Assessor Jadassohn. +Welch eine Überraschung! Er hatte ganz neue Bügelfalten und trug in seinem +imposant geschweiften Cutaway eine riesenhafte Plastronkrawatte mit einem +roten Funkelstein von entsprechendem Umfang. Aber so sehr der Stein auch +funkelte, Jadassohns Ohren überstrahlten ihn. Da sein Kopf frisch +geschoren und sehr platt war, standen die Ohren frei heraus und +beleuchteten wie zwei Lampen seine festliche Pracht. Er spreizte die gelb +behandschuhten Hände, als plädierte er für viele Jahre Zuchthaus; und +tatsächlich sagte er der Nichte, die geradezu konsterniert schien, und der +heulenden komischen Alten die peinlichsten Dinge ... Frau von Wulckow +wisperte: „Er ist ein schlechter Charakter.“ + +„Und ob“, sagte Diederich mit Überzeugung. + +„Kennen Sie denn mein Stück?“ + +„Ach so. Nein. Aber ich sehe schon, was er will.“ + +Nämlich Jadassohn der der Sohn und Erbe des alten Grafen Kunze war, hatte +gelauscht und war durchaus nicht gesonnen, die Hälfte seiner ihm von Gott +verliehenen Besitztümer an die Nichte abzutreten. Er verlangte +gebieterisch, daß sie augenblicklich das Feld räume; widrigenfalls er sie +als Erbschleicherin verhaften und Kunze entmündigen lassen werde. + +„Das ist eine Gemeinheit“, bemerkte Diederich. „Sie ist doch seine +Schwester.“ Die Dichterin erklärte ihm: + +„Nun ja. Aber andererseits hat er recht, wenn er ein Fideikommiß aus den +Gütern machen will. Er arbeitet eben für das ganze Geschlecht, mag auch +der einzelne zu kurz kommen. Für die heimliche Gräfin ist das natürlich +tragisch.“ + +„Wenn man es recht bedenkt –“, Diederich war hocherfreut. Dieser +aristokratische Gesichtspunkt kam auch ihm selbst zustatten, wenn er keine +Neigung fühlte, Magda bei ihrer Verheiratung am Geschäft zu beteiligen. + +„Frau Gräfin, Ihr Stück ist erstklassig“, sagte er, durchdrungen. Aber da +zog Frau von Wulckow ihn angstvoll am Arm: im Publikum entstanden +Geräusche, es scharrte, schnupfte sich aus und kicherte. „Er übertreibt“, +stöhnte die Dichterin. „Ich habe es ihm immer gesagt.“ + +Denn Jadassohn führte sich wirklich unerhört auf. Die Nichte samt der +komischen Alten klemmte er hinter den Tisch ein und füllte mit den +tobenden Bekundungen seiner gräflichen Persönlichkeit die ganze Bühne. Je +mehr das Haus ihn mißbilligte, desto herausfordernder lebte er dort oben +sich aus. Jetzt zischte man sogar; ja, mehrere wandten sich nach der Tür +um, hinter der Frau von Wulckow bebte, und zischten. Vielleicht geschah es +nur, weil die Tür kreischte – aber die Dichterin fuhr zurück, sie verlor +den Zwicker und tastete in hilflosem Entsetzen durch die Luft, bis +Diederich ihn ihr zurückbrachte. Er versuchte, sie zu trösten. „Es hat +nichts zu sagen, Jadassohn geht doch hoffentlich bald ab?“ Sie horchte +durch die geschlossene Tür. „Ja, Gott sei Dank“, plapperte sie, und die +Zähne schlugen ihr aufeinander. „Jetzt ist er fertig, jetzt flieht meine +Nichte mit der komischen Alten, und dann kommt Kunze wieder mit dem +Leutnant, wissen Sie.“ + +„Ein Leutnant spielt auch mit?“ fragte Diederich achtungsvoll. + +„Ja, das heißt, er ist noch auf dem Gymnasium, er ist ein Sohn des Herrn +Landgerichtsdirektors Sprezius: der arme Verwandte, wissen Sie, den der +alte Graf seiner Tochter zum Mann geben will. Er verspricht dem Alten, daß +er die heimliche Gräfin in der ganzen Welt suchen wird.“ + +„Sehr begreiflich“, sagte Diederich. „Es liegt in seinem eigenen +Interesse.“ + +„Sie werden sehen, er ist ein edler Mensch.“ + +„Aber Jadassohn, wenn ich mir die Bemerkung erlauben darf, Frau Gräfin, +den hätten Sie nicht mitspielen lassen sollen“, sagte Diederich +vorwurfsvoll und mit heimlicher Genugtuung. „Schon wegen der Ohren.“ + +Frau von Wulckow sagte niedergeschlagen: + +„Ich dachte nicht, daß sie auf der Bühne so wirken würden. Glauben Sie +nun, daß es ein Mißerfolg wird?“ + +„Frau Gräfin!“ Diederich legte die Hand auf das Herz. „Ein Stück wie die +‚heimliche Gräfin‘ ist nicht so leicht Umzubringen!“ + +„Nicht wahr? Es kommt beim Theater doch wohl auf die künstlerische +Bedeutung an.“ + +„Gewiß. Freilich, so ein Paar Ohren haben auch viel Einfluß“ – und +Diederich machte ein bedenkliches Gesicht. + +Frau von Wulckow rief flehend aus: + +„Wo doch der zweite Akt noch viel besser ist! Er spielt in einer protzigen +Fabrikantenfamilie, und die heimliche Gräfin dient dort als Stubenmädchen. +Dann ist da ein Klavierlehrer, kein feiner Mensch, eine der Töchter hat er +sogar geküßt, und nun macht er der Gräfin einen Heiratsantrag, den sie +natürlich weit von sich weist. Ein Klavierlehrer! Wie könnte sie!“ + +Diederich bestätigte, es sei ausgeschlossen. + +„Aber nun sehen Sie, wie tragisch: die Tochter, die sich von dem +Klavierlehrer hat küssen lassen, verlobt sich auf einem Ball mit einem +Leutnant, und wie der Leutnant ins Haus kommt, da ist es derselbe +Leutnant, der –“ + +„O Gott, Frau Gräfin!“ Diederich streckte schützend die Hände vor, ganz +erregt durch so viele Verwicklungen. „Wie kommen Sie nur auf all die +Geschichten?“ + +Die Dichterin lächelte leidenschaftlich. + +„Ja, nämlich das ist das Interessanteste: Nachher weiß man es nicht mehr. +Es geht so geheimnisvoll zu im Gemüt! Manchmal denke ich mir, ich muß es +geerbt haben.“ + +„Haben Sie denn so viele Dichter in Ihrer werten Familie?“ + +„Das nicht. Aber wenn nicht mein großer Vorfahre die Schlacht bei +Kröchenwerda gewonnen hätte, wer weiß, ob ich die ‚heimliche Gräfin‘ +geschrieben haben würde. Es kommt schließlich immer auf das Blut an!“ + +Bei dem Namen der Schlacht machte Diederich einen Kratzfuß, und er wagte +nichts mehr zu fragen. + +„Jetzt muß gleich der Vorhang fallen“, sagte Frau von Wulckow. „Hören Sie +etwas?“ + +Er hörte nichts; nur für die Dichterin gab es nicht Tür noch Wände. „Jetzt +schwört der Leutnant der fernen Gräfin die ewige Treue“, flüsterte sie. +„So“; und alles Blut wich ihr aus dem Gesicht. Gleich darauf schoß es +heftig zurück; man klatschte: nicht stürmisch; aber man klatschte. Die Tür +ward von drinnen geöffnet. Dort hinten rollte nochmals der Vorhang hinauf, +und da der junge Sprezius und die Wulckowsche Nichte hervorkamen, ward der +Beifall lebhafter. Plötzlich schnellte aus der Kulisse Jadassohn, pflanzte +sich vor die beiden und machte Miene, den Erfolg einzuheimsen – worauf +gezischt ward. Frau von Wulckow wandte sich entrüstet ab. Der +Schwiegermutter des Bürgermeisters Scheffelweis und der Landgerichtsrätin +Harnisch, die ihr Glück wünschten, erklärte sie: „Herr Assessor Jadassohn +ist als Staatsanwalt unmöglich. Ich werde es meinem Mann sagen.“ + +Die Damen gaben den Ausspruch sofort weiter und hatten viel Erfolg damit. +Plötzlich war die Spiegelgalerie voll von Gruppen, die über Jadassohns +Ohren herfielen. „Die Präsidentin hat recht wacker gedichtet; nur +Jadassohns Ohren –.“ Als man hörte, daß Jadassohn im zweiten Akt nicht +mehr wiederkomme, war man doch enttäuscht. Wolfgang Buck ging mit Guste +Daimchen auf Diederich zu. „Haben Sie gehört?“ fragte er. „Jadassohn soll +eine Amtshandlung vornehmen und seine Ohren konfiszieren.“ Diederich sagte +mißbilligend: „Ich mache keine Witze, wenn es jemandem schlecht geht.“ Und +dabei überwachte er eifrig die Blicke, die Buck und seine Begleiterin +trafen. Alle Mienen lebten auf, wenn sie die beiden erblickten; Jadassohn +war vergessen. Vom Ausgang trug die dünne Schreistimme des Professor +Kühnchen etwas durch den Wirrwarr, das klang wie „Affenschande“. Da die +Pastorin Zillich ihm beschwichtigend die Hand auf den Arm legte, wandte er +sich her, und jetzt verstand man es deutlich: „Eine ausgewachsene +Affenschande ist es!“ + +Guste sah sich um; sie bekam Schlitzaugen. „Dort sprechen sie auch davon“, +sagte sie geheimnisvoll. + +„Wovon?“ stammelte Diederich. + +„Wir wissen schon. Und wer es aufgebracht hat, weiß ich auch.“ + +Hier brach Diederich der Schweiß aus. „Was haben Sie denn?“ fragte Guste. +Buck, der durch die Seitentür nach dem Büfett schielte, sagte +phlegmatisch: + +„Heßling ist ein vorsichtiger Politiker, er hört nicht gern mit an, daß +der Bürgermeister zwar einerseits ein guter Ehemann ist, aber andererseits +auch seiner Schwiegermutter nichts abschlagen kann.“ + +Sofort ward Diederich dunkelrot. + +„Das ist eine Gemeinheit! Wie kann jemand sich solch eine Gemeinheit +ausdenken!“ + +Guste kicherte heftig. Buck blieb unbewegt. „Erstens scheint es Tatsache +zu sein, denn die Frau Bürgermeister hat die beiden überrascht und sich +einer Freundin anvertraut. Dann aber lag es ja auf der Hand.“ + +Guste brachte hervor: „Na Sie, Herr Doktor, wären natürlich nie darauf +gekommen.“ Dabei blinzelte sie verliebt ihrem Verlobten zu. Diederich +blitzte. „Aha!“ sagte er stramm. „Jetzt weiß ich freilich genug.“ Und er +drehte ihnen den Rücken. Sie erfanden also selbst Gemeinheiten, noch dazu +über den Bürgermeister! Diederich durfte den Kopf hoch tragen. Er stieß zu +der Gruppe Kühnchens, die sich nach dem Büfett hin bewegte und ein +Kielwasser von sittlicher Entrüstung hinterließ. Die Schwiegermutter des +Bürgermeisters schwur mit rotem Gesicht, „diese Gesellschaft“ werde ihr +Haus künftig nur noch von außen sehen, und mehrere Damen schlossen sich +ihrem Vorsatz an, trotz Abraten des Warenhausbesitzers Herrn Cohn, der bis +auf weiteres alles in Zweifel zog, weil eine derartige sittliche +Entgleisung bei einem bewährten alten Liberalen wie dem Herrn Buck ganz +ausgeschlossen erscheine. Professor Kühnchen war vielmehr der Meinung, daß +ein zu weit gehender Radikalismus auch die Moral gefährde. Selbst Doktor +Heuteufel, der doch die Sonntagsfeiern für freie Menschen veranstaltete, +machte die Bemerkung, an Familiensinn, man könne auch sagen Nepotismus, +habe es dem alten Buck niemals gefehlt. „Beispiele dafür liegen Ihnen +allen auf der Zunge. Und daß er jetzt, um das Geld in der Familie zu +erhalten, sich anschickt, seine unehelichen Kinder mit seinen ehelichen zu +verheiraten, das, meine Herrschaften, würde ich ärztlich als greisenhafte +Ausschreitung einer früher noch beherrschten Naturanlage diagnostizieren.“ +Hierbei bekamen die Damen erschreckte Gesichter, und die Pastorin Zillich +schickte ihr Käthchen in die Garderobe nach ihrem Schnupftuch. + +Auf ihrem Wege kam Käthchen an Guste Daimchen vorbei, aber sie begrüßte +sie nicht, sondern schlug die Augen nieder; da machte Guste ein betretenes +Gesicht. Am Büfett bemerkte man es und äußerte Mißbilligung, vermischt mit +Mitleid. Guste mußte nun eben erfahren, was es hieß, sich über die +öffentliche Moral hinwegzusetzen. Mochte ihr zugebilligt werden, daß sie +vielleicht getäuscht und schlecht beeinflußt sei: Frau Oberinspektor +Daimchen aber, die wußte doch wohl Bescheid, und sie war gewarnt! Die +Schwiegermutter des Bürgermeisters berichtete von ihrem Besuch bei Gustes +Mutter und von ihren vergeblichen Anstrengungen, durch Anklopfen ein +Geständnis hervorzulocken aus der verhärteten alten Frau, der eine +legitime Verbindung mit dem Hause Buck wohl einen Jugendtraum erfüllte!... + +„Na, und der Herr Rechtsanwalt Buck!“ kreischte Kühnchen. Tatsächlich, wen +wollte dieser Herr glauben machen, daß er über die neue Schande, die seine +Familie traf, nicht genau unterrichtet sei? Waren ihm die Verbrechen im +Hause Lauer etwa unbekannt gewesen? Und doch sah man ihn nicht zögern, die +schmutzige Wäsche seiner Schwester und seines Schwagers öffentlich vor +Gericht auszubreiten, nur um von sich reden zu machen! Doktor Heuteufel, +den es noch immer drängte, seine eigene Haltung im Prozeß nachträglich zu +verbessern, erklärte: „Das ist kein Verteidiger, das ist ein Komödiant!“ +Und als Diederich zu bedenken gab, Buck habe nun einmal gewisse, wenn auch +anfechtbare Überzeugungen in Politik und Moral, da ward ihm erwidert: +„Herr Doktor, Sie sind sein Freund. Daß Sie für ihn eintreten, spricht zu +Ihren Gunsten, aber Sie machen uns nichts weiß;“ – worauf Diederich sich +zurückzog, mit bekümmerter Miene, aber nicht ohne einen Blick auf den +Redakteur Nothgroschen, der bescheiden an einer Schinkensemmel kaute und +alles hörte. + +Plötzlich entstand eine Stille, denn drinnen, nahe der Bühne, erblickte +man den alten Herrn Buck in einem Kreis junger Mädchen. Es schien, er +erklärte ihnen die Malereien an den Wänden, das Leben von ehemals, das +verblichen und heiter den ganzen Saal umgab, mit dem Umkreis der Stadt, +wie sie gewesen war, mit verschwundenen Wiesen und Gärten und den Menschen +allen, lärmend einst als Herren hier in diesem Festhaus, nun aber in +hingetäuschte Tiefen gebannt vor dem Geschlecht, das eben jetzt lärmte ... +Jetzt sah es gar aus, als ahmten sie, die Mädchen und der Alte, den +Figuren nach. Gerade über ihnen war das Burgtor abgebildet, und ein Herr +in Perücke und Amtskette trat heraus, derselbe, der aus Marmor zu Häupten +der Treppe stand. In dem lieblichen Gehölz voller Blumen aber, das damals +wohl dort, statt der Papierfabrik Gausenfeld, geblüht hatte, tanzten ihm +helle Kinder entgegen, warfen einen Kranz über ihn und wollten ihn damit +umherdrehen. Der Widerschein von rosigen kleinen Wolken fiel auf sein +glückliches Gesicht. So glücklich lächelte in diesem Augenblick auch der +alte Buck, ließ sich von den Mädchen hin und her ziehen und war von ihnen +gefangen, wie in einem lebenden Kranz. Seine Sorglosigkeit war +unbegreiflich, sie war aufreizend. Hatte er schon sein Gewissen bis zu dem +Grade abgestumpft, daß er seine natürliche Tochter –: „_Unsere_ Töchter +sind eben doch keine natürlichen Kinder“, sagte Frau Warenhausbesitzer +Cohn. „Meine Sidonie mit Guste Daimchen Arm in Arm!“... Buck und seine +jungen Freundinnen merkten gar nicht, daß sie sich am Ende eines leeren +Raumes befanden. Vorn bildete feindliches Publikum eine Mauer; die Augen +fingen zu funkeln an, und der Mut wuchs. „Die Familie ist die längste Zeit +obenauf gewesen! Einen haben sie schon in der Vogtei, gleich kommt Nummer +zwei!“... „Das ist ja der reinste Rattenfänger!“ murrte es; und drüben: +„Ich sehe es nicht noch länger mit an!“ Jäh entrangen sich zwei Damen dem +allgemeinen Druck, nahmen einen Anlauf und durchkreuzten den leeren Raum. +Frau Rat Harnisch, die in ihrer roten Samtschleppe dahinkugelte, traf am +Ziel pünktlich auf die gelbe Frau Cohn, mit demselben Griff bemächtigte +die eine sich ihrer Sidonie, die andere ihrer Meta, und welch eine +Genugtuung, als sie wieder anlangten! „Ich war einer Ohnmacht nahe“, sagte +die Pastorin Zillich, da nun gottlob auch Käthchen sich einfand. + +Die gute Laune kehrte zurück, man scherzte über den alten Sünder und +verglich ihn mit dem Grafen im Stück der Präsidentin. Freilich, Guste war +keine heimliche Gräfin; in einer Dichtung konnte man, der Präsidentin zu +gefallen, mit solchen Zuständen sympathisieren. Übrigens waren sie dort +noch erträglich, denn die Gräfin sollte nur ihren Vetter heiraten, während +Guste –! + +Der alte Buck, der niemand mehr um sich sah, als seine künftige +Schwiegertochter und eine seiner Nichten, bekam eine fragende Miene; ja, +unter den Blicken, die ihn in seiner Verlassenheit musterten, ward er +sichtlich verlegen. Man machte einander darauf aufmerksam; – und Diederich +sogar fragte sich, ob Frau Heßlings alte Skandalgeschichte denn etwa gar +wahr sei? Da er das Phantom, das er selbst in die Welt geschickt hatte, +hier einen Körper annehmen und immer drohender um sich greifen sah, war +ihm selber bange geworden. Diesmal galt es nicht irgendeinem Lauer, es +galt dem alten Herrn Buck, der ehrwürdigsten Figur aus Diederichs +Kindertagen, dem großen Mann der Stadt, der Verkörperung ihres +Bürgersinnes, dem zum Tode Verurteilten von Achtundvierzig! Im eigenen +Herzen fühlte Diederich ein Sträuben gegen sein Unterfangen. Auch schien +es Wahnwitz; ein Streich wie dieser zerschmetterte den Alten noch längst +nicht. Kam es aber heraus, wer der Urheber war, dann mußte Diederich +darauf gefaßt sein, daß alle sich gegen ihn wendeten ... Gleichwohl blieb +es ein Streich, und er hatte getroffen. Jetzt war es nicht mehr bloß die +Familie, die bröckelte und an dem Alten als Last hing: der Bruder vor dem +Bankerott, der Schwiegersohn im Gefängnis, die Tochter auf Reisen mit +einem Liebhaber, und von den Söhnen einer verbauert, der andere verdächtig +durch Gesinnung und Lebensführung, – jetzt schwankte er, zum ersten Male, +selbst. Herunter mit ihm, damit Diederich hinaufkam! Trotzdem war es +Diederich bange bis in den Leib hinein, er machte sich auf, um die +Nebenräume zu besuchen. + +Er lief, denn es klingelte schon zum zweiten Akt: da stieß er mit der +Schwiegermutter des Bürgermeisters zusammen, die es aus einem anderen +Grund ebenso eilig hatte. Sie kam gerade noch rechtzeitig, um zu +verhindern, daß ihr Schwiegersohn, gelenkt von seiner Frau, sich auf den +alten Buck zu bewege und ihn mit seiner Autorität decke. „Mit deiner +Autorität als Bürgermeister, einen solchen Skandal!“ Sie war heiser vor +Aufregung. Die Frau aber mit ihrer grellen kleinen Stimme blieb dabei, die +Bucks seien nun einmal die feinsten Leute hier, und noch gestern habe +Milli Buck ihr ein fabelhaftes Schnittmuster gegeben. Mit versteckten +Püffen trieb jede ihn nach ihrer Seite; er gab ihnen abwechselnd recht, +seine blassen Bartkotelettes flohen nach links und nach rechts, und er +hatte Augen wie ein Hase. Die Vorübergehenden stießen einander an und +wiederholten flüsternd als einen Witz, was Diederich durch Wolfgang Buck +wußte. Angesichts so wichtiger Vorgänge vergaß er seine Leibschmerzen, +blieb stehen und beschrieb einen herausfordernden Gruß. Der Bürgermeister +gab sich Haltung, verließ seine Damen, er streckte Diederich die Hand hin. +„Mein lieber Doktor Heßling, es freut mich, das ist einmal ein gelungenes +Fest, wie?“ + +Aber Diederich zeigte sich gar nicht geneigt, auf die nichtssagende +Herzlichkeit einzugehen, die Doktor Scheffelweis so sehr liebte. Er +richtete sich auf wie das Verhängnis und blitzte. + +„Herr Bürgermeister, ich fühle mich nicht berechtigt, Sie im unklaren zu +lassen über gewisse Dinge, die –“ + +„Die?“ fragte Doktor Scheffelweis, erbleicht. + +„Die vorgehen“, sagte Diederich nicht ohne Härte. Der Bürgermeister bat um +Erbarmen. „Ich weiß doch schon. Es ist die fatale Geschichte mit unserem +allverehrten – ich wollte sagen, die Schweinerei des alten Buck“, +flüsterte er vertraulich. Diederich blieb kalt. + +„Es ist mehr. Sie dürfen sich nicht länger täuschen, Herr Bürgermeister: +es betrifft Sie selbst.“ + +„Junger Mann, ich muß doch bitten ...“ + +„Ich stehe Ihnen zur Verfügung, Herr Bürgermeister!“ + +Doktor Scheffelweis irrte, wenn er hoffte, dieser Kelch sei durch +Aufbegehren besser abzuwenden als durch Flehen! Er war in Diederichs Hand; +die Spiegelgalerie hatte sich geleert, auch die beiden Damen verschwanden +dahinten im Gedränge. + +„Buck und Genossen führen einen Gegenschlag“, sagte Diederich sachlich. +„Sie sind entlarvt und rächen sich.“ + +„An mir?“ Der Bürgermeister hüpfte auf. + +„Verleumdungen, ich wiederhole: infame Verleumdungen werden gegen Sie +gerichtet. Kein Mensch würde sie glauben, aber in diesen Zeiten der +politischen Kämpfe –“ + +Er beendete nicht, sondern hob die Schultern. Doktor Scheffelweis war +sichtlich kleiner geworden. Er wollte Diederich ansehen, irrte aber ab. Da +bekam Diederich die Stimme des Gerichts. + +„Herr Bürgermeister! Sie erinnern sich an unsere erste Unterredung in +Ihrem Hause, mit Herrn Assessor Jadassohn. Ich habe Sie schon damals +darauf vorbereitet, daß ein neuer Geist in die Stadt einziehen werde. Die +schlappe demokratische Gesinnung hat abgewirtschaftet! Stramm national muß +man heut sein! Sie waren gewarnt!“ + +Doktor Scheffelweis stand Rede. + +„Ich war innerlich schon immer auf Ihrer Seite, lieber Freund: um so mehr, +als ich ein besonderer Verehrer Seiner Majestät bin. Unser herrlicher +junger Kaiser ist ein so origineller Denker ... impulsiv ... und ...“ + +„Die persönlichste Persönlichkeit“, ergänzte Diederich streng. + +Der Bürgermeister sprach nach: „Persönlichkeit ... Aber ich in meiner +Stellung, die nach beiden Seiten blickt, kann Ihnen auch heute nur +wiederholen: Schaffen Sie neue Tatsachen!“ + +„Und mein Prozeß? Ich habe die Feinde Seiner Majestät glatt +zerschmettert!“ + +„Ich habe Ihnen nichts in den Weg gelegt. Ich habe Sie sogar +beglückwünscht.“ + +„Mir nicht bekannt.“ + +„Wenigstens im stillen.“ + +„Heute muß man sich offen entscheiden, Herr Bürgermeister. Seine Majestät +haben es selbst gesagt: wer nicht für mich ist, ist wider mich! Unsere +Bürger sollen endlich aus dem Schlummer erwachen und bei der Bekämpfung +der umwälzenden Elemente selbst mit Hand anlegen!“ + +Hier schlug Doktor Scheffelweis die Augen nieder. Um so gebieterischer +reckte sich Diederich. + +„Wo aber bleibt der Bürgermeister?“ fragte er, und seine Frage klang in +einer drohenden Stille so lange nach, bis Doktor Scheffelweis sich +entschloß, ihn anzublinzeln. Zum Sprechen brachte er es nicht; Diederichs +Erscheinung, blitzend, gesträubt und blond gedunsen, verschlug ihm die +Rede. In fliegender Verwirrung dachte er: „Einerseits – andererseits“ – +und blinzelte immerfort das Bild der neuen Jugend an, die wußte, was sie +wollte, den Vertreter der harten Zeit, die nun kam! + +Diederich, mit herabgezogenen Mundwinkeln, nahm die Huldigung entgegen. Er +genoß einen der Augenblicke, in denen er mehr bedeutete als sich selbst, +und im Geiste eines Höheren handelte. Der Bürgermeister war länger als er, +aber Diederich sah auf ihn hinunter, als hätte er gethront. „Nächstens +haben wir Stadtverordnetenwahlen: da kommt es nun ganz auf Sie an“, +äußerte er gnädig und knapp. „Der Prozeß Lauer hat einen Umschwung der +öffentlichen Meinung bewirkt. Die Leute haben Angst vor mir. Wer mir +behilflich sein will, ist mir willkommen; wer sich mir entgegenstellt –“ + +Den Nachsatz wartete Doktor Scheffelweis nicht ab. „Ich bin ganz Ihrer +Meinung,“ flüsterte er beflissen, „Freunde des Herrn Buck dürfen nicht +mehr gewählt werden.“ + +„Das liegt in Ihrem eigensten Interesse. Bei den Schlechtgesinnten +untergräbt man Ihren guten Ruf, Herr Bürgermeister! Könnten Sie es heute +überleben, daß die Gutgesinnten den abscheulichen Verleumdungen nicht mehr +widersprechen?“ Eine Pause, in der Doktor Scheffelweis zitterte; dann +wiederholte Diederich, ermutigend: „Es kommt nur auf Sie an.“ – Der +Bürgermeister murmelte: „Ihre Energie und anständige Gesinnung in Ehren –“ + +„Meine hochanständige Gesinnung!“ + +„Freilich ... Aber Sie sind ein politischer Heißsporn, mein junger Freund. +Die Stadt ist noch nicht reif für Sie. Wie wollen Sie mit ihr fertig +werden?“ + +Statt einer Antwort trat Diederich plötzlich zurück und machte einen +Kratzfuß. Im Eingang stand Wulckow. + +Er kam herbei unter elastischem Schwenken des Bauches, legte seine +schwarze Tatze dem Doktor Scheffelweis auf die Schulter und sagte +dröhnend: „Na, Bürgermeisterchen, so solo hier? Ihre Stadtverordneten +haben Sie wohl hinausgeworfen?“ – worauf Doktor Scheffelweis bleich +mitlachte. Aber Diederich sah sich heftig besorgt nach der Saaltür um, die +noch offen stand. Er trat vor Wulckow hin, so daß der Präsident von +drinnen nicht zu sehen war, und flüsterte ihm einige Worte zu, infolge +deren der Präsident sich abwandte und seine Kleider ordnete. Dann sagte er +zu Diederich: „Sie sind wirklich sehr brauchbar, Doktorchen.“ + +Diederich lächelte geschmeichelt. „Ihre Anerkennung, Herr Präsident, macht +mich glücklich.“ + +Wulckow äußerte gnädig: „Sie können gewiß auch sonst noch allerlei. Wir +müssen mal drüber reden.“ Er streckte den Kopf vor, braunfleckig, mit +slawischen Backenknochen, und glotzte Diederich an aus den Mongolenfalten +seiner Augen, die voll einer warmblütigen, schalkhaften Gewaltsamkeit +waren: – glotzte, bis Diederich schnaufte. Dieser Erfolg schien Wulckow zu +befriedigen. Er bürstete vor dem Spiegel seinen Bart, zerdrückte ihn aber +sogleich wieder auf dem Frackhemd, weil er den Kopf wie ein Stier trug, +und sagte: „Nu los! Der Klimbim ist wohl schon im Gange?“ Und in der Mitte +zwischen Diederich und dem Bürgermeister schickte er sich an, mit Wucht +die Vorstellung zu stören: da kam vom Büfett her eine dünne Stimme: + +„Ach Gott, Ottochen!“ + +„Na, da ist sie“, brummte Wulckow, und er ging seiner Frau entgegen. +„Dachte mir schon, wenn es zum Klappen kommt, scheut sie. Mehr +Reitergeist, meine beste Frieda!“ + +„Ach Gott, Ottochen, ich habe nun mal solche grauenhafte Angst.“ Zu den +beiden anderen Herrn gewandt plauderte sie geläufig, wenn auch bebend. +„Ich weiß wohl, man sollte freudigeren Herzens in die Schlacht gehen.“ + +„Besonders,“ sagte Diederich schlagfertig, „wenn sie im voraus gewonnen +ist.“ Und er verneigte sich ritterlich. Frau von Wulckow berührte ihn mit +dem Fächer. + +„Herr Doktor Heßling hat mir nämlich schon während des ersten Aktes hier +draußen Gesellschaft geleistet. Er hat Sinn für das Schöne, er gibt einem +sogar nützliche Winke.“ + +„Hab’ ich gemerkt“, sagte Wulckow; und indes Diederich abwechselnd ihm und +seiner Frau dankerfüllte Kratzfüße machte, setzte der Präsident hinzu: +„Bleiben wir lieber gleich beim Büfett.“ + +„Das war auch mein Schlachtplan“, plauderte Frau von Wulckow. „Um so mehr, +als ich jetzt festgestellt habe, daß man hier eine kleine Tür nach dem +Saal öffnen kann. So erfreut man sich der von den Ereignissen unberührten +Isoliertheit, die ich nun einmal brauche, und bleibt dennoch _au fait_.“ + +„Bürgermeisterchen,“ sagte Wulckow und schnalzte, „den Hummersalat sollten +Sie sich auch kaufen.“ Er zog Doktor Scheffelweis am Ohr und setzte hinzu: +„In der Sache mit dem städtischen Arbeitsnachweis hat der Magistrat mal +wieder eine jammervolle Rolle gespielt.“ + +Der Bürgermeister aß gehorsam und hörte gehorsam zu – indes Diederich +neben Frau von Wulckow nach der Bühne ausspähte. Dort hatte Magda Heßling +Klavierstunde, und der Lehrer, ein dunkellockiger Virtuose, küßte sie +feurig, was sie nicht übel zu vermerken schien. „Kienast dürfte das nicht +sehen“, dachte Diederich, aber auch im eigenen Namen fühlte er sich +gekränkt. Er äußerte: + +„Finden Frau Gräfin nicht doch, daß der Klavierlehrer zu naturalistisch +spielt?“ + +Die Dichterin erwiderte befremdet: „Ganz so lag es in meiner Intention.“ + +„Ich meinte auch nur“, sagte Diederich unsicher – und dann erschrak er, +denn in der Tür erschien Frau Heßling oder eine Dame, die ihr ähnlich sah. +Emmi kam auch, und das Paar war ertappt, man schrie und weinte. Um so +lauter sprach Wulckow. + +„Nee, Bürgermeister. Auf den alten Buck können Sie sich diesmal nicht +’rausreden. Wenn er damals den städtischen Arbeitsnachweis durchgedrückt +hat: die Anwendung tut es, die ist Ihre Sache.“ + +Doktor Scheffelweis wollte etwas vorbringen, aber Magda schrie, sie denke +nicht daran, den Menschen zu heiraten, dafür sei das Dienstmädchen gut +genug. Die Dichterin bemerkte: + +„Das muß sie noch ordinärer bringen. Es sind doch Parvenüs.“ + +Und Diederich lächelte zustimmend, obwohl er arg betreten war durch diese +Zustände in einem Heim, das dem seinen glich. Innerlich gab er Emmi recht, +die erklärte, der Skandal müsse sogleich aus der Welt geschafft werden, +und die das Dienstmädchen hereinrief. Aber wie das Mädchen sich zeigte, +verdammt, da war es die heimliche Gräfin! In die Stille, die ihr Auftreten +bewirkte, tönte Wulckows Baßstimme. + +„Bleiben Sie mir mal weg mit dem Schwindel von Ihren sozialen Pflichten. +Die Landwirtschaft ruinieren soll sozial sein?“ + +Im Publikum wandten mehrere sich um; die Dichterin wisperte angstvoll: +„Ottochen, um Gottes willen!“ + +„Was ist denn los?“ Er trat in die Tür. „Nun sollen sie mal zischen!“ + +Niemand zischte. Er wandte sich wieder dem Bürgermeister zu: + +„Mit Ihrem Arbeitsnachweis ziehen Sie unsereinem, der im Osten begütert +ist, die Arbeiter fort, das ist mal sicher. Und ferner: Sie haben sogar +Vertreter der Arbeiter in Ihrem miserablen Arbeitsnachweis – und dabei +vermitteln Sie auch für die Landwirtschaft. Wohin steuern Sie also? Nach +der Koalition der Landarbeiter. Sehen Sie wohl, Bürgermeisterchen?“ Seine +Tatze fiel auf Doktor Scheffelweis’ nachgiebige Schulter. „Wir kommen +Ihnen hinter die Schliche. Wird nicht geduldet!“ + +Auf der Bühne sprach die Wulckowsche Nichte ins Publikum, denn die +Fabrikantenfamilie durfte nichts hören. + +„Wie? Ich, ein Grafenkind, einen Klavierlehrer heiraten? Das sei ferne von +mir. Wenn die Leute mir auch eine Ausstattung versprechen, für Geld mögen +andere sich erniedrigen. Ich aber weiß, was ich meiner edlen Geburt +schuldig bin!“ + +Hier ward applaudiert. Frau Harnisch und Frau Tietz sah man Tränen +fortwischen, die der Edelsinn der Gräfin ihnen hatte entquellen lassen. +Aber die fortgewischten Tränen kamen wieder, als die Nichte sagte: + +„Doch ach! Wo finde ich als Dienstmädchen einen ebenso Hochgeborenen.“ + +Der Bürgermeister mußte eine Erwiderung gewagt haben, denn Wulckow +grollte: „Dafür, daß es weniger Arbeitslose gibt, will ich nicht bluten. +Mein Geld ist mein Geld.“ + +Da konnte Diederich sich nicht länger enthalten, ihm mit einem Kratzfuß zu +danken. Aber auch die Dichterin bezog mit Recht seinen Kratzfuß auf sich. + +„Ich weiß,“ sagte sie, selbst gerührt, „die Stelle ist mir gelungen.“ + +„Das ist Kunst, die zum Herzen spricht“, stellte Diederich fest. Da Magda +und Emmi das Klavier und die Türen zuschlugen, ergänzte er: „Und +hochdramatisch.“ Hierauf nach der anderen Seite: + +„Nächste Woche werden zwei Stadtverordnete gewählt für Lauer und Buck +junior. Gut, daß der von selbst geht.“ Wulckow sagte: „Dann sorgen Sie nur +dafür, daß anständige Leute ’reinkommen. Sie sollen ja mit der ‚Netziger +Zeitung‘ gut stehen.“ + +Diederich dämpfte vertraulich die Stimme. „Ich halte mich vorläufig noch +zurück, Herr Präsident. Für die nationale Sache ist es besser.“ + +„Sieh mal an“, sagte Wulckow; und wirklich sah er Diederich durchdringend +an. „Sie möchten sich wohl selbst wählen lassen?“ fragte er. + +„Ich würde das Opfer bringen. Unsere städtischen Körperschaften haben zu +wenig Mitglieder, die in nationaler Beziehung zuverlässig sind.“ + +„Und was wollen Sie machen, wenn Sie drin sind?“ + +„Dafür sorgen, daß der Arbeitsnachweis aufhört.“ + +„Na ja,“ sagte Wulckow, „als nationaler Mann.“ + +„Ich als Offizier,“ sagte auf der Bühne der Leutnant, „kann nicht dulden, +liebe Magda, daß dieses Mädchen, wenn es auch nur eine arme Dienstmagd +ist, irgendwie mißhandelt wird.“ + +Der Leutnant aus dem ersten Akt, der arme Vetter, der die heimliche Gräfin +hätte heiraten sollen, er war Magdas Verlobter! Man fühlte die Zuschauer +vor Spannung beben. Die Dichterin bemerkte es selbst. „Die Erfindung ist +aber auch meine starke Seite“, sagte sie zu Diederich, der tatsächlich +verblüfft war. Doktor Scheffelweis hatte keine Zeit, sich den Emotionen +der dramatischen Dichtung zu überlassen; er sah sich gefährdet. + +„Niemand“, beteuerte er, „würde freudiger einen Geist –“ Wulckow +unterbrach ihn. + +„Kennen wir, Bürgermeisterchen. Freudig begrüßen können Sie, wenn’s nichts +kostet.“ + +Diederich setzte hinzu: „Aber einen glatten Strich ziehen zwischen +Kaisertreuen und Umsturz!“ + +Der Bürgermeister hob flehend die Arme. „Meine Herren! Verkennen Sie mich +nicht, ich bin zu allem bereit. Aber mit dem Strich ist nicht geholfen, +denn bei uns hier bedeutet er bloß, daß fast alle, die nicht freisinnig +wählen, sozialdemokratisch wählen.“ + +Wulckow stieß ein wütendes Grunzen aus, worauf er sich eine Wurst vom +Büfett langte. Diederich war es, der eiserne Zuversicht bekundete. + +„Wenn die guten Wahlen nicht von selbst kommen, müssen sie eben gemacht +werden!“ + +„Aber womit?“ sagte Wulckow. + +Die Wulckowsche Nichte ihrerseits rief ins Publikum: + +„Er muß doch sehen, daß ich eine Gräfin bin, er, der demselben edlen +Stamme entsprossen ist!“ + +„Oh! Frau Gräfin!“ sagte Diederich. „Jetzt bin ich wirklich neugierig, ob +er es sieht.“ + +„Selbstverständlich“, erwiderte die Dichterin. „Sie erkennen einander doch +schon an den besseren Manieren.“ + +In der Tat warfen der Leutnant und die Nichte sich Blicke zu, weil Emmi +und Magda samt Frau Heßling einen Käse mit dem Messer aßen. Diederich +behielt den Mund offen. Im Publikum bewirkte das ungebildete Betragen der +Fabrikantenfamilie die freudigste Stimmung. Die Töchter Buck, Frau Cohn +und Guste Daimchen, alle jubelten. Auch Wulckow ward aufmerksam; er sog +sich das Fett von den Fingern und sagte: + +„Frieda, du bist fein ’raus, sie lachen.“ + +Wirklich blühte die Dichterin erstaunlich auf. Ihre Augen hinter dem +Zwicker glänzten wirr, sie seufzte, ihr Busen wallte, es hielt sie nicht +länger auf ihrem Stuhl. Sie wagte sich halb heraus aus dem Büfettzimmer; +sofort wandten viele sich nach ihr um, mit neugierigen Gesichtern, und die +Schwiegermutter des Bürgermeisters gab ihr Zeichen. Frau von Wulckow rief +fieberhaft über die Schulter: + +„Meine Herren, die Schlacht ist gewonnen!“ + +„Wenn es bei uns auch so schnell ginge“, sagte ihr Gatte. „Na, also, +Doktor, wie wollen Sie den Netzigern die Kandare anlegen?“ + +„Herr Präsident!“ Diederich drückte die Hand aufs Herz. „Netzig wird +kaisertreu, dafür bürge ich Ihnen mit allem, was ich bin und habe!“ + +„Schön“, sagte Wulckow. + +„Denn“, fuhr Diederich fort, „wir haben einen Agitator, den ich als +erstklassig bezeichnen möchte: jawohl, erstklassig“, wiederholte er und +umfaßte mit dem Wort alles Große; „und das ist Seine Majestät selbst!“ + +Doktor Scheffelweis sammelte sich eilig. „Die persönlichste +Persönlichkeit“, brachte er hervor. „Originell. Impulsiv.“ + +„Na ja“, sagte Wulckow. Er stemmte die Fäuste auf die Knie und glotzte +dazwischen auf den Boden, in der Haltung eines sorgenvollen +Menschenfressers. Auf einmal merkten die beiden anderen, daß er sie von +unten schief ansah. + +„Meine Herren“ – er stockte wieder – „na, ich will Ihnen mal was sagen. +Ich glaube, der Reichstag wird aufgelöst.“ + +Diederich und Doktor Scheffelweis streckten die Köpfe vor, sie wisperten. +„Herr Präsident wissen –?“ + +„Der Kriegsminister war neulich mit mir auf der Jagd, bei meinem Vetter +Herrn von Quitzin.“ + +Diederich machte einen Kratzfuß. Er stammelte, er wußte selbst nicht was. +Er hatte es vorausgesagt! Schon bei seiner Aufnahme in den Kriegerverein +hatte er eine Rede Seiner Majestät wiedergegeben, – und hatte er sie nur +wiedergegeben? Darin kam ausdrücklich vor: „Ich räume die ganze Bude aus!“ +Und nun sollte es geschehen, ganz so, als handelte er selbst. Es überlief +ihn mystisch ... Wulckow sagte inzwischen: + +„Die Herren Eugen Richter und Konsorten passen uns nicht mehr. Wenn sie +die Militärvorlage nicht schlucken, ist Schluß“; – und Wulckow strich sich +mit der Faust über den Mund, als beginne das Fressen. + +Diederich faßte sich. „Das ist – das ist großzügig! Das ist ganz sicher +die persönliche Initiative Seiner Majestät!“ Doktor Scheffelweis war +erbleicht. „Dann sind schon wieder Reichstagswahlen? Und ich war so froh, +daß wir unseren bewährten Abgeordneten hatten ...“ Er erschrak noch mehr. +„Das heißt, natürlich, Kühlemann ist auch ein Freund des Herrn +Richter ...“ + +„Ein Nörgler!“ schnaubte Diederich. „Ein vaterlandsloser Geselle!“ Er +rollte die Augen. „Herr Präsident! Diesmal ist es aus in Netzig mit den +Leuten. Lassen Sie mich nur erst Stadtverordneter sein, Herr +Bürgermeister!“ „Was dann?“ fragte Wulckow. Diederich wußte es nicht. +Glücklicherweise entstand im Saal ein Zwischenfall; Stühle wurden gerückt, +und jemand ließ sich die große Tür öffnen: Kühlemann selbst war es. Der +Greis schleppte seine schwere kranke Masse eilig durch die Spiegelgalerie. +Am Büfett fand man, seit dem Prozeß sei er noch mehr verfallen. + +„Er hätte Lauer lieber freigesprochen, die anderen Richter haben ihn +überstimmt“, sagte Diederich. Doktor Scheffelweis meinte: „Nierensteine +führen wohl schließlich zur Auflösung.“ Worauf Wulckow humoristisch: „Na, +und im Reichstag sind wir seine Nierensteine.“ + +Der Bürgermeister lachte gefällig. Aber Diederich riß die Augen auf. Er +näherte sich dem Ohr des Präsidenten und raunte: + +„Sein Testament!“ + +„Was ist damit?“ + +„Er hat die Stadt zum Erben eingesetzt“, erklärte Doktor Scheffelweis +wichtig. „Wahrscheinlich bauen wir von dem Geld ein Säuglingsheim.“ + +„Bauen Sie?“ Diederich feixte verachtungsvoll. „Einen nationaleren Zweck +können Sie sich wohl nicht denken?“ + +„Ach so.“ Wulckow nickte Diederich anerkennend zu. „Wieviel Pinke hat er +denn?“ + +„Eine halbe Million wenigstens“, sagte der Bürgermeister, und er +beteuerte: „Ich wäre glücklich, wenn es zu machen wäre, daß –“ + +„Es ist glatt zu machen“, behauptete Diederich. + +Da hörte man draußen im Saal ein Lachen, das ganz verschieden klang von +dem vorigen. Es kam aus ungehemmter Brust und drückte sicherlich +Schadenfreude aus. Auch zog die Dichterin sich fluchtartig bis hinter das +Büfett zurück; ja, sie schien bereit, hineinzukriechen. „Grundgütiger +Gott!“ wimmerte sie. „Alles ist verloren.“ „Nanu?“ machte ihr Gatte und +stellte sich drohend in die Tür. Aber selbst dieses konnte die Heiterkeit +nicht mehr aufhalten. Magda hatte zu der Gräfin gesagt: „Spute dich, du +dumme Landpomeranze, daß der Herr Leutnant den Kaffee kriegt.“ Eine andere +Stimme verbesserte „Tee“, Magda wiederholte „Kaffee“, die andere blieb bei +ihrer Meinung und Magda auch. Das Publikum hatte erfaßt, daß ein +Mißverständnis zwischen ihr und der Souffleuse vorlag. Übrigens griff der +Leutnant mit Glück ein, er schlug die Sporen aneinander und sagte: „Ich +bitte um beides“ – worauf das Lachen einen nachsichtigeren Charakter +annahm. Aber die Dichterin war empört. „Das Publikum! Es ist und bleibt +eine Bestie!“ knirschte sie. + +„Schiefgehen kann es immer“, sagte Wulckow – und blinzelte Diederich an. + +Diederich erwiderte ebenso bedeutsam: „Wenn man einander versteht, Herr +Präsident, dann nicht.“ + +Hierauf hielt er es für besser, sich ganz der Dichterin und ihrem Werk zu +widmen. Mochte der Bürgermeister inzwischen seine Freunde verraten und +sich für die Wahlen auf alle Wünsche Wulckows verpflichten! + +„Meine Schwester ist eine Gans“, erklärte Diederich. „Ich werde ihr +nachher die Meinung sagen!“ + +Frau von Wulckow lächelte wegwerfend. „Das arme Ding, sie tut, was sie +kann. Von seiten der Leute aber ist es wahrhaftig eine unerträgliche +Arroganz und Undankbarkeit. Noch soeben hat man sie erhoben und für das +Ideale begeistert!“ + +Diederich sagte durchdrungen: „Frau Gräfin, diese bittere Erfahrung machen +Sie nicht allein. So ist es überall im öffentlichen Leben.“ Denn er dachte +an die allgemeinen Hochgefühle damals nach seinem Zusammenstoß mit dem +Majestätsbeleidiger und an die Prüfungen, die dann gefolgt waren. +„Schließlich triumphiert doch die gute Sache!“ stellte er fest. + +„Nicht wahr?“ sagte sie mit einem Lächeln, das wie aus Wolken brach. „Das +Gute, Wahre, Schöne.“ + +Sie reichte ihm die schmale Rechte; „ich glaube, mein Freund, wir +verstehen uns“ – und Diederich, des Augenblicks bewußt, drückte kühn die +Lippen darauf, mit einem Kratzfuß. Er legte die Hand an das Herz und +brachte gepreßt aus der Tiefe: „Glauben Sie mir, Frau Gräfin ...“ + +Die Nichte und der junge Sprezius waren jetzt allein geblieben, hatten +sich als erniedrigte Gräfin und armer Vetter erkannt, wußten nun, daß sie +einander bestimmt waren, und schwärmten gemeinsam von künftigem Glanz, +wenn sie unter goldener Decke mit anderen Ausgezeichneten, demütig stolz, +von der Sonne der Majestät beschienen sein würden ... Da hörte Diederich +die Dichterin aufseufzen. + +„Ihnen kann ich es sagen“, seufzte sie. „Ich entbehre hier doch sehr den +Hof. Wenn man, wie ich, von Geburt dem Hofadel angehört –. Und nun –.“ + +Hinter ihrem Zwicker sah Diederich zwei Tränen perlen. Dieser Blick in die +Tragik der Großen erschütterte ihn so sehr, daß er strammstand. „Frau +Gräfin!“ sagte er, verhalten und stoßweise. „Die heimliche Gräfin sind +also –“ Er erschrak und schwieg. + +Die bleiche Stimme des Bürgermeisters war eben dabei, dem Präsidenten zu +verraten, daß Kühlemann nicht wieder kandidieren werde, und daß die +Freisinnigen den Doktor Heuteufel aufstellen wollten. Er war mit Wulckow +darin einig, daß man Gegenmaßregeln treffen müsse, solange noch niemand +die Auflösung des Reichstages erwartete ... + +Diederich wagte endlich wieder, leise und schonend: + +„Frau Gräfin, aber, nicht wahr, es wird alles gut? Sie kriegen sich doch?“ + +Frau von Wulckow, mit Takt und Selbstbeherrschung, schränkte die +Vertraulichkeit des Gefühls schon wieder ein. In leichtem Plauderton +erklärte sie: + +„Mein Gott, lieber Doktor, was wollen Sie, die leidige Geldfrage! Es ist +wohl unmöglich, daß die jungen Leute zusammen glücklich werden.“ + +„Sie können doch prozessieren!“ rief Diederich, in seinem Rechtsgefühl +gekränkt. Aber Frau von Wulckow verzog die Nase. „_Fi donc!_ Das würde zur +Folge haben, daß der junge Graf, also Jadassohn, seinen Vater entmündigen +ließe. Im dritten Akt, den Sie noch sehen werden, droht er dem Leutnant +damit in einer Szene, die mir, glaube ich, gelungen ist. Soll der Leutnant +das auf sich nehmen? Und die Zerstückelung des Familienbesitzes? In Ihren +Kreisen ginge es vielleicht. Aber bei uns ist eben manches nicht möglich.“ + +Diederich verneigte sich. „Dort oben herrschen natürlich Begriffe, die +sich unserem Urteil entziehen. Und dem der Gerichte wohl auch“, setzte er +hinzu. Die Dichterin lächelte milde. + +„Sehen Sie, und so verzichtet der Leutnant ganz korrekterweise auf die +heimliche Gräfin und heiratet die Fabrikantentochter.“ + +„Magda?“ + +„Jawohl. Und die heimliche Gräfin den Klavierlehrer. So wollen es die +höheren Mächte, lieber Herr Doktor, denen wir –“ ihre Stimme verdunkelte +sich ein wenig – „uns nun einmal zu beugen haben.“ + +Diederich hatte noch einen Zweifel, äußerte ihn aber nicht. Der Leutnant +hätte die heimliche Gräfin auch ohne Geld heiraten sollen, es würde +Diederich tief befriedigt haben in seinem weichen und idyllischen Herzen. +Aber ach! diese harte Zeit dachte anders. + + + +Der Vorhang fiel, das Publikum entrang sich langsam seiner Ergriffenheit, +dann spendete es um so wärmeren Beifall dem Dienstmädchen und dem +Leutnant, die, es ließ sich leider voraussehen, das schwere Geschick, +nicht hoffähig zu sein, wohl noch länger würden tragen müssen. + +„Es ist wirklich ein Elend!“ seufzten Frau Harnisch und Frau Cohn. + +Beim Büfett sagte Wulckow, am Ende seiner Beratungen mit dem +Bürgermeister: + +„Wir bringen der Bande noch Gesinnung bei!“ + +Dann ließ er seine Tatze schwer auf Diederichs Schulter fallen. „Na, +Doktorchen, hat meine Frau Sie schon zum Tee geladen?“ + +„Selbstverständlich, und kommen Sie recht bald!“ Die Präsidentin hielt ihm +die Hand zum Kuß hin, und Diederich entfernte sich beglückt. Wulckow +selbst wollte ihn wiedersehen! Mit Diederich zusammen wollte er Netzig +erobern! + +Indes die Präsidentin in der Spiegelgalerie Cercle hielt und Glückwünsche +entgegennahm, bearbeitete Diederich die Stimmung. Heuteufel, Cohn, +Harnisch und noch einige andere Herren erschwerten es ihm, denn sie gaben, +wenn auch vorsichtig, zu verstehen, daß sie das Ganze für Quatsch hielten. +Diederich war genötigt, ihnen Andeutungen über den durchaus großzügigen +dritten Akt zu machen, damit sie verstummten. Dem Redakteur Nothgroschen +diktierte er ausführlich, was er von der Dichterin wußte, denn +Nothgroschen mußte fort, die Zeitung sollte in Druck gehen. „Wenn Sie aber +Blödsinn schreiben, Sie Zeilenschinder, schlag’ ich Ihnen Ihren Wisch um +die Ohren!“ – worauf Nothgroschen dankte und sich empfahl. Professor +Kühnchen seinerseits, der gehorcht hatte, ergriff Diederich bei einem +Knopf und kreischte: „Sie, mein Bester! Eens hätten Se nu aber unserm +Klatschdirektor ooch noch erzählen können!“ Der Redakteur, der sich nennen +hörte, kehrte zurück, und Kühnchen fuhr fort: „Nämlich, daß die herrliche +Schöpfung unserer allverehrten Präsidentin schon mal ist vorausgeahnt +worden, und zwar von keinem Geringeren als von unserem Altmeister Goethe +in seiner Natürlichen Tochter. Nun, und das ist denn doch wohl das +Höchste, was sich zum Ruhme der Dichterin sagen läßt!“ + +Diederich hatte Bedenken über die Zweckmäßigkeit von Kühnchens Entdeckung, +fand es aber unnötig, sie ihm mitzuteilen. Der kleine Greis strebte schon, +mit flatternden Haaren, durch das Gedränge; schon sah man, wie er vor Frau +von Wulckow den Boden scharrte und ihr das Ergebnis seiner vergleichenden +Forschung vortrug. Freilich, ein Fiasko, wie er es erlitt, hatte auch +Diederich nicht vorausgesehen. Die Dichterin sagte eiskalt: „Was Sie da +bemerken, Herr Professor, kann nur auf Verwechselung beruhen. Ist die +Natürliche Tochter überhaupt von Goethe?“ fragte sie und rümpfte +mißtrauisch die Nase. Kühnchen beteuerte es, aber es half ihm nichts. + +„Jedenfalls haben Sie in der Zeitschrift ‚Das traute Heim‘ einen Roman von +mir gelesen, und den habe ich nun dramatisiert. Meine Schöpfungen sind +sämtlich Originalarbeiten. Die Herren –“ sie musterte den Kreis – „wollen +böswilligen Gerüchten entgegentreten.“ + +Damit war Kühnchen entlassen, trat ab und schnappte nach Luft. Diederich +erinnerte ihn, im Ton eines geringschätzigen Erbarmens, an Nothgroschen, +der mit seiner gefährlichen Information schon von dannen war; und Kühnchen +stürzte hinterdrein, um das Schlimmste zu verhüten. + +Wie Diederich den Kopf wandte, hatte im Saal das Bild sich verändert: +nicht nur die Präsidentin, auch der alte Buck hielt Cercle. Es war +erstaunlich, aber man lernte die Menschen kennen. Sie ertrugen es nicht, +daß sie vorhin ihren Instinkten freien Lauf gelassen hatten; mit +beteuerndem Gesicht machte einer nach dem anderen sich an den Alten heran +und wollte es nicht gewesen sein. So groß war, noch nach schweren +Erschütterungen, die Macht des Bestehenden, von alters her Anerkannten! +Diederich selbst fand es angezeigt, nicht in auffälliger Weise hinter der +Mehrheit zurückzubleiben. Nachdem er sich vergewissert hatte, daß Wulckow +schon fort war, machte er seine Aufwartung. Der Alte saß eben allein in +dem Polstersessel, der für ihn ganz vorn bei der Bühne stand; er ließ +seine weiße Hand merkwürdig zart über die Lehne hängen und blickte zu +Diederich hinauf. + +„Da sind Sie, mein lieber Heßling. Ich habe es oft bedauert, daß Sie nicht +kamen“ – ganz schlicht und nachsichtig. Diederich fühlte sofort wieder +Tränen heraufsteigen. Er gab ihm die Hand hin, freute sich, daß der Herr +Buck sie ein wenig länger in der seinen behielt, und stammelte etwas von +Geschäften, Sorgen und „um ehrlich zu sein“ – denn ein jähes Bedürfnis +nach Ehrlichkeit erfaßte ihn – von Bedenken und Hemmungen. + +„Es ist schön von Ihnen,“ sagte darauf der Alte, „daß Sie mich das nicht +nur erraten lassen, sondern es mir eingestehen. Sie sind jung und handeln +wohl unter den Antrieben, denen die Geister heute gehorchen. In die +Unduldsamkeit des Alters will ich nicht verfallen.“ + +Da schlug Diederich die Augen nieder. Er hatte verstanden: dies war die +Verzeihung für den Prozeß, der dem Schwiegersohn des Alten die bürgerliche +Ehre gekostet hatte; und ihm ward schwül unter so viel Milde – und so viel +Nichtachtung. Der Alte freilich sagte: + +„Ich achte den Kampf und kenne ihn zu gut, um jemand zu hassen, der gegen +die Meinen kämpft.“ Worauf Diederich, von Furcht ergriffen, dies möchte zu +weit führen, sich aufs Leugnen verlegte. Er wisse selbst nicht –. Man +komme in Sachen hinein –. Der Alte erleichterte es ihm. „Ich weiß: Sie +suchen und haben sich selbst noch nicht gefunden.“ + +Er tauchte seinen weißen Knebelbart in die seidene Halsbinde. Als er ihn +wieder hervorholte, begriff Diederich, daß etwas Neues kam. + +„Sie haben das Haus hinter dem Ihren nun doch nicht gekauft“, sagte der +Herr Buck. „Ihre Pläne haben sich wohl geändert?