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| author | Roger Frank <rfrank@pglaf.org> | 2025-10-14 20:09:34 -0700 |
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You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + +Title: Der zunehmende Mond + +Author: Rabindranath Tagore + +Translator: Hans Effenberger + +Release Date: November 24, 2011 [EBook #38125] + +Language: German + +Character set encoding: UTF-8 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER ZUNEHMENDE MOND *** + + + + +Produced by Jana Srna and the Online Distributed +Proofreading Team at https://www.pgdp.net (This file was +produced from images generously made available by The +Internet Archive/Canadian Libraries) + + + + + + +</pre> + + + +<div id="tnote"> +<p class="center"><b>Anmerkungen zur Transkription:</b></p> +<p>Schreibweise und Interpunktion des Originaltextes wurden +übernommen.</p> +</div> +<div style="text-align: right; margin: 4em;"> +<img src="images/logo.png" width="100" height="100" alt=""/> +</div> + +<p class="center page-break" style="font-size: large;">RABINDRANATH TAGORE</p> + +<h1>DER<br/> +ZUNEHMENDE<br/> +MOND</h1> + +<p class="center">KURT WOLFF VERLAG</p> + +<p class="center page-break italic">Copyright 1915</p> + +<p class="center italic">Kurt Wolff Verlag, Leipzig</p> + +<p class="center page-break italic">Berechtigte deutsche Übertragung von<br/> +<span class="gesperrt">HANS EFFENBERGER</span><br/> +nach der von Rabindranath Tagore<br/> +selbst veranstalteten englischen Ausgabe</p> + +<h2><a class="pagenum" name="Page_7" title="7"> </a>DIE HÜTTE</h2> + +<p>Ich ging allein den Weg über das Feld, +während der Sonnenuntergang sein letztes +Gold wie ein Geizhals verbarg.</p> + +<p>Des Tages Licht sank tiefer und tiefer +in die Dunkelheit, und das verwitwete +Land, der Ernte brach, lag schweigend.</p> + +<p>Plötzlich stieg eines Knaben schrille +Stimme in den Himmel. Er durchdrang +ungesehn das Dunkel und ließ die Spur +seines Liedes über der Stille des Abends.</p> + +<p>Seine Hütte lag im Dorf am Ende des +öden Landes, hinter dem Zuckerrohrfeld, +verborgen in den Schatten der Bananen +und der schlanken Arēka-Palme, +der Kokosnuß und der dunkelgrünen +Brotfruchtbäume.</p> + +<p>Ich hielt einen Augenblick inne auf +<a class="pagenum" name="Page_8" title="8"> </a> +meinem einsamen Gang im Licht der +Sterne und sah ausgebreitet vor mir die +dunkelnde Erde, in ihren Armen zahllose +Hütten mit Wiegen und Betten, Mutterherzen +und Abendlampen und jungen +Leben, froh von einer Freude, die nicht +weiß, was sie der Welt bedeutet.</p> + +<h2><a class="pagenum" name="Page_9" title="9"> </a>AM MEERUFER</h2> + +<p>Am Meerufer endloser Welten treffen +sich Kinder.</p> + +<p>Der grenzenlose Himmel zu Häupten +ist ohne Bewegung, und das ruhlose +Wasser ist ungestüm.</p> + +<p>Am Meerufer endloser Welten treffen +sich Kinder mit Jubeln und Tanzen.</p> + +<hr class="thought-break"/> + +<p>Sie bauen ihre Häuser aus Sand, und +sie spielen mit leeren Muscheln. Aus welken +Blättern flechten sie ihre Boote und +lassen sie lächelnd über der ungeheuren +Tiefe treiben. Kinder haben ihr Spiel am +Meerufer der Welten.</p> + +<hr class="thought-break"/> + +<p>Sie können nicht schwimmen, sie können +nicht Netze werfen. Perlenfischer +<a class="pagenum" name="Page_10" title="10"> </a> +tauchen nach Perlen, Kaufleute segeln +in ihren Schiffen, während Kinder Kiesel +sammeln und sie wieder verstreun. Sie +suchen nicht nach verborgenen Schätzen, +sie können nicht Netze werfen.</p> + +<hr class="thought-break"/> + +<p>Das Meer schäumt auf in Gelächter, +und fahl glänzt das Lächeln des Gestades. +Todbringende Wellen singen verständnislose +Balladen den Kindern, wie eine +Mutter beim Einwiegen. Das Meer spielt +mit Kindern, und fahl glänzt das Lächeln +des Gestades.</p> + +<hr class="thought-break"/> + +<p>Am Meerufer endloser Welten treffen +sich Kinder. Sturm streicht am pfadlosen +Himmel, Schiffe kentern in dem spurlosen +Wasser, der Tod ist unterwegs, und +<a class="pagenum" name="Page_11" title="11"> </a> +Kinder spielen. Am Meerufer endloser +Welten ist das große Begegnen der Kinder.</p> + +<h2><a class="pagenum" name="Page_12" title="12"> </a>DER URSPRUNG</h2> + +<p>Der Schlaf, der über des Kindleins +Augen huscht – weiß jemand, woher +der kommt? Ja, es geht ein Gerücht, daß +er in dem Märchendorfe wohnt. Unter +Waldesschatten, von Glühwürmern trüb +erhellt, hängen zwei Zauberknospen. Von +dort kommt er, des Kindleins Augen zu +küssen.</p> + +<p>Das Lächeln, das auf des Kindleins +Lippen flackert, wenn es schläft – weiß +jemand, wo das geboren ward? Ja, es +geht ein Gerücht, daß ein junger, blasser +Strahl des zunehmenden Mondes den +Saum einer schwindenden Herbstwolke +berührte, und da wurde das Lächeln zuerst +geboren in dem Traum eines taureinen +Morgens – das Lächeln, das auf +<a class="pagenum" name="Page_13" title="13"> </a> +des Kindleins Lippen spielt, wenn es +schläft.</p> + +<p>Die süße, sanfte Frische, die auf des +Kindleins Gliedern blüht – weiß jemand, +wo die so lange verborgen war? Ja, sie lag, +als Mutter noch ein junges Mädchen war, +ihr Herz durchdringend, im zarten und +schweigenden Geheimnis der Liebe – +die süße, sanfte Frische, die auf des Kindleins +Gliedern aufgeblüht ist.</p> + +<h2><a class="pagenum" name="Page_14" title="14"> </a>DES KINDCHENS WESEN</h2> + +<p>Wenn Kindchen nur wollte, könnte +es in diesem Augenblick zum Himmel +auffliegen.</p> + +<p>Es ist nicht umsonst, daß es uns verläßt.</p> + +<p>Es liebt es, seinen Kopf auszuruhn an +Mutters Brust und kann es niemals ertragen, +wenn seine Augen sie nicht sehn.</p> + +<hr class="thought-break"/> + +<p>Kindchen kennt allerhand weise Worte, +wenn auch Wenige auf Erden ihren Sinn +verstehen können.</p> + +<p>Es ist nicht umsonst, daß es niemals +zu sprechen verlangt.</p> + +<p>Das einzige, das es verlangt, ist Mutters +Worte von Mutters Lippen zu lernen. +Darum schaut es so unschuldig drein.</p> + +<hr class="thought-break"/> + +<p><a class="pagenum" name="Page_15" title="15"> </a>Kindchen hatte einen Haufen Gold +und Perlen und doch kam es wie ein +Bettler in diese Welt.</p> + +<p>Es ist nicht umsonst, daß es in solcher +Verkleidung kam.</p> + +<p>Dieser liebe, kleine, nackte Bettler +gibt vor, ganz hilflos zu sein, damit er um +Mutters reiche Liebe betteln kann.</p> + +<hr class="thought-break"/> + +<p>Kindchen war so frei von jeder Fessel im +Lande des kleinen, zunehmenden Monds.</p> + +<p>Es war nicht umsonst, daß es seine +Freiheit aufgab.</p> + +<p>Es weiß, daß Raum ist für endlose +Freude in dem kleinen Winkel von Mutters +Herzen und daß es viel süßer ist als +Freiheit, in ihren lieben Armen gefangen +und geherzt zu werden.</p> + +<hr class="thought-break"/> + +<p><a class="pagenum" name="Page_16" title="16"> </a>Kindchen wußte nichts vom Schreien. +Es wohnte im Lande der vollkommenen +Seligkeit.</p> + +<p>Es ist nicht umsonst, daß es das Weinen +erwählt hat.</p> + +<p>Wenn es auch mit dem Lächeln seines +lieben Gesichtes Mutters sehnendes Herz +zu sich zieht, so schlingen doch seine +kleinen Schreie über winzige Kümmernisse +das doppelte Band von Mitleid und +Liebe.</p> + +<h2><a class="pagenum" name="Page_17" title="17"> </a>DAS UNBEACHTETE SCHAUSPIEL</h2> + +<p>Ach, wer war's, der diesen kleinen +Kittel bunt färbte, mein Kind, und Deine +süßen Glieder mit diesem kleinen, roten +Rock bedeckte?</p> + +<p>Du bist herausgekommen im Morgen, +auf dem Hof zu spielen, torkelnd und taumelnd, +wenn Du läufst.</p> + +<p>Aber wer war's, der diesen kleinen +Kittel bunt färbte, mein Kind?</p> + +<hr class="thought-break"/> + +<p>Was gibt's zu lachen, Du kleine Lebensknospe?</p> + +<p>Mutter steht auf der Schwelle und +lächelt Dich an.</p> + +<p>Sie klatscht in ihre Hände, und ihre +Spangen klirren, und Du tanzest mit Deinem +Bambusstock in der Hand wie ein +<a class="pagenum" name="Page_18" title="18"> </a> +kleinwinziger Hirte.</p> + +<p>Aber was gibt's zu lachen, Du kleine +Lebensknospe?</p> + +<hr class="thought-break"/> + +<p>O Bettler, was bettelst Du, Mutters +Nacken mit Deinen beiden Händen umschlingend?</p> + +<p>O gieriges Herz, soll ich die Welt pflücken +wie eine Frucht vom Himmel, um +sie in Deine kleine, rosige Hand zu legen?</p> + +<p>O Bettler, um was bettelst Du denn?</p> + +<hr class="thought-break"/> + +<p>Der Wind trägt lustig das Klingen Deiner +Fußschellen davon.</p> + +<p>Die Sonne lächelt und bewundert Dein +Kleid.</p> + +<p>Der Himmel wacht über Dir, wenn +Du schläfst in Mutters Armen, und der +<a class="pagenum" name="Page_19" title="19"> </a> +Morgen kommt auf Zehenspitzen an Dein +Bett und küßt Deine Augen.</p> + +<p>Der Wind trägt lustig das Klingen Deiner +Fußschellen davon.</p> + +<hr class="thought-break"/> + +<p>Die Feenkönigin der Träume kommt +zu Dir durch den Dämmerhimmel geflogen.</p> + +<p>Die Weltenmutter sitzt bei Dir in Deiner +Mutter Herzen.</p> + +<p>Er, der seine Musik den Sternen spielt, +steht an Deinem Fenster mit seiner Flöte.</p> + +<p>Und die Feenkönigin der Träume +kommt zu Dir durch den Dämmerhimmel +geflogen.</p> + +<h2><a class="pagenum" name="Page_20" title="20"> </a>SCHLAFDIEBIN</h2> + +<p>Wer den Schlaf von Kindchens Augen +stahl, muß ich wissen.