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+The Project Gutenberg EBook of Ini, by Julius von Voß
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Ini
+ Ein Roman aus dem ein und zwanzigsten Jahrhundert
+
+Author: Julius von Voß
+
+Illustrator: Franz Joseph Leopold
+
+Release Date: November 12, 2011 [EBook #37994]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-8859-1
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK INI ***
+
+
+
+
+Produced by Jens Sadowski
+
+
+
+
+
+Ini.
+
+Ein Roman aus dem ein und zwanzigsten Jahrhundert
+
+von
+
+_Julius v. Voß_.
+
+_Berlin,_, 1810.
+Bei Karl Friedrich Amelang.
+
+
+
+
+
+Vorrede.
+
+Jean Paul sagt: »Friede mit der Zeit! sollte man öfter in sich hineinrufen.
+Wie uns ein quälender Tag nicht in den Hoffnungen unsers Lebens irret, so
+sollte uns ein leidendes Jahrhundert nicht die entziehen, womit wir uns die
+weite Zukunft malen.« Wenn nun aber die Zeit gar unfriedlich ist, sollte da
+nicht ein Blick in die Zukunft das bedrängte, oft zagende Herz trösten,
+beleben, erheitern? Und eine bessere Zukunft naht so gewiß, als die
+Vergangenheit von der Gegenwart übertroffen wird. Wenigstens gilt die
+Behauptung, insofern wir, von der immer mehr entwickelten Kultur, das Heil
+der Sterblichen erwarten. Was wir aber noch nicht sehen können, träumen,
+ist ja wohl poetisch und religiös. Und
+
+ Sind's gleich nur Welten aus Ideen,
+ So baut man sie so herrlich als man will.
+
+ _Der Verfasser._
+
+
+
+
+Erklärung der Kupfer.
+
+Das Titelkupfer stellt eine von Wallfischen gezogene Reiseinsel dar, wovon
+Seite 294 die nähere Beschreibung.
+
+Bei der Vignette, eine Luftpost abbildend, wäre ein Ball von größerem
+Umfang zu wünschen. Jedoch tragen die Adler, übrigens etwas zu groß, ein
+wenig mit.
+
+Der Verfasser merkt an, daß, ob er schon die Adler wählte, ihm deshalb
+Zambeccaris Theorie nicht unbekannt war. -- Auch noch, wie ihm diejenige
+philosophische Kompensazion, nach welcher die Möglichkeit höherer Wohlfahrt
+der Erdensöhne, billig in Zweifel gezogen wird, so wenig fremd ist, daß er
+sich vielmehr ihr zugethan erklärt.
+
+
+
+
+Erstes Büchlein.
+
+Die Trennung.
+
+
+Ich Unglücklicher soll dich meiden, rief Guido wehmüthig.
+
+Wozu die Klage, entgegnete Ini. Mögen dich rüstige Adler zum Pol tragen,
+magst du dich in die Tiefen des Ozeans senken, mein Bild bleibt dir nahe.
+Frei durchfliegt der Gedanke des Liebenden die Ferne, und die Region der
+Phantasie ist eine wirkliche. Auch wäre daheim dein Ziel nicht zu umarmen.
+Das Anschaun der Welt, die Uebung der Kraft in Thaten, müssen jene Bildung
+der Schönheit vollenden, deren Lohn meine Gegenliebe sein wird. Darum
+scheide männlich!
+
+Guido war ein Jüngling von etwa zwanzig Jahren. Seine Herkunft blieb ihm
+noch immer geheim. Die Sage machte ihn zum Fündling, und als solchen,
+wollten die Gesetze, daß die Landespflege ihn erziehen ließ. Früh hatte man
+ihn in das große Knabenhaus gebracht, das am Meerstrande unweit Palermo
+angelegt war, und wo die sinnigen Vorsteher, bis zum zwölften Jahre, für
+die Entwicklung des Körpers durch Laufen, Ringen, Schwimmen und für die
+Stärkung des Denkvermögens durch Gimnastik des Kalküls Sorge trugen. In
+vergangenen Jahrhunderten würde auch der tiefsinnigste Geometer nicht
+geahnt haben, was im Felde der Rechnung junge Knaben hier schon vermogten.
+Allein es war überhaupt so weit damit gekommen, (zudem die mechanischen und
+optischen Handwerke so leicht durch Maschinen, so einfach durch neue
+Entdeckungen, so allgemein bekannt durch Schulen), daß Hirten, welche die
+Sternkunde gleich ihren Altvätern wieder trieben, sich bei Tage Teleskope
+fertigten, zur Nacht den Himmel beobachteten, und die Finsternisse der
+vielen neugewahrten Planeten und ihrer Trabanten ausmittelten.
+
+Von da ward Guido dem treuen Gelino übergeben, dessen Villa nicht weit von
+dem großen Lustgarten, der den Aetna einschließt, lag. Dieser Mann hatte,
+ehe er sich nach dem Wohnplatz der Ruhe zurückgezogen, am Hofe zu Rom ein
+Amt bekleidet und umfaßte die Kunst zarte Jünglinge auf die Bahnen der
+Tugend zu leiten, mit Liebe.
+
+Der Kaiser, gewohnt, wenn ihn nicht wichtigere Dinge abhielten, den
+lieblichen Februar auf Sizilien zu verleben, hatte den jungen Guido gesehn
+-- wie es schien -- Behagen an dem Knaben gefunden und ihm Fürsorge
+zugesagt. Ehrender Antrieb für ihn.
+
+Doch möchte es vielleicht nicht gelungen sein, die mit Guidos flammender
+Lebenskraft verbundenen wilden Neigungen zeitig zu entwaffnen, wenn nicht
+folgender Umstand hinzugetreten wäre.
+
+Neben Gelino wohnte seit einiger Zeit die edle Athania, Wittwe des
+afrikanischen Helden Medon. Sie hatte nach des Gatten Tode ihren Sitz auf
+dem lieblichen Eilande genommen und eine Pflegetochter mitgebracht, über
+deren Geburt auch viele Dunkelheit lag.
+
+Guido sah das Mädchen in seinem siebzehnten Jahre. Ini zählte kaum
+vierzehn, doch prangte ihre Schönheit in üppiger Fülle, ihr Verstand
+entzückte.
+
+Im ein und zwanzigsten Jahrhundert hatte man die Erziehungskunde einer
+Arithmetik unterworfen, die schon lange genaue Anzeigen ergab und sich
+immer mehr erweitete. Streben und Erfahrung hatten die Linie gefunden, bis
+an welche die Natur Freiheit zu reinen Ausbildungen der Formen bedingt, und
+wieder das Maas von Gegenwirkungen entdeckt, mit welchem ihr am
+glücklichsten zu begegnen ist. Da nun zugleich die Chemie der höheren
+Arzneikunst, diejenigen Krankheiten nach und nach in ihren Stoffen vertilgt
+hatte, welche sonst das Geschlecht entstellten, da die edlere Verfassung,
+jene Eigensucht, mit ihren leidenschaftlichen Ausgeburten, Neid, Haß,
+niedrige Sinnlichkeit, meistens entfernte, so konnte sie auch nicht mehr,
+wie Ehedem Antlitz und Haltung verunbilden. So mußte von Geschlecht zu
+Geschlecht die menschliche Schönheit sich lieblicher entfalten, und jene
+harmonischen Gestalten, welche einst Bildner in Athen _aussannen_,
+erblickte die Wirklichkeit da lange schon lebend, wo die Kultur waltete.
+Ja, jene Statuen wurden bereits auf eine nie zuvor geahnte Weise
+übertroffen, denn eine ganz neue Ideenmasse hatten die Menschen in sich
+aufgenommen, welche der Schönheit einen neuen irdisch-göttlichen Ausdruck
+zulegte. Wie würden die Phidias und Raphael gestaunt haben, wäre ihnen
+vergönnt gewesen, aus dem Todtenlande wiederzukehren, und die Formen dieses
+Zeitalters zu betrachten.
+
+Die Schädelkunde, am Ende des achtzehnten Jahrhunderts entdeckt, sparsam im
+neunzehnten vervollkommnet, doch im zwanzigsten und ein und zwanzigsten zur
+tiefen Wissenschaft erhoben, leistete auch zur allgemeinen Veredlung
+bedeutende Hülfe, wie wir in der Folge zeigen wollen.
+
+Guido sah die junge Ini kaum, als er ahnte, von den Strahlen dieser
+Schönheit werde ein neuer Frühling in seinem Gemüthe aufblühen. Süße
+Betäubung, schmachtende Unruhe, stellten sich als Vorboten der Liebe ein,
+holde Träume umgaben ihn wachend.
+
+Guido war im siebzehnten Jahre so stark und gewandt, daß er manches
+Raubthier mit unbewaffneten Händen würde überwunden haben. Er sprang in die
+See, wenn ein Orkan ihre Wogen erhob, und kämpfte dann lächelnd mit der
+empörten Flut. Er konnte im Laufen das fliehende Reh ereilen und den Gemsen
+des Hochgebirgs nachklimmen. Dabei war er ein fleißiger Mathematiker, hatte
+eine Karte von dem Meergrunde zwischen Sizilien und Kalabrien gefertigt,
+die Beifall fand. Kriegerische Künste beschäftigten seine Einbildungskraft,
+und mit Chemie vertraut, gab er die Konstrukzion einer dichten
+Gewitterwolke an, die ein künstlicher Wind über ein feindliches Heer
+treiben, wo sie in so viel Blitzen niederwärts sich entladen sollte, als
+das Heer Köpfe zähle. Anmaaßend, wie es unerfahrner Jugend wohl eigen ist,
+hatte er, ohne seines Lehrers Darumwissen, den Entwurf nach Rom gesandt und
+dem Strategion zur Prüfung übergeben. Die Männer aber, welche diesen Rath
+bildeten, lachten allgemein, indem sie einwandten, die Gegner dürften sich
+ja nur sämtlich mit Ableitern versehn und der Wolke spotten. Doch setzten
+sie hinzu: der Jüngling möge nicht ohne gute Anlage sein, und ihm gebühre
+einige Aufmunterung.
+
+Manches andere Wissen dagegen war unserm Guido noch fremd. Besonders konnte
+er sich immer nicht an die Geschichte ketten, weil ihm gar zu winzig und
+unbedeutend schien, was die vergangenen Jahrhunderte vollbracht hatten.
+
+Nachdem er lange in sich verschlossen gewesen war, eilte er an einem
+schönen Sommerabend zu Ini. Sie hatte den kleinen Marmorsaal in ihrem Hause
+zum Aufenthalt während der Tageshitze bestimmt. Hier strömte ein
+Springbrunnen geläutert Quellwasser, der andere gepreßten Orangensaft, der
+dritte Zuckeressenz aus mancherlei Wurzeln des Gartens gezogen. Einen
+niedlichen Goldbecher mit Sorbeth, aus den Flüssigkeiten gemengt, in der
+Hand, stieg nun Ini auf das platte Marmordach, wo aus Vasen Blumen dufteten
+und ihr Webestuhl sich befand. Sie malte fertig und bei der kunstvollen
+Einrichtung des Stuhles ahmte sie ihre Malereien in Seidenarbeit nach. Wo
+blieben die Gobelintapeten, lange zuvor berühmt, neben diesen Geweben!
+
+Guido kam ihr nach auf die Zinne. Mädchen, rief er, seit ich dich sah, bin
+ich erkrankt und genesen, die Lüge wird mir Wahrheit, die Wahrheit Lüge,
+immer drängt es mich, dich zu sehn wie das Sehenswerteste, und ich fliehe
+dich wie das Furchtbarste. Ich bin in des Aetna Tiefe gestiegen, doch die
+Flammen deines Auges trag ich nicht. Deute mir das, hohe Schönheit!
+
+Das Mädchen zog dunkle Falten der Stirne, die aber ihr frohes Auge Lügen
+strafte. Mit verstelltem Unwillen entgegnete sie: ich glaube, du willst mir
+gar mit Liebe nahn!
+
+Guido rief: ich bin mir keinen Willen bewußt. Dem Zuge deiner Schönheit
+folge ich unterwürfig.
+
+Ini sann einen Augenblick mit hochgerötheter Wange nach. Dann sagte sie
+lächelnd: den Worten soll ich Liebe glauben? Beweise sie durch die That und
+ich will mich fragen, ob ich sie hören darf.
+
+Entzückt von dem holden Strahl einer aus weiten Fernen schimmernden
+Hoffnung, flehte Guido mit Ungestüm, ihm die That zu nennen, wodurch er
+seine Liebe zu bewähren hätte?
+
+Tritt näher, sagte Ini, nimm Platz, dort auf den Sessel von Elfenbein, daß
+ich dein Haupt von der Seite erblicke.
+
+Guido gehorsamte still.
+
+Ini zog ein ander Seidenzeug auf ihren kunstreichen Webestuhl, und in
+wenigen Minuten hatte sie Guidos Abbild darin gewirkt. Hier, rief sie, des
+sichtbaren Guido Umriß, wie er zeugt von dem unsichtbaren, die Urkunde
+seines geheimen Lebens, der Tag seiner innen waltenden Nacht.
+
+Guido blickte hin. Die höchste Wahrheit hatte die Bildnerin getroffen. O
+webe mir dein Bild, flehte er wehmüthig, mit Entzücken will ich es von
+hinnen tragen.
+
+Das steht weit hinaus, erwiederte sie. Doch will ich nun ein zweites Gewebe
+fertigen.
+
+Sie ging wieder an die Arbeit, während der Jüngling sich mit trunknen
+Blicken an der hohen Gestalt weidete, und bisweilen ärgerlich auf sein
+Konterfei sah. Denn es wollte ihm nicht gefallen, ob er schon nicht wußte,
+warum.
+
+Nach einer Viertelstunde hatte Ini geendet. Sie zeigte ihm ein neues
+Seitenbild, das Guido in den Zustand der höchsten Verwunderung brachte. Er
+sah seine Grundzüge wieder, aber in einer bezaubernd schönen Idealität.
+Höher strebte des Schädels Mitte empor, regelmäßig wölbte sich das
+Hinterhaupt, weit drang die reine Wellenlinie der Stirn hervor, eine
+unbeschreibliche Veredlung wohnte in dem ganzen Profil, liebliche Anmuth um
+den Mund, in dem klarer, tiefer, strahlender gewordenen Auge, redete der
+volle, Ehrfurcht gebietende Ausdruck _jugendlicher Weisheit_, der in
+früheren Zeiten nicht lebend anzutreffen war, den auch die Künstler, welche
+einst den Apollon vom Belvedere oder den Antinous fertigten, noch nicht
+dargestellt hatten. Indessen konnte ihn die Entwicklung der Menschheit erst
+spät hervorbringen.
+
+Guido blickte bald verlegen auf das Kunstwerk, bald auf die hochsinnige
+Meisterin. Ich sehe mich hier in ein Gedicht verklärt, hub er an, was
+willst du mir deuten?
+
+Kein Gedicht, entgegnete das Mädchen, erreichbare Wahrheit. Du hast mir
+süßen Schmerz der Liebe geklagt. Gestalte dich nach diesem Bilde um, ich
+gebe dir zwei bis drei Jahre Zeit, hast du dann diese Schönheit dir
+anerzogen, soll meine Gegenliebe dein Lohn sein.
+
+Wie soll ich das anfangen! rief der Befremdete. Bin ich Herr über meine
+Gestalt?
+
+Du bist es.
+
+Bin ich ein Schöpfer?
+
+Wenn dein Lieben wahr ist! Ich sage dir nichts mehr. Dem Geist deiner Liebe
+hast du das Geheimniß zu entwinden. Doch nicht allein sollst du umwandeln.
+Ich werde mir auch ein Ideal meiner Gestalt entwerfen.
+
+Eitles Mühn! wie könnte deine Phantasie einen schöneren Traum erschaffen
+als die Wirklichkeit!
+
+Schmeichelei, oder, wenn es dir so scheint, Unvollkommenheit in deinem
+Urtheil. Es wird sich stärken, dein Tadel erwachen, und das Streben, mich
+vor dem Tadel zu retten, mir wohlthun. Der Augenblick wo einem Mädchen zum
+Erstenmale Liebe bekannt wird, giebt neue Aussichten in die Welt höherer
+Anmuth. Nach einem Jahre sollst du mein Ideal sehen. Ehe nicht. Bis dahin
+begnüge dich auch, an mich zu denken.
+
+Wie, ich soll dich in dem langen Zeitraume nicht erblicken?
+
+»Die erste Prüfung! Auch eine nothwendig ungestörte Frist!«
+
+Unbegreifliche! -- Und dennoch erwacht mir die Hoffnung, ich werde den
+hohen Sinn deiner Worte faßen lernen.
+
+»Frage den Geist der Liebe, sein Orakel tönt in deiner Brust. Und nun
+nichts weiter. Lebe wohl!«
+
+Ehrerbietig entfernte sich Guido, irrte umher in den lieblichen Thalen, bis
+Nachtviolen die Orangenblüthe überdufteten und der Vollmondschein durch die
+Oelbäume und Mandelsträuche des blumigen Hügels winkte.
+
+Wie auch der Sturm heiliger Empfindungen in ihm wogte, immer ward die Frage
+laut.
+
+Und der Liebe Geist antwortete ihm leise: So du der _Seele_ Schönheit
+pflegst, wird sie sich in der _Gestalt_ verkünden.
+
+Guido kniete nieder vor der Gottheit in seiner eigenen Brust und flehte
+innig um Lehre.
+
+Wer so innig fleht, wird erhört. Aus dunkeln Nachtgewölken enthüllte sich
+mit jedem Tage die Misterie reiner, bis die Pfade ihm von tausend
+Morgensternen erhellt schienen.
+
+Er machte sich mit den Schriften neuer gerühmter Weisen bekannt. Im ein und
+zwanzigsten Jahrhundert gab es Wenige, die es zu dem Namen bringen konnten,
+denn die Weisheit galt keine Seltenheit mehr. Auch sahe man nur wenige
+Bücher, in der allgemeinen Sprache von Europa, vor hundert Jahren
+eingeführt, als man hier endlich die Thorheit beseitigte, ein und dasselbe
+Ding auf so verschiedene Arten zu nennen, und dem, der bedeutendes Wissen
+umfangen will, das halbe Leben im Studium der Mundarten abzufordern. Es gab
+dagegen unermeßliche Büchersammlungen in den alten Sprachen, aber sie
+galten meistens Denkmäler vorzeitlicher Irrthümer. Die wenigen, welche in
+den Tagen höher gediehener Bildung noch den Namen Weisen errangen, waren
+Männer, die mit rüstiger Kraft, aus den Schätzen der Vergangenheit, das
+Beste, das Allgemeingültige sonderten, was sich denn auf wenige Blätter
+bringen ließ, nun aber auch die Mitwelt desto leichter in Stand setzte, die
+Höhe des vorhandenen Wissens schnell zu erfliegen und mit starken Schritten
+weiter zu dringen.
+
+Auch die Geschichte des Menschengeschlechts hatten tiefe Forscher so
+bearbeitet, daß die Erscheinungen sich immer deutlicher in ihrem Ursprung
+erklärten und daß daraus, sowohl die Kräfte als der Zweck des Lebens
+deutlicher wurden.
+
+Guido erbeutete nach und nach reiche Summen von Wissen, eine schon durch
+die Mathemathik gestärkte Denkkraft, eine durch die Liebe entzündete
+Phantasie, nehmen leicht auf, bewahren dauernd und fühlen mit jedem Tage
+mehr, wie des Genius Fittig sich regt.
+
+Bei diesem Geschäft, das er mit heiligem Eifer trieb, kamen Empfindungen
+über ihn, deren Hoheit und Würde er nie geträumt hatte. Stark fühlte er
+alles Große, edle That sprach ihn an, daß er lebhaft sich in den Zustand
+dessen denken mußte, der sie verrichtet hatte, mit tief liebender Ehrfurcht
+füllte ihn die Religion, er schwärmte für alle Schönheit der Natur, um so
+mehr, als er Inis Verwandtschaft darin zu erkennen wähnte.
+
+So floh denn das Jahr eilig dahin, und hatte sich Guido schon bei seinem
+Anfang durch die Wunder der Liebe verändert gefunden, so schien er sich
+jetzt gar nicht mehr das Wesen von Ehedem zu sein. Trat er seit einem
+halben Jahre an den Spiegel, meinte er auch schon, hie und da hätten sich
+seine Formen umgewandelt. Doch war er mit sich selbst nicht einig, ob er
+hier an Wahrheit oder Täuschung glauben sollte.
+
+Das Jahr war endlich um, und er eilte mit hochklopfendem Busen zu Ini. Wie
+gespannt ist das junge Herz, wenn es nach einer so langen Abwesenheit dem
+Gegenstand heiliger Liebe wieder nahen darf.
+
+Ini saß eben im Garten und rührte die Zephirharmonika. Es war dies ein
+Instrument, mit vielen langen Harfensaiten bespannt, die hoch in die Luft
+reichten. Zu jedem Ton gehörten hundert gleich gestimmte Saiten,
+hintereinander an wiederhallende Laden gefügt und vorne mit einer Blende
+versehn. Unten befand sich ein Tastenwerk, wodurch jedesmal, nachdem man
+schwache oder starke Töne hervorrufen wollte, die Blende, weniger oder mehr
+entfernt ward. Nun berührten die aufgefangenen Luftströme die Saiten und
+man vernahm jene reizende ätherische Schwingungen, welche früherhin schon
+an den sogenannten Aeolsharfen bezauberten, nur daß damals noch Niemand
+Herr der Melodien zu werden verstand.
+
+Guido trat in das Gartenthor, leicht aus Porphir gearbeitet, und nahm
+seinen Weg durch einen, von hohen blühenden Rosensträuchen beschatteten,
+Gang, an dessen Ende die Zephirharmonika auf einem frei emporragenden, nur
+mit niedrigen Lilien und Anemonen bepflanzten Hügel stand. Die Töne wehten
+ihm her durch die balsamhauchende Abendluft, ehe er noch das Instrument
+sah. Er wähnte, sie stiegen von glücklicheren Sternen nieder. Endlich
+erblickte er Ini. Das Piedestal des Instruments, etwa zwanzig Schuh hoch,
+war aus hell durchsichtigen Glassäulen erbaut. Ein Maschinenwerk hob auf
+den Sitz. Dieser, wie auch die Laden und Blenden waren mit goldfarbigem
+dünnem Zeuge bedeckt und wolkenartig gestaltet. Ueber sie weg in gefälliger
+Rundung wölbten sich diese Zeuge. Die Saiten gewahrte das Auge in einiger
+Entfernung nicht, und so schien es, Ini schwebe ob dem Hügel auf einem
+Wolkenthron.
+
+Eine Umgebung der Art müßte jede Schönheit erhöhen, um wie mehr wenn
+erquickende Blumendüfte, und zaubervolle Harmonien bestachen, um wie mehr
+wenn die wirklich hohe Schönheit mit dem Blick der Liebe angestaunt ward.
+
+Guido erschrack freudig, da er um die letzte Krümmung des Rosenganges trat,
+und nun Ini ersah. Nieder mußte er anbetend sinken. Ihre Gestalt lag in so
+hoher Vollkommenheit in seiner Einbildung verwahrt, aber das erste Anschaun
+jetzt belehrte ihn von neuer Trefflichkeit.
+
+Sie wandte bald das Auge nach ihm hin. Nicht konnte man diese Bewegung eben
+zufällig nennen, wohl hatte sie Tag und Stunde gemerkt, da das Jahr
+umgelaufen wäre, sie hoffte jetzt den Jüngling erscheinen zu sehn, und wenn
+sie ihn gerade so empfing, sind wir berechtigt, den Grund in ihrer
+Weiblichkeit aufzusuchen.
+
+Sie erröthete -- da hätten Abendsonne und Rosen sich beschämt abwenden
+mögen, sie endete ihr Spiel, da konnte der Nachtigallenchor sich freuen,
+weil er nun gehört zu werden hoffte.
+
+Sie stieg herab, winkte freundlich dem Jüngling aufzustehen. Lächelnd und
+gesammelter nahm sie seine Hand und führte ihn nach dem Zimmer im
+Wohnhause, das mit ihren malerischen Geweben umhängt war. Hier befand sich
+jenes Ideal von Guidos künftiger Schönheit, das sie gleich herbeilangte.
+
+Du wecktest schöne Kräfte in dir, hob sie an, ihr Walten spricht in deinem
+Auge, ein reiner Sinn erzog dir diese Reinheit im Antlitz, edle Gefühle,
+hohe Einbildung, angenehme Affekten trugen den Ausdruck dieser Harmonie aus
+Linien, Farben, Zügen zusammen. Eile emsig weiter auf der hold betretenen
+Bahn, und das schöne Ziel wird dir nicht entfliehn.
+
+Guido empfand selige Wonne. Als sich seine Gefühle erst in Worte zu kleiden
+vermogten, sagte er Ini, wie auch ihre Schönheit, ob er sie schon auf den
+Gipfeln der Vollendung geträumt hätte, unendlich erhöht sei.
+
+Sie ward verlegen, lächelte und holte eine zweite Malerei, welche auch ihre
+Gestalt in einem Ideale bildete. Guido wollte die neue Versündigung gegen
+ihre dermaligen Reize schelten, doch Staunen und Bewunderung schlossen
+seinen Mund. --
+
+Von der Zeit an sahen sich die Liebenden öfter. Viel inniger noch wurden
+ihre gegenseitigen Beziehungen und dennoch mehr Verständigkeit
+hineingelegt. Die Rückwirkung war für jeden Theil segnend.
+
+Gelino, der sorgsame Lehrfreund, hatte schon im Laufe jenes Jahres manche
+Veränderungen bemerkt, welche Guido in seinem Charakter zeigte. Der
+Uebergang war zu plötzlich gewesen. Die Fortschritte im Guten hatten zu
+schnell geeilt, als daß der lebenserfahrne Greis nicht richtig auf den
+Grund davon hätte schließen sollen. Gleichwohl konnte er nichts weiter
+erspähn, da Guido in diesem Zeitraume fast seine Wohnung nicht mied.
+
+Auch Athania, die edle Erzieherin, war zu scharfsichtig, um nicht Ini bald
+aus ihren Umgestaltungen zu errathen, wenn ihr gleich der Jüngling ihrer
+Liebe noch ein Geheimniß blieb.
+
+Doch da die Liebenden sich nachher öfter zusammenstahlen, konnten sie der
+forschenden Beobachtung nicht entgehen. Beide Alten waren schnell mit ihrem
+Glauben aufs Reine und bei einer Zusammenkunft entstand folgendes Gespräch.
+
+Gelino. Werthe Athania, mein Zögling scheint Ini zu lieben.
+
+Athania. Eben wollte ich dir meine Bemerkungen über diesen Gegenstand
+vortragen.
+
+Gelino. Ich gerathe in keine kleine Verlegenheit. Wohl hat diese Liebe,
+ohne Zweifel die erste, und eben so gewiß auf eine würdige Art erwiedert,
+Veredlung im Gefolge, dennoch muß ich darauf sinnen, wie sie am bequemsten
+zu hindern sei.
+
+Athania. Harte Strenge gegen die jungen Seelen.
+
+Gelino. Aber nothwendig. Der Kaiser nimmt sich meines Guido, den er hier
+kennen lernte, an, hat mir bei seiner letzten Gegenwart vertraut, wie er
+ihn zu hohen Staatsämtern berufen wolle.
+
+Athania. Und Ini ward mir von einer Afrikanerin übergeben, die ich nur
+verschleiert sah, die aber auf einen hohen Stand schließen ließ, und bis
+dahin die Tochter in einem Fündlinghause hatte erziehen lassen. Daß sie
+sich Inis Ehe zu bestimmen vorbehalten bat, läßt sich um so eher erwarten,
+als ich bald mit dem Mädchen nach Afrika beschieden bin. Gleichwohl dürften
+wir mit all' unserer Sorge nicht so viel an den Pflegbefohlnen erziehen wie
+die Liebe.
+
+Gelino. Darin stimme ich vollkommen ein.
+
+Athania. Gestatten wir den jungen Leuten sich zu lieben, den Frühling ihrer
+Jahre entzückt zu genießen. Doch werde ihnen auch gleich verkündet, wie
+Besitz nimmer das Ziel dieser Liebe sein könne, wie sie sich an den Freuden
+des Augenblicks und an wechselseitiger Erziehung zu genügen hat.
+
+Gelino wandte noch manches ein, gab aber endlich nach, wobei denn noch
+beschlossen ward, die jungen Personen sollten sich immer in einiger
+Entfernung bewacht finden.
+
+Athania sprach mit Ini, welche erröthete.
+
+Bald sammelte sich aber das Mädchen und entgegnete, wie sie sich eine
+solche Ankündigung gar wohl gefallen lassen könne, da zwischen Guido und
+ihr eigentlich ja nur das bildnerische Problem gelöset werden sollte, die
+höchst mögliche Schönheit zu erringen.
+
+Athania war nicht wenig befremdet, als ihr dies näher erklärt wurde,
+hoffte, daß dem feinen Sinn der so etwas zu erfinden vermöge, auch die
+Selbstherrschaft nicht abgehen werde, wenn die Trennung geboten sei.
+
+Gelino fand höhere Bestürzung an dem Jüngling, da sich dieser so unerwartet
+entdeckt sah. Doch faßte er sich auch und erklärte: könne er Ini nimmer
+besitzen, solle doch das Geschäft, sich ihrer würdig zu machen, sein Glück
+heißen. Dies lobte sein Führer mit Wärme.
+
+Die Liebenden eilten einander mitzutheilen, was Jedes von ihnen eben gehört
+hatte. Guido war in trüben Kummer versenkt. Ini zeigte eben nicht ihren
+gewohnten heitern Muth, doch sagte sie mit Festigkeit: Ich verhieß dir,
+wenn du mein Ideal erreicht haben würdest, dir mit Gegenliebe zu lohnen.
+Bis dahin erwarte nichts, dann alles, was das Schicksal auch einreden mag.
+
+Bald darauf kam ein Eilbote durch die Luft aus Afrika geflogen, und
+meldete, wie Inis Mutter ihre Tochter zu sehen begehre. Er brachte zugleich
+ein bequemes Fahrzeug mit, das die Reisenden nach jener Küste tragen
+sollte.
+
+Es war dies ein Häuschen von dünnem Schilfrohr geflochten und mit Fenstern
+aus einem ganz durchsichtig gemachten leichten Horne versehn. Zwei
+Kabinette, eine Kammer für die Dienerschaft und eine Küche, mit dem
+nöthigen kleinen Magazin von Speisen und Getränken, waren im Innern
+abgetheilt. Kostbare Teppiche schmückten mit andern Geräthschaften die
+Kabinette. Das Dach war platt, mit einem Geländer und Sitzen umgeben, sich
+dort bei angenehmer Witterung aufzuhalten. An dies Dach waren die seidenen
+Stränge befestigt, welche von der oben schwebenden Azotkugel niederhingen.
+Man wußte jetzt das Azot viel leichter und einfacher zu bereiten als im
+Anfang der Luftschifferei. Auch hatte lange schon die Versuche, Adler zu
+zähmen und an die Fahrzeuge zu spannen, Erfolg gekrönt. Man hielt auch
+viele Institute zur Zucht und Einlehrung dieser Thiere. Postämter befanden
+sich in allen Richtungen von Grad zu Grad, und wenn Reisende im Abstand
+einer Meile, bei Tag mit einer lang flatternden Fahne, bei Nacht mit einem
+Raketenschein sich meldeten, trafen sie alles bereit.
+
+Das Fahrzeug, worin die Schöne nach Afrika eilen sollte, war mit zwanzig
+rüstigen Thieren bespannt. Guido bat flehend um die Erlaubniß, sie einen
+Grad begleiten zu dürfen. Athania und Gelino willigten ein. Er miethete
+also eine kleine offene Gondel, wie sie zu Briefposten im Gebrauch war, die
+nur an einem kleinen Ball hing und von zwei Adlern fortgeschaft werden
+konnte. Diese ward an das größere Fahrzeug befestigt und die beiden Adler
+einstweilen vorne mitgebraucht.
+
+Man stieg an einem herrlichen Morgen ein, und ließ das Fahrzeug sich hoch
+erheben. Welche herrliche erquickende Empfindung, im reineren Aether oben,
+welch' entzückendes Schauspiel, die Sonne, die dem Thale erst im
+Purpurhauche am Ost sich verkündet hatte, nun schnell am tiefen Erdrund zu
+gewahren, da der Flug ihr zuvor eilte. Die Reisenden sahen die klare
+Sonnenscheibe des unbewölkten Himmels, doch unter ihnen schwand noch alles
+in Dunkel, weil Siziliens hohe Fluren noch nicht erhellt wurden. Nur der
+Aetna, welcher eben Flammen auswarf, entdeckte sich ihnen in feurigen
+Verschlingungen. Bald aber trafen Föbos Strahlen die Höhen des Eilandes,
+und kurze Zeit darnach lag es in seiner ganzen Gestalt erkennbar unter
+ihnen, denn sie schwebten hoch genug, Sizilien vom silberfarbnen Meere
+umgürtet, zu übersehen. Palermo, Messina und Sirakus waren kaum als Punkte
+bemerklich, die Orangen- und Pinienhaine zogen sich in blauen Streifen an
+den Gebirgen hin, die Thäler waren in ein heitres Gelb verschmolzen. Der
+Liebenden Busen wallte hoch auf in dem frohen Anschaun, und nur die nahe
+Trennung störte ihre erhabenen Gespräche über den erhabenen Gegenstand.
+
+Fürchte nichts, sagte Ini, ich komme gewiß nach Sizilien zurück. Es wird
+meine erste Bitte an die Mutter sein, meine Erziehung hier zu vollenden.
+Ich schreibe dir, was sie beschließt, und du kömmst mir dann wieder
+entgegen.
+
+Die Reise ging schnell, da die Thiere munter die Flügel regten und man sich
+in einer stillen Luftregion befand, wo sie keinem Widerstand entgegen zu
+kämpfen hatten. Nach einigen Stunden lag die Bläue des Meeres unter ihnen
+und eine grüne Linie an seinem mittäglichen Rande bezeichnete Afrika. Der
+Grad ist bereits überschritten, sagte Inis Erzieherin, es ist Zeit, daß du
+an die Rückkehr denkst, Guido. Diesem waren die Stunden wie Minuten
+entwichen, er flehte um eine Zugabe von Frist. Man muß den Vertrag halten,
+antwortete Jene, auch merkte der Knabe, den Guido von der Luftpost zu
+Palermo mitgenommen hatte, an, die Adler dürften ermüden.
+
+Guido stieg in den kleinen Kahn, vor welchen der Knabe die zwei Adler
+gelegt hatte, die nun rückwärts gelenkt wurden. Tausend Lebewohl rief er
+Ini nach, die ihren thränenden Blick zu ihm wandte. Bald sah sie von der
+kleinen Kugel nur einen hellen Punkt, den sie so lange als möglich mit dem
+Sehrohre verfolgte.
+
+Guido war sehr traurig als er wieder in seiner Wohnung anlangte. Nur die
+Hoffnung, bald einer Nachricht von Ini entgegen sehen zu dürfen, richtete
+sein Gemüth auf.
+
+Man hatte um diese Zeit die Mittel, sich aus der Ferne zu unterhalten,
+bedeutend vervielfacht. Telegraphen standen durch ganz Europa, in allen
+Linien von namhaften Orten, aufgerichtet, und Jedermann konnte sich ihrer
+gegen eine mäßige Zahlung bedienen. Die vervollkommnete Akkustik diente
+hier aber mehr dem Gehör, als früherhin die wenig umfassenden Zeichen dem
+Auge. Es gab Sprachtrompeten, welche bei Tag und Nacht, und fast bei jeder
+Witterung, auf eine Meile deutlich hörbar tönten und durch welche man von
+Station zu Station melden ließ, was man wollte. Ueber Meere leisteten
+dagegen die allgemein gewordenen Taubensendungen Hülfe. Ini hatte deshalb
+von dem Manne, der die Taubenpost zu Palermo hielt, sechs dieser
+gefiederten Boten mit sich genommen, um sie mit kleinen Briefchen am Halse
+zurückfliegen zu lassen. In diesem Orte waren deren ebenfalls aus
+Neu-Karthago, der jetzigen Hauptstadt von Afrika vorhanden, deren sich
+Guido bedienen konnte.
+
+Jeden Tag eilte er zu dem Manne und blickte aus seinem Thürmchen nach
+Süden. Manche Taube kam geflattert, eins oder mehrere Papiere am zarten
+Hals, doch lautete die Aufschrift an andere Personen. Endlich nach einer
+Woche schwebte es weiß daher und die röthlichen Füßchen einer niedlichen
+Turteltaube setzten sich auf den Schlag nieder. Das zahme Thier ließ sich
+willig ergreifen. An Guido, stand auf dem Briefchen. Hurtig ward es
+abgenommen und geöffnet.
+
+Ini schrieb, wie sie von ihrer Mutter mit froher Zärtlichkeit aufgenommen
+sei, und diese Mutter, die ganz still auf einem Landhause bei Neu-Karthago
+lebe, auch ihre Liebe im reichen Maaße verdiene. Sie setzte hinzu wie sie
+nicht begreife, daß diese Mutter, bei einem so warmen Herzen, ihre
+Erziehung der Fremden habe übertragen können, und wie hier ein Grund
+vorhanden sei, bedeutende Geheimnisse zu vermuthen, um deren Aufschluß sie
+vergebens gefleht habe. Noch folgten begeisterte Schilderungen der
+vorzüglichen Eigenschaften dieser edlen Frau.
+
+Guido, wie unendlich ihn der Empfang des Schreibens erfreute, ward tief
+bestürzt, daß darin von keiner Wiederkunft die Rede war. Er fürchtete,
+Mutterliebe werde die Tochter nicht wieder scheiden lassen, und Inis Herz
+-- von dem er doch täglich mehr für sich hoffte -- von ihm wenden.
+
+Nach einigen Tagen langte ein zweiter Brief an. Hier schrieb ihm Ini, sie
+käme nach Sizilien zurück. Schwerer, als sie es geglaubt hätte, würde die
+Bitte darum ihr geworden sein, weil sie die Mutter einen Mangel an
+Anhänglichkeit hätte argwohnen lassen können, doch sei diese ihren Wünschen
+mit der Erklärung entgegen gekommen, Athania werde mit ihr auf ungewisse
+Zeit den vorigen Aufenthalt nehmen. Ini klagte noch mit schmerzlichem
+Gefühl über die nahe Trennung von einer Mutter, die so gut und weise sei.
+Sie setzte hinzu, daß sie -- sonderbar -- der verschleierten Mutter Antlitz
+nimmer schauen dürfe.
+
+Guido war hoch entzückt über den einen Punkt, wenn ihn schon der andere
+nicht ganz ohne Unruhe ließ, denn die Liebenden wollen nichts als sich
+geliebt wissen, sogar eine Mutter nicht.
+
+Nach einigen Tagen meldete ein Täubchen die Rückkunft auf Morgen an. Wie
+flog Guido zur Adlerpost, die Kouriergondel zu dingen. Wie froh schwang er
+sich zur Höhe!
+
+Man lenkte bei diesen Luftfahrten nach Karten und Kompaß, konnte also den
+Strich nicht verfehlen, um so mehr als beides in sehr verbesserter Art
+vorhanden war. Denn man bildete die Karten in erhabener Arbeit, so daß sie
+auf das Genaueste die Berge, Städte, Felder u. s. w. darstellten. Alle
+Verhältnisse der Länge, Breite, Höhe waren richtig, wenn schon in bequemer
+Verkleinerung, und so, daß sie dem gewöhnlichen Auge nicht erkennbar
+wurden. Dann bediente man sich aber der jetzt so treflichen Mikroskope,
+unter welchen alles deutlich ward. Der Kompaß war mit Uhren, Zeitmessern
+und andern Vorrichtungen dergestalt verbunden, daß man, zumal auch die
+Längenfindung entdeckt war, in jedem Augenblicke den Punkt angegeben hatte,
+in welchem man sich befand. Es konnte mithin unserm Guido nicht fehlen,
+seinem Mädchen in der Luftregion zu begegnen.
+
+Auch das Sehrohr entdeckte sie ihm schon auf weiter als zwei Grad' und er
+ward zu seinem hohen Vergnügen bald inne, daß auch ihr schönes Auge an dem
+nemlichen Instrumente lag, nach ihn auszusehen. So lächelten und
+liebäugelten sie einander schon zu, wenn gleich mehr als zwanzig Meilen
+entfernt. Bis auf einige Meilen genaht, leisteten ihnen die akkustischen
+Werkzeuge Hülfe, sich zu begrüßen und sich süße Dinge zu sagen. Herrliche
+Erfindungen für Liebende.
+
+Endlich war das ätherische Häuschen erreicht, in welchem die gefeierte
+Schönheit saß. Guido konnte die Zeit nicht erwarten, aus seiner Gondel auf
+das Dach zu springen. Er war zu eilig, versah es, und -- fiel.
+
+In einer Höhe von viertausend Schuh fiel Guido nieder. Allein sämtliche
+Luftpassagiere waren gewohnt, eine Hauptbedeckung von einem dünnen Zeuge,
+mit kleinen Stäben aufgesteift, zu tragen, die sich bei einem etwanigen
+Unfall, durch die natürliche Wirkung der Luft, breit entwickelte. So
+erfolgte dann nichts weiter, als ein jähes Niedersinken von etwa hundert
+Schuhen Tiefe, dann hing man gesichert am Fallschirm und schwebte langsam
+der Erde zu. Der Postknabe flog mit seinen Adlern schnell niederwärts,
+fischte den Jüngling auf, brachte ihn wieder an Inis Fahrzeug, wo er
+diesmal vorsichtiger einstieg, nur den Schaden hatte ausgelacht zu werden,
+und -- was für den Liebenden freilich wichtig genug ist, eine Minute
+verloren zu haben.
+
+Guido und Ini hatten einander unendlich viel zu sagen, wenn schon die
+Weisheit es unendlich wenig genannt haben dürfte. Noch eifriger
+betrachteten sie einander: Der ganze Prozeß der Beiden legte es, wie wir
+schon oft genug berührten, auf Verschönerung an. Verschönt nun Liebe an
+sich, ist sie die beste Lehrmeisterin in jeder Kunst, fachen zugleich
+Trennung, Sehnsucht und Entzücken beim Wiedersehn sie um so höher an, so
+konnte es nicht fehlen, daß diese wenigen Tage sie ihren Zielen um etwas
+näher geführt hatten.
+
+Nicht lange darauf kam der Kaiser nach Palermo. Er ließ sich den Jüngling
+vorstellen und bezeugte seine Zufriedenheit mit dem vortheilhaften Bericht,
+welchen sein Erzieher über ihn abstattete. Dann gebot er diesem, sogleich
+eine Reise mit Guido anzutreten. Wenn diese vollendet wäre, sollten sie
+nach Rom kommen, und würde dann der Jüngling, bei einer neuen Prüfung,
+bestehen, verhieß Jener, sollte er zu einem wichtigen Staatsamte berufen
+werden.
+
+So standen also die Sachen. Morgen sollte Guido scheiden. Ini empfahl ihm
+nichts wärmer, als das Ideal nimmer zu vergessen, welches sie ihm nun auch
+einhändigte. Sind die drei Jahre um, sprach sie, und wir haben Beide
+erreicht, was wir wollten, dann liegt es schon in der ganzen Natur dieser
+Schönheit, daß wir uns besitzen müssen. Und nun scheide mit einem
+männlichen Lebewohl.
+
+Daß es nicht sehr männlich war, und die ermannende Rathgeberin selbst im
+Geheim der Fassung entrathete, ist zu vermuthen. Bei dem Allen ließ die
+hohe Wehmuth des Abschiedes auf lange Dauer wieder einen neuen Zug von
+Schönheit zurück.
+
+Guido sollte nicht immer durch die Höhen reisen, weil ihm die Tiefe dann
+nicht kund geworden wäre. Ein segelfertig Schiff im Hafen ward bestiegen,
+das den Lehrer und Zögling nach der jetzigen Ostmark des Staates von Europa
+tragen sollte.
+
+Die Kunst zu schiffen hatte bedeutend gewonnen. Unendlich geringer war die
+Gefahr dabei. Strand, Klippen, Meergrund hatte die viel erweitete
+Geographie treflich bezeichnet, der gute Pilot wußte den Strich, kannte die
+Tiefen seines Fahrwassers genau. Nächtliches Dunkel bereitete kein
+Hinderniß, weil man die Fahrzeuge mit Reverberen umhing, die im Umkreis
+einer Viertelmeile fast Tageshelle verbreiteten. Der Kampf mit Stürmen
+brachte Niemand mehr in Verlegenheit. Denn es gab Ankertaue aus feinen
+Metalldräthen, welche große Haltbarkeit mit geringem Umfang verbanden, und
+befestigte dadurch das Schiff, mogte die See noch so empört wogen. Bei
+Windstillen, die früherhin den Seefahrer in zeitraubende Unthätigkeit
+versetzten, halfen neuerfundene Ruderwerke, durch einen einfach kunstvollen
+Mechanismus in Bewegung gebracht. Man baute auch weit größere Schiffe, was
+um so eher anging, als die Häfen überall zu ihrer Aufnahme geeignet waren,
+und benutzte den Raum darin geschickt. Es war endlich ein Lack erfunden
+worden, der allen Eindrang von Wasser hemmte, daher die Waaren in den
+Kellern ganz trocken lagen und zugleich in sehr großer Menge, denn rohe
+Erzeugnisse zu verfahren, schämte sich der meisten Nationen Kunstfleiß, und
+die verarbeiteten nahmen weniger Platz ein. Der obere Theil der Schiffe war
+gemeinhin sehr vortheilhaft abgetheilt. Die Seeleute hatten Verfeinerung
+genug angenommen, um sich nicht auf einseitige Beschränkungen zu verstehn,
+und der Lebensgenuß war Jedermann zu wichtig, als daß er irgendwo verbannt
+gewesen wäre. Deshalb fand man hier einen Konzertsaal, der auch zum Theater
+umgeschaffen werden konnte, ein Lesezimmer, dessen Wandschränke mit
+Büchern, Karten und Instrumenten zum Behuf der Seefahrt und Naturkunde
+gefüllt waren. Eine breite Gallerie umlief das Schiff, besetzt mit
+Fruchtbäumen und Blumen in Töpfen. Hier lustwandelte man, ohne durch das
+Arbeitgetöse auf dem Verdeck gestört zu werden.
+
+
+
+
+Zweites Büchlein.
+
+Die Reise.
+
+
+Gelino bemühte sich während dieser Meerfahrt den Zögling in mancherlei ihm
+noch unbekannten Dingen zu unterrichten. Das Vergnügen der Bequemlichkeiten
+mancher Art, die Zerstreuungen durch Musik und Bühne, wurden ihm sparsam
+zugemessen; er mußte dagegen häufig im Kristallthurm weilen, und die Natur
+unter der Wogenfläche beobachten.
+
+Mit diesem Thurme hatte es folgende Bewandniß.
+
+Er war nur so groß, daß etwa drei oder vier Personen, ein
+scheidekünstlerischer Apparat und mancherlei Beobachtungsinstrumente darin
+Raum fanden. Von starken Bohlen viereckig gebaut, mit Seitenfenstern von
+sehr dickem aber vollkommen durchsichtigem Kristall. Der Boden überaus
+fest, um bei einem Stoße an Klippen nicht in Trümmern zu fallen. Die Decke
+an einen dicken, hohlen Metalltau gebunden, der ins Innre lief. Zudem
+vollkommen gegen den Eindrang der Fluthen gesichert.
+
+Dieser Thurm ward nun ins Meer gelassen, indem er in der Gegend des
+Steuerruders befestigt blieb. Durch seine Schwere ging er unter. Die
+Höhlung des Taues setzte die unten befindlichen Personen in den Stand,
+mittelst eines Sprachrohrs verlangen zu können, ob sie tiefer hinab
+gesenkt, oder höher hinauf gezogen sein wollten. Die Chemie hatte lange
+schon die Mittel entdeckt, eine verschlossene Luft durch Reinigen und
+Erzeugen von Sauerstoff athembar zu erhalten. War das Meer nun nicht in zu
+lebhafter Bewegung, so konnte man durch die Fenster alles weit um sich
+entdecken, ja man bediente sich einer Art Lampen vor Hohlspiegeln, um die
+Tiefe nöthigenfalls noch mehr zu erhellen.
+
+Welche Entdeckungen hatte die Naturkunde seit dieser Erfindung gemacht! Die
+Welt im Ozean, von der Ehedem so wenig bekannt war, lag nun dem Auge des
+Forschers offen da.
+
+Furchtbar schien es dem Neuling, im tiefen Gebiet der Nereiden und Tritonen
+zu hausen, auch nahten manche schlimme Gefahren. Die Meerungeheuer,
+ergrimmt über den seltsamen Besuch, wütheten bisweilen gegen des Thurmes
+Fenster und suchten sie zu zerstören. Allein es mangelte auch nicht an
+Vorkehrungen. Stacheln an den Ecken empfingen sie unfreundlich, so daß sie
+sich bald auf die Flucht begaben. Auch gab es Fallen mit einem künstlichen
+Mechanismus, die hie und da einen Seelöwen, einen Haifisch, einen Delphin
+und andere erst seit dieser Erfindung bekannt gewordene Thiere
+umklammerten, die denn als eine Beute für die Schiffsküche oder für eine
+Sammlung von Seltenheiten mit empor gebracht wurden. Bisweilen fanden sich
+aber zu große Thiere ein, und wenn der Thurm nicht eilig genug zur Höhe
+gewunden ward, ging er mit seinen Bewohnern verloren.
+
+Neue Steinarten auf dem Meergrunde, Fossilien, andere Gattungen von Perlen
+und Korallen waren eben sowohl in großer Menge entdeckt worden, als man die
+Ichtiologie bereichert hatte.
+
+Hier blieb Guido halbe Tage lang, übte den kaltblütigen Sinn in
+Lebensgefahr und ärntete merkwürdige Kenntnisse. Von dem was er sah und
+lernte, hielt er ein Tagebuch, brachte das Vorzüglichere davon in einen
+Auszug und sandte ihn durch mitgenommene Tauben an Ini.
+
+Man gelangte in den Archipelagus. Die meisten Eilande wurden besucht. Sie
+waren jetzt zum Theil von Hirten bewohnt, die ein dem alten arkadischen
+ähnliches Leben führten, denn Unschuld und fromme Sitte hatte man
+einheimisch gemacht; zum Theil aber sahe der Reisende vortreffliche
+Anstalten zur Bildung von Seeleuten und zum Schiffbau, wozu die Lage
+einlud.
+
+Guido gesellte sich bisweilen zu den Jünglingen und Mädchen unter den
+Hirten. Jene trugen gemeinhin an einem Bande ein Sehrohr auf dem Rücken
+weil sie in klaren Nächten die Beschäftigung ihrer Urväter trieben und die
+Sternkunde bereicherten. Daneben fertigten sie eine liebliche Art Flöten
+und begleiteten den Gesang froher Mädchen, deren Hand zugleich ungemein
+wohltönende Citharen rührte. Wie weit auch diese Musik der Zephirharmonika
+nachstand, mit welcher Ini ihn bezaubert hatte, fühlte Guido dennoch die
+Rührung einfacher und tief empfundener Melodien. Natur und harmlose
+Lebenssitte hatten auch diese Menschen so poetisch gemacht, daß auf
+Verlangen oder aus eignem Drang, Hirten und Hirtinnen Lied und Harmonien
+auf der Stelle erfanden und vortrugen, was die Hörer in die Zeiten der
+Amphion und Homer versetzte. Guido entwarf davon eine anziehende
+Schilderung und sandte sie Ini.
+
+Das Verlangen Athen bald zu sehen, regte sich nun lebhafter, denn zu viel
+hatte ihm Gelino davon gesagt. Es wurde auch in kurzem gestillt, man
+erblickte das alte Vorland Sunium, die Berggipfel Parnes und Brilessus, und
+lag bald darauf im Hafen Piräus vor Anker.
+
+Gelino unterrichtete ihn im Voraus über die Erscheinungen, welche ihn auf
+diesem merkwürdigen Erdfleck belehren sollten.
+
+Im achtzehnten Jahrhundert, hub er an, ereignete sich in der Provinz
+Frankreich jene bekannte Staatsveränderung, welche das Schicksal bestimmt
+hatte, nach und nach allen Reichen am Erdboden eine neue Gestalt zu geben.
+Nach langen blutigen Kriegen, die bis tief ins neunzehnte Jahrhundert
+geführt wurden, kam der größte Theil von Europa unter eine Obergewalt,
+welche aber die Unterregierung mehrerer Könige feststellte. Man nannte dies
+Reich, das erneute römisch-abendländische und Rom wurde, wie es jetzt noch
+ist, der Wohnsitz des Kaisers. Der schwerste Kampf war gegen die Albionen,
+damals in Schiffahrt und Seekrieg berühmt, welche ungeheure, wenn gleich
+meistens eingebildete, Reichthümer gehäuft und den gigantischen Entwurf
+gemacht hatten, die Handlung des ganzen Erdballs an sich zu bringen. Doch
+nach einer gelungenen Landung flohen die Vornehmen mit ihren klingenden
+Schätzen nach dem Indien am Ganges, und Calcutta ward die Hauptstadt ihres
+neuen Reichs. Das Volk blieb verarmt zurück und mußte unter fremder
+Regierung seinem Kunstfleiß eine andere Richtung geben.
+
+Doch bildete sich neben dem abendländischen Kaiserthume auch ein neues
+morgenländisches. Einen Cäsar an der Spitze, der sich den griechischen
+nannte, drangen die Völker des Nordens hervor, mit eisernen Armen, in alt
+scithischer wilder Kraft und dennoch mit den Künsten der vorhandenen Kultur
+vertraut. Den Boden des ehemaligen Griechenlands hatten damals die
+Ottomannen inne, ein kräftig Volk, voll Religion und warmer Phantasie, doch
+weit zurückgeblieben in den Wissenschaften. Sie mußten bald aus Europa
+weichen, wo ihr Sultan, durch mehrere Jahrhunderte, auf Constantins Thron
+gesessen hatte. Allein ihr reizend Gebiet in Europa ward der Zankapfel
+zwischen den beiden Großmonarchien. Neu-Griechen und Neu-Römer machten ihre
+Ansprüche darauf mit dem Schwerdte gültig. Eine verheerende Fehde folgte
+der andern, die Menschheit blutete. Man sah in den lachenden Gegenden nur
+Ruinen, entvölkerte Wohnplätze, verwüstete Auen. Umsonst mahnte Philosophie
+der blutenden Menschheit zu schonen. Zu gewaltig fühlten sich die
+Streitkräfte, zu entflammt waren die ehrgeizigen Gemüther, stolzer gemacht
+durch bedeutende Erfolge und immer weiter strebend in ungemessenen
+Entwürfen.
+
+Zuletzt veranstalteten beide Kaiser eine Unterredung zu Constantinopel.
+Mein muß Europa gehören, sagte der Occidentale, die Natur seiner Gränzen
+weist mich darauf an, ich ende den Kampf darum nicht und sollte das lebende
+Geschlecht darin untergehn. Doch nimm dir vom alten Morgenland Roms, das
+herrliche Klein-Asien, Sirien, dringe zum Euphrat vor, ja bemächtige dich
+aller Lande, denen einst Cirus gebot. Ich will dir in deinen Eroberungen
+treulich beistehn. Schon ist dein Asien dem Umfange nach, größer als mein
+Gebiet, wie viel reichere fruchtbarere Provinzen kannst du ihm noch
+zugesellen.
+
+Die Kühnheit des Plans gefiel dem Monarchen aus dem Hause Romanow. Da kamen
+von den Strömen Obi, Lena, Jenisei, von den Seen Aral, Telegul, Baikal, von
+den Altanischen und Sajanischen Gebirgen streitbare Krieger. Turalinzen,
+Kirgisen, Teleuten, Abinzen, Tschulimische und Werchotomekische Tatarn
+strömten über den Kaukasus, Hülfsvölker aus den stolzen Spaniern, den
+ehrgeizigen Franken, den markigten Germanen, den feurigen Polen, den
+schlauen Italiern und andern Nationen zusammen gebracht, drangen über die
+Meerenge von Constantinopel vor oder landeten an den Küsten von Sirien.
+
+Tapfer vertheidigten sich die Anhänger der Religion Muhameds. Doch
+Uneinigkeit theilte ihre Kraft, sie waren der überlegenen Kunst nicht
+gewachsen. Zwar kostete es Jahre, mühevoller Anstrengung und das Leben von
+Hunderttausenden, endlich aber wurden bis zu Mesopotamien hin alle
+alt-türkischen Besitzungen überschwemmt. Der Schach von Persien kam den
+Glaubensverwandten zu Hülfe, ward so in die Kriege verflochten und erlag am
+Ende des neunzehnten Jahrhunderts auch.
+
+Nun ward Ispahan des neuen ungeheuren Staates Mittelpunkt. Man bemühte sich
+mit Weisheit die Völker zu gewinnen, indem ihnen nach und nach die
+Wohlthaten der Kultur einleuchtend gemacht, und die verschiedenen
+Religionen in einen, von Wahn gereinigten, und durch allgemeine Moral
+veredelten, Kultus vereint wurden.
+
+Bald aber sahe man sich genöthigt neue Kriege im Ost zu beginnen. Die
+Albionen in Indien waren mächtig geworden. Sie trieben nicht nur in allen
+Gewässern zwischen Madagaskar und Japan ihr altes Spiel, sondern hatten
+auch zu Lande ihre Herrschaft bis über Tibet hinaus verbreitet, befehdeten
+den Khan von Sina, und gaben den Neu-Persern (so nannten sich jetzt die
+vormaligen Moskowier) zu vielen Klagen Anlaß. Die Waffen mußten
+entscheiden, ein hartnäckiger Kampf durch mehrere Jahrzehende folgte. Doch
+ein Monarch, Cirus Alexander genannt, drang zuletzt an den Ganges vor, nahm
+Calcutta ein und die Albionen sahen sich abermal gezwungen ihr Reich übers
+Meer zu verlegen. Sie wählten Neu-Holland, da Cirus Alexander ihnen auch
+die Inselgruppe von Borneo wegnahm. Doch jenes große Eiland, das nunmehr
+den Namen Süd-Brittania empfing, sammt vielen andern und manchen neu
+entdeckten am Pol, bildet jetzt ihr stattlich Reich und die kunstfleißige
+und üppige Hauptstadt Botani-Bai ist zu der Bevölkerung einer Million
+herangewachsen. Zu Calcutta, das sie eilig räumen mußten, fand man eine
+Abtei voll Grabmähler und Denkbilder großer Seehelden und Gelehrten. Denn
+dies Volk war von uralten Zeiten her ungemein dankbar gegen Verdienste um
+das Vaterland, und darum ist es ihm auch wohl gelungen mit anfänglich
+geringen Hülfsmitteln bewundernswerthe Dinge zu vollziehn.
+
+Nachdem das Neu-Persische Reich gestiftet und befestigt war, genoß das
+abendländische Kaiserthum einer langen glückseligen Ruhe. Der Kaiser Marcus
+Aurelius II. berief zu Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts die Fürsten und
+Weisen aus allen Landen, um eine Verfassung zu gründen, wie das Bedürfniß
+der vorgerückten Zeiten sie verlangte.
+
+Hier wurde nun vorerst angetragen, den Namen abendländisches Kaiserthum
+aufzugeben. Was dürfen wir Rom nachahmen? fragte man. Unser Reich ist an
+Umfang, Reichthum und Gewalt, bei weitem größer als das Reich der Quiriten
+in seiner üppigsten Blüthe. Haben wir allenfalls in Asien mächtigere Feinde
+zu fürchten als sie, so fehlt es uns nicht an Bundgenossen, mit denen
+vereint wir ihnen kräftigen Widerstand leisten können. Da auch die reinste
+Gemeinsache der Zweck dieses großen Landtags ist, so heiße das Reich
+künftig die Republik Europa.
+
+Aurelius, weit entfernt, seine Rechte gekränkt zu finden, sahe hier nur
+seine Wünsche ausgesprochen.
+
+Nur Gleichheit, sagte der weise Gekrönte, ist Verfassung des Rechts. Wenn
+Spaltung des Willens Ehedem die Republiken erschütterte, und sie zuletzt in
+Herrschaft der Willkühr untergehen ließ, so kam das daher, weil die
+Volksvernunft noch nicht hinlänglich gereift war, das Gute klar einzusehn.
+Man nannte die Tugend Stütze der Gemeinsache, Ehre die des Alleinregiments.
+Thörigter Irrwahn beide Begriffe zu scheiden. Heil der Zeit, welche endlich
+einsah, Ehre könne allein der Tugend Preis werden und Tugend sei durchaus
+nichts anderes als Huldigung der Vernunft.
