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| author | Roger Frank <rfrank@pglaf.org> | 2025-10-14 20:09:34 -0700 |
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You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + +Title: Der zunehmende Mond + +Author: Rabindranath Tagore + +Translator: Hans Effenberger + +Release Date: November 24, 2011 [EBook #38125] + +Language: German + +Character set encoding: UTF-8 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER ZUNEHMENDE MOND *** + + + + +Produced by Jana Srna and the Online Distributed +Proofreading Team at https://www.pgdp.net (This file was +produced from images generously made available by The +Internet Archive/Canadian Libraries) + + + + + + + [ Anmerkungen zur Transkription: + + Schreibweise und Interpunktion des Originaltextes wurden übernommen. + + Im Original gesperrt gedruckter Text wurde mit = markiert. + Im Original kursiv gedruckter Text wurde mit _ markiert. + ] + + + + +RABINDRANATH TAGORE + +DER ZUNEHMENDE MOND + +KURT WOLFF VERLAG + + +Copyright 1915 + +Kurt Wolff Verlag, Leipzig + + +Berechtigte deutsche Übertragung von HANS EFFENBERGER nach der von +Rabindranath Tagore selbst veranstalteten englischen Ausgabe + + + + +DIE HÜTTE + + +Ich ging allein den Weg über das Feld, während der Sonnenuntergang sein +letztes Gold wie ein Geizhals verbarg. + +Des Tages Licht sank tiefer und tiefer in die Dunkelheit, und das +verwitwete Land, der Ernte brach, lag schweigend. + +Plötzlich stieg eines Knaben schrille Stimme in den Himmel. Er +durchdrang ungesehn das Dunkel und ließ die Spur seines Liedes über der +Stille des Abends. + +Seine Hütte lag im Dorf am Ende des öden Landes, hinter dem +Zuckerrohrfeld, verborgen in den Schatten der Bananen und der schlanken +Arēka-Palme, der Kokosnuß und der dunkelgrünen Brotfruchtbäume. + +Ich hielt einen Augenblick inne auf meinem einsamen Gang im Licht der +Sterne und sah ausgebreitet vor mir die dunkelnde Erde, in ihren Armen +zahllose Hütten mit Wiegen und Betten, Mutterherzen und Abendlampen und +jungen Leben, froh von einer Freude, die nicht weiß, was sie der Welt +bedeutet. + + + + +AM MEERUFER + + +Am Meerufer endloser Welten treffen sich Kinder. + +Der grenzenlose Himmel zu Häupten ist ohne Bewegung, und das ruhlose +Wasser ist ungestüm. + +Am Meerufer endloser Welten treffen sich Kinder mit Jubeln und Tanzen. + + * * * * * + +Sie bauen ihre Häuser aus Sand, und sie spielen mit leeren Muscheln. Aus +welken Blättern flechten sie ihre Boote und lassen sie lächelnd über der +ungeheuren Tiefe treiben. Kinder haben ihr Spiel am Meerufer der Welten. + + * * * * * + +Sie können nicht schwimmen, sie können nicht Netze werfen. Perlenfischer +tauchen nach Perlen, Kaufleute segeln in ihren Schiffen, während Kinder +Kiesel sammeln und sie wieder verstreun. Sie suchen nicht nach +verborgenen Schätzen, sie können nicht Netze werfen. + + * * * * * + +Das Meer schäumt auf in Gelächter, und fahl glänzt das Lächeln des +Gestades. Todbringende Wellen singen verständnislose Balladen den +Kindern, wie eine Mutter beim Einwiegen. Das Meer spielt mit Kindern, +und fahl glänzt das Lächeln des Gestades. + + * * * * * + +Am Meerufer endloser Welten treffen sich Kinder. Sturm streicht am +pfadlosen Himmel, Schiffe kentern in dem spurlosen Wasser, der Tod ist +unterwegs, und Kinder spielen. Am Meerufer endloser Welten ist das große +Begegnen der Kinder. + + + + +DER URSPRUNG + + +Der Schlaf, der über des Kindleins Augen huscht -- weiß jemand, woher +der kommt? Ja, es geht ein Gerücht, daß er in dem Märchendorfe wohnt. +Unter Waldesschatten, von Glühwürmern trüb erhellt, hängen zwei +Zauberknospen. Von dort kommt er, des Kindleins Augen zu küssen. + +Das Lächeln, das auf des Kindleins Lippen flackert, wenn es schläft -- +weiß jemand, wo das geboren ward? Ja, es geht ein Gerücht, daß ein +junger, blasser Strahl des zunehmenden Mondes den Saum einer +schwindenden Herbstwolke berührte, und da wurde das Lächeln zuerst +geboren in dem Traum eines taureinen Morgens -- das Lächeln, das auf des +Kindleins Lippen spielt, wenn es schläft. + +Die süße, sanfte Frische, die auf des Kindleins Gliedern blüht -- weiß +jemand, wo die so lange verborgen war? Ja, sie lag, als Mutter noch ein +junges Mädchen war, ihr Herz durchdringend, im zarten und schweigenden +Geheimnis der Liebe -- die süße, sanfte Frische, die auf des Kindleins +Gliedern aufgeblüht ist. + + + + +DES KINDCHENS WESEN + + +Wenn Kindchen nur wollte, könnte es in diesem Augenblick zum Himmel +auffliegen. + +Es ist nicht umsonst, daß es uns verläßt. + +Es liebt es, seinen Kopf auszuruhn an Mutters Brust und kann es niemals +ertragen, wenn seine Augen sie nicht sehn. + + * * * * * + +Kindchen kennt allerhand weise Worte, wenn auch Wenige auf Erden ihren +Sinn verstehen können. + +Es ist nicht umsonst, daß es niemals zu sprechen verlangt. + +Das einzige, das es verlangt, ist Mutters Worte von Mutters Lippen zu +lernen. Darum schaut es so unschuldig drein. + + * * * * * + +Kindchen hatte einen Haufen Gold und Perlen und doch kam es wie ein +Bettler in diese Welt. + +Es ist nicht umsonst, daß es in solcher Verkleidung kam. + +Dieser liebe, kleine, nackte Bettler gibt vor, ganz hilflos zu sein, +damit er um Mutters reiche Liebe betteln kann. + + * * * * * + +Kindchen war so frei von jeder Fessel im Lande des kleinen, zunehmenden +Monds. + +Es war nicht umsonst, daß es seine Freiheit aufgab. + +Es weiß, daß Raum ist für endlose Freude in dem kleinen Winkel von +Mutters Herzen und daß es viel süßer ist als Freiheit, in ihren lieben +Armen gefangen und geherzt zu werden. + + * * * * * + +Kindchen wußte nichts vom Schreien. Es wohnte im Lande der vollkommenen +Seligkeit. + +Es ist nicht umsonst, daß es das Weinen erwählt hat. + +Wenn es auch mit dem Lächeln seines lieben Gesichtes Mutters sehnendes +Herz zu sich zieht, so schlingen doch seine kleinen Schreie über winzige +Kümmernisse das doppelte Band von Mitleid und Liebe. + + + + +DAS UNBEACHTETE SCHAUSPIEL + + +Ach, wer war's, der diesen kleinen Kittel bunt färbte, mein Kind, und +Deine süßen Glieder mit diesem kleinen, roten Rock bedeckte? + +Du bist herausgekommen im Morgen, auf dem Hof zu spielen, torkelnd und +taumelnd, wenn Du läufst. + +Aber wer war's, der diesen kleinen Kittel bunt färbte, mein Kind? + + * * * * * + +Was gibt's zu lachen, Du kleine Lebensknospe? + +Mutter steht auf der Schwelle und lächelt Dich an. + +Sie klatscht in ihre Hände, und ihre Spangen klirren, und Du tanzest mit +Deinem Bambusstock in der Hand wie ein kleinwinziger Hirte. + +Aber was gibt's zu lachen, Du kleine Lebensknospe? + + * * * * * + +O Bettler, was bettelst Du, Mutters Nacken mit Deinen beiden Händen +umschlingend? + +O gieriges Herz, soll ich die Welt pflücken wie eine Frucht vom Himmel, +um sie in Deine kleine, rosige Hand zu legen? + +O Bettler, um was bettelst Du denn? + + * * * * * + +Der Wind trägt lustig das Klingen Deiner Fußschellen davon. + +Die Sonne lächelt und bewundert Dein Kleid. + +Der Himmel wacht über Dir, wenn Du schläfst in Mutters Armen, und der +Morgen kommt auf Zehenspitzen an Dein Bett und küßt Deine Augen. + +Der Wind trägt lustig das Klingen Deiner Fußschellen davon. + + * * * * * + +Die Feenkönigin der Träume kommt zu Dir durch den Dämmerhimmel geflogen. + +Die Weltenmutter sitzt bei Dir in Deiner Mutter Herzen. + +Er, der seine Musik den Sternen spielt, steht an Deinem Fenster mit +seiner Flöte. + +Und die Feenkönigin der Träume kommt zu Dir durch den Dämmerhimmel +geflogen. + + + + +SCHLAFDIEBIN + + +Wer den Schlaf von Kindchens Augen stahl, muß ich wissen. + +Den Krug auf der Hüfte, ging Mutter Wasser holen aus dem nahen Dorf. + +Es war Mittag. Der Kinder Spielzeit war vorüber. Im Teich die Enten +schwiegen. + +Der Hirtenknab' lag eingeschlafen unter dem Schatten des Feigenbaums. + +Der Kranich stand ernst und still in dem Sumpf am Mangohain. + +Mittlerweile kam die Schlafdiebin, haschte den Schlaf von Kindchens +Augen und flog davon. + +Als Mutter heimkehrte, fand sie Kindchen auf allen Vieren durchs Zimmer +kriechen. + + * * * * * + +Wer stahl von Kindchens Augen Schlaf, muß ich wissen. Ich muß sie finden +und anketten. Ich muß dort in die schwarze Höhle schaun, wo durch Felsen +und düstres Gestein ein kleiner Bach sickert. + +Ich muß suchen in dem Schlummerschatten des Bakulahains, wo Tauben in +den Verstecken gurren und Elfenringe in der Stille der Sternennächte +klirren. Des abends will ich in das flüsternde Schweigen des +Bambuswaldes lugen, wo Leuchtkäfer ihr Licht verschwenden, und will +jedes Wesen fragen, das ich treffe: »Kann einer mir sagen, wo die +Schlafdiebin wohnt?« + + * * * * * + +Wer stahl von Kindchens Augen Schlaf, muß ich wissen. + +Würd' ich ihr nicht ordentlich Bescheid sagen, wenn ich sie nur +erwischen könnte! Ihr Nest würd' ich überfallen und sehn, wo sie all +ihren gestohlenen Schlaf hütet. Ich würde es ganz plündern und ihn +heimtragen. + +Ich würd' ihre zwei Flügel fest zusammenbinden, sie an das Ufer des +Flusses setzen und sie dann die Fischerin spielen lassen zwischen den +Binsen und Wasserlilien. + +Wenn abends das Markten vorüber ist, und die Dorfkinder ihren Müttern im +Schoß sitzen, werden die Nachtvögel ihr spottend in die Ohren kreischen: + +»Wessen Schlaf stiehlst Du Dir jetzt?« + + + + +DER ANFANG + + +»Wo bin ich hergekommen, wo hast Du mich aufgelesen?« fragte das Kind +seine Mutter. + +Sie antwortete halb weinend, halb lachend und drückte das Kind an ihre +Brust: + +»Du warst verborgen in meinem Herzen als seine Sehnsucht, Liebling. + +Du warst in den Puppen meiner Kinderspiele; und wenn ich aus Lehm das +Bildnis meines Gottes formte jeden Morgen, dann formte und vernichtete +ich Dich. + +Du warst mit eingeschlossen in der Gottheit unsres Hauses; sie +verehrend, verehrte ich Dich. + +In all meinem Hoffen und Lieben, in meinem Leben, in dem Leben meiner +Mutter hast Du gelebt. + +Im Schoß des unsterblichen Geistes, der über unserm Hause waltet, bist +Du genährt worden durch Menschenalter. + +In meiner Mädchenzeit, da mein Herz seine Blumenblätter aufschloß, +schwebtest Du als ihr Duft darüber. + +Deine zarte Sanftheit blühte in meinen jugendlichen Gliedern wie ein +Wolkenglühn vor Sonnenaufgang. + +Himmelserwählter Liebling, Zwilling des Morgenlichts, Du bist den Strom +des irdischen Lebens heruntergeschwommen und zuletzt bist Du an meinem +Herzen gestrandet. + +Ich schaue in Dein Gesicht, und Unfaßbares überkommt mich: Du, der allen +gehört, bist mein geworden. + +Vor Angst, Dich zu verlieren, halt' ich Dich eng an meine Brust. Welcher +Zauber hat den Schatz der Welt in diese meine schlanken Arme +verstrickt!« + + + + +KINDCHENS WELT + + +Ich wünsche, ich könnte eine stille Ecke haben im Herzen von Kindchens +ureigenster Welt. + +Ich weiß, sie hat Sterne, die zu ihm reden, und einen Himmel, der +niedersteigt zu seinem Gesicht, um ihn mit seinen närrischen Wolken und +Regenbogen zu vergnügen. + +Solche, die tun, als wären sie stumm und dreinschaun, als könnten sie +sich niemals bewegen, kommen zu seinem Fenster gekrochen mit ihren +Geschichten und mit Kästen voll herrlichem Spielzeug. + + * * * * * + +Ich wünsche, ich könnte die Straße wandern, die durch Kindchens Gedanken +führt, und weiter, hinaus über alle Schranken; + +Wo Sendboten unterwegs sind ohne Grund zwischen den Königreichen der +Könige, die keine Geschichte kennt; + +Wo die Vernunft Drachen macht aus ihren Gesetzen und sie fliegen läßt, +und die Wahrheit die Tat befreit von ihren Fesseln. + + + + +WANN UND WARUM + + +Wenn ich Dir buntes Spielzeug bringe, mein Kind, begreife ich, warum ein +solches Spiel von Farben in den Wolken und auf dem Wasser ist, und warum +die Blumen in Farben gemalt sind -- wenn ich Dir buntes Spielzeug +schenke, mein Kind. + +Wenn ich singe, damit Du tanzest, weiß ich fürwahr, warum Musik in den +Blättern ist, und warum Wellen ihrer Stimmen Chor zu dem Herzen der +lauschenden Erde senden -- wenn ich singe, damit Du tanzest. + +Wenn ich Süßigkeiten bringe für Deine gierigen Händchen, weiß ich, warum +Honig in dem Kelch der Blume ist, und warum Früchte heimlich mit süßem +Saft gefüllt sind -- wenn ich Süßigkeiten bringe für Deine gierigen +Händchen. + +Wenn ich Dein Gesicht küsse, damit Du lächelst, mein Liebling, begreife +ich gewiß, welche Wonne vom Himmel träuft im Morgenlicht, und welch +Entzücken die Sommerbrise meinem Körper bringt -- wenn ich Dich küsse, +damit Du lächelst. + + + + +VERLEUMDUNG + + +Warum sind diese Tränen in Deinen Augen, mein Kind? + +Wie grausam von ihnen, Dich immer zu schelten, ohne Grund! + +Du hast Dir Finger und Wangen mit Tinte beschmiert beim Schreiben -- +heißen sie Dich darum schmutzig? + +O, pfui! Würden sie es wagen, den Vollmond schmutzig zu heißen, weil er +sein Gesicht mit Tinte besudelt hat? + + * * * * * + +Wegen jeder Kleinigkeit tadeln sie Dich, mein Kind. Sie sind bereit, +Fehler zu finden, ohne Grund. + +Du zerreißest Deine Kleider beim Spielen -- heißen sie Dich darum +unordentlich? + +O, pfui! Was würden sie einen Herbstmorgen heißen, der durch seine +zerfetzten Wolken lächelt? + + * * * * * + +Achte nicht darauf, was sie zu Dir sagen, mein Kind. + +Sie machen eine lange Liste Deiner Missetaten. + +Jeder weiß, wie Du Süßigkeiten liebst -- heißen sie Dich darum +naschhaft? + +O, pfui! Was würden sie dann uns heißen, die Dich lieben? + + + + +DER RICHTER + + +Sagt von ihm, was ihr wollt, ich kenne doch meines Kindes Fehler. + +Ich lieb' ihn nicht, weil er gut ist, sondern weil er mein kleines Kind +ist. + +Woher wollt ihr wissen, wie lieb er sein kann, wenn ihr versucht, seine +Tugenden gegen seine Schwächen abzuwägen? + +Wenn ich ihn strafen muß, wird er um so mehr ein Teil meines Seins. + +Wenn ich Ursache bin, daß ihm die Tränen kommen, weint mein Herz mit +ihm. + +Ich allein habe ein Recht, zu tadeln und zu strafen, denn der nur darf +züchtigen, der liebt. + + + + +SPIELZEUG + + +Kind, wie glücklich sitzest Du im Staub und spielst mit einem +zerbrochnen Zweig den ganzen Morgen. + +Ich lächle über Dein Spiel mit diesem kleinwinzigen, zerbrochnen +Zweiglein. + +Ich bin eifrig bei meinen Rechnungen, stundenlang Zahlen +zusammenzählend. + +Vielleicht schaust Du auf mich und denkst: »Was für ein dummes Spiel, +=damit= Deinen Morgen zu verderben?« + +Kind, ich habe die Kunst vergessen, in Stöcke und Sandhügel vertieft zu +sein. + +Ich suche nach teurem Spielzeug und sammle Klumpen von Gold und Silber. + +Was immer Du findest, Du schaffst Dir damit Deine frohen Spiele; ich +verschwende meine Zeit und Kraft an Dinge, die ich niemals erreiche. + +In meinem schwanken Boot kämpf' ich, der Sehnsucht Meer zu durchkreuzen +und vergesse, daß auch ich ein Spiel spiele. + + + + +DER ASTRONOM + + +Ich sagte nur: »Wenn sich des abends der runde Vollmond in den Zweigen +jenes Kadambaums verwirrte, könnte ihn da jemand fangen?« + +Aber Dādā(1) lachte mich an und sagte: »Bubi, Du bist das dümmste Kind, +das ich je gekannt habe. + +Der Mond ist, ach so weit von uns, wie könnte ihn denn einer da fangen?« + + (1) Der ältere Bruder. + +Ich sagte: »Dādā, wie närrisch Du bist! Wenn Mutter hinausschaut aus +ihrem Fenster und herunter lächelt auf uns beim Spielen, würdest Du +sagen, sie wäre weit weg?« + +Doch Dādā sagte: »Du bist ein einfältiges Kind! Bubi, wo würdest Du denn +ein Netz hernehmen, groß genug, um den Mond damit zu fangen?« + +Ich sagte: »Sicherlich könntest Du ihn mit Deinen Händen fangen.« + +Aber Dādā lächelte und sagte: »Du bist das dümmste Kind, das ich kenne. +Wenn er näher käme, würdest Du sehn wie groß der Mond ist.« + +Ich sagte: »Dādā, was für Unsinn sie in Deiner Schule lehren! Wenn +Mutter ihr Gesicht herunterbeugt, um uns zu küssen, schaut ihr Gesicht +sehr groß aus?« + +Dādā sagt aber doch: »Du bist ein dummes Kind.« + + + + +WOLKEN UND WELLEN + + +Mutter, das Volk, das in den Wolken droben wohnt, ruft mir zu: + +»Wir spielen vom Aufwachen bis der Tag endet. + +Wir spielen mit der goldnen Morgenröte, wir spielen mit dem silbernen +Mond.« + +Ich frage: »Aber wie kann ich zu Euch hinaufgelangen?« + +Sie antworten: »Komm' an den Rand der Erde, heb' Deine Hände zum Himmel +und du wirst aufgenommen werden in die Wolken.« + +»Meine Mutter wartet auf mich zu Hause«, sag' ich. »Wie kann ich sie +verlassen und kommen?« + +Dann lächeln sie und schwimmen vorüber. + +Aber ich weiß ein schöneres Spiel als das, Mutter. + +Ich werde die Wolke sein und Du der Mond. + +Ich werde Dich verdecken mit meinen beiden Händen und unser Giebel wird +der blaue Himmel sein. + + * * * * * + +Das Volk, das in den Wellen wohnt, ruft mir zu: + +»Wir singen von Morgen bis Abend; wir wandern und wandern und wissen +nicht, wohin wir gleiten.« + +Ich frage: »Wie soll ich mich denn zu Euch gesellen?« + +Sie sagen mir: »Komm' an den Rand des Ufers und steh' mit fest +geschlossenen Augen und Du wirst davongetragen werden auf den Wellen.« + +Ich sage: »Meine Mutter braucht mich immer daheim des abends -- wie kann +ich sie verlassen und gehn?« + +Dann lächeln sie, tanzen und gleiten vorüber. + +Aber ich weiß ein besseres Spiel als das. + +Ich will die Welle sein, und Du wirst eine fremde Küste sein. + +Ich werde rollen fort und fort und fort und an Deinem Schoß zerschellen +mit Gelächter. + +Und niemand in der Welt wird wissen, wo wir beide sind. + + + + +DIE CHAMPABLÜTE + + +Denk' Dir, ich würde eine Champablüte, nur zum Scherz, und wüchse auf +einem Ast hoch oben in jenem Baume und schütterte im Wind vor Lachen und +tanzte auf den neu entkeimten Blättern; würdest Du mich kennen, Mutter? + + * * * * * + +Du würdest rufen: »Kindchen, wo bist Du?«, und ich würde lachen für mich +und ganz stille sein. + +Ich würde heimlich meine Blüte öffnen und Dir bei der Arbeit zuschaun. + + * * * * * + +Wenn Du nach dem Bad, das nasse Haar über Deine Schultern gebreitet, +durch den Schatten des Champabaumes gingest zu dem kleinen Hof, in dem +Du Deine Gebete sagst, würdest Du den Duft der Blume merken, aber nicht +wissen, daß er von mir käme. + +Wenn Du nach dem Mittagsmahl am Fenster säßest, Rāmāyana lesend, und des +Baumes Schatten über Haar und Schoß Dir fiele, würd' ich Dir meinen +kleinwinzigen Schatten auf die Seite Deines Buches werfen, grad dahin, +wo Du liest. + +Aber würdest Du raten, daß es der zarte Schatten Deines kleinen Kindes +war? + +Wenn Du des abends zu den Kühen gingest, mit der brennenden Lampe in der +Hand, würde ich plötzlich wieder auf die Erde niederfallen und noch +einmal Dein eignes Kind sein und Dich bitten, mir eine Geschichte zu +erzählen. + +»Wo bist Du gewesen, Du schlimmes Kind?« + +»Ich mag's nicht erzählen, Mutter.« Das würden Du und ich dann sagen. + + + + +MÄRCHENLAND + + +Wenn die Leute wüßten, wo meines Königs Palast ist, er würde +entschwinden. + +Die Mauern sind von weißem Silber und das Dach von leuchtendem Gold. + +Die Königin lebt in einem Palast mit sieben Höfen und sie trägt ein +Juwel, das war wert allen Reichtum von sieben Königreichen. + +Aber laß' es mich, Mutter, Dir flüsternd sagen, wo meines Königs Palast +ist. + +Er ist da in der Ecke unsrer Terrasse, dort wo der Topf mit der +Tulsispflanze steht. + +Die Prinzessin liegt schlafend an der weit weiten Küste der sieben +unwegsamen Meere. + +Es gibt keinen in der Welt, der sie finden kann, als ich. + +Sie hat Spangen an ihren Armen und Perlentropfen in ihren Ohren; ihr +Haar wallt nieder bis zum Boden. + +Sie wird aufwachen, wenn ich sie mit meinem Zauberstab berühre, und +Edelsteine werden von ihren Lippen fallen, wenn sie lächelt. + +Aber laß' mich Dir ins Ohr flüstern, Mutter; sie ist da in der Ecke +unsrer Terrasse, dort wo der Topf mit der Tulsispflanze steht. + +Wenn es Zeit für Dich ist, zum Flusse baden zu gehn, steig' hinauf zu +der Terrasse auf dem Dach. + +Ich sitz' in der Ecke, wo die Schatten der Mauern zusammentreffen. + +Nur Miez darf mit mir kommen, denn sie weiß, wo der Barbier aus dem +Märchen wohnt. + +Aber laß' mich, Mutter, Dir ins Ohr flüstern, wo der Barbier aus dem +Märchen wohnt. + +Es ist da in der Ecke der Terrasse, wo der Topf mit der Tulsispflanze +steht. + + + + +DAS LAND DER VERBANNUNG + + +Mutter, das Licht ist grau geworden am Himmel; ich weiß nicht, wie spät +es ist. + +Mich freut mein Spiel nicht, da bin ich zu Dir gekommen. Es ist +Sonnabend, unser Feiertag. + +Laß' Deine Arbeit, Mutter; sitz' hier beim Fenster und erzähl' mir, wo +die Wüste von Tepāntar in dem Märchen ist. + + * * * * * + +Der Regenschatten hat den ganzen langen Tag zugedeckt. + +Der wilde Blitz zerkratzt den Himmel mit seinen Nägeln. + +Wenn die Wolken rollen und es donnert, lieb' ich es, mich zu fürchten im +Herzen und mich an Dich zu schmiegen. + +Wenn der schwere Regen stundenlang auf die Bambusblätter plätschert, und +unsre Fenster schüttern und klirren unter den Windstößen, sitz' ich gern +allein im Zimmer, Mutter, mit Dir und hör' Dich erzählen von der Wüste +Tepāntar in dem Märchen. + + * * * * * + +Wo liegt sie, Mutter, an der Küste welchen Meeres, am Fuße welcher +Hügel, in wessen Königs Königreich? + +Da gibt's keine Hecken, die Felder zu grenzen, keinen Fußpfad hindurch, +auf dem die Dorfbewohner des abends ihr Dorf erreichen oder die Frau, +die dürres Holz im Walde sammelt, ihre Bürde zu Markte bringen kann. Mit +Flecken gelben Grases im Sand und einem einzigen Baum, in dem das weise, +alte Vogelpaar sein Nest hat, liegt die Wüste von Tepāntar. + + * * * * * + +Ich kann mir vorstellen, wie gerade an einem so wolkigen Tage der junge +Königssohn auf grauem Roß allein durch die Wüste reitet, auf der Suche +nach der Prinzessin, die im Palast des Riesen über dem unbekannten +Wasser gefangen liegt. + +Wenn der Regennebel herunterrieselt am fernen Himmel und der Blitz +aufzuckt wie ein plötzlicher Schmerz, denkt er da seiner unglücklichen +Mutter, wie sie, vom König verstoßen, den Kuhstall fegt und ihre Augen +wischt, während er durch die Wüste Tepāntar reitet, wie das Märchen +erzählt? + + * * * * * + +Sieh', Mutter, es ist beinahe dunkel, ehe noch der Tag vorüber ist, und +es gehn keine Wandrer drüben auf der Dorfstraße. + +Der Hirtenknab' ist frühe heimgekommen von der Weide und die Menschen +haben ihre Felder verlassen, um auf Matten zu sitzen unter der +Dachtraufe ihrer Hütten, nach den dräuenden Wolken spähend. + +Mutter, ich habe alle meine Bücher in dem Spinde gelassen -- heiße mich +nicht, jetzt meine Aufgaben machen. + +Wenn ich aufwachse und groß wie mein Vater bin, werde ich alles lernen, +was gelernt werden muß. Aber nur heute gerade, erzähle mir, Mutter, wo +die Wüste von Tepāntar ist, von der das Märchen erzählt. + + + + +DER REGENTAG + + +Tückische Wolken ballen sich rasch über der schwarzen Franse des Waldes. + +O Kind, geh' nicht hinaus! + +Die Palmenreihe am See schlägt ihre Häupter wider den schrecklichen +Himmel; die Krähen mit ihren schmutzigen Schwingen sitzen still auf den +Tamarindenzweigen, und das östliche Ufer des Flusses geistert in einem +verdunkelten Glühn. + + * * * * * + +Unsre Kuh muht laut, an den Zaun gebunden. + +O Kind, wart' hier, bis ich sie in den Stall bringe. + +Menschen drängen hinaus auf das überschwemmte Feld, um die Fische zu +fangen, die aus den überflutenden Teichen entkommen; das Regenwasser +rinnt in Rillen durch die engen Gassen, wie ein lachender Junge, der +seiner Mutter davongerannt ist, um sie zu necken. + + * * * * * + +Horch', irgendwer ruft nach dem Bootsmann an der Furt. + +O Kind, des Tages Licht ist trüb' und die Arbeit an der Fähre ruht. + +Der Himmel scheint rasch zu reiten auf dem wildstürzenden Regen; das +Wasser im Fluß ist laut und ungestüm; Frauen sind früh nach Haus geeilt +vom Ganges mit ihren gefüllten Krügen. + + * * * * * + +Die Abendlampen müssen fertiggemacht werden. + +O Kind, geh' nicht hinaus! + +Die Straße zum Markt ist einsam, die Gasse zum Fluß ist schlüpfrig. Der +Wind stöhnt und wütet in den Bambuszweigen wie ein wildes Tier, in einem +Netz verfangen. + + + + +PAPIERSCHIFFCHEN + + +Tag für Tag laß' ich meine Papierschiffchen, eins nach dem andern, den +eilenden Strom hinunterschwimmen. + +In großen, schwarzen Buchstaben schreib' ich meinen Namen darauf und den +Namen des Dorfes, wo ich lebe. + +Ich hoffe, daß irgendwer in einem fremden Land sie finden wird und +wissen, wer ich bin. + +Ich belade meine kleinen Boote mit Shiuliblumen aus unserm Garten und +hoffe, daß diese Blüten der Dämmerung heil ans Land getrieben werden zur +Nacht. + +Ich lichte meine Papierschiffchen und schaue hinauf in den Himmel und +sehe die kleinen Wolken ihre weißen, blähenden Segel setzen. + +Ich weiß nicht, wer von meinen Gespielen im Himmel sie hinunterschickt +durch die Luft, damit sie wettlaufen mit meinen Booten! + +Wenn Nacht kommt, vergrabe ich mein Gesicht in meine Arme und träume, +daß meine Papierschiffchen weiter und weiter treiben unter den +Mitternachtssternen. + +Die Schlafelfen segeln darin, und die Ladung sind ihre Körbe voll +Träume. + + + + +DER SEEMANN + + +Das Boot des Bootsmannes Madhu ist an der Werft von Rajgunj verankert. + +Es ist unnütz beladen mit indischem Flachs und liegt schon so lange +zwecklos da. + +Wenn er mir nur sein Boot leihen wollte, ich würd' es mit hundert +Rudrern bemannen und Segel hissen, fünf oder sechs oder sieben. + +Ich würd' es nicht nach dummen Märkten steuern. + +Ich würde über die sieben Meere segeln und die dreizehn Flüsse des +Märchenlandes. + + * * * * * + +Gelt Mutter, Du würdest nicht weinen, um mich in einer Ecke? + +Ich geh' nicht in den Wald wie Rāmachandra, um erst nach vierzehn Jahren +heimzukehren. + +Ich werde der Märchenprinz sein und mein Boot füllen, mit allem, was mir +gefällt. + +Ich werde meinen Freund Ashu mit mir nehmen. Wir werden frohlustig über +die sieben Meere segeln und die dreizehn Flüsse des Märchenlands. + + * * * * * + +Wir werden die Segel setzen im frühen Morgenlicht. + +Wenn Du des mittags am Teiche badest, werden wir im Land eines fremden +Königs sein. + +Wir werden die Furt von Tipurni passieren und hinter uns lassen die +Wüste von Tepāntar. + +Wenn wir heimkommen, wird es anfangen zu dunkeln, und ich werde Dir von +allem erzählen, was wir gesehen haben. + +Ich werde die sieben Meere kreuzen und die dreizehn Flüsse des +Märchenlandes. + + + + +DAS ANDERE UFER + + +Ich möchte hinübergehn an das Ufer des Flusses drüben, + +Wo jene Boote angeseilt sind an die Bambuspfähle in einer Reihe; + +Wo Männer in ihren Booten überfahren in der Frühe, mit Pflügen auf ihren +Schultern, ihre Felder weit draußen zu ackern; + +Wo die Kuhhirten ihre blökenden Kälber über den Strom schwimmen lassen +nach den Uferweiden; + +Von wo sie alle heimkommen am Abend und lassen auf der Insel, der von +Unkraut überwucherten, die heulenden Schakale zurück. + +Mutter, erlaubst Du's, so würd' ich gern Bootsmann bei der Fähre werden, +wenn ich einmal groß bin. + + * * * * * + +Sie sagen, es sind seltsame Sümpfe verborgen hinter jenem Ufer, + +Wo Schwärme wilder Enten hinkommen, wenn die Regen vorüber sind, und +dickes Rohr wächst um die Ränder, da Wasservögel ihre Eier legen; + +Wo Schnepfen mit ihren tanzenden Schwänzen ihre kleinen Zehenmale in den +reinen, weichen Schlamm drücken; + +Wo im Abend die hohen Gräser, mit weißen Blüten behelmt, den Mondstrahl +einladen, auf ihren Wogen zu spielen. + +Mutter, erlaubst Du's, so würd' ich gern Bootsmann bei der Fähre werden, +wenn ich einmal groß bin. + + * * * * * + +Ich werde hinüber- und herüberfahren von Ufer zu Ufer, und alle die +Jungen und Mädchen im Dorf werden mich anstaunen, während sie baden. + +Wenn die Sonne des Himmels Mitte erklimmt und der Morgen in den Mittag +vergeht, werde ich nach Hause gelaufen kommen und sagen: »Mutter, ich +habe Hunger!