</p> + +<p>Den Krug auf der Hüfte, ging Mutter +Wasser holen aus dem nahen Dorf.</p> + +<p>Es war Mittag. Der Kinder Spielzeit +war vorüber. Im Teich die Enten schwiegen.</p> + +<p>Der Hirtenknab' lag eingeschlafen unter +dem Schatten des Feigenbaums.</p> + +<p>Der Kranich stand ernst und still in +dem Sumpf am Mangohain.</p> + +<p>Mittlerweile kam die Schlafdiebin, +haschte den Schlaf von Kindchens Augen +und flog davon.</p> + +<p>Als Mutter heimkehrte, fand sie Kindchen +auf allen Vieren durchs Zimmer +kriechen.</p> + +<hr class="thought-break"/> + +<p><a class="pagenum" name="Page_21" title="21"> </a>Wer stahl von Kindchens Augen Schlaf, +muß ich wissen. Ich muß sie finden und +anketten. Ich muß dort in die schwarze +Höhle schaun, wo durch Felsen und +düstres Gestein ein kleiner Bach sickert.</p> + +<p>Ich muß suchen in dem Schlummerschatten +des Bakulahains, wo Tauben in +den Verstecken gurren und Elfenringe in +der Stille der Sternennächte klirren. Des +abends will ich in das flüsternde Schweigen +des Bambuswaldes lugen, wo Leuchtkäfer +ihr Licht verschwenden, und will +jedes Wesen fragen, das ich treffe: »Kann +einer mir sagen, wo die Schlafdiebin +wohnt?«</p> + +<hr class="thought-break"/> + +<p>Wer stahl von Kindchens Augen Schlaf, +muß ich wissen.</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_22" title="22"> </a>Würd' ich ihr nicht ordentlich Bescheid +sagen, wenn ich sie nur erwischen +könnte! Ihr Nest würd' ich überfallen +und sehn, wo sie all ihren gestohlenen +Schlaf hütet. Ich würde es ganz plündern +und ihn heimtragen.</p> + +<p>Ich würd' ihre zwei Flügel fest zusammenbinden, +sie an das Ufer des Flusses +setzen und sie dann die Fischerin spielen +lassen zwischen den Binsen und Wasserlilien.</p> + +<p>Wenn abends das Markten vorüber +ist, und die Dorfkinder ihren Müttern im +Schoß sitzen, werden die Nachtvögel ihr +spottend in die Ohren kreischen:</p> + +<p>»Wessen Schlaf stiehlst Du Dir jetzt?«</p> + +<h2><a class="pagenum" name="Page_23" title="23"> </a>DER ANFANG</h2> + +<p>»Wo bin ich hergekommen, wo hast +Du mich aufgelesen?« fragte das Kind +seine Mutter.</p> + +<p>Sie antwortete halb weinend, halb +lachend und drückte das Kind an ihre +Brust:</p> + +<p>»Du warst verborgen in meinem Herzen +als seine Sehnsucht, Liebling.</p> + +<p>Du warst in den Puppen meiner Kinderspiele; +und wenn ich aus Lehm das +Bildnis meines Gottes formte jeden Morgen, +dann formte und vernichtete ich +Dich.</p> + +<p>Du warst mit eingeschlossen in der +Gottheit unsres Hauses; sie verehrend, +verehrte ich Dich.</p> + +<p>In all meinem Hoffen und Lieben, in +<a class="pagenum" name="Page_24" title="24"> </a> +meinem Leben, in dem Leben meiner +Mutter hast Du gelebt.</p> + +<p>Im Schoß des unsterblichen Geistes, +der über unserm Hause waltet, bist Du +genährt worden durch Menschenalter.</p> + +<p>In meiner Mädchenzeit, da mein Herz +seine Blumenblätter aufschloß, schwebtest +Du als ihr Duft darüber.</p> + +<p>Deine zarte Sanftheit blühte in meinen +jugendlichen Gliedern wie ein Wolkenglühn +vor Sonnenaufgang.</p> + +<p>Himmelserwählter Liebling, Zwilling +des Morgenlichts, Du bist den Strom des +irdischen Lebens heruntergeschwommen +und zuletzt bist Du an meinem Herzen +gestrandet.</p> + +<p>Ich schaue in Dein Gesicht, und Unfaßbares +überkommt mich: Du, der allen +<a class="pagenum" name="Page_25" title="25"> </a> +gehört, bist mein geworden.</p> + +<p>Vor Angst, Dich zu verlieren, halt' ich +Dich eng an meine Brust. Welcher Zauber +hat den Schatz der Welt in diese +meine schlanken Arme verstrickt!«</p> + +<h2><a class="pagenum" name="Page_26" title="26"> </a>KINDCHENS WELT</h2> + +<p>Ich wünsche, ich könnte eine stille Ecke +haben im Herzen von Kindchens ureigenster +Welt.</p> + +<p>Ich weiß, sie hat Sterne, die zu ihm +reden, und einen Himmel, der niedersteigt +zu seinem Gesicht, um ihn mit +seinen närrischen Wolken und Regenbogen +zu vergnügen.</p> + +<p>Solche, die tun, als wären sie stumm +und dreinschaun, als könnten sie sich +niemals bewegen, kommen zu seinem +Fenster gekrochen mit ihren Geschichten +und mit Kästen voll herrlichem Spielzeug.</p> + +<hr class="thought-break"/> + +<p>Ich wünsche, ich könnte die Straße +wandern, die durch Kindchens Gedanken +<a class="pagenum" name="Page_27" title="27"> </a> +führt, und weiter, hinaus über alle Schranken;</p> + +<p>Wo Sendboten unterwegs sind ohne +Grund zwischen den Königreichen der +Könige, die keine Geschichte kennt;</p> + +<p>Wo die Vernunft Drachen macht aus +ihren Gesetzen und sie fliegen läßt, und +die Wahrheit die Tat befreit von ihren +Fesseln.</p> + +<h2><a class="pagenum" name="Page_28" title="28"> </a>WANN UND WARUM</h2> + +<p>Wenn ich Dir buntes Spielzeug bringe, +mein Kind, begreife ich, warum ein solches +Spiel von Farben in den Wolken und auf +dem Wasser ist, und warum die Blumen +in Farben gemalt sind – wenn ich Dir +buntes Spielzeug schenke, mein Kind.</p> + +<p>Wenn ich singe, damit Du tanzest, +weiß ich fürwahr, warum Musik in den +Blättern ist, und warum Wellen ihrer +Stimmen Chor zu dem Herzen der lauschenden +Erde senden – wenn ich singe, +damit Du tanzest.</p> + +<p>Wenn ich Süßigkeiten bringe für Deine +gierigen Händchen, weiß ich, warum +Honig in dem Kelch der Blume ist, und +warum Früchte heimlich mit süßem Saft +gefüllt sind – wenn ich Süßigkeiten bringe +<a class="pagenum" name="Page_29" title="29"> </a> +für Deine gierigen Händchen.</p> + +<p>Wenn ich Dein Gesicht küsse, damit +Du lächelst, mein Liebling, begreife ich +gewiß, welche Wonne vom Himmel träuft +im Morgenlicht, und welch Entzücken +die Sommerbrise meinem Körper bringt +– wenn ich Dich küsse, damit Du +lächelst.</p> + +<h2><a class="pagenum" name="Page_30" title="30"> </a>VERLEUMDUNG</h2> + +<p>Warum sind diese Tränen in Deinen +Augen, mein Kind?</p> + +<p>Wie grausam von ihnen, Dich immer +zu schelten, ohne Grund!</p> + +<p>Du hast Dir Finger und Wangen mit +Tinte beschmiert beim Schreiben – heißen +sie Dich darum schmutzig?</p> + +<p>O, pfui! Würden sie es wagen, den +Vollmond schmutzig zu heißen, weil er +sein Gesicht mit Tinte besudelt hat?</p> + +<hr class="thought-break"/> + +<p>Wegen jeder Kleinigkeit tadeln sie +Dich, mein Kind. Sie sind bereit, Fehler +zu finden, ohne Grund.</p> + +<p>Du zerreißest Deine Kleider beim Spielen +– heißen sie Dich darum unordentlich?</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_31" title="31"> </a>O, pfui! Was würden sie einen Herbstmorgen +heißen, der durch seine zerfetzten +Wolken lächelt?</p> + +<hr class="thought-break"/> + +<p>Achte nicht darauf, was sie zu Dir +sagen, mein Kind.</p> + +<p>Sie machen eine lange Liste Deiner +Missetaten.</p> + +<p>Jeder weiß, wie Du Süßigkeiten liebst +– heißen sie Dich darum naschhaft?</p> + +<p>O, pfui! Was würden sie dann uns +heißen, die Dich lieben?</p> + +<h2><a class="pagenum" name="Page_32" title="32"> </a>DER RICHTER</h2> + +<p>Sagt von ihm, was ihr wollt, ich kenne +doch meines Kindes Fehler.</p> + +<p>Ich lieb' ihn nicht, weil er gut ist, sondern +weil er mein kleines Kind ist.</p> + +<p>Woher wollt ihr wissen, wie lieb er +sein kann, wenn ihr versucht, seine Tugenden +gegen seine Schwächen abzuwägen?</p> + +<p>Wenn ich ihn strafen muß, wird er +um so mehr ein Teil meines Seins.</p> + +<p>Wenn ich Ursache bin, daß ihm die +Tränen kommen, weint mein Herz mit +ihm.</p> + +<p>Ich allein habe ein Recht, zu tadeln +und zu strafen, denn der nur darf züchtigen, +der liebt.</p> + +<h2><a class="pagenum" name="Page_33" title="33"> </a>SPIELZEUG</h2> + +<p>Kind, wie glücklich sitzest Du im Staub +und spielst mit einem zerbrochnen Zweig +den ganzen Morgen.</p> + +<p>Ich lächle über Dein Spiel mit diesem +kleinwinzigen, zerbrochnen Zweiglein.</p> + +<p>Ich bin eifrig bei meinen Rechnungen, +stundenlang Zahlen zusammenzählend.</p> + +<p>Vielleicht schaust Du auf mich und +denkst: »Was für ein dummes Spiel, +<em class="gesperrt">damit</em> Deinen Morgen zu verderben?«</p> + +<p>Kind, ich habe die Kunst vergessen, in +Stöcke und Sandhügel vertieft zu sein.</p> + +<p>Ich suche nach teurem Spielzeug und +sammle Klumpen von Gold und Silber.</p> + +<p>Was immer Du findest, Du schaffst +Dir damit Deine frohen Spiele; ich verschwende +meine Zeit und Kraft an Dinge, +<a class="pagenum" name="Page_34" title="34"> </a> +die ich niemals erreiche.</p> + +<p>In meinem schwanken Boot kämpf' ich, +der Sehnsucht Meer zu durchkreuzen und +vergesse, daß auch ich ein Spiel spiele.</p> + +<h2><a class="pagenum" name="Page_35" title="35"> </a>DER ASTRONOM</h2> + +<p>Ich sagte nur: »Wenn sich des abends +der runde Vollmond in den Zweigen jenes +Kadambaums verwirrte, könnte ihn da +jemand fangen?«</p> + +<p>Aber Dādā<a name="FNanchor_1" href="#Footnote_1" class="fnanchor">(1)</a> lachte mich an und sagte: +»Bubi, Du bist das dümmste Kind, das +ich je gekannt habe.</p> + +<p>Der Mond ist, ach so weit von uns, +wie könnte ihn denn einer da fangen?«</p> + +<div class="footnote"> +<p><a name="Footnote_1" href="#FNanchor_1" class="label">(1)</a> +Der ältere Bruder. +</p> +</div> + +<p>Ich sagte: »Dādā, wie närrisch Du bist! +Wenn Mutter hinausschaut aus ihrem +Fenster und herunter lächelt auf uns +beim Spielen, würdest Du sagen, sie wäre +weit weg?