+
+Dann bedingt aber die Verfassung, durch sich selbst, Volkswillen und
+Alleinherrschaft so verbunden, daß der Mann auf der Spitze, jenen
+nachdrücklich ausspricht, und, wie er ihn von unten herauf vernahm, ihn von
+oben hinunter in Erfüllung gehen läßt.
+
+Es gab Zeiten wo die Fürsten sich freuten, blindgehorsamen, vernunftarmen
+Sklaven zu gebieten. Jetzt, dem Himmel sei Dank, finden wir nur Ehre darin,
+freien, edlen, verständigen Bürgern vorzustehn. -- So sprach dieser
+Monarch.
+
+Du wirst auf deiner weitern Reise Gelegenheit finden, die Einrichtungen zu
+sehn, welche nun in der monarchischen Republik gegründet wurden, indem man
+unabläßig strebte, Tugend und Ehre zu gatten, und zugleich die
+Volksintelligenz und die Fürstenintelligenz erzog. Viel Hohes, Großes,
+Kräftiges, Entzückendes ist daraus hervorgegangen, wenn gleich freilich
+immer noch ein Grundsatz für die Tugend der Bürger mangelt, der ihre Tugend
+gewiß, ächt und als solche erkennbar macht. Ihn zu suchen ist das hohe
+Geschäft der Zeit, wiewohl man noch nicht glücklich darin war.
+
+Vor der Hand merke aber so viel von jenen Anordnungen:
+
+Alle Völker von Europa sollten zur Sitteneinheit erzogen werden.
+
+Man führte darum Ueberall dasselbe Maaß in Schwere und Umfang, dasselbe
+Tauschmittel, dieselben Satzungen des Rechtes, ein.
+
+Die allgemeine Sprache durch ganz Europa folgte.
+
+Die Völker hatten ihre besonderen Fürsten, da Eine Obergewalt unmöglich das
+weite Ganze im Einzelnen überblicken konnte. Diesen Fürsten blieb die
+Würdeerblichkeit zugestanden, um den Uebeln der Ehrsucht, List, Bestechung
+auszuweichen, doch haftete sie nicht an dem erstgeborenen, sondern an dem
+edelsten Sohn. Hierüber mußte das große Rechtstribunal schlichten, welchem
+der Kaiser vorsaß und wo auch alle Streitigkeiten der Fürsten gehoben
+wurden, wodurch, wie das Staatswohl auch von selbst verlangte, ein
+immerwährender Friede in Europa bestand, ein wichtiger Triumph der Zeit,
+wogegen die Vorwelt, in den Reichen, die jetzt nur, trotz ihren erblichen
+Gebietern, als Provinzen betrachtet werden, traurige innere Kriege sah. So
+hatte unter andern einst Deutschland einen Föderalismus gestiftet, wo aber
+demungeachtet sich ein Fürst gegen den andern der Waffen bediente. Doch,
+damit die Erben von Thronen, sich ihres erhabenen Berufs würdig machten,
+mußten die Väter, des Gemeinwohls halber, das frohe häusliche Verhältniß
+aufgeben, sie um sich zu sehn. Zeitig wurden die Söhne fernen
+Erziehungsanstalten übergeben, wo sie, unerkannt und unter andern
+Pfleglingen, nach den Grundsätzen gebildet wurden, die die Weisheit für die
+besseren erkannte, und welche sie immerfort veredelten. Dann bekleideten
+sie Aemter mannichfacher Art und wurden in Lagen gebracht, wo ihre schon
+entwickelten Talente sich noch mehr kräftigten. Endlich, männlich gereift,
+an Leib und Geist prangend ausgestattet, erfuhren sie ihre hohe Bestimmung
+und traten sie, von Schmeichelei und Lüsten unverdorben, an. Dieser
+Gebrauch ging in der Folge sogar auf die Fürstentöchter über, und
+keineswegs dürfen die Kinder der Kaiser davon ausgenommen sein.
+
+Was für die Religion, den Landbau, die Wissenschaften, Künste, Handwerke,
+die Ausrottung der Armuth, von Oben geschah, daß sie Unten desto freier
+gedeihen konnten, wird sich dir an seinem Orte verkünden.
+
+Ungeachtet der beschloßenen und nach und nach durchgeführten Identität der
+Europäer, glaubte man dennoch, dieser oder jene Landstrich könne durch
+seine Natur, und allenfalls durch gewisse Uebertragungen vom Alterthum,
+sollte es auch nur das begeisternde Andenken sein, sich für gewisse
+Beschäftigungen vorzüglich eignen. So wurde den bildenden Künsten, deren
+schönen, sittlichen Einfluß man nicht verkannte, das alte Griechenland zum
+Wirkungskreis angewiesen, und dabei, auf allgemeine Kosten, der lieblich
+phantastische Plan ausgeführt, Athen wieder aufzubauen. Du wirst diese
+Stadt nun sehen und zwar möglichst genau nachgeahmt, so weit nur die
+Alterthumskunde dazu Hülfsmittel anbot. Du wirst dich in die Zeiten des
+Perikles zurück wähnen, in seine Mauern tretend. Keiner von den Tempeln,
+keins der ehmaligen öffentlichen Gebäude mangelt. Bildhauer und Maler
+treiben vorzüglich ihre Kunst, und wenn der Hauptanreiz vor Zeiten in dem
+großen vortheilhaften Absatz der Statuen und Gemälde bestand, welche der
+alte Politheismus aus der halben bekannten Welt in Attika kaufte, hat auch
+der neuere Kultus diesen Anreiz wiederholt, indem es ein Gegenstand des
+Stolzes geworden ist, simbolische Darstellungen aus Athen zu besitzen,
+deren wohl viele schon in Palermo oder Messina dir zu Gesicht kamen. Ohne
+diesen begünstigenden Umstand würden Athens neuere Bildner schwerlich die
+Phidias und Apelles zurück gelassen haben, wie es wirklich geschehen ist.
+Mitbewerbung ist jedoch, wie sich von selbst versteht, hiedurch nicht
+aufgehoben, bei der allgemeinen Freiheit in Europa mag die Künste üben wer
+da will, und wo er will, auch wetteifern die Maler in Italien sehr
+glücklich mit denen am Ilissus, doch die Fertigkeit in Stein zu gestalten,
+drang hier am weitesten, wie überhaupt auch die Vorkunde (Theorie) des
+Schönen, in Athen am meisten einheimisch ist.
+
+Bei den Worten _Vorkunde des Schönen_ erglühte der Zögling und dachte an
+Ini, die sinnige Malerin. Es soll mich wundern, sagte er zu sich, ob die
+Bildner zu Athen meine holde Geliebte an Zartheit und Imaginazion
+übertreffen werden.
+
+Man zog nun in die Stadt ein. Guidos Herz wallte hoch auf, bei den
+rührenden Erinnerungen an das edle Alterthum, so lebendig durch die
+Nachahmung versinnlicht. Vor allen Häusern standen Hermen, deren
+Vollkommenheit Staunen erregte, das einfache und doch mit großem Eindruck
+erfüllende Ebenmaaß der heiter-majestätischen Tempel, legte entzückende
+Bewundrung auf.
+
+Gelino besuchte mit seinem jungen Freund die Werkstatt des gerühmtesten
+Meisters unter den Bildhauern. Der Mann faßte den Jüngling fest ins Auge,
+und schien befremdet. Dann zeigte er willig seine reichen Vorräthe, zu
+welchen die meisten Künstler von Belang ihre Arbeiten geliefert hatten, die
+nun in den weitläuftigen Säälen dieser Werkstatt und unter vortheilhafter
+Beleuchtung, dem Auge der Fremden ausgestellt sein sollten.
+
+Was als Kunstvorwurf gelten konnte, wurde in Athen auch künstlerisch
+behandelt und man band sich durch keine Vorliebe. Aus der alten
+Griechenmithologie sah man nicht nur trefflich gelungene Nachbildungen
+jenes Apollon, jener Venus, jener Niobe und anderer Statuen, die sich einst
+glücklich durch die Jahrhunderte der Barbarei retteten und in späteren das
+Morgenroth des Schönen wieder aufgehen ließen, sondern man hatte auch die
+nämlichen Ideen auf andere Weise bearbeitet und der Vorsprung des Genius
+ward daran sichtbar. Föbos hatte weit mehr Göttlichkeit, die Göttin von
+Paphos mehr weibliche Anmuth, wenn frühere Zeiten dies schon unbegreiflich
+fanden.
+
+Auch aus der alten nordischen Götterlehre wählten die Künstler Stoffe.
+Odin, Wodan, die Valkiren, waren in trefflichen sinnlichen Verherrlichungen
+aufgestellt, eben so Brama, Osir und was sonst dazu sich eignete.
+
+Für Sääle und Gärten der Großen in Europa fand sich immer Nachfrage, auch
+hatte jede namhafte Stadt einen Park, zur Ergehung der Bewohner, angelegt,
+den der Kunstsinn gern schmückte, überzeugt, dies wirke lebendig auf den
+Flug der Gemüther ein, und die so vervollkommnete Leichtigkeit der
+Fortschaffung mäßigte die Kosten.
+
+Der regsamste Kunsteifer ward aber durch die Landesreligion unterhalten.
+Ein Sinod von Weisen hatte früherhin fünfzigjährige Sitzungen gehalten über
+diesen höchst wichtigen Gegenstand, etwas Allgemeingültiges, Dauerndes
+festzustellen. Tausend Vorschläge hatte man geprüft und verworfen, bis eine
+ansehnliche Mehrheit sich für die folgenden entschied.
+
+Die christliche Moral, sagte der Sinod, ist die erhabenste, noch nicht
+übertroffene Legislatur der Rechtsgefühle, doch die christliche
+Glaubenslehre kann nur einem finstern Zeitalter anpassen. Wenn jene, ihrem
+Geiste nach, und auf die ehrwürdige Urreinheit zurückgeführt, nach
+Jahrtausenden segnend auftreten kann, so ist diese, nach den ungemessenern
+Begriffen vom Weltgebäude, welche ein aufgehelltes Geschlecht errang, nicht
+länger brauchbar, wenn die Vernunft nicht mit sich selbst im Widerspruche
+leben will.
+
+Was ist hier aber zu thun? Ein Abstrakt bindet, uralten Erfahrungen
+zufolge, die Herzen zu wenig, was durch die Phantasie zur Vernunft dringt,
+nimmt nicht nur die Schwäche, auch der kräftige Sinn freundlicher auf,
+vorzüglich wenn es in das Leben der Handlung übergehn soll.
+
+Verbannen wir daher vom _Denken_ alles Bildliche, doch zum _thätigen
+Wirken_ mögen immer Dichtung und Künste uns lieblich begeistern.
+
+Der mosaisch-christliche Theismus sei und bleibe die Grundlage unserer
+neuen, und dennoch aus dem tiefen Alterthume empfangenen Religion. Wir
+glauben an eine Gottheit, unbegreiflich den Formen, in welchen uns dermalen
+unsere Natur zu erkennen gestattet. Außer dem Raume, außer der Zeit,
+unendlich, ewig, allmächtig bezeichnen wir diese Gottheit, nichts Höheres
+wissen wir zu nennen, wenn wir uns auch in tiefer Anbetung bescheiden, was
+wir nennen nicht zu verstehn, und ein eitles Streben, das unsere Kräfte
+übersteigt, sein Wesen näher zu fassen, aufgeben.
+
+Keine Ehrengebäude dieser erhabenen Vermuthung! Unwürdig stellt sie die
+Materie dar. Könnten höhere Wesen ihm Tempel weihn aus Erdsternen, Altäre
+darin aus Feuersternen, es priese ihren Urheber nicht. Nur Einigemal im
+Jahre mag sich die dankbare Andacht unter dem himmlischen Gewölbe
+versammeln, und sich selbst heiligen, in heiliger Empfindung. Wenn der Ball
+sich wieder zu den Sonnenflammen dreht, ihren befruchtenden Segen zu
+trinken, wenn wir ärnteten, was die innere Götterkraft der Auen nährend
+gestaltete, dann wimmle die Menge in Eintracht hinaus und huldige.
+
+Doch da die ewige Gottheit, nicht wohnend im Raum, nicht schwimmend im
+Strome der Zeiten, unserm jetzt auf diesen Erdstern angewiesenen Geiste,
+nur im Simbol sich offenbart, so ist es hehr und würdig, zu ehren, was wir
+irrdisch-göttlich nennen, und sich, so weit der Staub vermag, bildete nach
+dem Ideal des Allgöttlichen, wie es im Busen der edleren Menschheit geahnet
+wird.
+
+Laßt uns preisen, was schon das tiefe Alterthum pries, schon so viele
+Millionen der Gestorbenen zur Tugend erwärmte, uns im Abbild erkennbare
+Muster des Hohen giebt, es einen mit den Satzungen unsers Bürgervertrags.
+Laßt uns Stätten des innigen Andenkens erbauen, die uns rührender mahnen
+und zur Nacheiferung weihen.
+
+Moses, der hohe Urpriester der einigen Gotteslehre, der weise Erfinder
+heiliger Gesetze, der kräftige Held, ist werth unserer Ehre. Sei er uns
+Heros des Rechtes, des Kampfes, wo uns geboten wird, gegen innere
+feindliche Leidenschaft, oder äußere Krieger die Waffen der Vernunft oder
+des Armes zu erheben. In seinen Tempeln werde das Recht gelehrt,
+gesprochen, in seinen Tempeln entflamme sich der Muth, wenn des Vaterlandes
+Vertheidigung uns zum Schwerte ruft.
+
+Jahrtausende nannten den Jüngling in Palästina göttlich, der in wenige
+Worte die Lehre der reinsten Menschlichkeit zusammen drängte. Er sei uns
+der Heros des Brudersinns. Er liebte die Kinder, die Erziehung sei ihm
+geweiht. Ehren wir sein Andenken, indem wir streben, von seinem Geiste
+durchdrungen zu werden. Vor seinen Altären höre die brüderliche
+Versammlung, Moral der Gemeinschaft, und der Weisen Unterricht, klüglich
+die Keime im jungen Herzen zu pflegen. Hier werden die Jünglinge, das
+aufblühende Mädchen oftmal geprüft, in ihren Fortschritten zur Veredlung.
+
+Schöner zarter Mithos deiner himmlischen Liebe, o Maria, dir gebührt eine
+Stätte in unsrer Religiosität! Das Weib fühle sich erhoben, eine Heilige
+ihres Geschlechts in Tempeln gefeiert zu sehn. Mag der poetische Flug in
+Marmor und Farben, mag er im Gebiet holder Dichtung wetteifern, einem
+gebildeten Volke schöne Bildungen der hohen Maria zu geben. Ihr bringe die
+Liebe Anbetung, und erhebe sich begeisterter zum Himmlischen, sie sei die
+idealische Königin aller Schönheit und die Künste machen sich ihr werther,
+in dem lieblichen Wahn, von ihrer Glorie umstrahlt zu sein. Die Ehe knüpfte
+ihre innigen Bande, Maria vor deinen blumengekränzten Altären.
+
+Des ernsten Moses Priesterthum verwalten ergraute, ruhmgenannte Helden,
+untadelhafte Volksrichter und Fürsten, deren weise gepflogenes Amt die
+allgemeine Liebe lohnte. Des sanften Christus Tempeldienst sollen die
+edelsten Jugendlehrer verwalten, wenn sie dem Gemeinwesen eine bedeutende
+Zahl trefflich gedeihender Zöglinge gaben. Künstler, die verklärenden
+Genius in ihren Werken offenbarten, üben den Kultus der schönen Heroin
+Maria, Chöre von unsträflichen Jungfrauen im Gefolge.
+
+So geben wir dem Irrdischen höheren Adel, indem es mit den Ahnungsträumen
+göttlicher Natur verwandter gemacht wird.
+
+Diese Religion, anfänglich mit vielem Widerspruch der lebenden Generation
+bekämpft, wurde bei den folgenden allgemein, und gab den Künsten reiche
+Vorwürfe. Man sah den Heros des Rechtes und der Waffen, vielfach gestalten.
+Die Idee desselben ward von dem strebenden Kunstsinn immer herrlicher
+empfangen, und jene Kraftsumme, lange in dem Standbilde des Herkules der
+Farnese bewundert, blieb bald gegen den vollendeteren, zugleich geistvoller
+ausgeprägten Moses einer geistvolleren Zeit, zurück. Neben einer Anmuth und
+einem Einklang der Verhältnisse, wie sie viele Jahrhunderte an jenem
+Apollon rühmten, hatte die reifere Kunst den Christusdarstellungen eine
+unbeschreibliche Hoheit und Milde, über das göttliche Antlitz gegossen, so
+daß nicht nur der unterrichtete Kennersinn, sondern jeder im Volke, von dem
+Gesammtausdruck auf das Innigste ergriffen, gerührt wurde, und der Begriff
+_vollkommene Menschlichkeit_ nach Maasgabe seiner geringeren oder
+vollendeteren Bildung, schwächer oder erhabener vor seiner inneren Seele
+schwebte. Nichts übertraf aber die Gestaltungen der Maria. Hier hatte sich
+die reinste Poesie der Kunst entfaltet. Vor den schönsten dieser Statuen,
+gingen die lieblichen Mädchen von Athen selten weg, ohne einen neuen Zug
+eigner Schönheit mitzunehmen.
+
+Wie staunte aber der schönheitsinnige Guido, von dieser Kunstsammlung
+umgeben! Er schöpfte in der gefühlten Begeisterung frohen neuen Unterricht
+über das Ebenmaaß der Formen, und lernte Inis Gebote klarer verstehn. Hoch
+mußte er jedoch bewundern, daß seine Geliebte, die sich nimmer in Athen
+befunden, sondern ihr Studium vor den Kunstwerken in Sizilien geübt hatte,
+zu einer Idee gelangt war, welche dennoch näher an die Vollkommenheit zu
+reichen schien, als alles, was er hier erblickte.
+
+Der gepriesene Meister trat wieder zu ihm heran. Jüngling, nahm er das
+Wort, von wannen du auch seist, du stammst aus einem Geschlechte, das durch
+eine lange Reihe von Gliedern, hoher Entwicklung entgegen strebte.
+
+Guido ward verlegen, da ihm nichts über seine Herkunft bekannt war.
+
+Der Bildner fuhr fort: Edler Einklang spricht aus deiner Gestalt, die Kunst
+würde nichts zuzugeben vermögen, wenn sie dich in Marmor darstellte, nur am
+Haupte, an der Stirn, an Mund und Wange, bleiben einige Umrisse, einige
+Linien zu wünschen übrig.
+
+Guido erröthete, gab aber doch mit unbefangenem Selbstgefühl die Antwort:
+Ich zähle noch nicht zwanzig Jahre, meine Entwicklung ist unvollendet. Wer
+weiß --
+
+Dann bat er den Künstler, sein Profil so zu zeichnen, wie es die Forderung
+der höheren Wissenschaft verlange.
+
+Es geschah. Neugierig gespannt blickte Guido hin. Es dünkte ihm jedoch, der
+Mann stände in seinem Entwurf gegen Ini unvollkommen da. So überfliegt denn
+der Liebe Genius weit die Lehren der Kunsterfahrung, sagte er sich mit
+geheimen Entzücken.
+
+Während dieser Unterhaltung bemerkte er, daß viele Schüler umher saßen, die
+ihn zeichneten, und geschmeichelt, weilte er länger. Bei dem allen pflanzte
+sich Eitelkeit nicht in seine Brust, dagegen hatte ihn Inis Reinheit
+verwahrt.
+
+Man begab sich nun in die Kunststätte des berühmtesten unter den Malern, so
+reich an Schildereien als jene in Werken aus Marmor, Porphir und Elfenbein.
+Voll hingen alle Wände, und die lebendigen, farbigen Gestalten, zogen des
+Jünglings Blicke noch mehr an. Gefällig erklärte ihm der Vorsteher
+Bedeutung und Werth. Die Malerei, hub er an, stieg vor mehr als einem
+halben Jahrtausend auf eine bedeutende Höhe, von welcher sie aber
+späterhin, aus mannichfachen Ursachen, wieder herabsank. Im siebzehnten,
+achzehnten, neunzehnten Jahrhundert gab es durchaus weder einen Raphael,
+noch Rubens, noch Titian. Doch wenn die Ausführung krankte, rettete sich
+das Urtheil durch die unfruchtbare Zeit, und bereitete vollkommenere
+Schöpfungen vor. Ein tiefdenkender Kunstrichter zu Ende des siebzehnten
+Jahrhunderts, maaß das Verdienst der ruhmvollen Maler, nach einer höchst
+sinnig entworfenen Tabelle ab, wo Zeichnung, Zusammenstellung, Farbe und
+Ausdruck, unter gewiße Staffeln gebracht waren. Zwanzig Grade enthielt die
+Tabelle, den achzehnten nahm sie bereits erreicht an, den neunzehnten noch
+nicht, den zwanzigsten unerreichbar. Sie erkannte Raphael den Preis in
+Zeichnung und Ausdruck zu, wenn dagegen Titian im Kolorit ihn bei weiten
+übertraf, Rubens im Ausdruck mit ihm wetteiferte, und ihn in der
+Zusammenstellung zurückließ. Es mußte nun nothwendig der Wunsch nach einem
+Gemälde entstehen, in welchem die richtige Hand, die blühende Einbildung
+eines Raphael, mit der hohen Kräftigkeit eines Rubens, und der sorgsamen
+lieblichen Ausführung eines Titian gegattet waren. Lange jedoch ward er
+umsonst gefühlt. Erst im zwanzigsten Jahrhundert, nachdem die Künste unter
+der Aegide eines langen Friedens ungestörter aufblühen konnten, und eine
+kluge Regierung dem Volke von Europa Reichthum genug erzogen hatte, sie
+freundlich zu nähren, ließ sich erst die Vorzeit wieder erreichen. Nun
+eilten die Fortschritte glücklich. Die vervollkommnete Lehrmethode stärkte
+früh der Zöglinge Fassungskraft, die mechanische Fertigkeit konnte zeitiger
+errungen werden, die Scheidekunst erfand eine bei weitem vortheilhaftere
+Bereitung der Farben. Um die Mitte dieses Jahrhunderts vereinten die
+besseren Maler schon jene sonst getrennten Vorzüge, gegen das Ende drang
+bereits einer bis zu dem von Piles geahnten aber nie gesehenen Grad empor.
+Jetzt darf kein Künstler ein Werk in diese Ausstellung bringen, in welches
+er nicht richtigere Zeichnung, vollendeteren Ausdruck wie Raphael, mehr
+Poesie der Verbindung wie Rubens, mehr Farbenidealität wie Titian gebracht
+hätte. Siehe fühlender Fremdling, hier Werke der Art.
+
+Er führte ihn nun zu einem großen Gemälde, das, nach der altnordischen
+Mithologie, die Ankunft eines Helden in Odins Walhalla vorstellte. Guido
+ward betroffen ob all der Wonne die in diesem Anblick über ihn kam.
+Entzückend war die Dichterphantasie, welche hier den Pinsel geleitet hatte,
+einen Aufenthalt belohnter Seligen, den Sinnen erkennbar zu machen. Ein
+lieblicheres Azur, wie unter Siziliens sanftem Himmel wölbte sich über
+Gefilde von unsäglich rührender Pracht. Blumen, Rasen, Bäume, waren zwar
+aus der uns bekannten Natur genommen, aber in sich so verschönt, so
+reitzend zusammengestellt, daß das Auge an die Natur einer andern Welt
+glaubte. Man sah die ostindische Oelpalme, den antillischen Kampah-Baum,
+die peruanische Balsamstaude, Cipressen, Granaten, Lorbeeren, Platanen,
+aber die Massen in welche sie gefügt waren, machten einen unweit
+anmuthigeren Eindruck, als er in irgend einer wirklichen Gegend empfunden
+wird. In den mannichfachen Blumen lebte eine Wahrheit, daß man an ihren
+Duft in süßer Täuschung glaubte, und zum Triumph des Urhebers, viele
+streitend behaupteten, der Maler habe sie mit den Essenzen ihrer Gerüche
+versehen, so wie andere die Hand in die berückende Tiefe des Gemäldes
+ausdehnen wollten, und sie beschämt von der Leinwand wegzogen. Was aber dem
+Ganzen am meisten das Fremdartige, übersinnlich, selig Erscheinende gab,
+war die zarterfundene Beleuchtung. Eine tief am Horizont schwebende Sonne
+sandte ihr Licht sparsam durch dunkel gedrängte Waldung an einer Seite.
+Ihre Scheibe zeigte aber kein hellleuchtend Goldfeuer, sondern eine weiße
+sanftstrahlende Diamantenglut. Hiedurch wurden alle Tinten verändert und
+nahmen einen ätherischen Charakter an, der mit süßem Rausch erfüllte, und
+die Abscheidung von Schmerz und Erdenwahn freudigahnend empfinden ließ.
+Auch auf die menschlichen Gestalten wirkte das Zauberlicht so wunderbar,
+daß sie bei der uns verwandten Natur ihrer Formen, geistiges Leben zu
+athmen schienen. Den eben angelangten Helden, in Kraft und Stattlichkeit,
+den vollen Ausdruck edler Seelenhoheit im Antlitz, verklärte die staunende
+überraschende Wonne der ihn rings umfangenden Glorie. Die Jungfrauen von
+Wallhalla nahten ihm in der lieblichsten Anmuth, der holdesten
+Freundlichkeit, brachten ihm den Trank der Unsterblichen und krönten sein
+Haupt mit ewig blühenden Rosen. Ihre heiligen Reitze geboten zugleich Liebe
+und schalten das Gefühl Verwegenheit. Die erhabenen Züge forderten knieende
+Anbetung, die kindliche Unschuld untersagte ihnen göttlich zu huldigen.
+
+So war dies Gemälde angethan, von dem Guido sich nicht abzuwenden
+vermochte. Erst nach manchen Erinnerungen ging er weiter und trug die
+Totalidee eines Helden in seiner Seele davon, der sich glorreich über alle
+Schrecken der Gefahr erhoben und eines unsterblichen Lohnes werth gemacht
+hat.
+
+Ihm wurde nun ein Christus gezeigt, der Jairus Tochter erweckt. Des
+Heilands Gesicht zeigte keine Spur von allem was an Leidenschaft erinnert,
+das reine menschliche Gepräge stand da, doch von erhabner Liebe und festem
+Götterwillen unaussprechlich heilig beseelt. Das: »Stehe auf!« gebot sein
+hohes Auge mit ruhiger Majestät, mild lächelte die männliche durch Anmuth
+bewegende Wange. Der Uebergang vom Tod ins Leben war an dem Mädchen mit
+bezaubernder Kunst ausgeführt. Ein leichter Rosenhauch goß sich über das
+noch starre Antlitz. Der Augenaufschlag war frommer Lichtgruß, kindlicher
+Engelsinn. Die kaum wieder regen Hände strebten, sich zum Gebet zu erheben.
+Ihr Vater, ihr Geliebter, sanken neben dem Sarge aufs Knie. Die ganze
+siegende Haltung des Gemäldes zwang jeden Zuschauer, der fühlenden Sinn
+mitbrachte, die Anbetung in der nehmlichen Lage zu theilen. So geboten hier
+die Maler dem Herzen. Guido nahm von dieser Staffelei einen noch weit
+erhabneren Begriff von Tugend mit sich, als er bisher in ihm gelegen hatte.
+
+Noch viele andere meisterhafte Werke wurden ihm gezeigt, von denen er
+schwelgende Erinnerungen bewahrte. Er schrieb durch ein Täubchen an Ini von
+seinem Entzücken, setzte aber hinzu: Du bist dennoch schöner als jedes
+Mariabild, jede Muse oder Valkire, die ich sah.
+
+Gelino zeigte ihm nun das Parthenon, genau dem alten nachgeahmt, dessen
+Säulengänge einst so große Summen gekostet hatten. Phidias alte
+Meisterstatue der Minerva aus Elfenbein, ward durch eine Heilandsmutter in
+gediegenem Golde vertreten, der dieser Tempel nun geheiligt war.
+
+Gelino, indem er ihm diese und andere Merkwürdigkeiten zeigte, hub an: Du
+siehst Athen der Welt in seinen Schönheiten wiedergegeben, doch die
+Sklavenhorden von Ehedem, das wilde, mit den Archonten kämpfende, den Pnix
+mit Geschrei und Streit erfüllende Volk der Vorzeit nicht. Diese
+Erscheinungen dulden unsere besseren Tage nimmer. Wir könnten noch das
+Odeon besuchen, wo die Meister der Tonkunde wetteifern, die Bühnen, wo man
+Sophokles, Euripides und Aristophanes Schöpfungen darstellen sieht, doch in
+diesen Vorwürfen wird Athen anderweitig übertroffen, und die Reise eilt.
+Wir wollen jetzt nach der Gränzfestung des Staats, lerne dort, wie man
+mächtig der Feinde Angriffe wehrt. Nicht immer kannst du bei den lieblichen
+Künsten weilen.
+
+Diese Gränzfestung war jetzt die Citadelle bei Konstantinopel. Die
+ehemalige Bevölkerung der Stadt hatte durch den politischen Wechsel um mehr
+als die Hälfte abgenommen, und die Lage daneben, eignete sich zu ihrer
+gegenwärtigen Bestimmung. Lange zwar hatte Europa keinen Krieg mit dem
+Morgenlande geführt, aber die Neu-Perser geboten ungeheurer Macht, und die
+Vorsicht empfahl, nicht unbereitet zu sein.
+
+Doch über der Meerenge winkte auch eine Feste von ähnlichem Umfang, und
+beim Ausbruch eines Krieges ließ sich voraussehen, daß sie einander
+wechselseitig beschießen würden; denn der Abstand der Citadelle von
+Konstantinopel bis Neu-Troja, so nannte man jenen Ort, wurde von der
+nunmehrigen Artillerie bequem abgereicht.
+
+Schon lange hatte man dem Schießpulver neue Bestandtheile gegeben. Seine
+Wirkung ging nicht mehr von der Elastizität des sich entbindenden
+Stickstoff- und Kohlenstoff-sauren Gases allein aus, man mengte dem
+Salpeter noch Ammoniakgas und Knallsilber bei, deren unzeitigem und zu
+leichtem Entbinden eine chemische Gegenkraft abhalf. Furchtbar traf dieses
+Pulvers zerstörende Gewalt.
+
+Die Metallröhre schossen Kugeln von funfzig bis zu dreihundert Pfunden auf
+zwei oder drei Meilen, die Mörser warfen noch weiter, und schwerere Lasten.
+Da aber der Erdkrümmung halber die Fläche kaum eine Meile sichtbar ist, so
+mußten die Stücke auf hohe Berge geschafft werden, wenn sie in weiter
+Entfernung ihr bestimmtes Ziel treffen sollten. Ein gutes Sehrohr war dann
+an den Visirpunkt befestigt, und bei der scharfen Genauigkeit der
+Drehewerke, womit sich die Richtung vollzog, konnte man das Ziel nur selten
+verfehlen. Die Bomben, von ungeheurem Umfang, trugen deren andere in sich,
+die abermal mit kleineren gefüllt waren, welche zuletzt unvertilgbar Feuer
+in sich trugen. Der Artillerist wußte die Bahn, welche sie zu durchfliegen
+hatten, dem Raume und der Zeit nach, auf die Sekunde zu berechnen,
+besonders da auch ein Windmesser ihn von dem Widerstande, mit welchem die
+Luft ihm entgegen streben würde, vollkommen unterrichtete. Weil daneben,
+bei Verfertigung des neuen Pulvers, mit einer so großen Gewißheit verfahren
+wurde, daß ein davon bereiteter Zünder, jedesmal die Explosion in dem
+Augenblicke vollzog, den der Konstabler wünschte, (eine Fertigkeit, welche
+man Ehedem nicht errang), so ward, indem man nach einer feindlichen Stadt
+warf, die Entzündung gemeinhin bewirkt, wenn die Bombe in der Höhe von
+einigen hundert Schuhen über den Dächern angekommen war. Nun breiteten sich
+die größeren Granaten der Füllung, deren Explosion nach Maaßgabe der Größe
+des Orts erfolgte, so aus, daß dieser mit den letzten Kugeln und den
+Trümmern der schon gesprungenen, überdeckt wurde, wobei das nach allen
+Richtungen sprühende Feuer die Verwüstung vollendete.
+
+Der nahe Ruin jeder belagerten Festung war unter diesen Umständen
+unvermeidlich. Allein die Festungen wurden dermalen auf Höhen angelegt, wo,
+ohne Wasser zu finden, tief zu graben war. Man wölbte dann hundert Schuh
+unter der Erde Straßen aus, die durch Zuglöcher von oben Luft empfingen,
+und beständig durch Laternen erleuchtet wurden. Von diesen waren
+höhlenartige, doch gut gemauerte und mit Bequemlichkeit versehene,
+Wohnungen seitwärts eingebrochen, in welchen die Soldaten, und was zu ihnen
+gehörte, hausen konnten. Da genoß man Sicherheit, mochten oben die Bomben
+einschlagen. Auch alle Wälle hatte man ausgehöhlt und mit Felsenlagen
+hinlänglich gedeckt, damit sich die Wachen inwendig aufhalten konnten.
+Uebrigens traf die Besatzung mit eben so furchtbaren Schlünden auch ihre
+Widersacher, und so waren die Dinge sich wieder gleich; denn der
+menschliche Geist entdeckt, wie das Zerstörungsmittel, auch die
+Gegenwirkung.
+
+Noch ist hier der schnellen Art zu denken, in der aus einer Festung, oder
+aus einem Lager, nach dem Hauptquartiere irgend eines fernen Heeres, oder
+auch nach der Hauptstadt, Briefe geschafft wurden. Luftposten, Telegraphen,
+akkustische Anstalten, blieben dagegen, entweder an Geschwindigkeit, oder
+Ausführlichkeit, zurück. In erreichbaren Abständen befanden sich nehmlich
+auf befestigten Höhen Kanonen, und Zielwände. Nun sandte man eine Kugel ab,
+an welcher eine Stahlkette und an dieser ein dichtes Kästchen geheftet war,
+das die Briefe oder andere zu übermachende Gegenstände enthielt. Die Kugel
+schlug in die Zielwand, das Kästchen blieb zurück, ward von dort wachenden
+Konstablern sogleich abgelöset, und an eine andere Kugel gefügt, wodurch
+denn hundert Meilen, in weniger als einer Viertelstunde, erreicht waren.
+
+Die Citadelle bei Konstantinopel war, als die vorzüglichste im Reiche, auch
+am sorgsamsten gebaut. Ihre Wälle glichen Gebirgen, die Kellerstadt, mit
+ihrem unterirrdischen Leben, bot den sehenswürdigsten Anblick dar. Es
+fehlte nicht an Tempeln, Marktplätzen, Bühnen; die Genüsse hatten auch
+ihren Sitz in der Tiefe errichtet, und die treffliche Erhellung ließ das
+Tageslicht nicht vermissen. Um vorbereitet auf den Belagerungsstand zu
+sein, mußte auch fortwährend im Frieden, die Besatzung hier wohnen, und,
+indem sie zahlreich und gut belohnt war, hatte das viele Bürger gelockt,
+sich unten anzusiedeln, und ihr Leben zu gewinnen, indem sie jenen das
+ihrige bequemer machten. So wuchs die Bevölkerung nach und nach dort
+ziemlich an.
+
+Bei der Vervollkommnung des Pulvers hatte man auch den Minenkrieg weiter
+ausgedehnt. Es war nun nicht allein ausführbar, einen großen Ort auf Einmal
+in die Luft zu sprengen, sondern man legte auch außerhalb Minen in schiefer
+Richtung an, warf durch sie Massen von Erde dahin, und bedeckte die Festung
+in kurzer Zeit mit einem ganzen Berg, wobei die Alterthumskundigen bewogen
+wurden, an die Fabel der Giganten zu denken, welche einst den Ossa, Pelion
+und Olimp auf einander thürmten. Allein die Gegenanstalten mangelten auch
+hier nicht. Der Feind ward nicht dazu gelassen, die Festung unterhöhlen zu
+können. Weit hinaus vor den Festungswerken liefen Straßen unter der Erde
+hin, an Größe und Dauer vergleichbar den altrömischen Wasserleitungen. Von
+ihnen gingen kleinere Gassen aus, welche mit ihren Nebensteigen ein
+weitläuftiges Gewebe bildeten. Hier zogen die Streifwachen rastlos umher,
+und erspähten zeitig, was der Gegner unter dem Erdhorizont beabsichtete.
+Dann drückte man, nach ihm hin, die Erde ein, seine Arbeiter erstickend.
+Warf der Feind einen Berg auf die Festung, so war diese reichlich genug mit
+dem Ammoniak- und Knallsilber-Pulver versehn, um sich davon zu befreien,
+indem sein Schutt wieder auf der Feinde Häupter geschleudert wurde. Diese
+hatten daher auch auf Laufgräben zu denken, welche in der Tiefe Sicherheit
+gewährten.
+
+Guido sah alle diese Anordnungen bewundernd. Sein Gemüth ward entflammt,
+der Ruhm eine solche Feste einst glorreich zu vertheidigen, oder glorreich
+einzunehmen, gewann einen hohen Reiz für ihn. Sein mathematischer,
+erfindungreicher Kopf wußte auch von einer Menge Verbesserungen zu reden,
+die man am Geschoß, an den Minen und anderen Kriegverrichtungen gültig
+machen könne. Gelino lobte dies feurige Umfassen eines hohen Gegenstandes,
+setzte hinzu: ihn könne leicht der Kaiser einst beim Heere beschäftigen,
+und lobenswerth müsse es dann sein, wenn er sich des hoffenden Vertrauens
+würdig mache. Bei dem allen sei aber nichts lebhafter zu wünschen, als daß
+die Völker des gesammten Erdbodens dem Beispiele jener von Europa folgten,
+und, ein Welttribunal zum Schlichten aller Streitfälle unter Nationen
+errichtend, die Kriege für ewig aufhöben.
+
+Dies ist auch einer von Inis Gedanken, versetzte Guido, aber wodurch soll
+dann die Kraft Ruhm erwerben? Dann ist keine so hohe Gestalt mehr
+auszubilden, wie jene, die das Gemälde von Wallhalla in Athen zeigt. Nur
+die Heldenseele prägt die erhabenste männliche Schönheit aus.
+
+Auch die Seele des Tugendhaften, entgegnete sein Lehrer. Es giebt Feinde
+genug in der eigenen Brust zu überwinden, der Sieg über sie ist eben so
+glorreich, ja vielleicht noch mehr.
+
+Die Reise ging jetzt zu der nördlichen Provinz hin, vor Zeiten das
+europäische Rußland genannt. Man bediente sich dazu einen von den
+Frachtwagen, die südliche Erzeugungen dorthin, und nördliche nach den
+mittäglichen Gegenden brachten.
+
+Zu dem Ende waren hier, wie meistens im ganzen Staate, herrliche
+Kunststraßen angelegt. Sie hatten eine Breite von zweihundert Schuhen, und
+waren in der Tiefe von funfzig Schuhen, mit gestampftem Granit festgerammt.
+Je mehr größere und kleinere Straßen der Art es schon gab, je leichter fiel
+es auch, deren neue zu bahnen und die Steine nach den Gegenden zu schaffen,
+wo sie mangelten.
+
+Auf der Straße von Konstantinopel waren Wagen mit zwei Rädern gebräuchlich.
+Jedes Rad hatte aber einen Durchmesser von funfzig Schuhen. Jede seiner
+Speichen bestand aus einem mäßigen Fichtenbaum, und war mit Eisen reichlich
+verstärkt. Die übrigen Theile hatten angemessene Verhältnisse. Durch die
+gewaltige Hebelkraft solcher hohen Räder ließ sich nun eine
+außerordentliche Last fortbringen. Die von mehreren Eichenstämmen
+zusammengefügte und mit zentnerschweren Eisenringen verbundene Achse hatte
+eine Breite von funfzig Schuhen, und an dicken Ketten hing ein Prahmen im
+Gleichgewicht, etwa sechs Schuh von der Erde, über hundert Schuh lang,
+gegen dreißig breit, und gegen funfzehn tief. Hierein wurde die ansehnliche
+Menge von Waaren geladen, und die Kajüte des Prahmens diente
+Reisepassagieren zum angenehmen Aufenthalt, wie auch über den Waaren ein
+Verdeck zum Lustwandeln eingerichtet war. Bäumchen auf Töpfen und Blumen
+gewährten einen lachenden Anblick und erhöhten das Vergnügen der Reisenden.
+
+Die Art, in welcher die riesenhaften Karren gezogen wurden, hatte viel
+Einfachheit. Zwölf Pferde waren genug. Diese gingen einige hundert Schritte
+voraus, an lange dicke Taue gespannt, welche von der Achse ausliefen. Die
+Räder gaben, wie schon bemerkt wurde, die mechanische Leichtigkeit.
+
+Es versteht sich aber, daß die Kunststraßen horizontal fortliefen. Tiefen
+zu füllen und sich durch Höhen zu brechen, war ja auch nur ein unbedeutend
+Werk, seitdem die Menschheit sich mit dem neueren Pulver vertraut gemacht
+hatte, das, außer den Kriegen, noch so mannichfachen Nutzen in Sprengungen
+gewährte.
+
+Was konnte angenehmer sein, als auf einem solchen, durch Pferde bewegten
+Prahmen, zu reisen. Zwar ging die Luftpost schneller, zwar konnten die
+Meerfahrzeuge schwimmenden Pallästen verglichen werden, allein hier genoß
+man doch die Erheiterung, stets die nahe Landschaft und die
+Merkwürdigkeiten der Gegend zu sehen. Auch war die Sicherheit die
+vollkommnere, was immer das Gemüth ruhiger läßt. Unfälle blieben nicht
+denkbar, da auf allen Stationen der Zustand des ganzen Wagens geprüft, und
+das etwa Schadhafte hergestellt wurde. Das Schlimmste, was sich hätte
+ereignen können, wäre ein Durchgehen der Pferde gewesen. Aber dies hätte
+nur um so zeitiger an Ort und Stelle gebracht, denn aus der Bahn dieser
+Kunststraßen konnten die Thiere nicht weichen. Sie waren zu beiden Seiten
+mit hohen Gittern eingeschlossen, und nöthigenfalls schnitten die vorn
+reitenden Fuhrleute die Stränge ab.
+
+Es ging immer in vollem Sprung. Auf jeder geographischen Meile befand sich
+ein Pferdewechsel, durch Schüsse und Flaggen zeitig benachrichtigt, in der
+Nacht durch Feuersignale. So war das Abschirren und Anspannen das Werk
+einer Minute, in der man auch einen Wasserstrom über die erhitzten Räder
+leitete, und sie inwendig mit einem schlüpfrigen Oele versah. Reverberen
+brannten in der Dunkelheit zu beiden Seiten des Wegs. So kam man in vier
+und zwanzig Stunden gegen zwei geographische Grade weiter, aß, trank und
+schlief im Prahmen. Das einzige vorenthaltene Vergnügen blieb, daß man
+nicht die Städte und Dörfer inwendig sehen konnte, denn allerdings mußten
+die Kunststraßen umweg laufen.
+
+Nach einigen Tagen langte der Wagen in Moskau an, wo sich sogleich viele
+gierige Käufer zu den Südfrüchten drängten, welche er geladen hatte, und
+die meistens frisch überkamen.
+
+Der Umfang, die zahlreichere Bevölkerung dieses Orts, seine großen Fabriken
+gaben die Vorwürfe, welche nun Guidos Aufmerksamkeit fesselten. Die meiste
+Betriebsamkeit war auf die Anfertigungen für die Heere gegründet, welche in
+der Nachbarschaft in ihren Uebungslägern standen. Hier waren die meisten
+Soldaten versammelt, theils der Gränze gegen Asien halber, theils, weil die
+rauhe Gegend sich zu ihrer Abhärtung eignete.
+
+Mit der Werbung, Unterhaltung, Verfassung der Krieger, hatte es folgende
+Bewandniß:
+
+Es galt Regel, daß jeder europäische gesunde Jüngling sich ein Jahr lang an
+den Waffenplätzen einzufinden hatte. Nicht Geburt, nicht erkornes Gewerbe,
+verstatteten eine Ausnahme. Gegen das achtzehnte oder zwanzigste Jahr,
+wurden sie in ihren Provinzen aufgerufen, und folgten dem Zuge zu den ihnen
+angewiesenen Lägern.
+
+Sie zählten hier schon den Vortheil der Reise, und konnten bei ihrer
+Heimkehr sich mancher Erinnerung freuen, auch das gesehene Merkwürdige auf
+ihren anderweitigen Lebensberuf nützlich anwenden.
+
+Im Lager wurden sie zunächst geprüft, ob sie in den Erziehungsschulen der
+Heimath auch im Laufen, Ringen, Schwimmen, daneben im Gedächtnißrechnen und
+den ersten Elementen der Meßkunde und Naturlehre unterrichtet worden. Auch
+über ihre wohlbegriffene Religions- und Bürgermoral hatten sie Zeugnisse
+abzulegen, und von Aeltern und Lehrern, die Bescheinigung einer sorgsamen
+und von gutem Willen begleiteten Anwendung der Jugend, einzureichen.
+
+Fiel diese Prüfung zu ihrem Nachtheile aus, war die Abweisung von der Ehre,
+einst das Vaterland vertheidigen zu helfen, die Folge. Hiemit war ein
+drückendes Abwenden der öffentlichen Achtung verbunden, kein Mädchen von
+Zartgefühl reichte einem solchen die Hand, nie durfte er hoffen, ein
+öffentlich Amt zu bekleiden. War es ein Fürstensohn, sah er sich von der
+Erbfolge seines Vaters ausgeschlossen.
+
+Diese harte Ahndung sowohl, als auch die Allgemeinheit guter Erziehung,
+woran auch der Unbemittelte Theil nehmen konnte, machten einen solchen Fall
+höchst selten.
+
+Ward dagegen der Rekrut angenommen, empfing er ein Kriegergewand und
+Waffen. Man theilte ihn einem Haufen zu, er bezog eine Lagerbaracke bei den
+Veteranen, welchen die Uebung der Kriegsjugend oblag.
+
+Hier ward er im Fechten und Schießen geübt, mußte fleißig Laufen, oder
+Lasten tragen, bei spärlicher Nahrung leben, den Schlaf entbehren, und sich
+immer bedeutenderen Abmattungen unterziehen lernen. Die strengste Moralität
+gebot in diesen Lägern, schon durch die ganze Lebensweise, die keinem
+Gedanken an Befriedigung roher Sinnlichkeit Raum gab, begründet.
+
+Nach einem halben Jahre ging er, von den Veteranen, zu seinem Haufen ins
+große Lager, mußte nun den Dienst eines Fußsoldaten verrichten.
+
+Beständig übte man hier, ohne Rücksicht auf Jahreszeit, Witterung,
+Beschaffenheit des Bodens, oder Tag und Nacht. Die klugen Anführer ließen
+mehr in der Dunkelheit als bei der Tageshelle thätig sein, suchten
+absichtlich die schwierigen durchschnittenen Gegenden aus; nicht der
+strenge Frost, nicht der drückende Sonnenstrahl, nicht strömende Regengüsse
+machten eine Abänderung. Denn sie sagten: Der Feind wird unsere
+Bequemlichkeit nicht ins Auge fassen.
+
+Das Fußvolk verfuhr in seinen Bewegungen folgendergestalt:
+
+Jeder Einzelne war mit einem Spaten, einer Lanze und einem kleinen
+Schießrohre versehn. Das letzte trug durch den inneren gewundenen Bau und
+das Ammoniakpulver, auf Tausend Schritte und hatte am Lauf ebenfalls ein
+kleines Fernrohr, durch welches man auf den weiten Abstand zielen konnte.
+
+Eine Stellung nahmen die Heerhaufen zu Fuße gewissermaßen nicht, sondern
+eine Lage. Dies heißt: sobald man sich im Bereich des feindlichen
+Geschosses fand, oder es bei der Uebung voraussetzte, streckten sich die
+Reihen auf den Boden hin, nachdem man in größter Eil mit den Spaten einen
+Erdaufwurf von einigen Schuhen gefertigt hatte, der nun, den ohnehin durch
+ihr Liegen auf dem Gesichte, nur wenig Zielraum darbietenden Soldaten, viel
+Bedeckung gab. Ueber den Erdwurf legten sie ihre Röhre und gaben wirksame
+Feuer.
+
+Auf das Zeichen einer helltönenden Pfeife, sprangen sie plötzlich auf,
+legten fünfzig Schritte gebückt, und im vollen Rennen, zurück, worauf sich
+die Reihe wieder zu Boden warf, und die neue Erdwehr in einigen Sekunden
+anfertigte. Die Schüsse huben wieder an, wurden auf ein abermaliges Signal
+eingestellt, um einen neuen Anlauf folgen zu lassen. So nahte man allmählig
+dem Feind, der schon durch die wohlgezielten Schüsse aufgerieben sein
+mußte, wenn seine Vorkehrungen nicht einem solchen Angriffe entsprachen. Da
+man aber nicht auf Säumnisse hoffen durfte, so hatten die Soldaten für den
+letzten Abstand auf zehn Schritten noch Feuerkränze, die entzündet in
+Feindes Glieder geworfen wurden, durch ihr Glutsprühen und den
+athemraubenden Schwefeldunst Verwirrung anzurichten, während dessen die
+Röhre der fertigen Schützen erlegten, was noch übrig war.
+
+Diese Angriffe mußten Berg auf und Thal ab vollzogen werden, man sich aber
+auch dagegegen zu schirmen wissen.
+
+In dieser Art bedroht, nahm man ebenfalls Platz an der Erde, und machte den
+Aufwurf um so höher, als man hier verharren wollte. Schoß der Feind, bogen
+sich die Vertheidiger zurück, ließen sich auch gar nicht darauf ein, Feuer
+zu geben, so lange jener hinter seiner Wehr lag. Wie er aber aufsprang,
+befand man sich im Anschlag und verdünnte seine Reihen. War er nahe genug
+gekommen, was nicht anders als nach großem Menschenverlust geschehen
+konnte, begrüßte man ihn eher mit Feuerkränzen, als er selbst daran dachte.
+Waren Feuer und Dunst verflogen, vollendete man mit Lanze und Schwert seine
+Niederlage. Auch bereiteten die militärischen Chemiker, deren einige jeder
+Abtheilung von Hunderten zugesellt waren, Säuren welche die Stickstoffe
+schnell aufhoben. So bekämpfte höhere Kunst die höhere Kunst.
+
+Neben diesen Uebungen mußte das Fußvolk geometrische Märsche vollziehen,
+wodurch man Vortheile über den Feind gewinnen konnte, und was sonst dahin
+einschlug.
+
+Nach einem Jahre konnte der junge Soldat seinen Abschied verlangen und zu
+den Seinigen gehen. Gestärkter, mit mancher Kunde bereichert, kam er dort
+an, und der Staat hatte überall Bürger, welche im Nothfalle zu den Waffen
+gerufen werden konnten. Auch fanden unter diesen noch jährliche Uebungen
+von einigen Tagen statt, damit jener Unterricht nicht zu sehr dem
+Gedächtniß entflöhe.
+
+Zeigte aber ein Jüngling nach diesem Jahre Neigung, bei dem Heere zu
+bleiben, so nahm man ihn, nach Maasgabe seiner besondern Anlagen, bei den
+besonderen Truppengattungen auf, deren kunstvollerer Dienst eine längere
+Lehrzeit forderte.
+
+Eigentlich ward der Krieg in den _Lüften_, _auf_ der Erde, und _unter_ der
+Erde vollzogen.
+
+Der leichten Truppen Beruf wies ihnen die höhere Region an. Es wurde schon
+erzählt, wie diese Zeit Adler einübte, Azotgondeln fortzuziehen. Bei den
+Heeren fand man vor allem große Zuchtanstalten dieser Thiere. Es gab
+kleinere Nachen und größere Gallionen, alle hingen aber an vielen kleinen,
+damit verbundenen Steigekugeln, damit, wenn ein feindliches Geschoß traf,
+nicht gleich das Sinken folgte.
+
+Jene hatten die Bestimmung, den Feind aus der Ferne, in seiner Zahl und
+seinen Maasregeln zu erspähen. Da man hoch genug stieg, und die erweitete
+Optik so wichtige Hülfe leistete, ergiebt sich, daß dieser schon auf
+zwanzig Meilen ein Gegenstand der Beobachtung wurde. Allein der Feind,
+welcher seine Plane gerne hehlen wollte, säumte gewöhnlich nicht, ähnliche
+leichte Fahrzeuge voranzuschicken, welche die diesseitigen zurückzutreiben
+suchten. Und so ereigneten sich in der Höhe Vortrabgefechte, wie sie, um
+Jahrhunderte früher, unter Husaren oder Kosaken bestanden.
+
+Gewandt die Adler zu lenken, aus der steilen Entfernung, Gegenden und den
+Truppenstand aufzunehmen, mittelst der Telegraphie dem Feldherrn davon
+Meldung zu thun, dies waren die vorzüglichen Obliegenheiten, in welchen
+diese Leute sich tüchtig zu machen hatten. Daneben mußten sie eben so
+fertig als das Fußvolk zielen können, um wo möglich ihres Gegenparts Adler
+zu erlegen, wo dann die Eroberung unstät treibender Nachen ein Spiel ward.
+Den meisten Ruhm brachte es jedoch bei dieser Truppengattung, wenn man in
+Nacht und Dunkel über Feindes Heer schlich, mit anbrechendem Tage ihn bei
+aller Vorsicht erkundete, und unerreicht entfloh. Oder wenn man über dichte
+Wolken dahin schwebte und sich zu dem nämlichen Zweck in die klare Region
+niederließ. Dies war indessen schwierig genug, weil dem Feinde die Vorsicht
+auferlegte, bei Nacht sowohl als bei umzogenem Himmel, oben patrouilliren
+zu lassen.
+
+Die größeren Gallionen entfernten sich nicht weit und blieben den Gefechten
+vorbehalten. Sie luden Granaten mit reinem Knallsilber gefüllt und
+Feuerkränze, lenkten dann über einen Truppenhaufen, und ließen Verderben
+auf ihn niederfallen. Die Kriegskunst lehrte aber, ihnen sogleich andere
+entgegen zu senden, auch wurden aus der Tiefe, weitreichende Feldstücke mit
+glühenden Kugeln, auf sie gerichtet. Hier möglichst auszuweichen, und dort
+doch der Absicht ein Genüge zu thun, strebte die Lufttaktik. Allerdings
+langte man nicht immer glücklich mit den Theorien aus, die Fahrzeuge
+geriethen in Brand, die Adler wurden getödtet, man war gezwungen sich mit
+dem Fallschirm erdwärts zu wenden, und wenn der Feind sich unten befand,
+auf Gnade und Ungnade sich zu ergeben.
+
+Die regsten, leichtesten Bursche kamen denn zu diesen, im ächten Sinne des
+Worts, leichten Truppen.
+
+Andere kamen zu der Reuterei. Diese hatte jetzt Pferde, welche man eben so
+wohl zum Krieg abgehärtet hatte, als die Menschen. Eingehegte Wildnisse
+waren der Ort ihrer Erzeugung. Dort liefen sie bis ins fünfte Jahr umher,
+jeder Witterung blos gegeben, durch keine warme Stallung, kein regelmäßiges
+Füttern, verwöhnt. Schwer ward es dann sie zu bändigen, doch gelang es
+endlich durch Güte und Strenge. Im schnellen Laufen übte man sie täglich,
+dann mußten sie auch verschiedene, vor ihnen in Gestalt von Soldaten zu Fuß
+und zu Pferde, zur Höhe gerichtete Gegenstände, über den Haufen rennen, in
+Stickfeuer und Schwefeldunst gehen, von Furcht befreit, vertraut mit
+Schmerzen. Dabei mußten sie sich auf des Reuters Verlangen schnell zur Erde
+werfen, denn auch hier war es im Gebrauch, wenn es die Umstände wollten und
+erlaubten, sich mit Erdaufwürfen zu sichern.
+
+In früheren Zeiten galt es erschöpfende Anstrengung, wenn Reuterei etwa
+eine Viertelmeile im vollen Rennen zurücklegte. Jetzt hatten die wild
+aufgewachsenen, durch Uebung immer mehr gekräftigten Kampfrosse, Athem
+genug, dies mehrere Meilen zu vollbringen, obschon sie sowohl als der
+Reuter gepanzert waren, und oft noch ein Schütz hinten auf saß, der denn im
+vollen Laufe, entweder über des Reuters Schultern, oder rechts und links,
+feuerte.
+
+Auf große Abstände bediente sich diese Waffe schon des Feuerrohrs, Hundert
+Schritte vom Feind pflegte man eine Wurflanze in seine Reihen zu
+schleudern, zwei andere Spieße, die ein leichter Mechanismus senkte oder
+hob, waren an des Reuters Füßen befestigt.
+
+So geschah der Einbruch. Zuletzt strömten weite Pistolen noch kleine Kugeln
+und Raketen, dann wüthete das Schwert.
+
+Doch der Feind traf auch Gegenmaaßnehmungen. Das Fußvolk zog in
+bewundernswerther Geschwindigkeit Gräben mit Lanzen ausgespickt, über
+welche die Kampfrosse fielen. Reuterei warf Fußangeln an dünnen Stricken
+weit hinaus, den Gegner dadurch zu verwirren, sie aber auch gleich wieder
+aufzunehmen, wenn es Verfolgung galt.
+
+Die jungen Männer, welche hier Anstellung fanden, mußten, neben dem schon
+vergangenen Lehrjahre, drei andere, bei den Uebungen im Reiten, im Schießen
+vom Sattel, und dem Fechtkampfe auf Lanze und Schwert, verleben.
+Mitgebrachte Vorkunde und glückliches Auffassungvermögen minderten
+gleichwohl diese Zeit.
+
+Weit bewundernswerther als andere Waffen, trat jedoch die Artillerie auf.
+Wie würden die Männer aus dem achtzehnten und dem Anfange des neunzehnten
+Jahrhunderts, welche dem großen Geschoß vorstanden, haben staunen müssen,
+wenn ihnen ein Blick auf ihre späten Nachfolger, von jenseits der Gräber
+her, wäre vergönnt gewesen. Es wurde schon bei Gelegenheit der Festen
+gemeldet, welche Kaliber die dermalige Zeit sah, allein auch im Felde
+leiteten Metallehre, Scheidekunst und Bewegungstheorie, das Geschäft des
+Verderbens wundersam.
+
+Vervielfältigt waren die Mittel, dem Rücklauf zu begegnen, und so konnte
+der Konstabel sich leichter Röhre bedienen, wenn sie gleich schwere Ballen
+fortzutreiben vermochten. Es gab viele derselben auf einem Gestell, die mit
+Lademaschinen in unglaublich kurzer Zeit nach einander den Tod spieen.
+Andere wieder, auf so hohen Wagen, daß sie über Fußvolk und Reuterei
+emporragten und durch diese gedeckt, von hinterwärts ihre Zerstörung
+aussandten. Es gab feuerfeste Wandelthürme, in vielen Stockwerken mit
+Kanonen besetzt. Es gab bewegliche Reduten, auf allen ihren Seiten
+Batterien. Wie schaffte man die fort? ist die Frage. O dergleichen hätte
+schon um Jahrhunderte früher vorhanden sein können, wenn damals nicht eine
+so große Geistesträgheit unter den Kriegern zu finden gewesen wäre, wenn
+nicht manche Völker es vorgezogen hätten, dem Verderben zuzueilen, als das
+Genie über die Maasregeln ihrer Rettung zu hören. Das war nun freilich
+späterhin anders. Niemanden traf Verfolgung, weil er klüger war, als der
+Haufe, der Verstand war kein Monopol sondern Allmende. Pulverkraft schaffte
+diese Wandelthürme, diese Wandelschanzen fort, und es ist gar so schwer
+nicht, die Möglichkeit zu ahnen.
+
+Die Artillerie zu Pferde hatte ihre Stücke nicht auf Wagen, sondern bei
+sich an den Sätteln, in kleine Theile zerlegt, die man in etlichen Sekunden
+zum Ganzen vereinte. Sie bewegte sich noch schneller als die gewöhnliche
+Reuterei, indem sie die vorzüglichsten Pferde empfing, und jener im
+Ansprung voraus eilen mußte, durch einige schnell angebrachte Lagen die
+Bahnen aufzuhellen.
+
+Das Laboratorium setzte in Erstaunen. Hier wurden unter andern die
+Feuermaterien gemengt, deren Flammen sich überall vertilgend anhingen. Die
+Artillerie bewarf zuweilen eine feindliche Reihe so damit, daß ein dichtes
+Glutmeer über sie hinströmte und der Erfolg ist denkbar. Ueberhaupt geizte
+die Artillerie nach der Ehre, Schlachten und kleinere Gefechte zu
+entscheiden, ohne daß andere Massen Theil daran nahmen, was auch oft
+gelang.