« + +Wenn der Tag um ist und die Schatten unter den Bäumen kauern, werd' ich +im Dämmern heimkommen. + +Ich werde nie weggehen von Dir, in die Stadt arbeiten, wie Vater. + +Mutter, erlaubst Du's, so würd' ich gern Bootsmann bei der Fähre werden, +wenn ich einmal groß bin. + + + + +DIE BLUMENSCHULE + + +Wenn Sturmwolken am Himmel rumoren und Junischauer herunterkommen, + +Kommt der feuchte Ostwind über die Heide marschiert, um seinen Dudelsack +im Bambusgeröhr zu pfeifen. + +Dann kommen auf einmal Scharen von Blumen heraus -- weiß niemand woher +-- und tanzen auf dem Gras in wilder Lust. + + * * * * * + +Mutter, wirklich, ich denke, die Blumen gehn unter der Erde zur Schule. + +Sie machen ihre Aufgaben bei geschlossenen Türen, und wenn sie +herauskommen wollen, zu spielen, eh' ihre Zeit ist, läßt sie der Lehrer +in einer Ecke stehn. + + * * * * * + +Wenn die Regen kommen, haben sie ihre Ferien. + +Zweige prasseln zusammen im Walde, und die Blätter rascheln im wilden +Wind, die Donnerwolken klatschen ihre Riesenhände, und die Blumenkinder +stürzen heraus in Kleidern rosig und gelb und weiß. + + * * * * * + +Weißt Du, Mutter, ihre Heimat ist im Himmel, wo die Sterne sind. + +Hast Du nicht gemerkt, wie gierig sie sind, dahin zu gelangen? Weißt Du +nicht, warum sie in solcher Eile sind? + +Freilich, ich kann's erraten, zu wem sie ihre Hände erheben: sie haben +ihre Mutter, wie ich die meine hab'. + + + + +DER KAUFMANN + + +Stell' Dir vor, Mutter, daß Du zu Hause bleiben müßtest, und ich müßte +in fremde Länder reisen. + +Stell' Dir vor, daß mein Boot bereitliegt an der Brücke, voll geladen. + +Nun denk' gut nach, Mutter, eh' Du sagst, was ich mitbringen soll für +Dich, wenn ich zurückkomme. + + * * * * * + +Mutter, willst Du Haufen und Haufen von Gold? + +Dort an den Ufern goldener Ströme sind Felder voll goldener Ernten. + +Und in den Schatten des Waldpfads tropfen die goldnen Champablüten auf +den Weg. + +Ich will sie sammeln, alle für Dich, in vielen hundert Körben. + +Mutter, willst Du Perlen so groß wie Regentropfen im Herbst? + +Ich will hinüberfahren nach der Perleninsel. + +Dort zittern im frühen Morgenlicht Perlen auf den Wiesenblumen, Perlen +tropfen ins Gras, und Perlen sind verspritzt im Sand vom Gischt der +wilden Meereswogen. + +Mein Bruder soll ein Paar Rösser haben mit Flügeln, um mit den Wolken zu +fliegen. + +Für Vater werd' ich eine Zauberfeder mitbringen, die, ohne daß er es +weiß, von selber schreiben wird. + +Für dich, Mutter, muß ich das Kästlein und das Kleinod haben, das sieben +Königen ihre Königreiche kostet. + + + + +MITGEFÜHL + + +Wenn ich nur ein kleines Hündchen wäre, nicht Dein Kindchen, Mutter +lieb, würdest Du »Nein« zu mir sagen, wenn ich es wagte, von Deiner +Schüssel zu essen? + +Würdest Du mich wegjagen, zu mir sagend: »Mach' Dich fort, Du garstiges, +kleines Hündchen?« + +Dann geh', Mutter, geh'! Ich will nie mehr zu Dir kommen, wenn Du mich +rufst, und mich nicht mehr von Dir füttern lassen. + + * * * * * + +Wenn ich nur ein kleiner, grüner Papagei wäre und nicht Dein Kindchen, +Mutter lieb, würdest Du mich an der Kette halten, damit ich nicht +wegfliegen kann? + +Würdest Du mir mit dem Finger drohen und sagen: »Was für ein undankbarer +Racker von einem Vogel! Er knabbert an seiner Kette Tag und Nacht?« + +Dann geh', Mutter, geh'! Ich will fortlaufen in den Wald; ich will nicht +mehr, daß Du mich wieder in Deine Arme nimmst. + + + + +BERUF + + +Wenn der Gong zehn schlägt des morgens und ich wandre unsre Gasse zur +Schule, + +Treffe ich jeden Tag den Händler, schreiend: »Ringe, kristallne Ringe!« + +Es gibt nichts, das ihn zur Eile treibt, es gibt keinen Weg, den er +nehmen, keinen Ort, nach dem er gehen, keine Zeit, zu der er heimkommen +muß. + +Ich wünschte, ich wäre ein Händler und verbrächte meinen Tag auf der +Straße, schreiend: »Ringe, kristallne Ringe!« + + * * * * * + +Wenn ich um vier des nachmittags zurückkomme aus der Schule, + +Kann ich durch das Tor jenes Hauses den Gärtner die Erde graben sehn. + +Er tut, was er will mit seinem Spaten, beschmutzt seine Kleider mit +Staub, keiner stellt ihn zur Rede, wenn er gebraten wird in der Sonne +oder naß wird. + +Ich wünschte, ich wäre ein Gärtner, drauflosgrabend im Garten, und +keiner hielte mich ab vom Graben. + + * * * * * + +Just wenn es dunkel wird am Abend und meine Mutter mich zu Bett schickt, + +Kann ich durch das offne Fenster den Wächter sehn auf und abschreiten. + +Die Gasse ist dunkel und einsam, und die Straßenlampe steht wie ein +Riese mit einem roten Auge im Kopf. + +Der Wächter schwingt seine Laterne und schreitet mit seinem Schatten zur +Seite und geht nicht =ein=mal zu Bett in seinem Leben. + +Ich wünschte, ich wäre ein Wächter, die Straßen schreitend alle Nacht, +und scheuchte die Schatten mit meiner Laterne. + + + + +ÜBERLEGEN + + +Mutter, Dein Töchterchen ist dumm! Sie ist so schrecklich kindisch! + +Sie weiß nicht den Unterschied zwischen den Lichtern auf der Straße und +den Sternen. + +Wenn wir »Essen« mit Kieseln spielen, glaubt sie, sie sind wirkliche +Speise und versucht, sie in ihren Mund zu stecken. + +Wenn ich ein Buch aufmache vor ihr und sie ihr ABC lernen heiße, +zerreißt sie die Blätter mit ihren Händen und brüllt vor Freude über +nichts. Das ist die Art, wie Dein Töchterchen ihre Aufgaben macht. + +Wenn ich den Kopf über sie schüttle in Ärger und sie schelte und sie +schlimm nenne, lacht sie und hält es für einen Hauptspaß. + +Jeder weiß, daß Vater fort ist, aber wenn ich im Spiel laut »Vater« +rufe, schaut sie herum in Aufregung und denkt, daß Vater nahe ist. + +Wenn ich Schule spiele mit den Eseln, die unser Wäschemann bringt, um +Wäsche zu holen, und ich drohe ihr, daß ich der Lehrer bin, wird sie +kreischen ohne Grund und mich Dādā nennen. + +Dein Töchterchen will den Mond fangen. Sie ist so drollig, sie nennt: +Ganesh Ganush. + +Mutter, Dein Töchterchen ist dumm, sie ist so schrecklich kindisch! + + + + +DER KLEINE GROSSE MANN + + +Ich bin klein, weil ich ein kleines Kind bin. Ich werde groß sein, wenn +ich so alt bin wie mein Vater ist. + +Mein Lehrer wird kommen und sagen: »Es ist spät; bring' Deine Tafel und +Deine Bücher.« + +Ich werd' ihm antworten: »Weißt Du nicht, daß ich so groß bin wie Vater? +Und ich muß keine Stunden mehr haben.« + +Mein Lehrer wird sich wundern und sagen: »Er kann seine Bücher lassen, +wenn er will, er ist ja erwachsen.« + + * * * * * + +Ich werde mich anziehn und zum Jahrmarkt spazieren, wo das Gewühl am +dichtesten ist. + +Mein Onkel wird auf mich zugestürzt kommen und sagen: »Du wirst verloren +gehn, mein Junge; laß' mich Dich tragen.« + +Ich werde antworten: »Kannst Du nicht sehen, Onkel, ich bin so groß wie +Vater. Ich muß allein auf den Jahrmarkt gehn.« + +Onkel wird sagen: »Ja, er kann gehn, wohin er will; er ist erwachsen.« + + * * * * * + +Mutter wird vom Bade kommen, wenn ich meiner Amme Geld gebe; denn ich +weiß, wie sich die Büchse aufmachen läßt mit meinem Schlüssel. + +Mutter wird sagen: »Was hast Du vor, Du schlimmes Kind?« + +Ich werd' ihr erwidern: »Mutter, weißt Du nicht, ich bin so groß wie +Vater und ich muß meiner Amme Silber geben.« + +Mutter wird zu sich sagen: »Er kann Geld geben, wem er will; er ist ja +erwachsen.« + + * * * * * + +In der Ferienzeit im Oktober wird Vater heimkommen und, weil er meint, +daß ich noch ein kleines Kind bin, wird er für mich aus der Stadt kleine +Schuhe und kleine seidene Röcklein mitbringen. + +Ich werde sagen: »Vater, gib sie meinem Dādā, denn ich bin so groß wie +Du bist.« + +Vater wird denken und sagen: »Er kann seine eignen Kleider kaufen, wenn +er will; er ist ja erwachsen.« + + + + +ZWÖLF UHR + + +Mutter, ich will jetzt aufhören mit meinen Aufgaben. Ich habe den ganzen +Morgen über meinen Büchern gesessen. + +Du sagst, es ist erst zwölf Uhr. Angenommen, es ist nicht später: kannst +Du Dir niemals denken, es ist Nachmittag, wenn es nur zwölf Uhr ist? + +Ich kann mir leicht vorstellen jetzt, daß die Sonne den Rand jenes +Reisfeldes erreicht hat, und daß die alte Fischerfrau Kräuter sammelt +für ihr Nachtmahl, drüben am Teich. + +Ich kann meine Augen fest zumachen und denken, daß die Schatten dunkler +werden unter dem Madarbaum und das Wasser im Teich glänzend schwarz +aussieht. + +Wenn zwölf Uhr in der Nacht kommen kann, warum kann die Nacht nicht +kommen, wenn es zwölf Uhr ist? + + + + +SCHRIFTSTELLEREI + + +Du sagst, daß Vater eine Menge Bücher schreibt, aber was er schreibt, +versteh' ich nicht. + +Er hat Dir den ganzen Abend vorgelesen, aber konntest Du wirklich +herausbekommen, was er meinte? + +Welch schöne Märchen, Mutter, kannst =Du= uns erzählen! Warum kann Vater +nicht solche schreiben? + +Hat er niemals von seiner eignen Mutter Märchen gehört von Riesen und +Elfen und Prinzessinnen? + +Hat er sie alle vergessen? + + * * * * * + +Oft, wenn er spät kommt zum Baden, mußt Du gehn und ihn hundertmal +rufen. + +Du wartest und hältst sein Essen warm für ihn, und er schreibt weiter +und vergißt. + +Vater spielt immer Büchermachen. + +Wenn ich je spielen gehe in Vaters Zimmer, kommst Du und rufst mich: +»Was für ein schlimmes Kind!« + +Wenn ich den leisesten Lärm mache, sagst Du: »Siehst Du nicht, daß Vater +arbeitet?« + +Was hat das für Sinn, schreiben und immer schreiben? + + * * * * * + +Wenn ich Vaters Feder oder Bleistift nehme und in sein Buch schreibe, +gerade wie er -- a, b, c, d, e, f, g, h, i, --, warum wirst Du dann böse +mit mir, Mutter? + +Du sagst nie ein Wort, wenn Vater schreibt. + + * * * * * + +Wenn mein Vater solche Haufen Papier verschwendet, Mutter, scheint es +Dich gar nicht zu stören. + +Wenn ich aber nur =einen= Bogen nehme, um mir ein Schiff draus zu +machen, sagst Du: »Kind, wie Du einen quälst!« + +Was hältst Du von Vaters Bogen und Bogenverderben mit schwarzen Zeichen, +über und über auf beiden Seiten? + + + + +DER BÖSE POSTBOTE + + +Warum sitzest Du hier auf dem Boden so still und schweigend, sag' mir, +Mutter lieb? + +Der Regen kommt herein durch das offene Fenster, macht Dich ganz naß, +und Du merkst es gar nicht. + +Hörst Du den Gong vier schlagen? Es ist Zeit für meinen Bruder, daß er +heimkommt aus der Schule. + +Was ist Dir geschehn, daß Du so fremd ausschaust? + +Hast Du heut keinen Brief von Vater bekommen? + +Ich sah den Postboten Briefe bringen in seinem Sack, für jeden fast in +der Stadt. + +Nur Vaters Briefe behält er, um sie selber zu lesen. Ich bin gewiß, der +Postbote ist ein böser Mann. + + * * * * * + +Aber sei nicht unglücklich darüber, Mutter lieb. + +Morgen ist Markttag im nächsten Dorf. Du sagst Deinem Mädchen, daß sie +Federn und Papier kauft. + +Ich selbst will Vaters Briefe schreiben; Du wirst nicht einen einzigen +Fehler finden. + +Ich werde vom A drauf los bis zum K schreiben. + +Doch, Mutter, was lächelst Du? + +Du glaubst nicht, daß ich so schön schreiben kann wie Vater? + +Aber ich werde mein Papier sorgfältig linieren und alle Buchstaben schön +groß schreiben. + +Wenn ich mein Schreiben fertig habe, meinst Du, werd' ich so dumm sein +und es hineinwerfen in des gräßlichen Postboten Sack? + +Ich werd' es Dir selber bringen, ganz rasch, und Dir Brief für Brief +meine Schrift lesen helfen. + +Ich weiß, der Postbote gibt Dir nicht gern die wirklich netten Briefe. + + + + +DER HELD + + +Mutter, denk' Dir, wir reisen und kommen durch ein fremdes und +gefährliches Land. + +Du reisest in einem Palankin, und ich trabe neben Dir auf einem roten +Pferd. + +Es ist Abend, und die Sonne geht unter. Die Wüste von Joradighi liegt +fahl und grau vor uns. Das Land ist öd und brach. + +Du bist erschreckt und denkst: »Ich weiß nicht, wohin wir geraten sind.« + +Ich sage zu Dir: »Mutter, hab' keine Angst.« + + * * * * * + +Die Wiese prickelt vor spitzigem Gras, und drüber läuft ein schmaler, +holpriger Pfad. + +Kein Vieh ist zu sehn auf dem weiten Feld; es ist in seine Ställe +heimgekehrt. + +Es wird dunkel und düster auf Land und Himmel, und wir können's nicht +sagen, wohin wir gehn. + +Plötzlich rufst Du und fragst mich flüsternd: »Was für ein Licht ist +dort am Ufer?« + + * * * * * + +Just da gellt ein furchtbarer Schrei, und Gestalten kommen laufend auf +uns zu. + +Du sitzest zusammengekauert in Deinem Palankin und wiederholst betend +die Namen der Götter. + +Die Träger, vor Schrecken zitternd verstecken sich im Dornenbusch. + +Ich schrei' Dir zu: »Hab' keine Angst, Mutter, ich bin da!« + + * * * * * + +Mit langen Stöcken in den Händen und ganz wild flatterndem Haar um ihre +Schädel kommen sie näher und näher. + +Ich schreie: »Seht Euch vor, Ihr Schurken! Einen Schritt weiter und Ihr +seid des Todes!« + +Sie stoßen noch einmal ein schreckliches Geheul aus und stürzen +vorwärts. + +Du packst meine Hand und sagst: »Lieber Junge, um Himmels willen, halt' +Dich fern von ihnen!« + +Ich sage: »Mutter, gib Du nur Obacht auf mich.« + + * * * * * + +Dann sporn' ich mein Roß zu wildem Galopp, und mein Schwert und Schild +klirren aneinander. + +Der Kampf wird so gräßlich, Mutter, daß Dich ein kalter Schauer +überliefe, wenn Du ihn sehen könntest von Deinem Palankin. + +Viele von ihnen fliehn, und eine große Zahl ist in Stücke gehaun. + +Ich weiß, Du denkst, ganz versunken in Dich, Dein Junge muß tot sein in +dieser Stunde. + +Aber ich komme zu Dir, ganz mit Blut befleckt und sage: »Mutter, nun ist +der Kampf vorüber.« + +Du kommst heraus und küssest mich, drückst mich an Dein Herz und sagst +zu Dir selbst: + +»Ich weiß nicht, was ich tun würde, wenn ich nicht meinen Jungen zum +Geleit hätte.« + + * * * * * + +Tausend nutzlose Dinge geschehen Tag für Tag, warum könnte nicht so +etwas zufällig wahr werden? + +Es würde wie eine Geschichte in einem Buch sein. + +Mein Bruder würde sagen: »Ist das möglich? Ich dachte immer, er wäre so +zart!« + +Unsre Dorfleute würden alle in Verwunderung sagen: »War es nicht ein +Glück, daß der Junge mit seiner Mutter war?« + + + + +DAS ENDE + + +Es ist Zeit für mich, zu gehen, Mutter. Ich gehe. + +Wenn Du im fahlen Dunkel der einsamen Dämmerung Deine Arme ausstreckst +nach Deinem Kindchen im Bett, werde ich sagen: »Kindchen ist nicht da!« +-- Mutter, ich gehe. + +Ich werde ein zarter Lufthauch werden und Dich liebkosen; und ich werde +das Kräuseln auf dem Wasser sein, wenn Du badest, und Dich küssen und +wieder küssen. + +In der Sturmnacht, wenn der Regen auf die Blätter prasselt, wirst du +mein Flüstern hören in Deinem Bett, und mein Lachen wird mit dem Blitz +durchs offne Fenster in Dein Zimmer leuchten. + +Wenn Du wach liegst, an Dein Kindchen denkend bis spät in die Nacht, +werd' ich singen zu Dir von den Sternen: »Schlaf, Mutter, schlaf.« + +Auf den irrenden Mondstrahlen werd' ich mich über Dein Bett stehlen und +auf Deiner Brust liegen, während Du schläfst. + +Ich werde ein Traum werden und durch die kleine Öffnung Deiner +Augenlider werd' ich in die Tiefen Deines Schlafes schlüpfen; und wenn +Du aufwachst und bestürzt herumschaust, werd' ich wie ein glitzernder +Leuchtkäfer hinaus ins Dunkle schwirren. + +Wenn zum großen Puja-Feste die Nachbarskinder kommen und herumspielen im +Haus, werd' ich in die Musik der Flöte schmelzen und in Deinem Herzen +schlagen den ganzen Tag. + +Die liebe Muhme wird kommen mit Puja-Geschenken und wird fragen: »Wo ist +unser Kindchen, Schwester?« + +Mutter, Du wirst ihr leise sagen: »Er ist in den Sternen meiner Augen, +er ist in meinem Körper und in meiner Seele.« + + + + +KOMM ZURÜCK! + + +Die Nacht war schwarz als =sie= fortging, und sie schliefen. + +Die Nacht ist schwarz jetzt, und ich rufe nach =ihr=: »Komm zurück, mein +Liebling; die Welt liegt im Schlaf; und niemand würde wissen, wenn Du +kämst für eine Weile, während die Sterne den Sternen zublinken.« + + * * * * * + +Sie ging weg, als die Bäume in Knospen standen und der Lenz jung war. + +Nun sind die Blumen in voller Blüte und ich rufe: »Komm zurück, mein +Liebling. Die Kinder sammeln Blumen und verstreun sie in unbekümmertem +Spiel. Und wenn Du kämest und nähmest =eine= kleine Blüte, es würde sie +keiner vermissen.« + +Die damals spielten, spielen noch, so verschwenderisch ist Leben. + +Ich lauschte ihrem Plaudern und rufe: »Komm zurück, mein Liebling; denn +Mutters Herz ist voll bis an den Rand mit Liebe, und wenn Du kämest, nur +einen einzigen kleinen Kuß zu haschen von ihr, es würde Dir's niemand +neiden.« + + + + +DER ERSTE JASMIN + + +Ah, dieser Jasmin, dieser weiße Jasmin! + +Mir ist wie am ersten Tag, da ich meine Hände füllte mit diesem Jasmin, +diesem weißen Jasmin. + +Ich habe die Sonne geliebt, den Himmel und die grüne Erde. + +Ich habe das rieselnde Rauschen des Flusses gehört durch das Dunkel der +Mitternacht; + +Herbstsonnenuntergänge sind zu mir gekommen an eines Weges Biegung in +einsamer Öde wie eine Braut, den Schleier hebend zum Empfang des +Geliebten. + +Und doch ist mein Erinnern noch süß von dem ersten weißen Jasmin, den +ich in meiner Hand hielt, als ich ein Kind war. + + * * * * * + +Manch' froher Tag ist in mein Leben gekommen, und ich habe gelacht mit +Spaßmachern in festlichen Nächten. + +An grauen Regenmorgen hab' ich manch' müßig Lied gesummt. + +Ich habe um meinen Nacken getragen den Abendkranz aus Bakulas, von +Händen der Liebe geflochten. + +Und doch ist mein Herz süß von dem Erinnern an den ersten frischen +Jasmin, der meine Hände füllte, als ich ein Kind war. + + + + +DER FEIGENBAUM + + +O Du zottelköpfiger Feigenbaum am Ufer des Teichs, hast Du den kleinen +Jungen vergessen wie die Vögel, die in Deinen Zweigen genistet haben und +Dich verließen? + +Erinnerst Du Dich nicht, wie er am Fenster saß und sich wunderte über +das Gewirr Deiner Wurzeln, die unter die Erde tauchten? + +Die Frauen kamen immer, ihre Krüge zu füllen am Teich, und Dein +riesiger, schwarzer Schatten räkelte sich über das Wasser wie Schlaf, +der sich anstrengt, aufzuwachen. + +Sonnenlicht tanzte auf den Wasserwirbeln wie ruhlose, winzige +Weberschiffchen, die eine goldne Tapete wirken. + +Zwei Enten schwammen am verwilderten Rande über ihren Schatten und der +Junge saß still und sann. + +Er wollte der Wind sein und durch Deine rauschenden Zweige blasen, Dein +Schatten sein und mit dem Tage länger werden auf dem Wasser, ein Vogel +sein und auf Deinem höchsten Wipfel sitzen, und wie jene Enten unter +Unkraut und Schatten schwimmen. + + + + +SEGNUNG + + +Segne dies kleine Herz, diese weiße Seele, die des Himmels Kuß für +unsere Erde gewonnen hat. + +Er liebt das Licht der Sonne, er liebt den Anblick von seiner Mutter +Antlitz. + +Er hat mich gelehrt, den Staub verachten und nach Gold trachten. + +Schließ' ihn an Dein Herz und segne ihn. + + * * * * * + +Er ist in dieses Land der hundert Kreuzwege gekommen. + +Ich weiß nicht, wieso er Dich wählte aus der Menge, an Dein Tor kam und +Deine Hand faßte, um seinen Weg zu fragen. + +Er wird Dir folgen, lachend und plaudernd und ohne Zweifel im Herzen. + +Erfüll' sein Vertrauen, führe ihn zum Rechten und segne ihn. + + * * * * * + +Leg' Deine Hand auf sein Haupt und bete: wenn auch die Wogen unten +bedrohlich werden, so möge doch der Odem von oben kommen und seine Segel +füllen und ihn in den Hafen des Friedens wehn. + +Vergiß' ihn nicht in Deinem Hasten, laß' ihn an Dein Herz kommen und +segne ihn. + + + + +DAS GESCHENK + + +Ich möchte Dir was schenken, mein Kind, denn wir treiben auf dem Strom +der Welt. + +Unsre Leben werden auseinandergehn und unsre Liebe wird vergessen +werden. + +Aber ich bin nicht so töricht, zu hoffen, ich könnte Dein Herz mit +meinen Geschenken kaufen. + +Jung ist Dein Leben, Dein Pfad lang, und Du trinkst die Liebe, die wir +Dir bringen, auf einen Zug, kehrst Dich um und läufst weg von uns. + +Du hast Dein Spiel und Deine Gespielen. Was tut's, wenn Du nicht Zeit, +nicht Sinn für uns hast. + +Fürwahr, wir haben Muße genug im Alter, die Tage zu zählen, die +vergangen sind, in unseren Herzen zu hätscheln, was unsre Hände für +immer verloren haben. + +Der Fluß läuft schnell mit einem Lied, alle Schranken durchbrechend. +Aber der Berg steht und erinnert sich und folgt ihm mit seiner Liebe. + + + + +MEIN LIED + + +Dies Lied von mir will seine Musik winden um Dich, mein Kind, wie die +zärtlichen Arme der Liebe. + +Dies Lied von mir will Deine Stirn berühren wie ein Segenskuß. + +Wenn Du allein bist, wird es an Deiner Seite sitzen und Dir ins Ohr +flüstern; bist Du in der Menge, wird es Dich einfrieden mit +Entrücktheit. + +Mein Lied wird ein Flügelpaar für Deine Träume sein, es wird Dein Herz +an die Grenze des Unbekannten reißen. + +Es wird wie der getreue Stern zu Häupten sein, wenn finstre Nacht über +Deiner Straße liegt. + +Mein Lied wird in den Sternen Deiner Augen sitzen und Deinen Blick in +das Herz der Dinge führen. + +Und wenn meine Stimme still ist im Tod, wird mein Lied in Dein lebendes +Herz sprechen. + + + + +DER ENGEL + + +Sie schreien und kämpfen, sie zweifeln und verzweifeln, sie wissen kein +Ende ihren Zänken. + +Laß' Dein Leben unter sie kommen wie eine Flamme Licht, mein Kind, ohne +Flackern und rein, und entzücke sie zum Schweigen. + +Sie sind grausam in ihrer Gier und ihrem Neid; ihre Worte sind wie +verborgene Messer, dürstend nach Blut. + +Geh' und stelle Dich unter ihre schelen Herzen, mein Kind, und laß' +Deine milden Augen auf sie fallen wie der verzeihende Abendfriede über +den Streit des Tags. + +Laß' sie Dein Antlitz sehn, mein Kind, und so den Sinn aller Dinge +erkennen; laß' sie Dich lieben und so einander lieben. + +Komm' und wohne im Busen der Unendlichkeit, mein Kind. Mit Sonnenaufgang +öffne und erhebe Dein Herz wie eine blühende Blume, und zum Untergang +neige Dein Haupt und vollende im Schweigen des Tages Gottesdienst. + + + + +DER LETZTE VERTRAG + + +»Komm und miete mich«, schrie ich, als ich des Morgens auf der +steingepflasterten Straße ging. + +Das Schwert in der Hand, kam der König in seinem Wagen. + +Er hielt meine Hand und sagte: »Ich will Dich mieten mit meiner Macht.