“ + +Diederich dachte: „Er weiß alles“, und sah schon seine heimlichsten +Berechnungen enthüllt. + +Der Alte lächelte schlau und gütig. „Sollten Sie etwa Ihre Fabrik zunächst +verlegen und erst dann erweitern wollen? Ich könnte mir denken, daß Sie +Ihr Grundstück zu verkaufen wünschen und nur auf eine gewisse Gelegenheit +warten – die auch ich in Betracht ziehe“, setzte er hinzu, und mit einem +Blick: „Die Stadt hat vor, ein Säuglingsheim zu errichten.“ + +„Alter Hund!“ dachte Diederich. „Er spekuliert auf den Tod seines besten +Freundes!“ Gleichzeitig aber kam ihm die Erleuchtung, was er Wulckow +vorzuschlagen habe, um Netzig zu erobern!... Er schnaufte. + +„Durchaus nicht, Herr Buck. Mein väterliches Erbstück geb’ ich nicht her!“ + +Da nahm der Alte nochmals seine Hand. „Ich bin kein Versucher“, sagte er. +„Ihre Pietät ehrt Sie.“ + +„Esel“, dachte Diederich. + +„So werden wir uns eben ein anderes Terrain suchen. Ja, vielleicht werden +Sie dabei mitwirken. Uneigennützigen Gemeinsinn, lieber Heßling, lassen +wir uns nicht entgehen – auch nicht, wenn er einen Augenblick in falscher +Richtung zu wirken scheint.“ + +Er stand auf. + +„Wollen Sie Stadtverordneter werden, so haben Sie meine Unterstützung.“ + +Diederich starrte, ohne zu begreifen. Die Augen des Alten waren blau und +tief, und er bot Diederich eben das Ehrenamt an, um das Diederich seinen +Schwiegersohn gebracht hatte. Sollte man nun ausspucken oder sich +verkriechen? Diederich zog es vor, die Absätze zusammenzuschlagen und +korrekt seinen Dank abzustatten. + +„Sie sehen,“ erwiderte der Alte, „der Gemeinsinn schlägt Brücken von jung +und alt und sogar bis zu denen, die nicht mehr da sind.“ + +Er führte die Hand im Halbkreis über die Wände und über das Geschlecht von +einst, das verblichen und heiter aus ihrer gemalten Tiefe trat. Er +lächelte den jungen Mädchen in Reifröcken zu und zugleich auch einer +seiner Nichten und Meta Harnisch, die vorübergingen. Als er das Gesicht +dem alten Bürgermeister zuwendete, der zwischen Blumen und Kindern aus dem +Stadttor schritt, bemerkte Diederich die große Ähnlichkeit der beiden. Der +alte Buck wies auf den und jenen aus der gemalten Versammlung. + +„Von dem da hab’ ich viel gehört. Diese Dame kannte ich noch. Sieht der +Geistliche nicht aus wie Pastor Zillich? Nein, unter uns kann es keine +ernstliche Entfremdung geben, wir sind einander seit langem verpflichtet +zum guten Willen und gemeinsamen Fortschritt, schon durch jene da, die uns +die ‚Harmonie‘ hinterließen.“ + +„Nette Harmonie“, dachte Diederich und sah umher, wie er fortgelange. Der +Alte hatte sich, nach seiner Gewohnheit, einen Übergang gemacht von den +Geschäften zum sentimentalen Schwatz. „Immer kommt der Literat heraus“, +dachte Diederich. + +Gerade gingen Guste Daimchen und Inge Tietz vorbei. Guste hatte sich +eingehängt, und Inge prahlte mit dem, was sie hinter den Kulissen erlebt +hatte. „Unsere Angst, als sie immer sagten: Tee, Kaffee, Kaffee, Tee.“ +Guste behauptete: „Das nächste Mal schreibt Wolfgang ein viel schöneres +Stück, und ich spiele mit.“ Da machte Inge sich los, sie bekam eine scheu +ablehnende Miene. „So?“ sagte sie; und Gustes dickes Gesicht verlor +plötzlich seinen harmlosen Eifer. „Warum etwa nicht?“ fragte sie, +weinerlich empört. „Was hast du nun wieder?“ + +Diederich, der es ihr hätte sagen können, wandte sich schleunig zum alten +Buck zurück. Der schwatzte weiter. + +„Dieselben Freunde, damals wie jetzt; und auch die Feinde sind da. Schon +recht verwischt, der eiserne Ritter, der Kinderschreck dort in seiner +Nische am Tor. Don Antonio Manrique, grausamer Reitergeneral, der du im +Dreißigjährigen Krieg unser armes Netzig gebrandschatzt hast: wenn nun +nicht die Riekestraße nach dir hieße, wohin wäre dann selbst der letzte +Klang von dir verweht?... Auch einer, dem unser Freisinn nicht gefiel und +der uns zu vertilgen dachte.“ + +Plötzlich schüttelte den Alten ein stilles Kichern. Er nahm Diederich bei +der Hand. + +„Hat er nicht Ähnlichkeit mit unserem Herrn von Wulckow?“ + +Diederichs Miene ward hierauf noch korrekter, aber der Alte bemerkte es +nicht, er war nun einmal aufgeräumt, ihm fiel noch etwas ein. Er winkte +Diederich hinter eine Pflanzengruppe und zeigte ihm an der Wand zwei +Figuren, einen jungen Schäfer, der sehnsüchtig die Arme öffnete, und +jenseits eines Baches eine Schäferin, die sich anschickte, +hinüberzuspringen. Der Alte wisperte: „Was meinen Sie, werden die beiden +zueinander kommen? Das wissen nicht viele mehr. Ich weiß es noch.“ Er sah +sich um, ob niemand ihn beachte, und plötzlich öffnete er eine kleine Tür, +die man nie gefunden haben würde. Die Schäferin auf der Tür bewegte sich +dem Liebenden entgegen. Noch ein wenig, und hinter der Tür im Dunkeln +mußte sie ihm wohl in den Armen liegen ... Der Alte wies in das Zimmer, +das er aufgedeckt hatte. „Es heißt das Liebeskabinett.“ Laternenschein von +irgendeinem Hof fiel durch das Fenster ohne Vorhang; er beglänzte den +Spiegel und das dünnbeinige Kanapee. Der Alte zog die dumpfe Luft ein, die +nach wer weiß wie langer Zeit herausströmte, er lächelte verloren. Und +dann schloß er die kleine Tür. + +Aber Diederich, den dies nur mäßig interessierte, sah etwas kommen, das +weit mehr Anregung versprach. Es war der Landgerichtsrat Fritzsche: denn +er war da. Sein Urlaub war wohl zu Ende, er war zurück aus dem Süden, und +er hatte sich eingefunden, wenn auch etwas verspätet und wenn auch ohne +Judith Lauer, deren Urlaub ja noch dauerte, solange ihr Gatte in der +Vogtei saß. Wo er mit Drehungen des Körpers, die nicht unbefangen wirkten, +hindurchkam, ward geflüstert, und jeder, den er begrüßte, lugte verstohlen +nach dem alten Herrn Buck. Fritzsche sah wohl, daß er in der Sache etwas +tun müsse; er gab sich einen Ruck und ging los. Der Alte, noch eben +ahnungslos, fand ihn plötzlich vor sich. Er ward vollkommen weiß; +Diederich erschrak und streckte schon die Arme aus. Aber es geschah +nichts, der Alte hatte sich zurück. Er stand da, so steif, daß sein Rücken +sich aushöhlte, und blickte kühl und unverwandt auf den Mann, der seine +Tochter entführt hatte. + +„Schon zurück, Herr Landgerichtsrat?“ sagte er laut. + +Fritzsche versuchte jovial zu lachen. „Schöneres Wetter war dort unten, +Herr Stadtrat. Na und die Kunst!“ + +„Davon haben wir hier nur einen Widerschein“ – und der Alte wies, ohne den +anderen aus den Augen zu lassen, über die Wände. Seine Haltung machte +Eindruck auf die meisten, die von dort hinten seine Schwäche belauerten. +Er hielt stand und repräsentierte, in einer Lage, die einige +Hemmungslosigkeit immerhin erklärt haben würde. Er repräsentierte das alte +Ansehen, er allein für die zerfallende Familie, für das Gefolge, das schon +ausblieb. In diesem Augenblick gewann er, statt so vieles Verlorenen, +manche Sympathien ... Diederich hörte ihn noch sagen, förmlich und klar: +„Ich habe es durchgesetzt, daß unser moderner Straßenzug eine andere +Richtung bekam, bloß um dies Haus zu erhalten und diese Malereien. Sie +haben nur den Wert von Schilderungen, mag sein. Aber ein Gebilde, das +seiner Zeit und ihren Sitten Dauer verleihen möchte, kann hoffen, selbst +zu dauern.“ Dann drückte Diederich sich, er schämte sich für Fritzsche. + + + +Die Schwiegermutter des Bürgermeisters fragte ihn, was der Alte über die +„Heimliche Gräfin“ geäußert habe. Diederich dachte nach, und er mußte +gestehen, er habe das Stück gar nicht erwähnt. Beide waren enttäuscht. + +Indes bemerkte er, daß Käthchen Zillich spöttisch hersah, und gerade sie +hatte sich nichts zu erlauben. „Nun, Fräulein Käthchen“, sagte er recht +laut. „Was denken Sie über den grünen Engel?“ Sie erwiderte noch lauter: +„Der grüne Engel? Sind Sie das?“ Und sie lachte ihm ins Gesicht. „Sie +sollten wirklich vorsichtiger sein“, meinte er stirnrunzelnd. „Ich fühle +mich geradezu verpflichtet, Ihren Herrn Vater aufmerksam zu machen.“ + +„Papa!“ rief Käthchen sofort. Diederich erschrak. Glücklicherweise hörte +Pastor Zillich nicht. + +„Natürlich hab’ ich meinem Papa gleich neulich von unserem kleinen Ausflug +erzählt. Was macht es denn, es waren doch nur Sie.“ + +Sie ging zu weit. Diederich schnaufte. „Na und für Liebhaber schöner Ohren +war auch noch Jadassohn da.“ Da er sah, daß es sie traf, setzte er hinzu: +„Das nächste Mal im grünen Engel streichen wir sie ihm grün an, das macht +Stimmung.“ + +„Wenn Sie meinen, daß es auf die Ohren ankommt.“ Dabei drückte Käthchens +Blick eine so schrankenlose Verachtung aus, daß Diederich den Entschluß +faßte, mit allen Mitteln einzuschreiten. Sie befanden sich bei der +Pflanzengruppe. „Was glauben Sie?“ fragte er. „Wird die Schäferin über den +Bach springen und den Schäfer glücklich machen?“ + +„Schaf“, sagte sie. Diederich überhörte es, ging hin und tastete an der +Wand umher. Nun hatte er die Tür. „Sehen Sie? Sie springt.“ + +Käthchen kam näher, neugierig streckte sie ihren Hals in das geheime +Zimmer. Da hatte sie einen Stoß und war ganz drinnen. Diederich warf die +Tür zu, er fiel stumm über Käthchen her, mit wildem Schnaufen. + +„Lassen Sie mich hinaus, ich kratze!“ rief sie und wollte kreischen. Aber +sie mußte lachen, was sie wehrlos machte und dem Sofa immer näher brachte. +Der Kampf mit ihren entblößten Armen und Schultern versetzte ihn vollends +außer sich. „Jawohl,“ keuchte er, „jetzt kommt was.“ Bei jedem Strich +Boden, den er gewann, wiederholte er: „Jetzt kommt was. Bin ich noch ein +Schaf? Aha, wenn man denkt, ein Mädchen ist anständig, und man hat +ehrliche Absichten, ist man ein Schaf. Jetzt kommt was.“ Mit einem letzten +Ruck schleuderte er sie hin. „Au“, sagte sie; und vor Lachen erstickend: +„Was kommt denn jetzt?“ + +Plötzlich ward ihre Verteidigung ernst. Sie rang sich hervor; der Streifen +Gaslicht, den das kahle Fenster hereinließ, beschien ihre Unordnung; und +ihr Gesicht, von der Anstrengung wie geschwollen, war nach der Tür +gerichtet. Er wandte den Kopf: da stand Guste Daimchen. Sie starrte +entgeistert her, Käthchen quollen die Augen heraus, und Diederich, auf dem +Sofa kniend, verrenkte sich den Hals ... Endlich zog Guste die Tür an, sie +ging entschlossen auf Käthchen zu. + +„Du gemeines Luder!“ sagte sie aus tiefem Innern. + +„Selber eins!“ sagte Käthchen, schnell gefaßt. Da schnappte Guste nur noch +nach Luft. Von Käthchen sah sie zu Diederich, ratlos und so empört, daß +ihr Blick sich mit feuchtem Glanz füllte. Er versicherte: „Fräulein Guste, +es handelt sich um einen Scherz“; aber er kam schlecht an, Guste brach +los. „Sie kenn’ ich, von Ihnen kann ich es mir denken.“ + +„So, du kennst ihn“, bemerkte Käthchen höhnisch. Sie stand auf, indes +Guste ihr noch näher rückte. Diederich seinerseits ergriff die +Gelegenheit, gab seiner Haltung Würde und trat zurück, um die Damen unter +sich die Sache erledigen zu lassen. + +„Daß ich so was muß mit ansehen!“ rief Guste; und Käthchen: „Du hast gar +nichts gesehen! Wozu siehst du es dir überhaupt an?“ + +Diederich begann gleichfalls dies auffallend zu finden, zumal da Guste +schwieg. Käthchen gewann sichtlich die Oberhand. Sie warf den Kopf zurück +und sagte: „Von dir finde ich es überhaupt sonderbar. Wer so viel Butter +auf dem Kopf hat wie du!“ + +Sofort zeigte Guste sich tief beunruhigt. „Ich?“ fragte sie gedehnt. „Was +tu’ ich denn?“ + +Käthchen zierte sich plötzlich – indes Diederich vom Schrecken gepackt +ward. + +„Das wirst du wohl selbst wissen. Mir ist es zu peinlich.“ + +„Ich weiß gar nichts“, sagte Guste klagend. + +„So was hätte man gedacht, das es gar nicht gibt“, sagte Käthchen und +rümpfte die Nase. Guste verlor die Geduld. „Nun bitte ich es mir aber aus! +Was habt ihr alle?“ + +Diederich schlug vor: „Es ist doch wohl besser, wenn wir jetzt das Lokal +verlassen.“ Aber Guste stampfte auf. + +„Keinen Schritt tu’ ich, bis ich es weiß. Den ganzen Abend merke ich +schon, daß sie mich anglotzen, als ob ich einen toten Fisch verschluckt +habe.“ + +Käthchen wandte sich weg. „Na, da siehst du es. Sei froh, daß sie dich +nicht hinauswerfen mitsamt deinem Halbbruder Wolfgang.“ + +„Mit wem?... Mein Halbbruder ... Wieso Halbbruder?“ + +In einer tiefen Stille keuchte Guste leise und irrte mit den Augen umher. +Auf einmal hatte sie begriffen. „So eine Gemeinheit!“ rief sie entsetzt. +Über Käthchens Mienen breitete sich ein Lächeln des Genusses aus. +Diederich seinerseits wehrte beteuernd ab. Guste streckte den Finger aus +gegen Käthchen. „Das habt ihr Mädchen euch ausgedacht! Ihr seid mir +neidisch wegen meinem Geld!“ + +„Pöh“, machte Käthchen. „Dein Geld wollen wir überhaupt nicht, wenn so was +dabei ist.“ + +„Es ist doch nicht wahr!“ Guste kreischte auf. Plötzlich fiel sie vornüber +auf das Sofa und wimmerte. „Ach Gott, ach Gott, was haben wir da +angerichtet.“ + +„Siehst du wohl“, sagte Käthchen, frei von Mitleid. + +Guste schluchzte immer lauter; Diederich berührte ihre Schulter. „Fräulein +Guste, Sie wollen doch nicht, daß die Leute kommen.“ Er suchte nach einem +Trost. „So was kann man nie wissen. Ähnlich sehen Sie sich nicht.“ + +Aber der Trost wirkte anstachelnd auf Guste. Sie sprang auf und ging zum +Angriff über. „Du – du bist überhaupt eine feine Nummer“, zischte sie +Käthchen zu. „Von dir sag’ ich, was ich gesehen habe!“ + +„Das werden sie dir glauben! So einer glaubt keiner mehr was. Von mir weiß +jeder, daß ich anständig bin.“ + +„Anständig! Streich dir wenigstens das Kleid glatt!“ + +„So gemein wie du –“ + +„Bist bloß noch du!“ + +Hierüber erschraken beide, brachen ab und verharrten einander gegenüber, +Haß und Angst in ihren dicken Gesichtern, die sich so sehr glichen; und +die Büsten nach vorn, die Schultern hinauf, die Arme in die Hüften +gestemmt, sahen sie aus, als sollten ihnen die duftigen Ballkleider vom +Leibe platzen. Guste unternahm noch einen Vorstoß. „Ich sag’ es doch!“ + +Da sprengte Käthchen die letzte Fessel. „Dann mach’ aber schnell, sonst +komm’ ich früher und erzähl’ allen, daß nicht du, sondern ich hier die Tür +hab’ aufgemacht und hab’ euch beide ertappt.“ + +Da hierauf Guste nur noch mit den Lidern klappte, setzte Käthchen, +plötzlich selbst ernüchtert, hinzu: „Nun ja, das bin ich mir doch +schuldig. Bei dir kommt es nicht mehr darauf an.“ + +Aber Diederichs Blick war Gustes begegnet, verständigte sich mit ihr und +glitt hinunter, bis er auf ihrem kleinen Finger den Brillanten traf, den +sie gemeinsam aus den Lumpen gezogen hatten. Da lächelte Diederich +ritterlich, und Guste, tief errötet, trat so nahe zu ihm, als lehnte sie +sich an. Käthchen schlich zur Tür. Über Gustes Schulter geneigt, sagte +Diederich leise: „Ihr Verlobter läßt Sie aber lange allein.“ – „Ach der“, +erwiderte sie. Er senkte das Gesicht noch ein wenig und drückte es auf +ihre Schulter. Sie hielt ganz still. „Schade“, sagte er und zog sich so +unerwartet zurück, daß Guste ausglitt. Sie begriff auf einmal, daß ihre +Lage sich wesentlich verändert hatte. Ihr Geld war nicht mehr Trumpf, es +war entwertet, ein Mann wie Diederich war mehr wert. Sofort bekam sie +einen Blick wie eine Hündin. Diederich sagte gemessen: „An der Stelle +Ihres Verlobten würde ich allerdings anders vorgehen.“ + +Käthchen zog mit äußerster Behutsamkeit die Tür wieder an, sie kehrte +zurück, den Finger auf den Lippen. + +„Wißt ihr was? Das Theater hat wieder angefangen – schon lange, glaube +ich.“ + +„O Gott!“ sagte Guste; und Diederich: + +„Na, dann sitzen wir in der Falle.“ + +Er suchte die Wände ab nach einem Ausgang; er rückte sogar das Sofa fort. +Da keiner zu finden war, entrüstete er sich. + +„Hier ist tatsächlich eine Falle. Und um der alten Baracke willen hat der +Herr Buck den ganzen Straßenzug verlegt. Er soll es noch erleben, daß ich +sie ihm einreiße! Bloß erst Stadtverordneter sein!“ + +Käthchen kicherte. „Was schnauben Sie denn so? Hier ist es doch ganz +gemütlich. Jetzt können wir machen, was wir wollen.“ Und sie sprang über +das Sofa. Da gab Guste sich einen Ruck und wollte auch hinüber. Sie blieb +aber hängen. Diederich fing sie auf. Auch Käthchen hängte sich an ihn. Er +zwinkerte beiden zu. „Also was machen wir?“ Käthchen sagte: „Das müssen +Sie wissen. Wir drei kennen uns ja nun.“ – „Und zu verlieren haben wir +auch nichts mehr“, sagte Guste. Dann platzten sie alle aus. + +Aber Käthchen entsetzte sich. „Kinder! In dem Spiegel seh’ ich aus wie +meine tote Großmutter.“ + +„Er ist ganz schwarz.“ + +„Und ganz bekritzelt.“ + +Sie legten die Gesichter darauf, um im fahlen Gaslicht die Ausrufe und +Kosenamen zu lesen, die zusammen mit alten Jahreszahlen in den Umrissen +verschlungener Herzen standen, auf eingeritzten Vasen, Amoretten und sogar +über Gräbern. „Auf der Urne hier unten, nein so was!“ sagte Käthchen. +„‚Erst jetzt sollen wir leiden‘ ... Warum? Weil sie hier drinnen waren? +Die waren wohl verrückt.“ + +„Wir sind nicht verrückt“, behauptete Diederich. „Fräulein Guste, Sie +haben doch einen Brillanten.“ Er zeichnete drei Herzen, versah sie mit +einer Inschrift und ließ die Mädchen das Werk enträtseln. Da sie sich +kreischend abwandten, sagte er stolz: „Wozu heißt dies das +Liebeskabinett.“ + +Plötzlich stieß Guste einen Schreckensruf aus. „Hier sieht jemand zu!“ + +Hinter dem Spiegel hervor streckte sich ein geisterbleicher Kopf!... +Käthchen war schon bei der Tür. „Kommen Sie wieder her“, rief Diederich. +„Es ist bloß gemalt.“ + +Der Spiegel hatte sich auf einer Seite von der Wand gelöst, man konnte ihn +noch weiter umwenden: da trat die ganze Figur heraus. + +„Es ist die Schäferin, die draußen über den Bach springt!“ + +„Jetzt hat sie es hinter sich“, sagte Diederich; denn die Schäferin saß da +und weinte. Auf der Rückseite des Spiegels aber entfernte sich der +Schäfer. + +„Und dort kommt man hinaus!“ Diederich wies auf einen erleuchteten Spalt, +er tastete, die Tapete öffnete sich. + +„Dies ist der Ausgang, wenn man es hinter sich hat“, bemerkte er und ging +voraus. Ihm im Rücken sagte Käthchen spöttisch: + +„Ich habe gar nichts hinter mir.“ + +Und Guste wehmütig: „Ich auch nicht.“ + + + +Diederich überhörte dies, er stellte fest, daß man sich in einem der +kleinen Salons hinter dem Büfett befand. Eilends erreichte er die +Spiegelgalerie und verlor sich unauffällig in der Menge, die soeben aus +dem Saal quoll. Man war erfüllt von dem tragischen Schicksal der +heimlichen Gräfin, die nun also doch den Klavierlehrer geheiratet hatte. +Frau Harnisch, Frau Cohn, die Schwiegermutter des Bürgermeisters, alle +hatten verweinte Augen; Jadassohn, der, schon abgeschminkt, Lorbeeren +einzusammeln kam, ward von den Damen nicht gut aufgenommen. „Sie sind +schuld, Herr Assessor, daß es so gekommen ist! Schließlich war sie doch +Ihre leibliche Schwester.“ – „Pardon, meine Damen!“ Und Jadassohn +verteidigte seinen Standpunkt als legitimer Erbe der gräflichen +Besitzungen. Da sagte Meta Harnisch: + +„Aber so herausfordernd brauchten Sie nicht auszusehen.“ + +Sofort richteten sich alle Blicke auf seine Ohren; man kicherte; und +Jadassohn, der vergeblich krähte, was denn los sei, ward von Diederich +unter den Arm genommen. Diederich, das süße Pochen der Rache im Herzen, +führte ihn eben dorthin, wo die Regierungspräsidentin unter lebhafter +Anerkennung seiner Verdienste um ihr Werk sich vom Major Kunze +verabschiedete. Kaum aber daß sie Jadassohn erblickte, drehte sie einfach +den Rücken. Jadassohn blieb am Boden haften, Diederich brachte ihn nicht +mehr weiter. „Was ist denn?“ fragte er heuchlerisch. „Ach ja, die +Präsidentin. Sie haben ihr nicht gefallen. Sie sollen auch nicht +Staatsanwalt werden. Man sah Ihre Ohren zu sehr.“ + +Was aber Diederich auch erwartet hatte, diese Spottgeburt einer Grimasse +hatte er nicht erwartet! Wo war die hochgemute Schneidigkeit, der +Jadassohn sein Leben geweiht hatte? „Ich sage es ja“, äußerte er nur, ganz +leise; aber man glaubte einen grauenvollen Aufschrei zu hören ... Dann kam +er in Bewegung, tanzte am Fleck umher und redete. „Sie können lachen, mein +Bester! Sie wissen nicht, was Sie an Ihrem Gesicht haben. Ihr Gesicht, +nichts weiter, und in zehn Jahren bin ich Minister.“ + +„Na, na“, sagte Diederich. Er setzte hinzu: „Das ganze Gesicht brauchen +Sie nicht einmal: bloß die Ohren.“ + +„Wollen Sie sie mir verkaufen?“ fragte Jadassohn und sah ihn an, daß +Diederich erschrak. „Kann man das?“ fragte er unsicher. Jadassohn ging +schon, unter zynischem Lachen, auf Heuteufel zu. „Sie sind doch Spezialist +für Ohren, Herr Doktor ...“ + +Heuteufel erklärte ihm, daß tatsächlich, wenn auch bisher nur in Paris, +Operationen ausgeführt würden, durch die man Ohren auf die Hälfte ihres +Umfanges herunterbringe. „Wozu gleich das Ganze weg?“ sagte Heuteufel. +„Die Hälfte können Sie ruhig behalten.“ Jadassohn hatte seine Haltung +zurück. „Großartiger Witz! Erzähl’ ich bei Gericht. Sie Gauner!“ Und er +klopfte Heuteufel auf den Bauch. + +Diederich inzwischen wandte sich seinen Schwestern zu, die, zum Ball +umgekleidet, aus der Garderobe kamen. Sie wurden allerseits mit Beifall +begrüßt und berichteten von ihren Eindrücken auf der Bühne. „Tee – Kaffee: +Gott, war das aufregend!“ sagte Magda. Auch Diederich als Bruder nahm +Glückwünsche entgegen. Er schritt zwischen ihnen, Magda hatte sich in ihn +eingehängt, Emmis Arm dagegen mußte er gewaltsam festhalten. Sie zischte: +„Laß die Komödie“; und er schnob ihr zu, zwischen Lachen und Grüßen: „Du +hast zwar bloß die kleine Rolle gehabt, aber sei froh, wenn du überhaupt +mal was vorstellst. Sieh Magda an!“ Denn Magda schmiegte sich gefällig an +ihn, sie schien bereit, das Glück der einigen Familie so lange spazieren +zu führen, als er es irgend wünschte. „Kleine,“ sagte er mit zärtlicher +Achtung, „du hast Erfolg gehabt. Aber ich kann dir versichern, ich auch.“ +Er gab ihr sogar Schmeicheleien. „Du siehst heute süß aus. Für Kienast +bist du fast zu schade.“ Als dann noch die Regierungspräsidentin, schon im +Fortgehen, ihnen gnädig zuwinkte, begegneten die Geschwister auf ihrem Weg +nur den ergebensten Gesichtern. Der Saal war ausgeräumt; hinter der +Palmengruppe ward eine Polonäse angestimmt. Diederich machte seine +korrekteste Verbeugung vor Magda und schritt mit ihr zum Tanz, +triumphierend, gleich nach dem Major Kunze, der führte. So zogen sie an +Guste Daimchen vorüber, die saß. Sie saß neben dem verwachsenen Fräulein +Kühnchen und sah ihnen nach, als habe sie Prügel bekommen. Ihr Anblick +berührte Diederich fast so unheimlich, wie der des Herrn Lauer in der +Vogtei. + +„Die arme Guste!“ sagte Magda. Diederich runzelte die Brauen. „Ja ja, das +kommt davon.“ + +„Aber eigentlich“ – und Magda blinzelte von unten, „woher kommt es denn?“ + +„Das ist gleich, mein Kind, jetzt ist es mal so.“ + +„Diedel, du solltest sie nachher doch zum Walzer bitten.“ + +„Das darf ich nicht. Man muß wissen, was man sich selbst schuldet.“ + +Dann verließ er sogleich den Saal. Soeben holte der junge Sprezius, der +jetzt nicht mehr Leutnant, sondern wieder Primaner war, das verwachsene +Fräulein Kühnchen von der Wand weg. Er nahm wohl Rücksicht auf ihren +Vater. Guste Daimchen blieb sitzen ... Diederich machte einen Gang durch +die Seitenzimmer, wo ältere Herren Karten spielten, bekam eine lange Nase +von Käthchen Zillich, die er hinter einer Tür mit einem Schauspieler +überraschte, und gelangte zum Büfett. Dort saß an einem Tischchen Wolfgang +Buck und zeichnete in sein Notizbuch die Mütter, die um den Saal herum +warteten. + +„Sehr talentvoll“, sagte Diederich. „Haben Sie auch schon Ihr Fräulein +Braut porträtiert?“ + +„In der Beziehung interessiert sie mich nicht,“ erwiderte Buck, so +phlegmatisch, daß Diederich Zweifel kamen, ob seine Erlebnisse mit Guste +im Liebeskabinett ihren Verlobten interessiert haben würden. + +„Mit Ihnen weiß man überhaupt nicht“, sagte er enttäuscht. + +„Mit Ihnen weiß man immer“, sagte Buck. „Damals vor Gericht, während Ihres +großen Monologes, hätte ich Sie zeichnen mögen.“ + +„Ihr Plädoyer hat mir genügt; es war ein Versuch, wenn auch +glücklicherweise ein mißlungener, meine Person und mein Wirken vor der +breitesten Öffentlichkeit in Mißkredit zu bringen und verächtlich zu +machen!“ + +Diederich blitzte, Buck bemerkte es erstaunt. „Mir scheint, Sie sind +beleidigt. Und ich habe es doch so gut gesagt.“ Er bewegte den Kopf und +lächelte, grüblerisch und entzückt. „Wollen wir nicht ’ne Flasche Sekt +zusammen trinken?“ fragte er. + +Diederich meinte: „Ob ich nun gerade mit Ihnen –.“ Aber er gab nach. „Das +Gericht hat durch sein Urteil festgestellt, daß Ihre Vorwürfe sich nicht +allein gegen mich, sondern gegen alle national gesinnten Männer richteten. +Damit sehe ich die Sache als erledigt an.“ + +„Dann also Heidsieck?“ fragte Buck. Er nötigte Diederich, mit ihm +anzustoßen. „Das werden Sie doch zugeben, bester Heßling, so eingehend wie +ich, hat sich mit Ihnen überhaupt noch niemand beschäftigt ... Jetzt kann +ich es Ihnen sagen: Ihre Rolle vor Gericht hat mich mehr interessiert als +meine eigene. Später, zu Hause vor meinem Spiegel, habe ich sie Ihnen +nachgespielt.“ + +„Meine Rolle? Sie wollen wohl sagen, meine Überzeugung. Freilich, für Sie +ist der repräsentative Typus von heute der Schauspieler.“ + +„Das sagte ich mit Beziehung auf – einen anderen. Aber Sie sehen, wieviel +näher ich es habe zu der Beobachtung ... Wenn ich morgen nicht die +Waschfrau zu verteidigen hätte, die bei Wulckows Unterhosen gestohlen +haben soll, vielleicht würde ich den Hamlet spielen. Prost!“ + +„Prost. Dazu brauchen Sie allerdings keine Überzeugungen!“ + +„Gott, ich habe auch welche. Aber immer dieselben?... Sie würden mir also +das Theater anraten?“ fragte Buck. Diederich hatte schon den Mund +geöffnet, um es ihm anzuraten, da trat Guste ein, und Diederich errötete, +denn er hatte bei Bucks Frage an sie gedacht. Buck sagte träumerisch: +„Inzwischen würde mein Topf mit Wurst und Kohl mir überkochen, und es ist +doch ein so gutes Gericht.“ Aber Guste, auf leisen Sohlen, legte ihm von +rückwärts die Hände auf die Augen und fragte: „Wer ist das?“ – „Da ist er +ja,“ sagte Buck und gab ihr einen Klaps. + +„Die Herren unterhalten sich wohl gut? Soll ich wieder gehen?“ fragte +Guste. Diederich beeilte sich, ihr einen Stuhl zu holen; aber in +Wirklichkeit wäre er lieber mit Buck allein gewesen; der fiebrige Glanz in +Gustes Augen versprach nichts Gutes. Sie redete geläufiger als sonst. + +„Ihr paßt eigentlich großartig zueinander, bloß daß ihr so förmlich tut.“ + +Buck sagte: „Das ist die gegenseitige Achtung.“ Diederich stutzte, und +dann machte er eine Bemerkung, die ihn selbst in Erstaunen setzte. +„Eigentlich – sooft ich mich von Ihrem Herrn Bräutigam trenne, hab’ ich +Wut auf ihn; beim nächsten Wiedersehen aber freu’ ich mich.“ Er richtete +sich auf. „Wenn ich nämlich noch kein national gesinnter Mann wäre, würde +er mich dazu machen.“ + +„Und wenn ich es wäre,“ sagte Buck, weich lächelnd, „würde er es mir +abgewöhnen. Das ist der Reiz.“ + +Aber Guste hatte sichtlich andere Sorgen; sie war erbleicht und schluckte +hinunter. + +„Jetzt sag’ ich dir was, Wolfgang. Wetten, daß du umfällst?“ + +„Herr Rose, Ihren Hennessy!“ rief Buck. Während er Kognak mit Sekt +mischte, umklammerte Diederich Gustes Arm; und da die Ballmusik gerade +sehr laut war, flüsterte er beschwörend: „Sie werden doch keine Dummheiten +machen?“ Sie lachte wegwerfend. „Doktor Heßling hat Angst! Er findet die +Geschichte zu gemein, ich finde sie bloß ulkig.“ Und laut lachend: „Was +sagst du? Dein Vater soll mit meiner Mutter: du verstehst. Und +infolgedessen sollen wir: du verstehst?“ + +Buck bewegte langsam den Kopf; und dann verzog er den Mund. „Wenn schon.“ +Da lachte Guste nicht mehr. + +„Wieso, wenn schon?“ + +„Nun, wenn die Netziger an so etwas glauben, muß es bei ihnen wohl alle +Tage vorkommen, tut also nichts.“ + +„Redensarten machen den Kohl nicht fett“, entschied Guste. Diederich +glaubte sich denn doch verwahren zu müssen. + +„Überall können Fehltritte vorkommen. Aber über die Meinung seiner +Mitmenschen setzt niemand sich ungestraft hinweg.“ + +Guste bemerkte: „Er glaubt immer, er ist zu gut für diese Welt.“ Und +Diederich: „Dies ist eine harte Zeit. Wer sich nicht wehrt, muß dran +glauben.“ Da rief Guste voll schmerzlicher Begeisterung: + +„Doktor Heßling ist nicht wie du! Er hat mich verteidigt! Ich hab’ den +Beweis, daß ich es weiß, von Meta Harnisch, weil sie schließlich hat +müssen den Mund auftun. Er war überhaupt der einzige, der mich hat +verteidigt. Er an deiner Stelle täte sich die Leute kaufen, die sich +unterstehen und verklatschen mich!“ + +Diederich bestätigte es durch Nicken. Buck drehte immerfort sein Glas und +spiegelte sich darin. Plötzlich ließ er es los. + +„Wer sagt euch denn, daß ich mir nicht auch ganz gern einmal einen kaufen +würde – einen herausgreifen, ohne besondere Auswahl, weil doch alle so +ziemlich gleich dumm und gemein sind?“ Dabei kniff er die Augen zu. Guste +hob die nackten Schultern. + +„So was sagt man, aber sie sind gar nicht so dumm, sie wissen, was sie +wollen ... Der Dümmere ist der Klügere“, schloß sie herausfordernd, und +Diederich nickte mit Ironie. Da sah Buck ihn an, aus Augen, die auf einmal +wie irrsinnig waren. Die Fäuste bewegte er mit krampfigem Zittern um +seinen Hals her. „Wenn ich aber –“ er war plötzlich ganz heiser – „wenn +ich den einen am Kragen hätte, von dem ich wüßte, er zettelt alles an, er +faßt in seiner Person zusammen, was an allen häßlich und schlecht ist: ihn +am Kragen hätte, der das Gesamtbild wäre alles Unmenschlichen, alles +Untermenschlichen –.“ Diederich, weiß wie sein Frackhemd, drückte sich +seitwärts vom Stuhl herunter und wich schrittweise zurück. Guste schrie +auf, sie stob panikartig nach der Wand. „Es ist der Kognak!“ rief +Diederich ihr zu ... Aber Bucks Blicke, die zwischen ihnen beiden, voll +des gräßlichsten Unheils, umherrollten, packten unvermittelt ein. Er +zwinkerte, er glänzte heiter. + +„An die Mischung bin ich leider gewöhnt“, erklärte er. + +„Es ist nur, damit ihr seht, wir können auch das.“ + +Diederich setzte sich polternd wieder hin. „Sie sind doch nur ein +Komödiant“, sagte er entrüstet. + +„Finden Sie?“ fragte Buck und glänzte noch heller. Guste rümpfte die Nase. +„Na dann amüsiert euch weiter“, äußerte sie und wollte gehen. Aber der +Landgerichtsrat Fritzsche war da, er verbeugte sich vor ihr und auch vor +Buck. Ob der Herr Rechtsanwalt gestatte, daß er mit dem Fräulein Braut den +Kotillon tanze. Er sprach äußerst höflich, beschwichtigend gewissermaßen. +Buck antwortete nicht, er faltete die Brauen. Guste indessen hatte schon +Fritzsches Arm genommen. + +Buck sah ihnen nach, eine Falte zwischen den Brauen, selbstvergessen. „Ja +ja,“ dachte Diederich, „erfreulich ist es nicht, wenn man einem Herrn +begegnet, der mit Ihrer Schwester, mein Bester, eine Vergnügungsreise +gemacht hat, und dann holt er einem die Braut vom Tisch weg, und du kannst +nichts machen, weil sonst der Skandal noch größer wird, weil nämlich +unsere Verlobung selbst schon ein Skandal ist ...“ + +Aufschreckend sagte Buck: „Wissen Sie, daß ich erst jetzt rechte Lust +bekomme, Fräulein Daimchen zu ehelichen? Ich hielt die Sache für – nicht +sehr sensationell; aber die Einwohner von Netzig machen geradezu eine +Pikanterie daraus.“ + +Diederich war starr über diese Wirkung. „Wenn Sie finden“, brachte er +hervor. + +„Warum nicht? Sie und ich, wir beiden Gegenpole, führen doch hier die +vorgeschrittenen Tendenzen der moralfreien Epoche ein. Wir machen Betrieb. +Der Geist der Zeit geht hier noch in Filzschuhen über die Straße.“ + +„Wir werden ihm Sporen anlegen“, verhieß Diederich. + +„Prost!“ + +„Prost! Aber _meine_ Sporen“ – Diederich blitzte. „Ihre Skepsis und Ihre +schlappe Gesinnung sind nicht zeitgemäß. Mit“ – er blies durch die Nase – +„mit Geist ist heute nichts zu machen. Die nationale Tat“ – ein +Faustschlag auf den Tisch – „hat die Zukunft!“ + +Buck darauf mit verzeihendem Lächeln: „Die Zukunft? Das ist eben die +Verwechslung. Die nationale Tat hat abgehaust, im Lauf von hundert Jahren. +Was wir erleben und noch erleben sollen, sind ihre Zuckungen und ihr +Leichengeruch. Es wird keine gute Luft sein.“ + +„Von Ihnen habe ich nichts anderes erwartet, als daß Sie das Heiligste in +den Schmutz ziehen!“ + +„Heilig! Unantastbar! Sagen wir gleich ewig! Nicht wahr? Außerhalb der +Ideale eures Nationalismus wird nie, nie wieder gelebt werden. Früher, mag +sein, in der dunkeln Periode der Geschichte, die euch noch nicht kannte. +Jetzt aber seid ihr da, und die Welt ist angelangt. Dünkel und Haß der +Nationen, das ist das Ziel, darüber hinaus geht es nicht.“ + +„Wir leben in einer harten Zeit“, bestätigte Diederich ernst. + +„Weniger hart als verkalkt ... Ich bin nicht überzeugt, daß die Menschen, +deren Dasein in den Dreißigjährigen Krieg fiel, an die Unabänderlichkeit +ihres auch nicht weichen Zustandes geglaubt haben. Und ich bin überzeugt, +daß die Rokokowillkür von denen, die ihr unterlagen, für überwindbar +gehalten worden ist, sonst hätten sie nicht die Revolution gemacht. Wo +ist, in den Räumen der Geschichte, die wir seelisch noch betreten können, +die Zeit, die sich in Permanenz erklärt und aufgetrumpft hätte vor der +Ewigkeit mit ihrer traurigen Beschränktheit. Die jeden nicht ganz in ihr +Befangenen abergläubisch bemäkelt hätte. Nicht national gesinnt sein +erregt bei euch noch mehr Grauen als Haß! Aber die vaterlandslosen +Gesellen sind euch auf den Fersen. Dort im Saal, sehen Sie sie?“ + +Diederich verschüttete seinen Sekt, so schnell fuhr er herum. War denn +Napoleon Fischer eingedrungen, mit den Genossen?... Buck lachte stumm und +innig. „Bemühen Sie sich nicht, ich meine nur das stille Volk auf den +Wänden. Warum scheinen sie so heiter? Was gibt ihnen das Recht auf +Blumenwege, leichten Schritt und Harmonie? Ah! Ihr Freunde!“ Über die +Tanzenden hinweg schwenkte Buck sein Glas. „Ihr Freunde der Menschheit und +jeder guten Zukunft, weitherzig und unbekannt mit der düsteren Selbstsucht +eines nationalen Vetternbundes: Weltseelen ihr, kehrt wieder! Selbst unter +uns noch erwarten euch einige!“ + +Er trank aus, Diederich bemerkte mit Verachtung, daß er weinte. Übrigens +bekam er sogleich eine schlaue Miene. „Ihr aber, Zeitgenossen, wißt wohl +nicht, was der alte Bürgermeister, der da hinten zwischen den Amtspersonen +und Schäferinnen rosig lächelt, als Schleife über der Brust trägt? Die +Farben sind verblichen; ihr denkt wohl, es sind die euren? Es ist aber die +französische Trikolore. Sie war neu damals und nicht die eines Landes, +sondern der allgemeinen Morgenröte. Sie zu tragen, war beste Gesinnung; es +war, wie ihr sagen würdet, streng korrekt. Prost!“ + +Aber Diederich war verstohlen mit seinem Stuhl davongerückt und spähte +umher, ob niemand höre. „Sie sind ja besoffen,“ murmelte er; und um die +Situation zu retten, rief er: „Herr Rose! Noch eine Flasche!“ Darauf +setzte er sich achtunggebietend zurecht. + +„Sie scheinen nicht daran zu denken, daß seitdem ein Bismarck da war!“ + +„Nicht nur einer“, sagte Buck. „Von allen Seiten ist Europa in diesen +nationalen Durchgang getrieben worden. Nehmen wir an, er war nicht zu +vermeiden. Nach ihm werden bessere Gefilde kommen ... Aber seid ihr eurem +Bismarck etwa gefolgt, solange er im Recht war? Ihr habt euch zerren +lassen, ihr habt mit ihm im Konflikt gelebt. Erst jetzt, da ihr über ihn +hinaus sein solltet, hängt ihr euch an seinen kraftlosen Schatten! Denn +euer nationaler Stoffwechsel ist entmutigend langsam. Bis ihr begriffen +habt, daß ein großer Mann da ist, hat er schon aufgehört, groß zu sein.“ + +„Sie werden ihn kennenlernen!“ verhieß Diederich. „Blut und Eisen bleibt +die wirksamste Kur! Macht geht vor Recht!“ Der Kopf schwoll ihm rot an bei +diesen Glaubenssätzen. Aber auch Buck regte sich auf. + +„Die Macht! Die Macht läßt sich nicht ewig auf Bajonetten davontragen wie +eine aufgespießte Wurst. Die einzige reale Macht ist heute der Friede! +Spielt euch die Komödie der Gewalt vor! Prahlt gegen eingebildete Feinde +draußen und im Innern! Taten, glücklicherweise, sind euch nicht erlaubt!“ + +„Nicht erlaubt?“ Diederich blies, als sollte Feuer kommen. „Seine Majestät +hat gesagt: Lieber lassen wir unsere gesamten achtzehn Armeekorps und +zweiundvierzig Millionen Einwohner auf der Strecke ...“ + +„Denn wo der deutsche Aar –!“ rief Buck, mit jähem Schwung; und noch +wilder: „Nicht Parlamentsbeschlüsse! Die einzige Säule ist das Heer!“ + +Diederich gab ihm nichts nach. „Ihr seid berufen, mich in erster Linie vor +dem äußeren und inneren Feind zu schützen!“ + +„Einer hochverräterischen Schar zu wehren!“ schrie Buck. + +„Eine Rotte von Menschen –“ + +Diederich fiel ein: „– nicht wert, den Namen Deutsche zu tragen!“ + +Und beide einstimmig: „Verwandte und Brüder niederschießen!“ + +Tänzer, die sich am Büfett erfrischten, wurden aufmerksam auf ihr +Geschrei, sie holten auch ihre Damen herbei, um ihnen den Anblick eines +heldenhaften Rausches zu verschaffen. Sogar die Kartenspieler streckten +die Köpfe herein; und alle bestaunten Diederich und seinen Partner, die +auf ihren Stühlen schwankend und an den Tisch geklammert mit glasigen +Augen und entblößten Gebissen einander starke Worte ins Gesicht +schleuderten. + +„Einen Feind, und der ist mein Feind!“ + +„Einer nur ist Herr im Reich, keinen anderen dulde ich!“ + +„Ich kann sehr unangenehm sein!“ + +Die Stimmen überschlugen sich. + +„Falsche Humanität!“ + +„Vaterlandslose Feinde der göttlichen Weltordnung!“ + +„Müssen ausgerottet werden bis auf den letzten Stumpf!“ + +Eine Flasche flog gegen die Wand. + +„Zerschmettere ich!“ + +„Deutschen Staub!... Pantoffeln!... Herrliche Tage!“ + +Hier glitt durch die Zuschauer ein Wesen mit verbundenen Augen: Guste +Daimchen, die sich auf diese Weise einen Herrn suchen sollte. Von +rückwärts betastete sie Diederich und wollte ihn zum Aufstehen bewegen. Er +machte sich steif und wiederholte drohend: „Herrliche Tage!“ Sie riß das +Tuch herunter, starrte ihn angstvoll an und holte seine Schwestern. Auch +Buck sah ein, daß es angezeigt sei, aufzubrechen. Unauffällig stützte er +den Freund beim Abgang, konnte aber nicht verhindern, daß Diederich in der +Tür sich nochmals umwandte, der tanzenden, gaffenden Menge zu, +gebieterisch aufgereckt, wenn auch verglast und ohne Blitzen. + +„Zerschmettere ich!“ + +Dann ward er hinunter und in den Wagen befördert. + + + +Als er gegen Mittag mit schweren Kopfschmerzen das Familienzimmer betrat, +war er sehr erstaunt, daß Emmi es entrüstet verließ. Aber Magda brauchte +ihm nur einige vorsichtige Andeutungen zu machen, da wußte er schon +wieder, um was es sich handelte. „Hab’ ich das wirklich gemacht? Na ja, +ich gebe zu, es waren Damen dabei. Es gibt verschiedene Arten, sich als +deutscher Mann zu zeigen: bei den Damen ist es wieder eine andere ... +Natürlich beeilt man sich in solchem Fall, die Sache in der loyalsten und +korrektesten Weise beizulegen.“ + +Obwohl er kaum aus den Augen sehen konnte, war ihm klar, was zu geschehen +hatte. Indes ein zweispänniger Paradewagen herbeigeholt ward, bekleidete +er sich mit Gehrock, weißer Krawatte und Zylinder; dann überreichte er dem +Kutscher die von Magda aufgesetzte Liste und fuhr los. Überall verlangte +er nach den Damen; manche schreckte er vom Mittagessen auf; – und ohne +deutlich zu erkennen, ob er Frau Harnisch, Frau Daimchen oder Frau Tietz +vor sich habe, sagte er mit rauher Katerstimme her: + +„Ich gebe zu ... Als deutscher Mann, bei Damen ... Loyalste und +korrekteste Weise ...“ + +Um halb zwei war er zurück und ließ sich aufseufzend zum Essen nieder. +„Die Sache ist beigelegt.“ + +Der Nachmittag gehörte einer schwierigeren Aufgabe. Diederich ließ +Napoleon Fischer hinauf in seine Privatwohnung kommen. + +„Herr Fischer,“ sagte er und wies ihm einen Stuhl an, „ich empfange Sie +hier und nicht in meinem Bureau, weil den Herrn Sötbier unsere +Angelegenheiten nichts angehen. Es betrifft nämlich die Politik.“ + +Napoleon Fischer nickte, als habe er sich dies schon gedacht. Er schien an +solche vertraulichen Unterredungen nunmehr gewöhnt, auf Diederichs ersten +Wink griff er sogleich in die Zigarrenkiste; er schlug sogar das Bein +über. Diederich war weit weniger sicher; er schnaufte – und dann entschloß +er sich, ohne Umschweife, mit brutaler Ehrlichkeit auf sein Ziel +loszugehen. Bismarck hatte es auch so gemacht. + +„Ich will nämlich Stadtverordneter werden,“ erklärte er, „und dazu brauche +ich Sie.“ + +Der Maschinenmeister warf ihm einen Blick von unten zu. „Ich Sie auch“, +sagte er. „Denn ich will auch Stadtverordneter werden.“ + +„Nanu, na hören Sie mal! Ich war auf manches gefaßt ...“ + +„Sie hatten wohl schon wieder ein paar Doppelkronen in der Hand?“ – und +der Proletarier fletschte die gelben Zähne. Er versteckte sein Grinsen gar +nicht mehr. Diederich begriff, daß in Wahlsachen weniger leicht mit ihm zu +reden sein werde als über eine geschundene Arbeiterin. „Nämlich, Herr +Doktor,“ begann Napoleon, „den einen von den beiden Sitzen hat meine +Partei bombensicher. Den anderen kriegen wahrscheinlich die Freisinnigen. +Wenn Sie die ’rausschmeißen wollen, brauchen Sie uns.“ + +„So weit seh’ ich es ein“, sagte Diederich. „Ich habe zwar auch den alten +Buck für mich. Aber seine Leute sind vielleicht nicht alle so +vertrauensselig, daß sie mich wählen, wenn ich mich als Freisinniger +aufstellen lasse. Sicherer ist es, ich vertrage mich auch mit Ihnen.“ + +„Und ich hab’ auch schon ’ne Ahnung, wieso Sie das machen können“, +erklärte Napoleon. „Weil ich nämlich schon längst ’n Auge auf Herrn Doktor +habe, ob er nun nicht bald in die politische Arena ’reinsteigt.“ + +Napoleon blies Ringe, so sehr war er auf der Höhe! + +„Ihr Prozeß, Herr Doktor, und dann das mit dem Kriegerverein und so, das +war alles ganz schön, als Reklame. Aber für einen Politiker heißt es doch +immer: wie viele Stimmen krieg’ ich.“ + +Napoleon teilte aus dem Schatz seiner Erfahrungen mit! Als er vom +„nationalen Rummel“ sprach, wollte Diederich protestieren; aber Napoleon +fertigte ihn schnell ab. + +„Was wollen Sie denn? Wir in unserer Partei haben gewissermaßen allerhand +Achtung vor dem nationalen Rummel. Bessere Geschäfte sind allemal damit zu +machen als mit dem Freisinn. Die bürgerliche Demokratie fährt bald in +einer einzigen Droschke ab.“ + +„Und die vermöbeln wir ihr auch noch!“ rief Diederich. Die Bundesgenossen +lachten vor Vergnügen. Diederich holte eine Flasche Bier. + +„A–ber“, machte der Sozialdemokrat; und er rückte mit seiner Bedingung +heraus: ein Gewerkschaftshaus, bei dessen Bau die Partei von der Stadt zu +unterstützen war! ... Diederich sprang vom Stuhl. „Und das erdreisten Sie +sich von einem nationalen Mann zu verlangen?“ + +Der andere blieb gelassen und ironisch. „Wenn wir dem nationalen Mann +nicht helfen, daß er gewählt wird, wo bleibt dann der nationale Mann?“ – +Und Diederich mochte sich empören oder um Gnade flehen, er mußte auf ein +Blatt Papier schreiben, daß er für das Gewerkschaftshaus nicht nur selbst +stimmen, sondern auch die ihm nahestehenden Stadtverordneten bearbeiten +werde. Darauf erklärte er barsch die Unterredung für beendet und nahm dem +Maschinenmeister die Bierflasche aus der Hand. Aber Napoleon Fischer +zwinkerte. Überhaupt dürfe der Herr Doktor froh sein, daß er mit ihm und +nicht mit dem Parteibudiker Rille verhandele. Denn Rille, der für seine +eigene Wahl agitiere, wäre zu dem Kompromiß nicht zu haben gewesen. Und in +der Partei seien die Meinungen geteilt; Diederich habe also allen Grund, +in der ihm nahestehenden Presse etwas für die Kandidatur Fischer zu tun. +„Wenn fremde Leute, zum Beispiel Rille, sollten die Nase in Ihre +Geschichten stecken, Herr Doktor, dafür werden Sie sich wohl bedanken. Bei +uns beiden ist es was anderes. Wir haben schon mehr Dreck zusammen +verscharrt.“ + +Damit ging er und überließ Diederich seinen Gefühlen. „Schon mehr Dreck +zusammen verscharrt!“ dachte Diederich, und Angstschauer kreuzten sich in +ihm mit Wallungen des Zorns. Das durfte der Hund ihm sagen, sein eigener +Kuli, den er jeden Augenblick auf die Straße werfen konnte! Vielmehr, +leider ging das nicht, denn es war wahr, sie hatten Dreck verscharrt. Der +Holländer! Die geschundene Arbeiterin! Eine Vertraulichkeit zog die andere +nach sich: jetzt waren Diederich und sein Prolet nicht nur im Betrieb +aufeinander angewiesen, sondern auch politisch. Am liebsten hätte +Diederich mit dem Parteibudiker Rille angebunden; aber dann war zu +fürchten, daß Napoleon Fischer in seiner Rachsucht auspackte, was er +wußte. Diederich sah sich genötigt, ihm auch noch gegen Rille zu helfen. +„Aber“ – er schüttelte die Faust gegen die Zimmerdecke – „wir sprechen uns +wieder. Und wenn es zehn Jahre dauert, die Abrechnung kommt!“ + +Hiernach oblag es ihm, dem alten Herrn Buck einen Besuch zu machen und +sein biedermännisches und schöngeistiges Gerede mit Ergebenheit anzuhören. +Dafür ward er Kandidat der freisinnigen Partei ... In der „Netziger +Zeitung“, die in einem warmen Artikel Herrn Doktor Heßling als Mensch, +Bürger und Politiker den Wählern empfahl, ward gleich darunter, wenn auch +in kleinerem Druck, die Aufstellung des Arbeiters Fischer scharf +beanstandet. Die sozialdemokratische Partei verfügte, man mußte es leider +zugeben, über genug selbständige Gewerbetreibende, sie brauchte den +bürgerlichen Stadtverordneten nicht den kollegialen Verkehr mit einem +gewöhnlichen Arbeiter zuzumuten. Sollte insbesondere Herr Doktor Heßling +im Schoße der städtischen Körperschaft seinem eigenen Maschinenmeister +begegnen? + +Dieser Ausfall des bürgerlichen Blattes stellte unter den Sozialdemokraten +volle Einmütigkeit her; sogar Rille mußte sich für Napoleon erklären, – +der mit Glanz durch das Ziel ging. Diederich bekam von der Partei, die ihn +aufstellte, nur die Hälfte der Stimmen, aber ihn retteten die Genossen. +Die beiden Gewählten wurden gemeinsam in die Versammlung eingeführt. +Bürgermeister Doktor Scheffelweis beglückwünschte sie, mit dem Hinweis, +daß einerseits der tätige Bürger, andererseits der emporstrebende Arbeiter +–. Und schon in der nächsten Sitzung griff Diederich in die Verhandlungen +ein. + +Zur Debatte stand die Kanalisation der Gäbbelchenstraße. Eine +beträchtliche Anzahl jener alten Vorstadthäuser befand sich noch heute, am +Ende des neunzehnten Jahrhunderts, im wenig rühmlichen Besitz von +Abortgruben, deren Ausdünstungen zuzeiten die ganze Gegend überschwemmten. +Bei seinem Besuch im „Grünen Engel“ hatte Diederich die Wahrnehmung +gemacht. So wandte er sich denn mit Nachdruck gegen die finanztechnischen +Bedenken des Magistratsvertreters. Eine Forderung der Kulturehre dürfe +kleinlichen Rücksichten nicht weichen. „Deutschtum heißt Kultur!“ rief +Diederich aus. „Meine Herren! Das hat kein Geringerer gesagt als Seine +Majestät der Kaiser. Und bei anderer Gelegenheit hat Seine Majestät das +Wort gesprochen: Die Schweinerei muß ein Ende nehmen. Wo nur immer +großzügig vorgegangen wird, da leuchtet uns das erhabene Beispiel Seiner +Majestät voran, und darum, meine Herren –“ + +„Hurra!“ rief eine Stimme links, und Diederich begegnete dem Grinsen +Napoleon Fischers. Da reckte er sich auf, er blitzte. + +„Sehr richtig!“ versetzte er schneidend. „Ich kann nicht besser schließen. +Seine Majestät der Kaiser hurra, hurra, hurra!