+
+Den Krieg unter der Erde führten die Minirer. Reutereiangriffen, wie sie
+jetzt angethan waren, dem schnellen Heranbringen mordender Batterien,
+konnte fast nur eine wirksame Vertheidigung entgegen gestellt werden, wenn
+der Boden an Stellen, wo sie vorüberkamen, unterhöhlet, und Mine an Mine,
+mit reinem Knallsilber gefüllt, gereiht wurde. Dann ließen sich Tausende
+leicht zerreissen, nach den Wolken senden. Selten ward ein Lager bezogen,
+wo die rüstigen Krieger in der Tiefe, nicht sogleich die ganze Linie mit
+ihren verborgenen Werken umgürtet hätten. Brachten sie diese nun zum
+Ausbruch, so schien es, als ob Vulkan neben Vulkan spie, und die flüßigen
+Feuer strömten, der Lava gleich, weit umher.
+
+Bei so erschwertem Zugang, hatte nun der Angreifer zu sinnen, wie er seinen
+Kohorten, vor ihrem Sturme, den Boden sicherte. Dies konnte nicht anders
+als unter seinem Rande geschehen. Daher mußten die disseitigen Minirer
+zeitig ihren Weg antreten. Große Erdbohrer, durch Maschinen in Bewegung
+gesetzt, dienten zu diesem Zwecke. Man beeilte sich, die höllischen Anlagen
+aufzufinden und durch eine frühere Brandstiftung sie unschädlich zu machen.
+
+Grausenvoller Krieg, schauderhafte Anwendung entsetzlicher Naturkräfte!
+Doch dies fürchterliche Verfahren war nothwendig geworden, man durfte sich
+nicht ungestraft an Mordkunst überbieten lassen. Und die Möglichkeit
+solcher Allvertilgung, mahnte desto lauter an, den Frieden zur ersten
+Tugend der Menschheit zu erheben. Noch hörten aber nicht alle Völker
+darauf.
+
+Wer nun von den jungen Soldaten in eine der kunstreichen Truppenarten
+aufgenommen worden, und den Unterricht dreier neuen Lehrjahre empfangen
+hatte, konnte nach Belieben wieder austreten, denn es war nützlich, unter
+den Bürgern im Staate, auch eine Zahl so angelehrter zu wissen. Es war nun
+eine Befreiung von gewissen Gaben und ein Ehrenzeichen ihr Lohn.
+
+Wer aber noch länger zu weilen Lust zeigte, trat ins große Heer, wo sein
+Dienst zehn Jahre währte. Nach dieser Zeit ging er zu den Veteranen, welche
+entweder die Besatzung der Festen bildeten, oder der Uebung junger Rekruten
+oblagen. Denn es galt der Grundsatz: kein Krieger im offenen Felde dürfe
+mehr als dreißig Jahre zählen. Man kannte den leichten, die Gefahr
+höhnenden Sinn, welcher allein mit der Jugendkraft verbunden ist.
+Nothfällen blieben Ausnahmen vorbehalten.
+
+Die Beförderung zu höheren Stellen bestimmte die Dienstzeit. Im Frieden
+ward dies durchaus nicht abgeändert, eine Auszeichnung war da selten, weil
+alle ebenmäßig gebildet wurden. Im Kriege galten Großthaten Pflicht, und
+die Voraussetzung, Niemand werde ihrer ermangeln, wenn ihm die Gelegenheit
+winkte. Es ist schlimm, sagte man, von Verdienst zu reden. Die Abwesenheit
+desselben bei Vielen, wird stillschweigend eingestanden, wenn des Einzelnen
+Lob darum ertönt.
+
+Doch _Anführer_ großer Heerhaufen wurden nach Maaßgabe des höheren Genies
+ausgewählt, das sie beurkundeten. Sie mußten in den Kriegsübungen, während
+vieler Jahre, keinen Tadel verwirkt haben. Sie mußten aus den Schulen ihrer
+Theorien, welche sich bei den Heeren befanden, vortheilhafte Zeugnisse
+mitbringen. Sie mußten dann eine Zeitlang dort selbst den Lehrstuhl
+besteigen, denn man wußte gar wohl, wie auch der beste Kopf lehrend am
+meisten lernt. Sie mußten in gehaltvollen Schriften beweisen, daß sie die
+Kriegskunst nicht nur ihrem Umfange, und ihren einzelnen Abtheilungen nach,
+ergründend verständen, sondern daß sie sie auch mit neueren Ansichten zu
+bereichern wüßten. Gute Erfindungen, durch welche das Heer einen wahrhaften
+Vortheil über die der Nachbaren errang, gaben endlich den Ausschlag, der
+Zahl derer beigesellt zu werden, aus welcher man Heerführer wählte.
+
+Dies geschah aber von Seiten des Heeres selbst. Die meisten Stimmen, im
+Geheim ertheilt, entschieden. So konnten keine unreine Mittel angewandt
+werden, ein solches Amt zu erlangen. Auch war es nicht ausführlich,
+Hunderttausend Mann zu bestechen. Nur ächte, keine Scheingenialität, konnte
+wohl mit ihrem Rufe so weit dringen, daß die Mehrheit einer solchen Zahl in
+ihren Wünschen gewonnen ward. Dann sandte der aus den Aeltesten
+zusammengesetzte Rath des Heeres, die Wahl nach Rom, wo das Strategion,
+eine Körperschaft alter Feldherrn und Kriegsgelehrten, ihre Gründe
+untersuchte und danach abwog, ob sie dem Kaiser zur Bestätigung vorgelegt
+werden sollte, oder nicht. Diesem blieb zuletzt sein souveraines Ja oder
+Nein.
+
+So weise verfuhr dies Zeitalter bei der gewichtigen Frage: wer seinen
+trefflichen Heeren gebieten sollte?
+
+Wie trefflich diese Heere aber auch sein mochten, so kosteten sie dem
+Staate nichts. Gewissermaaßen nichts.
+
+Denn jener zehnjährige Dienst nach den Lehrjahren, er mochte bei den
+künstlerischen Truppenarten oder nur bei dem einfacheren Fußvolke Statt
+haben, (wo auch Viele blieben, die jene zu schwierig für sich fanden,) ward
+nicht allein mit Kriegsübung hingebracht. Dies hätte man unnöthig,
+überflüssig gefunden. Die großen Heere tummelten sich drei Monate im Jahr.
+Und dabei wählte man nach einander Frühjahr, Sommer, Herbst und Winter.
+Dies schien hinlänglich, das Handwerk fortgesetzt in seiner Gewalt zu
+haben, und der Strenge jeder Witterung Trotz bieten zu können. Zudem hatten
+diese Uebungen so viel Praktik als immer thunlich blieb. Zwei Heere
+bildeten sich und verfuhren als Feinde gegen einander, auf alle Weise die
+Wirklichkeit darstellend, nur daß freilich die Röhre nicht mit Kugeln
+versehen waren. Gleichwohl ging es dabei nicht ohne Gefahr ab, worauf es
+auch bei Menschen, deren ganzes Wesen die Gefahr geringschätzen soll, nicht
+ankommen muß. In der Hitze des Streits blieb hie und da ein Krieger, und
+ward dann, als ob Ernst bestanden hätte, an den Ehrensäulen genannt, welche
+der Nachwelt die Namen derer übergaben, die im Kampfe mit des Vaterlands
+Feinden gefallen waren.
+
+Nun hatte aber der Staat seit lange den Heeren Ländereien übergeben. In den
+Provinzen, Polen, Moskau, Schweden, manchen Gegenden der vormaligen Türkei
+von Europa, gab es überflüssige Waldungen, unbewohnte Steppen, Moräste, die
+einer Austrocknung fähig waren, in Menge. Auch fanden sich hie und da
+Bergwerke, zeither ungenützt und ergiebig. In den neun Monaten, wo nun die
+Soldaten sich nicht mit den Waffen beschäftigten, war ihr Beruf, zu
+urbaren, zu bauen, zu säen, zu pflanzen, zu ärnten. Dies war im Laufe der
+Zeit schon weit gediehen, und die Krieger hatten ungemein wohlgepflegte
+Besitzungen.
+
+Nach den Lehrjahren wirklicher Soldat, empfing auch Jeder seinen Antheil,
+den er für sich bearbeitete, doch auch die Obliegenheit, einer
+nebenliegenden Hufe seine Sorge zuzuwenden. Diese war Vermögen der
+Gesammtheit, welche, durch die Menge derselben, sich eines hohen Reichthums
+erfreute. Aus den Einkünften davon, konnte nicht allein der Sold für die
+Rekruten und Veteranen, bestritten werden, sondern sie waren auch die
+Quellen, aus denen man zum Behuf der anderweitigen Heeresnothwendigkeiten
+schöpfte.
+
+Das Heer ließ seine Magazine mit Korn füllen, und häufte hier immer
+Vorräthe für mehrere mögliche Kriegsjahre auf. Es zog seine Pferde in den
+wilden Stutereien. Es ließ seine Kupferminen, seine Eisen- und
+Schwefelbergwerke bearbeiten, erzeugte Salpeter, Ammoniak und andere
+Gegenstände für seine Waffenfabriken und chemische Laboratorien in
+Ueberfluß. Auf Kunststraßen, welche es bauen half, schafte es mittelst ihm
+zugehöriger Prahmwagen sie leicht an die Orte, wo diese Fabriken angelegt
+waren. Die Wolle seiner Schäfereien, die Linnen seiner Flachsschollen,
+kleideten die Soldaten. Die Veteranen, nach dem dreißigsten Jahre
+keinesweges veraltet, trieben auch den Festungbau. Lobenswerthe
+Einrichtungen in früheren Zeiten, wo man den Müßigang der Krieger willig
+duldete und sie dadurch vielseitig verdarb, nie ins Dasein gerufen.
+
+Gelino machte nun dem Zögling bekannt, wie er, als europäischer Bürger,
+sich nun werde gefallen lassen, hier sein Waffenjahr anzutreten. Guido
+hörte das mit innigem Vergnügen, von jeher hatte das Kriegshandwerk für
+seine lebhafte Einbildung unsägliche Reitze gehabt, und immer hoffte er
+einst Ruhm darin zu finden, wenn schon eben keine Aussicht zu ernstlichen
+Kämpfen bestand.
+
+
+
+
+Drittes Büchlein.
+
+Guido im Heere.
+
+
+Der Lehrer führte ihn einige Meilen von Moskau weg, wo eben die große
+Uebung des Heeres Statt fand. Wie begeisterte den Jüngling der strahlende
+Waffenglanz, der laute Donner so vieler Feuerröhre, deren Rauchwolken den
+ganzen silbernen Himmel dunkel umzogen und wieder mit tausendfachem Blitz
+erhellten. Am fernen Boden schlängelten sich der Minen Lavabäche, wenn ihre
+Erdberge emporstiegen.
+
+Nachdem die Truppen die heutige Uebung geendet hatten, begab sich Gelino
+mit seinem jungen Freund, zum Anführer. Er stellte ihm Guido vor und
+übergab dabei ein Schreiben. Der Feldherr blickte den Jüngling wohlgefällig
+an, und brach darauf das Siegel. Nachdem er gelesen hatte, sagte er: Wohl
+scheinst du es werth, Jüngling, daß der Kaiser dich selbst empfielt. Er muß
+dich vortheilhaft kennen gelernt haben, große Wärme spricht in seinem
+Briefe, und deine Miene betrügt auch wohl kein Vertrauen. Doch verlangt
+deines Beschützers Weisheit unfehlbar nicht, daß ich dir unverdienten
+Vorzug einräume. Zeige jedoch Willen und Kraft, so kann die Ehre im Heere
+geachtet zu werden, dir nicht entstehn.
+
+Guido ward verlegen, da er von dem Briefe des Kaisers nichts wußte. Doch
+antwortete er mit bescheidenem Selbstgefühl: er achte sich zu sehr, eine
+Auszeichnung zu verlangen.
+
+Er hatte nun die Prüfung zu bestehn. Seine seltne Gewandheit in
+Leibesübungen erregte Staunen, er war so keck, die Behendesten im Laufen,
+die Stärksten im Ringen, die Rüstigsten im Schwimmen, zum Wettkampf
+einzuladen, und trug den Sieg davon. Eine Probe seiner geometrischen
+Uebersicht abzulegen, schwang er sich an einen Luftball empor, und entwarf
+binnen einer Stunde eine höchst genaue Charte des sichtbaren Landhorizonts.
+Auch anderweitig bestand er, nicht nur zur Zufriedenheit, sondern zur
+Bewunderung der Anwesenden, was dem Lehrer Gelino süß schmeichelte.
+
+Er empfing seine Waffen und begann die Uebungen froh. An Ini schrieb er:
+Ich trage nun das Kriegerkleid. Neue Kraftübungen werden meine Formen
+entfalten, der hohe Gedanke an Heldenthum, verbunden mit dem entzückenden,
+verklärenden an dich, werden mir endlich die Gestalt vollenden, welche
+deiner allein werth sein kann.
+
+Sie antwortete: Gehe nicht leicht hin über das Schwere. Sorge und wache.
+Liebe stärke dich!
+
+Der Seegen einer Geliebten hat immer wunderbare Einwirkungen. Jedes
+Geschäft geht leichter von dannen, der Genius erwacht, trägt bald auf den
+Gipfel des Vorhandenen und läßt höhere Vollkommenheit umfassen.
+
+Guidos nervigte Arme lernten die Kunstgriffe mit dem scharfen Spaten bald,
+und führten Lanze und Schwert mit Geschicklichkeit, sein geübtes Auge
+brauchte in wenigen Wochen das Feuerrohr so fertig, daß er nie sein Ziel
+fehlte.
+
+Was sollen wir dich lehren, fragten die Veteranen, dir ist schon alles
+bekannt, was der Fußsoldat wissen muß, um zu seinem Haufen zu gehen.
+
+Guido beruhigte sich aber dabei nicht. Er hatte nachgedacht, ob man nicht
+über den Erdwurf feuern könne, ohne das Haupt dem feindlichen Geschoß zum
+Ziel darzubieten. In der Optik fand er ein Mittel zu diesem Zweck. Er ließ
+sich ein hakenförmiges Sehrohr fertigen, das die Lichtstrahlen in einen
+Winkel brach, und sein Feuerrohr mit einem gebogenen Kolben versehn. Nun
+blieb er ganz hinter der Erdwehr liegen, und sah durch sein Instrument
+dennoch darüber hin. Der Schuß erfolgte da bei aller eignen Sicherheit. Er
+zeigte den Veteranen, was er ersonnen hatte. Diese gaben ihm großen Beifall
+zu erkennen, und sandten sein Feuerrohr an die Rathsversammlung des Heeres,
+welche neue Erfindungen zu untersuchen hatte. Sie war von dem wichtigen
+Nutzen der vorliegenden zur Stelle überzeugt, und schickte sie wieder durch
+einen Eilboten dem Strategion zu Rom. Dieses antwortete bald: Man hätte
+sogleich alle Feuerröhre der Fußsoldaten auf die vorgeschlagene Weise
+umzuändern.
+
+Man sprach beim ganzen Heere von diesem Ereigniß. Durchaus war es neu, daß
+ein Jüngling, nur einige Wochen unter den Waffen, schon eine Abänderung
+beim Heere veranlaßt hatte. Man untersuchte zwar alles willig, munterte
+liebevoll auf, doch selten erfolgte die wirkliche Anwendung. Wenn es
+diesmal auf einmüthigen Beifall geschah, so lagen auch vor Jedermann die
+Beweise der Trefflichkeit jener Erfindung.
+
+Man sprach ihn auch zugleich von der Obliegenheit los, ein Lehrjahr bei den
+Fußsoldaten zu weilen. Es ward ihm frei gestellt, in eine andere Waffe zu
+treten, und er wählte die Reuterei.
+
+Grade waren Pferde aus der eingehegten Wildniß angelangt, und der Führer
+des Zuges klagte über die Unbändigkeit des einen darunter, rathend, es als
+unbrauchbar zu tödten. Guido bat um die Gunst, es versuchen zu dürfen. Man
+wollte sie lange nicht zugestehn, einwendend, schon die bewährtesten Reuter
+hätten Unfälle mit diesem Thiere gehabt. Jener ließ aber nicht nach, zäumte
+und sattelte das Roß, bei allem Widerstreben, und schwang sich darauf. Es
+bäumte sich hoch, Guido drückte ihm mit starkem Arm den Kopf nieder. Es
+ging, dem Zügel nicht mehr gehorchend, athemlos ins Weite. Guido riß ihm
+den Kopf herum und brachte es zum Stehn. Endlich, die Kraft seines Meisters
+gewahrend, bequemte sich die üppige Wildheit zum Nachgeben. Gelehrig folgte
+das Pferd, wohin Guido wollte. Er ritt es vor aller Augen an einen
+Bombenmörser, und ließ ihn neben sich losbrennen. Ein gewaltiger Sprung zur
+Höhe folgte, der Jüngling saß fest und hielt sein Thier auch zugleich
+wieder an, es kühn mit dem Sporn für die Unart strafend. Es schnaubte Wuth,
+wagte aber, bei einem zweiten Schuß, nicht mehr, von der Stelle zu gehn.
+Endlich legte Guido das Feuerrohr zwischen seine Ohren, erlegte tausend
+Schritte davon einen Habicht, der eben durch die Luft flog, und sein Pferd
+rührte sich nicht.
+
+Alle Reuter jauchzten ihm Lobsprüche, und er dachte geheim: Hätte mich doch
+Ini jetzt gesehn!
+
+Eine freundliche Aufnahme in die Reihen war sein Lohn, und das Verlangen,
+dies Pferd für den Dienst behalten zu dürfen, fand Bewilligung.
+
+Er bewies sich bald so tüchtig als Reuter, daß die Veteranen urtheilten, es
+bedürfe hier durchaus keiner Lehrzeit mehr. Deshalb bat er aber, zu dem
+großen Heere gesandt zu werden, und das aus folgendem Grunde:
+
+Der Cäsar von Neu-Persien hatte Asien im Besitz, mit Ausnahme von Japan und
+China. Diese alten Reiche hatten in vorigen Kriegen immer glücklichen
+Widerstand geleistet, jenes durch seine abgesonderte, meerumflossene und
+durch Felsenküsten sichere Lage, dieses mittelst seiner ungeheuren
+Bevölkerung, und indem es, aufgeweckt durch die nähere Gefahr, das
+Volksgenie auch geweckt und in den Kriegskünsten neuer Zeit mitgestrebt
+hatte. Grade war aber eine neue Fehde ausgebrochen, und bei dieser
+Gelegenheit ein Trupp chinesischer Tatarn versprengt worden, der, Unfug und
+Verheerung übend, den Gränzen von Europa nahte.
+
+Man sandte eine Heerabtheilung, meistens Reuterei, entgegen, im Fall sie
+sich nicht entblöden würden, das diesseitige Gebiet zu betreten, und da
+Guido sehnlich wünschte, dem etwanigen Feldzuge beizuwohnen, drang er so
+lebhaft darauf, zum Heer gesandt zu werden, was auch geschah.
+
+Der Ruf war ihm zuvor gegangen, neugierig sammelte sich die Menge, den
+Jüngling zu sehn, der eine genievolle Erfindung gemacht hatte und für den
+kräftigsten Rossebändiger galt. Die Art, wie er unter den neuen Kameraden
+auftrat, erwarb ihm auch gleich Vertrauen und Gewogenheit.
+
+Es ging zur Gränze, wo eilig das Gerücht einlief, schon wären mehrere
+Dörfer geplündert und verwüstet worden. Der Anführer nahm seinen Marsch in
+die Gegend, welche, die noch unkultivirteste in Europa, dichte Waldungen
+durchschnitten.
+
+So leicht der europäische Stolz diesen Krieg gewürdigt hatte, so
+furchtbar-schwer war er zu führen. Die Waldungen deckten den Feind. Man
+konnte sich nicht über seine Zahl oder Stellung erkundigen, weil die
+leichten Truppen, für dies Geschäft dem Heere zugetheilt, nicht von oben
+herab durch die Kronen der Bäume zu blicken vermogten. Die Tatarn verbargen
+sich geschickt, drangen dann unvermuthet in wilden Haufen hervor, fielen
+mit Ungestüm an, und entfernten sich mit einer Schnelligkeit, die den
+Vortheil auf ihre Seite brachte. Denn ihre Pferde, welche Klugheit bei
+Zucht und Anlehrung der europäischen auch thätig war, hatten den Vorzug.
+
+Die berittene Artillerie ließ sich in den Gehölzen nicht brauchen, wider
+die kleineren Röhre bedienten sich die Feinde eines Schildes, mit einem in
+China erfundenen Lack überzogen, der bei großer Leichtigkeit Reuter und
+Pferd deckte, im Anrennen vorn, im Weichen hinterwärts Gebrauch fand.
+Schlimmer wie alles das, konnte man ihre Pfeile ansehn, womit sie überaus
+geschickt trafen, und den gepanzerten Mann entweder im Gesicht oder an den
+Händen verwundeten. Diese Pfeile waren in ein Pestgift getaucht, das nicht
+allein den Getroffenen hinraffte, sondern auch sich epidemisch mittheilte.
+Sie dagegen, war mit Recht anzunehmen, mußten mit einem schirmenden
+Gegenmittel versehen sein, da man von keinen Krankheiten unter ihnen hörte.
+
+Groß war, bei allem anerzogenen tapfern Sinn, die Bestürzung, als der Tod
+in den europäischen Reihen wüthete. Die Aerzte wußten keinen Rath, fanden
+selbst ihr Grab. Der Anführer wagte einen verwegenen Streich, wurde aber
+mit seinem Vortrab umzingelt und niedergehauen.
+
+Die Truppen wählten einen neuen Gebieter, der einstweilen sein Amt
+übernahm, bis die Bestätigung darin eingelaufen sein konnte. Es war der
+Sohn eines vornehmen Fürsten, welcher demungeachtet der erforderlichen
+Eigenschaften nicht ermangelte. Er hielt den Truppen eine kräftige Anrede,
+worin er die Nothwendigkeit bewies, die Räuber zu vertilgen, wenn dem
+ganzen Lande nicht Untergang durch die Pest drohen sollte; mahnte jeden an,
+den Sinn der Aufopferung in sich zu wecken, und zu denken, auf welchen
+Wegen sich der entsetzlichen Gefahr begegnen ließ. Der Feuerwille, im Kampf
+dem Tode zu trotzen, ließ sich auch überall wahrnehmen, doch die natürliche
+Furcht vor der Pest bleichte jedes Antlitz, und im ganzen Lager tönte
+Wehklage, da keine Minute verging, wo nicht ein Freund dem Freunde starb.
+
+Guido schrieb an seinen Lehrer, der nun in Moskau geblieben war: Komme ich
+um, so sage Ini, mein Leben sei mit ihrem Namen den Lippen entflohn,
+vielleicht aber gelingt es mir, ruhmgekrönt wiederzukehren, denn ein
+Wagstück ist mir beigefallen, das uns retten kann.
+
+Er ging zu dem Heerführer, bat sich einen Luftnachen und einige
+muthbewährte Männer aus. Du bist ja Reuter, was willst du unter den
+Spähtruppen? fragte jener. Vertraue mir um was ich bitte, hieß die Antwort,
+ich will mein Leben daran setzen, den Tod vom Lager zu fernen.
+
+Wohlan! Und möge das Glück dich geleiten.
+
+Guido stieg hoch in die Lüfte auf, begab sich über den Feind und blickte
+mit einem treflichen Fernrohre nieder, das ihm der Feldherr auf sein
+Ansuchen noch mitgegeben hatte. Nach langer vergeblicher Mühe entdeckte er
+in der Waldung einen kleinen offnen Raum, wo ein prächtig Gezelt stand.
+Hier ist ohne Zweifel der tatarische Feldherr, sagte er zu seinen
+Begleitern, dies wollte ich erkunden.
+
+Jetzt schwebt er zurück über das eigne Lager, und ließ einen Brief
+niederfallen, in welchem er den disseitigen Heerführer bat, einen Angriff,
+wenn auch nur scheinbar, zu machen. Er sah nach einer halben Stunde, daß
+seine Bitte Gehör gefunden hatte, die Schlachttrompete klang, die Glieder
+rückten aus.
+
+Jetzt mußten ihn die Adler wieder über jenen lichten Raum bringen, hoch
+genug, daß, bei ohnehin trüber Luft, er nicht mit bloßen Augen zu entdecken
+war. Sein gutes Fernrohr zeigte ihm aber bald, wie auf den Schlachtlärm ein
+vornehmer Tatar aus dem Gezelte trat, zahlreich begleitet sich aufs
+Kampfroß schwang und vorwärts eilte. Nur wenige Einzelne umzingelten in
+einiger Entfernung wachend das Hauptquartier.
+
+Sogleich ließ sich Guido, durch stille Luft und einbrechende Abenddämmerung
+begünstigt, am Fallschirm nieder. Nicht weit von dem Hauptgezelt blieb er
+an einer Eiche hangen, und kletterte von da zur Erde. Eine Wache entdeckte
+ihn, doch ehe der unbesorgt gewesene Tatar zum Bogen greifen konnte, hatte
+er Guidos Dolch in der Brust. Dieser legte nun seine Kleidung an,
+verdachtloser weiter handeln zu können. Er ging einigen Anderen vorüber,
+die, seiner Kleidung halber, nicht Acht auf ihn gaben und gelangte
+glücklich in das Zelt. Hier standen viele große Flaschen mit der
+tatarischen Ueberschrift: Gegengift. Dies war was Guido gewollt hatte. Er
+nahm eine davon, und schlich weit rückwärts in den Wald, indem die Nacht
+dunkler wurde. Endlich, niemand mehr gewahrend, zündete er ein kleines
+Feuer an, was seinen Kameraden im Luftnachen zum Zeichen diente, sich
+niederzusenken.
+
+Dies geschah. Guido bestieg mit seiner Beute den Nachen, und man eilte
+durch die Luft dem eignen Lager zu, wo man gegen Morgen erst anlangte, denn
+das Gefecht hatte eine unglückliche Wendung genommen, die Europäer waren
+weit zurück gedrängt worden.
+
+Er fand unglaubliche Verwirrung, auch der Feldherr war geblieben. Getrost,
+rief er, ich bringe vorerst eine Hülfe, das Weitere wird sich finden.
+
+Die Aerzte wurden berufen. Man untersuchte die Flasche, mittelte die
+Bestandtheile aus, und traf sogleich Anstalt, das Mittel in großer Menge zu
+fertigen. Zugleich ward es an den Pestkranken, die in großer Zahl
+schmachteten, versucht, und alle sahen sich nach wenigen Stunden
+hergestellt. Die Art des Gebrauchs enthüllte sich schon aus der Natur
+dieser Arzenei. Sie wurde auch schnell nach den rückwärts liegenden
+Ortschaften gesandt, wohin sich das Uebel auch schon verbreitet hatte.
+
+Hoher Freudejubel! Neuerwachter Muth im Heere, da keine Pestpfeile mehr zu
+fürchten standen. Guidos Lob klang in aller Krieger Munde. Kein Neid trübte
+einen so rein verdienten Dank.
+
+Die Aeltesten ordneten eine neue Heerführerwahl. Jeder im Heerhaufen nährte
+denselben Gedanken. Mag der Jüngling selbst nicht das erste Lehrjahr
+bestanden haben, sein Geist, seine Thaten erheben ihn zum Würdigsten. Man
+zog die Namen aus dem Helm, der unter allen Kriegern umhergegangen war.
+_Guido_ stand auf jedem Papier.
+
+Er war beschämt, verlegen -- doch klopfte sein Busen von nicht geringer
+Freude. »Was wird Ini sagen, wenn sie davon hört!« dachte er, dann -- gab
+er Befehle.
+
+Eine weite Umzingelung des Feindes schien ihm in diesen Waldungen das
+Dienlichste. Jeder Krieger empfing eine kleine Viole von dem Gegengift, um
+nun bei einer Wunde sogleich einige Tropfen davon anwenden zu können. In
+der folgenden Nacht traten die Flügel ihren Weg an, um sich in den Rücken
+des Feindes zu begeben. Zeitmesser und Kompaß dienten, sich genau an den
+Stellen einzufinden, wo es der Plan verlangte. Ein Morast, durch den die
+Tatarn nicht dringen konnten, begünstigte an einer Seite den Entwurf, an
+der andern ließ Guido schnell eine Meile lang die Bäume mit Knallsilber
+umwerfen, daß auch dort der Ausweg gesperrt wäre.
+
+Dann begann der Angriff von zwei Seiten in der nämlichen Minute. Die Tatarn
+erschraken, da sie die alte Furcht vor ihren Giftpfeilen nicht mehr inne
+wurden. Ja, Bestürzung verbreitete sich unter ihnen, als einige gewahrten,
+die Verwundeten der Europäer bedienten sich eines Gegenmittels. Die
+nehmliche Entdeckung hatte auch den Neu-Persern eine Ueberlegenheit über
+diese Truppen gegeben und sie in die Nothwendigkeit gesetzt nach dem Norden
+zu fliehn.
+
+Man drang scharf ein. Die flüchtige Eil der tatarischen Rosse half nicht,
+da zu beiden Seiten der Feind anrückte. Im Nahekampf hatten die
+europäischen Waffen den Vorzug.
+
+Jener Feldherr, seine mißliche Lage erwägend, sammelte auf den Ton eines
+weitschallenden Instrumentes eine große Masse und suchte mit dieser
+durchzubrechen. Guido, der dies vermuthete, begann an der Spitze einiger
+Tausende ein Scheingefecht, floh und lockte die Feinde auf eine große Mine,
+deren Explosion in dem Augenblick erfolgte, als der Vortrab des Gegners den
+unterwühlten Boden betreten hatte.
+
+Gräßlich schauderhafter Anblick, als Tausend entwurzelte Eichen dem Aether
+zuflogen! Doch wurde es auch Guidos Leuten verderblich, als die
+Baumtrümmer, die zu Tausenden zerrissenen Gäule und Menschen, wieder dem
+Gesetz der Schwere gehorchten, und sich weiter verbreiteten als man
+erwartet hatte. Manche darunter wurden getödtet, selbst Guidos Pferd von
+einem großen Stamm aufs Haupt getroffen. Er entging jedoch den Gefahren
+glücklich, und bestieg ein anderes Kampfroß, die Niederlage der Tatarn zu
+vollenden.
+
+Ihr Feldherr gab die Hoffnung nicht auf, wandte sich nach einer andern
+Gegend. Guido ließ ihm aber keine Frist, fiel den Haufen von allen Seiten
+an. Nicht überall konnten die chinesischen Schilde decken, große
+Verheerungen bewirkten die europäischen Feuerröhre. Endlich traf Guido auf
+den Feldherrn selbst, ein innig gefühlter Wunsch. Er rief ihm zu: laß uns
+beide kämpfen; wer fällt, dessen Schaaren sollen sich dem andern ergeben!
+
+Der Tatarfürst war es zufrieden und warf seine Lanze. Sie würde, wohl
+zielend, Guidos Gesicht getroffen haben, wenn dieser sie nicht mit seinem
+Schwerte hinweggeschlagen hätte. Er schoß, dem Tatar half sein Schild. Nun
+gab Guido dem Pferde den Sporn, flog dicht neben seinen Gegner hin, ihm den
+Degen in die Seite zu bohren. Es gelang nicht, weil der Andere auch mit
+fechtender Geschicklichkeit den Streich abzuwenden wußte. Guidos Pferd, im
+Sprung, war nicht gleich aufzuhalten, der Tatar sandte einen Pfeil nach,
+verwundete es tödtlich, und Guido mußte auf den Boden springen.
+
+Nun suchte der Feind ihn mit seinem Kampfrosse über den Haufen zu rennen.
+Ohne hohe Geistesgegenwart war Guido verloren. Doch er dachte an Ini, und
+fühlte neue Kraft durch seine Adern strömen. Er wich rechts und links dem
+schnaubenden Thiere aus, ersah den Augenblick und bohrte das Eisen in
+seinen Bauch. Mit großem Getöse fiel es in den Staub, nachdem es durch die
+letzte krampfhafte Bäumung den Reuter weggeschleudert hatte.
+
+Dieser stand aber auch gleich wieder auf den Füßen und Schwert gegen
+Schwert wüthete. Die Panzer vereitelten Hieb und Stoß, an ihrer Kraft
+brachen beider Klingen. Nur die Arme blieben den ergrimmten Kämpfern noch
+übrig. Den fabelhaften Riesen der Vorzeit gleich umschlangen sie sich
+damit, und geriethen auf das Eis eines kleinen Sees, der dort lag.
+
+Der Tatarfürst schien an Nervengewalt seinem Feinde nicht nachzustehen,
+doch lebte ihm keine hohe Liebe daheim, in deren Anruf er seine Heldenkraft
+verdoppeln konnte. Allein vor Guidos Seele stand Inis segnendes Bild und
+neue Götterflammen strömten in seine Brust. Mit des Bildes Erscheinung
+lebte auch das Triumphgefühl in ihm auf. Es ward ihm ein Spiel, hoch den
+Tatar empor zu heben und ungestüm gegen die gefrorne Fläche zu werfen. Der
+Fall des Gepanzerten aufs Haupt war entscheidend, die Gebeine des Nackens
+waren zerschellt, weit glitt der Leichnam auf das klare Eis hin.
+
+Guido nahm das zertrümmerte Schwert, den Panzer und eine Diamantkette, die
+an der Brust des Todten hing, alles an Ini zu senden. Die Europäer ließen
+Sieggesang ertönen, die Räuberhorden flehten um Gnade und lieferten die
+Waffen ab.
+
+Man fand großen Raub im Lager, den Guido unter die geplünderten Landleute
+vertheilen hieß. Edel genug waren seine Soldaten, nur Waffen sich zum
+Andenken des Tages zuzueigenen.
+
+Noch wurde auf die hie und da zerstreuten Feinde Jagd gemacht, von denen
+auch keiner entkam. Die zahlreiche Schaar der Gefangnen bewachend
+eingeschlossen, eilte der Heerhaufen zurück nach dem großen Lager. Das Volk
+der Gegend erwartete Guido überall an den Wegen, und brachte dem Retter von
+Tausend Schrecken sein Dankopfer in Freudenthränen.
+
+Unterwegs begegnete ihm ein Heer, reich mit Artillerie und andern
+Erfordernissen versehn. Es war im Anzuge, da man aus den Berichten
+entnommen hatte, jene Reuterei werde dem zu gering geachteten Feinde, nicht
+vollen Widerstand leisten können. Auch befanden sich viele Aerzte im
+Gefolge, die Natur der Seuche zu prüfen. Krankheiten waren diesem Zeitalter
+verhaßt und schrecklich, denn es war in Europa weit damit gekommen, sie
+auszurotten. Seit Jahrhunderten wußte man nichts mehr von Kinderblattern,
+die Krankheiten von Ausschweifungen im Geschlechtstrieb, hatte man dadurch
+verbannt, daß einst zum Gemeinbesten, im ganzen Staate, an einem
+ausgeschriebenen und der Menge geheim gehaltenen Tage, eine jede Person,
+ohne Ausnahme, Untersuchung traf und ihre Heilung bewerkstelligt wurde.
+Andere Welttheile waren klug genug, dieses Beispiel nachzuahmen und die
+Uebel bestanden nur noch in der Geschichte. Dem Heere von Fiebern mancher
+Art, widerstanden die durch gute phisische Erziehung und Mäßigung in den
+Leidenschaften, gestählten Organisazionen. Geist und Körper bewegten sich
+bei diesem Geschlechte zu viel, zu wachsam übte man die Sorge für gesunde
+Nahrung, als daß Gicht und Podagra hätten foltern können. Langer Gebrauch
+der Milch bei den Kindern, viel frühes Laufen in freier Luft, bildeten die
+Lungen vortheilhaft aus, daher konnten Brustkrankheiten nur höchst seltne
+Erscheinungen sein. Jene Resultate von Verderbniß der Säfte, in alten
+Zeiten bekannt, die scheuslichen Wassersuchten, waren mit ihren Ursachen
+verschwunden. Die Aerzte fanden unten diesen Umständen wenig Beschäftigung,
+als bei zufälligen äußeren Wunden, oder der auch nicht schwierigen
+Geburtshülfe. Sie trieben dagegen Chemie, die jetzt sehr viel geübte, und
+auf das Leben überall angewandte Kunst, und bekleideten demnächst, bei den
+Erziehungsanstalten, heilsame Aemter. -- Immer höher reichte das Leben der
+Menschen hinauf, immer gewöhnlicher führte eine sanfte schmerzenlose
+Entkräftung hinaus.
+
+Wie hoch mußte also die Erkenntlichkeit des Zeitalters gegen den Mann sein,
+der die Verheerungen der Seuche durch seine tapfere List abgewendet hatte.
+Indem die Aeltesten in dem anziehenden Heere, und die Naturkundigen, in
+sein Lob ausbrachen, wich Guido bescheiden aus und entgegnete: Es war immer
+doch nur zufällig, wenn ich das Gegenmittel fand. Hätte ich es selbst
+entdeckt, bereitet, dann wollte ich euer Lob annehmen.
+
+Daß er den Feind schon überwältigt hatte, freute jene Soldaten desto
+weniger. Sie hätten gern ihren Antheil bei dem Ruhm gehabt. Doch erklärten
+die Männer im großen Heeresrath einmüthig, man müsse beim Strategion darauf
+antragen, daß Guido einen Triumpheinzug zu Moskau hielt.
+
+Wie würde mir, dem Jüngling, das ziemen, rief er. Nein, ich bitte um meine
+Entlassung, da ich meine ferneren Reisen anzutreten denke. Giebt es aber
+einst neuen Krieg, dann stell' ich mich.
+
+Bescheidener! rief ein Unteranführer, du bist in solchem Fall nicht sicher,
+daß ein großes Heer dich zum Feldherrn erkiest. Zu laut ist dein Name von
+Ohr zu Ohr gedrungen.
+
+O, dies anzunehmen, müßte ich noch weit mehr Wissen errungen haben,
+antwortete Guido. Doch einige Vorschläge, zu Verbesserungen, an dem
+schweren Geschoß, und den Minen, bitte ich noch von mir anzuhören. Die
+Erfahrung dieser Tage lenkte mich darauf.
+
+Die künstlerischen Soldaten wurden hier ein wenig schwierig. »Wie, er
+diente nicht in unsrer Mitte, und hofft uns lehren zu können, was wir noch
+nicht wissen?«
+
+Doch er eignete sich Theorien zu, entgegneten des Erfinders Freunde.
+
+»Ei Theorien! Sie sind nicht die Erfahrung!«
+
+Auch diese hat er gesammelt.
+
+»Aber nicht in zulänglicher Summe.«
+
+Man sieht, daß die Männer, bei allem Voraussein eine Tradizion von ihren
+Urvätern durch den Zeitstrom gerettet hatten. Doch ganz so eigensinnig
+waren sie nicht. Sie prüften -- gingen vom Tadel zur Billigung über -- und
+nahmen an.
+
+Guido hatte aber noch eine andere Idee umfaßt, die er gern zur Ausführung
+bringen wollte. Die Musik beim Heere mißfiel ihm. Manches, sagte er im Rath
+der Anführer, habt ihr von mir angenommen, was den Nutzen zum Ziel hatte,
+laßt mich nun etwas für die Schönheit thun, die ohnehin eine gute Wirkung
+nicht verfehlen wird.
+
+Aus der Kasse, welche zum Erproben neuer Erfindungen bestimmt war, wurden
+ihm beliebige Summen zugewilligt, über die nöthige Personenzahl konnte er
+entscheiden. Er ging eilig an die Ausführung, und der Arbeiter Gewandheit
+stillte bald seine Ungeduld.
+
+Er ließ eine Luftgallione bauen, von funfzig Adlern gezogen, die für einige
+Hundert Menschen Raum enthielt. Zwei Silberpauken, mäßigen Häusern an
+Umfang gleich, befanden sich darauf, und wurden mit eichenen Knebeln durch
+Maschinen gerührt. Zudem metallene Hörner von der Länge einer Tanne, deren
+hintere Mündung an einen großen Blasebalg gebunden war. Diesen konnten zwei
+Männer durch einen Schnellhebel leicht niederstoßen. Jedes Horn hatte nur
+einen Ton, und es galt geübte Aufmerksamkeit der Spielenden, ihn richtig
+anklingen zu lassen, wenn das auszuführende Stück es verlangte. Aehnliche
+Trompeten waren auch in guter Zahl vorhanden, und Posaunen, welche sehr
+tief und kräftig ansprachen. Darüber hing ein reingestimmtes Glockenspiel,
+dem akkustische Kunst eine gewaltige Resonnanz gegeben hatte.
+
+Guido sahe bald alles dargestellt, und übte ins Geheim seine Künstler zur
+Fertigkeit. Dann sagte er den Heeranführern: Rücket aus mit den Truppen.
+Ihr sollt eine Musik vernehmen, dem gesammten Heere, durch das Klirren der
+Schwerter, selbst durch den lauten Donner eurer Kanonen, hörbar. Töne
+ermuthigen in der Schlacht, füllen dem Tapfern mit noch edlerer
+Begeisterung das Herz. Von derselben Melodie sollen alle Streiter
+bezaubernd ergriffen werden. Man gehorchte ihm. Reuterei, Fußvolk und
+Artillerie zog auf die Gefilde, in den Bewegungen eines großen Kampfes. Zu
+den Wolken stieg der graue Dampf ihrer Röhre der Himmel war verhüllt. Da
+ließ Guido das mächtige Feldorchester über sie schweben, dreihundert
+Klafter hoch, unsichtbar in dem wallenden Rauchnebel. Die Musiker hatten
+die Ohren dicht verstopft, nicht Taubheit davon zu tragen.
+
+Welch ein Effekt in der Tiefe, als der Sturm des Klanges niederbrauste, auf
+Meilenfernen in gleicher Gewalt hörbar. Es war, als ob der Gott der
+Heerschaaren in den Lüften waltete, seine Treuen durch himmlische Melodien
+zum unsterblichen Ruhm weihend. Entzückt, wonnetrunken, horchten die
+staunenden Helden. Warum ist kein Feind da, den wir, von den Harmonien
+umströmt, bekämpfen können, riefen sie. Zu unüberwindlichen Löwen erhübe
+uns die wundervolle Magie.
+
+Hatte er zuvor die Liebe der Soldaten gewonnen, so flogen ihm nunmehr alle
+Herzen zu, denn diese Krieger bargen Schönheitssinn. Die Erfindung ward
+auch einmüthig angenommen, doch bestimmten die Anführer ihren Gebrauch nur
+für den Ernst, im Frieden sollte sich das Ohr der Soldaten nicht daran
+gewöhnen, damit einst in der Schlacht die Wirkung höher reichte.
+
+Guido wandte sich nun heimlich von den Truppen, dem schmeichelhaften
+Abschied zu entfliehn, und eilte nach Moskau, wo ihn Gelino freudig in die
+Arme schloß.
+
+Sich hier selbst mehr gegeben, prüfte er seine Gestalt an Spiegeln, und
+ward froher noch über die jetzige Entdeckung, als in dem stolzen
+Augenblick, wo es ihm endlich gelang, den Feldherrn der tatarischen Horden
+zu überwältigen. Denn fast kannte er sich nicht gleich, so hatte seine
+Schönheit zugenommen. Entwickelter zu einer reinen Uebereinstimmung,
+stellten sich die Verhältnisse der Arme, des Leibes, der unteren Theile
+dar, heller glühte das muntere Inkarnat der Wangen, durch die viele rüstige
+Bewegung in der gesunden Nordluft. In dem Auge strahlte ein unglaublich
+frohes, edles Feuer, eine stolze Sicherheit, erzogen durch das siegende
+Bewußtsein vollbrachter Heldenthat, und die Wonne des Stolzes im
+Selbstgefühl, wenn schon durch Bescheidenheit in gemessenen Schranken
+gehalten, daß keine Verzerrung einen Ausdruck von Eitelkeit entstehn ließ,
+der andere durch Tadel beleidigte. Der Hochsinn, bei den Gefühlen der Liebe
+und den Entzückungen der Künste, hatte immer nur sanft des Oberhauptes
+Rundung emporgehoben, die ungestüme Heldengluth aber, in ihrer, besonders
+den hohen Theil im Gehirn bewegenden Seelenthätigkeit, hatte sie schnell
+hinausgedrängt, und wie es Guido schien, bis an die Linie welche Inis Ideal
+verlangte. Dagegen wenn er sein Profil in zwei Spiegeln besah, konnte er
+mit seiner Stirn noch nicht zufrieden sein. Denn dort war immer noch nicht
+genug geschehen, noch lag sie nur in einer Perpendikuläre mit dem Kinn, da
+sie gleichwohl um ein Gutes hätte vordringen müssen. Guido sagte sich unter
+diesen Umständen, was ich bisher dachte, war noch immer nicht genug, der
+Summe nach, oft auch nur flüchtiger Aufflug der Imaginazion. Ich muß
+mehrere Gegenstände in die innere Welt rufen, und durch fortfahrende
+schwere Kraftübung des Denkens, des Gehirnes Masse vermehren. Dann habe ich
+mich auch vorzüglich mit Dingen zu beschäftigen, die die Empfindung
+ausschließen, rein abgezogen sind. Nur so ist das vorliegende Mark des
+Schädels thätig, wächst an und stößt seine gestärkte Hülle weiter. Die
+Hoffnung, auch das werde gelingen, erhob seinen Muth.
+
+Er schrieb an Ini, ihr seine Trophäen sendend:
+
+»Einem andern Mädchen dürfte ich schon kühn nahen, und um ihre Hand werben.
+Denn ein stattlicher Ritter, leg' ich der Geliebten Feindes Waffen zu
+Füßen, und schmücke sie mit einer Eroberung. Du aber steigerst deinen
+Vertrag, und darfst, du Göttliche, höhern Preis auf dich setzen. Je mehr
+ich sinne und handle, je mehr lerne ich dich verstehn, je mehr begreife
+ich, wie deine Idee menschlicher Würdigkeit weit hinaus liegt, über alles,
+was schon Sterbliche thaten. Ich müßte vor diesem reineren Erkennen
+verzweifeln, deiner Forderung glorreich Genüge zu thun, hätte ich nicht die
+Wunderkraft fühlen lernen, die dein Bild in meine Adern gießt. So aber
+beginne ich hoffend den neuen Lauf, lebt doch das Flehn in mir, das dich um
+Beistand anrufen kann, wie in jenes Kampfes Stunde, wo gnädig mich die
+Göttin erhörte.«
+
+Gelino sagte darauf, laß uns eine andere Wohnung beziehn, wo wir mehr
+Schutz gegen die Kälte finden. Der Winter ist strenge, immer höher deckt
+sich der Boden mit Schnee.
+
+Guido empfand die Unbehaglichkeit eben nicht, doch dem schwächeren Greis
+nachgebend, folgte er willig.
+
+Sie traten am Abend in ein geräumig Haus, dessen Zimmer trefflich durch
+Oefen erwärmt und artig verziert waren. Willst du nicht deine Bemerkungen
+über die Reise aufzeichnen, und die Geschichte deines Feldzugs? fragte
+Gelino. Der Jüngling dankte ihm für die Erinnerung, und eilte um so eher zu
+schreiben, weil ernsthaftere Beschäftigungen dem eben gefaßten Vorhaben
+entsprachen. Mit Ausnahme eines kurzen Schlafs, und einer Stunde beim Mahl,
+wich er nicht von seiner Arbeit. Einigemal ward er darin gestört, weil ihm
+dünkte, das Haus bewege sich. Sollte das ein Erdbeben sein? fragte er den
+Lehrer. Weiß man denn hier nicht, wie in Italien, die Zeit und die Stärke
+einer solchen Naturerscheinung zu berechnen, oder sie abzuwenden von den
+Städten, mittelst tief gewühlter Brunnen, durch welche das tiefe Feuer
+einen Ausweg findet?
+
+Sei unbesorgt, erwiederte Gelino, hier sind die Erdbeben selten, und träte
+ja der Fall ein, würden die Naturkundigen schon zeitig warnen. Glaube
+nicht, man sei hier noch so unwissend, wie in rohen Jahrhunderten einst
+durch ganz Europa, wo Städte zertrümmert wurden.
+
+Gab es wirklich eine so unwissende Zeit? fragte Guido staunend.
+
+Sieh da die Folge deiner Säumniß, Geschichte zu lernen, strafte der Lehrer.
+Lissabon und selbst unser Messina haben einst furchtbar dadurch gelitten.
+Du weißt viel, erfindest viel, dennoch schöpfest du zu wenig aus dem
+rechten Quell.
+
+Du hast Recht, gab Guido zur Antwort hier sieht mein Streber noch ein
+weites Feld. O ich muß auch die Naturkunde noch mehr treiben und manches
+Andere.
+
+Nun, wir werden auch ins gelehrte Deutschland kommen. Da magst du dich mit
+Elementen vertrauen und deinem künftigen Denken neue Richtungen geben.
+
+Der Zögling hatte nach dreien Tagen seine Arbeit vollendet. Freilich waren
+darin nur hingeworfene Bemerkungen und kurze Uebersicht der Thatsachen zu
+finden; die Ursachen der Erscheinungen aufzusuchen, fiel ihm noch nicht
+genug ein; sein Wissen, wenn schon reich in der Menge, hatte zu vielen
+poetischen Anstrich. Entzückt sein, hieß ihm noch oft Bemerken. Gelino
+beruhigte sich aber dabei, indem er wohl wußte, aus dem jugendlichen Genie
+könne erst die Gründlichkeit als eine Frucht der Jahre hervorkeimen. Laß
+uns jetze eine andere Wohnung suchen, sagte Gelino.
+
+»Schon wieder? Ich meinte, diese sei dir bequem?«
+
+Eine noch bequemere.
+
+»Wie du willst, ich will ohnehin ein wenig ins Freie. Seit drei Tagen kam
+ich nicht unter dem Dache weg.«
+
+Sie traten hinaus. Guido sah einen großen schönen Platz, ihm unbekannt. Was
+ist das? fragte er, den Platz sah ich noch nicht, und glaubte doch ganz
+Moskau durchirrt zu haben. Auch schien mir, unser Haus läge in einer engen
+Gasse, da wir es neulich am Abend bezogen.
+
+O wir sind nicht in Moskau, rief Gelino lächelnd.
+
+Guido blickte ihn verwundert an.
+
+Jener fuhr fort: Du bist in Petersburg. Das Haus war ein Schlitten. Du hast
+nur einigemal einen kleinen Anstoß gespürt. Sonst glitten wir in den drei
+Tagen sanft über den Schnee hieher.
+
+Guido freute sich hoch. Ich gestehe, sagte er, wie mir vor dieser Reise ein
+wenig bangte. Durch die Luft, fürchtete ich, würde es dir zu kalt sein, und
+wie ein Wagen eine Bahn in der starren Winterdecke finden werde, konnte ich
+nicht begreifen.
+
+Sie besahen nun die schöne Stadt, reich durch einen üppigen Handel, und
+einen glänzenden Fürstenhof. Guido nahm jedoch einen andern Nahmen an, denn
+sein Ruf war vorangeeilt, und er wollte sich so wenig durch Schmeicheleien
+betäuben, als in seiner Lernbegier stören lassen.
+
+Unter den mannichfachen Sehenswürdigkeiten, gefiel unsern Reisenden nichts
+mehr als die Wintergärten, welche man hier angelegt hatte, um das Anschauen
+grünender Natur nicht so lange zu entrathen, als der unfreundliche
+Himmelstrich gebot. Fast jeder von den Reichen besaß eine solche liebliche
+Anstalt; die weitläuftigste darunter war jedoch öffentlich, wurde von der
+Gesammtheit erhalten, und es stand jedem Einwohner und Auswärtigen frei,
+sich dort zu vergnügen.
+
+Eine dicke Mauer von Quadern umzog einen Raum von mehreren Tausend Schuhen
+im Gevierte. Der ganze Boden war hohl, Pfeiler von großem Umfang trugen
+seine Gewölbe, und durch viele Eisenöfen, deren Züge und Röhren künstlich
+umhergeleitet waren, empfing die geläuterte, auf alle Weise fruchtbar
+gemachte Erde, die auf dem Gewölbe lag, Erwärmung.
+
+Von diesen Vorkehrungen ward jedoch Niemand oben etwas inne. Man trat durch
+ein Thor in eine Vorhalle, die wieder zu einem geräumigen Saal führte,
+schon milder in seiner Temperatur als jene. Durch doppelte und verhüllte
+Thüren, damit die Kälte nicht eindränge, gelangte man weiter.
+
+Aus diesem Saal führten andere Thüren in eine breite Gallerie, deren hohe
+bis zur Erde reichende Fenster, von Polkristall, nur nach Innen gingen.
+
+Und wohin? Durch die starre Kälte, wie Dezember und Januar unter dieser
+Breite geben, trat man in die Vorhalle mit frierendem Athem, das Haar mit
+Eis behangen. Aufwärter reinigten die rauhe Fußbekleidung von Schnee, und
+säuberten des Ankömmlings Locken. Im andern Saale fand man den Pelz
+beschwerlich, und gab ihn ab. In der Gallerie wehten milde Sommerlüfte, das
+Auge blickte froh durch die Fenster hinaus auf liebliche Grüne, auf
+Veilchen, Jonquillen und Rosen.
+
+Ein angenehmes Parterre bot sich im Halbrund dar, reich an Florens Pracht,
+mit holdem Duft labend, begränzt durch dunkle Katalpenbüsche, aus denen
+reizende Marmorgebilde winkten.
+
+Selige Ueberraschung! Frohes Athmen, süße Wandlung durch den kleinen
+Platanenhain, an silberhellen Bächen hin, über beblümte Hügel, wo sich
+hinter Teichen weite Aussichten in reizende Gebirglandschaften öffneten.
+Der Staunende, nicht vertraut mit des kleinen Paradieses Kunst, begriff
+nicht, was er sah, und rief die Fabeln der Wohnsitze mithischer Zauberinnen
+und Hesperidengärten in die Erinnerung.
+
+Der kurze Tag entfloh bald; wer vermogte sich von dem Heiligthume zu
+trennen? Im Dämmerlichte gewannen die mannichfachen Schönheiten erhöhten
+Reitz, Nachtigallen flöteten aus Blüthenzweigen nieder, in Jasminlauben
+horchten die Lustwandelnden ihrem Gesang. Bald stieg aber der Mond empor,
+hoch im Norden am Aether hangend, und goß seine Schimmer verklärend nieder.
+O Ini, seufzte Guido tiefbewegt, könnt' ich an deinem Arme hier den Himmel
+fühlen!
+
+Und wie hatte der kluge Fleiß dies alles geschaffen? In den dicken Mauern
+der Umgebung lagen, wie unten, Oefen verborgen. Die großen, hie und da
+zerstreuten, Eichen und Fichten, waren durch Kunst der Natur nachgeahmt,
+zum Theil hohl, um in den durchgeführten Röhren Wärme auszuhauchen, damit
+auch oben eine gleichmäßige Temperatur erzeugt würde, zum Theil bestimmt
+die hohe Glasdecke zu tragen, die sich zwischen ihnen in kleinen Gewölben
+senkte und hob.
+
+Glassteine, rein und klar genug, den Lichtstrahl nicht zu hemmen, und doch
+von der nöthigen Stärke, um alle Kälte abzuwenden, bildeten diese Gewölbe.
+Kein Kitt verband sie, sondern man hatte im Bauen ihre Seiten durch Feuer
+erweicht und sie sich so verschmelzen lassen. Die Anstalten mangelten
+nicht, sie Außen vom Schnee und Inwendig von Dünsten zu reinigen, und so
+war die glückliche Täuschung vollendet. Die weiten Aussichten hatte
+allerdings die Malerei gestaltet, aber so trefflich, daß das Auge
+vollkommen betrogen wurde, um so mehr da es kleine Teiche klüglich
+hinderten, zu den, Fernen lügenden Wänden, zu dringen. --
+
+Unterdessen kam in Moskau ein Schreiben vom Strategion zu Rom an. Eine
+lange Berathung hatte es aufgehalten. Nicht gern wollte man so früh einen
+Jüngling belohnen, damit der Sporn zu höherem Streben nicht mangle, und
+dennoch hatte dieser Jüngling durch so frühe Thaten, Lohn verdient. Endlich
+sandte das Strategion dennoch eins von den großen Ehrenzeichen, wie sie
+Feldherren nach gewonnenen Schlachten empfingen. Man besann sich, daß Guido
+schon in sehr frühen Jahren Beweise seines erfinderischen Kopfes geliefert
+habe und dies gab den Ausschlag. Ein aufmunterndes Schreiben, von des
+Kaisers eigener Hand, lag bei.
+
+Guido befand sich aber nicht mehr in dieser Stadt und Niemand wußte dort,
+wohin er gereiset sei. Er hatte dagegen die Weisung zurück gelassen, im
+Fall Briefe an ihn überkämen, sie nach Sizilien zu senden, daneben die
+Aufschrift, an Ini.
+
+Diese empfing nun durch die Eilpost jene Gegenstände. Gleich schmeichelhaft
+für Geliebte und Geliebten.
+
+Sie wußte, daß er sich jetzt in Petersburg befand, und schrieb ihm, jenen
+Brief zugleich beantwortend:
+
+»Gern seh ich dich in der Heldenreihe, doch mehr noch würde es mich
+erfreuen, wenn du beitragen könntest, daß die Menschheit den unseligen,
+ihre Natur entehrenden, Krieg verbannte. Ein Ehrenzeichen liegt für dich
+hier, ich sende es nicht, hoffend, du werdest zu edel denken, es zu tragen.
+Es ist noch ein Rest alter Barbarei, wenn man solche Zeichen ausgiebt,
+meine ich immer. Traurig wenn das Vaterland gebieten muß, Blut zu
+vergeuden. Wer die schreckliche Pflicht übte, ihm zu gehorchen, wozu soll
+er noch ausgezeichnet sein, daß sein Anblick durch eine schauderhafte
+Erinnerung empöre. Verheimlichen, tief verheimlichen, sollte unsre Zeit die
+unglücklichen Heldenthaten. Glaube auch, nur der reinste Menschensinn kann
+deine Schönheit vollenden.«
+
+Dies gefiel freilich dem flammenden Jüngling nicht ganz. Lob, warmes Lob,
+hätte er von dem Mädchen gehoft, das begeisternd mit Kraft weihte, und es
+tönte nun so sparsam, so bedungen. Doch räumte er ihrem feinen Geist den
+höheren Ausspruch ein, und antwortete nur, indem er diesem seine Ehrfurcht
+darbrachte.
+
+Er blieb noch einige Zeit in Petersburg, sich von dem Handel und dem
+Zustande der Wissenschaften im Norden zu unterrichten.
+
+Jener war sehr ausgebreitet, und wurde mit einer der Lage des Landes
+angemessenen Klugheit geleitet. Die Bevölkerung war seit zwei Jahrhunderten
+in den Gegenden an der finnischen Bai, am Ladoga und weißen Meere bedeutend
+angewachsen, aber doch nicht in dem Maaße, daß die großen Waldungen dadurch
+so verdrängt worden wären, daß das Holz, kein Gegenstand der Ausfuhr
+bleiben konnte, wie es in vielen, noch dichter bewohnten Ländern, schon
+lange der Fall war. Man blickte also auf diese Waldungen, als einen
+vorzüglichen Handelsvorwurf. Doch roh ihn zu verkaufen, war man zu weise.
+Es wurden Schiffe in Menge gebaut, wodurch sich denn die dabei thätigen
+Handwerker in großer Zahl nährten. Andere Völker, der Schiffe benöthigt,
+und überzeugt, sie wären nur in Petersburg am wohlfeilsten zu bekommen,
+holten sie dann fleißig ab, und brachten Erzeugnisse, die zufolge des
+Himmelstriches hier fehlten. Ausser dem nöthigen Brotgetraide wurde durch
+den Landbau ein Ueberfluß an Hanf gewonnen. Auch diesen veräußerte man
+nicht im unverarbeiteten Zustande. Thaue und Stränge aller Art, wie auch
+Segeltuche, wurden daraus gefertigt, und wegen ihrer Vollkommenheit überall
+beliebt. Hiezu kamen, Pelzwerk, Juchten, Saffian, Kaviar, welche die
+Lebhaftigkeit des Verkehrs mehrten.
+
+Der Handel war jetzt ungemein begünstigt. Die große Sicherheit der
+Schiffahrt, die erhöhte Vollkommenheit der Landtransporte, die
+ausgedehnteste Freiheit, die Verbannung aller Privilegien, leisteten ihm
+Vorschub. Die gleiche Güte des Geldes, von der Regierungsweisheit immer im
+richtigen Verhältniß zu den Sachen gehalten, die gleichen Maaße der Dinge
+verschafften ihm erweiterte Bequemlichkeit. Die Ehrliebe der Kaufleute,
+welche einen Bankrottirer mit ewiger Verachtung würde gestempelt haben,
+befestigte den Kredit und es war unerhört, daß einer darunter sein Wort
+nicht erfüllt hätte. So knüpfte man Erdtheil an Erdtheil und erfreute sich
+der mannichfachen Gaben der Natur Allenthalben.