«</p> + +<p>Doch Dādā sagte: »Du bist ein einfältiges +Kind! Bubi, wo würdest Du denn +<a class="pagenum" name="Page_36" title="36"> </a> +ein Netz hernehmen, groß genug, um den +Mond damit zu fangen?«</p> + +<p>Ich sagte: »Sicherlich könntest Du ihn +mit Deinen Händen fangen.«</p> + +<p>Aber Dādā lächelte und sagte: »Du +bist das dümmste Kind, das ich kenne. +Wenn er näher käme, würdest Du sehn +wie groß der Mond ist.«</p> + +<p>Ich sagte: »Dādā, was für Unsinn sie +in Deiner Schule lehren! Wenn Mutter +ihr Gesicht herunterbeugt, um uns zu +küssen, schaut ihr Gesicht sehr groß aus?«</p> + +<p>Dādā sagt aber doch: »Du bist ein +dummes Kind.«</p> + +<h2><a class="pagenum" name="Page_37" title="37"> </a>WOLKEN UND WELLEN</h2> + +<p>Mutter, das Volk, das in den Wolken +droben wohnt, ruft mir zu:</p> + +<p>»Wir spielen vom Aufwachen bis der +Tag endet.</p> + +<p>Wir spielen mit der goldnen Morgenröte, +wir spielen mit dem silbernen Mond.«</p> + +<p>Ich frage: »Aber wie kann ich zu Euch +hinaufgelangen?«</p> + +<p>Sie antworten: »Komm' an den Rand +der Erde, heb' Deine Hände zum Himmel +und du wirst aufgenommen werden in +die Wolken.«</p> + +<p>»Meine Mutter wartet auf mich zu +Hause«, sag' ich. »Wie kann ich sie verlassen +und kommen?«</p> + +<p>Dann lächeln sie und schwimmen vorüber.</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_38" title="38"> </a>Aber ich weiß ein schöneres Spiel als +das, Mutter.</p> + +<p>Ich werde die Wolke sein und Du der +Mond.</p> + +<p>Ich werde Dich verdecken mit meinen +beiden Händen und unser Giebel wird +der blaue Himmel sein.</p> + +<hr class="thought-break"/> + +<p>Das Volk, das in den Wellen wohnt, +ruft mir zu:</p> + +<p>»Wir singen von Morgen bis Abend; +wir wandern und wandern und wissen +nicht, wohin wir gleiten.«</p> + +<p>Ich frage: »Wie soll ich mich denn zu +Euch gesellen?«</p> + +<p>Sie sagen mir: »Komm' an den Rand +des Ufers und steh' mit fest geschlossenen +Augen und Du wirst davongetragen +<a class="pagenum" name="Page_39" title="39"> </a> +werden auf den Wellen.«</p> + +<p>Ich sage: »Meine Mutter braucht mich +immer daheim des abends – wie kann +ich sie verlassen und gehn?«</p> + +<p>Dann lächeln sie, tanzen und gleiten +vorüber.</p> + +<p>Aber ich weiß ein besseres Spiel als das.</p> + +<p>Ich will die Welle sein, und Du wirst +eine fremde Küste sein.</p> + +<p>Ich werde rollen fort und fort und fort +und an Deinem Schoß zerschellen mit +Gelächter.</p> + +<p>Und niemand in der Welt wird wissen, +wo wir beide sind.</p> + +<h2><a class="pagenum" name="Page_40" title="40"> </a>DIE CHAMPABLÜTE</h2> + +<p>Denk' Dir, ich würde eine Champablüte, +nur zum Scherz, und wüchse auf +einem Ast hoch oben in jenem Baume +und schütterte im Wind vor Lachen und +tanzte auf den neu entkeimten Blättern; +würdest Du mich kennen, Mutter?</p> + +<hr class="thought-break"/> + +<p>Du würdest rufen: »Kindchen, wo bist +Du?«, und ich würde lachen für mich +und ganz stille sein.</p> + +<p>Ich würde heimlich meine Blüte öffnen +und Dir bei der Arbeit zuschaun.</p> + +<hr class="thought-break"/> + +<p>Wenn Du nach dem Bad, das nasse +Haar über Deine Schultern gebreitet, +durch den Schatten des Champabaumes +gingest zu dem kleinen Hof, in dem +<a class="pagenum" name="Page_41" title="41"> </a> +Du Deine Gebete sagst, würdest Du +den Duft der Blume merken, aber nicht +wissen, daß er von mir käme.</p> + +<p>Wenn Du nach dem Mittagsmahl +am Fenster säßest, Rāmāyana lesend, +und des Baumes Schatten über Haar und +Schoß Dir fiele, würd' ich Dir meinen +kleinwinzigen Schatten auf die Seite +Deines Buches werfen, grad dahin, wo +Du liest.</p> + +<p>Aber würdest Du raten, daß es der +zarte Schatten Deines kleinen Kindes +war?</p> + +<p>Wenn Du des abends zu den Kühen +gingest, mit der brennenden Lampe in +der Hand, würde ich plötzlich wieder +auf die Erde niederfallen und noch einmal +Dein eignes Kind sein und Dich +<a class="pagenum" name="Page_42" title="42"> </a> +bitten, mir eine Geschichte zu erzählen.</p> + +<p>»Wo bist Du gewesen, Du schlimmes +Kind?«</p> + +<p>»Ich mag's nicht erzählen, Mutter.« +Das würden Du und ich dann sagen.</p> + +<h2><a class="pagenum" name="Page_43" title="43"> </a>MÄRCHENLAND</h2> + +<p>Wenn die Leute wüßten, wo meines +Königs Palast ist, er würde entschwinden.</p> + +<p>Die Mauern sind von weißem Silber +und das Dach von leuchtendem Gold.</p> + +<p>Die Königin lebt in einem Palast mit +sieben Höfen und sie trägt ein Juwel, das +war wert allen Reichtum von sieben +Königreichen.</p> + +<p>Aber laß' es mich, Mutter, Dir flüsternd +sagen, wo meines Königs Palast ist.</p> + +<p>Er ist da in der Ecke unsrer Terrasse, +dort wo der Topf mit der Tulsispflanze +steht.</p> + +<p>Die Prinzessin liegt schlafend an der +weit weiten Küste der sieben unwegsamen +Meere.</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_44" title="44"> </a>Es gibt keinen in der Welt, der sie finden +kann, als ich.</p> + +<p>Sie hat Spangen an ihren Armen und +Perlentropfen in ihren Ohren; ihr Haar +wallt nieder bis zum Boden.</p> + +<p>Sie wird aufwachen, wenn ich sie mit +meinem Zauberstab berühre, und Edelsteine +werden von ihren Lippen fallen, +wenn sie lächelt.</p> + +<p>Aber laß' mich Dir ins Ohr flüstern, +Mutter; sie ist da in der Ecke unsrer +Terrasse, dort wo der Topf mit der Tulsispflanze +steht.</p> + +<p>Wenn es Zeit für Dich ist, zum Flusse +baden zu gehn, steig' hinauf zu der Terrasse +auf dem Dach.</p> + +<p>Ich sitz' in der Ecke, wo die Schatten +der Mauern zusammentreffen.</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_45" title="45"> </a>Nur Miez darf mit mir kommen, denn +sie weiß, wo der Barbier aus dem Märchen +wohnt.</p> + +<p>Aber laß' mich, Mutter, Dir ins Ohr +flüstern, wo der Barbier aus dem Märchen +wohnt.</p> + +<p>Es ist da in der Ecke der Terrasse, wo +der Topf mit der Tulsispflanze steht.</p> + +<h2><a class="pagenum" name="Page_46" title="46"> </a>DAS LAND DER VERBANNUNG</h2> + +<p>Mutter, das Licht ist grau geworden +am Himmel; ich weiß nicht, wie spät es ist.</p> + +<p>Mich freut mein Spiel nicht, da bin ich +zu Dir gekommen. Es ist Sonnabend, +unser Feiertag.</p> + +<p>Laß' Deine Arbeit, Mutter; sitz' hier +beim Fenster und erzähl' mir, wo die +Wüste von Tepāntar in dem Märchen ist.</p> + +<hr class="thought-break"/> + +<p>Der Regenschatten hat den ganzen +langen Tag zugedeckt.</p> + +<p>Der wilde Blitz zerkratzt den Himmel +mit seinen Nägeln.</p> + +<p>Wenn die Wolken rollen und es donnert, +lieb' ich es, mich zu fürchten im +Herzen und mich an Dich zu schmiegen.</p> + +<p>Wenn der schwere Regen stundenlang +<a class="pagenum" name="Page_47" title="47"> </a> +auf die Bambusblätter plätschert, und +unsre Fenster schüttern und klirren unter +den Windstößen, sitz' ich gern allein im +Zimmer, Mutter, mit Dir und hör' Dich +erzählen von der Wüste Tepāntar in dem +Märchen.</p> + +<hr class="thought-break"/> + +<p>Wo liegt sie, Mutter, an der Küste +welchen Meeres, am Fuße welcher Hügel, +in wessen Königs Königreich?</p> + +<p>Da gibt's keine Hecken, die Felder zu +grenzen, keinen Fußpfad hindurch, auf +dem die Dorfbewohner des abends ihr +Dorf erreichen oder die Frau, die dürres +Holz im Walde sammelt, ihre Bürde zu +Markte bringen kann. Mit Flecken gelben +Grases im Sand und einem einzigen +Baum, in dem das weise, alte Vogelpaar +<a class="pagenum" name="Page_48" title="48"> </a> +sein Nest hat, liegt die Wüste von Tepāntar.</p> + +<hr class="thought-break"/> + +<p>Ich kann mir vorstellen, wie gerade +an einem so wolkigen Tage der junge +Königssohn auf grauem Roß allein durch +die Wüste reitet, auf der Suche nach der +Prinzessin, die im Palast des Riesen über +dem unbekannten Wasser gefangen liegt.</p> + +<p>Wenn der Regennebel herunterrieselt +am fernen Himmel und der Blitz aufzuckt +wie ein plötzlicher Schmerz, denkt er da +seiner unglücklichen Mutter, wie sie, vom +König verstoßen, den Kuhstall fegt und +ihre Augen wischt, während er durch die +Wüste Tepāntar reitet, wie das Märchen +erzählt?</p> + +<hr class="thought-break"/> + +<p><a class="pagenum" name="Page_49" title="49"> </a>Sieh', Mutter, es ist beinahe dunkel, +ehe noch der Tag vorüber ist, und es gehn +keine Wandrer drüben auf der Dorfstraße.</p> + +<p>Der Hirtenknab' ist frühe heimgekommen +von der Weide und die Menschen +haben ihre Felder verlassen, um auf Matten +zu sitzen unter der Dachtraufe ihrer +Hütten, nach den dräuenden Wolken +spähend.</p> + +<p>Mutter, ich habe alle meine Bücher +in dem Spinde gelassen – heiße mich +nicht, jetzt meine Aufgaben machen.</p> + +<p>Wenn ich aufwachse und groß wie +mein Vater bin, werde ich alles lernen, +was gelernt werden muß. Aber nur heute +gerade, erzähle mir, Mutter, wo die +Wüste von Tepāntar ist, von der das +Märchen erzählt.</p> + +<h2><a class="pagenum" name="Page_50" title="50"> </a>DER REGENTAG</h2> + +<p>Tückische Wolken ballen sich rasch +über der schwarzen Franse des Waldes.</p> + +<p>O Kind, geh' nicht hinaus!</p> + +<p>Die Palmenreihe am See schlägt ihre +Häupter wider den schrecklichen Himmel; +die Krähen mit ihren schmutzigen +Schwingen sitzen still auf den Tamarindenzweigen, +und das östliche Ufer des +Flusses geistert in einem verdunkelten +Glühn.</p> + +<hr class="thought-break"/> + +<p>Unsre Kuh muht laut, an den Zaun +gebunden.