« + +Aber seine Macht war mir nichts wert, und er fuhr davon in seinem Wagen. + + * * * * * + +In der Hitze des Mittags lehnten die Häuser mit geschlossenen Türen. + +Ich wanderte entlang die krumme Gasse. + +Ein alter Mann kam heraus mit seinem Sack voll Gold. + +Er sann nach und sagte: »Ich will Dich mieten mit meinem Geld.« + +Er wog seine Münzen, eine nach der andern, aber ich wandte mich fort. + + * * * * * + +Abend war's. Die Gartenhecke stand ganz in Blüte. + +Das liebliche Mädchen kam heraus und sagte: »Ich will Dich mieten mit +einem Lächeln.« + +Ihr Lächeln blaßte und schmolz in Tränen, und sie ging zurück allein im +Dunkel. + + * * * * * + +Die Sonne glitzerte im Sand, und die Meereswellen brachen landeinwärts. + +Ein Kind saß da, mit Muscheln spielend. + +Es hob seinen Kopf und schien mich zu kennen und sagte: »Ich miete Dich +mit Nichts.« + +Von da an machte mich dieser Vertrag, im Kinderspiel geschlossen, zum +freien Mann. + + + + +ANMERKUNGEN UND NACHWORT DES ÜBERSETZERS + + +Zu Seite + +7: _Arēka-Palme_ (malayisch arik). Eine Abart, Arēca cātechu, die +Betelpalme, trägt orangerote, hühnereigroße Früchte, deren Kern, mit den +Blättern des Betelpfeffers umwickelt, gekaut wird. + +_Kokos-Palme_ (von spanisch coca »Nuß« oder portugiesisch coco »Popanz« +wegen der gesichtsähnlichen, daher schreckhaften Früchte). Die Kokosnuß +gehört in Indien zu den heiligsten Früchten, die der Göttin der +Wohlfahrt, Sriphāla, geweiht sind. + +_Brotfruchtbaum_ (englisch jack-fruit aus malayisch chakka; sanskrit +pānasa). Die kopfgroßen Früchte werden roh und geröstet genossen. 2 bis +3 Bäume versorgen einen Menschen ein Jahr mit Nahrung. + +20: _Feigenbaum_ (englisch banyan tree, sanskrit vaṭa; ficus indica). +Die Luftwurzeln der Äste greifen in den Boden ein und werden zu neuen +Stämmen. So wächst der Baum nach allen Seiten hin durch Jahrtausende und +bildet einen Wald, der Tausende von Menschen aufnimmt. Er ist der Zeit, +Kāla, heilig und gilt als Sinnbild der Unsterblichkeit. Beim Pflanzen +des Baumes wird gewöhnlich das Gebet gesprochen: »Möchte ich so viele +Jahre im Himmel weilen als dieser Baum auf Erden wächst.« + +_Mango_ (malayisch māngāy, sanskrit āmra; magnifera indica). +Gelbblühender Baum mit gelblichen, bis zu einem Kilo schweren Früchten, +die ein beliebtes Obst sind. Der Ārmra gilt als Inkarnation der +Liebesgöttin. Nach einer Legende übte die Göttin Pārvati unter einem +Mangobaum Buße, dort, wo jetzt der Ṡaiva-Tempel steht. Hier erschien ihr +ihr Gatte Ṡiva, der als Ekāmranātha »der unvergleichliche Herr des +Mangobaums« verehrt wird. + +21: _Bakula_ (mimusops elengi), Baum mit wohlriechenden Blättern und +Blüten, die ein ätherisches Öl liefern. Die süßen Früchte sind eßbar. + +35: _Kadam_ (sanskrit Kadamba; nauclea cadamba), Liane mit +orangefarbener duftender Blüte. + +_Dādā_ (Hindustani), Großvater väterlicherseits, dann auf jede ältere +Person angewendet, hier: der ältere Bruder. + +40: _Champa_ (sanskrit champaka; michelia champaka), den Magnolien +ähnliche Holzgewächse mit duftenden, zarten, weißen und gelben Blüten, +die Götzenbildern dargebracht werden, besonders am 14. Iyeshṭh (ungefähr +unserm Juni entsprechend). Das wohlriechende Champakaöl ist sehr +beliebt. + +41: _Rāmāyana_ (sanskrit ayana = gehend, vonay = gehen), »Die Taten des +Rama«. Das große Sanskrit-Epos, das dem Vālmiki zugeschrieben wird und +im 5. Jahrh. v. Chr. entstanden sein dürfte. Vgl. Alex. Baumgartner, das +Rāmāyana und die Rāma-Literatur der Inder. Freiburg 1894. + +43: _Tulsi_ (sanskrit tulasi; ocimum sanctum), heiliges Basilikum. In +Ostindien berühmteste Arzneipflanze, der Legende nach aus dem Haar einer +Nymphe erzeugt, die Vishnu in seiner Inkarnation als Krishna liebte. +Vaisnawa-Rosenkränze bestehen aus 108 Perlen von diesem Holz. +Alljährlich wird in Indien eine Art Vermählungszeremonie zwischen dieser +Pflanze und einem Salagramammoniten (versteinerte, ausgestorbene +Tintenschneckenart, Symbol des Vishnu und als Amulett weiblicher +Fruchtbarkeit) als Sinnbild der Muschelinkarnation Vishnus vollzogen. + +50: _Tamarinde_ (arabisch tamr hindi, indische Dattel; tamarindus +indica), bis zu 25 Metern hoher, immergrüner Baum mit gelblichen, +purpurgeäderten Blüten. Die Frucht wird als Obst, Nahrungs- und +Arzneimittel verwendet. + +53: _Shiuli_ (bengali; nyctanthes arbor tristis), Gattung der Oleaceen. +Bis zu 9 Metern hoher Baum oder Strauch, vom Jasmin hauptsächlich durch +Blütenfarbe (Röhre und Schlund orange, sonst weiß) und Fruchtform +verschieden. Tropische Zierpflanze mit wohlriechenden, nur nachts +geöffneten Blüten, die zum Färben von Speisen und zur Bereitung von +ätherischem Öl dienen. + +55: _Indischer Flachs_ (englisch jute, bengali jūto »die Haarflechte«; +corchorus olitorius). Die Faser wird zur Erzeugung von Matten und groben +Sackleinen, Jute, verwendet. + +56: _Rāmachandra._ Das Wort chandra wird oft an Namen angefügt, um die +Schönheit auszudrücken. Der Retter der Welt, der triumphierende +Dämonentöter, der rührendste Dulder, in den sich Vishnu bei seiner +siebenten Herabkunft verwandelte. Rāmas vierzehnjährige Verbannung mit +seiner Gattin Sitā wird im zweiten und dritten Gesange des Rāmāyana +geschildert. + +71: _Ganesh_ (Sanskrit Ganeça »der Anführer des Gefolges« Shivas, als +dessen Sohn er gilt). Er wird oft mit seinem Bruder, dem Kriegsgott +Skanda verehrt. Er ist der Entferner von Hindernissen, die Verkörperung +allen Erfolges. Indische Handschriften pflegen mit einer an ihn sich +richtenden Verehrungsformel zu beginnen, damit er den hindernden Einfluß +böser Dämonen vom Schreiben abwehre: so ist der Schein entstanden, als +sei Ganesha eigentlich ein Gott der Wissenschaft. Sein in Indien +unendlich verbreitetes Bild zeigt ihn mit einem Elefantenkopf, oft auf +einer Ratte reitend. + +75: _Madar_ (sanskrit mandāra; erythrina indica), Dadapbaum, als Stütze +in Pfeffer-, als Schattenbaum in Kaffeeplantagen verwendet. Mit meist +scharlachroten Blütentrauben, zur Gattung der Korallenbäume gehörig. + +83: _Palankin_ Tragsänfte. + +89: _Puja_ (sanskrit) bedeutet Verehrung überhaupt. Als Fest ist das +Durgāpūjā oder Navarātra gemeint, die »Neun Nächte«, beginnt am ersten +und endet am zehnten Tag der lichten Hälfte von Āṡvina (September-Oktober). +Es wird namentlich in Bengal gefeiert als Erinnerung an +den Sieg von Durgā, Shivas Frau, über einen büffelköpfigen +Dämon. Ihr Bild wird mit zehn bewaffneten Armen dargestellt, ihr rechter +Fuß auf einem Löwen ruhend, ihr linker auf dem Büffeldämon. Nach +neuntägiger Verehrung wird dieses Götzenbild am zehnten Tage ins Wasser +gestürzt. + +Näheres vgl. Monier-Williams, Brāmanism and Hindūism or Religious +Thought and Life in India. London, 1891. + + * * * * * + +Die Gedichte 2, 3 und 9 sind mit den Gedichten 60-62 der Sammlung +»Gitanjali« identisch. + +Es scheint mir wichtig, zu betonen, daß die englische, von Tagore selbst +geschaffene Form als die beste europäische Mittlerin seiner Gedanken und +Gefühle zu gelten hat. Selbst die Kunst eines Rückert könnte uns die +Umdichtung aus dem bengalischen Urtext nicht so nahebringen, wie eine +möglichste Nachbildung der englischen Umdichtung uns rühren kann. + +Bei den Anmerkungen danke ich wieder vieles der Freundlichkeit des +Berliner Sanskritisten, Herrn Professor Heinrich Lüders. + + +GEDRUCKT BEI POESCHEL & TREPTE IN LEIPZIG + + + + + + +End of Project Gutenberg's Der zunehmende Mond, by Rabindranath Tagore + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER ZUNEHMENDE MOND *** + +***** This file should be named 38125-0.txt or 38125-0.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + https://www.gutenberg.org/3/8/1/2/38125/ + +Produced by Jana Srna and the Online Distributed +Proofreading Team at https://www.pgdp.net (This file was +produced from images generously made available by The +Internet Archive/Canadian Libraries) + + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. 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It exists +because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from +people in all walks of life. + +Volunteers and financial support to provide volunteers with the +assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's +goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will +remain freely available for generations to come. In 2001, the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure +and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations. +To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation +and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 +and the Foundation web page at https://www.pglaf.org. + + +Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive +Foundation + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit +501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the +state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal +Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification +number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at +https://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent +permitted by U.S. federal laws and your state's laws. + +The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S. +Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered +throughout numerous locations. Its business office is located at +809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email +business@pglaf.org. 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Thus, we do not necessarily +keep eBooks in compliance with any particular paper edition. + + +Most people start at our Web site which has the main PG search facility: + + https://www.gutenberg.org + +This Web site includes information about Project Gutenberg-tm, +including how to make donations to the Project Gutenberg Literary +Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to +subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks. diff --git a/38125-0.zip b/38125-0.zip Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..9ee21d0 --- /dev/null +++ b/38125-0.zip diff --git a/38125-8.txt b/38125-8.txt new file mode 100644 index 0000000..0a77fc0 --- /dev/null +++ b/38125-8.txt @@ -0,0 +1,2211 @@ +The Project Gutenberg EBook of Der zunehmende Mond, by Rabindranath Tagore + +This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with +almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + +Title: Der zunehmende Mond + +Author: Rabindranath Tagore + +Translator: Hans Effenberger + +Release Date: November 24, 2011 [EBook #38125] + +Language: German + +Character set encoding: ISO-8859-1 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER ZUNEHMENDE MOND *** + + + + +Produced by Jana Srna and the Online Distributed +Proofreading Team at https://www.pgdp.net (This file was +produced from images generously made available by The +Internet Archive/Canadian Libraries) + + + + + + + [ Anmerkungen zur Transkription: + + Schreibweise und Interpunktion des Originaltextes wurden bernommen. + + Im Original gesperrt gedruckter Text wurde mit = markiert. + Im Original kursiv gedruckter Text wurde mit _ markiert. + ] + + + + +RABINDRANATH TAGORE + +DER ZUNEHMENDE MOND + +KURT WOLFF VERLAG + + +Copyright 1915 + +Kurt Wolff Verlag, Leipzig + + +Berechtigte deutsche bertragung von HANS EFFENBERGER nach der von +Rabindranath Tagore selbst veranstalteten englischen Ausgabe + + + + +DIE HTTE + + +Ich ging allein den Weg ber das Feld, whrend der Sonnenuntergang sein +letztes Gold wie ein Geizhals verbarg. + +Des Tages Licht sank tiefer und tiefer in die Dunkelheit, und das +verwitwete Land, der Ernte brach, lag schweigend. + +Pltzlich stieg eines Knaben schrille Stimme in den Himmel. Er +durchdrang ungesehn das Dunkel und lie die Spur seines Liedes ber der +Stille des Abends. + +Seine Htte lag im Dorf am Ende des den Landes, hinter dem +Zuckerrohrfeld, verborgen in den Schatten der Bananen und der schlanken +Arka-Palme, der Kokosnu und der dunkelgrnen Brotfruchtbume. + +Ich hielt einen Augenblick inne auf meinem einsamen Gang im Licht der +Sterne und sah ausgebreitet vor mir die dunkelnde Erde, in ihren Armen +zahllose Htten mit Wiegen und Betten, Mutterherzen und Abendlampen und +jungen Leben, froh von einer Freude, die nicht wei, was sie der Welt +bedeutet. + + + + +AM MEERUFER + + +Am Meerufer endloser Welten treffen sich Kinder. + +Der grenzenlose Himmel zu Hupten ist ohne Bewegung, und das ruhlose +Wasser ist ungestm. + +Am Meerufer endloser Welten treffen sich Kinder mit Jubeln und Tanzen. + + * * * * * + +Sie bauen ihre Huser aus Sand, und sie spielen mit leeren Muscheln. Aus +welken Blttern flechten sie ihre Boote und lassen sie lchelnd ber der +ungeheuren Tiefe treiben. Kinder haben ihr Spiel am Meerufer der Welten. + + * * * * * + +Sie knnen nicht schwimmen, sie knnen nicht Netze werfen. Perlenfischer +tauchen nach Perlen, Kaufleute segeln in ihren Schiffen, whrend Kinder +Kiesel sammeln und sie wieder verstreun. Sie suchen nicht nach +verborgenen Schtzen, sie knnen nicht Netze werfen. + + * * * * * + +Das Meer schumt auf in Gelchter, und fahl glnzt das Lcheln des +Gestades. Todbringende Wellen singen verstndnislose Balladen den +Kindern, wie eine Mutter beim Einwiegen. Das Meer spielt mit Kindern, +und fahl glnzt das Lcheln des Gestades. + + * * * * * + +Am Meerufer endloser Welten treffen sich Kinder. Sturm streicht am +pfadlosen Himmel, Schiffe kentern in dem spurlosen Wasser, der Tod ist +unterwegs, und Kinder spielen. Am Meerufer endloser Welten ist das groe +Begegnen der Kinder. + + + + +DER URSPRUNG + + +Der Schlaf, der ber des Kindleins Augen huscht -- wei jemand, woher +der kommt? Ja, es geht ein Gercht, da er in dem Mrchendorfe wohnt. +Unter Waldesschatten, von Glhwrmern trb erhellt, hngen zwei +Zauberknospen. Von dort kommt er, des Kindleins Augen zu kssen. + +Das Lcheln, das auf des Kindleins Lippen flackert, wenn es schlft -- +wei jemand, wo das geboren ward? Ja, es geht ein Gercht, da ein +junger, blasser Strahl des zunehmenden Mondes den Saum einer +schwindenden Herbstwolke berhrte, und da wurde das Lcheln zuerst +geboren in dem Traum eines taureinen Morgens -- das Lcheln, das auf des +Kindleins Lippen spielt, wenn es schlft. + +Die se, sanfte Frische, die auf des Kindleins Gliedern blht -- wei +jemand, wo die so lange verborgen war? Ja, sie lag, als Mutter noch ein +junges Mdchen war, ihr Herz durchdringend, im zarten und schweigenden +Geheimnis der Liebe -- die se, sanfte Frische, die auf des Kindleins +Gliedern aufgeblht ist. + + + + +DES KINDCHENS WESEN + + +Wenn Kindchen nur wollte, knnte es in diesem Augenblick zum Himmel +auffliegen. + +Es ist nicht umsonst, da es uns verlt. + +Es liebt es, seinen Kopf auszuruhn an Mutters Brust und kann es niemals +ertragen, wenn seine Augen sie nicht sehn. + + * * * * * + +Kindchen kennt allerhand weise Worte, wenn auch Wenige auf Erden ihren +Sinn verstehen knnen. + +Es ist nicht umsonst, da es niemals zu sprechen verlangt. + +Das einzige, das es verlangt, ist Mutters Worte von Mutters Lippen zu +lernen. Darum schaut es so unschuldig drein. + + * * * * * + +Kindchen hatte einen Haufen Gold und Perlen und doch kam es wie ein +Bettler in diese Welt. + +Es ist nicht umsonst, da es in solcher Verkleidung kam. + +Dieser liebe, kleine, nackte Bettler gibt vor, ganz hilflos zu sein, +damit er um Mutters reiche Liebe betteln kann. + + * * * * * + +Kindchen war so frei von jeder Fessel im Lande des kleinen, zunehmenden +Monds. + +Es war nicht umsonst, da es seine Freiheit aufgab. + +Es wei, da Raum ist fr endlose Freude in dem kleinen Winkel von +Mutters Herzen und da es viel ser ist als Freiheit, in ihren lieben +Armen gefangen und geherzt zu werden. + + * * * * * + +Kindchen wute nichts vom Schreien. Es wohnte im Lande der vollkommenen +Seligkeit. + +Es ist nicht umsonst, da es das Weinen erwhlt hat. + +Wenn es auch mit dem Lcheln seines lieben Gesichtes Mutters sehnendes +Herz zu sich zieht, so schlingen doch seine kleinen Schreie ber winzige +Kmmernisse das doppelte Band von Mitleid und Liebe. + + + + +DAS UNBEACHTETE SCHAUSPIEL + + +Ach, wer war's, der diesen kleinen Kittel bunt frbte, mein Kind, und +Deine sen Glieder mit diesem kleinen, roten Rock bedeckte? + +Du bist herausgekommen im Morgen, auf dem Hof zu spielen, torkelnd und +taumelnd, wenn Du lufst. + +Aber wer war's, der diesen kleinen Kittel bunt frbte, mein Kind? + + * * * * * + +Was gibt's zu lachen, Du kleine Lebensknospe? + +Mutter steht auf der Schwelle und lchelt Dich an. + +Sie klatscht in ihre Hnde, und ihre Spangen klirren, und Du tanzest mit +Deinem Bambusstock in der Hand wie ein kleinwinziger Hirte. + +Aber was gibt's zu lachen, Du kleine Lebensknospe? + + * * * * * + +O Bettler, was bettelst Du, Mutters Nacken mit Deinen beiden Hnden +umschlingend? + +O gieriges Herz, soll ich die Welt pflcken wie eine Frucht vom Himmel, +um sie in Deine kleine, rosige Hand zu legen? + +O Bettler, um was bettelst Du denn? + + * * * * * + +Der Wind trgt lustig das Klingen Deiner Fuschellen davon. + +Die Sonne lchelt und bewundert Dein Kleid. + +Der Himmel wacht ber Dir, wenn Du schlfst in Mutters Armen, und der +Morgen kommt auf Zehenspitzen an Dein Bett und kt Deine Augen. + +Der Wind trgt lustig das Klingen Deiner Fuschellen davon. + + * * * * * + +Die Feenknigin der Trume kommt zu Dir durch den Dmmerhimmel geflogen. + +Die Weltenmutter sitzt bei Dir in Deiner Mutter Herzen. + +Er, der seine Musik den Sternen spielt, steht an Deinem Fenster mit +seiner Flte. + +Und die Feenknigin der Trume kommt zu Dir durch den Dmmerhimmel +geflogen. + + + + +SCHLAFDIEBIN + + +Wer den Schlaf von Kindchens Augen stahl, mu ich wissen. + +Den Krug auf der Hfte, ging Mutter Wasser holen aus dem nahen Dorf. + +Es war Mittag. Der Kinder Spielzeit war vorber. Im Teich die Enten +schwiegen. + +Der Hirtenknab' lag eingeschlafen unter dem Schatten des Feigenbaums. + +Der Kranich stand ernst und still in dem Sumpf am Mangohain. + +Mittlerweile kam die Schlafdiebin, haschte den Schlaf von Kindchens +Augen und flog davon. + +Als Mutter heimkehrte, fand sie Kindchen auf allen Vieren durchs Zimmer +kriechen. + + * * * * * + +Wer stahl von Kindchens Augen Schlaf, mu ich wissen. Ich mu sie finden +und anketten. Ich mu dort in die schwarze Hhle schaun, wo durch Felsen +und dstres Gestein ein kleiner Bach sickert. + +Ich mu suchen in dem Schlummerschatten des Bakulahains, wo Tauben in +den Verstecken gurren und Elfenringe in der Stille der Sternennchte +klirren. Des abends will ich in das flsternde Schweigen des +Bambuswaldes lugen, wo Leuchtkfer ihr Licht verschwenden, und will +jedes Wesen fragen, das ich treffe: Kann einer mir sagen, wo die +Schlafdiebin wohnt? + + * * * * * + +Wer stahl von Kindchens Augen Schlaf, mu ich wissen. + +Wrd' ich ihr nicht ordentlich Bescheid sagen, wenn ich sie nur +erwischen knnte! Ihr Nest wrd' ich berfallen und sehn, wo sie all +ihren gestohlenen Schlaf htet. Ich wrde es ganz plndern und ihn +heimtragen. + +Ich wrd' ihre zwei Flgel fest zusammenbinden, sie an das Ufer des +Flusses setzen und sie dann die Fischerin spielen lassen zwischen den +Binsen und Wasserlilien. + +Wenn abends das Markten vorber ist, und die Dorfkinder ihren Mttern im +Scho sitzen, werden die Nachtvgel ihr spottend in die Ohren kreischen: + +Wessen Schlaf stiehlst Du Dir jetzt? + + + + +DER ANFANG + + +Wo bin ich hergekommen, wo hast Du mich aufgelesen? fragte das Kind +seine Mutter. + +Sie antwortete halb weinend, halb lachend und drckte das Kind an ihre +Brust: + +Du warst verborgen in meinem Herzen als seine Sehnsucht, Liebling. + +Du warst in den Puppen meiner Kinderspiele; und wenn ich aus Lehm das +Bildnis meines Gottes formte jeden Morgen, dann formte und vernichtete +ich Dich. + +Du warst mit eingeschlossen in der Gottheit unsres Hauses; sie +verehrend, verehrte ich Dich. + +In all meinem Hoffen und Lieben, in meinem Leben, in dem Leben meiner +Mutter hast Du gelebt. + +Im Scho des unsterblichen Geistes, der ber unserm Hause waltet, bist +Du genhrt worden durch Menschenalter. + +In meiner Mdchenzeit, da mein Herz seine Blumenbltter aufschlo, +schwebtest Du als ihr Duft darber. + +Deine zarte Sanftheit blhte in meinen jugendlichen Gliedern wie ein +Wolkenglhn vor Sonnenaufgang. + +Himmelserwhlter Liebling, Zwilling des Morgenlichts, Du bist den Strom +des irdischen Lebens heruntergeschwommen und zuletzt bist Du an meinem +Herzen gestrandet. + +Ich schaue in Dein Gesicht, und Unfabares berkommt mich: Du, der allen +gehrt, bist mein geworden. + +Vor Angst, Dich zu verlieren, halt' ich Dich eng an meine Brust. Welcher +Zauber hat den Schatz der Welt in diese meine schlanken Arme +verstrickt! + + + + +KINDCHENS WELT + + +Ich wnsche, ich knnte eine stille Ecke haben im Herzen von Kindchens +ureigenster Welt. + +Ich wei, sie hat Sterne, die zu ihm reden, und einen Himmel, der +niedersteigt zu seinem Gesicht, um ihn mit seinen nrrischen Wolken und +Regenbogen zu vergngen. + +Solche, die tun, als wren sie stumm und dreinschaun, als knnten sie +sich niemals bewegen, kommen zu seinem Fenster gekrochen mit ihren +Geschichten und mit Ksten voll herrlichem Spielzeug. + + * * * * * + +Ich wnsche, ich knnte die Strae wandern, die durch Kindchens Gedanken +fhrt, und weiter, hinaus ber alle Schranken; + +Wo Sendboten unterwegs sind ohne Grund zwischen den Knigreichen der +Knige, die keine Geschichte kennt; + +Wo die Vernunft Drachen macht aus ihren Gesetzen und sie fliegen lt, +und die Wahrheit die Tat befreit von ihren Fesseln. + + + + +WANN UND WARUM + + +Wenn ich Dir buntes Spielzeug bringe, mein Kind, begreife ich, warum ein +solches Spiel von Farben in den Wolken und auf dem Wasser ist, und warum +die Blumen in Farben gemalt sind -- wenn ich Dir buntes Spielzeug +schenke, mein Kind. + +Wenn ich singe, damit Du tanzest, wei ich frwahr, warum Musik in den +Blttern ist, und warum Wellen ihrer Stimmen Chor zu dem Herzen der +lauschenden Erde senden -- wenn ich singe, damit Du tanzest. + +Wenn ich Sigkeiten bringe fr Deine gierigen Hndchen, wei ich, warum +Honig in dem Kelch der Blume ist, und warum Frchte heimlich mit sem +Saft gefllt sind -- wenn ich Sigkeiten bringe fr Deine gierigen +Hndchen. + +Wenn ich Dein Gesicht ksse, damit Du lchelst, mein Liebling, begreife +ich gewi, welche Wonne vom Himmel truft im Morgenlicht, und welch +Entzcken die Sommerbrise meinem Krper bringt -- wenn ich Dich ksse, +damit Du lchelst. + + + + +VERLEUMDUNG + + +Warum sind diese Trnen in Deinen Augen, mein Kind? + +Wie grausam von ihnen, Dich immer zu schelten, ohne Grund! + +Du hast Dir Finger und Wangen mit Tinte beschmiert beim Schreiben -- +heien sie Dich darum schmutzig? + +O, pfui! Wrden sie es wagen, den Vollmond schmutzig zu heien, weil er +sein Gesicht mit Tinte besudelt hat? + + * * * * * + +Wegen jeder Kleinigkeit tadeln sie Dich, mein Kind. Sie sind bereit, +Fehler zu finden, ohne Grund. + +Du zerreiest Deine Kleider beim Spielen -- heien sie Dich darum +unordentlich? + +O, pfui! Was wrden sie einen Herbstmorgen heien, der durch seine +zerfetzten Wolken lchelt? + + * * * * * + +Achte nicht darauf, was sie zu Dir sagen, mein Kind. + +Sie machen eine lange Liste Deiner Missetaten. + +Jeder wei, wie Du Sigkeiten liebst -- heien sie Dich darum +naschhaft? + +O, pfui! Was wrden sie dann uns heien, die Dich lieben? + + + + +DER RICHTER + + +Sagt von ihm, was ihr wollt, ich kenne doch meines Kindes Fehler. + +Ich lieb' ihn nicht, weil er gut ist, sondern weil er mein kleines Kind +ist. + +Woher wollt ihr wissen, wie lieb er sein kann, wenn ihr versucht, seine +Tugenden gegen seine Schwchen abzuwgen? + +Wenn ich ihn strafen mu, wird er um so mehr ein Teil meines Seins. + +Wenn ich Ursache bin, da ihm die Trnen kommen, weint mein Herz mit +ihm. + +Ich allein habe ein Recht, zu tadeln und zu strafen, denn der nur darf +zchtigen, der liebt. + + + + +SPIELZEUG + + +Kind, wie glcklich sitzest Du im Staub und spielst mit einem +zerbrochnen Zweig den ganzen Morgen. + +Ich lchle ber Dein Spiel mit diesem kleinwinzigen, zerbrochnen +Zweiglein. + +Ich bin eifrig bei meinen Rechnungen, stundenlang Zahlen +zusammenzhlend. + +Vielleicht schaust Du auf mich und denkst: Was fr ein dummes Spiel, +=damit= Deinen