+
+Die Wissenschaften blühten in Petersburg an jedem Zweig, vorzüglich aber
+lag man der Naturkunde ob, und die reich ausgestattete Akademie ließ den
+Norden fleißig bereisen, neue Entdeckungen im Gebiet der Phisik zu machen,
+oder die älteren zu berichtigen. Eine große Zahl von Fossilien, erdigt,
+salzig, metallisch und gemengt, vor dreihundert Jahren noch ganz unbekannt,
+hatten diese Versendete in den Gebirgen gegen den Pol ausgemittelt, wie man
+ihnen auch die erste Entdeckung der köstlichen, allenthalben gesuchten,
+Polkristalle dankte. Denn die erste Reise zur Erdachse im Norden, war von
+Petersburg geschehen. Die Naturgeschichte aller der Land- und Eisthiere,
+jenseits dem achzigsten Grade Nordbreite gefunden, hatte diese Akademie
+sinnreich bearbeitet. Höchst sehenswerth konnte man ihre Sammlung von
+Petrefakten nennen, worunter, außer vielen Ichthioliten und Tetrapodolithen
+auch ein vortrefflicher ganzer _Anthropolith_ war, mit Mergeltuf durchzogen
+und in allen Theilen wohl zu erkennen. Ein versteinerter Mammouth befand
+sich ebenfalls hier, wie viele Skelette dieses verschwundenen Thieres,
+dessen ganze Organisazion man aber dennoch kannte.
+
+Guido wohnte einer Vorlesung über die Veränderung der Erdachse, und einer
+andern über die Abnahme des Meeres bei, hörte viel Staunenswürdiges, und
+lernte ernster über die großen Beobachtungen nachsinnen, welche
+Jahrtausende der Vorwelt und Jahrtausende der Nachwelt umfassen. Man sprach
+von einer Zeit, wo die hohe Tatarei noch unter der Linie gelegen hatte, und
+von einer anderen, wo der Polpunkt in Irkutzk zu finden sein werde. Man
+erzählte von einem Volke, das vor Zehntausend Jahren in Siberien gelebt,
+und sich eines ziemlichen Grades von Kultur erfreut habe. Die Monumente,
+unter der Erde gefunden, die alten erhaltenen und endlich entzifferten
+Schriften, hatten ein zweifelfreies Licht darüber verbreitet. Man wußte
+genau, um welche Zeit Schweden aus der See hervorgetreten wäre, und gab
+wieder jene an, in welcher der finnische Meerbusen trocken liegen, und sich
+zum Anbau eignen würde.
+
+Diese Akademie gab auch bisweilen der Stadt Petersburg ein ganz
+eigenthümliches Fest, und gemeinhin in den längsten Nächten, wenn kein Mond
+schien. Sie hüllte sie dann nämlich in ein künstliches Nordlicht, was eine
+ganz zauberische Wirkung hervorbrachte. Denn die Gesetze dieser Meteore,
+lange ein Geheimniß, waren ergründet worden, und man brachte die Materie
+beliebig hervor, was jedoch nur in diesen Gegenden, und bei einem gewissen
+Kältegrad anging.
+
+Es herrschte hier ein Nachkömmling der Romanow, denn jenes Haus, da es sich
+erobernd gegen den Orient gewandt hatte, wollte doch nicht ganz die
+Vatererde aufgeben, wo einst Peters schöpferischer Genius das erste Licht
+besserer Aufklärung anzündete. Auch sah man Peters Standbild, einst von der
+genievollen nordischen Semiramis erhöht, noch wohlerhalten und vielgeehrt
+an der alten Stelle.
+
+Nach Genüssen und Belehrungen mannichfacher Art, wandten sich unsere
+Reisenden nach dem ehmaligen Polen, wo sie gegen den Frühling ankamen.
+
+Gelino sagte: Dies Land war vor einigen Jahrhunderten durch eine
+fehlerhafte Regierungsform sehr arm an Menschen. Der Landbau, wie sehr es
+durch fruchtbaren Boden darauf angewiesen ist, ward unvollkommen getrieben,
+die Handwerke und Künste lagen ganz danieder. Sklaverei der geringen
+Klassen entehrte die Menschheit. Jetzt hingegen prangen seine Gefilde in
+üppiger Erzeugung, wohlgebaute Städte und Dörfer zeigen reiche Bevölkerung,
+Kunstfleiß in jeder Art ist regsam. Dies vermag langer Friede unter weiser
+Verwaltung.
+
+Guido ergötzte sich innig bei dem lachenden Anblick, der sich allenthalben
+darbot. Große Kunststraßen und Nebenwege waren ohne Ausnahme mit mehreren
+Reihen nutzbarer Obstbäume beflanzt, deren Blüthenschnee mit den
+dunkelgrünen hochbegrasten Triften und fetten Kornfluren angenehm
+wechselte. Nie hatte Guido so stattliche Heerden gesehn als hier weideten.
+Er rief: Siziliens Landschaft ist mannichfacher, feinere Baumgattungen und
+Fruchtarten schmücken sie, doch ein so frisches Grün labt dort die Blicke
+nicht.
+
+Gelino antwortete: Die Natur ist überall reich, der Mensch verstehe nur
+ihre Winke gehorsam, und sie lohnt.
+
+Der Zögling wunderte sich über die vielen Kanäle, mit denen das Land
+durchzogen war, und die von Flössen und Fahrzeugen wimmelten. Wer hat alle
+diese Arbeiten vollbracht, und zu welchem Ende? fragte er.
+
+Der Lehrer gab ihm die Antwort: Das Land ist niedrig und zu Kanälen
+geeignet, die außer der erleichterten Fortbringung auch durch Bewässerung
+nützen. Sehr einfach hat man sie aufgewühlt, und nach den Strömen geleitet.
+Ehedem wandten die thörichten Menschen, die gewaltige Kraft in Entbindung
+gewisser Gasarten, nur auf das Verderben an. Klüglicher hat man späterhin,
+durch das vervollkommnete Schießpulver, Erdlagen gebessert und Kanäle
+erschaffen.
+
+Dies Land bringt, trotz seiner großen Bevölkerung, die ja auch nur die
+Erzeugungen mehrt, wohl dreimal mehr Getraide, Obst, Honig und Schlachtvieh
+hervor, als es selbst verbrauchen kann. Dieser Ueberfluß ladet, wie
+einleuchtend ist, zum Handel ein. Es giebt kein Land mehr in Europa, das
+nicht weise genug wäre, seine erste Subsistenz selbst hervorbringen zu
+wollen, doch einige, wo es zufolge natürlicher Hindernisse nicht angeht.
+Dahin gehört ein Theil von Schweden und Norwegen, Lappland, Nowaja Semlia
+und Spitzbergen. Die letztgenannten waren Ehedem wenig oder gar nicht
+bewohnt, späterhin hat man sie zu Verweisungsorten für Europäer gemacht,
+die unklug genug waren, sich nicht den Gesetzen unterziehn zu wollen. Diese
+haben sich gemehrt, der Handel andere dahin geführt, und so sind auch jene
+so weit zum Pol hinliegenden Gegenden jetzt bevölkert, und man weiß sich
+dort gut zu nähren.
+
+Dies Land fertigt jedoch aus seinem überflüssigen Korn, Backwerke aller
+Art, die sich Jahre lang halten, und durch Befeuchtung genießbar werden.
+Fleisch von Rindern und Schaafen wird durch Salz und Räucherung dauerhaft
+gemacht, das Obst getrocknet, oder in geistigem Wasser aufbewahrt. Der
+Honig dient, mannichfache Kuchen zu bereiten, welche beliebt sind. Endlich
+fertigt man starke Biere, in Essenzen verkürzt, und gebrannte Wasser an.
+
+Meistens gehn diese Gegenstände nach den genannten Nordländern, welche
+deswegen doch nicht arm zu achten sind. Sie bieten wieder vortreffliche
+Eisenwaaren, fertige Pelzkleidungen, Fett von Wallfischen und Robben feil,
+und geben sich daneben fleißig mit dem Heringfange ab.
+
+Die inländischen Kanäle, welche du hier siehst, geben nun all' dieser
+Regsamkeit doppeltes Leben. Denn wenn die Fortbringung auf den großen
+Prahmenwagen schneller von statten geht, so ist jene mit geringeren Kosten
+verbunden, da auf den ebnen Nebensteigen, welche am Wasser hinlaufen, ein
+Pferd beträchtliche Lasten zieht. --
+
+In den Städten nahm man die großen Brau-, Back- und Brennanstalten in
+Augenschein, wo sich alles durch eine kunstreiche Behandlung und
+Reinlichkeit auszeichnete. Und dennoch, bemerkte Gelino, melden alte
+Schriftsteller, sollen vor einigen Jahrhunderten diese Städte einen
+scheußlichen Anblick gewährt, Unwissenheit und Unsauberkeit hier ihren
+Wohnsitz aufgeschlagen haben.
+
+Dem Getraide seinen geistigen Inhalt zu entziehn, verstand man
+vortrefflich, denn chemische Naturkunde leitete die Grundsätze. Liebliche
+und dennoch unschädliche Einmengungen verbesserten den Geschmack.
+
+Die Anstalten, Fleischwerk durch Rauch dauerhaft zu machen, hatten
+Thurmhöhe. Der Rauch ward durch lang empor gewundene Röhren geleitet, und
+zog sich so feiner in die Massen. Durch fette Weiden wohl genährt,
+lieferten die Schlachtthiere schon ein ungemein nahrunggehaltiges Fleisch,
+und überaus zart war der Geschmack der hier geräucherten Gänsebrüste,
+Schinken u. s. w. Leckermäuler gaben ihnen den Rang vor allen übrigen in
+Europa.
+
+Es läßt sich deuten, wie das Volk in diesen Gegenden, ohnehin so
+wohlhabend, auch durch diese Ursachen stark an Knochenbau und Muskeln
+gewesen sein müsse. --
+
+Man langte endlich in der weitläuftigen und freundlich gebauten Vorstadt
+Praga vor Warschau an. Hier ereignete sich, sagte Gelino, um das Ende des
+achtzehnten Jahrhunderts ein schauderhafter Auftritt, indem bei einem Sturm
+fast alle Einwohner hingemetzelt wurden. Heil uns! daß wir Blutszenen in
+Europa gar nicht mehr, und an den Gränzen nur selten und nothgedrungen
+erblicken; daß auch, wenn ja Krieg besteht, die Völkerübereinkunft ihn bloß
+auf die Heere ausdehnt. Der Soldat würde sich entehrt halten, wenn ein
+ruhiger Bewohner des Landes über ihn klagte. Wenigstens denkt der Soldat
+von Europa so.
+
+Eine treffliche Ansicht stellte sich, da sie an den majestätischen, mit
+Schiffen bedeckten, Strom kamen, in der mit ihren Vorstädten und Gärten
+unabsehlich ans Ufer hinlaufenden Stadt Warschau dar. Der jenseitige hohe
+Rand war terrassenförmig mit Pappelalleen geschmückt, von der Höhe winkten
+Prachtgebäude, Tempelkuppeln mit reicher Vergoldung, Obelisken,
+Telegraphen- und Glockenthürme. Sternwarten, Luftpostzinnen und andere hohe
+Gebäude, wie sie jetzt in Städten üblich waren, hoben sich aus dem
+Steinmeere in bezaubernden Verhältnissen empor. Man hielt überhaupt in
+diesem Jahrhundert viel auf die Phisiognomie der Städte, die schon in
+weiter Ferne dem Wanderer verkündeten, was er im Innern zu finden hoffen
+dürfe.
+
+Sie fuhren über die prächtige Marmorbrücke, zu beiden Seiten mit
+athenischen Bildsäulen geziert. Guido wunderte sich, da er den Strom
+hinaufblickte und in der Weite viel Feuer und Rauch aufsteigen sah. Der
+Lehrfreund erklärte ihm die Erscheinung.
+
+Vor Zeiten, fing er an, war der Eisgang auf diesem Strome sehr ungestüm,
+und es ließ sich keine dauerhafte Brücke bauen, da man befürchten mußte,
+sie im Frühjahre zerstört zu sehn. Jetzt ist man klug genug, das nützliche
+Feuerpulver auch hier anzuwenden. Wie eine Gefahr dieser Art droht, belegt
+man die Winterdecke des Stromes mit einer Menge von Raketen, aus Pulver und
+jener heftigen Feuermaterie gemengt, die auch im Kriege gebraucht wird, und
+auf Eis und Wasserfluthen fortbrennt. Diese Raketen bedecken die ganze
+Fläche mit Funken, und schmelzen durch ihre Menge in kurzem alles Eis. Da,
+obgleich der Frühling schon um ein Gutes vorrückte, noch hie und da
+Schollen ankommen, so wirst du dort jene Thätigkeit inne.
+
+Er setzte hinzu: Auch Ueberschwemmungen, durch Anhäufen der Gebirgwässer
+erzeugt, suchten Ehedem manche Länder heim. Nun aber fließen sie durch
+Kanäle ab, oder durch die hohen Bewallungen an den Strömen, immer noch
+benutzt, da man gute Fruchtbäume darauf zieht. So trägt im Kampfe gegen die
+feindliche Natur, der Mensch immer den Sieg davon, wenn er mit Vernunft den
+Willen umfaßt.
+
+Auf den Gassen der Stadt bemerkte Guido, daß es hier ungemein viel schöne
+Weiber gäbe. War gleich, wie oben im Eingang berichtet worden, das
+Geschlecht überhaupt zu einer entwickelteren Anmuth erzogen, und die
+europäische Menschheit durch Gleichheit der Verfassung in einander
+geflossen, so mußten dennoch einige Unterschiede in der äußeren Bildung
+übrig bleiben, deren Ursachen man in Abstammung und Gegendeigenheiten zu
+suchen hatte. Der Lehrer erklärte: Schon im Alterthum wurden die
+Sarmatischen Schönen gepriesen.
+
+Guido fand bald darauf Gelegenheit, diese lieblichen Blüthen im vereinten
+Strauß zu beobachten.
+
+Zu Moskau, dem Hauptorte der Kriegprovinz, hatte er einen vorzüglichen
+Mosestempel bewundert, in welchem das Standbild des Gefeierten in einer
+Größe, wie Ehedem der rhodische Koloß, prangte, und wo ein Heer von
+Hunderttausend Mann auf einmal seine Andacht verrichten konnte. In Warschau
+dagegen stand ein Heiligthum der Maria, durch seine geschmackvolle Pracht
+weit berühmt. Die Jungfrauen im Lande hatten es aus ihren Mitteln erbaut,
+und sich dafür das Recht vorbehalten, hier allein zu beten, und Feiergesang
+anzustimmen.
+
+Sie nahmen dann Platz auf dem Marmorboden, doch die Erhöhungen welche der
+Rotunde Innenwände umliefen, konnten Männer besteigen und Niemand mag
+zweifeln, daß sie nicht angefüllt gewesen wären.
+
+Gelino hätte es vielleicht nicht unumgänglich nöthig gefunden, seinen
+Zögling dahin zu führen; doch dieser hatte davon viel gehört, und bewies
+sehr redselig, man müsse die Reisekunde auf jede Art bereichern.
+
+Es war das Frühlingsfest der Maria, der Kultus hatte einige Aehnlichkeit
+mit den Floralien der Alten. Im weißen Gewand, blendend wie Schnee, fein
+wie die Schleier der Arachne, die Sandale mit bunten Bändern an den bloßen
+Fuß geknüpft, die Locken mit jungen Blumen durchflochten, zogen die
+Jungfrauen in den Tempel.
+
+Guido befand sich im Gedränge auf der Erhöhung. Süß strömte der Duft
+hinauf, die Treibhäuser waren von ihren Orangenblüthen und Rosen
+geplündert, nimmer hatten Guido, selbst auf dem heimathlichen Eilande, so
+holde Gerüche gelabt.
+
+Alle ohne Ausnahme waren schön, lieblich, anmuthig, denn die, welchen die
+Natur diese Mitgift versagt hatte, pflegten an einem solchen Tage unpäßlich
+zu sein, um nicht so vielem Lichte die Schatten zu geben.
+
+Hundert von den Jungfrauen unterhielt der Tempel für den musikalischen
+Kultus. Gestalt und wohltönende Stimme, waren die Bedingungen, unter
+welchen man sie annahm. Gute Lehrer unterwiesen die Huldinnen, erst nach
+bedeutender Fertigkeit durften sie öffentlich auftreten. Kein Instrument
+begleitete ihre Lieder, und wie diese Zeit auch die Harmonika, die Flöte,
+die Harfe vervollkommnet hatte, den Zusammenklang Hundert reiner
+wohlgeübter Mädchenorgane, würden sie immer nur gestört, nicht erhoben
+haben.
+
+Sie sangen einen Himnus, der in die Sprache früherer Zeiten übertragen, so
+weit es möglich ist, den höheren Ausdruck des Idioms im ein und zwanzigsten
+Jahrhunderte wiederzugeben, ungefähr gelautet haben würde:
+
+ Himmlisch bist du o Jungfrau!
+ Du liebtest himmlische Liebe,
+ Und dein Himmel steigt nieder,
+ In der Liebenden Busen.
+ Hohe, Reine, Verklärte,
+ Weihe, heilige mich!
+
+ In des Geliebten Schönheit
+ Deutet sich ewige Schöne,
+ Dem Göttlichen werd ich verwandt
+ Glüh ich von göttlicher Liebe.
+ Hohe, Reine, Verklärte,
+ Weihe, heilige mich!
+
+ Deine Reinheit mich fülle,
+ Mache unsträflich den Busen,
+ Gieb in Liebe mir Tugend,
+ Daß den Unsterblichen nahend
+ Ewig Leben ich athme,
+ In Gefilde des Lohnes
+ Seligkeit bringe das Herz.
+ Hohe, Reine, Verklärte,
+ Weihe, heilige mich!
+
+ Weg aus den Räumen der Tiefe,
+ Schwinge dich, heiliger Fittig,
+ Trage mich auf zu den Gipfeln
+ Wo mich weihend umfangen,
+ Lebens Reine und Höhe.
+ Liebe ist Himmel im Staube,
+ Liebe wohnt über den Sternen,
+ Liebe adelt die Jungfrau,
+ O du, der Jungfraun Vorbild,
+ Hohe, Reine, Verklärte,
+ Weihe, heilige mich!
+
+Als die Feier geendet hatte, schrieb Guido an Ini: Heute Mädchen, that dein
+Bild hohe Wunder. Ich sah den lieblichsten Blumenkranz in Europa, vergaß
+aber dennoch die Rose nicht, für die ich glühe.
+
+Der Triumph, den eine Geliebte über fremde Schönheiten davon trägt, wird
+auch von dem Liebenden hoch empfunden, seine Flamme lodert heller, ein
+edles Selbstgefühl strömt in die Seele, im Bewußtsein reiner Treue, und
+prägt sich im Auge, auf der Wange, mit einem unvergänglichen Zauber aus. So
+nahm denn Guido abermal einen neuen Zug der Schöhnheit von hinnen.
+
+Sie besahen noch den großen Markt, der hier um diese Zeit gehalten wurde.
+Auf dem Gefilde von Wola, berühmt im Alterthum durch die Königswahlen,
+hatte man ihm den Sammelpunkt angewiesen, da in der Stadt kein Raum dazu
+vorhanden war.
+
+Einen weiten leeren Platz umlief ein überdachter Säulengang, hinter welchem
+sich ungeheure Speicher, die Waaren einzunehmen, befanden. Auf vielen
+Kunststraßen hatte sie der Völker Thätigkeit hergeführt. Eine davon lief
+nach Konstantinopel, von dort nach Sirien und dem rothen Meere. Hier kamen
+die Araber, auf lange Reihen von Kamelen, Spezereien und Gold geladen. Auch
+die Athener, welche auf Prahmwagen, Statuen in Marmor und Elfenbein, wie
+auch treffliche Gemälde brachten. Die andere ging um die Kaspische See nach
+Ispahan und den indischen Eilanden. Daher nahten die Neu-Perser, mit
+Elephantenlasten köstlicher Gewürze, feiner Zeuge und Edelsteine. Eine
+dritte Straße war dem Chinesen, durch die Mongolei, Songarei, und das
+Kirgisenland gebahnt. Er brachte Farben, Porzellan und andere Gegenstände
+seines Kunstfleißes, denn der Krieg hinderte seine Karavanen nicht. Von
+Petersburg erst übers Meer, und dann auf dem Weichselstrom herbeigeschafft,
+langten vortreffliche Schiffe zum innländischen Gebrauch an, die auf einem
+Bassin, zum Marktfelde geleitet, feil standen. Auf ähnlichen Wegen waren
+vom äußersten Norden, Arbeiten in Eisen und Pelzkleidungen gekommen. Eben
+daher vortreffliche Geschirre, Fensterscheiben und Bauwerkstücke aus dem so
+spät erst entdeckten Polkristall. Auf den vielen Kunstpfaden durch
+Teutonien langten noch unendlich mehrere Handelswaaren an. Von den
+englischen Eilanden, wissenschaftliche und technische Instrumente aller
+Art. Man sahe ganz fertige Sternwarten, mit künstlichen Triebwerken des
+Planetensistems, deren Genauigkeit und Feinheit in Erstaunen setzte, indem
+sie außer den vielen neugewahrten Planeten und ihren Begleitern, auch alle
+Kometen dieses Sistems darstellten, denn den jetzigen vollkommenen
+Teleskopen, entging keiner mehr davon, wie weit auch seine Bahn ihn von der
+Sonne wegführen mochte. Fing man doch schon an, das Leben im Monde zu
+beobachten, und seine Naturgeschichte zu entwerfen. -- Ferner Thurmuhren,
+mit reitzenden Glockenspielen, an deren Zifferblatt, sich außer den
+Stunden- und Minutenweisern, ein vollständig entworfener Kalender befand,
+daneben Thermometer, Barometer und Eudiometer, welche Kälte oder Wärme,
+Schwere oder Leichtigkeit der Luft, so unterrichtend bezeichneten, daß
+dadurch die Witterungsveränderung auf mehrere Tage vorher kund ward, und
+Jedermann bei seinen Beschäftigungen sich darnach fügen konnte. -- Ferner,
+Mühlen zum Stampfen, Zermalmen und Sägen zugleich, und mit einem artigen
+Mobile perpetuum regirt. -- Ferner, zum Behuf des Landbaues, Pflüge mit
+einer geringen Kraft bewegt, die den Boden zehn bis zwölf Schuh tief
+aufwühlten, die geruhete Erde oben, die entkräftete unten brachten, sie
+zugleich puderartig zerrieben, und von gröbern Bestandtheilen durch Siebe
+reinigten. Eben so Pflanzmaschinen, welche die Getraidekörner in beliebiger
+Weite und Tiefe gleichabstehend einsenkten, und so Aufwuchs und Gedeihen
+ungemein erhöhten. Eben so Wässerungbehälter, geeignet, aus fernen Seen,
+Strömen oder Kanälen mit wenigem Kraftaufwande, Flüssigkeit
+herbeizuschaffen, und durch hidraulische Vorrichtungen, in weit
+ausgebreiteten Fontänen niederströmen zu lassen. -- Der Franke lieferte
+chemische Apparate zu vielen Zwecken dienlich. Auch der Landmann konnte sie
+hülfreich gebrauchen, damit bei großer Dürre, aus Wasserstoff ein Wölkchen
+zusammensetzen, und auf seine Scholle niederfallen lassen. Zudem Küchen, wo
+in sehr sinnreich gestalteten Töpfen oder Pfannen, die Speisen überaus
+schmackhaft geriethen, und man auch Schnee und Eis sogleich bereiten
+konnte. Imgleichen Kleidungsmaschinen, die man beliebig mit Seide oder
+Wolle versah, und sich dann hineinstellte. In wenigen Minuten webte nun das
+Kunstwerk ein Kleid, den Formen des dargebotenen Körpers niedlich
+angeschmiegt, ohne Rath, wie sich von selbst versteht, färbte es zugleich
+in der eben gültigen Modetinte, und parfümirte es mit köstlichen Oelen. Die
+chirurgischen Instrumente der Franken waren nicht weniger sehenswerth.
+Unter andern erblickte man da künstliche Ohren und Augen mancher Art. Bei
+nur geschwächter Hör- oder Sehkraft wurde jene durch Röhre, diese durch
+Gläser bis zum Normalzustand verstärkt; außerdem hatte man aber, ein hoher
+Triumph menschlicher Kunst, nachgeahmte Trommeln, Eustachische Röhren,
+Augenäpfel mit ihren sechs Häuten und drei verschiedenen Feuchtigkeiten,
+welche mit den Nerven, durch täglich wiederholten Galvanismus in Verbindung
+gebracht, Tauben und Blinden, Schall- und Lichtstrahlen wunderbar wieder
+einführten. Ihre Weinläger wurden nur von den spanischen und
+portugiesischen übertroffen, wo in langen Reihen, Tonnen lagen, jede größer
+als Ehedem das Faß zu Heidelberg. -- Die Italiäner hatten unter andern
+große Orgeln, für die Tempel, feil, in welchen die vielstimmige Vox humana,
+die gewohnten Religionsgesänge deutlich vortrug, willkommen für Ortschaften
+die nicht reich genug waren, Chöre zu unterhalten. Zudem auch Orchester, wo
+eine Klaviatur, Hundert Saiten- und Funfzig Blaseinstrumente in Bewegung
+setzte, welche auch durch Walzen die beliebtesten Tonstücke und durch
+akkustisch nachgeahmte Soprane, Alte, Baritone u. s. w. schöne Lieder
+ausführten. Der Besitzer konnte also seinen Gast, wenn er wollte, mit einem
+vollständigeren Konzert bewirthen, als es vor Jahrhunderten Könige mit
+großem Aufwand vermocht hatten. -- Der emsige Deutsche wetteiferte mit
+allen Europäern in Allem, und sandte daneben die meisten Bücher zum Markt.
+Bücher, die Materien abhandelten, von denen die Vorzeit noch keine Ahnung
+hatte.
+
+Aber auch aus Amerika, Afrika und Polinesien waren Kaufleute anwesend. Sie
+führten edle Steine, edle Metalle, ganze Naturalienkabinette aus ihren
+Landstrichen, artige Sinzialos, Jakos, indianische Raben, die fertig
+redeten, Menagerien von Löwen, Tigern, Leoparden, Giraffen, Armadille,
+welche man aber nicht erstand, wenn sie nicht auch zugleich in ergötzenden
+Künsten abgerichtet waren. Es gab auch in großen, durchsichtigen, mit
+Wasser gefüllten Behältern, Fische aller Gattung aus der Fremde.
+Hornfische, Chimären, alle Haiarten, Panzerfische, Seedrachen, Zitteraale,
+Katödons, und die vielen Geschlechter, welche erst entdeckt worden, nachdem
+die Taucherkunst ihre jetzige Vollkommenheit erreichte.
+
+So hatte die vermehrte Kultur, die gesetzliche Sicherheit, und die
+Leichtigkeit der Reisen, Menschen von allen Stämmen hieher geführt. Wollige
+Neger, schon lange nicht mehr zur Sklaverei verdammt, tanzten lustig am
+Abend und sangen Nationallieder. Braungelbe Sinesen und Japaner zählten
+sorgsam ihre gewonnenen Summen. Olivenfarbene Araber, Indier, Malaien,
+kauten ruhig ihren Betel oder schmauchten ihre Pfeife zur Erholung. Kleine
+mißgestaltete, aber doch sehr lebendige, Ostiaken, Samojeden, Eskimos
+liefen neugierig gaffend umher. Röthliche Amerikaner, noch den Federbusch
+der Altvorderen tragend, zeigten ihre Kraft im Ringen und Laufen.
+Neuseeländer, Otaheiter, Sandwichinsulaner, Bewohner der erst spät
+entdeckten Südpolarländer, die schwärzere oder hellere Haut seltsam
+punktirt, saßen in ihren mitgebrachten Binsenhäuschen auf künstlichen
+Matten, die ihnen abgekauft wurden, um sie in Gärten aufzustellen.
+
+Das Getümmel auf diesem Markt war unbeschreiblich, die Wechselgeschäfte
+verbanden durch Federstriche, Neu-York und Ulimaroa, den Hoffnungskap und
+Miako, Lissabon und Peking. Noch ist hier des Komptoirs zu gedenken,
+welches die Land- und Seetruppen hielten. Da sie sich durch eigene
+Thätigkeit unterhalten mußten, beschickten sie auch die Märkte mit
+überflüssigen Erzeugungen. Unter andern boten sie Feuerröhre, großer und
+kleiner Art, feil, welche von Völkern, die noch keine Waffenmanufakturen
+hatten, eingetauscht oder gekauft wurden. Man ging aber auch,
+vorausgesetzt, daß man reich genug war zu solchen Ausgaben, in ihre
+vorhandenen Metallgießereien oder Schmieden, um sich, die Geliebte, den
+Freund, in Erz oder Stahl bilden zu lassen. Augenblicklich drückten
+geschickte Meister die Gestalt in Wachs ab, um sie gleich darauf in Thon
+nachzuahmen. Das Metall floß schon in den Glühöfen, eilig vollendeten
+flinke Gesellen die hohle Form, und der Guß erfolgte. Durch künstliche
+Mittel ward nun das Metall erkaltet, die Form zerschlagen, das Jahrtausende
+höhnende Standbild heraus gewunden und glatt polirt. Noch geschwinder
+gingen die Stahlschmiede, mittelst ihrer mechanischen Vorrichtungen,
+Feinheit und Gewalt auf eine zuvor nie erdachte Weise verbindend, zu Werke.
+Ein Fürst aus Amerika, eben mit seiner jungen Gemahlin zugegen, ließ sich
+mit derselben in Silber darstellen. Guido hätte weinen mögen, nicht Ini
+hier zu sehn, und kein Kaisersohn zu sein, um ihre Statue in Gold zu
+begehren.
+
+Nach viel erworbnem Unterricht, durch Gelinos Lehren und eigne Anschauung,
+wurde des Jünglings Reise fortgesetzt. Er wandte sich nach Teutonien, wo
+das platte Land ihn noch weit mehr in Erstaunen setzte. Er sah hier keine
+Dörfer mehr, sondern nur die in einander fließenden Vorstädte weitläuftiger
+Orte. Gelino erklärte ihm die Erscheinung einer so großen Lebensfülle in
+folgender Art:
+
+Das Klima in diesem Lande ist weit milder geworden, seitdem unnütze Kriege,
+verderbliche Immoralität und Krankheiten, gegen welche die unvollkommene
+Heilkunde wenig vermochte, nicht mehr die Zunahme seiner Bevölkerung
+hemmen. Mit ihrem Anwuchs veredelte sich der Boden wovon eine mildere Luft
+immer die Folge ist. Der Mais- und Reisbau sahen hier schon lange
+erwünschten Fortgang, und zwei Ernten sind gewöhnlich. Wenige Morgen nähren
+eine Familie bequem, und werfen noch einen Ueberfluß ab, von dessen
+Verkauf, sie nicht erzeugte Nothwendigkeiten anschaffen kann. Das in dem,
+vortrefflich zubereiteten, Boden durch Maschinen gepflanzte Wintergetraide,
+gelangt um die Mitte des Junius schon zur Reife, und lohnt meistens
+funfzigfältig. Man mäht es durch kunstreiche Sichelwagen, die zugleich
+abschneiden, aufladen und hinterwärts den Boden wieder pflügen, wodurch die
+Arbeit gar sehr vereinfacht wird. Nun ist Zeit genug übrig, das Feld wieder
+mit Sommerkorn, Gartengewächsen, Fütterungkräutern zu bestellen, wovon der
+Fleiß noch reichen Gewinn im Spätjahre zieht. Dies würde aber nicht immer
+glücklich von Statten gehn, hätte man nicht das Mittel erfunden, die
+angebauten Fluren, gegen Kälte im Lenz und Nachsommer zu sichern. Wenn die
+Witterungmesser einen Frost ankündigen, eilt der Landwirth sein Feld mit
+großen Strohmatten zu überdecken. Bei den kleinen Landporzionen ist es
+leicht dies Mittel anzuwenden. In Wintertagen fertigt das Gesinde aus dem
+reichlichen Stroh die Matten, über Bäume spannt man sie zeltartig, Fluren
+werden ebenhin damit bedeckt.
+
+Bemerke, wie sorgsam jeder Eigner, von jedem Schuhgevierte, Ertrag zu
+ziehen sucht. Ein Zaun von nutzbarem Strauchwerk, umläuft verwachsen die
+Scholle. Kleine Beeren und kleine Nüsse mancher Gattung blühen darauf. Das
+Feld ist mit edlen Obstbäumen beflanzt, an die üppige Weinreben sich
+hinaufwinden. Ihr Schatten fährdet die Saaten nicht, bei einem so kräftig
+gemachten Boden, und beim Pflanzen trägt man kluge Sorge die Wurzeln nicht
+zu verletzen, was bei den guten Maschinen zu diesem Gebrauche leicht wird.
+
+Futterkräuter, gewisse wohlnährende Rübenarten, getrocknet Baumlaub, sind
+dem Viehe bestimmt, und leicht zieht eine Familie davon so viel auf, um mit
+Milch, Butter und Fleisch versorgt zu sein. In jedem Hause befindet sich
+eine Kelter, eine Anstalt zum Brauen, eine Anstalt zum Fertigen gebrannter
+Wasser, im Kleinen. Die Arbeit daran ist so vereinfacht, daß auch ein Kind
+ihr vorsteht.
+
+So ist also für den Unterhalt dieser Menschen reichlich gesorgt, und die
+eitle Furcht ob einer zu großen Bevölkerung, in rohen Zeitaltern oft
+angekündigt, würde nur Lachen erregen. Jedes neue Glied, das in die
+Gesellschaft tritt, kann auch einen neuen Spielraum nützlicher Thätigkeit
+finden und seinen Bedarf gewinnen. Nach den vielen Erfahrungen welche man
+sammelte, nach den vielen lehrreichen Entdeckungen, welche gute Köpfe im
+Erproben des Ausführbaren machten, ist jedermann lebendig überzeugt, die
+Fruchtbarkeit des Bodens sei noch um ein Ansehnliches weiter zu treiben, ja
+die Gränze, welche einst der klugen Pflege ein Ziel setzen könne, durchaus
+nicht abzusehn. Und träte ja nach Jahrhunderten, der unerwartete Fall ein,
+mehr Menschen erzeugt zu sehn, als der Landesertrag nähren könne, so weiß
+man gar wohl, das es noch schlecht bebaute Länder genug in anderen
+Erdtheilen giebt, wohin sich Kolonien senden lassen. Afrika enthält in
+seiner Mitte große Wüsten, die, einst urbar gemacht, unermeßliche Ausbeute
+liefern werden. Am Susquehannach, am Orinoko, am Amazonenfluß sind
+weitläuftige Strecken bereit, neue Millionen aufzunehmen. So rüstig auch
+der Altbritte daran ging, Ulimaroa, welches den Umfang von halb Europa hat,
+und die weitläuftigen Inseln, Neu-Guinea und Neu-Seeland, an Bewohnern
+reich zu machen, so hat doch, im Verlauf weniger Jahrhunderte, immer noch
+nichts Erhebliches geschehen können, und Auswanderer würden dort höchst
+willkommen sein. Ja, wie die Lehrer der Wissenschaften behaupten, in denen
+die Umgestaltung des Erdballs abgehandelt wird, und wo man die jährliche
+Meerabnahme nach unbezweifelten Erfahrungen berechnen lernte, wird nach
+einigen Jahrhunderten, ohne das im achtzehnten einst gefundene Polinesien,
+ein ungeheurer neuer Erdtheil, aus dem stillen Ozean, westlich von Amerika,
+treten. Die unter dem Meere hinstreifenden Parallel- und Meridian-Gebirge
+verbreiteten hierüber schon in alten Zeiten Licht, jetzt hat man ihren
+Zusammenhang deutlicher erkannt, und vermag überhaupt aus der Vergangenheit
+genauer auf die Folge zu schließen, weil sinnige Forscher, ihre
+Beobachtungen der Nachwelt, ein schätzbares Erbe, vermachten. So ist jetzt
+unter andern die Insel Owaihi, weit größer an Umfang, als zu der Zeit, wo
+ein kühner Seefahrer, Cook genannt, sie entdeckte. Die ziemlich großen und
+hohen Eilande, westlich von Peru, hießen vor Jahrhunderten die niedrigen
+Inseln, ein Beweis, wie damals die See höher an sie hinaufspülte. Das
+Senkblei fällt in ihrem Bezirk immer seichter, die Meermoose nehmen zu, die
+Taucher können dort in der Tiefe mit Leichtigkeit beobachten, und aus allen
+diesen Umständen läßt sich die Richtigkeit jener Verkündung ahnen. Alle die
+Inselketten in jenem Meere werden dann die Gebirgrücken des neuen Erdtheils
+sein.
+
+Guido sagte hier zu seinem Lehrer: Du drängst mein Nachsinnen in einen noch
+tieferen Hintergrund. Es macht zwar froh, so viel neue Möglichkeit des
+Lebens zu träumen, auch sehe ich nur Vortheil für das Geschlecht darin,
+wenn junge Länder zum Anbau einladen, wenn die Kaspische See, das schwarze
+Meer, das mittelländische Meer, trocken geworden, mit Städten und Dörfern
+übersäet werden können. Wo soll das aber endlich hinaus? Wenn nun das
+Wasser, nach manchen Jahrtausenden, ganz vom Erdball verschwände, müßte
+nicht die Menschheit, an seinen Verbrauch unabläßig gebunden, jammervoll
+untergehn?
+
+Gelino lächelte und gab seinem Zögling die Antwort: Dies könnte wohl sein,
+und wenn die höchste Entwickelung, der Menschheit Zweck ist, was wäre denn
+noch an ihrer Fortdauer gelegen, wenn sie das Ziel umfaßt hätte, und es
+etwa mit jenem Zeitpunkt zusammenträfe? Gleichwohl dürfte sein Untergang
+auch nicht einmal an das Verschwinden des Wassers gebunden sein. Denn, kann
+der Erdensohn nicht übernehmen, was die Natur nicht mehr nöthig erachtet,
+für ihn zu leisten, da sie ihn genug mit Kräften ausstattete, und der
+Gebrauch dieser Kräfte hinlänglich erweitert ist? Können wir nicht lange
+schon Wasser chemisch bereiten? Wird diese Kunst sich nicht vervollkommnen?
+Freilich, neue Meere, um sie lustig zu beschiffen, dürfte man nicht
+hervorbringen lernen; doch Flüssigkeiten für den Hausbedarf, Regengewölke
+zum Tränken der Gefilde, wovon ja schon manche Versuche jetzt gelangen,
+scheinen keineswegs außer dem Bereiche der Sterblichen zu liegen. Doch du
+wirst darüber in Berlin manche Hipothese hören.
+
+Blicke einstweilen sorgsam auf die Einrichtungen, die unser Weg dir zur
+Ansicht darbietet. Du siehst alle Städte in Teutonien voller Kunstfleiß,
+voller trefflichen Schulen; prachtvolle Tempel und Bühnen zieren die
+meisten. Bei so vielem Reichthum, als der kluge Landbau einer großen
+Volkmenge, hier dem Boden entlockt, ist der Städte Flor eine ganz
+natürliche Folge. Der Ackermann nährt den Handwerker, indem er ihm seinen
+Ueberfluß verkauft, und von ihm wieder die Lebensbedürfnisse holt, welche
+er nicht allein hervorbringen kann. Letzterer bezieht wieder die Märkte
+anderer Gegenden, mit der Arbeit, welche ihm daheim nicht abgenommen wurde,
+und schafft dafür ihre Erzeugungen herbei. Das Geld, überall werthhaltig
+und durch weise Aufmerksamkeit der Regierungen, im richtigen Verhältnisse
+zum Preis der Sachen, empfängt einen schnellen Umlauf, und regt auf
+demselben die Betriebsamkeit unaufhörlich an.
+
+Wie blühend wir aber diese Gegenden finden, so hätten wir nur alte Bücher
+zu fragen, um über die Barbarei, welche noch vor drei oder vierhundert
+Jahren sie drückte, belehrt zu sein. Damals fand man kaum jede halbe Meile
+ein elendes Dorf, in dessen unreinlichen Strohhütten sklavensinnige
+Halbmenschen wohnten.
+
+In den Städten lag der Gewerbfleiß krankend danieder. Europens Staaten
+hatten sich nicht weise verbunden, um durch Handel gegenseitig ihre
+Thätigkeit zu beleben und die Genüsse auszutauschen; man sann nur auf
+Uebervortheilung, die am Ende Allen verderblich war. Unnatürlich große
+Heere wurden auf den Beinen gehalten, wodurch dem Gemeinwesen so viel
+jugendlich rüstige Kräfte entgingen. Diese Heere nährten sich nicht selbst
+durch Nebenarbeit, sondern mußten Sold empfangen, wodurch die Regierungen
+sich genöthigt sahen, die Völker mit Abgaben zu erdrücken. Unter solchen
+Umständen mußten die meisten Länder zur Hälfte Wüsten bleiben; Tausend
+harter Ungerechtigkeiten und Thorheiten, die natürliche Folge verkehrter
+Einrichtungen, nicht zu gedenken.
+
+Und die Menschen hatten doch damals, so gut wie in unseren Zeiten, die
+göttliche Kraft der Vernunft, auch Philosophen in Menge, welche, die Natur
+dieser Vernunft zu erkennen, sie gleichsam anatomisch zu zerlegen und
+scheidekünstlerisch in ihre Bestandtheile aufzulösen strebten. Es galt
+demungeachtet von ihnen, was einer ihrer alten Dichter sang:
+
+ Unselig Mittelding vom Engel und vom Vieh,
+ Du prahlst mit der Vernunft, und du gebrauchst sie nie.
+
+Unter diesen Gesprächen kamen die Reisenden durch einen kleinen Ort, wo sie
+ein dichtes Volkgedränge und lauten Jubel wahrnahmen. Sich von dem Anlaß
+dieser Erscheinung zu unterrichten, nahten sie, und sahen einen Aufzug zum
+Mariatempel wimmeln. Wohlgeschmückte Priesterinnen gingen, einen lauten
+Chorgesang anstimmend, voran; dann folgte ein etwas gebeugter, doch
+gleichwohl noch munterer Greis an seinem Stabe, am Arm ein Altmütterchen,
+das zwar kaum noch den Fuß von der Stelle zu heben vermochte, dem bei dem
+Allen aber, aus einem mit Runzeln überpflügten Gesicht und dem ermatteten
+Auge heitre Freude schimmerte. Um die schneeweißen dünnen Locken des Paares
+waren Blumenkränze geflochten, eine lange Reihe folgte ihnen, bunt aus
+Personen von dem verschiedensten Alter zusammengestellt, Greise und
+Greisinnen, Männer und Frauen in den Mitteljahren, viel blühende Jugend und
+ein zahlreicher fröhlicher Kinderschwarm.
+
+Die befragten Zuschauer unterrichteten Gelino: wie das Paar die
+Hundertjährige Feier seiner Ehe beginge. Im fünf und zwanzigsten Jahre,
+erzählten sie, heirathete einst der Greis, seine Gattin zählte damals
+zwanzig. Arbeit, Mäßigung, zufriedener Sinn, ließen sie ein so hohes Alter
+erreichen. Die ihnen zum Tempel folgen, sind ihre Kinder, Enkel und
+Urenkel, ein markig Geschlecht, den Stammältern mit inniger Liebe und
+Ehrerbietung zugethan.
+
+Tiefere Rührung empfand Guido während seiner ganzen Reise nicht, als im
+Anblick dieser Feier. Er versenkte sich in die Vorstellung der
+Glückseligkeit jenes Patriarchen, hinschauend auf seine Nachwelt,
+rückblickend in die wonnevolle Vergangenheit eines Jahrhunderts häuslicher
+Eintracht. Und wie Liebe alles gern auf sich bezieht, so träumte er mit
+hochwogendem Busen, ein Eheleben mit Ini von langer Dauer und am späten
+Lebensziele gekrönt von Urenkeln.
+
+Sie langten bald darauf in der Gegend von Berlin an. Die Masten vieler See-
+und Stromschiffe erhoben sich, einem Walde gleich, aus seinem breiten
+Hafen, mit leichten bunten Flaggen geziert, spielend im frischen
+Abendwinde. Die schöne Bergkette, welche an einer Seite den großen Ort
+umgab, stellte eine lachende Ansicht dar, bepflanzt mit Weingärten,
+beschattet von Lustgehölzen und prangend mit heiteren Sommerwohnungen
+reicher Bürger.
+
+Hier triumphirte, fing Gelino an, menschliche Kunst auf eine seltne Art
+über die widerstrebende Natur. Vor Jahrhunderten sah der Wanderer hier nur
+eine langweilende, kaum von unbedeutenden Erhöhungen, die nicht einmal
+Hügel, sondern Niederungsränder des Stromes waren, unterbrochene Fläche.
+Die Stadt lag gleichwohl schon in dem Sandmeere da, zeichnete sich durch
+regelvolle Anlage, und, nach damaligen Begriffen, schöne Prachtgebäude aus,
+wovon man noch manche Ruinen, sogar einige noch ziemlich erhalten sieht,
+die dir, wenn wir ihre Plätze und Straßen durchwandeln, zu Gesicht kommen
+werden.
+
+Da nun aber die inneren Kriege in Europa geendet hatten, und, als
+nothwendig glückliche Folge, die Kultur stieg, auch Berlin, der Sitz des
+europäischen Bundesgerichts -- welches man hieher verlegte, weil Berlin
+ziemlich den Mittelpunkt von Europa einnimmt -- sehr bedeutend wurde,
+wollte der Schönheitsinn ihm eine anmuthigere Umgebung erziehen, so wie die
+Weisheit nöthig fand, seiner großen Einwohnermenge neue Quellen der
+Erhaltung zu öffnen.
+
+Beide konnten, wie fast immer, Hand in Hand gehen. Der berühmte Kanal, tief
+genug um Meerfahrzeuge zu tragen, der die Elbe und Oder auf einem nahen
+Wege verbindet, und bei Berlin vorüber geht, wurde gefertigt, dazu der
+Hafen, dessen blaue Wogen dort schimmern, an Größe einem mäßigen Landsee
+gleich. Ohne die Pulversprengungen und die neuerfundenen mechanischen
+Hebewerkzeuge, mit welchen die Grunderde leicht aus der Tiefe zu winden
+ist, und man die Ströme gegen Versandung und Seichtigkeit schützt, wären
+solche Arbeiten unmöglich gewesen; mit ihnen kam es nur auf Geld und emsige
+Hände an, die nicht mehr fehlten, als mit der Bevölkerung aller Kunstfleiß
+mächtig heranwuchs. Auch wurde der Elbstrom, bis gegen die Böhmischen
+Gebirge, ausgetieft, und eine große Zahl geräumiger Schiffe, führte aus den
+dort, lebhafter als je bearbeiteten Steinbrüchen, die Quadern, womit des
+Kanals Seitenwände eingefaßt wurden. Die aus dem Hafen gewonnene Erde
+diente nun, jene erhabene Bergkette aufzuthürmen. Ist ihre Höhe, gegen
+Urgebirge gehalten, freilich nicht von großem Belang, so ist sie es doch
+scheinbar, da sie sich aus der Ebene erhebt.
+
+Indem, nach dreißig mühevollen Jahren, diese Werke ihre Vollendung sahen,
+meinten die Zeitgenossen, sie wären immerhin, an Arbeit, mit den Piramiden
+von Egipten zu vergleichen, überträfen sich jedoch weit an Nutzen. Sie
+hatten Recht: wer staunte nicht sie erblickend, und wie es sich von selbst
+versteht, wurden Hafen und Kanal die Quellen großer Reichthümer für Berlin.
+
+Sie waren unter diesen Gesprächen bis an ein Thor gekommen, das auf großen
+Säulen ruhte. Der Lehrer hatte einst, wie sich auch von seiner Vertrautheit
+mit den überall vorhandenen Gegenständen erwarten läßt, Europa schon
+durchwandert, und konnte daher seinem Zögling immer Auskunft geben. Dies
+Thor, das Brandenburger seit dem Alterthum genannt, ist das schlechteste,
+es bleibt jedoch als eine ehrwürdige Antiquität stehen, und trotzt auch
+schon drei Jahrhunderten durch seine Festigkeit. Dies darf um so mehr
+befremden, als seine Erbauung noch in die Zeit fällt, wo Bruchsteine nur
+mit schwerer Mühe auf ärmlichen Spreekähnen herbeigeführt wurden, und man
+sich meistens der Ziegel bediente. Jetzt haben es freilich die Baumeister
+bequemer, da der Elbkanal, von Pirna her, so große Ladungen von Felsblöcken
+trägt, und nun können freilich die Tempel und Palläste leicht so stattlich
+sein, als wir sie sehen.
+
+Schon vor der Stadt hatte Guido zu seiner Verwunderung wahrgenommen, daß
+eine Menge leuchtender Kugeln über den Häusern schwebend erschienen. Nun
+erklärte sich das. Man erleuchtete nehmlich die langen graden Straßen mit
+doppelten Hohlspiegeln von beträchtlichem Umfang, auf hohe Säulen gestellt.
+Vor ihnen brannte eine kunstreiche, durch Luftzüge verstärkte Flamme, deren
+Licht aber, mittelst einer angelaufenen Kristallscheibe, sanfter erschien,
+so daß das Ganze den Vollmond um so täuschender nachahmte, als seine Karte
+auf die Scheibe gezeichnet war. Die Wirkung glich eben so, und ein traulich
+Silberlicht goß seine Schimmer in die Straßen und Plätze nieder. In der
+Mitte der Länge einer jeden Straße, brannte ein solcher Hohlspiegel, für
+die Erleuchtung nach beiden Seiten genug, doch so, daß man sich mit seiner
+Größe nach der der Straße richtete. Am Abend gab dies Heer von Monden der
+Stadt von Außen ein sonderbar liebliches Ansehn.
+
+Sie stiegen in einem bedeutenden Gasthofe ab. Nachdem jedem von ihnen ein
+Badezimmer angewiesen worden, erfrischten sie sich in silbernen mit
+Rosenwasser gefüllten Wannen. Hierauf trugen wohlgekleidete Diener das Mahl
+zur Nacht auf. Es bestand unter andern aus Kalbnieren von Archangel, sehr
+von leckeren Gaumen beliebt, aus einer Surinamschen Schnecke, deren
+gewundenes gesprenkeltes Haus einen Kürbis an Größe übertraf, und aus
+Vogelnesten, wohlerhalten von Tunkin gebracht. Wein von Cipern und Buenos
+Aires, Sorbet in Ispahan verfertigt, perlten in Kristallflaschen. -- Warum
+gebt ihr uns Speise und Getränk aus ferner Zone? fragte Gelino einen
+Diener, ob ihr gleich in eurem gesegneten Lande köstlichen Ueberfluß
+erzieht. Wird es uns doch wohlfeil in den Hafen gebracht, und gegen unsere
+Erzeugnisse vertauscht, war die Antwort.
+
+Sie gingen noch auf einen Ball, wo sehr schöne, doch an Betragen überaus
+sittsam züchtige, Mädchen tanzten. Gelino sagte: Ihre Formen sind zart und
+athmen Harmonie, doch die frisch lebendige Fülle, welche wir an den Grazien
+in Polen sahn, mangelt ihnen dennoch. Allein der Abkunft ist dies
+zuzuschreiben, ihre Vorältern lebten einst in argem Sittenverderb. Jetzt
+dagegen giebt es nirgend auf der Erde keuschere Frauen, wie zu Berlin, und
+zwar sind sie das aus lauter Geschmack. Die Feinsinnigen wissen, daß man
+nur durch Keuschheit sich die höchsten Freuden der Liebe bereitet. Darin
+haben sich hier die Zeiten, gegen Ehedem, durchaus umgewandelt. Merke dir
+übrigens das lehrende Wort, Guido!
+
+Dieser antwortete: Ich bedarf dessen nicht, Ini zeichnete es mir mit
+heiliger Schrift in den Busen.
+
+Am andern Morgen hub Jener an: Du sollst hier einer Sitzung des ehrwürdigen
+Rathes, Bundesgericht von Europa genannt, beiwohnen, und hier überhaupt
+lernen, welche Bewandniß es mit unserer Verfassung hat.
+
+Noch wenig hörtest du von den Königen in diesem Erdtheil, wenn wir schon
+einige mit ihren glanzvollen Umgebungen sahen. Dies ist aber ein großer
+Segen für die Menschheit. Im Alterthum war es ihre Sucht, von sich reden zu
+machen, und sie wählten das Verderben, über Fremde und Unterthanen
+gebracht, unter dem Namen Heldenthaten. Jetzt, einem schöneren Beruf
+hingegeben, muß es ihr Ehrgeiz sein, daß ihr Name wenig zur Sprache kömmt,
+denn so wird der Beweis, daß keine Noth über ihr Land hereinbricht, am
+besten geführt. Den Lohn für eine musterhafte Verwaltung empfangen sie beim
+Leben um so weniger, als Schmeichelei in Europa für das tiefste Verbrechen
+geachtet wird; doch nach ihrem Tode erkennt das Bundesgericht, wohin ihre
+Urne gebracht werden soll. Haben sie die Bevölkerung gemehrt, erhoben sich
+Landbau, Wissenschaft und Kunst in ihren Gebieten, kömmt sie in den Tempel
+der Unsterblichkeit, den du einst in Rom besuchen wirst. Sahen sie aber die
+Regierung als einen Genuß, nicht als eine Pflicht an, gelangt sie in einen
+gemeinen Todtenacker, und wird der Vergessenheit übergeben. Auch ist es
+herkömmlich, daß dann die Geschichte ihren Namen nicht nennt, sondern nur
+sagt: In diesen Jahren herrschte ein König, dem das Gehorchen besser
+gewesen wäre.
+
+Als nach vielen blutigen Jahren die neue Verfassung endlich gegründet
+werden konnte, wollte man erst die Könige wählen, und immer dem Weisesten
+in irgend einem Lande die Krone geben. Allein die Schwierigkeiten bei der
+Wahl mahnten ab, die Buhlerei um die Gunst des Volkes würde heuchlerischen
+Sinn hervorgebracht haben, und die Stifter des großen Bundes heiligten
+überall die Wahrheit. Aurelius, der große Kaiser, von dem du schon oft
+hörtest, behielt demnach die Geburtfolge bei, doch traf er die
+Einrichtungen so, daß, was früherhin nimmer geschehen war, auch die Könige
+zu ihrem Amte erzogen wurden.
+
+Hiebei verfuhr man im Laufe der Zeit abweichend, je nachdem eingesammelte
+Erfahrungen die Ansichten umwandelten. Bei einer Erziehung, die es, unter
+sparsam eingepflanzten fremden Begriffen, auf möglichst vollkommene
+Entwickelung der Eigenthümlichkeit anlegte, hat sich gezeigt, daß sie dann
+mit dem wirklichen Zustand der Dinge nicht vertraut genug wurden. Bei der
+möglichst sorgsamen, wissenschaftlichen Bildung ist es wohl geschehen, daß
+die Staaten Männer auf den Thronen erblickten, welche zu weit mit den Ideen
+über die Wirklichkeit hinaus drangen. Endlich kam man dahin, Eigenthum und
+Fremdheit dadurch ins Gleichgewicht zu bringen, daß die Fürstensöhne, früh
+in ein Fündlinghaus gebracht, Herkunft und Beruf nicht erfahrend, solche
+Pflege genossen, daß an Körper- und Geisteskraft, vor allen Dingen Männer
+aus ihnen wurden. Anschaun der Welt, nach Studien, bei welchen ihnen viel
+Willkühr gelassen wird, muß hauptsächlich ihr Nachdenken über die
+bürgerliche Verfassung wecken, sie gerathen in Lagen, wo sie, zum Handeln
+gezwungen, ihre ganze Thätigkeit kräftigen, hie und da giebt man ihnen,
+nach dem Maaße ihrer Fähigkeit, irgend ein Amt zu verwalten. Bisweilen
+schöpfen sie Unterricht in der Regierungskunde von Weisen, oder an einem
+fremden Hofe lebend, wo sie sie ausgeübt beobachten, und müssen sich dann,
+unterrichtet über ihre Bestimmung, einer Prüfung des großen Rathes
+hingeben. Fällt diese Prüfung zu ihrem Vortheile aus, werden sie
+regierungsfähig erklärt, wo nicht, sind neue Anstrengungen unerlässig.
+Denn, da es die Klugheit untersagt, das niedrigste Amt im Gemeinwesen,
+jemanden zu vertrauen, der nicht seine Tüchtigkeit dazu außer Zweifel
+gesetzt hätte, so gilt dies allerdings um so mehr vom höchsten, und eine so
+weit herangereifte Zeit als die unsere, kann sich nicht den Tagen roher
+Barbarei gleich stellen, wo es fast allein dem blinden Zufall überlassen
+blieb, ob ein Fürst sein Amt begreifen werde oder nicht, wo das frühe Gift
+der Schmeichelei ihre Herzen verdarb, wo die eigne Kraft so wenig Anreitz
+zum eignen Gebrauch fand, weil die Kraft der Diener für sie waltete, wo sie
+bald ihre Leidenschaften zum Gesetz erhoben, bald sich Ekel an ihrem Amte
+und ein sieches Leben erschwelgten, bald ganze Geschlechter in unsinnigen
+Kriegen zertraten, bald ihres hohen Berufes vergessend, und mit elenden
+Kleinigkeiten ergötzt, ihre Völker jedem Sturm von Innen und Außen Preis
+gaben. Hart mußten solche Zeiten ihren Wahnsinn büßen, und das Loos der
+Könige fiel auch sehr traurig. Denn die reichen Genüsse freuten sie nicht,
+da sie keine Entbehrungen würzten. Die Wahrheit kam ihnen selten zu Ohr,
+und so im Dunkeln tappend, konnten sie fast nur durch ein Wunder, die ihrer
+Zeit jedesmal zuträglichen Maaßnehmungen ergreifen. Wissenschaft, die ihnen
+allein ein klares Auge hätte erziehen können, um durch die dicke
+Weihrauchumwölkung zu schauen, blieb ihnen meistens fremd. Immer waren sie
+von Ehrgeitz und Raubsucht der Nachbarn bedroht, eine Kunst, damals Politik
+genannt, und nicht viel besser als Schutz durch Trug vor Trug, ängstete sie
+unaufhörlich. Jetzt dagegen schirmt sie die Moral des Völkerrechtes, sie
+sind nicht nur heilig dem Unterthan, sondern allen Völkern, die das große
+Volk von Europa zusammenstellen, edel genug ist ihre Bildung um höhere
+Glückseligkeit, als die sinnlichen Genüsse oder eitlen blutigen Ruhm,
+erkennen und empfinden zu lernen.
+
+Es ist übrigens hergebracht, daß vor dem dreißigsten Jahre kein Fürst das
+Szepter in die Hand nehmen darf, wird ein Thron früher erledigt, folgt eine
+Regentschaft.
+
+Worin bestehn hauptsächlich die Geschäfte eines Königs? fragte Guido.
+
+Er hat die Satzungen der drei Räthe entweder zu genehmigen oder zu
+verwerfen, und läßt sie in jenem Falle mit Machtvollkommenheit zur
+Vollziehung bringen, antwortete Gelino.
+
+Aber könnten die Räthe nicht allein, durch Stimmenmehrheit, entscheiden,
+und mit Gewalt zum Vollbringen ausgerüstet sein? So bedürfte es keiner
+Könige.
+
+»Trennungen, Partheigeist, Unruhen, sind dann, wie die Erfahrung bewies,
+leicht die Folge. Wir würden sie zwar weniger zu fürchten haben, als jene
+Zeiten, da beim Einzelnen die Sinnlichkeit selten, die Vernunft meistens
+den herrschenden Zügel führt, aber wenn alle Gewalten in eine Spitze
+auslaufen, ist die Rückwirkung nachdrücklicher.«
+
+Beschränken übrigens diese Räthe den König?
+
+»In Nichts, er kann sie sogar aufheben, mit andern Formen vertauschen, die
+er zuträglicher findet. Doch seit länger als einem Jahrhundert ließ sie
+jeder Monarch unangetastet weil er die Trefflichkeit der Einrichtung nicht
+verkennen konnte. Denn, will sich der Monarch selbst am Besten befinden,
+muß er am vollkommensten mit dem Ganzen verinnigt sein. Die Räthe sind das
+Mittel dazu. Sie füllen den Raum vom Schlußstein der Piramide bis an ihre
+Ausbreitung, bilden diese vielmehr selbst. Unabhängige Gewalt ist den
+Königen darum verliehen worden, damit desto weniger Reitz zu ihrem
+Mißbrauch entstehen könne. Wer alles hat, kann nichts mehr fordern wollen.