</p> + +<p>O Kind, wart' hier, bis ich sie in den +Stall bringe.</p> + +<p>Menschen drängen hinaus auf das überschwemmte +Feld, um die Fische zu fangen, +<a class="pagenum" name="Page_51" title="51"> </a> +die aus den überflutenden Teichen +entkommen; das Regenwasser rinnt in +Rillen durch die engen Gassen, wie ein +lachender Junge, der seiner Mutter davongerannt +ist, um sie zu necken.</p> + +<hr class="thought-break"/> + +<p>Horch', irgendwer ruft nach dem +Bootsmann an der Furt.</p> + +<p>O Kind, des Tages Licht ist trüb' und +die Arbeit an der Fähre ruht.</p> + +<p>Der Himmel scheint rasch zu reiten +auf dem wildstürzenden Regen; das +Wasser im Fluß ist laut und ungestüm; +Frauen sind früh nach Haus geeilt vom +Ganges mit ihren gefüllten Krügen.</p> + +<hr class="thought-break"/> + +<p>Die Abendlampen müssen fertiggemacht +werden.</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_52" title="52"> </a>O Kind, geh' nicht hinaus!</p> + +<p>Die Straße zum Markt ist einsam, die +Gasse zum Fluß ist schlüpfrig. Der Wind +stöhnt und wütet in den Bambuszweigen +wie ein wildes Tier, in einem Netz +verfangen.</p> + +<h2><a class="pagenum" name="Page_53" title="53"> </a>PAPIERSCHIFFCHEN</h2> + +<p>Tag für Tag laß' ich meine Papierschiffchen, +eins nach dem andern, den eilenden +Strom hinunterschwimmen.</p> + +<p>In großen, schwarzen Buchstaben +schreib' ich meinen Namen darauf und +den Namen des Dorfes, wo ich lebe.</p> + +<p>Ich hoffe, daß irgendwer in einem +fremden Land sie finden wird und wissen, +wer ich bin.</p> + +<p>Ich belade meine kleinen Boote mit +Shiuliblumen aus unserm Garten und +hoffe, daß diese Blüten der Dämmerung +heil ans Land getrieben werden zur +Nacht.</p> + +<p>Ich lichte meine Papierschiffchen und +schaue hinauf in den Himmel und sehe +die kleinen Wolken ihre weißen, blähenden +<a class="pagenum" name="Page_54" title="54"> </a> +Segel setzen.</p> + +<p>Ich weiß nicht, wer von meinen Gespielen +im Himmel sie hinunterschickt +durch die Luft, damit sie wettlaufen mit +meinen Booten!</p> + +<p>Wenn Nacht kommt, vergrabe ich +mein Gesicht in meine Arme und träume, +daß meine Papierschiffchen weiter und +weiter treiben unter den Mitternachtssternen.</p> + +<p>Die Schlafelfen segeln darin, und die +Ladung sind ihre Körbe voll Träume.</p> + +<h2><a class="pagenum" name="Page_55" title="55"> </a>DER SEEMANN</h2> + +<p>Das Boot des Bootsmannes Madhu ist +an der Werft von Rajgunj verankert.</p> + +<p>Es ist unnütz beladen mit indischem +Flachs und liegt schon so lange zwecklos +da.</p> + +<p>Wenn er mir nur sein Boot leihen +wollte, ich würd' es mit hundert Rudrern +bemannen und Segel hissen, fünf oder +sechs oder sieben.</p> + +<p>Ich würd' es nicht nach dummen +Märkten steuern.</p> + +<p>Ich würde über die sieben Meere segeln +und die dreizehn Flüsse des Märchenlandes.</p> + +<hr class="thought-break"/> + +<p>Gelt Mutter, Du würdest nicht weinen, +um mich in einer Ecke?</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_56" title="56"> </a>Ich geh' nicht in den Wald wie Rāmachandra, +um erst nach vierzehn Jahren +heimzukehren.</p> + +<p>Ich werde der Märchenprinz sein und +mein Boot füllen, mit allem, was mir +gefällt.</p> + +<p>Ich werde meinen Freund Ashu mit +mir nehmen. Wir werden frohlustig über +die sieben Meere segeln und die dreizehn +Flüsse des Märchenlands.</p> + +<hr class="thought-break"/> + +<p>Wir werden die Segel setzen im frühen +Morgenlicht.</p> + +<p>Wenn Du des mittags am Teiche badest, +werden wir im Land eines fremden +Königs sein.</p> + +<p>Wir werden die Furt von Tipurni passieren +und hinter uns lassen die Wüste +<a class="pagenum" name="Page_57" title="57"> </a> +von Tepāntar.</p> + +<p>Wenn wir heimkommen, wird es +anfangen zu dunkeln, und ich werde Dir +von allem erzählen, was wir gesehen +haben.</p> + +<p>Ich werde die sieben Meere kreuzen +und die dreizehn Flüsse des Märchenlandes.</p> + +<h2><a class="pagenum" name="Page_58" title="58"> </a>DAS ANDERE UFER</h2> + +<p>Ich möchte hinübergehn an das Ufer +des Flusses drüben,</p> + +<p>Wo jene Boote angeseilt sind an die +Bambuspfähle in einer Reihe;</p> + +<p>Wo Männer in ihren Booten überfahren +in der Frühe, mit Pflügen auf ihren Schultern, +ihre Felder weit draußen zu ackern;</p> + +<p>Wo die Kuhhirten ihre blökenden +Kälber über den Strom schwimmen +lassen nach den Uferweiden;</p> + +<p>Von wo sie alle heimkommen am +Abend und lassen auf der Insel, der von +Unkraut überwucherten, die heulenden +Schakale zurück.</p> + +<p>Mutter, erlaubst Du's, so würd' ich +gern Bootsmann bei der Fähre werden, +wenn ich einmal groß bin.</p> + +<hr class="thought-break"/> + +<p><a class="pagenum" name="Page_59" title="59"> </a>Sie sagen, es sind seltsame Sümpfe +verborgen hinter jenem Ufer,</p> + +<p>Wo Schwärme wilder Enten hinkommen, +wenn die Regen vorüber sind, +und dickes Rohr wächst um die Ränder, +da Wasservögel ihre Eier legen;</p> + +<p>Wo Schnepfen mit ihren tanzenden +Schwänzen ihre kleinen Zehenmale in +den reinen, weichen Schlamm drücken;</p> + +<p>Wo im Abend die hohen Gräser, mit +weißen Blüten behelmt, den Mondstrahl +einladen, auf ihren Wogen zu spielen.</p> + +<p>Mutter, erlaubst Du's, so würd' ich +gern Bootsmann bei der Fähre werden, +wenn ich einmal groß bin.</p> + +<hr class="thought-break"/> + +<p>Ich werde hinüber- und herüberfahren +von Ufer zu Ufer, und alle die Jungen +<a class="pagenum" name="Page_60" title="60"> </a> +und Mädchen im Dorf werden mich anstaunen, +während sie baden.</p> + +<p>Wenn die Sonne des Himmels Mitte +erklimmt und der Morgen in den Mittag +vergeht, werde ich nach Hause gelaufen +kommen und sagen: »Mutter, ich habe +Hunger!«</p> + +<p>Wenn der Tag um ist und die Schatten +unter den Bäumen kauern, werd' ich im +Dämmern heimkommen.</p> + +<p>Ich werde nie weggehen von Dir, in +die Stadt arbeiten, wie Vater.</p> + +<p>Mutter, erlaubst Du's, so würd' ich +gern Bootsmann bei der Fähre werden, +wenn ich einmal groß bin.</p> + +<h2><a class="pagenum" name="Page_61" title="61"> </a>DIE BLUMENSCHULE</h2> + +<p>Wenn Sturmwolken am Himmel rumoren +und Junischauer herunterkommen,</p> + +<p>Kommt der feuchte Ostwind über die +Heide marschiert, um seinen Dudelsack +im Bambusgeröhr zu pfeifen.</p> + +<p>Dann kommen auf einmal Scharen +von Blumen heraus – weiß niemand +woher – und tanzen auf dem Gras in +wilder Lust.</p> + +<hr class="thought-break"/> + +<p>Mutter, wirklich, ich denke, die Blumen +gehn unter der Erde zur Schule.</p> + +<p>Sie machen ihre Aufgaben bei geschlossenen +Türen, und wenn sie herauskommen +wollen, zu spielen, eh' ihre Zeit +ist, läßt sie der Lehrer in einer Ecke stehn.</p> + +<hr class="thought-break"/> + +<p><a class="pagenum" name="Page_62" title="62"> </a>Wenn die Regen kommen, haben sie +ihre Ferien.</p> + +<p>Zweige prasseln zusammen im Walde, +und die Blätter rascheln im wilden Wind, +die Donnerwolken klatschen ihre Riesenhände, +und die Blumenkinder stürzen +heraus in Kleidern rosig und gelb und +weiß.</p> + +<hr class="thought-break"/> + +<p>Weißt Du, Mutter, ihre Heimat ist im +Himmel, wo die Sterne sind.</p> + +<p>Hast Du nicht gemerkt, wie gierig sie +sind, dahin zu gelangen? Weißt Du nicht, +warum sie in solcher Eile sind?</p> + +<p>Freilich, ich kann's erraten, zu wem +sie ihre Hände erheben: sie haben ihre +Mutter, wie ich die meine hab'.</p> + +<h2><a class="pagenum" name="Page_63" title="63"> </a>DER KAUFMANN</h2> + +<p>Stell' Dir vor, Mutter, daß Du zu +Hause bleiben müßtest, und ich müßte +in fremde Länder reisen.</p> + +<p>Stell' Dir vor, daß mein Boot bereitliegt +an der Brücke, voll geladen.</p> + +<p>Nun denk' gut nach, Mutter, eh' Du +sagst, was ich mitbringen soll für Dich, +wenn ich zurückkomme.</p> + +<hr class="thought-break"/> + +<p>Mutter, willst Du Haufen und Haufen +von Gold?</p> + +<p>Dort an den Ufern goldener Ströme +sind Felder voll goldener Ernten.</p> + +<p>Und in den Schatten des Waldpfads +tropfen die goldnen Champablüten auf +den Weg.</p> + +<p>Ich will sie sammeln, alle für Dich, in +<a class="pagenum" name="Page_64" title="64"> </a> +vielen hundert Körben.</p> + +<p>Mutter, willst Du Perlen so groß wie +Regentropfen im Herbst?</p> + +<p>Ich will hinüberfahren nach der Perleninsel.</p> + +<p>Dort zittern im frühen Morgenlicht +Perlen auf den Wiesenblumen, Perlen +tropfen ins Gras, und Perlen sind verspritzt +im Sand vom Gischt der wilden +Meereswogen.</p> + +<p>Mein Bruder soll ein Paar Rösser haben +mit Flügeln, um mit den Wolken zu fliegen.</p> + +<p>Für Vater werd' ich eine Zauberfeder +mitbringen, die, ohne daß er es weiß, von +selber schreiben wird.</p> + +<p>Für dich, Mutter, muß ich das Kästlein +und das Kleinod haben, das sieben +Königen ihre Königreiche kostet.</p> + +<h2><a class="pagenum" name="Page_65" title="65"> </a>MITGEFÜHL</h2> + +<p>Wenn ich nur ein kleines Hündchen +wäre, nicht Dein Kindchen, Mutter lieb, +würdest Du »Nein« zu mir sagen, wenn +ich es wagte, von Deiner Schüssel zu essen?</p> + +<p>Würdest Du mich wegjagen, zu mir +sagend: »Mach' Dich fort, Du garstiges, +kleines Hündchen?«</p> + +<p>Dann geh', Mutter, geh'! Ich will nie +mehr zu Dir kommen, wenn Du mich +rufst, und mich nicht mehr von Dir füttern +lassen.