“ + +Verblüfftes Schweigen, – aber da die Sozialdemokraten lachten, riefen +rechts einige hurra. Doktor Heuteufel warf die Frage dazwischen, ob der +merkwürdige Zusammenhang, in den Herr Doktor Heßling die Person des +Kaisers gebracht habe, nicht eigentlich eine Majestätsbeleidigung +darstelle. Aber der Vorsitzende klingelte schnell. In der Presse jedoch +ward weiter debattiert. Die „Volksstimme“ behauptete, Herr Heßling trage +in die Stadtverordnetenversammlung den Geist des übelsten Byzantinismus, +wohingegen die „Netziger Zeitung“ seine Rede als die erfrischende Tat +eines unbefangenen Patrioten bezeichnete. Daß es sich aber um einen +wahrhaft bedeutsamen Vorgang handelte, ward erst klar, als es im „Berliner +Lokal-Anzeiger“ stand. Das Blatt Seiner Majestät war über das mutige +Auftreten des Netziger Stadtverordneten Doktor Heßling des Lobes voll. Es +stellte mit Genugtuung fest, daß der neue, entschlossen nationale Geist, +für den der Kaiser eintrete, nunmehr auch im Lande Fortschritte mache. Die +kaiserliche Mahnung werde befolgt, der Bürger erwache aus dem Schlummer, +die Scheidung zwischen denen für ihn und denen wider ihn vollziehe sich. +„Möchten viele wackere Vertreter unserer Städte dem Beispiel des Doktor +Heßling folgen!“ + +Diese Nummer des Lokal-Anzeigers trug Diederich schon acht Tage lang auf +dem Herzen, da schlich er sich um die stillste Vormittagsstunde, unter +Vermeidung der Kaiser-Wilhelm-Straße, von rückwärts in die Bierstube von +Klappsch, wo er Gesellschaft fand: Napoleon Fischer und der Parteiwirt +Rille. Obwohl das Lokal ganz leer war, zogen die drei sich in den +äußersten Winkel zurück; Fräulein Klappsch ward, kaum daß sie das Bier +gebracht hatte, hinausgeschickt; und Klappsch selbst, der an der Tür +horchte, hörte nur tuscheln. Er versuchte die Klappe zu Hilfe zu nehmen, +durch die er bei stärkerem Besuch die Gläser hineinreichte; aber Rille, +der damit Bescheid wußte, schlug sie ihm vor der Nase zu. Immerhin hatte +der Wirt bemerkt, daß Doktor Heßling aufgesprungen war und im Begriff +schien, wegzugehen. Dazu werde er als nationaler Mann niemals die Hand +bieten!... Später aber wollte Fräulein Klappsch, die zum Zahlen gerufen +ward, doch ein Papier gesehen haben, das von allen drei unterschrieben +war. + + + +Denselben Tag nachmittags hatten Emmi und Magda eine Einladung zum Tee bei +Frau von Wulckow, und Diederich begleitete sie. Erhobenen Hauptes +schritten die Geschwister über die Kaiser-Wilhelm-Straße, Diederich +lüftete kühl den Zylinder vor den Herren, die von den Stufen der +Freimaurerloge erstaunt zusahen, wie er das Gebäude der Regierung betrat. +Den Wachtposten begrüßte er mit einer jovialen Handbewegung. Droben in der +Garderobe stieß man auf Offiziere und ihre Damen, denen die beiden +Fräulein Heßling schon bekannt waren. Die Sporen zusammenschlagend, zog +der Leutnant von Brietzen Emmi den Mantel aus, und sie dankte ihm über die +Schulter, wie eine Gräfin. Sodann trat sie Diederich auf den Fuß, damit er +merke, auf welchen heißen Boden er versetzt sei. Und wirklich, als man nun +Herrn von Brietzen den Vortritt in den Salon aufgenötigt, vor der +Präsidentin entzückte Kratzfüße ausgeführt hatte und mit allen bekannt +geworden war: welche Aufgabe, so ehrenvoll wie gefährlich, auf einem +Stühlchen zwischen Damenkleider eingeengt, die Teetasse im Gleichgewicht +zu erhalten, während man Kuchenteller weitergab, und mit dem Kuchen ein +huldigendes Lächeln zu spenden und beim Essen ein schmelzendes Wort über +die so gelungene Aufführung der „Heimlichen Gräfin“ zu liefern, ein +männlich anerkennendes für die großzügige Verwaltungstätigkeit des +Präsidenten, ein gewichtiges über Umsturz und Kaisertreue – und dabei noch +den Wulckowschen Hund zu füttern, der bettelte! An die anspruchslose +Gesellschaft des Ratskellers oder des Kriegervereins durfte man hier nicht +denken; es hieß mit aufreibendem Lächeln in die wasserhellen Augen des +Hauptmanns von Köckeritz starren, dessen Glatze weiß, dessen Gesicht von +der Mitte der Stirn abwärts feuerrot war und der vom Exerzierplatz +erzählte. Und wenn einem vor Gespanntheit auf die Frage, ob man gedient +habe, schon der Schweiß ausbrach, erlebte man es unversehens, daß die Dame +neben einem, die ihr weißblondes Haar glatt über den Kopf hinaufkämmte und +eine sonnenverbrannte Nase hatte, von Pferden zu sprechen anfing ... +Diesmal ward Diederich durch Emmi gerettet, denn Emmi, unterstützt von +Herrn von Brietzen, mit dem sie geradezu auf vertrautem Fuß zu stehen +schien, griff gewandt in das Pferdegespräch ein, gebrauchte fachmännische +Ausdrücke, ja, schreckte nicht davor zurück, von Ritten ins Gelände zu +phantasieren, die sie auf dem Gut einer Tante unternommen haben wollte. +Als der Leutnant sich dann erbot, mit ihr auszureiten, schützte sie die +arme Frau Heßling vor, die es nicht erlaube. Diederich erkannte Emmi nicht +wieder. Ihre unheimlichen Talente ließen Magda, der es doch gelungen war, +sich zu verloben, hier ganz im Schatten. Nicht ohne Bangen ward Diederich, +wie nach seiner Rückkehr aus dem „grünen Engel“, sich der unberechenbaren +Wege bewußt, die ein Mädchen, wenn man es nicht sah –. Da bemerkte er, daß +er eine Frage der Präsidentin überhört hatte, und daß man schwieg, weil er +antworten sollte. Er suchte in der Luft umher nach Hilfe, stieß aber nur +auf den unerbittlichen Blick eines großen Bildnisses, bleich und steinern, +in roter Husarenuniform, eine Hand auf der Hüfte, der Schnurrbart an den +Augenwinkeln, und der Blick über die Schulter hinweg kalt blitzend! +Diederich erbebte, er verschluckte sich mit Tee, Herr von Brietzen klopfte +ihm den Rücken. + +Eine Dame, die bisher nur immer gegessen hatte, sollte jetzt singen. Im +Musikzimmer hatte man sich gruppiert. Diederich, an der Tür, zog +verstohlen die Uhr, da hüstelte hinter ihm die Präsidentin. „Ich weiß +wohl, lieber Doktor, daß Sie nicht uns und unserer leichten, ich möchte +sagen allzu leichten Konversation Ihre Zeit opfern, die so ernsten +Pflichten gehört. Mein Mann erwartet Sie, kommen Sie nur.“ Den Finger auf +den Lippen ging sie voran, über einen Gang, durch ein leeres Vorzimmer ... +Ganz leise klopfte sie. Da keine Antwort kam, sah sie ängstlich auf +Diederich, dem auch nicht wohl war. „Ottochen“, versuchte sie, zärtlich an +die verschlossene Tür geschmiegt. Nach einer Weile des Lauschens erhob +sich drinnen die fürchterliche Baßstimme: „Hier ist kein Ottochen! Sag’ +den Schafsköpfen, Sie sollen ihren Tee allein saufen!“ – „Er ist so sehr +beschäftigt“, flüsterte Frau von Wulckow, ein wenig bleicher. „Die +Schlechtgesinnten untergraben seine Gesundheit ... Leider muß ich mich +jetzt meinen Gästen widmen, der Diener soll Sie anmelden.“ Und sie +entschwebte. + +Diederich wartete vergeblich auf den Diener, lange Minuten. Dann aber trat +der Wulckowsche Hund ein, schritt riesenhaft und voll Verachtung an +Diederich vorbei und kratzte an der Tür. Sofort ertönte es drinnen: +„Schnaps! Komm herein!“ – worauf die Dogge die Tür aufklinkte. Da sie +vergaß, sie wieder zu schließen, erlaubte Diederich sich, mit +hineinzuschlüpfen. Herr von Wulckow saß in einer Rauchwolke am +Schreibtisch, er wendete den ungeheuren Rücken her. + +„Guten Tag, Herr Präsident“, sagte Diederich, mit einem Kratzfuß. „Na nu, +quatschst du auch schon, Schnaps?“ fragte Wulckow, ohne sich umzusehen. Er +faltete ein Papier, zündete langsam eine neue Zigarre an ... „Jetzt kommt +es“, dachte Diederich. Aber dann begann Wulckow etwas anderes zu +schreiben. Interesse an Diederich nahm nur der Hund. Offenbar fand er den +Gast hier noch weniger am Platz, seine Verachtung ging in Feindseligkeit +über; mit gefletschten Zähnen beschnupperte er Diederichs Hose, fast war +es kein Schnuppern mehr. Diederich tanzte, so geräuschlos wie möglich, von +einem Fuß auf den anderen, und die Dogge knurrte drohend aber leise, wohl +wissend, ihr Herr könnte es sonst nicht weiter kommen lassen. Endlich +gelang es Diederich, zwischen sich und seinen Feind einen Stuhl zu +bringen, an den geklammert er sich umherdrehte, bald langsamer, bald +schneller, und immer auf der Hut vor Schnaps’ Seitensprüngen. Einmal sah +er Wulckow den Kopf ein wenig wenden und glaubte ihn schmunzeln zu sehen. +Dann hatte der Hund genug von dem Spiel, er ging zum Herrn und ließ sich +streicheln; und neben Wulckows Stuhl hingelagert, maß er mit kühnen +Jägerblicken Diederich, der sich den Schweiß wischte. + +„Gemeines Vieh!“ dachte Diederich – und plötzlich wallte es auf in ihm. +Empörung und der dicke Qualm verschlugen ihm den Atem, er dachte, mit +unterdrücktem Keuchen: „Wer bin ich, daß ich mir das bieten lassen muß? +Mein letzter Maschinenschmierer läßt sich das von mir nicht bieten. Ich +bin Doktor. Ich bin Stadtverordneter! Dieser ungebildete Flegel hat mich +nötiger als ich ihn!“ Alles, was er heute nachmittag erlebt hatte, nahm +den übelsten Sinn an. Man hatte ihn verhöhnt, der Bengel von Leutnant +hatte ihm den Rücken geklopft! Diese Kommißköpfe und adeligen Puten hatten +die ganze Zeit von ihren albernen Angelegenheiten geredet und ihn wie dumm +dabei sitzen lassen! „Und wer bezahlt die frechen Hungerleider? Wir!“ +Gesinnung und Gefühle, alles stürzte in Diederichs Brust auf einmal +zusammen, und aus den Trümmern schlug wild die Lohe des Hasses. +„Menschenschinder! Säbelraßler! Hochnäsiges Pack!... Wenn wir mal Schluß +machen mit der ganzen Bande –!“ Die Fäuste ballten sich ihm von selbst, in +einem Anfall stummer Raserei sah er alles niedergeworfen, zerstoben: die +Herren des Staates, Heer, Beamtentum, alle Machtverbände und sie selbst, +die Macht! Die Macht, die über uns hingeht und deren Hufe wir küssen! +Gegen die wir nichts können, weil wir alle sie lieben! Die wir im Blut +haben, weil wir die Unterwerfung darin haben! Ein Atom sind wir von ihr, +ein verschwindendes Molekül von etwas, das sie ausgespuckt hat!... Von der +Wand dort, hinter blauen Wolken, sah eisern hernieder ihr bleiches +Gesicht, eisern, gesträubt, blitzend: Diederich aber, in wüster +Selbstvergessenheit, hob die Faust. + +Da knurrte der Wulckowsche Hund, unter dem Präsidenten hervor aber kam ein +donnerndes Geräusch, ein lang hinrollendes Geknatter – und Diederich +erschrak tief. Er verstand nicht, was dies für ein Anfall gewesen war. Das +Gebäude der Ordnung, wieder aufgerichtet in seiner Brust, zitterte nur +noch leise. Der Herr Regierungspräsident hatte wichtige Staatsgeschäfte. +Man wartete eben, bis er einen bemerkte; dann bekundete man gute Gesinnung +und sorgte für gute Geschäfte ... + +„Na, Doktorchen?“ sagte Herr von Wulckow und drehte seinen Sessel herum. +„Was ist mit Ihnen los? Sie werden ja der reine Staatsmann. Setzen Sie +sich mal auf diesen Ehrenplatz.“ + +„Ich darf mir schmeicheln“, stammelte Diederich. „Einiges habe ich schon +erreicht für die nationale Sache.“ + +Wulckow blies ihm einen mächtigen Rauchkegel ins Gesicht, dann kam er ihm +ganz nahe mit seinen warmblütigen, zynischen Augen und ihrer +Mongolenfalte. „Sie haben erstens erreicht, Doktorchen, daß Sie +Stadtverordneter geworden sind. Wie, das wollen wir auf sich beruhen +lassen. Jedenfalls konnten Sie es brauchen, denn Ihr Geschäft soll ja ’ne +ziemlich faule Karre sein.“ Da Diederich zusammenzuckte, lachte Wulckow +dröhnend. „Lassen Sie nur, Sie sind mein Mann. Was meinen Sie, das ich da +geschrieben habe?“ Das große Blatt Papier verschwand unter der Pranke, die +er darauf legte. „Da verlange ich vom Minister einen kleinen Piepmatz für +einen gewissen Doktor Heßling, in Anerkennung seiner Verdienste um die +gute Gesinnung in Netzig ... Für so nett haben Sie mich wohl gar nicht +gehalten?“ setzte er hinzu, denn Diederich, mit einer Miene, geblendet und +wie mit Blödheit geschlagen, machte von seinem Stuhl herab immerfort +Verbeugungen. „Ich weiß tatsächlich nicht“, brachte er hervor. „Meine +bescheidenen Verdienste –“ + +„Aller Anfang ist schwer“, sagte Wulckow. „Es soll auch nur eine +Aufmunterung sein. Ihre Haltung im Prozeß Lauer war nicht übel. Na und Ihr +Kaiserhoch in der Kanalisationsdebatte hat die antimonarchische Presse +ganz aus dem Häuschen gebracht. Schon an drei Orten im Lande ist deshalb +Anklage wegen Majestätsbeleidigung erhoben. Da müssen wir uns Ihnen wohl +erkenntlich zeigen.“ + +Diederich rief aus: „Mein schönster Lohn ist es, daß der Lokal-Anzeiger +meinen schlichtbürgerlichen Namen vor die Allerhöchsten Augen selbst +gebracht hat!“ + +„Na, nu nehmen Sie sich mal ’ne Zigarre“, schloß Wulckow; und Diederich +begriff, daß jetzt die Geschäfte kamen. Schon inmitten der Hochgefühle +waren ihm Zweifel aufgestiegen, ob Wulckows Gnade vor allem anderen nicht +eine ganz besondere Ursache habe. Er sagte versuchsweise: + +„Für die Bahn nach Ratzenhausen wird die Stadt nun doch wohl den Beitrag +bewilligen.“ + +Wulckow streckte den Kopf vor. „Ihr Glück. Wir haben sonst ein billigeres +Projekt, darauf wird Netzig überhaupt nicht berührt. Also sorgen Sie +dafür, daß die Leute Vernunft annehmen. Unter der Bedingung dürft ihr dann +dem Rittergut Quitzin euer Licht liefern.“ + +„Das will der Magistrat auch nicht.“ Diederich bat mit den Händen um +Nachsicht. „Die Stadt hat Schaden dabei, und Herr von Quitzin zahlt uns +keine Steuern ... Aber jetzt bin ich Stadtverordneter, und als nationaler +Mann –“ + +„Das möchte ich mir ausbitten. Mein Vetter Herr von Quitzin baut sich +sonst einfach ein Elektrizitätswerk, das hat er billig, was glauben Sie, +zwei Minister kommen bei ihm zur Jagd – und dann unterbietet er euch hier +in Netzig selbst.“ + +Diederich richtete sich auf. „Ich bin entschlossen, Herr Präsident, allen +Anfeindungen zum Trotz in Netzig das nationale Banner hochzuhalten.“ +Hierauf, mit gedämpfter Stimme: „Einen Feind können wir übrigens +loswerden: einen besonders schlimmen, jawohl, den alten Klüsing in +Gausenfeld.“ + +„Der?“ Wulckow feixte verächtlich. „Der frißt mir aus der Hand. Er liefert +Papier für die Kreisblätter.“ + +„Wissen Sie, ob er für schlechte Blätter nicht noch mehr liefert? Darüber, +Herr Präsident verzeihen, bin ich doch wohl besser informiert.“ + +„Die Netziger Zeitung ist jetzt in nationaler Beziehung zuverlässiger +geworden.“ + +„Und zwar –“ Diederich nickte gewichtig, „seit dem Tage, an dem der alte +Klüsing mir, Herr Präsident, einen Teil der Papierlieferung hat anbieten +lassen. Gausenfeld sei überlastet. Natürlich hatte er Angst, daß ich mich +an einem nationalen Konkurrenzblatt beteilige. Und vielleicht hatte er +auch Angst –“ eine bedeutsame Pause – „daß der Herr Präsident das Papier +für die Kreisblätter lieber bei einem nationalen Werk bestellt.“ + +„Also – Sie liefern jetzt für die Netziger Zeitung?“ + +„Niemals, Herr Präsident, werde ich meine nationale Gesinnung so sehr +verleugnen, daß ich an eine Zeitung liefere, solange noch freisinniges +Geld drin ist.“ + +„Na schön.“ Wulckow stemmte die Fäuste auf die Schenkel. „Jetzt brauchen +Sie nichts mehr zu sagen. Sie wollen bei der Netziger Zeitung das Ganze. +Die Kreisblätter wollen Sie auch. Wahrscheinlich auch die +Papierlieferungen für die Regierung. Sonst noch was?“ + +Und Diederich, sachlich: + +„Herr Präsident, ich bin nicht wie Klüsing, mit dem Umsturz mach’ ich +keine Geschäfte. Wenn Sie, Herr Präsident, auch als Vorstand der +Bibelgesellschaft mein Unternehmen stützen wollten, ich darf sagen, die +nationale Sache würde nur gewinnen.“ + +„Na schön“, wiederholte Wulckow und zwinkerte. Diederich spielte seinen +Trumpf aus. + +„Herr Präsident! Unter Klüsing ist Gausenfeld eine Brutstätte des +Umsturzes. Bei seinen achthundert Arbeitern ist nicht einer dabei, der +anders wählt als sozialdemokratisch.“ + +„Na und bei Ihnen?“ + +Diederich schlug sich auf die Brust. „Gott ist mein Zeuge, daß ich lieber +noch heute die Bude zumache und mit den Meinen ins Elend hinausziehe, als +daß ich einen einzigen Mann bei mir dulde, von dem ich weiß, er ist nicht +kaisertreu.“ + +„Sehr brauchbare Gesinnung“, sagte Wulckow. Diederich sah ihn mit blauen +Augen an. „Ich nehme nur gediente Leute, vierzig haben den Krieg +mitgemacht. Jugendliche beschäftige ich gar nicht mehr, seit der +Geschichte mit dem Arbeiter, den der Wachtposten auf dem Felde der Ehre, +wie Seine Majestät festzustellen geruhten, niedergestreckt hat, nachdem +der Kerl mit seiner Braut hinter meinen Lumpen –“ + +Wulckow winkte ab. „Ihre Sorge, Doktorchen!“ + +Diederich ließ sich seinen Entwurf nicht verderben. „Unter meinen Lumpen +darf kein Umsturz vorkommen. Mit Ihren Lumpen, ich meine in der Politik, +ist es anders. Da können wir den Umsturz brauchen, damit aus den +freisinnigen Lumpen weißes, kaisertreues Papier wird.“ Und er machte eine +tief bedeutungsvolle Miene. Wulckow schien nicht verblüfft, er schmunzelte +furchtbar. + +„Doktorchen, ich bin auch nicht von gestern. Legen Sie los, was haben Sie +mit Ihrem Maschinenmeister ausgeknobelt?“ + +Da er Diederich wanken sah, fuhr Wulckow fort: „Das ist auch einer von den +Altgedienten, wie, Herr Stadtverordneter?“ + +Diederich schluckte, er sah, daß es keinen Umweg mehr gab. „Herr +Präsident“, sagte er mit einem Entschluß; und dann leise und hastig: „Der +Mann will in den Reichstag, und vom nationalen Standpunkt ist er besser +als Heuteufel. Denn erstens werden viele Freisinnige vor Schreck national +werden, und zweitens kriegen wir, wenn Napoleon Fischer gewählt wird, in +Netzig ein Kaiser-Wilhelm-Denkmal. Ich habe es schriftlich.“ + +Er breitete ein Papier hin vor den Präsidenten. Wulckow las, dann stand er +auf, warf den Stuhl mit dem Fuß fort und ging, Rauch ausstoßend, durch das +Zimmer. „Also Kühlemann kratzt ab, und von seiner halben Million baut die +Stadt kein Säuglingsheim, sondern ein Kaiser-Wilhelm-Denkmal.“ Er blieb +stehen. „Merken Sie sich das, mein Lieber, in Ihrem eigensten Interesse! +Wenn Netzig nachher einen Sozialdemokraten im Reichstag, aber keinen +Wilhelm den Großen hat, dann lernen Sie mich kennen. Ich mache Frikassee +aus Ihnen! Ich schlag’ Sie so klein, daß Sie nicht mal mehr im +Säuglingsheim Aufnahme finden!“ + +Diederich war mitsamt seinem Stuhl zurückgewichen bis an die Wand. „Herr +Präsident! Alles, was ich bin, meine ganze Zukunft setze ich ein für diese +große nationale Sache. Auch mir kann etwas Menschliches passieren ...“ + +„Dann gnade Ihnen Gott!“ + +„Wenn nun Kühlemanns Nierensteine sich doch noch verziehen?“ + +„Sie haben die Verantwortung! Um meinen Kopf geht es auch!“ Wulckow ließ +sich krachend auf seinen Sitz fallen. Er rauchte wütend. Als die Wolken +zergingen, hatte er sich aufgeheitert. „Was ich Ihnen auf dem Harmoniefest +gesagt habe, dabei bleibt es. Dieser Reichstag macht es nicht mehr lange, +arbeiten Sie vor in der Stadt. Helfen Sie mir gegen Buck, ich helfe Ihnen +gegen Klüsing.“ + +„Herr Präsident!“ Wulckows Lächeln schuf in Diederich einen Überschwang +von Hoffnung, er konnte nicht an sich halten. „Wenn Sie es ihn unter der +Hand wissen ließen, daß Sie ihm eventuell die Aufträge entziehen! An die +große Glocke hängt er es nicht, das brauchen Sie nicht zu fürchten; aber +er wird seine Anstalten treffen. Vielleicht verhandelt er –“ + +„Mit seinem Nachfolger“, schloß Wulckow. Da mußte Diederich aufspringen +und seinerseits durch das Zimmer laufen. „Wenn Sie wüßten, Herr +Präsident ... Gausenfeld ist sozusagen eine Maschine mit +Tausendpferdekraft, und die steht da und verrostet, weil der Strom fehlt, +ich will sagen, der moderne, großzügige Geist!“ + +„Den scheinen Sie zu haben“, meinte Wulckow. + +„Im Dienst der nationalen Sache“, beteuerte Diederich. Er kehrte zurück. +„Das Kaiser-Wilhelm-Denkmal-Komitee wird sich glücklich schätzen, wenn es +uns gelingen würde, daß Sie so gut sind, Herr Präsident, und bekunden der +Sache Ihr geschätztes Interesse durch Annahme des Ehrenvorsitzes.“ + +„Gemacht“, sagte Wulckow. + +„Die aufopfernde Tätigkeit seines Herrn Ehrenvorsitzenden wird das Komitee +entsprechend zu würdigen wissen.“ + +„Erklären Sie sich mal näher!“ In Wulckows Stimme grollte es unheilvoll, +aber Diederich bei seiner Angeregtheit überhörte es. + +„Die Idee hat bereits zu gewissen Erörterungen im Schoße des Komitees +geführt. Man wünscht das Denkmal in frequentester Lage zu errichten und +mit einem Volkspark zu umgeben, damit nämlich die unlösbare Verbindung von +Herrscher und Volk sinnfällig in die Erscheinung tritt. Da haben wir nun +im Zentrum der Stadt an ein größeres Grundstück gedacht; auch die +Nachbargebäude wären zu haben; es ist in der Meisestraße.“ + +„Soso. Meisestraße.“ Wulckows Brauen hatten sich gewitterhaft +zusammengezogen. Diederich erschrak, aber es gab kein Halten mehr. + +„Der Gedanke ist aufgetaucht, daß wir uns, noch bevor die Stadt der Sache +näher tritt, die betreffenden Grundstücke sichern und unbefugten +Spekulationen zuvorkommen sollen. Unser Herr Ehrenvorsitzender hätte +natürlich das erste Anrecht ...“ + +Nach diesem Wort wich Diederich zurück, der Sturm brach los. „Herr! Für +wen halten Sie mich? Bin ich Ihr Geschäftsagent? Das ist unerhört, das war +noch nicht da! So ein Koofmich mutet dem Königlichen Regierungspräsidenten +zu, er soll seine schmutzigen Geschäfte mitmachen!“ + +Wulckow dröhnte übermenschlich, er drang mit seiner gewaltigen Körperwärme +und mit seinem persönlichen Geruch gegen Diederich vor, der sich rückwärts +bewegte. Auch der Hund war aufgestanden und ging kläffend zum Angriff +über. Das Zimmer war auf einmal erfüllt von Graus und Getöse. + +„Sie machen sich einer schweren Beamtenbeleidigung schuldig, Herr!“ schrie +Wulckow, und Diederich, der hinter sich nach der Tür tastete, hatte nur +Vermutungen darüber, wer ihm früher an der Kehle sitzen werde, der Hund +oder der Präsident. Seine angstvoll irrenden Augen trafen das bleiche +Gesicht, das von der Wand herab drohte und blitzte. Nun hatte er sie an +der Kehle, die Macht! Vermessen hatte er sich, mit der Macht auf +vertrautem Fuß zu verkehren. Das war sein Verderben, sie brach über ihn +herein mit dem Entsetzen eines Weltuntergangs ... Die Tür hinter dem +Schreibtisch ging auf, jemand in Polizeiuniform trat ein. Den +schlotternden Diederich überraschte er nicht mehr. Wulckow ward durch die +Gegenwart der Uniform auf einen neuen furchtbaren Gedanken gebracht. „Ich +kann Sie augenblicklich verhaften lassen, Sie Jammerprinz, wegen +versuchter Beamtenbestechung, wegen Bestechungsversuch an einer Behörde, +an der obersten Behörde des Regierungsbezirks! Ich bringe Sie ins +Zuchthaus, ich ruiniere Sie für Ihr Leben!“ + +Auf den Herrn von der Polizei schien dieses Jüngste Gericht nicht entfernt +den Eindruck zu machen wie auf Diederich. Er legte das Papier, das er +brachte, auf den Schreibtisch nieder und verschwand. Übrigens drehte auch +Wulckow sich plötzlich um; er zündete seine Zigarre wieder an, Diederich +war nicht mehr da für ihn. Und auch Schnaps ließ von ihm ab, als sei er +Luft. Da wagte Diederich es, die Hände zu falten. + +„Herr Präsident,“ flüsterte er wankend, „Herr Präsident, erlauben Herr +Präsident, daß ich feststellen darf, es liegt ein, darf ich feststellen, +tief bedauerliches Mißverständnis vor. Nie würde ich, bei meiner +wohlbekannten nationalen Gesinnung –. Wie könnte ich!“ + +Er wartete, aber niemand bekümmerte sich um ihn. + +„Wenn ich auf meinen Vorteil sähe,“ begann er wieder, um etwas +vernehmlicher, „anstatt daß ich immer nur das nationale Interesse im Auge +habe, dann wäre ich heute nicht hier, dann wäre ich bei dem Herrn Buck. +Denn der Herr Buck, jawohl, der hat mir zugemutet, ich soll mein +Grundstück an die Stadt verkaufen, für das freisinnige Säuglingsheim. Aber +das Ansinnen hab’ ich mit Entrüstung zurückgewiesen und habe den geraden +Weg gefunden zu Ihnen, Herr Präsident. Denn besser, hab’ ich gesagt, das +Denkmal Kaiser Wilhelms des Großen im Herzen als das Säuglingsheim in der +Tasche, hab’ ich gesagt und sag’ es auch hier mit lauter Stimme!“ + +Da Diederich in der Tat die Stimme erhob, wandte Wulckow sich ihm zu. +„Sind Sie noch immer da?“ fragte er. Und Diederich, aufs neue ersterbend: +„Herr Präsident –“ + +„Was wollen Sie noch? Ich kenne Sie überhaupt nicht. Habe nie mit Ihnen +verhandelt.“ + +„Herr Präsident, im nationalen Interesse –“ + +„Mit Grundstücksspekulanten verhandele ich nicht. Verkaufen Sie Ihr +Grundstück, und dalli; nachher können wir reden.“ + +Diederich, erblaßt, mit dem Gefühl, als werde er an der Wand zerquetscht: +„In dem Fall bleibt es bei unseren Bedingungen? Der Orden? Der Wink an +Klüsing? Der Ehrenvorsitz?“ + +Wulckow zog eine Grimasse. „Meinetwegen. Aber sofort verkaufen!“ + +Diederich rang nach Atem. „Ich bringe das Opfer!“ erklärte er. „Denn das +Höchste, was der kaisertreue Mann hat, meine kaisertreue Gesinnung, muß +über jedem Verdacht stehen.“ + +„Na ja“, sagte Wulckow, indes Diederich sich zurückzog, stolz auf seinen +Abgang, wenn auch beengt durch die Empfindung, daß der Präsident ihn als +Bundesgenossen nicht lieber ertrug als er selbst seinen Maschinenmeister. + +Im Salon fand er Emmi und Magda ganz allein in einem Prachtwerk blätternd. +Die Gäste waren fort, und auch Frau von Wulckow hatte sie verlassen, weil +sie sich anziehen mußte zur Soiree bei der Frau Oberst von Haffke. „Meine +Unterredung mit dem Präsidenten ist für beide Teile durchaus befriedigend +verlaufen“, stellte Diederich fest; und draußen auf der Straße: „Da sieht +man es, was es heißt, wenn zwei loyale Männer verhandeln. In dem heutigen +verjudeten Geschäftsbetrieb kennt man das gar nicht mehr.“ + +Emmi, gleichfalls sehr angeregt, erklärte, daß sie Reitstunden nehmen +werde. „Wenn ich dir das Geld gebe“, sagte Diederich, aber nur der Ordnung +wegen, denn er war stolz auf Emmi. „Hat Leutnant von Brietzen nicht +Schwestern?“ bemerkte er. „Du solltest bekannt werden und uns Einladungen +verschaffen zur nächsten Soiree der Frau Oberst.“ Gerade ging drüben der +Oberst vorbei. Diederich sah ihm lange nach. „Ich weiß wohl,“ sagte er, +„man soll sich nicht umdrehen; aber das ist nun mal das Höchste, es zieht +einen hin!“ + + + +Dennoch hatte der Vertrag mit Wulckow nur seine Sorgen vergrößert. Der +handgreiflichen Verpflichtung, sein Haus zu verkaufen, stand nichts +gegenüber als Hoffnungen und Aussichten: nebelhafte Aussichten, allzu +kühne Hoffnungen ... Es fror; Diederich ging am Sonntag in den Stadtpark, +wo es schon dunkelte, und auf einem einsamen Pfad begegnete er Wolfgang +Buck. + +„Ich habe mich nun doch entschlossen“, erklärte Buck. „Ich gehe zur +Bühne.“ + +„Und Ihre bürgerliche Stellung? Und Ihre Heirat?“ + +„Ich habe es versucht, aber das Theater ist vorzuziehen. Es wird dort +weniger Komödie gespielt, wissen Sie, man ist ehrlicher bei der Sache. +Auch sind die Weiber schöner.“ + +„Das ist kein Standpunkt“, erwiderte Diederich. Aber Buck war es ernst. +„Ich muß zugeben, das Gerücht über Guste und mich hat mir Spaß gemacht. +Andererseits: so blödsinnig es ist, es ist nun einmal da, das Mädchen +leidet darunter, ich kann sie nicht länger kompromittieren.“ + +Diederich widmete ihm einen abschätzigen Seitenblick, denn er hatte den +Eindruck, Buck nahm das Gerücht zum Vorwand, um sich zu drücken. „Sie +werden wohl wissen,“ versetzte er streng, „was Sie da anrichten. Ein +anderer nimmt sie jetzt natürlich auch nicht mehr leicht. Es gehört schon +verdammt viel ritterliche Gesinnung dazu.“ + +Buck bestätigte dies. „Für einen wirklich modernen, großzügigen Mann“, +sagte er bedeutungsvoll, „müßte es eine besondere Genugtuung sein, ein +Mädchen unter solchen Umständen zu sich hinaufzuziehen und für sie +einzutreten. Hier, wo auch Geld ist, würde zweifellos der Edelmut zuletzt +das Feld behaupten. Denken Sie an das Gottesgericht im Lohengrin.“ + +„Wieso, Lohengrin?“ + +Hierauf antwortete Buck nicht mehr; da sie das Sachsentor erreicht hatten, +ward er unruhig. „Kommen Sie mit hinein?“ fragte er. – „Wo denn hinein?“ – +„Gleich hier, Schweinichenstraße 77. Ich muß es ihr doch sagen, Sie +könnten vielleicht –.“ Da pfiff Diederich durch die Zähne. + +„Sie sind wirklich –. Sie haben ihr noch nichts gesagt? Vorher erzählen +Sie es in der Stadt umher? Ihre Sache, mein Bester, aber mich lassen Sie +aus dem Spiel, den Bräuten anderer Leute pflege ich nicht die Verlobung zu +kündigen.“ + +„Machen Sie eine Ausnahme“, bat Buck. „Mir werden Szenen im Leben so +schwer.“ + +„Ich habe Grundsätze“, sagte Diederich. Buck lenkte ein. + +„Sie brauchen nichts zu sagen; Sie sollen mir nur in einer stummen Rolle +als moralische Unterstützung dienen.“ + +„Moralisch?“ fragte Diederich. + +„Als Vertreter sozusagen des verhängnisvollen Gerüchtes.“ + +„Was wollen Sie damit sagen?“ + +„Ich scherze. Da sind wir, kommen Sie.“ + +Und Diederich, betroffen durch Bucks letzte Wendung, ging wortlos mit. + +Frau Daimchen war ausgegangen, und Guste ließ auf sich warten. Buck ging +nachzusehen, was sie mache. Endlich kam sie, aber allein. „War nicht auch +Wolfgang da?“ fragte sie. + +Buck war ausgerissen! + +„Das begreife ich nicht“, sagte Diederich. „Er hatte doch etwas ganz +Dringendes bei Ihnen vor.“ + +Hierauf errötete Guste. Diederich wandte sich der Tür zu. „Dann empfehle +ich mich auch.“ + +„Was wollte er denn?“ forschte sie. „Das kommt bei ihm doch nicht oft vor, +daß er etwas will. Und wozu bringt er Sie mit?“ + +„Das sehe ich auch nicht ein. Ich darf sogar sagen, daß ich es entschieden +mißbillige, wenn er sich bei einer solchen Gelegenheit Zeugen nimmt. Meine +Schuld ist es nicht, adieu.“ + +Aber je verlegener er sie ansah, desto dringender ward sie. + +„Ich muß es ablehnen,“ verriet er schließlich, „daß ich mir mit den +Angelegenheiten Dritter soll den Mund verbrennen, noch dazu, wenn der +Dritte durchgeht und entzieht sich seinen nächstliegenden +Verpflichtungen.“ + +Gustes aufgerissene Augen sahen die Worte einzeln aus Diederichs Mund +hervorkommen. Als das letzte gefallen war, verharrte sie einen Augenblick +reglos, und dann warf sie die Hände vor das Gesicht. Sie schluchzte, man +sah ihre Wangen aufquellen und die Tränen ihr durch die Finger rinnen. Sie +hatte kein Schnupftuch; Diederich lieh es ihr, betreten durch ihren +Schmerz. „Schließlich“, meinte er, „ist ja so viel nicht an ihm verloren.“ +Da aber empörte sich Guste. „Das sagen Sie! Sie sind derjenige welcher und +haben immer gegen ihn gehetzt. Daß er ausgerechnet Sie muß herschicken, +das kommt mir mehr wie sonderbar vor.“ + +„Wie meinen Sie das, bitte?“ verlangte Diederich seinerseits. „Sie mußten +wohl reichlich so genau wissen wie ich, geehrtes Fräulein, was Sie von dem +betreffenden Herrn zu erwarten hatten. Denn wo die Gesinnung schlapp ist, +ist alles schlapp.“ + +Da sie ihn höhnisch musterte, versetzte er um so strenger: + +„Ich habe Ihnen alles richtig vorausgesagt.“ + +„Weil es Ihnen so paßte“, erwiderte sie giftig. Und Diederich, mit Ironie: +„Er hat mich doch selbst angestellt, daß ich seinen Kochtopf sollte +umrühren. Und wenn der Kochtopf nicht in braune Lappen eingewickelt +gewesen wäre, hätte er ihn schon längst überkochen lassen.“ + +Da rang es sich los aus Guste. „Haben Sie ’ne Ahnung! Das ist es ja, das +kann und kann ich ihm nicht verzeihen, daß ihm immer _alles_ wurscht war, +sogar mein Geld!“ + +Diederich war erschüttert. „Mit so einem soll man sich nicht einlassen“, +stellte er fest. „Die haben keinen Halt und laufen einem durch die +Finger.“ Er nickte gewichtig. „Wem das Geld wurscht ist, der versteht das +Leben nicht.“ + +Guste lächelte blaß. „Dann verstehen Sie es glänzend.“ + +„Das wollen wir hoffen“, sagte er. Sie kam näher zu ihm, durch ihre +letzten Tränen blinzelte sie ihn an. + +„Recht haben Sie ja nun behalten. Was meinen Sie wohl, das ich mir daraus +mache?“ Sie verzog den Mund. „Ich hab’ ihn doch überhaupt nicht geliebt. +Bloß auf die Gelegenheit hab’ ich gewartet, daß ich ihn loswerde. Nun ist +er so gemein und geht von selbst ... Dann machen wir es ohne ihn“, setzte +sie hinzu, mit einem verlockenden Blick. Aber Diederich nahm nur sein +Schnupftuch zurück, für alles andere schien er zu danken. Guste begriff, +daß er noch ebenso streng dachte, wie damals im Liebeskabinett; um so +demütiger verhielt sie sich. + +„Sie spielen gewiß auf meine Lage an, wo ich nun drin bin.“ + +Er lehnte ab. „Ich habe nichts gesagt.“ Guste klagte still. „Wenn die +Leute Gemeinheiten über mich reden, dafür kann ich doch nicht!“ + +„Ich auch nicht.“ + +Guste senkte den Kopf. „Na ja, ich muß es wohl einsehen. So eine wie ich +verdient nicht mehr, daß ein wirklich feiner Mann mit ernsten Ansichten +vom Leben sie noch nimmt.“ Und dabei schielte sie von unten nach der +Wirkung. + +Diederich schnaufte. „Es kann auch sein –“, begann er und machte eine +Pause. Guste atmete nicht. „Nehmen wir einmal an,“ sagte er mit +schneidender Betonung, „jemand hat im Gegenteil die allerernstesten +Ansichten vom Leben, und er empfindet modern und großzügig, und im vollen +Gefühl der Verantwortlichkeit gegen sich selbst sowohl als gegen seine +künftigen Kinder, wie gegen Kaiser und Vaterland übernimmt er den Schutz +des wehrlosen Weibes und zieht es zu sich empor.“ + +Gustes Miene war immer frommer geworden. Sie lehnte die Handflächen +aneinander und sah ihn mit schiefem Kopf innig flehend an. Dies schien +noch nicht zu genügen, er verlangte offenbar etwas ganz Besonderes: und so +fiel Guste plumps auf die Knie. Da nahte Diederich ihr gnädig. „So soll es +sein“, sagte er und blitzte. + +Hier trat Frau Daimchen ein. „Nanu,“ bemerkte sie, „was ist denn los?“ Und +Guste, mit Geistesgegenwart: „Ach Gott, Mutter, wir suchen meinen Ring“, – +worauf auch Frau Daimchen sich am Boden niederließ. Diederich wollte nicht +zurückstehen. Nach einer Weile stummen Umherkriechens rief Guste: „Hat ihm +schon!“ Sie stand entschlossen auf. + +„Daß du es nur weißt, Mutter, ich habe mich verändert.“ + +Frau Daimchen, noch außer Atem, begriff nicht sogleich. Guste und +Diederich vereinten ihre Anstrengungen, um sie aufzuklären. Schließlich +gestand sie, daß sie selbst, weil die Leute nun einmal redeten, an so +etwas schon gedacht habe. „Wolfgang war sowieso ’n bißchen zu +miesepeterig, außer er hatte was getrunken. Bloß die Familie, dagegen +kommen Heßlings nicht auf.“ + +Das werde sie sehen, behauptete Diederich; und er kündigte an, daß nichts +abgemacht sei, solange das Praktische auch nicht stimmte. Die Ausweise +über Gustes Mitgift mußten herbei, dann verlangte er Gütergemeinschaft – +und was er nachher mit dem Gelde anfing, da durfte niemand hineinreden! +Bei jedem Widerspruch hielt er den Türgriff schon in der Hand, und +jedesmal sprach Guste leise und angstvoll zu ihrer Mutter: „Soll denn +morgen die ganze Stadt sich den Mund verrenken, weil ich den einen los +bin, und der andere ist auch gleich wieder weg?“ + +Als alles stimmte, ward Diederich jovial. Er aß zu Abend mit den Damen und +wollte schon, ohne lange zu fragen, das Dienstmädchen nach dem +Verlobungssekt schicken. Dies kränkte Frau Daimchen, denn natürlich hatte +sie welchen im Hause, das verlangten die Herren Offiziere, die bei ihr +verkehrten. „Überhaupt haben Sie mehr Glück als Verstand, denn den Herrn +Leutnant von Brietzen hätte Guste auch gekriegt.“ Darauf lachte Diederich +wohlgemut. Alles ging gut. Für ihn das viele Geld, und der Leutnant von +Brietzen für Emmi!... Man ward sehr lustig; bei der zweiten Flasche +taumelte das Brautpaar auf seinen Stühlen immer einer gegen den anderen, +ihre Füße waren umeinandergewickelt bis zum Knie, und Diederichs Hand +beschäftigte sich unten. Drüben drehte Frau Daimchen die Daumen. Plötzlich +verursachte Diederich ein donnerndes Geräusch und erklärte sofort, er +übernehme dafür die volle Verantwortung, es sei in aristokratischen +Kreisen üblich, er verkehre bei Wulckows. + +Welche Überraschung, als Netzig den Umschwung der Dinge erfuhr! Auf die +Erkundigungen der Gratulanten erwiderte Diederich, was er mit den +anderthalb Millionen seiner Frau beginnen werde, sei ganz ungewiß. +Vielleicht ziehe er nach Berlin, für großzügige Unternehmungen sei es das +Angezeigte. Seine Fabrik jedenfalls denke er bei Gelegenheit zu verkaufen. +„Die Papierindustrie macht überhaupt eine Krise durch; diese mitten in +Netzig gelegene Klitsche hat in meinen Verhältnissen keinen Sinn mehr.“ + +Daheim gab es eitel Sonnenschein. Die Schwestern erhielten ein erhöhtes +Taschengeld, und seiner Mutter gestattete Diederich so viele Rührszenen +und Umarmungen, als sie sich irgend wünschen konnte; ja, er nahm willig +ihren Segen entgegen. Guste, so oft sie kam, trat in der Rolle einer Fee +auf, die Arme voll Blumen, Bonbons, silbernen Beuteln. An ihrer Seite +schien Diederich über Blumen zu wandeln. Die Tage entschwebten himmlisch +leicht, unter Einkäufen, Sektfrühstücken und den Brautvisiten, einen +vornehmen Lohndiener auf dem Bock, und drinnen im Wagen die Verlobten +anregend miteinander beschäftigt. + +Die schöne Laune, die mit ihrem Dasein spielte, führte sie eines Abends in +den Lohengrin. Die beiden Mütter hatten sich dazu verstehen müssen, zu +Hause zu bleiben; es war der feste Wille des Brautpaares, der +Schicklichkeit zum Trotz allein in einer Proszeniumsloge zu sitzen. Das +breite rote Plüschsofa an der Wand, wo man nicht gesehen werden konnte, +war eingedrückt und fleckig, es hatte etwas Reizvoll-Fragwürdiges. Guste +wollte wissen, daß diese Loge eigentlich den Herren Offizieren gehörte, +und daß sie hier Besuche von Schauspielerinnen empfingen! + +„Über die Schauspielerinnen sind wir glücklich hinaus“, erklärte +Diederich, und er ließ durchblicken, daß er allerdings bis vor kurzem mit +einer gewissen Dame vom Theater, die er natürlich nicht nennen könne –. +Gustes fieberhafte Fragen wurden rechtzeitig unterbrochen durch das +Klopfen des Kapellmeisters. Sie nahmen ihre Plätze ein. + +„Hähnisch ist noch wabbeliger geworden“, bemerkte Guste sogleich, und sie +nickte nach dem Dirigenten hinab. Er machte auf Diederich einen +hochkünstlerischen, wenn auch ungesunden Eindruck. Schwarze, verwirrte +Haarsträhnen wippten, indes er mit allen seinen Gliedmaßen den Takt +schlug, über seinem großen grauen Gesicht, dessen Fettsäcke mitwippten; +und in Frack und Hose wogte es rhythmisch. Im Orchester war großer +Betrieb, dennoch gab Diederich zu verstehen, daß er auf Ouvertüren keinen +Wert lege. Überhaupt, meinte Guste, wenn man den Lohengrin in Berlin +kannte! Der Vorhang ging auf, und schon kicherte sie verachtungsvoll. +„Gott, die Ortrud! Sie hat einen Schlafrock und ein Frontkorsett!“ +Diederich hielt sich mehr an den König unter der Eiche, der sichtlich die +prominenteste Persönlichkeit war. Sein Auftreten wirkte nicht besonders +schneidig; Wulckow brachte Baß und Vollbart entschieden besser zur +Geltung; aber was er äußerte, war vom nationalen Standpunkt aus zu +begrüßen. „Des Reiches Ehr’ zu wahren, ob Ost, ob West.“ Bravo! So oft er +das Wort deutsch sang, reckte er die Hand hinauf, und die Musik +bekräftigte es ihrerseits. Auch sonst unterstrich sie einem markig, was +man hören sollte. Markig, das war das Wort. Diederich wünschte sich, er +hätte zu seiner Rede in der Kanalisationsdebatte eine solche Musik gehabt. +Der Heerrufer dagegen stimmte ihn wehmütig, denn er glich aufs Haar dem +dicken Delitzsch in all seiner verflossenen Bierehrlichkeit. Infolgedessen +sah Diederich die Gesichter der Mannen näher an und fand überall +Neuteutonen. Sie hatten größere Bäuche und Bärte bekommen und sich gegen +die harte Zeit mit Blech gerüstet. Auch schienen nicht alle sich in +günstigen Lebensumständen zu befinden; die Edlen sahen aus wie mittlere +Beamte des Mittelalters, mit Ledergesichtern und Knickebeinen, die Unedlen +noch weniger glänzend; aber der Verkehr mit ihnen wäre unzweifelhaft in +tadellosen Formen verlaufen. Überhaupt ward Diederich gewahr, daß man sich +in dieser Oper sogleich wie zu Hause fühlte. Schilder und Schwerter, viel +rasselndes Blech, kaisertreue Gesinnung, Ha und Heil und hochgehaltene +Banner, und die deutsche Eiche: man hätte mitspielen mögen. + +Was den weiblichen Teil der Brabanter Gesellschaft betraf, der ließ +freilich zu wünschen. Guste stellte spöttische Fragen: welche es denn nun +sei, mit der er –. „Vielleicht die Ziege in dem Hängekleid? Oder die dicke +Kuh mit dem Goldreifen zwischen den Hörnern?“ Und Diederich war nicht weit +davon entfernt, sich für die schwarze Dame mit dem Frontkorsett zu +entscheiden, als er noch rechtzeitig bemerkte, daß eben sie in der ganzen +Angelegenheit nicht einwandfrei dastand. Ihr Gatte Telramund schien +zunächst noch leidlich Komment zu haben, aber eine höchst üble +Klatschgeschichte spielte offenbar auch hier mit. Leider war die deutsche +Treue, selbst wo sie ein so glänzendes Bild darbot, bedroht von den +jüdischen Machenschaften der dunkelhaarigen Rasse. + +Beim Auftreten Elsas war es ohne weiteres klar, auf welcher Seite man +Klasse voraussetzen durfte. Der biedere König hätte es nicht nötig gehabt, +die Sache dermaßen objektiv zu behandeln: Elsas ausgesprochen germanischer +Typ, ihr wallendes blondes Haar, ihr gutrassiges Benehmen boten von +vornherein gewisse Garantien. Diederich faßte sie ins Auge, sie sah +herauf, sie lächelte lieblich. Darauf griff er nach dem Opernglas, aber +Guste entriß es ihm. „Also die Merée ist es?“ zischte sie; und da er +vielsagend lächelte: „Einen feinen Geschmack hast du, ich kann mich +geschmeichelt fühlen. Die ausgemergelte Jüdin!“ – „Jüdin?“ – „Die Merée, +selbstredend, sie heißt doch Meseritz, und vierzig Jahre ist sie alt.“ – +Betreten nahm er das Glas, das Guste ihm höhnisch anbot, und überzeugte +sich. Na ja, die Welt des Scheins. Enttäuscht lehnte Diederich sich +zurück. Dennoch konnte er nicht hindern, daß Elsas keusche Vorahnung +weiblicher Lustempfindungen ihn gerade so sehr rührte wie den König und +die Edlen. Das Gottesgericht schien auch ihm ein hervorragend praktischer +Ausweg, auf die Weise ward niemand kompromittiert. Daß die Edlen sich auf +die faule Sache nicht einlassen würden, war freilich vorherzusehen. Man +mußte schon mit etwas Außerordentlichem rechnen; die Musik tat das ihre, +sie machte einen geradezu auf alles gefaßt. Diederich hatte den Mund offen +und so dummselige Augen, daß Guste heimlich einen Lachkrampf bekam. Jetzt +war er so weit, alle waren so weit, jetzt konnte Lohengrin kommen. Er kam, +funkelte, schickte den Zauberschwan fort, funkelte noch betörender. +Mannen, Edle und der König unterlagen alle derselben Verblüffung wie +Diederich. Nicht umsonst gab es höhere Mächte.... Ja, die allerhöchste +Macht verkörperte sich hier, zauberhaft blitzend. Ob Schwanen- oder +Adlerhelm: Elsa wußte wohl, warum sie plumps vor ihm auf die Knie fiel. +Diederich seinerseits blitzte Guste an, ihr verging das Lachen. Auch sie +hatte erfahren, wie es war, wenn alle einen verklatschten, und den ersten +war man los und konnte sich nirgends mehr sehen lassen und hätte überhaupt +wegziehen müssen: und da kam der Held und Retter und machte sich aus der +ganzen Geschichte nichts und nahm einen doch! „So soll es sein!“ sagte +Diederich und nickte auf die kniefällige Elsa hinab – indes Guste, die +Lider gesenkt, in reuevoller Unterwerfung gegen seine Schulter fiel. + +Das weitere konnte man an den Fingern abzählen. Telramund machte sich +einfach unmöglich. Gegen die Macht unternahm man eben nichts. Zu ihrem +Repräsentanten Lohengrin verhielt sich sogar der König höchstens wie ein +besserer Bundesfürst. Er sang seinem Vorgesetzten die Siegeshymne mit. Der +Hort der guten Gesinnung ward schwungvoll gefeiert, die Umstürzler mochten +den deutschen Staub von ihren Pantoffeln schütteln. + +Der zweite Akt – Guste aß noch immer, sanft hingegeben, Pralinees – +brachte zunächst in erhebender Weise den Gegensatz zur Anschauung zwischen +dem glanzvollen, ohne Mißton verlaufenden Fest der Gutgesinnten in den +vornehm erleuchteten Räumen des Palastes, und den beiden dunkeln Empörern, +die stark heruntergekommen auf dem Pflaster lagen. „Erhebe dich, Genossin +meiner Schmach“, meinte Diederich bei passender Gelegenheit selbst schon +angewendet zu haben. Er verband Ortrud mit gewissen persönlichen +Erinnerungen: ein ganz gemeines Luder, darüber war nichts zu sagen; aber +irgendwas regte sich in ihm, wenn sie ihren Kerl einwickelte und unter +sich hatte. Er träumte.... Vor Elsa, der dummen Gans, mit der sie machte +was sie wollte, hatte Ortrud das gewisse Etwas voraus, das die energischen +und strengen Damen haben. Elsa freilich konnte man heiraten. Er schielte +nach Guste. „Es gibt ein Glück, das ohne Reu“, bemerkte Elsa; und +Diederich zu Guste: „Das wollen wir hoffen.“ + +Den frisch ausgeschlafenen Edlen und Mannen wurde sodann durch den dicken +Delitzsch eröffnet, daß sie Dank Gottes Gnade einen neuen Landesfürsten +bekommen hatten. Gestern standen sie noch treu und bieder zu Telramund, +heute waren sie biedere, treue Untertanen Lohengrins. Sie erlaubten sich +keine Meinung und schluckten jede Vorlage. „Den Reichstag bringen wir auch +noch so weit“, gelobte Diederich. + +Wie aber Ortrud vor Elsa in das Münster treten wollte, empörte sich Guste. +„Das hat sie nun nicht nötig, darüber ärgere ich mich immer. Wo sie doch +nichts mehr hat, und überhaupt.“ – „Jüdische Frechheit“, murmelte +Diederich. Übrigens konnte er nicht umhin, Lohengrin, gelinde gesagt, +unvorsichtig zu finden, als er es glatt in Elsas Hand legte, ob er seinen +Namen verraten und dadurch das ganze Geschäft in Frage stellen sollte oder +nicht. So viel durfte man Weibern nicht zumuten. Und wozu? Den Mannen +brauchte er nicht erst zu beweisen, daß er, trotz dem Nörgler Telramund, +reine Hände und keinen Fleck auf der Weste habe: ihre nationale Gesinnung +war durchaus unverdächtig. + +Guste verhieß ihm, im dritten Akt käme das Allerschönste, aber dafür müsse +sie durchaus noch Pralinees haben. Als man sie hatte, stieg der +Hochzeitsmarsch, und Diederich sang ihn mit. Die Mannen im Festzuge +verloren entschieden ohne Blech und Banner, auch Lohengrin hätte sich +besser nicht im Wams gezeigt. Diederich ward bei seinem Anblick wieder +einmal von dem Wert der Uniform durchdrungen. Die Damen waren glücklich +fort, mit ihren Stimmen wie saure Milch. Aber der König! Er konnte nicht +wegfinden von dem Brautpaar, biederte sich an und schien am liebsten als +Zuschauer dableiben zu wollen. Diederich, dem der König schon immer zu +konziliant gewesen war für diese harte Zeit, nannte ihn jetzt einfach eine +Nulpe. + +Endlich fand er die Tür, Lohengrin und Elsa machten sich auf dem Sofa an +die „Wonnen, die nur Gott verleiht“. Zuerst umschlangen sie sich nur oben, +die unteren Körperteile saßen nach Möglichkeit voneinander entfernt. Je +mehr sie aber sangen, um so näher rutschten sie heran, – wobei ihre +Gesichter sich häufig auf Hähnisch richteten. Hähnisch und sein Orchester +schienen ihnen einzuheizen: es war begreiflich, denn auch Diederich und +Guste in ihrer stillen Loge schnauften leise und sahen einander an mit +erhitzten Augen. Die Gefühle gingen den Weg der Zauberklänge, die Hähnisch +mit wogenden Gliedern hervorlockte, und die Hände folgten ihnen. Diederich +ließ die seine zwischen Gustes Stuhl und ihrem Rücken hinabgleiten, +umspannte sie unten und murmelte betört: „Wie ich das zum erstenmal +gesehen habe, gleich hab’ ich gesagt, die oder keine!“ + +Aber da wurden sie aus dem Zauberbann gerissen durch einen Zwischenfall, +der bestimmt schien, die Kunstfreunde Netzigs noch lange zu beschäftigen. +Lohengrin zeigte sein Jägerhemd! Eben stimmte er an: „Atmest du nicht mit +mir die süßen Düfte“, da kam es hinten aus dem Wams hervor, das aufging. +Bis Elsa ihn, sichtlich erregt, zugeknöpft hatte, herrschte im Hause +lebhafte Unruhe; dann erlag es wieder dem Zauberbann. Guste freilich, die +sich mit einem Pralinee verschluckt hatte, stieß auf ein Bedenken. „Wie +lange trägt er das Hemd schon? Und überhaupt, er hat doch nichts mit, der +Schwan ist mit seinem Gepäck abgeschwommen!