+Die gute Verwaltung ist ihnen durch die Umstände auferlegt, denn verwalten
+sie schlecht, verlieren sie mit dem Ganzen, und ihr Nachruhm schwindet auch
+hin. Doch ein Opfer müssen sie für den überwiegenden Genuß von Rechten,
+gegen andere Bürger, bringen. Es ist hart, allein ihre Vernunft muß die
+Güte des Opfers einsehn, und die Könige, auch ohnehin in Europa
+Republikaner, werden es dadurch gewissermaaßen noch mehr. Sie müssen sich
+-- dies ist Reichsgesetz und wird im Fall der Widersetzung durch die
+Gesammtkraft vollzogen -- der Süßigkeit entübrigen, ihre Kinder um sich zu
+sehn. Diese werden, wie du schon erfahren hast, besonders erzogen, und das
+Gemeinwesen kann nur, vollkommen beruhigt, Machtvollkommenheit vertrauen,
+wenn sie überzeugt ist, sie der Einsicht zu übertragen.«
+
+Welche Einkünfte genießen die Könige?
+
+»Den Hunderttheil von allem Erwerb im Lande. Je bevölkerter und regsamer
+das Land ist, je höher steigt ihr Gewinn, also liegt es in der Natur ihres
+eigenen Vortheils, die Menschenzahl, durch Erweiterung der Subsistenz zu
+mehren, und die möglichste Freiheit zu ihrer Bereicherung zu gestatten. Und
+dies ist denn auch die beste Regierung. Geitz wäre Thorheit, und Thoren
+können die Throne einmal nicht besteigen, Verschwendung eben so, daher
+sieht man Ueberall gute Haushaltung, weil ihr Vortheil, ihr Ruhm, sie den
+Königen auferlegt.
+
+Fremdes Eigenthum an sich reißen zu wollen, kann ihnen nicht einfallen,
+denn die Unsicherheit desselben würde ohne Zweifel alle Betriebsamkeit
+lähmen, und sie um so viel im Ganzen verarmen, als sie im Einzelnen
+ungerecht sich bereicherten.«
+
+Welche Ausgaben bestreiten die Könige?
+
+»Sie solden die Räthe, ihre Hofhaltung, und legen eine jährliche Summe in
+den Gesammtschatz von Europa, den Krieg bestreiten zu helfen, wenn er gegen
+andere Erdtheile nothwendig wird.«
+
+Von den drei Räthen habe ich manches erfahren, doch wünschte ich, du
+nenntest mir ihre eigentliche Bestimmung genau.
+
+»Sie sind mit der Religion oder Moral, was Eines und Dasselbe geachtet
+wird, verbunden, und die Klugheit gilt auch wieder eben so viel. Die höhere
+Religion, auch mit dem alten Namen Philosophie benannt, ist vom Irdischen
+abgezogen, hat darauf keinen vom Staat gelenkten Einfluß, jeder Einzelne
+mag zu seiner inneren Würdigung davon zu erkennen suchen, was er vermag,
+die Feste des höchsten Wesens, vom Volke unter dem Himmelgewölbe begangen,
+sind ohne Priester, ohne Kultus, jeder feiert dort mit dem Herzen. Alles
+das ist dir bekannt, und du hast das heilige Grauen, die Wonneschauer
+eingestanden, welche bei solchem Anlaß über dich kamen. Doch die irdische
+Religion, in drei Tempelsatzungen getheilt, bestimmt, das Leben schöner mit
+der Idee zu gatten, steigt auf zur Verehrung hoher Simbole und auch wieder
+nieder in die Welt vorhandener Dinge, kräftiger und erleuchteter zu
+heiligen. Du knietest oft gerührt im Christustempel, dem ersten von allen.
+Seine Priester haben einen obern Sinod, aus den würdigsten gewählt, sitzend
+im Obertempel, in der Hauptstadt des Monarchen. Christus ist uns Heros,
+oder Beschützer und Verklärer der Erziehung und des Brudersinnes. In seinem
+Geist, und auf den Zeitfortgang merkend, haben also die Würdigen aus denen
+jener Sinod zusammen gestellt ist, über Erziehung und Brudersinn zu wachen,
+dem Volke Freiheit und Kunde zu ihrer Verbesserung, auf jede Weise zu
+bereiten, es durch Rath und auch durch Beispiel zu erleuchten, dem Fürsten
+Nachricht von allen Fortschritten zu geben, Vorschläge darzubringen, wie
+neue Stufen der Vollkommenheit zu ersteigen sind. Das Wort Erziehung hat
+aber einen weiten Umfang. Es begreift nicht nur die Abhärtung und Bildung
+der Jugend, auch die Erziehung des Geschlechtes durch höheren moralischen
+Adel zu glücklicherer Wohlfahrt. Dies kann auf keinem anderen Wege
+geschehen, als wenn Arbeitsamkeit zuvor den Gewinn der
+Lebensnothwendigkeiten erhöht. Daher stehen nicht nur die Schulen, sondern
+auch der Landbau, und alle nützlichen Handwerke, unter der Leitung des
+Christustempels. Der obere Rath spaltet sich in die besonderen Kammern und
+hält in den einzelnen Bezirken untere Verweser, gemeinhin Tempeldiener
+zugleich, welche heilsame Sorge tragen, und vorzüglich ihrem Beruf darin
+nachkommen, daß sie den weisesten Aufflug in Allem beachten, ihm, nach
+weisen Anzeigen, so viel als möglich die Richtung geben, und, indem alle
+Weisheit in ihre Körperschaft strömt, diese auch wieder der Quell sei, aus
+welchem das Volk schöpfen könne. Der Brudersinn ist zum Gedeihen aller
+Volkthätigkeit nothwendig, weil ohne ihn, ein Theil dem andern, überall
+Hindernisse legen würde. Er folgt jedoch aus ihrer höheren Vollkommenheit
+von selbst, denn weil alsdann die Noth um das Mein und Dein, sich immer
+mehr verringern muß, sind die Hauptwurzeln aller Feindseligkeit auch immer
+mehr vertilgt. Ermahnungen in frommen, verständigen, öffentlichen Reden,
+Belebung des Funkens der Menschenliebe in jeder Brust, durch Lehre und
+Beispiel, die rührenden Künste zur Mitwirkung rufend, werden keineswegs
+versäumt; doch strebt man am mühsamsten, die Triebe der Selbsterhaltung und
+Geselligkeit, dem Sterblichen durch die Hand der Natur gegeben, in Einklang
+zu bringen, wobei das Uebrige sich ziemlich allein giebt. Du lerntest nun
+übersichtlich den ersten Rath der Könige und seine ausgebreiteten
+Verwaltungzweige kennen. -- Der zweite Rath hängt mit der Verehrung des
+Moses zusammen. Dieser ist Heros der Gewalt, des Rechtes. Insofern sich
+dies auf den Krieg bezieht, schweige ich, es wurde dir im großen Feldlager
+kund. Reden wir von dem bürgerlichen Eingriff. Wie schon in Europa uns ein
+weit größeres, vollständigeres Leben zu Theil wurde, das immer neue
+Verhältnisse schafft, und immer mehr, den Lebenserwerb bequemer
+gestaltende, Einsichten hervorbringt; wie glücklich die, von Wahn
+gereinigte und durch die Künste veredelte Religion, in einen reinen Antrieb
+zum freien Guten umgewandelt ist; in welche zarte Mistik, die Grundlinien
+der Bürgerehre verwebt wurden; wie klar das, in früher Erziehung geübte
+Kombinazionsvermögen, die Nothwendigkeit des Rechtes, in den viel
+erweiteten und berichtigten Gesellschaftsbeziehungen, einsieht; wie sorgsam
+weise Jahrhunderte zu fernen suchten, was gereizte Begierden wecken,
+niedere Leidenschaften entflammen kann; immer war doch der Stoff des
+Widerstrebens gegen das Gute, in der Sterblichen Brust nicht ganz zu
+tilgen. Die Eigensucht will hie und da immer noch zum Schaden des
+Gesammtvortheils auf _sich_ beziehen, und sind die Verbrechen gleich bei
+weitem seltener als Ehedem, hören wir, Dank sei es den besseren Zeiten! nie
+von solchen, die vor Jahrhunderten noch die menschliche Natur entweihten,
+so wird das Gesetz doch bisweilen umgangen, und ein ernsterer Widerstand in
+warnenden, auch drohenden Ahndungen, ist nöthig. Er geht vom Mosestempel
+aus. Hier wird Recht gesprochen über den Frevler, wiewohl, von zehn Jahren
+zu zehn Jahren, die Strafsatzungen haben gemindert werden können, indem die
+traurigen Fälle, wo sie eintreten mußten, abnahmen. Hier werden auch
+Streitigkeiten über Eigenthum, bei denen kein böser Wille, sondern Zweifel
+zum Grunde lag, geschlichtet. Doch nicht, wie vormals, hält sich die
+Gerechtigkeit verborgen. Oeffentlich im Tempel, vor der Menge Augen, übt
+sie ihr wohlthätig Amt. Auch predigen die Richter dem versammelten Volke,
+erklären das Gesetz, beweisen sein Heil, schärfen seine Würde, und zeigen
+vorzüglich den Unverstand aller gesetzwidrigen Handlungen, wodurch denn der
+erregte Ehrgeitz guter Vernunft, auch ein Sporn zur Tugend wird. Entsteht
+eine Klage über Gewaltthätigkeit -- die letzten Jahre zählten sie sparsam
+-- so dingt derjenige, welcher die Beschwerde zu führen hat, einen Maler,
+der die kränkende Handlung nach der Natur darzustellen hat. Das Gemälde
+wird vor den Richtern hingehangen, und spricht zu ihrer Empfindung. So
+braucht es der Anwalde Beredsamkeit nicht. Doch, der Recht verwaltenden
+Priester Amt nicht freudelos zu machen, ist ihnen auch die schönere
+Obliegenheit geworden, Lohn für edle That zu spenden. Sie rufen den Bürger
+vor ihren Stuhl, den eine nützliche Entdeckung verdient machte, der irgend
+etwas erfand, wovon die Gesammtheit Vortheile ziehen kann, den Mann der
+funfzig Jahre irgend einen Beruf rühmlich verwaltete, das Ehepaar, in einer
+langen Reihe von Jahren durch häusliche Tugenden ehrwürdig, den alten
+treubewährten Diener, und ertheilen ihm öffentlich Lob oder Ehrenzeichen.
+Die ältesten, tadellosesten, weisesten unter allen Mosespriestern, bilden
+in der Hauptstadt des Königs den zweiten Rath. -- Im Tempel der Maria fleht
+die Liebe, der Ehen heiliges Band wird dort geknüpft, die schönen das Leben
+schmückenden Künste, die Poesie, die aufgeblühte Jugend wähnen sich in der
+Obhut der Heiligen. Unter ihren Priesterinnen steht nun das ganze weibliche
+Geschlecht. In alter Zeit wurde es herabwürdigend beengt, wir aber sahen
+ein, daß Vernunftwesen eine andere Stellung in der Gesellschaft gebührt,
+und ihre Moralität so durchaus gewinnen muß. Darum üben sie eignen
+erhebenden Kultus, werden in Reden edler Priesterinnen an die Gattinpflicht
+gemahnt, ihnen die Grundsätze der frühesten Kinderzucht erläutert, ihr Sinn
+für das Schöne und Gute geschärft, wodurch sie an Anmuth und
+Liebenswürdigkeit zunehmen. Bei uneinigen Ehen wird der Frauen Recht
+wahrgenommen, im seltnen schlimmen Fall, Trennung verhängt. Strafe kann dem
+Weibe nur von hier zuerkannt werden. Die edleren unter den edlen dieser
+Priesterinnen, stellen des Königs dritten Rath zusammen. Eine frühere Zeit
+würde über den Rath von Frauen gelacht haben, und doch ist er so
+angemessen. Auch hat ihr feiner Sinn schon des Guten unendlich viel
+gestiftet.«
+
+Nenne mir die Bestimmung des Kaisers!
+
+»Er ist oberer Kriegsherr. Die gesammten Truppen stehen unter seinem
+Befehl. Er wacht über den Frieden der Republik, läßt die Heere ins Feld
+rücken, wenn der Kampf unvermeidlich wird, und endet ihn, wenn es ihm
+gelang, die Feinde zur Versöhnlichkeit zu bewegen. Die Gesetze der
+Rekrutirung sind bleibend, nicht der Fürsten sonstige Machtvollkommenheit,
+nur ein allgemeiner Beschluß könnte sie umwandeln. Auch ziehn die Könige
+nicht mit ins Feld, da sie ihre Staaten daheim zu leiten haben, wohl aber
+die Söhne, wenn gerade ihre Dienstzeit in den Ausbruch eines Krieges fällt.
+Die Uebung der Truppen und Flotten, die Vervollkommnung derselben durch
+besser erkannte Technik, stehen unter Kaisers Vorsorge, und das Strategion,
+dir schon bekannt, prüft, schlägt vor, entscheidet über einzelne Fälle,
+theils allein, theils nachdem der Kaiser bestätigte. Der Kaiser ist auch
+Vorsitzer des Bundesgerichts, und hat seine Aussprüche zu sankzioniren,
+insofern von Streitigkeiten der Könige gegen einander, oder von
+Wiederbesetzung eines erledigten Thrones die Rede ist. Wenn dies Gericht
+nicht in Rom seinen Aufenthalt hat, so liegt auch die Absicht zum Grunde,
+daß es nicht dem Kaiser unbedingt unterworfen werden soll. Die
+Telegraphenlinie kann ihm zudem in wenigen Stunden von den Verhandlungen
+Nachricht senden. Der Kaiser hat auch sein Königreich, und zwar das
+größere, aus welchem seine Einkünfte ihm zufließen. Seine Vorfahren hätten
+bei ihrem großen Waffenglück leicht ganz Europa sich _unbedingt_
+unterwerfen können, sie wollten es aber nur durch die gegenwärtige
+Verfassung _bedungen_, wodurch das weite Reich bequemer regiert, und der
+immer fortgehenden Entwickelung eine freiere Bahn gelassen wird.«
+
+Guido dachte, als sein Lehrer geendet hatte viel über die Verfassung von
+Europa nach, es drängten sich ihm manche Ideen auf, wie sie noch gesteigert
+werden könnte, und er nahm sich vor, darüber einen Entwurf aufzusetzen.
+Gelino billigte das, ihm zusagend: wenn seine Vorschläge gut wären, er
+sicher auf das Vergnügen zählen könne, sie in Ausführung gebracht zu sehn.
+
+Sie gingen nach dem Pallast, wo das Bundesgericht oder Völkertribunal seine
+Sitzungen hielt. Es war ein Gebäude, das durch seine Festigkeit auf ewige
+Dauer berechnet schien. So viel besondere Reiche in Europa, so viel eherne
+Bildsäulen von einer Staunen erregenden Größe zierten das Dach. Sie hielten
+sich umschlungen, ein Adler schwebte mit seinen breiten deckenden Fittigen
+über die majestätvolle Gruppe. Im inneren Marmorsaale empfand Guido fromme
+Schauer der Ehrfurcht, als er die Versammlung der Greise sah, denen
+schneefarbne Bärte auf den Busen niederflossen. Er sahe zudem hier eben ein
+rührend Schauspiel.
+
+Die Urne eines seit kurzem verstorbenen Königs ward in den Saal gebracht,
+von seinen vornehmsten Unterthanen getragen. Eine weinende Menge, aus der
+Ferne gekommen, die der Saal nicht aufnehmen konnte, stürzte nach,
+einmüthig flehend, dem Staube ihres Monarchen den Tempel der
+Unsterblichkeit zu bewilligen.
+
+Euer Flehen ehrt den Verstorbenen, antwortete der hohe Senat, allein es
+darf uns nicht bestechen. Wo liegen die Beweise, daß euer König das Grab
+des Ruhmes verdiene?
+
+Nun drängten sich besondere Sendungen der Räthe in den Staaten des Todten
+hervor. Sie reichten Schriften ein, worin die Zunahme der Volkzahl während
+seiner Regierung berechnet stand, in welchen dargethan wurde, daß sich die
+Klagen in den Tempeln des Rechtes, während eben diesem Zeitraume, ungemein
+vermindert hatten; ferner, daß auch nicht eine Ehe getrennt worden sei. Die
+Papiere wurden laut verlesen. Bedächtig horchten die Greise, rührende
+Blicke auf die Urne wendend. Nach den Berathungen einer Stunde sprachen sie
+einmüthig aus: Seine Regierung war gut, da diese Erfolge Zeugniß ablegen.
+Dem Staube werde des Ruhmes Grab, wenn der Kaiser das Urtheil heiligt.
+
+Die Todten wurden jetzt überhaupt nicht als Leichname begraben. Man wollte
+den schauderhaften Zustand der Verwesung nirgend wissen, auch unter den
+Rasenhügeln empörte er die Gefühle einer zartsinnigeren Menschheit. Hatte
+der Verstorbene, nach einigen Tagen, die untrüglichen Kennzeichen des
+Todes, schafften ihn die Verwandten in ein Leichenhaus, wo durch einen
+chemischen Prozeß alle Flüssigkeiten verflüchtigt, und die festen Theile in
+Erde aufgelöset wurden. Diese kam in die mitgebrachte Urne, und die
+Leidtragenden brachten sie nach dem Todtengarten, den die Städte mit
+Baumpflanzungen und Blumen zu schmücken, wetteiferten, um sie dort
+einzusenken. Ein Denkmal aber durfte auch dann nur die Stelle bezeichnen,
+wenn die Mitbürger des Ortes, durch Stimmenmehrheit, den Verstorbenen
+dieser Ehre würdig achteten. Den Wohnplatz der Ruhe sollten nicht Lügen
+entheiligen. Personen, welche dem Gesetz widerstrebend gelebt hatten, kamen
+auf ein gesondertes entferntes Gräberfeld, öde, ohne Strauch und Blumen,
+und die Städte fanden einen Stolz darin, kein solches Feld auf ihrem
+Gebiete zu wissen.
+
+Das Bundesgericht meldete noch am Morgen, durch den Telegraphen, seinen
+Ausspruch nach Rom. Am Abend langte die Antwort an. Der Kaiser ließ durch
+die akkustischen Röhre zurücksagen: Was eben berichtet sei, stimme ganz mit
+den Kunden überein, welche ihm von der Amtsführung jenes Königes auf
+anderen Wegen zugekommen wären. Er ehre der Greise Weisheit, bestätigte
+ihren Spruch, und gebiete, die Urne nach Rom zu senden.
+
+Am anderen Tag wurde sie nun mit Blumen und Lorbeeren festlich gekrönt,
+dann unter hohem Gepränge, bei den Trauermelodien aller Glockenspiele und
+dem Chorgesang aller Jungfrauen auf einem goldnen Wagen abgeführt. Ein
+Ausschuß der Greise des Völkertribunals begleitete ihn, wie Tausende der
+angelangten Unterthanen, die sich das Recht nicht nehmen lassen wollten,
+den Reliquien ihres geliebten Monarchen bis zum Tempel der Unsterblichkeit
+zu folgen. Guido blickte dem Gewimmel mit froher Wehmuth nach, und gestand:
+wie die Rührung, welche er heute empfände, jede bisher gefühlte, überträfe.
+
+Der andere Tag war jedoch noch merkwürdiger für unsern Jüngling. Denn jenes
+Königs Nachfolger, von dem Gerichte vorgeladen, stellte sich.
+
+Er hatte das dreißigste Jahr erreicht, da jener in einem hohen Alter
+verstorben war. Bescheiden trat er in den Saal.
+
+Der Greis, welcher im Namen des Kaisers den Vorsitz führte, fragte ihn:
+
+Wie wurdest du erzogen, Monarchensohn?
+
+»Zuerst in einem Fündlinghause in Spanien.«
+
+Hast du, dort entlassen, Proben deiner stattlichen Kraft, deines früh
+geübten Denkvermögens, abgelegt? Hat dein Gemüth sich in reinem Sinn
+bewährt?
+
+»Hier sind die Zeugnisse, welche ich empfing, jene Erziehungsanstalt
+meidend.«
+
+Sie wurden vorgelesen und stellten den Rath zufrieden. Der Alte fragte
+weiter:
+
+Wo befandest du dich nachher?
+
+»Ich durchreisete Europa und Asien, zu Lande und durch die Luft, umschiffte
+den Erdball.«
+
+Recht. Du hast deine Bemerkungen auf dieser Wanderung einst uns eingesandt.
+Wir haben daraus auf den unterrichteten Denker geschlossen. -- Wohin
+begabst du dich alsdann?
+
+»Zum Heere, wo ich vier Jahre verlebte.«
+
+Wann erfuhrst du deine königliche Abkunft?
+
+»Im fünf und zwanzigsten Jahre, da der alternde Vater eine Stütze neben
+sich sehen wollte.«
+
+Wie ward dir bei der großen Nachricht?
+
+»Ich fühlte die mir bis dahin unbekannten kindlichen Entzückungen mit
+Innigkeit, doch erschrack ich, daß einst das schwere Königsamt mich
+erwarte.«
+
+Gut und auch nicht gut! Der kräftige Mann soll vor nichts erschrecken, der
+König am wenigsten. -- Wie brachtest du deine Zeit neben dem Vater hin?
+
+»Ich wohnte den Sitzungen der Räthe bei, besah unsere Staaten, bis auf das
+kleinste Dorf, suchte mich über ihre Natur, ihre Gewerbe zu unterrichten,
+den Mann von Verdienst kennen zu lernen.«
+
+Wohl! Machtest du oft Vorschläge zu Verbesserungen in deinem Lande?
+
+»Dazu fühlte ich mich noch zu schwach, meinte nichts höher umfassen zu
+können, als der weise Vater.«
+
+Schlimm, Königsohn, schlimm! Der Jüngling soll nicht stehen bleiben,
+sondern weiter dringen. Deine Erziehung konnte die Erfindungsgabe wecken.
+
+Der Befragte erröthete. Sanft munterte ihn aber der Alte auf und fuhr fort:
+
+Willst du den Thron deiner Väter besteigen?
+
+»Wenn ihr, fromme Väter, mich dessen würdig achtet.«
+
+Das kömmt nur auf dich selbst an. -- Was denkst du hauptsächlich beim
+Regieren zu thun?
+
+»Ueberall das Gute zu fördern.«
+
+Ei, dort falsche Bescheidenheit, hier große Anmaaßung. Räume nur zuvor
+überall das Böse hinweg, so wird das Gute von selbst folgen.
+
+»Ich hoffe -- nicht zu irren -- wenn ich strenge den Vater zum Vorbild
+wähle --«
+
+So? Du hoffst demnach so gut wie der Vater zu regieren.
+
+»Ganz so freilich nicht.«
+
+O, ihn zu übertreffen muß dein Vorsatz sein, wie gerechtes Lob er auch
+fand. Die neue entwickeltere Zeit läßt dir ja ihr Licht flammen. Durch
+deine Räthe empfängst du es, kannst seine Strahlen, in deiner Vernunft
+gesammelt, wohlthätig zurückgießen. -- Bist du vermählt?
+
+»Noch nicht.«
+
+Seltsam! Und aus welchem Grunde?
+
+»Ueber die rastlosen Arbeiten vergaß ich, mich nach einem geliebten Weibe
+umzusehn.«
+
+So war deine Erziehung dennoch fehlerhaft. Die, welche sie leiteten, gaben
+dir nicht Freiheit genug. Du bist das Werk Anderer geworden, und die
+eigenthümlich waltende Kraft keimte zu wenig auf. Die Liebe hat ihren
+Götterfunken nicht in dir entzündet, darum so karger Aufflug deines
+Herzens. Wir können des edlen Vaters wegen dir nicht nachsehn. Sein Ruhm
+hat mit dem Wohl der folgenden Geschlechter in seinen Staaten nichts
+gemein. Ich urtheile, daß dein Land ein Jahrlang unter Regentschaft gesetzt
+werden muß. Während dieser Zeit bemühe dich um Selbstvertrauen, um die
+Kraft des Muthes, die Königen ziemt. Vermähle dich liebend, dann kehre
+wieder und höre unsern neuen Spruch. So mein Urtheil, habt ihr es zu
+tadeln, Väter, so tretet auf und wir wollen die Stimmen sammeln.
+
+Alles schwieg.
+
+Nach einer Pause fing der Vorsitzer wieder an:
+
+Euer Schweigen nennt meinen Spruch gerecht, der Telegraph soll ihn zur
+Stelle nach Rom bringen.
+
+Tief bestürzt stand der abgewiesene Thronfolger da vor der schauenden
+Menge. Wohl nicht hatte er dies erwartet. Um so erschütterter mußte er
+sein, als der Gram über des Vaters Tod ihn wirklich tief verwundet hatte.
+Dennoch galt keine Einwendung gegen das Machturtheil, er durfte die
+Ehrfurcht dagegen nicht verletzen, und sich, wie ihm geboten worden, auf
+die neue Prüfung vorbereiten.
+
+Still ging er nach einer Verneigung mit seinem Gefolge davon. Das im Saal
+versammelte Volk, sonst gewohnt, die Aussprüche welche ihm gerecht
+schienen, mit lautem Beifall zu begrüßen, verhielt sich diesmal still, und
+schonte so des Prinzen. Doch nicht, als ob es nicht vollkommen mit dem
+Völkertribunal wäre zufrieden gewesen, sondern, weil es in diesem zarten
+Betragen, den Manen des Königs eine Huldigung darbringen wollte.
+
+In älteren Zeiten würde ein solches Bundesgericht wohl schwerlich seine
+Bestimmung erfüllt haben. Die Macht des Goldes hätte ohne Zweifel seine
+Sprüche gelenkt. Allein man wählte die tugendhaftesten Männer zu den
+Richterstellen. Und das ein und zwanzigste Jahrhundert hatte in der Kunst,
+die Tugend zu bilden, Fortschritte gemacht, die das achtzehnte oder
+neunzehnte nicht ahnen konnte. Dann wechselte man sie oft und unvermuthet.
+Ferner hatten sie den feinen Takt des Volkes zu fürchten, das über die
+Gerechtigkeit ihrer Verhandlungen scharf fühlte, und ihre Ehrliebe hätte
+ein mißbilligend Geräusch, seit länger als einem Jahrhunderte nicht
+erfolgt, kaum getragen. Eben auch stand dem Kaiser das Recht zu, den mit
+der Strafe ewiger Entehrung zu belegen, der nicht furchtlose Tugend zu
+seiner Richtschnur wählte. Endlich durften die Könige insgesammt, wenn ihre
+Stimmenmehrheit das Verfahren dieses Gerichtes tadelnswürdig fand,
+Einspruch thun, und sich selbst in seinem Pallaste versammeln, um statt
+desselben zu richten, wo denn der Kaiser in Person vorsaß und das Recht der
+Billigung oder Verwerfung übte. Alle diese Maaßregeln erhielten die Ehre
+des Senats unsträflich.
+
+Guido redete viel mit seinem Lehrer über die Antworten des Thronkandidaten.
+Er behauptete sehr keck, sie besser gegeben haben zu würden, und Gelino
+ermahnte ihn, im Gefühl seines Feuers auch nicht weiter zu dringen als
+Bescheidenheit es gestatte.
+
+Aber, rief der Jüngling, war es denn nicht eben Bescheidenheit, was die
+Väter an dem Königsohn straften?
+
+Allerdings, doch seine Geburt, sein Beruf, die Jahre welche er vor dir
+voraus hat, leiteten des Tribunals Urtheil. Du aber, den kein Purpur
+erwartet, sollst mehr streben als wähnen erstrebt zu haben.
+
+Ich strebe fort, guter Lehrer, entgegnete der Jüngling, aber ich weiß auch,
+daß ich schon erstrebte.
+
+Dann ward er nachdenkend, und rief, in einigen Schmerz aufwallend: O es muß
+göttlich sein, von einem Throne herab zu gebieten!
+
+Beneide die Monarchen nicht, warnte Gelino, schwer ist ihr Amt.
+
+Leicht, leicht! schwärmte Guido. Darf ich die Kräfte zusammenfassen, kann
+ich auch mächtig damit walten. Spannt mir nur Sonnenrosse an den Wagen, ich
+will sie schon durch den Aether lenken!
+
+»Und doch läßt jene Mithe den Verwegenen, der es unternahm, seinen
+Untergang finden.«
+
+Ein Furchtsamer hat sie erdacht. An Phaetons Stelle flehte ich zu Ini, und
+Götterkraft durchglühte mich!
+
+»Wahrlich, die Prüfung in jenem Tribunal scheint dich hoch zu entflammen.«
+
+Diese Bemerkung des Lehrers war richtig. Guido sann, von diesem Tage an,
+öfter einsam nach, warf Gedanken über manche Völkerangelegenheiten aufs
+Papier, schnelle Röthe überzog seine Wange, wenn edle Monarchen und ihre
+Thaten genannt wurden. Oft sprach er von dem Tempel der Unsterblichkeit und
+erklärte, einen heißen Drang zu fühlen, ihn zu sehn. Habe Geduld, versetzte
+Gelino, wir werden nach Rom kommen.
+
+Die Wanderer besuchten nun hier verschiedene Lehrstühle, denn, wie der
+Norden von Teutonien für das gelehrteste Land galt, nannte dies wieder die
+hohe Schule zu Berlin die gelehrteste.
+
+Ein Lehrer trug die Geometrie vor, handelte von den seit etwa drei
+Jahrhunderten erfundenen neuen Lehrsätzen, und lächelte dabei über die
+geringfügigen Konzepzionen eines Archimedes, Galilei, Newton, la Place.
+Doch setzte er auch billig hinzu: Diese Männer bleiben dennoch im
+Verhältniß zu ihren Zeiten vortreffliche Köpfe, daß die unsrigen unendlich
+mehr aussprachen, ist eine Erscheinung, welche durch den wissenschaftlichen
+Fortgang und die immer mehr zusammengedrängten Volkmassen nothwendig wurde.
+
+Guido, selbst ein geübter Rechner, bewunderte die arithmetischen Formeln,
+welche ihm hier zu Gesicht kamen. Der Integral- und Differenzialkalkul
+waren auch schon vollkommen ins gemeine Leben übergegangen, und die endlich
+gefundene Quadratur der Rundung, erleichterte die Messung aller Größen noch
+weit mehr.
+
+Ueber die Mechanik vernahm er unerhörte neue Lehrbegriffe. Nur die
+Ausführung mancher davon, konnte ihn noch zu mehr Bewunderung hinreissen.
+Denn man beschloß während seiner Anwesenheit, einen großen Pallast, welcher
+in der Straße, wo er gegenwärtig stand, keine vortheilhafte Ansicht darbot,
+nach einem freien Markte zu schaffen. Sein Fundament ward gestützt,
+unterhöhlt, gewaltige Hebemaschinen drängten das Gebäude im Gleichgewicht
+empor, Rollen, aus Marmorblöcken gehauen, empfingen dasselbe, und in
+wenigen Tagen war es unversehrt nach der neuen Stelle gebracht, wobei sich
+an den nöthigen Wendungen die schwierigste Kunst offenbarte.
+
+Auf der Sternwarte eines durch neue Entdeckungen berühmten Astronomen,
+hörte er mehrere Vorlesungen. Daß man jetzt über Tausend Millionen
+Fixsterne zählte, wogegen vor etwa drei Jahrhunderten deren nur fünf und
+siebenzig Millionen angenommen wurden; daß die Zahl der Ehedem bekannten
+Dreihundert und neunzig Kometen verdreifacht ausgemittelt war, und über die
+Gesetze ihres Umschwungs, die Natur der sie umwallenden Dünste, kein
+Zweifel mehr bestand; daß die Vortrefflichkeit der Sehröhre schon die
+Planeten der nächsten Sonnensterne erblicken ließ, wußte er lange; ganz
+unerwartet erfuhr er hier aber, welchen bedeutenden Vorschub die Chemie der
+Sternkunde leistete. Denn wenn sie zuvor den Wärme- und Lichtstoff nimmer
+hatte wägen können, so war ihr dies nunmehr ganz bequem geworden. Es gab
+Waagen, die in Theilbarkeit der Schwere Subtilitäten gestatteten, die mit
+denen, welche das Mikroskop in der Sichtbarkeit erzielt, verglichen werden
+konnten. Nun hatte der genannte Sternkundige, Strahlen der Lichtmaterie,
+welche uns von den, viele Billionen Meilen entlegenen, Fixsternen, nach
+langen Jahrenreihen zuströmt, in luftleeren hohlen Körpern aufgefangen,
+gewogen und scheidekünstlerisch zerlegt. Er wies nun den Zuhörern seine
+merkwürdigen Resultate vor. Es wurde durch sie erklärt, weshalb das Licht
+vom Sirius weiß, das vom Arktur röthlich sei, warum die Glanzfarben an den
+Hauptsonnen, in den Sternbildern Orion, Leier, Kassiopea, Löwe, Eridan u.
+s. w. so von einander abwichen. Aus der Natur ihrer Lichtstoffe schloß nun
+der gelehrte Mann auf die ihrer Planeten, sogar auf die dort nothwendigen
+Modifikazionen der anorgischen und organischen Körper, wodurch er einer
+ganz neuen, erhabenen Wissenschaft, ihr bewundernswürdiges Feld öffnete.
+
+In einem Hörsal der Naturkunde fanden sich unsere Reisenden auch mit
+lebhaftem Antheil ein. Hier zählte man die Mineralien, Pflanzen,
+Säugethiere, Vögel, Amphibien, Fische, Insekten und Würmer auf, welche bis
+jetzt entdeckt waren. Gegen die Vorzeit hatte sich die Zahl mehr als
+verdoppelt. Dies galt aber nicht von den Thieren des Meeres, von denen
+einige Tausend Gattungen in den Registern der Phisiker genannt wurden, wo
+man sonst nur Achthundert beobachtet hatte. Denn bei jeder Reise in den
+Grund des Ozeans -- wo sich die kühnen Erforscher der wundersamen Tiefe,
+nach Maasgabe ihres Weiterdringens, einen Ruf bereiteten, wie Ehedem die
+Colon, Magellan, Hudson, van Diemen, und Tiefgebürge oder Meerthäler nach
+ihren Namen benannt sahen -- wurde man Arten ansichtig, die bis jetzt den
+Blicken verborgen geblieben waren, und nicht in die höhere Wasserregion zu
+dringen pflegten. Guido erfuhr viel Seltsames davon, wandte aber der
+Anatomie der Infusionsthiere noch größere Aufmerksamkeit zu, und die
+meiste, den Lehren über das Pflanzenleben. Hier spottete man jetzt der
+Vorzeit, welche die Vegetabilien einst leblos nannte, ungeachtet
+einsaugende und aushauchende Gefäße sowohl, als die Erzeugung durch
+Begatten, sie vom Gegentheil hätte überzeugen können.
+
+Die Geogenie behauptete Hipothesen, in welche die Bailli und Gatterer der
+Vorzeit sich schwerlich würden gefunden haben. Sie wollte genau angeben,
+wann einst der Erdball, nur aus Urgebürgen bestehend, durch eine ätherische
+Revolution von Wasserfluthen wäre umfangen worden, die die Ursache aller
+Lebenserscheinungen in sich tragend, in dem Maaße abgenommen hätten, als
+diese aus ihren Mitteln hervorgebracht wären. Eben so berechnete sie die
+endliche vollkommene Kondensazion der Flüssigkeiten, und wies dann dem
+erstorbenen Felsball eine Trabantenstelle bei einem weit über den Uranus
+hinaus entstehenden oder dann mit Lebenselement umflossenen Planeten an.
+Andere Meinungen aber, leiteten die Geburt der Erde, von der Begattung
+zweier Kometen her, da sie in den Aether geworfen worden, gewissermaaßen in
+Eigestalt, wo der Urgranit als das Gelbe, die Fluthen als das Weiße zu
+betrachten wären. Die allmählige Umwandlung der Verhältnisse des Flüssigen
+zum Festen, nannte diese Meinung, den Wachsthum des Eies, und sein
+Entfalten zum Kometen, wo einst das kindische Einherwandeln am Gängelbande
+der Sonnenanziehkraft aufhören, und der kecke Jüngling sich der Leitung
+seiner feurigen Wärterin entziehen werde, nicht mehr wärmende Pflege von
+ihr bedürfend. -- Freilich zeigte sich hier auch so gut wie vormals die
+Beschränkung des menschlichen Wissens, und Guido drängte den Lehrer bald
+mit Fragen, auf die er keine Antwort hatte.
+
+Die Philosophie sah dies gegenwärtig wohl ein und trug zur Belehrung nur
+ihre eigne Geschichte vor. Die letzteren Sisteme, die jüngsten Träume vom
+Uebersinnlichen, mußten nothwendig, nach einem um so größern Maaßstabe
+angelegt worden sein, als die Erkenntniß im Gebiet des Sinnlichen sich mehr
+ausgebreitet hatte. Man trug sie vor, beschied sich abzusprechen und
+überließ jedem Denker -- sich zum höchsten Wesen anbetend zu wenden.
+
+Guido, bereits früh mit jugendlicher Weisheit ausgestattet, zeither, wie
+wir schon berichtet haben, eifrig dem Studium der weisesten Schriften
+dieser Zeit hingegeben, umfaßte nun, schnell in sich aufnehmend, was er
+hier sah und hörte, und vollendeter wurde der tiefe kräftige Denker. Die
+Hochgefühle seines stammenden Thatentriebes, wurden dadurch wechselnd
+gemildert und angefacht.
+
+Wahre geistige Religion, in Bewunderung der Natur und Allmacht, lenkte sein
+Gemüth zum höheren Aufflug als je, und die Liebe, in ihrer immer reineren
+Mistik, schmiegte sich an alles Empfundene und Gedachte.
+
+Allein der Ausdruck eines so schönen Geistes prägte sich auch immer
+vollendeter in seiner Gestalt aus. Er fühlte, sah es mit Frohlocken,
+schrieb an Ini: Wenn sein Auge, vielmehr sein Herz nicht lüge, müsse er nun
+sehr nahe an seinem Götterziele stehn. --
+
+Man besah noch das Innere von Berlin emsig. Ein altes Zeughaus lag in
+ehrwürdigen Ruinen da. Es war nicht wieder erbaut worden, indem bei der
+jetzigen, glücklichen Verfassung von Europa, in der Mitte des Staates keine
+Waffenvorräthe nöthig waren.
+
+Ein Standbild Friedrichs II. zog Guidos Blicke auf sich. Sein Lehrer sagte:
+Diesem König war freilich Neigung zum blutigen Ruhm vorzuwerfen, und er
+führte Kriege, die allerdings zu vermeiden gewesen wären. Doch entschuldigt
+der rohe Charakter seiner Zeit viel daran. Hingegen wußte er den
+Monarchenberuf, der sich mit dem Ganzen zum Vortheil Aller verinnigen, und
+das Staatsschiff im Strome der Zeit dahin lenken soll, ohne seine Wogen
+vorauseilen zu lassen, oder ihnen selbst voranzufliegen, so richtig zu
+erfüllen, daß manche Züge seines Regentenlebens, sogar jetzt noch, jungen
+Gekrönten Muster leihen dürfen. Deshalb prangt auch nicht allein hier sein
+Denkmal, sondern seine Reste wurden späterhin auch nach Rom gebracht. Du
+siehst seine Urne dort im Tempel der Unsterblichkeit. Hatte sein Volk sich
+zur Größe aufzuschwingen verstanden, wie sein König, so ging vielleicht
+Europas schönere Entwickelung, von Friedrichs Monarchie aus.
+
+An dem Marmorbilde einer Königin des Alterthums, weilte der Jüngling
+bewundernd. Gelino unterrichtete ihn: Diese Huldin auf dem Throne, Luise
+genannt, sei die schönste Frau ihrer Zeit gewesen. Auch wäre die Vorliebe
+für ihre Gestalt hier so lebendig auf die Nachkommen übergegangen, daß man
+sie in den Marientempeln, durch Künstler von Athen, noch immer nachahmen
+ließe.
+
+Es befand sich auch ein Pantheon in dieser Stadt, wo die Bildnisse
+verdienter Männer in diesen Gegenden, aus neuer und älterer Zeit
+aufgehangen wurden. Man sahe hier Albrecht, Waldemar, Luther, Copernikus,
+Guerike, Friedrich Wilhelm, Leibnitz, Kant, einen gewissen Rochow, einen
+gewissen B*** -- -- doch der Verfasser dieses Werkleins mag es nicht
+unternehmen, die noch anzugeben, welche sein prophetischer Traum sah,
+mancher Aspirant der Unsterblichkeit würde zürnen, sich zu vermissen.
+
+Wir wollen nun mit unserer Reise mehr eilen, sprach Gelino. Hinlänglich
+sahst du das arbeitsame Treiben kleiner Städte und auf dem Lande in dieser
+Erdgegend. Laß uns die schnelle Luftpost dingen.
+
+Noch vor Aurora klang das Horn, die Reisenden warfen sich in die Gondel.
+Morgenschlummer sank noch über sie. Als sie davon aufdämmerten, ließ sich
+das Fahrzeug schon auf die Böhmische Bergkuppe nieder, wo sich die erste
+Station nach Wien befand. Neue Adler flogen muthiger über die lachenden
+Ebenen hin, man sah die rauchenden Sudeten, gleich Altären, von denen dem
+Ewigen der Andacht Opfer emporwallte; die Elbe, die Moldau gleich
+geschlängelten Silberfäden; Glockenklänge, Erntelieder, ineinander gewebt,
+tönten zu ihnen herauf. Gegen Mittag schwebte das sonnenbeglänzte Prag
+vorüber, zwei Stunden danach nahmen sie auf einem Hügel in Mähren, wo die
+zweite Luftpost erbauet war, ein erfrischendes Mahl. Dann ward wieder
+angespannt und das Sehrohr entdeckte schon die ehrwürdige gothische
+Piramide, Ehedem sammt ihrer Kirche dem heiligen Stephan geweiht, nun ein
+Christustempel, noch dauerhaft genug, ferne Jahrhunderte zu sehen. Am Abend
+zog man über die Wipfel des Prater hin, vielen Lustwandelnden in der Höhe
+begegnend, und der Fuhrmann senkte seine Passagiere auf die Platteforme des
+Gasthauses, zum Ochsen genannt, nieder, das seinen alten Namen in dem
+Betracht nicht geändert hatte, daß ein Ochs zu allen Zeiten ein venerables
+Thier bleiben wird.
+
+Sie speisten noch weit leckerer zu Nacht als in Berlin, die Enkel waren
+hierin den Vätern treu geblieben, auch das Bad enthielt mehr aromatische
+Beimengungen, stärkte die Lebensgeister und munterte höher zu Genüssen auf.
+
+Am andern Tag besahen sie die Stadt und das von Schiffen wimmelnde Bassin
+der Donau, welches hervorzubringen, die alte Brigittenau zerstört worden.
+
+Gelino erzählte seinem jungen Freunde: wie kunstreich-mühevoll denkende
+Regierungen bewirkt hätten, daß Seeschiffe die Donau stromauf hätten
+befahren können, was in alten Zeiten, bei allem erfinderischen Fleiß, nicht
+einmal mit kleinen Kähnen sei thunlich gewesen. Eine Uebereinkunft mit
+Griechenland, große Summen und das Ausharren bei vieljähriger Arbeit,
+hätten dennoch allen Widerstand besiegt. Da der zu starke Fall des Stromes
+alle Hindernisse legte, waren zu seinen Seiten hohe Dämme aufgeführt, das
+Flußbette vertieft und geändert, und demnächst von dreißig Meilen zu
+dreißig Meilen bis zum schwarzen Meere Wasserfälle angelegt worden, die dem
+von Niagara flüchtig glichen. So hatte die Hidraulik die Fluthen zu einem
+ruhigen Lauf gezwungen. Kam nun ein Schiff dem Strom entgegen -- entweder
+vom Winde oder von Maschinenruderwerken geleitet -- bis an einen
+Wasserfall, hob es eine Schleuse empor; im anderen Falle trug sie es
+nieder.
+
+Noch eine andere gigantische Arbeit hatte der Unternehmungsgeist hier
+vollbracht. Lange schon waren die Einwohner der Meinung gewesen, jener
+Zweig der Steiermärkischen Gebirge, unter den alten Namen, Kalenberg und
+Leopoldsberg, bis ans Donauufer dringend, erkälte die Gegend und mache die
+Witterung unbeständig. Ohne ihn, war man überzeugt, müsse das Klima so
+freundlich sein, als unter gleicher Breite in Ungarn. Nicht nur auf sich,
+sondern auch auf die Enkel blickend, hatten also die Großväter -- diesen
+Namen zwiefach tragend -- eine Summe zusammengebracht, um funfzig oder
+achtzig Jahre hindurch, einige Tausend Arbeiter und Lastthiere damit
+verpflegen zu können. Weit hinauf gegen Steiermark zu, wurden nun die Berge
+gesprengt, und zwar nicht mit Pulver, um die Stadt nicht zu erschüttern,
+sondern durch künstlich darin erzeugtes Eis, was auch früherhin begreiflich
+gewesen wäre, da man schon im achtzehnten Jahrhunderte, die Kraft, welche
+eine Bombe, mit Wasser gefüllt, das in Frost übergegangen ist, sprengt, auf
+3351 Pfund berechnete. Die zerstückelten Felsen, schafften nun Prahmenwagen
+von ungewöhnlicher Größe, auf einer eigen dazu gefertigten Kunststraße aus
+Eisenerz, nach Mähren. Da sie aber keine Brücke hätte tragen können, mußte
+man sich entschließen, einen hohlen Gang unter der Donau hin zu wölben,
+gegen welchen die gepriesenen unterirdischen Kanäle im alten Rom, nur ein
+Spielwerk zu nennen waren. In Mähren ward das Gebirge wieder aufgeführt.
+Nun wehten die südlichen Lüfte freier, die aus Norden wurden beträchtlich
+gehemmt.
+
+Durch alle solche Maaßregeln hatte die Bevölkerung der Stadt bis auf eine
+Million zugenommen. Die alten Festungwerke vertilgte man längst, wo sonst
+die Vorstädtische Linie ging, begränzte sich nunmehro die Stadt, die neuen
+Vorstädte flossen nicht nur mit Schönbrunn, Dornbach, Nußdorf, sondern
+sogar mit Enzersdorf und Neuburg zusammen. Vergnügungen und Wohlleben
+wurden überall sichtbar. Guido besuchte an einem Abend den maskirten Ball.
+Sein Lehrer folgte ihm nicht, hatte Daheim zu schreiben. Die alte Sitte,
+sich scherzend zu verlarven, bestand noch, doch feinsinniger und
+deutungreicher. Der Jüngling erblickte viele Schönheiten, anziehend durch
+liebliche Formen, bei allem dichten Gewande. Doch ruhte sein Auge mehr
+neugierig als betroffen darauf. Eine aber darunter, wie Hebe gekleidet, das
+Gesicht bis an den Mund verschleiert, regte seine Aufmerksamkeit lebendiger
+an. Höchst edler Gang, bezaubernde Harmonie in allen Bewegungen, der untere
+Theil des Gesichts, wo sich das Kinn in zarten Wellenlinien, der
+ausdruckvolle, lächelnde Mund in zwei rosenhaft prangenden, sanft
+gespannten Lippen, darstellten, begannen seinen Puls zu erhöhen. Alles
+mahnte ihn an Ini, nur eine etwas längere Gestalt sah er hier. Er konnte
+nicht umhin, der freundlichen Erscheinung im Gedränge zu folgen, den
+trunkenen Blick ihr nachzusenden, endlich bebend die Maske zum Tanz
+einzuladen. Sein Verlangen ward erfüllt, selig flog er mit der Schönheit
+durch die Reihen. Ihre Berührung traf ihn wie elektrische Funken. Gefühle
+wie aus anderen Welten durchströmten ihn. Die Musik, nur Melodien der Liebe
+und Wollust athmend, nahm das noch Uebrige seiner Besonnenheit hin.
+
+Wien, schon im Alterthum seiner Tonkünstler wegen gerühmt, hatte auch
+zeither hierin den Vorrang behauptet. Die Revoluzion der Musik, Ehedem kaum
+geahnt, war von Wien ausgegangen. Wo sonst die Töne wild und dunkel
+schwärmten, fand jetzt alles klare Bedeutung. Die Musik hatte, was ihr
+immer fehlte, ihre Grammatik empfangen, auf diese gründete sich die
+Uebereinkunft wegen ihrer Sprache. So konnten die bestimmten
+Zusammenklänge, Figuren, Zeitmaaße, Worte vertreten; Poesien, Reden u. s.
+w. ausgeführt werden, die der leicht Unterrichtete vollkommen verstand.
+Einem Götteridiom glich die herrliche Erfindung. Welchen Eindruck mußte sie
+hervorbringen!
+
+Bei der Tanzmusik entstanden oft Klagen der Polizei, wenn sie zu üppige
+verführerische Klangworte sprach. Wie jener Grieche einst die Saiten der
+Lira verminderte, wie Gregor VII. bei dem Tempelchor auf größere Einfalt
+drang, ließ sich jetzt eine Censur die Tanzstücke vorzeigen, und strich
+manche Notenphrase. Bei den maskirten Bällen sah sie indessen hie und da
+nach, vielleicht zu sehr, und so ging dem zu weit hingerissenen Jüngling,
+die alte Strenge gegen leidenschaftliche Aufwallung, beinahe zu Grunde.
+
+Guido knüpfte, mit seiner Tänzerin im Nebenzimmer ruhend, warme
+Unterredungen an. Sie war im Anfang einsilbig, antwortete jedoch immer mit
+Witz und Gehalt. Auch tiefe, himmelvolle Empfindung verkündete sich in
+ihren Worten. Guido sagte ihr, seiner nicht länger mächtig: Ich liebe ein
+Mädchen daheim, ach mehr wie das Göttliche in der Natur, nimmer wankte mein
+Herz -- als vor deinem Anblick!
+
+Die Verschleierte gab zu Antwort: Der Uebergang von Liebe zu Liebe lohnt
+mit hoher Wonne. Der strafende Vorwurf, was kann er, als den neuen seligen
+Taumel würzen!
+
+Guido rief: O wie unterwirft mich der Zauberklang deiner Stimme! Dein Auge
+strahlt helle Glorien durch den Schleier. O warum darf ich es, warum die
+Blüthe der Wangen nicht sehn?
+
+Hier nicht, entgegnete die Schönheit, doch folge nach meiner Wohnung.
+
+Sie stand auf, eine ganz verhüllte, ältliche, weibliche Maske, trat hinzu,
+begleitete Jene.
+
+Guido zauderte lange. Ein drängender Zug, den Himmel weissagend, gebot ihm
+ihr nachzueilen, eine innere tadelnde Stimme hielt ihn zurück. Doch eine
+weiche Hand, die die seinige ergriff, und mit ätherischer Wärme
+durchglühte, ließ keine Wahl mehr.
+
+Unten harrte ein niedlicher Wagen. Die Masken stiegen in denselben. Guido
+nahm rückwärts seinen Platz, man rollte dahin. Das Herz von süßen
+Erwartungen bebend, die Gewissensregungen niederkämpfend, saß der
+Liebeglühende da, zur Rede kaum ermannt.
+
+Man hielt an einem Gartenthor, das sich auf ein Zeichen öffnete. Holde
+Blumendüfte athmeten den Eintretenden entgegen. Der röthlich aufgehende
+Mond schien durch die blühenden Orangenbäume, die holde Maske führte Guido
+nach einem Lusthause, wo eine kleine Lampe vor einem hohlgeschliffenen
+großen Amathist brannte. Diese magische Helle verklärte alle Gegenstände
+umher. Köstliche Teppiche waren im Zimmer ausgebreitet, das Ruhebett im
+Hintergrunde umfloß eine künstliche Wolke, aus dem Rauche süß betäubender
+arabischen Spezereien. Die Maske führte Guido hinein, alle Fibern und
+Nerven erklangen in ihm. Er stammelte: Nun, nun, laß mich dein Antlitz
+schauen! -- »Nicht ehe, bis du mir, ein Abtrünniger deiner vorigen
+Erwählten, ewige Liebe schwörst.«
+
+Guido erschrack heftig, seine Sinnenverwirrung nahm jedoch zu.
+
+Dann, fuhr sie fort, bist du mein Gott diese Nacht, deine Io umarmt dich in
+dem Zaubergewölk.
+
+Guido schlug auf die Brust. Die Lippe wollte sich öffnen, doch seine Hand
+hatte Inis Bild am Herzen verborgen, getroffen. Dies rief ihm Ermannung
+durch die Seele. Er riß das Gemälde hervor, warf einen Blick darauf, hohe
+Gewalt der Unschuld kehrte ihm zurück. Nein, Verführerin, rief er, Treue
+ist schöner als Wollust! Heil mir, dem der Muth zu fliehen erwacht!
+
+Er eilte aus der Grotte, stark, kräftig in wiedergekehrter Tugend. Es
+schien ihm, als ob himmelsüße Stimmen ihn zurück riefen, er widerstand.
+
+Am Gartenthor angekommen, fand er es verschlossen, was ihn peinigend
+ängstete. Er wollte hinaus in die Freiheit, desto ehe Meister zu sein der
+gefährlichen Leidenschaft, in Gelinos Armen Schutz dagegen suchen, wenn die
+eigne Kraft nicht mehr zulange. Seine Furcht war heftig, doch gerecht. Er
+wußte auch, der wahre Muth könne sich der Verführung nur entwinden, und
+sein feiges Beben durchflammte Heldengefühl.
+
+Umsonst bemüht das Thor zu öffnen, weilte er mit Einemmale starr und
+unbeweglich. Eine Melodie ergriff ihn so wunderbar. In holden Zaubertönen
+redend, edler, siegender, wie alle die er in Wien gehört hatte, doch schon
+einst von ihm gehört, löste sie göttlich seine innere Welt. Erinnernd, die
+seligsten Bilder der Vorzeit im Gefolge, traf ihn die Melodie. Die Saiten
+einer Zephirharmonika strömten sie nieder, dort in Sizilien hatte sie ihn
+einst zu einem verklärteren Dasein emporgetragen. Was hieß das? Was sollte
+Guido denken?
+
+Er konnte nicht mehr fliehn, wandte sich um, nach der Seite des Klanges
+horchend. Süß lispelten die Zweige der blüthenduftenden Linde, im stärker
+wehenden, warmen Abendwind. Höher schwebte der klare Mond, heller gossen
+sich seine Strahlen auf die Wipfel nieder, Guido sah etwas über diesen
+Wipfeln, sanftleuchtend und rosig schimmern, und wandelte bebend den Pfad
+dorthin. Die schwarze Maske trat ihm entgegen, nahm ihn bei der Hand,
+führte ihn durch eine dunkle Krümmung, wo er aus den Blick verlor, was er
+eben gesehen hatte, doch immer noch, die Melodie vernahm. Kein Wort konnte
+die Lippe stammeln. Bald endete das Dickigt vor einem freien mondbeglänzten
+Hügel, und völlig sichtbar in der ereilten Nähe, winkte das hohe
+Instrument, dem ähnlich, das Guido auf dem heimathlichen Eiland entzückte.
+Die Hebe rührte nun ihre Saiten nicht mehr, stieg herab, ach! wie einst Ini
+im Abendschein. Guido sank aufs Knie, Ahnung, Verwirrung, Furcht und selige
+Wonne zugleich im Busen. Des Mädchens weißer Arm zog den Schleier vom
+Antlitz -- o Himmel! -- Geliebte! Mehr vermochte der Jüngling nicht zu
+sagen.
+
+Ini trat näher, erhob ihn lächelnd. Prüfen wollt' ich deine Liebe, sprach
+sie, Athania war Zeugin von Allem. -- Die schwarze Maske enthüllte auch ihr
+Gesicht.
+
+O ich bin ein Unwürdiger, verdiene den Tod! rief Guido mit zerrissenem
+Gemüth.
+
+Richte, Athania! sprach Ini wieder.
+
+Die Erzieherin fing an: Männlich hast du der scheinbaren Verführung
+widerstanden. Deine Flucht war Treue und Tugend. Nicht darf dich die Liebe
+anklagen.
+
+O Ini, brach Guido aus, der Schrecken in nie geahnten himmelvollen
+Entzückungen verwirrt mir die Seele. Laß mich Besonnenheit sammeln, damit
+ich mein Herz fragen könne, ob Schuld seine Reinheit trübt? Dann -- o dann
+will ich entfliehn, mich ewig zu verbergen!
+
+Frage, entgegnete hold das Mädchen.
+
+Guido schwieg lange, mit tief gesenktem Blick; dann hob er das Auge langsam
+empor, doch freier, klarer.
+
+Freudig erröthend rief Ini: So blickt nur die Unschuld auf. Du bist rein!
+
+Ach, entgegnete Guido, wenn deine Gestalt mich einen Augenblick mir selbst
+raubte, so konnte es auch nur diese, diese Gestalt. Ich habe mich nicht
+anzuklagen, sie gebietet meinem Leben.
+
+Er blieb deiner werth, fiel Athania ein, glückliche Freundin!
+
+Wenn meine alten Bedingungen erfüllt sind, ist er meiner werth; und ich
+seiner, wenn ich selbst vollbrachte, was ich mir einst aufgelegt habe, war
+Inis Antwort.
+
+Sie nahm Guido bei der Hand, ihn in ein erleuchtet Gemach zu bringen. Er
+folgte, immer noch mit einigem Zittern. Ich bin nach Afrika beschieden,
+sagte sie auf dem Wege, ohne zu wissen, wie lange ich ausbleibe. Du kamst
+nach Wien, der Abstand von Sizilien ist so weit nicht, ich beschloß, dich
+hier zu sehn, zu prüfen, miethete den Garten. Doch nur eine Stunde kann ich
+noch weilen, dann steige ich in meinem Wagen auf und fliege zur Heimath.
+
+Sie hatten das Gemach erreicht, hohe freudige Bestürzung über des Mädchens
+vollkommenere Schönheit in Guidos strahlendem Blick, aber auch das nämliche
+süße Staunen in Inis glühendem Auge. O, rief sie, viel, viel hat mein Guido
+während seiner Entfernung gethan, die innere Schönheit auszubilden, der
+letzte Sieg göttlicher Tugend machte dich verwandter noch mit meinem Ideal,
+der unverkennbare Zug des edlen Triumphgefühls ist dir auf ewig eingeprägt.
+
+»O Ini -- ich weiß mich nicht anzuklagen, und dennoch -- ich hätte nicht
+folgen sollen --«
+
+Ohne Gefahr kein Kampf, ohne Kampf kein Sieg.
+
+Guido ließ nun seinem Entzücken über Inis neue hinreißende Anmuth freien
+Lauf.
+
+Sie sprach: Das Weib kann daheim nur im Stillen sinnen, wo der Mann in die
+Ferne schweift, handelt, wirkt. Doch über sein Handeln und Wirken sinnt
+eben einsame Liebe ungestört, und frägt das ruhige Gefühl nach dem Rechten,
+Guten, Wahren. Ich, die Malerin, ersann daheim deine Aufgabe. Mein Gefühl
+weissagte ihre Lösung. Der Geist deiner Liebe mußte ferner walten, und
+redlich hat er gewaltet. Doch ist das Ziel noch nicht erreicht. Vielleicht
+lange noch nicht. Sei nicht traurig. Die Zeit vor dir, die Kraft in dir,
+werden mächtig fortgestalten. Nur vergiß nicht, daß du Gemüth und Geist in
+immer vollkommeneren Einklang bringen mußt, den Preis der höchsten
+Schönheit davon zu tragen. Noch gab' dein Gemüth oft zu vielen Ausschlag.
+Dieser Durst nach Heldenruhm, um den ich dich einst anklagte, wenn er
+gleich dem Manne ziemt, muß sich der Betrachtung über die schönere
+Eintracht der Menschheit unterwerfen. Das Wissen, die hellere Uebersicht,
+müssen diese Betrachtung rufen. Doch wenn Pflicht es gebeut, mußt du
+entsagen können, auch wirklich entsagen. Dies Wort verstehe wohl, dann wird
+erst das Göttliche in Herrlichkeit den inneren Menschen durchstrahlen, und
+von vollendeter Bildung die verklärte Gestalt zeugen. Roher Sinnenwahn,
+niedere Leidenschaft gebieten nicht mehr in dir, durch den letzten Kampf
+hast du dich ihnen ganz entwunden, des Denkers gereiftere Kraft wohnt auf
+der weit vorgedrungenen Stirn, was den Linien im Antlitz sonst hie und da
+ein Mißverhältniß erzog, ist viel ausgeglichen. Viel -- nicht vollkommen.
+Noch Uebung im edlen Denken, im richtigen Empfinden, noch ein großer
+Triumph über selbstsüchtig Begehren, und ich hoffe, du stehst am Ziel.