Morgen zu verderben? + +Kind, ich habe die Kunst vergessen, in Stcke und Sandhgel vertieft zu +sein. + +Ich suche nach teurem Spielzeug und sammle Klumpen von Gold und Silber. + +Was immer Du findest, Du schaffst Dir damit Deine frohen Spiele; ich +verschwende meine Zeit und Kraft an Dinge, die ich niemals erreiche. + +In meinem schwanken Boot kmpf' ich, der Sehnsucht Meer zu durchkreuzen +und vergesse, da auch ich ein Spiel spiele. + + + + +DER ASTRONOM + + +Ich sagte nur: Wenn sich des abends der runde Vollmond in den Zweigen +jenes Kadambaums verwirrte, knnte ihn da jemand fangen? + +Aber Dd(1) lachte mich an und sagte: Bubi, Du bist das dmmste Kind, +das ich je gekannt habe. + +Der Mond ist, ach so weit von uns, wie knnte ihn denn einer da fangen? + + (1) Der ltere Bruder. + +Ich sagte: Dd, wie nrrisch Du bist! Wenn Mutter hinausschaut aus +ihrem Fenster und herunter lchelt auf uns beim Spielen, wrdest Du +sagen, sie wre weit weg? + +Doch Dd sagte: Du bist ein einfltiges Kind! Bubi, wo wrdest Du denn +ein Netz hernehmen, gro genug, um den Mond damit zu fangen? + +Ich sagte: Sicherlich knntest Du ihn mit Deinen Hnden fangen. + +Aber Dd lchelte und sagte: Du bist das dmmste Kind, das ich kenne. +Wenn er nher kme, wrdest Du sehn wie gro der Mond ist. + +Ich sagte: Dd, was fr Unsinn sie in Deiner Schule lehren! Wenn +Mutter ihr Gesicht herunterbeugt, um uns zu kssen, schaut ihr Gesicht +sehr gro aus? + +Dd sagt aber doch: Du bist ein dummes Kind. + + + + +WOLKEN UND WELLEN + + +Mutter, das Volk, das in den Wolken droben wohnt, ruft mir zu: + +Wir spielen vom Aufwachen bis der Tag endet. + +Wir spielen mit der goldnen Morgenrte, wir spielen mit dem silbernen +Mond. + +Ich frage: Aber wie kann ich zu Euch hinaufgelangen? + +Sie antworten: Komm' an den Rand der Erde, heb' Deine Hnde zum Himmel +und du wirst aufgenommen werden in die Wolken. + +Meine Mutter wartet auf mich zu Hause, sag' ich. Wie kann ich sie +verlassen und kommen? + +Dann lcheln sie und schwimmen vorber. + +Aber ich wei ein schneres Spiel als das, Mutter. + +Ich werde die Wolke sein und Du der Mond. + +Ich werde Dich verdecken mit meinen beiden Hnden und unser Giebel wird +der blaue Himmel sein. + + * * * * * + +Das Volk, das in den Wellen wohnt, ruft mir zu: + +Wir singen von Morgen bis Abend; wir wandern und wandern und wissen +nicht, wohin wir gleiten. + +Ich frage: Wie soll ich mich denn zu Euch gesellen? + +Sie sagen mir: Komm' an den Rand des Ufers und steh' mit fest +geschlossenen Augen und Du wirst davongetragen werden auf den Wellen. + +Ich sage: Meine Mutter braucht mich immer daheim des abends -- wie kann +ich sie verlassen und gehn? + +Dann lcheln sie, tanzen und gleiten vorber. + +Aber ich wei ein besseres Spiel als das. + +Ich will die Welle sein, und Du wirst eine fremde Kste sein. + +Ich werde rollen fort und fort und fort und an Deinem Scho zerschellen +mit Gelchter. + +Und niemand in der Welt wird wissen, wo wir beide sind. + + + + +DIE CHAMPABLTE + + +Denk' Dir, ich wrde eine Champablte, nur zum Scherz, und wchse auf +einem Ast hoch oben in jenem Baume und schtterte im Wind vor Lachen und +tanzte auf den neu entkeimten Blttern; wrdest Du mich kennen, Mutter? + + * * * * * + +Du wrdest rufen: Kindchen, wo bist Du?, und ich wrde lachen fr mich +und ganz stille sein. + +Ich wrde heimlich meine Blte ffnen und Dir bei der Arbeit zuschaun. + + * * * * * + +Wenn Du nach dem Bad, das nasse Haar ber Deine Schultern gebreitet, +durch den Schatten des Champabaumes gingest zu dem kleinen Hof, in dem +Du Deine Gebete sagst, wrdest Du den Duft der Blume merken, aber nicht +wissen, da er von mir kme. + +Wenn Du nach dem Mittagsmahl am Fenster sest, Rmyana lesend, und des +Baumes Schatten ber Haar und Scho Dir fiele, wrd' ich Dir meinen +kleinwinzigen Schatten auf die Seite Deines Buches werfen, grad dahin, +wo Du liest. + +Aber wrdest Du raten, da es der zarte Schatten Deines kleinen Kindes +war? + +Wenn Du des abends zu den Khen gingest, mit der brennenden Lampe in der +Hand, wrde ich pltzlich wieder auf die Erde niederfallen und noch +einmal Dein eignes Kind sein und Dich bitten, mir eine Geschichte zu +erzhlen. + +Wo bist Du gewesen, Du schlimmes Kind? + +Ich mag's nicht erzhlen, Mutter. Das wrden Du und ich dann sagen. + + + + +MRCHENLAND + + +Wenn die Leute wten, wo meines Knigs Palast ist, er wrde +entschwinden. + +Die Mauern sind von weiem Silber und das Dach von leuchtendem Gold. + +Die Knigin lebt in einem Palast mit sieben Hfen und sie trgt ein +Juwel, das war wert allen Reichtum von sieben Knigreichen. + +Aber la' es mich, Mutter, Dir flsternd sagen, wo meines Knigs Palast +ist. + +Er ist da in der Ecke unsrer Terrasse, dort wo der Topf mit der +Tulsispflanze steht. + +Die Prinzessin liegt schlafend an der weit weiten Kste der sieben +unwegsamen Meere. + +Es gibt keinen in der Welt, der sie finden kann, als ich. + +Sie hat Spangen an ihren Armen und Perlentropfen in ihren Ohren; ihr +Haar wallt nieder bis zum Boden. + +Sie wird aufwachen, wenn ich sie mit meinem Zauberstab berhre, und +Edelsteine werden von ihren Lippen fallen, wenn sie lchelt. + +Aber la' mich Dir ins Ohr flstern, Mutter; sie ist da in der Ecke +unsrer Terrasse, dort wo der Topf mit der Tulsispflanze steht. + +Wenn es Zeit fr Dich ist, zum Flusse baden zu gehn, steig' hinauf zu +der Terrasse auf dem Dach. + +Ich sitz' in der Ecke, wo die Schatten der Mauern zusammentreffen. + +Nur Miez darf mit mir kommen, denn sie wei, wo der Barbier aus dem +Mrchen wohnt. + +Aber la' mich, Mutter, Dir ins Ohr flstern, wo der Barbier aus dem +Mrchen wohnt. + +Es ist da in der Ecke der Terrasse, wo der Topf mit der Tulsispflanze +steht. + + + + +DAS LAND DER VERBANNUNG + + +Mutter, das Licht ist grau geworden am Himmel; ich wei nicht, wie spt +es ist. + +Mich freut mein Spiel nicht, da bin ich zu Dir gekommen. Es ist +Sonnabend, unser Feiertag. + +La' Deine Arbeit, Mutter; sitz' hier beim Fenster und erzhl' mir, wo +die Wste von Tepntar in dem Mrchen ist. + + * * * * * + +Der Regenschatten hat den ganzen langen Tag zugedeckt. + +Der wilde Blitz zerkratzt den Himmel mit seinen Ngeln. + +Wenn die Wolken rollen und es donnert, lieb' ich es, mich zu frchten im +Herzen und mich an Dich zu schmiegen. + +Wenn der schwere Regen stundenlang auf die Bambusbltter pltschert, und +unsre Fenster schttern und klirren unter den Windsten, sitz' ich gern +allein im Zimmer, Mutter, mit Dir und hr' Dich erzhlen von der Wste +Tepntar in dem Mrchen. + + * * * * * + +Wo liegt sie, Mutter, an der Kste welchen Meeres, am Fue welcher +Hgel, in wessen Knigs Knigreich? + +Da gibt's keine Hecken, die Felder zu grenzen, keinen Fupfad hindurch, +auf dem die Dorfbewohner des abends ihr Dorf erreichen oder die Frau, +die drres Holz im Walde sammelt, ihre Brde zu Markte bringen kann. Mit +Flecken gelben Grases im Sand und einem einzigen Baum, in dem das weise, +alte Vogelpaar sein Nest hat, liegt die Wste von Tepntar. + + * * * * * + +Ich kann mir vorstellen, wie gerade an einem so wolkigen Tage der junge +Knigssohn auf grauem Ro allein durch die Wste reitet, auf der Suche +nach der Prinzessin, die im Palast des Riesen ber dem unbekannten +Wasser gefangen liegt. + +Wenn der Regennebel herunterrieselt am fernen Himmel und der Blitz +aufzuckt wie ein pltzlicher Schmerz, denkt er da seiner unglcklichen +Mutter, wie sie, vom Knig verstoen, den Kuhstall fegt und ihre Augen +wischt, whrend er durch die Wste Tepntar reitet, wie das Mrchen +erzhlt? + + * * * * * + +Sieh', Mutter, es ist beinahe dunkel, ehe noch der Tag vorber ist, und +es gehn keine Wandrer drben auf der Dorfstrae. + +Der Hirtenknab' ist frhe heimgekommen von der Weide und die Menschen +haben ihre Felder verlassen, um auf Matten zu sitzen unter der +Dachtraufe ihrer Htten, nach den druenden Wolken sphend. + +Mutter, ich habe alle meine Bcher in dem Spinde gelassen -- heie mich +nicht, jetzt meine Aufgaben machen. + +Wenn ich aufwachse und gro wie mein Vater bin, werde ich alles lernen, +was gelernt werden mu. Aber nur heute gerade, erzhle mir, Mutter, wo +die Wste von Tepntar ist, von der das Mrchen erzhlt. + + + + +DER REGENTAG + + +Tckische Wolken ballen sich rasch ber der schwarzen Franse des Waldes. + +O Kind, geh' nicht hinaus! + +Die Palmenreihe am See schlgt ihre Hupter wider den schrecklichen +Himmel; die Krhen mit ihren schmutzigen Schwingen sitzen still auf den +Tamarindenzweigen, und das stliche Ufer des Flusses geistert in einem +verdunkelten Glhn. + + * * * * * + +Unsre Kuh muht laut, an den Zaun gebunden. + +O Kind, wart' hier, bis ich sie in den Stall bringe. + +Menschen drngen hinaus auf das berschwemmte Feld, um die Fische zu +fangen, die aus den berflutenden Teichen entkommen; das Regenwasser +rinnt in Rillen durch die engen Gassen, wie ein lachender Junge, der +seiner Mutter davongerannt ist, um sie zu necken. + + * * * * * + +Horch', irgendwer ruft nach dem Bootsmann an der Furt. + +O Kind, des Tages Licht ist trb' und die Arbeit an der Fhre ruht. + +Der Himmel scheint rasch zu reiten auf dem wildstrzenden Regen; das +Wasser im Flu ist laut und ungestm; Frauen sind frh nach Haus geeilt +vom Ganges mit ihren gefllten Krgen. + + * * * * * + +Die Abendlampen mssen fertiggemacht werden. + +O Kind, geh' nicht hinaus! + +Die Strae zum Markt ist einsam, die Gasse zum Flu ist schlpfrig. Der +Wind sthnt und wtet in den Bambuszweigen wie ein wildes Tier, in einem +Netz verfangen. + + + + +PAPIERSCHIFFCHEN + + +Tag fr Tag la' ich meine Papierschiffchen, eins nach dem andern, den +eilenden Strom hinunterschwimmen. + +In groen, schwarzen Buchstaben schreib' ich meinen Namen darauf und den +Namen des Dorfes, wo ich lebe. + +Ich hoffe, da irgendwer in einem fremden Land sie finden wird und +wissen, wer ich bin. + +Ich belade meine kleinen Boote mit Shiuliblumen aus unserm Garten und +hoffe, da diese Blten der Dmmerung heil ans Land getrieben werden zur +Nacht. + +Ich lichte meine Papierschiffchen und schaue hinauf in den Himmel und +sehe die kleinen Wolken ihre weien, blhenden Segel setzen. + +Ich wei nicht, wer von meinen Gespielen im Himmel sie hinunterschickt +durch die Luft, damit sie wettlaufen mit meinen Booten! + +Wenn Nacht kommt, vergrabe ich mein Gesicht in meine Arme und trume, +da meine Papierschiffchen weiter und weiter treiben unter den +Mitternachtssternen. + +Die Schlafelfen segeln darin, und die Ladung sind ihre Krbe voll +Trume. + + + + +DER SEEMANN + + +Das Boot des Bootsmannes Madhu ist an der Werft von Rajgunj verankert. + +Es ist unntz beladen mit indischem Flachs und liegt schon so lange +zwecklos da. + +Wenn er mir nur sein Boot leihen wollte, ich wrd' es mit hundert +Rudrern bemannen und Segel hissen, fnf oder sechs oder sieben. + +Ich wrd' es nicht nach dummen Mrkten steuern. + +Ich wrde ber die sieben Meere segeln und die dreizehn Flsse des +Mrchenlandes. + + * * * * * + +Gelt Mutter, Du wrdest nicht weinen, um mich in einer Ecke? + +Ich geh' nicht in den Wald wie Rmachandra, um erst nach vierzehn Jahren +heimzukehren. + +Ich werde der Mrchenprinz sein und mein Boot fllen, mit allem, was mir +gefllt. + +Ich werde meinen Freund Ashu mit mir nehmen. Wir werden frohlustig ber +die sieben Meere segeln und die dreizehn Flsse des Mrchenlands. + + * * * * * + +Wir werden die Segel setzen im frhen Morgenlicht. + +Wenn Du des mittags am Teiche badest, werden wir im Land eines fremden +Knigs sein. + +Wir werden die Furt von Tipurni passieren und hinter uns lassen die +Wste von Tepntar. + +Wenn wir heimkommen, wird es anfangen zu dunkeln, und ich werde Dir von +allem erzhlen, was wir gesehen haben. + +Ich werde die sieben Meere kreuzen und die dreizehn Flsse des +Mrchenlandes. + + + + +DAS ANDERE UFER + + +Ich mchte hinbergehn an das Ufer des Flusses drben, + +Wo jene Boote angeseilt sind an die Bambuspfhle in einer Reihe; + +Wo Mnner in ihren Booten berfahren in der Frhe, mit Pflgen auf ihren +Schultern, ihre Felder weit drauen zu ackern; + +Wo die Kuhhirten ihre blkenden Klber ber den Strom schwimmen lassen +nach den Uferweiden; + +Von wo sie alle heimkommen am Abend und lassen auf der Insel, der von +Unkraut berwucherten, die heulenden Schakale zurck. + +Mutter, erlaubst Du's, so wrd' ich gern Bootsmann bei der Fhre werden, +wenn ich einmal gro bin. + + * * * * * + +Sie sagen, es sind seltsame Smpfe verborgen hinter jenem Ufer, + +Wo Schwrme wilder Enten hinkommen, wenn die Regen vorber sind, und +dickes Rohr wchst um die Rnder, da Wasservgel ihre Eier legen; + +Wo Schnepfen mit ihren tanzenden Schwnzen ihre kleinen Zehenmale in den +reinen, weichen Schlamm drcken; + +Wo im Abend die hohen Grser, mit weien Blten behelmt, den Mondstrahl +einladen, auf ihren Wogen zu spielen. + +Mutter, erlaubst Du's, so wrd' ich gern Bootsmann bei der Fhre werden, +wenn ich einmal gro bin. + + * * * * * + +Ich werde hinber- und herberfahren von Ufer zu Ufer, und alle die +Jungen und Mdchen im Dorf werden mich anstaunen, whrend sie baden. + +Wenn die Sonne des Himmels Mitte erklimmt und der Morgen in den Mittag +vergeht, werde ich nach Hause gelaufen kommen und sagen: Mutter, ich +habe Hunger! + +Wenn der Tag um ist und die Schatten unter den Bumen kauern, werd' ich +im Dmmern heimkommen. + +Ich werde nie weggehen von Dir, in die Stadt arbeiten, wie Vater. + +Mutter, erlaubst Du's, so wrd' ich gern Bootsmann bei der Fhre werden, +wenn ich einmal gro bin. + + + + +DIE BLUMENSCHULE + + +Wenn Sturmwolken am Himmel rumoren und Junischauer herunterkommen, + +Kommt der feuchte Ostwind ber die Heide marschiert, um seinen Dudelsack +im Bambusgerhr zu pfeifen. + +Dann kommen auf einmal Scharen von Blumen heraus -- wei niemand woher +-- und tanzen auf dem Gras in wilder Lust. + + * * * * * + +Mutter, wirklich, ich denke, die Blumen gehn unter der Erde zur Schule. + +Sie machen ihre Aufgaben bei geschlossenen Tren, und wenn sie +herauskommen wollen, zu spielen, eh' ihre Zeit ist, lt sie der Lehrer +in einer Ecke stehn. + + * * * * * + +Wenn die Regen kommen, haben sie ihre Ferien. + +Zweige prasseln zusammen im Walde, und die Bltter rascheln im wilden +Wind, die Donnerwolken klatschen ihre Riesenhnde, und die Blumenkinder +strzen heraus in Kleidern rosig und gelb und wei. + + * * * * * + +Weit Du, Mutter, ihre Heimat ist im Himmel, wo die Sterne sind. + +Hast Du nicht gemerkt, wie gierig sie sind, dahin zu gelangen? Weit Du +nicht, warum sie in solcher Eile sind? + +Freilich, ich kann's erraten, zu wem sie ihre Hnde erheben: sie haben +ihre Mutter, wie ich die meine hab'. + + + + +DER KAUFMANN + + +Stell' Dir vor, Mutter, da Du zu Hause bleiben mtest, und ich mte +in fremde Lnder reisen. + +Stell' Dir vor, da mein Boot bereitliegt an der Brcke, voll geladen. + +Nun denk' gut nach, Mutter, eh' Du sagst, was ich mitbringen soll fr +Dich, wenn ich zurckkomme. + + * * * * * + +Mutter, willst Du Haufen und Haufen von Gold? + +Dort an den Ufern goldener Strme sind Felder voll goldener Ernten. + +Und in den Schatten des Waldpfads tropfen die goldnen Champablten auf +den Weg. + +Ich will sie sammeln, alle fr Dich, in vielen hundert Krben. + +Mutter, willst Du Perlen so gro wie Regentropfen im Herbst? + +Ich will hinberfahren nach der Perleninsel. + +Dort zittern im frhen Morgenlicht Perlen auf den Wiesenblumen, Perlen +tropfen ins Gras, und Perlen sind verspritzt im Sand vom Gischt der +wilden Meereswogen. + +Mein Bruder soll ein Paar Rsser haben mit Flgeln, um mit den Wolken zu +fliegen. + +Fr Vater werd' ich eine Zauberfeder mitbringen, die, ohne da er es +wei, von selber schreiben wird. + +Fr dich, Mutter, mu ich das Kstlein und das Kleinod haben, das sieben +Knigen ihre Knigreiche kostet. + + + + +MITGEFHL + + +Wenn ich nur ein kleines Hndchen wre, nicht Dein Kindchen, Mutter +lieb, wrdest Du Nein zu mir sagen, wenn ich es wagte, von Deiner +Schssel zu essen? + +Wrdest Du mich wegjagen, zu mir sagend: Mach' Dich fort, Du garstiges, +kleines Hndchen? + +Dann geh', Mutter, geh'! Ich will nie mehr zu Dir kommen, wenn Du mich +rufst, und mich nicht mehr von Dir fttern lassen. + + * * * * * + +Wenn ich nur ein kleiner, grner Papagei wre und nicht Dein Kindchen, +Mutter lieb, wrdest Du mich an der Kette halten, damit ich nicht +wegfliegen kann? + +Wrdest Du mir mit dem Finger drohen und sagen: Was fr ein undankbarer +Racker von einem Vogel! Er knabbert an seiner Kette Tag und Nacht? + +Dann geh', Mutter, geh'! Ich will fortlaufen in den Wald; ich will nicht +mehr, da Du mich wieder in Deine Arme nimmst. + + + + +BERUF + + +Wenn der Gong zehn schlgt des morgens und ich wandre unsre Gasse zur +Schule, + +Treffe ich jeden Tag den Hndler, schreiend: Ringe, kristallne Ringe! + +Es gibt nichts, das ihn zur Eile treibt, es gibt keinen Weg, den er +nehmen, keinen Ort, nach dem er gehen, keine Zeit, zu der er heimkommen +mu. + +Ich wnschte, ich wre ein Hndler und verbrchte meinen Tag auf der +Strae, schreiend: Ringe, kristallne Ringe! + + * * * * * + +Wenn ich um vier des nachmittags zurckkomme aus der Schule, + +Kann ich durch das Tor jenes Hauses den Grtner die Erde graben sehn. + +Er tut, was er will mit seinem Spaten, beschmutzt seine Kleider mit +Staub, keiner stellt ihn zur Rede, wenn er gebraten wird in der Sonne +oder na wird. + +Ich wnschte, ich wre ein Grtner, drauflosgrabend im Garten, und +keiner hielte mich ab vom Graben. + + * * * * * + +Just wenn es dunkel wird am Abend und meine Mutter mich zu Bett schickt, + +Kann ich durch das offne Fenster den Wchter sehn auf und abschreiten. + +Die Gasse ist dunkel und einsam, und die Straenlampe steht wie ein +Riese mit einem roten Auge im Kopf. + +Der Wchter schwingt seine Laterne und schreitet mit seinem Schatten zur +Seite und geht nicht =ein=mal zu Bett in seinem Leben. + +Ich wnschte, ich wre ein Wchter, die Straen schreitend alle Nacht, +und scheuchte die Schatten mit meiner Laterne. + + + + +BERLEGEN + + +Mutter, Dein Tchterchen ist dumm! Sie ist so schrecklich kindisch! + +Sie wei nicht den Unterschied zwischen den Lichtern auf der Strae und +den Sternen. + +Wenn wir Essen mit Kieseln spielen, glaubt sie, sie sind wirkliche +Speise und versucht, sie in ihren Mund zu stecken. + +Wenn ich ein Buch aufmache vor ihr und sie ihr ABC lernen heie, +zerreit sie die Bltter mit ihren Hnden und brllt vor Freude ber +nichts. Das ist die Art, wie Dein Tchterchen ihre Aufgaben macht. + +Wenn ich den Kopf ber sie schttle in rger und sie schelte und sie +schlimm nenne, lacht sie und hlt es fr einen Hauptspa. + +Jeder wei, da Vater fort ist, aber wenn ich im Spiel laut Vater +rufe, schaut sie herum in Aufregung und denkt, da Vater nahe ist. + +Wenn ich Schule spiele mit den Eseln, die unser Wschemann bringt, um +Wsche zu holen, und ich drohe ihr, da ich der Lehrer bin, wird sie +kreischen ohne Grund und mich Dd nennen. + +Dein Tchterchen will den Mond fangen. Sie ist so drollig, sie nennt: +Ganesh Ganush. + +Mutter, Dein Tchterchen ist dumm, sie ist so schrecklich kindisch! + + + + +DER KLEINE GROSSE MANN + + +Ich bin klein, weil ich ein kleines Kind bin. Ich werde gro sein, wenn +ich so alt bin wie mein Vater ist. + +Mein Lehrer wird kommen und sagen: Es ist spt; bring' Deine Tafel und +Deine Bcher. + +Ich werd' ihm antworten: Weit Du nicht, da ich so gro bin wie Vater? +Und ich mu keine Stunden mehr haben. + +Mein Lehrer wird sich wundern und sagen: Er kann seine Bcher lassen, +wenn er will, er ist ja erwachsen. + + * * * * * + +Ich werde mich anziehn und zum Jahrmarkt spazieren, wo das Gewhl am +dichtesten ist. + +Mein Onkel wird auf mich zugestrzt kommen und sagen: Du wirst verloren +gehn, mein Junge; la' mich Dich tragen. + +Ich werde antworten: Kannst Du nicht sehen, Onkel, ich bin so gro wie +Vater. Ich mu allein auf den Jahrmarkt gehn. + +Onkel wird sagen: Ja, er kann gehn, wohin er will; er ist erwachsen. + + * * * * * + +Mutter wird vom Bade kommen, wenn ich meiner Amme Geld gebe; denn ich +wei, wie sich die Bchse aufmachen lt mit meinem Schlssel. + +Mutter wird sagen: Was hast Du vor, Du schlimmes Kind? + +Ich werd' ihr erwidern: Mutter, weit Du nicht, ich bin so gro wie +Vater und ich mu meiner Amme Silber geben. + +Mutter wird zu sich sagen: Er kann Geld geben, wem er will; er ist ja +erwachsen. + + * * * * * + +In der Ferienzeit im Oktober wird Vater heimkommen und, weil er meint, +da ich noch ein kleines Kind bin, wird er fr mich aus der Stadt kleine +Schuhe und kleine seidene Rcklein mitbringen. + +Ich werde sagen: Vater, gib sie meinem Dd, denn ich bin so gro wie +Du bist. + +Vater wird denken und sagen: Er kann seine eignen Kleider kaufen, wenn +er will; er ist ja erwachsen. + + + + +ZWLF UHR + + +Mutter, ich will jetzt aufhren mit meinen Aufgaben. Ich habe den ganzen +Morgen ber meinen Bchern gesessen. + +Du sagst, es ist erst zwlf Uhr. Angenommen, es ist nicht spter: kannst +Du Dir niemals denken, es ist Nachmittag, wenn es nur zwlf Uhr ist? + +Ich kann mir leicht vorstellen jetzt, da die Sonne den Rand jenes +Reisfeldes erreicht hat, und da die alte Fischerfrau Kruter sammelt +fr ihr Nachtmahl, drben am Teich. + +Ich kann meine Augen fest zumachen und denken, da die Schatten dunkler +werden unter dem Madarbaum und das Wasser im Teich glnzend schwarz +aussieht. + +Wenn zwlf Uhr in der Nacht kommen kann, warum kann die Nacht nicht +kommen, wenn es zwlf Uhr ist? + + + + +SCHRIFTSTELLEREI + + +Du sagst, da Vater eine Menge Bcher schreibt, aber was er schreibt, +versteh' ich nicht. + +Er hat Dir den ganzen Abend vorgelesen, aber konntest Du wirklich +herausbekommen, was er meinte? + +Welch schne Mrchen, Mutter, kannst =Du= uns erzhlen! Warum kann Vater +nicht solche schreiben? + +Hat er niemals von seiner eignen Mutter Mrchen gehrt von Riesen und +Elfen und Prinzessinnen? + +Hat er sie alle vergessen? + + * * * * * + +Oft, wenn er spt kommt zum Baden, mut Du gehn und ihn hundertmal +rufen. + +Du wartest und hltst sein Essen warm fr ihn, und er schreibt weiter +und vergit. + +Vater spielt immer Bchermachen. + +Wenn ich je spielen gehe in Vaters Zimmer, kommst Du und rufst mich: +Was fr ein schlimmes Kind! + +Wenn ich den leisesten Lrm mache, sagst Du: Siehst Du nicht, da Vater +arbeitet? + +Was hat das fr Sinn, schreiben und immer schreiben? + + * * * * * + +Wenn ich Vaters Feder oder Bleistift nehme und in sein Buch schreibe, +gerade wie er -- a, b, c, d, e, f, g, h, i, --, warum wirst Du dann bse +mit mir, Mutter? + +Du sagst nie ein Wort, wenn Vater schreibt. + + * * * * * + +Wenn mein Vater solche Haufen Papier verschwendet, Mutter, scheint es +Dich gar nicht zu stren. + +Wenn ich aber nur =einen= Bogen nehme, um mir ein Schiff draus zu +machen, sagst Du: Kind, wie Du einen qulst! + +Was hltst Du von Vaters Bogen und Bogenverderben mit schwarzen Zeichen, +ber und ber auf beiden Seiten? + + + + +DER BSE POSTBOTE + + +Warum sitzest Du hier auf dem Boden so still und schweigend, sag' mir, +Mutter lieb? + +Der Regen kommt herein durch das offene Fenster, macht Dich ganz na, +und Du merkst es gar nicht. + +Hrst Du den Gong vier schlagen? Es ist Zeit fr meinen Bruder, da er +heimkommt aus der Schule. + +Was ist Dir geschehn, da Du so fremd ausschaust? + +Hast Du heut keinen Brief von Vater bekommen? + +Ich sah den Postboten Briefe bringen in seinem Sack, fr jeden fast in +der Stadt. + +Nur Vaters Briefe behlt er, um sie selber zu lesen. Ich bin gewi, der +Postbote ist ein bser Mann. + + * * * * * + +Aber sei nicht unglcklich darber, Mutter lieb. + +Morgen ist Markttag im nchsten Dorf. Du sagst Deinem Mdchen, da sie +Federn und Papier kauft. + +Ich selbst will Vaters Briefe schreiben; Du wirst nicht einen einzigen +Fehler finden. + +Ich werde vom A drauf los bis zum K schreiben. + +Doch, Mutter, was lchelst Du? + +Du glaubst nicht, da ich so schn schreiben kann wie Vater? + +Aber ich werde mein Papier sorgfltig linieren und alle Buchstaben schn +gro schreiben. + +Wenn ich mein Schreiben fertig habe, meinst Du, werd' ich so dumm sein +und es hineinwerfen in des grlichen Postboten Sack? + +Ich werd' es Dir selber bringen, ganz rasch, und Dir Brief fr Brief +meine Schrift lesen helfen. + +Ich wei, der Postbote gibt Dir nicht gern die wirklich netten Briefe. + + + + +DER HELD + + +Mutter, denk' Dir, wir reisen und kommen durch ein fremdes und +gefhrliches Land. + +Du reisest in einem Palankin, und ich trabe neben Dir auf einem roten +Pferd. + +Es ist Abend, und die Sonne geht unter. Die Wste von Joradighi liegt +fahl und grau vor uns. Das Land ist d und brach. + +Du bist erschreckt und denkst: Ich wei nicht, wohin wir geraten sind. + +Ich sage zu Dir: Mutter, hab' keine Angst. + + * * * * * + +Die Wiese prickelt vor spitzigem