</p> + +<hr class="thought-break"/> + +<p>Wenn ich nur ein kleiner, grüner Papagei +wäre und nicht Dein Kindchen, +Mutter lieb, würdest Du mich an der +Kette halten, damit ich nicht wegfliegen +kann?</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_66" title="66"> </a>Würdest Du mir mit dem Finger drohen +und sagen: »Was für ein undankbarer +Racker von einem Vogel! Er knabbert +an seiner Kette Tag und Nacht?«</p> + +<p>Dann geh', Mutter, geh'! Ich will fortlaufen +in den Wald; ich will nicht mehr, +daß Du mich wieder in Deine Arme +nimmst.</p> + +<h2><a class="pagenum" name="Page_67" title="67"> </a>BERUF</h2> + +<p>Wenn der Gong zehn schlägt des +morgens und ich wandre unsre Gasse +zur Schule,</p> + +<p>Treffe ich jeden Tag den Händler, +schreiend: »Ringe, kristallne Ringe!«</p> + +<p>Es gibt nichts, das ihn zur Eile treibt, +es gibt keinen Weg, den er nehmen, +keinen Ort, nach dem er gehen, keine +Zeit, zu der er heimkommen muß.</p> + +<p>Ich wünschte, ich wäre ein Händler +und verbrächte meinen Tag auf der Straße, +schreiend: »Ringe, kristallne Ringe!«</p> + +<hr class="thought-break"/> + +<p>Wenn ich um vier des nachmittags +zurückkomme aus der Schule,</p> + +<p>Kann ich durch das Tor jenes Hauses +den Gärtner die Erde graben sehn.</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_68" title="68"> </a>Er tut, was er will mit seinem Spaten, +beschmutzt seine Kleider mit Staub, keiner +stellt ihn zur Rede, wenn er gebraten +wird in der Sonne oder naß wird.</p> + +<p>Ich wünschte, ich wäre ein Gärtner, +drauflosgrabend im Garten, und keiner +hielte mich ab vom Graben.</p> + +<hr class="thought-break"/> + +<p>Just wenn es dunkel wird am Abend +und meine Mutter mich zu Bett schickt,</p> + +<p>Kann ich durch das offne Fenster +den Wächter sehn auf und abschreiten.</p> + +<p>Die Gasse ist dunkel und einsam, und +die Straßenlampe steht wie ein Riese +mit einem roten Auge im Kopf.</p> + +<p>Der Wächter schwingt seine Laterne +und schreitet mit seinem Schatten zur +<a class="pagenum" name="Page_69" title="69"> </a> +Seite und geht nicht <em class="gesperrt-left-part">ein</em>mal zu Bett in +seinem Leben.</p> + +<p>Ich wünschte, ich wäre ein Wächter, +die Straßen schreitend alle Nacht, und +scheuchte die Schatten mit meiner Laterne.</p> + +<h2><a class="pagenum" name="Page_70" title="70"> </a>ÜBERLEGEN</h2> + +<p>Mutter, Dein Töchterchen ist dumm! +Sie ist so schrecklich kindisch!</p> + +<p>Sie weiß nicht den Unterschied zwischen +den Lichtern auf der Straße und +den Sternen.</p> + +<p>Wenn wir »Essen« mit Kieseln spielen, +glaubt sie, sie sind wirkliche Speise und +versucht, sie in ihren Mund zu stecken.</p> + +<p>Wenn ich ein Buch aufmache vor ihr +und sie ihr ABC lernen heiße, zerreißt sie +die Blätter mit ihren Händen und brüllt +vor Freude über nichts. Das ist die Art, wie +Dein Töchterchen ihre Aufgaben macht.</p> + +<p>Wenn ich den Kopf über sie schüttle +in Ärger und sie schelte und sie schlimm +nenne, lacht sie und hält es für einen +Hauptspaß.</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_71" title="71"> </a>Jeder weiß, daß Vater fort ist, aber +wenn ich im Spiel laut »Vater« rufe, +schaut sie herum in Aufregung und denkt, +daß Vater nahe ist.</p> + +<p>Wenn ich Schule spiele mit den +Eseln, die unser Wäschemann bringt, +um Wäsche zu holen, und ich drohe ihr, +daß ich der Lehrer bin, wird sie kreischen +ohne Grund und mich Dādā nennen.</p> + +<p>Dein Töchterchen will den Mond +fangen. Sie ist so drollig, sie nennt: Ganesh +Ganush.</p> + +<p>Mutter, Dein Töchterchen ist dumm, +sie ist so schrecklich kindisch!</p> + +<h2><a class="pagenum" name="Page_72" title="72"> </a>DER KLEINE GROSSE MANN</h2> + +<p>Ich bin klein, weil ich ein kleines Kind +bin. Ich werde groß sein, wenn ich so alt +bin wie mein Vater ist.</p> + +<p>Mein Lehrer wird kommen und sagen: +»Es ist spät; bring' Deine Tafel und Deine +Bücher.«</p> + +<p>Ich werd' ihm antworten: »Weißt Du +nicht, daß ich so groß bin wie Vater? Und +ich muß keine Stunden mehr haben.«</p> + +<p>Mein Lehrer wird sich wundern und +sagen: »Er kann seine Bücher lassen, +wenn er will, er ist ja erwachsen.«</p> + +<hr class="thought-break"/> + +<p>Ich werde mich anziehn und zum Jahrmarkt +spazieren, wo das Gewühl am dichtesten +ist.</p> + +<p>Mein Onkel wird auf mich zugestürzt +<a class="pagenum" name="Page_73" title="73"> </a> +kommen und sagen: »Du wirst verloren +gehn, mein Junge; laß' mich Dich tragen.«</p> + +<p>Ich werde antworten: »Kannst Du +nicht sehen, Onkel, ich bin so groß wie +Vater. Ich muß allein auf den Jahrmarkt +gehn.«</p> + +<p>Onkel wird sagen: »Ja, er kann gehn, +wohin er will; er ist erwachsen.«</p> + +<hr class="thought-break"/> + +<p>Mutter wird vom Bade kommen, wenn +ich meiner Amme Geld gebe; denn ich +weiß, wie sich die Büchse aufmachen läßt +mit meinem Schlüssel.</p> + +<p>Mutter wird sagen: »Was hast Du vor, +Du schlimmes Kind?«</p> + +<p>Ich werd' ihr erwidern: »Mutter, weißt +Du nicht, ich bin so groß wie Vater und +ich muß meiner Amme Silber geben.«</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_74" title="74"> </a>Mutter wird zu sich sagen: »Er kann +Geld geben, wem er will; er ist ja erwachsen.«</p> + +<hr class="thought-break"/> + +<p>In der Ferienzeit im Oktober wird +Vater heimkommen und, weil er meint, +daß ich noch ein kleines Kind bin, wird +er für mich aus der Stadt kleine Schuhe +und kleine seidene Röcklein mitbringen.</p> + +<p>Ich werde sagen: »Vater, gib sie meinem +Dādā, denn ich bin so groß wie Du +bist.«</p> + +<p>Vater wird denken und sagen: »Er +kann seine eignen Kleider kaufen, wenn +er will; er ist ja erwachsen.«</p> + +<h2><a class="pagenum" name="Page_75" title="75"> </a>ZWÖLF UHR</h2> + +<p>Mutter, ich will jetzt aufhören mit +meinen Aufgaben. Ich habe den ganzen +Morgen über meinen Büchern gesessen.</p> + +<p>Du sagst, es ist erst zwölf Uhr. Angenommen, +es ist nicht später: kannst Du +Dir niemals denken, es ist Nachmittag, +wenn es nur zwölf Uhr ist?</p> + +<p>Ich kann mir leicht vorstellen jetzt, +daß die Sonne den Rand jenes Reisfeldes +erreicht hat, und daß die alte Fischerfrau +Kräuter sammelt für ihr Nachtmahl, +drüben am Teich.</p> + +<p>Ich kann meine Augen fest zumachen +und denken, daß die Schatten dunkler +werden unter dem Madarbaum und das +Wasser im Teich glänzend schwarz aussieht.</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_76" title="76"> </a>Wenn zwölf Uhr in der Nacht kommen +kann, warum kann die Nacht nicht +kommen, wenn es zwölf Uhr ist?</p> + +<h2><a class="pagenum" name="Page_77" title="77"> </a>SCHRIFTSTELLEREI</h2> + +<p>Du sagst, daß Vater eine Menge Bücher +schreibt, aber was er schreibt, versteh' +ich nicht.</p> + +<p>Er hat Dir den ganzen Abend vorgelesen, +aber konntest Du wirklich herausbekommen, +was er meinte?</p> + +<p>Welch schöne Märchen, Mutter, kannst +<em class="gesperrt">Du</em> uns erzählen! Warum kann Vater +nicht solche schreiben?</p> + +<p>Hat er niemals von seiner eignen +Mutter Märchen gehört von Riesen und +Elfen und Prinzessinnen?</p> + +<p>Hat er sie alle vergessen?</p> + +<hr class="thought-break"/> + +<p>Oft, wenn er spät kommt zum Baden, +mußt Du gehn und ihn hundertmal +rufen.</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_78" title="78"> </a>Du wartest und hältst sein Essen warm +für ihn, und er schreibt weiter und vergißt.</p> + +<p>Vater spielt immer Büchermachen.</p> + +<p>Wenn ich je spielen gehe in Vaters +Zimmer, kommst Du und rufst mich: +»Was für ein schlimmes Kind!«</p> + +<p>Wenn ich den leisesten Lärm mache, +sagst Du: »Siehst Du nicht, daß Vater +arbeitet?«</p> + +<p>Was hat das für Sinn, schreiben und +immer schreiben?</p> + +<hr class="thought-break"/> + +<p>Wenn ich Vaters Feder oder Bleistift +nehme und in sein Buch schreibe, gerade +wie er – a, b, c, d, e, f, g, h, i, –, +warum wirst Du dann böse mit mir, +Mutter?</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_79" title="79"> </a>Du sagst nie ein Wort, wenn Vater +schreibt.</p> + +<hr class="thought-break"/> + +<p>Wenn mein Vater solche Haufen Papier +verschwendet, Mutter, scheint es Dich +gar nicht zu stören.</p> + +<p>Wenn ich aber nur <em class="gesperrt">einen</em> Bogen +nehme, um mir ein Schiff draus zu +machen, sagst Du: »Kind, wie Du einen +quälst!«</p> + +<p>Was hältst Du von Vaters Bogen und +Bogenverderben mit schwarzen Zeichen, +über und über auf beiden Seiten?</p> + +<h2><a class="pagenum" name="Page_80" title="80"> </a>DER BÖSE POSTBOTE</h2> + +<p>Warum sitzest Du hier auf dem Boden +so still und schweigend, sag' mir, Mutter +lieb?</p> + +<p>Der Regen kommt herein durch das +offene Fenster, macht Dich ganz naß, +und Du merkst es gar nicht.</p> + +<p>Hörst Du den Gong vier schlagen? Es +ist Zeit für meinen Bruder, daß er heimkommt +aus der Schule.</p> + +<p>Was ist Dir geschehn, daß Du so fremd +ausschaust?</p> + +<p>Hast Du heut keinen Brief von Vater +bekommen?</p> + +<p>Ich sah den Postboten Briefe bringen +in seinem Sack, für jeden fast in der +Stadt.</p> + +<p>Nur Vaters Briefe behält er, um sie +<a class="pagenum" name="Page_81" title="81"> </a> +selber zu lesen. Ich bin gewiß, der Postbote +ist ein böser Mann.</p> + +<hr class="thought-break"/> + +<p>Aber sei nicht unglücklich darüber, +Mutter lieb.