“ Diederich verwies ihr +ernstlich das Nachdenken. „Du bist gerade so eine Gans wie Elsa“, stellte +er fest. Denn Elsa war im Begriff, sich alles zu verderben, weil sie es +nicht lassen konnte, ihren Mann nach seinen politischen Geheimnissen zu +fragen. Der Umsturz ward vollends zerschmettert, denn Telramunds feiges +Attentat mißlang durch Gottes Fügung; aber die Weiber, dies mußte +Diederich sich sagen, wirkten, wenn man ihnen nicht die Kandare fest +anzog, eher noch subversiver. + +Nach der Verwandlung ward dies vollends klar. Eiche, Banner, alles +nationale Zubehör war wieder da; und „für deutsches Land das deutsche +Schwert, so sei des Reiches Kraft bewährt“: bravo! Aber Lohengrin schien +nun wirklich entschlossen, sich aus dem öffentlichen Leben zurückzuziehen. +„Überall wurde an mir gezweifelt“, durfte auch er sagen. Nacheinander +klagte er den toten Telramund und die ohnmächtige Elsa an. Da keins von +beiden ihm widersprach, hätte er ohne weiteres recht behalten; dazu kam +aber noch, daß er tatsächlich in der Rangliste obenan stand. Denn jetzt +gab er sich zu erkennen. Die Nennung seines Namens rief bei der ganzen +Versammlung, die noch nie von ihm gehört hatte, eine ungeheure Bewegung +hervor. Die Mannen konnten sich gar nicht beruhigen; alles andere schienen +sie erwartet zu haben, nur nicht, daß er Lohengrin hieß. Um so dringlicher +ersuchten sie den geliebten Herrscher, von dem folgenschweren Schritt der +Abdankung diesmal noch abzusehen. Aber Lohengrin blieb heiser und +unnahbar. Übrigens wartete schon der Schwan. Eine letzte Frechheit Ortruds +brach ihr zur allgemeinen Genugtuung den Hals. Leider deckte gleich darauf +auch Elsa das Schlachtfeld, das Lohengrin, statt des entzauberten Schwans +von einer kräftigen Taube gezogen, hinter sich ließ. Dafür war der junge, +soeben eingetroffene Gottfried in drei Tagen der dritte Landesfürst, dem +Edle und Mannen, treu und bieder wie immer, ihre Huldigung darbrachten. + +„Das kommt davon“, bemerkte Diederich, indes er Guste in den Mantel half. +Alle diese Katastrophen, die Wesensäußerungen der Macht waren, hatten ihn +erhoben und tief befriedigt. „Wovon kommt es denn“, meinte Guste, zum +Widersprechen aufgelegt. „Bloß weil sie wissen will, wer er ist? Das kann +sie wohl verlangen, das ist nicht mehr wie anständig.“ – „Es hat einen +höheren Sinn“, erklärte ihr Diederich streng. „Die Geschichte mit dem +Gral, das soll heißen, der allerhöchste Herr ist nächst Gott nur seinem +Gewissen verantwortlich. Na und wir wieder ihm. Wenn das Interesse Seiner +Majestät in Betracht kommt, kannst du machen was du willst, ich sage +nichts, und eventuell –.“ Eine Handbewegung gab zu verstehen, daß auch er, +in einen derartigen Konflikt gestellt, Guste unbedenklich dahinopfern +würde. Dies erboste Guste. „Das ist ja Mord! Wie komm’ ich dazu, daß ich +muß draufgehen, weil Lohengrin ein temperamentloser Hammel ist. Nicht +einmal in der Hochzeitsnacht hat Elsa von ihm was gemerkt!“ Und Guste +rümpfte die Nase, wie damals beim Verlassen des Liebeskabinetts, wo auch +nichts geschehen war. + +Auf dem Heimweg versöhnten sich die Verlobten. „Das ist die Kunst, die wir +brauchen!“ rief Diederich aus. „Das ist deutsche Kunst!“ Denn hier +erschienen ihm, in Text und Musik, alle nationalen Forderungen erfüllt. +Empörung war hier dasselbe wie Verbrechen, das Bestehende, Legitime ward +glanzvoll gefeiert, auf Adel und Gottesgnadentum der höchste Wert gelegt, +und das Volk, ein von den Ereignissen ewig überraschter Chor, schlug sich +willig gegen die Feinde seiner Herren. Der kriegerische Unterbau und die +mystischen Spitzen, beides war gewahrt. Auch wirkte es bekannt und +sympathisch, daß in dieser Schöpfung der schönere und geliebtere Teil der +Mann war. „Ich fühl’ das Herze mir vergehn, schau ich den wonniglichen +Mann“, sangen auch die Männer samt dem König. So war denn die Musik an +ihrem Teil der männlichen Wonne voll, war heldisch, wenn sie üppig war, +und kaisertreu noch in der Brunst. Wer widerstand da? Tausend Aufführungen +einer solchen Oper, und es gab niemand mehr, der nicht national war! +Diederich sprach es aus: „Das Theater ist auch eine meiner Waffen.“ Kaum +ein Majestätsbeleidigungsprozeß konnte die Bürger so gründlich aus dem +Schlummer rütteln. „Ich habe den Lauer in die Vogtei gebracht, aber wer +den Lohengrin geschrieben hat, vor dem nehm’ ich den Hut ab.“ Er schlug +ein Zustimmungstelegramm an Wagner vor. Guste mußte ihn aufklären, es sei +nicht mehr zu machen. Einmal auf so hohem Gedankenflug begriffen, äußerte +sich Diederich über die Kunst im allgemeinen. Unter den Künsten gab es +eine Rangordnung. „Die höchste ist die Musik, daher ist es die deutsche +Kunst. Dann kommt das Drama.“ + +„Warum?“ fragte Guste. + +„Weil man es manchmal in Musik setzen kann, und weil man es nicht zu lesen +braucht, und überhaupt.“ + +„Und was kommt dann?“ + +„Die Porträtmalerei natürlich, wegen der Kaiserbilder. Das übrige ist +nicht so wichtig.“ + +„Und der Roman?“ + +„Der ist keine Kunst. Wenigstens Gott sei Dank keine deutsche: das sagt +schon der Name.“ + + + +Und dann war der Hochzeitstag da. Denn beide hatten Eile: Guste wegen der +Leute, Diederich aus Gründen der Politik. Um mehr Eindruck zu machen, +hatte man beschlossen, daß Magda und Kienast am gleichen Tage heiraten +sollten. Kienast war eingetroffen, und Diederich betrachtete ihn manchmal +mit Unruhe, weil Kienast sich den Bart hatte abnehmen lassen, den +Schnurrbart an den Augenwinkeln trug und auch schon blitzte. In den +Verhandlungen über Magdas Gewinnanteil zeigte er einen schreckenerregenden +Geschäftsgeist. Diederich, nicht ohne Besorgnis wegen des Ausgangs der +Sache, wenn auch entschlossen, seine Pflicht gegen sich selbst restlos zu +erfüllen, vertiefte sich jetzt öfter in seine Geschäftsbücher ... Sogar am +Morgen vor seiner Trauung und schon im Frack, saß er im Kontor; da ward +eine Karte gebracht: Karnauke, Premierleutnant a. D. „Was kann der wollen, +Sötbier?“ Der alte Buchhalter wußte es auch nicht. Na egal. „Einen +Offizier kann ich nicht abweisen.“ Und Diederich ging selbst zur Tür. + +In der Tür aber erschien ein ungewöhnlich strammer Herr in einem +grünlichen Sommermantel, der troff, und den er am Halse fest geschlossen +trug. Unter seinen spitzen Lackschuhen entstand sofort eine Lache, von +seinem grünen Agrarierhütchen, das er merkwürdigerweise aufbehielt, +regnete es. „Zunächst wollen wir uns mal trocken legen“, versetzte der +Herr und begab sich, bevor Diederich zustimmte, zum Ofen. Hier sagte er +schnarrend: „Verkaufen, was? Klemme, was?“ Diederich begriff nicht +sogleich; dann warf er einen unruhigen Blick auf Sötbier. Der Alte hatte +sich wieder an seinen Brief gemacht. „Herr Premierleutnant haben sich +gewiß in der Hausnummer geirrt“, bemerkte Diederich schonend; aber es half +nichts. „Quatsch. Weiß Bescheid. Nur keine Fisimatenten. Höherer Befehl. +Schnauze halten und verkaufen, sonst gnade Gott.“ + +Diese Sprache war zu auffallend; Diederich konnte nicht länger übersehen, +daß trotz der militärischen Vergangenheit des Herrn seine ungeheure +Strammheit nicht echt war und daß seine Augen verglast waren. In dem +Augenblick, als Diederich dies feststellte, nahm der Herr sein grünes +Agrarierhütchen vom Kopf und entleerte es seines Wassers auf Diederichs +Frackhemd. Dies veranlaßte Diederich zu einem Protest, aber der Herr nahm +ihn sehr übel. „Ich stehe Ihnen zur Verfügung“, schnarrte er. „Die Herren +von Quitzin und von Wulckow werden in meinem Auftrag mit Ihnen reden.“ +Dabei zwinkerte er angestrengt – und Diederich, dem ein schrecklicher +Verdacht kam, vergaß seinen Zorn, er war einzig bedacht, den +Premierleutnant aus der Tür zu drängen. „Wir sprechen draußen“, raunte er +ihm zu, und nach der anderen Seite zu Sötbier: „Der Herr ist sinnlos +betrunken, ich muß sehen, wie ich ihn los werde.“ Aber Sötbier hatte die +Lippen zusammengepreßt, die Stirn gefaltet und kehrte diesmal nicht zu +seinem Brief zurück. + +Der Herr ging geradeswegs in den Regen hinaus, Diederich folgte ihm. +„Deswegen keine Feindschaft, reden kann man doch.“ Erst nachdem auch er +durchnäßt war, gelang es ihm, den Herrn wieder ins Haus zu lotsen. Durch +den leeren Maschinenraum schrie der Premierleutnant: „Glas Schnaps! Kaufe +alles, Schnaps mit!“ Obwohl die Arbeiter zur Feier seiner Hochzeit frei +hatten, sah Diederich sich angstvoll um; er öffnete den Verschlag, wo die +Chlorsäcke lagen, und beförderte mit verzweifeltem Schub den Herrn hinein. +Es stank furchtbar; der Herr nieste mehrmals, worauf er sagte: „Karnauke +mein Name, warum stinken Sie so?“ + +„Haben Sie einen Hintermann?“ fragte Diederich. Der Herr nahm auch das +übel. „Was wollen Sie damit sagen?... Ach so, kaufe, was Platz hat.“ +Diederichs Blick folgend, betrachtete er sein triefendes Sommermäntelchen. +„Momentane Verlegenheit“, schnarrte er. „Vermittle Kavalieren. +Ehrensache.“ + +„Was bietet Ihr Auftraggeber?“ + +„Hundertzwanzig die Kiste.“ + +Und wie Diederich sich entsetzte oder empörte: zweihunderttausend sei sein +Grundstück wert, der Premierleutnant blieb dabei: „Hundertzwanzig die +Kiste.“ + +„Nicht zu machen“ – Diederich vollführte eine unvorsichtige Bewegung nach +dem Ausgang, worauf der Herr ernstlich gegen ihn vorging. Diederich mußte +ringen, fiel auf einen Chlorsack und der Herr über ihn. „Stehen Sie auf,“ +keuchte Diederich, „hier werden wir gebleicht.“ Der Premierleutnant heulte +auf, als brennte es ihm schon durch die Kleider, – und plötzlich hatte er +seine stramme Haltung zurück. Er zwinkerte. „Präsident von Wulckow eklig +hinterher, daß Sie verkaufen, sonst kein Geschäft mit ihm zu machen. +Vetter Quitzin arrondiert Besitz hier herum. Rechnet bestimmt auf Ihr +Entgegenkommen. Hundertzwanzig die Kiste.“ Diederich, bleicher als wäre er +im Chlor liegengeblieben, versuchte noch: „Hundertfünfzig“, – aber die +Stimme versagte ihm. Das war mehr, als man loyalerweise fassen konnte! +Wulckow starrend von Beamtenehre, unbestechlich wie das Jüngste +Gericht!... Mit einem trostlosen Blick überflog er nochmals die Gestalt +dieses Karnauke, Premierleutnants a. D. Den schickte Wulckow, dem lieferte +er sich aus! Hätte man nicht neulich, unter vier Augen, mit aller +gebotenen Vorsicht und gegenseitigen Achtung das Geschäft verhandeln +können? Aber diese Junker konnten nur den Leuten an die Kehle springen; +auf Geschäfte verstanden sie sich noch immer nicht. „Gehen Sie nur voran +zum Notar,“ raunte Diederich, „ich komme gleich.“ Er ließ ihn hinaus. Wie +er aber selbst fort wollte, stand da der alte Sötbier, noch immer mit den +gekniffenen Lippen. „Was wünschen Sie?“ Diederich war ermattet. + +„Junger Herr,“ begann der Alte hohl, „was Sie jetzt vorhaben, dafür kann +ich nicht mehr die Verantwortung tragen.“ + +„Wird nicht verlangt.“ Diederich gab sich Haltung. „Ich weiß allein, was +ich tue.“ Der Alte hob beschwörend die Hände. + +„Sie wissen es nicht, junger Herr! Unsere Lebensarbeit von Ihrem seligen +Vater und mir, die verteidige ich! Daß wir das Geschäft aufgebaut haben +mit Fleiß und solider Arbeit, dadurch sind Sie groß geworden. Und wenn Sie +mal teure Maschinen kaufen und mal die Aufträge ablehnen, das ist ein +Zickzackkurs, damit bringen Sie das Geschäft herunter. Und jetzt verkaufen +Sie das alte Haus!“ + +„Sie haben an der Tür gehorcht. Wenn etwas geschieht, ohne daß Sie dabei +sind, das vertragen Sie noch immer nicht recht. Erkälten Sie sich hier nur +nicht.“ Diederich höhnte. + +„Sie dürfen es nicht verkaufen!“ jammerte Sötbier. „Ich kann nicht +zusehen, wie der Sohn und Erbe meines alten Herrn die solide Grundlage der +Firma untergräbt und treibt Großmannspolitik.“ + +Diederich maß ihn mitleidig. „Großzügigkeit war zu Ihrer Zeit noch nicht +erfunden, Sötbier. Heute wagt man was. Betrieb ist die Hauptsache. Später +werden Sie sehen, wozu es gut war, daß ich das Haus verkaufe.“ + +„Ja, das werden Sie auch erst später sehen. Vielleicht wenn Sie bankerott +sind oder wenn Ihnen Ihr Schwager Herr Kienast einen Prozeß anhängt. Sie +haben gewisse Manipulationen gemacht zum Schaden Ihrer Schwestern und +Ihrer Mutter! Wenn ich dem Herrn Kienast manches sagen wollte –: bloß daß +ich Pietät habe, sonst könnte ich Sie ins Unglück bringen!“ + +Der Alte war außer sich. Er kreischte, Tränen der Wut in den roten Lidern. +Diederich trat nahe an ihn hin, er hielt ihm die geballte Hand unter die +Nase. „Das versuchen Sie mal! Ich beweise glatt, daß Sie die Firma +bestohlen haben, und zwar schon immer. Meinen Sie, ich habe keine +Vorkehrungen getroffen?“ + +Auch der Alte erhob seine zitternde Faust. Sie schnaubten sich an; Sötbier +rollte blutige Augäpfel, Diederich blitzte. Dann trat der Alte zurück. +„Nein, so soll es nicht kommen. Ich war immer ein treuer Diener meines +alten Herrn. Mein Gewissen gebietet mir, seinem Nachfolger meine bewährte +Kraft so lange als möglich zu erhalten.“ + +„Das könnte Ihnen passen“, sagte Diederich hart und kalt. „Seien Sie froh, +wenn ich Sie nicht direkt hinauswerfe. Schreiben Sie nur gleich Ihr +Entlassungsgesuch, es ist schon bewilligt.“ Und er schritt von dannen. + +Beim Notar verlangte er, daß in den Kaufvertrag als Käufer „Unbekannt“ +gesetzt werde. Karnauke feixte. „Unbekannt ist gut. Wir kennen doch Herrn +von Quitzin.“ Darauf lächelte auch der Notar. „Ich sehe,“ sagte er, „Herr +von Quitzin arrondiert sich. Bislang gehörte ihm in der Meisestraße nur +die kleine Kneipe zum Huhn. Aber wegen der beiden Grundstücke hinter dem +Ihren, Herr Doktor, verhandelt er auch schon. Dann grenzt er an den +Stadtpark und hat Platz für riesige Anlagen.“ + +Diederich zitterte schon wieder. Leise bat er den Notar um Diskretion, +solange es gehe. Dann nahm er Abschied, er habe keine Zeit zu verlieren. +„Weiß ich“, sagte der Premierleutnant und hielt ihn fest. „Freudentag. +Frühstück Hotel Reichshof. Bin gerüstet.“ Er öffnete das grüne Mäntelchen +und zeigte auf seinen zerknitterten Gesellschaftsanzug. Diederich sah ihn +entsetzt an, er versuchte sich zu wehren; aber der Leutnant drohte wieder +mit seinen Zeugen. + +Die Braut wartete schon längst, die beiden Mütter trockneten ihr die +Tränen, unter dem anzüglichen Lächeln der anwesenden Damen. Auch dieser +Bräutigam ging durch! Magda und Kienast waren empört; und zwischen +Schweinichenstraße und Meisestraße liefen Boten ... Endlich! Diederich war +da, wenn auch in seinem alten Frack. Er gab nicht einmal Erklärungen. Am +Standesamt und in der Kirche wirkte er verstört. Allerseits bemerkte man, +auf einer so zustande gekommenen Verbindung ruhe kein Segen. Auch Pastor +Zillich erwähnte in seiner Ansprache, daß der irdische Besitz etwas +Vergängliches sei. Man begriff seine Enttäuschung. Käthchen war gar nicht +erschienen. + +Beim Hochzeitsfrühstück saß Diederich schweigend und sichtlich noch anders +beschäftigt. Selbst das Essen vergaß er oft und stierte in die Luft. +Einzig der Premierleutnant Karnauke hatte die Gabe, seine Aufmerksamkeit +zu wecken. Freilich tat der Leutnant das Seine; schon nach der Suppe +brachte er einen Toast auf die Braut aus, mit Anspielungen, denen die +Versammlung nach Maßgabe ihres bisherigen Weingenusses noch nicht +gewachsen war. Mehr beunruhigt ward Diederich durch gewisse andere +Wendungen Karnaukes, die er mit Zwinkern nach seinem Platz begleitete und +die leider auch Kienast nachdenklich stimmten. Der Zeitpunkt, den +Diederich mit Herzklopfen voraussah, trat ein: Kienast stand auf und bat +ihn um ein Wort unter vier Augen ... Da aber klingelte der Premierleutnant +heftig ans Glas, stramm schnellte er vom Sitz. Der schon vorgeschrittene +Lärm des Festes brach jäh ab; man sah an Karnaukes gespitzten Fingern ein +blaues Band hängen und darunter ein Kreuz, dessen Rand golden funkelte ... +Ah! und Tumult und Glückwünsche. Diederich reichte beide Hände hin, eine +Seligkeit, kaum zu ertragen, flutete ihm vom Herzen in den Hals, er redete +von selbst und bevor er wußte was. „Seine Majestät ... Unerhörte Gnade ... +Bescheidene Verdienste, nie wankende Treue ...“ Er dienerte, er legte, wie +Karnauke ihm das Kreuz überreichte, die Hand auf das Herz, schloß die +Augen und versank: so als stände vor ihm ein anderer, der Geber selbst. +Unter der Gnadensonne fühlte Diederich, dies war die Rettung und der Sieg. +Wulckow hielt den Pakt. Die Macht hielt Diederich den Pakt! Der +Kronenorden vierter Klasse blitzte, und es ward Ereignis, das Denkmal +Wilhelm des Großen und Gausenfeld, Geschäft und Ruhm! + +Der Aufbruch drängte. Kienast, immerhin bewegt und eingeschüchtert, bekam +einige Worte allgemeinen Inhalts hingeworfen, von herrlichen Tagen, denen +er entgegengeführt werden sollte, von großen Dingen, die man mit ihm und +der ganzen Familie vorhabe – und fort war Diederich mit Guste. + +Sie bestiegen die erste Klasse, er spendete drei Mark und zog die Vorhänge +zu. Sein von Glück beschwingter Tatendrang litt keinen Aufschub, Guste +hätte so viel Temperament nie erwartet. „Du bist doch nicht wie +Lohengrin“, bemerkte sie. Als sie aber schon hinglitt und die Augen +schloß, richtete Diederich sich nochmals auf. Eisern stand er vor ihr, +ordenbehangen, eisern und blitzend. „Bevor wir zur Sache selbst +schreiten,“ sagte er abgehackt, „gedenken wir Seiner Majestät unseres +allergnädigsten Kaisers. Denn die Sache hat den höheren Zweck, daß wir +Seiner Majestät Ehre machen und tüchtige Soldaten liefern.“ + +„Oh!“ machte Guste, von dem Gefunkel auf seiner Brust entrückt in höheren +Glanz. „Bist – du – das – Diederich?“ + + + + + + VI. + + +Herr und Frau Doktor Heßling aus Netzig sahen einander stumm an im Lift +des Züricher Hotels, denn man fuhr sie in den vierten Stock. Dies war das +Ergebnis des Blickes, den der Geschäftsführer schnell und schonend über +sie hingeführt hatte. Diederich füllte gehorsam den Meldezettel aus; erst +als der Oberkellner fort war, äußerte er seine Entrüstung über den Betrieb +hier und über Zürich. Sie ward immer lauter und verdichtete sich zu dem +Vorsatz, an Baedeker zu schreiben. Da diese Vergeltung indes zu wenig +greifbar schien, machte er kehrt gegen Guste: ihr Hut sei schuld. Guste +wieder schob es auf Diederichs Hohenzollernmantel. So stürzten sie denn +zum Lunch mit hochroten Köpfen. An der Tür machten sie halt und schnauften +unter den Blicken der Gäste, Diederich im Smoking, Guste aber mit einem +Hut, der Bänder, Federn und Schnalle, alles auf einmal, hatte und der +unzweifelhaft in die Beletage gehörte. Ihr Bekannter, der Oberkellner, +führte sie im Triumph zu ihren Plätzen. + +Mit Zürich und auch mit dem Hotel versöhnten sie sich am Abend. Denn +erstens war das Zimmer im vierten Stock nicht ehrenvoll, aber billig; und +dann hing gerade gegenüber den Betten des Ehepaares eine fast lebensgroße +Odaliske, der bräunliche Leib hinschwellend auf üppigem Polster, mit den +Händen unter dem Kopf, feuchtes Schmachten im schwarzen Spalt der Augen. +In der Mitte war sie von dem Rahmen zerschnitten, was dem Ehepaar Anlaß zu +Scherzen gab. Am nächsten Tage gingen sie umher mit Blei in den Lidern, +verschlangen riesige Mahlzeiten und fragten sich nur, was erst geschehen +wäre, wenn die Odaliske nicht in der Mitte zerschnitten, sondern ganz +gewesen wäre. Aus Müdigkeit versäumten sie den Zug und kehrten am Abend, +so früh wie möglich, in ihr billiges und aufreibendes Zimmer zurück. Ein +Ende dieser Art zu leben war nicht absehbar; da las Diederich mit seinen +schweren Lidern in der Zeitung, daß der Kaiser unterwegs nach Rom sei zum +Besuch des Königs von Italien. Ein Schlag, er war aufgewacht. Elastisch +bewegte er sich zum Portier, ins Bureau, an den Lift; und mochte Guste +jammern, daß ihr schwindlig werde, die Koffer waren schon fertig, +Diederich schleifte Guste schon hinaus. „Muß es denn sein?“ klagte sie, +„wo doch das Bett so gut ist!“ Aber Diederich hinterließ nur noch einen +höhnischen Blick für die Odaliske. „Amüsieren Sie sich weiter gut, meine +Gnädigste!“ + +Vor Aufregung schlief er lange nicht. Guste schnarchte friedlich an seiner +Schulter, indes Diederich, durch die Nacht sausend, bedachte, wie nun auf +einer anderen Linie, aber nicht weniger sausend, demselben Ziel der Kaiser +selbst entgegenfuhr. Der Kaiser und Diederich machten ein Wettrennen! Und +da Diederich schon mehrmals im Leben hatte Gedanken äußern dürfen, die auf +mystische Art mit denen des Allerhöchsten Herrn zusammenzufallen schienen, +vielleicht wußte Seine Majestät zu dieser Stunde um Diederich: wußte, daß +sein treuer Untertan ihm zur Seite über die Alpen zog, um den feigen +Welschen mal klarzumachen, was Kaisertreue heißt. Er blitzte die Schläfer +auf der anderen Bank an, kleine schwarze Leute, deren Gesichter im Schlaf +verfallen aussahen. Germanische Reckenhaftigkeit sollten sie kennenlernen! + +Früh in Mailand und mittags in Florenz stiegen Reisende aus, was Diederich +nicht begriff. Er versuchte, ohne merklichen Erfolg, den Übriggebliebenen +beizubringen, welches Ereignis sie in Rom erwarte. Zwei Amerikaner zeigten +sich empfänglicher, worauf Diederich triumphierend: „Na, Sie beneiden uns +wohl auch um unseren Kaiser!“ Da sahen die Amerikaner einander an, mit +einer stummen Frage, die ergebnislos blieb. + +Vor Rom ging Diederichs Aufregung in wilden Tätigkeitsdrang über. Den +Finger in einem Sprachführer, lief er dem Zugpersonal nach und suchte in +Erfahrung zu bringen, wer früher ankommen werde, sein Kaiser oder er. +Gustes Leidenschaft hatte sich an der des Gatten entzündet. „Diedel!“ rief +sie. „Ich bin imstande und werf’ ihm meinen Reiseschleier auf den Weg, +damit daß er darüber geht, und die Rosen von meinem Hut schmeiß’ ich auch +hin!“ – „Wenn er dich aber sieht und du machst ihm Eindruck?“ fragte +Diederich und lächelte fieberhaft. Gustes Busen begann zu wogen, sie +senkte die Lider. Diederich, der keuchte, riß sich los aus der furchtbaren +Spannung. „Meine Mannesehre ist mir heilig, was ich hiermit feststelle. In +diesem Falle aber –“ Und er schloß mit einer knappen Geste. + +Da kam man an – aber ganz anders, als die Gatten es erträumt hatten. In +größter Verwirrung wurden die Reisenden von Beamten aus dem Bahnhof +gedrängt, bis an den Rand eines weiten Platzes und in die Straßen +dahinter, die sofort wieder abgesperrt wurden. Aber Diederich, in +entfesselter Begeisterung, durchbrach die Schranken. Guste, die entsetzt +die Arme reckte, ließ er mit allem Handgepäck dastehen und stürzte +drauflos. Schon war er inmitten des Platzes; zwei Soldaten mit Federhüten +jagten ihm nach, daß ihre bunten Frackschöße flogen. Da schritten die +Bahnhofsrampe mehrere Herren herab, und alsbald fuhr ein Wagen auf +Diederich zu. Diederich schwenkte den Hut, er brüllte auf, daß die Herren +im Wagen ihr Gespräch unterbrachen. Der rechts neigte sich vor – und sie +sahen einander an, Diederich und sein Kaiser. Der Kaiser lächelte kalt +prüfend mit den Augenfalten, und die Falten am Mund ließ er ein wenig +herab. Diederich lief ein Stück mit, die Augen weit aufgerissen, immer +schreiend und den Hut schwenkend, und einige Sekunden lang waren sie, +indes ringsum dahinten eine fremde Menge ihnen Beifall klatschte, in der +Mitte des leeren Platzes und unter einem knallblauen Himmel ganz +miteinander allein, der Kaiser und sein Untertan. + +Schon verschwand der Wagen drüben in der beflaggten Straße, die Hochrufe +schwollen schon ab in der Ferne, und Diederich, der aufseufzte und die +Augen schloß, setzte den Hut wieder auf. + +Guste winkte ihn krampfhaft herbei, und die Leute, die noch umherstanden, +klatschten ihm zu, mit Gesichtern voll heiteren Wohlwollens. Auch die +Soldaten, die vorhin ihn verfolgt hatten, lachten nun. Einer von ihnen +ging in seiner Teilnahme so weit, daß er einen Kutscher herbeirief. Wie er +abfuhr, grüßte Diederich die Menge. „Sie sind wie die Kinder“, erklärte er +seiner Gattin. „Na, aber auch entsprechend schlapp“, setzte er hinzu, und +er gestand: „In Berlin wäre das denn doch nicht gegangen ... Wenn ich an +den Krawall Unter den Linden denke, der Betrieb war ’n bißchen schärfer.“ +Und er setzte sich zurecht, um am Hotel vorzufahren. Dank seiner Haltung +bekamen sie ein Zimmer im zweiten Stock. + +Die erste Morgensonne aber sah Diederich schon wieder in den Straßen. „Der +Kaiser steht früh auf“, hatte er Guste bedeutet, die nur aus den Kissen +grunzte. Übrigens konnte er sie nicht brauchen bei seiner Aufgabe. Den +Finger auf dem Plan der Stadt, gelangte er bis vor den Quirinal und +stellte sich hin. Der stille Platz war hellgolden von schrägen Strahlen, +grell und wuchtig im leeren Himmel stand der Palast – und gegenüber +Diederich, der Majestät gewärtig, auf vorgestreckter Brust den Kronenorden +vierter Klasse. Die Treppen herauf aus der Stadt trippelte eine +Ziegenherde und verschwand hinter dem Brunnen und den riesigen +Rossebändigern. Diederich sah sich nicht um. Zwei Stunden vergingen, die +Passanten wurden häufiger, eine Schildwache war hinter ihrem Haus +hervorgekommen, in einem der beiden Portale bewegte sich ein Portier, und +mehrere Personen gingen ein oder aus. Diederich ward unruhig. Er machte +sich näher an die Fassade heran, strich langsam vorbei, gespannt ins +Innere spähend. Bei seinem dritten Erscheinen führte der Portier, ein +wenig zögernd, die Hand an den Hut. Als Diederich stehenblieb und +zurückgrüßte, ward er vertraulich. „Alles in Ordnung“, sagte er hinter der +Hand; und Diederich nahm die Meldung mit einer Miene des Einverständnisses +entgegen. Es schien ihm nur natürlich, daß man ihn über das Wohlergehen +seines Kaisers unterrichtete. Seine Fragen, wann der Kaiser ausfahren +werde und wohin, wurden anstandslos beantwortet. Der Portier verfiel von +selbst darauf, daß Diederich, um den Kaiser zu begleiten, einen Wagen +brauchen werde, und er schickte danach. Inzwischen hatte ein Häuflein +Neugieriger sich gebildet, und dann trat der Portier beiseite; hinter +einem Vorreiter, im offenen Wagen, erschien, unter dem Blitzen seines +Adlerhelms, der blonde Herr des Nordens. Diederichs Hut flog schon, +Diederich schrie, wie aus der Pistole geschossen, auf italienisch: „Es +lebe der Kaiser!“ Und gefällig schrie das Häuflein mit ... Diederich aber, +ein Sprung in den Einspänner, der bereitstand, und los, hinterdrein, den +Kutscher angefeuert mit rauhem Schrei und geschwungenem Trinkgeld. Und +sieh: schon hielt er, dahinten nahte erst der Allerhöchste Wagen. Als der +Kaiser ausstieg, war wieder ein Häuflein da, und wiederum schrie Diederich +auf italienisch ... Wache gehalten vor dem Haus, worin sein Kaiser weilte! +Die Brust heraus und angeblitzt, wer sich in die Nähe traute! Nach zehn +Minuten war das Häuflein neu vervollständigt, der Wagen entrollte dem Tor, +und Diederich: „Es lebe der Kaiser!“ – und, im Echo des Häufleins, +wildbrausend zurück zum Quirinal. Wache. Der Kaiser im Tschako. Das +Häuflein. Ein neues Ziel, eine neue Rückkehr, eine neue Uniform, und +wieder Diederich, und wieder jubelnder Empfang. So ging es weiter, und nie +hatte Diederich ein schöneres Leben gekannt. Sein Freund, der Portier, +unterrichtete ihn zuverlässig, wohin man fuhr. Auch kam es vor, daß ein +salutierender Beamter ihm eine Meldung machte, die er herablassend +entgegennahm, oder daß einer Direktiven zu erbitten schien – und dann +erteilte Diederich sie in unbestimmter Form, aber gebieterisch. Die Sonne +stieg hoch und höher; vor den brennenden Marmorquadern der Fassaden, +hinter denen sein Kaiser weltumspannende Unterredungen pflog, litt +Diederich, ohne zu wanken, Hitze und Durst. So stramm er sich hielt, war +es ihm doch, als sinke sein Bauch unter der Last des Mittags bis auf das +Pflaster herab und als schmelze ihm auf der Brust sein Kronenorden vierter +Klasse ... Der Kutscher, der immer häufiger die nächste Kneipe betrat, +empfand endlich Bewunderung für das heldenhafte Pflichtgefühl des +Deutschen und brachte ihm Wein mit. Neues Feuer in den Adern, machten sich +beide an das nächste Rennen. Denn die kaiserlichen Renner liefen scharf; +um ihnen vorauszukommen, mußte man Gassen durchjagen, die aussahen wie +Kanäle und deren spärliche Passanten sich schreckensvoll gegen die Mauer +drückten; oder es hieß aussteigen und Hals über Kopf eine Treppe nehmen. +Dann aber stand Diederich pünktlich an der Spitze seines Häufleins, sah +die siebente Uniform aussteigen und schrie. Und dann wandte der Kaiser den +Kopf und lächelte. Er erkannte ihn wieder, seinen Untertan! Den, der +schrie, den, der immer schon da war, wie Swinegel. Diederich, federnd vor +Hochgefühl über die Allerhöchste Aufmerksamkeit, blitzte das Volk an, in +dessen Mienen heiteres Wohlwollen stand. + +Erst die Versicherung des Portiers, daß Seine Majestät nun frühstücke, +erlaubte es Diederich, sich Gustes zu erinnern. „Wie siehst du aus!“ rief +sie bei seinem Anblick und zog sich gegen die Wand zurück. Denn er war rot +wie eine Tomate, völlig aufgeweicht, und sein Blick war hell und wild wie +der eines germanischen Kriegers der Vorzeit auf einem Eroberungszuge durch +Welschland. „Dies ist ein großer Tag für die nationale Sache!“ versetzte +er mit Wucht. „Seine Majestät und ich, wir machen moralische Eroberungen!“ +Wie er dastand! Guste vergaß ihren Schrecken und den Ärger über das lange +Warten: sie kam herbei mit liebevollen Armen, und demütig rankte sie sich +an ihm hinauf. + +Aber kaum das Stündchen zum Essen gönnte Diederich sich. Er wußte wohl, +nach dem Mittagsmahl ruhte der Kaiser; dann hieß es, unter seinen Fenstern +Wache stehen und nicht weichen. Er wich nicht; und der Erfolg zeigte, wie +recht er tat. Denn noch hielt er seinen Posten, dem Portal gegenüber, +nicht achtzig Minuten lang besetzt, als es geschah, daß ein verdächtig +aussehendes Individuum unter Benutzung einer kurzen Abwesenheit des +Portiers sich einschlich, sich hinter eine Säule drückte und im lauernden +Schatten Pläne barg, die nicht anders sein konnten als unheilvoll. Da aber +Diederich! Wie den Sturm und mit Kriegsgeschrei sah man ihn über den Platz +tosen. Aufgescheuchtes Volk stürzte sofort hinterdrein, die Wache eilte +herbei, im Portal lief Dienerschaft zusammen – und alle bewunderten +Diederich, wie er einen, der sich versteckt hatte, wild ringend +hervorzerrte. Die beiden schlugen dermaßen um sich, daß nicht einmal die +bewaffnete Macht an sie herankam. Plötzlich sah man Diederichs Gegner, dem +es gelungen war, den rechten Arm zu befreien, eine Büchse schwingen. +Atemlose Sekunden – dann tobte die aufheulende Panik dem Ausgang zu. Eine +Bombe! Er wirft!... Er hatte schon geworfen. In der Erwartung des Knalles +lagen die nächsten, im voraus wimmernd, am Boden. Diederich aber: weiß auf +Gesicht, Schultern und Brust stand er da und nieste. Es roch stark nach +Pfefferminz. Die Kühnsten kehrten um und untersuchten ihn mit der Nase; +ein Soldat unter wallenden Federn betupfte ihn mit dem benetzten Finger +und kostete. Diederich verstand wohl, was er hierauf der Menge mitteilte +und weshalb sogleich in alle Gesichter das heitere Wohlwollen +zurückkehrte, denn seit einem Augenblick blieb ihm selbst kein Zweifel +mehr darüber, daß er mit Zahnpulver beworfen war. Dessenungeachtet behielt +er die Gefahr im Auge, der der Kaiser, dank seiner Wachsamkeit, vielleicht +entronnen war. Der Attentäter suchte – ganz vergebens – an ihm vorbei das +Weite zu gewinnen: Diederichs eiserne Faust überlieferte ihn den +Polizeiwächtern. Diese stellten fest, daß es sich um einen Deutschen +handelte, und baten Diederich, ihn zu inquirieren. Er unterzog sich der +Aufgabe, trotz dem Zahnpulver, das ihn bedeckte, mit höchster Korrektheit. +Die Antworten des Menschen, der bezeichnenderweise Künstler war, hatten +keine ausgesprochen politische Färbung, verrieten aber durch ihre +abgrundtiefe Respektlosigkeit und Unmoral nur zu wohl die Tendenzen des +Umsturzes, weshalb Diederich seine Verhaftung dringend empfahl. Die +Wächter führten ihn ab, nicht ohne vor Diederich zu salutieren, der nur +noch Zeit hatte, sich von seinem Freunde, dem Portier, abbürsten zu +lassen. Denn schon war der Kaiser gemeldet; Diederichs persönlicher Dienst +begann wieder. + +Sein Dienst führte ihn rastlos umher bis in die Nacht und endlich vor das +Gebäude der deutschen Botschaft, wo Seine Majestät Empfang hielt. Ein +längerer Aufenthalt des Allerhöchsten Herrn gab Diederich Gelegenheit, +beim nächsten Wirt seine Stimmung zu erhöhen. Er erklomm vor der Tür einen +Stuhl und richtete an das Volk eine Ansprache, die von nationalem Geiste +getragen war und der schlappen Bande die Vorzüge eines strammen Regiments +klarmachte und eines Kaisers, der kein Schattenkaiser war ... Sie sahen +ihn, rot überstrahlt vom Licht der offenen Becken, die vor dem Palaste des +Deutschen Reiches loderten, auf seinem Stuhl den eckig behaarten Mund +aufreißen, sahen ihn blitzen und wie von Eisen starren – was ihnen +offenbar genügte, um ihn zu verstehen, denn sie jubelten, klatschten und +ließen den Kaiser leben, sooft Diederich ihn leben ließ. Mit einem Ernst, +der nicht ohne Drohung war, nahm Diederich für seinen Herrn und die +furchtbare Macht seines Herrn die Huldigungen des Auslandes entgegen, +worauf er von dem Stuhl herabkletterte und wieder zum Wein ging. Mehrere +Landsleute, kaum weniger angeregt als er, tranken ihm zu und kamen nach in +heimischer Weise. Einer entfaltete eine Abendzeitung mit einem riesigen +Bild des Kaisers und las den Bericht eines Zwischenfalles vor, den im +Portal des Quirinals ein Deutscher hervorgerufen hatte. Nur durch die +Geistesgegenwart eines Beamten im persönlichen Dienst des Kaisers war +Schlimmeres verhindert worden; und auch das Bildnis dieses Beamten war +dabei. Diederich erkannte ihn wohl. Wenn die Ähnlichkeit auch nur +allgemeiner Natur und der Name arg entstellt war, der Umfang des Gesichtes +und der Schnurrbart stimmten. So sah denn Diederich den Kaiser und sich +selbst auf dem gleichen Zeitungsblatt vereinigt, den Kaiser samt seinem +Untertan der Welt zur Bewunderung dargeboten. Es war zu viel. Feuchten +Auges richtete Diederich sich auf und stimmte die Wacht am Rhein an. Der +Wein, der so billig war, und die Begeisterung, die immer neu genährt ward, +bewirkten, daß die Kunde, der Kaiser verlasse die Botschaft, Diederich +nicht mehr in korrekter Haltung fand. Er tat gleichwohl alles, was er noch +vermochte, um seiner Pflicht zu genügen. Er schoß im Zickzack das Kapitol +hinab, stolperte und rollte über die Stufen weiter. Drunten in der Gasse +holten seine Zechgenossen ihn ein, er stand mit dem Gesicht der Mauer +zugekehrt ... Fackelschein und Hufschlag: der Kaiser! Die anderen +schwankten hinterdrein, Diederich aber, kein Komment half ihm mehr, glitt +hin, wo er stand. Zwei städtische Wächter fanden ihn, an die Mauer +gelehnt, in einer Lache sitzen. Sie erkannten den Beamten im persönlichen +Dienst des Deutschen Kaisers, und voll tiefer Besorgnisse beugten sie sich +über ihn. Gleich darauf aber sahen sie einander an und brachen in +ungeheure Fröhlichkeit aus. Der persönliche Beamte war gottlob nicht tot, +denn er schnarchte; und die Lache, in der er saß, war kein Blut. + +Am nächsten Abend, bei der Galavorstellung im Theater, sah der Kaiser +ungewöhnlich ernst aus. Diederich bemerkte es, er sagte zu Guste: „Jetzt +weiß ich doch, wozu ich das viele Geld hab’ ausgegeben. Paß auf, wir +erleben einen historischen Moment!“ Und seine Ahnung betrog ihn nicht. Die +Abendblätter verbreiteten sich im Theater, und man erfuhr, der Kaiser +werde noch nachts abreisen, und er habe seinen Reichstag aufgelöst! +Diederich, ebenso ernst wie der Kaiser, erklärte allen, die in der Nähe +saßen, die Schwere des Ereignisses. Der Umsturz hatte sich nicht +entblödet, die Militärvorlage abzulehnen! Die Nationalgesinnten gingen für +ihren Kaiser in einen Kampf auf Leben und Tod! Er selbst werde mit dem +nächsten Zuge nach Hause fahren, versicherte er, worauf man ihm sofort den +Zug nannte ... Wer nicht zufrieden war, war Guste. „Endlich ist man mal +woanders, und, Gott sei Dank, hat man es und kann sich was leisten. Wie +komm’ ich dazu, daß ich mich soll zwei Tage im Hotel mopsen und dann +gleich wieder retour, bloß wegen –.“ Der Blick, den sie nach der +kaiserlichen Loge schleuderte, war so voll von Auflehnung, daß Diederich +mit äußerster Strenge einschritt. Guste ward ihrerseits laut; ringsum +zischte man, und als Diederich den Widersachern blitzend die Stirne bot, +sah er sich von ihnen veranlaßt, mit Guste aufzubrechen, noch bevor ihr +Zug ging. „Komment hat das Pack nun mal nicht“, stellte er draußen fest +und schnaufte stark. „Überhaupt, was ist hier los, möcht’ ich mal wissen. +Schönes Wetter, na ja ... Na, nu sieh dir wenigstens noch das alte Zeug +an, das da ’rumsteht!“ heischte er. Guste, wieder gebändigt, sagte +klagend: „Ich genieß’ es ja.“ Und dann fuhren sie in gemessenem Abstand +hinter dem Zug des Kaisers her. Guste, die in der Eile ihre Schwämme und +Bürsten vergessen hatte, wollte immer aussteigen. Damit sie +sechsunddreißig Stunden Geduld hatte, mußte Diederich ihr unermüdlich die +nationale Sache vorhalten. Trotzdem waren, als sie endlich in Netzig Fuß +faßte, ihre erste Sorge die Schwämme. Am Sonntag hatte man ankommen +müssen! Zum Glück war wenigstens die Löwenapotheke offen. Indes Diederich +vor dem Bahnhof auf die Koffer wartete, ging Guste schon hinüber. Da sie +aber nicht zurückkam, folgte er ihr. + + + +Die Tür der Apotheke stand halb offen, drei junge Burschen spähten hinein +und wälzten sich. Diederich, der über sie wegsah, erstarrte vor Staunen – +denn drinnen hinter dem Ladentisch schritt, die Arme gekreuzt und mit +düsterem Blick, hin und her sein alter Freund und Kommilitone Gottlieb +Hornung. Guste sagte gerade: „Nun bin ich doch gespannt, ob ich bald meine +Zahnbürste kriege“, da kam Gottlieb Hornung hinter dem Ladentisch hervor, +die Arme immer verschränkt und Guste in seinen düsterm Blick fassend. „Sie +werden meiner Miene angesehen haben,“ begann er mit Rednerstimme, „daß ich +weder in der Lage noch gewillt bin, Ihnen eine Zahnbürste zu verkaufen.“ – +„Nanu!“ machte Guste und wich zurück. „Aber Sie haben doch das ganze Glas +hier voll.“ Gottlieb Hornung lächelte wie Luzifer. „Der Onkel dort oben“ – +er warf den Kopf zurück und zeigte mit dem Kinn nach der Decke, hinter der +wohl sein Prinzipal hauste – „der kann hier feilbieten, was ihm beliebt. +Ich fühle mich dadurch nicht berührt. Ich habe nicht sechs Semester +studiert und einer hochfeinen Korporation angehört, damit ich mich jetzt +hier hinstelle und Zahnbürsten verkaufe.“ – „Wozu sind Sie denn da?“ +fragte Guste, merklich eingeschüchtert. Da versetzte Hornung, majestätisch +rollend: „Ich bin für die Rezeptur da!“ Und Guste fühlte wohl, sie sei +zurückgeschlagen; sie wandte sich zum Gehen. Eins fiel ihr doch noch ein. +„Mit den Schwämmen wäre es wohl dasselbe?“ – „Ganz dasselbe“, bestätigte +Hornung. Hierauf hatte Guste offenbar gewartet, um sich ernstlich zu +entrüsten. Sie streckte den Busen vor und wollte loslegen; Diederich hatte +aber noch Zeit, dazwischenzutreten. Er gab dem Freunde recht darin, daß +die Würde der Neuteutonia zu wahren und ihr Banner hochzuhalten sei. Wenn +jemand trotzdem einen Schwamm brauchte, konnte er ihn sich am Ende selbst +nehmen und den Betrag hinlegen – was Diederich hiermit tat. Gottlieb +Hornung ging inzwischen beiseite und pfiff, als sei er allein. Sodann +bekundete Diederich seine Teilnahme an dem bisherigen Ergehen des +Freundes. Leider war viel Mißgeschick dabei; denn da Hornung niemals +Schwämme und Zahnbürsten hatte verkaufen wollen, war er schon aus fünf +Apotheken entlassen worden. Dennoch war er entschlossen, weiter für seine +Überzeugung einzustehen, auf die Gefahr, daß es ihn auch hier wieder seine +Stellung kostete. „Da sieh dir einen echten Neuteutonen an!“ sagte +Diederich zu Guste, und sie sah ihn sich an. + +Diederich hielt seinerseits nicht länger zurück mit dem, was er erlebt und +erreicht hatte. Er machte auf seinen Orden aufmerksam, drehte Guste vor +Hornung rundherum und nannte die Ziffer ihres Vermögens. Der Kaiser, +dessen Feinde und Beleidiger dank Diederich hinter Schloß und Riegel +saßen, war in Rom ganz kürzlich und gleichfalls dank Diederich einer +persönlichen Gefahr entronnen. Die Zeitungen sprachen, um eine Panik an +den Höfen und an der Börse zu vermeiden, nur von dem Bubenstreich eines +Halbwahnsinnigen, „aber im Vertrauen gesagt, ich habe Anlaß, zu glauben, +daß ein weitverzweigtes Komplott bestanden hat. Du wirst verstehen, +Hornung, daß das nationale Interesse die größte Zurückhaltung gebietet, +denn du bist sicher auch ein national gesinnter Mann.“ Hornung war es +natürlich, und so konnte Diederich sich über die hochwichtige Aufgabe +verbreiten, die ihn genötigt hatte, von seiner Hochzeitsreise plötzlich +zurückzukehren. Es galt, in Netzig den nationalen Kandidaten +durchzubringen! Die Schwierigkeiten durfte man sich nicht verhehlen. +Netzig war eine Hochburg des Freisinns, der Umsturz rüttelte an den +Grundlagen.... Hier begann Guste zu drohen, daß sie mit dem Gepäck nach +Hause fahren werde. Diederich konnte den Freund nur noch dringend +einladen, ihn gleich heute abend zu besuchen, er habe dringend mit ihm zu +reden. Wie er in den Wagen stieg, sah er einen der Schlingel, die draußen +gewartet hatten, die Apotheke betreten und eine Zahnbürste verlangen. +Diederich bedachte, daß Gottlieb Hornung eben vermöge seiner +aristokratischen Richtung, die ihm beim Verkauf von Schwämmen und +Zahnbürsten so hinderlich war, im Kampf gegen die Demokratie ein +wertvoller Bundesgenosse werden könne. Aber dies war die geringste seiner +schleunigen Sorgen. Der alten Frau Heßling wurden nur schnell ein paar +Tränen erlaubt, dann mußte sie wieder in das obere Stockwerk hinauf, wo +früher nur das Dienstmädchen und die nasse Wäsche untergebracht waren und +wohin Diederich jetzt seine Mutter und Emmi beseitigt hatte. Den Ruß von +der Reise noch im Bart, begab er sich hintenherum zum Präsidenten von +Wulckow, ließ darauf, nicht weniger unauffällig, Napoleon Fischer zu sich +kommen und hatte inzwischen schon Schritte getan, um ohne Verzug eine +Zusammenkunft mit Kunze, Kühnchen und Zillich zu bewirken. + +Der Sonntagnachmittag erschwerte das Unternehmen; der Major konnte nur mit +Mühe seiner Kegelpartie entrissen werden, den Pastor mußte man an einem +Familienausflug mit Käthchen und Assessor Jadassohn verhindern, und der +Professor befand sich in den Händen seiner beiden Pensionäre, die ihn +schon halb betrunken gemacht hatten. Schließlich gelang es, alle im Lokal +des Kriegervereins zusammenzutreiben, und Diederich eröffnete ihnen ohne +weiteren Zeitverlust, daß ein nationaler Kandidat aufgestellt werden müsse +und daß nach Lage der Dinge nur einer in Frage komme, nämlich Herr Major +Kunze. „Hurra!“ rief Kühnchen ohne weiteres, aber die Miene des Majors zog +sich noch gewitterhafter zusammen. Ob man ihn denn für naiv halte, +knirschte er hervor. Ob man glaube, er lechze nach einer Blamage. „Ein +nationaler Kandidat in Netzig, was dem passiert, darauf bin ich nicht +neugierig. Wenn alles so gewiß wäre wie der nationale Durchfall!“ +Diederich ließ dies keineswegs gelten. „Wir haben den Kriegerverein, den +wollen die Herren in Rechnung stellen. Der Kriegerverein ist eine +unschätzbare Operationsbasis. Von ihr aus schlagen wir uns in gerader +Linie durch, wenn ich so sagen darf, bis zum Kaiser-Wilhelm-Denkmal, und +dort wird die Schlacht gewonnen.“ „Hurra!“ schrie Kühnchen wieder, die +beiden anderen aber wünschten doch zu wissen, was es mit dem Denkmal sei, +und Diederich weihte sie ein in seine Erfindung – wobei er lieber darüber +hinwegging, daß das Denkmal der Gegenstand eines Paktes zwischen ihm und +Napoleon Fischer sei. Das freisinnige Säuglingsheim, so viel verriet er, +war nicht populär, eine Menge Wähler ließen sich zu der nationalen Sache +herüberziehen, wenn man ihnen aus dem Nachlaß des alten Kühlemann ein +Kaiser-Wilhelm-Denkmal versprach. Erstens wurden dabei mehr Handwerker +beschäftigt, und dann kam Betrieb in die Stadt, die Einweihung solch eines +Denkmals zog weite Kreise, Netzig hatte Aussicht, seinen schlechten Ruf +als demokratischer Sumpf zu verlieren und in die Gnadensonne zu rücken. +Dabei dachte Diederich an seinen Pakt mit Wulckow, über den er auch lieber +hinging. „Dem Manne aber, der so unendlich viel für uns alle erreicht und +errungen hat“ – er zeigte schwungvoll auf Kunze – „dem Manne wird unsere +liebe alte Stadt ganz sicher auch dereinst ein Denkmal setzen. Er und +Kaiser Wilhelm der Große werden einander anblicken –“ „Und die Zunge +zeigen“, schloß der Major, der bei seinem Unglauben verharrte. „Wenn Sie +meinen, die Netziger warten nur auf den großen Mann, der sie mit +klingendem Spiel in das nationale Lager führt, warum spielen Sie dann +nicht selbst den großen Mann?“ Und er bohrte sich in Diederichs Augen. +Aber Diederich riß sie nur noch ehrlicher auf; er legte die Hand auf das +Herz. „Herr Major! Meine wohlbekannte kaisertreue Gesinnung hat mir schon +schwerere Prüfungen auferlegt als eine Kandidatur für den Reichstag, und +die Prüfungen, das darf ich sagen, hab’ ich bestanden! Dabei hab’ ich mich +nicht gescheut, als Vorkämpfer der guten Sache, allen Haß der +Schlechtgesinnten auf meine Person zu laden, und hab’ es mir dadurch +unmöglich gemacht, die Frucht meiner Opfer selbst einzustecken. Mich +würden die Netziger nicht wählen, meine Sache werden sie wählen, und darum +trete ich zurück, denn sachlich sein heißt deutsch sein, und lasse Ihnen, +Herr Major, neidlos die Ehren und die Freuden!“ Allgemeine Bewegung. +Kühnchens Bravo klang tränenfeucht, der Pastor nickte weihevoll, und Kunze +starrte, sichtlich erschüttert, unter den Tisch. Diederich aber fühlte +sich leicht und gut, er hatte sein Herz sprechen lassen, und es hatte +Treue, Opfersinn und mannhaften Idealismus ausgedrückt. Diederichs blond +behaarte Hand streckte sich über den Tisch, und die braun behaarte des +Majors schlug zögernd, doch kräftig hinein. + +Nach dem Herzen freilich ergriff bei allen vier Männern wieder die +Vernunft das Wort. Der Major erkundigte sich, ob Diederich bereit sei, ihn +zu entschädigen für die ideellen und materiellen Verluste, von denen er +bedroht sei, falls er gegen den Kandidaten des freisinnigen Klüngels in +die Schranken trete und ihm unterliege. „Sehen Sie wohl!“ – und er reckte +den Finger gegen Diederich, der angesichts dieser Geradlinigkeit nicht +gleich Worte fand. „So ganz koscher kommt Ihnen die nationale Sache auch +nicht vor, und daß Sie mich durchaus ’rankriegen wollen, wie ich Sie +kenne, Herr Doktor, hängt das mit irgendwelchen Fisimatenten Ihrerseits +zusammen, von denen ich als gerader Soldat gottlob nichts verstehe.“ +Hierauf beeilte Diederich sich, dem geraden Soldaten einen Orden zu +versprechen, und da er sein Einverständnis mit Wulckow durchblicken ließ, +war der nationale Kandidat endlich rückhaltlos gewonnen.... Inzwischen +aber hatte Pastor Zillich es sich überlegt, ob seine Stellung in der Stadt +es ihm erlaube, den Vorsitz des nationalen Wahlkomitees zu übernehmen. +Sollte er die Zwietracht in seine Gemeinde tragen? Sein leiblicher +Schwager Heuteufel war der Kandidat der Liberalen! Freilich, wenn man +statt des Denkmals eine Kirche gebaut hätte! „Denn wahrlich, Gotteshäuser +tun mehr denn je not, und meine liebe Kirche von Sankt Marien wird von der +Stadt so sehr vernachlässigt, daß sie heute oder morgen mir und meinen +Christen auf den Kopf fallen kann.“ Ohne Säumen verbürgte Diederich sich +für alle gewünschten Reparaturen. Zur Bedingung machte er nur, daß der +Pastor von den Vertrauensstellungen der neuen Partei alle diejenigen +Elemente fernhalte, die schon durch gewisse Äußerlichkeiten berechtigte +Zweifel an der Echtheit ihrer nationalen Gesinnung erregten. „Ohne in +Familienverhältnisse eingreifen zu wollen“, setzte Diederich hinzu und sah +Käthchens Vater an, der offenbar begriffen hatte, denn er muckte nicht.... +Aber auch Kühnchen, der längst nicht mehr hurra schrie, meldete sich. Die +beiden anderen hatten ihn, während sie selbst sprachen, nur mit Gewalt auf +seinem Sitz festgehalten; kaum daß sie ihn losließen, riß er stürmisch die +Debatte an sich. Wo mußte die nationale Gesinnung vor allem wurzeln? In +der Jugend? Wie aber war das möglich, wenn der Rektor des Gymnasiums ein +Freund des Herrn Buck war. „Da kann ich mir die Schwindsucht an den Hals +reden von unseren glorreichen Taten im Jahre siebzig...