Gras, und drber luft ein schmaler, +holpriger Pfad. + +Kein Vieh ist zu sehn auf dem weiten Feld; es ist in seine Stlle +heimgekehrt. + +Es wird dunkel und dster auf Land und Himmel, und wir knnen's nicht +sagen, wohin wir gehn. + +Pltzlich rufst Du und fragst mich flsternd: Was fr ein Licht ist +dort am Ufer? + + * * * * * + +Just da gellt ein furchtbarer Schrei, und Gestalten kommen laufend auf +uns zu. + +Du sitzest zusammengekauert in Deinem Palankin und wiederholst betend +die Namen der Gtter. + +Die Trger, vor Schrecken zitternd verstecken sich im Dornenbusch. + +Ich schrei' Dir zu: Hab' keine Angst, Mutter, ich bin da! + + * * * * * + +Mit langen Stcken in den Hnden und ganz wild flatterndem Haar um ihre +Schdel kommen sie nher und nher. + +Ich schreie: Seht Euch vor, Ihr Schurken! Einen Schritt weiter und Ihr +seid des Todes! + +Sie stoen noch einmal ein schreckliches Geheul aus und strzen +vorwrts. + +Du packst meine Hand und sagst: Lieber Junge, um Himmels willen, halt' +Dich fern von ihnen! + +Ich sage: Mutter, gib Du nur Obacht auf mich. + + * * * * * + +Dann sporn' ich mein Ro zu wildem Galopp, und mein Schwert und Schild +klirren aneinander. + +Der Kampf wird so grlich, Mutter, da Dich ein kalter Schauer +berliefe, wenn Du ihn sehen knntest von Deinem Palankin. + +Viele von ihnen fliehn, und eine groe Zahl ist in Stcke gehaun. + +Ich wei, Du denkst, ganz versunken in Dich, Dein Junge mu tot sein in +dieser Stunde. + +Aber ich komme zu Dir, ganz mit Blut befleckt und sage: Mutter, nun ist +der Kampf vorber. + +Du kommst heraus und kssest mich, drckst mich an Dein Herz und sagst +zu Dir selbst: + +Ich wei nicht, was ich tun wrde, wenn ich nicht meinen Jungen zum +Geleit htte. + + * * * * * + +Tausend nutzlose Dinge geschehen Tag fr Tag, warum knnte nicht so +etwas zufllig wahr werden? + +Es wrde wie eine Geschichte in einem Buch sein. + +Mein Bruder wrde sagen: Ist das mglich? Ich dachte immer, er wre so +zart! + +Unsre Dorfleute wrden alle in Verwunderung sagen: War es nicht ein +Glck, da der Junge mit seiner Mutter war? + + + + +DAS ENDE + + +Es ist Zeit fr mich, zu gehen, Mutter. Ich gehe. + +Wenn Du im fahlen Dunkel der einsamen Dmmerung Deine Arme ausstreckst +nach Deinem Kindchen im Bett, werde ich sagen: Kindchen ist nicht da! +-- Mutter, ich gehe. + +Ich werde ein zarter Lufthauch werden und Dich liebkosen; und ich werde +das Kruseln auf dem Wasser sein, wenn Du badest, und Dich kssen und +wieder kssen. + +In der Sturmnacht, wenn der Regen auf die Bltter prasselt, wirst du +mein Flstern hren in Deinem Bett, und mein Lachen wird mit dem Blitz +durchs offne Fenster in Dein Zimmer leuchten. + +Wenn Du wach liegst, an Dein Kindchen denkend bis spt in die Nacht, +werd' ich singen zu Dir von den Sternen: Schlaf, Mutter, schlaf. + +Auf den irrenden Mondstrahlen werd' ich mich ber Dein Bett stehlen und +auf Deiner Brust liegen, whrend Du schlfst. + +Ich werde ein Traum werden und durch die kleine ffnung Deiner +Augenlider werd' ich in die Tiefen Deines Schlafes schlpfen; und wenn +Du aufwachst und bestrzt herumschaust, werd' ich wie ein glitzernder +Leuchtkfer hinaus ins Dunkle schwirren. + +Wenn zum groen Puja-Feste die Nachbarskinder kommen und herumspielen im +Haus, werd' ich in die Musik der Flte schmelzen und in Deinem Herzen +schlagen den ganzen Tag. + +Die liebe Muhme wird kommen mit Puja-Geschenken und wird fragen: Wo ist +unser Kindchen, Schwester? + +Mutter, Du wirst ihr leise sagen: Er ist in den Sternen meiner Augen, +er ist in meinem Krper und in meiner Seele. + + + + +KOMM ZURCK! + + +Die Nacht war schwarz als =sie= fortging, und sie schliefen. + +Die Nacht ist schwarz jetzt, und ich rufe nach =ihr=: Komm zurck, mein +Liebling; die Welt liegt im Schlaf; und niemand wrde wissen, wenn Du +kmst fr eine Weile, whrend die Sterne den Sternen zublinken. + + * * * * * + +Sie ging weg, als die Bume in Knospen standen und der Lenz jung war. + +Nun sind die Blumen in voller Blte und ich rufe: Komm zurck, mein +Liebling. Die Kinder sammeln Blumen und verstreun sie in unbekmmertem +Spiel. Und wenn Du kmest und nhmest =eine= kleine Blte, es wrde sie +keiner vermissen. + +Die damals spielten, spielen noch, so verschwenderisch ist Leben. + +Ich lauschte ihrem Plaudern und rufe: Komm zurck, mein Liebling; denn +Mutters Herz ist voll bis an den Rand mit Liebe, und wenn Du kmest, nur +einen einzigen kleinen Ku zu haschen von ihr, es wrde Dir's niemand +neiden. + + + + +DER ERSTE JASMIN + + +Ah, dieser Jasmin, dieser weie Jasmin! + +Mir ist wie am ersten Tag, da ich meine Hnde fllte mit diesem Jasmin, +diesem weien Jasmin. + +Ich habe die Sonne geliebt, den Himmel und die grne Erde. + +Ich habe das rieselnde Rauschen des Flusses gehrt durch das Dunkel der +Mitternacht; + +Herbstsonnenuntergnge sind zu mir gekommen an eines Weges Biegung in +einsamer de wie eine Braut, den Schleier hebend zum Empfang des +Geliebten. + +Und doch ist mein Erinnern noch s von dem ersten weien Jasmin, den +ich in meiner Hand hielt, als ich ein Kind war. + + * * * * * + +Manch' froher Tag ist in mein Leben gekommen, und ich habe gelacht mit +Spamachern in festlichen Nchten. + +An grauen Regenmorgen hab' ich manch' mig Lied gesummt. + +Ich habe um meinen Nacken getragen den Abendkranz aus Bakulas, von +Hnden der Liebe geflochten. + +Und doch ist mein Herz s von dem Erinnern an den ersten frischen +Jasmin, der meine Hnde fllte, als ich ein Kind war. + + + + +DER FEIGENBAUM + + +O Du zottelkpfiger Feigenbaum am Ufer des Teichs, hast Du den kleinen +Jungen vergessen wie die Vgel, die in Deinen Zweigen genistet haben und +Dich verlieen? + +Erinnerst Du Dich nicht, wie er am Fenster sa und sich wunderte ber +das Gewirr Deiner Wurzeln, die unter die Erde tauchten? + +Die Frauen kamen immer, ihre Krge zu fllen am Teich, und Dein +riesiger, schwarzer Schatten rkelte sich ber das Wasser wie Schlaf, +der sich anstrengt, aufzuwachen. + +Sonnenlicht tanzte auf den Wasserwirbeln wie ruhlose, winzige +Weberschiffchen, die eine goldne Tapete wirken. + +Zwei Enten schwammen am verwilderten Rande ber ihren Schatten und der +Junge sa still und sann. + +Er wollte der Wind sein und durch Deine rauschenden Zweige blasen, Dein +Schatten sein und mit dem Tage lnger werden auf dem Wasser, ein Vogel +sein und auf Deinem hchsten Wipfel sitzen, und wie jene Enten unter +Unkraut und Schatten schwimmen. + + + + +SEGNUNG + + +Segne dies kleine Herz, diese weie Seele, die des Himmels Ku fr +unsere Erde gewonnen hat. + +Er liebt das Licht der Sonne, er liebt den Anblick von seiner Mutter +Antlitz. + +Er hat mich gelehrt, den Staub verachten und nach Gold trachten. + +Schlie' ihn an Dein Herz und segne ihn. + + * * * * * + +Er ist in dieses Land der hundert Kreuzwege gekommen. + +Ich wei nicht, wieso er Dich whlte aus der Menge, an Dein Tor kam und +Deine Hand fate, um seinen Weg zu fragen. + +Er wird Dir folgen, lachend und plaudernd und ohne Zweifel im Herzen. + +Erfll' sein Vertrauen, fhre ihn zum Rechten und segne ihn. + + * * * * * + +Leg' Deine Hand auf sein Haupt und bete: wenn auch die Wogen unten +bedrohlich werden, so mge doch der Odem von oben kommen und seine Segel +fllen und ihn in den Hafen des Friedens wehn. + +Vergi' ihn nicht in Deinem Hasten, la' ihn an Dein Herz kommen und +segne ihn. + + + + +DAS GESCHENK + + +Ich mchte Dir was schenken, mein Kind, denn wir treiben auf dem Strom +der Welt. + +Unsre Leben werden auseinandergehn und unsre Liebe wird vergessen +werden. + +Aber ich bin nicht so tricht, zu hoffen, ich knnte Dein Herz mit +meinen Geschenken kaufen. + +Jung ist Dein Leben, Dein Pfad lang, und Du trinkst die Liebe, die wir +Dir bringen, auf einen Zug, kehrst Dich um und lufst weg von uns. + +Du hast Dein Spiel und Deine Gespielen. Was tut's, wenn Du nicht Zeit, +nicht Sinn fr uns hast. + +Frwahr, wir haben Mue genug im Alter, die Tage zu zhlen, die +vergangen sind, in unseren Herzen zu htscheln, was unsre Hnde fr +immer verloren haben. + +Der Flu luft schnell mit einem Lied, alle Schranken durchbrechend. +Aber der Berg steht und erinnert sich und folgt ihm mit seiner Liebe. + + + + +MEIN LIED + + +Dies Lied von mir will seine Musik winden um Dich, mein Kind, wie die +zrtlichen Arme der Liebe. + +Dies Lied von mir will Deine Stirn berhren wie ein Segensku. + +Wenn Du allein bist, wird es an Deiner Seite sitzen und Dir ins Ohr +flstern; bist Du in der Menge, wird es Dich einfrieden mit +Entrcktheit. + +Mein Lied wird ein Flgelpaar fr Deine Trume sein, es wird Dein Herz +an die Grenze des Unbekannten reien. + +Es wird wie der getreue Stern zu Hupten sein, wenn finstre Nacht ber +Deiner Strae liegt. + +Mein Lied wird in den Sternen Deiner Augen sitzen und Deinen Blick in +das Herz der Dinge fhren. + +Und wenn meine Stimme still ist im Tod, wird mein Lied in Dein lebendes +Herz sprechen. + + + + +DER ENGEL + + +Sie schreien und kmpfen, sie zweifeln und verzweifeln, sie wissen kein +Ende ihren Znken. + +La' Dein Leben unter sie kommen wie eine Flamme Licht, mein Kind, ohne +Flackern und rein, und entzcke sie zum Schweigen. + +Sie sind grausam in ihrer Gier und ihrem Neid; ihre Worte sind wie +verborgene Messer, drstend nach Blut. + +Geh' und stelle Dich unter ihre schelen Herzen, mein Kind, und la' +Deine milden Augen auf sie fallen wie der verzeihende Abendfriede ber +den Streit des Tags. + +La' sie Dein Antlitz sehn, mein Kind, und so den Sinn aller Dinge +erkennen; la' sie Dich lieben und so einander lieben. + +Komm' und wohne im Busen der Unendlichkeit, mein Kind. Mit Sonnenaufgang +ffne und erhebe Dein Herz wie eine blhende Blume, und zum Untergang +neige Dein Haupt und vollende im Schweigen des Tages Gottesdienst. + + + + +DER LETZTE VERTRAG + + +Komm und miete mich, schrie ich, als ich des Morgens auf der +steingepflasterten Strae ging. + +Das Schwert in der Hand, kam der Knig in seinem Wagen. + +Er hielt meine Hand und sagte: Ich will Dich mieten mit meiner Macht. + +Aber seine Macht war mir nichts wert, und er fuhr davon in seinem Wagen. + + * * * * * + +In der Hitze des Mittags lehnten die Huser mit geschlossenen Tren. + +Ich wanderte entlang die krumme Gasse. + +Ein alter Mann kam heraus mit seinem Sack voll Gold. + +Er sann nach und sagte: Ich will Dich mieten mit meinem Geld. + +Er wog seine Mnzen, eine nach der andern, aber ich wandte mich fort. + + * * * * * + +Abend war's. Die Gartenhecke stand ganz in Blte. + +Das liebliche Mdchen kam heraus und sagte: Ich will Dich mieten mit +einem Lcheln. + +Ihr Lcheln blate und schmolz in Trnen, und sie ging zurck allein im +Dunkel. + + * * * * * + +Die Sonne glitzerte im Sand, und die Meereswellen brachen landeinwrts. + +Ein Kind sa da, mit Muscheln spielend. + +Es hob seinen Kopf und schien mich zu kennen und sagte: Ich miete Dich +mit Nichts. + +Von da an machte mich dieser Vertrag, im Kinderspiel geschlossen, zum +freien Mann. + + + + +ANMERKUNGEN UND NACHWORT DES BERSETZERS + + +Zu Seite + +7: _Arka-Palme_ (malayisch arik). Eine Abart, Arca ctechu, die +Betelpalme, trgt orangerote, hhnereigroe Frchte, deren Kern, mit den +Blttern des Betelpfeffers umwickelt, gekaut wird. + +_Kokos-Palme_ (von spanisch coca Nu߫ oder portugiesisch coco Popanz +wegen der gesichtshnlichen, daher schreckhaften Frchte). Die Kokosnu +gehrt in Indien zu den heiligsten Frchten, die der Gttin der +Wohlfahrt, Sriphla, geweiht sind. + +_Brotfruchtbaum_ (englisch jack-fruit aus malayisch chakka; sanskrit +pnasa). Die kopfgroen Frchte werden roh und gerstet genossen. 2 bis +3 Bume versorgen einen Menschen ein Jahr mit Nahrung. + +20: _Feigenbaum_ (englisch banyan tree, sanskrit vata; ficus indica). +Die Luftwurzeln der ste greifen in den Boden ein und werden zu neuen +Stmmen. So wchst der Baum nach allen Seiten hin durch Jahrtausende und +bildet einen Wald, der Tausende von Menschen aufnimmt. Er ist der Zeit, +Kla, heilig und gilt als Sinnbild der Unsterblichkeit. Beim Pflanzen +des Baumes wird gewhnlich das Gebet gesprochen: Mchte ich so viele +Jahre im Himmel weilen als dieser Baum auf Erden wchst. + +_Mango_ (malayisch mngy, sanskrit mra; magnifera indica). +Gelbblhender Baum mit gelblichen, bis zu einem Kilo schweren Frchten, +die ein beliebtes Obst sind. Der rmra gilt als Inkarnation der +Liebesgttin. Nach einer Legende bte die Gttin Prvati unter einem +Mangobaum Bue, dort, wo jetzt der Saiva-Tempel steht. Hier erschien ihr +ihr Gatte Siva, der als Ekmrantha der unvergleichliche Herr des +Mangobaums verehrt wird. + +21: _Bakula_ (mimusops elengi), Baum mit wohlriechenden Blttern und +Blten, die ein therisches l liefern. Die sen Frchte sind ebar. + +35: _Kadam_ (sanskrit Kadamba; nauclea cadamba), Liane mit +orangefarbener duftender Blte. + +_Dd_ (Hindustani), Grovater vterlicherseits, dann auf jede ltere +Person angewendet, hier: der ltere Bruder. + +40: _Champa_ (sanskrit champaka; michelia champaka), den Magnolien +hnliche Holzgewchse mit duftenden, zarten, weien und gelben Blten, +die Gtzenbildern dargebracht werden, besonders am 14. Iyeshth (ungefhr +unserm Juni entsprechend). Das wohlriechende Champakal ist sehr +beliebt. + +41: _Rmyana_ (sanskrit ayana = gehend, vonay = gehen), Die Taten des +Rama. Das groe Sanskrit-Epos, das dem Vlmiki zugeschrieben wird und +im 5. Jahrh. v. Chr. entstanden sein drfte. Vgl. Alex. Baumgartner, das +Rmyana und die Rma-Literatur der Inder. Freiburg 1894. + +43: _Tulsi_ (sanskrit tulasi; ocimum sanctum), heiliges Basilikum. In +Ostindien berhmteste Arzneipflanze, der Legende nach aus dem Haar einer +Nymphe erzeugt, die Vishnu in seiner Inkarnation als Krishna liebte. +Vaisnawa-Rosenkrnze bestehen aus 108 Perlen von diesem Holz. +Alljhrlich wird in Indien eine Art Vermhlungszeremonie zwischen dieser +Pflanze und einem Salagramammoniten (versteinerte, ausgestorbene +Tintenschneckenart, Symbol des Vishnu und als Amulett weiblicher +Fruchtbarkeit) als Sinnbild der Muschelinkarnation Vishnus vollzogen. + +50: _Tamarinde_ (arabisch tamr hindi, indische Dattel; tamarindus +indica), bis zu 25 Metern hoher, immergrner Baum mit gelblichen, +purpurgederten Blten. Die Frucht wird als Obst, Nahrungs- und +Arzneimittel verwendet. + +53: _Shiuli_ (bengali; nyctanthes arbor tristis), Gattung der Oleaceen. +Bis zu 9 Metern hoher Baum oder Strauch, vom Jasmin hauptschlich durch +Bltenfarbe (Rhre und Schlund orange, sonst wei) und Fruchtform +verschieden. Tropische Zierpflanze mit wohlriechenden, nur nachts +geffneten Blten, die zum Frben von Speisen und zur Bereitung von +therischem l dienen. + +55: _Indischer Flachs_ (englisch jute, bengali jto die Haarflechte; +corchorus olitorius). Die Faser wird zur Erzeugung von Matten und groben +Sackleinen, Jute, verwendet. + +56: _Rmachandra._ Das Wort chandra wird oft an Namen angefgt, um die +Schnheit auszudrcken. Der Retter der Welt, der triumphierende +Dmonentter, der rhrendste Dulder, in den sich Vishnu bei seiner +siebenten Herabkunft verwandelte. Rmas vierzehnjhrige Verbannung mit +seiner Gattin Sit wird im zweiten und dritten Gesange des Rmyana +geschildert. + +71: _Ganesh_ (Sanskrit Ganea der Anfhrer des Gefolges Shivas, als +dessen Sohn er gilt). Er wird oft mit seinem Bruder, dem Kriegsgott +Skanda verehrt. Er ist der Entferner von Hindernissen, die Verkrperung +allen Erfolges. Indische Handschriften pflegen mit einer an ihn sich +richtenden Verehrungsformel zu beginnen, damit er den hindernden Einflu +bser Dmonen vom Schreiben abwehre: so ist der Schein entstanden, als +sei Ganesha eigentlich ein Gott der Wissenschaft. Sein in Indien +unendlich verbreitetes Bild zeigt ihn mit einem Elefantenkopf, oft auf +einer Ratte reitend. + +75: _Madar_ (sanskrit mandra; erythrina indica), Dadapbaum, als Sttze +in Pfeffer-, als Schattenbaum in Kaffeeplantagen verwendet. Mit meist +scharlachroten Bltentrauben, zur Gattung der Korallenbume gehrig. + +83: _Palankin_ Tragsnfte. + +89: _Puja_ (sanskrit) bedeutet Verehrung berhaupt. Als Fest ist das +Durgpj oder Navartra gemeint, die Neun Nchte, beginnt am ersten +und endet am zehnten Tag der lichten Hlfte von svina (September-Oktober). +Es wird namentlich in Bengal gefeiert als Erinnerung an +den Sieg von Durg, Shivas Frau, ber einen bffelkpfigen +Dmon. Ihr Bild wird mit zehn bewaffneten Armen dargestellt, ihr rechter +Fu auf einem Lwen ruhend, ihr linker auf dem Bffeldmon. Nach +neuntgiger Verehrung wird dieses Gtzenbild am zehnten Tage ins Wasser +gestrzt. + +Nheres vgl. Monier-Williams, Brmanism and Hindism or Religious +Thought and Life in India. London, 1891. + + * * * * * + +Die Gedichte 2, 3 und 9 sind mit den Gedichten 60-62 der Sammlung +Gitanjali identisch. + +Es scheint mir wichtig, zu betonen, da die englische, von Tagore selbst +geschaffene Form als die beste europische Mittlerin seiner Gedanken und +Gefhle zu gelten hat. Selbst die Kunst eines Rckert knnte uns die +Umdichtung aus dem bengalischen Urtext nicht so nahebringen, wie eine +mglichste Nachbildung der englischen Umdichtung uns rhren kann. + +Bei den Anmerkungen danke ich wieder vieles der Freundlichkeit des +Berliner Sanskritisten, Herrn Professor Heinrich Lders. + + +GEDRUCKT BEI POESCHEL & TREPTE IN LEIPZIG + + + + + + +End of Project Gutenberg's Der zunehmende Mond, by Rabindranath Tagore + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER ZUNEHMENDE MOND *** + +***** This file should be named 38125-8.txt or 38125-8.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + https://www.gutenberg.org/3/8/1/2/38125/ + +Produced by Jana Srna and the Online Distributed +Proofreading Team at https://www.pgdp.net (This file was +produced from images generously made available by The +Internet Archive/Canadian Libraries) + + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. 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It exists +because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from +people in all walks of life. + +Volunteers and financial support to provide volunteers with the +assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's +goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will +remain freely available for generations to come. In 2001, the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure +and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations. +To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation +and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 +and the Foundation web page at https://www.pglaf.org. + + +Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive +Foundation + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit +501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the +state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal +Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification +number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at +https://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent +permitted by U.S. federal laws and your state's laws. + +The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S. +Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered +throughout numerous locations. Its business office is located at +809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email +business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact +information can be found at the Foundation's web site and official +page at https://pglaf.org + +For additional contact information: + Dr. Gregory B. Newby + Chief Executive and Director + gbnewby@pglaf.org + + +Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation + +Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide +spread public support and donations to carry out its mission of +increasing the number of public domain and licensed works that can be +freely distributed in machine readable form accessible by the widest +array of equipment including outdated equipment. Many small donations +($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt +status with the IRS. + +The Foundation is committed to complying with the laws regulating +charities and charitable donations in all 50 states of the United +States. Compliance requirements are not uniform and it takes a +considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up +with these requirements. We do not solicit donations in locations +where we have not received written confirmation of compliance. To +SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any +particular state visit https://pglaf.org + +While we cannot and do not solicit contributions from states where we +have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition +against accepting unsolicited donations from donors in such states who +approach us with offers to donate. + +International donations are gratefully accepted, but we cannot make +any statements concerning tax treatment of donations received from +outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff. + +Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation +methods and addresses. Donations are accepted in a number of other +ways including including checks, online payments and credit card +donations. To donate, please visit: https://pglaf.org/donate + + +Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic +works. + +Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm +concept of a library of electronic works that could be freely shared +with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project +Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support. + + +Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed +editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S. +unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily +keep eBooks in compliance with any particular paper edition. + + +Most people start at our Web site which has the main PG search facility: + + https://www.gutenberg.org + +This Web site includes information about Project Gutenberg-tm, +including how to make donations to the Project Gutenberg Literary +Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to +subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks. diff --git a/38125-8.zip b/38125-8.zip Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..46a90cf --- /dev/null +++ b/38125-8.zip diff --git a/38125-h.zip b/38125-h.zip Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..37b50d6 --- /dev/null +++ b/38125-h.zip diff --git a/38125-h/38125-h.htm b/38125-h/38125-h.htm new file mode 100644 index 0000000..b4e3bee --- /dev/null +++ b/38125-h/38125-h.htm @@ -0,0 +1,2961 @@ +<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD XHTML 1.0 Strict//EN" +"http://www.w3.org/TR/xhtml1/DTD/xhtml1-strict.dtd"> +<html xmlns="http://www.w3.org/1999/xhtml" lang="de" xml:lang="de"> +<head> +<meta http-equiv="Content-Type" content="text/html;charset=utf-8"/> +<meta http-equiv="Content-Style-Type" content="text/css"/> +<title>Der zunehmende Mond, by Rabindranath Tagore—</title> +<link rel="coverpage" href="images/titelseite.jpg"/> +<style type="text/css"> +<!-- +p +{ + text-align: justify; + text-indent: 1.5em; +} + +p.center, +p.no-indent, +#tnote p +{ + text-indent: 0; +} + +p.hanging-indent +{ + padding-left: 1.5em; + text-indent: -1.5em; +} + +p.no-indent +{ + padding-left: 1.5em; +} + +h1, +h2 +{ + text-align: center; + clear: both; + font-weight: normal; +} + +h1 +{ + font-size: x-large; + margin: 1em auto 6em auto; + line-height: 1.6em; +} + +h2 +{ + font-size: large; + margin: 6em auto 1em auto; + line-height: 1.5em; +} + +a:link, +a:visited +{ + text-decoration: none; +} + +hr +{ + visibility: hidden; + margin: 1.5em auto; +} + +.center +{ + text-align: center; +} + +.italic +{ + font-style: italic; +} + +a[title].pagenum +{ + position: absolute; + right: 3%; +} + +a[title].pagenum:after +{ + content: attr(title); + border: 1px solid silver; + display: inline; + font-size: x-small; + text-align: right; + color: #808080; + background-color: inherit; + font-style: normal; + padding: 1px 4px 1px 4px; + font-variant: normal; + font-weight: normal; + text-decoration: none; + text-indent: 0; + letter-spacing: 0; +} + +#tnote +{ + max-width: 95%; + border: 1px dashed #808080; + background-color: #fafafa; + text-align: justify; + padding: 0 0.75em; + margin: 6em auto; +} + +@page +{ + margin: 0.25em; +} + +@media screen +{ + body + { + width: 80%; + max-width: 30em; + margin: auto; + } + + p + { + margin: 0.75em auto; + } + + #tnote + { + max-width: 24em; + } + + .page-break + { + margin-top: 8em; + } + + .page-break-after + { + margin-bottom: 8em; + } +} + +@media screen, print +{ + .gesperrt, + .gesperrt-left-part + { + letter-spacing: 0.2em; + } + + .gesperrt + { + margin-right: -0.2em; + } + + em.gesperrt, + em.gesperrt-left-part + { + font-style: normal; + } +} + +@media print, handheld +{ + p + { + margin: 0; + } + + #tnote + { + background-color: white; + border: none; + width: 100%; + } + + #tnote p + { + margin: 0.25em 0; + } + + .pagenum + { + display: none; + } + + a:link, + a:visited + { + color: black; + } + + #tnote, + h2, + .footnotes, + .page-break + { + page-break-before: always; + } + + .page-break-after + { + page-break-after: always; + } +} + +@media handheld +{ + body + { + margin: 0; + padding: 0; + width: 100%; + } +} +--> +</style> +<!