</p> + +<p>Morgen ist Markttag im nächsten Dorf. +Du sagst Deinem Mädchen, daß sie Federn +und Papier kauft.</p> + +<p>Ich selbst will Vaters Briefe schreiben; +Du wirst nicht einen einzigen Fehler +finden.</p> + +<p>Ich werde vom A drauf los bis zum K +schreiben.</p> + +<p>Doch, Mutter, was lächelst Du?</p> + +<p>Du glaubst nicht, daß ich so schön +schreiben kann wie Vater?</p> + +<p>Aber ich werde mein Papier sorgfältig +linieren und alle Buchstaben schön groß +<a class="pagenum" name="Page_82" title="82"> </a> +schreiben.</p> + +<p>Wenn ich mein Schreiben fertig habe, +meinst Du, werd' ich so dumm sein und +es hineinwerfen in des gräßlichen Postboten +Sack?</p> + +<p>Ich werd' es Dir selber bringen, ganz +rasch, und Dir Brief für Brief meine +Schrift lesen helfen.</p> + +<p>Ich weiß, der Postbote gibt Dir nicht +gern die wirklich netten Briefe.</p> + +<h2><a class="pagenum" name="Page_83" title="83"> </a>DER HELD</h2> + +<p>Mutter, denk' Dir, wir reisen und kommen +durch ein fremdes und gefährliches +Land.</p> + +<p>Du reisest in einem Palankin, und ich +trabe neben Dir auf einem roten Pferd.</p> + +<p>Es ist Abend, und die Sonne geht unter. +Die Wüste von Joradighi liegt fahl und +grau vor uns. Das Land ist öd und brach.</p> + +<p>Du bist erschreckt und denkst: »Ich +weiß nicht, wohin wir geraten sind.«</p> + +<p>Ich sage zu Dir: »Mutter, hab' keine +Angst.«</p> + +<hr class="thought-break"/> + +<p>Die Wiese prickelt vor spitzigem Gras, +und drüber läuft ein schmaler, holpriger +Pfad.</p> + +<p>Kein Vieh ist zu sehn auf dem weiten +<a class="pagenum" name="Page_84" title="84"> </a> +Feld; es ist in seine Ställe heimgekehrt.</p> + +<p>Es wird dunkel und düster auf Land +und Himmel, und wir können's nicht +sagen, wohin wir gehn.</p> + +<p>Plötzlich rufst Du und fragst mich +flüsternd: »Was für ein Licht ist dort am +Ufer?«</p> + +<hr class="thought-break"/> + +<p>Just da gellt ein furchtbarer Schrei, und +Gestalten kommen laufend auf uns zu.</p> + +<p>Du sitzest zusammengekauert in Deinem +Palankin und wiederholst betend +die Namen der Götter.</p> + +<p>Die Träger, vor Schrecken zitternd +verstecken sich im Dornenbusch.</p> + +<p>Ich schrei' Dir zu: »Hab' keine Angst, +Mutter, ich bin da!«</p> + +<hr class="thought-break"/> + +<p><a class="pagenum" name="Page_85" title="85"> </a>Mit langen Stöcken in den Händen +und ganz wild flatterndem Haar um ihre +Schädel kommen sie näher und näher.</p> + +<p>Ich schreie: »Seht Euch vor, Ihr Schurken! +Einen Schritt weiter und Ihr seid +des Todes!«</p> + +<p>Sie stoßen noch einmal ein schreckliches +Geheul aus und stürzen vorwärts.</p> + +<p>Du packst meine Hand und sagst: +»Lieber Junge, um Himmels willen, halt' +Dich fern von ihnen!«</p> + +<p>Ich sage: »Mutter, gib Du nur Obacht +auf mich.«</p> + +<hr class="thought-break"/> + +<p>Dann sporn' ich mein Roß zu wildem +Galopp, und mein Schwert und Schild +klirren aneinander.</p> + +<p>Der Kampf wird so gräßlich, Mutter, +<a class="pagenum" name="Page_86" title="86"> </a> +daß Dich ein kalter Schauer überliefe, +wenn Du ihn sehen könntest von Deinem +Palankin.</p> + +<p>Viele von ihnen fliehn, und eine große +Zahl ist in Stücke gehaun.</p> + +<p>Ich weiß, Du denkst, ganz versunken +in Dich, Dein Junge muß tot sein in dieser +Stunde.</p> + +<p>Aber ich komme zu Dir, ganz mit Blut +befleckt und sage: »Mutter, nun ist der +Kampf vorüber.«</p> + +<p>Du kommst heraus und küssest mich, +drückst mich an Dein Herz und sagst zu +Dir selbst:</p> + +<p>»Ich weiß nicht, was ich tun würde, +wenn ich nicht meinen Jungen zum Geleit +hätte.«</p> + +<hr class="thought-break"/> + +<p><a class="pagenum" name="Page_87" title="87"> </a>Tausend nutzlose Dinge geschehen +Tag für Tag, warum könnte nicht so +etwas zufällig wahr werden?</p> + +<p>Es würde wie eine Geschichte in einem +Buch sein.</p> + +<p>Mein Bruder würde sagen: »Ist das +möglich? Ich dachte immer, er wäre so +zart!«</p> + +<p>Unsre Dorfleute würden alle in Verwunderung +sagen: »War es nicht ein +Glück, daß der Junge mit seiner Mutter +war?«</p> + +<h2><a class="pagenum" name="Page_88" title="88"> </a>DAS ENDE</h2> + +<p>Es ist Zeit für mich, zu gehen, Mutter. +Ich gehe.</p> + +<p>Wenn Du im fahlen Dunkel der einsamen +Dämmerung Deine Arme ausstreckst +nach Deinem Kindchen im Bett, +werde ich sagen: »Kindchen ist nicht +da!« – Mutter, ich gehe.</p> + +<p>Ich werde ein zarter Lufthauch werden +und Dich liebkosen; und ich werde +das Kräuseln auf dem Wasser sein, wenn +Du badest, und Dich küssen und wieder +küssen.</p> + +<p>In der Sturmnacht, wenn der Regen +auf die Blätter prasselt, wirst du mein +Flüstern hören in Deinem Bett, und mein +Lachen wird mit dem Blitz durchs offne +Fenster in Dein Zimmer leuchten.</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_89" title="89"> </a>Wenn Du wach liegst, an Dein Kindchen +denkend bis spät in die Nacht, werd' +ich singen zu Dir von den Sternen: +»Schlaf, Mutter, schlaf.«</p> + +<p>Auf den irrenden Mondstrahlen werd' +ich mich über Dein Bett stehlen und auf +Deiner Brust liegen, während Du schläfst.</p> + +<p>Ich werde ein Traum werden und +durch die kleine Öffnung Deiner Augenlider +werd' ich in die Tiefen Deines +Schlafes schlüpfen; und wenn Du aufwachst +und bestürzt herumschaust, +werd' ich wie ein glitzernder Leuchtkäfer +hinaus ins Dunkle schwirren.</p> + +<p>Wenn zum großen Puja-Feste die +Nachbarskinder kommen und herumspielen +im Haus, werd' ich in die Musik +der Flöte schmelzen und in Deinem +<a class="pagenum" name="Page_90" title="90"> </a> +Herzen schlagen den ganzen Tag.</p> + +<p>Die liebe Muhme wird kommen mit +Puja-Geschenken und wird fragen: »Wo +ist unser Kindchen, Schwester?«</p> + +<p>Mutter, Du wirst ihr leise sagen: »Er +ist in den Sternen meiner Augen, er ist in +meinem Körper und in meiner Seele.«</p> + +<h2><a class="pagenum" name="Page_91" title="91"> </a>KOMM ZURÜCK!</h2> + +<p>Die Nacht war schwarz als <em class="gesperrt">sie</em> fortging, +und sie schliefen.</p> + +<p>Die Nacht ist schwarz jetzt, und ich +rufe nach <em class="gesperrt">ihr</em>: »Komm zurück, mein +Liebling; die Welt liegt im Schlaf; und +niemand würde wissen, wenn Du kämst +für eine Weile, während die Sterne den +Sternen zublinken.«</p> + +<hr class="thought-break"/> + +<p>Sie ging weg, als die Bäume in Knospen +standen und der Lenz jung war.</p> + +<p>Nun sind die Blumen in voller Blüte +und ich rufe: »Komm zurück, mein Liebling. +Die Kinder sammeln Blumen und +verstreun sie in unbekümmertem Spiel. +Und wenn Du kämest und nähmest +<em class="gesperrt">eine</em> kleine Blüte, es würde sie keiner +<a class="pagenum" name="Page_92" title="92"> </a> +vermissen.«</p> + +<p>Die damals spielten, spielen noch, so +verschwenderisch ist Leben.</p> + +<p>Ich lauschte ihrem Plaudern und rufe: +»Komm zurück, mein Liebling; denn +Mutters Herz ist voll bis an den Rand +mit Liebe, und wenn Du kämest, nur +einen einzigen kleinen Kuß zu haschen +von ihr, es würde Dir's niemand neiden.«</p> + +<h2><a class="pagenum" name="Page_93" title="93"> </a>DER ERSTE JASMIN</h2> + +<p>Ah, dieser Jasmin, dieser weiße Jasmin!</p> + +<p>Mir ist wie am ersten Tag, da ich +meine Hände füllte mit diesem Jasmin, +diesem weißen Jasmin.</p> + +<p>Ich habe die Sonne geliebt, den Himmel +und die grüne Erde.</p> + +<p>Ich habe das rieselnde Rauschen des +Flusses gehört durch das Dunkel der +Mitternacht;</p> + +<p>Herbstsonnenuntergänge sind zu mir +gekommen an eines Weges Biegung in +einsamer Öde wie eine Braut, den Schleier +hebend zum Empfang des Geliebten.</p> + +<p>Und doch ist mein Erinnern noch süß +von dem ersten weißen Jasmin, den ich in +meiner Hand hielt, als ich ein Kind war.</p> + +<hr class="thought-break"/> + +<p><a class="pagenum" name="Page_94" title="94"> </a>Manch' froher Tag ist in mein Leben +gekommen, und ich habe gelacht mit +Spaßmachern in festlichen Nächten.</p> + +<p>An grauen Regenmorgen hab' ich +manch' müßig Lied gesummt.</p> + +<p>Ich habe um meinen Nacken getragen +den Abendkranz aus Bakulas, von Händen +der Liebe geflochten.</p> + +<p>Und doch ist mein Herz süß von dem +Erinnern an den ersten frischen Jasmin, +der meine Hände füllte, als ich ein Kind +war.</p> + +<h2><a class="pagenum" name="Page_95" title="95"> </a>DER FEIGENBAUM</h2> + +<p>O Du zottelköpfiger Feigenbaum am +Ufer des Teichs, hast Du den kleinen +Jungen vergessen wie die Vögel, die in +Deinen Zweigen genistet haben und Dich +verließen?</p> + +<p>Erinnerst Du Dich nicht, wie er am +Fenster saß und sich wunderte über das +Gewirr Deiner Wurzeln, die unter die +Erde tauchten?</p> + +<p>Die Frauen kamen immer, ihre Krüge +zu füllen am Teich, und Dein riesiger, +schwarzer Schatten räkelte sich über das +Wasser wie Schlaf, der sich anstrengt, +aufzuwachen.</p> + +<p>Sonnenlicht tanzte auf den Wasserwirbeln +wie ruhlose, winzige Weberschiffchen, +die eine goldne Tapete wirken.</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_96" title="96"> </a>Zwei Enten schwammen am verwilderten +Rande über ihren Schatten +und der Junge saß still und sann.</p> + +<p>Er wollte der Wind sein und durch +Deine rauschenden Zweige blasen, Dein +Schatten sein und mit dem Tage länger +werden auf dem Wasser, ein Vogel sein +und auf Deinem höchsten Wipfel sitzen, +und wie jene Enten unter Unkraut und +Schatten schwimmen.