“ Genug, Kühnchen +wollte Rektor werden, und Diederich bewilligte es ihm großmütig. + +Nachdem dermaßen die politische Haltung auf der gesunden Grundlage der +Interessen festgelegt war, konnte man sich mit gutem Gewissen der +Begeisterung hingeben, die, wie Pastor Zillich erklärte, von Gott kam und +auch der besten Sache erst die höhere Weihe lieh, und so begab man sich in +den Ratskeller. + +In aller Frühe, als die vier Herren heimgingen, klebten an den Mauern +zwischen den weißen Wahlaufrufen Heuteufels und den roten des Genossen +Fischer die schwarzweißrot geränderten Plakate, die Herrn Major Kunze als +Kandidaten der „Partei des Kaisers“ empfahlen. Diederich pflanzte sich so +fest, als es ihm möglich war, davor auf und las mit schneidiger +Tenorstimme. „Vaterlandslose Gesellen des aufgelösten Reichstages haben es +gewagt, unserem herrlichen Kaiser die Machtmittel zu versagen, deren er +zur Größe des Reiches bedarf.... Wollen uns des großen Monarchen würdig +erweisen und seine Feinde zerschmettern! Einziges Programm: Der Kaiser! +Die für mich und die wider mich: Umsturz und Partei des Kaisers!“ +Kühnchen, Zillich und Kunze bekräftigten alles mit Geschrei; und da einige +Arbeiter, die in die Fabrik gingen, erstaunt stehenblieben, drehte +Diederich sich um und erläuterte ihnen das nationale Manifest. „Leute!“ +rief er. „Ihr wißt gar nicht, was ihr für ein Schwein habt, daß ihr +Deutsche seid. Denn um unseren Kaiser beneidet uns die ganze Welt, habe +mich soeben im Ausland persönlich davon überzeugt.“ Hier schlug Kühnchen +mit der Faust auf dem Anschlagbrett einen Tusch, und die vier Herren +schrien hurra, indes die Arbeiter ihnen zusahen. „Wollt ihr, daß euer +Kaiser euch Kolonien schenkt?“ fragte Diederich sie. „Na also. Dann +schärft ihm gefälligst das Schwert! Wählt keinen vaterlandslosen Gesellen, +das verbitte ich mir, sondern einzig den Kandidaten des Kaisers, Herrn +Major Kunze: sonst garantiere ich euch keinen Augenblick für unsere +Stellung in der Welt, und es kann euch passieren, daß ihr mit zwanzig Mark +weniger Lohn alle vierzehn Tage nach Haus geht!“ Hier sahen die Arbeiter +stumm einander an, und dann setzten sie sich wieder in Bewegung. + +Aber auch die Herren verloren keine Zeit. Kunze selbst ging auf steifen +Beinen an die Aufgabe, den Mitgliedern des Kriegervereins den Standpunkt +klarzumachen. „Wenn die Kerls glauben,“ erklärte er, „sie können künftig +noch den freien Gewerkschaften angehören! Den Freisinn treiben wir ihnen +auch aus! Von heute ab greift ’ne schärfere Tonart Platz!“ Pastor Zillich +verhieß eine verwandte Tätigkeit in den christlichen Vereinen, indes +Kühnchen zum voraus von der frischen Begeisterung seiner Primaner +schwärmte, die auf Fahrrädern die Stadt durcheilen und Wähler +herbeischleppen sollten. Das rastloseste Pflichtgefühl aber beseelte doch +Diederich. Er verschmähte jede Ruhe; seiner Gattin, die im Bett lag und +ihn mit Vorwürfen empfing, erwiderte er blitzend: „Mein Kaiser hat ans +Schwert geschlagen, und wenn mein Kaiser ans Schwert schlägt, dann gibt es +keine ehelichen Pflichten mehr. Verstanden?“ Worauf Guste sich schroff +herumwarf und das mit ihren hinteren Reizen ausgefüllte Federbett wie +einen Turm zwischen sich und den Ungefälligen stellte. Diederich +unterdrückte das Bedauern, das ihn beschleichen wollte, und schrieb +ungesäumt einen Warnruf gegen das freisinnige Säuglingsheim. Die „Netziger +Zeitung“ brachte ihn auch, obwohl sie vor zwei Tagen aus der Feder des +Herrn Doktors Heuteufel eine überaus warme Empfehlung des Säuglingsheims +gebracht hatte. Denn, wie der Redakteur Nothgroschen hinzusetzte, das +Organ des gebildeten Bürgertums war es seinen Abonnenten schuldig, an jede +neu auftauchende Idee vor allem den Prüfstein seines Kulturgewissens zu +legen. Und dies tat Diederich in geradezu vernichtender Weise. Für wen war +so ein Säuglingsheim naturgemäß in erster Linie bestimmt? Für die +unehelichen Kinder. Was begünstigte es also? Das Laster. Hatten wir das +nötig? Nicht die Spur; „denn wir sind Gott sei Dank nicht in der traurigen +Lage der Franzosen, die durch die Folgen ihrer demokratischen +Zuchtlosigkeit schon so gut wie auf den Aussterbeetat gesetzt sind. Die +mögen uneheliche Geburten preiskrönen, weil sie sonst keine Soldaten mehr +haben. Wir aber sind nicht angefault, wir erfreuen uns eines +unerschöpflichen Nachwuchses! Wir sind das Salz der Erde!“ Und Diederich +rechnete den Abonnenten der „Netziger Zeitung“ vor, bis wann sie und +ihresgleichen hundert Millionen betragen würden, und wie lange es +höchstens noch dauern könne, bis die Erde deutsch sei. + +Hiermit waren, nach der Meinung des nationalen Komitees, die +Vorbereitungen getroffen für die erste Wahlversammlung der „Partei des +Kaisers“. Sie sollte bei Klappsch sein, der seinen Saal patriotisch +aufgemacht hatte. In Tannenkränzen glühten Transparente: „Der Wille des +Königs ist das höchste Gebot.“ „Es gibt für euch nur einen Feind, und der +ist mein Feind.“ „Die Sozialdemokratie nehme ich auf mich.“ „Mein Kurs ist +der richtige.“ „Bürger, erwacht aus dem Schlummer!“ Für das Erwachen +sorgten Klappsch und Fräulein Klappsch, indem sie überall immer frisches +Bier hinstellte, ohne so peinlich wie sonst die Bierfilze aufzuhäufen. So +ward Kunze, als der Vorsitzende, Pastor Zillich, ihn der Versammlung +vorstellte, schon mit Stimmung aufgenommen. Diederich freilich, hinter der +Rauchwolke, in der das Bureau saß, machte die unliebsame Bemerkung, daß +auch Heuteufel, Cohn und einige von ihrem Anhang in den Saal gelangt +waren. Er stellte Gottlieb Hornung zur Rede, denn Hornung hatte die +Aufsicht. Aber er wollte sich nichts sagen lassen, er war gereizt, es +hatte ihn zu große Mühe gekostet, die Leute zusammenzutreiben. So viele +Lieferanten wie das Kaiser-Wilhelm-Denkmal dank seiner Agitation nun schon +hatte, konnte die Stadt nie bezahlen, und wenn der alte Kühlemann dreimal +starb! Geschwollene Hände hatte Hornung von den Begrüßungen all der +neubekehrten Patrioten! Zumutungen hatten sie an ihn gestellt! Daß er sich +mit einem Drogisten assoziieren sollte, war noch das wenigste. Aber +Gottlieb Hornung protestierte gegen diesen demokratischen Mangel an +Distanz. Der Besitzer der Löwenapotheke hatte ihm soeben gekündigt, und er +war entschlossener als je, weder Schwämme noch Zahnbürsten zu +verkaufen.... Inzwischen stammelte Kunze an seiner Kandidatenrede. Denn +seine finstere Miene täuschte Diederich nicht darüber, daß der Major +dessen, was er sagen wollte, durchaus nicht sicher war und daß der +Wahlkampf ihn befangener machte, als der Ernstfall es getan haben würde. +Er sagte: „Meine Herren, das Heer ist die einzige Säule“, da jedoch einer +aus der Gegend Heuteufels dazwischenrief: „Schon faul!“, verwirrte Kunze +sich sogleich und setzte hinzu: „Aber wer bezahlt es? Der Bürger.“ Worauf +die um Heuteufel Bravo riefen. Hierdurch in eine falsche Richtung +gedrängt, erklärte Kunze: „Darum sind wir alle Säulen, das dürfen wir wohl +verlangen, und wehe dem Monarchen –“ „Sehr richtig!“ antworteten +freisinnige Stimmen, und die gutgläubigen Patrioten schrien mit. Der Major +wischte sich den Schweiß; ohne sein Zutun nahm seine Rede einen Verlauf, +als hielte er sie im liberalen Verein. Diederich zog ihn von hinten am +Rockschoß, er beschwor ihn, Schluß zu machen, aber Kunze versuchte es +vergebens: den Übergang zur Wahlparole der „Partei des Kaisers“ fand er +nicht. Am Ende verlor er die Geduld, ward jäh dunkelrot und stieß mit +unvermittelter Wildheit hervor: „Ausrotten bis auf den letzten Stumpf! +Hurra!“ Der Kriegerverein donnerte Beifall. Wo nicht mitgeschrien wurde, +erschienen auf Diederichs Wink eilends Klappsch oder Fräulein Klappsch. + +Zur Diskussion meldete sich alsbald Doktor Heuteufel, aber Gottlieb +Hornung kam ihm zuvor. Diederich für seine Person blieb lieber im +Hintergrund, hinter der Rauchwolke des Präsidiums. Er hatte Hornung zehn +Mark versprochen, und Hornung war nicht in der Lage, sie auszuschlagen. +Knirschend trat er an den Rand der Bühne und erläuterte die Rede des +verehrten Herrn Majors dahin, daß das Heer, für das wir alle zu jedem +Opfer bereit seien, unser Bollwerk gegen die Schlammflut der Demokratie +sei. „Die Demokratie ist die Weltanschauung der Halbgebildeten“, stellte +der Apotheker fest. „Die Wissenschaft hat sie überwunden.“ „Sehr richtig!“ +rief jemand; es war der Drogist, der sich mit ihm assoziieren wollte. +„Herren und Knechte wird es immer geben!“ bestimmte Gottlieb Hornung, +„denn in der Natur ist es auch so. Und es ist daß einzig Wahre, denn jeder +muß über sich einen haben, vor dem er Angst hat, und einen unter sich, der +vor ihm Angst hat. Wohin kämen wir sonst! Wenn der erste beste sich +einbildet, er ist ganz für sich selbst was und alle sind gleich! Wehe dem +Volk, dessen überkommene, ehrwürdige Formen sich erst in den +demokratischen Mischmasch auflösen, und wo der zersetzende Standpunkt der +Persönlichkeit das Übergewicht bekommt!“ Hier verschränkte Gottlieb +Hornung die Arme und schob den Nacken vor. „Ich,“ rief er, „der ich einer +hochfeinen Verbindung angehört habe und den freudigen Blutverlust für die +Ehre der Farben kenne, ich bedanke mich dafür, daß ich Zahnbürsten +verkaufen soll!“ + +„Und Schwämme auch nicht?“ fragte jemand. + +„Auch nicht!“ entschied Hornung. „Ich verbitte mir ganz energisch, daß +noch mal einer kommt. Man soll immer wissen, wen man vor sich hat. Jedem +das Seine. Und in diesem Sinne geben wir unsere Stimme nur einem +Kandidaten, der dem Kaiser so viel Soldaten bewilligt, als er haben will. +Denn entweder haben wir einen Kaiser oder nicht!“ + +Damit trat Gottlieb Hornung zurück und sah, den Unterkiefer vorgeschoben, +aus gefalteten Brauen in das Beifallsgebrause. Der Kriegerverein ließ es +sich nicht nehmen, mit geschwungenen Biergläsern an ihm und Kunze +vorbeizudefilieren. Kunze nahm Händedrücke entgegen, Hornung stand ehern +da – und Diederich konnte nicht umhin, mit Bitterkeit zu empfinden, daß +diese beiden zweitklassigen Persönlichkeiten den Vorteil hatten von einer +Gelegenheit, die sein Werk war. Er mußte ihnen die Volksgunst des +Augenblicks wohl lassen, denn er wußte besser als die beiden Gimpel, wo +dies hinauswollte. Da der nationale Kandidat am Ende nur dazu da war, eine +Hilfstruppe für Napoleon Fischer anzuwerben, tat man gut daran, sich nicht +selbst hinauszustellen. Heuteufel freilich legte es darauf an, Diederich +hervorzulocken. Der Vorsitzende, Pastor Zillich, konnte ihm das Wort nicht +länger verweigern, sofort begann er vom Säuglingsheim. Das Säuglingsheim +sei eine Sache des sozialen Gewissens und der Humanität. Was aber sei das +Kaiser-Wilhelm-Denkmal? Eine Spekulation, und die Eitelkeit sei noch der +anständigste der Triebe, auf die spekuliert werde.... Die Lieferanten dort +unten hörten zu in einer Stille voll peinlicher Gefühle, denen hier und da +ein dumpfes Murren entstieg. Diederich bebte. „Es gibt Leute,“ behauptete +Heuteufel, „denen es auf hundert Millionen mehr für das Militär nicht +ankommt, denn sie wissen schon, womit sie es für ihre Person wieder +hereinbringen.“ Da schnellte Diederich auf: „Ich bitte ums Wort!“ und mit +Bravo! Hoho! Abtreten! explodierten die Gefühle der Lieferanten. Sie +grölten, bis Heuteufel fort war und Diederich dastand. + +Diederich wartete lange, bevor das Meer der nationalen Empörung sich +beruhigte. Dann begann er. „Meine Herren!“ „Bravo!“ schrien die +Lieferanten, und Diederich mußte weiter warten in der Atmosphäre +gleichgestimmter Gemüter, worin das Atmen ihm leicht war. Als sie ihn +reden ließen, gab er der allgemeinen Empörung Worte, daß der Vorredner es +habe wagen können, die Versammlung in ihrer nationalen Gesinnung zu +verdächtigen. „Unerhört!“ riefen die Lieferanten. „Das beweist uns nur,“ +rief Diederich, „wie zeitgemäß die Gründung der ‚Partei des Kaisers‘ war! +Der Kaiser selbst hat befohlen, daß alle diejenigen sich +zusammenschließen, die, ob edel oder unfrei, ihn von der Pest des +Umsturzes befreien wollen. Das wollen wir, und darum steht unsere +nationale und kaisertreue Gesinnung hoch über den Verdächtigungen derer, +die selbst bloß eine Vorfrucht des Umsturzes sind!“ Noch bevor der Beifall +losbrechen konnte, sagte Heuteufel sehr deutlich: „Abwarten! Stichwahl!“ +Und obwohl die Lieferanten sogleich alles weitere im Getöse ihrer Hände +erstickten, fand Diederich doch schon in diesen zwei Worten so gefährliche +Andeutungen versteckt, daß er schnell ablenkte. Das Säuglingsheim war ein +weniger verfängliches Gebiet. Wie? Eine Sache des sozialen Gewissens +sollte es sein? Ein Ausfluß des Lasters war es! „Wir Deutschen überlassen +so was den Franzosen, die ein sterbendes Volk sind!“ Diederich brauchte +nur seinen Artikel aus der „Netziger Zeitung“ herzusagen. Der vom Pastor +Zillich geleitete Jünglingsverein sowie die christlichen Handlungsgehilfen +klatschten bei jedem Wort. „Der Germane ist keusch!“ rief Diederich, +„darum haben wir im Jahre siebzig gesiegt!“ Jetzt war die Reihe am +Kriegerverein, von Begeisterung zu dröhnen. Hinter dem Tisch des +Vorstandes sprang Kühnchen auf, schwenkte seine Zigarre und kreischte: „Nu +verklobben mer sie bald noch emal!“ Diederich hob sich auf die Zehen. +„Meine Herren!“ schrie er angestrengt in die nationalen Wogen, „das +Kaiser-Wilhelm-Denkmal soll eine Huldigung für den erhabenen Großvater +sein, den wir, ich darf es sagen, alle fast wie einen Heiligen verehren, +und zugleich ein Versprechen an den erhabenen Enkel, unseren herrlichen +jungen Kaiser, daß wir so bleiben wollen wie wir sind, nämlich keusch, +freiheitsliebend, wahrhaftig, treu und tapfer!“ + +Hier waren wieder die Lieferanten nicht mehr zu halten. Selbstvergessen +schwelgten sie im Idealen – und auch Diederich war sich keiner weltlichen +Hintergedanken mehr bewußt, nicht seines Paktes mit Wulckow, nicht seiner +Verschwörung mit Napoleon Fischer, noch seiner dunkeln Absichten für die +Stichwahl. Reine Begeisterung entführte seine Seele auf einen Flug, von +dem ihr schwindelte. Erst nach einer Weile konnte er wieder schreien. +„Abzuweisen und mit aller Schärfe hinter die ihnen gebührenden Schranken +zurückzudämmen sind daher die Anwürfe derer, die weiter nichts wollen, als +uns verweichlichen mit ihrer falschen Humanität!“ – „Wo haben Sie Ihre +echte sitzen?“ fragte die Stimme Heuteufels und stachelte dadurch die +nationale Gesinnung der Versammelten so hoch auf, daß Diederich nur noch +stellenweise zu hören war. Man verstand, er wollte keinen ewigen Frieden, +denn das war ein Traum und nicht einmal ein schöner. Dagegen wollte er +eine spartanische Zucht der Rasse. Blödsinnige und Sittlichkeitsverbrecher +waren durch einen chirurgischen Eingriff an der Fortpflanzung zu +verhindern. Bei diesem Punkt verließ Heuteufel mit den Seinen das Lokal. +Von der Tür rief er noch her: „Den Umsturz kastrieren Sie auch!“ Diederich +antwortete: „Machen wir, wenn Sie noch lange nörgeln!“ „Machen wir!“ tönte +es zurück von allen Seiten. Alle waren plötzlich auf den Füßen, prosteten, +jauchzten und vermischten ihre Hochgefühle. Diederich, umbraust von +Huldigungen, wankend unter dem Ansturm treudeutscher Hände, die die seinen +schütteln wollten, und nationaler Biergläser, die mit ihm anstießen, sah +von seiner Bühne in den Saal hinaus, der seinem durch Rausch getrübten +Blick weiter und höher schien. Aus den höchsten Tabakswolken glühten ihn +mystisch die Gebote seines Herrn an: „Der Wille des Königs!“ „Mein Feind!“ +„Mein Kurs!“ Er wollte sie in das brausende Volk hineinschreien – aber er +griff sich an die Kehle, kein Ton kam mehr: Diederich war stockheiser. Da +sah er sich voll Sorge nach Heuteufel um, der leider fort war. „Ich hätte +ihn nicht so reizen sollen. Jetzt gnade mir Gott, wenn er mich pinselt.“ + + + +Die schlimmste Rache Heuteufels war, daß er Diederich das Ausgehen verbot. +Draußen tobte der Kampf täglich wilder, und alle standen in der Zeitung, +weil alle redeten: Pastor Zillich sogar und selbst der Redakteur +Nothgroschen, zu schweigen von Kühnchen, der überall zugleich redete. Nur +Diederich in seinem neu altdeutsch möblierten Salon gurgelte stumm. Von +der Estrade beim Fenster sahen drei Bronzefiguren in zweidrittel +Lebensgröße ihm zu: der Kaiser, die Kaiserin und der Trompeter von +Säckingen. Sie waren ein Gelegenheitskauf bei Cohn gewesen; obwohl Cohn +das Heßlingsche Papier abbestellt hatte und noch immer nicht national +empfand, hatte Diederich sie in seiner Einrichtung nicht missen wollen. +Guste warf sie ihm vor, wenn er ihren Hut zu teuer fand. + +Guste begann in letzter Zeit launisch zu werden, auch kamen ihr +Übelkeiten, während deren sie sich im Schlafzimmer von der alten Frau +Heßling pflegen ließ. Sobald es ihr besser ging, erinnerte sie die Alte +daran, daß hier eigentlich alles mit ihrem Geld bezahlt war. Frau Heßling +verfehlte nicht, die Heirat mit ihrem Diedel als eine wahre Gnade +hinzustellen für Guste, in ihrer damaligen Lage. Zum Schluß war Guste rot +aufgebläht und schnaufte, Frau Heßling aber vergoß Tränen. Diederich hatte +den Nutzen davon, denn beide waren nachher mit ihm die Liebe selbst, in +der Absicht, ihn, der nichts ahnte, auf ihre Seite zu bringen. + +Was Emmi betraf, so schlug sie, ihrer Gewohnheit folgend, einfach die Tür +zu und ging hinauf in ihr Zimmer, das eine schräge Decke hatte. Guste sann +darauf, sie auch daraus noch zu vertreiben. Wo sollte man bei Regen die +Wäsche trocknen. Wenn Emmi, weil sie nichts hatte, keinen Mann fand, mußte +man sie eben unter ihrem Stande verheiraten, mit einem braven Handwerker! +Aber freilich, Emmi spielte sich auf die Feinste in der Familie hinaus, +sie verkehrte mit Brietzens.... Denn dies erbitterte Guste am meisten, +Emmi ward zu den Fräulein von Brietzen eingeladen – obwohl diese das Haus +nie betreten hatten. Ihr Bruder, der Leutnant, würde Guste, von den +Soupers bei ihrer Mutter her, wenigstens einen Besuch geschuldet haben, +aber nur der zweite Stock des Heßlingschen Hauses ward von ihm für würdig +befunden, es war nachgerade auffallend.... Ihre gesellschaftlichen Erfolge +behüteten Emmi freilich nicht vor Tagen großer Niedergeschlagenheit; dann +verließ sie ihr Zimmer nicht einmal zu den Mahlzeiten, die gemeinsam +waren. Einmal ging Guste, aus Mitgefühl und Langeweile, hinauf zu ihr, +Emmi schloß aber, wie sie sie sah, die Augen, sie lag in ihrer +hinfließenden Matinee bleich und starr da. Guste, die keine Antwort bekam, +versuchte es ihrerseits mit Vertraulichkeiten über Diederich und über +ihren Zustand. Da zog Emmis starres Gesicht sich jäh zusammen, sie wälzte +sich auf einen ihrer Arme, und mit dem anderen winkte sie heftig nach der +Tür. Guste blieb den Ausdruck ihrer Empörung nicht schuldig; Emmi, jäh +aufgesprungen, gab ihrem Wunsch, alleinzubleiben, die deutlichsten Worte; +und als die alte Frau Heßling hinzukam, war es schon beschlossene Sache, +daß die beiden Teile der Familie künftig getrennt essen würden. Diederich, +dem Guste vorweinte, war peinlich berührt von den Weibergeschichten. Zum +Glück kam ihm ein Gedanke, der geeignet schien, zunächst mal Ruhe zu +schaffen. Da er wieder über ein wenig Stimme verfügte, ging er gleich zu +Emmi und verkündete ihr seinen Entschluß, sie für einige Zeit nach +Eschweiler zu schicken, zu Magda. Erstaunlicherweise lehnte sie ab. Da er +nicht nachließ, wollte sie aufbegehren, ward aber plötzlich wie von Angst +befallen und begann leise und inständig zu bitten, daß sie dableiben +dürfe. Diederich, dem, er wußte nicht was, ans Herz griff, ließ ratlos die +Augen umhergehen, und dann zog er sich zurück. + +Am Tage darauf erschien Emmi, als sei nichts geschehen, beim Mittagessen, +frisch gerötet und in bester Laune. Guste, die um so zurückhaltender +blieb, warf Diederich Blicke zu. Er glaubte zu verstehen; er erhob sein +Glas gegen Emmi und sagte schalkhaft: „Prost, Frau von Brietzen“. Da +erblaßte Emmi. „Mach’ dich nicht lächerlich!“ rief sie zornig, warf die +Serviette hin und schlug die Tür zu. „Nanu“, knurrte Diederich; aber Guste +hob nur die Schultern. Erst als die alte Frau Heßling fort war, sah sie +Diederich merkwürdig in die Augen und fragte: „Glaubst du wirklich?“ Er +erschrak, machte aber ein fragendes Gesicht. „Ich meine,“ erklärte Guste, +„dann könnte mich der Herr Leutnant wenigstens auf der Straße grüßen. Aber +heute hat er einen Bogen gemacht.“ Diederich bezeichnete dies als Unsinn. +Guste erwiderte: „Wenn ich es mir bloß einbilde, dann bilde ich mir noch +mehr ein, weil ich nämlich in der Nacht schon öfter was durchs Haus +schleichen gehört habe, und heute sagte auch Minna –.“ Weiter kam Guste +nicht. „Aha!“ Diederich schnob. „Mit den Dienstboten steckst du zusammen! +Das tat Mutter auch immer. Aber ich kann dir nur sagen, daß ich das nicht +dulde. Über der Ehre meines Hauses wache ich allein, dazu brauche ich +weder Minna noch dich, und wenn ihr anderer Meinung seid, dann seht lieber +gleich beide zu, daß ihr die Tür wiederfindet, wo ihr hereingekommen +seid!“ Vor dieser mannhaften Haltung konnte Guste sich freilich nur +ducken, aber sie lächelte ihm von unten nach, wie er davonging. + +Diederich seinerseits war froh, durch sein festes Auftreten die Sache aus +der Welt geschafft zu haben. Denn noch verwickelter, als es in diesen +Zeiten schon war, durfte das Leben nicht werden. Seine Heiserkeit, die ihn +leider nun drei Tage lang dem Kampfe fernhielt, war von den Feinden nicht +unbenutzt gelassen. Ja, Napoleon Fischer hatte ihn noch heute morgen davon +unterrichtet, daß die „Partei des Kaisers“ ihm zu stark werde und daß sie +neuerdings zu viel gegen die Sozialdemokratie hetze. Unter diesen +Umständen –. Um ihn zu beruhigen, hatte Diederich ihm versprechen müssen, +gleich heute werde er die übernommenen Verpflichtungen erfüllen und von +den Stadtverordneten das sozialdemokratische Gewerkschaftshaus +verlangen.... So begab er sich, durchaus noch nicht hergestellt, in die +Versammlung – und hier mußte er erleben, daß der Antrag betreffend das +Gewerkschaftshaus soeben eingebracht worden war, und zwar von den Herren +Cohn und Genossen. Die Liberalen stimmten dafür, er ging durch, so glatt, +als sei er der erste beste. Diederich, der den nationalen Verrat der Cohn +und Genossen laut geißeln wollte, konnte nur bellen: der tückische Streich +hatte ihn abermals der Stimme beraubt. Kaum heimgekehrt, ließ er sich +Napoleon Fischer kommen. + +„Sie sind entlassen!“ bellte Diederich. Der Maschinenmeister grinste +verdächtig. „Schön“, sagte er und wollte abziehen. + +„Halt!“ bellte Diederich. „Wenn Sie meinen, Sie kommen so leicht los. +Gehen Sie mit dem Freisinn zusammen, dann verlassen Sie sich darauf, daß +ich unseren Vertrag bekanntmache! Sie sollen was erleben!“ + +„Politik ist Politik“, bemerkte Napoleon Fischer achselzuckend. Und da +Diederich vor so viel Zynismus nicht einmal mehr bellen konnte, trat +Napoleon Fischer vertraulich näher, fast hätte er Diederich auf die +Schulter geklopft. „Herr Doktor,“ sagte er wohlwollend, „tun Sie doch nur +nicht so. Wir beide: – na ja, ich sage bloß, wir beide ...“ Und sein +Grinsen war so voll Mahnungen, daß Diederich erschauerte. Schnell bot er +Napoleon Fischer eine Zigarre an. Fischer rauchte und sagte: + +„Wenn einer von uns beiden erst anfängt zu reden, wo hört dann der andere +auf! Hab’ ich recht, Herr Doktor? Aber wir sind doch keine alten +Seichtbeutel, die immer gleich mit allem herausmüssen, wie zum Beispiel +der Herr Buck.“ + +„Wieso?“ fragte Diederich tonlos und fiel von einer Angst in die andere. +Der Maschinenmeister tat erstaunt. „Das wissen Sie nicht? Der Herr Buck +erzählt doch überall, daß Sie den nationalen Rummel nicht so schlimm +meinen. Sie möchten bloß Gausenfeld billig haben, und denken, Sie kriegen +es billiger, wenn Klüsing Angst wegen gewisser Aufträge hat, weil er nicht +national ist.“ + +„Das sagt er?“ fragte Diederich, zu Stein geworden. + +„Das sagt er“, wiederholte Fischer. „Und er sagt auch, er tut Ihnen den +Gefallen und spricht für Sie mit Klüsing. Dann werden Sie sich wohl wieder +beruhigen, sagt er.“ + +Da wich der Bann von Diederich. „Fischer!“ versetzte er mit kurzem Gebell. +„Merken Sie sich, was jetzt kommt. Den alten Buck werden Sie noch im +Rinnstein stehen und betteln sehen. Jawohl! Dafür werd’ ich sorgen, +Fischer. Adieu.“ + +Napoleon Fischer war hinaus, aber Diederich bellte noch lange, im Zimmer +umherstampfend, vor sich hin. Der Schuft, der falsche Biedermann! Hinter +allen Widerständen stak der alte Buck, Diederich hatte es immer geahnt. +Der Antrag Cohn und Genossen war sein Werk gewesen – und jetzt die infame +Verleumdung mit Gausenfeld. Diederichs ganzes Innere bäumte sich auf, in +der Unbestechlichkeit seiner kaisertreuen Gesinnung. „Und woher weiß er +es?“ dachte er mit zornigem Entsetzen. „Hat Wulckow mich verkauft? Sie +glauben wohl alle schon, ich treibe doppeltes Spiel?“ Denn Kunze und die +anderen waren ihm heute merklich abgekühlt erschienen; sie hielten es +scheinbar nicht mehr für nötig, ihn einzuweihen in das, was vorging? +Diederich gehörte nicht dem Komitee an, er hatte der Sache das Opfer +seines persönlichen Ehrgeizes gebracht. War er darum vielleicht nicht der +eigentliche Gründer der Partei des Kaisers?... Verrat überall, Intrigen, +feindseliger Verdacht – und nirgends schlichte deutsche Treue. + +Da er nur bellen konnte, mußte er in der nächsten Wahlversammlung hilflos +zusehen, wie Zillich – es war klar, aus welchem persönlichen Interesse – +Jadassohn reden ließ, und wie Jadassohn stürmischen Beifall erntete, als +er gegen die Elenden und die vaterlandslosen Gesellen loszog, die Napoleon +Fischer wählen würden. Diederich bemitleidete dieses wenig staatsmännische +Vorgehen, er wußte sich Jadassohn hoch überlegen. Andererseits war es +nicht zu verkennen, daß Jadassohn, je weiter er sich durch seinen Erfolg +hinreißen ließ, desto lautere Zustimmung bei gewissen Zuhörern fand, die +keineswegs national anmuteten, sondern sichtlich zu Cohn und Heuteufel +gehörten. Sie waren in verdächtiger Menge erschienen – und Diederich, +überreizt durch die Fallen ringsum, sah am Ursprung auch dieses Manövers +wieder den Erzfeind stehen, ihn, der überall das Böse lenkte, den alten +Buck. + +Der alte Buck hatte blaue Augen, ein menschenfreundliches Lächeln, und er +war der falscheste Hund von allen, die die Gutgesinnten umdrohten. Der +Gedanke an den alten Buck hielt Diederich noch im Traum besessen. Am +folgenden Abend unter der Familienlampe gab er den Seinen keine Antworten; +er führte eingebildete Streiche gegen den alten Buck. Besonders erbitterte +es ihn, daß er den Alten für einen schon zahnlosen Schwätzer gehalten +hatte, und jetzt zeigte er die Zähne. Nach all seinen humanitären +Redensarten wirkte es auf Diederich wie eine Herausforderung, daß er sich +nun doch nicht einfach fressen ließ. Die heuchlerische Milde, mit der er +getan hatte, als verzeihe er Diederich den Ruin seines Schwiegersohnes! +Wozu hatte er ihn protegiert und in die Stadtverordnetenversammlung +gebracht? Nur damit Diederich sich Blößen gebe und leichter zu fassen sei. +Die Frage des Alten damals, ob Diederich der Stadt sein Grundstück +verkaufen wolle, stellte sich jetzt als die gefährlichste Falle heraus. +Diederich fühlte sich durchschaut von jeher; ihm war jetzt, als sei bei +seiner geheimen Unterredung mit dem Präsidenten von Wulckow der alte Buck, +unsichtbar im Tabaksqualm, dabei gewesen; und als Diederich, in einer +dunklen Winternacht an Gausenfeld hinangeschlichen, sich in den Graben +geduckt und die Augen, die vielleicht funkelten, geschlossen hatte, da war +droben der alte Buck vorbeigegangen und hatte zu ihm hinabgespäht ... Im +Geiste sah Diederich den Alten sich über ihn beugen und die weiße, weiche +Hand hinhalten, um ihm aus dem Graben zu helfen. Die Güte in seinen Zügen +war krasser Hohn, sie war das Unerträglichste. Er dachte Diederich kirre +zu machen und mit seinen Schlichen leise zurückzuleiten wie einen +verlorenen Sohn. Aber man sollte sehen, wer schließlich die Treber fraß! + +„Was hast du, mein lieber Sohn?“ fragte Frau Heßling, denn Diederich hatte +vor Haß und Angst schwer aufgestöhnt. Er erschrak; in diesem Augenblick +betrat Emmi das Zimmer, sie hatte es, so meinte Diederich, schon mehrmals +betreten – ging zum Fenster, streckte den Kopf hinaus, seufzte, als sei +sie allein, und begab sich auf den Rückweg. Guste sah ihr nach; wie Emmi +an Diederich vorbeikam, umfaßte Gustes spöttischer Blick sie beide, und +Diederich erschrak noch tiefer: denn dies war das Lächeln des Umsturzes, +das er an Napoleon Fischer kannte. So lächelte Guste. Vor Schrecken +runzelte er die Stirn und rief barsch: „Was gibt es!“ Schleunigst verkroch +sich Guste in ihre Flickerei, Emmi aber blieb stehen und sah ihn mit den +entgeisterten Augen an, die sie jetzt manchmal hatte. „Was ist mit dir?“ +fragte er, und da sie stumm blieb: „Wen suchst du auf der Straße?“ Sie hob +nur die Schultern, in ihrer Miene geschah gar nichts. „Nun?“ wiederholte +er leiser; denn ihr Blick, ihre Haltung, die merkwürdig unbeteiligt und +dadurch überlegen schienen, erschwerten es ihm, laut zu sein. Sie ließ +sich endlich herbei zu sprechen. + +„Es hätte sein können, daß die beiden Fräulein von Brietzen noch gekommen +wären.“ + +„Am späten Abend?“ fragte Diederich. Da sagte Guste: „Weil wir an die Ehre +doch gewöhnt sind. Und überhaupt, sie sind schon gestern mit ihrer Mama +abgereist. Wenn sie einem nicht adieu sagen, weil sie einen gar nicht +kennen, braucht man bloß an der Villa vorbeizugehen.“ + +„Wie?“ machte Emmi. + +„Na gewiß doch!“ Und das Gesicht überglänzt, triumphierend ließ Guste das +Ganze los. „Der Leutnant reist auch bald hinterher. Er ist doch versetzt.“ +Eine Pause, ein Blick. „Er hat sich versetzen lassen.“ + +„Du lügst“, sagte Emmi. Sie hatte gewankt, man sah, wie sie sich steif +machte. Den Kopf sehr hoch, wandte sie sich ab und ließ hinter sich den +Vorhang fallen. Im Zimmer war Stille. Die alte Frau Heßling auf ihrem Sofa +faltete die Hände, Guste sah herausfordernd Diederich nach, der schnaufend +umherlief. Als er wieder bei der Tür war, gab er sich einen Ruck. Durch +den Spalt erblickte er Emmi, die im Eßzimmer auf einem Stuhl saß oder +hing, zusammengekrümmt, als habe man sie gebunden und dort hingeworfen. +Sie zuckte, dann kehrte sie das Gesicht der Lampe zu; vorhin war es ganz +weiß gewesen und war jetzt stark gerötet, der Blick sah nichts – und +plötzlich sprang sie auf, fuhr los wie gebrannt, und mit zornigen, +unsicheren Schritten stürmte sie fort, sich anschlagend, ohne Schmerz zu +fühlen, fort, wie in Nebel hinein, wie in Qualm ... Diederich drehte sich +in steigender Angst nach Frau und Mutter um. Da Guste zur Respektlosigkeit +geneigt schien, raffte er den gewohnten Komment zusammen und stampfte +stramm hinter Emmi her. + +Noch hatte er nicht die Treppe erreicht, und droben ward schon heftig die +Tür versperrt, mit Schlüssel und Riegel. Da begann Diederichs Herz so +stark zu klopfen, daß er anhalten mußte. Als er hinaufgelangt war, blieb +ihm nur noch eine schwache, atemlose Stimme, um Einlaß zu verlangen. Keine +Antwort, aber er hörte etwas klirren auf dem Waschtisch, – und plötzlich +schwenkte er die Arme, schrie, schlug gegen die Tür und schrie unförmlich. +Vor seinem eigenen Lärm hörte er nicht, wie sie öffnete, und schrie noch, +als sie schon vor ihm stand. „Was willst du?“ fragte sie zornig, worauf +Diederich sich sammelte. Von der Treppe spähten mit fragendem Entsetzen +Frau Heßling und Guste hinauf. „Unten bleiben!“ befahl er, und er drängte +Emmi in das Zimmer zurück. Er schloß die Tür. „Das brauchen die anderen +nicht zu riechen“, sagte er knapp, und er nahm aus der Waschschüssel einen +kleinen Schwamm, der von Chloroform troff. Er hielt ihn mit gestrecktem +Arm von sich fort und heischte: „Woher hast du das?“ Sie warf den Kopf +zurück und sah ihn an, sagte aber nichts. Je länger dies dauerte, um so +weniger wichtig fühlte Diederich die Frage werden, die doch von Rechts +wegen die erste war. Schließlich ging er einfach zum Fenster und warf den +Schwamm in den dunklen Hof. Es platschte, er war in den Bach gefallen. +Diederich seufzte erleichtert. + +Jetzt hatte Emmi eine Frage. „Was führst du hier eigentlich auf? Laß mich +gefälligst machen, was ich will!“ + +Dies kam ihm unerwartet. „Ja, was – was willst du denn?“ + +Sie sah weg, sie sagte achselzuckend: „Dir kann es gleich sein.“ + +„Na, höre mal!“ Diederich empörte sich. „Wenn du vor deinem himmlischen +Richter dich nicht mehr genierst, was ich persönlich durchaus mißbillige: +ein bißchen Rücksicht könntest du wohl auch auf uns hier nehmen. Man ist +nicht allein auf der Welt.“ + +Ihre Gleichgültigkeit verletzte ihn ernstlich. „Einen Skandal in meinem +Hause verbitte ich mir! Ich bin der erste, den es trifft.“ + +Plötzlich sah sie ihn an. „Und ich?“ + +Er schnappte. „Meine Ehre –!“ Aber er hörte gleich wieder auf; ihre Miene, +die er nie so ausdrucksvoll gekannt hatte, klagte und höhnte zugleich. In +seiner Verwirrung ging er zur Tür. Hier fiel ihm ein, was das Gegebene +sei. + +„Im übrigen werde ich meinerseits als Bruder und Ehrenmann natürlich voll +und ganz meine Pflicht tun. Ich darf erwarten, daß du dir inzwischen die +äußerste Zurückhaltung auferlegst.“ Mit einem Blick nach der +Waschschüssel, aus der noch immer der Geruch kam. + +„Dein Ehrenwort!“ + +„Laß mich in Ruhe“, sagte Emmi. Da kehrte Diederich zurück. + +„Du scheinst dir des Ernstes der Lage denn doch nicht bewußt zu sein. Du +hast, wenn das, was ich fürchten muß, wahr ist –“ + +„Es ist wahr“, sagte Emmi. + +„Dann hast du nicht nur deine eigene Existenz, zum mindesten deine +gesellschaftliche, in Frage gestellt, sondern eine ganze Familie mit +Schande bedeckt. Und wenn ich nun im Namen von Pflicht und Ehre vor dich +hintrete –“ + +„Dann ist es auch noch so“, sagte Emmi. + +Er erschrak; er setzte an, um seinen Abscheu zu bekunden vor so viel +Zynismus, aber in Emmis Gesicht stand zu deutlich, was alles sie +durchschaut und abgetan hinter sich ließ. Vor der Überlegenheit ihrer +Verzweiflung kam Diederich ein Schaudern an. In ihm zersprang es wie +künstliche Federn. Die Beine wurden ihm weich, er setzte sich und brachte +hervor: „So sag’ mir doch nur –. Ich will dir auch –.“ Er sah an Emmis +Erscheinung hin, das Wort Verzeihen blieb ihm stecken. „Ich will dir +helfen“, sagte er. Sie sagte müde: „Wie willst du das wohl machen?“ und +sie lehnte sich drüben an die Wand. + +Er sah vor sich nieder. „Du mußt mir freilich einige Aufklärungen geben: +ich meine, über gewisse Einzelheiten. Ich vermute, daß es schon seit +deinen Reitstunden dauert?...“ + +Sie ließ ihn weiter vermuten, sie bestätigte nicht, noch widersprach sie – +wie er aber zu ihr aufsah, hatte sie weich geöffnete Lippen, und ihr Blick +hing an ihm mit Staunen. Er begriff, daß sie staunte, weil er vieles, das +sie allein getragen hatte, ihr abnahm, indem er es aussprach. Ein +unbekannter Stolz erfaßte sein Herz, er stand auf und sagte vertraulich: +„Verlaß dich auf mich. Gleich morgen früh gehe ich hin.“ + +Sie bewegte leise und angstvoll den Kopf. + +„Du kennst das nicht. Es ist aus.“ + +Da machte er seine Stimme wohlgemut. „Ganz wehrlos sind wir auch nicht! +Ich möchte doch sehen!“ + +Zum Abschied gab er ihr die Hand. Sie rief ihn nochmals zurück. + +„Du wirst ihn fordern?“ Sie riß die Augen auf und hielt die Hand vor den +Mund. + +„Wieso?“ machte Diederich, denn hieran hatte er nicht mehr gedacht. + +„Schwöre mir, daß du ihn nicht forderst!“ + +Er versprach es. Zugleich errötete er, denn er hätte gern noch gewußt, für +wen sie fürchtete, für ihn oder für den anderen. Dem anderen würde er es +nicht gegönnt haben. Aber er unterdrückte die Frage, weil die Antwort ihr +peinlich sein konnte; und er verließ das Zimmer beinahe auf den +Fußspitzen. + +Die beiden Frauen, die noch immer drunten warteten, schickte er streng zu +Bett. Er selbst legte sich erst dann neben Guste, als sie schon schlief. +Er hatte zu bedenken, wie er morgen auftreten würde. Natürlich imponieren! +Zweifel am Ausgang der Sache überhaupt nicht zulassen! Aber anstatt seiner +eigenen, schneidigen Gestalt erschien vor Diederichs Geist immer wieder +ein gedrungener Mann mit blanken bekümmerten Augen, der bat, aufbrauste +und ganz zusammenbrach: Herr Göppel, Agnes Göppels Vater. Jetzt verstand +Diederich in banger Seele, wie damals dem Vater zumute gewesen war. „Du +kennst das nicht“, meinte Emmi. Er kannte es – weil er es zugefügt hatte. + +„Gott bewahre!“ sagte er laut und wälzte sich herum. „Ich lasse mich auf +die Sache nicht ein. Emmi hat doch nur geblufft mit dem Chloroform. Die +Weiber sind raffiniert genug dafür. Ich werf’ sie hinaus, wie es sich +gehört!“ Da stand vor ihm auf regnerischer Straße Agnes und starrte, das +Gesicht weiß von Gaslicht, zu seinem Fenster hinauf. Er deckte das Bettuch +über seine Augen. „Ich kann sie nicht auf die Straße jagen!“ Es ward +Morgen, und er sah verwundert, was mit ihm geschehen war. + +„Ein Leutnant steht früh auf“, dachte er und entwischte, bevor Guste wach +wurde. Hinter dem Sachsentor die Gärten zwitscherten und dufteten zum +Frühlingshimmel. Die Villen, noch verschlossen, sahen frisch gewaschen aus +und als seien lauter Neuvermählte hineingezogen. „Wer weiß,“ dachte +Diederich und atmete die gute Luft ein, „vielleicht ist es gar nicht +schwer. Es gibt anständige Menschen. Auch liegen die Dinge doch wesentlich +günstiger als –“ Er ließ den Gedanken lieber fallen. Dort hinten hielt ein +Wagen – vor welchem Haus denn? Also doch. Das Gitter stand offen, auch die +Tür. Der Bursche kam ihm entgegen. „Lassen Sie nur,“ sagte Diederich, „ich +sehe den Herrn Leutnant schon.“ Denn im Zimmer geradeaus packte Herr von +Brietzen einen Koffer. „So früh?“ fragte er, ließ den Deckel des Koffers +fallen und klemmte sich den Finger ein. „Verdammt.“ Diederich dachte +entmutigt: „Er ist auch beim Packen.“ + +„Welchem Zufall verdanke ich denn –“ begann Herr von Brietzen, aber +Diederich machte, ohne es zu wollen, eine Bewegung, des Sinnes, daß dies +unnütz sei. Trotzdem natürlich leugnete Herr von Brietzen. Er leugnete +sogar länger als damals Diederich, und Diederich erkannte dies innerlich +an, denn wenn es auf die Ehre eines Mädchens ankam, hatte ein Leutnant +immerhin noch um einige Grade genauer zu sein als ein Neuteutone. Als man +endlich über die Lage der Dinge im reinen war, stellte Herr von Brietzen +sich dem Bruder sofort zur Verfügung, was von ihm gewiß nicht anders zu +erwarten war. Aber Diederich, trotz seinem tiefen Bangen, erwiderte mit +heiterer Stirn, er hoffe, eine Austragung mit den Waffen erübrige sich, +wenn nämlich Herr von Brietzen –. Und Herr von Brietzen machte eben das +Gesicht, das Diederich vorhergesehen hatte, und brauchte eben die +Ausreden, die in Diederichs Geist schon erklungen waren. In die Enge +getrieben, sagte er den Satz, den Diederich vor allem fürchtete und der, +er sah es ein, nicht zu vermeiden war. Ein Mädchen, das ihre Ehre nicht +mehr hatte, machte man nicht zur Mutter seiner Kinder! Diederich +antwortete darauf, was Herr Göppel geantwortet hatte, niedergeschlagen wie +Herr Göppel. Den rechten Zorn fand er erst, als er an seine große Drohung +gelangte, die Drohung, von der er sich schon seit gestern den Erfolg +versprach. + +„Angesichts Ihrer unritterlichen Weigerung, Herr Leutnant, sehe ich mich +leider veranlaßt, Ihren Oberst von der Sache in Kenntnis zu setzen.“ + +Wirklich schien Herr von Brietzen peinlich getroffen. Er fragte unsicher: +„Was wollen Sie damit erreichen? Daß ich eine Moralpredigt kriege? Na +schön. Im übrigen aber –“ Herr von Brietzen festigte sich wieder, „was +Ritterlichkeit ist, darüber denkt der Oberst denn doch wohl etwas anders +als ein Herr, der sich nicht schlägt.“ + +Da aber stieg Diederich. Herr von Brietzen möge gefälligst seine Zunge +hüten, sonst könne es ihm passieren, daß er es mit der Neuteutonia zu tun +bekomme! Ihm, Diederich, sei der freudige Blutverlust für die Ehre der +Farben durch seine Schmisse bescheinigt! Er wolle dem Herrn Leutnant +wünschen, daß er einmal in den Fall komme, einen Grafen von +Tauern-Bärenheim zu fordern! „Ich hab’ ihn glatt gefordert!“ Und im selben +Atem behauptete er, daß er so einem frechen Junker noch lange nicht das +Recht einräume, einen bürgerlichen Mann und Familienvater nur so +abzuschießen. „Die Schwester verführen und den Bruder abschießen, das +möchten Sie wohl!“ rief er, außer sich. Herr von Brietzen, in einem +ähnlichen Zustand wie Diederich, sprach davon, dem Koofmich von seinem +Burschen die Fresse einschlagen zu lassen; und da der Bursche schon +bereitstand, räumte Diederich das Feld, aber nicht ohne einen letzten +Schuß. „Wenn Sie meinen, für Ihre Frechheiten bewilligen wir Ihnen auch +noch die Militärvorlage! Sie sollen sehen, was Umsturz ist!“ + +Draußen in der einsamen Allee wütete er weiter, zeigte dem unsichtbaren +Feinde die Faust und stieß Drohungen aus. „Das kann euch schlecht +bekommen! Wenn wir mal Schluß machen!“ Plötzlich bemerkte er, daß die +Gärten noch immer zum Frühlingshimmel zwitscherten und dufteten, und es +ward ihm klar, selbst die Natur, mochte sie schmeicheln oder die Zähne +zeigen, war ohne Einfluß auf die Macht, die Macht über uns, die ganz +unerschütterlich ist. Mit dem Umsturz war leicht drohen; aber das +Kaiser-Wilhelm-Denkmal? Wulckow und Gausenfeld? Wer treten wollte, mußte +sich treten lassen, das war das eherne Gesetz der Macht. Diederich, nach +seinem Anfall von Auflehnung, fühlte schon wieder den heimlichen Schauer +dessen, den sie tritt ... Ein Wagen kam von dort hinten: Herr von Brietzen +mit seinem Koffer. Diederich, ehe er es bedachte, machte halb Front, +bereit zu grüßen. Aber Herr von Brietzen sah weg. Diederich freute sich, +trotz allem, des frischen und ritterlichen jungen Offiziers. „Den macht +uns niemand nach“, stellte er fest. + +Freilich, nun er die Meisestraße betrat, ward ihm beklommen. Von weitem +sah er Emmi nach ihm ausspähen. Ihm fiel auf einmal ein, was sie in der +vergangenen Stunde, die ihr Schicksal entschied, durchgemacht haben mußte. +Arme Emmi, nun war es entschieden. Die Macht war wohl erhebend, aber wenn +es die eigene Schwester traf –. „Ich habe nicht gewußt, daß es mir so +nahegehen würde.“ Er nickte hinauf, so ermunternd wie möglich. Sie war +viel schmaler geworden, warum sah das niemand? Unter ihrem blaß +flimmernden Haar hatte sie große schlaflose Augen, ihre Lippe zitterte, +als er ihr zuwinkte; auch das fing er auf in seiner scharfsichtigen Angst. +Die Treppe hinauf schlich er fast. Im ersten Stock kam sie aus dem Zimmer +und ging vor ihm her in den zweiten. Oben drehte sie sich um – und als sie +sein Gesicht gesehen hatte, ging sie hinein ohne eine Frage, ging bis zum +Fenster und blieb abgewendet stehen. Er raffte sich zusammen, er sagte +laut: „Oh! noch ist nichts verloren.“ Darauf erschrak er und schloß die +Augen. Da er aufstöhnte, wandte sie sich um, kam langsam herbei und legte, +um mitzuweinen, den Kopf an seine Schulter. + +Nachher hatte er einen Auftritt mit Guste, die hetzen wollte. Diederich +sagte ihr auf den Kopf zu, daß sie Emmis Unglück nur mißbrauche, um sich +zu rächen für die ihr nicht gerade günstigen Umstände, unter denen sie +selbst geheiratet worden war. „Emmi läuft wenigstens keinem nach.“ Guste +kreischte auf. „Bin ich dir vielleicht nachgelaufen?“ Er schnitt ab. +„Überhaupt ist sie meine Schwester!“ ... Und da sie nun unter seinem +Schutz lebte, fing er an, sie interessant zu finden und ihr eine +ungewöhnliche Achtung zu erweisen. Nach dem Essen küßte er ihr die Hand, +mochte Guste grinsen. Er verglich die beiden; wieviel gemeiner war Guste! +Magda selbst, die er bevorzugt hatte, weil sie Erfolg gehabt hatte, kam in +seiner Erinnerung nicht mehr auf gegen die verlassene Emmi. Denn Emmi war +durch ihr Unglück feiner und gewissermaßen ungreifbarer geworden. Wenn +ihre Hand so bleich und abwesend dalag und Emmi stumm in sich versenkt war +wie in einen unbekannten Abgrund, fühlte Diederich sich berührt von der +Ahnung einer tieferen Welt. Die Eigenschaft als Gefallene, unheimlich und +verächtlich bei jeder anderen, um Emmi, Diederichs Schwester, legte sie +eine Luft von seltsamem Schimmer und fragwürdiger Anziehung. Glänzender +zugleich und rührender war nun Emmi. + +Der Leutnant, der das alles veranlaßt hatte, verlor erheblich gegen sie – +und mit ihm die Macht, in deren Namen er triumphiert hatte. Diederich +erfuhr, daß sie manchmal einen gemeinen und niedrigen Anblick bieten +könne: die Macht und alles, was in ihren Spuren ging, Erfolg, Ehre, +Gesinnung. Er sah Emmi an und mußte zweifeln an dem Wert dessen, was er +erreicht hatte oder noch erstrebte: Gustes und ihres Geldes, des Denkmals, +der hohen Gunst, Gausenfelds, der Auszeichnungen und Ämter. Er sah Emmi an +und dachte auch an Agnes. Agnes, die Weichheit und Liebe in ihm gepflegt +hatte, sie war in seinem Leben das Wahre gewesen, er hätte es festhalten +sollen! Wo war sie jetzt? Tot? Er saß manchmal da, den Kopf in den Händen. +Was hatte er nun? Was hatte man vom Dienst der Macht? Wieder einmal +versagte alles, alle verrieten ihn, mißbrauchten seine reinsten Absichten, +und der alte Buck beherrschte die Lage. Agnes, die nichts vermochte als +leiden, es beschlich ihn, als ob sie gesiegt habe. Er schrieb nach Berlin +und erkundigte sich nach ihr. Sie war verheiratet und leidlich gesund. Das +erleichterte ihn, aber irgendwie enttäuschte es ihn auch. + + + +Aber während er, den Kopf in den Händen, dasaß, kam der Wahltag herbei. +Erfüllt von der Eitelkeit der Dinge, hatte Diederich von allem, was +vorging, nichts mehr sehen wollen, auch nicht, daß die Miene seines +Maschinenmeisters immer feindlicher ward. Am Sonntag der Wahl, +frühmorgens, als Diederich noch im Bett lag, trat Napoleon Fischer bei ihm +ein. Ohne sich im geringsten zu entschuldigen, begann er: „Ein ernstes +Wort in letzter Stunde, Herr Doktor!“ Diesmal war er es, der Verrat +witterte und sich auf den Pakt berief. „Ihre Politik, Herr Doktor, hat ein +doppeltes Gesicht. Uns haben Sie Versprechungen gemacht, und loyal, wie +wir sind, haben wir gegen Sie nicht agitiert, sondern bloß gegen den +Freisinn.“ + +„Wir auch“, behauptete Diederich. + +„Das glauben Sie selbst nicht. Sie haben sich bei Heuteufel angebiedert. +Er hat Ihnen Ihr Denkmal schon bewilligt. Wenn Sie nicht gleich heute mit +fliegenden Fahnen zu ihm übergehen, dann tun Sie es sicher bei der +Stichwahl und treiben schnöden Volksverrat.“ + +Napoleon Fischer tat, die Arme verschränkt, noch einen langen Schritt auf +das Bett zu. „Sie sollen bloß wissen, Herr Doktor, daß wir die Augen offen +halten.“ + +Diederich sah sich in seinem Bett hilflos dem politischen Gegner +ausgeliefert. Er suchte ihn zu besänftigen. „Ich weiß, Fischer, Sie sind +ein großer Politiker. Sie sollten in den Reichstag kommen.“ + +„Stimmt.“ Napoleon blinzte von unten. „Denn wenn ich nicht hineinkomme, +dann geht in Netzig in mehreren Betrieben ein Streik los. Einen von den +Betrieben kennen Sie ziemlich genau, Herr Doktor.“ Er machte kehrt. Von +der Tür her faßte er Diederich, der vor Schreck ganz in die Federn +gerutscht war, nochmals ins Auge. „Und darum hoch die internationale +Sozialdemokratie!