--[if lt IE 8]> +<style type="text/css"> +a[title].pagenum +{ + position: static; +} +</style> +<![endif]--> +</head> +<body> + + +<pre> + +The Project Gutenberg EBook of Der zunehmende Mond, by Rabindranath Tagore + +This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with +almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + +Title: Der zunehmende Mond + +Author: Rabindranath Tagore + +Translator: Hans Effenberger + +Release Date: November 24, 2011 [EBook #38125] + +Language: German + +Character set encoding: UTF-8 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER ZUNEHMENDE MOND *** + + + + +Produced by Jana Srna and the Online Distributed +Proofreading Team at https://www.pgdp.net (This file was +produced from images generously made available by The +Internet Archive/Canadian Libraries) + + + + + + +</pre> + + + +<div id="tnote"> +<p class="center"><b>Anmerkungen zur Transkription:</b></p> +<p>Schreibweise und Interpunktion des Originaltextes wurden +übernommen.</p> +</div> +<div style="text-align: right; margin: 4em;"> +<img src="images/logo.png" width="100" height="100" alt=""/> +</div> + +<p class="center page-break" style="font-size: large;">RABINDRANATH TAGORE</p> + +<h1>DER<br/> +ZUNEHMENDE<br/> +MOND</h1> + +<p class="center">KURT WOLFF VERLAG</p> + +<p class="center page-break italic">Copyright 1915</p> + +<p class="center italic">Kurt Wolff Verlag, Leipzig</p> + +<p class="center page-break italic">Berechtigte deutsche Übertragung von<br/> +<span class="gesperrt">HANS EFFENBERGER</span><br/> +nach der von Rabindranath Tagore<br/> +selbst veranstalteten englischen Ausgabe</p> + +<h2><a class="pagenum" name="Page_7" title="7"> </a>DIE HÜTTE</h2> + +<p>Ich ging allein den Weg über das Feld, +während der Sonnenuntergang sein letztes +Gold wie ein Geizhals verbarg.</p> + +<p>Des Tages Licht sank tiefer und tiefer +in die Dunkelheit, und das verwitwete +Land, der Ernte brach, lag schweigend.</p> + +<p>Plötzlich stieg eines Knaben schrille +Stimme in den Himmel. Er durchdrang +ungesehn das Dunkel und ließ die Spur +seines Liedes über der Stille des Abends.</p> + +<p>Seine Hütte lag im Dorf am Ende des +öden Landes, hinter dem Zuckerrohrfeld, +verborgen in den Schatten der Bananen +und der schlanken Arēka-Palme, +der Kokosnuß und der dunkelgrünen +Brotfruchtbäume.</p> + +<p>Ich hielt einen Augenblick inne auf +<a class="pagenum" name="Page_8" title="8"> </a> +meinem einsamen Gang im Licht der +Sterne und sah ausgebreitet vor mir die +dunkelnde Erde, in ihren Armen zahllose +Hütten mit Wiegen und Betten, Mutterherzen +und Abendlampen und jungen +Leben, froh von einer Freude, die nicht +weiß, was sie der Welt bedeutet.</p> + +<h2><a class="pagenum" name="Page_9" title="9"> </a>AM MEERUFER</h2> + +<p>Am Meerufer endloser Welten treffen +sich Kinder.</p> + +<p>Der grenzenlose Himmel zu Häupten +ist ohne Bewegung, und das ruhlose +Wasser ist ungestüm.</p> + +<p>Am Meerufer endloser Welten treffen +sich Kinder mit Jubeln und Tanzen.</p> + +<hr class="thought-break"/> + +<p>Sie bauen ihre Häuser aus Sand, und +sie spielen mit leeren Muscheln. Aus welken +Blättern flechten sie ihre Boote und +lassen sie lächelnd über der ungeheuren +Tiefe treiben. Kinder haben ihr Spiel am +Meerufer der Welten.</p> + +<hr class="thought-break"/> + +<p>Sie können nicht schwimmen, sie können +nicht Netze werfen. Perlenfischer +<a class="pagenum" name="Page_10" title="10"> </a> +tauchen nach Perlen, Kaufleute segeln +in ihren Schiffen, während Kinder Kiesel +sammeln und sie wieder verstreun. Sie +suchen nicht nach verborgenen Schätzen, +sie können nicht Netze werfen.</p> + +<hr class="thought-break"/> + +<p>Das Meer schäumt auf in Gelächter, +und fahl glänzt das Lächeln des Gestades. +Todbringende Wellen singen verständnislose +Balladen den Kindern, wie eine +Mutter beim Einwiegen. Das Meer spielt +mit Kindern, und fahl glänzt das Lächeln +des Gestades.</p> + +<hr class="thought-break"/> + +<p>Am Meerufer endloser Welten treffen +sich Kinder. Sturm streicht am pfadlosen +Himmel, Schiffe kentern in dem spurlosen +Wasser, der Tod ist unterwegs, und +<a class="pagenum" name="Page_11" title="11"> </a> +Kinder spielen. Am Meerufer endloser +Welten ist das große Begegnen der Kinder.</p> + +<h2><a class="pagenum" name="Page_12" title="12"> </a>DER URSPRUNG</h2> + +<p>Der Schlaf, der über des Kindleins +Augen huscht – weiß jemand, woher +der kommt? Ja, es geht ein Gerücht, daß +er in dem Märchendorfe wohnt. Unter +Waldesschatten, von Glühwürmern trüb +erhellt, hängen zwei Zauberknospen. Von +dort kommt er, des Kindleins Augen zu +küssen.</p> + +<p>Das Lächeln, das auf des Kindleins +Lippen flackert, wenn es schläft – weiß +jemand, wo das geboren ward? Ja, es +geht ein Gerücht, daß ein junger, blasser +Strahl des zunehmenden Mondes den +Saum einer schwindenden Herbstwolke +berührte, und da wurde das Lächeln zuerst +geboren in dem Traum eines taureinen +Morgens – das Lächeln, das auf +<a class="pagenum" name="Page_13" title="13"> </a> +des Kindleins Lippen spielt, wenn es +schläft.</p> + +<p>Die süße, sanfte Frische, die auf des +Kindleins Gliedern blüht – weiß jemand, +wo die so lange verborgen war? Ja, sie lag, +als Mutter noch ein junges Mädchen war, +ihr Herz durchdringend, im zarten und +schweigenden Geheimnis der Liebe – +die süße, sanfte Frische, die auf des Kindleins +Gliedern aufgeblüht ist.</p> + +<h2><a class="pagenum" name="Page_14" title="14"> </a>DES KINDCHENS WESEN</h2> + +<p>Wenn Kindchen nur wollte, könnte +es in diesem Augenblick zum Himmel +auffliegen.</p> + +<p>Es ist nicht umsonst, daß es uns verläßt.</p> + +<p>Es liebt es, seinen Kopf auszuruhn an +Mutters Brust und kann es niemals ertragen, +wenn seine Augen sie nicht sehn.</p> + +<hr class="thought-break"/> + +<p>Kindchen kennt allerhand weise Worte, +wenn auch Wenige auf Erden ihren Sinn +verstehen können.</p> + +<p>Es ist nicht umsonst, daß es niemals +zu sprechen verlangt.</p> + +<p>Das einzige, das es verlangt, ist Mutters +Worte von Mutters Lippen zu lernen. +Darum schaut es so unschuldig drein.</p> + +<hr class="thought-break"/> + +<p><a class="pagenum" name="Page_15" title="15"> </a>Kindchen hatte einen Haufen Gold +und Perlen und doch kam es wie ein +Bettler in diese Welt.</p> + +<p>Es ist nicht umsonst, daß es in solcher +Verkleidung kam.</p> + +<p>Dieser liebe, kleine, nackte Bettler +gibt vor, ganz hilflos zu sein, damit er um +Mutters reiche Liebe betteln kann.</p> + +<hr class="thought-break"/> + +<p>Kindchen war so frei von jeder Fessel im +Lande des kleinen, zunehmenden Monds.</p> + +<p>Es war nicht umsonst, daß es seine +Freiheit aufgab.</p> + +<p>Es weiß, daß Raum ist für endlose +Freude in dem kleinen Winkel von Mutters +Herzen und daß es viel süßer ist als +Freiheit, in ihren lieben Armen gefangen +und geherzt zu werden.</p> + +<hr class="thought-break"/> + +<p><a class="pagenum" name="Page_16" title="16"> </a>Kindchen wußte nichts vom Schreien. +Es wohnte im Lande der vollkommenen +Seligkeit.</p> + +<p>Es ist nicht umsonst, daß es das Weinen +erwählt hat.</p> + +<p>Wenn es auch mit dem Lächeln seines +lieben Gesichtes Mutters sehnendes Herz +zu sich zieht, so schlingen doch seine +kleinen Schreie über winzige Kümmernisse +das doppelte Band von Mitleid und +Liebe.</p> + +<h2><a class="pagenum" name="Page_17" title="17"> </a>DAS UNBEACHTETE SCHAUSPIEL</h2> + +<p>Ach, wer war's, der diesen kleinen +Kittel bunt färbte, mein Kind, und Deine +süßen Glieder mit diesem kleinen, roten +Rock bedeckte?</p> + +<p>Du bist herausgekommen im Morgen, +auf dem Hof zu spielen, torkelnd und taumelnd, +wenn Du läufst.</p> + +<p>Aber wer war's, der diesen kleinen +Kittel bunt färbte, mein Kind?</p> + +<hr class="thought-break"/> + +<p>Was gibt's zu lachen, Du kleine Lebensknospe?</p> + +<p>Mutter steht auf der Schwelle und +lächelt Dich an.</p> + +<p>Sie klatscht in ihre Hände, und ihre +Spangen klirren, und Du tanzest mit Deinem +Bambusstock in der Hand wie ein +<a class="pagenum" name="Page_18" title="18"> </a> +kleinwinziger Hirte.</p> + +<p>Aber was gibt's zu lachen, Du kleine +Lebensknospe?</p> + +<hr class="thought-break"/> + +<p>O Bettler, was bettelst Du, Mutters +Nacken mit Deinen beiden Händen umschlingend?</p> + +<p>O gieriges Herz, soll ich die Welt pflücken +wie eine Frucht vom Himmel, um +sie in Deine kleine, rosige Hand zu legen?</p> + +<p>O Bettler, um was bettelst Du denn?</p> + +<hr class="thought-break"/> + +<p>Der Wind trägt lustig das Klingen Deiner +Fußschellen davon.</p> + +<p>Die Sonne lächelt und bewundert Dein +Kleid.</p> + +<p>Der Himmel wacht über Dir, wenn +Du schläfst in Mutters Armen, und der +<a class="pagenum" name="Page_19" title="19"> </a> +Morgen kommt auf Zehenspitzen an Dein +Bett und küßt Deine Augen.</p> + +<p>Der Wind trägt lustig das Klingen Deiner +Fußschellen davon.</p> + +<hr class="thought-break"/> + +<p>Die Feenkönigin der Träume kommt +zu Dir durch den Dämmerhimmel geflogen.</p> + +<p>Die Weltenmutter sitzt bei Dir in Deiner +Mutter Herzen.</p> + +<p>Er, der seine Musik den Sternen spielt, +steht an Deinem Fenster mit seiner Flöte.</p> + +<p>Und die Feenkönigin der Träume +kommt zu Dir durch den Dämmerhimmel +geflogen.</p> + +<h2><a class="pagenum" name="Page_20" title="20"> </a>SCHLAFDIEBIN</h2> + +<p>Wer den Schlaf von Kindchens Augen +stahl, muß ich wissen.</p> + +<p>Den Krug auf der Hüfte, ging Mutter +Wasser holen aus dem nahen Dorf.</p> + +<p>Es war Mittag. Der Kinder Spielzeit +war vorüber. Im Teich die Enten schwiegen.</p> + +<p>Der Hirtenknab' lag eingeschlafen unter +dem Schatten des Feigenbaums.</p> + +<p>Der Kranich stand ernst und still in +dem Sumpf am Mangohain.</p> + +<p>Mittlerweile kam die Schlafdiebin, +haschte den Schlaf von Kindchens Augen +und flog davon.</p> + +<p>Als Mutter heimkehrte, fand sie Kindchen +auf allen Vieren durchs Zimmer +kriechen.</p> + +<hr class="thought-break"/> + +<p><a class="pagenum" name="Page_21" title="21"> </a>Wer stahl von Kindchens Augen Schlaf, +muß ich wissen. Ich muß sie finden und +anketten. Ich muß dort in die schwarze +Höhle schaun, wo durch Felsen und +düstres Gestein ein kleiner Bach sickert.</p> + +<p>Ich muß suchen in dem Schlummerschatten +des Bakulahains, wo Tauben in +den Verstecken gurren und Elfenringe in +der Stille der Sternennächte klirren. Des +abends will ich in das flüsternde Schweigen +des Bambuswaldes lugen, wo Leuchtkäfer +ihr Licht verschwenden, und will +jedes Wesen fragen, das ich treffe: »Kann +einer mir sagen, wo die Schlafdiebin +wohnt?«</p> + +<hr class="thought-break"/> + +<p>Wer stahl von Kindchens Augen Schlaf, +muß ich wissen.</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_22" title="22"> </a>Würd' ich ihr nicht ordentlich Bescheid +sagen, wenn ich sie nur erwischen +könnte! Ihr Nest würd' ich überfallen +und sehn, wo sie all ihren gestohlenen +Schlaf hütet. Ich würde es ganz plündern +und ihn heimtragen.</p> + +<p>Ich würd' ihre zwei Flügel fest zusammenbinden, +sie an das Ufer des Flusses +setzen und sie dann die Fischerin spielen +lassen zwischen den Binsen und Wasserlilien.</p> + +<p>Wenn abends das Markten vorüber +ist, und die Dorfkinder ihren Müttern im +Schoß sitzen, werden die Nachtvögel ihr +spottend in die Ohren kreischen:</p> + +<p>»Wessen Schlaf stiehlst Du Dir jetzt?«</p> + +<h2><a class="pagenum" name="Page_23" title="23"> </a>DER ANFANG</h2> + +<p>»Wo bin ich hergekommen, wo hast +Du mich aufgelesen?« fragte das Kind +seine Mutter.</p> + +<p>Sie antwortete halb weinend, halb +lachend und drückte das Kind an ihre +Brust:</p> + +<p>»Du warst verborgen in meinem Herzen +als seine Sehnsucht, Liebling.</p> + +<p>Du warst in den Puppen meiner Kinderspiele; +und wenn ich aus Lehm das +Bildnis meines Gottes formte jeden Morgen, +dann formte und vernichtete ich +Dich.</p> + +<p>Du warst mit eingeschlossen in der +Gottheit unsres Hauses; sie verehrend, +verehrte ich Dich.</p> + +<p>In all meinem Hoffen und Lieben, in +<a class="pagenum" name="Page_24" title="24"> </a> +meinem Leben, in dem Leben meiner +Mutter hast Du gelebt.</p> + +<p>Im Schoß des unsterblichen Geistes, +der über unserm Hause waltet, bist Du +genährt worden durch Menschenalter.</p> + +<p>In meiner Mädchenzeit, da mein Herz +seine Blumenblätter aufschloß, schwebtest +Du als ihr Duft darüber.</p> + +<p>Deine zarte Sanftheit blühte in meinen +jugendlichen Gliedern wie ein Wolkenglühn +vor Sonnenaufgang.</p> + +<p>Himmelserwählter Liebling, Zwilling +des Morgenlichts, Du bist den Strom des +irdischen Lebens heruntergeschwommen +und zuletzt bist Du an meinem Herzen +gestrandet.</p> + +<p>Ich schaue in Dein Gesicht, und Unfaßbares +überkommt mich: Du, der allen +<a class="pagenum" name="Page_25" title="25"> </a> +gehört, bist mein geworden.</p> + +<p>Vor Angst, Dich zu verlieren, halt' ich +Dich eng an meine Brust. Welcher Zauber +hat den Schatz der Welt in diese +meine schlanken Arme verstrickt!«</p> + +<h2><a class="pagenum" name="Page_26" title="26"> </a>KINDCHENS WELT</h2> + +<p>Ich wünsche, ich könnte eine stille Ecke +haben im Herzen von Kindchens ureigenster +Welt.</p> + +<p>Ich weiß, sie hat Sterne, die zu ihm +reden, und einen Himmel, der niedersteigt +zu seinem Gesicht, um ihn mit +seinen närrischen Wolken und Regenbogen +zu vergnügen.</p> + +<p>Solche, die tun, als wären sie stumm +und dreinschaun, als könnten sie sich +niemals bewegen, kommen zu seinem +Fenster gekrochen mit ihren Geschichten +und mit Kästen voll herrlichem Spielzeug.</p> + +<hr class="thought-break"/> + +<p>Ich wünsche, ich könnte die Straße +wandern, die durch Kindchens Gedanken +<a class="pagenum" name="Page_27" title="27"> </a> +führt, und weiter, hinaus über alle Schranken;</p> + +<p>Wo Sendboten unterwegs sind ohne +Grund zwischen den Königreichen der +Könige, die keine Geschichte kennt;</p> + +<p>Wo die Vernunft Drachen macht aus +ihren Gesetzen und sie fliegen läßt, und +die Wahrheit die Tat befreit von ihren +Fesseln.</p> + +<h2><a class="pagenum" name="Page_28" title="28"> </a>WANN UND WARUM</h2> + +<p>Wenn ich Dir buntes Spielzeug bringe, +mein Kind, begreife ich, warum ein solches +Spiel von Farben in den Wolken und auf +dem Wasser ist, und warum die Blumen +in Farben gemalt sind – wenn ich Dir +buntes Spielzeug schenke, mein Kind.</p> + +<p>Wenn ich singe, damit Du tanzest, +weiß ich fürwahr, warum Musik in den +Blättern ist, und warum Wellen ihrer +Stimmen Chor zu dem Herzen der lauschenden +Erde senden – wenn ich singe, +damit Du tanzest.</p> + +<p>Wenn ich Süßigkeiten bringe für Deine +gierigen Händchen, weiß ich, warum +Honig in dem Kelch der Blume ist, und +warum Früchte heimlich mit süßem Saft +gefüllt sind – wenn ich Süßigkeiten bringe +<a class="pagenum" name="Page_29" title="29"> </a> +für Deine gierigen Händchen.</p> + +<p>Wenn ich Dein Gesicht küsse, damit +Du lächelst, mein Liebling, begreife ich +gewiß, welche Wonne vom Himmel träuft +im Morgenlicht, und welch Entzücken +die Sommerbrise meinem Körper bringt +– wenn ich Dich küsse, damit Du +lächelst.</p> + +<h2><a class="pagenum" name="Page_30" title="30"> </a>VERLEUMDUNG</h2> + +<p>Warum sind diese Tränen in Deinen +Augen, mein Kind?</p> + +<p>Wie grausam von ihnen, Dich immer +zu schelten, ohne Grund!</p> + +<p>Du hast Dir Finger und Wangen mit +Tinte beschmiert beim Schreiben – heißen +sie Dich darum schmutzig?</p> + +<p>O, pfui! Würden sie es wagen, den +Vollmond schmutzig zu heißen, weil er +sein Gesicht mit Tinte besudelt hat?</p> + +<hr class="thought-break"/> + +<p>Wegen jeder Kleinigkeit tadeln sie +Dich, mein Kind. Sie sind bereit, Fehler +zu finden, ohne Grund.</p> + +<p>Du zerreißest Deine Kleider beim Spielen +– heißen sie Dich darum unordentlich?</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_31" title="31"> </a>O, pfui! Was würden sie einen Herbstmorgen +heißen, der durch seine zerfetzten +Wolken lächelt?</p> + +<hr class="thought-break"/> + +<p>Achte nicht darauf, was sie zu Dir +sagen, mein Kind.</p> + +<p>Sie machen eine lange Liste Deiner +Missetaten.</p> + +<p>Jeder weiß, wie Du Süßigkeiten liebst +– heißen sie Dich darum naschhaft?</p> + +<p>O, pfui! Was würden sie dann uns +heißen, die Dich lieben?</p> + +<h2><a class="pagenum" name="Page_32" title="32"> </a>DER RICHTER</h2> + +<p>Sagt von ihm, was ihr wollt, ich kenne +doch meines Kindes Fehler.</p> + +<p>Ich lieb' ihn nicht, weil er gut ist, sondern +weil er mein kleines Kind ist.</p> + +<p>Woher wollt ihr wissen, wie lieb er +sein kann, wenn ihr versucht, seine Tugenden +gegen seine Schwächen abzuwägen?</p> + +<p>Wenn ich ihn strafen muß, wird er +um so mehr ein Teil meines Seins.</p> + +<p>Wenn ich Ursache bin, daß ihm die +Tränen kommen, weint mein Herz mit +ihm.</p> + +<p>Ich allein habe ein Recht, zu tadeln +und zu strafen, denn der nur darf züchtigen, +der liebt.</p> + +<h2><a class="pagenum" name="Page_33" title="33"> </a>SPIELZEUG</h2> + +<p>Kind, wie glücklich sitzest Du im Staub +und spielst mit einem zerbrochnen Zweig +den ganzen Morgen.</p> + +<p>Ich lächle über Dein Spiel mit diesem +kleinwinzigen, zerbrochnen Zweiglein.</p> + +<p>Ich bin eifrig bei meinen Rechnungen, +stundenlang Zahlen zusammenzählend.</p> + +<p>Vielleicht schaust Du auf mich und +denkst: »Was für ein dummes Spiel, +<em class="gesperrt">damit</em> Deinen Morgen zu verderben?«</p> + +<p>Kind, ich habe die Kunst vergessen, in +Stöcke und Sandhügel vertieft zu sein.</p> + +<p>Ich suche nach teurem Spielzeug und +sammle Klumpen von Gold und Silber.</p> + +<p>Was immer Du findest, Du schaffst +Dir damit Deine frohen Spiele; ich verschwende +meine Zeit und Kraft an Dinge, +<a class="pagenum" name="Page_34" title="34"> </a> +die ich niemals erreiche.</p> + +<p>In meinem schwanken Boot kämpf' ich, +der Sehnsucht Meer zu durchkreuzen und +vergesse, daß auch ich ein Spiel spiele.</p> + +<h2><a class="pagenum" name="Page_35" title="35"> </a>DER ASTRONOM</h2> + +<p>Ich sagte nur: »Wenn sich des abends +der runde Vollmond in den Zweigen jenes +Kadambaums verwirrte, könnte ihn da +jemand fangen?«</p> + +<p>Aber Dādā<a name="FNanchor_1" href="#Footnote_1" class="fnanchor">(1)</a> lachte mich an und sagte: +»Bubi, Du bist das dümmste Kind, das +ich je gekannt habe.</p> + +<p>Der Mond ist, ach so weit von uns, +wie könnte ihn denn einer da fangen?«</p> + +<div class="footnote"> +<p><a name="Footnote_1" href="#FNanchor_1" class="label">(1)</a> +Der ältere Bruder. +</p> +</div> + +<p>Ich sagte: »Dādā, wie närrisch Du bist! +Wenn Mutter hinausschaut aus ihrem +Fenster und herunter lächelt auf uns +beim Spielen, würdest Du sagen, sie wäre +weit weg?«</p> + +<p>Doch Dādā sagte: »Du bist ein einfältiges +Kind! Bubi, wo würdest Du denn +<a class="pagenum" name="Page_36" title="36"> </a> +ein Netz hernehmen, groß genug, um den +Mond damit zu fangen?«</p> + +<p>Ich sagte: »Sicherlich könntest Du ihn +mit Deinen Händen fangen.«</p> + +<p>Aber Dādā lächelte und sagte: »Du +bist das dümmste Kind, das ich kenne. +Wenn er näher käme, würdest Du sehn +wie groß der Mond ist.«</p> + +<p>Ich sagte: »Dādā, was für Unsinn sie +in Deiner Schule lehren! Wenn Mutter +ihr Gesicht herunterbeugt, um uns zu +küssen, schaut ihr Gesicht sehr groß aus?«</p> + +<p>Dādā sagt aber doch: »Du bist ein +dummes Kind.«</p> + +<h2><a class="pagenum" name="Page_37" title="37"> </a>WOLKEN UND WELLEN</h2> + +<p>Mutter, das Volk, das in den Wolken +droben wohnt, ruft mir zu:</p> + +<p>»Wir spielen vom Aufwachen bis der +Tag endet.</p> + +<p>Wir spielen mit der goldnen Morgenröte, +wir spielen mit dem silbernen Mond.«</p> + +<p>Ich frage: »Aber wie kann ich zu Euch +hinaufgelangen?«</p> + +<p>Sie antworten: »Komm' an den Rand +der Erde, heb' Deine Hände zum Himmel +und du wirst aufgenommen werden in +die Wolken.«</p> + +<p>»Meine Mutter wartet auf mich zu +Hause«, sag' ich. »Wie kann ich sie verlassen +und kommen?«</p> + +<p>Dann lächeln sie und schwimmen vorüber.</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_38" title="38"> </a>Aber ich weiß ein schöneres Spiel als +das, Mutter.</p> + +<p>Ich werde die Wolke sein und Du der +Mond.</p> + +<p>Ich werde Dich verdecken mit meinen +beiden Händen und unser Giebel wird +der blaue Himmel sein.</p> + +<hr class="thought-break"/> + +<p>Das Volk, das in den Wellen wohnt, +ruft mir zu:</p> + +<p>»Wir singen von Morgen bis Abend; +wir wandern und wandern und wissen +nicht, wohin wir gleiten.«</p> + +<p>Ich frage: »Wie soll ich mich denn zu +Euch gesellen?«</p> + +<p>Sie sagen mir: »Komm' an den Rand +des Ufers und steh' mit fest geschlossenen +Augen und Du wirst davongetragen +<a class="pagenum" name="Page_39" title="39"> </a> +werden auf den Wellen.«</p> + +<p>Ich sage: »Meine Mutter braucht mich +immer daheim des abends – wie kann +ich sie verlassen und gehn?«</p> + +<p>Dann lächeln sie, tanzen und gleiten +vorüber.</p> + +<p>Aber ich weiß ein besseres Spiel als das.</p> + +<p>Ich will die Welle sein, und Du wirst +eine fremde Küste sein.</p> + +<p>Ich werde rollen fort und fort und fort +und an Deinem Schoß zerschellen mit +Gelächter.</p> + +<p>Und niemand in der Welt wird wissen, +wo wir beide sind.</p> + +<h2><a class="pagenum" name="Page_40" title="40"> </a>DIE CHAMPABLÜTE</h2> + +<p>Denk' Dir, ich würde eine Champablüte, +nur zum Scherz, und wüchse auf +einem Ast hoch oben in jenem Baume +und schütterte im Wind vor Lachen und +tanzte auf den neu entkeimten Blättern; +würdest Du mich kennen, Mutter?</p> + +<hr class="thought-break"/> + +<p>Du würdest rufen: »Kindchen, wo bist +Du?«, und ich würde lachen für mich +und ganz stille sein.</p> + +<p>Ich würde heimlich meine Blüte öffnen +und Dir bei der Arbeit zuschaun.</p> + +<hr class="thought-break"/> + +<p>Wenn Du nach dem Bad, das nasse +Haar über Deine Schultern gebreitet, +durch den Schatten des Champabaumes +gingest zu dem kleinen Hof, in dem +<a class="pagenum" name="Page_41" title="41"> </a> +Du Deine Gebete sagst, würdest Du +den Duft der Blume merken, aber nicht +wissen, daß er von mir käme.</p> + +<p>Wenn Du nach dem Mittagsmahl +am Fenster säßest, Rāmāyana lesend, +und des Baumes Schatten über Haar und +Schoß Dir fiele, würd' ich Dir meinen +kleinwinzigen Schatten auf die Seite +Deines Buches werfen, grad dahin, wo +Du liest.</p> + +<p>Aber würdest Du raten, daß es der +zarte Schatten Deines kleinen Kindes +war?</p> + +<p>Wenn Du des abends zu den Kühen +gingest, mit der brennenden Lampe in +der Hand, würde ich plötzlich wieder +auf die Erde niederfallen und noch einmal +Dein eignes Kind sein und Dich +<a class="pagenum" name="Page_42" title="42"> </a> +bitten, mir eine Geschichte zu erzählen.</p> + +<p>»Wo bist Du gewesen, Du schlimmes +Kind?«</p> + +<p>»Ich mag's nicht erzählen, Mutter.« +Das würden Du und ich dann sagen.</p> + +<h2><a class="pagenum" name="Page_43" title="43"> </a>MÄRCHENLAND</h2> + +<p>Wenn die Leute wüßten, wo meines +Königs Palast ist, er würde entschwinden.</p> + +<p>Die Mauern sind von weißem Silber +und das Dach von leuchtendem Gold.</p> + +<p>Die Königin lebt in einem Palast mit +sieben Höfen und sie trägt ein Juwel, das +war wert allen Reichtum von sieben +Königreichen.</p> + +<p>Aber laß' es mich, Mutter, Dir flüsternd +sagen, wo meines Königs Palast ist.</p> + +<p>Er ist da in der Ecke unsrer Terrasse, +dort wo der Topf mit der Tulsispflanze +steht.</p> + +<p>Die Prinzessin liegt schlafend an der +weit weiten Küste der sieben unwegsamen +Meere.</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_44" title="44"> </a>Es gibt keinen in der Welt, der sie finden +kann, als ich.</p> + +<p>Sie hat Spangen an ihren Armen und +Perlentropfen in ihren Ohren; ihr Haar +wallt nieder bis zum Boden.</p> + +<p>Sie wird aufwachen, wenn ich sie mit +meinem Zauberstab berühre, und Edelsteine +werden von ihren Lippen fallen, +wenn sie lächelt.</p> + +<p>Aber laß' mich Dir ins Ohr flüstern, +Mutter; sie ist da in der Ecke unsrer +Terrasse, dort wo der Topf mit der Tulsispflanze +steht.</p> + +<p>Wenn es Zeit für Dich ist, zum Flusse +baden zu gehn, steig' hinauf zu der Terrasse +auf dem Dach.