</p> + +<h2><a class="pagenum" name="Page_97" title="97"> </a>SEGNUNG</h2> + +<p>Segne dies kleine Herz, diese weiße +Seele, die des Himmels Kuß für unsere +Erde gewonnen hat.</p> + +<p>Er liebt das Licht der Sonne, er liebt +den Anblick von seiner Mutter Antlitz.</p> + +<p>Er hat mich gelehrt, den Staub verachten +und nach Gold trachten.</p> + +<p>Schließ' ihn an Dein Herz und segne ihn.</p> + +<hr class="thought-break"/> + +<p>Er ist in dieses Land der hundert Kreuzwege +gekommen.</p> + +<p>Ich weiß nicht, wieso er Dich wählte +aus der Menge, an Dein Tor kam und +Deine Hand faßte, um seinen Weg zu +fragen.</p> + +<p>Er wird Dir folgen, lachend und plaudernd +und ohne Zweifel im Herzen.</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_98" title="98"> </a>Erfüll' sein Vertrauen, führe ihn zum +Rechten und segne ihn.</p> + +<hr class="thought-break"/> + +<p>Leg' Deine Hand auf sein Haupt und +bete: wenn auch die Wogen unten bedrohlich +werden, so möge doch der Odem +von oben kommen und seine Segel füllen +und ihn in den Hafen des Friedens wehn.</p> + +<p>Vergiß' ihn nicht in Deinem Hasten, +laß' ihn an Dein Herz kommen und segne +ihn.</p> + +<h2><a class="pagenum" name="Page_99" title="99"> </a>DAS GESCHENK</h2> + +<p>Ich möchte Dir was schenken, mein +Kind, denn wir treiben auf dem Strom +der Welt.</p> + +<p>Unsre Leben werden auseinandergehn +und unsre Liebe wird vergessen werden.</p> + +<p>Aber ich bin nicht so töricht, zu hoffen, +ich könnte Dein Herz mit meinen Geschenken +kaufen.</p> + +<p>Jung ist Dein Leben, Dein Pfad lang, +und Du trinkst die Liebe, die wir Dir +bringen, auf einen Zug, kehrst Dich um +und läufst weg von uns.</p> + +<p>Du hast Dein Spiel und Deine Gespielen. +Was tut's, wenn Du nicht Zeit, +nicht Sinn für uns hast.</p> + +<p>Fürwahr, wir haben Muße genug im +Alter, die Tage zu zählen, die vergangen +<a class="pagenum" name="Page_100" title="100"> </a> +sind, in unseren Herzen zu hätscheln, was +unsre Hände für immer verloren haben.</p> + +<p>Der Fluß läuft schnell mit einem Lied, +alle Schranken durchbrechend. Aber der +Berg steht und erinnert sich und folgt ihm +mit seiner Liebe.</p> + +<h2><a class="pagenum" name="Page_101" title="101"> </a>MEIN LIED</h2> + +<p>Dies Lied von mir will seine Musik +winden um Dich, mein Kind, wie die +zärtlichen Arme der Liebe.</p> + +<p>Dies Lied von mir will Deine Stirn berühren +wie ein Segenskuß.</p> + +<p>Wenn Du allein bist, wird es an Deiner +Seite sitzen und Dir ins Ohr flüstern; +bist Du in der Menge, wird es Dich einfrieden +mit Entrücktheit.</p> + +<p>Mein Lied wird ein Flügelpaar für +Deine Träume sein, es wird Dein Herz +an die Grenze des Unbekannten reißen.</p> + +<p>Es wird wie der getreue Stern zu Häupten +sein, wenn finstre Nacht über Deiner +Straße liegt.</p> + +<p>Mein Lied wird in den Sternen Deiner +Augen sitzen und Deinen Blick in das +<a class="pagenum" name="Page_102" title="102"> </a> +Herz der Dinge führen.</p> + +<p>Und wenn meine Stimme still ist im +Tod, wird mein Lied in Dein lebendes +Herz sprechen.</p> + +<h2><a class="pagenum" name="Page_103" title="103"> </a>DER ENGEL</h2> + +<p>Sie schreien und kämpfen, sie zweifeln +und verzweifeln, sie wissen kein Ende +ihren Zänken.</p> + +<p>Laß' Dein Leben unter sie kommen +wie eine Flamme Licht, mein Kind, ohne +Flackern und rein, und entzücke sie zum +Schweigen.</p> + +<p>Sie sind grausam in ihrer Gier und +ihrem Neid; ihre Worte sind wie verborgene +Messer, dürstend nach Blut.</p> + +<p>Geh' und stelle Dich unter ihre schelen +Herzen, mein Kind, und laß' Deine milden +Augen auf sie fallen wie der verzeihende +Abendfriede über den Streit des Tags.</p> + +<p>Laß' sie Dein Antlitz sehn, mein Kind, +und so den Sinn aller Dinge erkennen; laß' +sie Dich lieben und so einander lieben.</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_104" title="104"> </a>Komm' und wohne im Busen der Unendlichkeit, +mein Kind. Mit Sonnenaufgang +öffne und erhebe Dein Herz wie +eine blühende Blume, und zum Untergang +neige Dein Haupt und vollende im +Schweigen des Tages Gottesdienst.</p> + +<h2><a class="pagenum" name="Page_105" title="105"> </a>DER LETZTE VERTRAG</h2> + +<p>»Komm und miete mich«, schrie ich, +als ich des Morgens auf der steingepflasterten +Straße ging.</p> + +<p>Das Schwert in der Hand, kam der +König in seinem Wagen.</p> + +<p>Er hielt meine Hand und sagte: »Ich +will Dich mieten mit meiner Macht.«</p> + +<p>Aber seine Macht war mir nichts wert, +und er fuhr davon in seinem Wagen.</p> + +<hr class="thought-break"/> + +<p>In der Hitze des Mittags lehnten die +Häuser mit geschlossenen Türen.</p> + +<p>Ich wanderte entlang die krumme +Gasse.</p> + +<p>Ein alter Mann kam heraus mit seinem +Sack voll Gold.</p> + +<p>Er sann nach und sagte: »Ich will +<a class="pagenum" name="Page_106" title="106"> </a> +Dich mieten mit meinem Geld.«</p> + +<p>Er wog seine Münzen, eine nach der +andern, aber ich wandte mich fort.</p> + +<hr class="thought-break"/> + +<p>Abend war's. Die Gartenhecke stand +ganz in Blüte.</p> + +<p>Das liebliche Mädchen kam heraus +und sagte: »Ich will Dich mieten mit +einem Lächeln.«</p> + +<p>Ihr Lächeln blaßte und schmolz in +Tränen, und sie ging zurück allein im +Dunkel.</p> + +<hr class="thought-break"/> + +<p>Die Sonne glitzerte im Sand, und die +Meereswellen brachen landeinwärts.</p> + +<p>Ein Kind saß da, mit Muscheln spielend.</p> + +<p>Es hob seinen Kopf und schien mich +<a class="pagenum" name="Page_107" title="107"> </a> +zu kennen und sagte: »Ich miete Dich +mit Nichts.«</p> + +<p>Von da an machte mich dieser Vertrag, +im Kinderspiel geschlossen, zum freien +Mann.</p> + +<h2><a class="pagenum" name="Page_109" title="109"> </a>ANMERKUNGEN UND NACHWORT DES ÜBERSETZERS</h2> + +<p class="hanging-indent"><a class="pagenum" name="Page_110" title="110"> </a>Zu Seite</p> + +<p class="hanging-indent"><a href="#Page_7">7</a>: <i>Arēka-Palme</i> (malayisch arik). Eine +Abart, Arēca cātechu, die Betelpalme, +trägt orangerote, hühnereigroße +Früchte, deren Kern, mit den +Blättern des Betelpfeffers umwickelt, +gekaut wird.</p> + +<p class="no-indent"><i>Kokos-Palme</i> (von spanisch coca +»Nuß« oder portugiesisch coco »Popanz« +wegen der gesichtsähnlichen, +daher schreckhaften Früchte). Die +Kokosnuß gehört in Indien zu den +heiligsten Früchten, die der Göttin +der Wohlfahrt, Sriphāla, geweiht sind.</p> + +<p class="no-indent"><i>Brotfruchtbaum</i> (englisch jack-fruit +aus malayisch chakka; sanskrit pānasa). +Die kopfgroßen Früchte werden +roh und geröstet genossen. 2 bis +3 Bäume versorgen einen Menschen +ein Jahr mit Nahrung.</p> + +<p class="hanging-indent"><a href="#Page_20">20</a>: <i>Feigenbaum</i> (englisch banyan tree, +<a class="pagenum" name="Page_111" title="111"> </a> +sanskrit vaṭa; ficus indica). Die Luftwurzeln +der Äste greifen in den Boden +ein und werden zu neuen Stämmen. +So wächst der Baum nach allen +Seiten hin durch Jahrtausende und +bildet einen Wald, der Tausende von +Menschen aufnimmt. Er ist der Zeit, +Kāla, heilig und gilt als Sinnbild der +Unsterblichkeit. Beim Pflanzen des +Baumes wird gewöhnlich das Gebet +gesprochen: »Möchte ich so viele +Jahre im Himmel weilen als dieser +Baum auf Erden wächst.«</p> + +<p class="no-indent"><i>Mango</i> (malayisch māngāy, sanskrit +āmra; magnifera indica). Gelbblühender +Baum mit gelblichen, bis zu einem +Kilo schweren Früchten, die ein beliebtes +Obst sind. Der Ārmra gilt als +Inkarnation der Liebesgöttin. Nach +einer Legende übte die Göttin Pārvati +unter einem Mangobaum Buße, +<a class="pagenum" name="Page_112" title="112"> </a> +dort, wo jetzt der Ṡaiva-Tempel steht. +Hier erschien ihr ihr Gatte Ṡiva, der +als Ekāmranātha »der unvergleichliche +Herr des Mangobaums« verehrt +wird.</p> + +<p class="hanging-indent"><a href="#Page_21">21</a>: <i>Bakula</i> (mimusops elengi), Baum mit +wohlriechenden Blättern und Blüten, +die ein ätherisches Öl liefern. Die +süßen Früchte sind eßbar.</p> + +<p class="hanging-indent"><a href="#Page_35">35</a>: <i>Kadam</i> (sanskrit Kadamba; nauclea +cadamba), Liane mit orangefarbener +duftender Blüte.</p> + +<p class="no-indent"><i>Dādā</i> (Hindustani), Großvater väterlicherseits, +dann auf jede ältere Person +angewendet, hier: der ältere Bruder.</p> + +<p class="hanging-indent"><a href="#Page_40">40</a>: <i>Champa</i> (sanskrit champaka; michelia +champaka), den Magnolien ähnliche +Holzgewächse mit duftenden, +zarten, weißen und gelben Blüten, +die Götzenbildern dargebracht werden, +<a class="pagenum" name="Page_113" title="113"> </a> +besonders am 14. Iyeshṭh (ungefähr +unserm Juni entsprechend). +Das wohlriechende Champakaöl ist +sehr beliebt.</p> + +<p class="hanging-indent"><a href="#Page_41">41</a>: <i>Rāmāyana</i> (sanskrit ayana = gehend, +vonay = gehen), »Die Taten des Rama«. +Das große Sanskrit-Epos, das +dem Vālmiki zugeschrieben wird und +im 5. Jahrh. v. Chr. entstanden sein +dürfte. Vgl. Alex. Baumgartner, das +Rāmāyana und die Rāma-Literatur +der Inder. Freiburg 1894.