“ rief er und ging ab. + +Diederich rief aus seinen Federn: „Seine Majestät, der Kaiser hurra!“ Dann +aber blieb nichts übrig, als der Lage ins Gesicht zu sehen. Sie sah +drohend genug aus. Schwer von Ahnungen eilte er auf die Straße, in den +Kriegerverein, zu Klappsch, und überall mußte er erkennen, daß in den +Tagen seiner Mutlosigkeit die tückische Taktik des alten Buck weitere +Erfolge zu verzeichnen gehabt hatte. Die Partei des Kaisers war verwässert +durch Zulauf aus den Reihen des Freisinns und der Abstand Kunzes von +Heuteufel unbeträchtlich gegen die Kluft zwischen ihm und Napoleon +Fischer. Pastor Zillich, der mit seinem Schwager Heuteufel einen +verschämten Gruß austauschte, erklärte, daß die Partei des Kaisers mit +ihrem Erfolg zufrieden sein dürfe, denn sicher habe sie dem Kandidaten des +Freisinns, wenn er schließlich siege, das nationale Gewissen gestärkt. Da +Professor Kühnchen sich ähnlich äußerte, war der Verdacht nicht von der +Hand zu weisen, daß ihnen die von Diederich und Wulckow erpreßten +Versprechungen noch nicht genügten, und daß sie sich durch weitere +persönliche Vorteile vom alten Buck hatten gewinnen lassen. Der Korruption +des demokratischen Klüngels war alles zuzutrauen! Was Kunze betraf, so +wollte er auf jeden Fall selbst gewählt werden, notfalls mit Hilfe der +Freisinnigen. Ihn hatte sein Ehrgeiz korrumpiert, er hatte ihn schon dahin +gebracht, zu versprechen, daß er für das Säuglingsheim eintreten werde! +Diederich entrüstete sich; Heuteufel sei hundertmal schlimmer als +irgendein Prolet; und er spielte auf die düsteren Folgen an, die eine so +unpatriotische Haltung haben müsse. Leider durfte er nicht deutlicher +werden – und vor sich das Bild des Streiks, im Herzen schon die Trümmer +des Kaiser-Wilhelm-Denkmals, Gausenfelds, aller seiner Träume, lief er im +Regen umher zwischen den Wahllokalen und schleppte gutgesinnte Wähler +herbei, im vollen Bewußtsein, daß ihre Kaisertreue den Weg verfehlte und +den schlimmsten Feinden des Kaisers helfe. Abends bei Klappsch, +kotbespritzt bis an den Hals und fiebrig entrückt durch den Lärm des +langen Tages, durch das viele Bier und das Nahen der Entscheidung, vernahm +er das Ergebnis: gegen achttausend Stimmen für Heuteufel, sechstausend und +einige für Napoleon Fischer, Kunze aber hatte +dreitausendsechshundertzweiundsiebzig. Stichwahl zwischen Heuteufel und +Fischer. „Hurra!“ schrie Diederich, denn nichts war verloren und Zeit war +gewonnen. + +Mit starkem Schritt ging er von dannen, den Schwur im Herzen, daß er +fortan das Äußerste tun werde, um die nationale Sache noch zu retten. Es +eilte, denn Pastor Zillich hätte am liebsten sofort alle Mauern mit +Zetteln bedeckt, die den Anhängern der Partei des Kaisers empfahlen, in +der Stichwahl für Heuteufel zu stimmen. Kunze freilich gab sich der eitlen +Hoffnung hin, Heuteufel werde ihm zu Gefallen zurücktreten. Welche +Verblendung! Gleich am Morgen las man die weißen Zettel, auf denen der +Freisinn heuchlerisch erklärte, national sei auch er, die nationale +Gesinnung sei nicht das Privileg einer Minderheit, und darum –. Der Trick +des alten Buck enthüllte sich vollends; wenn nicht die ganze Partei des +Kaisers in den Schoß des Freisinns zurückkehren sollte, hieß es handeln. +Mächtig von Energie gespannt, traf Diederich von seinen Erkundigungen +heimkehrend, im Hausflur auf Emmi, die einen Schleier vor dem Gesicht +hatte und sich bewegte, als sei alles gleich. „Danke,“ dachte er, „es ist +durchaus nicht gleich. Wohin kämen wir.“ Und er grüßte Emmi verstohlen und +mit einer Art von Scheu. + +Er zog sich in sein Bureau zurück, aus dem der alte Sötbier verschwunden +war und wo nun Diederich, sein eigener Prokurist und nur seinem Gott +verantwortlich, seine folgenschweren Entschlüsse faßte. Er trat zum +Telephon, er verlangte Gausenfeld. Da ging die Tür auf, der Briefträger +legte seinen Packen hin, und Diederich sah obenauf: Gausenfeld. Er hängte +wieder ein, er betrachtete, nickend wie das Schicksal, den Brief. Schon +gemacht. Der Alte hatte ohne Worte begriffen, daß er seinen Freunden Buck +und Konsorten kein Geld mehr geben dürfe, und daß man nötigenfalls +imstande sei, ihn persönlich verantwortlich zu machen. Gelassen zerriß +Diederich den Umschlag – aber nach zwei Zeilen las er fliegend. Was für +eine Überraschung! Klüsing wollte verkaufen! Er war alt, er sah seinen +natürlichen Nachfolger in Diederich! + +Was hieß dies? Diederich setzte sich in die Ecke und dachte tief. Es hieß +vor allem, daß Wulckow schon eingegriffen hatte. Der Alte war in blasser +Angst wegen der Regierungsaufträge, und der Streik, mit dem Napoleon +Fischer drohte, gab ihm den Rest. Wo war die Zeit, als er sich aus der +Klemme zu ziehen glaubte, wenn er Diederich einen Teil des Papiers für die +„Netziger Zeitung“ anbot. Jetzt bot er ihm ganz Gausenfeld an! „Man ist +eine Macht“, stellte Diederich fest – und es ging ihm auf, daß Klüsings +Zumutung, die Fabrik zu kaufen und richtig nach ihrem Wert zu bezahlen, +wie die Dinge lagen, einfach lächerlich sei. Worauf er wirklich laut +lachte ... Da nahm er wahr, daß am Schlusse des Briefes, nach der +Unterschrift, noch etwas stand, ein Zusatz, kleiner geschrieben als das +übrige und so unscheinbar, daß Diederich ihn vorhin übersehen hatte. Er +entzifferte – und der Mund ging ihm von selbst auf. Plötzlich tat er einen +Sprung. „Na also!“ rief er frohlockend durch sein einsames Bureau. „Da +haben wir sie!“ Hierauf bemerkte er tiefernst: „Es ist schauerlich. Ein +Abgrund.“ Er las noch einmal, Wort für Wort, den verhängnisvollen Zusatz, +legte den Brief in den Geldschrank und schloß mit hartem Griff. Dort innen +schlummerte nun das Gift für Buck und die Seinen – geliefert von ihrem +Freund. Nicht nur, daß Klüsing sie nicht mehr mit Geld versah, er verriet +sie auch. Aber sie hatten es verdient, das konnte man sagen; eine solche +Verderbnis hatte wahrscheinlich selbst Klüsing angeekelt. Wer da noch +Schonung übte, machte sich mitschuldig. Diederich prüfte sich. „Schonung +wäre geradezu ein Verbrechen. Sehe jeder, wo er bleibe! Hier heißt es +rücksichtslos vorgehen. Dem Geschwür die Maske herunterreißen und es mit +eisernem Besen auskehren! Ich übernehme es im Interesse des öffentlichen +Wohles, meine Pflicht als nationaler Mann schreibt es mir vor. Es ist nun +mal eine harte Zeit!“ + +Den Abend darauf war eine große öffentliche Volksversammlung, einberufen +vom freisinnigen Wahlkomitee in den Riesensaal der „Walhalla“. Mit der +regen Hilfe Gottlieb Hornungs hatte Diederich Vorsorge getroffen, daß die +Wähler Heuteufels keineswegs unter sich blieben. Er selbst fand es unnütz, +die Programmrede des Kandidaten mit anzuhören; er ging hin, als schon die +Diskussion begonnen haben mußte. Gleich im Vorraum stieß er auf Kunze, der +in übler Verfassung war. „Ausrangierter Schlagetot!“ rief er. „Sehen Sie +mich an, Herr, und sagen Sie mir, ob so ein Mann aussieht, der sich das +sagen läßt!“ Da er vor Aufregung sich nicht weiter erklären konnte, löste +Kühnchen ihn ab. „Zu mir hätte Heuteufel das sagen sollen!“ schrie er. „Da +hätte er nun aber Kühnchen kennengelernt!“ Diederich empfahl dem Major +dringend, seinen Gegner zu verklagen. Aber Kunze brauchte keinen Ansporn +mehr, er vermaß sich, Heuteufel ganz einfach in die Pfanne zu hauen. Auch +dies war Diederich recht, und er stimmte lebhaft zu, als Kunze erkennen +ließ, daß er unter diesen Umständen lieber mit dem ärgsten Umsturz gehe +als mit dem Freisinn. Hiergegen äußerten Kühnchen und auch Pastor Zillich, +der hinzukam, ihre Bedenken. Die Reichsfeinde – und die Partei des +Kaisers! „Bestochene Feiglinge!“ sagte Diederichs Blick – indes der Major +fortfuhr, Rache zu schnauben. Blutige Tränen sollte die Bande weinen! „Und +zwar noch heute abend“, verhieß darauf Diederich mit einer so eisernen +Bestimmtheit, daß alle stutzten. Er machte eine Pause und blitzte jeden +einzeln an. „Was würden Sie sagen, Herr Pastor, wenn ich Ihren Freunden +vom Freisinn gewisse Machenschaften nachwiese ...“ Pastor Zillich war +erbleicht, Diederich ging zu Kühnchen über. „Betrügerische Manipulationen +mit öffentlichen Geldern ...“ Kühnchen hüpfte. „Nu leg’ sich eener lang +hin!“ rief er schreckensvoll. Kunze aber brüllte auf. „An mein Herz!“ und +er riß Diederich in seine Arme. „Ich bin ein schlichter Soldat“, +versicherte er. „Die Schale mag rauh sein, aber der Kern ist echt. +Beweisen Sie den Kanaillen ihre Schurkerei, und Major Kunze ist Ihr +Freund, als ob Sie mit ihm im Feuer gestanden hätten bei Marslatuhr!“ + +Der Major hatte Tränen in den Augen, Diederich auch. Und so hochgespannt +wie ihre beiden Seelen war die Stimmung im Saal. Der Eintretende sah +überall Arme in die Luft fahren, die aus blauem Dunst bestand, und hier +und dort schrie eine Brust: „Pfui!“ „Sehr richtig!“ oder „Gemeinheit!“ Der +Wahlkampf war auf der Höhe, Diederich stürzte sich hinein, mit unerhörter +Erbitterung, denn vor dem Bureau, das der alte Buck in Person leitete, wer +stand am Rand der Bühne und redete? Sötbier, Diederichs entlassener +Prokurist! Aus Rache hielt Sötbier eine Hetzrede, worin er über die +Arbeiterfreundlichkeit gewisser Herren auf das abfälligste urteilte. Sie +sei nichts als ein demagogischer Kniff, womit man, um gewisser +persönlicher Vorteile willen, das Bürgertum spalten und dem Umsturz Wähler +zutreiben wolle. Früher habe der Betreffende im Gegenteil gesagt: Wer +Knecht ist, soll Knecht bleiben. „Pfui!“ riefen die Organisierten. +Diederich stieß um sich, bis er unter der Bühne stand. „Gemeine +Verleumdung!“ schrie er Sötbier ins Gesicht. „Schämen Sie sich, seit Ihrer +Entlassung sind Sie unter die Nörgler gegangen!“ Der von Kunze +kommandierte Kriegerverein brüllte wie ein Mann: „Gemeinheit!“ und „Hört, +hört!“ – indes die Organisierten pfiffen und Sötbier eine zitterige Faust +machte gegen Diederich, der ihm drohte, er werde ihn einsperren lassen. Da +erhob der alte Buck sich und klingelte. + +Als man wieder hören konnte, sagte er mit weicher Stimme, die anschwoll +und erwärmte: „Mitbürger! Wollt doch dem persönlichen Ehrgeiz einzelner +nicht Nahrung gewähren, indem ihr ihn ernst nehmt! Was sind hier Personen? +Was selbst Klassen? Es geht um das Volk, dazu gehören alle, nur die Herren +nicht. Wir müssen zusammenhalten, wir Bürger dürfen nicht immer aufs neue +den Fehler begehen, der schon in meiner Jugend begangen wurde, daß wir +unser Heil den Bajonetten anvertrauen, sobald auch die Arbeiter ihr Recht +wollen. Daß wir den Arbeitern niemals ihr Recht geben wollten, das hat den +Herren die Macht verschafft, auch uns das unsere zu nehmen.“ + +„Sehr wahr!“ + +„Das Volk, wir alle haben angesichts der uns abgeforderten +Heeresvermehrung die vielleicht letzte Gelegenheit, unsere Freiheit zu +behaupten gegen Herren, die uns nur noch rüsten, damit wir unfrei sind. +Wer Knecht ist, soll Knecht bleiben, das wird nicht nur euch Arbeitern +gesagt: das sagen die Herren, deren Macht wir immer teurer bezahlen +sollen, uns allen!“ + +„Sehr wahr! Bravo! Keinen Mann und keinen Groschen!“ Inmitten bewegter +Zustimmung setzte der alte Buck sich. Diederich, dem äußersten Kampf nahe +und im voraus schweißtriefend, sandte noch einen Blick durch den Saal und +bemerkte Gottlieb Hornung, der die Lieferanten des Kaiser-Wilhelm-Denkmals +befehligte. Pastor Zillich bewegte sich unter den christlichen Jünglingen, +der Kriegerverein war um Kunze geschart: da zog Diederich blank. „Der +Erbfeind erhebt wieder mal das Haupt!“ schrie er mit Todesverachtung. „Ein +Vaterlandsverräter, wer unserem herrlichen Kaiser versagt, was er“ – „Hu, +hu!“ riefen die Vaterlandsverräter; aber Diederich, unter den +Beifallssalven der Gutgesinnten, schrie weiter, wenn ihm auch die Stimme +überschnappte. „Ein französischer General hat Revanche verlangt!“ Vom +Bureau her fragte jemand: „Wieviel hat er aus Berlin dafür bekommen?“ +Worauf man lachte – indes Diederich mit den Armen hinaufgriff, als wollte +er in die Luft steigen. „Schimmernde Wehr! Blut und Eisen! Mannhafte +Ideale! Starkes Kaisertum!“ Seine Kraftworte stießen rasselnd aneinander, +umlärmt vom Getöse der Gutgesinnten. „Festes Regiment! Bollwerk gegen die +Schlammflut der Demokratie!“ + +„Ihr Bollwerk heißt Wulckow!“ rief wieder die Stimme vom Bureau. Diederich +fuhr herum, er erkannte Heuteufel. „Wollen Sie sagen, die Regierung Seiner +Majestät –?“ + +„Auch ein Bollwerk!“ sagte Heuteufel. Diederich reckte den Finger nach +ihm. „Sie haben den Kaiser beleidigt!“ rief er mit äußerster +Schneidigkeit. Aber hinter ihm kreischte jemand: „Spitzel!“ Es war +Napoleon Fischer, und seine Genossen wiederholten es aus rauhen Kehlen. +Sie waren aufgesprungen, sie umringten Diederich in unglückverheißender +Weise. „Er provoziert schon wieder! Er will noch einen ins Loch bringen! +’raus!“ Und Diederich ward angepackt. Angstverzerrt wand er den Hals, den +schwielige Fäuste beengten, nach dem Vorsitzenden hin und flehte erstickt +um Hilfe. Der alte Buck gewährte sie ihm, er klingelte anhaltend, und er +schickte sogar einige junge Leute aus, damit sie Diederich von seinen +Feinden erretteten. Kaum daß er sich rühren konnte, schwang Diederich den +Finger gegen den alten Buck. „Die demokratische Korruption!“ schrie er, +tanzend vor Leidenschaft. „Ich will sie ihm beweisen!“ „Bravo! Reden +lassen!“ – und das Lager der nationalen Männer setzte sich in Bewegung, +überrannte die Tische und maß sich Aug’ in Auge mit dem Umsturz. Ein +Handgemenge schien bevorzustehen: schon faßte der Polizeileutnant dort +oben seinen Helm an, um sich damit zu bedecken; es war ein kritischer +Moment – da hörte man von der Bühne herab befehlen: „Ruhe! Er soll +sprechen!“ Und es ward fast still, man hatte einen Zorn vernommen, größer +als irgendeiner hier. Der alte Buck, heraufgewachsen hinter seinem Tisch +dort oben, war kein würdiger Greis mehr, er schien schlanker vor Kraft, +vom Haß war er bleich, und einen Blick schnellte er gegen Diederich: der +Atem stockte einem. + +„Er soll sprechen!“ wiederholte der Alte. „Auch Verräter haben das Wort, +bevor sie abgeurteilt werden. So sehen die Verräter an der Nation aus. Sie +haben sich nur äußerlich verändert seit den Zeiten, da mein Geschlecht +kämpfte, fiel, ins Gefängnis und auf die Richtstätte ging.“ + +„Haha“, machte hier Gottlieb Hornung, voll überlegenen Spottes. Zu seinem +Unglück saß er im Armbereich eines starken Arbeiters, der so furchtbar +nach ihm ausholte, daß Hornung, noch bevor der Schlag ihn traf, umfiel +mitsamt seinem Stuhl. + +„Schon damals“, rief der Alte, „gab es solche, die statt der Ehre den +Nutzen wählten und denen keine Herrschaft demütigend schien, wenn sie sie +bereicherte. Der sklavische Materialismus, Frucht und Mittel jeder +Tyrannei, er war es, dem wir unterlagen, und auch ihr, Mitbürger –“ + +Der Alte breitete die Arme aus, er spannte sich zu dem letzten Schrei +seines Gewissens. + +„Mitbürger, auch ihr lauft heute Gefahr, von ihm verraten und seine Beute +zu werden! Dieser Mensch soll sprechen.“ + +„Nein!“ + +„Er soll sprechen. Dann aber fragt ihn, wieviel eine Gesinnung, die +national zu nennen er die Stirn hat, in barem Gelde beträgt. Fragt ihn, +wem er sein Haus verkauft hat, zu welchem Zweck und mit welchem Nutzen!“ + +„Wulckow!“ Der Ruf kam von der Bühne, aber der Saal nahm ihn auf. +Diederich, gebieterische Fäuste hinter sich, gelangte nicht ganz +freiwillig die Stufen zur Bühne hinauf. Dort sah er ratsuchend umher: der +alte Buck saß regungslos, die Hand geballt auf dem Knie und ließ ihn nicht +aus dem Auge; Heuteufel, Cohn, alle Herren des Bureaus erwarteten mit +kalter Gier im Gesicht seinen Zusammenbruch; und „Wulckow!“ rief der Saal +ihm zu, „Wulckow!“ Er stammelte etwas von Verleumdung, das Herz flog ihm, +einen Augenblick schloß er die Augen, in der Hoffnung, er werde umfallen +und der Sache überhoben sein. Aber er fiel nicht um – und als nichts +anderes mehr möglich war, kam ihm ein ungeheurer Mut. Er griff an seine +Brusttasche, seiner Waffe sicher, und er maß kampfesfreudig den Feind, +jenen tückischen Alten, der nun endlich die Maske des väterlichen Gönners +verloren hatte und seinen Haß bekannte. Diederich blitzte ihn an, er stieß +vor ihm beide Fäuste gegen den Boden. Dann trat er kraftvoll vor den Saal +her. + +„Wollen Sie was verdienen?“ brüllte er wie ein Ausrufer in den Tumult – +und es ward still, wie auf ein Zauberwort. „Jeder kann bei mir verdienen!“ +brüllte Diederich; mit unverminderter Gewalt. „Jedem, der mir nachweist, +wieviel ich am Verkauf meines Hauses verdient habe, zahle ich ebensoviel!“ + +Hierauf schien niemand gefaßt. Die Lieferanten zuerst riefen „Bravo“, dann +entschlossen sich auch die Christen und die Krieger, aber ohne rechte +Zuversicht, denn es ward wieder „Wulckow!“ gerufen, noch dazu nach dem +Takt von Biergläsern, die man auf die Tische stieß. Diederich erkannte, +daß dies ein vorbereiteter Streich war, der nicht nur ihm, sondern weit +höheren Mächten galt. Er sah sich unruhig um, und wirklich zückte der +Polizeileutnant schon wieder den Helm. Diederich bedeutete ihm mit der +Hand, daß er es schon machen werde, und er brüllte: + +„Nicht Wulckow, ganz andere Leute! Das freisinnige Säuglingsheim! Dafür +hätte ich mein Haus hergeben sollen, das ist mir nahegelegt worden, ich +kann es beschwören. Ich als nationaler Mann habe mich energisch gewehrt +gegen die Zumutung, die Stadt zu betrügen und den Raub zu teilen mit einem +gewissenlosen Magistratsrat!“ + +„Sie lügen!“ rief der alte Buck und stand flammend da. Aber Diederich +flammte noch höher, im Vollgefühl seines Rechtes und seiner sittlichen +Sendung. Er griff in die Brusttasche, und vor dem tausendköpfigen Drachen +dort unten, der ihn anspritzte: „Lügner! Schwindler!“ schwenkte er +furchtlos seinen Schein. „Beweis!“ brüllte er und schwenkte so lange, bis +sie hörten. + +„Bei mir ist es nicht geglückt, aber in Gausenfeld. Jawohl, Mitbürger! In +Gausenfeld ... Wieso? Gleich. Zwei Herren von der freisinnigen Partei sind +beim Besitzer gewesen und haben das Vorkaufsrecht verlangt auf ein +gewisses Terrain, für den Fall, daß das Säuglingsheim dorthin kommt.“ + +„Namen! Namen!“ + +Diederich schlug sich auf die Brust, auch zum letzten bereit. Klüsing +hatte ihm alles verraten, nur nicht die Namen. Blitzend faßte er die +Herren des Vorstandes ins Auge; einer schien zu erbleichen. „Wer wagt, +gewinnt“, dachte Diederich, und er brüllte: + +„Der eine ist Herr Warenhausbesitzer Cohn!“ + +Und er trat ab, mit der Miene erfüllter Pflicht. Drunten nahm Kunze ihn +entgegen und küßte ihn selbstvergessen rechts und links ins Gesicht, wozu +die Nationalgesinnten klatschten. Die anderen schrien: „Beweis!“ oder +„Schwindel!“ Aber „Cohn soll reden!“, das wollten alle, Cohn konnte sich +den Anforderungen unmöglich entziehen. Der alte Buck sah ihn an, starr, +mit einem sichtbaren Zittern der Wangen; und dann erteilte er ihm von +selbst das Wort. Cohn, von Heuteufel mit einem Stoß versehen, kam ohne +rechte Überzeugung hinter dem langen Tisch des Komitees hervor, schleppte +die Füße nach und hatte ungünstig gewirkt, noch bevor er anfing. Er +lächelte entschuldigend. „Meine Herren, das werden Sie dem Herrn Vorredner +doch nicht glauben,“ sagte er so sanft, daß fast niemand es verstand. +Dennoch meinte Cohn schon zu weit gegangen zu sein. „Ich will den Herrn +Vorredner nicht geradezu dementieren, aber so war es denn doch nicht.“ + +„Aha! Er gibt es zu!“ – und jäh brach ein Aufruhr los, daß Cohn, auf +nichts vorbereitet, einen Sprung rückwärts tat. Der Saal war nur noch ein +Fuchteln und Schäumen. Schon fielen da und dort Gegner übereinander her. +„Hurra!“ kreischte Kühnchen und sauste durch die Reihen mit flatterndem +Haar, die Fäuste geschwungen, anfeuernd zur Metzelei ... Auch auf der +Bühne war alles auf den Beinen, außer dem Polizeileutnant. Der alte Buck +hatte den Platz des Vorsitzenden verlassen, und abgekehrt von dem Volk, +über das der letzte Schrei seines Gewissens vergebens hingegangen war, +abseits und allein, richtete er die Augen dorthin, wo niemand sah, daß sie +weinten. Heuteufel sprach entrüstet auf den Polizeileutnant ein, der sich +von seinem Stuhl nicht rührte, ward aber darüber belehrt, daß der Beamte +allein entscheide, ob und wann er auflöse. Es brauchte nicht gerade in dem +Augenblick zu geschehen, wo es für den Freisinn schlecht stand! Worauf +Heuteufel zum Tisch ging und die Glocke führte. Dazu schrie er: „Der +zweite Name!“ Und da alle Herren auf der Bühne mitschrien, hörte man es +endlich und Heuteufel konnte fortfahren. + +„Der zweite, der in Gausenfeld war, ist Herr Landgerichtsrat Kühlemann! +Stimmt. Kühlemann selbst. Derselbe Kühlemann, aus dessen Nachlaß das +Säuglingsheim gebaut werden soll. Will jemand behaupten, Kühlemann +bestiehlt seinen eigenen Nachlaß? Na also!“ – und Heuteufel zuckte die +Achseln, woraus beifällig gelacht ward. Nicht lange; die Leidenschaften +pfauchten schon wieder. „Beweise! Kühlemann soll selbst reden! Diebe!“ +Herr Kühlemann sei schwerkrank, erklärte Heuteufel. Man werde hinschicken, +man telephoniere schon. „Auweh“, raunte Kunze seinem Freunde Diederich zu. +„Wenn Kühlemann es war, sind wir fertig und können einpacken.“ „Noch lange +nicht!“ verhieß Diederich, tollkühn. Pastor Zillich seinerseits setzte +seine Hoffnung nur mehr auf den Finger Gottes. Diederich in seiner +Tollkühnheit sagte: „Brauchen wir gar nicht!“ – und er machte sich über +einen Zweifler her, dem er zuredete. Die Gutgesinnten reizte er zu +entschiedener Stellungnahme, ja, er drückte Sozialdemokraten die Hand, um +ihren Haß gegen die bürgerliche Korruption zu verstärken – und überall +hielt er den Leuten Klüsings Brief vor die Augen. Er schlug so heftig mit +dem Handrücken auf das Papier, daß niemand lesen konnte, und rief: „Steht +da Kühlemann? Da steht Buck! Wenn Kühlemann noch japsen kann, wird er +zugeben müssen, daß er es nicht war. Buck war es!“ + +Dabei überwachte er dennoch die Bühne, wo es merkwürdig still geworden +war. Die Herren des Komitees liefen durcheinander, aber sie flüsterten +nur. Den alten Buck sah man nicht mehr. „Was ist los?“ Auch im Saal ward +es ruhiger, noch wußte man nicht, warum. Plötzlich hieß es: „Kühlemann +soll tot sein.“ Diederich fühlte es mehr, als daß er es hörte. Er gab es +plötzlich auf, zu reden und sich abzuarbeiten. Vor Spannung schnitt er +Gesichter. Wenn jemand ihn fragte, antwortete er nicht, er vernahm ringsum +ein wesenloses Gewirr von Lauten und wußte nicht mehr deutlich, wo er war. +Dann kam aber Gottlieb Hornung und sagte: „Er ist weiß Gott tot. Ich war +oben, sie haben telephoniert. Im Moment ist er gestorben.“ + +„Im richtigen Moment“, sagte Diederich und sah sich um, erstaunt, als +erwachte er. „Der Finger Gottes hat sich wieder mal bewährt“, stellte +Pastor Zillich fest, und Diederich ward sich bewußt, daß dieser Finger +doch nicht zu verachten war. Wie, wenn er dem Schicksal einen anderen Lauf +angewiesen hätte?... Die Parteien im Saale lösten sich auf; das Eingreifen +des Todes in die Politik machte aus den Parteien Leute; sie sprachen +gedämpft und verzogen sich. Als er schon draußen war, erfuhr Diederich +noch, der alte Buck habe eine Ohnmacht erlitten. + + + +Die „Netziger Zeitung“ berichtete über die „tragisch verlaufene +Wahlversammlung“ und schloß daran einen ehrenvollen Nachruf für den +hochverdienten Mitbürger Kühlemann. Den Verblichenen traf kein Makel, wenn +etwa Dinge vorgefallen waren, die der Aufklärung bedurften ... Das weitere +geschah, nachdem Diederich und Napoleon Fischer eine Besprechung unter +vier Augen gehabt hatten. Noch am Abend vor der Wahl hielt die „Partei des +Kaisers“ eine Versammlung ab, von der die Gegner nicht ausgeschlossen +waren. Diederich trat auf und geißelte mit flammenden Worten die +demokratische Korruption und ihr Haupt in Netzig, das mit Namen zu nennen +die Pflicht eines kaisertreuen Mannes sei – aber er nannte es doch lieber +nicht. „Denn, meine Herren, das Hochgefühl schwellt mir die Brust, daß ich +mich verdient mache um unseren herrlichen Kaiser, wenn ich seinem +gefährlichsten Feinde die Maske abreiße und Ihnen beweise, daß er auch nur +verdienen will.“ Hier kam ihm ein Einfall, oder war es eine Erinnerung, er +wußte nicht. „Seine Majestät haben das erhabene Wort gesprochen: ‚Mein +afrikanisches Kolonialreich für einen Haftbefehl gegen Eugen Richter!‘ Ich +aber, meine Herren, liefere Seiner Majestät die nächsten Freunde +Richters!“ Er ließ die Begeisterung verrauschen; dann, mit verhältnismäßig +gedämpfter Stimme: „Und darum, meine Herren, habe ich besondere Gründe, zu +vermuten, was man an hoher, sehr hoher Stelle von der Partei des Kaisers +erwartet.“ Er griff an seine Brusttasche, als trüge er dort auch diesmal +die Entscheidung; und plötzlich aus voller Lunge: „Wer jetzt noch seine +Stimme dem Freisinnigen gibt, der ist kein kaisertreuer Mann!“ Da die +Versammlung dies einsah, machte Napoleon Fischer, der zugegen war, den +Versuch, sie auf die gebotenen Konsequenzen ihrer Haltung hinzuweisen. +Sofort fuhr Diederich dazwischen. Die nationalen Wähler würden schweren +Herzens ihre Pflicht tun und das kleinere Übel wählen. „Aber ich bin der +erste, der jedes Paktieren mit dem Umsturz weit von sich weist!“ Er schlug +so lange auf das Rednerpult, bis Napoleon in der Versenkung verschwand. +Und daß Diederichs Entrüstung echt war, ersah man in der Frühe des +Stichwahltages aus der sozialdemokratischen „Volksstimme“, die unter +höhnischen Ausfällen gegen Diederich selbst alles wiedergab, was er über +den alten Buck gesagt hatte, und zwar nannte sie den Namen. „Heßling fällt +hinein,“ sagten die Wähler, „denn jetzt muß Buck ihn verklagen.“ Aber +viele antworteten: „Buck fällt hinein, der andere weiß zuviel.“ Auch die +Freisinnigen, soweit sie der Vernunft zugänglich waren, fanden jetzt, es +sei an der Zeit, vorsichtig zu werden. Wenn die Nationalen, mit denen +nicht zu spaßen schien, nun einmal meinten, man solle für den +Sozialdemokraten stimmen –. Und war der Sozialdemokrat erst gewählt, dann +war es gut, daß man ihn mitgewählt hatte, sonst ward man noch boykottiert +von den Arbeitern ... Die Entscheidung aber fiel nachmittags um drei. In +der Kaiser-Wilhelm-Straße erscholl Alarmgebläse, alles stürzte an die +Fenster und unter die Ladentüren, um zu sehen, wo es brenne. Es war der +Kriegerverein in Uniform, der herbeimarschierte. Seine Fahne zeigte ihm +den Weg der Ehre. Kühnchen, der das Kommando führte, hatte die Pickelhaube +wild im Nacken sitzen und schwang auf furchterregende Weise seinen Degen. +Diederich in Reih’ und Glied stapfte mit und freute sich der Zuversicht, +daß nun in Reih’ und Glied, nach Kommandos und auf mechanischem Wege alles +Weitere sich abwickeln werde. Man brauchte nur zu stapfen, und aus dem +alten Buck ward Kompott gemacht unter dem Taktschritt der Macht!... Am +anderen Ende der Straße holte man die neue Fahne ab und empfing sie, bei +schmetternder Musik, mit stolzem Hurra. Unabsehbar verlängert durch die +Werbungen des Patriotismus erreichte der Zug das Klappsche’sche Lokal. +Hier ward in Sektionen eingeschwenkt, und Kühnchen befahl „Küren“. Der +Wahlvorstand, an seiner Spitze Pastor Zillich, wartete schon, festlich +gekleidet, im Hausflur. Kühnchen kommandierte mit Kampfgeschrei: „Auf, +Kameraden, zur Wahl! Wir wählen Fischer!“ – worauf es vom rechten Flügel +ab, unter schmetternder Musik, in das Wahllokal ging. Dem Kriegerverein +aber folgte der ganze Zug. Klappsch, der auf so viel Begeisterung nicht +vorbereitet war, hatte schon kein Bier mehr. Zuletzt, als die nationale +Sache alles abgeworfen zu haben schien, dessen sie fähig war, kam noch, +von Hurra empfangen, der Bürgermeister Doktor Scheffelweis. Er ließ sich +ganz offenkundig den roten Zettel in die Hand drücken, und bei der +Rückkehr von der Urne sah man ihn freudig bewegt. „Endlich!“ sagte er und +drückte Diederich die Hand. „Heute haben wir den Drachen besiegt.“ +Diederich erwiderte schonungslos: „Sie, Herr Bürgermeister? Sie stecken +noch halb in seinem Rachen. Daß er Sie nur nicht mitnimmt, jetzt wo er +verreckt!“ Während Doktor Scheffelweis erbleichte, stieg wieder ein Hurra. +Wulckow!... + +Fünftausend und mehr Stimmen für Fischer! Heuteufel mit kaum dreitausend +war fortgefegt von der nationalen Woge, und in den Reichstag zog der +Sozialdemokrat. Die „Netziger Zeitung“ stellte einen Sieg der „Partei des +Kaisers“ fest, denn ihr verdanke man es, daß eine Hochburg des Freisinns +gefallen sei – womit aber Nothgroschen weder große Befriedigung noch +lauten Widerspruch weckte. Die eingetretene Tatsache fanden alle +natürlich, aber gleichgültig. Nach dem Rummel der Wahlzeit hieß es nun +wieder Geld verdienen. Das Kaiser-Wilhelm-Denkmal, noch soeben der +Mittelpunkt eines Bürgerkrieges, regte keinen mehr auf. Der alte Kühlemann +hatte der Stadt sechshunderttausend Mark für gemeinnützige Zwecke +vermacht, sehr anständig. Säuglingsheim oder Kaiser-Wilhelm-Denkmal, es +war wie Schwamm oder Zahnbürste, wenn man zu Gottlieb Hornung kam. In der +entscheidenden Sitzung der Stadtverordneten zeigte es sich, daß die +Sozialdemokraten für das Denkmal waren, also schön. Irgend jemand schlug +vor, gleich ein Komitee zu bilden und dem Herrn Regierungspräsidenten von +Wulckow den Ehrenvorsitz anzubieten. Hier erhob sich Heuteufel, den seine +Niederlage wohl doch geärgert hatte, und äußerte Bedenken, ob der +Regierungspräsident, der einem gewissen Grundstücksgeschäft nicht +fernstehe, sich selbst für berufen halten werde, das Grundstück +mitzubestimmen, auf dem das Denkmal stehen solle. Man schmunzelte und +zwinkerte ein wenig; und Diederich, dem es kalt durch den Leib schnitt, +wartete, ob jetzt der Skandal kam. Er wartete still, mit einem +verstohlenen Kitzel, wie es der Macht ergehen werde, nun jemand rüttelte. +Er hätte nicht sagen können, was er sich wünschte. Da nichts kam, erhob er +sich stramm und protestierte, ohne übertriebene Anstrengung, gegen eine +Unterstellung, die er schon einmal öffentlich widerlegt habe. Die andere +Seite dagegen habe die ihr zur Last gelegten Mißbräuche bisher nicht im +mindesten entkräftet. „Trösten Sie sich,“ erwiderte Heuteufel, „Sie werden +es bald erleben. Die Klage ist schon eingereicht.“ + +Dies bewirkte immerhin eine Bewegung. Der Eindruck ward freilich +abgeschwächt, als Heuteufel gestehen mußte, daß sein Freund Buck nicht den +Stadtverordneten Doktor Heßling, sondern nur die „Volksstimme“ verklagt +habe. „Heßling weiß zuviel“, wiederholte man – und neben Wulckow, dem der +Ehrenvorsitz zufiel, ward Diederich zum Vorsitzenden des +Kaiser-Wilhelm-Denkmal-Komitees ernannt. Im Magistrat fanden diese +Beschlüsse in dem Bürgermeister Doktor Scheffelweis einen warmen +Fürsprecher, und sie gingen durch, wobei der alte Buck durch Abwesenheit +glänzte. Wenn er seine Sache selbst nicht höher einschätzte! Heuteufel +sagte: „Soll er sich die Schweinereien, die er nicht verhindern kann, auch +noch persönlich ansehen?“ Aber damit schadete Heuteufel nur sich selbst. +Da der alte Buck nun in kurzer Zeit zwei Niederlagen erlitten hatte, sah +man voraus, der Prozeß gegen die „Volksstimme“ werde seine dritte sein. +Die Aussage, die man vor Gericht zu machen haben würde, paßte jeder schon +im voraus den gegebenen Umständen an. Heßling war natürlich zu weit +gegangen, sagten vernünftig Denkende. Der alte Buck, den alle von jeher +kannten, war kein Schwindler und Gauner. Eine Unvorsichtigkeit wäre ihm +vielleicht zuzutrauen gewesen, besonders jetzt, wo er die Schulden seines +Bruders bezahlte und selbst schon das Wasser an der Kehle hatte. Ob er nun +wirklich mit Cohn bei Klüsing gewesen war wegen des Terrains? Ein gutes +Geschäft: – es hätte nur nicht herauskommen dürfen! Und warum mußte +Kühlemann genau in der Minute abkratzen, wo er seinen Freund hätte +freischwören sollen! So viel Pech bedeutete etwas. Herr Tietz, der +kaufmännische Leiter der „Netziger Zeitung“, der in Gausenfeld ein und aus +ging, sagte ausdrücklich, man begehe nur ein Verbrechen gegen sich selbst, +wenn man für Leute eintrete, die augenscheinlich ausgespielt hätten. Auch +machte Tietz darauf aufmerksam, daß der alte Klüsing, der mit einem Wort +die ganze Sache hätte beenden können, sich hütete zu reden. Er war krank, +nur seinetwegen mußte die Verhandlung auf unbestimmte Zeit vertagt werden. + +Was ihn aber nicht abhielt, seine Fabrik zu verkaufen. Dies war das +Neueste, dies waren die „einschneidenden Veränderungen in einem großen, +für das wirtschaftliche Leben Netzigs hochbedeutsamen Unternehmen“, von +denen die „Netziger Zeitung“ dunkel meldete. Klüsing war mit einem +Berliner Konsortium in Verbindung getreten. Diederich, gefragt, warum er +nicht mittue, zeigte den Brief vor, worin Klüsing ihm, früher als jedem +anderen, den Kauf angeboten hatte. „Und zwar unter Bedingungen, die nie +wiederkommen“, setzte er hinzu. „Leider bin ich stark engagiert bei meinem +Schwager in Eschweiler, ich weiß nicht einmal, ob ich nicht von Netzig +wegziehen muß.“ Aber als Sachverständiger erklärte er auf Befragen +Nothgroschens, der seine Antwort veröffentlichte, daß der Prospekt eher +noch hinter der Wahrheit zurückbleibe. Gausenfeld sei tatsächlich eine +Goldgrube; der Ankauf der Aktien, die an der Börse zugelassen seien, könne +nur auf das wärmste empfohlen werden. Tatsächlich wurden die Aktien in +Netzig stark gefragt. Wie sachlich und von persönlichem Interesse +unbeeinflußt Diederichs Urteil gewesen war, zeigte sich bei einer +besonderen Gelegenheit, als nämlich der alte Buck Geld suchte. Denn er war +so weit; seine Familie und sein Gemeinsinn hatten ihn glücklich so weit +gebracht, daß auch seine Freunde nicht mehr mitgingen. Da griff Diederich +ein. Er gab dem Alten zweite Hypothek für sein Haus in der +Fleischhauergrube. „Er muß es verzweifelt nötig gehabt haben“, bemerkte +Diederich, sooft er davon erzählte. „Wenn er es von mir, seinem +entschiedensten politischen Gegner, annimmt! Wer hätte das früher von ihm +gedacht!“ Und Diederich sah gedankenvoll in das Schicksal ... Er setzte +hinzu, das Haus werde ihm teuer zu stehen kommen, wenn es ihm zufalle. +Freilich, aus dem seinen müsse er bald heraus. Und auch dies zeigte, daß +er auf Gausenfeld nicht rechnete ... „Aber“, erklärte Diederich, „der Alte +ist nicht auf Rosen gebettet, wer weiß, wie sein Prozeß ausgeht – und +gerade weil ich ihn politisch bekämpfen muß, wollte ich zeigen – Sie +verstehen.“ Man verstand, und man beglückwünschte Diederich zu seinem mehr +als korrekten Verhalten. Diederich wehrte ab. „Er hat mir Mangel an +Idealismus vorgeworfen, das durfte ich nicht auf mir sitzen lassen.“ +Männliche Rührung zitterte in seiner Stimme. + +Die Schicksale nahmen ihren Lauf; und wenn man manche auf +Terrainschwierigkeiten stoßen sah, durfte man um so freudiger anerkennen, +daß das eigene glatt ging. Diederich erfuhr dies so recht an dem Tage, als +Napoleon Fischer nach Berlin reiste, um die Militärvorlage abzulehnen. Die +„Volksstimme“ hatte eine Massendemonstration angekündigt, der Bahnhof +sollte polizeilich besetzt sein; Pflicht eines nationalen Mannes war es, +dabei zu sein. Unterwegs stieß Diederich auf Jadassohn. Man begrüßte +einander so förmlich, wie die kühl gewordenen Beziehungen es vorschrieben. +„Sie wollen sich auch den Klimbim ansehen?“ fragte Diederich. + +„Ich gehe in Urlaub – nach Paris.“ Tatsächlich trug Jadassohn Kniehosen. +Er setzte hinzu: „Schon um den politischen Dummheiten auszuweichen, die +hier begangen worden sind.“ + +Diederich beschloß, vornehm hinwegzuhören über die Verärgerung eines +Menschen, der keinen Erfolg gehabt hatte. „Man dachte eigentlich,“ sagte +er, „Sie würden jetzt Ernst machen.“ + +„Ich? Wieso?“ + +„Fräulein Zillich ist freilich fort zu ihrer Tante.“ + +„Tante ist gut“, Jadassohn feixte. „Und man dachte. Sie wohl auch?“ + +„Mich lassen Sie nur aus dem Spiel.“ Diederich machte ein Gesicht voll +Einverständnis. „Aber wieso ist Tante gut? Wo ist sie denn hin?“ + +„Durchgegangen“, sagte Jadassohn. Da blieb Diederich denn doch stehen und +schnaufte. Käthchen Zillich durchgegangen! In was für Abenteuer hätte man +verwickelt werden können!... Jadassohn sagte weltmännisch: + +„Nun ja, nach Berlin. Die guten Eltern haben noch keine Ahnung. Ich bin +weiter nicht böse mit ihr, Sie verstehen, es mußte mal zum Klappen +kommen.“ + +„So oder so“, ergänzte Diederich, der sich gefaßt hatte. + +„Lieber so als so“, berichtigte Jadassohn; worauf Diederich, vertraulich +die Stimme gesenkt: „Jetzt kann ich es Ihnen ja sagen, mir kam das Mädchen +schon immer so vor, als ob sie bei Ihnen auch nicht sauer werden würde.“ + +Aber Jadassohn verwahrte sich, nicht ohne Eigenliebe. „Was glauben Sie +denn? Ich selbst habe ihr Empfehlungen mitgegeben. Passen Sie auf, sie +macht Karriere in Berlin.“ + +„Daran zweifle ich nicht.“ Diederich zwinkerte. „Ich kenne ihre +Qualitäten ... Sie allerdings haben mich für naiv gehalten.“ Jadassohns +Abwehr ließ er nicht gelten. „Sie haben mich für naiv gehalten. Und zur +selben Zeit bin ich Ihnen verdammt ins Gehege gekommen, jetzt kann ich es +ja sagen.“ Er berichtete dem anderen, der immer unruhiger ward, sein +Erlebnis mit Käthchen im Liebeskabinett – berichtete es so vollständig, +wie es in Wahrheit nicht stattgefunden hatte. Mit einem Lächeln +befriedigter Rache sah er auf Jadassohn, der sichtlich im Zweifel war, ob +hier der Ehrenpunkt Platz greifen müsse. Schließlich entschied er sich +dafür, Diederich auf die Schulter zu klopfen, und man zog in +freundschaftlicher Weise die gebotenen Schlüsse. „Die Sache bleibt +natürlich streng unter uns ... So ein Mädchen muß man auch gerecht +beurteilen, denn woher soll die bessere Lebewelt sich ergänzen ... Die +Adresse? Aber nur Ihnen. Kommt man dann mal nach Berlin, so weiß man doch, +woran man ist.“ „Es hätte sogar einen gewissen Reiz“, bemerkte Diederich, +in sich hineinblickend; und da Jadassohn sein Gepäck sah, nahmen sie +Abschied. „Die Politik hat uns leider etwas auseinander gebracht, aber im +Menschlichen findet man sich, Gott sei Dank, wieder. Viel Vergnügen in +Paris.“ + +„Vergnügen kommt nicht in Frage.“ Jadassohn wandte sich um, mit einem +Gesicht, als sei er im Begriff, jemand hineinzulegen. Da er Diederichs +beunruhigte Miene sah, kam er zurück. „In vier Wochen“, sagte er +merkwürdig ernst und gefaßt, „werden Sie es selbst sehen. Vielleicht ist +es vorzuziehen, wenn Sie die Öffentlichkeit schon jetzt darauf +vorbereiten.“ Diederich, ergriffen wider Willen, fragte: „Was haben Sie +vor?“ Und Jadassohn, bedeutungsschwer, mit dem Lächeln eines opfervollen +Entschlusses: „Ich stehe im Begriff, meine äußere Erscheinung in Einklang +zu bringen mit meinen nationalen Überzeugungen“ ... Als Diederich den Sinn +dieser Worte erfaßt hatte, konnte er nur noch eine achtungsvolle +Verbeugung machen; Jadassohn war schon fort. Dahinten flammten, nun er die +Halle betrat, seine Ohren noch einmal – das letztemal! – auf, wie zwei +Kirchenfenster im Abendschein. + +Auf den Bahnhof zu rückte eine Gruppe von Männern, in deren Mitte eine +Standarte schwebte. Einige Schutzleute kamen nicht eben leichtfüßig die +Treppe herab und stellten sich ihnen entgegen. Alsbald stimmte die Gruppe +die Internationale an. Gleichwohl ward ihr Ansturm von den Vertretern der +Macht erfolgreich zurückgeschlagen. Mehrere kamen freilich durch und +scharten sich um Napoleon Fischer, der, langatmig wie er war, seine +bestickte Reisetasche beinahe am Boden schleppte. Beim Büfett erfrischte +man sich nach diesen, in der Julisonne für die Sache des Umsturzes +bestandenen Strapazen. Dann versuchte Napoleon Fischer auf dem Bahnsteig, +da der Zug ohnedies Verspätung hatte, eine Ansprache zu halten; aber ein +Polizist untersagte es dem Abgeordneten. Napoleon setzte die bestickte +Tasche hin und fletschte die Zähne. Wie Diederich ihn kannte, war er im +Begriff, einen Widerstand gegen die Staatsgewalt zu begehen. Zu seinem +Glück fuhr der Zug ein – und erst jetzt ward Diederich auf einen +untersetzten Herrn aufmerksam, der sich aber abwandte, wenn man um ihn +herumging. Er hielt einen großen Blumenstrauß vor sich hin und sah dem Zug +entgegen. Diederich kannte doch diese Schultern ... Das ging mit dem +Teufel zu! Aus einem Coupé grüßte Judith Lauer, ihr Mann half ihr +herunter, ja, er überreichte ihr den Blumenstrauß, und sie nahm ihn mit +dem ernsten Lächeln, das sie hatte. Wie die beiden sich nach dem Ausgang +wandten, ging Diederich ihnen schleunigst aus dem Weg, und er schnaufte +dabei. Mit dem Teufel ging es nicht zu, Lauers Zeit war einfach herum, er +war wieder frei. Nicht daß von ihm etwas zu fürchten stand, immerhin mußte +man sich erst wieder daran gewöhnen, ihn draußen zu wissen ... Und mit +einem Bukett holte er sie ab! Wußte er denn nichts? Er hatte doch Zeit +gehabt, nachzudenken. Und sie, die zu ihm zurückkehrte, nachdem er fertig +gesessen hatte! Es gab Verhältnisse, von denen man sich als anständiger +Mensch nichts träumen ließ. Übrigens stand Diederich den Dingen nicht +näher als jeder andere; er hatte damals nur seine Pflicht getan. „Alle +werden dieselbe peinliche Empfindung haben wie ich. Man wird ihm +allerseits zu verstehen geben, daß er am besten zu Hause bleibt ... Denn +wie man sich bettet, liegt man.“ Käthchen Zillich hatte es begriffen und +die richtige Folgerung gezogen. Was ihr recht war, konnte gewissen anderen +Leuten billig sein, nicht nur dem Herrn Lauer. + +Diederich selbst, der von achtungsvollen Grüßen geleitet durch die Stadt +schritt, nahm jetzt auf die natürlichste Weise den Platz ein, den seine +Verdienste ihm bereitet hatten. Durch diese harte Zeit hatte er sich nun +so weit hindurchgekämpft, daß bloß noch die Früchte zu pflücken waren. Die +anderen hatten angefangen an ihn zu glauben: alsbald kannte auch er keinen +Zweifel mehr ... Über Gausenfeld liefen neuerdings ungünstige Gerüchte um, +und die Aktien fielen. Woher wußte man, daß die Regierung der Fabrik ihre +Aufträge entzogen und sie dem Heßlingschen Werk übertragen hatte? +Diederich hatte nichts verlauten lassen, aber man wußte es, noch bevor die +Arbeiterentlassungen kamen, die die „Netziger Zeitung“ so sehr bedauerte. +Der alte Buck, als Vorsitzender des Aufsichtsrates, mußte sie leider +persönlich anregen, was ihm allgemein schadete. Die Regierung ging +wahrscheinlich nur wegen des alten Buck so scharf vor. Es war ein Fehler +gewesen, ihn zum Vorsitzenden zu wählen. Überhaupt hätte er mit dem Geld, +das Heßling ihm anständigerweise gegeben hatte, lieber Schulden bezahlen +sollen, statt Gausenfelder Aktien zu kaufen. Diederich selbst äußerte +überall diese Ansicht. „Wer hätte das früher von ihm gedacht!“ bemerkte er +auch hierzu wieder, und wieder tat er einen gedankenvollen Blick in das +Schicksal. „Man sieht, wozu einer imstande ist, der den Boden unter den +Füßen verliert.“ Worauf jeder den beklemmenden Eindruck mitnahm, der alte +Buck werde auch ihn selbst, als Aktionär von Gausenfeld, in seinen Ruin +hineinreißen. Denn die Aktien fielen. Infolge der Entlassungen drohte ein +Streik: sie fielen noch tiefer ... Hier machte Kienast sich Freunde. +Kienast war unvermutet in Netzig eingetroffen, zur Erholung, wie er sagte. +Keiner gestand es gern dem anderen ein, daß er Gausenfelder hatte und +hereingefallen war. Kienast hinterbrachte es dem, daß jener schon verkauft +habe. Seine persönliche Meinung war, daß es hohe Zeit sei. Ein Makler, den +er übrigens nicht kannte, saß dann und wann im Café und kaufte. Einige +Monate später brachte die Zeitung ein tägliches Inserat des Bankhauses +Sanft & Co. Wer noch Gausenfelder hatte, konnte sie hier mühelos abstoßen. +Tatsächlich besaß zu Anfang des Herbstes kein Mensch mehr die faulen +Papiere. Dagegen ging das Gerede, Heßling und Gausenfeld sollten +fusioniert werden. Diederich zeigte sich verwundert. „Und der alte Herr +Buck?“ fragte er. „Als Vorsitzender des Aufsichtsrates wird er wohl noch +mitreden wollen. Oder hat er selbst schon verkauft?“ – „Der hat mehr +Sorgen“, hieß es dann. Denn in seiner Beleidigungssache gegen die +„Volksstimme“ war jetzt die Verhandlung anberaumt. „Er wird wohl +hineinfliegen“, meinte man; und Diederich, mit vollkommener Sachlichkeit: +„Schade um ihn. Dann hat er in seinem letzten Aufsichtsrat gesessen.“ + +In diesem Vorgefühl gingen alle zu der Verhandlung. Die auftretenden +Zeugen erinnerten sich nicht. Klüsing hatte schon längst zu jedem vom +Verkauf der Fabrik gesprochen. Hatte er von jenem Terrain besonders +gesprochen? Und hatte er als den Unterhändler den alten Buck genannt? Dies +alles blieb zweifelhaft. In den Kreisen der Stadtverordneten war bekannt +gewesen, daß das Grundstück in Frage komme für das damals in Aussicht +genommene Säuglingsheim. War Buck dafür gewesen? Jedenfalls nicht dagegen. +Mehreren war es aufgefallen, wie lebhaft er sich für den Platz +interessierte. Klüsing selbst, der noch immer krank war, hatte in seiner +kommissarischen Vernehmung ausgesagt, sein Freund Buck sei bis vor kurzem +bei ihm ein und aus gegangen. Wenn Buck ihm von dem Vorkaufsrecht auf das +Terrain gesprochen haben sollte, so habe er dies keinesfalls in einem für +Buck ehrenrührigen Sinne aufgefaßt ... Der Kläger Buck wünschte +festgestellt zu sehen, daß der verstorbene Kühlemann es gewesen sei, der +mit Klüsing verhandelt habe: Kühlemann selbst, der Spender des Geldes. +Aber die Feststellung mißlang, Klüsings Aussage war unentschieden auch +hierin. Daß Cohn es behauptete, war nicht wesentlich, da Cohn ein +Interesse hatte, seinen eigenen Besuch in Gausenfeld harmlos erscheinen zu +lassen. Als gewichtigster Zeuge blieb Diederich übrig, dem Klüsing +geschrieben und der gleich darauf mit ihm eine Unterredung gehabt hatte. +War damals ein Name gefallen? Er sagte aus: + +„Mir lag nicht daran, den oder jenen Namen zu erfahren. Ich stelle fest, +daß ich, was alle Zeugen bestätigen, niemals öffentlich den Namen des +Herrn Buck genannt habe. Mein Interesse in der Sache war einzig das der +Stadt, die nicht durch einzelne geschädigt werden sollte. Ich bin für die +politische Moral eingetreten. Persönliche Gehässigkeit liegt mir fern, und +es würde mir leid tun, wenn der Herr Kläger aus dieser Verhandlung nicht +ganz vorwurfsfrei hervorgehen sollte.“ + +Seinen Worten folgte ein anerkennendes Gemurmel. Nur Buck schien +unzufrieden; er fuhr auf, rot im Gesicht ... Diederich sollte nun angeben, +welches seine persönliche Auffassung der Sache sei. Er setzte an: da trat +Buck vor, straff aufgerichtet, und seine Augen flammten wieder, wie in der +tragisch verlaufenen Wahlversammlung. + +„Ich erlasse es dem Herrn Zeugen, ein schonendes Gutachten abzugeben über +meine Person und mein Leben. Er ist nicht der Mann dazu. Seine Erfolge +sind mit anderen Mitteln erreicht als die meinen, und sie haben einen +anderen Gegenstand. Mein Haus war immer jedem offen und zugänglich, auch +dem Herrn Zeugen. Mein Leben gehört seit mehr als fünfzig Jahren nicht +mir, es gehört einem Gedanken, den zu meiner Zeit mehrere hatten, der +Gerechtigkeit und dem Wohl aller. Ich war vermögend, als ich in die +Öffentlichkeit trat. Wenn ich sie verlasse, werde ich arm sein. Ich +brauche keine Verteidigung!“ + +Er schwieg, sein Gesicht zitterte noch – aber Diederich zuckte nur die +Achseln. Auf welche Erfolge berief sich der Alte? Er hatte schon längst +keine mehr und brachte nun hohle Worte vor, auf die niemand eine Hypothek +gab. Er tat erhaben und befand sich schon unter den Rädern. Konnte ein +Mensch seine Lage so sehr verkennen? „Wenn einer von uns den anderen von +oben herab zu behandeln hat –“ Und Diederich blitzte. Er blitzte den +Alten, der vergebens flammte, einfach nieder, und diesmal endgültig, +mitsamt der Gerechtigkeit und dem Wohl aller. Zuerst das eigene Wohl – und +gerecht war die Sache, die Erfolg hatte!... Er fühlte deutlich, daß dies +für alle feststand. Auch der Alte fühlte es, er setzte sich wieder, er +bekam runde Schultern, in seine Miene trat etwas wie Scham. Zu den +Schöffen gewendet, sagte er: „Ich verlange keine Ausnahmestellung, ich +unterwerfe mich dem Urteil meiner Mitbürger.