</p> + +<p>Ich sitz' in der Ecke, wo die Schatten +der Mauern zusammentreffen.</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_45" title="45"> </a>Nur Miez darf mit mir kommen, denn +sie weiß, wo der Barbier aus dem Märchen +wohnt.</p> + +<p>Aber laß' mich, Mutter, Dir ins Ohr +flüstern, wo der Barbier aus dem Märchen +wohnt.</p> + +<p>Es ist da in der Ecke der Terrasse, wo +der Topf mit der Tulsispflanze steht.</p> + +<h2><a class="pagenum" name="Page_46" title="46"> </a>DAS LAND DER VERBANNUNG</h2> + +<p>Mutter, das Licht ist grau geworden +am Himmel; ich weiß nicht, wie spät es ist.</p> + +<p>Mich freut mein Spiel nicht, da bin ich +zu Dir gekommen. Es ist Sonnabend, +unser Feiertag.</p> + +<p>Laß' Deine Arbeit, Mutter; sitz' hier +beim Fenster und erzähl' mir, wo die +Wüste von Tepāntar in dem Märchen ist.</p> + +<hr class="thought-break"/> + +<p>Der Regenschatten hat den ganzen +langen Tag zugedeckt.</p> + +<p>Der wilde Blitz zerkratzt den Himmel +mit seinen Nägeln.</p> + +<p>Wenn die Wolken rollen und es donnert, +lieb' ich es, mich zu fürchten im +Herzen und mich an Dich zu schmiegen.</p> + +<p>Wenn der schwere Regen stundenlang +<a class="pagenum" name="Page_47" title="47"> </a> +auf die Bambusblätter plätschert, und +unsre Fenster schüttern und klirren unter +den Windstößen, sitz' ich gern allein im +Zimmer, Mutter, mit Dir und hör' Dich +erzählen von der Wüste Tepāntar in dem +Märchen.</p> + +<hr class="thought-break"/> + +<p>Wo liegt sie, Mutter, an der Küste +welchen Meeres, am Fuße welcher Hügel, +in wessen Königs Königreich?</p> + +<p>Da gibt's keine Hecken, die Felder zu +grenzen, keinen Fußpfad hindurch, auf +dem die Dorfbewohner des abends ihr +Dorf erreichen oder die Frau, die dürres +Holz im Walde sammelt, ihre Bürde zu +Markte bringen kann. Mit Flecken gelben +Grases im Sand und einem einzigen +Baum, in dem das weise, alte Vogelpaar +<a class="pagenum" name="Page_48" title="48"> </a> +sein Nest hat, liegt die Wüste von Tepāntar.</p> + +<hr class="thought-break"/> + +<p>Ich kann mir vorstellen, wie gerade +an einem so wolkigen Tage der junge +Königssohn auf grauem Roß allein durch +die Wüste reitet, auf der Suche nach der +Prinzessin, die im Palast des Riesen über +dem unbekannten Wasser gefangen liegt.</p> + +<p>Wenn der Regennebel herunterrieselt +am fernen Himmel und der Blitz aufzuckt +wie ein plötzlicher Schmerz, denkt er da +seiner unglücklichen Mutter, wie sie, vom +König verstoßen, den Kuhstall fegt und +ihre Augen wischt, während er durch die +Wüste Tepāntar reitet, wie das Märchen +erzählt?</p> + +<hr class="thought-break"/> + +<p><a class="pagenum" name="Page_49" title="49"> </a>Sieh', Mutter, es ist beinahe dunkel, +ehe noch der Tag vorüber ist, und es gehn +keine Wandrer drüben auf der Dorfstraße.</p> + +<p>Der Hirtenknab' ist frühe heimgekommen +von der Weide und die Menschen +haben ihre Felder verlassen, um auf Matten +zu sitzen unter der Dachtraufe ihrer +Hütten, nach den dräuenden Wolken +spähend.</p> + +<p>Mutter, ich habe alle meine Bücher +in dem Spinde gelassen – heiße mich +nicht, jetzt meine Aufgaben machen.</p> + +<p>Wenn ich aufwachse und groß wie +mein Vater bin, werde ich alles lernen, +was gelernt werden muß. Aber nur heute +gerade, erzähle mir, Mutter, wo die +Wüste von Tepāntar ist, von der das +Märchen erzählt.</p> + +<h2><a class="pagenum" name="Page_50" title="50"> </a>DER REGENTAG</h2> + +<p>Tückische Wolken ballen sich rasch +über der schwarzen Franse des Waldes.</p> + +<p>O Kind, geh' nicht hinaus!</p> + +<p>Die Palmenreihe am See schlägt ihre +Häupter wider den schrecklichen Himmel; +die Krähen mit ihren schmutzigen +Schwingen sitzen still auf den Tamarindenzweigen, +und das östliche Ufer des +Flusses geistert in einem verdunkelten +Glühn.</p> + +<hr class="thought-break"/> + +<p>Unsre Kuh muht laut, an den Zaun +gebunden.</p> + +<p>O Kind, wart' hier, bis ich sie in den +Stall bringe.</p> + +<p>Menschen drängen hinaus auf das überschwemmte +Feld, um die Fische zu fangen, +<a class="pagenum" name="Page_51" title="51"> </a> +die aus den überflutenden Teichen +entkommen; das Regenwasser rinnt in +Rillen durch die engen Gassen, wie ein +lachender Junge, der seiner Mutter davongerannt +ist, um sie zu necken.</p> + +<hr class="thought-break"/> + +<p>Horch', irgendwer ruft nach dem +Bootsmann an der Furt.</p> + +<p>O Kind, des Tages Licht ist trüb' und +die Arbeit an der Fähre ruht.</p> + +<p>Der Himmel scheint rasch zu reiten +auf dem wildstürzenden Regen; das +Wasser im Fluß ist laut und ungestüm; +Frauen sind früh nach Haus geeilt vom +Ganges mit ihren gefüllten Krügen.</p> + +<hr class="thought-break"/> + +<p>Die Abendlampen müssen fertiggemacht +werden.</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_52" title="52"> </a>O Kind, geh' nicht hinaus!</p> + +<p>Die Straße zum Markt ist einsam, die +Gasse zum Fluß ist schlüpfrig. Der Wind +stöhnt und wütet in den Bambuszweigen +wie ein wildes Tier, in einem Netz +verfangen.</p> + +<h2><a class="pagenum" name="Page_53" title="53"> </a>PAPIERSCHIFFCHEN</h2> + +<p>Tag für Tag laß' ich meine Papierschiffchen, +eins nach dem andern, den eilenden +Strom hinunterschwimmen.</p> + +<p>In großen, schwarzen Buchstaben +schreib' ich meinen Namen darauf und +den Namen des Dorfes, wo ich lebe.</p> + +<p>Ich hoffe, daß irgendwer in einem +fremden Land sie finden wird und wissen, +wer ich bin.</p> + +<p>Ich belade meine kleinen Boote mit +Shiuliblumen aus unserm Garten und +hoffe, daß diese Blüten der Dämmerung +heil ans Land getrieben werden zur +Nacht.</p> + +<p>Ich lichte meine Papierschiffchen und +schaue hinauf in den Himmel und sehe +die kleinen Wolken ihre weißen, blähenden +<a class="pagenum" name="Page_54" title="54"> </a> +Segel setzen.</p> + +<p>Ich weiß nicht, wer von meinen Gespielen +im Himmel sie hinunterschickt +durch die Luft, damit sie wettlaufen mit +meinen Booten!</p> + +<p>Wenn Nacht kommt, vergrabe ich +mein Gesicht in meine Arme und träume, +daß meine Papierschiffchen weiter und +weiter treiben unter den Mitternachtssternen.</p> + +<p>Die Schlafelfen segeln darin, und die +Ladung sind ihre Körbe voll Träume.</p> + +<h2><a class="pagenum" name="Page_55" title="55"> </a>DER SEEMANN</h2> + +<p>Das Boot des Bootsmannes Madhu ist +an der Werft von Rajgunj verankert.</p> + +<p>Es ist unnütz beladen mit indischem +Flachs und liegt schon so lange zwecklos +da.</p> + +<p>Wenn er mir nur sein Boot leihen +wollte, ich würd' es mit hundert Rudrern +bemannen und Segel hissen, fünf oder +sechs oder sieben.</p> + +<p>Ich würd' es nicht nach dummen +Märkten steuern.</p> + +<p>Ich würde über die sieben Meere segeln +und die dreizehn Flüsse des Märchenlandes.</p> + +<hr class="thought-break"/> + +<p>Gelt Mutter, Du würdest nicht weinen, +um mich in einer Ecke?</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_56" title="56"> </a>Ich geh' nicht in den Wald wie Rāmachandra, +um erst nach vierzehn Jahren +heimzukehren.</p> + +<p>Ich werde der Märchenprinz sein und +mein Boot füllen, mit allem, was mir +gefällt.</p> + +<p>Ich werde meinen Freund Ashu mit +mir nehmen. Wir werden frohlustig über +die sieben Meere segeln und die dreizehn +Flüsse des Märchenlands.</p> + +<hr class="thought-break"/> + +<p>Wir werden die Segel setzen im frühen +Morgenlicht.</p> + +<p>Wenn Du des mittags am Teiche badest, +werden wir im Land eines fremden +Königs sein.</p> + +<p>Wir werden die Furt von Tipurni passieren +und hinter uns lassen die Wüste +<a class="pagenum" name="Page_57" title="57"> </a> +von Tepāntar.</p> + +<p>Wenn wir heimkommen, wird es +anfangen zu dunkeln, und ich werde Dir +von allem erzählen, was wir gesehen +haben.</p> + +<p>Ich werde die sieben Meere kreuzen +und die dreizehn Flüsse des Märchenlandes.</p> + +<h2><a class="pagenum" name="Page_58" title="58"> </a>DAS ANDERE UFER</h2> + +<p>Ich möchte hinübergehn an das Ufer +des Flusses drüben,</p> + +<p>Wo jene Boote angeseilt sind an die +Bambuspfähle in einer Reihe;</p> + +<p>Wo Männer in ihren Booten überfahren +in der Frühe, mit Pflügen auf ihren Schultern, +ihre Felder weit draußen zu ackern;</p> + +<p>Wo die Kuhhirten ihre blökenden +Kälber über den Strom schwimmen +lassen nach den Uferweiden;</p> + +<p>Von wo sie alle heimkommen am +Abend und lassen auf der Insel, der von +Unkraut überwucherten, die heulenden +Schakale zurück.</p> + +<p>Mutter, erlaubst Du's, so würd' ich +gern Bootsmann bei der Fähre werden, +wenn ich einmal groß bin.</p> + +<hr class="thought-break"/> + +<p><a class="pagenum" name="Page_59" title="59"> </a>Sie sagen, es sind seltsame Sümpfe +verborgen hinter jenem Ufer,</p> + +<p>Wo Schwärme wilder Enten hinkommen, +wenn die Regen vorüber sind, +und dickes Rohr wächst um die Ränder, +da Wasservögel ihre Eier legen;</p> + +<p>Wo Schnepfen mit ihren tanzenden +Schwänzen ihre kleinen Zehenmale in +den reinen, weichen Schlamm drücken;</p> + +<p>Wo im Abend die hohen Gräser, mit +weißen Blüten behelmt, den Mondstrahl +einladen, auf ihren Wogen zu spielen.</p> + +<p>Mutter, erlaubst Du's, so würd' ich +gern Bootsmann bei der Fähre werden, +wenn ich einmal groß bin.</p> + +<hr class="thought-break"/> + +<p>Ich werde hinüber- und herüberfahren +von Ufer zu Ufer, und alle die Jungen +<a class="pagenum" name="Page_60" title="60"> </a> +und Mädchen im Dorf werden mich anstaunen, +während sie baden.</p> + +<p>Wenn die Sonne des Himmels Mitte +erklimmt und der Morgen in den Mittag +vergeht, werde ich nach Hause gelaufen +kommen und sagen: »Mutter, ich habe +Hunger!«</p> + +<p>Wenn der Tag um ist und die Schatten +unter den Bäumen kauern, werd' ich im +Dämmern heimkommen.</p> + +<p>Ich werde nie weggehen von Dir, in +die Stadt arbeiten, wie Vater.</p> + +<p>Mutter, erlaubst Du's, so würd' ich +gern Bootsmann bei der Fähre werden, +wenn ich einmal groß bin.</p> + +<h2><a class="pagenum" name="Page_61" title="61"> </a>DIE BLUMENSCHULE</h2> + +<p>Wenn Sturmwolken am Himmel rumoren +und Junischauer herunterkommen,</p> + +<p>Kommt der feuchte Ostwind über die +Heide marschiert, um seinen Dudelsack +im Bambusgeröhr zu pfeifen.</p> + +<p>Dann kommen auf einmal Scharen +von Blumen heraus – weiß niemand +woher – und tanzen auf dem Gras in +wilder Lust.</p> + +<hr class="thought-break"/> + +<p>Mutter, wirklich, ich denke, die Blumen +gehn unter der Erde zur Schule.</p> + +<p>Sie machen ihre Aufgaben bei geschlossenen +Türen, und wenn sie herauskommen +wollen, zu spielen, eh' ihre Zeit +ist, läßt sie der Lehrer in einer Ecke stehn.</p> + +<hr class="thought-break"/> + +<p><a class="pagenum" name="Page_62" title="62"> </a>Wenn die Regen kommen, haben sie +ihre Ferien.</p> + +<p>Zweige prasseln zusammen im Walde, +und die Blätter rascheln im wilden Wind, +die Donnerwolken klatschen ihre Riesenhände, +und die Blumenkinder stürzen +heraus in Kleidern rosig und gelb und +weiß.</p> + +<hr class="thought-break"/> + +<p>Weißt Du, Mutter, ihre Heimat ist im +Himmel, wo die Sterne sind.</p> + +<p>Hast Du nicht gemerkt, wie gierig sie +sind, dahin zu gelangen? Weißt Du nicht, +warum sie in solcher Eile sind?</p> + +<p>Freilich, ich kann's erraten, zu wem +sie ihre Hände erheben: sie haben ihre +Mutter, wie ich die meine hab'.</p> + +<h2><a class="pagenum" name="Page_63" title="63"> </a>DER KAUFMANN</h2> + +<p>Stell' Dir vor, Mutter, daß Du zu +Hause bleiben müßtest, und ich müßte +in fremde Länder reisen.</p> + +<p>Stell' Dir vor, daß mein Boot bereitliegt +an der Brücke, voll geladen.</p> + +<p>Nun denk' gut nach, Mutter, eh' Du +sagst, was ich mitbringen soll für Dich, +wenn ich zurückkomme.</p> + +<hr class="thought-break"/> + +<p>Mutter, willst Du Haufen und Haufen +von Gold?</p> + +<p>Dort an den Ufern goldener Ströme +sind Felder voll goldener Ernten.</p> + +<p>Und in den Schatten des Waldpfads +tropfen die goldnen Champablüten auf +den Weg.</p> + +<p>Ich will sie sammeln, alle für Dich, in +<a class="pagenum" name="Page_64" title="64"> </a> +vielen hundert Körben.</p> + +<p>Mutter, willst Du Perlen so groß wie +Regentropfen im Herbst?</p> + +<p>Ich will hinüberfahren nach der Perleninsel.</p> + +<p>Dort zittern im frühen Morgenlicht +Perlen auf den Wiesenblumen, Perlen +tropfen ins Gras, und Perlen sind verspritzt +im Sand vom Gischt der wilden +Meereswogen.</p> + +<p>Mein Bruder soll ein Paar Rösser haben +mit Flügeln, um mit den Wolken zu fliegen.</p> + +<p>Für Vater werd' ich eine Zauberfeder +mitbringen, die, ohne daß er es weiß, von +selber schreiben wird.</p> + +<p>Für dich, Mutter, muß ich das Kästlein +und das Kleinod haben, das sieben +Königen ihre Königreiche kostet.</p> + +<h2><a class="pagenum" name="Page_65" title="65"> </a>MITGEFÜHL</h2> + +<p>Wenn ich nur ein kleines Hündchen +wäre, nicht Dein Kindchen, Mutter lieb, +würdest Du »Nein« zu mir sagen, wenn +ich es wagte, von Deiner Schüssel zu essen?</p> + +<p>Würdest Du mich wegjagen, zu mir +sagend: »Mach' Dich fort, Du garstiges, +kleines Hündchen?«</p> + +<p>Dann geh', Mutter, geh'! Ich will nie +mehr zu Dir kommen, wenn Du mich +rufst, und mich nicht mehr von Dir füttern +lassen.</p> + +<hr class="thought-break"/> + +<p>Wenn ich nur ein kleiner, grüner Papagei +wäre und nicht Dein Kindchen, +Mutter lieb, würdest Du mich an der +Kette halten, damit ich nicht wegfliegen +kann?</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_66" title="66"> </a>Würdest Du mir mit dem Finger drohen +und sagen: »Was für ein undankbarer +Racker von einem Vogel! Er knabbert +an seiner Kette Tag und Nacht?«</p> + +<p>Dann geh', Mutter, geh'! Ich will fortlaufen +in den Wald; ich will nicht mehr, +daß Du mich wieder in Deine Arme +nimmst.</p> + +<h2><a class="pagenum" name="Page_67" title="67"> </a>BERUF</h2> + +<p>Wenn der Gong zehn schlägt des +morgens und ich wandre unsre Gasse +zur Schule,</p> + +<p>Treffe ich jeden Tag den Händler, +schreiend: »Ringe, kristallne Ringe!«</p> + +<p>Es gibt nichts, das ihn zur Eile treibt, +es gibt keinen Weg, den er nehmen, +keinen Ort, nach dem er gehen, keine +Zeit, zu der er heimkommen muß.</p> + +<p>Ich wünschte, ich wäre ein Händler +und verbrächte meinen Tag auf der Straße, +schreiend: »Ringe, kristallne Ringe!«</p> + +<hr class="thought-break"/> + +<p>Wenn ich um vier des nachmittags +zurückkomme aus der Schule,</p> + +<p>Kann ich durch das Tor jenes Hauses +den Gärtner die Erde graben sehn.</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_68" title="68"> </a>Er tut, was er will mit seinem Spaten, +beschmutzt seine Kleider mit Staub, keiner +stellt ihn zur Rede, wenn er gebraten +wird in der Sonne oder naß wird.</p> + +<p>Ich wünschte, ich wäre ein Gärtner, +drauflosgrabend im Garten, und keiner +hielte mich ab vom Graben.</p> + +<hr class="thought-break"/> + +<p>Just wenn es dunkel wird am Abend +und meine Mutter mich zu Bett schickt,</p> + +<p>Kann ich durch das offne Fenster +den Wächter sehn auf und abschreiten.</p> + +<p>Die Gasse ist dunkel und einsam, und +die Straßenlampe steht wie ein Riese +mit einem roten Auge im Kopf.</p> + +<p>Der Wächter schwingt seine Laterne +und schreitet mit seinem Schatten zur +<a class="pagenum" name="Page_69" title="69"> </a> +Seite und geht nicht <em class="gesperrt-left-part">ein</em>mal zu Bett in +seinem Leben.</p> + +<p>Ich wünschte, ich wäre ein Wächter, +die Straßen schreitend alle Nacht, und +scheuchte die Schatten mit meiner Laterne.</p> + +<h2><a class="pagenum" name="Page_70" title="70"> </a>ÜBERLEGEN</h2> + +<p>Mutter, Dein Töchterchen ist dumm! +Sie ist so schrecklich kindisch!</p> + +<p>Sie weiß nicht den Unterschied zwischen +den Lichtern auf der Straße und +den Sternen.</p> + +<p>Wenn wir »Essen« mit Kieseln spielen, +glaubt sie, sie sind wirkliche Speise und +versucht, sie in ihren Mund zu stecken.</p> + +<p>Wenn ich ein Buch aufmache vor ihr +und sie ihr ABC lernen heiße, zerreißt sie +die Blätter mit ihren Händen und brüllt +vor Freude über nichts. Das ist die Art, wie +Dein Töchterchen ihre Aufgaben macht.</p> + +<p>Wenn ich den Kopf über sie schüttle +in Ärger und sie schelte und sie schlimm +nenne, lacht sie und hält es für einen +Hauptspaß.</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_71" title="71"> </a>Jeder weiß, daß Vater fort ist, aber +wenn ich im Spiel laut »Vater« rufe, +schaut sie herum in Aufregung und denkt, +daß Vater nahe ist.</p> + +<p>Wenn ich Schule spiele mit den +Eseln, die unser Wäschemann bringt, +um Wäsche zu holen, und ich drohe ihr, +daß ich der Lehrer bin, wird sie kreischen +ohne Grund und mich Dādā nennen.</p> + +<p>Dein Töchterchen will den Mond +fangen. Sie ist so drollig, sie nennt: Ganesh +Ganush.</p> + +<p>Mutter, Dein Töchterchen ist dumm, +sie ist so schrecklich kindisch!</p> + +<h2><a class="pagenum" name="Page_72" title="72"> </a>DER KLEINE GROSSE MANN</h2> + +<p>Ich bin klein, weil ich ein kleines Kind +bin. Ich werde groß sein, wenn ich so alt +bin wie mein Vater ist.</p> + +<p>Mein Lehrer wird kommen und sagen: +»Es ist spät; bring' Deine Tafel und Deine +Bücher.«</p> + +<p>Ich werd' ihm antworten: »Weißt Du +nicht, daß ich so groß bin wie Vater? Und +ich muß keine Stunden mehr haben.«</p> + +<p>Mein Lehrer wird sich wundern und +sagen: »Er kann seine Bücher lassen, +wenn er will, er ist ja erwachsen.«</p> + +<hr class="thought-break"/> + +<p>Ich werde mich anziehn und zum Jahrmarkt +spazieren, wo das Gewühl am dichtesten +ist.</p> + +<p>Mein Onkel wird auf mich zugestürzt +<a class="pagenum" name="Page_73" title="73"> </a> +kommen und sagen: »Du wirst verloren +gehn, mein Junge; laß' mich Dich tragen.«</p> + +<p>Ich werde antworten: »Kannst Du +nicht sehen, Onkel, ich bin so groß wie +Vater. Ich muß allein auf den Jahrmarkt +gehn.«</p> + +<p>Onkel wird sagen: »Ja, er kann gehn, +wohin er will; er ist erwachsen.«</p> + +<hr class="thought-break"/> + +<p>Mutter wird vom Bade kommen, wenn +ich meiner Amme Geld gebe; denn ich +weiß, wie sich die Büchse aufmachen läßt +mit meinem Schlüssel.</p> + +<p>Mutter wird sagen: »Was hast Du vor, +Du schlimmes Kind?«</p> + +<p>Ich werd' ihr erwidern: »Mutter, weißt +Du nicht, ich bin so groß wie Vater und +ich muß meiner Amme Silber geben.«</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_74" title="74"> </a>Mutter wird zu sich sagen: »Er kann +Geld geben, wem er will; er ist ja erwachsen.«</p> + +<hr class="thought-break"/> + +<p>In der Ferienzeit im Oktober wird +Vater heimkommen und, weil er meint, +daß ich noch ein kleines Kind bin, wird +er für mich aus der Stadt kleine Schuhe +und kleine seidene Röcklein mitbringen.</p> + +<p>Ich werde sagen: »Vater, gib sie meinem +Dādā, denn ich bin so groß wie Du +bist.«</p> + +<p>Vater wird denken und sagen: »Er +kann seine eignen Kleider kaufen, wenn +er will; er ist ja erwachsen.«</p> + +<h2><a class="pagenum" name="Page_75" title="75"> </a>ZWÖLF UHR</h2> + +<p>Mutter, ich will jetzt aufhören mit +meinen Aufgaben. Ich habe den ganzen +Morgen über meinen Büchern gesessen.</p> + +<p>Du sagst, es ist erst zwölf Uhr. Angenommen, +es ist nicht später: kannst Du +Dir niemals denken, es ist Nachmittag, +wenn es nur zwölf Uhr ist?</p> + +<p>Ich kann mir leicht vorstellen jetzt, +daß die Sonne den Rand jenes Reisfeldes +erreicht hat, und daß die alte Fischerfrau +Kräuter sammelt für ihr Nachtmahl, +drüben am Teich.</p> + +<p>Ich kann meine Augen fest zumachen +und denken, daß die Schatten dunkler +werden unter dem Madarbaum und das +Wasser im Teich glänzend schwarz aussieht.</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_76" title="76"> </a>Wenn zwölf Uhr in der Nacht kommen +kann, warum kann die Nacht nicht +kommen, wenn es zwölf Uhr ist?</p> + +<h2><a class="pagenum" name="Page_77" title="77"> </a>SCHRIFTSTELLEREI</h2> + +<p>Du sagst, daß Vater eine Menge Bücher +schreibt, aber was er schreibt, versteh' +ich nicht.</p> + +<p>Er hat Dir den ganzen Abend vorgelesen, +aber konntest Du wirklich herausbekommen, +was er meinte?</p> + +<p>Welch schöne Märchen, Mutter, kannst +<em class="gesperrt">Du</em> uns erzählen! Warum kann Vater +nicht solche schreiben?</p> + +<p>Hat er niemals von seiner eignen +Mutter Märchen gehört von Riesen und +Elfen und Prinzessinnen?</p> + +<p>Hat er sie alle vergessen?</p> + +<hr class="thought-break"/> + +<p>Oft, wenn er spät kommt zum Baden, +mußt Du gehn und ihn hundertmal +rufen.</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_78" title="78"> </a>Du wartest und hältst sein Essen warm +für ihn, und er schreibt weiter und vergißt.</p> + +<p>Vater spielt immer Büchermachen.</p> + +<p>Wenn ich je spielen gehe in Vaters +Zimmer, kommst Du und rufst mich: +»Was für ein schlimmes Kind!«</p> + +<p>Wenn ich den leisesten Lärm mache, +sagst Du: »Siehst Du nicht, daß Vater +arbeitet?«</p> + +<p>Was hat das für Sinn, schreiben und +immer schreiben?</p> + +<hr class="thought-break"/> + +<p>Wenn ich Vaters Feder oder Bleistift +nehme und in sein Buch schreibe, gerade +wie er – a, b, c, d, e, f, g, h, i, –, +warum wirst Du dann böse mit mir, +Mutter?</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_79" title="79"> </a>Du sagst nie ein Wort, wenn Vater +schreibt.</p> + +<hr class="thought-break"/> + +<p>Wenn mein Vater solche Haufen Papier +verschwendet, Mutter, scheint es Dich +gar nicht zu stören.</p> + +<p>Wenn ich aber nur <em class="gesperrt">einen</em> Bogen +nehme, um mir ein Schiff draus zu +machen, sagst Du: »Kind, wie Du einen +quälst!«</p> + +<p>Was hältst Du von Vaters Bogen und +Bogenverderben mit schwarzen Zeichen, +über und über auf beiden Seiten?</p> + +<h2><a class="pagenum" name="Page_80" title="80"> </a>DER BÖSE POSTBOTE</h2> + +<p>Warum sitzest Du hier auf dem Boden +so still und schweigend, sag' mir, Mutter +lieb?</p> + +<p>Der Regen kommt herein durch das +offene Fenster, macht Dich ganz naß, +und Du merkst es gar nicht.</p> + +<p>Hörst Du den Gong vier schlagen? Es +ist Zeit für meinen Bruder, daß er heimkommt +aus der Schule.</p> + +<p>Was ist Dir geschehn, daß Du so fremd +ausschaust?</p> + +<p>Hast Du heut keinen Brief von Vater +bekommen?</p> + +<p>Ich sah den Postboten Briefe bringen +in seinem Sack, für jeden fast in der +Stadt.</p> + +<p>Nur Vaters Briefe behält er, um sie +<a class="pagenum" name="Page_81" title="81"> </a> +selber zu lesen. Ich bin gewiß, der Postbote +ist ein böser Mann.</p> + +<hr class="thought-break"/> + +<p>Aber sei nicht unglücklich darüber, +Mutter lieb.</p> + +<p>Morgen ist Markttag im nächsten Dorf. +Du sagst Deinem Mädchen, daß sie Federn +und Papier kauft.</p> + +<p>Ich selbst will Vaters Briefe schreiben; +Du wirst nicht einen einzigen Fehler +finden.</p> + +<p>Ich werde vom A drauf los bis zum K +schreiben.</p> + +<p>Doch, Mutter, was lächelst Du?</p> + +<p>Du glaubst nicht, daß ich so schön +schreiben kann wie Vater?</p> + +<p>Aber ich werde mein Papier sorgfältig +linieren und alle Buchstaben schön groß +<a class="pagenum" name="Page_82" title="82"> </a> +schreiben.</p> + +<p>Wenn ich mein Schreiben fertig habe, +meinst Du, werd' ich so dumm sein und +es hineinwerfen in des gräßlichen Postboten +Sack?</p> + +<p>Ich werd' es Dir selber bringen, ganz +rasch, und Dir Brief für Brief meine +Schrift lesen helfen.</p> + +<p>Ich weiß, der Postbote gibt Dir nicht +gern die wirklich netten Briefe.</p> + +<h2><a class="pagenum" name="Page_83" title="83"> </a>DER HELD</h2> + +<p>Mutter, denk' Dir, wir reisen und kommen +durch ein fremdes und gefährliches +Land.</p> + +<p>Du reisest in einem Palankin, und ich +trabe neben Dir auf einem roten Pferd.</p> + +<p>Es ist Abend, und die Sonne geht unter. +Die Wüste von Joradighi liegt fahl und +grau vor uns. Das Land ist öd und brach.</p> + +<p>Du bist erschreckt und denkst: »Ich +weiß nicht, wohin wir geraten sind.«</p> + +<p>Ich sage zu Dir: »Mutter, hab' keine +Angst.«</p> + +<hr class="thought-break"/> + +<p>Die Wiese prickelt vor spitzigem Gras, +und drüber läuft ein schmaler, holpriger +Pfad.</p> + +<p>Kein Vieh ist zu sehn auf dem weiten +<a class="pagenum" name="Page_84" title="84"> </a> +Feld; es ist in seine Ställe heimgekehrt.</p> + +<p>Es wird dunkel und düster auf Land +und Himmel, und wir können's nicht +sagen, wohin wir gehn.</p> + +<p>Plötzlich rufst Du und fragst mich +flüsternd: »Was für ein Licht ist dort am +Ufer?«</p> + +<hr class="thought-break"/> + +<p>Just da gellt ein furchtbarer Schrei, und +Gestalten kommen laufend auf uns zu.</p> + +<p>Du sitzest zusammengekauert in Deinem +Palankin und wiederholst betend +die Namen der Götter.</p> + +<p>Die Träger, vor Schrecken zitternd +verstecken sich im Dornenbusch.</p> + +<p>Ich schrei' Dir zu: »Hab' keine Angst, +Mutter, ich bin da!