+
+Es folgte eine himmelvolle Stunde trunkner Unterhaltung. Sie floh wie ein
+Augenblick. Dann mahnte Athania. Kein Flehen hielt Ini zurück. Sie erhob
+sich im mondbeleuchteten ätherischen Wagen, flog unter den Sternen hin,
+einem Seraph ähnlich, in der Glorie aus Lunens Strahl gewunden, und schwand
+dann in blauer dunkler Ferne dem entwichenen Meteor gleich.
+
+Guido empfand die Nacht und den folgenden Tag hindurch, nur den Nachklang
+der seligen Erscheinung, alles um sich vergessend; dann ermannte er sich,
+und drang wieder, um den schönen Preis kämpfend, ins Leben. --
+
+Die Reise ging nun nach Frankreich. Es würde zu viele Zeit geraubt haben,
+noch länger in Deutschland zu weilen, ob gleich noch viel Sehenswerthes
+übrig blieb, das sie in München, Stuttgardt, Frankfurt u. s. w. hätten
+betrachten können, als besonders kluge Einrichtungen, Monumente alter
+trefflicher Fürsten, Volkfreuden. Doch sie mußten es, nach dem einmal
+gewählten Plan, bei den größten Städten bewenden lassen.
+
+Unfreundliche Herbstwitterung störte die Reise in etwas. Wenn sich der
+Luftwagen vom Posthause aufschwang oder bei dem folgenden niedersenkte,
+hatten die Adler Mühe, gegen die Stürme anzukämpfen. Außerdem hielt man
+sich jedoch in der höheren Region, wo kein Wind mehr sauste, und die
+angespannten Thiere konnten bequem ihren Pfad verfolgen. Gegen die Kälte
+schirmten artige Oefen von dünnem Blech, mit Papier geheitzt, und
+Pelzhüllen von Schwanenfell.
+
+Am Rhein und in den Gegenden des ehemaligen Lothringens, freute sie der
+laute Winzerjubel der unter ihnen tönte, eben so die überall noch dichter
+als in Germanien angebaute Landschaft. Ohne Unfälle erlebt zu haben,
+erblickten sie bald das weitläuftige Paris, dessen Vorstädte jetzt mit
+Meaux, St. Denis, Versailles u. s. w. zusammenhingen.
+
+Guido wunderte sich über eine dünne spitze Säule von niegesehener Höhe, die
+eine seltsame Gestalt hatte und fragte seinen Lehrer, was er davon zu
+denken hätte? Dieser erklärte ihm, wie die Pariser schon lange damit
+unzufrieden gewesen wären, bei regnigtem Wetter ihre enggebaute Stadt so
+unreinlich zu sehn. Die Erfindung hätte sich in mancherlei Mitteln gegen
+diesen Uebelstand erschöpft. Es sei im Werke gewesen, die nahenden
+Regenwolken jedesmal durch Kanonen von Luftbatterien zu zerstreuen und so
+die Atmosphäre der Stadt zu reinigen. Allein die Eigenthümer der Gärten in
+den Umgebungen, hätten sich über diese Maaßregeln mit Recht beklagt,
+weshalb man sie einstellen müssen. Endlich aber sei ein Projektant
+aufgetreten, mit dem riesenhaften Entwurf eines Regenschirms für die
+eigentliche Stadt.
+
+Die dünne Spitzsäule, fuhr er fort, ist es. Eine Gesellschaft Aktieninhaber
+besorgte die Errichtung; eine kleine Abgabe aller Einwohner, für die
+trockne Reinlichkeit willig gezollt, trägt den Zins und die fortlaufenden
+Kosten. Die Säule steht genau in der Mitte von Paris. Zweitausend Schuh
+hoch, besteht sie aus starkem Granit, auf einer hinlänglich festen
+Grundlage. Dann folgen bis zur Spitze wohlzusammengefügte Eichenstämme, um
+welche Eisenringe laufen. Eine Wendeltreppe von Außen führt vom Fuß bis zur
+Höhe.
+
+Der ungeheure Schirm besteht aus einem von Hanffäden gewebten Tuch, mit
+wasserdichtem Firniß überzogen. Wallfischrippen, durch Klammern verbunden,
+spannen ihn bis zur Mitte, von da wird der gardinenartig aufgehobene Theil,
+mittelst gewaltiger Taue, die nach allen Seiten in Abständen von Hundert
+Klaftern, zur Erde gehn, niedergezogen und wieder empor gebracht. Die
+Erhebung der Wallfischrippen vollzieht ein ungemein kunstreicher
+Mechanismus.
+
+Indem er noch sprach, umdunkelte sich der schon trübe Himmel noch mehr, die
+Gewölke nahmen gegen die Stadt ihren Lauf. Eine Fahne wehte plötzlich vom
+Gipfel der Piramide, das Zeichen für sämmtliche Arbeiter an ihr Werk zu
+gehn. Nun währte es kaum zwei Minuten und das weite Gezelt breitete sich
+über die Tempel und Häusermassen hin. Der Postillon trieb die Adler mächtig
+an, um auch bald den Schutz zu genießen, und in kurzem befand man sich
+unter der wohlthätigen Decke, auf welche der Platzregen mit dumpfhohlem
+Getöse niederschlug. Guido bewunderte am meisten die Röhren des Umkreises,
+die das abströmende Wasser auffingen, und in die verschiedenen, zu diesem
+Zweck gegrabenen, Teichbassins leiteten, die wieder einen Abfluß in der
+Seine fanden. Er betheuerte: unter allem Merkwürdigen, was er noch auf der
+Wanderung gesehen, stände dieser Paraplu oben an. Es ist auch ein
+Erdenwunder von Kunst, sagte Gelino.
+
+Sie stiegen im Posthause ab, übergaben Trägern ihr Gepäck, und eilten zu
+einem Wechsler, wo der Lehrer Summen, für ihren Aufenthalt nöthig, in
+Empfang nehmen wollte. Unterwegs stellte sich ihnen ein sonderbarer Anblick
+dar.
+
+Ein Mensch bettelte. Dies war so unerhört, daß das aufgeregte Mitleid keine
+Gränzen kannte. Aus allen Häusern eilte man hervor, den Unglücklichen mit
+Wohlthaten zu überhäufen, der sich auch bald in Besitz so vielen Geldes
+sah, daß er flehend bitten mußte, nur einzuhalten.
+
+Guido reichte ebenfalls hin, was er bei sich trug, und fragte den Lehrer:
+wie so eine, die Menschheit entwürdigende, Erscheinung möglich sei? Dieser
+erkundigte sich näher, und erfuhr: der Mann wäre aus dem südlichen Amerika,
+und durch einen Schiffbruch um seine Habe gekommen.
+
+Guido schauderte bei der Nachricht von einem Schiffbruch. Sie waren jetzt
+überaus selten, nur ein bedeutender Fehler des Piloten konnte es dazu
+kommen lassen. Denn bei den genauen Karten vom Meergrunde, der schon seit
+mehr als einem Jahrhundert entdeckten Berechnung der Länge, den herrlichen
+Mitteln bei Nacht einen weiten Umkreis zu erleuchten, konnte man beliebig
+jeder Gefahr entfliehn, auch der dauerhaften Bauart der Schiffe und der
+Möglichkeit, fast überall vor Anker zu gehn, nicht einmal zu gedenken. Hier
+hatte inzwischen ein Schiffer strafbare Nachlässigkeit verschuldet.
+
+Das Betteln aber mußte darum männiglich so befremden, weil auch seit länger
+als einem Jahrhunderte es in Europa unerhört war. Denn Staatsordnung,
+Sitte, moralisches Gefühl hielten Jeden zur Thätigkeit an, und da Landbau
+und Handwerke, durch tiefere Naturkunde und viel erweitete Technik, so
+leicht, so überflüssig die Lebensnothwendigkeiten hervorbrachten, so war es
+auch der Betriebsamkeit des Einzelnen, sie mochte bestehn worin sie wollte,
+nur ein Spiel, seinen Antheil zu erwerben. Die erhöhte Bevölkerung, statt
+diese Leichtigkeit zu stören; mußte sie vielmehr, ihrer ganzen Natur nach,
+fördern, woran man, nur bei irriger Kenntniß der möglichen Fruchtbarkeit
+des Erdbodens, zweifeln kann. Allein weise Anordnungen dachten auch auf
+Krankheitfälle Unbemittelter, auf Verstümmelte, auf hohes entkräftetes
+Alter. Um nun in solchen Fällen ein Recht auf Unterstützung zu begründen,
+hatte jedes Kind, ohne Ausnahme, bei seiner Geburt, eine kleine Summe zu
+erlegen, oder vielmehr die Aeltern statt seiner. Zudem jede einzelne
+Person, einen geringen monathlichen Beitrag. Die Summen wurden klüglich
+bewirtschaftet, wuchsen dann sehr natürlich hoch an, und konnten viel
+bestreiten. Um aber die monathliche Erhebung der Beiträge minder
+weitläuftig zu machen, hatte man sie in eine, durch ganz Europa gleichmäßig
+aufgelegte, sehr geringe Akzise, verwandelt. Nun mochte sich Jemand aber in
+Europa auch befinden, wo er wollte, seinen Aufenthalt ändern, so oft es ihm
+gefiel, immer zahlte er unmerklich und behielt sein Recht. Die Summe des
+allgemeinen Armenschatzes, den auch der ganze Erdtheil -- bei der
+vervollkommneten Arithmetik, wovon schon die Rede war, höchst bequem
+übersah -- mußte auch darum so größer werden, als Reiche oder Wohlhabende,
+bei der Geburt eines Kindes nicht den gewohnten Satz, sondern mehr
+beisteuerten.
+
+Gerieth nun Jemand in Noth, meldete er sich bei der nächsten
+Sadtverwaltung. Diese untersuchte seinen Zustand genau. Einem gesunden
+Menschen ward nicht das Mindeste schenkend gereicht, sondern er empfing die
+Gelegenheit, durch diejenige Arbeit, welche er verrichten konnte, den
+Unterhalt zu erschwingen. Krank dagegen nahm ihn ein Spital auf. Das Alter
+von sechzig Jahren durfte auf eine angemessene Beihülfe zu der ihm noch
+möglichen Arbeit zählen, über siebzig Jahr verpflegte man dagegen Greise
+und Greisinnen ganz, was auch bei Krüppeln und dergleichen geschah. Bei dem
+allen hielt ein zartes Ehrgefühl die Geschlechter ab, eines ihrer Glieder
+in die Nothwendigkeit zu versetzen, die öffentliche Wohlthätigkeit in
+Anspruch zu nehmen; wenn es irgend möglich schien, verheimlichten sie den
+Mangel in den einer der ihrigen gesunken war, machten es auch zum
+Gegenstand ihrer Religion, Kranke und Alte selbst zu pflegen.
+
+Ueberlegt man hiebei, daß die meisten Ursachen, welche Armuth
+hervorbringen, ja lange schon aus dem Wege geräumt waren, als
+Kriegräubereien, unmäßige Auflagen, falsche Geldoperazionen der
+Regierungen, Handelsverbindungen, in welchen ein Volk mit betrügerischer
+Schlauheit, das andere mit Unkunde seiner eigenen Kräfte auftritt,
+gehässige Immoralität des Einzelnen, die zu Verschwendungen leitet, ehrlose
+Trägheit und Unempfindlichkeit gegen Achtung, die nicht erwerben mögen,
+auch Almosen spendende Klöster, den Müßiggang unterstützend; erwägt man
+noch, daß das furchtbare Heer der Krankheiten sich unendlich vermindert
+hatte, so geht ganz von selbst hervor, wie ein Reisender Europa
+durchwandeln konnte, ohne jemal das widrige unedle Schauspiel der Bettelei
+wahrzunehmen. Guidos Befremdung erklärt sich demnach so gut, als das
+mitleidige Zudrängen der Pariser.
+
+Es währte aber nicht lange, so erschien ein Polizeibeamter und fragte den
+Armen zürnend: warum er nicht zur Stadtobrigkeit gekommen sei? Die Antwort
+hieß: Weil ich kein Europäer bin, folglich nicht zu euren
+Wohlthätigkeitsanstalten beigetragen habe, durfte ich auch nicht mit Recht
+auf ihre Milde bauen. Der Diener des Gesetzes entgegnete streng: Es reisen
+viele Bürger anderer Erdtheile in Europa, und die Akzise gewinnt an ihrer
+Zehrung. Wie unbillig würde es daher sein, wenn irgend Jemand darunter sich
+arm ankündigte, ihm Hülfe zu versagen. Du hast uns durch Mangel an
+Vertrauen beleidigt und ein öffentlich Aergerniß gegeben, dessen sich ohne
+Zweifel der älteste Greis nicht mehr entsinnt. Behalte was man dir reichte,
+verzehre es jedoch im Kerker. Dann wollen wir dir eine Summe geben, mit
+welcher du dein Vaterland wieder erreichen kannst. -- Wider diesen Spruch
+galt keine Einrede, denn er enthielt den Geist der Gesetze.
+
+Gelino und sein Zögling drängten sich mühevoll durch das Volkgewimmel der
+Straßen, und um so mehr, da, wenn gleich am hohen Mittage, der Regenschirm
+Dunkel verbreitete. Doch eben da sie auf einem großen Markt angekommen
+waren, hatte das Unwetter geendet und die Bedeckung wurde wieder eingelegt.
+Man verrichtete dies schnell, und neu, überraschend, blendend war die
+Wirkung des plötzlich niederscheinenden Sonnenlichts.
+
+Sie langten im Hause des Wechslers an. Gelino übergab ein Schreiben; der
+Mann war sehr höflich und rief einige Träger, welche schwere Goldsäcke auf
+einen Wagen luden. Der Lehrer sah alles nach, gab ihm Empfangscheine, und
+nahm dann mit seinem Zögling Platz auf dem Wagen.
+
+Dieser hatte befremdet und nachdenkend zugesehn. Nun fragte er: Woher die
+großen Summen, und wozu? Gelino antwortete: Wir behalfen uns bisher mit
+geringen Kosten, doch in Paris und London wollen wir einigen Aufwand
+machen, damit du auch mit dem Leben des Reichthumes vertraut wirst.
+
+Da empfange ich nur eine Auskunft, rief Guido. Woher, frage ich abermal,
+die großen Summen?
+
+»Von dem nämlichen Wohlthäter, der dich bisher in den Stand setzte, die
+Welt reisend zu betrachten.«
+
+O dieser Wohlthäter muß reich, sehr reich sein. Mein leichter Sinn fragte
+noch wenig darum. Was gilts aber, es ist der Kaiser selbst, dem ich so
+viele Zeichen der Milde verdanke?
+
+»Ja mein junger Freund, es ist der Kaiser. Was er von dir hörte, besonders
+von deinen Thaten im Heere, erwärmte sein Herz noch mehr für dich. Frage
+nicht weiter, genieße, und vor allen Dingen, lerne, begreife, mache dich
+der Güte ferner werth.«
+
+Guidos Nachsinnen ward ernster. Einige Minuten darauf brach er aus: O daß
+ich keine Eltern kenne, und so süße Gefühle, wie die kindlichen, mir
+versagt wurden! Erst bei den Fündlingen erzogen, hernach unter deiner
+Leitung, die mich allerdings keinen Vater missen ließ, ahnte ich tiefere
+Empfindungen nicht. Allein, nachdem ich auf der Reise so oft das
+entzückende Schauspiel eines engen Familienbandes sah, beweinte ich im
+Stillen mein hartes Loos.
+
+Gelino drückte ihm gerührt die Hand. Geduld mein Sohn, vielleicht findest
+du einst deinen Vater.
+
+Stürmische Ungeduld entbrannte in dem Jüngling. Von süßen Hoffnungen wogte
+sein Busen. Er drang feurig in den Lehrer, ihm das Geheimniß seiner Geburt
+aufzuklären, wenn er anders den Schlüssel dazu hätte, oder wenn er nichts
+genau wisse, ihm seine Vermuthungen zu nennen. Der Lehrer brach aber
+gemessen ab, empfahl ihm ruhiges Erwarten der Lösung seines Schicksals. Es
+war Guido bekannt, daß er, wenn der Lehrer schweigen wollte, umsonst bat,
+er mußte sich also mit Geduld waffnen, obgleich die Neugier über seine
+Herkunft jetzt heißer als je erwachte, und manche sonderbare Ahnung in ihm
+aufstieg. Er tröstete sich wohl über den Mängel an Kindesliebe, weil ihn
+Inis Liebe beseligte, und sein Herz so warm an den edlen Lehrer hing, doch
+meinte er immer wieder, dies Herz sei weit genug noch mehr Liebe glühend zu
+umfassen.
+
+Gelino hatte schon zuvor nach Paris geschrieben, und einen Miethpallast,
+wie es deren für sehr reiche Wanderer gab, auf die Tage ihrer Anwesenheit
+bestellt. Sie kamen nun dort, von den Dienern des Wechslers geleitet, an.
+Er war aus rothem und weißen Marmor gebaut, hatte ein stark übergoldet
+Bleidach, das im Strahl der Sonne prangend leuchtete. Eine zahlreiche,
+glänzende Dienerschaft, stand am Portal. Die innere Einrichtung entsprach
+der äußeren Pracht vollkommen. Man erblickte Zimmer, deren Wände mit dem
+köstlichsten Mosaik bekleidet waren, andere mit staunenerregenden
+Meisterwerken der Malerei umhangen. Es befand sich ein Konzertsaal hier,
+den die Standbilder der neun altgriechischen Musen, zu Athen gefertigt,
+schmückten, und zum Personal des Pallastes gehörte zugleich das treffliche
+Orchester, was sich auf Verlangen des Miethers hören ließ. Eben so ein
+kleines Theater, mit Schauspieler und Schauspielerinnen. Ferner eine große
+Bibliothek, der einige Gelehrte vorstanden. Der Speisesaal war mit
+Silbergeschirren erfüllt, goldne Lampen hingen von den Decken nieder. Das
+Bad war den altrömischen ähnlich, welche die Kaiser Trajan oder Tiber
+anlegten. In der Küche bereitete man sich, wie einst bei Apicius, immer auf
+eine große Zahl von Gästen, doch viel schmackhafter noch als bei jenem
+waren die Speisen zugerichtet, was jetzt um so mehr anging, da die
+Küchenchemie eine eigne weitläuftige Wissenschaft galt, über die
+Professoren, von Lehrlingen der Tafelkunde gehört, lasen. Noch fand man im
+Hofe Wagen aller Art, einen Stall trefflicher Pferde, einen andern mit
+Adlern, und mehrere schöne Gondeln, denn ein kleiner Kanalarm führte von
+dort nach dem Strome. Auch ein schönes Landhaus mit weitläuftigen Gärten
+gehörte noch zu diesem Miethpallast. Allerdings gab man aber auch eine
+Miethe, die den zu findenden Bequemlichkeiten angemessen war.
+
+Guido fragte: Wie ist es möglich, Unternehmungen der Art zu wagen?
+
+Wirkungen des Reichthums, antwortete der Lehrer. Das ewige Zuströmen der
+Fremden nach dieser Stadt, bringt so viel Geld hinein, und sie sendet es
+wieder in die Ferne, um das alles herbeizuschaffen, was die Fremden ferner
+anreitzen kann. Es prangen mehrere Gebäude der Art, und selten stehen sie
+leer, weil es vermögende Wanderer genug giebt. In den vergangenen
+Jahrhunderten wären Erscheinungen der Art unmöglich gewesen, weil man da
+weder Freiheit, noch Thätigkeit, noch Kenntniß genug, über den beweglichen
+Umlauf der Reichthümer, und ihre Vermehrung der Erzeugnisse während ihrem
+schnellen Wirbel, hatte. Damals gab es wenige Reiche und unerhört viel
+Armuth. Jetzt sieht man Jene in großer Zahl und diese ist meistens
+verschwunden. Große Entwürfe im Handel oder anderer Art, klug und glücklich
+ausgeführt, bereichern um so leichter, da sie auf den allgemeinen Wohlstand
+berechnet sind. Damit aber dennoch, nicht wenige Familien zuletzt so viel
+wuchernd an sich reißen können, daß andere von ihnen abhängig sind, ist die
+überaus weise Erbschaftsteuer eingeführt worden, die den Zweck vor Augen
+hat, den Erwerber zwar die Frucht seiner Thätigkeit vollkommen genießen zu
+lassen, dagegen aber die Unthätigkeit der Erben, die von der Arbeit des
+Todten müßig schwelgen möchten, nach Möglichkeit abzuschneiden. Je
+vermögender, je höher die Steuer vom Nachlaß, und sie steigt auch nach
+Maaßgabe der näheren oder weitläuftigeren Verwandschaft der Erben. Dies hat
+zur Folge, daß der Reichgewordene auch bei seinem Leben viel wieder in den
+Umlauf giebt, und ihm wird auch, in Betracht des Gemeinbesten, und insofern
+sie nicht unmoralisch ist, Verschwendung nachgesehn. Mag er bauen, reisen,
+Künsten und Wissenschaften lohnen, dadurch empfängt das alles höheres
+Leben.
+
+Wo bleiben aber die Summen, aus dieser Erbschaftsteuer? fragte Guido?
+
+Der Lehrer gab zur Antwort: Sie werden zum Vortheil des Landes auf
+mannichfache Weise angelegt, so daß sie den niederen Ständen wieder
+zuströmen. Man gräbt Kanäle, wo sie noch fehlen, baut, macht Versuche mit
+nützlichen Erfindungen, wozu, wie du weißt, auch andere Summen vorhanden
+sind, unternehmende, aber nicht bemittelten Bürger können Anleihen
+nachsuchen. Kurz auch hier ist wieder der rasche Zirkelgang, des, die Dinge
+und den Kunstfleiß darstellenden, Metalles, Endzweck. Hätte die Vorzeit die
+Wunder der Freiheit und Ruhe ahnen können, traun, sie würde um einige
+Jahrhunderte früher geeilt haben, den Thron der Vernunft zu erhöhn, und in
+einem Erdtheil, wo die Menschen schon lange sich durch Bildung ähnlich
+wurden, die unsinnigen Kriege einzustellen. Vielleicht ging das aber auch
+nicht ehe an, bis der Zeitgeist alles von selbst schönerer Reife entgegen
+führte. Wie langer, vorbereitender Aufklärung, bedurfte es unter andern zu
+dem großen Schritte, die Religion an die Stelle der Kirchlichkeit zu
+bringen. Freilich folgte er erst dem blutig geendeten Kampfe der Politik,
+und hätte ihm vorausgehen können, wodurch der Christenstaat ohne jene
+schauderhaften Schlachten, wovon die Geschichte meldet, zu gründen gewesen
+wäre. Denn in der That, liest man einige alte Schriftsteller aus dem
+achtzehnten Jahrhundert, in deren Köpfen bereits so viel Licht anbrach,
+kann man nicht genug über die seltsame Verstocktheit ihrer Zeitgenossen
+staunen, welche es nicht nützen wollten, das Heil, die Bestimmung der
+Menschheit erkennen, Wahrheit und Irthum, Gutes und Böses unterscheiden zu
+lernen. Indessen ist es nun einmal so. Das Genie der Verbesserung hat zu
+allen Zeiten Widerspruch gefunden, oft mußte der große Mann erst begraben
+sein, ehe das Recht seiner Aussprüche erkannt wurde. Geht es doch bisweilen
+noch jetzt nicht anders. Sind wir doch, trotz aller Religion und Erkenntniß
+zuweilen genöthigt, mit Asien oder Afrika zu kriegen.
+
+O schöner Voranflug seines Zeitalters! rief Guido. O daß ich der Menschheit
+irgend eine Wohlthat ersinnen könnte, daß die Nachwelt mein Andenken
+segnete!
+
+Der Friede mit anderen Welttheilen wäre solch eine Wohlthat, antwortete
+Gelino. Er fehlt der Menschheit. Allein die Leidenschaften werden nicht
+überall so glücklich bekämpft als in Europa, und auch hier, wir wollen
+nicht prahlen, gelang es noch nicht so weit damit, als wohl zu wünschen
+wäre. Im Geheim treiben sie oft ihr Spiel fort; denn wer sieht das Innere
+der Seele, wenn die Menschen in der Tugendlarve heucheln. Es giebt doch hie
+und da einen Fürstenrath, einen hohen Priester des Gesetzes von gewichtigem
+Ansehn, entscheidenden Einfluß, der sein wahres Spiel birgt, und Zwietracht
+mit der Fremde, oder Zwietracht im Innern hervorruft. Man muß auf seine
+Tugend baun, wer vermag sie genau zu erkennen?
+
+Hier fühlte sich Guido von einem Gedanken ergriffen, dem er in der Folge
+eifrig nachhing. Jetzt antwortete er dem Lehrer: Die richtige Erkenntniß
+des Menschen scheint mir nicht unmöglich, aber den Frieden aller Völker zu
+knüpfen, ist schwer. Ich sehe nicht ein, auch wenn ich Kaiser wäre, was ich
+da thun wollte. Da muß das Schicksal selbst freundlich zutreten.
+
+Nun das wird auch einst geschehn, antwortete Gelino. Auch gebieten ja die
+Menschen dem Schicksal immer mehr, wie ihre Weisheit steigt. --
+
+Die Reisenden erborgten in Paris vornehme Namen und knüpften
+Bekanntschaften an. Die angesehensten Einwohner, Künstler, Gelehrte, wurden
+zu ihrer Tafel, zu ihren Konzerten, nach ihren Gärten geladen, und baten
+sie dagegen zu sich. Es war noch in Paris wie vormal, das Neue erregte viel
+Aufsehn, alle Welt sprach davon. Nicht eben die Verschwendung des reichen
+Jünglings konnte auffallen, doch er selbst, sein Verstand, mehr noch seine
+Schönheit. Die Damen waren ganz entzückt, sie schwuren, nie eine so
+vollkommene männliche Gestalt erblickt zu haben. Dies benutzten Maler,
+Kupferstecher und andere Künstler, bildeten ihn vielfach ab, und wenn er
+ausging, sah er beschämt überall Gemälde, Gipsabdrücke, Statuen von sich.
+Auch Denkmünzen wurden auf ihn geschlagen und in den Gassen ausgerufen,
+viele Damen trugen ihn in Gemmenringen am Finger. Er empfing auch verliebte
+Zuschriften voller Witz, und übte wieder den eignen Witz, indem er die
+zärtlichen Anträge so ablehnte, daß sich die Schönen dennoch bezaubert
+fühlten. Dadurch entstand viel neues Gerede, und eine gelehrte Dame
+veranstaltete sogleich eine Sammlung dieser tugendhaft witzigen Billets,
+die man eilig mit Stereotipen druckte, eines ungemeinen, Absatzes gewiß.
+
+Kurze Zeit nach seiner Ankunft hörte Guido von einem sonderbaren
+Rechtshandel. Er hatte sich schon über die Menge von Diamanten gewundert,
+welche ihm Ueberall zu Gesichte kam; die Frauen der niederen Klassen waren
+so damit bedeckt, daß man auf Spatziergängen nicht nach der Seite blicken
+konnte, wohin die Sonne schien, selbst die Dienstmädchen in seinem
+Pallaste, trugen Haar, Ohren, Busen und Arme davon voll. Der Glaube, sie
+möchten unächt sein, fand die Widerlegung der Kenner, allein man
+benachrichtigte ihn: es sei in Paris ein Juwelenhändler vorhanden, der die
+edlen Steine um einen tief geringen Preis verkaufe, dabei ein unerhört
+angefülltes Waarenlager hielt, und so auch den Pöbel in Stand setzte, den
+gepriesenen Schmuck zu tragen. Deshalb aber, wie man wohl denken kann,
+verschmähten ihn nun die Damen der feinen Welt, und sich ohne
+Juwelenschimmer zeigen, hieß glänzen.
+
+Die andern Kleinodienverkäufer sahen sich zu Grunde gerichtet, feindeten
+ihren Nebenbuhler an, belangten ihn vor Gericht. Hier begriff auch Niemand,
+wie der Mann das Theure so wohlfeil losschlagen könne. Neue Prüfungen über
+die Güte seiner Steine folgten, sie schlugen abermal zu seinem Vortheil
+aus. Man fragte: Aus welchen Indischen Diamantengruben er kaufe? Er
+antwortete: Dies habe er, zufolge der Handelgesetze, nicht nöthig zu
+erklären. Man verlangte aber wenigstens, ein fremdes Handelshaus zu nennen,
+mit dem er Geschäfte pflege, ein Schiff, das seine Waaren herbeiführe.
+
+Dies konnte er nicht, und nun lag am Tage, seine Steine würden nicht von
+Auswärts gezogen. Er verfertigt sie selbst, riefen die Gegner, folglich
+sind sie, trotz allen Proben, unächt.
+
+Gut, sprach der Juwelier, ich verfertige sie, doch eine Unwahrheit ist eure
+andere Behauptung. Untersuchet so lange ihr wollt, ihr werdet keinen andern
+Gehalt finden, als ob die Steine von Golkonda oder Brasilien kämen. Ich
+betrog nicht, verkaufte ächte Diamanten, dem Käufer kann es gleich sein, ob
+die Natur, ob ich sie hervorbringe.
+
+Bei näherer Untersuchung fand sich, daß der Mann, den lange schon in der
+Chemie genannten Bestandtheil, _reinen_ Kohlenstoff, so zu verdichten
+gewußt hatte, daß der wirkliche Diamant erzeugt wurde.
+
+Das Gericht war im Anfang zweifelhaft. Die große Zerrüttung des Werthes der
+Edelsteine, welche der glückliche Erfinder veranlaßte, machte ihm Bedenken.
+Doch zuletzt entschied die Stimmenmehrheit: Dem Manne dürfe keine Strafe
+anheim fallen, auch die Fortsetzung seiner Kunst ihm nicht untersagt
+werden. Möchten die Weiber gern schimmern, so wäre ihnen die Gelegenheit
+aufgethan, um wohlfeilen Preis ihren Wunsch zu erlangen. Gefiele ihnen der
+wohlfeile Schimmer nicht, zeigten sie noch größere Thorheit als zuvor. Der
+Mann könne dann zu ihrer Heilung beitragen, und wenn das andere Geschlecht
+mehr auf Pflege der wahren Schönheit hielt, mehr dem Manne durch weibliche
+Tugenden, als kindische Glanzfunken zu gefallen strebte, hätte das
+Gemeinwohl dem Künstler innig zu danken. Verlören übrigens manche
+Juwelenhändler, sei das zufällig, und das Gesetz könne ihres einzelnen
+Vortheils halber, keine irrige Grundsätze aufstellen. Dabei blieb es nun.
+
+In der That, rief Guido, als er bald darauf einige mit Edelsteinen
+überladene Frauenzimmer sah, mir scheinen sie selbst nicht mehr so
+köstlich, als da ihre Seltenheit mich bestach.
+
+So bist du denn auch von blinden Vorurtheilen nicht frei, fiel der Lehrer
+ein. Doch möchte nur alles Schöne so gemein werden, daß man keine
+Auszeichnung darin fände, desto besser stände es um die Menschheit. Zum
+Glück ist es auch schon mit vielen Tugenden dahin gekommen. Was die Vorwelt
+staunend gepriesen hätte, blikten wir oft als gleichgültige Alltäglichkeit
+an. Wohl uns! --
+
+Sie begaben sich eines Tages nach der großen Oper. Das Haus war ungemein
+mit Zuschauern gefüllt. Guidos Blicke suchten das Theater. Er sah vor sich
+ein gefülltes Parterre, Logen, Kronleuchter, so gut als neben und hinter
+sich. Gelino lächelte. Wisse, sprach er daß der Vorhang ein Spiegel ist,
+der durch die ganze Mitte des Saales reicht. In diesen siehst du den Platz
+der Zuschauer wiederholt. Hebt das Stück an, wird ihn eine Maschine empor
+winden.
+
+Dies erfolgte auch zu Guidos Befremdung, und nun zeigte sich die Bühne. Man
+sah jetzt kein Licht mehr bei den Zuschauern, zum Vortheil der
+Theatererhellung, die dem Tage vollkommen glich, waren sie sämmtlich
+erloschen, wie aber am Ende eines Aktes der Spiegelvorhang niederschwebte,
+wurden sie alle durch eine elektrische Vorrichtung entzündet.
+
+Die alte Mithe, Orpheus war der heutige Stoff. Im ersten Akt sah man eine
+Landschaft und einen Meilenweiten Hintergrund, der unmöglich gemalt sein
+konnte. Guido begriff das nicht. Sein Lehrer erklärte ihm, wie dies
+Opernhaus mit einem Schraubenwerke versehen sei, wodurch es der
+Theatermeister, bei den Akten, die eine weite Tiefe darbieten sollten, bis
+über die Häuser der Stadt höbe, daß, nach weggenommener Hinterwand, man das
+wirkliche Feld der Gegend erblickte.
+
+Also schweben wir jetzt in solcher Höhe? fragte Guido.
+
+»Allerdings. Die Bewegung vollzog sich so sanft, daß Niemand sie merkte.
+Hat schon ein altrömischer Baumeister ein Schauspielhaus mit Achzigtausend
+Zuschauer gedreht, wird die Mechanik unserer Zeiten es doch wohl erheben
+können.«
+
+Ist das aber nicht mit Gefahren verbunden?
+
+»Fürchte nichts. Die Polizei läßt vor den Darstellungen alles Maschinenwerk
+durch Sachverständige prüfen.«
+
+Im zweiten Akt zeigte sich die Hölle. Ungeheure, weite, brennende Klüfte
+und Abgründe, in deren Flammen gepeinigte Verdammte klagten. Die Fernsten
+erschienen ganz klein, doch waren es lebende Wesen, wovon sich Guido durch
+ein Sehrohr überzeugte. Wie ist dies möglich? fragte er abermal.
+
+Gelino antwortete: Das Opernhaus hat mit großen Kosten ein tiefes
+Souterrain aushöhlen lassen, was um so eher anging, da es auf der Höhe des
+Montmartre liegt. Will man nun weite Gebäude, oder Klüfte und Abgründe
+darstellen, wird das Haus durch jene Schraubenwerke in die Tiefe gesenkt,
+wo man sich nun der unterirdischen Entfernungen bedienen kann. Wir befinden
+uns jetzt unter der Erdfläche, die letzten Gestalten sind einige Tausend
+Schuh von uns entfernt.
+
+Im dritten Akt sah man den Himmel Fremdartige Farben, ungemein zarte
+Umrisse aller Gegenstände wirkten mit bezaubernder Schönheit. Ein anderer
+Mond, andere Sterne mit einer tiefrührenden Idealität gezeichnet, blinkten
+daher, was aber Guido am meisten in Verwunderung setzte, war, daß ihre
+Strahlen durch Euridizens und der anderen Schatten Körper leuchteten. Und
+doch war Euridize die nämliche, welche er im ersten Akte gesehn, doch
+bewegte sie sich lebend, sang. Er ward nun durch seinen Lehrer
+unterrichtet: Alle Gestalten, die wir jetzt sehen, sind nur der wirklichen,
+in einem Nebengemach befindlichen, Wiederscheine, durch ungemein
+sinnreiche, optische Laternen, hervorgebracht. Daher muß das Licht diese
+Euridize durchschimmern, denn, treu der Fabel, ist es wirklich nur ihr
+Schatten. Daß auch die Blumen, Gebüsche, Hügel, so zarte Umrisse, so
+seltsam fremdartige Farben zeigen, macht eine große Platte von grünem doch
+klaren Glas, welche davor hängt, wie jener Spiegel, im ganzen Umfang der
+Bühne, ohne daß wir sie wahrnehmen.
+
+Musik, Gesang, Tänze waren den übrigen Vorwürfen an Vollkommenheit ähnlich,
+und mit hohem Entzücken verließ Guido dies Schauspiel, sich lange noch
+Orpheus, und Ini Euridize träumend.
+
+Sie sahen auch das große Trauerspiel. Der Dichter hatte in dem heutigen
+Stücke eine Thatsache der Vorzeit behandelt, und viel gegen die Empfindung
+wagend. Eine junge Monarchin, schön, liebenswürdig, geistvoll, ist mit
+einem Gemahl verbunden, dem alle ihre Vorzüge mangeln. Er kömmt eben zur
+Regierung, belegt aber durch seine ersten Schritte, dem großen Amte
+durchaus nicht gewachsen zu sein. Die Gemahlin erkennt die Richtung, welche
+dem Volke zu seinem Wohl gegeben werden müsse, die Kraft ihres Genius regt
+sich kühn, von Liebe zu den Unterthanen stammt ihre edelempfindende Brust.
+Doch vermag sie nichts über den Gemahl, der sie nicht versteht, ihren
+schönen Sinn anfeindet, und in Roheit waltet. Tirannei und Zerrüttung
+drohen dem Reich, die Monarchin fühlt, sie könne ihm eine gedeihenvolle
+Zeit blühen lassen.
+
+Ein weiser Vertrauter ruft ihr zu: Besteige den Thron, herrsche, beglücke!
+Sie schaudert. Sie kann nur über den Leichnam des Gemahls jenen Stufen
+nahn. Es ist ein Unwürdiger, doch sie seine Gattin. Ihr Zartgefühl empört
+der Gedanke an jeden Mord, um wieviel mehr an den des Gemahls! Ihr Herz
+trägt solche Vorstellung nicht, ihre Einbildungskraft muß ihr entfliehn.
+
+Der Vertraute spricht: Besteige den Thron, durch ein Verbrechen ihn mit
+deiner Tugend zu schmücken. Wie edel ist dann dies Verbrechen! Es wird die
+höchste deiner Tugenden, allen übrigen, die Bahnen ebnend. Begehst du es
+nicht, wie laut der Nation geheimes Flehn, wie laut der Beruf deiner
+Geistesgröße es verlangen, dann erniedrigt dein Säumen dich zur Frevlerin.
+Alles Wehleiden der Millionen auf dein Haupt, ihr Fluch beugt dich
+schwerer, da du ihn in Seegen hättest umwandeln können.
+
+Hier steht sie nun an dem furchtbaren Scheideweg. Eine kühne Missethat --
+und dann ein schönes Leben, dem Ruhm, gottähnlich über ein geliebtes Volk
+zu herrschen, geweiht. Eine feige Tugend -- und nichts als der Anblick
+eines elenden geliebten Volkes. Hier steht sie -- weint, ruft sich selbst
+um Kraft an, mahnt ihren Genius, Licht in dies schauderhafte Dunkel zu
+werfen -- und -- stört endlich nicht, was der Vertraute vollbringen will.
+
+Nun empfängt sie das Scepter, und hält den Hoffnungen des Ruhmes Wort.
+
+Zum Erstenmale ward heute das Trauerspiel gegeben. Die feinsinnige
+Versammlung, sonst gewohnt, sich über alles Schöne oder Unedle ganz
+bestimmt zu äußern, die der Kunstwerke Vorzüge, nach dem richtigsten Takt
+mit Beifall lohnte, und ihre Mängel eben so durch Tadel strafte, wußte --
+unerhört in den Annalen dieser Bühne -- heute sich nicht zu entscheiden.
+Kein Lob, kein Mißfallen, allgemeine Stille. So blieb es auch bei den
+folgenden, immer gedrängt besuchten Vorstellungen.
+
+Gelino wollte aber auch auf dem kleinen Theater des Pallastes etwas sehn.
+Er sprach mit dem Vorsteher der Gesellschaft, die am liebsten bunte,
+regellose Sachen aufführte. Dieser trug ihm eine kurzweilige Posse an,
+genannt:
+
+Die Narrheiten vor Dreihundert Jahren.
+
+Gelino war es zufrieden, und lud so viele Fremde, als der Raum nur fassen
+konnte.
+
+Als der Vorhang weggenommen war, wollten die Zuschauer fast vor Lachen
+sticken, über die närrischen Kleidertrachten, der dargestellten Zeit. Wie
+war es möglich, riefen viele, daß sich die Menschen jemals so unbequem,
+geschmackwidrig und lächerlich umhüllen konnten! Eine Hauptbedeckung, grade
+aufstehend, oben platt, einem umgekehrten Becher ähnlich, oder gar ein
+Dreieck mit abentheuerlichen Stülpen! Wie vielerlei Lappen hängen an den
+Männern, der natürlichen Form ganz zuwider, mit häßlichen Ecken, und
+dennoch übel gegen die Witterung schirmend. Wie muß dies vielfache
+Einschnüren die Körper verunstaltet, ihnen nach und nach Kraft und
+Gesundheit entzogen haben! Und so unanständig, pfui, so unanständig!
+Fürwahr diese Urväter mußten grobe Narren sein!
+
+Es wurden nun mancherlei Sittenzeichnungen dargestellt, wo denn aber das
+Gelächter oft mit Abscheu und Mitleid wechselte. Man sah die Kirchlichkeit,
+wo unverschämte Priester ganz widersinnige, unnatürliche, die Gottheit
+herabwürdigende Mithen, einst einem tief rohen Zeitalter kaum anpassend,
+immer noch als Wahrheiten lehren wollten, und das thörichte Volk
+gauklerisch betrogen. Man sahe Fürstenhöfe, wo eine widrige Erziehung das
+Oberhaupt ärmer an Geist dastehen ließ, als die Unterthanen am Fuß der
+Staatspiramide, wo es, statt mit der Weisheit, mit dem Vorurtheil umgeben
+war, und blödsichtige engherzige Höflinge ihm eitel Lügen sagten, wo das
+wahnsinnige Volk endlich durch heuchlerische Schmeicheleien alles verdarb.
+Man bildete das Faustrecht vor drei Jahrhunderten ab, wo ein europäisches
+Volk das andere um nichtiger Ursachen willen bekriegte, und dies mußte
+jetzt grade so viel Widerwillen erregen, als eine Darstellung des kleineren
+Faustrechtes, zwischen den Gauen des vierzehnten Jahrhunderts, wenn sie das
+neunzehnte sah. Die Thorheiten, allerhand Sisteme der Philosophie zu
+wechseln, durch Bücher voll Unsinn Irthümer auszubreiten, durch falsche
+Finanzoperationen ganze Länder verarmen zu lassen, durch Verschiedenheit
+der Dingenmaaße und Sprachen, den Ideentausch zu erschweren, überströmte
+eine witzige Satire mit dem wohlverdienten Spott. Am Ende begegnete sich
+alles in dem Ausruf: O ihr grobe, grobe Narren der Vorzeit! Gelino
+erläuterte aber der Versammlung, daß doch auch nicht jeder damals die
+Schellenkappe getragen habe, nannte ehrwürdige Namen von Männern, die sich
+ein großes Verdienst in Bezeichnung der besseren Pfade erworben hätten, und
+schloß: es sei für die Menschheit nothwendig gewesen, durch dies dunkle
+Labirinth zu gehen, um den Gegensatz erhellter Vernunft wohlthätiger zu
+begreifen. --
+
+Guido und sein Lehrer sahen noch Tausend Merkwürdigkeiten, welche
+aufzuzählen der Raum hier nicht gestattet. Unter andern folgende auf der
+Anatomie, welche sie als eine der vorzüglichsten Anstalten zu Paris
+besuchten, und wohin sich jetzt eine große Zahl gespannter Neugierigen
+drängte.
+
+Die Veranlassung war diese:
+
+Vor funfzig Jahren hatte, zu Befremdung von ganz Europa, ein Bürger in
+Paris mehrere todeswürdige Verbrechen begangen. Das Gesetz zauderte lange
+mit seinem Spruch, und wollte ihn endlich nach Spitzbergen verweisen,
+wohin, wie wir schon wissen, solche Unglückliche kamen, deren Vernunft sie
+nicht von der Schönheit eines gesetzlichen Lebens überzeugen konnte. Die
+Kolonie in Spitzbergen hörte aber davon, und indem jeder Einzelne dort sich
+rein gegen jenen Bösewicht halten konnte, schrieb sie an das Gericht und
+verbat die Verunehrung.
+
+Man wankte von einer Meinung zur anderen. Seit mehr als einem Jahrhundert
+war in Europa keine Todesstrafe zuerkannt worden, es gab keine Henker und
+Hochgerichte mehr. Dennoch hatte der Mensch die Todesstrafe vollkommen
+verwirkt, und hatte er das furchtbare, gräßliche Schauspiel unerhörter
+Frevel geben können, war das Beispiel einer eben solchen öffentlichen
+Ahndung gerecht. Zuletzt entschied man denn für seinen Tod, doch über die
+Art desselben konnte man sich nicht einigen.
+
+Da trat ein Lehrer der Zergliederungskunde auf. Laßt ihn durch seinen Tod
+nützen, sprach der Mann, er mag uns um eine wichtige Erfahrung bereichern.
+Wir entdeckten eine geistige Flüssigkeit, viel vervollkommnet gegen die,
+welcher sich vormals die Anatomen bedienten, um thierische Organe dauernd
+aufzubewahren. Sie erhält einen Körper genau in dem Zustande, worin er ihr
+übergeben wird. Ich rathe, wir füllen ein weites Gefäß mit diesem Fluidum.
+Der Verbrecher werde entkleidet und darin ertränkt. Dann soll aber das
+Gefäß verschlossen werden und funfzig Jahre lang unberührt bleiben. Nach
+Verlauf dieser Zeit aber soll man den Körper wieder herausnehmen, und die
+gewöhnlichen Mittel, welche im Wasser Verunglückte oft ins Leben rufen,
+anwenden. Meine Theorie weissagt, man werde sich nicht umsonst bemühn, denn
+die Lebenskraft ist nicht entflohn, alle Theile sind in ihrer
+Vollkommenheit erhalten worden, weil der Reitz des geistigen Feuers in
+unsrer Flüssigkeit, der Auflösung Widerstand leistet. Irre ich nicht, so
+wird es merkwürdig sein, einen Mann zu sehen, der funfzig Jahre lang
+schlief, er wird manches wissen, das die Alten und Geschichtschreiber
+vergaßen. Künftig könnte man sogar Jahrhunderte lang Leben aufbewahren, und
+gewiß mit Nutzen, denn oft geht auch, trotz dem Weiterstreben der
+Menschheit, manches Gute unter, dessen Rettung aus der Vergessenheit
+heilsam werden kann.
+
+Der Arzt sah sich häufig bestritten, man lachte sogar über ihn. Endlich
+aber erklärte ein Geschichtforscher: er habe in einem alten Buche gefunden,
+daß einst im achtzehnten Jahrhundert, der Mann, welcher die ersten
+Gewitterableiter erfunden, Franklin genannt, Fliegen von Madera, die im
+Weinfasse nach Nordamerika gekommen wären, und zehn Jahre lang im Keller
+gestanden hätten, wieder lebendig gemacht habe.
+
+Was wollt ihr nun? fragte der Arzt.
+
+Fliegen und Menschen! spöttelten seine Gegner.
+
+Nun, es kömmt auf den Versuch an, hieß es endlich, und man beschloß, den
+Rath zu vollziehn, was auch geschah.
+
+Das Faß mit dem Ertränkten wurde in einem festen Gewölbe bewahrt, vor
+dessen Thür der Rath sein Siegel legte. Ein Protokoll berichtete der
+Nachwelt die Thatsache und bat daneben: falls der Verbrecher wirklich
+wieder zum Dasein gelangen sollte, dann die weitere Strafe, in Betracht der
+erlittenen Todesangst, aufzuheben. --
+
+Jetzt waren die funfzig Jahre verstrichen. Der Tag des Versuches wurde
+beraumt. Die Naturkundigen schrieben für und gegen jenes, schon lange
+gestorbenen, Arztes Meinung. Man stellte Wetten an, ganz Paris sprach von
+nichts, als dem Manne im Spiritus.
+
+Gelino hatte, durch bedeutende Fürsprache, die Erlaubniß des näheren
+Zutritts für sich und seinen Zögling empfangen. Man brach die Siegel, fand
+das Gefäß unversehrt, das nun in den Saal der Anatomie geschafft wurde.
+
+Auf Erhöhungen saßen die eingelassenen Zuschauer, die Naturkundigen hatten
+sich um den Tisch, in der Mitte des runden Saales, gedrängt.
+
+Der Körper ward aus seinem feuchten Grabe gezogen, auf den Tisch gelegt.
+Alle Theile waren so frisch, als hätten sie nur eine Stunde darin gelegen,
+das Gesicht bläulich aufgetrieben wie immer bei Ertrunkenen. Verwundernd
+blickte alles hin, und harrte ungeduldig auf den Ausgang.
+
+Die gewöhnlichen Rettungsmittel fanden Anwendung, man brachte die
+Flüssigkeiten aus der Luftröhre, rieb, erwärmte, flößte ein, u. s. w. Doch
+verging eine Stunde nach der anderen, ohne daß der Zustand des Kadavers
+sich im mindesten umwandelt hätte. Nicht wahr, wir hatten Recht? sagten die
+Ungläubigen, wer seine Wette verlohren glaubte, zog ein verdrießlich
+Gesicht.
+
+Endlich rief ein junger Arzt: Vielleicht hindert der Spiritus, den die
+Einsaugungsgefäße aufnahmen, durch den zu großen Reitz den Umschwung der
+Säfte. Suchen wir ihn in einem Schwitzbade auszuführen, das ohnehin durch
+den hohen Grad von Hitze die Lebenskraft anregen wird.
+
+Es ist nicht mehr die Rede von Lebenskraft, entgegnete der Vorsteher,
+indessen kann man ein Uebriges thun.
+
+Das Schwitzbad wurde geheitzt, einige kräftige Männer begaben sich mit dem
+Körper hinein, und ließen die Temperatur höher treiben, als sie wohl einst
+ein Blagden ausgehalten hat, während sie ihre Bemühungen unermüdet
+fortsetzten.
+
+Vom Saale schickte man jeden Augenblick nachzufragen. Die Nachricht langte
+an: der Kadaver schwitze. Ein Lebenzeichen! frohlockte der eine Theil: es
+sind die Dünste des Bades, die sich anlegen, stritt der Andere.
+
+Nach einer halben Stunde schrie ein Bote athemlos: Athem! -- Irrthum,
+Irrthum! -- Seht ihr, seht ihr! -- Ich hab' es selbst empfunden.
+
+Ein anderer sprang in den Saal, rief, mit eignem starren Puls: -- Puls --
+Unmöglich! Warum unmöglich? -- Meine Hand fühlte ihn.
+
+Man wußte nicht woran man war, doch fing der Unglaube an, kleinlaut zu
+werden.
+
+Der Körper ward nun in dichte Pelze gehüllt und wieder in den Saal
+gebracht. Jedermann sah die unzweifelhafte Verändrung des Gesichtes, die
+Bläue war geschwunden, ein brennendes Roth überzog es, wenn sonst schon
+sich keine Bewegung zeigte, es auch unempfindlich gegen Anrühren mit
+spitzigen Instrumenten war.
+
+Doch eine Feder, vor den Mund gelegt, flog weg, alle, welche an die
+Pulsader griffen, bezeugten, ein leises Klopfen wahrzunehmen.
+
+Dabei blieb es aber wohl sechs Stunden, so daß der Zweifel wieder die
+Stimme erhob, und jene Anzeigen Täuschung nannte. Dann schrie aber alles
+plötzlich auf! Das eine Auge hatte sich geöffnet und wieder geschlossen.
+Nicht lange, so geschah das Nämliche mit dem zweiten, eine Stunde noch, und
+das erste Wort floh von den Lippen, die funfzigjährige Erstarrung
+geschlossen hatte.
+
+Niemand mied den Saal. Man vergaß über die Neugier die gewohnte Nahrung zu
+nehmen, immer das Auge auf den Körper geheftet. Die ganze Nacht verstrich
+so, während hin und wieder die Sprache, doch verwirrt, hörbar wurde. Am
+andern Morgen aber war die Besonnenheit vollkommen da, der wieder Lebende
+sprach von seinem Verbrechen, seiner Reue, flehte um Erbarmen.
+
+Man sagte es zu, schonte seiner auf alle Weise, pflegte, stärkte. Er besann
+sich in ein Faß geworfen worden zu sein, meinte aber, man habe ihn nach
+wenig Minuten wieder herausgenommen, die Todesstrafe in eine andere zu
+verwandeln. Man sah also, daß ihm damals die eigentliche Absicht nicht
+vertraut worden war. Er rief um seinen Anwald, nannte die Namen der
+Richter, welche alle nicht mehr lebten, bis auf einen, der, ein
+hundertjähriger Greis, sich mit im Saale befand, und über das, den meisten
+Unverständliche, was der Mann sagte, Aufschlüsse gab.
+
+Er trat auch zu ihm. O Himmel! rief er, wie bleich, wie gerunzelt deine
+Wangen, Richter, wie weiß dein Haar! Was hat dich seit gestern so
+verändert? Und all diese Leute, wie seltsam sind sie gekleidet! Wo bin ich?
+Wohin brachtet ihr mich?
+
+Man half ihm auf, führte ihn an ein Fenster. Er sah viele unbekannte
+Gebäude, vermißte viele alte. Bin ich trunken? Wahnsinnig? Wo ist der
+Pallast geblieben, der dort gestern noch stand? Wie kömmt so plötzlich der
+große Tempel nach jener immer leeren Stelle? Was soll ich denken?
+
+Es war Zeit, ihm die Räthsel zu lösen, sein Verstand hätte durch die
+unbegreiflichen Erscheinungen in Zerrüttung sinken können.
+
+Wer malt nun aber sein Staunen! »Funfzig Jahre hätte ich geschlafen?
+Unmöglich!«
+
+Man zeigte ihm Bücher mit der laufenden Jahrzahl, rief einige Personen,
+deren er sich als Jünglinge oder Kinder entsann, deren jetzige Gestalt
+keinen Zweifel bestehen ließ. Er konnte es dennoch immer nicht glauben, ihm
+war, als sei er vor wenigen Minuten versunken, und rühmte wiederholt die
+Süßigkeit seines tiefen Schlummers.
+
+Endlich mußte er aber die Wahrheit erkennen, und wurde durch ganz Paris
+geführt, wo Fenster und Dächer, wie sich denken läßt, mit Zuschauern
+überfüllt waren. Geschichtforscher und Antiquare ließen ihm daheim keinen
+Augenblick Ruh, und erfuhren auch in der That, manches ihnen Unbekannte,
+durch seinen Mund.
+
+Er hatte nun gehört, die weitere Strafe sei ihm erlassen. Doch rief er:
+Mein Gewissen klagt mich zu laut an, ich verdiene es nicht!
+
+Man entgegnete: Möchte vor funfzig Jahren geschehen sein, was da wolle, die
+Zeit hätte einen Schleier darüber geworfen, auch seitdem Erziehung und
+Moral wieder so viel an Vollkommenheit gewonnen, das solche Verbrecher wohl
+nicht mehr aufständen. -- So gebührt mir die Strafe jener Zeit. Sendet mich
+in die Verweisung, entgegnete er.
+
+»Nein, nein, die Vorwelt wollte deine Begnadigung selbst, wenn du die lange
+Verweisung aus der Gesellschaft überständest.«
+
+Gut! Laßt mich ein Jahrlang unter euch leben. Dann will ich, mein Gewissen
+zu entladen, freiwillig abermal in das Gefäß. Ihr übergebt mich den Enkeln
+auf Hundert Jahre. Weit nützlicher kann ich einst jener Zeit sein, mir ist
+es gleich, den Rest meiner Tage nun oder dann zu beschließen, ja es ist
+wohl im letzten Fall noch weit merkwürdiger. In diesem Jahre will ich mich
+von den Veränderungen der Welt während meines Schlafes überzeugen, und ohne
+Zweifel werde ich oft staunen.
+
+Man konnte nicht umhin, den Zustand dieses Menschen von einer Seite zu
+beneiden, und willfahrtete ihm übrigens.
+
+Guido und sein Lehrer warteten jedoch nichts mehr davon ab, sondern machten
+sich auf den Weg nach England. Der Luftpostillion fuhr diesmal so schnell,
+daß Beide, unweit Paris ein wenig entschlummernd, nicht ehe als über London
+wieder erwachten, und deshalb auch den Damm zwischen Calais und Dover nicht
+sahn, welchen man eben zur engeren Verbindung Frankreichs mit Brittanien
+anlegte. Er lief von beiden Küsten ins Meer, von ungeheuren eingesenkten
+Felsstücken erhöht, und, damit der Seestrom den freien Durchgang behielte,
+von Hundert Klaftern zu Hundert Klaftern mit Brücken aus Hangewerk
+unterbrochen, die jedoch sämmtlich höher waren, als das Gewölbe des Rialto
+zu Venedig. Denn die größten Kriegschiffe fanden mit allen aufgezogenen
+Segeln kein Hinderniß.
+
+London fanden sie jetzt wahrhaft reich, durch seine glückliche, zum Handel
+bequeme Lage, und einen edlen Wetteifer im Kunstfleiß, ohne den unsinnigen
+frevelhaften Vorsatz, alle übrigen Nazionen der Erde zu Grunde richten zu
+wollen.
+
+Gelino sagte: Vor dem traurigen Ruin, den sich England Ehedem zuzog, sah
+man hier auch Reichthum, doch, mehr dem Schein als der Wirklichkeit nach.
+Das Land war seine ganze Habe mehr als dreifach schuldig. Das baare Geld,
+oder vielmehr seine Darstellung in Papier, war in die Hände von etwa
+Dreißigtausend Gläubigern der Nation zusammengeflossen. Ihre
+Zinsforderungen befriedigen zu können, wurden dem übrigen Volke unerhört
+drückende Gaben aufgelegt, Verarmung, Elend jeder Art, und endlich völlig
+erschlaffte Staatskraft, mußten die Folgen sein. Freilich retteten sich die
+Wohlhabenderen nach Bengalen, und späterhin, wie dir bekannt ist, nach
+Polinesien, wo das jetzt mächtige Reich durch sie gegründet, und mindestens
+die Kultur nach früherhin fast unbekannten Erdgegenden, verbreitet wurde;
+doch die zurückbleibenden traf ein Anfangs hartes Loos, bis sie sich auch
+wieder zum gemessenen Streben ermannten, und im freundlichen, auf ewigen
+inneren Frieden gegründeten Bund mit Europa, ein festeres Gedeihen als je
+fanden.
+
+Die alte Paulskirche stand noch, sogar, wiewohl verfallen, die
+Westminsterabtei. Ueber das, dem Brande von 1660 zum Andenken errichtete,
+Monument, hatte noch der Zahn der Zeit nichts vermocht.
+
+Der Luxus war dem in Paris ähnlich, die Reisenden bezogen wieder einen
+Miethpallast der jenem nichts nachgab. Man hatte einen öffentlichen Garten,
+wo das alte Eden nachgeahmt war und in der That Milch und Honig in Bächen
+floß. Es gab aber auch Teiche von Portwein, Rum, Punsch, auf denen man in
+Nachen aus buntfarbigen Konchilienschalen oder edlen Metallen fuhr, Bäume
+von denen man leckere Konfituren pflückte, gebratene Vögel die in der Luft
+flogen (sie waren mit brennbarer Luft gefüllt), gespickte Haasen, die
+umherliefen (eben so in Bewegung gesetzt), Puddings, Roßbeefstücke,
+Hammern, Austern, Bifsteeks von großem Umfang, die Pilzen gleich aus der
+Erde wuchsen, (denn die Küche hatte unterirdische Gänge). Bisweilen regnete
+es Limonade, hagelte Zuckerwerk oder fror süßes Pistazieneis. Der Eintritt
+in diesen Garten kostete aber, nach altem Münzfuß gerechnet, Hundert
+Guineen.
+
+Auch hatte ein neuer Graham ein himmlisches Bett aufgeschlagen. Wer nun die
+Beschreibung davon lesen wollte, mußte so viel zahlen, als für den Eintritt
+in jenen Lustgarten, daneben einen Eid schwören, nicht auszuplaudern. Guido
+las, ward von den Vorstellungen unendlich zauberisch ergriffen. Der Lehrer
+sagte: Wirst du einst im Mariatempel das Band ewiger Liebe knüpfen, dann
+bediene dich dieser Erfindung. Der Jüngling loderte in Flammen, und
+verwahrte dieses Wort treu.
+
+Die Bühnen zu Coventgarden und Drurylane waren nicht mehr vorhanden, es gab
+andere und in größerer Zahl. Das vorzüglichste hieß Shakespears Theater,
+doch nicht nur der Name, sondern auch die Werke des alten Dichters hatten
+ihr Andenken erhalten. Auch bestand neben der Vorliebe für ihn, viel
+Nazionalgeschmack von Ehedem. Die Identifikazionen mit dem übrigen Europa,
+hatten ihn nicht ganz aufgehoben, was auch in anderen großen Provinzen der
+Fall, wiewohl im merklichen Abnehmen, war. Man gab Shakespears Trauerspiele
+noch immer, jedoch übersetzt in die allgemeine Sprache des Erdtheils, deren
+Vollkommenheit sie indessen nichts verlieren, sondern viel an Kraft,
+Ausdruck, Bedeutung gewinnen ließ. Die Theaterkunst trieb es so weit als in
+Paris. Führte man den Sturm auf, sah der Zuschauer ein wirkliches,
+sturmerregtes Meer auf welchem das Schiff scheiterte. Denn ein großes
+Wasserbecken gehörte zu dieser Bühne, die man bei solchen Gelegenheiten
+unmerklich an seine Ufer rollte. Im Hamlet war der Geist ein Riese, dessen
+Haupt weit über den Pallast emporragte, und den auch der Mond durchschien.