</p> + +<p class="hanging-indent"><a href="#Page_43">43</a>: <i>Tulsi</i> (sanskrit tulasi; ocimum sanctum), +heiliges Basilikum. In Ostindien +berühmteste Arzneipflanze, +der Legende nach aus dem Haar einer +Nymphe erzeugt, die Vishnu in seiner +Inkarnation als Krishna liebte. Vaisnawa-Rosenkränze +bestehen aus 108 +Perlen von diesem Holz. Alljährlich +wird in Indien eine Art Vermählungszeremonie +<a class="pagenum" name="Page_114" title="114"> </a> +zwischen dieser Pflanze +und einem Salagramammoniten (versteinerte, +ausgestorbene Tintenschneckenart, +Symbol des Vishnu +und als Amulett weiblicher Fruchtbarkeit) +als Sinnbild der Muschelinkarnation +Vishnus vollzogen.</p> + +<p class="hanging-indent"><a href="#Page_50">50</a>: <i>Tamarinde</i> (arabisch tamr hindi, indische Dattel; +tamarindus indica), +bis zu 25 Metern hoher, immergrüner +Baum mit gelblichen, purpurgeäderten +Blüten. Die Frucht wird als +Obst, Nahrungs- und Arzneimittel +verwendet.</p> + +<p class="hanging-indent"><a href="#Page_53">53</a>: <i>Shiuli</i> (bengali; nyctanthes arbor tristis), +Gattung der Oleaceen. Bis zu +9 Metern hoher Baum oder Strauch, +vom Jasmin hauptsächlich durch +Blütenfarbe (Röhre und Schlund +orange, sonst weiß) und Fruchtform +verschieden. Tropische Zierpflanze +<a class="pagenum" name="Page_115" title="115"> </a> +mit wohlriechenden, nur nachts geöffneten +Blüten, die zum Färben von +Speisen und zur Bereitung von ätherischem +Öl dienen.</p> + +<p class="hanging-indent"><a href="#Page_55">55</a>: <i>Indischer Flachs</i> (englisch jute, bengali +jūto »die Haarflechte«; corchorus +olitorius). Die Faser wird zur Erzeugung +von Matten und groben Sackleinen, +Jute, verwendet.</p> + +<p class="hanging-indent"><a href="#Page_56">56</a>: <i>Rāmachandra.</i> Das Wort chandra +wird oft an Namen angefügt, um die +Schönheit auszudrücken. Der Retter +der Welt, der triumphierende Dämonentöter, +der rührendste Dulder, +in den sich Vishnu bei seiner siebenten +Herabkunft verwandelte. Rāmas +vierzehnjährige Verbannung mit seiner +Gattin Sitā wird im zweiten und +dritten Gesange des Rāmāyana geschildert.</p> + +<p class="hanging-indent"><a class="pagenum" name="Page_116" title="116"> </a><a href="#Page_71">71</a>: <i>Ganesh</i> (Sanskrit Ganeça »der Anführer +des Gefolges« Shivas, als dessen +Sohn er gilt). Er wird oft mit seinem +Bruder, dem Kriegsgott Skanda verehrt. +Er ist der Entferner von Hindernissen, +die Verkörperung allen Erfolges. +Indische Handschriften pflegen +mit einer an ihn sich richtenden Verehrungsformel +zu beginnen, damit er +den hindernden Einfluß böser Dämonen +vom Schreiben abwehre: so +ist der Schein entstanden, als sei Ganesha +eigentlich ein Gott der Wissenschaft. +Sein in Indien unendlich verbreitetes +Bild zeigt ihn mit einem +Elefantenkopf, oft auf einer Ratte +reitend.</p> + +<p class="hanging-indent"><a href="#Page_75">75</a>: <i>Madar</i> (sanskrit mandāra; erythrina +indica), Dadapbaum, als Stütze in +Pfeffer-, als Schattenbaum in Kaffeeplantagen +verwendet. Mit meist scharlachroten +<a class="pagenum" name="Page_117" title="117"> </a> +Blütentrauben, zur Gattung +der Korallenbäume gehörig.</p> + +<p class="hanging-indent"><a href="#Page_83">83</a>: <i>Palankin</i> Tragsänfte.</p> + +<p class="hanging-indent"><a href="#Page_89">89</a>: <i>Puja</i> (sanskrit) bedeutet Verehrung +überhaupt. Als Fest ist das Durgāpūjā +oder Navarātra gemeint, die +»Neun Nächte«, beginnt am ersten +und endet am zehnten Tag der lichten +Hälfte von Āṡvina (September-Oktober). +Es wird namentlich in Bengal +gefeiert als Erinnerung an den Sieg +von Durgā, Shivas Frau, über einen +büffelköpfigen Dämon. Ihr Bild wird +mit zehn bewaffneten Armen dargestellt, +ihr rechter Fuß auf einem +Löwen ruhend, ihr linker auf dem +Büffeldämon. Nach neuntägiger Verehrung +wird dieses Götzenbild am +zehnten Tage ins Wasser gestürzt.</p> + +<p class="no-indent">Näheres vgl. Monier-Williams, Brāmanism +<a class="pagenum" name="Page_118" title="118"> </a> +and Hindūism or Religious +Thought and Life in India. London, +1891.</p> + +<hr class="thought-break"/> + +<p>Die Gedichte <a href="#Page_9">2</a>, <a href="#Page_12">3</a> und <a href="#Page_28">9</a> sind mit den +Gedichten 60–62 der Sammlung »Gitanjali« +identisch.</p> + +<p>Es scheint mir wichtig, zu betonen, +daß die englische, von Tagore selbst geschaffene +Form als die beste europäische +Mittlerin seiner Gedanken und Gefühle +zu gelten hat. Selbst die Kunst eines +Rückert könnte uns die Umdichtung +aus dem bengalischen Urtext nicht so +nahebringen, wie eine möglichste Nachbildung +der englischen Umdichtung uns +rühren kann.</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_119" title="119"> </a>Bei den Anmerkungen danke ich wieder +vieles der Freundlichkeit des Berliner +Sanskritisten, Herrn Professor Heinrich +Lüders.</p> + +<p class="center page-break page-break-after italic"><a class="pagenum" name="Page_120" title="120"> </a>GEDRUCKT BEI POESCHEL & TREPTE IN LEIPZIG</p> + + + + + + + + +<pre> + + + + + +End of Project Gutenberg's Der zunehmende Mond, by Rabindranath Tagore + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER ZUNEHMENDE MOND *** + +***** This file should be named 38125-h.htm or 38125-h.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + https://www.gutenberg.org/3/8/1/2/38125/ + +Produced by Jana Srna and the Online Distributed +Proofreading Team at https://www.pgdp.net (This file was +produced from images generously made available by The +Internet Archive/Canadian Libraries) + + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. 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It exists +because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from +people in all walks of life. + +Volunteers and financial support to provide volunteers with the +assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's +goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will +remain freely available for generations to come. In 2001, the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure +and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations. +To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation +and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 +and the Foundation web page at https://www.pglaf.org. + + +Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive +Foundation + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit +501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the +state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal +Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification +number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at +https://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent +permitted by U.S. federal laws and your state's laws. + +The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S. +Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered +throughout numerous locations. Its business office is located at +809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email +business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact +information can be found at the Foundation's web site and official +page at https://pglaf.org + +For additional contact information: + Dr. Gregory B. Newby + Chief Executive and Director + gbnewby@pglaf.org + + +Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation + +Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide +spread public support and donations to carry out its mission of +increasing the number of public domain and licensed works that can be +freely distributed in machine readable form accessible by the widest +array of equipment including outdated equipment. Many small donations +($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt +status with the IRS. + +The Foundation is committed to complying with the laws regulating +charities and charitable donations in all 50 states of the United +States. 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Donations are accepted in a number of other +ways including including checks, online payments and credit card +donations. To donate, please visit: https://pglaf.org/donate + + +Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic +works. + +Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm +concept of a library of electronic works that could be freely shared +with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project +Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support. + + +Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed +editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S. +unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily +keep eBooks in compliance with any particular paper edition. + + +Most people start at our Web site which has the main PG search facility: + + https://www.gutenberg.org + +This Web site includes information about Project Gutenberg-tm, +including how to make donations to the Project Gutenberg Literary +Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to +subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks. + + +</pre> + +</body> +</html> diff --git a/38125-h/images/logo.png b/38125-h/images/logo.png Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..decad4d --- /dev/null +++ b/38125-h/images/logo.png diff --git a/38125-h/images/titelseite.jpg b/38125-h/images/titelseite.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..5cf08e7 --- /dev/null +++ b/38125-h/images/titelseite.jpg |