“ + +Worauf denn Diederich, als sei nichts geschehen, in seiner Aussage +fortfuhr. Sie war wirklich sehr schonend und machte den besten Eindruck. +Seit dem Prozeß Lauer fand man ihn durchaus günstig verändert; er hatte an +überlegener Ruhe gewonnen, was freilich kein Kunststück hieß, da er jetzt +ein gemachter Mann und fein heraus war. Gerade schlug es Mittag, und im +Saal verbreitete sich summend das Neueste aus der „Netziger Zeitung“: es +war Tatsache, Heßling, Großaktionär von Gausenfeld, war als +Generaldirektor berufen worden ... Neugierig musterte man ihn – und ihm +gegenüber den alten Buck, auf dessen Kosten er Seide gesponnen hatte. Die +zwanzigtausend, die er dem Alten zuletzt noch geliehen hatte, bekam er nun +mit hundert Prozent zurück, und war noch edel. Daß der Alte sich für das +Geld gerade Gausenfelder gekauft hatte, wirkte wie ein guter Witz von +Heßling und tröstete im Augenblick manchen über den eigenen Verlust. Bei +Diederichs Abgang schwieg man an seinem Wege. Die Grüße drückten Achtung +in dem Grade aus, wo sie in Unterwürfigkeit übergeht. Die Hereingefallenen +grüßten den Erfolg. + +Mit dem alten Buck verfuhren sie unwirscher. Als der Vorsitzende das +Urteil verkündete, ward geklatscht. Nur fünfzig Mark für den Redakteur der +„Volksstimme“! Der Beweis war nicht vollständig erbracht, guter Glaube +ward zugebilligt. Vernichtend für den Kläger, sagten die Juristen – und +wie Buck das Gerichtsgebäude verließ, wichen auch die Freunde ihm aus. +Kleine Leute, die an Gausenfeld ihre Ersparnisse verloren hatten, +schüttelten die Fäuste hinter ihm her. Und allen brachte dieser Spruch des +Gerichts die Erleuchtung, daß sie mit ihrer Meinung über den alten Buck +eigentlich schon längst fertig waren. Ein Geschäft wie das mit dem Terrain +für das Säuglingsheim mußte wenigstens glücken: das Wort war von Heßling, +und es stimmte. Aber daran lag es: dem alten Buck war seiner Lebtage kein +Geschäft geglückt. Er dünkte sich was Wunder, wenn er als Stadtvater und +Parteiführer mit Schulden abschnitt. Faule Kunden gab es noch mehr! Der +geschäftlichen Fragwürdigkeit aber entsprach die moralische, dafür zeugte +die nie recht aufgeklärte Geschichte mit der Verlobung seines Sohnes, +desselben, der sich jetzt beim Theater umhertrieb. Und Bucks Politik? Eine +internationale Gesinnung, immer nur Opfer fordern für demagogische Zwecke, +aber wie Hund und Katz’ mit der Regierung, was dann wieder auf die +Geschäfte zurückwirkte: das war die Politik eines Menschen, der nichts +mehr zu verlieren hat und dem es an gutbürgerlicher Mündelsicherheit +gebricht. Entrüstet erkannte man, daß man sich auf Gedeih und Verderb in +der Hand eines Abenteurers befunden hatte. Ihn unschädlich zu machen, war +der allgemeine Herzenswunsch. Da er von selbst aus dem vernichtenden +Urteil die Folgerungen nicht zog, mußten andere sie ihm nahelegen. Das +Verwaltungsrecht enthielt doch wohl eine Bestimmung, wonach ein +Gemeindebeamter sich durch sein Verhalten in und außer dem Amte der +Achtung, die dieses erfordert, würdig zu erweisen hatte. Ob der alte Buck +diese Bestimmung erfüllte? Die Frage aufwerfen, hieß sie verneinen, wie +die „Netziger Zeitung“, ohne natürlich seinen Namen zu nennen, +feststellte. Aber es mußte erst so weit kommen, daß die +Stadtverordnetenversammlung mit der Angelegenheit befaßt ward. Da endlich, +einen Tag vor der Debatte, nahm der hartgesottene Alte Vernunft an und +legte sein Amt als Stadtrat nieder. Seine politischen Freunde konnten ihn +hiernach, bei Gefahr, die letzten Anhänger zu verlieren, nicht länger an +der Spitze der Partei lassen. Er machte es ihnen nicht leicht, wie es +schien; mehrfache Besuche bei ihm und ein sanfter Druck waren nötig, bevor +in der Zeitung sein Brief erschien: das Wohl der Demokratie sei ihm +wichtiger als seins. Da ihr, unter der Einwirkung von Leidenschaften, die +er für vergänglich halten wolle, jetzt Schaden drohe durch seinen Namen, +trete er zurück. „Wenn es dem Ganzen nützen kann, bin ich bereit, den +ungerechten Makel, den der getäuschte Volkswille mir auferlegt, zu tragen, +im Glauben an die ewige Gerechtigkeit des Volkes, das ihn dereinst wieder +von mir nehmen wird.“ + +Dies faßte man als Heuchelei und Überhebung auf; die Wohlmeinenden +entschuldigten es mit Greisenhaftigkeit. Übrigens hatte, was er schrieb +oder nicht schrieb, keinen Belang mehr, denn was war er noch? Leute, die +ihm Stellungen oder Gewinn verdankten, sahen ihm plötzlich ins Gesicht, +ohne an den Hut zu fassen. Manche lachten und machten laute Bemerkungen: +es waren die, denen er nichts zu befehlen gehabt hatte und die dennoch +voll Ergebenheit gewesen waren, solange er das allgemeine Ansehen genoß. +Statt der alten Freunde aber, die auf seinem täglichen Spaziergang sich +niemals vorfanden, kamen neue, seltsame. Sie begegneten ihm, wenn er +heimkehrte und es schon dämmerte, und es war etwa ein kleiner +Geschäftsmann mit gehetzten Augen, dem der Bankerott im Nacken saß, oder +ein düsterer Trunkenbold, oder irgendein die Häuser entlang streichender +Schatten. Diese sahen ihm, den Schritt verlangsamend, entgegen mit scheuer +oder frecher Vertraulichkeit. Sie rückten wohl zögernd ihre Kopfbedeckung, +dann winkte der alte Buck ihnen zu, und auch die Hand, die hingehalten +ward, nahm er, ganz gleich welche. + +Da die Zeit verging, beachtete auch der Haß ihn nicht mehr. Wer mit +Absicht weggesehen hatte, ging nun gleichgültig vorbei, und manchmal +grüßte er wieder, aus alter Gewohnheit. Ein Vater, der seinen jungen Sohn +bei sich hatte, bekam eine nachdenkliche Miene, und waren sie vorüber, +erklärte er dem Kinde: „Hast du den alten Herrn gesehen, der da so allein +hinschleicht und niemand ansieht? Dann merke dir für dein Leben, was aus +einem Menschen die Schande machen kann.“ Und das Kind ward fortan beim +Anblick des alten Buck von einem geheimnisvollen Grauen überlaufen, gleich +wie das erwachsene Geschlecht, als es klein war, bei seinem Anblick einen +unerklärten Stolz gefühlt hatte. Junge Leute freilich gab es, die der +herrschenden Meinung nicht folgten. Manchmal, wenn der Alte das Haus +verließ, war eben die Schule aus. Die Herden der Heranwachsenden trabten +davon, ehrfürchtig machten sie ihren Lehrern Platz, und Kühnchen, jetzt +rückhaltlos national, oder Pastor Zillich, sittenstrenger als je seit dem +Unglück mit Käthchen, eilten hindurch, ohne einen Blick für den +Gefallenen. Da blieben am Wege diese wenigen jungen Leute stehen, jeder +für sich, wie es schien, und aus eigenem Antrieb. Ihre Stirnen sahen +weniger glatt aus als die meisten; sie hatten Ausdruck in den Augen, nun +sie Kühnchen und Zillich den Rücken kehrten und vor dem alten Buck den +Kopf entblößten. Unwillkürlich hielt er dann den Schritt an und sah in +diese zukunftsträchtigen Gesichter, noch einmal voll der Hoffnung, mit der +er sein Leben lang in alle Menschengesichter gesehen hatte. + + + +Diederich inzwischen hatte wahrhaftig keine Zeit, viel Aufmerksamkeit zu +wenden an nebensächliche Begleiterscheinungen seines Aufstiegs. Die +„Netziger Zeitung“, jetzt unbedingt zu Diederichs Verfügung, stellte fest, +daß Herr Buck selbst es gewesen sei, der, noch bevor er den Vorsitz im +Aufsichtsrat niederlegte, die Berufung des Herrn Doktor Heßling zum +Generaldirektor befürworten mußte. An der Tatsache spürte mancher einen +eigenartigen Geschmack. Doch gab Nothgroschen zu bedenken, daß Herr +Generaldirektor Doktor Heßling sich ein großes und unbestrittenes +Verdienst um die Allgemeinheit erworben habe. Ohne ihn, der mehr als die +Hälfte der Aktien in aller Stille an sich gebracht hatte, wären sie +sicherlich immer tiefer gefallen, und gar manche Familie verdankte es nur +Herrn Doktor Heßling, daß sie vor dem Zusammenbruch bewahrt blieb. Der +Streik war durch die Energie des neuen Generaldirektors glücklich +beschworen. Seine nationale und kaisertreue Gesinnung bürgte dafür, daß +die Regierungssonne künftig über Gausenfeld nicht mehr untergehen werde. +Kurz, herrliche Zeiten brachen nun an für das wirtschaftliche Leben +Netzigs und besonders für die Papierindustrie – zumal das Gerücht von +einer Fusion des Heßlingschen Werkes mit Gausenfeld, wie aus sicherer +Quelle verlautete, auf Wahrheit beruhte. Nothgroschen konnte verraten, daß +Herr Doktor Heßling nur unter dieser Bedingung sich habe bewegen lassen, +die Leitung Gausenfelds zu übernehmen. + +Tatsächlich hatte Diederich nichts so Eiliges zu tun, als das +Aktienkapital erhöhen zu lassen. Für das neue Kapital ward das Heßlingsche +Werk erworben. Diederich hatte ein glänzendes Geschäft gemacht. Seine +erste Regierungshandlung hatte der Erfolg gekrönt, er war Herr der Lage, +mit seinem Aufsichtsrat aus gefügigen Männern, und konnte daran gehen, der +inneren Organisation des Unternehmens seinen Herrscherwillen aufzudrücken. +Gleich anfangs versammelte er sein ganzes Volk von Arbeitern und +Angestellten. „Einige von euch“, sagte er, „kennen mich schon, vom +Heßlingschen Werk her. Na, und ihr anderen sollt mich kennenlernen! Wer +mir behilflich sein will, ist willkommen, aber Umsturz wird nicht +geduldet! Vor noch nicht zwei Jahren hab’ ich das einem kleinen Teil von +euch gesagt, und jetzt seht euch an, wie viele ich jetzt unter meinem +Befehle habe. Ihr könnt stolz auf einen solchen Herrn sein! Verlaßt euch +auf mich, ich werde es mir angelegen sein lassen, euern nationalen Sinn zu +wecken und euch zu treuen Anhängern der bestehenden Ordnung zu machen.“ +Und er verhieß ihnen eigene Wohnhäuser, Krankenunterstützungen, billige +Lebensmittel. „Sozialistische Umtriebe aber verbitte ich mir! Wer in +Zukunft anders wählt, als ich will, fliegt!“ Auch dem Unglauben, sagte +Diederich, sei er zu steuern entschlossen; jeden Sonntag werde er sich +überzeugen, wer in der Kirche sei und wer nicht. „Solange in der Welt die +unerlöste Sünde herrscht, wird es Krieg und Haß, Neid und Zwietracht +geben. Und darum: einer muß Herr sein!“ + +Um diesen obersten Grundsatz zur Geltung zu bringen, wurden alle Räume der +Fabrik bedeckt mit Inschriften, die ihn verkündeten. Durchgang verboten! +Wasserholen mit den Eimern der Feuerlöschapparate verboten! +Flaschenbierholen erst recht verboten, denn Diederich hatte nicht +versäumt, mit einer Brauerei einen Vertrag zu schließen, der ihm Vorteile +sicherte vom Konsum seiner Leute ... Essen, Schlafen, Rauchen, Kinder +mitbringen, „Poussieren, Schäkern, Knutschen, überhaupt jede Unzucht“ +strengstens verboten! In den Arbeiterhäusern waren, noch bevor sie +wirklich dastanden, Pflegekinder verboten. Ein in freier Liebe +dahinlebendes Paar, das unter Klüsing zehn Jahre lang sich der Entdeckung +zu entziehen gewußt hatte, wurde feierlich entlassen. Dieser Vorfall war +für Diederich sogar der Anlaß, ein neues Mittel zur sittlichen Hebung des +Volkes zu verwenden. An den geeigneten Orten ließ er ein in Gausenfeld +selbst erzeugtes Papier aufhängen, bei dessen Benutzung niemand umhin +konnte, die moralischen oder staatserhaltenden Maximen zu beachten, mit +denen es bedruckt war. Zuweilen hörte er die Arbeiter einen von hoher +Stelle stammenden Ausspruch einander zurufen, von dem sie auf diesem Wege +überzeugt worden waren, oder sie sangen ein patriotisches Lied, das sich +ihnen bei derselben Gelegenheit eingeprägt hatte. Ermutigt durch diese +Erfolge, brachte Diederich seine Erfindung in den Handel. Sie trat unter +dem Zeichen „Weltmacht“ auf, und wirklich trug sie, wie eine großzügige +Reklame es verkündete, deutschen Geist, gestützt auf deutsche Technik, +siegreich durch die Welt. + +Alle Konfliktsstoffe zwischen Herrn und Arbeitern konnten auch diese +erzieherischen Papiere nicht entfernen. Eines Tages sah Diederich sich +veranlaßt, bekanntzugeben, daß er vom Versicherungsgeld nur +Zahnbehandlung, nicht aber auch Zahnersatz bezahlen werde. Ein Mann hatte +sich ein ganzes Gebiß verfertigen lassen! Da Diederich sich auf seine, +freilich erst nachträglich erlassene Bekanntmachung berief, prozessierte +der Mann und bekam abenteuerlicherweise sogar recht. Hierdurch in seinem +Glauben an die herrschende Ordnung erschüttert, ward er zum Aufwiegler, +verkam sittlich und wäre unter anderen Umständen unbedingt entlassen +worden. So aber konnte Diederich sich nicht entschließen, das Gebiß, das +ihn teuer zu stehen kam, dahinzugeben, und behielt daher auch den Mann.... +Die ganze Angelegenheit, er verhehlte es sich nicht, war dem Geiste der +Arbeiterschaft nicht zuträglich. Hinzu kam die Einwirkung gefährlicher +politischer Ereignisse. Als im neu eröffneten Reichstagsgebäude mehrere +sozialdemokratische Abgeordnete beim Kaiserhoch sitzengeblieben waren, da +konnte man nicht mehr zweifeln, die Notwendigkeit einer Umsturzvorlage war +bewiesen. Diederich machte in der Öffentlichkeit dafür Stimmung; seine +Leute bereitete er darauf in einer Ansprache vor, die sie mit düsterem +Schweigen aufnahmen. Die Mehrheit des Reichstages war gewissenlos genug, +die Vorlage abzulehnen, und der Erfolg ließ nicht warten, ein +Industrieller ward ermordet. Ermordet! Ein Industrieller! Der Mörder +behauptete kein Sozialdemokrat zu sein, aber das kannte Diederich von +seinen eigenen Leuten her; und der Ermordete sollte arbeiterfreundlich +gewesen sein, aber das kannte Diederich an sich selbst. Tage- und +wochenlang öffnete er keine Tür ohne Bangen vor einem dahinter schon +gezückten Messer. Sein Bureau erhielt Selbstschüsse, und gemeinsam mit +Guste kroch er jeden Abend durch das Schlafzimmer und suchte. Seine +Telegramme an den Kaiser, mochten sie von der Stadtverordnetenversammlung +ausgehen, vom Vorstand der „Partei des Kaisers“, vom Unternehmerverband +oder vom Kriegerverein: die Telegramme, mit denen Diederich den +Allerhöchsten Herrn überschüttete, schrien nach Hilfe gegen die von den +Sozialisten angefachte Revolutionsbewegung, der wieder ein Opfer mehr +erlegen war; nach Befreiung von dieser Pest, nach schleunigen gesetzlichen +Maßnahmen, militärischem Schutz der Autorität und des Eigentums, nach +Zuchthausstrafen für Streikende, die jemand abhielten zu arbeiten.... Die +„Netziger Zeitung“, die alles dies pünktlich wiedergab, vergaß aber +keinesfalls hinzuzufügen, wie sehr gerade Herr Generaldirektor Doktor +Heßling sich verdient mache um den sozialen Frieden und die +Arbeiterfürsorge. Jedes von Diederich neuerbaute Arbeiterhaus führte +Nothgroschen stark geschmeichelt im Bilde vor und schrieb dazu einen +hochgestimmten Artikel. Mochten gewisse andere Arbeitgeber, deren Einfluß +in Netzig glücklicherweise nicht mehr in Frage kam, unter ihren +Angestellten subversive Tendenzen schüren, indem sie sie am Gewinn +beteiligten. Die von Herrn Generaldirektor Doktor Heßling vertretenen +Grundsätze zeitigten zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer das denkbar +beste Verhältnis, wie Seine Majestät der Kaiser es überall in der +deutschen Industrie zu sehen wünschten. Ein kräftiger Widerstand gegen die +unberechtigten Forderungen der Arbeiter sowie eine Koalition der +Arbeitgeber gehörten bekanntlich gleichfalls zum sozialen Programm des +Kaisers, das mit zu verwirklichen ein Ruhmestitel des Herrn +Generaldirektor Doktor Heßling war. – Und daneben stand Diederichs Bild. + +Solche Anerkennung spornte zu immer eifrigerer Betätigung an – trotz der +unerlösten Sünde, die ihre verheerende Wirkung übrigens nicht nur +geschäftlich, sondern auch in der Familie äußerte. Hier war es leider +Kienast, der Neid und Zwietracht säte. Er behauptete, daß ohne ihn und +seine unauffällige Vermittlung beim Ankauf der Aktien Diederich seine +glänzende Stellung gar nicht erlangt haben würde. Worauf Diederich +erwiderte, daß Kienast durch einen seinen Mitteln entsprechenden +Aktienbesitz entschädigt sei. Dies erkannte der Schwager nicht an, +vielmehr vermaß er sich, für seine pietätlosen Ansprüche eine rechtliche +Grundlage gefunden zu haben. War er nicht als Gatte Magdas der +Mitbesitzer, zu einem Achtel ihres Wertes, der alten Heßlingschen Fabrik +gewesen? Die Fabrik war verkauft, Diederich hatte bares Geld und +Gausenfelder Vorzugsaktien dafür bekommen. Kienast verlangte ein Achtel +der Kapitalrente und der jährlichen Dividende der Vorzugsaktien. Auf +dieses unerhörte Ansinnen erwiderte Diederich mit aller Energie, daß er +weder seinem Schwager noch seiner Schwester irgend etwas mehr schuldig +sei. „Ich war nur verpflichtet, euch euren Anteil vom jährlichen Gewinn +meiner Fabrik zu zahlen. Meine Fabrik ist verkauft. Gausenfeld gehört +nicht mir, sondern einer Aktiengesellschaft. Was das Kapital betrifft, das +ist mein Privatvermögen. Ihr habt nichts zu fordern.“ – Kienast nannte +dies einen offenen Raub, Diederich, durch die eigenen Argumente vollkommen +überzeugt, sprach von Erpressung, und dann folgte ein Prozeß. + +Der Prozeß dauerte drei Jahre. Er ward mit immer wachsender Erbitterung +geführt, besonders von seiten Kienasts, der, um sich ihm ganz zu widmen, +seine Stellung in Eschweiler aufgab und mit Magda nach Netzig zog. Als +Hauptzeugen gegen Diederich hatte er den alten Sötbier aufgestellt, der in +seiner Rachsucht nun wirklich beweisen wollte, daß Diederich schon früher +an seine Verwandten nicht die ihnen zustehenden Summen abgeführt habe. +Auch verfiel Kienast darauf, gewisse Punkte in Diederichs Vergangenheit +mit Hilfe des jetzigen Abgeordneten Napoleon Fischer aufhellen zu wollen: +was ihm freilich niemals recht gelang. Immerhin aber ward Diederich durch +dieses Vorgehen genötigt, zu verschiedenen Malen größere Beträge für die +sozialdemokratische Parteikasse zu erlegen. Und er durfte es sich sagen, +sein persönlicher Verlust schmerzte ihn weniger als der Abbruch, den +dergestalt die nationale Sache erlitt ... Guste, deren Blick so weit nicht +reichte, schürte den Streit der Männer mehr aus weiblichen Motiven. Ihr +Erstes war ein Mädchen, und sie verzieh Magda ihren Jungen nicht. Magda, +die den Geldsachen anfangs nur ein laues Interesse entgegengebracht hatte, +leitete den Beginn der Feindseligkeiten von dem Tage her, als Emmi mit +einem aus Berlin bezogenen unerhörten Hut erschien. Magda stellte fest, +daß Emmi jetzt von Diederich in der empörendsten Weise bevorzugt wurde. +Emmi bewohnte in Gausenfeld ein eigenes Appartement, wo sie Tees gab. Die +Höhe ihres Toilettegeldes stellte eine Unverschämtheit gegen die +verheiratete Schwester dar. Magda mußte sehen, daß der Vorrang, den ihre +Verheiratung ihr eingetragen hatte, sich in das Gegenteil verkehrte; und +sie beschuldigte Diederich, er habe sich ihrer, vor dem Anbruch seiner +Glanzzeit, heimtückisch entledigt. Wenn Emmi auch jetzt noch keinen Mann +fand, schien dies besondere Gründe zu haben – die man sich in Netzig denn +auch ins Ohr sagte. Magda sah kein Hindernis, sie laut auszusprechen. +Durch Inge Tietz erfuhr man es in Gausenfeld; aber Inge brachte zugleich +eine Waffe gegen die Verleumderin mit, weil sie nämlich bei Kienasts der +Hebamme begegnet war, und das erste Kind war kaum ein halbes Jahr. Ein +furchtbarer Aufruhr trat hierauf ein, telephonische Beschimpfungen von +Haus zu Haus, Drohungen mit gerichtlicher Klage, wofür man Stoff sammelte, +indem jede der beiden Frauen das Zimmermädchen der anderen anwarb. + +Und bald nachdem Diederich und Kienast mit männlicher Besonnenheit den +äußersten Familienskandal für diesmal noch verhütet hatten, brach er +dennoch aus. Guste und Diederich bekamen anonyme Briefe, die sie vor jedem +Dritten und sogar voreinander verstecken mußten, so grenzenlos frivol war +ihr Inhalt. Noch dazu illustrierten ihn Zeichnungen, die jedes erlaubte +Maß einer wenn auch realistischen Kunst überschritten. Pünktlich jeden +Morgen lagen die harmlos grauen Umschläge auf dem Frühstückstisch, und +jeder ließ den seinen verschwinden, wobei man tat, als habe man den des +anderen nicht bemerkt. Eines Tages freilich war es aus mit dem +Versteckenspiel, denn Magda hatte die Kühnheit, in Gausenfeld zu +erscheinen, versehen mit einem Packen ganz gleichartiger Briefe, die sie +selbst erhalten haben wollte. Dies fand Guste zu stark. „Du wirst wohl +wissen, wer sie dir schreibt!“ brachte sie hervor, erstickt und rot +angelaufen. Magda sagte, sie könne es sich denken, und darum sei sie +gekommen. „Wenn du es nötig hast,“ erwiderte Guste und zischte, „daß du +dir selbst mußt solche Briefe schreiben, damit du in Stimmung kommst, dann +schreib’ sie wenigstens anderen Leuten nicht, die es nicht nötig haben!“ +Magda protestierte und stieß ihrerseits, grün im Gesicht, Beschuldigungen +aus. Aber Guste war zum Telephon gestürzt, sie rief Diederich aus dem +Bureau herbei; dann lief sie fort und kehrte mit einem Packen Briefe +zurück. Gegenüber trat Diederich ein und hatte seinen auch schon dabei. +Als die drei interessanten Sammlungen wirkungsvoll ausgebreitet auf dem +Tisch lagen, sahen die drei Verwandten entgeistert einander an. Dann +faßten sie sich und schrien alle gleichzeitig dieselben Anklagen. Um nicht +an Boden zu verlieren, rief Magda das Zeugnis ihres Mannes an, der +gleichfalls heimgesucht sei. Guste behauptete, auch bei Emmi etwas gesehen +zu haben. Emmi ward geholt und gestand unschwer in ihrer wegwerfenden Art, +daß auch ihr die Post solche Schweinereien gebracht habe. Die meisten habe +sie vernichtet. Die alte Frau Heßling sogar war nicht verschont geblieben! +Sie leugnete zwar weinend, solange es ging, ward aber überführt ... Da +dies alles die Angelegenheit nur erweiterte, aber nicht klärte, trennte +man sich beiderseits mit Drohungen, die innerlich haltlos, aber keineswegs +ohne Schrecken waren. Um ihre Stellung zu befestigen, hielt jede der +Parteien Umschau nach Bundesgenossen, wobei sich zunächst herausstellte, +daß auch Inge Tietz zu den Empfängern der unpassenden Darbietungen +gehörte. Was hiernach zu vermuten stand, bestätigte sich. Der unheimliche +Briefschreiber hatte überall in das Privatleben eingegriffen, sogar bei +Pastor Zillich, ja beim Bürgermeister und den Seinen. Soweit man blickte, +hatte er um das Haus Heßling und alle guten Häuser, die ihm nahestanden, +eine Atmosphäre der krassesten Obszönität geschaffen. Wochenlang wagte +Guste sich nicht hinaus. Ihr und Diederichs Argwohn warf sich +entsetzensvoll von dem auf jenen. In ganz Netzig traute keiner mehr dem +Vertrautesten. Der Tag kam und die Frühstücksstunde, da im Schoß der +Familie Heßling der Verdacht die letzten Grenzen verletzte. Ein Dokument, +unbeirrbar wie noch keins, zitterte in Gustes Hand; es hielt Augenblicke +fest, die in ihrer Eigentümlichkeit nur ihr und ihrem Gatten, tief +verschwiegen, bewußt waren. Kein Dritter ahnte dies, sonst hörte alles +auf. Dann aber?... Guste sandte über den Kaffeetisch einen prüfenden Blick +zu Diederich: in seiner Hand zitterte das gleiche Papier, und auch sein +Blick prüfte. Schnell schlugen beide, schreckengepackt, die Augen nieder. + +Der Verräter war überall. Wo niemand sonst war, da war er ein zweites Ich. +Durch ihn ward in nie geahnter Weise alle bürgerliche Ehrbarkeit in Frage +gestellt. Dank seiner Tätigkeit wäre in Netzig jedes moralische +Selbstgefühl und alle gegenseitige Achtung zum Untergang verurteilt +gewesen, hätte man nicht, wie auf allseitige Verabredung, Gegenmaßregeln +getroffen, die sie wiederherstellten. Die tausendfältigen Ängste, +unterirdisch fortarbeitend nach einem Ausweg, liefen zusammen von allen +Seiten, schufen mit der Kraft der vereinigten Angst den Kanal, der ans +Licht führte, und konnten endlich ihre dunkeln Fluten ergießen über einen +Mann. Gottlieb Hornung wußte nicht, wie ihm geschah. Unter vier Augen mit +Diederich hatte er nach seiner Weise groß getan und sich gewisser Briefe +gerühmt, die er geschrieben haben wollte. Auf Diederichs strenge +Vorhaltungen bemerkte er nur, solche Briefe schriebe doch jetzt jeder, es +sei Mode, ein Gesellschaftsspiel – was Diederich sofort gebührend +zurückwies. Er nahm aus der Unterredung den Eindruck mit, sein alter +Freund und Kommilitone Gottlieb Hornung, der schon so manche nützlichen +Dienste geleistet hatte, sei ganz geeignet, auch hier einen zu leisten, +wäre es selbst unfreiwillig; weshalb er ihn pflichtgemäß anzeigte. Und als +Hornung erst einmal laut genannt war, zeigte es sich, daß er schon längst +überall verdächtigt war. Er hatte während der Wahlen zahlreiche Einblicke +erhalten, war übrigens aus Netzig und ohne Verwandte, was ihm den Unfug +offenbar erleichtert hatte. Hinzu kam sein Verzweiflungskampf um das +Recht, weder Schwämme noch Zahnbürsten zu verkaufen; dieser Kampf +verbitterte ihn zusehends, er hatte ihm gewisse höhnische Äußerungen +entrissen, über Herrschaften, die die Schwämme wohl nicht nur außen nötig +hätten, und bei denen mit Zähneputzen noch nichts geschehen sei. Er ward +angeklagt und gab in mehreren Fällen seine Urheberschaft ohne weiteres zu. +In den meisten freilich leugnete er sie um so kräftiger, aber dafür gab es +Schreibsachverständige. Gegenüber der Meinung eines Zeugen wie Heuteufel, +der von einer Epidemie sprach und behauptete, ein einzelner sei zu schwach +für diesen ungeheuren Haufen Mist, standen alle übrigen Aussagen, stand +der öffentliche Wille. Auf das glücklichste vertrat ihn Jadassohn, der +seit seiner Rückkehr aus Paris kleinere Ohren hatte und zum Staatsanwalt +befördert war. Der Erfolg und das Bewußtsein, einwandfrei dazustehen, +hatten ihn sogar Mäßigung gelehrt; er sah ein, daß Rücksicht auf das große +Ganze es gebiete, den Stimmen Gehör zu schenken, die Hornung für nervös +überreizt ausgaben. Am bestimmtesten tat dies Diederich, der für seinen +unglücklichen Jugendfreund in jeder Weise eintrat. Hornung kam mit einem +Aufenthalt im Sanatorium davon, und als er herausdurfte, versah Diederich +ihn, wenn er nur Netzig verließ, mit Mitteln, die ihn gegen die Schwämme +und Zahnbürsten für einige Zeit wappneten. Auf die Dauer freilich waren +sie wohl die Stärkeren, und ein gutes Ende ließ sich kaum vorhersagen für +Gottlieb Hornung.... Natürlich hörten, sobald er wohlverwahrt in der +Anstalt saß, die Briefe auf. Oder wenigstens ließ man sich, wenn noch +einer kam, nichts mehr merken, die Affäre war abgetan. + + + +Diederich durfte wieder sagen: „Mein Haus ist meine Burg.“ Die Familie, +nicht länger schmutzigen Eingriffen ausgesetzt, blühte auf das reinste +empor. Nach Gretchen, die 1894 geboren ward, und Horst, von 1895, folgte +1896 Kraft. Diederich, ein gerechter Vater, legte jedem der Kinder, noch +bevor es da war, ein Konto an und trug vorerst die Kosten der Ausstattung +und der Hebamme ein. Seine Auffassung vom Eheleben war die strengste. +Horst kam nicht ohne Mühe zur Welt. Als es vorüber war, erklärte Diederich +seiner Gattin, daß er, vor die Wahl gestellt, sie glatt hätte sterben +lassen. „So peinlich es mir gewesen wäre“, setzte er hinzu. „Aber die +Rasse ist wichtiger, und für meine Söhne bin ich dem Kaiser +verantwortlich.“ Die Frauen waren der Kinder wegen da, Frivolitäten und +Ungehörigkeiten versagte Diederich ihnen, war aber nicht abgeneigt, ihnen +Erhebung und Erholung zu gönnen. „Halte dich an die drei großen G“, +bedeutete er Guste. „Gott, Gafee und Gören.“ Auf dem rotgewürfelten +Tischtuch, mit Reichsadler und Kaiserkrone in den Würfeln, lag neben der +Kaffeekanne immer die Bibel, und Guste war gehalten, jeden Morgen daraus +vorzulesen. Am Sonntag ging man zur Kirche. „Es ist oben erwünscht“, sagte +Diederich ernst, wenn Guste sich sträubte. Wie Diederich in der Furcht +seines Herrn, hatte Guste in der Furcht des ihren zu leben. Beim Eintritt +ins Zimmer war es ihr bewußt, daß dem Gatten der Vortritt gebühre. Die +Kinder wieder mußten ihr selbst die Ehre erweisen, und der Teckel Männe +hatte alle zu Vorgesetzten. Beim Essen dann oblag es Hund und Kindern, +sich schweigend zu verhalten; Gustes Sache war es, aus den Stirnfalten des +Gatten zu ersehen, ob es geboten sei, daß man ihn ungestört lasse, oder +aber ihm durch Geplauder die Sorgen verscheuche. Gewisse Gerichte wurden +nur für den Hausherrn aufgetragen, und Diederich warf an guten Tagen ein +Stück davon über den Tisch, um herzlich lachend zuzusehn, wer es +erwischte, Gretchen, Guste oder Männe. Sein Nachmittagsschlaf war öfters +durch eine Verdauungsstörung beschwert; Gustes Pflicht erheischte dann, +ihm warme Bauchbinden anzulegen. Diederich verhieß ihr, ächzend und schwer +beängstet, daß er sein Testament machen und einen Vormund einsetzen werde. +Guste werde kein Geld in die Hand bekommen. „Ich hab’ für meine Söhne +gearbeitet, aber nicht, damit du dich nachher amüsierst!“ Guste machte +geltend, ihr eigenes Vermögen sei die Grundlage von allem, aber sie kam +schön an ... Freilich, wenn Guste den Schnupfen hatte, durfte sie nicht +erwarten, daß Diederich nun seinerseits ihre Pflege übernahm. Sie hatte +sich dann nach Möglichkeit von ihm fernzuhalten, denn Diederich war +entschlossen, keine Bazillen zu dulden. Die Fabrik betrat er nur mit +desinfizierenden Tabletten im Munde; und eines Nachts entstand großer +Lärm, weil die Köchin an Influenza erkrankt war und vierzig Grad Fieber +hatte. „Sofort aus dem Hause mit der Schweinerei!“ befahl Diederich; und +als sie fort war, irrte er noch lange, keimtötende Flüssigkeiten +verspritzend, durch die Wohnung. + +Am Abend bei der Lektüre des „Lokal-Anzeigers“ erklärte er seiner Gattin +immer wieder, daß leben nicht notwendig sei, wohl aber schiffahren – was +Guste schon darum einsah, weil auch sie die Kaiserin Friedrich nicht +mochte, die uns bekanntlich an England verriet, ganz abgesehen von +gewissen häuslichen Zuständen in Schloß Friedrichskron, die Guste lebhaft +mißbilligte. Gegen England brauchten wir eine starke Flotte; es mußte +unbedingt zerschmettert werden, es war der ärgste Feind des Kaisers. Und +warum? Man wußte es in Netzig ganz genau: nur weil Seine Majestät einst in +angeregter Laune dem Prinzen von Wales dort, wo es am verlockendsten +erschien, einen freundschaftlichen Schlag versetzt hatte. Außerdem kamen +aus England gewisse feine Papiersorten, deren Einfuhr durch einen +siegreichen Krieg am sichersten abgestellt worden wäre. Über die Zeitung +hinweg sagte Diederich zu Guste: „So wie ich England hasse, hat nur +Friedrich der Große dies Volk von Dieben und Händlern gehaßt. Das ist ein +Wort Seiner Majestät, und ich unterschreibe es.“ Er unterschrieb jedes +Wort in jeder Rede des Kaisers, und zwar in der ersten, stärkeren Form, +nicht in der abgeschwächten, die sie am Tage darauf annahmen. Alle diese +Kernworte deutschen und zeitgemäßen Wesens – Diederich lebte und webte in +ihnen, wie in Ausstrahlungen seiner eigenen Natur, sein Gedächtnis +bewahrte sie, als habe er sie selbst gesprochen. Manchmal hatte er sie +wirklich schon gesprochen. Andere untermischte er bei öffentlichen +Gelegenheiten seinen eigenen Erfindungen, und weder er noch ein anderer +unterschied, was von ihm kam und was von einem Höheren ... „Dies ist süß“, +sagte Guste, die das Vermischte las. „Der Dreizack gehört in unsere +Faust“, behauptete Diederich unbeirrt, indes Guste ein Erlebnis der +Kaiserin zum besten gab, das sie tief befriedigte. In Hubertusstock gefiel +sich die hohe Frau in einfacher, beinahe bürgerlicher Kleidung. Ein +Briefträger, dem sie sich auf der Landstraße zu erkennen gab, hatte ihr +nicht geglaubt, daß sie es sei, und sie ausgelacht. Nachher war er +vernichtet auf die Knie gesunken und hatte eine Mark erhalten. Dies +entzückte auch Diederich – wie es ihm andererseits an das Herz griff, daß +der Kaiser am Weihnachtsabend auf die Straße ging, um mit 57 Mark +neugeprägten Geldes den Armen Berlins ein frohes Fest zu bereiten – und +wie es ihn ahnungsvoll erschauern ließ, daß Seine Majestät Ehrenbailli des +Maltheserordens geworden war. Welten, nie geahnt, erschloß der +„Lokal-Anzeiger“, und dann wieder brachte er einem die Allerhöchsten +Herrschaften gemütlich nahe. Im Erker dort die dreiviertel lebensgroßen +Bronzefiguren der Majestäten schienen lächelnd näher zu rücken, und den +Trompeter von Säckingen, der sie begleitete, hörte man traulich blasen. +„Himmlisch muß es bei Kaisers sein,“ meinte Guste, „wenn große Wäsche ist. +Sie haben hundert Leute zum Waschen!“ Wohingegen Diederich von tiefem +Wohlgefallen erfüllt ward durch die Teckel des Kaisers, die vor den +Schleppen der Hofdamen keine Achtung zu haben brauchten. Der Plan reifte +in ihm, bei seiner nächsten Soiree seinem Männe volle diesbezügliche +Freiheit zu erteilen. Freilich, schon auf der folgenden Spalte machte ein +Telegramm ihm ernste Sorge, weil es noch immer nicht feststand, ob der +Kaiser und der Zar sich treffen würden. „Wenn es nicht bald kommt,“ sagte +er gewichtig, „müssen wir uns auf alles gefaßt machen. Die Weltgeschichte +läßt nicht mit sich spaßen.“ Gern hielt er sich länger bei drohenden +Katastrophen auf, denn „die deutsche Seele ist ernst, fast tragisch“, +stellte er fest. + +Aber Guste zeigte keine Teilnahme mehr, sie gähnte immer häufiger. Unter +dem strafenden Blick des Gatten schien sie sich an eine Pflicht zu +erinnern, sie machte herausfordernde Schlitzaugen und bedrängte ihn sogar +mit ihren Knien. Er wollte noch einen nationalen Gedanken äußern, da sagte +Guste mit ungewohnt strenger Stimme „Quatsch“; Diederich aber, weit +entfernt, diesen Übergriff zu bestrafen, blinzelte sie an, als erwartete +er noch mehr ... Da er sie unten zu umspannen versuchte, verscheuchte sie +vollends ihre Müdigkeit, und plötzlich hatte er eine mächtige Ohrfeige – +worauf er nichts erwiderte, sondern aufstand und sich schnaufend hinter +einen Vorhang drückte. Und als er wieder in das Licht kam, zeigte es sich, +daß seine Augen keineswegs blitzten, sondern voll Angst und dunkeln +Verlangens standen ... Dies schien Guste die letzten Bedenken zu nehmen. +Sie erhob sich; indes sie in fesselloser Weise mit den Hüften schaukelte, +begann sie ihrerseits heftig zu blitzen, und den wurstförmigen Finger +gebieterisch gegen den Boden gestreckt, zischte sie: „Auf die Knie, +elender Schklafe!“ Und Diederich tat, was sie heischte! In einer +unerhörten und wahnwitzigen Umkehrung aller Gesetze durfte Guste ihm +befehlen: „Du sollst meine herrliche Gestalt anbeten!“ – und dann auf den +Rücken gelagert, ließ er sich von ihr in den Bauch treten. Freilich +unterbrach sie sich inmitten dieser Tätigkeit und fragte plötzlich ohne +ihr grausames Pathos und streng sachlich: „Haste genug?“ Diederich rührte +sich nicht; sofort ward Guste wieder ganz Herrin. „Ich bin die Herrin, du +bist der Untertan“, versicherte sie ausdrücklich. „Aufgestanden! Marsch!“ +– und sie stieß ihn mit ihren Grübchenfäusten vor sich her nach dem +ehelichen Schlafgemach. „Freu’ dich!“ verhieß sie ihm schon, da gelang es +Diederich, zu entwischen und das Licht abzudrehen. Im Dunkeln, versagenden +Herzens vernahm er, wie Guste dort hinten ihm die wenigst anständigen +Namen gab, wobei sie freilich schon wieder gähnte. Etwas später lag sie +vielleicht schon und schlief – Diederich aber, noch immer des Äußersten +gewärtig, kroch auf allen Vieren die Estrade hinan und versteckte sich +hinter dem bronzenen Kaiser ... + +Regelmäßig nach solchen nächtlichen Phantasien ließ er sich am Morgen das +Wirtschaftsbuch vorlegen, und wehe, wenn Gustes Rechnung nicht glatt +aufging. Durch ein fürchterliches Strafgericht in Gegenwart aller +Dienstboten setzte Diederich ihrem kurzen Machtdünkel, falls sie noch eine +Erinnerung daran bewahrte, ein jähes Ende. Autorität und Sitte +triumphierten wieder. Auch sonst war dafür gesorgt, daß die ehelichen +Beziehungen nicht allzusehr zum Vorteil Gustes ausschlugen, denn jeden +zweiten, dritten Abend, manchmal noch öfter, ging Diederich fort – zum +Stammtisch in den Ratskeller, wie er sagte, aber das stimmte nicht +immer ... Am Stammtisch war Diederichs Platz unter einem gotischen Bogen, +in dem zu lesen stand: „Je schöner die Kneip’, desto schlimmer das Weib, +je schlimmer das Weib, desto schöner die Kneip’.“ Und auch die kernigen +alten Sinnsprüche in den übrigen Bogen rächten einen in wohltuender Weise +für die Zugeständnisse, die man, durch die Natur genötigt, der Frau daheim +zuweilen machte. „Wer nicht liebt Wein und Gesang, verdient ein Weib sein +Leben lang“, oder „Behüt euch Gott vor Schmerz und Wunden, vor bösen +Weibern und bösen Hunden“. Dagegen las, wer zwischen Jadassohn und +Heuteufel die Augen zur Decke erhob: „Friedliche Rast am traulichen Herd, +und an der Wand ein schneidiges Schwert. Nach alter Sitt’ in deutscher +Mitt’, kommt trinkt euch aller Sorgen quitt“. Was allerseits geschah, ohne +Unterschied der Konfession und Partei. Denn auch Cohn und Heuteufel samt +ihren näheren Freunden und Gesinnungsgenossen hatten im Lauf der Zeit sich +eingefunden, einer nach dem anderen und ohne viel Aufsehen, weil es eben +auf die Dauer niemandem möglich war, den Erfolg zu bestreiten oder zu +übersehen, der den nationalen Gedanken beflügelte und immer höher trug. +Das Verhältnis Heuteufels zu seinem Schwager Zillich litt nach wie vor +unter Mißhelligkeiten. Zwischen den Weltanschauungen lagen denn doch +unübersteigbare Schranken, und „in seine religiösen Überzeugungen läßt +sich der Deutsche nicht hineinreden“, wie man auf beiden Seiten +feststellte. In der Politik dagegen war bekanntlich jede Ideologie vom +Übel. Seinerzeit im Frankfurter Parlament hatten gewisse hochbedeutende +Männer gesessen, aber es waren noch keine Realpolitiker gewesen, und darum +hatten sie nichts als Unsinn gemacht, wie Diederich bemerkte. Übrigens +milde gestimmt durch seine Erfolge, gab er zu, daß das Deutschland der +Dichter und Denker vielleicht auch seine Berechtigung gehabt habe. „Aber +es war doch nur eine Vorstufe, unsere geistigen Leistungen heute liegen +auf dem Gebiet der Industrie und Technik. Der Erfolg beweist.“ Heuteufel +mußte es zugeben. Seine Äußerungen über den Kaiser, über Wirksamkeit und +Bedeutung Seiner Majestät klangen wesentlich zurückhaltender als ehedem; +bei jedem neuen Auftreten des allerhöchsten Redners stutzte er, versuchte +zu nörgeln und ließ doch erkennen, daß er am liebsten sich einfach +angeschlossen hätte. Der entschiedene Liberalismus, dies ward nachgerade +allgemein anerkannt, konnte nur gewinnen, wenn auch er sich mit der +Energie des nationalen Gedankens erfüllte, wenn er positiv mitarbeitete +und bei zielbewußtem Hochhalten des freiheitlichen Banners doch den +Feinden, die uns den Platz in der Sonne nicht gönnten, ein unerbittliches +_quos ego_ zurief. Denn nicht nur unser Erbfeind Frankreich erhob immer +aufs neue das Haupt: auch die Abrechnung mit den unverschämten Engländern +rückte näher! Die Flotte, für deren Ausbau die geniale Propaganda unseres +genialen Kaisers unermüdlich wirkte, tat uns bitter not, und unsere +Zukunft lag tatsächlich auf dem Wasser, diese Erkenntnis gewann immer mehr +an Boden. Rings um den Stammtisch griff die Idee der Flotte Platz und ward +zur lodernden Flamme, die immer neu mit deutschem Wein genährt, ihrem +Schöpfer huldigte. Die Flotte, diese Schiffe, verblüffende Maschinen +bürgerlicher Erfindung, die in Betrieb gesetzt, Weltmacht produzierten, +genau wie in Gausenfeld gewisse Maschinen ein gewisses „Weltmacht“ +benanntes Papier produzierten, sie lag Diederich mehr als alles am Herzen, +und Cohn wie Heuteufel wurden dem nationalen Gedanken vor allem durch die +Flotte gewonnen: Eine Landung in England war der Traum, der unter den +gotischen Gewölben des Ratskellers nebelte. Die Augen funkelten, und die +Beschießung Londons ward verhandelt. Die Beschießung von Paris war eine +Begleiterscheinung und vollendete die Pläne, die Gott mit uns vorhatte. +Denn „die christlichen Kanonen tun gute Arbeit“, wie Pastor Zillich sagte. +Nur Major Kunze bezweifelte dies, er erging sich in den düstersten +Voraussagen. Seit er, Kunze, von dem Genossen Fischer besiegt worden war, +hielt er jede Niederlage für möglich. Aber er blieb der einzige Nörgler. +Wer am meisten triumphierte, war Kühnchen. Die Taten, die der schreckliche +kleine Greis einst im großen Krieg vollführt hatte, jetzt endlich, ein +Vierteljahrhundert später, fanden sie ihre wahre Bestätigung in der +allgemeinen Gesinnung. „Die Saat,“ sagte er, „die wir dunnemals gesät +haben, na nu geht se auf. Daß meine alten Augen das noch sehen dürfen!“ – +und dann schlief er ein bei seiner dritten Flasche. + +Im ganzen erfreulich gestaltete sich auch Diederichs Verhältnis zu +Jadassohn. Die ehemaligen Rivalen, beide gereift und in die Sphäre der +gesättigten Existenzen vorgerückt, beeinträchtigten einander weder +politisch noch am Stammtisch, und auch nicht in jener verschwiegenen +Villa, die Diederich an dem Abend der Woche aufsuchte, wo er ohne Gustes +Wissen dem Stammtisch fernblieb. Sie lag vor dem Sachsentor, es war die +ehemals von Brietzensche Villa, und sie ward bewohnt von einer einzelnen +Dame, die selten öffentlich gesehen ward und dann niemals zu Fuß. In einer +Proszeniumsloge der „Walhalla“ saß sie zuweilen in großer Aufmachung, ward +allgemein durch die Operngläser betrachtet, aber von niemand gegrüßt; und +ihrerseits verhielt sie sich wie eine Königin, die ihr Inkognito wahrt. +Natürlich wußte trotz der Aufmachung alle Welt, das war Käthchen Zillich, +die, in Berlin für ihren Beruf vorgebildet, ihn in der von Brietzenschen +Villa nunmehr erfolgreich ausübte. Auch verkannte niemand, daß dieser +Tatbestand nicht geeignet schien, das Ansehen des Pastors Zillich zu +heben. Die Gemeinde nahm schweres Ärgernis, zu schweigen von den Spöttern, +die entzückt waren. Um eine Katastrophe abzuwenden, beantragte der Pastor +bei der Polizei die Beseitigung des Übels, stieß aber auf einen +Widerstand, der nur erklärlich schien, wenn man gewisse Zusammenhänge +annahm zwischen der Villa von Brietzen und den höchsten Stellen der Stadt. +An der irdischen Gerechtigkeit nicht weniger als an der göttlichen +verzweifelnd, schwor der Vater, das Amt des Richters selbst zu übernehmen, +und wirklich sollte er eines Nachmittags, als sie noch im Bette lag, die +verlorene Tochter einer Züchtigung unterzogen haben. Nur der Mutter, die +ihm, alles ahnend, gefolgt war, verdankte Käthchen ihr nacktes Leben, wie +die Gemeinde behauptete. Der Mutter sagte man eine verwerfliche Schwäche +nach für die Tochter in ihrem sündigen Glanz. Was Pastor Zillich betraf, +so erklärte er von der Kanzel herab Käthchen für tot und verfault, wodurch +er sich vor dem Einschreiten des Konsistoriums rettete. Mit der Zeit +verstärkte die ihm widerfahrene Prüfung seine Autorität ... Diederich +seinerseits kannte von den Herren, die an Käthchens Lebenswandel mit +Einlagen beteiligt waren, offiziell nur Jadassohn, obwohl Jadassohn von +allen die kleinsten Einlagen machte, Diederich vermutete sogar, gar keine. +Jadassohns Beziehungen zu Käthchen lagen eben, noch von früher her, als +Hypothek auf dem Unternehmen. So nahm Diederich keinen Anstand, die +Sorgen, die es ihm machte, mit Jadassohn zu besprechen. Die beiden rückten +am Stammtisch in der Nische zusammen, die die Inschrift trug: „Was einem +Mann zur Lust ein minnig Weiblein brät, gar wohl gerät“; und mit der +gebotenen Rücksicht auf Pastor Zillich, der nicht weit davon über die +christlichen Kanonen handelte, besprachen sie die Angelegenheiten der +Villa von Brietzen. Diederich beklagte sich über Käthchens unersättliche +Ansprüche an seine Kasse, von Jadassohn erwartete er einen günstigen +Einfluß auf sie in dieser Beziehung. Aber Jadassohn fragte nur: „Wozu +haben Sie sie denn? Sie soll doch Geld kosten?“ Und dies war auch wieder +richtig. Denn nach seiner ersten kurzen Genugtuung, Käthchen auf diesem +Wege doch noch erworben zu haben, betrachtete Diederich sie nachgerade nur +mehr als einen Posten, einen stattlichen Posten auf seinem Reklamekonto. +„Meine Stellung,“ sagte er zu Jadassohn, „erfordert eine großzügige +Repräsentation. Sonst würde ich, offen gestanden, das ganze Geschäft +fallen lassen, denn unter uns, Käthchen bietet nicht genug.“ Hier lächelte +Jadassohn beredsam, sagte aber nichts. „Überhaupt,“ fuhr Diederich fort, +„ist sie dasselbe Genre wie meine Frau, und meine Frau“ – er hielt die +Hand vor – „ist leistungsfähiger. Sehen Sie, gegen sein Gemüt kann man +nichts machen, nach jedem Abstecher in die Villa von Brietzen kommt es mir +vor, als ob ich meiner Frau etwas schulde. Lachen Sie nur, tatsächlich +schenke ich ihr dann immer was. Wenn es ihr nur nicht auffällt!“ Jadassohn +lachte mit noch mehr Grund, als Diederich meinte; denn er hatte es schon +längst für seine sittliche Pflicht gehalten, Frau Generaldirektor Heßling +aufzuklären über diese Zusammenhänge. + +Im Politischen ergab sich für Diederich und Jadassohn ein ähnlich +ersprießliches Zusammenwirken wie bei Käthchen; denn gemeinsam beeiferten +sie sich, die Stadt von Schlechtgesinnten zu reinigen, besonders von +solchen, die die Pest der Majestätsbeleidigungen weiter verbreiteten. +Diederich mit seinen vielfachen Beziehungen machte sie ausfindig, worauf +Jadassohn sie ans Messer lieferte. Nach dem Erscheinen des Sanges an Aegir +gestaltete sich ihre Tätigkeit besonders fruchtbar. In Diederichs eigenem +Hause nannte die Klavierlehrerin, die mit Guste übte, den Sang an Aegir +einen –! In das, was sie gesagt hatte, flog sie selbst ... Wolfgang Buck +sogar, der neuerdings wieder in Netzig weilte, erklärte die Verurteilung +für durchaus angemessen, denn sie befriedige das monarchische Gefühl. +„Einen Freispruch hätte das Volk nicht verstanden“, sagte er am +Stammtisch. „Die Monarchie ist unter den politischen Regimen eben das, was +in der Liebe die strengen und energischen Damen sind. Wer dementsprechend +veranlagt ist, verlangt, daß etwas geschieht, und mit Milde ist ihm nicht +gedient.“ Hier errötete Diederich ... Leider bekundete Buck solche +Gesinnungen nur, solange er nüchtern war. Späterhin gab er durch seine von +früher her sattsam bekannte Art, die heiligsten Güter in den Schmutz zu +ziehen, Gelegenheit genug, ihn aus jeder anständigen Gesellschaft +auszuschließen. Diederich war es, der ihn vor diesem Schicksal bewahrte. +Er verteidigte seinen Freund. „Die Herren müssen bedenken, er ist erblich +belastet, denn die Familie weist Anzeichen einer schon ziemlich weit +vorgeschrittenen Degeneration auf. Andererseits spricht es für einen +gesunden Kern in ihm, daß das Schauspielerdasein ihn denn doch nicht +befriedigt hat und daß er zu seinem Beruf als Rechtsanwalt zurückgefunden +hat.“ Man erwiderte, es sei verdächtig, wenn Buck sich über seine fast +dreijährigen Erfahrungen beim Theater so völlig ausschweige. War er +überhaupt noch satisfaktionsfähig? Diese Frage konnte Diederich nicht +beantworten; es war ein logisch nicht begründeter, aber tiefsitzender +Drang, der ihn dem Sohn des alten Buck immer wieder näherte. Immer wieder +nahm er mit Eifer eine Unterredung auf, die doch jedesmal schroff abbrach, +nachdem sie die schärfsten Gegensätze bloßgelegt hatte. Er führte Buck +sogar in sein Heim ein, erlebte dabei aber eine Überraschung. Denn wenn +Buck anfangs wohl nur einem besonders guten Kognak zuliebe kam, bald kam +er sichtlich wegen Emmi. Die beiden verstanden sich über Diederich hinweg +und in einer Art, die ihn befremdete. Sie führten spitze und scharfe +Gespräche, anscheinend ohne das Gemüt oder die anderen Faktoren, die der +Verkehr der Geschlechter normalerweise in Betrieb setzte; und senkten sie +die Stimmen und wurden vertraulich, fand Diederich sie vollends +unheimlich. Er hatte nur die Wahl, ob er dazwischenfahren und korrekte +Verhältnisse herstellen oder aber das Zimmer verlassen sollte. Zu seinem +eigenen Erstaunen entschied er sich für das letztere. „Sie haben beide +sozusagen ihre Schicksale gehabt, wenn die Schicksale auch danach waren“, +sagte er sich mit der Überlegenheit, die ihm zukam, und ohne viel darauf +zu achten, daß er im Grunde stolz war auf Emmi, stolz, weil Emmi, seine +eigene Schwester, fein genug, besonders genug, ja, fragwürdig genug +schien, um sich mit Wolfgang Buck zu verständigen. „Wer weiß“, dachte er +zögernd, und dann entschlossen: „Warum nicht! Bismarck hat es auch so +gemacht, mit Österreich. Zuerst niedergeworfen, dann ein Bündnis!