+Bankos Gespenst in Makbeth und die Zauberinnen zerflossen vor aller Augen
+in Nichts und dennoch hatten sie gesprochen, gehandelt. Dies war immer die
+Wirkung kunstreicher Phantasmagorie, mittelst der unglaubliche Illusionen
+hervorgebracht wurden.
+
+Guido verlangte jedoch von den Ergötzungen weg, deren er schon so vielen
+beigewohnt hatte, um die große Flotte zu sehen. Wie in der Provinz Moskau
+das Landheer den Hauptsitz hatte, waren Brittaniens Häfen, und vorzüglich
+London, der Aufenthalt von Europas Seemacht. Auf der Themse lagen die
+meisten Orlogschiffe, welche zu ihren Uebungen in die Nordsee ausliefen und
+gefahrvolle Küsten und Zwischenmeere besuchten, die Piloten und niedern
+Mannschaften desto vollkommener zu unterrichten. Jetzt nahte das Spätjahr,
+mit den um die Zeit der Nachtgleiche gewöhnlichen Stürmen, wo die
+Hauptprüfung Statt hatte. Diesmal sollte die Flotte von London ins Kattegat
+gehn, eine andere von Portsmuth und Plimouth sich mit der Abtheilung welche
+bei Kopenhagen zu liegen pflegte, verbinden, und dann wollte man zwischen
+den Belten Seekämpfe halten.
+
+Kadix, Toulon, Genua, Ankona, Korfu, Konstantinopel waren übrigens auch
+Kriegshäfen, doch der obern Leitung der Admiralität zu London übergeben
+worden.
+
+Die Flotte gehörte wie das Landheer dem Föderalismus. Ihre junge Mannschaft
+zog sie aus allen Küstenlanden. Der Dienst eines Seesoldaten, wie sein
+Unterricht, seine Entlassung oder Beförderung zu wichtigeren Stellen,
+wurden nach Grundsätzen verfügt, die jenen beim Landheere ähnlich waren.
+
+Der Staat zahlte keinen Sold, dennoch aber war die Seemacht wohlgerüstet,
+wohlgenährt, besaß sogar Schätze genug, um einen langen Krieg aus ihren
+Mitteln führen zu können. Dies machte, weil die Schiffe sechs Monate im
+Jahre zum Handel gebraucht werden durften, den die Admiralität, für
+Rechnung der Flotte, nach allen Erdgegenden trieb. Unbedingte Hafenfreiheit
+durch ganz Europa machte ihn noch weit einträglicher.
+
+Guido meldete sich bei dem Befehlhaber der auszulaufenden Fahrzeuge, sagte
+ihm, wie er sich zwar dem Kriegdienste zu Lande gewidmet habe, dennoch aber
+einer Seeübung als Freiwilliger beizuwohnen wünsche. Die Erlaubniß wurde
+auf seine Bitte zugestanden, nachdem er vorher bedeutende Proben seiner
+Geschicklichkeit im Schwimmen, Fechten und Schießen nach dem Ziel, abgelegt
+hatte.
+
+Der Seekrieg wurde auf eine weit furchtbarere Art geführt als Ehedem. Man
+zählte auch drei Truppengattungen. Eine davon bestieg Luftfahrzeuge, suchte
+brennende Stoffe auf die feindlichen Galleonen zu werfen und Masten oder
+Segelwerk zu zerstören. Sie ward im Vollziehen und Abwenden nach Bedarf
+geübt. Die andere diente in den Schiffen selbst auf mancherlei Weise. Es
+gab Schützen, welche dicht bepanzert an Strängen hingen. An den Masten
+wurden sie staffelförmig zur Höhe gezogen, damit ein dichter Rohrhagel
+zugleich konnte abgesendet werden, und nach dem Feuer hinter die Brustwehr
+zurückgesenkt, dort laden zu können. Einem feindlichen Schiffe nahe, mußten
+sie auf einer Fallbrücke hinüber und mit dem Schwert wüthen, blieben
+demungeachtet aber an das ihrige gebunden, um sie im schlimmen Falle, eilig
+wieder auf das eigene Verdeck zu ziehn. Es gab Schiffartilleristen, noch
+kunstfertiger als jene auf dem Lande. Sie bedienten sich immer der
+glühenden Kugeln, denen zweckmäßig ersonnene Oefen, in einem Augenblick die
+nöthige Hitze gaben. Auch lange Schwerter wurden in Bögen von oben nach
+unten, und von einer Seite zur andern, aus dazu geeigneten trogartigen
+Mörsern geworfen, Tauwerk und Segel zu verwüsten. Es gab Schiffchemiker,
+welche die Brandmaterien anfertigten, womit man noch wirksamer als selbst
+durch die glühenden Bälle zu zerstören strebte, und auch wieder Stoffe,
+welche den verderblichen Lauf derer, welche der Feind sandte, hemmen
+konnten, alles Resultate von Erfindungen welche die Vorzeit noch nicht
+ahnte. Es gab Seemechaniker, die bewunderswürdige Maschinen lenkten. Dahin
+gehörten die schnellen Ruderwerke, welche bei Windstillen dienten; die
+künstlichen Steuer, geschickt ein Fahrzeug in unglaublich kurzer Zeit zu
+drehen. Den Krieg unter dem Meere konnte man dennoch als den wichtigeren
+betrachten. In den schon beschriebenen Taucherhütten galt da der schlaue
+grimmige Kampf. Unter den Bauch der Schiffe suchte man anzulangen, mittelst
+fürchterlicher Bohrer Lecke zu bereiten, oder noch fürchterlichere Petarden
+anzuschrauben, deren Pulver auch im Wasser seine Kraft übte. Wer hätte
+nicht glauben sollen, bei so vielen Zerstörungsmitteln müßte es in wenigen
+Minuten um ganze Flotten geschehen sein, dennoch begründeten die
+Gegenmittel wieder ein Gleichgewicht der Kräfte, und zeigte der Feind
+dieselbe Kunst, hing die Entscheidung oft an Zufälligkeiten. Die
+Befehlhaber gestanden auch, wie die Flotten von Afrika oder Amerika, eben
+so wohlgerüstet und mit kunsterfahrnen Kriegern bemannet wären, daß also
+hier von keinem überwiegenden Vorzug die Rede sei, und derjenige ein
+wichtiges Verdienst um den Meerkrieg erwerben könne, der etwas aufzufinden
+im Stande sei, das, den Fremden unbekannt, in der nächsten Fehde den
+gewissen Ausschlag gäbe.
+
+Dies Wort warf einen Funken in Guidos Einbildungskraft, und ließ sie
+aufflammen. Sollte diese Aufgabe nicht zu lösen sein? fragte er sich. Und
+warum nicht? Strebt doch alles höherer Vollkommenheit entgegen. Er sann
+weiter über diesen Vorwurf nach.
+
+Die Flotte lichtete die Anker. Guido hatte von dem Lehrer Abschied
+genommen, der in London zurückblieb. Bei einem wüthenden Orkan stach man um
+Mitternacht in See, doch die Fertigkeit spielte nur mit den Hindernissen.
+Gegen den Wind kämpften die Ruderwerke, die Klippen und Sandbänke, nach
+welchen zu steuern, mit gutem Bedacht geboten wurde, umlenkte Geographie
+des Meergrundes und der Piloten Besonnenheit. So langten die Schiffe nach
+wenig Tagen in den gefahrvollen Belten an, trafen bei einem dunkeln Nebel
+auf jene, welche die feindliche Rolle gaben, und der Kampf begann.
+
+Guido flog erst mit den Luftgondoliren empor, stieg dann wieder in sein
+Schiff nieder, und senkte sich endlich mit den Tauchern in die Tiefe. Er
+wollte von Allem genaue Kunde zurückbringen, Jedermann sah sich befremdet
+durch seinen Eifer, seine Kraft und Ausdauer.
+
+Es trat jedoch ein seltsamer Fall ein. Drei Schiffe von der Gegenparthei,
+schnitten der diesseitigen Flotte ein Fahrzeug ab. Es fand sich umringt,
+und von den Masten dort wehte das Signal, sich zu ergeben. Dies wollte es
+nicht, den Vorwurf, unachtsam gewesen zu sein, abzulehnen. Man wandte alle
+Mittel an, den Weg durch die Feinde zu nehmen, die wieder alle Vorkehrungen
+trafen, es zu hindern; denn sie entflammte der Ehrgeitz, eine wohlgelenkte
+Bewegung ausgeführt zu haben.
+
+Gefahren mangelten diesen, mitten im Sturm, im engen, klippenvollen Meere,
+gehaltenen Uebungen keineswegs, auch fiel mancher Soldat in die empörten
+Fluten, wo ihn weder das eigne fertige Schwimmen, noch die Hülfe der
+Kameraden zu retten vermochte; doch die Röhre lud man nicht.
+
+Allein auf dem bedrängten Schiffe -- Guido befand sich eben hier -- kam ein
+Artillerist auf den Gedanken, die Widersacher dadurch abzuhalten, daß er
+ihre Segel und Ruderwerke zerstörte. Strafwürdig füllte er also sein
+Geschoß ernsthaft, und erprobte auch seine Fertigkeit so wohl, daß ein
+Fahrzeug drüben bald außer Stand gesetzt wurde, seine Bewegungen
+willkührlich zu lenken.
+
+Dies Verfahren machte aber, daß die andern wütheten, und Gleiches mit
+Gleichem bezahlten. Ohne daß ihren Konstablern durch die Obern Einhalt
+geschehen konnte, warfen sie glühende Bälle ab. Das bedrängte Schiff hatte
+ein doppelt überlegenes Feuer zu leiden, und mußte sich nun auch ernst
+vertheidigen, oder untergehn. Das Erste geschah mit zügelloser Hitze, die
+jedoch nicht unbeantwortet blieb, und zur Folge hatte, daß viele Soldaten
+an beiden Theilen todt hinsanken. Nur mehr eiferten die Gemüther, ergrimmt
+setzte man den Kampf fort. Die Offiziere fielen sämmtlich. Guido, dessen
+kriegerisches Feuer im rasenden Getümmel hoch aufflammte, lenkte den
+Streit, ertheilte so guten Rath, daß man sich willig unter seinen
+Oberbefehl stellte. Er drang geschickt auf das eine Fahrzeug ein, ließ im
+gültigen Augenblick die Fallbrücke werfen, stürzte sich mit der Hälfte
+seiner Leute auf das feindliche Verdeck, wo man sich dieser Kühnheit
+dennoch nicht versah, und sich ergab. Nun wiederholte er dasselbe bei dem
+andern Schiffe, wo es eben so gelang, und führte die eroberten Schiffe im
+Triumphe dem Admiral zu. Dieser zürnte, wie billig, verordnete Strenge
+gegen die frevelhaften Urheber des blutigen Unfugs, wunderte sich aber
+hoch, daß der neue Freiwillige der Soldaten Vertrauen habe gewinnen, und
+ihm mit so vieler Sachkunde und Geistesgegenwart habe entsprechen können.
+Er begriff auch gar wohl, wie ohne die schnell beherzte Entscheidung, noch
+mehr Leben würde gefallen sein. Guido wurde mit Lob überhäuft, und auf
+allen Fahrzeugen rühmte das eilig umlaufende Gerücht, den kühnen, weisen
+Jüngling. Er bewährte sein Genie auch noch höher, indem er in der That die
+Erfindung machte, welche, so lange sie dem Feinde unbekannt blieb, ein
+entschieden Uebergewicht im Kampf begründete, und die lange vergeblich
+gewünscht worden war. Sie bestand in einer einfachen, doch höchst wirksamen
+und wohlberechneten mechanischen Vorrichtung, mittelst der man, ohne es
+selbst zu verlieren, einem feindlichen Schiffe das Gleichgewicht rauben,
+und es rettungslos umwerfen konnte. Als ein Geheimniß vertraute er seine
+Theorie dem staunenden Admiral. Dieser fand sie so wichtig, daß er sogleich
+die weiteren Uebungen aufhob, um nach London zurückzusegeln.
+
+Dort angekommen, ward Guido eingeladen, vor einem engeren Ausschuß der
+oberen Leitung der Seemacht, Versuche mit der anzufertigenden entworfenen
+Maschine zu halten. Sie betrogen die hohe Erwartung nicht; die Admiralität
+ertheilte ihm ein Ehrenzeichen und machte ihm bekannt: daß dem Strategion
+und dem Kaiser eine Nachricht von seinem bedeutenden Verdienst um den
+Seekrieg würde zugesandt werden. Bescheiden zog sich der Jüngling zurück,
+und drang in den erfreuten Lehrer, abzureisen. Das Ehrenzeichen trug er
+nicht, sondern übermachte es Ini, mit der Bitte, es mit jenem
+aufzubewahren. -- Diese hatte sich aber damals schon von Sizilien entfernt.
+
+Man schlug nun den Weg nach Spanien ein. Hier fand Guido viele Monumente
+mit traurigen Bezeichnungen, und überschrieben: »Denkmal beweinter
+Irthümer.« Gelino gab ihm hierüber folgende Auskunft: Spanien hatte vor
+mehr als einem halben Jahrtausend einen hohen Gipfel des Wohlstandes
+eingenommen. Freundlich durch die Natur begünstigt, sah man zahlreiche,
+kunstfleißige, kluge Bewohner, seiner üppigen, reitzenden Gefilde pflegen,
+in den weiten blühenden Städten wohnten Thätigkeit und Ueberfluß. Doch ein
+Sistem frevelhafter Kirchlichkeit, weiter von Religion entfernt als irgend
+in einem Lande und zu irgend einem Zeitraum der Verfinsterung, trat mit
+widrigen Maaßregeln seiner Regenten in Bund, und entvölkerte nach und nach
+den gesegneten Erdstrich bis auf ein Drittheil der alten Menschensumme. Der
+Zufall ließ Spanien die ersten Vortheile von Amerikas Entdeckung ziehn,
+weite reiche Landschaften eignete es sich dort zu, Gold- und Silberminen,
+wie sie zuvor keinem Staate gehörten, wurden sein Eigenthum. Doch dieser
+Umstand brachte, statt wiedererwachten Flor, nur tiefere Verarmung zuwege;
+denn Spanien ergab sich dem Müßiggang, das Gold wich in die Fremde, man
+sank in Schulden. Zuletzt schwelgten nur noch wenige Großen und die
+Priester, die Geisteskraft lag in den Banden des wahnsinnigsten
+Aberglaubens, die Regierung, trotz der meerumflossenen und durch die Mauer
+der Pirenäenkette gesicherten Lage von Spanien, konnte sich nicht mehr
+vertheidigen. Die späterhin geistesentwölkten Nachkommen, blickten nun mit
+Wehmuth in eine Vergangenheit zurück, die so viel Säumniß, das Gute zu
+erkennen, zu beklagen darbot. Sie meinten, wenn man der Kraft und Weisheit
+billig Denkmale stelle, gebühre solches auch wohl zerrüttenden Irthümern,
+damit die schaudernden Enkel laut gemahnt würden, auf edlem Pfad zu
+wandeln.
+
+Guido seufzte bei dieser Erzählung, freute sich aber desto inniger über das
+nun paradiesisch angebaute Land, die prangenden Reisgefilde, die duftenden
+Orangenhaine, die Weingärten, alle übrigen, welche er je gesehn, an
+Schönheit hinter sich lassend.
+
+Madrit, sagte Gelino, wird dich entzücken. Ehedem soll es eine winklige,
+ohne Geschmack aufgeführte, und über alle Beschreibung unreinliche Stadt
+gewesen sein, späterhin ist sie jedoch von Grund auf neu erbaut worden, und
+das, dem an sich lieblichen, und noch viel veredelten Klima angemessen.
+
+Guido fand die Bestätigung dieser Worte.
+
+Hatten Polen und Teutonien, durch Kultur ihrem Boden Früchte erzogen, die
+man sonst nur in Spaniens Breite sah, so hatte dies Land, durch glückliches
+Streben und bei reicherem Segen der Naturkräfte, manche Erzeugnisse von
+Afrika zu sich verpflanzt. Die Gärten um Madrit sahen die edelsten
+Feigengattungen reifen, der Pisang blühte lustig, die Dattelpalme, der
+Kokosbaum breiteten ihre dichten Laubgewölbe in langen Blättern aus, die
+Brodfrucht gedieh auf kräftigen Stämmen und erhöhte den Reichthum an
+Lebensnahrung. Gewürzstauden mancher Art, sonst ein Eigenthum indischer
+Eilande, wurden auch mit Erfolg gezogen und durchhauchten die Lüfte mit den
+angenehmsten Aromen. Madrit hatte sehr breite Straßen, in welche, zur
+erfrischenden Kühlung, Kanäle geleitet waren. Man wachte über ihre
+Sauberkeit mit fleißiger Sorge, spiegelhell wogten sie langsam zwischen den
+marmornen Bekleidungen hin. Zu beiden Seiten prangten Baumgänge, und die
+Straßen hatten ihre Benennung davon, je nachdem es Pfirsich, Granatäpfel,
+die stattliche Benta von Senegal, der nützliche Kapok, die schattige
+Pflaumenpalme u. s. w. waren, welche dort in gleichförmigen Reihen standen.
+In Herbst- und Winternächten hüllte sie am Stamm eine Decke ein, und oben
+waren Frostableiter angebracht. Vor den Häusern sah man auch in graden
+Abtheilungen Blumenbeete, und von den platten, mit Geländern versehenen,
+Dächern, winkten allerhand liebliche Stauden in Vasen, wie sie auch, von
+guten Steinwölbungen unterstützt, eine Erdlage für Lustpflanzen trugen. Die
+Einwohner brachten schöne Morgen und Abende oben zu, verrichteten hier
+mancherlei Geschäfte. Oft klang die kastilianische Guitarre, noch, wiewohl
+sehr veredelt, im Gebrauch, in süßen Melodien herab, begleitet vom Sopran
+liebeathmender Mädchen, oder der alte Fandango drehte sich auf den
+Blumenmatten der Höhe.
+
+Von den vielen Plätzen waren diejenigen, welche nicht zu Handelsmärkten
+dienten, entweder mit Lustwäldchen von Cedern oder üppigen südlichen
+Fruchtbäumen bepflanzt, oder in anmuthige Wiesenplane umgeschaffen, oder
+mit weiten klaren Wasserbecken geziert, auf denen bequeme Gondeln zu
+Freudenfahrten einluden.
+
+So glich Madrit einem großen Garten, und die Wohnungen der Menschen darin,
+Pavillonen, Nischen u. s. w. Kaum ließ sich ein reitzenderer Aufenthalt
+erträumen. Es gab auch Tempel aus Baumgewölben von seltner Höhe, unten mit
+Meisterwerken der Bildhauerei geschmückt, und die Andacht darin hatte einen
+feierlichen Zauber. Der große Hang, die Lieblichkeit der schönen Natur zu
+genießen, hatte auch mancher Bühne, aus Hecken erbaut, das Dasein gegeben.
+Bei guter Witterung sah man hier Schauspiele unter dem freien Himmelsbogen,
+oft noch ein Werk des Lope de Vega voll seltsamer Liebesabentheuer, die die
+romantisch empfindenden Einwohner nicht vergessen hatten.
+
+Dem Mansanares war ein Bett von mehr Tiefe und Umfang als Ehedem gehöhlt
+worden, er stand mit dem Minho, Guadiana, Guadalquivir u. s. w. in
+Verbindung, welche, jetzt auch geeignet Seeschiffe zu tragen, der
+Hauptstadt den Vortheil eines ausgebreiteten Handels verschafften.
+
+Nur Buenretiro und Aranjuez entzückten Guido noch mehr, als das liebliche
+Madrit, und er hätte es beweinen mögen, nicht mit Ini in diesen Elisäen
+wandeln zu können. Denn Geschmack und Reichthum hatten wetteifernd sich
+verbunden, die Gärten dort, mit Allem, was Phantasie und Herz glühend
+füllen kann, verschwenderisch auszustatten. Obgleich der Winter nahte, ließ
+ihn die noch überall grünende Wonne nicht ahnen.
+
+Der Lehrer sagte aber: Fort von hier, mein Guido! Wenn diese Lust dich, dem
+die üppigen Vergnügungen von London und Paris langweilten, im Streben nach
+Unterricht, mehr ankettet, weil die Natur höheren Theil daran hat, freut es
+mich, doch deinem Zweck darf sie dich auch nicht entführen. In tieferer
+Wissenschaft kannst du hier nichts Beträchtliches erlernen, dies Volk hat
+noch manchen Schritt zu thun, die alte Säumniß einzuholen, um neben den
+Teutonen, Britten und Franken zu stehn. Wir wollen nach Lissabon, doch auch
+da nur kurze Frist weilen.
+
+Guido folgte sogleich, er hatte Selbstbeherrschung genug, um zu wollen, was
+er sollte.
+
+Die Luftpost trug die Reisenden bald nach der westlichsten Hauptstadt in
+Europa. Dort befand sich unter andern eine berühmte Vorkehrung gegen
+Erdbeben. Weshalb Lissabon so große Summen zu diesem Zweck aufgewendet
+hatte, sieht man leicht ein. Die Anstalt würde einem Bürger des achtzehnten
+oder neunzehnten Jahrhunderts so großes Staunen aufgedrungen haben, wenn
+ihm ein prophetischer Geist davon hätte Meldung thun können, wie Jedermann
+im zehnten gefühlt hätte, wenn damals die Rede von Feuerröhren und
+Blitzableitern gewesen wäre.
+
+Doch eine andere Szene fesselte Guidos Aufmerksamkeit, wo möglich, noch
+mehr. Da er nämlich am Ausfluß des Tago umherging, kam etwas über die See,
+keinem Schiffe gleichend. Das Herannahen des Phänomens setzte ihn in nur
+heißere Verwunderung. Er begriff nicht, wie ein Gegenstand von diesem
+Umfange auf den Wogen schwimmen könne. Endlich sah er klar, daß es eine
+Insel sei, und halb Lissabon strömte hinaus, sie anzustaunen.
+
+Sie kam noch näher. Fernröhre hatten die Versammlung Neugieriger schon
+überzeugt, daß sich viele Menschen darauf befänden, welche theils auf dem
+Rasen und in den kleinen Gebüschen sich ergingen, theils in einem
+Wohnhause, das man auf dem Eilande erblickte, allerhand Zeitvertreib
+hielten. Wer konnte aber das alles erklären? War ein Stück Land irgendwo
+durch ein gewaltsam Naturereigniß losgerissen worden, und schwamm es nun
+zufällig gerade auf Lissabon her? Niemand wußte, was er denken sollte.
+
+Freundlich grüßten aber von der Insel Kanonenschüsse, und die dankende
+Antwort wurde vom Kasteel des Hafens nicht vergessen.
+
+Endlich hielt die Insel. Sie hatte eine so geringe Tiefe, daß sie unfern
+der Küste ihren Lauf enden konnte.
+
+Nun offenbarte sich aber, daß Wallfische von ungeheurer Größe, deren Köpfe
+und Rücken auch vorher, obwohl nicht deutlich, über der Fluth bemerkt
+worden waren, das Eiland gezogen hatten. Die Männer, mit ihrer Lenkung bis
+dahin beschäftigt, spannten sie jetzt von den unerhört dicken Geschirren,
+warfen Anker von seltener Schwere, und banden die Thiere an ihren Tau.
+
+Wallfische gezähmt, zum Dienst des Menschen angelehrt? rief Alles; in wem
+erwachte zuerst der kecke Einfall? welche Mittel ersann er, ihm
+Wirklichkeit zu geben?
+
+Mit einem kleinen Nachen kamen nun einige Männer ans Land, fast erdrückt
+von Portugiesen. Sie zeigten auf einen hochbejahrten Greis in ihrer Mitte,
+nannten ihn den Besitzer des unerhörten Seefuhrwerks. Alles ging diesen nun
+um Auskunft an, er mußte einen Balkon besteigen, zu der immer mehr
+angewachsenen Menge zu reden.
+
+Ich bin aus Nordamerika, Philadelphia mein Geburtsort, hub er an. Schon
+mein Vater kam in früher Jugend auf die Vermuthung, es werde möglich sein,
+sich Fischen mit seinem Willen verständlich zu machen, und ihre geringe
+Denkkraft, mit der vielumfangenden menschlichen, in Beziehung zu setzen.
+Denn, dachte er, geht dies bei Thieren vom Lande an, wo ist der Grund, es
+werde hier nothwendig mißlingen? Ohne Zweifel gab es einst Menschen, die
+den verlacht haben würden, der behauptet hätte, man könne Roß oder Stier
+zum dienenden Knecht machen. Genug, mein Vater begann sein Werk mit
+unsäglicher Mühe. Kleine Flußfische in Becken waren es, womit er den Anfang
+machte. Die Nachbarn fragten, wozu denn das je nützen solle? Dies mochte
+mein Vater auch noch nicht recht einsehen, doch machte ihn nichts irre, und
+nach Jahren konnte er doch einen Hecht, einen Aal zeigen, welche auf seinen
+Wink allerlei kleine Künste vollzogen. Der Neuheit wegen lief man herzu,
+sah es an, zuckte hernach aber die Achsel ob der eiteln Mühe. Doch mein
+Vater fuhr fort. Ein Zitterfisch, ein Kabliau und ein Hai, sehr jung
+eingefangen, kamen an die Reihe. Er fand bei diesen Thieren größere
+Gelehrigkeit, mit gebändigterem Muth bei dem folgenden Geschlecht
+verbunden, das er zog. Mit dem dritten ging es noch weiter. In einem großen
+Teich, den Meerwasser füllte, hatte der Vater eine Menge Kabliaue und Haie,
+ruderte sich auf demselben umher, sie abrichtend. Sie kamen auf seinen Ruf,
+empfingen Speise, entfernten sich wenn er es haben wollte, ließen sich
+ergreifen, sprangen sogar in den Nachen, und schmeichelten ihrem Herrn,
+indem sie aber zu bitten schienen, sie wieder in ihr Element zu entlassen.
+
+Mein Vater genoß keinen Vortheil davon, als daß er von denen, welche die
+seltsamen Künste seiner Thiere zu sehn begehrten, sich ein Zutrittgeld
+erlegen ließ, wodurch er aber dennoch eine artige Summe gewann.
+
+Eines Tages blieb ein großer Hai ganz zufällig an dem Stricke hangen, womit
+mein Vater den Nachen am Lande zu befestigen pflegte. Und so zog er diesen,
+indem er fortschwamm, hinter sich. Das kann ein neues Kunststück geben,
+dachte mein Vater, und fertigte Sielenzeug für zwei Haie an. Erst thaten
+die Thiere unbändig, eine Last hinter sich empfindend, und einen Zügel im
+Mund, sie wollten ihre Bande zerreißen, schossen gegen den Grund, was den
+Nachen in Gefahr brachte. Doch fortgesetzte Liebkosung, Fütterung, wie sie
+sie gern empfingen, und nach Jahr und Tag, gab mein Vater seinen Haien ein
+Zeichen mit einer im Wasser bewegten Glocke, sie kamen, ließen sich Zaum
+und Geschirr anlegen, und lenken, wohin man wollte. Gegen das Ende seines
+Lebens fuhr der Alte aus seinem Teich nach dem hohen Meere, holte von einem
+Küstenorte zum andern allerhand Waaren.
+
+Ich, noch ein Knabe, sann dem Dinge weiter nach. Wie, wenn man Seeschiffe
+so fortbringen könnte? Man dürfte des entgegenwehenden Windes oft spotten,
+hätte nicht nöthig zu kreutzen, würde mehr Herr der Zeit, bedürfte der
+kostspieligen Ruder nicht, und käme vielleicht schneller als mit ihnen
+davon. Aber da bedürfte es größerer Thiere. Wenn indessen der Hai zum
+Gehorsam zu bringen ist, warum sollte es nicht auch der Wallfisch sein?
+
+Der Vater starb bald, ich nahm mein Erbe, und begab mich nach Kanada, mir
+dort einen kleinen Meerbusen als Eigenthum zu verschaffen. Seine Enge vorn
+ließ ich mit einem Damm versehn, der durch eine Schleuse gesperrt werden
+konnte. Eine Wohnung erbaute ich mir am einsamen Strand, machte Niemand zum
+Zeugen meines Vorhabens, als einige Knechte, weil ich vor der Zeit nicht
+davon geredet wissen, und von keinen Neugierigen überlaufen sein wollte.
+
+Nun ruhte ich nicht, bis es mir gelungen war, vieler jungen Wallfische
+habhaft zu werden, wobei mir Taucherhütten und dazu eingerichtete Fangwerke
+dienten.
+
+Dies gelang, aber mein weiteres Beginnen war mühevoll. Doch jung, kräftig,
+ausdauernd und mein Ziel mit festem Willen ins Auge gefaßt, ließ ich mich
+nicht ermüden. Daß ich kurz bin, sage ich euch, wie ich mein Vorhaben
+funfzig ganzer Jahre lang treu verfolgte. Dann sahe ich mich aber auch
+belohnt. Es war mir ein Schertz, eine Brigg oder einen Dreimaster von
+wohleingefahrenen Wallfischen dahin schleppen lassen, ich sah jedoch auch
+ein, wie die Kraft dieser Ungeheuer noch mehr leisten könne. Da fertigte
+ich einen großen Floß, aus aneinander gefügtem Treibholz, bewarf ihn mit
+durchsiebter fruchtbaren Erde und pflanzte allerhand Gras und Kräuter
+darauf. Einige erhöhte Hügel konnten Katalpen und Akazien, andere
+Fruchtbäume tragen. Ein gemächlich Wohnhaus und Speicher zu Waaren folgten.
+So entstand das künstliche Eiland welches ihr seht. Manches Jahr übte ich
+erst die Fahrt in meiner Bai, dann ließ ich den Damm mit Pulver
+wegsprengen, die Insel zum Ozean bringen zu können, und langte damit
+wohlbehalten auf der Rheede von Philadelphia an. Die Einwohner staunten wie
+ihr. Man überzeugte sich aber bald von der Festigkeit und Sicherheit meiner
+Fahrt und gab mir reiche Ladung nach Europa, die ich verlangte. Auch einige
+Passagiere fanden sich, andere wagten es noch nicht, die Reise zu theilen.
+Die meisten unter jenen Männern sind meine Knechte. Doch fahrt jetzt zu der
+Schwimminsel hinüber, erschaut ihre Bequemlichkeiten. Der Reisende merkt
+kaum, daß es weiter geht. Welch ein angenehmer Aufenthalt. Bei heitrer
+Witterung lustwandelt man auf den Hügeln, schlummert im Grase, belustigt
+sich mit Fischfang. Ist der Himmel unfreundlich ladet das Gebäude ein, wo
+sich mehr angenehme Einrichtungen finden, als auf dem größten Schiffe,
+nicht Büchersammlung, Orchesterorgel, Lusttheater, Fechtboden u. s. w.
+fehlen. Eine Taucherhütte hängt hinten am Eiland, daß man sich auf der
+Reise beliebig in die Tiefe senken, und dort umsehen kann. Dies alles wurde
+erst in Philadelphia vollendet. Und prüft auch meine großen Waarenspeicher.
+Wohl mehr noch als ein Dutzend große Schiffe, vermag ich zu laden,
+wohlgeordnet, wohlgepackt, keinem Verderbniß blosgestellt, und dennoch geht
+meine Insel nicht tief, weil ihre Breite und Länge im ausgleichenden
+Verhältniß zu den aufgebürdeten Lasten steht. Eiliger schießen die
+Wallfische dahin, als der günstigste Wind ein Fahrzeug zu treiben vermag.
+Der Sturm kann ihnen nichts anhaben, er trifft sie nicht in ihrer Tiefe.
+Das Eiland ist zu groß um ein Spiel der Wogen zu sein, zu hoch, zu fest,
+durch Brandungen zu leiden; stranden kann es nicht leicht, und wenn auch,
+es ruhet dann sicher auf dem Grunde und es sind Winden vorhanden, die es
+bald wegschaffen. Seht, ihr Europäer, dies alles kann des Menschen Fleiß
+ins Werk richten!
+
+Der Greis endete. Man konnte nicht Chaluppen genug finden, die Neugierigen
+überzusetzen. Daß Gelino und Guido nicht zurückblieben versteht sich. Man
+fand alles, wie der Mann gesagt hatte, bewunderte am meisten die Sielen und
+Zugketten der sechs Meerungeheuer, und sahe zu, wie sie gefüttert wurden
+und die Knechte auf ihren Rücken tanzen ließen.
+
+Das Abladen der Waaren begann und der Mann verlangte an der Börse
+Rückfracht nach Nordamerika. Sie fand sich, seine Maschinen machten Alles
+in wenigen Tagen ab.
+
+Während der Zeit erwachte in Guido eine heiße Neigung, die Inselfahrt auch
+zu theilen. Wir wollten ja ohnehin nach Westindien, sagte er zum Lehrer,
+laß uns Plätze miethen. Gelino hatte kein Ohr dazu, sein Alter empfahl mehr
+Vorsicht als der jugendlich ungestüme Muth. Zu wenig ist das noch erprobt,
+mein Freund, antwortete er, Unfälle, die der Mann selbst nicht erwartet,
+könnten uns treffen. Erfahrung muß noch deutlicher über den Gegenstand
+reden, vielleicht litt diese Reise nicht von heftigen Stürmen, er wähnt nun
+seine Anstalten über alle Gefahr erhoben, und ein Andermal kann sie ihn
+überwinden. Doch dies alles leuchtete unserm Guido nicht ein, sein
+Verlangen wuchs nur am Widerstande und er drang so lange mit Bitten in den
+Lehrer, bis er, obwohl bedenklich genug, einwilligte.
+
+
+
+
+Viertes Büchlein.
+
+Reise außer Europa.
+
+
+Nun ward der Vertrag geschlossen, und das Eiland bezogen. Niemand fragte um
+günstigen Wind. Als die Ladung eingenommen war, lichtete man die Anker,
+legte die Thiere vor, befreite das Eiland vom Grunde, und fuhr unter dem
+jubelnden Nachruf der Menge ab. In wenigen Stunden sahn unsre Reisenden die
+hohen blauen Felsenküsten von Portugal nicht mehr. Guido war entzückt.
+
+Freilich raubte die Jahrzeit der Reise manches Angenehme. Im Sommer würde
+sie viel reitzender ausgefallen sein. Aber so lebte man bereits in der
+Mitte des Novembers, in Lissabon freilich nicht unbehaglich empfunden, doch
+desto mehr, als man in den nördlicheren Gewässern anlangte. Da gewährten
+die entlaubten bereiften Bäume und das falbe, mit dürren Blättern
+überstreute Gras auf der Insel, eben keinen freudigen Anblick mehr, auch
+war sie in kurzem ganz mit Schnee bedeckt. Der Inhaber hatte indessen auf
+das Vergnügen seiner Passagiere gedacht, mehrere lebendige Hasen, Füchse,
+Kaninchen verborgen, von denen er jetzt welche heraus ließ, damit man sie
+jagen könne. Einige der Reisenden belustigte das weidlich, doch Guido
+nicht, wohlthätige Schonung gegen Thiere lag in seiner Sinnesart. Er blieb
+meistens bei Gelino im Zimmer, mit Wissenschaften die Zeit verkürzend.
+
+Auf der hohen See wütheten einige Stürme, die Balken der Gebäude krachten,
+die Wellen spülten ihren weißen Schaum über die Ufer. Unbesorgt, rief der
+Pilot, es hindert unsere Fahrt nicht! In der That war es auch also. Die
+Wallfische schwammen dann tiefer, als die Wogen vom Sturm bewegt wurden, so
+wenig ein Boot vom Kräuseln eines Baches leidet, ward auch das Eiland vom
+hohlen Gewühl des Atlantus verletzt. Haus und Speicher widerstanden.
+
+Mit großen Reusen fingen die Knechte täglich kleinere Seefische in großer
+Menge, welche sie in einer Art Futterbeuteln, von eines Zeltes Größe, den
+Wallfischen gaben. Diese zehrten dann, ihren Lauf nicht unterbrechend.
+Zeigten sie sich einmal widerspenstig, wollten eine andere Richtung nehmen,
+als der an großen, mit Winden versehenen Pfählen hängende, Zügel
+vorschrieb, neckten einander beißend, oder wollten, dem Instinkt folgend,
+der Fischjagd obliegen, strafte man sie durch zackige Mastbäume deren
+Streiche ein Hebel auf sie fallen ließ. Die bändigenden Eisenstangen in
+ihren Rachen wogen mehrere Zentner, und ließen ihnen, scharf durch die
+Maschinen angezogen, die Lust des Ungehorsams bald vergehn.
+
+Nur vierzehn Tage währte die Fahrt, dann lag man auf der Rheede von
+Philadelphia. Sie war schon mit Eis überdeckt, aber das Eiland brach sich
+sowohl Bahn, als die Wallfische unter dem Rande hingleitend, ihn leicht
+wegbröckelten. Dennoch fuhren die Reisenden auf Eisschlitten zur Stadt,
+frohlockten über das Vollbrachte und wurden mit freudigem Gruß bewillkommt.
+
+Gelino war froh, diese Reise überstanden zu haben. Sie hatte ihn mehr
+geängstet, als er sich selbst merken ließ.
+
+Philadelphia hatte einen großen Umfang und viele Schönheiten der Baukunst
+aufzuweisen. An Reichthum und Vergnügungen gab sie keiner Stadt in Europa
+von ähnlicher Größe etwas nach, übertraf sie sogar. Denn die Kultur in
+Nordamerika hatte eine Stufe erreicht, welche den Vorrang der europäischen
+streitig machte. Dies konnte auch nicht anders sein, da diejenigen Mittel,
+welche einen raschen Gang der Bildung begründen können, den Einwohnern
+schon in sehr früher Zeit zu Gebote standen. Die ganze Halbinsel von der
+Honduras-Bai, bis weit hinter der Beringsstraße und Kap Lisburn hinauf, wie
+an der östlichen Seite hinter der Baffins-Bai, Grönland noch
+eingeschlossen, war nach einem schon frühen glücklichen Kriege, zu einem
+glücklichen Staat vereint, dessen viele weitläuftige Lande, jedes seine
+demokratische Regierungsform hatte, und wieder durch einen, dem
+europäischen ähnlichen Föderalismus, sich zur vollkommneren Gesammtkraft
+verbanden. Man war auch durch die Vortheile einer bequemeren Weltverbindung
+bewogen worden, die neue europäische Sprache einzuführen.
+
+Von der Hauptstadt Wassington sprach alles, wie von einem Theben oder
+Babilon, die Ufer der Ströme Lorenz, Niagara, Ohio, Susquehannah,
+Missisippi u. s. w. waren fast mit neuen Wohnplätzen besäet. Mexiko,
+Luisiana, Florida waren Erdenparadiese, nördlicher konnte man den Zustand
+der Dinge mit jenem in Spanien, Frankreich oder Brittanien vergleichen.
+Gegen die Hudsons-Bai erblickte man die Landeinrichtungen von Polen oder
+Moskau wieder. Im Innern des Landes waren die wichtigsten neuen
+Entdeckungen gemacht worden, der Unterschied zwischen Nadovessiern, Huronen
+oder Ueberkömmlingen aus der alten Welt schwand immer mehr, da diese Völker
+durch Heirathen sich verschmolzen und ihre Sitten ausgeglichen hatten, doch
+war dies vielleicht auch der Grund, weshalb die Nordamerikaner, in der
+Mehrzahl, an Schönheit den Europäern nachstanden.
+
+Guido und sein Lehrer schoben es aber bis zum künftigen Frühling auf, das
+Land zu durchwandern. Es sollte zudem sehr flüchtig geschehen, dann wollten
+sie nach Südamerika, jetzt ebenfalls ein eignes Reich, dann nach Ulimaroa,
+den ostindischen Eilanden und China. Auch einen Besuch am Kaiserhofe zu
+Calcutta gedachten sie abzustatten, und dann, über Persien die Reise um den
+Erdball zu vollenden. Afrika sollte ausgeschlossen bleiben, weil die
+Mißverständnisse, schon einige Zeit zwischen den Höfen von Neu-Carthago und
+Rom obwaltend, eine bedenklichere Ansicht gewannen.
+
+Für die Gegenwart faßten sie den Entschluß, einer Reise zum Nordpol
+beizuwohnen, wovon einst schon in Petersburg die Rede gewesen war. Sie
+fanden mehrere Gefährten, die sich eben in Philadelphia dazu bereiteten.
+Niemand sparte an den nöthigen Summen, und so trat man den Weg bald an.
+
+Ueber das alte Land der Eskimos flog die Gesellschaft in Luftfahrzeugen
+dahin, ließ die Hundsonsstraße unter sich liegen. Weiterhin ward die Kälte
+in der hohen Region zu empfindlich. Man stieg nieder und bediente sich der
+Schlitten mit Rennthieren. Sie fanden bis über Jones-Sund hinaus noch
+Anbau, freilich nur in zerstreuten Hütten von Einwohnern, die im Sommer
+sich vom Fang der Meerfische, und im Winter von jenem der Robben, Seekühe
+und anderer Amphibien nährten. Einen Beweis, daß der Mensch nach und nach
+den Willen aller Thiere beherrschen könne, fanden sie hier dadurch
+abgelegt, daß die Wölfe gezähmt und angelehrt waren, den Dienst der Hunde
+bei den Wohnungen zu versehn. Auf den Jagden bediente man sich ihrer
+allerdings mit noch größerem Vortheil. Und die Eisbären, in so furchtbarer
+Gestalt, und einer Wildheit, von der Niemand sonst sich würde haben träumen
+lassen, sie sei je zu bändigen, fand man in Ställen, um mit ihnen dort zu
+reisen, wo selbst das Rennthier oft erfror, nämlich jenseit des achtzigsten
+Grades nördlicher Breite.
+
+Die Einwohner, die man wegen ihrer unglaublichen Abhärtung ehern hätte
+nennen mögen, ritten auf diesen wohlgesattelten Eisbären und legten artige
+Strecken zurück, wer aber aus milderen Himmelstrichen kam, fürchtete, sie
+nicht lenken zu können, oder auch die zu strenge Kälte im Freien, ließ sie
+also vor die Schlitten legen.
+
+Fast gegen den zwei und achtzigsten Grad gab es noch ein Dörfchen, bewohnt
+von Verwiesenen aus Nordamerika. Ihre Häuser waren auf hohe Säulen gebaut,
+an welche Treppen hinauf gingen, um nicht von der, wohl an funfzig Schuh
+reichenden, Verschneiung überdeckt zu werden. Man sah bei dem allen hier
+Wohlstand, durch den Handel mit Kristall vom Pol, der schon bei den
+Nordländern jener Hemisspähre zur Sprache kam, erzeugt, daneben durch den
+Gewinn, welchen sie von neugierigen Reisenden, welche alljährlich ankamen,
+zogen.
+
+Man hielt alles für diese bereit, was ihnen zu Vollbringung ihres Vorhabens
+nöthig war. Die Schlitten, mit Teppichen aus dichtem Pelzwerke überall
+versehn, mit Fenstern aus sehr dickem Kristall, mit kleinen Oefen, deren
+Züge an den Wänden umhergeleitet waren, und die vermöge ihrer guten
+Einrichtung nur eines geringen Feuermaterials aus Papier bedurften, ließen
+die entsetzliche Kälte vergessen. Der Schnee hatte eine gefrorne Decke,
+über welche sie hingleiteten.
+
+Meer oder Land waren vollkommen gleich. Einem Schlitten, den etwa vier
+Wanderer einnahmen, folgte ein zweiter mit Lebensnothwendigkeiten für die
+ganze Dauer der Reise. Sie bestanden aus Suppentafeln, Gallerten, Austern,
+Fischrogen und anderen Dingen, die viele Nährkraft in kleinem Umfang
+verschließen. Doch nahm man auch Früchte in Spiritus, sogar einiges
+lebendige Geflügel mit. Zudem vortreffliche gebrannte Wasser und
+Weinessenzen. Ein dritter Schlitten enthielt Feuerungstoff, da über diese
+Linie weg, weder Holz noch Gesträuche sichtbar wurden. Ein vierter Nahrung
+für die Eisbären.
+
+Zwei Grad legte man bei dem geschwinden Lauf dieser Thiere in vier und
+zwanzig Stunden zurück, wobei man ihnen achte zur Ruhe gönnte, sie fütterte
+und ein Pelzzelt über sie aufschlug. Auch vergaß man nicht einen kleinen
+Ofen hineinzubringen. Sonst hatte die Natur für sie durch die eigne zottige
+Haut gesorgt.
+
+Aus Hundert Schlitten bestand etwa die Karavane. Es versteht sich, daß die
+Reisenden schon lange keinen Tag mehr sahen. Doch Schnee, Mondschein,
+Nordlichte oder Laternen machten, daß man die dauernde Nacht keineswegs
+hinderlich empfand, ja von diesem fremdartigen Schauspiele vieles
+Wohlbehagen der Neuheit genoß.
+
+Magnetnadel und Gestirn deuteten den Weg. Unfälle störten nicht. Acht Tage
+noch, seit jenem Dörfchen der Verwiesenen, und der Polarstern schwebte über
+Guidos Zenith.
+
+Welche Empfindung, auf dem Achspunkte des Erdballs zu stehen, wo der
+gleichmäßige Sternentanz uns umkreist, und der Vollmond (der unsern
+Wanderern eben schien) nicht untergeht! Welche Fülle neu angeregter Ideen!
+Guido umfing den Lehrer mit flammenden Dank, daß er ihm diese Entzückung
+bereitet habe. Der Alte aber, wenn gleich vielfach in Kleidung, von
+sibirischen Mäusen, Eidervögeln und Zobeln gehüllt, auch das Antlitz mit
+einer guten Larve versehn, konnte sich nicht lange aus dem Schlitten
+entfernen, wogegen der muntere Guido Stundenlang umherschweifte, bis die
+Erstarrung ihn mahnte, an den Ofen zu fliehn.
+
+Die Reisegesellschaft fand jedoch noch andere Pilger vor, die aus Grönland
+und Samojeden dem nämlichen Ziele zugeeilt waren. Wechselseitige
+Unterstützung linderte die Beschwerden, gab den Untersuchungen mancher Art,
+welche die Naturkundigen -- dies waren sie meistens -- anstellten, erhöhtes
+Leben.
+
+Einer darunter hatte eine erzene Bildsäule Newtons mitgebracht, sie hier
+aufzustellen. Alle zollten dem Einfall gerechtes Lob. Wohl, riefen sie,
+gebührt dem Manne gerade hier ein Denkmal, der schon vor vierhundert Jahren
+der Menschheit die Gestalt dieser Abdachung zu verkündigen wußte.
+
+Doch das Kristallgebirge am Pol ahnte Newton noch nicht. Die zackigen
+Spitzen erhoben sich aus dem Schnee, wunderbar funkelnd im Strahl des
+Mondes, oder vom röthlichen Nordlichte erhellt.
+
+Viel Pracht der Menschen, viele hohe Schönheitzauber, der gerne lieblich
+oder erhaben gestaltenden Natur, war an Guidos Blicken vorübergegangen,
+allein diese diamantnen Kolossen auf dem unübersehbaren, ebnen, reinen,
+weißen Teppich, galten ihm dennoch wieder das Niegeschaute, Niebewunderte.
+
+Sie umringten zuletzt einen tiefen Krater in ihrer Mitte. Es schien ein
+Vulkan, die Lava am Rande ließ es vermuthen. Wichtiger stellte sich ein
+dichter grauer Nebel dar, aus der Tiefe steigend, und hoch in der Luft nach
+allen Seiten zerfließend. An diesem Dampf und seiner Vermengung mit dem
+ganzen Luftkreis der Sphäroide hing die lebendige Simpathie des Magneten,
+deren Geheimniß aber nicht in diesem Traum der Zukunft aufgedeckt werden
+kann, um nicht Entdeckern der Wirklichkeit vorzugreifen. Die Neigung der
+Nadel hatte mit den inneren Bewegungen des magnetischen Vulkans, die auf
+das größere oder geringere Sinken der Dampfsäule wirkten, Verwandschaft.
+Die Naturkundigen meinten, ein Herabsteigen in den räthselhaften Krater
+werde noch einst viel wesentlichere Aufschlüsse geben, endlich wohl gar die
+Anziehekraft der Erde erklären lehren.
+
+Während die Versammlung mit Instrumenten mancher Art forschte, die
+Beobachtungen in Schlitten niederschrieb, mit älteren verglich, sich neuer
+Ausbeute freute, (worüber eine Zeit der halbjährigen Nacht hinfloh, die
+nach dem gewöhnlichen Maaß, vierzehn Tage enthält) waren die Männer welche
+die Schlitten führten, beschäftigt, Kristallblöcke zu brechen, und auf die,
+zum Behuf dieses Handels, noch mitgenommenen unbeladenen Schlitten, zu
+laden. Sie hatten diesmal vorzüglich geeignete Werkzeuge mitgebracht und
+bemächtigten sich auch mancher Stücke von schöner Seltenheit. Guido nahm
+eins darunter, von ansehnlicher Höhe und Klarheit in Beschlag, er wollte es
+für Ini kaufen und ihr Standbild daraus fertigen lassen. Er meinte, da
+dieser Kristall das Gold bei weitem an Glanz überträfe, und dem Diamanten,
+er mögte natürlich oder kunstverfertigt sein, gar wenigen Vorzug ließ, so
+müßte dies das herrlichste Standbild auf dem ganzen Erdball werden. Und
+seine Liebe setzte hinzu: Wie sehr verdient die erste Schönheit auch die
+gediegenste Verewigung! Doch ein furchtbar schauderhaft Mißgeschick brach
+über Guido herein. Dort so hinaus gewagt aus den Kreisen der Menschen, fand
+der Pilger auch einen mächtigeren, schwerer zu bekämpfenden Zufall.
+
+Die Reisenden aus anderen Gegenden hatten sich schon entfernt, Guidos
+Karavane machte sich fertig, den Rückweg zu nehmen. Da will der alte
+Gelino, dem die Umgebung des Pols ziemlich fremd blieb, weil er sich kaum
+aus dem erwärmten Schlitten wagte, doch die Glanzkuppen auch noch ein wenig
+besehn. Sein Zögling schweifte umher; er tritt allein, wohlverwahrt, in das
+Freie, geht weiter. Durch die Verschiedenheit der Wirkungen ergötzt, will
+er ohne Zweifel andere Stellungen betrachten, dringt mehr vor, verirrt sich
+zuletzt in dem Labirinth. Er wählt eine falsche Richtung, wieder zu den
+Seinen zu gelangen, wo man unglücklicher Weise seine Abwesenheit spät
+bemerkt.
+
+Nach einigen Stunden kömmt Guido, dessen kräftige Natur sich schon gewöhnt
+hatte, lange im Freien auszuharren; eben will man abfahren, die Bären sind
+angespannt. Er findet den Alten nicht, ruft, sucht in der Nähe. Umsonst!
+Bange um ihn, dringt er weiter und weiter, es koste was es wolle, den Greis
+auszuspähn.
+
+Darüber entfliehen Stunden. Die Reisegesellschaft sucht nun beide, doch mit
+Vorsicht, und den Kompaß zur Hand. Gelino wird bald gefunden, doch -- starr
+am kalten Boden. Man bringt ihn zu den Schlitten, erwärmt ihn, wendet
+Rettungsmittel an. Sie fruchten nicht. Der Greis ist dahin, erlag dem
+Angriff tödtlicher Kälte.
+
+Die Erschrockenen beben nun für den Jüngling, denn so lange schon ist er
+von der Wärme fern, hat auf Ruf und Zeichen sich nicht gestellt. Ein hohes
+Feuer lassen sie empor lodern, Schüsse sollen dem Verirrten seinen Weg
+deuten, seine Diener schweifen weit umher, Guido wird nicht gefunden.
+Endlich kann Niemand mehr an sein Leben glauben, die Sorge für eigne
+Rettung mahnt, abzufahren, denn die Lebensvorräthe sind berechnet. Man läßt
+jedoch, auf den undenkbaren Fall, einen kleinen Schlitten zurück, den Bären
+davor, Speise, Getränke und Feuerung. Den mag er nehmen und nacheilen, wenn
+er ja wiederkehrt; keiner der Knechte entschließt sich, zu weilen.
+
+Guido hat unterdessen auch fruchtlos den Rückweg gesucht, seine Angst um
+den Alten ihn zu weit in die Entfernung getrieben. Die Schüsse hat er nicht
+mehr vernommen, kein Feuer erblickt. Endlich, nach vielen bangen Stunden,
+fast verzweifelt in Gram, das Haar emporgesträubt durch die eigne Noth, da
+er kaum noch ein Glied zu regen vermag, gelingt es ihm, auf den Polarstern
+blickend und durch schnellen Lauf sein Blut in Bewegung erhaltend, nach dem
+Platze zu kommen, wo die Karavane stand. Er sieht einen Schlitten, und
+athmet wieder Hoffnung. Ohne weiter um sich zu sehn, wirft er sich hinein,
+die wärmere Luft ist das dringendste. Vielleicht kam Gelino selbst, denkt
+er, und entschlummert auf die schwere Ermüdung plötzlich.
+
+Beim Erwachen, das vermuthlich spät erfolgt, ist die Betäubung, welche
+vorhin über ihn kam und seine Sinne abspannte, gewichen. Warm und regsam
+wieder, peinigt ihn auch die Angst um den Entbehrten desto mehr. Ob er
+zurückkehrte? Hinaus zu fragen!
+
+Er meidet den Schlitten, wird aber keinen anderen inne. Keine Antwort auf
+sein Rufen. Was heißt das?
+
+Wer nennt jedoch des Armen grausenden Schrecken, da er, kaum im Mondlicht
+lesbar, die Worte an den Schlitten geheftet fand:
+
+»Unglücklicher! lebst du noch, so folge eilig. Der Bär ist der schnellste,
+wird uns einholen. Nothwendigkeiten ließen wir dir. Feuer sollen von Zeit
+zu Zeit brennen, daß du so weniger vom Pfade irrst.«
+
+Guido wußte nicht, ob er träume. Ihm schauderte in der gräßlichen
+Einsamkeit. Wo ist mein Lehrer? Nahmen sie ihn mit? Warum davon nichts? O
+Himmel! nein, der hätte mich nicht zurückgelassen! Und doch was soll ich
+thun? Ich muß nachfliegen!
+
+Er blickte in die Richtung des Wegs. Eine Flamme winkte in der Ferne. Sein
+Kompaß, wohlbezeichnet, lag im Schlitten. Wohlan!
+
+Nun dachte er die Zügel des Bären zu ergreifen. Entsetzen! grausames
+Entsetzen! Der Bär lag erfroren.
+
+Guido glaubte, eine Ohnmacht von vielen Stunden müsse diesem Augenblick
+gefolgt sein, denn als er wieder klar denken konnte, sah er von jener
+fernen Flamme nichts mehr.
+
+
+
+
+Fünftes Büchlein.
+
+Guidos Einsamkeit.
+
+
+So war er denn verlassen, am Eispol verlassen, in tiefer, grimmiger Nacht;
+um ihn die Oede der kalten Wüstenei, nichts ihm winkend, als Tod. Grausame
+Gefährten!
+
+Ach! rief er aus, noch hab' ich selten mit dem Schicksal gekämpft. Mein
+Leben lächelte froh, die Kriegsgefahr nahte blos, mich mit edlem Ruhm zu
+schmücken, die Liebe erhob mich über das Leben; doch nun, nun schlagen die
+Gewitter desto zorniger über mich zusammen. Hier retten nicht Muth noch
+Kraft, hier muß ich enden! o Ini, Ini!
+
+Doch sollte abermal ein Dolch in das gequälte Herz sinken. Indem er seine
+Klagen laut hinausweinte in die starre Luft, um den Schlitten irrend die
+Hände blutig rang, sah er in einiger Entfernung einen dunkeln Strich auf
+dem lichten Schnee, er nahte, es war eine menschliche Gestalt er kam hinan
+-- es war Gelinos Leichnam!
+
+Er sank daran nieder in wildem Ungestüm, über den neuen Schmerz den alten
+Jammer vergessend, küßte das kalte Antlitz mit heißen Thränen, dann riß er
+den Körper auf, lud ihn auf die Schulter, trug ihn an den Ofen des
+Schlittens, hoffte noch Leben in ihm zu wecken.
+
+Wie man denken mag, war dies Streben eitel, auch kein Sturm der Klagen
+rüttelte den Todten auf. Doch mochte die traurige Auffindung glücklich für
+Guido sein, die regsame Mühe gab seinem doppelt schreckenerstarrten Blute
+wieder Umlauf und zerstreute den Blick auf sein Elend, auch sah er zu dem
+Feuer im Ofen, das er vielleicht sonst hätte erlöschen lassen.
+
+Mit einem Schlummer aus Entkräftung mußte dies Treiben zu Ende gehn. Neben
+dem Entseelten, den Arm um ihn geschlungen, unter den nämlichen Fellen
+womit jener bedeckt war, schlief Guido fest ein.
+
+Da ging ein Traumgesicht an seiner inneren Welt vorüber. Ini, noch von
+höherer Schönheit umstrahlt, als neulich in dem Zaubergarten, trat aus
+einer Rosenwolke zu ihm, nahm seine Hand und lispelte mit himmelvollem
+Laut: »Den Starken prüfe schweres Leid. Weise forsche er in der reichen
+Kraft, sie birgt Hülfe. Wir sehn uns wieder!« Hier trat sie in die Wolke
+zurück, die sie dicht umhüllte und nach dem fernen Horizont zog, sich weit
+als eine lichte Morgenröthe verbreitend. Ueber diese Morgenröthe ging dann
+die Sonne auf, die Schneegefilde wichen ihr plötzlich, und ein lieblicher
+Frühling blühte. Von dem duftendsten Baume sang eine Nachtigall in dem
+Idiom der Melodie: »Wir sehn uns wieder,« und Guido erwachte.
+
+Ihm war, als ob er die Berührung der leisen Geisterhand noch fühle, als ob
+sie neues Leben durch alle seine Adern gegossen hätte. Er sprang auf, eilte
+hinaus. »Wir sehn uns wieder,« umtönte es noch den getäuschten Sinn
+überall, von den leuchtenden Felsgipfeln schien ein Echo es zu wiederholen.
+Ja! rief er fröhlich, ich will mich kämpfend ermannen gegen mein Elend, du,
+heilige Göttin! giebst mir Stärke.
+
+Er sann nach. Nicht unmöglich war es ja, daß andere Reisende noch ankämen,
+und ihn zu den Wohnungen der Menschen brächten, er mußte sich erhalten, daß
+in diesem Fall sie ihn lebend fänden.
+
+Der Schlitten ward untersucht, nachdem des Greises Hülle hinausgetragen
+war. Lebensmittel? Ja, dürftig, auf die Zeit eines Monats etwa. Auch
+Feuerung. Langte bis dahin ein Retter an, war das Leben zu fristen. Also
+muthig.
+
+Er ging so sparsam mit seinem Vorrath um, als es nur sein konnte, gab sich
+wechselnd Bewegung im Freien, und erwärmte die Glieder. Der Gedanke an
+seinen Traum war ein Balsam. Er kam sich oft vor, wie eine Mumie, die
+dieser Balsam vor Zerstörung bewahrte.
+
+Es war um Neujahr, als der Eremit verlassen worden, der traurige Monat
+schwand bald hin, noch mangelte ihm aber nichts, so kärglich hatte er
+gewaltet. Aber auch kein Wanderer nahte. Wozu jedoch den Trost der Hoffnung
+aufgeben? »Wir sehn uns wieder,« hatte das Traumgesicht verkündet.
+
+Noch ein Monat floh hin, nun war keine Speise mehr vorhanden. Nun glaubte
+er das Gespenst des Todes schon zu sehn. Wo wir nicht mehr sterben, sagte
+er sich, dort seh ich Ini wieder. Doch sein Auge fiel auf den Eisbären am
+Schlitten. Daran hatte er noch nicht gedacht. Die Kälte hatte ihn
+vollkommen erhalten. Freudige Ueberraschung!
+
+Er hieb mit seinem Schwerte ein Glied davon traf Anstalt es zu braten.
+Herrliche Kost in der Noth! Das Thier war groß. Wirklich konnte er Monate
+lang davon zehren.
+
+Aber die Feuerung drohte auszugehn. Nur auf wenige Tage noch, nach dem
+Maaße von dort, wo Tag und Nacht gewöhnlich wechseln, gab es Stoff die
+kleine Flamme zu unterhalten. Wohlan, Ergebung!