«</p> + +<hr class="thought-break"/> + +<p><a class="pagenum" name="Page_85" title="85"> </a>Mit langen Stöcken in den Händen +und ganz wild flatterndem Haar um ihre +Schädel kommen sie näher und näher.</p> + +<p>Ich schreie: »Seht Euch vor, Ihr Schurken! +Einen Schritt weiter und Ihr seid +des Todes!«</p> + +<p>Sie stoßen noch einmal ein schreckliches +Geheul aus und stürzen vorwärts.</p> + +<p>Du packst meine Hand und sagst: +»Lieber Junge, um Himmels willen, halt' +Dich fern von ihnen!«</p> + +<p>Ich sage: »Mutter, gib Du nur Obacht +auf mich.«</p> + +<hr class="thought-break"/> + +<p>Dann sporn' ich mein Roß zu wildem +Galopp, und mein Schwert und Schild +klirren aneinander.</p> + +<p>Der Kampf wird so gräßlich, Mutter, +<a class="pagenum" name="Page_86" title="86"> </a> +daß Dich ein kalter Schauer überliefe, +wenn Du ihn sehen könntest von Deinem +Palankin.</p> + +<p>Viele von ihnen fliehn, und eine große +Zahl ist in Stücke gehaun.</p> + +<p>Ich weiß, Du denkst, ganz versunken +in Dich, Dein Junge muß tot sein in dieser +Stunde.</p> + +<p>Aber ich komme zu Dir, ganz mit Blut +befleckt und sage: »Mutter, nun ist der +Kampf vorüber.«</p> + +<p>Du kommst heraus und küssest mich, +drückst mich an Dein Herz und sagst zu +Dir selbst:</p> + +<p>»Ich weiß nicht, was ich tun würde, +wenn ich nicht meinen Jungen zum Geleit +hätte.«</p> + +<hr class="thought-break"/> + +<p><a class="pagenum" name="Page_87" title="87"> </a>Tausend nutzlose Dinge geschehen +Tag für Tag, warum könnte nicht so +etwas zufällig wahr werden?</p> + +<p>Es würde wie eine Geschichte in einem +Buch sein.</p> + +<p>Mein Bruder würde sagen: »Ist das +möglich? Ich dachte immer, er wäre so +zart!«</p> + +<p>Unsre Dorfleute würden alle in Verwunderung +sagen: »War es nicht ein +Glück, daß der Junge mit seiner Mutter +war?«</p> + +<h2><a class="pagenum" name="Page_88" title="88"> </a>DAS ENDE</h2> + +<p>Es ist Zeit für mich, zu gehen, Mutter. +Ich gehe.</p> + +<p>Wenn Du im fahlen Dunkel der einsamen +Dämmerung Deine Arme ausstreckst +nach Deinem Kindchen im Bett, +werde ich sagen: »Kindchen ist nicht +da!« – Mutter, ich gehe.</p> + +<p>Ich werde ein zarter Lufthauch werden +und Dich liebkosen; und ich werde +das Kräuseln auf dem Wasser sein, wenn +Du badest, und Dich küssen und wieder +küssen.</p> + +<p>In der Sturmnacht, wenn der Regen +auf die Blätter prasselt, wirst du mein +Flüstern hören in Deinem Bett, und mein +Lachen wird mit dem Blitz durchs offne +Fenster in Dein Zimmer leuchten.</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_89" title="89"> </a>Wenn Du wach liegst, an Dein Kindchen +denkend bis spät in die Nacht, werd' +ich singen zu Dir von den Sternen: +»Schlaf, Mutter, schlaf.«</p> + +<p>Auf den irrenden Mondstrahlen werd' +ich mich über Dein Bett stehlen und auf +Deiner Brust liegen, während Du schläfst.</p> + +<p>Ich werde ein Traum werden und +durch die kleine Öffnung Deiner Augenlider +werd' ich in die Tiefen Deines +Schlafes schlüpfen; und wenn Du aufwachst +und bestürzt herumschaust, +werd' ich wie ein glitzernder Leuchtkäfer +hinaus ins Dunkle schwirren.</p> + +<p>Wenn zum großen Puja-Feste die +Nachbarskinder kommen und herumspielen +im Haus, werd' ich in die Musik +der Flöte schmelzen und in Deinem +<a class="pagenum" name="Page_90" title="90"> </a> +Herzen schlagen den ganzen Tag.</p> + +<p>Die liebe Muhme wird kommen mit +Puja-Geschenken und wird fragen: »Wo +ist unser Kindchen, Schwester?«</p> + +<p>Mutter, Du wirst ihr leise sagen: »Er +ist in den Sternen meiner Augen, er ist in +meinem Körper und in meiner Seele.«</p> + +<h2><a class="pagenum" name="Page_91" title="91"> </a>KOMM ZURÜCK!</h2> + +<p>Die Nacht war schwarz als <em class="gesperrt">sie</em> fortging, +und sie schliefen.</p> + +<p>Die Nacht ist schwarz jetzt, und ich +rufe nach <em class="gesperrt">ihr</em>: »Komm zurück, mein +Liebling; die Welt liegt im Schlaf; und +niemand würde wissen, wenn Du kämst +für eine Weile, während die Sterne den +Sternen zublinken.«</p> + +<hr class="thought-break"/> + +<p>Sie ging weg, als die Bäume in Knospen +standen und der Lenz jung war.</p> + +<p>Nun sind die Blumen in voller Blüte +und ich rufe: »Komm zurück, mein Liebling. +Die Kinder sammeln Blumen und +verstreun sie in unbekümmertem Spiel. +Und wenn Du kämest und nähmest +<em class="gesperrt">eine</em> kleine Blüte, es würde sie keiner +<a class="pagenum" name="Page_92" title="92"> </a> +vermissen.«</p> + +<p>Die damals spielten, spielen noch, so +verschwenderisch ist Leben.</p> + +<p>Ich lauschte ihrem Plaudern und rufe: +»Komm zurück, mein Liebling; denn +Mutters Herz ist voll bis an den Rand +mit Liebe, und wenn Du kämest, nur +einen einzigen kleinen Kuß zu haschen +von ihr, es würde Dir's niemand neiden.«</p> + +<h2><a class="pagenum" name="Page_93" title="93"> </a>DER ERSTE JASMIN</h2> + +<p>Ah, dieser Jasmin, dieser weiße Jasmin!</p> + +<p>Mir ist wie am ersten Tag, da ich +meine Hände füllte mit diesem Jasmin, +diesem weißen Jasmin.</p> + +<p>Ich habe die Sonne geliebt, den Himmel +und die grüne Erde.</p> + +<p>Ich habe das rieselnde Rauschen des +Flusses gehört durch das Dunkel der +Mitternacht;</p> + +<p>Herbstsonnenuntergänge sind zu mir +gekommen an eines Weges Biegung in +einsamer Öde wie eine Braut, den Schleier +hebend zum Empfang des Geliebten.</p> + +<p>Und doch ist mein Erinnern noch süß +von dem ersten weißen Jasmin, den ich in +meiner Hand hielt, als ich ein Kind war.</p> + +<hr class="thought-break"/> + +<p><a class="pagenum" name="Page_94" title="94"> </a>Manch' froher Tag ist in mein Leben +gekommen, und ich habe gelacht mit +Spaßmachern in festlichen Nächten.</p> + +<p>An grauen Regenmorgen hab' ich +manch' müßig Lied gesummt.</p> + +<p>Ich habe um meinen Nacken getragen +den Abendkranz aus Bakulas, von Händen +der Liebe geflochten.</p> + +<p>Und doch ist mein Herz süß von dem +Erinnern an den ersten frischen Jasmin, +der meine Hände füllte, als ich ein Kind +war.</p> + +<h2><a class="pagenum" name="Page_95" title="95"> </a>DER FEIGENBAUM</h2> + +<p>O Du zottelköpfiger Feigenbaum am +Ufer des Teichs, hast Du den kleinen +Jungen vergessen wie die Vögel, die in +Deinen Zweigen genistet haben und Dich +verließen?</p> + +<p>Erinnerst Du Dich nicht, wie er am +Fenster saß und sich wunderte über das +Gewirr Deiner Wurzeln, die unter die +Erde tauchten?</p> + +<p>Die Frauen kamen immer, ihre Krüge +zu füllen am Teich, und Dein riesiger, +schwarzer Schatten räkelte sich über das +Wasser wie Schlaf, der sich anstrengt, +aufzuwachen.</p> + +<p>Sonnenlicht tanzte auf den Wasserwirbeln +wie ruhlose, winzige Weberschiffchen, +die eine goldne Tapete wirken.</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_96" title="96"> </a>Zwei Enten schwammen am verwilderten +Rande über ihren Schatten +und der Junge saß still und sann.</p> + +<p>Er wollte der Wind sein und durch +Deine rauschenden Zweige blasen, Dein +Schatten sein und mit dem Tage länger +werden auf dem Wasser, ein Vogel sein +und auf Deinem höchsten Wipfel sitzen, +und wie jene Enten unter Unkraut und +Schatten schwimmen.</p> + +<h2><a class="pagenum" name="Page_97" title="97"> </a>SEGNUNG</h2> + +<p>Segne dies kleine Herz, diese weiße +Seele, die des Himmels Kuß für unsere +Erde gewonnen hat.</p> + +<p>Er liebt das Licht der Sonne, er liebt +den Anblick von seiner Mutter Antlitz.</p> + +<p>Er hat mich gelehrt, den Staub verachten +und nach Gold trachten.</p> + +<p>Schließ' ihn an Dein Herz und segne ihn.</p> + +<hr class="thought-break"/> + +<p>Er ist in dieses Land der hundert Kreuzwege +gekommen.</p> + +<p>Ich weiß nicht, wieso er Dich wählte +aus der Menge, an Dein Tor kam und +Deine Hand faßte, um seinen Weg zu +fragen.</p> + +<p>Er wird Dir folgen, lachend und plaudernd +und ohne Zweifel im Herzen.</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_98" title="98"> </a>Erfüll' sein Vertrauen, führe ihn zum +Rechten und segne ihn.</p> + +<hr class="thought-break"/> + +<p>Leg' Deine Hand auf sein Haupt und +bete: wenn auch die Wogen unten bedrohlich +werden, so möge doch der Odem +von oben kommen und seine Segel füllen +und ihn in den Hafen des Friedens wehn.</p> + +<p>Vergiß' ihn nicht in Deinem Hasten, +laß' ihn an Dein Herz kommen und segne +ihn.</p> + +<h2><a class="pagenum" name="Page_99" title="99"> </a>DAS GESCHENK</h2> + +<p>Ich möchte Dir was schenken, mein +Kind, denn wir treiben auf dem Strom +der Welt.</p> + +<p>Unsre Leben werden auseinandergehn +und unsre Liebe wird vergessen werden.</p> + +<p>Aber ich bin nicht so töricht, zu hoffen, +ich könnte Dein Herz mit meinen Geschenken +kaufen.</p> + +<p>Jung ist Dein Leben, Dein Pfad lang, +und Du trinkst die Liebe, die wir Dir +bringen, auf einen Zug, kehrst Dich um +und läufst weg von uns.</p> + +<p>Du hast Dein Spiel und Deine Gespielen. +Was tut's, wenn Du nicht Zeit, +nicht Sinn für uns hast.</p> + +<p>Fürwahr, wir haben Muße genug im +Alter, die Tage zu zählen, die vergangen +<a class="pagenum" name="Page_100" title="100"> </a> +sind, in unseren Herzen zu hätscheln, was +unsre Hände für immer verloren haben.</p> + +<p>Der Fluß läuft schnell mit einem Lied, +alle Schranken durchbrechend. Aber der +Berg steht und erinnert sich und folgt ihm +mit seiner Liebe.</p> + +<h2><a class="pagenum" name="Page_101" title="101"> </a>MEIN LIED</h2> + +<p>Dies Lied von mir will seine Musik +winden um Dich, mein Kind, wie die +zärtlichen Arme der Liebe.</p> + +<p>Dies Lied von mir will Deine Stirn berühren +wie ein Segenskuß.</p> + +<p>Wenn Du allein bist, wird es an Deiner +Seite sitzen und Dir ins Ohr flüstern; +bist Du in der Menge, wird es Dich einfrieden +mit Entrücktheit.</p> + +<p>Mein Lied wird ein Flügelpaar für +Deine Träume sein, es wird Dein Herz +an die Grenze des Unbekannten reißen.</p> + +<p>Es wird wie der getreue Stern zu Häupten +sein, wenn finstre Nacht über Deiner +Straße liegt.</p> + +<p>Mein Lied wird in den Sternen Deiner +Augen sitzen und Deinen Blick in das +<a class="pagenum" name="Page_102" title="102"> </a> +Herz der Dinge führen.</p> + +<p>Und wenn meine Stimme still ist im +Tod, wird mein Lied in Dein lebendes +Herz sprechen.</p> + +<h2><a class="pagenum" name="Page_103" title="103"> </a>DER ENGEL</h2> + +<p>Sie schreien und kämpfen, sie zweifeln +und verzweifeln, sie wissen kein Ende +ihren Zänken.</p> + +<p>Laß' Dein Leben unter sie kommen +wie eine Flamme Licht, mein Kind, ohne +Flackern und rein, und entzücke sie zum +Schweigen.</p> + +<p>Sie sind grausam in ihrer Gier und +ihrem Neid; ihre Worte sind wie verborgene +Messer, dürstend nach Blut.</p> + +<p>Geh' und stelle Dich unter ihre schelen +Herzen, mein Kind, und laß' Deine milden +Augen auf sie fallen wie der verzeihende +Abendfriede über den Streit des Tags.</p> + +<p>Laß' sie Dein Antlitz sehn, mein Kind, +und so den Sinn aller Dinge erkennen; laß' +sie Dich lieben und so einander lieben.</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_104" title="104"> </a>Komm' und wohne im Busen der Unendlichkeit, +mein Kind. Mit Sonnenaufgang +öffne und erhebe Dein Herz wie +eine blühende Blume, und zum Untergang +neige Dein Haupt und vollende im +Schweigen des Tages Gottesdienst.</p> + +<h2><a class="pagenum" name="Page_105" title="105"> </a>DER LETZTE VERTRAG</h2> + +<p>»Komm und miete mich«, schrie ich, +als ich des Morgens auf der steingepflasterten +Straße ging.</p> + +<p>Das Schwert in der Hand, kam der +König in seinem Wagen.</p> + +<p>Er hielt meine Hand und sagte: »Ich +will Dich mieten mit meiner Macht.«</p> + +<p>Aber seine Macht war mir nichts wert, +und er fuhr davon in seinem Wagen.</p> + +<hr class="thought-break"/> + +<p>In der Hitze des Mittags lehnten die +Häuser mit geschlossenen Türen.</p> + +<p>Ich wanderte entlang die krumme +Gasse.</p> + +<p>Ein alter Mann kam heraus mit seinem +Sack voll Gold.</p> + +<p>Er sann nach und sagte: »Ich will +<a class="pagenum" name="Page_106" title="106"> </a> +Dich mieten mit meinem Geld.«</p> + +<p>Er wog seine Münzen, eine nach der +andern, aber ich wandte mich fort.</p> + +<hr class="thought-break"/> + +<p>Abend war's. Die Gartenhecke stand +ganz in Blüte.</p> + +<p>Das liebliche Mädchen kam heraus +und sagte: »Ich will Dich mieten mit +einem Lächeln.«</p> + +<p>Ihr Lächeln blaßte und schmolz in +Tränen, und sie ging zurück allein im +Dunkel.</p> + +<hr class="thought-break"/> + +<p>Die Sonne glitzerte im Sand, und die +Meereswellen brachen landeinwärts.</p> + +<p>Ein Kind saß da, mit Muscheln spielend.</p> + +<p>Es hob seinen Kopf und schien mich +<a class="pagenum" name="Page_107" title="107"> </a> +zu kennen und sagte: »Ich miete Dich +mit Nichts.«</p> + +<p>Von da an machte mich dieser Vertrag, +im Kinderspiel geschlossen, zum freien +Mann.</p> + +<h2><a class="pagenum" name="Page_109" title="109"> </a>ANMERKUNGEN UND NACHWORT DES ÜBERSETZERS</h2> + +<p class="hanging-indent"><a class="pagenum" name="Page_110" title="110"> </a>Zu Seite</p> + +<p class="hanging-indent"><a href="#Page_7">7</a>: <i>Arēka-Palme</i> (malayisch arik). Eine +Abart, Arēca cātechu, die Betelpalme, +trägt orangerote, hühnereigroße +Früchte, deren Kern, mit den +Blättern des Betelpfeffers umwickelt, +gekaut wird.</p> + +<p class="no-indent"><i>Kokos-Palme</i> (von spanisch coca +»Nuß« oder portugiesisch coco »Popanz« +wegen der gesichtsähnlichen, +daher schreckhaften Früchte). Die +Kokosnuß gehört in Indien zu den +heiligsten Früchten, die der Göttin +der Wohlfahrt, Sriphāla, geweiht sind.</p> + +<p class="no-indent"><i>Brotfruchtbaum</i> (englisch jack-fruit +aus malayisch chakka; sanskrit pānasa). +Die kopfgroßen Früchte werden +roh und geröstet genossen. 2 bis +3 Bäume versorgen einen Menschen +ein Jahr mit Nahrung.</p> + +<p class="hanging-indent"><a href="#Page_20">20</a>: <i>Feigenbaum</i> (englisch banyan tree, +<a class="pagenum" name="Page_111" title="111"> </a> +sanskrit vaṭa; ficus indica). Die Luftwurzeln +der Äste greifen in den Boden +ein und werden zu neuen Stämmen. +So wächst der Baum nach allen +Seiten hin durch Jahrtausende und +bildet einen Wald, der Tausende von +Menschen aufnimmt. Er ist der Zeit, +Kāla, heilig und gilt als Sinnbild der +Unsterblichkeit. Beim Pflanzen des +Baumes wird gewöhnlich das Gebet +gesprochen: »Möchte ich so viele +Jahre im Himmel weilen als dieser +Baum auf Erden wächst.«</p> + +<p class="no-indent"><i>Mango</i> (malayisch māngāy, sanskrit +āmra; magnifera indica). Gelbblühender +Baum mit gelblichen, bis zu einem +Kilo schweren Früchten, die ein beliebtes +Obst sind. Der Ārmra gilt als +Inkarnation der Liebesgöttin. Nach +einer Legende übte die Göttin Pārvati +unter einem Mangobaum Buße, +<a class="pagenum" name="Page_112" title="112"> </a> +dort, wo jetzt der Ṡaiva-Tempel steht. +Hier erschien ihr ihr Gatte Ṡiva, der +als Ekāmranātha »der unvergleichliche +Herr des Mangobaums« verehrt +wird.</p> + +<p class="hanging-indent"><a href="#Page_21">21</a>: <i>Bakula</i> (mimusops elengi), Baum mit +wohlriechenden Blättern und Blüten, +die ein ätherisches Öl liefern. Die +süßen Früchte sind eßbar.</p> + +<p class="hanging-indent"><a href="#Page_35">35</a>: <i>Kadam</i> (sanskrit Kadamba; nauclea +cadamba), Liane mit orangefarbener +duftender Blüte.</p> + +<p class="no-indent"><i>Dādā</i> (Hindustani), Großvater väterlicherseits, +dann auf jede ältere Person +angewendet, hier: der ältere Bruder.</p> + +<p class="hanging-indent"><a href="#Page_40">40</a>: <i>Champa</i> (sanskrit champaka; michelia +champaka), den Magnolien ähnliche +Holzgewächse mit duftenden, +zarten, weißen und gelben Blüten, +die Götzenbildern dargebracht werden, +<a class="pagenum" name="Page_113" title="113"> </a> +besonders am 14. Iyeshṭh (ungefähr +unserm Juni entsprechend). +Das wohlriechende Champakaöl ist +sehr beliebt.</p> + +<p class="hanging-indent"><a href="#Page_41">41</a>: <i>Rāmāyana</i> (sanskrit ayana = gehend, +vonay = gehen), »Die Taten des Rama«. +Das große Sanskrit-Epos, das +dem Vālmiki zugeschrieben wird und +im 5. Jahrh. v. Chr. entstanden sein +dürfte. Vgl. Alex. Baumgartner, das +Rāmāyana und die Rāma-Literatur +der Inder. Freiburg 1894.</p> + +<p class="hanging-indent"><a href="#Page_43">43</a>: <i>Tulsi</i> (sanskrit tulasi; ocimum sanctum), +heiliges Basilikum. In Ostindien +berühmteste Arzneipflanze, +der Legende nach aus dem Haar einer +Nymphe erzeugt, die Vishnu in seiner +Inkarnation als Krishna liebte. Vaisnawa-Rosenkränze +bestehen aus 108 +Perlen von diesem Holz. Alljährlich +wird in Indien eine Art Vermählungszeremonie +<a class="pagenum" name="Page_114" title="114"> </a> +zwischen dieser Pflanze +und einem Salagramammoniten (versteinerte, +ausgestorbene Tintenschneckenart, +Symbol des Vishnu +und als Amulett weiblicher Fruchtbarkeit) +als Sinnbild der Muschelinkarnation +Vishnus vollzogen.</p> + +<p class="hanging-indent"><a href="#Page_50">50</a>: <i>Tamarinde</i> (arabisch tamr hindi, indische Dattel; +tamarindus indica), +bis zu 25 Metern hoher, immergrüner +Baum mit gelblichen, purpurgeäderten +Blüten. Die Frucht wird als +Obst, Nahrungs- und Arzneimittel +verwendet.</p> + +<p class="hanging-indent"><a href="#Page_53">53</a>: <i>Shiuli</i> (bengali; nyctanthes arbor tristis), +Gattung der Oleaceen. Bis zu +9 Metern hoher Baum oder Strauch, +vom Jasmin hauptsächlich durch +Blütenfarbe (Röhre und Schlund +orange, sonst weiß) und Fruchtform +verschieden. Tropische Zierpflanze +<a class="pagenum" name="Page_115" title="115"> </a> +mit wohlriechenden, nur nachts geöffneten +Blüten, die zum Färben von +Speisen und zur Bereitung von ätherischem +Öl dienen.</p> + +<p class="hanging-indent"><a href="#Page_55">55</a>: <i>Indischer Flachs</i> (englisch jute, bengali +jūto »die Haarflechte«; corchorus +olitorius). Die Faser wird zur Erzeugung +von Matten und groben Sackleinen, +Jute, verwendet.</p> + +<p class="hanging-indent"><a href="#Page_56">56</a>: <i>Rāmachandra.</i> Das Wort chandra +wird oft an Namen angefügt, um die +Schönheit auszudrücken. Der Retter +der Welt, der triumphierende Dämonentöter, +der rührendste Dulder, +in den sich Vishnu bei seiner siebenten +Herabkunft verwandelte. Rāmas +vierzehnjährige Verbannung mit seiner +Gattin Sitā wird im zweiten und +dritten Gesange des Rāmāyana geschildert.</p> + +<p class="hanging-indent"><a class="pagenum" name="Page_116" title="116"> </a><a href="#Page_71">71</a>: <i>Ganesh</i> (Sanskrit Ganeça »der Anführer +des Gefolges« Shivas, als dessen +Sohn er gilt). Er wird oft mit seinem +Bruder, dem Kriegsgott Skanda verehrt. +Er ist der Entferner von Hindernissen, +die Verkörperung allen Erfolges. +Indische Handschriften pflegen +mit einer an ihn sich richtenden Verehrungsformel +zu beginnen, damit er +den hindernden Einfluß böser Dämonen +vom Schreiben abwehre: so +ist der Schein entstanden, als sei Ganesha +eigentlich ein Gott der Wissenschaft. +Sein in Indien unendlich verbreitetes +Bild zeigt ihn mit einem +Elefantenkopf, oft auf einer Ratte +reitend.</p> + +<p class="hanging-indent"><a href="#Page_75">75</a>: <i>Madar</i> (sanskrit mandāra; erythrina +indica), Dadapbaum, als Stütze in +Pfeffer-, als Schattenbaum in Kaffeeplantagen +verwendet. Mit meist scharlachroten +<a class="pagenum" name="Page_117" title="117"> </a> +Blütentrauben, zur Gattung +der Korallenbäume gehörig.</p> + +<p class="hanging-indent"><a href="#Page_83">83</a>: <i>Palankin</i> Tragsänfte.</p> + +<p class="hanging-indent"><a href="#Page_89">89</a>: <i>Puja</i> (sanskrit) bedeutet Verehrung +überhaupt. Als Fest ist das Durgāpūjā +oder Navarātra gemeint, die +»Neun Nächte«, beginnt am ersten +und endet am zehnten Tag der lichten +Hälfte von Āṡvina (September-Oktober). +Es wird namentlich in Bengal +gefeiert als Erinnerung an den Sieg +von Durgā, Shivas Frau, über einen +büffelköpfigen Dämon. Ihr Bild wird +mit zehn bewaffneten Armen dargestellt, +ihr rechter Fuß auf einem +Löwen ruhend, ihr linker auf dem +Büffeldämon. Nach neuntägiger Verehrung +wird dieses Götzenbild am +zehnten Tage ins Wasser gestürzt.</p> + +<p class="no-indent">Näheres vgl. Monier-Williams, Brāmanism +<a class="pagenum" name="Page_118" title="118"> </a> +and Hindūism or Religious +Thought and Life in India. London, +1891.</p> + +<hr class="thought-break"/> + +<p>Die Gedichte <a href="#Page_9">2</a>, <a href="#Page_12">3</a> und <a href="#Page_28">9</a> sind mit den +Gedichten 60–62 der Sammlung »Gitanjali« +identisch.</p> + +<p>Es scheint mir wichtig, zu betonen, +daß die englische, von Tagore selbst geschaffene +Form als die beste europäische +Mittlerin seiner Gedanken und Gefühle +zu gelten hat. Selbst die Kunst eines +Rückert könnte uns die Umdichtung +aus dem bengalischen Urtext nicht so +nahebringen, wie eine möglichste Nachbildung +der englischen Umdichtung uns +rühren kann.</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_119" title="119"> </a>Bei den Anmerkungen danke ich wieder +vieles der Freundlichkeit des Berliner +Sanskritisten, Herrn Professor Heinrich +Lüders.</p> + +<p class="center page-break page-break-after italic"><a class="pagenum" name="Page_120" title="120"> </a>GEDRUCKT BEI POESCHEL & TREPTE IN LEIPZIG</p> + + + + + + + + +<pre> + + + + + +End of Project Gutenberg's Der zunehmende Mond, by Rabindranath Tagore + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER ZUNEHMENDE MOND *** + +***** This file should be named 38125-h.htm or 38125-h.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + https://www.gutenberg.org/3/8/1/2/38125/ + +Produced by Jana Srna and the Online Distributed +Proofreading Team at https://www.pgdp.net (This file was +produced from images generously made available by The +Internet Archive/Canadian Libraries) + + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. 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It exists +because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from +people in all walks of life. + +Volunteers and financial support to provide volunteers with the +assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's +goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will +remain freely available for generations to come. In 2001, the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure +and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations. +To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation +and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 +and the Foundation web page at https://www.pglaf.org. + + +Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive +Foundation + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit +501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the +state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal +Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification +number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at +https://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent +permitted by U.S. federal laws and your state's laws. + +The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S. +Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered +throughout numerous locations. Its business office is located at +809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email +business@pglaf.org. 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Thus, we do not necessarily +keep eBooks in compliance with any particular paper edition. + + +Most people start at our Web site which has the main PG search facility: + + https://www.gutenberg.org + +This Web site includes information about Project Gutenberg-tm, +including how to make donations to the Project Gutenberg Literary +Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to +subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks. + + +</pre> + +</body> +</html> diff --git a/38125-h/images/logo.png b/38125-h/images/logo.png Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..decad4d --- /dev/null +++ b/38125-h/images/logo.png diff --git a/38125-h/images/titelseite.jpg b/38125-h/images/titelseite.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..5cf08e7 --- /dev/null +++ b/38125-h/images/titelseite.jpg diff --git a/LICENSE.txt b/LICENSE.txt new file mode 100644 index 0000000..6312041 --- /dev/null +++ b/LICENSE.txt @@ -0,0 +1,11 @@ +This eBook, including all associated images, markup, improvements, +metadata, and any other content or labor, has been confirmed to be +in the PUBLIC DOMAIN IN THE UNITED STATES. + +Procedures for determining public domain status are described in +the "Copyright How-To" at https://www.gutenberg.org. + +No investigation has been made concerning possible copyrights in +jurisdictions other than the United States. 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