“ + +Aus diesen noch dunklen Überlegungen heraus widmete Diederich auch dem +Vater Wolfgangs wieder ein gewisses Interesse. Der alte Buck, von einem +Herzleiden befallen, kam nur mehr selten zum Vorschein, und dann stand er +die meiste Zeit vor irgendeinem Schaufenster, scheinbar in die Auslage +vertieft, in Wirklichkeit aber einzig bemüht, zu verbergen, daß er nicht +atmen konnte. Was dachte er? Wie urteilte er über die neue geschäftliche +Blüte Netzigs, den nationalen Aufschwung und über die, die jetzt die Macht +hatten? War er überzeugt und auch innerlich besiegt? Es kam vor, daß +Generaldirektor Doktor Heßling, der mächtigste Mann der Bürgerschaft, sich +heimlich in ein Haustor drückte, um dann ungesehen hinterdrein zu +schleichen hinter diesem einflußlosen, schon halb vergessenen Alten: er +auf seiner Höhe rätselhaft beunruhigt durch einen Sterbenden ... Da der +alte Buck seine Hypothekenzinsen nur noch mit Verspätung zahlte, schlug +Diederich dem Sohn vor, er wolle das Haus übernehmen. Natürlich dürfe der +alte Herr es bewohnen, solange er lebe. Auch die Einrichtung wollte +Diederich kaufen und sogleich bezahlen. Wolfgang bestimmte den Vater, +anzunehmen. + +Inzwischen ging der 22. März vorüber, Wilhelm der Große war hundert Jahre +alt geworden, und sein Denkmal stand noch immer nicht im Volkspark. Die +Interpellationen in der Stadtverordnetenversammlung nahmen kein Ende, +mehrmals waren unter schweren Kämpfen Nachtragskredite bewilligt und +wieder überschritten worden. Der schwerste Schlag hatte die Gemeinde +getroffen, als Seine Majestät den höchstseligen Großvater als Fußgänger +ablehnten und ein Reiterstandbild befahlen. Diederich, von Ungeduld +getrieben, ging des öfteren am Abend in die Meisestraße, um sich vom Stand +der Arbeiten zu überzeugen. Es war Mai und peinlich warm noch in der +Dämmerung, aber auf dem leeren, neu angepflanzten Areal des Volksparkes +ging ein Luftzug. Diederich sann wieder einmal mit gereizten Gefühlen dem +glänzenden Geschäft nach, das der Rittergutsbesitzer Herr von Quitzin hier +gemacht hatte. Der hatte es bequem gehabt! Grundstücksgeschäfte waren kein +Kunststück, wenn der Vetter Regierungspräsident war. Die Stadt mußte ihm +einfach das Ganze abnehmen für das Kaiser-Wilhelm-Denkmal und mußte +zahlen, was er verlangte ... Da tauchten zwei Gestalten auf; Diederich sah +rechtzeitig, wer es war und zog sich ins Gebüsch zurück. + +„Hier läßt sich atmen“, sagte der alte Buck. Sein Sohn erwiderte: + +„Wenn einem hier nicht die Lust dazu vergeht. Sie haben anderthalb +Millionen Schulden gemacht, um dieses Müllager zu schaffen.“ Und er zeigte +auf den unfertigen Aufbau von steinernen Sockeln, Adlern, Rundbänken, +Löwen, Tempeln und Figuren. Die Adler setzten flügelschlagend ihre Krallen +in den noch leeren Sockel, andere Exemplare nisteten wieder auf jenen, die +Rundbänke symmetrisch unterbrechenden Tempeln; dort holten aber auch Löwen +zum Sprung aus nach dem Vordergrund, wo ohnehin Aufregung genug herrschte +durch flatternde Fahnen und heftig agierende Menschen. Napoleon der +Dritte, in der geknickten Haltung von Wilhelmshöhe die Rückwand des +Sockels zierend, als Besiegter hinter dem Triumphwagen, war überdies immer +in Gefahr, von einem Löwen angefallen zu werden, der gerade hinter ihm, +auf der Treppe des Monuments, seinen schlimmsten Buckel machte – +wohingegen Bismarck und die anderen Paladine, mitten im Tierkäfig wie zu +Hause, vom Fuß des Sockels mit allen Händen hinauflangten, um mit +anzugreifen bei den Taten des noch abwesenden Herrschers. + +„Wer müßte nun dort oben einhersprengen?“ fragte Wolfgang Buck. „Der Alte +war nur ein Vorläufer. Dies mystisch-heroische Spektakel wird nachher mit +Ketten von uns abgesperrt sein, und wir werden zu gaffen haben: was von +allem der Endzweck war. Theater, und kein gutes.“ + +Nach einer Weile – die Dämmerung graute – sagte der Vater: „Und du, mein +Sohn? Auch dir schien es einmal der Endzweck, zu spielen.“ + +„Wie meinem ganzen Geschlecht. Mehr können wir nicht. Wir sollten uns +leicht und klein nehmen heute, es ist die sicherste Haltung angesichts der +Zukunft; und ich sage nicht, daß es mehr war als Eitelkeit, weshalb ich +die Bühne wieder verlassen habe. Lächerlich, Vater, ich bin gegangen, weil +einmal, als ich spielte, ein Polizeipräsident geweint hatte. Aber bedenke +auch, ob dies erträglich war. Feinheiten letzten Grades, Einsicht in +Herzen, hohe Moral, Modernität des Intellektes und der Seele stelle ich +für Menschen dar, die meinesgleichen scheinen, weil sie mir zuwinken und +betroffene Gesichter haben. Nachher aber liefern sie Revolutionäre aus und +schießen auf Streikende. Denn mein Polizeipräsident steht für alle.“ + +Hier wandte Buck sich genau dem Busch zu, der Diederich barg. + +„Kunst bleibt euch Kunst, und alles Ungestüm des Geistes rührt nie an euer +Leben. Den Tag, an dem die Meister eurer Kultur dies begriffen hätten wie +ich, würden sie euch, wie ich, allein lassen mit euren wilden Tieren.“ Und +er zeigte nach den Löwen und Adlern. Auch der Alte sah auf das Denkmal; er +sagte: + +„Sie sind sehr mächtig geworden; aber durch ihre Macht ist in die Welt +weder mehr Geist noch mehr Güte gekommen. Also war es umsonst. Auch wir +waren scheinbar umsonst da.“ Er blickte auf den Sohn. „Dennoch dürft ihr +ihnen das Feld nicht lassen.“ + +Wolfgang seufzte schwer. „Worauf hoffen, Vater? Sie hüten sich, die Dinge +auf die Spitze zu treiben, wie jene Privilegierten vor der Revolution. Aus +der Geschichte haben sie leider Mäßigung gelernt. Ihre soziale +Gesetzgebung baut vor und korrumpiert. Sie sättigt das Volk gerade so +weit, daß es ihm sich nicht mehr verlohnt, ernstlich zu kämpfen, um Brot, +geschweige Freiheit. Wer zeugt noch gegen sie?“ + +Da reckte der Alte sich auf, seine Stimme ward noch einmal klangvoll. „Der +Geist der Menschheit“, sagte er, und nach einer Pause, da der Junge den +Kopf gesenkt hielt: + +„Du mußt ihm glauben, mein Sohn. Wenn die Katastrophe, der sie +auszuweichen denken, vorüber sein wird, sei gewiß, die Menschheit wird +das, worauf die erste Revolution folgte, nicht scham- und vernunftloser +nennen, als die Zustände, die die unseren waren.“ + +Er sagte leise wie aus der Ferne: „Der würde nicht gelebt haben, der nur +in der Gegenwart lebte.“ + +Plötzlich schien es, als schwankte er. Der Sohn griff rasch hin, und an +seinem Arm, zusammengesunken und stockenden Schrittes, verschwand der Alte +im Dunkel. Diederich aber, der auf anderen Wegen enteilte, hatte das +Gefühl, aus einem bösen, wenn auch größtenteils unbegreiflichen Traum zu +kommen, worin an den Grundlagen gerüttelt worden war. Und trotz dem +Unwirklichen, das alles Gehörte an sich hatte, schien hier tiefer +gerüttelt worden zu sein, als je der ihm bekannte Umsturz rüttelte. Dem +einen dieser beiden waren die Tage gezählt, der andere hatte auch nicht +viel vor sich, aber Diederich fühlte, es wäre besser gewesen, sie hätten +einen gesunden Lärm im Lande geschlagen, als daß sie hier im Dunkeln diese +Dinge flüsterten, die doch nur von Geist und Zukunft handelten. + + + +In der Gegenwart gab es freilich greifbarere Angelegenheiten. Gemeinsam +mit dem Schöpfer des Denkmals entwarf Diederich das künstlerische +Arrangement für die Feier der Enthüllung – wobei der Schöpfer mehr +Entgegenkommen bewies, als man von ihm erwartet haben würde. Überhaupt +kehrte er bis jetzt nur die guten Seiten seines Berufes hervor, nämlich +Genie und vornehme Gesinnung, während er sich im übrigen durchaus korrekt +und geschäftstüchtig zeigte. Der junge Mann, ein Neffe des Bürgermeisters +Doktor Scheffelweis, lieferte ein Beispiel dafür, daß es, veralteter +Vorurteile ungeachtet, überall Anständigkeit gibt, und daß noch kein Grund +zum Verzweifeln ist, wenn ein junger Mensch für ein Brotstudium zu faul +ist und Künstler wird. Als er das erstemal von Berlin nach Netzig +zurückkehrte, trug er noch eine Samtjacke und zog der Familie nur +Unannehmlichkeiten zu; aber bei seinem zweiten Besuch besaß er schon einen +Zylinder, und nicht lange, so ward er von Seiner Majestät entdeckt und +durfte für die Siegesallee das wohlgetroffene Bildnis des Markgrafen Hatto +des Gewaltigen schaffen, nebst den Bildnissen seiner beiden bedeutendsten +Zeitgenossen, des Mönches Tassilo, der an einem Tage hundert Liter Bier +trinken konnte, und des Ritters Klitzenzitz, der die Berliner robotten +lehrte, wenn sie ihn dann auch hängten. Auf die Verdienste des Ritters +Klitzenzitz hatten Seine Majestät den Oberbürgermeister noch besonders +aufmerksam gemacht, was wieder günstig zurückgewirkt hatte auf die +Karriere des Bildhauers. Man konnte nicht Zuvorkommenheit genug haben für +einen Mann, auf dem ein unmittelbarer Strahl der Gnadensonne lag; +Diederich stellte ihm sein Haus zur Verfügung, er mietete ihm auch das +Reitpferd, das der Künstler brauchte, um seine Kräfte spielen zu lassen – +und welche Aussichten, als der berühmte Gast die ersten Zeichenversuche +des kleinen Horst vielversprechend nannte! Diederich bestimmte stehenden +Fußes Horst der Kunst, dieser so zeitgemäßen Laufbahn. + +Wulckow, der keinen Sinn für die Kunst hatte und sich mit dem Günstling +Seiner Majestät nicht zu stellen wußte, bekam vom Denkmalskomitee die +Ehrengabe von 2000 Mark, auf die er als Ehrenvorsitzender das Recht hatte; +die bei der Enthüllung zu haltende Festrede aber übertrug das Komitee +seinem ordentlichen Vorsitzenden, dem geistigen Schöpfer des Denkmals und +Begründer der nationalen Bewegung, die zu seiner Errichtung geführt hatte, +Herrn Stadtverordneten Generaldirektor Doktor Heßling, bravo! Diederich, +bewegt und geschwellt, sah sich am Fuße neuer Erhöhungen. Der +Oberpräsident selbst ward erwartet, vor der hohen Exzellenz sollte +Diederich reden, welche Folgen versprach das! Wulckow freilich schickte +sich an, sie zu hintertreiben; gereizt, weil ausgeschaltet, weigerte er +sich sogar, auf der Tribüne der offiziellen Damen auch Guste zuzulassen. +Diederich hatte dieserhalb mit ihm einen Auftritt, der erregt verlief, +aber ohne Ergebnis blieb. Heftig schnaufend kehrte er zu Guste heim. „Es +bleibt dabei, du sollst keine offizielle Dame sein. Man wird ja sehen, wer +offizieller ist, du oder er! Er soll dich noch bitten! Ich hab’ ihn Gott +sei Dank nicht mehr nötig, aber er vielleicht mich.“ – Und so kam es, denn +als das nächste Heft der „Woche“ erschien, was brachte es außer den +gewohnten Kaiserbildern? Zwei Porträtaufnahmen, die eine den Schöpfer des +Netziger Kaiser-Wilhelm-Denkmals darstellend, wie er gerade an seinem Werk +den letzten Hammerschlag tat, die andere aber den Vorsitzenden des +Komitees und seine Gattin, Diederich samt Guste. Von Wulckow nichts – was +allgemein bemerkt und als Zeichen angesehen ward, daß seine Stellung +erschüttert sei. Er selbst mußte es fühlen, denn er tat Schritte, um doch +noch in die „Woche“ zu kommen. Er suchte Diederich auf, aber Diederich +ließ sich verleugnen. Der Künstler seinerseits brauchte Ausflüchte. Da +geschah es tatsächlich, daß Wulckow auf der Straße an Guste herantrat. Die +Geschichte mit dem Platz bei den offiziellen Damen sei ein +Mißverständnis ... „Schön hat er gemacht wie unser Männe“, berichtete +Guste. „Aber nun gerade nicht!“ entschied Diederich, und er nahm keinen +Anstand, die Geschichte umherzuerzählen. „Soll man sich Zwang antun,“ +sagte er zu Wolfgang Buck, „wo der Mann doch geliefert ist? Herr Oberst +von Haffke gibt ihn auch schon auf.“ Kühn setzte er hinzu: „Jetzt sieht +er, es gibt noch andere Mächte. Wulckow hat es zu seinem Schaden nicht +verstanden, sich beizeiten den modernen Lebensbedingungen einer +großzügigen Öffentlichkeit anzupassen, die dem heutigen Kurs ihren Stempel +aufdrücken.“ – „Absolutismus, gemildert durch Reklamesucht“, ergänzte +Buck. + +Angesichts des Wulckowschen Niederganges fand Diederich jenen +Grundstückshandel, der ihn selbst so sehr benachteiligt hatte, immer +anstößiger. Seine Entrüstung nahm einen solchen Umfang an, daß der Besuch, +den gerade jetzt der Reichstagsabgeordnete Fischer in Netzig machte, für +Diederich zur wahrhaft befreienden Gelegenheit ward. Parlamentarismus und +Immunität hatten doch ihr Gutes! Denn Napoleon Fischer stellte sich +umgehend im Reichstag hin und enthüllte. Er enthüllte, ohne daß ihm das +geringste geschehen konnte, die Schiebungen des Regierungspräsidenten von +Wulckow in Netzig, seinen Riesengewinn am Grundstück des +Kaiser-Wilhelm-Denkmals, der nach Napoleon Fischers Behauptung von der +Stadt erpreßt war, und das Ehrengeschenk von angeblich 5000 Mark, dem er +den Titel „Schmiergeld“ gab. Der Zeitung zufolge bemächtigte hier der +Volksvertreter sich ungeheure Erregung. Freilich galt sie nicht Wulckow, +sondern dem Enthüller. Wütend verlangte man Beweise und Zeugen; Diederich +zitterte, in der nächsten Zeile konnte sein Name kommen. Zum Glück kam er +nicht, Napoleon Fischer blieb sich der Pflicht seines Amtes bewußt. Statt +dessen redete der Minister, er überließ den unerhörten, leider unter dem +Schutze der Immunität begangenen Angriff auf einen Abwesenden, der sich +nicht verteidigen konnte, dem Urteil des Hauses. Das Haus urteilte, indem +es dem Herrn Minister Beifall klatschte. Parlamentarisch war der Fall +erledigt, es erübrigte nur noch, daß auch die Presse ihren Abscheu äußerte +und, soweit sie nicht einwandfrei gesinnt war, ganz leicht dabei mit dem +Auge zwinkerte. Mehrere sozialdemokratische Blätter, die die Vorsicht +außer acht gelassen hatten, mußten ihren verantwortlichen Redakteur den +Gerichten ausliefern, so auch die Netziger „Volksstimme“. Diederich +benutzte diesen Anlaß, um zwischen sich und denen, die an dem Herrn +Regierungspräsidenten hatten zweifeln können, glatt das Tischtuch zu +zerschneiden. Er und Guste machten Besuch bei Wulckows. „Ich weiß aus +erster Quelle,“ sagte er nachher, „dem Mann ist die größte Zukunft gewiß. +Er war neulich auf der Jagd mit Majestät und hat einen großartigen Witz +gerissen.“ Acht Tage später brachte die „Woche“ ein ganzseitiges Bildnis, +Glatze und Bart auf der einen Hälfte, ein Bauch auf der anderen, und dazu +die Unterschrift: „Regierungspräsident von Wulckow, der geistige Schöpfer +des Netziger Kaiser-Wilhelm-Denkmals, gegen den kürzlich ein allgemein als +empörend empfundener Angriff im Reichstag erfolgte und dessen Ernennung +zum Oberpräsidenten bevorsteht“ ... Das Bild des Generaldirektors Heßling +mit Frau hatte nur eine Viertelseite eingenommen. Diederich überzeugte +sich, daß der gebührende Abstand wiederhergestellt war. Die Macht blieb, +auch unter den modernen Lebensbedingungen einer großzügigen +Öffentlichkeit, unangreifbar wie je – was ihn trotz allem tief +befriedigte. Er ward hierdurch innerlich auf das günstigste vorbereitet +für seine Festrede. + +Sie war entstanden in den ehrgeizigen Gesichten vom Schlaf gemiedener +Nächte und bei regem Gedankenaustausch mit Wolfgang Buck und besonders mit +Käthchen Zillich, die für die Größe des kommenden Ereignisses ein +merkwürdig klares Verständnis zeigte. Am Schicksalstage, als Diederich, +das Herz klopfend gegen die Niederschrift seiner Rede, um halb elf mit +seiner Gattin beim Festplatz anfuhr, bot der Platz einen noch wenig +belebten, aber um so besser geordneten Anblick. Vor allem, der +Militärkordon war schon gezogen! – und gelangte man auch nur nach +Gewährung aller Garantien hindurch, so lag doch eben hierin eine +feierliche Erhebung angesichts des nicht privilegierten Volkes, das hinter +unseren Soldaten und am Fuß einer großen schwarzen Brandmauer in der Sonne +die schwitzenden Hälse reckte. Die Tribünen, links und rechts von den +langen weißen Tüchern, hinter denen man Wilhelm den Großen vermuten +durfte, empfingen den Schatten ihrer Zeltdächer sowie zahlreicher Fahnen. +Links die Herren Offiziere waren, wie Diederich feststellte, durch ihre +ins Blut übergegangene Disziplin befähigt, sich und ihre Damen ohne fremde +Hilfe einzurichten; alle Strenge der polizeilichen Überwachung war nach +rechts verlegt, wo das Zivil sich um die Sitze balgte. Auch Guste gab sich +nicht zufrieden mit dem ihren, einzig das offizielle Festzelt gegenüber +dem Denkmal schien ihr würdig, sie aufzunehmen, sie war eine offizielle +Dame, Wulckow hatte es anerkannt. Diederich mußte hin mit ihr, wenn er +kein Feigling war, aber natürlich ward sein tollkühner Angriff so +nachdrücklich zurückgewiesen, wie er es vorausgesehen hatte. Der Form +wegen und damit Guste nicht an ihm zweifelte, verwahrte er sich gegen den +Ton des Polizeileutnants und wäre beinahe verhaftet worden. Sein +Kronenorden vierter Klasse, seine schwarzweißrote Schärpe und die Rede, +die er vorzeigte, retteten ihn gerade noch, konnten aber keineswegs, weder +vor der Welt noch vor ihm selbst, als vollwertiger Ersatz gelten für die +Uniform. Sie, die einzige wirkliche Ehre, gebrach ihm nun einmal, und +Diederich mußte auch hier wieder bemerken, daß man ohne Uniform, trotz +sonstiger Erstklassigkeit, doch mit schlechtem Gewissen durchs Leben ging. + +Im Zustand der Auflösung trat das Ehepaar Heßling seinen allseitig +bemerkten Rückzug an, Guste bläulich geschwollen in ihren Federn, Spitzen +und Brillanten. Diederich schnaufend und nach Kräften den Bauch mit der +Schärpe vorgestreckt, als breitete er die Nationalfarben über seine +Niederlage. So mußten sie hindurch zwischen dem Kriegerverein, der, +Eichenkränze um die Zylinderhüte, unterhalb der Militärtribüne stand, an +seiner Spitze Kühnchen als Landwehrleutnant, und den Ehrenjungfrauen +drüben, weiß mit schwarzweißroten Schärpen und befehligt von Pastor +Zillich im Talar. Nun sie aber anlangten, wer saß, in der Haltung einer +Königin, auf Gustes Stuhl? Man war starr: Käthchen Zillich. Hier fühlte +Diederich sich denn doch bemüßigt, seinerseits ein Machtwort zu sprechen. +„Die Dame hat sich geirrt, der Platz ist nicht für die Dame“, sagte er, +keineswegs zu Käthchen Zillich, die er für ebenso fremd wie zweideutig zu +halten schien, sondern zu dem Aufsichtsbeamten – und hätten ihm auch nicht +die menschlichen Laute ringsum recht gegeben, Diederich stand hier für die +stummen Gewalten von Ordnung, Sitte und Gesetz, eher wäre die Tribüne +eingestürzt, als daß Käthchen Zillich auf ihr verblieb ... Dennoch geschah +das Außerordentliche, daß der Beamte unter Käthchens ironischem Lächeln +die Achseln zuckte, und selbst der Schutzmann, den Diederich anrief, gab +nur einen weiteren unbegreiflichen Stützpunkt ab für den Übergriff der +Unmoral. Diederich, betäubt vor einer Welt, deren Betrieb gestört schien, +ließ es geschehen, daß Guste abgeschoben ward nach einer Sitzreihe ganz +oben, wobei sie mit Käthchen Zillich einige die Gegensätze betonende Worte +wechselte. Der Meinungsaustausch griff schon auf Unbeteiligte über und +drohte auszuarten: da schmetterte Musik los, der Einzugsmarsch der Gäste +auf der Wartburg, und wirklich bezogen sie das offizielle Zelt, voran +Wulckow, unverkennbar trotz seiner roten Husarenuniform, zwischen einem +Herrn in Frack und Ordensstern und einem hohen General. War es möglich? +Noch zwei hohe Generale! Und ihre Adjutanten, Uniformen in allen Farben, +Sternenblitzen und ein Wuchs! „Wer ist der Gelbe, der Lange?“ forschte +Guste innig. „Ist das ein schöner Mann!“ – „Wollen Sie mich gefälligst +nicht treten!“ verlangte Diederich, denn auch sein Nachbar war +aufgesprungen, alle verrenkten sich, fieberten und schwelgten. „Sieh sie +dir an, Guste! Emmi ist eine Gans, daß sie nicht mitwollte. Das ist das +einzige, erstklassige Theater, es ist das Höchste, da kann man nichts +machen!“ – „Aber der mit den gelben Aufschlägen!“ schwärmte Guste. „Der +Schlanke! Der muß ein echter Aristokrat sein, das seh’ ich gleich.“ +Diederich lachte wollüstig. „Da ist überhaupt keiner dabei, der nicht ein +echter Aristokrat ist, darauf kannst du Gift nehmen. Wenn ich dir sage, +ein Flügeladjutant Seiner Majestät ist hier!“ – „Der Gelbe!“ – „Persönlich +hier!“ + +Man suchte sich zurecht. „Der Flügeladjutant! Zwei Divisionsgenerale, +Donnerwetter!“ Und die schneidige Anmut der Begrüßungen; sogar der +Bürgermeister Doktor Scheffelweis ward aus seinem bescheidenen Hintergrund +gezogen und durfte in seiner Train-Reserveleutnantsuniform stramm stehen +vor seinen hohen Vorgesetzten. Herr von Quitzin als Ulan besichtigte durch +sein Monokel den Grund und Boden der Veranstaltung, der vorübergehend ihm +selbst gehört hatte. Wulckow aber, der rote Husar, brachte die volle +Bedeutung eines Regierungspräsidenten erst jetzt zur Geltung, wo er +salutierend das gewaltige, von Schnüren umrahmte Profil seiner unteren +Körperteile hervorkehrte. „Das sind die Säulen unserer Macht!“ rief +Diederich in die wuchtigen Klänge des Einzugsmarsches. „Solange wir solche +Herren haben, werden wir der Schrecken der ganzen Welt sein!“ Und voll +überwältigenden Dranges, in der Meinung, seine Stunde sei da, stürzte er +hinunter, nach dem Rednerpodium. Aber der Schutzmann, der es bewachte, +trat ihm entgegen. „Nee, nee, Sie komm’ noch nich’ran“, sagte der +Schutzmann. Jäh in seinem Schwunge gehemmt, stieß Diederich gegen einen +Aufsichtsbeamten, der ihm nachgesetzt hatte: derselbe wie vorhin, ein +Magistratsdiener, der ihm versicherte, er wisse wohl, der Platz der Dame +mit den gelben Haaren gehöre dem Herrn Stadtverordneten, „aber auf höheren +Befehl hat ihn die Dame gekriegt“. Das weitere verriet der Mann in +ersterbendem Flüsterton, und Diederich entließ ihn mit einer Bewegung, die +sagte: „Dann allerdings.“ Der Flügeladjutant Seiner Majestät! Dann +allerdings! Diederich überlegte, ob es nicht geboten sei, umzukehren und +Käthchen Zillich öffentlich seine Huldigung zu entbieten. + +Er kam nicht mehr dazu, Oberst von Haffke kommandierte der Fahnenkompagnie +Rührt euch, und auch Kühnchen ließ seine Krieger sich rühren; hinter dem +Festzelt intonierte die Regimentsmusik: Vortreten zum Beten. Dies geschah, +sowohl von seiten der Ehrenjungfrauen wie des Kriegervereins. Kühnchen in +seiner historischen Landwehruniform, die außer vom Eisernen Kreuz von +einem ruhmreichen Flicken geziert ward – denn hier war eine französische +Kugel hindurchgegangen, traf inmitten des Geländes auf Pastor Zillich in +seinem Talar – auch die Fahnenkompagnie fand sich ein, und man gab unter +dem Vortritt Zillichs dem alten Alliierten die Ehre. Auf der Ziviltribüne +ward das Publikum von den Beamten gehalten, sich zu erheben, die Herren +Offiziere taten es von selbst. Überdies stimmte die Kapelle „Ein’ feste +Burg“ an. Zillich schien trotzdem noch irgend etwas vorzuhaben, aber der +Oberpräsident, offenbar in der Annahme, daß der alte Alliierte nun genug +habe, ließ sich, gelblichen Gesichts, auf seinen Sessel nieder, rechts von +ihm der blühende Flügeladjutant, links die Divisionsgenerale. Als die +ganze Versammlung im offiziellen Zelt nach den ihr innewohnenden Gesetzen +gruppiert war, sah man den Regierungspräsidenten von Wulckow einen Wink +erteilen, infolgedessen ein Schutzmann sich in Bewegung setzte. Er begab +sich zu seinem Kollegen, der das Rednerpodium bewachte, worauf dieser das +Wort an Diederich richtete. „Na, nu komm Se man ’ran“, sagte der +Schutzmann. + +Diederich gab acht, daß er beim Hinaufsteigen nicht stolperte, denn die +Beine waren ihm plötzlich weich geworden, auch sah er verschwommen. Nach +einigem Schnaufen unterschied er im kahlen Umkreis ein Bäumchen, das keine +Blätter hatte, aber mit schwarzweißroten Blüten aus Papier übersät war. +Der Anblick des Bäumchens gab ihm Gedächtnis und Kraft zurück; er begann. + +„Eure Exzellenzen! Höchste, hohe und geehrte Herren! + +Hundert Jahre sind es, daß der große Kaiser, dessen Denkmal der Enthüllung +harrt durch den Vertreter Seiner Majestät, uns und dem Vaterlande +geschenkt ward; gleichzeitig aber – das macht diese Stunde noch +bedeutsamer – ist fast ein Jahrzehnt vergangen, seit sein großer Enkel den +Thron bestiegen hat! Wie sollten wir da nicht vor allem auf die große +Zeit, die wir selbst miterleben durften, einen stolzen und dankbaren +Rückblick werfen.“ + +Diederich warf ihn. Er feierte abwechselnd den beispiellosen Aufschwung +der Wirtschaft und des nationalen Gedankens. Längere Zeit verweilte er +beim Ozean. „Der Ozean ist unentbehrlich für Deutschlands Größe. Der Ozean +beweist uns, daß auf ihm und jenseits von ihm ohne Deutschland und ohne +den Deutschen Kaiser keine Entscheidung mehr fallen darf, denn das +Weltgeschäft ist heute das Hauptgeschäft!“ Aber nicht nur vom +geschäftlichen Standpunkt, noch mehr geistig und sittlich war der +Aufschwung ein beispielloser zu nennen. Wie sah es denn früher aus mit +uns? Diederich entwarf ein wenig schmeichelhaftes Bild des älteren +Geschlechts, das durch eine einseitige humanitäre Bildung zu zuchtlosen +Anschauungen verführt, in nationaler Hinsicht noch keinen Komment gehabt +hatte. Wenn das jetzt gründlich anders geworden war, wenn wir, im +berechtigten Selbstgefühl, das tüchtigste Volk Europas und der Welt zu +sein, von Nörglern und Elenden abgesehen, nur noch eine einzige nationale +Partei bildeten, wem verdankten wir es? Allein Seiner Majestät, antwortete +Diederich. „Er hat den Bürger aus dem Schlummer gerüttelt, sein erhabenes +Beispiel hat uns zu dem gemacht, was wir sind!“ – wobei Diederich sich auf +die Brust schlug. „Seine Persönlichkeit, seine einzige, unvergleichliche +Persönlichkeit ist stark genug, daß wir allesamt uns efeuartig an ihr +emporranken dürfen!“ rief er aus, obwohl es nicht in seinem Entwurf stand. +„Was Seine Majestät der Kaiser zum Wohl des deutschen Volkes beschließt, +dabei wollen wir ihm jubelnd behilflich sein, ob wir nun edel sind oder +unfrei. Auch der einfache Mann aus der Werkstatt ist willkommen!“ fügte er +wieder aus dem Stegreif hinzu, jäh inspiriert durch den Geruch des +schwitzenden Volkes hinter dem Militärkordon; denn der Wind, der aufkam, +trug ihn her. + +„In staunender Weise ertüchtigt, voll hoher sittlicher Kraft zu positiver +Betätigung, und in unserer blanken Wehr der Schrecken aller Feinde, die +uns neidisch umdrohen, so sind wir die Elite unter den Nationen und +bezeichnen eine zum ersten Male erreichte Höhe germanischer Herrenkultur, +die bestimmt niemals und von niemandem, er sei wer er sei, wird überboten +werden können!“ + +Hier sah man den Oberpräsidenten mit dem Kopf nicken, indes der +Flügeladjutant die Hände gegeneinander bewegte: da brachen die Tribünen in +Beifall aus. Bei den Zivilisten wehten Taschentücher, Guste ließ es im +Wind flattern, und, trotz der Unstimmigkeit von vorhin, auch Käthchen +Zillich. Diederich, im Herzen leicht wie die wehenden Taschentücher, nahm +seinen hohen Flug wieder auf. + +„Eine solche, nie dagewesene Blüte aber erreicht ein Herrenvolk nicht in +einem schlaffen, faulen Frieden: nein, sondern unser alter Alliierter hat +es für notwendig gehalten, das deutsche Gold im Feuer zu bewahren. Durch +den Schmelzofen von Jena und Tilsit haben wir hindurchgemußt, und +schließlich ist es uns doch gelungen, siegreich überall unsere Fahnen +aufzupflanzen und auf dem Schlachtfelde die deutsche Kaiserkrone zu +schmieden!“ + +Und er erinnerte an das prüfungsreiche Leben Wilhelms des Großen, woraus +wir, wie Diederich feststellte, erkannten, daß der Weltenschöpfer das Volk +im Auge behält, das er sich erwählt hat, und sich auch das entsprechende +Instrument baut. Der große Kaiser seinerseits hatte sich hierüber niemals +Irrtümern hingegeben, dies ward besonders deutlich in dem großen +historischen Augenblick, wo er als König von Gottes Gnaden, das Zepter in +der einen und das Reichsschwert in der anderen Hand, nur Gott die Ehre gab +und von ihm die Krone nahm. In erhabenem Pflichtgefühl hatte er es weit +von sich gewiesen, dem Volk die Ehre zu geben und vom Volk die Krone zu +nehmen, und nicht zurückgeschreckt war er vor der furchtbaren +Verantwortung gegenüber Gott allein, von der kein Minister, kein Parlament +ihn hatte entbinden können! Diederichs Stimme bebte ergriffen. „Dies +erkennt das Volk denn auch an, indem es die Persönlichkeit des +dahingegangenen Kaisers geradezu vergöttert. Hat er doch Erfolg gehabt; +und wo der Erfolg ist, da ist Gott! Im Mittelalter wäre Wilhelm der Große +heilig gesprochen worden. Heute setzen wir ihm ein erstklassiges Denkmal!“ + +Wieder nickte der Oberpräsident und löste damit wieder ungestüme +Zustimmung aus. Die Sonne war fort, es wehte kälter; und als sei er +angeregt durch den verdüsterten Himmel, ging Diederich zu einer +tiefernsten Frage über. + +„Wer hat sich ihm nun in den Weg gestellt, vor seinem hohen Ziel? Wer war +der Feind des großen Kaisers und seines kaisertreuen Volkes? Der von ihm +glücklich zerschmetterte Napoleon hatte seine Krone nicht von Gott, +sondern vom Volk, daher! Das gibt dem Richterspruch der Geschichte erst +seinen ewigen, überwältigenden Sinn!“ Hier unternahm Diederich es, zu +malen, wie es in dem demokratisch verseuchten, daher von Gott verlassenen +Reich Napoleons des Dritten ausgesehen habe. Der in leerer Religiosität +versteckte krasse Materialismus hatte den unbedenklichsten Geschäftssinn +großgezogen, Mißachtung des Geistes schloß ihr natürliches Bündnis mit +niederer Genußgier. Der Nerv der Öffentlichkeit war Reklamesucht, und +jeden Augenblick schlug sie um in Verfolgungssucht. Im Äußern nur auf das +Prestige gestellt, im Innern nur auf die Polizei, ohne andern Glauben als +die Gewalt, trachtete man nach nichts als nach Theaterwirkung, trieb +ruhmredigen Pomp mit der vergangenen Heldenepoche, und der einzige Gipfel, +den man wirklich erreichte, war der des Chauvinismus ... „Von all dem +wissen wir nichts!“ rief Diederich und reckte die Hand gegen den Zeugen +dort oben. „Darum kann es mit uns nie und nimmer das Ende mit Schrecken +nehmen, das dem Kaiserreich unseres Erbfeindes vorbehalten war!“ + +An dieser Stelle blitzte es: zwischen dem Militärkordon und der +Brandmauer, in der Gegend, wo das Volk zu vermuten war, durchzuckte es +grell die schwarze Wolke, und ein Donnerschlag folgte, der entschieden zu +weit ging. Die Herren im offiziellen Zelt bekamen mißbilligende Mienen, +und der Oberpräsident hatte gezuckt. Auf der Offizierstribüne litt +selbstverständlich die Haltung nicht im geringsten, beim Zivil machte sich +immerhin eine gewisse Unruhe merklich. Diederich brachte das Gekreisch zum +Verstummen, denn er rief, gleichfalls donnernd: „Unser alter Alliierter +bezeugt es! Wir sind nicht so! Wir sind ernst, treu und wahr! Deutsch +sein, heißt eine Sache um ihrer selbst willen tun! Wer von uns hätte je +aus seiner Gesinnung ein Geschäft gemacht? Wo gar wären die bestechlichen +Beamten? Biederkeit des Mannes eint hier sich weiblicher Reine, denn das +Weibliche zieht uns hinan, nicht ist es uns Werkzeug unedlen Vergnügens. +Das strahlende Bild echt deutschen Wesens aber erhebt sich auf dem Boden +des Christentums, und das ist der einzig richtige Boden, denn jede +heidnische Kultur, mag sie noch so schön und herrlich sein, wird bei der +ersten Katastrophe erliegen; und die Seele deutschen Wesens ist die +Verehrung der Macht, der überlieferten und von Gott geweihten Macht, gegen +die man nichts machen kann. Darum sollen wir nach wie vor die höchste +Pflicht in der Verteidigung des Vaterlandes sehen, die höchste Ehre im +Rock des Königs und die höchste Arbeit im Waffenhandwerk!“ + +Der Donner grollte, wenn auch eingeschüchtert, wie es schien, durch +Diederichs immer gewaltigere Stimme; dagegen fielen Tropfen, die man +einzeln hörte, so schwer waren sie. + +„Aus dem Lande des Erbfeindes,“ schrie Diederich, „wälzt sich immer wieder +die Schlammflut der Demokratie her, und nur deutsche Mannhaftigkeit und +deutscher Idealismus sind der Damm, der sich ihr entgegenstellt. Die +vaterlandslosen Feinde der göttlichen Weltordnung aber, die unsere +staatliche Ordnung untergraben wollen, die sind auszurotten bis auf den +letzten Stumpf, damit, wenn wir dereinst zum himmlischen Appell berufen +werden, daß dann ein jeder mit gutem Gewissen vor seinen Gott und seinen +alten Kaiser treten kann, und wenn er gefragt wird, ob er aus ganzem +Herzen für des Reiches Wohl mitgearbeitet habe, er an seine Brust schlagen +und offen sagen darf: Ja!“ + +Wobei Diederich sich einen solchen Schlag auf die Brust versetzte, daß ihm +die Luft ausblieb. Die notgedrungene Pause, die er eintreten ließ, +benutzte die Ziviltribüne, um durch Unruhe zu bekunden, daß sie seine Rede +für beendet halte; denn das Gewitter stand jetzt genau über den Köpfen der +Festversammlung, und im schwefelgelben Licht, einzeln, langsam und als +warnten sie, klopften immerfort diese eigroßen Regentropfen ... Diederich +hatte wieder Luft. + +„Wenn jetzt die Hülle fällt,“ begann er mit neuem Schwung, „wenn zum Gruß +die Fahnen und Standarten sich neigen, die Degen sich senken und Bajonette +im Präsentiergriff blitzen –“ Da krachte es im Himmel so ungeheuerlich, +daß Diederich sich duckte und, bevor er es sich versah, unter seinem Pult +hockte. Zum Glück kam er wieder hervor, ohne daß sein Verschwinden bemerkt +worden wäre, denn allen war es ähnlich ergangen. Kaum daß noch jemand +hörte, wie Diederich Seine Exzellenz den Herrn Oberpräsidenten bat, er +möge geruhen zu befehlen, daß die Hülle falle. Immerhin trat der +Oberpräsident vor das offizielle Zelt hinaus, er war gelber als es seine +Natur war, das Funkeln seines Sterns war erloschen, und er sagte schwach: +„Im Namen Seiner Majestät befehle ich: die Hülle falle“ – woraus sie fiel. +Auch ertönte die Wacht am Rhein. Und der Anblick Wilhelms des Großen, wie +er durch die Luft ritt, in der Haltung eines Familienvaters, aber umringt +von allen Furchtbarkeiten der Macht, stählte die Untertanen noch einmal +gegen die Drohungen von oben, das Kaiserhoch des Oberpräsidenten fand +lebhaften Widerhall. Freilich, die Klänge von Heil dir im Siegerkranz +gaben Seiner Exzellenz das Zeichen, daß sie sich nun bis an den Fuß des +Denkmals zu begeben, es zu besichtigen und den Schöpfer, der schon +wartete, durch eine Anrede auszuzeichnen hatten. Jeder begriff es, daß der +hohe Herr zweifelnd den Blick zum Himmel richtete; aber, wie nicht anders +zu erwarten stand, siegte sein Pflichtgefühl, und siegte um so glänzender, +als er der einzige Herr im Frack war unter so vielen tapferen Militärs. Er +wagte sich kühn hinaus, hin ging er unter den großen langsamen Tropfen, +und mit ihm Ulanen, Kürassiere, Husaren und Train ... Schon war die +Inschrift „Wilhelm der Große“ zur Kenntnis genommen worden, der Schöpfer, +durch eine Anrede ausgezeichnet, bekam seinen Orden, und gerade sollte +auch der geistige Schöpfer Heßling vorgestellt und geschmückt werden, da +platzte der Himmel. Er platzte ganz und auf einmal, mit einer Heftigkeit, +die einem lange verhaltenen Ausbruch glich. Bevor noch die Herren sich +umgedreht hatten, standen sie im Wasser bis an die Knöchel, Seiner +Exzellenz lief es aus Ärmeln und Hosen. Die Tribünen verschwanden hinter +Stürzen Wassers, wie auf fern wogendem Meer erkannte man, daß die +Zeltdächer sich gesenkt hatten unter der Wucht des Wolkenbruches, in ihren +nassen Umschlingungen wälzten links und rechts sich schreiende Massen. Die +Herren Offiziere machten gegen die Elemente von der blanken Waffe +Gebrauch, durch Schnitte in das Segeltuch bahnten sie sich den Ausweg. Das +Zivil gelangte nur als graue Wickelschlange hinab, die mit wilden +Zuckungen im überschwemmten Gelände badete. Unter solchen Umständen sah +der Oberpräsident es ein, daß der weitere Verlauf des Festprogramms aus +Zweckmäßigkeitsgründen zu unterbleiben habe. Blitzeumlodert und +wasserspritzend wie ein Springbrunnen, trat er einen beschleunigten +Rückzug an, und ihm nach der Flügeladjutant, die beiden Divisionsgenerale, +Dragoner, Husaren, Ulanen und Train. Unterwegs erinnerten Seine Exzellenz +sich des noch immer an ihrem Finger hängenden Ordens für den geistigen +Schöpfer, und pflichttreu bis zum Äußersten, aber bestrebt, jeden +Aufenthalt zu vermeiden, händigten sie ihn, laufend und wasserspritzend, +dem Präsidenten von Wulckow aus. Wulckow seinerseits begegnete einem +Schutzmann, der den Ereignissen noch standhielt, und betraute ihn mit der +Übergabe der Allerhöchsten Auszeichnung, worauf der Schutzmann durch Sturm +und Grausen irrte, auf der Suche nach Diederich. Schließlich fand er ihn +unter dem Rednerpult im Wasser hockend. „Da hamse ’n Willemsorden“, sagte +der Schutzmann und machte, daß er weiterkam, denn gerade schlug ein Blitz +ein, so nahe, als sollte er die Verleihung des Ordens verhindern. +Diederich hatte nur geseufzt. + +Als er es endlich unternahm, mit einer Gesichtshälfte auf die Erde zu +spähen, war der Umsturz auf ihr noch immer im Wachsen. Drüben die große +schwarze Brandmauer klaffte und ging daran, umzufallen, samt dem Haus +dahinter. Über einen Knäuel von Geschöpfen in jagendem Geisterlicht, +schwefelgelb und blau, bäumten sich die Pferde der Paradekutschen und +nahmen Reißaus. Glücklich das nicht privilegierte Volk, das draußen und +über alle Berge war; die Besitzenden und Gebildeten dagegen waren in der +Lage, daß sie auf ihren Köpfen schon die fliegenden Trümmer des Umsturzes +fühlten, samt dem Feuer von oben. Kein Wunder, wenn die Umstände ihr +Verhalten bestimmten und manche Damen, in nicht kommentmäßiger Weise vom +Ausgang zurückgestoßen, schlankweg übereinander rollten. Nur ihrer +Tapferkeit vertrauend, machten die Herren Offiziere gegen jeden, der sich +ihnen entgegenstellte, von ihren Machtmitteln Gebrauch – indes +Fahnentücher, losgerissen im Sturm von den Überresten der Tribünen und des +offiziellen Zeltes, schwarzweißrot durch die Luft sausten, den Kämpfern um +die Ohren. Dazu, hoffnungslos wie die Dinge standen, spielte die +Regimentsmusik immer weiter Heil dir im Siegerkranz, spielte selbst nach +der Durchbrechung des Militärkordons und der Weltordnung, spielte wie auf +einem untergehenden Schiff dem Entsetzen auf und der Auflösung. Ein neuer +Anlauf des Orkans warf auch sie auseinander – und Diederich, die Augen +zugedrückt und schwindelnd des Endes von allem gewärtig, tauchte zurück in +die kühle Tiefe seines Rednerpultes, das er umklammerte wie das letzte auf +Erden. Sein Abschiedsblick aber hatte umfaßt, was über alle Begriffe war: +das Gehege, das schwarzweißrot behangene rund um den Volkspark, +zusammengebrochen, niedergelegt durch das Gewicht der auf ihm Lastenden, +und dann dies Drunter und Drüber, dies Umeinanderkugeln, Sichaufhäufen und +Abrutschen, dies Kopfstehen und Dem-anderen-sich-ins-Gesicht-Setzen – und +dies Gefegtwerden von den Peitschen der Höhe, unter Strömen Feuers, diesen +Kehraus, wie der einer betrunkenen Maskerade, Kehraus von Edel und Unfrei, +vornehmstem Rock und aus dem Schlummer erwachtem Bürger, einzigen Säulen, +gottgesandten Männern, idealen Gütern, Husaren, Ulanen, Dragonern und +Train! + +Aber die apokalyptischen Reiter flogen weiter; Diederich merkte es, sie +hatten nur ein Manöver abgehalten für den Jüngsten Tag, der Ernstfall war +es nicht. Unter Vorbehalt verließ er seine Zuflucht und stellte fest, daß +es nur noch goß, und daß Kaiser Wilhelm der Große noch da war, mit allem +Zubehör der Macht. Diederich hatte die ganze Zeit das Gefühl gehabt, das +Denkmal sei zerschmettert und weggeschwommen. Der Festplatz freilich sah +aus wie eine wüste Erinnerung, keine Seele belebte seine Trümmer. Doch, da +hinten bewegte sich eine, sie trug sogar Ulanenuniform: Herr von Quitzin, +der das eingestürzte Haus besichtigte. Dem Blitz erlegen, rauchte es +hinter den Resten seiner großen schwarzen Brandmauer; und in der Flucht +aller hatte nur Herr von Quitzin standgehalten, denn ihn stärkte ein +Gedanke. Diederich sah ihm ins Herz. „Das Haus“, dachte Herr von Quitzin, +„hätten wir auch noch loswerden sollen an das Pack. Aber nicht zu machen +gewesen, haben es mit aller Gewalt nicht durchgedrückt. Na nu kriege ich +die Versicherung. Es gibt einen Gott.“ Und dann ging er der Feuerwehr +entgegen, die zum Glück nicht mehr wesentlich eingreifen konnte in das +Geschäft. + +Auch Diederich, durch das Beispiel ermutigt, machte sich auf den Weg. Er +hatte seinen Hut verloren, am Boden seiner Schuhe schlenkerte Wasser, und +in der rückwärtigen Erweiterung der Beinkleider trug er eine Pfütze mit +sich herum. Da ein Wagen nicht erreichbar schien, beschloß er, die innere +Stadt zu durchqueren. Die Winkel der alten Straßen fingen den Wind ab, ihm +ward es wärmer. „Von einem Katarrh ist nicht die Rede. Guste soll mir aber +doch einen Wickel um den Bauch machen. Wenn sie nur gefälligst keine +Influenza ins Haus einschleppt!“ Nach dieser Sorge erinnerte er sich +seines Ordens: „Der Wilhelms-Orden, Stiftung Seiner Majestät, wird nur +verliehen für hervorragende Verdienste um die Wohlfahrt und Veredelung des +Volkes ... Den haben wir!“ sagte Diederich laut in der leeren Gasse. „Und +wenn es Dynamit regnet!“ Der Umsturz der Macht von seiten der Natur war +ein Versuch mit unzulänglichen Mitteln gewesen. Diederich zeigte dem +Himmel seinen Wilhelms-Orden und sagte „Etsch“ – worauf er ihn sich +ansteckte, neben den Kronenorden vierter Klasse. + +In der Fleischhauergrube hielten mehrere Fuhrwerke: merkwürdig, vor dem +Haus des alten Buck. Eins war noch dazu ein Landwagen. Sollte etwa –? +Diederich spähte in das Haus: die gläserne Flurtür stand +außerordentlicherweise offen, so als würde jemand erwartet, der selten +kam. Feierlich still die weite Diele, nur, wie er an der Küche +vorbeischlich, ein Wimmern: die alte Magd, mit dem Gesicht auf den Armen. +„Also ist es so weit“ – und plötzlich ward Diederich von einem Schauer +angerührt, er blieb stehen, bereit, den Rückzug anzutreten. „Dabei habe +ich nichts zu tun ... Doch! Dabei habe ich zu tun, denn hier ist jedes +Stück mein, ich habe die Pflicht, dafür zu sorgen, daß sie mir nachher +nichts forttragen.“ Aber nicht nur dies drängte ihn vorwärts; +Schwierigeres und Tieferes kündigte sich an mit Schnaufen und +Bauchklemmen. Gehaltenen Schrittes erstieg er die flachen alten Stufen und +dachte: „Respekt vor einem tapferen Feind, wenn er das Feld der Ehre +deckt! Gott hat gerichtet, ja, ja, so geht es, keiner kann sagen, ob er +nicht eines Tages –. Na hören Sie, es gibt denn doch Unterschiede, eine +Sache ist gut oder nicht gut. Und für den Ruhm der guten Sache soll man +nichts versäumen, unser alter Kaiser hat sich wahrscheinlich auch +zusammennehmen müssen, als er nach Wilhelmshöhe zu dem gänzlich erledigten +Napoleon ging.“ + +Hier war er schon im Zwischengeschoß und betrat vorsichtig den langen +Gang, an dessen Ende die Tür offen, auch hier wieder offen stand. Sich +gegen die Wand drücken, und einen Blick hinein. Ein Bett, mit dem Fuß +hergewendet, darin lehnte an gehäuften Kissen der alte Buck und schien +nicht bei sich. Kein Laut; war er denn allein? Behutsam auf die Gegenseite +– nun sah man die verhängten Fenster und davor im Halbkreis die Familie: +dem Bett zunächst Judith Lauer ganz starr, dann Wolfgang mit einem +Gesicht, das niemand erwartet hätte; zwischen den Fenstern die +zusammengedrängte Herde der fünf Töchter neben dem bankerotten Vater, der +nicht einmal mehr elegant war; weiterhin der verbauerte Sohn mit seiner +stumpfblickenden Frau, und endlich Lauer, der gesessen hatte. Mit gutem +Grund hielten alle sich so still; zu dieser Stunde verloren sie die letzte +Aussicht, noch einmal mitzureden! Sie waren obenauf gewesen und hatten +sich in Sicherheit gewiegt, solange der Alte standhielt. Er war gefallen, +und sie mit, er verschwand, und sie alle mit. Er hatte immer nur auf +Flugsand gestanden, da er nicht auf der Macht stand. Nichtig Ziele, die +fortführten von der Macht! Fruchtlos der Geist, denn nichts hinterließ er +als Verfall! Verblendung jeder Ehrgeiz, der nicht Fäuste hatte und Geld in +den Fäusten! + +Woher aber dies Gesicht, das Wolfgang hatte? Es sah nicht aus wie Trauer, +obwohl Tränen aus seinen dort hinüberverlangenden Augen fielen; es sah aus +wie Neid, gramvoller Neid. Was hatten die anderen? Judith Lauer, deren +Brauen sich dunkel zusammenzogen, ihr Mann, der aufseufzte – und die Frau +des Ältesten sogar faltete vor dem Gesicht ihre Arbeiterinnenhände. +Diederich, in entschlossener Haltung, stellte sich mitten vor die Tür. Es +war dunkel im Gang, die da sahen nicht, und mochten sie; aber der Alte? +Sein Gesicht war genau hierhergerichtet, und wo es hinsah, ahnte man +dennoch mehr als hier war, Erscheinungen, die niemand ihm verstellen +konnte. Ihren Widerschein in seinen überraschten Augen, öffnete er auf den +Kissen langsam die Arme, versuchte sie zu heben, hob, bewegte sie, winkend +und empfangend – wen doch? Wie viele wohl, mit so langem Winken und +Empfangen? Ein ganzes Volk, sollte man glauben, und welchen Wesens, daß es +durch sein Kommen dies geisterhafte Glück hervorrief in den Zügen des +alten Buck? + +Da erschrak er, als sei er einem Fremden begegnet, der Grauen mitbrachte: +erschrak und rang nach Atem. Diederich, ihm gegenüber, machte sich noch +strammer, wölbte die schwarzweißrote Schärpe, streckte die Orden vor, und +für alle Fälle blitzte er. Der Alte ließ auf einmal den Kopf fallen, tief +vornüber fiel er ganz, wie gebrochen. Die Seinen schrien auf. Vom +Entsetzen gedämpft, rief die Frau des Ältesten: „Er hat etwas gesehen! Er +hat den Teufel gesehen!“ Judith Lauer stand langsam auf und schloß die +Tür. Diederich war schon entwichen. + + + + + + + BEMERKUNGEN ZUR TEXTGESTALT + + +Die Originalausgabe ist in Fraktur gesetzt. 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It exists because of the +efforts of hundreds of volunteers and donations from people in all walks +of life. + +Volunteers and financial support to provide volunteers with the assistance +they need, is critical to reaching Project Gutenberg™’s goals and ensuring +that the Project Gutenberg™ collection will remain freely available for +generations to come. In 2001, the Project Gutenberg Literary Archive +Foundation was created to provide a secure and permanent future for +Project Gutenberg™ and future generations. To learn more about the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation and how your efforts and donations +can help, see Sections 3 and 4 and the Foundation web page at +http://www.pglaf.org. + + + Section 3. + + + Information about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation + + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit +501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the state of +Mississippi and granted tax exempt status by the Internal Revenue Service. +The Foundation’s EIN or federal tax identification number is 64-6221541. +Its 501(c)(3) letter is posted at +http://www.gutenberg.org/fundraising/pglaf. Contributions to the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation are tax deductible to the full +extent permitted by U.S. federal laws and your state’s laws. + +The Foundation’s principal office is located at 4557 Melan Dr. +S. Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered +throughout numerous locations. 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