+
+Da wachte Guido einst von einem starken Getöse auf. Was ist das? Er sieht
+hinaus. Eine hohe Feuersäule. Der nahe Vulkan speit Schlacken-Hagel um ihn,
+Lava schlängelt sich in Bächen an den Gletscherkuppen, und versinket im
+geschmolzenen Schnee.
+
+Fürchterlich erhabenes Schauspiel, doch freudebringend dem, der allein vom
+Feuer Rettung hoffen kann. Warm ist die ganze Luft von der Flammensäule,
+glühende Schlacken genug, sie auf den Absatz eines Kristalls zu sammeln,
+und den ganzen Ueberrest des Bären daran genießbar zu machen, der dann
+weiter weggetragen wird, wo der Schnee nicht mehr an den Gluten zergeht.
+Eben dies muß mit dem Schlitten, der schon tief einsank, mühevoll
+geschehen.
+
+Der Vulkan ruht, speit wieder, hört auf. Die Erfahrung belehrt Guido, daß
+die Schlacken lange fortglühn, im Krater sieht er ungeheuern Vorrath davon.
+Er darf nichts mehr für sich vom Frost fürchten, doch ach! die Hoffnung auf
+Reisende kann er nicht länger nähren, schon ist es im März, wer wird sich
+noch hieher wagen? Auch noch nie hatte ein Sterblicher im Sommer zum Pol
+dringen können, durch das Treibeis auf dem Meer und überschwemmten Lande
+abgehalten Zu einer Luftfahrt war es zu weit von bewohnten Ortschaften, man
+fürchtete den Mangel an Lebensnothwendigkeit.
+
+Nun ich friste das Leben, so lange ich kann, dachte Guido, die Phantasie
+immer noch mit seinem Traum gefüllt.
+
+Jetzt umschimmerte ihn ein röthlich Licht, das nicht mehr, wie sonst der
+Nordschein, wich, sondern fortan blieb. Guidos Uhr, welche ihm allein hier
+den Gang der Zeit sagte, ließ ihn nicht zweifeln, das röthliche Licht sei
+die Dämmerung des halbjährigen Tages, der über dem Rande der Sphäroide
+anbrechen wollte, denn die Tag- und Nachtgleiche des Frühlings war da.
+
+Immer mehr Helle, ein glühenderer Schein, der in vier und zwanzig Stunden
+um den sichtbaren Horizont lief, und an Herrlichkeit zunahm.
+
+»Gewiß, gewiß die Morgenhelle. Ich werde die Sonne noch einmal sehn, und
+dann sterben.«
+
+Welche Pracht, da endlich die klare Scheibe aus dem fernen Rand emporstieg,
+wo Aetherblau und Schnee sich schieden, nach jedem Umgang voller, endlich
+ganz heraus getreten, um nun sechs Monat zu weilen! Guido vergaß in der
+Trunkenheit des Entzückens, in die Zukunft zu schaun, der Anblick der
+Gegenwart riß ihn allein hin. Je höher die Sonne stieg, je reitzender wurde
+auch das bunte Feuerspiel jener bestrahlten Kuppen, die nun ihren Glanz
+viel heller und in mannichfacheren Farben zurückgaben.
+
+Noch konnte Föbos den Schnee nicht schmelzen, aber die Kälte ließ merklich
+an Grimm nach. Bald ward aber der Boden feuchter und feuchter, die
+Gletscher traten mehr hervor. Guido suchte einen breiten Felszacken, den
+Schlitten und seinen Lebensvorrath hinauf zu retten, denn er befürchtete
+strömende Flut.
+
+Dies traf auch nach einem Monate ein, wo er denn sehr peinlich auf dem Fels
+weilen mußte, doch verlief sich das Wasser, und breite Thäler entdeckten
+sich Guidos Blicken, von brausenden Gießbächen durchwogt.
+
+Er stieg nach und nach am Gletscher nieder, den noch übrigen Vorrath nicht
+vergessend. Nicht ohne Gefahr, und manche Mühseligkeit duldend, konnte es
+geschehn. Doch sah er auch, wie die immer scheinende Sonne nun aus der Höhe
+mit wunderbarer Gewalt die Szenen umwandelte. Kaum waren niedrige erdige
+Hügel von der Winterdecke befreit, als auch Gras und Kräuter schnell sie
+deckten, und zu Guidos froher Befremdung Geflügel ohne Zahl sich einfand.
+Besonders sah er Heere von Eisvögeln, die sich ins hohe Gras bargen, und
+ihn hoffen ließen, er würde an ihren Eiern neue Nahrung finden, woran es
+ihm nun entschieden gebrach.
+
+Die Hoffnung betrog den kühnen Ausdaurer nicht. Nest bei Nest ward
+gefunden, die Eier waren schmackhaft und nährend.
+
+Seines Schlittens freute er nicht mehr. Der stand auf dem Gletscher, der
+hoch über ihn ragte. Aber es galt auch nicht mehr, sich gegen Kälte zu
+schirmen, sondern gegen flammende Hitze, die um so drückender war, als der
+leuchtende Körper, von dem sie niederbrannte, nicht mehr unterging. Guido
+empfand sogar Krankheitanfälle von dem ungewohnten Wechsel, doch waren auch
+Klüfte in den Thälern vorhanden, wohin er sich bergen konnte, und er säumte
+auch nicht, sie dicht mit Gras zu überdachen. Zudem badete er oft in den
+kalten Gießbächen, oder flüchtete hinter Gletscher, über welche auch der
+anhaltende Sonnenschein nichts vermochte. Uebrigens hielt die Witterung den
+gleichmäßigsten Schritt. Stürme gab es an der Achse nicht, weil nur der
+Umschwung des Erdballs sie erzeugen kann. Auch kein Regen sank nach dem
+Frühling mehr nieder, klar blieb der Aether.
+
+Nun entwarf Guido einen Plan für die Folge. Ohne Zweifel, sagte er sich,
+langen im nächsten Winter Reisende an, gelingt es mir, mich bis dahin zu
+erhalten, bin ich nicht verloren; also, neuen Muth!
+
+Er suchte von den Vogeleiern eine beträchtliche Menge zusammen, und trug
+sie an jenen Gletscher hinauf, so weit er jetzt gelangen konnte. In
+Vertiefungen, wohin die Sonne nicht drang, meinte er, würden sie dauern.
+Späterhin fand er junge Vögel in eben solcher Zahl, tödtete sie und grub
+sie in den Schnee tiefer Hölen, der nicht zerging. Manche wohlschmeckende
+Kräuter und Wurzeln wurden dazu gelegt. Gras schnitt er fleißig ab,
+breitete es auf den Boden. Gedörrt sollte es ihm einst zur Feuerung dienen.
+
+Bald hatte er von dem allen so viel gesammelt, daß er mit Zuversicht in den
+nächsten Winter blicken konnte. Betrügt mich dann meine Hoffnung nicht,
+sagte er zu sich, darf ich es nicht bereuen, das wundervolle Schauspiel
+eines halbjährigen Tags, der Erste von den Sterblichen, gesehn zu haben.
+
+Nach gesammeltem Vorrath, gab er sich naturkundigen Untersuchungen hin,
+entdeckte viel, wovon die Gelehrsamkeit noch nichts wußte, schrieb das
+Hauptsächliche seiner Bemerkungen, so gut es gehn wollte, auf der
+Innenseite eines Fells mit Kohlen von Wurzeln nieder, und erwartete
+sehnlich das Spätjahr, da die Sonne schon merklich sank.
+
+Nach grade fielen die aufgestiegenen Dünste in Regen, dann in Reifgestalt
+nieder; die Zugvögel hatten sich entfernt. Schauderhafter wurde die
+Einsamkeit, da alles Leben schwieg. Die Kälte nahm merklich überhand, indem
+die rötheren Sonnenstrahlen immer schwächer die Luft durchwärmten, und ehe
+sie noch ganz untergegangen waren, verhüllte schon der dichte Schneeflor in
+den Lüften ihren Anblick. Oede war der langen Nacht trauriger Anbruch.
+
+Guido trug seine Vorräthe immer höher; nach jeden Schlummer bemerkte er,
+wie der weiße Teppich angewachsen war, auch durch den zunehmenden Frost
+gehärtet. Das Verlangen nach Schlitten und Ofen wurde groß, meistens wärmte
+er sich nur durch die angestrengte Arbeit, seine Nothwendigkeiten von
+Zacken zu Zacken des Gletschers tragend, in dem Maaße, als die
+Schneegebirge die Thäler mehr füllten. Dann zündete er mit seinem Feuerrohr
+dürres Gras an, und schlummerte.
+
+Endlich nahm die Schneedecke jene alte Höhe wieder ein, Guido war zu seinem
+Schlitten gekommen, und hatte auch diesen flüchten können, indem er ihn nur
+immer etwas aus dem letzten Schnee hervorzog. Er war vollgepackt mit
+Vögeln, Eiern und Wurzeln, anderweitiger Vorrath davon in eine Höhlung des
+Gletschers, nahe an seiner Spitze, gebracht. Das dürre Gras stand in einer
+hohen Piramide.
+
+Gelinos Körper fand er nicht mehr. Den Platz auf einer flachen Steppe,
+wohin ihn der Jüngling neulich schaffte, hatte der Vulkan mit Schlacken und
+Lava überdeckt, ohne Zweifel ihn so verzehrt. Ein erhaben Grab, in der
+That! Die Freundschaft konnte ihm daheim es nicht so bereiten.
+
+Nach und nach hörte das Schneien auf, grimmiger bleibender Frost folgte.
+Mond, Sternenlicht, Meteore, brachten die Erscheinungen des vorigen Jahres
+abermal hervor. Guido, wohl vertraut mit den feindlichen Umgebungen
+widerstand ihnen vollkommen. Im Schlitten ging die gute Erwärmung nicht ab,
+er hatte nicht nur Lebensmittel genug, sondern konnte auch damit wechseln.
+So harrte seine Sehnsucht der Mitte des Winters entgegen, und wankte die
+freundliche Hoffnung, richtete ihn die Weissagung des Traumes, an die er
+schwärmend glaubte, wieder auf.
+
+
+
+
+Sechstes Büchlein.
+
+Schluß.
+
+
+Nicht umsonst hoffte er. Noch vor der Mitte erging er sich einst zur
+Bewegung, da vernahm sein Ohr fremde Laute. Er horcht, höher wallt und wogt
+es in der Brust, er wendet das Auge nach dem Ton hin -- ein heller Fleck am
+Horizont!
+
+Der Mond schien eben nicht, nur vom Schnee Dämmerung. Desto deutlicher die
+Flamme dort sichtbar, wie sie sich vergrößerte. Der antreibende Zuruf
+fahrender Männer zu unterscheiden, oft ein Geheul von Bären.
+
+Guido warf sich auf sein Angesicht. Du unbegreiflicher Gott, dem ich hier
+oft den Geist empfahl, dein Geschick will mich wieder zu den Menschen
+bringen. Dank, dank, wenn du auf mich siehst!
+
+Der Schlittenzug kam näher, hielt jedoch seitwärts von der Stelle wo Guido
+sich aufhielt. Dieser lief kaum noch athmend dorthin, blieb aber verwundert
+stehn, als er seinen Namen vielfach nennen hörte. Wie wissen diese
+Reisenden von mir? fragte er sich.
+
+Der Zug enthielt mehr Fahrzeuge als im vorigen Jahre. Ein ansehnlicher Mann
+war ausgestiegen, und rief: Ich muß Guidos Leichnam finden, sonst -- ich
+muß seinen Leichnam finden, sonst kehre ich nicht nach Rom zurück,
+wiederholte der Mann ängstlich.
+
+Guido trat hinzu. Wer sucht mich? Ich bin Guido.
+
+Unbeweglich in hohem Erstaunen blickte alles auf ihn. Niemand schien zu
+glauben, zu begreifen. Er ist es, fing endlich einer aus dem Haufen an, im
+vorigen Jahre die Reise theilend. Wir harrten lange auf dich, suchten,
+gaben Zeichen. Da wir den Leichnam des Alten fanden, mußte Jedermann auch
+auf deinen Tod schließen. Die eigne Sicherheit gebot uns Entfernung, doch
+blieb noch ein Fuhrwerk da --
+
+Gut, gut, fiel der seltsame Einsiedler ein, es gelang, mich zu erhalten,
+daß ich froh der Rettung entgegen athme, mögt ihr denken.
+
+Ist es kein Wahn? Lebend? Lebend? brach nun jener angesehene Mann aus, dem
+zeither Befremdung den Mund versiegelt hatte. Und kaum hoffte ich die
+theuren Reste noch zu entdecken, hielt es unmöglich --
+
+Und wer bist du? fragte Guido, heiße Verwunderung in der Stimme.
+
+»Lelio ist mein Name.«
+
+Wie, Lelio, der Vertraute des Kaisers?
+
+»Der nämliche! Um die Zeit, wo du von Lissabon dich nach Amerika gewandt
+hattest, brachen die Kriegflammen mit Afrika aus. Umsonst waren alle
+Bemühungen den Frieden zu erhalten. Das Heer, in Eilzügen aus Moskau nach
+Kalabrien rückend, sollte einen Feldherrn wählen. Die einmüthige Stimme
+nannte dich!«
+
+Mich, mich! rief Guido mit entzücktem Staunen.
+
+»Dich! Vom Strategion wurde zur hohen Freude des Kaisers die Wahl
+bekräftigt. Daß sein Wort der Entscheidung nicht fehlte, versteht sich.«
+
+O wie viel Milde, wie viel Güte ließ mir dieser Großmonarch schon
+angedeihn. Ich Unglücklicher, der so selten ihn sah, noch nie ihm danken
+konnte!
+
+»Eilboten flogen nach Portugall. Da warst du nicht mehr. Ein Schiff konnte
+die schneller bewegte Insel nicht einholen. Da es zu Philadelphia anlangte,
+hatte dich edle Neugierde zum Pol geführt. Man säumte nicht, dir
+nachzusenden. Ueberall kamen die Boten zu spät, und erfuhren von der
+rückkehrenden Karavane dein Misgeschick. Es ward nach Europa gemeldet. Mit
+dem höchsten Schmerz vernahm es der Kaiser. Ihm schien unendlich viel an
+den jungen Helden zu liegen, man begriff kaum, wie der sonst so
+gleichmüthige Mann beinahe dem Kummer erlag, wiewohl die Folge ihn gerecht
+nannte. Es blieb am Ende nur der traurige Trost übrig, deinen Leichnam zu
+suchen, und ihn nach dem Tempel der Unsterblichkeit zu bringen. So wollte
+es des Kaisers Machtwort. Im Sommer war es unmöglich den Nordpol zu
+erreichen, kaum aber brach der Winter an, als ich mich aufmachen mußte, um
+jeden Preis deine Hülle zu erspähn. O welch Glück wurde mir! seine Freude
+wird so die Schranken überfliegen, als jener Gram, von dem immer noch sein
+zerstörtes Herz sich nicht ermannen konnte.«
+
+Unbegreiflich! Wie hoch, wie unverdient ehrt mich der Kaiser! Was soll ich
+thun, dieser Liebe würdig zu sein!
+
+»Der Krieg begann. Die Flotte aus Brittannien nahm das Heer ein. Auf der
+mittelländischen See traf sie jene gefürchtete aus Neu-Karthago. Eine neue
+Erfindung, welche der Ruhm dir zuschrieb, machte, daß der Sieg sich zu uns
+neigte. Das Heer konnte in Afrika ans Land steigen. Doch hier wandte sich
+das Glück. Die Unsrigen, mit großer Uebermacht im Kampfe, verloren eine
+Hauptschlacht. Der Feldherr, dem man einige Schuld gab, sank. Nachdem der
+Tapferen eine große Zahl gefallen war, mußten sie zurück auf die Schiffe.
+Diese, nicht mehr gehörig bemannt, wurden verfolgt, liefen zu Neapel ein,
+während die Feinde Sizilien besetzten, wo die rohen Negerhorden der
+Afrikaner wilde Verheerungen begannen. Noch gelang es nicht, die Insel
+ihnen wieder zu entreißen.«
+
+Sizilien! o mein Sizilien! Ini, wo magst du weilen? Wie trüben diese
+Nachrichten meine Wonne!
+
+»Ein neues Heer steht jedoch in Italien. Eile, den Feldherrnstab zu
+nehmen!«
+
+Fort, fort! schrie Guido, keine Minute länger. Noch einen bethränten Blick
+warf er auf des Lehrers Grab, unter dem Lavahügel.
+
+Die Karavane brach sogleich zum Rückwege auf. Was ihn nur beschleunigen
+konnte, wandte man an, und nach zwei Wochen befand sich Guido schon wieder
+in Philadelphia. Dort stand noch sein Kristallblock. Diesen nahm er mit auf
+das schwimmende Eiland, zur Reise über den Atlantus gedungen, die sogleich
+angetreten wurde.
+
+Er mied während dieser Zeit das Zimmer nicht, einen Plan zu dem Feldzuge
+auszuarbeiten, selbst staunend über die vielen genievollen, kühnen,
+niegekannten Hülfsmittel, die sich ihm aufdrangen, die hellen, gediegenen
+Resultate von Wissenschaft, Denken, Lebensansichten, in einen Fokus
+zusammenstrahlend. Nicht hatte er diesen üppigen Reichthum an Einfall in
+sich geahnt, und schwelgende Gefühle erfinderischer Wollust rötheten sein
+Antlitz flammender.
+
+In Lissabon blieb jener Kristall. Guido stieg sogleich mit dem Vertrauten
+des Kaisers in eine Luftgondel, nach Italien zu fliegen. Auf den Posten von
+Alikante, Palma, Cagliari sah er, so viel es nur sein konnte, zu der
+Anstalten Eil, und traf in so kurzer Zeit, als noch nimmer Reisende, zu Rom
+ein.
+
+Noch hatte er die Hauptstadt von Europa nicht gesehn, doch würdigte sein
+Drang sich dem Kaiser zu zeigen, das hergestellte Kolosseum, den mit Gold
+gedeckten Tempel der Unsterblichkeit, den Bühnen, Termen, keines Blickes.
+Kaum legte er ein ander Gewand an in der Herberge.
+
+Der Vertraute eilte voran zum Pallast, dem Kaiser sein Glück zu melden.
+Dieser breitete die Hände dankend gen Himmel aus, schloß Guido, der gleich
+folgte, bebend in seine Arme, und führte ihn stumm ins Strategion, das
+grade eine Versammlung hielt.
+
+Die Räthe bewillkommten ihren Gebieter mit Ehrfurcht, zugleich überrascht
+bei der seltenen Bewegung die an ihm sichtbar wurde. Nicht gleich konnte er
+noch zu Worte kommen, dann sammelte er sich, Guido in die Mitte des Saals
+führend, und sprach:
+
+Ihr Väter, ich stelle euch meinen Sohn vor!
+
+Der Jüngling starrte.
+
+Entzücken loderte auf jeder Wange. Niemand vermogte zu reden.
+
+Endlich fuhr der Kaiser fort: Lange genug ließ ich ihn fern von mir
+erziehen. Urtheilt, was mein Vaterherz empfand, wenn er mit so frühem Ruhm
+sein jugendlich Haupt bedeckte. Von meinem Schmerz bei jener bangen Kunde
+wart ihr Zeugen, und ahntet doch nicht, was meine Brust zerriß, nicht sagte
+ich es euch, denn immer noch schimmerte mir eine strahlende Hoffnung. Sie
+hat Wort gehalten!
+
+Guido umfaßte seine Knie, Tausend jubelnde Glückwünsche, nicht von
+Schmeichelei, sondern von edlem Wahrheitsinn aufgelegt, wurden im Saale
+laut. Die Nahverwandten brachen in süße Freudenthränen aus.
+
+Nun führe er das Heer, rief der Kaiser. Mit Schmerz entlasse ich ihn
+wieder, doch des Vaterlandes Noth ruft. Nicht mein Sohn, der Held, durch
+einmüthige Wahl gerufen.
+
+Er führe es! rief alles.
+
+Ja, mein erhabner Vater, ich eile ins Waffenleben und kehre nicht wieder,
+als meiner Geburt und deiner Milde werth, stammelte Guido, in heiliger
+Rührung.
+
+Der Vater umarmte ihn wieder. Nach seinem ersten Siege prüfe ihn der
+Völkerrath, und erkläre ihn zum Erben des Kaiserthrons, denn ich will
+fortan des hohen Alters Sorge mit ihm theilen, sprach er.
+
+Neuer freudiger Zuruf! Doch -- wenn Guidos Augen das Entzücken so vieler
+neuerwachten Gefühle verkündeten, so überzog ein Dunkel seine Stirn, das
+Jedermann wahrnahm, allein Niemand zu erklären wußte.
+
+Auch der Kaiser fand dies plötzliche Versinken in nachdenkenden Ernst
+räthselhaft. Schnell aber fing er an: Ich errathe ihn. Er ließ den edlen
+Gelino am Pol, wie mein Vertrauter erfuhr. So lange vertrat mich der Greis
+beim Sohn. Liebe weint dem zweiten Vater nach. Der Staat verdankt ihm die
+Bildung seines künftigen Oberhaupts. Mehr als Siege gilt dies Verdienst.
+Sucht den Leichnam, baut ihm ein Grab, das die Nachwelt ehre!
+
+O, fiel Guido ein, sein Grab bleibe dort. Die Natur baute ihm selbst einen
+Obelisk. Doch sein Standbild last uns daneben erhöhn, wo Newtons Denkmal
+steht.
+
+Gewährt, mein Sohn! rief der Kaiser, und was du sonst bitten willst, deine
+Liebe vertraue mir.
+
+Ha mein Vater! entgegnete Guido feurig und heiter, nach meiner ersten
+Schlacht, ergreif ich deine Hand, dich an dies Wort mahnend.
+
+Wohlan, sprach der Kaiser.
+
+Man verließ das Strategion. Guido empfing die Feldherrnumgebung, hing noch
+mit dem schönen Ungestüm neuempfundener Kindesliebe, an der Brust des
+klagenden Vaters, und riß sich dann männlich weg, der Stimme des Ruhmes zu
+folgen.
+
+Wehmuth, tiefe Wehmuth im Herzen mußte er bekämpfen, bei allem Glück der
+Hoheit, das ihn überrascht hatte. Ach, sagte er sich oft unterwegs, den
+Feind überwinde ich wohl, doch mich, wie mich, wenn es den Streit gilt, den
+ich unglückselig fürchte.
+
+Das Heer in Kalabrien nahm ihn mit jauchzendem Beifallgetöse auf. O hätte
+uns Guido in Afrika geführt, rief alles, wir feierten Triumphe wo wir
+gebeugte Ueberwundene seufzen!
+
+Doch ein neuer Muth beseelt die Krieger. Freudig nahm man die neuen
+Anordnungen auf, ihre Weisheit bewundernd. Guido ließ keinen Augenblick
+ohne Thätigkeit entfliehn. Jedem alten Gebrechen ward abgeholfen.
+Begeisterung strömte in jede Brust.
+
+Dann eilte er zur Flotte, die man ausgebessert hatte und gab Befehl die
+Truppen einzuschiffen. Nicht weit von Palermos Vorland traf man auf den
+Feind, der mit neuer Ueberlegenheit heranzog, in Hoffnung, selbst Italiens
+Gestade zu betreten.
+
+Der große Kampf begann. Reiche Ernten hielt der Tod an beiden Seiten. Mit
+Götterkraft leitete der jugendliche Feldherr. Seine erfundene Vorrichtung,
+noch jetzt vervollkommnet, brachte jedesmal Erfolg, wenn man einem
+feindlichen Schiffe nahen konnte. Und das geschah oft, denn trotz dem
+Flammenregen von Oben, trotz der Taucher Heimtücke in den Wogen, trotz dem
+todbringenden Donner der Batterien, gegen welche die Kunst sich mit weiser
+Besonnenheit vertheidigte, drang man desto kühner an, nachdem Guidos
+Fahrzeug das erste leuchtende Beispiel gegeben hatte.
+
+Viele Galleonen der Afrikaner lagen im Meere, ihre Linie war durchbrochen,
+die hartnäckige Abwehr auf den Flügeln überwältigt, der feindliche Feldherr
+den Heldentod gestorben. Der Nachfolger jedoch gab über das eindringende
+Entsetzen die Hoffnung auf, wollte den Ueberrest retten und ließ die
+Signale zum Rückzug wehen.
+
+Einige Schiffe folgten, andere, deren Mannschafft zwischen Tod und Sieg
+wählen wollte, nicht. Desto mehr Vortheil für die Europäer in jener
+Uneinigkeit. Viele wurden umschlossen und mußten, da dennoch kein Ausgang
+zu finden war, und sie ein Fahrzeug nach dem andern in die Wogen versenkt
+sahen, sich ergeben.
+
+Guido ließ sie nach Neapel bringen, sandte eine Abtheilung gegen Sizilien,
+das Eiland vom Feinde zu reinigen und gab ihrem Anführer mit heißklopfendem
+Herzen auf, von Athania und ihrer Pflegebefohlnen Kunde einzuziehn.
+
+Dann folgte er den Flüchtigen eilig. Manche davon fanden ihr Verderben noch
+vor der Heimath. Die anderen kamen ans Gestade und stellten sich in festen
+Verschanzungen auf, eine Landung abzuschlagen.
+
+Guido kannte den Werth der Minute. Jene hatten sich noch nicht entwickeln
+können, da sprang er schon mit Tausenden von Tapfern an die Küsten und
+stürmte ihre Wälle. Die Minire wühlten erst Gräber, als die schnelle
+Kühnheit schon über sie hinaus gedrungen war. Bald waren auch Guidos Reuter
+auf dem Boden und bahnten sich Wege. Seine Luftkrieger trugen den Preis
+über ihre Gegner davon, weil sie sich eines von ihrem Feldherrn ersonnenen
+Geschosses bedienten, das jene noch nicht kannten. Bald war die Verwirrung
+unter den Afrikanern allgemein, sie mußten eine andere Stellung suchen, und
+das europäische Heer ward vollend ausgeschifft.
+
+Guido, zweimal, doch nur leicht verwundet, ordnete eine zweite Schlacht,
+die mit Anbruch des folgenden Tages begann. Die Afrikaner hetzten
+angelehrte Tiger und Löwen in die Reihen, Guidos Schützen erlegten sie
+lachend. Tausende von Elephanten, in Harnische gekleidet, auf ihren Rücken
+kleine Kastelle, donnerten daher über den Boden. Sie waren dem Heere aus
+Neu-Karthago zu Hülfe gesandt. Guidos Batterien standen so vortheilhaft,
+seine großen Röhre wurden so gut bedient, daß die Ungeheuer bald den Sand
+mit ihren Kadavern deckten. Leichte Schützen bedienten sich ihrer als
+Wälle, und trafen, mittelst der von Guido erfundenen Gläser, ungesehen
+ihren Feind. Dichte Negerschaaren, wuthtrunken durch Opium und ein mit
+vorüberfliehender Tollheit füllendes Kraut, drangen gleich schwarzen
+Hagelwolken daher und überzogen den Boden der hellen Gefilde mit Nacht.
+Bald schwieg ihr Mordruf und Blutströme rannen zwischen den dunkeln
+Leichnamen hin.
+
+Guido bestieg eine Luftgondel, aus der Höhe den Streit zu überblicken.
+Zeichen lenkten den Fortgang. Plan, Technik, Zeitgeist überwogen hier, dort
+die Zahl, die Tapferkeit drückte mit gleicher Schwere auf die Waage. Doch
+entschied der Genius endlich, die Afrikaner flohen.
+
+Guido ertheilte seine Befehle, zu kluger, nachdrücklicher Verfolgung, und
+besah den Graus der Wahlstäte. Nicht, wie vordem einst, durchglühten ihn
+die Sieggefühle mit Entzücken, schwermüthig sann er über die verderblichen
+Leidenschaften, welche Völker anreitzen, sich zu erschlagen. O, wann wird
+das enden! rief er, wann die Fahne des Friedens wehn, auf allen Hainen und
+Auen, Brudersinn die Zwietracht ewig verbannen! Das einsame Jahr dort am
+Pol, ihn abscheidend von Sinnenwahn und Täuschung, hatte sein Gemüth noch
+mehr in Einklang mit der besseren Weltmoral gebracht, die Inis reine Brust
+athmete. Ging er auch noch mit frohem Heldenfeuer in den Kampf, sank nun
+dennoch eine Thräne auf seinen Lorbeer, und alle Triumphjubel, alle
+Glückwünsche konnten ihn nicht erheitern. Er ordnete übrigens den Krieg wie
+zuvor, und sandte abermal nach Rom Meldung; denn schon nach dem Siege auf
+den Fluten war es geschehen.
+
+Er empfing auch Nachrichten aus Sizilien. Das Eiland war genommen, die
+meisten Truppen der Gegner dort gefangen, doch die Frage, welche sein Herz
+so nahe anging, blieb ohne Auskunft. Man hatte von Athania seit länger als
+einem Jahre nichts auf Sizilien vernommen.
+
+O Geliebte! seufzte Guido, so lange Zeit verstrich, ohne daß ein Brief mich
+gesucht hätte. Solltest du die Feindschaft deines Vaterlandes theilen, und
+den Jüngling vergessen wollen, der, ein Europäer, Afrika bekriegen muß?
+Dies wäre grausam, grausam!
+
+Aber wenn auch deine Liebe noch fortglüht, wenn sie höher als das Leben der
+Phantasie emporflammt, was wird aus dem Kaisersohn werden? Die Schlacht ist
+gewonnen, aber darf er auch mit diesem Flehn dem Vater nahn? Wird sein
+frostig Alter die Hoheit meiner Liebe fassen? Wird er nicht zürnen, daß in
+des Helden Brust eine andere Leidenschaft, als die für den Ruhm glühte?
+Wird er nicht fordern, daß ich eine Gattin aus den hohen Geschlechtern
+erkiese? Doch muß ich ihm das Herz offenbaren.
+
+Der Feind zog weiter ins Land; Guido gewann Freiheit, Neu-Karthago, die
+stolze Wetteifrerin mit jener Stadt im tiefen Alterthum, der sie Namen und
+Standpunkt abborgte, zu belagern. Der Hof hatte sich jedoch schon fliehend
+entfernt, den Weg zu einer anderen großen Hauptstadt im Innern von Afrika
+genommen. Diese lag an den Quellen des Senegal, war aber noch weit von der
+Vollendung entfernt, welche man ihr zu geben dachte.
+
+Es wird hier nöthig, die Geschichte dieses Erdtheils in den letzten
+Jahrhunderten nachzuholen.
+
+Gegen das Ende des neunzehnten waren es endlich die Europäer müde, Hohn und
+Schmach von den Staaten Marokko u. s. w. zu dulden. Ein Heer setzte nach
+Algier über, nahm diese Stadt ein, zertrümmerte die Regierungen von Tunis,
+Tripoli, und breitete sich nach und nach von einer Seite bis Egipten, von
+der anderen bis Zanhaga aus. So wurde der gesammte Norden von Afrika eine
+europäische Kolonie, wohin große Auswanderungen geschahen. Die Kultur
+blühte auf, Neu-Karthago wurde gegründet. Man untersuchte das immer noch
+unbekannt gebliebene Innere. Doch vermochten die neckenden Streifereien der
+Sultane von Darfur und Borun, die Anfälle der schwarzen Nazionen von Gago,
+Tombut, Bombakoo, die Unsicherheit der südlichsten Wohnplätze, immerfort
+Krieg zu führen, und vertheidigend eroberte die bessere Kunst. Nach Hundert
+Jahren gehorsamte halb Afrika.
+
+Die Schwierigkeit, das große Ganze zu überblicken, machte, daß glückliche
+Heerführer Königreiche empfingen, wiewohl abhängig vom Mutterstaat. Mancher
+Zwist unter ihnen selbst, der Stolz auf die Gesammtkraft, die meergetrennte
+Lage, brachten sie aber zuletzt auf den Entschluß, ihr Verhältniß von dem
+europäischen zu trennen, und selbst einen Kaiser zu wählen. Vergebens
+kriegte Europa, sie behaupteten ihre neue und allerdings kluge Verfassung,
+um so mehr, als die aufgeklärteren Männer unter ihren Gegnern ihr selbst
+Beifall gaben. In dem folgenden Frieden breitete sich aber die Herrschaft
+der Christen in Afrika noch weiter aus, und gegen das Ende des ein und
+zwanzigsten Jahrhunderts, gehörte, bis zum Vorland der guten Hoffnung,
+alles unter die Obergewalt des Kaisers.
+
+Er fiel in einer Schlacht gegen die Völker von Monomotopa, und seine
+Gemahlin, reich an Geist und Herz, leitete bei ihrer Tochter
+Minderjährigkeit die Staatgeschäfte weislich, und suchte die noch wilden
+Sitten der farbigen Nazionen in Einklang mit jenen der Ankömmlinge zu
+bringen, was auch, obwohl langsam, gelang.
+
+Doch Europa forderte Entschädigungen, welche man versagte, politische
+Besorgnisse, das neue Reich könne zu furchtbar werden, traten hinzu, und
+jener Krieg, von welchem oben die Rede war, entspann sich. Hegte schon
+diese andere Semiramis milde Gesinnungen, war gleich der Kaiser von Europa
+moralisch genug, die blutige Fehde zu verdammen, wollte sich einmal nicht
+alles gütlich ausgleichen lassen, man mußte die Waffen um Entscheidung
+anrufen. --
+
+Zu Guido zurück. Er belagerte Neu-Karthago mit aller schrecklichen Kunst.
+Die Vertheidigung stellte sich jedoch eben so gewaltig entgegen, und manche
+Woche verstrich, ehe ein Theil die Meinung schöpfen konnte, er habe
+Vortheile über den andern errungen.
+
+Unterdessen fiel der Kaiserin bei, der Krieg ließe sich vielleicht, ohne
+weitere, die Menschheit entehrende, Gräuel enden. Sie hatte eine Tochter,
+Ottona genannt, schön, liebenswürdig, und in herrlicher Bildung erzogen,
+theils durch fremde, kluggeleitete Sorge, theils durch die Natur ihrer
+holden Eigenthümlichkeit, die sich an den Künsten himmlisch entfaltete. Sie
+sprach zu Ottona: Titus, des feindlichen Kaisers Sohn -- er führte jetzt
+den Namen Guido nicht mehr -- wird gepriesen, wir fühlen die Gewalt seiner
+Talente. Die Erziehung fern vom Throne, hat auch bei ihm sich bewährt. Wenn
+ich ein Eheband mit diesem Thronerben und dir, meine Tochter, knüpfen
+könnte, wäre der Menschheit vielleicht geholfen.
+
+Ottona sank bleich an ihrer Mutter nieder. Befiel dich plötzlich Krankheit?
+fragte jene bebend, und rief um Hülfe. Nach einiger Zeit erholte sich die
+Tochter aber, und hörte ergeben zu, da die Kaiserin fortfuhr:
+
+Einen Sohn besitze ich nicht, der Streit um unsere Kaiserkrone kann einst
+Unheil bringen. Europa hat Asien zu fürchten, auch Afrika; denn Asien
+enthält eine Menschenzahl, wie diese beiden Erdtheile, nachdem jüngsthin
+China und Japan überwältigt wurden.
+
+Doch, wenn Europa und Afrika sich vereinen, wenn _ein_ Völkergericht über
+beide monarchische Republiken waltet, und beider Heere _eine_ Obergewalt
+lenkt, dann stehen wir im Gleichgewicht gegen Asien da, nur Unklugheit
+könnte dann noch je Krieg führen wollen. Amerika hat lange schon auf jeden
+Angriff verzichtet, und bündet die beiden Halbeilande nur zum Widerstand.
+Asien wird dann, durch den ganzen Zustand der Dinge von selbst eingeladen,
+auch seine Boten zu dem großen Tribunal senden, und ein ewiger Friede, der
+Weisen alter, heiliger, noch nie erfüllter Wunsch, kann seine Palme erhöhn.
+
+Ottona barg ihre Thränen -- wußte nichts zu entgegnen.
+
+Entzückt dich etwa das frohe Bild einer solchen Zukunft, der Stolz deiner
+erhabenen Bestimmung so, daß Freude auf deine Wangen thaut? fragte die
+Mutter.
+
+Ini bat stammelnd um Zeit -- Ruhe, Fassung zu gewinnen, und ward entlassen.
+Aus der Schönheit ihres Gemüthes erklärte die Kaiserin ihr Betragen, und
+eilte, einen Brief an ihren Gegner mit dem genannten Vorschlag zu senden.
+
+Der Kaiser von Europa empfing ihn um die nämliche Zeit, als auch ein
+Schreiben seines Sohnes angelangt war. Es lautete:
+
+Mein erhabener Vater, du wolltest eine Bitte hören, nach meiner ersten
+siegenden Schlacht. Dreimal hab' ich deinen Feind überwunden, auch wird
+bald seine Hauptstadt fallen. Wohl möchte es bereits geschehen sein, wenn
+ich dem Verlangen der Krieger, einen Sturm zu wagen, nachgegeben hätte.
+Doch ich erwarte Uebergabe auf Bedingung, damit nicht Kunst und Flor
+verheert werden, und ich jenes Wüthen der Neger in Sizilien, mit
+europäischer Großmuth vergelten mag. Aber die Bitte, mir gestattet von
+hoher Vatermilde, ich nenne sie kühn deinem Herzen. Viel habe ich gerungen
+mit dem Vorsatz, allein ich bekenne, daß hier meine Kraft am Ende war.
+Vater, was ich bin, was deine Güte schon an mir lobte, da noch das große
+Geheimniß mir nicht enthüllt war, ist -- Schöpfung der Liebe. Ein Mädchen,
+von einer unbekannten Herkunft, doch hochgestellt über alle Weiber an
+Schönheit in Gemüth und Form, erzog mich. Ohne sie würde ich die Tirannei
+eines siedenden Blutes nicht zu Boden gekämpft haben, ohne sie blieb mein
+Wissen, mein Empfinden arm, Geist und Herz errangen keine Harmonie, ohne
+sie schlug ich den stolzen Afrikaner nicht, dem es dann vielleicht in
+seiner Uebermacht gelang, Italiens heitre Gefilde zu verwüsten. Gestatte
+mir, Vater, die Göttliche zu suchen, die in Afrika, ach, vielleicht in der
+Stadt lebt, welche ich jetzt mit Kampf umringe. Menschlich fühlend kannst
+du dem Geständniß nicht zürnen, wie nur dein Purpur mich freuen kann, wenn
+ich auch Ini damit schmücke, wie alle meine Kraft, sonst vielleicht
+geeignet der Völker Zügel sicher zu lenken, am Grabe der Liebe stirbt.
+Verzeihe -- ich mußte flehn!
+
+Der Thronerbe harrte mit banger Sehnsucht den Eilboten entgegen, die jeden
+Tag, in den Höhen von Rom daher flogen. Als, der Zeit nach, Antwort auf
+sein Schreiben anlangen konnte, verwunderte ihn seltsam der Befehl,
+sogleich die Belagerung einzustellen, und in Eile an den Kaiserhof zu
+kommen. Er sollte das Heer einem andern Feldherrn vertrauen, und dem Feinde
+überall Waffenruhe gönnen.
+
+Das letzte schien, nach den Umständen, nicht weise, mächtige Verstärkungen
+konnten aus dem Innern von Afrika nahen, doch, der treue Sohn gehorsamte.
+
+Wunderbare Ahnungen durchbebten seine Brust, da er nun die Luftgondel
+bestieg, über das Meer nach Rom zu eilen.
+
+Dort angelangt, fand er den Völkerrath versammelt, den der Kaiser
+beschieden hatte. Er mußte gleich dort erscheinen. Der Vater sprach ihn
+nicht zuvor, besuchte jedoch mit zahlreichem Gefolge den Tempel der
+Unsterblichkeit, in welchen jene Männer sich eingefunden hatten. Denn hier
+sollte, der erhabneren Feierlichkeit willen, der junge Cäsar seine Prüfung
+bestehn.
+
+Zum Erstenmal betrat er dies Heiligthum. Nicht aus Granit, nicht aus Marmor
+bestand der Tempel, diese Stoffe schienen seinem Urheber zu wenig
+dauerhaft. Eherne Quadern, durch Gluten verschmolzen, bildeten die dicke
+Mauer, die weit gesprengte Wölbung der ungeheuren Rotunde, noch von
+Erzsäulen aus _einem_ Guß getragen. Mosaik von edlen Steingattungen, für
+die Ewigkeit dargestellt, Thaten meldende Inschriften, Namen, die in
+flammenden Buchstaben glänzten, prangten da; groß war aber der noch leere
+Raum. In die gleichfalls ehernen Kellergewölbe hinab, leiteten Stufen.
+Unten befanden sich die Gräber mit Aschenkrügen.
+
+Der Vorsitzer des hohen Rathes winkte den Kaisersohn zu sich.
+
+Dein Vater will die Herrschaft mit dir theilen. Heldenthum bewährte schon
+den würdigen Feldherrn; wohnt in dir aber auch Kraft, die Völker zu lenken?
+
+Guido hätte, einen Augenblick früher, in den trüben Besorgnissen um seine
+Liebe, durch des Vaters Schweigen über ihn gebracht, wanken dürfen an der
+großen Frage -- ach, ohne Ini flog sein Genius keine Sonnenbahnen -- doch,
+ein schauernder Blick, in diesem Tempel umher geworfen, ermannte ihn zur
+feurigen, selbstvertrauenden Antwort.
+
+Er fand Bewunderung, die weiteren gewöhnlichen Fragen lösend, und übergab
+auch noch Denkschriften, die mögliche Verbesserung der Jugendpflege, des
+Bürgervereins, in scharfsinnigen Planen entwickelnd. Sie wurden abgelesen,
+und ihnen Beifall ohne Ausnahme gezollt.
+
+Noch mehr rühmende Anerkennung fand der Entwurf, das Schauspiel mit dem
+Kultus zu gatten. Edle That sollte auf diese Weise versinnlicht an den
+Blicken der Menge vorüber, und jeder Religionsfeier voran, gehn.
+
+Am meisten jedoch ein Sistem der Schönheitmoral, bei deren befremdenden
+Sätzen und einer ganz neuen Formenlehre, die Väter nicht nur den ganzen Tag
+hindurch prüfend weilten, sondern auch die ersten Künstler und denkendsten
+Köpfe in Rom herbeiluden, mit ihnen Rath zu pflegen.
+
+Dies Sistem gab in seiner Darstellung die Zeichen an, nach welchen der
+Einklang zwischen Geist und Gemüth, die Achtung für die Gesellschaft, die
+Uebereinstimmung mit den Aufgaben der Tugend, die Fertigkeit im richtigen
+Empfinden des Guten und Edlen, die Kraft zu Entsagungen; die dem inneren
+Menschen entweder mangelten, oder ihn adelten, am äußeren erkennbar wären.
+Dann folgte eine Theorie der Moral. Sie wollte, daß jedem Jüngling, jedem
+Mädchen in der Republik, gegen die Zeit der blühenden Entwicklung höherer
+Kräfte, ein Ideal nach seiner Anlage gefertigt würde. Ein Vorbild der
+Schönheit, vom Maler, die möglichst hohe innere Schönheit des Individuums
+berechnend, nach den klaren Grundsätzen der Lehre, sichtbar gefertigt. Dies
+müßte herrlicher wirken, als Gesetz, Beispiel und Religion, wenn die
+Achtung, die Liebe, die Freundschaft, die Aufnahme in den Bürgerkreis, die
+Bekleidung mit einem Amt, immer an einen Vergleich des Ideals mit der
+Wirklichkeit hingen, behauptete Guidos Denkschrift. Denn nun könne die
+innere Unvollkommenheit sich nicht mehr bergen, die Abwesenheit des
+Strebens zum Ziel der Schönheit, würde sich in mißgestalteten Zügen
+strafend verkündigen, und in gelungener Annäherung die Lohnwürdigkeit sich
+offenbaren. Je bekannter, je verbreiteter das Sistem wäre, je weniger müsse
+die Gesellschaft, ohnehin schon bedeutend vom Widerstand sinnlichen Unfugs
+gereinigt, noch davon zu fürchten haben.
+
+Nach langem Berathen hub der Vorsitzer an: Ist dein Sistem richtig, so hast
+du der Menschheit ein Geschenk ertheilt, wie sie es seit Jahrhunderten
+nicht empfing, wie kein Religionstifter es zu geben vermochte.
+
+So danke sie es der Liebe! rief Guido flammend.
+
+Der Vorsitzer schien dies Wort nicht gehört zu haben, sondern fuhr fort:
+Wohl, erhabener Jüngling, gebührt dir, eine Schönheitmoral zu predigen,
+denn noch keinen Jüngling, von so bezaubernden Formen, erblickten wir.
+
+Wir alle nicht! tönte der einmüthige Ausruf.
+
+Guido senkte die Augen nieder.
+
+Hast du, fing der Kaiser, der bisher nur geringen Antheil genommen hatte,
+nun an, dich _auch_ nach einem Ideal gebildet?
+
+Der Sohn zog es aus dem Busen. Es ging im Kreise umher. Entzückt hingen die
+Blicke wechselnd an dem schönen Gemälde und an dem schönen Jüngling. Eine
+Thräne freudiger Bewunderung sank von der Wange des Kaisers nieder, denn
+wohl dachte er der Gestalt des Sohnes vor drei Jahren, und faßte kaum die
+so hoch gereifte Liebenswürdigkeit.
+
+Indem aber die Künstler vergleichend fortfuhren, das todte Muster und seine
+lebende Nachahmung zu prüfen, behaupteten sie: Nicht ganz, nur beinahe ward
+das Ideal erreicht. Noch irgend ein geringes Etwas, das wir nicht zu nennen
+vermögen, irgend ein vollendender Zug fehlt noch.
+
+Dieser Meinung traten alle bei, auch der Kaiser. Letzterer fragte: Welcher
+Maler entwarf dein Urbild?
+
+Guido rief: Kein Maler! Die Liebe! Ein Mädchen, unendlich schöner noch
+durch eigenen Geistes Streben. O Vater! ihre Hand war der Preis meines
+Ringens, soll er mir grausam entzogen werden?
+
+Er sank vor ihm nieder. Die flehende Geberde sprach nur noch, sprach zu den
+Greisen im Rath, Fürworte erbittend, als der Monarch ernst und düster
+schwieg.
+
+Diese fanden des Jünglings Wunsch gerecht. Lohn der Liebe, meinten sie,
+müsse das große Geschenk für die Menschheit, ihr eigen Werk, vergelten.
+Guido hatte auch die Schönheit seiner Geliebten gepriesen. Wer konnte sie
+auch bezweifeln? Von diesem sich entsprechenden Paar, hoffte man eine edle
+Nachkommenschaft der Cäsare. Man drang in den Alten.
+
+Er entgegnete strenge: Hier waltet mein Vaterrecht, nicht der Staat!
+Keineswegs mein Sohn, hast du dein Ideal errungen, alle räumen den
+fehlenden Zug ein. Der Preis gebührt dir also nicht. Doch entsage, entsage
+dem Preis, und dieser Sieg innerer Hoheit wird den Mangel füllen.
+
+Guido bebte starr und bleich. Ausdruck von Unwillen ward auf jedem
+Angesicht kund.
+
+Sanfter nahm der Monarch wieder das Wort. Glaube mein Sohn, auch mir hat es
+einen schweren Kampf gegolten, dir den Lohn der Liebe zu versagen. Doch ich
+weiche mit blutendem Herzen der Nothwendigkeit. Ewiger Friede kann durch
+dich über die Menschheit aufblühn.
+
+Bei den Worten _ewiger Friede_ flammten der Väter Wangen. Guido starrte
+noch zum Boden nieder.
+
+Die Kaiserin von Afrika will dir ihre Tochter vermählen. Lies alles auf
+diesem Blatte, und juble dem Rufe des Schicksals entgegen. Auch Ottona ist
+schön, wahrlich nimmer sah ich so verklärte Anmuth, blicke auf dies Bild,
+von der Mutter dir gesandt.
+
+Die Schmach der Treulosigkeit, in den Donnerworten enthalten, machte, daß
+Guido sein Auge verächtlich von dem Gemälde lenkte. Es fiel auf die feurige
+Inschrift am Hochaltar: _Unsterblichkeit_.
+
+Er stand auf, mied stolz die Versammlung, und rief die Worte zurück: Kommt
+nach drei Tagen wieder, dann sage ich euch, ob ich um der Menschheit willen
+ohne Ini leben kann.
+
+Kein Freund mehr, an dessen Busen er weinen konnte. Allein schweifte er
+umher auf den Gassen von Rom, sah bald diese bald jene Denkmale der alten
+Zeit, herrlich die Erinnerung mahnend. O Curtius, du gabst nur das Leben,
+nicht die Liebe auf, armer Szävola der der Tugend nur eine Hand darbrachte,
+strenger Luzius Junius Brutus, eine Ini hättest du nicht hingegeben!
+
+Er kehrt nicht in den Pallast zurück, lief hinaus in die Gefilde, achtete
+nicht auf das wilde Ungewitter das die Pinien um ihn zersplitterte, aber
+dennoch nicht tobte, wie die Stürme in seiner Brust. Endlich um Mitternacht
+langte er vor einer Katakombe an, drang in ihre schaurigen Gänge, ähnlich
+der Farbe seines Jammers. Abgemattet von innerer Pein fiel er auf den Boden
+hin, rief den Schlummer, ihn nicht mit kurzem Tod, mit ewigen Tod zu
+umfangen. Der Schlummer nahte nicht. Guido sprach Verwünschungen gegen ihn,
+gegen seine unglücklich hohe Geburt, gegen den tirannischen Vater, gegen
+das Traumbild am Nordpol aus, das ihm lügend Wiedersehn zusagte und zu
+leben bewog. O warum starb ich dort nicht, wimmerte er.
+
+Zuletzt hatten sich die Kräfte entspannt, ein tiefer Schlaf rettete den
+Dulder vor längerer Qual der Selbstkämpfe. In diesem Schlaf wähnte die noch
+thätige Einbildung, Gelino, den verstorbenen Lehrer zu sehn, wie er einen
+strafenden Blick auf ihn warf, und wieder verschwand. Dieser Blick prägte
+sich tief in des Jünglings Gemüth, er sah ihn immer, noch am Morgen
+erwacht, und auf den Gefilden ohne Zweck wandelnd. Eine marternde Angst
+jagte ihn, in jedem Thale richtete er den Blick empor und glaubte immer das
+Traumgesicht in den Wolken wieder zu finden, von jedem Hügel sah er Rom und
+den sich erhebenden Tempel der Unsterblichkeit, dessen Anblick auch ein
+Strafgericht über ihn verhing. So trieb er es. --
+
+Der Kaiser ließ ihn besorgt suchen, man fand ihn nicht. So ging es am
+zweiten, am dritten Tag, die Versammlung harrte bereits unruhig, gespannt,
+Schlimmes fürchtend.
+
+Da trat Guido in den Tempel. Bleich, überwacht, verstört, doch eine
+unbeschreibliche Hoheit in Blick und Geberde, eine Harmonie, einen Zauber
+in der Gestalt, die man jüngst nicht an ihn wahrgenommen hatte, und Jeden
+mit der Ueberzeugung durchdrang -- nun sei das Ideal erreicht!
+
+Man errieht schon was er sagen wollte. Beifalljubel von allen Lippen und
+Händen, von denen des Tempels eherne Mauern und Denkmale tönend
+wiederhallten, priesen in voraus.
+
+Oft gab der Kaiser das Zeichen zu schweigen, umsonst, nur spät konnte er
+vernehmlich fragen: Dein Kampf siegte, du wählst Ottona?
+
+Um die Menschheit, antwortete Guido. Neuer Beifall, Beschluß des Rathes,
+ihn zum Thronerben, zum Mitkaiser würdig zu erklären.
+
+Guido hörte das betäubt, war sehr gleichgültig, als eine Kaiserkrone, mit
+einem grünen Lorbeer umflochten, auf sein Haupt gesetzt wurde, ein Purpur
+an seinen Schultern hing, und das alle Straßen überfüllende Volk, da er im
+Prachtzug nach der Cäsarenwohnung kehrte, dem neuen Monarchen, dem Sieger
+in Afrika, dem Sieger über sich, dem Friedengeber der Menschheit, Glück
+zurief! --
+
+Alle Gefangenen, alle Schiffe und Waffen wurden eilig nach Karthago zurück
+gesandt, die europäischen Truppen nach Italien gerufen.
+
+Guido schickte heimlich einen Eilboten an Ottona, ließ ihr entbieten: den
+Thränen der flehenden Menschheit gehorsam, bringe er ihr nächstens seine
+Hand, doch -- ein Herz habe er nicht mehr zu vergeben. --
+
+Unterdessen traf man in Rom Anstalten zu seiner Reise nach Karthago. Sie
+sollte mit der höchsten Pracht vollzogen werden, der Vater wollte den Sohn
+begleiten.
+
+Kurz zuvor ehe man aufbrach, kam der Eilbote zurück. Er schwärmte in dem
+Bilde, das er von Ottona entwarf. Guido gebot, darüber hinzugehn. Jener
+berichtete: Die Kaisertochter habe sich der Kunde erfreut, denn auch sie
+könne nur Fügung in das Schicksal, doch keine Liebe verheißen. Wohl mir,
+seufzte Guido.
+
+Man trat den Weg an. Vor Karthago, wohin der afrikanische Hof zurückgekehrt
+war, standen alle Gefangenen, fand Guido alle eroberten Trophäen, im Hafen
+wehten die Flaggen der Schiffe, die er jüngst den Afrikanern genommen. Er
+staunte. Die Männer aus dem Strategion dort, ihm entgegen gekommen, sagten:
+Dein Vater hat dir in Rom keinen Triumph über Afrika bereitet, so will es
+die Kaiserin selbst thun.
+
+Umsonst verbat der Held. Alle glorreiche Zeichen seiner Siege gingen voran
+im glänzendsten Zuge, zum Tempel, dem herrlichsten der Stadt, nun dem
+_ewigen Frieden_ geweiht. Hier am Hochaltar erwartete die Kaiserin den
+Eidam, neben sich Ottona in einen Schleier gehüllt und sichtbar bebend. Die
+Vornehmen, durch Guidos Anblick getroffen, sanken vor ihm nieder in
+Huldigung.
+
+Eben an diesem Tage begann das zwei und zwanzigste Jahrhundert.
+
+Bescheiden nahte Guido dem Altar. Die hohe Mutter trat ihm entgegen,
+Freudenthränen auf der Wange. Hier, sprach sie, junger Cäsar, Oberherr von
+Europa und Afrika, empfange meine Tochter. Sie hob den Schleier von Ottonas
+Antlitz. Guidos tiefgesenkter Blick vermochte nicht aufzusehn. Nur der Ruf
+einer wohlbekannten himmelvollen Stimme weckte seine Betäubung!
+
+Er sah auf die Braut -- -- O Himmel!
+
+Ottona war Ini -- verklärt gestaltet wie ihr Ideal. -- Bei Athania hatte
+die weise Fürstin sie erziehen lassen.
+
+
+_Ende_.
+
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Ini, by Julius von Voß
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK INI ***
+
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+paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project
+Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement
+and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic
+works. See paragraph 1.E below.
+
+1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation"
+or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
+Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the
+collection are in the public domain in the United States. If an
+individual work is in the public domain in the United States and you are
+located in the United States, we do not claim a right to prevent you from
+copying, distributing, performing, displaying or creating derivative
+works based on the work as long as all references to Project Gutenberg
+are removed. Of course, we hope that you will support the Project
+Gutenberg-tm mission of promoting free access to electronic works by
+freely sharing Project Gutenberg-tm works in compliance with the terms of
+this agreement for keeping the Project Gutenberg-tm name associated with
+the work. You can easily comply with the terms of this agreement by
+keeping this work in the same format with its attached full Project
+Gutenberg-tm License when you share it without charge with others.
+
+1.D. The copyright laws of the place where you are located also govern
+what you can do with this work. Copyright laws in most countries are in
+a constant state of change. If you are outside the United States, check
+the laws of your country in addition to the terms of this agreement
+before downloading, copying, displaying, performing, distributing or
+creating derivative works based on this work or any other Project
+Gutenberg-tm work. The Foundation makes no representations concerning
+the copyright status of any work in any country outside the United
+States.
+
+1.E. Unless you have removed all references to Project Gutenberg:
+
+1.E.1. The following sentence, with active links to, or other immediate
+access to, the full Project Gutenberg-tm License must appear prominently
+whenever any copy of a Project Gutenberg-tm work (any work on which the
+phrase "Project Gutenberg" appears, or with which the phrase "Project
+Gutenberg" is associated) is accessed, displayed, performed, viewed,
+copied or distributed:
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+1.E.2. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is derived
+from the public domain (does not contain a notice indicating that it is
+posted with permission of the copyright holder), the work can be copied
+and distributed to anyone in the United States without paying any fees
+or charges. If you are redistributing or providing access to a work
+with the phrase "Project Gutenberg" associated with or appearing on the
+work, you must comply either with the requirements of paragraphs 1.E.1
+through 1.E.7 or obtain permission for the use of the work and the
+Project Gutenberg-tm trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or
+1.E.9.
+
+1.E.3. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is posted
+with the permission of the copyright holder, your use and distribution
+must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any additional
+terms imposed by the copyright holder. Additional terms will be linked
+to the Project Gutenberg-tm License for all works posted with the
+permission of the copyright holder found at the beginning of this work.
+
+1.E.4. Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg-tm
+License terms from this work, or any files containing a part of this
+work or any other work associated with Project Gutenberg-tm.
+
+1.E.5. Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this
+electronic work, or any part of this electronic work, without
+prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with
+active links or immediate access to the full terms of the Project
+Gutenberg-tm License.
+
+1.E.6. You may convert to and distribute this work in any binary,
+compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including any
+word processing or hypertext form. However, if you provide access to or
+distribute copies of a Project Gutenberg-tm work in a format other than
+"Plain Vanilla ASCII" or other format used in the official version
+posted on the official Project Gutenberg-tm web site (www.gutenberg.org),
+you must, at no additional cost, fee or expense to the user, provide a
+copy, a means of exporting a copy, or a means of obtaining a copy upon
+request, of the work in its original "Plain Vanilla ASCII" or other
+form. Any alternate format must include the full Project Gutenberg-tm
+License as specified in paragraph 1.E.1.
+
+1.E.7. Do not charge a fee for access to, viewing, displaying,
+performing, copying or distributing any Project Gutenberg-tm works
+unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9.
+
+1.E.8. You may charge a reasonable fee for copies of or providing
+access to or distributing Project Gutenberg-tm electronic works provided
+that
+
+- You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from
+ the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method
+ you already use to calculate your applicable taxes. The fee is
+ owed to the owner of the Project Gutenberg-tm trademark, but he
+ has agreed to donate royalties under this paragraph to the
+ Project Gutenberg Literary Archive Foundation. Royalty payments
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+ prepare (or are legally required to prepare) your periodic tax
+ returns. Royalty payments should be clearly marked as such and
+ sent to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation at the
+ address specified in Section 4, "Information about donations to
+ the Project Gutenberg Literary Archive Foundation."
+
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+ you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he
+ does not agree to the terms of the full Project Gutenberg-tm
+ License. You must require such a user to return or
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+ and discontinue all use of and all access to other copies of
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+
+- You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of any
+ money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
+ electronic work is discovered and reported to you within 90 days
+ of receipt of the work.
+
+- You comply with all other terms of this agreement for free
+ distribution of Project Gutenberg-tm works.
+
+1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project Gutenberg-tm
+electronic work or group of works on different terms than are set
+forth in this agreement, you must obtain permission in writing from
+both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael
+Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark. Contact the
+Foundation as set forth in Section 3 below.
+
+1.F.
+
+1.F.1. Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable
+effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
+public domain works in creating the Project Gutenberg-tm
+collection. Despite these efforts, Project Gutenberg-tm electronic
+works, and the medium on which they may be stored, may contain
+"Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate or
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+of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project
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+Gutenberg-tm trademark, and any other party distributing a Project
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+liability to you for damages, costs and expenses, including legal
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+is also defective, you may demand a refund in writing without further
+opportunities to fix the problem.
+
+1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth
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+WARRANTIES OF MERCHANTIBILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.
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+law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be
+interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by
+the applicable state law. The invalidity or unenforceability of any
+provision of this agreement shall not void the remaining provisions.
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+trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
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+with this agreement, and any volunteers associated with the production,
+promotion and distribution of Project Gutenberg-tm electronic works,
+harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees,
+that arise directly or indirectly from any of the following which you do
+or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
+work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
+Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.
+
+
+Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need, are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at http://pglaf.org
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit http://pglaf.org
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including checks, online payments and credit card donations.
+To donate, please visit: http://pglaf.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
+
+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
+
+ http://www.gutenberg.org
+
+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
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